— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von— 8 Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird v jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchen hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vo Morgens on Stun gegennahme rchende Summe in mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 3 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8—————— 3 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3 5 1„„—„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern„c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.—. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 8 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — Das Goldland. Abenteuer nan drei Jlamändern die nach Rali uistle.agr um Gald zu zuchen, . von Hendrik Conſcience. Au 3 dem Flämiſchen. von Dr. Büchele. 8 Erſter Band. Stuttgart. Franckhiſche Verlagshandlung⸗ 4 1863. — 2 S 5 — — 2 5 2 2 — E — * A 2 2 e 2 — 8 3 5 I. Das Comptoir. An einem Morgen des Monats Mai, im Jahr 1849 ſaß ein junger Commis vor einem Pulte allein auf dem Comptoir eines nicht ſehr anſehnlichen Kauf⸗ hauſes zu Antwerpen. Er war ſehr hoch gewachſen und blondhaarig; ſein feines und glattes Geſicht und etwas Träumeriſches in ſeinem Ausdruck erregten die Vermuthung, er müſſe ſehr ſanftmüthig ſein, ob⸗ wohl das Funkeln ſeiner blauen Augen von einer gewiſſen Entſchloſſenheit oder zum Mindeſten von einem lebhaft erregten Gefühle zeugte. Er war mit Schreiben beſchäftigt, doch unter⸗ brach er zu wiederholten Malen ſeine Arbeit, um in ein Tagblatt zu ſehen, das rechts neben ihm offen auf dem Pulte lag. Was darin zu leſen ſtand, ſchien ihn jedesmal von Neuem mit einer geheimen Kraft zu erfaſſen, denn es war ſichtbar, daß er ſehr oft gegen ſeinen Willen die Aufmerkſamkeit von ſei⸗ nem Geſchäft abwandte. Noch einmal richtete er den Blick auf das Tagblatt und las mit dumpfer, bewegter Stimme: 4 „Man findet hier das Gold beinahe an der Oberfläche der Erde, in ſolcher Menge, daß man ſich nur zu bücken braucht, um Schätze zu ſammeln. Ein Matroſe hat kürzlich eine pepita von einem Gold⸗ klumpen gefunden, der über tauſend Pfund im Ge⸗ wicht und mindeſtens einen Werth von fünfund⸗ zwanzig tauſend Francs hatte.“ 4 Ein Seußzer entſchlüpfte dem Commis, und er 7 hob die Augen klagend zum Himmel. Die Thüre des Comptoirs ging auf. Auf der Schwelle erſchien ein junger Mann, ziemlich ſtark gebaut, mit etwas rothen Wangen, hellen ſchwarzen Augen und mit einem offenen Geſicht, das von Muth und Lebensluſt erglänzte. „Jan, Freund, Du wirſt geſcholten werden,“ ſagte der Andere. Der Herr iſt bereits auf dem Comptoir erſchienen und über Deine Abweſenheit zornig geworden.“. „Bah, daran iſt mir nicht viel gelegen, mein guter Victor,“ antwortete Jan in triumphirendem Ton.„Es iſt beſchloſſen: ich ſage dieſer Feder⸗ fuchſerei und dieſem düſteren Gefängniß, worin ich ſo einfältig die ſchönſten Jahre meines Lebens ver⸗ loren habe, Lebewohl! Hurra! Ich gehe in die 4 a -———+H₰ 11—— a——,— 242, eöo S weite Welt, frei wie ein Vogel, und keinen andern v Herrn über mir erkennend, als Gott und das Schickſal. d „Was willſt Du ſagen?“ fragte ſein Kamerade erſtaunt.. g' „Was ich ſagen will?“ wiederholte Jan, ein ge⸗ fr drucktes Blättchen aus ſeiner Taſche ziehend.„Da he ſieh' den Proſpektus einer franzöſiſchen Geſellſchaft, la Californienne genannt. Sie hat allerlei Werkzeuge zur Ausbeutung der beſten Goldminen Kaliforniens verfertigen laſſen. Da wo man das koſtbare Metall mit den Händen aufraffen kann, wird ſie durch treff⸗ liche Geräthſchaften und zweckmäßige Vorkehrungen das Gold in Haufen ſammeln. Jedermann, der will, kann Theilhaber werden. Mittelſt Bezahlung von zweitauſend Francs bekommt man freie Ueberfahrt auf einem Schiff der Geſellſchaft, als Paſſagier zwei⸗ ter Klaſſe, und zu gleicher Zeit zwei Actien, welche Dir Anſpruch auf einen doppelten Antheil an allem geſammelten Golde geben. Dort, in Kalifornien hat man ſich um Nichts zu bekümmern. Die Geſellſchaft ſorgt ihren Leuten für gute Nahrung und bequeme, warme Vohnungen. Als Paſſagier der dritten Klaſſe be⸗ zahlt man nur zwölfhundert Francs, aber bekommt dann nur eine einzige Actie. Mein Vater hat ſich zu einem Opfer von zweitauſend Francs entſchloſſen. Ich ſoll Theilhaber an der Californienne werden. Das Schiff Jonas iſt nach Kalifornien ausgerüſtet, in vierzehn Tagen wird es von Antwerpen nach dem Goldland abſegeln. Die Geſellſchaft ſendet noch vier andere Schiffe nach Kalifornien, unter andern eines von Havre de Grace, mit den Werkzeugen und den Directoren, die bereits auf der See ſein müſſen, um dort die Actionäre in Empfang zu nehmen.“ Victor ſchaute ſeinen Freund mit funkelnden Au⸗ gen an. Was er hörte, mußte ihm beſonders er⸗ freulich ſein, denn ein Lächeln der Verwunderung er⸗ hellte ſein Angeſicht. „Du gehſt nach dem Goldlande! Du gehſt nach Kalifornien?“ murmelte er. —E 6 „Binnen zwei Wochen.“ „Du, Du, Jan? Hat der Golddurſt Dich ſo plötzlich befallen?“ „O nein; Du ſelbſt, Victor, haſt mir den Kopf damit verrückt, daß Du mir ewig von dem wunder⸗ baren Lande, das man unlängſt entdeckt hat, vor⸗ ſchwatzeſt. Ich ſehe in dieſer Reiſe ein gutes Mittel, um dem ertödtenden Comptoirleben zu entfliehen; das Gold iſt nur ein Vorwand, um meines Vaters Zu⸗ ſtimmung zu erlangen. Ah, ah, morgen bin ich frei; morgen werde ich Actionär der Californienne; ſchon morgen beſpreche ich meinen Platz auf dem Schiffe: der Jonas!“ „Wie glücklich Du biſt,“ ſeufzte Victor mit ver⸗ zweifelnder Stimme.„Mein Gott, was wollte ich nicht geben, um Dein Reiſegefährte ſein zu können!“ „Du haſt nur zu wollen, Victor; hat Lucia's Oheim nicht ſchon zwanzigmal erklärt, er wolle Dir das nöthige Geld vorſchießen, wenn Du eine Reiſe nach Kalifornien zu unternehmen wagteſt?“ „Und meine Mutter, Jan?“ „Ja, Deine Mutter; aber Du mußt bedenken, daß die Eltern immerdar dieſelben ſind. Wenn wir nicht ein bischen Gewalt brauchten, um aus dem Neſte zu ſpringen, würden ſie uns unter ihren Flü⸗ geln behalten, bis das Haar uns auf dem Haupte grau wäre. „Du kannſt nicht glauben, Jan, wie ſchon der leiſeſte Gedanke an einen ſolchen Entſchluß meine Mutter zittern macht. Lucia's Oheim ſpricht, wenn er bei uns iſt, nicht ſelten von fernen Reiſen, welche er als Schiffskapitän gemacht hat. Meine arme 7 Mutter erbleicht bei der geringſten Anſpielung darauf. ſo Sie hat mich immer ſo zärtlich geliebt; ich mag ihr — nicht das Schwert ins Herz ſtoßen.“ pf„Du mußt es wiſſen. Und dennoch iſt es das r⸗ einzige Mitel, um den feurigſten Wunſch Deines r⸗ Herzens erfüllt zu ſehen. Der Kapitän iſt ein gro⸗ 1, 2 ber Burſche, er hat nicht viel Achtung vor Jemand, 18 der ſein Leben hinter einem Schreibpult beſchließt u⸗ und von der Welt nur ein kleines Winkelchen ge⸗ 1; ſehen hat. Ich wette, wenn du nach Kalifornien zu en gehen wagteſt, würde er Dir bei Deiner Rückkehr : mit Freuden die Hand ſeiner Nichte ſchenken.“ „Er hat mir ſeine Einwilligung verſprochen, ſo⸗ 5 bald mein Jahresgehalt zweitauſend Francs betrüge.“ ch 4„Ja, da wirſt du lange warten müſſen. Die 4 Umwälzung in Frankreich hat den Handel ins Stocken 8 gebracht. Hat der Herr nicht noch geſtern erklärt, ir daß er unſeren Jahrgehalt verkürzen müſſe?“ ſe Victor ſchaute ſprachlos zu Boden. „Fürchteſt Du Dich vielleicht vor der langen Reiſe?“ fragte der Andere. ,„Mich fürchten? Ich?“ rief Victor, aus ſeiner ir Träumerei auffahrend.„Seit ſechs Monaten ver⸗ m* zehrt mich die Begierde, dieſe Reiſe zu unternehmen! 2 Mir ſchimmert aus Kalifornien nicht allein das Mit⸗ te tel entgegen, Lucias Hand zu erlangen; es iſt noch ein anderes und eben ſo mächtiges Gefühl, das mir r in jenen fernen Gegenden auf den Stern einer ſchö⸗ ne neren Zukunft hinweist. Urtheile ſelbſt, Jan: meine n Mutter hat ſich manche Entbehrung auferlegt und e ihr geringes Vermögen geſchmälert, um mir eine e 8 gute Erziehung geben zu können. Ihr Kramladen und mein Jahreslohn reichen kaum zum Unterhalt von uns beiden. Die Zeit iſt noch nicht gekommen, daß die Frucht meiner Arbeit Etwas dazu beitragen kann, ihre alten Tage gemächlicher zu geſtalten und ſie ſo für ihre Liebe und Aufopferung zu belohnen. Ich ſollte mich vor einer Reiſe nach Kalifornien fürch⸗ ten? Wer iſt derjenige, welcher feuriger als ich nach dieſem gelobten Lande ſich ſehnt? Iſt dort nicht das Glück meiner Mutter und mein eigenes Lebens⸗ glück zu finden? Und habe ich keine Gründe, um jede Gefahr wenn wirklich eine ſolche vorhanden iſt, zu verachten? Ach könnte ich mich Dir anſchließen, wie würde ich Gott für ſeine Güte danken, ſelbſt mitten unter Kampf und Leiden!“ „Aber verſuche es noch mit einer kräftigen An⸗ ſtrengung, Victor. Bedenke, daß Du im entgegen⸗ geſezten Fall Dich ſelbſt dazu verurtheilſt, vor dieſem ewigen Schreibtiſch zu verſchmachten; daß Dein junges Leben träg, trübe und einförmig wie ein altes Uhrwerk abläuft. Freiheit, Luft, Raum, das iſt das Glück des Mannes; die Welt ſehen, jeden Tag neue Wunder ſchauen, ſich von jedem Puls⸗ ſchlag der Adern bewegt fühlen, das iſt Leben!... Und dann nach zwei Jahren Unabhängigkeit und Genuß in das Vaterland zurückkehren, beladen mit Gold und Schätzen, um alle diejenigen reich zu machen, die wir lieben! „Ja, ja,“ rief Victor wie außer ſich ſelbſt;„ich will es ihr noch einmal vorſtellen; und muß es ſein, will ich mir ihre Zuſtimmung auf den Knieen er⸗ bitten, ſie beſchwören bei Allem, was ihr das Theuerſte auf Erden iſt..... 4 9 „Und ich, ſiehſt Du, ich will dieſen Abend den Käpitän Moreels in dem Kaffeehaus aufſuchen und ihm ſagen, daß er Dir helfen muß. Laß mich nur machen. Der ſchöne Gedanke! Wir werden dort ſo wie hier Freud und Leid mit einander thei⸗ len....⸗ „Schweige, Jan,“ fiel der Andere ihm mit ge⸗ dämpfter Stimme ins Wort,„da höre ich den Herrn, der auf das Comptoir kommt.“ „Sag' ihm nichts von meiner Reiſe. Mein Vater könnte möglicher Weiſe noch vor Morgen ſeinen Entſchluß ändern; man kann nicht wiſſen.“ „Nein, aber halte Dich ſtill; der Herr würde ſonſt zornig werden.“ Die beiden Commis griffen nach ihren Federn und als die Thüre geöffnet wurde, beugten ſie den Kopf tief über das Papier, als wären ſie ſchon Stunden lang in die Arbeit vertieft geweſen. —————— — E — II. Die Abreiſe. An einem ſonnigen Junitage, zwei oder drei Stunden vor Einbruch des Abends, ſtand eine Menge Menſchen am Ufer der Schelde, verwunderungsvoll nach einer Brigg ſchauend, welche mit wehenden Flaggen behangen, ſegelfertig auf dem ſchwankenden Waſſerſpiegel lag. Es war der Jonas, von der franzöſiſchen Geſellſchaft la Californienne ausgerüſtet. Das erſte Schiff, welches von Antwerpen aus eine direkte Fahrt nach dem neuentdeckten Goldlande unter⸗ nehmen ſollte. Das Verdeck der Brigg wimmelte bereits von Paſſagieren, die jeden Augenblick und alle zuſammen die Hüte in die Luft ſchwenkten und einen trium⸗ phirenden Hurraſchrei über den breiten Strom er⸗ ſchallen ließen. Vom Ufer der Schelde tönten ihnen laute Glückwünſche entgegen. Es war wie eine Kirchweihe, wie ein fröhliches Feſt, woran die Be⸗ wohner Antwerpens ebenſowohl als die entzückten Auswanderer Theil zu nehmen ſchienen, obwohl die Auswanderer meiſt nur Franzoſen aus den nörd⸗ lichen Departements waren, und nur ſehr wenige ei ge ll en en er tt. ne r⸗ on en n⸗ er⸗ en ne e⸗ en die d⸗ 11 Belgier ſich durch den glänzenden Köder der Cali- fornienne hatten verlocken laſſen. Ein paar Boote lagen am Wall, um die ver⸗ ſpäteten Paſſagiere aufzunehmen, welche noch die lezten Stunden am Lande zugebracht hatten. Einige andere Boote ſah man gleichzeitig auf dem Strom fahren. Jedes hatte eine belgiſche Flagge am Steuer, und die, welche ſich darin befanden, ſandten ſchreiend und jubelnd der Stadt Antwerpen und Europa ihr Lebewohl mit ſo wilder Ausgelaſſenheit zu, daß man ſie für trunken oder wahnſinnig zu halten geneigt war. In dieſem Augenblick traten drei Perſonen ein Bürger und ſeine zwei Söhne— mit einer ge⸗ wiſſen Eile aus einer Straße auf den Kai und wandten ſich nach dem Platze, wo die Boote lagen. „Sieh, ſieh, Vater,“ rief der älteſte der beiden Jünglinge,„da liegt der Jonas, ungeduldig war⸗ ten zu müſſen! Was für ein hübſches Schiff, nicht wahr?“ „Möge Gott Dich beſchirmen!“ ſeufzte der alte Bürger. „Aber willſt Du Dich jetzt betrüben, Vater?“ ſagte der Jüngling lachend.“ Was ſind zwei Jahre in dem Leben eines Menſchen? Ich habe deren wohl ſechs vor einem ſtummen Schreibpulte zugebracht. Keine Bekümmerniß, im Gegentheil, ſei froh und faſſe Vertrauen. Ich werde mit Haufen Goldes heimkehren, und es ſoll mein Stolz ſein, meinem Vater und meinen Brüdern ein angenehmes und ruhiges Leben bereitet zu haben. Alſo ſei ohne Sorgen; Du wirſt niemals Grund haben, dieſe Reiſe zu bedauern.... Aber wo bleibt doch Victor? Sollte er lahme Beine bekommen, nun die entſcheidende Stunde eingetroffen iſt?“ „Er und ſeine Mutter haben einander ſo Vieles zu ſagen,“ murmelte der alte Bürger. „Sieh, Jan, dort kommen ſie,“ bemerkte der Bru⸗ der.„Die arme Lucia Moreels, ſie geht mit auf⸗ gerichtetem Haupte einher und ſcheint guten Muthes zu ſein; aber des Kapitäns Magd hat mir vertraut, daß ſie ſeit acht Tageu nichts als weint, ſobald ſie allein iſt.“ „Um ſo beſſer, Bruder.“ „Wie ſo?“ „Sicherlich, es iſt ein Beweis, daß ſie meinen Freund Victor innig liebt. Es freut mich für ihn.“ Die Perſonen, deren Nahen durch den Bruder Jan's angekündigt worden war, zeigten ſich bald an der Ecke der Straße. Es war eine bereits bejahrte Frau, die unter fortdauerndem Geſpräche neben einem blonden Jüngling einherſchritt und ihm mit ängſtlicher Zärtlichkeit die Hand drückte, während er mit Augen, die von freudiger Erregung ſtrahlten, den Blick auf den feſtlich beflaggten Jonas richtete. Ihm folgte ein Mann mit gebräunten Wangen und breitem Backenbarte, der ein ſehr junges Mäd⸗ chen, wunderzart und angenehm von Geſicht, an ſeinem Arm führte und lachend und ſcherzend ihr begreiflich zu machen ſuchte, daß eine Seereiſe nicht mehr als ein Ausflug nach Brüſſel mit der Eiſen⸗ bahn zu bedeuten hätte. „Victor, Victor, beeile Dich, man lichtet dort bereits die Anker,“ rief Jan, der aufrecht in einem 13 Boote ſtand.„Man gibt uns zu verſtehen, daß keine Zeit mehr zu verlieren iſt.“ Als die Wittwe vom Ufer der Schelde aus nach dem gebrechlichen Fahrzeug ſchaute, das ihr binnen wenigen Minuten, vielleicht auf immer, ihren gelieb⸗ ten Sohn entführen ſollte, ſtrömten die Thränen über ihre Wangen, und ſeufzend ſchloß ſie ihn in die Arme. Dieſe zärtliche Umhalſung rührte Victor tief, und er ſuchte ſeine bedrückte Mutter durch ſüße Worte und das Verſprechen höheren Wohlſtandes und Glückes für ihre alten Tage zu tröſten und zu⸗ frieden zu ſtellen. Er wäre vielleicht noch lang, taub für den Ruf ſeines Freundes, am Herzen ſeiner Mutter liegen geblieben; aber der alte Kapitän, Lucia's Oheim, zog ihn mit ſcherzhaften Worten aus ihren Armen. Jan ſeinerſeits rief ihm dringender zu, das Boot könne nicht länger warten. Victor faßte beide Hände der jungen Lucia mit den ſeinigen und ſuchte mit einem langen Blick bis auf den Grund ihres Herzens zu dringen: aus ſei⸗ nen Augen war die Frage zu leſen:„Wirſt Du auf mich warten? Wirſt Du mich nicht vergeſſen?“ Frage und Antwort mußten für beide ſehr ergrei⸗ fender Art ſein, denn über die Wangen des Mäd⸗ chens ergoß ſich eine Thränenfluth, und das Ange⸗ ſicht des Jünglings verklärte ſich zur höchſten Freude. Der Seemann faßte Victor am Arm und zog ihn unwiderſtehlich nach dem Boote. Noch einmal umarmte der erſchütterte Jüngling ſeine Mutter und flüſterte ihr die zärtlichſten Liebesworte ins Ohr. „So gehe denn, mein Sohn, da Gott es zuge⸗ laſſen hat, ſeufzte ſie, ich werde täglich und ſtündlich für Dich beten. Vergiß, vergiß deine Mutter nicht!“ Victor trat, in das Boot; die Ruder tauchten in den Strom.... aber dieſen Augenblick kam aus der Ferne ein junger Mann herangelaufen, der die Arme über dem Kopf ſchwang und mit ängſtlichen Geber⸗ den rief: „Wartet ein Bischen, um Gotteswillen! Ich bin Donatus Kwik, ich habe die Reiſe bezahlt, ich muß mit nach dem Goldlande!“ Der junge Mann ſchien ein Bauer zu ſein; der lange blaue Rock, der ihm bis auf die Ferſen her⸗ abhing, ſein roth aufgeſchwollenes Geſicht, ſein ein⸗ fältiges oder dummes Ausſehen und vor Allem ſeine großen Hände und gedrungenen Glieder ließen vermuthen, daß er die Feldarbeit verlaſſen hatte, um gleichfalls dem Glücke nachzulaufen. Sein erſter Schritt war jedoch nicht glücklich. In ſeiner Angſt, das Boot möchte ohne ihn abfah⸗ ren, ſprang er mit blinder Haſt auf den Rand des leichten Fahrzeugs und taumelte kopfüber in das Waſſer. Ein Matroſe faßte ihn am Haar; ein zweiter, von Jan unterſtüzt, half ihm ins Boot, unter dem lauten Gelächter und Händeklatſchen der Bürger auf dem Kai. Der Bauer ſchaute verlegen um ſich, krazte ſich im Kopf, ſpie einen Mundvoll Waſſer aus und ſeufzte halb böſe: „Kameraden, das iſt wahrhaftig zu viel Salz in die Suppe! Ihr hattet jedoch nicht nöthig, mir die Hälfte meiner Haare auszuraufen: ich kann ſchwim⸗ men wie eine Otter....“ 15 Aber als das Boot unter dem ſtarken Schlag der Ruder plözlich auf dem Strome dahinflog, tau⸗ melte Donatus rückwärts auf eine Bank und klam⸗ merte ſich erſchrocken am Rande des Fahrzeugs an. Dieſer Vorfall hatte Victors Aufmerkſamkeit nur flüchtig von dem Kai abgewandt. Während das Boot ſich ſchnell vom Wall entfernte, hielt er die Augen nach dem Punkte gerichtet, von wo aus ſeine Mutter und Lucia ihm allerlei ermuthigende Zeichen nachſandten, als glaubten die liebenden Herzen, daß er noch unglücklicher als ſie wäre. Jan ſtand aufrecht auf einer Bank. Er rief ſeinem Vater und ſeinem Bruder noch ein lautes Lebewohl zu, ſchwenkte mit dem Hut und ließ ein triumphirendes Hurra gegen die Häuſer am Kai er⸗ ſchallen. Dieſe Freudenzeichen machten einen ſonderbaren Eindruck auf Kwik. Er ſprang in die Höhe, flog dem jubelnden Jüngling an den Hals und drückte ihn mit ſolcher Gewalt in die Arme, daß Jan das Waſſer ſich bis an die Bruſt ſteigen fühlte. Er drängte halb geärgert den närriſchen Reiſegefährten zurück und rief: „Was ſoll das, Burſche, biſt Du toll oder be⸗ trunken?“ „Ich glaube in der That, daß ich einen kleinen Stich durch die Naſe habe,“ antwortete der Andere. „Gutes Bier in Antwerpen, ſtarkes Bier...“ „Siehſt Du nicht, daß Du mich naß machſt und mir die Kleider verderbſt?“ „Wahrhaftig, ich habe das kalte Bad ganz ver⸗ geſſen! Bah, Kamerad, wir werden dort drüben ſo viel Kleider kaufen können, als wir wollen. Gold im Schubkarren!“ „Was für ein Landsmann biſt Du? Deiner Ausſprache nach kommſt Du aus der Gegend von Mecheln?“ fragte Jan. „Sie haben es beinahe errathen. Ich bin Do⸗ natus Kwik, ein Bauernburſche von Natten⸗Haes⸗ donk oberhalb Rupelmonde, in Klein⸗Brabant,“ ſprach der Andere mit ſehr geläufiger Zunge.„Meine Baſe iſt geſtorben; ich habe geerbt, aber nicht ge⸗ nug für mein Begehren. Ich will Gold ſuchen; und wenn ich zurückkehre, heirathe ich Lina, unſeres Notars Tochter, oder Bürgermeiſters Katharine, oder das Fräulein von dem Schloſſe. Ich werde ſo viel Gold ſammeln, daß ich unſer ganzes Dorf damit er⸗ kaufen kann.“ Achſelzuckend wandte ſich Jan zu ſeinem Freunde Victor, welcher noch immer das liebevolle Lebewohl, das ihm von dem Kai aus zugeſandt wurde, mit entſprechenden Zeichen beantwortete, und erwähnte lachend gegen ihn der ſichtbaren Bewegung der jungen Lucig und ihrer tiefen Zuneigung zu ihm. Donatus unterbrach ſie in ihrem Geſpräche. Er zeigte den beiden Freunden ein gedrucktes Papierchen und ſagte: „Kameraden, beſeht einmal das....“ „Ihr werdet beleidigend mit Eurem Kamera⸗ den!“ brummte Jan zornig. „Nun, ich will ſagen, meine Herren, wenn Sie es abſolut wollen, obwohl ich doch auch nicht arm bin. Kommen Sie, laſſen Sie uns nicht ſo viele Komplimente machen; Sie müſſen mir aber ſagiere 8) Con Gold deiner von Do⸗ Haes⸗ ſprach Meine ht ge⸗ uchen; nſeres oder o viel nit er⸗ beunde ewohl, „ mit bähnte g der 2. Er eerchen dera⸗ wenn nicht cht ſo aber 17 einmal ſagen, meine Herren, was ich hier in der Hand habe.“ „Das iſt eine engliſche Banknote von fünf Pfund, mein Freund,“ antwortete Victor. Ja, aber in Francs? „Etwas mehr als hundert und fünfundzwanzig Francs.“ „Ich fürchtete wahrhaftig, der alte Jude, bei dem ich mein Geld einwechſelte, habe mir lumpiges Pa⸗ pier in die Hand gegeben.“ „Habt Ihr viele von dieſer Sorte?“ fragte Vic⸗ tor lächelnd. Der Bauer betrachtete die Matroſen mißtrauiſch, und ſagte dann geheimnißvoll den beiden Freunden ins Ohr: „Ich habe deren vier: den Ueberſchuß von mei⸗ nem Erbgut. Ich hätte die fünfhundert Francs wohl bei dem Sachwalter in unſerem Dorfe auf Zinſen anlegen können; aber man weiß nicht, wie es dort drüben gehen kann; die Vorſicht iſt zu vielen Dingen gut*), wenn wir doch einmal gefoppt wären und kein Gold fänden? Da iſt Donatus doch nicht der Erſte, welcher Hungers ſterben wird: er hat ein Aepfelchen gegen den Durſt. Ich bin ſchlau, müſ⸗ ſen Sie wiſſen, meine Herren, viel zu ſchlau zu⸗ weilen.“ Das Boot erreichte das Schiff und die drei Paſ⸗ ſagiere wurden mit einem langen Jubelſchrei begrüßt. *) Im Texte: iſt die Mutter im Porzellanlaben. A. d. UI. Conſcience, das Goldland. I. 2 ——— 18 Der Jonas hatte bereits ſeinen Anker gelichtet und die Segel beigeſetzt. Bald faßte er den Wind und bewegte ſich unter dem Druck einer friſchen Kühlte vorwärts. Jetzt löste das Fahrzeug ſein Geſchütz, um der Stadt Antweypen Lebewohl zu ſagen; die Kanonen des Hafenforts beantworteten den Gruß; die Ma⸗ troſen in den Maſten ſchwenkten ihre Hüte; die hun⸗ dert Paſſagiere erfüllten die Luft mit Triumphge⸗ ſchrei; die Kais wiederhallten von den Glückwünſchen des Volks, und unter dem Donner der Kanonen und unter dem gewaltigen Jauchzen von tauſend begei⸗ ſterten Stimmen glitt der Jonas ſtetig, doch ziem⸗ lich ſchnell vorwärts. Donatus Kwik war noch der ausgelaſſenſte; er ſprang wie wahnſinnig, mit den Armen in der Höhe, auf und ab und ſchrie mit ſo mächtiger Stimme: „hurra, hurra!“ daß ſein Ruf die Stimmen aller andern Paſſagiere wie das Geſchrei des Eſels über⸗ tönte. Während er gegen Jedermann anrannte, be⸗ kam er wohl da oder dort einen Puff in die Seite oder einen Stoß an die Beine, aber er achtete nicht ſonderlich darauf und ſchrie, daß ihm der Athem ausging. Er bemerkte ſeine zwei Genoſſen vom Boote, welche hinter der Querwand ſtanden und einander die Stelle am Kai zeigten, wo ihrer Meinung nach ihre Eltern ſich noch befanden, obwohl das Volk vor ihrem Geſicht zu einer undeutlichen dunkeln Maſſe verſchmolzen war. Donatus ſteckte den Kopf zwiſchen beiden hindurch und rief ganz keck: lebende natus. zen von nicht ei Der fernte j hinein: „Si ob ich ſogar n mit mit mir der lebe die Und den Ho ſpran 3 In Flämiſch ſchwand faßten e *) Da et und d und Kühlte uim der anonen te Ma⸗ ie hun⸗ mphge⸗ ünſchen en und begei⸗ h ziem⸗ iſte; er r Höhe, timme: en aller 8 über⸗ nte, be⸗ ee Seite tte nicht Athem Boote, einander ng nach Bolk vor Maſſe zwiſchen 19 „Ei, ei, wahrhaftig Kameraden, ſind wir krank? Ich will ſagen, meine Herren, haben wir Kummer?“ „Auf mein Wort,“ rief Jan zornig,„wenn Ihr uns beſtändig ſo zur Laſt fallt, ſo breche ich Euch den Hals, hört Ihr, Donatus Kwik?“ „Aber da unten in der dritten Klaſſe iſt keine lebende Seele, die mich verſteht,“ antwortete Do⸗ natus.„Sie ſind ſo dumm wie Kälber, ſie ſchwa⸗ zen von Allem unter einander, und ſie können ſogar nicht einmal Flämiſch.“ „Das iſt gleich; geht fort, ſag' ich Euch!“ Der Bauer, der merkte, daß es Ernſt war, ent⸗ fernte ſich langſamen Schritts und brummte in ſich hinein: „Sie ſind ſo hochmüthig, die Stadtherren! Als ob ich nicht ſo viel Gold finden könnte, als ſie, und ſogar noch mehr. Wenn meine eigenen Landsleute mit mir nicht ſprechen wollen, dann werde ich ſicher mir den Mund zunähen müſſen. Nun, nun, es lebe die Freude, hurra, hurra, es lebe Kalifornien!“ Und ſich wie toll um ſich ſelbſt drehend und mit den Händen gleich einer Windmühle ausfahrend, ſprang er mitten unter einen Haufen frohlockender Leute. In dieſem Augenblick drehte das Schiff um das Flämiſche Dyk*) und die Stadt Antwerpen ver⸗ ſchwand den Paſſagieren aus dem Geſicht. Die Segel faßten einen günſtigen Wind, die hübſche Brigg hielt *) Damm. leicht zur Seite und ſchoß mit verdoppelter Kraft über die wogenden Fluthen dahin. „Komm, Victor,“ ſagte Jan, die Hand ſeines Freundes faſſend, laß uns hinuntergehen und nach unſern Vorräthen ſchauen; wir wollen einmal eine Flaſche Madeira anbrechen.“ „Ja, jo.,“ erwiderte der Andere begeiſtert,„die glückliche Fahrt hat begonnen. Hurra, noch einen guten Schluck darauf genommen; die Zukunft ge⸗ hört uns an.“ Während ſie unter dem Deck über einem Glaſe Wein ihre Hoffnungen und Entwürfe belächelten, fuhr der Jonas die Schelde hinunter bis zur Höhe von Calloo, wo man den Anker auswarf, um die Fluth von dem folgenden Morgen abzuwarten. Der Kapitän zeigte ſich, wiewohl er ſonſt im Dienſte ſehr hart und ſtreng war, äußerſt freundlich gegen die Paſſagiere. Er ſchien ſie noch aufmuntern zu wollen, die letzte Stunde des Tages fröhlich zu⸗ zubringen, drückte im Vorbeigehen dieſem die Hand, bot jenem eine Cigarre an und ließ ſelbſt einige Flaſchen Rum heraufholen, um jedem, der es ver⸗ langte, ein Gläschen davon einzuſchenken. Rings um ihn her ließ ſich ein beifälliger Jubel vernehmen, und wohin er ging, begleitete ihn der Ruf:„Es lebe, es lebe unſer braver Kapitän!“ Die Matroſen wechſelten inzwiſchen geheime Blicke mit einander und ſchienen zu wiſſen, daß unter des Kapitäns freundlichen Manieren irgend eine geheime Abſicht verborgen lag. Bis zehn Uhr Abends ließ der Kapitän die Paſ⸗ ſagiere ſich auf dem Deck beluſtigen; aber dann gab er ihr jetzt it geben Bett völlig U in der miſche gehein zurück in de Brette mern ſtätten dort ihren man zuzeig Bequ⸗ E ſchon wie 1 einnel ſuchte Paſſa deck z um ſt weder Auf viel, hunde rend Kraft ſeines nach l eine „„die einen ft ge⸗ Glaſe chelten, r Höhe um die n. ouſt im Lundlich nuntern liich zu⸗ 2 Hand, teinige es ver⸗ ings um rnehmen, if:„Es ne Blicke inter des geheime die Paſ⸗ dann gab 21 er ihnen mit guten Worten zu verſtehen, daß ſie ſich jetzt in den ihnen angewieſenen Kojen zur Ruhe be⸗ geben müßten. Man half den ermüdeten Leuten ihr Bett ſuchen, und endlich herrſchte auf dem Deck die völligſte Einſamkeit.... Um die Mitternachtsſtunde verließen die Boote in der Stille das Schiff und fuhren nach dem flä⸗ miſchen Ufer der Schelde. Sie kehrten bald ebenſo geheimnißvoll mit etwa fünfzig neuen Paſſagieren zurück. Unmittelbar darauf begannen die Matroſen in der Dunkelheit und bei Laternenlicht tannene Bretter herbeizuholen und zu klopfen und zu zim⸗ mern, daß das Verdeck davon erbebte, um Schlaf⸗ ſtätten, die zuvor gerichtet worden waren, da und dort anzubringen. Den ruhenden Paſſagieren in ihren Kojen fiel aber das nicht beſonders auf, denn man hatte Sorge getragen, ihnen allen vorher an⸗ zuzeigen, daß in der Nacht eine neue Küche zu ihrer Bequemlichkeit errichtet werden ſollte. Es beſtanden in dem Hafen von Antwerpen, wie ſchon ehedem, Geſetze, durch welche beſtimmt war, wie viel Paſſagiere ein Schiff je nach ſeiner Größe einnehmen durfte. Eine Aufſichtscommiſſion unter⸗ ſuchte die Fahrzeuge vor ihrer Abfahrt, zählte die Paſſagiere, maß den Platz, der jedem im Zwiſchen⸗ deck zugetheilt war, wog und prüfte die Vorräthe, um ſich zu verſichern, daß es den Eingenommenen weder an Raum noch an genügender Nahrung fehlte. Auf dem Jonas war Raum genug, Vorrath zu viel, und Alles wurde nach Vorſchrift befunden für hundert Mann außer den Matroſen;— aber wäh⸗ rend die Aufſichtscommiſſion ihre Unterſuchung mit — — ——— 22 den beifälligen Worten: All right ⁷) beſchloß, brachte der letzte Zug von der flämiſchen Eiſenbahn fünfzig weitere Goldſucher, lauter Franzoſen aus der Ge⸗ gend von Ryſſel und Douai, welche durch einige hiezu aufgeſtellte Perſonen nach Calloo geführt wur⸗ den, um mitternächtlicher Weile insgeheim auf dem Jonas ſich einzuſchiffen. Der Erfolg dieſer Liſt war ein ſicherer Gewinn von vielleicht dreißig bis vierzig tauſend Francs für diejenigen, zu deren Vor⸗ theil ſie erdacht worden war; denn man bezog das Reiſegeld von fünfzig Paſſagieren, die man zufolge den geſetzlichen Beſtimmungen nicht hätte aufnehmen dürfen. Ob die Aufhäufung ſo vieler Leute nicht zu großem Ungemach oder zu Krankheit Anlaß geben könnte, darum ſchien ſich der Kapitän wenig zu küm⸗ mern. Auf eine Bemerkung ſeines Steuermanns erwiederte er: „Es wird gehen, Nelis. Es iſt Mundvorrath genug vorhanden; und im Nothfall die Rationen etwas kurz gehalten, wird der Janhagel nicht ein⸗ mal Lunte riechen.