8=——“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von 3 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ¹ Leih- und Leſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von] jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe C hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 5 wird. ſe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2 2 2— 3— 4— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G fahr ſelbſt zu ſorgen. 1 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ³ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 3 8 e e 7 Ie.n im Lesesad Niederländiſche Bibliothek. Erster Band. Hendrik Conſcience. Jakob von Artevelde. Erſter Band. —— Leipzig DNerlag von Carl B. Lorckh. 1849. — Jal Vläm * V Hendrik Conſcience. k. Jahkob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman 3 aus dem Vlämiſchen unter Mitwirkung des Verfaſſers Verlag von Carl 3. Lorckhk. 1849. von O. f. J. Wolff. * Erſter Band. ——— ‿ιμ⁴αια⸗⸗⸗— 4 Leipzig Gegen in der Seedien werften mit ein als die ließen 1 wurde, Einkom bekannte lich abe zerlegte baren J nehmen ſetzte ihr andere lieber ſei ſchaft ge hatte ih — +— Hendrik Conſcience. Gegen das Jahr 1811 verließ ein junger Aſpirant in der damals kaiſerlichen franzöſiſchen Marine den Seedienſt, und erhielt eine Anſtellung bei den Schiffs⸗ werften zu Antwerpen. Bald darauf vermählte er ſich mit einer Bürgerstocher in ſeinem Wohnorte, und als die Franzoſen 1815 Antwerpen auf immer ver⸗ ließen und Alles wieder auf den Friedensfuß geſetzt wurde, kam er auf den Gedanken, ſein beſcheidenes Einkommen durch einen, zu jener Zeit noch ganz un⸗ bekannten Erwerbszweig zu vergrößern; er kaufte näm⸗ lich abgetakelte und außer Gebrauch geſetzte Schiffe, zerlegte ſie und verkaufte die einzelnen noch brauch⸗ baren Theile wieder an Schiffsbauer. Dies Unter⸗ nehmen war von glücklichem Erfolge begleitet und ſetzte ihn in den Stand, ſeine Speculationen auch auf andere Gegenſtände auszudehnen, was ihm um ſo lieber ſein mußte, als ſeine Ehe war mit Nachkommen⸗ ſchaft geſegnet worden. Bereits am 3. December 1812 hatte ihm ſeine Gattin einen Knaben geſchenkt, der Hendrik Conſcience. ſich im Laufe der nächſten Jahre als ein zartes, kränk⸗ liches, ſinniges, zum Nachdenken geneigtes, mitunter auch wohl etwas mürriſches Kind ſtill entwickelte und in der Taufe den Namen Hendrik(Heinrich) erhal⸗ ten hatte. Leider ſtarb die Mutter ſchon, als derſelbe eben ſein ſiebentes Jahr erreicht. Ein mutterloſes Kind fühlt ſich nur zu leicht auf ſich ſelbſt verwieſen, dies mochte wohl mit dem kleinen Hendrik der Fall ſein; ein neuer Erwerbszweig jedoch, dem ſich der Va⸗ ter zwei Jahre ſpäter hingab, fing indeſſen an ihn dermaßen zu beſchäftigen, daß ſeine jugendliche Seele bald die Kinderſpiele, wie die Kinderleiden darüber vergaß.— Statt mit Schiffstrümmern ferner zu han⸗ deln, war der ehemalige Marine⸗Aſpirant nämlich auf den Gedanken gekommen, Trümmer geiſtigen Lebens im Handel umzuſetzen, und hatte ſeine Magazine mit altem Papiere und namentlich mit alten Büchern, die er gleichfalls als Maculatur erſtand, bis in die oberſten Räume hinauf gefüllt. Dem Knaben bot ſich nun eine überaus reiche Gelegenheit dar, ſeinen Hang zum Leſen zu befriedigen; Berge von Büchern lagen vor ihm aufgehäuft da. Er verſäumte Nichts, ſondern las unaufhörlich; jedes Buch, deſſen Aeußeres oder deſſen Titel ihn reizte, wurde nicht eher wieder hingeworfen, als bis es gleichſam ein alter Bekannter war. Mit derſelben unermüdlichen Begierde wurde — Alles Werke ihn je liche, wiſſen einer borger ihn; gend verbot S plötzli ein S dort und Gebät Mit gar 1 bedür die zu wenn Woch ſchen zukau den 6. die Ar es, kränk⸗ mitunter ckelte und h) erhal⸗ 3 derſelbe utterloſes verwieſen, der Fall der Va⸗ an ihn che Seele darüber zu han⸗ nlich auf Lebens zine mit Büchern, s in die ben bot , ſeinen Büchern Nichts, Aeußeres wieder ekannter wurde Hendrik Conſcience. VII Alles von ihm verſchlungen; Gedichte, Romane, kurz Werke des Gefühls und der Einbildungskraft zogen ihn jedoch bei Weitem nicht ſo an, wie naturgeſchicht⸗ liche, phyſikaliſche, geographiſche und andere ſtreng wiſſenſchaftliche Schriften. Das Gefährliche, das in einer ſo unbewachten und ungeregelten Lectüre ver⸗ borgen lag, übte aber keinen nachtheiligen Einfluß auf ihn; theils der reiche Wechſel, theils ſeine zarte Ju⸗ gend ſchützten ſeine Seele vor dem verderblichen Hauche verbotenen Wiſſens. So verfloſſen einige Jahre; da faßte der Vater plötzlich einen Widerwillen gegen das Stadtleben, kaufte ein Stück Land in der Nähe von Antwerpen, baute dort mit eigenen Händen eine Art von Einſiedelei und bezog dieſelbe mit ſeinen beiden Soͤhnen. Das Gebäude war von einem großen Garten umgeben. Mit der Außenwelt kamen die Bewohner deſſelben gar nicht in Berührung, denn die nöthigen Lebens⸗ bedürfniſſe wurden ihnen in das Haus gebracht, und die zwei Knaben waren ganz auf ſich ſelbſt verwieſen, wenn ihr Erzeuger, wie das häufig geſchah, ſie auf Wochen, ja auf Monate lang verließ, um in belgi⸗ ſchen oder franzöſiſchen Häfen abgetakelte Schiffe auf⸗ zukaufen. Während ſolcher Perioden mußten die bei⸗ den Söhne für Haus und Heerd ſorgen und ſich in die Arbeiten für den Garten, wie für die Küche, theilen. VIII Hendrik Conſeience. Dieſe Einſamkeit wirkte, wie das nicht anders ſein konnte, ganz eigenthümlich auf den jungen Con⸗ ſcience; wie früher einer Menge von Büchern, ſo wandte ſich ſein ſtrebender Geiſt jetzt nur einem Buche zu, aber einem erhabenen, das noch kein Menſch auf Erden ſich rühmen kann, bis zu Ende geleſen zu ha⸗ ben, dem der Natur. Der mächtige Einfluß, den ſie auf ihn ausübte, war ungeheuer und tritt uns aus allen ſeinen Schriften fortwährend entgegen. Aus ihr ſchöpfte er jene warme Liebe für alles Erſchaffene, jene innige und tiefe Gottesfurcht, jene reine Freude am wirklich Schönen und Erhabenen, die Allem, was ſeine Seele hervorbringt, den Stempel echter Liebens⸗ würdigkeit und Humanität aufprägt. Drei Jahre waren ihm in dieſer Einſamkeit vor⸗ beigezogen, da verheirathete iſich ſein Vater wieder. Die beiden, in faſt gänzlicher Freiheit des eigenen Willens herangewachſenen Brüder widerſetzten ſich den Befehlen der ſtrengen, auf ein geregeltes Leben drin⸗ genden Stiefmutter, und es blieb am Ende nichts übrig, um den ſteten Zwiſtigkeiten und Klagen ein Ende zu machen, als ſie in eine Erziehungsanſtalt nach Antwerpen zu ſenden. Hier wachte in Hendrik die Liebe zu wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen wieder auf und er beſchloß, ſich dem Lehrerfache zu widmen. Die belgiſche Revolution von 1830 unterbrach ihn jedoch in ſein tigen Begeiſ und d Dienſte dem e Schlach ſechs T er wa den f verfaßt bei ſei beliebt nur zu ſtören zum ve ſcience er einſ Einer Idiom geben nicht, ſchrieb der ſich Partei ſchen A t anders gen Con⸗ dern, ſo m Buche enſch auf zu ha⸗ den ſie uns aus Aus chaffene, Freude n, was Liebens⸗ it vor⸗ wieder. eigenen ich den drin⸗ nichts en ein anſtalt hendrik er auf Die jedoch Hendrik Conſcience. IX in ſeinen Studien; ihre Ereigniſſe übten einen mäch⸗ tigen Zauber auf ſeine jugendliche, von vaterländiſcher Begeiſterung überwallende Seele; er verließ die Schule und das elterliche Haus, und nahm als Freiwilliger Dienſte in der Brigade des Generals Niellon. Nach⸗ dem er mehrern Treffen und auch der unglücklichen Schlacht von Löwen beigewohnt, brachte er es binnen ſechs Dienſtjahren nur bis zum Sergeant⸗Major, aber er war zugleich der Dichter des Regiments, und in den franzöſiſchen Liedern, die er für daſſelbe verfaßte, mochte wohl Manches vorkommen, das ihn bei ſeinen Kameraden, aber nicht bei ſeinen Oberen beliebt machte, welche der damals in belgiſchen Heere nur zu oft ſich offenbarende Geiſt der Inſubordination ſtören mußte. Das Vlämiſche war zu jener Zeit zum verachteten Volksdialecte herabgeſunken, und Con⸗ ſcience hatte damals nur geringe Ahnung davon, daß er einſt dazu berufen ſein würde, der Bedeutendſten Einer zu werden, die dieſem edlen, altgermaniſchen Idiom Rang und Würde einer Schriftſprache wieder⸗ geben ſollten. Ganz unbewußt war er deſſen jedoch nicht, denn in einem Briefe vom 1. März 1830 ſchrieb er ſeinem Freunde J. A. de Laet, demſelben, der ſich ſpäter ebenfalls als ein Führer der vlämiſchen Partei auszeichnete:„Ich ſende Dir hier einen proſai⸗ ſchen Aufſatz.... ich hatte ihn zuerſt für mich in der X Hendrik Conſcience. Sprache unſeres Landes verfaßt.— Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich finde in dieſer Sprache etwas wahrhaſt Romantiſches, Geheimnißvolles, Tiefes, Ener⸗ giſches, ja ſogar Wildes. Gewinne ich je einige Kraft, ſo werfe ich mich kopfüber in die vlämiſche Literatur. Es iſt das ein Traum, der mich bezaubert und ſobald nicht ſchwinden wird; mein vaterländiſches Gefühl nährt dieſen Willen.“— Wie trefflich hat er Wort gehalten! Die ſtrenge Reform, welche in der belgiſchen Armee ſtattfand, veranlaßte ihn, ſeinen Abſchied zu fordern. Das väterliche Haus, in das er nun zurückkehrte, bot ihm jedoch keine unabhängige Stellung dar, und er ging nach Antwerpen, um ſich dort ein Unterkommen zu ſuchen. Seine Bemühungen blieben aber ohne Erfolg. Entmuthigt durch unfruchtbare Anſtrengungen und finſter in die Zukunft blickend, die ihm nichts Er⸗ freuliches darzubieten ſchien, fühlte er ſich eines Tages auf das Höchſte aufgeregt, und ſein Geiſt beſchloß in ſtraffker Spannung den Kampf gegen die Ungunſt der Verhältniſſe. Er nahm ſich vor, ein Buch in vlämiſcher Sprache zu ſchreiben. Eine Stelle in Guicciardini's Beſchreibung der Niederlande gab ihm die Idee, eine Reihe von Scenen aus der Zeit der ſpaniſchen Ober⸗ herrſchaft zu entwerfen. So entſtand ſein Wonder- jaar. Dieſer Verſuch fand eine günſtige Aufnahme in Belgien, trug aber dem Dichter nur geiſtige Fruͤchte, — ——— denn al war er winnes, liche St ſeine El dieſes un ſich ernſt Vater fü die Fan größert! länger fü Mit nach ein er viel Jüngling ganze He dern, die trug. 2 Schritte ginnen Stadt e ſchichte Haus ſe des Sol für ihn der Vor ß nicht, ſe etwas 3, Ener⸗ ge Kraft, iteratur. d ſobald hl nährt gehalten! n Armee fordern. hrte, bot und er rkommen er ohne engungen ichts Er⸗ s Tages ſchloß in zunſt der llämiſcher ciardini's dee, eine en Ober⸗ Wonder- nahme in Fruͤchte, Hendrik Conſcience. denn als er ſpäter mit dem Drucker abrechnete, war er dieſem nach Abzug aller Koſten, ſtatt des Ge⸗ winnes, noch eine, für ſeine Verhältniſſe unerſchwing⸗ liche Summe ſchuldig.— Jetzt drangen noch dazu ſeine Eltern in ihn, welche nur die ſchlimme Seite dieſes unglücklichen Ausganges ſeiner Speculation ſahen, ſich ernſtlich um eine Verſorgung zu bemühen. Sein Vater fühlte ſich um ſo mehr dazu veranlaßt, als ſich die Familie ſeit der zweiten Heirath bedeutend ver⸗ größert hatte und er ſich außer Stand geſetzt ſah, noch länger für den bereits erwachſenen Sohn zu ſorgen. Mit ſchwerem Herzen verließ nun eines Abends, nach einem Geſpräche mit den Seinigen, in welchem er viel Bitteres hatte hören müſſen, der talentvolle Jüngling auf immer das väterliche Haus. Seine ganze Habe beſtand in zwei Franes und einigen Klei⸗ dern, die er, in ein Tuch geſchlagen, unter dem Arme trug. Von trüben Gedanken gequält, richtete er ſeine Schritte nach Antwerpen, nicht wiſſend, was er be⸗ ginnen ſolle. Da begegnete ihm in der Nähe der Stadt ein alter Schulcamerad, der, als er ſeine Ge⸗ ſchichte erfahren, ihm Troſt zuſprach und ihn in das Haus ſeiner Eltern führte. Dieſe nahmen ſich, auf des Sohnes Zureden, ſeiner thätig an und ſagten für ihn auf unbeſtimmte Zeit in einem Wirthshauſe der Vorſtadt gut, ſodaß für ſeine nothwendigſten Hendrik Conſeience. Lebensbedürfniſſe geſorgt war. Von nun an ſchienen ihm hellere Sterne zu leuchten. Der berühmte Maler Wappers intereſſirte ſich für ihn und wirkte ihm eine Audienz bei dem Könige aus, damit er dieſem ſein Buch überreiche. Faſt wäre auch hier wieder die Hoffnung des jungen Conſrience an einem geringfü⸗ gigen Umſtande geſcheitert; er beſaß nämlich keinen Anzug, in welchem er vor dem König erſcheinen konnte; allein ſein Goönner Wappers, der nichts halb thun wollte, half ihm hier mit ſeinen eigenen Kleidern aus. Obriſt Joly— jetzt General— führte ihn nun zu dem Könige, der ihn huldreich aufnahm und ihm eine Unterſtützung bewilligte. Dadurch er⸗ muthigt, ergriff Conſcience von Neuem die Feder und veröffentlichte bald darauf ſein zweites Buch, Phan- tasia, welches jedoch ganz das Schickſal der erſten Arbeit theilte, und zwar literariſchen Erfolg, aber zu⸗ gleich einen nicht geringen Saldo, den der Verfaſſer dem Buchdrucker nach der Abrechnung zu leiſten hatte, mit ſich führte. Eine magere Anſtellung bei dem Provinzialarchiv, mit einem Gehalte von 500 Franes, welche ihm zu Theil ward, gab ihm jedoch die Kraft, auf der einmal betretenen Bahn zu verharren. Er nahm ſeine Nächte zu Hülfe und ſchrieb einen hiſtori⸗ ſchen Roman in drei Bänden: De Leeuw van Vlaen- deren.— Dieſes Werk fand eine überaus günſtige Aufnah beliebt materiel lichen A von— Conſeie Begeiſte offenbar kennung folgung gien, d des Vla niederge die dam ſtützt u Vor Armen. nehmun und er Feder i zu bere den En und ſich bewund dieſen 2 hülfe u hienen Maler ihm dieſem er die ngfü⸗ keinen heinen nichts genen ührte nahm h er⸗ und han- erſten . zu⸗ faſſer atte, dem ines, raft, Er ori⸗ Len- ſtige * Hendrik Conſcience. XIII Aufnahme in Belgien, und machte ſeinen Verfaſſer beliebt im ganzen Lande; aber trotzdem war der materielle Gewinn, den er von dieſer vierzehnmonat⸗ lichen Arbeit zog, nach Abzug aller Koſten, die Summe von—— ſechs Francs(1 Thlr. 18 Ngr.).— Conſcience’'s Talent, Geiſt, Fleiß, Vaterlandsliebe und Begeiſterung für die Freiheit, wie er ſie in demſelben offenbarte, fanden allerdings die rühmlichſte Aner⸗ kennung, erweckten ihm aber zugleich Haß und Ver⸗ folgung von Seiten der franzöſiſchen Partei in Bel⸗ gien, die in ihm einen der bedeutendſten Vorkämpfer des Vlämiſchen erblickte, dieſes Element um jeden Preis niedergedrückt wiſſen wollte, und ihr Streben durch die damaligen ſtaatlichen Verhältniſſe Belgiens unter⸗ ſtützt und befördert ſah. Von Neuem trübte ſich nun der Horizont des Armen. Der ſchlechte materielle Erfolg ſeiner Unter⸗ nehmungen hatte ihn in Geldverlegenheiten geſtürzt, und er mußte ſich voll Schmerz geſtehen, daß die Feder nicht das Mittel ſei, ihm eine ſorgenfreie Lage zu bereiten. Er litt im Stillen und faßte ploͤtzlich den Entſchluß, die Schriftſteller⸗Laufbahn aufzugeben und ſich von ſeiner Hände Arbeit zu ernähren. Mit bewunderungswürdiger Charakterſtärke verwirklichte er dieſen Plan, verdingte ſich bei einem Gärtner als Ge⸗ hülfe und führte dieſes Leben ſtandhaft dreizehn Mo⸗ XIV Hendrik Conſcience. nate lang durch. Die Natur, der er nun wieder näher getreten, war ſein einziger, aber auch ſein kräftigſter Troſt.— Indeſſen ſein Gönner und Freund Wap⸗ pers verließ ihn nicht, ſondern lenkte von Neuem die Aufmerkſamkeit des kunſtſinnigen Königs Leopold auf ihn. Conſcience erhielt das Amt eines Greffier bei der Academie der ſchönen Künſte zu Antwerpen und ſah ſich nun vor jedem Mangel geſchützt. Von Neuem ergriff er jetzt die Feder, und es folgten nun raſch auf einander Hugo van Eraenhove, eine Geſchichte aus dem Mittelalter(deutſch von dem Verfaſſer dieſer Skizze), ſeine Avondstonden, Het Boek der Na- tuer,— ſeine Geſchichte Belgiens, Lambrecht Heus⸗ mans u. ſ. w.— Alle dieſe Leiſtungen erfreueten ſich des verdienteſten Beifalls, wurden in mehre fremde Sprachen überſetzt und erwarben ihrem Verfaſſer einen europäiſchen Ruf; natürlich war auch ihr materieller Ertrag günſtiger, als dies bei ſeinen früheren Arbeiten der Fall geweſen. Hendrik Conſcience ward aggregirter Profeſſor an der Univerſität Gent, Profeſſor und Lehrer der vlämi⸗ ſchen Sprache und Literatur bei den königlichen Kin⸗ dern, Ritter des belgiſchen Leopolds⸗, des preußiſchen rothen Adler⸗ und des bayeriſchen St. Michaelsordens, ſowie Mitglied des königlichen Inſtituts zu Leyden. näher ftigſter Wap⸗ m die d auf er bei und deuem raſch 2e aus dieſer Na- eus⸗ ueten temde einen ieller heiten Jakob von Artevelde. —— ———— — Der Freite deren Anbl des Ruhme Ebene liegt die ganze G ſteht. Auf glück, von der Grund wühlenden Väter in w hallte dort raſendem 9 Fürſten, V Wünſchen f Was a bewegen mo das Volk ſtr tagsmarkt, und wo ſell war, ſagen Jakob von A. —— Der Freitagsmarkt in Gent iſt einer derjenigen Plätze, deren Anblick allein den Dichter in vergangene Zeiten des Ruhms und der Volksgröße zurückverſetzt. Dieſe Ebene liegt da wie ein unermeßliches Blatt, auf welchem die ganze Geſchichte der vlämiſchen Gemeinen geſchrieben ſteht. Auf dieſer Bühne von Flanderns Glück und Un⸗ glück, von Flanderns Macht und Erniedrigung hat der Grund hundert Mal gebebt unter den Tritten der wühlenden Menge; ſein Boden hat das Blut unſerer Väter in wüthenden Bürgerkriegen getrunken, die Luft hallte dort wieder von jauchzenden Siegesrufen, von raſendem Rachegeſchrei, von Liebesgeſängen für den Fürſten, Verfluchungen der Tyrannen und glühenden Wünſchen für Vaterland und Freiheit. Was auch immer das Gemüth der trotzigen Genter bewegen mochte— ſei es Freude, Leid oder Zorn— das Volk ſtrömte ſtets aus allen Straßen nach dem Frei⸗ tagsmarkt, als nach dem Platze, der Jedem zugehörte, und wo ſelbſt der Bettler, wenn er Bürger von Gent war, ſagen konnte: dies iſt mein Eigenthum. Jakob von Artevelde. 1 Jakob von Artevelde. Durch lange Gewohnheit hatte das Volk ſich einge⸗ bildet, daß auf dem Freitagsmarkte jeder Bürger, gleich viel ob arm oder reich, über die Angelegenheiten der Ge⸗ meine und des Landes ſagen könne, was er wolle, ohne daß es der Obrigkeit geſtattet ſei, den Genuß dieſer Frei⸗ heit zu beſchränken oder Jemanden beſonders zu beſtra⸗ fen für Etwas, das ſich auf dem Freitagsmarkte ereig⸗ net hatte. In der Meinung der Menge galt dieſer Platz daher als ein freier Boden, auf dem Niemand zu gebie⸗ ten habe denn das Volk allein; was man in keiner an⸗ dern Straße oder auf keinem andern Markte thun und ausſprechen durfte, das ſagte man laut und that es öf⸗ fentlich auf dem Freitagsmarkte. Bei Aufſtänden oder zur geſetzlichen Vertheidigung von des Volkes beeinträchtigtem Rechte verſammelten ſich hier die bewaffneten Mitglieder der Neeringen oder Gilden, bereit als eine eiferſüchtige und mannhafte Ge⸗ meine die Freiheit zu rächen, und wenn ſie auch nur dem Scheine nach angegriffen worden war. Hier auch, vor dem Giebel des Hochhauſes, ſchwor Gent ſeinen Für⸗ ſten Treue und legten dieſe den Eid ab, Flanderns Rechte nicht zu ſchänden. Im vierzehnten Jahrhundert hatte der Freitagsmarkt ein ganz anderes Ausſehen als jetzt; die St. Jakobs⸗ kirche, von allen andern Gebäuden abgeſondert, be⸗ herrſchte den ganzen Plan, ohne daß ein einziges Haus ihre Ausſicht bis an die Leije verhinderte. Dieſer Tem⸗ pel war von einer runden Mauer umſchloſſen, innerhalb welcher ſich der Kirchhof mit ſeinen einſamen Gräbern ausbrer über d es um Weg a ger En tes, ſta rundem meinem über al ſerne C chen wi Stück zu Ma oder Ge verfälſch Ruhme ward z3 den Rir markt ſ meiſt ve derſelben ein Zien ſchen w ten hin oder ſon den Pfe eingefüg zu glau Bauma⸗ ch einge⸗ er, gleich der Ge⸗ Ule, ohne ſſer Frei⸗ u beſtra⸗ tte ereig⸗ ſer Platz zu gebie⸗ liner an⸗ hun und at es öf⸗ heidigung telten ſich en oder afte Ge⸗ nur dem uch, vor ien Für⸗ 1s Rechte agsmarkt Jakobs⸗- t, be⸗ es Haus ſer Tem⸗ nnerhalb Gräbern 5 4= V* Jakob von Artevelde. 8 3 ausbreitete; vier Fußpfade durchkreuzten den Gottesacker, über die man bei Tage wie bei Nacht gehen durfte, ſei es um vor dem Beinhauſe zu beten, ſei es um ſeinen Weg abzukürzen. Vor dem Giebel der Kirche, in eini⸗ ger Entfernung, doch gleichfalls in der Mitte des Mark⸗ tes, ſtand der Collatiezolder, ein altes Gebäude mit rundem Thurm, wo die Dechanten der Gilden zu allge⸗ meinem Rathe, Collatie genannt, ſich verſammelten, um über alle Zunftangelegenheiten zu beſchließen. Eine ei⸗ ſerne Gallerie, der Ring geheißen, umſchloß das Thürm⸗ chen wie ein Gürtel auf der Hälfte ſeiner Höhe. Jedes Stück Tuch, Leinwand oder Barchent, welches Freitags zu Markt gebracht wurde, und von dem die Finder oder Geſchwornen der Gilden urtheilten, daß der Stoff verfälſcht oder ſchlecht genug gearbeitet ſei, um dem Ruhme des Genter Gewerbfleißes Abbruch zu thun, ward zur Schande für ſeinen Verfertiger öffentlich auf den Ring gehängt. Die Häuſer rings um den Freitags⸗ markt ſowohl wie in den andern Stadtvierteln waren meiſt von Holz aufgeführt und mit Stroh gedeckt; einige derſelben, die Wohnungen bemittelterer Bürger, hatten ein Ziegeldach und einen Giebel von Backſteinen, zwi⸗ ſchen welchen höͤlzerne Bindebalken in großen Quadra⸗ ten hindurchliefen. Die Fenſter waren in Spitzbögen oder ſonſt vielgeſtaltig, alle jedoch durch einen aufſteigen⸗ den Pfeiler in zwei Hälften geſchieden und durch geſchickt eingefügte Glasſcheiben verſchloſſen.— Es wäre thöͤricht zu glauben, daß das für dieſe Wohnungen verwandte Baumaterial ihnen ein geringes Anſehen hätte geben 1* Jakob von Artevelde. müſſen; dies mochte allerdings der Fall ſein bei den nie⸗ drigen Häuſern, welche Arbeitern oder armen Bürgern als Wohnung dienten; aber die immer ſehr hohen Bürgerhäu⸗ ſer entfalteten genugſam Pracht und Kunſt, zum Beweiſe, daß Reichthum und Geſchmack ihren Bau geleitet hatten. Dieſe Pracht beſtand in erhabenem Bild⸗ und Laubwerk, mit welchem alles ſichtbare Holz des Giebels gleichſam überdeckt war, und in den ausgeſuchten Formen der ver⸗ zierten Fenſterbögen, unter welchen allerlei geſchnitztes Laub⸗ und Blätterwerk ſich zu ringeln ſchien. Trotz die⸗ ſer reichen Bauart und dem künſtlichen Schmuck boten die Häuſer von Gent dem Blicke des Beſchauers nichts Gefälliges dar; über die ganze Stadt herrſchte der braun⸗ graue Ton des verwitterten Eichenholzes und die fahle Aſchfarbe des halb vermoderten Strohes. In einem Winkel des Freitagsmarktes, nach dem Waeiſtege zu, ſtand eine Art von Schloß, aus ſchwerem ſchlechtem blauem Schieferſtein aufgebaut. In dem Vor⸗ dergiebel deſſelben, der auf ſeiner ganzen Breite mit Eck⸗ ſteinen gekrönt war, prangten ſchöne ſpitzbögige Fenſter; an jeder Ecke des Giebels hing ein Thurm, Drommer oder Keſſel genannt, der mit Schießlöchern verſehen war. In dieſem Schloſſe wohnte das edle Geſchlecht von Utenhove. Solcher befeſtigter Häuſer, die man Steine nannte, gab es viele in Gent; ſie gehörten faſt alle Edelleuten zu und waren dem Stadtrecht nicht unterworfen, indem ſie als fürſtliche Lehen unmittelbar von dem Grafen abhingen. Es den G Feſtung herrſcht wickelu nicht a ben ha dem plo in der und der gar die Geſchlee redliche thend 1 der Fre Edelleu unbewe fenbank allgeme nahmen ten The den Sch We ſchlechter Dieſe b⸗ Haupt Frankre ſchaft in unwider den nie⸗ irgern als rgerhäu⸗ Beweiſe, et hatten. kaubwerk, gleichſam der ver⸗ eſchnitztes Trotz die⸗ uck boten ers nichts er braun⸗ die fahle nach dem ſchwerem dem Vor⸗ mit Eck⸗ Fenſter; Drommer verſehen Geſchlecht nannte, Ldelleuten n, indem Grafen „F „ Jakob von Artevelde. 