Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on 8 Cdnard Ottmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —————————— auf 1 Monat: T F— Pf 1 Wi 50 Pf. 2 Mt.— Pf⸗ „ 4„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———8 EiR Der in England, oder Die Liebe. 6 —— A. Aus dem Engliſchen 8weiter von B u ————— ch e Leipzig⸗ bei Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 26 Der* Nabob in England, oder Die Rachſucht verſchmaͤheter Liebe. 8weiter hei Reunzehntes Capitel. Das Gluͤck, welches Godwin beguͤnſtigt hatte, läͤchelte ihm eine Zeitlang, aber nur, um ihm ſeinen Wechſel deſto bitterer empfinden zu laſ⸗ en. Da er jetzt ſeine Neigungen wieder be⸗ friedigen konnte, ſo mußte er von Allem ge⸗ nießen, wozu ihn ſeine Leidenſchaften hinriſ⸗ ſen. Vorher war Godwin ſehr mäßig im Trinken geweſen; jetzt verging kein einziger Tag, ohne daß er ſich betrunken haͤtte, und dann mußte ſeine Gattin die unwürdigſte Be⸗ handlung erfahren. Godwin war ſtets gern in guter Geſellſchaft geweſen und hatte nie⸗ mals andere gekannt; jetzt beſuchte er die ſchlechteſten Hrter, deren Luft fuͤr Jeden, der ſie Gnathmet, verderblich iſt, und die arme Clara ward ein Opfer dieſer Peſt. Der junge Milborn war mit Grfuͤhlen gebildet worden, welche einem gut etzogenen Manne wehl an⸗ ſtehen, und wenn er auch als ſolcher nicht eben eine ſogenannte Ehrenſache eifrig geſucht hätte, ſo wuͤrde er doch gewiß keine Beleidi— gung erduldet haben, ohne ſich, wie es einem muthvollen Manne geziemt, ſein Recht ſelbſt zu verſchaffen. Jetzt war er ſtets bereit, Je⸗ manden zu beleidigen, und einem Raufbolde nicht unähnlich, der in jedem Gegner, welchen ſein ſiegreicher Degen in das Grab geſtuͤrzt hat, ein Triumphzeichen ſeiner Tapferkeit zu erblicken wähnt. Ungluͤckticher Godwin! und Du, noch ungluͤcklichere Clara, was habt Ihr gethan! welche traurige Ausſicht eroffnet ſich fuͤr Eure Zukunft, und vielleicht wird man Euch nicht einmal beklagen! Clara ſeufzte ſeit länger als zwei Mona⸗ ten ſchon uͤber ihr Schickſal. Oft ließ ſich ihr Gatte drei bis vier Tage lang gar nicht bei ihr ſehen, und wenn er endlich erſchien, ließ er ſeine ͤble Laune auf eine ſolche Weiſe ge⸗ gen ſie fuͤhlen, daß ſie wuͤnſchte, er möchte noch öfterer und länger wegbleiben. Das Loos der armen Clara war ſo ſchrecklich ge⸗ . worden, daß es wenig fehlte, ſie hätte ſich in ihrer ſchon ſehr weit vorgeruͤckten Schwanger⸗ ſchaft das Leben genommen. Einmal ergriff ſie die Feder, um an ihre Mutter zu ſchrei⸗ ben, aber ſie beſorgte, ſie moͤchte ſich hier⸗ durch nur neuen Kummer zuziehen, und zer⸗ riß den Brief. Und in Wahrheit, wie konnte ſie ſich ſchmeicheln, die Verzeihung ihrer Al⸗ tern zu erlangen, da ſie wußte, daß dieſe ſtets fuͤr Niemand anders, als füͤr Evan, Zärtlichkeit bewieſen hatten, und daß dieſer Bruder, ſtatt zu ihren Gunſten zu ſprechen, es ſich zur größten Freude machte, die urſa⸗ che des gerechten Zornes ſeiner Altern zu ver⸗ ſtarken; es blieb nichts uͤbrig, als zu leiden, zu ſchweigen, und den Tod, als den einzigen Wohlthaͤter, zu erwarten. Clara hatte ſich nur eben von einer ge— fährlichen Krankheit wieder erholt, als eines Tages(es war gerade der ſechſte, welchen Godwin hinter einander außerm Hauſe zu— brachte) Gerichtsdiener in ihre Wohnung traten, und ihr ankuͤndigten, ſie wurden ei⸗ —— ———— 1 — — — 6— ner Schuld von 100 Pfund Sterling halber die Meublen in Beſchlag nehmen. Die ſchwa⸗ che, kranke Ungluͤckliche konnte ſich dieſem nicht widerſetzen, mit blutendem Herzen ſaß ſie in einer Ecke des Zimmers, und war Zeu⸗ gin, wie ihre Sachen, das einzige, was ſie noch beſaßen, aufgezeichnet wurden. Als das Geſchaͤft beendigt war, ließ man einen Waͤch⸗ ter zuruͤck, und gab Clara zu verſtehen, daß ſaͤmmtliche Efſekten den folgenden Tag wegge⸗ nommen werden wuͤrden. Sie fragte, wo ihr Mann waͤre? Man gab ihr hohnlächelnd zur Antwort, ſie könnte ihn in Newgate*) ſu⸗ chen. Dieſes Wort oͤffnete ihr auf einmal die Augen.— Godwin iſt arretirt! rief ſie mit gerungenen Huͤnden.— Wenn er 500 Guineen bezahlt, wird er wieder frei, ſo gut wie Sie und ich; ſagte einer der unbarmher— zigen Gerichtsdiener; aber, ſchones Kind, Sie ſind liebenswuͤrdig genug, um in kurzer Zeit dieſe Summe beiſammen zu ha⸗ ben. Leben Sie indeſſen wohl, Miſtreß Mil⸗ *) einem bekannten Londoner Gefaͤngniſſe. born.— Clara wuͤrdigte die ſchändlichen Vor⸗ ſchläge dieſes Unverſchaͤmten keiner Antwort, ſie ergriff ihren Hut und Shawl, und wollte fortgehen, als der Wächter, der ein edlerer und ſanfterer Menſch zu ſeyn ſchien, als ſein Camerad, zu ihr ſagte, er würde dafuͤr Sorge tragen, daß Niemand waͤhrend ihrer Abweſen⸗ heit in's Zimmer käme.— Sie wiſſen, ſagte er, daß Ihre eigenen Effekten nicht mit Ar⸗ reſt belegt ſind, Sie wuͤrden daher wohlthun, wenn Sie morgen fruͤh dieſelben von hier weg⸗ nehmen ließen.— Ich danke Euch, antwor⸗ tete Clara, fuͤr Euren Rath, allein in dieſem Augenblicke beſchaͤftigt einzig und allein mein Gatte alle meine Gedanken. Ich gehe nach Newgate. Als Clara in dieſem Ort der Verzweife⸗ lung angekommen war, verlangte ſie mit God⸗ win zu ſprechen. Man fuͤhrte ſie in eine kleine Kammer, wo ſie ihren Gatten in Geſellſchaft von zwei Weibsperſonen, deren Rußeres ſo⸗ gleich ihr ganzes Weſen verrieth, und zweier junger Leute ſitzend antraf; ſebald er ſie er⸗ blickte, rief er: Du biſt's, Clara, ſey mir willkommen, ſetze Dich, meine Liebe, wir wollen unſere Sorgen im Weine erſäufen. Clara, uͤber dieſe leichtſinnigen Reden ihres Mannes unter ſolchen Umſtänden empoͤrt, und noch mehr daruͤber, ihn in ſo ſchlechter Geſellſchaft zu ſinden, trat einen Schritt zu⸗ ruͤck, und nahm Godwins Einladung nicht an.— Das iſt alſo Eure Frau, n ſagte eine jener Dirnen, ſie iſt huͤbſch.— Sie zirt ſich ganz gewaltig, ſprach die an— dere; ich zweifele ſehr, mein armer Godwin, daß ſie Dir Deine gegenwärtige Lage verſuͤ⸗ ßen wird.— Was ſtehſt Du denn da und ſtauneſt, Clara? rief Milborn; jetzt lege nur dieſe hochmuͤthige Miene ab, vergiß das Ge— ſchehene, Du biſt nicht mehr die Tochter ei⸗ nes reichen indiſchen Nabobs, ich bin nicht mehr der Sohn des Lord Milborn. Man hat mich, vielleicht fuͤr meine ganze Lebens⸗ zeit, hier eingeſperrt, ich muß mich wohl dar— ein ergeben. Dieſe beiden liebenswuͤrdigen Damen hier ſind ſo gefällig geweſen, mir die Langeweile zu vertreiben, und dieſe jungen Leute da ſind meine vertrauteſten Freunde, vereinige Dich mit uns, wir wollen die Zeit frohlich zubringen. Clara antwortete nur mit Thraͤnen auf dieſe herrliche Rede. Jetzt ſtand eine der Weibsperſonen auf und ſagte: Mil⸗ born, Deine Frau erregt mir Kopfſchmerzen, wenn ſie fort iſt, will ich wiederkommen,— Schdne Maria, rief Godwin, verlaßt mich um des Himmels willen nicht! Hierauf wen⸗ dete er ſich an ſeine Gattin, und ſprach ſiehſt, Clara, was Du hier anſtifteſt, geh nach Hauſe, und werde klug.— Biſt Du denn niemals allein? fragte Miſtreß Mil⸗ born. Wenn Du mir eine Stunde bezeich⸗ nen willſt, wo meine Gegenwart Niemandem ein Vrgerniß ſeyn wird, will ich kommen und Dir Geſellſchaft leiſten. Eine der jungen Mannsperſonen ſagte zu Clara, ſie, kämen nur zur Mittagszeit, es ſtuͤnde ihr daher frei, ihren Mann den ganzen Morgen zu beſuchen. — So will ich denn morgen gegen neun zu Dir kommen, Godwin. Mit dieſen W — 12— ten nahm ſie von ihm Abſchied, er nickte mit dem Kopfe, ſtand, als ſie ſchon zur Thuͤre hinausgegangen war, auf, lief ihr nach, und bat ſie, ihm einige Guineen zu geben.— Ich habe nur noch eine einzige, antwortete ſie; hier haſt Du ſie.— Das iſt ſehr wenig, die Rechnung wird ſich gewiß weit hoͤher be⸗ laufen, ich werde aber den Wirth auf mor⸗ gen vertröſten, ſorge, daß Du morgen mehr mitbringſt. Da ein Gefangenwärter da ſtand, ſo wollte Clara ſich gegen Godwin in kein weiteres Geſpräch einlaſſen, nahm ſich aber vor, ihn den folgenden Tag von der Beſchlag⸗ nehmung ihrer Habſeligkeiten, wovon er ehne Zweifel nicht das Geringſte wußte, und von der gänzlichen Huͤlfloſigkeit, in welcher ſie ſich befand, zu benachrichtigen. In welcher ſchrecklichen Lage befand ſich jeßt eine junge Perſen, welche im liberfluß erzogen worden war, und keinen Mangel ge— kannt hatte! Ihr ganzes Vermoͤgen beſtand aus zehn bis zwolf Guincen, und was dabet das Schlimmſte war, der Zeitpunkt ihrer 13— Entbindung, einer Begebenheit, die, trotz der ängſtlichſten Sparſamkeit, dennoch jedesmal ungewöhnliche Ausgaben verurſacht, ruckte immer näher heran. Sie mußte eine mit Meublen verſehene Wohnung aufſuchen, und wußte doch nicht, an wen ſie ſich deshalb wenden ſollte. Der Waͤchter hob dieſe Schwie⸗ rigkeit„ indem er ihr das Anerbieten machte, er wolle ſeine Schweſter, die mehrere leere Zimmer habe, davon benachrichtigen. Clara nahm dieſen Vorſchlag an, und bezog den fol⸗ genden Tag, noch ehe ſie nach Newgate ging, eine kleine, einfache Wohnung, wofuͤr ſie wo⸗ chentlich nur eine halbe Guinee bezahlen ſoll⸗ te. Das Haus lag in der Arundel⸗Straße, nicht ſehr weit vom Quartier Weſtminſter und ganz nahe an der City. Der edelmuͤ⸗ thige Wäͤchter nahm es auf ſich, Claras Hab⸗ ſeligkeiten zu ſeiner Schweſter ſchaffen zu laſſen. Es war noch nicht neun Uhr, als Miſtreß Milborn im Gefängniſſe ankam. Godwin rief ſogleich, wie er ſie erblickte: Clara, ich helfen kann! Wahrlich, die Frauenzimmer hoſſe, Du bringſt mir heute Geld mit.— Da haſt Du unſern ganzen Reichthum, ant— wortete ſie, und warf mit dieſen Worten ſechs Guineen auf den Tiſch.— Was iſt das fuͤr ein Lumpengeld, erwiederte Godwin, und ſtieß das Geld zuruͤck, geh fort, Clara, laß einen Tapezier rufen, und verkaufe ihm unſre Meu⸗ blen.— Es ſchmerzt mich ſehr, Godwin, daß ich Dein Ungluͤck vermehren muß, indem ich Dir etwas verkuͤnde, was Dich betruͤben wird, unſere Effekten ſind von einem Glaͤubiger, wel— chem Du 100 Guineen ſchuldig biſt, in Be⸗ ſchlag genommen worden, und ſollen dieſen Morgen fortgeſchafft werden. Der Henker hole alle dieſe verdammten Wucherer! Das iſt gewißlich dieſer Hund Ismael, dem ich 100 Guincen bezahlen ſoll; da ich doch blos 18 von ihm geborgt habe!— Großer Gott! wie haſt Du Dich dazu verſtehen konnen, ſo ungeheure Zinſen zu verwilligen?— Ei, was ungeheure Zinſen? wenn man Beduͤrfniſſe hat, giebt es nichts Unmäßiges, was denſelben ab⸗ ſind ſonderbare Geſchoͤpfe, ſie wollen alles wiſ⸗ ſen, ſie wollen uͤber alles ihr Urtheil fällen. — Lieber Godwin, ich wollte Dich nicht kraͤnken; vergieb mir meine Reden, ich wuͤn⸗ ſche ja ſehnlichſt, Deinen Kummer zu lindern, und will auch von nun an nichts ſagen, was Dich aufbringen könnte.— Gute Clara, ver⸗ ſetzte Godwin, und ergriff dabei ihre Hand, welche er leidenſchaftlich druͤckte, Du biſt ein Engel an Sanftmuth und Ergebung, ich ha⸗ be Dich ungluͤcklich gemacht, ich quaͤle Dich, und dennoch weiß ich Deinen Werth zu ſchaͤz⸗ zen, und Deinen Tugenden Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen. Dieſe Reiſe nach Lon—⸗ don hat mich in's Verderben geſtuͤrzt, boſe Beiſpiele haben meine Sitten zerſtört, oft⸗ mals denke ich daruͤber nach, und dann em⸗ pſindet mein Herz jedesmal die aufrichtigſte Reue, aber zu meinem Ungluͤcke reißt mich die unwiderſtehliche Gewalt meiner Leidenſchaf— ten ſtets wieder hin; hierzu kommt die Macht der Gewohnheit, und ich gerathe wieder auf die ſchimpflichſten und ſchlimmſten Abwege.— — 16— Da Du, liebſter Godwin, Dein Unrecht ſelbſt eingeſtehſt und kennſt, ſo duͤrfte, denke ich, dieſes Dich ſelbſt auf den Pfad der Tugend und Beſſerung zuruckfuͤhren.— Glaube das nicht, ſchmeichle Dir nicht mit dieſer Hoff⸗ nung, denn ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo ich Dir mein Herz oſſenbart habe, merke ich, daß die Langeweile und der liberdruß mich be⸗ fallt; ich bedarf der Zerſtreuung, und ob ich Dich gleich immer liebe, ſo wuͤrde es mir dennoch unmöglich ſeyn, auch nur einen ein⸗ zigen Tag Dir gegenuͤber allein zuzubringen. Nach dieſem freimuͤthigen Bekenntniſſe des jungen Milborn ließ Clara zwar alle Hoff⸗ nungen zu ſeiner Beſſerung gaͤnzlich ſinken, aber ſie beſaß zuviel Edelmuth, um nicht, ih⸗ ren Grundſaͤtzen getreu, alles Unglüͤck, wel⸗ ches ihren Gatten betreffen konnte, mit ihm zu theilen. Die Stunde, wo Godwins Freunde zu kommen pflegten, war da, Clara nahm da⸗ her von ihrem Manne Abſchied.— Meine Gegenwart, ſagte ſie, wuͤrde Dir Zwang auf⸗ v* NN legen, und wenn ich bleiben wollte, wuͤrde. die Auffuͤhrung derjenigen Perſonen, mit wel⸗ chen Du lebſt, mich unaufhoͤrlich auf das tiefſte verwunden; weder Du, mein Godwin, noch ich waren vorher an ſolche Geſellſchaft gewohnt. Daß Du doch immer an die Vergangenheit denkſt, ich habe es Dir ſchon geſagt, Clara, Du mußt durchaus vergeſſen, wer wir geweſen ſind.— Das Ungluͤck kann zwar, das weiß ich, muthlos und elend ma⸗ chen, aber es ſchaͤndet nicht, und glaub' es mir, Godwin, die Erhaltung der Achtung ſeiner ſelbſt iſt ein großer Troſt fuͤr den Un⸗ gluͤcklichen.— Ich moͤchte uͤber Deine Reden einſchlafen, Clara, wenn nicht der Gedanke, der mir eben durch den Kopf fährt, mich zum Lachen reizte; ich frage Dich, darf eine Frau von achtzehn Jahren, die aus ihrem aͤlterli⸗ chen Hauſe entflohen iſt, um einem jungen Thoren nachzufolgen, der ſie, ſtatt nach Schottland, nach London hingefuͤhrt hat, darf, frage ich, eine ſolche junge Frau von Tugend ſprechen und wider die Ausſchweifungen des II. B S — 13— Lebens predigen?— Nachdem Godwin dieſen grauſamen und bittern Spott hatte hören laſ⸗ ſen, gaͤhnte er, dehnte ſich aus, und ſteckte die ſechs auf dem Tiſche liegen gebliebenen Guineen in ſeine Taſche. Clara erröthete uͤber den unzarten Vorwurf, welchen er ihr dar⸗ uͤber gemacht hatte, daß ſie es gewagt, ſich auf ſeine Ehre zu verlaſſen; ſie erröthete uͤber ſeine Barbarei, daß er das einzige Geld, wel⸗ ches ſie noch hatte, zu ſich genommen, ach! ihr Herz war zu voll, ſie konnte ihre Thra⸗ nen nicht zuruͤckhalten, aber ſie wollte ſie vor dem Undankbaren verbergen, der ſie auf eine ſo grauſame Weiſe hervorgelockt hatte, und ſie beeilte ſich, einen Ort zu verlaſſen, wo es ihr ahndete, daß ſie noch ſchmerzvolle Au⸗ genblicke haben wuͤrde. Bei der Ruͤckkehr in ihre neue Wohnung traf ſie den biedern Wil⸗ ſon an, er bat ſeine Schweſter in Gegenwart der Miſtreß Milborn, fuͤr dieſe alle Sorgfalt und Achtung zu haben, welche man der lei⸗ denden Tugend ſchuldig iſt. Dieſer Mann war durch Clara's heftigen Schmerz zuerſt zum Mitleiden bewogen worden, bald aber trat Bewunderung an die Stelle des Mitlei⸗ dens, als er bemerkte, mit welchem Eifer ſie nach Newgate eilte, um dort ihren ungetreuen, barbariſchen Gatten zu ſehen; das Intereſſe, das die Ungluckliche ihm eingefloßt hatte, ſtei⸗ gerte ſich aber noch mehr, als ſie das Haus verlaſſen hatte, und mehrere ſeiner Nachbarn ſich bei ihm erkundigten, was denn der Mi⸗ ſtreß Milborn begegnet wäre? Alle lobten ſie, aber er mußte auch mit anhoͤren, was man hinſichtlich ihres Gatten Nachtheiliges redete. Alles dieſes bewog Wilſon, die Gelegenheit, wo er Clara einen Dienſt erweiſen konnte, nicht voruͤbergehen zu laſſen. Zwar beſaß er kein Vermoͤgen, hatte eine zahlreiche Familie zu ernähren und konnte die Ungluͤckliche nicht aus ſeinem Beutel unterſtuͤtzen, deſſen unge⸗ achtet aber war es nicht unmöglich, ihr an⸗ dere Gefaͤlligkeiten zu erzeigen. Er war da⸗ her ſehr erfreut, als er ihre Bekuͤmmerniß hinſichtlich der Veraͤnderung ihrer Wohnung erfuhr, er empfahl ſie ſeiner Schweſter, und 2 —— — ſ 3 3 und war uͤberzeugt, daß ſie ſich bei dieſer un⸗ endlich beſſer, als an jedem andern Orte, be⸗ finden wuͤrde. Miß Wilſon, welche ihre Jugendjahre be⸗ reits hinter ſich hatte, beſaß einen ſanftinüthi⸗ gen Charakter und fuͤhrte ein ſtilles Leben; ihr kleines Haus, welches ſie mit Meublen vermiethete, reichte zu Deckung ihrer Beduͤrf⸗ niſſe hin, ſie hielt ſich eine Magd, mehr zum Nutzen ihrer Miethleute, als fuͤr ſich ſelbſt; ſie liebte ihren Bruder ſehr, und ſeine Em⸗ pfehlung hatte in ihren Augen nicht geringen Werth. Clara hatte ihrem Manne nur die Haͤffte ihres Geldes gegeben; außer den ihr gebliebe⸗ nen ſechs Guineen beſaß ſie keine Huͤlfsquelle mehr. Binnen einem Monate laͤngſtens ge⸗ dachte ſie mit einem Kinde niederzukommen, wie war es nun moöglich, daß ſie mit ſo ge⸗ ringen Huͤlfsmitteln nur die Ausgaben bis zu jenem Zeitpunkte beſtreiten konnte, geſchweige diejenigen, welche die Geburt eines Kindes und deſſen Ernaͤhrung verurſachen mußte? Dergleichen Betrachtungen waren wohl faähig, ihr Gemuͤth zur Verzweifelung zu bringen. Sie beſchloß, an ihre Freundin Ancelina zu ſchreiben; lange ſchon hatte ſie dieſe Abſicht gehabt, war jedoch immer wieder davon abge⸗ ſtanden, indem ſie anfaͤnglich glaubte, ihr Aufenthalt in London wuͤrde zu kurz ſeyn, als daß ſie Antwort erhalten koͤnnte, ſpäter hatte die Scham uͤber Godwins Leben ihren Entſchluß nicht zur Ausfuͤhrung kommen laſ⸗ ſen. Da ſie ihres Gatten Auffuͤhrung nicht mit Lob gedenken konnte, und ihre Freundin gleichwohl nicht mit Unwahrheit hintergehn wollte, ſo beſchloß ſie, dieſen Punkt fuͤr jetzt lieber gar nicht zu beruͤhren; ſie wuͤnſchte blos zu wiſſen, ob Ancelina's freundſchaftliche Ge⸗ ſinnungen durch den höchſt unbeſonnenen Schritt, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht, ge⸗ gen ſie nicht erkaltet wären; ſie bezeugte ihren Kummer daruͤber, daß ſie ſich der Gefahr aus⸗ geſetzt, des Lords Achtung zu verlieren, und endigte ihren Brief mit der Bitte, Ancelina moͤchte denſelben ihren, Clara's, Altern nicht vorzeigen, am allerwenigſten ihrem Bruder Evan. Sie bat um baldige Antwort, wo⸗ durch ſie in den Stand geſetzt würde, ihr gewiſſe Umſtände zu entdecken, an welchen Freunde Antheil zu nehmen pflegten; ſie wuͤnſchte auch endlich zu wiſſen, ob die wuͤr⸗ dige Lady in den Schoos ihrer Familie zu⸗ ruͤckgekehrt ſey. Zwanzigſtes Capitel⸗ Der Tag, an welchem Milborns Urtheil ge⸗ ſprochen werden ſollte, war fuͤr deſſen Fami⸗ lie ein Tag der Verwirrung, Angſt und Un⸗ ruhe. Auch die gerechteſte Sache kann oft in großes Dunkel gehuͤllt ſeyn, und da die Menſchen nicht allwiſſend ſind, ſo koͤnnen ſie nur nach den aͤußern Erſcheinungen urtheilen, der Schein aber war ungluͤcklicherweiſe ganz gegen den Angeklagten. Growell hatte mit Alfred der vorigen in⸗ tereſſanten Gerichtsſitzung beigewohnt, und der Leſer wird ſich noch erinnern, wie viel Furcht und Unruhe der Nabob während und nach der Ausſage des Irländers Richard Plun⸗ kett hatte blicken laſſen. Miſtreß Growell war von demſelben Ei⸗ fer, wie ihr Gatte, beſeelt, und hielt es fuͤr Pflicht, den ganzen Morgen über in Milborn⸗ —— Hall zuzubringen, Evan aber begab ſich in den Gerichtsſaal, in der freudigen Hoffnung, einer der Erſten zu ſeyn, welche die Wirkung, die des Angeklagten Verurtheilung auf dieſen ſelbſt hervorbringen wuͤrde, beobachten koͤnn⸗ ten; denn Evan hegte nicht einen Augenblick den mindeſten Zweifel. Gegen Mittag kam ein Bote nach Mil⸗ born⸗Hall, brachte einen an die Lady gerich⸗ teten Brief, ſtellte dieſen dem Pfortner zu, und ging wieder fort, ohne auf Antwort zu warten. Lady Milborn befand ſich mit Miſtreß Growell und ihren Toͤchtern im Salon, als man ihr gedachten Brief uͤberbrachte, deſſen Inhalt woͤrtlich folgendermaaßen lautete: „In dem Augenblicke, wo Sie, Mylady, „dieſes Schreiben leſen, wird gegen Ihren „wuͤrdigen, ungluͤcklichen Gemahl eine neue „Anklage erhoben werden, die eben ſo falſch „und abſcheulich iſt, als die Anzeigen, wel⸗ „che ihm ſeine Freiheit geraubt haben, unge⸗ „gruͤndet und erdichtet waren; man hat Ih⸗ „nen, Ihrem Gemahle und allem, was Sie — — „Theures beſitzen, Verderben geſchworen. „Seyn Sie auf Ihrer Hut, Ihre Feinde „werden nichts unverſucht laſſen, um ihre „moͤrderiſchen Plane durchzuſetzen, denn ſie „koͤnnen und wollen auch weder Gold, noch „Blut ſchonen, und werden, wenn es ihnen „gelungen iſt, Sie und die Ihrigen gänzlich „zu Grunde zu richten, auch keinen Kummer „daruͤber empfinden. Zittern Sie, ungluͤckli⸗ „che Lady, Sie ſind mit ſo kuͤnſtlich geſpon⸗ „nenen Geweben und Fallſtricken umgeben, „daß es faſt unmöglich iſt, dieſelben zu er— „kennen. Sie werden mir ſagen: Wenn wir „dem Ungluͤcke nicht entgehen koöͤnnen, wes⸗ „halb brauchen wir es dann erſt zu kennen? „Ich habe zur Abſicht, Sie vor denjenigen „übeln ſicher zu ſtellen, welche Sie durch zu „großes Vertrauen ſich gewiſſermaßen ſelbſt „zuziehen könnten. Mißtrauen ſey Ihre Fuͤh⸗ „rerin; mein Herz wird durch Ihre Leiden „erriſſen, die Ruhe iſt von mir gewichen, „und dennoch kann ich weder, noch darf ich „Jhvem Mißgeſchick ein Ende machen. Das „Dunkele und Zweideutige dieſes Briefes duͤrf⸗ „te Sie vielleicht abhalten, meinen Worten „Glauben beizumeſſen, allein Sie wuͤrden „doppelt Unrecht haben, einmal, weil meine „Abſicht nur gut iſt, indem ich mich der ver⸗ „folgten Tugend annehme, und dann, weil „es immer eine Regel der Klugheit iſt, ſich „gegen Unvorſichtigkeit, woraus oft das großte „Ungluͤck zu entſtehen pflegt, durch die man⸗ „nichfaltigſten Vorkehrungen zu verwahren. „Der Beſorgniſſe ungeachtet, welche ich fuͤr „Sie hege, verzweifele ich nicht gänzlich dar— „an, daß ich Sie noch eines Tages uͤber die „teuftiſchen Umtriebe Ihrer Feinde werde tri⸗ „umphiren ſehen. Das Laſter darf eben ſo „wenig, als die Tugend, den Rath der Klug⸗ „eit verwerfen. Nicht ſelten pflegt es den „Boſen ſo zu ergehen, daß, indem ſie die „Zahl ihrer Schlachtopfer zu vermehren glau⸗ „ben, dieſe ihnen entwiſchen, und die Laſter⸗ „haften verſtehen es nicht immer, in dem „umkreiſe und Gebiete der Wahrſcheinlichkei⸗ „ten einen feſten Standtpunkt zu behalten; „ n — S „eilenden Schrittes geheir ſie vorwärts, und „wollen nur ihren Haß befriedigen. Was ge⸗ „ſchieht dann? Fremde Augen, die es verſte⸗ „hen, die Wahrheit aus den verborgenſten „Falten des menſchlichen Herzens hervorzuſu⸗ „chen, enthuͤllen nach und nach den Betrug. „Sobald der Verdacht nur einmal Wurzel „gefaßt hat, ſo findet man im Anfange zwar „faſt Alles uͤbertrieben, aber man pruͤft von „Neuem; der Verbrecher verwickelt ſich, wi⸗ „derſpricht ſich, verlieret den Fopf, geſteht „ein, und nennt ſeine Genoſſen und Helfer. „Da Alles, was ich jetzt geſagt habe, auch „dem Lord widerfahren kann, ſo bitte ich Sie, „Muth zu faſſen; mein Name kann weder „zur Sache etwas beitragen, noch auch das „Vertrauen ſchwächen, welches Sie in mei⸗ „nen Brief ſetzen duͤrften, indem ich nicht „die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu ſeyn, „ich halte es daher fuͤr üͤberfluſſig, mich zu „nennen.“ Während die Lady dieſen unerklärbaren Brief las, veränderte ſie mehrmals ihre Farbe, und ihre innere Bewegung war ſo ſichtbar, daß ihre Toͤchter glaubten„ dieſes Billet ent⸗ hielte die Nachricht von ihres Vaters Verur— theilung, und ſich vor die Fuͤße ihrer Mutter hinwarfen. Miſtreß Growell war auf eben⸗ denſelben Gedanken gekommen, und näherte ſich daher ihrer Freundin, um ſie in ihrem gerechten Schmerze wo moglich zu troͤſten.— Sie irren ſich, ſagte die Lady, in Betreff der Gemuͤthsbewegung, welche mich in dieſem Au⸗ genblicke ergriffen hat; hier, Henriette! ninmn dieſen Brief und lies ihn laut vor. Henriette las. Als ſie geendet hatte, meinte Ancelina, der Verfaſſer dieſes Billets muͤſſe ein edelden⸗ kender Menſch ſeyn.— Vielleicht duͤrfte man das mit noch größerem Rechte behaupten, ſagte Miſtreß Growell, wenn er ſich zu erkennen gegeben hätte. Der Verfaſſer eines anony⸗ men Briefes verdient keinen Glauben.— Ich kann auch in der That, theuerſte Freundin, kein Vertrauen in den vorliegenden ſetzen. Nichts deſtoweniger wird durch dieſen Brief, „ in welchem einer neuen Anklage Erwaͤhnung 1 geſ Gu ma uͤbt zuf duͤr ten rich tra Va uͤbe che faſſ ken Uh abe hat geft Mi rich ner Kut — 29— geſchieht, meine Unruhe bedeutend vermehrt. Guͤtiger Himmel! Iſt es wohl moͤglich, daß man der Beſchuldigung, eine Mordthat ver⸗ uͤbt zu haben, noch etwas Schrecklicheres hin⸗ zufuͤgen kann?— Vielleicht, ſagte Henriette, duͤrfte es uns nicht ſchwer fallen, die Abſich⸗ ten und die Aufrichtigkeit des Ungenannten richtig beurtheilen zu konnen, ſobald als der traurige Augenblick, in welchem uͤber meinen Vater das Urtheil geſprochen werden ſoll, vor⸗ uͤber ſeyn wird; hat der Brief wahr geſpro⸗ chen, ſo iſt es einleuchtend, daß deſſen Ver⸗ faſſer unſere Feinde und deren Geheimniſſe kennt, denn da die Gerichtsſitzung vor Ein Uhr nicht ihren Anfang nimmt, dieſer Brief aber uns vor Mittag zugeſtellt worden iſt, ſo hat nicht darin ſtehen koͤnnen, was dort Statt gefunden hat.— Henriette ſpricht wahr, ſagte Miſtreß Growell, wir wollen erſt auf Nach⸗ richt warten, ehe wir den ungenannten War⸗ ner beurtheilen. Um vier Uhr ließ ſich von weitem eine Kutſche hören; die Tochter der Lady flogen den Ankommenden entgegen, und die Lady ſelbſt wollte ihnen folgen, aber die Furcht und die Hoffnung raubten ihr die Kräfte, ſie ſank auf ihren Stuhl zuruͤck. Miſtreß Gro⸗ well ging bis an die Thuͤre, und wie ſie ih⸗ ren Mann mit Alfred kommen ſah, fragte ſie mit ſchmerzlichem Tone: ohne den Lord?— Ein unerwarteter Vorfall hat ſich ereignet, antwortete Growell.— Iſt's eine neue An⸗ klage? rief die Lady, als ſie die Antwort ih⸗ res Freundes vernommen hatte.— Ja, theuer⸗ ſte Mutter, ein ſchändlicher Böſewicht hat ſo eben eine Geſchichte erzahlt, um zu beweiſen, daß mein Vater nicht allein der Mörder ſey, ſondern daß er die That vorher reiflich uͤber⸗ legt, und mit kaltem Blute veruͤbt habe; aber ich denke, wir haben Urſache, uns uͤber die Wuth unſerer Feinde eher zu freuen, als zu betruben. Sie werden ſich ſelbſt in's Verder⸗ ben ſtuͤrzen, dafuͤr buͤrgen mir die unwilligen Blicke, welche die Richter, Geſchwornen und alle Anweſenden auf den ſchaͤndlichen Ver⸗ läumder warfen. Er iſt bis zur Fäaͤllung des 31 S Urtheils in's Gefaͤngniß abgefuͤhrt worden, der Spruch ſelbſt aber ausgeſetzt worden, in⸗ dem erſt neue Unterſuchungen wieder ange⸗ ſtellt werden muͤſſen. Der Unbekannte hat uns nicht hintergangen, ſagte Ancelina zu ih⸗ rer Mutter; Growell und Alfred wuͤnſchten zu wiſſen, was Ancelina mit dieſen Worten meinte; man zeigte ihnen den Brief, ſie la⸗ ſen ihn und konnten ihr Erſtaunen nicht ver⸗ bergen.— Meine Meinung iſt die,— ſprach Henriette,— der Verfaſſer dieſes Briefes iſt ein Gehuͤlfe unſerer Feinde, der von Gewiſ⸗ ſensbiſſen gequält wird.— Wenn dem ſo iſt, ergriff die Lady das Wort, ſo wird er nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben, ſondern uns bald noch mehr verkuͤnden. Growell ſchien in Nachdenken verſunken zu ſeyn, endlich begann er mit halblauter Stimmes Ich ſuche unter unſern Nachbarn rings umher einen, den wir fuͤr Ihren Feind anſehen koͤnnten.— Wie ſollten wir aber Feinde haben, wiederholte die Lady, wir haben ja Niemandem etwas zu Leide gethan?— Es iſt aber doch keine Frage, daß — 32— man Ihnen ſehr uͤbel mitſpielt, und ich kann nicht verhehlen, daß ich auf den Major Hart⸗ well Verdacht geworfen habe. Doch dieſes bleibe unter uns, fuhr er ſehr leiſe fort, der Major ſchien mir unter denen, welche mei⸗ nen Freund in jener unheilbringenden Nacht anklagten, einer der erbittertſten zu ſeyn.— Sein Beſtreben, mir ſeit jenem Augenblicke ſtets auszuweichen, verſetzte der junge Mil⸗ born, ſcheint mir Ihre Behauptung zu beſtä⸗ tigen. Ich will ihn morgen ſprechen.— Das thun Sie ja nicht, Sie ſind gegen ihn ein⸗ genommen, er iſt ein hitziger Mann, wie leicht konnten Sie ſich einen ſchlimmen Handel zu⸗ ziehen, und dieſen muͤſſen Sie unter den jetzi⸗ gen Umſtänden ſorgfältig vermeiden. Ueber⸗ laſſen Sie mir die Sache, ich will mit ihm ſprechen, und ihn ſo in die Enge treiben, daß ich entweder das Bekenntniß ſeiner Verbre⸗ chen, oder die Uberzeugung ſeiner Unſchuld von ihm mitnehmen will. Miſtreß Growell hatte ihrem Manne ſtillſchweigend zugehört, jetzt begann ſie: Die Reihe iſt an mir, meine — Meinung zu ſagen; ich habe meines Mannes Argwohn gar wohl verſtanden, allein ich wollte wetten, daß es dem Lieutenant Bradfort weit weniger am Herzen liegt, den Tod des Haupt⸗ manns Grimsby zu raͤchen, als die Familie unſers Lords zu Grunde zu richten.— Wie hat dieſer Gedanke in Ihnen aufſteigen kon⸗ nen? ſagte die Lady; Bradfort ſcheint ein ed⸗ ler Menſch zu ſeyn, und ich kann ihn, ob⸗ ſchon ſein Eifer uns viel Ubels verurſacht, keineswegs tadeln, daß er ſich ſo große Muͤhe F giebt, den Moͤrder ſeines Freundes auszufor⸗ ſchen.— Eben dieſer Eifer aber macht ihn mir verdaͤchtig, er verfäͤhrt gerade wie Jemand, der einer perſoͤnlichen Beleidigung halber Ur⸗ ſache hat, ſich zu raͤchen.— Ich will, ver⸗ ſetzte Alfred, nach Hawfield zuruͤckkehren, und die Abſchrift des Briefes in der Gerichtsſtube niederlegen, vielleicht fuͤhrt dieſer Brief zu weitern Nachforſchungen und wichtigen Ent⸗ deckungen. Dieſes Mittel duͤrfte, nach mei⸗ ner Meinung, erwiederte Growell, viel Un⸗ annehmlichkeiten haben, wie, zum Beiſpiel, ———————————— —.———————————— — daß dadurch die Unterſuchung verlangert, und Ihr Vater ſeine Freiheit in geraumer Zeit noch nicht wieder erlangen wird. Die Geſchwor⸗ nen ſchienen mir ſehr geneigt zu ſeyn, zu glauben, daß der Lord unſchuldig ſey, man hat auch der gehaͤſſigen Erzählung des Zeu⸗ gen keinen Glauben geſchenkt, ich zweifele da⸗ her nicht, daß mein Freund eheſtens freige⸗ ſprochen werden wird; der Brief des Unge⸗ nannten ſetzt eine Verwickelung von Umſtaͤn⸗ den voraus, woruͤber erſt eine lange Unterſu⸗ chung wieder angeſtellt werden muß, und die Sache wird dadurch um Nichts verbeſſert wer⸗ den, aber ſie wird ſich gewißlich noch mehr in die Laͤnge verziehen. Growells Gruͤnde ſchienen Alfred nicht ſtark genug zu ſeyn, um von ſeinem Entſchluſſe abzugehen. Da nun Growell ſah, daß er ihn nicht dazu bewegen konnte, von einem Schritte abzuſtehen, von welchem er nachtheilige Folgen fuͤr ſeinen Freund befuͤrchtete, ſo bat er ihn, ſich wenig⸗ ſtens Zeit zu laſſen, um nach ſeinen beſten Einſichten das Fuͤr und Wider abzuwaͤgen.— — 35— Warten Sie bis worgen, lieber Alfred, ha⸗ ben Sie unterdeſſen die Sache gehorig uͤber⸗ ugt, dann werden Sie mit mehr Vorſicht handeln. Um Growelln durch laͤngere Wei⸗ gerung nicht zu beleidigen, ließ ſich endlich Alfred dieſen Aufſchub gefallen, um ſo mehr, da er bei ſich feſt beſchloſſen hatte, ſeinen Vorſatz nicht aufzugeben, und die Hoffnung hegte, daß eine Verſpaͤtigung von vier und zwanzig Stunden von keinem Nachtheile ſeyn wuͤrde. Nach der Tafel ſtiegen Growells in in Etwas getroſteter und beruhigter zuruͤck, als ſie dieſelbe am Morgen angetroffen hatten. Ein Strahl der Hoffnung erſchien am Hori⸗ zonte und drang mit mildem Lichte durch dichtes, ſchwarzes Gewolk. . ihren Wagen und ließen die Familie Milborn Ein und zwanzigſtes Capitel. Als Alfred am andern Morgen aufſtand, fand er, daß ſeine Geſinnungen und Entſchluͤſſe ſich nicht geaͤndert hatten, und je öfterer er den Brief des Unbekannten las, deſto mehr beſtaͤrkte er ſich in dem Gedanken, dieſer Brief koͤnnte bei der Vertheidigung ſeines Vaters von we⸗ ſentlichem Nutzen ſeyn; er fragte ſeine Mut⸗ ter und Schweſtern um Rath, und da auch dieſe derſelben Meinung waren, ſo ſtieg er gegen zehn Uhr Morgens zu Pferde, und ſchlug den Weg nach Hawſield ein. Eine Meile war er vom Schloſſe ohngefaͤhr entfernt, als ſein Pferd plotzlich ſcheu wurde, einen Seiten— ſprung that, ausglitt und hinſtuͤrzte. Alfred brach bei dieſem ungluͤcklichen Falle ein Bein. Sein Geſchrei, welches die fuͤrchterlichen Schmer⸗ zen ihm auspreßten, rief einen Reiſenden her— bei, der ihm nicht ohne große Muͤhe ſich un⸗ ter dem Pferde, Pelches auf ihm lag, hervor⸗ arbeiten half, und ihn bis an den Rand ei⸗ nes Grabens fortzog, wo der arme Alfred ſeine Beſinnung verlor. Als er wieder zu ſich kam, befand er ſich in ſeinem Bette, von ſeiner Fa⸗ milie umgeben, welche in Thraͤnen zerfloß. Er erinnerte ſich ſeines Unfalles um ſo leich⸗ ter, als er in ſeinem ganzen Leibe heftige Schmerzen fuͤhlte. Ob er nun gleich die naͤ⸗ hern Umſtaͤnde, wie es ihm nach ſeinem ₰ Sturze ergangen ſey, zu wiſſen wuͤnſchte, ſo bat ihn doch der Wundarzt, der ſich neben ihm befand, ruhig zu ſeyn.— Aber ich hatte ja das Bein gebrochen, ſagte Alfred.