“ „Aber das Waſſer, Kapitän? Es iſt nicht zur Hälfte genug für ſo viele Menſchen,“ „Ich weiß es, Nelis. Es nimmt zu viel Platz ein; wir wollen in dem erſten amerikaniſchen Hafen unſern Vorrath erneuern.“ „Die Paſſagiere werden nicht wenig über die Ankunft ſo vieler neuer Genoſſen verwundert ſein.“ „Bah, ſie ſind toll und blind. Wenn wir den *) Alles in Ordnung. A. d. U. brachte fünfzig er Ge⸗ einige t wur⸗ uf dem er Liſt jig bis in Vor⸗ og das zufolge nehmen e nicht geben zu küm⸗ rmanns vorrath ationen cht ein⸗ ccht zur 2 Platz Hafen ber die ſein.“ wir den 23 Klagen nur vorbeugen können, bis wir aus der Schelde hinaus ſind. Einmal auf hoher See, werde ich ihnen das Maul ſchon ſtopfen. Sagen Sie Jakob dem Oberkoch, daß er ſogleich Feuer mache und Beefſteaks für Alle zu braten beginne. Man wird jedem zum Imbiß einen guten Schluck Rum geben. Sie werden ſehen, Nelis, ſie werden über das Er⸗ ſcheinen neuer Gefährten noch in Jubel ausbrechen. Sorgen Sie, daß Alles klar iſt, um mit dem erſten Morgenſchimmer die Anker zu lichten. Das Schiff muß unter Segel ſein, ehe die Paſſagiere da unten ihre Kojen verlaſſen.“. Der Steuermann wandte ſich nach dem andern Ende des Verdecks, um den Oberkoch aufzuſuchen; unterwegs rieb er ſich die Hände und ſummte: »Plus on est de fous, plus on rit. Plus on eSt...* Aber der Kapitän, zornig über dieſen Scherz, machte dem Geſang durch einen Zuruf ein Ende: „Schnabel zu!“ „Ja, Kapitän!“ *)) Je mehr Narren beiſammen ſind, deſto luſtiger geht es u. A. d. U. —— III. Auf der Schelde. Als der größte Theil der Paſſagiere auf dem Verdeck erſchien, hatte der Jonas bereits zwei oder drei Stunden Wegs zurückgelegt. Wohl bezeigten Einige ihre Verwunderung über ſo viele neue Ge⸗ fährten, und andere ſchienen ſogar die gebrauchte Liſt zu argwohnen; aber der Kapitän machte ihnen weis, es ſeien verſpätete Paſſagiere, die gleichfalls zu der Mannſchaft gehören, aber den Eiſenbahnzug verfehlt haben und darum zur Abfahrt zu ſpät ge⸗ kommen ſeien. Die ſaftigen Beefſteaks und der gute Schluck Rum überzeuten die Ungläubigſten; und da die neuen Paſſagiere luſtige Geſellen zu ſein ſchienen, vergaß man bald ihre unzeitige Ankunft und ſang wie der Steuermann gethan hatte: „Plus on est de fous, plus on rit!“ Das fröhliche Leben begann aufs Neue; es wurde wieder gejubelt und geſprungen. Dießmal hatte jedoch Donatus Kwik nicht viel Luſt, an der allgemeinen Freude Theil zu nehmen. Die beiden Antwerpener fanden ihn mit dem Kopf in ſizen Bau Ger der trind wie Läge Hae vern Die wie wie dem mir; Lebe es G „Ueb einm dem i oder eigten e Ge⸗ auchte ihnen chfalls ahnzug ät ge⸗ r gute und 1 ſein nkunft wurde zt viel ehmen. 1 Kopf 25 in den Händen, traurig und verdroſſen in einer Ecke ſizen, und Victor fragte mileidig, was ihm fehle. „Ich bin krank, meine Herren,“ antwortete der Bauer,„krank wie ein Pferd von dem Antwerpener Gerſtenbier und von dem braunen Genever, welchen der Giftmiſcher von Kapitän mir geſtern Abend zu trinken gegeben hat. Ach, mein armer Kopf! Es iſt, wie wenn drei oder vier Männer darin dreſchen. Läge ich nur auf unſerem Heuſchober zu Natten⸗ Haesdonk! Denn da unten, in dieſem Schweineſtall vermag ſelbſt ein Murmelthier nicht zu ſchlafen! Die ganze Nacht habe ich Alpdrücken gehabt. Es lag wie ein Klumpen Gold auf meiner Bruſt, ſo groß wie ein Mühlſtein... Der verteufelte Genever von dem Kapitän! Ach, ach, mein Magen verbrennt mir; ich gelle keine zehn Stüber mehr für mein Leben.“ 5 „Das iſt die natürliche Folge davon, daß Ihr es Euch habt allzu wohl ſein laſſen,“ ſpottete Jan. „Uebermaaß thut niemals gut; und da Ihr es nun einmal getrunken habt, müßt Ihr es auch geduldig hinausſchwizen.“ Victor, der ſehr mitleidig war, faßte ſeine Hand und ſuchte ihn durch die Verſicherung zu tröſten, daß ſein Uebel bald vorüber ſein werde. „Darf ich, wenn es Ihnen beliebt, wiſſen, mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe?“ fragte Do⸗ natus. „Mein Name iſt Victor Roozeman.“ „Und dieſer Herr hier?“ „Iſt mein Freund Jan Creps.“ „Nun, Herr Roozeman, ich danke Ihnen vom — —— 26 Grunde meines Herzens für Ihre Güte. Ich bin geſtern grob und bäuriſch gegen Sie geweſen, nicht wahr? Vergeben Sie mir, meine Herren; es ſoll nicht mehr vorkommen. Ich kann leſen und ſchrei⸗ ben, ich bin gut erzogen und weiß mich in der Welt zu benehmen. Wenn ich geneſen bin, ſo laſſen Sie mich von Zeit zu Zeit auch ein Wörtchen mit Ihnen wechſeln. Ich muß immerdar mit mir allein ſchwazen, und ich ſpreche nicht gut genug, um daran Vergnü⸗ gen zu finden.... O Gott, mein Kopf, mein bren⸗ nender Kopf! Die beiden Freunde ſagten ihm noch einige er⸗ muthigende Worte und ſezten ihren Gang fort. Inzwiſchen fuhr der Jonas, von einer ſtetigen Kühlte getrieben, herrlich die Schelde hinab.— Noch einige Stunden und man mußte die See erreichen. Die Menge der Paſſagiere auf dem Verdeck war noch ausgelaſſener als Tags zuvor. Man hatte fürs erſte Mal ſein Mittageſſen auf dem Schiff bekom⸗ men, ſchmackhaft zubereitet und in reichlicher Fülle: Roſtbraten und friſches Gemüſe für Jedermann, und ſogar für die beiden erſten Klaſſen einige gebratene Hühner. Darauf hatten die Paſſagiere ihren Vor⸗ rath von Wein oder ſtarken Getränken angegriffen und unter dem Einfluß halber oder völliger Trun⸗ kenheit von Vielen erhob ſich die begeiſterte Stim⸗ mung zu einem ungewöhnlichen Schwung. Der Steuermann machte endlich einen Verſuch, etwas Ordnung auf dem Verdeck herzuſtellen, aber man erwiederte ſeinen Rath und ſeine Befehle mit Spott, Lachen und Tanzen. Er ſchritt verdrießlich h bin nicht s ſoll ſchrei⸗ Welt n Sie Ihnen vazen, ergnü⸗ bren⸗ ge er⸗ 1. etigen b.— See k war 2 fürs bekom⸗ Fülle: 1, und ratene Vor⸗ griffen Trun⸗ Stim⸗ erſuch, aber e mit jeßlich 27 auf das Steuerruder zu, in deſſen Nähe der Kapi⸗ tän ſich befand und mit einem grimmigen Lächeln dem Gewühl der aufgeräumten Paſſagiere zuſchaute. Auf die Klage des Steuermanns antwortete er: „Laſſen ſie das unruhige Volk ſeinen Gang noch gehen, Nelis. Sehen Sie dort die Wolken aus der See aufſteigen? der Wind wird ſtärker. Sobald der Jonas zu tanzen beginnt, wird es mit all die⸗ ſem Toben und Schreien zu Ende ſein. In dieſem Augenblick kam Donatus Kwik bleich und entſtellt auf Jan und Victor, welche plaudernd über die breite Fluth hinſchauten, zugelaufen. Der Bauer warf ſich vor ihnen auf die Kniee und hob die Hände flehend in die Höhe. „Um Gottes willen, meine Herrn,“ bat er,„ha⸗ ben Sie Mitleid mit einem armen flämiſchen Jun⸗ gen! Ich muß ſterben; man hat mir vergeben— ich bin vergiftet! Der gefühlvolle Victor, an die Möglichkeit eines Unglücks glaubend, hob Donatus Kwik vom Boden auf, nahm ihn in den Arm und fragte nitleidig was geſchehen ſei. „Ach, guter Herr Roozeman, ach, Herr Creps, mir war nicht wohl, Sie wiſſen warum,“ klagte der Bauer. „Sie verſtehen mich da unten nicht; ſie halten mich für einen Dummkopf und lachen über mein Leid. Da iſt Jemand hingegangen, um den Doctor zu holen; es kam ſo ein Schelm mit einer dicken rothen Naſe. Der hat mir einen halben Liter von die⸗ ſem garſtigen Salzwaſſer in den Leib gegoſſen, mit einem rothen Pülverchen: ſpaniſchem Pfeffer, ich — kenne ihn, er dient dazu, um Eſel in den Lauf zu bringen. Und, ach Gott, ach Gott, man hat mir vergeben, ſeien Sie überzeugt, meine Seele will aus dem Leibe heraus. Hülfe! Hülfe!“ „Bah, ſehen Sie nicht, meine Herrn, daß der Dummerjahn die Seekrankheit hat?“ ſagte ein Deut⸗ ſcher im Vorbeigehen. Dieſe Bemerkung rief ein Lächeln auf die Lippen der beiden Freunde; ſie bemühten ſich, Donatus zu überzeugen, daß ſeine Unpäßlichkeit von ſelbſt vor⸗ übergehen würde, aber der arme Junge fühlte einen ſchrecklichen Magenkrampf, ſchlug ſich mit beiden Händen auf die Bruſt und flüchtete hinunter, um ſich zu verbergen. Wie der Kapitän vorhergeſagt hatte, füllte ſich der Horizont allmählig mit treibendem Gewölke, und der Wind, obwohl immer günſtig, verſtärkte ſich. Das Waſſer begann in Wogen ſich zu erheben und der Jonas tanzte anmuthig auf den Wellen, welche von der See her ihm entgegengerollt kamen. Der Kapitän trat zu ſeinem Steuermann und ſagte ihm: „Das Ende der närriſchen Kirchweihe iſt ge⸗ kommen, man ſchaffe Kübel und Tonnen zur Hand. Dort liegen ſie zu zwanzig, mit dem Kopf auf die See hinaus. Schnell, ſonſt werden ſie es da unten zu einem elenden Miſthaufen machen.“ Wirklich verſchwand auch das Jubeln und Singen in kurzer Zeit. Bald wurde über die Hälfte der Paſſagiere von ſchrecklichen Schmerzen im Unterleib und Magenkrämpfen befallen; ſie waren bleich wie Leichen und ſtarrten, wenn ihr Leiden etwas nach⸗ uf zu t mir aus 3 der Deut⸗ ippen 1s zu vor⸗ einen beiden m ſich e ſich wölke, te ſich. n und welche n und ſt ge⸗ Hand. ie See en zu Singen te der terleib h wie nach⸗ 29 ließ, beſtürzt und dumm ins Weite, als wollten ſie ſich ſelbſt nach der Löſung der geheimnißvollen Plage, welche ſo unerwartet ihre Begeiſterung abgekühlt und ihrer Freude ein Ende gemacht hatte, befragen. Der Ocean, deſſen nebelartige Perſpective aus der Ferne ſie angrinste, hatte ihnen ſeinen gewöhnlichen Boten, die Seekrankheit zugeſchickt, um ſie auf der breiten Waſſerfläche willkommen zu heißen. Victor war einer der Erſten, welchem übel wurde. Er lag ſtillſchweigend über den Rand des Schiffes ge⸗ beugt und ſuchte zuweilen noch, ſo oft ſeine Schmer⸗ zen ſich verminderten, lächelnd auf die Vertröſtungen ſeines Freundes zu antworten. Jan, der ſich noch geſund fühlte, faßte endlich ſeinen kranken Kame⸗ raden am Arm, um ihn in ſeine Koje zu führen und ihm auf ſein Bett zu helfen. Unterwegs ant⸗ wortete Victor auf ſeinen Zuſpruch: „Es iſt Nichts, Jan; ich weiß wohl, daß es ver⸗ über gehen wird; aber doch, Du kannſt Dir nicht vorſtel⸗ len, wie dieſes wunderliche Uebel den Menſchen niederſchlägt und martert. Ich begreife, daß Du lachſt, ich habe auch bei dem armen Donatus ge⸗ lacht; aber es iſt....“ Ein neuer Krampfanfall im Unterleib erſtickte das Wort auf ſeinen Lippen. Jan gedachte wieder ſeine Klage mit einem Scherz zu beantworten; aber er fühlte gleichfalls, wie ſein Magen ſich umkehrte, und der kalte Schweiß brach ſogleich an ihm aus, in Folge der Gewalt, die er ſich anthat, um das Uebel zu bezwingen. „Komm, komm Victor,“ ſagte er,„laß uns hinuntergehen. Die verdrießliche Seekrankheit ſtand nicht auf dem Proſpectus. Keine Roſen ohne Dor⸗ nen; es wird mit dem Schlafe beſſer werden. Hinter den beiden Freunden ſtiegen mehr und mehr andere Kranken in das Schiff hinab, ſo daß am Ende nur noch gegen zwanzig auf dem Verdeck blie⸗ ben; obwohl ſie gegen die Plage Stand zu halten ſchienen, war es bei ihnen im Unterleibe doch nicht ganz richtig; ſie fühlten ſich mattherzig und muth⸗ los und ſtarrten ſchweigend auf die Wogen, welche mit eintöniger Regelmäßigkeit an dem ſchnellſegeln⸗ den Schiff vorbeirollten. Als der Jonas aus der Mündung der Schelde C A in den Kanal einlief, ſagte der Kapitän zu ſeinem Tage Steuermann: dem „Es wird einige Tage dauern, ehe das närriſche änder Völkchen da unten wieder auf die Beine gelangt. Zeit Wir wollen dieſe Zeit wahrnehmen, um Alles in Kojer Ordnung zu bringen. Keine Gemeinſchaft mehr mit erfüll den Paſſagieren. Zeigen Sie der Bootsmannſchaft leben; an, daß ich den Erſten, der ſich mit den Fremdlin⸗ J gen zu weit einläßt, auf drei Tage in Eiſen ſchmie⸗ ſegelt den werde. Man gebe wohl Acht auf meine gering⸗ der ſt ſten Befehle; ich will Herr und Meiſter auf meinem brauſt Schiffe bleiben; wir ſind in See!“ worde geſtirr bei de 3 den, Sie wohlt benslu Morge dmehr ß am k blie⸗ halten nicht muth⸗ welche egeln⸗ ſchelde ſeinem rriſche langt. ſes in hr mit aſchaft mdlin⸗ chmie⸗ ering⸗ leinem IV. Auf der See. In der That dauerte das ſchlechte Wetter vier Tage: die See wurde ſogar noch ungeſtümer, nach⸗ dem man in den Kanal gelangt war und mit ver⸗ änderlichen Winden zu kämpfen hatte. Die ganze Zeit über waren die kranken Paſſagiere in ihren Kojen gelegen, jeder Bewegung abgeneigt, von Ekel erfüllt bei dem bloßen Gedanken an eine Speiſe, lebensmüde und gleichgültig wie Halbtodte. In der Nacht, da man aus dem Kanal hinaus⸗ ſegelte und in das weite Weltmeer gelangte, hatte der ſtürmiſche Wind ſich etwas gelegt und das auf⸗ brauſende Gewäſſer war nach und nach ſehr ruhig ge⸗ worden. Während der Jo nas unter einem hellen, geſtirnten Himmel ſeine Bahn verfolgte, machte ſich bei den Paſſagieren, ohne daß ſie deſſen bewußt wur⸗ den, der Einfluß des günſtigen Wetters geltend. Sie genoſſen zum erſten Mal einen erquickenden, wohlthätigen Schlaf, der neue Kraft und neue Le⸗ bensluſt in ihre Adern ergoß. Es war wunderbar anzuſehen, wie am andern Morgen Alles auf dem Verdeck erſchien, mit lachen⸗ ——— 32 dem Angeſicht getröſtet, geſtärkt und fröhlich wie im Augenblick der Abreiſe. Jan Creps und ſein Freund gehörten nicht zu den mindeſt Aufgeräumten. Victor insbeſondere hob, da er ſich von einem grenzenloſen Horizont umringt ſah, begeiſtert die Hände zum Himmel und dankte Gott, der ihn be⸗ reits dem erſehnten Ziele ſo viel näher gebracht hatte. Viele, welche das glückliche Wiedererwachen feiern wollten, griffen abermals zu den Flaſchen, um die Luſtbarkeit von Neuem zu beginnen; aber der Kapi⸗ tän, der ſich nun zeigte, wie er war, ſtreng, barſch und unerbittlich, las ihnen eine Menge Artikel vor, worin unter Anderem alles unordentliche Geſchrei und jede Zuſammenrottung auf dem Verdeck ver⸗ boten und zugleich angekündigt wurde, daß der geringſte Widerſtand gegen dieſes Reglement oder des Kapitäns Befehle mit Gefangenſetzung in der Tiefe des Schiffs bei Waſſer und Brod beſtraft werden ſollte. Die Paſſagiere hörten dieſes Verleſen mit grim⸗ miger Ueberraſchung an; Einige ballten die Fäuſte und erhoben ſich gegen dieſe willkürlichen Verfügun⸗ gen, welche ihnen zufolge nur zum Zweck hatten, ihnen jede Freude und Freiheit zu rauben; aber der Kapitän machte ihnen in kurzen Worten begreif⸗ lich, daß das Geſez ihm auf ſeinem Schiff eine unum⸗ ſchränkte Macht zuerkannte, daß er ſogar das Recht habe, diejenigen, welche ſich gegen ihn empören wür⸗ den, todt zu ſeinen Füßen niederzuſtrecken; und als Einige dieſe Erklärung mit unehrerbietigem Gemur⸗ mel aufnahmen, begann er ſo ſchrecklich zu fluchen und ten, digke viel paar plaud er hi etwas ſicht auf d St den P Leben die M Verdech man Con ich wie nd ſein iumten. einem ert die ihn be⸗ gebracht n feiern um die r Kapi⸗ barſch tel vor, Geſchrei ick ver⸗ aß der at oder in der beſtraft t grim⸗ Fäuſte rfügun⸗ hatten, 1; aber begreif⸗ unum⸗ s Recht en wür⸗ und als Gemur⸗ fluchen 33 und ſo gewaltig zu drohen, daß die Paſſagiere merk⸗ ten, es ſei Ernſt und ſie müſſen ſich der Nothwen⸗ digkeit unterwerfen. Auch die Bootsleute waren nicht viel höflicher. Kaum hatten ſich da oder dort ein paar Freunde zuſammengeſtellt, um mit einander zu plaudern, ſo kam ein Matroſe mit einem Tau, das er hinter ſich herſchleppte, mit einer Stange oder etwas Anderm herangelaufen und ſchrie ohne Rück⸗ ſicht auf Jemand: „Aus dem Weg, hunderttauſend Harpunen! Marſch auf die Beine!“ Zwei oder drei andere erſchienen eben ſo ſchnell auf der andern Seite des Verdecks und überſtrömten dasſelbe mir Kübeln Waſſers, um die Spuren der Seekrankheit von dem Boden vollends abzuwaſchen. Ein Dritter ſchrie von dem Maſt herab. „He, da unten, potz Peterſilie! Und nach dieſer einzigen Warnung ließ er einen ſchweren Block gleich einem Donnerkeil auf das Ver⸗ deck fallen, ſo daß wirklich Gefahr war, es möchte Jemand zerſchmettert werden. So war es der Wille des Capitäns; man mußte den Paſſagieren gleich von Anfang zeigen, daß das Leben auf der See keine ewige Luſtbarkeit ſei; und die Matroſen mußten, um jede längere Täuſchung zu zerſtören, ihren Dienſt verrichten, ohne um ſich zu ſchauen, und als ob Niemand außer der Mann⸗ ſchaft ſich auf dem Schiff befände. Gegen Mittag wurden die Paſſagiere auf das Verdeck gerufen. Der Kapitän erklärte ihnen, daß man ſie alle regelmäßig in Rotten von acht Mann Conſcience, das Goldlanb. I. 5 34 vertheilen werde, um fortan gemeinſchaftlich aus einer blechernen Schüſſel nach Matroſenart das Mit⸗ tagsmahl zu ſich zu nehmen. Er las hierauf die Paſſagiere von einer Liſte ab, und ſo oft er acht Namen genannt hatte, rief er: Erſte Gamelle! Zweite Gamelle! Dritte Ga⸗ melle!*) Und als dieſe Verfügung trotz allen Murrens und Klagens in Vollzug geſetzt wurde, gab der Ka⸗ pitän ihnen zu verſtehen, daß von nun an das friſche Brod und das wenige Geflügel, das noch vor⸗ handen wäre, für die Kranken aufgeſpart werden müſſe. Die Paſſagiere müſſen ſich alſo mit der täg⸗ lichen Seeration, beſtehend in geſalzenem Fleiſch, in Erbſen oder Bohnen, in Zwieback, einem Gläschen Genever und einem Liter trinkbaren Waſſers, begnü⸗ gen. Jede Gamelle mußte reihenweiſe und nach Wo⸗ chen einen ihrer Leute dazu aufſtellen, um das Eſſen für die Andern an der Kambuſe in Empfang zu nehmen. Unmittelbar darauf wurde die Glocke geläutet, um zu der Austheilung des Mittagsmahls zu ſchrei⸗ ten. Man ſah von allen Seiten Männer mit Blech⸗ ſchüſſeln voll rauchender Speiſen daher laufen..., und einige Minuten nachher ſaßen alle die Paſſa⸗ giere rund um die Gamelle, der ſie zugetheilt waren. Es war eine ſonderbare Speiſegeſellſchaft, welche das Loos Victor und ſeinem Freunde Jan gegeben hatte. Ein Prokurator der franzöſiſchen Republik, *) gamelle: Matroſenſchüſſel. der len e im J junge Ueber merei ins H Tiſchg welche ben a Sittlie W ren ſe ich aus as Mit⸗ er Liſte rief er: te Ga⸗ turrens der Ka⸗ an das och vor⸗ werden der täg⸗ iſch, in lläschen begnü⸗ ich Wo⸗ s Eſſen ang zu eläutet, ſchrei⸗ Blech⸗ 1..„ Paſſa⸗ waren. welche gegeben publik, 35 der aus ſeinem Lande um unbekannter Gründe wil⸗ len entwichen war; ein deutſcher Bankier, der Alles im Rouletteſpiel zu Homburg verloren hatte; ein junger Edelmann aus Weſtflandern, der die letzten Ueberreſte ſeines väterlichen Vermögens noch zu Ant⸗ werpen vor ſeiner Abreiſe verſchwelgt hatte; ein Zei⸗ tungsſchreiber, ein Doctor der Medicin und ein fran⸗ zöſiſcher Officier, der ſich rühmte, ſeinen Oberſten im Zweikampf getödtet zu haben. Auf den erſten Blick dachte Victor, er habe ſich über das Loos nicht zu beklagen; und in der That, da unſere Freunde einen Platz zweiter Klaſſe auf dem Schiff genommen hatten, wurden ſie nicht mit den ärmern Paſſagieren dritter Klaſſe vermengt, welche alle zuſammen, wie in einem Stall, im Zwiſchendeck des Schiffs ſchliefen und lebten. Aber wie wurde ſein gefühlvolles Herz durch das rohe, unſittliche Geſpräch ſeiner Genoſſen verwundet! Schwüre und Flüche, eckelhafte Witze, barſche Aus⸗ fälle waren Alles, was er bei dem Mittagsmahl hörte. Dann bemexkteé er, daß die Stimme ſeiner Genoſſen matt und heiſer, daß ihr Auge von bleifarbigen Rändern umgeben, daß ſelbſt die Naſe des Doctors mit dem Purpurſchein einer fortdauernden Schlem⸗ merei bekleidet war. Es ſank ihm die Ueberzeugung ins Herz, daß er verurtheilt war, Monate lang als Tiſchgenoſſe und Freund mit Menſchen zu leben, welche im Trunke und in einem unordentlichen Trei⸗ ben alle Feinheit des Geiſtes und alles Gefühl für Sittlichkeit verloren hatten.. Während er ſo in Gedanken verſunken war, fuh⸗ ren ſeine Genoſſen eifrig in die Schüſſel und ver⸗ —— — ſchlangen die ſchwere Nahrung mit wüſter Gier. Die Seekrankheit hatte ihren Magen geleert, und ſo ſuch⸗ ten ſie ſo gut als möglich ſich wieder ſchadlos zu halten. Ein Glück war es, daß Jan Creps bei Zei⸗ ten ſeinen träumeriſchen Freund noch aufmerkſam machte, ſonſt hätte Roozeman erſt ans Eſſen gedacht, als keine einzige Bohne mehr in der Schüſſel ge⸗ blieben wäre. Der Doctor zog eine Flaſche Cognac aus der Taſche ſeines Oberrocks und trank ſie bei⸗ nahe zur Hälfte aus, um ſich den Mund auszuſpü⸗ len, wie er ſagte. Die Andern ſteckten eine Eigarre oder Pfeife an und ſtiegen auf das Verdeck hinauf, wo ſich nun gleichfalls die meiſten Paſſagiere befan⸗ den. Einige hatten ſich unter der warmen Sonne ausgeſtreckt, viele ſaßen auf Bänken, die meiſten je⸗ doch wandelten gruppenweiſe auf und ab. Mit dem Rücken gegen die Querwand gelehnt und den Blick auf die Paſſagiere gerichtet, ſagte Roozeman zu ſeinem Gefährten: „Jan, Jan, unter was für einer Sorte Menſchen befinden wir uns? Alles, was man hier hört, iſt Fluchen, Schwören und gemeines Scherzen.“ „Ja, Victor,“ erwiderte der Andere mit einem Lächeln,„Du kennſt die Sippſchaft noch nicht ganz. Die Seekrankheit hat nur achtundvierzig Stunden bei mir angehalten. Schon zwei Tage wandle ich auf dem Verdeck und in dem Raume hin und her, um unſere Reiſegenoſſen ein Bischen in der Nähe zu betrachten. Es ſind wohl einige brave Jungen und ehrliche Leute darunter; aber der große Haufe beſteht aus Burſchen, die den Galgen verdienen oder.. ihm entlaufen ſind. Viele Trunkenbolde, die Fraͤu lieblie von u r. Die ſo ſuch⸗ plos zu dei Zei⸗ ierkſam gedacht, ſel ge⸗ Cognac ſie bei⸗ zzuſpü⸗ Ligarre hinauf, befan⸗ Sonne ſten je⸗ gelehnt ſagte enſchen rt, iſt einem ganz. tunden dle ich d her, Nähe zungen Haufe n oder.. Fraͤu 37 und Kinder im Elend ſitzen ließen und das letzte Geld mitgenommen haben, um nach Kalifornien zu gehen; verlorne Jungen, die ihren Eltern durch ihr zügelloſes Leben Schande machten; Verſchwender, die jetzt völlig mittellos ſind, erſchöpfte Spieler, ver⸗ dorbene Börſenleute, Bankrottirer und ſelbſt entlaſ⸗ ſene Strafgefangene.“ „Schöne Geſellſchaft!“ ſeufzte Victor.„Hätte ich das vorausſehen können!“ „Du würdeſt zu Hauſe geblieben ſein?“ „Nein; aber ich hätte doch den Jonas nicht zur Reiſe genommen.“ „Bah, wir haben einmal mit dem ſeltſamen Trupp uns eingeſchifft und müſſen jetzt eben mit⸗ fahren wie es im Sprichwort heißt. Du darſſt nicht ſo zartfühlend ſein, Victor. Du konnteſt doch wohl vorausſehen, nicht wahr, daß Du auf der langen Seereiſe und dort in einem noch wilden Lande ganz andere Dinge ſehen und hören müßteſt, als an der Seite Deiner gottesfürchtigen Mutter und in Geſell⸗ ſchaft der ſanften Lucia Moreels?“ „Gewiß, Jan, und ich nehme ohne Groll das Loos an, wie es ſich mir bietet. Es wird mich je⸗ doch Mühe koſten, an die rohen Menſchen mich zu gewöhnen! Ihre Worte und Manieren verwunden mein Gefühl und betrüben mein Herz.“ „Es wird ſo ſchrecklich lang nicht dauern,“ rief Creps munter,„der Jonas iſt ein guter Segler.“ „In der That, Jan, er ſegelt vortrefflich. Sieh, wie er die gekräuſelten Wogen durchſchneidet und lieblich ſich auf die Seite neigt, als wollte er ſich von uns bewundern laſſen.“ ———— 38 „So wie er jetzt geht, werden wir bald in Ka⸗ lifornien ſein. Ich ſtelle mir ein unermeßlich großes Land vor, das Niemand angehört, wo man als Herr und Meiſter in düſteren Wäldern, über himmelhohe Berge und in Abgründen von Thälern herumſchwei⸗ fen kann, frei und unabhängig wie die Vögel in der Luft! O, wie will ich mich da fertig machen, meine Flügel auszuſpannen!“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ ſagte Victor plötzlich, „woran Lucia Moreels und meine Mutter in dieſem Augenblick denken.“ „Das iſt leicht zu errathen: ſie denken an Dich und ſprechen den Wunſch aus, wie Du.“ „Gute Mutter! ſüße Lucia!“ ſeufzte der Jüng⸗ ling mit froher Begeiſterung in der Stimme.„O Jan, Freund, möchte das Loos uns günſtig ſein! Könnte ich doch Gold genug finden, um ſie glücklich zu machen!“ „Ungläubiger!“ ſpottete Creps.„Da man das Gold dort nur vom Boden aufzuraffen braucht, wol⸗ len wir ſo viel ſammeln, als Du willſt. Ich fürchte, daß wir nicht Alles werden mitnehmen können. Dieß ſollte mich nicht wenig verdrießen; denn je mehr wir haben, deſto mehr werden wir unſern Eltern und Freunden bei unſerer Rückkehr Freude machen können.“ So ſchwatzend, voll verführeriſcher Bilder und Hoffnungen einer lachenden Zukunft ſchritten die Freunde nach dem Vordertheile des Schiffes. Dort begegneten ſie Donatus Kwik, welcher damit beſchäf⸗ tigt war, an einem braunen Schiffszwieback zu na⸗ gen, dazwiſchen zornige Geberden machte und in ſich ſelbſt hineinzubrummen ſchien. in Ka⸗ großes ls Herr nelhohe ſchwei⸗ in der meine lötzlich, dieſem n Dich an das „wol⸗ ürchte, Dieß hr wir n und nnen.“ er und en die Dort eſchäf⸗ zu na⸗ in ſich 39 Da der Bauer ſie nicht bemerkt hatte, legte Roo⸗ zeman die Hand auf ſeine Schulter, um ihn aus ſeiner grimmigen Träumerei zu erwecken. Donatus ſprang zurück und ſtellte ſich mit geballten Fäuſten auf, gleich Jemand der zu einem Kampf ſich fertig macht. Da er jedoch die Antwerpener erkannte, be⸗ ruhigte er ſich und rief: „O, o, wahrhaftig, meine Herrn, ich bitte um Entſchuldigung; ich glaubte, es ſei wieder der Fran⸗ zoſe da drunten. Ich werde dem wohl noch ſeinen häßlichen Schnurrbart ausreißen!“ „Ihr eſſet Zwieback nach dem Mittagsmahl?“ fragte Jan Creps.„Habt Ihr denn Eure Ration nicht gehabt?“ „Schöne Ration!“ ſpottete Donatus bitter.„Wir ſaßen zu acht um eine Blechſchüſſel herum und woll⸗ ten zu eſſen anfangen. Da kommt plötzlich Einer von den Schubiaks, der mir von hinten die Hände über die Augen legt und ſo etwas ruft wie kjes? kjes?*) Als er mich los ließ, war die Schüſſel bei⸗ nahe leer. Ich wehrte mich, um noch meinen Theil zu bekommen, aber die Kameraden waren ſo blitz⸗ ſchnell, daß ich mit hohlem Bauch daſtand, um gleich einer Eule in den Sonnenſchein zu gucken. Der Franzoſe mit ſeinem Schnurrbart und ſeinen kleinen Augen ſoll nur nach ſeinen Beinen ſehen; ich habe ihm mit meinem Fuße ein paar blaue Flecken dar⸗ auf gezeichnet, die ihm auch nicht gut thun werden. „Habt Ihr bereits Streit gehabt, Donatus? Ihr müßt Euch verträglich zeigen, ſonſt werdet Ihr ein *) qui est-ce? Wer iſt es? A. d. U. ———— „ 40 ſchlimmes Leben mit Euren Kameraden haben“ ſagte Victor Roozeman. „Streit gehabt, mein Herr? Das heißt, nachdem ſie mir einige Hiebe und Fußtritte gegeben, haben ſie mich zu Sechſen aus ihrer Räuberhöhle auf das Verdeck geworfen. Ich bin zu dem Kapitän gelaufen, um Klage zu führen. Der Kapitän redet eine Art waſſerdeutſch; er verſteht mich. Aber er hat mir etliche Flüche an den Kopf geworfen und geſagt, jeder müſſe machen, daß er ſeinen Theil von der Gamelle bekomme, um ſo ſchlimmer für die Nichts⸗ thuer.“ „Er hat Recht; Ihr müßt Euch Mühe geben, ſeinen Rath zu befolgen.“ „Mühe geben, meine Herrn? Das iſt nicht nöthig. Ich habe mein Leben lang aus einer gemeinſchaftlichen Schüſſel gegeſſen. Und wenn es nur darauf ankommt, ſchnell zu eſſen und die Bohnen halb brennend hin⸗ unterzuſchlucken, ſo will ich den Franzoſen da unten das Handwerk einmal lehren. Wart nur ein bischen: ſie ſollen bald merken, mit wem ſie es zu thun haben. Sie ſollen ſchlagen und ſtampfen ſo viel ſie wollen, es gleitet immer an mir ab; ich werde wahrhaftig bei Gelegenheit ihnen auch wohl an die Beine ſtoßen, daß die Haut davon herabhängt. Was glauben ſie denn, die kurzſtieligen Burſche?