5 Es läßt ſich denken, daß ſolche Steine, mitten in den Gemeinen aufgeführt, nichts Anderes waren als Feſtungen, aus denen die Lehnsherren das Volk be⸗ herrſchten und unaufhörlich deſſen Freiheit und Ent⸗ wickelung bedrohten oder es niederhielten, wo es noch nicht aus ſeiner urſprünglichen Unmündigkeit ſich erho⸗ ben hatte. Bei den eigentlichen alten Herrenlehen auf dem platten Lande war dies auch wirklich der Fall; aber in der Stadt Gent hatte der Geiſt des Gewerbfleißes und der Volksmacht ſchon lange Alles durchdrungen, ſo⸗ gar die felſenähnlichen Mauern der Steine. Die edeln Geſchlechter waren dort in die Bürgerſchaft getreten und redliche Glieder der Gemeine geworden, dem Volke ra⸗ thend und helfend bei der Entwickelung der Arbeit und der Freiheit. So war es gekommen, daß die Genter Edelleute— obwohl hinſichtlich ihrer Schlöſſer, als ihres unbeweglichen Eigenthums, unabhängig von der Schöf⸗ fenbank— ſich ſelbſt hinſichtlich ihrer Perſonen unter das allgemeine Recht der Stadt Gent geſtellt hatten. Sie nahmen in völligſter Gleichheit an den Laſten und Pflich⸗ ten Theil und genoſſen gleich Jedem die Vorrechte und den Schutz der mächtigen Gemeine. Wohl gab es einige Edelleute, ja ſogar ganze Ge⸗ ſchlechter, welche dieſem Vorbilde nicht gefolgt waren. Dieſe beklagten es ſehr, daß das Volk ſo drohend ſein Haupt gegen die Macht der Lehensherren erhob, und da Frankreich damals noch das Land war, wo die Ritter⸗ ſchaft in ihrem vollen Glanze prangte und das Volk unwiderſtehlich unterdrückte, ſo hatten ſie ihre Hoffnung Jakob von Artevelde. und ihre Neigung auf Frankreich gewandt, wähnend, daß von dort eine Macht ausgehen werde, die dem Hochmuth des Volkes Gränzen ſetzte. In Flandern nannte man dieſe Edelleute, ſowie überhaupt Alles, was franzöſiſch geſinnt war, ſpottweiſe die Leliaerds(die Anhänger der Lilien, des franzöſiſchen Wappens). Urſprünglich war es jedem Bürger verboten, in ei⸗ nem Stein zu wohnen; Ritter allein durften in einem befeſtigten Hauſe ihren Aufenthalt nehmen; aber im vierzehnten Jahrhundert war der Reichthum der Gen⸗ ter Bürger ſchon ſo hoch geſtiegen, daß einige ſich auch Steine gebaut oder von herabgekommenen adeligen Fa⸗ milien gekauft hatten. Der Freitagsmarkt war nicht immer der Schauplatz der Freude und des feſtlichen Gewühls; es giebt auch in Flanderns Geſchichte trübe Blätter, die von des Volkes Elend und Erniedrigung erzählen. Der 25. December im Jahre unſers Herrn 1337 war ein kalter widerlicher Tag; ſeit vierzehn Monaten wüthete eine gräßliche Hungersnoth im reichen Flandern. Dieſe Plage, hundert Mal ſchlimmer als Peſt und Krieg, hatte die Lebensſäfte des Volkes aufgetrocknet und ſelbſt die früher niemals entmuthigten Genter ſo ihrer geiſti⸗ gen wie ihrer koͤrperlichen Kraft beraubt, daß ihnen keine Stärke mehr zu bleiben ſchien, um ſich ein beſſeres Loos zu wünſchen. Der Tod nahte ſich ihnen wie ein Schlaf der Ermattung; er raffte täglich wie ein ſchleichendes Ge⸗ ſpenſt betrac ſtump ſelbſt! W Arbeit Antlitz ken zu Schickf Wohlſ von W furchtb den A. währen den B dort fo dem Fr Rande in dene keinen That d gebliebe Kinder nen Bo trügerij Ach! n. nungsl Bevölke gersnot Jakob von Artevelde. nend, daß ſpenſt Hunderte von Schlachtopfern hinweg, und dennoch Hochmuth betrachteten ihn die unglücklichen Vläminger mit jenem unte man ſtumpfen zweifelhaften Blicke, welcher verkündet, daß ranzöſiſch 9 ſelbſt die Liebe zum Leben in uns erſtorben iſt. inger der War es ſchon in Gent gräßlich, die verhungerten Arbeiter mit eingeſunkenen Augen und verwildertem n, in ei— Antlitz wie ſtumme Schatten durch die Straßen ſchwan⸗ in einem ken zu ſehen, ſo zeigte ſich dies noch entſetzlicher in dem aber im Schickſal der armen Dorfbewohner, die bis dahin ihren der Gen⸗ Wohlſtand und ſelbſt Ueberfluß im Spinnen und Weben ſich auch von Wolle oder Flachs gefunden hatten. Dort eilte der ligen Fa⸗ furchtbare Hungertod von Wohnung zu Wohnung, um den Arbeiter auf ſeinem ruhenden Webſtuhl zu treffen, während derſelbe Frau und Kinder vor ſeinen brechen⸗ den Blicken mit mörderiſchen Schmerzen kämpfen ſah; Schauplatz dort folgten Krankheit und Peſt der Hungersnoth auf tt auch in dem Fuße nach, um noch die zu rauben, welche jene am s Volkes Rande des Grabes gelaſſen hatte. Es gab Gemeinen, in denen die entſetzlichſte Stille herrſchte, als ob der Tod en 1337 keinen einzigen Bewohner verſchont habe, und wo in der Monaten That die Leichen ganzer Familien wie vergeſſen liegen Flandern. geblieben waren. Man ſah auf den Feldern Frauen und nd Krieg, Kinder wie raſende Thiere die Kräuter aus dem gefror⸗ und ſelbſt nen Boden reißen und tödtlich getroffen hinſinken, die er geiſti— trügeriſche Nahrung im krampfhaft verzerrten Munde. nen keine Ach! nichts war ſchrecklicher als der Anblick dieſes hoff⸗ res Loos nungsloſen Kampfes einer fleißigen und zahlreichen n Schlaf Bevölkerung gegen Seuche, Peſt, Kälte und Hun⸗ des Ge⸗ gersnoth. Jakob von Artevelde. An jenem Tage zeigte der Freitagsmarkt auch in ſei⸗ ner ganzen Gräßlichkeit das Elend des Volkes. Auf demſelben Platze, wo die Bürger von Gent ſo manches Mal in jauchzendem Gewühl ihren Wohlſtand und ihre Freiheit gefreiert hatten, lagen ſie jetzt erſchöpft, gelähmt und abgezehrt, den bewußtloſen Blick auf den Boden gerichtet. Am Fuße von St. Jakobs Kirchhofsmauer ſaßen viele Frauen und Kinder zuſammengekauert, um ſich vor dem ſchneidenden Winde zu ſchützen; ſprachlos lagen ſie da wie ein Haufen verſteinerter Leichen, vor den Mauern, hinter denen ihr Grab vielleicht ſchon gähnte; keine Klage, keine Bewegung als allein der laute Kuß, den eine Mut⸗ ter auf die Lippen ihres erſtarrenden Kindes drückte, oder die Stimme eines Knaben, der mit dem Geſichte im Schooß verſteckt die Worte Brod, Brod! ausſprach, als ob der Boden ihn hätte erhören konnen. Bei dem Got⸗ teshauſe zu St.⸗Jan⸗in⸗de⸗Olie(St. Johannes im Oel⸗ berge) trauerten ſolche Haufen leidender Frauen und längs allen Häuſern, die ſich von St. Jakobs nach der Leije hinzogen, konnte man die verhungerten Bürger ſitzen ſehen, ebenſo niedergedrückt wie die Frauen und das Antlitz ganz in ihr Regentuch verſteckt. Warum kamen ſie denn auf einen Markt, um dort mit der bitteren Kälte zu kämpfen, während ihre Woh⸗ nungen ihnen zum Mindeſten Schutz, wenn auch nicht vor dem wüthenden Hunger, doch vor dem ſchneidenden Nordwinde darboten? Der Freitagsmarkt? Dort lebte das Volk von Gent ganz und gar, dorthin hatte es ſtets ſeine und ſ U ter de ſich di des tö fen di genug Hier len d Elend hoͤrte auf di „ in dun vor unſere vieh, macht! / bemer Nahrt / Gemei murrte than i noch e die Gi h in ſei⸗ 6. Auf manches und ihre gelähmt Boden r ſaßen ſich vor lagen ſie Mauern, e Klage, ne Mut⸗ kte, oder ichte im ach, als m Got⸗ im Oel⸗ ten und nach der Bürger en und um dort 3 Woh⸗ cch nicht idenden ort lebte es ſtets Jakob von Artevelde. ſeine Freude gebracht, es brachte jetzt auch ſein Elend und ſein Leid dahin. Unter dem Thürmchen vor dem Hochhauſe und wei⸗ ter den Markt hinauf nach der Seite der Leije zu änderte ſich dieſes gräßliche Schauſpiel der Hoffnungsloſigkeit und des tödtlichen Schmerzes; hier waren in zahlreichen Hau⸗ fen die Bürger verſammelt, in deren Herzen noch Feuer genug lebte, um Zorn zu nähren oder Rettung zu ſuchen. Hier ſchoſſen noch aus manchem Auge drohende Strah⸗ len der Rachſucht gegen die Urſache von des Volkes Elend; hier ſah man Fäuſte ſich krampfhaft ballen; hier hörte man blutige Drohungen und bittere Spottreden auf die Feigheit der Vläminger. „Sind wir Genter?“ rief ein trotziger Blaufärber in dumpfer Wuth.„Wir Genter? Ach, wir vergehen vor Hunger, unſere Kinder ſterben wie junge Hunde, unſere Frauen liegen da am Kirchhofe wie das Schlacht⸗ vieh, das ſeinen Tod erwartet, und wir, wir ſtehen hier machtlos und fluchend.“ „Aber, Lieven Comyne, was können wir thun?“ bemerkte ein Anderer mit muthloſem Ton.„Es iſt keine Nahrung im Lande, wer ſoll uns denn Arbeit geben?“ „Was Ihr da ſagt, Simon, iſt eine Feigheit; die Gemeine darf ihre Bürger nicht Hungers ſterben laſſen!“ murrte ein Dritter.. „Ach!“ ſeufzte Simon,„die Gemeine hat viel ge⸗ than in dieſer elenden Zeit; vor vierzehn Tagen hat ſie noch eine Anleihe aufgenommen und tauſend Pfund an die Gilden ausgetheilt. Unſere Färbergilde hat hundert 10 Jakob von Artevelde. ſiebenunddreißig Pfund davon bekommen, und Ihr wißt es, Lieven, denn das Stadtviertel zum Oudenborgh hat auch hundert Pfund erhalten.“ „Dort, dort iſt Geld genug!“ rief ein Walkmüller, indem er drohend auf den Utenhoveſtein wies,„aber es gehört Muth dazu, um es herauszuholen, Muth! und wir ſind feigherzige Schufte.“ Dieſe Worte überraſchten die Zuhörer auf eine ſon⸗ derbare Weiſe, und ſie betrachteten den Walkmüller mit ſchmerzlichem Unwillen. „Schweigt!“ rief Lieven Comyne.„Ihr und Si⸗ mon, Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt. Betteln, Plün⸗ dern, was iſt das für eine Sprache?— Ja, ich ſegne auch die Hand, die durch eine milde Gabe dieſen armen Frauen und Kindern zu Hülfe kommt und ſie labt; aber was wir Männer, wir Genter haben müſſen, iſt das ein Almoſen? Iſt es Geld, das wir mit Gewalt rauben ſollen? Sind wir denn Bettler oder Diebe? Nein, nein! Arbeit muß es ſein, Arbeit und Nahrung. Ich will kein anderes Brod eſſen, als das ich im Schweiße meines Angeſichts verdienen kann. So ſpricht ein Mann.“ „Ja, ja! ſo ſpricht ein Mann, der gegeſſen hat!“ antwortete der Walkmüller;„aber ein leerer Magen iſt taub. Darum, das Schönreden kann wenig helfen. Keine vierzehn Tage mehr und es wird ſich anders gemacht haben in Gent;— und dann wollen wir einmal ſehen, wie viel Stücke und wie viele Maß Wein in den Stei⸗ nen verſteckt liegen.“ 7 uns 1 wort 7 nicht, franz heftig ſeine Man nen ſ ſchluch ſpöttit „D Euer verpro laßt( habt ihr wißt rgh hat fmüller, „aber th! und ne ſon⸗ ller mit nd Si⸗ Plün⸗ h ſegne armen t; aber iſt das rauben Nein, g. Ich chweiße ht ein hat!“ gen iſt Keine emacht ſehen, Stei⸗ Jakob von Artevelde. 11 „Ein ſchlechtes Mittel!“ ſeufzte Simon,„das ſtößt uns nur vom Rande in den Graben.“ „Als ob es möglich wäre tiefer zu fallen!“ ant⸗ wortete der Walkmüller lachend. „Ha!“ rief Lieven zornig dieſem zu;„ſeid Ihr es nicht, der geſtern im Löwen-zum-Brunnen mit dem franzöſiſchen Kaufmann getrunken und geplaudert hat?“ „Ja, wohl bekam es mir; dergleichen findet man jetzt nicht alle Tage.“ „Ahl dann begreif' ich, wo Ihr das tolle Geſchwütz gelernt habt;— und nun erinnere ich mich, Ihr habt fünf Jahre in Frankreich gewohnt mit denjenigen, die ſich erkaufen ließen, die vlämiſche Weberei nach Amiens zu bringen. Ihr dürft nach Eurer Stadt Yperen nicht zurückkehren und Ihr ſeid ſelbſt kein Bürger von Gent, Ihr ſteht unter Ribaudenrecht!“ Der Walkmüller entbrannte bei dieſem Vorwurf in heftigem Zorn; dies ſah man deutlich an der Röthe, die ſeine Wangen färbte. Da aber Lieven ein ſehr ſtarker Mann war, der mit einem einzigen Fauſtſchlag ſei⸗ nen ſchwächeren Gegner zu Boden ſtrecken konnte, ſo ſchluckte dieſer ſeinen Aerger hinunter und antwortete ſpöttiſch: „Backt ſie mit Schmalz, Eure gnädigen Herren, die Euer Schweiß und Blut in Turnieren und Gaſtmählern verpraſſen und vergeuden; kriecht zu ihren Füßen und laßt Euch treten, bis alles Volk ausgeſtorben iſt; dann habt Ihr nicht mehr, als Ihr verdient.“ „Er ſpricht von den Leliaerds,“ bemerkte ein Zim⸗ Jakob von Artevelde. mermann,„und er hat Recht; wir wollen denen ſchon ihre Rechnung machen!“ „Warum zeigt er denn auf Utenhoveſtein?“ verſetzte Lieven Comyne.„Wißt Ihr denn, Ihr weggelaufener Yperling, wer Ser Jan von Utenhove iſt?“ „Er iſt ein Ritter und Bedrücker des Volkes,“ murrte der Walkmüller. „Bedrücker des Volks?“ wiederholte Lieven mit ſteigender Erbitterung.„Er iſt Dechant der St. Geor⸗ gengilde; er iſt mein Mitgeſelle in der Färberei und Finder unſerer Gilde; er hat eine Schule geſtiftet für die Kinder unſerer armen Geſellen; er hat ein Gotteshaus für unſere armen Färber gebaut; er hat ſchon beinahe die Hälfte ſeiner Güter verpfändet, um für unſere Zunft die Hungersnoth zu mildern; er hat vielleicht fünfhun⸗ dert armen Bürgern das Leben gerettet, und gegen ſel⸗ chen Mann wollt Ihr zur Rache rufen?“ „Seht,“ ſagte der Zimmermann,„vdort ſteht er vor ſeinem Stein und ſchwatzt mit Tiſte, dem Spinner.“ „Ja wohl, ſeht doch!“ rief Lieven,„er reicht dem armen Geſellen freundſchaftlich die Hand.“ „Ja, das iſt Einer unter Tauſenden,“ ſpottete der Walkmüller. „Man ſieht deutlich,“ entgegnete Lieven,„daß Ihr kein Genter ſeid und weit her kommt. Weil Ihr in Frank⸗ reich das Volk ohne Freiheit von den Lehnsherren und Rittern unterdrückt ſaht, niedergebeugt unter der Laſt der Willkür und verarmt durch die Verfälſchung des Geldes, wollt Ihr uns hier vorſingen, was Ihr dort gehö⸗ Ritte Gilde ſen d / wahr Berle Sohr mit d 7. ming 7 / „Sie dem die he ausge Tag heißt men, ſcherzt ich Er engliſ iſt Se liſchen unſere n ſchon verſetzte aufener olkes,“ en mit Geor⸗ rei und für die eshaus beinahe Zunft nfhun⸗ gen ſol⸗ ſteht er inner.“ ht dem tete der aß Ihr Frank⸗ en und er Laſt ng des ör dort Jakob von Artevelde. 13 gehört habt. Aber nennt mir einen einzigen Genter Ritter, der ſich nicht geehrt fühlt, ein Mitglied einer Gilde zu ſein, oder der ſich weigerte, einem Zunftgenoſ⸗ ſen die Hand zu drücken, wenn ſie ihm angeboten wird!“ „Ja,“ antwortete darauf ein Strohdecker,„das iſt wahr, ſo weit es die Vaernewycks, die Goethals, die Berlegheins und Andere betrifft, welche von Vater zu Sohn Bürger von Gent geweſen ſind. Aber wie iſt es mit den Leligerds?“ „Die Leligerds, die ſind weder Genter noch Vlä⸗ minger.“ „Und was ſind ſie denn?“ „Nun, Jan, ſie ſind Franzoſen,“ antwortete Lieven. „Sieht man ſie je in Gent? Sie laufen nach Paris, um dem franzöſiſchen Könige zu folgen und zu dienen. Ja, die helfen das Böſe ſchmieden, durch das Flandern jetzt ausgeſogen und verarmt wird. Aber komme nur der Tag der Erlöſung, und ſie werden erfahren, was es heißt, ſein Vaterland an den Fremdling zu verkaufen.“ „Der Tag der Erlöſung wird eben ſo gewiß kom⸗ men, wie gebratene Schweine vom Himmel fallen“, ſcherzte der Walkmüller;„ich weiß aber doch nicht, wenn ich Euch ſo reden höre, gegen wen oder gegen was Ihr zu Felde ziehen wollt.“ „Gegen wen?“ rief Lieven Comyne.„Wer hat die engliſchen Kaufleute in Flandern feſtgehalten, und wer iſt Schuld, daß König Eduard die Einführung der eng⸗ liſchen Wolle in Flandern verboten hat? Wer hat ſo unſere Tauſende von Webſtühlen zum Stillſtehen und Jakob von Artevelde. das nahrungsloſe Volk an den Bettelſtab und zum Ver⸗ hungern gebracht?— Das hat der Koͤnig von Frankreich gethan, und der ſoll binnen Kurzem erfahren, was der vlämiſche Löwe vermag, wenn er aufſteht.“ „Ach! alſo gegen Frankreich?“ ſagte der Walkmüller lachend.„Dann beklage ich Euch. Vergeßt die Geſchichte von Niclas Zanneken nicht. Ihr habt vielleicht Luſt, im Hemde, barfuß und mit dem Stricke um dem Hals in's Feld zu ziehen.“ Er mußte wiſſen, daß dieſe Worte die Genter höch⸗ lichſt erzüͤrnen würden, denn er hatte ſie noch nicht halb ausgeſprochen, als er ſich ſchon eilig entfernte, bereit zu laufen, ſobald ihn Jemand verfolgte. Wirklich wollte ihm auch der Strohdecker nach, um ihm Hals und Beine auf dem Freitagsmarkte zu zerbrechen. Aber Lieven hielt denſelben zurück und ſagte:„Laß ihn gehen, Jan, er iſt nicht der Mühe werth; ich werde ihm ſchon heute Abends im Löwen zum Brunnen ſeine Rechnung ſchreiben. Ich weiß es nicht, aber es ſollte mich nicht wundern, wenn dieſer fortgelaufene Yperling ein bezahlter Spion der Franzoſen wäre.“ „Ich ſehe in Allem nur noch keine Hülfe,“ ſeufzte Simon.„Der Streit zwiſchen Frankreich und England kann noch Jahre lang währen. Bis es entſchieden ſein wird, ob Philipp oder Eduard die franzöſiſche Krone trägt, können alle Weber, und was von der Weberei in Flan⸗ dern leben muß, vor Hunger und Elend geſtorben ſein.“ „Ich ſage Euch, daß das nicht geſchehen wird,“ rief Lieven Comyne heftig.„Die Rolandsglocke wird ſtür⸗ men, gen, d jetzt g anfang ſein. ſtand Nahru bewaff hunder zu grei vollen wahr? „G vorwäͤr der weri De nes be markt; mittler erſten? heit ihr Unter beſchatt nen A Ueberle bei der Seine? kündete ſchnitten Ver⸗ inkreich vas der müller ſchichte uſt, im ls in's rhöch⸗ ht halb reit zu wollte Beine en hielt „er iſt Abends 1. Ich wenn on der ſeufzte ngland en ſein eträgt, Flan⸗ ſein.“ rief d ſtür⸗ Jakob von Artevelde. 15 men, noch ehe die Woche zu Ende iſt. Wir werden zei⸗ gen, daß das Genter Blut nicht lügt, wenn man es auch jetzt glaubt. Wir werden mit dem Könige von England anfangen, dann wird bald Nahrung genug im Lande ſein. Daß nur Einer komme, Einer, der Muth und Ver⸗ ſtand hat, zu rufen Flandern den Löwen: Nahrung, Nahrung! und Ihr ſollt ſehen, wie der Freitagsmarkt bewaffnete Genter ausſpeit. Hier ſtehen wir wohl ſechs⸗ hundert auf dem Markte; wir ſind bereit zu den Waffen zu greifen; Flandern iſt bereit ſich aus ſeinem ſchmach⸗ vollen Schlafe zu erheben. Nur ein einziges Wort, nicht wahr? Nun denn, dieſes Wort....“ „Seht,“ ſagte Simon, indem er mit dem Finger vorwärts zeigte,„dort an der Serbodinsbrücke kommt der weiſe Mann; o, daß er dieſes Wort ſprechen möchte!“ Derjenige, welcher mit dem Namen des weiſen Man⸗ nes bezeichnet wurde, kam von fern auf den Freitags⸗ markt zugeſchritten. Er war ein Bürger von mehr als mittlerer Geſtalt, aus deſſen Geſichtszügen ſchon bei dem erſten Anblick hervorleuchtete, daß Vernunft und Weis⸗ heit ihm in der That reichlich von Gott beſcheert waren. Unter ſeiner breiten, mit Runzeln durchzogenen Stirn, beſchattet von dichten Augenbrauen, glänzten ſeine brau⸗ nen Augen, welche voll Ruhe nichts andeuteten als Ueberlegung und Frieden des Gemüthes, deren Blick aber bei der geringſten Anregung gleichſam Feuer ſtrahlte. Seine Naſe, mit großen beweglichen Naſenlöchern, ver⸗ kündete Kraft und Muth, während ſeine minder ſcharf ge⸗ ſchnittenen Lippen Güte und inniges Mitgefühl verriethen. 16 Jakob von Artevelde. Nach der Kleidung zu urtheilen, mußte dieſer Bürger reich ſein; denn er trug einen Mantel und ein Wamms von ſchwarzem Sammet mit rother Seide gefüttert. Die Kappe, welche ſeinen Kopf bedeckte, war von dunkelbrau⸗ nem Tuch, ſeine Beinkleider vom ſchönſten rothen Gen⸗ ter Tuch, und ſeine Schuhe von gelbem Corduan. Da ſein Mantel ſich auf der rechten Seite öffnete, ſo konnte man ſehen, daß er am Gürtelriemen eine lederne Taſche trug und auf dieſer ein Dolchmeſſer. Sobald dieſer Mann aus dem Zuivelſtege auf den Freitagsmarkt trat und ſein Auge von dem Anblick des ſchrecklichen Volkselendes getroffen wurde, ſchien ein plötz⸗ liches Zittern ihn zu ergreifen und Bitterkeit lagerte ſich auf ſeinem Antlitz. Dennoch ging er, aber langſam, vor⸗ wärts, den jetzt flammenden Blick auf den Boden gerichtet. Um dieſelbe Zeit kam ein Stadtribaud aus dem Wol⸗ veſteg auf den Markt. Er hielt eine arme Frau, die ein Kind auf dem Arme trug, an der Schulter und riß ſie mit Gewalt fort. Die unglückliche Mutter weinte heftig, während ſie wie wahnſinnig ihren Mund und ihre Wan⸗ gen auf das Antlitz des Kindes drückte und deſſen Füße in ihren Buſen barg. Es war ein ſchrecklicher Anblick, dieſe halb wahnſinnige Frau ſo gewaltſam gegen die Kälte und die Hungersnoth kämpfen zu ſehen, welche das Kind ſelbſt in ihren Armen zu tödten drohten. Der Ri⸗ baud achtete nicht auf dieſen verzweiflungsvollen Streit; die Mutter ſchien auch nicht zu wiſſen, daß man ihr Ge⸗ walt anthat. Sie ließ ſich ruhig fortſchieben und ging mit ſchwankenden Schritten neben ihrem Führer her. In der Mit weiſen 2 zerrt die ſes geth „ baud eh die in C nicht, au ſie nicht Eine berührt. abgemag Hungers „Ac bin eine Mann u Hunger in unſere teken vo⸗ aber es Gott, C fühlte ich Aber mei Sie gefühlloſ Plötzlich ſie inne ſchöpf, d ſtrömten. Jakob vo Bürger Wamms ert. Die rkelbrau⸗ ben Gen⸗ an. Da ſo konnte ne Taſche auf den iblick des ein plötz⸗ agerte ſich ſam, vor⸗ gerichtet. dem Wol⸗ u, die ein ud riß ſie ite heftig, hre Wan⸗ ſſen Füße r Anblick, gegen die velche das Der Ri⸗ en Streit; n ihr Ge⸗ und ging er her. In Jakob von Artevelde. der Mitte des Marktes ward der Ribaud von dem weiſen Manne aufgehalten mit den Worten:„Ribaud, zerrt die arme Frau nicht ſo! Was hat ſie denn Bö⸗ ſes gethan?“ „Ja, ich kann nicht dafür, Meiſter,“ ſagte der Ri⸗ baud ehrfurchtsvoll.„Es iſt eine Frau aus Veſtrem, die in Gent bettelte. Ich muß ſie, ich mag wollen oder nicht, aus der Stadt ſchaffen, und Ihr ſeht, Meiſter, daß ſie nicht gehen will.“ Eine mitleidige Stimme hatte das Ohr der Mutter berührt. Jetzt hob ſie das Haupt empor und zeigte ein abgemagertes Antlitz, das trotz der fahlen Farbe des Hungers noch Spuren früherer Schönheit offenbarte. „Ach! Meiſter,“ rief ſie dem weiſen Manne zu,„ich bin eine arme Strumpfſtrickersfrau aus Veſtrem. Mein Mann und mein kleines Resken ſind geſtern Nacht vor Hunger geſtorben; ihre Leichen liegen noch unbegraben in unſerer Wohnung. Ich floh, um mein liebes Agnee⸗ teken vor dem Hungertode zu retten. Seht, da iſt es; aber es muß auch ſterben; denn man jagt uns fort. Gott, Gott! ach! läge ich doch ſchon erfroren, dann fühlte ich die Schmerzen in meinen Eingeweiden nicht. Aber mein Agneeteken, mein Kind....“ Sie unterbrach ihre Klage, um die Füßchen des ſchon gefühlloſen Kindes noch tiefer in den Buſen zu ſtecken. Plötzlich aber, als ob Etwas ſie überraſcht habe, hielt ſie inne und zeigte dem weiſen Manne das arme Ge⸗ ſchöpf, während heiße Thränen ihr aus den Augen ſtrömten. Jakob von Artevelde. 2 Jakob von Artevelde. „Seht, ſeht, Meiſter!“ rief ſie mit einem gellenden Schrei;„mein Kind, mein Agneeteken iſt todt!“ Dann wandte ſie ſich mit einem wahnſinnigen bitte⸗ ren Lachen zu dem Ribaud und ſagte:„Nun kommt, nun führt mich aus dem Thor, damit ich Agneete zu ihrem Brüderchen lege. Morgen wird doch Alles mit uns vorbei ſein.“ „Ribaud!“ ſprach der weiſe Mann,„Ihr könnt Eures Weges gehen; ich will für die Frau ſorgen; Eure Pflicht iſt gethan.“ Während der Ribaud, damit wohl zufrieden, nach dem Wolveſteg zurückkehrte, nahm der weiſe Mann das arme Weib bei der Hand und führte ſie nach der Ecke des Hochhauſes. „Mutter!“ ſagte er mit einer Stimme, die vor Mit⸗ leid zitterte,„weint nicht ſo bitterlich und beruhigt Euch;; Euer Kind iſt nicht todt. Kommt nur mit mir; wir wol⸗ len Euer Agneeteken heilen und die Pein in Euren Ein⸗ geweiden ſtillen. Ich werde Euch Beide vor Hunger und Kälte ſchützen. Ihr habt doch ſchon zu viel ausgehalten, nicht wahr?“ Die halb wahnſinnige Mutter ſchien dieſe Worte nicht ganz zu begreifen, betrachtete aber dennoch den weiſen Mann mit funkelnden Augen und mit einem ehr⸗ furchtsvollen Lächeln der Dankbarkeit, als ob Gott ſelbſt ihr Führer geweſen wäre. So ließ ſie ſich ſprachlos in ein Tuchlager neben dem Hochhauſe bringen. Auf die Bitte des weiſen Mannes eilte hier Alles zu ſeinem Dienſte herbei. Er ließ die Frau in einiger Entfernung von den Wein er in die I des Hau zen Leib und ſah zu. Sie Mund n Plö aus den die Knie zujauchze Mannes hatte die wie ein! drungen. entfernt. Rettung geduldige hatte, ur Werk vo dem Her Frau, w und ſtreie Eurem K ſo ſoll E ben werd Die die Hand gellenden t14 gen bitte⸗ n kommt, gneete zu Alles mit Ihr könnt gen; Eure den, nach Nann das der Ecke vor Mit⸗ digt Euch; wir wol⸗ uren Ein⸗ inger und sgehalten, ſſe Worte moch den inem ehr⸗ Gott ſelbſt rachlos in Auf die zu ſeinem ntfernung Jakob von Artevelde. 19 von dem Feuer ſich niederſetzen und ſie mit Brod und Wein erquicken. Mittlerweile hatte er das erſtarrte Kind in die Arme genommen und ließ es jetzt von der Frau des Hauſes mit warmen wollenen Decken über den gan⸗ zen Leib reiben. Die arme Mutter war aufgeſtanden und ſah mit ängſtlicher Erwartung dieſen Bemühungen zu. Sie war jedoch körperlich ſo angegriffen, daß ihr Mund nur unverſtändliche Töne hervorbrachte. Plöͤtzlich entfuhr ihr ein Schrei; ſie riß das Kind aus den Armen ihres Retters und ſtürzte vor ihm auf die Kniee nieder, mit ſo unſinniger Freude ihm Dank zujauchzend, daß ſich ſelbſt auf der Wange des weiſen Mannes eine Thräne des Mitleids zeigte.— Agneeteken hatte die Augen aufgeſchlagen und ihr erſter Blick war wie ein beſeligender Strahl in das Herz der Mutter ge⸗ drungen.— Der Tod hatte ſich wieder von dem Kinde entfernt. An der Eile, mit welcher der weiſe Mann dieſe Rettung hatte bewerkſtelligen laſſen, wie an ſeinen un⸗ geduldigen Bewegungen merkte man leicht, daß er Eile hatte, um ſeinen Weg fortzuſetzen. Nachdem das gute Werk vollbracht war, ſprach er leiſe einige Worte mit dem Herrn des Hauſes und ſagte dann zu der armen Frau, welche wie bewußtlos ihr Kind fortwährend küßte und ſtreichelte:„Gute Frau, Ihr könnt hier bleiben mit Eurem Kinde, und wenn Ihr nach Veſtrem gehen wollt, ſo ſoll Euch Reiſegeld und was Ihr ſonſt braucht, gege⸗ ben werden. Habt nur guten Muth, liebe Frau.“ Die arme Mutter ſprang auf und küßte ſprachlos die Hand des weiſen Mannes, bis dieſer nach einem 2* Jakob von Artevelde. allgemeinen Gruße das Haus verließ und wieder auf den Freitagsmarkt ging. Hier ſah er ſich von Neuem aufgehalten durch die Handwerker, welche bisher bei dem Hochhauſe geſtanden und ſich jetzt mit vielen Anderen vor dem Tuchlager ver⸗ ſammelt hatten. „Nun, Mher Jakob,“ rief Lieven Comyne,„hat das feige Spiel noch nicht lange genug gewährt? Soll der letzte Vläminger auf der Straße ſterben wie ein Hund? Wird Niemand kommen, der Verſtand und Muth genug hat, um das Land zu retten? Und Ihr ſelbſt, Mher Jakob von Artevelde, Ihr, der weiſe Mann von Gent, könnt Ihr die Frauen dort am Kirchhof lie⸗ gen ſehen, ohne daß Ihr ſaget: Es iſt Zeit, es muß Blut oder Arbeit geben!“ „Blut, Blut!“ murrte Artevelde in ſich ſelbſt hin— ein, indem er den Blick zum Boden ſchlug. Dann das Haupt wieder emporrichtend ſprach er:„Fordert nicht Blut, Ihr Genoſſen; es iſt früh genug, wenn die uner⸗ bittliche Nothwendigkeit uns zwingt, es zu vergießen.“ „Es muß doch einmal ein Ende nehmen,“ ſagte ein Weber;„es muß Arbeit und Nahrung geben, oder die Rolandsglocke ſoll Sturm läuten, daß der Thurm da⸗ von bebt.“ „Nein, nein,“ ſagte Artevelde,„es ſoll beſſer gehen. Ich weiß das Mittel, um Flandern ſeine alte Freiheit und Nahrung wiederzugeben; aber vorher müſſen wir erſt wieder Genter und Vläminger ſein dürfen, einträch⸗ tig und überzeugt von dem Rechte unſerer Sache, mit männlic dete Re Unrecht Die Jakob v zu verne an und geiſterun auf ſein man we erſten R Blut in Schwur werden, Ein Betheue der Här Frage. „W laſſen,, und Nal arbeitet. Muth.“ Nac Handwe ihm nach verſchwa Er! verwirrt ieder auf durch die geſtanden ager ver⸗ ne,„hat rt? Soll wie ein tand und Und Ihr iſe Mann chhof lie⸗ es muß elbſt hin⸗ Dann das dert nicht die uner⸗ ergießen.“ ſagte ein oder die hurm da⸗ ſer gehen. Freiheit üſſen wir einträch⸗ ache, mit Jakob von Artevelde. 21 männlichem Muthe und vlämiſcher Geduld das geſchän⸗ dete Recht rächend, ohne ſelbſt Gewaltthätigkeit oder Unrecht zu üben.“ Die ganze Schaar Handwerker hatte ſich rings um Jakob von Artevelde zuſammengedrängt, um ſeine Worte zu vernehmen. Was er ſagte, ſchwellte ihnen die Bruſt an und machte ihnen die Augen von Hoffnung und Be⸗ geiſterung funkelnd; Niemand entgegnete jedoch Etwas auf ſeine Rede und man ſah ihn fragend an, als ob man weitere Aufklärung erwarte. Er ſetzte nun ſeiner erſten Rede hinzu:„Iſt wirklich noch reines Gentiſches Blut in Euren Adern? Würdet Ihr es wagen, den Schwur zu thun, hier am Orte zu ſterben oder frei zu werden, wie es unſere Väter waren?“ Ein verwirrtes Gemurmel von zornigen Reden und Betheuerungen, nebſt einem ungeſtümen Emporſtrecken der Hände oder Ballen der Fäuſte, beantwortete ſeine Frage. „Wohl denn, Genoſſen!“ entgegnete Artevelde ge⸗ laſſen,„wenn Ihr es wollt, ſo wird Flandern Freiheit und Nahrung haben. Es wird an unſerer Erlöſung ge⸗ arbeitet. Seid inzwiſchen getroſt und habt vlämiſchen Muth.