— Man hat Deine Ohnmacht benutzt, um es Dir wieder einzurichten, antwortete ſeine Mutter, und nach der Verſicherung des Wundarztes haſt Du keine Gefahr zu befuͤrchten. Goͤnne daher ſowohl deinem Körper, als Geiſte die noͤthige Ruhe, morgen wollen wir uns von dieſem traurigem Vorfalle zufammen unter⸗ halten. Obſchon Alfred keine Luſt zum Schlafen ——————————— — in ſich ſpuͤrte, ſo mußte e ſich dennoch ruhig verhalten. Henriette wachte zwar die ganze Nacht bei ihm, allein ſie hielt ſich hinter den Bettvorhaͤngen verborgen, damit er ſie nicht nöthigen möchte, ſich mit ihm in ein Geſpräch einzulaſſen. Fruͤh Morgens beſuchte die Lady ihrem Sohn, und der mit anweſende Wundarzt fand ihn ſo gut, daß man Alfreds Wunſch erfuͤllen konnte. Du warſt, begann die Lady, noch nicht zwei Stunden von uns fort, als ein ſehr gering gekleideter Mann, von ungefaͤhr dreißig Jahren, ganz außer Athem hergelau⸗ fen kam, und dem Thuͤrſteher meldete, Dein Pferd hätte Dich auf der Straße abgeworfen, Du hätteſt dabei ein Bein gebrochen, und man muͤſſe Dir ſchleunig zu Huͤlfe kommen. Der Fremde ſetzte hinzu, er koͤnne nicht laͤn⸗ ger verweilen, man wuͤrde Dich ungefähr eine Meile weit vom Schloſſe finden. Emery, dem der Thuͤrſteher dieſes neue Unglück ſogleich gemeldet hatte, eilte auf der Stelle zu Dia⸗ na, ſagte ihr, ſie ſolle einen Wundarzt ho⸗ — len laſſen, und die Kammer des jungen Herrn, der vom Pferde geſtuͤrzt ſey, zurecht machen; er ſelbſt wolle ihn ſuchen. Hierauf lief er zu⸗ einem unſerer Paͤchter, ließ zwei Burſchen kommen, die eine Trage nebſt Matratze mit ſich nehmen mußten, und nun begaben ſie ſich an den bezeichneten Ort hin⸗ Sie fan⸗ den Dich ſehr bald; wie erſtaunten ſie aber, als ſie ſahen, daß Du Deiner Oberkleider be⸗ raubt wareſt, Du lagſt im Hemde, und ohne Bewußtſeyn, am Rande des Grabens, Dein Pferd graſte neben Dir. Emery legte Dich ſo ſanft als moglich auf die Trage, und in dieſem ſchrecklichen Zuſtande brachte man Dich zuruͤck; meine Töchter hatten auf Dia⸗ na's Rath mich unterdeſſen darauf vorberei⸗ tet, um die nachtheiligen Wirkungen zu ver⸗ hindern, die Deine Ankunft vielleicht in mir hätte hervorbringen konnen. In dieſer peinli⸗ chen Lage kam der von Diana beſtellte Wund⸗ arzt noch vor Dir an; er richtete ſodann Dein Bein wieder ein, und gab mir die Verſiche⸗ rung, ich koͤnnte Deinetwegen ohne Furcht — 40— ſeyn. Auf dieſe Weiſe, mein Sohn, ſind wir von Deinem Unfalle in Kenntniß geſetzt worden.— Ich erinnere mich noch ſehr wohl des Sturzes und der Schmerzen, welche ich davon hatte. Ich weiß auch noch recht gut, daß ein gefaͤlliger, fremder Mann, den ich je⸗ doch ſchon irgend einmal geſehen zu haben glaube, mir zu Huͤlfe kam; wie ich aber mein Bewußtſeyn verlor, wußte ich nichts mehr von dem, was mit mir vorging.— Dieſer gefällige Reiſende, Alfred, iſt wahr⸗ ſcheinlich ein Erzſpitzbube geweſen, der Dei⸗ nen Zuſtand benutzt hat, um Dir Geld, Kleider und Pretioſen abzunehmen.— Dem⸗ nach hat er auch meine Brieftaſche wegge⸗ nommen; wie gut war es, daß ich den ano⸗ nymen Brief nicht hinein gelegt hatte; es war eine bloſe Abſchrift deſſelben nebſt eini— gen Banknoten darin.— Schreibe dieſes Billet noch einmal ab, Ancelina, ſagte die Lady, wir wollen dieſe Copie bei uns behal⸗ ten. Jetzt aber will ich meinen Gatten beſu⸗ chen, und ihm Dich, Ancelina, auf einige — 44—* Tage zurucklaſſen.— Ich kann es nicht glau⸗ ben, begann Alfred wieder, daß der Mann, der ſich gegen mich ſo menſchenfreundlich be⸗ wies, ſich eines Diebſtahls ſchuldig gemacht haben ſollte.— Es ſcheint aber dennoch ſo zu ſeyn. übrigens, mein Sohn, will ich auf dieſen Mann nicht zuͤrnen, weil er ſo gefaͤllig geweſen iſt, die Nachricht von Dei⸗ nem Ungluͤcke uns zu hinterbringen; wenn er dieſes nicht that, wie viel hätteſt Du dann ausſtehen muͤſſen!— Die Lady umarmte ih⸗ ren Sohn, und fuhr mit Ancelina nach Haw⸗ field ab; Henriette aber ſetzte ſich mit ihrer Arbeit an das Bette ihres Bruders. In Sumptuos⸗-Caſtle hatte man das Un⸗ gluͤck, von welchem Alfred betroffen worden war, ſehr bald erfahren, und Herr Growell, deſſen Eifer und Freundſchaft nie erkalteten, beſtieg ſogleich nach Tiſche das ſchnellſte Pferd, und eilte nach Milborn⸗Hall.— Großer Gott! rief er aus, wie er den Sohn ſeines Freundes auf dem Bette liegend fand, wird denn das Schickſal nie muͤde werden, dieſe — 42— ungluͤckliche Familie zu verfolgen! Theuerſter Alfred, erzählen Sie mir, wie ſich dieſes Ungluͤck zugetragen hat. Der junge Mann ſagte, was er ſelbſt davon wußte.— Aber warum haben Sie ſich eines ſo ſcheuen Pfer⸗ des bedient?— Das iſt, ich betheure es Ih⸗ nen, ſein erſter dummer Streich geweſen, mein Vater reitet dieſes Pferd, ſeines ſichern Gan⸗ ges wegen, vorzugsweiſe vor andern.— Und wie beſinden Sie ſich jetzt?— So gut, als es mein Zuſtand erlaubt.— Mylady war wohl tief betruͤbt, als ſie dieſe Nachricht er⸗ hielt?— Ach, ſeit langer Zeit folgt ein Un⸗ fall auf den andern, und jeder Tag fuͤhrt neue übel herbei.— Ich will die Lady auf⸗ ſuchen, und Ihnen ſodann in Ihrer Mutter Gegenwart erzählen, wie die Zuſammenkunft ablief, welche ich dieſen Morgen mit dem Major Hartwell hatte.— Die Mutter iſt in Hawfield, verſetzte Henriette.— Wie! ganz allein?— Meine Schweſter fuhr mit.— Sie wollte eine zweite Abſchrift des Briefes von dem Unbekannten mit nach Hawſield —— — nehmen, indem die erſte Copie mir auf der. Straße mit allen Sachen, die ich noch au⸗ ßerdem bei mir hatte, geſtohlen worden iſt. — Sie haben alſo doch Ihren Entſchluß aus⸗ fuͤhren wollen? Daran thaten Sie wohl, denn ich fuhlte nach meiner Unterredung mit Hartwell ſelbſt die Nothwendigkeit, jene ſchriftliche Warnung dem Gerichte mittheilen zu laſſen. Ich kam heute fruͤh um halb neun Uhr zum Major, mein Beſuch ſ chien ihn in Verwun⸗ derung zu ſetzen, da wir ſeit dem Ungluͤcke Ihres Vaters auf geſpanntem Fuße mit ein⸗ ander leben. Indeſſen empfing er mich hoͤf⸗ lich, und ich ſagte zu ihm, ich waͤre bei ſei⸗ nem Schloſſe vorbeigegangen, und haͤtte es fuͤr Pflicht gehalten, einen Augenblick bei ihm einzutreten, und mich nach ſeinem Be⸗ finden zu erkundigen. Nachdem wir eine Weile von unbedeutenden Dingen geſprochen hatten, kam die Rede auch auf den Proceß Lord Milborns.— Das iſt, begann ich, eine recht mißliche Sache.— Iſt's nichts weiter? fragte der— Ich verſtehe Sie nicht. —5 ——,—— ihn von ganzem Herzen.— Seine Unſchuld — 44— — Es giebt ja nichts Einleuchteideres auf der Welt; das iſt eine ſchreckliche Geſchichte, und ich betrachte den Lord entweder als ei⸗ nen großen Verbrecher, oder als das bedau⸗ ernswuͤrdigſte Opfer.— Mein Freund ſcheint viele Feinde zu haben.— Der Anſchein ſpricht fuͤr Ihre Meinung.— Seine Lage iſt ſchreck⸗ lich.— Wenn er unſchuldig iſt, beklage ich — — —— bedarf gar keiner Unterſuchung.— Das wuͤnſchte ich auch.— Es ſcheint, Major, als hegten Sie einige Zweifel?— Ich will mich nicht eher deutlich erklären, als bis das Ur⸗ theil geſprochen iſt.— Und wenn er fur ſchul⸗ dig erkannt werden ſollte, halten Sie ihn dann fuͤr ſtrafbar?— Ganz gewiß. Sie werden doch aber zugeben, daß Menſchen ſich irren können?— Allerdings, aber ich bin uͤberzeugt, daß unter tauſend Angeklagten nicht ein einziger von den Geſchwornen unſchuldig verdammt wird.*)— Und warum ſollte nicht *) Dies iſt wohl ein zu reichlich angenommenes Verhaͤltniß. †— — Lord Milborn eine Ausnahme machen?— Sie legen mir da Fragen vor, die ich nicht beantworten kann, noch will, denn ich bin zum Gluͤck fuͤr Ihren Freund kein Geſchwor⸗ ner in dieſer Sache; waͤre ich einer, ſo wuͤr⸗ de ich fuͤr ſeinen Tod ſtimmen.— Sie ha⸗ ben alſo, oder, um mich richtiger auszudruͤk⸗ ken, Sie glauben alſo die feſte überzeugung zu haben, daß Milborn der Moͤrder ſey?— Ja.— Was ſagen Sie zu der Ausſage des neuen Zeugen?— Ich meine, dieſe Ausſage beſtaͤtigt die fruͤhern Verdachtsgruͤnde.— Empoͤrt uͤber die Unverſchaͤmtheit dieſes Man⸗ nes, der auf eine ſo unbeſonnene Weiſe ſeine boͤſen Abſichten und Geſinnungen verrieth, ſtand ich hitzig auf, und verließ ihn. Sie ſehen, Alfred, daß mein Argwohn nicht ganz ungegruͤndet iſt, und der Major gehoͤrt gewiß unter die Zahl der Feinde Ihrer Familie.— Das iſt, ſagte der junge Milborn, wieder ein neues Etwas, das mich in Anſehung al— les deſſen, was ſeit zwei bis drei Jahren ge⸗ ſchehen iſt, in Verwunderung ſetzt.— Der — 5„ Major Hartwell,— bemerkte Henriette, iſt nebſt ſeinem Sohne von uns ſtets auf's Be⸗ ſte behandelt worden, und Beide ſchienen mei⸗ nen Vater zu lieben und hochzuachten.— Und dennoch, liebes Kind, verabſcheuen ſie ihn;— Sie ſehen, wie ſehr ſich die Men⸗ ſchen zu verſtellen wiſſen.— So kann man ſich denn auf Niemand mehr verlaſſen, ant⸗ wortete Henriette ſeufzend. In dieſem Au⸗ genblicke kam Emery, und ſagte zu Herr Gro⸗ wellu, ſein Sohn Evan wuͤnſchte mit ihm im Hofe zu ſprechen.— Warum will er denn nicht heraufkommen? fragte Growill.— Er hat Ihnen nur ein Paar Worte zu ſagen. Nach einer halben Stunde kam Growell wieder zuruͤck; er war verſtört, und bemuͤhte ſich, ſeine Unruhe zu verbergen.— Ich habe Beſuch in Sumptuos⸗Caſtle erhalten, ſprach er, ich muß Sie verlaſſen, Alfred, vielleicht duͤrfte ich Sie auch morgen noch nicht wie⸗ derſehen, aber meine Frau wird Ihrer Mut⸗ ter gewiß Geſellſchaft leiſten. — Zwei und zwanzigſtes Capitel. Evan hatte ſeinen Vater eines fatalen Vor⸗ falles halber, der ihm begegnet war, um Rath fragen wollen. Er hatte naͤmlich bei Herrn Harris geſpeiſt, und der Major Hartwell be⸗ fand ſich nebſt ſeinem Sohne ebenfalls unter der Geſellſchaft. Als man nun bei Tiſche Toaſt's ausbrachte, trank Evan auf die ſchleu⸗ nigſte Verurtheilung des Morders Milborn. Jedermann war ſchon ohnedem geneigt, den Lord fuͤr unſchuldig zu halten, dieſer Beweis des ſchlechten Herzens Evans ward daher mit einem allgemeinen Ausrufe des Unwillens auf⸗ genommen. Evan, der ſich ſchon in einem nahe an Trunkenheit graͤnzenden Zuſtande be⸗ fand, der ihn nicht bemerken ließ, daß man ihn laut tadelte, fuhr fort: Den Tag, wo der Morder hingerichtet werden wird, will ich allen denen, welche an dem Abende, wo er ½ — das Verbrechen beging, in Milborn-Hall wa⸗ ren, ein großes Feſt geben. Meine Herren, Sie ſind ſaͤmmtlich dazu eingeladen, ich bitte, es nicht zu vergeſſen! Der Sohn des Ma⸗ jors, welcher neben Evan ſaß, fluͤſterte hier⸗ auf dieſem in's Ohr: Sie betragen ſich wie eine feige Memme, oder wie ein Schurke; antworten Sie mir nicht auf das, was ich ſo eben geſagt habe, wir wollen uns draußen vor dem Park ſprechen. Im Wagen meines Vaters liegen zwei Piſtolen, davon waͤhlen Sie eine. Ich nehme mich nicht Milborns Sache in'sbeſondere an; nein! ich vertheidige die Rechte der Unſchuld uͤberhaupt.— Ge⸗ nug, antwortete Evan, ich nehme die Her⸗ ausforderung an, und will deshalb nicht ei⸗ nen Tropfen weniger trinken. Man hatte auf das Beiſeitegehen der beiden jungen Leute nicht Acht gegeben, ſie konnten ſich daher von der Tafel entfernen, ohne daß es Jemandem aufgefallen waͤre. Beide begaben ſich an einen einſamen Ort, der an der Mauer des Parks ſich befand⸗ —— —— Hartwell hatte die Piſtolen mitgenommen, und Evan wählte ſich eine. Man zog das Loos, und dieſes entſchied zu Gunſten der ungerechten Sache; Evan traf ſeinen Gegner in die Bruſt, er ſtuͤrzte zu Boden, und ſchien das Leben bereits verloren zu haben. Evan eilte zu ſeinem Pferde, und jagte nach Sump⸗ tuos ⸗Caſtle, da man ihm aber ſagte, ſein Vater befände ſich in Milborn-Hall, ſo ließ er ſich ein friſches Pferd geben, und ritt an gedachten Ort hin. Growell zitterte, als er den tollen Streich ſeines Sohnes vernahm, und deſſen boͤſe Folgen bei ſich uͤberdachte. Der Major war ein in der ganzen Gegend angeſehener Mann, der gewiß nichts unter⸗ laſſen wuͤrde, Evan zu verfolgen. Die Zeit drängte; Growell ſagte daher zu ſeinem Soh⸗ ne, er ſolle ſich ſogleich an einen Ort, den er ihm nannte, begeben, er wuͤrde ihn ſpaͤte⸗ ſtens binnen zwei Stunden daſelbſt aufſuchen. Als Growell Alfreden verlaſſen hatte, ließ er ſich auf ein's ſeiner Pachtguͤter fahren, ſchick⸗ te dann die Kutſche zuruͤck, und ſuchte ſeinen II. D Zweifel, daß beide eine Ehrenſache mit ein⸗ — 50— Sohn zu Fuße auf. Es war jetzt keine Zeit, ihm Vorwuͤrfe zu machen, und uͤberdem haͤtte Evan dergleichen von ſeinem Vater gar nicht geduldet. Growell zog aus ſeiner Brieftaſche fuͤr 500 Pfund Sterling Banknoten hervor, und gab ſeinem Sohne den Rath, auf der Stelle nach London zu gehen. Dieſe Stadt war unter allen am Erſten dazu geeignet, ECvan den Verfolgungen der Familie Hartwell zu entziehen. Die Nachricht, daß ein Duell vorgefallen ſey, verbreitete ſich ſehr bald, und Jedermann urtheilte daruͤber nach ſeiner Weiſe; einige verbreiteten ſogar das Gericht, Evan habe den jungen Hartwell meuchelmoͤrderiſch umgebracht, allein Bauern fanden dieſen und brachten ihn zu Harris. Noch lebte der Un⸗ gluͤckliche, ſtarb aber, als man ihn verbinden wollte, ohne daß er irgend ein anderes Wort, als blos den Namen Evan hätte ausſprechen köͤnnen. Da man neben ihm ein leeres Pi⸗ ſtol gefunden hatte, und er ſelbſt noch ein geladenes in der Hand hielt, ſo war es kein —,— — — 31— ander abgemacht hatten. Der Major, wel⸗ cher ſeinen Sohn zärtlich liebte, ſchwor, ihn zu raͤchen. Evans Abreiſe, welche ſchon den Tag darauf ruchtbar ward, beſtärkte ihn in dem Verdachte, daß ſein Sohn mit dem Fluͤchtlinge ſich geſchlagen habe. Miſtreß Growell war troſtlos; von vier Kindern beſaß ſie nur Aurea noch, welche in keinem Be⸗ tracht die Stelle der uͤbrigen, zumal ihres vielgeliebten Evan, zu erſetzen vermochte. Lady Milborn bemuͤhte ſich, zu ihren Freunden Worte des Troſtes zu ſprechenz auch erzählte ſie ihnen, daß der Schein der Wahrheit, welcher in dem anonymen, dem Präſidenten des Gerichts uͤbergebenen Brief geherrſcht habe, auf dieſen einen lehhaften Eindruck gemacht; daß er ſie ferner gebeten, ihm auch in Zukunft alle Nachrichten mitzu⸗ theilen, welche zur Erweislichmachung ihres Gatten Unſchuld, von welcher wenigſtens er, der Praͤſident, uͤberzeugt ſey, beitragen könnten. Als die Lady nach Milborn-Hall zurück⸗ gekehrt war, übergab man ihr ein Billet, wel⸗ D 2 — S— — ——— ches ein Hirte gebracht hatte, und das Folgen⸗ des enthielt: „Ich hatte den Gebrauch, den Sie von „meinem an Sie gerichtet geweſenen Brief „gemacht haben, vorausgeſehen, und ich miß⸗ „billige ihn keineswegs. Faſſen Sie Muth, „Mylady, die allgemeine Meinung fängt an, „ſich zu ändern; ich habe die Mittel, durch „welche Ihres Gatten Unſchuld an den Tag „kommen kann, in meinen Haͤnden, aber ich „wuͤrde mir ein ſchreckliches Loos zuziehen, „wenn ich von dieſen Mitteln Gebrauch ma⸗ „chen wollte. Ich darf nur im Geheimen fuͤr „Sie Wuͤnſche thun, und mein Betragen „mag— Reinheit meiner Geſinnungen „eugen“ Es war in der That ſehr Wn daß nach der unvortheilhaften Meinung, von wel⸗ cher die ganze Familie Milborn gegen Evan eingenommen war, der Verdacht dennoch nicht auf dieſen geworfen wurde, und ich bin es dem Leſer ſchuldig, ihm zu entdecken, wie ein jedes Glied dieſer Familie uͤber Evan bei ſich dachte. —— Alfred glaubte zwar nicht, daß dieſer junge Mann der Haupturheber der Entführung ſei⸗ ner Mutter geweſen ſey, aber er war uͤber⸗ zeugt, daß Evan von jener That Kenntniß, und vielleicht dabei die Abſicht gehabt, dieſen Umſtand ſich zu Nutze zu machen, um Hen⸗ riettens Ehre zu rauben und ihren Vater auf dieſe Weiſe zu nöthigen, ihm dieſe ſeine Toch⸗ ter zur Gattin zu geben. Was die Mord⸗ that betrifft, welche man auf ſeinen Vater wälzen wollte, ſo konnte er zwar Evan dieſes Verbrechens nicht anklagen, weil er ihn un⸗ ter der Menge von Menſchen, die in den Irr⸗ garten eilten, mit geſehen zu haben glaubte. überdem hielt er ihn einer ſo abſcheulichen Handlung kaum fuͤr faͤhig; er betrachtete ihn, wie einen im hoͤchſten Grade verliebten Men⸗ ſchen, deſſen Charakter durch den Verdruß, ſich von dem Gegenſtande ſeiner Anbetung ver⸗ ſchmäht zu ſehen, ſchlecht geworden iſt.— Henriette hatte von Evan eine weit ſchlim⸗ mere Meinung, als ihr Bruder, aber die Klugheit gebot ihr zu ſchweigen.— Der Lord, ſeine Gattin und Ancelina hatten niemals daran gedacht, daß der Sohn ihrer beſten Freunde die Abſicht haben koͤnnte, ihnen Leid zuzufuͤgen; ſie wußten zwar, daß er voller Fehler war, aber ſie glaubten ihn wenigſtens von Laſtern frei. Von dem zweiten Briefe ward ebenfalls eine Abſchrift im Gerichte von Hawſield nie⸗ dergelegt, und man betrieb die Unterſuchung mit der größten Lebhaftigkeit. Auch begab man ſich in Richard Plunketts Wohnhaus, deſſen Nußeres wenig zu verſprechen ſchien, im Innern war jedoch weder Armuth, noch beſondere Wohlhabenheit zu entdecken. Eine Frauensperſon von ungefähr vierzig Jahren bewohnte daſſelbe ganz alleinz bei der Erſchei⸗ nung der beiden vom Gerichte abgeſchickten Maͤnner, welche ſie in einem ſtrengen Tone anredeten, ſchien ſie ſehr erſchrocken zu ſeyn, indeſſen beantwortete ſie die ihr vorgelegten Fragen deutlich und genau, und ſie ließ da⸗ vei weder einige Verlegenheit, noch Beftuͤrzung blicken. Als man von ihrem Vater ſprach, ————— beklagte ſie ſich, daß er im Gefaͤngniſſe ſey, doch befuͤrchte ſie hiervon keine nachtheiligen Folgen, indem ihr Vater ein rechtſchaffener Mann waͤre, der es fuͤr Pftlicht gehalten habe, einen ſchweren Verbrecher gerichtlich anzuzeigen. Ihre übrigen Antworten ſtimmten mit denen, welche Plunkett vor dem Richterſtuhle gethan hatte, im Ganzen völlig uͤberein, und da dieſe Unterſuchung zu keinem weitern Reſultate fuͤhrte, ſo gingen die Beamten des Gerichts wieder ihrer Wege. Alfreds Geneſung ruͤckte mit ſchnellen Schritten vorwaͤrts, und Alles ließ hoffen, daß der ungluͤckliche Vorfall, der ihm das Leben hätte koſten können, von kei⸗ nen uͤbeln Folgen ſeyn wuͤrde. Die Lady be⸗ ſuchte aller zwei Tage ihren Gatten in Haw⸗ field, und eben ſo löſ'ten ihre Tochter ſich ei⸗ ne Woche um die andere wechſelsweiſe ab, auch Growells waren uͤber Evans Schickſal beruhigt, und ließen daher keine Woche vor⸗ beigehen, ohne daß ſie ihren ungluͤcklichen Freund wenigſtens einmal beſucht hätten. Der Lord, durch ſo viele Beweiſe der Liebe — auf's tiefſte geruͤhrt, ertrug ſeine Leiden in Geduld, und erwartete mit Ruhe ſeinen Ur⸗ theilsſpruch. in In dieſem Zeitpunkte erhielt Ancelina den Brief, welchen Clara an ſie geſchrieben hatte. Sie wuͤrde ſich gefreut haben, von den bei⸗ den Leuten, die ihr ſo theuer waren, Nach⸗ richt bekommen zu haben, wenn nicht die Dunkelheit von Clara's Worten das Vergnuͤ⸗ gen, welches ihr die Erinnerung an ſie ver⸗ ſchaſſte, merklich getruͤbt hätte. Man wird ſich erinnern, daß Miſtreß Mil⸗ born aus Klugheit in ihrem Brisfe hauptſäch⸗ ſich nur den Wunſch zu erkennen gegeben hatte, der Lord moͤchte ihr verzeihen, und Ancelina ihr ihre Freundſchaft nicht entziehen, und ſie wollte, ehe ſie dieſen ihr Elend ſchil⸗ derte, ſich vor allen Dingen erſt daruͤber ver⸗ gewiſſern, ob ſie ein Gegenſtand der Verach⸗ tung und des Haſſes der Milborn'ſchen Fa⸗ ℳ milie geworden ſey, oder nicht. Dieſen Brief erhielt Ancelina während ihres Beſuchs im Gefängniſſe zu Hawfield, und zeigte ihn ih⸗ *. rem Vater, der ihn mit zaͤrtlichen Gefuͤhlen durchlas. Clara hatte zwar kein Wort von Kummer und Drangſalen fallen laſſen, den⸗ noch aber zweifelten der Lord und ſeine Toch⸗ ter keinen Augenblick, daß der Schmerz ihre Feder gefuͤhrt habe.— Clara iſt gewiß un⸗ gluͤcklich, ſprach er zu Ancelina, und was viel⸗ leicht ihre Leiden vermehrt, iſt, daß ſie glaubt, ſelbige geheim halten zu muͤſſen.— Sie weiß aber doch, beſter Vater, wie ſehr ich ſie liebe, und fuͤr Ungluͤckliche iſt es ſo ſuͤß, ihren Schmerz am Buſen der Freundſchaft auswei⸗ nen zu können.— Da haſt Du allerdings Recht, zumal, wenn man ſich keine Vorwuͤrfe zu machen hat, daß man an ſeinem Ungluͤcke ſelbſt ſchuld iſt, allein Clara hat ſich in der That ſtrafbar gemacht. Eine Tochter, welche ihre Pflichten ſo ſehr vergeſſen kann, daß ſie es wagt, das aͤlterliche Haus zu verlaſſen, um einem jungen Manne zu folgen, der kei⸗ neswegs der Liebling ſeiner Familie iſt, ver⸗ dient nicht mit Unrecht alle die Leiden zu erfah⸗ ren, welche die gewöhnlichen Folgen des Un⸗ 7 — —— I 2e gehorſams find; Vater und Mutter, liebe An⸗ celina, verſtehen beſſer, was ihren Kindern nuͤtzlich iſt, denn ſie haben die Erfahrung, welche Alter und Vernunft geben, vor dieſen voraus. Sie haben aber auch noch einen Be⸗ weggrund ihres Handelns, deſſen Aufrichtigkeit nicht in Zweifel gezogen werden kann, und dieſes iſt der eifrige Wunſch, ihre Kinder glüͤcklich zu machen; die Kinder aber laſſen ſich einzig und allein durch einen Geſchmack leiten, welchen ſie ſelbſt fuͤr eine unwiderſteh— liche Leidenſchaft halten, und Leichtſinn und Unvorſichtigkeit ſind ihre Rathgebey, die ſie nothwendig irte fuͤhren muſſen; bald zeigt ſich dann Reue und Kummer, aber oft iſt es ſchon zu ſpät, das libel iſt unheiſbar, und die Ungluͤcklichen fallen als Schlachtopfer ihrer Leidenſchaften. Ich will, fuhr der Lord fort, nicht gerade daraus den Schluß ziehen, daß Clara ſich in der Lage befinden ſollte, von welcher ich ſo eben ein kleines Bild entwor⸗ fen habe, allein ich bin überzeugt, daß ſie mit Kummer und Roth zu kämpfen hat, und ——— das um ſo mehr, da mich meine Vaterliebe keineswegs blind macht, ſondern ich vielmehr recht gut weiß, daß Godwin durchaus die Eigenſchaften nicht beſitzt, die nothwendig ſind, um das Gluͤck einer Gattin zu begruͤnden; denn er iſt von Natur leichtfinnig und keiner dauerhaften Zuneigung fähig, er iſt uͤberdem zudringlich und ungefaͤllig, und, um es mit Einem Worte zu ſagen, Dein Bruder God⸗ win iſt nicht der Mann, welchen ich Dir oder Deiner Schweſter Henriette wuͤnſchen moͤchte.— Sie beurtheilen aber auch meinen Bruder ſehr hart, ſagte Ancelina mit Betruͤb⸗ niß.— Glaubſt Du, daß ich gegen eines meiner Kinder ein Vorurtheil hege?— Das. nicht, beſter Vater, aber vielleicht kenen Sie Godwins gute Eigenſchaften gar nicht. — Er hat deren ſo wenig, als wenig ich ihn laſterhaft nennen will, wie er Milborn-Hall verließ.— Was mich betrifft, ſo hoffe ich, er werde meiner Freundin keinen Kummer verurſachen.— Das wuͤnſchte ich ſehr, ver⸗ ſetzte der Lord ſeufzend; unterdeſſen, Ancelina, hakte ich es nicht fuͤr durchauß nothwendig, daß Du Deiner Freundin Brief ſogleich be⸗ antworteſt.— Ich wuͤnſchte aber doch, nach meiner Rückkehr zu Hauſe, dieſe freundſchaft⸗ liche Pflicht gegen ſie zu erfuͤllen.— Nun denn, ſchreib ihr, daß ſie und ihr Gatte un⸗ ſere Verzeihung hat; ich will auch Deiner Mutter den Auftrag geben, daß ſie Dir eine Banknote von 100 Pfund Sterling gebe, welche Du in den Brief legen magſt. Ance⸗ lina kuͤßte die wohlthatige Hand ihres Vaters, und empfand zum erſtenmale eine gewiſſe Un⸗ geduld, ihn zu verlaſſen; es verlangte ſie, an ihre liebe Clara zu ſchreiben, und ihr diejee nige Unterſtuͤtzung zukommen zu laſſen, von der ſie wohl ahnete, daß ſelbige dringenden Beduͤrfniſſen abhelfen wuͤrde. Drei und zwanzigſtes Capitel. Clara ließ keinen Morgen vorbeigehen, ohne ihren Gatten in Newgate zu beſuchen; ſie blieb dann gewohnlich drei bis vier Stunden bei ihm, und kehrte jedesmal mit Verzweife⸗ lung im Herzen zuruͤck. Der Kopf ihres Man⸗ nes bot ihr ein immerwährendes Bild der Mee⸗ reswogen darz bald ſchien er ruhig und ge⸗ laſſen zu ſeyn, bald braußte er auf, und ver⸗ kuͤndigte das Herannahen eines ſchrecklichen Sturmes. Einmal warf er ſich ihr zu Fuͤ⸗ ßen, bat ſie der Leiden willen, die ſie ertrug, um Verzeihung, und geſtand, daß er die allei⸗ nige Urſache derſelben ſey; das andere Mal uͤberhaͤufte er ſie mit Vorwuͤrfen, beſchuldigte ſie, daß ſie ihn gezwungen habe, aus dem Hauſe ſeines Vaters zu entfliehen, und hielt ihr vor, daß ſie fuͤr ihren Fehltritt nunmehr buͤßen muͤſſe; oft fuhr er ſie auch grob an, warum ſie ihm kein Geld braͤchte, und drohte ihr, ſie nicht wieder zu ſich zu laſſen, wenn ſie ihm keines verſchaffen wuͤrde. In dieſer grauſamen Lage näherte ſich die ungluͤckliche dem ſo ſehr befuͤrchteten Augen⸗ blicke ihrer Niederkunft. Sie empfand die erſten Schmerzen, als ſie eben wieder einmal von Godwin zuruͤckgekehrt war; in Einer Gui⸗ nee beſtand ihr ganzes Vermogen. Miß Wil⸗ ſon ſtand an der Thuͤr des Sprachzimmers, als Clara eintrat; ſie erſchrak uͤber ihre Ver⸗ änderung und erkundigte ſich mit Theilnahme nach ihrem Beſinden.— Mein Gott! Miß, ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern. — Ich verſtehe, haben Sie denn nach einer Wehmutter geſchickt?— Ich kenne keine.— Deborah, rief Miß Wilſon, lauf geſchwind zu unſerer Nachbarin, und fuͤhre ſie her.— Theuerſte Miß, laſſen Sie ſie nicht holen, ich könnte ja nicht„ Vielleicht kann ich ſie auch entbehren. Obſchon Miß Wilſon über Clara's ſchreckliche Lage ſehr be⸗ kuͤmmert war, ſo konnte ſie ſich doch bei die⸗ 5 ———— —————— tete alles vor, damit es der Gebaͤrenden an —„ ſen Worten eines Laͤchelns nicht enthalten.— Angſtigen Sie ſich nicht, Miſtreß Milborn, was dieſen Punkt anbelangt; Miſtreß Ending iſt meine Freundin, die ſich ein Vergnugen daraus machen wird, Ihnen beizuſtehen. Wir muͤſſen jetzt aber auch fuͤr eine Waͤrterin ſor⸗ gen, ich kenne eine ſolche, die ſanft und auf⸗ merkſam iſt.— Ich verſichere Sie, daß ich keiner Waͤrterin bedarf.— Armes Kind, uͤber⸗ laſſen Sie doch alles dieſes meiner freund⸗ ſchaftlichen Fuͤrſorge.— Wie wird es mir jemals moͤglich ſeyn, Ihnen dafuͤr meine Schuld bezahlen zu können?— Schonen Sie Ihrer Geſundheit, und entfernen Sie jeden ſinſtern, truͤben Gedanken. Die Vorſehung iſt eine guͤtige Mutter, vertrauen Sie auf dieſe, und Alles wird noch gut werden!— Die gute Wilſon hatte Clara's Arm ergriſſen, und fuͤhrte ſie ſanft in ihr Gemach. Nach⸗ dem ſie ſelbige hatte niederſetzen laſſen, holte ſie eine Wärterin, brachte Fleiſch, ſetzte daſ⸗ ſelbe in einem Topfe an's Feuer, und berei⸗ nichts mangele. Die Wehmutter kam, und noch vor Einbruch der Nacht brachte Miſtreß Milborn einen ſtarken, ſn Kna⸗ ben zur Welt. Tags darauf empfing Clara Ancelinas Brief, und die Huͤlfe, welche derſelbe enthielt, kam ihr in der That ſo gelegen, das ſie bei ſich ſelbſt Miß Wilſons Worte wiederholte: die Vorſehung iſt eine guͤtige Mutter. Nach Verlauf von acht Tagen war Clara ſchon im Stande, nach Newgate zu gehen, und mit ih⸗ rem Kinde an der Bruſt, trat ſie in ihres Gatten Gefängniß. Anfangs uͤberließ ſich Godwin der ausgelaſſenſten Freude; er nahm ſein Söhnchen auf den Arm, kuͤßte ihn, lachte aus vollem Halſe, und lief in Uen Gemaͤchern herum, um ihn ſeinen Ungluͤcks⸗ gefährten zu zeigen; kurz, er gebehrdete ſich ganz unſinnig. Bald aber fuͤllte ſich ſein Herz mit Trauer, und in einem Anfalle ſei⸗ nes böſen Unmuthes warf er das Kind unge⸗ ſtum in den Schoos ſeiner Mutter.— Bin ich nicht thoricht, ſprach er, daß ich mich — 65— uͤber die Geburt dieſes Geſchöpfes freue? Das wird einen Bettler mehr auf der Welt abge⸗ ven. Wer wird fuͤr daſſelbe ſorgen?— Die Vorſehung, antwortete Clara, und dachte da⸗ bei an Miß Wilſon, iſt eine guͤtige Mutter⸗ — Ei gewiß, erwiederte Godwin, ſie laͤßt ihre Kinder vor Hunger ſterben, ſiehſt Du das nicht an mir?— Klage dieſe nicht an, mein Beſter, es iſt nicht ihr Fehler, wenn — Wenn ich die Thorheit beging, Dich zur Frau zu nehmen, wollteſt Du ſa⸗ gen! Clard ſchlug errothend die Augen nie⸗ der, und Thränen rannen ihre Wangen hinäb“ — Dieſe Vorſehung, fuhr Godwin fort, auf welche Du ſo ſehr baueſt, haͤtte unſern alber⸗ nent Streich verhindern ſollenz aber nein! ſie laͤßt zu, daß wir in's Verderben rannten und in's ſchrecklichſte Elend gerathen ſind, und Du kannſt noch verlangen, daß ich mich auf ihr Daſeyn, auf ihre Wohlthaten verlaſſen ſoll?— Ach, Godwin! Du biſt bisher nur unglucklich geweſen, nimm Dich in Acht, daß Du Dich nicht ſtrafbar machſt; ſieh', was I. E — dieſe gottliche Vorſehung, welche Du läſterſt, uns geſendet hat, Sie zeigte ihrem Gatten eine Hand voll Guincen; Godwin ſtuͤrzte vor Clara's Fuͤßen nieder und kuͤßte ihre Haͤnde, aber er fragte ſie nicht, woher dieſes Geld käme, nein, er bat ſie, ihm daſſelbe zu ge⸗ ben, damit er dem Kerkermeiſter ſeine Schul⸗ den bezahlen und auf dieſe Weiſe ſich neuen Credit verſchaffen konne.— Wie viel Gui⸗ neen haſt Du mitgebracht, Clara?— Funf⸗ zig.(Sie hatte in der Fhat micht mehr bei ſich.)— Wohlan, ich will Dir fuͤnf Stuͤck laſſen, das iſt fuͤr Dich genug, Du haſt nicht viele Ausgaben, ich will 45 Guineen davon behalten. Clara hatte dieſes zwar er⸗ wartet, dennoch aber betruͤbte ſie ſich darüber. Das Gold befand ſich noch ihren Händen, als Godwin es ihr auf einmal wegnahm und ihr, wie gedacht, blos fuͤnf Stuͤck uͤbrig ließ. — Run, lebe wohl, Clara, Du wirſt wohl thun, nach Hauſe zu gehen, denn fuͤr Dei⸗ nen erſten Ausgang biſt Du ziemlich lange weggeblieben, umarme mich, meine Liebe. W — 67— Da fällt mix eben noch etwas ein: Wie haſt Du denn den kleinen Liebesgottctaufen laſſen? — Ichehabe ihm Deinen Namen gegeben. Schönz nun lebe wohl, komm morgen nicht iſt kalt, Wit dieſen Worten umarmte er ſeine Gattin und begleitete ſie bis an 0. Thuͤre ſeines Gefängniſſes. Was iſt das fuͤr ein Menſch! dachte Clan bei ſich, und kehrte traurig in ihre Wohnung zuruͤchk. Nicht ein Funken jener Zaͤrtlichkeit, die er mir auf Zeitlebens ſchwor, iſt mehr in ihm zu findenz die böſe Geſelſchaft hat ihn verdorben. Armes Kind, ſprach ſie mit er⸗ ſtickter Stimme zu ihrem Sohne„und druckte ihn zaͤrtlich an ihr Herz, Du haſt keinen Va⸗ ter mehr, boͤſe Menſchen haben ihn verfuͤhrt, er iſt nicht mehr das, was er fruͤher war⸗ Clara war kaum noch zehn Schritte weit von ihrer Wohnung„als ſie plotzlich beim Umbie⸗ gen an einer Straßenecke ihrem Bruder ſich 5 gegenüber befand. Ein Schreckensruf entfuhr ihr bei ſeinem Anblicke. Ah! Du biſit's, nicht, daß Du in London waͤreſt. Clara Clara, redete Evan ſfie an, ich wußte gar wagte nicht in die Höhe zu ſehen, und fragte: Wie befinden ſich unſere Altern? Sie flu⸗ chen Dir, Clara, ſo wie Deinem ſchändlichen Verfuͤhrer.— Godwin hat mich nicht ver⸗ fuͤhrt, verſetzte ſie, und erröthete; unſere Liebe war ſiets gegenſeitig, und meine Abſicht und Wille war es, nach Schottland zu gehen.— Wenn dem alſo iſt, ſo biſt Du ein elendes Geſchoͤpf.— Mein Bruder, ſprach Clara, und faßte ihren ganzen Muth zuſammen, ich — Ich ſage es noch einmal: Du biſt ein elendes Weſen.— Evan, ich koͤnnte mir dergleichen Reden aus dem Munde mei⸗ ner Fltern aus Ehrfurcht gegen dieſe wohl gefallen laſſen, aber Dir ſteht es ſehr uͤbel an, dergleichen zu fuͤhren. Sie ſprach dieſe Worte mit einem edlen Stolze, wodurch ſie dem unverſchämten Evan Stillſchweigen auf⸗ legte. Sie ſetzte hierauf ihren Weg weiter fort, fuͤhlte aber, als ſie an der Hausthuͤre anlangte, daß ihre Kraͤfte ſie verließen. Gluͤck⸗ — — 69— licherweiſe kam in dieſem Augenblicke die Magd heraus, wodurch Clara die Muͤhe erſpart wurde, an die Thuͤre zu klopfen, ſie trat ein, und hatte kaum ſo viel Zeit, das Sprachzimmer zu gewinnen, wo ſie ſich auf eine Ruhebank hinwarf, indem fie ſich nicht länger auf den Fuͤßen halten konnte. Nachdem ſie ein we⸗ nig ausgeruht hatte, ſtieg ſie in ihre Woh⸗ nung und vergoß daſelbſt läͤnger als eine Stunde die bitterſten Thraͤnen. Es iſt alſo wahr, ſprach die Ungluͤckliche, daß ich fuͤr meine Familie ein Gegenſtand des Haſſes und Abſcheues bin. Mein Vater hat mich verflucht, und ſo wird er auch dieſem armen unſchuldigen Kinde fluchen. Mit wel⸗ cher Grauſamkeit dieſer barbariſche Bruder mir meinen Fehltritt vorhielt. Welches harte Herz Du von der Natur erhalten haſt! Wie ſehr ſticht Dein Betragen von dem meiner ed⸗ len, guͤtigen Freundin ab! Wie tröſtend ift ihr Brief, wie zart und gefuͤhlvoll ihre Worte! Ja, theure Ancelina, Du verdienſt mein gan⸗ zes Zutrauen und ſollſt es auch haben, ich till Dir mein ganzes Herz eutbecken, und bin gewiß,, Du wirſt das traurige Schiclſal Deiner unglucklichen Freundin beweinen. Sie ſetzte ſich hin, um an Ancelina zu ſchreiben, als der kleine Godwin zu weinen begannz ſie lief auf ihn zu, und befaͤnftigte ihn dadutch, daß ſie ihn an die Bruſt legte. Sie erfüllte eben noch dieſe für eine wahre Mutter ſo theure und heilige Pflicht, als Jemand än ihre Thuͤre pochte, und ohne auf die Erlaubniß, herein⸗ kommen zu dürfen,„erſt zu warten, i ein die Stube trat. Es war Evan; Clata konnte nicht aufſtehen, ſie gruͤßte ihn daher mit einer bloſen Bewegung des Kopfes, und zeigte auf einen Seſſel hin.— Ich bin gekommen, EClara, begann Evan, um Dir mancherlei Dinge zu verkuͤnden, welche Du wahrſcheinlich nicht weißt. Dein Schwiegerbater befindet ſich näͤmlich bereits ſeit drei Monaten im Ge⸗ fängniſſe, indem man ihn eines Mordes an⸗ geklagt hat, welcher in ſeinem Garten verubt worden iſt; gegen funfzig Zeugen häben be⸗ reits gegen ihn ausgeſagt.— Großer Gott! 1 —— Unmöglich.— Und dennoch iſt's wahr, das ganze Land kann es beſtaͤtigenpz bald wird Dein theurer Schwiegetvater ſein Leben am Galgen enden.— Schweig, Barbar, ſiehſt Du nicht, daß Du mir das Herz durchbohrſt! Armer Godwin! Mögeſt Du nie dieſes ent⸗ ſetzliche Ungluͤck hören!— Er wird und muß es erfahren, Clara, damit er nicht laͤnger den ehrloſen Namen Milborn fuͤhre.— Grauſa⸗ mer! Mit welcher teufliſchen Freude Du die mir ſo tief geſchlagene Wunde aufreißeſt, ent⸗ ferne Dich, und erhohe nicht durch Deine verhaßte Gegenwart die Qualen, welche ich bereits erdulde.