“ Victor äußerte einige tröſtende Worte um den zornigen Jungen zur Ruhe zu bringen; dieſes Be⸗ mühen war jedoch überflüſſig, da Donatus augen⸗ blicklich ſeinen Aerger vergaß und wieder fröhlich wurde. Als er ſah, daß die Antwerpener ihren Gang wieder fortſetzen wollten, bat er ſie mit gefalteten Händ bleibe und 1 Sie b war t Burſch Zeiche W zend d leins kehr a Der jt Erklär im H auf ei Haesd⸗ abgene ſaß, h zu arn von ſe des B fräulei weſen. Aennch Dorf 1 Aennch als er ihm au nach d Garde- *) 8 haben“ nachdem haben zuf das Naufen, ne Art at mir geſagt, von der Nichts⸗ geben, nöthig. ftlichen kommt, d hin⸗ unten schen: haben. wollen, haftig ſtoßen, den ſie n den s Be⸗ augen⸗ böhlich Gang lteten 41 Händen um die Erlaubniß, ein Bischen bei ihnen bleiben zu dürfen. Da unten verſtehe ihn Niemand und nirgends bezeige man ihm einige Freundſchaft. Sie bewilligten ſein Geſuch: denn Donatus Kwik war trotz ſeines dummen Ausſehens ein verſtändiger Burſche und zeigte ſich ſehr dankbar für das geringſte Zeichen von Freundlichkeit. Während des Spaziergangs erwähnte Jan ſcher⸗ zend der Tochter des Bürgermeiſters und des Fräu⸗ leins vom Schloſſe, welche Donatus nach ſeiner Rück⸗ kehr aus dem Goldlande zu heirathen Luſt bezeigte. Der junge Bauer wurde ernſt, und es ging aus ſeinen Erklärungen hervor, daß er eine demüthigere Liebe im Herzen trug. Er hatte ſeit Jahren ſein Auge auf eine der Töchter des Feldwächters von Natten⸗ Haesdonk geworfen, und das Mädchen war ihm nicht abgeneigt; aber der Vater, der einige Güterſtücke be⸗ ſaß, hatte ihn mit Verachtung abgewieſen, weil er zu arm war, ſelbſt da er ſchon ſechszehnhundert Francs von ſeiner Tante geerbt hatte. Was Donatus von des Bürgermeiſters Tochter und von dem Schloß⸗ fräulein geſagt hatte, war nur eitle Prahlerei ge⸗ weſen. Es war Niemand anders, als Feldwächters Aennchen, die ihm im Kopf ſteckte. Er hatte ſein Dorf verlaſſen, aus Scham und Verzweiflung, weil Aennchens Vater ihn grob zur Thüre hinausgeworfen, als er es gewagt hatte, den Wunſch ſeines Herzens ihm auszudrücken. Der einzige Grund ſeiner Reiſe nach dem Goldland war die Begierde, ſich an dem Garde-champétre*) dadurch rächen zu können, daß *) Feldwächter. A. d. U. — ———— 42 er ihm einen großen Haufen Goldes vor die Füße legte und ihn ſo zwang, mit Freuden in die Heirath ſeiner Tochter einzuwilligen. Aennchen hatte ver⸗ ſprochen, auf ihn zu warten, wiewohl ihr Vater ihr einen andern Mann aufdringen wollte; denn Nie⸗ mand als ihren armen Donatus Kwik wollte ſie hei⸗ rathen. Der junge Bauer ſprach mit ſo viel Be⸗ wunderung von ſeinem Aennchen, von ihren kleinen ſchwarzen Augen, von ihrem ſüßen Lächeln, von ihren ſtarken Armen und von ihrer Tugend und Arbeit⸗ ſamkeit, daß Victor Roozeman ihm mit Liebe und Freude zuhörte. Es beſtand in der That einige Aehnlichkeit zwiſchen ſeinem und des Bauern Zuſtand, und deſſen komiſche, jedoch tiefgefühlte Worte lenkten wiederum ſeine Träumereien auf Lucia und ſeine gute Mutter. So unterhielten ſich die Freunde mit lebhaftem Geplauder, mit Erinnerungen an die Vergangenheit und mit Entwürfen für die Zukunft, bis der Abend angebrochen war und Jedermann hinabſtieg, um in ſeiner Koje die Nachtruhe zu ſuchen. — ſerſtich Der günſtig. wiewoh beſtehen theilt, die ſche keit an ſchnelle trauen ſo ſtark jedem 6. heit un Nur auf der Claſſe i ſechzig Deutſche bereits tionen Händelt ie Füße Heirath tte ver⸗ ater ihr in Nie⸗ ſie hei⸗ diel Be⸗ kleinen 8n ihren Arbeit⸗ ebe und einige Zuſtand, lenkten idd ſeine bhaftem agenheit Abend um in V. Die Löwengrube. Der Jonas ſetzte inzwiſchen mit ausnehmend günſtigem Winde ſeine Reiſe fort. Die Nahrung, wiewohl immer aus geſalzenem Fleiſch und Bohnen beſtehend, wurde in hinreichender Quantität ausge⸗ theilt, um den Magen zu befriedigen, welcher durch die ſcharfe Seeluft zu einer ungewöhnlichen Thätig⸗ keit angeregt wurde. Das herrliche Wetter und die ſchnelle Fahrt flößten Jedermann Muth und Ver⸗ trauen ein, und obwohl die Freude nicht mehr ſich ſo ſtark ausließ, wie ehedem, erſchien dennoch auf jedem Geſichte ein beſtändiges Lächeln der Zufrieden⸗ heit und Hoffnung. Nur eine Wolke bedrohte allmälig den Frieden auf dem Schiffe. Es befanden ſich in der dritten Claſſe über hundert Paſſagiere, worunter man gegen ſechzig Franzoſen und nicht weniger als dreißig Deutſche aus den Rheinlanden zählte. Es war nun bereits eine Art Eiferſucht zwiſchen den beiden Na⸗ tionen entſtanden, und zwiſchen mehreren bereits zu Händeln gekommen, wobei ein Deutſcher einen Meſ⸗ ſerſtich in den Arm davongetragen hatte. Der Ka⸗ pitän, der hierin eine gute Gelegenheit erkannte, ſeine Herrſchaft zu zeigen, ließ den Angreifer und den Verwundeten auf den Schiffsgrund werfen, in ein dunkles feuchtes und ſtinkendes Loch in dem tiefſten Raum des Fahrzeugs, den man die Löwengrube nannte. Die Freunde der Verurtheilten wollten ſich einem ſo kurzen und willkürlichen Spruch wider⸗ ſetzen; aber der Kapitän ſchwor ihnen, er werde je⸗ den, der ſich gegen ihn aufzulehnen wage, in dem nächſten beſten Hafen der Obrigkeit überliefern, auf⸗ alle Fälle ans Land ſetzen. Wer alſo ſein Reiſe⸗ geld nicht verlieren, oder ſeine Fahrt nach Kalifor⸗ nien nicht unterbrechen wollte, hatte ſich nur geduldig zu unterwerfen. Dieſer unbedeutende Vorfall machte einen tiefen Eindruck auf die Gemüther. Er überzeugte Jeden, daß der Kapitän ein unerbittlicher Mann war, der keinen Augenblick zögern würde, ſeine Drohungen auszuführen, wenn man ihm nicht Gehorſam leiſtete. Die gewöhnliche Haltung des Kapitäns trug viel dazu bei, ſeine Herrſchaft zu verſtärken. Er ſtand gewöhnlich auf dem Hinterdeck, ganz allein, mit einem kalten, ſtrengen Ausdruck des Geſichts.— Wenn ein Paſſagier ein Wort an ihn richtete und ſich über etwas beklagte, antwortete er in kurzem, ſcharfem Ton und nur durch einen poſitiven Befehl, worauf er unwiderruflich jedes weitere Geſpräch abbrach. Roozeman und Creps wandelten Tage lang auf dem Verdeck hin und her und ſprachen von ihrem früheren Leben, von den Eltern und von den Freun⸗ den; oder ſie bewunderten das unermeßliche Welt⸗ meer zuſamt von d würder das th funden ein w war ei meinen zeigte; ſchien dings nicht le derbarf cher ſie von I Geträn von ſei aber er täglich Auf de braucht mand Krankhe ſagte e „Fi merken Geneve und la gleichw⸗ men u nte, ſeine und den in ein tiefſten ngrube llten ſich wider⸗ verde je⸗ in dem ern, auf n Reiſe⸗ Kalifor⸗ geduldig ein tiefen Jeden, var, der ohungen leiſtete. ug viel Er ſtand Befehl, Geſpräch lang auf n ihrem Freun⸗ 2 Welt⸗ 45 meer und deſſen Erſcheinungen; oder ſie träumten zuſammen von dem Golde, das ſie finden ſollten, von den Wundern, die ſie in Kalifornien ſehen würden, und vor Allem von der frohen Rückkehr in das theure Vaterland. Was ihre Eßgeſellſchaft betraf, ſo hatten ſie ge⸗ funden, daß ihr ÜUrtheil über ihre Schüſſelkameraden ein wenig ſtreng geweſen. Der deutſche Bankier war ein wohlerzogener Mann, der ſich gleichfalls ge⸗ meinen Manieren und rohen Scherzen abgeneigt zeigte; der junge Edelmann war ruhig geworden und ſchien Kummer zu haben, die übrigen blieben aller⸗ dings lebhaft in ihrer Weiſe, doch brauchte man ſie nicht länger anzuhören als man wollte. Der ſon⸗ derbarſte unter ihren Genoſſen war derjenige, wel⸗ cher ſich Doctor der Medicin nannte. Dieſer nahm von Morgen bis Abend unbarmherzig viel ſtarke Getränke zu ſich. Die wenigen Flaſchen Cognac von ſeinem eigenen Vorrath waren ſchnell verbraucht; aber er hatte ein Mittel ausfindig gemacht, um ſich täglich eine große Quantität Genever zu verſchaffen. Auf dem Verdeck und im Raum herumgehend, ge⸗ brauchte er alle mögliche Liſt, um hie und da Je⸗ mand zu überzeugen, daß er krank, oder von einer Krankheit bedroht wäre. Wenn man ihm glaubte ſagte er: „Fürchten Sie nichts, ich werde Sie heilen; aber merken Sie auf, trinken Sie einen einzigen Tropfen Genever, ſo ziehe ich meine Hand von Ihnen ab und laſſe Sie hülflos ſterben. Sie ſollen jedoch gleichwohl Ihre Ration Genever in Empfang neh⸗ men und ihn bis zur Stunde meines Beſuchs auf⸗ 46 bewahren, damit ich mich überzeuge, daß Sie ihn nicht getrunken haben.“ Des Morgens machte der Doctor ſeine Runde und ließ ſich von jedem ſeiner wahren oder einge⸗ bildeten Kranken die Ration Genever zeigen. Um ſicher zu ſein, daß es kein Waſſer war, goß der Doctor die Ration ſich ſelbſt in die Kehle. Er war hier nichts als ein gewöhnlicher Reiſender, aber da auf dem Schiff ſich kein anderer Arzt befand, hatte er ziemlich viel Kunden; und die Folge davon war, daß er faſt unaufhörlich in trunkenem Zuſtande ſich befand und ganze Tage mit glühender Naſe auf dem Verdeck herumtaumelte, dieſem und jenem den Puls fühlte und ſtammelnd ſagte: „Keinen Genever trinken, verſtehen Sie? Aber Sie müſſen ihn dennoch faſſen, hören Sie?“ Dieſer ſonderbare Burſche war es, welcher Do⸗ natus Kwik eine Pinte Seewaſſer mit ſpaniſchem Pfeffer als Heilmittel gegen die Seekrankheit einge⸗ geben hatte. Der Bauer pflegte zwar, wenn er dem⸗ jenigen begegnete, der ihm ſeiner Meinung nach Gift gegeben hatte, ihn zu begrüßen, rief ihm aber den Namen: Doctor Genevernaſe! nach. Die Deutſchen unten gaben ihm den Titel: Schnapps⸗ naſe. So hatte Donatus Kwik die Ehre, den Doc⸗ tor mit einem Namen zu taufen, den er bis ans Ende ſeines Lebens behalten mußte. So ging alles ziemlich ruhig auf dem Jonas ab, und die Tage folgten auf einander, einförmig und lang. Bereits waren viele Paſſagiere zu be⸗ merken, die ganz und gar nicht mehr fröhlich und ausgelaſſen waren und ſtundenlang in Gedanken ver⸗ tieft blieber hinauf Horizo des ri ſchiene der B. man if Meilen ewigen und ſch Ka erfreut Sie ihn Runde r einge⸗ n. Um goß der Er war aber da id, hatte von war, unde ſich kaſe auf nem den ? Aber her Do⸗ aniſchem tt einge⸗ er dem⸗ nach Gift aber den h. Die napps⸗ den Doc⸗ ins Ende Jona⸗ införmig zu be⸗ gllich und nken ver 47 tieft auf demſelben Punkte bewegungslos ſtehen blieben, oder in einer Ecke einſam ſaßen und träum⸗ ten. So machte ſich allmälig die Langeweile geltend, und mit ihr wahrſcheinlich für viele die Betrübniß und die Reue über eine tadelnswerthe Aufführung oder einen unüberlegten Entſchluß. Am ſechszehnten Tage nach der Abfahrt von Ant⸗ werpen ſaßen die Paſſagiere um ihre Schüſſeln her⸗ um. Es war bereits achtundvierzig Stunden reg⸗ neriſches Wetter geweſen und der Himmel hinter einem grauen Nebelvorhang verborgen geblieben. Nun aber hatte ſich der Horizont aufgeklärt; da rief Einer freudig aus, man ſehe den Pik der Inſel Teneriffa ſo deutlich, als ob man ſich ganz in ſeiner Nähe befände, obwohl der Steuermann verſicherte, daß die Entſernung wohl noch fünfundzwanzig Mei⸗ len betrage. Victor und ſein Freund ſtiegen auf das Verdeck hinauf und richteten ihr Auge nach der Seite des Horizontes, wo die Kanariſchen Inſeln am Fuße des rieſigen Piks auf dem Ocean zu ſchwimmen ſchienen. Dieſer Pik von Teneriffa iſt ein feuerſpeien⸗ der Berg, der ſo hoch aus der See aufſteigt, daß man ihn bei ſehr klarem Wetter wohl auf zwanzig Meilen weit ſehen kann. Seine Spitze, die mit ewigem Schnee bedeckt iſt, bohrt in die Wolken ein und ſcheint den Himmel zu erreichen. Kaum hatten die Antwerpener einige Augenblicke erfreut dieſes intereſſante Schauſpiel bewundert, ſo hörten ſie ein lautes Gezänke hinter ſich. Da ſahen ſie Donatus Kwik aus dem Raume herausſpringen, verfolgt von drei oder vier Mann, —————— — die ihn unter Verwünſchungen mit Schlägen über⸗ häuften. Einer von ihnen ſchien beſonders gegen Donatus aufgebracht und ſchlug ihn grauſam mit den Fäuſten auf den Kopf. Es war ein ſtarker Mann mit langem, rothem Knebelbarte und abſon⸗ derlich kleinen Augen. Kwik wehrte ſich, obwohl er um Hilfe ſchrie, gewaltig mit den Füßen und ſtieß links und rechts gleich einem Eſel gegen die Beine ſeiner Feinde, welchen der Schmerz mehr als einen Wehruf entlockte. Von einem plötzlichen Gefühl des Mitleids er⸗ griffen, eilte Victor dem armen Jungen zu Hülfe und ſtellte ſich zwiſchen ihn und ſeine Angreifer. Der Franzoſe mit dem Knebelbart gab dem jungen Mann einen heftigen Stoß auf die Bruſt, während derſelbe ihn mit guten Worten zur Vernunft bringen wollte. Wuthentbrannt über eine ſolche Rohheit, ſprang Victor dem Franzoſen auf den Leib und warf ihn zu Boden; aber der andere hatte ihn feſt⸗ gepackt und beide fielen mit einander ringend auf das Verdeck. Jan Creps eilte herbei und warf zwei oder drei Männer zurück, welche ihm Widerſtand leiſten wollten. Donatus ſchrie wie ein Beſeſſener; und ſo gerieth das ganze Verdeck in Aufruhr und Verwirrung.... aber der Kapitän erſchien auf dem Platze und machte dem Kampf ein Ende, mit einem Zeichen ſeines Fingers und mit dem einzigen Worte: „Still!“. Dann begannen die Klagen von beiden Seiten. Der Franzoſe mit dem großen Knebelbarte betheuerte, nend l dern e er uns Außerd wüther Spure Do zu den zu ſter ein Fl oder r raste zornig „H auf dre Die Schreck den ſich wenigſt ſtummt rohe V ſchluchz nenden Die Spruch bleich m ſchreien Con n über⸗ 8 gegen am mit ſtarker abſon⸗ wohl er ad ſtieß 2 Beine s einen eids er⸗ — Hülſe ngreifer. jungen vwährend bringen Rohheit, eib und ihn feſt⸗ nd auf arf zwei derſtand ſeſſener; ihr und ien auf de, mit einzigen Seiten. heuerte, 49 es ſei nicht möglich, mit dieſem raſenden Flamänder aus derſelben Schüſſel zu eſſen. „Kaum haben wir,“ ſagte er,„die Löffel in der Hand, ſo ſchlukt er Fleiſch und Bohnen ganz bren⸗ nend hinein; und bitten wir ihn, auch für die An⸗ dern etwas übrig zu laſſen, ſo lacht er, als wollte er uns für Narren halten, und ißt noch gieriger. Außerdem ſtößt er bei dem geringſten Anlaſſe wie wüthend um ſich. Da, ſehen Sie, Kapitän, die Spuren von der Bösartigkeit dieſes dummen Thiers!“ Donatus erwiederte heulend, ſie ſelbſt hätten ihn zu dem haſtigen Eſſen gezwungen, um nicht Hungers zu ſterben; er habe die Franzoſen lehren wollen, daß ein Flämiſcher Burſche ſich nicht ungeſtraft bedrücken oder verſpotten laſſe. Er drohte ſo gewaltig und raste ſo heftig, daß der Kapitän ungeduldig und zornig wurde und den Streit mit den Worten ſchlichtete: „Hieher Matroſen! man werfe dieſen tollen Kerl auf drei Tage in die Löwengrube!“ Dieſer Befehl ſchien Donatus mit unglaublichem Schrecken zu ſchlagen. Vielleicht dachte er, es befin⸗ den ſich wirklich Löwen in der Tiefe des Schiffes, wenigſtens ſchaute er den Kapitän zitternd und ver⸗ ſtummt an; als er ſich von den Matroſen auf eine rohe Weiſe angegriffen fühlte, begann er laut zu ſchluchzen und fiel mit flehenden Händen und thrä⸗ nenden Augen vor dem Kapitän auf die Kniee nieder. Die beiden Antwerpener ſuchten gegen den ſtrengen Spruch Fürbitte einzulegen. Victor Roozeman, noch bleich vor Erregung, rief, man begehe damit eine ſchreiende Ungerechtigkeit, und wollte dem Kapitän Conſcience, das Goldland, I. 4 begreiflich machen, daß man vom erſten Tage an den armen Jungen geplagt und unterdrückt habe. Jan Creps dagegen ſuchte die Sache als unbedeu⸗ tend darzuſtellen und bat mit freundlichen und leb⸗ haften Worten um Schonung für Donatus, der ihm jedoch keinen dankbaren Blick zuwarf, als er ihn für einen Narren und großen Dummkopf erklärte. Sei es, daß ihr Wort auf das brutale Gemüth des Befehlshabers einigen Eindruck gemacht, oder daß die unterwürfige Haltung von Donatus ihn be⸗ ſänftigt hatte, er ſagte plötzlich zu den Matroſen: „Laßt ihn laufen!“ Als der junge Bauer ſich in Freiheit ſah, näherte er ſich Victor, faßte ſeine Hand, küßte ſie und ſprach mit einer Thräne in den Augen: „Herr Roozeman, ich danke Ihnen tauſendmal für Ihre Güte. Für Sie werde ich durch's Feuer....“ Aber der Kapitän ſchob ihn mit dem Arm nach dem Zwiſchendeck, nahm ihn von der bisherigen Ga⸗ melle weg, gab ihm Deutſche zu Tiſchgenoſſen und ſagte im Hinweggehen: „Mache, daß ich nichts mehr von Dir höre, un⸗ ruhiger Burſche, ſonſt ſollſt Du es bereuen. S See wo di kugel Das anzuee Da ge gekroch Tabak täglich mende geſalze unzure für eir M Hier befalle dem ſe und el Lüftche brannt age an t habe. nbedeu⸗ nd leb⸗ der ihm ihn für Gemüth t, oder ihn be⸗ atroſen: näherte d ſprach gen Ga⸗ ſen und wre, un⸗ VI. Die Aequinoctiallinie. Schon fünf Wochen war der Jonas auf der See und näherte ſich ſchnell jenem Punkte der Erde, wo die Mittagsſonne gleich einer glühenden Feuer⸗ kugel dem Menſchen gerade auf den Kopf brennt. Das ewige geſalzene Fleiſch begann die Paſſagiere anzueckeln; alle eigenen Vorräthe waren aufgezehrt. Da gab es arme Burſche, die auf den Knieen her⸗ gekrochen kamen, um eine Cigarre oder eine Pfeife Tabak zu erhalten. Der Liter Waſſer, den man täglich jedem zukommen ließ, wurde bei der zuneh⸗ menden Hitze und dem ausſchließlichen Genuß von geſalzener Koſt oder trockenem Zwieback für Viele unzureichend, und man ſah werthvolle Gegenſtände für eine einzige Kanne Waſſer hingeben. Man gelangte endlich unter die Aequinoctiallinie. Hier wurde der Jonas von einer jener Windſtillen befallen, vor welcher die Seeleute ſich mehr als vor dem ſchwerſten Sturme fürchten. Die See war glatt und eben wie ein Spiegel, ohne daß das geringſte Lüftchen deren Oberfläche kräuſelte. Die Sonne brannte wie ein Feuerball an einem dunkelblauen —————— — —— 52 Himmel und verſengte mitleidlos Alles, was ihr Strahl erreichte, ſo daß man das Verdeck des Jonas unaufhörlich mit Seewaſſer begießen mußte, um das Holz vor Springen und das Pech vor Schmelzen zu bewahren; und zugleich um es den Paſſagieren möglich zu machen, den Fuß auf die glühenden Plan⸗ ken zu ſetzen. — Die Luft war bleiſchwer und bewegungslos; die Segel hingen ſämmtlich ſchlaff an den Maſten herunter, und das Schiff lag gleich einem todten Rumpf, ohne ſich zu rühren, mitten auf der uner⸗ meßlichen See, die Jedermann gleich einer Wüſte vor⸗ kam, von der man niemals die Grenzen erreichen ſollte. Die Paſſagiere liefen, der Verzweiflung nahe, hin und her, verſchmachtend, athem⸗ und muthlos, unten der ſchrecklichen Hitze erliegend und oben oder unten nach einem Plätzchen ſuchend, wo Erquickung oder Raſt zu finden wäre. Nirgends, nirgends, wo die Luft nicht ebenſo brennend und erſtickend war. Was ihr Loos noch peinlicher machte, war der Mangel an genügendem Waſſer. Viele verbrauchten, von un⸗ widerſtehlichem Durſt gemartert, ihre Ration, ſchon ehe die Sonne ſenkrecht über ihren Häuptern glühte, und mußten den lezten Theil des Tages in einem traurigen Ankämpfen gegen den Durſt zubringen. So war es ſchon in den erſten Tagen der Wind⸗ ſtille. Wie ſollten die Leiden erſt noch wachſen und den Höhepunkt erreichen, wenn ſie viele Wochen lang mitten in dieſer Feuergluth und dieſer, jede Kraft vernichtenden Luft liegen bleiben mußten? Am zwölften Tag hatte noch kein Windchen die Segel ſchreck halten würde klärte biete Forta halben Verkü allgen den lo lich zu Mona müßte fahr z gen, e der S portug man r deſſen name den A die P und i Die A und es vor Dr Schuld Der K bei, e zu ver nach e bas ihr Jonas um das hmelzen ſagieren n Plan⸗ ngslos; Maſten todten r uner⸗ iſte vor⸗ rreichen ahe, hin , unten r unten g oder wo die . Was Mangel von un⸗ , ſchon glühte, einem gen. Wind⸗ ſen und en lang Kraft hen die 53 Segel bewegt und die Hitze ſchien verdoppelt. Er⸗ ſchreckt durch die Möglichkeit, daß man bei lang an⸗ haltender Windſtille nicht Waſſer genug behalten würde, um die Küſte von Amerika zu erreichen, er⸗ klärte der Kapitän, die gemeinſame Wohlfahrt ge⸗ biete ihm, zu einer grauſamen Maßregel zu greifen. Fortan ſollte jeder Paſſagier nicht mehr als einen halben Liter Waſſers für den Tag bekommen. Die Verkündigung dieſes ſchrecklichen Befehls erregte die allgemeinſte Erbitterung und wüthende Klagen wur⸗ den laut; aber der Befehlshaber ſuchte ihnen begreif⸗ lich zu machen, daß die Windſtille noch einen ganzen Monat dauern könnte und er das Waſſer ſparen müßte, um nicht die ganze Mannſchaft in Todesge⸗ fahr zu bringen. Zur Warnung, um ſie zu überzeu⸗ gen, erzählte er ihnen, daß man auf derſelben Stelle der See, wo der Jonas ſich befände, ein großes portugieſiſches Schiff treibend gefunden hätte, das man von Menſchen verlaſſen wähnte. Als man an deſſen Bord kam, traf man gegen hundert Leich⸗ name da und dort auf dem Schiffe zerſtreut. Aus den Aufzeichnungen des Tagebuchs erfuhr man, daß die Paſſagiere ſich des Waſſervorraths bemächtigt und in blinder Gier denſelben verbraucht hatten. Die Aufzeichnungen waren bereits ſechs Wochen alt, und es ergab ſich, daß dieſe hundert Menſchen alle vor Durſt umgekommen waren und durch ihre eigene Schuld den ſchrecklichſten Martertod erduldet hatten. Der Kapitän fügte mit einem bezeichnenden Blicke bei, er würde den Jonas gegen ſolch ein Unglück zu vertheidigen wiſſen und dem erſten, der ſeine Hand nach einem Waſſerfaſſe auszuſtrecken wagte, mit ſei⸗ 54 nem Revolver gleich einem Hunde eine Kugel durch den Kopf jagen. Erſchreckt durch die fürchterliche Geſchichte von dem portugieſiſchen Schiffe, rangen die Dürſtenden ihre Hände und zogen ſich mit dem heißen Grollen der Verzweiflung zurück.— Victor Roozeman ertrug ſein Geſchick mit Muth⸗ doch dachte er jetzt noch mehr als früher an die Weſen, die ihm theuer waren, und als ob ſeine Phantaſie mit dem Elend ſich verirrte, ſprach er beinahe unaufhörlich von Allem, was er nun ent⸗ behren mußte. Er erinnerte ſich mit krankhafter Begeiſterung der ſchönen Spaziergänge um Antwer⸗ pen herum, wo er unter dem erquickenden Grün ſo oft von Glück und Liebe geträumt hatte; der herr⸗ lichen Ufer der Schelde, wo man des Sommers miß einem Gefühl von Gliückſeligkeit die Luft einathmet als wäre ſie mit einem geheimnißvollen Lebensbal⸗ ſam verſetzt; der grünen Bank in ſeiner Mutter klei⸗ nem Garten, wo man nach den Arbeitsſtunden ſitzen und träumen konnte, ſtill, zufrieden, ſeinen eigenen Gedanken nachhängend, bis die liebe Mutter das leckere, ſchmackhafte, das köſtlich mundende Abendeſſen auf den Tiſch geſetzt hatte. Jan Creps redete nicht viel; er fand ihren Zuſtand allerdings furchtbar langweilig, aber ſie waren doch die erſten nicht, welche in einer ſolchen, vierzehn Tage anhaltenden Windſtille liegen geblieben waren. Der Wind konnte heute oder morgen ſich wieder erheben, und dann war die erlittene Noth bald vergeſſen. Dieſe Ge⸗ danken konnten jedoch den ſtarkmüthigen Jan nicht hindern, alle Augenblicke auszurufen, er würde fünf Jahre Waſſe D noch herſch Ratio⸗ Schnu und daß e dergeſ konnte nehme Al gegen die zu lenskre 5 wohl, kommt als e ſich d zum ich es Ratior dann ich ſte Mund meiner mehr kleines Schlü ver, gel durch chte von ürſtenden Grollen it Muth; an die ob ſeine prach er nun ent— ankhafter Antwer⸗ Grün ſo der herr⸗ ners mit nathmet, bensbal⸗ teer klei⸗ en ſitzen eigenen tter das endeſſen ete nicht urchtbar n nicht, altenden d konnte id dann jeſe Ge⸗ an nicht rde fünf 5⁵ Jahre ſeines Lebens für einen einzigen Kübel kalten Waſſers von ſeines Vaters Pumpbrunnen geben. Derjenige, welcher ſich trefflich aufrecht hielt und noch ſcheinbar vergnügt auf dem Verdeck hin und herſchlenderte, war Donatus Kwik. Er trug ſeine Ration Waſſer in einer Flaſche, die er an einer Schnur unter den Kleidern am Hals hängen hatte, und ging ſo ſparſam und haushälteriſch damit um, daß er bereits zweimal zu Ende des Tags den nie⸗ dergeſchlagenen Victor und deſſen Freund Jan laben konnte, indem er ſie einen Schluck aus ſeiner Flaſche nehmen ließ. Als ſie ihn um den Grund ſeiner Ausdauer gegen Durſt fragten, gab er ihnen eine Erklärung, die zum Mindeſten von einer außerordentlichen Wil⸗ lenskraft bei ihm zeugte. „Donatus iſt ein einfältiger Burſche, ich weiß es wohl,“ antwortete er; aber wenn es darauf an⸗ kommt, ſeine Haut zu wahren, wird er ſo ſchlau, als einer von Ihnen, meine Herrn, und er denkt ſich das Gehirn aus dem Kopf, um nicht zu früh zum Himmel zu fahren. Ich will Ihnen ſagen, wie ich es anfange. Des Morgens bekomme ich meine Ration Waſſer, nicht wahr? Sie glauben, ich werde dann gleich davon trinken, wie die Andern? Nein, ich ſtecke mir den Schlüſſel zu meinem Koffer in den Mund und beiße unaufhörlich darauf und mache ſo meinem Magen weiß, daß er trinkt, bis ich es nicht mehr aushalten kann. Dann trinke ich ein kleines, kleines Schlückchen und beginne wieder an meinem Schlüſſel herumzuknaupeln. Ich trinke keinen Gene⸗ ver, ich rauche nicht. Mittags eſſe ich kein Fleiſch, 56 es iſt geſalzen, und genieße ſo wenig Nahrung als möglich, denn vom Eſſen bekommt man Durſt. So bin ich immer halb verhungert und halb verſchmach⸗ tet; aber von jedem Uebel die Hälfte tragen, iſt leichter, als einen ganzen Theil ausſtehen zu müſſen.“ 1 Di ohne d die So bleiſch! Se giere i ſinnig ſich, n Pl Schiff, ausgeb Typhu druck Donat ung als ſt. So ſchmach⸗ gen, iſt nüſſen.“ VII. Die Haifiſche. Die Tage verfloſſen, einer nach dem andern, ohne daß ſich ein Wölkchen an dem Horizonte zeigte; die Sonne blieb ebenſo glühend und die Luft ebenſo bleiſchwer. So geſchah es eines Morgens, daß viele Paſſa⸗ giere in ihren Köojen liegen blieben und, halb wahn⸗ ſinnig, klagten, ſie fühlen nicht mehr die Kraft in ſich, nur eines ihrer Glieder zu rühren. Plötzlich verbreitete ſich die Nachricht durch das Schiff, es ſei eine anſteckende Krankheit im Schiffe ausgebrochen. Die Einen behaupteten, es ſei der Typhus, die Andern, die Cholera, noch Andere, es ſei das gelbe Fieber. Dieſe Kunde verſetzte Jedermann in Schrecken und Angſt, denn eine einzige dieſer Plagen iſt in der That genügend, in kurzer Zeit ein ganzes Schiff zu entvölkern, beſonders wenn ein Hundert Men⸗ ſchen unter einer ſo erſtickenden Atmoſphäre und in einem ſo engen Raum zuſammenwohnen. Noch fühlten alle Paſſagiere ſich von dem Ein⸗ druck dieſer bedenklichen Nachricht ergriffen, als Donatus Kwik, welcher, über die See hinausgelehnt, —— 58 ſich damit unterhielt, daß er einige kleine Gegen⸗ ſtände ins Waſſer warf, plötzlich laut aufzuſchreien begann, als hätte er etwas ganz Ungewöhnliches zu Geſicht bekommen. „Ein Walfiſch, ein Walfiſch, zwei Walfiſche!“ rief er, zu Roozeman eilend.„So haben einen Rachen ſo groß wie ein Ofen; und Zähne, Zähne? Die knirſchen und klappern gleich einer Dreſchmühle. Ich warf ihnen einen alten, zerfetzten Schuh, der da lag, hinab; ſie haben ihn aufgeſchnappt und ver⸗ ſchluckt, als ob es eine Mandel wäre!“ Auf einer ſo traurigen, langen Reiſe iſt der ge⸗ ringſte Vorfall eine Erleichterung. So liefen alle, deren Aufmerkſamkeit durch das Geſchrei von Dona⸗ tus erregt worden war, nach dem Rande des Schif⸗ fes und ſtarrten in die ſpiegelklare See hinab. Da ſahen ſie wirklich nicht zwei, ſondern wohl ſechs bis acht Fiſche von ungemeiner Größe; und was man ihnen zuwarf, Holz, Eiſen oder Tauſtücke, da ſtürz⸗ ten ſie wetteifernd darauf los, öffneten ihre ſchreck⸗ liie Mäuler und verſchlangen es in einem Augen⸗ blick. Der Doctor kam halbtrunken vorüber; er war einen Blick in das Waſſer und ſagte ſpottend: „Ah, ah, da ſind die Leichenbitter! Ein ſchlechtes Zeichen, ihr Herrn; die Krankheit wird Schlach opfer koſten. Die Ungeheuer riechen auf hundert Stunden weit, daß ein Menſch auf der See ſterben wird, und ſie klappern mit den Zähnen und ſchlagen mit den Schwänzen vor Freude um ſich, weil ein leckeres Mittagsmahl ſie hier erwartet. Schaut nur gut in die großen Mäuler, damit ihr den Weg erkennet: denn gehen mich N Jetzt chen, den F den h Dieſer den l A todt welche Da n waren als f wahrf ſeinen Ende vorau waren ken, e U Gegen⸗ ſchreien iches zu fiſche!“ einen Zähne? hmühle. der da nd ver⸗ chs bis s man 1 ſtürz⸗ ſchreck⸗ Augen⸗ er war hlechtes hropfer tunden d, und nit den leckeres gut in kennet: 59 denn auf demſelben werden viele von uns ad patres*) gehen. Was mich betrifft, ich bin hier allzu nöthig; mich ſollen die Eiſenfreſſer nicht ſo bald bekommen.“ Nach dieſem grauſamen Scherze entfernte er ſich. Jetzt wurde von der ſchrecklichen Gewißheit geſpro⸗ chen, daß die Leichen derjenigen, welche der drohen⸗ den Krankheit unterlägen, in die See geworfen und den hungrigen Haifiſchen zum Raube werden ſollten. Dieſer ſchauerliche Gedanke brachte in vielen Herzen den letzten Funken von Muth zum Erlöſchen. Am folgenden Morgen fand man den Doctor todt in ſeiner Koje, noch mit ein paar Flaſchen, welche er nicht hatte austrinken können, neben ihm. Da nun auf einmal viele Paſſagiere krank geworden waren, hatte der Doctor ſich im Beſitz von mehr als fünfundzwanzig Rationen Genever geſehen und wahrſcheinlich durch eine ungewöhnlich reiche Spende ſeinem ohnedieß ſchwachen Lebensfaden ein plötzliches Ende gemacht, Als Donatus Kwik ſeinen beiden Freunden be⸗ gegnete, rief er mit wahrhaftem Mitleid aus: „Ei, ei, iſt Doctor Genevernaſe todt? Ich ver⸗ gebe ihm von ganzem Herzen den ſpaniſchen Pfeffer, den er mich hat verſchlucken laſſen. Der barmherzige Gott möge ſeine Seele aufnehmen! Er hat nicht vorausgeſehen, daß die Walfiſche für ihn gekommen waren. Ich werde ſeiner in meinen Gebeten geden⸗ ken, er hat es ſehr nöthig, der Arme!