von den es thut uf mein t wieder ken!“ ad ant⸗ re Güte. de Hoff⸗ tige Ge⸗ betrifft, n Leben nit Got⸗ bbt habe. ann dem den Saal hhalb des em Frei⸗ dſſen mit r Menge ſich, von nach ſei⸗ Hendrik Conſcience. Jakob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman aus dem Vlämiſchen unter Mitwirkung des Verfaſſers von O. g. Z. Wolff. Dritter Band. —ooe— Leipzig Verlag von Carl B. Torck. 1849. Am S Brüſſel große Be ten Gilde etwas Ar rande, di Theil des von fürſt! deln ſehen nach dem hier und! abgewarte man von zwiſchen l neugierige das Reiſe kaum Ant „Nun heute im Orte komn Fakob von VII. Am Sanct Martinstage des Jahres 1339 war zu Brüſſel auf dem Coudenberge vor der Altenburg eine große Bewegung von Rittern, Bürgern und bewaffne⸗ ten Gildebrüdern, welche auf- und abgingen, als ob ſie etwas Außergewöhnliches vorhätten. Selbſt in der Wa⸗ rande, die ſich hinter dem Hertogenhofe und über einen Theil des Borgendal hinzog, konnte man viele Fremde, von fürſtlichen Dienern geleitet, haufenweiſe umherwan⸗ deln ſehen. Entfernte man ſich von der Altenburg, um nach dem Canterſteen hinabzugehen, ſo bemerkte man hier und da vor den zahlreichen Herbergen Pferde, welche abgewartet wurden, oder Wagen und Sänften, welche man von dem Schmutze, der daran klebte, reinigte. Da⸗ zwiſchen liefen Knechte und Mägde umher, welche den neugierigen Nachbarn, die gaffend umherſtanden und das Reiſegeräthe anſtarrten, auf ihre vielen Fragen kaum Antwort gaben. Von allen Seiten hörte man: „Nun, Goeleken Lieb, wie heißt der Ritter, der heute im rothen Drachen übernachtet? Aus welchem Orte kommt der alte Klerikus her, deſſen Roßſänfte dies Fakob von Artevelde. III. 1 2 Jakob von Artevelde. i*ſt? Spricht er Niederländiſch? Iſt er ein Wallone?— Wie viele Gäſte beherbergt Ihr heute, Goeleken?“ „Vierzehn, die Diener abgerechnet.“ „Ich würde ſchon einen florentiniſchen Gulden für Eurer Trinkgeld geben, Wouter, wenn ich einen hätte. Sind auch viele Ritter und gute Leute im Kaiſer ein⸗ geritten? und im Schild von Ungarn?— Wouter, Junge, habt Ihr den König von England ſchon geſehen? Nein! Nun, dann lauft raſch die Cantſchiede hinauf. Die Herzoglichen fiſchen im Clutinc. Der König ſteht dabei und ſieht zu. Die Warande und der Herrenwein⸗ berg ſind voll Fremde.“ Wouter, der Stallknecht aus dem rothen Drachen, ſetzte ſeinen Waſſereimer nieder, und ſich den fragenden Nachbarn nähernd, ſagte er hochmüthig: „Die Leute aus dem rothen Drachen brauchen dem Könige von England nicht nachzulaufen, um etwas Ra⸗ res zu ſehen. Verſteht Ihr mich, Jan Meſſerſchmied? Wir erwarten hier einen Mann, der weder vor Herzo⸗ gen noch vor Königen zu weichen braucht, obgleich er weder Edelmann noch Ritter iſt.“ Die Nachbarn ſteckten raſch die Köpfe zuſammen und⸗ fragten mit geſteigerter Neugier: „Wie? Iſt es doch wahr? Wer ſollte das ſein? Wer iſt es denn?“ „Wer es iſt?“ ſagte Wouter;„wer? Jakob von Artevelde iſt es!“ „Artevelde?“ rief man verwundert,„Artevelde? Der Capitain von Gent?“ 1, hinzu. 62 Stallkr „8 „Ihr d die Füf er etwa⸗ niederſte noch we „I „N er ſchon zu Gent ſie bei beiliefen denn we ſcheinlich „E Fuhrma „E Ich weiß ſeinen D Munde „UI mann. Dechante für die eine gang llone?— n?“ zulden für nen hätte. riſer ein⸗ — Wouter, n geſehen? de hinauf. König ſteht errenwein⸗ n Drachen, mfragenden nuchen dem etwas Ra⸗ ſſerſchmied? vor Herzo⸗ obgleich er ammen und das ſein? Jakob von „Artevelde? Jakob von Artevelde. 3 „Der blutdürſtige Tyrann?“ ſetzte der Meſſerſchmied hinzu. „Was ſchwatzt Ihr da von Tyrannen?“ fragte der Stallknecht. „Ja!“ antwortete Jan der Meſſerſchmied hierauf; „Ihr könnt Euch nur hüten, daß Ihr Pm nicht unter die Füße kommt, Wouter, und daß Ihr fliegt, wenn er etwas befiehlt; denn er würde Euch mit ſeinem Dolche niederſtoßen, als ob Ihr ein Hund wäret, weder mehr noch weniger.“ „Iſt er ein ſolcher Mann?“ ſeufzte Wouter erſchreckt. „Na! Ihr müßt nur einmal erzählen hoͤren, was er ſchon für unſchuldige Menſchen, Ritter und Bürger, zu Gent und in Flandern, hat umbringen laſſen, weil ſie bei ſeinem erſten Wink nicht zu ſeinem Dienſte her⸗ beiliefen. Ja! Ja! Wouter, betrachtet ihn lieber nicht; denn wenn er es übel nähme, ſo würdet Ihr es wahr⸗ ſcheinlich Niemanden mehr klagen können.“ „Er will Euch bange machen, Wouter!“ ſagte ein Fuhrmann;„das iſt Alles erlogen, was er da erzählt.“ „Erlogen?“ rief der Meſſerſchmied.„Erlogen? Ich weiß es von Jan Meliſoen, dem Knappen, der mir ſeinen Dolch zu ſchleifen brachte, und der hat es aus dem Munde eines franzöſiſchen Ritters gehört.“ „Und dennoch ſind es Lügen,“ antwortete der Fuhr⸗ mann.„Bin ich nicht vor vierzehn Tagen mit dem Dechanten Arnoud Boc nach Gent gefahren, um Tuch für die Stadtdienerſchaft zu holen? und blieb ich nicht eine ganze Woche in Gent? Nun, dort weiß man nichts 1*† Jakob von Artevelde. von Allem, was Ihr geſagt habt, und dort hätte es doch geſchehen ſein müſſen!“ „Das iſt doch wunderbar,“ fiel ihm der Stallknecht in die Rede.„Seit geſtern ſind hier zwei Genter Bür⸗ ger, die mit den Anderen zu Hofe gehen ſollen, und was die ſo ganz ſtill im Winkel ſich einander von Capitain Artevelde erzählen und ſchwatzen, das iſt auch nicht freundlich. Ich ſtand zwiſchen meinen Pferden und hörte es. Wenn es wahr iſt, was dieſe Bürger ſagen, ſo muß der Artevelde ein Erzſchelm ſein.“ „Solche Läſtermäuler und Neider giebt es auch in Gent,“ bemerkte der Fuhrmann;„aber ſie werden ſich wohl hüten, Mher Artevelde offen anzugreifen; man würde ihnen auf der Stelle den Hals brechen.“ „Mag es ſein, wie es wolle!“ ſagte der Stall⸗ knecht;„wenn er mich nicht zwiſchen meinen Pferden herausholt..... 4 In dieſem Augenblicke erſchien die Wirthin auf der Schwelle des rothen Drachens und rief mit ſcharfer und zorniger Stimme: „Wouter! Wouter! Was ſteht Ihr da wieder und ſchwatzt mit den Nachbarn, während wir bis an den Hals in Arbeit ſtecken! Will der Faulpelz gleich einmal fortfahren, die Roßſänfte zu reinigen?“ Der Stallknecht ließ die Nachbarn ſtehen und kehrte beſchämt zu ſeiner Arbeit zurück. „Goedele!“ rief die Wirthin der Magd zu,„geh' nach der Küche und hilf Godelieve die Hühner rupfen und das Kraut ſchneiden; aber ſpute Dich, Kind!“ Da berg zu „ S den Gäͤ „S Tiſch, C werden Wä Befehl empfing ten und beſtehend bereits a den Tiſch dort an gewöhnli Herren!“ doch, als zu den G „Mit dieſen W Fremde n zu können getrunken Die C ihnen ſagt „Das heute Mor ich bin ne hätte es ballknecht tter Bür⸗ und was Capitain nuch nicht und hörte n, ſo muß s auch in erden ſich fen; man 7 er Stall⸗ 1 Pferden in auf der tt ſcharfer bieder und s an den ich einmal und kehrte zu,„geh' der rupfen dind!“ Jakob von Artevelde. 5 Das Maäͤdchen wies mit dem Finger nach Couden⸗ berg zu und ſagte: „Seht, Ver Walgaerde! dort kommen unſere bei⸗ den Gäſte die Cantſchiede herunter.“ „So gehe raſch in die Speiſekammer und decke den Tiſch, Goedele!“ ſprach die Wirthin.„Unſere Gäſte werden frühſtücken wollen. Spute Dich!“ Während die Magd hineingegangen war, um den Befehl auszuführen, erwartete die Wirthin ihre Gäſte, empfing ſie mit lachendem Geſicht und freundlichen Wor⸗ ten und führte ſie in ein Nebengemach, wo der Imbiß, beſtehend aus kaltem Fleiſch, Eiern, Wein und Bier, bereits aufgetragen war. Nachdem ſie einen Blick auf den Tiſch geworfen hatte, um ſich zu verſichern, daß es dort an nichts fehle, ging ſte nach der Thür, mit dem gewöhnlichen Wunſche:„Wohl bekomme es Euch, meine Herren!“ und wollte das Gemach verlaſſen; plötzlich je⸗ doch, als ob ihr etwas einfalle, wandte ſie ſich wieder zu den Gäſten und ſagte, auf einen Steinkrug zeigend: „Mit Eurer Erlaubniß, meine Herren! Ich empfehle dieſen Wein Eurer beſonderen Aufmerkſamkeit. Als Fremde wird es Euch vielleicht angenehm ſein, ſagen zu können, daß Ihr Wein aus des Herzogs Weinberge getrunken habt.“ Die Gäſte wunderten ſich darüber, und Einer von ihnen ſagte: „Das ſoll alſo Wein ſein von den Reben, die wir heute Morgen in der Warande ſahen? In der That, ich bin neugierig, zu wiſſen, wie der Brüſſeler Wein 6 Jakob von Artevelde. ſchmecken mag. Wir danken Euch herzlich, Wirthin! Aber wie kommt Ihr zu dieſem Tranke?“ „Ach!“ antwortete die Wirthin,„mein Mann hat vor vier Jahren einen hübſchen Theil Pfennige vorge⸗ ſchoſſen, um des Herzogs Schulden bezahlen zu helfen, und man hat ihm dafür von dieſem Weine auf Abſchlag gegeben. Er iſt gut, meine Herren! Wenn man es nicht ſchmeckte, würde man es nicht glauben, daß ſich hinter Coudenberg auf Borgendal ſo edler Wein bauen läßt.“ Bei dieſen Worten verneigte ſie ſich und ging aus dem Gemach. Sobald die beiden Gäſte allein waren, begannen ſie ſtillſchweigend zu frühſtücken. Es war ſichtlich, daß ernſte oder trübe Gedanken ſie zerſtreut machten; denn es ver⸗ floß eine geraume Zeit, ehe Einer von beiden Folgendes zu ſeinem Gefährten ſagte: „Alſo glaubt Ihr, Mher Denys! daß ihm auch die⸗ ſes Unternehmen wieder glücken werde?“ „Ich zweifele durchaus nicht daran, Ser van Stein⸗ beeke!“ antwortete der Andere. „Und die Geſandten von Brugge und Ypern? Hat er ſie auch ſchon verführt, daß ſie nicht ſehen wollen, wo er hinaus ſoll mit dieſer teufliſchen Neuigkeit?“ „Man möchte verzweifeln, Ser van Steenbeeke! Sie find rein verblendet über den herrſchſüchtigen Artevelde. Er hat ihnen ſchon wieder mit ſeinem loſen Geſchwätz den Kopf ſo angefüllt, daß ſie auf nichts hören und bös werden, wenn man ihnen das Rechte zeigen will. Sie ſcheinen ſelbſt mit Gleichgültigkeit, ich könnte faſt ſagen, ——Q—ꝭ—ꝭ—O—˖—˖—Q—C—Q—C—Q—Q—Q—Q—Q—QQ—ꝑ—C—COLOLÿ— 2 — mit V Gent ſeitden habe chen L. unſern Ser ve Zweck dern!“ 7/ Der L Ich we zu der Wund hätte zu den daß wi gewan Argliſt Sollten ſein?“ Be Wuth währen 7„* nicht, Arbeit mein Euch! * Wirthin! Mann hat ge vorge⸗ zu helfen, [Abſchlag an es nicht ſich hinter uen läßt.“ ging aus gannen ſie daß ernſte un es ver⸗ Folgendes n auch die⸗ van Steen⸗ pern? Hat een wollen, igkeit?“ nbeeke! Sie Artevelde. Geſchwätz en und bös will. Sie faſt ſagen, Jakob von Artevelde. mit Verachtung meine Worte anzuhören, als ob es in Gent keinen einzigen Mann von Anſehen mehr gäbe, ſeitdem dieſer Volksbetrüger aufgeſtanden iſt!— Ich habe alſo nicht viel ſagen können; es iſt gefährlich, ſol⸗ chen Leuten mit Gewalt die Augen zu öffnen; das könnte unſern Plan für immer misglücken machen. Aber Ihr, Ser van Steenbeeke! Ihr habt wahrſcheinlich beſſer Euern Zweck erreicht bei den Rittern von Brabant und Flan⸗ dern!“ „Ach! dort war nichts zu machen, Mher Denys! Der Oberhauptmann hat ſein Spiel zu gut angelegt. Ich weiß nicht, wie er es anfängt; aber alle Ritter, die zu der Tagfahrt gekommen ſind, rühmen ihn als ein Wunder von Weisheit. Ich begreife es nicht; es iſt, als hätte er Jeden bezaubert. Wißt Ihr, was ich anfange zu denken, Mher Denys?— Ich fange an zu denken, daß wir in der That zu Wenige, zu ſchwach und zu un⸗ gewandt ſind, um gegen einen Mann zu kämpfen, deſſen Argliſt und wachſame Thätigkeit uns vernichten wird. Sollten wir nicht in der That zu klein und er zu groß ſein?“ Bei dieſen Worten flammte Denys' Antlitz vor Wuth auf, und er knirſchte ſichtlich mit den Zähnen, während um ſeinen Mund der Haß krampfhaft zuckte. „Ha!“ rief er,„ſeid Ihr aus ſolchem Stoff? Ich nicht, Ser van Steenbeeke! Mögt Ihr vor der ſchweren Arbeit zurückweichen; was mich betrifft, ſo werde ich mein Ziel verfolgen und es erreichen, das ſchwöre ich Euch! Er zu groß für mich ſein? Habt Ihr noch nie ——— Jakob von Artevelde. geſehen, daß das ſchwache Geisblatt endlich doch die junge Eiche erſtickt, an die es ſich mit unüberwindlicher Geduld hängt?“ „Ich bewundere Euren Muth, Mher Denys! Aber trotz dem werden wir ihn heute doch nicht hindern, ein Bündniß gegen Frankreich zwiſchen Flandern und Bra⸗ bant zu ſchließen. Was ſollen wir dann hier thun?“ „Mag er das Bündniß ſchließen!“ rief Denys; „darum wird er doch meiner Rache nicht entgehen; ich kann warten, lange warten, bei der Gewißheit, daß ich ihn doch einmal treffen werde.“ „Und unſer unglücklicher Graf, Mher Denys, wird alſo die Demüthigung erleiden müſſen, wider ſeinen Willen ein Bündniß ſchließen zu ſehen zwiſchen ſeinen Unterthanen und Fürſten, welche feindlich geſinnt ſind gegen unſern natürlichen Oberherrn und Koͤnig von Frankreich.“ „Was? Oberherrn? Der König von Frankreich unſer Oberherr?“ rief Denys.„Wo nehmt Ihr ſolche Gedanken her? und was kümmert mich Euer gnädiger Graf und ſein ganzes Geſpann von Höflingen und Schmeichlern?— Was ich will? Ich will allein den Tyrannen, den herrſchſüchtigen Prahler Artevelde ſtür⸗ zen und vernichten, um unſere Stadt Gent und das Vaterland aus der Erniedrigung zu retten. Aber um Gottes willen, redet mir weder von dem Grafen noch von dem Könige, die nicht den Muth, nicht die Macht beſitzen, einen ehrloſen Emporkömmling aus dem Wege zu ſchaffen.“ C 71 ( 77* fühl g „ mich n verbind ſeres g Verdri ziehung Un hin und beeke? ſich ſo f tzers be⸗ Grafen hegt, n ,E brechen. „G wollt A ſchaft de licher W verſchaff einigen. Grunde Beweggr gültig ſe ſtand un doch die windlicher ss! Aber dern, ein und Bra⸗ hun?“ Denys; ehen; ich „daß ich ys, wird er ſeinen en ſeinen innt ſind bnig von rankreich ihr ſolche gnädiger gen und llein den lde ſtür⸗ und das Aber um ffen noch ie Macht m Wege Jakob von Artevelde. 9 „Die Worte giebt Euch der Zorn ein, Mher Denys!“ „Der Zorn? Nein, die kalte Vernunft und das Ge⸗ fühl gekränkten Rechtes.“ „Wäre ich deſſen gewiß, Oberdechant, ſo würde ich mich nicht länger mit Euch gegen den Oberhauptmann verbinden. Wüßte ich, daß Ihr ein ſo heißer Feind un⸗ ſeres gnädigen Grafen ſeid, als Ihr es jetzt in Eurem Verdruſſe zeigen zu wollen ſcheint, ſo bräche ich alle Be⸗ ziehung zwiſchen uns ab.“ Ungeduldig rückte der Oberdechant auf ſeinem Stuhle hin und her und ſagte mit verbiſſener Wuth: „Heißer Feind! Wer ſpricht davon, Ser van Steen⸗ beeke? Ich ſage Euch, daß es mich ſchmerzt, unſern Graf ſich ſo feige unter der Gewalt eines ehrſüchtigen Schwä⸗ tzers beugen zu ſehen, und wäre ich auch ein Feind des Grafen, während Ihr eine unbegränzte Liebe für ihn hegt, wie ſollte das unſer Zuſammenwirken hindern?“ „Es würde daſſelbe unmöglich machen und ab⸗ brechen.“ „Ganz und gar nicht! Was iſt Euer Zweck? Ihr wollt Artevelde's Einfluß vernichten, um die Oberherr- ſchaft des Grafen wieder hergeſtellt zu ſehen, wollt mög⸗ licher Weiſe der Ritterſchaft den Sieg über das Volk verſchaffen, oder uns mit Frankreich gegen England ver⸗ einigen. Es iſt mir ganz gleichgültig, aus welchem Grunde Ihr gegen Artevelde kämpft, und ſo müſſen die Beweggründe meines Haſſes gegen ihn Euch auch gleich⸗ gültig ſein. Laßt uns für's Erſte unſeren ganzen Ver⸗ ſtand und unſere ganze Kraft gemeinſchaftlich verwenden, .— ————— Jakob von Artevelde. um unſern beiderſeitigen Feind zu vernichten. Nachher„ wollen wir uns um die Beute ſtreiten, wenn es Euch davon gefällt; und misfällt Euch dieſe Erklärung, ſo ſagt es. Ihr n Ich werde ſchon allein die Mittel finden, auszuführen, 1 zem ſe was ich mir vorgenommen habe.“„ „Schon gut!“ antwortete Ser van Steenbeeke mis⸗„ 3 vergnügt.„Reden wir nicht länger darüber. Ich werde von F ebenfalls thun, was mir beliebt, und für meine Ueber⸗ Biſcht 3 zeugung wirken, aber nicht mehr gemeinſchaftlich mit land Euch, Oberdechant.“ Oberl Denys hatte ſich durch ſeinen unbezwinglichen Haß dem e fortreißen laſſen, und ſah wohl ein, daß er Gefahr lief, machte einen bedeutenden Bundesgenoſſen zu verlieren. Er än⸗ in Fre derte daher plötzlich ſeinen Ton und ſagte: wande 14„Aber, Freund van Steenbeeke, Ihr ſucht mehr in Zeit, meinen Worten, als darin ſteckt; der Aerger über das dern Misglücken unſeres Verſuches ließ mich auch Dinge ſa⸗ Meſſe 38 gen, die ich eigentlich nicht ſo denke. Verzeiht mir die ſchon kleine Aufwallung; wir müſſen gemeinſchaftlich wirken, dem 1 bis wir unſer Ziel erreicht haben. Ihr ſeid Ritter, ich darau 1 bin Bürger; aber haben wir nicht dieſelben Urſachen, machen alle unſere Kräfte daran zu ſetzen, um den Tyrannen zu gen, ſtürzen? Liegt die Bürgerſchaft, liegt das Volk nicht glücks unter ihm eben ſo erniedrigt da, wie die Ritterſchaft? zu leit Müſſen wir nicht Alle ſeinen Befehlen nachgeben und müde uns vor ihm beugen? Sind nicht Graf und Untertha⸗ er fall nen, Beide, ſeine demüthigen Diener?“ ring! „Ach! das iſt leider nur zu wahr,“ ſeufzte van den S Steenbeeke. erſtickt Nachher es Euch ſagt es. zuführen, eeke mis⸗ Ich werde ne Ueber⸗ ftlich mit chen Haß ffahr lief, Er än⸗ mehr in über das Dinge ſa⸗ t mir die h wirken, titter, ich Urſachen, rannen zu Jolk nicht tterſchaft? eben und Untertha⸗ ufzte van 11 Jakob von Artevelde. „Nun denn! Wer abwartet, der trägt den Sieg davon. Seine Angelegenheiten ſtehen nicht ſo gut, wie Ihr wähnt, und wir werden vielleicht ſchon binnen Kur⸗ zem ſeinen Fall ſehen.“ „Hofft Ihr das in der That?“ „Ob ich es hoffe? Ihr wißt doch, daß der König von Frankreich erklärt hat, er werde Flandern durch die Biſchöfe in den Bann thun laſſen, wenn es ſich mit Eng⸗ land gegen ihn verbündete. Das vorige Mal hat der Oberhauptmann den Blitz der Kirche abgewendet, in⸗ dem er allerlei Entſchuldigungen bei dem Papſte geltend machte. Diesmal wird es ihm nicht gelingen; man weiß in Frankreich gewiß, daß der Bann unter keinem Vor⸗ wande aufgehoben werden wird; dann kommt unſere Zeit, Freund van Steenbeeke. Wenn Niemand in Flan⸗ dern mehr in die Kirche gehen darf, Niemand mehr Meſſe leſen und Beichte hören wird, dann werden wir ſchon zu verſtehen geben, daß Artevelde die Schuld an dem Untergange ſo vieler Chriſtenſeelen hat; und folgt darauf Krieg, ſo werden wir dem Volke ſchon deutlich machen, wer die eigentliche Urſache der Brandſchatzun⸗ gen, Plünderungen und anderer unvermeidlicher Un⸗ glücksfälle ſei. Leidende und Unzufriedene ſchenken nur zu leicht Gehör; das Volk wird des Oberhauptmanns müde werden; je höher er geſtiegen iſt, deſto tiefer wird er fallen, und wir werden uns überzeugen, daß, ſo ge⸗ ring wir auch ſind, wir den Tyrannen endlich doch in den Sumpf der öffentlichen Verachtung geſtürzt und dort erſtickt haben.“ Jakob von Artevelde. „So weit werden wir nie kommen, Freund Denys.“ „Fürchtet Ihr das?“ „Ach! ich wage es nicht, ſolchen Sieg zu hoffen, wenn ich überlege, wie lange wir ſchon thätig ſind, ohne daß wir ſeinen mächtigen Lauf haben hemmen oder nur in Etwas hindern koͤnnen.“ „Ihr wollt, die Frucht ſoll reifen, ehe der Sommer da iſt.“ „Nein, aber ich gebe den Muth auf, weil ich die Frucht noch nicht einmal angeſetzt ſehe.“ „O, Ihr täuſcht Euch, Ser van Steenbeeke; die Frucht hat nicht allein ſchon angeſetzt, ſondern ſie iſt be⸗ reits auch ziemlich groß und kann bei der erſten günſti⸗ gen Gelegenheit zur Reife kommen. Hört Ihr denn nicht in Gent und anderswo unter den Rittern wie un⸗ ter dem Volke Stimmen gegen Artevelde ſich erheben und ihn anklagen und die Rache gegen ihn aufrufen?“ „Ja wohl! Doch was vermögen die wenigen Stim⸗ men gegen die große Menge, welche Artevelde in den⸗ Himmel heben würde, wenn ſie ſo hoch reichen könnte?“ „Es iſt ein Anfang, nur ein Anfang, Ser van Steenbeeke! Laßt mich nur gewähren; ich werde ihm ſchon Hinderniſſe in den Weg werfen, eine Grube nach der andern zu ſeinen Füßen graben, und ihm ſo viele Feindſeligkeit zuſammenbrauen, daß er den Verſtand darüber verlieren ſoll. Wenn Ihr mir dabei helfen wollt, ſo würde das deſto beſſer ſein.“ „Und worin ſollte dieſe Hülfe beſtehen? Ich begreife Euch nicht.“ her, laſſen. ſen und 2,3 Der nun die ten entn Wirthin „M miſchen und mel Wagen werden Drachen Als machte d Der „Id die Hand ſelbſtzufri / So murrte ſe 1/ Wo Geſicht ſe traut und Ihr hand an; aber Denys.“ u hoffen, nd, ohne oder nur Sommer lich die eke; die e iſt be⸗ günſti⸗ r denn vie un⸗ erheben ufen?“ Stim⸗ in den nnte?“ er van e ihm ee nach viele rſtand helfen greife Jakob von Artevelde. 13 „Ich will es Euch erklären; aber ich ſage Euch vor⸗ her, Eure ritterlichen Gedanken müßt Ihr bei Seite laſſen. Vergeßt nicht, daß wir unſer Ziel erreichen müſ⸗ ſen und daß es auf die Mittel nicht ankommt.“ „Ich höre,“ ſagte van Steenbeeke. Denys beugte den Kopf über den Tiſch und wollte nun die ganze Falſchheit ſeines Herzens ſeinem Gefähr⸗ ten entwickeln; allein er hatte keine Zeit dazu, indem die Wirthin in das Zimmer trat und zu ihren Gäſten ſagte: „Meine Herren! unſer Knecht, den ich nach dem vlä⸗ miſchen Thore geſandt hatte, kommt eben zurückgelaufen und meldet, daß die Genter Geſellſchaft bereits mit dem Wagen bei der Sanct Nikolauskirche iſt; Eure Freunde werden alſo binnen wenigen Augenblicken im rothen Drachen abſteigen.“ Abs ſie dies geſagt hatte, ging ſie wieder fort und machte die Thüre zu. Der Oberdechant ſtand eilig auf und wollte hinaus. „Wo wollt Ihr hin?“ fragte van Steenbeeke. „Ich gehe dem Oberhauptmann entgegen, um ihm die Hand zu drücken,“ antwortete Denys mit einem ſelbſtzufriedenen falſchen Lächeln. „Solche Scheinfreundſchaft iſt doch nicht ehrlich,“ murrte ſein Gefährte. „Wollt Ihr denn, daß ich ihm Tag für Tag ins Geſicht ſchreie: Ich bin Cuer Feind, damit er mir mis⸗ traut und ſich vor mir in Acht nimmt? Nein, nein! Ihr handelt anders, das weiß ich; Ihr greift ihn offen an; aber was nützt das? Wenn Ihr im Schöffenrathe 14 Jakob von Arteveldt. oder ſonſt irgendwo eine Beſchuldigung gegen Artevelde vorbringt, ſo ſagt man: Ja, wir wiſſen es wohl, er iſt ſein geſchworener Feind, der wird nichts Gutes von ihm ſagen— und man glaubt Euch nicht. Ich dagegen, Ser van Steenbeeke, ich bin, wenn auch nicht in den Augen des Oberhauptmanns, doch in denen des Volkes Arte⸗ velde's guter Freund, und wenn ich etwas gegen ihn ſage, ſo glaubt man es mir leicht. Wißt Ihr denn nicht, daß die Stimme von Jemanden, der ſeinen Freund bei Anderen anklagt, unheilbarere Wunden ſchlägt, als ein in Gift getauchter Dolch? Ihr lacht über ſolche ernſte Wahrheit?“ „Zu guter Stunde, ich hätte es beinahe vergeſſen; aber Ihr erinnert mich daran, und Ihr gebt mir wohl auch den Schlüſſel dazu, glaube ich. Euer Sohn und Eure Frau kommen heute mit der Frau und Tochter des Oberhauptmanns, um eine Vergnügungsreiſe nach Brüſſel zu machen. Ich habe vernommen, daß Ihr ſelber Mher Ghelnoot von Lens erſuchtet, als Schützer der Frauen mitzukommen und ſie in Büſſel herumzuführen. Ich begreife die innige Freundſchaft wohl, die zwiſchen den Eurigen und Artevelde's Familie beſteht; aber was bedeutet die Gegenwart von Mher Ghelnoot?“ Ein ſchlaues Lächeln war die Antwort des Ober⸗ dechanten. „Ihr wißt doch wohl,“ fuhr van Steenbeeke fort, „daß ſonderbare Gerüchte über Mher Ghelnoot und Jungfrau von Artevelde in Brüſſel umlaufen? Ich weiß, daß dieſe Gerüchte falſch ſind; aber..... „Ko dem Blige noot bat da Etwa Euch... entgegen „ Un „Al Als einigen ſah er d ßen Was den Soch bedeckt, werke au der Zwil Gedeele van Bel Wagen Vaernen mann de guſtyn, Der gentlich: nung ur Lieven T lyne von Chriſtine in Hand Jakob von Artevelde. 15 Artevelde„Kommt, kommt!“ rief Denys, mit triumphiren⸗ hl, er iſt dem Blicke.„Das wußte ich nicht, als ich Mher Ghel⸗ von ihm noot bat, meine Frau zu begleiten; aber Ihr zeigt mir gen, Ser da Etwas, das wirklich nicht zu verſäumen iſt; ich danke en Augen Euch..... Ihr geht alſo dem Oberhauptmann nicht kes Arte⸗ entgegen?“ gegen ihn„Um Alles in der Welt nicht!“ enn nicht,„Alſo auf Wiederſehen!“ reund bei Als Denys aus dem rothen Drachen kam und mit , als ein einigen Schritten die Ecke des Canterſteens erreicht hatte, ſche ernſte ſah er die Genter Geſandtſchaft von fern mit drei gro⸗ ßen Wagen bei der Kapelle von Sancta Magdalena zu vergeſſen; den Socken heranrollen. Zwei dieſer Wagen waren un⸗ mir wohl bedeckt, der dritte allein bedeckt. In dem erſten Fuhr⸗ Sohn und werke auf der vorderſten Bank ſaß Calevoet, der Dechant d Tochter der Zwillichweber, und Pieter Zoetaerde, Schöffe des reiſe nach Gedeele von Gent; hinter ihnen Jakob Maſch mit Claes Ihr ſelber van Belleghem, Schöffen der Keure. In dem zweiten hützer der Wagen befanden ſich Jakob von Artevelde, Maes van zzuführen. Vaernewyck, der Oberſchöffe, Ghelnoot von Lens, Haupt⸗ e zwiſchen mann des Sanct Nikolauskirchſpiels, und Meiſter Au⸗ aber was guſtyn, der Stadtſchreiber von Gent. 4 Der dritte Wagen, welcher bedeckt war, gehörte ei⸗ des Ober⸗ gentlich nicht zu der Geſandtſchaft. Er führte frohe Hoff⸗ nung und ſüße Liebe. Auf ſeiner vorderſten Bank ſaß beeke fort, Lieven Denys zwiſchen ſeiner Mutter und Frau Cathe⸗ lnoot und lyne von Artevelde, während in der Tiefe des Wagens Ich weiß, Chriſtine van Vaernewyck, mit der ſchönen Veerle Hand in Hand, entzückt über dieſe fröhliche Reiſe ſprachen. 16 Jakob von Artevelde. Zu jenen Zeiten waren die Wege ſehr unſicher ge⸗ macht durch Landſtreicher und Räuber. Niemand konnte ohne große Gefahr eine Reiſe unternehmen, wenn er nicht eine ſtarke Begleitung mit ſich führte. Kein Wun⸗ der daher, daß einige Gattinnen und Töchter der Geſand⸗ ten dieſe Gelegenheit benutzt hatten, um in ihrer Geſell⸗ ſchaft einen Ausflug nach Brüſſel zu machen. Die Nachricht, daß der berühmte Capitain von Gent im rothen Drachen herbergen würde, hatte eine große Menge Volks auf den Weg, den die Geſandtſchaft neh⸗ men mußto, gelockt. Jetzt liefen die neugierigen Brüſſeler neben den Wagen her und bemühten ſich, zu entdecken, wer von dieſen Männern wohl Artevelde ſein möchte. Nach ſeiner hochmüthigen Haltung würde man Calevoet, der auf der vorderſten Bank des erſten Wagens ſaß, leicht als das Haupt der Geſandtſchaft anſehen können; aber ſeine breiten platten Ohren und ſein dummes Aeu⸗ ßere ſagten dem Volke deutlich genug, daß hinter ſolchem zurückſtoßendem Antlitz kein großes Gehirn zu finden ſei. An der Ecke des Canterſteens ſtand die Menge ſo dicht gedrängt, daß man beinahe nicht hindurch konnte, und nur mit Mühe erreichten die Wagen die Thür des rothen Drachen, wo die Wirthin die Umſtehenden als grobe und ungeſchliffene Leute ausſchalt, und drohte, ihnen einige Eimer Waſſer auf den Kopf gießen zu laſſen, wenn ſie nicht von ihrem Hauſe weggingen. Die Geſandten ſtiegen eilig aus dem Wagen und ſchritten quer durch das Volk in die Herberge hinein. Als aber der dritte Wagen der Thür des rothen Drachen ſich näh beke, der bant, u ſeinen 2 und nach beauftra rer zu d Hand ur ihnen ei wechſelt, wie ſchö mit Lier Nebenge meinſam ſie ſich e Ser manne e derte, do der geſit Hand g. freundſch wohl, wi antworte tief vern ſpielte ſe Ghe verkrüpp hob er ſe „Al Jakob ve nſicher ge⸗ and konnte „wenn er dein Wun⸗ er Geſand⸗ rer Geſell⸗ von Gent eine große ſchaft neh⸗ n Brüſſeler mentdecken, ein möchte. 