Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und geſebedingungen. 1 0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahit. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————,——— auf 1 Monat: 1 F.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 6 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iz auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, guch dafür zu ſtehen haben. 5 ———— S* Zibliothek deutſcher Priginalromant. Siebenzehnter Jahrgang. Eilfter Band. Kinder der Zeit. ——— Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Rinder der Zeit. Roman von E. B 1 h. Zweiter Theil. ————— X Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. ——— Erſtes Kapitel. Zweites Kapitel Drittes Kapitel Viertes Kapitel Fünftes Kapitel Sechſtes Kapitel Siebentes Kapitel. Achtes Kapitel. Neuntes Kapitel Zehntes Kapitel Eilftes Kapitel. Zwölftes Kapitel. Dreizehntes Kapitel Vierzehntes Kapitel Fünfzehntes Kapitel Sechszehntes Kapitel. Siebenzehntes Kapitel . 231 — — — f2 2=— — — 2= — „— — S Gregor an ſeine Mutter „Wer ſich kein eigenes Ziel ſtecken kann und mag, wem ein ſolches geſteckt wird, der ſieht es unter weniger phantaſtiſcher, weniget gigantiſcher Form. Die Nebel der Illuſion umkleiden es nicht, die Angſt des Nichterfaſſens macht den Blick nicht unſicher. So geht es mir. Ich ſchlendere gemächlich den Weg⸗ weiſern nach, die Du mir bedachtſam und klug, wie immer, geſetzt haſt; Sehnſucht nach der der letz⸗ ten Station iſt das Einzige, was mich allenfalls noch ſpornt. In dieſem Zuſtande bin ich vo Uibumen befühigt dem Wahlſpruche Taillerand's:„surtout pas du zèle“ getren zu handeln. Das durchſtöbern alter Z Documente, die Prüfung ſtaubiger Pergamente iſt ſcheinbar meine ganze Auf⸗ gabe; unter dieſen lähmenden Beſchäftigungen ver⸗ Kinder der Zeit. II. 1 2 ſuchte ich bis jetzt nur auf die empfindliche Stelle zu tippen, ja ſie zu reizen, i dann beſänftigende Mittel aufzulegen. Ich nehme mit Lefüimmthet an, daß dem Prin⸗ zen eine Ausſöhnung mit dem Fürſten um ſo mehr am Herzen liegt, als es ihm ein ſüßer Genuß ſein würde, den Fall der ihm feindlichen„Partei“ dadurch herbei⸗ zuführen. Die Vortheile, die er ſe lbſt daraus zu ziehen vermöchte, fallen nicht ſo ſchwer in die Wagſchale, als die Ausſicht auf eine befriedigte Privatrache. Ob der Wunſch nach einer ſolchen Genugthuung ſo kräftig iſt, daß er die Blüte des Entſchluſſes zu treiben vermag, wird die nächſte Zukunft lehren faſt fürchte ich aber, daß die kühle Temperatur halben Wollens und unent⸗ ſchloſſener Stimmung nur den einförmigen Blätter⸗ ſchmuck der gewöhnlichen Paſſivität erzeugen wird. In Joachim fand ich einen leibeigenen Sclaven der Wiſſenſchaft, der er mit Arbeit, Mühſeligkeit und Fanatismus dient. In dem feſten Glauben, daß die Fortſchritte der⸗ ſelben lebendig in den Sitten- und Culturzuſtand eines Volkes eingreifen müſſen, überſchätzt er die Eroberun⸗ gen auf ſeinem Gebiete, die für Spätergeborne vielleicht weiter nichts ſind, als Sphantnſiſſche Monumente licher Trugſchlüſſe. Doch anch darüber würde er ſich nun zwe zu ttel in⸗ am de, ei⸗ hen als der iſt, ag, er, ben ind tes m⸗ cht ch⸗ ich 3 beruhigen und tröſten; der Irrthum und das Zurück⸗ bleiben einzelner Perſonen, wie ganzer Nationen, kann ihn weder betrüben noch entmuthigen, da er von einer progreſſiven Bewegung des Ganzen überzeugt iſt, und das Leben in ſo großen Zügen ſieht, wie es, von der Höhe der Theorie betrachtet, ſich allenfalls geſtalten mag.— Alſo auch hier, wie überall, verfolgt der Menſch eine Chimäre. Um ſich zu wappnen gegen die traurige Erkennt⸗ niß der Nichtigkeit unſeres Daſeins beſchäftigt ſich Je⸗ des mit dem Cultus, den er einem ſelbſt geſchaffenen Götzen weiht; um ſich zu ſchützen gegen den Schwin⸗ del des ekelerregenden Kreislaufes des Lebens hat ſich Jedes nach Geſchmack und Neigung ein Centrum ge⸗ wählt, an das es ſein Glück gebunden wähnt. Mit Goldſchaum wird die Nacktheit des ſelbſtgewählten Idea⸗ les bei Euch und uns verhüllt; mit dem vergilbten Pa⸗ pier fortgeerbter Wiſſenſchaft ſchmückt man es hier, während dort eine trügeriſche Poeſie ihre Flammengar⸗ ben wirft, um das Nichts zu läugnen und zu verklären. So iſt der Menſch! Immer will er ſich ſelbſt entfliehen, aber Keiner kann ſich von dem unheimlichen Gaſte des Selbſtbewußtfeins befreien, das uns ſogar die Hoff⸗ nung auf einſtige, gänzliche Ruhe und Vernichtung zweifelhaft macht. 4 Ich weiß nicht, wo man den Muth hernehmen ſoll, unter irgend einer Form die Befriedigung, oder gar die Extaſe des Glückes zu erſtreben, da uns das Organ fehlt, dieſelben dauernd in uns zu bewahren; ich weiß auch nicht, ob es vielleicht doch Menſchen gibt, die mit feſtem Herzen den Aether der Freude in ſich auf⸗ athmen können— ich weiß nur, daß mein Herz ſchlaff und nurnſtichig iſt, daß jeder Tropfen, der hinein⸗ füllt, ſchnell verſickert und mir nur das Gefühl des Vermiſſens und der Leere zurückläßt.— Ich bin einmal recht müde; es thut mir Alles weh, wie ſonſt, wenn ich zu viel geſpielt, zu viel genaſcht hatte und dann klagend zu Dir ſchlich. Habe ich vielleicht auch heute zu viel gedacht, daß mir das Denken ſo überläſtig ſcheint? Ach, wer mir die Arbeit ganz abnehmen wollte! Wie friſch und mühelos ſcheinen ſich die Gedan⸗ ten hinter der braunen Mädchenſtirn zuſammenzufü⸗ gen, die noch nie geſchmerzt haben kann!— Doch — davon ſchrieb ich Dir wohl noch nicht?— Joa⸗ chim's Tochter lebt hier wie die„deutſche Poeſie“ im ver⸗ wachſenen Walde und verfallnen Schloſſe, und es kann nicht fehlen, daß ſie in mir den abenteuernden Prinzen ſieht. Sie gleicht der Andern nicht, aber ſie erreicht ſie; der ſtille Magnetismus jener hat ſich in dieſer 16 0 mehr als Electrieität geoffenbart; dort die einfache Form des Anziehens— hier die leichte Erſchütterung, die brillante Lichtentwickelung. Die Staffage zu einer kleinen Liaiſon iſt vorhan⸗ den: wir leben in romantiſcher Umgebung, gänzlicher Abgeſchiedenheit von Altersgenoſſen, nur unter den un⸗ erfahrenen Augen Ioachim's. Adieu, Mama, ich harre aus auf meinem Po⸗ ſten, nicht, weil er mir angenehm dünkt, ſondern weil es mir Mühe und Entſchluß koſten würde, wollte ich davonlaufen. Gregor.“ 2. „Irene ſcheint noch nicht zurück?“ ſagte Ioachim mit einiger Beſorgniß, indem er vom Whiſttiſch des Prinzen an das Fenſter trat und nach dem unerleuchteten Giebelzimmer ſah; das„Gewitter wird heftiger, und der raſche Wechſel von electriſchem Licht und tiefer Finſter⸗ niß läßt leicht fehlgehen.“ „Sie iſt vielleicht bei Martha und lehrt ſie ein Ei ohne Feuer und Waſſer, durch ein chemiſches Kunſt⸗ ſtück, ſieden,“ beruhigte der Prinz, wendete ſich aber bei einem neuen, heftigeren Donnerſchlag an Maier, und ertheilte Befehl, Erkundigungen über Fräulein Joachim einzuziehen. Die Blitze des frühzeitigen Gewitters wurden nach und nach ſo ſtark, daß das Licht der Stearinkerzen trübe erſchien, während die knatternden Schläge der zuſammen⸗ — —— —„— 1 8 b= in t⸗ er, in ach ibe en⸗ 7 prallenden Luftſchichten die Mauern der Geiſenburg er⸗ beben ließen. „Ich ſpiele nicht gern, wenn es mir auf die Karten blitzt und der Donner mich am Zählen verhindert,“ ſagte der Prinz, die Spiele zuſammenſchiebend, indem er ſich zum Zeichen des Aufbruchs mit einiger Mühe erhob. In dieſem Augenblicke ſchlug es neun Uhr auf der alten Pendule. „Gute Nacht, meine Herren,“ ſagte der Prinz, der ſich pünktlich um dieſe Zeit in ſein Schlafzimmer zurückzog, in welches nur Maier Zutritt hatte.„Falls Sie ängſtlich bei Gewittern ſind, Herr von Barthelmy, kann ich Ihnen mit einem calmirenden Mittel meiner Hausapotheke zu Hilfe kommen.“ Gregor lehnte jedoch dieſes gnädige Anerbieten ab und ging mit Joachim. Im Vorzimmer begegnete ihnen Maier, der dem Profeſſor meldete, daß Jrenen's Zimmer verſchloſſen und auch von Martha keine Auskunft über ihren der⸗ maligen Aufenthalt zu erlangen geweſen ſei. „Wo ließen Sie Ihr Fräulein Tochter, als Sie bei dem Prinzen erſchienen?“ fragte Gregor. „Sie wollte hinab nach Geiſenberg.“ „Mein Gott, wenn ſie noch unterwegs wäre!“ ſagte Gregor, als ein gewaltiger Windſtoß die ſchlecht zugewirbelten Fenſter der Gollerie aufriß. „Ich will ihr entgegen gehen, wenn ich. ſie nicht in meinem Obſervatorium finde,“ antwortete Ivachim. Gregor wünſchte ſich heimlich Glück, nicht ge⸗ nöthigt zu ſein, in der Wetternacht der Fährte eines entlaufenen Kindes nachſpüren zu müſſen. Stets nur mit ſeiner perſönlichen Sicherheit beſchäftigt, fragte er Joachim, ob das Schloß durch einen Blitzableiter ge⸗ ſichert ſei? „Allerdings,“ antwortete dieſer;„vor langer Zeit hielt man jedes höher liegende Gebäude eines ſolchen Verſicherungsmittels für benöthigt, obgleich—“ „Hoffentlich iſt der Draht nicht roſtig geworden und unterbrochen, ſonſt könnte die Nachläſſigkeit üble Folgen für uns haben,“ wendete Gregor ein. Joachim lächelte.„Die neue Phyſik lehrt— Ein heftiger Donnerſchlag ſchnitt ſeine Erklärung ab und ließ ihn von Gregor kurzer Das Geränſch des an die Fenſter ſchlagenden Regens, welches ſich mit dem herabgeworfener Ziegeln miſchte, nahm Gregor die Luſt, ſeinen gewohnten Weg über den Schloßhof zu ſuchen, und da er vor einigen Tagen, in Geſellſchaft von Joachim, die innere Ver⸗ bindung der Flügel und Corridore hatte kennen lernen, Abſchied nehmen. 9 ſo wendete er ſich, um ſeine Wohnung auf dieſem über⸗ dachten Wege zu erreichen. Die Beleuchtung war nicht bis zu dieſen ſelten betretenen Treppen und Räumen ausgedehnt, und er ſah ſich bald genöthigt, die letzte von einem Blumenſchild von Meſſing brennende Lampe auszuheben, um nicht in der Finſterniß den Weg zu verlieren. Dadurch in den Stand geſetzt, verſchiedene auf⸗ und abwärts führende Stufen gefahrlos zu paſſiren und die Thüren zu den Corridoren zu finden, beſchleu⸗ nigte er ſeinen Schritt. Der Aufenthalt in den verlaſ⸗ ſenen Räumlichkeiten war nicht angenehm; Käfer ſchwirr⸗ ten, von dem Lichte angezogen, von dem Boden empor, und hinter den unregelmäßig hier und da eingebrochenen Thüren glaubte Gregor das Echo ſeiner eigenen Schritte zu hören, wenn eine der ſchweren Pauſen eintrat, die gewöhnlich dicht vor einer ſtarken, electriſchen Entladung liegen. Leiſe fröſtelnd, knöpfte Gregor den leichten Frack über die reizbare Bruſt. Er war frei von Furcht, aber entſetzlich nervös und ſtarken äußeren Eindrücken und Aufregungen entſchieden abhold. Angekommen am Fuße einer ſchmalen Wendeltreppe, wollte ihm einen Augen⸗ blick das Terrain unbekannt ſcheinen; da aber der Weg immer die Richtung nach ſeinen Zimmern verfolgte, ſo ſchritt er ohne Bedenklichkeit hinauf. Statt aber beim Oeffnen der Durchgangsthüre eine neue Straße zu ge⸗ 10 winnen, fand er ſich in einem großen gewölbten Zim⸗ mer, deſſen geſchwärzte Vergoldungen und ſchwere ſchlangenarmige Kronleuchter ihm unheimlich beim trü— ben Lampenlicht entgegentraten. Er wußte nun, daß er irre gegangen war, und wollte ſchon wieder umwenden, als ihm einfiel nach dem Lichte im Zimmer des Prinzen, wie nach einem Pharus, zu ſpähen. Er ſetzte daher die Lampe auf ein mit Elfenbein und Perlmutter ausgeleg⸗ tes Buffet und trat an das Fenſter. Durch die erblinde⸗ ten Scheiben im Sehen gehemmt, öffnete er den einen Fenſterflügel; aber in demſelben Augenblicke ſchlug der eindringende Wind die nur angelehnte Thüre donnernd zurück, warf die Lampe zu Boden, die ſogleich erloſch, und ließ Gregor den Unannehmlichkeiten des Zuges und der Finſterniß zugleich ausgeſetzt. Sorgſam taſtend, eilte er, von der Hellung der aufflackernden Blitze allein geleitet, nach der Thüre, mußte die rechte aber doch wohl verfehlt haben, denn, ſtatt die Treppe zu erreichen, ge⸗ langte er in ein zweites rundes Zimmer, deſſen Aus⸗ gang verſperrt war. Er wendete um, ſuchte den Rück⸗ weg und ſtieß auch wirklich auf eine Treppe; dieſelbe führte aber nur einige Stufen aufwärts und wies direct auf eine angelehnte Thüre, die ſich lautlos unter ſeinem Drucke öffnete. Auch hier war Alles dunkel; aber die Beſchaffenheit der Luft hatte nichts Beklemmendes mehr. 14 Sie ſchien von lebendigem Athem, von lebendiger Wärme durchdrungen, und als im nächſten Augenblicke ein fal⸗ lender Blitz die ſchwarze Wolkendecke zerriß, ſah ſich Gregor in einem mäßig großen Raum; drei Schritte von ihm aber ſtand Irene am offenen Fenſter und ſah mit ungeblendetem Auge und lächelndem Munde in die Flammenthäler des Himmels. Ihr weißes Kleid und klares Geſicht ſchien Gregor mit electriſchem Licht ge⸗ tränkt, und von dieſem unn in der wieder eingetretenen Finſterniß geleitet, trat er neben ſie und ſagte leiſe: „Electra, leuchten Sie mir heim.“ „Wiſſen Sie auch gewiß, daß ich kein Irrlicht bin und Sie im Sumpfe ſchadenfroh verlaſſen werde?“ fragte eine ſchelmiſche Stimme, ohne den geringſten Ausdruck von Ueberraſchung oder Verlegenheit. „Sei es gewagt, ein Sumpf iſt wenigſtens weich, aber die Kanten und Ecken, die mich bis jetzt unbarm⸗ herzig ſtießen, ſind ſehr hart.“ „Mit wem ſprichſt Du, Irene?“ fragte Joachim's Stimme ganz in der Nähe. „Das kann ich Dir ohne Licht nicht ſagen, Papa; wenn ich es nicht ſprechen hörte, ſo würde ich es für einen Donnerkeil halten.“ „Die Subſtanz der ſogenannten Donnerkeile,“ be⸗ gann Joachim ſogleich wieder,„beſteht in einer brau⸗ nen, glänzenden, ſteinartigen Maſſe, die man nicht ſelten 3 noch in erhitztem Zuſtande findet.“ „Dann gehöre ich nicht in dieſe Species,“ ant⸗ ² wortete Gregor noch im Finſtern,„denn ich befinde mich entſchieden in erkältetem Zuſtande.“ „Dann ſind Sie Herr von Barthelmy;“ entſchied 3 Joachim.„Niemand als dieſer, äußert ſo entſchieden f das Bedürfniß nach Wärme.— Wie haben Sie aber den Weg hieher gefunden, obſichtlich, oder durch ſ Zufall?“ „Das weiß ich ſelbſt ſo wenig, wie der Blitz da oben wiſſen mag, was ihm die Straße vorſchreibt,“ i ſagte Gregor, durch die Originalität der Situation un⸗ terhalten;„aber gewiß iſt, daß durch eine trennende Wolkenſchichte die poſitive zur negativen Electricität ſchreitet, wie ich zu Ihrem Fräulein Tochter;— am v Himmel und auf der Erde dasſelbe Verfahren.“* „Und durch dieſen Proceß werden, nach Arago, drei Arten von Blitzen entwickelt, welche—“ „Bitte doch, Papa,“ fiel Irene ein,„den Herrn von Barthelmy, daß er von dem abgezogenen Balg der Boa herabtritt und dem Electrophor ein wenig mehr C Platz gewährt.“ „Mein Gott!“ rief Joachim, jetzt wirklich er⸗ ſchrocken,„ſtehen Sie ja ruhig, fallen Sie nicht über die = e it m Luftpumpe, reißen Sie mein Herbarium nicht um und treten Sie nicht in den Deſtillirkolben der hinter Ihnen in der Fenſterecke ſteht.— Und Du, Irene, gib ſchnell Licht!“— „Soll ich mittelſt des großen, boniſchen Steines illuminiren, der den ganzen Tag Sonnenſchein trank?“ fragte ſie lachend. „Nein; helleres Licht, das hellſte, was Du haſt!“ ſagte Jvachim dringend. Man hörte bald darauf ein Geräuſch, vie von ge⸗ riebenen Metallen; im nächſten Augenblicke entzündete ſich ein weißſtrahlender, galvaniſcher Strom, und er⸗ hellte, wie der klarſte Sonnenſchein, die Scene. Ivachim lächelte. „Möchteſt Du prahlen? Möchteſt Du wohl Herrn von Barthelmy glauben machen, wir brenneten nur himmliſches Licht?“ „Du wollteſt ja das brillanteſte,“ ſagte Irene, indem ſie ihr großes, ſprechendes Auge auf Gregor richtete.— Beim Anblick ſeines beſtaubten Frackes und mit Spinneweben decorirten Hutes lachte ſie herzlich. „Nun, wie gefalle ich Ihnen?“ fragte Gregor, dem viel daran lag, den unbefangenen, vertraulichen Ton feſtzuhalten. „Bis jetzt,“ ſagte Irene mit lachender Offenheit, „gefallen Sie mir gar nicht— ich laſſe Sie mir nur gefallen.“— „Das iſt nicht wahr,“ ſagte Gregor mit Phlegma. „Menſchen, die uns nicht ſehr gefallen, ſucht man gar nicht durch eine ſo allerliebſt herausfordernde Beleidi⸗ gung zu reizen.“. Eine lebhafte Entgegnung wurde durch Joachim's Frage abgeſchnitten. „Ihrem Ausſehen nach muß man ſchließen, daß Sie aus vernachläſſigten Räumen kommen; iſt das die Schuld der Bedienung, oder die Ihrige?“ Gregor erzählte hierauf kurz ſeine Irrfahrt, und fragte ſchließlich, nach der Weiſe der Wiederauffindung Irenen's. „Die gar nicht verloren war,“ verſicherte dieſe, „ſondern von dem Brillantfeuer des Himmels den Weg ſich zeigen ließ.“ „Wie es elementaren Weſen geziemt,“ ſagte Gre⸗ gor leicht ſcherzend, grüßte ſodann mit ruhiger Eleganz und nahm Joachim's Anerbieten, ſein Führer ſein zu dürfen, ohne Schwierigkeit zu machen, an. Angekommen in ſeiner Wohnung, konnte er ſich nicht enthalten, einen Blick nach den Gibelfenſtern zu werfen; ſie waren noch dunkel, und als ſie ſich nach 15 einigen Stunden erhellten, hatte ſich Gregor bereits zur Ruhe begeben. Martha empfing Irene mit einer Sd weigſamkeit und Unruhe, die ihrem gewöhnlichen Weſen wenig ent⸗ ſprach. Jeden Augrublic lauſchte ſie nach der Thüre, als ob ſie annähernde Schritte vernähme, begleitete nur durch einige zerſtreute„hm“ oder„a—h gar“ die heitern Mittheilungen Irenen's und endigte damit, die Federn und piegel der Thürſchlöſſer genau zu unterſuchen. „Sie werden alſo viel mit dem fremden Herrn ver⸗ kehren,“ ſagte ſie mit zurückhaltenderem Ausdrucke, als gewöhnlich. „Vielleicht,“ ſagte Irene nachläſſig, die Nadeln aus den Flechten ziehend, die, ſo wie zwei breite, ſchwarze Sammtbänder über die Schultern fielen.— „Er wird Ihnen den Doctor Hallbert erſetzen?“ forſchte Martha, ſich auf einen niedrigen, dreibeinigen Seſſel ſetzend, und mit den ſcharfen, grauen Augen bald nach Irenen, bald nach der Thüre ſehend. „Nicht zur Hälfte,“ ſagte Irene lebhaft,„meinen Paul erſetzt mir Niemand. Mit Paul konnte ich denken, lernen, handeln, mich freuen;— den—“ „Na den?“ „Nun,“ ſagte Irene lachend, indem ſie die roth⸗ 16 ſeidene Decke, auf welcher die Hochzeit zu Canaan einge⸗ webt war, zurückſchlug,„den möchte ich electriſiren, magnetiſiren, galvaniſiren, wie einen todten Froſch.“ Damit ſprang ſie in die Matratzen, und zog die ſchweren, unſchmiegſamen Falten an ſich heran. „Gute Nacht! ihr prächtigen, kleinen Schelme da oben,“ ſagte ſie, einen Kuß den bausbackigen kleinen Engelköpfen zuwerfend, die von dem Himmel des alten Bettes herablachten.—„Gute Nacht, Martha! Mach' den einen Fenſterflügel auf, es iſt ſo ſchwül.“ „Ich thue es aus wichtigen Gründen nicht gerne,“ ſagte Martha zögernd,„möchte überhaupt am liebſten bei Ihnen bleiben.“. Irene ſtemmte den Arm in die Kiſſen und legte den Kopf in die Hand. „Weil?“ fragte ſie friedlich. „Weil die Elſe heute Nacht in der Geiſenburg ge⸗ ſehen worden iſt.“ „Wer hat ſie geſehen?“ fragte Irene. „Maier und ich!“ „Wo denn?“ „Mit Licht in dem chineſiſchen Saal, mit Licht in der Capelle, ohne Licht im weißen Kleid vurch die immer verſchloſſene Thüre tretend.“ „Ging denn die Thüre vor ihr auf?“ „Ja, da hat ſie Maier eintreten ſehen!“ „Gute Martha, Ihr habt falſch geſehen; das Licht in dem chineſiſchen Saal rührt von dem fremden Herrn her, der ſich dahin verirrte; die Capellenfenſter warfen C 42 2 die Strahlen der Hoflaternen zuxück und die weiße Ge⸗ talt war ich ſelbſt, die ich bei einbrechender Dunkelheit U. k n von Geiſenberg heraufkam, und in Gedanken durch den Haupteingang eintreten wollte.“* h„Aber die Spuren von triefenden, naſſen Kleidern auf der Treppe und dem Corridor?“ „„Rühren von einem durchregneten Mantel irgend en eines lebendigen Schloßbewohners her.“ Martha ſchüttelte ſorgenvoll den Kopf, nachdem ſie te das Tuch feſter um die Stirne geſteckt hatte. „Sie und der Profeſſor glauben nicht an Anzeichen, ich weiß es wohl, aber ich hab's zu oft erlebt, als daß . ich's läugnen ſollte.“ Irene ſchloß, von Müdigkeit überwältigt, die Augenlieder. „Die Poeſie des Volkes,“ entgegnete ſie mit frem⸗ der, ſchon durch den Schlaf gefeſſelter Stimme,„treibt 3 dieſe phantaſtiſchen Blüten. Der Ausgang jeder Sage . iſt ein Act der Volksjuſtiz;— gute Nacht, arme Elſe!“ Ihr Verſtummen und der gleichmäßige Athem zeigten an, daß ſie feſt ſchlief. Kinder der Zeit. H. 18 Martha zog ſorgſam die Decke über ihren leicht bekleideten Körper, dann trat ſie zurück, ſchlüpfte aus den klappernden Pantoffeln, und beſchäftigte ſich, die Ordnung des Zimmers herzuſtellen. Sie werden mich auslachen, aber gleichviel, ich bleibe bis Mitternacht, dann ſchließe ich mit dem Haupt⸗ ſchlüſſel hinter mir zu.“ Nachdem ſie die zerſtreuten Kleidungsſtücke geord⸗ net, ſetzte ſie ihre kupferne Lampe hinter einen großen Folianten, der wohl nicht zu dieſem Zwecke hieher ge⸗ langt war, begab ſich wieder auf den niedrigen Sitz am Fuße von Irenen's Lager, und dachte mit ſtarrem Auge und gefalteten Händen an die unerklärlichen, nach ihrer Ueberzeugung aber unläugbaren Erfahrungen, die ſie im Verkehr mit der Geiſterwelt nun ſchon gemacht hütte Das Gewitter war längſt in die Ferne gezogen. Der Mond ſchien durch zerriſſenes, zackiges Gewölk, das junge, erſchreckte Laub ſuchte zitternd ſein Gleichge⸗ wicht wieder zu erlangen, und nur das Schreien einzel⸗ ner Nachtvögel, der von den Drachenteichen herauf⸗ tönende Unkenruf verkündete das nächtliche Leben der Thierwelt, und diente dazu, Martha's Gemüth mit trü⸗ ben, düſteren Ahnungen zu erfüllen. ge Am andern Mergen inquirirte der Prinz ſehr charf die betretenen Geiſterſeher, und verbat ſich für die ſie Zukunft dergleichen Viſionen. Auch zu Gregor war durch die Dienerſchaft ein Joachim zu richten. Doch von dieſem war wenig zu er⸗ fahren. Er begann, ſtatt Gregor einfach die Volksſage cht andeutendes Wort über die Aengſten der vergangenen n. Nacht und die ſcharfen Verweiſe des Morgens gelangt, lt, und hatten in veranlaßt, einige bezügliche Fragen an ⸗ mitzutheilen, eine Erörterung, wie dieſelbe ſich ihrer uf⸗ mis g6 der Tendenz und Form nach der Geſchichte, den Sitten, ja der Beſchaffenheit des Landes gemäß geſtalten müſſe, wie dieſelbe tiefe Blicke in den religiöſen und politiſchen Character der Bevölkerung thun laſſe, und wie in⸗ — 20 tereſſant die Darlegung und Einſicht in die verzweigten Wurzeln dieſer poetiſchen Geſtaltungen ſei. Gregor gab das Alles zu, beſchloß aber bei ſich, nach ſo einfachen Ereigniſſen lieber in Zukunft Irene, den Prinzen, ja Maier und die übrige Dienerſchaft, an⸗ ſtatt Joachim zu fragen. Nach beendigter Sitzung bat er Letzteren um die Erlaubniß, Irenen aufſuchen und nach Muſicalien be⸗ fragen zu dürfen. „Sie wird im Parke ſein, ich ſah ſie die Treppe hinunter gehen,“ benachrichtigte ihn der Profeſſor noch im Scheiden. Doch es ſchien, als wolle ſie ſich erſt ein wenig ſu⸗ chen laſſen, obgleich die Spuren ihrer Gegenwart hier und da zu finden waren. Da lag eine Kette, ſpielend aus langen Grashalmen zuſammengefügt; dort grünte ein friſcher Mooskranz um die Stirne einer verwitterten Statue, und eine abgeriſſene Epheuranke war mit einem rothen Bande an dem Orte wieder befeſtigt, an welchem ſie durch früheres langes Ausharren ſich das Heimats⸗ recht erworben hatte. Er hatte die Terraſſe, die Nadelholzgruppen, die Grotten nach ihr durchſtreift und ſie nicht gefunden, bis er endlich bei einer Wendung des Weges ihr helles Kleid durch das Grün des Jasmins und Hollunders ſchimmern W —— 12 21 ſah. Als er näher kam, wendete ſie das Geſicht nach ihm hin und ſah ihn mit einer Unbefangenheit an, die ihm deutlich ſagte, daß ihre Phantaſie nicht thätig geweſen ſein konnte, den Moment ihrer geſtrigen Bewegung ihr wieder vorzuführen und immer bedentungsvoller zu ge⸗ ſtalten. „Was haben Sie hierzu thun,“ fragte Gregor, der ſich aus Angſt vor feuchten Füßen nicht in das Bosquet nachwagte, welches ſeine erſt mit zarten Blätterchen be⸗ ſetzten Zweige über und um ſie zuſammenflocht. „Viel,“ ſagte Irene wichtig.„Ich richte die vom Winde geſtürzten, alten Steininvaliden wieder auf, ich helfe den Knospen aufblühen und ſchüttle das Waſſer aus den Herzblättchen, daß das Leben nicht in ihnen ſtockt.“— Mit dieſen Worten griff ſie vorwärts und ſchüttelte an den wegüberwölbenden Zweigen einer Salweide, daß helle, friſche Tropfen Gregor überrieſelten. „Was Sie doch Alles können,“ ſagte dieſer, zum Schutz gegen eine etwaige Wiederholung ihrer Neckerei, den von ihr abgeworfenen, großen, weißen Plaid ergrei⸗ fend und um ſich ſchlagend.„Sie ſetzen geſtürzte Gott⸗ heiten wieder auf den alten Platz, entzünden in ihrem Zimmer die Sterne des Firmamentes und rufen Blüten und Laub in das Leben.“ ———= —— 22 „Das Alles iſt nicht ſchwer,“ ſagte ſie leichthin. „Nun,“ bat er,„laſſen ſie mich einmal zuſehen, wie ſie die Banden ſprengen.“ Irene ergriff einen Zweig, an deſſen Seiten grün⸗ ſchwellende Knospen gereiht waren, und bog ihn herab, ließ ihn aber wieder aus, indem ſie ſagte:„Nein, keine Blätter, ich will Blumenkronen.“ Damit kam ſie heraus in den gebahnten Weg und ſchritt, links und rechts nach geeignetem Material ſpähend, neben Gregor hin, bis ſie eine fruchttreibende Narciſſe auf einem der ſpärlich hier und da eingegrabenen Beete fand. „Jetzt geben ſie Acht!“ ſagte ſie luſtig, kniete nie⸗ der und faßte die noch geſchloſſene Knospe in ihre beiden Hände, leiſe und unausgeſetzt ihren Athem in die loſe zuſammengeſchlagene Blumenkrone hauchend. „Thun Sie das nicht,“ ſagte Gregor;„wiſſen Sie nicht, daß alle die blauen Augen der Veilchen brechen müſſen, wenn die weißen Stirnen der Narciſſen ſich dem Lichte entgegen wenden?“ Irene antwortete nicht, aber ſie lächelte, daß die weißen Zähne hinter den rothen, gewölbten Lippen ſicht⸗ bar wurden, und ſah ihn von unten herauf in einer Weiſe an, die ganz verſtändlich ſagte:„Wie ſenti⸗ mental!“ Sd*— ie t⸗ er Das iſt entweder die vollendetſte Coketterie oder die genialſte Unbefangenheit, die es geben kann, dachte Gregor; es wird mir am Ende nichts übrig bleiben, als mir die Blume, wie ein ſchwämeriſcher Primaner, zu erbitten.„Iſt es hübſch, durch einen Kuß Gebunde⸗ nes zu löſen?“ fragte er mit halbem Spott. „Sehr hübſch,“ ſagte ſie aufſpringend, doch wurde ihm nicht recht klar, ob dieſer Ausruf ſeiner Frage, oder der geöffneten Narciſſe gelten ſollte.„Sehen Sie nur die krauſen zitternden Blättchen— ſie beſinnt ſich— ich— ich rief ihr zu: Woche auf, Deine Stunde iſt gekommen!“ „Triumphiren Sie nicht zu früh,“ dämpfte Gregor, ſpähend, ob ſie wohl die Blume brechen und ihm anbie⸗ ten werde—„was zu früh erwacht, gewinnt nur eine frühzeitige Zerſtörung.“ „Dafür werde ich ſorgen,“ ſagte Irene;„ich werde ein kleines Papierhaus machen, das ihr helfen ſoll, Wind und Regen zu widerſtehen.“ „Und mit ſolchen Spielereien füllen Sie Ihre Freiſtunden aus?“ fragte Gregor plötzlich ernſter;„das hätte ich Ihnen kaum zugetraut. Ich glaubte, der ſpie⸗ lende Sinn wäre Ihnen ſchon verſteinert unter der Unterſuchung der Geſetze der Cryſtalliſation, und Sie könnten nur noch forſchen, nicht mehr— tändeln.“ „Ich wollte, das wäre ſo,“ fagte Irene treuherzig, den Weg nach der Terraſſe einſchlagend;„ich würde dann immer nur das Nothwendige, Zweckmäßige thun, während ich jetzt oft nur das Beluſtigende thue.“ „Ohne das Ihrem Alter angemeſſene Spielzeug?“ fragte Gregor lächelnd;„wie fangen Sie das an?“ „O, ich tummle mich im Freien herum; ich denke mitten im Sonnenſchein mir hübſche Gegenden, hübſche Muſik, hübſche Menſchen aus, ich multiplicire meine früheren Eindrücke mit meinen Hoffnungen für die Zu⸗ kunft!“ „Sie bauen Luftſchlöſſer?“ „Nein, nicht ſo ganz,“ ſagte ſie überlegend,„ich habe die Geduld nicht und die Stimmung.“ „Wie iſt's Ihnen nur möglich, Jahr aus Jahr ein fern von der Welt zu leben?“ fragte Gregor, indem er einem kleinen Froſch auswich, der mit hohen Sätzen über den Weg hüpfte. „Sie fürchten ſich wohl gar vor dem kleinen kalten Wanderer?“ ſagte Irene, indem ſie denſelben ergriff und emporhob,„ſehen Sie nur, wie hübſch und zahm er iſt!“ „Wie können Sie nur das garſtige Thier anfaſſen?“ fragte Gregor fröſtelnd,„ohne Handſchuhe, die kalte Haut muß Ihnen Nervenzucken verurſachen.“ ke e re hr m en en m N lte Irene lachte. „Da geh' hin, Mitereatur,“ ſagte ſie heiter.„Hüte dich, die Speiſe 3 Storches, ein Köder für Krebſe, ein Leckerbiſſen für Gourmand's zu werden; beſonders aber hüte dich unter das grau uſame Meſſer des Ana⸗ tomen zu fallen, der deinen kleinen, ka lethſieher kunſt⸗ gerecht zerlegen, deine dünnen Füße mit 2 Nägeln durch⸗ ſpießen würde.“ Sie ließ ihn aus der Hand in's hohe Gras hüpfen, und tanchte dann die Finger in das ge⸗ ſammelte Regenwaſſer der Steinvaſe. „Viele Menſchen haben gleichen Gefahren ent⸗ gegenzugehen, wie dieſer Froſch,“ ſagte Gregör bitter. „Die Einen werden durch ite gequält, die Andern dienen als Lockvögel und Köder, und die Drit⸗ ten verfallen der Macht des Stärkeun.“ „Das Letztere möchte ich noch am liebſten,“ meinte Jrene lachend,„wenn einmal gewählt werden müßte. Wer Maocht über mich hat, der ſei mein Herr!“ ich,“ ſagte Gregor mit kühlem, halbem Blicke,„ich möchte der Anatom ſein, der ein lebendiges, coneretes Herz ablöſen, beobachten darf.“ „Das arine Herz,“ bedauerte Irene halb ernſt; „aber ſehen Sie, wohrzuftih da ſteht er noch! Ich hatte ſchon Angſt, daß der Sturm ihn umgeriſſen haben könnte.“ — 26 „Wen?“ fragte Gregor. „Da, meinen ſchönen, hohen Tannenbaum,“ ſagte ſie, an die rauhe, harzige Rinde klopfend;„er ſteht auf einem gefahrvollen Poſten, ohne Schutz und Deckung, deshalb habe ich immer bei Stürmen Sorge um ihn.“ „Vielleicht wäre ihm beſſer geweſen, er wäre ent⸗ wurzelt worden,“ bemerkte Gregor mit dem trüben Blicke, der ihm ſo geläufig war.„Ich kann keinen der hohen ſtolzen Stämme ſehen, ohne zu denken, daß der Holzwurm vielleicht am eifrigſten am Marke des präch⸗ tigſten Exemplares nagt.“ „Das habe ich nie ge dert, indem ſie ihre Arme nachl baum ſchlang und ihren Kopf lauſchend anlegte.„Nichts hör' ich, Alles ſtill. Wenn der innere Schmerzen hat, ſo verbirgt er ſie tapfer. Freilich, er iſt nicht genug Poet,“ ſetzte ſie mit neckendem Lächeln hinzu,„um ſich in ihnen zu beſpiegeln; er iſt nicht genng Fanatiker, um Genuß in denſelben zu ſinden; er iſt nicht Chriſt genug, um ſich an ihnen zu läutern, aber er iſt Mann genug, um ſie zu bezwingen.“ „Wer?“ fragte Gregor kalt.— „Nun, wer ſonſt? Mein Tannenbaum, an dem der Holzwurm, wie Sie ſagen, nagt.“ hört,“ ſagte Irene verwun⸗ äſſig um den Tannen⸗ . 1*= 8 t. ¹9 ch m 9 ig, em S7 „Und was würden Sie bei der drohenden Aus⸗ ſicht auf Schmerzen thun?“ fragte Gregor.— „Ich würde ausreißen,“ ſagte ſie lachend, indem ſie ſich drehte, auf die Terraſſe ſprang und in leichtem ſicherem Laufe der Eingangspforte zueilte. „Das wäre nicht tapfer,“ antwortete Gregor, ich glaube Ihnen auch nicht.„Wer vor einem Froſch nicht aufſchreit, bei einem Gewitter nicht nervös iſt— der reißt auch nicht vor dem Schmerz, der peinlichſten Wahrnehmung ſeiner ſelbſt, aus.“ „In dieſem Schluß iſt auch nicht ein Fünkchen Lo⸗ gik,“ rief Jrene ſchon von den erſten Stufen der ſteiner⸗ nen Wendeltreppe herab;„w as hat die peinlichſte Wahr⸗ nehmung ſeiner ſelbſt mit einem Froſch zu thun?“ „Beide ſchreien den Abend am Lanteſten,“ rief Gregor.„Aber wo gehen Sie hin? Was thun Sie den ganzen langen Nachmittag?“ „Ich arbeite bei meinem Bater“— antwortete ſie. „An der Electriſirmaſchine?“ fragte er wieder. „Nein, an der Ueberſetzung der engliſchen Claſſi⸗ ker für heute.“ Sie grüßte mit vertraulicher Unbefangenheit und ſprang die ausgetre tenen Stufen hinauf, den Refrain eines alten Volksliedes mit lebhafter Betonung an⸗ ſtimmend. Was für eine krüftige Conſtitution, dachte Gre gor mit einem Seußzer; im Treppenſteigen noch Kraft und Luft zum Singen zu finden! Er lächelte für ſich, als ihm einfiel, daß er weder nach Muſikalien, noch nach der geſtrigen Spuckgeſchichte gefragt hatte, und nahm ſich vor, bei nächſter Gelegenheit ſich die Zügel der Converſation nicht wieder entgleiten zu laſſen.— Irene war unterdeſſen in das Arbeitszimmer ge⸗ treten, ſpielte aber, ſtatt ihren kleinen Schreibtiſch auf⸗ zuſuchen, mit den ausgefallenen Federn des Flammingo, ſah durch ein geſchliffenes, buntes Glas in die dadurch dunkelroth gefärbte Landſchaft hinaus und bemächtigte ſich zuletzt eines Stückchens Bernſtein, in welchem ein geflügeltes Inſect eingeſchloſſen war. „Ich weiß nicht, warum mich die arme Mücke an den Herrn von Barthelmy erinnert“— ſagte ſie plötz⸗ lich ungeduldig und warf den Gegenſtand ihres Ver⸗ gleichs Joachim zu.—„Sag' Dn mir's, Papa!“ Aber der ſchob leiſe den Bernſtein von ſeinem Papier und ſagte:„Die Gedanken machen oft ſeltſame Sprünge und nur der ſchärfſten Selbſtbeobachtung mag es gelingen, die zahlloſen feinen Zwiſchenglieder, die die Verbindung herſtelten, zu entdecken.— „Gefällt er Dir?“ fragte ſie nachdenklich, indem ſie das erſte, beſte Buch durchblätterte. m ne ie U 29 Joachim nickte nachſichtig.„Er hat bedeutende Kenntniſſe, ein klares Urtheil, ein offenes Weſen; der Prinz rühmt mir täglich ſeine geſellſchaftlichen Ta⸗ lente, ſeine angenehme Sicherheit. Gefällt er Dir nicht?“ „Ich weiß nicht; nein, ich glaube nicht,“ ſagte Irene lebhaft.„Es iſt etwas, wie ein nicht zu löſender Widerſpruch in ihm, der mich abſtößt. Er ſpottet über Alles und weint über Alles.— „In ſeiner Art zu ſprechen iſt etwas, was mich eiskalt macht; in ſeinem Blicke liegt ein Ausdruck, der trennend, auflöſend auf alle meine Gedanken wirkt,— ja, ſogar die Atmoſphäre wird ſchwerer, kühler in ſei⸗ ner Nähe.“ „Eueren inneren Bedingungen nach könnt Ihr Euch nicht ſo ſchnell verſtändigen; er iſt zerfallen mit dem Leben,— vielleicht durch ſchwere Schickſale,— Du fühlſt Dich im Einklang mit demſelben. Das Unbefrie⸗ digende, Verneinende ſeiner Denkungsart reizt Dich und thut Dir weh.“ „Ja, ſo wird's ſein,“ ſagte Irene abbrechend — Ihr Blick hatte beim mechaniſchen Ueberlaufen der Blätter eine Stelle gefunden, die ihr Iutereſſe weckte und ſchlug da ein, wie die Wünſchelruthe über Metall⸗ 30 adern; alle anderen Betrachtungen ſchwiegen, wenn es galt, ſolche Schätze zu heben. Bald hörte man in nächſter Nähe nichts mehr, als das Kritzeln der Federn, das Kniſtern der umgeſchla⸗ genen Blätter, während die fröhliche Frühlingsmuſik der ſummenden Inſecten, des rauſchenden, jungen Laubes und der zwitſchernden Vögel durch das geöff⸗ nete Fenſter drang. Es war ein todtes, mumienhaſtes Daſein, wel⸗ ches Regine führte. Nichts klar in ihr, nichts troſtreich außerhalb ihrer ſelbſt; kein Zuſammenhang zwiſchen ihren Wün⸗ ſchen und ihren Verhältniſſen, keine genügende Gemein⸗ ſchaft zwiſchen ihr und Adrian. Unverdroſſen ging ſie in der Tretmühle ihrer ge— wohnten Verpflichtungen; ſie glaubte noch immer an die Möglichkeit, durch vollſtändige Unterordnung unter fremden Wil len ſich nothwendig und lieb machen zu kön⸗ nen und trug mühſam, aber ergeben, Sadtöru zu⸗ ſammen in dem Wahn, dadurch ſichere Grundpfeiler zu einem glücklichen Leben zu gewinnen. „Darf ich nicht einmal den Verhandlungen der Jury beiwohnen?