“ Unter der Linie, wo die Hitze mit wunderbarer *) Zu ihren Vätern. A. d. U. 60 Eile Alles auflöst, was nur zerſtörbar iſt, kann man die Leichname nicht lang aufbewahren. Hier ins⸗ beſondere, wo eine anſteckende Krankheit zu herrſchen ſchien, mußte man ohne Aufſchub die ſterblichen Ueberreſte des Doctors beſeitigen. Plötzlich wurde die Glocke langſam geläutet, wie vor einem Begräbniß zu geſchehen pflegt; alle die Paſſagiere, die nicht bettlägerig waren, wurden auf das Verdeck gerufen und an der einen Seite des Schiffes aufgeſtellt. Dann kamen vier Matroſen mit dem Leichnam herauf und wandten ſich langſam und feierlich nach der Seite, wo die Paſſagiere ſtan⸗ den. Der arme Doctor war in ſeine Bettdecken wie in einen Sack eingenäht, und man hatte zu ſeinen Füßen noch eine Quantität Steinkohlen gelegt, damit er deſto ſchneller auf den Grund der See hinab⸗ ſinken möge. Nachdem die Matroſen am Rande des Schiffs Alles zu ſeinem Begräbniß gerichtet hatten, nahm der Kapitän ſeinen Hut vom Kopfe und be⸗ gann leiſe das herkömmliche Gebet zu leſen. Die Paſſagiere hatten gleichfalls das Haupt entblößt; viele waren bleich und zitterten bei dem Gedanken, daß man ihnen den ſchrecklichen Weg in die Ewig⸗ keit zeige, den ſie ſelbſt vielleicht morgen ſchon ein⸗ ſchlagen ſollten. Das Gebet war ſchnell zu Ende. Auf ein Zei⸗ chen des Kapitäns ſenkten die Matroſen die Planke, worauf der todte Doctor lag, an Stricken bis auf die Oberfläche der See hinab, ließen ſie dort um⸗ drehen und auf ſolche Art den Leichnam in den grundloſen Ocean hinabfallen. Die meiſten der Zu⸗ ſchauer beugten ſich über den Rand des Schiffes ———— hinau körper zitterr und( Haifiſ auf d dert jeder ſchlan U Ungel Krank furcht D liefen ander ſuchen könnte geſchle und h melten unn man dier ins⸗ herrſchen erblichen ttet, wie alle die den auf eite des Ratroſen langſam re ſtan⸗ cen wie a ſeinen , damit hinab⸗ nde des hatten, und be⸗ n. Die ntblößt; edanken, Ewig⸗ on ein⸗ ein Zei⸗ Planke, bis auf ort um⸗ in den der Zu⸗ Schiffes 61 hinaus und blickten in das Waſſer, um dem Todten⸗ körper mit den Augen zu folgen; aber alle ſprangen zitternd zurück und ſtießen einen Schrei des Schreckens und Entſetzens aus. Sie hatten geſehen, wie die Haifiſche dort unten gleich wüthenden Tigern ſich auf den Leichnam warfen, die Decken mit ihren hun⸗ dert Zähnen zerriſſen und im nächſten Augenblick jeder einen Theil von dem ſchrecklichen Mahl ver⸗ ſchlang. Und ehe der Tag zu Ende war, empfingen die Ungeheuer noch fünfmal die Opfer der mörderiſchen Krankheit, welche jetzt erſt in dem Raume auf eine furchtbare Weiſe zu wüthen begann. Die Paſſagiere waren voll Beſtürzung; einige liefen mit unruhigen Schritten von einem Ende zum andern über das Verdeck, als wollten ſie eine Stelle ſuchen, wo ſie der hölzernen Bruſtwehr entfliehen könnten, die ſie unerbittlich in dem verpeſteten Ring geſchloſſen hielt. Andere irrten wie wahnſinnig hin und her, mit Geberden der Verzweiflung, und mur⸗ melten in ſich hinein, als ob ihnen unſichtbare Spukgeſtalten gegenüber ſtänden. Alles war ſtumm; und wenn je und je die ſchreckliche Stille unterbro⸗ chen wurde, ſo hörte man nichts als Verwünſchungen gegen den Golddurſt und gegen die verhängnißvolle Reiſe, oder Schmerzensrufe und ſehnſüchtige Seufzer nach dem Vaterlande, das man ſo unbeſonnener Weiſe verlaſſen und verloren hatte. Gegen Abend wurde Victor plötzlich von einer ſchrecklichen Angſt ergriffen. Während er neben ſei⸗ nem Freunde und Donatus Kwik auf einer Bank ſaß und mit ſchmerzlichem Kummer von dem glück⸗ ——— ——„ —— ———— 62 lichen Belgien und von dem ſchönen Antwerpen und von theuren Weſen ſprach, und Jan ſich noch be⸗ mühte, ihm Vertrauen auf Rettung einzuflößen, ver⸗ änderte die Stimme des letztern ihren Ton plötzlich auf eine überraſchende Weiſe. Eine tödtliche Bläſſe entfärbte ſein Geſicht; ſeine Augen wurden gläſern und ſeine Glieder brachen ſchlaff zuſammen, als ob eine Nervenlähmung ſie getroffen hätte. Es waren die Zeichen der Krankheit! Jan Creps, das gute Herz, der treue Freund, ſollte ſterben; vielleicht hat⸗ ten, ehe die Sonne wieder das Verdeck des Jonas beſchien, die Seeungeheuer ſeinen Leichnam bereits verſchlungen! Dieſer Gedanke erfüllte Roozeman mit unbe⸗ ſchreiblicher Verzweiflung; er warf ſich weinend über ſeinen Freund, umarmte ihn und ſtammelte mit wahnſinniger Haſt allerlei Worte des Troſtes, woran er ſelbſt nicht glaubte. Donatus hielt eine Hand des Kranken und benetzte ſie mit ſtillen Thränen. Jan ſuchte gegen ſein Uebel anzukämpfen, um bei ihnen den Glauben zu erregen, als ob er Muth genug hätte und es nicht ſo ſchlimm mit ihm ſtände, als man meinte; aber bald entſchwand ihm auch der letzte Reſt von Kraft und mit einem ſchmerzlichen Seufzer ſank er in die Arme ſeines Freundes, wäh⸗ rend er in herzzerreißendem Tone ausrief: „Waſſer! Waſſer! Waſſer! Mein Leben für einen Schluck Waſſer! Waſſer allein kann mich retten!“ Bei dieſem Nothſchrei ſprang Victor auf, eilte wie wahnſinnig zu dem Kapitän und fiel mit auf⸗ gehobenen Händen vor ihm nieder. Er bat, er weinte, er wand ſich in convulſiviſchem Schmerze vor il was Kapite er der Füßen Freun V gen b Ein E auf ei ſelbe. ihren der B zog, weit 1 Ue raufte ſchlug Matro Hälfte dene 1 M theure ſeines zu ver zurück, goß il in den De Kraft ſein B pen und noch be⸗ zen, ver⸗ plötzlich e Bläſſe gläſern als ob s waren as gute iicht hat⸗ 8 Jonas bereits t unbe⸗ ind über elte mit 8, woran ne Hand ränen. fen, um er Muth m ſtände, auch der erzlichen es, wäh⸗ ür einen ten!“ ff, eilte nit auf⸗ bat, er ſchmerze 63 vor ihm, er bot eine Handvoll Banknoten, Alles, was er beſaß, für einen halben Liter Waſſer. Der Kapitän blieb jedoch ungerührt und ſtumm, als hätte er den jungen Mann gar nicht bemerkt, der zu ſeinen Füßen kroch und ihn um das Leben ſeines armen Freundes anflehte. Victor wiederholte ſeine hoffnungsloſen Bemühun⸗ gen bei dem Steuermann mit ebenſo wenig Glück... Ein Schrei der Raſerei entſchlüpfte ihm; er ſprang auf ein Waſſerfaß zu und legte ſeine Hand an daſ⸗ ſelbe. Drei oder vier Matroſen bedrohten ihn mit ihren Meſſern, und als er wie verblendet ſelbſt unter der Berührung des Stahls ſeine Bruſt nicht zurück⸗ zog, packten ſie ihn zuſammen an und warfen ihn weit weg auf das Verdeck zurück. Ueberzeugt, daß keine Rettung zu erlangen war, raufte ſich der arme Roozeman die Haare aus und ſchlug ſich verzweiflungsvoll an die Bruſt, als ein Matroſe ihm ein Bischen Waſſer, weniger als die Hälfte eines Liters im Austauſch gegen ſeine gol⸗ dene Uhr anbot. Mit faſt unſinniger Freude opferte Victor das theure Geſchenk ſeiner Mutter auf, um das Leben ſeines Freundes, und wäre es nur um eine Stunde, zu verlängern. Er eilte frohlockend zu Jan Creps zurück, hielt ihm die Waſſerflaſche an die Lippen und goß ihm mit fieberiſchem Lachen den labenden Trank in den Mund. Der Kranke ſchien in der That wieder einige Kraft zu erlangen und bat ſeine Genoſſen, ihn in ſein Bett zu bringen, da alle ſeine Glieder wie ge⸗ ——— 64 brochen wären und er ein unwiderſtehliches Verlan⸗ gen nach Ruhe fühle. Die ganze Nacht empfand Victor Stunden lang tödtliche Angſt. Mit Donatus an der Koje ſeines kranken Freundes ſitzend, mußte er unaufhörlich den Ruf:„Waſſer, Waſſer, Waſſer!“ aus deſſen gequälter Bruſt aufſteigen hören, ohne daß er irgend Etwas zu thun vermochte, um dieſem Rufe Genüge zu lei⸗ ſten, da man nicht im Stande geweſen wäre, für einen ganzen Schatz auch nur einen Tropfen Waſſers zu bekommen. Es kam ein gefährlicher Augenblick. Jan lag im Delirium und rief nicht mehr nach Waſſer; aber er tobte und raste wie wahnſinnig, krümmte ſich con⸗ vulſiviſch und ſchien in einem Wuthanfall ſterben zu müſſen; aber plötzlich richtete er ſich in der Finſter⸗ niß auf und ſagte mit hohlklingender Stimme und düſterem Spott: „Nach Kalifornien? Du willſt nach Kalifornien? Verwünſchter Thor, was willſt Du dort ſuchen? Gold? Gibt es denn kein Gold in Deinem Vater⸗ land, für diejenigen, welche es durch Arbeitſamkeit und Verſtand zu verdienen wiſſen? Freiheit? Un⸗ abhängigkeit? Wo ſind die Segnungen menſchlicher Civiliſation ſo ſehr verbreitet, als in unſerem ge⸗ werbsthätigen Belgien?— Glück? Ach, Bethörte, das Glück wohnt nicht ſo weit in der Ferne; es weilt, wo unſere Wiege ſtand, an dem väterlichen Herde, in den Augen unſerer Mutter, in dem Lä⸗ cheln der Freunde, in Gegenſtänden, woran ſich die Erinnerungen unſerer Kindheit knüpfen. Der Geld⸗ teufel hat euch verlockt; ihr wollt reich werden, auf einma ſelbſt bare, Ihr n den T der U Un er wie und b. Vi und fo lichen nen G Anhör nicht z Un ſinnige mit ſei daß ih deſſen „T das ſo Von d das ge abſcheu Sp Kranke mete ft Do eingeſch nem he Con Verlan⸗ en lang ſeines lich den equälter Etwas zu lei⸗ re, für Waſſers zan lag r; aber ſich con⸗ erben zu Finſter⸗ me und fornien? ſuchen? Vater⸗ tſamkeit ſt? Un⸗ iſchlicher rem ge⸗ Zethörte, rne; es terlichen dem Lä⸗ ſich die er Geld⸗ den, auf 65 einmal, ohne Arbeit? das Geſetz umſtoßen, das Gott ſelbſt in unſere Natur gelegt hat? Geht, Undank⸗ bare, er wird Euch ſtrafen! Anſtatt Goldes werdet Ihr nichts als Elend, Schande und Tod finden.... den Tod und ein ſchreckliches Grab in dem Bauch Und als er dieſe Verwünſchung ausgeſtoßen, ſank er wieder auf das Bett zurück und blieb ſchweigend und bewegungslos liegen. Victor Roozeman fühlte ſich zu Boden geſchlagen und faſt vernichtet unter dem Eindruck dieſer ſchreck⸗ lichen Worte, welche nur der Wiederhall ſeiner eige⸗ nen Gedanken waren; er bebte vor Angſt bei dem Anhören einer Weiſſagung, an deren Erfüllung er nicht zweifelte. Unten am Bette ſaß Donatus Kwik, der in wahn⸗ ſinniger Reue ſich die Nägel ins Geſicht grub und mit ſeinem Kopfe ſo heftig gegen die Balken rannte, daß ihm das Blut von den Wangen lief. Unter⸗ deſſen ſtieß er mit heiſerer Stimme hervor: „Da, da, dummes Thier, das Du biſt! Eſel, as ſoll Dich lehren, nach Kalifornien zu gehen. Bon den Walſiſchen wirſt Du aufgefreſſen werden; das geſchieht Dir ganz recht, Du haſt es verdient, abſcheulicher Dummkopf!“ Später in der Nacht ſchien das hitzige Fieber den Kranken verlaſſen zu haben. Er lag ruhig da, ath⸗ mete freier und ſchlummerte wahrſcheinlich. Donatus war, den Kopf auf die Kniee geſtützt, eingeſchlafen und redete im Traume laut von ſei⸗ nem heimathlichen Dorfe.— Was er ſagte, mußte Conſcience, das Goldlanb. 1. 5 n den wachen Roozeman tief bewegen, denn er horchte zitternd auf die Worte, welche Donatus' Munde ent⸗ ſchlüpften. „Ach, Bleßchen, meine liebe Kuh,“ murmelte der⸗ ſelbe,„du willſt von dieſem zarten Graſe nicht mehr eſſen. Paß auf, Bleßchen, wer es ziemlich gut hat und nicht zufrieden iſt, der läuft wahrhaftig von dem Klee in die Binſen!.... Haſt du vielleicht Durſt? Es iſt auch ſo heiß, nicht wahr? Komm an den Bach, da iſt ſo reines Waſſer, hell wie Glas und friſch, friſch, daß es dir wie ein Sammetbändchen durch die Kehle läuft.... Bleß, Bleß, dort geht Feldwächters Aennchen! Sie ſieht uns mit ihren ſchwarzen Aeuglein, ſie macht uns ein Zeichen, ſie lacht! Bleß, Sonntag iſt Kirchweih; ich habe meine Beine eingerieben. Daß du die Sprünge ſehen könn⸗ teſt, die ich da machen werde!.... Aennchen, liebes Aennchen! Sonntag, nicht wahr? Bleß, haſt du ge⸗ hört, wie lieb und wie ſüß ſie mir zuruft:„Ja, Donatus, Sonntag!“ Das iſt ein Leben, Bleß, ein Glück! Wenn es nicht beſſer geht, werde ich noch ein Pfahlsnarr!“ A blaue fand T lung Haifi ben, fühl Man rufe Män träun ihre X ſchwi welch Mitt einen gann giere der 9 Wwo 91 horchte de ent⸗ lte der⸗ t mehr gut hat on dem Durſt? an den as und ändchen 8rt geht t ihren den, ſie e meine en könn⸗ /, liebes du ge⸗ :„Ja, Gleß, ein ich noch VIII. Der Aufſtand. Als die Sonne wieder an dem hoffnungslos blauen Himmel erſchien, lebte Jan noch; aber man fand acht Leichen in den Kojen der dritten Klaſſe. Der Verluſt ſo vieler Gefährten, die Wiederho⸗ lung des ſchrecklichen Begräbniſſes, der Anblick der Haifiſche, welche hungrig um das Schiff herum trie⸗ ben, dieß Alles ſchlug die Paſſagiere mit einem Ge⸗ fühl unendlicher Verzweiflung und düſterer Raſerei. Man hörte in dem Raum Unheil verkündende Aus⸗ rufe gegen den Kapitän und man ſah hie und da Männer, welche mit einem krampfhaften Lachen, als träumten ſie von einem Kampfe auf Leben und Tod, ihre Meſſer aufriſſen. Die Vertheilung der täglichen Ration Waſſer be⸗ ſchwichtigte noch auf einige Stunden das Unwetter, welches in den Gemüthern aufzuſteigen ſchien. Am Mittag jedoch, als die Sonne wieder den Jonas in einen unerträglichen Feuerofen verwandelt hatte, be⸗ gann plötzlich eine ſeltſame Unruhe ſich der Paſſa⸗ giere zu bemächtigen, und ſie ſchienen einander durch der Ruf:„Waſſer, Waſſer oder den Tod!“ zu einem gealtthätigen Unternehmen anzuſpornen. 9* ——— 68 Victor und Donatus waren nicht zur Stelle; ſie ſtanden an der Koje ihres kranken Freundes, der aus ſeinem Delirium wuht war und ihren Tröſtungen gelaſſen zuzuhören ſchien. Der Kapitän hielt ſich hinten auf dem Schiff und folgte mit großer Bekümmerniß allen Bewegungen der aufgeregten Paſſagiere. Als er ſah, daß es Ernſt werden ſollte, rief er durch ein Signal alle Matroſen zu ſich, übergab jedem einen ſechsläufigen Revolver und ſtellte ſie um den Platz auf, wo die Waſſerfäſſer ſtanden. Dann rief er, ſeine Feuer⸗ waffe ausſtreckend, mit mächtiger Stimme den Paſ⸗ ſagieren zu: „Zurück, Thoren, die Ihr ſeid! Wollt Ihr dem Jonas das Schickſal des portugieſiſchen Schiffes be⸗ reiten? Ruft Ihr Waſſer oder Tod? Waſſer ſollt Ihr nicht bekommen; den Tod augenblicklich, wenn ein Einziger von Euch uns bis auf zehn Schritte nahe zu kommen wagt. Zurück, bei Eurem Leben, oder die Kugeln ſollen Eurer frevelhaften Verblen⸗ dung ihr Recht anthun!“ Die Paſſagiere wichen bis auf den angewieſenen Abſtand zurück; ſie murrten noch und warfen flam⸗ mende Blicke auf den Kapitän; aber der Anblick der Matroſen, welche mit dem Revolver in der Fauſt und dem blitzenden Meſſer zwiſchen den Zähnen be⸗ reit ſchienen, die blutige Metzelei zu beginnen, kühlte ihre Raſerei ein wenig und ließ ſie noch zögern. Doch waren die wildeſten Burſchen auf dem Vor⸗ dertheil des Schiffes zuſammengetreten und ſchienen einander aufzuhetzen und Raths zu pflegen, wie man den Kapitän überfallen könnte. Drei oder vier ten ſe und über Verde chende J alten zittern rief: „ nigen El angede ſchlüpf in der inam. Waßſ Be der P ſchein, mit pl. die Me auf da man 1 waren Wölkch und ſch Gewißl ſich au Himme lle; ſie der aus ſtungen hiff und gungen daß es nal alle äufigen wo die Feuer⸗ n Paſ⸗ hr dem fes be⸗ er ſollt „wenn Schritte Leben, erblen⸗ ieſenen flam⸗ lick der Fauſt en be⸗ kühlte zögern. ¹ Vor⸗ chienen ie an r Ht 69 ten ſogar die Stangen aus der Kabelwinde geriſſen und ſchwangen drohend dieſe ſchrecklichen Knüttel über ihrem Haupte. Eine Minute noch, und das Verdeck des Jonas ſollte zum Schauplatz eines rau⸗ chenden Blutbades werden.... In dieſem Augenblick entfuhr der Bruſt eines alten Matroſen ein ſeltſamer Ausruf; er deutete zitternd mit dem Finger auf den weiten Ocean und rief: „Kapitän, ſehen Sie, ſehen Sie dort, ſüdweſtlich.“ „Wendet Euer Auge nicht von dieſen wahnſin⸗ nigen Leuten!“ befahl der Kapitän ſeinen Leuten. Ebenſo raſch richtete er ſein Fernrohr nach dem angedeuteten Punkte des Horizontes. Auch ihm ent⸗ ſchlüpfte ein Freudenſchrei; er ſchwenkte ſeinen Hut in der Luft und ſchrie, daß man es deutlich von einem Ende des Schiffes bis zum andern hörte; „Hurra! Hurra! Erlöſung! Gott ſendet uns Waſſer.... Waſſer und Wind!“ Bei dieſer Botſchaft kam auf den Angeſichtern der Paſſagiere ein krampfhaftes Lachen zum Vor⸗ ſchein, ſo grimmig und ſo ſeltſam, als wären ſie mit plötzlichem Wahnſinn geſchlagen worden; aber die Meſſer verſchwanden, die Stangen fielen nieder auf das Deck, man weinte, man tanzte, man ſang, man umarmte die Matroſen, welche herzugetreten waren und voll Freude allen ein kleines ſchwarzes Wölkchen zeigten, das am Horizont aufgeſtiegen war und ſchnell anwuchs und ſich vergrößerte. Bei der Gewißheit der unverhofften Erlöſung warfen viele ſich auf die Kniee und hoben dankend die Hände zum Himmel empor. 70 Die glückliche Kunde verbreitete ſich augenblick⸗ einen lich bis in das Innerſte des Schiffs. Die Kranken, dere ſelbſt diejenigen, nach welchen der Tod bereits die dächt Hände ausgeſtreckt hatte, ſchienen zu neuem Leben Alles M zu erwachen, und flehten ihre Freunde um Hülfe ſchaf an, um ſich auf das Deck bringen zu laſſen. Es auf werde regnen, ſagte man. Naß werden! Das friſche und Waſſer des Himmels ſich über die Glieder ſtrömen Waſ laſſen! Eine feuchte Luft einathmen! Welche Wolluſt! fluß Welche Seligkeit!§ Jan Creps wurde von Victor und Donatus auf fertig das Verdeck getragen; Thränen der Hoffnung und velch Freude rollten ihm über die bleichen Wangen, wäh⸗ glase rend er das Auge nach der ſchwarzen Wolke ge⸗ ſichtik richtet hielt, welche als ein Bote des Herrn ſeinen wie ' armen verlaſſenen Geſchöpfen Geſundheit und Ret⸗ 3 tung bringen ſollte. Scho⸗ So hefteten ſich die ſtrahlenden Blicke aller Paſ⸗ erzitte ſagiere mit Begeiſterung und ſehnſüchtigem Ver: Zeiche langen an den Horizont; ihr Herz klopfte, ihre Ner⸗ den§ ven zitterten; ſie hatten Alles, ſelbſt den Durſt ver⸗ hall, geſſen; um ſich die unbeſchreibliche Naturerſcheinung ligem zu betrachten, die ſich mit wunderbarer Schnelligkeit ſen d am Horizont entwickelte. Zuerſt hatten ſie nur ein der u kleines ſchwarzes Wölkchen wahrgenommen; aber deck d dieſes Wölkchen ſchien, als wäre es mit einer un⸗ A widerſtehlichen Anziehungskraft begabt, alle Dünſte armen der Luft in ſeinem Schooße anzuſammeln und wurde friſche größer und immer größer, bis es gleich einer dun⸗ über keln Wand die ganze ſüdliche Seite des Himmels 3 bedeckte. ſeine Während ſo die allgemeine Aufmerkſamkeit auf genblick⸗ Kranken, reits die n Leben n Hülfe en. Es s friſche ſtrömen Wolluſt! tus auf ng und n, wäh⸗ olke ge⸗ n ſeinen nd Ret⸗ ler Paſ⸗ m Ver⸗ re Ner⸗ rſt ver⸗ heinung elligkeit nur ein ; aber ner un⸗ Dünſte wurde er dun⸗ immels keit auf 71 einen einzigen Punkt gerichtet war, und alles An⸗ dere außer der bevorſtehenden Rettung aus dem Ge⸗ dächtniß entſchwunden war, gab der Kapitän Befehl, Alles zur Aufnahme des Regenwaſſers in Bereit⸗ ſchaft zu ſetzen. Die entbehrlichen Segel wurden auf dem Verdeck ausgeſpannt, und Fäſſer, Kufen und Kübel an den Ecken aufgeſtellt, wohin das Waſſer von den ſchief gehaltenen Flächen ſeinen Ab⸗ fluß nehmen mußte. Kaum war man mit den erſten Vorkehrungen fertig, ſo bedeckte ſich der Theil des Himmels, welcher bisher noch hell geblieben war, mit einem glasartigen Dunſt, der immer dichter und undurch⸗ ſichtiger wurde; die Sonne war bleich und grünlich wie bei einer völligen Verfinſterung. Jetzt zuckte eine rieſige Feuerſchlange aus dem Schooße der ſchwarzen Wolkenmaſſe, und der Ocean erzitterte unter dem furchtbaren Donnerſchlag. Das Zeichen war gegeben! Blitze furchten unaufhörlich den Himmelsraum; in der Luft entſtand ein Wieder⸗ hall, als ob zehn unſichtbare Heere ſich mit unzäh⸗ ligem Geſchütz beſchoſſen hätten— aber die Schleu⸗ ſen des Himmels öffneten ſich, und ein Waſſerſtrom, der unerſchöpflich ſchien, fiel praſſelnd auf das Ver⸗ deck des Jonas nieder. Welche Freude, welche Wonne! Wie konnten die armen Paſſagiere nun trinken, ſich laben und das friſche Naß gleich einem wohlthätigen Balſam ſich über die zitternden Glieder fließen laſſen! Jan ſelbſt, der kranke erſchöpfte Jan, umarmte ſeine beiden Freunde und rief begeiſtert aus: „Gelobt ſei Gott! Ich fühle mich wieder auf⸗ leben; ich werde nicht ſterben!“ Zwei Stunden lang dauerte der Sturm. Der Donner grollte ſchrecklich und erſchütterte Luft und Meer; die Blitze umſchloſſen den Jonas mit einer blendenden Feuergluth; Wirbelwinde drehten zuwei⸗ len das leichte Fahrzeug gleich einem Ball um ſich ſelbſt und bedrohten es mit dem Untergang; aber dieß Alles war nichts gegen die Freude, Waſſer zu haben und ſich eine friſche Luft durch die Lungen ſtrömen zu fühlen. Selbſt die Furchtſamſten lachten und jubelten mitten im Geheul des Sturms und dem Zucken der Blitze. Das Gewitter legte ſich endlich, aber der Wind hielt ſtark und gleichmäßig an und nahm zum Glück eine für die Reiſe der Goldſucher äußerſt glückliche Richtung.. Der Kapitän ließ möglichſt viele Segel beiſetzen; der Jonas hielt zur Seite und ſchoß unter dem fröh⸗ lichen Hurrageſchrei der neubelebten Paſſagiere wie ein Pfeil dahin. D Zeit ſchwir reits zwei und 1 D 2 began Begie nung plaud man der R Reicht Jo war Zweife er in hatte; Herz unend jder auf⸗ m. Der Luft und nit einer n zuwei⸗ um ſich ig; aber gaſſer zu Lungen lachten is und er Wind m Glück lückliche eiſetzen; im fröh⸗ lere wie IX. Die Ankunft. Das Schiff ſegelte, als hätte es die verlorene Zeit wieder hereinbringen wollen, mit ſolcher Ge⸗ ſchwindigkeit, daß es ſich einige Tage ſpäter be⸗ reits auf der Höhe von Braſilien befand. Noch zwei Kranke unterlagen; die andern genaſen ſchnell und waren augenſcheinlich außer aller Gefahr. Das erduldete Elend war vergeſſen. Wiederum begann das Verlangen nach Kalifornien und die Begierde nach Gold mit der friſch erwachten Hoff⸗ nung ſich zu entflammen. Man war fröhlich, man plauderte von den Minen, von den Schätzen, die man ſammeln wollte, und von dem, was man nach der Rückkehr in das Vaterland mit dem gefundenen Reichthum anfangen wollte. Jan Creps, obſchon noch ein wenig ſchwach, war ganz von ſeiner Krankheit hergeſtellt. Ohne Zweifel wußte er nicht, welch ein ſtrenges Urtheil er in ſeinem Delirium über dieſe Reiſe ausgeſprochen hatte; denn mit dem neuen Leben fühlte er ſein Herz von doppeltem Muthe beſeelt und ſchaute mit unendlichem Vertrauen in die ſchöne Zukunft. Sein ——— 74 Freund Roozeman hatte gleichfalls ſeine verlockenden Träume wieder gefunden und es zog ein geheimniß⸗ volles Lächeln über ſein Geſicht, wenn das Ver⸗ mögen, welches er nun bald einſammeln ſollte, mit verführeriſchem Glanze vor ſeinen Augen ſich dar⸗ ſtellte. In der Einbildung ſah er ſich bereits in den Minen; er fand Goldklumpen im Ueberfluß; er kehrte in das Vaterland zurück: er ſicherte das Glüͤch ſeiner guten Mutter; er ſtand vor dem Altar neben Lucia, der Geliebten ſeines Herzens und hörte die Stimme des Prieſters, welche ſprach:„Seid vereinigt im Namen des Herrn!“ Donatus Kwik hatte ſeine urſprüngliche heitere Gemüthsſtimmung wieder gewonnen. Er ſchlenderte Tage lang auf dem Verdeck herum, oder leiſtete den beiden Freunden Geſellſchaft und erfreute ſie durch ſein ſcherzhaftes Geplauder und ſeine Sorgloſigkeit. Zu anderen Zeiten lief er unten im Raume herum und ſprach mit Jedermann Franzöſiſch, Engliſch und Deutſch, wovon man nur dann und wann ein Wort verſtehen konnte, und brachte alles Volk durch ſeine ſcheinbar dummen Streiche zum Lachen. Die Fran⸗ zoſen nannten ihn Jocriſſe*) und die Deutſchen Hanswurſt; er antwortete auf dieſe Namen, deren Bedeutung ihm unbekannt war, mit ebenſo viel Ernſt, als ob der Paſtor ſelbſt ihn bei ſeiner Geburt alſo g etauft hätte. Noch eine harte Probe hatte der Jonas durch⸗ 4 **) Bedeutet bald Einfaltspinſel, bald Topfgucker, bald dum⸗ mer ungeſchickter Knecht. A. d. II. zumac Tod erhebe ſein, auf d ben, Kap ſie vo⸗ es kan unzähl troſen Boote dieſer Schickf zu hal ſchwae blütige Eisber gingen Sie g paraiſt Antwe Weltm zig gi das U das h für al langen Paſſag luſt un gen; a ockenden heimniß⸗ s Ver⸗ lte, mit ch dar⸗ beits in fluß; er s Gluͤck r neben örte die ereinigt heitere lenderte ete den e durch öſigkeit. herum ſch und n Wort ch ſeine Fran⸗ zutſchen Namen, ebenſo ſeiner durch⸗ ld dum⸗ d. U. 75 zumachen; noch einmal ſahen die Paſſagiere den Tod zwiſchen ſich und dem gelobten Goldlande ſich erheben,— und dießmal ſollte die Gefahr ſo drohend ſein, daß Alles, was auf dem Jonas Leben hatte, auf den Knieen und die Hände zum Himmel erho⸗ ben, Gott um Hülfe und Erbarmen anflehte. Am Kap Horn, der ſüdlichſten Spitze Amerikas, wurden ſie von langen und ſchrecklichen Stürmen überfallen; es kam eine Nacht, da ſie ſich in der Finſterniß von unzähligen Eisbergen umringt ſahen und die Ma⸗ troſen bereits, an jeder Rettung verzweifelnd, die Boote klar zu machen gedachten, um das Schiff in dieſer äußerſten Noth zu verlaſſen. Wahrhaftig, das Schickſal ſchien die Vernichtung des Jonas beſchloſſen zu haben; aber ſei es, daß der Herr ſich über ſeine ſchwachen Geſchöpfe erbarmte, ſei es, daß der kalt⸗ blütige Kapitän mit wunderbarer Behendigkeit den Eisbergen auszuweichen wußte, die Goldſucher ent⸗ gingen auch dießmal dem ſie angähnenden Grabe. Sie gelangten in den Stillen Ocean zwiſchen Val⸗ paraiſo und Taiti. Es waren jetzt beinahe fünf Monate, daß ſie Antwerpen verlaſſen hatten und auf dem großen Weltmeere umhergetrieben wurden. Noch etwa vier⸗ zig günſtige Tage, und ſie ſollten ihren Fuß auf das Ufer jenes wunderbaren Landes ſetzen, welches das höchſte Ziel ihres Verlangens und der Preis für alle erduldeten Schmerzen war. Nach einer ſo langen Reiſe hatte die Langeweile ſich der meiſten Paſſagiere bis zum Kap Horn hin bemächtigt und Un⸗ luſt und Entmuthigung waren in alle Herzen eingezo⸗ gen; aber nun man ſich auf dem Meere ſelbſt befand, ——————— —— welches die Küſten von Kalifornien beſpülte, nun ſchwoll der Muth wieder an, die Häupter erhoben ſich wieder mit dem Stolz der Hoffnung, und die Augen leuchteten von dem Schimmer lebhafteſter Erwartung. Während des letzten Theiles der Reiſe wurde die Ruhe auf dem Jonas nur durch einen einzigen Vorfall noch geſtört. Eines Morgens, ſehr früh, kam Donatus Kwik heulend auf das Verdeck geſtürmt und ſchrie um Hülfe, als wollte man ihn ermorden. Auf Befragen der Erſten, die ihm begegneten, rief er: „Der Kapitän! Schnell, ſchnell, der Kapitän! Volé argent moi! My money!*) Spitzbube, Donnerwetter, ich bin beſtohlen! Ach Gott, ach Gott, mein armes Geld!