— Beſänftige Deinen lächer⸗ lichen Zorn, meine kleine Schweſter, und ver⸗ giß ja nicht, daß Evan nicht unter die An⸗ zahl derer gehort, welche man auf eine ſo ge⸗ bieteriſche Art fortſchicken kann. Clara er⸗ ſchrak über dieſen Ton ihres Bruders, und vermochte ihre Gefuͤhle nicht laͤnger zu unter⸗ drücken; ſie weinte und wehklagte laut. In dieſem Augenblicke kehrte Miß Witſon zurück und eilte auf ihre Freundin zu; wie fie aber einen fremden Mann erblickte, beſorgte ſie, ſie käme zur ungelegenen Zeit, und wollte wieder umkehren, allein Clara hielt ſie mit ihrem Kinde auf dem Arme zuruͤck, und bat ihre Wirthin dringend, ſie nicht zu verlaſſen. Auf dieſe Bitte ſetzte die guͤtige Miß Wilſon ſich neben Evan nieder, und fragte Miſtreß Milborn, woruͤber ſie ſo bekuͤmmert ſey. Da Clara keine Antwort gab, ſo fuhr Evan ſeine Schweſter grob an und ſprach: So rede doch, Elara, weshalb ſiehſt Du denn ſo kläͤglich aus? Ich daͤchte, Du hätteſt ſchon lange ge⸗ nug dieſe Farce geſpielt. Du ſchweigſt? Nun gut, ſo will ich ſtatt Deiner antworten. Hier⸗ auf wendete er ſich an Miß Wilſon und ſprach: — Ich bin der Bruder dieſes Frauenzimmers, und hierher gekommen, um der Schweſter Vor⸗ wuͤrfe zu machen, daß ſie durch die Flucht aus ihrem aͤlterlichen Hauſe mit einem Men⸗ ſchen, deſſen Vater bereits ſeit drei Monaten im Gefängniſſe ſich befindet, weil der ſtärkſte Verdacht einer abſcheulichen Mordthat wider ihn ſpricht, ihre Familie beſchimpft hat. Nun wiſſen Sie Alles.— Ich kaͤnn Dir nicht glauben, nein, Evan, ich kann es nicht, der Vater meines Gatten iſt der edelſte Mann.— Der groͤßte Böſewicht, ſollteſt Du ſagen.— Genug, Bruder, ich kann es nicht laͤnger an⸗ horen, daß Du die Tugend verlaͤumdeſt. Mit dieſen Worten verließ Clara die Stube; ver⸗ gebens ſuchte Evan mit Miß Wilſon ein Ge⸗ ſpräch anzuknuͤpfen, er wurde gebeten, ſich zu entfernen.— Ich kenne Sie zwar gar nicht, ſprach Miß Wilſon, allein Ihr Betragen floͤßt mir eine ſehr uͤble Meinung von Ihrem Her⸗ zen ein, ich liebe und achte Miſtreß Milborn, und bedauere ſie aufrichtig, daß ſie einen ſol⸗ chen Bruder hat.— Großen Dank! verſetzte Evan, und warf dabei einen fuͤrchterlichen Blick auf die Wilſon, ich will Euch zeigen, wie man mit mir umgehen ſoll.— Ich fuͤrchte Ihre Drohungen nicht, ja ich wage es ſogar, Sie zu deren Wirklichmachung aufzufordern. Sie fuͤhrte hierauf Evan zur Thuͤre hinaus, und ſchloß dieſe hinter ihm zu. Sobald Clara dieſes gewahr wurde, kehrte ſie zu ih⸗ rer Wirthin zuruͤck.— Was iſt das fuͤr ein Menſch! ſagte dieſe zu Clara, da Sie ver⸗ heirathet ſind, haben Sie von ihm nichts zu befuͤrchten, er hat keine Gewalt uͤber Sie.— Das iſt wohl wahr, verſetzte Clara, allein er maßt ſich Gewalt an; meine Altern haben die größte Vorliebe für ihn, er iſt mehr Herr im Hauſe, als jene, und glaubt das Recht zu haben, uͤberall befehlen zu duͤrfen. Er hat einen boͤſen, rachgierigen Charakter, und hat einen Haß auf die Familie meines Gatten um deswillen geworfen, weil man ihm eine meiner Schwägerinnen, die er zum Weibe begehrte, abſchlug. Ich bin uͤberzeugt, daß nicht ein Wort von dem, was er mir uüͤber den Lord Milborn geſagt hat, wahr iſt, den⸗ noch aber erzitterte mein Herz bei ſeiner Er⸗ zählung, deren Unwahrheit mir überdem ein Brief, welchen ich vor etwa acht Tagen von Ancelina, einer der Jöchter des Lords exhielt, außer allem Zweifel zu ſetzen ſcheint. Meine Freundin hat mir nämlich von dieſem Un⸗ —,————— gluͤcke nichts gemeldet, weshalb ich auch gar nicht daran glaube. Die Wilſon pflichtete Clara's Meinung bei, und dieſe begann wieder an ihre Freun⸗ din zu ſchreiben. Sie war ihr jetzt ein ganz offenherziges Bekenntniß ſchuldig; dieſes legte ſie denn auch ab und ſchloß ihren Brief da⸗ nit, daß ſie meldete, wie ſie mit Evan zu⸗ ſammengekommen ſey, und was dieſer barba⸗ riſche Bruder in Bezug auf den Luit⸗ Nit⸗ born S—* Vier und zwanzigſtes Capitel. Wiewohl der Prozeß wider den Lord Mil⸗ born keineswegs zu deſſen Gunſten vorwaͤrts ſchritt, und die Unterſuchung ohne irgend ei⸗ nen glücklichen Erfolg fortdauerte, ſo neigten ſich doch die Gefinnungen des theilnehmenden Publikums je länger je mehr zu der Anſicht hin, daß der Ausgang dieſer Sache wohl un⸗ gewiß ſeyn koͤnne, ja, man gab ſogar die Moöglichkeit zu, daß Milborn nicht der Schul⸗ dige wäre; es fehlte aber an Beweiſen, um dieſe Behauptung als unwiderleglich wahr darzuſtellen; denn bis jetzt war alle hierauf verwendete Muͤhe vergeblich geweſen. Der ihn anklagende Alte war unterdeſſen mehrmals verhört worden, jedoch in ſeinen Antworten ſich ſtets gleich geblieben. Ein andrer Um⸗ ſtand, woraus die Familie Milborn einige Hoffnung zu ſchopfen anfing, war jetzt eben⸗ falls eingetreten; es hatte nämlich die Trup⸗ penabtheilung, bei welcher det Lieutenant Bradfort und die ſechs Muſiker ſtanden, iht Quartier zu Brow. verlaſſen, mithin blieb Niemand uͤbrig, der ein beſonderes In⸗ tereſſe haben konnte, dieſe mit Eifer zu betreiben. Eines Morgens verbreitete ſich in Haw⸗ ſield ein neues ſchreckliches Geruͤcht; man er⸗ zählte ſich nämlich, der Angeklagte habe den Kerkermeiſter ermordet, und ſey hierauf aus dem Gefängniſſe entſprungen. Niemand wollte, Niemand ſogar konnte dieſem Geruͤchte Glau⸗ ben beimeſſen. Wie war es wohl moglich, daß ein Mann, der nahe daran war, von ei⸗ ner peinlichen unterſuchung losgeſprochen zu werdeng ſo ſinnlos händeln könnte„und ſich mit einer neuen Mordthat belaſten wülde? Jederiann eilte an das Gefängniß hin, und alle erhielten die Beſtätigung der ſchrecklichen Nachricht. Einer der Thürknechte des Ket⸗ kermeiſters hatte, ſeiner Gewohnheit nach, gegen ſieben Uhr Morgens zum Gefangenen — ſich begeben, zaſſet die Thuͤre des Kerkers offen, den von mehrern Meſſerſtichen durch⸗ bohrten Korper ſeins Herrn aber auf dem Btte liegend angetroffen; es ſchien, als habe der Arreſtant ihn in der Abſicht getodtet, um ſich der Schluͤſſel zu bemächtigen, denn man fand dieſe nicht in ſeinen Taſchen. Auch Henriette, welche ein kleines Gemach neben der Kammer ihres Vaters bewohnte, war ver⸗ ſchwunden. Sgnn ni 3 Dieſe ſörzihe 1 gcich—— bad nach Milborn⸗ Hall und verbreitete die größte B Beſtuͤrzung und Vetzweifelung⸗ in al⸗ len Gemüthern. 6 Die Lady, welche den Abend zupor noch bei ihrem Gatten geweſen war, hatte. ihn noch nie ſo rihig geſehenz ſie konnte ſch Dher nicht einbilden, daß er an eine Fücht gedacht, haben ſollte, wodurch er noth⸗ wendig ſeine Sache ſehr verſchlimmern und ſeine Freunde mit Jraurigkeit erfuͤllen mußte; nichts deſto weniger war die That gewiß, und es blieb der unglücklichen Familie nicht ein⸗ mal dr Froſt des noch ſo geringſten Sweifels uͤbrig. Jetzt glaubte ſich Jedermann, Alt und Jung, zu der lauten Kußerung berechtigt, daß der Lord einer der größten Verbrecher ſey. Der Abſcheu, welchen derſelbe einfloͤſte, ver⸗ breitete ſich uͤber Alles, was ihm angehörte⸗ Zeigte ſich ein Diener aus Milborn⸗Wall auf oͤffentlichem Markte, ſon warf man ihm verͤchtlich das hin, was er kaufen wollte, und man wuſch ſogar das Geld, was man dafuͤr erhielt, in ſeiner Gegenwart ſorgfaͤltig ab. Der getreue Emery und die gute Diana ertrugen, da ſie, der ſo ſchweren Verdachts⸗ gruͤnde ohngeachtet, dennoch von der Unſchuld ihres Gebieters uͤberzeugt waren, alle dieſe Kraͤnkungen mit Standhaftigkeit, und weih⸗ ten ſich gänzlich dem Dienſte der ungluͤcklichen Familie. Auch Growells bewieſen bei dieſer Gelegenheit gegen die Lady auf's Deutlichſte, daß ihre Freundſchaft unveraͤnderlich ſey. Da man wußte, daß ſie die Familie des Verbre⸗ chers immer noch beſuchten, ſo verſchloß man apch vor ihnen jede Thuͤre; ſie aber troͤſteten ſich deshalb, und widmeten ihre —— S ——— —— — 80— Zeit mehr als jemals ihren Freunden in Mit⸗ Man konnte ſehr leicht vorausſehen, daß dieſe zweite Mordthat gegen den Angeklagten einen Beweis mehr davon, daß er ſich der erſten ſchuldig gemacht, abgeben würde, und ſo geſchah es auch in der That. Rechnete man nun hierzu noch ſeine Flucht, ſo ſchien uͤber ſeine Schuld nicht der geringſte Zweifel mehr obzuwalten. Der Prozeß ward mit der größten Lebhaftigkeit fortbetrieben, und es er⸗ folgte ſehr bald ein ſchreckliches Urtheil, in deſſen Gemaͤßheit der Lord im Bildniſſe hin⸗ gerichtet, alle ſeine Guͤter eingezogen, der Alte aber in Freiheit und ihm gleichſam zur Ent⸗ ſchädigung von dem Vermögen des Verurtheil⸗ ten eine Summe von 500 Pfund Sterling ausgezahlt werden ſollte. Dieſe Sentenz ward genau in Vollziehung geſetzt. Es bedurfte in der That einer uͤbernatuͤrlichen Stärke, um dieſem letzten Sturme zu widerſtehen, auch unterlag die Lady demſelben. Ein hitziges Fieber warf ſie auf's Krankemlager und brachte — ſie an die Pforten des Todes. Kein Arzt aus * 5 der Umgegend wollte ihr beiſtehen, der Chirur— us allein, welcher dem Lord und deſſen Kin⸗ 9 dern geholfen hatte, weigerte ſich nicht, ob er gleich ſelbſt krank war, ſich nach Milborn— Hall zu verfuͤgen, und es gelang ihm neoch zur rechten Zeit, die Kranke den Armen des Todes zu entreißen. Vierzehn Tage waren ſeit Eröffnung jenes fuͤrchterlichen Richterſpruches bereits verfloſſen, und die Lady befand ſich eben etwas beſſer, als man die Bewohner von Milborn-Hall bedeuten ließ, ſie ſollten ihre Wohnung binnen zwei Tagen raͤumen. Dieſer Befehl laukete ſo beſtimmt, daß man ſich ihm noth⸗ wendig unterwerfen mußte. Growell ſchlug ſeiner Freundin vor, ſie mochte mit ihrer Fa⸗ milie zu ihm nach Sumptuos-Caſtle ziehen, allein die Lady beſaß zu viel Zartgefuͤhl, als daß ſie ein Anerbleten, welches ihren Freun⸗ den ſo viel Ungelegenheit verurſacht haben wuͤrde, angenommeng hätte. Obſchon das ganze Vermögen il zogen wor⸗ 1 noch genug, um im Stande der Mittelmä⸗ ßigkeit leben zu konnen. Fuͤrwahr, ſie hatte zu viele gerechte Urſachen ihres Schmerzes, als daß der Verluſt von drei Viertheilen ih⸗ res Vermogens ihr beſonders wehe hätte thun⸗ konnen; auch Alfred und Ancelina dachten nicht mehr daran, uͤber die Einbuße eines Reichthumes zu trauern, der mit ſo bitterm Kummer unzertrennlich verbunden war. Ungefaͤhr zehn Meilen von Hawſield ſtand ein kleines Haus zu vermiethen; der Wund⸗ arzt, welcher hieruͤber mit der Lady ſprach, erbot ſich, mit dem Eigenthuͤmer dieſes Häus⸗ chens die nothigen Verabredungen zu treſſen; bald war das Geſchaͤft abgeſchloſſen, und die Familie Milborn verließ das Schloß noch zei⸗ tig genug, um nicht die Diener der Gerech⸗ tigkeit ankommen zu ſehen. Der neue Wohnort der ungluͤcklichen Fa⸗ milie, Namens Pervios-Haus, war ein net⸗ tes, einfaches, und in jeder Hinſicht den Um⸗ ſtaͤnden derer, welche es bezogen, angemeſſe⸗ — den war, ſo behielt ſie doch von dem ihrigen . nes Gebäude. Da Pervios-Haus viel wei⸗ ter von Sumptuos-Caſtle, als Milborn-Hall, entlegen war, ſo haͤtten Growells, waͤre ihr Freundſchafts-Eifer weniger feurig geweſen, die beſte Gelegenheit hiervon entnehmen kön⸗ nen, um die Lady ſeltner zu beſuchen, allein ſie glichen den Anderen hierin nicht im Ge⸗ ringſten, und ein Unterſchied von fuͤnf oder ſechs Meilen ſchien ihnen keiner Beachtung werth zu ſeyn. Sie meinten, das wäre Sache ihrer Pferde, und da ſie deren eine große Anzahl in ihren Staͤllen beſäßen, die kein anderes Tagewerk zu verrichten hätten, als ſich zu naͤhren und ſie ſpazieren zu fahren, ſo koͤnnten ſie auch die Fahrt nach Pervios⸗ Haus ſchnell und ohne Hinderniß zuruͤcklegen. Die Familie Milborn hatte kaum vier Tage in ihrer neuen Behauſung zugebracht, als Alfred ſich aufmachte, um ſeinen Vater und Schweſter aufzuſuchen. Er wollte wei⸗ ter nichts als den Segen ſeiner Mutter und die Gluͤckwuͤnſche Ancelina's mit ſich nehmen, denn das Wenige, was ſeiner Mutter geblie⸗ 52 — ben war, konnte und durfte nicht verbraucht werden. Growell, der von ſeinem Vorhaben unterrichtet war, wollte ihm wenigſtens eine kleine Summe von 100 Guineen aufdringen, allein Alfred beſaß zu viel Ehrgefuͤhl, um nicht dieſes Geld, als ein Darlehn, das er nie wieder erſtatten konnte, auszuſchlagen, und er war auch vielleicht zu ſtolz, als daß er daſſelbe unter dem Titel eines Geſchenkes an⸗ genommen haͤtte, da er der Meinung war, er konne es entbehren. Vergebens bat ihn ſeine Mutter, er ſolle ſich eines Pferdes be⸗ dienen; hartnaͤckig weigerte er ſich, auch die⸗ ſes zu thun. Zu Fuß und in ganz einfacher Kleidung, mit nicht mehr als 10 Guineen verſchen, machte ſich Alfred auf den Weg, ohne d daß er einen beſtimmten Plan ſich ent⸗ Er wußte nicht, wenn, und ob er vielleicht gar jemals wieder zu den St⸗ 4 worfen hatte. nigen zurückkehren wuͤrde, aber er hatte d feſten Entſchluß gefaßt, ſeine ee nicht eher einzuſtellen, als bis er ſeinen Va⸗ ter und Schweſter wieder haben N — Aber ach! alle ihre Bitten blieben fruchtlos. Clara's Altern wiederholten unter den ſchreck⸗ lichſten Betheuerungen ihren fruͤher gethanen Eid, daß ſie in ihrem ganzen Leben nicht einen Penny hergeben wuͤrden, ſollten ſie auch durch eine noch ſo geringe Gabe den Verehelichten das Leben erleichtern konnen. Was konnte die Lady auf eine ſo beſtimmte Erklärung erwiedern? Sie ſeufzte uͤber das Schickſal der Ungluͤcklichen, und erzaͤhlte ih— rer Jochter unter Thraͤnen den mißlichen Er⸗ folg ihres Beſuches⸗ Emery erhielt den Auftrag, in der an⸗ ſehnlichſten Stadt der Grafſchaft einige Ju⸗ welen von Werthe, welche der Lady noch ver⸗ blieben waren, zu verkaufen. Der ehrliche Diener loſte hieraus 500 Guineen, welche auf der Stelle an Clara geſchickt wurden. Ancelina meldete ihrer Freundin, auf welche Weiſe ihre Mutter ſich jene Summe verſchafft habe, und daß est vielleicht möglich waͤre, da⸗ mit ihres Bruders Freiheit zu erkaufen, zu⸗ mal wenn alle ſeine. Glaͤubiger ſo abſcheuliche 2— — S8—— 6 ( Wucherer wären, als derjenige, welcher laut Clara's Brief fuͤr 18 Guineen ſich 100 hatte verſchreiben laſſen. Sie geſtand ferner zu, daß Evans Nachricht nur allzu wahr ſey, allein ſie gedachte mit keinem Worte des Urtheils und deſſen Vollſtreckung. Sie erkannte in Evans Betragen gegen eine mehr bedauerns⸗ wuͤrdige, als ſtrafbare Schweſter deſſen ganzen barbariſchen Charakter, und bat Clara, daß ſie ihren Bruder nicht bei ſich aufnehmen, ſondern vielmehr ihm uͤberall aus dem Wege gehen moͤchte. Sie ſchwieg auch darüber, daß Clara's Altern in dem ihr und ihrem Gatten zugeſchworenen Haſſe beharrten, und ſie ſchloß dieſen Brief mit der Verſicherung der rein⸗ ſten, zäͤrtlichſten Freundſchaft. Obſchon Clara in ihrem Briefe einiger⸗ maßen Godwins Auffuͤhrung, oder, um rich⸗ tiger zu ſprechen, deſſen durch die jetzigen Verhaͤltniſſe nothwendig herbeigefuͤhrte Le⸗ bensweiſe erwähnt hatte, ſo ſtand dennoch Ancelina immer noch in dem Glauben, ihr Bruder behandle ſeine Gattin guͤtig und lie⸗ 1 — — — 89— bevoll. Haͤtte ſie und die Lady gewußt, wie ſtrafwuͤrdig Godwins Betragen war, wie ſehr wuͤrden ſie ſich daruͤber betruͤbt haben, ſo aber erſparte ihnen die Unkunde dieſes Um⸗ ſtandes vielen Kummer. Cun kehrte nach dem Willen ihres Gatten Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. — erſt am dritten Tage nach Newgate zuruͤck. Godwin empfing ſie ſehr gut; er war die Lu⸗ ſtigkeit ſelbſt, liebkoſte ofters ſein Kind, und kuͤßte die Mutter mehreremale.— Du biſt ein liebes Geſchöpf, meine Clara, ſprach er, und blickte ſie zärtlich an, ich habe Dir ſchon vielen Kummer verurſacht, und Du biſt nie⸗ mals deshalb auf mich böſe geworden. Du wirſt kaum glauben, fuhr er fort, und ſtand dabei auf, was fuͤr Dienſte jene 45 Guineen mir geleiſtet haben. hier als einen Cröſus, ſeinen Credit an. Man betrachtet mich und jeder bietet mir — Davon mache keinen Gebrauch, verſetzte Clara eilig, denn Du wuͤr⸗ deſt nachmals das Geld nicht wieder erſtatten foͤnnen,— Davon wollte ich eben mit Dir ſprechen, etwiederte Godwinz meine Liebe, Du mußt Dich bemuͤhen, alle Monate mir eine gleiche Summe zu geben.— Gerechter Himmel! Wie kannſt Du nur dergleichen hoffen? Und weißt Du nicht, daß wir von allen Huͤlfsmitteln entbloͤſt ſind?— Das muß doch nicht ſo gänzlich der Fall ſeyn, da Du ja jenes Geld mir gebracht haſt.— Oder glaubſt Du, daß Deine Schweſter Ancelina eine ſo beträchtliche Ausgabe für Dich machen wird oder machen kann?— Ancelina alſo hat uns die 50 Guineen geſchickt?— Ja, mein Lieber, welcher andere Menſch ſollte eine ſo zaͤrtliche Aufmerkſamkeit gehabt haben? God⸗ win ſchien eine Zeit lang nachzudenkenz er trat näher zu ſeiner Frau, ergriſf ihre Hand, und ſprach:— Clara, Du haſt gewißlich die fünf Guineen, welche ich Dir ließ, noch nicht ausgegeben?— Nicht gaͤnzlich, aber wo⸗ zu dieſe Frage?— Du wuͤrdeſt mir viel Freude machen, wenn Du mir davon zwei Stuͤck ge⸗ ben wollteſt; ich habe jetzt, auf Ehre, keinen Schilling in der Taſche.— Großer Gott! Was haſt Du denn mit jener Summe Gel— 1 Deinen Verſtand; die Leute, blos zur L — 92— des angefangen?— Sollte man doch beinahe glauben, Du ſpraͤcheſt von mehrern Tauſend Pfund Sterling! Ich bitte Dich, was ſind denn 50 elende Guineen? Eine Kleinig⸗ r Godwin, Du verlierſt mit denen Du keit.— Mein liebe umgehſt, richten Dich vollends zu Grunde.— Wieder einmal eine Predigt! Clara, ich habe es Dir ſchon geſagt, daß ich dergleichen Er⸗ mahnungen und Vorſtellungen nicht liebe; wenn Du jetzt haſt, was ich verlange, ſo be⸗ fehle ich Dir, es mir zu geben.— Da ſind ſie, ſprach Clara, und zog zwei Guineen aus ihrer Taſche, das iſt das einzige Hulfömittel, wodurch Deine Frau und Sohn auf einige Tage noch ihr Daſeyn zu friſten vermochten. — Der Henker hole das Geſchopf, das mir Laſt liegt!— Godwin, grauſamer Vater, Du fluchſt Deinem Kinde? Clara vergoß die heißeſten Thranen.— Du weißt, verſetzte Godwin, daß Deine Thränen, ſtatt mich zu erweichen, vielmehr meinen Unmuth und Zorn re ge machen; kuͤnftig ſieh' Dich — vor, mich nicht zu reizen. Die Stunde, zu welcher meine Freunde mich zu beſuchen pfle⸗ gen, iſt jetzt gekommen; Dein Anblick wuͤrde, zumal in dem jetzigen Zuſtande, zu Spot⸗ tereien Gelegenheit geben, woran wir beide keinen Gefallen ſinden duͤrften; Du wirſt da⸗ her wohl thun, Dich zu entfernen, ehe ſie kommen. liberhaupt aber wird es genug ſeyn, wenn Du mich hinfuͤhro nur einen Tag um den andern beſuchſt, oͤftere Gaͤnge zu mir her koͤnnten Dir beſchwerlich fallen.— Ich will mich in Deinen Wunſch fuͤgen, antwor— tete Clara, und ſtand auf; Godwin umarmte ſie, und ſagte ihr Lebewohl.— Wie! Zum armen kleinen Godwin ſagſt Du nicht ein einziges Woͤrtchen?— Ich vergaß es; lebe wohl, Kleiner, lebe wohl, Clara. Godwin hatte ſchon vor dem Verluſte ſei⸗ ner Freiheit die ſchaͤndliche Gewohnheit des Trinkens angenommen. So wie er aber in's Gefaͤngniß kam, verging kein Tag, an wel⸗ chem er ſich nicht berauſcht haͤtte. Clara, die— ihn nur des Morgens beſuchte, traf ihn ſtets n nuͤchtern an, und ahndete nicht, daß der uͤbrige Theil des Tages den ekelhafteſten Genuͤſſen ge⸗ weiht war. Die ſogenannten Freunde und Bekannten des jungen Milborn waren der Auswurf der Geſellſchaften, die man in großen Staͤdten anzutreffen pflegt. Sfters pflegt der Genuß des Weines dem⸗ jenigen, der ſich demſelben uͤberlaͤßt, eine uͤber⸗ maͤßige Fröhlichkeit und, ich möchte beinahe ſagen, eine Liebenswuͤrdigkeit zu verſchafſen, welche er im Zuſtande der Nuͤchternheit nicht beſitzt; allein bei Godwin brachte er gerade die entgegengeſetzten Wirkungen hervor; ſo wie der Wein ihm in den Kopf ſtieg, wurde er grob, zänkiſch und boshaft. Den Lag nach dem letzten Beſuche Clara's gerieth er in ei— nem Augenblicke ſeines viehiſchen Zuſtandes mit einem jungen Manne, Freunde eines Ge⸗ fangenen, in Streit, und beſchimpfte ihn nach ſeiner Gewohnheit. Der Fremde erwie⸗ derte ihm die ſchrecklichſten Wahrheiten; ſo warf er, zum Beiſpiel, Godwin vor, er ſey der Sohn eines Mörders, der ſchon im Bild— niſſe die gerechten Strafen fuͤr ſeine Schand⸗ thaten erlitten habe. Milborn hatte vön dem ſeiner Familie widerfahrenen Ungluͤcke durch⸗ aus keine Kenntniß, da Clara weder von Evans Beſuche, noch deſſen ſchrecklicher Nach⸗ richt ihm das Mindeſte geſagt hatte. Sie ſelbſt hielt dieſen Bericht für falſch, und wäre dieſes auch nicht der Fall geweſen, ſo hätte ſie doch aus Liebe zu ihrem Gatten ihm eine ſo traurige Nachricht nicht mitgetheilt. Man kann ſich nun leicht vorſtellen, was des Frem⸗ den Reden fuͤr Wirkungen hervorbringen muß⸗ ten.— Böſewicht, ſchrie Godwin, Du biſt ein ſchaͤndlicher Luͤgner, weißt Du, wer ich bin, daß Du es wagſt, mich mit Leuten Deines Gelichters zuſammenzuſtellen?— Ihr ſeyd Godwin Milborn, der Sohn des Lords gleiches Namens, antwortete der junge Mann gelaſſen, und Euer Vater iſt, ich wiederhole es, ein Ungeheuer, das ſeiner Verbrechen ſo⸗ wohl, als der erlittenen Strafe halber, mit Schande beladen iſt. Auf dieſe Worte ergriff Godwin einen Leller, und warf ihn mit wan⸗ — 96— kender Fauſt an den Kopf ſeines Gegners⸗ Dieſer aber wich dem Wurfe des Halbtrun⸗ kenen leicht aus, erfaßte eine Weinflaſche und warf dieſelbe nach Godwin, dergeſtalt, daß ſie an deſſen Stirne zerbrach. In einem Au⸗ genblicke ward Godwin mit Blut bedeckt und ſank, da der Wurf ſehr heftig geweſen war, in Ohnmacht; der junge Mann aber ſchlich ſich davon, woran er klug handelte, denn der herbeigerufene Wundarzt erklärte die Wunde fuͤr todtlich. Man verband Godwin, und brachte ihn zwar wieder in's Leben, aber nicht zum Gebrauch ſeiner Vernunft, zuruͤck. Die Gehirnhäute waren ohne Zweifel verletzt wor⸗ den, und es brach der ſchrecklichſte Wahnſinn aus. Die falſchen Freunde des Ungluͤcklichen vereinigten ſich, um die Schuld allein auf ihn zu werfen, indem ſie behaupteten, er habe den Fremden zum Zorne gereizt. Die Ge⸗ fangnißwächter bemuͤhten ſich vergeblich, Namen deſſelben zu erfahren; Jedermann ver— ſicherte, ihn nicht zu kennen, und ſogar der⸗ jenige, welcher anfänglich von dem Entfiehe⸗ ₰— nen mit dem Namen Freund belegt worden war, behauptete, wie die uͤbrigen, daß er die⸗ ſen Menſchen zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben geſehen habe. Waͤhrend der Nacht, daß man Godwin verband, wuchs die Gefahr der Krankheit der⸗ maßen, daß man nothwendig ſeine Gattin das von benachrichtigen mußtè. Clara eilte herbei und traf ihren Mann mit dem Tode käm⸗ pfend an. Er erkannte ſie nicht mehr und hauchte ſeinen Geiſt in ihren Armen aus, ohne ſeit dem ſchrecklichen Vorfalle ein einziges Wort geſprochen zu haben. Man kann ſich vorſtel⸗ len, wie fuͤrchterlich der Zuſtand ſeyn mußte, in welchen Miſtreß Milborn durch dieſen To⸗ desfall verſetzt wurde. Man trug ſie in eine Kutſche, welche ſie nach Hauſe brachte, ohne daß ſie das geringſte Lebenszeichen von ſich ge⸗ geben haͤtte. Miß Wilſon empfing die Un⸗ gluͤckliche mit der Angſtlichkeit einer Mutter. Der Kutſcher, welcher Clara herbrachte, hatte an der Thuͤre des Gefäͤngniſſes den Verluſt erfahren, von welchem dieſes junge Früuen⸗ II. G zimmer betroſſen worden warz er erzaͤhlte die⸗ ſes alles Miß Wil ſon's Dienerin, welche ſich beeilte, ihrer Gebieterin, die eben im Begrifſe war, Clara von ihren Kleidern zu befreien,⸗ davon zu benachrichtigen. Miß Wilſon fuͤhlte, daß der Antheil, welchen ſie ſtets an Clara's Schickſale genommen hatte, ſich jetzt noch ver⸗ doppelte, und ſie ſchwor bei ſich, ſie, ſo lange ſie ihrer Huͤlfe beduͤrftig waͤre, nicht zu ver⸗ laſſen. Endlich holte Miſtreß Milborn wieder Athem; ihre Augen waren offen, allein ſie horte und ſah demungeachtet nichts, und glich mehr einer Bildſaͤule, als einem lebenden We⸗ ſen. Ihre Geſtalt bot das Bildniß der groß⸗ ten Gefuͤhlloſigkeit dar. Miß Wilſon war ganz außer ſich uͤber Clara's unerklaͤrlichen Zuſtand.— Guͤtiger Gott, rief ſie aus, wenn ſie nur weinte, das wuͤrde ſie vielleicht retten. In dieſem Augenblicke wachte der kleine God⸗ win auf, und verlangte, unter lautem Schreien, ſeine Nahrung. Miß Wilſon nahm ihn auf den Aim, um ihn zu beſänftigen, da ſiel es — ihr auf einmal ein, daß der Anblick des Klei⸗ nen das Herz der Mutter ruͤhren koͤnnte; ſie legte ihn daher ſanft auf Clara's Schoos, welche ihn noch immer nicht zu erblicken ſchien. Das Kind ſchrie fort, die Wilſon ſchnuͤrte da⸗ her Miſtreß Milborn auf, und half dem Saͤug⸗ ling den Buſen ſeiner Mutter ſinden. Jetzt gewann die Natur alle ihre Rechte und Staͤrke wieder, Clara erkannte ihren Sohn, und er⸗ innerte ſich an den entſetzlichen Tod ihres Gat⸗ ten. Der Schmerz war zu groß; ſie weinte, ſchluchzte und ſtieß die herzzerreißendſten Kla⸗ gen aus. Miß Wilſon theilte ihren Kummer, und bot ihr fuͤr den Augenblick keinen Troſt an. Was haͤtte ſie ihr auch ſagen koͤnnen, das ſie im Stande geweſen waͤre zu verſte⸗ hen? Bittere Leiden koöͤnnen nur mit Huͤlfe der Zeit gelindert werden. Clara konnte ſich an den Gedanken, daß ſie ihren geliebten Godwin nie wieder ſehen ſollte, daß der Mann, der ſeiner Liebe zu ihr Alles aufgeopfert hatte, ihr auf ewig entriſſen worden, nicht gewohnen. Indeſſen bewirkten G 2 — 100— die Standhaftigkeit und eifrige Freundſchaft ihrer Wirthin ſo viel, daß Clara, wenn auch nicht in ihrem Herzen ruhiger, doch allmaͤhlig zur Beſinnung gelangte, um die große Laſt ihres Ungluͤcks mit Ergebung zu tragen. Sie hielt es jetzt fuͤr Pflicht, an ihren Vater zu ſchreiben, und Miß Wilſon rieth ihr ebenfalls dazu.— Es iſt das ein Schritt, den Sie mehr Ihres Kindes, als Ihrer ſelbſt willen thun, ſagte ihre guͤtige Wirthin, denn ich er⸗ klaͤre, daß, ſo lange Sie ungluͤcklich und in Noth ſeyn werden, ich mein geringes Einkom— men mit Ihnen theilen will. Clara ward durch dieſen neuen Beweis der Liebe ihrer Freundin bis zu Thraͤnen geruͤhrt.— Ver⸗ ehrungswuͤrdige, theure Miß Wilſon, ſprach Clara, und warf ſich dabei ihr an den Hals, von ganzer Seele nehme ich dieſen Vorſchlag an, der mir die Erlaubniß giebt, Sie niemals zu verlaſſen. Ich wuͤnſche, daß meine Altern ſo gutig ſeyn mögen, ihrem Enkel einen kleinen Unterhalt an Gelde auszuſetzen, damit Ihre Laäſt nicht ſo druͤckend ſey; allein, ſollten ſie — ſich deſſen weigern, ſo wuͤrde ich an Ihrem Buſen meine Zuflucht ſuchen; ich ſchwoͤre, Sie ſtets ſo zu lieben und hochzuachten, als wenn Sie meine Mutter und Schweſter wären. Der Brief, welcher an Growell abgefer⸗ tigt wurde, enthielt eine umſtändliche Etzäh⸗ lung von Godwins ſchrecklichem Ende. Clara bat ihre Altern flehentlich, daß, wenn ſie auch ſie ſelbſt nicht wieder aufnehmen wollten, (was ihr wohl ahndete) ſie doch wenigſtens ihre huͤlfreiche Hand von ihrem dreimonatli⸗ chen Enkel-Sohne nicht zuruͤckziehen mochten. Die Antwort auf dieſen Brief ließ ſich nicht erwarten. Growell begann mit Ver⸗ wuͤnſchungen uͤber ſeine Tochter und deren Sohn; er verbot ihr, ihm vor Augen zu kommen, und ſchwor, ſie ſolle nie, weder von ihm, noch ſeiner Frau, ſich die geringſte Hülfe verſprechen; er war jedoch zufrieden, ihr Kind zu ſich zu nehmen, unter der Be— dingung aber, daß ſie daſſelbe nie wieder zu— ruͤck verlangen, und ihm auf Seitlebens ent⸗ 102 S ſagen ſolle. Unter dieſer Bedingung wollte er den kleinen Godwin zu ſich nehmen, erzie⸗ hen laſſen, und ihm ein Capital ausſetzen. Er verlangte nicht mehr als eine Antwort auf ſeinen Brief, in welcher ſie ſeinen Vor⸗ ſchlag entweder ablehnen oder annehmen ſollte, im letztern Falle wuͤrde er eine Amme nach London ſchicken, um den Kleinen abzuholen. Bei Leſung dieſes Briefes ſchrie Clara laut uͤber die Grauſamkeit ihres Vaters, drückte, gleich als wenn ſie befuͤrchtete, man moͤchte ihr ihr Kind entreißen, daſſelbe feſt an ihren Buſen, und ſprach: Nein, niemals werde ich ein Gut abtreten, das mir ſo koſtbar iſt. Miß Wilſon fragte ſie, ob ſich Jemand ih⸗ res Sohnes annehmen wolle.— Mein Va⸗ ter, meine theuerſte Freundin, iſt ſo grau⸗ ſam, daß„Doch, leſen Sie lieber den Brief ſelbſt. Die Wilſon ward durch Gro⸗ wells Haͤrte empoͤrt, und wuͤnſchte nun zu wiſſen, was Clara's Entſchluß waͤre.— Mein Kind will ich behalten; ach! wie koͤnnte ich ohne daſſelbe leben? Miß Wilſon um⸗ * armte ſie, und ſprach: Der Himmel wird Sie dafuͤr ſegnen; melden Sie geſchwind Ih⸗ rem Vater, daß Sie in die Trennung von Ihrem Sohne nicht einwilligen koͤnnten, und ſetzen Sie hinzu, Sie hätten eine Freundin gefunden, die zwar in der That nichts weni⸗ ger als reich waͤre, deren Vermogen aber doch hinreichte, um den kleinen Godwin Milborn in den Stand zu ſetzen, Niemandem aus ſei⸗ ner Familie zur Laſt zu fallen. Dieſer Brief ward noch denſelben Tag abgeſchickt, und bald darauf erhielt Clara Ancelina's Schreiben⸗ Wie viel Thränen verurſachte ihr die Leſung dieſes Briefes! Es war alſo gewiß, daß man den Lord eines abſcheulichen Verbrechens an⸗ geklagt hatte; ſie konnte nicht laͤnger daran zweifeln, mithin war Evans Bericht keine Erdichtung geweſen. Sie mußte annehmen, daß durch dieſen ſchrecklichen Prozeß das ganze Vermoͤgen ihres Schwiegervaters zu Grunde gegangen wäre; ſie war daher der Lady fuͤr das Opfer, welches dieſe in der Abſicht, ih⸗ ren Gatten aus dem Gefängniſſe zu bofreien, dung Ihrer Freundin verblieben iſt, und mit — 104— gebracht hatte, die groͤßte Dankbarkeit ſchul⸗ dig; wie konnte und durfte ſie aber jetzt, wo der Ungluͤckliche im Grabe ruhte, eine ſo be⸗ traͤchtliche Summe annehmen? Clara, die vor ihrer Freundin kein Geheimniß hatte, ſuchte dieſelbe auf und bat ſie, unter Vorzei⸗ gung von Ancelina's Briefe, um Rath, wie ſie ſich hinſichtlich der zugekommen Geld-Un⸗ terſtuͤtzung benehmen ſolle.— Da Sie mich ausdruͤcklich befragen, meine liebe Clara, ſo will ich Ihnen meine Meinung nicht vorent⸗ halten. Das Ungluͤck laſtet, wie es ſcheint, ſehr ſchwer auf der Familie Ihres verſtorbe⸗ nen Gatten; Sie wuͤrden daher wenig feines Gefuͤhl zeigen laſſen, wenn Sie die ganze Summe behalten wollten, zumal da Sie nicht mehr in dem Falle ſich befinden, von dieſem Gelde den dafuͤr beſtimmt geweſenen Endzweck erfuͤllen zu koͤnnen. Schicken Sie 450 Guineen zurück, und behalten Sie blos 50 Stuͤck. Mit dieſen 50 und dem liber⸗ reſte deſſen, was Ihnen von der erſten Sen— — 105— 100 andern, welche ich in meinem Buͤreau liegen habe, konnen wir uns auf das Land begeben, denn es iſt nothwendig, daß wir London verlaſſen, beſonders aber, daß Evan unſern Aufenthaltsort nicht erfahre. Ich muß Sie, liebſte Clara, um Vergebung bitten, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Bruder mir außerordentlich mißfaͤllt. Seine ganze Ge⸗ ſtalt, ſein Blick, ſeine Manieren, kurz Alles an ihm ſpricht nicht zu ſeinen Gunſten. überdem muß ich Ihnen ſagen, daß Debo⸗ rah ſeit mehrern Tagen ſchon Evan öfters vor unſerer Thuͤre hat vorbeigehen und fuͤrchter⸗ liche Blicke auf die Fenſter werfen ſehen.— Vielleicht, ſagte Clara, hieruͤber erſchrocken, paßt er eine Gelegenheit ab, um mir mein Kind zu rauben.— Ich kenne ſeine Abſich⸗ ten nicht, gewißlich aber hegt er keine guten. — So wollen wir denn abreiſen; Sie haben wohl recht, meine Freundin, wir muͤſſen dieſe traurige Stadt, worin ich ſchon ſo viel aus⸗ geſtanden habe, verlaſſen. — 106— Miß Wilſon ſchickte nach ihrem Bruder und bat ihn, er moͤchte den Miethzins ihres Hauſes in. Empfang nehmen, und Sorge tra⸗ gen, daß ihr waͤhrend ihrer Abweſenheit kein Schade geſchehe; hierauf bereiteten ſich die beiden Frauenzimmer zur Abreiſe vor. Eine Poſtkutſche ward um Mitternacht beſtellt, da beide, um einer moglichen Verfolgung zu ent⸗ gehen, London in der Nacht zu verlaſſen wuͤnſchten. In der Zwiſchenzeit ſchrieb Clara an ihre Freundin, legte 450 Guineen in ih— ren Brief, und verſicherte Ancelina und deren Mutter, daß ſie ſich mit dem überreſte be⸗ gnügen wolle; ſie meldete ihnen das ſchreck⸗ liche Ereigniß, welches ihr ihren Geliebten entriſſen hatte, und benachrichtigte ſie von ih⸗ rer ſchnellen Abreiſe, und den Gruͤnden, welche ihr dieſelbe geheim zu halten geboten. Sie verſchwieg auch nicht laͤnger, was fuͤr einen Schritt ſie gegen ihren PVater gethan hatte, und legte eine Abſchrift der Antwort deſſel⸗ ben ihrem Briefe bei; endlich pries ſie das — 1— Gluͤck, welches ihr in Miß Wilſon eine auf⸗ richtige und zaͤrtliche Freundin zugefuͤhrt hatte, und verſprach, von ſich Nachricht zu geben, ſobald ſie einen ruhigen und ſichern Wohnplatz gefunden haben wuͤrden. Sechs und zwanzigſtes Capitel. Der Leſer wird ſich aus dem Anfange des vier und zwanzigſten Capitels erinnern, daß Lord Milborn und deſſen Tochter Henriette aus dem Gefaͤngniſſe von Hawfield entflohen waren. Es ging aber hiermit folgendergeſtalt zu: Die Lady hatte einen Theil des Tages im Kerker bei ihrem Gatten zugebracht, und ihn, wenn auch nicht fröhlich, doch heiter und ruhig verlaſſen. Gegen zehn Uhr Abends wuͤnſchte der Lord Henrietten eine gute Nacht, kußte ſie und fuͤhrte ſie in ihr Gemach, deſ— ſen Thuͤre in das ſeinige zugleich mit fuͤhrte. Beide hatten ſich zur Ruhe begeben und la⸗ gen bereits im tiefſten Schlafe, als der Lord uͤber das Geraͤuſch von Schluͤſſeln und Rie⸗ geln, welche man öffnete, aufwachte. Er ſtaunte nicht wenig, als er den Kerkermeiſter mit einem Lichte in der Hand, in Begleitung — 109— zweier Maͤnner, deren Geſichter mit ſchwar⸗ zem Flor verdeckt waren, hereintreten ſah. Steht auf, redete ihn der Gefaͤngnißwaͤrter an, wir wollen Euch Leben und Ehre retten, denn morgen wird man Euch richten und ver— dammen.