1 Calevoet, agens ſaß, en können; nmes Aeu⸗ ater ſolchem finden ſei. Menge ſo rch konnte, Thür des henden als nd drohte, gießen zu ggingen. Lagen und rge hinein. en Drachen Jakob von Artevelde. 17 ſich näherte, zeigte ſich plötzlich der junge Herr van Gaes⸗ beke, der Lieblingsknappe des Herzogs Johann von Bra⸗ bant, um den Frauen aus dem Wagen zu helfen. Auf ſeinen Befehl machten die Brüſſeler ehrfurchtsvoll Platz, und nachdem er den Frauen geſagt hatte, daß er damit beauftragt ſei, ihnen in der herzoglichen Stadt als Füh⸗ rer zu dienen, gab er ihnen, Einer nach der Andern, die Hand und führte ſie in die Herberge. Nachdem jede von ihnen einige Worte mit ihrem Gatten oder Vater ge⸗ wechſelt, und in frohen Worten ihnen ausgedrückt hatte, wie ſchön ſie das bergige Brabant fänden, wurden ſie mit Lieven Denys und dem jungen Hofjunker in ein Nebengemach geführt. Die Männer blieben in dem ge⸗ meinſamen Saale und ordneten ihre Kleidung, während ſie ſich eine Kanne Brüſſeler Bier vorſetzen ließen. Ser van Steenbeeke hielt ſich von dem Oberhaupt⸗ manne entfernt, ohne daß ſich Jemand darüber wun⸗ derte, da ſie Alle wußten, daß ſie feindlich gegen einan⸗ der geſinnt ſeien. Denys hatte dagegen Artevelde die Hand gereicht und ſchien mehr als Andere mit ihm in freundſchaftlichem Tone zu ſprechen. Er bemerkte zwar wohl, wie kühl und gleichgültig der Oberhauptmann ihm antwortete; er fühlte ſich durch dieſe ſtille Verachtung tief verwundet, unterdrückte jedoch ſeinen Aerger und ſpielte ſeine falſche Rolle fort. Ghelnoot van Lens plauderte und ſcherzte mit einem verkrüppelten Manne, der am Heerde ſaß. Gleich darauf hob er ſeine Kanne in die Höhe und rief: „Auf, Genoſſen! ich trinke zur Ehre unſeres Wir⸗ Jakob von Artevelde. III. 2 18 Jakob von Artevelde. thes! Wißt Ihr, wer es iſt, der dort ſo ſchweigſam bei dem Feuer ſitzt? Es iſt Robrecht Walgaerde, der Ban⸗ nerträger des Ser van Grimberge, welcher in der Schlacht zum Hellekine Wunder der Tapferkeit verrichtete. Gebt mir die Hand, Robrecht; Ihr habt vielen Vlämingern die Knochen gegerbt, nicht wahr? Aber Ihr ſeid ein küh⸗ ner Mann!“ 1 Die Geſandten tranken mit frohem Eifer zur Ehre des Wirthes. Jakob Maſch allein blieb unbeweglich ſitzen und betrachtete den Verſtümmelten mit dem Aus⸗ druck der Betrübniß. „Mher Maſch!“ rief Ghelnoot,„nach dem Kriege ſind alle tapferen Männer ſtets gute Freunde.“ „Er iſt es, der meinem Bruder den Todesſtreich gab,“ antwortete der Schöffe. „Eurem Bruder?“ fragte der Wirth.„Mit Ver⸗ laub, wie hieß er?“ „Lieven Maſch war ſein Name.“ „Zürnt mir nicht,“ ſagte der Wirth;„Euer Bru⸗ der hat mich in der Schlacht ſo verſtümmelt, wie Ihr mich ſeht; ich verwundete ihn am Kopfe. Wir lagen Beide Wochen lang in demſelben Bette im Sanct Jo⸗ hannis⸗Gotteshauſe. Er iſt als mein beſter Freund ge⸗ ſtorben; ich war es, der ihm weinend die Augen ſchloß. Und wie konnte es anders ſein? Wir blieben einander ja nichts ſchuldig!.... Nun ſeht, mein Herr! ich hebe Freundes, Eures Bruders.“ Betrübt ergriff Jakob Maſch ſeine Kanne und ſprach: 8 In Putz al Jungfre rend Li erröthet ſandten Mutter K 7/7 „ich en was Er daß Br ſen die 5,9 antwor ſtets de Euch a ſchaft g werthe Hospite wollen Nieuwe Er ſeiner Veerle zu, faß „2 Geſand kommer eigſam bei der Ban⸗ er Schlacht tete. Gebt zlämingern d ein küh⸗ r zur Ehre unbeweglich dem Aus⸗ dem Kriege 74 Euer Bru⸗ lt, wie Ihr Wir lagen Sanct Jo⸗ Freund ge⸗ lugen ſchloß. den einander er! ich hebe eeines ſeligen und ſprach: 19 Jakob von Artevelde. „Zu Eurer Ehre, tapferer Robrecht Walgaerde!“ In dieſem Augenblicke kamen die Frauen in vollem Putz aus dem Nebengemach. Der junge Hofknappe hielt Jungfrau Chriſtine van Vaernewyck bei der Hand, wäh⸗ rend Lieven Denys aus Verſchämtheit über ſein Glück erröthete, als er mit ſeiner geliebten Veerle vor den Ge⸗ ſandten erſchien. Frau Artevelde folgte mit Lieven's Mutter. „Herr van Gaesbeke,“ ſagte der Oberhauptmann, „ich empfehle die Frauen Eurer Fürſorge. Ihr wißt, was Euer Herr Vater mir verſprochen hat; ich bin ſicher, daß Brabants ſchönſter Junker weiß, wie man auf Rei⸗ ſen die Zeit am Angenehmſten verbringen ſoll.“ „Laßt Euch das nicht kümmern, Mher Artevelde!“ antwortete der Knappe;„ich bin auf Befehl des Herzogs ſtets der Führer aller Frauen. Während Ihr Herren Euch an den Hof begebt, werde ich mit meiner Geſell⸗ ſchaft ganz Brüſſel durchkreuzen und ihnen alles Sehens⸗ werthe zeigen: Warande, Oudenburg, Kirchen, Steene, Hospitäler und Thore, und wenn noch Zeit bleibt, ſo wollen wir in einem der herzoglichen Wagen nach dem Nieuwen⸗Boſch fahren; laßt mich nur gewähren!“ Er grüßte die Geſandten höflich und wollte mit ſeiner Geſellſchaft den rothen Drachen verlaſſen; aber Veerle, ihn zurückhaltend, eilte auf Ghelnoot von Lens zu, faßte dieſen freundlich bei der Hand und ſagte zu ihm: „Nein, nein, Mher Ghelnoot! Ihr gehöͤrt nicht zur Geſandtſchaft; Ihr müßt mit uns gehen. Wir ſind ge⸗ kommen, um uns zu vergnügen, und da darf uns doch 2* Jakob von Artevelde. der fröhlichſte Mann in ganz Gent nicht entwiſchen? Nein, nein! ich laſſe Euch nicht los; Ihr müßt mit!“ Mher von Lens wollte ſich entſchuldigen, um bei den Geſandten bleiben zu können. Man ſah deutlich, daß er nicht große Luſt hatte, mit den Frauen umherzuwandeln. Als ihn jedoch Geeraert Denys auch an ſein Verſprechen erinnerte, leiſtete er nicht länger Widerſtand und folgte dem Hofjunker und Lieven, der ſie bei dem Hinausgehen darauf aufmerkſam machte, daß ſie verſprochen hätten, ſeinen Vetter, Jakob Denys van Geeraertsberge, und deſſen junge Frau aus dem gekrönten Schwerte abzu⸗ holen und ſie mitzunehmen. Kaum hatten die Genter einige fröhliche Bemerkun⸗ gen gemacht über den Ausdruck der Freude, der die Ge⸗ ſichter der Frauen belebte, als bereits in der Herberge ein herzoglicher Wappenbote erſchien, der ſie erſuchte, ihm an den Hof zu folgen. Sie warfen ihre Mäntel um, wünſchten ihrem Wirthe Lebewohl bis auf Weite⸗ res und verließen mit dem Wappenboten das Haus. Die Oudeborg, der Palaſt der Herzöge von Bra⸗ bant, ſtand oben auf dem Coudenberge gegen das Bor⸗ genthal zu. Sie war urſprünglich nur ein ſtarker Steen mit hohen Thürmen und feſten Mauern; in den letzten Zeiten hatten jedoch die Herzöge ſie ſehr vergrößert und neue geſchmackvolle Gebäude daran aufführen laſſen. Was indeß auf den erſten Anblick das Merkwürdigſte ſchien, war der weite Turnierhof, in welchem Stechſpiele und R ſich vo einer viele ſe In prächtit Gefolg geſchoſf beſtand und in der bro werke n In De an dem etwas l Ritter, Grimbe ihrer§ Saales von Br. Hertoge von Fla naerde, Vor der ber, der ſich bere nen. C deren S itwiſchen? ißt mit!“ m bei den ich, daß er uwandeln. berſprechen und folgte nausgehen en hätten, erge, und erte abzu⸗ Bemerkun⸗ er die Ge⸗ Herberge e erſuchte, re Mäntel auf Weite⸗ Haus. von Bra⸗ das Bor⸗ rker Steen den letzten rößert und ten laſſen. kwürdigſte Stechſpiele Jakob von Artevelde. 21 und Ritterkämpfe gehalten wurden. Dieſe Ebene, die ſich vor dem Giebel des Palaſtes erſtreckte, war von einer Einfaſſung von behauenen Steinen, aus welcher viele ſchlanke Säulen in die Höhe ſtiegen, umgeben. Innerhalb des Palaſtes zählte man einige zwanzig prächtige Gemächer, welche des Herzogs Hausgeſinde und Gefolge bewohnte. Der große Staatsſaal lag im Erd⸗ geſchoſſe, nicht weit von der Hauptthür. Sein Schmuck beſtand hauptſächlich in einem ſehr kunſtreichen Kamin und in Wänden von geſchnitztem Eichenholze, in welchen der brabantiſche Löwe zwiſchen allerlei anderem Bild⸗ werke wohl hundertmal gezählt werden konnte. In dieſem Saale wurde die Tagfahrt gehalten. Der Herzog von Brabant, Johann der Dritte, ſaß an dem oberen Ende mit dem Könige von England, auf etwas höheren Stühlen. Neben ihnen ſtanden zahlreiche Ritter, unter welchen ſich die Herren van Leefdale, van Grimberge und van Gaesbeke durch die ungemeine Pracht ihrer Kleidung auszeichneten. Längs den Seiten des Saales im Kreiſe hatten die Abgeordneten der Städte von Brabant: Brüſſel, Antwerpen, Leuven, Leeuw's, Hertogenboſch, Nyvele und Thienen; ſowie die der Städte von Flandern: Gent, Brügge, Yperen, Kortryk, Aude⸗ naerde, Aelſt und Geertsberge, ihre Sitze eingenommen. Vor dem Herzoge ſtand eine Tafel, an der zwei Schrei⸗ ber, deren Hände auf aufgerollten Pergamenten ruhten, ſich bereit hielten, die Vorgänge und Reden aufzuzeich⸗ nen. Eine eben ſolche Tafel für die Abgeordneten oder deren Schreiber befand ſich unten im Kreiſe. —— — Jakob von Artevelde. Dieſe feierliche Verſammlung ward durch eine Rede des Herzogs Johann eröffnet, in welcher dieſer Fürſt den Abgeordneten klar zu machen ſuchte, daß Brabant und Flandern gleiches Intereſſe hätten, die Freundſchaft Eng⸗ lands zu erhalten. Er wies nach, daß die meiſten Stoffe, welche der Gewerbfleiß in den Niederlanden verbrauche, aus England eingeführt werden müßten, und daß daher eine Feindſchaft mit dieſem Lande nothwendig Armuth und vielleicht Hungersnoth zur Folge haben würde, wie Flandern dies leider ſchon erfahren habe. Darauf bewies er, daß der Krieg zwiſchen England und Frankreich un⸗ vermeidlich ſei, und ſetzte auseinander, wie weder Flan⸗ dern noch Brabant dem Kriege fern bleiben könnten, und daß ſie ſelbſt gegen ihren feſten Willen hineingezo⸗ gen werden würden. Denn, was Flandern beträfe, ſo könne der Krieg wohl nicht anders geführt werden, als zum Theil auf deſſen Boden, und da der König von England nun wohl unwiderruflich beſchloſſen habe, ſo⸗ bald wie möglich die Waffen gegen Frankreich zu erhe⸗ ben, ſo möͤchten die vlämiſchen Städte wohl erwägen, wen ſie zum Freunde und wen ſie zum Feinde ha⸗ ben wollten. Was Brabant beträfe, ſagte der Herzog, ſo ſei dieſes Willens, da es doch von der Neutralität abſehen müſſe, ſich mit dem Könige von England zu verbinden. König Eduard nahm hierauf das Wort und erklärte, wie er ſich zu dieſem Kriege gezwungen ſähe durch das ihm zugefügte Unrecht. Er bewies, daß er allein ein Recht habe auf die Erbſchaft der Krone von Frankreich, durch ſe Königs, letzten K ſtorben durch B gen laſſ habe, u her gegl ſo ſehr enthaltet betreten zen von ſich verf Freundf ſcheidend minger ſen, eri würden jenigen, Eir Worte rung, Macht machen, ſchluß d werde, Grafſch ſal des Di ine Rede Fürſt den bant und daft Eng⸗ en Stoffe, erbrauche, daß daher Armuth ürde, wie uf bewies kreich un⸗ der Flan⸗ könnten, ineingezo⸗ beträfe, ſo erden, als König von habe, ſo⸗ h zu erhe⸗ erwägen, Feinde ha⸗ eer Herzog, Neutralität ingland zu nd erklärte, durch das allein ein Frankreich, Jakob von Artevelde. 23 durch ſeine Mutter, welche die Tochter des verſtorbenen Königs, Philipps des Schönen, und Schweſter der drei letzten Könige, die ſämmtlich ohne männliche Erben ge⸗ ſtorben ſeien, geweſen ſei; daß aber Philipp von Valois durch Beſtechung das ſaliſche Geſetz habe anders ausle⸗ gen laſſen und eine Verſchwörung zu Stande gebracht habe, um ihm ſein Recht zu rauben, was ihm auch bis⸗ her geglückt ſei. Ferner bemerkte er, gleich dem Herzoge, ſo ſehr es ihn auch ſchmerze, ſo könne er ſich doch nicht enthalten, den vlämiſchen Boden mit ſeinem Heere zu betreten, da der Krieg natürlicher Weiſe an den Gren⸗ zen von Flandern beginnen müſſe. Demgemäß ſehe er ſich verpflichtet, Flandern zu nöthigen, zwiſchen ſeiner Freundſchaft und der Philipp's von Valois eine ent⸗ ſcheidende Wahl zu treffen, indem er hoffe, daß die Vlä⸗ minger ſich aller Dienſte, welche er ihrem Lande erwie⸗ ſen, erinnern, und ihm mit bewaffneter Hand beiſtehen würden, als ihrem natürlichen Bundesgenoſſen und dem⸗ jenigen, deſſen Recht gekränkt worden ſei. Ein Abgeordneter von Antwerpen unterſtützte die Worte der beiden Fürſten, ſchloß jedoch mit der Erklä⸗ rung, daß ſeine Gemeine ihrem Geſandten nicht die Macht gegeben habe, ſie zu irgend etwas verbindlich zu machen, weil die Schöffenbank von Antwerpen ihren Be⸗ ſchluß dem zu unterwerfen gedenke, was Flandern thun werde, da bei den gegenwärtigen Verhältniſſen dieſe Grafſchaft durch ihre Lage und Macht über das Schick⸗ ſal des bevorſtehenden Krieges entſcheiden koͤnne. Die meiſten Abgeſandten der brabantiſchen Städte Jakob von Artevelde. ſprachen in dieſem Sinne. Der Herzog wandte ſich nun zu den Geſandten von Flandern und fragte ſie: „Nun denn, meine Herren und guten Männer von Flandern! was iſt die Anſicht der Gemeinen, die Euch zu unſerer Tagfahrt ſandten? Ich frage zuerſt die Gen⸗ ter Abgeordneten.“ Maes van Vaernewyck ſtand von ſeinem Seſſel auf und antwortete: „Gnädige Fürſten, Ritter und guten Männer! Die Gemeine von Gent, durch ihre Obrigkeit vertreten, hat mit größerer Mehrzahl beſchloſſen, daß man ſich bemühen ſolle, mit England ein Bündniß gegen Frankreich zu ſchließen. Am liebſten hätte ſie alle Opfer gebracht, um die Neutralität Flanderns aufrecht zu erhalten; da dies jedoch unmöglich geworden iſt, ſo weicht ſte der Noth⸗ wendigkeit und wird, wenn keine unbezwinglichen Hin⸗ derniſſe ſich in den Weg ſtellen, in dieſem Kriege auf Englands Seite treten. Dieſer Beſchluß iſt nicht durch Einheit der Stimmen gefaßt worden; es waren auch einige Schöffen der Meinung, daß wir durch frühere Verträge verhindert ſeien, uns gegen Frankreich zu er⸗ klären, und da die Gemeine von Gent zum Grundſatze hat, daß alle Anſichten bei den Berathſchlagungen über ihre Intereſſen vertreten ſein müſſen, ſo hat ſie ihre Ge⸗ ſandtſchaft in dieſem Sinne erwählt. Es befinden ſich hier bei der Tagfahrt auch Abgeordnete von Gent, deren Gedanken nicht mit den Gedanken der Mehrzahl über⸗ einſtimmen. Ich meine— mit Eurer Genehmigung, gnädiger Herr!— daß man Diejenigen zuerſt reden laſſe, welche ſ Englan! Abgeord ſuchen 1 prüfen Kal ſtand S „G daß Fla fleißes 1 als mit die Treu behaupte dürfen, uns den reich be ſteht ein bant, H dieſe Lät ausgeno folge kör führen, Erinnert alle Stä Hennege haben. beſchloſſe Volk vo heben w e ſich nun inner von die Euch die Gen⸗ Seſſel auf mer! Die reten, hat bemühen nkreich zu racht, um ; da dies der Noth⸗ chen Hin⸗ driege auf nicht durch aren auch ch frühere ich zu er⸗ Grundſatze igen über ihre Ge⸗ inden ſich ent, deren ahl über⸗ hmigung, eden laſſe, Jakob von Artevelde. welche ſich gegen den Plan der Bundesgenoſſenſchaft mit England ausſprechen wollen. Dann können wir vor den Abgeordneten der anderen Städte ihre Gründe unter⸗ ſuchen und die wichtige Frage, die uns hier vereinigt, prüfen und beleuchten.“ Kaum hatte ſich der Oberſchöffe wieder geſetzt, ſo ſtand Ser van Steenbeeke auf und ſprach: „Gnädige Herren und gute Männer! Ich erkenne, daß Flandern als das Land des Handels und Gewerb⸗ fleißes mehr Intereſſe hat an einem Bunde mit England, als mit Frankreich. Aber für weit wichtiger halte ich die Treue eines geſchworenen Eides. Wer wird hier zu behaupten wagen, daß die Völker ihr Wort eher brechen dürfen, als einzelne Leute? Und würde man nicht an uns denſelben Meineid üben, den wir jetzt gegen Frank⸗ reich begehen zu wollen ſcheinen? Seit drei Jahren be⸗ ſteht ein Vertrag, durch unſere Fürſten zwiſchen Bra⸗ bant, Hennegau und Flandern geſchloſſen, durch welchen dieſe Länder ſich verpflichten, einander gegen alle Feinde, ausgenommen gegen Frankreich, beizuſtehen. Demzu⸗ folge können wir nicht gegen Philipp von Valois Krieg führen, ohne das Bündniß unrechtmäßig zu brechen. Erinnert Euch, gnädige Herren und gute Männer! daß alle Städte und Gemeinen von Brabant, Flandern und Hennegau dieſes Bündniß unter einander beſchworen haben. Ich weiß nicht, was in Folge dieſer Tagfahrt beſchloſſen werden wird; aber ich bin verſichert, daß das Volk von Flandern ſich gegen einen ſolchen Meineid er⸗ heben würde, wenn man ſein Gewiſſen und ſeine Seele 26 Jakob von Artevelde. damit belaſten wollte. Ich meine gleicher Weiſe, daß über ur die guten Männer von Brabant ebenſo wenig, wie die Unehrer Vläminger, einen Eid werden brechen wollen, ſie, welche„ berühmt ſind wegen ihrer Treue und Redlichkeit!— ſchöffen Auf der anderen Seite wundert es mich ſehr, daß wir flucht n hier als Vertreter von Flandern betrachtet werden, auf dem Ve einer Tagfahrt, bei der unſer Fürſt nicht zugegen iſt. verſicher Er weiſt dieſelbe demgemäß ab und wir begehen eine geht, b That der Unehrerbietigkeit und des Aufruhrs durch un⸗*„e ſere Anweſenheit.“„daß N Ser van Steenbeeke's Worte übten einen tiefen Ein⸗ ſeres Fü druck auf die Gemüther der meiſten brabanter und vlä⸗ Die Pfl miſchen Abgeordneten aus, und viele nickten mit dem die Ante Kopfe zum Zeichen der Beſtätigung oder wenigſtens des es wund Zweifels. ſchuldige Denys ſuchte Artevelde's Antlitz zu erforſchen, um unſeres nachzuſpüren, welchen Eindruck dieſes Widerſtreben auf ziehen i ſein Gemüth machte. Er fand jedoch nichts auf demſel⸗ Cal ben, als vollkommene Ruhe, welche zu Zeiten durch ein murrte leiſes Lächeln unterbrochen wurde. ſein Ant Der Oberſchöffe van Vaernewyck ſtand auf und be⸗ Nut merkte: bar kalte „Unſer gnädiger Herr, der Graf von Flandern, iſt mit ſein von dem Herzoge von Brabant freundlich eingeladen„G und von der Gemeine von Gent ehrfurchtsvoll gebeten lich kein worden, ſich zur Tagfahrt zu begeben. Er hat geant⸗ mich ker wortet, Kränklichkeit verhindere ihn und er würde ſpäter wie ſehr ſehen, ob er das, was man hier beſchlöſſe, genehmigen ich ein 2 könne. Wir haben alſo unſerem Herrn Grafen gegen⸗ möglich ſeiſe, daß , wie die ſie, welche chkeit!— daß wir rden, auf gegen iſt. gehen eine durch un⸗ tiefen Ein⸗ und vlä⸗ mit dem igſtens des eſchen, um ſtreben auf auf demſel⸗ mdurch ein uf und be⸗ andern, iſt eingeladen oll gebeten hat geant⸗ ürde ſpäter genehmigen cfen gegen⸗ 27 Jakob von Artevelde. über unſere Pflicht erfüllt und Niemand darf uns der Unehrerbietigkeit oder des Aufruhrs beſchuldigen.“ „Ich glaube es wohl,“ fiel Jan Calevoet dem Ober⸗ ſchöffen in die Rede;„unſer Herr Graf hat dieſe Aus⸗ flucht nur geſucht, weil er nicht wußte, wie er anders dem Verlangen der Gemeine entgehen ſollte; aber ſeid verſichert, daß er nur mit Schmerz das, was hier vor⸗ geht, betrachtet.“ „Ich meine,“ antwortete der Oberſchöffe würdevoll, „daß Niemand von uns das Recht habe, die Worte un⸗ ſeres Fürſten öffentlich anders auszulegen, als ſie lauten. Die Pflicht zwingt uns, ohne das mindeſte Bedenken, die Antwort unſeres gnädigen Herren anzunehmen, und es wundert mich ſehr, uns hier der Unehrerbietigkeit be⸗ ſchuldigen zu hören von Männern, welche die Redlichkeit unſeres Grafen auf dieſer Tagfahrt ſelbſt in Zweifel zu ziehen wagen.“ Calevoet erröthete vor Schaam und Aerger; er murrte noch einige Worte und wandte dann unwillig ſein Antlitz von dem Oberſchöffen ab. Nun ſtand Geeraert Denys auf und ſagte mit ſchein⸗ bar kaltem Tone, jedoch mit zornigem Antlitz, das wenig mit ſeinen gezwungenen Worten übereinſtimmte: „Gnädige Herren und gute Männer! Ich bin wahr⸗ lich kein Freund des Königs von Frankreich; jeder, der mich kennt, weiß das hinreichend. Nichtsdeſtoweniger, wie ſehr es mich auch betrübe, muß ich hier erklären, daß ich ein Bündniß zwiſchen England und Flandern für un⸗ möglich halte. Die Gründe, welche mein Genoſſe, Ser ——— 28 Jakob von Artevelde. van Steenbeeke, vor Euch geltend gemacht hat, ſind in Kirchen; der That gewichtig genug, um Jeden zu bewegen, zwei⸗ graben! mal hinzuſehen, bevor man ſich zu der angedeuteten Eid⸗ unſere B brüchigkeit entſchließt. Auch giebt es noch ein bedeuten⸗ zu ſich r des Hinderniß zwiſchen England und Flandern. Ihr überwieſe wißt, daß der Papſt im Jahre 1309 den König von tiſcher Ve Frankreich bat, einen Kreuzzug gegen die drohenden Teufels zu Türken zu unternehmen. Der König verſprach es zu ren wir a thun, wenn die Vläminger feierlich ſchwören wollten, Ihr, daß daß ſie ihm in den Krieg folgen und ihm treu bleiben wiſſen ſo würden. Die vlämiſchen Gemeinen haben dieſen Eid ewiger V freiwillig abgelegt und der Papſt hat hierauf dem Kö⸗ nicht! N nige von Frankreich eine Bulle ertheilt, durch welche den Städten!: franzöſiſchen Biſchöfen die Macht zuerkannt wurde, Flan⸗ ſich von ſe dern in den Bann zu thun, ſobald deſſen Bewohner die⸗ fen, um? ſen Eid brächen. Es iſt wahr, der König von Frankreich gerkrieg k hat den Papſt betrogen und den Kreuzzug nicht unter⸗ des Elend nommen; es iſt wahr, daß die Bulle vor den Vlämin⸗ unermeßli gern geheim gehalten worden iſt, ſo daß man ſich der⸗ ter den 2 ſelben als Ueberraſchung in wichtigen Verhältniſſen be⸗ ſichtige M dienen konnte. Trotz dem Allem aber beſteht die Bulle, dem drohe und die Macht, welche ſie Frankreich zuerkennt, iſt durch„Wa den Papſt nicht aufgehoben worden. Demzufolge wird iſt wohl n Flandern in den Bann gethan werden, ſobald es ſich Unter mit England verbündet. Der Krieg wird gewiß lange ſich eine u währen, das ſieht Jeder ein. Nun frage ich Euch, vlä⸗ nehmen ko miſche Genoſſen! habt Ihr wohl erwogen, welche Folgen überraſcht aus einem auch nur einjährigen Banne entſpringen kön⸗ Die L nen? Keine Meſſe, keine Beichte, keine Taufe! Alle des König , ſind in een, zwei⸗ teten Eid⸗ bedeuten⸗ ern. Ihr könig von drohenden lach es zu n wollten, reu bleiben dieſen Eid f dem Kö⸗ welche den rde, Flan⸗ vohner die- Frankreich licht unter⸗ n Vlämin⸗ in ſich der⸗ ltniſſen be⸗ die Bulle, t, iſt durch ufolge wird bald es ſich gewiß lange Euch, vlä⸗ elche Folgen ringen kön⸗ aufe! Alle Jakob von Artebelde. 22 Kirchen geſchloſſen! Niemand in geweiheter Erde be⸗ graben! Unſere Frauen, unſere Kinder, unſere Eltern, unſere Brüder, welche Gott während dieſes Zeitraums zu ſich rufen kann, unfehlbar den hölliſchen Flammen überwieſen! Dürfen wir das Unrecht begehen, um poli⸗ tiſcher Vortheile willen ſo viele Seelen den Klauen des Teufels zu überliefern und Gott zu entziehen? Und wä⸗ ren wir auch gefühllos genug, das zu beſchließen, meint Ihr, daß das vlämiſche Volk bereit ſein werde, ſein Ge— wiſſen ſo zu belaſten und ein Jahr lang in der Gefahr ewiger Verdammniß zu leben? Nein, nein! hofft das nicht! Nach einem Monate ſchon würde ſich in allen Städten und Gemeinen Empörung zeigen und das Volk ſich von ſelbſt in die Arme des franzöſiſchen Königs wer⸗ fen, um von dem Banne erlöſt zu werden. Dieſer Bür⸗ gerkrieg kann mein Vaterland in den tiefſten Abgrund des Elends ſtürzen. Ich will nicht die Hand zu ſolchem unermeßlichen Jammer leihen, und ich hoffe, daß ſich un⸗ ter den Abgeſandten der vlämiſchen Städte noch vor⸗ ſichtige Männer befinden, die mit mir zurückſchrecken vor dem drohenden Unglück.“ „Was der Abgeordnete von Gent da geſagt hat, iſt wohl wahr,“ bemerkte ein Abgeordneter aus Ypern. Unter den Abgeordneten der vlämiſchen Städte zeigte ſich eine unruhige Bewegung, aus der man deutlich ent⸗ nehmen konnte, daß die Worte des Oberdechanten viele überraſcht und in ihrer Anſicht ſchwankend gemacht hatten. Die Berathung fiel im Ganzen nicht zum Vortheile des Königs Eduard aus. Auch ſah man tiefe Niederge⸗ 2 9 ——— —— 30 Jakob von Artevelde. ſchlagenheit auf ſeinem Geſichte, während Herzog Johann ungeduldig die Hände ballte. Die Genter Geſandten, welche für den Entwurf geſtimmt hatten, ſchienen indeſ⸗ ſen über den Ausgang wenig bekümmert; ſie wußten zu gewiß, daß die Sache am Schluſſe doch eine ganz andere Wendung nehmen würde. Unter den Abgeordneten der anderen Städte ſahen alle, die einem Bunde mit England günſtig waren, auf Artevelde, als denjenigen Mann, deſſen Beredſamkeit und erfinderiſcher Geiſt noch Alles retten könne. Wahr⸗ ſcheinlich war der Oberhauptmann auch ſelbſt der Mei⸗ uung, daß es jetzt Zeit ſei, der Verſammlung die Ueber⸗ zeugung zu geben, ein Bündniß mit England ſei nicht allein möglich, ſondern ſogar nothwendig und vortheil⸗ haft. Er ſtand auf und ſprach: „Gnädige Herren und gute Männer! Ehe ich mir die Freiheit nehme, Euch meine Anſichten über den wich⸗ tigen Plan, der uns bei dieſer Tagfahrt beſchäftigt, zu entwickeln, erſuche ich den Herrn Herzog von Brabant um die Erlaubniß, an meine Genoſſen, die das Wort vor mir geführt haben, eine Frage zu richten.— Ich frage alſo Mher Denys, ob er einwilligen würde, daß Flandern die Waffen gegeu England und für Frank⸗ reich ergriffe?“ Der Oberdechant fühlte, daß Artevelde ihm eine Falle legte und ſeine Falſchheit vielleicht vor Aller Au⸗ gen offenbaren würde. Dieſe Furcht trieb ſchon im Vor⸗ aus die Röthe des Zorns auf ſeine Stirn, und er ant⸗ wortete, beinahe bebend vor Aerger: „Es zu richte „He gegnete „No im Dien erbittert. „W dem Kri Dur eine Ant Stiche ur „Alf nicht, da nichts de für einen Krieg nic leicht ein retten, w Erſte ſein Wohltha⸗ Voll ſeinem S Glückliche der Verle „Die ſo weit ni ren, daß ſeine Neu g Johann Beſandten, nen indeſ⸗ ie wußten eine ganz üdte ſahen varen, auf eredſamkeit e. Wahr⸗ t der Mei⸗ die Ueber⸗ nd ſei nicht nd vortheil⸗ Fhe ich mir er den wich⸗ ſchäftigt, zu on Brabant das Wort ten.— Ich würde, daß für Frank⸗ de ihm eine r Aller Au⸗ hon im Vor⸗ und er ant⸗ Jakob von Artevelde. 31 „Es wundert mich, daß Ihr eine ſolche Frage an mich zu richten wagt!“ „Habt die Güte, mir gefälligſt zu antworten,“ ent⸗ gegnete der Oberhauptmann gelaſſen. „Nein! niemals würde ich zugeben, daß Flandern im Dienſte Frankreichs die Waffen ergriffe,“ rief Denys erbittert. „Wißt Ihr denn ein Mittel, Mher Denys, um dem Kriege zu entgehen?“ fragte Artevelde nochmals. Durch dieſe Frage überraſcht, ſuchte der Oberdechant eine Antwort; aber ſeine Einbildungskraft ließ ihn im Stiche und er blieb ſprachlos ſitzen. „Alſo,“ fuhr Artevelde fort,„Mher Denys will nicht, daß Flandern mit Frankreich gehe, und giebt doch nichts deſtoweniger zu, daß wir gezwungen ſeien, uns für einen der beiden Könige zu erklären, weil wir den Krieg nicht vermeiden können. Kennt Mher Denys viel⸗ leicht ein Mittel, um Flandern aus der Verlegenheit zu retten, worin es ſich befindet, ſo rede er. Ich werde der Erſte ſein, um ihm im Namen des Vaterlandes füt gife Wohlthat zu danken.“ Voll Schaam und verbiſſener Wuth ſaß Denys auf ſeinem Stuhle, ohne eine Antwort finden zu können. Glücklicher Weiſe rettete Ser van Steenbeeke ihn aus der Verlegenheit, indem er ſelbſt das Wort nahm. „Dieſes Mittel,“ ſagte dieſer mit Nachdruck,„iſt ſo weit nicht zu ſuchen. Flandern braucht nur zu erklä⸗ ren, daß es keinen Theil an dem Kriege nehmen und ſeine Neutralität behalten wolle. So kann es wenig⸗ 32 Jakob von Artevelde. ſtens ſeinen Eiden getreu bleiben und dem Unglücke ent⸗ gehen, von welchem es bedroht wird.