“ Als der Kapitän vernahm, was Donatus in ſolche Verzweiflung verſetzte, nahm er die Sache ſehr ernſtlich auf. Man hatte, den Klagen des aufge⸗ brachten Burſchen zufolge, in der Nacht das Schloß an ſeinem Reiſeſack aufgebrochen und daraus eine Summe von fünfhundert Francs in vier engliſchen Banknoten entwendet. Alle Paſſagiere der dritten Klaſſe wurden auf das Verdeck gerufen und von den Matroſen ſorgfäl⸗ tig ausgeſucht. Man ließ ſie ſelbſt ihre Taſchen ausleeren und ihre Schuhe ausziehen. Hierauf wurden alle Koffer und Kiſten geöffnet und durch⸗ wühlt, aber ſo viel man ſich auch Mühe gab, den *) Geld mir geſtohlen, mein Geld. A. d. U. Urheb Spur finden S. die H lichen man ten, laſſen entmu begrei kein C wüßte Leute ſie mi Allem, verſorg Kn niß zu Moree ſaß ta eine Bo heraus noch in den 2 natus und ſch von di dem S oder ar ſah un geheim te, nun erhoben und die hafteſter wurde einzigen r früh, geſtürmt morden. egneten, apitän! bube, dtt, ach gtus in he ſehr aufge⸗ Schloß s eine gliſchen en auf orgfäl⸗ Taſchen Hierauf durch⸗ b, den Urheber des Diebſtahls zu entdecken, es war keine Spur von den verſchwundenen Banknoten aufzu⸗ finden. Donatus Kwik weinte wie ein Kind, raufte ſich die Haare aus und erfüllte die Luft mit ſchmerz⸗ lichen Klagen. Seine Freunde Creps und Rooze⸗ man ſuchten ihn zu tröſten, indem ſie ihm vorſtell⸗ ten, ſeine Banknoten würden ſich noch auffinden laſſen: und als dieß nur geringen Eindruck auf den entmuthigten Bauern hervorbrachte, ſuchten ſie ihm begreiflich zu machen, daß er in Kalifornien gar kein Geld bedürfte und nicht einmal zu gebrauchen wüßte. Bei ihrer Ankunft ſollten ſie ja aufgeſtellte Leute von der Geſellſchaft la Californienne finden, ſie mit guter Nahrung, bequemen Quartieren, und Allem, was zu ihrem Wohlbefinden nöthig wäre, zu verſorgen. Kwik war jedoch durch Nichts aus ſeiner Betrüb⸗ niß zu wecken. Roozeman, den der alte Kapitän Moreels nicht ohne Geld hatte abreiſen laſſen, be⸗ ſaß tauſend Franes in ſeiner Brieftaſche. Er nahm eine Banknote von hundertundfünfundzwanzig Francs heraus und bot ſie dem verzweifelnden Jungen, der noch immer den Verluſt ſeines Aepfelchens für den Durſt mit thränenden Augen beklagte. Do⸗ natus nahm die Gabe mit größter Dankbarkeit an und ſchien ein wenig getröſtet. Gleichwohl hatte er von dieſem Tage an nur ein ſchlechtes Leben auf dem Schiff. Wo er ſich befand, ob in dem Raume, oder auf dem Verdeck, er achtete auf Alles, was er ſah und hörte; er ſchlich wie ein Fuchs herum, die geheimſten Geſpräche zu belauſchen, und folgte den Paſſagieren bei jeder Handbewegung, und es war deutlich, er ſchaute niemals einen Menſchen an, ohne daß der Gedanke, den Räuber ſeiner Banknoten vor ſich zu ſehen, in ſeinen Augen ſich kund gab. Die Paſſagiere, durch einen ſolchen Verdacht gekränkt, mißhandelten den jungen Bauern oder ſtießen ihn ärgerlich aus dem Wege; er wehrte ſich und ſchlug links und rechts aus, aber nun ging es ihm ſehr ſchlimm, daß er beinahe niemals ohne blaue Augen oder zerſchlagene Wangen auf dem Verdeck erſchien. Es war beſonders der Franzoſe mit dem rothen Knebelbart, der ihn nun ohne Unterlaß verfolgte. Donatus hatte ſich in den Kopf geſetzt, derjenige, welcher ihn zuerſt geplagt hätte, müßte auch ſeine Banknoten geſtohlen haben, und der Franzoſe konnte dieſen Argwohn in ſeinen Augen leſen. Einmal, da er den armen Jungen wieder grauſam ins Geſicht geſchlagen hatte, war Victor herbeigeeilt und hatte ſeinen Landsmann in Schutz genommen; Jan Creps war gleichfalls dazu gekommen, und ſo hatte ſich auf dem Verdeck ein heftiger Streit entſponnen. Der Kapitän hatte nach Anhörung der beiderſeitigen Klagen den Franzoſen auf zwei Tage in die Löwen⸗ grube ſetzen laſſen. Seit dieſem Augenblick nährte der rothe Knebelbart einen heftigen Haß gegen Kwik und ſtiftete durch ſeine Kameraden allerlei Placke⸗ reien gegen ihn an. Inzwiſchen ſetzte der Jonas mit ziemlich günſti⸗ gem Wind ſeine Reiſe ſort. Man begann die Tage zu zählen; und als endlich der Kapitän ankündigte, man würde in Kurzem die Bai von San Francisco erreich gedul Ei war, Zwiſch über d nem 2 gen ni Brude gekom und ſe gen, ſe die Lu nach K „ „Ich Kornſa Schloß nehme und il gut iſt min, Pferde es war un, ohne dten vor b. Die gekränkt, ßen ihn d ſchlug hm ſehr Augen erſchien. rothen erfolgte. erjenige, ch ſeine konnte nal, da Geſicht d hatte n Creps tte ſich n. Der ſeitigen Löwen⸗ nährte n Kwik Placke⸗ günſti⸗ e Tage ndigte, aneisco erreichen, ſahen alle Paſſagiere mit fieberiſcher Un⸗ geduld dieſem erſehnten Augenblick entgegen. Eines Nachmittags, da die Luft ſehr nebelig war, ſaßen die beiden Freunde mit Donatus in dem Zwiſchendeck der zweiten Klaſſe und ſprachen munter über das bevorſtehende Ende ihrer langen Fahrt und ihrer Ausſchiffung im Goldlande. „Was mich betrifft,“ ſagte Creps,„ich raffe ſo viel Gold zuſammen, als ich kann. Ich gebe mei⸗ nem Vater die Hälfte, damit er in ſeinen alten Ta⸗ gen nicht mehr zu ſorgen braucht; ich laſſe meinen Bruder einen Kolonialwaarenhandel eröffnen und ſchenke meinen beiden Schweſtern, jeder einen Braut⸗ ſchatz von fünfzig tauſend Francs. „Und Sie ſelbſt,“ fragte Donatus,„was werden Sie dann übrig behalten?“ „Bah, ich brauche Nichts,“ war die Antwort. „Nicht um reich zu werden, bin ich nach Kalifornien gekommen. Kann ich nur frei und unabhängig leben und ſehe keinen Schreibpult mehr vor meinen Au⸗ gen, ſo bin ich zufrieden. Und wandelt mich einmal die Luſt an, reich zu ſein, ſo kann ich immer noch nach Kalifornien zurückkehren.“ „Was ich thun werde?“ rief Donatus Kwik. „Ich gehe nicht nach Hauſe, ehe ich einen ganzen Kornſack Gold gefunden haben. Dann kaufe ich ein Schloß in der Gegend von Natten⸗Haesdonk und nehme meine Wohnung daſelbſt ſammt Aennchen und ihrem Vater. Da ſoll dann Alles her, was gut iſt: Fleiſch in den Topf, Schinken in den Ka⸗ min, ſtarkes Bier in den Keller, fette Kühe, ſchöne Pferde und eine Kutſche, ja, ja, eine Kutſche! Und mein Aennchen ſoll gekleidet ſein wie eine Prinzeſſin; und ich will haben, daß wir auf die Kirchweihe gehen, daß ſie Jedermann die Augen ausſteche; und ich werde den Freunden zu trinken, und den armen Leuten zu eſſen geben und fröhlich ſein und tanzen und ſpringen mit meinem Aennchen vom Morgen bis zum Abend. Der Baron von unſerem Dorfe iſt ſo reich, als das Meer tief iſt. Er ſieht dennoch immer ſauer aus, und das Lachen iſt ihm zu viel; aber Donatus Kwik wird ihn wahrhaftig lehren, wie man leben kann, wenn man einen Kornſack voll Gold im Keller hat!“ „So viel erbitte ich mir nicht von Gott,“ fiel Victor ein.„Wenn er mir nur geſtattet, in Kali⸗ fornien die Mittel zu finden, um die Hand von Lucia Moreels zu erlangen, um ihr und meiner guten Mutter ein ſüßes und angenehmes Loos zu ſichern, dann will ich ewig ſeinen heiligen Namen preiſen, und müßte ich ſelbſt auch mein Leben lang noch hart arbeiten, um ihr Glück zu erhöhen... Plötzlich wurde das Geſpräch der Freunde durch einen unbeſchreiblichen Hurraſchrei, der auf dem Verdeck des Jonas wiederhallte, unterbrochen. Sie eilten hinauf: da tönte ihnen der Freudenruf ent⸗ gegen: 8 „Land! Land! Kalifornien! San Francisco! Hurra! Hurra!“ Inzwiſchen war der Nebel verſchwunden, und vor ihren verwunderten Blicken entrollten ſich die Küſten von Kalifornien zu beiden Seiten einer Straße, die man ihnen als das Goldene Thor oder den Eingang zu der Bai von San Francisco bezeichnete. Gegen Süden unabſe grüner allmäl⸗ vor de felsber bis zu Cedern Wo los da reichte die Ba reichen der We und die Freude decks, 1 es eine haltigen inzeſſin; rchweihe he; und armen tanzen Morgen vorfe iſt dennoch u viel; lehren, ack voll rue fiel 1 Kali⸗ id von meiner oos zu Namen n lang 74 durch f dem id vor Küſten 9, die gang Gegen 81 Süden und Norden ſahen ſie die Küſte von einer unabſehbaren Reihe von Bergen begrenzt, deren grüner Rücken, als dunkler Streifen fortlaufend, ſich allmälig in der nebelgrauen Ferne verlor. Rechts vor dem Buſen erhob der monte diavolo oder Teu⸗ felsberg ſeine Spize zum Himmel und erſchien noch bis zu ein paar tauſend Fuß Höhe mit rieſigen Cedern bekrönt. Während ſie voll Entzücken und beinahe ſprach⸗ los das Ziel ihrer langen Reiſe vor ſich ſahen, er⸗ reichte der Jonas das goldene Thor und fuhr in die Bai von San Francisco ein, beſäet mit zahl⸗ reichen Inſeln und groß genug, um alle Kriegsflotten der Welt zu faſſen. Zwiſchen hundert Schiffen von allen Geſtalten und Nationen ließ der Jonas ſeinen Anker fallen, und die Paſſagiere ſtürmten frohlockend, weinend vor Freude und faſt außer ſich nach der Seite des Ver⸗ decks, welche die Ausſicht auf das Ufer bot, als gälte es einen Streit, wer zuerſt ſeinen Fuß auf den gold⸗ haltigen Boden ſetzen ſollte. Conſeience, das Goldland. I. —— 2 X. San Francisco. Viele Boote fuhren vom Jonas hin und her, um die Paſſagiere an das Land zu bringen. Schon ſtanden ihrer ſechzig am Rande des Ha⸗ fens, zwiſchen ihren Koffern und Felleiſen, wartend und herumſchauend, ob die Directoren oder Diener der Geſellſchaft la Californienne nicht zum Vor⸗ ſchein kommen würden, um ihr Reiſegepäck abführen zu laſſen und ſie nach den Herbergen oder Holzhäu⸗ ſern zu geleiten, welche man für die Actionäre in Bereitſchaft geſetzt hatte. Inzwiſchen ſahen die beiden Freunde und vor⸗ nehmlich Donatus ſich die Augen aus dem Kopfe nach den ſonderbaren Menſchen, welche in Gruppen an ihnen vorbeigingen oder in ihrer Nachbarſchaft ſtehen blieben. Es waren nicht die Mexikaner in ihrer bunten Kleidung, welche ihre Aufmerkſamkeit am meiſten anzogen, nicht die Chineſen in ihren langen Röcken, oder die Mulatten mit ihren brei⸗ ten, kaſtanienfarbigen Geſichtern, nicht einmal die halbwilden Eingebornen von Kalifornien ſelbſt. Was ſie überraſchte und ihnen unerträglich ſchien, war das A gleich ihren ſchmut verwil zerriſſe den C war, des D Haupt Blicke, Unabh Wohl deren ſtand 1 hier a auf de und de ſah Le⸗ men ge welcher Hand ben, de „H alle die mir ein Wie ſch „M Donatu bücken, mich d ſie neue nd her, des Ha⸗ wartend Diener n Vor⸗ bführen volzhäu⸗ näre in nd vor⸗ Kopfe Bruppen arſchaft aner in kſamkeit : ihren en brei⸗ nal die Was 1, war 83 das Ausſehen der Europäer, welche wahrſcheinlich gleich ihnen das Vaterland verlaſſen hatten, um hier ihren Golddurſt zu löſchen. Die meiſten waren ſchmutzige und auffallend ſchlampige Burſche mit verwildertem Barte und ungekämmten Haaren, mit zerriſſenen Schuhen an den Füßen und Lumpen an den Gliedern. So elend aber auch ihr Aeußeres war, jeder trug einen Revolver oder ein funkeln⸗ des Dolchmeſſer im Gürtel und ſchritt aufrechten Hauptes einher und warf rechts⸗ und linkshin ſtolze Blicke, worin das Bewußtſein einer ſchrankenloſen Unabhängigkeit ſich lebhaft auszuſprechen ſchien. Wohl wandelten unter ihnen auch Perſonen herum, deren Kleider und Geſichtszüge von früherem Wohl ſtand und höherer Bildung zeugten; aber ſie lebten hier auf dem Fuße völliger Gleichheit mit Leuten, auf deren Angeſicht der Stempel der Gemeinheit und der unedelſten Natur ausgeprägt war. Ja man ſah Leute, die man für Bettler oder Diebe zu neh⸗ men geneigt war, hier Jemand die Hand drücken, welcher wie ein Baron ausſah, oder barſch, mit der Hand an der Piſtole, einen Mann zur Seite ſchie⸗ ben, der ſie nur im Vorbeigehen geſtreift hatte. „Himmel, welche abſtoßenden Geſichter haben alle dieſe Menſchen!“ ſeufzte Roozeman.„Ich habe mir eine Bande Buſchklepper nie anders vorgeſtellt! Wie ſchmutzig, wie verwildert!“ „Mir ſchwindelt'’s im Kopfe davon,“ murmelte Donatus Kwik.„Man brauchte ſich hier nur zu bücken, um Gold zu finden, hat man mir geſagt; mich dünkt, es wäre beſſer für dieſe Leute, wenn ſie neue Hoſen und neue Schuhe aufheben könnten. 84 Ich weiß nicht, aber mich wandelt die Beſorgniß an, wir werden unſere Reiſe ſchwer zu beklagen haben. Ach hätte ich nur meine armen fünfhundert Francs noch!“ „Ihr ſeid wunderliche Burſche,“ ſagte Jan lachend,„Alles ſeht ihr ſchwarz. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es nicht lauter Millionäre ſind, die nach Kalifornien fahren. Dieſe Leute ſind wahr⸗ ſcheinlich friſch angekommene Paſſagiere, ſo wie wir. Sie haben noch nicht Zeit oder Gelegenheit gehabt, nach den Goldminen zu gehen, und da ſie nicht gleich uns bei einer Geſellſchaft betheiligt ſind, welche für ihren Unterhalt Sorge tragen muß, geht es bei ihnen ohne Zweifel knapp her. Ihr begreift doch wohl, daß die Ausſicht oder die Gewißheit, bald reich zu ſein, ihnen den Buſen anſchwellt und Stolz einflößt. Glaubt mir, was Ihr hier ſehet, iſt nur die Ver⸗ wirklichung des Traumes, welchem die edelſten Her⸗ zen in Europa ſich hingeben: Brüderlichkeit, Gleich⸗ heit zwiſchen allen Menſchen und allen Nationen, ohne Unterſchied des Blutes und Standes.“ „Ja, aber die Brüderlichkeit mit allen dieſen Piſtolen und langen Meſſern,“ fiel Donatus ihm ins Wort,„flößt mir wenig Vertrauen ein. Wenn die zwei Kerle dort, mit ihren ſchmutzigen Bärten, die uns ſo ſeltſam betrachten, meine Brüder ſind, ſo möchte ich wahrhaftig nicht gern Jemand von meiner Jamilie, allein in einem Walde, begegnen.“ „Du verſtehſt es nicht,“ entgegnete Jan.„Die Waffe in dem Gürtel dieſer Männer iſt das Zeichen der Freiheit und wahren Unabhängigkeit. Haſt Du niemals ſagen hören, daß in den Vereinigten Staa⸗ ten vo dem H tige u das V heit a⸗ fahren Ei Reiſeg Flamãa an, u ſeines Leute würden Ro daß e einige Sie g Dollar⸗ „A bereits Jonas zu ver lars? Land! Verſtan Natten und ve im Mo Un beſorgniß beklagen fhundert jte Jan tbeht ſich ind, die b wahr⸗ vie wir. gehabt, ht gleich lche für ei ihnen h wohl, reich zu einflößt. ie Ver⸗ en Her⸗ Gleich⸗ ationen, dieſen us ihm Wenn Bärten, ſind, ſo meiner „»Dis Zeichen aſt Du Staa⸗ 8⁵ ten von Amerika Niemand ohne einen, Revolver aus dem Hauſe geht? Und es iſt gleichwohl eine mäch⸗ tige und civiliſirte Nation, welche der alten Welt das Vorbild perſönlicher Unabhängigkeit und Frei⸗ heit auf breiteſter Grundlage gibt. Du wirſt er⸗ fahren...“ Ein ziemlich gut gekleideter Mann, mit edlen, ſtolzen Zügen, trat auf Creps zu und erbot ſich, ihr Reiſegepäck ihnen nach der Stadt zu tragen. Die Flamänder ſahen ihn mit weit aufgeriſſenen Augen an, und Jan antwortete ihm auf Engliſch, daß ſie ſeines Dienſtes durchaus nicht bedürfen, daß ſie Leute erwarten, welche für ihre Koffer Sorge tragen würden. Roozeman fragte ihn ſehr artig, wie es komme, daß ein Gentleman wie er ſich gezwungen ſehe, einige Schillinge mit Sklavenarbeit zu verdienen? „Einige Schillinge?“ wiederholte der Andere lächelnd.„Das Handwerk iſt ſo ſchlecht nicht, als Sie glauben. Ich verdiene im Durchſchnitt acht Dollars täglich, zuweilen auch zwölf.“ „Was ſagen Sie da?“ rief Donatus, welcher bereits genug von drei oder vier Sprachen auf dem Jonas gelernt hatte, um die Worte des Engländers zu verſtehen.„Was ſagen Sie da? Zwölf Dol⸗ lars? Sechszig Francs täglich? O, das ſchöne Land! Um Päcke zu tragen, hat man nicht viel Verſtand nöthig. Jezt fürchte ich Nichts mehr. Zu Natten⸗Haesdonk muß ich wie ein Pferd arbeiten und verdiene doch nur zwei Dollars neben der Koſt im Monat! Gefunden! Gefunden!“ Und er lachte und klatſchte in die Hände, als hätte die Entdeckung des Mittels, um der Armuth zu entfliehen, ihn vor Freude verrückt gemacht. Der Engländer, welcher ſeinen Ausruf für Spott anſah, legte die Hand an ſein Meſſer, warf dem be⸗ ſtürzten Donatus einen drohenden Blick zu und ent⸗ fernte ſich mit den Worten: „Go to hell, you damn'd idiot!“*) „Das iſt wahrhaft ein kizliger Bruder,“ mur⸗ melte der verwirrte Donatus zwiſchen den Zähnen. „Noch ein Bischen weiter und er war daran, mir den Hals gleich einem Ferkel abzuſtechen. Sagen Sie, was Ihnen beliebt, meine Herrn; aber die Kerle ſahen aus wie eine Bande Strauchdiebe, welche Streit ſuchen, um uns zu beſtehlen oder ermorden zu können.“ Mit dieſen Worten hob er ſeinen Reiſeſack vom Boden auf und hielt ihn mit aller Kraft feſt, als fürchte er in der That beſtohlen zu werden. „Du biſt mißtrauiſch wie ein wahrer flämiſcher Bauer,“ ſcherzte Jan.„Seit dem Verluſt deiner Banknoten ſiehſt Du Nichts als Diebe. Der Mann verſtand Dich nicht; er glaubte, Du ſpotteſt ſeiner; was Wunders alſo, daß er geärgert ſchien. Er wurde durch einen großen Lärm und durch die Klagen der Paſſagiere, die alle wartend neben ihren Koffern ſtanden, unterbrochen. Man hatte ver⸗ ſichert, daß noch keine Direktoren oder Diener der Californienne zu San Francisco angekommen waren; der Jonas war das zweite Schiff der Geſellſchaft, *) Geh zur Hölle, Du verdammter Dummkopf. A. d. U. das ſie fel wa die G Winde Tage Vermr die Co den P amerik Donat⸗ ſelbſt ſtände Es der Al Herber dach fi einige laufen war, hatte den A zurück. damit wie ein den He Armuth ht. r Spott dem be⸗ ind ent⸗ 1 mur⸗ Zähnen. mir den en Sie, Kerle welche morden k vom ſt, als miſcher deiner Mann ſeiner; durch neben tte ver⸗ er der varen; lſchaft, 87 das ſich in der Bai gezeigt hatte; aber ohne Zwei⸗ fel war das Fahrzeug, worauf die Direktoren und die Geräthſchaften ſich befanden, von ungünſtigen Winden befallen worden. Es mochte wohl nächſter Tage in Sicht kommen, aber abgeſehen von dieſer Vermuthung wußte Niemand zu San Francisco über die Californienne Auskunft zu geben, und es blieb den Paſſagieren Nichts übrig, als ſich gemäß dem amerikaniſchen Sprichwort: Help your-self*), was Donatus dahin erklärte: Siehe zu, wie Du Dich ſelbſt aus der Klemme ziehſt, in die Um⸗ ſtände zu ſchicken. Es war Nichts gegen das Schickſal zu thun; der Abend brach herein; man mußte ſich nach einer Herberge umſehen, wo man zum Mindeſten ein Ob⸗ dach für die Nacht finden konnte. Es mochte noch einige Tage anſtehen, ehe die Direktoren der Geſell⸗ ſchaft ankamen. Die, welche Geld beſaßen, hatten Nichts zu beſorgen; die Andern mußten ſich aus der Verlegenheit helfen, ſo gut ſie konnten, Zwei Männer kamen zu gleicher Zeit herange⸗ laufen, um Victors Reiſekoffer, der ziemlich ſchwer war, nach der Stadt zu tragen. Jeder von ihnen hatte bereits eine Hand angelegt, und der eine ſtieß den Andern unter einem Strom von Scheltworten zurück. Einer von beiden zog ſein Meſſer und drohte damit den Andern zu durchbohren; aber dieſer ſprang wie ein Tiger auf ihn los, riß ihm das Meſſer aus den Händen, warf es weit weg, ſchlug ſeinem Geg⸗ *) Hilf dir ſelbſt. A. d. U. 88 ner ins Geſicht, daß das Blut aus Naſe und Mund hervorſprang, und drohte mit dem Revolver in der Fauſt, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er ihm noch einen Schritt näher komme. „Artige Brüder!“ murmelte Donatus, bleich vor Schrecken. 3 „Das iſt ein langweiliger Kerl,“ ſagte der Sie⸗ ger franzöſiſch, während er den Koffer auf ſeine Schulter nahm.„Eines oder des andern Tags werde ich ihm eine Kugel durch das Gehirn jagen müſſen. Wie dem ſei, er ſoll ſie haben.... Wohin wollen die Herrn?“ Nun, nun, wo iſt mein Felleiſen geblieben?“ rief Jan plözlich.„Es lag neben mir!“ „So, Sie reden Flämiſch?“ ſagte der Träger. „Ihrer Ausſprache nach müſſen Sie von Antwerpen ſein? Ich bin ein Brüſſeler?“ „Aber mein Felleiſen? Mein Felleiſen?“ wieder⸗ holte Jan mit Angſt und Verdruß.„Wo kann es geblieben ſein?“ 3 „Es iſt wahrſcheinlich geſtohlen,“ antwortete der Brüſſeler mit einem kalten Lächeln. „Und was thun?“. „Ein Kreuz darüber machen; Sie werden nie mehr Etwas davon zu hören bekommen.“ „Laufen Sie zu dem Bürgermeiſter, zu dem Feld⸗ wächter, zu den Landjägern!“ rief Donatus. „Es gibt hier keine Policei,“ bemerkte der Brüſ⸗ ſeler.„Jedermann iſt hier frei und darf thun, was er will und kann; um ſo ſchlimmer für diejenigen, die nicht ſchlau oder ſtark genug ſind. „Und hätte der wüſte Kerl von der Straße Sie mit dage beſtä zwiſc mach bin wie ben haber Wölf muß. zu tl niede ohne wenn zerdr T hörte löſigk ſchau nah ler. vorw macht drei nd Mund r in der u jagen, ne. leich vor der Sie⸗ uf ſeine Zs werde müſſen. wollen ieben?“ Träger. twerpen wieder⸗ ann es tete der den nie n Feld⸗ Brüſ⸗ n, was enigen, ße Sie 89 mit ſeinem Meſſer durchbohrt, es wäre keine Juſtiz dageweſen, um dieſen Mord zu beſtrafen?“ „Nein. Sie hätte viel zu thun, wenn eine ſolche beſtände. Bei dem geringſten Wort fließt hier Blut zwiſchen den beſten Freunden. Der Durſt nach Gold macht das Herz grauſam und unbarmherzig. Ich bin nach Kalifornien gekommen, gut und ſanftmüthig wie ein einfältiger Brabanter Junge; aber die ſie⸗ ben Monate, die ich in den Goldminen zugebracht haben mich gelehrt, wie ein Schaaf, um unter den Wölfen leben zu können, ſelbſt zum Wolfe werden muß. In Belgien hätte ich keinem Kaninchen wehe zu thun gewagt; jetzt würde ich zehn Menſchen hier niederſchießen oder mit einem Meſſer durchbohren, ohne daß es mir größere Bewegung verurſachte, als wenn ich die Mücken, die mich zu ſtechen ſuchen, zerdrücke!“ Victor und Donatus zitterten, als ſie dieſe Worte hörten, vor Abſcheu bei einer ſo ſchrecklichen Gefühl⸗ loſigkeit. Jan hatte ſich einige Schritte entfernt und ſchaute nach allen Seiten um ſich, ob er nicht von nah oder fern ſein Felleiſen entdecken könnte. „Vergebliche Mühe, Kamerad,“ rief der Brüſſe⸗ ler. Das Felleiſen iſt weg und bleibt weg. Kommt vorwärts, ſonſt bezahlt Ihr mir das Doppelte. Ihr macht, daß ich meine Zeit verliere. Ich kann noch drei oder vier Dollars vor Nacht verdienen.“ „Alſo,“ fragte Creps näher tretend, es iſt keine Hoffnung mehr? Sie ſagen, es beſtehe keine Juſtiz?“ „Das heißt,“ antwortete der Träger, mit dem Koffer vorausmarſchirend;„mit Schlägereien und Mordthaten befaßt ſich Niemand hier; aber ertappt man einen Dieb auf friſcher That, ſo wird er von den Zuſchauern, von Ihnen, von mir oder Andern ſogleich an den erſten beſten Pfahl oder Baum ohne Unterſuchung und Urtheilsſpruch aufgehängt. Das nennt man hier das Lynchgeſetz. Sie werden Ge⸗ legenheit haben, dieſe ſeltſame Juſtiz kennen zu ler⸗ nen. Laufen Sie ein wenig ſchneller, und geben Sie Acht auf den Schlamm, denn wenn es geregnet hat, wie jetzt, ſo iſt San Francisco ein wahrer Sumpf und Pfuhl.“ „Es iſt einmal ſo,“ ſeufzte Creps,„all mein Brummen wird das Felleiſen nicht zurückbringen. Wir müſſen uns tröſten. Ein Glück, daß ich noch meine Banknoten in die Taſche geſteckt habe.“ „Sagen Sie das nicht, daß man es hört, Un⸗ vorſichtiger!“ flüſterte der Brüſſeler. „Wie? warum?“ „Sie begreifen das nicht? Wenn ich zum Bei⸗ ſpiel Luſt bekäme, mir Ihre Banknoten anzueignen, was könnte mich hindern, Streit mit Ihnen zu ſu⸗ chen, Ihnen mein Meſſer durch das Herz zu ſtoßen und Sie inzwiſchen Ihrer Banknoten zu berauben?“ „Sie?“ riefen die drei Freunde zugleich. „Nein, ſo weit iſt es mit mir, Gott ſei Dank, noch nicht gekommen! Es iſt ein guter Rath, den ich Ihnen gebe.— Aber Sie haben mir noch nicht geſagt, wo Sie übernachten wollen. Es gibt hier Hotels zu allen Preiſen. Um eine Nacht unter einem Dach zu ſchlafen, bezahlt eine Perſon zehn Dollars, fünf, drei oder zwei Dollars; ja man kann für einen Dollar unter einem Segel auf dem Boden ſchlafen. Laſſen Sie hören, was wählen Sie?“ zöger einem — 1 gen c beſten Kopf zig? die H genes verfüt geht. warur gleich ten zu er von Andern n ohne Das en Ge⸗ zu ler⸗ en Sie et hat, Sumpf lmein eingen. h noch t, Un⸗ Bei⸗ ignen, zu ſu⸗ ſtoßen ben?“ Dank, „ den nicht hier einem gllars, einen lafen. 91 „Fünf Francs, um unter einem Segel auf dem Boden zu liegen!“ murmelten die Flamänder. „Sind Sie reich? Haben Sie viel Geld?“ fragte der Brüſſeler. „Viel Geld haben wir ſicherlich nicht,“ war die zögernde Antwort,„jedoch genug, um eine Nacht in einem ordentlichen Bette zu ſchlafen.“ „Gut; ich begreife, daß Sie meinem Rathe zu fol⸗ gen anfangen. Ich höre, daß Sie Geld haben. Am beſten würden Sie thun, wenn Sie drei Dollars per Kopf bezahlten; dieß macht zuſammen ungefähr fünf⸗ zig Francs. Es iſt viel Volk in San Francisco; die Herbergen ſind voll; aber ich weiß ein abgele⸗ genes Hotel, wo noch über vier oder fünf Plätze zu verfügen iſt.“ Unterwegs fragte Donatus den Träger: „Sagen Sie einmal, Kamerad, Sie ſind ſieben Monate in den Goldminen geweſen. Haben Sie denn kein Gold gefunden? „Gewiß, viel Gold.“ „Ich begreife nicht, wie es hier in der Welt zu⸗ geht. Sie haben viel Gold gefunden, ſagen Sie; warum tragen Sie aber dann unſere Reiſetaſchen gleich einem armen Teufel, anſtatt von Ihren Ren⸗ ten zu leben?“ „Weil ich kein Gold mehr habe.“ „Man hat Sie beſtohlen?“ „Nein.“ „Sie haben es verloren?“ „Ja, verloren im Spiel. Ich war allzu gierig. Ich wollte meinen Schatz verdoppeln, und das Schick⸗ ſal raubte mir Alles. Ich werde bald in die Minen 92 zurückkehren, dießmal werde ich mich beſſer zu bera⸗ then wiſſen. Sehen Sie dort, meine Herrn, Ihr Hotel. Oeffnen Sie die Börſe; zwei Dollars für meine Mühe.“ „Wie?“ rief Jan verwundert,“ zehn Francs, um dieſen Koffer dreihundert Schritte weit zu tragen? Sie treiben wahrhaftig Spaß?“ „Zwei Dollars, ſage ich.“ „Und wenn wir es verweigerten, uns ſo ſchee⸗ ren zu laſſen?“ „So werde ich Sie zwingen, und wäre es mit meinem Meſſer.“ „Ich ſpotte Ihres Meſſers!“ brummte Jan Creps. „Sie haben Unrecht, Kamerad; wären Sie nicht mein Landsmann, Sie ſollten wir dieſe ſtolzen Worte bereuen. Kommen Sie, keine gefährlichen Scherze: zwei Dollars!“ Roozeman, welcher fürchtete, ſein Freund möchte in einen gefährlichen Streit mit dieſem blutdürſtigen Burſchen gerathen, beeilte ſich, den geforderten Lohn zu bezahlen. „Das wird Sie lehren, fernerhin den Preis von Allem, was Sie empfangen oder kaufen, vorher aus⸗ zumachen,“ ſagte der Brüſſeler ſehr ernſthaft, wäh⸗ rend er in die Thüre des Hotels trat. Er rief mit lauter Stimme, wie viel die neuen Gäſte Schlaf⸗ geld bezahlen wollten, und entfernte ſich, indem er den beſtürzten Freunden noch zurief: „Guten Abend, ihr Herrn: wenn Sie mich brau⸗ chen, ſo können Sie mich im Hafen finden. Für einen fügen ST von eine ten ſ 3 ſehen denne ſelbſt geſal ihre ſich Aben Die lang. ſechs zeit e ſaßen ſprack miner welch daſell T 1 Saal raſcht ein 1 er do nach Gold Folge bera⸗ „ Ihr ars für cs, um ragen? ſchee⸗ es mit e Jan e nicht Vorte cherze: möchte rſtigen Lohn is von er aus⸗ „wäh⸗ eef mit Schlaf⸗ dem er brau⸗ Für 93 einen Dollar per Stunde können Sie über mich ver⸗ ügen.“ gecie Diener des Kaffeehauſes nahmen den Koffer von dem Boden auf und führten die Fremden in eine kleine Kammer hinauf, wo vier Betten ſtanden. „Werden die Herrn zu Nacht ſpeiſen?“ frag⸗ ten ſie. Trootz ihrer Beſtürzung über das, was ſie ge⸗ ſehen und gehört hatten, beſchloſſen die Freunde dennoch, dieſen Abend etwas Gutes zu eſſen und ſelbſt eine Flaſche Wein zu trinken, um das ewige geſalzene Fleiſch vom Schiffe hinunterzuſpülen. Auf ihre bejahende Antwort forderten die Diener ſie auf, ſich in den Speiſeſaal hinab zu begeben. Das Abendeſſen ſollte unmittelbar aufgetragen werden. Die Tafel, an der ſie ſich niederließen, war ziemlich lang. An dem einen Ende befanden ſich fünf oder ſechs Perſonen, welche nach Beendigung ihrer Mahl⸗ zeit ein Würfelſpiel begonnen hatten. Zwei andere ſaßen weiter unten bei den flämiſchen Freunden und ſprachen franzöſiſch über die placeres oder Gold⸗ minen und über das größere oder geringere Glück, welches ſie in der abgelaufenen trockenen Jahreszeit daſelbſt gehabt hatten. Donatus Kwik hatte bei ſeinem Eintritt in den Saal Etwas bemerkt, das ihm eine freudige Ueber⸗ raſchung verurſachte. Selbſt als der Kellner ihm ein rauchendes Stück Ochſenfleiſch vorſetzte, vergaß er das Eſſen darüber und hielt die funkelnden Augen nach dem andern Ende der Tafel gerichtet. Er ſah Gold, Gold von Kalifornien! Bisher hatte er, in Folge angebornen Mißtrauens, gefürchtet, er und ſeine Reiſegefährten vom Jonas möchten die Schlacht⸗ opfer einer ſchlau berechnenden Betrügerei ſein. Nun mußte er wohl an das Gold glauben; es ſchimmerte ihm in die Augen; er ſah es mit vollen Händen verſpielen, wie wenn es nicht mehr Werth gehabt hätte, als die Haſelnüſſe oder Mandeln von dem Würfelkrämer zu Natten⸗Haesdonk! Er folgte den Bewegungen der Spieler und ſah mit Verwun⸗ derung, wie ſie unter allerlei leidenſchaftlichen Re⸗ densarten den Goldſtaub und die Goldbrocken auf einer kleinen Waage abwogen und dann eines oder mehre ſolcher Häufchen, die ſie Unzen nannten, auf einen Wurf gegen einander ſetzten. Wohl verdroß es ihn ein wenig, neben jedem Häufchen Gold einen Revolver oder ein langes Meſſer auf der Tafel liegen zu ſehen, aber das Geld und Gut, von dem er geträumt hatte, war doch eine Wirklichkeit und keine Prellerei. Dieſe Ueberzeugung flößte ihm Muth und Vertrauen ein. Ueberdieß ſahen dieſe Leute, welche mit dem Golde umgingen, als wäre es ein werthloſes Ding geweſen, um Nichts reicher aus, als die ſcheinbaren Bettler, welche er auf dem Kai von San Francisco bemerkt hatte: ſie waren gleichfalls ſchmutzig und ſchlampig, und abgeſehen von ihren ſtolzen Blicken und ihren gebieteriſchen Worten, trugen ihre Kleider, wie ihre Züge jenes Gepräge von Noth und Aernlichkeit, woran man in Europa auf den erſten Blick den Menſchen erkennt, welcher Hunger leidet und mit Elend zu kämpfen hat. Donatus Kwik begriff nicht, wie das möglich war; aber es waren demnach keine armen Leute, welche er in ſo großer Anzahl geſehen hatte ihnen Leute ware Fran weit mahl lauter es w Gläſe taſie welche geiſtr und Alle fröhli place chlacht⸗ i ſein. m; es vollen Werth. In von folgte erwun⸗ en Re⸗ en auf 's oder en, auf jedem langes er. das „ war Dieſe en ein. Golde eeſen, Bettler, demerkt ampig, Hihren ie ihre lichkeit, ck den d mit nicht, ) keine geſehen 95⁵ hatte? Die Keckheit und der barſche Uebermuth von ihnen allen war ihm erklärt: dieſe ſchlechtgekleideten Leute hatten ihre Taſchen voll Gold, und darum waren alle gleich ſtolz und darum forderten ſie zehn Francs, um einen Koffer anderthalb Bogenſchüſſe weit zu tragen! Roozeman und Creps wandten gleichfalls ihre Augen dann und wann auf die Spieler, um das Gold, das vor ihnen lag, funkeln zu ſehen, und es erfreute ſie nicht minder, auf ſolche Weiſe einen Vor⸗ ſchmack von dem Reichthum zu bekommen, welchen ſie demnächſt zu ſammeln im Begriff waren. Sie aßen und tranken jedoch und ſchwazten mit einander nach Herzensluſt. Was ihnen noch größeres Ent⸗ zücken verurſachte, war das Geſpräch der beiden Männer neben ihnen, welche jetzt mit ihrem Abend⸗ mahl fertig waren. Sie erzählten einander mit lauter Stimme ihre Erlebniſſe in den placeres; es waren Franzoſen; der Rum, den ſie in großen Gläſern zu ſich nahmen, hatte ſicherlich ihre Phan⸗ taſie erhitzt, denn ſie nannten ihnen bekannte Leute, welche Goldklumpen von mehren Pfund im Gewicht gefunden hatten, und ſprachen von Minen, wo man in Zeit von einem Monat für einige hunderttauſend Francs Gold finden könnte. Inzwiſchen hatten Victor und ſeine Freunde ſich eine Flaſche ſpaniſchen Wein bringen laſſen. Das geiſtreiche Getränke erwärmte allmälig ihre Herzen und zeigte ihnen die Zukunft in roſigem Lichte. Alle Beſorgniß wich von ihnen, und ſie plauderten fröhlich von ihrer bevorſtehenden Reiſe nach den placeres, von Reichthümern und ihrer triumphiren⸗ 96 den Rückkehr nach Belgien, und namentlich von dem, was ſie morgen an Eltern und Freunde ſchreiben wollten, um denſelben ihre Ankunft in dem Gold⸗ lande zu melden. Man wollte von dem erduldeten Elend nicht viel ſagen, ſo wenig als von dem wüſten Leben der Bewohner von San Francisco, um die Eltern nicht zu erſchrecken; dagegen Alles auf das Schönſte ausmalen, um den Freunden in Antwerpen Vergnügen zu machen. In dieſem Augenblick entſtand ein großer Lärm an dem andern Ende der Tafel; zwei Spieler ſchie⸗ nen über einen Wurf in Streit gerathen zu ſein. Sie ſchlugen mit ihren Fäuſten auf den Tiſch und fluchten und bedrohten einander mit ſteigender Wuth; aber was ſie ſagten, verſtanden die Flamänder nicht. Plötzlich ſtrich einer von ihnen den ſtreitigen Gold⸗ haufen ein und ſteckte ihn in ſeine Taſche; aber der Andere ſprang ihm, brüllend wie ein Löwe, auf den Leib, warf ihn rückwärts zu Boden, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt, und ſchrie, er werde ihn erſticken, wenn er ihm das Geld nicht zurückgebe. Derjenige, welcher gefallen war, blieb ſtumm, wehrte ſich und verrenkte die Glieder in ſolcher Raſerei, daß ihm der Schaum auf dem Munde ſtand. „Gib zurück, gib zurück!