— Ich fliehe nicht, antwortete der Lord; der Schuldige allein ergreift die⸗ ſes Mittel, der Unſchuldige muß von der Ge⸗ rechtigkeit ſeiner Sache und ſeiner Richter Al⸗ les hoffen. Ohne Furcht und Schrecken will ich erwarten, was uͤber mich ausgeſprochen werden wird.— Die drei Maͤnner ſchie⸗ nen verlegen zu ſeyn und blickten ſich ſtau⸗ nend einander an. Nach einem Augenblicke einiges Nachdenkens ſtuͤrzte jich plotzlich der eine auf den Gefangenen, ſtopfte ihm ein Tuch in den Mund, umſchlang ihn mit noch andern Tuͤchen, und mit Huͤlfe ſeines Kame— raden trug er ihn in einen Wagen, der we⸗ nige Schritte vor dem Kerker hielt. Einer der Böſewichter blieb am Wagen zuruck, um den Gefangenen feſt zu halten, waͤhrend der andere mit dem Kerkermeiſter in das Gefäng⸗ — 110— niß zuruͤckkehrte. Hier bediente man ſich der⸗ ſelben Mittel; um Henrietten zu entfuͤhren. Man ſetzte ſie in dieſelbe Kutſche, an die Seite ihres Vaters. Einer der Verbrecher ſagte zum Gefaͤngnißwaͤrter, in dem Augen⸗ blicke, wo dieſer, um mit ſeinen Heifershel⸗ fern zugleich zu entfliehen, in den Wagen ſteigen wollte, er haͤtte vergeſſen, das Lords Brieftaſche, in welcher ſich vielleicht P piere befänden, aus welchen auf ſie ein Verdacht faden könnte, mit ſich zu nehmen. Die La⸗ terne brannte noch; der Kerkermeiſter ging daher mit derſelben in der Hand voraus, um die Brieftaſche zu holen; kaum aber waren beide in der Kammer des Gefangenen ange⸗ langt, ſo ſtieß der Unbekannte ſeinem Beglei⸗ ter ein Meſſer in die Bruſt. Er ſiel ſogleich zu Boden, wobei er ein ſchwaches Geſchrei von ſich gab; der Mörder aber ſtieß zu wie⸗ derholten Malen ſein Inſtrument in den Leib des Gefallenen. Wie er gewiß zu ſeyn glaubte, daß dieſer todt ſey, trug er ihn auf des Lords Bette und ſuchte dann umher, ob der Ge⸗ — 111— fangene nicht einige Edelſteine, Papiere oder Geld zuruͤckgelaſſen haätte. Er fand eine Uhr von geringem Werthe, vier Guineen und ei⸗ nige Briefe von des Lords Gattin und Kin⸗ dern. Nachdem er dieſe Sachen zu ſich ge⸗ ſteckt hatte, verließ er das Gemach und Ge⸗ fängniß, und da er das Schluͤſſelbund aus der Taſche des Ermordeten genommen hatte, ſo konnte er die große Thuͤre leicht hinter ſich zuſchließen und die Kutſche bald erreichen, welche ſogleich mit der groͤßten Geſchwindig⸗ keit abfuhr. Nachdem ſie ungefähr zwei Stun⸗ den lang gefahren waren, befreiten die Ent⸗ fuͤhrer den Vater und die Tochter von ihren Tuͤchern; der Mond ſchien hell und der Lord konnte deutlich bemerken, daß ſeine Begleiter bewaffnet waren. Der Eine von beiden, wel⸗ cher dem Andern zu befehlen ſchien, hielt den Gefangenen ein Paar Piſtolen vor und ſprach mit fuͤrchterlicher Stimme: Wer ſich nur ruͤhrt oder ſpricht, dem zerſchmettere ich das Gehirn. Dieſe Drohung war in der That ganz uͤberfluͤſſig; der Lord war klug genug, — 142— um nicht gegen zwei ſtarke Männer Gewalt zu brauchen, und die zitternde Henriette be⸗ ſaß weder den Willen, noch die Kraft, die peinlichen Gefuͤhle, welche ſie erduldete, laut werden zu laſſen.— Dieſe traurige Reiſe verging unter dem duͤ⸗ ſterſten Stillſchweigenz bis man endlich gegen ſechs Uhr Morgens in einem Hofe anhielt. Die Boͤſewichter eilten, die Geſichter der Gefangenen zu verhuͤllen, und fuͤhrten ſie ſodann beide in ein großes Gemach, deſſen Fenſter mit eiſer⸗ nen Gittern verwahrt waren. Es war fuͤr beide, Vater und Jochter, ein großer Troſt Mann brachte ihnen grobe Lebensmittel, ei⸗ nen Pakt Waͤſche und Bauern-Kleider. Hen⸗ riette weinte ohne Aufhoren; der Lord aber ſchaft, ſondern daruͤber, daß man von ſeinem ſo plotzlichen Verſchwinden zu einer Zeit, wo ſeine Sache die beſte Wendung nahm, die uͤbelſte Auslegung machen wuͤrde, und der Gedanke an den Schmerz ſeiner Gat⸗ noch, daß man ſie nicht getrennt hatte. Ein betruͤbte ſich, nicht uͤber ſeine neue Gefangen⸗ tin und Kinder vermehrte das Traurige ſei⸗ ner Lage. Drei Monate vergingen, ohne daß ſich den beiden Gefangenen die geringſte Hoffnung eines Endes ihrer Leiden zeigte. Sie unter⸗ hielten ſich von der unerbittlichen Strenge des uͤber ſie verhangenen Geſchickes und frag⸗ ten ſich gegenſeitig, woher dieſe Schläge kom⸗ men koͤnnten, wer ihre Feinde waͤren, die ſo große Macht beſaͤßen, daß ſie mit ſo leichter Muͤhe ſolche teufliſche Cabalen gegen ſie ſpie⸗ len könnten, und wie ſie, die niemals eine ungerechte Handlung ſich vorzuwerfen hätten, der fortwaͤhrende Gegenſtand des unverſohnlich⸗ ſten Haſſes geworden ſeyn koͤnnten. Verge⸗ bens durchliefen ſie den Kreis aller ihrer Be⸗ kannten, ſie vermochsen auf Niemanden einen gegruͤndeten Verdacht zu werfen. Henriette wollte ihres Vaters Gedanken auf Evan rich⸗ ten.— Evan iſt ein abſcheulicher Menſch, glauben Sie mir das, mein Pater, und fä⸗ hig, die grobſten Verbrechen zu begehen.— Du beurtheilſt ihn zu ſtreng; nein, niemals H — werde ich mich uͤberzeugen koͤnnen, daß der Sohn unſrer beſten Freunde ein vollendeter Boͤſewicht ſey.— Ich wollte wetten, daß er von der Entfuͤhrung meiner Mutter Kenntniß hatte, und daß er es war, welcher meinen Bruder Alfred verwundete.— Liebe Hen⸗ riette, Dein Haß macht Dich blind und ver⸗ wandelt in Deinen Augen Evans Fehler in Laſter und Verbrechen. Ich gebe gern zu, daß er nichts weniger als liebenswuͤrdig iſt, doch halte ich ihn nicht fuͤr fähig, abſichtlich Boͤſes zu thun. Um ihrem Vater nicht länger zu widerſprechen, gelobte ſich Henriette ſelbſt, ihre Meinung uͤber Growells älteſten Sohn in Zukunft nicht mehr laut werden zu laſſen. Seit der Ankunft in dieſes neue Gefängniß hatten beide ihre Lebensmittel ſtets von dem⸗ ſelben Manne bekommen. Eines Morgens öffnete ſich zu der Stunde, wo ſie dieſelben gewöhnlich erhielten, die Thuͤre, und es tra— ten zwei Frauensperſonen herein, deren Ge— ſichter mit langen und dichten Schleiern be⸗ deckt waren; hinterdrein folgte der Wärter. Beide ſetzten ſich den Gefangenen gegenuͤber auf Stuͤhle und betrachteten ſie ſtillſchweigend. Des Lords entſtelltes und häßlich gewordenes Geſicht bildete mit der ſeltenen Schoͤnheit ſei⸗ ner Tochter einen grellen Contraſt. Mit je⸗ dem Augenblicke ſchien die Neugierde der Un⸗ bekannten zu wachſen, denn ſie hoͤrten nicht auf, abwechſelnd ihre Blicke bald auf den Va⸗ ter, bald auf die Tochter zu werfen. Auf ein dem Waͤrter gegebenes Zeichen trat dieſer vorwärts und wollte Henrietten umarmen; das Maͤdchen aber ſuchte in den Armen ihres Vaters, der den unverſchämten Menſchen mit Heftigkeit zuruͤckſtieß, ihre Zuflucht.— Ihr hoſſt vergebens, ſprach der Elende, Eure Toch⸗ ter der Entehrung zu entreißen, ſie wird meine Beute, ich gebe Euch mein Wort.— Da muͤßt Ihr mir zuvor das Leben nehmen, verſetzte der ungluckliche Vater und druͤckte ſeine Tochter an ſeine Bruſt, elender Böſewicht, huͤte Dich, naher zu kommen; noch einen Schritt weiter, und ich erwuͤrge Dich.— Der Kerl lachte hohniſch.— Und Ihr, fuͤgte 82 — 116— Milborn hinzu, indem er ſich an die ſtummen Zeugen dieſes empoͤrenden Auftrittes wandte, Ihr, die Ihr an dieſem Schauſpiele Euch zu freuen ſcheint, ſaget, was habe ich Euch ge⸗ than? was hat meine ungluͤckliche Familie Euch Uebels zugefuͤgt? Euer Geſchlecht galt ſtets fuͤr ein Muſter der Guͤte und Sanft⸗ muth; woher kommt es, daß Ihr gegen uns mit der Grauſamkeit von Tigern und mit der Unmenſchlichkeit von Henkersknechten verfahrt? Wenn ich, ohne es zu wollen, Euren Haß mir zugezogen habe, ſo opfert mich allein Eu⸗ rer Rache auf und laſſet meine Gattin und Kinder in Ruhe.— RNein, nein, Rache bis in den Tod! ſprach eine der Frauensperſonen mit ſtarker Stimme. Alle Milborns muͤſſen in Schande und unter Qualen ſterben! rief die andere. Beide ſchienen etwas im Munde zu haben, was ihrer Ausſprache hinderlich war und ihre Stimme veraͤnderte.— Gerechter Himmel! verſetzte Milborn, welche entſetzliche Wuth! Was iſt denn eigentlich mein Verbre⸗ chen? Keine Antwort. Henriette ſtuͤrzte vor die Knie der Unbekannten nieder und bat ſie flehentlich, ihrem ungluͤcklichen Vater zu ver⸗ zeihen.— Niemals, antworteten ſie hierauf, nicmals ſoll das geſchehen; unſere liebſte Be⸗ ſchaͤftigung beſteht in der Verdoppelung Eu⸗ rer Qualen. Bald werden wir uns wieder⸗ ſehen. Mit dieſen Worten ſtanden ſie auf und gingen fort.— Dank, Dank, erwie⸗ derte Henriette mit dem Ausdrucke des Schmer⸗ zes; allein die Weiber hörten ſie nicht und hatten mit dem Wärter das Gemach bereits verlaſſen. Der Lord hob ſeine Tochter auf und be⸗ muͤhte ſich, ſie zu beruhigen.— O! mein Vater, unſer aller Verderben iſt beſchloſſen, dieſe abſcheulichen Weiber haben es geſchwo⸗ ren. Großer Gott! Was ſoll aus uns wer⸗ den, was ſollen wir beginnen? Sie haben die ſchreckliche Drohung des Wärters gehört, der den Furien gehorcht, die nichts als Haß und Verderben athmen. Mein Vater, faſſen Sie den Muth, mich zu tödten; nur dieſes Mit⸗ tel kann mich von der Schande befreien. Der 4 — 118— Tod iſt jetzt das Ziel aller meiner Wuͤnſche⸗ — Theures, ungluͤckliches Kind, Du durch⸗ bohrſt mir das Herz. Laß uns nachdenken; vielleicht bietet uns das Gluͤck eine Gelegen⸗ heit, unſern Peinigern zu entfliehen. Sprich mir nicht mehr davon, daß ich Dir das Le⸗ ben nehmen ſoll; uͤber dieſen Gedanken, Hen⸗ riette, möchte ich raſend werden. Den Reſt des Tages uͤber uͤberließ ſich Henriette der ſinſterſten Verzweifelung, und ſie ruͤhrte keine einzige von den Speiſen an, welche ihr Va⸗ ter ihr darbot. Als den Tag darauf der Wär⸗ ter das Eſſen brachte, ſtieß Henriette ein ſchreckliches Geſchrei aus und waͤre beinahe in Ohnmacht geſunken. Der wilde Menſch ſchien uͤber den Zuſtand des jungen Mädchens geruͤhrt zu ſeyn, und mit einer viel ſanftern Stimme als gewoͤhnlich ſagte er, ſie moͤchte ruhig ſeyn, er wuͤrde nur dann Gewalt gegen ſie gebrauchen, wenn er neue Befehle erhielte. Dieſe Worte gewährten zwar nur wenig Troſi, zeigten aber doch von einigem Mitleiden, und der Lord fand Mittel, den aufgeregten Geiſt ſeiner Tochter wieder zur ruhigen zu bringen. Einen ganzen Monat hindurch überſchritt der Wärter die Grenzen ſeines Amtes nicht, und der Lord und deſſen Tochter begannen zu hofſen, daß ihre grauſamen Feinde ihrem bis jetzt unermuͤdlichen Haſſe endlich ein Ziel ge⸗ ſetzt haͤtten. Der Schlaf, der ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit von Henrietten gewichen war, ſchien ſich ihr wieder zu nähern. So ſchlief ſie einſt in der Nacht, als ſie plötzlich uͤber den Lärm erwachte, welchen das Gfſnen der Thuͤre ver⸗ Entſetzlich! was ſollte aus der Un⸗ gluͤcklichen werden? Sie ſah eine von ihren urſachte. Verfolgerinnen in Begleitung des Wärters und noch eines andern maskirten Mannes hereintreten, in welchem letztern ſie der Größe nach den Boſewicht zu erkennen glaubte, aus deſſen Händen ihr Bruder ſie in dem Gehoͤlze von Milborn-Hall gerettet hatte. ein herzzerſchneidendes Geſchrei aus, noch ehe die Fremden ganz herangekommen waren. Der — 119 Lord lief in bleſem Hemde an das Lager ſei⸗ ——— 6— ner Tochter, und indem er ſie mit ſeinem Leibe deckte, ſprach Schaͤndliche Hel⸗ fershelfer des abſcheulichſten Weibes, glaubt Ihr, daß, ſo lange Milborns Herz ſchlaͤgt, Ihr bis zu ſeiner Tochter gelangen konnt? Bis auf den letzten Tropfen meines Blutes, wornach Euch ſo geluͤſtet, will ich ſie verthei⸗ digen. ⸗ —— Sieben und zwanzigſtes Capitel. Ich bitte den Leſer, in dieſer Geſchichte ſich an das Ende des achten Eapitels zu erinnern, wo gemeldet wurde, daß Gideon, der juͤn⸗ gere Sohn Growells, ſich mit den Engliſchen Truppen einſchiffte, um mit ihnen gegen die Amerikaner zu fechten. Die überfahrt ging ſchnell und glücklich von Statten, und Gideon konnte kaum die Landung erwarten. Ganz in ſeinem Schmerze verfunken, brachte der Gedanke, daß er wahr⸗ ſcheinlich auf ewig das einzige weibliche We⸗ ſen, welches er lieben konnte. verlaſſen hatte, ihn beinahe zur Perzweifelung. Durch Be⸗ werbung um einen Militairpoſten hatte er ei⸗ nen doppelten Endzweck erreicht, den einen, daß er ſeinem Vaterlande einen Dienſt lei⸗ ſtetr, den andern, daß er das einzige Mittel, —— wedurch er ſeine Leiden beendigen konnte, den Tod, zu finden hoffte. Der junge Growell bewies in dieſem Kriege eine Tapferkeit, die der Engliſchen Nation ſo eigenthuͤmlich iſt; er zeichnete ſich bei mehrern Gelegenheiten auf das Vortheilhafteſte aus, und ſein Betragen gegen die Beſiegten, die er wie ſeine Bruͤder behandelte, zog ihm all⸗ gemeine Bewunderung zu. Als er einſtmals mit einer Abtheilung von 500 Mann den Feind überfallen ſollte, betrug er ſich dabei ſo tapfer und klug, daß der commandirende General ihn auf der Stelle zu belohnen be⸗ ſchloß. Er ernannte Gideon an die Stelle des bei dem Gefechte gebliebenen Capitains. Dieſe Befoͤrderung war in Wahrheit gewiſ⸗ ſermaßen eine Schuld, die man Gideon ab⸗ zutragen hatte; Niemand war daher auf ihn deshalb eiferſuͤchtig, Gideon aber fühl ſich hierdurch noch ſtärker aufgefordert, ſein Leben ſeinem Könige aufzuopfern. Der Friede kam endlich zu Stande, und Gideon, den das Kriegsglůck erhalten hatte, ſchifſte ſich mit Geliebte nicht erhalten zu können, durch eine hen werde. Mein Entſchluß iſt gefaßt, An⸗ — 123— ſeinem Regimente ein. Er wuͤnſchte und be⸗ furchtete zugleich ſeine Ruͤckkehr nach England; vielleicht fand er ſeine Ancelina verheirathet; und angenommen auch, daß dieſes nicht der Fall ſeyn ſollte, ſo konnte er doch ſchwerlich hoffen, daß ſein Vater, der ſich gegen ihn ſo beſtimmt erklärt hatte, jemals in eine Ver⸗ bindung mit Ancelina einwilligen wuͤrde. Er. hat mir, dachte Gideon bei ſich, geſagt, er habe andere Abſichten mit mir vor; doch er erwarte nicht, daß ich den Kummer, meine Heirath mit einer andern Perſon noch erhö⸗ celina wird entweder die Meinige, oder ich bleibe fuͤr immer unverheirathet. Gideon kehrte nach einer dreijährigen Ab⸗ weſenheit in ſein Vaterland zuruͤck. Die Be⸗ ſchwerlichkeiten, die er im Kriege erduldet, und die Leiden ſeiner Seele hatten in ſeinen Geſichtszuͤgen eine merkliche Veränderung her⸗ vorgebracht, aber den Charakter und das ihm von der Natur verlichene Herz brachte er un⸗ * — veraͤndert und unverdorben zuruͤck. Er kam in Sumptuos-Caſtle an, als ſeine Mutter ſich eben allein befand, indem ihr Gatte und Aurea ſich ſeit dem Morgen in Pervios⸗Haus befanden und erſt den andern Tag wiederkom⸗ men wollten. Gideon flog in die Arme ſei— ner Mutter, die ihn wie einen alten Bekann⸗ ten, den man lange nicht geſehen hat, empfing. Sie verließ einen Augenblick das Zimmer, und befragte ihn, als ſie wieder hereingekommen war, über ſeine Schickſale während der Zeit ſeiner Abweſenheit. Gideon erzählte mit der ihm eigenthuͤmlichen Aufrich⸗ tigkeit. Miſtreß Growell hörte ihrem Sohne zu und konnte ſich einiger ſtolzen Empfindun⸗ gen nicht erwehren, als ſie vernahm, daß er die Achtung ſeiner Untergebenen, die Liebe ſeiner Freunde und die Gunſt ſeiner Obern ſich erworben habe. Nichtsdeſtoweniger konnte ein aufmerkſamer Beobachter mitten durch den Anſchein der Freude, welche in ihren Au— gen glänzte, deutlich bemerken, daß ſie ſich forgfältig, ober vergeblich bemuͤhte, eine * ging ihm Gideon entgegen und wurde von ihm mit vieler Zärtlichkeit empfangen. Mi⸗ 125 25— gewiſſe Ingſtlichkeit und Verlegenheit zu verbergen. Gideon fragte, ob ſein Vater mit g8 Schweſtern und Bruder zu Hauſe waͤre? Sie erwiederte ihm hierauf, daß die ganze Familie,— ſie allein ausgenommen,— ſich zur Lady Milborn begeben haͤtte. Ohne Zwei⸗ fel befurchtete ſie, ihren Sohn zu betruͤben, wenn ſie ihm das Ungluͤck ihrer Freunde und Clara's Heirath entdeckte; ſie uͤberließ daher dieſes Geſchäͤft ihrem Gatten. Beim Mittags⸗ mahle empfand Gideon eine ſo heftige Bewe⸗ gung in ſeinem Innern, daß er nicht im Stande war, etwas zu genießen, und da ſeine Mutr ter, die nur zum Scheine eine gewiſſe Ruhe erkuͤnſtelte, alle Erklärungen ihrem Sohne zu Liebe zuruͤckhielt, ſo verließen beide den Tiſch in eben dem Zuſtande, in welchem ſie ich dazu hingeſetzt hatten⸗ Wie nun Growell gegen Abend urſctam⸗ ſtreß Growell fragte eilig ihren Gatten, 6b 4126— er alle ſeine Kinder bei der Lady zuruͤckgelaſ⸗ ſen habe; er verſtand ihre Abſicht und ver⸗ ſetzte ganz gleichguͤltig: Ja!— Gideon mußte dem Vater Alles, was bereits ſeine Mutter von ihm erfahren hatte, ebenfalls erzaͤhlen; auf dieſe Weiſe verfloß die Zeit, und als man ſich trennte, ſo fuͤhrte Growell ſeinen Sohn ſelbſt in das Schlafzimmer. Am andern Morgen wollte Gideon ſich zu ſeiner Mutter begeben, als Growell ihm ent⸗ gegen kam und ſprach: Ich ſchaͤtze mich zwie⸗ fach gluͤcklich, mein Sohn, daß Du gerade jegt angelangt biſt, denn ich wuͤrde außerdem eine Reiſe haben machen muͤſſen, die bei mei⸗ nen Jahren und meiner Schwaͤche mir ſehr beſchwerlich fallen wuͤrde; ich will daher Dich damit beauftragen, und bin uͤberzeugt, daß mein Beſtes in Deinen Händen wohl aufge⸗ hoben iſt. Gideon erwartete ſtillſchweigend den Schluß einer Anrede, die, ohne daß er ſelbſt die wahre Urſache errieth, ihm einen Froſt einjagte; Growell fuhr fort:— Du ſollſt auf ein Landgut reiſen, welches ich in Wa⸗ 2 2— les beſitze; man hat mir daſelbſt einen boſen del erregt, der mir mehr als die Hälfte meines Vermoͤgens koſten kann. Es iſt keine Zeit dabei zu verlieren, ein Tag, ja vielleicht eine Stunde Verzug könnte einen unerſetzli⸗ chen Schaden anrichten.— Wie! mein Va⸗ ter, ich bin kaum angekommen, und Sie wollen mich ſchon wieder entfernen?— Du wirſt bald Sr die Sache wird Dich hochſtens vier Lochen aufhalten.— Verwil⸗ ligen Sie mir vᷣeniſtlß nur etliche Tage. Ich habe Dir ſchon geſagt, daß der geringſte Aufſchub mir den größten Schaden zuziehen kann, wäreſt Du nicht angelangt, ſo wurde ich ſchon ſeit mehrern Stunden auf der Reiſe ſeyn; Kutſche und Pferde warten auf Dich; jetzt wollen wir zur Mutter gehen, etwas ge⸗ nießen und ſodann nimmſt Du Abſchied. Hier gebe ich Dir einen Brief an den Voigt meines Schloſſes Haveſtword mit, Du wirſt daraus ſehen, was Du zu thun haſt. John wird Dich begleiten; er iſt ein eifriger Bur⸗ * ſche, der Dich gut bedienen wird; zwar iſt er erſt ſeit wenig Tagen in meine Dienſte ge— treten, ſeine Treue iſt mir aber ſchen ſeit langer Zeit bekannt. Growell hatte ſeine Kinder an einen blin⸗ den Gehorſam gegen ſich gewohnt. Gideon ergab ſich daher in dieſe neue Pruͤfung, welche das Schickſal ihm auferlegte, und er verließ Sumptuos-Caſtle, ohne weder ſeinen Bru⸗ der, noch ſeine Schweſtern geſehen und, was ihm noch weit härter ſchien, ohne uͤber Ance⸗ lina Nachrichten erhalten zu haben. Seit dem Augenblicke ſeiner Ruͤckkunft war er von ſeinen Altern dergeſtalt gleichſam umlagert und in Beſitz genommen worden, daß es ihm nicht möglich war, auch nur mit einem Die⸗ ner des Hauſes zu ſprechen. Die erſte Zeit ſeiner Reiſe brachte er mit Nachdenken uͤber ſeine ſchmerzliche Laͤge zu. Plotzlich fuhr ihm ein freudiger Gedanke durch den Kopf. Das Geſchäft, welches mein Va⸗ ter mir aufgetragen, dachte er bei ſich, iſi, wie er ſprach, von ſo großer Wichtigkeit, daß von deſſen guter Beendigung die Erhaltung 420— des größern Theiles ſeines Vermoͤgens abhaͤngtz wenn ich es gluͤcklich zu Stande braͤchte, ſo könnte es vielleicht geſchehen, daß mein Va⸗ ter in meige Verbindung mit der reizenden Ancelina einwilligte. So urtheilte der junge Mann, der das menſchliche Herz entweder nur enig oder gar nicht kannte. Er richtete ver⸗ geblich verſchiedene Fragen an ſeinen Diener John; dieſer antwortete immer blos: Ich bin erſt ſeit ſo kurzer Zeit bei Ihrem Vater, daß ich durchaus nicht das geringſte weiß. Gegen Abend fragte John ſeinen jungen Herrn, ob er Nachtquartier machen wollte. Ich haͤtte wohl Luſt dazu, verſetzte Gideon, ich bin ziemlich ermuͤdet.— Sie werden aber viel Zeit verlieren, wenn Sie die Nacht in einem Wirthöhauſe zubringen, und Ihr Va⸗ ter befuͤrchtete, Sie möchten zu ſpät ankom⸗ men.— Deine Bemerkung iſt richtig, ich will nicht eher als in Haveſtword ausſteigen. Haſt Du dafuͤr geſorgt, einige Lebensmittel mit zu nehmen?— Hier ſind einige, die bis morgen Mittag wohl ausreichen werden, II. J — Gideon aß einige Biſſen, ſtreckte ſich dann in der Kutſche aus und ſchlief ein. Er ekwachte nach einiger Zeit durch den Knall eines Pi⸗ ſtolenſchuſſes, offnete die Augen und ſah den armen John auf der Erde dem Kutſchenſchlage gegenuͤber liegen, welcher ſo eben geofſnet wurde. Zwei Raͤuber ergriſſen Gidevn, ho⸗ ben ihn aus der Kutſche, banden ihn feſt und trugen ihn in einen andern wenige Schritte davon ſtehenden Wagen. Der junge Growell ſah, wie die Mörder den Korper ſei⸗ nes treuen Bedienten unmenſchlich in einen Graben warfen. Er hoͤrte das klägliche Ge⸗ ſchrei, welches der Kutſcher ausſtieß, allein er war ſo feſt gebunden, daß er den beiden Unglucklichen keine Huͤlfe leiſten konnte. Die beiden Kerle beſtiegen nunmehr ebenfalls den Wagen, verhüllten ſorgfältig die Kutſchenfen⸗ ſter und die Reiſe ging vorwaͤrts. Es war Gideon unmöglich, zu erfahren, ob man auf der von ihm eingeſchlagenen Straße fortfuhr, oder ob man ihn wieder zuruͤck fuͤhrte. Die Nacht war dunkel und uͤberdem alles ſe wohl verſchloſſen, daß man durchaus nicht das ge⸗ ringſte unterſcheiden konnte. Wie der Tag anbrach, konnte Gideon be⸗ merken, daß ſeine Begleiter mit Piſtolen be⸗ waffnet waren, die ſie in der Hand hielten. Er glasbte, daß alle ſeine Fragen vergeblich ſeyn wuͤrden, und ſchwieg daher nicht nur ſtill, ſondern ſchlug auch die Erfriſchungen aus, welche ſie ihm anboten⸗ —————— Waͤhrend des Verlaufes von achtzehn Stunden hatte die Kutſche viermal friſche Pferde erhalten, und die Räuber verdoppelten dann jedesmal ihre Wachſamkeit, um Gideon am Entfliehen zu verhindern. Beide hielten ihm eine Piſtole dicht vor den Kopf und be⸗ gaben ſich nicht eher wieder auf ihren Platz, als bis die Pferde ſich in Bewegung geſetzt 2. hatten.. Mitten in der Nacht hielt der Wagen an, und man erklärte Gideon, er ſey am Ziele der Reiſe. Die Räuber ließen ihn in 6 ein Haus eintreten, das ein ſehr ſchlechtes ußere hatte. Eine Frau, welche die Thuͤre 2 — 13 . geoͤfſnet hatte, ging ihnen mit einem ange⸗ zuͤndeten Lichte voran; ſie ſchritten uͤber einen Gang, der in einen kleinen Hof fuͤhrte. Hier oͤſſnete das Weib eine Art Fallthuͤre, welche eine Treppe verſchloß, die ſie hinabſtieg. Gideon folgte zitternd. Am Ende der Treppe ſchloß die Frau eine Thuͤre auf und man be⸗ fand ſich nunmehr in einem Gewolbe, wel⸗ ches einen Gang bildete. Himmel! rief Gi⸗ deon, wo werdet Ihr mich denn hinfuͤhren? — Geduldet Euch, verſetzte ſeine Fuͤhrerin, es wird Euch kein Leid geſchehen. Hierauf ſchloß ſie eine zweite Thuͤre auf, durch welche man in ein mit Gitterfenſtern verſehenes, ſehr reinliches und mit einigen leidlichen Meublen nebſt einem Bette verſehenes Zimmer gelangte. — Ich hoſſe, Ihr werdet Euch nicht üͤber uns beklagen, begann die Frau wieder; was mich betrifft, ſo habe ich mein Moglichſtes ge⸗ than, um es Euch erträglich zu machen.— Aber, ich bitte Euch, mit welchem Rechte, Kuf weſſen Befehl bringt Ihr mich hierher? Ihr könnt leicht denken, daß mein Vater von „ — meinem Verſchwinden ſehr bald Kenntniß er⸗ langen und weder Geld, noch Wege ſcheuen wird, um mich aufzuſuchen. Glaubt mir, Ihr handelt klug, wenn Ihr mich gehen laßt, und ich ſchwoͤre Euch bei meiner Ehre, daß ich mich Eures unerklaͤrbaren Beginnens hal— ber nicht rächen will.— Wir fuͤrchten uns weder vor Eurem Vater, noch vor Euch ſelbſt, verſetzte einer der Männer; wir vollziehen die uns gegeben Befehle, und derjenige, welcher ſe uns ertheilte, ſpottet uͤber Alles, was Ihr chun oder ſprechen mögt. Mit dieſen Wor⸗ ten entfernten ſie ſich. Das Weib ſchien kei⸗ nen ſo rohen Charakter zu haben; ſie bemuͤhte ſich ihren Gefangenen zu troͤſten, und gelobte ihm, alle die Sorgfalt und Achtung fuͤr ihn zu haben, welche man Ungluͤcklichen ſchul⸗ dig iſt. Acht und zwanzigſtes Capitel. Vierzehn Tage waren ſeit Gideons Abreiſe von Sumptuvs⸗Caſtle nach Haveſtword ver⸗ floſſen, als Herr Growell einen Brief von Evan erhielt. Man wird ſich erinnern, daß dieſer junge Mann nach dem mit dem Sohne des Major Hartwell Statt gehabten Duelle, worin letzterer das Leben verloren hatte, um den Verfolgungen der Altern des Getödteten zu entgehen, ſich nach London geflüͤchtet hatte, wo ſeine Gegenwart ein neues Drangſal fuͤr die ungluͤckliche Clara wurde. Growells wa⸗ ren dergeſtalt uͤber die Abweſenheit ihres viel⸗ geliebten Sohnes betruͤbt, daß ſie, blos um ihn zu ſehen, mehreremale einige Meilen von Sumptuos⸗Caſtle Zuſammenkuͤnfte mit ihm hielten. Evan kamen dieſe letztern um ſo ge⸗ legener, je oͤfterer er dadurch Mittel erhielt, ſeine unmäßigen Ausgaben, die er in London — 6— machte, aus immer neuen Huͤlfsguellen zu beſtreiten⸗ 10 In dem Briefe, deſſen ich gedacht habe, verlangte Evan 2000 Guineen, und da er glaubte, es ſey nicht nothwendig, den Sweck, wozu er dieſe Summe verwenden wollte, an⸗ zugeben, ſo hatte er blos ſeinen Wunſch zu erkennen gegeben und dieſes fuͤr hinläͤnglich gehalten. Growell war uͤber die Frechheit ſei⸗ nes Sohnes, der erſt vor drei Wochen 500 Pfund Sterling von ſeiner Mutter bekommen hatte, ſehr aufgebracht; bisher hatte er ſich ein Vergnugen daraus gemacht, ihm ſeine Wuͤnſche zu gewähren, aber er wollte ſeine Liebe nicht dergeſtalt gemißbraucht wiſſen, daß er ſe gänzes Vermögen an ihn allein ver⸗ ſchwendete. Die Antwort auf Evans Brief lautete daher in einem ſtrengen und von dem bisher gewohnten ganz verſchiedenen Tone. Miſtreß Growell war eben ſo ungehalten, wit ihr Mann, und billigte deſſen Antwort. In⸗ deſſen konnte ſie ſich nicht enthalten, derſelben einige zärtliche Werte beizufuͤgen, die Cvans — 136— Verdruß verringern ſollten. Der Erfolg entz⸗ ſprach keineswegs ihrer Erwartung. Evan war uͤber Growells abſchlaͤgige Antwort wuͤ⸗ thend, zumal er dieſelbe nicht im Geringſten erwartet, ſondern bereits uͤber die gehofften 2000 Guineen verfuͤgt hatte, Er ſchwor, tobte und verfluchte alle Vaͤter auf der Welt und den ſeinigen ganz insbeſondere, Evan hatte ſich ſeit ſeiner Ankunft in London wie ein Menſch ohne alle moraliſche Grundſaͤtze aufgefuͤhrt. Gewohnt, ſtets nur ſeinen Willen befolgt zu ſehen, uͤberließ er ſich den gefaͤhrlichſten Leidenſchaften. Die ſchrecklichſten Ausſchweifungen waren die Folge hiervon. Da man wußte, daß er reich war, ſo warfen ſich Raͤnkemacher und Buhlerinnen ihm an den Hals, und er war der Narr die⸗ ſes Gelichters. Mit langen Zuͤgen trank er aus dem falſchen Becher der Schmeichelei, und das Geld, welches er von ſeinem Vater be⸗ gehrt hatte, war beſtimmt, in die Beutel die⸗ ſer Schmarozer zu fallen; man kann ſich da⸗ her ſeinen Verdruß leicht vorſtellen, als er, „ —— — 137— ſtatt der ſo ſehnlich begehrten Summe, einen kalten, leeren Brief erhielt. In der erſten Gemuͤthsbewegung und Aufwallung ſeines Sornes hatte er die Frechheit, an ſeinen Va⸗ ter, wie an einen Untergebenen, der es ge⸗ wagt, ihm Vorſtellungen zu thun, zu ſchreiben. Waͤhrend dieſes Briefwechſels langte ein Schreiben eines Ungenannten in Sumptuvs⸗ Caſtle an, welches in Growells Gemuͤthern Beſtuͤrzung und Unruhe erregte. Es lau⸗ tete ſo:* „Es iſt endlich die Zeit herangekommen, „die Euch aus Eurem Irrthume reißen ſoll; „Evan iſt keineswegs durch die Bande des „Blutes mit Euch verwandt; er ward Euch „an der Stelle Eures aͤlteſten Sohnes, wel⸗ „cher lebt, Euch aber nicht fuͤr ſeine Altern „haͤlt, untergeſchoben. Ich hätte ſtill ſchwei⸗ „gen und die Dinge in der Lage, in welcher „ſie ſich ſeit fuͤnf und zwanzig Jahren ſchon „beſinden, noch länger fortbeſtehen laſſen kön⸗ „nen, wenn nicht der elende Evan ſich täg⸗ * — 138— „lich des Gluͤckes, das er einem edlen Men⸗ „ſchen entzieht, immer unwuͤrdiger machte; „Evan iſt ein Ungeheuer, das mit den ſchwär⸗ „eſten Planen wider Euch umgeht. In dem „Augenblicke, wo ich dieſes ſchreibe, hält er „ſich in der Naͤhe von Sumptuos-Caſtle „verborgen, und wird vielleicht noch in dieſer „Nacht Euch mit gewaffneter Hand zwingen, „ihm das ganze Geld Eurer Schatulle zu „uͤbergeben. Ihr ſeyd noch gluͤcklich zu prei— „ſen, wenn er das Leben derer, denen er ſein „Daſeyn zu verdanken glaubt, noch ſchont. „Ich kann mich gegen Euch nicht zu erken⸗ „nen geben, ohne fuͤr meine Sicherheit alles „zu befuͤrchten, vielleicht aber duͤrfte meine „Warnung Euch dazu dienen, daß Ihr die „ſchrecklichſte und dringendſte Gefahr zu ver⸗ „meiden Euch bemuͤhen werdet.“ Nach Leſung dieſes Briefes blickten beide Gatten ſich hoͤchſt verwirrt und erſtaunt ein⸗ ander an.— Wie? Evan iſt nicht unſer Sohn? unterbrach Miſtreß Growell plötzlich das Stillſchweigen. Nein, ich kann es nicht — 135— zlauben, es iſt eine Verläumdung; Du weißt, mein Lieber, daß die Vertauſchung— —— Zwar bin ich, fiel ſchnell Growell ein, wie Du, geneigt, zu glauben, daß die⸗ ſer Brief eine Betruͤgerei, wo nicht gar eine Verraͤtherei in ſich ſchließt, nichtodeſtoweniger weiß ich nicht, was ich ſeit einiger Zeit uͤber Evans auffallendes Betragen denken ſoll. In dieſem Augenblicke kam Evans wuͤthender Brief an.— Er mag nun unſer Sohn ſeyn oder nicht, rief Growell, ſo iſt er gewiß ein Boͤſewicht. Mit dieſen Worten gab er ſeiner Frau den Brief zu leſen, woruͤber dieſe von einem convulſiviſchen Zittern ergriſfen wurde. — Wir muſſen, ſagte ihr Mann, dieſe Nacht auf unſter Hut ſeyn; wenn das Ungeheuer es wagt, einzudringen, wie uns gemeldet wor⸗ den, ſo iſt er des Todes.— Großer Gott! Du wirſt doch nicht Deinen Sohn toͤdten wollen?— Er iſt es vielleicht nicht.— Und wenn er os dennoch iſt?— So wuͤrde ich dem grobſten Perbrechen, dem Vatermorde, zuvorgekommen ſeyn.— Und dabei ein nicht — 140— minder abſcheuliches Verbrechen begehen.— Was ſollen wir denn aber thun?— Ihn wieder durch Guͤte beſänftigen.— Eil er wird Dich durch ſeine Umarmungen erwuͤr⸗ gen.— In welche ſchreckliche Lage ſind wir gerathen; heute zum erſtenmale empſinde ich die Qualen.. Bei dieſen Worten blickte Growell ſeine Gattin finſtern Blickes an, worauf ſie ſchwieg.* Es befand ſich in dieſem Augenblicke Nie⸗ mand im Schloſſe, auf welchen Growell ſein Vertrauen haͤtte ſetzen koͤnnen. Er beſchloß daher, mit ſeiner Frau allein die Nacht hin⸗ durch zu wachen; er verſchloß ſelbſt ſorgfältig alle Thuͤren, befahl dem Waͤchter, Nieman⸗ den, wer es auch ſey, unter keinerlei Vor⸗ wande hereinzulaſſen, und verfuͤgte ſich, nach⸗ dem er einige Gewehre mit ſich genommen, ſodann in ſein Zimmer. Seine zitternde Gattin ſaß einige Schritte von ihm, und Alles blieb bis gegen Ein Uhr Morgens ru⸗ hig. Jetzt ließ ſich auf einmal ein leichtes Gerauſch in dem Vorzimmer vernehmen; vi— ab, der Schuß verfehlte zwar Growelln, traf — 141— nen Augenblick darauf wurde der, außerhalb ſtecken gebliebene Schluͤſſel des Zimmers, in welchem ſich Growell mit ſeiner Frau befand, leiſe herumgedreht, die Thuͤre langſam geöff⸗ net, und Evan trat in Begleitung eines Mannes herein, den Growell gar wohl kannte. — Was wollt Ihr? fragte der Hausherr mit ſtarker Stimme. Ohne ſich hierdurch aus der Faſſung bringen zu laſſen, antwortete Evan kaltbluͤtig, er wolle die 2000 Guineen holen. Du ſollſt ſehen, auf welche Weiſe ich ſie Dir geben will, Ungeheuer, das die Hölle ausgeworfen hat, verſetzte Growell, in⸗ 6 dem er ihm bei dieſen Worten eine Piſtole entgegenhielt.— Und ich beſtehe darauf, ent⸗ gegnete Evan, daß ich ſie holen will. In demſelben Augenblicke feuerte er ſein Piſtol aber ſeine Gattin unter die rechte Bruſt.. Sie ſtieß ein Geſchrei aus; alle uͤber dem Lärmen erwachte Bediente kamen eben herzu, wie Evan mit ſeinem Helfershelfer entwiſchen wollte. Beide wurden feſtgehalten und in ein tiefes Gemach eingeſchleſſenz Einer von der Dienerſchaft ſtieg ſogleich, ohne ſeines- Herrn Befehle erſt abzuwarten, zu Pferde, und ritt in den naͤchſten Flecken, um Huͤlfe zu holen. Unterdeſſen ließ Growell eine ganz unge⸗ wöhnliche innerliche Bewegung blicken, und er ſchien weit weniger uͤber den ſchrecklichen Zuſtand ſeiner Gattin betruͤbt zu ſeyn, als vielmehr von einer ganz ſonderbaren Furcht und Angſt gequält zu werden. Er ging aus einer Stube in die andere, hob die Augen gen Himmel, druͤckte die Hände krampfhaft zuſammen und murmelte die entſetzlichſten Fluͤche und Läſferungen- Miſtreß Growell war von ihrer Tochter und weiblichen Dienerſchaft umgeben, welche ſich bemuͤhten, das aus der Wunde fließende Blut zu ſtillen, und ſie wieder in's Leben zu⸗ ruͤckzurufen ſuchten, das ſie ſchon verlaſſen zu haben ſchien.“ Unter dieſer qualvollen Angſt verfloſſen drei Stunden; die Dienerſchaft beobachtete S ein duͤſteres Schweigen, nur die Beſtuͤrzung und Unruhe war allgemein. Einer von den Leuten, welcher die beiden Verbrecher bewachte, kam gegen ſechs Uhr Morgens zu Growelln und ſagte ihm, ſein Sohn baͤte ihn, er mochte zu ihm kommen, er habe etwas mit ihm zu ſprechen.