“ fragte ſie den eintretenden Adrian, 26 32 indem ſie ihm das Zeitungsblatt reichte, in welchem die in nächſter Zeit anberaumten Schwurgerichtsfälle bekannt gemacht wurden. „Wo denkſt Du hin!“ ſagte er verdrießlich;„die öffentliche Gerechtigkeitspflege iſt kein Schauſpiel für Frauen, die Gallerien der Gerichtsſäle ſollen nicht als Logen betrachtet werden, von wo aus man durch Lor⸗ gnette und Opernglas die Dramen menſchlicher Leiden⸗ ſchaften und Verbrechen ſich vorführen läßt.“ „Aber, mein Gott,“ ſagte Regine etwas verle⸗ gen,„in dieſer Weiſe wird keine zartfühlende Frau den Verhandlungen beiwohnen; nur der Wunſch, etwas tiefer in die menſchliche Natur, ihr Irregehen und in die daran geknüpfte Verurtheilung zu blicken, und die Theilnahme an dem Schickſale der Verletzten und Ange⸗ klagten lockt das Publicum herbei.“ „Ja, in die tiefe Sittenloſigkeit zu blicken, die Thatkraft des Laſters anzuſtannen, den Auswurf der Menſchheit in ſeiner ekelerregenden Nacktheit zu ſtudi⸗ ren, den polemiſchen Kunſtſtücken zwei ſtreitender An⸗ wälte— von denen der eine nothwendig mit falſchen Waſfen kämpfen muß— zuzuhören, das iſt es, was die Menge herbeilockt. Ob und wie Recht geſprochen iſt Nebenſache, ob das Gefühl, der Anſtand wird, iſt verletzt wird, kämmt nicht in Frage, wenn man ſich nur — ie ir L= n⸗ 6 en as in die die der di⸗ An⸗ hen vas hen and uur —,—— ünterhalten, aufregen kann. Daß der Pöbel ſich zu den Aburtheilungen drängt, daß er den ſchamloſen Ver⸗ theidigungen ſträflicher Sünder Beifall zujubelt, daß er die Eidesleiſtung der Zeugen, wie eine amüſante Comödie ſich vorſpielen läßt, daß er die Fragen der Geſchworenen mit Gelächter, oder Murren begleitet, — das läßt ſich allenfalls nach dem Bildungsgrad der ſo Handelnden erklären. Aber daß anch Frauen aus höheren Ständen von Durſt nach Aufregungen ſo über⸗ wältigt werden, daß ſie ihre Stellung und ſittliche Würde vergeſſen, um ſich unter ein Auditorium zu mi⸗ ſchen, welches ſie in jedem andern Falle mit Recht ſorg⸗ fältig vermeiden, daß auch ſie ſich nicht entblöden, den niedrigſten Geſtändniſſen, den empörendſten Verbrechen, der unmenſchlichſten Grauſamkeiten zu lauſchen, das erfüllt mich mit Unwillen und liefert ein trauriges Sei⸗ tenſtück zu der erwieſenen Thatſache, daß bei Hinrich⸗ tungen, oder ähnlichen Executionen, der bei weitem größere Theil der Zuſchauenden aus Frauen beſteht.“— Regine hatte die Stirne in die aufgeſtützte Hand geſenkt und eine leichte Röthe dicht unter ihren ſchwar⸗ zen Wimpern zeigte an, daß ſie den Vorwurf aus Adri⸗ an's Worten herausgefühlt hatte. Vielleicht gab ſie ihm heimlich Recht und bereuete, ihm einen Wunſch vorge⸗ tragen zu haben, der mehr aus der in ihrem Kreiſe all⸗ Kinder der Zeit. II. 3 — —— 34 gemeinen Theilnahme für das erſt neuerdings einge⸗ führte Schwurgericht, als aus ihrem eigenen Bedürf⸗ niſſe entſprungen war. Adrian, auf ſeinem gewöhnlichen, ſchrägen Gang, vom Ofen bis in die Fenſterecke, begriffen, warf von Zeit zu Zeit einen lauernden Blick, unter den geſenk⸗ ten Brauen hervor, auf Regine, um die Wirkung ſei⸗ nes Tadels zu ergründen. Als er ſah, daß dieſe nichts zu wünſchen übrig ließ, fuhr er fort:„Ich begreife überhaupt nicht, wie ſich dieſes ſündhafte Inſtitut noch halten, wie es das Staatsoberhaupt noch dulden kann. Heißt es nicht der Menſchheit die lichtſcheuen verbotenen Pfade erhellen, wenn die Mittel Allen kun⸗ dig werden, deren ſich die ruchloſe Hand bei Ausübung von Verbrechen bedienen kann? Die geöffneten Ge⸗ richtsſüle ſind nichts, als ein Treibhaus für jede Art von Sünden und Zuchtloſigkeiten und das dort gefällte Urtheil ſollte von Rechtswegen nicht mehr Bedeutung haben, als die von einem nicht ordinirten Theologen vollzogenen, geiſtlichen Funktionen.“ „Nun, ſo will ich Luitgard abſchreiben,“ ſagte „ſie abbrechend, indem ſie zu dem Schreibtiſche trat— ſie wollte mich in ihrem Wagen heute mitnehmen.“ „Luitgard— immer Luitgard und natürlich Roß⸗ leben und abermals Roßleben,“ ſagte Adrian ägerlich. —,———— ——— ——— „Siehſt Du denn nicht ein, daß die jede Gele genheit be⸗ nutzen, um ſich zu ſehen, die Kirche, wie den Ge⸗ richtsſaal, den Park, wie das Theater? Es iſt em⸗ pörend, daß der Geiſtliche nicht die Befugniß hat, ſolche unmoraliſche Verhältniſſe mit dem Schwerte der Autorität zu trennen und von der Kanzel herab zu brandmarken.“— „Damit würdeſt Du Frau von W üblen Dienſt leiſten,“ ſagte Regine, nen Papierbogen einige jener hatte, wie ſie D pflegen. „Und Dir wäre es wohl ganz recht, wenn ich dieſe Freundin und Gönnerin verlöre!“ ſagte Adrian ge⸗ ringſchätzig.—„Noch immer die Eiferfüchtelei? Oder biſt Du ärgerlich, daß ich Dir das Spectakel des Geſchwornengerichts nicht erlaubt habe?“ „Nichts von alle dem,“ antwortete Regine,„Du wieſeſt meine Bitte zurück, das ſteht Dir zu. Die Form der Verneinung hätte etwas freundlicher, etwas afür ge⸗ artberg einen die auf einen klei⸗ Höflichkeiten geworfen amencorreſpondenzen zu enthalten milder ſein können, ich wäre Dir dankbar d weſen; aber ich ſchmolle auch ſo nicht.“ Damit drückte ſie die Sphynx, die ſchaft geſtochen war, in den L auf ihr Pet⸗ ack, ſchrieb die Adreſſe, ſchellte und gab die Abſ Mädchen zur agworte ihrem Beſorgung. „Was haſt Du eigentlich geſchrieben?“ fragte Adrian nach einer kleinen Pauſe in unverkennbarem Mißmuth über ihre Schweigſ amkeit.— „Daß ich nicht mit ihr fahren könnte,“ antwortete Regine, einen neuen Faden in die Nadel ziehend.— „Weil Dein Mann Dir wranniſch jede Unterhal⸗ tung abſ chneiden wolle?“ Regine ſah ihn groß an.„Das hieße ja mich in Dir beſchimpfen„ ſagte ſie kopfſchüttelnd.— „Du hältſt es alſo für ſchimpflich, dem Willen Deines Mannes volle Gewalt zuzugeſtehen 2— „O mein Gott, Adrian!“ ſagte Regine, die Hände mit dem Ausdrucke der Betrübniß auf ihrer Ar⸗ beit faltend,„ſoll denn jedes Wort unſerer Unterhaltung in Bitterkeit getaucht ſein, und bin ich denn eigentlich nur Schuld, daß kein ruhiges, friedliches Einverſtänd⸗ niß angebohnt wird? Ich handle ja gern nach Dei⸗ nem Willen und verlange ja nichts anderes, als Lei⸗ tung und Belehrung. Aber Du haſt eine Art, dieſelbe u ertheilen, die mir nicht nur beweiſt, daß Du mich nicht verſtehſt, ſondern auch, daß Du mir mißtrauſt, und das wird mir für die Zukunft noch ganz den Muth ragen und zu bitten.“ nehmen, Dich um etwas zu f 37 „Ah, eine unverſtandene Frau,“ ſagte Adrian ungeduldig,„es wird immer erbaulicher! Schlimm ge⸗ nug, wenn Du Dich von unklaren Stimmungen, von halben Entſchlüſſen und formloſen Wünſchen ſo beherr⸗ ſchen läßt, daß Du Dir ſelbſt und Andern wie ein un⸗ lösbarer Widerſpruch erſcheinſt; Du ſollteſt dieſe un⸗ glückliche Anlage zu unterdrücken, aber nicht zur Gel⸗ tung zu bringen ſuchen.“ „Habe ich das je gethan, Adrian?“ ſagte Re⸗ gine mit jenem leiſen Ton, der von aufſteigenden Thrä⸗ nen gedämpft iſt.— „Ich ſage es Dir ein für alle mal,“ antwortete er, durch den feuchten Schimmer ihres Blickes etwas beunruhigt,„und erinnere Dich ſtatt aller weiteren Er⸗ mahnungen nur an den Spruch:„Ein freundlich Weib erfreut den Mann, ſie iſt wie eine goldene Säule auf ſilbernem Stuhle, aber ein zänkiſch Weib iſt wie ein Scorpion.“ — Damit huſchte er, den Daumen an den Lippen, zur Thüre hinaus, um ſich zu einem Beſuch bei Frau von Wartberg anzukleiden. Regine blieb allein zurück. Es war ihr ſo öde im Herzen, ſo heiß und ſchwer im Kopfe. Sie war nicht beleidigt, nicht erzürnt— ſie war betrübt. Der Abend ſchlich ſo hin. Sie las ohne lebhaftes Intereſſe in einigen engliſchen Romanen, die ihr Adrian nach ſorgfältiger Prüfung überlaſſen hatte, traf die nothwendigen wirthſchaftlichen Anordnungen, beſchäf⸗ tigte ſich eine Zeit lang mit der Durchſicht verſchiedener Rechnungen, und machte zuletzt die Eutdeckung, daß ihr noch eine gute Stunde Zeit bis zur Rückkehr Adrian's bliebe. Es war ſtille um ſie. Die Lichter brannten trübe und hatten lange, rothglühende Schnuppen. Der ge⸗ ſellige Verkehr hatte aufgehört, jedes war bei den Sei⸗ nen, oder ſtrebte zurück zu ihnen. Regine verließ das Fenſter und trat an ihr Cla⸗ vier. Sie verſuchte aus dem Gedächtniſſe ein Lied zu ſpielen, welches ihr früher geläufig geweſen war. Der Text war einem gefeierten Dichter der Gegenwart ent⸗ lehnt, und die volle reiche Begleitung verrieth auch einen Componiſten der neueren Schule. Nach einigen ver⸗ ſuchenden Griffen ſang ſie mit Sicherheit und tiefem Accent die ſchwungvolle Tondichtung. Reginen's Stimme hatte eine heiße, dunkle Fär⸗ bung, die ganze Tiefe ihrer ureigenen Natur ſpiegelte ſich in derſelben. Die Art, mit der ſie den Ton von Intervall zu Intervall trug, erinnerte an die ſchwellen⸗ den Tonverbindungen des Violoncells; ihr Piano war nicht licht und duftig, ſondern ein gedämpfter, bebender Hauch, ihr leidenſchaftlich geſteigertes Erescendo wirkte „ 39 nicht durch das Metall des reichen Tones, ſondern durch die lebensvolle Glut, die, wie eine unlöſchbare Fl amme, mit dem Athem ihrer Bruſt entſtrömte. Aber ſie ſang nicht für ſich allein. In einer einfach möblirten Wohnung, der Kirche gegenüber, ſaß Paul am Bettchen eines kleinen Kindes. Seine Hand hielt leicht das Gelenk des ſich unruhig wälzenden Knaben, und ſein Blick folgte aufmerkſam der Mimik des kleinen Patienten. Ueber das Fußende der Wiege gebeugt, lehnte eine junge Frau, die ſich durch den ſorgenvollen Ausdruck ihrer Züge unleugbar als die Mutter verkündete. „Nicht wahr, er wird nicht ſterben?“ fragte dieſe angſtvoll. „Zu dieſer Befürchtung iſt bis jetzt kein Grund vorhanden,“ antwortete Paul, leiſe tröſtend.„Wenn Sie aber für eine kurze Zeit ihre freundlichen Hand⸗ küſſe, Umarmungen und Zuſprache einſtellen wollten, ſo ſchliefe er vielleicht ein, und das wäre nicht übel.“ Halb beſchämt zog ſich die junge Frau zurück.„Es iſt ſo troſtlos, im Augenblicke der Gefahr gar nichts für das eigene Kind thun zu können,“ flüſterte ſie nieder⸗ geſchlagen. „Wie eiferſüchtig!“ lächelte Paul. „Ja, eiferſüchtig,“ antwortete jene;„ich habe ihm das Leben gegeben, und brauche nun fremde Menſchen, um es ihm zu erhalten.“ „Als ob er deshalb weniger Ihr Eigenthum bliebe,“ bemerkte Paul. „Ja freilich, mein eigenſtes, ſorglichſtes Eigen⸗ thum,“ ſagte die junge Frau, einen zärtlichen Blick in das Bettchen werfend, in dem der Gegenſtand ihres Geſprächs ruhig eingeſchlafen war. „Ein hübſcher, kleiner Kerl,“ bemerkte Paul, die Decke über das runde, milchweiße Beinchen ziehend, das unter dem Kiſſen hervorkam,„die ſüßeſte Sorge, die einer jungen Frau in den Eheſtand fallen kann, der dünne Verbindungsdraht, mittelſt deſſen Sie mit der Zukunft in Rapport treten.“ „Das gebe Gott,“ ſagte die Mutter. „Sehen Sie, er ſchläft,“ bemerkte Paul, der vor⸗ ſichtig die Lampe mit vorgehaltener Hand über den blon⸗ den Schläfer erhob;„der Athem geht ruhig, die Haut iſt feucht, lauter gute Symptome; ich bleibe aber doch bis Mitternacht. Wollen Sie ſich nicht bis dahin Ruhe gönnen?“ Aber dieſer Vorſchlag fand kein Gehör, und ſo ſetzte ſich Paul an die eine Seite des Bettes, während die junge Frau auf der andern in einem Großvaterſtuhle Platz nahm. Sie hatte das an der Wiege befeſtigte 41 Band um ihren Arm geſchlungen, um die kleinſte Be⸗ wegung des Knaben nachzufühlen; da aber keine ſolche Störung eintrat und Paul ſtumm und nachdenklich ge⸗ worden war, ſo machte ſich das Bedürfniß nach Ruhe immer unabweisbarer geltend, und nach Verlauf von einer Viertelſtunde ſchlief ſie ein. Paul betrachtete eine Zeit lang die Züge, die im geſunden Schlummer den geſpannt ängſtlichen Ausdruck verloren hatten, und prüfte dann das unausgebildete Geſicht des Kindes, das aus dem krauſen Spitzenmütz⸗ chen hervorquoll. Der Vergleich der unentwickelten Kinderſtirn mit der ebenen abgeflachten der Mutter, führte ihn bald auf Betrachtungen über die Functionen des Gehirns, und erinnerte ihn lebhaft an eine voll⸗ zählige Sammlung präparirter Schädel, die während ſeines Aufenthaltes in S... ſein höchſtes Intereſſe in Anſpruch genommen hatte. Dabei fielen ihm die ſchön modellirten Köpfe Joachim's und Irenen's ein; erſterer ſo ſprechend intelligent in den feinſten Wölbungen, den characteriſtiſchen Conturen, letzterer ſo tadellos in der proportionirten Regelmäßigkeit, der plaſtiſchen Form der Stirne, der Zartheit der Linien. In dieſem Angenblicke hörte er Accorde, die ganz aus der Nähe zu dringen ſchienen. Etwas mißmuthig erhob er ſich, um das Fenſter in der Nebenſtube gegen 42 den Schall zu verſchließen. Als er aber da angekommen war, blieb er lauſchend ſtehen. Die Töne des begleitenden Claviers ſchlugen zwar nur in zerfließenden, vermiſchten Fragmenten an ſein Ohr, aber über die verklingenden Harmonien erhob ſich eine Stimme, die die einfache Melodie kräftig bis zu ihm herübertrug. Das Anfangs ruhige Tempo wurde nach und nach raſcher, die Töne ſuchender, die Verbin⸗ dungen ungefügter, der Rythmus wilder; ſchrille Diſ⸗ ſonanzen ſteigerten die Sehnſucht nach endlicher Auf⸗ löſung, bis fieberndes Stocken, eine ſchwere Pauſe ein⸗ trat, um in gewagtem überwältigendem Uebergang den ſprühenden Jubelruf der Befreiung anzuſchlagen und in heller Dur⸗Tonart den Schlußrefrain der genialen Compoſition anzureihen. Paul war nicht ſehr empfänglich für die Einflüſſe der Muſik; er war keine von den reizbaren Naturen, die unter dem Eindrucke eines Geſanges zugleich er⸗ glühen und ſchaudern, und wenn man ihn gefragt hätte, welche Compoſition ihn je am meiſten bewegt, ſo würde er zuverſichtlich geantwortet haben: die Burſchenlieder bei meinem Abſchieds⸗Commerce. Das Luftige, Aethe⸗ riſche, Anfaßbare der Muſik entſprach ſeinem, den bil⸗ denden Künſten mehr zugewendeten, Geſchmacke nicht. Dennoch hörte er jetzt mit einer Spannung zu, die ihm we nc be di zu al— wi Vl die zu wu ge erl Ri ſtr Fe hal ode nig weder die gefeierten Geſangvirtuoſen der Gegenwart, noch die am brillanteſten inſtrumentirten Symphonien berühmter Meiſter hatten abgewinnen können; er fühlte, daß, weder um Vergnügen noch Beifall zu erwecken, die Stimme austönte, daß ſie aus der Seele kam und zu dieſer ging. Vergeblich ſagte er ſich:„es iſt nichts als die Schwingung der Luftwellen, nichts als das Zittern der Materie, was als Ton von mir gehört wird;“ ein feines magnetiſches Fluidum ſchien in dieſen Tönen zu leben und eine aufregende Botſchaft durch die Nerven des Gehörs in die geheimnißvolle Werkſtätte zu tragen, in welcher ſich Körperliches und Geiſtiges wunderbar eint und durchdringt. Er lehnte die Stirne gegen das Fenſterkreuz, und ſein Auge haftete an den erleuchteten Fenſtern, als ob er die Verkörperung der Töne erwarten müßte, bis eine tiefe Stille ihn zur Rückkehr zu ſich ſelbſt und ſeiner Aufgabe brachte. Er ſtrich ſein braunes, lockiges Haar zurück, ſchloß das Fenſter und trat wieder in das Krankenzimmer. „Niemand, als Irenen's Schweſter kann geſungen haben,“ ſagte er zu ſich.„War es Zufall, Schickung oder eigene Schuld, daß ich ſie bis jetzt noch nicht kenne?“ Und er geſtand ſich gutmüthig, daß ein eigenſin⸗ niges Vorurtheil gegen die Frau, des von ihm ſchwer getadelten Adrian, ihn bis jetzt abgehalten habe, die Bekanntſchaft ſeiner Verwandten zu ſuchen. Er hatte eine Karte abgegeben und eine ſolche von Adrian empfangen; darauf hatte ſich bis jetzt ihr Austauſch von gegenſeitigen Höflichkeiten beſchränkt, trotz Irenen's mahnender Briefe und Joachim's freundlicher Fragen. Morgen will ich meinen Beſuch wiederholen, be— ſchloß er bei ſich. Er fühlte ſich weicher wie gewöhnlich geſtimmt, als er bei dem kleinen Schläfer wieder Platz nahm; er bog ſich vor, um die Kiſſen glatt zu ſtreichen, und be⸗ lächelte mit verleugneter Rührung die bunten Bänder, die zierlichen Stickereien, die cokette Eleganz, mit denen die mütterliche Eitelkeit die zarte Menſchenknoſpe um⸗ geben hatte. Stillbog er ſich herab und küßte die kleine, weiße mit Grübchen gezeichnete Kinderhand, die unter dem hellbraunen Barte ſich leiſe bewegte, während halb träumend den geöffneten Lippen ſich der Ruf:„Papa“ entwand. Ein helles, friſches Lächeln legte ſich um Paul's ruhigen Mund.„Behüt' Dich Gott,“ ſagte er herzlich, und da er ſich überzeugt hatte, daß die Gefahr vorüber war, ergriff er Hut und Stock, und verließ mit unhör⸗ barem Schritt das Zimmer, ſuchte und fand den Weg nach der Küche, und beorderte von da das Mädchen zur Nachtwache an ſeinen Platz. „Das Herz des Menſchen,“ ſagte er bei dem Heraustreten zu ſich,„iſt wie der bewunderte Cactus grandiflorus er öffnet ſeine Blüten und duftet am ſtärkſten in der ſpäten Abendſtunde.“ 5. Am andern Morgen ſtieg ein elegant gekleideter Herr die Treppen hinauf, die nach den hallenden Gal⸗ lerien und von dieſen zu den Zimmern Reginen's führ⸗ ten. Auf dem Vorſaal angekommen, zog er an dem Por⸗ zellangriff, der ſeine Beſtimmung durch die aufgemalte Erklärung:„Zur Bedienung“ genugſam verdeutlichte. Eine Minute ſpäter wurde Doctor Hallbert gemeldet und nach kurzem Harren, mit dem einſtweiligen Be⸗ ſcheid, daß die Frau Hofpredigerin ſogleich erſcheinen werde, in das Zimmer geführt. Paul durchſchritt gemächlich das Gewirr von klei⸗ nen Möbelgruppen, die die heutigen Begriffe von Ge⸗ ſchmack und Comfort in abſichtlicher Unregelmäßigkeit zuſammenfügen, ſtreifte muſternd an den geflochtenen Blumentiſchen vorüber, und trat dann zu dem Schreib⸗ un „3 ſta ein kun wa Ir ſtri Ze den auc der gin trät ob dect befi befe ter al⸗ hr⸗ or⸗ lte te. det en tiſche, auf welchem niedliche Spielereien, Briefmappen und Bücher in einem ſolchen Ueberfluß ſich befanden, daß auch nicht der kleinſte Platz zum Schreiben übrig zu ſein ſchien.„Die heilige Schrift“—„Amaranth“ — Göthes„Taſſo“ und Schillers„Don Carlos,“ „Jane Eyre,“„Geibel“ und„die Nachtmahlskinder“ ſtanden hier friedlich neben einander. Die unverbrauch⸗ ten Einbände, der geſchonte Goldſchnitt, der nicht durch eingeknickte Blätter ſeinen Glanz verloren hatte, be⸗ kundeten, daß vorſorgliche, behutſame Hände darüber walteten und erinnerten ihn in ſcharfem Contraſte an Irenen's kleine Bibliothek, deren abgenutzte, vorge⸗ ſtrichene und mit Randbemerkungen begleitete Blätter Zeugniß ablegten, mit welcher Lebhaftigkeit ſie frem⸗ den Gedanken und Urtheilen nicht nur folgte, ſondern auch ſie zerſetzte, erweiterte, oder beſchränkte und wi⸗ derlegte. Ueber dem Schreibtiſche hingen die Bilder von Re⸗ ginen's Eltern, Bruno in griechiſcher Uniform gemalt. Paul vertiefte ſich in den Anblick der beiden Por⸗ träts, die ſo harmlos von der Wand herab ſahen, als ob ihre Urbilder nur gelebt, um eine hübſche Wand⸗ decoration zu hinterlaſſen, bis ein Blick in den ſeitwärts befindlichen Wandſpiegel ihm Regine zeigte, die, etwas befangen, durch ein Nebenzimmer zu ihm hereintrat. 48 „Sie gewähren mir einen allzu neutralen Em⸗ pfang,“ ſagte er heiter,„d. h— Sie geben mir Audienz, nicht Willkommen, Sie grüßen mich als Fremden, nicht als Vetter— iſt das verwandtſchaftlich ge⸗ handelt?— Oder fehlt es noch an der formellen Legitimation?— Hier iſt ſie.“ Damit legte er einen Brief in ihre Hand, die mit einer leiſen Bewegung ihm einen Fauteuil als Platz anwies. Regine ſagte ihm einige mehr verbindliche, als herzliche Worte. Sie war ſo gewohnt eine Menge tri⸗ viale Fragen und Antworten mit Perſonen zu wechſeln die ſie zum erſten Mal ſah, daß es ſie eine Unſchicklich⸗ keit dünkte, den herkömmlichen Kreislauf der gleich⸗ giltigen Geſchäftsthema's nicht pünktlich einzuhalten. Als ſie fand, daß Paul durchaus nicht geneigt war, über die Annehmlichkeiten und Mißſtände der Reſidenz, über die landſchaftliche Schönheit der Gegend und klimatiſche Zuſtände ſich weitläufig zu verbreiten, fragte ſie nach den Bewohnern der Geiſenburg. Er antwortete beſtimmt. Die Skizze, die er von ihnen entwarf, war ſo lebendig, daß Regine plötzlich eine Sehnſucht empfand, die ihre eigene Erinnerung ihr nie hervorgerufen hatte. „„Dort iſt kräftige, geſunde Natur,“ ſchloß er; nz, en, len mit latz als tri⸗ ſeln lich⸗ eich⸗ ten. über über iſche nach von tzlich g ihr er; 49 „nichts Angebildetes, nichts von eigener oder fremder Hand Corrigirtes.“ „Das iſt ein ſeltenes Lob in einer Zeit, die nur immer ein und dieſelbe Uniform, die der mittelmäßigen Alltägigkeit, anzulegen im Sinne hat,“ ſagte Regine bedenklich. „Was fangen aber die Unglücklichen an, denen die Uniform nicht ſitzt und die ſie nicht kleidet,“ fragte Paul mit Humor,„thun die nicht beſſer, ſich's bequem zu machen?“ „Aus Oppoſitionsgelüſten?“ entgegnete ſie halb bedenklich,„die werden bald gedämpft. Früher oder ſpäter kommt Jedes unter die große Walze der Eivili⸗ ſation und empfängt das Gepräge der allgemeinen Zeit⸗ richtung. Wie wollte man auch,“ fuhr ſie ſchüchtern ſcherzend fort,„urtheilen, leben, handeln, wenn man nicht wüßte, was man nach dem herrſchenden Münzfuß werth wäre und was Andere taugen?“ „Wer wird ſich und Andere nach dem gebräuch⸗ lichen Münzfuß ſchätzen,“ ſagte Paul lachend,„das ſetzte, je nachdem, zu viel oder zu wenig Beſcheidenheit voraus.“ Regine erröthete; ſie glaubte ſich ungeſchickt aus⸗ gedrückt zu haben, und bereuete in dieſer Weiſe auf ſein Geſpräch eingegangen zu ſein. Kinder der Zeit. H. 4 —— — allen Gegenſtänden, 50 „Reizbares Blutſyſtem!“ dachte Paul, als er die heiße Röthe bemerkte, die jäh Reginen's Wangen färbte, „konnte mir's wohl denken, nach dem erregten Klang der Stimme.“ Eine Pauſe trat ein, deren Gewicht Regine pein⸗ lich empfand. Aufs Aeußerſte getrieben durch die Sprödigkeit, mit welcher ihr hübſcher, kleiner Kopf ihr jetzt jeden Einfall verſagte, wollte ſie eben ſich zum zweiten Male nach Jvachim's Geſundheit erkundigen, über die ſie doch kaum die beruhigendſten Mittheilungen erhalten hatte, als Paul, ihre Befangenheit und ſein Schweigen be⸗ merkend, mit raſchem Wort ihr wieder in das gewohnte Fahrwaſſer hineinhalf. „Muß man denn immer ſprechen?“ fragte er mit ſeinem freundlichen Blicke und lachenden Mund;„man kann ſich doch auch recht gut ohne Worte unterhalten, zumal in Geſellſchaft von Menſchen, die uns zu denken geben.“ „Nein,“ ſagte Regine aufathmend,„man muß immer ſprechen, wenn man zu zweien im civiliſirten Europa iſt. Man macht ſich dadurch Andern bequem, und in dem Wunſche nach Bequemlichkeit, gipfelt ja das allgemeine Bedürfniß der Gegenwart. Und wer die an ja an einem Nichts emporrankende 1— Mittheilſamkeit belächelt, der läuft Gefahr,—“ ſchloß ſie, den Finger drohend erhebend. „Nun?“ fragte Paul beluſtigt. „Zu den Zelten der Beduinen verwieſen zu wer⸗ den, in welchen allein noch Anerkennung für die würdige Tugend der Schweigſamkeit zu finden iſt!“ „Wie, Sie wollen mich fortſchicken, ſtatt mir Gaſt⸗ freundſchaft zu gewähren?“. „Gaſtfreundſchaft,“ ſagte Regine, auf den ſcher⸗ zenden Ton eingehend,„will ich Ihnen mit Freuden gewähren, ſobald ſie mit uns Salz und Brot gegeſſen haben werden.“ „Attiſches Salz?“ fragte Paul prüfend. „O, das verflüchtigt ſich ſo ſchnell.“ „Muß man von Allem etwas Handgreifliches behalten?“ bemerkte Paul;„ſind die Damen ſo ſpecula⸗ tiv? Fragen Sie bei jeder kleinen Unterhaltung: was habe ich davon?“ „Gewiß,“ ſagte Regine mit lachender Beſtätigung; „erſt fragt man: kann man das eſſen? oder darinnen wohnen? oder ſich damit kleiden? Und wenn es damit nichts iſt, ſo ſagt man: Schade, das Ding hat keinen reellen Werth.“ „Wer ſagt das? Sie?“ fragte Paul etwas nach⸗ denklich. 4* 52 „Nicht doch, ich ſcherze nur,“ antwortete Regine, vor ſeinem fragenden Blicke und ihrer eigenen Lebhaf⸗ tigkeit erröthend. „Und was ſoll man mit einem Scherze machen 24 parodirte Paul,„ſoll man ihn eſſen, ſich damit kleiden, darinnen wohnen?“ Sie ſchüttelte den Kopf. „Man ſoll ihn nicht angreifen,“ ſagte ſie ſchüch⸗ tern,„ſonſt fällt er zuſammen und beſchämt die, die ihn nicht feſter bauen konnte.“ Paul war überraſcht; dieſe tindliche Demuth, das ſtille immer wieder Inſichſelbſtzurückgehen, der lebhafte Wechſel der Farbe auf ihren Zügen nahm ſein Auge und ſein Intereſſe zugleich gefangen, und drängten ihn im Stillen zu dem Urtheil, daß ihm die Weiblichkeit in ihrer ausgeprägteſten Anmuth und Schwäche noch nie ſo beſtechend gegenüber getreten ſei. Er ſtand auf und griff nach ſeinem Hut. „Sie leben zu häuslich. Daß man ſie an öffent⸗ lichen Orten nicht trifft, liegt wohl an dem Geſchmacke Ihres Herrn Gemals. Aber auch die Privatgeſellſ chaften ſcheinen außerhalb der Sphäre Ihrer geſelligen An⸗ ſprüche zu liegen; wo wird man Sie ſehen?“ „Bei mir,“ ſagte Regine raſch, erſchrack aber he f⸗ tig, als die möglichen Folgen ihrer Antwort in ihrer vollen Bedeutung ſich ihr darſtellten. Hatte ſie nicht durch dieſes Wort Paul zur Wiederholung ſeines Be⸗ ſuchs aufgefordert, und würde Adrian das billigen? Aber Paul bemerkte ihre verſpäteten Bedenklich⸗ keiten nicht; er empfahl ſich kurz und mit jener rückſichts⸗ vollen Achtung, die ſich ſo wohlthuend mit der offenſten Zwangloſigkeit in ſeinen Verkehr mit Damen miſchte, und ein Vertrauen einflößte, welches weder die gewandte Sicherheit noch die glatte Galanterie des Weltmanns zu wecken vermag. In einer eigenthümlichen Stimmung blieb Regine zurück. Halb mißvergnügt über ihre Lebhaftigkeit, halb betreten über den neckenden Scherz, der durch ihre Unterhaltung ſeinen bunten Faden gezogen hatte, und halb erwartungsvoll geſpannt, als müſſe nun, nachdem die Zuſammenkunft beendet, ihr noch etwas Beſonderes daraus erwachſen, hatte ſie ganz vergeſſen Jrenen's Brief zu öffnen, der noch mit unverletztem Siegel vor ihr lag. Sie überdachte noch einmal, was ſie zuſammen⸗ geſprochen; daran reihten ſich Reminiscenzen aus dem ſtreitenden Wortwechſel, den Paul neulich in der Ge⸗ mäldeausſtellung mit Adrian gehabt hatte. Alles paßte zuſammen; ſeine offene Polemik, ſeine heutige heitere Zuverſichtlichkeit, ſein bedeutender Blick, ſein warmes . Ihre Gedanken verloren ſich in Muth⸗ der wichtigſten, ernſteſten ob er wohl ſchon liebt oder fiel ihr wieder ein, und jetzt Lächeln.. moßungen, und blieben bei die es für eine Frau gibt: geliebt hat? ſtehen. Jrene erſt erbrach ſie ihren Brief. Jrenen's ſchriftliche Mittheilungen, die Adrian zuſammenhangslos nannte, hatte für en Reiz. In dem Gewühl von Bil⸗ dern, Scherzen und vriginellen Gedanken, aus denen ſie zuſammengeſetzt waren, lebte eine einheitliche Friſche und Kraft, die wie eine beruhigende Antwort auf das haltloſe Schwanken des geiſtigen Weſens der Schweſter wirkte. Die Blüten, die ihr Geiſt trieb, weckten nicht den Gedanken: ein Sommer wird ſie verwelken laſſen, ſondern die Ueberzeugung, daß die Wurzel im geſunden, warmen Erdreich ruhe, und aus dem Herzen der Natur die Kraft, Blüte für Blüte zu entfalten, ziehe. Auch Paul wurde erwähnt, und zwar mit warmem Lobe. „Sie ſchildert ihn ſo enthuſiaſtiſch und doch gewiß nur nach Verdienſt,“ dachte Regine, indem ſie das Papier wieder zuſ ammenfaltete.„Wenn ich Adrian nur bewegen könnte, ihm unſer Haus zu öffnen.“ Aber Adrian, heute weuiger wie je geſtimmt, an die Pflichten der Geſelligkeit zu denken, brach in eine Fluth von Anklagen und Beſchwerden aus, ſo wie er excentriſch und Reginen einen groß nur das Zimmer erreicht hatte. Der Diaconus, den er bei ſeinem Avancement überſprungen hatte, hatte längſt im Geheimen gegen ihn gewirkt, und trat ihm jetzt in den Sitzungen des Conſiſtoriums offen entgegen. Ge⸗ ſtützt auf einen bedeutenden Einfluß, den er durch Frei⸗ ſingkeit⸗ duldſame Nachſicht und verſtändige Zuſprache bei der Bürgerſchaft erworben hatte, fühlte er ſich ſtark genug, um eine Lanze mit Adrian, der die Zuſtimmung der Ariſtokratie für ſich hatte, zu brechen. Unter keiner Corporation der kleinen Reſidenz herrſchte ſo wenig Eintracht, als unter den lutheriſchen Geiſtlichen. Statt ſich gegenſeitig zu vertreten, zu ſtützeu und dem ganzen Stande dadurch ſtärkere Grundpfeiler zu geben, ſtanden ſie ſich feindlich auf der Kanzel, in ihren Conferenzen und im bürgerlichen Leben gegenüber. Pecuniäre Vortheile, der Inſitz in einer beſſeren Woh⸗ nung, die Berechtigung zu einer einträglicheren Stelle, die Ausſicht auf einige Accidenzien waren meiſtens die Motive, die die Stellung der Amtsbrüder zu einander ſchwierig oder wohl gar feindſelig machten, und den⸗ ſelben jenen bittern Geiſt einhauchten, der ſich auch außerhalb des Bereiches ihrer Differenzen im geſelligen Verkehr oft ſo widerwärtig äußerte. Es genügte Adrian nicht, ſeinem Widerſacher die 56 wiſſenſchaftliche Bildung, die Befähigung zu einem geltenden Urtheile und die Einſicht in den Beſtand der fraglichen Angelegenheit abzuſtreiten, er griff auch ſei⸗ nen Character, ſeinen Ruf auf eine Weiſe an, die Regine durch einige entſchuldigende Worte mildern zu müſſen glaubte. Wie falſch ſie aber die Mittel zu dem Zwecke, ihn gerecht zu machen, gewählt hatte, erfuhr ſie bald durch die Heftigkeit, mit der er ſie der Parteinahme gegen ihn beſchuldigte, und als ſie, verſchüchtert, nun ganz ſchwieg, verließ er ſie, um bei Frau von Wart⸗ berg Troſt und Rath zu ſuchen. „Der arme Adrian hat ſo unſcheinbare Tugenden und ſo wenig glänzende Fehler, daß ihm weder die er⸗ ſteren angerechnet, noch die letzteren verziehen werden können“— ſagte Luitgard zu ihrer Mutter, als ſie ihn von Weitem auf das Haus zuſteuern ſah „Trotz ſeinen unſcheinbaren Tugenden und wenig brillanten Fehlern bekleidet Adrian einen Poſten, der in ſeiner Wichtigkeit von Dir nicht vollſtändig ermeſſen werden kann,“ antwortete Frau von Wartberg, ohne Notiz von der plötzlichen Zerſtreutheit zu nehmen, die Luitgard befiel, als an einem Fenſter des gegenüber liegenden Hauſes Roßleben in voller Uniform ſich zeigte. Sie ſah nach ihrer kleinen goldenen Uhr; zehn Minnten fehlten noch bis zur Paradezeit. — X ig in ne ie te. en 57 „Gott, die arme Regine, was für ein Lebeu führt ſie mit dem finſtern, vergallten Pfaffen!“ fuhr Luit⸗ gard fort.„Er hält ſie verſchloſſen, vergittert hinter den Mauern ſeines winklichen Kloſters;— das kommt da⸗ von, wenn die Frau nicht am Steuer des Eheſchiffchens ſteht.“ Dabei warf ſie die blonden Locken aus dem Ge⸗ ſichte, das von der hohen Temperatur der Atmoſphäre, oder von innerer Aufregung ſich immer röther färbte. „Adrian iſt ein guter Lootſe,“ entgegnete Frau von Wartberg,„und Regine braucht wenigſtens keinen Schiffbruch zu fürchten, ſo lange er das Steuer führt. Frauenblick wählt oft die Inſeln der Atlantis zum Ziel der Fahrt und gewinnt dafür vollſtändige Verſchlagung, — wenn nicht Schlimmeres.“ „La la la!“ trällerte Luitgard, die Stirne auf die Spiegelſcheiben legend und aufmerkſam auf die Straße hinabſehend, auf welcher Adrian ſichtbar war;—„Du freilich mußt ſo ſprechen, Du biſt ja die Stifterin dieſer Ehe und darfſt nimmermehr zugeben, daß das Paar, ſeit Beginn ihrer Einſchiffung, unter einem Grade nörd⸗ licher Breite ſegelt, als ob eine Expedition an den Nordpol, der Zweck ihres Zuſammenlebens geweſen ſei. — Richtig, er kömmt herein.— Noch eins: ich gebe Ende der Woche einen Sommerrout; berede Adrian, 58 daß er mir für den Abend Regine überläßt, an ſeiner Perſon liegt mir durchaus nichts.“ „Du begreifſt doch, daß Du ſie nicht ohne ihn einladen kannſt?“ ſagte Frau von Wartberg. „Seine Stellung,“ antwortete Luitgard, ſich in das Zimmer zurückwendend,„wird ihm hoffentlich die Theilnahme an einem ſo rauſchenden Feſte verbieten; ſollte dies nicht der Fall ſein, ſo wird ihm Saaleck durch die Verkündigung der orthodoren Dogmen des Faro und ein Anderer durch das vorgebetete Einmaleins der Liebe den Aufenthalt in meinem Hauſe verleiden.“ „Ich hoffe, Du wirſt keine Orgie, ſtatt Rout, geben,“ ſagte Frau von Wartberg,„und ich wünſche die Liſte der Eingeladenen nicht noch willkürlicher geord⸗ net, als bei Deinem letzten Winterball.“ „Ich fürchte, Mama, eine Liſte wird gar nicht eriſtiren; ich lade aus dem Stegreif ein, wer mir ge⸗ rade friſch und gelegen in das Gedächtniß kommt. Hans, wo biſt Du?— „Wir müſſen jetzt fort. Ich mag Adrian nicht ſehen, ſein Organ greift mir die Nerven an und ſeine langen, dürren Hände laſſen mich von Spinnen die ganze Nacht träumen. Hänschen, wo ſteckſt Du?“ Ein Blick auf die Uhr überzeugte ſie, daß nur noch fünf Minuten, bis zur Paradezeit waren. — c „Du haſt Deinen Sohn gar nicht mitgebracht,“ ſagte Frau von Wartberg kalt. „So? nun, dann werde ich ihn wohl zu Hauſe gelaſſen haben,“ entgegnete Luitgard.„Sonderbar, ich hatte plötzlich den Wunſch, ihn zu ſehen.“ „Gar nicht ſonderbar,“ verſetzte Frau von Wart⸗ berg mit Schärfe,„Dein Kind iſt ſchön und klug, man kann eine hübſche Decoration für eine junge Fran dar⸗ aus machen. Du zeigſt Dich auf der Straße mit ihm und ſeine Gegenwart gibt Dir Gelegenheit zu tauſend reizenden Koketterien. Du rufſt ſchmeichelnd, mit dem Ausdrucke der Beſorgniß, oder einer ganz übertriebenen Zärtlichkeit ſeinen Namen, wenn er einen Schritt zu⸗ rückbleibt;— Du läßt Dir Deine Spitzen von den Armen reißen und Deine Handſchuhe zerſprengen; Du küßeſt ihn dafür und trittſt ſchließlich in eine Condito⸗ rei, um ihn für ſeine Liebenswürdigkeit zu belohnen und nebenbei einigen Bekannten von dem Glücke, das man im Beſitze eines ſo hoffnungsvollen Kindes genießt, zu erzählen.“ „Richtig, Mama,“ ſagte Luitgard mit einem boshaften Zug um den Mund,„Du haſt ein gutes Ge⸗ dächtniß; aber eben, weil es ein ſo treues iſt, wirſt Du Dich auch entſinnen, daß ſolche Unterredungen mit 60 Bekannten in Conditoreien, oder ſonſt wo, mit oder ohne Kind, dringend ſind, und meine Entfernung jetzt gütig entſchuldigen.