“ brüllte der Andere. Da er aber von ſeinem Gegner nichts als ein höh⸗ niſches Scheltwort zur Antwort bekam, ſtreckte er einen ſeiner Arme nach dem Tiſche aus, ergriff ein langes Meſſer und ſetzte es, ſchreckliche Drohungen ausſtoßend, ſeinem Widerſacher auf die Bruſt. Die Flamänder waren aufgeſprungen, bleich vor Schrecken und zitternd in der Vorausſicht eines Mord des N funkel fen: dem 6 Hand ſelben der 3 rückwe fortta⸗ Freun Handl um R Anbli die au rück, ihnen Sie Nich nichts D unter verſpr ihn a Gold brüll ihren Rachg jedoch Co n dem, hreiben Gold⸗ uldeten wüſten um die uf das werpen Lärm r ſchie⸗ u ſein. ſch und Wuth; r nicht. Gold⸗ ber der auf den ym das rſticken, rjenige, ich und äß ihm Andere. in höh⸗ eckte er riff ein hungen ich vor eines 97 Mordes. Donatus Kwik wurde, als er die Spitze des Meſſers auf der Bruſt des unglücklichen Spielers funkeln ſah, von einem Gefühl des Mitleids ergrif⸗ fen: ein Angſtſchrei entſchlüpfte ihm und er eilte dem Schlachtopfer zu Hülfe. Schon hatte er ſeine Hand auf den Arm des Mörders gelegt, um den⸗ ſelben zurückzuhalten; da packten ihn zwei oder drei der Zuſchauer und warfen ihn mit ſolcher Gewalt rückwärts, daß er bis an das andere Ende des Saals forttaumelte und zu den Füßen ſeiner verſtummten Freunde zu Boden fiel⸗ Die beiden Antwerpener, über eine ſo barſche Handlungsweiſe entrüſtet, traten auf die Spieler zu, um Rechenſchaft von ihnen zu begehren; aber beim Anblick von ein paar Revolvern und drei Dolchen, die auf ſie gerichtet waren, wichen ſie beſtürzt zu⸗ rück, während einer der Fremden in gutem Engliſch ihnen zurief: „Verhalten Sie ſich ruhig, Gentlemen: Achten Sie daß Geſetz von Kalifornien, das Geſetz der Nichteinmiſchung. Was hier geſchieht, geht Sie nichts an; es ſind unſere Sachen.“ Der zu Boden geſtreckte Mann, ſehend, daß er, unter die Gewalt ſeines Feindes ſich beugen mußte, verſprach das ſtreitige Gold zurückzugeben und bat, ihn aufſtehen zu laſſen. Während er wirklich das Gold auf den Tiſch legte ſtieß er ein heiſeres Ge⸗ brüll aus und die Augen ſtanden ihm glühend in ihren Höhlen; es war ſichtbar, daß eine heftige Rachgier in ſeinem Herzen brannte. Er wünſchte jedoch in düſterem Ton ſeinen Kameraden gute Nacht, Conſcience, das Goldland. I. 7 ſteckte ſein Dolchmeſſer in den Gürtel und gedachte wahrſcheinlich das Haus zu verlaſſen.... aber auf ein Schimpfwort, das ihm noch zum Lebewohl nach⸗ geſandt wurde, kehrte er um, gab ſeinem Feinde einen gewaltigen Stich mit dem Meſſer und entfloh nach dem Ausgang des Saales. Zwei Piſtolen⸗ ſchüſſe knallten und zwei Kugeln durchbohrten die offen ſtehende Thüre. Der Flüchtling war jedoch verſchwunden, und diejenigen, welche ihm auf die Straße nachgeeilt waren, kamen brummend zurück. Die Kellner waren auf den Piſtolenſchuß in den Saal gekommen. Man ſorgte dafür, den Verwun⸗ deten zu verbinden. Er hatte einen Stich quer durch den linken Arm empfanden; das Blut floß ſtromweiſe, und der Boden zu ſeinen Füßen war weithin roth gefärbt. Dieß hinderte jedoch den wüthenden Mann nicht, während man ihm den Arm verband, voll Rachgier die ſchrecklichſten Schwüre auszuſtoßen, er werde noch dieſen Abend den feigen Mörder aufſuchen und ihm eine Kugel durch den Kopf jagen. Kaum war ſein Arm verbunden, ſo bezahlte er ſeine Zeche und ſtürmte ungeſtüm mit ſeinen Genoſ⸗ ſen zum Saale hinaus. Die Flamänder ſprachen kein Wort, ſondern ſtarrten einander beſtürzt und fragend an: Zwei Diener brachten einen Kübel Waſſer und wuſchen das Blut vom Boden auf, während einer von ihnen lachend zu den beſtürzten Gäſten ſagte: „Es iſt Nichts, Gentlemen. Darüber wundern Sie ſich? Sie ſind erſt dieſen Nachmittag zu San Francisco angekommen, nicht wahr? Sie werden lernen zu g. von 1 lebha mache und Schla D vor d zünde Nacht T kaum er m er ſe Schre A geſtre wie e S wirre gezog ſeinen vers, ein g kelte. Fenſt T Dona beruh wäre, gedachte tber auf hl nach⸗ Feinde entfloh Biſtolen⸗ tten die r jedoch auf die zurück. in den gerwun⸗ ch quer lut floß en war ſch den en Arm Schwüre n feigen irch den ahlte er Genoſ⸗ ſondern ſer und d einer ſagte: bundern zu San werden 99 lernen, Blut zu ſehen, ohne darüber in Aufregung zu gerathen. Soll ich Ihnen eine zweite Flaſche von dieſem guten Wein holen?“ Aber die heftig bewegten Freunde fühlten einen lebhaften Abſcheu vor dem Verbleiben in einem Ge⸗ mache, das noch von warmem Menſchenblute dampfte, und drückten den Wunſch aus, unmittelbar ſich ihr Schlafzimmer angewieſen zu ſehen. Der Kellner erfüllte ihr Begehren, brachte ſie vor die Thüre des Zimmers, gab ihnen eine ange⸗ hundete Kerze in die Hand und wünſchte ihnen gute acht. Donatus Kwik trat zuerſt in das Zimmer; aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, ſo fuhr er mit einem erſtickten Angſtgeſchrei zurück, während er ſeinen Genoſſen auf etwas hindeutete, das ihm Schrecken einjagte. Auf einem der vier Betten lag ein Mann aus⸗ geſtreckt, lang von Geſtalt und ſtark von Gliedern, wie ein Rieſe. Sein Angeſicht war beinahe ganz von einem wirren Bart bedeckt; ſeine Kleider, die er nicht aus⸗ gezogen hatte, ſchienen grob und ſchmutzig; unter ſeinem Kopfkiſſen ſah man den Griff eines Revol⸗ vers, und in ſeinem Schlaf hielt er die Hand an ein großes Meſſer, welches in ſeinem Gürtel fun⸗ kelte. Er ſchnarchte ſchwer; ſein Athem ſchien die Fenſtergläſer zittern zu machen. Die Antwerpener lachten über den Schrecken von Donatus und ſuchten ihn durch die Vorſtellung zu beruhigen, daß dieſer Mann ein Gaſt des Hotels wäre, ſo gut wie ſie ſelbſt. 100 „Sprechen Sie leiſe, um Gotteswillen, Herr Creps,“ flüſterte Donatus.„Sie haben vielleicht Recht; aber ich finde es doch unnütz, ſogar gefähr⸗ lich, dieſen häßlichen Rieſen aufzuwecken. Lieber Himmel, was iſt das für ein Land hier? Drei Dollars, um ſich die Kehle in einer Räuberhöhle abſchneiden zu laſſen. Schlafen Sie nur, ſchlafen Sie nur ruhig, Kameraden! O, läge ich zu Natten⸗ Haesdonk auf unſerem Heuſchober!“ Die drei Freunde traten jedoch ein und näherten ſich ihren Betten. Roozeman und Creps fanden gleichfalls, daß es unangenehm oder unvorſichtig ſein würde, den Fremdling zu wecken, und ſprachen in der Stille über ihre ſonderbare Lage. Plötzlich ertönte eine Verwünſchung durch das Zimmer, und eine hohle, mächtige Stimme rief auf Engliſch: Still da! Licht aus!“ Zitternd vor Schrecken löſchte Donatus die Kerze aus und flüſterte: „Ach, kriechen Sie in ihr Bett und reden Sie nicht mehr! Ich glaube, er ſteht auf. Victor und Jan folgten dem Rath ihres Ge⸗ noſſen. Creps ſchlief bald ein; Roozeman fühlte ſich durch das wüſte Leben, die Barſchheit der Menſchen in Kalifornien verwundet und abgeſchreckt und dachte wachend noch lange über den Vorfall vom Abend nach. Was Donatus Kwik betrifft, ſo träumte er die ganze Nacht von Mördern mit großen verwilder⸗ ten Bärten, von langen Meſſern und von ſechsläu⸗ figen Revolvern. Herr ielleicht gefähr⸗ Lieber Drei erhöhle ſchlafen Ratten⸗ äherten fanden rſichtig prachen ch das ief auf Kerze en Sie 8 Ge⸗ te ſich enſchen dachte Abend mte er wilder⸗ hsläu⸗ 101 Endlich verfielen jedoch, von Ermüdung überwäl⸗ tigt, alle drei in einen tiefen Schlaf. XI. Die Briefe. Der Erſte, welcher am andern Tag, ziemlich ſpät Morgens, erwachte, war Donatus Kwik; aber kaum hatte er die Augen geöffnet, ſo entſchlüpfte ihm ein Seufzer der Angſt, und er zog den Kopf unter die Bettdecke zurück, als hätte er ein Geſpenſt geſehen. Der Mann mit dem wirren Bart und dem langen Meſſer im Gürtel ſtand mitten im Zimmer und ſein durchdringender Blick war gerade auf den armen Jungen gerichtet, als derſelbe halb duſelig aus dem ſchweren Schlaf erwachte. Zitternd und mit klopfendem Herzen griff Donatus heimlich nach der Hand von Jan Creps, welcher ſchnarchend neben ihm lag, und zerrte und ſchüttelte ihn, bis derſelbe ſich brummend die Augen zu reiben begann und be⸗ ſtürzt nach dem hochgewachſenen Mann aufſchaute, welcher ſich gerade die Hände wuſch und lächelnd in engliſcher Sprache ſagte: „Guten Morgen, Gentlemen, haben Sie wohl geſchlafen?“ „Ziemlich, mein Herr,“ antwortete Jan,„ich danke Ihnen.“ „Sie müſſen ſchrecklich ermüdet geweſen ſein,“ fuhr der Andere fort, während er noch immer mit Waſchen und mit Kämmen ſeines großen Bartes beſchäftigt war.„Ich habe einen Augenblick gedacht, Sie möchten reiſende Schauſpieler ſein.“ Donatus hatte ſeinen Kopf wieder unter der Bettdecke hervorgeſtreckt und betrachtete den Fremd⸗ ling mit Augen voll Zweifel und Verwunderung. „Reiſende Schauſpieler?“ wiederholte Creps, der inzwiſchen vom Bette aufgeſtanden war;„wir ſind Goldſucher gleich dem großen Haufen in San Fran⸗ cisco.“ „Dieß kommt, Gentlemen, daher, daß der junge Mann da, der vor mir Angſt zu haben ſcheint, die ganze Nacht geſprochen, geſeufzt, geſchrieen und mit den Armen um ſich geſchlagen hat, gleich einem Ko⸗ mödianten, der ſeine Rolle auswendig lernt. Zwei⸗ mal bin ich von meinem Bette aufgeſtanden, um ihm zu Hülfe zu eilen, denn ich glaubte wahrhaf⸗ tig, Einer von Ihnen wolle ihn ermorden.“ Jan brach in ein lautes Gelächter aus und er⸗ zählte dem Fremden, was ſie Abends zuvor geſehen hatten und wie Donatus mit Meſſern und Revol⸗ vern bedroht und barſch zu Boden geworfen wor⸗ den war. „Die Gentlemen ſind Neulinge in Kalifornien,“ ſagte der Andere;„ich begreife, daß Sie noch vor Blut erſchrecken. Es wird ſchnell beſſer gehen, aber inzwiſchen rathe ich Ihnen, ſo wenig als möglich mit Unbekannten zu ſprechen, immer ſehr ſorgfältig auf Ihre Worte und ſelbſt auf Ihre Geberden Acht zu geben und ſich um Nichts zu bekümmern und Niemand Hülfe leiſten zu wollen, und ſähen Sie auch zehn Menſchen zugleich vor Ihren Augen ermorden.“ Bartes gedacht, er der Fremd⸗ ung. ps, der ir ſind Fran⸗ junge it, die nd mit em Ko⸗ Zwei⸗ 1, um f⸗ hrha md er⸗ geſehen Revol⸗ 1 wor⸗ rnien,“ ſch vor n, aber nöglich gfältig n Acht n und ie auch rden.“ 103 Donatus und Roozeman waren nun gleichfalls vom Bette aufgeſtanden und hatten ſich anzukleiden begonnen. Mittlerweile fuhr Jan fort, mit dem hochgewachſenen Mann noch einige freundliche Worte zu wechſeln. Derſelbe war nicht ſo abſtoßend von Ausſehen und nicht ſo unſauber gekleidet, als die Flamänder bei dem ungewiſſen Schein ihrer Kerze ſich eingebildet hatten. Er trug vielmehr das Aeußere eines ernſten und wohlerzogenen Mannes, ſein Geſicht war edel und achtunggebietend, ſeine Sprache freundlich und ſehr anſtändig. Sich in Ge⸗ danken zu Jan wendend, ſagte er: „Der Himmel iſt blau: es wird heute ſchön Wetter. Die Sonne hat in ihren Kalender geblickt und geſehen, daß es Sonntag iſt.“ „Sonntag? Es iſt wirklich Sonntag?“ murmelte Donatus.„Ach, ich fühle folches Bedürfniß, ein⸗ mal zu Gott zu beten! Wir haben wahrhaftig allen Grund dazu. Herr Creps, fragen Sie den Gentle⸗ man einmal, wo die Kirche iſt.“ Auf die an ihn gerichtete Frage antwortete der Fremde, mit einem herben Lächeln die Achſel zuckend: „Es gibt keinen andern Gott in Kalifornien, als den Gott des Goldes: ſeine Tempel ſind die Spiel⸗ häuſer, die Sie geſehen haben oder ſehen werden; keine andere Religion, als die Anbetung ſeiner ſelbſt, die Habſucht und den Egoismus. Das wundert Sie? Sie werden gleich den Andern werden; dann wer⸗ den Sie es nicht ſchön, aber doch natürlich finden.“ Unter dieſen Worten nahm er eine Eigarre und zundete ſie an; er bot den Freunden ſein Etui und drang in jeden, eine Cigarre zu nehmen, indem er 104 ſie verſicherte, daß ſie in ganz San Francisco Nichts von ſo köſtlichem und ſtarkem Geruch finden würden. Dann wünſchte er ihnen guten Morgen und verließ das Zimmer. Die Flamänder blickten einander eine Weile halb lachend, halb verwirrt an. Jan und Victor began⸗ nen über ihre eigene Beſorgniß wegen des unbekann⸗ ten Schlafkameraden, und namentlich über die Angſt, welche Donatus in ſeiner Nachtruhe geſtört hatte, zu ſcherzen. Dieſer verſicherte, ſeinen Kameraden ſei es auch nicht wohl zu Muth geweſen und ſie ſeien ganz ſtill in ihr Bett gekrochen, gerade wie Däum⸗ chens Brüder in des Menſchenfreſſers Hauſe. Sie erkannten alle an, daß ſie ſich geirrt und allzu leicht über Dinge ſich beunruhigt hätten, welche ihnen zum erſten Mal zu Geſicht kamen. Wohl war Alles zu San Francisco überraſchend und für ſie noch unbe⸗ greiflich; aber der erſte Eindruck hatte ſie betrogen und es war ohne Zweifel nicht ſo ſchlimm, als ſie ſich vorſtellten. Ueberdieß waren ſie einmal da und mußten die Dinge nehmen, wie ſie ſich eben darboten. Victor erinnerte ſie daran, daß man den Mor⸗ gen dazu beſtimmt hatte, an Eltern und Freunde zu ſchreiben. Sie ſtiegen hinunter, um zu frühſtücken, ließen ſich durch den Kellner einige Blätter Poſtpapier und Schreibzeug geben und erkundigten ſich, wie man von San Francisco aus einen Brief nach Europa abſenden könnte. Aus der Antwort ergab ſich, daß dieß ſehr leicht zu bewerkſtelligen wäre; der Eigen⸗ ſtellter einer Kwik hin, a Außer harten Dinte ter, u beginn „§ „Es i unſere morge Mühe bemän Elend Nichts würden. verließ le halb began⸗ bekann⸗ Angſt, t hatte, aden ſei ie ſeien Däum⸗ 2. Sie zu leicht den zum llles zu ) unbe⸗ etrogen als ſie ten die Mor⸗ inde zu ließen er und ie man Furopa ch, daß Eigen⸗ 105 thümer des Hotels würde ſich auf eine verläßliche Weiſe damit befaſſen. In ihr Zimmer zurückgekehrt, begannen die drei Freunde, jeder ſeinerſeits zu ſchreiben. Es befand ſich kein Tiſch im Zimmer. Roozeman und Creps ſtellten ſich vor der Wand auf und bedienten ſich einer Art von Holzgeſimſe ſtatt eines Schreibpultes. Kwik ſetzte ſich auf den Boden, vor Victors Koffer hin, auf welchen er ſein Blatt Papier gelegt hatte. Außerdem daß Donatus hin und wieder über die harten Federn von Kalifornien und über die dicke Dinte von San Francisco brummte, herrſchte die vollſtändigſte Ruhe in dem Zimmer. Es war viel, ſehr viel den Eltern zu erzählen; auch dauerte die Arbeit über eine volle Stunde. Jan Creps, welcher zuerſt fertig war, wollte Victor nicht ſtören und ſchaute lächelnd auf Donatus Kwik herab. Der arme Junge ſuchte unter Schweiß und Keuchen ſeinen Brief zuſammenzubringen, und machte Buchſtaben ſo groß wie Fingerhüte; er krazte ſich hinter den Ohren, zerbiß die Feder zwiſchen den Zähnen und zerknitterte die verdorbenen Papierblät⸗ ter, um ſogleich das mühevolle Werk von Neuem zu beginnen. „Komm, Victor, mach' ein Ende,“ ſagte Creps. „Es iſt Stoff genug vorhanden, um ein Buch über unſere Reiſe zu ſchreiben; aber dann würde es bis morgen dauern.“ „Ich bin fertig,“ war die Antwort.„Es koſtet Mühe, Jan, um meine Worte ſo zu drehen und zu bemänteln, daß meine Mutter nicht erräth, welches Elend wir ausgeſtanden haben.“ 106 „Alſo Du haſt weder von der Windſtille, noch Natten von der Krankheit, noch von den ſchrecklichen Hai⸗ dieſem B fiſchen geſprochen?“ an ſie „Ja wohl, aber ohne viel Gewicht darauf zu das, w legen. Da, lies; Du mußt ſehen, ob unſere Briefe von N. gehörig übereinſtimmen.“„B Jan Creps überlas Victors Schreiben. Als er haft; e ans Ende davon kam, ſchüttelte er lächelnd den Kopf aber d und las murmelnd: iſt, be⸗ „Während der langen traurigen Reiſe hat Dein Do theures Bild mir immer vor Augen geſchwebt, liebe frieden! Mutter, und neben Dir ſah ich unaufhörlich ein an⸗ den, 1 deres Bild, einen Engel, der mir zulächelte und mir ins Ohr flüſterte:„Sei guten Muths, Victor, fürchte„W weder Leid noch Gefahren, denn ich habe Dich nicht hält, m vergeſſen, und mein Gebet wacht über Dich.“ daß ich „Es iſt augenſcheinlich, Victor,“ bemerkte Creps, z „ſie müßten halb blind ſein, wenn ſie nicht heraus⸗ fänden, daß nicht Alles ſo lachend ausſieht, wie Du Schrift es ihnen in dem erſten Theil Deines Briefes glaub⸗ ziemlich lich machen willſt.“„ „Wir können doch nicht lauter Unwahrheit in genug Sinn und Worten ſchreiben. Eine ſolche Täuſchung Ere wäre auch eine Grauſamkeit.“ dann 1 „Es ſei, Victor, laß Deinen Brief, ſo wie er iſt.„A Sage mir einmal, warum ſprichſt Du ſo lang und Euch n breit von Donatus Kwik und von deſſen Neigung kommen zu Aennchen von Natten⸗Haesdonk? Du ſcheinſt Euren eine Abſicht dabei zu haben?“ nach d „Allerdings. Begreifſt Du es nicht? Ich ſehe, voll de daß der einfältige Junge nicht gut ſchreiben kann. Meiner Mutter Schweſter wohnt zu Boom bei 2 S— A —2 S le, noch ſen Hai⸗ rrauf zu e Briefe Als er en Kopf at Dein bt, liebe ein an⸗ und mir fürchte ich nicht e Creps, heraus⸗ wie Du glaub⸗ rheit in iuſchung ie er iſt. ung und Neigung ſcheinſt ch ſehe, en kann. om bei 107 Natten⸗Haesdonk Ich hoffe, Aennchen ſoll auf dieſem Weg erfahren, daß Donatus Kwik noch immer an ſie denkt. Man kann nicht wiſſen; vielleicht wird das, was ich über ihn ſchreibe, ihm für die Zukunft von Nutzen ſein.“ „Bah, Du nimmſt es mit Donatus viel zu ernſt⸗ haft; er iſt ein guter Junge, das verkenne ich nicht; aber daß es mit ihm im Kopfe nicht ganz richtig iſt, beſtreite mir das, wenn Du Luſt dazu haſt.“ Donatus hatte ſeinen Brief endlich zu ſeiner Zu⸗ friedenheit abgefaßt und näherte ſich beiden Freun⸗ den, mit einem Blatt Papier in der Hand, indem er mit ſtolzer Zuverſicht murmelte: „Wenn Aennchens Vater dieſes dagement*) er⸗ hält, wird er denken, ich müſſe ſchrecklich reich ſein, daß ich auf ſolche Weiſe an einen Garde-Champétre zu ſchreiben wage.“ „Laß' ſehen,“ ſagte Jan, indem er ihm die Schrift aus den Händen nahm.„Dein Brief iſt ziemlich lang.“ „Ich glaube es wohl: er hat mich auch Schweiß genug gekoſtet.“ Creps ſuchte die Schrift zu entziffern und las dann mit lauter Stimme; „Achtbarer Vater von Aennchen, dieß dient dazu, Euch wiſſen zu laſſen, daß ich in Kalifornien ange⸗ kommen bin, glücklich und geſund und ich hoffe von Euren Leuten daſſelbe. In einigen Tagen reiſe ich nach den Goldgruben, um einen ganzen Getreideſack voll daraus zu ſchöpfen, und ſo Ihr mir Aennchen *) Soll wohl ſoviel wie Dokument heißen. A. d. U. 108 aufbewahret, ſo will ich bei meiner Rückkehr Euch ſo reich machen, als die Schelde bei Natten⸗Haes⸗ donk tief iſt. Ihr wißt wohl, daß Aennchen mir nicht gram iſt, und daß ſie, die Arme, halb närriſch geworden iſt, nachdem Ihr mich ſo brutal zur Thüre hinausgeworfen habt. Ihr habt nicht ein Bischen Mitleid mit Eurem Kinde, noch mit dem lunglück⸗ lichen Donatus; aber wenn Ihr wirklich Aennchen einem Andern zu geben wagt, während ich hier in dem Goldlande bin, ſo werde ich Euch von Euerer Stelle als Feldwächter abſetzen laſſen und Ihr wer⸗ det dann zu Eurem großen Verdruß ſehen, wie ich ein Fräulein von einem Schloß heirathe, wo Ihr ſelbſt, wenn Ihr nur wolltet, Wohnung nehmen könntet. Ihr könnt's nehmen oder laſſen. Denkt einmal darüber nach, und richtet Grüße aus an die Freunde, womit ich die Ehre habe zu ſein Donatus Kwik Goldſucher in einem großen Hotel zu San Francisco in Kalifornien.“ Es wurde herzlich über den Drohbrief gelacht, und Roozeman ſuchte dem jungen Bauern begreif⸗ lich zu machen, daß er beſſer daran thun würde, den Sinn daran zu mildern; aber Donatus wollte kein Wort daran ändern und gab als Grund an, der Feldwächter von Natten⸗Haesdonk ſei ein hoch⸗ müthiger Burſche, von welchem durchaus nichts mit Güte zu erhalten wäre. Während Jan und Victor die Briefe ſiegelten und die Adreſſe darauf ſchrieben, rief Donatus Kwik aus: ſelbſt Schma eine an einem von el dünkt, nöthige Bauer würder kleinere für der wenn befände Reiſend Die hatte, heidenth r Euch ⸗Haes⸗ en mir närriſch Thüre Bischen unglück⸗ ennchen hier in Euerer hr wer⸗ wie ich vo Ihr n hoch⸗ hts mit iegelten donatus 109 „Ah ſo, meine Herrn, mir liegt Etwas auf dem Herzen. Ich ſchlafe hier und eſſe hier, ohne mich darum zu bekümmern, wer es bezahlen wird. Und daß die Rechnung in der That nach dem Pfeffer und ſelbſt nach dem ſpaniſchen Pfeffer ſchmecken wird, das brauchen wir nicht erſt zu fragen. Alles geht hier dem Menſchen vom Leben.*) Zehn Francs, um einen Koffer fünf Minuten weit zu tragen! Gott weiß, was man uns hier nicht für den trockenen Fetzen Kuhfleiſch, den man uns geſtern unter allerlei erdichteten Namen vorgeſetzt hat, abverlangen wird.“ „Gräme Dich darum nicht, Donatus,“ ſagte Jan. „Wir bezahlen Alles.“ „Es iſt gut, ich danke Ihnen; aber ich will kein Schmarotzer ſein. Ich will mir dieſen Nachmittag eine andere Herberge ſuchen, und müßte ich ſelbſt unter einem Segel auf dem Boden ſchlafen, ich werde da⸗ von ebenſo wenig ſterben, als die Andern. Mir dünkt, in dem Goldland iſt die Sparſamkeit noch nöthiger als in Belgien. Es iſt ein einfältiger Bauer, der Ihnen das ſagt, aber ich glaube, Sie würden auch nicht übel daran thun, wenn Sie ein kleineres Hotel ſuchten. Man muß ein Aepfelchen für den Durſt aufſparen; es würde ſchön ausſehen, wenn Sie ſich einmal ohne Geld zu San Francisco befänden. Es müßte denn ſein, daß Sie Koffer von Reiſenden auf dem Rücken tragen wollten?“ Die Antwerpener erkannten, daß Donatus Recht hatte, und riefen dem Kellner, um nach dem Betrag *) Soll ſo viel heißen, wie man ſonſt ſagt: Alles iſt hier heidentheuer. 3 A. d. U. 110 „Ahrer Rechnung zu fragen. Nach einigen Augen⸗ blicken überreichte er Jan Creps ein Stückchen Pa⸗ pier, worauf in engliſcher Sprache folgende Rech⸗ „nung ſtand: Julienne⸗Supp drei Portionen Doll. 3. Ochſenfleiſch mit rothem Kohl„„ 2. Hammelskeule mit Kapernſauce„„ 3. Kalbscotelettes 4„ 4. 3 Eine Flaſche Wein 2„ 5. Schlafgeld für drei Perſonen à 3 Doll.„ 9. Zuſ. Doll. 26. Dieß machte alſo für ein einziges Abendeſſen und Uebernachten hundertvierzig Francs und vierzig Cen⸗ times. Es ſchmeckte aberdings nach Pfeffer, wie Do⸗ natus geſagt hatte; aber es war doch nicht tödtlich, und Victor und Jan bezahlten jeder die Hälfte der geforderten Summe ohne Aerger und Verdruß; ja ſie beſchloſſen noch eine Nacht in dem Hotel zu blei⸗ ben. Sie hatten mit einander für ungefähr drei⸗ zehnhundert Francs Banknoten in ihrer Brieftaſche. Sie hatten vergangene Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen ünd befanden ſich nun in einem Hauſe, wo die Leute wenigſtens höflich und ehrlich waren. Wer wußte, berge ſich begaben! Sie wollten alſo noch hier bleiben, ſorglos einen Spaziergäng machen, San Francisco ſich ganz betrachten, in der Stadt eſſen und ſelbſt eine Flaſche Wein trinken, um doch einen ganzen Tag nach einer ſo langen beſchwerlichen See⸗ reiſe ſich's wohl ſein zu laſſen. Donatus ſollte bis wie viel Mühſeligkeiten und Unruhe ſie ſich viel⸗ leicht ausſetzten, wenn ſie in eine andere Her⸗ morger einmal zu thu Armut abzuwe Si ihnen mit lei derung dem ſi theilten nichts blick 1 allen beſtand zig Cen⸗ wie Do⸗ tödtlich, älfte der ruß; ja zu blei⸗ ihr drei⸗ ieftaſche. eſchlafen die Leute r wußte, ich viel⸗ re Her⸗ och hier n, San adt eſſen ach einen hen See⸗ ollte bis 111 morgen bei ihnen bleiben; dann könnte man noch einmal ſich gründlich berathſchlagen, was am beſten zu thun wäre, um ohne Furcht vor hereinbrechender Armuth die Ankunft der Directoren der Californienne abzuwarten. Sie ſteckten die Cigarren an, welche der Fremde ihnen gegeben hatte, und traten vertrauensvoll und mit leichtem Herzen auf die Straße, um ihre Wan⸗ derung zu beginnen. XII. Das Spielhaus. Die drei Flamänder waren den ganzen Tag in den Straßen von San Francisco herumgeſchlendert, indem ſie betrachteten, was ihnen neu war, vor Lä⸗ den und Magazinen ſtehen blieben und über das überraſchende Schauſpiel des Menſchenſchwarms, unter dem ſie nunmehr lebten, ſich ihre Bemerkungen mit⸗ theilten. Was die Stadt ſelbſt betrifft, ſo bot ſie nichts Beſonderes dar. Wiewohl in dieſem Augen⸗ blick vielleicht über fünfzig tauſend Menſchen von allen Nationen der Welt hier untereinander wogten, beſtand San Francisco doch nur aus Holzhäuſern von einem Stockwerk, daneben einige wandzelten und Baracken, welche gl ſich feldwärts ausdehnten. Es war demnach einzig die Bevölkerung, eih die Neugierde von Victor und ſeinen Gefährten auf 112 ſich zog. Da ihnen im Laufe eines ganzen Tages noch nichts Bedenkliches oder Unangenehmes begeg⸗ net war, gelangten ſie am Ende zu der Ueberzeu⸗ gung, daß ſie ſich wie wahre Kinder durch Dinge hatten erſchrecken laſſen, welche überall vorkommen konnten, und um welche ſie ſich auf alle Fälle nicht weiter, als ihnen beliebte, zu bekümmern brauchten. Ihre gute Laune entſprang jedoch noch aus einem andern Grunde. Bei ihrer Ankunft in der Stadt ſelbſt hatten ſie einige Kaffeehäuſer beſucht, hatten gut gegeſſen und ziemlich viel getrunken, ſo daß die Wirkung des Weins oder Grogs ihrer heitern Gemüthsſtimmung nicht fremd ſein mochte, obwohl ſie noch völlig bei Verſtand und klarer Beſinnung waren. Des Abends ſpät, als ſie in ihr Hotel zurück⸗ zukehren gedachten, kamen ſie an einem Spielhauſe vorbei, welches auf ſeinem Aushängeſchilde das Wort Veranda zeigte. Ein heller Lichtglanz drang aus dem Innern auf die Straße und blendete die Augen der erſtaunten Freunde. Sie gedachten eine Weile ſtehen zu bleiben, um einen Blick in den Saal zu werfen, aber die halbtrunkenen Leute, welche un⸗ aufhörlich in dem Spielhauſe ab⸗ und zuſtrömten, zwangen ſie, ſich zur Seite zu halten. „Und warum ſollten wir nicht einmal hineintre⸗ ten?“ fragte Jan Creps. „Ja, warum ſollten wir nicht einmal ſehen, wie es da drinnen zugeht?“ bekräftigte Donatus, der von Ferne Etwas wie einen Haufen Goldes hatte chimmern ſehen. „In ein Spielhaus!“ murmelte Victor zögernd⸗ ſehen, „A auf ei geſehen den. Vorſch Vi den in Ecke ei Als ſie hatten, ſich Al tung, pfen a nen in verſag das ne auffall der. Ausſel des S nur v des bi hier 2 die w den g um n Con Tages begeg⸗ eberzeu⸗ Dinge kommen le nicht auchten. s einem r Stadt hatten ſo daß heitern obwohl eſinnung zurück⸗ dielhauſe de das äz drang adete die ten eine en Saal lche un⸗ trömten, ineintre⸗ hen, wie us, der es hatte zögernd. 