“ „Dieſes Mittel würde in der That vortrefflich ſein,“ antwortete der Oberhauptmann,„wenn es nur über⸗ haupt möglich wäre. Vergeßt nicht, was dieſer Krieg ſein wird. Er kann nur mit der Belagerung der fran⸗ zöſiſchen Städte an unſeren Gränzen begonnen werden. Zwei bedeutende Heere werden alſo wechſelsweiſe unſern Boden betreten und daſelbſt rauben und brennen zum Verderben der Einwohner von Weſtflandern und zur großen Erniedrigung des ganzen Landes. Das können wir nicht geſchehen laſſen; wir würden alſo demgemäß unſere Grenzen zu bewachen haben; aber wie? Senden wir ein kleines Heer, ſo wird keiner von beiden Königen ſich durch daſſelbe in der Entwickelung ſeiner Kriegsplane hindern laſſen und ſich dem Verluſte oder der Niederlage bloßſtellen wollen; unſere Truppen würden aber bald vernichtet ſein. Senden wir aber ein größeres Heer hin, ſo vergeht keine Woche, und wir ſind bereits mit der einen oder der anderen der kämpfenden Mächte handge⸗ mein geworden. So alſo, unvorbereitet und ohne ſelbſt unſeren Bundesgenoſſen gewählt zu haben, würden wir in den Krieg verwickelt werden. Ich frage hier alle Ge⸗ genwärtigen, Ritter wie guten Männer, und bitte ſie, zu erklären, ob es nach ihrer Meinung möglich ſei, daß Flandern dieſem Kriege entgehe, ſobald ſich der König von England unwiderruflich zu dem Kampfe mit Frank⸗ reich entſchloſſen hat.“ Ein allgemeines Schütteln mit dem Kopfe beſtätigte Artevelde; die Gegne keine Ant „Gne geſagt, d ſchworener Hülfe geg ein ſchreck der heilige dieſes Tot Ich bekenn vielleicht u den; aber Dieſe ſammlung den Oberl rung zu Neugier n wendend, „Edle ich im Nan gen an Eu frage ich C Ihr durch! kränktes R Frankreich heiten unve „Das wort!“ ant Jakob von 2 glücke ent⸗ lich ſein,“ nur uüber⸗ eeſer Krieg der fran⸗ i werden. eiſe unſern ennen zum n und zur Das können demgemäß »? Senden en Königen Kriegsplane Niederlage aber bald s Heer hin, eits mit der hte handge⸗ ohne ſelbſt würden wir jier alle Ge⸗ und bitte ſie, glich ſei, daß h der König emit Frank⸗ ppfe beſtätigte Jakob von Artevelde. 33 Artevelde's Worte. Er ſchwieg eine Weile, als wolle er die Gegner des Bündniſſes ſprechen laſſen. Da er jedoch keine Antwort von ihnen erhielt, ſo fuhr er fort: „Gnädige Herren und gute Männer! Man hat hier geſagt, daß Brabant und Flandern ihren feierlich ge⸗ ſchworenen Eid brechen würden, wenn ſie Jemanden Hülfe gegen Frankreich liehen. Man hat gezeigt, welch ein ſchreckliches Unglück für Seele und Leib der Bann der heiligen Kirche über Flandern bringen könne, wenn dieſes Todesurtheil eine Zeit lang uns drücken müßte. Ich bekenne, daß dieſe Hinderniſſe äußerſt wichtig und vielleicht unüberwindlich ſein würden, wenn ſie beſtän⸗ den; aber ſie beſtehen nicht.“ Dieſe Worte überraſchten die Mitglieder der Ver⸗ ſammlung ſehr. Sie blickten ſtarr und verwundert auf den Oberhauptmann, und ſchienen eine nähere Erklä⸗ rung zu verlangen. Artevelde befriedigte jedoch ihre Neugier nicht, ſondern ſich zu dem Könige von England wendend, ſagte er: „Gdler Herr König! Ich bitte um Verzeihung, wenn ich im Namen meines Vaterlandes einige gewichtige Fra⸗ gen an Euch richte..... Wenn es mir geſtattet wird, frage ich Euch, Eduard, König von England: Im Fall Ihr durch den Beiſtand der vlämiſchen Städte Euer ge⸗ kränktes Recht wieder hergeſtellt ſehet und König von Frankreich werdet, wollt Ihr Flandern alle ſeine Frei⸗ heiten unvermindert und unbeſtritten laſſen?“ „Das werde ich rhun und gebe darauf mein Ritter⸗ wort!“ antwortete Eduard. Jakob von Artevelde. III. 3 34 Jakob von Artevelde. „Würdet Ihr Flandern alle Provinzen und Städte, die man ihm fälſchlich geraubt hat, Ryſſel, Douai und Orchies, zurückgeben?“ „Ich habe es bereits viele Male feierlich verſprochen!“ ſagte der König.. „Und Terowaen und Doornik?“ ſetzte Artevelde ſeiner vorigen Frage hinzu. Dieſes neue Verlangen ſetzte Eduard in äußerſte Verwunderung. Er hatte mit Artevelde bereits ſo viele Verhandlungen gehabt, daß er im Voraus Alles wiſſen zu können glaubte, was die vlämiſchen Gemeinen von ihm fordern würden. Die Lage, in der er ſich befand, ge⸗ ſtattete ihm indeſſen nicht, lange zu zögern, und er ant⸗ wortete daher mit leichter Unzufriedenheit: „Und auch Terowaen und Doornik!“ Der Oberhauptmann warf einen raſchen Blick auf Meiſter Auguſtyn, den Stadtſchreiber von Gent, der an der Tafel ſaß und ſchrieb. „Würdet Ihr die päpſtliche Bulle von 1309 der Gemeine von Gent überliefern, nebſt allen Briefen, Schuldbekenntniſſen, Bußurtheilen und Verbindlichkeiten jeder Art, welche Frankreich gegen uns geltend macht und von denen die Obrigkeit jeder Stadt Euch ihre Liſte überreichen würde?“ „Das ſcheint mir recht und billig, und ich werde es thun,“ ſagte Eduard. Sich dann zu den Geſandten der Städte wendend, ſprach Artevelde alſo: 7 G Flander! blicke, w lehrt. F Ritterſch dem Sch Durch d wird dieſ herrſchſü nach, al ihrem Ei reich län darum w es hat be trug und einſt noch hat ja a Ströme hingeſtell bant, u ſtreckend, niederländ wenn wir ten zwiſc Nachbarn abſtamme Sitten ho und Gew ſtreitſüchte uind Städte, Douai und erſprochen!“ e Artevelde in äußerſte eits ſo viele Alles wiſſen nen von ihm befand, ge⸗ und er ant⸗ n Blick auf Gent, der an 1309 der len Briefen, bindlichkeiten eltend macht uch ihre Liſte ich werde es dte wendend, Jakob von Artevelde. 35 „Gute Männer von Brabant und Genoſſen von Flandern! Erinnert Euch in dieſem feierlichen Augen⸗ blicke, was die Geſchichte dieſer letzten Jahrhunderte uns lehrt. Frankreich iſt ein mächtiges Land, deſſen zahlreiche Ritterſchaft genährt wurde mit dem Gedanken, daß auf dem Schlachtfelde allein Ruhm und Ehre zu holen ſei. Durch dieſe Kampfluſt in den Sitten ſeiner Einwohner wird dieſes Land beſtändig zum Kriege angetrieben; ſeine herrſchſüchtigen Könige ſtreben ſeit Jahrhunderten dar⸗ nach, alle angränzenden Nationen ihrem Scepter oder ihrem Einfluſſe zu unterwerfen. Die Natur hat Frank⸗ reich längs den Niederlanden keine Gränzen gegeben, darum will es ſich raſtlos nach dem Norden ausbreiten; es hat bereits einen guten Theil von Flandern durch Be⸗ trug und Liſt bewältigt und glaubt auch Gent ſelbſt der⸗ einſt noch in ſeine Macht zu bekommen. Natürlich, dort hat ja auch die Natur weder hohe Berge noch breite Ströme der franzöſiſchen Gewinnſucht als Schranken hingeſtellt.... Demzufolge, auf Flandern folgt Bra⸗ bant, und ſo immer weiter ſeinen Rieſenarm aus⸗ ſtreckend, würde Frankreich vielleicht in Zukunft alle niederländiſchen Stämme unter ſeine Herrſchaft bringen, wenn wir jetzt nicht eine unerſchütterliche Mauer aufrich⸗ ten zwiſchen unſerem Vaterlande und deſſen ſüdlichen Nachbarn. Erwägt gleichfalls, daß wir, vom Norden abſtammend, eine andere Sprache reden und andere Sitten haben, als die Franzoſen, daß wir durch Handel und Gewerbfleiß unſer Gedeihen finden, während unſere ſtreitfüchtigen Nachbarn ihren Ruhm allein in Krieg 3* 36 Jakob von Artevelde. und Ritterkämpfen ſuchen. Jeder von uns fühlt, daß wir, deutſche Stämme, nur verlieren können bei einer Bundesgenoſſenſchaft mit Völkern, welche aus ganz an⸗ derem Blute ſtammen und andere Nothwendigkeiten, als wir, zu erfüllen haben. Wir kämpfen auch ſeit Jahr⸗ hunderten gegen den verderblichen Einfluß, der von dort wie ein bleiernes Gewand auf uns drückt. Wohl denn, die Stunde iſt gekommen, um uns auf ewig von dieſer Sklaverei zu erlöſen und unſere Unabhängigkeit zu ge⸗ winnen. Ich bin überzeugt, daß es weder in Brabant noch in Flandern an Helden fehlen werde, dieſes patrio⸗ tiſche Werk auszuführen. Wir brauchen deshalb nicht meineidig zu werden, noch haben wir den Bann der Kirche zu fürchten:— denn was ſagt unſer Eid? Daß wir dem Könige von Frankreich treu ſein ſollen?..... Aber ich bitte Euch Alle, wie Ihr hier ſeid, antwortet mir auf die Frage: Wer iſt denn der rechtmäßige Konig von Frankreich?“ Die Blicke Aller wandten ſich dem Könige von Eng⸗ land zu. „Wahrlich, Genoſſen!“ fuhr Artevelde fort,„Phi⸗ lipp von Valois iſt der geſetzliche Erbe der Krone von Frankreich nicht! Kein Anderer, als der edle König Eduard, hat das Recht, Anſprüche auf das Scepter des heiligen Ludwigs zu machen. Ihr erkennt das Alle an; ganz Flandern, ganz Brabant ruft es laut. Ich frage Euch demgemäß: Wenn wir dem Eide treu bleiben wol⸗ len, der uns verpflichtet, dem Könige von Frankreich Beiſtand zu leiſten, mit wem müſſen wir uns verbünden, um nicht lois oder „Mi ganze Ve Abgeordn „Wa mann for nige entg Die Aebt haben beſ zu ſenden, lichkeit zu lichen Rech ihn anzufl des Papſt Flandern brechen.. vor Fürſte König vor fortan Eu König vor glänze au dem engliſ Niederland rechtmäßig Dieſel und Eifer g erhob ſich a Ser van S fühlt, daß n bei einer s ganz an⸗ gkeiten, als ſeit Jahr⸗ her von dort Wohl denn, gBvon dieſer gkeit zu ge⸗ in Brabant teſes patrio⸗ eshalb nicht Bann der Eid? Daß Sſlen?..... ), antwortet äßige Koͤnig ge von Eng⸗ fort,„Phi⸗ r Krone von edle König Scepter des das Alle an; att. Ich frage bleiben wol⸗ 8n Frankreich s verbünden, 37 Jakob von Artevelde. um nicht meineidig zu werden? Mit Philipp von Va⸗ lois oder mit König Eduard?“ „Mit König Eduard! mit König Eduard!“ rief die ganze Verſammlung, während der engliſche Fürſt den Abgeordneten mit einem Zeichen der Hand dankte. „Was den Bann betrifft,“ fuhr der Oberhaupt⸗ mann fort,„dieſer ſchnöden Waffe der franzöſiſchen Kö⸗ nige entgehen wir durch dieſelbe geſetzliche Erklärung. Die Aebte von Flandern und der Biſchof von Lüttich haben beſchloſſen, Abgeordnete zu dem heiligen Vater zu ſenden, um ihm im Namen der niederländiſchen Geiſt⸗ lichkeit zu beweiſen, daß nach allem göttlichen und menſch⸗ lichen Rechte die verliehene Bulle gemisbraucht wird, und ihn anzuflehen, dieſelbe zu vernichten. Bis die Antwort des Papſtes eingetroffen iſt, wird man keine Kirche in Flandern ſchließen und nirgends den Gottesdienſt unter⸗ brechen... Eure Pflicht iſt es, edler König Eduard, vor Fürſten und Voͤlkern zu zeigen, daß Ihr wirklich König von Frankreich ſeid. Keine Urkunde empfange fortan Euer Siegel, wenn Ihr nicht in derſelben als König von Frankreich genannt ſeid. Von morgen an glänze auf Eurem Schilde die franzöſiſche Lilie neben dem engliſchen Leoparden, und einſtimmig werden alle Niederlande Euch begrüßen als Frankreichs einzigen und rechtmäßigen Fürſten!“ Dieſe letzten Worte hatte Artevelde mit noch mehr Kraft und Eifer geſprochen; kaum ſchloß er daher ſeine Rede, ſo erhob ſich alsbald die ganze Verſammlung, mit Ausnahme Ser van Steenbeeke's und Calevoet's, und rief jubelnd aus: 38 Jakob von Artevelde. „Heil! Heil Eduard, König von England und Frankreich!“ Man konnte Geeraert Denys' Stimme vor allen an⸗ deren deutlich heraushören. Da er die Unmöglichkeit ſah, Artevelde an der Ausführung ſeines Plans zu hindern, heuchelte er nun in ſeiner Hinterliſt, daß er durch deſſen Gründe überzeugt ſei, und jubelte lauter, als die Anderen. Van Steenbeeke und Calevoet drückten dagegen ihr Misvergnügen durch ungeſtüme Worte und Geberden aus; doch gab Niemand darauf Acht. Nachdem der König und der Herzog nebſt zwei bra⸗ bantiſchen Rittern noch das Wort genommen hatten, um den Geſandten zu danken oder das Vorgetragene zu be⸗ ſtätigen, begannen die Abgeordneten der Städte mehr im Beſonderen über die Bedingungen des Bündniſſes und die Mittel, daſſelbe ſobald wie möglich bei ihren Städten zur Annahme zu bringen, zu berathen. Man ſchloß end⸗ lich mit der Uebereinkunft, daß binnen zwanzig Tagen, und zwar am nächſten 3. December, eine neue Tagfahrt zu Gent berufen werden ſolle, um den Vertrag der Bun⸗ desgenoſſenſchaft zu unterzeichnen. In dem Augenblicke, in welchem viele Geſandte er⸗ warteten, daß die Verſammlung aufgehoben werden würde, ſtand Artevelde nochmals auf und verkündete, daß er im Namen der Stadt Gent noch einen ſehr wichtigen Vortrag zu halten habe. Sobald Jeder ihm ſeine Auf⸗ merkſamkeit zuwandte, ſprach er, wie folgt: „Gnädiger Herzog, und Ihr guten Männer der Städte von Brabant und Flandern! Wir hegen ſeit vie⸗ len Jahr bindung werden n anders e die uns Verſuch Die Stad men ſei, ſchen den gelegen ſ Sie zweij dem Henn Völker ge Gewalt z und unkli werbfleiße zu bringe ſie auffor dieſer Ve jeder Geſe die gemeit del überre meinen zu Damit Ih den bekom Erlaubnif ſes neue Flandern auch jedes agland und or allen an⸗ glichkeit ſah, zu hindern, durch deſſen die Anderen. dagegen ihr eberden aus; ſſt zwei bra⸗ mhatten, um agene zu be⸗ dte mehr im ndniſſes und Fren Städten n ſchloß end⸗ anzig Tagen, eue Tagfahrt ag der Bun⸗ Geſandte er⸗ oben werden rkündete, daß ehr wichtigen m ſeine Auf⸗ Männer der hegen ſeit vie⸗ Jakob von Artevelde. len Jahren gemeinſam das Gefühl, daß eine feſte Ver⸗ bindung zwiſchen den Niederlanden zu Stande gebracht werden müſſe. Wollen wir, kleine, zerbröckelte Staaten, anders einige Macht beſitzen gegen die größeren Reiche, die uns auf allen Seiten umgeben, ſo müſſen wir keinen Verſuch zur Einträchtigkeit und Verſchmelzung ſcheuen. Die Stadt Gent iſt der Meinung, daß die Zeit gekom⸗ men ſei, um zwiſchen allen Niederlanden, und ſelbſt zwi⸗ ſchen den Gebieten, die diesſeits der franzöſiſchen Gränzen gelegen ſind, ein unzerſtörbares Bündniß zu ſchließen. Sie zweifelt nicht an der Zuſtimmung von Brabant und dem Hennegau; aber ſie will, daß mehr Grafſchaften und Völker gezwungen werden, dieſer Verbindung beizutreten. Gewalt zu dieſem Zwecke zu gebrauchen wäre unrecht und unklug. Nur durch Intereſſen des Handels und Ge⸗ werbfleißes glaubt ſie alle niederländiſchen Völker dahin zu bringen, es als eine Gunſt zu betrachten, wenn man ſie auffordert, in unſern Bund zu treten. Am Schluſſe dieſer Verſammlung wird der Oberſchreiber von Gent jeder Geſandtſchaft eine Abſchrift von dem Vertrage für die gemeinſchaftliche Vertheidigung und den freien Han⸗ del überreichen, und wir erſuchen Euch, ihn Euren Ge⸗ meinen zur Berathung und Genehmigung vorzulegen. Damit Ihr jedoch ſogleich einen Begriff von den Grün⸗ den bekommt, auf denen er ruht, bitte ich Euch um die Erlaubniß, Euch dieſelben kurz vorzutragen..... Die⸗ ſes neue Bündniß ſoll zuerſt geſchloſſen werden zwiſchen Flandern und Brabant, jedoch in der Art, daß ſpäter auch jedes andere Herzogthum oder jede Grafſchaft bei⸗ —y— Jakob von Artevelde. treten kann, wenn es die Bedingungen beſchwören will. Dieſe Bedingungen, die Ihr in der geſchriebenen Mit⸗ theilung weitläuftiger entwickelt findet, ſind folgende: „Die verbündeten Lande ſollen weder Krieg führen noch Frieden ſchließen ohne gegenſeitige Zuſtimmung. „Dasjenige verbündete Land, welches vom Feinde angegriffen wird, ſoll von den anderen als eigener vater⸗ ländiſcher Boden betrachtet und von allen gemeinſchaft⸗ lich vertheidigt werden. „Zwiſchen allen verbündeten Landen ſoll Handels⸗ freiheit beſtehen, und jeder der Bundesgenoſſen durch die ganze Bundesgenoſſenſchaft kommen und gehen, kaufen und verkaufen können, ohne irgend einen anderen Zoll zu bezahlen als denjenigen, welchem die Eingeborenen ſelbſt unterworfen ſind. „ In der ganzen Bundesgenoſſenſchaft ſoll eine und dieſelbe unveränderliche Münze gangbar ſein. Dieſe Münzen ſollen auf der einen Seite das Wappen von Brabant, auf der andern das Wappen von Flandern führen; ſie ſollen in beiden Landen, zu Löwen und zu Gent, wo die Münzwerkſtätten ſind, geſchlagen werden; zu Löwen ſollen drei vlämiſche Bevollmächtigte und zu Gent drei brabantiſche Bevollmächtigte die Arbeit der Münzer bewachen. „Aus allen guten Städten der Bundesgenoſſenſchaft ſoll ein Bundesrath zuſammengeſtellt werden, welcher ſich jährlich dreimal abwechſelnd in verſchiedenen Landen und Städten, je nach Uebereinkunft, verſammelt. „Dieſer Bundesrath ſoll in letzter Inſtanz entſchei⸗ den übe keiten, trages l 2 von der heißt, abnehm von St Bundes „D Grundle Ihr wer werbflei außeror augenbl in ſolche bilden 1 ſtimmt i punkt u keins der der Han können, und Sch hofft da genoſſen welchen Euch, d werden, und erw ören will. enen Mit⸗ lgende: eeg führen nmung. om Feinde ener vater⸗ meinſchaft⸗ Handels⸗ n durch die en, kaufen nderen Zoll ngeborenen ll eine und ein. Dieſe zappen von n Flandern ven und zu gen werden; igte und zu Arbeit der enoſſenſchaft den, welcher enen Landen melt. anz entſchei⸗ Jakob von Artevelde. 41 den über alle Meinungsverſchiedenheiten und Zwiſtig⸗ keiten, welche ſich hinſichtlich der Ausführung des Ver⸗ trages bilden können. „Dieſer Vertrag ſoll gegenſeitig beſchworen werden von den Fürſten, den Rittern und den Gemeinen, das heißt, Brabant ſoll den vlämiſchen Gemeinen den Eid abnehmen und unſere Abgeordneten ſollen in Brabant von Stadt zu Stadt daſſelbe thun. Mit den anderen Bundesgenoſſen ſoll es ebenſo geſchehen in dieſer Weiſe. „Dies ſind, gnädige Herren und gute Männer! die Grundlagen, auf denen der Vorſchlag Gents beruht. Ihr werdet einſehen, hoffen wir, daß Handel und Ge⸗ werbfleiß durch eine ſolche Bundesgenoſſenſchaft eine außerordentlich hohe Stufe der Blüthe und des Lebens augenblicklich erreichen müſſen;— daß die Niederlande in ſolcher engen Verbindung eine ſehr bedeutende Macht bilden werden;— und daß dieſes Bündniß dazu be⸗ ſtimmt iſt, alle benachbarten Grafſchaften wie ein Mittel⸗ punkt unwiderſtehlich in ſeinen Schooß zu ziehen, da keins der Gebiete, welche diesſeits Frankreich liegen, mit der Handelsmacht der Bundesgenoſſen wird wetteifern können, ohne binnen Kurzem in die äußerſte Armuth und Schwäche zu verfallen. Die Gemeine von Gent hofft daher, daß durch dieſes Mittel ſich eine Bundes⸗ genoſſenſchaft bilden werde zwiſchen allen Landen, in welchen das Niederländiſche geſprochen wird. Sie bittet Euch, die Abſchrift, die Euch ſogleich wird übergeben werden, Euren Gemeinen zur Berathung vorzulegen, und erwartet Euch auf der bevorſtehenden Tagefahrt mit 42 Jakob von Artevelde. der gewiſſen Hoffnung, daß Ihr ihr ſämmtlich Eure Zuſtimmung mitbringen werdet zu der Errichtung eines Rieſenbaues, welcher allein uns gegen die franzöſiſche Habſucht beſchützen kann.“ Während Artevelde's Vortrag hatten die Geſand⸗ ten mit ſteigender Bewunderung zugehört. Je mehr er vor ihren inneren Blicken ſeine großen Pläne entwickelte, deſto mehr verſtummten ſie über das Bedeutende ſeiner Rede und über die unbegreiflich ſchöne Zukunft, welche dieſer Plan unfehlbar den Niederlanden bereitete. Kaum hatte er daher ſeine Rede geendet, ſo ſtanden die Abge⸗ ordneten und die Ritter, welche ihre Begeiſterung nicht länger zurückdrängen konnten, auf, hoben als Zeichen der Zuſtimmung ihre Hände hoch empor und riefen jubend: „Heil Gent! Heil Gent! Heil dem weiſen Manne!“ Der König von England und der Herzog von Bra⸗ bant ſtiegen, nebſt vielen Rittern, von ihren erhöhten Sitzen herab, um dem Oberhauptmanne zu danken und ihm Glück zu wünſchen. Eduard drückte ihm freundlich die Hand und ſprach mit lauter Stimme ſeine Bewunde⸗ rung des berühmten Genter Bürgers aus. Nachdem ſie einander nochmals auf die Tagefahrt zu Gent verwieſen hatten, verließen die Fürſten den Saal durch die innere Thür, während die Abgeordneten durch die äußere Thür aus dem Pallaſte zogen. An der Balley auf Coudenberg unterhielten ſich dieſe Letzteren noch lange über die ver⸗ handelten Angelegenheiten, bis endlich jeder die Straße einſchlug, die ihn zu ſeiner Herberge führen mußte. tete, 2 Anſicht gang d zornige gen ſch das He und dar wenn d Als zuruͤckke Blicke Vorſaa Verdru ten Au⸗ Jünglin den and weint, Ghelnot laſſen, ſuchen, Bei flüchtige Seite, men. 6 tlich Eure tung eines franzöſiſche ee Geſand⸗ Je mehr er entwickelte, ende ſeiner nft, welche ete. Kaum die Abge⸗ erung nicht als Zeichen und riefen n Manne!“ g von Bra⸗ ren erhöhten danken und m freundlich te Bewunde⸗ Nachdem ſie nt verwieſen ſch die innere äußere Thür Coudenberg iber die ver⸗ r die Straße mußte. Jakob von Artevelde. 43 Van Steenbeeke und Calevoet unterdrückten ihren Aerger in der Stille, ohne ihn jedoch ganz zu verbergen. Ihr Antlitz zeigte deutlich, daß ſte wüthend waren über das, was ſich zugetragen hatte. Denys jedoch lachte mit den Anderen und behaup⸗ tete, Artevelde's Gründe hätten ihn eine ganz andere Anſicht gewinnen laſſen, und er freue ſich über den Aus⸗ gang dieſer Tagefahrt. Hätte indeſſen Jemand auf die zornigen Blitze geachtet, welche mitunter aus ſeinen Au⸗ gen ſchoſſen, ſo würde derſelbe gewiß bemerkt haben, daß das Herz des Dechanten voll von Haß und Rachſucht ſei, und daß er Artevelde gern mit dem Blicke getödtet hätte, wenn das möglich geweſen wäre. Als die Gentiſchen Geſandten in den rothen Drachen zurückkehrten, fanden ſie Lieven Denys mit glühendem Blicke und zuſammengepreßten Zähnen am Fenſter im Vorſaale ſitzen. Sichtlich beunruhigte ihn ein heftiger Verdruß und Jeder wunderte ſich über den ungewohn⸗ ten Ausdruck, der ſich auf dem jugendlichen Antlitz des Jünglings zeigte. Veerle von Artevelde befand ſich mit den anderen Frauen im Nebengemache und hatte ſo ge⸗ weint, daß ihre Augen noch roth davon waren.— Ghelnoot von Lens hatte die Geſellſchaft unterwegs ver⸗ laſſen, um, wie er vorgab, einen alten Freund zu be⸗ ſuchen, und war noch nicht wieder da. Bei ſeinem Eintritt warf Geeraert Denys einen flüchtigen Blick auf ſeinen Sohn und zog ihn auf die Seite, um von ihm die Urſache ſeines Zorns zu verneh⸗ men. So ſehr er ſich jedoch auch bemühte, er konnte 44 Jakob von Artevelde. demſelben kein einziges verſtändliches Wort entlocken. Die Frauen wußten gleichfalls nicht, was ſich zugetragen habe, und drangen ebenſo vergeblich in Veerle, es ihnen mitzutheilen. Das Geheimniß von Lieven's Zorn, Veerle's Thrä⸗ nen und der Abweſenheit Ghelnoot s beſchäftigte die ganze Geſellſchaft eine Weile, bis die Wirthin ſie ein⸗ lud, ſich zur Tafel zu ſetzen. Artevelde allein lächelte über die Verſtimmung zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten, und glaubte, es ſei nur eins jener Wölkchen, welche ſo oft den Himmel von Lie⸗ benden verdunkeln, aber noch raſcher wieder verſchwin⸗ den, als ſie entſtehen. In Fo ſich die Städte zur Tag Ueberein ſamen 2 Braban Gemeine rechtmäf verbünd die Gra ſandte zu mächtigt men. C England begann zu präg Auf Pläne b. felte nich der Zeit zigen m ſeine mä gen Mif Nachthei entlocken. ugetragen es ihnen le's Thrä⸗ iftigte die n ſie ein- nung zwi⸗ es ſei nur el von Lie⸗ verſchwin⸗ Jakob von Artevelde. 45 VIII. In Folge des zu Brüſſel gegebenen Wortes befanden ſich die Abgeſandten der vlämiſchen und brabantiſchen Städte ohne Ausnahme am 3. December 1339 in Gent zur Tagefahrt. Dort ward mit bewundernswürdiger Uebereinſtimmung das zwiefache Bündniß der gemein⸗ ſamen Vertheidigung und der Handelsfreiheit zwiſchen Brabant und Flandern im Namen der Fürſten und der Gemeinen abgeſchloſſen und beſiegelt. Eduard ward als rechtmäßiger König von Frankreich zum Schutzherrn der verbündeten Lande ausgerufen. Kurze Zeit nachher trat die Grafſchaft Hennegau ebenfalls dem Bunde bei. Man ſandte zu allen Gemeinen der verbündeten Lande Bevoll⸗ mächtigte, ſich gegenſeitig den Eid der Treue abzuneh⸗ men. Es gingen ſogar einige Schöffen von Gent nach England, um dort das Bündniß zu beſchwören. Auch begann man zu Löwen und zu Gent die Bundesmünze zu prägen. Auf dieſe Weiſe ſah Artevelde ſeine großartigen Pläne bereits zum größten Theile verwirklicht, und zwei⸗ felte nicht daran, daß dieſes vaterländiſche Bündniß mit der Zeit alle niederdeutſchen Volksſtämme zu einer ein⸗ zigen mächtigen Nation verknüpfen würde. Ganz in ſeine mächtigen Entwürfe vertieft, ſchenkte er der niedri⸗ gen Mißgunſt, welche Alles, was er that, zu ſeinem Nachtheile auszulegen ſuchte und bereits viele beſchränkte 46 Jakob von Artevelde. Menſchen zu ſeinen Feinden gemacht hatte, nur geringe Aufmerkſamkeit. Wohl betrübten ihn mitunter dieſe An⸗ fechtungen, namentlich dann, wenn man verſuchte, ihm ſeine eigenen Hausgenoſſen abwendig zu machen; doch tröſtete er ſich mit ſeinem ruhigen Gewiſſen und begnügte ſich damit, ſeine Neider oder die Feinde von Flanderns Größe gleichgültig zu behandeln oder zu verachten. Hätte ſein edles Herz ihn nicht gehindert, ſich ſorg⸗ fältig um Dinge zu bekümmern, die ihn perſönlich an⸗ gingen, ſo würde er ohne große Mühe wohl die Quelle haben entdecken können, aus welcher die niedrigen Ver⸗ leumdungen floſſen, die man heimlich gegen ihn verbrei⸗ tete. Aber gerade um dieſe Zeit fehlte ihm die Muße, ſich um ſeine eigenen Intereſſen zu kümmern.— Ein langer und entſcheidender Krieg, an welchem Flandern den größten Antheil nehmen mußte, ſtand bevor, und war unvermeidlich, indem die beiden Könige ſich beeil⸗ ten, noch fortwährend neue Bundesgenoſſen zu gewin⸗ nen und ſich mit allen Kräften auf den Feldzug vor⸗ bereiteten. Endlich erſchien der König von Frankreich mit einem mächtigen Heere an den vlämiſchen Gränzen und wü⸗ thete ringsum mit Mord und Brand, während ſeine Flotte vor Sluis zu landen drohte. In aller Eile verſammelte Artevelde die bewaffneten Bürger der großen vlämiſchen Städte und trieb das franzöſiſche Heer zurück. Die engliſchen und vlämiſchen Schiffe vernichteten mittlerweile die franzöſiſche Flotte. Flandern verlaſſend, fiel der König von Frankreich in den He gen anrich da die ſta Beſatzung unbezwin darbot. Der rufend, ¹ Englands nen der§ neigt, we verändert Valencien dem Graf zen Bund velde auf ſei mächtig füllung il beſchloß, d Feldzug n Unmit an alle S zen zu ver mit ſeinen von Henn ner Mann ſeit Woche franzöſiſche Was die ir geringe dieſe An⸗ uchte, ihm hen; doch begnügte Flanderns ichten. ſich ſorg⸗ önlich an⸗ die Quelle rigen Ver⸗ hn verbrei- die Muße, n.— Ein n Flandern bevor, und eſich beeil⸗ zu gewin⸗ eldzug vor⸗ h mit einem en und wü⸗ ihrend ſeine bewaffneten d trieb das d vlämiſchen che Flotte. —n Frankreich Jakob von Artevelde. 47 in den Hennegau ein, wo ſein Heer dieſelben Verwüſtun⸗ gen anrichtete. Hier war er ſo leicht nicht zu vertreiben, da die ſtarke Stadt Doornik eine anſehnliche franzöſiſche Beſatzung hatte und den Franzoſen einen feſten, faſt unbezwinglichen Stützpunkt für ihre Unternehmungen darbot. Der Graf von Hennegau, ſich auf das Bündniß be⸗ rufend, verlangte die Hülfe Flanderns, Brabants und Englands; aber die beiden letzteren Bundesgenoſſen ſchie⸗ nen der Kriegführung im Hennegau nicht ſonderlich ge⸗ neigt, weil dadurch ihr ganzer Plan zu ihrem Nachtheile verändert werden mußte. Es ward eine Tagefahrt zu Valenciennes berufen. Fürchtend, daß eine Weigerung, dem Grafen von Hennegau Beiſtand zu leiſten, dem gan⸗ zen Bunde den Todesſtoß verſetzen könnte, bewies Arte⸗ velde auf derſelben mit ſolcher Beredſamkeit, kein Grund ſei mächtig genug, um die Bundesgenoſſen an der Er⸗ füllung ihres Eides zu hindern, daß man einſtimmig beſchloß, den König von Frankreich anzugreifen und den Feldzug mit der Belagerung von Doornik zu beginnen. Unmittelbar nach dieſem Beſchluſſe wurden Befehle an alle Städte geſandt, die Bewaffneten an den Grän⸗ zen zu verſammeln.