“ Damit verneigte ſie ſich leicht und verließ das Zimmer. Die Mutter würde ihr nicht nachgeſehen ha⸗ ben, auch wenn Adrian nicht in dem Moment gemel⸗ det worden wäre; ſie wußte ohne augenſcheinliche Be⸗ ſtätigung, daß Roßleben eine Minute ſpäter, nachdem Luitgard die Straße erreicht, ſein Logis verlaſſen hatte und ihr Begleiter geworden war. Mehr um einen unpaſſenden Schritt ihrer Tochter zu verhüten, als um ihren Wunſch zu befriedigen, traf ſie ihre Einleitung um Reginen's Zulaſſung zu dem be⸗ abſichtigten Feſte zu bewerkſtelligen. Nachdem ſie mit ei⸗ niger Mühe Adrian's Bedenklichkeiten beſiegt und ſein Abſpringen auf Geſchäftsangelegenheiten vereitelt hatte, erhielt ſie endlich, um das unintereſſante Geſpräch raſch zu beenden, die Zuſage für Regine; Adrian war ſelbſt, nicht nur durch ſeine amtliche Stellung, wie Luit⸗ gard richtig vorausgeſehen, ſondern auch durch die Kirchenviſitationen des Diſtrictes abgehalten, der Ein⸗ ladung Folge zu leiſten. Frau von Wartberg athmete auf bei der Verſiche⸗ rung, wie ſehr Luitgard ſeine abſchlägige Antwort be⸗ dar diej ſtel unt ſelk er tzt as ha⸗ el⸗ Be⸗ em tte ter raf be⸗ ei⸗ ſein tte, räch war uit⸗ die Ein⸗ 61 dauern werde, und Adrian athmete auf, als er nach dieſem Zugeſtändniß, ſeinen Antrag auf Wiederher⸗ ſtellung der alten Taufformel, der ihm ſo viel Aerger und Widerſpruch erweckt hatte, motiviren und für den⸗ ſelben abermals werben durfte. 6. Der Sommerrout der Frau von Saaleck war nicht wenig glänzend. Obwohl die Eröffnung der Badeſaiſon und die allſommerlich wiederkehrende Ueberſiedlung auf die Stammgüter die Geſellſchaft decimirt hatten, ſo blieb doch, an den Hof und das raſtloſe Räderwerk der Staats⸗ maſchine gefeſſeſſelt, eine bedeutende Anzahl jener Per⸗ ſönlichkeiten zurück, deren Gegenwart der Geſelligkeit Gewicht und Glanz zu geben vermag. Ungeachtet des wohlgemeinten Rathes ihrer Mutter, ſelbſt die leiſeſte Schattirung von Prunk und Auffälligkeit bei der Gaſt⸗ freiheit zu vermeiden, die man zu eigener Genugthuung Anderen gewährt, hatte Luitgard im Geheimen Anſtalten getroffen, die, wie ſie lachend verſicherte, paſſender auf dem Programme einer Parvenü Hochzeitsfeier ſich aus⸗ nehmen würden. cht ſon auf ieb ts⸗ er⸗ keit des eſte aſt⸗ ung lten auf mus⸗ 63 „Bah, ich habe einen ſo gemeinen Geſchmack,“ ſagte ſie zu ihrem immer vergnügten Eheherrn, als die⸗ ſer kurz vor Beginn der Geſellſchaft in das Zimmer trat, in welchem ſie ſich die feinſten, friſcheſten Ranken durch das blonde Haar legen ließ;„der iſt mir angeboren, denn die Erziehung wollte mich durchaus vornehm ma⸗ chen. Ich verſichere Dich, Saaleck, am liebſten hätte ich die ganze Nacht Leuchtkugeln nach den Gewitter⸗ wolken werfen, den kleinen See da unten durch das Balletcorps bevölkern, Pelotonſalven mittelſt Shing⸗ nerbatterien ertönen laſſen, und die Wege mit Moſaik von Roſen und Orangen gepflaſtert, damit man doch einmal vergeſſe, daß der geſellige W eine große, weite Wüſte iſt, bei deren feierlicher Durchwanderung nur Wenige eine Oaſe erreichen.“ „Und warum haſt Du es nicht gethan?“ fragte der große, breitſchulterige Saaleck, vergeblich den Ver⸗ ſuch wiederholend, die kleinen Knöpfe der Handſchuhe um ſein maſſives Gelenk zu ſchließen;„Du ſollteſt Alles thun, was Dir Spaß macht, noch dazu ſo unſchuldigen.“ thtſſen entzündete ſich drauß en Licht an Licht, Lampe an Lampe, und zeichneten in glänzendem Auf⸗ flammen, genau den architektoniſch en Linien folgend, die graziöſen Umriſſe der Villa ab, ſ ſie mit röthlichem Lichte die nächſte Umgebung erhellten. Chineſiſche Pa⸗ 64 pierlaternen zogen ſich, dicht aneinander gereiht, wie bunte, leuchtende Perlſchnüre von Baum zu Baum, rankten an dieſen empor und lockten in tauſend anmuthi⸗ gen Arabesken tief und immer tiefer in die Parkanlagen hinein. Heller ſtrahlende Lampen in geſchliffenem Glaſe, blitzten wie Strahlendiademe von den ernſten Stirnen der Cypreſſen, deren prieſterliches Kleid wie in ſchweren Falten zuſammenfiel. Die breiten Glasthüren, die nach der Verranda herausführten, waren ausgehoben, und der dadurch freigewordene Eingang hatte durch, maleriſch zwiſchen Tufſteinblöcke geordnete, ausländiſche Schilfe und Pflanzen ſeine ſymmetriſche Form eingebüßt. Der große Saal zu ebener Erde hatte in derſelben Weiſe eine Veränderung erlitten. Der gemalte Plafond war hinter einem Meer von Blüten verſchwunden, die, an feinen Drähten gezogen, in der Luft zu ſchwimmen ſchienen. Die Schattirungen des zartgefiederten Laubes der vielgeformten Ranken wurden durchbrochen durch bunte Blütentrauben; zwiſchen die markigen Blätter des ſchlankarmigen Epheu wand die amerikaniſche Winde ihre hellſchimmernden Kelche; die brennendrothen Blu⸗ menkronen des Cactus leuchteten wie Sterne zwiſchen den ſanfteren Farbenabſtufungen. Kronleuchter ſieht und vermißt man nicht, denn aus den kriſtallenen ie n, i⸗ en en en da rch en nd ben ond die, nen bes uch tter nde ⸗ chen ſieht nen 65 Beeren der Rieſentrauben, die zwiſchen dem ſcharfkanti⸗ gen Weinlaub hervorquollen, ſchimmert tauſendfarbiges Licht, und ſchleicht über die weichen Dolden der Blumen, wie über die weißen Stirnen der geſchmückten Menſchen. Die Wände des Saales, denen die ſtrenge Form, ebenfalls durch die anmuthigſten Blumencouliſſen genom⸗ men iſt, geben nur hier und da in unregelmäßigen Um⸗ riſſen, die großen Flächen der hohen Wandſpiegel frei, die den Blumenocean bis ins Unermeßliche zu erweitern ſcheinen, und die Lichtreflexe ſtrahlend zurückwerfen. Die lockenden, an ſich haltenden Präludien mehrerer im Freien vertheilten Muſikchöre wiegen ſich in der von Blumen⸗ duft ſchweren Atmoſpäre, um im überraſchend kecken Uebergange dann die geflügelten Tanzweiſen auszu⸗ ſtreuen.— Ein Theil der Geſellſchaft, der von der Nachtluft Rheumatismus und Catarrh fürchtete, zog ſich in den Saal und in die daranſtoßenden Zimmer zurück; die ſorgloſere, wenn auch nicht geſundere Majorität blieb im Freien, ballte ſich in größere und kleinere Gruppen, wie der Zufall oder auch Geſchmack und Berechnung ſie zuſammenfügten, trieb ſich träge umher, nahm Theil an dem ununterbrochenen Wortgeklingel, koſtete die ausge⸗ ſuchten Sommerdelicateſſen, ohne ſie zu genießen, und glaubte, durch ſtrenge Einhaltung dieſes gebräuchlichen Kinder der Zeit. IHI. 5 66 Verfahrens, allen FPflichten der Geſelligkeit bis zum Ueberfluſſe zu genügen. Regine hatte ſich losgemacht von einigen ihr wahr⸗ haft läſtigen Begleitern; ſie konnte heute nicht antwor⸗ ten auf die trivialen Fragen. Es war ihr, als ſtünde ſie außerhalb des magiſchen Kreiſes, und eine feindliche Macht werfe ſie zurück, ſo oft ſie ſich der vielgegliederten Kette anreihen wollte. Sie war unter die Verranda ge⸗ treten, und von einem Myrthengebüſ ch verdeckt, folgte ihr Blick mechaniſch den Vorüberſtreifenden, wie den Bildern einer Zauberlaterne. Dort ſteht ein junges Mädchen, heiter mit einem ältern Herrn ſcherzend. Sie rühmt laut die angenehm verlebte Saiſon in Baden⸗Baden. Ein junger Mann, mit ſtarkem Bart und mehreren Decorationen, ſtreift grüßend vorbei; ihre Rede ſtockt nicht, ihre Stimme verliert nicht den hellen Klang, ihre Wangen behalten dieſelbe mattrothe Färbung, und doch war ſie noch vor einigen Monaten ſeine Braut; die Verbindung hatte ſich aufgelöſt, und nach einem kurzen Aufenthalte in einem der koſtſpieligſten Lurusbäder tritt ſich, dem herkömm⸗ lichen Gebrauche gemäß, das getrennte Paar, unter Beobachtung der geſellſchaftlichen Formen, mit hoflich gleichgültigem Geſicht wieder entgegen. „Der Vergleich iſt picant, wenn auch nicht neu,“ m r⸗ ⸗ de he en e⸗ hr rn em hm nn, eift me ten vor ſich rem nm⸗ nter flich , 67 ſagte jetzt Luitgard's Stimme;„laſſen Sie ſehen; mein Landhaus nennen Sie die Grotte des Hörſelberges, mich ſelbſt die Frau Venus; haben Sie vielleicht ſchon einem der wandelnden Schatten die Rolle des Tannhäu⸗ ſer angeboten?“ „Ich habe keinem der wandelnden Schatten die Rolle des Tannhäuſer angeboten,“ antwortete Roßle⸗ bens gedämpfte Stimme. „Daran thaten Sie wohl,“ lachte Luitgard,„Nie⸗ mand wird der halbe Menſch ſein wollen.“ „Ich möchte wohl der halbe Menſch ſein,“ entgeg⸗ nete Roßleben bedeutungsvoll, indem er den Kopf neigte und Luitgard tief in die fröhlichen Augen ſah, während er ihr den Arm bot, um ſie weiter zu führen. Dieſe überließ ihm die eine Hand, mit der andern griff ſie in ihr lockiges Haar und wiederholte aus der alten Sage die Stelle: „Da zog Frau Venus eines ihrer langen, goldenen Haare aus, und ſchlang es um den Goldfinger ſeiner rechten Hand.“ Regine hörte nichts weiter, ſie ſah nur noch, wie die Beiden dem erleuchteten Bosquet zugingen, hinter dem die Harmonien wogten, ohne einen geſammelten Zuhörer zu finden.—— Aber was iſt das, klingt das nicht wie leiſes Wei⸗ 68 nen? Ein halbes Kind mit angſterfülltem Auge ſucht das Dunkel, die Verborgenheit; ihre Hand zerdrückt die Blüten des Bouquets, das ſie hält, die kleinen, weißen Zähne beißen in krampfhaftem Schmerz in das Wappen des reich geſtickten Buattiſttuches. Der junge, ſchöne Mann, der ſeine Aufmerkſamkeiten ſo auffallend der kühl⸗ blickenden Millionärin darbringt, trat kaum von ihr weg. Hat er ihr wehe gethan?— Aber es war wohl nur momentane Aufregung, da iſt ſie ja wieder. Seht nur die niedlichen, tanzenden Schritte und Bewegungen⸗ die ſie nach dem Rhytmus des Potpourri macht, die be⸗ friedigte Theilnahme an dem inhaltloſen Plaudern, die cokette Nachgiebigkeit, mit welcher ſie den entgleitenden Spitzenſhawl ſich wieder und immer wieder von mehr dienſtfertigen als geſchickten Händen, um die weißen Schultern legen läßt; die Lebhaftigkeit, mit der ſie ihr Taſchentuch, in welchem der Nachtwind raſch die ſchwe⸗ ren, einzelnen Thränen trocknet, nach ſchwirrenden Faltern wirft. Regine kannte die Eiſesfläche, die nicht brach, mochte es unter derſelben noch ſo ſehr ſtürmen und gähren; ſie hatte Mitleid mit den Kämpfen, die unter Blumen und Spitzen entbrannten, ſie hatte Theilnahme für die zertretenen Wünſche, für den erheuchelten Froh⸗ ſinn und die verheimlichte Sorge, aber ſie wußte auch, 69 daß die einzige Wohlthat, die man in dem Verkehre ſich und Andern erweiſen konnte: Unglaube an menſch⸗ liche Leiden und Leidenſchaften war. Ihre Gedanken lösten ſich nach und nach los von den ſie umgaukelnden Erſcheinungen; nur noch wie in weiter Ferne ſchwam⸗ men rauſchende Stoffe, leichte Echarpen, goldgeſtickte Uniformen, thaufeuchte Locken, weiße Arme und Na⸗ cken vor ihrem Auge; das Klirren der Sporen, der monotone Laut der Stimmen, die im Pianiſſimo verwe⸗ henden Accorde, das Auszittern des leiſe bewegten Lau⸗ bes machte ſie traurig; das bunte Gewühl ließ ſie nur um ſo herber ihre Einſamkeit fühlen. „Wehe dem, der allein iſt“ hatte ihr der Prieſter zugerufen, der ihre Ehe— nicht ihre Liebe— einge⸗ ſegnet hatte. Warum war kein Moment während ihrer Verbindung mit Adrian gekommen, in welchem ſie ſich mit ihm gefühlt hatte?— „Genug geträumt,“ ſagte eine bekannte, ge⸗ dämpfte Stimme hinter ihr.„Sie ſind bange vor dem anſtrengenden Amüſement, wie ein Kind vor einem kalten Bad; aber beides iſt in gewiſſen Fällen heil⸗ ſam, darum nur friſch hinein.“ .„Doctor Hallbert!“ rief Regine, angenehm über⸗ raſcht,„Sie hier und jetzt erſt ſichtbar?“ „Nicht doch,“ ſagte er lächelnd,„ich war immer ſichtbar, wurde aber von Ihnen nicht geſehen, bis ich mich hörbar machte.“— „Verzeihung,“ bat Regine,„ich war ganz be⸗ täubt, von dem unheimlichen Treiben und ſuchte des⸗ halb einen Angenblick Ruhe.“— „Nun, unheimlich kommt mir's gerade nicht vor,“ ſagte Paul, ihr den Arm gebend und ſie nach den Laub⸗ gängen führend,—„wenn auch keine bacchantiſche Fröh⸗ lichkeit ſich bemerkbar macht. Der Train rollt in den gelegten Schienen.— Aber was thaten Sie bis jetzt?“ „Ich hatte großes Heimweh,“ ſagte Regine halb lächelnd—„und wußte nicht wohin damit.“ Paul muſterte mit raſchem Blicke die blaſſe, junge Frau. Die tiefen Schatten um die matt blickenden Augen, die ſtärker ſich abzeichnenden blauen Adern der Schläfe, die leiſe Senkung der Mundwinkel zeugten von wirklicher Ermüdung und flößten ihm Beſorgniß für ihr phyſiſches Wohl ein. „Sie müſſen eine Mantille umnehmen, Sie ſind zu leicht gekleidet,“ ſagte er dringend;„ſolche gewebte Nebel ſind gut bei afrikaniſcher Balltemperatur, aber nicht in deutſchen Juninächten;“— und er gab ohne Weiters einem Bedienten Befehl, eine warme Hülles für Regine beizuſchaffen, die ihr auch bald darauf überliefert wurde.“ ——— — ge en e en iß nd bte ber hne ülles auf „Behüte der Himmel! iſt das einmal eine geführ⸗ liche Nacht,“ ſagte er launig, den Weg nach dem klei⸗ nen See einſchlagend—„wie viel Mücken werden ſich heute die Flügel verbrennen, wie viel Einſiedler ihren Beruf beklagen, wie viele junge Dichter werden der ge⸗ ſpannten Hirnfaſer ein neues Product abringen!— Gott ſei Dank, daß ich dergleichen nicht conſumiren muß!“ „Sie ſind kein Freund von poetiſchen Schöpfun⸗ gen?“ fragte Regine. „Nein, in der That nicht. Ich ziehe markige Proſa vor. Es ſchien mir ſtets die ſchwerſte Aufgabe, irgend eine Empfindung, oder eine Thatſache, oder eine Perſon in Jamben, oder Trochlen zu beſchreiben und wozu man ſelbſt nicht organiſirt iſt, das begreift man auch ſelten bei Andern.“ „Ich meinte bis jetzt,“ ſagte Regine zögernd, „der Arzt werde durch die Ausübung ſeines Berufes hauptſächlich befähigt, pſychiſche Anlagen und Prozeſſe zu begreifen.“ Paul ſah ſie überraſcht an, dann lächelte er fein. „Sie haben Recht,“ ſagte er offen,„und ich muß mir die Zurechtweiſung ſchon gefallen laſſen. Ein Arzt, der die Wirkung nicht auf die Urſache zurückzuführen verſteht, der die Eigenthümichteiten fremder Organi⸗ 72 ſationen nicht begreift, der ſollte nicht wagen ein Re⸗ cept zu ſchreiben.“ „Sie dürfen es ſicher wagen;“ entgegnete Regine raſch.„Keine Lebensſtellung,“ fuhr ſie nach einigen Au⸗ genblicken bedachtſamer fort,„imponirt den Frauen und Mädchen ſo ſehr, als die des Arztes, wir erblicken in ihm nicht nur den Herrn über Leben uud Tod, ſon⸗ dern auch den Hellſehenden, der an tauſend kleinen Symptomen, die dem Auge des Laien entgehen, unſer inneres Schickſal zu erkennen vermag.“ „Wer das ohne Irrthum vermöchte, wäre ein mächtiger Menſch,“ antwortete Paul, indem er einen blühenden Jasminzweig abbrach und damit die Mücken abwehrte, die ihre Stirne umſchwirrten.—„Einen an⸗ dern Standpunct bei Beurtheilung der wichtigſten Le⸗ bensfragen gewinnen wir allerdings, wie jeder Beruf ſeinen Vertretern die entſprechende Richtung zu geben pflegt; aber dieſe Vorausſetzung ſollte Vertrauen er⸗ wecken, nicht Scheu, wie Sie andeuteten.“ „Das Vertrauen wiegt am ſchwerſten,“ ſagte Re⸗ gine leiſe,„was erſt die Scheu beſiegen mußte.“ Wie die Liebe am füßeſten ſein mag, deren An⸗ fang Furcht iſt,“ beſtätigte Paul lächelnd. Ein Schwarm junger Mädchen, von dem kaum ſalonfähigen Backfiſch an, bis zu der routinirten, reifen aum ifen * „ 73 Schönheit, von Offizieren und jungen Beamten um⸗ ſchwärmt, kam ihnen entgegen. Regine kannte mehrere der Damen und redete ſie an, Paul war Hausarzt bei verſchiedenen anderen und eröffnete ein neckendes Wort⸗ gefecht mit ihnen. Sie ſchloſſen ſich ihnen an, befanden ſich doch aber, nach kurzer Zeit zurückbleibend, wieder allein. „Was für ein Flor von hübſchen Mädchen,“ ſagte Regine„nicht abſichtslos haben Sie ſie mit gehöriger Sammlung betrachtet?“ „Mit aller Sammlung, die eine in vollem Flor ſtehende Blumenausſtellung verdient,“ ſagte Paul lä⸗ chelnd;„die mannigfaltigſten, verſchiedenſten, nutzbar⸗ ſten und zierlichſten— Vegetabilien.“ „Mein Gott, was verlangen Sie einmal von Ih⸗ rer künftigen Frau, wenn ſie anders ſein ſoll?“ fragte Regine. „Daß ſie ein vollkommenes Weib iſt,“ war die Antwort;„mit all ihren kleinen, ſonderbaren Schwächen, mit einem Wort, mit einem großmüthigen, heißen Herzen und einem hübſchen, ſchüchternen, zaghaften Kopfe.“— „Da werden Sie lange ſuchen müſſen,“ bemerkte Regine. 5 „Suchen— will ich vor der Hand noch gar nicht,“ 6 74 ſagte Paul mit Humor,„zu finden, bleibt mir noch übergenug Zeit.“ Sie waren an dem Teiche angelangt. Am jenſei⸗ tigen Ufer herrſchte lebhafte Bewegung; helle Kleider ſchimmerten herüber, lachende Stimmen ließen ſich vernehmen. Luitgard mit Roßleben und einigen jungen Herren und Damen war beſchäftigt, die bunten Pa⸗ pierlaternen von den Bäumen zu löſen und ſie im muth⸗ willigen Spiel in die Wellen zu ſetzen. Das ölgetränkte Papier widerſtand kurze Zeit dem feindlichen Elemente und die buntleuchtenden Kugeln zogen helle Furchen, bis das Licht von der Feuchtigkeit erreicht wurde und ziſchend erloſch. „Stützen Sie ſich nicht zu feſt auf das Geländer,“ warnte Paul, als Regine die Arme auf das künſtliche Aſtwerk gelegt, ſich weit überbog, um den hübſchen Anblick zu genießen. „Es iſt feſt,“— ſagte ſie mit dem plötzlich auf⸗ tauchenden Wunſch, es möge brechen. Als er aber, ihrer Verſicherung glaubend, den Arm feſt neben dem ihrigen aufſtützte, wußte ſie ihn mit dem Wunſche von der gefährlichen Stelle zu locken, auch ein paar Leuchtkugeln den Wellen zu opfern. Er löſ'te zwei ſolche vom Ufer los, wo ſie, wie ein Ring von Glühwürmern, ſich in dem Waſſer ge⸗ ſpi we un V ſic U ul „ n n n, ie 75 ſpiegelt hatten und reichte Reginen die Hand, um ſie die wenigen Stufen hinabzugeleiten. Zu gleicher Zeit und unter Beobachtung des Windes ſetzten ſie ſie auf das Waſſer, nachdem Paul in muthwilliger Höflichkeit eine Viſitenkarte an das Papier geheftet hatte. Langſam aber ſicher, trieben die rothen Bälle bis an das jenſeitige Ufer, auf ihrem ganzen Weg durch Acclamationen und Zuruf begleitet. Drüben fiſchte ſie Roßleben heraus und präſentirte Luitgard Hallberts Karte. „Eine ganz allerliebſte Idee,“ jubelte Luitgard, „aber wer ſteckt hinter der begleitenden Laterne?“ Niemand wußte es ihr zu ſagen, und als Roßle⸗ ben dienſtfertig die Station aufſuchte, war nichts mehr zu finden, als die Spur eines zierlichen Damenfußes im feuchten Sande. Kaum hatten Paul und Regine die bevölkerteren Theile der Anlagen wieder betreten, als Paul die drin⸗ gende Aufforderung zu einem Krankenbeſuche überbracht wurde. „Ich muß mich beurlauben,“ ſagte er zu Regine, „der kleine Patient, der in dem Hauſe Ihrer Wohnung gegenüber krank liegt, befindet ſich übel.“ Gott, eilen Sie,“ bat ſie dringend,„die arme 77 Mutter!“ „Ja, ich gehe ſchon, aber Sie müſſen mir verſpre⸗ chen, daß Sie ſich nicht wieder, wie vorhin, von Moll⸗ harmonien, Orangenduft und dem Schatten der Nacht tyranniſiren laſſen, ſondern noch ein paar Stunden nach beſten Kräften vergnügt ſein wollen.“ Regine nickte freundlich und ſah ihm nach, ſo lange ſeine Geſtalt ſich in der Dnnkelheit wahrnehmen ließ, dann miſchte ſie ſich unter die Geſellſchaft, um ihrem Verſprechen gemäß vergnügt zu ſein. Sie hatte den Jasminzweig, ſie wußte ſelbſt nicht wie, in die Hand bekommen, den Paul als Fächer für ſie gebraucht hatte, und hob von Zeit zu Zeit die bleichen Blüten an den Mund, gleichſam um den ſtarken Duft nicht nur zu athmen, ſondern auch zu ſchmecken. Sie war in veränderter Stimmung, ihre ſchmerzliche Betäu⸗ bung war gewichen, und wenn ſie von Neuem trübe Rminiscenzen beſchleichen wollten, hörte ſie eine be⸗ kannte Stimme warnend rufen:„Genug geträumt!“ Mit den nicht nur geſprochenen, ſondern auch leb⸗ haft gefühlten Worten:„Was für ein ſchöner Abend!“ trat ſie endlich in das Haus, um ihre Toilette zur Rück⸗ fahrt zu vervollſtändigen. Leicht ſchritt ſie die gußeiſerne Treppe hinauf, und wollte eben leiſe an der erſten Thüre, hinter welcher ein bezeichnendes, metallnes Klingen und der eintönige Ruf des Banquiers hörbar wurde, vorbeiſchleichen, als die der au nic der che ſic nie hä Al ſtr ich U⸗ cht ach ge eß, em icht für hen uft Sie äu⸗ übe be⸗ . leb⸗ d 1“ ück⸗ und ein nige 77 dieſe ſich öffnete, und der kleine Hans mit rothglühen⸗ dem Geſichte und unſteten aber leuchtenden Augen her⸗ austrippelte. „Hänschen, wo kommſt Du her? Biſt Du noch nicht im Bette?“ fragte Regine, die den Kleinen auf den Arm nahm und mit ihm weiter ging. „Ich war bei Papa,“ ſagte das Kind, raſch ſpre⸗ chend;„erſt lief ich draußen herum, denn Niemand gab ſich mit mir ab. Als ich müde war, brachte mich Minna nicht zu Bette, ſie war fort. Die Andern ſagten, ſie hätten keine Zeit, ich ſolle auf der Couchette ſchlafen. Aber mein Gürtel drückte mich, wenn ich mich aus⸗ ſtreckte. Da gaben ſie mir Torte und alles das— aber ich hatte keinen Hunger. Jetzt aber ging ich zu Papa. Da war es hübſch. Da habe ich mitſpielen dürfen, und Champagner getrunken, ſo viel ich mochte.“ „Hänschen, darfſt Du denn das,“ fragte Regine beſorgt. Sie trat in Luitgard's Zimmer und ſetzte ſich mit dem Kinde auf die Cauſeuſe. Der Kleine lehnte ſein heißes Geſicht an ihre Schulter und ſah ſie ernſthaft an. „Hans darf Alles,“ ſagte er gelaſſen,„er iſt Papas Liebling.— Weißt Du, wie ſie es machen da drinnen?“ fuhr er lebhafter fort,„Karten haben ſie vor ſich— eins, zwei, drei, vier und noch mehr— und 78 dann gelbe Thaler— nun legt der alte Graf, der mit dem lahmen Fuß, die Karten hieher und dahin, und huſch ſind die Thaler fort, oder noch wohl welche dazu. Sieh, ein Paar habe ich noch in der Taſche; ich habe auch mitgeſetzt, Papa hat ſie mir dazu gegeben; aber der lahme Graf nahm ſie immer von meinen Karten, und Papa hatte mir heimlich verboten, ſie zurück zu verlangen.“ Und er holte aus dem kurzen Sammtkittel ein paar Louisd'or, und ließ ſie über den Tiſch rollen. Regine nahm ſie ihm ſchmeichelnd aus der Hand, und legte ſie in das erſte beſte Arbeitskäſtchen. „Nein, meine Thaler mußt Du mir laſſen,“ ſagte er, jedoch ohne Ungeduld,„ich nehme ſie mit in's Bett, mein liebſtes Spielzeug ſchläft immer mit mir,“ und er ſtreckte die kleine fieberhafte Hand aus. Regine zog ihn an ſich. Eine ſchwere Thräne kam in ihr Auge, als ſie an die Zukunft des Kindes dachte, deſſen Mutter jetzt draußen am Arme des bevorzugten Geliebten durch die ſtumme, ſchwüle Sommernacht wandelte, und deſſen Vater ihm die Geheimniſſe des Faro als erſten Unter⸗ richt offenbarte. „Du willſt mich fortſchicken; bin ich Dir zu ſ chwer?“ fragte Hans, eine Bewegung machend, um von ihrem ——„— S— — NJ—— —— nit nd zu. be ber en, zu 1ar nd, gte ett, ihn ſie jetzt die ſſen ter⸗ r2“ rent — 79 Schooße zu gleiten.„Mama ſieht mich immer ſo an, wenn ich ihr zu ſchwer werde.“ „Nein, Du biſt mir nicht zu ſchwer, mein kleines Herz,“ ſagte Regine ſchneichent,„aber Du ſollteſt nun ſchlafen; Du biſt ſonſt morgen krank und müde, und kannſt nicht hinab zu Bird und Diana gehen.“ „Nun, ſo will ich hier ſchlafen,“ erwiderte er wil⸗ lig,„aber Du mußt mir ein hübſches Bett machen, und die Schnalle aufmachen, und mir eine Geſchichte er⸗ zählen.“ Regine nahm die geſtickten Kiſſen, die in Ueber⸗ fülle auf der Cauſeuſe lagen, und fügte ſie zuſammen, als Hänschen's Matratze, dann löſte ſie dem kleinen Burſchen die goldene Schnalle des feſten Gürtels und zog ihm die feinen Saffianſtiefelchen aus. „Nun, eine Geſchichte,“ ſagte Hans, behaglich den Kopf än die Polſter ſchmiegend, und ſah ſie mit ſo ſchlafſchweren, ſanften Augen an, daß ſie ſich herabbog und ihm die langen Wimpern, die runden Schultern und den noch ſtark nach Wein riechenden Mund küßte. Dann begann ſie eine ſelbſterfundene lange Geſchichte, in welcher ſprechende Vögel, wandernde Blumen, all⸗ mächtige Feen und ein kleiner, braver Junge, welcher Paul hieß, die Hauptrollen ſpielten. Hans war über allen den unfaßbaren Wunderdin⸗ 80 gen eigeſchlafen, und Regine hatte, mitten in einer Ge⸗ ſellſchaft von Zwergen mit ellenlangen Ohren, ihre Rede abgebrochen. Lächelnd über ihre phantaſtiſche Dichtung und die Aufmerkſamkeit ihres Zuhörers ſtand ſie lang⸗ ſam auf, um ihre ſchon längſt beſchloſſene Heimkehr zu bewerkſtelligen. Kein zweiter Hans lief ihr diesmal in den Weg, und ſie ſtieg ungehindert in den Wagen, nachdem ſie mit einigen kurzen Worten Luitgard an ihren kleinen Sohn und ſein inproviſirtes Bett erinnert hatte. Als der Wagen vor ihrer gewölbten Thüre hielt, ſah ſie beklommen noch helles Licht in dem Hauſe, aus welchem die Botſchaft nach ärztlicher Hilfe ergangen war. Aufgeregt, wie ſie war, faßte ſie mit gereizter Leb⸗ haftigkeit den Contraſt auf, der zwiſchen den Scenen des Genuſſes und denen des Krankenbettes lag, und fragte ſich, wie es nur möglich ſei, daß hier vielleicht mit dem fortrückenden Zeiger ein junges Leben erlöſche, während da draußen der Glockenſchlag der ablaufenden Stunden ungehört verklang. Sie öffnete das Fenſter und ſuchte durch aufmerk⸗ ſame Beobachtung des Hauſes ſich einigermaßen begrün⸗ dete Muthmaßungen über das Befinden des kleinen Pa⸗ tienten zu verſchaffen. „Ob er wohl helfen die Hausthüre mehrmals kann?“ fragte ſie ſich, als ſie ſich öffnen und ſchließen, und ———˖— den erk⸗ rün⸗ s ſie und 2———————— 8¹ die Dienſtlente die Richtung nach der Apotheke einſchla⸗ gen ſah. Endlich wurde es ruhiger;— ſie ſah keine ſchwebenden Schatten mehr hinter den zufallenden Vor⸗ hängen, das Licht wanderte nicht mehr von Zimmer zu Zimmer, die Thüre öffnete ſich weniger haſtig und end⸗ lich trat Paul auf die Straße. Erſt wollte Regine ihn rufen und nach dem Erfolge ſeiner Bemühungen fragen, aber das Unpaſſende einer ſolchen Unterhaltung vom Fenſter aus, drängte ſich ihr in wahrhaft ſchreckender Geſtalt auf und bewog ſie zum Rückzuge. Aber es war zu ſpät; er hatte ſie ſchon geſe⸗ hen, am weißen Kleide erkannt, und richtete noch einen ſpäten Gutenacht⸗Gruß nach ihrem Fenſter hinauf. Sie zog ſich dankend zurück und wollte das Fenſter ſchließen, aber das Geräuſch ſeines Schrittes, feſſelte ſie noch einige Minuten an ihren Platz— bis es ganz in der Ferne verhallte. Dann kleidete ſie ſich langſam aus und verſuchte zu ſchlafen, aber die Beſinnung wollte ſie nicht verlaſſen. Ihre Gedanken arbeiteten in fieberhafter Hitze, und auf ihrer Toilette athmete der blühende Jasmin ſeinen letzten, ſtärkſten Lebenshauch aus. Die Tage bis zu Adrian's Rückkehr vergingen ihr nun ſchnell und angenehm. Sie hörte mit Vergnügen von der fortſchreitenden Beſſerung ihres kleinen Nach⸗ Kinder der Zeit. II. 6 —— 82 bars, von der Zufriedenheit Luitgard's über den Ver⸗ lauf ihres Feſtes und von der Generalin baldiger Rück⸗ kehr, die ihr durch einen etwas confuſen, aber höchſt liebevollen Brief angekündigt wurde, und ſie fühlte ſich, wie ſie meinte, durch all das Gute ſelbſt heiter und mittheilender geſtimmt. So ſchien alles eine beſſere Wendung zu nehmen; denn auch Adrian trat ihr freundlicher, als ſonſt, bei ſeiner Heimkehr entgegen. Die devoten Huldigungen, die ihm von Seiten ſeiner Untergebenen zu Theil ge⸗ worden waren, die vollſtändige Zuſtimmung, die er in allen Puncten gefunden, hatten beſänftigend auf ihn gewirkt, und als ihm Regine, nach gemachten Notizen, ganz genaue Rechenſchaft von allen eingezogenen An⸗ zeigen, Anfragen und Meldungen gegeben, hatte er ſogar ein wohlwollendes Lob für ſie und erzählte beim Caffee eine ganze Stunde von liturgiſchen Andachten, die ein Paſtor nach ſeiner Anweiſung im Amtsbezirk G. eingeführt, bevor er, ſeinen Stubenſchlüſſel verlangend, ſich auf ſein Zimmer zurückzog. Sie kramte, dieſen zu ſuchen, in dem Schlüſſel⸗ korb, während er, wie man nach kurzer Abweſenheit wohl thut, mit neugieriger Aufmerkſamkeit das Zim⸗ mer muſterte. „Was haſt Du denn da für einen gewaltigen Strauß?“ fragte er faſt mitleidig vor dem halb ver⸗ welkten Jasmin ſtehen bleibend, gibt der Garten keine beſſern Blumen her? „Aus Luitgard's Park“— ſagte ſie, den Kopf ſenkend und mit den Schlüſſeln raſſelnd, um einen Grund zu haben, die vielleicht ſich vorbereitende Frage: „wer gab Dir das?“ zu überhören. Aber der gefürchtete Examen fand nicht ſtatt; Adrian ging und gab ihr Zeit und Gelegenheit über ihre unmotivirte Beſtürzung nachzudenken. m 8⸗ er es ten tte, 85 Die kleine Gruppe, deren Mittelpunct der Prinz bildete, war noch um den Theetiſch verſammelt, der, trotz des ſchönen Sommerabends, im Zimmer arran⸗ girt worden war und einen bedenklichen Rivalen an dem aufgeſchlagenen mit Elfenbein ausgelegten Spieltiſch hatte, nach welchem hauptſächlich der Paſtor ſehnſüch⸗ tige Blicke warf. Noch ſchien jedoch der Augenblic näher zu rücken, in welchem die Anziehungskraft der feinen Karten und der bunt glänzenden Marken ſo über⸗ wäktigend zu werden pflegte, daß ſie das Herrenklee⸗ blatt zu einer Aenderung und Regulirung der Plätze zu bewegen vermocht hätte; der Prinz ſtrickte ununterbro⸗ chen emſig Filet, Gregor genoß in vollſter Bequem⸗ lichkeit ſeinen Thee und Joachim verlor ſich in Betrach⸗ tungen über den Verwitterungsproceß, der ſichtbar ſeine feuchte, zerſtörende Hand an die Drachenköpfe ge⸗ legt hatte, die unter dem Dach weit vorſpringend, den Regenrinnen zum ableitenden Canal dienten, und dachte nicht im entfernteſten daran, den Prinzen durch die Präſentation einer Karte, um die Erlaubniß zum Beginn des Spieles zu bitten. „Wo kamen Sie dieſen Morgen mit Herrn von Barthelmy her, Fräulein Jrene? Vielleicht aus der Kirche?“ fragte der Prinz, der recht gut wußte, daß ſich der Paſtor ſtets bitter über die ſaumſelige, äußere 86 Andacht der Schloßbewohner beklagte und einen polemi⸗ ſchen Erguß Seitens des Seelſorgers hervorrufen w ollte. „Aus dem Walde kam Herr von Barthelmy, ich vom Eiſenhammer,“ antwortete Irene. „Und da gingen Sie zuſammen? das wundert mich. Gewiß begegnete Ihnen auf der Chauſſe weder eine Privatequipage, noch eine Poſt, wie?“ Irene wurde roth und ſah den Prinzen, der ver⸗ gnügt mit ſeinen Filetſtäbchen klapperte, unwillig an. Ohne zu ahnen, was der Prinz mit der Frage bezwecke, antwortete Gregor.„Die Droſchke irgend eines Oekonomen hieſiger Gegend habe ich durch die Staubwolke bemerkt, die mich blind und athemlos machte.“ „Und Fräulein Irene ſchwang ſich nicht auf den Kofferplatz, um ein Stückchen mitzufahren?“ fragte der Prinz mit ſeinem ſchwerfälligen Lachen.—„Das deutet auf eine bedenkliche Aenderung ihrer Liebhabe⸗ reien. „Haben Ew. Durchlaucht je die Gewohnheiten eines Handwerksburſchen an mir bemerkt?“ ſagte Irene lebhaft. „Gewiß,“ antwortete der Prinz, aufgeſtachelt durch ihren Zorn und Gregors beifülliges Lächeln. „Der Handwerksburſche riecht ſtets nach Spirituoſen e ie o8 en gte as e⸗ ten gte helt eln. oſen 87 und ich wollte wetten, Ihre ſchöne Hand hat heute ſchon manche Phiole mit Weingeiſt gehalten; der Hand⸗ werksburſche legt ſich, wenn er müde iſt, in's Gras und ſchläft— die Mütze unterm Kopf— ruhig ein, und Fräulein Irene hat manche Sieſta auf den Moos⸗ ſopha's des Parkes genoſſen; der Handwerksburſche endlich trägt häufig ſeine halbe Garderobe auf dem Arm und Fräulein Irene—“ „Durchlaucht!“ rief dieſe halb gereizt, halb bittend.— „Und Fräulein Irene,“ fuhr der Prinz mit er⸗ hobener Stimme fort,„hat vielleicht heute“— er wen⸗ dete ſich an Gregor, deſſen Blick ſich ſatt trank an ih⸗ ren bewegteu Zügen—„die Stiefelchen ausgezogen und ſie, aus Liebhaberei für den Teppich der Wieſen, hän⸗ gend— an dem über die Schulter gelegten Sommer⸗ ſchirm nach Hauſe getragen?“ „Habe ich das gethan?“ fragte ſie, Gregor an⸗ ſehend, naiv, wie ein Kind, das ſich auf jede noch ſo ſcherzhafte Anklage rechtfertigen zu müſſen glaubt.— „Das zwar nicht, aber Aehnliches,“ ſagte Gre⸗ gor, auf die Neckerei des Prinzen eingehend.„Am Rennbache ſah ich Sie die Hände abſpülen, bei der Kreuzbuche ſtäubten Sie mit einem Birkenzweige die Mantille ab und geheimnißvolle Gegenſtände, ſah ich Sie bei dem Eiſenhammer in Ihr Battiſttuch knüpfen.“ „Ein paar Magnetſteine,“ ſagte Irene vorwurfs⸗ voll, in ihrer Taſche ſuchend, ob nicht etwa zur Be⸗ ſtätigung ihrer Ausſage ſich ein ſolcher vorfände. „Ei ei, das heißt nichts anderes, als daß Sie auf unerlaubte Weiſe Ihre Anziehungskraft verſtär⸗ ken,“ meinte der Prinz.—„Magnetſteine bei ſich zu tragen!— Herr von Barthelmy, hatten Sie vielleicht Eiſen in den Taſchen?“— „Vielleicht iſt das Räderwerk der pickenden Uhr von Eiſen,“ ſagte der Paſtor etwas geſchraubt, indem er ſeine kleine nnausgebildete Hand auf die Stelle des Herzens legte.— Frenen's ſprechender Blick fiel von dem Einen auf den Andern, als wolle ſie allen Angreifenden zugleich die Stirne bieten. Bevor ſie aber das Wort ergreifen konnte, bemächtigte ſich Joachim desſelben und ſprach, an des Paſtors Bemerkung anknüpfend, weitläufig über den bedeutenden Einfluß, den die Erfindung der Uhren auf die Schifffahrt gehabt hat. „Ja, ja, die Mechanik ſchreitet fort,“ ſchaltete der Prinz bei der erſten Pauſe ein;„wie iſt's, Fräu⸗ lein Irene, ſpielen Sie noch gern mit der großen Puppe, die, nachdem man ſie mit einem Uhrſchlüſſel —.—— —————————— ——— — —+—„„— —.—— —————————— 89 in einer geheimnißvollen Gegend aufgezogen hatte, ge⸗ meſſene zehn Schritte vorwärts rutſchte?“. „Ich kümmere mich nicht mehr um den Mecha⸗ nismus einer Puppe,“ ſagte Irene mit einem Ernſt, der für ihr Alter viel zu würdevoll war, um ſeine Wir⸗ kung zu erreichen,—„ſeit mich der Mechanismus der Welt beſchäftigt.“ „Oh, oh,“ fiel der Paſtor ein, die Verbindung geſchickt benutzend,„was das Spielen betrifft, ſo kann es meiner Meinung nach keine angenehmere Unterhal⸗ tung geben!“— Der Prinz bemerkte nur zu wohl die Ungeduld, die an dem geiſtlichen Herrn nagte, aber einmal war es ihm erquickend, das Schmachten desſelben zu ver⸗ längern, und dann fühlte er ſich auch ſo gut durch ſeine Neckereien mit Irene unterhalten, daß er eine neue Nadel Maſchen aufzunehmen begann. „Sie haben Recht,“ ſagte er mit gravitätiſchem Ernſt,„ich vergaß, daß Sie keine Zeit mehr haben, Ihren Hühnern Enteneier unter zu legen und Ihre Puppen zu Bett zu bringen, ſeitdem Sie Karten von den Landſchaften der Sonne aufnehmen, und die Con⸗ verſation der Mondbewohner ſtenographiſch aufzeichnen.“ Ein kleines, moquantes Lächeln verdrängte die 90 ernſteren Linien des Schmollens, um Irenen's bewegli⸗ chen Mund. „Da der Mond, mit Ew. Durchlaucht Erlaub⸗ niß, durch die Beſchaffenheit ſeiner Atmoſphäre des Schalles beraubt iſt, ſo dürfte die Arbeit ſich von ſelbſt erledigen,“ entgegnete ſie. „O ein Schnitzer,“ ſagte der Prinz mit niederge⸗ ſchlagenen Augen,„ſprechen wir von andern Gegen⸗ ſtänden, um meinen Erkenntnißmangel, oder Ge⸗ dächtnißfehler in Vergeſſenheit zu begraben.— Was Sie mir neulich von der Lichtentwickelung des Mondes ſagten, lieber Profeſſor— Jetzt lachte Irene ſo friſch und froh wie der Tag. „Lichtentwickelung des Mondes? Ach mein ar⸗ mer, verkannter Kamerrad da oben im erſten Viertel, gelt, Du gehſt auch fechten und putzeſt Dich auf mit dem abgelegten Strahlenkleid der Sonne!