113 „Komm, komm,“ rief Creps,„wir brauchen nicht zu ſpielen. Mit einem Dollar kommen wir davon. Noch ein Tröpfchen Rum für jeden, das letzte. Wir können San Francisco doch nicht verlaſſen, ohne zu ſehen, was ein Spielhaus iſt. „Außerdem,“ bemerkte Donatus,„habe ich dort auf einem Tiſche einen Berg von Gold ſchimmern geſehen, von derſelben Sorte, wie wir finden wer⸗ den. Das gibt doch immerdar einen angenehmen Vorſchmack. Victor ließ ſich überreden und folgte ſeinen Freun⸗ den in das Spielhaus, wo ſie zum Glück in einer Ecke eine Bank fanden, um ſich darauf niederzulaſſen. Als ſie ihre Gläschen Rum empfangen und bezahlt hatten, ließen ſie ihre Augen rings herumgehen, um ſich Alles genau zu betrachten. Es war ein großer Saal, in glänzender Beleuch⸗ tung, aber ſo ſehr mit Tabakrauch und Spiritusdäm⸗ pfen angefüllt, daß den Ankömmlingen zuerſt Thrä⸗ nen in die Augen traten und der Athem beinahe verſagte, ehe ſie ſich an die verdorbene Luft und das nebelhafte Licht zu gewöhnen vermochten. Eine auffallende Menſchenmenge wogte hier durch einan⸗ der. Man ſah wohl einzelne Perſonen von achtbarem Ausſehen; aber die große Mehrzahl der Beſucher des Spielhauſes beſtand aus dem, was Kalifornien nur vorzugsweiſe Sittenloſes, Wüſtes und Abſtoßen⸗ des bieten konnte. Außer den Spielern ſchweiften hier Burſche mit unheilverkündender Miene herum, die wahrſcheinlich ſchon Alles verloren hatten und den ganzen Abend in dem Spielhauſe zubrachten um nur Gold zu ſehen und vielleicht die Galegene Conſeience, das Goldland. 1. heit abzupaſſen, um Gold, durch welches Mittel es auch wäre, zu bekommen. Es herrſchte ein betäu⸗ bender Lärm verwirrter Stimmen, Freudenrufe und Verwünſchungen; Alles aber übertönten die Klänge einer lebhaften Muſik. Das Orcheſter beſtand jedoch nur aus einem einzigen Künſtler. Der Mann hatte eine Rohrpfeife vor dem Munde, eine Trommel auf dem Rücken, kupferne Schallbecken in den Händen und einen ganzen Schellenbaum auf dem Kopfe. Alſo ausgerüſtet und ſich gleich einem Raſenden be⸗ wegend, machte er mehr Geräuſch, als eine ganze Muſikbande. An dem untern Ende des Saals befand ſich ein ſehr breiter Tiſch, wo der Bankier mit ſeinen zahl⸗ b reichen Gehülfen das Monte leitete, ein mexikaniſches Glücksſpiel mit Karten, welches allgemein zu San Fran⸗ cisco im Schwang iſt. Vor dem Bankier lagen Haufen von Goldſtaub, ungewöhnlich große Gold⸗ klumpen, Päckchen von Banknoten und Beugen von einer achteckigen Goldmünze, wovon jedes Stück einen Werth von zweihundert fünfzig Francs hatte, aber neben jedem Haufen lag ein ſechsläuſiger Revolver. Die Spieler ſtanden vor und zur Seite der Ta⸗ fel. Sie folgten jedem Ausgeben der Karten mit klopfendem Herzen und flammendem Auge und be⸗ grüßten jeden Verluſt mit einem hohlen Wuthgeheul, während ſie ihr Gold in den unerſättlichen Abgrund der Bank verſinken ſahen. Jedoch verſuchten ſie im⸗ mer wieder das Glück aufs Neue, bis ſie, gänzlich ausgezogen, arm und das Herz voll Galle und Ra⸗ ſerei, das Spiel verfluchten und den verhängnißvol⸗ len Tiſch verließen. Einige murme muthu ein a Gelde nicht, erzähl von f Verlau lars a A nen a ttel es betäu⸗ fe und Klänge jedoch u hatte nel auf Händen Kopfe. den be⸗ ganze ſich ein n zahl⸗ aniſches n Fran⸗ lagen »Gold⸗ gen von Stück te, aber vvolver. der Ta⸗ ten mit und be⸗ ggeheul, lbgrund ſie im⸗ gänzlich iud Ra⸗ gnißvol⸗ 115 Waren hier Leute, welche in wenigen Stunden alles Gold verloren, das ſie Monate hindurch unter Noth und Ungemach in den Placeres geſammelt hatten, ſo ſah man auch Andere, welche von dem Zufall ganz beſonders begünſtigt waren. Gerade in dem Augenblick befand ſich an dem Tiſche ein Mann, deſſen wunderbares Glück die Bank zu ſprengen drohte. Einige lächelten über dieſen ſcheinbaren Gewinn und murmelten das Wort pailjas, womit ſie die Ver⸗ muthung andeuten wollten, daß der Gewinnende nur ein aufgeſtellter Lockvogel wäre, welcher mit dem Gelde der Bank ſelbſt ſpielte. Dieß hinderte jedoch nicht, daß man ſich an dem andern Ende des Saals erzählte, wie dieſer Mann nur mit einem Satze von fünf Dollars gegonnen und nunmehr, nach Verlauf einer Stunde, bereits zwanzig tauſend Dol⸗ lars gewonnen hätte. Als Donatus dieß hörte, rief er voll Erſtau⸗ nen aus: „Himmel, das ſind hundert tauſend Francs! das iſt ja eine wahre Goldmine für einen, der ein Bis⸗ chen Glück hät. Ich bin mit einem Helm*) geboren, ich! Wie wäre es, ihr Herren, wenn ich das Glück einmal verſuchte? Zwei Dollars mehr oder weni⸗ ger, werden es nicht ausmachen. Wenn ich nur an den Tiſch zu treten wagte..... 4 „Spiele nicht, ich bitte dich,“ ſagte Victor mit einer Art von Schrecken. „Nur zwei Dollars. Verliere ich ſie, dann höre ich auf. *) Glückshaube. Asd. U. 116 „In der That, was machen uns einige Dollars?“ bemerkte Creps.„Ich will ſehen, wie dieſes Monte⸗ ſpiel geht; außerdem ſind ſo zehn Dollars nicht zu viel, um zu erfahren, ob das Glück wohl keine Luſt hat, uns zu begünſtigen.“ Victor blieb ſitzen und ſah halb ärgerlich ſeinen Freunden nach, die mit langſamen Schritten ſich dem Spieltiſche näherten. Gewiß folgten ſie dem Spiel einige Zeit, ehe ſie ihr Geld wagten, denn erſt nach einer halben Stunde kehrten ſie zu Roozeman zurück. Jan lächelte ſiegreich, Donatus krazte ſich mißvergnügt hinter den Ohren und brummte, er habe auf die fünfundzwan⸗ zig Dollars, welche ihm Victor aus Mitleid auf dem Jonas gegeben, ſieben verloren. Was Creps betrifft, ſo war er glücklicher geweſen; ja er hatte ſogar einen Augenblick über dreitauſend Francs beſeſſen; aber das Loos hatte ſich endlich gegen ihn erklärt und er warf auf den Rath eines Amerikaners von dem Tiſche weggegangen, um dem Zufall Zeit zu einem Wechſel zu laſſen. Immerhin hatte er doch gegen fünfhundert Francs von ſeinem Gewinn übrig behalten und konnte alſo unbeküm⸗ mert das Spiel wieder aufnehmen. Jan wollte ſeinen Freunden von dem gewonne⸗ nen Gelde Etwas zum Beſten geben und beſtellte drei Gläſer warmen Grog. Während des Trinkens trieb er Victor an, gleichfalls ein paar Dollars zu wagen, nur damit er erführe, ob das Glück ihm günſtig ſein würde, oder nicht. Er ſcherzte über den Abſcheu, den ſein Freund vor dem Spiel zu empfin⸗ tereien wenige plötzlich „Y ſetze ſie Verluſ ohne e Du es „ „ „ hier zu⸗ ſes Sa ſei! A mehr 1 folgen, „N dingun Di tiſch. war de genſchl Vi rend e immer Goldſt raſchen lich, Loos, den ſchien, und plagte ihn ſogar mit ſeinen Spöt⸗ daß er llars?“ Monte⸗ 3 nicht ol keine ſeinen ich dem it, ehe halben lächelte ter den dzwan⸗ iuf dem eweſen; tauſend endlich h eines im dem mmerhin ſeinem ibeküm⸗ ewonne⸗ beſtellte rrinkens lars zu ück ihm ber den empfin⸗ Spöt⸗ tereien. Wahrſcheinlich war Vietor ſchon mehr oder weniger von dem Getränke aufgeregt, denn er ſtand plötzlich auf und ſagte: „Wohlan, Du willſt es, ich werde ſpielen, aber unter einer Bedingung: ich nehme zehn Dollars und ſetze ſie ſämmtlich auf eine einzige Karte; nach dem Verluſt dieſes Geldes gehen wir in unſer Hotel, ohne eine Minute länger hier zu bleiben. Nimmſt Du es an? 4 „Ja, aber wenn Du gewinnſt?“ „Ich werde verlieren.“ „Du kannſt es nicht wiſſen.“ „Aber, Jan, warum Gewalt brauchen, um mich hier zurückzuhalten?“ ſeufte Roozeman betrübt.„Die⸗ ſes Spielhaus iſt eine Hölle, die mich erſchreckt. Es ſei! Wenn ich gewinne, will ich noch viermal ſetzen, mehr nicht; und weigerſt Du Dich dann, mir zu folgen, ſo ſei verſichert, daß ich allein gehen werde.“ „Nun, erzürne Dich nicht, wir nehmen Deine Be⸗ dingung an.“ Die drei Freunde traten zuſammen an den Spiel⸗ tiſch. Es ging, wie man zuweilen ſieht: das Glück war demjenigen günſtig, der innerlich auf einen Ge⸗ genſchlag hoffte. Victor gewann zu wiederholten Malen, und wäh⸗ rend er, um dieſes unſaubere Geld los zu werden, immer größere Summen ſetzte, vermehrten ſich die Goldſtücke und Banknoten vor ihm auf eine über⸗ raſchende Weiſe. Dieſes Geld verblendete ihn end⸗ lich, und die Aufregung des Kampfes gegen das Loos, das ihn hartnäckig begünſtigte, wurde ſo mächtig, daß er der geſtellten Bedingung vergaß und beinahe —— 118 ſeiner ſelbſt nicht mehr bewußt das Spiel fortſetzte. Es geſchah wohl einmal, daß er verlor, aber das Glück kehrte ſchnell wieder zurück, und trotz aller Wechſelfälle blieb ihm dasſelbe dennoch getreu. Unterdeſſen betheiligten ſich ſeine Freunde auf eine beſcheidene Welſe an dem Spiel. Creps verlor ohne Unterlaß. Donatus hatte weniger Mißgeſchick, denn er ſah ein ſchönes Häufchen Dollars vor ſich liegen. Es kam ein Augenblick, daß das Glück mit wunderbarer Beſtändigkeit ſich für Victor erklärte. Er gewann Schlag auf Schlag, und der Bankier warf ihm brummend ganze Hände voll Gold und Banknoten zu. Man umringte den glücklichen Spieler, und man⸗ cher glühende Blick war mit Neid auf den gewonne⸗ nen Reichthum gerichtet. Victor ſah Nichts von dem, was um ihn herum vorging, ſo ſehr war er in das Spiel vertieft; ja er hatte beinahe vergeſſen, daß ſeine Kameraden neben ihm gleichfalls mit dem Glüch im Kampfe lagen. Plötzlich hörte er Jan Creps einen Schrei der Wuth und Verwünſchung ausſtoßen. Eine tiefe Angſt befiel ihn, als er des wilden Blickes und der Bläſſe ſeines Freundes gewahr wurde und deſſen heiſere Stimme an ſein Ohr ſchlug. „Verfluchtes Spiel!“ ſchalt dieſer;„ich habe Alles verloren; nicht einen einzigen Dollar mehr! Schnell, leihe mir ein paar hundert Francs, Victor!“ Aber Roozeman ſteckte, mit Schrecken zu dem Bewußtſein ihres Zuſtandes zurückkehrend, die Bank⸗ noten in ſein Portefeuille und das Gold in ſeine Taſchen. „L wieder ſein§ mehr. allein große Saal T die d word häuſe der nicht habe dert ten Aus Vict hauf Frei erla⸗ bere mein rtſetzte. er das tz aller u. auf eine or ohne ck, denn liegen. ück mit erklärte. Bankier old und nd man⸗ ewonne⸗ on dem, in das en, daß :m Glück hrei der fe Angſt r Bläſſe heiſere ich habe mehr! Victor!“ zu dem die Bank⸗ in ſeine 119 „Leihe mir zweihundert Francs, ſage ich Dir!“ wiederholte er mit ſeltſamer Leidenſchaft. „Nein, nein, eilen wir fort von hier!“ entgegnete ſein Kamerad.„Um Gottes willen, Jan, ſpiele nicht mehr. Folge mir nach dem Hotel, oder ich gehe allein.“ Mit dieſen Worten lief er nach der Thüre des Saales; ſeine Freunde folgten ihm brummend; und mit einander verließen ſie das Spielhaus. Unter die Spieler kam eine ſonderbare Bewe⸗ gung. Als ob die Entfernung des vom Glück be⸗ günſtigten jungen Mannes die Luſt von Manchem abgekühlt hätte, blieb der Tiſch trotz des lockenden Rufes von dem Bankier ohne Zuſpruch. Ja ein großer Theil der Männer verließ nach einander den Saal. Die Flamänder ſetzten indeſſen ihren Weg durch die dunkeln Straßen fort. Es war ſehr ſpät ge⸗ worden, und außer in der Nachbarſchaft der Spiel⸗ häuſer begegnete man beinahe Niemand mehr auf der Straße. Ihrer Schätzung nach mußte Donatus nicht weniger als vierzig tauſend Franes gewonnen haben. Donatus ſeinerſeits beſaß ungefähr achthun⸗ dert Francs. Trotz des Verluſtes, den Creps erlit⸗ ten hatte, war alſo kein Grund vorhanden, über den Ausgang des Abends unzufrieden zu ſein. Nun Victor unter freiem Himmel und fern von dem Spiel⸗ hauſe ſich befand, athmete er freier und theilte die Freude ſeiner Gefährten, welche über das unerwartet erlangte Beſitzthum jubelten. Da Roozeman ihnen bereits erklärt hatte, daß er den Gewinn als ge⸗ meinſchaftliches Gut anſah und es nicht anders ver⸗ —— q· 120 ſtanden haben wollte, ſprachen ſie ſich auch in die⸗ ſem Sinne darüber aus. „Es iſt wahr,“ ſagte Jan,„ſobald die Directoren der Geſellſchaft la Californienne zu San Franzisco ankommen, haben wir nichts mehr nöthig; aber in⸗ zwiſchen können wir ohne Sorgen leben, in dem Hotel bleiben, wo wir uns einquartiert haben und brauchen uns nichts abgehen zu laſſen. Ueberdieß wird das Gold, das wir bereits beſitzen, es uns möglich machen, um ſo viel bälder in das Vater⸗ land zurückzukehren. Donatus zählte an ſeinen Fingern und murmelte vergnügt in ſich hinein: „Vierzig tauſend und achthundert, das macht für jeden dreizehn tauſend und ſechshundert Francs. Wahrhaftig, wenn es ſo fortgeht, weiß ich nicht, warum ich neben dem Schloß bei Natten⸗Haesdonk nicht auch noch ein großes Haus in der Stadt kau⸗ fen ſollte? Es iſt hier gut, herrlich, ein wahres Pa⸗ radies auf Erden! Und in der Dunkelheit einige närriſche Sprünge machend, begann er zu fingen: „Mutter, ſetz' an's Feu'r den Brei, Der Rieſe kommt hier, meiner Treu!“ Aber das Wort erſtickte ihm im Munde unter dem Druck einer ſtarken Hand, welche ihm die Lippen wie mit einer Beißzange zuſammenpreßte. Ebenſo raſch ſchob man ihm einen Propfen beinahe in den Schlund hinab. Darauf folgte ein ſchwerer Schlag in den Nacken, der ihn zu Boden ſtürzte. Er konnte nicht ſchreien; aber ſogleich erwägend, daß man ihn nur überfallen habe, um ihm ſein Geld zu rauben, ſteckte er mit einer blitzſch und l. 8 wegun Vi fallen dem 2 Währe Victor aufzuſ faſſen die S er fie rückwo von ſchließ Pl ſechs ſprache der 9 der F ſie ve Straß Jo aufſtel Feucht Angſt in die⸗ eetoren anzisco ber in⸗ n dem en und berdieß es uns Vater⸗ ermelte cht für rancs. nicht, esdonk tt kau⸗ es Pa⸗ prünge unter eippen Hraſch chlund racken, aber habe, einer 121 blitzſchnellen Bewegung ſeine Hand in die Taſche und ließ ſein Geld in ſeine Stiefel hinuntergleiten. Creps und Roozeman waren zu gleicher Zeit und auf dieſelbe Weiſe angegriffen worden. Beide lagen zu Boden, nachdem man ihnen mit Taſchentüchern den Mund verſtopft hatte, und umgeben von Dieben und Mördern, welche ihnen bei der geringſten Be⸗ wegung ihre Dolchmeſſer in's Herz zu ſtoßen drohten. Victor war von mehren Perſonen zugleich ange⸗ fallen worden; drei oder vier hielten ihn feſt auf dem Boden; zwei andere durchſuchten ſeine Taſchen. Während man damit beſchäftigt war, gelang es Victor, ſeiner Glieder wieder mächtig zu werden, aufzuſpringen und einen der Diebe um den Leib zu faſſen; aber ein Meſſerſtich, den der arme Junge in die Seite bekam, zwang ihn, wieder loszulaſſen; er ſiel in Folge der meuchleriſchen Verwundung rückwärts zur Erde, und die Mörder warfen ſich von Neuem auf ihn, um ihm den Mund zu ver⸗ ſchließen. Plötzlich kamen aus einer Seitenſtraße fünf oder ſechs Menſchen heran, welche ſehr laut mit einander ſprachen. Bei dem Ton dieſer Stimmen gab einer der Mörder ein Zeichen, und alle entflohen in der Finſterniß. Die Leute, durch deren Ankunft ſie verjagt worden waren, bogen in eine andere Straße ein. Jan Creps eilte auf Victor zu und half ihm aufſtehen, aber er fühlte eine warme und klebrige Heuchtigkei an ſeiner Hand und rief mit tödtlicher Angſt: „O Gott, Victor, du biſt verwundet?“ — 122 „Nur leicht, es wird nichts zu bedeuten haben/ war die Antwort. „Wo? Wo?“ „In der Seite; ein Dolchſtoß. Sei deßhalb un⸗ bekümmert.“ I Der erſchrockene Creps wollte an dem erſten beſten Hauſe klopfen und um Hülfe rufen; aber Victor verſicherte, noch ſtark genug zu ſein, und verlangte, daß man ſich geraden Wegs nach dem Hotel begebe. Es war nicht weit entfernt, und mit der Hand auf ſeiner Wunde, um dem Bluten zu wehren, hoffte er ohne Schwierigkeit daſſelbe errei⸗ chen zu können. Obwohl Roozeman, um ſeine Freunde zu beruhi⸗ gen, ihre Hülfe ablehnte, wurde er dennach von beiden unterſtützt. Donatus weinte Thränen des Mitleids bei Victors Unglück und murmelte rach⸗ ſüchtige Worte, während er dazwiſchen öfters aus⸗ rief:„Die Mörder, die Schurken, ſie ſollen mir mein Ohr bezahlen, ſie ſollen mir mein Ohr bezahlen!“ Aber die Andern achteten nicht auf ſeine Worte. Als man das Hotel geöffnet hatte, ließ Jan ſei⸗ nen leidenden Freund auf einen Stuhl niederſitzen und rief nach einem Doctor oder Chirurgen. Ein Kellner ſagte, zwei Häuſer von da wohne ein Chirurg und er wolle ihn ſogleich rufen. „Eilen Sie, eilen Sie, fünf Dollars für Ihre Mühe!“ rief Creps. Der Kellner ließ ſich das nicht zweimal ſagen und flog hinaus. Aus Victors Mund floß eine Menge Blutes; ſchon hatte ſich eine kleine Lache davon auf dem Bode jedoch begre ſich hinzu liche nun Wane 7 und ob D Wun 7 Gefa iſt nn ringe T ſchwe abzur reden einer ein haben,“ alb un⸗ erſten ; aber n, und ach dem und mit uten zu e errei⸗ beruhi⸗ ach von en des te rach⸗ rs aus⸗ rir mein ahlen!“ orte. gan ſei⸗ derſitzen wohne r Ihre l ſagen V Blutes; uf dem 123 Boden neben ſeinem Stuhl gebildet. Er lächelte jedoch und that ſich Gewalt an, um ſeinen Freunden begreiflich zu machen, daß ſie Unrecht daran thäten, ſich ſolcher Bekümmerniß und Niedergeſchlagenheit hinzugeben, da er wohl fühle, daß an eine gefähr⸗ liche Verwundung nicht zu denken wäre. Als er nun ſah, daß Donatus gleichfalls Blut über die Wangen träufelte, fragte er ängſtlich: „Und Du, mein armer Freund, Du klagſt nicht und biſt nur um mein Loos beſorgt? Wer weiß, ob Du nicht unglücklicher daran biſt, als ich? Eine Wunde am Kopfe; ach, es kann gefährlich ſein!“ „Nein, nein,“ antwortete Donatus,“ es hat keine Gefahr. Ich glaubte, mein Ohr ſei dahin; aber es iſt nur das Ohrläppchen. Ich werde keine Ohren⸗ ringe mehr tragen können: das iſt Alles.“ Der Chirurg erſchien im Zimmer und begann, ſchweigend und gelaſſen dem Leidenden ſeine Kleider abzunehmen. Er entblößte ihm, ohne ein Wort zu reden, die Seite, befühlte die Wunde, ſondirte mit einer ſilbernen Nadel, trocknete das Blut ab, drückte ein großes Heftpflaſter auf den klaffenden Schnitt, legte einen Verband an, half dem Kranken ſeine Kleider wieder anlegen, ſtreckte dann die offene Hand gegen Jan aus und unterſtützte dieſe Geberde mit den lakoniſchen Worten: „Nun, Gentlemen, die Sache iſt klar: ein nächt⸗ licher Beſuch: eine Unze Gold, ſechszehn Dollars.“ „Sechszehn Dollars! Es ſei; aber ſagen Sie uns wenigſtens, was wir zu fürchten oder zu hoffen haben.“ „Es iſt nichts zu fürchten,“ lautete die Antwort. 124 Einen halben Zoll tiefer, und der junge Herr wäre bereits in der andern Welt; aber das Meſſer glitt an einer Rippe ab und ging ſo zwiſchen Haut und Fleiſch durch. Es iſt eine ganz einfache Wunde, ohne Gefahr. Hätte der Herr nicht ſo viel Blut verloren, es würde ihm nicht mehr zu ſchaffen ma⸗ chen, als ein tüchtiger Schnitt in die Hand. Eine Unze Gold, ſechszehn Dollars. Ich habe keine Zeit und will zu Bette!“ Roozeman ſuchte in ſeinen Taſchen. Alles, Gold und Banknoten, hatten die Räuber ihm entriſſen. Ganz verlegen bat Jan den Wundarzt, mit der Bezahlung, aus Mitleid mit ihrem Unglück, zu warten. „Mitleid?“ brummte der Andere lachend.„Wo⸗ her kommen Sie? Mitleid in Kalifornien? Welcher Spott! Nun, nun, bezahlen Sie mich ſchnell; noch zehn Minuten, und ich begehre doppelten Lohn.“ „Aber wir beſitzen Nichts mehr; man hat uns Alles geſtohlen.“ „Sie haben wahrſcheinlich eine Uhr? Laßt ſehen, wir wollen ſie ſchätzen.“ Creps griff nach ſeiner Uhr; auch ſie war fort. Donatus Kwik hatte dieſem Geſpräch ſtillſchwei⸗ gend und mit pfiffigem Blicke zugehört und ſo viel möglich den Sinn der engliſchen Worte zu faſſen geſucht. Als er ſah, daß der Chirurg wüthend auf den Boden ſtampfte; als er überdieß noch zu ver⸗ ſtehen glaubte, daß der Eigenthümer des Hotels er⸗ klärte, er ſei nicht geneigt, Leute ohne Geld länger zu beherbergen, und ſie augenblicklich vor die Thuͤre ſetzen wollte, da trat Donatus vor und ſprach: V 91 U ſeinen und „ liſtige man it heit g ohne ſechsze 3. fünf Chiru rig 3 hatte, vorzu⸗ A willig „ ſagte Grund unſere Danke wollen 5) 3 er wäre er glitt ut und Wunde, A Blut ken ma⸗ Eine ne Zeit 6, Gold ztriſſen. nit der ück, zu ſehen, er fort. ſchwei⸗ o viel faſſen ud auf u ver⸗ Als er⸗ länger Thuͤre 9. 125 „l money, 1 pay,*) ich werde bezahlen!“ Und ſich bückend, holte er eine Handvoll Geld aus ſeinem Stiefel und gab dem Chirurgen die geforder⸗ ten ſechszehn Dollars. Der Herr des Hotels bat um Entſchuldigung und zeigte ſich plötzlich wieder äußerſt höflich und liebenswürdig. „Ei wie, Donatus,“ muxmelte Jan halb zornig, „warum läſſeſt Du uns ſo lang in Verlegenheit? Haſt Du nicht verſtanden, was hier vorging?“ „Gewiß, gewiß,“ murmelte der Bauer mit arg⸗ liſtigem Lachen,„aber ich fange zu begreifen an, daß man in Kalifornien nicht fortkommen kann, ohne Schlau⸗ heit gegen Schlauheit zu ſetzen. Wäre der Chirurg ohne Bezahlung fortgegangen, ſo hätten wir noch die ſechszehn Dollars, die jetzt dahin ſind.“ Jetzt trat der Kellner heran und begehrte die fünf Dollars, welche man ihm dafür, daß er den Chirurgen holte, verſprochen hatte. Creps gab trau⸗ rig zu, daß er wirklich dieſe Belohnung zugeſichert hatte, und bat Donatus, auch noch die fünf Dollars vorzuſchießen. Der junge Bauer erfüllte brummend und wider⸗ willig auch dieſes Begehren. „Kommt, kommt, wir wollen jetzt ſchlafen gehen,“ ſagte Jan.„Wir haben bei all dieſem Unheil noch Grund genug, uns glücklich zu ſchätzen. Die Wunde unſeres lieben Freundes Victor iſt nicht bedenklich. Danken wir Gott für dieſe Gnade; an das Uebrige wollen wir morgen denken.“ *) Ich Geld, ich bezahlen. A. d. U. Sie verließen alle drei den Saal und begaben ſich auf ihr Schlafzimmer. Roozeman wollte, um ſeinen Gefährten zu beweiſen, daß ſie über ſeinen Zuſtand beruhigt ſein dürften, ohne Hülfe und Un⸗ terſtützung die Treppe hinaufſteigen. Unterwegs brummte Donatus noch! „Ich wäre nur neugierig zu erfahren, wo gegen⸗ wärtig mein Ohrläppchen ſein mag. Das iſt doch immer ein Stück von meinem Leibe, das nicht in demſelben Bett mit ſeinem Kameraden ſchlafen wird, aber ſie ſollen es doch theurer bezahlen, als Schinken oder geräucherte Zunge, die Diebe, die Schubiaks, die Mörder!“ XIII. Die Waffen. Als Jan Creps am andern Morgen erwachte, faßte er die Hand ſeines Freundes Roozeman, der mit offenen Augen im Bette lag, und fragte ihn mit kummervoller Theilnahme, wie er ſich befände. Die Bläſſe von Victors Angeſicht— wahrſcheinlich eine Folge des großen Blutverluſtes— flößte ihm Schrecken ein. Roozeman ſprach mit heiterem Lächeln die Ue⸗ berzeugung aus, daß ſeine Wunde nicht von Be⸗ deutung wäre und ohne Zweifel in wenigen Tagen völlig geheilt ſein würde. Zur Bekräftigung ſeiner Worte ſprang er vom Bette auf; aber dieſe Bewe⸗ gung, Seite und ſ Zucken Cr herrſch K Roozer Verba iſt nat Schme „„ T Deine begaben te, um mſeinen nd Un⸗ gegen⸗ iſt doch nicht in n wird, Schinken aks, die wachte, in, der gte ihn hefände. heinlich te ihm die Ue⸗ n Be⸗ Tagen ſeiner Bewe⸗ 127 gung, wobei er ſich allzu ſehr auf die verwundete Seite neigte, entriß ihm einen halb erſtickten Schrei, und ſein Geſicht verzog ſich zu einem ſchmerzlichen Zucken. 8 Creps nahm ſeinen Freund in die Arme und ſprach in traurigem Tone: „Ach, mein guter Victor, Du verbirgſt mir Dein Leiden, um mich nicht zu betruben. Das Unglück, welches D Dir widerfahren iſt, benimmt mir allen Muth. Hätte nur ich die Wunde davon getragen; aber Du? Es zermalmt mir das Herz. Ach, wären wir in Belgien geblieben, in jenem geſegneten Lande, wo doch neben der Freiheit auch noch Recht und Sicherheit herrſchen!“ „Du erſchrickſt ohne Grund, Jan,“ antwortete Roozeman;„ich habe, vom Bett ſpringend, den Verband der Wunde aus ſeiner Stelle gerückt; es iſt natürlich, daß dieſe Bewegung mir ein Bischen Schmerz verurſacht.“ „Dieſen Morgen noch ſoll ein anderer Chirurg Deine Wunde ſorgfältig unterſuchen,“ murmelte Creps. „Das iſt ganz nutzlos, und überdieß haben wir nicht mehr die Mittel, den Chirurgen zu bezahlen.“ „Kwik hat noch Geld genug.“ Mit dieſen Worten wandte Jan die Augen nach dem Bette von Donatus, welcher die Gewohnheit hatte, mit der Decke über dem Kopf zu ſchlafen. „Schau, wo iſt er geblieben? Das Bett iſt leer!“ rief er. „Er iſt früh aufgeſtanden,“ antwortete Rooze⸗ 128 man;„er hat ſich ſtill angekleidet, um uns nicht zu wecken.“ „Ja, er hat mir lachend geſagt, er wolle aus⸗ gehen und ſein Ohrläppchen ſuchen.“ „Ich begreife, ich begreife,“ murmelte Creps. „Donatus Kwik beſitzt noch einige hundert Francs; er iſt ſchlau, er iſt in der Stille aufgeſtanden und hat ſich auf die Beine gemacht, um ſeine Dollars nicht für uns ausgeben zu müſſen. Er hat Recht, Ali das Geſetz von Kalifornien: Jeder für ſich ſelbſt.... „Nein, Jan,“ fiel ihm Roozeman ins Wort,„der⸗ gleichen darfſt Du von Donatus nicht denken. Er mag zuweilen grob und albern ſein; aber er iſt dank⸗ bar und gutherzig.“ „Wir werden ſehen. Mich ſollte es nicht ver⸗ wundern, wenn Donatus die Dollars, welche er Dei⸗ ner Güte zu danken hat, für ſeinen ausſchließlichen Gebrauch zu behalten ſuchte. Kalifornien iſt das Land der ſchrecklichſten Selbſtſucht; man athmet hier dieſe häßliche Geſinnung mit der Luft ein.“ „Deine innige Freundſchaft gegen mich und Deine unbegründete Bekümmerniß wegen meiner Wunde machen Dich ſchwermüthig, Jan; ſonſt würdeſt Du den armen Jungen nicht einer ſolchen Niederträchtig⸗ keit fähig halten. „Es mag ſein, Victor, wir werden es bald er⸗ fahren. Laß uns nun einmal kaltblütig von unſe⸗ rer eigenen Lage reden. es können noch viele Tage vergehen, ehe die Direc⸗ toren der Geſellſchaft Califkornienne in San Fran⸗ Wir beſitzen nichts mehr; cisco ginnen „ werden und ne verdier und deo tragen ſo wei⸗ „A gerliche ſtellung ſie iſt Natur Geiſt i Leiden nicht zu le aus⸗ Creps. Francs; en und Dollars eßlichen iſt das net hier ) Deine Wunde eſt Du rächtig⸗ ald er⸗ m unſe⸗ mehr; Direc⸗ Fran⸗ 129 cisco anlangen. Was ſollen wir inzwiſchen be⸗ ginnen? „Das iſt ganz einfach,“ bemerkte Roozeman.„Wir werden auf dem Boden, unter einem Zelte, ſchlafen und nach Mitteln ſehen müſſen, einige Dollars zu verdienen, und ſollten wir nach dem Hafen gehen und dort warten, bis wir Reiſegepäck und Koffer zu tragen bekommen.“ „Allerdings, Victor, das wird für mich noch das nächſte Mittel ſein. Aber Du auf dem Boden ſchla⸗ fen? Du arbeiten und Dich anſtrengen und Gefahr laufen, daß Deine Wunde ſich entzünde? Das ſoll nicht geſchehen, und müßte ich Tag und Nacht gleich einem Sclaven arbeiten und nur von Waſſer und Brod leben! Auf dem Boden ſchlafen, Du, der Du ſo weichlicher Natur biſt.“ „Aber Jan,“ erwiederte Roozeman mit halb är⸗ gerlichem Lächeln,“ Du haſt eine ganz verkehrte Vor⸗ ſtellung von mir. Ich danke Dir jedoch darum, denn ſie iſt eine Folge Deiner Freundſchaft. Weichlicher Natur bin ich allerdings bei gewiſſen Dingen, welche Geiſt und Gemüth berühren; aber was körperliche Leiden oder Entbehrungen betrifft, ſo darfſt Du über⸗ zeugt ſein, daß ich ſie ebenſo gut wie Du ertragen kann. Nun, nun, keinen Verdruß; laß' uns zum Frühſtück hinahgehen. „Frühſtück?“ murmelte der Andere.„Womit ſollen wir daſſelbe bezahlen.““ „Donatus wird bei ſeiner Rückkehr zahlen.“ „Ja, Donatus? Lauf ihm nach! Nein, Victor, Du bleibſt hier; Du nimmſt ein gutes Frühſtück ein, Conſcience, das Goldland. I. 9 130 es iſt zur Herſtellung Deiner Kräfte nothwendig. Ich will inzwiſchen ausgehen und einen Taglohn zu verdienen ſuchen. So werde ich wohl die Mittel finden, um Dich hier bis zur Geneſung von Deiner Wunde im Quartier zu laſſen. Auf Kwik zu war⸗ ten, wäre eine trügeriſche...... 7 „He, he, da iſt Kwik!“ rief Donatus, die Thüre aufreißend. Die Antwerpener wichen erſtaunt zurück. Da ſtand Donatus vor ihnen, mit einem rothen Gürtel um die Lenden, in welchem ein Dolchmeſſer von anderthalb Fuß Länge und zwei Revolver ſteckten. Unter dem Arm trug er zwei Meſſer von geringerer Länge und noch ein paar Gürtel von rother Seide. Er trug den Kopf ſtolz in die Höhe gerichtet und ſuchte ſich ein möglichſt kriegeriſches Anſehen zu geben. „Wie ſo, woher kommſt Du? Was bedeutet das?“ murmelte Creps. „Was es bedeutet?“ antwortete Donatus, ſein langes bedeutet, daß ich den erſten beſten, der mich noch ſchief anſieht, an dieſe Spitze ſtecken werde, gleich einem Spanferkel. Ich bin dem rothen Knebelbart vom Jonas auf der Straße begegnet und ihm auf den Leib gelaufen! aber er that wohl daran, daß er ſich ſtellte, als bemerkte er es nicht, denn ſonſt, wahrhaf⸗ tig, wäre es ihm durch den Leib gegangen, wie durch einen Käſelaib.“ Aber woher haſt Du dieſe Waffen bekommen?“ „Bekommen? Es iſt hier durchaus Nichts zu be⸗ kommen. Ich habe ſie gekauft. Die Revolver und die Meſſer koſten nur die Kleinigkeit von dreihundert⸗ v k. Da Gürtel eer von ſteckten. ringerer Seide. tet und u geben. t das?“ langes .„Das ſch ſchief h einem rt vom nuf den ß er ſich vahrhaf⸗ ie durch nmen?“ zu be⸗ bver und hundert⸗ 131 fünfundſiebenzig Francs. In Mecheln hätte ich einen Waffenſchmiedsladen dafür halb auskaufen können.“ „So viel Geld verſchwenden,“ ſagte Jan ver⸗ weiſend, in dem Augenblick wo der arme Rooze⸗ man verwundet iſt und unſeres Beiſtandes ſo ſehr bedarf.