“ Nach dieſem Gruße ſchritt Artevelde zwiſchen den Handwerkern hin, die ihn ehrerbietig durchließen und ihm nachſahen, bis er hinter der Ecke der Wandelſtege verſchwand. Er war ihnen jedoch kaum aus den Augen, als ein verwirrtes Gewühl unter ihnen Statt fand. Alle be⸗ 22 Jakob von Artevelde. wegten ſich mit Ungeſtüm und ſchienen einen wichtigen Plan zu faſſen, bis daß Lieven Comyne plötzlich die Worte:„Freiheit und Nahrung!“ mit mächtiger Stimme wie einen Aufruf über den Markt ſandte und jauchzend nach der Lange Munte lief. Dies war wie ein Zeichen, das Jeder verſtand. Andere begaben ſich über die Ser⸗ bodinsbrücke entweder nach dem Steendamm oder nach Overſchelde. Viele begaben ſich zu den ſitzenden Frauen und Kindern und riefen ihnen von ferne mit freudi⸗ gem Tone zu:„Freiheit und Nahrung! Freiheit und Nahrung!“. Plötzlich erblickte man, wie wenn die Poſaune des Erzengels dieſe Todten aus ewigem Schlafe erweckt hätte, die zuſammengekauerten Frauen und Kinder ihre Glieder ausſtrecken, aufſtehen und ſich unter die wimmelnden Haufen der Handwerker miſchen. Bald nachher fand ein ungewöhnliches Wogen von Menſchenköpfen auf dem Freitagsmarkte ſtatt; man ging von einem Haufen zum andern, erzählte ſich überall, was der weiſe Mann geſagt habe, und rief:„Freiheit und Nahrung!“ Andere liefen in die angrenzenden Stra⸗ ßen, um die Neuigkeit nach allen Vierteln der Stadt zu tragen, und binnen Kurzem ſtrömte das Volk, gleich ei⸗ ner eindringenden Fluth, aus allen Gaſſen nach dem Freitagsmarkte. Sie hatten keinen Hunger mehr, dieſe Vläminger; ſie fühlten ſich durch die Worte: Freiheit und Nahrungl geſättigt. Ein Stern der Hoffnung war vor ihren Augen aufgegangen, Muth und Kraft erfüll⸗ ten ihre Herzen, und aus denſelben Augen, welche Stun⸗ den lang nun mäc Trot zuſamme thätigkeit Gemüthe furcht vo Beſonder Zeit vern ander bei zu der er zu ordne Anblick n gelaſſen erproben Arter lenenſtraf nung lag Backſteine zerne Traͤ waren. Treppe. den Reich von allen die Tiefe ten führte hoek hinc vichtigen tzlich die Stimme lauchzend Zeichen, die Ser⸗ der nach Frauen freudi⸗ theit und aune des eckt hätte, e Glieder nmelnden ogen von nan ging rall, was iheit und en Stra⸗ Stadt zu gleich ei⸗ nach dem ehr, dieſe Freiheit nung war aft erfüll⸗ che Stun⸗ Jakob von Artevelde. 23 den lang leblos auf den Boden gerichtet waren, zuckten nun mächtige löwenmuthige Blitze. Trotzdem ließ ſich indeſſen nicht bemerken, daß dieſes zuſammenſtrömende Volk die Abſicht habe, ſich Gewalt⸗ thätigkeiten zu überlaſſen. Im Gegentheil, die wildeſten Gemüther ſelbſt ſprachen hier von Geduld und von Ehr⸗ furcht vor eines Jeden Recht. Gewiß, ſie mußten etwas Beſonderes im Sinne führen; denn nachdem ſie einige Zeit verwirrt und mit brauſendem Lärme ſich unter ein⸗ ander bewegt hatten, begannen ſie, Jeder nach der Gilde, zu der er gehörte, ſich in große abgeſonderte Schaaren zu ordnen. Man ſah Lieven Comyne mit begeiſtertem Anblick noch immer hin und wieder laufen und wie aus⸗ gelaſſen Jeden ermuthigen zu dem Unternehmen, das man erproben wollte. Artevelde ſchritt unterdeſſen eilig durch die Magda⸗ lenenſtraße bis nach dem Calanderberge, wo ſeine T Joh⸗ nung lag. Dieſe beſtand aus zwei hohen Häuſern aus Backſteinen, mit ſchönen ſpitzbögigen Fenſtern, deren höl⸗ zerne Träger überall mit ſchönem Schnitzwerk geſchmückt waren. Zu der Eingangsthür führte eine kleine ſteinerne Treppe. Durch dieſe Eigenthümlichkeit ſowohl wie durch den Reichthum der Zierrathen unterſchied ſich dies Haus von allen benachbarten Wohnungen. Es mußte auch in die Tiefe einen bedeutenden Raum einnehmen; denn hin⸗ ten führte eine kleine Thür ziemlich weit in den Padden⸗ hoek hinaus. Mitten auf dem Markte, den man den 24 Jakob von Artevelde. Calanderberg nannte, und der damals wohl dreimal größer war, als er jetzt iſt, ſtand eine hohe Linde, und Artevelde's Wohnung gegenüber erhob ſich eine berühmte Herberge, der Fuchs genannt. Sobald Artevelde an ſeine Thür geklopft hatte, öff⸗ nete ihm eine Dienſtmagd. Er ging quer durch ein gro⸗ ßes Vorzimmer, welches früher als Tuchlager gedient zu haben ſchien, und begab ſich dann in ein hinteres Ge⸗ mach, in welchem vier Perſonen bei ſeiner Ankunft von ihren Stühlen aufſtanden und ihn freudig und ehrerbie⸗ tig begrüßten. In Ueberlegungen vertieft ſagte er jedoch nur leichthin einige Worte, und ſich dann ausſchließlich an einen kräftigen Jüngling wendend, der nicht fern vom Kamine ſaß, ſagte er:„Mher Ghelnoot van Lens, be⸗ liebe es Euch, mit mir zu gehen; während ich Mantel und Kappe ablege, werde ich Euch etwas Wichtiges ſagen.“ „Ahl iſt es ſo!“ rief Ghelnoot eifrig;„hat der vlä⸗ miſche Leu endlich den Staub von ſeinen Mähnen ge⸗ ſchüttelt? Wird er die Zähne weiſen?“ „Kommt, kommt,“ ſagte Artevelde ihm winkend, „Ihr werdet es erfahren.“ Ghelnoot konnte ungefähr ſechsundzwanzig Jahre alt ſein. Er war ein Mann mit großen blauen Augen und dunkelblondem Haar, von langer und ungemein kräftiger Geſtalt, aber mit offenem Geſicht, auf dem herzliche Frohlichkeit beſtändig glänzte. Bei dem erſten Anblicke ſchon konnte man das Bild des ächten Vlä⸗ mingers und vor Allem des Genters in ihm erkennen: mächtig von Gliedmaßen, ſtolz in der Haltung, doch immer b lange ke tigte un und ſan wüthend Hohn o wundete Die zwei Fr Jahren. Arteveld Sprache Sie gel von Tre trazyn, fangenſ auf An ker des Neben heit ent zen Au zügen. Gemüt und ih muthig fältige Kind n Samar die Fü dreimal nde, und berühmte atte, öff⸗ ein gro⸗ er gedient teres Ge⸗ kunft von ehrerbie⸗ eer jedoch sſchließlich fern vom Lens, be⸗ kantel und s ſagen.“ at der vlä⸗ ähnen ge— winkend, azig Jahre nen Augen ungemein auf dem dem erſten hten Vlä⸗ erkennen: ung, doch Jakob von Artevelde. 25 immer bereit, zu lachen, zu ſcherzen und zu jubeln, ſo lange keine außerordentliche Rührung ſich ſeiner bemäch⸗ tigte und Ernſt oder Gram in ihm hervorrief, arglos und ſanft, wie ein Kind, im gewöhnlichen Leben, aber wüthend und unverzagt, wie ein Löwe, ſobald Unrecht, Hohn oder Unterdrückung ſein trotziges Gemüth ver⸗ wundete. Die im Gemache zurückgebliebenen Perſonen waren zwei Frauen und ein Jüngling von ungefähr zwanzig Jahren. Die eine Frau war die Gemahlin Jakob von Artevelde's. Ihre Geſichtszüge, ihr Benehmen und ihre Sprache, kurz Alles in ihr verkündete ihre edle Herkunft. Sie gehörte in der That zu dem ritterlichen Geſchlechte von Trongene und war eine Tochter Seghers von Cor⸗ trazyn, Marſchalls von Flandern, welcher früher die Ge⸗ fangenſchaft des Grafen Guido theilte und jetzt wieder auf Antrieb des Königs von Frankreich in einen Ker⸗ ker des Kaſtells zu Rupelmonde geworfen worden war. Neben ihr ſaß ihre Tochter, ein junges, kaum der Kind⸗ heit entwachſenes Mädchen, mit feurigem Blick, ſchwar⸗ zen Augen, ſchlanker Geſtalt und ſehr zarten Geſichts⸗ zügen. In ihr ſchienen ſich Einfachheit und Kraft des Gemüthes vereinigt zu haben; denn in ihrer Sprache und ihren Geberden offenbarte ſich eine ſtolze, doch an⸗ muthige Freiheit, welche bewies, daß ſie eine ſehr ſorg⸗ fältige Erziehung genoſſen und wenigſtens geiſtig kein Kind mehr ſei. Ihre ganze Kleidung beſtand in einem Samar von hellblauer Seide, welcher vom Hals bis an die Füße ging. Eine Haube von weißem Linnen um⸗ Jakob von Artevelde. ſchloß ihr Haupt, Wangen und Kinn, ſo daß nur das zierliche Oval ihres Geſichtes unbedeckt blieb. Sie trug Schuhe von ſchwarzem Leder, welche von ſtählernen Schnallen über den Fuß feſtgehalten wurden. Ihre Mutter hatte dieſelbe Kleidung, nur mit dem Unterſchiede, daß ihr Samar dunkelfarbiger und aus reichgeblümtem Damaſt geſchnitten war. Dieſe ſchöne Jungfrau, das einzige Kind Jakob's von Artevelde, hieß Veerle, nach der heiligen Pharail⸗ dis, deren Reliquien damals in der Kapelle unter den Mauern des Gravenſteins verehrt wurden. Der Jüngling, der nicht fern von ihr ſaß, war Lieven Denys, Sohn des verbannten Gherhaert Denys, Dechanten der Weberzunft, der zu gleicher Zeit als Ober⸗ dechant an der Spitze aller Genter Zünfte ſtand. Der junge Lieven, deſſen einziger Sohn, konnte ſich rühmen, der reichſte Erbe von Gent zu ſein; denn ſein Vater hatte ſich ungemeine Schätze mit dem Tuchhandel erworben. Es ſchien, als ob die Natur und das Schickſal den Jüng⸗ ling mit allen ihren Gaben überſchüttet hätten. Seine ſchönen, vielleicht etwas zu weichen Züge waren der Spiegel einer reinen liebevollen Seele; etwas Poetiſches und Sehnſüchtiges lag in ſeinem langſamen Augenauf⸗ ſchlagen, aber ſeine breite Stirn und ſeine ſtark gewölbte Bruſt bezeugten auch zur ſelben Zeit männlichen Muth und geiſtige Kraft. Veerle von Artevelde war ſeine Spielgenoſſin ge⸗ weſen. Jetzt liebten ſie einander unter den Augen ihrer Eltern mit inniger Neigung, in der Erwartung, daß Lievens geben w Als Lieven de dicht von die Mut Feuer hi jetzt, in zu ſehr g Ausdruc muthete, die an il Nachdent die Befr hier in d Recht, de geregte 2 in allen? leicht wü ner Angf ihm wurd noot von Jako „Cathelr ſie ein ge zu anzün ſchließe; Stunde nachrichti nur das Sie trug tählernen mit dem und aus Jakob's Pharail⸗ nter den iß, war tDenys, ls Ober⸗ 1d. Der rühmen, ter hatte worben. n Jüng⸗ Seine aren der boetiſches igenauf⸗ gewölbte n Muth ſſſin ge⸗ en ihrer ig, daß 27 Jakob von Artevelde. Lievens Vater binnen kurzer Zeit ſeine Einwilligung geben werde. Als Jakob von Artevelde in das Gemach trat, war Lieven damit beſchäftigt geweſen, Veerle das ſchöne Ge⸗ dicht von dem Ritter mit dem Schwane zu erzählen, und die Mutter hatte ſich zu ihnen neben der Eſſe bei dem Feuer hingeſetzt, um zuzuhören. Die Jungfrau bat ihn jetzt, in ſeiner Erzählung fortzufahren; aber Lieven war zu ſehr geſtört worden durch Artevelde's eigenthümlichen Ausdruck und deſſen geheimnißvolles Thun. Er ver⸗ muthete, daß ſich Wichtiges zugetragen habe, und lehnte die an ihn gerichtete Bitte freundlich ab, um in tiefes Nachdenken zu verſinken. Die Rückkehr ſeines Vaters, die Befreiung Flanderns, ja ſelbſt ſeine Liebe konnten hier in die Wage gelegt werden; denn er vermuthete mit Recht, daß bei dem geringſten Funken, der unter das auf⸗ geregte Volk geworfen würde, eine verheerende Flamme in allen vier Ecken von Flandern aufſchlagen möchte. Viel⸗ leicht würde er jetzt Etwas von ſeiner Hoffnung und ſei⸗ ner Angſt der verwunderten Veerle mitgetheilt haben; aber ihm wurde keine Zeit dazu gelaſſen, da Artevelde und Ghel⸗ noot von Lens ſogleich wieder in das Gemach zurückkamen. Jakob näherte ſich ſeiner Gattin und ſagte zu ihr: „Cathelyne, habe die Güte, Jacquemyne zu befehlen, daß ſie ein großes Feuer im oberen Gemache nach der Straße zu anzünde und die Thür nach dem Paddenhoek ver⸗ ſchließe; ich erwarte viele Freunde, die binnen einer Stunde hier ſein werden. Jacquemyne muß mich be⸗ nachrichtigen, wenn Jemand kommt.“ 28 Jakob von Artevelde. Während Artevelde mit ſeiner Frau nach der Thür des Gemaches ging und dort noch eine Weile leiſe mit ihr ſprach, ſtand Ghelnoot bei der Eſſe und rieb ſich lächelnd die Hände, wie Jemand, der ſich ſehr über eine gute Nachricht freut. Lieven und Veerle ſahen ihn fra⸗ gend an, erhielten jedoch keine Antwort. „Aber, Mher Ghelnoot,“ rief Lieven,„wenn man Euch ſieht, ſollte man meinen, Ihr wolltet uns verber⸗ gen, was vorgeht. Als ob ich nicht wüßte, daß man damit beſchäftigt iſt, den Kloͤppel der Rolandsglocke loszumachen.“ Veerle erſchrack ſichtbar bei dieſen Worten.„Ro⸗ land! Roland!“ rief ſie;„davor bewahre uns Sanct Lieven! Ha, darum hat Sanct Bertulf auf ſeinem Söl⸗ ler heute Nacht geklopft.“ „Sanct Bertulf hat Recht,“ ſagte Ghelnoot,„ob⸗ wohl es ſcheint, daß Roland nicht mit dabei ſein wird. Man hofft es mindeſtens; aber Ihr kennt den Burſchen; er iſt ſehr hochfahrend und ſchweigt nicht, wenn man will. Deſto beſſer, denn er iſt ein Meiſterſänger, deſſen Lieder Euch das Blut durch die Adern jagen und die Bruſt ſchwellen, ſo daß Ihr wähnt, Ihr könntet ſeinen Thurm auf dem Arme tragen. Das thut dem Herzen gut, und man fühlt, daß man ein Vläminger iſt.“ „Ach!“ ſeufzte Veerle ängſtlich,„iſt es wirklich wahr, daß man wieder kämpfen wird? Die Männer! Man möchte ſagen, ſie dürſten Einer nach des Andern Blut. Ich begreife es nicht, Mher Ghelnoot, daß Ihr, der Ihr ſtets ſo gut und ſo fröhlich ſeid, nun plötzlich ſo bitter un liche Fur / Ih Ghelnoo⸗ Mangel verlaſſen ſeinen er Die gekränkt; ob ſie ſa der Jüng Stimme, Stadttro⸗ bliſt, ſo beweiſen, Aber ich denn die ſind Men „Nu lachend in in Eurer auf ſeine die bitterf unſere alt ger von( Euren V werden zu drigt wie daß ich m der Thür eleiſe mit Hrieb ſich über eine iihn fra⸗ wenn man us verber⸗ daß man landsglocke en.„Ro⸗ uns Sanct inem Söl⸗ noot,„ob⸗ ſein wird. Burſchen; wenn man ger, deſſen en und die intet ſeinen dem Herzen er iſt.“ es wirklich ie Männer! des Andern t, daß Ihr, plötzlich ſo Jakob von Artevelde. 29 bitter und böſe reden könnt, daß Eure Worte mir tödt⸗ liche Furcht einjagen.“ „Ihr ſeid mit Unrecht ſo ängſtlich, Veerle!“ ſagte Ghelnoot lachend;„in Gent iſt noch nicht ein ſo großer Mangel an Männern, daß Euer Freund Lieven Euch verlaſſen müßte, um jetzt ſchon mit der Sanct Jorisgilde ſeinen erſten Schuß thun zu müſſen.“ Die Jungfrau fühlte ſich durch dieſe letzten Worte gekränkt; ſie warf einen flüchtigen Blick auf Lieven, als ob ſie ſagen wollte:„Duldet Ihr den Hohn?“ Aber der Jüngling ſtand plötzlich auf und ſprach mit dumpfer Stimme, roth vor Aerger:„Mher Ghelnoot, wenn der Stadttrompeter Perſemier vom Thurm herab Sturm bläſt, ſo werde ich mit meinem Bogen bereit ſtehen und beweiſen, daß ich auch mit dem Tode zu ſcherzen weiß. Aber ich freue mich nicht im Voraus auf Blutvergießen; denn die ich treffen kann, oder die mich tödten können, ſind Menſchen....“ „Nun, nun, ereifert Euch nicht,“ fiel ihm Ghelnoot lachend in die Rede;„ich weiß, daß das vlämiſche Herz in Eurer Bruſt mannhaft ſchlägt; doch Jeder verſteht es auf ſeine Weiſe. Ich ſehe nun ſchon ſeit einem Jahre die bitterſte Hungersnoth in Flandern wüthen; man hat unſere alten Freiheiten beinahe ganz vernichtet, hat Bür⸗ ger von Gent gegen Recht und Geſetz eingekerkert, hat Euren Vater verbannt, weil er freimüthig ſprach; wir werden zum Beſten Frankreichs aufgeopfert und ernie⸗ drigt wie ein feiger Sklavenhaufe, und da meint Ihr, daß ich mich hinſtellen werde und weinen, jetzt, wo der —— 30 Jakob von Artevelde. Genter Löwe ſeine Tatzen aufhebt und ſich anſchickt, ſeine Ketten zu zerbrechen? Ha, ha, das wäre doch wunderlich!“ Artevelde nahte ſich in dieſem Augenblicke dem Feuer und ſetzte ſich in den Seſſel, den ſeine Frau ſo eben ver⸗ laſſen hatte. Er ſchien noch ganz in Gedanken vertieft und ſagte freundlich:„Es iſt draußen erſchrecklich kalt, Kinder; möge Gott die Leidenden in Flandern behüten!“ Veerle ſchlug ihren Arm um ſeinen Hals und fragte ſchmeichelnd:„Sag' einmal, Vater! Mher Ghelnoot hat uns ſo ängſtlich gemacht, das heißt, mich allein, den Lieven nicht— ach! ſo ängſtlich! Er ſpricht von der Rolandsglocke und von Krieg und Blut. Das iſt doch wohl nicht wahr, daß man in Gent ſtürmen wird?“ „Mher Ghelnoot hat nicht wohl daran gethan,“ antwortete Artevelde;„ängſtige Dich nicht, Veerle; der alte Roland wird ſchweigen.“ „So, Veerle,“ lachte Ghelnoot;„es iſt nicht chriſt⸗ lich von Euch, daß Ihr mir zur Laſt legt, was Lieven geſagt hat. Ich bin es nicht, der vom Roland ſprach.“ Artevelde wandte ſich nun zu dem jungen Denys und ſagte:„Lieven, Euer Vater kehrt aus ſeiner Ver⸗ bannung zurück.“ „Mein Vater!“ rief der Jüngling mit frohem Er⸗ ſtaunen. „Ja, aber dies Wort ſei Euch genug; Ihr werdet bald die Erklärung deſſelben bekommen.“ „Wann werde ich ihn ſehen?“ „Das hängt von gewiſſen Umſtänden ab. Jeden⸗ falls früher, als Ihr ſelbſt zu hoffen wagt.“ „Wi unrechtme die Wed verbannt „Er „Und nicht auch wird er v des Rupe „Ich Gent noch velde;„d geheim bl Wie war teghen? 8 als ſie der „Es r Jungfrau; bitterlich g man ihr d nachher, ſcheint aue ſpäter geſe horcht einn ſein?“ Alle he das man de war wie da begreifliches Jakob von Artevelde. 31 hickt, ſeine„Wie das möglich iſt? Mein Vater iſt wohl underlich!“ unrechtmäßig, aber doch geſetzlich durch den Grafen und dem Feuer die Wedde von Gent vor fünf Jahren aus Flandern Heben ver⸗ verbannt worden.“ ken vertieft„Er wird dennoch zurückkehren, ſage ich Euch.“ fecklich kalt,„Und kommt mein lieber Großvater Segher denn behüten!“ nicht auch wieder?“ fragte Veerle betrübt.„Gott, wie und fragte wird er von der Kälte leiden in den gräßlichen Kerkern Ghelnoot des Rupelmondeſteins!“ allein, den„Ich hoffe, daß der alte Marſchall die Männer von ht von der Gent noch zum Siege führen wird,“ antwortete Arte⸗ as iſt doch velde;„doch für jetzt genug von Dingen, die nicht lange wird?“ geheim bleiben werden. Laßt uns von anderen reden. i gethan,“ Wie war es mit der Einkleidung der Nonne zu Pe⸗ Veerle; der teghen? War Deine Muhme Amelberga wohlgemuth, als ſie der Welt für immer Lebewohl ſagen mußte?“ nicht chriſt—„Es war ſo ſchön und ſo prächtig,“ antwortete die was Lieven Jungfrau;„aber Amelberga hat vor dem Altare ſo d ſprach.“ bitterlich geweint, daß man ſie unterſtützen mußte, als gen Denys man ihr die Nonnenkleider anlegte. Die Aebtiſſin ſagte ſeiner Ver⸗ nachher, es ſei freudige Rührung geweſen, und das ſcheint auch wahr zu ſein; denn ich habe Amelberga frohem Er⸗ ſpäter geſehen, und ſie war ganz vergnügt. Aber horcht einmal.... im Schornſtein! was mag das Ihr werdet ſein?“ Alle horchten zugleich aufmerkſam auf ein Geräuſch, das man deutlich durch die Eſſe vernehmen konnte. Es ab. Jeden⸗ war wie das Brauſen eines fernen Meeres; etwas Un⸗ 4 begreifliches, aber Gewaltiges; denn Artevelde ward 32 Jakob von Artevelde. eſorgten Blick auf Ghelnoot und muß es geſ bleich, warf einen b glückte, ſo ſeufzte:„Gott! vielleicht zu ſpät!“ „Sanct Lieven ſtehe uns bei!“ rief Veerle mit ei⸗ fen heimgeſ nem Schrei der Angſt, als ſie ihren Vater ſo erſchrocken alle meine ſah;„was iſts, was iſts? 4 iſt nutzlos, „Nichts, nichts!“ ſagte Artevelde bitter;„es iſt ein zu bringen. Wagen, der ohne Kutſcher fährt und vielleicht zertrüm⸗„Ihr he mert werden wird.“ alle Verant Kaum hatte er dies geäußert, ſo kam ſeine Gattin mit Euren hereingeeilt und rief:„Raſch, Jakob, raſch! Im Gange Meinung ar bei der Hinterthür erwartet Dich Jemand, der Dich ihres Ritter augenblicklich ſprechen muß. Er ſagt, Flanderns Glück möchten?“ hänge davon ab.“„a, 2 Artevelde ſtand auf und eilte dorthin. Er fand dort zahl iſt für Ser Maes Van Vaerne⸗ mit dem Plo den Oberſchöffen der Keure, wyck, der ganz erſchrocken vor ihm ſtand. „Mher Jakob!“ ſagte dieſer eilig,„keinen Aufſchub im Stillen b vielleicht ſche mehr, oder der Plan misglückt unfehlbar. Der Frei⸗ Zuſammenk tagsmarkt wimmelt von Volk, das die Luft erfüͤllt mit ohne Gewal dem Rufe: EFreiheit und Nahrung!» Sie haben ihre Währen Dechanten aufgeſucht und ſchreien, daß ſie mit dem wei⸗ ſich unterred ſen Manne berathſchlagen wollen. Horcht! es iſt als ob Freitagsmar 3 der Lärm ſich näherte. Es iſt die höchſte Zeit; denn bleibt und Nahrun das Volk ſich ſelbſt üͤberlaſſen, ſo fließt Blut in Gent.“ des der wog „Wohl denn, ſo laßt uns dem Volke auf dem Frei⸗ gen mit ihre kleinen Gilde tagsmarkte erklären, was geſchehen muß, dann wird es wieder ruhig werden.“ durch die Ko „Nein, nein! Um Alles in der Welt nicht auf dem ſich ſo verthe Freitagsmarkt! Außerhalb des Weichbildes von Gent möglich ſo v Jakob von Ar noot und le mit ei— erſchrocken „es iſt ein t zertrüni⸗ ine Gattin Im Gange der Dich erns Glück r fand dort in Vaerne⸗ en Aufſchub Der Frei⸗ erfüllt mit haben ihre nit dem wei⸗ es iſt als ob denn bleibt t in Gent.“ uf dem Frei⸗ gann wird es richt auf dem 's von Gent Jakob von Artevelde. 33 muß es geſchehen. Denn ſeht, wenn der Verſuch mis⸗ glückte, ſo würde Gent wieder mit unerträglichen Stra⸗ fen heimgeſucht werden und ich, der Oberſchöffe, ſowie alle meine Amtsbrüder, den Kopf dadurch verlieren. Es iſt nutzlos, die Stadt ohne Grund in ſolche Gefahr zu bringen.“ „Ihr habt Recht, indeſſen laßt mich machen; ich nehme alle Verantwortlichkeit auf mich allein. Aber habt Ihr mit Euren Amtsgenoſſen geſprochen und ſie über ihre Meinung ausgeforſcht, beſonders diejenigen, die wegen ihres Ritterthums vor ſolcher kühnen That zurückſchrecken möchten?“ „Ja, Alles iſt wohl auf unſerer Seite; die Mehr⸗ zahl iſt für uns; nur Vier oder Fünf ſcheinen unzufrieden mit dem Plane. Thut, was Ihr wollt; wir werden Euch im Stillen behülflich ſein. Ich eilte hierher; denn ſie ſind vielleicht ſchon in der Mageleinſtraße. Raſch dann zur Zuſammenkunft. Macht jedoch, daß das Volk ruhig und ohne Gewaltthaten wieder auseinander geht.“ Während Artevelde mit dem Oberſchöffen von Gent ſich unterredete, verließ eine große Menſchenmaſſe den Freitagsmarkt unter dem donnernden Rufe:„VFreiheit und Nahrung!“, der wie die Stimme des Sturmwin⸗ des der wogenden Menge vorauseilte. Die Walker zo⸗ gen mit ihren Dechanten durch die Lange Munte, die kleinen Gilden längs dem Wandelſtege, und die Weber durch die Koningſtraße über den Zandberg. Sie hatten ſich ſo vertheilen müſſen, weil eine einzige Straße un⸗ möglich ſo viele Menſchen aufnehmen konnte. Je weiter 3 Jakob von Artevelde. Jakob von Artevelde. ſie kamen, deſto ſchrecklicher hallte der Ruf:„Freiheit und Nahrung!“ über die Stadt hin; denn die Zünfte antworteten ſich jetzt aus drei entfernten Straßen zugleich. Auf ihrem Wege ſchloß hier und dort ein erſchreckter Bürger eilig Thüren und Fenſter. Die Meiſten ſtanden jedoch auf ihren Thürſchwellen mit weit geöffneten Au⸗ gen und blickten erſtaunt die vorüberſtrömende Menge an. Sie konnten nicht begreifen, was alle die Zunft⸗ männer ſo unbewaffnet im Sinne hatten, und erkundig⸗ ten ſich bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, wo⸗ hin ſte gingen. Die Antwort:„Zur Berathung mit dem weiſen Manne“, befriedigte ihre Neugier nicht; ſobald alſo der Zug an ihnen vorüber war, eilten die Nachbarn überall ängſtlich zuſammen und befragten ſich über die Urſache des Auflaufes, wie ſie es nannten. Die Erſten, die auf dem Calanderderge anlangten, waren die Weber, deren Weg der kürzeſte geweſen war. Kaum hatten ſie ſich jedoch vor der Herberge zum Fuchs theilweiſe aufgeſtellt, als die Walkmüller, denen die klei⸗ nen Gilden folgten, ſich in der Mageleinſtraße zeigten. Sobald der Calanderberg mit ſo vielen Menſchen bedeckt war, als er irgend aufnehmen konnte, rief man mit ver⸗ doppeltem Geſchrei den weiſen Mann. Ein Trompeter, der bei dem Dechant der Weber ſtand, ſetzte jedoch ſein kupfernes Horn an den Mund und ſandte einige weit⸗ ſchallende Töne über den Markt. Bei dieſem Zeichen hörte das Rufen plötzlich auf und die größte Stille herrſchte augenblicklich. Mittlerweile ſammelten ſich die Dechanten und Geſchwornen der Gilden und begaben ſich nac ſelben an die denn A kam zu ein freu ziger ſi der ang men:„ Als er ſie f mir, lie „Y Schiffer kommen uns geſa Reichthi Freiheit folgen ui „F Genter. daß es n Lande z1 Vermög terſtützen len, dan aus ſeine „Ni Gent, ei Jakob von Artevelde. 35 „Freiheit die Zünfte en zugleich. ſich nach dem Hauſe Jakob's von Artevelde. Einer der⸗ ſelben ſchritt voraus, um die Treppe hinaufzuſteigen und zugle an die Thür zu pochen; aber er hatte nicht Zeit dazu; erſchreckter 3 denn Artevelde öffnete in dieſem Augenblicke ſelbſt und en ſtanden. kam zu ihnen herunter. Bei ſeinem Erſcheinen erhob ſich neten Au⸗ ein freudiges Murmeln in der Verſammlung; kein Ein⸗ de Menge ziger ſprach jedoch ein lautes Wort. Nur in der Tiefe die Zunft⸗ der angrenzenden Straßen hörte man noch einzelne Stim⸗ erkundig— men:„Freiheit und Nahrung!“ rufen. Drn, Wo⸗ Als Jakob zu den Dechanten gekommen war, grüßte gmit dem er ſie freundlich und fragte:„Was wünſcht Ihr von ht; ſobald mir, lieben Freunde?“ Nachbarn 1„Mher von Artevelde,“ antwortete der Dechant der über die. Schiffer, der den Auftrag hatte ihn anzureden,„wir ² kommen zu Euch, um uns Rathes zu erholen. Man hat unlangten, 1 uns geſagt, daß Ihr durch Eure Weisheit und Eure großen heſen war. 5 Reichthümer im Stande wäret, Flandern Wohlfahrt und & 8 2 ℳ.„.. um Fuchs Freiheit zurückzugeben. Hier ſind wir, bereit, Euch zu n die klei⸗ folgen und zu gehorchen; ſagt uns, was wir thun ſollen.“ he zeigten.„Freunde!“ ſprach Artevelde,„ich bin ein geborner een bedeckt Genter. Das iſt genug geſagt, um Euch zu beweiſen, mit ver⸗ daß es mir nicht an Muth fehlt, unſerer Stadt und dem rompeter, Lande zu nützen. Ich bin bereit, mein Leben und mein edoch ſein Vermögen zum Opfer zu bringen, um diejenigen zu un⸗ ige weit⸗ terſtützen, die ſich an die Spitze der Genter ſtellen wol⸗ n Zeichen len, damit Flandern von der Hungersnoth erlöſt und zte Stille aus ſeiner Erniedrigung gerettet werde.“ en ſich die„Niemand iſt geeigneter, als der weiſe Mann von begaben Gent, ein ſo mühſeliges Werk zu unternehmen,“ erwie⸗ 3* 36 Jakob von Artevelde. derte der Dechant der Schiffer, während ſeine Genoſſen D durch Worte und Geberden ihre volle Zuſtimmung zu zum n erkennen gaben. grüßte Artevelde blickte einen Augenblick auf den Boden; 2 verſchn dann das Haupt wieder erhebend, fragte er:„Wollt ſeiner Ihr mir treue Freunde und Genoſſen ſein in allen Din⸗ den R 1 3 gen und mich nicht verlaſſen am Tage der Gefahr?“ man j 3„Im Namen Aller, die hier verſammelt ſind,“ ant⸗ meiner wortete der Dechant der Schiffer,„geloben wir redlich, D . Euch in Allem zu unterſtützen und Leben und Gut daran ßer Fu zu wagen. Wo Ihr es befehlt, werden wir unſer Blut Ein ur vergießen für das Vaterland, und Euer weiſer Rath ſoll ſeine unſer einziges Geſetz ſein; darauf gebe ich Euch die Hand.