“— „Und die Lichtentwickelung der Sonne, die in Folge eines electromagnetiſchen Proceſſes“— begann Joachim angeregt. „Werden Sie mir morgen Früh begreiflich ma⸗ chen,“ fiel der Prinz durch die Ausſicht auf eine lange Erklärung beunruhigt ein;„jetzt dürfte wohl Zeit ſein, den erſten Robber zu beginnen.“. „Gebe Gott, daß Joachim nicht über einem allzu ————— ——— c8„„ li⸗ b⸗ es on ge⸗ en⸗ He⸗ as des ar⸗ tel, mit in ann ma⸗ nge ſein, 91 intereſſanten, wiſſenſchaftlichen Probleme brütet,„ dachte der Paſtor;—„jedenfalls muß ich ſuchen, mich ſo zu ſetzen, daß die verwünſchten Drachenköpfe ſeinen Habichtsblicken entzogen werden, ſonſt gute Nacht, Trick!“ Gregor hatte den erſten Robber frei und folgte Jrene zu dem tiefen Fenſterplatz, welcher durch die di⸗ cken Mauern gebildet, von Damaftfalten zeltartig um⸗ geben, Raum für zwei Armſtühle und ein ovales Tiſch⸗ chen bot. Er erwartete, daß ſie nun eine leichte Hand⸗ arbeit ergreifen und plaudernd ſticken und ſtickend plau⸗ dern würde. Aber ſie begnügte ſich, das weiche Leder ihrer abgeſtreiften Handſchuhe zu glätten und den Schwin⸗ gungen zuzuſehen, die das zwiſchen den äußeren Fen⸗ ſterbänken aufgeſchoſſene Federgras, von der Luft ge⸗ trieben, beſchrieb.- Sie wird gleich anfangen, von dem Zellenge⸗ webe der Pflanzen zu ſprechen, dachte Gregor miß⸗ vergnügt, und mir die in demſelben auf und abtrei⸗ benden Kügelchen durch des Mikroscop zeigen; in eini⸗ gen Jahren wird ſie nur noch deduciren, gar nicht mehr plaudern können. Wie ſchade, daß die weibliche Erziehung ſo häufig ihren Beruf verkennt! Wie viel willfähriger würde man den Linien dieſes Kopfes Be⸗ 92 wunderung zollen, wenn man die Träume des liebe⸗ bereiten Mädchens, nicht den Wiſſensdurſt des Man⸗ nes hinter ihnen vermuthen dürfte! „Iſt die Fenſterecke etwa in ein Stückchen Mond⸗ atmoſphäre eingehüllt, daß der Schall der Worte ſich nicht fortpflanzen kann?“ fragte der Prinz wohlge⸗ launt, indem er Joachim coupiren laſſen wollte.— Irene drehte den Kopf nach ihm hin; auf dem dunkel⸗ farbigen Stoff der aufſteigenden Lehne zeichnete ſich das rein geſchnittene Profil, wie eine Gemme ab. „Ich weiß immer, was ich denken, nicht immer, was ich ſagen ſoll,“ erwiderte ſie. Gregor ſah ſie mit ſeinem ſtillen Blicke an, wäh⸗ rend der Prinz Joachim zum zweiten Male die Karten hinſchob;— denn dieſer hatte in Betrachtungen über die Farbenabſtufungen des ihm ſichtbaren, blauen Himmels vergeſſen, beſte Farbe zu machen. „Macht Sie das Denken nie müde und verdroſ⸗ ſen?“ fragte Gregor auf Irenen's letzte Bemerkung.⸗ „Nie,“ antwortete dieſe verwundert, ſo wenig wie das Athmen, oder Sehen.“— „Wie urtheilen Sie,“ fragte Gregor, plötzlich einen ſarkaſtiſchen Ton anſchlagend, über Salomo, den galanten Hebräer, der von modernen Schmerzen angekränkelt war?“ be⸗ an⸗ nd⸗ ſich e kel⸗ ſich er, äh⸗ ten ber uen roſ⸗ enig lich mo, rzen 03 93 „Daß er Mißbrauch getrieben mit Gefühl und Gedanken und den Verluſt dieſer Kräfte in ihrer ur⸗ ſprünglichen Friſche und Reinheit beklagen mußte“— antwortete ſie, ſich zürnend nach dem Fenſter wendend. In ihrem Innern regte ſich eine tiefe Mißach⸗ tung, ein dumpfer Zorn gegen den Mann, der das Ernſteſte ohne Uebergang mit dem Frivolſten verband, deſſen Scherz zerſetzter Ernſt, und deſſen Ernſt kriſtal⸗ liſirter Scherz zu ſein ſchien.— Die Luft wurde ihr ſchwül, ſie athmete ſchwer, ihr Kopf war ihr wüſte, ſie fühlte, wie ſie blaß und müde wurde. Gregor las die Wirkung ſeiner Worte in ihren Zügen. Die friſche Freudigkeit war aus denſelben ge⸗ wichen; ein Zwang, ein Widerſpruch drückte ſich in ihrer Mimik aus, die Einheit war aufgehoben, es ſchien, als ſei ein haltendes Band zerriſſen. „Trifft Ihr Zorn mich, oder den ſeligen Sa⸗ lomo?“ fragte er nach einer kleinen Pauſe.— Zrene drehte ihm langſam das Geſicht zu, als erwache ſie aus einer tiefen Zerſtreutheit.—„Zorn?“ fragte ſie mit eiſiger Verwunderung—„wie käme ich dazu?— Sie ſind mir ein Phänomen, deſſen Bedin⸗ gungen zu ergründen von Nutzen ſein kann, das aber weder maßgebend, noch wirkſam, noch reizend mir entgegen tritt.“ 94 „Das beabſichtige ich auch nicht,“ ſagte er an⸗ ſpruchslos.„Warum dieſer Aufwand von Vertheidi⸗ gungsmaterial, wo doch an gar keinen Angriff gedacht wurde?“ „Sie ſcheinen beſcheidene Begriffe von Aufwand zu haben,“ ſagte fie geringſchätzig. Er ſah ſie ruhig an. Beleidigen konnte ſie ihn nicht, ſo heftig ſie ihn auch angriff. Was Paul als Mißachtung ſeiner ſelbſt empfunden haben würde, em⸗ pfand er als flüchtige Laune, deren Spitze an ſeiner Gleichgültigkeit brach. An ihrer Ungeduld, an ihrer Heftigkeit ſah er, daß ſie gereizt und ſchon im Kampfe gegen den Einfluß war, durch den er ihr Zügel anzu⸗ legen ſich beſtrebte. „Mein Gott, Herr Profeſſor, warum ſtechen Sie den König?“ rief der Paſtor emporfahrend;„Sie bringen uns um den Trick durch Ihr planloſes Spiel.“— „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte Joachim, verwundert über die Heftigkeit der Rüge und dieſe ſelbſt, „ich glaubte das Aß in der Hand Seiner Durchlaucht.“ „Oh mein Gott, das Aß iſt bereits im zweiten Stich gefallen,“ entgegnete der erzürnte Paſtor:„wenn Sie freilich nicht einmal zählen, ſo muß das präch⸗ tigſte Spiel verloren gehen.“ Der Prinz lachte, daß ihm die Karten zu ent⸗ n⸗ i⸗ ht nd hn ls m⸗ er er fe u⸗ en Sie m, ſt, ten 95 gleiten drohten und zählte:„eins, zwei drei, Trick und deux d'honneurs; ich komme auf acht. Sie geben, lieber Profeſſor; nein, nicht mit dieſer, mit der andern Karte. Nun Fräulein Irene, Sie ſehen ja ſo geſpannt nach Geiſenberg hinab, was gibt es denn zu ſehen?“ „Die Drachenteiche werden trübe“— antwortete dieſe—„Ew. Durchlaucht wiſſen, was das bedeutet.“— „Regen, oder eine Viſite von Schön⸗Elſe,“ ſagte dieſer, durch das Glück, die Zerſtreutheit Joa⸗ chim's und den Aerger des Paſtors in die angenehmſte Stimmung verſetzt. „Was iſt mit den Drachenteichen und der Elſe?“ fragte Gregor,—„in welchem Zuſammenhange ſtehen ſie mit der Geiſenburg und dem neulichen Gewitter⸗ abende?“ „In keinem ehrenvollen,“ ſagte Irene,„aber das iſt eine lange, alte, verjährte Gefchichte.“ „Wie alle Sagen,“ warf Gregor ein;„bitte, er⸗ zählen Sie.“ „Sehen Sie da unten,“ begann Irene,„dicht hinter Geiſenberg, die einzelnen unzuſammenhängenden Mauerüberreſte über die Lindengruppe hervorragen? das ſind die Ruinen des Urſulinerinnenkloſters, wel⸗ ches vor Jahrhunderten da ſtand. Kloſterholz, heißt man noch immer die Laubmaſſen, die ſich nach den 96 Drachenteichen hinziehen und Kloſterbrunnen die ver⸗ ſchüttete Ciſterne, an deren feuchter Einfaſſung die Brunnenkreſſe den Geiſenbergern zuwächſt. Die Mau⸗ ern ziehen ſich nicht mehr ſchützend um den Kloſterhof, die Vesper wird nur noch von Amſeln und Droſſeln ge⸗ ſungen und bald wird vielleicht der Pflug gehen, wo vergangene Geſchlechter das Denkmal ihrer innigen Frömmigkeit errichteten. „Die Geiſenburg war damals noch nicht unſe⸗ rem Fürſtenhaus zugefallen, ſondern Eigenthum und Stammſchloß der Herrn von Geiſenberg, deren Ge⸗ ſchlechtsregiſter und Biographien Sie in den alten Chroniken des Archivs finden können. Das Ende des letzten Herrn von Geiſenberg iſt auf geheimnißvolle Weiſe in denſelben nur angedeutet, hat ſich aber, trotz dieſer Zurückhaltung, im Munde des Volks erhalten. „Junker Hans hatte einmal, von der Jagd heim⸗ kehrend, die Tochter des Verwalters der Kloſtergüter geſehen und Schön⸗Elſe dann immer wieder ſehen müſſen. „Hinter den Linden hervor hatte ſie ihm entgegen⸗ gelauſcht, der Klang ſeines Hifthorns hatte den Klang der Hora übertönt. Sie hatte ihn lieb gewonnen und er ſich ihr treulich verlobt. Aber ſeine Mutter war eine ſtolze, unbeugſame Fran, die nie in die Verbindung en es lle otz m⸗ ter en n⸗ n9 nd ne ng 92 des letzten Herrn von Geiſenberg mit der Tochter des Kloſterverwalters gewilligt haben würde, und deshalb beſchloß er, ſich heimlich mit ſeiner Elſe zu vermählen. Ein Prieſter wurde gewonnen; der Tag der Trauung beſtimmt. Aber die alte Frau von Geiſenberg hatte, durch die ihr ergebenen Urſulinerinnen unterrichtet, Kunde erhalten und danach ihre Maßregeln getroffen. Zur beſtimmten Stunde, bei einbrechender Dämme⸗ rung verließ Junker Hans die Geiſenburg, und eilte hinab. Am Kreuzwege da unten,— ſehen Sie— dort, wo ein Wegweiſer nach Geiſenberg führt, wäh⸗ rend die Brücke hier herauf zeigt und die runden Wei⸗ den nach den Drachenteichen laufen, ſtand Schön⸗Elſe. Sie trug ſchon ihr weißes Brautkleid und war ihm ungeduldig entgegen gegangen. Aber wie er ihr froh die Hand reichte, ſtand ſeine Mutter an ſeiner andern Seite. Was ſie geſagt hat, weiß ich nicht,“ fuhr Irene träumeriſch fort,—„fand es auch in keiner Chronik; aber es iſt ihr gelungen, die Hand des Sohnes aus der des Mädchens zu löſen und ihn ohne Ausſicht auf ein Wiederſehen der Armen zu entreißen. „Schwer mag auch ihm die Trennung geworden ſein, denn er hat den Kopf wieder und wieder nach ihr zurück gewendet. Das erſte Mal ſah er ſie noch ſtill am Kreuzwege ſtehen, das zweite Mal ſah er ſie langſam Kinder der Zeit. I. 56 98 auf dem Raſendamm hinwandeln und das dritte Mal ſah er ihr weißes Kleid zwiſchen den Weiden verſchwin⸗ den. Düſter folgte er ſeiner Mutter in das Schloß.— „Am andern Morgen ſuchte man im Kloſter, in Geiſenberg, im Walde die ſchöne Elſe vergebens, ſie war verſchwunden. Kein Zeichen von ihrem Schickſal war zurückgeblieben, nur die Spur eines kleinen Fu⸗ ßes im ſumpfigen Ufer des Drachenteiches, niederge⸗ tretene Binſen und ein zerriſſener Roſenkranz, den man als den ihrigen erkannte und der noch lange unter den Kloſtercurioſitäten gezeigt wurde. „Von Stunde an befiel den Junker Hans eine tiefe Traurigkeit. Er jagte nicht mehr, zechte nicht mehr und übte ſich nicht mehr in der Kunſt der Waffen. In dem kleinen Erkerzimmer des obern Stockes ſaß er von früh bis ſpät und ſah hinab nach dem Spiegel der Drachen⸗ teiche und täglich in der Dämmerung ging er den letz⸗ ten Weg, den ſie gegangen und ſah auf dem ſumpfi⸗ gen Boden die ſich wieder hebenden Binſen und in die ſtillen, ſchweigenden Wellen und täglich kam er bläſſer und trauriger von dem Schmerzensweg zurück. Ein Jahr war faſt vergangen und ſeine Mutter hatte eine andere Braut für ihn gefunden. Er hatte ſich der rei⸗ chen, ebenbürtigen Jungfrau verloben und wollte ſich widerſtandslos trauen laſſen; aber den ganzen Tag m lei üb un ne em en⸗ tz⸗ fi⸗ die ſſer Ein ine rei⸗ ſich Lag 99 ſah er nach den Drachenteichen, ſtatt nach dem Stamm⸗ ſchloß ſeiner Braut und ſtatt zu ihr, ging er den alten, ſchweren, gewohnten Gang. „Der Hochzeitstag kam heran; die Braut wurde feierlich eingeholt, nichts ſchien die Vollziehung der Trauung zu hindern. „Als es Abend wurde, entzündete man die geweihten Kerzen in der Capelle, und der lange, feſtliche Zug be⸗ wegte ſich dahin. „Der Prieſter ſtand am Altar, Junker Hans trat mit ſeiner zweiten Braut heran. „Da hörte man plötzlich, bei eintretender Stille ein leiſes, fernes Geräuſch, als ſchleppten naſſe Gewänder über Sandſteinboden dahin, es kam näher und näher, und— in der offenen Thüre erſchien Schön⸗Elſe und ſchritt bleich, ſtill durch die entſetzt zurückweichende Die⸗ nerſchaft dem Altare zu. „Ihr weißes Gewand und braunes Haar trieften von Waſſer und ließen eine feuchte Spur auf dem Boden zurück; ihre Hand hing ſchlaff und hielt die letzte Perle des zerriſſenen Roſenkranzes; ihr ſtilles, erloſchenes Auge ſuchte Hans. „Vergebens ſtreckte ihr der Caplan das Crucifix entgegen, ſie trat bis dicht zu dem Brautpaare heran. 7 „Hans, willſt Du mit mir gehen? fragte ſie mit anderer Stimme, als ſie der lebenden Bruſt entſtrömt. „Bedenkt das Heil Eurer Seele! rief der Prieſter ſich kreuzigend dem Junker Hans zu. „Hans, willſt Du mit mir gehen? fragte ſie wieder. „Bedenkt Eure Braut, rief dieſe knieend. ₰„Hans, willſt Du mit mir gehen, fragte Elſe zum dritten Male. „Bedenk Deine Mutter! weinte dieſe, ihn mit ihren Armen umſchließend. „Aber Hans machte ſich los und ſagte wie erlöſt: Ja, Elſe, ich will mit Dir gehen! „Zum erſten Male ſah man wieder ſeine Wange ſich färben, die Stirne ſich heben, den Mund lächeln. Er reichte Elſen die Hand. Da verlöſchten mit einem Male alle Lichter und durch die Stille hindurch hörte man das Rauſchen des naſſen Gewandes und den klir⸗ renden Sporntritt des Junkers, der immer ferner die ſteinerne Wendeltreppe hinab verklang, und als man wieder Fackeln brachte, waren Hans und Elſe ver⸗ ſchwunden, und nie wieder hat das Schloß ſeinen Herrn geſehen. „Die Elſe aber betritt vor jedem Unglücksfalle, der die Bewohner des Schloſſes bedroht, die alten Räume. tit ſie m mit ſt: nge en. tem örte lir⸗ die nan ver⸗ errn der me. 101 Man hört ihr Gewand rauſchen, ſieht die feuchten Spu⸗ ren auf dem Boden der Gallerie, die nach der Capelle führt, und wer je auf verſpätetem Wege in dem alten Gemäuer die Frage hörte: Willſt Du mit mir gehen? der hat den kommenden Frühling nicht wieder auf der Erde gefeiert; ſeine Zeit war abgelaufen. „Das iſt die einfache Geſchichte von Schön⸗Elſe und Junker Hans.“ „Die hübſch erdacht, wohl geordnet und angemeſſen erzählt wurde,“ ſagte Gregor.—„Nun, ſagen Sie mir aber,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„weshalb glauben Sie, daß Elſe ſich tödtete?“ „Weil ſie fühlte, daß ſie ihre Liebe nicht vergeſſen könne,“ ſagte Irene ſicher. „Weil ſie wußte, daß ſie ihre Liebe vergeſſen würde,“ verbeſſerte Gregor. Irene traf das Wort, der Ausdruck ſo ſtark, daß ſie ſich von einem Grauen befallen fühlte. Aber ſie fand keine Entgegnung; geſpannt und erſchüttert hörte ſie Gregor's weitere Worte. „Hätte Elſe Glauben an die Dauer ihres Schmer⸗ zes gehabt, ſie wäre nach Hauſe gegangen, ſtatt nach dem Drachenteiche; hätte ſich in das Bett gelegt, ſtatt in den Schlamm des Bodens, und Fliederthee getrunken, ſtatt ſtagnirendem Waſſer. Aber ſie ahnte den zerſetzen⸗ den Einfluß, den mächtige Gewalten auf ihr Leid aus⸗ üben würden, und ging, dieſes unentweiht mit ſich zu begraben. Darum floh ſie vor den beſänftigenden Weis⸗ heitsſprüchen, die bleiche Reſignation für ſie bereit hielt, vor der kränkelnden Theilnahme, die mit mattem Hauche die Wunde ihres heißen Herzens zu kühlen ſtreben würde, vor der Religion, die mit ihren Weihrauchwol⸗ ken die Bilder ihrer Vebe und das Gefühl ihrer Qual zu verhüllen und zu erſticken drohte. Mehr als den Tod fürchtete ſie den Moment ihrer Zukunft, der ihr das Geſtändniß abnöthigen mußte: Dein einſtiges Heilig⸗ thum iſt uur die Durchgangspaſſage nach kühlen Altä⸗ ren, oder nach dem Herde eines andern Ernährers, oder nach dem Arbeitshauſe einer nützlichen Exiſtenz geweſen. Der ſchreckende Gedanke: Du wirſt vergeſſen, was Du verloren, nicht jener: Du haſt verloren, was Du nie vergeſſen kannſt, trieb ſie aus dem Leben; Schwäche des Vertrauens zu ihrer Liebe leiteten ihre Schritte, nicht Verzweiflung über die Schwäche ſeiner Liebe. Der arme Herr von Geiſenberg mag eine unangenehme Alteration durch die indisecrete Handlungsweiſe der ſchö⸗ nen Elſe gehabt haben,“ ſchloß er mit wiedererwachen⸗ dem Spott,„ihre Erziehung ſcheint in der That nicht die beſte geweſen zu ſein.“ g⸗ er n. Du nie che tte, be. me hö⸗ en⸗ icht 103 „In der That,“ ſagte Irene mechaniſch,„arme Elſe!“ „Sie haben alſo nur Erbarmen aber kein Urtheil über ſie?“ fragte Gregor forſchend.„Laſſen Sie hören, wie entſchuldigen Sie ſie?“ „Ich entſchuldige ſie nicht,“ ſagte Irene ernſt. „Sie klagen ſie alſo an, ohne ſühnend ihrem Tode Rechnung zu tragen? Das iſt mir neu. Bei nns ſpricht man über Geſtorbene nur Gutes und Liebes; der Man⸗ tel der chriſtlichen Liebe, der für Lebende immer nur ein zuſammengeſchrumpfter Lumpen iſt, dehnt ſich elaſtiſch, wenn es gilt, die ſteifen Glieder eines Leichnams zu verhüllen.“ „Das weiß ich,“ ſagte Irene,„habe es aber nie recht verſtanden. Die Thaten der Menſchen bleiben immer dieſelben, mögen die Urheber derſelben leben oder todt ſein; an ſie bindet ſich das Urtheil.“ „Nicht an die That,“ rügte Gregor,„ſondern an die Motive, die dazu trieben.“ Irene ſchüttelte den Kopf.„Wem ſind die Motive, die den Willen eines Menſchen beſtimmen, ſo klar, daß er über dieſelben richten könne? Nur der höchſten, all⸗ gegenwärtigen Einſicht iſt dies möglich, uns bleibt nur die Billigung oder Verurtheilung der guten oder böſen Handlung.“ „Gut, bös,“ tadelte Gregor,„ſind ja nur die beiden Pole des ganzen Seins, nicht die ſich bekämpfen⸗ den Mächte—“ „Grand Schlemm!“ jubelte der Prinz;„der Robber iſt aus, ich habe ihn gewonnen. Jetzt, lieber Paſtor, brechen Ihre goldenen Ferien an.“ Der kleine Mann erhob ſich mit einem zürnenden Blicke auf Joa⸗ chim, der, in eine mathematiſche Berechnung vertieft, ſchnell ein Kartenblatt mit einer Reihe Zahlen geſchmückt hatte, und es in gänzlicher Zerſtreutheit ſodann ein⸗ ſtecken wollte. „Gedenken Sie ohne Coeur⸗Aß zu ſpielen?“ fragte der Paſtor mit ſchlecht verborgenem Grimm,„oder iſt das Spiel für heute beendet?“ Sich beſinnend, ließ Joachim mit einem leiſen Seufzer die Karte unter die andern gleiten, während Gregor am Spieltiſche mit Platz nahm. „Sie ſehen ſo traurig, ſo ſehnſüchtig aus, wie Ariadne auf Naxos,“ rief der Prinz Irenen zu;„ſoll ich Ihnen ſtatt des irdiſchen Theſeus den himmliſchen Bacchus ſchicken?“ Sein blinzelndes Auge lief von Gregor auf die kleine, gebrechliche, unfertige Geſtalt des Paſtors, der aufmerkſam den Spielenden in die Karten ſah. 105 „Ich unterhalte mich auch ohne Theſeus und Bacchus,“ antwortete Irene,„ich bin für mich.“ „Das erinnert mich,“ begann der Prinz,„an eine zweifelhafte Artigkeit, die die Gräfin S. Anno 1829 dem Prinzen Heinrich auf einem Balle des preußiſchen Geſandten ſagte. Die ſchöne Frau gefiel ſich in excentri⸗ ſchen Launen, und zog an dieſem Abend die einſamſten Plätze den frequentirten Zimmern vor. Der Prinz ging ihr nach und glaubte ſie unterhalten zu müſſen. „Ziehen ſie ſich zurück, mein Prinz, ſoll ſie ihm endlich kühl geſagt haben; Sie ſind nicht hoffähig, wenn ich der Ariſtokratie meiner eignen Gedanken Audienz gebe. Der Prinz war von der brillanten Miß⸗ achtung ſo entzückt, daß er die Gräfin mit ſeiner Hand dafür belohnte.“ Irene ſah ihn freundlich an. Eine wahre Rührung kam über ſie. Sie wußte, was Gregor von der Conver⸗ ſation verlangte und was er ſelbſt darin leiſtete. Das Erzählen geleſener oder erlebter Anecdoten dünkte ihm der Gipfel ſchlechter Manieren und veralteten Ge⸗ ſchmacks, die geforderte Geduld bei Anhörung derſelben, nannte er eine an den Hörer geſtellte unbeſcheidene Zu⸗ muthung. Als die Karten nach langem Wechſel endlich zur Ruhe gelegt wurden, offenbarte ſich die vortreffliche „ Laune des Prinzen in einer an die Anweſenden ergehen⸗ den Einladung zu einer Fahrt auf den Ebersberg, die dann auch zu allgemeiner Zufriedenheit für den nächſten Tag feſtgeſetzt wurde. „Für gutes Wetter verbürge ich mich,“ ſagte der Paſtor,„mein Laubfroſch ſitzt auf der oberſten Stufe ſeiner Leiter.“ „Da verbürgen Sie ſich im Namen Ihres Laub⸗ froſches? An wen hat man ſich dann im Falle der Täuſchung zu halten?“ fragte der Prinz. „An uns Beide, Durchlaucht,“ antwortete der Pfarrer. „Die atmoſphäriſche Miſchung läßt allerdings auf anhaltende Trockenheit ſchließen,“ bemerkte Joachim. „Ob man dieſe gutes Wetter nennen darf.“ „Gut für unſern Plan, für morgen doch gewiß,“ ſagte Irene;„aber wie iſt's, Durchlaucht? fahren wir morgen im Phaeton?“ „Im Phaeton?“ widerholte der Prinz äußerſt erſtaunt, indem er ihr mit veralteter Galanterie den Arm bot und ſie in das anſtoßende Speiſezimmer an den ſervirten Tiſch führte, an welchem, wie ſtets, Irenen's Platz durch ein friſches Bouquet neben dem durch das ſilberne Serviettenband kenntlichen Couvert des Prinzen bezeichnet war,„im Phaeton? Fünf Per⸗ — M —— M——* 107 ſonen— die kaum in der Melone mit Gepäck Platz fin⸗ den werden!“ „Gnade, Durchlaucht,“ bat Irene erglühend; „das unbewegliche Verdeck der Melone erſtickt die Darinſitzenden faſt.“ „Meine Melone findet keine Nachſicht vor Ihren Augen?“ ſagte der Prinz pfiffig lächelnd.„Nun, frei⸗ lich, wenn ſie Ihnen wie eine transportable Bleikammer vorkömmt, ſo hilft es nichts. Maier, wir fahren in zwei Wagen.“ Irene klatſchte in die Hände und machte eine Be⸗ wegung gegen den Prinzen, als müſſe ſie ſeine Hand faſſen, beſann ſich aber noch zu rechter Zeit, und ver⸗ wandelte die Kundgebung ihres Dankes in ein hübſches, kleines Compliment. Mit dem Schlag zehn Uhr zog ſich die Geſellſchaft zurück, nachdem der Prinz noch einmal einige ſeiner Lieblingsanecdoten erzählt, Joachim an die Roſenblätter, die Irene auf ihrem Wein ſich ſchauckeln ließ, Bemer⸗ kungen über die Gaſtmähler der alten Griechen und Römer geknüpft, der Paſtor alle Schüſſeln verſucht und trefflich befunden, und Gregor Irene durch einige freundliche, theilnehmende Worte verſöhnlich geſtimmt hatte. ————— 8. „Ich möchte lieber gar nicht mit,“ ſagte Jrene zögernd zu Martha, als dieſe den andern Nachmittag in das Giebelzimmer trat, um zu melden, daß bereits angeſpannt ſei. „Warum nicht gar,“ polterte Martha,„heute Morgen noch das Jagen nach dem neuen Kleid und die ewige Beſorgniß, es könnte regnen, und nun auf ein⸗ mal keine Luſt mehr! Was hat es denn gegeben?“ „Nichts, aber ich bin gar nicht geſtimmt in Ge⸗ ſellſchaft zu ſein.“ „Nicht geſtimmt?“ wiederholte Martha mürriſch, indem fie ohne weiteres alle aufgeſchlagenen Bücher zu⸗ klappte und auf der Commode emporthürmte;„ſo ſtim⸗ men Sie ſich ſchnell.“ „Ach Martha, das geht nicht,“ ſagte Irene, ohne O——„ ℳ c————— S(— 1 109 Notiz von der Kühnheit zu nehmen, mit welcher die alte Frau Ordnung herzuſtellen bemüht war;„ich habe eine geheime Angſt, eine Unruhe um irgend einer un⸗ bekannten Urſache willen, derer Entwickelung, ohne eine beſtimmte Form zu geninniſh mir drohend näher zu treten ſcheint.“ Sie ließ die Hände ſinken und warf ſich, un⸗ bekümmert um die friſchgeplätteten Garnituren ihres Kleides, auf die Fenſterbank. „Ahnungen, Ahnungen,“ murmelte Martha mit nickendem Kopfe,„ich kenng das!— Es zieht Einem wie an den Haaren von einem Weg zurück, und unter⸗ nimmt man ihn gegen alle Anzeichen doch, ſo miß⸗ glückt er.“ Mit dieſen Worten fegte ihr Flederwiſch eine Menhe getrockneter Gewächſe zuſammen, die Irene zu ganz andern Zwecken auf ihren Arbeitstiſch gelegt hatte; aber ſie gab nicht Acht darauf, ſondern begann wieder: „Und ſieh, ſo allein unter den vielen Herren fühle ich mich doch manchmal recht einſam, recht unbehgglichz wäre doch Regine da!“ „Nun das iſt kein Unglück,“ antwortete Martha; „die vielen Männer werden Sie nicht beißen. Aber ſo ſtehen Sie doch auf, Sie zerdrücken ja Ihr Kleid! Herr Gott, um ein Haar hätten Sie ſich in das Sperlings⸗ neſt geſetzt,— was werden Sie noch in Ihre Stube tragen?“ Irene hörte es nicht, ſie war ſchon aufgeſtanden und machte raſch einige Gänge durch die Stube; plötz⸗ lich aber rief ſie mit dem Ausdruck des leidenſchaftlich⸗ ſten Vermiſſens:„Ach Martha, wenn doch meine Mut⸗ ter noch lebte!“ Martha war tief erſchrocken. Sie war gewohnt, Irene von der Verſtorbenen mit ernſter Ruhe und mit der feſten Ueberzeugung ſprechen zu hören, daß die Todte zur rechten Stunde an den rechten Ort gegangen ſei; warum brach heute nun zum erſten Mal das Ge⸗ ſtändniß einer ſchmerzlichen Sehnſucht hervor und legte Zeugniß ab von der unzähmbaren Aufregung ihres Gemüths? „Bleiben Sie da, ja, bleiben Sie nur da,“ fagte Martha, deren Hand der Beſen entſunken war.„Sie haben Recht, Sie ſind unwohl; wahrhaftig, Sie wer⸗ den ganz blaß, werden Sie nur nicht ohnmächtig! Soll ich helfen, Sie zu Bett bringen?“ Da raſſelten die Wagen vor, ein Schritt führte Irene an das Fenſter; ſie ſah Maier mit der Haus⸗ apotheke, dem Fernrohr, den Schmetterlingsnetzen das Innere der Melone ausmöbliren; ſie ſah, wie der Flaſchenkorb in den Kaſten des Kutſchenſitzes geſenkt we ſto — NM NW — 8 6b 111 wurde; ſie ſah den Prinzen, von Joachim und dem Paſtor gefolgt, aus dem Schloſſe treten und Gregor, die Handſchuhe langſam anziehend, über den Hof ſchrei⸗ ten,— und bevor Martha noch allen ihren Beſorg⸗ niſſen Worte verleihen konnte, hatte ſie den Hut gebun⸗ den, die Mantille und die Handſchuhe im Fluge ergriffen, und war mit einem im Dialect der Gegend geſprochenen: „Behüt's Gott, Martha“— zur Thür hinaus. Als der Prinz mit einiger Beſchwerde ſich in der Melone eingerichtet hatte, muſterte Irene mit ſo un⸗ ruhigen Augen die Geſellſchaft, als ob ihr die Ver⸗ theilung in die zwei Equipagen Bedenken einflöße. Der Paſtor zeigte ſich ſo fühllos gegen ihre freundlichen, auffordernden Blicke, daß er viel von den Krankheiten, die durch Zug im Nacken entſtehen könnten, ſprach, und die zweckmäßig verſchloſſenen Wände der Melone un⸗ aufhörlich rühmte. Joachim war dem Prinzen unent⸗ behrlich, wie ſein Stock und ſeine Apotheke, und ſo blieb nur Gregor, welcher— Irene ſtand ſchon auf dem Tritt und bat den Prinzen, nun doch noch in die Melone kommen zu dürfen. „Heuchelei, nichts als roſenrothe Heuchelei, hinter welcher ſich ſchwarzes Mißvergnügen über meine arme, ſtoßende, erſtickende Melone verbirgt,“ riefer dieſer, in 112 die Hände ſchlagend.„Nein, Fräulein Irene, den ſchlechten Dienſt will ich Ihnen nicht erweiſen. Herr von Barthelmy, wendete er ſich an dieſen, Sie haben Urlaub, heben Sie das Fräulein in den Phaeton, und nehmen Sie den Platz zu ihrer Linken ein.“ „Aber Durchlaucht!“ bat Irene jetzt mit unge⸗ heuchelter Verlegenheit. „Aber, mein Fräulein!“ lachte der Prinz,„denken Sie, Sie ſäßen in einem Schlitten und Alles iſt in Ordnung.“ Ohne noch ein Wort zu verlieren, ſprang Irene jetzt, Gregor's Hilfe verſchmähend, in den Phae⸗ ton und wendete ſchmollend den Kopf nach der Seite hin, an welcher ſie keinen Nachbar haben konnte. „Maier, Er leichtfinniger Vogel, wo hat Er mein Kiſſen?“ fragte der Prinz.„Ah ſo, muß Er es immer an den verkehrten Platz thun? Er weiß doch, daß ich kurzſichtig bin. So, lieber Paſtor, hier nehmen Sie Platz, dort dürfte Sie das Reiſebarometer beläſtigen; hier genießen Sie auch den vollſten Sonnenſchein, auf den ich leider zu verzichten gezwungen bin. Es kann fortgehen, aber die Pferde dürfen nicht übernommen werden, und am Rennſteig wollen wir ausſteigen, da⸗ mit kein Unglück geſchieht.“ Die Pferde zogen an; ſchwerfüllig rollte die Me⸗ 113 lone über das hallende Pflaſter der Einfahrt in den Wald hinaus, leicht und luftig der Phaeton hinterdrein. „Da uns Gott nun einmal zuſammengefügt hat,“ ſagte Gregor, durch Irenen's piquirtes Geſicht amuſirt, „ſo wollen wir über ſeine Fügung vor der Hand nicht murren; ſpäter können wir uns immer einmal vertrau⸗ lich geſtehen, ob ſie uns zum Verderben oder zur Läute⸗ rung gedient hat.— Nun? Sie ſehen ſo kühl, habe ich Ihnen ſchon wieder etwas gethan? oder denken Sie, daß ich Ihnen etwas thun werde?“ „Thun?“ lachte Irene halb keck, halb mißtrauiſch; „ſeien Sie ruhig, ich laſſe mir nichts thun.“ „Sie ſind wie ein Kind,“ ſagte Gregor,„das beim Erblicken des Knecht Rupprecht unaufhörlich ruft: ich fürchte mich nicht, dabei aber immer die Kinder⸗ frau am Kleide hat.“ „Ihr Vergleich hinkt,“ ſagte Irene,„ich bin kein Kind, Sie kein Knecht Rupprecht und— der Prinz keine Kinderfrau,— allerdings,“ vollendete Gregor den Satz.„Geſtehen Sie aber nur, daß Seine Durch⸗ laucht oft Ihre Zuflucht iſt und Sie nicht übel Luſt haben, mich bei ihm zu verklagen.“ „Wenn ich Ausſicht hätte, mit meiner Klage durch⸗ zukommen— vielleicht!“ geſtand Irene.„Die Ver⸗ breitung falſcher und gefährlicher Gedanken wird nicht Kinder der Zeit. H. 8 114 ſo ſtreng gerügt, wie die Fälſchung von Papieren und Documenten. Vor der Hand ſchlüpfen Sie noch einmal durch.“ „Nun, was iſt Ihnen denn an meinen Gedanken und Worten nicht recht?“ fragte Gregor. „Sie ſind ſo hypochondriſch, ſo haltlos, mit Einem Wort: ſo welk und kränklich,“ antwortete Irene. „Und Sie ſchenen den Umgang mit Denen, die das Leben zu Patienten und Invaliden gemacht hat?“ entgegnete er.„Egoiſtin! Iſt das beſſer als das Ver⸗ fahren jener unciviliſirten Stämme, die die Verwunde⸗ ten oder Kranken aus ihren glücklichen Colonien treiben, damit ihnen der läſtige Anblick menſchlicher Hinfällig⸗ keit erſpart bleibe? Ich kann aber auch heiter ſein und will Sie durch meinen trüben Ernſt nicht wieder be⸗ läſtigen.“ Irene war tief beſchämt. Bitter bereute ſie ihre Worte, ihre herbe rückſichtsloſe Offenheit. Sie zürnte ſich, fühlte ſich geſchlagen und wußte nicht, wie ſie den Fehler gut machen ſollte. Sie griff in die ſich ihr ent⸗ gegenbiegenden Zweige des überwachſenen Weges, die ihr Geſicht zu ſtreifen drohten, und entblätterte ſie, aber eine geſchickte Wendung zu paſſender Ausgleichung wollte ihr bei dem Spiele nicht kommen. „Sind Sie mir böſe?“ ſagte ſie endlich treuherzig, re te t⸗ ie er ng ig, 115 indem ſie ſich hinneigte, um in ſein abgewendetes Ge⸗ ſicht zu ſehen. „Bös?“ ſagte er gelaſſen;„die Verletzbarkeit läßt ein normal ſich entwickelnder Menſch auf der Men⸗ ſur und dem Gymnaſium zurück!“ „Mir muß es ſchon recht ſein,“ entgegnete ſie kleinlaut;„lieber wäre mir's aber, Sie wären noch bös und ich dürfte ſie mit einiger Mühe verſöhnen. Das muß hübſch ſein; noch nie iſt mir Jemand bös geweſen — im Ernſt nämlich.“ „Und wie wollten Sie mich verſöhnen?“ fragte Gregor lächelnd;„durch das apparte Geſchenk einer ge⸗ zähmten Eidechſe, einer chemiſchen Säure oder eines Hamſter⸗Skelett's?“ „Nicht doch,“ vertheidigte ſich Irene,„mit gar keinem Geſchenk, ſondern mit verſchwendeter Liebens⸗ würdigkeit, mit Schmeicheleien, Bitten, freiwilliger Buße— mit Gewalt, wenn nicht mit Güte.“ „Das ſieht Ihnen ähnlich,“ lachte Gregor;„ich habe große Luſt, Ihnen bei nächſter Gelegenheit ernſt⸗ lich zu zürnen, um mit Gewalt von Ihnen wieder ver⸗ ſöhnt zu werden.“ Immer näher tritt der Wald an den Weg heran, deſſen einzelne, tiefe, mit Moos überzogene Geleiſe 116 einen höhern Grasſtreifen umſchließen, der mit Wald⸗ blumen geſchmückt iſt. „Jetzt fahren wir über die gewölbten Erdkam⸗ mern, deren Dach, wie Glockenguß, unter uns erklingt; machen Sie ſich leicht,“ ſagte Irene ſcherzend im Wagen auf die Fußſpitzen tretend, daß wir nicht durchbrechen.“ „Das wäre ſo übel nicht; wir ſpielten dann Pluto und Proſerpina.“— „Aeßen Aepfel und herrſchten über Schatten? ein lohnendes Tagwerk!“ kritifirte Irene, mit der Hand nach dem Fenſter der Melone grüßend, an wel⸗ chem, bei einer Biegung des Weges, das runde erhitzte Vollmondsgeſicht des Prinzen und die ruhige Stirne Joachim's ſichtbar wurden. „Das Leben hier oben iſt auch nichts, als Schat⸗ tenſpiel; das ſollten Sie billig wiſſen!“— belehrte Gregor. „Ich weiß nur,“ entgegnete ſie heiter,„daß es neben den Schatten auch Licht gibt.“— „Wenn Sie ſich aber das Licht mit ſeinen Reſul⸗ taten hinwegdenken?“ warf er ein. „Das thue ich ſo wenig,“ ſagte Irene„als ich mir das Auge aus einem mir recht lieben Geſicht weg⸗ denke; Auge und Licht iſt die Garantie der leb endigen Sele d⸗ — = en . to 2 er el⸗ de at⸗ rte 117 „Geben Sie mir die Garantie Ihrer lebendigen Seele“ bat Gregor, den Blick ihres klaren Auges faſſend.— „Von Herzen gern,“ erwiederte Irene, die Wim⸗ pern zu ihm aufſchlagend.—„Sehen Sie, jetzt wer⸗ den Sie hell.“— „Ja, die Sonne ſcheint jetzt auf mich,“ lächelte Gregor,„es wird Tag!“— „Alte Geſchichten,“ lachte Irene;—„in den Pari⸗ ſer Albums malt man die Damen nur noch als Blu⸗ men und Sterne.“ „Und in deutſchen Albums dichtet man die Da⸗ men,“— antwortete er. „Ganz recht,“ beſtätigte ſie,„man denkt ſie ſich im Superlativ; alle Dinge im Lichte des Vollkommen⸗ ſten ſehen und beſchreiben, heißt ja wohl dichten.“ „Werden Sie nie an mir dieſe dichteriſche Stei⸗ gerung vollziehen?“ fragte Gregor dreiſt.— „Sie ſtehen erſt im Comparativ,“— bemerkte Irene,„wenn Sie aber recht brav ſind“— „Rücke ich eine Claſſe weiter“— forſchte er lächelnd,—„wie lange dauert das wohl noch?“ „Bis Sie den höchſten Grad menſchlicher Voll⸗ kommenheit erreicht haben, der Sie würdig macht, ſich in Buddha aufzulöſen,“— lachte Irene. 118 „Das kann lange dauern,“ entgegnete er in glei⸗ chem Tone.— Aber halt— vielleicht bin ich ſelbſt der Menſch gewordene Buddha?“— „Sie ſcheinen ſich ſelbſt im Superlativ zu den⸗ ken,“ neckte Irene. „Wer dichtete ſich ſelbſt nicht unwillkürlich?“ lächelte Gregor;—„aber, ſehen Sie, da hält die Melone.“ Richtig, der Zug ſtockte. Der Prinz bog ſich heraus und nahm— mit der Hand nach Süden zei⸗ gend, wo ein kahler Berg, faſt ſenkrecht abfallend, in die Ebene herabſtieg,— mittelſt einiger ſtark betonten Worte Gregor's Aufmerkſamkeit in Anſpruch. „Was ſagt der Prinz?“ fragte dieſer Jrene, in⸗ dem er, ſich verbeugend, nach der bezeichneten Rich⸗ tung hinſah— „Daß man von dieſem Puncte aus bei hellem Wetter den Thurm der Kathedrale in A. mittelſt des Perſpectives ſehen kann,“ erklärte dieſe. „Dagegen habe ich nicht das Geringſte einzuwen⸗ den,“ tröſtete ſich Gregor, der ſeine behagliche, ruhende Stellung wieder einnahm und der Bewegung im andern Wagen phlegmatiſch zu ſah. Maier war abgeſtiegen, und hatte ſeine Schulter „———— h †= 1= in n n. 119 dem Prinzen als Ruhepuuct für das Fernrohr darge⸗ boten. Die Klagen Seiner Durchlaucht über das Abneh⸗ men ſeiner Augen, über die Unruhe Maiers, den um⸗ nebelten Horizont und den unſichtbaren Thurm verhin⸗ derten den Paſtor nicht, leiſe und unmerklich auf einen ſchattigen Platz zu rutſchen, während Joachim ſehn⸗ ſüchtige Blicke einem Inſect nachſendete, das ſeine vorſtehenden Augenlinſen in aufſallender Art in der Luft herumtrug.— Endlich wurde das Fernrohr wieder zuſammenge⸗ ſchoben und Maier mit der Weiſung übergeben, es Gregor zu gleichen Nachforſchungen zuzuſtellen, der auch wirklich ſich einige Minuten hinter dem langen Rohre abmühte, irgend einen Gegenſtand mit dem Auge zu faſſen, aber nur eine trübe, graue Fläche vor ſeinem angegriffenen Sehnerv ſchwimmen ſah. „Nicht ſo! Sie ſehen ja in den Himmel“— lachte Irene.„Das Inſtrument beſchreibt alle möglichen Schwingungen und Kreiſe.— So! Feſt müſſen Sie das Gelenk machen, wenn Sie keinen ruhenden Stütz⸗ punct finden. Mein Gott, jetzt viſiren Sie nach dem Monde.