— Der Herzog von Brabant erſchien mit ſeinen Rittern und bewaffneten Bürgern. Der Graf von Hennegau kam ebenfalls dorthin an der Spitze ſei⸗ ner Mannen. Die engliſchen Hülfstruppen waren ſchon ſeit Wochen dort und ſtanden unter dem Befehle eines franzöſiſchen Ueberläufers, Namens Robert d'Artois. Was die vlämiſchen Gemeinen betrifft, ſo ſandten ſie Jakob von Artevelde. die größte Macht in das Bundeslager. Artevelde ließ ſich mit vierzigtauſend Mann aus Gent, Waesland, Aelſt, Kortryk und Audenaerde vor den Mauern von Doornik nieder, während die übrigen Vläminger, zwan⸗ zigtauſend an der Zahl, unter anderen Hauptleuten ſich vor der Stadt Atrecht lagerten, um Flandern auf dieſer Seite vor einem Ueberfalle zu ſchützen. Sobald Alles zur Belagerung bereit war und die Bundesgenoſſen die Stadt Doornik ganz eingeſchloſſen hatten, begannen die Vläminger, unter Anführung Ar⸗ tevelde's, die Feſtung zu beſtürmen. Jedoch, wie oft ſie auch Tage und Wochen hintereinander mit demſelben Muthe die Mauern zu erſteigen ſuchten, es glückte ihnen nicht, ſich der beinahe unüberwindlichen Stadt zu be⸗ meiſtern. Die Urſache des ſchlechten Erfolgs ihrer Be⸗ mühungen war größtentheils in der Anweſenheit eines anſehnlichen franzöſiſchen Heeres zu ſuchen, welches ſich in der Nähe der belagerten Feſtung befand. Da Philipp von Valois fortwährend eine Schlacht im offenen Felde verweigerte, und ſich damit begnügte, die Bundesgenoſſen durch unaufhörliche Scharmützel zu beunruhigen, ſo ſa⸗ hen ſich dieſe ſtets genöthigt, einen anſehnlichen Theil ihrer Macht für ſolche Fälle in Reſerve zu halten. Den König von Frankreich anzugreifen und ihn zu einem ent⸗ ſcheidenden Kampfe zu bringen, daran durfte man gleich⸗ falls nicht denken, weil man dadurch die Beſatzung von! Doornik im Rücken behalten hätte und ſtets von einem Angriffe derſelben bedroht blieb. So währte dieſe Belagerung zehn lange Wochen, ohne irgen Aushunger ſchöpfung England k bezahlen, f ſowohl wie zuletzt nich obendrein weder für? mochte. Doorn zuerſt die Da dieſes Beſatzung ihre Noth Furcht aus zwungen ſe König keine Verlegenhe⸗ bis endlich negau und Dieſe Dam von Englat Friedensger Boten an i eines Waff die Aebtiſſi wußte die? Beredtſamk Jakob von 2 tevelde ließ Waesland, kauern von iger, zwan⸗ ptleuten ſich n auf dieſer var und die eingeſchloſſen führung Ar⸗ , wie oft ſie it demſelben glückte ihnen Stadt zu be⸗ gs ihrer Be⸗ eſenheit eines , welches ſich Da Philipp offenen Felde undesgenoſſen uhigen, ſo ſa⸗ hnlichen Theil rhalten. Den zu einem ent⸗ fte man gleich⸗ Beſatzung von tets von einem lange Wochen, — Jakob von Artevelde. 49 ohne irgend einen anderen Erfolg zu haben, als das Aushungern der Beſatzung von Doornik und die Er⸗ ſchöpfung des vlämiſchen Heeres. Da der König von England kein Geld mehr hatte, um ſeine Truppen zu bezahlen, ſo ward er endlich des Krieges müde, eben⸗ ſowohl wie der König von Frankreich, deſſen Heere es zuletzt nicht bloß an Gelde fehlte, ſondern der auch obendrein in der Umgegend keine Mundvorräthe mehr, weder für Menſchen, noch für Pferde, aufzutreiben ver⸗ mochte. Doornik, auf die höchſte Noth getrieben, verjagte zuerſt die Frauen, Kinder und Greiſe aus der Stadt. Da dieſes Mittel aber noch nicht hinreichte, ſo ſandte die Beſatzung endlich einen Boten an den König, um ihm ihre Noth zu klagen, ihn um Hülfe anzugehen und die Furcht auszuſprechen, daß ſie ſich binnen Kurzem ge⸗ zwungen ſehen würde, die Stadt zu übergeben. Da der König keine Schlacht wagen durfte, ſo gerieth er in große Verlegenheit und wußte nicht, was er beſchließen ſolle, bis endlich ſeine Schweſter Johanna, Altgräfin von Hen⸗ negau und Aebtiſſin von Fontanelle, ihre Hülfe anbot. Dieſe Dame reiſte nach Gent zu der Königin Philippine von England, ihrer Tochter, und es glückte ihr, derſelben Friedensgedanken einzuflößen. Philippine ſandte einen Boten an ihren Gemahl Eduard, um ihm den Abſchluß eines Waffenſtillſtandes zu rathen. Mittlerweile kehrte die Aebtiſſin Johanna wieder zu dem Heere zurück und wußte die verbündeten Könige und Grafen mit ſo vieler Beredtſamkeit zu überzeugen, daß ſie endlich bereit wa⸗ Jakob von Artevelde. III. 4 Jakob von Artevelde. len, und eine Zuſam⸗ wart des 50 ren, alle Feindſeligkeiten einzuſtel menkunft beſchloſſen, um einen einjährigen Waffenſtill⸗ für Fland ſtand zu verabreden. rechten F Alle dieſe Verhandlungen hatten ohne Theilnahme gehen, u der vlämiſchen Gemeinen ſtattgefunden. Artevelde war ſich lad 6 von denſelben fern gehalten worden, unter dem Vor⸗ Bundesg wande, daß auf einer Fürſtenverſammlung, wie dieſe würde. 8 ſein müſſe, Graf Ludwig im Namen ſeiner Grafſchaft velde's W die wahre Urſache nicht. größer w handeln ſolle. Dies war jedoch Der franzoſiſche König ſowohl wie ſeine Bundesgenoſſen tanelle, n und Ritter fühlten einen unbezwinglichen Widerwillen, fen zum. auf gleichem Fuße mit einem Bürger zu unterhandeln lichen He und vielleicht die Uebermacht ſeiner Beredſamkeit und wonnen h ſeines Geiſtes an ſich erfahren zu müſſen. Der Koͤnig land dur von England dagegen fürchtete nicht ohne Grund, Arte⸗ fortzuſetze velde würde zu keinem Waffenſtillſtande zu bereden ſein, den Preis wenn man ihm nicht ſehr viele Punkte zum Vortheile Zeit gew Flanderns zugeſtehe. Da er nun vorausſah, daß Phi⸗ meln könd lipp von Valois wahrſcheinlich nicht in die Forderungen rungen v des Oberhauptmanns willigen würde, ſo bot er, obwohl möglich wider ſeinen Willen, die Hand zu den Intriguen der Brüſſel 1 franzöſiſchen Räthe, um die Vläminger und Artevelde hatte. C zu überliſten. haben, u Artevelde hatte bereits mehrere Male den König von Unterhan 1 England an ſeine Verſprechungen erinnert, und ihn auf⸗ die Klage . merkſam gemacht, daß er für die Zukunft ſeine Sache in aber in d große Gefahr bringen würde, wenn er bei dem Ab⸗ den, weil ſchluſſe des Waffenſtillſtandes die Intereſſen der Vlã⸗ Urkunden minger verwahrloſte. Er bewies ihm, daß die Gegen⸗ beſaß, vo Zuſam⸗ affenſtill⸗ heilnahme velde war dem Vor⸗ wie dieſe Grafſchaft ſache nicht. desgenoſſen ziderwillen, nterhandeln amkeit und Der König rund, Arte⸗ bereden ſein, m Vortheile h, daß Phi⸗ Forderungen ot er, obwohl entriguen der und Artevelde den König von und ihn auf⸗ ſeine Sache in bei dem Ab⸗ ſſen der Vlã⸗ aß die Gegen⸗ Jakob von Artevelde. 51 wart des Grafen in der Verſammlung, als Wortführer für Flandern, nur eine Liſt Frankreichs ſei, um den ge⸗ rechten Forderungen der Gemeinen aus dem Wege zu gehen, und zeigte ihm, welche Verantwortlichkeit er auf ſich lade, wenn durch ſeine Mitwirkung das Recht ſeiner Bundesgenoſſen auf eine kränkende Weiſe nicht beachtet würde. Wie groß jedoch immer der Eindruck von Arte⸗ velde's Worten auf Eduard's Gemüth ſein mochte, noch größer war auf ihn der Einfluß der Aebtiſſin von Fon⸗ tanelle, welche unermüdlich ſtrebte, die Könige und Gra⸗ fen zum Frieden zu bewegen, und bereits in jedem fürſt⸗ lichen Heere die meiſten Ritter für ihre Anſichten ge⸗ wonnen hatte. Obendrein war es dem Könige von Eng⸗ land durchaus unmöglich, dieſen Kriegszug noch länger fortzuſetzen. Er ſah ſich demzufolge gezwungen, um je⸗ den Preis einen Waffenſtillſtand anzunehmen, damit er Zeit gewinnen und in England neue Streitkräfte ſam⸗ meln könne. Uebrigens verſprach er, Flanderns Forde⸗ rungen vor den Fürſten zu vertheidigen und ſo gut wie möglich die Verbindlichkeiten zu erfüllen, welche er zu Brüſſel und zu Gent gegen die Gemeinen übernommen hatte. Er rühmte ſich ſogar, nicht damit gewartet zu haben, um ſein Wort zu halten, indem von ihm bereits Unterhandlungen mit dem Könige von Frankreich über die Klagen der Vläminger angeknüpft worden ſeien; daß aber in dieſer Angelegenheit noch nichts beſchloſſen wor⸗ den, weil Philipp von Valois raſch alle Schuldbriefe und Urkunden, welche der franzöſiſche Hof gegen Flandern beſaß, von Paris wolle kommen laſſen, um ihre Richtig⸗ 4* —— —=- -—— 5² Jakob von Artevelde. keit und Rechtmäßigkeit in der Verſammlung der Räthe zu vertheidigen und zu beweiſen. Der Oberhauptmann ſah wohl aus den ſchwachen Verſicherungen, die ihm Eduard gab, daß derſelbe nicht mit der nöthigen Kraft Flanderns Beſtes verfechten würde und daß die Vläminger ſich demgemäß bereit hal⸗ ten müßten, um im Falle der Noth das gekränkte Recht ihres Landes geltend zu machen oder zu rächen. Seitdem Artevelde aus dem Munde des Königs von England vernommen hatte, daß alle zum Nachtheile Flanderns beſtehenden Urkunden aus Paris nach Door⸗ nik gebracht werden ſollten, klagte er nicht mehr über ſeine Ausſchließung von der bevorſtehenden Verſamm⸗ lung, ſondern that, als ob er den Ausgang der Bera⸗ thungen vertrauensvoll und gleichgültig abwarte. Ein einziger Gedanke beſchäftigte ſeinen Geiſt: die Verpflichtungen, welche nach einander den vlämiſchen Grafen in den Kerkern des Louvre durch die ſchnödeſte Leiſt dreihundert Jahre lang auferlegt worden waren,— die Jahrhunderte alten Ketten, mit denen Frankreich die Grafſchaft Flandern gefeſſelt hielt und deren freie Entwicke⸗ lung verhinderte,— die verderblichen Früchte einer teuf⸗ liſchen Politik ſollten dort, einige Bogenſchüſſe weit von dem vlämiſchen Heere, geſammelt werden. Man wollte ſie nochmals gebrauchen, um Flanderns Recht zu zertreten. Es waren eigenthümliche Betrachtungen, welche Tag und Nacht im Kopfe des weiſen Mannes entſprangen; mitunter erſchien in der Einſamkeit ein ſiegreiches Lächeln auf ſeinem Angeſichte, während er das Haupt mit Stolz empor ſeines helden König den Ur ſobald daß di Paris Gent, rath bi Stund geheim beſchlo die Dee ſich Eit ſtrebun Di weckte der Ern werden vorſicht ten ſie mann durch d leiten l zuwillig von en zur Pfl das Ve der Räthe ſchwachen rſelbe nicht verfechten bereit hal⸗ änkte Recht n. des Konigs n Nachtheile nach Door⸗ mehr über Verſamm⸗ g der Bera⸗ varte. n Geiſt: die n vlämiſchen die ſchnödeſte en waren,— Frankreich die reie Entwicke⸗ hte einer teuf⸗ züſſe weit von Man wollte ht zu zertreten. en, welche Tag 3 entſprangen; greiches Lächeln aupt mit Stolz Jakob von Artevelde. 53 emporhob. Kämpfte er dann im Geiſte gegen den Feind ſeines Vaterlandes? Bildete er ſich vielleicht in ſeinen heldenmüthigen Träumen ein, daß er in Gegenwart des Königs von Frankreich ſiegreich die Hand an die ſchnö⸗ den Urkunden lege und ſie zerreiße? Wie dem auch ſei, ſobald er von einem brabantiſchen Rathsherrn vernahm, daß die Urkunden in der That während der Nacht aus Paris angekommen ſeien, berief er die vier Schöffen von Gent, die mit ihm im Lager waren und ſeinen Kriegs⸗ rath bildeten, in ſein Zelt, und verbrachte mehr als drei Stunden hinter einander mit ihnen in Berathungen über geheime Pläne. Was in dieſer Sitzung verhandelt oder beſchloſſen wurde, erfuhren weder die Hauptleute, noch die Dechanten, und wie groß auch die Mühe war, welche ſich Einige gaben, etwas davon zu entdecken, ihre Be⸗ ſtrebungen blieben fruchtlos. Die Geheimhaltung einer ſo wichtigen Angelegenheit weckte die Aufmerkſamkeit von Artevelde's Feinden. In der Erwartung, daß Flanderns Rechte hier nicht anerkannt werden würden, begannen ſie Artevelde zuerſt der Un⸗ vorſichtigkeit und Schwäche zu beſchuldigen; dann ſtreu⸗ ten ſie im Heere den Verdacht aus, daß der Oberhaupt⸗ mann ſich durch die Schmeicheleien Eduard's, vielleicht durch das Gold Philipp's von Valois könne haben ver⸗ leiten laſſen, in die Verletzung der Rechte Flanderns ein⸗ zuwilligen. Es gab ſogar Einige, welche behaupteten, von engliſchen Rittern gehört zu haben, daß Artevelde zur Pflichtvergeſſenheit ſich habe beſtimmen laſſen durch das Verſprechen, die Königin von England werde das —— 54 Jakob von Artevelde. m geboren werden ſollte, in Gent aus der Taufe heben. Obwohl man nun ſchon ſeit drei Mona⸗ ten wußte, daß die engliſche Königin die Pathe von Ar⸗ tevelde's Kinde ſein ſolle, ſo ließen ſich die Läſterer den⸗ noch durch die offenbare Grundloſigkeit dieſer Beſchuldi⸗ gung nicht abhalten. Da ſie überzeugt waren, den Fall des großen Bürgers ſobald noch nicht hoffen zu können, genügte es ihnen, allerlei falſche Gerüchte über ihn zu verbreiten, um ihn allmählig in ſchlechten Ruf zu brin⸗ gen und ihm wo möglich ſein Leben zu verbittern. Sie miſchten heimlich die Karten, um ihm die nachtheilige Wendung der Unterhandlungen über den Waffenſtill⸗ ſtand als ein Verbrechen aufzubürden und ihn durch eine unerträgliche Verantwortlichkeit niederzudrücken, wenn es ſich in der That zutragen ſollte, daß die Vläminger von Doornik mit Schaden und Schande heimkehren müßten. Trotz dem, daß das Heer ein wildes Vertrauen auf den Oberhauptmann ſetzte und man nicht im Voraus wiſſen konnte, welchen Ausgang die Verſammlung in Hinſicht auf Flandern haben würde, ſo erweckte doch die trotzige Haltung und das falſche Benehmen der Fürſten und Ritter Argwohn unter den Vlämingern, und jeder erwartete mit mistrauiſchem und verſtörtem Gemüthe den Tag, an welchem der Waffenſtillſtand abgeſchloſſen wer⸗ den ſollte. Am 25. September 1340 verſammelten ſich die Bevollmächtigten der Könige von Frankreich und Eng⸗ land, nebſt einer anſehnlichen Zahl Herzoge, Grafen und Ritter, in der Kapelle von Eplechin bei Door⸗ Kind, das ih 1 nik und ſtillſtan Es noch i gungen wünſch deutend der Kö die Vl Theile ſes Lau Rathsl briefe 1 in eine bald d bekräft wonne! ſproche als es die fra ſchung unzufri keit ſal erlange keit üb trafen, Lande ſolle, l fragen it aus der kei Mona⸗ e von Ar⸗ ſterer den⸗ Beſchuldi⸗ 1, den Fall zu können, aͤber ihn zu uf zu brin⸗ ittern. Sie nachtheilige Waffenſtill⸗ )n durch eine ken, wenn es äminger von hren müßten. Vertrauen auf im Voraus ſammlung in weckte doch die n der Fürſten ern, und jeder Gemüthe den geſchloſſen wer⸗ nelten ſich die reich und Eng⸗ erzoge, Grafen hhin bei Door⸗ Jakob von Artevelde. 55 nik und eröffneten die Berathungen über den Waffen⸗ ſtillſtand. Es waren bereits zwei Tage verſtrichen, und man noch immer nicht einig geworden über die Bedin⸗ gungen des Vertrags. Die Hoffnung auf einen er⸗ wünſchten Ausgang ſchien ſelbſt unter den Fürſten be⸗ deutend abzunehmen. Dies kam vorzüglich daher, daß der König von England in Folge ſeiner Verſprechungen die Vläminger befreit ſehen wollte von dem größten Theile der Verpflichtungen, welche Frankreich gegen die⸗ ſes Land geltend zu machen gewohnt war; aber die Rathsherren Philipp's von Valois hatten die Schuld⸗ briefe und Bullen, welche Flandern belaſteten, neben ſich in einer eiſernen Kiſte liegen, und zeigten bald die eine, bald die andere Urkunde, mit dem Siegel der Grafen bekräftigt, ſo daß in Gegenwart der ſchon vorher ge⸗ wonnenen Ritter ſich wenig gegen die Gültigkeit der be⸗ ſprochenen Verpflichtungen ſagen ließ, um ſo weniger, als es ſich hier für Eduard von England nicht ſchickte, die franzöſiſchen Könige des Betruges oder der Täu⸗ ſchung zu beſchuldigen. Hierdurch ward Eduard ſehrn unzufrieden geſtimmt; da dieſer Fürſt die Unmöglich⸗ keit ſah, irgend einigen Vortheil für die Vläminger zu erlangen, ſo ſtritt er mit unbezwinglicher Standhaftig⸗ keit über Forderungen, welche ihn mehr perſönlich be⸗ trafen, und verlangte, daß Philipp von Valois ihm die Lande Gascogne und Aaquitaine in Frankreich abtreten ſolle, bis ein entſcheidender Friede die ſchwebenden Streit⸗ fragen ordnete. So verſtrich der zweite Tag, ohne daß Jakob von Artevelde. man nur einen Schritt weiter gekommen wäre, und die Verſammlung trennte ſich mit ungünſtigem Vorgefühle über den Ausgang dieſer Verhandlungen. Am Morgen des dritten Tages, kurz ehe man ſich auf's Neue in der Kapelle von Eplechin verſammeln ſollte, begab ſich die Aebtiſſin Johanna mit zwei ande⸗ ren Edelfrauen und einigen franzöſiſchen Rittern nach dem Zelte des Königs Eduard. Obwohl der Fürſt in dieſem Augenblicke ſich über den Vertrag mit dem Kö⸗ nige von Böhmen, dem Coadjutor von Lüttich und dem Grafen von Savoyen unterhielt, ſo empfing er doch die Edelfrauen mit großer Höflichkeit, und ſagte, freundlich lachend, zu ihnen: „Gott ſei Dank! dieſer Tag verſpricht Glück! Was verſchafft mir die angenehme Ueberraſchung Eures Be⸗ ſuchs, edle Frau? Gefalle es Euch, neben mir Platz zu nehmen, damit ich die wohlredende Aebtiſſin von Fon⸗ tanelle, die ſüße Vermittlerin, gut hören könne. Wahr⸗ ſcheinlich ſchon wieder über den Waffenſtillſtand! Bringt Ihr mir endlich die Nachricht, daß Philipp von Valois, Euer Bruder, etwas nachgiebiger geworden iſt?“ „Herr König!“ antwortete die Aebtiſſin mit halb traurigem Tone,„ich wage bei Euch einen letzten Ver⸗ ſuch, um großes Unheil zu verhindern, wenn es möglich iſt. Ich frage Euch, Sire, wohin kann dieſer koſtſpielige Krieg führen? Wahrlich, ob auch auf beiden Seiten ei⸗ nige Grenzſtädte genommen oder wiedergewonnen wer⸗ den, ver der zu er chem Fu ein; ſell Hennega daß ſie Warum Ehrenna ringer U dauern!. Milde E ſtand an „Acl Bitte hit durchlauc der unſer ſieht Eu vielleicht mach mit dieſem un „Ich freundlich meiner K vortrefflic ſcheint m mehr an der ganze über die auch nicht e, und die Vorgefühle man ſich erſammeln wei ande⸗ ttern nach Furſt in dem Kö⸗ h und dem er doch die freundlich ück! Was Eures Be⸗ r Platz zu von Fon⸗ e. Wahr⸗ d! Bringt on Valois, 22 mit halb tzten Ver⸗ es möglich koſtſpielige Seiten ei⸗ nnen wer⸗ Jakob von Artevelde. 57 den, vermag das zwiſchen Euch und meinem edlen Bru⸗ der zu entſcheiden? Durchaus nicht! Es wäre auf ſol⸗ chem Fuße ein Streit ohne Ende. Das ſieht ein jeder ein; ſelbſt der Herzog von Brabant und der Graf von Hennegau, Eure Bundesgenoſſen, haben mir verſichert, daß ſie mit ihren Truppen heimzukehren wünſchen. Warum denn, o König, dem die ganze Ritterſchaft den Ehrennamen des edlen Eduard giebt, wollt Ihr um ge⸗ ringer Urſachen willen das nutzloſe Blutvergießen fort⸗ dauern laſſen? Ich beſchwöre Euch, laßt ein Gefühl der Milde Euer Herz erfüllen.... nehmt den Waffenſtill⸗ ſtand an!“ „Ach, Sire!“ fügte die Gräfin von Blois dieſer Bitte hinzu,„denkt an die Königin Philippine, Eure durchlauchtige Gemahlin, welche ihre geliebte Stimme der unſeren hinzufügt und Euch zum Frieden räth. Sie ſieht Eurer Rückkehr mit froher Hoffnung entgegen; vielleicht ſitzt ſie in dieſem Augenblicke in ihrem Betge⸗ mach mit ihren fürſtlichen Kindern, und flehet Gott an, dieſem unglückſeligen Kriege ein Ende zu machen.“ „Ich danke Euch, edle Frauen!“ ſagte Eduard mit freundlichem Tone,„daß Ihr Euch meiner Gattin und meiner Kinder ſo theilnehmend erinnert, und ich ehre die vortrefflichen Geſinnungen der Frau Aebtiſſin; aber es ſcheint mir, daß es viel beſſer wäre, Euer Geſuch viel— mehr an Euren Bruder Philipp zu richten. Während der ganzen Unterhandlung habe ich immer eingewilligt, über die größten Intereſſen hinwegzuſehen, während er auch nicht eine einzige meiner Forderungen bewilligte.”“ ———ÿ— ——; Jakob von Artevelde. „Er tritt Euch Gascogne und Aquitaine ab, edler König!“ fiel ihm Johanna in die Rede. „Ich rede hier nicht von den Forderungen, die mich als geſetzlichen Erben der Krone Frankreichs betreffen,“ erwiederte Eduard.„Ich verlangte dringend, daß man die Vläminger in den Waffenſtillſtand einſchlöſſe und ih⸗ nen einige Vortheile zugeſtände. Nichts war doch recht⸗ mäßiger. Da jeder Fürſt für ſeine Intereſſen kämpft und aus dem Waffenſtillſtande für ſich Nutzen zu ziehen ſucht, begreife ich nicht, warum man dieſe guten Leute allein ausſchließen ſoll. Euer Bruder handelt fürwahr nicht recht, daß er einen ſolchen unbezwinglichen Haß ge⸗ gen die Vläminger zeigt. Selbſt die unbedeutendſten Forderungen weigert er ſich zu erfüllen; es ſcheint bei ihm ein unabänderlicher Entſchluß, meine Bundesge⸗ noſſen zu ärgern und zu erniedrigen. Wie ſehr ich auch den Waffenſtillſtand wünſche, mein ritterliches Gemüth erhebt ſich kräftig gegen ſolche Ungerechtigkeit. Wenn Euer Bruder den Vlämingern nicht genügenden Erſatz leiſtet, ſo muß ich, zu meiner größten Betrübniß, die Unterhandlungen abbrechen und den Krieg fortſetzen. 44 „O, Herr König!“ antwortete die Aebtiſſin,„be⸗ ſchuldigt weder meinen Bruder des Haſſes, noch des Ei⸗ gennutzes in dieſer Sache. Ohne Zweifel iſt es am fran⸗ zöͤſiſchen Hofe ſchon ſeit lange ein feſter Entſchluß, allen Forderungen der Vläminger Widerſtand zu leiſten; aber als Ritter müßt Ihr meinem Bruder Philipp dafür danken und dies Benehmen an ihm loben, als ein Beweis, daß köͤ⸗ nigliches Blut in voller Reinheit durch ſeine Adern ſtrömt.“ „Alſo wie die V folgen, do werde? C bei meinen aus nicht. „Abe Eurer Be Blut im Untergang der Geme „Ma zwanzig? gewaffnet Frau Ael und thut iſt es mir Schuld de land gieb Nun denn handeln, jedem Bü⸗ Hier in? ebenſo; ſi geduldig weiſe Mäͤ Die ſchlagenhe „Ach ab, edler , die mich betreffen,“ daß man ſee und ih⸗ doch recht⸗ een kämpft zu ziehen uten Leute ſt fürwahr n Haß ge⸗ deutendſten ſcheint bei Bundesge⸗ hr ich auch es Gemuth it. Wenn aden Erſatz rübniß, die fortſetzen.“ iſſin,„be⸗ koch des Ei⸗ es am fran⸗ chluß, allen leiſten; aber afür danken veis, daß kö⸗ ern ſtroͤmt.“ Jakob von Artevelde. 59 „Alſo, Frau Aebtiſſin, muß man ſolche gute Leute, wie die Vläminger es doch ſind, erniedrigen und ver⸗ folgen, damit man als von adeligem Gemüthe geachtet werde? Es iſt das erſte Mal, daß ich ſolches höre; doch, bei meinem Worte! die Gründe davon begreife ich durch⸗ aus nicht.“. „Aber, Herr König,“ ſagte die Aebtiſſin,„iſt es Eurer Bemerkung denn entgangen, daß alles adelige Blut im weſtlichen Europa mit einem unvermeidlichen Untergange bedroht wird, wenn man die rohen Männer der Gemeinen nicht niederhält?“ „Man konnte das fürchten, in der That, als vor zwanzig Jahren das Volk hier gegen den Adel ſich mit gewaffneter Hand erhob; aber es war nur ein Fieber, Frau Aebtiſſin; jetzt iſt man davon zurückgekommen, und thut beſſer, nicht mehr daran zu denken. Obendrein iſt es mir noch nicht erwieſen, daß die Bürger allein die Schuld des blutigen Zwiſtes tragen müſſen. In Eng⸗ land giebt es gleichfalls mächtige und freie Gemeinen. Nun denn, meine Ritter beſchützen ſie, anſtatt ſie zu be⸗ handeln, wie es die franzöſiſchen Edelleute thun, die in jedem Bürger einen geborenen Feind zu ſehen glauben. Hier in Flandern handeln die meiſten edeln Geſchlechter ebenſo; ſie ſtehen an der Spitze der Gemeinen und fahren geduldig mit dem Strom der Zeiten, wie es ſich für weiſe Männer geziemt.“ Die Aebtiſſin faltete die Hände mit tiefer Niedenge⸗ ſchlagenheit und ſeufzte: 2 „Ach! bis in das Herz der Könige iſt die Saat der 60 Jakob von Artevelde. verderblichen Denkart gedrungen! Welche Verblendung, edler Fürſt, läßt Euch in dieſem Kampfe der Unterthanen gegen ihre rechtmäßigen Herren einen natürlichen Kampf der Zeiten ſehen? Nein! es iſt ein Streit, der nur mit der Vernichtung eines der beiden Streiter aufhören wird. Ruft Euer Gedächtniß zu Hülfe! Seht, was das Volk ehemals war und was es jetzt iſt, und Ihr werdet Euch leicht vorherſagen können, was es durch dieſe unbeſon⸗ nene Nachgiebigkeit werden muß. Als die erſten Gemei⸗ nen in Flandern durch die Schwäche der Grafen entſtan⸗ den, waren ſie nur demüthige Verbindungen, welche ſich ſtets bereit zeigten, dem Willen der Fürſten und Lehens⸗ herren zu gehorchen. Allmählig erhielten ſie Freiheiten, Rechte und Reichthümer; ſie bauten drohende Wacht⸗ thürme, umgaben ihre Städte mit Wällen, weigerten ihren Fürſten den Gehorſam, erniedrigten alles adelige Blut, machten ſich unabhängig und empörten ſich dann endlich mit gewaffneter Hand gegen diejenigen, welche durch Gottes Fügung dazu geboren wurden, der rohen Menge zu gebieten. Zählen wir nicht ſelbſt hier in die⸗ ſem Feldzuge ſechszigtauſend Bürger, welche Krieg füh⸗ ren gegen den Willen ihres Fürſten? Sind wir nicht in Flandern, wo Schuhmacher und Tuchweber im Rathe der Städte ſitzen, neben den Nachkommen der edelſten Geſchlechter? Ertheilt nicht ein unedler Kaufmann hier Rittern und Knappen ſeine Befehle? Ihr meint, der Kampf ſei geendet, Herr König? Arg genug würde es ſein, wenn das adelige Blut auf ewig zu ſolcher Ernie⸗ drigung verurtheilt wäre; aber ſelbſt dabei kann es nicht bleiben. herabgeſtü daß es mi wenn nich Laufe hem mit unerſch Edel und Wenn wir um dieſem ſtutzen, eh den wir n hochmuth ganz Euro liche Anſel thaten noc ſondern di nutzes und gen Rittert iſt, wird verderbt au mit Füßen Wucher un allein adelt Bruder, ih Gott ſelbſt Darum ha den Adel u muth der C. Bruder, d erblendung, Unterthanen hen Kampf der nur mit hren wird. 3 das Volk verdet Euch ſe unbeſon⸗ ten Gemei⸗ fen entſtan⸗ welche ſich ind Lehens⸗ Freiheiten, nde Wacht— ,weigerten llles adelige n ſich dann gen, welche „der rohen hier in die⸗ Krieg füh⸗ wir nicht in r im Rathe der edelſten ffmann hier meint, der ig würde es Dlcher Ernie⸗ ann es nicht Jakob von Artevelde. 61 bleiben. Wenn ein Felsſtück gewaltſam von einer Höhe herabgeſtürzt kommt, wer kann dann mit Recht ſagen, daß es mitten auf ſeiner Bahn liegen bleiben werde, wenn nicht ein genügendes Hinderniß es auf ſeinem Laufe hemmt? Ach! Herr König, ich wiederhole es Euch mit unerſchütterlicher Ueberzeugung, der Kampf zwiſchen Edel und Unedel iſt ein Kampf auf Leben und Tod. Wenn wir nicht alle zuſammen unſere Kräfte vereinigen, um dieſem wachſenden Ungethüm Flügel und Klauen zu ſtutzen, ehe es ſeine volle Macht bekommen hat, ſo wer⸗ den wir noch die Zeit erleben, in welcher der Bürger⸗ hochmuth wie ein freſſendes Feuer ſich aus Flandern über ganz Europa verbreitet, und wo bleiben dann das fürſt⸗ liche Anſehen und die ritterliche Würde? Weder Helden⸗ thaten noch feines Benehmen werden mehr etwas gelten, ſondern die Welt eine Stätte der Rohheit, des Eigen⸗ nutzes und der Dummheit ſein. Statt des heldenmüthi⸗ gen Ritterthums, welches jetzt der Ruhm der Chriſtenheit iſt, wird man dann nichts mehr finden, als Baſtarte, verderbt an Leib und Geiſt, welche ihren befleckten Schild mit Füßen treten und rufen: Materieller Gewinn, Wucher und Betrug ſind unſere Tugenden! Geld, Geld allein adelt!)