“ den; o Alle Dechanten legten nach einander ihre Hand in gehört Artevelde's Hand, als einen Eid unverbrüchlicher Bru⸗ 8 der De dertreue. 3 denen „Wohl denn!“ hub Jakob an,„es iſt geſagt. Nah⸗ E rung und Freiheit ſollen wieder in Flandern aufblühen. auf de Beruft alle Eure Genoſſen und überhaupt Jeden, der vor de Bürger von Gent iſt, übermorgen nach der Ebene der terhiel Byloke um drei Uhr Nachmittags. Dort wollen wir öffent⸗ teten. lich berathen, was geſchehen muß, und ich werde Euch der S eerklären, wie mir dünkt, daß Flandern unmittelbar ſich Padde 3 erheben könne aus ſeinem Elend und ſeiner Erniedrigung, und fr vielleicht ohne daß ein einziger Tropfen Blutes vergoſſen darauf wird. Geht nun zu Euren Genoſſen und empfehlt ihnen 4 Niema Friede und Ruhe. Eine einzige Gewaltthat würde hin⸗ ginger reichen, uns Alle zu verderben. Das Glück oder das D Elend des Vaterlandes liegt alſo in Euren Händen.“ Nichts —,— —— 1 Genoſſen nung zu Boden; „Wollt en Din⸗ hr? 71 d,“ ant⸗ rredlich, ut daran ſer Blut Rath ſoll Hand.“ Hand in her Bru⸗ t. Nah⸗ ifblühen. den, der bene der ir oͤffent⸗ rde Euch elbar ſich ldrigung, vergoſſen hlt ihnen rde hin⸗ oder das nden.“ —. Jakob von Artevelde. 37 Die Dechanten gaben ihm die Verſicherung, daß bis zum nächſtfolgenden Tage Alles ſtill bleiben ſolle, und grüßten ihn mit freudigem Danke, bis er in ſeiner Thüͤr verſchwunden war. Dann ging Jeder zu den Genoſſen ſeiner Zunft und theilte ihnen die Verſprechungen und den Rath Artevelde's mit, ausdrücklich befehlend, daß man ſich ſtill und ruhig halte bis zum Tage der allge⸗ meinen Verſammlung in der Byloke. Die Zunftgenoſſen empfingen die Nachricht mit gro⸗ ßer Freude und ſprachen feurig mit einander darüber. Ein ungeſtümes Wogen entſtand in der Menge, weil Jeder ſeine Freunde aufſuchte, um über die Angelegenheit zu re⸗ den; aber nicht ein einziger Schrei wurde aus ihrer Mitte gehört, und bald nachher ſah man Alle, auf Anrathen der Dechanten, fröhlich, aber friedlich längs den verſchie⸗ denen Straßen nach ihren Stadtvierteln heimkehren. Eine Viertelſtunde ſpäter befand ſich Niemand mehr auf dem Calanderberge, als einige Bürger, welche ſich vor der Thür der Herberge zum Fuchs mit einander un⸗ terhielten und aufmerkſam Artevelde's Wohnung betrach⸗ teten. Nacheinander ſahen ſie viele vornehme Perſonen der Stadt, Bürger, Schöffen und Edelleute, längs dem Paddenhoek nach der Wohnung des weiſen Mannes gehen und fragten einander, was das zu bedeuten habe. Bald darauf hörte jedoch die Urſache ihrer Neugier auf, indem Niemand mehr kam, worauf ſie nun auch ihres Weges gingen. Der Calanderberg blieb nun ſtill, als ob dort ſich Nichts zugetragen habe. Jakob von Artevelde. II. Der für die Verſammlung in der Byloke beſtimmte Tag war gekommen. Eine Stunde vor der feſtgeſetzten Zeit ſah man bereits aus allen Vierteln der Stadt die Bürger von Gent ſich in Menge nach dem Ufer der Leije begeben, um von dort den Weg einzuſchlagen, der nach dem Sammelort führte. Um ſich eine Idee von dem gro⸗ ßen Zuſammenfluß des Volkes bilden zu können, hätte man an einem der Thore ſtehen müſſen, durch welches die Einwohner von Buitenkuipe in großen Haufen nach der Stadt zogen. So konnte z. B. das Thor unter dem rothen Thurme eine halbe Stunde lang die Menge nicht faſſen, welche Sanct Baefsſtede verließ, um in der By⸗ loke gegenwärtig zu ſein. Daſſelbe trug ſich an dem Wallthore zu, durch welches ein Theil ver Einwohner von Sanct Pieters kam, während ein anderer Theil un⸗ ter dem Ketelthore durchging. Der Grund, weshalb alle Einwohner von Gent, und ſelbſt der Herrſchaft Buitenkuipe, gezwungen waren, durch die Stadt zu ziehen, lag darin, daß es damals nur eine Brücke gab, um über die Byloke⸗Leije und die Houtlei zu kommen. Alle mußten nothwendig durch das Kuipgat und über die Oordeelbrücke. Um dieſelbe Stunde verließ Ser Jan Van Steen⸗ beke, Schöff der Keure, ſeinen Stein in der Opper⸗ ſcheldeſtraße. Er richtete ſeine Schritte nach der Predi⸗ kersbrück begegnet „Se ſeinem 2 hen, wo „ Ja Andere; Gemeine es hören „Ha und Vol „M warum mindeſten dort geh giebt ſog nehmen. rung geff gehen, 1 „Da trägt nic darunter, dann beif eigenen( „Eu That arte wirklich ꝛ gen müß Wolle zu beſtimmte tgeſetzten Stadt die der Leije der nach dem gro⸗ en, hätte hwelches ifen nach nter dem nge nicht der By⸗ an dem nwohner Lheil un⸗ zent, und en, durch nur eine 2 Houtlei Kuipgat n Steen⸗ Opper⸗ r Predi⸗ Jakob von Artevelde. 39 uo. kersbrücke, wo er einem Schöffen von dieſem Stadttheile begegnete. „Seid gegrüßt, Mher Zoetaerde,“ ſagte er, neben ſeinem Amtsgenoſſen herſchreitend;„wollt Ihr auch ſe⸗ hen, was man dort ausmachen wird?“ „Ja wohl, Ser Van Steenbeke,“ antwortete der Andere;„Gott weiß es; aber es iſt möglich, daß es der Gemeine viel Gutes bringt. In jedem Falle muß man es hören und ſehen, um darüber urtheilen zu können.“ „Ha, Ihr glaubt, daß die Gemeine durch Aufruhr und Volksſturm zu retten ſei!“ „Mit größerem Rechte könnte ich Euch fragen, warum Ihr von Aufruhr ſprecht, da es doch nicht den mindeſten Anſchein davon hat. Betrachtet dies Volk; dort geht es lachend und fröhlich, ohne Waffen. Es giebt ſogar Einige darunter, die Frau und Kinder mit⸗ nehmen. Ich habe meine eigenen bereits mit Verwunde⸗ rung gefragt, ob wir nicht vielleicht alle zuſammen hin⸗ gehen, um Sanct Lieven's Umgang zu ſehen.“ „Das iſt Alles nichts, Mher Zoetaerde,„das Volk trägt nicht ſelten ein Schaafsfell, aber der Löwe ſteckt darunter, und wenn der Löwe ſein Schaafsfell abwirft, dann beißt er Freund und Feind, und zerreißt ſelbſt ſeine eigenen Eingeweide.“ „Euer Gleichniß, Ser Van Steenbeke, iſt in der That artig,“ ſagte Zoetaerde lachend;„das Volk wäre wirklich unglücklich, wenn es ſtets das Schaafsfell tra⸗ gen müßte; man würde ihm nicht die Zeit laſſen, viel Wolle zu bekommen.“ 40 Jakob von Artevelde. „Sagt, was Ihr wollt, Mher Zoetaerde; es iſt tag* äußerſt unvorſichtig, die Menge zuſammenzurufen, da⸗ dem mit ſie üͤber ihre eigenen Angelegenheiten berathe. Sie G verſteht nichts davon und kennt nur eine Sprache—„Es Gewalt.“ ℳ wärti „Ich glaube doch, daß Ihr Euch diesmal täuſcht;. zu ze der weiſe Mann wird dafür ſorgen.“ „Ich verſtehe, er will die Bundesgenoſſenſchaft mit b iſt je 6 England vorſchlagen, gegen den Willen ſeines geſetzlichen beant Fürſten. Glaubt Ihr, daß der Koͤnig von Frankreich Man das dulden werde?“ überz „Nun, wenn er es nicht dulden will, ſo kann er es lehen doch nicht hindern. Er braucht ſich um unſere Angele⸗ Hung ;;„ 5 ,5: dem genheiten gar nicht zu bemühen; ſie gehen ihn gar nichts 3 dod. an; Jeder in ſeinem Lande!“ W G„Ihr macht die Rechnung ohne den Wirth, Mher verleg Zoetaerde; hier läßt ſich leicht von dem Könige von Frank⸗ ten ſo 86 reich und dem Grafen ſorglos ſprechen; aber wenn ein 4 ſih 9 Heer von ſechzigtauſend Mann in Flandern eingerückt Hond kommt, was werdet Ihr dann thun?“ V dräng „Nun, was hat man zu Kortryk gethan in der 2 Schlacht der goldenen Sporen? Dort waren noch mehr. derte Glaubt nicht, daß ich Luſt am Kriege habe, bei Leibe geſſen nicht! Wenn meine Arbeit verrichtet iſt, ſo ſitze ich Artev gerne behaglich vor einem guten Feuer und ſchwatze; genan aber das giebt's nicht her. Ich bin ſchon ſechzig Jahre— alt, Ser Van Steenbeke, ſechzig am Sanct Lieven's„ Abend geworden, und doch würde ich meinen Guten⸗ unſeren de; es iſt rufen, da⸗ kathe. Sie Sprache— al täuſcht; iſchaft mit geſetzlichen Frankreich kann er es re Angele⸗ gar nichts rth, Mher von Frank⸗ wenn ein eingeruckt an in der noch mehr. bei Leibe ſo ſitze ich ſchwatze; zzig Jahre t Lieven's en Guten⸗ Jakob von Artevelde. 41 tag*) noch ergreifen, um mit unſeren jungen Geſellen dem Feinde entgegen zu ziehen.“ Ser. Van Steenbeke lächelte ſpöttiſch und ſagte: „Es würde Euch wenig nützen; Frankreich iſt gegen⸗ wärtig mächtig genug, um Flandern mit einem Streiche zu zerſchmettern.“ „Möglich,“ antwortete Zoetaerde ärgerlich;„das iſt jedoch Etwas, das man erſt abwarten muß. Aber beantwortet mir eine Frage, Ser Van Steenbeke. Wenn man Euch ſagte: Ihr müßt ſterben! und Ihr Euch ſelbſt überzeugtet, daß es unmöglich ſei, dem Tode zu ent⸗ gehen, und man ließe Euch alsdann die Wahl, vor Hunger in gräßlichen Krämpfen zu verſcheiden, oder auf dem Schlachtfelde mit dem Schwerte in der Fauſt den Tod zu finden; was würdet Ihr wählen?“ Bei dieſer Frage wurde Ser Van Steenbeke ſichtlich verlegen. Er wußte nicht recht, was er darauf antwor⸗ ten ſollte. Deshalb nahm er die Gelegenheit wahr, um ſich von ſeinem Gefährten zu entfernen, gerade als dieſer von dem herbeiſtrömenden Volke durch das Kuipgat ge⸗ drängt wurde. Als ſie an der Oordeelbrücke vorüber waren, erwie⸗ derte Steenbeke, als ob er die an ihn gerichtete Frage ver⸗ geſſen habe:„Wer ſagt Euch, daß Mher Jakob von Artevelde, den Ihr, Gott weiß warum, den weiſen Mann genannt habt, nicht aus Herrſchſucht handelt, und das *) Eine bekannte Waffe der alten Vläminger, eine Art Pike, unſerem Morgenſtern aͤhnlich. 42 Jakob von Artevelde. Volk gegen ſeinen geſetzlichen Fürſten aufhetzt, um ſelbſt eine Zeit lang die Herrſchaft in die Hände zu bekommen, ich ſage, eine Zeit lang; denn das Volk zerſchmettert gewöhnlich ſeine Abgötter, ſobald es dieſelben ſo hoch gehoben hat, als es ihm möglich iſt.“ „In dem, was Ihr ſagt, Ser Van Steenbeke, liegt eine betrübte Wahrheit; aber man muß von zwei Leiden das kleinſte wählen. Laßt uns erſt Flandern von der Hungersnoth erlöſen, nachher wollen wir es überlegen und beſprechen. Ihr könnt mir einwenden, daß nicht blos ein Mann, ein Abgott des Volkes, wie Ihr ihn nennt, das Leben dabei verlieren werde, ſondern daß ſelbſt dreißigtauſend durch dieſen Verſuch aus der Welt geſchafft werden. Nun denn, lieber dreißigtauſend Men⸗ ſchen verloren, als daß das ganze vlämiſche Volk durch Hungersnoth in das Grab ſteige oder erſchöpft und mit verdorbenem Blute als eine für immer entartete Nation hinſchmachten ſolle.“ „Ach, Ihr glaubt, er werde mit Euch von Mitteln ſprechen, um die Hungersnoth zu vertreiben; nein, er will Euch aufbringen und aufhetzen gegen unſern Für⸗ ſten. Er wird viel von Freiheit ſchwatzen; denn Freiheit iſt der Honigſeim, womit er das arme Volk als eine leichtſinnige Fliege in ſeinen Netzen fängt.“ „Wir werden es hören. Was mich betrifft, ſo habe ich Erfahrung genug in der Welt, um zu wiſſen, daß Freiheit eine ſehr ſchöne Sache iſt für Menſchen, die ge⸗ geſſen haben; aber in dieſem Augenblicke ſind Nahrung und Arbeit nothwendiger. Wo das Volk im Schweiße ſeines läßt di weiſe ſo wür Schöfft unter d den Bo gedrän⸗ wird ur Di ſammlu eckige, rer öſtl ihrer ſa derſelbe gemeine verpfleg Mi am Fuf fen und Ein dieſer a bedeckt, der wir Dennoch wirrung ben; de daß eine hatte, 1 m ſelbſt ommen, hmettert ſo hoch ke, liegt i Leiden von der verlegen aß nicht Ihr ihn ern daß er Welt d Men⸗ ſk durch und mit Nation Mitteln ein, er Für⸗ Freiheit als eine ſo habe n, daß die ge⸗ ahrung chweiße Jakob von Artevelde. 43 ſeines Angeſichts ein behagliches Auskommen findet, da läßt die Freiheit nicht lange auf ſich warten. Wenn der weiſe Mann uns mit Worten allein abſpeiſen wollte, ſo würde ich, Pieter Zoetaerde, Goldſchmiedemeiſter und Schöffe dieſes Theils der Stadt Gent, mich auch wohl unter die Linde ſtellen und beweiſen, daß Freiheit allein den Bauch nicht füllt.... Aber ſeht, die Bylöoke iſt gedrängt voll und kaum anzukommen; indeſſen man wird uns wohl einen Durchgang eröffnen.“ Die Byloke, nach welcher Artevelde die Volksver⸗ ſammlung zuſammenberufen hatte, war eine große vier⸗ eckige, ringsum mit Mauern beſchloſſene Ebene. An ih⸗ rer öſtlichen Seite erhob ſich die Abtei der Byloke mit ihrer ſchönen und prächtig gebauten Kapelle, und neben derſelben das Hospital der Brüder und Schweſtern vom gemeinen Leben, in welchem ein Theil der Stadtkranken verpflegt wurde. Mitten auf der Ebene ſtand eine hohe Linde, und am Fuße derſelben war ein Damm mit Erde aufgewor⸗ fen und mit Bretern eingezäunt. Ein eigenthümliches Schauſpiel entfaltete ſich auf dieſer ausgedehnten Ebene. Sie war ganz mit Menſchen bedeckt, ſo daß man nur mit Mühe hier und da zwiſchen der wimmelnden Menge den Boden erblicken konnte. Dennoch gewahrte man unter der Menge keine Ver⸗ wirrung. Jeder ſchien ſeines Gleichen aufgeſucht zu ha⸗ ben; denn ſelbſt an der Kleidung konnte man bemerken, daß eine gewiſſe Ordnung dem Volke als Regel gedient hatte, um auf der Byloke ſeinen Stand einzunehmen. — 44 Jakob von Artevelde. In der Nähe der Abtei befand ſich ein zahlreicher Hau⸗ fen Bürger, mit langen Kollern von Sammet oder fei⸗ nem Genter Tuch, bei denen Schwarz oder Dunkelblau die herrſchenden Farben waren. Um die Lenden trugen ſie einen Riemen oder Gürtel mit einer Taſche von Cor⸗ duan und einem Dolche oder Meſſer an derſelben. Einige hatten auch Mäntel umgeſchlagen, die auf einer Seite ganz offen waren. Hier ſtand der weiſe Mann, um⸗ geben von der Mehrzahl der Schöffen von Gent und den Kaufleuten und vornehmen Bürgern. Sie unterhielten ſich ruhig mit einander, die feſtgeſetzte Stunde erwartend. Weiter hin im Winkel des Hospitals und längs der Südmauer hatten ſich alle Gilden aufgeſtellt, welche zur Weberei gehörten. Vor dem Hauſe von Sanct Agneete befanden ſich die Walkmüller, während der Reſt der Ebene von den Genoſſen der zweiundfunfzig kleinen Gil⸗ den eingenommen worden war. So ſehr hatten ſie ſich jedoch nicht nach Rang und Stand abgeſchieden, daß die Grenzen der verſchiedenen Zünfte und der vornehmen Bürger ſich deutlich abgeſteckt zeigten; im Gegentheil, es war ein fortwährendes Wo⸗ gen, welches die ganze Maſſe zu einem gleichartigen Hau⸗ fen zu machen ſchien, trotz dem daß jede Gilde ihren Mittelpunkt an einem beſtimmten Platze gewählt hatte. Es hatte dies Niemand gerathen oder befohlen, aber die Zünfte waren ſo gewohnt, ſich immer zuſammenzu⸗ halten, daß ſie es ſelbſt auch da thaten, wo Nichts dar⸗ auf ankam. Eine Anzahl Frauen und Kinder hatte ſich auch er⸗ kühnt, Sie ſar genden belaſtet Mo nicht b⸗ ſeine B die rauf Die Handw dieſelbe. fiel ihne war vor doch be Handwe Handbe ren Bü Kopfe n bis an d Boerhen konnte n Vierecke Strümp braun b der Män Die ſich nicht von dund die Füße cher Hau⸗ oder fei⸗ zunkelblau en trugen von Cor⸗ n. Einige ner Seite nn, um⸗ t und den nterhielten rwartend. längs der welche zur t Agneete Reſt der inen Gil⸗ kang und ſchiedenen abgeſteckt ades Wo⸗ gen Hau⸗ ilde ihren ihlt hatte. Zlen, aber mmenzu⸗ ichts dar⸗ auch er⸗ Jakob von Artevelde. 45 kühnt, aus Neugier dieſer Verſammlung beizuwohnen. Sie ſaßen oder ſtanden in den Ecken, welche die vorſprin⸗ genden Pfeiler der Mauer bildeten, deren Rücken ganz belaſtet war mit Knaben des verſchiedenſten Alters. Man konnte an dem frohen und aufgeregten Volke nicht bemerken, daß eine bittere Kälte herrſchte. Nur ſeine Winterkleidung und die entblätterte Linde deuteten die rauhe Jahreszeit an. Die Kleidung aller Derjenigen, welche durch ein Handwerk ihr Brod verdienen mußten, war beinahe dieſelbe. Ein kurzer Koller oder geſchloſſenes Oberkleid fiel ihnen bis an die Kniee herab. Der Gürtelriemen war von rauhem ausgezacktem Leder, ohne Taſche, je⸗ doch bei Vielen mit Meſſer, bei noch Mehreren mit Handwerksgeräth, wie zum Beiſpiel Hämmern, Kellen, Handbeilen oder Schiffshaken, verſehen. Wie alle ande⸗ ren Bürger trugen ſie eine Kappe von Tuch auf dem Kopfe und Strümpfe von Tuch, die von den Schuhen bis an die Lenden reichten. Die Männer von Ackerghem, Boerhem und anderen Kirchſpielen der Buiten⸗Kuipe konnte man faſt alle erkennen an ſchwarzen und weißen Vierecken, die bis an die Hälfte des Beines in ihre Strümpfe gewebt waren. Hellgrün, Hellroth und Hell⸗ braun bildeten die vorherrſchenden Farben in der Tracht der Männer. Die Frauen der Zunftgenoſſen— andere befanden ſich nicht auf der Byloke— trugen ein langes Gewand von dunkelrothem oder dunkelblauem Tuch, das bis auf die Füße herabhing, eine Schürze von grober Leinwand Jakob von Artevelde. und ein Regentuch von reinem weißem Linnen, das auf verſchiedenartige Weiſe rings um den Kopf in Falten befeſtigt war. Die dritte Stunde klang von dem Thurme der Abtei herab. Artevelde wollte ſich eben der Linde nähern und die Erhöhung beſteigen, um zu dem Volke zu reden, als ſich plötzlich am Eingang der Byloke ein größeres Wo⸗ gen in der Menge zeigte und ein verwirrtes Geräuſch von Stimmen ſich von dorther vernehmen ließ. Es war der Oberdechant der Gilden, Geeraert Denys, der mit ſeinem Sohne Lieven die Ebene betrat und von den Zunftgenoſſen mit Freude begrüßt wurde.— Daß die⸗ ſer Bürger, der um ſeines ſteten freimüthigen Redens willen verbannt worden, jetzt zurückkehren durfte und vor den Augen der Schöffen von Gent ſelbſt ſich auf der Byloke zeigte, war ihnen bereits ein Zeichen der Volks⸗ macht und Befreiung. Obwohl Geeraert Denys ſrüher nicht ſehr beliebt geweſen, ja ſich ſogar wegen ſeines ſchroffen Hochmuthes den Haß Vieler zugezogen hatte, ſo gab dieſer Umſtand ihm doch ein großes Gewicht in der Meinung der Menge, und ſie jauchzte, als er hin⸗ durchging, wie über einen Sieg. Die Empfindungen und Gefühle, welche in Geeraert Denys' Herzen vorwalten mochten, konnte ein ſinniger Mann deutlich in ſeinen Geſichtszügen leſen. Seine Stirn war hoch und ſchmal, jedoch weit genug, um, wenn auch nicht Größe und Weisheit, doch Ueberlegung und Schlau⸗ heit zu umfaſſen; ſeine kleinen ſchwarzen Augen, faſt immer halb geſchloſſen, um den feurigen, aber falſchen 3 * Blick mus, ges bi wegen Geſtall Beneh A mit de überall freundl etwas ſeinen; große 8 Einige, nung ih Als Jubel. ten und Geeraer einem g Arteveld Ihr anfc Arte den Obe begnügte ſagen, u Als ſteigen ſa zu meſſen das auf in Falten der Abtei ihern und reden, als eres Wo⸗ Geräuſch Es war ‚der mit von den Daß die⸗ n Redens urfte und ch auf der er Volks⸗ ys früher gen ſeines gen hatte, zewicht in ls er hin⸗ Geeraert ſinniger ine Stirn venn auch d Schlau⸗ gen, faſt r falſchen Jakob von Artevelde. 47 Blick zu verhüllen, verkündeten Verſtellung und Egois⸗ mus, während ſeine ſchmalen Lippen, durch ein beſtändi⸗ ges bitteres Lächeln zuſammengezogen, Haß und Ver⸗ wegenheit andeuteten. Uebrigens war er von mittlerer Geſtalt, ſtolzer Haltung und gewandt in Rede und Benehmen. Anſtatt nach der Stelle zu gehen, wo ſich Artevelde mit den vornehmſten Bürgern befand, drang Geergert überall durch die Schaaren der Zunftgenoſſen, Jedem freundlich die Hand drückend und Jedem insbeſondere etwas Angenehmes ſagend. Diejenigen, die ihn und ſeinen früheren Hochmuth kannten, erſtaunten über die große Leutſeligkeit des Oberdechanten. Es gab ſelbſt Einige, die ſich ſpöttiſch zuflüſterten, daß die Verban⸗ nung ihm gut gethan habe. Als er ſich den Webern näherte, erhob ſich ein neuer Jubel. Man grüßte den Dechanten laut auf allen Sei⸗ ten und empfing freudig ſeinen Händedruck. Nachdem Geeraert Denys alle dieſe Beweiſe der Volksgunſt mit einem gewiſſen Stolze eingeſammelt hatte, ging er zu Artevelde, wie Jemand, der da ſagen will: Nun könnt Ihr anfangen. Artevelde's Gruß war freundlich, aber kurz; er hatte den Oberdechanten bereits am Mittag geſprochen; jetzt begnügte er ſich damit, ihm lächelnd einige Worte zu ſagen, und ging dann unmittelbar auf die Linde zu. Als das geſammte Volk ihn den kleinen Hügel er⸗ ſteigen ſah, und ſein ehrfurchtgebietender Blick die Ebene zu meſſen ſchien, ſtieg ein langer Ruf:„Heil, heil dem 48 Jakob von Artevelde. weiſen Manne!“ gen Himmel, und es währte geraume Tief Zeit, ehe die jauchzende Menge wieder ſtill ward. Wer richteten in dieſem Augenblicke das Geſicht von Geeraert Denys Fülle un geſehen hätte, würde ein bitteres Lächeln auf demſelben Art von bemerkt haben. Im Inneren dieſes Mannes kämpften Arte Haß und Mißgunſt, und um dieſen Kampf zu verbergen, Un lachte er, wenigſtens glaubte er, er lache, während ſein heiten; ſ 4 Antlitz doch nichts zeigte als Bitterkeit. bezahlt 0. Sobald gänzliche Stille auf der Ebene herrſchte, er⸗ ihre Treu — hob Artevelde ſeine klare, mächtige Stimme und ſprach fleiß des zu dem Volke mit wenigen, aber ausdrucksvollen Ge⸗ da ſtirbt, berden: aller Ern „Genoſſen und Freunde! 4 wird, wer „Viele von Euch glauben, daß wir uns hier allein gertodes j 1 deshalb verſammelt haben, um auf Mittel zu ſinnen gegen Mangel a die Hungersnoth, welche unſerm unglücklichen Vaterlande in Flander ſeine letzten Kräfte zu rauben droht. Gewiß iſt dies das Volk die erſte Ziel, das wir erreichen müſſen; aber ich bitte Euch, ſchützen un Freunde, habt eine höhere Anſicht von dem Rieſenwerk,„Erin welches wir unternehmen. Flandern muß nicht allein Gemeine l Nahrung haben, ſondern zu gleicher Zeit Macht und Pflichten Freiheit, um ſeine Arbeit und ſeine Rechte gegen die gegen die Willkür vertheidigen zu können. Graf und „Um Euch die Kraſt der Mittel begreiflich zu ma⸗ Gott zum; chen, welche ich Euch darſtellen werde, als fähig Flandern den ſolle. ſeine vorige Größe und ſeinen Ruhm zurückzugeben, iſt es Lüge gewon nöthig, daß ich die Urſachen unſerer Erniedrigung mit Fürſten in ſtärkt hat d Euch unterſuche. Schenkt mir Eure ganze Aufmerkſam⸗ keit, Genoſſen!“„Wie Jakob von? geraume rd. Wer rt Denys demſelben kämpften verbergen, hrend ſein rſchte, er⸗ und ſprach ollen Ge⸗ hier allein men gegen Vaterlande t dies das bitte Euch, dieſenwerk, nicht allein Macht und gegen die ch zu ma⸗ g Flandern eben, iſt es rigung mit ifmerkſam⸗ Jakob von Artevelde. 49 Tiefe Stille herrſchte in der zahlloſen Menge; Alle richteten ihr)e Augen unbeweglich auf den Redner; die Fülle und Biegſamkeit ſeiner Stimme hatte bereits eine Art von Zauber auf die Zuhörer ausgeübt. Artevelde fuhr folgendermaßen fort: „Unſere Väter beſaßen große und zahlreiche Frei⸗ heiten; ſie hatten ſie mit ihrem Blute und ihrem Gelde bezahlt oder ſie von guten Fürſten als Belohnung für ihre Treue und Anhänglichkeit erhalten. Der Gewerb⸗ fleiß des Volkes iſt ein Kind der Freiheit, ein Kind, das da ſtirbt, wenn ſeine Mutter es verläßt. Wenn daher aller Erwerb in Flandern darniederliegt und vernichtet wird, wenn Tauſende ſeiner Kinder des gräßlichen Hun⸗ gertodes ſterben, ſo iſt meiner Meinung nach nicht der Mangel an engliſcher Wolle Schuld daran, ſondern daß in Flandern die Freiheit ihr Kind verlaſſen hat, daß das Volk die Macht nicht mehr beſitzt, ſeine Arbeit zu be⸗ ſchützen und zu vertheidigen. „Erinnert Euch, wie es früher war. Jede vlämiſche Gemeine hatte ihr geſchriebenes Recht, in welchem ihre Pflichten gegen den Fürſten und die Pflicht des Fürſten gegen die Bürger klar und redlich ausgeſprochen waren. Graf und Volk, beide riefen unter dem blauen Himmel Gott zum Zeugen, daß dieſes Recht nie geſchändet wer⸗ den ſolle. Jetzt aber iſt das Recht der Gemeinen eine Lüge geworden, während im Gegentheil das Recht des Fürſten in den Händen der franzoͤſiſchen Könige ſich ver⸗ ſtärkt hat durch alle uns entriſſenen Freiheiten. „Wie kommt es, daß wir, die Nachkommen derjeni⸗ Jakob von Artevelde. 4 50 Jakob von Artevelde. gen, welche im Weſten zuerſt die Verkündiger der Frei⸗ heit waren, uns ſo feigherzig in neue Feſſeln haben ſchla⸗ gen laſſen? Iſt das vlämiſche Blut vielleicht ausgear⸗ tet in unſern Adern? Wären wir ein geſunkenes Volk, das der Freiheit unwürdig geworden iſt? Nein, nein, Freunde! Die Söhne des alten Flanderns ſind keine Baſtarde, ſie ſind die Schlachtopfer einer hölliſchen Ver⸗ ſchwörung, die ich vor Euren Augen enthüllen will;— aber heute, ich hoffe es, Brüder, heute werden ſie ſich erheben, ihre Ketten zerbrechen, den Löwen von Gent als das Zeichen der Erlöſung begrüßen und mit dem einzi⸗ gen Worte: Wir wollen! das Gebäude zertrümmern, unter welchem die Tyrannei unſere Freiheiten in das Grab gelegt zu haben glaubt....“ Artevelde hatte dieſe letzten Worte mit ſichtbarer Begeiſterung geſprochen; auch ward er plöͤtzlich durch ſchallenden Jubel und den Ruf:„Flandern den Löwen! Freiheit und Nahrung!“ der aus allen Winkeln der Byloke donnernd gen Himmel ſtieg, unterbrochen. Gleich darauf ward es wieder ſtill, und Artevelde fuhr fort: „Wer hat uns unſerer Freiheiten beraubt, und durch welche Mittel hat man in uns die wachſame Auf⸗ merkſamkeit getödtet? Ach, es iſt ein Jahrhunderte lan⸗ ger Betrug, ein feiler Verrath von dreihundert Jahren. Der franzöſiſche Hof hat die vlämiſchen Gemeinen zuerſt mit Schrecken entſtehen ſehen, weil er fürchtete, daß wir den anderen Völkern das Streben nach Freiheit mitthei⸗ len würden. Später hat er obendrein uns wegen unſe⸗ res R glaubt zu kön Bürge ſeine F erkannt ſich die fremden unüber Bahn die wir an Ma rathes! reichs K tel verſe kommer Unkennt vergiftet und ma Frankre⸗ Glückes anvertra Freiheite ſten that Aber die Gemeine benskraf noch, wer gemeinſch r der Frei⸗ haben ſchla⸗ ht ausgear⸗ kenes Volk, Nein, nein, ſind keine liſchen Ver⸗ en will;— rden ſie ſich on Gent als dem einzi⸗ rtrümmern, iten in das t ſichtbarer ötzlich durch den Löwen! Vinkeln der rochen. nd Artevelde raubt, und chſame Auf⸗ underte lan⸗ dert Jahren. neinen zuerſt ate, daß wir heit mitthei⸗ wegen unſe⸗ Jakob von Artevelde. 