“— Gregor gab das Unternehmen auf. Irene lehnte 120 die Aufforderung ab; der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. „Man braucht kein Fernrohr, man ſieht in der Nähe genug,“ ſagte Irene, rechts und links in das ſchöne Waldland blickend.—„Ah! ich möchte mit mei⸗ nen Ohren auch noch ſehen, mit meinem Geſicht ſchme⸗ cken, mit meinen Augen fühlen und ſo jeden Sinn ver⸗ fünffachen.“— „Das ſage ich auch,“— bemerkte Gregor dop⸗ pelſinnig.—„Sie haben Recht, man ſieht in der Nähe genug.“ Aber ſein Auge ruhte auf ihrem heitern Geſichte, nicht auf der landſchaftlichen Umgebung.— „Grüß Euch Gott, Ihr faulen Winden, die Ihr Euch ſo breit auf Eurem Moospfühl macht! Ich kann Dir keine Hand geben, höfliche Ranke, ziehe ſchnell Deine grünen Fingerchen wieder zurück.— Sehen Sie den kleinen Froſch, dem der Schwamm als Sonnen⸗ ſchirm dient und die Pilze dort, die die braunen Hüt⸗ chen ſo lächerlich ſchief auf das Ohr geſetzt haben?— Alle ſehen uns an,— aber der Epheu, der lauft uns treu nach; da iſt er noch immer, und legt ſeine letzte Knospenſpitze gewiß erſt auf dem Ebersberg zu unſern Füßen.— Sehen Sie dort den kecken Bach, wie er ſich durch den tiefen Einſchnitt der Felſenwand p⸗ he te, hr nn ell Sie en⸗ üt⸗ uft egt erg ach, and 121 drängt? Hebe dich weg, ruft der überfluthete Baſalt, du verwiſcheſt die Schrift, mit der ich überzogen bin, und wenn kundige Menſchen kommen, werden ſie alle Zeichen ausgelöſcht finden, die meinen hohen Urſprung beglau⸗ bigen.— Gräme dich nicht, antwortet das Wald⸗ waſſer; dein Loos würde nicht beſſer ſein, wenn ich auch wirklich mich von dir wendete. Zudringliche Flech⸗ ten und gefräßiges Moos würden ſtatt meiner dich be⸗ läſtigen und vielleicht ſogar die falſche Meinung wecken, du ſeieſt vor Aerger grün und gelb geworden.“ Sie ſchwieg plötzlich und ſah Gregor betreten an, „Schlafen Sie?“ fragte ſie beſchämt den Kopf drehend, „mir geſchähe ſchon Recht.“— „Schlief je der Sultan, wenn Scheherezade Mär⸗ chen erzählte?“ antwortete Gregor.—„Wüßten Sie nur, wie liebenswürdig Sie in Ihrer tändelnden Mäd⸗ chenhaftigkeit ſind, Sie ſtrebten nicht mehr aus ihr heraus.“— „Das that ich nie,“ ſagte Irene etwas verletzt, „wie kommen Sie dazu, mir den Vorwurf zu machen?“ „Iſt nicht Ihr höchſtes Ziel, den Horizont Ihres Geiſtes zu erweitern?“ fragte Gregor.„Iſt nicht das Prüfen, Erfahren, Wiſſen Ihr letzter Zweck? Sind aber Wiſſensdurſt und Wißbegierde weibliche Eigenſchaften? Bleiben Sie doch, was Sie urſprünglich werden ſollten: ————— 122 eine flammende, telluriſche Roſe und verwandeln Sie Le ſich nicht in eine himmelanſtrebende Pappel. Schöneres pl können Sie ja nicht ſein.— Ein Traum der Natur G ſchuf das Weib, ein Tagewerk den Mann— mit einem Y Befehle, einer Aufgabe entließ ſie ihn, mit einem Kuſſe das Weib; er ſoll nach Allem ringen, ſie nach ihm allein; la er nur leben, ſie ſelig ſein.“— „Ein hübſcher Wink,“ ſagte Irene, mit krauſem Spott um den lieblichen Mund,„nur leider zu ſpät ge⸗ Pf geben.— Das Fflanzendaſein habe ich bereits hinter mir. Irgend wer wird wohl zu laut gerufen haben:. Wach' auf!— Nun geht's nicht ſo ſchnell wieder mit g dem Einſchlafen, wenn Sie ſingen: Schlaf, Kindchen, lie ſchlaf!“ Kr „Hier ſteige man aus, wir ſind am Rennſteig,“ hieß es in der Melone, und Alle folgten dem vorſichti⸗ der gen Rath. Nur Irene ſchüttelte, als ihr Gregor die zu Hand zur Hilfe bot, den Kopf und meinte:„der Wagen ihn ſei ja ſo leicht, der Kutſcher der Pferde mächtig und ihr S gar nicht bange.“ Gregor drang nicht weiter in ſie. Der für Prinz rief zwar:„Fräulein Irene, nicht übermüthig!“ lic — und Joachim:„Irene, würdeſt Du nicht lieber ge⸗ kar hen?“ Aber die Gedanken des Erſteren richteten ſich ab bald auf die unangenehme, ſtrauchende Bewegung, die tre ſein Körper beim ſteilen Bergunterſchreiten erlitt, und nic ie es ur m ſſe m e⸗ ter nit n, 7 ti⸗ die en ihr er ge⸗ die 123 Letzterer war beſchäftigt, ein beſonders ſchönes Exem⸗ plar einer Kreuzotter zu verfolgen. Der Pfarrer und Gregor dagegen, vertrauten ſich an, daß eine mäßige WMotion zu Fuß die Glieder wieder geſchmeidig mache, und den Muskeln die Beweglichkeit verleihe, die das lange Verbleiben im Wagen, leicht aufzuheben vermöge. Irene hatte die Füße auf den Vorderſitz geſtemmt, und beobachtete die zuweilen in die Croupe ſinkenden Pferde, die der ubgeſtiegene Kutſcher führte. Sie dachte nicht an Gefahr. Seitwärts ging es ſteil und tief hin⸗ unter; die aus der Schlucht emporſteigenden Baum⸗ gipfel waren auf gleichem Niveau mit dem Wege, und ließen ſie in die kleinen Neſter der Vögel, in die grüne Knospe ſehen, die das Ende des Gezweiges bildete. „Du ſchöne, ſchöne Erde,“ dachte Irene,„iſt's denn nur möglich, auf dir, oder unter dir, ſich unheimiſch zu fühlen? Haſt du dich gar nicht lieb haben laſſen von ihm, daß er dich ein graues, unheimllches Räderwerk, einen todten Mechanismus nennt? Haſt du kein Herz für ihn gehabt, oder er kein's für dich? Er iſt unglück⸗ lich!— Unglücklich? Kann Unglück nicht auch ſtählen, kann es nur entnerven? Ich möchte ihm gerne wohlthun, aber ich kann wahrhaftig nicht zu ihm— ein Zauberring trennt uns— ich kann nicht aus meinem Elemente, er nicht aus dem ſeinen. Wie blaß er ausſieht, er iſt manch⸗ 124 mal wie kodt;— etwas in ihm iſt gewiß geſtorben! Mir kommt der kindiſche Gedanke an den Vampyr.— Ich mag ihn eigentlich doch gar nicht leiden, er ſtößt wich ab.— Wie anders iſt mein guter Paul! Nun, die Menſchen ſind verſchieden.— Antipathie?— Idioſin⸗ kraſie?— Die ſollen eigentlich bei vernünftigen Men⸗ ſchen nicht zur Berechtigung kommen.“ Sie hörte auf, in Worten zu denken, Bilder traten an die Stelle der Begriffe. Das köſtliche Gefühl des reinen Genuſſes durchſtrömte ihre friſchen Nerven und zauberte den Reflex einer ſo ſtrahlenden Heiterkeit auf ihr Geſicht, daß der früher unten angekommene Joachim ſein Bedauern über das Entwiſchen der Kreuzotter ganz und gar vergaß. Jetzt erſt verließ ſie den haltenden Wagen, und warf dem Profeſſor eine warme Hülle um die Schultern. Dieſer ließ es lächelnd geſchehen, und ſtrich liebkoſend mit der Hand über ihr Haar. „Such'ſt Du nach dem Organe der Verehrung 6. fragte Irene lächelnd,„Du brauchſt heute nicht lange zu ſuchen.“ „Das Gefühl der Abhängigkeit, das Bewußtſein der Endlichkeit weckt das Bedürfniß zu verehren,“ ſagte Joachim;„fühlſt Du Dich denn heute ſo hilflos A „Recht hilflos,“ geſtand ſie,„recht gefeſſelt; ch ich ie in⸗ n⸗ ten es nd auf im anz und rn. end nge ſein agte ſelt; 125 ich kann mich wahrhaftig nicht wehren gegen das Leben, die Freude.“ „Das ſollſt Du auch nicht,“ antwortete Joachim verwundert,„wie kommſt Du darauf?“ „Er thut ſo,“ ſagte Irene mit einem Blicke auf Gregor,„und dämpft meine Luſtigkeit oft bis zum Auslöſchen.“ Joachim folgte ihrem Auge. Gregor ſprach träge mit dem Prinzen und dem Paſtor; ein Zug tiefer Er⸗ müdung war auf ſeinen Augenliedern und Lippen be⸗ merkbar. „Sei ihm nicht herbe, Irene,“ ſagte er wohlwol⸗ lend,„weil er den Schmerz eines ihm vielleicht unver⸗ ſtändlichen Schickſals noch nicht ganz überwunden hat. Glaub' nur: mancher Hieb muß in das Mark des Stolzes gegangen ſein, bevor das Wort der Klage über die zurückhaltenden Lippen des Mannes tritt. Du wirſt die zarteſte Schonung für ihn haben, und ihn weder durch Tadel, noch durch unbeſonnenen Scherz kränken.“ „Ich that es ſchon,“ geſtand Irene, traurig die Augen zum Vater aufſchlagend. „So mache es gut,“ ſagte dieſer mahnend. Der Prinz hatte währenddem, in ſeinen weiten Reiſemantel gehüllt, auf dem ausgepackten Feldſtuhle 126 Platz genommen, und ließ ſich von Maier die Haus⸗ apotheke öffnen. „Ein Pulver Nr. 8 rühr' Er mir ein;— auf die ſtarke Erhitzung wird mir das niederſchlagende Mittel willkommen ſein. Lieber Paſtor, wie wäre es mit einer Doſis Nr. 32? Ihr unausgeſetztes Nießen vorhin ſetzt catarrhaliſche Dispoſition voraus.“ Der Paſtor wußte aus Erfahrung, daß der Prinz ihn nicht eher in Frieden laſſen würde, bis er ſich ſei⸗ ner Verordnung gefügt, und ſo ließ er ſich denn ohne Proteſtiren das Mittel verabreichen. „Nun, Fräulein Irene,“ ſagte der Prinz,„wie fährt es ſich im Phaeton und wie unterhält Sie der Herr von Barthelmy?“ „Bequem, Durchlaucht,“ antwortete Irene,— „man fühlt ſich an ſeinem Platze.“ „Nun, das iſt für uns Andere gerade keine Schmeichelei, würden Sie an unſerer Seite ſich nicht an Ihrem Platze fühlen?“ „Das habe ich nicht geſagt.“— „Aber gedacht?“ Auf dem Ebersberge genoß man eine Ausſcht, wie man ſie auf vorſpringenden Bergrücken gewöhnlich fin⸗ det. Der Prinz hatte ſchon wieder das Perſpectiv und ſpähete nach entfernten Puncten, der Paſtor freute ſick we 6 gel get tã na ſic Pr Lel ge Bt ni t . d 127 ſich der ſchönen Felder und taxirte den Ernte⸗Ertrag, Joachim prüfte die Geſtalt der Berge und verkündete, welche Elemente ihr Siegel auf die Stirne derſelben gedrückt hatten, Gregor hatte den ſonnigſten Platz gewählt und rauchte mit Behagen eine ſchwache Ci— garre, indem er die Ausſicht, die als ein Wechſel im täglichen Einerlei ſchön zu ſchätzen war, mit dem Blicke nachläſſig muſterte. „Nun, ſind Sie auch entzückt?“ fragte er Irene. „Ich bin wohl glücklich über die guten Ernte⸗Aus⸗ ſichten,“ ſagte dieſe lächelnd. „So finden Sie nur, ihre Sorgen bezüglich des Preiſes der Nahrungsmittel berichtigt— nicht Ih⸗ ren Schönheitsſinn befriedigt?“ „So iſt's,“ antwortete Irene.„Die abgeſteckten Felder, die dampfenden Maſchinenwerkſtätten, die wohl⸗ geordneten Häuſerreihen, die abgetriebenen, kahlen Berge und das ſteife Flußbett haben gewiß großen Werth und Nutzen, aber nicht den der Schönheit.“ „Was verlangen Sie von einer ſchönen Landſchaft?“ „Daß ſie eine Stimmung, einen Gedanken, eine Kraft der Natur ungefälſcht ausdrücke.“ Gregor lächelte. „Dann würde Ihnen der gepflegteſte, engliſche Park nicht ſchön erſcheinen.“ 5 3 5 1 3 3 128 „Nicht halb ſo ſchön, als der Blick auf einen ver⸗ geſſenen Winkel des Waldes, welchen ich, von einer erſtiegenen Felſenkuppe genieße. Nur hohe Baſalt⸗ ſchichten, über denen einſam der Habicht ſchwebt; Schluchten, die die berſtende Erdrinde, nicht ſpecula⸗ tive Menſchenhand geriſſen, waldbekleidete Flächen, aus denen das flüchtige Rudel bricht!— Oder ſum⸗ pfige Moor⸗ und Haideſtriche, über welche weiße Nebel in phantaſtiſchen Prozeſſionen ziehen, Schilfpflanzen, aus denen Waſſervögel aufſchwirren, nichts, als Das, — ober beleuchtet von einem Strahl der Sonne, oder des Mondes, der nur in der klaren Welle, nicht in hundert glitzernden Fenſterſcheiben ſich bricht.“ „So ſtrahlen Sie, eine reine Welle, den Licht⸗ blick der Natur wieder, während da unten, in den Colonien der Menſchen nur durch geſchliffene Gläſer derſelbe empfunden und zurückgeworfen wird,“ ſagte Gregor ſchmeichelnd.— Maier hatte indeſſen Flaſchen, Gläſer, Service, Schachteln und Büchſen mit ſtark gewürztem Inhalte ausgepackt und bald gruppirte ſich die Geſellſchaft um die Delikateſſen und fand ſie vor⸗ trefflich. Die Leckerhaftigkeit des Paſtors gab dem Prin⸗ zen Gelegenheit zu tauſend Neckereien, die ſcherzhaften Commentare, die Irene zu Gregor's gaſtronomiſchen Ausſprüchen gab, führten zu ſchlagenden Wendungen —s S„— c —— —)—„ 8 Sc 8 129 zu einem bewegten Dialog. Die raſtlos weiter ſtrebende Lebendigkeit ihrer Unterhaltung, ſagte Gregor, dem das Breitſchlagen jeder Einzelnheit zuwider war, voll⸗ kommen zu, während der Prinz in halbem Schwindel nach mehr Ausführlichkeit ſchnappte, der Paſtor durch verſchiedene platte Einſchiebſel der Ausdrucksweiſe des alltäglichen Lebens ihr Recht widerfahren ließ, und Joachim in geläuterter Einfachheit hin und wieder die Quinteſſenz aus Irenen's allzu willkürlichen Aus⸗ ſprüchen zog. Erſt in vorgerückter Abendſtunde, als ſich jene Bewegung in der Atmoſphäre erhob, die den Unter⸗ gang der Sonne oft begleitet, erfolgte der Aufbruch; die Wagen wurden gewendet, die Reſte der Collation der Dienerſchaft überliefert, und bald bezeugten nur noch flatternde, leere Papiere, mit Rollblei coiffirte Korke und halb gerauchte Cigarren, daß eine ver⸗ wöhnte Geſellſchaft hier eine kurze, angenehme Raſt gehalten hatte. Mitten in einem Geſpräche über die Mythologie der Indier, fuhr Irene in den bekannten Schloßhof, von welchem aus der bei Nacht ſtärkere Schall des fallenden Waſſers ihr den„Willkommen“ zurief. „Sehen Sie,“ ſagte ſie, auf Mond und Abend⸗ ſtern zeigend, die über den ſchwarzen Waldberg herauf⸗ Kinder der Zeit. I. 9 ——— 130 gezogen waren,„da hat ſich dem Mond ſein liebſtes Weib, das ſchöne Sternbild Rohini, wieder vereinigt.“ „Irene, heute iſt eine Nacht für unſere Beobach⸗ tungen,“ ſagte Ioachim, als dieſe länger, als ihm nöthig ſchien, mit der Verabſchiedung zögerte.„Biſt Du noch einige Stunden munter und willig?“ „In zehn Minuten bin ich bei Dir,“ antwortete ſie, einen großen Strauß Wieſenblumen, deſſen Stiele in ihrer Hand warm geworden waren, Gregor über⸗ laſſend. Der Prinz zog ſich zurück, oder vielmehr hinauf, und die Geſellſchaft trennte ſich. „Nun, wie ging's?“ fragte Martha, als Irene in die Stube trat. „Hin und her, vorwärts und zurück,“ ſagte dieſe luſtig. „Das wollte ich nicht wiſſen. Sind Sie vergnügt, geſund, zufrieden?“ „Zufrieden?“ fragte Irene nachdenklich;„bin ich zufrieden? Nun ja, ich könnte es im Grunde mit Allem ſein, nur mit mir nicht—“ „Warum nicht?“ „Weil ich es eben ſein könnte und doch nicht bin,“ —— S ſal de— ter St der bil 8 3 ig ch ete ele er⸗ uf, in ieſe ügt, ich llem 7 in, 131 ſagte ſie. Dann ging ſie an ihren Toilettetiſch, und tauchte das Geſicht in das friſche, kalte Bergwaſſer, welches das achteckig ausſpringende, metallene Becken enthielt. Vorſichtig wiſchte ihr Martha die einzelnen aufge⸗ ſprühten Tropfen ans dem ſchwarzen Haar. „Kalt' Waſſer macht die Backen roth, aber das Haar grau,“ ſagte ſie tadelnd,„die liebe Jugend denkt aber, die Blüte hält zeitlebens.“ Irene war an das Fenſter getreten und zog mit der einen Hand die Falten des Vorhanges zurück. Drü⸗ ben, faſt am Ende der bizarren Facade, ſchimmerte auch noch Licht hinter den Scheiben, und dieſes feſſelte ihren Blick.— Sie hatte den Leuchter ergriffen und machte einige Schritte gegen die Thüre, blieb aber wieder ſtehen. „Sie ſind müde, ſoll ich es dem Herrn Profeſſor ſagen?“ fragte Martha, indem ſie die Flaumenkiſſen des Sophas aufſchüttelte. „Nein, nein,“ ſagte Irene, ſich gewaltſam ermun⸗ ternd,„ich will hinaufreiſen zu den Lichtwolken, der Sternenſaat, zu der goldenen Faſſung des Saturn, zu der fernen Küſte des Sirius und zu dem ſchönen Stern⸗ bilde Rohini.“ 97* 132 Sie warf noch einen letzten Blick hinüber nach den noch immer hell erleuchteten Fenſtern von Gre⸗ gor's Zimmern, dann ging ſie, ohne ſich umzuklei⸗ den oder zu ruhen, hinauf nach Joachim's ſtillem Obſervatorium. 9. Still und krank war die Generalin von ihrer Reiſe zurückgekommen, zu der— im Widerſpruch mit. ihrer ſonſtigen Neigung, am gewohnten Orte zu beharren,— ſie wohl ſchon eine innere Unruhe, eine wachſende Ver⸗ ſtimmung getrieben hatte. Um ſich von einem Krank⸗ heitsſtoffe, der in ihr noch unerkannt wirkte, zu be⸗ freien, hatte ſie in der Veränderung der äußern Ver⸗ hältniſſe inſtinktartig Linderung zu finden gehofft, bis die treibende Spannung nachließ und im ohnmächtigen Zuſammenſinken der Kräfte die Unruhe ſelbſt erloſch. Sie fühlte ſich nun krank und hülfsbedürftig; da ſie ſich aber keiner äußeren Urſache ihres Uebelbefin⸗ dens bewußt war, da ſie das feſteſte Vertrauen zu ihrer vortrefflichen Conſtitution hatte, ſo verſchmähete ſie ärztlichen Rath und verſprach Reginen, ſich durch 134 gewiſſe wunderthätige Pillen und ein ſympathetiſches Mittel binnen Kurzem vollſtändig zu kuriren. Eines Abends jedoch wurde Regine noch ſpät zu der Tante gerufen, die einen apoplectiſchen Anfall gehabt und nachdem ſich ihr Zuſtand ſo weit gebeſ⸗ ſert, daß ſie wieder ſprechen konnte, nach dem Arzt und ihrer Nichte geſchickt hatte. Als dieſe in das Kran⸗ kenzimmer trat, ſah ſie mit Ueberraſchung, daß Paul am Bette der Generälin ſaß. Der Anfall war leicht geweſen und den bis dahin angewendeten Mitteln war es bereits gelungen, die bedenklichſten Krankheitsſymp⸗ tome zu bewältigen. Nur ein ſchwaches Gefühl von Lähmung in der rechten Seite war zurückgeblieben, welches jedoch der Patientin, die mit wiedererlangtem Benußtſein, auch bereits wieder unter dem Einfluß ihres Temperamentes ſtand, keine ernſte Beſorgniß einflößte. „Ich habe mir den jüngſten Arzt in der ganzen Stadt genommen,“— flüſterte die Generalin, als die⸗ ſer in der Nebenſtube an ihrem Schreibtiſche ein Re⸗ cept ſchrieb, Reginen zu,—„einmal aus Neigung für die Jugend, dann in Berückſichtigung der noch friſch im Gedächtniß erhaltenen Lehrſätze und endlich, weil die jungen Doctoren meiſtens viel Zeit übrig haben und Unterhaltung gewähren können.— Hab' ich nicht es zu ill zt n⸗ ul cht r on en, em uf S — — — S zen ie⸗ Re⸗ für iſch veil und Anwendung zu bringenden Mittel zu unterſtützen, die 135 wohl gethan? Der ſieht recht gut aus— es muß eine Herzensfreude ſein, ihn lachen zu hören.— Lacht er oft, Dein hübſcher Vetter?“ „Ich glanbe,“ ſagte Regine, verlegen durch die Vermuthung, Paul könne etwas von den Worten der Generalin gehört haben. „Biſt Du eingerichtet, einige Stunden bei mir bleiben zu können?“ fragte dieſe wieder, und auf die bejahende Antwort Reginen's legte ſie ſich ruhig zurück und verſank bald in ein lethargiſches Halbwachen, wel⸗ ches den Schlaf zwar nicht erſetzte, aber doch immer⸗ hin dem Körper einige Ruhe gewährte. Paul war Re⸗ ginen in das Nebenzimmer gefolgt, von wo aus ſie alle Bewegungen der Kranken überwachen konnten, ohne fürchten zu müſſen, durch einen tiefen Athemzug oder ein leiſes Wort ihr läſtig zu werden. „Wie finden Sie die Tante,“ fragte beſorgt Re⸗ gine, indem ſie Paul veranlaßte Platz zu nehmen, Fiſt ihr Zuſtand ſehr ſchlimm, ſteht ein übler Ausgang zu befürchten?“ „Für den Augenblick iſt die Gefahr beſeitigt,“ antwortete Paul.„Alles wird davon abhängen, ob die Conſtitution der Kranken ſtark genug iſt, um die in 136 einer Wiederholung des Anfalls vorzubeugen, beſtimmt ſind.“ Ein ſchwereres Athmen aus der Nebenſtube unter⸗ brach ihn. Er ſtand raſch und leiſe auf und verſchwand in der dämmerigen Krankenſtube. Regine ging ihm nach und beide ſtanden über das Lager gebeugt neben einander, um ſich von dem Befinden der Generalin zu unterrichten. „Es hat ſich nichts geändert in dem Zuſtande,“ ſagte er zurückkehrend,„Sie werden mir aber wohl er⸗ lauben, daß ich noch eine Stunde hier zubringe.“ „Bleiben Sie ja,“ bat Regine,„gehen Sie ja nicht eher, bis der leiſeſte Schatten von Gefahr ver⸗ ſchwunden ſein wird.“ Paul lächelte; er wußte, daß ihm dieſe Bitte die Ausſicht auf ein mehrmonatliches Stationiren in dem Haufe eröffnen konnte. „Aber was wird der Herr Gemal ſagen, wenn er vor der Hand der Geſellſchaft ſeiner jungen Frau für den halben Tag entſagen muß?“ fragte Paul. „Ich werde mich ſo einzurichten ſuchen, daß weder mein Haushalt, noch meine Krankenpflege durch einan⸗ der gehemmt werden,“ ſagte ſie ausweichend. „Ja Haushalt,— Haushalt iſt aber nicht der Mann, und der dürfte Sie doch oft ſehr vermiſſen,“ Tante, und er ein— Strohwitwer. Seufzend ſetzt er ſich 137 antwortete Paul.„Geſetzt, Früh, nachdem das Früh⸗ ſtück beendigt, gehen Sie eine Stunde hierher. Wäh⸗ renddem wird es herrliches Wetter; der Herr Gemal kömmt glücklich geſtimmt von der ſoeben vollzogenen Trauung eines ſeligen Paares. Erinnert an den ſonnig⸗ ſten Tag ſeines Lebens, an ſeinen Hochzeitstag, tritt er in Ihre Stube:— Regine, mein Herz, laß Dir nur er⸗ zählen, wie bewegt die Braut, wie zerſtreut der Bräuti⸗ gam war!— Ihre Stube iſt leer, Sie ſind fort, und er ſeufzt:— Ja ſo, ich vergaß, es iſt doch recht traurig, zu warten oder zu vermiſſen.— Oder, es iſt Abend ge⸗ worden; Sie waren den halben Nachmittag bei ihm, dann arbeitet er.— Jetzt wird er meiner wohl nicht mehr bedürfen; aber doch will ich's ihm ſagen.— Sie gehen nach ſeiner Thüre; kein Laut, er ſchreibt. Sie treten ein. Er arbeitet an einer Taufrede für den näch⸗ ſten Tag.— Ich gehe einon Augenblick zur Tante.— Komm aber ja bald wieder!— So ſchnell ich kann.— Aber Sie können nicht ſchnell zurück, die Tante hat Sie ſchmerzlich entbehrt. Sie ſind überall verlangt. Unter⸗ deſſen iſt der Herr Gemal mit dem chriſtlichen Willkom⸗ men für den kleinen Erdenbürger fertig geworden. Ver⸗ gnügt will er nun den Abend bei Ihnen zubringen. Sie ſind nicht da. Da fällt ihm ein, richtig ſie iſt zur an Ihren Platz und denkt; es iſt doch recht unbehaglich, ſein anderes Ich ſo ſtörend und oft zu entbehren!— Nun, ſagen Sie, wird es nicht ſo werden?“ „Nein, ſo wird's nicht werden,“ erwiderte Regine ernſt;„wenn Adrian ſeine volle Bequemlichkeit nicht hat, werde ich nicht gehen können, und wenn er die hat, wird er mich nicht vermiſſen.“ Jetzt tagte es in Paul's Kopf. „Eine unbefriedigende Ehe,“ dachte er;„das hätte ich ahnen können, wenn ich früher die beiden Menſchen mit Bedachtſamkeit verglichen hätte.“ Ein tiefes Mitleid kam über ihn, dem ſich ein leiſer Unmuth über den Leichtſinn beimiſchte, mit welchem er Bilder gezeichnet hatte, wie ſie wohl nie in der Wirklich⸗ keit von Reginen geſehen worden waren. „Mache ich mir vielleicht Illuſionen über den Ver⸗ kehr im ehelichen Leben?“ fragte er ſcherzend, um da⸗ durch den Ernſt ſeiner früheren Worte zu verwiſchen. „Ich weiß nicht,“ ſagte Regine, ihn traurig anſe⸗ hend,„der Mann hat wohl das Recht, ſich ſein Haus ſo einzurichten, wie er es wünſcht.“ „Nicht ausſchließlich,“ berichtigte Paul leiſe,„der Mann wirkt mehr nach Außen, die Frau mehr in der Familie.“ — — ch, ne cht at, tte en er 139 Er ſchwieg und ſah ſie an, bis ſie verlegen den Faden des Geſprächs wieder aufnehmen wollte. „Verzeihen Sie,“ fuhr er fort,„wenn ich mit Ihnen ſpreche, iſt's mir immer, als habe ich Sie ſchon früher geſehen, geſprochen, gekannt;— es iſt als läge eine halb ſchlafende Erinnerung in mir, die dadurch zu erwecken wäre, daß ich anhaltend nachſinne. Gewiß iſt's wenigſtens,“ ſchloß er lächelnd,„wenn ich Sie früher auch wirklich noch nicht gekannt, ſo habe ich Sie doch ſchon einmal gedacht.“ Ein träumender Ruf aus dem Krankenzimmer rief ihn hinein. Regine blieb zurück; ſie ſah ihm nach, und vor ihr ſtanden die Bilder, unter denen er ſich eine Ehe dachte, wie ſie dieſe nicht führte, nicht führen konnte. In dieſem Angenblicke ſchellte es heftig. Sie fuhr empor; wenn es Adrian ſelbſt wäre, und ſie mit Paul träfe? Sie trat an das Fenſter und ge⸗ wahrte zu ihrer Beruhigung eine weibliche Geſtalt. Sie ließ öffnen und empfing die Botſchaft, nach Hauſe zurück⸗ zukehren, wenn der Zuſtand der Generalin nicht hoff⸗ nungslos ſei. Paul beruhigte ſie, verſprach die ganze Nacht da zu bleiben, und erkannte an der überſtürzenden Haſt, mit welcher ſie ſich zum Gehen anſchickte, wie ſehr ſie 140 fürchtete, daß die nicht augenblickliche Folgeleiſtung ſtrenge gerügt werden würde. „Gute Nacht, liebe Tante!“ fagte ſie leiſe, aber es erfolgte keine Antwort. Die Kranke ſchlief jetzt feſter, wie es ſchien.„Gute Nacht!“ ſagte ſie eben ſo leiſe mit einem dankbaren Blicke zu Paul. Fort war ſie. Er ging, von dem eintretenden Mädchen am Kran⸗ kenbette abgelöſt, in die andere Stube. Obwohl keine raſche und vollſtändige Geneſung eintrat, ſo äußerte ſich doch die Generalin mit ihrem neu angenommenen Arzte ſehr zufrieden. Sie hatte ſich in ihren Vorausſetzungen wenigſtens inſoferne nicht ge⸗ täuſcht, als ſie auf Geſchicklichkeit, Eifer und angenehme Geſellſchaft gerechnet hatte, und ſie ergötzte ſich in dem⸗ ſelben Grade an ſeinem Humor, als ſie ſeine einfachen Mittel angenehm zu nehmen fand. Mit treuer Sorgfalt erfüllte Regine, die ihr durch die Krankenpflege auferlegten Pflichten, und wenn Paul ihren Beſtrebungen zuſah, wenn er ihre geſchickten An⸗ ordnungen, ihr wohlthuendes Walten mit prüfendem Blicke verfolgte, ſo ſchien es ihm manchmal, als ob ſich die reinſte Selbſtverläugnung und B nheiteit ver⸗ körpert habe, um den Wunſch nach eigenem Wohlſein der Erhaltung eines andern Lebens zu opfern. — ——„— 141 „Sie iſt ein wahrer Engel!“ ſagte die Generalin einmal in ihrer Abweſenheit, in der Abſicht ihr den höch⸗ ſten Ehrentitel damit zu verleihen. „Nein, Gott ſei Dank, das iſt ſie nicht!“ antwortete Paul lebhaft.„Ein ſolches undenkbares, überſinnliches Weſen würde nicht ſo herzliches, menſchliches Zutrauen, nicht ſo lebhafte Theilnahme erwecken können, als ſie. Sie iſt ganz Hingebung, ganz Glaube, ganz Liebe— mit einem Worte ganz Weib. Immer nur ſorgend für die Wünſche Anderer, iſt ſie das Urbild jenes Geſchlech⸗ tes, das, ſtatt der intellectuellen, wie phyſiſchen Kraft, die reine Wärme des Gemüthes empfing. Da toben wir Männer, und nennen es Conſequenz und Thatkraft, wenn wir nach allen Seiten hin fordern, befehlen, herr⸗ ſchen wollen, während das Weib ſich nicht ſcheut, die weiche Hand unterzubreiten, damit ein ungeduldiger Fuß ſich nicht am harten Boden ſtoße, ſich nicht ſcheut, den Halm wieder aufzurichten, den eine unvorſichtige Hand zerknickte. Alles Schöne der Erde, alle Schätze des Herzens, des Geiſtes, der Anmuth— ſie werden vom Weibe nur gepflegt, um Andere zu beglücken, und durch fremdes Glück beglückt zu werden.“ „Das Alles müſſen Sie ihr heute Abend ſagen,“ erinnerte die Generalin lächelnd,„das wird ſie in eine angenehme Verlegenheit bringen. Schade, daß ich keine 142 Nichte mehr zu verheiraten habe, Sie würden einen prächtigen Ehemann abgeben; es iſt mir wirklich ärger⸗ lich, daß ich Regine nicht noch einmal verloben kann.“ Die befremdliche Ueberraſchung, die ſich einen Augenblick in Paul's Zügen zeigte, entging der Gene⸗ ralin nicht, und ſie ſchloß mit großer Schlauheit, daß das Gerücht von den innigen Beziehungen zwiſchen Irenen und Paul doch einigen Gründ haben müſſe. Seine Gedanken aber gingen einen andern Weg. Er dachte ſich die Möglichkeit, daß Regine noch frei, und ihre Neigung zu erwerben ſei; er dachte ſie ſich als Mädchen in dem naiven Muthwillen, der ſchüchternen Befangenheit, der offenen Hingebung der erſten Liebe; er dachte ſie ſich als Braut mit dem gleichgültigen, vor⸗ zeitigen Entſagen auf alle Freuden, alle geſelligen Ge⸗ nüſſe, die er nicht theilte— und er dachte ſie ſich endlich als ſeine Frau, deren Seele und Leib und Leben er he⸗ gen und an ſeine Exiſtenz binden durfte. Da ging die Thüre auf und ſie trat herein; aber ganz anders, als er ſie in ſeinen Gedanken geſehen, ge⸗ wünſcht hatte. Der gleichgültige Ausdruck, der den Linien des Mundes aufgedrückt war, konnte die Unruhe des Anges nicht dämpfen, das unter den tief herabge⸗ drückten Lidern um Schonung zu bitten ſchien. Die Generalin, deren Beobachtung ſich um ſo zu⸗ lu ne ſammengefaßter an Alles kettete, je weniger Abwechs⸗ lung ihr gewährt werden konnte, ſagte auch ſogleich, nachdem ſich Regine in ihre Nähe geſetzt hatte: „Wie ſiehſt Du nur heute aus? Was haſt Du Ernſthaftes in Deinem Geſichte?“ „Thränen!“ antwortete Paul an ihrer Stelle, „Sie haben geweint—“ „Warum nicht gar,“ widerſprach Regine, die ſchon wieder die kaum verſiegte, heiße Fluth nach ihren Augen ſteigen fühlte;„aber dort im Nebenzimmer ſind die Fenſter geöffnet, ich will ſie ſchließen, um Zugluft von der Tante abzuhalten.“ Unter dieſem Vorwande verließ ſie das Zimmer, um in der Einſamkeit ihre Faſſung wieder zu gewinnen. Aber Paul ging ihr nach. Bei ſeinem Eintritte hatte ſich Regine dem nach dem Garten ſich öffnenden Fenſter zugewendet, als ob ſie aufmerkſam da unten etwas beobachten wolle; als er aber ganz nahe zu ihr trat und ſie ſeinem Blicke nicht mehr ausweichen konnte, bedeckte ſie ihr Geſicht mit bei⸗ den Händen und der unterbrochene, ſchluchzende Athem erſchütterte mit krampfhafter Heftigkeit ihre Bruſt. „So dürfen Sie ſich der Frau Generalin nicht zeigen,“ ſagte er entſchloſſen,„jede Gemüthsbewegung muß vermieden werden.“ 144 Paul trat in das Krankenzimmer zurück, und unter⸗ hielt die Generalin ſo lange, bis Regine erſchien, und ihre Pflichten als Pflegerin und Geſellſchafterin übernahm. Dieſe anſpruchloſe Geſelligkeit erſetzte den drei Be⸗ theiligten die Zerſtreuungen, in denen ſich die große Welt gefällt, und führte eine vertrauliche Zwangloſig⸗ keit herbei, die durch die wiederholt betonten verwandt⸗ ſchaftlichen Beziehungen ganz gerechtfertigt zu ſein ſchien. So wenig Paul an Geſprächen, die ſich auf Familien⸗ Hof⸗ oder Stadtereigniſſe bezogen, Gefallen fand, ſo ſuchte er doch, um dem Geſchmacke der Generalin zu genügen, durch Mittheilung dieſes und jenes ſchweben⸗ den Verhältniſſes, heimlich betriebener und doch errathe⸗ ner Pläne, ihr den Stoff zu liefern, mit dem ſie ſich angenehm beſchäftigen konnte. Sowie er jedoch mit Re⸗ ginen allein ſprach, war er ein Anderer. Der heitere Humor wurde verdrängt durch den gewichtigeren Ernſt, die oberflächliche Beſprechung alltäglicher Ereigniſſe wich tieferen Betrachtungen, die Wärme ſeines Gemü⸗ thes, die enthuſiaſtiſche Hingebung an ſeinen Beruf brachen nicht ſelten durch, und machten Reginen das Verſtändniß ſeines Strebens und Wirkens leichter, als das der theologiſchen Controverſen Adrian's. Mit Lebhaftigkeit folgte ſie ſeinen Anſichten, um an An gen übe tere geiſ gen dere Fre wäh oft den verf gin, ſie auf der. Aug hatt chur gefü ner ſtrei Kir ü⸗ uf an denſelben die ihrigen zu läutern und zu erweitern. An ſeiner Hand lernte ſie prüfend auch zu ſolchen Ge⸗ genſtänden herantreten, an denen ſie früher nur vor⸗ überzuſtreifen gewohnt war, weil ſie außerhalb des In⸗ tereſſes ihrer Umgebung lagen. Sie freute ſich ihrer geiſtigen Erwerbung, und machte von derſelben auch ge⸗ gen Adrian Gebrauch, ſo oft dieſer eine Frage berührte, deren Bedeutung ihr durch Paul klar geworden war. Freilich ging ſie dicht in ſeinen Spuren, und es ge⸗ währte ihr ein eigenthümliches Vergnügen, ſich ſeiner oft ſcharfen und immer präciſen Ausdrücke zu bedienen; dennoch wurde ſie oft von dem Eifer, ſeine Ideen zu verfechten, weiter hingeriſſen, als ſeine Beweisführung ging, und erlebte nicht ſelten eine totale Niederlage, die ſie jedoch im Geheim auf ihre eigene Unfähigkeit, nicht auf Paul's Irrthum wälzte. Eine ſolche Meinungsverſchiedenheit war auch heute der Anlaß zu jenen Thränen geweſen, die Paul in ihrem Auge endeckt und, ohne es zu wiſſen, mit veranlaßt hatte.— Da er jedoch begriff, daß eine gründliche Beſpre⸗ chung häuslicher Scenen nicht von ſeiner Seite herbei⸗ geführt werden könne, ſo befolgte er die Taktik beſonne⸗ ner Mütter, die ihren betrübten Liebling durch Zer⸗ ſtreuung von ſeiner üblen Stimmung zu erlöſen ſuchen. Kinder der Zeit. II. 10 146 Er ſchrieb ein Recept, mit welchem die Köchin in die Apotheke geſchickt wurde, ſendete das Stubenmädchen nach Eis, um das Trinkwaſſer friſch zu erhalten und nöthigte Regine durch die Bemerkung, daß hier zu viel Licht, dort zu viel Blumenduft, und daß die Limonade ſchal geworden ſei, zu einer Thätigkeit, deren wohl⸗ thuende Wirkung ſich auch in gehobener Lebendigkeit bald an ihr zeigte. Die Generalin, plötzlich von dem Appetite nach einer leichten Eierſpeiſe befallen, unterſtützte, ohne es zu wollen, ſeine Pläne vortrefflich, und Regine war nicht wenig überraſcht, als ſie aus der Speiſekammer zurück⸗ kehrend in die Küche trat, und da Paul beſchäftigt ſah, kniſterndes Reiſig in den Herd zn ſchieben, um, wie er mit Laune verſicherte, lieber ſelbſt eine Omelette bereiten zu wollen, als zu warten, bis das Dienſtperſonal zu⸗ rück und der Appetit der Generalin vergangen ſei. Der ſcherzhafte Streit, der aus dem Wetteifer, mit welchem beide ſich dem Geſchäfte unterziehen wollten, hervorging, endete damit, daß Regine eine weiße Küchenſchürze vor⸗ band, und ungeſäumt ans Werk ging. Paul ſtand in der Thüre, um den Rückzug ſtets offen zu haben, und ſah mit Behagen ihre geübten Hände die Schale der Eier an dem ſcharfen Rande des Topfes ſprengen und das Weiß derſelben zu Schaum ſchlagen. n in chen und viel nade ohl⸗ gkeit nach es zu nicht rück⸗ ſah, ie er reiten l zu⸗ Der lchem ging, evor⸗ nd in „und e der n und „So geſchickt hätte ich's freilich nicht machen kön⸗ nen,“ ſagte er mit Ueberzeugung, als ſie den leichten, flachen Kuchen beim Wenden gewandt in die Höhe warf und die noch nicht gebackene Seite auf dem Blech em⸗ pfing.„Das muß herrlich ſchmecken; nicht wahr, ich be⸗ komme auch einen?“ „Nach demſelben Recept?“ fragte Regine, das vom Feuer geröthete Geſicht nach ihm wendend,„eine magere Krankenſpeiſe?“ „Ich habe nichts dagegen, wenn Sie eine Unze mehr Butter in den Schaffen thun wollen; ich habe einen geſunden Magen;— ſoll ich einſtweilen noch ein Couvert ſtellen?“ Regine wich geſchickt einer ausſpringenden Kohle aus und ſchob ſie mit der Spitze des Fußes aus dem Bereich ihres Kleides: „Da, das iſt fertig, tragen Sie es der Tante hin⸗ ein,— unterdeſſen ſoll die zweite Portion gebacken werden.“ So abgefertigt, mußte Paul wohl als dienender Geiſt die Region der practiſchen Kochkunſt verlaſſen; als aber kurz darauf Regine ihm das beſtellte Gericht überbrachte, und in der Nebenſtube— da die Tante nach eingenommener Mahlzeit ihr Mittagsſchläfchen hielt— wie eine allerliebſte kleine Hausfrau für ihn 10* ———— 148 deckte und ſervirte,— da war ihm auf einmal aller Ap⸗ petit vergangen und eine innere Unruhe wogte in ihm, die durch die ſchwellende Schelmerei Reginen's, die ihr Gericht nun auch mit Ungeduld und Eifer verzehrt ſehen wollte, in faſt unerträglicher Weiſe geſteigert wurde. „Es iſt noch zu heiß,“ ſagte er ausweichend; aber Regine ſetzte ſich neben ihn und ſchnitt ihm vor. „Nun iſt's kalt,“ ermunterte ſie, als der Kuchen aufhörte zu dampfen. „Verſuchen Sie nur erſt,“ bat er,„ich bin nicht ſo ganz ſicher.“ Sie nahm lächelnd eine Schnitte mit dem Rande der feinen Lippen von der Spitze der Gabel. „Nun?“ Sie brauchte nicht länger zu nöthigen. Mit Haſt nahm er ihr die Gabel aus der Hand, und fand den erſten Biſſen vortrefflich. Regine ſchob mit dem Meſſer eine neue Portion, die Paul nicht abzulehnen wagte, auf die ſilbernen Zinken. „So, das war brav;“ ſagte ſie,„artige Kinder eſſen ſtets auf!“ „Nun, bin ich artig geweſen, ſo verdiene ich auch meinen Dank,“ ſagte Paul, ſeinen lebhaften Blick in ihr Auge ſenkend. te vo B 2 „— th wi ſei ne kle ſch ge we ſch loſ hal m, aſt den ion, nen ider auch in 149 „Noch eine Omelette?