— Der elende Evan iſt mein Sohn nicht, er iſt ein verfluchter Boͤſewicht, den man aß die Stelle meines wahren Sohnes untergeſchoben hat; ich will aber dennoch ſehen, was er mir zu ſagen hat. Hat man die bei⸗ den Ungeheuer durchſucht, und kann ich ge⸗ wiß ſeyn, vaß ſie keine verborgenen Waſſen bei ſich faͤhren, und ſind ſie ſtark genug ge— bunden, daß ich mich ohne Gefahr ihnen nã⸗ hern kann? Der Bediente beantwortete dieſe Fragen in'sgeſammt mit Ja, und Growell begab ſich hierauf zu Evan. Als er in den Keller trat, ſagte Evan„ſein Vater moöchte Jedermann fortgehen heißen. Dieſes geſchah, worauf Growell laͤnger als eine Stunde bei den Mördern verweilte. Als er ſie endlich verließ, ſprach er zu ſeinen Leuten:— Sie find mehr unglucklich, als ſtrafbar zu hennen⸗ ich will mich auch damit begnuͤgen, ihnen Futcht einzujagen. Dieſe Worte ſetzten die ganze Dienerſchaft in große Verwunderung, und Jedes außerte laut:— Wir koͤnnen nicht zugeben, daß ein ſo ungeheueres Verbrechen ſtraflos bleibe. Dazu ſtillſchweigen, hieße ſich ſelbſt als Mitſchuldigen verrathen; Evan mag nun der Sohn vom Hauſe ſeyn, oder nicht, er iſt ein Mörder. Seine Mutter iſt von ſeiner Hand getroffen worden, wir muͤſſen ihn daher in die Haͤnde der Gerechtigkeit liefern. Bald darauf hoͤrte man einen Laͤrm im Schloßhofe. Es war ein Sheriff mit acht Mann und ein Wundarzt, welche der geſchaͤf⸗ tige Bediente ſämmtlich geholt hatte. Bevor noch Growell die Ankunft des Sheriffs und ſeiner Leute erfahren hatte, wurde Evan mit ſeinem Genoſſen ihnen von der eigenen Dienerſchaft uͤberliefert. Verge⸗ bens bemuͤhte ſich Growell, die begangene That in einem mildern Lichte erſcheinen zu laſſen; alle Bewohner von Simti⸗„Caſtle ———— — 145— traten als Zeugen gegen die Verhrecher auf, und nachdem die erſten Fragen an ſie gethan worden waren, wurden ſie nach Hawſield in's Gefängniß abgefuͤhrt. Im Weggehen rief Evan Growelln mit Stentorſtimme zu:— Zittert, wenn ich verloren bin, meine Strafe wird nur der Eurigen vorangehen. Jetzt lebt wohl, ohne Zweifel ſehen wir uns wieder⸗ ——— — ——— ——— — Reun und zwanzigſtes Capitel. Ich kehre zur ungluͤcklichen Henriette zuruck, die ich in einem ſehr kritiſchen Augenblicke verlaſſen habe. Der ungeheure Schmerz brachte bei der Bedauernswüͤrdigen eine ſolche Wirkung hervor, daß ſie ihr Bewußtſeyn gänzlich verlor. Die Bläſſe ihres Geſichtes tieß ihren Vater glauben, ſie wäre ſchon vor Schrecken geſtorbenz; ſeine Verzweifelung kannte nun keine Graͤnzen mehr, er wollte ſich auf das Weib losſturzen, die, eine ruhige Zu⸗ ſchauerin dieſes Schreckens-Auftrittes, ihre Gefaͤhrten aufzumuntern ſchien und ihnen ohne alle Schonung zu verfahren gebot. Da je⸗ doch der Zuſtand der Sinnenloſigkeit, in wel⸗ chem ſich Miß Milborn befand, die Vollzie⸗ hung ihres abſcheulichen Planes verhinderte, ſo entfernten ſie ſich zwar, fuͤgten aber die parbariſche Drohung ihrem Weggehen hinzu, *„ — 147— daß ſie bald wiederkommen wuͤrden, um das auszufuͤhren, was bis jetzt blos aufgeſchoben worden ſey.— Ich fuͤrchte Euch, die Ihr Herzen von Stein habt, nicht mehr, ant⸗ wortete der Lord in Verzweifelung, meine arme Tochter hat aufgehört zu leben, bald werde ich ihr nachfolgen, und dann können Eure Streiche uns micht mehr treffen. Der Lord glaubte in der That, daß ſeine theure Henriette nicht mehr lebez die Kaͤlte des To⸗ des hatte ihre Glieder gelaͤhmt und mit ſtar⸗ ren Blicken betrachtete der Vater die Ungluͤck⸗ liche. Bald dankte er dem Himmel, daß er ihren Leiden ein Ende gemacht, bald klagte er ihn der Grauſamkeit an, bald warf er ſich auf die Knie und bat Gott, er möchte ihn mit ſeinem Kinde vereinigen. Waäͤhrend daß der Lord ſich der Verzweifelung uͤberließ, holte Henriette einen tiefen Seufzer. Der Vater eilte ſogleich zu ihr hin und ſprach: Meine Jochter, liebſte Henriette, ſprich mit Deinem Vater. Gott! wie danke ich Dir, der Ge⸗ genſtand meiner zaͤrtlichen Liebe athmet wie⸗ 2 — 5— der; Du wirſt meiner Tochter Ehre beſchuͤtzen, laß ſie noch ferner leben, denn ihre Unſchuld und Tugend machen ſie Deiner Wohlthaten nicht unwerth.— Mein Vater, ach! wo ſind Sie?— Hier, bei Dir, liebes Kind; wie befindeſt Du Dich jetzt, meine Henriette?— Schwach, aber doch leidlich, ach, ich habe ei⸗ nen ſchrecklichen Traum dieſe Nacht gehabt! — Es war kein Traum, Henriette, ſondern Wirklichkeit, die Vorſehung hat uns aber noch nicht verlaſſen. Henriette ſtuͤrzte ſich in ihres Vaters Arme.— Beten wir gemein⸗ ſchaftlich zu Gott, ſprach ſie, er wird unſer Gebet erhoͤren. Zur gewöhnlichen Stunde er⸗ ſchien der Wärter, ohne mit einem Worte des in der vergangenen Nacht Statt gehabten Auftrittes zu gedenken. So verfloſſen meh⸗ rere Tage, ohne daß in Milborns und ſeiner Tochter Lage eine Veraͤnderung eingetreten wäre; nichtsdeſtoweniger ſchwebten beide fort⸗ während in der peinlichſten Unruhe. Die Annaͤherung der Nacht flößte ihnen ſtets Schrecken ein. Henriette hatte den Entſchluß ———— —,— — 149— gefaßt, ihre Kleider nicht abzulegen, und der Muth, mit welchem ihre Mutter bei ähnlicher Gelegenheit ſich vertheidigt hatte, gab ihr den Gedanken ein, alle nur mögliche Mittel, wo⸗ durch ſie der Schande entgehen konnte, zu ergreifen. Demnach verbarg ſie, jedoch ohne Wiſſen ihres Vaters, ein Meſſer, und wenn der Schlaf, ſtärker als ihr Wille, ſich ihrer Sinne bemaͤchtigte, ſo hielt ſie die Waffe in ihrer Hand, welche ihre letzte Zuflucht wer⸗ den ſollte. Der Lord gerieth auf den Einfall, ſein Bett des Abends vor die Thuͤre zu ruͤcken; er befuͤrchtete dann nicht mehr, daß Jemand, ohne daß er es hore, hereinkommen koͤnnte, und dann wollte er die Zwiſchenzeit dazu an⸗ wenden, ſich auf die lebhafteſte Vertheidigung bereit zu halten. So war die traurige Lage der beiden Gefangenen einen ganzen Monat hindurch. Der Tag begann ſich zu neigen, und die Stunde des letzten Beſuches des Wärters kam heran, als die Gefangenen plotzlich ein Gerauſch, das von Wagen und Pferden her⸗ — 150— zuruͤhren ſchien, vernahmen, und wenige Au⸗ genblicke darauf einen alten Mann nebſt einer Frau und dem Waͤrter hereintreten ſahen. Der Lord erkannte in dem erſtern auf der Stelle denjenigen Menſchen wieder, der bereits eine doppelte Rolle gegen ihn geſpielt hatte, nämlich die eines Vermittlers zwiſchen ihm und dem Verfertiger der Obligation uͤber die 6000 Guineen, welche der Lord ausgeſtellt haben ſollte, und ſodann die Rolle eines Seu⸗ gen in ſeiner peinlichen Unterſuchung. Seine Erſcheinung bewirkte, wie man leicht denken kann, daß den Lord ein unwillkührlicher Schau⸗ der uͤberlief.— Was willſt Du, redete er den Alten an, Ungeheuer das die Thiere des Waldes an Wildheit uͤbertriſſt. Was für ein neues Unglüͤck bringt Dich hierher? Willſt Du Dich mit dem Blute Deiner Schlacht⸗ opfer ſättigen?— Ich bin gekommen, um, wenn es noch möglich iſt, das Euch zugefuͤgte übel ein wenig wieder gut zu machen; kommt mit, noch vor fuͤnf Uhr ſeyd Ihr außer der Gewalt Eurer Feinde.— Ich kenne keine an⸗ deren, als Dich, aber die Urſache Deiner Feind⸗ ſchaft iſt mir unbekannt.— In Kurzem ſollt Ihr Alles wiſſen, und Ihr werdet vor Ent⸗ ſetzen erbeben.— Nehmt meinen Arm, Miß, ſagte die Frau, indem ſie ſich Henrietten naͤ⸗ herte, die, anſtatt das Anerbieten der Unbe⸗ kannten anzunehmen, ſich in die Arme ihres Vaters fluͤchtete.— Laßt uns keine Zeit ver⸗ lieren, verſetzte der Alte, wir muͤſſen bald fert. Als er ſah, daß der Lord zauderte, ſprach er:— Was koͤnnt Ihr noch Schlim⸗ meres befuͤrchten, als was Euch hier erwar⸗ tet? Diejenigen, die Euch hier feſthalten, ha⸗ ben Euch doch wohl die Uberzeugung einge⸗ flößt, daß ſie Eure unverſöhnlichſten Feinde ſind? Zwar kann ich Euch die Freiheit nicht auf der Stelle verſprechen, aber ich ſchwöre Euch zu, daß man an dem Orte, wo ich Euch hinführen will, weder gegen Euer Leben, noch Ehre Nachſtellungen machen wird. Be⸗ nutzt die Gelegenheit, die ſich Euch darbietet, aus dieſem Orte des Schreckens zu entfliehen; bleibt Ihr aber da, ſr wird dieſe Nacht, ja — 152— vielleicht in der nächſten Stunde, die abſcheu⸗ lichſte That vollzogen werden.— Wenn, erwiederte Milborn, Ihr, wie ich es glaube, uns hintergeht, ſo wird der Tod uns bald von allen Leiden befreien; ich ſage Euch, daß wir beide Mittel in Händen haben, die uns ein ſchnelles Ende verſchaffen können. Komm, Henriette, es kann uns anderwaͤrts nicht ſchlimmer ergehen, als hier. Alle fuͤnf ſtiegen hierauf eiligſt die Treppe hinab, und der Wärter leitete als Kutſcher den Wagen, in welchen der Lord mit ſeiner Tochter, dem Al⸗ ten und der Frau ſich ſetzten. Waͤhrend der ganzen Reiſe ſprach Nie⸗ mand ein Wort; gegen zehn Uhr Abends hielt der Wagen an; der Alte ſtieg nebſt dem Weibe aus, und während jener den Gefange⸗ nen beim Ausſteigen Huͤlfe leiſtete, öffnete die Frau mit einem Schluͤſſel, welchen ſie aus der Taſche zog, die Thuͤre eines in einer Ebene liegenden Haͤuschens. Frank, ſprach der Alte zum Kutſcher, Du weißt, was Du mit dem Wagen und Pferden zu thun haſi, — 6 — — eile, daß Du noch vor Mitternacht wieder zuruͤck biſt, denn Du mußt den bewußten Brief uͤberbringen.— Ich weiß ſchon, ant⸗ wortete Frank, und hieb damit auf die Pferde los. Man ließ den Lord nebſt ſeiner Tochter in eine ſehr nette Stube eintreten, und nach⸗ dem man ihnen einige Erfriſchungen vorgeſetzt hatte, welche ſie aber nicht anruͤhrten, ſprach der Alte zu der Frau: Nanny, nimm eine Laterne und fuͤhre den Lord und Miß Hen⸗ rietten fort.— Wo ſollen wir denn hinge⸗ hen? fragte Henriette ganz erſchrocken.— Es wuͤrde ſowohl fuͤr Euch, als fuͤr mich ſehr ge⸗ fährlich ſeyn, wenn Ihr Euch nicht vor Je⸗ dermann verborgen halten wolltet. Jetzt wiſ⸗ ſet Ihr noch nicht, was vorgeht, und es iſt auch jetzt keine Zeit, es Euch zu ſagen. Ich geſtehe; das ich ſehr ſtrafbar bin, ich habe Eure Leiden, Mylord, vermehrt, aber ich habe blos als Werkzeug mit gedient, und hätte ich mich geweigert, ſo wuͤrde der Urheber Eures „Ungluͤckes meine Stelle ſehr bald durch einen — Andern erſetzt haben. Ubrigens will ich mich nicht fuͤr beſſer ausgeben, als ich wirklich bin, und ich bekenne frei, daß Ihr meine guten Abſichten und Geſinnungen gegen Euch nicht der Ruͤckkehr zur Tugend zuzuſchreiben habt; nein, vielmehr handelte ich aus Eigennutz, als ich Euch zu verderben trachtete, und eben dieſelbe Triebfeder bewegt mich jetzt, denjeni⸗ gen zu ſchaden, welchen ich bisher gedient habe; daher habt Ihr mir fuͤr das, was ich thue und in der Folge thun könnte, keinen Dank abzuſtatten. Als er dieſe ſonderbare Rede geendigt hatte, kam die Frau mit einer Laterne; Henriette er⸗ griff den Arm ihres Vaters, und beide folgten ihrer Fuͤhrerin. Der Atte begleitete ſie bis an die Gartenthuͤre und kehrte dann zuruͤck. Jene aber gingen uͤber einen langen, von Mauern eingeſchloſſenen Grasplatz und erhlickten, als ſie beinahe an das Ende deſſelben gelangt wa⸗ ren, Ruinen einer Huͤtte. Die Frau hob eine Klinke in die Hoͤhe und es ofſnete ſich eine alte Thuͤre, welche ſie, nachdem der Lord — — — mit Henrietten hindurch gegangen war, hin⸗ ter ſich zuriegelte. Sie befanden ſich in einer Art von Schuppen oder Gewächshauſe; in einem Winkel deſſelben lagen Strohmatten, die ohne eine beſondere Abſicht dahin gewor⸗ fen zu ſeyn ſchienen. Die Fuͤhrerin nahm dieſe Matten weg, hob einen darunter liegen⸗ genden Fenſterladen in die Hoͤhe und es zeigte ſich eine Treppe, welche ſie hinabſtiegen, wor⸗ auf ſie zu einer zweiten Thuͤre gelangten, welche die Frau ebenfalls öſſnete. Sie fuͤhrte hierauf den Lord nebſt ſeiner Tochter in ein unterirdiſches gedieltes Gemach, ſchloß die Thuͤre wieder zu und rief ihnen im Fortge⸗ hen zu:— Auf Morgen!— Es herrſchte die groͤßte Finſterniß in dieſem Gemache.— Der Niedertraͤchtige! rief Milborn laut; er nennt dieſes neue Gefuͤngniß eine Linderung unſerer Leiden.— Und das wird es ſeyn, mein Vater, verſette Henriette, wenn wir von den nächtlichen Beſuchen jenes abſcheuli⸗ chen boſen Weibes nichts mehr zu befuͤrchten haben.— Wer Ihr auch ſeyn möget, ſprach X eine Stimme, die aus dem naͤmlichen Auf⸗ enthaltsorte hervordrang, ſo zweifele ich den⸗ noch, daß Eure Leiden den meinigen gleich kommen ſollten. Die erſte Empfindung der neuen Ankömmlinge uͤber dieſe Worte wär ein Schrecken, allein bald wich derſelbe dem Mitleiden.— Großer Gott! ſprach der Lord, wollen denn die Ungeheuer, welche uns ver⸗ folgen, alle ihre Schlachtopfer zuſammen ver⸗ einigen, um ſie alle auf einmal zu toödten? Ungluͤcklicher Leidensgefaͤhrte, koöͤnnt und wollt Ihr Euch einem Manne zu erkennen geben, deſſen Leben ein fortwaͤhrender Zuſtand der Verzweiflung iſt?— Warum ſollte ich mich vor Euch verbergen, da mein einziger Wunſch dieſer iſt, die ganze Welt mit den Schreck⸗ niſſen meiner Gefangenſchaft bekannt zu ma⸗ chen; ich heiße Grimsby.— Grimsby, wie, Sie ſind der Hauptmann Grimsby! ſchrie Milborn und ſtuͤrzte dabei auf ſeine Knie. Allmaͤchtiger Gott! welches wunderbare und gluckliche Zuſammentreffen! Und ich bin Mil⸗ born, den man als Ihren Mörder angeklagt — — — 16— hat⸗— Lord Milborn! Wie, der wären Sie? Und wer hat denn den abſcheulichen Gedanken, daß Sie mein Moͤrder wären, faſſen und ausſprechen können?— Ach! alle Weichen waren gegen mich! Der Lord be⸗ gann dem Hauptmann ſeine ungluͤckliche Ge— ſchichte zu erzählen.— Vergeben Sie mir, daß ich Sie unterbreche, ſiel Grimsby Mil⸗ born in die Rede; Sie ſtehen, erlauben Sie mir, daß ich Sie und das Frauenzimmer, welches bei Ihnen iſt, auf einen Seſſel fuͤhre. Er ergriff Milborns Hand und bot ihm zwei Stuͤhle an. Beide ſetzten ſich.— Henriette, fing der Lord an, wir haben heute der Vor⸗ ſehung innig zu danken, dieſe neue Wohl⸗ that uͤberſtieg ganz meine Hoffnungen.— Wie, rief der Capitain, Miß Henriette iſt es, welche Ihre Gefangenſchaft theilt? Ach laſſen Sie mich alles erfahren, was ich kaum zur Haͤlfte errathen kann. Der Lord erzählte hierauf umſtändlich, was ſich ſeit dem Ver⸗ ſchwinden des Capitains aus Milborn⸗Hall zugetragen hatte. Grimsby horte mit ſicht⸗ — barem Schrecken zu, und als der Lord ſeine Erzuhlung geendigt hatte, begann er die ſei— nige, welche der Lord und Henriette mit gro⸗ ßer Ungeduld zu hoͤren wuͤnſchten, mit fol⸗ genden Worten: Sie hatten kaum den Garten-Salon ver⸗ laſſen, um zu vernehmen, was man Ihnen ſagen wollte, als mich Evan am Arme er— griſſ und ſagte: Ich will Euch, Capitain, ein⸗ mal zeigen, wie geuͤbt die Frauenzimmer in der Kunſt ſind, die Leute in Betreſſ ihrer ſcheinbaren Tugend zu hintergehen. Kommt und ſeyd Zeuge einer verliebten Zuſammen⸗ kuuft zweier Perſonen, von denen Ihr ſchwer⸗ lich dergleichen Euch hättet traͤumen laſſen. Ich geſtehe, daß Evans Rede meine Neu⸗ gierde dergeſtalt rege machte, daß ich ihm eif⸗ rig folgte. Wir traten in den Irrgartenz kaum waren wir aber in deſſen Mittelpunkte angelangt, als der verraͤtheriſche Evan mir ein Paar Dolchſtiche in die Bruſt verſetzte; ich ſtuͤrzte ſogleich zu Boden und verlor das Bewußtſeyn Als ich wieder zu mir kam, —,— ——— deten mir, ſie wuͤrden Tag und Racht an — 159— fand ich mich hier auf einem Bette liegen. Eine Frau— es war dieſelbe, welche Sie hier— her gefuͤhrt hat— bemuͤhte ſich, meine Wun⸗ den zu verbinden; ich mußte wohl viel Blut verloren haben, denn meine Schwaͤche war ſo groß, daß ich nicht ſprechen konnte. Die* erwähnte Frau wartete mich mit großer Sorg⸗ falt ab, und es gelang ihr, mich herzuſtellen. Ich verlangte hierauf von ihr, ſie ſolle mich aus einem ſo widrigen Orte fortlaſſen, erhielt aber zur Antwort, ich duͤrfe unter fuͤnf oder ſechs Jahren nicht hoffen, meine Freiheit wieder zu erlangen. Bitten und Drohungen waren vergebens. Da ich nun ſelbſt Gewalt brau⸗ chen wollte, um mein Gefängniß mir zu öff⸗ nen, ſo kam meine Wäaͤrterin in Begleitung zweier Männer, von denen der eine ſehr alt war; ſie hatten Piſtolen bei ſich und verkuͤn⸗ der Thuͤre meines Kerkers wachen, und alle meine Bemuͤhungen, zu entfliehen, koͤnnten nur dazu dienen, mir ſpärlichere und ſchlech⸗ tere Koſt zu verſchaffen. Dieſe Drohung be⸗ — 160— wog mich, auf eine guͤnſtige Gelegenheit zu warten, ohne mich ee fahr auszuſetzen⸗ Sie ſehen, lieber Vater, ſprach Henriette, daß dieſes Ungeheuer, Evan, die Urſache aller unſerer Leiden iſt.— Du vergiſſeſt, daß es Furien in Weibergeſtalt waren, die in unſrer Gegenwart uns Verderben ſchwuren.— Nun gut! So iſt Evan mit unter ihrem Bunde. Er war es in dem Walde, und Niemand an⸗ ders, als er, trat in der Nacht in unſer Ge⸗ mach— Miß Henriette, verſetzte Grimöby, mag ihn aller möglichen Verbrechen immerhin anklagen, denn er iſt nur allzu fähig, ſie auch wirklich zu begehen⸗— Ach! ſeufzte Milborn, wie deklage ich meinen Freund, daß er einen ſolchen Sohn hat! Das Geſpraͤch wurde noch eine ziemliche Zeit fortgeſetztz endlich aber ſchlief Henriette vor Muͤdigkeit auf ihrem Stuhle ein. Der Capitain ſchlug ihrem Vater vor, ſie auf ſein Bett zu tra⸗ gen, welches ziemlich gut war⸗ Der Lord nahm ſeine Tochter in die Arme, und vom * —,——————————— — 161— Capitain geleitet, legte er ſie ſanft auf das Lager nieder; beide ſetzten fich nun wieder nie⸗ der und berathſchlagten, wie ſie die Feſſeln ihrer Freiheit zerbrechen könnten. Der an⸗ brechende Tag, welcher einen Lichtſtrahl durch ein Loch in der Wand hereinfallen ließ, ver⸗ ſtattete Milborn, die Züge des Erretters ſei⸗ ner Gattin wieder zu erkennen. Er fand ihn außerordentlich veraͤndert, doch hatte er die Miene der Freimuͤthigkeit und Offenheit be⸗ halten, welche gleich bei ſeinem erſten Erſchei⸗ nen einen ſo guͤnſtigen Eindruck hinterlaſſen hatte. Die gedachte Frau brachte am an⸗ dern Morgen ſehr fruͤh einige Materialien zu einem zweiten Lager. Die beiden Herren werden zuſammen ſchlafen, ſprach ſie, Miß Henriette aber mag das bisher vom Capitain innen gehabte Bette einnehmen; ſie brachte auch Speiſen, an deren Guͤte und Menge nichts zu wuͤnſchen uͤbrig blieb. Am Abende wurde das Eſſen nicht von ihr, ſondern von den beiden Männern aufgetragen, und als Milborn ſie bat, ihre Leiden zu beendigen II. L —— —— ——— — 162— und ſie in die Arme ihrer Familie wieder zu⸗ ruͤckzufuͤhren, ſo antwortete der Alte flu⸗ chend:— Glaubt Ihr, daß ich nicht eben⸗ falls wuͤnſche, dieſe tolle Verwirrung eben⸗ falls beendigt zu ſehen? Seit vier Jahren ha⸗ ben weder ich, noch die Meinigen einige Ruhe genoſſen. Bald war ich Gefaͤngniß⸗ wärter, bald Ankläger oder Spion, was weiß ich? Und ein ſolches Leben muß ich fuͤhren! — Vergeſſet nicht, ſprach Grimsby, Euch ebenfalls einen Henker zu nennen.— Nein! antwortete der Alte, nein, eine Mordthat habe ich mir nicht vorzuwerfen, und ohne meine Tochter wäre ich vielleicht ſtets ein chrlicher Mann geblieben; ſie beging den erſten Fehl⸗ tritt, die andern folgten dann bald nach; es iſt wahr, daß ich ſeit vier Jahren blos Bo⸗ ſes that, um denjenigen zu willfahren, von welchen ich abhänge.— Seit vier Jahren? fragte Milbornz gerade vor vier Jahren be⸗ gannen meine Unglucksfälle!— Ganz richtig! Alle meine böſen Handlungen haben ſtets nur Euch und Eure Familie zum Gegenſtande „ — — 463— gehabt.— Die Perſonen, deren Werkzeug Ihr ſeyd, haſſen mich alſo wohl ſehr?— Ihr hoͤchſter Wunſch iſt Euer Verderben, Eure Leiden ſind ihre größten Vergnuͤgungen. Großer Gott! Und was hab' ich denn ihnen gethan?— Ich kann und mag nichts weiter ſagen, aber ich muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht bald Alles an den Tag kommen ſollte. Ohne Zweifel falle ich dann mit den uͤbrigen, aber ich habe mir Mittel aufbehalten„nicht um mich zu retten, denn das iſt unmöglich, ſondern um die Schuldigen mit mir zugleich in's Verderben zu ziehen. Mit dieſen Wor⸗ ten entfernte er ſich und ließ die Gefangenen in Erſtaunen, Furcht und Hoffnung zurück⸗ Dreißigſtes Capitel. Ich kehre zur Lady Milborn zuruͤck, von der zuletzt im 24ſten Capitel die Rede geweſen iſt, und ich erwaͤhnte am Ende, daß Ance⸗ lina ihrer Schwaͤgerin Clara 500 Guineen auf Befehl ihrer Mutter zuſchickte. Des Troſtes und der Hoffnung einer glucklicheren Zukunft faſt gaͤnzlich beraubt, war der Lady und ihrer Tochter Lage in der That hoͤchſt traurig. Ihre Geſellſchaft be⸗ ſchränkte ſich allein auf Growells, die, uner⸗ muͤdet in ihrer Freundſchafts-Treue, ſehr oft ihren Schmerz mit ihnen theilten. Pervios⸗ Haus war der Sitz der Trauer; Diana und Emery, welche ihre ungluͤckliche Gebieterin nicht hatten verlaſſen wollen, fuhren fort, ihr mit großem Eifer und Treue zu dienen; eine ſo ſeltene Aufopferung machte der Lady dieſe beiden Leute ſo theuer, daß ſie ſie nicht als ——,— grauſamen Schmerz; Godwin war das ein⸗ Diener, ſondern als wahre Freunde ihrer Fa⸗ milie betrachtete. Als die Lady die 450 Guineen von Clara zuruͤckerhielt, empfand ihr Herz einen neuen zige ihrer Kinder, dem ſie ihre mütterliche Nahrung gereicht hatte, und ob ſie ſchon glaubte, ſie liebe alle ihre Kinder gleich ſtark, ſo war doch ihr Schmerz bei der Nachricht von Godwins traurigem Ende ſo heftig, daß ſie an der Staͤrke ihrer fuͤr ihn gehegten Zärt⸗ lichkeit keinen Zweifel haben konnte. Sie be⸗ ſchuldigte Growells der Grauſamkeit und ver⸗ ſchloß ſich mehrere Tage lang vor ihnen. Growells waren gewohnt, ſie ſtets bei ihren Beſuchen in Pervios-Haus zu ſehen; ſie es⸗ ſtaunten daher nicht wenig, daß die Lady gefliſſentlich ihre Geſellſchaft zu vermeiden ſuchte. Sie beklagten ſich deshalb bei Ance⸗ lina, deren Entſchuldigungen nicht angenom⸗ men wurden. Inſonderheit bezeugte Miſtreß Growell ſo vielen Kummer uͤber die ſcheinbare Kälte in dem Betragen ihrer Freundin, daß — 166— dieſe endlich alle Bedenklichkeiten überwand, und ſich inniger als je an den Arm ihrer Freundin anſchloß. Als das ſchreckliche zu Sumptuos-Caſtle vorgefallene Ereigniß in Pervios⸗Haus kund⸗ bar geworden war, ließ die Lady Poſtpferde beſtellen und begab ſich nach deren Ankunft ſofort mit ihrer Tochter auf den Landſfitz ihrer Freunde. Miſtreß Growell befand ſich aͤu⸗ ßerſt ſchlecht, da ihre Wunde an einem ſehr gefährlichen Orte war, und geſetzt auch, daß ſie mit dem Leben davon käme, ſo muͤßte ihr, meinte der Wundarzt, dennoch die rechte Bruſt abgenommen werden. Da man zu jeder Zeit gewohnt war, Lady Milborn kommen zu ſehen, ſo ließen die Bedienten ſie ohne Schwierigkeit in das Ge⸗ mach der Miſtreß Growell eintreten; dieſe ſchrie laut auf, wie ſie die Lady erblickte.— Betruͤbt Sie etwa meine Gegenwart, liebſte Freundin? Ich wollte Ihnen meine Sorgfalt, meine Troͤſtungen anbieten, wie Sie ſo oft mit gethan haben.— Ach! nein, nein, — 167— nicht Ihr Anblick verurſacht mir ſo viel Schmerz, ſondern daß ich Ihnen jetzt zeigen muß, daß ich noch weit ungluͤcklicher, als Sie ſelbſt, bin. Ohne Zweifel, fuͤgte ſie hinzu, hat man Ihnen bereits geſagt, daß Evan einen Anſchlag auf mein Leben gethan hat? Die Lady nickte mit dem Kopfe.— Wiſſen Sie auch ſchon, daß dieſes Ungeheuer nicht mein Sohn iſt?— Ich wußte es noch nicht, aber wie iſt das moglich?— Ein and⸗ nymer Brief hat uns das gemeldet.— Wenn dieſer allein Ihr Gewaͤhrsmann iſt, ſo ſtehen Ihnen noch Zweifel offen; verhaͤlt es ſich aber wirklich ſo, meine Freundin, ſo haben Sie eher Urſache, ſich daruͤber zu freuen, zu⸗ mal nach dem, was dieſe Nacht vorgefallen iſt; wie geht es Ihnen jetzt?— Nichts we⸗ niger als gut, meine Seele leidet eben ſo ſehr, als mein Körper.— Die Krankheiten der Seele ſind ſchwerer zu heilen, als die des letztern, und nur durch Huͤlfe der Zeit und Vernunft kann man von dieſen Leiden genc⸗ ſen.— Haben Sie meinen Mann geſchen? — Rein, ich eilte ſogleich zu Ihnen her.— Er nimmt wenig Antheil an meinem Zuſtande. — Sie muͤſſen ihm das verzeihen, er ſchwebt gewiß in der größten Unruhe und befuͤrchtet, Ihre Leiden zu vermehren, wenn er Ihnen zu Wie guͤtig Sie ihn entſchuldigen; Sie ſind ein Muſter der Sanftmuth. Ihre Tugenden ſollten Ihnen viele Freunde verſchaffen.— Unſer Ungluͤck haͤlt ſie entfernt. Miſtreß Growell ſeufzte und ſchwieg. Jetzt trat ihr Gatte in's Zimmer, ging auf Lady Milborn zu und kuͤßte ihr die Hand.— Sie wiſſen ſchon, begann er, daß die Reihe, Opfer des Schickſales zu werden, jetzt an uns gekommen iſt.— Ihr Muth und Ihre Klugheit werden Ihnen die Mittel an die Hand geben, des Ungluͤckes Meiſter zu werden.— Evan iſt unſer Sohn nicht. 8 Das hat mir ſo eben meine Freundin geſagt.— Er ward an die Stelle unſers älteſten Sohnes untergeſchoben. — Von ſeiner Amme, nicht wahr?— Ohne Zweifel.— Ich denke, Sie werden dieſes erkennen gaͤbe, was er empfindet. Geheimniß zu ergruͤnden ſich beſtreben.— Ich war auch ſchon damit beſchaͤftigt, als man mir Ihre Ankunft meldete. Da die Kranke gegen Abend noch ie ter ſich befand, ſo beſchloß die Lady, bei ihr zu bleiben und ihre Tochter nach Hauſe zu ſchicken. Aurea bat, ſie begleiten zu duͤrfenz es wurde ihr erlaubt, und die beiden Maͤd⸗ chen beſtiegen die Poſtkutſche, welche L 85 Milborn hergebracht hatte⸗ Da der folgende Tag keine guͤnſtige Ver⸗ aͤnderung in der Kranken Lage herbeifuͤhrte, ſo wollte die Lady durchaus nicht von ihr weichen; ſie ſetzte ſich daher am Tage neben das Bett der Miſtreß Growell und ſchlief des Nachts in demſelben Gemache auf einem Sopha. Eine ſo treue Anhänglichkeit erregte das tiefſte Gefuͤhl der Kranken, und oftmals floſſen ihr die Thränen von den Wangen herab.— Sie ſind ein Engel, ſprach ſieʒ ach! warum gleichen nicht alle Herzen dem Ihrigen?— Sie vergeſſen, liebſte Freun⸗ din, daß Sie ſeit vier Jahren Ihre ganze Zeit — beinahe blos damit zugebracht haben, mir Be⸗ weiſe Ihrer Freundſchaft zu geben, Beweiſe, die ſo ſtark find, daß ich nie im Stande ſeyn werde, Ihnen dafuͤr meine Dankbarkeit gehoͤrig an den Tag legen zu können. Bereits eine Woche befand ſich Lady Mil⸗ born in Sumptuos-Caſtle, waͤhrend ihre Freundin die groͤßten Qualen erduldete. Der Wundarzt erſtaunte, daß die Kranke bei ei⸗ ner Wunde, welche zwar in der That tief, aber nur durch ihren Ort gefaͤhrlich war, kei⸗ nen Schlaf oder ſonſt einige Ruhe genoß. Er war ſo eben gekommen, um ein Paar Stunden bei ihr zuzubringen, Growell ſaß mit Lady Milborn neben dem Bette ſeiner Frau, als ſich auf einmal die Thüre öfſnete und drei Perſonen mit einem Ausrufe der Freude hereintraten. Im naͤchſten Augen⸗ blicke lag die Lady in den Armen ihres Gat⸗ ten, und ſah zu gleicher Zeit, wie ihre Toch⸗ ter Henriette vor ihre Knie niederſiel. So viel Gluͤck beraubte ſie der Sprache, ſie konnte nur die Arme den beiden theuern Perſonen — 171— entgegen ſtrecken, welche fie beinahe ſchon gänzlich aufgegeben hatte. Growell ſchien nicht weniger uͤber dieſe unerwartete Ankunft erſtaunt zu ſeyn, er behielt jedoch Faſſung genug„ um ſeinem Freunde das Vergnuͤgen, ihn endlich wieder zu ſehen, durch Worte ausdruͤcken zu können. Miſtreß Growell war äußerſt ſchwach und hatte kaum einen ver⸗ nehmbaren Laut von ſich gegeben.— Du biſt mir alſo wiedergegeben, begann endlich die Lady, ach, mein geliebter Gemahl, welches übermaß des Gluͤckes! Auch Du, meine Henriette, uͤber die ich ſo oft und ſo viele Thraͤnen vergoſſen habe, kehrſt in die Arme Deiner zärtlichen Mutter zuruͤck. Komm, meine Tochter, an mein Herz; nicht zu mei⸗ nen Fuͤßen ſollſt Du liegen.— Theuerſte Lucretia, ſprach Milborn, ich bringe meine Rechtfertigung mit mir, hier iſt der Mann, den ich ermordet haben ſollte.— Capitain Grimsby, riefen die Lady und beide Gro⸗ wells auf einmal!— Ja, ich ſelbſt bin da, ſagte Grimsby, und trat mit dieſen Worten — einige Schtitte näher. Die Fenſter-Rouleaux waren herabgelaſſen geweſen, und das Gemach ſelbſt dunkel, weshalb man den Capitain nicht ſogleich erkannt hatte, und uͤberdem erregte die ſo plötzliche, hoͤchſt unerwartete Erſchei⸗ nung Milborns die größte Aufmerkſamkeit und Neugierde aller Anweſenden.— Welches unendliche Gluͤck, ſagte Growell, indem er zugleich ſeinen Freund und den Capitain um⸗ armte, der Himmel, ich ſehe das wohl, läßt nie die Unſchuld ſinken; die Verbrecher allein haben Urſache zu zittern und koͤnnen der menſchlichen und göttlichen Gerechtigkeit nicht entfliehen.— Das, was Sie ſo eben ſagten, verſetzte Grimsby, iſt eine große Wahrheit. Die Lady wunderte ſich, daß ihre Freun⸗ din ſo ſtill war, und wendete ſich einmal nach ihr um, aber wie ſehr erſchrak ſie, als ſie ihre Kleidungsſtuͤcke mit Blut befleckt ſah. Sie eilte an ihr Bette hin und gewahrte, daß die Wunde offen war und das Blut mit Heftigkeit daraus hervorfloß; auf ihr Geſchrei beeiferte man ſich, dieſen Blutfluß zu hem⸗ hen koͤnnten, folgendermaßen fort: 73— 1 men, der dem Leben der Kranken höchſt ge⸗ fährlich werden konnte; nach vieler Muͤhe ge⸗ lang es, den Verband wieder aufzulegen, die Kranke blieb jedoch ohne Bewußtſeyn, das ſie zwar durch Huͤlfe ſtarker geiſtiger Mittel all⸗ mählig wieder erhielt, aber ihr Verſtand ſchien gaͤnzlich zerruttet zu ſeynz ſie phantaſirte hef⸗ tig und ſprach von nichts als von Tod, Strafen, Schaſſot, Gefäͤngniß, Gift und andern dergleichen ſchtecklichen Dingen. Ihr Gatte gerieth hieruͤber in die größte Unruhe und nahm alle Anweſende aus dieſem Orte des Schreckens und der Trauer mit ſich fort. In einem andern Zimmer fragte er ſeinen Freund Milborn uͤber Alles, was ihm ſeit ſeinem Verſchwinden aus dem Gefaͤngniſſe von Hawſield begegnet war. Milborn erzählte ihm hierauf ſeine Schickſale und fuhr, nachdem er bis auf den Theil ſeiner Erzaͤhlung gekom⸗ men war, wo er, wie gedacht, mit dem Ca⸗ pitain Grimsby den Plan entworfen hatte, wie ſie aus dem unterirdiſchen Keller entflie⸗ ————————————— Aus den dunkeln Vußerungen des Alten merkte ich deutlich, daß er das Hauptwerkzeug meiner Feinde war, und es ſchien mir ſogar, als empfaͤnde er, nicht etwa Gewiſſensbiſſe uͤber ſeine Verbrechen, ſondern Uberdruß und Ungeduld; kurz er war es ſelbſt muͤde, noch mehr Laſterthaten zu veruͤben. Als er uns verlaſſen hatte, theilte ich dem Capitain und meiner Tochter meine Bemerkungen mit; ſie waren mit mir einerlei Meinung, und wir beſchloſſen, bei ſeinem naͤchſten Beſuche uns mehr Aufklaͤrung von ihm zu verſchaffen. Die Gelegenheit dazu zeigte ſich ſchon den folgenden Tag, und da er allein kam und ſehr geſpraͤchig war, ſo koſtete es uns nicht viel Muͤhe, die Unterhaltung des vorigen Abendes mit ihm wieder zu erneuern. Wir iegten ihm unter dem Anſcheine von Gleich⸗ guͤltigkeit ſo viele Fragen vor, daß wir ſeine Schlauheit endlich einſchläͤferten. Er haderte mit dem Schickſale, das oft die am Klugſten äusgeſonnenen Plane ſcheitern mache.— So hat es uns, ſagte er, den fatalen Streich ge⸗ — 175— ſpielt, das große Rad an unſerer kuͤnſtlichen Maſchine ſtille ſtehend zu machen; Sie be⸗ greifen wohl, ſetzte er laͤchelnd hinzu, daß ich ſiguͤrlich ſpreche.— O ja, ſagte der Capi⸗ tain ſchnell, als wenn es ihm Jemand einge⸗ geben haͤtte, ich verſtehe ſchon, Evan iſt ſo einfältig geweſen, ſich fangen zu laſſen. Der Alte ſchien beſtuͤrzt zu ſeyn.— Wer hat das Ihnen geſagt? ohne jedoch unſere Antwort abzuwarten, fuhr er fort: Meine Tochter wird es ohne Zweifel geſagt haben. Wir machten ihm ein bejahendes Zeichen.— Das arme Weib! Ihr Schmerz iſt ſo hef⸗ tig, daß ich glaube, ſie wird noch den Ver⸗ ſtand daruͤber verlieren, uͤbrigens iſt ſie wohl zu entſchuldigenß; ſie liebt ihren Sohn bis zum Närriſchwerden; ich, ich habe alles das vorausgeſehen, was gekommen iſt, und ob⸗ ſchon Evan mein Enkel iſt, ſo habe ich ihn doch nie geliebt. Ich gebe zu, daß, ſo lange er ſich für den Sohn eines ungeheuer reichen Mannes hielt, er keine Achtung fuͤr einen Diener ſeines Vaters haben konnte; aber — 176— meine Tochter, ſeine Mutter, war ſeine Amme; ihr war er wenigſtens aus dieſer Ruͤckſicht Liebe ſchuldig. In dieſem Augenblicke trat der andere Mann herein.— Kommt doch, Vater, ſprach er ganz ungeduldig. Der Alte verließ uns eilig. Als Abends der Sohn al⸗ lein kam, bezeigten wir ihm unſern Wunſch, ſeinen Vater zu ſehen.— Er iſt nicht hier, antwortete er, und wird auch erſt morgen zurückkehren. Wir wußten bereits, daß die Frau ebenfalls nicht zu Hauſe war; die Ge⸗ legenheit war guͤnſtig; ich ſah auf den Capi⸗ tain, der mich ebenfalls anblickte; wir ver⸗ ſtanden uns zuſammen und ſtürzten uns faſt unwillkuͤhrlich auf unſern Wärter. Henriette zerriß ihre Tuͤcher, womit wir den Mann knebelten. Wie er ſich nicht mehr von der Stelle frei bewegen konnte, nahmen wir ihm alle Schluͤſſel, durch deren Huͤlfe wir ohne einiges Hinderniß aus unſerm Kerker, ſo wie aus dem Hauſe ſelbſt, gelängten. Anſtatt aber ſofort mich nach Milborn-Hall zu begeben, glaubte ich beſſer zu thun, wenn ich erſt hier⸗ her ginge, damit meine theure Lucretia durch ihre Freunde auf unſere Ankunft vorbereitet wuͤrde. Der Zufall hat meine Vorſichts⸗ maßregel vergeblich gemacht, doch hat die Freude uͤber meine ſo unerwartete Zuruck⸗ kunft keinen beſorglichen Eindruck bei meiner Gattin hinterlaſſen. Jetzt kam die Reihe an den Capitain Grimöby, Growelln zu erzaͤhlen, durch wel⸗ ches Wunder er gleichſam von den Todten wieder auferſtanden war, um ſeinem Freunde und deſſen Familie den verlornen guten Na⸗ men wieder zu geben. Als er ſeine Erzaͤh⸗ lung geendigt hatte, druͤckte Growell ſeinen Unwillen durch die fuͤrchterlichſten Verwuͤn⸗ ſchungen gegen den ſchändlichen Evan aus, und warf ſich ſelllſt ſeine blinde Liebe, die er gegen ihn, als er ihn noch fuͤr ſeinen Sohn hielt, gehabt hatte, wie ein Verbrechen vor. Der Lord und Henriette kleideten ſich, da ſie in Bauerntracht gekommen waren, nun⸗ mehro um, und da Growell ebenfalls das . N 6— Zimmer verließ, ſo blieb die Lady einen Au⸗ genblick mit dem Capitain allein.