51 res Reichthums und unſerer Wohlfahrt beneidet. Er glaubte eine Zeit lang, uns durch Uebermacht erdrücken zu können, aber er erfuhr zu ſeinem Schaden, was ein Bürger vermag, der ſein Vaterland, ſeine Habe und ſeine Freiheit vertheidigt. So lange unſere Fürſten uns erkannten und uns anhingen, wie wir ihnen, ſo lange ſich die vlämiſchen Grafen unabhäͤngig erhielten von fremdem Einfluß und fremder Thorheit, war Flandern unüberwindlich; nichts konnte uns zurückhalten auf der Bahn des Wohlſtandes und der freien Entwickelung, die wir uns eröffnet hatten. Aber wo es der Tyrannei an Macht und Muth fehlt, da bedient ſie ſich des Ver⸗ rathes und der Falſchheit. So ging es auch hier. Frank⸗ reichs Könige haben mit teufliſcher Berechnung, kein Mit⸗ tel verſchmähend, die Kinder unſerer Grafen nach Paris kommen laſſen und ſie nach ihrem Willen erzogen in Unkenntniß von Flanderns Sprache und Sitten. Sie vergifteten das vlämiſche Blut in den Adern derſelben und machten ſie zu franzöſiſchen Höflingen, bereit für Frankreichs Größe zu wirken, ſelbſt auf Koſten des Glückes ihrer Unterthanen, welche Gott ihrem Schutze anvertraut hatte. Wie war es doch leicht, uns unſere Freiheiten zu entreißen, da man es im Namen von Für⸗ ſten that, die wir ehrten um ihrer Väter willen..... Aber dies ging noch nicht raſch genug. Die Wunden der Gemeinen verharſchten zu bald wieder, weil zu viel Le⸗ benskraft in ihren Körpern war. Fürſt und Volk waren noch, wenn auch nicht durch gegenſeitige Liebe, doch durch gemeinſchaftliche Intereſſen mit einander verbunden. Die⸗ 4* 52 Jakob von Artevelde. ſes Band mußte zerriſſen werden. Man ſäete Zwiſt und Aufruhr; man ſtand wechſelsweiſe dem Volke gegen den Grafen und dem Grafen gegen das Volk bei. Es erzeugte ſich Haß und mit dem Haſſe Zwietracht und Schwäche. „Damals war es, wo die Könige von Frankreich, unter dem Scheine der Freundſchaft, unſere Grafen nach Paris lockten und ſie dort verrätheriſch zwangen, ge⸗ waltſam unſere Sklaverei zu beſiegeln. Wißt Ihr, Brü⸗ der, wo das Grab unſerer Freiheit ſein würde, wenn ſie ſterben könnte? Zu Paris in den Kerkern des Louvre. Dort hat Graf Ferrand die Abtretung des walloniſchen Flanderns unterzeichnet; dort Graf Gwyde den ſchänd⸗ lichen Vertrag von Melun beſtätigt; dort Graf Ruprecht von Bethune das feige Bündniß der Ungerechtigkeit un⸗ terzeichnet; dort unſer gegenwärtiger Graf Ludwig die unmittelbare Oberherrſchaft Frankreichs über Flandern anerkannt; dort hat derſelbe von Neuem unſere Städte Ryſſel(Lille), Douay und Orchies an Frankreich abge⸗ treten; dort mit einem Worte hat er die Vernichtung unſerer Freiheiten beſchworen. „Seit dieſem letzten Ereigniſſe hat man nicht allein unſere Vorrechte mit Füßen getreten, man hat uns auch die Kraft geraubt, Etwas zu unternehmen, um das vä⸗ terliche Erbe wieder zu gewinnen. In der Schlacht der gol⸗ denen Sporen entdeckte Frankreich, worin unſere Macht beſtand: die vlämiſche Bürgerſchaft hatte die franzöſiſche Ritterſchaft vernichtet. Demzufolge mußten die Gemeinen entwaffnet werden, nicht durch Gewalt, ſondern durch Liſt. So geſchah es; wehrlos wurden wir zu den Füßen als Lü Engla Erbſch ging d von F gegen nach F ward Eduar Wolle waffne ſerer T Hollan wenn Ein Ja und ſie gersnot „, 1 Unglüc reichs b und es aufſuche Verratl viſt und gen den erzeugte chwäche. ankreich, fen nach n, ge⸗ r, Brü⸗ , wenn Louvre. oniſchen ſchänd⸗ kuprecht keit un⸗ wig die landern Städte h abge⸗ richtung t allein ns auch das vä⸗ der gol⸗ Macht zöſiſche rmeinen n durch Füßen Jakob von Artevelbe. 53 der Könige von Frankreich hingeworfen; ſie konnten mit uns nach ihrem Willen thun und ärnteten nun die Früchte hundertvierzigjähriger Verführung unſerer Für⸗ ſten und abſcheulichen Meineids. „Wir mußten bald erkennen, daß ſelbſt die wenigen Scheinfreiheiten, die man uns gelaſſen hatte, weiter nichts als Lügen für unſere Herren waren. König Eduard von England begann Philipp von Valois die Rechte auf die Erbſchaft der franzöſiſchen Krone ſtreitig zu machen. Uns ging dieſer Zwiſt nichts an, und doch zwang der König von Frankreich unſern Grafen, die engliſchen Kaufleute gegen Geſetz und Recht in Flandern feſtzuhalten und ſie nach Frankreich in den Kerker zu führen. Ach! Flandern ward das unſchuldige Opfer dieſer Gewaltthat. König Eduard verbot zur Vergeltung die Ausfuhr engliſcher Wolle nach Flandern. Er ließ unſere Küſten durch be⸗ waffnete Schiffe bewachen, verhinderte die Einfuhr un⸗ ſerer Tücher in ſein Land, brachte den Wollſtapel nach Holland und ermuthigte die angränzenden Nationen, uns, wenn es möglich wäre, unſern Gewerbfleiß zu rauben. Ein Jahr verging, ſeit dieſer Schlag uns getroffen hat, und ſiehe da, in Flandern herrſcht die gräßlichſte Hun⸗ gersnoth! „Was that unſer Graf, durch deſſen Schuld das Unglück Flandern getroffen hat? Auf den Rath Frank⸗ reichs berief er eine Tagefahrt der Gemeinen zu Brügge, und es hatte den Anſchein, als wolle man dort Mittel aufſuchen, um die vlämiſchen Gilden wieder zu beleben. Verrath! Man bemühte ſich, unſere Abgeſandten zu 54 Jakob von Artevelde. überreden, Frankreich noch mehr zuzugeſtehen. Ein ein⸗ ziger Bürger,— ha, es war ein Bürger von Gent!— wagte dort die Stimme zu erheben, um zu beweiſen, daß man die großen Beziehungen zwiſchen Flandern und England wieder herſtellen müſſe. Der dies ſagte, war ein berühmter Ritter, welcher vierzig Jahre lang ſeinem Fürſten treu gedient hatte; er war ſogar der Buſen⸗ freund des Grafen Ruprecht von Bethune geweſen. Dies Alles konnte ihn doch nicht vor Verrath und Unrecht behüten. Ein Befehl des franzöſiſchen Fürſten warf den Marſchall von Flandern, den alten greiſen Segher de Cortrazyn, in einen Kerker von Rupelmondeſtein. Ihr wißt, was Gent gethan hat, um die Befreiung ſeines edlen Mitbürgers zu erlangen. Der Graf verwarf lange Zeit das Flehen unſerer Abgeſandten. Endlich, als un⸗ ſere Bitten, als vielleicht das Gefühl ſeiner Ungerechtig⸗ keit ihn rührten, ſagte er, als wäre es eine gnädige Antwort geweſen: Geht nach Paris und fragt den Kö⸗ nig, ob er es erlaubt. „Feigheit, Erniedrigung! Eine vlämiſche Gemeine muß in Paris das Recht ihres Mitbürgers vertheidigen, vor dem Fremdling knieen und das Recht erbitten als eine Gnade! So tief ſind wir geſunken, Freunde, Mit⸗ bürger! Aus dieſer Tiefe ſollen wir uns heute ruhm⸗ würdig erheben, wenn noch das Blut unſerer Väter durch unſere Herzen ſtrömt und wir uns erinnern dür⸗ fen, was wir ſind, Vläminger und Genter!“ Ein donnerndes Rufen ſchlug bei dieſen Worten gen Himmel. Man konnte in dieſem verwirrten Schreien und Ja rief. N dern de allen Lo Ghe cheln zu „8 Worte. nicht vie We hört, in wieder 2 — 4/ G unſerer beſonder viele Bü gegen de ſere Gro „Es eine roh Dieſ auf Arte auf die5 nen ruhi „W ehre es. chen hab kommt e⸗ Nein, ne Ein ein⸗ hent!— veweiſen, dern und te, war g ſeinem Buſen⸗ n. Dies Unrecht varf den egher de in. Ihr g ſeines erf lange als un⸗ erechtig⸗ gnädige den Kö⸗ Gemeine heidigen, tten als e, Mit⸗ 2 ruhm⸗ r Väter rn dür⸗ rten gen Schreien Jakob von Artevelde. 55 und Jauchzen nicht deutlich verſtehen, was die Menge rief. Nur hier und da hörte man die Looſung:„Flan⸗ dern den Löwen! Freiheit und Nahrung!“ ſich über allen Lärm erheben. Gheraert Denys ſagte unterdeſſen mit falſchem Lä⸗ cheln zu denen, die rings um ihn ſtanden: „Das ſind wohl ſchöne Worte, aber es ſind nur Worte. Wenn man Flandern ſo retten will, ſo wird nicht viel herauskommen.“ Wenige hatten dieſen Spott des Oberdechanten ge⸗ hört, indem ſich Jeder jetzt mit voller Aufmerkſamkeit wieder Artevelde zuwandte, welcher fortfuhr: „Genoſſen! Ich habe ausführlich von den Urſachen unſerer Erniedrigung zu Euch geredet. Ich hatte einen beſonderen Grund dazu. Es giebt in Gent viele, ſehr viele Bürger, welche glauben, daß wir kein Recht haben, gegen den Inhalt der Verträge zu handeln, welche un⸗ ſere Grafen beſtegelten..... 4 „Es ſind Leliaerds, wir wollen ſie ermorden!“ rief eine rohe Stimme. Dieſe Worte übten ſichtbar einen peinlichen Eindruck auf Artevelde aus; denn er beugte das Haupt betrübt auf die Bruſt. Gleich nachher warf er aber wieder ſei⸗ nen ruhigen Blick über die Ebene und fuhr fort: „Woraus dieſes Gefühl auch entſpringen möge, ich ehre es. Aber ſind wir es, Bürger, die den Eid gebro⸗ chen haben, um des Fürſten Recht zu kränken? Wie kommt es denn, daß wir alle unſere Rechte verloren? Nein, nein! Jedes Mal, wo in den Kerkern des Louvre 56 Jakob von Artevelde. ein Vertrag unterzeichnet wurde, brachen unſere Grafen, und nicht wir, den feierlich geſchworenen Eid. Ach! ich klage unſere unglücklichen Fürſten nicht an. Erſt ward ihnen das Blut verfälſcht; dann wurden ſie mit Gewalt gezwungen, und waren eben ſowohl wie wir die Opfer der Gewalt und des Verrathes. „Man ſpricht von Bündniſſen, welche unſere Grafen in unſerem Namen eingingen. Aber dieſe Bündniſſe haben keinen Werth. Sie wurden im Kerker erpreßt; ihr Beſtehen bezeugt Frankreichs ſchnöde Herrſchſucht, nicht unſere Pflicht. Ihr, die Ihr unſer Recht bezweifelt, gebt Ihr zu, daß ein freies und mannhaftes Volk ſich zu ewiger Sklaverei verdammen laſſe, aus Ehrfurcht vor Bündniſſen, welche der Kerkermeiſter und der Büttel ſchließen? So gebt denn auch zu, daß ein Mörder, wel⸗ cher einem Reiſenden ſein Geld abnimmt, indem er ihm das Meſſer an die Kehle ſetzt, dieſes Geld mit vollem Rechte beſitze!.... Und reichte dies Alles noch nicht hin, um die Furchtſamſten von unſerem Rechte zu über⸗ zeugen; ſo giebt es ein Geſetz, dem weder Fürſten noch Völker entgehen können, eine Macht, ſo groß, daß die heidniſchen Griechen ſie zu einer Gottheit machten, die alle anderen Götter beherrſchte:— es iſt die Nothwen⸗ digkeit! die Nothwendigkeit, Flandern zu retten, ehe die Hungersnoth es in eine Wüſte verwandelt. „Nun, Genoſſen, habe ich Euch unſer Recht darge⸗ ſtellt, jetzt will ich zu Euch von den Mitteln reden, um es geltend zu machen. Fürwahr, Ihr werdet Euch wun⸗ dern über deren Einfachheit; aber ich hoffe, daß Ihr zu derſell Auf f zu Fre Gemei tung; Freihe Waffe Genoff ſeinen wieder kanntſe ſetze ſt armen Stadtr und Z ganze Hauptl! wählt. der, au Ruf m Tyrann im Lou nein, des letz nen.. wie der Grabe 2 2 te Grafen, Ach! ich Erſt ward it Gewalt die Opfer re Grafen Bündniſſe r erpreßt; errſchſucht, bezweifelt, Volk ſich furcht vor der Büttel rder, wel⸗ em er ihm nit vollem noch nicht zu über⸗ irſten noch z, daß die chten, die Nothwen⸗ n, ehe die icht darge⸗ eden, um Luch wun⸗ aß Ihr zu Jakob von Artevelde. 57 derſelben Zeit ihre wunderbare Macht begreifen werdet. Auf folgende Weiſe, meine ich, wird Flandern wieder zu Freiheit und Nahrung gelangen. „Vor unſerer Erniedrigung beruhte alle Macht der Gemeinen auf unſerer unübertrefflichen Kriegseinrich⸗ tung; man wußte in Flandern, daß ein Herz, um die Freiheit zu lieben, nicht hinreicht, daß man auch eine Waffe haben muß, um ſie zu vertheidigen. Wohl denn, Genoſſen! Morgen früh bringe jeder Bürger von Gent ſeinen Gutentag, ſeinen Kreuzbogen oder ſein Schwert wieder an das Licht der Sonne; er mache wieder Be⸗ kanntſchaft mit den alten Freunden unſerer Väter und ſetze ſie in guten Stand. Die Gemeine wird ihren armen Bürgern auf ihre Koſten Waffen ſchenken. Jedes Stadtviertel wird wie ehemals eingetheilt in Hunderte und Zehnten unter Centeniers und Conſtabler; über die ganze Macht der Gemeine von Gent ſtellt man vier Hauptleute und einen Oberhauptmann vom Volke er⸗ wählt. So haben wir mit einem Male die Macht wie⸗ der, auf welche ſich unſere Väter ſtützten. Auf den erſten Ruf werden wir wie eine eherne Mauer zwiſchen den Tyrannen und unſeren Rechten uns erheben; man ſoll im Louvre unſere Knechtſchaft nicht mehr unterzeichnen; nein, nein! allein auf unſeren Leichen mit dem Blute des letzten Vlämingers ſoll die Freiheit erliegen kön⸗ nen..... Aber auch das wird ſie nicht; denn ſie iſt wie der Vogel Phönix, welcher ſich ſtets aus ſeinem Grabe mit neuen Kräften wieder erhebt! „Als erſte That der freien Gemeine von Gent er⸗ Jakob von Artevelde. klären wir feierlich unter Gottes Himmel, daß wir alle die im Louvre von unſeren Grafen erpreßten Verbind⸗ lichkeiten nicht anerkennen als Früchte der Falſchheit und des Meineides. Wir ſenden aus Gent den Ruf der Frei⸗ heit und Erlöſung über ganz Flandern, und ich ſage es Euch, denn ich weiß es nur zu gewiß, aus allen Gegen⸗ den wird der Ruf:„Flandern den Löwen! Freiheit und Nahrung!“ Euch antworten als ein Zeichen des Er⸗ wachens. Brügge und Ypern ſind bereit; ſie erwarten nur unſeren brüderlichen Ruf. „Ach, Genoſſen! wenn Flandern auf dieſe Weiſe ſechzigtauſend Mann an ſeine Grenzen ſenden kann, dann wird man zwei Mal hinſehen, ehe man dem ſtolzen Löwen einen Maulkorb zu zeigen wagt. „Sobald wir dieſe Macht beſitzen, wird an uns die Reihe ſein, Forderungen zu machen und ihnen Geltung zu verſchaffen bei Allen, welche unſere Rechte verletzt ha⸗ ben. Nicht allein unſere Freiheiten müſſen wir alle zu⸗ rückerhalten, ſondern auch das walloniſche Flandern muß wieder mit dem gemeinſamen Vaterlande vereinigt wer⸗ den. Ja, Genoſſen, mit Gottes Hülfe werden wir Ryſ⸗ ſel, Douay und Orchies befreien aus den Händen der Fremden.— Dies war es, was ich Euch über Freiheit und Macht zu ſagen hatte. Jetzt höret, was Arbeit und Nahrung betrifft..... „Die Könige von Frankreich und England rüſten ſich, einen blutigen Krieg gegen einander zu führen; das Schwert Flanderns wird unendlich ſchwer wiegen in dieſer Waage; ſelbſt unbewaffnet und ausgehungert flößt das welche un ben habe nen. Nu neutralen noch gege ſich entſch „Nie von Geld erklärt ha lich aufge bindlich m land zu ke fenden Flo daſſelbe A zu wieder Ueberfluß einem lan und eifrig fleißes. 2 des Woh ſtandhaft Niemande jedes Voll Boden ſet vlämiſche „Dies verlangt h zu Flander vir alle zerbind⸗ heit und eer Frei⸗ ſage es Gegen⸗ heit und des Er⸗ rwarten e Weiſe n kann, ſtolzen uns die Geltung letzt ha⸗ alle zu⸗ ern muß igt wer⸗ dir Ryſ⸗ iden der Freiheit beit und drüſten führen; wiegen ehungert Jakob von Artevelde. 59 flößt das vlämiſche Volk noch Schrecken ein. Ihr wißt, welche ungewöhnliche Mühe ſich die beiden Fürſten gege⸗ ben haben, um unſere Hülfe zu behalten oder zu gewin⸗ nen. Nun denn, wir wollen Flandern für einen freien, neutralen Boden erklären, deſſen Bewohner weder für noch gegen Frankreich, weder für noch wider England ſich entſcheiden. „Niemanden von uns iſt unbekannt, daß der Graf von Geldern im Namen des Königs Eduard zwanzigmal erklärt hat, das Verbot auf die Wolle ſolle augenblick⸗ lich aufgehoben werden, ſobald die Vläminger ſich ver⸗ bindlich machten, nicht im franzöſiſchen Heere gegen Eng⸗ land zu kämpfen. Hat man dieſen Vorſchlag dem ſchla⸗ fenden Flandern gemacht, wie wird man ſich nicht beeilen, daſſelbe Anerbieten dem erwachten Flandern mit Freude zu wiederholen! Dann wird es Arbeit und Nahrung im Ueberfluß geben; denn während die anderen Völker in einem langen Kriege ſich erſchöpfen, werden wir friedlich und eifrig arbeiten an der Entwickelung unſeres Gewerb⸗ fleißes. Demgemäß wollen wir mächtig ſein und uns des Wohlſtandes erfreuen, ſo müſſen wir muthig und ſtandhaft unſere Neutralität behaupten. Wir fordern Niemanden heraus, wir greifen Niemanden an; aber jedes Volk, jeder fremde Fürſt, der den Fuß auf unſeren Boden ſetzt, ſehe in uns einen Feind und fühle, was der vlämiſche Löwe vermag! „Dies iſt, Genoſſen, der Rath, den Ihr von mir verlangt habt. Weiß Jemand von Euch etwas Beſſeres zu Flanderns Heil, der ſage es.“ Jakob von Artevelde. Kaum hatte Artevelde die Linde verlaſſen, ſo ſtieg der Ruf:„Heil, Heil dem weiſen Manne! Freiheit und Nahrung! Flandern den Löwen!“ mit unendlichem Ju⸗ bel gen Himmel; das frohe Geſchrei wurde mehrere Male wiederholt und währte noch lange, obwohl bereits ein anderer Redner unter der Linde ſtand und mit der Hand Stille winkte. Unterdeſſen war Artevelde nach ſeinem erſten Platze zurückgekehrt und empfing die Dankſagungen der Schöf⸗ fen und anderer vornehmer Bürger. Ghelnoot von Lens fiel ihm um den Hals und lachte unter heißen Thränen; Lieven Denys hatte Artevelde's Hand ergriffen und ſtand mit geſenktem Haupte neben ihm, zitternd vor Eifer und Bewunderung. Der Sprecher, der den Hügel unter der Linde nach Artevelde beſtiegen hatte, war Gheraert Denys. Es währte ziemlich lange, ehe das Volk ſich wieder ſo weit beruhigt hatte, daß er von demſelben verſtanden wer⸗ den konnte. Endlich richtete jedoch Jeder ſeine Blicke auf den wartenden Oberdechanten, und mit einer Stimme, welche, obwohl klar, doch nichts von dem beſaß, was die Herzen rührt; im Gegentheil, der Eifer gab ihr et⸗ was Hartes, und nicht ſelten ſchlug ſie über, begann er: „Genoſſen! was man Euch da geſagt hat, kann im Grunde ſchön ſein; aber nach meiner Meinung hat es einen Fehler; unter dem Scheine von großer Macht birgt es Schwäche und Furcht. Die Gemeine von Gent, das Land Flandern müſſen auf andere Weiſe zeigen, daß ſie die Unterdrückung des Volkes zu beſtrafen wiſſen. Was ſollen w kehren n ſchmeiche wir wier hat? La Unterdrü für unwt Sinne w die als F dem Gra Unkraut: die unſere leidet Hut Güter der dürftige 2 bis die ver Dieſe und unter endlich auc Ermut Ghergert „Und von Gent, macht hat, müthig ſpe denn ich bi Volke gewt und regiere der Perſon 7, ſo ſtieg reiheit und lichem Ju⸗ ſe mehrere ohl bereits nd mit der ſten Platze der Schöf⸗ t von Lens Thränen; und ſtand Eifer und Linde nach enys. Es der ſo weit nden wer⸗ Blicke auf Stimme, eſaß, was gab ihr et⸗ begann er: t, kann im ing hat es Nacht birgt Gent, das en, daß ſie ſen. Was Jakob von Artevelde. 61 ſollen wir zum Beiſpiel thun, wenn unſer Graf zurück⸗ kehren will? Sollen wir dann wieder dem Tyrannen ſchmeicheln und uns durch eiſten feſſeln laſſen? Sollen wir wieder kriechen unter der Hand, die uns gegeißelt hat? Laßt uns Flandern mit einem Schlage von ſeinen Unterdrückern erlöſen; man erkläre den Grafen der Krone für unwürdig; wir wollen einen Fürſten nach unſerem Sinne wählen. Ferner giebt es in Gent viele Bürger, die als Feinde des Volkes bekannt ſind und es ſtets mit dem Grafen und mit Frankreich gehalten haben; dieſes Unkraut muß ausgerottet werden; es ſind Schlangen, die unſere Freiheit bald vergiften würden. Das Volk leidet Hunger; wohlan, man taxire und verkaufe die Güter der Leligerds und theile den Ertrag unter das be⸗ dürftige Volk aus; dann kann es wenigſtens warten, bis die verſprochene Wolle nach Gent kommt.“ Dieſe Worte erweckten unter einigen kleinen Gilden und unter den Walkmüllern ein Jauchzen, welches ſich endlich auch auf die anderen Zünfte ausdehnte. Ermuthigt durch ſolchen Beweis des Beifalls fuhr Gheraert mit erhobener Stimme fort: „Und ich höre hier nicht ſprechen von der Obrigkeit von Gent, die ſich zur Mitſchuldigen der Tyrannen ge⸗ macht hat, um einen Bürger zu verbannen, welcher frei⸗ müthig ſprach. Ich ſage das nicht um meinetwillen; denn ich bin ſtolz darauf, das Opfer meiner Liebe zum Volke geworden zu ſein. Aber ſollen wir uns führen und regieren laſſen von Männern, die ſo feigherzig in der Perſon Eures Oberdechanten das Bürgerrecht von Jakob von Artevelde. Gent geſchändet haben? Fort mit allen dieſen Elenden! Das Volk muß ſich Schöffen wählen, die Muth haben und Leben und Habe wagen für die Gemeine.— Ihr wollt die alte Kriegseinrichtung wieder einführen; das iſt gut; aber ſoll nicht Alles auf eine machtloſe Prah⸗ lerei hinauslaufen, ſo wählt einen Oberhauptmann, der würdig ſei, Euch zu befehlen, einen Mann mit ſtähler⸗ nem Gemüth und eiſernem Arm, der vorwärts zu gehen wagt, ohne ſich umzuſehen. Wenn Ihr leichtſinnig ge⸗ nug wäret, ſolchen die Macht in die Hände zu geben, welche die Furcht unter dem Namen der Vorſicht ver⸗ bergen, dann würdet Ihr wahrſcheinlich bald unter Eu⸗ rer eignen Schwachheit erliegen. Nein, nein! Das Haupt der ganzen Gemeine muß ein Mann ſein, der nicht er⸗ ſchrickt, wo es nöthig iſt, ſein eignes Blut und das Blut Anderer für die Freiheit des Vaterlandes zu vergießen. Dies iſt der Rath, den ich Euch gebe.“ Das Volk jauchzte von Neuem lebhaft dem abtre⸗ tenden Redner zu, wahrſcheinlich nicht, weil es ſeine Reden ganz gut hieß; aber er ſprach von Freiheit, und das war genug. Außerdem war die Menge ſo aufge⸗ regt, daß ſie wohl jedem anderen Redner ebenſo zuge⸗ jauchzt haben würde. Nichtsdeſtoweniger iſt es wahr, daß unter den kleinen Gilden von Gent viele einzelne Männer waren, die durch langes Leiden erbittert ganz die Rachſucht des Oberdechanten theilten. Der Abend begann ſchon ſichtlich einzubrechen, und unter den Verſammelten fing eine Bewegung ſich zu ge⸗ ſtalten an, als ob Viele die Byloke verlaſſen wollten, in der lich al Ebene. und ſp 24 die Ver mit Fre Hauptſ tel, un Aber o Volksli⸗ und zun was er „Je Grundſe gewaltſa ihr größ auf meit anzuwen nur aus Schrecken ſehen, d brauch, machen, j ſeren Ang die unſer Feinde unr uns unfe würden ſ Elenden! ith haben — Ihr ren; das oſe Prah⸗ nann, der it ſtähler⸗ zu gehen nnig ge⸗ zu geben, ſicht ver⸗ nter Eu⸗ as Haupt nicht er⸗ das Blut ergießen. m abtre⸗ es ſeine deit, und o aufge⸗ ſo zuge⸗ s wahr, einzelne tert ganz en, und h zu ge⸗ wollten, Jakob von Artevelde. 63 in der Meinung, es ſei nun Alles abgemacht. Plötz⸗ lich aber entſtand wieder eine große Stille auf der Ebene. Artevelde ſtand von Neuem unter der Linde und ſprach: „Freunde! ſchenkt mir noch einen Augenblick Gehör; die Verſammlung gehe noch nicht auseinander. Ich habe mit Freuden gehört, daß Meiſter Gheraert Denys in der Hauptſache mit mir übereinſtimmt, hinſichtlich der Mit⸗ tel, um Flandern Nahrung und Freiheit zu ſchenken. Aber obwohl ich ſeinen ſtolzen Muth und ſeine innige Volksliebe verehre, ſo kann ich doch nach meinem Gefühl und zum Beſten des Vaterlandes nicht Alles gut heißen, was er geſagt hat. „Ich nehme als einen ewigen und unwiderlegbaren Grundſatz an, daß derjenige, welcher die Rechte Anderer gewaltſam verletzt, ſelbſt die Freiheit nicht verdiene, ja ihr größter Feind ſei. Fern ſei von mir der Gedanke, dies auf meinen muthigen Freund, Mher Geeraert Denys, anzuwenden; aber ich hörte, wenn auch, Gott ſei Dank! nur aus einem einzigen Munde, Worte, welche mich mit Schrecken erfüllten. Ich glaubte ein blutiges Schwert zu ſehen, das die Freiheit bedrohe.— Wiel der erſte Ge⸗ brauch, den wir von unſeren wiedergewonnenen Kräften machen, ſollte Tyrannei und Mord ſein, als Mittel, un⸗ ſeren Anſichten mit Gewalt Geltung zu verſchaffen und die unſerer Mitbürger zu verdrängen? Wenn unſere Feinde uns einen Rath geben könnten, ſo würden ſie uns unfehlbar zu ſolcher Gewaltthat antreiben. Sie würden ſagen: Vergießet Einer des Anderen Blut; 64 Jakob von Artevelde. ſchwächt Euch heimlich durch Haß, durch Unverträglich⸗ keit und Zwang— und wenn Ihr nach langen Zwiſtig⸗ keiten, nach ermattendem Bürgerkriege erſchöpft nieder⸗ ſinkt, dann werden wir Euch den Fuß auf die keuchende Bruſt ſetzen können und ſpottend herabſchauen auf die ſinnloſe Menge, welche nicht weiß, daß Eintracht die Feſtung der Freiheit iſt.— Genug von dieſem Irrthum; ich weiß, daß die ganze Gemeine darüber denkt, wie es Bürgern ziemt, die von ihrer Macht und ihrem Rechte überzeugt ſind.. „Man hat gefragt, was wir thun ſollten, wenn unſer geſetzlicher Fürſt nach Gent käme? Wenn er als Graf von Flandern kommt und nicht als Frankreichs Feldherr; wenn er mit uns die freie Neutralität des Vaterlandes vertheidigen will, nun, dann empfangen wir ihn mit Ehrfurcht und Freude, dann werden wir ihn mit Liebe und Anhänglichkeit umgeben; wir würden ihm Vlämiſch lehren und ihn zum Vläminger machen, ihm durch ſechzigtauſend zu ſeinem Dienſte bewaffnete Unterthanen eine Krone anbieten, die wohl die Krone von Frankreich demjenigen aufwiegt, der ſie mit Muth zu tragen weiß. Vergeßt nicht, meine Freunde, daß Graf Ludwig gegen den Willen ſeines Baters mit Gewalt nach Frankreich gebracht und dort erzogen worden iſt, damit er uns nicht kennen lerne, wie wir wirklich ſind. Ver⸗ geßt auch nicht, daß das Heldenblut unſerer Fürſten durch ſeine Adern ſtrömt. Will er ſich losreißen von Frankreich und Flanderns Graf ſein, zu Flanderns Ruhm, zu Flanderns Größe, ſo komme er..... 1* Eine und rief i „Abe eines feind „Dan freien Bor druck,„u fragen, ol nicht ein, werden m zu können. geehrt wer gegen. B von Frank licher Graf wir auf il Kräfte ver tiefer ſehen Vortheil a Einige mei neuern. 2 zig der me noch ſegnet dieſer ſchre gerecht har zuerſt in F vereinigten wundernsy tionen gem Jakob von!: träglich⸗ Zwiſtig⸗ nieder⸗ euchende auf die racht die rrthum; ,wie es n Rechte , wenn n er als ankreichs lität des npfangen rden wir r würden machen, dewaffnete die Krone nit Muth daß Graf walt nach ſt, damit nd. Ver⸗ r Fürſten eißen von Flanderns 77 Jakob von Artevelde. 65 Eine Stimme erhob ſich nicht weit von Artevelde und rief ihm zu: „Aber wenn der Graf zurückkommt an der Spitze eines feindlichen Heeres?“ „Dann werden wir das feindliche Heer in unſerem freien Boden begraben,“ antwortete Artevelde mit Nach⸗ druck,„und ſelbſt dann noch wollen wir unſern Grafen fragen, ob er ein Vläminger ſein will. Bildet Euch doch nicht ein, daß die Rechte des Fürſten nothwendig verletzt werden müſſen, um das Recht der Gemeine handhaben zu koͤnnen. Wenn ſie mit Redlichkeit auf beiden Seiten geehrt werden, ſo ſtehen ſie einander nicht feindlich ent⸗ gegen. Beachtet es wohl, Genoſſen! Mit dem Könige von Frankreich allein haben wir zu thun; unſer unglück⸗ licher Graf ſteht zwiſchen dem Fremdling und uns, damit wir auf ihn unſeren Haß laden und gegen ihn unſere Kräfte vergeuden. Laßt Euch nicht betrügen; Ihr müßt tiefer ſehen, wer heimlich dahinter ſteht und zu weſſen Vortheil alle dieſe Anſchläge gegen uns berechnet ſind. Einige meinen, man müſſe die Obrigkeit von Gent er⸗ neuern. Warum dieſen Schimpf gegen ſechsundzwan⸗ zig der mächtigſten Bürger von Gent, die Ihr geſtern noch ſegnetet wegen der großen Opfer, die ſie Euch in dieſer ſchrecklichen Hungersnoth brachten? Warum un⸗ gerecht handeln gegen die Nachkommen derjenigen, die zuerſt in Flandern das Ritterthum mit dem Bürgerthum vereinigten und dadurch unſer Vaterland zu einem be⸗ wundernswürdigen Vorbilde für freie und gerechte Na⸗ tionen gemacht haben? Wolltet Ihr jetzt ſo undankbar 5 Jakob von Artevelde. 