“ fragte Regine neckend. „Um Gottes Willen, keine Omelette mehr!“ pro⸗ teſtirte Paul, tief athmend;„aber die Verſicherung, daß Sie heute nicht wieder ſo troſtlos weinen wollen, wie vorhin—“ ſetzte er bittend hinzu. „Nein, gewiß nicht!“ antwortete ſie, indem ſie zur Beſtätigung ihres Verſprechens, ihm die Hand gab. „Das iſt ſchon lange Jahre vorbei—“ aber ſie ſtockte. Die Finger, die ihre kleine, bebende Hand umſchloſſen, theilten ihrer Stirne, ihrem Herzen eine fremde, geſtei⸗ gerte Temperatur und Empfindung mit. „Lange Jahre—“ wiederholte Paul,„ſo lange wurde Ihnen die Viertelſtunde?“ Die Antwort, die Regine dachte, gelangte nicht zu ſeinem Ohr, aber der feſſelloſe Blick ihres Auges ver⸗ neinte ſeine Auslegung. In der nächſten Minute trennten ſie ſich. Der Eindruck, den Regine aus dem Ende dieſer kleinen, vertraulichen Scene empfing, war ſtark und ſchlagend; er lehrte ſie, daß die Grenzen oberflächlicher geſelliger Bezichungen bereits ihre vollſte Ausdehnung, wenn nicht gar Ueberſchreitung gefunden hatten, und ſchreckten ſie durch die Vermuthung, daß ihr haltungs⸗ loſes Weſen wohl die erſte Veranlaſſung dazu gegeben haben könnte. Strenge gegen ſich ſelbſt, geſtand ſie ſich, 150 daß ſie täglich dieſelbe Stunde zu ihren Beſuchen bei der Generalin gewählt, und ſo das Zuſammentreffen mit Paul erleichtert, wenn nicht gar herbeigerufen habe. Sie überdachte, daß ſie in der letzten Zeit in Adrian's Geſellſchaft aufmerkſamer und geſprächiger geweſen war, wohl in dem heimlichen, unverſtandenen Gefühl, daß ſie ein Unrecht gegen ihn gut zu machen habe; ſie erinnerte ſich, zu ihrer Beſchämung, daß ſie ihn ſelbſt oft zu Be⸗ ſuchen bei Frau von Wartberg angeregt hatte, um Zeit zum Zuſammenſein mit Paul, oder Einſamkeit zu den Gedanken an den nächſten Tag und ſeine Geſellſchaft zu gewinnen. Wie ſtrafbar, wie tief geſunken, kam ſie ſich vor! Obſchon fie ſich frei ſprach von dem Vorwurf, auch nur durch einen unlauteren Gedanken ein Unrecht begangen zu haben, ſo blieb ihr dennoch das Bewußt⸗ ſein der unleugbaren Schuld, an einem anderen Manne, als dem ihr angetrauten, Unterhaltung und Theilnahme geſucht und gefunden zu haben. „Ich will— ich muß Adrian den Fehler geſte⸗ hen, den ich begangen habe, beſchloß ſie nach mancher peinlich durchdachten Stunde und der alten Regel ein⸗ gedenk, daß man keine Schwierigkeit machen müſſe, ſein Unrecht zu geſtehen, ſobald man es deutlich erkannt, ging ſie zögernden Schrittes nach ſeiner Stube, um N di ſa dit ſic ch ru la di we ni ni m 151 Nachſicht und Verzeihung zu erbitten. Aber ſie ſollte die Schwelle nicht überſchreiten; ſchon auf dem Vor⸗ ſaal hörte ſie ihn laut die nächſte Sonntagspre⸗ digt memoriren, und durch Erfahrung ſicher, daß jede Störung in dieſer Beſchäftigung eine ernſte Rüge nach ſich ziehen werde, wagte ſie nicht mit ihrem perſönli⸗ chen Anliegen und Kummer zwiſchen ſeine ernſte Be⸗ rufswirkſamkeit zu treten. Sie blieb aber ſtehen und lauſchte, vielleicht hörte ſie ein Wort, was ihr indirect die Verſicherung der milden Nachſicht, brachte;— ſie wartete und wartete, aber vergebens. Die Worte waren nicht ohne Schwung, aber ohne Wärme, ſie trafen ſcharf und ſchneidend, aber ſie heilten, ſie ermuthigten nicht. Bei einzelnen Stellen, die ſich beſonders durch rhetoriſche Schönheit auszeichneten, hielt er inne, wie⸗ derholte ſie mit verſchiedener Betonung, hob, ſenkte und ſteigerte die Stimme, wie das Tempo ſeiner Decla⸗ mation, um zu probiren, in welcher Weiſe der größt⸗ möglichſte Effect erreicht werden könne. „Er berechnet die Wirkung,“ dachte Regine, indem ſie ſich abgeſchreckt und umgeſtimmt wieder zurückzog, „möge der Erfolg ſeinen Wünſchen entſprechen, damit ich einen friedlichen Sonntag habe.“ „Kann das ächt ſein,“ fragte ſie ſich weiter grü⸗ 152 belnd,„was vor vielen Stunden künſtlich vorbereitet, als ein Werk genauer Berechnung, nicht als der Aus⸗ fluß und Ausdruck momentaner Begeiſterung über die Lippe tritt? Kann dieſes bedachte Reden und Ermah⸗ nen, dieſe künſtleriſche Geſtaltung des Gedankens und der Form ſo mächtig wirken, wie die im Angenblick des Aufſchwunges ſich offenbarenden Gedanken der mit „Jungen“ redenden Apoſtel?— Sie ſann und ſann und fand kein Ende und keine Entſcheidung. Ich will Paul fragen, dachte ſie endlich, in nun ſchon alter, lieber, gewohnter Weiſe;—— aber nein, ſie hatte ja ſich ſelbſt gelobt, ſeine Geſellſchaft und Unterhaltung ſo viel, wie möglich, zu vermeiden.“ Mehrere Tage vergingen, an welchen Paul ver⸗ gebens ſeine Krankenbeſuche über die Nothwendigkeit hinaus verlängerte, ohne ſeinen Zweck, Reginen's Ankunft abzuwarten, erreichen zu können. Eine unbe⸗ ſiegbare Befangenheit ließ ihn keine Frage hierüber an die Generalin richten. Einzelne Andeutungen, die dieſe über die Eigenheiten der Männer im Allgemeinen machte, die ſich aber ſonnenklar nur auf den unlenk⸗ ſamen Character Adrian's bezogen, beſtärkten Paul in der Vermuthung, daß Reginen's Abweſenheit einer Laune, oder ſelbſtfüchtigen Tyrannei des ſtrengen Ge⸗ mals zugeſchrieben werden müſſe, und ſein Mitleid — — — — c— S——, — — W— XW — S— 5 S —— — t 8 153 für die fügſame, junge Frau wuchs in dem Grade, in welchem ſeine Abneigung gegen deren Mann zur ſchroff⸗ ſten Mißachtung ſich ſteigerte. Mit einiger Ueberraſchung bemerkte er deshalb die gemeſſene, kühle Haltung, mit welcher ihn Regine bei einem Beſuche um die frühe Morgenſtunde empfing, zu welchem er nur deshalb die ungewöhnliche Zeit gewählt hatte, weil eine ſchwierige, chirurgiſche Opera⸗ tion und die Beobachtung der Folgen derſelben, einen großen Theil ſeiner Zeit für den gegenwärtigen Tag in Anſpruch nahm. Die warme Begrüßung, das ſchnelle Aufleuchten ſeines Blickes ſagten ihr, daß ſie vermißt und zurück⸗ gewünſcht worden ſei, erinnerten ſie aber auch zugleich, wie unberechtigt und unſtatthaft dieſe Kundgebung ſein mußte, und ſo antwortete ſie, obgleich die kurze Tren⸗ nung ihr nur um ſo ſchärfer den Wunſch nach einem befriedigenden Wiederſehen geweckt hatte, mit einer Kälte und Gleichgültigkeit auf ſeine herzlichen Worte, daß er ſich zum Schweigen, oder ähnlicher Gemeſſenheit ver⸗ urtheilt ſehen mußte. An die Uebung von freundlicher Nachſicht und Geduld gewöhnt, mochte er doch nicht die Hoffnung auf einen Umſchlag der Stimmung oder auf eine Er⸗ klärung aufgeben und zögerte abſichtlich mit ſeiner Ent⸗ 154 fernung immer glaubend, daß die nächſte Minute gut machen müſſe, was die Letzte ſchlimm gemacht hatte, daß das kommende Wort ihm das Gehen mit leichte⸗ rem Herzen geſtatten könne, als das kaum erkältend Vernommene. Aber alle ſeine Erwartungen ſchlugen fehl, und er ſah ſich genöthigt mit einem aus Zorn und Trauer gemiſchten Gefühle die Räume zu verlaſ⸗ ſen, die ihm bis jetzt eine Welt von Freuden und Ge⸗ nuß geboten hatten. „Nun habe ich Adrian nichts mehr zu geſtehen,“ ſagte ſich Regine in ſchmerzlicher Aufregung, als Paul mit gemeſſenem Gruß das Zimmer verlaſſen hatte; ich habe an mir ſelbſt die Buße vollzogen und mich ſo ſchimpflich entſtellt, daß das Fünkchen Theilnahme, das er mir wohl gewährt hat, unwiderbringlich er⸗ loſchen ſein muß.— Aber nein, ich that nur meine Pflicht.“ Wieder vergingen mehrere Tage, ohne daß ſie einander ſahen und die Entfernnng, die zwiſchen ſie getreten war, ſchien nicht nur eine Schranke— ſie ſchien die Grenze ihrer Bekanntſchaft zu werden, wie es Regine mit trauerndem Herzen gewollt hatte. Aber die Generalin hatte es anders beſchloſſen. Aeußerſt erſtaunt über die zerſtörte Geſelligkeit ihres Krankenzimmers ließ ſie ſich Anfangs von Reginen's ————— —„—„—— —*2 S* Grund, daß es ihr doch mehr Unterhaltung gewäh⸗ ren müſſe, von Jedem einzeln, als gleichzeitig von Beiden beſucht zu werden, beſchwichtigen; als ſie aber bemerkte, daß Paul täglich ernſter, wenn auch nicht minder theilnehmend ſich zeigte und in ſeiner Unterhal⸗ tung immer fühlbarer an die Stelle ſeines erquicklichen Humors reflectirende Betrachtungen, die ihr nie im Leben unterhaltend, oder amüſant vorgekommen waren, traten, ſuchte in ihrer Weiſe die frühere Einrichtung wieder herzuſtellen. „Der Abend brachte mir geſtern etwas Fieber, und ich fürchte faſt, der Befuch wird ſich heute wieder⸗ holen“— ſagte die Generalin ganz unwahr eines Morgens zu Paul, und empfing zu ihrer Beruhigung ſeine Zuſage, um dieſe Zeit ſich noch einmal perſön⸗ lich nach ihrem Befinden erkundigen zu wollen. Aber man malt nicht ungeſtraft den Teufel an die Wand; die Tante die ſich eine langentbehrte angenehme Dämmerſtunde mit Reginen und Paul verſprochen hatte, erlebte dafür einen Krampfanfall, der ihr die Luſt und Erlaubniß zu Mittheilungen und Unterhaltungen gänz⸗ lich entzog. Die Sorge um die Kranke, die nothwendigen Hilfsleiſtungen und Anordnungen hatten Paul und Re⸗ gine in gleichem Maße in Anſpruch genommen und 156 ihnen kein ungeſtörtes Ueberlegen über das Zuſammen⸗ treffen geſtattet. Als endlich der unruhige Halbſchlummer, der gewöhnlich den heftigeren Anfällen folgte, eintrat, ging Paul in das Nebenzimmer, um das ſchwere drü⸗ ckende Gefühl des Alleinſeins mit Reginen, die kein Wort noch für ihn gehabt hatte, zu vermeiden. Er ſetzte ſich ſo, daß er den Blick nach dem Krankenbette frei hatte, neben dem Regine, auf dem Fußkiſſen kniete. „Wie ganz anders iſt doch plötzlich Alles gewor⸗ den“ ſagte er ſich,„ſeit dem erſten Abend, der uns hier zuſammenführte!— „Dort an dem runden Paliſandertiſch machte ſie den Thee— auf dem Polſter der Couchette hing ihr leichter Shawl,— nach Jasmin duftend, wie ſie ſelbſt. „Jetzt weilt ſie einſam— wie ſie ſelbſt gewollt— neben dem Krankenbett; blaß, troſtlos, verzagend, und hat für jede Frage, für jedes bittende Wort nur eine abweichende, verneinende Antwort.— Ob ſie wohl ahnt, daß wir uns hier nur noch eine kurze Zeit hin⸗ durch begegnen werden?“ Auf dieſem Punkte angelangt, wurden ſeine Be⸗ trachtungen durch Reginen's Eintritt unterbrochen; ſie hielt Hut und Mantille und ſchien im Begriff das Zim⸗ ——, G„———-— 157 mer zu verlaſſen. Sie grüßte Paul ſtumm, der ebenſo dankte. „Iſt Niemand bei mir?“ tönte die matte, ängſt⸗ liche Stimme der Generalin herein. Paul war ſogleich an ihrer Seite. „Ich bin da,“ ſagte er mit jener Heiterkeit, die dadurch, daß man ſie als erkämpft empfindet, um ſo mächtiger ergreift,—„wenn Sie mit mir vorlieb neh— men wollen?“ „Und wo iſt Regine?“ fragte die Generalin wie⸗ der;„ich ſah ſie noch kaum.“ „Hier,“ antwortete dieſe leiſe; ſie fühlte, daß ſie jetzt nicht gehen konnte. Die nächſte Frage Paul's vernahm die Tante nicht mehr. Langſam verließen beide das Zimmer; Paul lehnte an dem Thürpfeiler, der beide Räume trennte, Regine ſaß halb mit dem Rücken nach ihm zu, in der Couchette. Er fah nur die reine Linie des tadel⸗ los gezeichneten Profils, die geſenkte Haltung des Na⸗ ckens und der Schultern, und die Hand, die bewegungs⸗ los in den Falten des Kleides ruhte, wie von der Schwere des maſſiven Trauringes herabgezogen. Zetzt erſt entdeckte er ihre ungewöhnlich bleiche Farbe und den Ausdruck troſtloſer Niedergeſchlagenheit in ihren Zügen; der prüfenden Sorgfalt ſeines Blickes mußte ihr durch fremden Willen gezwungenes Auge endlich begegnen. In dem Moment verließ Paul ſeinen Platz und kam langſam auf ſie zu. „Jetzt ſagen Sie mir, ob Sie erzürnt, krank, oder betrübt ſind?“ ſagte er halb lächelnd—„ich frage als Arzt, geſtützt auf bedenkliche Symptome.“ „Nichts von Allem, nur müde,“ antwortete Re⸗ gine, indem ſie aufzuſtehen verſuchte. „Ich will Ihr Vertrauen nicht erzwingen,“ ſagte Paul ohne alle Empfindlichkeit,— jedoch mit geſpann⸗ ter Beſorgniß die zitternde Bewegung ihrer Hand wahrnehmend;—„ſoll ich aber Irenen ſchreiben, daß ſie kommt und Ihnen die angreifende Krankenpflege abnimmt? ſie iſt kräftiger und wird weniger dabei leiden.“ „Jo, ſie iſt in jeder Hinſicht vortrefflicher und brauchbarer als ich,“ entgegnete Regine, nicht ohne Bitterkeit;„ich weiß es recht gut, aber die Tante iſt nicht an ſie gewohnt und würde deshalb meine unbedeu⸗ tende Geſellſchaft und Dienſtleiſtungen doch wohl vor⸗ ziehen.“ Paul ſah ſie überraſcht an; er hatte ſie noch nie in dieſer Weiſe ſprechen hören, und zum erſten Male über⸗ ſchlich ihn ein unbehagliches Gefühl in ihrer Nähe; eine ß e ei nd ne iſt U⸗ er⸗ ine 159 Art von ſchmerzlicher Neugierde hieß ihn jedoch weiter ſondiren. „Ja, vortrefflich iſt ſie,“ ſagte er mit einem mehr warmen, als kritiſchen Tone,„eines der wenigen feſten, goldenen und kindlichen Herzen, die das Leben noch als ein Gut und Glück erkennen und zu ſchätzen wiſſen, und Güte und Glück über das Leben ihrer Umgebung verbreiten.“ „Er liebt ſie!“ ſchrieen jetzt tauſend Stimmen der Eiferſucht und des Schmerzes in ihr.„Er will ſie hier als Krankenpflegerin unterbringen, damit er ſie täglich ſehen, ſprechen und ſich an ihr erfreuen könne!“ Ihre Aufregung war nicht mehr zu dämpfen; Be⸗ ſchämung, Schmerz und Enttäuſchung ſtürmten gleich⸗ zeitig auf ſie ein und führten ſie in das ihr eigene Stadium einer Leidenſchaftlichkeit, der ſie, wehrlos im Gefühle ihrer Schwäche, ſo leicht erlag. „Möge ſie den Muth behalten,“ ſagte ſie aufſte⸗ hend,„möge ſie ihn aus jeder Prüfung, oder lieber un⸗ geprüft, ſich für ihr ganzes Leben bewahren können.“ Sie wollte weiterſprechen, aber ihre Stimme brach; die gerungenen Hände vor die Stirne geſchlagen, ſank ſie zuſammen.— „„Regine!“ rief Paul, indem er ihre zitternde Hand faßte,„ſchonen Sie ſich!“ 160 Aber ſie hörte oder verſtand ihn nicht. Von tau⸗ ſend verheimlichten Schmerzen, von dem quälenden Zwang der letzten Zeit, von dem Wahne gefoltert, Paul liebe Frene, von Haß, Reue, Liebe und Furcht auf's Aeußerſte getrieben, verſagte ihr Wille und Kraft; ihre Nerven waren bis zum Brechen geſpanut, die Exaltation ihres Geiſtes erreichte jenen gefährlichen Schwung, in welchem die Zunge, wie gezwungen, die Gedankem offen⸗ bart, welche in ungeordneter Fülle in dem fiebernden Kopfe ſich erzengen: 1 nohnt m s89nl Ihr eheliches, freudelbſes Leben, die zuſtatthaften Gründe, die ſie zu diefer Verbindung getrieben, die Neigung, in der ſie für alle Zeit ihre Fähigkeit zut lieben erloſchen wähnte, die Momente des Zweifels, der Troſt⸗ loſigkeit, der Reſignätion, die ihr im Gefolge einer un⸗ gerecht entzogenen Liebe gekommen waren Alles ent⸗ hüllte ſie Paul, der vor dieſen tiefen Klagen, vor dieſen verheimlichten Wunden, vor dieſem verſtümmelten Leben „Helfen Sie mir,“ ſchloß ſie unter Thränen,„hel⸗ fen Sie mir, rathen Sie mir um Irenen's Willen, die Sie ja lieben und verdienen.“ 8 1 1 „Sie irret ſich!“ ſagte Paul bei dieſer Wendung faſt ſchroff.„Irene ſteht mir zu fern und zu näh, als N — N ℳ S— en ie en n⸗ nt⸗ en en ng als daß ich ſie je verlieren oder erwerben könnte. Nicht ihr gehört meine Liebe!“ Er hielt plötzlich inne, als habe er zu viel geſagt. Sie hatte den Kopf abgewendet, ſie war ſtill geworden. Alle ihre Gedanken umſchlangen tauſendfach ſein letztes Wort:„Nicht ihr gehört meine Liebe!“ Sie wollte nicht geſehen ſein von ihm— jetzt nicht, wo das ſtumme Beben der Lippe, die Lichtflammen des Auges zu ihm ſprechen konnten; ſie wollte ihm nicht antworten, ſie mißtraute dem Tone ihrer Stimme, der des Herzens heißen Schlag verrathen konnte. „Warum ſagten Sie nicht lieber: Seien Sie um meinetwillen mein Freund! Bedarf es denn durchaus einer Mittelsperſon zwiſchen uns?“ fragte Paul, der wohl fühlte, daß unter dieſem Namen er zugleich ihre und ſeine Befangenheit begraben konnte. „Wird ſie denn halten, die Freundſchaft, in die ich alle meine Hoffnungen retten möchte?“ fragte Regine zweifelnd. „So lange Ihr Vertrauen nicht ermüdet,“ ſagte er mit feſtem Blicke. Jetzt erſt, nachdem er den Standpunkt ſicher ge⸗ wonnen glaubte, von welchem aus er in wirkſame Be⸗ ziehungen zu ihr treten könne, jetzt erſt wendete er ſich Kinder der Zeit. II. 1 162 dem innerſten Kerne ihrer Mittheilungen zu. Und ſie hörte die Worte, denn ſie waren die ſeinen. Keine phraſenhafte Wendung, kein ſpitzfindiges Raiſonnement entſtellte ſeine Zuſprache, die in einfacher Form die Tiefe ſeiner zuſammengefaßten Gemüthskraft, die Strenge ſeiner Geſinnung offenbarte. Reginen war es, als begriffe ſie erſt heute die Macht und Herrlichkeit, die dem Worte beigegeben iſt, das nur darauf Anſpruch macht, rein aus dem Quell der inneren Natur zu fließen. Als er ſah, wie ſie ſtill und weich geworden war, änderte er nach und nach den Inhalt des Geſpräches, und führte ſie zu unbedeutenderer Plauderei zurück, in welcher er den Ernſt des Abends verklingen laſſen wollte. Als er endlich gegangen war, faltete Regine die Hände, und ſagte dankbar; „Ich kann heute mit rechtem Vertrauen zum lieben Gott beten; er hat mich erlöſt von vielen ſchlimmen Sorgen und von meiner hilfloſen Einſamkeit, Wie gnä⸗ dig er uns doch immer gibt, was wir am meiſten brauchen!“ Ein neuer, beglückender Verkehr entſpann ſich nun“ zwiſchen den beiden Menſchen, die in vertraulicher Mit⸗ theilung, in dem aufmerkſamſten Zuvorkommen ihrer ir en 3 8, en die en ten nä⸗ ten mn tit⸗ rer gegenſeitigen Wünſche und in den zarteſten Beſorgniſſen eine tiefe Befriedigung fanden und in dieſer Weiſe der Generalin die Spanne Zeit verſüßten, die ihr noch zu leben geſtattet war. Es waren helle Tage, die nun kamen und ſchwan⸗ den. Wie die Sommerſonne mit jedem Tage höher und höher ſteigt, ſo führte jedes Zufammenſein einen Schritt weiter aus dem alltäglichen Verkehr heraus in das freie Gebiet gehobener Stimmungen und Beziehungen. Mit immer müderen, immer ſchlafloſeren Augen ſah die Tante in Morgenröthe und Abenddämmerung hinein, immer ſichtbarer verlängerte ſich das runde Ge⸗ ſicht, immer fahlere Tinten ſtahlen ſich unter die faltige Haut, immer ſtützebedürftiger wurde der ſonſt ſo beweg⸗ liche Körper. Auch Regine traf endlich die Ahnung von dem wahren Zuſtande der Kranken, ſie konnte die Gefahr, die ihr bisher klein erſchienen war, nicht mehr leugnen. „Iſt die Tante ſehr krank?“ fragte ſie einmal Paul, als ein kurzer Schlummer derſelben, ihr die Gele⸗ genheit zu einer ungeſtörten Unterhaltung bot. Er nickte mit dem Kopfe. „Wird ſie ſterben?“ fragte ſie erſchrocken. „Ja!“ ſagte Paul. 164 „O, mein Gott, meine arme Tante!“ klagte tief erſchüttert Regine, und wollte hinein zu ihr. „Was wollen Sie thun?“ fragte Paul ernſt „Sie noch einmal lebendig ſehen, ſprechen— „Dazu bleibt Ihnen noch Zeit genug,“ trö⸗ ſtete Paul. „Sie ſind überraſcht? Hatten Sie keine Ahnung von dem Zuſtande der Kranken, der ſich unter Ihren Augen täglich verſchlimmerte?“ Regine weinte. „Ich glaubte nicht, daß ſo bald— „Wir müſſen. Alle weiter,“ ſagte mit ſeinem ruhigen Blick,„wir ſind ja Alle auf der Wanderſchaft. Iſt unſer Paß viſirt, ſo iſt des Bleibens nicht länger; wir ſind dann auch wohl nicht fort— nur dahin.“ ———— — 10. Kaum hatte Abrian durch Regine erfahren, wie ſchlecht es mit der Generalin ſtehe, als er ſeinen Ent⸗ ſchluß äußerte, ihr das Abendmahl ſobald als möglich zu reichen. Vergebens ſuchte ihn Regine von den nachtheiligen Wirkungen, die jede Aufregung für die Kranke mit ſich führen mußte, zu überzeugen; vergebens berief ſie ſich auf den Befehl Paul's, der durchaus Niemanden mehr den Zutritt zu derſelben geſtattete. Er entgegnete auf den erſten Einwurf, daß es beſſer ſei, die Seele würde gerettet, wenn auch der Leib erliegen müſſe, als jene ginge zu Grunde, um noch eine kurze Gnadenfriſt für das Fleiſch zu gewinnen, und verſicherte auf die zweite Bedenklichkeit, daß er als Seelſorger und Beichtvater ſich überall und allen Aerz⸗, 166 ten der Welt zum Trotze ſchon Zutritt verſchaffen wolle.— Mit dieſem bündig ausgeſprochenen Entſchluſſe verließ er Regine, um den gebräuchlichen Sterbegebeten noch einige kurze, zermalmende Ermahnungen eigener Compoſition zuzufügen. Als Regine Paul von dem Vorhaben ihres Man⸗ nes in Kenntniß ſetzte, erklärte dieſer mit Beſtimmtheit, daß daraus nichts werden könne, „Meine Fflicht als Arzt verbietet mir, die Erlaub⸗ niß zu einer Ceremonie zu geben, die ganz und gar nicht geeignet iſt, eine wohlthätige Wirkung auf meine Patientin hervor zu bringen. Geſunde Nerven und Na⸗ turen mögen die Erſchütterung dergleichen ergreifender Momente überſtehen, geſchwächte müſſen erliegen. Und überdies, hat die Frau Generalin nach dem Abendmahle verlangt?“ „Das nicht, aber Adrian glaubt,—“ bemerkte Regine— „Doch wohl, daß wir Lutheraner auch ſelig werden können, ohne jene Weihe empfangen zu haben, gemäß des Grundſatzes unſerer Kirche: Jedes einzelne Indi⸗ viduum iſt zur Selbſtvermittlung zwiſchen ſich und dem ewigen Geiſte befähigt und berufen?“ „Ja, ja, Sie haben Recht, Sie haben immer Recht,“ ſagte Regine überzeugt,„aber Adrian wird dieſen Gründen nicht weichen.“ „Das wollen wir ſehen!“ drohte Paul, der mit Vergnügen einer gerechtfertigten Entladung ſeines heim⸗ lichen Grolles entgegenſah. „Mein Gott, Sie werden doch keine unangenehme Scene herbeiführen wollen?“ ſagte Regine erſchrocken. Paul wurde verlegen. „Freilich, wenn Sie ihm Alles gelaſſen vorſtellen und ihn bitten wollten—“ „Würden Sie ſich durch Bitten von einem Ent⸗ ſchluſſe abbringen laſſen, den Sie nach beſter Ueberzeu⸗ gung gefaßt hätten?“ fragte ſie. Jetzt war die Reihe zu ſchweigen an Paul. „Die kirchliche Rettungsmannſchaft,“ ſagte er nach einer Pauſe gereizt,„mag ihre Thätigkeit an brennen⸗ den Häuſern, die der Feuer⸗ und Waſſergewalt noch trotzen können, verſuchen, aber nicht an ſolchen, die un⸗ ter der erſten Douche zuſammenſtürzen müſſen. Laſſen wir die Frau Generalin ſelbſt entſcheiden, ob ſie Adrian— Adrian, nicht den Hofprediger— empfan⸗ gen, und mit ihm beten will.“ Wie es aber oft geht, daß der Gegenſtand hefti⸗ gen Streites ſich in ungeahnter Weiſe der endlich ge⸗ troffenen Beſtimmung entzieht, ſo ſollte auch jetzt das 168 ganze Gebäude ſorglicher Pläne und Entſchlüſſe zu⸗ ſammenſtürzen. Kaum hatte die Generalin ſich aus einem fieber⸗ haften Schlummer ermuntert, als ſie eine bedeutende äußerte, und aufzuſtehen begehrte. Paul ſuchte ſie von dieſem Vorhaben abzuhalten und hieß Regine bei ihr bleiben. In dem Augenblicke in welchem er dem Dienſtmädchen Befehl gab, reizende Mittel der Kranken aufzulegen, hörte er Reginen's erſchrockenen, ängſtlichen Hilferuf, und als er eiligſt eintrat, ſah er, wie ſie die Tante entſetzt betrachtete. Er beugte ſich über ſie und fand die eine Seite des Geſichtes blau und kalt, das Auge tief eingeſunken und das Bewußtſein geſchwunden. Aber noch lebte ſie, und jener ernſte Kampf menſch⸗ licher Wiſſenſchaft und Kühnheit gegen die zerſetzenden Krfte der Natur begann. Den ſtarken Mitteln, die im furchtbaren va banque den Lebensgeiſtern geboten wurden, gelang es, momentan ein ſprühendes Aufflackern hervorzubringen, das ſich in gewaltſamen Bewegungen, unzuſammenhän⸗ genden Worten und jenem geſteigerten Herzſchlag äußerte, den die Unerfahrenen ſo leicht als Symptome des wie⸗ derkehrenden Lebens begrüßen. Regine ſaß an dem Lager der Sterbenden und hielt die feuchte Hand, die nur Gaben der Liebe für ſie ———— de de un bri Pu des Sti ſein Nat gell die könt —— 169 gehabt hatte, in der ihrigen. Mit ihrem Taſchentuche trocknete ſie die immer wieder hervorbrechenden Tropfen auf der bläulichen Stirne, und bedeckte mit angſtvoller Sorgfalt die Schultern, die im Froſte bebten. Als ſie eine neue, ſtärkere Doſis bekommen hatte, kehrte momentan das Bewußtſein zurück. „Iſt's noch nicht bald Morgen?“ fragte ſie mit dem eigenen, rvollenden Tone, aus dem das Biegſame der menſchlichen Stimme genommen iſt. „Bald,“ ſagte Regine weinend. Wieder war Alles ſtille, nur die Uhr ſchien lauter und ſchneller zu picken, um den erſehnten Morgen zu bringen. Mit prüfendem Ernſte befragte Paul's Hand den Puls der Sterbenden, aber ſein Mund hatte kein Wort des ermunternden Troſtes für Regine. Sie fragte auch nicht; ſie ſah an ſeiner ehernen Stirne, an ſeinem befehlenden Blicke, daß er mit allen ſeinen Kräften rang, um das ernſteſte Wort, was die Natur ſpricht, das Wort— todt— nicht in ihr Ohr gellen zu laſſen. „Laſſen Sie mich allein bei ihr,“ ſagte er endlich, die Erfolgloſigkeit ſeiner Bemühungen bekennend,„Sie können nichts mehr helfen.“ Aber Regine ſchüttelte den Kopf. 170 „Iſt's Morgen?“ fragte die Generalin wieder— dann folgten unzuſammenhängende Worte, tiefe, harte Seufzer. „Laßt mich gehen, die Morgenröthe bricht an,“ verlangte der Funke in dem entſtellten und erſtarrenden Leibe,— und als die Morgenröthe anbrach, als der erſte Strahl auf den braunen Simſen der politirten Schränke zuckte, da ſtockte der Athem der Tante, ihre Glieder ſtreckten ſich zu ungewohnter Länge, es war als ſchöbe ſich plötzlich eine ſcharfkantige Eiſenmaske unter die fahle Haut, der Puls rollte noch einmal, dann ſtand er ſtille; die Augen ſchlugen ſich noch einmal auf, dann ver⸗ lor der Sehnerv ſeine Kraft, und wie mattes, trübes Glas lag der Stern des Auges in der dunklen Incar⸗ nation. Paul löſte ſeine Finger von dem ſteif werdenden Gelenke, und ſein Blick ſagte Reginen, daß Alles vor⸗ über ſei. vo un we ſar ger 11. „Sie müſſen helfen, Durchlaucht,“ rief Irene ſchon von Weitem, als ſie auf die Terraſſe trat, auf welcher der Prinz in der Geſellſchaft des Paſtor's, Gregor's und Joachim's ſich befand. „Wem?“ fragte der Prinz „Dem Manne, der heute Morgen auf dem Schloß war,— nachdem er ein Jahr im Zuchthaus geweſen iſt“ — entgegnete Irene. „Ein ſtufenweiſes Höherrücken,“ ſagte der Prinz ſarkaſtiſch lächelnd,„von hier wird er zur Kirche gegan⸗ gen ſein. War es nicht ſo, Paſtor?“ „Durchlaucht,“ bat Irene halb ungeduldig, in⸗ dem ſie den Prinzen am Aermel zupfte.— „Zu Befehl, meine Gnädige,“ antwortete die⸗ ſer mit zuvorkommender Galanterie. 172 „Alſo der Whrtß—— begann ſie wieder fragend. „Er, der Wilddieb, der Zuchthäusler!“ ſagte der Prinz, wie zur Abwehr alle zehn Finger ausbrei⸗ tend—„nun, was wollte er bei Ihnen? Betteln, Stehlen?“ „Einen Rath, um ſich und ſeine Familie zu erhalten.“ „Ah, ich merke den Ausgang,“ ſagte Gregor; „Sie wollen einſammeln, für den Rathloſen?“ „Das iſt vor der Hand nicht nöthig,“ ſagte der Paſtor, der kein Freund vom Geben war;—„ich habe mit dem Schultheiß geſprochen, und dieſer hat mir die Verſicherung gegeben, daß der Verkauf der Vollbrecht'⸗ ſchen Grundſtücke die Ueberfahrtskoſten der ganzen Fa⸗ milie nach Amerika zu decken vermöge. Er ſcheint zwar bis jetzt noch keine Luſt zu der Ueberſiedelung zu haben, wenn ihm aber kein anderer Weg eröffnet wird, ſo wird er ſich dem allgemeinen Wunſche bequemen, zumal wenn ihm eindringlich vorgeſtellt wird, daß er da drü⸗ ben ungeſtraft ſchießen darf, wo und was er will.“ „Mit der Zeit wird ſich wohl ein paſſender Platz für ihn finden,“ meinte der Prinz,„und bis dahin kön⸗ nen wir ihm einige Unterſtützung zufließen laſſen.“ ihr der hei lec: aut vor abe jetzt mitt ertr fen, desh Kirc die Dur entla er e ie a⸗ ar n, d al üi⸗ tz 173 „Eine Collecte!“ wiederholte Gregor lächelnd. Irene ſah einen nach dem andern an, und auf ihrem Geſichte ſteigerte ſich der Ausdruck von Verwun⸗ derung, Beſtürzung, ſtummen Tadels bis zu dem ſie heiß überwallenden, ungeſtümen Widerſpruch. „Nein, keine Collecte,“ ſagte ſie,„nicht zur Col⸗ lecte, deren Ertrag den Termin der Hülfloſigkeit hin⸗ ausſchieben, nicht abwenden kann. Kein Almofen, Herr von Barthelmy, habe ich von Ihnen verlangt, keine Hand voll Geld, die einen Monat das Leben friſten, aber keine Bürgſchaft für künftigen Erwerb leiſten kann.“ „Transportation nach Amerika!“ wendete ſie ſich jetzt an den Paſtor.„Wie ſoll eine Familie ohne Hülfs⸗ mittel, ohne Kenntniſſe und Bildung ſich dort eine erträgliche Exiſtenz bereiten können?“ „Die Gemeinde will ſich die Laft vom Halſe ſchaf⸗ fen, will nicht ſo viele Arme zu unterſtützen haben; deshalb treibt man ſie ſorglos in's Exil.“ „Wenn nur der übelberüchtigte Name aus dem Kirchenbuche geſtrichen wird,— gleichviel, ob dann die ganze Familie auf der Erde ausgelöſcht wird.— Durchlaucht wollten auch helfen, aber wer wird dem entlaſſenen Sträfling noch einen Platz gewähren?“ Sie kehrte ſich von allen Dreien ab und ging mit 174 einem ganz unſagbarem Blick voll kindlichen Vertrauens zu Jvachim, der durch eine runde Oeffnung der Ne⸗ benwand über die abfallende Lehne des Parkes hinweg nach den Drachenteichen blickte, deren Spiegel ihn auf Betrachtungen über den Druck der Atmoſphäre auf das Waſſer geführt hatte. „So viel haben wir nicht zu geben,“ ſagte ſie mit warmem Gefühl,„wir können nicht über namhafte Summen verfügen, können keine Recommandation, keine Wegweiſer zu einem neuen Eldorado geben,— wir haben nur ein Almoſen, das— Arbeit zu geben, und die Hand muß zugleich kräftig und anſpruchlos ſein, die es ſich nicht entgleiten läßt-“— „Die Induſtrie ſteht in Geiſenberg in höchſter ihre Kenntniſſe die Blüte, ſeit Fräulein Irene durch bemerkte Erfahrung der Gewerbetreibenden unterſtützt, der Paſtor nicht ohne einige Bosheit. „Der Färber ſoll ſeine dauerhaften Farben ihrem Rathe verdanken und die Schwefelholzfabrikanten die zweckmäßigſte Benutzung des Phosphor von ihr erlernt haben.“ „Und Vollbrecht,“ ſagte Irene, von einem plötz⸗ lichen Gedanken ergriffen,„ſoll einen Handel mit Arz⸗ neikräutern anfangen, zu deren Kenntniß ich ihm und ſeinen Kindern gerne verhelfen will.“ ſo wW me we de de 8 e⸗ eg uf s ſie afte ine wir und ein, ſter die erkte hrem tdie lernt plötz⸗ Arz⸗ tund Joachim nickte.„Es gilt den Verſuch, geht es nicht, ſo muß man ein anderes Mittel ſuchen.“— „Was für ein Mädchen,“— flüſterte der Prinz wohlgefällig Gregor zu,„in ihr offenbart ſich die im Styl des laufenden Jahrhunderts„vollendete Erzie⸗ hung“ der Damen nicht;— Gedankenloſigkeit in Wort und That tritt nie hervor.“ „Ja,“ ſagte Gregor, laut genug, daß es Irene hören konnte,„die jungen Mädchen, die ich bis jetzt kennen lernte, gaben mit dem Herzen, Fräulein Joa⸗ chim aber gibt mit dem Kopfe.“ Sie wendete langſam das Geſicht zu ihm hin, aber er ſah hinab nach Geiſenberg, denſelben Weg, den ſie eine Stunde ſpäter, den Pfeil feiner tadelnden Worte im Herzen, niedergeſchlagen wanderte. Gregor blieb allein zurück. Der Prinz hatte aus den Bewegungen der Spinnen Regen prophezeit und ſich ſorgſam bei Zeiten zurückgezogen; Joachim war zu ſeinen Inſtrumenten und Pergamentbänden heimgekehrt, der Paſtor war durch Martha, die ein Recept zu einem magenſtärkenden Liqueur für ihn abzuſchreiben bemüht war, aber ſchwer damit zu Stande kam, in der nie⸗ deren Wirthſchaftsregion gefeſſelt,— und ſo blieben dem jungen Diplomaten nur ſeine eigenen Gedanken 176 zur Geſellſchaft. Doch auch dieſer war er bald herzlich müde, und zur rechten Zeit, wie es ſchien, erinnerte er ſich eines Briefes ſeiner Mutter, der noch unerbro⸗ chen auf ſeinem Zimmer lag. Er hatte denſelben kurz vor dem Diner erhalten; da er aber, ſeinem Grundſatze gemäß, in des Faſtens letzter Stunde jede Aufregung floh, ſo hatte er auch heute auf das Vergnügen verzichtet, die Blüte der mütterlichen Gedanken und Gefühle zu pflücken.— „Enthält er angenehme, oder gleichgültige Nach⸗ richten, ſo erfahre ich ſie immer noch zeitig genug,“ pflegte er ſich zu ſagen,„bringt er mir üble Botſchaft, ſo habe ich mir wenigſtens den Appetit nicht verdor⸗ ben und bin im Stande mit Behaglichkeit, die immer das Reſultat mäßig genoſſener Tafelfreuden iſt, die Tragweite der Widerwärtigkeiten zu überſchlagen.“ Sie ſchrieb: „So ſehr mich auch an Dir die Ruhe und Unan⸗ taſtbarkeit enchantirt, die, immer einen freieren und höheren Standpunkt bezeichnend, den Menſchen geſchickt macht, Einfluß auf bewegliche Charactere und un⸗ klare Verhältniſſe zu gewinnen, ſo ernſtlich muß ich Dich doch vor jenem müſſigen Sichtreibenlaſſen warnen, welches hin und her ſchaukelt, ohne vorwärts zu brin⸗ 6 gen. Daß eine zu eifrige Betriebſamkeit von Deiner rte Seite mehr ſchaden, als nützen muß, gebe ich gerne zu, dennoch wünſchte ich, daß der Anſtrich von Non⸗ chalance, der Deinen Briefen anhaftet, ſich nicht auch in Deine dienſtlichen Meldungen einſchleichen möge. Ich na hatte Gelegenheit, hohe Perſonen über Deine Sendung i ſprechen zu hören, und die ſchwere Bedeutung, die ſie derſelben beilegen, möchte im Falle des Mißlingens, um ſo epinöſere Folgen für Pich nach ſich ziehem, je leichter Du jetzt über die Schwierigkeiten wegzugehen ch⸗ ſcheinſt.— 86 „„Es kann nicht fehlen, baß Du den Plinzen ge⸗ 1 ft, wiunſt; das letzte Ziel, welches ich bei Beiner Erzie⸗ or⸗ hung ſtreng im Auge behielt— war das: Dich geſchickt er zu machen, in der Einſeitigkeit, Träßheit und Selbſt⸗ die ſucht Anderer nur die Stüfen zu finden, Dir ſelbſt den 4 Platz zu ihren Häupten zu erringen. Deine Menſchen⸗ 6 kenntniß, die kalte Gefaßtheit, mit welcher Du ihrem Thun und Treiben zuſiehſt, Deine Sicherheit in den 1 . Formen geben Dir ein vortreffliches Rüſtzeug zu dem ickt Unternehmen: die Hohlheit der Menſchen und Zuſtände tu als Piedeſtal zu benutzen, um jene angefochtene, aber 1 ich anerkannte Stellung einzunehmen, von welcher die 13 en, Welt durchaus nicht weiß, wie man dazu gekommen 1 t iſt, und die doch jeder reſpectirt. 3 Kinder der Zeit. II. 12 1 178 „Ich brauche Dich nicht zu erinnern, daß Du vor jedem Urtheil, jeder Handlung, jedem Wort, welches den Verdacht der Parteinahme erwecken könnte, Dich hüten mußt; es würde nicht nur Mißtrauen erregen, weil es im voraus getroffene, abgemachte Entſchlüſſe vorausſetzen ließe, ſondern auch Dir Gegner erwecken, die Du ſo wenig, als Vertraute, beſitzen darfſt. Un⸗ ſere Zeit, unſere moderne Bildung entſchuldigt einen ambulanten Standpunct nicht nur, ſie bevorzugt den⸗ ſelben ſogar, wenn nicht durch offenkundigen Beifall, ſo doch durch indirecte Aufmunterung, und lehrt ſpie⸗ lend die höchſte Fertigkeit: alle Parteien nach Lage der Dinge vertreten zu können, ohne mit Herz und Seele Einer derſelben anzugehören. Aber ich vergeſſe, daß Du unſere Welt, unſere Sphäre verlaſſen haſt, daß Du alle die uns handlichen Waffen Joachim gegenüber nicht benutzen kannſt, daß Du die Tournüre der beſten Geſellſchaft ablegen, oder doch mit dem Gewande ſchlichter Unerfahrenheit überkleiden mußt, um das Ohr und Urtheil Ioachim's zu gewinnen.