— Die Könige von Frankreich und mein Bruder, ihr würdiger Sprößling, betrachten ſich als von Gott ſelbſt zu Schutzherren des Ritterthums beſtimmt. Darum haben ſie immer, wenn die Umſtände es zuließen, den Adel und die Fürſten von Flandern gegen den Hoch⸗ muth der Gemeinen vertheidigt; darum weigert ſich mein Bruder, die Vläminger zu befreien von den Verpflich⸗ 62 Jakob von Artevelde. tungen, die ſie an die franzöſiſche Krone binden; und Ihr, Herr König! Ihr verlangt, daß dieſe Verpflichtun⸗ gen aufgehoben werden? Aber es ſind die letzten Zügel, mit denen man die vlämiſchen Gemeinen noch zwingen kann. Sie fahren laſſen, hieße dem Ungethüme ſeine Freiheit geben, ungehindert ſein Gift unter den Völkern zu verbreiten, und vielleicht die Ritterſchaft in Frankreich ſelbſt und ſomit in der ganzen weſtlichen Welt auf im— mer zu erniedrigen. Hört ſie ſprechen, dieſe Trotzigen und die von ihnen Verführten; ſie wähnen ſich des Sie⸗ ges gewiß, und verlangen mit ſpottendem Hochmuth, daß die Ritterſchaft feig und ohne Kampf ihre angebore⸗ nen Rechte aufgebe. Kann Euer edles Herz ſolchen Hohn erdulden, ohne von Unwillen erfüllt zu werden? O, ich beſchwöre Euch bei dem Andenken an Eure durchlauchti⸗ gen Vorfahren! Ehret und erhaltet ihren Namen und das Anſehen, das ſie auf Euch vererbten, unbefleckt! Leihet Eure Hülfe, um den Adel vor Schmach und Er⸗ niedrigung zu ſchützen! Denn iſt die Ritterſchaft nicht der Fuͤrſten Rnhm und Macht? O, duldet nicht, Sire, daß das edelſte Ritterblut noch länger in einem nutzloſen Kriege vergoſſen werde, weil einige ſchlechte Leute das verlangen! Seid großmüthig und nehmt den Waffen⸗ ſtillſtand an, wie er Euch angeboten wird!“ Eduard ſchien von den Worten der Aebtiſſin tief ge⸗ troffen. Es lag in dem bittenden Tone ihrer Stimme und in dem Ausdrucke ihres ſchoͤnen Antlitzes etwas Mächtiges, dem der König nicht widerſtehen konnte. Halb gewon⸗ nen und in ſeinem Entſchluſſe ſchwankend, antwortete er: „Al theil find „In „er befie theile nie ſondern will, fal in ihren „Un Frau?“ „Ich habt zu Ihr wür ſobald I dieſes Ve falls Eu Thron zu ſchon von erfüllte 2 fragen zu den Waff ternomme geltend zu die Vläme theile entſ habt Ihr! „In „Und Ih gleichfalls dinden; und Verpflichtun⸗ etzten Zügel, noch zwingen ethüme ſeine den Völkern in Frankreich Velt auf im⸗ ieſe Trotzigen ſich des Sie⸗ i Hochmuth, hre angebore⸗ ſolchen Hohn rden? O, ich durchlauchti⸗ Namen und en, unbefleckt! mach und Er⸗ tterſchaft nicht et nicht, Sire, inem nutzloſen ichte Leute das tden Waffen⸗ T 77 ebtiſſin tief ge⸗ r Stimme und was Mächtiges, Halb gewon⸗ antwortete er: Jakob von Artevelde. 63 „Alſo will Euer Bruder in Allem nur ſeinen Vor⸗ theil finden und mir nichts zugeſtehen?“ „Im Gegentheil, edler Fürſt!“ antwortete Johanna; „er befiehlt mir, Euch zu ſagen, daß er zu Eurem Vor⸗ theile nicht allein Gascogne und Aequitaine abtreten, ſondern Euch auch noch Poitiers und Ponthieu ausliefern will, falls Ihr davon ablaßt, die Gemeinen Flanderns in ihren Forderungen zu unterſtützen.“ „Und was wird aus meinen Verſprechungen, edle Frau?“ „Ich weiß, Herr König,“ ſagte die Aebtiſſin,„Ihr habt zu Brüſſel und zu Gent den Vlämingern gelobt, Ihr würdet ſie aller ihrer Verbindlichkeiten entheben, ſobald Ihr den franzöſiſchen Thron beſtieget. Erfüllt dieſes Verſprechen, ſobald die Zeit gekommen ſein wird, falls Euch Gott dazu beſtimmt hat, den franzöſiſchen Thron zu beſteigen. Man täuſcht Euch, wenn man jetzt ſchon von Euch verlangt, was Ihr nur auf eine noch un⸗ erfüllte Bedingung hin verſprochen habt. Die Streit⸗ fragen zwiſchen Euch und meinem Bruder bleiben durch den Waffenſtillſtand ungelöſt. Der Krieg iſt ja nur un⸗ ternommen worden, um Eure gegenſeitigen Anſprüche geltend zu machen. Nach welchem Rechte verlangen denn die Vläminger, daß alle ihre Forderungen zu ihrem Vor⸗ theile entſchieden werden, ehe der Krieg zu Ende iſt? Jetzt habt Ihr keine Verſprechungen zu erfüllen, Herr König.“ „In der That!“ ſagte Eduard zu ſich ſelbſt..... „Und Ihr erklärt mir, daß Philipp von Valois mir gleichfalls Poitiers und Ponthieu abtreten wird?“ 64 Jakob von Artevelde. Er blieb nach dieſen Worten einige Augenblicke mit niedergeſchlagenen Augen in ſtilles Sinnen verſunken. Unterdeſſen hörte man plötzlich in der Ferne eine Glocke läuten. Der König hob den Kopf empor und ſagte mit freundlichem Lächeln zur Aebtiſſin: „Man ruft uns bereits nach der Kapelle. Geht, edle Frau, und meldet Eurem Herrn Bruder von mir, daß Eure Beredſamkeit nicht ohne Einfluß auf meine Anſichten geblieben ſei. Ich werde mich binnen wenigen Augenblicken zur Verſammlung begeben, mit der Hoff⸗ nung, daß heute noch der Vertrag des Waffenſtillſtan⸗ des von uns werde unterſiegelt werden.“ Die Aebtiſſin erhob ſich mit freudigem Geſichte von ihrem Seſſel, dankte dem Könige für ſeinen freundlichen Empfang und verließ das Zelt mit ihren Edelfrauen und Rittern. Der Coadjutor von Lüttich folgte ihr einige Schritte weit in das Lager. Dann wandte er ſich plötzlich ſeit⸗ wärts und verſchwand in einem Zelte, über welchem der Schild eines hennegauiſchen Ritters aufgehängt war. Kurz nachher erſchien er mit einem Knappen im Felde und ſagte zu demſelben, nach der Gegend des vlämiſchen Lagers hinzeigend, mit leiſer Stimme: „Dorthin müßt Ihr gehen! Sobald Ihr Euch der vlämiſchen Wache nähert, haltet Euch, als ob Ihr ein neugieriger Wanderer wäret; bleibt hier und dort ſtehen und ſchreitet wieder langſam weiter, bis Ihr zu ſeinem Zelte gekommen ſeid. Gebt ihm dann heimlich dieſen Brief, und wenn Jemand bei ihm iſt, ſo verlangt ihn allein zu ken; denn Der nach der vlämiſchen fernung e Gleich da welche übe über eine! erſten beſt und vern⸗ hielt, von ſeiner Ser Meineidig binden, u Verlangen wüthete g der Aebtiſt ſtieß unzie wig aus, genswerthe Flandern eine Stim durch And leicht auch ein anderes abgelockt h Die 2 fanden ebe Jakob von ublicke mit verſunken. eine Glocke d ſagte mit lle. Geht, er von mir, auf meine den wenigen it der Hoff⸗ ffenſtillſtan⸗ Geſichte von freundlichen Edelfrauen nige Schritte blötzlich ſeit⸗ welchem der ehängt war. en im Felde es vlämiſchen Ihr Euch der 3 ob Ihr ein d dort ſtehen hr zu ſeinem eimlich dieſen verlangt ihn Jakob von Artevelde. 65 allein zu ſprechen. Er wird Euch ſogleich Gehör ſchen⸗ ken; denn er erwartet Euch..... 3 Der Knappe machte ſich mit gewöhnlichen Schritten nach der angewieſenen Richtung auf. Als er ſich dem vlämiſchen Lager näherte, hörte er bereits in einiger Ent⸗ fernung ein ſtarkes Geräuſch von verwirrten Stimmen. Gleich darauf befand er ſich mitten unter Volkshaufen, welche überall zwiſchen den Zelten ſich mit großem Lärme über eine wichtige Angelegenheit ſtritten. Er blieb bei dem erſten beſten Haufen ſtehen, wie es ihm befohlen war, und vernahm, daß man ſich über eine Nachricht unter⸗ hielt, von der er vermuthete, daß ſie ebenfalls der Inhalt ſeiner Sendung ſei. Einer rief, König Eduard ſei ein Meineidiger und wolle ſich mit Philipp von Valois ver⸗ binden, um die Vläminger zu betrügen und nach dem Verlangen der Ritterſchaft zu unterdrücken; ein Zweiter wüthete gegen den Herzog von Brabant, der ſich von der Aebtiſſin Johanna habe verführen laſſen, ein Dritter ſtieß unziemliche Schimpfreden gegen den Grafen Lud⸗ wig aus, als habe er in dieſer Sache nach ſeiner bekla⸗ genswerthen Gewohnheit die Partei Frankreichs gegen Flandern ergriffen. Hier und dort hörte man ſelbſt eine Stimme Artevelde der Schwäche beſchuldigen und durch Andeutungen zu verſtehen geben, daß ihn viel⸗ leicht auch die Schmeichelreden der Aebtiſſin oder irgend ein anderes Verführungsmittel von der Bahn der Pflicht abgelockt hätten. Die Beſchuldigungen gegen den Oberhauptmann fanden eben nicht viel Anklang. Obwohl Einige die Jakob von Artevelde. III. 5 Jakob von Artevelde. Möglichkeit dieſes Verdachtes nicht beſtritten, ſo bewie⸗ ſen doch die Meiſten, und namentlich die Ruhigſten, kalt⸗ blütig, daß man nicht eben gar zu leichtes Spiel mit den Vlämingern haben werde, und daß der Oberhauptmann, wie Jeder wiſſe, nicht zwei Nächte hintereinander ge⸗ ſchlafen, über ein Geheimniß brütend, das Jedem un⸗ bekannt ſei, ſo daß man alſo vollkommen Urſache habe, vertrauensvoll den Ausgang abzuwarten, ehe man, wie unbeſonnene Leute, undankbar und unvorſichtig über das Benehmen des Oberhauptmanns rede. Nachdem der Knappe auf dieſe Weiſe bei verſchie⸗ denen Haufen verweilt hatte, ſagte er voll Verwun⸗ derung zu ſich ſelbſt: „Das war wohl nöthig, daß man mich mit dieſer Botſchaft beauftragte. Jetzt weiß hier das ganze Lager wahrſcheinlich ſo gut, wie mein Herr, welche Nachricht ich überbringe. Die Vläminger ſind doch ein ſonderba⸗ res Volk; Jeder darf Alles wiſſen, ſich um Alles be⸗ kümmern und mit voller Freiheit gut oder ſchlecht über Alles urtheilen. Sie tadeln und beſchuldigen ihre Feld⸗ herren, ohne daß man das unrecht findet. Wenn man ſie ſieht, ſo möchte man ſagen, daß es lauter kleine Kö⸗ nige ſind..... Und ſie ſprechen wahrlich, als ob ſie auf der ganzen Welt keine andere Obrigkeit kennten, als ſich ſelbſt. Es wäre ſchon gut, aber die plumpe Sprache und die rauhen Worte gefallen mir nicht. Das Leben kann nicht angenehm ſein unter ſolchen wüſten Männern, die weder von Höflichkeit, noch von ſchönen Reden etwas wiſſen..... Ich will mit dem Briefe eilen; jetzt iſt es doch ſo zu halt Er den ver rufung Al⸗ reicht h verſamt der heft Derjeni hoͤrern lich vor faßte ih LL Abe mit laut „ mann d bringen. 1 S Denys! Den dem jung von ihm Artevelde misglückt gung zu; Lächeln, Sobe , ſo bewie⸗ zigſten, kalt⸗ piel mit den hhauptmann, einander ge⸗ Jedem un⸗ irſache habe, he man, wie tig über das bei verſchie⸗ l Verwun⸗ ch mit dieſer ganze Lager lche Nachricht ein ſonderba⸗ im Alles be⸗ ſchlecht über en ihre Feld⸗ Wenn man ter kleine Kö⸗ h, als ob ſie t kennten, als impe Sprache Das Leben ſten Männern, Reden etwas en; jetzt iſt es Jakob von Artevelde. doch ſo nothwendig nicht mehr, meine Sendung geheim zu halten!“ Er beſchleunigte wirklich ſeine Schritte und ging bei den verſammelten Vlämingern vorbei, ohne ihren Aus⸗ rufungen noch irgend einige Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Als er endlich mitten im Lager Artevelde's Zelt er⸗ reicht hatte, fand er rings um daſſelbe viele Hauptleute verſammelt, und hörte, daß einige von ihnen nicht min⸗ der heftig als ärgerlich über den Waffenſtillſtand ſprachen. Derjenige, der mit der meiſten Unzufriedenheit ſeinen Zu⸗ hörern gegenüber ſeine Meinung entwickelte, ſprang ploͤtz⸗ lich vor, als er den hennegauiſchen Knappen bemerkte, faßte ihn gebieteriſch bei der Hand und fragte ihn: „Laßt hören! was bringt Ihr für eine Nachricht?“ Aber der Knappe ließ ſich nicht einſchüchtern und ſagte mit lauter Stimme, daß die Umſtehenden es hörten: „Ich komme, um Mher Artevelde, dem Oberhaupt⸗ mann der Männer von Flandern, eine Botſchaft zu bringen.“ „So laßt ihn ſeinen Auftrag ausrichten, Mher Denys!“ rief der Dechant der Schiffer. Denys hatte gehofft, durch ſeinen befehlenden Ton dem jungen Manne zu imponiren, und vielleicht dadurch von ihm Etwas zu hören, was ihn auf die Spur von Artevelde's Geheimniß bringen könnte. Sein Anſchlag misglückte ihm jedoch und zog ihm ſogar eine Demüthi⸗ gung zu; denn der Knappe betrachtete ihn mit ſchlauem Lächeln, als habe er ſeine Abſicht errathen. Sobald der Knappe ſich bei der Wache des Zeltes * 5* Jakob von Artevelde. meldete, ging Jemand zu dem Oberhauptmann, um ihm die Ankunft des Boten anzuzeigen. Augenblicklich ward der Befehl gegeben, ihn in das Zelt zu führen. Hier ſaßen rings um eine Tafel bei dem Oberhaupt⸗ mann: Maes van Vaernewyck, der Oberſchöffe, Jakob Maſch, Peter Zoetaerde und Simon van Merlebeke, Schöffen von Gent, und an dem unteren Ende Meiſter Auguſtyn, der Stadtſchreiber, welcher auf eine große Per⸗ gamenthaut Alles zu ſchreiben ſchien, was der Kriegs⸗ rath ihm vorſagte. Der Oberhauptmann erbrach das Siegel des Brie⸗ fes, welchen ihm der Knappe übergeben hatte. Nachdem er denſelben flüchtig durchleſen hatte, fragte er den Bo⸗ ten, ob ſein Herr ihm befohlen habe, noch etwas münd⸗ lich hinzuzuſetzen, und auf deſſen Verneinung gab er ihm die Erlaubniß, wieder fortzugehen. Der Knappe verließ das Zelt mit ehrerbietigem Gruß. „Nun denn, meine Herrn!“ ſagte Artevelde, mit dem Brieſe in der Hand,„habe ich mich in meinen Vor⸗ ausſetzungen getäuſcht? Alle unſere Mühe iſt nutzlos ge⸗ weſen. Philipp von Valois will den Vlämingern nichts zugeſtehen. Der Brief kommt von dem Coadjutor von Lüttich, der uns bereits ſchon ſo viele Dienſte erwieſen hat bei unſerer Berufung an den Papſt, und jetzt wie⸗ derum, da er mit dem Könige von Böhmen noch einen Verſuch zu unſeren Gunſten bei Philipp von Valois und König Eduard gewagt hat. Seht hier was er meldet: „Heute Morgen ſoll der Wafefenſtillſtand beſtimmt unterſiegelt werden. Der König von England läßt Eure Forder Ihr eil von E noch ſe in Eile 5„8 „Laßt verſuche ſchluß ä⸗ „Al „was b König( gen; er das Ver gleichfall Gent ha liehen; u müſſen 1 kann uns würde ich lipp von einige wie Wiederfon nicht, daß ten im Lo von hier 1 wachend n mich quäle denke, daß n, um ihm cklich ward . Dberhaupt⸗ ffe, Jakob Merlebeke, lde Meiſter große Per⸗ der Kriegs⸗ des Brie⸗ Nachdem er den Bo⸗ vas münd⸗ ng gab er der Knappe velde, mit leinen Vor⸗ nutzlos ge⸗ gern nichts djutor von ſte erwieſen id jetzt wie⸗ noch einen Valois und Zer meldet: id beſtimmt d läßt Eure Jakob von Artevelde. 69 Forderungen bis auf eine ſpätere Zeit fahren. Wenn Ihr eilig noch Jemanden ſenden könntet, der dem Könige von England entſchieden zuſpräche, vielleicht änderte er noch ſeinen Entſchluß. Die Zeit iſt kurz; berathet es in Eile.“ „Der Rath iſt gut,“ ſagte Simon van Merlebeke. „Laßt Mher van Vaernewyck zu dem Könige gehen und verſuchen, ihn dahin zu beſtimmen, daß er ſeinen Ent⸗ ſchluß ändert.“ „Aber wozu noch einmal verſuchen,“ ſagte Artevelde, „was bereits zehnmal vergeblich verſucht worden iſt? König Eduard kann unſere Forderungen nicht bewilli— gen; er iſt gezwungen, unwiderſtehlich gezwungen durch das Verſchieben des Krieges; Brabant und Hennegau gleichfalls; ſie haben weder Geld noch Vorräthe mehr. Gent hat bereits dem Könige von England zu viel ge⸗ liehen; unſere Hülfe kann er nicht mehr anrufen. Wir müſſen uns ſelbſt rathen; unſere eigene Kraft allein kann uns retten. Was mich betrifft, meine Herren, ſo würde ich vor Betrübniß Thränen vergießen, wenn Phi⸗ lipp von Valois argliſtig genug wäre, um uns durch einige wichtige Bewilligungen das Recht zu entſchiedener Wiederforderung zu rauben. Um Gottes willen vergeßt nicht, daß Flanderns Ketten, die man ſeit Jahrhunder⸗ ten im Louvre ſorgfältig aufbewahrt hat, jetzt nicht ferne von hier niedergelegt ſind! Ich ſehe ſie ſeit zwei Tagen, wachend wie im Schlafe, vor meinen Augen glühen und mich quälen; ich zittere vor Stolz und Freude, wenn ich denke, daß dieſe ſchnöden Verträge, Bullen und Schuld⸗ 70 Jakob von Artevelde. briefe— Früchte dreihundertjährigen Meineides und dreihundertjähriger Unterdrückung— vielleicht noch vor Mittag in unſerer Macht ſein werden, daß wir ſie zer⸗ reißen und von den Flammen verzehren laſſen, damit ſelbſt die Erinnerung an Flanderns Leid und Sklaverei⸗ vernichtet ſei. Was ich Euch vorſchlage, iſt ohne Zweifel nicht ohne Gefahr, das weiß ich ſehr wohl; aber bedenkt, daß hundert Siege uns zuſammen nicht ſo viel Vortheil bringen können, wie dieſer einzige, wenn Gott zugiebt, daß wir ihn erringen. Und wer ſagt Euch, daß wir des⸗ halb einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen nöthig haben? Die Fürſten werden in dieſem Augenblicke vor einem Kriege mit uns zurückweichen; ſie ſind gezwungen, die Waffen niederzulegen, ſage ich Euch!“ „Es iſt wahr, was der Oberhauptmann ſpricht,“ bemerkte Maes van Vaernewyck.„Hier muß von unſe⸗ rer Seite entſchieden gehandelt werden. Man hat uns mit Stricken gebunden; es fehlt uns die Zeit, dieſe Bande zu löſen. Nun denn! laßt uns ſie zerreißen durch eine heldenmüthige Anwendung unſerer Kräfte; durch Unterhandlungen iſt doch nichts zu gewinnen!“ 4 „Ich beharre gleichfalls bei unſerm erſten Vorhaben,“ ſagte Peter Zoetaerde.„Es mag nicht ohne Gefahr ſein, aber es iſt doch groß und vlämiſcher Männer würdig.“ „Warum kommen wir denn zuruͤck auf unſern erſten Beſchluß?“ fragte Jakob Maſch mit Uingeduld.„Zum erſten Male ſeit drei Jahrhunderten iſt Flanderns Arm lang genug, um das Schloß ſeiner Ketten erreichen zu können, und es ſollte die Hand nicht ausſtrecken dürfen, 3 um daſſ darbieter 8„D aantwort falls me merkung recht hab Nach geſetzt ha tevelde g Er entlie und ſagt „De ger ſind den Vert kündigen. Der Vert on uns Waffenſti ſelben noc s raſch 9 Der E „Iten Frankreich den, Verb auch ſein n ten, mit d Mittel nin angewandt reides und ht noch vor dir ſie zer⸗ ſen, damit Sklaverei dne Zweifel ver bedenkt, el Vortheil ott zugiebt, iß wir des⸗ ßen nöthig enblicke vor gezwungen, i ſpricht,“ Zvon unſe⸗ in hat uns Zeit, dieſe reißen durch äfte; durch 1!“* Vorhaben,“ Gefahr ſein, vürdig.“ nſern erſten ild.„Zum derns Arm erreichen zu cken dürfen, 8 Jakob von Artevelde. 71 um daſſelbe zu zerbrechen, jetzt, da ſich die Gelegenheit darbietet?“ „Da Ihr Alle zum Aeußerſten feſt entſchloſſen ſeid,“ antwortete Simon van Merlebeke,„ſo gebe ich eben⸗ falls meine volle Zuſtimmung. Es war nur eine Be⸗ merkung, die ich machte; ich glaube ſelbſt, daß ich Un⸗ recht habe und daß es beſſer i*ſt, Alles zu wagen.“ Nachdem man dieſe Berathung noch eine Weile fort⸗ geſetzt hatte, ward ein zweiter Bote angemeldet, der Ar⸗ tevelde gleichfalls ein verſiegeltes Pergament überreichte. Er entließ den Boten, las es, warf es auf den Tiſch und ſagte:* „Der Waffenſtillſtand iſt unterzeichnet; die Vlämin⸗ ger ſind davon ausgeſchloſſen; um eilf Uhr wird man den Vertrag vor der Kapelle von Eplechin feierlich ver⸗ kündigen. Alſo noch eine Stunde; die Zeit iſt kurz.... Der Vertrag, den wir unſererſeits eben aufſetzten, bleibt von uns genehmigt, nicht wahr? Kein Frieden, kein Waffenſtillſtand, wenn nicht Philipp von Valois den⸗ ſelben noch heute unterzeichnet. Meiſter Auguſtyn, leſ't uns raſch den letzten Punkt noch einmal vor!“ Der Stadtſchreiber las mit lauter Stimme: „Item ſoll den Vlämingern von Seiten der Krone Frankreichs Quittung gegeben werden von allen Schul⸗ den, Verbindlichkeiten, Bannſtrafen, von welcher Art ſie auch ſein mögen, keine ausgenommen, noch zurückbehal⸗ ten, mit der ausdrücklichen Bedingung, daß dergleichen Mittel nimmer wieder von Frankreich gegen Flandern angewandt werden ſollen. Ferner ſollen zu den Händen 72 Jakob von Artevelde. der Bevollmächtigten von Gent als Repräſentanten des Landes Flandern alle Urkunden und Bullen, in welchen obengemeldete Schulden, Verbindlichkeiten und Bann⸗ ſtrafen enthalten ſind, übergeben werden.”“ „Es iſt gut!“ ſagte Artevelde freudig.„Jetzt, Ihr Herren, gefalle es Euch, mir zu folgen; ich will nun unſern Beſchluß raſch zur Ausführung bringen, und glückt unſer Verſuch, ſo wird Jubel im freien Flandern herrſchen; laßt uns gehen!“ Als ſie aus dem Zelte hinaustraten, gab er ſeinem Trompeter Befehl, die Hauptleute zuſammenzurufen. Kaum ertönten die erſten Trompetenklänge, ſo hörte man dieſelben auch ſchon auf gleiche Weiſe im ganzen Lager wiederholen, oder die Trommeln ein ähnliches Zeichen geben, und die Hauptleute und Dechanten kamen von allen Seiten herbeigeeilt. Artevelde ertheilte ihnen den Befehl, ihre Schaaren 8 unmittelbar und ſo raſch wie möglich vor den Zelten in Schlachtordnung außzuſtellen, diejenigen ausgenommen, welche als Brandwache vor dem Ausgange der Feſtung lagen. Er erſuchte ſie, wohl dafür zu ſorgen, daß Nie⸗ mand Reihe und Glied verlaſſe, oder ſich erkühne, trgen etwas Anderes zu thun, ohne ausdrücklichen Befehl von ihm oder von Mher Jakob Maſch, welcher an dieſem Tage ſein Statthalter ſein ſolle. Obendrein verlangte er, daß von jedem Fähnlein der erſte und zehnte Centenier augenblicklich zu ihm geſandt würde, um ſeine Befehle deſto ſchneller dem ganzen Heere überbringen zu konnen, wenn es nöthig ſei. — hande Tyrar als d Beſte hinter A ſagte ſtander A wurde nige u 77 2 habe b⸗ ordnun ten Zei entanten des , in welchen und Bann⸗ „Jetzt, Ihr ich will nun ringen, und ien Flandern ab er ſeinem amenzurufen. ſo hörte man ganzen Lager iches Zeichen kamen von )re Schaaren en Zelten in sgenommen, der Feſtung n, daß Niez ühne, irgend 1 Befehl von r an dieſem verlangte er, ite Centenier ſeine Befehle n zu koͤnnen, Jakob von Artevelde. 73 Die Hauptleute und Dechanten begaben ſich eilig Jeder nach ſeinem Lagerplatze, um die Befehle des Ober⸗ hauptmanns zu vollziehen. Geeraert Denys blieb allein mit zwei oder drei Anderen ſtehen, als ob ſie den Wor⸗ ten des Oberhauptmanns gar keine Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt hätten. Wirklich war der erbitterte Oberdechant ſo ſehr in einen Streit über das Geheimniß des Kriegs⸗ rathes verwickelt, daß er ſelbſt Artevelde's Gegenwart nicht bemerkte und mit lauter Stimme rief: „Ich ſage Euch, daß man freie Männer nicht ſo be⸗ handelt! Es iſt ärger, als es unter dem hochmüthigſten Tyrannen ſein könnte. Glaubt man denn, daß wir nichts als dumme Werkzeuge ſind? Da könnte ja der Erſte Beſte uns verrathen und verkaufen, ohne daß man da⸗ hinter käme, ehe man uns ausgeliefert hat!“ Artevelde's Angeſicht drückte Verachtung aus. Er ſagte gelaſſen, aber mit Nachdruck: „Oberdechant! habt Ihr meine Befehle nicht ver— ſtanden?“ 3 Als Geeraert Denys ſich ſo plötzlich überraſcht ſah, wurde er roth vor Schaam und Wuth und murrte ei⸗ nige unverſtändliche Worte. „Mher Denys!“ ſagte der Oberhauptmann,„ich habe befohlen, daß man das Heer unmittelbar in Schlacht⸗ ordnung aufſtelle. Wenn Eure Schaaren nicht zur rech— ten Zeit fertig ſind, werde ich mich verpflichtet ſehen, Euch zu ſtrafen nach den Geſetzen, unter denen wir Alle ſtehen. Erſpart mir doch dieſe unangenehme Pflicht!“ Mit unterdrückter Wuth und das Herz voll Galle 74 Jakob von Artevelde. entfernte ſich der Oberdechant, um wider ſeinen Willen dieſe Befehle auszurichten. Es marterte ihn auf eine unerträgliche Weiſe, ſich unter dem Zwange der Kriegs⸗ zucht beugen und in Gegenwart von Amtsgenoſſen und Freunden ſtumm und ergeben die Demüthigung einer ſtrengen Ermahnung hinnehmen zu müſſen. Doch hob er bald wieder das Haupt trotzig empor und wilde Freude glänzte in ſeinen Augen; die Hoffnung, ſich zu rächen, erfüllte wieder ſein Herz. Die zuſammengerufenen Centeniers, achtzig an der Zahl, hatten ſich vor Artevelde's Zelte eingefunden und erhielten von ihm den Befehl, ſich in verſchiedenen Rich⸗ tungen wie neugierige Spaziergänger nach der Kapelle von Eplechin zu begeben und ſich dort ſo viel wie mög⸗ lich unter die Ritter und anderen Zuhörer zu miſchen, jedoch nichts zu thun oder zu ſagen, was eine beſondere Abſicht oder Unzufriedenheit verrathe, ſondern nur auf den Oberhauptmann und auf den Schöffen Simon van Merlebeke zu achten. Kaum hatten ſich die Centeniere nach allen Seiten hin zerſtreut, um ſich, dem Anſcheine nach ohne irgend eine beſondere Abſicht, nach der Kapelle von Eplechin zu begeben, ſo beſtieg Artevelde eine kleine Erhöhung, von welcher aus er das ganze Lager überſehen konnte. Alle Fähnlein ohne Ausnahme ſtanden bereits vor den Zelten ſchlachtfertig in einer unüberſehbaren Reihe, mit einer Tiefe von acht Gliedern, welche ſich bis an die Mauern von Doornik ausdehnte, ungefähr vierzig⸗ tauſend Mann ſtark. Ueber dieſer anſehnlichen Kriegs⸗ macht Fahne vierhu fernur lyn m als F angeſp wieder. langſar Tromp „C unverm er wohl von Ey ſelbſt, bot: ei gungen Jetz Schöffen bei dem rief Gh en Willen auf eine r Kriegs⸗ oſſen und ung einer Doch hob und wilde g3, ſich zu g an der nden und nen Rich⸗ r Kapelle wie mög⸗ miſchen, beſondere nur auf imon van en Seiten ie irgend Eplechin rhöhung, konnte. vor den eihe, mit 3 an die vierzig⸗ Kriegs⸗ Jakob von Artevelde. 75 macht flatterten die Banner der Gilden und Zünfte als Fahnen vor jedem Chor von tauſend Mann, nebſt den vierhundert Fähnlein der Centeniere. In ziemlicher Ent⸗ fernung hinter der Schlachtordnung befand ſich Mugge⸗ lyn mit ſeinen Ribauden und den weißen Caproenen, als Führer der Pferde, welche vor den Wurfgeſchoſſen angeſpannt waren. Nachdem er ſich durch einen raſchen Blick überzeugt hatte, man habe ſeine Befehle pünktlich ausgeführt, rief Artevelde ſeinem Trompeter zu: „Schlachtordnung! vorwärts!“ Der Befehl wurde augenblicklich im ganzen Heere wiederholt; die Banner und Fähnlein bewegten ſich langſam vorwärts, bis der Oberhauptmann ſeinem Trompeter zurief:— „Schlachtordnung! Halt!.... Ruhe!