— Wie beklage ich, ſing ſie an, unſere edlen Freunde, daß ſie ſo lange Zeit eine ſolche Schlange an ihrem Buſen erwärmt haben! Was iſt die⸗ ſer Evan fuͤr ein Ungeheuer!— Er iſt nicht allein der Urheber ſo vieler Verbrechen. My⸗ lady! ich will Ihrem Gemahle beiſtehen, den dichten Schleier zu heben, unter welchem ſchon ſo lange die Schuldigen ſich verborgen gehal⸗ ten haben. Die Dunkelheit beginnt ſchon zu verſchwinden, bald wird man, hoſſe ich, deut⸗ lich genug ſehen können, um mehr als bloſen Verdacht zu ſchöpfen.— Wollte doch Gott, daß Zufriedenheit und Gluͤck in unſere Fa⸗ milie wieder zuruͤck kehrten. Der Wundarzt erſchien jetzt wieder; er fand die Wunde der Miſtreß Growell in einem aͤußerſt ſchlechten Zuſtand. Die Kranke hatte zwar ihre Be⸗ ſinnung, jedoch nicht ihre Kräfte wieder er⸗ langt, und nur mit der größten Muͤhe konnte man den Sinn ihrer unarticulirten Laute er⸗ rathenz der Anblick der Lady Milborn ſchien — 179— ihr eine ganz beſondere Unruhe zu verurſa⸗ chen. Der Arzt bemerkte dieſes und bat die Lady, unter dem Anfuͤhren, daß Miſtreß Growell der Ruhe beduͤrfe, ſich auf eine Weile zu entfernen, welchem Anverlangen ſelbige ſich auch ſofort fuͤgte. Bald nach der Mittagsmahlzeit bat Mil⸗ born ſeinen Freund, ihm einen Wagen und Pferde zu leihen, damit er ſich mit den Sei⸗ nigen und dem Capitain Grimsby nach Per⸗ vios⸗Haus begeben könne.— Ich ſah Ihre Bitte voraus, entgegnete Growell, ich habe aber ſo eben erfahren, daß meine Kutſche aus⸗ gebeſſert werden ſoll und vor naͤchſtem Mor⸗ gen nicht fertig ſeyn wird; mein Sohn Gi⸗ deon hat meine Halbkutſche mit ſich genom⸗ men, ſo daß ich Ihnen fuͤr den Augenblick blos Pferde anbieten kann.— Der Capi⸗ tain und ich, wir könnten uns damit wohl begnügen, allein meine Frau und Fochter haben, wie Sie wiſſen, einen beſondern Wi⸗ derwillen gegen das Reiten.— Dieſes Hin⸗ derniß, 6 die Lady ein, kommt mir jetzt M 2 — 480— deſto gelegener, da ich hoffe, meine Freundin kuͤnftigen Morgen in einem beſſern Zuſtande zu verlaſſen, als ſie heute iſt.— Und ich, ſagte Milborn, will kein Hehl daraus ma⸗ chen, daß dieſe Verzögerung mich in einige Verlegenheit ſetzt; denn außerdem, daß ich dieſen Abend unter den Meinigen zuzubringen gedachte, ſo wollte ich auch morgen mit dem Fruͤheſten mich in das Gefaͤngniß nach Haw⸗ ſield begeben, indem zu meiner gänzlichen Rechtfertigung die Kenntniß vom Moͤrder des Gefangenwaͤrters noch ermangelt.— Wie! mein Freund, Sie wollen ſich wieder als Gefangener ſtellen?— Das muß er thun, ſagte ſchnell der Capitain, und es iſt mein Entſchluß, ihn dahin zu begleiten und ihn nicht eher zu verlaſſen, als bis er in alle ſeine buͤrgerlichen und Familienrechte vollſtändig wieder eingeſetzt iſt.— Wie ſehr bewundere ich Sie, verſetzte Growell, wie ſtolz bin ich darauf, mich Ihren Freund nennen zu duͤr⸗ ſen! Erlauben Sie mir indeſſen die Bemer⸗ kung, daß die Geſetze Sicherheitsleiſtungen 1 — 181— annehmen, laſſen Sie mich Ihr Bürge ſeyn, dann haben Sie wenigſtens nicht mehr nöthig, an dem ſchrecklichen Orte ſich aufhalten zu muͤſſen, wo Sie bereits ſo grauſame Auf⸗ tritte erlebt haben.— Meinen innigſten Dank dafuͤr, mein edler Freund, aber ich kann, ja ich darf nicht einmal Ihr großmüthiges An⸗ erbieten annehmen; die Welt muß es erfah⸗ ren, daß ich aus eigenem Antriebe gekommen bin, mich wieder in die Gewalt der Juſtiz zu begeben. Am andern Morgen ſtieg' die Familie Milborn, nachdem ſie zuvor noch das Fruͤh⸗ ſtuͤck eingenommen hatten, mit dem Capitain Grimsby in Growells Kutſche und wiet deſſen Schloß. Um auf dem kuͤrzeſten Wege nach Per⸗ vios⸗Haus zu gelangen, mußte man uͤber eine ganz oſſene Heidegegend fahren. Kaum befanden ſich die Reiſenden auf der Haͤlfte dieſes Weges, ſo ſahen ſie aus einer einzel⸗ enden nen, an der Seite der Straße F Huͤtte vier Maͤnner mit Flinten und in Jä⸗ — 182— gerkleidung heraustreten.— Das ſind recht muntere Jäger, ſagte Henriette, welche ſie zuerſt erblickt hatte. Grimsby drehte ſich ſo⸗ fort um und ſprach hierauf mit lauter Stimme: Mylord, wir ſind verrathen; das ſind keine Jäger, denn ich werde unter dieſen Vieren den Alten mit ſeinem Sohne gewahr. — Großer Gott! ſchrie Henriette, auch Evan iſt darunter, ich erkenne ihn jetzt deutlich.— Und wir haben nicht einmal Waffen?— Gott, der Allmächtige, beſchuͤtze meinen Gat⸗ ten und Tochter, jammerte die Lady und rang die Hände. Während dieſes karzen Geſpraͤ⸗ ches hatten die Jäger ſich unmerklich genä⸗ hert. Die Poſtillone befuͤrchteten nichts und fuhren daher in demſelben Schritte fort; der Capitain ließ das Kutſchenfenſter herunter und ſchrie ihnen zu, die Pferde in Galopp zu ſetzen, was auch auf der Stelle geſchah. Als nun der eine Poſtillion von einem auf ihn gerichteten Flintenſchuſſe getroſfen wurde, und die vordern Pferde keinen Lenker mehr fuͤhl⸗ ten, ſo ſetzten ſie ſich in den ſchnellſten Ga⸗ — 183— lopp. Vergebens ſchoſſen die verkappten Jäger nach ihnen, in der Hoffnung, ſie hinſtuͤrzen zu ſehen; ſie waren ihnen ſchon außer dem Bereiche ihter Gewehre gekommen. Auch der zweite Poſtillon bemuͤhte ſich vergeblich, die fluͤchtigen Thiere anzuhalten; um ſein Leben nicht auf's Spiel zu ſetzen, mußte er ſich ſo weit als moglich auf die Erde herabwerfen⸗ Dieſes gelang ihm auch gluͤcklich, einige Beu⸗ len abgerechnet, die er von dieſem Sprunge davontrug. Er raſſte ſich vom Boden auf, und warf einen ſchmerzlichen Blick auf die Kutſche, welche uͤber die Heide gleichſam zu fliegen ſchien. Er verlor ſie bald aus dem Geſichte, und als er ſich umdrehte, gewahrte er, daß die vier Böſewichter in die von ihnen nut eben verlaſſene Huͤtte wieder zurückkehr⸗ ten. Man hatte ihn nicht bemerkt, und er wollte nun, ganz traurig uͤber das ihm betroffene ungluck, nach Sumptuos⸗Caſtle zuruͤckkeh⸗ ren, als er drei Männer von ſeiner Seite herbeikommen ſah. Da ſie bewaffnet waren, ſo ging der Poſtillon ihnen entgegen und ——————————— —— S——— —— fragte ſie, ob ſie den Muth hätten, ihm vier Straßenraͤuber feſthalten zu helfen, die ſeinen Kameraden ermordet haͤtten und ſo eben in die am Wege liegende Huͤtte getreten wären. Wir fuͤhrten Lord und Lady Milborn nach Pervios⸗Haus zuruͤck, als wir von ihnen angefallen wurden.— Der Lord und die Lady Milborn, riefen alle drei Männer zu⸗ ſammen, wo ſind ſie?— Wir koͤnnen ſie nicht mehr einholen, antwortete der Proſtillon, wir wollen ſie aber wenigſtens an den Boͤſe⸗ wichtern rächen, unter welchen, wenn ich nicht irre, der abſcheuliche Evan ebenfalls war, der ſeit acht oder zehn Tagen erſt ſich im Gefäͤngniſſe zu Hawfield befand.— Hier, verſetzte einer der Unbekannten, ſind zwei ge⸗ ladene Piſtolen, vereinige Deine Kräfte mit den unſrigen und wir ſind des Sieges gewiß. Auf dieſe Weiſe geruͤſtet, betraten ſie einen Fußſteig, der ſie in wenig Minuten an die bewußte Hütte hinführte. Ein und dreißigſtes Capitel. Als die Wilſon mit Clara Milborn London verließ, nahm erſtere einen Empfehlungsbrief von einer ihrer Freundinnen an einen Päch⸗ ter in Glimmering, einem zwei Meilen von der Stadt Godalming in der Provinz Surry gelegenen Flecken, mit ſich, und beide wur⸗ den au's Freundlichſte vom braven Cecil auf⸗ genommen. Cecil war der Sohn eines Land⸗ geiſtlichen und hatte von ſeinem Vater eine Erziehung erhalten, welche uͤber die gewöhn⸗ ſiche der Landbewohner weit erhoben war⸗ Er beſaß ein äußerſt empfindſames Herz und einen treuherzigen, fröhlichen Charakter; ſeine Gattin war nicht minder bieder und edel ge⸗ ſinnt. Seit zwanzig Jahren kannte dieſes gluͤckliche Paar keinen andern Kummer, als den, daß der Himmel ihnen keine Kinder ge⸗ ſchenkt hatte. — 186— Die beiden Cecils faßten bald eine beſon⸗ dere Neigung zu den beiden Frauenzimmern, und vorzuͤglich zu Clara Milborn. Miß Wil⸗ ſon bemerkte dieſen Vorzug, welchen man ih⸗ rer Freundin gab; allein ſie wurde daruͤber ſo wenig eiferſuͤchtig, daß ſie ſich im Gegen⸗ theil geſchmeichelt fuͤhlte. ungefaͤhr ſechs oder acht Wochen lebte Clara Milborn mit ihrer Freundin in Glim⸗ mering, als ihre Wirthsleute zu einem klei⸗ nen Feſte eingeladen wurden welches der aͤl⸗ tere Bruder Cecils, bei Gelegenheit der Hoch⸗ zeit einer ſeiner Töchter, nicht weit von Glim⸗ mering veranſtaltete. Miſtreß Cecil wollte nur unter der Bedingung an dieſem Feſte er⸗ ſcheinen, daß die beiden liebenswuͤrdigen Frem⸗ den ebenfalls mit daran Theil nähmen. Ihr Schwager kam daher ſelbſt und lud die Da⸗ men ein, welche denn auch ſeinen Bitten nicht zu widerſtehen vermochten. Die Geſellſchaft war zahlreich und glän⸗ zend, indem eine bedeutende Anzahl von Edrl⸗ leuten aus der Umgegend es nicht unter ihrer — 187— Würde gehalten hatte, bei dieſem Feſte ſich einzufinden, und ihre Weiber hatten ebenfalls nicht vergeſſen, ſich mit ihrem ſchoͤnſten Putze zu ſchmuͤcken. Wie Clara in Begleitung ih⸗ rer Freundin und Wirtholeute hereintrat, hefteten ſich die Blicke aller Anweſenden auf ſie; ihre tiefe Trauerkleidung, welche von der glänzenden Weiße und Friſche ihrer Geſichts⸗ farbe auffallend abſtach, ſchien ihre Reize zu erhoͤhen, und mit Ausnahme einer kleinen Eiferſucht, die aus den neugierigen Blicken einiger Frauenzimmer hervorzuleuchten ſchien, gab es nur eine Meinung hinſichtlich der rei⸗ zenden Wittwe. Clara und Miß Wilſon ließen ſich in demjenigen Saale nieder, in welchem die we⸗ nigſten Perſonen ſich befanden. Ihnen folgten mehrere Perſonen, welche die Fremden näher kennen zu lernen wuͤnſchten, und namentlich ein junger Mann, der ſeit Clara's Erſchei⸗ nung ſeine Augen von ihr nicht weggewendet hatte. Clara hatte dieſes gar wohi bemerkt und eben deshalb auch beſchloſſen, in das ent⸗. — fernteſte Zimmer zu gehen, um ihm autzu⸗ weichen. Beſtürzt und unwillig daruͤber, daß ſie ſich von den Blicken des Fremden uͤberall verfolgt ſah, ſchlug ſie der Wilſon vor, in den Garten zu gehen, und gab ihr zugleich die Urſache an, weshalb ſie das Zimmer zu verlaſſen wuͤnſche. Die Wilſon betrachtete den Herrn und ſah in der That, daß er Clara feſt im Auge behielt, allein er that dieſes auf eine ſo beſcheidene Art, mit einer ſo furchtſa⸗ men Miene, daß ſie ihre Freundin ausſchalt, daß ſie daruͤber unwillig geworden ſey.— Ich kann, fugte die Wilſon hinzu, weniger Neugierde, als vielmehr eine gewiſſe angſtliche Bemuͤhung in den Augen des jungen Man⸗ nes entdecken, man ſollte glauben, er ſuche ſich Ihrer Geſichtszuge zu erinnern.— Auch mir kommt es vor, verſetzte Clara, als hätte ich ihn ſchon irgend einmal geſehen. Unter dieſem Geſpraͤche ſchritten ſie durch die Zim⸗ mer, um in den Garten zu gelangen. Der Fremde glaubte, ſie wollten ſich gänzlich ent⸗ fernen; er faßte daher Muth, holte ſic ein — 189— und fragte ſie, ob ſie denn ſo grauſam ſeyn wollten, der Geſellſchaft das Vergnuͤgen ihrer Gegenwart ſchon wieder zu rauben?— Wir gehen noch nicht fort, antwortete Miß Wil⸗ ſon, wir wollen nur einen Spaziergang in den Garten thun.— Darf ich, ohne unbe⸗ ſcheiden zu erſcheinen, um die Erlaubniß bit⸗ ten, Sie beiderſeits dahin begleiten zu duͤr⸗ fen? Eine Verbeugung war die Antwort, welche er fuͤr die ihm ertheilte Erlaubniß an⸗ nahm. Trotz dem, daß Clara ſich eifrig be⸗ muͤht hatte, ihm aus dem Wege zu gehen, konnte ſie ſich doch jetzt nicht erwehren, auf alles, was er ſprach, mit Aufmerkſamkeit zu hören. Er beſaß eine ſo leichte und gefällige Art, ſich auszudruͤcken, daß man ihm unmog⸗ lich ohne Intereſſe zuhören konnte. Unter lauter frohlichen Geſprächen vergaß Clara, daß ſie nur in der Abſicht hatte in den Gar⸗ ten gehen wollen, um dem Manne aus dem Wege zu gehen, der, wie es ſchien, ſich ganz allein mit ihr beſchäftigte. Der Fremde be⸗ nutzte die Artigkeit der Damenz er wagte es, — 14190— mehrere Fragen zu thun, und erkundigte ſich auch, ob Clara niemals in der Provinz geweſen wäre. Sie erröthete, antwortete, daß ihr Vater allerdings dort lebe, und als er mit leiſer Stimme den Namen Sumptuos⸗ Caſtle ausſprach, gerieth ſie in noch groͤßere Verlegenheit und verſetzte, in dieſem Schloſſe wohne ihre Familie.— So habe ich alſo, fragte der junge Mann mit noch gedämpfte⸗ rer Stimme, die Ehre, mit Miß Clara Gro⸗ well zu ſprechen?— Meine Freundin, ſiel die Wilſon ein, um Clara aus ihrer Ver⸗ wirrung zu helfen, heißt jetzt Miſtreß Mil⸗ born,(der Fremde erblaßte, als er dieſes hörte) und hat das Ungluͤck gehabt, ihren Gatten vor wenig Monaten durch den Tod zu verlieren. Thränen erfuͤllten Clara's Au⸗ gen bei dieſer Rede ihrer Freundin, und ob⸗ ſchon der junge Fremde ihren Schmerz zu theilen ſchien, ſo haͤtte ein gleichguͤltiger Zu⸗ ſchauer die plötzliche Veraͤnderung in ſeinem Geſichte leicht entdecken koͤnnen, welche dit letztern Worte der Wilſon hervorbrachten. — 49¹1— Die Wilſon war ebenfalls ſehr geruͤhrt; ſie bemuͤhte ſich, ihre Freundin zu zerſtreuen, in⸗ dem ſie das Geſpraͤch auf einen andern Ge⸗ genſtand zu richten ſuchte; allein ihre Be⸗ ſtrebungen waren ohne Erfolg. Die Fragen des Fremden hatten die unglückliche Clara an die Zeit erinnert, wo ſie noch keinen Kum⸗ mer und Schmerz empfunden hatte; ſie fuͤhr⸗ ten das ſchreckliche Ungluͤck, welches die Folge, und ohne Zweifel auch die Strafe fuͤr den Ungehorſam gegen ihre Altern, geweſen war, in ihr Gedächtniß zuruͤck, und ihrer Freun⸗ din Antwort ſtellte ihr den traurigen Tod deſſen, der ihrer heißen Liebe ſo wenig wuͤr⸗ dig geweſen wär, mit den grellſten Fatben ihren Augen wieder dar. Dieſer Zuſammen⸗ fluß der ſchmerzlichſten Erinnerungen verſetzte ſie in die tiefſte Betruͤbniß, ſo daß ſie ihre Thränen und herzzerreißenden Klagen nicht zuruͤckzuhalten vermochte. Ihre Freundin er⸗ griff ihren Arm, und mit Huͤlfe des Frem⸗ den fuͤhrte ſie Clara auf eine Raſenbank, welche in einer Laube ſtand. Kaum hatte ſie ſich daſelbſt niedergelaſſen, ſo fiel der Fremde auf ſeine Knie vor ihr nieder und beſchwor ſie, ihm zu verzeihen, daß er durch ſeine un⸗ beſcheidenen Fragen Erinnerungen in ihr er⸗ weckt haͤtte, welche ſie ſo heftig zu betruͤben ſchienen. O! ſagte er, werfen Sie, die Sie bereits ſeit vier Jahren der Gegenſtand mei⸗ ner Verehrung ſind, Sie, die ich nie aufhö⸗ ren werde zu lieben, einen Blick des Mitlei⸗ dens auf den Mann, den Sie, ohne Ihren Willen, auf ewig ungluͤcklich gemacht haben; erkennen Sie in mir den unglücklichen Georg Modbury, dem man mit der ſuͤßen Hoffnung ſchmeichelte, Ihre Hand zu erhalten. Ich will Ihnen nichts von der Verzweifelung ſagen, die mich ergriff, als ich hoͤrte, daß Sie fuͤr mich verloren waͤrenz das hieße Ihre Guͤte mißbrauchen, und wuͤrde ſie ermüden, aber geben Sie mir wenigſtens die Verſicherung, daß Sie mir verzeihen. Clara hatte Georg angehört, ohne ihn zu unterbrechen. Als er ſchwieg, hob ſie ihre Augen zu ihm empor, welche ſie während Georgs Rede mit ihrem — 493— Tuche bedeckt gehalten hatte. Der ruͤhrende Blick, die flehende Stellung und die anmu⸗ thige Geſtalt des jungen Mannes, alles die⸗ ſes flößte der trauernden Wittwe mehr noch als Mitleiden fuͤr ihn ein; ſie fuͤhlte, daß Georg ſie intereſſire und ſie ihn troͤſten muͤſſe.— Stehen Sie auf, ich bitte Sie, redete ſie ihn ſanft an, zwar koͤnnte ich mich durch Ihre ungeſtuͤme und, ich darf hinzuſetzen, jetzt zur Unzeit angebrachte Erklaͤrung beleidigt ſinden, allein ich erinnere mich, daß Sie der Gegenſtand der Wahl meiner Iltern waren und daher Nachſicht verdienen. Und damit Sie mein Betragen gegen Sie gehörig wuͤr⸗ digen mögen, ſo blicken Sie auf meine Trauer⸗ kleidung; dieſe wird Ihnen ſagen, daß es mehr als unbeſcheiden iſt, mit einem Frauen⸗ zimmer von Liebe zu ſprechen, die uͤber den ſchrecklichſten Verluſt, welcher ein Weib be⸗ treffen kann, täglich noch Thränen vergießt. — Ich habe Unrecht, ich bin ſtrafbar und Ihre Guͤte läßt mich mein Unrecht noch ſtaͤr⸗ ker empſinden, aber wollen Sie nicht einem II. N — 11— Manne vergeben, den die Verzweifelung ganz elend macht? Clara ſtand, ohne ihm zu ant⸗ worten, auf, nahm ihre Freundin beim Arme und kehrte langſam in's Haus zuruͤck? Mod⸗ bury folgte ihr traurig. Er wagte es nicht, ihr an der Thuͤre ſeine Hand anzubieten; Clara ſah ſeine Verlegenheit und reichte ihm die ihrige, ohne dabei der Wilſon Arm los zu laſſen.— Ich kenne den Pachter Cecil, ſagte Georg mit Furchtſamkeit; ich habe ihn öfters beſucht, ſoll ich jetzt ſein Haus nur um deswillen meiden, weil es von einem En⸗ gel bewohnt wird?— Ich habe kein Recht, den Bekannten Cecils zu verwehren, ihn zu beſuchen, und die Achtung, die er mir ein⸗ floßt, muß nothwendig ſich auch auf ſeine Freunde mit erſtrecken. Georg wagte es, ſeine Lippen auf ihre Hand zu druͤcken, welche ſie aber ſchnell zuruͤckzog.— Herr Modbury, fragte ſie ihn, rechnen Sie ſich unter die Zahl derjenigen, welche im Wahne ſtehen, die Guͤte Anderer mißbrauchen zu duͤrfen?— O nein, nie ſollen Sie mir einen ähnlichen Vorwurf machen.— Das glaube und wuͤn⸗ ſche ich. Als ſie in's Haus traten, kam Cecils Gattin ihnen entgegen und fragte Clara, ob ſie Luſt und Kraft genug hätte, um zu Fuß Glimmering zuruͤ s Clara dieſes bejahte, ſo nahmen ſie ſogleich Abſchied e ckzukehren. Als von ihrem W zirthe und deſſen Familie und machten ſich auf den Weg. Eecil ſelbſt, der noch ein kleines Geſchaͤft abgemacht hatte, kam ebenfalls zu den Frauenzimmern, und zwar in Begleitung Georgs, woruͤber Erſtere ſehr verwundert waren.— Hier iſt, redete Cecil ſie an, Herr Modbury, den ich gewiſ⸗ ſermaßen genöthigt habe, mich zu begleiten. Ich ſtelle Ihnen denſelben als einen jungen Mann vor, der es verdient, daß man ihn von der Menge unſcer jungen Laſſen ſondere, und ihn mit Lob auszeichne. Als unum⸗ ſchraͤnkter Herr uͤber ſich ſelbſt und ſein Ver⸗ mogen(er hat das Ungluͤck gehabt, ſeinen Va⸗ ter im vorigen Jahre zu verlieren) hat er ſich die Achtung und Freundſchaft aller recht⸗ R2 worden waͤre. lichen Menſchen zu verſchaſſen gewußt, und ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, die ſeinige erhalten zu haben. Georg legte das beſcheidene, an⸗ ſtändige Betragen, wodurch ſich Perſonen von wahren Verdienſten gewöhnlich auszeichnen, durch ſeine Antworten auf Cecils Lobeserhe⸗ bungen ſattſam an den Tag. Modburys Beſuche in Glimmering wur⸗ den immer haͤufiger und Clara fand ein ge⸗ heimes ſuͤßes Vergnuͤgen darin, den jungen Mann, welcher ihr von ihrem Vater beſtimmt geweſen war, freundlich und liebreich zu em⸗ pfangen. HOft ſagte ſie zu ihrer Freundin: Hätte ich Georg eher als Godwin kennen gelernt, ſo wuͤrde ich jetzt die angenehmſten, heiterſten Tage verleben. Die Liebe, welche Modbury dem kleinen Godwin bezeigte, ent⸗ lockte der Mutter oftmals Thraͤnen, und un⸗ ter Errothen gedachte ſie alsdann, daß Ge⸗ org ein eben ſo guter Vater als Gatte ge⸗ Die Wilſon bemerkte mit Freuden die gluͤckliche Veraͤnderung, welche in dem Herzen — 197— ihrer Freundin vorzugehen ſchien; indeſſen wollte ſie erſt Georg Zeit laſſen, das Gluͤck zu verdienen, welches ihm aufzubluͤhen be⸗ gann. Georg gehörte unter die kleine Anzahl derer, welche näher kennen gelernt zu wer⸗ den verdienten, und die Wilſon veranlaßte ihn daher ſelbſt zuerſt, ſie zu beſuchen. Eine ſo ſchmeichelhafte Einladung gab ihm den Muth, ſich gegen Claras Freundin offen zu entdecken; ja er wagte es ſogar, da ſeit God⸗ wins Tode bereits uͤber ein Jahr verfloſſen war, der Wittwe ſelbſt Anträge zu thun, woruͤber Clara ſich keinesweges beleidigt fand. — Mein Vater, antwortete ſie ihm hier⸗ auf, hat Ihnen ſtatt meiner zu antworten. — In dieſem Falle reiſe ich morgen ſchon nach Sumptuos⸗Caſtle, verſetzte Modbury. Dieſe Eilfertigkeit mißſiel Clara nicht, und ſie bewies ihm dieſes durch ein Lächeln. Tags darauf machte Modbury ſich auf den Weg nach Sumptuos⸗Caſtle. ———— 6— ——= Zwei und dreißigſtes Capitel. Ich ließ Gideon Growell am Schluſſe des acht und zwanzigſten Capitels in den Haͤnden eines Weibes, welches ihm ſo viel Menſchlich⸗ keit bezeigte, als er von Leuten dieſer Art nur immer erwarten konnte. Dagegen be⸗ trugen ſich die beiden Maͤnner, welche ihn feſtgehalten hatten, auf die groͤbſte und haͤr⸗ teſte Weiſe gegen ihn. Er verwunderte ſich daher um ſo mehr uͤber das ſanfte und ge⸗ fällige Weſen der Frau, welche ihm zur Waͤchterin gegeben worden war,„ In den erſten Tagen brachte ihm dieſes Weib blos ſeine nothwendigſten Bedurfniſſe, und verweilte, Gideons Bitten ohngeachtet, nicht länger bei ihm, als unumgänglich no⸗ thig war. Späterhin ließ ſie ſich jedoch be— wegen, ſich hinzuſetzen und mit ihm zu plau⸗ — 6— dern. Ihre Unterhaltung gewährte ihm, ob ſie gleich ohne Geiſt und Erziehung war, we⸗ nigſtens Zerſtreuung, auch hoffte er dadurch, daß er ſich gegen ſie ſehr freundlich betrug, ihr Vertrauen zu erwerben, und ihr das Ge⸗ ſtändniß des Grundes ſeiner Feſthaltung zu entlocken. Oftmals gerieth er auch auf den Gedanken, ſein Vater habe, um ſeine Ver⸗ bindung mit Ancelina zu vereiteln, beſchloſſen, ihn ſo lange von allem Umgange mit der Welt entfernt zu halten, bis ſeine Geliebte ſich verheirathet haben wuͤrde. In dieſer Mei⸗ nung beſtärkte ihn vorzuͤglich der plötzliche Befehl ſeines Vaters, eiligſt wieder abzurei⸗ ſen, nachdem er kaum angelangt war, und die Sorgfalt, mit welcher man ihn nicht aus dem Geſichte gelaſſen, und jede Gelegenheit, an die Bedienten des Hauſes Fragen zu thun, ihm zu benehmen geſucht hatte. 6 Gideon hatte bemerkt, daß, wenn ſeine Wärterin ihn verließ, ſie nicht immer ſogleich die Treppe hinabging, und oftmals ſogar ſich' faum eine Stunde läng entfernte. Die Neu⸗ — gierde, zu wiſſen, was ſie in dem kleinen Gange, welcher zu ihm fuͤhrte, zu thun habe, machte, daß er am Schluͤſſelloche horchte. Eines Tages, als ſie ihm eben ernſthafter als jemals, und beinahe traurig vorgekommen war, horte er ſie einen Schluͤſſel umdrehen und eine Thure öffnen. Der Ton einer fremden Stimme drang in ſein Ohr, aber er konnte die Worte nicht verſtehen, welche ſie ſprach. Er hatte kaum hieruͤber eine kleine Weile nachgedacht, als er abermals eine Thuͤre offnen und zu⸗ ſchließen hoͤrte.— Es iſt kein Zweifel, ſprach Gideon zu ſich, daß ich hier nicht allein bin. Ach! wäre es mir möglich, zu meinem Lei⸗ densgefährten zu gehen; wir könnten unſere Kraͤften zur Brechung unſter Feſſeln vereini⸗ gen. Die ganze Nacht brachte er mit den Gedanken daran zu, und kaum begann es zu tagen, ſo ſchien es ihm, daß man ſeine Thuͤre oͤffnen wolle. Verwundert fragte er: Wer iſt da?— Fuͤrchtet nichts, war die Antwort. Er erkannte die Stimme ſeiner Waͤrterin, ronnte aber bei dem ſchwachen Lichte der 204— Morgendämmerung, welche durch ſein ſchma⸗ les und hohes Fenſter fiel, blos bemerken, daß eine Mannsperſon ſich ihm näherte und die Worte ſprach: Stehet auf, Gideon, und kommt mit mir. Der junge Growell zwei⸗ felte nicht laͤnger, daß dieſe Stimme von ſei⸗ ner Waͤrterin herkomme, die Mannskleidung angelegt habe. Gideon hoffte ſeine Freiheit zu erlangen; er that daher keine Frage, ſon⸗ dern ſtand auf und kleidete ſich eiligſt anz kaum war er damit fertig, ſo ergriff ihn die Frau bei der Hand und nahm ihn aus dem Gemache, das ſie hinter ſich zuſchloß. Zehn Schritte davon blieb ſie bei einer andern Thuͤre ſtehen, offnete ſelbige und trat mit ihrem Gefangenen in ein Gemach, das dem ſo eben verlaſſenen aäͤhnlich war. Sie trat an ein Bett und wiederholte dieſelben Worte, welche ſie an Gideon gerichtet hatte. Allein hier aͤnderte ſich die Scene, denn ſtatt daß die Perſon, welche angeredet worden war, ſich eben ſo bereitwillig zum Gehorſam zeigte, wie Gideon, fragte ſie, was man von ihr ———— wollte und wohin man ſie zu fuͤhren gedaͤchte. — Ich gehe nicht von der Stelle, als bis ich die neuen Pläne der Boſewichter weiß, denen Ihr gehorcht. Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, ſo ſtuͤrzte ſich Gideon auf das Lager hin.— Sind Sie es, Alfred? ſchrie er, und druͤckte den Gefangenen an ſein Herz⸗ — Und Sie, Gideon? fragte Alfred; denn er war es wirklich. Durch welchen ſonder⸗ baren Zuſammenfluß ungluͤcklicher Begeben⸗ heiten ſinden wir uns in dieſem Kellergewölbe wieder?— Dieſe Frau wird, hoſſe ich, un⸗ ſere Neugierde befriedigen.— Jetzt noch nicht, ſiel dieſe in's Wort, wir haben keine Zeit zu verlieren, denn das Leben von Perſonen, die Ihnen ſehr theuer ſind, ſteht bei längerm Verzuge auf dem Spiele. Sie ſollen beide frei werden, fuhr ſie fort, und Sie haben mir dieſes Gluͤck zu verdanken; aber die Klug⸗ heit fordert von mir, daß ich Ihnen die Frei⸗ heit nur unter der Bedingung gebe, daß Siec mir beide ſchwören, alles und jedes, was Sie uͤber mich hören werden, zu Gunſten — 203— meiner Reue verſchweigen zu wollen; Sie, Alfred! kennen erſi Dankbarkeit, die Sie mir ſchuldig ſind.— Wir ſchworen,— beide. Nachdem ſich den geringſten Theil der Alfred vollig angekleidet hatte; gingen ſie alle drei fort, mit Flinten und Piſtolen, welche das Weib gebracht hatte, wohl bewaffnet, und ſchlugen den Weg nach Sumptuos⸗Caſtle ein. Im Gehiſch begegneten ſie dem Po⸗ ſtillon, welcher ſo eben dem moͤrderiſchen An⸗ falle der Banditen, ſo wie der Wuth der Pferde, gluͤcklich entronnen war. Er war es, der die drei Fremden erſuchte, ihm gegen die Morder beizuſtehen, welche Lord und Lady Milborn und deren Tochter Leben nachgeſtellt hatten.— Theure Henriette, ſagte Alfred ganz leiſe, Du biſt alſo mit meinem Vater wieder gefunden, dieſe Rachricht giebt mir Lowenkraft. Die Boͤſewichter ahndeten nichts weniger, als daß ihnen Gefahr drohe. Der mißlungene Streich beſchaͤftigte ihre ganze Aufmerkſamkeit; ſie fluchten laut auf das Schickſal, das ihren Plan vereitelt hatte, und — 204— ſannen, wie ſie ihr Verbrechen ausführen, oder wenn es nicht gelänge, die Flucht er⸗ greifen wollten. Als Jene an der Thuͤre der Huͤtte ange⸗ langt waren, ſo wollte der muthige Poſtillon zuerſt hineintreten, Gideon und Alfred gaben dieſes aber nicht zu, ſondern alle drei traten mit angelegten Flinten auf einmal in die Stube; die Frau, die an dergleichen Auf⸗ tritte weniger gewohnt war, folgte ihnen nach.— Nieder mit den Waſſen, Ihr Elen⸗ den, donnerte ihnen Alfred entgegen, oder Ihr ſeyd des Todes.— Das Verbrechen iſt faſt immer mit Feigheit gepaart, hier war dieſes jedoch nicht bei allen der Fall. Zwei von den Boͤſewichtern fielen auf die Knie und baten um Gnade, die andern beiden aber, worunter Evan ſich mit befand, ſetzten ſich zur Wehre. Die fuͤnf Schuͤſſe gingen alle zu gleicher Zeit los. Der Poſtillon erhielt einen in den Schenkel und ſiel zu Boden; von den beiden Flehenden wurde der eine auf der Stelle getodtet, der andere ſchwer ver⸗ — 205— wundet. Evan wollte ſich auf Alfred ſturzen, dieſer aber wich ihm aus und feuerte ein Pi⸗ ſtol auf ihn ab, womit er ihm das rechte Ange zerſchmetterte. Das Ungeheuer betrach⸗ tete ſich jedoch hierdurch nichts weniger als uͤberwunden, ſondern ſprang uͤber die beiden auf dem Boden liegenden Koͤrper weg und war im Begriff, Alfred einen Dolch in's Herz zu ſtoßen.— Haltet ein, mein Bru⸗ der, ſchrie Gideon, der noch nicht wußte, daß die Bande zwiſchen ihm und Evan blos er⸗ dichtet waren. Evan achtete, wie ſich leicht denken laͤßt, auf dieſen Ausruf nicht, und der brave Alfred waͤre ohne Zweifel ein Opfer geworden, wenn nicht einer der Genoſſen des abſcheulichen Evans, der faſt ohne Leben auf der mit ſeinem Blute gefaͤrbten Erde ausge⸗ ſtreckt lag, das Bein des Wuͤthenden ergrif⸗ fen und ihn ſo zum Fallen gebracht haͤtte. Evan, hieruͤber raſend, ſtieß ihm den Dolch in die Bruſt, und der Elende verſchied augen⸗ blicklich. Der vierte Bandit war, ſeitdem daß er ſeine Flinte bei dem Angriſſe abge⸗ 206— feuert hatte, unthaͤtig geblieben, und ſchien bei dem ganzen blutigen Auftritte ein bloſer Zuſchauer zu ſeyn. Auf einmal erwachte er aus ſeiner Gefuhlloſigkeit, er beugte ſich auf den ſo eben Verſchiedenen herab und ſprach: Armer Tom! Dein Bruder hat Dich ermor— det, Du biſt gluͤcklicher als wir beide, denn T — Du haſt die Strafe nicht mehr zu befuͤrchten, die unſrer wartet. Gideon und Alfred ban⸗ den hierauf und dem noch übriggebliebe⸗ nen Banditen die Hände mit den Tragbändern ihrer Sie befanden ſich jetzt aber in großer Verlegenheit, und wußten nicht, was ſie beginnen ſellten. Evan bruͤllte vor Wuth und Schmerz und wollte nicht von der Stelle; der Andere ſchwor, er wolle ſeine Kin— der nicht verlaſſen, und, da er an ihren Verbre⸗ chen Theil genommen, auch mit ihnen ſterben. Auf der andern Seite durften ſie auch braven Poſtillon nicht der nicht gehen konnte und die heftigſten Schmerzen litt. In dieſer Lage neb ihre Aufmerk⸗ ſamkeit plötzlich durch einen Flintenſchuß rege, 207 der in dem Gebuͤſche gefallen war. Sie gingen aus der Huͤtte und ſahen einen Hau⸗ fen Jaͤger zu Pferde, die etwas zu ſuchen ſchienen, Gideon lief ihnen entgegen.— Haben Sie vielleicht einen Menſchen gefun⸗ den, der von Moͤrdern verwundet worden iſt? fragte der Erſte den jungen Growell.— Es war, einen Wagen fuͤhrte, welchen wir, da fuhr er fort, — ein Poſtillon, der —. ie Pferde durchgingen, ſo gluͤcklich waren, anzu⸗ halten, bevor den darin ſitzenden Perſonen ein Ungluͤck begegnete. Wir wollten ſehen, ob es möglich wäre, dem Verwundeten Huͤlfe zu bringen. Gideon erzählte den Jaͤgern, die ihn nicht kannten, mit wenig Worten und ohne irgend Jemand zu benennen, die uͤbele Lage, in welcher er ſich mit ſeinem Freunde befand.— Die Schurken ſind alſo vertilgt? fragte der Fremde, wohlan! Unſere Leute ſol⸗ len ſie in den F wurden vier Leute abgeſchickt, welche die Tod⸗ lecken fuͤhren. Auf der Stelle ten und Verwundeten auf Pferde luden und auf dieſe Weiſe zum Friedensrichter fuͤhrten, — — 5— Evan war ohne Bewußtſeyn und man hielt ihn fuͤr todt. Da Alfred und Gideon als Theilnehmer an dem Vorfalle nothwendig mit vor Gericht erſcheinen mußten, ſo begaben ſie ſich in Be⸗ gleitung dreier von den Jaͤgern zum Friedens⸗ richter. Die verkleidete Frauensperſon wei⸗ gerte ſich, als Angeberin mit zu gehen.— Ich verſpreche Euch, ſagte ſie zu Alfred, daß ich, im Falle meine ſchrecklichen Geſtaͤndniſſe noͤthig werden ſollten, mich zeigen will; bis dahin aber laſſet mich noch unerkannt blei⸗ ben. Da ſie ſah, daß ihre Gruͤnde nicht gebilligt zu werden ſchienen, fuhr ſie fort: — Ich habe ſchon zu viel gethan, um ſtehen zu bleiben; mein Entſchluß iſt gefaßt, ich hoͤre blos auf die Eingebungen meines Ge⸗ wiſſens, und ſeyd verſichert, daß, wenn ich mich jetzt weigere, mich zu entdecken, ich die⸗ ſes blos um Eures Beſten willen thue. So lange ich nicht ofſen auftrete, ſo lange wer⸗ den die Verbrecher auch noch die Hoffnung hegen, dem Arme der Gerechtigkeit zu ent⸗ 209— gehen, und ſie werden nicht auf ihre Flucht denken; r mich, Alfred, auf Euer Verſprechen. Wenn Ihr mir ver⸗ trauen wollt, ſo thut heute meiner gar keine Erwaͤhnung. Ihr braucht dem Friedensrich⸗ ter weiter nichts zu ſagen, als daß Ihr auf dem Wege nach Sumptuos-Caſtle einem Manne begegnet waͤret, der Cure Huͤlfe zu Feſthaltung von Verbrechern in Anſpruch ge⸗ nommen haͤtte. Laſſet Evan mit ſeinein Ge⸗ noſſen immerhin ſprechen, wir werden uns dieſen Abend in Pervios-Haus ſehen, denn dahin will ich mich ſogleich begeben, um in Gegenwart Eurer Aeltern mein Bekenntniß abzulegen. Mit dieſen Worten verließ ſie Alfred; wir aber wollen dieſem mit ſeinen Begleitern in das Haus des Si6 nach Kipſeide folgen. Als ſie daſelbſt ankamen, ſo vermochten ſie der großen Volksmenge wegen ſich kaum bis an die Thuͤre hinzudrängen. Im erſten Saale erblickten ſie auf der einen Seite zwei Leichname auf dem Boden ausgeſtreckt liegen, II. O neben dieſen den Poſtillon, welchen ein Wund⸗ arzt verband, auf der andern Seite ſaß Evan mit ſeinem Spießgeſellen. Evan bedeckte ſich das Geſicht mit einem Fuche, nicht ſowohl, um ſich nicht ſehen zu laſſen, ſondern um das Auge, das ihm aus dem Kopfe drang, zuruͤckzuhalten. Der Richter hatte noch ein Geſchaͤft zu beſorgen, und ließ daher die Per⸗ ſonen, welche ſich angegeben hatten, erſuchen, einen Augenblick noch zu warten. Der Wund⸗ arzt naͤherte ſich, nachdem er den Poſtillon beſorgt hatte, auch Evan„ um ihm denſelben Dienſt zu leiſten, allein dieſer ſtieß ihn mit der Hand zuruͤck, und ſchuͤttelte mit dem Kopfe. Bald darauf rief man die Angeklag⸗ ten und die Zeugen des Vorfalles, die drei Jäger, vor den Richter. Gideon,(welcher die in der Verzweifelung geſprochenen Worte des Alten in der Huͤtte uͤberhort hatte, und ſonach noch nicht wußte, daß Evan ſein Bru⸗ der nicht wäre) Alfred, Evan und der zweite Verbrecher traten ein. Die Leichname und der Verwundete wurden hereingeſchafft, und M — 214— in wenig Augenblicken war der Gerichtsſaal mit Reugierigen jeden Standes angefuͤllt. Die Ausſagen Gideons und Alfreds wa⸗ ren einfach und bezogen ſich lediglich auf den Hergang der Sache. Die Jäger erwaͤhnten blos, daß ſie eine Kutſche mit fliehenden Pfer⸗ den angetroffen hätten, und ſo gluͤcklich ge⸗ weſen waͤren, ſie anzuhalten; ſie haͤtten hier⸗ auf zwei ihrer Leute den Perſonen, welche im Wagen geſeſſen, zur Begleitung gegeben, damit ſelbige ohne Gefahr ſich nach Hauſe verfuͤgen koönnten. Der Poſtillon antwortete auf die an ihn gerichteten Fragen, daß er in Growells Dienſten ſtände und auf Befehl ſei⸗ nes Herrn, mit ſeinem Kameraden, Lord und Lady Milborn, deren Tochter Henriette und einen gewiſſen Grimsby nach Pervios-Haus habe fahren ſollen.