66 Jakob von Artevelde. ſein, zu vergeſſen, daß Diejenigen, die man als unwür⸗ dig verbannen will, ſtets an Eurer Spitze ſtanden, wenn für Freiheit und Volksrecht gekämpft werden mußte? Nein, das könnt Ihr nicht! „Die Schöffen haben einen Bürger von Gent ver⸗ bannt; ſie haben es gethan in Folge der beſtehenden Ge⸗ ſetze. Dieſe Geſetze waren ungerecht, die Richter waren es nicht. Uns kommt es zu, dieſe willkürlichen Geſetze zu verändern und zu verbeſſern. „Uebrigens weiß ich nicht, wie jeder unſerer Schöf⸗ fen denkt über das, was wir thun wollen; aber ich bin Bürge für die ächte Freiheitsliebe der Mehrzahl der Mit⸗ glieder unſerer Obrigkeit. „Alle nutzloſe Ausübung der Macht iſt ſchädlich; ſie erbittert die Gemüther und bringt die beſte Sache zum Fall. Mein Gefühl widerſetzt ſich daher gegen alle Ge⸗ walt... „Und die Leliaerds, dieſe feigen Knechte Frank⸗ reichs!“ rief dieſelbe Stimme, die den Redner bereits unterbrochen hatte.„Sollen wir jetzt die Gelegenheit vorübergehen laſſen, ſie zu richten wegen ihres Ver⸗ rathes?“ Artevelde ſchien ſich nicht ſehr durch dieſe heftigen Fragen ſtören zu laſſen; er richtete nicht einmal den Blick nach der Gegend, aus welcher ſie zu ihm drangen, und beantwortete ſie mit ſolcher Ruhe, daß es ſchien, ſie wären in ſeinem eigenen Geiſte entſprungen. „Und was die Leliaerds betrifft, ſo ſage ich: die Gemeine hat keine Macht über die Gedanken ihrer Bür⸗ ger; ſi allgem ſind di machen über A richt zu „L meinen geben, müſſen. Freihei Hunger zum Sc ker, m würden tes verg daß die Ekel ein mit dem drückte freie Bi werk zu wort au Vaterlat löſung v „N in ſeinen mann, ſtählerne ls unwur⸗ den, wenn in mußte? Gent ver⸗ henden Ge⸗ hter waren hen Geſetze erer Schöf— ber ich bin hl der Mit⸗ chädlich; ſie Sache zum en alle Ge⸗ chte Frank⸗ dner bereits Gelegenheit ihres Ver⸗ ieſe heftigen nal den Blick rangen, und 3 ſchien, ſie n. age ich: die ihrer Bür⸗ Jakob von Artevelde. 67 ger; ſie darf allein die Thaten beſtrafen, wenn ſie dem allgemeinen Beſten ſchädlich ſind. Wir haben Geſetze; ſind dieſe nicht ſtreng genug, ſo müſſen wir ſie ſtrenger machen. Es iſt Sache der Schöffen dieſer Abtheilung, über Anſchläge gegen das Land und die Freiheit zu Ge⸗ richt zu ſitzen, wie über jedes andere Verbrechen. „Verſteht mich wohl, meine Freunde! Wenn Ihr meinen Rath befolgt, ſo wird das alte Gent ein Beiſpiel geben, welches ſpätere Jahrhunderte noch bewundern müſſen. Wir werden alle unſere Bande zerreißen, die Freiheit auf einen unerſchütterlichen Altar ſetzen, die Hungersnoth vertreiben und hunderttauſend Gutentags zum Schutze in unſerem Lande aufpflanzen. Andere Völ⸗ ker, minder als wir an Freiheit und Recht gewöhnt, winden, um ſolches Werk zu verrichten, Strome Blu⸗ tes vergießen und wie losgelaſſene Tiger wüthen, bis daß die Freiheit, mishandelt und befleckt, ihnen ſelber Ekel einfloͤßt. Wir dagegen, wir ſtürzen die Knechtſchaft mit dem einfachen Worte: Wir wollen! Als niederge⸗ drückte Sklaven legen wir uns zur Ruhe, als mächtige freie Bürger ſtehen wir auf;— und um das Rieſen⸗ werk zu vollführen, ſoll kein Stoß gethan, kein Schelt⸗ wort ausgeſprochen werden. So müſſen wir, in dem Vaterlande der Volksmacht und der Freiheit, die Er⸗ löſung verkündigen. „Noch ein Wort! Mher Geeraert Denys hat Euch in ſeiner kräftigen Anrede geſagt, daß der Oberhaupt⸗ mann, den Ihr wählen ſollt, ein Mann ſein muß mit Rißlernem Gemüth und eiſernem Arm, ein Mann, der, 5* 68 Jakob von Artevelde. ſein Blut und das Blut Ande⸗ Ja, Genoſſen, wo es die So meint es Mher De⸗ wo es die Noth fordert, rer zu vergießen wagt... Noth fordert, aber ſonſt nicht. nys gewißlich auch; ſein Rath iſt daher ein weiſer und guter Rath, den ich Cuch zu befolgen bitte. Wählt Euch ſolchen Mann zum Führer Eurer Schaaren, Ihr werdet wohl daran thun. Ich halte es auch noch für nöthig, Euch zu erinnern, was Euer Oberhauptmann als Obrigkeit ſein muß. Er ſitzt nach allem Rechte mit den Schöffen der Keure im Rath; aber täuſcht Euch nicht über ſeine Macht; er iſt in Allem, was er thut oder befehlen will, den Beſchlüſſen dieſer Schöffenbank unterworfen; er iſt Euer Feldherr, nicht das Haupt der Gemeine; gleich dem geringſten Bürger muß er den Ausſprüchen der Obrig⸗ keit von Gent gehorchen. „Man hat auch geſagt, daß die armen Mitglieder der Gilden noch viel leiden werden, bevor die verſprochene Wolle nach Flandern kommt. Freunde! ich bringe Euch eine gute Nachricht. Eine Anzahl reicher Bürger, von denen viele hier unter Euch gegenwärtig ſind, werden morgen anſehnliche Summen in die Kaſſe der Gemeine als Darlehen einſchießen. Der Betrag dieſer kräftigen Hülfe iſt größer als irgend Jemand hoffen durfte. Von morgen früh an ſollen die Vorſteher der Zünfte zu jedem Zunftgenoſſen in das Haus gehen und ihm geben, was er braucht, um mit Weib und Kindern fröhlich Arbeit und Nahrung abwarten zu können. Morgen früh ſoll auch eine Geſandtſchaft nach Antwerpen zu dem Grafen von Geldern gehen, und von da nach Dordrecht, um dort au zukaufe Bürger in beſſe 1 Eurer; werdet, leiſten? will zu mir die dertreue Es Volke l hobener ſchien. Verſam Thräner ner ſelb ſich Tar des Jau die Wo wühlte: den Füf weiſen Löwen! hören n Um Ande⸗ hes die her De⸗ iſer und hlt Euch r werdet nöthig, Obrigkeit Schöffen ber ſeine hlen will, n; er iſt gleich dem 43 Obrig⸗ Nitglieder rſprochene inge Euch rger, von b, werden r Gemeine r kräftigen erfte. Von te zu jedem eben, was blich Arbeit n früh ſoll dem Grafen drecht, um Jakob von Artevelde. 69 dort auf Koſten der Gemeine von Gent alle Wolle auf⸗ zukaufen, die daſelbſt lagert. Dieſe Wolle ſoll an die Bürger als Darlehen ausgetheilt werden; ſie können ſie in beſſeren Zeiten zurückzahlen. „Und nun, Freunde und Genoſſen! ſeid Ihr bereit, Eurer Obrigkeit und den Hauptleuten, die Ihr erwählen werdet, in jeder Gefahr mit Gut und Blut Beiſtand zu leiſten? Willigt Ihr ein in das, was man unternehmen will zu Eurer Befreiung? Wohl denn, ſo erhebt gleich mir die Hand zu Gott, als Zeichen des Eides der Bru⸗ dertreue und der Eintracht zwiſchen uns.“ Es wäre unmöglich zu ſchildern, was ſich unter dem Volke begab, als Artevelde dort mit gen Himmel ge⸗ hobener Hand die Befreiung Flanderns zu beſchwören ſchien. Unter dem Einfluſſe ſeiner Stimme hatte die Verſammlung mit beengter Bruſt zugehört und ſttllle Thränen der Rührung vergoſſen; als aber jetzt der Red⸗ ner ſelbſt ſte aus ihrer tiefen Bewunderung weckte, hoben ſich Tauſende von Händen gen Himmel, und ein raſen⸗ des Jauchzen ſtieg über der Menge empor, welche, wie die Wogen eines aufgeſtürmten Meeres, durcheinander wühlte und wimmelte. Es war ein wildes Stampfen mit den Füßen, ein unaufhörliches Geſchrei von:„Heil dem weiſen Manne! Freiheit und Nahrung! Flandern den Löwen! Bewahret vlämiſchen Muth!“ daß man weder hören noch ſehen konnte. Um ſich den Beweiſen der Neigung ſeiner Mitbürger 70 Jakob von Artevelde. zu entziehen, hatte ſich Artevelde in die Abtei der Byloke begeben. Da es jetzt beinahe dunkel geworden war, verließen gleich darauf ganze Haufen Volkes die Ebene, um über die Oordeelbrücke nach der Stadt zu ziehen. Man konnte an dem aufſteigenden„Freiheit und Nahrung!“ hören, wie weit die Menge auf ihrem Wege vorgeſchritten war, und es währte nicht lange, ſo ſchwebte derſelbe Ruf wie Sturmwolken über der ganzen Stadt. Unmittelbar nachdem Artevelde unter dem allgemei⸗ nen Zujauchzen ſich Von der Linde entfernt, hatte ſich Geergert Denys durch das Volk gedrängt und die Byloke verlaſſen, ohne ſeloſt ſeinen Sohn Lieven davon zu be⸗ nachrichtigen. Der Oberdechant war alſo der zurückkeh⸗ renden Menge voraus und konnte ohne Hinderniß ſich nach der Fremineurenbrücke begeben, wo er über die Leije ging. Er ſchritt dann über den Kouter, eine Art von Weidenplatz, welchen viele Fußwege durchkreuzten; dann wandte er ſich um die Ecke der Dagſtege und erblickte darauf in halber Finſterniß das Walthor, welches ſich mit ſeinen ſchwarzen Mauern und hohen Gebäuden von dem halb dunklen Himmel abhob. Das Walthor war eins der befeſtigten Stadtthore von Gent; an den beiden Ecken längs der Außenſeite erhoben ſich zwei hohe Thürme, mit einander verbunden durch die Mauern eines großen und plumpen Gebäudes, unter welchem die Oeffnung des Thores angebracht war. Hier bewahrte man die Maſchinen und Kriegswerkzeuge der Stadt, wie z. B. den großen Bogen von Gent, die Sturmbö ribauden dort, um nur vieru bezahlten zeiten in mußten d Kriegswer änderten f ſelbſt die ſ Unzucht b Landſtreich die das B baudenrech die Ribau während zu ſinden; Gent, zug mer bereit Hauptman früheren war, doch kunden an Geera thores un Thür. Eit „Iſt Auf d Oberdechat Byloke rließen m über konnte hören, en war, ſuf wie Igemei⸗ atte ſich Byloke zu be⸗ rrückkeh⸗ rniß ſich die Leije Art von en; dann erblickte elches ſich uden von Stadtthore Außenſeite verbunden Gebäudes, racht war. swerkzeuge Gent, die Jakob von Artevelde. 71 Sturmböcke, die Wurfmaſchinen u. ſ. w. Die Stadt⸗ ribauden mit ihrem Könige oder Hauptmann wohnten dort, um die Maſchinen zu bewachen. Dieſe Ribauden, nur vierundzwanzig an der Zahl, waren die einzigen bezahlten Soldaten, welche die Stadt Gent bei Friedens⸗ zeiten in ihrem Dienſte hielt. Zog das Heer aus, ſo mußten die Ribauden die Wagen mit Proviant und Kriegswerkzeugen begleiten. Nach Gent zurückgekehrt änderten ſich aber ihre Pflichten. Dann mußten ſie da⸗ ſelbſt die ſchlechten Herbergen, Badſtuben und Häuſer der Unzucht bewachen und ihre Aufmerkſamkeit auf Bettler, Landſtreicher, Diebe und Mörder richten, kurz auf Alle, die das Bürgerrecht nicht genoſſen und daher unter Ri⸗ baudenrecht ſtanden. Durch ihr Amt veranlaßt waren die Ribauden von Morgens bis Abends und oft auch während der Nacht in allen Tabernen und Bierhäuſern zu ſinden; man kannte ſie als die größten Trinker von Gent, zugleich aber auch als die fröhlichſten Geſellen, im⸗ mer bereit zu lachen, zu ſingen und zu ſchlemmen. Ihr Hauptmann führte den Titel König, der wahrſcheinlich in früheren Zeiten dieſem Amte aus Spott gegeben worden war, doch jetzt ſelbſt in Schöffenbriefen und anderen Ur⸗ kunden anerkannt und gebraucht wurde. Geeraert Denys trat nun in das Gewölbe des Wal⸗ thores und klopfte dort linker Hand an eine dicke kleine Thür. Ein Ribaud öffnete ihm und er fragte: „Iſt Mher Muggelyn, Euer König, hier?“ Auf die bejahende Antwort des Ribauds ſagte der Oberdechant: 72² Jakob von Artevelde. „Führt mich zu Eurem Könige, ich muß ihn ſpre⸗ chen.“ Zu gleicher Zeit ließ er ein Geldſtück in die Hand des Ribauden gleiten, der ihn raſch auf einer dunklen ſteinernen Treppe hinauf brachte. Hier eine Thür öff⸗ nend, ſagte derſelbe: „Tretet hinein, Meiſter, dort finden.“ Der Ribaudenkönig ſaß hinten in der Kammer bei einer großen eiſernen Lampe, auf einem ſchlechten Stuhle, und war damit beſchäftigt, ein Paar alte Beinkleider zu flicken. Eine ſchwere Kanne ſtand vor ihm auf einem Tiſche, und dabei ein leerer gläſerner Becher. Dieſer wunderliche König trug auf ſeinem Angeſicht die unver⸗ kennbaren Beweiſe eines wüſten und ſchwelgeriſchen Lebens. Naſe und Wangen waren glänzend roth und hin und wieder mit Purpurflecken beſprenkelt; ein thieriſches Lachen, ohne Gefühl und Feinheit, gab ſei⸗ nem Geſichte etwas Abſtoßendes, während ſeine niedrige und überhängende Stirn, die ſeine Augen faſt ganz ver⸗ barg, eine unedle, habſüchtige Schlauheit zu verrathen ſchien. Uebrigens war er lang von Geſtalt und ſtark von Gliedern. Sobald er den Oberdechanten erkannte, rief er, ohne ſeine Arbeit fahren zu laſſen: „Sieh da, Mher Geeraert Denys! Was hat ſich zugetragen, daß Ihr den Rihaudenkönig in ſeinem Hofe zum Walthor beſucht? Nehmt einen Stuhl und ſetzt Euch.“ Ihr werdet den König „N hat ſich Keteltho 2˙ Hauptle „, ſein, we Jakob wollten. Dummh „ H tig, we weiſe M als irgen „A ſam, un fahr. 7 „S „Ge ten, aus nug iſt, Gent, 31 „8 auf jeder „W Ihr über Freiheit wäret, d führt, un ihn ſpre⸗ die Hand dunklen Thür öff⸗ en König mmer bei en Stuhle, nkleider zu auf einem r. Dieſer die unver⸗ velgeriſchen azend roth enkelt; ein t, gab ſei⸗ ine niedrige ſt ganz ver⸗ u verrathen id ſtark von rief er, ohne Las hat ſich ſeinem Hofe hl und ſetzt Jakob von Artevelde. 73 „Nun, Muggelyn!“ ſprach der Oberdechant,„es hat ſich zugetragen, was Ihr mir heute Mittag bei dem Ketelthore geſagt habt.“ „O, ich wußte es wohl, nicht wahr? daß man Hauptleute wählen will?“ „In der That.— Es würde noch ſo ſchlimm nicht ſein, wenn nicht einige unverſtändige Bürger in Gent Jakob von Artevelde zum Oberhauptmann ernennen wollten. Was meint Ihr von ſolcher unbegreiflichen Dummheit?“ „Ha, ha! Mher Denys! Es iſt mir ganz gleichgül⸗ tig, wer Oberhauptmann wird, und ich glaube, der weiſe Mann wird dies Amt vielleicht beſſer verwalten, als irgend ein Anderer.“ „Aber, Muggelyn! er iſt feigherzig und furcht⸗ ſam, und wird ſich davonmachen bei der erſten Ge⸗ fahr. 74 „Sol glaubt Ihr das wirklich?“ „Gewiß! er hat da in der Byloke eine Rede gehal— ten, aus der man deutlich ſieht, daß er nicht tapfer ge⸗ nug iſt, um an der Spitze einer Gemeine, wie die von Gent, zu ſtehen.“ „Das muß man erſt abwarten, Mher Denys! und auf jeden Fall, was kümmert das mich?“ „Wie, Muggelyn! was das Euch kümmert? Wenn Ihr überzeugt wäret, daß man das Gedeihen und die Freiheit der Gemeine verſpielt; wenn Ihr überzeugt wäret, daß ein herrſchſüchtiger Betrüger das Volk irre führt, um ſich über ſeine Mitbürger zu erheben: würdet ——— 74 Jakob von Artevelde. Ihr dann nicht erzürnt aufſtehen und ſtreben, das Va⸗ terland zu retten?“ „Ja, Mher Denys!“ ſcherzte der Ribaudenkönig; „ich würde doch nicht eher aufſtehen, als bis meine Ho⸗ ſen geflickt wären. 8 „Nein, nein!“ entgegnete Denys,„Ihr redet nicht, wie Ihr es meint, Muggelyn. Das Vaterland verlangt, daß alle guten Bürger wachen und wirken, um einen verderblichen Anſchlag zu verhindern, und Ihr dürft auch Eure Hülfe nicht verweigern bei der Ausführung dieſer heiligen Pflicht. 44 Der Ribaudenkoͤnig betrachtete den Oberdechanten mit halb ſpöttiſchem Lächeln, und antwortete: „Ach, Mher Denys! was redet Ihr mit dem armen König Muggelyn von Freiheit und Ehre der Stadt Gent, während er damit beſchäftigt iſt, ſeine Hoſen zu flicken, und ſchon anderthalb Stunden vor einer leeren Kanne trauernd ſitzt! Der Wirth zum Hirſch unter dem Glocken⸗ thurm hat wohl noch ein halbes Jahr bei mir gut. Ich verſuchte bereits, ihn mit Freiheit und Ruhm und Vater⸗ land zu bezahlen; aber der habgierige Schelm will von dieſer Münze nichts wiſſen.“ Der Scherz und die unverſchämte Habſucht, mit wel⸗ cher der Ribaudenkönig ihm antwortete, erregten großen Aerger bei Denys. Er hatte mehr Verſtand und Schlau⸗ heit bei Muggelyn erwartet, und war nun verdrießlich, daß er kein Mittel ſah, um dieſes Geſpräch nach ſeinem Wunſche zu leiten. „Alſo, Muggelyn!“ ſprach er,„iſt es nutzlos, im Namen d ſtand zu Kraft äuf „Vo nur vier, denkönig, Für das denn man Aber, N bei dem, gerade he Walthore bedeutend „Nur lich;„Il Euch der eben ſehr. vor Zorn Vaterſtad bereit, we Sache zu „Ich! „Und tet, ſo we weigern, Als 2 Ueberraſch ſeine Auge Ich 8 Va⸗ köͤnig; ne Ho⸗ et nicht, erlangt, n einen rft auch g dieſer echanten n armen dt Gent, u flicken, n Kanne Glocken⸗ gut. Ich d Vater⸗ will von mit wel⸗ en großen d Schlau⸗ erdrießlich, ach ſeinem utzlos, im Jakob von Artevelde. 75 Namen des Vaterlandes und der Freiheit Euch um Bei⸗ ſtand zu bitten? Es ſcheint, daß dieſe edlen Worte keine Kraft äußern auf Euer Gemüth.“ „Von allen den Worten, die man ſpricht, giebt es nur vier, die ich gut verſtehe,“ antwortete der Ribau⸗ denkönig,„nämlich: Geld, Würfel, Weiber und Wein. Für das erſte will ich die drei andern noch vergeſſen, denn man kann ſie doch nicht ſtets zuſammen haben..... Aber, Mher Denys, warum ſo viele Umwege brauchen bei dem, was Ihr mir ſagen wollt? Kommt, ſagt es gerade heraus! Ihr ſeid doch nicht zu mir nach dem Walthore gekommen, um Euch mit mir über ſolche un⸗ bedeutende Dinge zu unterhalten?“ „Nun denn!“ entgegnete der Oberdechant verdrieß⸗ lich;„Ihr ſeid kein Genter, Muggelyn! daher rührt Euch der Ruhm und das Gedeihen unſerer Stadt nicht eben ſehr. Mit mir iſt das anders; mir pocht das Herz vor Zorn, wenn ich ſehe, daß man das Glück ſeiner Vaterſtadt ſeiner Herrſchſucht opfern will, und ich bin bereit, weder Geld noch Mühe zu ſparen, um die gute Sache zu retten.“ „Ich beginne zu verſtehen,“ ſagte Muggelyn grinſend. „Und da Ihr wenig von ſchönen Redensarten hal⸗ tet, ſo werdet Ihr wahrſcheinlich Eure Hülfe nicht ver⸗ weigern, wenn dreißig Pfund dabei zu verdienen ſind.“ Als Muggelyn dieſe Worte vernahm, ließ er vor Ueberraſchung die Hoſen von ſeinen Knieen gleiten, und ſeine Augen begannen ungemein zu funkeln. „Ich habe es nicht vecht verſtanden,“ ſagte er. —— 76 Jakob von Artevelde. „Dreißig Pfund!“ wiederholte Denys,„aber un⸗ ter der Bedingung, daß die Gemeine gerettet werde.“ „Dreißig Pfund!“ murmelte der Ribaudenkönig. „Verdoppeltes Jahrgeld und vierundzwanzig Unter⸗ thanen mehr!“ ſetzte der Oberdechant ſeinem erſten Verſprechen hinzu, während er wirklich eine Hand voll Geld auf den Tiſch legte. „Das heißt reden!" rief der Ribaudenkönig, froͤh⸗ lich aufſtehend und Denys die Hand drückend.„Es iſt wunderbar, wie ſich mein Verſtand auf einmal öffnet; jetzt begreife ich ganz gut, was Ihr wollt.— Laßt ſehen, man wird Hauptleute wählen, wie ich Euch ſchon heute Morgen geſagt habe. Der Hauptmann, der im St. Jans⸗ kirchſpiele gewählt wird, iſt Oberhauptmann. So iſt es ſtets geweſen und ſo wird es noch ſein.— Ihr, Mher Denys, Ihr wohnt im St. Janskirchſpiel; Ihr ſeid dort der reichſte Bürger, Oberdechant der Zünfte von Gent, mächtig durch Einfluß, Verwandte und Freunde; Eure Vaterlandsliebe iſt bekannt, Eure Verbannung bezeugt dieſelbe. Demgemäß werdet Ihr nach Recht und Ver⸗ nunft Oberhauptmann werden müſſen. Unglücklicher⸗ weiſe wohnt im St. Janskirchſpiel auch ein Mann, den Ihr nicht leiden könnt, ein Schelm, ein Scheinheiliger, ein herrſchſüchtiger Betrüger, ein Volksverführer, ein Verräther, ein Geizhals, der Artevelde heißt und nahe daran iſt, zum Oberhauptmann gewählt zu werden. Das iſt es, nicht wahr, Mher Denys? O, ich begreife die Sache ganz gut!“ Der Ribaudenkönig lachte vergnüglich, wie Jemund, der von zeigen wi Dieſes Lo ten Geſich tete mit e „„ Ja „We Ribauden „Au welche in „Alf Denys!“ „Del „In und für gehen, u Mher De der wohl im Walt! aber ſie h gens bis um muß faſt ſterber „Hel Herrſchſüc ſoll es Eu Ihr habt ſinnung d der Hausg aber un⸗ werde.“ nkönig. ig Unter⸗ im erſten dand voll ig, fröh⸗ „Es iſt al öffnet; haßt ſehen, hon heute St. Jans⸗ So iſt es hr, Mher r ſeid dort von Gent, nde; Eure ng bezeugt und Ver⸗ glücklicher⸗ Mann, den heinheiliger, führer, ein t und nahe zu werden. begreife die odie Jemund, Jakob von Artevelde. 77 der von der Schlauheit ſeiner Rede überzeugt iſt und zeigen will, daß er ſich ſelbſt nicht im Mindeſten täuſcht. Dieſes Lachen machte die Schamröthe in des Oberdechan⸗ ten Geſicht aufſteigen; doch bezwang er ſich und antwor⸗ tete mit erkünſteltem Lächeln: „Ja, ſo iſt es beinahe!“ „Wann wählt man die Hauptleute?“ fragte der Ribaudenkönig. „Auf St. Pharaildisabend, zufolge den Schöffen, welche in der Byloke waren.“ „Alſo binnen ſechs Tagen; die Zeit iſt kurz, Mher Denys!“ „Der Lohn aber um deſto ſchöner, Muggelyn!“ „In der That, Ihr ſeid ein edelmüthiger Mann, und für ſolche Belohnung würde ich durch das Feuer gehen, um Euch einen Dienſt zu leiſten; denn ſeht Ihr, Mher Denys, die Gemeine giebt mir einen Jahrgehalt, der wohl ausreichte, um mich hier in meiner Wohnung im Walthor mit Bohnen und Rüben fett zu machen; aber ſie hat vergeſſen, daß trinken ſehen von früh Mor⸗ gens bis ſpät Abends ein gefährliches Beiſpiel iſt. Dar⸗ um muß ich ſelbſt meine Hoſen flicken und vor Durſt faſt ſterben bei der Arbeit.“ „Helft mir die Stadt vor den Anſchlägen eines Herrſchſüchtigen behüten, und wenn es uns glückt, ſo ſoll es Euch nie fehlen, um ſtets fröhlich ſein zu können. Ihr habt viel Einfluß auf das Volk; Ihr kennt die Ge⸗ ſinnung der meiſten Zunftgeſellen, ſogar die Geheimniſſe der Hausgeſinde.... Nun denn! Ihr müßt dies Alles Jakob von Artevelde. benutzen, um die Wahl des ehrgeizigen Betrügers ſchei⸗ tern zu machen.“ „Und Euch wählen zu laſſen? 6 „Wenn Artevelde mir durch ſeine Liſt nicht mein Recht ſtiehlt, ſo kann es Niemand anders werden als ich.“ „Und Ser Van Steenbeke?“ „Laßt den in Ruhe, Muggelynl! er iſt ein bekannter Leligerd.“ „Er hat aber viele und mächtige Freunde!“ „Das giebt es nicht her; von der Seite haben wir nichts zu befürchten.“ „Gut! aber laßt ſehen, was wir thun können „Ich wundere mich, Muggelyn, daß Ihr ſo fragt; Ihr müßt ſogleich von Schenke zu Schenke gehen und Euch überall bemühen, die irregeführten Bürger über ihre wahren Intereſſen aufzuklären; Ihr müßt Eure Be⸗ kannten aufſuchen und Euch aller Derjenigen bedienen, auf die Ihr Einfluß habt, Jedem ſagen, was mit ſeinen Gedanken übereinſtimmt, und machen, daß ſich alle Bür⸗ ger überzeugen, die Wahl des herrſchſüchtigen Jakob bringe ſowohl der ganzen Gemeine, wie jedem Einzel⸗ nen Schaden. Schmeichelt dem Einen, droht dem An⸗ dern mit ſeinen Intereſſen....“ Hier hielt Geeraert Denys plötzlich inne und betrach⸗ tete mistrauiſch und verdrießlich den Ribaudenkönig, über deſſen Antlitz ſich ein ſonderbares Lächeln zog. „Nun, Muggelyn!“ rief Denys,„meint Ihr Cuer Geld zu verdienen, indem Ihr Spott mit dem Ober⸗ dechanten der Gilden treibt? Oder habe ich mich betro⸗ 174 gen, 1 mächtig begreif gen zu 1 5 Denys „Euch im Ge⸗ Fach, ich Eu daß Jo ſei, da man di durch e „ 2 erſten( „2 ſich mit noch m 184 2 gehen. wahrlic und die zu ängf den hat „2 gen, de ſein Er. fisciren. gers ſchei⸗ nicht mein en als ich.“ nbekannter „74 2. haben wir oͤnnen!“ r ſo fragt; gehen und zürger über zt Eure Be⸗ i bedienen, s mit ſeinen ch alle Bür⸗ tigen Jakob dem Einzel⸗ ht dem An— und betrach⸗ nkönig, über J. nt Ihr Euer dem Ober⸗ mich betro⸗ Jakob von Artevelde. 79 gen, und ſeid Ihr ein erbärmlicher Schwätzer, der ſich mächtig glaubt und nicht einmal Verſtand genug hat zu begreifen, was man thun muß, um dem Volke die Au⸗ gen zu öffen?“ „Welche Bremſe ſticht Euch denn ſo plötzlich, Mher Denys?“ ſagte der Ribaudenkönig, ohne zu erſchrecken. „Euch verſpotten? Bei Sanct Lieven! ich bewundere Euch im Gegentheil. Ihr ſeid ein erfahrener Meiſter in dem Fach, das Volk über ſein Beſtes aufzuklären. Begreife ich Euch nicht? Ich muß überall ſagen und beweiſen, daß Jakob von Artevelde ein herrſchſüchtiger Betrüger ſei, daß er das Volk aus Eigennutz aufwiegelt und daß man dumm und thöricht handeln würde, wenn man ſich durch einen ſolchen Großprahler verleiten ließe.“ „Daß er keinen Muth hat, Muggelyn, und bei der erſten Gefahr die Gemeine im Stiche läßt.“ „Daß er es insgeheim mit den Leliaerds hält und ſich mit ihnen verbündet hat, um die kleinen Zunftleute noch mehr zu drücken, als dies ſchon geſchehen iſt.“ „Ach, Muggelyn! man muß mit Vorſicht zu Werke gehen. Euch, der Ihr Verſtand genug habt, brauche ich wahrlich nicht zu lehren, wie man, um ſein Vaterland und die Freiheit zu retten, nicht kindiſch ſein darf, um zu ängſtlich auf die Mittel zu ſehen, die man anzuwen⸗ den hat, um ein gutes Werk zu thun.“ „Verſtanden, Meiſter! Den Leliaerds werde ich ſa⸗ gen, daß er insgeheim den Plan hat, den Grafen um ſein Erbe zu bringen und die Güter der Ritter zu con⸗ fisciren.“ 80 Jakob von Artevelde. „Ja, Muggelyn! Und den engliſch Geſinnten, daß er dem Könige angeboten hat, ihm Flandern auszulie⸗ fern, wenn man ihn zum Marſchall von Flandern ma⸗ chen wollte.“ „Recht! Den franzöſiſch Geſinnten, daß er Flan⸗ dern an England verkaufen will. Es iſt überflüſſig, Mher Denys, daß Ihr noch länger davon mit mir redet. Das Mittel, deſſen wir uns bedienen wollen, iſt ſo alt, wie die Welt, und man müßte erſt geſtern geboren wor⸗ den ſein, um es nicht zu kennen. Wer das Opfer deſſel⸗ ben wird, nennt es eine Ehrenſchändung; aber bei Licht betrachtet iſt es doch nur eine Waffe, die man gebraucht, wenn der Feind zu groß und zu mächtig iſt.... Es verſteht ſich von ſelbſt, nicht wahr? daß ich von Euch alles mögliche Gute ſagen und beweiſen muß, daß Ihr allein in Gent den nöͤthigen Muth und Reichthum und die Liebe des Volkes beſitzt, um mit Ehre und Nutzen Oberhauptmann zu ſein. Dies wird mir nicht ſchwer fallen; denn ohne Euch zu ſchmeicheln, Mher Denys, es fehlt Euch nichts, um ein würdiger und vor allen Din⸗ gen ein ſchlauer Feldherr zu ſein; aber es iſt noch Eins, was mir im Kopfe herumgeht. Meint Ihr, daß man mir und meinen Helfershelfern Glauben ſchenken werde, wenn wir ſolche Dinge von dem weiſen Manne erzählen?“ „Laßt Euch das nicht abhalten, Muggelyn. Man glaubt den Worten nicht, aber ſie geben zu denken; ſie machen die Leute irre, flößen Mistrauen ein und ver⸗ nichten jedenfalls die Neigung, die man ihm ſchenkte.