“ Offenbar hatte Artevelde einen beſonderen Grund, daß er das Heer ſo von ſeinen Zelten entfernte; vielleicht wollte er dadurch ſeine Krieger hindern, ihre Glieder unvermerkt zu verlaſſen. Wahrſcheinlicher jedoch hatte er wohl die Abſicht, das Heer in der Nähe der Kapelle von Eplechin aufzuſtellen; denn kaum erblickte er dieſe ſelbſt, als er auch ſchon Halt machen ließ und Ruhe ge⸗ bot: ein ſicheres Zeichen, daß man weiter keine Bewe⸗ gungen unternehmen ſollte. Jetzt begab ſich der Oberhauptmann raſch zu den Schöffen, machte Jakob Maſch, der als ſein Statthalter bei dem Heere bleiben ſollte, noch einige Mittheilungen, rief Ghelnoot van Lens und fünf oder ſechs Dechanten 76 Jakob von Artevelde. zu ſich und begab ſich nun mit einem Gefolge von zehn oder zwölf Mann nach der Kapelle von Eplechin. An dem Orte der Zuſammenkunft der unterhandeln⸗ den Fürſten und ihrer Räthe ſtand bereits eine große Zahl Ritter in verſchiedenen Haufen, welche die Ver⸗ kündigung des Waffenſtillſtandes erwarteten. Die von dem Oberhauptmann ausgeſandten Centeniers ſah man hier ebenfalls gleichgültig auf- und abgehen. Artevel⸗ de's Ankunft ſchien die Ritter zuerſt zu überraſchen. Als ſie jedoch ſahen, daß er heiter und mit fröhlichem Ge⸗ ſichte zu ſeinen Begleitern redete, vermutheten ſie, daß er keine andere Abſicht habe als ſie ſelbſt, den Ausgang der Verhandlungen zu vernehmen. Um die feſtgeſetzte Stunde traten die Fürſten mit ihren Räthen und den übrigen Perſonen, welche bei der Unterſiegelung des Waffenſtillſtandes gegenwärtig ge⸗ weſen, aus der Kapelle und ſtellten ſich nach ihrem Range und ihrer Würde auf, um die. Verkündigung vorzunehmen. In der Mitte ſtanden die Könige von Frankreich, von England und von Böhmen; neben ih⸗ nen die Aebtiſſin Johanna, Altgräfin von Hennegau, mit der Gräfin von Blois und fünf oder ſechs anderen Cdelfrauen; ferner der Herzog von Brabant, die Grafen von Flandern, von Hennegau, von Savoyen, von Alen⸗ con und von Blois, und die Biſchöfe von Lincoln und von Beauvais, nebſt dem Coadjutor von Lüttich und einer großen Zahl anderer Fürſten und vornehmer Lehnsherren. Nachdem einige Trompeter die feierliche Verkündi⸗ gung franzo den V auch enthiel S peter e ter jul ges. T ten ein Jeder um die Da erſe der Hau einer ku „H und Fro ner von die unſe derfährt nichtig u Belager! mit Gen gen nich! land eidl binnen v beſondere Schuldbr uns nicht e von zehn echin. terhandeln⸗ eine große 2 die Ver⸗ Die von s ſah man Artevel⸗ ſchen. Als lichem Ge⸗ n ſie, daß Ausgang ürſten mit che bei der värtig ge⸗ ach ihrem kündigung önige von neben ih⸗ Hennegau, s anderen die Grafen von Alen⸗ ncoln und üttich und vornehmer Verkündi⸗ gung des Waffenſtillſtandes angezeigt hatten, trat ein franzöſiſcher Rathsherr vor und las mit lauter Stimme den Vertrag, welcher, wie man es vorhergeſehen hatte, auch nicht ein Wort über die Forderungen Flanderns enthielt. Sobald der Vortrag geendet war, blieſen die Trom⸗ peter einen Siegesmarſch, und alle umherſtehenden Rit⸗ ter jubelten vor Freude über die Beendigung des Krie⸗ ges. Die Könige von England und von Frankreich reich⸗ ten einander zum Zeichen der Verſöhnung die Hand. Jeder wollte ſich nun nach ſeinem Lagerplatze begeben, um die frohe Nachricht ſeinen Freunden mitzutheilen. Da erſchien plötzlich Artevelde, mit einem Pergamente in der Hand, vor den erſtaunten Fürſten, und ſprach, nach einer kurzen⸗Verbeugung, mit lauter Stimme: „Herren und Könige, und Ihr, fürſtliche Männer und Frauen, wie Ihr hier gegenwärtig ſeid, Wir Män⸗ ner von Flandern erheben uns gegen die Ungerechtigkeit, die unſerem Vaterlande durch dieſen Waffenſtillſtand wi⸗ derfährt, und erklären Alles, was hier geſchehen iſt, für nichtig und ungültig. Wir erklären daher, daß wir die Belagerung von Doornik nicht aufheben und den Krieg mit Gewalt fortſetzen werden, ſo lange unſere Forderun⸗ gen nicht erfüllt ſind, wie es uns der König von Eng⸗ land eidlich gelobt hat. Wir erklären ferner, daß, wenn binnen vier Stunden nach dieſer unſerer Anzeige kein beſonderer Vertrag mit uns geſchloſſen iſt und die Schuldbriefe und Bullen, die dort aufbewahrt werden, uns nicht übergeben worden ſind, wir uns als frei von Jakob von Artevelde. 77 78 Jakob von Artevelde. aller Bundesgenoſſenſchaft mit England betrachten und unmittelbar den Krieg gegen Frankreich fortſetzen wer⸗ den, uns auf das Recht unſerer Sache verlaſſend. Ihr Herren, Fürſten und Ritter! Sehet nun, was Ihr zu thun habt. Wir bringen Euch keine Herausforderung, noch wollen wir die Chrerbietung verletzen, die wir Euch ſchulden. Aber man ſoll uns rechtlich behandeln, oder die Waffen mögen es entſcheiden! Dort ſteht das vlämi⸗ ſche Heer, bereit und kampfluſtig. Es fehlt uns weder an Geld, noch an Vorräthen. Es iſt möglich, daß der Sieg ſich nicht für das gute Recht erklärt; aber, was auch das Schickſal entſcheiden möge, Ströme Blutes ſollen vergoſſen werden, Feuer und Vertilgung dieſe Grenzen verheeren! Denn wir Männer von Flandern haben beſchloſſen, eher bis auf den letzten Mann zu ſter⸗ ben, als unſere rechtmäßigen Forderungen aufzugeben... Ihr Herren und Könige! das vlämiſche Heer erwartet Eure Antwort.“ „Gott! Gott!“ rief die Aebtiſſin Johanna erſchreckt; „ſoll denn um ſolcher gemeinen Menſchen willen das Blut der edelſten Ritterſchaft der Welt vergoſſen werden?“ Artevelde hielt ſich ruhig und unbeweglich bei den beleidigenden Worten der Aebtiſſin und betrachtete den König von England mit einem durchdringenden Blicke. Dieſer Fürſt, welcher wahrſcheinlich Reue fühlte über das, was er gethan, ſuchte Philipp von Valois zu über⸗ reden, einen beſonderen Vertrag mit den Vlämingern zu ſchließen; aber der König von Frankreich, der ſich ſo zu ſeinem Schaden und zu ſeiner Schande in denſelben Fall⸗ V ſtricken gen ge˖ Wuth ſeinem emporg beruhig befriedi von En betracht verlaſſen nen beſ von Bö tor von die Aebt dieſer en die Uebe bezwung Rathshe zu überle durch eit Schöffen der Fürf Kaut treten, ſ achten und ſetzen wer⸗ ſſend. Ihr das Ihr zu forderung, e wir Euch deln, oder das vlämi⸗ uns weder ), daß der aber, was me Blutes gung dieſe Flandern nn zu ſter⸗ ugeben... er erwartet erſchreckt; n das Blut erden?“ iſch bei den achtete den den Blicke. ühlte über s zu über⸗ ningern zu ſich ſo zu elben Fall⸗ Jakob von Artevelde. ſtricken verwickelt ſah, in welchen er Flandern zu fan⸗ gen gedacht hatte, war faſt wahnſinnig vor Aerger und Wuth, und rief, während er die Abſicht zeigte, ſich nach ſeinem Lager zu begeben: „Nun denn! das Schickſal entſcheide! Muß es ſein, ſo ſtröme Blut! Ich nehme die Herausforderung an!“ Als die Aebtiſſin Johanna dieſe Worte hörte und ihr Werk plötzlich zuſammenſtürzen ſah, warf ſie ſich vor ihrem Bruder auf die Kniee, und bat ihn, die emporgehobenen Hände zuſammenfaltend, doch ſich zu beruhigen und die Vläminger durch Nachgiebigkeit zu befriedigen. Auf der anderen Seite erklärte der König von England, daß er den Waffenſtillſtand als gebrochen betrachte und ſeine Bundesgenoſſen, die Vläminger, nicht verlaſſen wolle, wenn ihre Forderungen nicht durch ei⸗ nen beſonderen Vertrag bewilligt würden. Der König von Böhmen, der Graf von Savoyen und der Coadju⸗ tor von Lüttich, nebſt dem Grafen Ludwig, unterſtützten die Aebtiſſin und ſuchten den König zu erweichen, ſo daß dieſer endlich durch die Bitten ſeiner Schweſter und durch die Ueberzeugung, daß ihm eine große Gefahr drohe, bezwungen, ſich bereit erklärte, mit den Fürſten und Rathsherren in die Kapelle zurückzugehen und die Sache zu überlegen. Einige Augenblicke ſpäter ward Artevelde durch einen Herold gerufen und begab ſich mit zwei Schöffen und Meiſter Auguſtyn zu der Verſammlung der Fürſten. Kaum war der Oberhauptmann in die Kapelle ge⸗ treten, ſo liefen auch ſchon die umherſtehenden Ritter 80 Jakob von Artevelde. ungeſtüm durcheinander und ſprachen ihren Aerger und Verdruß aus. Auf dem Antlitz der Vläminger zeigte ſich dagegen Hochmuth und Freude. Sie hatten ſich meiſt um Ghelnoot van Lens geſchaart, der vor Freude außer ſich war und mit thränenden Augen wiederholt ausrief: „Das war nun das Geheimniß, Geſellen! Das war nun das Geheimniß des weiſen Mannes..... Und ſagen, daß Läſtermäuler ihn beſchuldigen dürfen. Gott! Gott! möge es ihm glücken! Es wird ein ſchö⸗ ner Tag für Flandern ſein!“ Eine halbe Stunde lang kam Niemand aus der Kapelle; allmählig kühlte der Eifer ab, welcher ſich der Umſtehenden zuerſt bemächtigt hatte. Die Vläminger begannen an dem Erfolg der Unterhandlung zu zwei⸗ feln und ihre Heiterkeit verminderte ſich ſichtlich, wäh⸗ rend dagegen der Muth der Ritter ſtieg. In Folge der langen Erwartung einer feierlichen Entſcheidung hatten die Geſpräche aufgehört und eine eigenthümliche Stille herrſchte vor der Kapelle. Da trat der Oberſchöffe, Maes van Vaernewyck, mit freudigem Antlitze aus der Ver⸗ ſammlung und rief ungefähr zehn Vläminger zu ſich auf die Seite, mit denen er eine Weile heimlich ſprach, wor⸗ auf ſie dann im raſchen Laufe nach dem Lager eilten. Maes van Vaernewyck gab nun Ghelnoot van Lens und fünf oder ſechs von deſſen Gefährten ein Zeichen, ihn zu begleiten, und ging dann wieder in die Kapelle. Bald darauf hörte man aus dem vlämiſchen Lager ein Jauchzen aufſteigen, das ſich immer weiter ausbrei⸗ — tete und z Mauern d Endlick ſellen kame Ghelnoot; vor Freud⸗ folgten die Blicken. geſenktem auf den F rollten übe riſſen, die dertjährige Als d nahte, lief voraus un vielen Str nung als e Hier u rend Ghel flackernd in Arteve andern, au rufen, wel dieſelbe ent Freude dem Heere ward ganz Pergamen Jakob von rger und ger zeigte zdatten ſich or Freude viederholt en! Das Me..... en dürfen. ein ſchö⸗ dHaus der her ſich der Vläminger g zu zwei⸗ lich, wäh⸗ Folge der ung hatten aliche Stille höffe, Maes s der Ver⸗ r zu ſich auf prach, wor⸗ Lager eilten. an Lens und chen, ihn zu elle. niſchen Lager iter ausbrei⸗ Jakob von Artevelde. 81 tete und zuletzt als ein ungeheurer Jubelruf an die Mauern der Kapelle ſchlug. Endlich, das große Werk war vollbracht! Vier Ge⸗ ſellen kamen mit einer eiſernen Kiſte aus der Kapelle. Ghelnoot van Lens hob die Hände empor und wußte vor Freude nicht, was er Alles rief und ſagte. Ihm folgten die Schöffen mit ſiegreichen freudeſtrahlenden Blicken. Artevelde dagegen ſchritt ſchweigend und mit geſenktem Haupte neben der Kiſte her. Er ſchwankte auf den Füßen; ſeine Bruſt keuchte ſichtbar; Thränen rollten über ſeine Wangen..... Er hatte ſie alſo zer⸗ riſſen, die Bande ſeines theuren Flandern, und dreihun⸗ dertjährige Liſt und Meineid beſiegt und vernichtet! Als der feierliche Zug ſich dem jauchzenden Heere nahte, lief Ghelnoot van Lens raſch mit vier Begleitern voraus und kehrte gleich mit einer brennenden Fackel und vielen Strohbündeln zurück, die er vor der Schlachtord⸗ nung als einen Scheiterhaufen aufthürmte. Hier wurde die Kiſte niedergeſetzt und geöffnet, wäh⸗ rend Ghelnoot das Stroh anzündete, deſſen Flamme flackernd in die Hoͤhe ſtieg. Artevelde nahm hierauf alle Urkunden, eine nach der andern, aus der Kiſte, ließ durch Meiſter Auguſtyn aus⸗ rufen, welche Verpflichtung, Verbindlichkeit oder Schuld dieſelbe enthielt, zerriß ſie dann und warf ſie in das Feuer. Freudengeſchrei erhob ſich während dieſer Zeit aus dem Heere und ſtieg gen Himmel empor. Der Jubel ward ganz ungeheuer, als der Rauch des verbrannten Pergamentes ſich über den ganzen Lagerplatz verbreitete Jakob von Artevelde. III. 6 82 Jakob von Artevelde. und gleich einem Boten Jedem die Erloſung Flanderns verkündigte. Ghelnoot van Lens hatte die letzte Urkunde, in wel⸗ cher das waeliſche Flandern an Frankreich abgetreten war, dem Oberhauptmann aus der Hand genommen, und ſie wie ein Raſender mit den Zähnen in die kleinſten Stücke zerriſſen. Und damit war das Opfer vollbracht; ſelbſt die eiſerne Kiſte hatte man in das Feuer gelegt. Im Angeſicht des Heeres bezwang Artevelde ſeine Thränen und verbarg ſoviel wie möglich ſeine tiefe Rührung. Nachdem Alles geſchehen war, winkte er einem Trompeter und gab Befehl zum Rückzuge, worauf er ſelbſt ſchweigend und mit langſamen Schritten in Be⸗ gleitung der Schöffen nach ſeinem Zelte ging. Es war; an welchen ſelten vorü len, einige ſtimmte Tr hörlich das welches mit rers zu ru ſich hier m Höhe heral wilden Wit ren Lauf b Auf de ſteen ſeine Wie der P Gebäude ü wegung der Diener plöt Lauf hemm fließen ſchm Seit T allen ander gemacht. A in trübem 6 Uebereinſtin ug Flanderns inde, in wel⸗ ggetreten war, men, und ſie iinſten Stücke ht; ſelbſt die gt. rtevelde ſeine h ſeine tiefe kte er einem , worauf er itten in Be⸗ ig. Jakob von Artevelde. IX. Es war zu Gent bei der Brabantbrücke, einem Platze, an welchem der denkende oder gefühlvolle Spaziergänger ſelten vorüberkommen wird, ohne ſich angezogen zu füh⸗ len, einige Augenblicke ſtill zu ſtehen und ſich in unbe⸗ ſtimmte Träume zu verlieren. Dort hörte man unauf⸗ hörlich das laute Geräuſch der ſtädtiſchen Waſſermühlen, welches mit unwiderſtehlicher Gewalt den Geiſt des Hö⸗ rers zu ruhen zwang. Die geſtaute Niederſchelde ſtürzte ſich hier mit entſetzlichem Wogen und Brauſen von der Höhe herab und rollte eine Zeit lang ihre Wellen in wilden Wirbeln fort, bis ſie dann mit Blitzesſchnelle ih⸗ ren Lauf bis nach Sanct Baefſtede fortſetzte. Auf der anderen Seite hob Ser Geeraert's Teufels⸗ ſteen ſeine ſchweren Thürme und hohen Mauern empor. Wie der Palaſt eines Rieſen ſchien dieſes geheimnißvolle Gebäude über dem ewigen Brauſen und der ſteten Be⸗ wegung der Fluth zu herrſchen, welche wie ein niedriger Diener plötzlich bei den Grundfeſten des Steens ihren Lauf hemmte und den Fuß ihres Herren im Vorüber⸗ fließen ſchmeichelnd zu beſpülen ſchien. Seit Monaten hatte Lieven Denys dieſen Ort vor allen andern zum Ziel ſeiner einſamen Wanderungen gemacht. Anfangs brachte er hier nur einige Augenblicke in trübem Sinnen zu, allmählig hatte ſich jedoch ſo viel Uebereinſtimmung zwiſchen ihm und der Fluth gebildet, 6* 84 Jakob von Artevelde. daß er nirgends mehr Freude und Genuß finden konnte, als unter dem Eindrucke der brauſenden Wogen und der klappernden Mühle. Für ihn hatte dieſes Brauſen und Rauſchen nur den Ton des Schmerzes und der Verzweiflung; ſobald eine Welle von oben herabgeſtürzt ſich wieder mit Ge⸗ walt emporwarf und unter dieſem ſchweren Beſtreben aufſeufzte, zeigte ſich ein bitteres Lächeln auf dem Antlitz des Jünglings. Denn ſeine poetiſche Einbildungskraft ließ ihn glauben, er habe in der Natur ein Weſen ge⸗ funden, welches wie er zu ewigen Leiden verdammt ſei, ohne daß Jemand ſeine Klagen verſtehe. Dieſe mächti⸗ gen Stimmen, das Toben der Wogen, das ſchnelle Rau⸗ ſchen des Waſſers, bemächtigten ſich obendrein ſeines Geiſtes und ſchafften ihm Ruhe vor den folternden Ge⸗ danken, welche wie verſteckte Schlangen ſchon ſo lange an ſeinem Herzen nagten. Hier am Rande des Waſſers löſte ſich ſein ſchmerzliches Sinnen in Träumen, in ei⸗ nem Schlummer des Gefühls auf, der ihm wenigſtens noch einige Ruhe und noch einigen Frieden gewährte. Was konnte nur die Urſache ſein von des Jünglings Leiden? Er, ſo voll Lebensfreuden, ſo mild beſchenkt mit allen Gaben des Gefühls, mit aller Zärtlichkeit ei⸗ ner zum Lieben geſchaffenen Seele? Er, dem die Saiten des Herzens wiedertoͤnten bei der mindeſten Berührung, dem Alles in der Natur zulachte? Ach! die Verleumdung hatte auch ſein Leben ver⸗ giftet; ſeit ſeiner unglücklichen Reiſe nach Brüſſel hatte er keinen Schritt mehr thun können, ohne daß ſich in ihm ein 2 war auf C Träume, e welchen die geſpritzt he len ihre zit ſches, das füllte ſein er ihre ſch als vermu Zeiten beſe ſen Argwo gel wieder Kranze ju Dann ſtarr empfunden er fühlte, ſeine Adern aus dem A er jedoch v auch ſchon Neuem da es wieder Nichts ging den S Le·iſt berecht velde’s Ede Augenblick Mann nich — finden konnte, Vogen und der Rauſchen nur iflung; ſobald ieder mit Ge⸗ eren Beſtreben uf dem Antlitz abildungskraft in Weſen ge⸗ verdammt ſei, Dieſe mächti⸗ ſchnelle Rau⸗ ndrein ſeines olternden Ge⸗ hon ſo lange des Waſſers imen, in ei⸗ n wenigſtens en gewährte. s Jünglings zild beſchenkt irtlichkeit ei⸗ n die Saiten Berührung, Leben ver⸗ rrüſſel hatte daß ſich in Jakob von Artevelde. 85 ihm ein Verdacht bildete gegen Alles, was ihm theuer war auf Erden. Seine geliebte Veerle, der Engel ſeiner Träume, erſchien ihm jetzt nur hinter einem Schleier, auf welchen die Ehrenſchändung ihr Gift mit großen Flecken geſpritzt hatte. Er beſuchte ſie noch, drückte noch biswei⸗ len ihre zitternden Hände in den ſeinen, aber etwas Fal⸗ ſches, das er in ihren Blicken zu entdecken wähnte, er⸗ füllte ſein Herz mit Eiskälte, und nur mit Furcht hörte er ihre ſchöne, verführeriſche Stimme reden, gleichſam als vermuthe er, ſie wolle ihn betrügen. Zu anderen Zeiten beſchuldigte er ſich ſelbſt der Schwäche und des bö⸗ ſen Argwohns; in ſolchen Stunden erſchien ihm der En⸗ gel wieder, wie er war, umgeben von dem ſtrahlenden Kranze jungfräulicher Reinheit und redlichſter Liebe. Dann ſtarrte er wieder ganz bewußtlos, je einen Schmerz empfunden zu haben, in den reinen Spiegel ihrer Augen, er fühlte, wie ſein Blut wieder wärmer und freier durch ſeine Adern ſtrömte, und dankte Gott für die Befreiung aus dem Abgrunde ſeiner heimlichen Leiden. Kaum hatte er jedoch von Neuem die Geliebte verlaſſen, ſo trat ihm auch ſchon die wachſame Verleumdung entgegen, riß von Neuem das Vertrauen aus ſeinem Herzen und erfüllte es wieder mit der Galle des Argwohns. Nichts von Allem, was er früher geliebt hatte, ent⸗ ging den Schlägen einer verborgenen, aber mit hölliſcher Liſt berechneten Verleumdung. Sein Glaube an Arte⸗ velde's Edelmuth und Vaterlandsliebe ſchwankte, es gab Augenblicke, in welchen er ſich ſelbſt fragte, ob der weiſe Mann nicht wirklich ein eigennütziger Tyrann ſei; Ghel⸗ 86 Jakob von Artevelde. noot erſchien ihm in ſeinen nächtlichen Träumen als ein Geiſt des Böſen, der ihm das Leben in ewigen Schmerz umgewandelt hatte; ſeinen Vater ſelbſt, dem er früher unbegrenzte Ehrfurcht gezollt, fürchtete er mitunter, wie einen Feind ſeiner Ruhe, wie Jemanden, aus deſſen Munde Worte ſtrömten, welche wie eine Saat des Un⸗ heils und Verdachtes in ſeine geängſtete Bruſt fiel. So führte der arme Jüngling ein doppeltes Leben, in ihm kämpften zwei Geiſter um die Herrſchaft über ſein Herz, der Geiſt des Vertrauens, welcher ihm ſagte, ſein Ohr vor der Verleumdung zu ſchließen, und der Geiſt des heftigen Argwohns, der ihm das Blut bei dem ge⸗ ringſten Worte kochen machte und ihn glauben ließ, was ſo viele gleichgültige Stimmen ihm täglich offenbarten, könne doch wohl wahr ſein. Das unerbittliche Schickſal hatte ihm noch eine an⸗ dere tiefe Wunde geſchlagen. Seine gute Mutter war geſtorben; ſie war die einzige geweſen, die auf Erden noch die Macht beſaß, ihm durch freundliche Worte und durch Beweiſe unverdächtiger Liebe einigen Troſt einzu⸗ flößen; ſie aber war gen Himmel gezogen und hatte ihm nichts zurückgelaſſen, als das Andenken an ihre Güte und den Stein auf ihrem Grabe, um dort in den ſchwer⸗ ſten Stunden ſeines Lebens noch eine letzte Erquickung zu finden. An einem Abende, als die Sonne noch nicht unter dem weſtlichen Horizonte hinabgeſunken war, ſtand Lieven Denys wi Rand an gungslos magertes blicke kein in tiefſtem Leben verr welche jed ihren We Laufe der ſchwunden gere Woge Welle ſtür die Woge wie raſend hinabſtürz Bett der? Fuße des War! lings See ſchleudert und Haß, derſtreiten War ſein ruheloſes! Als L denn eine anderer Ii ſich neben lumen als ein digen Schmerz dem er früher mitunter, wie , aus deſſen Saat des Un⸗ uſt fiel. peltes Leben, jaft über ſein m ſagte, ſein nd der Geiſt bei dem ge⸗ en ließ, was offenbarten, och eine an⸗ Mutter war auf Erden Worte und roſt einzu⸗ dhatte ihm ihre Güte den ſchwer⸗ Erquickung nicht unter und Lieven 87 Jakob von Artevelde. Denys wieder dort, ſtützte die Arme auf den ſteinernen Rand an der Niederſchelde und hielt den Blick bewe⸗ gungslos auf die arbeitende Fluth gerichtet. Sein abge⸗ magertes und bleiches Antlitz verrieth in dieſem Augen⸗ blicke kein beſonderes Gefühl; er ſchien dort gedankenlos in tiefſtem Selbſtvergeſſen zu ruhen. Nichts ließ in ihm Leben vermuthen, als der träge Aufſchlag ſeiner Augen, welche jeder entſtehenden Welle gleichſam mit Liebe in ihren Wendungen folgten, bis dieſelbe von dem freien Laufe der Fluth aufgenommen und in derſelben ver⸗ ſchwunden war. Mitunter ſah er plötzlich eine mächti⸗ gere Woge ſich erheben und ſich wüthend auf eine andere Welle ſtürzen; er hörte das Brauſen des Streites, ſah die Woge wiederkehren und mit klagendem Seufzen ſich wie raſend in wilden Kreiſen drehen, bis der immer hinabſtürzende Strom dieſe Erſcheinung wieder in das Bett der Fluth riß und die kämpfenden Wellen vor dem Fuße des Ser Geeraertsteufelſteen zurückwichen. War dieſes Schauſpiel nicht ein Bild von des Jüng⸗ lings Seele? Ward er nicht auch hin und wieder ge⸗ ſchleudert zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Haß, Vertrauen und Verdacht? Wirbelten die wi⸗ derſtreitendſten Gedanken nicht auch durch ſeinen Kopf? War ſein Leben nicht auch ein ewiges Kämpfen, ein ruheloſes Leiden geworden? Als Lieven, nach ſeiner Gewohnheit, dort länger denn eine Stunde unbeweglich geſtanden hatte, kam ein anderer Jüngling von der Brabantpforte her und legte ſich neben ihm auf den ſteinernen Rand. Ihn eine Weile 4 88 Jakob von Artevelde. lächelnd betrachtend, klopfte er ihm endlich ſanft auf die zu werde Schulter und ſagte mit freundlichem Scherz: wwie von „Aber, Lieven, Ihr müßt wunderſchöne Dinge in druck des dem plätſchernden Waſſer ſehen, daß Ihr Eueren Sonn⸗ Jan tag Nachmittag hier ſo einſam zubringt. Man möchte Mitleids faſt glauben, Ihr wartet hier auf den Teufel, der Ser„Wo Geeraerts Seele kaufte.“ trüben, Lieven warf einen traurigen Blick auf den Jüngling, oft gezwu und als ob er ihn nun erſt bemerke und ſeinen Scherz heit zu e gar nicht gehört habe, antwortete er gleichgültig:„Gu⸗ nicht, ſo ten Tag, Freund Jan“, worauf er die Augen wieder ſein. Im dem Fluſſe zuwandte. Euren B „Wie kommt es denn,“ fuhr Jan fort,„daß Ihr dort, un heute nicht mit Cuerem Bogen vor der Vyfwindgaten⸗ Veerle.. pforte wart, um in St. Jorishof dem fröhlichen Schie⸗ geſehen ßen beizuwohnen?— Ich komme daher; es iſt vorbei; und Veer die ſchöne ſilberne Kanne, welche Ser van Raſſeghem und wie als Preis geſchenkt hat, iſt nach einem ſtarken Kampfe ſein ſchien gewonnen..... Schlaft Ihr denn, Lieven, daß Ihr Silberkan mich nicht anhört? Was ſich dort zutrug, geht Euch ten ſie, L doch mehr an als mich. Kommt, ich gebe Euch auf zu über die! rathen, wer die ſilberne Kanne gewonnen hat.“ und über „Was kümmert es mich?“ ſeußzte Lieven, ſich aus Euch ang, Höflichkeit ihm halb zuwendend,„ich misgönne dem Ge⸗ Von winner ſeine Freude nicht.“ Lieven m „Vielleicht doch. Mher Ghelnoot van Lens iſtim Blicke ſich dem Schießen der Sieger geblieben.“ nun dort, Dieſer Name übte einen gewaltigen Eindruck auf„Wi das Gefühl des Jünglings. Er ſchien heftig ergriffen Ghelnoot — ſanft auf die 3: ene Dinge in ueren Sonn⸗ Man möͤchte fel, der Ser m Jüngling, einen Scherz ltig:„Gu⸗ igen wieder „daß Ihr windgaten⸗ chen Schie⸗ iſt vorbei; Raſſeghem en Kampfe daß Ihr geht Euch ich auf zu „ſich aus dem Ge⸗ ns iſt in druck auf ergriffen Jakob von Artevelde. 89 zu werden; denn ſeine Glieder ſpannten ſich plötzlich, wie von einer mächtigen Kraft berührt, und ein Aus⸗ druck des Schmerzes zeigte ſich auf ſeinem Antlitz. Jan ergriff ſeine Hand und fuhr mit dem Tone des Mitleids fort: „Was ich Euch noch ſagen will, muß Euch tief be⸗ trüben, ich weiß es wohl, Lieven; aber man ſieht ſich oft gezwungen, einem Freunde wider Willen die Wahr⸗ heit zu erklären, und thäte man es in einigen Fällen nicht, ſo würde man des Namens„Freund) unwürdig ſein. Im Sanct Jorishofe befanden ſich noch andere von Euren Bekannten: die Familie der Vaernewyck's war dort, und bei ihnen Ver Artevelde mit ihrer Tochter Veerle..... Erſchreckt nicht ſo ſehr! Ach! wenn Ihr geſehen hättet, welche ungeheure Neigung Ghelnoot und Veerle ſich vor der ganzen Freundſchaft bezeigten, und wie außerordentlich glücklich Jungfrau Veerle zu ſein ſchien, als Ghelnoot jauchzend mit der gewonnenen Silberkanne zu ihr kam!..... Die Zuſchauer ſchmäh⸗ ten ſie, Lieven, und namentlich Eure Freunde zürnten über die Untreue, welche ſie ſo offenbar gegen Euch übte, und über den Hohn, der während Eurer Abweſenheit Euch angethan wurde.“ Von jedem Worte mehr und mehr ergriffen, hatte Lieven mit geſenktem Haupte und niedergeſchlagenem Blicke ſich eine Stütze an der Mauer geſucht und ſtand nun dort, ſichtlich zitternd, aber ſprachlos. „Wißt Ihr, Lieven, was Einige ſagten, um Mher Ghelnoot zu entſchuldigen?“ ſprach Jan weiter.„Sie 90 Jakob von Artevelde. ſagten, Jungfrau Veerle würde ſich binnen Kurzem mit dem Hauptmanne von St. Nikolaus vermählen. Ihr müßt das beſſer wiſſen, als irgend Jemand ſonſt. Iſt dieſe Heirath wirklich beſchloſſen? Dann thäte man doch Unrecht, die beiden Verlobten zu tadeln, weil ſie ſich lieb haben!“ Bei dieſen Worten hob Lieven plötzlich den Kopf empor; ein dunkles Feuer glühte in ſeinen Augen und ſeine Züge ſchienen ſich, wie von einem Fieberanfalle, zu verzerren. Indem er einen zornigen Blick unter ſeinem geſenkten Augenwimpern hervor auf den Jüngling ſchoß, rief er: „Und Ihr auch?— Welcher böſe Geiſt hat Euch hierher geſandt, um das Feuer der Hölle in meiner Bruſt anzufachen? Wer hat Euch bezahlt, um mein Herz zu zerreißen, daß es blutet? Was Ihr ſagt, iſt falſch; tauſendfach lügen die, ſo da reden, wie Ihr! Geht, geht, und nennt Euch nicht mehr meinen Freund!“ Anſtatt ſich über dieſe beleidigenden Worte zu er⸗ zürnen, zuckte Jan die Achſeln und ſchüttelte muthlos den Kopf, während der Ausdruck des tiefſten Mitleidens ſich auf ſeinem Antlitz zeigte. „ Armer Lieven!“ ſeufzte er,„ich ſollte mich über Euren beleidigenden Ausfall erzürnen; aber ſo ſehr ich mich auch verletzt fühle, ich kann es wahrlich nicht. Ihr ſeid krank, unglücklicher Freund! Ihr leidet ſchrecklich; ich ſehe es wohl, der Schmerz hat Eure Vernunft be⸗ fangen. Was ich Euch ſagte, war keine Verleumdung; ich habe es ſelbſt gehört und geſehen. Ich vertrete meine — Worte! Unwahr ſo wißt ſeine Re wo Ihr Jan den Zor daß ſein es gut Stimme /4 N haben; auch von gebe Eue tes wille ſo laßt: G Pflicht g an Eure thun hät Liev Hoffnung „N „Id ich würd allen die ich Spot chenſchaft Hauptme Kurzem mit ihlen. Ihr dſonſt. Iſt te man doch weil ſie ſich den Kopf Augen und ranfalle, zu iter ſeinem ling ſchoß, hat Euch in meiner um mein ſagt, iſt hr! Geht, eund!“ tte zu er⸗ muthlos Nitleidens nich über ſehr ich iſcht. Ihr hrecklich; unft be⸗ mdung; te meine Jakob von Artevelde. 91 Worte vor der ganzen Welt, und findet Ihr je, daß eine Unwahrheit dem Munde Jan Sporrelinck's entſchlüpfte, ſo wißt Ihr ſein Haus in der Lange Meere. Er wird ſeine Rede mit Mund und That behaupten, wann und wo Ihr es verlangt.“ Jan's ruhige, aber ſtolze Sprache beſänftigte plötzlich den Zorn in Lieven's Gemüth. Er begann einzuſehen, daß ſein Freund doch rechtlich mit ihm geredet habe und es gut mit ihm meine. Er ſagte daher mit leiſerer Stimme und gleichſam bittend: „Nein, nein! ich will keine Feindſchaft mit Euch haben; Ihr täuſcht Euch, wie die Anderen. Ihr ſeid auch von einer unſichtbaren Macht getrieben. Ich ver⸗ gebe Euch den Schmerz, den ich jetzt leide; aber um Got⸗ tes willen, Jan! wenn Ihr wirklich mein Freund ſeid, ſo laßt mich allein!“ „Gut!“ antwortete der Andere;„ich habe meine Pflicht gethan und verlaſſe Euch..... Aber wenn ich an Eurer Stelle wäre, ſo wüßte ich wohl, was ich zu thun hätte, um mich von dieſem bitteren Leide zu befreien.“ Lieven's Augen blitzten von einem hellen Strahl der Hoffnung. Er fragte haſtig:. „Nun denn, nun! was würdet Ihr thun?“ „Ich würde thun, was ſich für einen Mann geziemt; ich würde muthig reden, und wiſſen wollen, was an allen dieſen Gerüchten wahr oder unwahr ſei. Wenn ich Spott oder Betrug entdeckte, würde ich ſtrenge Re⸗ chenſchaft fordern,— gleichviel, ob mein Beleidiger Hauptmann von Sanct Nikolaus wäre, oder nicht— ——.,.— ꝙ 92 Jakob von Artevelde. und ich würde die untreue Jungfrau verachten und vergeſſen.