— Unbe⸗ ſtechlich iſt Niemand,— nicht oft genug kann ich Dir diefe bewährte Lehre wiederholen;— es kömmt nur darauf an, für jeden die entſprechende Lockbeere zu jin⸗ den. So verſuche denn ſein Herz mit irgend einer An⸗ tiquität, ſprich ihm von einem Abdruck der Wandſkulp⸗ S— c——— 2 c— fi es ich en, iſſe en, In⸗ ten en⸗ all, ie⸗ der eele Du Du ber ſten nde das be⸗ Dir nur fin⸗ An⸗ ulp⸗ turen einer Pyramide, oder der Keilbuchſtaben aus Ninive;— ſpiegle ihm das Lockende der Ausſicht vor, von der Regierung vielleicht mit einer Expedition an den Orinoko betraut zu werden, und ſieh, ob ſeine ſta⸗ bile Ueberzeugung noch Stich hält. Gib Dir aber in dieſen Winken, in dieſen Andeutungen und Verſpre⸗ chungen keine Blöße, feſſele ihn durch ein Hoffen, aber Dich nicht durch ein Zuſagen. „Vielleicht iſt es Dir möglich durch die Tochter auf den Vater zu wirken, die nach Allem, was Du ſchreibſt, eine bedeutende Rolle in dem wunderlichen Hofzirkel des Prinzen zu ſpielen ſcheint. Wüßte ich Deine Phantaſie nicht zu ermüdet, Deine Erfahrungen nicht ſo wirkſam, ich könnte— nach der Art, in wel⸗ cher Du über dieſe junge Perſon Dich ausſprichſt— fürchten, in meiner Familie einen Roman à la Paul und Virginie zu erleben. Nach den erfreulichen Er⸗ fahrungen, die ich an Dir gemacht habe, überlaſſe ich Dich jedoch ohne die mindeſte Befürchtung, der Gefahr und dem Reize einer idylliſchen Liaiſon; weiß ich doch, daß Du in der entſcheidenden Stunde nicht klagen wirſt: „Die ich rief, die Geiſter, werd' ich nun nicht los!“ Nur andentungsweiſe möchte ich Dir zu bedenken geben, daß Beziehungen, die bei überreizter Stimmung Dir eine Mignon, Louiſe Miller, oder Charlotte Stieglitz 12* 180 liefern könnten, ohne Genuß für Dich ſein würden; Du wirſt deshalb den Grad der Denk⸗ und Willens⸗ kraft der jungen Perſon genau prüfen, und danach Dein Verhalten einrichten müſſen. „Ueber Deine Abweſenheit ſchwebt noch tiefes Dunkel. Bei der gänzlichen Abgeſchiedenheit, in wel⸗ cher der Prinz lebt und durch die getroffenen Maßre⸗ geln, wird es Dir nicht ſchwer werden, Dein Incog⸗ nito beizubehalten, was um ſo wünſchenswerther iſt, jemehr die Enthüllung Deines Namens Joachim Dir entfremden und Deine Miſſion verdächtigen könnte. „Zugleich würden durch tauſend unſichtbare, kleine Kanäle Nachrichten von Deiner Anweſenheit und Deinem Wirken auf der Geiſenburg in B. einlaufen und Dir einen Schwarm Intriguen auf die Ferſen he⸗ tzen; Du kennſt ja die Zähigkeit und Gewandtheit der Partei, die eine etwaige Ausſöhnung der fürſtlichen Brüder fürchten muß, und weißt, daß ſie Jedem ſchwe⸗ res Spiel bereiten würde, der gegen ihr Intereſſe zu handeln oder ſprechen wagte. Daß der Prinz ſo gewiſ⸗ ſenhaft das Geheimniß bewahrt hat, betonſt Du mei⸗ ner Meinung nach zu ſehr. Dem Schluße, daß er Joa⸗ chim nicht ganz traue und keinen unbedingten Einfluß geſtatte, kann ich nicht beipflichten, indem ich nur allein ——„——— ———9 Sc——-— O—————„——— —— es re⸗ g⸗ iſt, ir re, ind fen he⸗ der hen we⸗ zu viſ⸗ nei⸗ va⸗ luß lein das kleinliche, kindiſche Beſtreben, nach allen Seiten hin Geheimniſſe zu haben, als letzte Urſache erkenne und die Möglichkeit ſogar zugebe, daß er hinter Dei⸗ nem Rücken in B. nach Deinen Privatverhältniſſen ſpioniren läßt. Sei in jedem Falle auf Deiner Hut.“ „Nein, Mama,“ ſagte Gregor träge lächelnd, indem er den Briefzuſammenfaltete,„ich will mir weder eine Mignon, noch eine Louiſe Miller, noch eine Char⸗ lotte Stieglitz in Irenen erziehen; die Eine beißt, die Andere beſchämt und die Dritte alterirt ihren Gelieb⸗ ten; alles das iſt nichts für meine nervöſe Conſtitu⸗ tion. Zum Glück hat ſie keine Ader von den drei Da⸗ men; weder die frühreife, unnatürliche Leidenſchaftlich⸗ keit der kleinen Seiltänzerin, noch die krankhafte Sen⸗ timentalität der Geigerstochter, noch die indiſchen Auf⸗ opferungsgelüſte der Berlinerin. Fürchte ich doch ſogar manchmal, daß ſie ſich nicht ohne heftigen Widerſtand in den abgeſteckten Circus einer gehaltenen Neigung begeben werde, deſſen Breite- und Längegrade meine Frau Mama ſo vorſorglich abmißt. Zum Glück ſteht ſie mit unter dem Geſetze der allgemeinen Attraction— und wird alſo halb unfreiwillig in dem Stücke mitſpielen müſſen, was ich bei andern Decorationen, mit anders beſetzten Rollen ſchon ſo manchmal in Scene geſetzt habe.“ —— 182 Er dachte zurück an alle die flüchtigen Verbin⸗ dungen, die ſein Verkehr mit Frauen herbei geführt hatte und ließ ſie die Revue paſſiren, die ſchönen Frauen und Mädchen, bei denen ſeine Wünſche, ſeine Phantaſie eine Zeit lang Halt gemacht hatten, um ſich befriedigt, oder ermüdet, nach einem neuen Gegenſtand zu wenden, bis er zurück bis zu einer der Letzten, oder Erſten kam. Ein nachdenkliches Lächeln glitt über ſeine Züge, als dieſes Bild vor ihm auftauchte und ihn an Ent⸗ ſchlüſſe und Pläne mahnte, die nun ſchon⸗ längſt in Trümmern lagen. Die Eine hatte er lieb gehabt, er konnte ſichs nicht läugnen, denn er war für ſeine Liebe in kurzen, übereilten Kampf getreten, gegen den Wil⸗ len ſeiner Mutter gegen die Stimme der Welt, gegen den Ausſpruch der eigenen Vernunft!— Bald hatte er aber erkannt, was aus einer ſol⸗ chen übereilten Verbindung ihm erwachſen ſein würde: eine beſchränkte, abhängige Eriſtenz, ein nüchternes Fa⸗ milienleben und das drückeude Gefühl, den Verpflich⸗ tungen ſeines Standes nicht nachkommen zu können. Höher als alles Andere lernte er ſeine Freiheit und ſein Wohl bald wieder ſchätzen, das Leben, die eigene 183 Wankelmüthigkeit lehrten ihn ſchnell vergeſſen. Sein Ange ſuchte ein anderes lockendes Auge, ſeine Hand eine andexe weiße Hand, und immer dreiſter feilte er, der leichten ſophiſtiſchen Moral der Zeit folgend, an den Ketten, die Sitte und Geſetz ziehen. 12. Rrenen's Gemüth beſaß nicht jene widerſtandloſe, nach Gleichgewicht ſtrebende Geſchmeidigkeit, es glich mehr dem ungeſtüm hervorbrechenden Berggewäſſer, das an dem Granitblocke, welchen man in das ſelbſtgebro⸗ chene Bett wirft, unwillig emporſchäumt, ſich an dem Widerſtande kräftigt und ſtärkt, und in offenen Kampf, ſelbſt mit dem Uebermächtigen, tritt. Sie hatte Gregor nicht wieder geſehen und lebte ſtrenge in der gewohnten Weiſe fort. Bis um die ſpäteſte Stunde arbeitete ſie und ſuchte angeſtrengt das nachzu⸗ holen, was ſie in der letzten Zeit durch Saumſeligkeit, Zerſtreutheit und willkürliche, zuſammenhangloſe Be⸗ ſchäftigung verſäumt hatte. Auch heute ſaß ſie vor dem Herbarium, in welchem Joachim nach einer ausländiſchen Pflanze ſuchte. 185 „Ein wanderndes Geſchlecht, wie wir,“ ſagte Irene gedankenvoll, den Blick auf die dunkeln, fahlfarbigen Schattirungen der formloſen Pflanzenleichen gerichtet, „unſere alten Vorläufer von Oſt nach Weſt. Wie ſchnell wir auch ſind, wie wir auch Dampf⸗ und Pferdekraft benützen,— ſie kommen doch immer früher an die Sta⸗ tion. Sie gehen mit dem Winde, ſie legen ſich in das wollige Haar der Biene, ſie reiſen viele, viele Tage lang über der Erde, bis ſie müde und am Ziele ſind, und in den runden Tropfen der Wolke ſich herabſenken in ihren nenen Wirkungskreis, um ihr altes, wichtiges Geſchäft zu beginnen. Aber die Aſche muß ein paar Jahre Quarantaine halten im Herbarium,— wie die Mumien der ägyptiſchen Könige im doriſch gegliederten Sarcophag; eine Hand voll künſtlich zuſammengehalte⸗ nen Staubes iſt Alles, was von der ſchönen Paſſiflora — wie von der ſchönen ägyptiſchen Königin Nitokris— übrig blieb.“ Sie ſchwieg eine Zeit lang; dann ſah ſie plötzlich Joachim einen Augenblick zweifelhaft an, aber ſchon war ſie an ſeiner Seite, ſchon warf ſie ihm beide Arme um den Hals. „Und nicht wahr, die Welt iſt kein ſtarrer, grauer Mechanismus, deſſen Geſetzen wir uns willenlos unter⸗ werfen müſſen? Die Zufriedenheit keine ſelbſterfundene 186 Lüge, mit der wir uns ein narkotiſches Wiegenlied ſin⸗ gen? das Streben des Geiſtes iſt keine Thorheit, das Herz iſt kein Muskel, welcher von der Einwirkung des Blutes, der Nerven und anderer körperlicher Einflüſſe bewegt und beſtimmt wird?“ „Nun?“ fragte Joachim lächelnd, der gerne die Antwort aus derſelben Quelle nahm, aus welcher die Frage gefloſſen war. „Nein, nein, ich weiß es anders, beſſer, und Du auch,“ ſagte ſie ſtockend,„aber Du kannſt nicht denken, wie troſtlos wehe mir wird und wie arm ich mich fühle, wenn Einer zu mir ſpricht, daß er in dieſer Weiſe die Welt in ſich und ſich in der Welt auffaßt.“ „Wie heiß Du biſt!“ ſagte Joachim beſorgt, mehr an ihre ungewöhnliche Aufregung, als an ihre Worte denkend.„Ich glaube, Martha hat Recht, das viele Sitzen taugt nicht für Dich. Willſt Du nicht hinaus in's Freie?“ Sie ſchüttelte ſchweigend den Kopf und kehrte zu ihrem Platze zurück, ergriff ihre Bücher, ſchrieb dann und wann einige Worte, und ſchien ſich von Neuem in ihre Studien zu verſenken. „Ja, ja, es lebt,“ ſagte Joachim, der ein kleines, lebendes Gewächs unter dem Mikroſkope hatte, und den kreiſenden Saft in demſelben beobachtete. n⸗ as es ſſe ie du n, le, ie hr vte ele us zu nn in 187 Wieder ſtand ſie auf und ging mit unruhigen Schritten zwiſchen den Metalldrähten, Glasröhren und Inſtrumenten auf und ab. Joachim kannte ihr leicht zu erregendes Ungeſtüm; er nannte es das ſchöne Vorrecht der Jugend, und dämmte nicht zu ängſtlich ab, was in dem ruhigeren Fluß der reiferen Jahre von ſelbſt ſich zügeln mußte. Er fragte ſelten nach den kleinen Stacheln, an welchen ſich ihre Reizbarkeit aufbäumte, und hielt jetzt für die Wirkung der Uebexmüdung, was in der That mehr die Folge widerſprechender und unverſöhnlicher Ein⸗ drücke war. „So ungeduldig war weder Deine Mutter, noch Regine,“ ſagte er mit leiſem Tadel,„darin gleichſt Du mehr Paul.“ „Ich will aber keinem Manne gleichen,“ ſagte ſie troſtlos,„ich bin ein Mädchen und höre es im Grunde gar nicht gerne, wenn alle Welt annimmt, ich müßte auf eigenen, geſtiefelten Füßen tapfer in das Leben hin⸗ einſpringen.“ „Möchteſt Du Dich denn im Leben weiterſchieben laſſen, ſtatt ſelbſt zu gehen?“ „Ich möchte mich auf den Händen hineintragen laſſen,“ ſagte ſie, mit plötzlich heiterem, treuherzigem Geſichte,„das muß wunderſchön ſein!“ ———— 188 „Nicht lange für Dich,“ ſagte Joachim, ſie be⸗ trachtend,„vielleicht möchteſt Du bald wieder Deinen eigenen Weg gehen. Du ſprängeſt herab, bevor Du müde geworden wäreſt, oder ermüdet hätteſt.“ „Du haſt wieder Recht,“ geſtand Irene,„nun will ich Dich gewiß nicht noch einmal ſtören, Papa!“—— Erſt ſpät am Abende ging Irene ermüdet, aber ruhig, die kleine Wendeltreppe hinab, und ſchlug den Weg nach ihrem Zimmer ein. Als ſie die Gallerie, in welcher die Gemächer des Prinzen ſich befanden, paſſirte, ſchlug es langſam neun. Sie erſchrack und beſchleunigte ihre Schritte, aber ſchon klang der Thürdrücker dicht neben ihr und, von einer Schachpartie bei dem Prinzen zurückkehrend, trat Gre⸗ gor ihr mit freundlichem Gruße in den Weg. „Da ſind Sie ja endlich, endlich!“ ſagte er mit wahrnehmbarem Vergnügen im Tone.„Wie lange habe ich Sie nicht geſehen; doch, nun verlaſſe ich Sie auch nicht früher, bis ich ein freundliches Wort von Ihnen gehört habe. Warum aber ſehen Sie mich ſo fremd an, haben Sie mich ſchon vergeſſen?“ „Ich vergeſſe nicht leicht,“ ſagte Irene, die nicht verhindern konnte, daß Gregor ihr das Geleite gab. „Natürlich, Sie ſind noch jung; ſelbſt die gering⸗ be⸗ en Du es un. 0n ner re⸗ mit abe uch nen an, icht ng⸗ 189 fügigſten Eindrücke finden da Platz, ſich breit zu machen und ſich titanenhaft zu geſtalten.“ „Warum ſagen Sie mir Alles das?“ fragte jetzt gekränkt Irene, indem ſie ſtehen blieb, um Gregor zu verhindern, ſie noch weiter zu begleiten. „Warum?“ antwortete Gregor, mit unmerklichem Lächeln,„weil ich Sie homöopathiſch zu behandeln ge⸗ denke. Sie glauben mir zürnen zu müſſen— ich gebe Ihnen eine zweite, grollerweckende Doſis und vertreibe Gleiches mit Gleichem.“ Aber Irene war nicht zum Scherze geſtimmt. „Gute Nacht, Herr von Barthelmy,“ ſagte ſie kalt. „Sie ſchicken mich fort? Iſt meine Gegenwart Ihnen läſtig,“ fragte Gregor mit der ſanfteſten Stimme. „Sind Sie ernſtlich böſe?— Bin ich ſo unglücklich ge⸗ weſen, Sie durch ein Wort verletzt zu haben, ſo muß ich auch ſo ſehr glücklich ſein, Sie durch ein Wort er⸗ freuen zu können!“ „Meinen Sie?“ ſagte Irene, die Augen raſch zu ihm aufſchlagend. Aber ihroffener Kinderblick ſchmolz an dem heißen Strahle des Seinen, als er jetzt ihre Hand ergriff und ſich zu ihr herabbeugend ſagte: „Ich habe mich ſo ſehr nach Ihnen geſehnt, und —— 190 Sehnſucht iſt bei mir ſchon eine That.— Soll ich den ſchüchternen Verſuch ſo bald bereuen?“ Da fühlte ſie plötzlich einen zuckenden Schmerz im Herzen, der ſie der Sprache und einen Augenblick der Gedanken beraubte. „Wie blaß Sie ſind,“ ſagte Gregor wieder, der bei dem Schein der angezündeten Corridorlampen ihr Geſicht muſterte; Sie erinnern mich heute an jene erſte Narziſſe, die Sie, den Frühling überholend, durch den warmen Hauch Ihres Mundes aufblühen ließen, als ich Sie zum zweiten Mal ſprach.“ „Wie wortreich Sie heute ſind,“ parodirte Irene, auf deren Bewegung plötzlich ein unerklärlicher Wider⸗ wille gegen Gregor gefolgt war.„Sie gleichen jenem Echo, welches jeden Zuruf nicht einmal, ſondern achtfach in größerer oder geringerer Stärke wiederholt, weil es ſeine eigenen Productionen nie genug vernehmen kann.“ „Sie werden das ermüdende Echo nicht lange mehr hören,“ ſagte Gregor jetzt eiskalt, indem er mit einer halben Verbeugung ſich wendete, und den Weg, den ſie zuſammen gekommen, allein zurückging. Irene wollte nach, wollte bitten, entſchuldigen, aber es hielt ſie gegen ihren Willen, wie mit unſicht⸗ baren Banden, und die Thür ihres Zimmers fiel hinter ihr zu, ohne daß ſie wußte, wie ſie den Reſt des Weges en er er hr ſte s 191 zurückgelegt hatte. Kaum war ſie jedoch allein, als ſie bittere Reue überſchlich. Warum hatte ſie nur kränkende Worte auf ſeine freundliche Annäherung gehabt? Sie konnte nicht ſchlafen, aber ſie warf ſich in die nach Lavendel duftenden alten Brokatkiſſen des Sopha's, unter deſſen breiten Garnirungen die vergoldeten Grei⸗ fenköpfe hervorglänzten. Der Koran und die Bibel lagen aufgeſchlagen auf dem Tiſch, aber ſie warf keinen ver⸗ gleichenden Blick mehr auf den Inhalt der beiden Bücher. Der aus buntem Holz eingelegte Papagei hielt allein nachdenklich ſeinen Schnabel empor, als müßte er wachen, daß die unbeachtet herabfallenden Funken des verkohlten Lichtdochtes nicht die Blätter der geweihten Bücher ergriffen. 13. Paul ſaß, den gegenwärtigen Moment der Frei⸗ heit benützend, auf ſeinem Sopha und rauchte eine Cigarre. Vier Wochen waren ſeit dem Tode der Generalin verfloſſen, was ſoviel bedeutet, als: ſeit dem letzten Male, wo er Regine ſah. Die Trauer hielt ſie, noch mehr als ſonſt, an das Haus gefeſſelt und ein immer mehr ſich ſteigernder Widerwille gegen Adrian, ließen ihn den Zutritt in dasſelbe nicht mehr ſuchen, ſo be⸗ rechtigt er auch ſonſt ſich dazu fühlte.— Obgleich ſeine Praxis noch immer im Steigen war, ſo ſchien es ihm doch, als habe er in der Zeit eine Lücke auszufüllen, als ſei eigentlich Niemand mehr ſeiner Hülfe benöthigt, ſeit dem naturgemäßen Todesfall der Generalin. Zwar lag er ſeinem Berufe mit ungeſchwächtem Eifer ob, aber be ül bis det lie wa zw fri ten lich in ſtill jetzt kenk Kit i⸗ e in en er e ne m 193 immer ungeduldiger immer unruhiger ſah er dem näch⸗ ſten Tage entgegen, der dann doch ſtets eben ſo nüch⸗ tern und gehaltlos verging, als der vorige. Er hielt es auch heute nicht lange zu Hauſe aus; bald griff er nach ſeinem Hute und verließ das Zim⸗ mer. Zufall, oder Abſicht führten ihn über den Pfarr⸗ platz, und während er langſam ſeinen Weg verfolgte, überflog ſein Ange die wenigen erleuchteten Fenſter, bis er durch einen Schatten in der ihm wohlbekannten Stube gefeſſelt blieb. Leicht erkannte er Regine an den dunklen Trauerkleidern, an der Biegung des Nackens, der Form des Kopfes. Die Lampe, die günſtig ſtand, ließ errathen, daß ſie mit einer Handarbeit beſchäftigt war; ihr Arm ruhte jetzt, um bald darauf mit unge⸗ zwungener Bewegung die Nadel durchzuziehen. Ein friedlicher Eindruck machte ſich anfänglich in Paul gel⸗ tend; langſam gehend ſuchte er ſich ſo lange als mög⸗ lich, die Ausſicht nach dem Fenſter zu erhalten. Da trat plötzlich eine andere, dunkle Geſtalt mit in den hellen Rahmen, ein Kopf bog ſich herab zu der ſtillen Arbeiterin und an dem ſtechenden Schmerz, der jetzt Paul's Herz folterte, mußte er lernen, daß der Dämon der Eiferſucht in ihm erwacht war. Am andern Morgen, als er ſich zu ſeinen Kran⸗ kenbeſuchen ankleiden wollte, klopfte es, und ein von Kinder der Zeit. II. 13 194 einem Briefe begleitetes Paquet wurde ihm übergeben. Aber kaum hatte ſein Blick die in ſteifem Styl abge⸗ faßten Floskeln:„Dank den ärztlichen Bemühungen— Krankheit und Ende der nun in Gott ruhenden Gene⸗ ralin— Beweis der Erkenntlichkeit der trauernden Nichte“— erfaßt, als er den zuſammengeknitterten Brief verächtlich in den Papierkorb warf und mit ra⸗ ſchem Schnitte den Faden trennte, der die äußere Hülle des Paquetes hielt. Als dieſes geſchehen war, ſchlugen ſich die Papiere zurück und eine jener feinen, eleganten Damenarbeiten wurde ſichtbar, die für Herren, je nach den Gefühlen, mit denen ſie ſie betrachten, ein Gegenſtand ſcheuer Be⸗ wunderung, oder mitleidigen Spottes zu ſein pflegen. Nach langem, anerkennendem Beſchauen ließ er endlich die Federn der Briefmappe ſpringen und blät⸗ terte in dem Papier— in den Taſchen, bis er gefun⸗ den, was er ſuchte: zwei kurze, heiße Dankesworte, die ihm verſtändlicher waren, als die gewiſſenhaft ge⸗ gliederten Perioden in Adrian's Zuſchrift. Da ſich Paul geweigert hatte, für ſeinen ärztli⸗ chen Rath ein Honorar anzunehmen, ſo hatte Frau von Wartberg dem ſie befragenden Adrian den Weg gezeigt, auf welchem man in ſolchen Fällen ſeine Ver⸗ bindlichkeiten ausgleichen kann. So unzufrieden die⸗ 195 1 . ſer auch über die Nothwendigkeit ſich zeigte, durch die e⸗ Kunſtfertigkeit ſeiner Frau eine Schuld abtragen zu 6 laſſen, ſo wollte er doch um jeden Preis ſeine Rechnung e⸗ mit einem Menfchen abmachen, der ihm in tiefſter Seele n zuwider war. Mit lebhafter Ueberraſchung empfing n Regine ſeinen Befehl und ſaß bald unermüdlich an der a⸗ ſorgfältig bedachten Arbeit, die ihrer Meinung nach 3 le gar nicht ausführlich genug werden konnte. 5 So lebte fie im Geiſte unzertrennlich mit ihm, 1 re und als der letzte Stich gethan, der letzte Faden abge⸗ en ſchnitten war, da ſchien es ihr, als ſei das Werk ihrer n, Hände nur die Form, unter welcher ſich ein gefährli⸗ 1 e⸗ cher Gedanke berge, und als müſſe die Hieroglyphe 1 vor ſeinem Auge ſich entziffern und ihm ſagen, was er ſie ſich ſelbſt zu verſchweigen, entſchloſſen war. Eine 1 it⸗ Scheu, ein Bangen faßte ſie, und ſie legte die mühſam n⸗ gearbeitete Gabe ſtille bei Seite und willigte erſt auf te, die dringende Mahnung Adrian's ein, ſie an den Ort ge⸗ ihrer Beſtimmung abgehen zu laſſen. 1 Um ein Uhr desſelben Tages wurde der Doctor 33 li⸗ Paul Hallbert bei ihr gemeldet und erhielt durch das ge⸗ au bräuchliche:„Sehr willkommen“ noch außerhalb des 1 eg Zimmers die Erlaubniß, ſich zu präſentiren. Beide wa⸗ 1 er⸗ ren von der Abſicht erfüllt, den unbefangenen, vertrauli⸗ ie⸗ chen Ton anzuſchlagen, der ihren feſtgeſtellten, freund⸗ * 196 ſchaftlichen Beziehungen angemeſſen ſein mußte, und Beide ſcheiterten in ihrem Plane. Eine fremde Zurück⸗ haltung, eine bangende Verlegenheit machte ſich zu be⸗ merkbar bei Regine, als daß ſie nicht auch auf Paul ihre Rückwirkung hätte äußern ſollen. An die Stelle der warmen Dankesworte trat die gebräuchliche, ver⸗ wäſſerte Galanterie, an die Stelle zwangloſer Mitthei⸗ lung, das mechaniſche Breitſchlagen des erſten beſten, allgemeinen Themas. Jedes fühlte, wie auffallend und unerklärlich es dem Andern im gegenwärtigen Augen⸗ blicke erſcheinen mußte und Beiden war es unmöglich, eine Rückkehr in den alten, lieben Verkehr anzubahnen. „Sehe ich Sie morgen bei Frau von Saaleck?“ fragte Paul als er ſich zum Weggehen anſchickte. Regine verneinte; ihre Trauer verhindere ſie daran.— „Aber in dem Concerte der Euterpe?“ forſchte er weiter.— „Auch darauf muß ich verzichten“— entgegnete ſie. „Man wird Sie alſo nirgends treffen?“ fragte Paul ernſt.— „Man wird mich nirgends vermiſſen,“ erwiederte ſie förmlich. Paul wollte antworten; lebhaft blickte er auf und 17 öffnete den Mund, befann ſich aber anders und ging ſtumm grüßend. „Was für ein Wiederſehen! Was für ein Beieinan⸗ derſein!“ dachte Regine, als ſie wieder allein war.„Wie habe ich mich geſehnt und gefreut auf den Moment ſei⸗ nes Kommens, wie viel Troſt, Rath und Freude ver⸗ ſprach ich mir von ſeiner brüderlichen Theilnahme und wie unbefriedigend iſt mir mein Wunſch erfüllt worden! — Vier kurze Wochen Abweſenheit und Zerſtreuung haben hingereicht, um ein nüchternes Alltagsbenehmen an die Stelle der über das Leben hinaus verbürgten Freundſchaft zu ſetzen;— vier andere Wochen wer⸗ den hinreichen, um ihn ganz vergeffen zu lehren;— ehe das aber geſchieht, möchte ich ihn noch einmal, ſo wie früher, ſehen und ſprechen,— nur noch einmal!“ Und wieder begann für ſie das einförmige Leben, wie ſie es nun ſchon lange geführt, mit ſeinen mecha⸗ niſchen Geſchäften, ſeinen immer wiederkehrenden klei⸗ nen Härten und Reibungen, ſeiner gehaltloſen Muße und ſeinen müßigen Arbeiten— und gab ihr Zeit, ihre Gedanken die gewohnte Richtung einſchlagen zu laſſen. 14. Einer der namhafteſten Tenoriſten Deutſchlands debütirte heute, als Maſaniello, in der„Stummen,“ und trotz der bedeutend erhöhten Eintrittspreiſe, trotz des heißen Sommerabends drängte das Pnblicum in ſolcher Menge herbei, daß die Polizei dem tumultua⸗ riſchen Getreibe an der Caſſe ſtenern und die Reihen⸗ folge aufrecht erhalten mußte. Wagen auf Wagen rol⸗ len an den mit Menſchen dicht beſetzten Haupteingang vor, um durch ihren Inhalt die Maſſe der Schaulu⸗ — ſtigen zu vermehren; die Seitenpforten müſſen geöff⸗ net und Caſſierer dahin beordert werden, die Mitglie⸗ der der Bühne und des Orcheſtérs ſehen durch dieſe Maßregel ihren Eintritt erſchwert und ziehen Conſtab⸗ ler und Theaterdiener zur Verantwortung.— Ungeduld, Lärm, Vorwürfe, wohin man hört, —,—+———————„— — S:+—,—)— ——„ c S,—— und zu dieſen Uebeln geſellt ſich noch das läſtige Treiben der ſcandalſüchtigen Straßenjugend, die jede auffal⸗ lende Perſönlichkeit zum Ziel ihrer ſpöttiſchen Bemer⸗ kungen macht. Im Schauſpielhauſe ſelbſt herrſcht noch trübes Halbdunkel. Der Kronleuchter hat ſich noch nicht licht⸗ ſpendend aus der Höhe herabgeſenkt, die Lampen hin⸗ ter den Rampen ſind noch nicht angezündet; nur auf den Corridoren und in manchen Logen ſtrahlen einzelne kleine Flämmchen und erleuchten einige Schritte weit den Raum des Hauſes. Das Orcheſter, ſtärker als gewöhnlich beſetzt, füllt ſich nach und nach; die Inſtrumente werden ge⸗ ſtimmt, lange unharmoniſche Tonkommas klingen aus, in dem Beſtreben, die Stimmung zu gewinnen, Noten⸗ blätter werden angeſehen und geordnet, die Pulte ge⸗ dreht, die Uhr um die Stunde befragt. Bald darauf öffnet ſich der gemalte Plafond, langſam ſenkt ſich der brennende Kranz des Kronleuchters herab, und mit plötzlich hell ſehendem Auge muſtern ſich die Bewohner der obern und untern Räume. Der zweite Rang und die Gallerie ſind dicht beſetzt, der Balkon faſt noch leer. Später erſt füllen ſich dieſe eleganten Logen, deren Be⸗ ſitzer iminer noch bald genug kommen, da ſie keine ſpan⸗ nende Ungeduld mehr treiben kann. Andern bleibt es 200 überlaſſen für den vollen Preis auch das alte Amüſement zu verlangen; Andere, die den Zündſtoff des entflamm⸗ baren Enthuſiasmus mitbringen, mögen auch die Ge⸗ duld des Wartens üben. Der Dirigent des Orcheſters tritt auf ſeinen er⸗ höhten Platz, und das leiſe Klopfen des Tactirſtabes verlangt Ruhe für den Anfang der Ouverture. Das ſchon günſtig geſtimmte Publicum nimmt dieſelbe mit Beifall auf, und ermuntert in derſelben Weiſe auch die im erſten Acte beſchäftigten Sänger. Dennoch macht ſich eine Spannung, eine Ungeduld unter den Zuſchauern bemerkbar, die ſich erſt in rauſchenden, jubelnden Ap⸗ plaus auflöſt, als Maſaniello im zweiten Acte auf der Bühne erſcheint. „Er ſpielt und ſingt ziemlich indiscret,“ ſagte Reginen's Nachbarin, eine Freundin der verſtorbenen Generalin.„Die feine Cultur, die Delicateſſe fehlt ſei⸗ nem Vortrag, und ſein Spiel lehnt ſich zu ſtark an die rebelliſche Tendenz des Stückes.“ „Zu viel Manier, zu wenig Styl, möchte ich be⸗ haupten,“ antwortete ein alter Kammerherr, der hinter der ſtrengen Kritikerin ſaß.„Dieſer Maſaniello iſt nichts als der in das Italieniſche überſetzte„Prophet;“ in letzterer Rolle ſah ich den Tenoriſten voriges Jahr in Berlin. Ein Unglück für unſere Künſtler, daß ſie alle Pa ter mö Um Pa auf es a My wief auf finde wort fort geſch ſich ſelbſt mehr als die von ihnen dargeſtellten Perſonen geben, an der jetzt ſo oft beſprochenen Subjectivität geht Kunſt und Künſtler zu Grunde.“ „Immer dieſelbe leidenſchaftlich geſteigerte Ton⸗ färbung,“ bemerkte gähnend eine junge Frau, die an der andern Seite Reginen's ſaß;„nur Pathos, ein Bild des Veſuvs, Roth auf Roth, Feuer in Feuer gemalt!“ „Heute mache ich die Erfahrung, daß ich in das Parterre gehöre,“ ſagte Regine leiſe zu Paul, der hin⸗ ter ihr einen Platz geſucht und gefunden hatte;„ich möchte, wie die da unten, applaudiren, ſtatt mit meiner Umgebung kritiſiren.“ „Sie werden's ſchon wagen können,“ antwortete Paul,„denn im Nothfall können Sie Ihren Beifall auf ſtichhaltige, verſtändliche Gründe ſtützen; mir wird es aber in der That unheimlich. Ich, der ich von den Myſterien des Geſanges weiter nichts verſtehe, als in wiefern die Beſchaffenheit des Kehlkopfes und der Lunge auf den Ton wirken muß, ich würde auf die Frage: wie finden Sie die Stimme? nur:„geſund und ſonor,“ ant⸗ worten können, und, als ein ungebildeter Menſch, ſo⸗ fort von dieſem Geſprächsſtoff für die Ewigkeit aus⸗ geſchloſſen werden.“ 202 „Sie müſſen die modernen Schlagworte der Recen⸗ ſenten lernen,“ lachte Regine,„damit reichen Sie aus.“ „Von Ihnen?“ fragte Paul. „Das hieße die Lection weit hinausſchieben,“ ant⸗ wortete ſie ernſter;„wer weiß, wann ſich Gelegenheit dazu bietet.“ „Freilich, Sie leben ſo zurückgezogen,“ bemerkte er nachdenklich;„mir iſt's auch jetzt noch wie ein un⸗ faßbares Wunder, daß Sie hier im Theater ſind.“ „Mir auch,“ ſagte Regine;„aber wie ein erfreu⸗ liches. Meine Trauer iſt ziemlich zu Ende, und die Theilnahme an geſelligem Vergnügen wird durch dieſes Bedenken nicht mehr gehindert werden. Anders iſt es freilich mit der Zuſtimmung Adrian's; die iſt nur ſelten zu gewinnen und doch ſo ſehr erforderlich.“ „Nun, es iſt ſchon ein Glück, daß ich Sie heute ſehe,“ ſagte Panl;„könnte man doch der Zeit manch⸗ mal, wie einem Poſtillon,„Halt“ zurufen.“ „Und ein anderes Mal:„Fahr zu!“ beſtätigte Regine. Ein neuer Act begann. Die characteriſtiſchen Chöre, die brillanten Decorationen bildeten nur den Grund, auf welchem die Gruppe des Geſchwiſter⸗ paares in plaſtiſcher Vollendung hervortrat. Die fie⸗ bernde, athemloſe Aufmerkſamkeit, mit welcher das Ite ſen Sc Acc regt gege geſt erbl ſolch gani und harr ihrer achte Bret ſchau geber zu P Hand loſe 6 des en en er⸗ fie⸗ s größere Publicum dem mimiſchen Spiel der ſchönen Italienerin, das ſo rührend beredt, trotz der geſchloſ⸗ ſenen Lippen, war, folgte, die Beifallsſalven, die jede Scene des Rebellen lohnten, jedem haßſprühenden Accent zujauchzten, Alles vereinigte ſich, um eine er⸗ regte Stimmung auch in den Kreiſen zu verbreiten, die gegen ſolche Eindrücke durch lange Gewohnheit ab⸗ geſtumpft waren. Paul bemerkte, wie Regine unter dieſem Einfluß erblaßte, ohne zu begreifen, wie man einer Fiction ſolche Macht über ſich geſtatten könne. Dieſe feine Or⸗ ganiſation war ein Gegenſtand ſeiner Bewunderung, und er würde nur mit Unbehagen ein allzu ruhiges Be⸗ harren in der Realität wahrgenommen haben. Auf jedes ihrer Worte, auf ihre geringſte Bewegung geſpannt achtend, vergaß er das Stückchen Leben, was auf den Brettern da unten in Scene geſetzt wurde, um im An⸗ ſchauen des nahen Bildes das ferner liegendt aufzu⸗ geben. „Nun kommt das Schlummerlied,“ ſagte Regine zu Paul, der erſt durch ihre Bemerkung wieder zu der Handlung des Stückes zurückgeführt wurde. Die laut⸗ loſe Stille des Hauſes zeigte am beſten die Spannung des Publicums. Der letzte Accord des einleitenden Vorſpiels ver⸗ 204 klingt im leiſeſten Piano; getragen von weicher, beben⸗ der Stimme reiht ſich Ton an Ton zu der einfachen, ergreifenden Melodie. Zerſchellt iſt der racheheiſchende Grimm wie die Woge am abendlichen Geſtade, gelöſcht iſt das dämo⸗ niſche Feuer von der Thräne des Erbarmens, wie die Glut des Tages von dem reinen Thau der Nacht. Nur Friede heiſcht die inbrünſtige Bitte, nur Friede fleht er herab auf thränenmüde Augenlider, nur Friede für ein krankes Leben; das Bangen, die Beklommenheit iſt ge⸗ löſt, gelöſt durch das Anſchlagen der Saite, die alle Herzen beſiegt, beherrſcht. In der Mitte der Arie ſtörte plötzlich ein dumpfer Lärm, der vor dem Hauſe ſich hörbar machte, für einen Augenblick die Aufmerkſamkeit; es wurde von der Frage: „was mag es geben?“ unruhig im Parterre; man hörte Thüren ſchlagen und Schritte auf der Treppe, aber auf das ungeduldige Ziſchen legte ſich bald das Murmeln, und der Sänger bot alle ſeine Hilfsmittel auf, um die ungetheilte Aufmerkſamkeit wieder zu gewinnen. Als er aber in der letzten hohen Fermate die Stimme ausklin⸗ gen ließ, ſchlug plötzlich in kreiſchender Diſſonanz das Läuten der Sturmglocke in die Harmonie, das Rufen außerhalb des Hauſes wurde ſtärker und tobender, und in die ängſtliche Stille hinein, die alle lähmend gefeſſelt hie Ot die ant Vo: hob Vor nen ſchie ſeelt kom: beſie Pau Kan ſie e er d wecke geſch Bedr bat e Frag zu be ben⸗ hen, die imo⸗ die Nur ter ein ge⸗ alle pfer inen age: örte auf eln, die s er klin⸗ das ufen und ſſelt hielt, rief eine athemloſe Stimme durch die Thüre des Orcheſters:„Feuer!“ Das Publicum, ohnedies ſchon aufgeregt durch die Muſik und die ſchon einmal erweckte Beſorgniß, antwortete mit einem Schrei. Alle Beſonnenheit, alle Vorſicht, alle Beiſpiele und Warnungen vergeſſend, er⸗ hob es ſich wie Ein Mann; die Letzten drängten auf die Vorderſten, die Frauen und Kinder begannen zu wei⸗ nen, die Männer zu zanken und zu toben, aber Alle ſchienen von dem Einen ſinnverwirrten Gedanken he⸗ ſeelt, hinaus und über jeden Widerſtand hinweg zu kommen, den man mit Gewalt im äuſterſten Falle zu beſiegen beſchloß. „Da ſcheint ſich ein Unglück vorzubereiten,“ ſagte Paul, empört in das Gedränge hinabſehend, das ein Kampf zu werden drohte;„die Feigen, die Miſerabeln, ſie erdrücken die Frauen und Kinder.“ Vergeblich ſuchte er durch ſeinen Zuruf die Beſonnenheit wieder zu er⸗ wecken, man hörte ihn nicht, die brechenden und zurück⸗ geſchleuderten Bänke, das Angſt⸗ und Klagegeſchrei der Bedrängten übertönte ſeine Stimme. „Bleiben Sie hier, ich bin gleich wieder zurück,“ bat er in eiligen Worten Regine, und ohne die vielen Fragen, die ſie nach Frauenart ſogleich an ihn richtete, zu beantworten, ging er durch die ihm bekannte Seiten⸗ — 2 206 thüre in die Prosceniumloge und von da die Treppe hinab, die auf die Bühne führte. Von dieſer aus ge⸗ wann er leicht das Orcheſter und Parquet. Er kam gerade zur rechten Zeit. „Faßt an,“ rief er einigen über die Barriere ſtei⸗ genden Männern zu;„wenn wir das Geländer ein⸗ reißen, gewinnen die mindeſtens für einen Augenblick Luft.“ „Wetter, da iſt Eins unter die Füße gerathen, ich ſtehe auf mehr als dem Boden.“ „Es iſt nur ein Mantel. Angefaßt— ſo!“ Viele kräftige Fäuſte griffen in die hölzernen Stäbe; ſie bra⸗ chen, und ein Theil des eingeengten Menſchenſtromes ergoß ſich in das Parquet und Orcheſter. Durch dieſe raſche Handlung wurde die drohende Gefahr beſeitigt, und Paul konnte beruhigt zu Reginen zurückkehren, um ihr ſeinen Schutz zu gewähren und ſie hinab zu geleiten, ſobald es die Inhaber der oberſten Gallerien geſtatten würden. Dieſer Moment kam ſchnell. Beim Heraus⸗ treten aus den verlaſſenen Räumen ſahen ſie über den dunklen Hausgiebeln die Flammen in Garbenform auf⸗ ſteigen und der grau⸗rothen Rauchwolke nachſtreben, die zwiſchen ihren züngelnden Umriſſen und dem geſtirn⸗ ten Nachthimmel ſchwebte. ſc ſel za ge G un W bitt zu geft errt dar wog ſcha befl ope ge⸗ am tei⸗ in⸗ lick ich ele ra⸗ nes ieſe igt, um en, ten us⸗ den uf⸗ en, rn⸗ dar. In wilder Anordnung, mit „Wo brennt es?“ fragte Paul den Erſten, der ihm in den Weg trat. „Im Lazareth,“ lautete die eilige Antwort. „Im Lazareth! das iſt übel,“ ſagte Paul, jetzt ſchneller gehend. „Ich muß ſogleich dahin.“ Er rief einen Fiaker an und hob Regine in den⸗ ſelben.„Wenn es Ihnen möglich iſt, ſo öffnen Sie die Wohnung der Frau Generalin, ſie liegt nahe dem La⸗ zareth und doch durch Wind und Verbindungsloſigkeit genug geſchützt, um Manches dahin retten zu können. Gott befohlen. Damit ſchloß er den Schlag, winkte dem Kutſcher und war ſchon verſchwunden, als ſich Regine aus dem Wagen bog, um ihn um Schonung für ſich ſelbſt zu bitten. Ohne ſich durch zu eiliges Laufen außer Athem zu verſetzen, hatte er ſich auf eine vorbeiraſſelnde Spritze geſchwungen und in wenigen Minuten die Brandſtätte erreicht. Ein unbefriedigender Anblick bot ſich ihm hier lärmendem Geſchrei, wogten die Menſchen durcheinander; die Rettungsmann⸗ ſchaft, von der theils aus Neugierde, theils aus Dienſt⸗ befliſſenheit zuſammengelaufenen Menge mehr gehemmt als gefördert, commandirte und zankte; der Strahl der 208 d— Spritzen, auf das hrennende Gebälk gerichtet, zeigte ſich vollkommen macht⸗ und wirkungslos; einzelne Kranke wurden in großen Körben aus dem Hoſpital getragen, audeve ſchwankten, ohne zu wiſſen wohin? auf dem durchnäßten Boden umher, und dazu ſtürmten die Glo⸗ cken, die Hornſignale tönten durch alle Straßen, der Kduonendonner rief nach Hülfe, und der gellende Trom⸗ melſchlageraſſelte bald nah, bald ferner ſt die Manſarde geräumt? Sind alle Kranken entfernt?“ fragte Paul einen der Nebenärzte„der einen Stoß Bücher getragen brachte. ,Ich weiß nicht, Alles geht bunt durcheinander; das Erdgeſchoß iſt leer.