— Sechs Tage ſind wenig, in der That! Aber für einen Mann, y einen Bet wahren L. „Es aber Ihr Ihr habt rer Erhebt „Sor Eigenſchaf ſüchtigen, gelyn, hän Augenblick kommen, gewonnen, „Das der Ribau Einfluß, a terſtützen.“ „Alſo und behüte Der R dem Oberd Kammer zu „Das und der Tex Kuh, die ſi gemolken zu ſen wir um das wäre e Jakob von A Jakob von Artevelde. en, daß Mann, wie Ihr, Muggelyn, reicht dieſe Zeit hin, um uszulie⸗ einen Betrüger zu entlarven und ihn Jedem in ſeinem rn ma⸗ wahren Lichte zu zeigen.“ „Es iſt gut, Meiſter; ich will thun, was ich kann; r Flan⸗ aber Ihr ſelbſt werdet unterdeſſen nicht ſchlafen, hoffe ich. erfluſſig, Ihr habt ſo viele Freunde und Bekannte, denen an Eu⸗ ir redet. rer Erhebung gelegen ſein muß.“ ſt ſo alt,„Sorgt nicht deshalb; Muth und Thättigkeit ſind en wor⸗ Eigenſchaften, die mir nicht ſo fremd ſind, wie dem Ehr⸗ er deſſel⸗ ſüchtigen, den wir bekämpfen wollen..... Nun, Mug⸗ bei Licht gelyn, hängt eilig Euren Mantel um und verliert keinen ebraucht, Augenblick. Morgen gegen Abend werde ich wieder⸗ Cs kommen, und wenn ich ſehe, daß wir ſchon einiges Feld on Euch gewonnen, werde ich Euch neuen Muth mitbringen.“ daß Ihr„Das iſt auch die Hauptſache, Mher Denys!“ ſagte zgum und der Ribaudenkönig mit Nachdruck.„Man hat ſo viel d Nutzen Einfluß, als man Wein hat, ſeine Worte damit zu un⸗ t ſchwer terſtützen.“ denys, es„Alſo bis morgen thut Euer Beſtes, Muggelyn, len Din⸗ und behüte Euch Gott!“ öch Eins, Der Ribaudenkönig nahm die Lampe und leuchtete daß man dem Oberdechanten die Treppe hinab. Als er in ſeine en werde, Kammer zurückkehrte, murmelte er lachend: zählen?“„Das iſt kein kleiner Scheinheiliger. Es fehlt wenig n. Man und der Teufel ſelbſt iſt nicht ſchlimmer. Das iſt eine fette nken; ſie Kuh, die ſich da auf meiner Weide eingefunden hat und und ver⸗ gemolken zu werden verlangt. Wohll wohl! damit wiſ⸗ henkte.— ſen wir umzugehen. Dreißig Pfund! Ah, Muggelyn, für einen das wäre ein Leben! Aber, Freund! es iſt dies Mal Jakob von Artevelde. 6 Jakob von Artevelde. 4 kein Speck für deinen Schnabel; es würde leichter ſein, die Leije auszutrinken, als zu machen, daß der Ober⸗ dechant zum Oberhauptmann gewählt werde.... Hält er denn den Ribaudenkönig für dumm genug, um offen zu Werke zu gehen gegen Jemanden, der ihn binnen ſechs Tagen machen und zerbrechen kann und ihn höchſt wahrſcheinlich aus dem Lande jagen würde? Nein, nein! Ich werde den Vogel ohnedies ſchon rupfen. Er ſcheint mir blind genug, um Alles zu glauben, was ich ihm ſage. Auf jeden Fall will ich aber gehen und mich er⸗ kundigen, was das Volk ſpricht und denkt über dieſe Sache....“ Bei dieſen Worten gürtete der Ribaudenkönig ſein Schwert um, warf die Regenkappe über den Kopf, wickelte ſich in einen alten Mantel von braunem Tuch und ſtieg die dunkle Treppe hinab, um ſich nach dem St. Janskirchſpiele zu begeben. In der neugeba war, da reich get Man ko würde e Bürgers zwiefache Schiefer man ihn gelaſſen, gen, um können, gen, we An beide gehauene. wie die R terſchiede keine Sch Es n Bürger z terliche W Scham zu Stand zu miſch von ichter ſein, der Ober⸗ Hält um offen on binnen ihn höchſt Kein, nein! Er ſcheint as ich ihm d mich er⸗ über dieſe nknig ſein den Kopf, unem Tuch h nach dem —— Jakob von Artevelde. III. In der Kerkſtraet neben der St. Janskirche ſtand ein neugebautes Haus, welches vielleicht das einzige in Gent war, das ſo deutlich den Hochmuth offenbarte, den einige reich gewordene Bürger damals zu zeigen begannen. Man konnte es nicht einen Stein nennen, und doch würde ein Fremder es niemals für die Wohnung eines Bürgers gehalten haben. In der That, es hatte einen zwiefachen Charakter; denn obwohl aus ſchweren Stücken Schiefer aufgemauert und von anſehnlicher Größe, hatte man ihm die Form der gewöhnlichen Häuſer in Gent gelaſſen, mit niedrigen Fenſtern, die auf die Straße gin⸗ gen, um die Vorkammern als Magazine gebrauchen zu können, und den Giebel ſchmückten zahlreiche Verzierun⸗ gen, welche die ächten Steine nicht zu haben pflegten. An beiden Ecken des Gebäudes dagegen waren mit aus⸗ gehauenen Steinen zwei Thürme oder Keſſel aufgeführt, wie die Ritterwohnungen ſie zeigten, allein mit dem Un⸗ terſchiede, daß ſie ſich hier aus dem Giebel erhoben und keine Schießlöcher hatten. Es war nicht zu verkennen, daß dies Haus einem Bürger zugehören mußte, der aus Eitelkeit ſich eine rit⸗ terliche Wohnung hatte bauen wollen, den jedoch die Scham zurückgehalten, ſich ganz und gar über ſeinen Stand zu erheben. Dadurch war dieſes Haus ein Ge⸗ miſch von adeligem und bürgerlichem Bauſtyl, auf jeden 6* 84 Jakob von Artevelde. Fall gewann es dadurch nichts an Schönheit; denn die Ueberladung deſſelben mit geſchmackloſen Verzierungen bewies noch mehr als alles Uebrige, daß es des Eigen⸗ thümers Abſicht geweſen, Andere an Pracht zu über⸗ treffen und einen ungewöhnlichen Reichthum zu entfalten. Ueber der Hausthür prangte das Wappen der Weber⸗ gilde, ein rothes Schild mit ſilbernem Löwen zwiſchen zwei goldenen Weberſpulen, und darunter mit großen Buchſtaben die Aufſchrift:„Geeraert Denys, Wollen⸗ webermeiſter.“ Neben dieſem ſonderbaren Hauſe erhob ſich die ſchöne St. Janskirche mit ihren ſtattlichen Thürmen. Der Kirchhof zog ſich daneben hin, und aus den Fenſtern konnte man beinahe ſenkrecht auf die Gräber ſehen, ſo⸗ wie auf das Beinhaus, in deſſen Mauer einige hundert Todtenköpfe ausgehauen waren. Das Innere des Hauſes machte denſelben Eindruck, wie das Aeußere. Die Vorkammern waren mit Stücken Tuch von verſchiedener Farbe und verſchiedenem Werthe angefüllt; im Hinterzimmer ſtrahlte aus Allem der Reich⸗ thum entgegen. Die Seſſel waren daſelbſt mit Corduan oder mit Sammet überzogen und mit goldenen Nägeln beſchlagen; die Tiſche und der übrige Hausrath zeigten überall ſehr ſchönes Schnitzwerk. Wenige Tage nach der Zuſammenkunft in der By⸗ loke, ſpät am Nachmittage, befand ſich Lieven Denys mit ſeiner Mutter in dem Hinterzimmer ihrer prächtigen Wohnung. Alles, was dieſe einfache Frau umgab, ſtach ſeltſam von ihrem bürgerlichen Weſen und ihrer gerin⸗ gen Kle würde haben. dem Sc den Ral damit b „B „daß D gen biſt. rechnen für dank ſo würd Dein Vo nichts m „W ven.„ da iſt es da ich rec „Ha entgegnet ſpricht un verſteht, das Geld beſſer, de Kopfbrech Schelm, die uns ni „Ach ſchieht nur denn die zierungen s Eigen⸗ zu über⸗ entfalten. Weber⸗ zwiſchen it großen Wollen⸗ die ſchöne den. Der Fenſtern ehen, ſo⸗ e hundert Eindruck, it Stücken m Werthe der Reich⸗ Corduan en Nägeln th zeigten n der By⸗ den Denys prächtigen ngab, ſtach hrer gerin⸗ Jakob von Artevelde. 85 gen Kleidung ab. Obwohl ſie hier als Herrin gebot, ſo würde man ſie doch eher für eine Dienſtmagd gehalten haben. Sie ſaß auf einem jener koſtbaren Stühle unter dem Schornſtein und ſpann Flachs an einem ſchnurren⸗ den Rade, während ihr Sohn neben ihr an einem Tiſche damit beſchäftigt war, einige Rechnungen durchzugehen. „Wie glücklich iſt es, Lispen!“ ſprach die Mutter, „daß Du in St. Baefsſtede in die Magiſterſchule gegan⸗ gen biſt. Es giebt Klerken, die nicht ſo gut ſchreiben und rechnen können wie Du. Wir können dem Himmel da⸗ für danken; denn wenn Du die Geſchäfte nicht beſorgteſt, ſo würden ſie bald in einer ſchönen Verwirrung ſein. Dein Vater, der hochmüthige Thor, kümmert ſich um nichts mehr.“ „Wozu ſollte er es auch, Mutter?“ antwortete Lie⸗ ven.„Er hat ſein ganzen Leben geſorgt und gearbeitet, da iſt es recht, daß er nun auch ausruhe, um ſo mehr, da ich recht gut dazu paſſe.“ „Habe ich dergleichen in meinem Leben geſehen!“ entgegnete die Mutter;„das geht nach der Byloke, und ſpricht und raſt über Sachen, wovon er eben ſo wenig verſteht, wie mein unſchuldiges Spinnrad da! Er hat das Geld mit ſaurer Arbeit gewonnen, und es wäre beſſer, daß er es nun genöſſe, ohne ſich viel Leid und Kopfbrechen zu ſuchen. Das läßt ſich verbannen wie ein Schelm, um ſeinen freien Schwatz zu haben über Dinge, die uns nichts angehen!“ „Ach, Mutter! Ihr redet immer ſo; aber das ge⸗ ſchieht nur zum Spaß, nicht wahr?“ antwortete Lieven. 86 Jakob von Artevelde. „Es iſt doch die Pflicht jedes guten Bürgers, der Ge⸗ meine ſo nützlich wie möglich zu ſein. Der Vater hat jetzt Mittel und Zeit im Ueberfluß; was kann er alſo Beſſeres thun, als für das allgemeine Wohl mitwirken?“ „Ich weiß wohl, Lieven, daß man bei Dir ſchlecht ankommt, wenn man nicht immer vom Vater ſchön re⸗ det; das macht Dir Ehre, Kind; aber ich kenne ihn ſchon ſo lange; ich weiß zu gut, was ihm im Kopfe ſteckt und was nicht drin ſteckt. Es wäre beſſer, Du ſtändeſt mir bei, ihn von ſeinen Grillen zu heilen; denn verlaß Dich darauf, womitt er ſich jetzt abgiebt, das wird noch ärgere Folgen haben, als ihn aus dem Lande zu verbannen.“ „Nein, nein, Mutter! Eure Furcht iſt ungegründet; der Vater iſt wohl auffahrend und haſtig, aber es ge⸗ bricht ihm auch nicht an Vorſicht und Klugheit.— Und wenn er ſich auch wirklich in Gefahr bringt, ſo geſchieht es doch nur aus Vaterlandsliebe und aus Liebe zur Frei⸗ heit, und das iſt doch wahrhaftig löblich. 24 „Ja, ja!“ ſagte Frau Denys, die Achſeln zuckend, „ich weiß nicht, wo Ihr Leute die Worte hernehmt, um dies thörichte Treiben herauszuputzen. Sage mir nur zum Beiſpiel, warum Dein Vater jetzt ſchon ſeit ſechs Tagen vom Morgen bis zum Abend auf den Beinen iſt und nach dem Abendeſſen wie ein verfolgter Dieb aus dem Hauſe läuft, um ganze Nächte wegzubleiben. Seine Augen ſtehen ihm ganz verwildert im Kopfe, und er ſchläft vor Müdigkeit ein, wo er ſich hinſezt. Glaubſt Du nun, daß er ſich blos aus Vaterlandsliebe ſo ab⸗ matte und ſeine Geſundheit zerſtöre?“ Dinge ſo hart das Vo Hauptl eine St fallen ſ werden Leidenſe 2 biſt Du Vater Auge zu zum Ha / 8 13 nys;„ ter Wal als Mhe all im g „W ter! Nie jeder An ein ſolch halten; der weiſe Byloke z Wohnten würde ich der Ge⸗ Jater hat n er alſo virken?“ ir ſchlecht ſchön re⸗ ihn ſchon ſteckt und ndeſt mir rlaß Dich och ärgere bannen.“ gegründet; der es ge⸗ .— Und o geſchieht zur Frei⸗ n zuckend, tehmt, um mir nur ſeit ſechs Beinen iſt Dieb aus en. Seine e, und er Glaubſt ebe ſo ab⸗ Jakob von Artevelde. 87 „Aber, Mutter, Ihr wißt es ja ſelbſt, daß große Dinge im Werke ſind; Alle in der ganzen Stadt laufen ſo hartnäckig herum; es muß dafür geſorgt werden, daß das Volk in ſeiner Wahl ſich nicht betrüge und daß die Hauptleute tüchtige und muthige Bürger ſeien. Noch eine Stunde, und Jeder weiß, wie die Wahlen ausge⸗ fallen ſind; dann wird Alles wieder friedlich und ſtill werden; es iſt eben eine Zeit der Gährung und der Leidenſchaften.“ „Aber, Lieven!“ rief die Mutter verwundert,„wie biſt Du noch einfältig, Junge! Weißt Du, warum Dein Vater ſich die Beine abläuft und in fünf Nächten kein Auge zugethan hat? Er bildet ſich ein, man werde ihn zum Hauptmann des St. Janskirchſpiels wählen!“ „Zum Oberhauptmann?“ fragte Lieven ungläubig. „Ja, zum Oberhauptmann,“ antwortete Frau De⸗ nys;„und nun frage ich Dich, ob das nicht ein thörich⸗ ter Wahn iſt, da es doch Niemand anders werden kann als Mher Jakob von Artevelde; das hört man ja über⸗ all im ganzen Kirchſpiel ausſprechen.“ „Was Ihr da vom Vater ſagt, iſt unmöglich, Mut⸗ ter! Nicht, als ob er dies Amt nicht eben ſo gut wie jeder Andere bekleiden könnte und nicht das Recht hätte, ein ſolches Zeichen des allgemeinen Vertrauens zu er⸗ halten; aber er weiß für gewiß, daß kein Anderer, als der weiſe Mann, ernannt werden wird. Was ſich in der Byloke zugetragen hat, läßt Niemanden daran zweifeln. Wohnten wir in einem der vier andern Kirchſpiele, ſo würde ich ſelbſt glauben, daß man den Vater zum Haupt⸗ —₰ 88 Jakob von Artevelde. mann wählte, aber zum Oberhauptmann? Gewiß, Mut⸗ ter, daran denkt er gar nicht.“ „Und ich ſage Dir, Lieven, er brennt darauf; mit Dir ſpricht er nicht darüber, denn er liebt Dich ſehr und weiß, daß es Dich betrüben würde. Vielleicht meint er auch, daß Du die Dinge bereits zu gut durchſchaueſt; mich im Gegentheil betrachtet er als eine gutmüthige, einfältige Perſon, und läßt hier und da ein Wort gegen mich fallen, aus dem ich recht wohl merken kann, wo ihn der Schuh drückt. Wenn er nur jetzt in ſeinem Hoch⸗ muthe nichts ſagt oder thut, was Veerle's Vater mit Recht erzürnen kann.“ „Ach nein, Mutter!“ ſeufzte Lieven betrübt,„das wird nicht geſchehen.“ „Wer weiß, Lieven! Wenn er aber durch ſeinen thörichten Leichtſinn die Sache hier in Verwirrung bringt, ſo ſoll er ſehen, mit wem er zu thun bekommt. Ich werde dieſer Grillen müde, Kind; das muß ein Ende nehmen. Seit wir unſer altes Haus in der Lange Munte verlaſſen haben, um, gegen meinen Willen, in dieſen Stein zu ziehen, iſt unſere Wohnung eine Hölle von Unzufriedenheit und Verdruß geworden. Dein Vater iſt krank, Lieven, er iſt wirr im Kopfe, und kann ich ihn heilen, ſei es ihm lieb oder leid, ſo werde ich es nicht unterlaſſen.“ Plötzlich ſtand Lieven überraſcht von ſeinem Stuhle auf, um auf eine Stimme zu horchen, die im Vorge⸗ mach unverſchämte Worte zu der Dienſtmagd ſprach. Ehe er jedoch noch einen Schritt thun konnte, um die Urſac Jema ſich ſ 7 nen T ſchuld tigen Ach, muß ihm j zes L 3 Liever die H näher / Ton, genehr „ ohne den fr S 9 3 7„ meines denkön iſt alſe 7 wollt wieder ß, Mut⸗ auf; mit ſehr und meint er hſchaueſt; müthige, ort gegen inn, wo em Hoch— Jater mit bt,„das ſch ſeinen ig bringt, mt. Ich ein Ende ge Munte in dieſen bölle von Vater iſt n ich ihn es nicht n Stuhle n Vorge⸗ d ſprach. um die . Jakob von Artevelde. 89 Urſache des Lärms zu erfahren, erſchien im Hinterzimmer Jemand, der keck vorging, während er ſehr ſchnell mit ſich ſelbſt redete: „Na, es ſcheint, als ob mein Freund Geeraert ſei⸗ nen Dienſtboten nicht gelehrt habe, was ſie einem Könige ſchuldig ſind; mich warten zu laſſen zwiſchen den einfäl⸗ tigen Haufen Tuch! Wäre es noch bei einer Kanne Wein! Ach, von Wein zu reden, ich glaube, der Oberdechant muß in dieſer Stunde ſchrecklichen Durſt haben. Wenn ihm jetzt die Kehle nicht brennt, da kann er es ſein gan⸗ zes Leben lang aushalten, ohne zu trinken.“ Mit einer Art von trauriger Neugier betrachteten Lieven und ſeine Mutter den Mann, der dies murmelnd, die Hand in die Seite geſtemmt, ſich ihnen taumelnd näherte. „Was wollt Ihr von uns?“ fragte Lieven in einem Ton, der deutlich zeigte, dieſer Beſuch ſei ihm nicht an⸗ genehm. „Ha, ha!“ lachte der Andere,„hätte man mir denn ohne mein Wiſſen meine Geſtalt verwechſelt, daß man den fröhlichen Ribaudenkönig nicht mehr kennt?“ „Nun denn, was verlangt Ihr?“ wiederholte Lieven. „Wenn ich mich nicht täuſche, ſeid Ihr der Sohn meines würdigen Freundes Denys,“ ſprach der Ribau⸗ denkönig mit ſeinem beſtändigen Lachen;„Euer Vater iſt alſo nicht hier?“ „Nein, nein!“ rief die Mutter,„er iſt nicht hier; wollt Ihr ihn ſprechen, ſo kommt in ein paar Stunden wieder.“ Jakob von Artevelde. „Ach! Ihr meint, daß ich ihn nöthig habe!“ ent⸗ gegnete der halbbetrunkene Muggelyn.„Er iſt es, der mich nöthig hat! Ich nehme mir hier einen Stuhl, Frau, und während ich ſeine Rückkehr erwarte, möchte ich wohl Etwas trinken; denn ich habe ſchrecklichen Durſt von all' dem Laufen und Rennen für unſeren Freund. Füllt die Kanne nur voll, ich thue Euch ſchon zweimal Beſcheid. Ich ſah nie ſo rothen Mund, Noch auch ſo liebliche Augen, Als ſie hat, die mich hat verwund't. Kommt, bringt die Kanne, ich ſinge Euch das ganze Lied; es wird Euch die Zeit verkürzen.“ Frau Denys ſtemmte die Arme in die Seite und glaubte den Ribaudenkönig mit Scheltworten aus dem Hauſe treiben zu können; aber jetzt ſah ſie ihren Sohn plötzlich erbleichen und vor Zorn zittern wie ein Schilf⸗ rohr; ſie ſchwieg daher und näherte ſich Lieven, um ihn zu beruhigen, allein der Jüngling rief mit unterdrück⸗ ter Wuth dem verwunderten Muggelyn zu: „Ribaud, Ihr ſeid hierher gekommen ohne Urlaub und bleibt hier gegen unſern Willen? Wißt Ihr, welche Strafe darauf ſteht, ſo die Wohnung eines freien Bür⸗ gers von Gent zu ſchänden?“ „Iſt das der Wein, oder mindeſtens das Bier, mit dem Ihr mich tractiren wolltet?“ ſcherzte Muggelyn. „CEs ziemt ſich nicht zu ſpotten,“ fuhr Lieven fort; „ich ſage es Euch nicht zum zweiten Male. Entfernt Euch ſchnell, oder ich hole Zeugen herbei. Wenn Ihr alſo nicht wollt, Mher Muggelyn, daß die Obrigkeit ſich da⸗ mit l Fried ausri Das len fi Vater mache 5 ten ur ter, Wohr genbli ſage i denköt als de wollte nes T keinen iſt He Augen alſo 1 könig ſeiner werde ¹ent⸗ 8, der Frau, )wohl on all' llt die eſcheid. eLied; te und s dem Sohn Schilf⸗ m ihn drück⸗ Urlaub welche Bür⸗ e, mit yn. fort; t Euch r alſo iſch da⸗ Jakob von Artevelde. 91 mit bemühe, ſo geht Eures Weges und laßt uns in Frieden!“ „Nun, ſo behaltet Euren Wein, und möge er ſich in Eſſig verwandeln; aber erlaubt doch, daß ich mich etwas ausruhe; ich habe Schmerz in den Beinen, junger Herr. Das kommt davon, weil ich wegen der verfluchten Wah⸗ len für Euren Vater herumlaufen muß. Au weh! Euer Vater müßte mir einen ſolchen Stuhl zum Geſchenk machen.“ Der erzürnte Jüngling konnte ſich nicht länger hal⸗ ten und mühte ſich ab, ſich aus den Armen ſeiner Mut⸗ ter, die ihn feſthielt, loszureißen. „Ihr gemeiner Ribaud!“ rief er,„wir wollen doch ſehen, ob Ihr einen Genter Bürger ungeſtraft in ſeiner Wohnung verhöhnen dürft! Verweilt noch einen Au⸗ genblick, und ich werfe Euch aus der Thür!.... Fort! ſage ich.”“ „Nun, bei Sanct Lieven!“ antwortete der Ribau⸗ denkönig, indem er aufſtand;„Ihr ſeid noch barſcher, als der Wirth im Hirſch unter dem Glockenthurm. Ich wollte mich ja nur erholen, indem ich die Rückkehr mei⸗ nes Freundes Denys erwartete. Es ſcheint, daß Ihr keinen Spaß verſteht, junger Herr. Schon gut! Jeder iſt Herr in ſeinem Hauſe. Ihr brauchtet nicht ſo große Augen zu machen, um mich daran zu erinnern. Sagt alſo nur Eurem würdigen Vater, daß der Ribauden⸗ könig Muggelyn ihn heute Abends um ſieben Uhr in ſeiner Wohnung zum Walthore erwarten wird. Ich werde ihm den Wein wiedergeben, den Ihr mir ſo 92 Jakob von Artevelde. gütig eingeſchenkt habt. Seid gegrüßt, und bleibt in Frieden!“ Bei dieſen letzten Worten war der Ribaudenkönig bereits aus der Thür und ging mit wankenden Tritten die Treppe hinunter. So wie er fort war, brach Frau Denys in einen Strom von Schimpfworten gegen den unverſchämten Ribaud aus. Lieven ſagte nichts, ſondern bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und legte es, in peinliche Be⸗ trachtungen verſunken, auf das Rechnungsbuch vor ihm. Als die Mutter durch eine Fluth von Klagen und Drohungen ihr Herz etwas erleichtert hatte von dem Zorn, der es bedrückte, ſagte ſie mit ſcharfem Ton zu ihrem Sohne: „Nun, Lieven! was meinſt Du zu dieſem Beſuch? Iſt es nicht ſehr ehrenhaft für uns, daß ein Ribaud hier⸗ her kommt, ſich den Freund Deines Vaters nennt und unſer Haus zu einer Taberne macht? Als ich Dir ſagte, daß er ſich durch ſeinen dummen Hochmuth immer tiefer hineinbringen würde, da hatte ich Unrecht, nicht wahr? Da läuft nun der Oberdechant der Gilden von Gent mit Ribauden herum; man möoͤchte in den Erdboden ſinken vor Schaam!“ „Mutter, was der Trunkenbold geſagt hat, iſt falſch!“ rief Lieven, das Haupt emporhebend.„Der Vater mag den Ribaudenkönig kennen, daran iſt nichts Wunder⸗ bares; aber daß er Etwas gemein mit ihm habe, das leugne ich, das iſt unmöglich.“ „Gut, ich wünſche, daß Du Dich nicht täuſcheſt; laufen Erlau 7/ am V unter Schön Aber! ſagen, Alles oberha „ Lieven befrage ſchämte um der boldes zu war ſein.. Di 25 Zwillic 4„ 2 Denys Als Sohne 5,* Jakob von Artevelde. 93 eibt in aber was bedeutet dann ſeine Rede, daß er wegen der Wahlen für Deinen Vater herumgelaufen ſei?“ nkönig„Es ſteht ihm frei, wegen der Wahlen herumzu⸗ Tritten* laufen, für wen er will; dazu braucht er des Vaters Erlaubniß nicht.“ einen„Und dann, daß er Deinen Vater um ſieben Uhr hämten am Walthore erwarten will? Dein Vater geht alſo mit— te ſein unter in das ſchmuzige Ribaudenneſt. Das iſt etwas he Be⸗ Schönes für einen Bürger, den Sohn ehrlicher Eltern! r ihm. Aber laß ihn nur zu Hauſe kommen, ich will's ihm ſchon en und ſagen, daß ihm die Augen übergehen ſollen. Und ſollte n dem Alles kopfüber kopfunter gehen, ich will ihn ſchon lehren Lon zu oberhauptmannen und ribauden.“ „Erzürnet Euch nicht vorher, liebe Mutter!“ bat Zeſuch? Lieven wehmüthig;„wir wollen den Vater ſelbſt darum d hier⸗ befragen, und dann werdet Ihr hören, daß der unver⸗ ut und ſchämte Muggelyn nicht wußte, was er ſchwatzte. War⸗ ſagte, um denn den Vater auf das bloße Wort eines Trunken⸗ r tiefer boldes hin verdächtigen? Wir werden nicht lange mehr wahr? zu warten haben; denn die Wahlen müſſen bereits vorbei int mit ſein... Hört! da geht die Thür! das iſt der Vater.“ ſinken Die Dienſtmagd trat ein und ſagte: „Frau, da iſt Mher Jan Calevoet, der Dechant der alſch!“ Zwillichweber.“ 3 r mag„Bitte ihn, hereinzukommen!“ antwortete Frau under⸗ Denys mit ſichtbarem Mißvergnügen. , das Als die Magd wieder fort war, ſagte ſie zu ihrem Sohne: iſcheſt;„Der Calevoet iſt auch Einer von denen, die in Jakob von Artevelde. Sanct Jans Tollhauſe ſitzen müßten. Er und Dein Vater ſind zwei Narren unter einer Kappe. Er kommt auch nur, um Deinen Vater außzuhetzen.“ Jan Calevoet trat mit einer allgemeinen, doch kalten Verbeugung herein, warf ſeine Kopfbedeckung ab, nahm einen Stuhl und ſetzte ſich unter den Schornſtein, wäh⸗ rend er einen Gruß murmelte. Der Dechant der Zwillichweber war kurz von Geſtalt und hatte in ſeinem ganzen Weſen nichts, das die Auf⸗ merkſamkeit erregen konnte, als ungemein kleine Augen, eine platte Stirn und große dünne Ohren, die am Kopfe angeklebt zu ſein ſchienen. Man würde dieſes Geſicht für den äußeren Abdruck der Unbedeutendheit und des Stumpfſinns angeſehen haben, hätten ſeine gekniffenen Lippen, ſein ſpitzer Blick und ſein geziertes Benehmen nicht eine Miſchung von Einbildung und Dummheit er⸗ rathen laſſen. Nachdem er ſich behaglich bei dem Feuer hingeſetzt, rief er erzürnt: „Ach, Ver*) Denys! ſo kann es nicht bleiben!“ „Was kann nicht ſo bleiben?“ fragte ſie. „Ich ſage Euch, es darf nicht ſo bleiben!“ wieder⸗ holte der Dechant der Zwillichweber, indem er mit dem Fuße in die Aſche ſtieß. „Sachte, Mher Calevoet!“ lachte Frau Denys; „gegen wen oder gegen was zieht Ihr denn zu Felde? Eure Rede würde für uns verſtändlicher ſein, wenn es *) Altvlämiſch für Frau. Euch tratet? 2 ſeid ve Wird 2 kommt 5 7/ die Aſe führun gern! 1 / ven ihr —, gutes? „0 Eurem „Das ſche aus müſſen Mühe „2 ſobald durch ſe haben. ihren a darf es kommen dechant Dein kommt kalten nahm wäh⸗ Geſtalt e Auf⸗ Augen, Kopfe Geſicht nd des riffenen nehmen heit er⸗ wieder⸗ nit dem Denys; Felde? venn es Jakob von Artevelde. 95 Euch beliebte, uns zu ſagen, in welchen Dorn Ihr tratet?“ „In welchen Dorn? In einen großen Dorn! Aber ſeid verſichert, Ver Denys! es kann nicht ſo bleiben!— Wird Herr Denys nicht bald nach Hauſe kommen?“ „Das müßt Ihr beſſer wiſſen als ich, denn Ihr kommt ja von den Wahlen!“ „Wahlen! Wahlen!“ rief Calevoet, von Neuem in die Aſche tretend;„ſind das Wahlen, Ver Denys? Ver⸗ führungen und Beſtechungen von herrſchſüchtigen Betrü⸗ gern! Das iſt's, nichts anders!“ „Aber erklärt Euch doch, Mher Calevoet!“ fiel Lie⸗ ven ihm in die Rede;„wir verſtehen Euch nicht.“ „ Zus. Ihr verſteht mich nicht? Ich ſpreche doch gutes Vlämiſch!“ „Es iſt in St. Michielskirchſpiel wohl nicht nach Eurem Sinn gegangen?“ ſagte Frau Denys ungeduldig. „Das begreife ich wohl; es kann nicht nach Jebes Wun⸗ ſche ausfallen, und diejenigen, denen es mislingt, die müſſen ſich darüber nicht ſo ärgern; es iſt nicht der Mühe werth.“ „Nicht der Mühe werth? Das werden wir hören, ſobald Herr Denys nach Hauſe kommt. Man ſcheint ihn durch ſchändliche Liſt im St. Janskirchſpiel unterdrückt zu haben. Die Walkmüller haben dort, wie überall, wieder ihren alten Haß gegen die Weber ausgelaſſen; aber ſo darf es nicht bleiben, und ſollte Roland in das Spiel kommen. Was] ſoll der Dechant der Weber, der Ober⸗ dechant der Zünfte von Gent, zurückgeſetzt werden um 96 Jakob von Artevelde. eines Schwätzers willen, der nichts kann als ſchönreden? Im St. Janskirchſpiel ſoll man einen andern Haupt⸗ mann als Mher Denys wählen dürfen?“ „Nun denn! was habe ich Dir geſagt?“ fragte Frau Denys ihren Sohn;„da haſt Du's ja! Mher Denys muß Oberhauptmann werden: haſt Du in Deinem Le⸗ ben ſo Etwas gehört?“ Da ſie ſah, daß Lieven beſiegt und gleichſam beſchämt die Augen niederſchlug, wandte ſie ſich zu Calevoet und ſagte ſpöttiſch: „Es wäre beſſer, Mher Calevoet, man ließe meinen Mann zufrieden, und ſetzte ihm nicht dergleichen Poſſen in den Kopf. Vielleicht wolltet Ihr zum Hauptmann in St. Michiels erwählt werden, und da möat⸗Str Such ſelbſt darum bekümmern, ohne her Herrn Denys aufzu⸗ hetzen und ihn noch düramer zu machen, als er ſchon iſt.“ „Ja, Ver Denys! wenn Artevelde gewählt wird, da werdet We. ſehen, wen das am meiſten verdrießt; dann wede ich noch wie ein Schaf neben Mher Denys aus⸗ ſehen. Macht Euch nur auf ein ſchreckliches Unwetter gefaßt; er iſt im Stande, vor Wuth ein Unglück anzu⸗ richten, und er hat Recht; ſolchen Hohn ertrigt man nicht, ohne daß das Blut vor Zorn aufflammt.“ „Ha, ha!“ lachte Frau Denys,„wenn das wahr „ ſieht man Euch Beide heute noch Hand in Hand 35 Sanct Jans Tollhauſe wandeln; denn, bei meinem ehrlichen Wort! Ihr ſeid alle Beide verrückt 24 „Ich weiß wohl, Ver Denys!“ ſagte Calevoet er⸗ zürnt,„daß die Frauen von Gemeindeſachen nichts be⸗ greifen; ſchweiger wird we Vaterlan ben und möchte ſ Großpra ſüchtigen grund ſti Lieve ſpielte un „Vo levoet? T unbarmhe 44 We Ihr denn mit Recht velde wär „Und prahler?