“ „Und wenn Ihr fändet, daß alle dieſe Gerüchte falſch ſeien?“ fiel Lieven ihm in die Rede. „Nun! dann würde ich auf nichts hören, und dem erſten beſten Verleumder den Mund ſchließen, und wenn ich zehnmal am Tage Blut ſehen müßte. Dann würde ich es aber auch nicht machen, wie Ihr, Lieven. Ich würde nicht die Geſellſchaft fliehen; ich würde nicht vor Aller Augen trauern und jammern, daß Jeder auf mei⸗ nem entſtellten Antlitz leſen könne, ich ſchenke der Ver⸗ leumdung Glauben. Nein, nein! ich würde das Haupt trotzig emporheben, und Wehe dem, der mich zu höhnen oder zu beklagen wagte!”“..... Das würde ich thun; und nun lebt wohl! Ueberlegt dieſen Rath z es iſt wahr⸗ lich ein Freund, der ihn giebt!.... Seht! dort bei der Brabantpforte gehen die Vaernewyck'’; Ghelnoot und Veerle geben einander die Hand; der Diener der Sanct Jorisgilde trägt die ſilberne Kanne vor ihm her.— Auf Wiederſehen!“ Lieven hatte die Blicke nach der angegebenen Rich⸗ tung gewandt; kaum erreichten ſie jedoch die junge Veerle und ihren Begleiter, ſo kehrte er das Geſicht bebend ab und ging mit ſchwankenden Schritten nach der Seite der Wynaerdsbrücke. Unterwegs überlegte er, was Jan Sporrelinck ihm geſagt hatte, und kam endlich zu dem Reſultat, daß deſ⸗ ſen Rath allerdings gut ſei und er ſeinen unerträglichen Leiden ein Ende machen müſſe. Dennoch entſank ihm mitunter chenſcha⸗ brachte dies ma ſtrömte Als die Kerz nung zu mit den wohl Y dechante gegen il Sorgfal Haſſe zu nach der er hinter Nachden hatte, ri litz und nung zu entfernt Kau auf eine das Gen wichtiger „Li zu ſagen Der ein ober ichten und 2 Gerüchte und dem und wenn nn würde ven. Ich nicht vor auf mei⸗ der Ver⸗ 1s Haupt höhnen ich thun; ſt wahr⸗ t bei der oot und r Sanct her.— n Rich⸗ Veerle bend ab eite der ick ihm aß deſ⸗ glichen ik ihm Jakob von Artevelde. 93 mitunter der Muth, wenn er daran dachte, Veerle Re⸗ chenſchaft von ihrem Betragen abzufordern. Sein Geiſt brachte ihm jedoch wieder Ghelnoot vor die Sinne, und dies machte, daß ſein Blut ungeſtüm durch ſeine Adern ſtrömte und ſein Herz von heimlicher Rachſucht ſchwoll. Als er die Wynaerdsbrücke erreicht hatte, wollte er die Kerkſtraße hinaufgehen, um ſich nach ſeiner Woh⸗ nung zu begeben. Doch ſah er von Weitem ſeinen Vater mit dem Könige der Ribauden ſprechend ſtehen. Ob⸗ wohl Muggelyn jetzt nicht ſelten im Hauſe des Ober— dechanten erſchien, hatte Lieven doch ſtets ſeinen Abſcheu gegen ihn bewahrt, und er vermied denſelben mit einer Sorgfalt, die keinem anderen Gefühle, als einem tiefen Haſſe zugeſchrieben werden konnte. Er wandte ſich daher nach der St. Janskirche und ging auf den Kirchhof, wo er hinter der Mauer bei einem Leichenſteine niederkniete. Nachdem er lange mit geſenktem Haupte dort gebetet hatte, richtete er ſich auf und kehrte mit erheitertem Ant⸗ litz und getröſtetem Gemüth langſam nach ſeiner Woh⸗ nung zurück, die nur einige Schritte von dem Kirchhofe entfernt lag. Kaum hatte er daſelbſt ſeinen Mantel abgelegt und auf einen Stuhl gehängt, als ſein Vater ebenfalls in das Gemach trat und zu ihm mit einem Tone, der einen wichtigen Beſchluß zu verkünden ſchien, ſagte: „Lieven, geh' mit mir hinauf; ich habe Dir Etwas zu ſagen!“ Der Jüngling gehorchte und folgte ſeinem Vater in ein oberes Zimmer, wo der Oberdechant ihre Unterre⸗ 94 Jakab von Artevelde. dung folgendermaßen begann, nachdem er ſeinem Sohne befohlen hatte, ſich zu ihm zu ſetzen: „Lieven, ich bitte Dich, höre aufmerkſam auf das, was ich Dir ſage! Wappne Dich mit Muth, mein Sohn, und entſetze Dich nicht, ſelbſt wenn auch etwas in mei⸗ nen Worten vorkommt, das Dein Herz betrüben kann. Glaube mir, mich ſchmerzt Dein unglückliches Schickſal und Leiden tief, bei dem Anblick Deiner Niedergeſchla⸗ genheit. Es muß ein Ende nehmen, Lieven! Lange ge⸗ nug habe ich Dein blindes Vertrauen geſchont, lange genug Dein heimliches Weh geehrt; aber es wäre von meiner Seite ein grobes Verbrechen, wenn ich mein ein⸗ ziges Kind auch noch einen Tag länger, unter der offen⸗ baren Verſpottung gebückt, dahinſchleichen und daſſelbe, ein ſchuldloſes Schlachtopfer der Scheinfreundſchaft, dem Grabe zuwandeln ließe, ohne es zurückzuhalten auf der Bahn der Erniedrigung und des Verderbens. Schon ſeit einem Monate hatte ich mir vorgenommen, dieſe hei⸗ lige Vaterpflicht zu erfüllen; aber die Furcht, Dich zu betrügen, hielt mich Tag für Tag zurück. Jedoch was ich heute im St. Jorishof geſehen und gehört habe, ließ mich unwiderruflich den Entſchluß faſſen, auch nicht eine Stunde länger zu warten, und ich verließ das Schießen in aller Eile, bloß um Dir meinen freundlichen Rath und im Nothfalle meine unwiderrufliche Entſcheidung mitzutheilen.— Lieven! im St. Jorishof war Veerle, und mit ihr Ghelnoot van Lens. Keins von Beiden hielt es diesmal noch für nöthig, die Flamme zu verbergen, die in ihren Herzen brennt. Sicher gemacht durch Deine Abweſenhe Genoſſen gerte und konnteſt, zu ſein.“ Der e rückgedrän Antlitz zu derum mit Herz aus Obwo auch nicht gels an(. laſſen, ſo⸗ kalter Sch ſeines Vo wöhnt, d „Abe mich geſter ich möchte gehen.“ „Und hohnlächel Gefühl D ehren und ſteht, um bin ich no des zu üb i*ſt, zu ret em Sohne wauf das, ein Sohn, 3 in mei⸗ ben kann. Schickſal dergeſchla⸗ Lange ge⸗ it, lange wäre von mein ein⸗ der offen⸗ daſſelbe, haft, dem auf der Schon dieſe hei⸗ Dich zu doch was abe, ließ nicht eine Schießen en Rath ſcheidung Veerle, den hielt rbergen, ch Deine Jakob von Artevelde. Abweſenheit, verhöhnten ſie Dich ſchamlos vor Deinen Genoſſen und Freunden, ſo daß Jeder ſich darüber är⸗ gerte und unwillig fragte, wie Du ſo lange einwilligen konnteſt, der Spielball dieſer hochmüthigen Menſchen zu ſein.“ Der erſchreckte Lieven hörte mit dem Ausdrucke zu⸗ rückgedrängter Wuth und bitteren Leidens auf ſeinem Antlitz zu. Er hatte ein Gefühl, als ob man ihn wie⸗ derum mitleidlos auf die Folter ſtrecken wolle, um ſein Herz aus hundert Wunden ſich verbluten zu laſſen. Obwohl Vernunft und Pllichtgefühl ihn antrieben, auch nicht einen Gedanken des Argwohns oder des Man⸗ gels an Ehrerbietung in ſeinem Geiſte aufkommen zu laſſen, ſo zitterte er doch am ganzen Körper, und ein eis⸗ kalter Schauer überlief ihn ſchon bei dem Klange von ſeines Vaters Stimme. Seine Seele war vielleicht ge⸗ wöhnt, durch dieſen Klang zu leiden. „Aber, Vater!“ bemerkte er ſeufzend,„Veerle hat mich geſtern eine ganze Stunde lang gebeten und gefleht, ich möchte mit ihr und ihrer Mutter zu dem Schießen gehen.“ „Und mit Ghelnoot! nicht wahr?“ ſetzte der Vater hohnlächelnd hinzu.„Sie wiſſen beſſer als Du, welches Gefühl Dein Herz zernagt, und ſtatt Deinen Aerger zu ehren und zu lindern, thun ſie, was in ihren Kräften ſteht, um Dir den Todesſtoß zu geben. Glücklicherweiſe bin ich noch da, um das Schickſal meines einzigen Kin⸗ des zu überwachen und daſſelbe, ſo lange es noch Zeit iſt, zu retten. Wenn Du bei Veerle biſt, iſt Ghelnoot Jakob von Artevelde. auch dort, und er iſt auch noch da, wenn Du nicht da biſt. Ghelnoot! immer Ghelnoot! Schändlicher Spott! Abſcheuliche Schlechtigkeit!“ Die Worte ſeines Vaters ſchienen bereits Einfluß auf Lieven zu üben. Er fühlte, wie ſein Herz raſcher klopfte und eine Art von Fieber in ſeinem Innerſten die Eiferſucht zu heller Flamme anſchürte. Er bezwang je⸗ doch ſeine Heftigkeit und antwortete ärgerlich: „Da Mher von Artevelde wegen ſeiner Reiſe durch Weſtflandern ſo lange abweſend bleiben muß, ſo iſt es doch wohl kein Wunder, daß Ghelnoot die Familie des Oberhauptmanns beſchützt. Iſt Mher van Lens ſeit ſei⸗ ner Kindheit nicht täglich in Artevelde's Hauſe? Und warum ſollte er jetzt ſein Betragen ändern? Weil eine geheime Macht, welche aus der Hölle zu ſtammen ſcheint, mich verfolgt und mir Leiden bereitet?“ Der Oberdechant ſchien durch die Worte ſeines Soh⸗ nes überraſcht und ſah ihm tief in die Augen. Er be⸗ ruhigte ſich jedoch gleich wieder und fuhr fort: „Armer Lieven! Deine Großmuth blendet Dich; Du kämpfſt wie ein Verzweifelter gegen die wohlbekannte Wahrheit an, weil dieſe Wahrheit, wenn Du ſie end⸗ lich einſäheſt, Dir den ſchönſten Traum Deines Lebens rauben würde. Ach, mein Sohn! was nährſt Du Dich noch mit dieſem falſchen Scheine, der Dir endlich doch ſchwinden muß? Warum trauerſt Du? Warum wirſt Du bleich und mager? Warum fliehſt Du die Geſell⸗ ſchaft Deiner Freunde und Genoſſen? Geſchieht es, weil Du der redlichen Liebe der Jungfrau Veerle volles Zu⸗ trauen ſche glücklich f allein auf die Tochte Ghelnoot dann ſelbf würde die langer Sch Wahrheit gläubigkeit war nichts wen⸗Boſc⸗ Dich verſpe laufen aus Stunde ve raſcht man hängt? M ſie aus Sch blicke durch ſchreckt wo gegen Ghe nem Aerge nem Menſe licher Spot loſes Kind „Vate gen mein f vertraut; „Nun Jakob von! Du nicht da cher Spott! its Einfluß Herz raſcher anerſten die bezwang je⸗ Reiſe durch ;, ſo iſt es Familie des ens ſeit ſei— auſe? Und Weil eine nen ſcheint, eines Soh⸗ n. Er be⸗ Dich; Du ohlbekannte du ſie end⸗ nes Lebens ſt Du Dich ndlich doch arum wirſt die Geſell⸗ ht es, weil volles Zu⸗ Jakob von Artevelde. 97 trauen ſchenkſt? Geſchieht es, weil Du, wie früher, Dich glücklich fühlſt durch die Ueberzeugung, ſie liebe Dich allein auf Erden? Du ſcheinſt ſagen zu wollen, daß man die Tochter des Oberhauptmanns und ihren Freund Ghelnoot verleumde? Es iſt möglich; aber klage Dich dann ſelbſt zuerſt an; denn in Deinem eigenen Herzen würde die ſchändlichſte Verleumdung weilen, wenn Dein langer Schmerz Dir nicht bezeugte, daß eine tödtliche Wahrheit Dich martert.— Ich begreife Deine Leicht⸗ gläubigkeit nicht, Lieven! Für ein klarſehendes Auge war nichts Anderes nöthig, als das Ereigniß im Nieu⸗ wen⸗Boſch zu Brüſſel, um ſich zu überzeugen, daß man Dich verſpottet und betrügt. Wie! Ghelnoot und Veerle laufen aus der Geſellſchaft fort? Laſſen ſich eine halbe Stunde vergebens ſuchen? Und als man ſie findet, über⸗ raſcht man die tugendhafte Veerle, die an ſeinem Halſe hängt? Man macht Dir weiß, daß Dein Vetter Jakob ſie aus Scherz irre geführt und Veerle in jenem Augen⸗ blicke durch das plötzliche Aufſpringen eines Rehes er⸗ ſchreckt worden ſei; und da Du nun mit Recht zornig gegen Ghelnoot auffährſt, lacht er Dich aus mit Dei⸗ nem Aerger und läßt Dich bei Deiner Ehre geloben, kei⸗ nem Menſchen zu ſagen, was Du geſehen haſt! Schänd⸗ licher Spott, mit dem man Dich behandelt, wie ein arg⸗ loſes Kind!“ „Vater! Vater!“ rief Lieven zornig;„ich habe ge⸗ gen mein feierliches Gelübde Dir dieſes Geheimniß an⸗ vertraut; Du haſt es mir verſprochen!“ „Nun denn! ich will von etwas Anderem reden. Jakob von Artevelde. III. 7 98 Jakob von Artevelde. Im St. Jorishof verſicherte Jeder, ſogar die Freunde des Oberhauptmanns, daß Ghelnoot ſich mit Veerle vermählen würde. Ich glaube es nicht; einen Jüngling faſt täglich empfangen, ihm Liebe beweiſen, und in der Zwiſchenzeit die Heirath mit einem Anderen vorbereiten? Ach! ſo weit dürfen ſie doch die Unverſchämtheit nicht treiben!— Eine andere Neuigkeit hat mich tiefer ver⸗ wundet, obwohl ich nicht weiß, was man davon glauben darf. Im St. Jorishof war eine junge Frau aus Ma⸗ rienland; die hatte den geſtrigen Nachmittag im Beggyn⸗ hof zugebracht, als Jungfrau von Artevelde auch da war; und dieſe erzählte, daß Veerle lachend in ihrer Gegen⸗ wart geſagt habe: Du, Lieven, dienteſt ihr nur zum Zeit⸗ vertreibe; ſte finde Vergnügen an Deinen unſchuldigen Liebesbezeigungen, liebe Dich aber nicht, und ſei Dei⸗ ner müde..... 47 Wie ein verwundeter Löwe ſprang Lieven ploͤtzlich von ſeinem Stuhle auf und trat einige Schritt zurück. Er be⸗ trachtete ſeinen Vater mit brennendem Blicke, und rief: „Es iſt falſch, falſch, was Du ſagſt!“ „Was ich ſage?“ wiederholte Geeraert Denys ge⸗ laſſen.„Du meinſt, was die junge Frau von Marien⸗ land geſagt hat! Vielleicht iſt es wirklich nur eine Un⸗ wahrheit; ich will nicht dafür ſtehen.“ „Warum, Vater! warum mir denn mit dieſer Ver⸗ leumdung das Herz aus dem Buſen reißen? O, Gnade! Gnade! Laßt mich gehen! ich leide entſetzlich; mir wir⸗ belt Alles vor den Augen.... es iſt, als ob mir der Kopf zerſpränge...“ Währ zitternd de den Blick bei der He dem er mi „Die iſt ſchmerz ich will m will nicht offenbaren es auch 1 Schmerzen mit der To antworteſt unwiderruf „Nun will, ſo we „Ich! „Segne D ſem ſchwer empor; D frei und fr begierig, ſe ſchätzen, de Gent ihre! Deine Blich tern erheben Ganz ters, ſaß d die Freunde mit Veerle en Jüngling und in der vorbereiten? imtheit nicht h tiefer ver⸗ von glauben au aus Ma⸗ im Beggyn⸗ nuch da war; hrer Gegen⸗ ur zum Zeit⸗ unſchuldigen und ſei Dei⸗ plötzlich von rück. Er be⸗ fe, und rief: 74 t Denys ge⸗ von Marien⸗ nur eine Un⸗ 7 t dieſer Ver⸗ O, Gnade! ch; mir wir⸗ s ob mir der Jakob von Artevelde. 99 Während Lieven, die Hand vor die Augen haltend, zitternd da ſtand, warf der Oberdechant einen forſchen⸗ den Blick auf ihn. Dann ſtand er auf, faßte ſeinen Sohn bei der Hand und führte ihn zu dem Stuhle zurück, in⸗ dem er mit leiſer und tröſtender Stimme ſagte: „Die ſchwere Vaterpflicht, die ich zu erfüllen habe, iſt ſchmerzlich; aber es muß ſein. Setze Dich, Lieven! ich will mich kurz faſſen. Siehſt Du, mein Sohn, ich will nicht länger dulden, daß Du der Gegenſtand dieſer offenbaren Verſpottung biſt, und daß man Dir, wäre es auch nur aus tadelnswerthem Leiichtſinne, ſolche Schmerzen bereitet. Ich rathe Dir, daß Du heute noch mit der Tochter des Oberhauptmanns brecheſt.... Du antworteſt nicht! Ich befehle es Dir! Mein Befehl iſt unwiderruflich! Was ſagſt Du?“ „Nun denn! Da mein ſchweres Schickſal es alſo will, ſo werde ich es thun,“ antwortete Lieven faſt tonlos. „Ich danke Dir, mein Sohn!“ ſagte Geeraert. „Segne Du auch Gottes Güte, die Dich heute von die⸗ ſem ſchweren Leiden erlöſt! Hebe Dein Haupt muthig empor; Deine Bande ſind zerriſſen; Du wirſt wieder frei und fröhlich leben! Und iſt Dein Herz nach Liebe begierig, ſo werden ſich hundert Jungfrauen für glücklich ſchätzen, dem Sohne des Oberdechanten der Gilden von Gent ihre beſcheidene Liebe darzubieten. Du kannſt ſelbſt Deine Blicke zu Jungfrauen aus den edelſten Geſchlech⸗ tern erheben, Lieven!“ Ganz niedergedrückt von dem Beſchluſſe ſeines Va⸗ ters, ſaß der Jüngling mit gebeugtem Haupte vor die⸗ 7* 100 Jakob von Artevelde. ſem da, und hörte vielleicht nicht einmal, was der⸗ ſelbe ſprach. Geeraert Denys ſchien dieſen Zuſtand ſeines Soh⸗ nes nicht zu beachten und fuhr fort: „Die Liebe iſt eine blinde Leidenſchaft; ſie hindert uns, in die Zukunft zu ſehen, und läßt uns mitunter Unvorſichtigkeiten begehen, die wir unſer ganzes Leben hindurch beklagen müſſen. Es iſt ein Glück, daß die Untreue Deiner Geliebten Dich von einer Familie ent⸗ fernt, welche bald der allgemeinen Verachtung unterlie⸗ gen wird. Beachte nur, was in Flandern vorgeht. In allen Städten und Provinzen erhebt man ſich zornig ge⸗ gen Artevelde's Herrſchaft. Der Oberhauptmann hat weder Ruhe noch Raſt; er reiſt von einer Gemeine zur andern, um den drohenden Aufruhr zu ſtillen. Kaum iſt er jedoch wieder fort, ſo entbrennt hinter ihm von Neuem das Feuer der Volkswuth. Ob der Haß, den man in ganz Flandern gegen den Oberhauptmann hegt, rechtmäßig ſei oder nicht, darauf kommt es nicht an. Es leidet keinen Zweifel, daß ein Abgrund vor ſeinen Füßen ſich öffnet, und daß er mit den Seinigen hineinſtürzen wird. Selbſt in Gent, wo man ſeine Macht am meiſten fürchtet und fürchten muß, wird wahrſcheinlich binnen Kurzem gegen ihn ein ſchrecklicher Sturm ſich erheben, ein Sturm, der ſich bereits in der Luft ankündigt für Jeden, der ſcharfſichtig genug iſt, ſich aus der Meeres⸗ ſtille ſelbſt den künftigen Sturm vorzuſtellen.— Nun denn, mein Sohn! hätte das tadelnswerthe Betragen Veerle's und Ghelnoot's gegen Dich das Band nicht zer⸗ riſſen, w mann bin Laufbahn Dir die Z Alter habe ſten Aemt ter ſelbſt, Deine Erl welchen R noch aufbe iſt es nöth ſowie mit Seinen ge lichen Mu⸗ werdeſt, u Dich wide zu retten. gerückt; J Entſchluſſe Freund Co den Verdr nach dem fröhlich zu ſehen!“ Bei di gend auf d Lieven ſunken ſitze nächtliche was der⸗ ſeines Soh⸗ ſie hindert ns mitunter anzes Leben ick, daß die Familie ent⸗ ng unterlie⸗ vorgeht. In ch zornig ge⸗ ptmann hat Gemeine zur llen. Kaum ter ihm von er Haß, den ptmann hegt, nicht an. Es ſeinen Füßen hineinſtürzen t am meiſten inlich binnen ſich erheben, nkündigt für der Meeres⸗ len.— Nun the Betragen und nicht zer⸗ Jakob von Artevelde. 101 riſſen, welches Dich unzertrennlich an den Oberhaupt⸗ mann bindet, ſo wärſt Du mit ihm gefallen und Deine Laufbahn für immer geſchloſſen worden. Jetzt gehört Dir die Zukunft. Noch einige Jahre, und Du wirſt das Alter haben, das Dir das Recht giebt, Dich um die höch⸗ ſten Aemter der Gemeine zu bewerben..... Dein Va⸗ ter ſelbſt, dann vielleicht Oberhauptmann von Gent, wird Deine Erhebung bewirken, und Gott weiß es, Lieven, welchen Ruhm, welche Macht das Geſchick unſerem Hauſe noch aufbewahrt!.... Aber, um dies hoffen zu dürfen, iſt es nöthig, daß Du entſcheidend mit Artevelde brecheſt, ſowie mit Allen, welche von nahe oder von ferne zu den Seinen gehören. Ich vertraue Deinem erwachten männ⸗ lichen Muthe, und fürchte nicht, daß Du mich zwingen werdeſt, mein väterliches Anſehen zu gebrauchen, um Dich wider Deinen Willen vor unfehlbarem Verderben zu retten..... Der Abend iſt bereits ziemlich weit vor⸗ gerückt; Du bedarfſt der Ruhe nach einem ſo wichtigen Entſchluſſe. Nun denn! ich verlaſſe Dich, um unſern Freund Calevoet in der Meerminne aufzuſuchen. Reiße den Verdruß aus Deinem Herzen und gehe Du, Lieven, nach dem Leeuw⸗ten⸗Putte, um mit Deinen Genoſſen fröhlich zu ſein. Friede ſei mit Dir! Auf Wieder⸗ ſehen!“ Bei dieſen Worten ſchlug er ſeinen Sohn ermuthi⸗ gend auf die Schulter und ging die Treppe hinunter. Lieven blieb unbeweglich und in Verzweiflung ver⸗ ſunken ſitzen. Nach einer langen Weile, und als die nächtliche Dunkelheit ſchon Alles in dem Zimmer un⸗ 10² Jakob von Artevelde. ſichtbar gemacht hatte, ſtand er von ſeinem Stuhle auf und murmelte mit dumpfer Stimme in ſich hinein: „Ich diene ihr nur zum Zeitvertreiby! Sie liebt mich nicht und ſpottet über meine unſchuldigen Liebkoſungen! Gott! Gott! das iſt nicht wahr.....! Aber welche Gründe kann die Frau von Marienland haben, zu lü⸗ gen? Sie hat es doch ſelbſt gehört!..... Veerle war ja der Grund, daß ich ſie nicht beſuchte! Wehe! wehe! ſo große Falſchheit! und Brüſſel! Brüſſel! Ach! es iſt geſchehen! Der Stein ſoll von meinem Herzen herunter! Ich werde ſterben vor Schmerz; aber mein Schickſal iſt entſchieden!“ Bei dieſen Worten lief er mit raſchen Schritten die Treppe hinab, warf ſeinen Mantel um und ging aus dem Hauſe, ohne Jemanden zu grüßen. Von Zorn fort⸗ geriſſen und beinahe berauſcht vor Schmerz, eilte er raſch wie ein Blinder durch die dunkeln Straßen, bis er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, vor der Thür von Artevelde's Wohnung ſtand. Dort entſank ihm plötzlich der Muth; er zitterte wie ein Espenlaub, und als er den eiſernen Klopfer erfaſſen wollte, hatte er nicht die Kraft, die Hand aufzuheben. Halb zuſammengeſunken an den Thür⸗ pfoſten lehnend, ſah er jetzt erſt mit völliger Klarheit ein, was er hier thun wolle. Er ſollte mit Veerle brechen, ihr Lebewohl ſagen auf immer, ſie verwerfen wie eine Schuldige! Vielleicht ei⸗ ner unſchuldigen Freundin das Herz zerbrechen durch dieſe grauſame Trennung! Er ſollte das ſüße Lächeln des Enge hören! d Kindheit, Glück un haſſen? zel von T den arme nie das! würde.. Geiſte, n ken, ſein ſtalt und ſeiner Er erhält un ben. In todt ſein Jüngling unterzeich halb? A führt ihr gemarter unſchlüſſ nieder un ihn ergri Wal ſich gekor ſein, um die ihn n zuführen. Stuhle auf inein: e liebt mich ebkoſungen! Aber welche den, zu lü⸗ Veerle war id darin lag Zehe! wehe! Ach! es iſt en herunter! Schickſal iſt Schritten die d ging aus Zorn fort⸗ eilte er raſch en, bis er, Artevelde's der Muth; den eiſernen Kraft, die n den Thür⸗ Klarheit ein, hl ſagen auf Vielleicht ei⸗ rechen durch ſüße Lächeln 103 des Engels nicht mehr ſehen, ihre Stimme nicht mehr hören! der Feind werden von derjenigen, die ſeine Kindheit, ſeine Jugend wie ein holder Schutzeiſt mit Glück und Seligkeit überſchüttet hatte! Veerle ſollte ihn haſſen? Sterben vielleicht als eine Blume, deren Wur⸗ zel von Würmern zernagt iſt?.... Welches Leben für den armen Lieven! Ein unermeßlicher Abgrund, in den nie das Licht der Freude auch nur einen Strahl ſenden würde.... Denn die Liebe zu Veerle iſt mit ſeinem Geiſte, mit ſeinem Herzen verwachſen! Seine Gedan⸗ ken, ſeine Gefühle haben von dieſer Neigung ihre Ge⸗ ſtalt und ihr Weſen geborgt! Sie iſt die Seele aller ſeiner Empfindungen, die Triebfeder, welche ſein Leben erhält und lenkt. Dies Gefühl unterdrücken heißt ſter⸗ ben. In ſeinem Geiſte, in ſeinem Inneren wird Alles todt ſein..... Er fühlt es nur zu tief, der unglückliche Jüngling, daß, wenn er es thut, er ſein Todesurtheil unterzeichnet, vielleicht zwei Gräber öffnet! Und wes⸗ halb? Ach! jetzt wird er noch mehr gefoltert; dieſe Frage führt ihm das Bild ſeines Vaters vor die Sinne; ſein gemarterter Geiſt ſtößt es zurück und fleht um Gnade.... Unſchlüſſig, bewußtlos ſinkt er neben den Thürpfoſten nieder und vergißt ſeinen Zuſtand in der Ohnmacht, die ihn ergriffen hat. Wahrſcheinlich würde Lieven, nachdem er wieder zu ſich gekommen, von dieſem Orte mit Abſcheu geflohen ſein, um ſich von der gewaltigen Eiferſucht zu befreien, die ihn noch immer anſpornte, ſeines Vaters Befehl aus⸗ zuführen. Da fühlte er aber plötzlich, wie ihm zwei kräf⸗ Jakob von Artevelde. Jakob von Artevelde. tige Hände unter die Arme griffen und ihn aufhoben, während eine ſpottende Stimme zu ihm ſagte: „Nun, nun, Kamerad! wenn man da drüben im Vos eine zu ſchwere Ladung eingenommen hat, ſo kann man doch wohl anderswo ausſchlafen, als vor der Thüre des Oberhauptmanns!“ Als Lieven dieſe Stimme erkannte, ſprang er plötz⸗ lich raſch in die Höhe, griff nach ſeinem Meſſer und ſchrie, als ob ihn eine Natter geſtochen habe: „Muggelynl fort! fort von hier! Rührt mich nicht an, oder mein Meſſer..... 3 „Seht! ſeht!“ rief der König der Ribauden lachend; „es iſt unſer Freund Lieven! Wüßte Euer Vater das!— Er meint, daß Ihr weder Bier noch Wein liebt. Das wird Euch lehren, wie gefährlich es iſt, viel zu trinken, wenn man auf Freiersfüßen geht!“ Der Jüngling ſtand zähneknirſchend vor Wuth und Scham, die Hand am Meſſer, da und fühlte ſich wie von innerer Raſerei angetrieben, dem König der Ribau⸗ den ſeine Waffe in die Bruſt zu ſtoßen; der Gedanke je⸗ doch, daß er einen Mord begehen würde, durchzuckte ihn. Plötzlich ſtieß er einen unverſtändlichen Laut aus, ergriff den eiſernen Klopfer und ſchlug mit demſelben zu wieder⸗ holten Malen an die Thür. Der Ribaudenkönig, welcher wahrſcheinlich nichts mit dem Hausgeſinde des Oberhauptmannes zu thun haben wollte, entfernte ſich eilig und ſagte noch im Fortgehn: „Viel Glück bei Eurer Schönen; ſie wird Euch tüch⸗ tig den Kopf waſchen, weil Ihr bei Bacchus geweſen ſeid.“ Eine eilte wie y Veerle mi Frau wartet vo ſeltſam un gen, Sch er zitterte gen ſichen gend auf; Antlitz mi Die 3 Thür geöf erſchaut, ohne ſelbſ als ob ſe Als d von ihren den Arm ſeine Han „Arn ſo furchtb Alleit ſtarrte ber „O Stimme. wehe! Ve Bei d die Höhe aufhoben, drüben im at, ſo kann der Thüre g er plötz⸗ und ſchrie, mich nicht den lachend; ter das!— iebt. Das zu trinken, Wuth und te ſich wie der Ribau⸗ Gedanke je⸗ hzuckte ihn. us, ergriff zu wieder⸗ nichts mit hun haben Fortgehn: Euch tüch⸗ veſen ſeid.“ Jakob von Artevelde. 105 Eine Dienerin öffnete Lieven die Thür und dieſer eilte wie wahnſinnig nach dem Gemach, in welchem ſich Veerle mit ihrer Mutter befand. Frau Artevelde erſchrak, als der Jüngling ſo uner⸗ wartet vor ihr erſchien. Sein Aeußeres war in der That ſeltſam und ſchrecklich; Todesbläſſe lag auf ſeinen Wan⸗ gen, Schweißtropfen perlten von ſeiner Stirne herab; er zitterte ſichtbar an allen Gliedern, während ſeine Au⸗ gen ſich mit eigenthümlichem Ausdruck und wie verſen⸗ gend auf Veerle richteten, die neben dem Kamine ſaß, ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckte und bitterlich weinte. Die Jungfrau hatte den Kopf aufgehoben, als die Thür geöffnet wurde, und Lieven mit verſtörtem Blicke erſchaut, jedoch die Hände wieder vor die Augen gelegt, ohne ſelbſt ihren Geliebten grüßen zu wollen, gleichſam als ob ſeine Gegenwart ſie mehr erzürne denn erfreue. Als der Jüngling näher kam, ſtand Frau Artevelde von ihrem Sitze auf, ging zu ihm, legte ihm mitleidig den Arm um den Leib, als wolle ſie ihn ſtützen, ergriff ſeine Hand und fragte ihn ängſtlich: „Armer Lieven! was fehlt Dir? Was entſtellt Dich ſo furchtbar?“ Allein wie verrückt drückte der Jüngling ihre Hand und ſtarrte bewegungslos Veerle mit flammendem Auge an. „O Gott!“ rief Frau Artevelde mit ſchneidender Stimme.„Welches Unglück! welches Unglück! Wehe! wehe! Veerle, er iſt wahnſinnig!“ Bei dieſem Angſtruf ihrer Mutter ſprang Veerle in die Höhe und betrachtete zitternd das bleiche Antlitz ihres 106 Geliebten. Ein unverſtändlicher Schrei entrang ſich ihrer Bruſt; weinend legte ſie die beiden Hände an die kalten Wangen des Jünglings und ſah ihm ſtarr in die Augen, als ſuche ſie in ſeine Seele zu dringen und zu wiſſen, was ihn ſo erſchüttert habe. „Nein! nein!“ rief ſie halb lachend, halb weinend; „es iſt nicht wahr, Mutter! Ach nein! nein! Armer Freund! was haſt Du? O, ſprich um Gottes willen, daß ich Deine Stimme höre!“ Als ſie dennoch von Lieven keine Antwort erhielt, drückte ſie bebend ihre Lippen auf ſeine Stirn, wie wenn ſie in ihrer Beſtürzung kein anderes Mittel mehr kennte, als dieſen höchſten Beweis ihrer Neigung, um ihren unglücklichen Freund wieder in das Bewußtſein zurück⸗ zurufen. Wirklich beſtrahlte nun auch ein wunderbar ſüßes Lächeln wie ein helles Licht das Antlitz des Jünglings. Mit wehmüthigem Blicke richtete er nun ſein Auge fle⸗ hend auf den Engel, der ihn gerettet hatte, und ſagte ſtatt aller Antwort: „Veerle! Liebe Veerle! ich danke Dir, daß Du Dich meiner erbarmt haſt.“ „Dafür ſei Gott in Ewigkeit geſegnet!