— Grimsby? riefen der Richter und Alfred zu gleicher Zeit.— Ja, erwiederte der Verwundete, das iſt derſelbe Grimsby, deſſen Ermordung man dem Lord Milborn zur Laſt legte. Geſtern kamen ſie alle in Sumptuos-Caſtle an.— Welches O 2 — 212— Gluͤrk! rief Alfred. Der Richter gab ihm ein Zeichen, das Verhor nicht zu unterbrechen, und wendete ſich an den Poſtillon mit den Worten: Fahret fort. Dieſet erzaͤhlte, was der Leſer bereits oben erfahren hat. Sir Thomas Stapleton fragte nunmehr Evan, indem er ihn bei ſeinem Namen auf⸗ rief, wie er es angefangen habe, um aus dem Gefaͤngniſſe von Hawſield, wo er feſtge⸗ halten worden war, zu entfliehen, und was fuͤr ein Grund ihn bewogen habe, einen der Poſtillone zu erſchießen„ welche den Lord Milborn mit ſeiner Familie gefahren hätten. — Der Erfolg war meiner Erwartung zuwi⸗ der, antwortete er mit einer Todtenſtimme; ich beſtimmte den vier Perſonen in der Kutſche den Tod, und um letztere anzuhalten, wollte ich eines der Pferde tödten, keineswegs rich⸗ tete ich aber den Schuß auf den elenden Knecht; meine Ungeſchicklichkeit iſt daran al⸗ lein Schuld.— Und was hattet Ihr fuͤr Ur⸗ fachen, dem Lord Milborn nach dem Leben zu trachten?— Tauſend, die ich aber erſt im letzten Momente ſagen werde. Der Richter wandte ſich hierauf an Evans Spießgeſellen⸗ — Wer ſeyd Ihr? Mich duͤnkt, ich habe Euch ſchon geſehen.... Seyd Ihr nicht in der unglucklichen Sache Milborns als Zeuge aufgetteten?—= So iſt es.— Da nun der Hauptmann Grimsby noch lebt, ſo ſeyd Ihr alſo ein Verläumder?— Das können Sie ſelbſt beurtheilen.— Welche Böſewichtet! murmelte Thomas Stapleton vor ſich hin.— Sind wir hier, um Schimpfreden zu hören? fuhr Evan plötzlich auf. Man fuͤhre uns in's Gefaͤngniß, ich bin es müde, Menſchen zu ſehen, die mir mißfallen„ und uͤbrigens be⸗ darf ich der Ruhe. Ihr könnt leicht denken, daß ich nicht bei Laune bin. Er nahm bei dieſen Worten das Tuch von ſeinem Geſichte weg; allen Anweſenden entfuhr bei dieſem An⸗ blicke ein Ausruf des Entſetzens; das rechte Auge hing ihm nur noch an einigen Faden aus dem Kopfe an der Wange herab und färbte dieſe mit Blut. Der Richter wendete ſich mit Abſcheu von ihm weg und gab auf 2— der Stelle Befehl, die beiden Verbrecher in's Grfängniß abzufüͤhren. Der Poſtillon blieb, da er nicht ohne Gefahr fortgebracht werden konnte, im Hauſe des Friedens-Richters zu⸗ ruͤck. Dieſer reichte, als die fünf Zeugen ab⸗ getreten waren, Alfred die Hand und ſprach: — Ich bemerke mit Vergnuͤgen, daß die Un⸗ ſchuld Ihres Vaters bald ganz an den Tag kommen wird; glauben Sie mir, daß ich nicht der letzte bin, der ſich hieruͤber freut. Evan iſt ein abſcheulicher Menſch. Sie, Gideon, dürfen ſich uͤber die Entdeckung Ihres Vaters Gluͤck wuͤnſchen.— Ich verſtehe Sie nicht, was Sie damit ſagen wollen, verſetzte Gi⸗ deon.— Wie, Sie wiſſen noch nicht, daß Evan nicht Ihr Bruder iſt, daß er Ihre Mutter hat ermorden wollen, glüͤcklicher Weiſe aber nur verwundet hat, daß er des Rachts zu Herrn Growell gekommen iſt, um ihn zu berauben, und dieſer Verbrechen wegen in das Gefaͤngniß von Hawfield gebracht wurde, woraus er ohne Zweifel in voriger Nacht ent— flohen iſt?— Alles, was Sie mir da ſagen, —— — 245— Sir Thomas, erfuͤllt mich mit dem großten Staunen; ich bin nur eben angekommen, und habe meinen Vater ſeit fuͤnf oder ſechs Wochen nicht geſehen; aber wie froh bin ich jetzt geworden; ich fuͤhlte mich ganz ungluͤck⸗ lich, mit einem Menſchen durch Bande des Blutes verbunden zu ſeyn, der Verbrechen auf Verbrechen häuft.— Gehen Sie nach Sump⸗ tuos⸗Caſtle, dort werden Sie die Beſtäti⸗ gung deſſen hören, was ich Ihnen geſagt habe. 216 Drei und dreißigſtes Capitel. Die erſte Perſon, welcher Alfred im väterli⸗ chen Haufe begegnete, war der treue Emery; dieſer brave Menſch that einen lauten Schrei vor Freude.— Hl ſchrie er, die Freude wird mich heute noch tödten, und rief Alfreds Namen aus allen Kräften. Henriette lief herzu, erblickte ihren Bruder und ſtuͤrzte ſich in ſeine Arme.— Welches Gluͤck„mein Bruder, daß Du uns eben jetzt wiedergegeben biſt; denn ſiehe, der Vater iſt da, wir ſind mit dem Capitain Grimsby hierher gekommen.— Ich weiß es, antwortete Alfred und druͤckte ſeine Schweſter an ſein Herz, wie froh bin ich, Dich wieder zu ſehen. Beide traten nun in den Saal, in welchem ſich die Familie ver⸗ ſammelt hatte. Bei dem Anblicke einer ſo allgemein geliebten Perſon ſtanden Alle auf, umarmten ihn und wuͤnſchten ihm Gluͤck zu —— ſeiner Ruckkehr. Auch Geimsby war Zeuge dieſes ruͤhrenden Auftrittes, und nahm Theil an der allgemeinen Freude.“ Man erzählte ſich gegenſeitig, was Jedes ſeit der grauſamen Trennung in'öbeſondere er⸗ fahren hatte; Alfreds Erzählung war nicht lang. Ich reiſ'te ab, fing er an, in der Ab⸗ ſicht, nicht eher wiederzukommen, als bis ich meinen Vater und Schweſter zuruckgebracht haben wurde. Ich befand mich in der pein⸗ lichſten Lage, ja ich bildete mir endlich gar ein, ich wuͤrde den Verſtand verlieren. Mein einziger Wunſch war, Evan zu begegnen, um uns einander den Hals zu brechen, denn ich zweifelte nicht, daß er einer unſerer Feinde waͤre. Ich glaubte zwar nicht, daß, wie ich auch jetzt noch nicht davon uͤberzeugt bin, er al⸗ lein an unſerm Verderben arbeite, allein ich kannte zur Zeit blos ihn und wollte die Meinigen rächen oder ſterben. Seit dem Handel mit dem Sohne des Majors Hartwell war es mir aber un⸗ möglich, meinen Plan auszufüͤhren; Evan war entflohen, und Niemand wußte wo er ſich aufhielt. — 218— Ich ging daher traurig und in meine ſchmerzlichen Betrachtungen verſunken, als die Nacht mich unverſehens uͤberfiel. Das Ge⸗ räuſch von Fußtritten mehrerer Menſchen, die hinter mir zu gehen ſchienen, machte mich aufmerkſam; ich blieb ſtehen und ſah den Schatten zweier Perſonen. Als dieſe zu mir herangekommen waren, warfen ſie ſich plötzlich uͤber mich her; ich war bewaffnet und haͤtte mich vertheidigen konnen; allein ich war, wie ich ſchon geſagt habe, ſo ganz zerſtreut, daß ich nicht daran dachte, Gegenwehr zu treſſen. Es ward den beiden Schurken leicht, ſich meiner zu bemeiſtern; ſie banden mich an ei⸗ nen Baum, und waͤhrend der Eine von ih⸗ nen ſich entfernte, blieb der Andere in einiger Entfernung von mir ſtehen. In kurzer Zeit kam der Erſte mit zwei Pferden zuruͤck; man ſetzte mich auf das eine, und ſie ſelbſt beſtie⸗ gen das andere. Wir machten hoͤchſtens drei oder vier Meilen, und da die Nacht ſehr dunkel war, ſo ſah ich weder den Weg, wel⸗ chen wir nahmen, noch das Haus, wohin — 219— man mich fuͤhrte. Man trug mich, da man mich ſehr feſt gebunden hatte, beinahe bewußt⸗ los auf ein Bett, wo ich ohne Zweifel ein⸗ geſchlafen bin, ohne vorher zu mir ſelbſt ge⸗ kommen zu ſeyn. Bei meinem Erwachen ſah ich in der Kammer, wo ich lag, eine Frau, welche mich mit Aufmerkſamkeit betrachtete. Sie ſprach ſehr leiſe, und ich konnte nur fol⸗ gende Worte verſtehen: Armes Kindl ich kann Dich nicht haſſen! Todten ſoll ich Dich? Nein! ich habe ja Mutterſtelle bei Dir ver⸗ treten„muß Dir das Leben retten.— Wie ſie merkte, daß ich nicht mehr ſchlief, trat ſie zu mir hin und ſprach: Ich habe Befehl, Euch zu vergiften, allein ein Intereſſe, das Ihr ſehr natuͤrlich ſinden wuͤrdet, kenntet Ihr den Beweggrund deſſelben, treibt mich, Euch das Leben zu retten; indem ich aber dieſe Handlung der Menſchlichkeit gegen Euch ausuͤbe, ſetze ich mich ſelbſt der Gefahr aus⸗ Es iſt nothwendig, daß ich Euch den Augen Aller entziehe; Ihr duͤrft mit mir nur ſehr leiſe ſprechen, wenn ich Euch Lebensmittel bringe, und Ihr muͤßt mir erlauben, daß ich Euch an einen verſteckten Ort hinbringe, falls man Euch ſuchen ſollte. Ich willigte ein, und die Frau verließ mich unter der Verſicherung, daß ſie täglich kommen wolle. Ich kann die Zeit nicht genau angeben, die ich in dieſem langweiligen Gefaͤngniſſe zubrachte; allein ich glaube, es war bereits ein Vierteljahr ver⸗ floſſen, als mich eines Morgens meine Wäͤrterin, in Begleitung Gideon Growells, aufweckte.) Kaum hatte Alfred ſeine Erzählung beendigt, als man ihm meldete, es wolle Jemand mit ihm ſprechen. Er ging hinaus und kam nach wenig Augenblicken mit ſeiner als Mannsper⸗ ſon verkleideten Wärterin wieder herein. Kaum hatte die Lady dieſe Perſon in's Auge gefaßt, ſo rief ſie laut: Ach! das iſt ja Luch, die Amme meines Sohnes Alfred! Das Weib ſturzte zu ihren Fuͤßen nieder.— Sie irren *) Alfred erzählte hierauf dasjenige, was der Leſer im vorhergehenden Capitel bereits er⸗ fahren hat. — ſich nicht, Mylady, und wollte Gott, ich haͤtte niemals Kinder zu ſtillen gehabt! Ich wuͤrde noch unſchuldig und gluͤcklich ſeyn.— Steht auf, Miſtreß Dispark! und ſeyd ver⸗ ſichert, daß ich Euch Eure Fehler, ſie ſeyen welche ſie wollen, im voraus vergebe. Alfred hat mir erzaͤhlt, daß er Euch das Leben zu verdanken hat; dieſe That ſichert Euch unſere lebenslaͤngliche Dankbarkeit zu. Ach, My⸗ lady, waͤren es blos Fehler, die ich mir vor⸗ zuwerfen haͤtte, ich wuͤrde weniger zittern, aber ach! ich habe Ihnen Verbrechen zu ent⸗ decken.— Ihr erfuͤllt mich Schrecken!— Großer Gott, wie wird Ihnen erſt zu Muthe ſeyn, wenn Sie Alles wiſſen werden. Alfred, ſprechen Sie zu meinen Gunſten, und bitten Sie Ihre Kltern, daß ſie mich nicht der Gerechtigkeit in die Haͤnde liefern wollen.— Wir ſchwören Euch dieſes zu, verſetzte der Lord mit ſeiner Gattin. Die Dispark mußte ſich niederſetzen und ein Glas Wein trinken, das man ihr zur Stärkung reich⸗ te, hierauf traten alle um ſie herum, vol⸗ 2—— ler Begierde, zu hören, was ſie erzählen wuͤrde. In dieſem Augenblicke meldete ein Bedienter, daß Growell zu Pferde an⸗ gekommen und ſo eben abgeſtiegen ſey.— hm's Himmels willen, verbergen Sie mich vor ihm, ſchrie die Amme, außer ſich vor Schrecken. Henriette fuͤhrte fie eilig in ein kleines Gemach und hatte kaum die Thuͤre zugeſchloſſen, als Growell in's Zimmer trat. Man ſchloß aus Growells ruhiger Miene, daß er von den Vorfällen des heutigen Tages noch keine Kunde haben mußte. Er ſagte auch, er habe ſich verwundert, daß ſeine Kutſche noch nicht zuruͤckgekommen ſey, und ſich daher entſchloſſen, derſelben entgegen zu reiten; auf dieſe Weiſe waͤre er denn ganz unvermerkt bis nach Pervios-Haus gekom⸗ men. Die Lady fragte ihn, wie es mit ſei⸗ ner Gattin ſtände?— Sie befände ſich weit beſſer, war die Antwort, und hoffte ſehr bald der Lady fuͤr alle ihre Sorgfalt in Perſon danken zu koͤnnen. Das Geſpraͤch ſiel jetzt auf Evan.— Es geht das Ge⸗ ruͤcht, ſagte Growell, daß Evan aus dem Ge⸗ faͤngniſſe entflohen ſey; dieſer Menſch iſt ein großer Verbrecher.— Ich will Ihnen, fiel Milborn ihm in die Rede, nicht länger das Ungluͤck und die große Gefahr verſchweigen, in welcher ich mit meiner Gattin, Tochter und dem Capitain Grimsby heute Morgens mich befand. Die Furcht, Sie von neuem zu betruͤben, hinderte mich bisher, Ihnen da⸗ von Nachricht zu geben, allein da Sie fruͤ⸗ her oder ſpaͤter es erfahren mußten, ſo iſt es doch immer einerlei, von wem Sie es erfah⸗ ren. Milborn erzählte hierauf ſeinem Freunde den ganzen Vorfall von heute Morgens. Growell ward von dieſer Nachricht bis ins Innerſte ergriffen.— Gerechter Himmel, rief er, als Milborn geendigt hatte, wirſt Du nicht endlich die Unſchuld und Tugend beſchuͤtzen! Theuerſter Freund, ich bin uͤber dieſe ununterbrochene Reihe von Ungluͤcksfaͤl⸗ len aller Art, denen Sie mit Ihrer Familie ſchon ſeit ſo langer Zeit ausgeſetzt geweſen ſind, auf's tiefſte betruͤbt. Faſſen Sie aber Muth, Growell ſchien in Unruhe zu ſeyn; Afred ))4 —— ich bin uͤberzeugt, daß Ihre Leiden ihr Ende erreicht haben; ja ich glaube ſelbſt, daß Ihre Feinde bald unterliegen werden; wir werden ſie endlich kennen lernen„ dieſe Böſewichter. Mit welchem Vergnügen will ich ſie auf dem Schaffot umkommen ſehen, das ſie von Ihnen beſtiegen zu ſehen hofften. Sagen Sie mir doch, liebſter Freund, wollen Sie ſich immer noch als Gefangener nach Haw⸗ ſield begeben?— Morgen will ich dieſes, ohne weiteren Verzug, thun; das iſt mein unabänderlicher Entſchluß. Ihre Freunde ſollten dieſes in der That nicht zugeben; er⸗ lauben Sie, daß ich 10,000 Guineen als Caution niederlege, ja mein ganzes Vermd⸗ gen ſoll, wenn man es verlangt, zu Gebote ſtehen.— Wir wollen davon nicht mehr ſprechen, ich bitte Sie, lieber Growell; Nichts ſoll mich von dieſem meinem Ent— ſchluſſe abbringen. Der Lärm einer in den Hof fahrenden Kutſche ſetzte jetzt Alle in Verwunderung. Wer konnte wohl kommen? ——3 ging hinaus, um zu ſehen, wer käme, und war nicht wenig erſtaunt, als er Growells Gattin von zwei Bedienten hereintragen ſah; ſie ſchien dem Tode nahe zu ſeyn. Gideon folgte traurig hinter ihr drein; Alfred öffnete ſelbſt die Thuͤre und meldete der Kranken An⸗ kunft.— WMeine Frau kommt? fragte Gro⸗ well und erblaßte. Wie? Was will ſie?„. Er ſank in ſeinen Stuhl ſtumm zuruͤck. Die Lady lief ihrer Freundin entgegen und ließ ſie auf ein Sopha hinlegen. Sie war faſt ohne Bewußtſeyn, und mit Aus⸗ nahme ihres Gatten beeiferte ſich Jedermann, ihr beizuſtehen. Es dauerte lange, bevor ſie ſich etwas wieder erholte; endlich offnete ſie die Augen, und wie ſie ſah, daß die Lady ihr mit einem Geſichte voll Furcht und Unruhe einige Arzneimittel darreichte, ſo ſtieß ſie die⸗ ſelbe ſanft zuruͤck.— Ehrwuͤrdige Frau, be— gann ſie mit ſchwacher Stimme, verſchwen— den Sie nicht laͤnger Ihre zärtliche Sorgfalt an ein Ungeheuer, das ſeit mehrern Jahren n. P N — 226 Schuld an allen Ihren Leiden iſt!— All⸗ maͤchtiger Gott! Was ſagen Sie, verſetzte die Lady, indem ſie dabei einige Schritte zuruͤck⸗ trat; Sie, meine Freundin, ein Ungeheuer? — Ich war niemals Ihre Freundin und habe mich blos als ſolche geſtellt, um Sie deſto leichter meiner Rache aufopfern zu koͤnnen. — Abſcheuliches Weib, ſchrie Growell und ſturzte auf ſeine Gattin los, Du ſollſt keine Sylbe mehr ſprechen! Da der Capitain Grimsby Growelln ſeit ſeinen erſten Ausru⸗ fungen nicht aus dem Auge gelaſſen hatte, ſo ſah er, wie er von ſeinem Stuhle aufſprang, und es gelang ihm noch zur rechten Zeit, Growelln in dem Augenblicke, wo er auf ſein Weib losſpringen wollte, zuruͤckzuhalten und ihm einen Dolch aus der Hand zu reißen. Vergebens bemuͤhte ſich Growell, ſich loszu⸗ machen, der Capitain hielt ihn feſt am Kra⸗ gen.— Um aller der Leiden willen, deren Urheber wir beide ſind, ſprach Miſtreß Gro⸗ well, haltet ſeinen mörderiſchen Arm zuruͤck, verhindert ihn, daß er den Lebensfunken, der S— noch in mir iſt, ausloͤſche, ehe ich mein pein⸗ liches und abſcheuerweckendes Bekenntniß ab— gelegt und mich mit dem Himmel verſohnet habe. Milborn rief Emery und ließ Stricke bringen, mit welchen man Growelln feſt band. Er ſtieß ein furchterliches Gebruͤll aus, ein ſchwaͤrzlicher Schaum trat aus ſeinem Munde, und alle ſeine Geſichtszuͤge befanden ſich in den ſchrecklichſten Convulſionen.— Ja, ſchrie er zum Lord, dieſe Schlange hier und ich, wir haben alle die Schläge geleitet, welche Dich und Deine verhaßte Familie ſeit laͤnger denn vier Jahren betroſſen haben, und es iſt ſchon uͤber vier und zwanzig Jahr, daß ich Dich verabſcheue. Sieh dieſen liebenswuͤrdi⸗ gen jungen Mann, fuͤgte er hinzu, wobei er auf Alfred hinzeigte, Du haſt Deine Zärt⸗ lichkeit und Sorgfalt an ihn verſchwendet, da Du ihn fuͤr Deinen Sohn hielteſt; er iſt der Sohn eines Verbrechers, der ſeiner übel⸗ thaten willen hingerichtet wurde.— O Him⸗ mel! ſprach Alfred und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Huͤnden, entſetzliches Geſchick!— 3 — 2— Und dieſer Evan, auf welchen Schande und Infamie wartet, hat ſein Daſeyn unter dem Herzen Deiner Gattin gefunden.— Die Lady ſtieß einen Schrei aus und ſank in die Arme ihrer zur Seite ſtehenden Tochter Ancelina. — Glauben Sie das nicht, ſchrie die Frau aus dem Rebenkabinet und ſtuͤrzte aus demſel⸗ ben hervor und zu der Lady Fuͤßen nieder; das Ungeheuer weiß recht gut, daß Evan eben ſo wenig ſein Sohn, als der Ihrige iſt; meine ungluͤckliche Schweſter iſt ſeine Mutter, und vom Augenblicke jener unſeligen Vertau⸗ ſchung an begannen meine Verbrechen. Was Sie, Afred, betrifft, ſo haben Sie wohl Urſache, uͤber Ihre Geburt zu ſeufzen, ſie ward ein Ungluͤck fuͤr Sie, denn Ihre Altern ſind dieſe beiden Ungeheuer. Solche boöſe Menſchen verdienten einen ſo tugendhaften Sohn nicht.— Und was iſt denn aus dem Kinde geworden, welches ich Dir anvertraute? fragte die Lady.— Es ſtarb, und eben die⸗ ſer Umſtand gab meiner Schweſter den Ge⸗ danken ein, den Sohn Growells an die Stelle — Deine Greuelthaten Dir in's Gedächtniß zu— des kleinen Waiſen zu ſetzen, von dem er Ih⸗ nen ſo eben erzählt hat, und ihr Kind Gro⸗ welln zu geben, indem ſie dieſen bei dem Glauben ließ, es ſey ſein eigenes.— Alfred, Du biſt mein Sohn, ſprach Miſtreß Growell; ſie erhob ſich bei dieſen Worten, und eine fluͤch⸗ tige Freude belebte ihr todtenaͤhnliches Geſicht ein wenig wieder. Ach! wie hoch wuͤrde ich dieſe Wohlthat des Himmels ſchätzen, wäre ich wuͤrdig, Deine Mutter zu ſeyn. Komm zu mir, die ich es wage, Dich meinen Sohn zu nennen! Alfred ließ ſich auf ſeine Knie vor dem Sopha nieder, auf welchem die Todt⸗ kranke ſeufzte.— Moge der Himmel Ihnen verzeihen, ſprach er und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen.— Ja, bete fuͤr mich, meiſ edler Sohn, die Bitten eines reinen Herzens ſind Gott angenehm. Weib! eben ſo ſchwach, als ſtrafbar, fing Growell wieder an, indem er ſeine Gattin und Alfred mit wildem Blicke anſtierte, der herannahende Tod macht Dich feig; rufe alle * — 20— ruͤck. Warſt Du es nicht, die verlangte, daß diejenige in Deiner Gegenwart entehrt wurde, deren Verzeihung Du heute auf die ſchimpf⸗ lichſte Weiſe anfleheſt? Haſt Du vergeſſen, mit welcher barbariſchen Freude Du die Lei⸗ den des Lords und die Angſt ſeiner Tochter anſchauteſt, als Du mich noͤthigteſt, Dich in weiblicher Kleidung nach Wooded„Priory zu begleiten, wo wir unſere Opfer feſthielten? Haſt Du vergeſſen, wie ſehr Du bedauerteſt, daß Henriettens Ohnmacht Dich des Vergnuͤ⸗ gens beraubte, ſie vor den Augen ihres Va⸗ ters beſchimpft zu ſehen? Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß Du zu allererſt ver⸗ langteſt, daß man den Lord in dem Gehölze Penfalen, ihm ein Auge ausſtechen und ihn durch Verunſtaltung ſeines Geſichtes häß⸗ lich machen ſollte? Wer von uns beiden be— muͤhte ſich am meiſten, in dem Herzen des ſchaͤndlichen Evans die Leidenſchaft anzufachen, mit der er für Henrietten entbrannte, und wer anders als ein raſendes Weib konnte ihm den Rath eingeben, Gewalt zu gebrauchen, E ————— — 231— um ſeine ſchändlichen Begierden zu befriedi⸗ gen?— Du zählſt meine Verbrechen her, verfluchtes Ungeheuer, ſchrie Miſtreß Growell mit Anſtrengung aller ihrer Kraͤfte, aber Du uͤbergehſt die Deinigen mit Stillſchweigen. Wohlan, jetzt iſt die Reihe an mir, Deine Schandthaten herzuzählen. Du warſt es, der den falſchen Wechſel verfertigte, um un⸗ ter dem Anſcheine Deiner Wohlthaten die Freundſchaft derer, welche Du aufopfern wollteſt, zu erſchleichen; Du warſt es, der Evan rieth, den Capitain Grimsby zu ermor⸗ den, um Milborn dieſer That anklagen zu koͤnnen; Du ließeſt, als Du ſaheſt, daß Al⸗ fred entſchloſſen war, den anonymen Brief, welchen die Lady erhalten hatte, nach Ha ſield zu tragen, durch Deine ſchändlicher Helfershelfer eine Stelle des Weges mit einer ſchluͤpfrigen Materie beſtreichen, damit Alfreds Pferd ausgleiten, hinſtuͤrzen und wo möglich ſeinen Reiter beſchädigen ſollte; Du warſt es ferner, der, als Milborns Unſchuld bald an den Tag zu kommen ſchien, dem Kerker⸗ meiſter 10,000 Guineen anbieten ließ, um den Gefangenen wider ſeinen Willen aus dem Gefängniſſe zu entfuͤhren. Du befahlſt, den Gefangenwaͤrter ermorden zu laſſen, damit die Welt glauben ſolle, Milborn habe dieſes neue Verbrechen ebenfalls begangen; Du warſt es ferner, der die Liebe des armen Gideons zu Angelina fürchtete, und, erſtaunt und un⸗ willig uͤber ſeine zu fruͤhe Ruͤckkunft vor der gaͤnzlichen Vertilgung der Milborn'ſchen Fa⸗ milie, ihn unter einem erdichteten Vorwande auf der Straße feſthalten ließ, und Du warſt es, der in der vorigen Nacht volle 6000 Guineen hinwarf, um den neuen Ker⸗ fermeiſter zu beſtechen, damit er Evan und John entwiſchen laſſen ſollte; beide ſuchten heute fruͤh um fuͤf Uhr auf und er⸗ hielten von Dir Befehl, in der in der Heide liegenden Huͤtte auf die Ankunft Deiner Kutſche zu warten und die darin befindlichen vier Perſonen ſämmtlich zu ermorden. Aber das iſt noch nicht Alles, die ſchrecklichſte, und, wie ich hofſe, die letzte Deiner Schandtha— * — — —— ——— ten ſollte in dieſer Nacht,„Ein Blut⸗ ſturz verhinderte die Kranke„ weiter zu ſpre⸗ chen, und als man ihr zur Hülfe eilen wollte, war ſie todt. Der ungluckliche Alfred hatte die entſetz⸗ liche Erzaͤhlung der Verbrechen ſeiner Altern, welche dieſe mit einer beiſpielloſen Wuth ver⸗ uͤbt hatten, nicht laͤnger anhoͤren konnen, ſondern war gegen das Ende der empoͤrenden Rede ſeiner Mutter bewußtlos zu Boden ge⸗ ſunken. Henriette bemerkte dieſes zuerſt, eilte, ihm beizuſtehen, reichte ihm geiſtige Arzneien, und hatte die Freude, ihn wieder zu ſich kommen zu ſehen. Der zaͤrtliche Gideon war eben ſo tief erſchuͤttert, als ſein Bruder, und druͤckte ſeine Verzweifelung in ſchmerzlichen Wehklagen aus. Beide Ungluͤckliche wagten es nicht, die Augen aufzuheben, und die Scham färhte ihre Geſichter, die ſie zu ver⸗ huͤllen ſuchten. Ancelina ſetzte ſich neben Gideon nieder, nahm eine ſeiner Haͤnde und druͤckte ſie ſanft; der junge Mann zerfloß uͤber dieſen ruͤhrenden Beweis des Mitleidens in — 234— Thränen; die übrigen Anweſenden waren in ein ſtummes Erſtaunen verſunken, und ent— ſetzt uͤber das Gehoͤrte, ſchien es, als wenn ſie es weder glauben, noch auch daran zwei⸗ feln koͤnnten. Ploͤtzlich ſtand Milborn auf, ſchritt zur Thuͤre eiligſt hin und ſprach: Laßt uns dieſe ſchreckliche Scene fliehen, mein Herz bricht, ich bin in Gefahr, zu erſticken; Alfred und Gideon zoͤgerten, ihm nachzufolgen, der Lord drehte ſich daher um, nahm beide bei der Hand und ſprach:— Ihr ſeyd mir beide noch viel theurer geworden. Du, Alfred, bleibſt ſtets mein Sohn, und Ihr, Gideon, ſollt es werden, wofern Ihr nichts dagegen habt. Beide ſielen vor Milborns Fuͤßen nie⸗ der.— Meine Söhne, ſprach er, Ihr wer⸗ det in mir nur einen Vater finden, wie es deren ohne Zweifel viele giebt, ich aber ge⸗ winne zwei Soöhne, wie deren wenig zu ſin⸗ den ſind. Er hob ſie ſodann auf und begab ſich mit ihnen, ſeiner Gattin, ſeinen Toch⸗ tern, dem Capitain Grimsby, der Amme —— — 235— und Miß Aurea in ein anſtoßendes Zimmer. Er hatte Befehl gegeben, Growelln, der mit dem Leichname ſeiner Gattin in dem ſo eben verlaſſenen Zimmer zuruͤckgeblieben war, zu bewachen. Ehe er irgend einen Schritt hin⸗ ſichtlich dieſes Verbrechers thun wollte, ſchien es ihm vor allen Dingen nothwendig, den Bericht der Amme anzuhoren, und dieſes ge⸗ ſchah denn ſogleich in Gegenwart der ganzen Familie. — 8 Vier und dreißigſtes Capitel. Ich bin, begann die Amme, in einem klei⸗ nen Dörfchen, nahe bei Peace ⸗„Haus, gebo⸗ ren, welches Schloß Herr Farington, Ihr Vater, WMylady, bewohnte; ungluͤcklicherweiſe lag letzteres nur zwei Meilen von Fodder⸗ Lodge, darinnen liegt der Urſprung alles Un— gluͤckes und meiner unverzeihlichen Verbrechen. Silbert Polesworth ſah Sie, Mylady, und wurde von der heftigſten Leidenſchaft fuͤr Sie ergriffen. Unempfindlich fuͤr ſeine Liebe, wieſen Sie ſeinen Antrag mit unzweideutigen Worten ab, er ſchwor, ſich deshalb zu raͤchen, und hat ſeine Abſicht nur zu gut erreicht. Wie, frug die Lady, dieſer Polesworth aus Fodder-Lodge wäre Growell?— Kein An⸗ derer, ein zwanzigjaͤhriger Aufenthalt in Oſt⸗ indien hat ſein Außeres ſo ſehr veraͤndert, daß er nicht mehr zu erkennen iſt. Vielleicht de⸗ ———.———— — 237— haben Sie, Mylord, eine gewiſſe Juliane Milton ebenfalls nicht vergeſſen, welche Ihre ltern Ihnen als Gemahlin beſtimmten, und die nachher Gilbert Polesworth heirathete?— Ich erinnere mich, antwortete der Lord, dieſe Juliane war Miſtreß Growell.— Ganz rich⸗ tig; die Geringſchätzung, welche Sie gegen ſie blicken ließen, machte ſie zu Ihrer uner⸗ bittlichſten Feindin. Ihre Heirath mit Lucre⸗ tia Farington, welche nach Gilberts Kußerun⸗ gen dieſen auf die empfindlichſte Weiſe belei⸗ digt haben ſollte, ward eine Urſache mehr, den Haß dieſer beiden ſchaͤndlichen Menſchen zu verdoppeln. Man möchte beinahe behaup⸗ ten, beide hatten ſich nur um deswillen geheira⸗ thet, um mit vereinigten Kraͤften Ihndn zu ſchaden. Die Niederkunft der beiden jungen Gat⸗ tinnen erfolgte faſt zu einer und derſelben Zeit. Ich ward von Ihnen, Mylady, zur Amme Ihres Kindes gewaͤhlt, das von einer ſehr zarten Leibesbeſchafſenheit war. Der Knabe, welchen Polesworths Gattin zur Welt — 238— S brachte, ward meiner Schweſter anvertraut, welche bei meinem Vater in einem Hauſe wohnte, das an dasjenige anſtieß, welches mein Mann beſaß. Meine Schweſter Nanny befand ſich faſt taglich in Fodder⸗Lodge, und ſo oft als ſie von dort kam, brachte ſie Geld und Geſchenke mit. Ich ſah, daß mein Mann unzufrieden war, daß ich nicht daſſelbe Gluͤck wie Nanny hatte, und er machte mir ſogar Vorwürfe, als ob ich die Schuld davon trͤge. Von Worten kam es ſogar zu Schlä⸗ gen, und als ich nun ſchrig und weinte, ſo kam meine Schweſter ſ der ich ſofort Disparks Grauſamkeit erzahlte.— Iſt es weiter nichts, ſprach dieſe, ſo troſtet Euch beide, ich will Euch ein Mittel angeben, wie Ihr eben ſo freigebig, wie ich, behandelt wer⸗ den konnt; vor allen Dingen aber, ſetzte ſie hinzu, ſchwöret mir beide, daß Ihr das tiefſte Stillſchweigen uͤber das, was ich Euch an⸗ vertrauen will, beobachten wollt. Wir lei— ſteten ihrem Verlangen Gnuͤge.— So wiſ⸗ fet denn, fuhr ſie fort, daß die Iltern mei⸗ nes Saͤuglings, ihren Kußerungen zuſolge, von Milborns auf das ſchrecklichſte beleidigt worden ſind, ſie wollen ſich deshalb raͤchen, es koſte was es wolle, und ich bin ſo eben von ihnen beauftragt, Euch einen Vorſchlag zu thun. Ihr wißt, daß der große Philipp, der vor wenig Monaten auf der Landſtraße einen Raubmord beging, zur Todesſtrafe ver⸗ urtheilt iſt und wahrſcheinlich naͤchſter Tage in Norwich gehangen werden wird. Er hin⸗ terläßt drei Kinder, von denen das eine mit unſern Säaͤuglingen in einem Alter ſteht. Ich habe bereits mit Philipps Frau geſpro⸗ chen, und ſie iſt es zufrieden, mir ihr juͤng⸗ ſtes Sohnchen fuͤr ſechs Guineen abzulaſſen; Du wirſt dieſes Kind fuͤr Milborns Sohn ausgeben, den kleinen Alfred aber bringen wir in's Hospital. Niemals, rief ich aus, und druͤckte den Kleinen an mein Herz, niemals will ich mich von dieſem Engel trennen, noch weniger meine Bruſt dem Kinde eines Stra⸗ ßenraubers reichen. Lucy, ſprach meine Schweſter, Du ſollſt 100 Guineen dafur er⸗ halten.— Und wren es 1000, ich wuͤrde eine ſo ſchaͤndliche That nicht begehen. Gro⸗ ßer Gott, ich ſollte das Kind dieſes Erzboͤſe⸗ wichts ernähren?— Stoͤßt Du Dich blos daran, verſetzte Nanny, ſo können wir ja die Sache etwas anders veranſtalten und dabei immer noch ſämmtlich gewinnen, aber wir müſſen uns ſehr in Acht nehmen, daß der Betrüg nicht an den Tag kommt. Höre mich an, Ich will Philipps Frau die ſechs Gui⸗ neen geben, ihren Balg dafuͤr nehmen und ihn nebſt dem kleinen Alfred in's Hospital zu Norwich tragen. An des letztern Stelle gebe ich Dir den Sohn Polesworths, den Du Alfred nennſt, ich werde ſagen, mein William ſey geſtorben, werde aber demunge⸗ achtet fortfahren, ihn unter dem Namen Evan aufzuziehen; auf dieſe Weiſe werden wir beide von den Aeltern unſerer Pflegbefohlenen Vor⸗ theil ziehen.— Das iſt nicht uͤbel angelegt, ſagte mein Mann, es ſcheint, Nannh, Ihr verſteht Euch gut auf euern Vortheil, und was erhaltet Ihr ven Polebworth für dieſes ſchone Geſchaͤft?— 1400 Guineen. Wohlan, fuhr Dispark fort, gebt mir 50 davon, und Lucy ſoll Euren Willen thun.— Nein, erwiederte ich weinend, ich will mein Kind behalten, es ſoll mir nicht entriſſen werden.— Meine Hoffnung war jedoch vergeblich, das Schickſal wollte nicht, daß ſie in Erfuͤllung ginge. Meine Schweſter blieb bis 10 Uhr Abends bei uns, und wah⸗ rend ich das Abendeſſen zurichtete, hatte ſie mein Kind zu ſich genommen. Kaum hatten wir uns niedergelegt, ſo fing das Kind an zu ſchreien, ich nahm es in meine Arme, aber es ſtarb nach einer halben Stunde unter ſchrecklichen Verzuckungen. Mein Schmerz war gränzenlos, ich weinte die ganze Nacht. Am andern Morgen brachte meine Schweſter den kleinen Polesworth in ihren Armen ge⸗ tragen; ich erzählte ihr mein Ungluͤck, und waͤhrend ſie mich zu troſten ſuchte, kam mein Vater und wollte etwas mit ihr ſprechen. Sie bat mich, das Kind einſtweilen zu neh⸗ men, indem ſie bald wieder kommen wuͤrde, II. 3 Q — 242— ſie kehrte jedoch erſt am Abend zuruͤck. In dieſer langen Zwiſchenzeit ſchrie der Kleine mehrmals und wollte trinken; ich nahm ihn auf die Arme, worauf er gewöhnlich ſtill wurde und laͤchelte. Es war ein wahrer En⸗ gel an Schönheit, und er legte ſich von ſelbſt an meine Bruſt.— Das iſt alſo Dein Be⸗ gehren, ſprach ich, und kuͤßte das Kind, wohl⸗ an, ich will Dich ſtillen. Meine Schweſter freute ſich uͤber die Maßen, als ſie zuruͤck⸗ kam und ſah, daß ich den Kleinen ſtilte. Wollte Gott, ich hätte damals den Muth gehabt, der Lockung zu widerſtehen. Alfred und Evan wuchſen und gediehen auf's kräftigſte, und von den beiderſeitigen Sltern wurden wir, ich und meine Schwe⸗ ſter, mit Wohlthaten uͤberhäuft. Als nun die Kinder an die Altern zuruͤckgegeben wer⸗ den ſollten, ſo erlangte es meine Schweſter, die ſich von ihrem Kleinen nicht lange tren⸗ nen konnte, von Miſtreß Polesworth, daß ſie in deren Dienſte aufgenommen und ihr al⸗ terer Sohn, Namens Tom, dem kleinen Evan als Diener beigegeben wurde. Mein Schwa⸗ ger ſtarb, und es war in der That fuͤr ſeine Wittwe ein Gluͤck, daß ſie mit ihrem Kinde bei Polesworth verſorgt wurde. Sie, My⸗ lord, waren uͤber Alfreds Zuſtand, als ich denſelben Ihnen uͤbergab, ſo wohl zufrieden, daß Sie ſo gütig waren, mir ein Geſchenk von zehn Guineen zu geben. Waͤhrend Sie ſich auf dem Lande aufhielten, hatte ich oft die Freude, meinen Saͤugling, den ich zaͤrt⸗ lich liebte, zu ſehen. Wie hätte er auch nicht meiner Zaͤrtlichkeit werth ſeyn ſollen, da et von ſeinen erſten Tagen an ſo ſanft, ſo gut und gefuͤhlvoll war. Dieſe Eigenſchaften ha⸗ ben ſich mit den Jahren vervollkommnet und es giebt uͤber das Lob dieſes liebenswuͤrdigen jungen Mannes nur eine Stimme. Durch den Tod Ihres Herrn Vaters und den kurz darauf erfolgten Tod Ihres ältern Bruders gelangten Sie, Mylord, zum Be⸗ ſitze der Titel und Guͤter Ihrer Familie und verließen das Land, um in London zu woh⸗ nen. Dieſe Nachricht war, wie mir Nanny —— — ſagte, ein gewaltiger Strich in die Rechnung der beiden Polesworths; Sie entgingen ihnen dadurch und benahmen ihnen die Mittel, ſich zu rächen. Ihr Haß ließ ſie jedoch nicht lange unentſchloſſen; beide entwarfen den Plan, Ihnen nachzufolgen; das Schickſal war ihnen jedoch nicht guͤnſtig. Milton, den man fur reich gehalten hatte, war in verſchuldeten um⸗ ſtänden geſtorben; ſeine Tochter und Schwie⸗ 2 gerſohn ſahen ſich daher genothigt, Fodder⸗ Logde zu verkaufen„und von dem ganzen ge⸗ hofften ungeheuern V Vermögen verblieben ihnen nicht mehr als 3000 Pfund Sterling. Jetzt durften ſie nicht mehr an ihre Rache denken, allein ſie gaben ſie deshalb keineswegs auf, ſondern verſchoben die Gelegenheit dazu auf guͤnſtigere Zeiten. Miſtreß Polesworth hatte von mütterlicher Seite einen Oheim, der ſich vor ungefähr dreißig Jahren nach Bengalen eingeſchifft hatte. Mehrere Reiſende, welche von dorther gekommen waren, erzählten, daß Herr Growell ſehr reich geworden waͤre; Po⸗ lesworths Gattin hatte ihm geſchrieben, da — — ſie aber keine Antwort erhielt, ſo glaubte fie, er waͤre geſtorben, oder wolle von ſeiner Fa⸗ milie nichts wiſſen. Einige Zeit darauf hatte ſie Gelegenheit, mit einem ſo eben aus Ma⸗ dras angelangten Offizier zu ſprechen; dieſer erwaͤhnte Growelln und ſagte, er ſey einer der reichſten Einwohner in Madras, und habe weder Frau, noch Kinder. Auf dieſe Nachricht beſchloſſen poteeen dieſen Onkel aufzuſuchen, ließen aber, da ſie ihren Plan nicht kund werden laſſen wollten, das Geruͤcht verbreiten, ſie würden ihren Aufenthalt in Wallis nehmen. Ehe Polesworths ſich einſchifften, ſchlug Gilbert meinem Vater und mir vor, ihm nach⸗ zufolgen, und er verſprach uns eine namhafte Summe, wenn ſeine Vermoͤgensumſtände ſich beſſern ſollten. Oft fiel es mir ein, daß er uns blos um deswillen mit zu nehmen wuͤnſchte, da⸗ mit Sie nichts von der Vertauſchung der Kin⸗ der erfahren moͤchten. Beiden gewährte näm⸗ lich der Gedanke, daß diejenigen, welchen ſie ewigen Haß keſhneei hatten, ihre Liebe und 246— Sorgfalt an eines Miſſethäters S5 wofuͤr fie Alfred hielten, verſchwendeten, die größte Freude. Wir nahmen den Vorſchlag an, zu⸗ mal da ich ſeit dem Tode mieines Mannes, der als ein Maurer auf eine lAe Weiſe um's Le⸗ ben gekommen war, mich durch nichts mehr an England gebunden fuͤhlte. Polesworths fanden bei ihrer Ankunft in Oſtindien ihren Onkel in den glaͤnzendſten Um⸗ ſtaͤnden; beide wurden von ihm anerkannt, auf das liebreichſte empfangen, undKrhielten, nach⸗ dem er faſt dreißig Jahre hindurch mit der Pracht eines Fuͤrſten gelebt hatte, nach ſeinem Tode ſein ganzes ungeheures Vermoͤgen, wobei ſie blos die kleine Bedingung, daß ſie und ihre Kinder ſei⸗ nen Namen tragen ſollten, zu erfüllen brauchten. Achtzehn Jahre lang bewohnten wir jenes ſchoͤne Land. Growells Familie beſtand aus zwei Knaben und gleich viel 2 öchtern. So bald es nur moͤglich war, ließ Growell einen Theil ſeines V Sißens nach England ſchafſen, und ſchiffte ſich bald darauf mit den Seinigen und dem übrigen Theile ſeiner Guͤter auf einem an— —————— —— — —————— X — 247— dern Schiffe ebenfalls ein. Ich wußte von mei⸗ nem Vater und meiner Schweſter, welche das ganze Vertrauen ihrer Gebieter beſaßen, daß letztere vor Ungeduld brannten, den unſchuldi⸗ gen Gegenſtand ihres unverſoͤhnlichen Haſſes aufzuſuchen. Kaum hatten wir den Fuß auf's Land geſetzt, ſo nahmen wir zunächſt unſern Weg nach London, wo Grewell ſofort ſich nach Ihnen zu erkundigen ſich bemuͤhte; es ward ihm nicht ſchwer, in Kurzem zu erfahren, daß Sie fortwährend in Milborn⸗Hall wohnten. Eben ſo leicht ward es ihm, ſich in den Beſitz des ſchonen Landgutes Sumptuos⸗-Caſtle zu ſetzenz er brachte ja Tonnen Goldes mit, und mit die⸗ ſem Metalle kann man alles möglich machen. Sobald als ſich Growell von allem, was Sie und die Ihrigen betraf, gehörig unterrichtet hatte, ſo rief er meinen Vater, Schweſter, de⸗ ren Sohn und mich in das Zimmer 4 tin.