“ Maorſch; vorwärts, hinein!“ rief Paul einigen Wärtern zu, die planlos, ohne etwas zu fördern, hin⸗ und herliefen⸗ Er ſprang in das brennende Gebäude. Meberall Rauch und der erſtickende, ſcharfe Geruch von brenneu⸗ den Hanf⸗ und Wollenſtoffen, die auf dem geräumigen Boden aufbewahrt und preisgegeben worden waren. Die Thüren der Manſardzellen waren geöffnet, und nachdem ſich Paul üherzeugt hatte, daß kein menſchliches Weſen mehr hier oben athme, eilte er halb erſtickt die ſchmale Treppe wieder hinab⸗ „Eilen Sie, Herr Dootor,“ mahnte ihn einer der te ke n, m — en en u⸗ en ie em en le arbeitenden Zimmerleute,„die Menſchen in Sicherheit zu bringen, der Giebel machts nicht lange mehr!“ Paul hatte den großen Krankenſaal erreicht, in welchem Bett für Bett mit ſeinem todtkranken Inhaber, — die einigermaßen noch bei Kräften waren, hatten ſich ſelbſt in Sicherheit gebracht,— emporgehoben und fortgetragen wurde. Die Gefahr gibt Kraft; das Kni⸗ ſtern der Flamme, die mit feurigen Zähnen die Balken zermalmte, der ſchwere Rauch, der warnende Ruf mit dem man ſich gegenſeitig zur Eile trieb, drängten zur äußerſten Anſtrengung, die auch das Ziel: die Kranken der Gefahr des Verbrennens zu entreißen, zu erreichen ſchien. Und es war hohe Zeit; jeder ſtärkere Windſtoß konnte den Giebel ſtürzen. Die Flammen verkrochen ſich, um heimlich deſto ſchärfer zu nagen; aber in dem Augen⸗ blicke, als Paul dem letzten Patienten mit erleichtertem Herzen das Zeugniß„gerettet“ eben ausſtellen wollte, erhob ſich ein verwirrter Ruf; tauſend Hände zeigten nach einem Fenſter unter dem gefährdeten Giebel, aus dem man durch den momentan getheilten Rauch einen Menſchen ſich herausbiegen und winken ſah. „Das iſt der alte Kaspar,“ ſagte Paul erblaſſend, „wie konnte ich den vergeſſen! Der Unglückliche wird wegen Anfällen von Tobſucht ſtets eingeſchloſſen gehal⸗ Kinder der Zeit. I. 14 ——— 210 ten, und Niemand hatte daran gedacht, ſein Gefängniß aufzuſchließen. Eine Feuerleiter herbei!“ „Vergeblich!“ ſagten die Zimmerleute,„keine reicht bis zu der Höhe,— überdieß käme ja die Hilfe doch zu ſpät.“ Da ergriff Paul eine Axt und eine durchnäßte Decke, und eilte nach der Thüre. „Zurück!“ riefen viele Stimmen,„der Giebel hält keine drei Minuten mehr!“ Und mehrere Hände legten ſich auf Paul's Arme und Schultern, um ihn zurück zu halten. „Laßt mich!“ rief dieſer, ſich mit einem Ruck be⸗ freiend,„hier bin ich verantwortlich und ſchreibe mir ſelbſt meine Geſetze vor.“ Und er n durch die weit geöffnete Thüre. Eine Todtenſtille verbreitete ſich auf dem Platze; die Spritzenleute hielten in ihrer Arbeit ein, die Zu⸗ bringer waren träge, die Träger geretteter Sachen ſtellten dieſe zu Boden und ſchauten mit angehaltenem Athem nach dem brennenden Gebäude. Aber die Glocken läuteten fort und fort über der Kirche, in welcher Adrian verweilte, um für den Fall der Gefahr die zum Gottes⸗ dienſte beſtimmten, werthvollen Gegenſtände und die Bibliothek in Sicherheit bringen zu laſſen. „Bei Seite— der Giebel ſtürzt!“ rief ein Zim⸗ mermann, und Alles wich auf weite, weite Diſtanzen zurück. „O, käme, käme er doch!“ flüſterte es von tauſend Lippen, in tauſend ſtockenden Herzen. Die Geſtalt am Fenſter war verſchwunden, aber von Hallbert kein Schatten zu ſehen. Da neigte ſich der Giebel; erſt langſam, dann im haſtigen Sturz— ein lautes, furchtbares Krachen, eine zum Himmel ſchlagende Flamme, ſo hoch, als wollte ſie den Sternen die Augen ausbrennen, Millionen flim⸗ mernde Funken, fliegende, brennende Atome— und das Lazareth war nur noch ein Trümmerhaufen, in vier rauchende, geborſtene Wände eingeſchloſſen. 15. Regine war gerade zu rechter Zeit zu Hauſe an⸗ gekommen, um Adrian noch die Erlaubniß abzuverlan⸗ gen, die Wohnung der Tante, die für das laufende Halbjahr noch zu ihrer Dispoſition ſtand, als Rettungs⸗ local zu öffnen. Er war eben im Begriffe, nach der Kirche zu gehen und beſtand anfangs darauf, daß ſie das Haus nicht verlaſſe. Als er jedoch auf entſchiedenen Widerſpruch bei ihr ſtieß, nahm er ſich dießmal nicht die Zeit, ihr dieſen zu verweiſen, ſondern entfernte ſich mit den unwilligen Worten:„Thue, was Du willſt!“ Er ging nach der Sakriſtei, und ſie nach der ehe⸗ maligen Wohnung der Generalin, deren Seitenflügel nur durch eine breite Straße von dem Lazareth ge⸗ trennt war. Es gewährte ihr eine düſtere Befriedigung, dem — Orte ſo nahe zu ſein, wo Paul jetzt handelte; wenn ſie auch nicht mit eigenen Augen zu unterſcheiden vermochte, wie er wohl ordnete und half, ſo malte ihr die Phantaſie doch ſein Bild in tauſend heroiſchen Sitnationen, in tauſend drohenden Gefahren. Endlich vernahm ſie die Todtenſtille, dann den polternden Sturz und zuletzt den langen, entſetzten, tauſendſtimmigen Angſtſchrei. „O, mein Gott, was iſt denn das?“ fragte ſie zit⸗ ternd, indem ſie ihre kalten Hände an die klopfende Schläfe legte, als könne ſie ihre ſchwindelnden Sinne halten.— Sie verließ das Zimmer und ging hinab. Das Haus ſchien leer; alle Einwohner waren auf dem Boden, um etwaige Bränder zu löſchen, falls dieſe durch den umſpringenden Wind nach dieſer Seite geführt würden. Sie trat auf die Straße. Das Gefühl, wie unpaſ⸗ ſend es ſei, ſich unter das halbtrunkene, aufgeregte Volk zu miſchen, konnte ſich nicht in ihr geltend machen, vor der marternden Begier, zu erfahren, was dieſe ſchwüle Stille, dieſer furchtbare Aufſchrei bedeuten konnte. Lauter blaſſe, entſtellte Geſichter, in deren Ausdruck ſie ein undenkbares Unglück zu leſen glaubte, ſtellten ſich ihrem Blicke dar. 214 „Iſt die Gefahr vorüber?“ fragte ſie endlich einen der Vorübereilenden.„ „Ja, aber um welchen Preis!“ „Was iſt geſchehen?“ fragte ſie mit ſchwerer Zunge— „Doctor Hallbert iſt bei dem Rettungsverſuche eines Blödſinnigen ſammt dieſem verbrannt.“ Schon war er fort. Paul verbrannt!— Sie that, wie im Traume, einige Schritte, während ihr Blick ſich in die rauchende Ruine bohrte, aus der geſpenſtiſch einzelne hohe Flam⸗ men hervorbrachen— über ſeinem Grabe. Sie konnte den Gedanken nicht faſſen. Sie floh vor einer Geſtalt, die nicht abſichtslos ihr entgegenzutreten ſchien, eilte die erleuchtete Treppe hinauf, mit der übernatürlichen Eile, die die gereizten Nerven momentan erzeugen; ſie erreichte athemlos das Zimmer. Da verließen ſie ihre Kräfte, Flammen tanzten vor ihren Augen, feines, immer höher tönendes Singen klang vor ihrem Ohr,— ihre Kniee brachen,— fie fiel.—— Da fingen ſie zwei kräftige Arme auf, und Paul, lebend und gegenwärtig, das hellbraune Haar verſengt, geſchwärzt vom Ruß, an der weißen Stirne das Mal vom heißen Kuſſe der Flammen,— Paul hielt ſie um⸗ faßt und rief ſie zur Beſinnung, zum Leben zurück. Sie faltete die Hände und über ihre Lippen dräng⸗ ten ſich Worte ohne Zuſammenhang und Folge, deren Sinn und Geiſt aber Paul vernahm und verſtand. Als Paul ſie ſo ſprechen hörte, fühlte er einen andern Jubel in ſich etwachen, als der war, mit wel⸗ chem er vor einigen Augenblicken ſich der Lebensgefahr entronnen ſah. Als er die Zelle des alten Kaspar erreicht, hatten einige Schläge der Art die Thüre geſprengt; den Halb⸗ betäubten mit Gewalt fortziehend, hatte er die Treppe zu erreichen geſtrebt, die jedoch nicht mehr zu paſſiren war. Da hatte er ſich nach dem Seitenflügel gewendet, und auf einer kleinen Treppe den Garten erreicht, als der Giebel praſſelnd niederſchlug. Er ſuchte und fand bald einen Ausgang, und überlieferte ſeinen Schützling ſicheren Händen. Während er ſelbſt aber ſeinen Weg verfolgte, er⸗ kannte ſein ſcharfer Blick Reginen, die in ihrem Trauer⸗ kleide, ohne Begleitung und Schutz, eben die Nachricht von ſeinem Tode vernahm. Es trieb ihn, ihr nur zwei Worte zu ſagen, und ein ſolches von ihr zu vernehmen, und er folgte ihr, ohne ihre Flucht begreifen zu können.— 216 Die erſten Worte von ihren Lippen machten ihm Alles klar; ſie ſagten ihm, daß er geliebt wurde, mit einer Leidenſchaft, die in ihrem Ausbruche ihn vor Freude erbeben ließ. Er hielt ſie in ſeinen Armeh; mit dem unwiderſteh⸗ lichen Zwang, der alle Feſſeln ſchmelzenden Leidenſchaft, zog er ſie an ſeine Bruſt. Sein Auge ruhte auf ihr ohne ſich im Anſchauen ſättigen zu können; ihr duften⸗ des Haar ſtreifte ſein Geſicht, die weiße Stirn leuch⸗ tete ihm wie warmer Marmor entgegen, ihr Blick ließ ihn ſchauen in die Zanberkreiſe ihres bewegten Gefühls, in ſeligem, traumhaftem Lächeln bebten ihre rothen Lippen.— „Meine Regine,“ konnte er nur ſagen,„meine Re⸗ gine!“ Auf ihrem Munde erſtarb der Hauch ſeiner Worte. Sie verſtand dieſes:„Mein,“ dieſes entſchei⸗ dendſte Wort der Liebe; ſie verſtand die Verheißung, die ihrem Herzen dadurch wurde und empfand, daß die Sprache mit all ihrem Glanz, mit allen ihren Schmeicheleien, keine Laute hat, die mehr fordern und geben können, als dieſes kleine, ſchwere„Mein!“ „Warum weinſt Du,“ fragte er dringend, als er ſah, wie Thräne auf Thräne aus ihrem Auge ſich löſte und über die leiſe zuckende Wange rollte.— — — — c— 1— 6. 6c ecn S c—„— it e n [8 ch „Duldeſt Du ungerne meine Gegenwart? Kannft Du mich gehen heißen?“ b Sie wollte ſprechen, wollte bitten, aber ſie fand kein Wort, keinen Laut. „Schämſt Du Dich, Regine, mich gelehrt zu haben, was Liebe iſt2“ fuht er mit leidenſchaftlicher Innigkeit fort.„Schämſt Dü Pich duvrch Deine Hand⸗ lung von morgen Dein Geſtändniß von heute beſiegeln zu müſſen? Oh ſieh doch nür klar, daß einmal an das Licht treten mußte, was piel größer, viel mächti⸗ ger, als unſer armer Wille geworden war, erkenne doch, daß ſo und nicht anders ein Kampf endigen mußte, den wir thöricht gegen das eigene Herz, gegen die fer⸗ tige Ueberzeugung gewagt. Wenn Du den traurigen Muth haben könnteſt, ſtrenge gegen Dich zu ſein— ſo habe Barmherzigkeit mit mir, denn: ich liebe Dich Regine!“ Und er faßte ihre beiden Hände, um ſie mit ſei⸗ nem Kuß zu erwärmen. Aber Regine trat zitternd zurück. „Das iſt Ehebruch,“ ſagte ſie ſchaudernd,„das iſt Sünde, das ächtet vor Gott und den Menſchen! Gewiſſenspein habe ich erworben mit dem Moment der höchſten Freude; unauslöſchlich bleibt der Angen⸗ blick, der mich, die Frau eines Andern, in Ihre Arme 218 warf und mich ſprechen, geſtehen ließ, was nur die Pflichtvergeſſenſten meines Geſchlechts ohne Scham⸗ röthe bekennen. Vergeſſen Sie den Augenblick, ver⸗ geſſen Sie meine Worte, meine Thränen, wenn ein Funke von Theilnahme,— von Achtung noch für mich ſpricht; vergeſſen Sie, daß es ein anderes Wieder⸗ ſehen für uns einmal gegeben hat, als das der äuße⸗ ren, gemeſſenen Beziehungen;— daß ein anderes Schickſal uns hätte werden können, als das, welches wir erleiden. Ich flehe Sie an, Paul, mit ihren eige⸗ nen Worten: haben Sie Barmherzigkeit mit mir, denn — ich liebe Sie.“ „Und begreifſt Du denn nicht, daß Du den bla⸗ ßen Schatten der Entſagung durch den Lichtſtrom die⸗ ſes Wortes in ein Nichts auflöſeſt?“ ſagte er ungeſtüm. „Begreifſt Du denn nicht, daß es nun wohl noch ein flüchtig Scheiden, aber keine Trennung mehr für uns geben kann? Muß ich Dir ſagen, daß Du nicht mit einer Liebe zu mir im Herzen— im Hauſe Adri⸗ an's bleiben kannſt? daß Du, um nicht unwahr zu werden, um nicht mich, oder ihn, zu betrügen, jetzt wählen mußt zwiſchen uns beiden?“ „So möge mir Gott helfen, meine ſchwere Pflicht treuer zu erfüllen, als bisher,“ ſagte Regine mit ſchmerzlicher Reſignation.„Ich habe mich zu ſeinem Ei⸗ gen zu geli lier wie Br war We wa bin zu geh Sit Joe und ſten geh neu len Jet heu haf m⸗ er⸗ ein tich 12. ves hes ge⸗ nn la⸗ ie⸗ m. ein ns cht ri⸗ zu etzt cht nit — genthum geſchworen und die Meineidige— darf nicht zu Ihnen ihre Schritte lenken.“ „Dein Schwur war Sünde, Regine, und kann gelöſt werden,“ ſagte er in der Todesangſt des Ver⸗ lierens,„die Kirche bindet, das bürgerliche Geſetz gibt wieder frei. Einem Kind vergibt man ja willig den Bruch eines voreilig gegebenen Verſprechens und Du warſt ein Kind an Unerfahrenheit und Unkenntniß der Welt und der Bedürfniſſe des eigenen Herzens. Du warſt gewöhnt worden, an die Zweckmäßigkeit einer Ver⸗ bindung zu glauben, der keine innere Nothwendigkeit zu Grunde lag, und wußteſt nicht, daß Du beim Ein⸗ gehen eines ſolchen Vertrages ſchwer gegen Natur und Sitte ſündigteſt. „In zaghaft weiblicher Duldung nahmſt Du das Joch, das gebieteriſche Verhältniſſe Die auferlegten, und glaubteſt an einen Lebenszweck, der in ſeiner edel⸗ ſten Bedeutung mit dieſem Schritt für Dich verloren gehen mußte.— Zetzt gilt es, Dich ſelbſt und eine neue Zukunft wieder zu gewinnen, jetzt gilt es, zu wäh⸗ len zwiſchen meinem Glück und ſeiner Bequemlichkeit. ZJetzt gilt es, klar zu ſehen und zu entſcheiden: noch heute verlaſſe ich ſein Haus und trage auf gerichtliche Scheidung an. Erſchrick nicht, mein Leben,“ fuhr er haſtiger fort, als er ſah, wie ſie vor dieſem Wort zurück⸗ 220 Regi trat,—„erſchrick— hat man die Kraft den eigen Zweck zu wollen, muß man auch den Muth haben, die Wah entſprechenden Mittel zu ergreifen. Ich kann Dir nicht für t verhehlen, daß Du manche Verletzung fühlen und man⸗ Neig ches Lob entbehren wirſt, aber Du wirſt nur darum ganz mit der Geſellſcha aft brechen, um ganz von mir ausr gewonnen zu werden. Du wirſt nichts haben, als meine geiſti Liebe, als Erfüllung aller Deiner Wünſche, wenn mögl nicht im Himmel, ſo doch auf Erden.“ ich g „So lieben Sie mich,“ ſagte Regine mit heißen büßer Thränen,„daß Sie mich aufnehmen wollen, beſchmutzt, mein vielleicht vom ſcuſüſten Verdachte, ohne Ruf, ohne Achtung, ſelbſt ohne ein bewährtes, treuſicheres lange Herz? Dank für das großmüthige Wort, daran will Schri ich lange denken— lange davon zehren und nun— von N Adieu!“— das, „Keine beſſere Entſcheidung?“ fragte Paul— zurück an die jetzt erſt ſchmerzende Stirn greifend—„kein letzter Troſt?“ Adria „Es wäre Beleidigung für Sie, wollte ich Troſt griffer bieten, während ich darum betteln möchte ſagte Re⸗ tet, o gine erſchöpft;—„ſo wenig finde ich ſolchen für mich.“ Laß n Er antwortete nicht; düſter ſah er hinab in habe! das verkohlende Gebälk. chen e „Die Ehe iſt eine heilige Gemeinſchaft“— begann ft den n, die nicht man⸗ arum mir meine wenn eißen mutzt, Ruf, heres will — — „kein Troſt Re⸗ tich.“ ab in gann 221 Regine wieder,—„ein ernſter Bund; darf ſie um eigenen Glückes willen aufgehoben werden? Aus freier Wahl, mit freiem Herzen habe ich Adrian gelobt, ihm für das Leben zu gehören und die Wandelbarkeit der Neigung damit als ſträflich anerkannt. „Ich will danach handeln, ſo lange meine Kräfte ausreichen, ich will nicht denken, daß eine endliche, geiſtige Einigung zwiſchen meinem Mann und mir un⸗ möglich ſei; hat er leicht gegen mich gefehlt, ſo fehlte ich gegen ihn ſchwer und will durch doppelte Ergebung büßen, was mein unbewachtes Herz verbrach. Adieu, mein Paul!“ Sie reichte ihm die Hand, als er ſie aber nach langem, ſtummen Drucke los ließ und langſamen Schrittes das Zimmer verließ, brachen ihre Thränen von Neuem hervor und ein Schluchzen zerriß ihre Bruſt, das, wenn es ſein Ohr noch erreicht hätte, ihn ſicher zurückgeführt haben würde. „Mein Gott, wie hyſteriſch Du biſt!“ ſagte Adrian, als er beim Nachhauſekommen ſie noch ange⸗ griffen und verweint fand.„Du haſt Dich wohl gefürch⸗ tet, oder hat ſich Deine Migräne einmal eingeſtellt? Laß mir nur gleich Thee machen und Wärmſteine; ich habe ganz kalte Füße bekommen und fühle die Anzei⸗ chen eines ſtarken Schnupfens; das Licht thut meinen 222 Augen ganz entſetzlich weh.— Ich muß mich ſchonen, um die Predigt den Sonntag halten zu können; ich dachte ſchon an den Text:„es fiel Feuer vom Himmel und verzehrte die Gottloſen.“— „Und die Gerechten,“ ſeufzte Regine. „Nun, warum kömmt noch kein Thee?“ fragte Adrian ſehr unbehaglich.— „Das Mädchen iſt noch nicht zurückgekehrt;— ich will aber ſelbſt nach der Küche gehen.“— „Und wer gibt ihm Thee, wenn er krank und matt iſt? wer kühlt ſeine Brandwunden, wenn er Zeit hat, dieſelben zu fühlen? wer iſt bei ihm, wenn er den Schmerz der Einſamkeit empfindet?“ Und ihre Thrä⸗ nen fielen auf das brennende Reiſig, das ſie kniſternd verzehrte. Ire Pfle bari Rar dien voll Parl nen, ich nmel agte matt hat, den hrä⸗ ernd 16. „Das iſt unangenehm,“ ſagte Joachim, der mit Irenen beſchäftigt war, eine Anzahl friſch ausgehobener Pflanzen zu ſortiren, zu nummeriren und für ſein Her⸗ barium vorzubereiten, ich habe ein Exemplar von Ranunculus heterophyllus vergeſſen. „Ich will ſogleich danach gehen,“ antwortete Irene dienſtbereit;„Ranunculus heterophyllus ſteht in voller Blüthe, die kleine Bucht der Drachenteiche iſt mit ſchwimmenden Inſeln der Pflanze bedeckt.“ Sie ergriff den Strohhut, die Botaniſirbüchſe und ging. „Nimm Dit Zeit,“ rief ihr Joachim nach;„es iſt heiß und der gerade Weg allzu ſonnig; gehe durch den Park.“ Aber ſie war ſchon fort. Im Grunde hatte ſie —— ———— 224 mit Vergnügen die Gelegenheit ergriffen, der Studir⸗ ſtube zu entfliehen, um mit ſich und ihren Gedanken ungeſtört zu ſein. Kaum war ſie unter den in Stein gehauenen Schwertern, die ſich über der Wölbung der Parkthüre kreuzten, herausgetreten, als ſie von Weitem den Prinzen und Gregor gewahrte, die in ununterbroche⸗ nem Geſpräche dem abwärts führenden Hauptweg folg⸗ ten. Ihres letzten peinlichen Zuſammenſeins mit Herrn von Barthelmy eingedenk, wich ſie ſcheu zur Seite und ſchlug einen Nebenpfad ein, der ſie auf kürzere, wenn auch weniger bequeme Weiſe zum Ziele führen mußte. Eilig ſchritt ſie hinab, an dem Rande der Baſſins hin, an den Buchsbaumkränzen der Rondelle vorbei, durch die verwilderten Jasmin⸗ und Roſenkolonien, bis die Vorpoſten des Waldes durch die dichter zuſammen⸗ tretenden Stämme abgelöſt wurden und durch ihre Co⸗ lonnen den Rennbach brechen ließen, der in haſtigem Laufe den Drachenteichen zueilte. Irene folgte demſelben und war bald am Ziele. Die Drachenteiche, zur Hälfte im Schooße des Wal⸗ des ruhend,— an der freien Seite von niedrigen Wei⸗ den, die ihr geſchorenes Haupt im zitternden Spiegel zeigten, und der Geiſenberger Trift begrenzt, lagen dicht vor ihr. Seitwärts, in einer ſchmalen Bucht, ſchaukelte der kleine, wohlgezimmerte Kahn; ein Seil, eil, 225 um einen abgebrochenen Erlenſtamm geſchlungen, feſ⸗ ſelte ihn an das Ufer. Irene löſte mit kräftiger Hand den ungefügigen Strick, ſprang in das ſchlanke Boot, das unter ihren Füßen ſich wiegte, ergriff das leichte Ruder und lenkte durch einige geſchickte Schläge hinaus in die offenen Gewäſſer. Wie oft hatte ſie mit Paul ſolche kleine Waſſer⸗ fahrten gemacht, wie war ſie eifrig und beharrlich ge⸗ weſen, ihm die Vortheile des Ruderns abzulernen, wie hatte ſie ihn geneckt und geängſtigt, wenn ſie allein in den Kahn ſprang und vom Lande ſtieß, in einer Zeit, wo es ihm noch nicht räthlich dünkte, ihr allein das Ru⸗ der anzuvertrauen; wie hatte er ſie überraſcht mit dem Geſchenk des leichtgebauten wohlverpichten Nachens, mit den ihren Kräften angemeſſenen Rudern! Nun ſtellten ſie Wettfahrten an; das größere Boot, das jetzt halb voll Waſſer, ſich unter die breiten Blätter der Klette zu verſtecken ſchien, war ſein Admiralſchiff; das Kleine ihre Dogareſſagondel. Es war ein harmlo⸗ ſes, fröhliches Spiel, welches damals auſ den Flu⸗ then der Drachenteiche getrieben wurde, auf denſelben Fluthen, welche eine traurige Sage überſchwebte. Wie lebt, wie glänzt heute Alles! Sie lenkte ein nach einer geräumigen Bucht, die Kinder der Zeit. I. 226 in den Walh ſich gedrängt hatte. Vorſichtig mit der jetzt ergriffenen Stange das Waſſer meſſend, trieb ſie näher, bis die weißen Blüthen des Hahnenfußes zwi⸗ ſchen den ſchildförmigen Blättern ihr etreichbar wurden. Tief hinab in das Waſſer griff ihre behutſame Hand, um die verborgenen Pflanzenglieder nicht zu verletzen. Es gelang;— mehrere ſchöne Exemplare wanderten aus dem hellen Element in die dunkle Botaniſirbüchſe; dann wendett ſie um und trieb denſelben Weg wieder zurück. Doch eilte es nicht mit der Rüctkehr; ſie führte das Ruder nur faumſelig, ſie kam immer noch bald genug wieder in die ernſte Beſchäftigung hinein. „Hier muß das große Echo fein,“ érinnerte ſie ſich, als ſie der Geifenburg zuſteuerte und noch einige Klaf⸗ tern vom Ufer entfernt war. n „Guten Morgen,“ rief ſie mit lauter Stimme. „Guten Morgen,“— ſchallte es vernehmlich zu⸗ rück, einmal, dann noch einmal.— „Was iſt das?“ fragte ſich Irene etwas ver⸗ wundert,„das Echo hat Fortſchritte gemacht,— die örtlichen Bedingungen ſind dieſelben geblieben und doch wirft es die Schallwellen jetzt zweimal zurück,— früher fand immer nur eine Wiederholung ſtatt.“ „Echo, biſt Du allein?“ fragte Irene langſam und laut.— Stille einen Augenblick, dann erſt ein — ie nd m 227 ſchwaches— i— dann ſtärker und anders klingend die Antwort:—„Ich bin allein!“ „Verkapptes Echo,“ jubelte Irene jetzt hell auf, „ich kenne Dich.“— „Kenne Dich“ hallte es leiſe aus der Ferne her. „Ich auch“— lautete die Antwort der andern Stimme, und Gregor trat aus dem Walde hervor und grüßte Irene lachend. „Was führt Sie hierher?“ fragte Irene vom Kahn aus, indem ſie durch einige ſtärkere Ruder⸗ ſchläge dem Ufer zuſteuerte. „Ein Spaziergang,“ antwortete er die Achſeln zuckend,„und Sie?“ „Eine botaniſche Expedition.“— .„Darf ich ein paar Minuten an Bord gehen?“ fragte Gregor.—„Der Theil des Sees unter dem Schatten der Bäume hin, muß angenehm zu befahren ſein.“— „So kommen Sie an das Steinplateau; von da aus können Sie bequem einſteigen,“ rieth Irene, durch ſeine verſöhnliche Stimmung erfreut. Gregor befolgte ihren Willen; ſie ſelbſt drängte das Fahrzeug vorſichtig an den wenig hervorſpringen⸗ den Landungsplatz. Gregor ſchwang ſich behutſam hin⸗ 15* ——— — 228 ein; dennoch erfolgte ein lebhaftes Hin- und Herwie⸗ gen and augenblickliches Zurückweichen vom Ufer. „Der Kahn wird doch nicht ſammt uns verſinken, oder umſchlagen?“ fragte Gregor, alle überflüſſigen Bewegungen vermeidend.— „Das iſt wohl möglich,“ ſagte ſie neckend,„doch macht's nichts aus.— „Sie können ſicherlich ſchwimmen und ich laſſe mich mit Vergnügen von Ihnen retten.“— „Ich kann nicht ſchwimmen,“ verſicherte Gregor, „und bin auch nicht im Beſitz eines Korkapparates, der mich über dem Waſſer zu halten vermöchte.“ „Nun, ſo werden wir unſer Teſtament machen und loſen müſſen, wer da hinabſpringen muß, im Falle das i Miene macht, über den Rand des überfrachte⸗ ten Kahnes zu ſteigen.“ „Ich vermache meinem Vaterlande alle meine an⸗ gefangenen, lyriſchen Ergüſſe,“ ſagte Gregor,„meiner Familie den Plan zur Grabung eines Ziehbrunnens in einer waſſerarmen Gegend, Ihnen eine vertrocknete Baſtfaſer, die einſt, als lebende Muskel, mein Herz ge⸗ nannt wurde.“ „Ich werde eine ſolche Erbſchaft nicht antreten; vertrocknete Baſtfaſern habe ich in übergroßer Auswahl,“ 229 proteſtirte Irene, die von Zeit zu Zeit durch einen Ru⸗ derſchlag den Kahn in Bewegung ſetzte. „Und ſind doch unabläſſig bemüht, dieſen Beſitz zu mehren,“ bemerkte Gregor, auf die gefüllte Botani⸗ ſirbüchſe deutend. Sie zuckte die Achſeln, ohne zu antworten. Unter ihrem breitrandigen Hute, in dem hellen Kleide, das Ruder in der braunen Hand, erinnerte ſie an das Bild einer italieniſchen Schifferin, und beſchäf⸗ tigte auf's Neue Gregor's künſtleriſches Auge. „Warum ſehen Sie mich ſo ſtumm an?“ fragte Irene, mit der einen Hand Waſſer ſchöpfend, und ihm einige Tropfen in das Geſicht ſchleudernd. „Stehen Sie doch ruhig, Sie werden den Boden zertreten!“ ermahnte Gregor. „Der uns von Elſe trennt,“ ſagte ſie plötzlich ernſt; „ſehen Sie nicht, wie ſie die weiße Hand mir ent⸗ gegenſtreckt?“ Sie ſtreifte den Aermel von dem feinen Handge⸗ lenke, und griff in die am Kiel höher hinaufſteigenden Wellen. „Ich werde Sie halten, damit Sie ſich nicht hin⸗ abziehen laſſen,“ ſagte Gregor, indem er ihre andere Hand zu erfaſſen ſuchte. Aber in derſelben drohte das Ruder. 230 „Wenn Sie mich irre machen, ſtehe ich für nichts!“ rief ſie trotzig.„Und jetzt,— jetzt will ich nach Hauſe.“ „Und warum zittert jetzt Irene ſo?“ „Irene zittert nicht,“ ſagte ſie ſcheu. Er ergriff ihre Hand und hielt ſie vor ihr Geſicht; die feinen Finger bebten ſichtlich. Sie hatten den Landungsplatz erreicht; Gregor ſtieg zuerſt aus, Irene folgte ihm und band den Kahn wieder feſt. Beide kehrten verſöhnt nach dem Schloſſe zurück, während der Waſſerſpiegel ſeine glatte Oberfläche wie⸗ der gewann und die Sonne die Tropfen aufzehrte, die noch am Ruder hingen. Von Joachim's Obſervntorium 42 ſu heute der Comet beobachtet werden. Der Prinz hatte ſeinen Befuch ugeſa und der Paſtor und Gregor um Erlaubniß gebeten, gegenwärtig ſein zu dürfen. Joachim war in ſeiner liebenswürdigſten Stimmung. „Wollen Sie den Aufzügen und Tableaur im Weltraume einmal zuſehen?“ fragte Irene den kleinen Paſtor, der ſich zuerſt eingefunden hatte,„es wird heute lebhaft zugehen. Was meinen Sie zu folgendem Feſt⸗ programme: 1. Aufzug der Sternſchnuppen, 2. Solo einer Meteorkugel, 3. Pas de deux: flackerndes Auf⸗ flammen der Venus und des Jupiters, 4. Tableaur der Gluckhenne mit ihren Küchlein, 5. Landſchaftliche Mond⸗ bilder, 6. großer Salto mortale des Cometen, und —— —— 232 ſchließlich noch ein Eiertanz des Schwan's in der Milchſtraße.“ „Wie hübſch Sie das erdacht haben,“ ſagte der Paſtor, der ſich vergeblich nach einem behaglichen Sitz⸗ platz umſah. Zrene bog ſich herab und küßte Joachim's Hand. Da näherten ſich Schritte und nöthigten die Herren, dem Prinzen entgegen zu gehen. „Maier, hol' Er gleich meinen Feldſtuhl! Er wird wohl noch ſeinen eigenen Kopf vergeſſen,“ erinnerte der Prinz, ohne zu bemerken, daß der erſehnte Gegenſtand bereits unter Maier's Armen ſchwebte, und alsbald ihn zum Sitzen einlud. „Fräulein Irene,“ fuhr Se. Durchlaucht fort, „mein Compliment. Was für Entdeckungen haben Sie heute gemacht?— Maier, mach Er mir doch Platz!— Mein Gott, die Stube ſcheint kleiner geworden, ſeit ich ſie nicht betrat, ich gehe nicht mehr ganz herein. Die Electriſirmaſchine iſt hoffentlich nicht geladen?— Ver⸗ zeihung meinen vielleicht übertriebenen Beſorgniſſen: es wohnen doch keine Inſecten in den Federn der aus⸗ geſtopften Vögel?— Ei, ei, der Mammuthswirbel iſt wohl Fräulein Irenen's Fußſchämel, und die Katzen⸗ felle ihre Polſter?— Maier, geb' er mir ſogleich ein ——— Pulver Nr. 6, wirkſam gegen Congeſtionen und Druck über der Magengegend.“ Das geſchah, und Dank dem Mittel, den verein⸗ ten Bemühungen aller Anweſenden und des Prinzen verſöhnlicher Laune, gelang es, einen bequemen Platz für den gnädigſten Herrn hinter dem Telescop zu ge⸗ winnen. Joachim entfaltete verſchiedene Karten des Firma⸗ ments und erklärte das Erſcheinen des Cometen, geſtützt auf die Notizen über einen früheren Beſuch desſelben. Gregor war, um den Raum nicht noch mehr zu beſchränken, wie er ſich entſchuldigte, in das Nebenzim⸗ mer getreten, in welchem Irene unter Karten und Bü⸗ chern kramte. „Hier habe ich Sie zum erſten Male geſprochen,“ ſagte er,„Sie ſtanden dort mitten im Blitz, am offenen Fenſter. Erinnern Sie ſich noch?“ „Nein, ich erinnere mich gar nicht mehr,“ ſagte ſie neckend,„ſo etwas iſt nicht gewichtig genug, um im Ge⸗ dächtniſſe zu bleiben. Auf welchen Tag fiel doch das wichtige Ereigniß, daß wir, zum erſten Male Worte tauſchend, die Luft in Schwingungen verſetzten?“ „Den erſten Mai vielleicht? Eine Nacht des Spuckes ſchien mir's wenigſtens; wenn nicht von Hexen, ſo doch von Elementargeiſtern belebt,“ meinte Gregor. 234 „Aber, Sie fragen ja gar nicht nach dem Come⸗ ten,“ mahnte Irene,„und ſind doch ſeinetwegen ge⸗ kommen!“ „Ich bin nicht wegen des Cometen gekommen, ich folge einem andern Sterne!“ ſagte Gregor. „Einem Ordensſterne vielleicht?“ wagte Irene zu necken.„Wollen Sie die von Papa ſehen? Ich glaube, ſeine Decorationen liegen da in der Gegend der gepan⸗ zerten Infuſorien. Oder wünſchen Sie einen vertrockne⸗ ten Seeſtern? Da oben iſt er feſtgenagelt. Oder eine Sternſchnuppe? Schnell, laufen Sie genau in der milch⸗ weißen Furche hin, die ſie im Fallen zieht, vielleicht er⸗ wiſchen Sie noch ihren Kern!“ „Irrlicht!“ ſtrafte Gregor.„Flackernde, flatternde Flamme, gewinne Stetigkeit!“ „Mit wem unterhalten Sie ſich in dieſem beſchwö⸗ renden Styl?“ fragte Irene lachend. „Mit Ihnen,“ antwortete Gregor gelaſſen. „Das iſt nicht wahr, ich heiße nicht Du!“ ſagte ſie, durch die Haſt der eigenen Worte erröthend. „In meinen Gedanken nenne ich Sie immer Du, desgleichen wenn ich wortlos mit Ihnen rede, oder von Ihnen träume,“ bemerkte Gregor mit großer Be⸗ ſtimmtheit.. Verletzt trat Irene einige Schritte zurück. Sie W* wollte in das andere Zimmer, aber Joachim trat ihr entgegen und lockte ſie durch eine Bemerkung an das geöffnete Fenſter. Sie lehnte ſich in die ſtille Ecke und dachte an Gregor's offenes, unzartes Geſtändniß. „Der Comet, der Comet!“ rief der Prinz hinter dem Telescop,„ich habe ihn! Ein ſchmächtiger Patron! Nun, welche Bedeutung wird für den armen Schnell⸗ läufer herausgeklaubt werden?“ Der Paſtor erhob ſich von ſeinem Wirbelſitz und ſtellte ſich hinter den Prinzen, bis dieſer erſchößft zurück⸗ ſank, und ihm das Fernrohr überließ. „Herr von Barthelmy! Wo ſtecken ſie in aller Welt? So ſehen Sie doch!“ mahnte der Prinz. „Ich ſehe ſchon,“ rief dieſer jetzt neben Irenen und auf dieſe das Auge gerichtet.„Ein Stern, voll Schön⸗ heit und Gewalt; eine reiſende Lichtwolke, wie Tenopha⸗ nes ſagt. Er brennt, glaube ich, und ſtürmt wohl des⸗ halb ſo eilig ſeines Weges, und hinter ihm wehet der Wind die Flammen zuſammen, wie einen Purpurmantel. Vergeblich Beginnen, wer kann ſeiner eigenen Gluth entfliehen?“ „Sie ſcheinen mehr da drüben zu ſchen und zu entdecken, als wir hier,“ ſagte der Prinz lachend,„ſo bleiben Sie denn auf dem günſtigen Platze. Ich mache Sie aber verantwortlich für den Fall, daß Fräulein 236 Irene, von magnetiſcher Ausſtrahlung bewogen, zum Himmel aufzuſteigen Miene machen ſollte; ſie iſt und bleibt beſtimmt, als irdiſcher Stern hier unten zu glänzen.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, um zu ver⸗ hindern, daß Fräulein Joachim vom Mann im Monde entführt wird,“ verſicherte Gregor heiter. „Ich ſehe keinen Mann im Monde,“ ſagte Irene mit ihrem ſchroffſten Ausdrucke. „Sehen Sie denn nicht die ſchwarze Silhouette, die deutlich genng gegen das Licht hervortritt?“ fragte Gregor. „Ich ſehe,“ antwortete Irene kalt, die wohl wußte, wie unangenehm ihn eine ſolche Redeweiſe berührte, „ich ſehe allein die Schatten der Gebirge; ich ſehe den Ocean der Stürme, ich finde die glaſigen Felſenzacken des Ariſtarch, ich gleite auf den hellen, lichtreflectirenden Streifen bis zu dem Meer der Entſcheidungen. Soll ich Ihnen die Namen der Mondring⸗Gebirge und ihre an⸗ genommene Höhe ſagen?“ „Soll ich Ihnen Ihre Lection überhören?“ fragte Gregor, ſeine Langweile durchaus nicht verheimlichend. „Es iſt nicht nöthig, ich bin ſicher,“ antwortete Irene, ebenſo abweiſend. „Wie können Sie ſich gefliſſentlich ſo entſtellen?“ 237 ſagte Gregor, von der Temperatur der Unterhaltung fröſtelnd,„wollen Sie denn Ihre Fähigkeiten, Ihren Einfluß auf mich heute nur dazu verwenden, um mich zu verſcheuchen, zu entfremden?“ Irene ſchwieg; ſie wußte nichts zu ſagen; ſie fühlte ihr Herz wie unter einer Blütenlaſt gedrückt, ihre Verſtimmung wie Nebel zerrinnen. Ihr Augenlied zitterte unter ſeinem Blicke und ihre Hand zuckte wohl, zog ſich aber nicht zurück, als er ſie faßte und t ſagte: „Da bin ich ſchon wieder! Schicken Sie mich fort?“— „Könnte ich es doch!“ ſagte Irene mit einem ſo natürlich wahren Ausdrucke von Selbſtanklage und Kummer, daß Gregor durch das nur loſe verſchleierte Geſtändniß eines ihm gegenüber ohnmächtig gewordenen Willens ſich nicht nur verſöhnt, ſondern auch zu einer raſchen Benutzung und Ergreifung des gewonnenen Vortheils getrieben fühlte. „Wie ſchön Sie ſind,“ ſagte er, den Blick auf ſie richtend,„wie ſo ganz ein rechtes Kind des Himmels und der Erde.“ Wie im Traume ſtand ſie vor ihm und hörte im eigenen Herzen das Echo ſeiner Worte. Sie ſchlug die Augen nicht nieder, ſie weinte nicht, ſie erröthete nicht, 238 ſie wendete ſich nicht ab; aber in ihrem Auge leuchtete der helle Glanz des Jubels auf, und rief den Mund zu einem reinen, verklärten Lächeln wach, das in den verblaßten Wangen ſich ſchmiegſam verlor. „Rebellin gegen den gewaltigen Herrn werden Sie, Irene, nicht ſein; nicht um dieſen Preis eigenſin⸗ nig die Reſignation des Alters wählen, bevor die Le⸗ benskraft, die Herzenskraft erloſchen iſt,“ fuhr er immer erregter fort.„Sie werden nicht ſterben wollen, bevor ſie gelebt, nicht der Erſtarrung des Alters verfallen, nachdem Sie ſich kaum den Spielen der Kindheit ent⸗ rungen haben! Sie werden nicht murren, wenn ſich das Schickſal ihres jungen, glühenden Herzens erfüllt, Ihre reiche Natur wird der Liebe, dem Glücke den Schimmer der Verklärung verleihen. Sie werden mich für das Le⸗ ben, für den Frieden vielleicht wiedergewinnen, wenn Sie mir ſagen: Du haſt mein Herz erworben und ich habe es Dir frendig zu eigen gegeben!“ „Gehen Sie mit, Herr von Barthelmy?“ fragte die gähnende Stimme des Prinzen in der Thüre,„es iſt ſpät geworden und Schlafenszeit. Gute Nacht, Fräu⸗ lein Irene; zerbrechen Sie ihr Köpfchen nicht durch ma⸗ thematiſche Berechnungen, und trüben Sie Ihre ſchö⸗ nen Augen nicht durch allzu ſcharfes Schauen.— Be⸗ gleiten Sie mich, meine Herren?“ — — — 239 Leiſe hatte Irene ihre Hand aus der Gregor's ge⸗ löſt und dankte nun dem Prinzen auſ ſeine Abſchieds⸗ worte. Gregor ſen heiter und angeregt zu dem Prin⸗ zen, von dem er ſich verabſchiedete. Noch einmal begeg⸗ nete er in dringender Mahnung Jrenen's Blicke, als er ſie verließ. „Gute Nacht, Papa!“ ſagte vieſt wie im Traume und verſchwand durch die Seitenthüre, die auf kürzerem Wege zu ihren Räumen führte. Sie erreichte dieſe; die Fenſter ſtanden weit geöffnet, der Brunnen rauſchte ſein altes Nachtlied. Sie ſtand hülf⸗ und rathlos. Sie hob ihre Hand, in der noch die kühle Temperatur der ſeinen nachwirkte, an ihre Stirne, an ihren Mund, als ver⸗ lange ſie eine Beglaubigung des kaum Erlebten. Sie wollte das Fenſter ſchließen, mechaniſch die Vorrichtung zum Schlafengehen treffen, aber ihre Gedanken, ihr Wille waren in offener Empörung. Ende des zweiten Bandes. . — *8 — —= — G. S S * — = — — —= S 8 — — — 8 5 1 — —