“ rief Veerle jauchzend und das Lächeln auf Lievens Geſicht erwiedernd. Sie nahm nun raſch eine gläſerne Kanne von der Tafel, goß Waſſer aus derſelben in eine ſilberne Schaale, brachte dieſe mit zärtlicher Beſorgtheit an Lievens Lippen und ſagte mit dem ſüßeſten Tone ihrer Stimme: „Trinke, mein armer Freund! ſetze Dich zu mir! Jakob von Artevelde. Du haſt! ſuchen; ich vertreiben Sie l Hand los cheln, aus Verdruß bannen. Lieve Glück zitt „O, wohl zehr Feuer ver Seele in mir vorg Angeſicht Seligkeit bin ich w Dir dank Dein Läck Verleum möge eir Deine, it „Ab bei Deine liches wid ich abneh verfolgt, lichkeit al ng ſich ihrer m die kalten mdie Augen, zu wiſſen, Ib weinend; ein! Armer willen, daß vort erhielt, i, wie wenn nehr kennte, um ihren ſein zurück⸗ erbar ſüßes Jünglings. n Auge fle⸗ und ſagte aß Du Dich rief Veerle erwiedernd. n der Tafel, aale, brachte Lippen und ich zu mir! Jakob von Artevelde. Du haſt wohlgethan, hierher zu kommen, um Troſt zu ſuchen; ich will die Verzweiflung ſchon aus Deiner Bruſt vertreiben.“ Sie bewog Lieven, ſich neben ſie zu ſetzen, ohne ſeine Hand loszulaſſen, und ſuchte durch ein beſtändiges Lä⸗ cheln, aus welchem die innigſte Liebe hervorblickte, den Verdruß gänzlich aus des Jünglings Herzen zu ver⸗ bannen. Lieven betrachtete Veerle erſtaunt und ſagte mit vor Glück zitternder Stimme: „O, Veerle! ich habe unſägliche Schmerzen gelitten; wohl zehnmal fühlte ich mir heute das Herz brechen, und Feuer verzehrte mein Gehirn: ich war eine verdammte Seele in der Hölle des Zweifels; ich weiß nicht, was mit mir vorgeht; jetzt erblicke ich den Himmel auf Deinem Angeſichte; ich bin eine Seele geworden, die der höchſten Seligkeit genießt, die vor Glück ſchmilzt..... Vielleicht bin ich wahnſinnig!— Ach! nein, nein, Veerle! ich muß Dir danken, Dir, die ſtets meine liebe treue Freundin iſt; Dein Lächeln allein iſt Wahrheit, alles Uebrige Lüge und Verleumdung. Möge die ganze Welt mich verſpotten, möge ein gräßlicher Fluch auf mir laſten; ich bleibe der 74 „Aber, Lieven!“ ſagte Frau Artevelde;„Du warſt bei Deinem Kommen ſo entſtellt, daß Dir etwas Schreck⸗ liches widerfahren ſein muß. Aus Deinen Worten glaube ich abnehmen zu können, daß die Verleumdung, die uns verfolgt, auch Dich zu ihrem Opfer erkoren hat. Red⸗ lichkeit allein kann Dich ſchützen gegen das Gift, mit dem 108 Jakob von Artevelde. man Dein Leben zerſtören will. Sage uns gerade her⸗ aus, was Dich quält; nur in der größten Offenherzig⸗ keit allein könnt ihr Beide Troſt und Rettung finden.“ Es währte eine Weile, ehe ſich Lieven entſchließen konnte, dieſe Frage zu beantworten. Ein mächtiger Grund ſchien ihn davon abzuhalten, und beſchämt ſenkte er den Kopf. Frau Artevelde fragte ihn mit ſtrengem Blicke: „Lieven! fühlſt Du Dich denn ſchuldig, daß Du nicht zu reden wagſt?“ Aengſtlich verfolgte Veerle jede Miene, welche ſich auf dem Angeſicht des Jünglings zeigte. Plötzlich aber bedeckte ihr eigenes Antlitz ein Ausdruck des Zorns und der Betrübniß, wie ein dunkler Schleier, und faſt un⸗ merklich zog ſie ihre Hand aus Lievens Hand zurück. „Ach!“ rief dieſer endlich,„es giebt Dinge, die ich nicht offenbaren kann; aber Ihr werdet begreifen, wie tödtlich ich leiden muß, wenn ich Euch ſage, daß ich hier⸗ her gekommen bin, um von Veerle auf immer Abſchied zu nehmen.“ Dieſe Erklärung überraſchte Frau Artevelde, als ob ſie ſie an etwas Anderes erinnere; ſie ließ deutlich Zorn und Unwillen blicken. Veerle ſtieß einen ſchmerzlichen Schrei aus, ſchob ihren Stuhl zurück, bedeckte ihre Augen wieder und weinte laut ſchluchzend. „Wehe! wehe!l es iſt alſo wahr, was man Jacque⸗ myne geſagr hat!“ rief ſie. Lieven ſtand wie zerſchmettert da durch die unerwar⸗ tete Wirkt den Sinn ihr nun b „Ach Freundin! daß ich D ſich mir ö⸗ ſei ruhig! der ſchönf den Abgr haſt? D nicht? A mein Glü mich wied Gnade, unerbittli Veer einem St „ Lie jetzt iſt2 beſchönige kann ich: über ſterl weiß ich! meiner fr den Auge ter es hö war es Ach, ach! gerade her⸗ Offenherzig⸗ ng finden.“ entſchließen a mächtiger hhämt ſenkte Blicke: 5. daß Du welche ſich löͤtzlich aber Zorns und nd faſt un⸗ zurück. nge, die ich reifen, wie aß ich hier⸗ eer Abſchied lde, als ob utlich Zorn aus, ſchob vieder und an Jacque⸗ 2 unerwar⸗ 109 tete Wirkung ſeiner Worte, und täuſchte ſich gewiß über den Sinn der Klagen ſeiner Geliebten. Er näherte ſich ihr nun bittend, und ſagte: „Ach, Veerle! entſetze Dich nicht deshalb, theure Freundin! Wenn ich Dir in Gottes Gegenwart erkläre, daß ich Dich allein auf Erden lieben werde, bis das Grab ſich mir öffnet: iſt das ein Abſchied? ein Lebewohl? O, ſei ruhig! O, lächele mir zu, Beſte! Iſt dieſer Tag nicht der ſchönſte meines Lebens? Willſt Du mich wieder in den Abgrund zurückſchleudern, aus dem Du mich gerettet haſt? Du ſtößeſt mich von Dir? Du antworteſt mir nicht? Ach! täuſchen mich denn meine Sinne? War mein Glück ein Traum, der jetzt ein Ende nimmt und mich wieder meinen gräßlichen Leiden hingiebt? Gnade, Gnade, Veerle! Was habe ich denn gethan, daß Du unerbittlich biſt?“ Veerle richtete das Haupt empor und ſagte, unter einem Strom von Thränen, zu dem beſtürzten Jünglinge: „Lieven, Lieven! habe ich dieſes Leid verdient? Ach! jetzt iſt Alles vorbei zwiſchen uns. Sucht es nicht zu beſchönigen: ich bin die Tochter Artevelde's, Herr! Dies kann ich nicht vergeſſen, und ſollte ich vor Schmerz dar⸗ über ſterben! Ich werde leiden, trauern, vergehen, das weiß ich wohl, ſchlechter Menſch! Ja, ich habe Dich ſeit meiner früheſten Kindheit geliebt; in dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke darf ich es wohl ſagen, daß meine Mut⸗ ter es hört. Ich ſchäme mich deſſen nicht; denn bei mir war es wenigſtens ein edles Gefühl— bei Dir?— Ach, ach! ich ſterbe gewiß davon, ehe der Winter noch Jakob von Artevelde. Jakob von Artevelde. 4 kommt— bei Dir war es Spott, Heuchelei, Falſch⸗ zu ſein; 1 1 heit!“ mußte Dei 6 Verzweifelnd ſchlug Lieven die Hände zuſammen Lieven! mt f und entgegnete: Ein C „Veerle, Veerle! was ſagſt Du da? Ich Spott Lieven's. treiben mit Dir? Gott, Gott nehme mein Leben als Jungfrau: einen Beweis meiner Ehrfurcht! Ach! habt doch Mit⸗„Was leid mit einem armen verirrten Freunde! Ich beſchwöre ten? Ich v 6 Dich, Veerle, bei dem Gedanken an unſere ſüße Kind⸗ gelitten. 2 heit, ſage mir, was Dich quält! Es muß, es muß Ver⸗ ich Dir zu leumdung ſein!“ Schickſal i „Verleumdung?“ rief die Jungfrau.„O, möchte auf allen der gütige Gott geben, daß es Verleumdung wäre! Aber„Ach! nein, es iſt Wahrheit, ſchreckliche Wahrheit!“ geſtern im „Du beſchuldigſt mich einer feigen Miſſethat,“ ſeufzte Holzhauer der Jüngling.„Sprich, was habe ich gethan? Bin ich Gegenwar ſchuldig, ſo will ich fortgehen und, ohne zu klagen, den Jakob Hon bitterſten Tod als eine verdiente Strafe erleiden!“ erzählt, w Von Neuem brach ein Thränenſtrom gewaltſam aus ſaßeſt und Veerle's Augen, während ſie zornig ſagte: Lieven „Du ſollſt unter ſpöttiſchen Worten, die mein Mund und erwid nicht wiederholen darf, öffentlich geſagt haben, daß Du„Veer mich verachteſt, daß Du zu gut ſeieſt für Artevelde's allein, we Tochter, und daß Du ihr, als einer Deiner unwürdigen Jahre ben Jungfrau, noch dieſe Woche ein ewiges Lebewohl ſagen des Geiſte würdeſt. Du haſt hinzugefügt, daß der Buſenfreund man ſagt, meines Vaters, Mher Ghelnoot von Lens, ein ſchlechter leumder? Menſch ſei,— er, der edelmüthigſte Freund, den Du Herberge ſelbſt haſt. Es genügte Dir alſo nicht, böſe und ſchlecht Monaten ei. Falſch⸗ zuſammen Ich Spott Leben als doch Mit⸗ h beſchwöre ſüße Kind⸗ muß Ver⸗ „O, möchte wäre! Aber at,“ ſeufzte ? Bin ich klagen, den en!“ daltſam aus mein Mund n, daß Du Artevelde's unwürdigen wohl ſagen Zuſenfreund in ſchlechter d, den Du und ſchlecht Jakob von Artevelde. 111 zu ſein; undankbar mußteſt Du werden, verleumden mußte Dein Mund! Ach! wie war es möglich? Lieven, Lieven! mußte Deine Hand mir den Todesſtoß geben?“ Ein Gefühl des Unwillens bemächtigte ſich plötzlich Lieven's. Er ſtand auf und ſagte mit Stolz zu der Jungfrau: „Was ſoll ich auf ſo offenbare Unwahrheit antwor⸗ ten? Ich verzeihe Dir, Veerle; was Du leideſt, habe ich gelitten. Was man mir jetzt zur Laſt legt, das glaubte ich Dir zum Vorwurfe machen zu können. Aber unſer Schickſal iſt unbegreiflich; Verleumdung umringt uns auf allen Wegen, wie ein unzerreißbares Gewebe.“ „Ach! lüge nicht!“ ſagte Veerle.„Haſt Du nicht geſtern im Leeuw⸗ten⸗Putte an Jakob Hoyvant, den Holzhauer aus dem Wolveſtege, dies Alles geſagt in Gegenwart von Joos Herwege und Boudin Stichel? Jakob Hoyvant hat es ſelbſt unſerer Magd Jaequemyne erzählt, während Du noch geſtern im Leeuw ten⸗Putte ſaßeſt und ſpotteteſt.“ Lieven ſetzte ſich wieder zu Veerle, faßte ihre Hand und erwiderte lächelnd: „Veerle, meine theure Freundin! es iſt unſere Schuld allein, wenn wir leiden. Zum erſten Male ſeit einem Jahre bemerke ich das mit einer wunderbaren Klarheit des Geiſtes. Warum ſchenken wir dem Gehör, was man ſagt, da wir es doch beſſer wiſſen, als die Ver⸗ leumder? Seit ſechs Wochen habe ich keinen Fuß in eine Herberge geſetzt, und im Leeuw⸗ten⸗Putte bin ich in drei Monaten nicht geweſen. Es iſt wahr, ich habe mein — 112 Jakob von Artevelde. Herz der Eiferſucht und dem Argwohn geöffnet. Aber wenn auch vielleicht mein bleiches Antlitz den Verdruß, der an mir nagte, verrieth, mein Mund hat nie das Ge⸗ heimniß meines Herzens bekannt. War es nicht ganz daſſelbe mit Dir? Selbſt wenn Du unerbittlich bliebeſt, Veerle, und mich opferteſt, obgleich ich unſchuldig bin, ſelbſt wenn Du mich zum Tode verurtheilteſt, ja, wenn Du ſogar Deine Liebe einem anderen Manne ſchenkteſt, würde ich doch das Bild meiner Jugendfreundin in mei⸗ nem Herzen bewahren, es hegen und liebkoſen in der Einſamkeit, und es mit mir nehmen in meine letzte Ruheſtätte..... 44 Der ſanfte und ruhige Ton dieſer Worte bewegte die Jungfrau im innerſten Gemüth. Allmählig ſchlug ſie die Augen wieder zu Lieven auf und ſchien ſeinen Wor⸗ ten zu lauſchen. Ein Lächeln der Hoffnung blinkte durch ihre Thränen, und bewies, daß die innige Ueberzeugung von des Jünglings Unſchuld langſam in ihr Herz zu⸗ rückkehrte. Als er zu reden aufhörte, ging ſie zu ihrer Mutter, umarmte dieſelbe und rief mit bewegter Stimme: „Mutter, Mutter! er hat es nicht geſagt, es war auch eine Lüge!“ Frau Artevelde nahm ihre Tochter froh in die Arme, küßte die glückſelige Jungfrau mehrere Male und ſprach dann zu den Liebenden: „Kinder! was hier vorgefallen iſt, betrachte ich als eine Wohlthat Gottes, trotz all dem Verdruß, den die Welt uns zugefügt hat. Schon ſeit Monaten hat geheime Verleumdun reitet; keine vorzuwerfen gefoltert. S Bosheit der welche unbe Artevelde tl Dir ein Vo ſich unerſchü geſpritzt wir den Richter det nicht län Spielball i Auflöſung uud Verda⸗ für dieſe L bleiben bis troſt und f Argwohn n „Veerl tig unſere wohl in me˖ Zweifel mel ſenen Spur Darum laß im Beggyn „Ich ſ „aber meit ſo konnte ie Jakob von? köffnet. Aber den Verdruß, t nie das Ge⸗ es nicht ganz ittlich bliebeſt, nſchuldig bin, eſt, ja, wenn une ſchenkteſt, undin in mei— bkoſen in der m meine letzte Vorte bewegte ihlig ſchlug ſie mſeinen Wor⸗ blinkte durch Ueberzeugung ihr Herz zu⸗ ihrer Mutter, timme: eſagt, es war hin die Arme, ale und ſprach etrachte ich als druß, den die en hat geheime 113 Jakob von Artevelde. Verleumdung Euer Leben vergiftet und Euch Leiden be⸗ reitet; keines von Euch Beiden hat dem Andern etwas vorzuwerfen; daſſelbe Weh, derſelbe Argwohn hat Euch gefoltert. Nun denn! ſeid von jetzt an ſtark gegen die Bosheit der Welt; leiht den ſchändlichen Gerüchten, welche unbekannte Feinde bereiten gegen Alles, was Artevelde theuer und lieb iſt, kein Gehör mehr; nimm Dir ein Vorbild an Deinem Vater, Veerle; er bleibt ſich unerſchütterlich treu, trotz allem Gifte, das auf ihn geſpritzt wird; nur in ſeinem eigenen Gewiſſen ſucht er den Richter ſeiner Thaten. Macht es auch ſo! Und dul⸗ det nicht länger, daß unbekannte Ehrenräuber Euch zum Spielball ihrer Bosheit machen. Ihr habt heute die Auflöſung des Räthſels von Jahre langem Argwohn und Verdacht gefunden. Ich danke dem gütigen Gott für dieſe Lehre. Sie möge Eurem Geiſte eingeprägt bleiben bis an das Ende Eurer Tage. Jetzt genießt ge⸗ troſt und fröhlich das Glück der Verſöhnung. Keinen Argwohn mehr, meine Kinder!“ „Veerle!“ ſagte Lieven,„Offenherzigkeit ſei künf⸗ tig unſere Schutzwehr gegen geheime Verfolgung. Ob⸗ wohl in meinem Herzen nicht der mindeſte Schatten von Zweifel mehr bleibt, ſo will ich auch ſelbſt die nachgelaſ⸗ ſenen Spuren eines früheren Verdachtes herausreißen. Darum laß mich Dich etwas fragen:— Biſt Du geſtern im Beggynhofe geweſen?“ „Ich ſollte hingehen,“ antwortete die Jungfrau; „aber meine Baſe von Peteghem war gekommen, und ſo konnte ich das Haus nicht verlaſſen.“ Jakob von Artevelde. III. 8 Jakob von Artevelde. „Gott, Gott! es iſt unbegreiflich!“ murmelte der Jüngling mit dem Tone der Verzweiflung.„Welche düſtere Verſchwörung umgiebt uns, daß man unſere geheimſten Abſichten ausſpäht und daraus Gift für uns bereitet, ſelbſt noch ehe ſie ausgeführt ſind!“ Er wollte eben der Geliebten darüber Aufklärung geben, wie man auch ſie bei ihm verdächtigt habe, als ſie plötzlich durch einen lauten Schlag an die Hausthür überraſcht wurden. „Wer kann das ſein? ſo ſpät? Es iſt bereits zehn Uhr!“ rief Veerle verwundert. „Dein Vater iſt es nicht!“ antwortete Frau Arte⸗ velde;„dann hätten wir weit mehr Perſonen an der Thüre gehört. Es iſt wahrſcheinlich Mher Ghelnoot, der ſich erkundigt, ob der Oberhauptmann noch nicht von ſeiner Reiſe zurückgekehrt iſt.“ Ghelnoot van Lens trat in der That gleich darauf lachend in das Gemach und grüßte Frau Artevelde mit einigen heiteren und freundlichen Worten. Kaum erblickte er jedoch Lieven Denys, ſo ward er roth vor Zorn, und den Jüngling mit einer gewiſſen Verachtung betrachtend, rief er: „Hahal da ſeid Ihr! deſto beſſer! Das ſpart mir die Mühe, Euch aufzuſuchen. Wißt Ihr wohl, Lieven, daß ich große Luſt fühle, Euch auf der Stelle den Hals zu brechen, obwohl ich ſo lange Euer Freund geweſen bin; aber dies Gemach iſt nicht paſſend dazu. Darum folgt mir abzumach Stat in die H. „Se „W indem er das Zim wollen ar „Gl ſtehend. Vee den Letzt „N Ich begr Scherz e ſo häßli doch das „E noot., Menſch, werde Schlang Gift iſt „K eilend. meinem murmelte der ng.„Welche ß man unſere ‚Gift für uns P! 74 er Aufklärung gtigt habe, als die Hausthür iſt bereits zehn te Frau Arte⸗ rſonen an der her Ghelnoot, unn noch nicht gleich darauf Artevelde mit Kaum erblickte vor Zorn, und ng betrachtend, Das ſpart mir wohl, Lieven, telle den Hals reund geweſen dazu. Darum 115 Jakob von Artcvelde. folgt mir; wir haben eine ernſthafte Sache zuſammen abzumachen.“ Statt aller Antwort hob Lieven verzweifelt die Arme in die Höhe und ſchrie: „Schon wieder, ſchon wieder!“ „Was ſchon wieder!“ erwiederte Ghelnoot ſpöttiſch, indem er Lieven beim Arme faßte und ihn zwingen wollte, das Zimmer mit ihm zu verlaſſen.„Kommt, kommt! wir wollen auf der Straße ſehen, was Ihr vorzubringen wißt.“ „Gut!“ antwortete der Jüngling, entſchloſſen auf⸗ ſtehend. Veerle warf ſich zwiſchen Lieven und Ghelnoot, und den Letzteren mit Gewalt zurückdrängend, rief ſie: „Nein, nein, Mher van Lens! Lieven geht nicht mit! Ich begreife nicht, warum Ihr uns mit ſolchem böſen Scherz erſchrecken wollt. Ihr ſeid nicht mehr kenntlich, ſo häßlich iſt Euer Geſicht. Setzt Euch nieder und laßt doch das thörichte Spiel ſein.“ „Es iſt kein Spiel, Jungfrau!“ antwortete Ghel⸗ noot.„Laßt ihn nur mit mir gehen; er iſt ein falſcher Menſch, der Eure Neigung nicht mehr verdient. Ich werde es Euch gleich vollſtändig beweiſen. Es giebt Schlangen, die eine ſchöne Haut haben, Veerle! aber ihr Gift iſt darum nicht minder todtlich.“ „Kommt!“ rief Lieven wüthend, nach der Thuͤr eilend.„Man hat Euch auch betrogen; aber ich muß meinem unglücklichen Geſchick gehorchen.“ — 8 ——— 116 Jakob von Artevelde. Die Jungfrau, welche jetzt merkte, daß eine ernſte Gefahr ihren Geliebten bedrohte, ſtellte ſich, mit Thränen in den Augen, vor Ghelnoot hin, ſah ihn traurig an und ſagte mit ſanftem Tone: „Mher van Lens! wollt Ihr Eure treue Schweſter tödten? Bleibt hier, um Gottes willen; Ihr wißt nicht, was Ihr thut. Er iſt unſchuldig, ſage ich Euch. Ihr, ſtets ſo großmüthig und ſo fröhlich, wollt Ihr eine Schlechtigkeit begehen und mich zum Tode betrüben? Ach! das werdet Ihr nicht thun.“ „Frau Artevelde fügte ihre Bitten zu denen ihrer Tochter, bis Ghelnoot ſich auf einen Stuhl warf und ausrief: „ Gut, gutl er kann mir doch dieſe Nacht nicht fort⸗ fliegen; ich werde ihn morgen ſchon finden. Alſo, Lie⸗ ven, wir bleiben gute Geſellen bis morgen!“ „Um welche Stunde?“ fragte Lieven. „Um acht Uhr!“ „Ich werde Euch erwarten!“ antwortete der Jüng⸗ ling, mit zorniger Haſt ſeinen Mantel umwerfend, um das Haus zu verlaſſen. „Nehmt es mir nicht übel, Frau Artevelde, und Ihr, Veerle, daß ich fortgehe!“ ſagte er.„Ich kann hier nicht mit Mher Ghelnoot zuſammen ſein, bis das Räth⸗ ſel gelöſt iſt.“ Frau Artevelde hielt den Jüngling lächelnd zurück und ſagte: „Idl wahrlich rüchten( aus derſt „Ih noot.„ ſchen Lie leumdun bis auf! „He Mher G „ El Maaße, Arteveld Verbeug / N flehe Er gegen Li „ N. Gegenw „Pah! wortet: Eurer C und Fla die aus entſprun öffentlich dung w eine ernſte nit Thränen traurig an e Schweſter rwißt nicht, Euch. Ihr, lt Ihr eine betrüben? denen ihrer I warf und t nicht fort⸗ Alſo, Lie⸗ der Jüng⸗ berfend, um velde, und ch kann hier das Räth⸗ eelnd zurück Jakob von Artevelde. 117 „Ich ſehe wohl, was wieder vor iſt, und wir müſſen wahrlich große Kinder ſein, um ſo unbeſonnenen Ge⸗ rüchten Glauben zu ſchenken, welche, wie wir wiſſen, alle aus derſelben Quelle fließen.“ „Ihr irrt Euch, Ver Artevelde!“ erwiederte Ghel⸗ noot.„Es iſt eine ganz beſondere Angelegenheit zwi⸗ ſchen Lieven und mir. Da iſt kein Gedanke von Ver⸗ leumdung. Aber reden wir nicht mehr darüber; es iſt bis auf morgen verſchoben.“ „Habt Ihr einige Achtung und Neigung zu mir, Mher Ghelnoot?“ entgegnete Frau Artevelde. „Ehrerbietung, Achtung, Neigung, in demſelben Maaße, wie ich es für meine ſelige Mutter hatte, Ver Artevelde,“ verſetzte Ghelnoot mit einer freundlichen Verbeugung. „Nun denn! Ich bitte Euch, Mher Ghelnoot, ich flehe Euch an, daß Ihr augenblicklich ſagt, was Ihr gegen Lieven habt.“ „Nun, es ſind Dinge, die ſich ſchwer in Eurer Gegenwart ausſprechen laſſen,“ antwortete Ghelnoot. „Pah! man weiß es jetzt doch. Kommt, Lieven, ant⸗ wortet mir! Als Ihr im Nieuwen-Boſch zu Brüſſel Eurer Eiferſucht gehorchtet und wie ein Narr in Feuer und Flamme geriethet über eine ganz einfältige Sache, die aus einem ſchlechten Spaße Eures Vetters Jakob entſprungen war, da machte ich Euch klar, daß das Ver⸗ öffentlichen deſſen, was Ihr ſahet, durch die Verleum⸗ dung würde benutzt werden, daß es dem guten Rufe — 118 Jakob von Artevelde. der Jungfrau Veerle ſchaden würde, und daß Ihr wie ein unbeſonnener oder rachſüchtiger Träumer han⸗ deltet, wenn Ihr je den Mund darüber öffnen würdet. Ihr habt mir damals feierlich verſprochen, daß Ihr Eure Thorheit vergeſſen wolltet. Niemand auf Erden kannte das Geheimniß, als Ihr, Veerle und ich. Nun denn, unvorſichtiger Schwätzer! falſcher, vielleicht meineidiger Menſch!— In der ganzen Stadt erzählt man ſeit heute Morgen dieſen Vorfall, mit Umſtänden, die ich ſelbſt bereits vergeſſen hatte. Man fügt noch viele ſchöne Dinge hinzu, zu der Jungfrau Artevelde und meiner Ehre. Ihr ſeid es alſo, der das Geheimniß verra⸗ then hat.“ Lieven erröthete und ſchlug die Augen zu Boden, wie ein überführter Miſſethäter, ſagte jedoch nichts. Die beiden Frauen betrachteten Lieven mit Beſtür⸗ zung und Angſt, während Ghelnoot fortfuhr: „Ihr ſeid es alſo, der der Verleumdung ſolche Nah⸗ rung gegeben hat! Wie meint Ihr denn, Lieven, daß der Fleck, der dadurch auf die unſchuldige Veerle ge⸗ worfen iſt, abgewaſchen werden könne? Würde Blut nicht das beſte Mittel dazu ſein?“ „Aber rede doch, Lieven!“ rief die Jungfrau;„ant⸗ worte doch auf dieſe neue Verleumdung!“ „Ach! habt Mitleiden mit mir!“ ſeufzte Lieven. „Es iſt wahr, ich habe es geſagt; aber es iſt ſchon ſo lange her. Der Schmerz hatte mich ganz niedergedrückt, und ich ſchüttete, ohne es zu wiſſen, meinen Schmerz in Jemande durfte. es gewit glaubt 1 Alle in tet Ihr mein In Ihr wü ich es b Laſt ein aufathm Der ſchwund Lieven 1 gewiſſen legt, ur „8 nicht,d würde? nicht iſt Der rollten 77— bot befi nd daß Ihr äumer han⸗ nen würdet. aß Ihr Eure erden kannte Nun denn, meineidiger an ſeit heute die ich ſelbſt viele ſchöne und meiner nniß verra⸗ zu Boden, ch nichts. mit Beſtür⸗ r: ſolche Nah⸗ Lieven, daß Veerle ge⸗ Vürde Blut frau;„ant⸗ ifzte Lieven. iſt ſchon ſo edergedrückt, Schmerz in Jakob von Artevelde. 119 Jemandes Buſen aus, an deſſen Treue ich nicht zweifeln durfte. Hat er mein Geheimniß veröffentlicht, ſo hat er es gewiß nicht aus Böſem gethan; um Gottes willen, glaubt mir das..... Um Gottes willen, könntet Ihr Alle in meinem Herzen leſen. Ghelnoot, Freund! könn⸗ tet Ihr die gräßlichen Gedanken durchſchauen, welche mein Inneres zerwühlen, Ihr würdet mir verzeihen, Ihr würdet einen Unglücklichen, einen Sinnloſen, wie ich es bin, nicht länger zu Boden ſchmettern unter der Laſt einer gegründeten Beſchuldigung. Ach! laßt mich aufathmen, verſtoßt mich nicht!“ 3 Der Zorn war ganz aus Ghelnoot's Antlitz ver⸗ ſchwunden; er betrachtete nun im Gegentheil den jungen Lieven mit einer Art ſtiller Bewunderung, jedoch mit un⸗ gewiſſem Blicke, wie Jemand, der nachſinnt und über⸗ legt, um die Löſung eines Räthſels zu finden. „Lieven!“ bat die Jungfrau,„warum ſagſt Du nicht, wem Du den Vorfall anvertraut haſt? Dann würde Mher Ghelnoot wohl hören, daß es Deine Schuld nicht iſt.“ Der Jüngling ſenkte den Kopf; zwei ſtille Thränen rollten aus ſeinen Augen, und er ſeufzte: „O Veerle! ich muß ſchweigen; Gottes heiliges Ge⸗ bot befiehlt es mir.“ „Rede nicht, rede nicht, Lieven!“ rief Frau Arte⸗ velde, Ghelnoot einen verſtändlichen Blick zuwerfend. Dieſer ſtand jauchzend auf, als ob ihm plötzlich ein Glück widerfahren ſei; er ging auf Lieven zu, zog ihn 120 Jakob von Artevel de. vom Stuhle empor, drückte ihn an die Bruſt, küßte ihn zum Zeichen der Verſöhnung, und ſagte: „Genug, genug! wir wollen wieder Freunde ſein. Ach! es thut mir wohl, zu wiſſen, daß Euer Herz noch ebenſo brav, Eure Seele ſo rein, ſo liebevoll iſt. Man hat Euch täuſchen können, Lieven; man hat Euch viel⸗ leicht Euer Geheimniß mit Liſt entlockt; aber nie fand ein böſer Gedanke Zugang zu Eurem Geiſte. Das habe ich eben geſehen. Schweigt über dieſe Sache. Ich ehre Euren Schmerz; er muß in der That unſäglich groß ſein, armer Freund!“ Dann ſich zu Veerle wendend, fuhr er fort: „Jungfraul! der Glockenthurm würde eher einſtür⸗ zen, als daß der Hauptmann von Sanct Nikolaus eine Unwahrheit ſagte. Die Hand auf's Herz, ich erkläre Lie⸗ ven Eurer vollen Neigung für würdig, und ich breche dem Erſten, der mir noch ein böſes Wort von ihm zu ſagen wagt, den Hals.— Ich bin doch auch ein dummer Kerl, daß ich mich ſo geärgert habe! Ich hatte Unrecht, Lieven, verzeiht es mir!“ Der Jüngling begriff Ghelnoot's Edelmuth wohl und wollte ihm laut dafür danken; aber ſchon hing Veerle jubelnd an ſeinem Halſe und zwang ihn, ſich neben ihrer Mutter hinzuſetzen. Freude und ſuße Freundſchaft glänzten jetzt in Aller Augen. Nur auf Lieven's Antlitz zeigte ſich dann und wann ein bitterer Ausdruck, als ob ein peinlicher Ge⸗ danke ſein Inneres durchkreuze. Veerle's ſüße Worte und troſtreiche nem Her⸗ Freundſch darauf ar Sie gen noch einander. , küßte ihn reunde ſein. Herz noch l iſt. Man Euch viel⸗ er nie fand Das habe Ich ehre äglich groß rt: zer einſtür⸗ kolaus eine erkläre Lie⸗ d ich breche don ihm zu lin dummer tte Unrecht, nuth wohl ſchon hing gihn, ſich tzt in Aller dann und inlicher Ge⸗ Worte und Jakob von Artevelde. troſtreiches Lächeln trieben endlich allen Verdruß aus ſei⸗ nem Herzen, und er gab ſich ganz dem ſüßen Gefühl der Freundſchaft und der Liebe hin, bis ihn endlich Ghelnoot darauf aufmerkſam machte, daß es Zeit ſei aufzubrechen. Sie verließen nun Beide Artevelde's Haus und gin⸗ gen noch freundlich plaudernd eine Strecke Wegs mit einander. Ende des dritten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. *— —— ÿÿ, Skandinaviſche Literatur. Verlag von Carl B. Lorck in Leipzig. H. C. Andersen's Geſammelte Werke. Das Märchen meines Lebens. 2 Bde. Preis 20 Ngr. = 1 Fl. C.⸗M.= 1 Fl. 12 Pr. Rhein. Der Improviſator. Roman. 3 Bde. Preis 1 Thlr.= 1 Fl. 30 Kr. C.⸗M.= 1 Fl. 48 Xr. Rh. O. Z. Roman. 3 Bde. Preis 1 Thlr.= 1 Fl. 30 Xr. C.⸗M. 1 Fl. 48 Xr. Rh. Nur ein Geiger. Roman. 3 Bde. Preis 1 Thlr.= 1 Fl. 30 Xr. C.⸗M. 1 Fl. 48 Xr. Rh. Geſammelte Märchen. 4 Bde. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. = 2 Fl. C.⸗M.=² 2 Fl. 24 Xr. Rh. Bilderbuch ohne Bilder. Preis 10 Ngr.= 30 Xr. C.⸗M.= 36 Xr. Rh. RNeiſeſchatten. Preis 10 Ngr.= 30 Xr. C.⸗M.= 36 Xr. Rh. Eines Dichters Bazar. 4 Bde. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. 2 Fl. C.⸗M. 2 Fl. 24 Xr. Rh. Naphaella. Tragödie. Preis 10 Ngr.= 30 KXr. C.⸗M. = 36 Xr. Rh. Der Mulatte. Drama. Preis 10 Ngr.= 30 Xr. C.⸗M. = 36 Xr. Rh. Agnete und der Meermann. Dramatiſches Gedicht. Preis 10 Ngr.= 30 Kr. C.⸗M.= 36 Xr. Rh. Die Glücksblume. Märchenkomödie. Preis 10 Ngr.= 30 Kr. C.⸗M.= 36 Xr. Rh. Geſammelte Gedichte. 3 Bde, Preis 1 Thlr.= 1 Fl. 30 Nr. C.⸗M.= 1 Fl. 48 Xr. Rh. Ahasverus. 2 Bde. Preis 20 Ngr.= 1 Fl. C.⸗M.= 1 Fl. 12 Pr. Rh. Neue Märchen. Preis 10 Ngr.= 30 Fr. C.⸗M.= 36 Pr. Rh. Carl Bernhard. Geſammelte Werke. 13 Bände. Preis 12 Thlr.= 18Fl. C.⸗M.= 21 Fl. 36 Fr. Rh. Bd. Die Hoſpital⸗ Verlobung. Novelle. Eine Familie auf dem Lande. Der Eilwagen. Ein Sprichwort. Die Declaration. Der Commiſſionair. Tante Franziska. Der Kinderball Schooßſünden. Chriſtian der VII. und ſein Hof. 3 Bde. König Chriſtiern der Zweite und ſeine Zeit. 4 Bde. SeSn e; N V NR àAA Bernhard v. Beskow. Dramatiſche Werke. Deutſch von Adam Oehlenſchläger. 3 Bände. Preis 2 Thlr.= 3 Fl. C.⸗M.= 3 Fl. 36 3 9. 1. Band. Guſtav Adolph. 2. ⸗ Torkel Knudſon. 2 3. ⸗ König Birger. J. L. Heiberg. Dramatiſche Schriften. Deutſch von Prof. Dr. K. L. Kannegießer. 2 Bände. Preis 1 Thlr.= 1 Fl. 30 Xr. C.⸗M.= 1 Fl. 2 48 Nr. Rhein. 1. Bd. Ein Abenteuer im Roſenborger Garten. Die Elfen. 2. Bd. Fata Morgana. H. Hertz. König Nenes Tochter. Ausgabe in kl. 8. 10 Ngr.= 30 Xr. C.⸗M.= 36 Xr. Rh. Miniatur⸗Ausgabe. 12 ½ Ngr.= 36 Xr. C.⸗M.= 42 Pr. Rh. Dieſelbe geb. mit Goldſchnitt 25 Ngr.= 1 Fl. 15 Xr. C.⸗M.= 1 Fl. 30 Xr. Rhein. ke. fI. 36 Fr. Rh. ska. Bde. e Zeit. 4 Bde. e. er. l. 36 à 7. ten. eßer.. K.= 1 Fl. Die Elfen. ter. 36 Xr. Rh. = 42 Xr. Rh. Fl. 15 Xr. ——— . 3 3 2—y= —