— Endlich, begann er, iſt del 8 gekommen, wo Ihr Eure Ergebung hen an den Tag legen und eine Belohnung chalten könnt, welche der Wichtigkeit der von Euch zu * erwartenden Dienſie angemeſſen iſt. Schwöret mir alle vier, daß Ihr mir blindlings folgen und alles thun wollet, was ich Euch in Bezug auf die verhaßten Milborns befehle, ich ſchwöre Euch dagegen, daß ich Euch ein Landgut von 20,000 Pfund Sterling an Werth, in der Grafſchaft Wallis gelegen, ſchenken will. Mein Vater, Nanny und mein Neffe machten große Augen, und ich glaube, ſie wuͤrden, um ſich in den Beſitz eines ſo betraͤchtlichen Gutes zu ſetzen, ſelbſt das Unmögliche verſucht haben.— Wir ſchworen Ihnen, ſprachen ſie, alle Ihre Befehle zu voll⸗ ziehen.— Und Du, Luchy, warum willſt denn Du nicht ſchworen, um mir Deine Ergebenheit zu beweiſen?— Ich kann, antwortete ich, kein Verſprechen leiſten, das auf das Verderben mei⸗ nes Säuglings gerichtet iſt.— Ihr wißt doch aber, ſprach Growell, daß er der Sohn eines am Galgen geſtorbenen Verbrechers iſt?— Ich weiß, daß ich ihn mit meiner Milch ernaͤhrt habe und daß ich ihn liebe.— Nun, es ſey, verſetzte Growell, man ſoll Euren lieben Alfred verſchenen.— Ohne Umſtände, Luch, ſing ———— „ „ — 249— mein Vater an, ſchwore, wie wir, daß Du unſeren Gebietern folgen willſt, ſie mögen von uns verlangen, was ſie nur immer wollen.— Mein Gott, welch ſchrecklicher Eid!— Be⸗ denkt nur immer, fuhr Growell fort, daß hier nur von den ſtrafbaren Milborns die Rede iſt, — Sagen Sie mir doch, frug ich, was ſie Ih⸗ nen gethan haben?— Sie haben mir und mei⸗ nem Manne nach dem Leben getrachtet, ant⸗ wortete Miſtreß Growell.— In dieſem Falle verdienen ſie kein Mitleiden. Ich leiſtete hierauf Eid, den mein Vater mit meiner Schwe⸗ ſter und deren Sohn bereits abgelegt hatten. Als ich von meiner Schweſter die wahre Urſache des Haſſes erfuhr, welchen Growells gegen Sie hegten, ſo machte ich mir die bitterſten Vor⸗ würfe, daß ich mich hatte bereden laſſen, dieſen Schwur zu leiſten; ich hielt es meinem Vater vor, wie ſehr man mich betrogen hätte, und daß ich an mein Verſprechen nicht gebunden zu ſeyn glaubte.— Dann, Luch, mußt Du ge⸗ wärtig ſeyn, in die Hände der Gerechtigkeit übergeben zu werden, indem Du wehl weißt, zwiſchen Sumptuos⸗ Caſtle und Milborn⸗ daß die Vertauſchung von Kindern, deren Du Dich ſchuldig gemacht haſt, ein Verbrechen iſt, welches das Geſetz mit dem Tode beſtraft. Ich erblaßte, und es waͤre mir beinahe uͤbel gewor⸗ den. Bin ich denn ſo ſtrafbar? frug ich zitternd meinen Vater.— Du biſt es, Luch, und kannſt auch verſichert ſeyn, daß Growells Dei⸗ ner nicht ſchonz werden. Folge daher uns, laß Dir alles gefallen, und vergiß nicht, daß 20,000 Pfund Sterling wohl einige Opfer auf⸗ wiegen. Ich willigte endlich ein, wiewohl mit ſchwerem Herzen. 6 Wir reiſten alle nach Sumptuos„Caſtle ab, Growell war jedoch zu klug, um uns nicht der Gefahr zu entziehen, von Ihnen und Ihrer Familie erkannt zu werden. Er ſelbſt hatte ſich in ſeinem ußern ſo veraͤndert, daß er keine Ent⸗ deckung befuͤrchtete, und ſeine Gattin hatte in Madras die Pocken gehabt, ſo daß ſie ſich kaum mehr ähnlich ſah. Wir wohnten ſàmmtlich getrennt. Mein Vater hatte mit meiner Schweſter ein kleines, ————— Hall gelegenes Haus inne, ich bewohnte ein aͤhnliches, auf der entgegengeſetzten Seite, je⸗ doch um vieles entfernter liegendes Haͤuschen. Growell befahl uns, unterirdiſche Gemaͤcher daſelbſt einrichten zu laſſen; in dem meinigen befanden ſich dergleichen ſchon, daher ich keine bauen zu laſſen brauchte. Auch entdeckte Growell bei ſeinen verſchiedenen Streifereien Wooded⸗Priory, ein verlaſſenes Gebäude, in welchem er ſeine Opfer einzuſchließen beſchloß. Sie wiſſen ſchon, daß Growell es war, der einen falſchen Wechſel Ihnen vorzeigen ließ; Sie glaubten ihm fuͤr die 6000 Gui⸗ neen, welche er Ihnen vorzuſtrecken verſprach, den größten Dank ſchuldig zu ſeyn; von den 6000 Guineen ging aber nicht ein ein⸗ ziges Stuͤck aus ſeiner Taſche. Mein Vater war durch die Lockung eines großen Vermoͤgens faſt ein ſo großer Boͤſe⸗ wicht, als ſeine Gebieter, geworden, und hatte ſich, zum Nothfalle, der Huͤlfe von drei bis vier Straßenraͤubern verſichert. Als Sie, My⸗ lerd, in dem Walde angefallen und verſtuͤm⸗ —— melt wurden, ſo waren es dieſe Schurken, welche dieſe That vollzogen; uͤbrigens war alles ſo verabredet worden, daß Growell erſt nach Vollziehung der That Ihnen zur Huͤlfe kommen ſollte. Nach der Entfuͤhrung der Lady ward beſchloſſen, Evan die Gelegenheit zu verſchaffen, Henrietten mit Gewalt zu ent⸗ ehren; dieſes liebenswurdige Maͤdchen war, wegen der Ahnlichkeit mit ihrer Mutter, der Gegenſtand eines ganz beſondern Widerwil⸗ lens von Miſtreß Growell geworden. Die Ankunft des braven Alfreds im Gehölze ver⸗ hinderte die Ausfuͤhrung des abſcheulichen Pla⸗ nes. Die maskirte Weibsperſon war Nie⸗ mand anders, als Miſtreß Growell, welche ſich an der Verzweifelung der Mutter und Tochter weiden wollte. Sie, Mylady, wurden von meinem Va⸗ ter und Nanny nach Wooded⸗Priory ge⸗ bracht. Ich will nicht wiederholen, was Sie aus Growells Munde bereits gehört haben, und nur ſoviel bemerken, daß der Elende, welchem durch Myladys Hand volle Gerech⸗ tigkeit widerfuhr, einer der von meinem Va⸗ ter gedungenen Banditen war. 3. Die Ankunft der Compagnie des Capi⸗ tain Grimöby jagte meiner Schweſter ſo viel Furcht ein, daß ſie, da ſie glaubte, man wolle ſie feſtnehmen, mit ihrem Vater ſich eiligſt aus Wooded⸗Priory fluchtete. Die⸗ ſer Streich verurſachte Miſtreß Growell den größten Verdruß. Kaum erfuhr man in Sumptuos⸗Caſtle Ihre Zuruͤckkunft nach Milborn-Hall, ſo begaben ſich Growells ſo⸗ gleich dahin und verdoppelten ihre Falſchheit und Heuchelei, um jeden Verdacht von ſich abzuwenden. 5 Der Aufenthalt Grimsbys zu Brow. und ſeine genaue Freundſchaft mit den Be⸗ wohnern von Milborn-Hall gab Growelln den teuflichen Gedanken ein, ihn ermorden zu laſſen, damit Sie, Mylord, dieſes Ver⸗ brechens halber angeklagt wuͤrden. Man wählte bekanntlich die Nacht jenes Feſtes dazu, und Evan war es, der ſeinen Dolch zweimal in die Bruſt des Capitains ſtieß, — 6— und durch Nachahmung ſeiner Stimme die ſchrecklichen Worte hervorbrachte, welche ſo ſchwer wider den Lord zeugten. Mit erkun⸗ ſtelter Grauſamkeit hatte Growell, damit alle Anzeigen wider Sie ſeyn ſollten, meinem Vater befohlen, waͤhrend daß die That ver⸗ uͤbt wurde, Sie abzurufen und mit Erzaͤh⸗ lung jener Geſchichte aufzuhalten, ſich ſelbſt aber die Haͤnde mit Blut zu beflecken und wo moͤglich die Ihrigen damit anzugreifen. Ich ſeufzte bei dem Bewußtſeyn alles deſ⸗ ſen, was gegen Sie im Anſchlage war, ohne daß ich es wagte, den Abſcheu, welchen die Verbrechen meiner Verwandten und Growells mir einflößten, zu offenbaren. Meine Schwe⸗ ſter hegte eine gränzenloſe Liebe zu Evan und befolgte blindlings die barbariſchen Be⸗ fehle dieſes Ungeheures und ihres Gebieters. Ich wußte, welche ſchändliche Rolle mein Va⸗ ter unter dem Namen Richard Plunkett, an dem Tage, wo uͤber den Lord das urtheil geſprochen werden ſollte, ſpielen wüͤrde. Da ich mich nicht offen zu zeigen wagte, ſo ge⸗ —— 255—— — 20 rieth ich auf den Einfall, meine Handſchrift zu verſtellen und Ihnen, Mylady, einen anonymen Brief zu ſchreiben. Ich wollte Ihnen hierdurch Mißtrauen gegen Ihre taͤg⸗ lichen Freunde einflößen, erfuhr aber, daß Ihre Anhaͤnglichkeit zu Growells Sie ſogar verleitet hatte, meinen Brief ihnen vorzuzei⸗ gen. Gluͤcklicherweiſe hatte man meine Schrift nicht erkannt, der Gedanke aber, daß ihr Geheimniß verrathen war, verurſachte der ſchändlichen Bande die ſchrecklichſte Angſt. Nanny entdeckte mir auch, daß der Capitain an ſeinen Wunden nicht geſtorben ſey, wor⸗ uͤber ich mich insgeheim herzlich freute.— Als Evan ihm die Stiche verſetzt, erzäͤhlte ſie mir, habe er den Verwundeten auf ſeine Schultern geladen und ihn an die kleine Gar⸗ tenpforte getragen, wo mein Vater nebſt ih⸗ rem Sohn gewartet haͤtte, um den Koͤrper fortzuſchaffen und in den Fluß Fvel zu wer⸗ fen. Als ſie an letzterm angekommen waͤren, hätte mein Vater den Capitain, den er fuͤr todt gehalten, ergriſſen, ſich aber ſehr ver— ————— — 256 wundert, als er noch Leben in ihm entdeckt habe. Mein Vater gerieth hierauf auf den Einfall, des Capitains zu ſchonen, um Growelln, im Falle er in Zukunft ſein Verſprechen nicht halten wollte, zu deſſen Erfuͤllung dadurch zu zwin⸗ gen, daß er Grimsbyn an das Tages-Licht brächte. Die unterirdiſche Kammer in ſei⸗ nem Haͤuschen ſchien ihm geeignet, den Ver⸗ wundeten daſelbſt verborgen zu halten; er brachte ihn daher zu ſich, nachdem er meiner Schweſter und Tom die Urſache davon ent⸗ deckt hatte, welche dieſe letztern auch billigten. Grimöby ward verbunden und der Sorgfalt Nannys anvertraut, die Schändlichen hatten ſich aber vorgenommen, ſobald ſie im Beſitz des verſprochenen Gutes ſeyn wuͤrden, ihn zu vergiften, um alle Spuren ihrer Verbrechen gänzlich zu vertilgen. Da Growell ſah, daß der Lord trotz aller ſeiner hölliſchen Kabalen freigeſprochen, mein Vater aber dann als falſcher Zeuge beſtraft werden wuͤrde, ſo ſetzte er ſeine abſcheuliche Erfindungs⸗ kraft in die vollſte Thätigkeit und vollzeg — e e e——— 8 ℳ 11 — 257— dasjenige, was ſeine Gattin ihm vor wenig Augenblicken vorgeworfen hat. Des Lords Verdammung und Strafvoll⸗ ziehung im Bildniſſe waren nebſt der Einzie⸗ hung aller ſeiner Guͤter die nothwendigen Fol⸗ gen des zweiten Mordes. Sie aber wurden mit Henrietten nach Wooded⸗„Priory gebracht; dort war Ihnen das Ende Ihrer Leiden be⸗ ſtimmt, indem Sie, wenn zuvor Miß Hen⸗ riette die Beute meines Neffen wuͤrde ge⸗ worden ſeyn, nebſt Ihrer Tochter getödtet werden ſollten. Miſtreß Growell hatte ſich das Vergnuͤgen vorbehalten, Ihnen den ver⸗ gifteten Becher ſelbſt zu reichen, ſie wollte die barbariſche Genugthuung haben, ſich in dem Augenblicke, wo Sie verſcheiden wuͤrden, Ihnen zu erkennen zu geben. Der Entſchluß Alfreds, ſeinen Vater und Schweſter aufzuſuchen, beunruhigte Growelln. Er erfuhr, daß der Zufall ihn nicht nach Woo⸗ ded⸗Priory fuͤhrte, und um dieſes gänzlich zu verhindern, ſo ließ er ihm nachſpuͤren, ihn er⸗ greifen und in mein Haͤuschen fuͤhren, wo ich II. R ihn kodten ſolte. Welcher ſchreckliche Auftrag! Ich war zur Vollziehung dieſes Befehles nicht fähig. Zum Gluͤcke wußte man nicht, daß es in meinem Hauſe zwei unterirdiſche Kammern gab; ich ließ daher Alfred in die eine gehen, und ſagte den Tag darauf zu John, daß der Sohn des Lords nicht mehr am Leben ſey. Als Gro⸗ wells Gattin, höchſt ärgerlich, daß Henriettens Ohnmacht ihre Entwuͤrfe vereitelt hatte, nach Sumptuos⸗Caſtle zuruͤckgekehrt war, beklagte ſie ſich bei ihrem Mann, daß Tom ſo wenig Ei⸗ fer in Vollziehung ihrer Befehle gezeigt haͤtte. In der That hat mir mein Neſſe geſtanden, er ſey bei dem Anblicke des leidenvollen Zuſtandes der Miß Milborn geruͤhrt worden; Growell, welcher befurchtete, das Mitleiden möchte ſich in die Herzen ſeiner Helfershelfer einſchleichen, ging ſofort zu meinem Vater und bedrohte ihn mit ſeiner ganzen Rache, wenn er, oder eines der Seinigen, gegen Milborns Schonung gebrau⸗ chen wuͤrde.— Glaubt nicht, ſetzte er hinzu, daß Ihr ſchon im Beſitze des verſprochenen Gu⸗ tes ſeyd; dieſes erhaltet Ihr nicht eher, als bis —7 „— der letzte dieſer verhaßten Bande vertilgt iſt. Ich gehe ſogleich nach Wooded⸗Priory und werde Euren Enkel ſeines Ungehorſams willen ſo be⸗ handeln, wie er es verdient. Mein Vater ward uͤber den Ton und die be⸗ leidigenden Ausdruͤcke ſeines Herrn, den er aber, ſeit ihre beiderſeitigen Verbrechen allen Unter⸗ ſchied des Standes zwiſchen ihnen aufgehoben zu haben ſchienen, nicht mehr als ſoichen betrach⸗ tete, empört. Wie, ſprach er zu meiner Schwe⸗ ſter, er wagt es, uns zu drohen, wo er zittern ſollte? Von dieſem Augenblicke beſchloß mein Vater, ſich von ihm zu trennen, und wofern es ohne Gefahr fuͤr ſich und uns geſchehen konnte, die Sache der Growells zu verlaſſen. Wenige Tage darauf ſuchte er Sie, Mylord, auf, und brachte Sie nebſt Ihrer Tochter in ſeine Wohnung, wo meine Schweſter Sie in die unterirdiſche Kammer fuͤhrte. Sie trafen daſelbſt den Capitain Grimsby. Gideons unerwartete Ankunft in Sumptuos⸗ Caſtle war Growells höchſt zuwider, beide furch⸗ teten die ſcharfſichtigen Augen eines Liebenden— R 2 — 260— Man ſchickte daher zu mir, ich ſollte die unterir⸗ diſche Kammer zubereiten, um den jungen Mann ſo lange, als es zum gänzlichen Untergange der Milborn'ſchen Familie noch noͤthig ſeyn wuͤr⸗ de, zu bewachen. John, welcher Gideon be⸗ gleitete, war derſelbe Poſtillon, welcher vor nun⸗ mehr vier Jahren bei Growells Herreiſe nach Sumptuos⸗Caſtle Alfreds Hund ſchlug. Um ſich bei Ihnen einzuſchmeicheln, gab Growell vor„er haͤtte ihn verabſchiedet, allein man ente fernte ihn blos, da er ebenfalls um alle Geheim⸗ niſſe wußte, und ließ ihn in meinem Hauſe woh⸗ nen. Ich empfing Gideon auf's Beſte und ſuchte es ihm zu verhehlen, daß er nur wenige Schritte von ſich einen Leidensgefährten habe. Eines Tages kam meine Schweſter hochſt aufgebracht und erhitzt zu mir gelaufen. Gro⸗ wells, ſprach ſie, treiben ihren Spott mit uns, denn nicht allein bin ich uberzeugt, das ſie uns ihr Verſprechen nicht halten werden, ſondern ſie weigern ſich ſogar, meinem Sohne das Roth⸗ wendigſte zu geben. Der arme Evan iſt eben„ jetzt voller Verzweifelung bei mir geweſen, und ——— — Du wurdeſt ſchaudern, wenn Du den abſcheu⸗ lichen Brief, welchen Growell an ihn geſchrie⸗ ben hat, laͤſeſt, und doch hat er weiter nichts als 2000 Guineen von Growelln verlangt; aber er iſt entſchloſſen, noch dieſe Nacht dieſen nieder⸗ traͤchtigen Geizhals zu zwingen, ihm jene Summe zu geben; weigert er ſich deſſen, ſo ſchießt ihn Evan todt. Nie habe ich ihn in ſol⸗ cher Wuth geſehen; er trug mir auf, John zu holen, und eben deswegen bin ich jetzt herge⸗ kommen. John trat auch in der That in dieſem Augenblicke herein, und beide fuhren in einen Cabriolet fort. Mein Unwille was auf's höchſte geſtiegen, und der Entſchluß eines Sohnes, ſeinen Vater umzubringen, ſchien mir der hoͤchſte Grad der Verworfenheit. Ich hielt es, ſelbſt wenn mein Leben darunter gefährdet wuͤrde, fuͤr Pflicht, ein ſo ungeheures Verbrechen zu entdecken, und war daher im Begriff, nach Sumptuos⸗Caſtle zu gehen, als der Gedanke an meinen armen Alfred mich zuruͤckhielt. Geſetzt, ich ſiele als Opfer meines Eifers, ſo mußte der arme Ge⸗ fangene Hungers ſterben, ſobald er nicht ent⸗ deckt wurde, und war das letztere der Fall, ſo konnte nichts auf der Welt ſeinen Tod abwen⸗ den, In dieſer ſchrecklichen Lage bediente ich mich deſſelben Mittels, das ich ſchon zweimal gebraucht hatte. Ich ſchrieb an Growelln einen anonymen Brief, in welchem ich ihm entdeckte, daß Evan ſein Sohn nicht ſey, und in der nächſtkommenden Nacht ihn mit Gewalt berau⸗ ben und vielleicht gar ermorden werde. Daß Miſtreß Growelt, meiner Warnung ungeachtet, den todtlichen Schuß erhielt, kann ich mir wohl nicht als Schuld beimeſſen. Es kam Growells Abſichten hoͤchſt ungelegen und zuwider, daß einer ſeiner Leute, aus einem ſehr natuͤrlichen Ei⸗ fer, Gerichtsdiener nach Sumptuos-Caſtle holte. Evans Feſtnehmung konnte, wie er wohl einſah, fuͤr ihn von keinen andern als den ſchlimmſten Folgen ſeyn, und er wuͤrde, haͤtte er jene verhindern können, die Haͤlfte ſeines Vermoͤgens gern hingegeben haben. Er hielt ſichhfür verloren bei dem Anblicke der Gerichts⸗ perſonen, und zitterte wegen der Folgen ſeiner lt — 263— Unvorſichtigkeit. Evan erklärte ihm in ſeiner geheimen Unterredung, daß, wenn man ihn zum Tode verurtheilte, er alles entdecken wuͤrde, und John ſchwur, daſſelbe thun zu wollen. Growell, der ſchon den Galgen fuͤr ſich zuberei⸗ tet ſah, antwortete ſeinen Gehuͤlfen, ſie ſollten gegen die Gefängniß-Knechte alle mögliche Mit⸗ tel der Verfuͤhrung anwenden, und er wolle auf der Stelle ſein Verſprechen erfüllen. Alle Drei wußten, daß der Kraft des Goldes nichts wider⸗ ſteht, und beruhigten ſich daher ein wenig⸗ Ihre plotzliche, hochſt unerwartete Ankunft mit Ihrer Tochter und dem Capitain, Mylord, ſtuͤrzte Growelln in einen Abgrund der entſetz⸗ lichſten Angſt. Wie war ks möglich, ſo vielen Anklagen zu entgehen, die Alles aufdecken wuͤr⸗ den? Sein an abſcheulichen Planen erfindungs⸗ reicher Kopf zeigte ihm ein Mittel, das ſeinem ſchändlichen Herzen entſprach. Wäre ihm ſein Plan gelungen, woran er nicht zweifelte, ſo hätte er ſich auf immer der ihm ſo verhaßten Perſonen entledigt, und alle Gefahr waͤre ſodann verſchwunden. Er ließ meinen Vater holen und ſprach zu ihm: Hier ſind 5000 Guineen, lauft nach Hawfield und gebt dieſes Geld dem neuen Kerkermeiſter, damit er Evans und Johns Flucht befordere; ſaget dann dieſen letzteren, daß ſie ſich hierher begeben follen; ſobald ſie frei ſind, ſo warte mit Tom auf ihre Ankunft in der Naͤhe des Schloſſes. Mit wenig Worten theilte er ihm hierauf den Plan mit, wie er Sie, My⸗ lord, nebſt den Ihrigen, während Ihrer Durch⸗ fahrt auf der Heide ermorden laſſen wollte; auch haͤndigte er meinem Vater 1000 Pfund Sterling in Banknoten ein, um ſelbige unter die Seinigen zu vertheilen, und wiederholte ihm nochmlas ſein Verſprechen, binnen weniger denn acht und vierzig Stunden ihn in den Beſitz des bewußten Landgutes zu ſetzen. PVerſehet Euch, ſetzte er hinzu, mit Waffen, beſonders hinlang⸗ lich mit Feuergewehr, da Evan und John keines haben werden. Sobald die That geſchehen iſt, verbergt Ihr Euch alle vier in die unterirdiſche Kammer in der Dispark Hauſe, deort ſeyd Ihr in Sicherheit, und die folgende Nacht komme ich ſedann zu Euch⸗ 65— Mein Vater kehrte zuruͤck, und ritt mit Tom nach Hawſield, wo ſie meine Schweſter antrafen. Sie hatte ſich,ſobald ſie von Evans Arretirung in Kenntniß geſetzt worden war, in ſein Gefaͤngniß begeben und geſtand ihm daſelbſt den Betrug ein, welchen ſie veruͤbt hatte, um ihm ein glänzendes Loos fuͤr die Zukunft zu ver⸗ ſchaffen. Evan war weit entfernt, ihr dafuͤr zu danken, er fluchte ihr vielmehr. Ohne dieſe verdammte Vertauſchung, ſprach er, wäre ich nicht hier; Ihr ſelbſt, ſchaͤndliches Weib, ſeyd der Henker Eures Sohnes. Nanny weinte und gab zu, daß er Recht habe. John verlor indeſſen die Zeit nicht mit un⸗ nuͤtzen Worten. Er verlangte den Kerkermeiſter zu ſprechen und fragte ihn ohne Weiteres, um welchen Preis er ihn und ſeinen Cameraden frei laſſen wollte; der Kerkermeiſter zuckte mit den Achſeln, lachte ſpottiſch und verlangte 3000 Pfund Sterling.— Die ſollt Ihr noch vor Mitternacht haben; ich will nur ein Paar Worte ſchreiben, die Ihr ſodann durch einen ſichern Mann abſchicket, worauf die verlangte Summe — 266— Euch eingehaͤndigt werden wird. Der Kerker⸗ meiſter ſtaunte und ſchien es nicht glauben zu wollen.— Ihr ſcheint mir nicht zu trauen, wie ich ſehe?— So iſt es.— Wohlan! Ihr ſollt nichts dabei verlieren! Evan und ich, wir bleiben Eure Gefangenen, und Ihr braucht die Thuͤre unſers Gefängniſſes nicht eher zu offnen, als bis Ihr das Geld in Händen habt.— Unter dieſer Bedingung bin ich es zu⸗ frieden, verſetzte der Kerkermeiſter. Er brachte hierauf Papier, Dinte und Feder, erklaͤrte je⸗ doch, daß er vor Anbruch der Nacht das Schrei⸗ ben nicht abgehen laſſen wuͤrde. John kehrte zu Evan zuruͤck, und erzählte ihm, daß ſie gerettet wären. In dem Augen⸗ blicke kam ein Kerkerknecht und fuͤhrte meinen Vater herein; er brachte 5000 Guineen, wo⸗ durch Johns Brief an Growelln unnöthig wurde. Der Kerkermeiſter wurde gerufen, und ihm 3000 Stuͤck eingehaͤndigt, worauf er dos Verſprechen gab, daß er gegen Mitternacht ſelbſt kommen und die Gefangenen eine gewiſſe Strecke weit aus dem Kerker führen wolle. —— —— In der Nacht kam meine Schweſter zu mir, um mir im voraus zu ſagen, daß mein Vater, Tom, Evan und John noch vor Mit⸗ ternacht bei mir eintreffen und ſich in der unterirdiſchen Kammer verbergen wuͤrden; ſie erzäͤhlte mir auch Alles, wovon ich Ihnen ſo eben umſtändliche Nachricht gegeben habe. Die Haare ſtanden mir zu Berge, als ich ihr zuhorte, und ich ſchwor auf der Stelle insge⸗ heim, die Ausfüͤhrung eines ſo abſcheulichen Complottes zu verhindern. Nannys Gegen⸗ wart war mir aber im Wege, wenn ich ſo vielen unſchuldigen Schlachtopfern das Leben retten wollte; ich uͤberredete ſie daher, es waͤre gut, daß ſie zu Hauſe ginge, damit, falls man ſich nach unſerm Vater erkundigte, ſie Rede und Antwort geben konnte.— Du kannſt, fuͤgte ich hinzu, in der Nacht zu mir kommen, ohne Gefahr zu befuͤrchten. Sie folgte meinem Rathe, und mit der großten Freude ſah ich ſie fortgehen. Hierauf zeg ich ein Kleid von John an und holte Gideon — und Alfred; dieſe haben Ihnen erzaͤhlt, was ſich von jenem Augenblicke an ereignet hat. Hier endigte die ſchreckliche Erzählung der Amme, und durch ſie erhielten der Lord und ſeine Familie uͤber alles, was ihnen in der. Reihe ihrer Unglucksfälle ſeit länger denn vier Jahren ſo raͤthſelhaft und unglaublich vorgekom⸗ men war, vollige Aufklärung. Growells Ver⸗ brechen floͤßten ihnen ein ſolches Entſetzen ein. daß ſich der Ausdruck deſſelben auf allen Ge⸗ ſichtern malte; Gideon und Alfred fühlten, daß auch das geringſte Geluͤhl einer kindlichen Liebe in ihrem Herzen erſtorben war; denn ſolche Altern zu lieben, das hätte in der That geheißen, an ihren Verbrechen Theil nehmen. Des Abſcheues, welchen Milborn gegen Gro⸗ welln empfand, ungeachtet, wollte er dennoch, blos ſeiner Kinder willen, die er wie die Seini⸗ gen liebte, keine öffentliche Anzeige machen.— Ihre Vorſicht wird vergeblich ſeyn, ſprach der Capitain Grimsby, denn das Ungeheuer, der Evan, und ſein ſchaͤndlicher Genoſſe, John, wer— den ohne Zweifel Growelln angeben. Während — man fich ſo unterredete, wurde eine Anzahl Ge⸗ richtsdiener nebſt einem Sheriff dem Lord ange⸗ meldet. Es warein Uhr Nachts, und da mankeine Ausflucht vor ſich ſah, die Sache zu verhehlen, ſo fuͤhrten die Diener die Gerichtsperſonen in das Zimmer, worin Miſtreß Growell lag. Ihr Mann, der auf das feſteſte gebunden war, ſtieß die gräßlichſten Fluͤche aus, wie er die Eintre⸗ tenden erblickte. Der Sheriff ſagte zum Lord, er ſey gekommen, ihn zu arretiren. Der Lord iſt verurtheilt worden, ſprach laut der Capitain, weil er mich ermordet haben ſollte, ich bin bereit ihn von dieſer ſchändlichen erdichteten Anklage zu befreien.— Das geht mich nichts an, ant⸗ wortete der Sheriff, ich muß meine Pflicht er⸗ fuͤllen, indem ich diejenige Perſon wegfuͤhre, die ich dem Gericht uͤbergeben ſoll.— Dann, ver⸗ ſetzte der Capitain, werden wir uns alle zum Friedens⸗Richter begeben. Dieſer Vorſchlag wurde angenommen. Man gab Befehl, Gro⸗ wells Kutſchen anzuſpannen, als ſich plötzlich ein ſchreckliches Geſchrei hören ließ. Einer der Gerichtsdiener offnete die Thuͤre, um zu un. — jehen, was es gaͤbe, er ſchloß ſie aber ſogleich wieder, indem ein dicker Rauch ihn faſt ohn⸗ mächtig machte. Es iſt Feuer im Hauſe, ſprach er, und die Treppe ſcheint davon bereits ergrif⸗ fen zu ſeyn. Wie ſollen wir uns fluͤchten? Die Lady verlor ihre Beſinnung nicht, öfſnete ein Cabinet und ging eine geheime Treppe hinab; alle Anweſenden folgten ihr und gelangten ohne die geringſte Gefahr in den Hof. Niemand war oben zuruͤckgeblieben, als der Leichnam von Gro⸗ wells Gattin und ihr Mann, der ſeiner Bande halber nicht hatte entfliehen könnenz man hoͤrte ſein Bruͤllen, aber Niemand achtete darauf. Von den Gerichtsdienern waren drei an der Hauptthuͤre zuruͤckgelaſſen worden; dieſe hatten das Feuer zuerſt ausbrechen ſehen und durch ihr Geſchrei auf die drohende Gefahr aufmerkſam ge— macht. Einer von ihnen erblickte eine fliehende Frauensperſon, lief ihr nach und hielt ſie feſt. Als die Amme ſie erblickte, ſchrie ſie: das iſt meine ungluͤckliche Schweſter, Nanny. Sie hielt ein Körbchen am Arme, worin, als man es öff⸗ nete, Brennmaterialien ſich befanden. Ein Theil, ſagte ſie mit Frechheit, hat mir ſchon dazu ge⸗ dient', die eine Seite des Hauſes anzuzuͤnden, und ich wollte mich eben auf die andere Seite begeben, um meine Arbeit zu vollenden, als die⸗ ſer Mann mich feſthielt.— Elende! redete ſie der Sheriff an, wer hat Dir dieſe teufliſche That vollbringen heißen?— Growell und die Be⸗ gierde, mich zu räͤchen. Der erſtere hoffte, alle Einwohner von Pervios-Haus ſollten in den Flammen umkommen, der Verräther dachte aber nicht daran, daß er ebenfalls ein Opfer werden wuͤrde. Ich aber, die ich ihm auf allen ſeinen Schritten und Wegen nachgefolgt bin, empfand ein doppeltes Vergnuͤgen an dem Gedanken, daß der Urheber alles unſers Ungluͤckes, der Mann, welcher aus meiner Familie eine Bande Verbre⸗ cher gemacht hat, mit denen umkommen wuͤrde, deren Vertilgung ſein hochſter Wunſch war. Einer meiner Sohne iſt heute fruͤh von der Hand ſeines Bruders getödtet worden, mein Vater wird bald mit meinem Evan, den ich hoͤher als mein Leben liebe, am Galgen enden, was bleibt mir dann in dieſer Welt uͤbrig? Luch, Du biſt am wenigſten ſtrafbar und kannſt noch auf Gnade hoffen, aber ich nicht, und ſehet, wie ich ende. Mit dieſen Worten ſtieß ſie ſich ein brei⸗ tes Meſſer ins Herz und hauchte auf der Stelle ihren Geiſt aus. B ßch u ſ Lord Milborns Unſchuld ward offentlich an⸗ erkannt, und er erhielt nicht nur den Be⸗ ſitz aller ſeiner Guͤter, ſondern auch, was in den Augen aller rechtſchaffnen Menſchen unendlich mehr werth war, ſeinen guten Namen wieder. Er kehrte mit ſeiner Familie, wozu jetzt auch Growells Kinder gehoͤrten, nach Milborn⸗ Hall zuruͤck, und das ungeheure Vermögen des Rabobs, welches jedoch um ein Drittel ſich ver⸗ ringert hatte, ward unter Alfred, Gideon, Clara und Aurea vertheilt. Alfred und Henriette, welche ſich ſchon ſeit ihrer Kindheit geliebt, sber die Art ihrer Zuneigung aber, als Grſchwiſter, ſelbſt im Irrthume geſtanden hatten, wurden Weib und Mann. Auch Gideon wurde der gluͤck⸗ liche Gatte von derjenigen, welche ihn gleich bei dem erſten Anblicke bezaubert hatte. Der junge 11. S —— —— —% — 274— Modbury erfuhr mit Betruͤbniß die Verbrechen, deren Elaras Altern ſich ſchuldig gemacht hat⸗ ten, ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr Clara ward jedoch hier⸗ durch nicht im geringſten vermindert. Clara kam mit ihrem Kinde und ihrer Freundin Wilſon nach Milborn-Hall, wo ſie von ihren Schwie⸗ gerältern, welche den kleinen Godwin mit Lieb⸗ koſungen uͤberhaͤuften, aufs guͤtigſte empfangen wurde. Clara und Modbury feierten ihre Hoch⸗ zeit zugleich mit den andern beiden Paaren. Evan, ſein Großvater und vier ihrer Spießge⸗ ſellen aus der Umgegend von Sumptuos-Caſtle, welche von ihnen angegeben worden waren, wur⸗ den gehangen. Auch die Amme war arretirt und verurtheilt worden, erhielt jedoch auf des Lords Verwendung Begnadigung, und wurde von ihm auf ihre uͤbrigen Lebenstage nothduͤrftig verſorgt. Miß Wilſon ttennte ſich ebenfalls nicht von ih⸗ rer Freundin, welche mit ihrem Gatten ein Land⸗ gut bezog. Der Capitain Grimsby uͤberwand die Nei⸗ gung, welche ihm Henriette eingeflößt hatte, und verließ nicht eher Milborn„Hall, als bis er alle X — 5 ſeine Freunde glucklich ſah. Ein Jahr darauf verband er ſich mit der Schweſter ſeines Lieute⸗ nants Bradfort, und genoß das Gluͤck, deſſen er wuͤrdig war. Aurea blieb bei Milborns, welche ſie wie ihre eigene Tochter behandelten. Pervios⸗Haus, welches ein Aſchenhaufen ge⸗ worden war, ward auf Koſten der Growellſchen Erben wieder aufgebaut. Die Leichname der bei⸗ den Growells waren ohne Zweifel gaͤnzlich mit vernichtet worden, denn man fand ſie nicht un⸗ ter dem Schutte. Emery und Diana, dieſe treuen Diener, erhielten ſolche Belohnungen, welche den mannichfaltigen Beweiſen ihrer An⸗ hänglichkeit zu ihrer unglucklichen Gebieterin an⸗ gemeſſen waren. 6 3. ** Rachſchrift des Herausgebers. Ob es gleich ſchmerzliche Empſfindungen in einem edeln Herzen erwecken muß, zu ſehen, daß es ſolche Menſchen, wie die beiden Growells waren, wirklich gegeben hat, ſo muß ich den⸗ noch verſichern, daß alles dasjenige, was in dieſer Erzaͤhlung vorkommt, leider nur zu wahr iſt. Als ich vor ungefaͤhr zwolf Jahren mich in Bath befand, ſtellte mir einer meiner Freunde den Sohn Modburys und Clara Growells vor. Dieſer junge Mann weigerte ſich auf Bitten unſers gemeinſchaftlichen Freun⸗ des keineswegs, uns die genauern Umſtaͤnde uͤber das Leben ſeiner Großältern mitzuthei⸗ len. Er gab mir ſogar die Erlaubniß, um welche ich ihn gebeten hatte, die von mir ſo eben erzählten Ereigniſſe in öffentlichen Druck bringen zu laſſen, unter der einzigen Bedin⸗ gung, daß ich die Namen der beiderſeitigen Familien verſchweigen moͤchte, welchem billi⸗ — gen Anverlangen ich gewiſſenhaft nachgekom⸗ men bin; die abſcheulichen Handlungen aber, welche jenes ſchaͤndliche Paar gegen den Lord und ſeiner Familie veruͤbte, haben ſich alle wirklich zugetragen. 3 Gedruckt bei F. E. Sieghart, in Penig. Ingleichem Verlage ſind noch erſchie⸗ nen: Die funfzig Pſalmen. Ein Schottiſcher Roman, frei nach dem Engli⸗ ſchen von Th. Hildebrand. 2 Theile. 8. 1824. 2 Thlr. Den Cardinal⸗. Eine ſpaniſche Inquiſitionsgeſchichte von A. Leib⸗ rock. 2 Theile. Mit Kupfer. 8. 1824. 2 Thlr. Aranzo, der edle Raͤuberhauptmann. Ein Schrecken in Spaniens Thälern und Gebir⸗ gen. Vom Verfaſſer des tauben Sees(A. Leib⸗ rock). 2 Theile. Mit Kupfer. 8. 1824. 3 Thlr. Nickel Liſt*s, des beruͤchtigten Raͤubers, genannt Herr von der Moſel, und ſeiner Bande Leben, unthaten und Ende. Nach den zu Zelle im Jahr 1701 gedruckt erſchienenen Criminal⸗Akten bearbeitet von A. Leibrock. 2 Theile. Mit Kupfer. 8. 1624. 2 Ihlr. Der Thurm von Ruthyna im Lande Wallis. Vom Verfaſſer der Stimme des unſichtbaren ꝛc. 2 Baͤnde. 8. 1824. 2 Thlr. 8 Gr. Mn ſaniel0 oder acht Tage in Neapel. Ein Revolutions⸗ und Volksgemaͤlde des ſiebzehnten Jahrhunderts. Aus dem Franzoͤſiſchen von*r. 2 Baͤndchen. 8. 1824. 2 Thlr. 6 Gr. Ferdinand von Waldau. Von C. Hildebrandt. 3 Thle. 8. 2 Thlr. 21 Gr. de deR berhauptmann. Von A. Leibrock. 2 Thle. M. Kupfr. 8. 2 Thlr. 6 Gr. . Der Adjunkt de Pfarrers zu Friedau. „ Von G. Joͤrdens. 8. 21 Gr. Phantaſie⸗Stuͤcke und Schwäͤnke. Von Adolph von Schaden. 8. 1 Thlr. 3 Gr. Eliſabeth von Frankreich und Jwan. 3wei Erzaͤhlungen. Von E. Wodomerius. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Hie Schau err burg, oder Abendtheuer Wunibalds v. Altenrothenburg. Rittergeſchichte vom Verfaſſer des Veit von Hel⸗ menrodt.(J. Falckh). 3 Thle. 8. 2 Thlr. 12 Gr. ₰ 5 3 * 4. 3 5 N* ₰ — 15 . * —