“ „Und „Und „Und Hände der Das bei dieſen Röthe verf Ausdruck d Er ſagte n Jakob von onreden? Haupt⸗ gte Frau -Denys nem Le⸗ beſchämt oet und meinen Poſſen nann in e Luch 3 aufzu⸗ pon iſt.“ wird, da t; dann ys aus- Unwetter ck anzu⸗ igt man „ as wahr in Hand meinem voet er- ichts be⸗ Jakob von Artevelde. 97 greifen; ich thue auch beſſer, über ſo wichtige Dinge zu ſchweigen, bis der Oberdechant zurückkommt. Euer Spott wird weder ihn noch mich zurückhalten, für Freiheit und Vaterland zu thun, was Noth iſt, und müßten wir Le⸗ ben und Gut daran ſetzen. Es geht doch zu weit; man möchte ſein Herz freſſen, wenn man es anſteht! Einen Großprahler zum Oberhauptmann machen, einen Herrſch⸗ ſüchtigen, der nichts will, als die Gemeine in den Ab⸗ grund ſtürzen und ſich ſelbſt über Andere erheben!“ Lieven's Stirn röthete ſich vor Zorn; bitteres Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, während er fragte: „Von wem ſprecht Ihr denn ſo heimlich, Mher Ca⸗ levoet? Wer iſt denn der Herrſchſüchtige, auf den Ihr ſo unbarmherzig ſchimpft?“ „Wer?“ rief der Dechant der Zwillichweber;„fallt Ihr denn aus der Luft, Lieven? Auf wen ſollte ich denn mit Recht ſchimpfen, wenn es nicht auf Jakob von Arte⸗ velde wäre?“ „Und Mher von Artevelde iſt nichts als ein Groß⸗ prahler?“ „Und ein Betrüger, der das Volk irre führt!“ „Und ein Habſüchtiger?“ „Und ein unvernünftiger Wütherich, der uns in die Hände der Leliaerds liefern wird!“ Das Uebermaß des Zorns, welches den Jüngling bei dieſen Worten ergriff, beruhigte ihn plötzlich; die Röthe verſchwand von ſeinem Antlitz und machte einem Ausdruck des Mitleids, vielleicht der Verachtung, Platz. Er ſagte mit Nachdruck: Jakob von Artevelde. Jakob von Artevelde. „Es thut mir weh, Mher Calevoet! einen Freund meines Vaters ſo reden zu hören. Es iſt jetzt bereits ein Jahr, daß Flandern mit der ſchrecklichſten Hungers⸗ noth zu kämpfen hat. Seit einem Jahre ſchon ſchreit das Volk nach Erlöſung und Nahrung; Niemand fühlte wäh⸗ rend der ganzen Zeit in ſich Verſtand und Muth genug, um das Vaterland zu retten. Nun kommt ein Mann, der es wagen durfte, Leben und Gut zu verpfänden für das allgemeine Beſte. Er ruft das Volk aus ſeiner Muthloſigkeit empor; er entwirft einen rieſenhaften Plan, um Flandern durch eine einzige That Gedeihen und Nahrung zu geben, und beweiſt mit wunderbarer Beredſamkeit, daß Gott ihn mit Geiſteskräften begabt habe, die nöthig ſind, um das edle Werk zu vollbringen. Das Volk jauchzt ihm zu als dem Retter ſeines Vater⸗ landes und freut ſich über ſeine ſichere Erlöſung..... Und in ſolchem Augenblick wagen es einige Bürger in unglaublicher Verblendung, gegen ihn Rache zu rufen und von Betrügerei zu ſprechen. Daß man von dem weiſen Manne zu ſagen wagt, er ſei ein unvernünftiger Wütherich! Unvernünftig? Er, der ſeine Beleidiger zer⸗ ſchmettern kann mit der Macht ſeines Geiſtes! Wüthe⸗ rich? Mher Jakob von Artevelde, der den Muth hat, die Rache und den Haß aller Feinde der Freiheit und des Vaterlandes auf ſich zu laden, und der ſein Haupt auf den Richtblock legt, zum Pfande für Flanderns Frei⸗ heit! Ach! wenn Frankreich mächtig genug wäre, um die Gemeine wegen ihres Aufſtandes zu beſtrafen, wer würde das erſte Schlachtopfer ſein? Ihr doch wohl nicht, M Bl phi das heit Wo lich Lehr ziem nicht könn den; daß Ihr und hat! pelm Gew nicht gen! gerve freiu heit? 4 Man Ihr ten Freund etzt bereits Hungers⸗ ſchreit das ühlte wäh⸗ uth genug, in Mann, fänden für aus ſeiner ieſenhaften Gedeihen underbarer ten begabt ollbringen. res Vater⸗ Bürger in 2 zu rufen von dem ernünftiger eidiger zer⸗ ! Wüthe⸗ Muth hat, reiheit und ſein Haupt erns Frei⸗ wäre, um rafen, wer wohl nicht, Jakob von Artevelde. 99 Mher Calevoet! Nein, es iſt der weiſe Mann, deſſen Blut ſtrömen würde, um für Flandern zu büßen!“ „Wohl geſprochen, Lieven!“ rief die Mutter trium⸗ phirend;„Mher Calevoet mag das in die Taſche ſtecken; das wird ihm lehren, Deinem Vater den Kopf mit Thor⸗ heiten und Grillen vollzuſtopfen.“ Der Dechant der Zwillichweber hatte lachend die Worte des Jünglings angehört, obwohl ſie ihn inner⸗ lich verdroſſen. „Oho, Lieven!“ antwortete er;„Ihr behaltet die Lehren Mher Jakob's ſehr gut. Es ſcheint, daß Ihr auch ziemlich viel ſchöne Worte kennt; aber das macht es Alles nicht aus. Ihr ſprecht etwas kühn, Jüngling, und ich könnte mich beleidigt fühlen durch Eure höhniſchen Re⸗ den; aber ich will es gern vergeſſen, indem ich bedenke, daß Ihr von öffentlichen Angelegenheiten wenig verſteht. Ihr werdet ſpäter noch lernen, daß der Schein trügt und Worte nichts als Worte ſind; zum Beiſpiel, man hat Mher Jakob gerathen, mit einem ganzen Heer Ru⸗ pelmondeſtein zu belagern, um Segher de Cortrazyn mit Gewalt aus dem Kerker zu befreien; er will es aber nicht, und ſagt, daß dieſer Zug Alles in Gefahr brin⸗ gen würde. Segher de Cortrazyn iſt ſein eigener Schwie⸗ gervater, und doch wagt Mher Jakob nicht, deſſen Be⸗ freiung zu verſuchen. Iſt das nicht eine unerhörte Feig⸗ heit?“ „Daran erkenne ich das edle Gemüth des weiſen Mannes,“ rief Lieven, wie von Bewunderung ergriffen; „Ihr glaubt alſo, daß er das Volk aus dem Schlafe 7 2 7 Jakob von Artevelde. wach gerufen, um ſeinen Schwiegervater aus dem Kerker zu holen? Ihr kennt ihn nicht. Flandern will er retten, die Hungersnoth aus unſerm Lande treiben. Ach, wenn er die Befreiung Flanderns auf das Spiel zu ſetzen wagte um ſeines Schwiegervaters willen, das wäre eine Feig⸗ heit! Es giebt enge Seelen, die ein ſolches Opfer nicht begreifen und Mher Jakob haſſen, weil er an Geiſt und Herz zu groß iſt für das Maaß ihrer kleinen Leidenſchaf⸗ ten. Sie mögen tadeln und ſchelten; er wird nicht auf das achten, was tief unter ihm wühlt— ſondern Flan⸗ dern retten, wie er es geſagt hat.“ Der Dechant der Zwillichweber ſtand erzürnt von ſeinem Stuhle auf und ſprach mit heftigem Tone: „Das geht zu weit! Wie könnt Ihr Euch erlauben, mir ſo Hohn zu bieten! Junger Mann, Ihr vergeßt, was Ihr mir ſchuldig ſeid; denn wenn Ihr ſo auffahrt gegen einen Freund Eures Vaters, und ihn eine enge Seele und was ſonſt noch zu nennen wagt, dann ſagt Ihr daſſelbe von Eurem Vater; er denkt darüber noch ſchlimmer als ich. Hätte ich nicht Mitleid mit Eurer Unbeſonnenheit, ich verließe dieſes Haus augenblick⸗ lich und würde keinen Fuß mehr über deſſen Schwelle ſetzen!“ Lieven erſchrak über die Wirkung ſeiner Worte, und fühlte, daß er in der That zu weit gegangen ſei. „Verzeiht, Mher Calevoet!“ ſagte er,„ich habe mich vielleicht zu heftig ausgedrückt zaber es geſchah blos, weil Ihr von dem Vater ſagtet, er nähme Theil an dem Haſſe⸗ gegen den weiſen Mann. Es ſcheinen da allerlei Zuträ⸗ 2₰ kom tigen Fuß plötzlie gemach auch n um ſe ſchaften tend, Mante H 7⁷ „wie Euch l m Kerker er retten, ch, wenn en wagte ne Feig⸗ fer nicht zeiſt und denſchaf⸗ richt auf n Flan⸗ ent von e. lauben, vergeßt, ruffahrt ne enge un ſagt er noch Eurer enblick⸗ chwelle e, und be mich 8, weil Haſſe Zuträ⸗ Jakob von Artevelde. 101 gereien gemacht zu werden. Mein Vater iſt ein Freund von Mher Jakob!“ „Ein Freund von Mher Jakob?“ lachte Calevoet; „ich glaube wahrhaftig, Lieven, Ihr verliert den Ver⸗ ſtand. Ihr werdet es hören, wenn Euer Vater nach Hauſe kommt, wie er nach Rache ſchreit gegen den Herrſchſüch⸗ tigen, der ihn ſeines Rechtes beraubt, um uns Allen den Fuß auf den Nacken zu ſetzen. Aber wartet.. 7 Der Dechant der Zwillichweber wollte in ſeinen Be⸗ ſchuldigungen gegen Artevelde fortfahren, hörte jedoch die Vorderthür öffnen und ſagte: „Ach, da iſt er! Jetzt werdet Ihr ſchon andere Dinge hören.“ Es war in der That Geeraert Denys, der in das Vorgemach trat und dort bei dem erſten Schritte das Dienſtmädchen rauh aus dem Wege ſtieß. Auf ſeinem Antlitz hatte ſich ein tiefer Verdruß gelagert, und ſeine Augen ſchienen vor Wuth zu glühen. Sobald er ſich jedoch der Thür des Hinterzimmers näherte, verſchwand plötzlich der zornige Ausdruck von ſeinem Geſicht; ein gemachtes Lächeln nahm deſſen Stelle ein, das, wenn es auch nicht minder bitter war, doch natürlich genug ſchien, um ſeinen Hausgenoſſen zu verbergen, welche Leiden⸗ ſchaften in ſeinem Buſen wühlten. In das Zimmer tre⸗ tend, grüßte er Jeden leichthin, indem er Kappe und Mantel abwarf. „Nun, Mher Geeraert!“ fragte Calevoet aufſtehend, „wie iſt es gegangen im St. Janskirchſpiele? Da ich Euch lächeln ſehe, fange ich an zu zweifeln“ ——— 2 Jakob von Artevelde. „Mher Jakob von Artevelde iſt faſt einſtimmig zum Oberhauptmann erwählt worden,“ antwortete Gee⸗ raert kalt. „Habe ich es nicht vorausgeſagt? In St. Michiels iſt es Pieter van den Hovene, ein Ritter!“ „In St. Jakobs Willem van Vaernewyck, der Bru⸗ der des Oberſchöffen.“ „Wiederum ein Ritter, Oberdechant! Das heißt Volksmacht!“ „In St. Nicolaes hat man Ghelnoot van Lens ge⸗ wählt; in St. Maertens⸗-Ackerghem Willem van Huſe.“ „So!“ rief Calevoet wüthend,„Ghelnoot van Lens, der ganze Tage bei Artevelde im Hauſe ſteckt, Willem van Huſe, den Vorſteher der Walkmüllergilde! Mich dünkt, daß man der Weberei etwas zu vermeſſen in's Angeſicht ſchlägt. Es iſt eine abſcheuliche Verſchwörung; aber es ſoll nicht dabei bleiben! Nein, und müßte die halbe Stadt in Flammen aufgehen, es ſoll nicht ſo blei⸗ ben, ſage ich!“ „Es iſt nun einmal ſo,“ bemerkte der Oberdechant; „man muß abwarten, was daraus wird, Mher Cale⸗ voet! Obendrein gehört ja doch Mher Artevelde immer zu den Webern.“ Denys' kühles Benehmen überraſchte den Dechanten der Zwillichweber, und er fühlte ſich um ſo mehr ver⸗ letzt, als ihn Lieven und deſſen Mutter triumphirend anblickten.— „Wie!“ rief er dem Oberdechanten zu;„man hat Euch eines Rechtes beraubt, das Euch zukam; man hat 5 Euch wüt 1 ſagte zum den? Freil entſch 1 erſta Betr auf d Denn da er Freu lerner gewo Ihr für d Ande Groß —; umig zum tete Gee⸗ Michiels der Bru⸗ Das heißt Lens ge⸗ in Huſe.“ van Lens, Willem ſe! Mich eſſen in's wörung; nüßte die t ſo blei⸗ rdechant; her Cale⸗ de immer Dechanten nehr ver⸗ nphirend man hat man hat Jakob von Artevelde. Euch einen blutigen Schimpf zugefügt, und Ihr ſeid nicht wüthend? Oder habt Ihr mich zum Beſten?“ „Ich bin durchaus nicht erzürnt, Freund Calevoet!“ ſagte Denys mit noch größerer Ruhe;„hätte man mich zum Oberhauptmann gewählt, ſo würde ich allerdings den Weg eingeſchlagen haben, auf welchem die Gemeine Freiheit und Macht finden kann; aber das Volk hat zu entſcheiden und hat nach ſeinem Willen gehandelt.“ „Und das könnt Ihr ertragen?“ fragte Calevoet erſtaunt und verletzt;„Ihr laſſet Cuer Vaterland durch Betrüger erniedrigen, den Webern durch die Walkmüller auf den Kopf treten, und Euch ſelbſt ſo verkennen? Ach, Denys! Denys! ich habe beſſer von Euch gedacht. Jetzt, da er mächtig wird, zieht Ihr Euch zurück und laßt Eure Freunde ſitzen? Das iſt doch auch kein Beweis des ſtäh⸗ lernen Herzens und des eiſernen Arms, von dem Ihr gewohnt ſeid zu reden?“ „Sobald das Volk ſeinen Irrthum einſieht, werdet Ihr Denys erkennen, Mher Calevoet. Er wird ſich opfern für das Glück Derjenigen, die jetzt ihr Vertrauen einem Andern geſchenkt haben, und auf dieſe Weiſe zeigen, daß Großmuth ihn beſeelt.“ „Und jetzt! jetzt!“ „Jetzt will er ſich die Dinge anſehen.“ Der Dechant der Zwillichweber trat wüthend auf den Heerd, daß die Aſche wie Rauch zwiſchen ſeinen Fü⸗ ßen emporflog. Er konnte nicht begreifen, was im Her⸗ zen des Oberdechanten vorgegangen ſei, da er ihn noch au Morgen ſo harte Drohungen gegen Artevelde hatte Jakob von Artebelde. ausſtoßen hören und ihn jetzt gefühllos gegen den ihm zugefügten Hohn fand.— Er vermuthete hier Heuchelei oder Spott und ſagte, indem er die Kappe aufſetzte und nach der Thür ging:. „Schon gut, Mher Geeraert Denys! Wenn Ihr auch die gute Sache verleugnet und verlaßt, es giebt in Gent, Gottlob! noch genug Männer, welche die Macht haben, ihr Vaterland zu retten und die Betrüger zu entlarven. Seid verſichert, man wird Euch nicht um Erlaubniß bit⸗ ten. Wenn Ihr das Herz verloren habt, ſo mögt Ihr Euch auch zu den Feigen geſellen; Ihr ſeid um kein Haar breit von Gurem Wege abgewichen. Es wird lange wäh⸗ ren, ehe Ihr mich hier wiederſehet....“ Bei dieſen Worten öffnete er die Thür und verließ das Gemach. Geeraert Denys ſtand eilig von ſeinem Stuhle auf und folgte ihm in das Vorzimmer, wo ſie von Neuem in einen langen Wortwechſel geriethen. Anfangs konnten Frau Denys und ihr Sohn noch ſehr wohl die Vorwürfe hören, welche Calevoet dem Oberdechanten machte; aber was dieſer mit minder lau⸗ tem Tone ihm antwortete, verſtanden ſie nicht. Endlich flüſterten Beide nur, ſo daß man im Zimmer nichts mehr hören konnte als ein anhaltendes Gemurmel. Nachdem Lieven eine geraume Zeit gelauſcht hatte, aus Furcht, daß der Streit im Vorzimmer ärger würde, wandte er ſeine Auf⸗ merkſamkeit wieder ab und ſagte freudig zu ſeiner Mutter: „Seht Ihr nun wohl, daß Alles unwahr iſt, und daß der Vater die Leidenſchaft des heftigen Calevoet nicht theilt? Ich wußte wohl, daß ich mich nicht täuſchte. Um * warte obwol witter Donn Ihr ih die er muß; darum / 4 Als ich ſeinem geſchlag dem S er aufb gegen n reden lo Ger raert D jetzt vor nichts al den ihm Heuchelei ſetzte und Ihr auch in Gent, t haben, nlarven. miß bit⸗ ögt Ihr in Haar ge wäh⸗ verließ ſeinem wo ſie en. n noch et dem er lau⸗ Endlich 3 mehr ichdem t, daß eAuf⸗ utter: und nicht Um Jakob von Artevelde. 105 das unverſchämte Geſchwätz des betrunkenen Muggelyn will ich mich gar nicht kümmern; denn das hat ſicherlich weder Grund noch Wahrſcheinlichkeit.“ Frau Denys zuckte lächelnd die Achſeln. „Ach, Mutter!“ ſprach Lieven,„das iſt nicht recht, daß Ihr jetzt noch zweifelt.“ „Ich bewundere Dich, Lieven! Du biſt ein guter Sohn, und ich will Dich nicht noch mehr kränken; aber warte nur ein Bischen; der Tag iſt noch nicht zu Ende, obwohl der Abend dämmert; es wird gleich ein Unge⸗ witter aufſteigen, das ſobald nicht vorüberzieht, ſondern Donner und Blitz mit ſich führt. Glaube mir!“ „Ja, wenn Ihr den Vater wieder erzürnt, indem Ihr ihm Vorwürfe macht und ihn um Dinge fragt, auf die er nicht antworten will. Ihr wißt, wie müde er ſein muß; laßt ihn heute Abend in Ruhe; ich bitte Euch darum, Mutter!“ „Du brauchſt mir den Rath nicht zu geben, Lieven! Als ich bei ſeinem Eintreten das freundliche Lächeln auf ſeinem Antlitz merkte, wußte ich ſchon, was die Glocke geſchlagen hatte. Ich werde mich ſobald wie möglich aus dem Staube machen. Suche Du ihn zu beruhigen, wenn er aufbrauſt; gegen Dich iſt er doch nicht ſo barſch, wie gegen mich. Morgen wird ſich ſchon ein Wort mit ihm reden laſſen.— Und daß dieſer dumme Calevoet....“ Gerade als ihr dieſer Name entſchlüpfte, trat Gee⸗ raert Denys wieder in das Gemach. Das Lachen war jetzt von ſeinem Antlitz verſchwunden, und man konnte nichts als Verdruß und Zorn auf demſelben bemerken 106 Jakob von Artevelde. „Frau!“ rief er, wüthend die Hand erhebend,„Du ſollſt dies Bellen gegen Mher Calevoet laſſen, oder es wird Dich gereuen! Wenn man nicht weiß, wie man Leute in ſeinem Hauſe empfangen muß, ſo lernt man es. Es iſt keck und unfreundlich von Dir, Frau, daß Du meine Freunde ſo plump ausſchiltſt; aber ich weiß es ja, von Dir läßt ſich nichts Beſſeres erwarten!“ „Es beginnt ſchon zu ſtürmen,“ murmelte Frau Denys zwiſchen den Zähnen;„wer das Unwetter fürch⸗ tet, der mache ſich aus dem Staube!“ „Was murmelſt Du da, böſes Weib?“ fiel ihr der Oberdechant in die Rede, in der deutlichen Abſicht, einen heftigen Wortzwiſt zu beginnen. Aber die Frau ſchien ganz und gar keine Neigung dazu zu fühlen; ſie nahm ihr Spinnrad vom Boden auf, als wolle ſie das Zimmer verlaſſen, und ſagte: „Siehſt Du, Geeraert, wenn Du wieder den Teufel jagſt und mich als eine Dienſtmagd behandeln willſt, ſo laufe ich aus dem Hauſe zu meiner Schweſter, und dann verſuche, ob Du mich bereden kannſt, wiederzukommen.“ „Setzt Euch, Vater!“ ſagte Lieven bittend,„und ruht Euch aus; denn Ihr ſeid ſchrecklich ermüdet. Viel⸗ leicht haben ſich die Dinge nicht ganz ſo gemacht, wie Ihr es wünſchtet; aber wenn man aus voller Ueberzeu⸗ gung ſeine Pflicht als ein guter Bürger that, ſo darf man ſich nicht zu ſehr darüber ärgern.“ Geeraert Denys antwortete nicht, obwohl er Lieven's Rath befolgte und einen Armſtuhl zum Feuer hinrückte. Dann ließ er ſich in dem bequemen Seſſel nieder und ſchwieg Lampe bieteriſe ſich ente 2 allein ſe mer kor laß mic Frc zu verla legte ſie pult an ebenfall den Wo „D Nimm d Pulte w ſorge un noch zu „3 vergnüg Stimme Herz von Er fragt „Vo „Ge „Vo könig, hi „Nu „Du er es man n es. Du s ja, Frau ürch⸗ ihr ſicht, Frau z ſie das eufel , ſo dann len.“ „und Viel⸗ wie zeu⸗ darf ven's ickte. und Jakob von Artevelde. 107 ſchwieg, bis die Dienſtmagd mit einer angezündeten Lampe kam und dieſelbe auf den Tiſch ſetzte. Mit ge⸗ bieteriſchem Tone ſagte er nun, während er dieſelbe von ſich entfernte: „Was hat die ſchlechte Dirne hier zu thun? Ich will allein ſein, Frau! und laß mir Niemanden in das Zim⸗ mer kommen, oder ich werfe ihn aus der Thür. Auch laß mich das nicht zweimal ſagen!“ Frau Denys beeilte ſich, mit der Magd das Zimmer zu verlaſſen. Lieven packte ſeine Schreibereien zuſammen, legte ſie ſammt dem Rechnungsbuche auf ein Schreib⸗ pult am andern Ende des Zimmers und wollte dann ebenfalls fortgehen; aber ſein Vater hielt ihn zurück mit den Worten: „Dir gilt es nicht, was ich geſagt habe, Lieven! Nimm das Licht vom Tiſche und arbeite nur an Deinem Pulte weiter. Ich will verſuchen ein Bischen zu ſchlafen; ſorge unterdeſſen für das Feuer, daß es weder zu kalt noch zu warm hier werde.“ „Ich will ſchon darauf achten,“ antwortete Lieven, vergnügt über den ruhigeren Ton von ſeines Vaters Stimme. Dieſe günſtige Aenderung ermuthigte ihn, ſein Herz von einem Gedanken, der ihn bedrückte, zu entlaſten. Er fragte daher: 1 „Vater, darf ich Euch Etwas ſagen, ehe Ihr ſchlaft?“ „Gewiß, Lieven! Was iſt's?“ „Vor einer Stunde iſt Muggelyn, der Ribauden. könig, hier geweſen, um Euch zu ſprechen.“ „Nun, iſt das ſo wunderbar?“ 108 Jakob von Artevelde. „O nein, Vater! aber er nannte Euch ſeinen Freund, und machte gar keine Umſtände, als ob er ſehr vertraut mit Euch wäre.“ „Er war betrunken, ſicherlich! Das geſchieht ihm nur einmal in der Woche; aber es dauert von Montag bis zum Sonntag. Haſt Du denn geglaubt, was Dir der dumme Ribaud ſagte?“ „Nein, gewiß nicht, Vater! Ich habe ihm die Thür gezeigt und ihm gedroht, ihn bei der Schöffenbank zu verklagen.“ „Das hätteſt Du nicht thun ſollen, Lieven! Der Ribaudenkönig gehört zu Denjenigen, welche denken, ich ſei mehr als irgend ein Anderer dazu geeignet, der Ge⸗ meine als Oberhauptmann zu nützen, und hat ſich wahr⸗ ſcheinlich Mühe gegeben, auch Andere von ſeinen Gedan⸗ ken zu überzeugen. Mag er ſich nun täuſchen oder nicht, Zuneigung, möge ſie kommen, woher ſie wolle, darf man nicht rauh zurückweiſen.“ „Es iſt wahr, Vater! ich bin vielleicht zu heftig ge⸗ weſen. Seine rohen Redensarten machten mich böſe. Er hat auch noch geſagt, daß er Euch heute Abend um ſieben Uhr im Walthore erwartet; Ihr geht aber nicht hin, nicht wahr, Vater?“ „Was ſollte ich dort, Lieven? Der Trunkenbold hat das geſagt, gleich allem andern Unſinn, den er auskramt. Iſt das Alles, was Du zu fagen hatteſt?“ „Ja, Vater! Ich freue mich, daß es nicht wahr iſt. Schlaft nur ruhig; ich werde gut auf das Feuer Acht geben.“ Ich we wider Li Arbeit ſeinem einſchla hin un nele, En bare A und feſt Fußſpit ſich wie Wi menſte Rechnur das Feu ſtörte u Was de wurde b ſcheinung Das lich anzu unbeweg geöffnete Zähne; ternde F Auf dies Freund, vertraut eht ihm Montag Dir der ie Thür bank zu ! Der ken, ich ſer Ge⸗ wahr⸗ Gedan⸗ nicht, , darf lig ge⸗ böſe. id um nicht Id hat ramt. yr iſt. Acht Jakob von Artevelde. 109 „Recht! Halte Dich ſtill und mache kein Geräuſch. Ich werde raſch einſchlafen; denn die Augen fallen mir wider Willen zu.“ Lieven begab ſich leiſe zu ſeinem Pult und ſetzte ſeine Arbeit fort. Von Zeit zu Zeit wandte er die Blicke nach ſeinem Vater und bemerkte betrübt, daß derſelbe nicht einſchlafen könne, indem er ſich fortwährend im Stuhl hin und her drehte und dann und wann die Augen öff⸗ nete, um ſie eben ſo vergeblich wieder zu ſchließen. Endlich nach einer halben Stunde bewies das hör⸗ bare Athmen ſeines Vaters, daß derſelbe Ruhe genoß und feſt eingeſchlafen war. Jetzt erſt ging Lieven auf den Fußſpitzen zum Feuer und legte Holz hinzu, worauf er ſich wieder zu ſeinem Pulte begab und fortarbeitete. Wohl eine gute Stunde lang herrſchte die vollkom⸗ menſte Stille im Zimmer, und Lieven, in eine lange Rechnung vertieft, hatte ſeit geraumer Zeit ſich nicht um das Feuer bekümmert, als ihn plötzlich ein dumpfer Laut ſtͤrte und ihn die Blicke auf ſeinen Vater richten ließ. Was der Jüngling ſah, mußte entſetzlich ſein; denn er wurde bleich und ſtarrte, wie von einer ſchrecklichen Er⸗ ſcheinung gefeſſelt, nach dem Kamin hin. Das Antlitz ſeines Vaters war in der That abſcheu⸗ lich anzuſehen. Die weit geöffneten Augen ſtanden ihm unbeweglich und verwildert im Kopfe; die krampfhaft geöffneten Lippen zeigten ſeine feſt zuſammengebiſſenen Zähne; über ſeine Stirn und ſeine Wangen liefen zit⸗ ternde Falten, und ſeine Haare ſträubten ſich empor. Auf dies Alles warf die flackernde Flamme einen rothen 110 Jakob von Artevelde. Blutſchein, der alle Schattenlinien noch ſtärker hervor⸗ hob und dem Geſicht des Oberdechanten etwas Teufli⸗ ſches und Entſetzliches verlieh. Erſchreckt war Lieven von ſeinem Stuhle aufgeſprun⸗ gen; aber dieſer Anblick hatte ihn ſelbſt ſo überraſcht, daß er keinen Schritt vorwärts zu thun wagte und un⸗ beweglich ſtehen blieb. Ein heftiges Zittern ergriff ihn, als er die folgenden Worte aus ſeines Vaters Munde fallen hörte: „Hier Roland! Roland!.... Ermordet ihn!.... Ah! ha! Rache!... Kennt Ihr den Dechanten der We⸗ ber? Ihr ſpottet ſeiner? Blut! Blut!.... Er ſterbe!.... Schleppt ſeine Leiche durch die Straßen!.... Tretet ihn mit Füßen!.... So, ſo!.... Ha, das iſt gut! Ribaud! Ribaud! hierher! Dort läuft noch Einer!.... Den auch! Fahrt fort! fahrt fort!....“ Sowie der Oberdechant dieſe Worte ſprach, wurde ſein Geſicht noch gräßlicher, und er bewegte Hände und Füße mit außerordentlicher Kraft. Der zitternde Lieven hatte nicht die Macht, ſich zu rühren, bis ſein Vater bei den Worten:„Dort läuft noch Einer!“ aufſtand und die Hand aufhob, als zeige er dorthin. Die Furcht, er könne in das Feuer fallen, riß den Jüngling aus ſeinem Schrecken empor. Er lief zu dem Kamin, faßte ſeinem Vater bei dem Arme, um ihn zu wecken, und ſagte: „Vater! Vater! Ihr träumt.“ Geeraert Denys öffnete die Augen und betrachtete eine Zeit lang ſeinen Sohn verſtört und ängſtlich, indem er ſich ſchmerzlich die Stirn rieb. / allen: Stirn. 5 / o, ſe 1„ „Was 0 7179 von Ie „ die ma De Jeman ſagte e „2 Apare Ser G. terhalte zu Brü nem erz Einem durch di die Haa „S „Ihr ri N geſproch „I Euch ni von Neu hervor⸗ Teufli⸗ geſprun⸗ erraſcht, und un⸗ riff ihn, Munde reetet ihn Ribaud! Den wurde nde und Lieven ater bei nd und rcht, er ſeinem ſeinem ſagte: rachtete indem Jakob von Artevelde. 111 „Was iſt mir geſchehen? Ich bin wie gelähmt in allen meinen Gliedern; der Schweiß tropft mir von der Stirn.“ „Ihr habt geträumt, Vater!“ antwortete Lieven; „o, ſo häßlich geträumt.“ „Habe ich denn geſprochen?“ fragte Denys erſchreckt. „Was habe ich geſagt?“ „Ich weiß es nicht, Vater! Es war von Blut und von Jemand, den man ermordete,— von einer Leiche, die man durch die Straße ſchleifte.“ Der Oberdechant verſtummte eine Zeit lang, wie Jemand, der Etwas näher zu bezeichnen ſucht. Endlich ſagte er: „Ach, jetzt weiß ich, woher es kommt. Mher Joos Apare hat mich heute Morgen in der Meerminne bei Ser Geeraert's⸗Teufelsſtein wohl eine Stunde lang un⸗ terhalten von einem Kornhändler, den man vor Zeiten zu Brügge ermordet hat. Dieſer Joos Apare kann Ei⸗ nem erzählen, daß man glaubt, es zu ſehen. Wenn er Einem ſchildert, wie die blutige Leiche des Kaufmanns durch die Straßen geſchleppt wurde, dann ſteigen Einem die Haare zu Berge.“ „Das wird es ſein, Vater!“ ſagte Lieven beruhigt; „Ihr rieft auch einen Nibaud.“ „Natürlich, weil Du mir, ehe ich einſchlief, von ihm geſprochen hatteſt.“ „In der Thatl! ich dachte nicht mehr daran. Setzt Euch nur wieder in Euren Stuhl, Vater, und ſchlaft von Neuem; Ihr habt ſo wenig Ruhe gehabt.“ Jakob von Artevelde fragte dann wie zerſtreut: „Was iſt die Uhr, Lieven?“ „Nach der Uhr von Sanct Jan muß es jetzt etwas mehr als halb ſieben ſein.“ „Ich muß ausgehen, Lieven.“ „Jetzt noch, Vater?“ „Ja, ich habe Mher Joos Apare mein Wort gege⸗ ben; binnen weniger als einer Stunde bin ich wieder zurück. Sage Deiner Mutter, daß ſie Eſſen für mich bereit halte.“ Während Geeraert Denys dieſe Worte ſprach, be⸗ kleidete er ſich mit Mantel und Kappe und verließ das Gemach. Lieven begleitete ihn bis auf die Straße mit tiefer Betrübniß, und kehrte dann in das Haus zurück, um ſeine Mutter aufzuſuchen. Wohl fuhr es ihm durch den Kopf, daß ſein Vater vielleicht zu dem Ribaud gehe; aber ſein zartes, liebendes Herz verwarf dieſen Gedanken mit Kraft, und als er in die Küche zu ſeiner Mutter trat, hatte er den Zweifel bereits ganz beſtegt und verbannt. Ende des erſten Bandes, Drnck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Geeraert Denys beſann ſich einen Augenblick und ———-—— — 2 5 An ein verne, d in der O unter frö ſaßen und von einer um ihren Man hör die wichti ohne die aus, moch oder den? In di thin lachen während i um auf da zinnernen Im gr ſonen, wel ihrem Stil Jakob von ——— . 3 3 2—y= —