“ „Dafür iſt geſorgt!“ fiel ihm Donatus ins Wort. „Eſſen iſt hier zu Land nicht das Erſte, wie bei uns; ein Revolver iſt das Erſte. Was mich betrifft, ſo habe ich an dieſem langen Meſſer genug; die Re⸗ volver und die beiden andern Meſſer habe ich für Sie gekauft. Da nehmen Sie und preiſen Sie mei⸗ nen Scharfſinn! denn Sie werden davon mehr Nutzen haben, als von einem guten Mahle und einem weichen Bette. Ich habe für Alles geſorgt: hier ſind die Gürtel, um die Piſtolen hineinzuſtecken. Jezt werden wir wenigſtens zwiſchen dieſer Räuberbande auf der Straße hin⸗ und hergehen können, mit dem Kopf in der Höhe und bereit zur Vertheidigung unſeres Le⸗ bens, unſerer Ohren und unſeres Beutels...... ſo⸗ bald wieder Etwas hineinkommt, denn jetzt iſt er ſo flach wie ein Blatt Papier.“ „Haſt Du denn kein Geld mehr?“ fragte Victor mit einer gewiſſen Angſt.„Wir müſſen hier noch neun Dollars Schlafgeld zahlen.“ „Unvorſichtiger!“ brummte Creps;„jezt wiſſen wir erſt nicht, wie wir Etwas zu Eſſen bekommen.“ Für alles dies iſt geſorgt,“ antwortete Kwik mit einem ſchlauen Lächeln.„Ah, Sie meinen, der arme Donatus ſei ſo dumm, als er ausſieht? Nein, nein; ich habe heute ſchrecklich viel Arbeit abgethan. Setzen Sie ſich nieder: meine Erklärung könnte ein Bischen 132 lang dauern. So! Nun hören Sie, was ich gethan habe.“ Die zwei Freunde ließen ſich verwundert und neugierig auf eine Bank nieder. „Die ganze Nacht habe ich von Männern mit Revolvern und Meſſern geträumt,“ ſagte Donatus, „und im Traume habe ich geheult vor Wuth, daß ich keine Waffen zu meiner Vertheidigung hatte,— denn ich weiß doch wahrhaftig nicht, warum wir uns gleich Schafen von dieſen kaliforniſchen Schubiaks ſollen umbringen laſſen! Selbſt ein Eſel ſchlägt aus, wenn man ihm wehe thut. Dann habe ich beſchloſſen, uns vom Kopf bis zu den Füßen zu bewaffnen. Iſt ein Revolver zu wenig da, ſo kommt es daher, daß ich nicht Geld genug hatte. Sie nennen mich unvorſichtig? Sie glauben, ich habe an den Zuſtand von Herrn Roozeman nicht gedacht? Ehe ich das Hotel verließ, habe ich dem Wirth neun Dollars Schlafgeld für die vergangene Nacht und überdieß noch 300 Francs gegeben zur Bezahlung dafür, daß Herr Victor noch acht Tage hier bleiben kann.“ „Dank, Dank, Donatus, Du biſt eine gute Seele und ein wackerer Junge!“ rief Creps, indem er ihm warm die Hand drückte.“ „Laſſen Sie mich fortfahren,“ nahm Donatus wieder das Wort.„In Kalifornien muß man ſelbſt für ſeines Vaters Kind ſorgen; man muß wenig ſprechen und viel thun und ſchnell thun. Ich bin in den Hafen zu dem Brüſſeler gegangen und habe ihm zwei Dollars verſprochen, wenn er mir Geſell⸗ ſchaft leiſte und guten Rath ertheile. Ich habe von ihm einen ganzen Haufen Dinge vernommen, welche uns San: geſagt wende uns 1. zu ſte es lat Handt fährte Dolla Speiſ ter; ſpann ſchreil rothen Flaſch den z penſ geſan Ein 1 und f zwei trägt weg. ſchen leeren zuwer von d beſſer das der E San gethan rtt und en mit dnatus, d, daß — denn gleich ſollen wenn 133 uns nüzlich ſein können; er kennt Kalifornien und San Francisco aus dem Fundamente. Ich habe ihm geſagt, daß unſer letztes Geld zu den Waffen ver⸗ wendet worden ſei, und ihn ſofort gefragt, was für uns nun am beſten zu thun wäre, um nicht Hungers zu ſterben. Im Hafen iſt zur Zeit wenig zu machen; es laufen dort zu viele Leute herum, welche das Handwerk verderben. Die meiſten unſerer Reiſege⸗ fährten vom Jonas ſchweifen dort herum, einige Dollars zu verdienen. Der Edelmann von Ihrer Speiſegeſellſchaft trägt tannene Bretter auf der Schul⸗ ter; der deutſche Bankier iſt an einen Karren ge⸗ ſpannt und führt Waarenballen mit dem Zeitungs⸗ ſchreiber und dem Advokaten. Der Kamerade des rothen Knebelbarts ſucht weggeworfene Korkſtöpſel, Flaſchen und ſchmuzige Lappen für einen alten Ju⸗ den zuſammen, der mit dieſem Gewerbe eines Lum⸗ penſammlers im Großen ſich bereits Schätze geſammelt hat. Es gehen hier hübſche Dinge vor. Ein neues baumwollenes Hemd koſtet einen Dollar; und für das Waſchen deſſelben muß man wahrhaftig zwei und einen halben Franc bezahlen! Jedermann trägt ein Hemd ſo lang er kann, und wirft es dann weg. Der Jude kommt, hebt es auf, läßt es wa⸗ ſchen und verkauft es für neu. So auch mit den leeren Flaſchen, welche man hier zum Fenſter hinaus⸗ zuwerfen pflegt. Die Spielhäuſer müſſen die Flaſchen von dem Juden wieder aufkaufen. Hätte ich kein beſſeres Handwerk gefunden, ich würde ſelbſt Jude, das heißt Lumpenſammler. Aber ich komme von der Sache ab. Der Brüſſeler kennt viele Leute in San Francisco. Er iſt mit mir von Haus zu Haus 134 gegangen, um ein Pöſtchen für Sie und mich zu ſuchen. Ich bin als Geſchirrſpüler und Tellerwiſcher in einer großen Reſtauration zu fünf Dollars per Tag angenommen, neben freier Koſt und Nachtquar⸗ tier in einer Art von Hundeloch zwiſchen den Mund⸗ vorräthen. Jezt werde ich wenigſtens nicht Hungers ſterben. Für Herrn Creps habe ich etwas Beſſeres gefunden: Knecht bei einem Fleiſcher..... 2 „Knecht bei einem Fleiſcher?“ rief Jan mit ſpöt⸗ tiſchem Lachen.„Da laſſe ich mich noch lieber in einen Karren ſpannen, gleich dem deutſchen Bankier!“ „In der That,“ ſagte Donatus,„die Fleiſcher treiben hier ein ſonderbares Handwerk. Es hing da vor der Thüre eine große, häßliche, graue Beſtie mit ſchrecklichen Zähnen. Ich glaubte, die Ochſen in Ka⸗ lifornien müßten ſo langes Haar haben, aber der Brüſſeler ſagte mir, es ſei ein Bär. Die Menſchen eſſen hier wahrhaftig Bärenfleiſch; es wundert mich nicht, daß ſie ſo bösartig ſind! Sie wollen alſo kein Mezgerknecht werden, Herr Creps; nun ich habe Stellen für Sie zur Auswahl. In dem großen Spiel⸗ hauſe iſt noch ein Plaz für einen pailjas offen...“ „Pailjas? Was bedeutet das? Ei, Donatus, mir dünkt, unſere Verlegenheit iſt groß genug, um nicht noch darüber zu ſpotten!“ „Das bedeutet: acht Dollars täglich, um als Lockvogel mit des Bankiers Geld zu ſpielen. Hätte ich drei oder vier Sprachen reden können, wie Sie, ich würde wohl das Pöſtchen angenommen haben.“ „Und ich begehre es nicht; es wird wohl etwas Anderes zu finden ſein.“ „Noch einen Plaz weiß ich: Stiefelpuzer, Fla⸗ eigen „ und Sie 2 man Gelä holte Apfe kauft Fran ohne ſeler⸗ Plaz nich zu rwiſcher ankier!“ Fleiſcher hing da eſtie mit in Ka⸗ ber der denſchen rt mich lſo kein h habe Spiel⸗ 2n... us, mir m nicht um als Hätte die Sie, haben.“ l etwas 135 ſchenſpüler und Lampenanzünder in dem großen Hotel gerade vor dem Hafen. Sieben Dollars ohne Koſt und Nachtquartier.“ Jan ſchüttelte ungeduldig den Kopf. „Sie dürfen nicht ſo heikel ſein, Herr Jan,“ bemerkte Donatus,„Sie werden Reiſegefährten vom Jonas, ſelbſt erſter Klaſſe ſehen, welche ſämmtlich andere ſeltſame Handwerke treiben! Was ſollte Sie hindern, hier im Hotel Ihr Nachtquartier zu nehmen, bis Herr Roozeman geneſen iſt? Drei von ſieben bleibt doch immer vier.“ „Du haſt Recht,“ ſprach Jan plözlich;„wohlan, ich will Stiefelpuzer werden.“ „Und für mich haſt Du Nichts gefunden?“ fragte Roozemann.„Du wirſt doch nicht glauben, daß ich hier von der Frucht Eurer Arbeit wie von meinen eigenen Renten leben ſoll?“ „Für Sie wenigſtens habe ich einen gemächlichen und guten Plaz,“ antwortete Donatus,„obwohl Sie vielleicht darücher lachen werden: Ladenburſche .... das heißt Commis in einem Obſtladen.“ Wirklich brachen die beiden Freunde, ſo wenig man Grund zur Fröhlichkeit hatte, in ein ſchallendes Gelächter aus. „Es iſt ernſtlich, ſehr ernſtlich gemeint,“ wieder⸗ holte Kwik.„Da iſt ein großes Zelt, wo man Apfelſinen, Citronen, Feigen und anderes Obſt ver⸗ kauft. Der Herr braucht Jemand, der Engliſch und Franzöſiſch ſchreiben kann. Er gibt ſechs Dollars ohne Koſt und Nachtquartier, Auf Bitten des Brüſ⸗ ſelers, der ihm viele Kunden zuführt, wird er den Plaz noch fünf bis ſechs Tage offen laſſen. Sie 136 werden am beſten daran ſein, Herr Roozeman; es iſt wenigſtens ein reinliches und ehrliches Hand⸗ werkchen.“ „Ich danke Dir, Freund Donatus,“ ſagte Victor, „und ich nehme den Plaz mit Freuden an.“ „Stiefelpuzer in einem Hotel!“ ſcherzte Jan. „Tellerwiſcher in einer ſchmuzigen Garküche!“ brummte Donatus. „Buchhalter in einem Obſtladen! Wenn das meine Mutter, wenn das Lucia wüßte!“ lachte Vie⸗ tor, den Kopf ſchüttelnd. „Was thut's?“ fiel Donatus ein. Sobald wir die Minen ſehen und das Gold mit vollen Händen zuſammenſcharren können, wird Alles vergeſſen ſein. Ich werde Aennchen und meinen Kindern um ſo mehr zu erzählen wiſſen....“ 4 „Alſo, Hurra für Kalifornien!“ rief Creps. „Der Anfang iſt wunderbar ſchön, auf mein Wort. Nun, wir wollen es uns nicht allzuſehr zu Herzen nehmen. Unſer Freund Roozeman ſcheint ſtark und wohlgemuth. Dieß iſt die Hauptſache. Im Uebri⸗ gen müſſen wir aus der Noth eine Tugend machen. Es wird, Gottlob, nicht lang dauern. Vielleicht kommen die Direktoren der Californienne morgen oder übermorgen ſchon an. In Erwartung deſſen will ich mich ſchnell nach dem großen Hotel begeben, um zu ſehen, wann ich meinen Dienſt als Stiefel⸗ puzer antreten kann.“ „Ich werde mit Dir ausgehen,“ ſagte Victor. „Und Deine Wunde? Du wirſt Dich ſtill halten müſſen.“ „Nein, denke nicht an meine Wunde; ſie wird ſcheinl ſein, Für Feuer ſelbſt Ro an; es Hand⸗ Victor, an. küche!“ in das hte Vic⸗ ld wir Händen n ſein. o mehr Creps. Wort. Herzen rk und Uebri⸗ nachen. elleicht norgen deſſen egeben, Stiefel⸗ ctor. halten wird 137 von ſelbſt heilen. Ich bin neugierig, meinen Obſt⸗ laden zu ſehen.“ „Was mich betrifft,“ bemerkte Kwik,„ſo werde ich dieſen Nachmittag um zwei Uhr mit bloßen Armen in dem fetten Spülwaſſer herumfahren, daß es eine wahre Freude ſein ſoll.“ „Hätten wir nur erſt Etwas zu eſſen, murmelte Creps,„ein leerer Magen gibt nicht viel Muth.“ „Das Frühſtück habe ich bezahlt, ehe ich dieſen Morgen ausging,“ ſagte Donatus. „Du biſt ein Wunder von Vorſicht und Sorg⸗ falt,“ frohlockte Jan, ihm auf die Schulter klopfend. „Ich glaube, daß ich mich in Dir geirrt habe, Freund Kwik.“ „Möglich,“ war die Antwort;„aber wäre Herr Victor nicht krank geweſen, ſo würde Donatus wahr⸗ ſcheinlich nicht die ganze Nacht ſchlaflos geblieben ſein, um darüber nachzudenken, was zu thun wäre. Für Herrn Roozeman vermag ich Alles: durch ein Feuer zu gehen, mir ein Glied abhauen zu laſſen, ſelbſt Verſtand zu bekommen, wahrhaftig!“ Roozeman faßte ſeine Hand und drückte ſie dank⸗ bar, denn der junge Bauer hatte die letzten Worte mit wahrem Gefühl geſprochen, und der Antwerpener wußte, daß Donatus ihm ſeit der Affaire mit der Löwengrube auf dem Jonas ſehr ergeben war. „Wohlan, laßt uns alſo zum Frühſtück gehen!“ rief Jan. „Nein, ſo nicht,“ ſagte Kwik;„Sie müſſen die Gürtel anlegen und die Revolver hineinſtecken. Von nun an dürfen dieſe Waffen Sie keinen Augenblick verlaſſen, weder in Ihrem Zimmer, noch auf der Straße, noch an der Arbeit. Der Brüſſeler hat mir das geſagt. In der That. Sie könnten dieſelben ſelbſt während des Schlafes nöthig haben. Wozu ſollten ſie Ihnen dienen, wenn Sie dieſelben nicht im Augenblick der Gefahr zur Hand hätten?“ „Um damit zum Frühſtück zu gehen,“ murmelte Victor, der wenig geneigt ſchien, dieſe mörderiſchen Waffen zu tragen. Aber Donatus legte ihm ſelbſt den Gürtel an und ſteckte die Piſtole hinein, indem er ſagte: „Zum Frühſtück? Und wenn die abſcheulichen Burſchen von geſtern wieder am Tiſche ſäßen und mit uns Streit ſuchten?.... Sehen Sie, ſo laſſen Sie die Räuber jetzt nur kommen! Ich gäbe eine Woche von meinem Taglohn dahin, wenn ich den Schubiak treffen könnte, der mit meinem Ohrläpp- chen davon gegangen iſt. Er ſollte ſchön ausſehen mit einem Kopf wie ein Huhn, ohne eine Spur von Ohren!“ V „Aber mein guter Donatus, Du mußt vorſichtig ſein und Dir nicht durch Deine Hitze einen böſen Handel auf den Hals laden. Deine Worte laſſen mich befürchten, daß Du einen unbeſonnenen Gebrauch von Deinem ſchrecklichen Meſſer machen könnteſt.“ „Bah, ich bin nicht ſo böſe, als ich mir das Ausſehen gebe,“ lachte Kwik,„Kühn geſprochen iſt halb gefochten,“ ſagt das Sprichwort. Ich werde Niemand herausfordern, und ſogar nur allzuviel er⸗ tragen; aber, aber, wahrhaftig wenn Jemand.. „Das Frühſtück! das Frühſtück!“ rief Jan, wäh⸗ rend er ſeine beiden Genoſſen zur Thüre hinausſchob. Vi ter der men. nicht! Geſche reinig. ſäuber Speiſt D in eine ein po obwoh Kwik wohl er nic fühle ſchmu ſich o tröſtet ſpüler Paris der I nen T ſchlee zu la zu be Kücht hat mir jeſelben Wozu en nicht turmelte eriſchen rtel an eulichen ben und o laſſen be eine ich den hrläpp⸗ usſehen ur von V drſichtig böſen laſſen ebrauch eſt.“ lir das chen iſt werde viel er⸗ 1 , wäh⸗ asſchob. 139 XIV. Die Wilden. Vier Tage ſpäter hatte Victor ſeinen Platz hin⸗ ter dem Ladentiſch bei dem Obſtverkäufer eingenom⸗ men. Seine Wunde heilte ſchnell und hinderte ihn nicht mehr an der Verrichtung des ihm auferlegten Geſchäfts. Creps putzte Stiefel, ſpülte Flaſchen und reinigte Lampen in dem Hotel am Hafen; Donatus ſäuberte das Geſchirr und half dem Koch bei dem Speiſewirth in dem großen Zelte. Die drei Freunde kamen gewöhnlich Abends ſpät in einem Kaffeehauſe zuſammen und ſchwatzten daſelbſt ein paar Stunden über ihre Lage. Jan Creps ſchien. obwohl er über das Pöſtchen, welches ihm durch Kwik verſchafft worden war, unbändig lachte, gleich⸗ wohl am wenigſten zufrieden, und er geſtand, daß er nicht ſelten ſeine Stirne vor Schamröthe erglühen fühle, wenn einer der Kellner ihm einen Haufen ſchmutziger Stiefel hinwerfe und ihm barſch gebiete, ſich ans Werk zu machen. Was ihn dabei wieder tröſtete war, daß er beim Stiefelputzen und Flaſchen⸗ ſpülen einen Franzoſen zum Genoſſen hatte, der zu Paris mit Kutſche und Pferden gefahren war und in der That ſich als einen ſehr gebildeten, wohlerzoge⸗ nen und anſtändigen Mann zeigte. Die Freunde hatten in anderer Hinſicht es nicht ſchlecht; ſie verdienten genug, um ſich nichts abgehen zu laſſen und jeden Tag ſogar einige Dollars übrig zu behalten. Kwik, welcher in einer wohlverſehenen Küche lebte und nicht ſo genau darauf ſah, ob die 140 Brocken bereits auf einem Teller gelegen waren oder nicht, wurde ſchon nach der erſten Woche ſichtbar dick, und ſein Angeſicht begann durch einen unnatür⸗ lichen Glanz zu zeigen, daß er nicht viel von dem ſogenannten Abfall verloren gehen ließ. Der Brüſſeler brachte beinahe jeden Abend mit Jan Creps und ſeinen Freunden zu; ſie bezahlten ihm ſeine Zeche und hörten mit großer Neugierde auf das, was er ihnen von ſeinem Aufenthalt in den den placeres oder Goldminen erzählte. Dieſe Schil⸗ derung zeigte allerdings Spuren von abſtoßender Bosheit, von Gewalt und Mord; und ſicherlich waren die Worte des Erzählers nicht von der Art, um den Eindruck davon zu mildern; aber die Antwerpener gewöhnten ſich allmälig mehr oder minder an die Dinge wie ſie in Kalifornien waren, und glaubten überdieß annehmen zu dürfen, daß ihr neuer Kame⸗ rade ſeine Erlebniſſe etwas ausmale, um ihnen ſeinen Muth und ſeine Gewandtheit in ein deſto glänzen⸗ deres Licht zu ſtellen. Er ſprach ſich ſehr ausführ⸗ lich über die Buschrangers und Salteadores oder Strauchdiebe aus, welche die Reiſenden überfallen und ermorden; über die Vaqueros, welche mit einem Laſſo oder Strick einen Menſchen gleich einem wilden Pferde abfangen und jede Vertheidigung unmöglich machen; von dem ſchrecklichen grizzly oder grauen Bären, welcher mit einem Druck ſeiner mächtigen Arme einen Menſchen erſticke, und vor Allem von⸗ den wilden Kaliforniern, welche ihren armen Kriegs⸗ gefangenen in einem Augenblick das Haar vom Haupte mit Haut und Allem daran abzuziehen wiſſen, um daraus einen Kriegsputz zu machen. Au hervorg ſein di Sutter Vorthe beuten, bauen. Mühln Goldes ſchnelli Monte großer nate 1 die M beſchäf liefen wunde und n lige S ſucher kalifor⸗ als Fe rechtm erſt a⸗ ſie mit um di zu üb een oder ſichtbar mnatür⸗ on dem nd mit zahlten ugierde in den Schil⸗ ßender waren im den erpener an die aubten Kame⸗ ſeinen änzen⸗ sführ⸗ oder rfallen einem vilden nöglich grauen chtigen n von⸗ riegs⸗ vom viſſen, 141 Auf eine Bemerkung der Antwerpener, woraus hervorging, daß ſie nicht ganz an das Vorhanden⸗ ſein dieſer Gefahren glauben konnten, gab ihnen Pardoes, der gern viel ſprach, folgende Aufflärungen. „Sie müſſen wiſſen, welches die Urſache von die⸗ ſem Allem iſt. Es ſind kaum etwa zwei Jahre her, daß man zuerſt hier die Goldminen entdeckt hat. Es war ein Mann ſchweizeriſcher Abkunft, mit Namen Sutter; dieſer wollte einen Verſuch machen, um mit Vortheil die Tannenwaldungen Kaliforniens auszu⸗ beuten, und ließ zu dieſem Zweck eine Waſſermühle bauen. Man fand in der Erde, welche durch das Mühlwaſſer weggeſpült wurde, eine große Menge Goldes. Die Kunde davon verbreitete ſich mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit. Einwohner von San Francisco und Monterey, Mexikaner und Sonorianer kamen in ſo großer Anzahl herbeigelaufen, daß bereits drei Mo⸗ nate nach der Entdeckung viertauſend Menſchen um die Mühle von Herrn Sutter herum mit Goldſuchen beſchäftigt waren. Beamte, Officiere, Soldaten, Alle liefen nach den Minen weg. Als etwas ſpäter die wunderbare Zeitung nach den Vereinigten Staaten und nach Europa gedrungen war, brachten unzäh⸗ lige Schiffe Tauſende und Tauſende fremder Gold⸗ ſucher herbei. Die Einwohner von Mexiko und der kaliforniſchen Küſte betrachteten dieſe Ankömmlinge als Feinde ihres Vaterlandes und als Räuber ihres rechtmäßigen Eigenthums. Sie ſuchten dieſelben zu⸗ erſt aus den Minen zu vertreiben und überfielen ſie mit gewaffneter Hand; aber nicht mächtig genug, um die verſammelten Goldgräber in den placeres zu überwältigen, zogen ſie ſich in die Waldungen 142 längs der Straßen zurück, um die einzelnen Reiſe⸗ geſellſchaften zu überfallen, auszuplündern und zu ermorden. Sie ſahen dieß anfangs als einen recht⸗ mäßigen Krieg an; jetzt thun ſie noch daſſelbe, theils aus Nationalhaß, theils aus Raubgier. Dieſe mexi⸗ kaniſchen Räuber nennt man, wenn ſie zu Pferde und mit dem Laſſo verſehen ſind, Vaqueros, wenn ſie zu Fuß ſind, Salteadores. Was die Buschrangers betrifft, ſo ſind dieſelben Fremdlinge, welche vom Raube leben und lieber den reiſenden Goldgräbern das koſtbare Metall abnehmen, als daß ſie es mit ſaurer Arbeit in den placeres ſuchen. Mit noch mehr Verdruß und Haß ſehen die kaliforniſchen Wilden dieſe zahlloſen Schwärme weißer Menſchen ihrem Vaterlande zuſtrömen. Sie ſind bereits bis auf zwanzig Stunden Entfernung von der Küſte zurück⸗ gedrängt; aber ſie kommen zu gewiſſen Zeiten mit großer Uebermacht von den hohen Gebirgen herab und ermorden die zerſtreuten Goldſucher. ſie in der Nähe geſehen, Freunde, und weiß davon zu erzählen! Ich glaube, daß ich zum Mindeſten vier oder fünf todtgeſchoſſen habe.“ Auf Andringen von den Flamändern, aber be⸗ ſonders von Donatus, begann Pardoes von ſeinem Kampfe gegen die ſchrecklichen Wilden zu erzählen, und er thut dieß ſo gut und mit ſolcher Anſchaulich⸗ keit, daß Kwik mit beklemmtem Herzen und beinahe athemlos ihm zuhörte und, als Pardoes ſeine Er⸗ zählung geendigt hatte, in ängſtliches Nachdenken verſank. Der Brüſſeler war zuerſt in den ſüdlichen Minen geweſen, hatte dort ſehr viel Elend durchgemacht Ich habe und nördli gefund ben, gräbe nach! Regen dazu Zuhöt la Ca gen, und aufzu D Ziele liforn mehr Dolla 3 von von? nem gräuf die S luſt und zurüc ermü Erzä Haut Reiſe⸗ und zu mrecht⸗ theils e mexi⸗ Pferde „ wenn rangers he vom gräbern es mit h mehr Wilden ihrem is auf zurück⸗ en mit herab h habe davon ndeſten ber be⸗ ſeinem zählen, Haulich⸗ beinahe ne Er⸗ hdenken Minen gemacht 143 und wenig Glück gshabt; dann war er nach den nördlichen Minen gegangen, hatte ziemlich viel Gold gefunden und würde die Gegend nicht verlaſſen ha⸗ ben, wenn die Regenzeit nicht die Arbeit der Gold⸗ gräber unmöglich gemacht hätte. Seine Abſicht war, nach den nördlichen Minen zurückzukehren, wenn die Regenzeit weiter vorgerückt wäre und er das Geld dazu erſpart hätte; denn er war nicht, gleich ſeinen Zuhörern, Mitglied und Actionär der Geſellſchaft la Californienne. Er mußte alſo für ſich ſelbſt ſor⸗ gen, um nach den placeres zurückkehren zu können, und durch Arbeit das Geld, deſſen er bedurfte, aufzubringen ſuchen. Die drei Freunde verſprachen, ihm zu ſeinem Ziele zu verhelfen, ſobald die Directoren der„Ca⸗ lifornienne“ angekommen wären, da ſie dann nicht mehr wüßten, was ſie mit ihren zuſammengeſparten Dollars anfangen ſollten. Was unter allen Beſchreibungen und Geſchichten von Pardoes den größten Eindruck auf das Gemüth von Donatus Kwik machte, war der Bericht von ſei⸗ nem Kampfe mit den wilden Kaliforniern und deren gräulicher Gewohnheit, ihren überwundenen Feinden die Schädelhaut abzuziehen. Vielleicht war der Ver⸗ luſt ſeines Ohrläppchens die Urſache ſeiner Furcht, und er kam ſo oft auf die Affaire mit den Wilden zurück, daß er den Brüſſeler durch ſeine Fragen zu ermüden begann. Eines Abends unterbrach er ihn wieder in ſeiner Erzählung mit den Worten: „Und haben die Wilden in der That eine rothe Haut?“ 144 „Gewiß, darum heißen ſie auch Rothhäute.“ „Ja, aber wie roth?“ „Dunkelroth, beinahe braun.“ „Und ſind ſie häßlich?“ „Abſcheulich.“ „Und ſchießen ſie mit vergifteten Pfeilen?“ „Man ſagt, daß ſie ihre Pfeile in den Saft einer giftigen Yedra oder Epheuart tauchen.“ „Und ſchneiden ſie wirklich einem Menſchen die Kopfhaube mit Haut und Haaren ab? Ach, ach, wenn ich daran denke, ſchaudert es mir bis in die Beine hinab.“ „Warten Sie,“ ſagte Pardoes,„ich will Ihre Neugierde befriedigen und Ihnen zeigen, wie die Wilden Jemand ſkalpiren; denn alſo nennt man die freundliche Behandlung. Halten Sie ſtill, Kwik, und bücken Sie ſich mit dem Kopfe.— Sehen Sie, ſo machen es dieſelben!“ Und mit dieſen Worten faßte er Donatus mit der linken Hand an ſeinen dichten Haaren und zog daran, als wollte er ſie ihm ausreißen, während er mit dem Nagel des Daumens an ſeiner rechten Hand beinahe ſchneidend einen Kreis rund um den Kopf des erſchreckten Jungen beſchrieb. „Es iſt geſchehen,“ rief er,„Sie haben weder Haut noch Haar mehr auf dem Kopf.“ Donatus, welcher fürchtete, es möchte Ernſt ſein, ſtieß einen Angſtſchrei aus, ſprang auf und ſchaute beſtürzt und bebend den Brüſſeler an, welcher ſich ſtellte, als verberge er wirklich Etwas hinter ſeinem Rücken. Ein langes Gelächter erfolgte von Seiten der Freun meine nes H geweſe welche tiefen hatte Ueberf der G Eit kunft voll F waren dern nienne ein Dre das Ge lich ſe allem placere Al⸗ dem S Anköm Frankr Ein S Con hen die ), ach, in die 1 Ihre hie die gan die Kwik, en Sie, us mit nd zog end er rechten im den weder ſt ſein, ſchaute her ſich ſeinem en der 145 Freunde, und Donatus ſtimmte ſelbſt in die allge⸗ meine Heiterkeit ein, ſobald er durch Betaſtung ſei⸗ nes Hauptes ſich verſichert hatte, daß es nur Scherz geweſen war. Die unangenehme Empfindung jedoch, velche er erfahren hatte, ließ ſeit dieſem Tage einen tiefen Eindruck in ſeinem Gemüth zurück, und man hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß die Ueberfälle der Wilden zu den geringſten Gefahren der Goldſucher gehören. XV. Der Bankerott. Eines Morgens, den fünften Tag nach der An⸗ kunft des Jonas, lief eine große Menge Menſchen voll Freude und Frohlockens nach dem Hafen. Es waren die Paſſagiere vom Jonas und noch zwei an⸗ dern Schiffen, welche die Geſellſchaft„La Califor⸗ nienne“ nach San Francisco geſchickt hatte. Es war ein Dreimaſter unter franzöſicher Flagge in Sicht, und das Gerücht hatte ſich unter den Leuten verbreitet, end⸗ lich ſeien die Directoren mit den Werkzeugen und allem ſonſtigen Bedarf, um die Actionäre nach den placeres zu führen, angekommen. Als endlich nach langem Warten ein Boot von dem Schiffe im Hafen anlangte, umringte man die Ankömmlinge und jeder wollte Neuigkeiten aus Frankreich und Kunde von der Calikornienne haben Ein Schrei der Verzweiflung und Wuth lief durch Conſeienece, das Goldland. I. 10 3 146 die Menge. Die Geſellſchaft la Californienne hatte Bankerott gemacht und beſtand nicht mehr! All die bezahlten Gelder waren alſo verloren, und die Ac⸗ tien, welche man den Paſſagieren eingehändigt hatte, nicht einen Centime mehr werth. War es nun ein coloſſaler Betrug, oder hatte die Geſellſchaft ſich in ihren Berechnungen getäuſcht, oder hatte ſie Ungl ück gehabt, die vier⸗ oder fünfhundert Actionäre zu San Francisco mochten nun ſehen, wie ſie ſich aus ihrer Verlegenheit retten konnene Faſt alle waren ohne Geld; viele, welche zu träge oder zu ſtolz geweſen, um zu arbeiten, hatten bisher elend gelebt und gleich einem Haufen Bettler unter freiem Himmel geſchlafen. Am Abend dieſes Tages waren die Antwerpener wieder mit dem Brüſſeler zuſammen, und natürlich wurde von nichts als dem Bankerott der Califor- nienne und von der neuen Lage, worein die ſchlimme Kunde ſie verſetzt hatte, die Rede. V „Ich hätte wohl Luſt, Ihnen einen Vorſchlag zu machen,“ ſagte endlich der Brüſſeler.„Sie haben mir einen Dienſt erzeigen wollen; ich beſitze die Mittel, mich für Ihre Freundſchaft erkenntlich zu beweiſen. Werden Sie Muth haben und Muth be⸗ währen? Donatus iſt kein Held, ich weiß es; aber er iſt ſtark und zäh; in den Placeres iſt dieß ein großer Vortheil. An Ihnen, Jan Creps, zweifle ich keineswegs, aber Roozeman, owohl ziemlich ſtark von Gliedern, ſcheint mir das Leben in den Minen nicht aushalten zu können. Er würde ſogleich das Heimweh bekommen, ſich entmuthigen laſſen und den Andern zur Laſt fallen. „B nig aus leicht 1 geſehen hen. I „ brumm⸗ ühlte. M „W tete der und lie denn m dort n. der Ar Geſinde „W wiedert Minen und m davon Sie ar gibt z1 der eit quim⸗? luſſes habe viel w ne hatte All die die Ae⸗ gt hatte, nun ein t ſich in Unglück zu San us ihrer ren ohne geweſen, lebt und Himmel werpener natürlich Califor- ſchlimme ſchlag zu ie haben eſitze die atlich zu NRuth be⸗ es; aber dieß ein veifle ich ich ſtark Minen leich das und den 147 „Bah, was Sie da ſagen!“ rief Donatus zor⸗ nig aus.„Herr Victor hat mehr Muth, als viel⸗ leicht wir alle. Hätten Sie ihn nur an der Arbeit geſehen, ſo wie ich, Sie würden wohl anders ſpre chen. Stille Waſſer gründen tief, Freund Pardoes. „Warum machen Sie ſolche Fragen an uns?“ brummte Victor, der ſich einigermaßen gekränkt fühlte. „Wäre ich an Ihrer Stelle, Roozeman,“ antwor⸗ tete der Brüſſeler,„ich bliebe in meinem Obſtladen und ließe meine Freunde nach den placeres gehen; denn man braucht viel Muth und harte Glieder, um dort nicht zu unterliegen, ſei es unter dem Druck der Arbeit, oder unter den Angriffen räuberiſchen Geſindels. „Was Sie ſagen, mag wahr ſein, Pardoes,“ er⸗ wiederte Victor ſehr ruhig,„aber daß ich nach den Minen gehen würde, und wenn ich ganz allein wäre und wenn hundertmal mehr Gefahren bevorſtänden, davon dürfen Sie überzeugt ſein. Sie ſehen mich alſo gleichfalls für ein ſo ſchwaches Weſen an? Kann man denn keinen Muth haben, ohne zu fluchen und grob herauszuſchwatzen? „Nun, laſſen Sie es beruhen,“ entgegnete der Brüſſeler.„Ich will Etwas für Sie thun. Hören Sie aufmerkſam auf das, was ich ſagen werde. Es gibt zwei Wege, um nach den Minen zu gelangen; der eine führt nach Süden, längs des San Joa⸗ quim⸗Fluſſes, der andere nach Norden, längs des Fluſſes, welcher Sacramento genannt wird. Ich habe beide Wege ſchon gemacht. Im Süden iſt viel weniger Gold als im Norden, und überdieß iſt —— dort eben die Gegend, wo die Wilden ſich am mei⸗ ſten zeigen. Unſer Freund Kwik würde darum nicht ſonderlich gern dorthin ziehen. Die Reiſe nach dem Norden iſt allerdings viel länger und beſchwerlicher; aber die placeres ſind reicher und ausgedehnter. Was mich jedoch am meiſten antreibt, dorthin zu⸗ rückzukehren, iſt ein wichtiges Geheimniß, das ich Ihnen anvertrauen will. Rücken Sie näher, Kame⸗ raden, und hören Sie wohl zu. Es ſind keine drei Monate her, daß ich noch mit Goldwaſchen am Ufer des Nuba⸗Fluſſes beſchäftigt war. Ich hatte ziem⸗ lich Glück und mußte, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, die placeres wider Willen verlaſſen, weil die Regenzeit das Arbeiten unmöglich machte. Auf meiner Rückreiſe hatte ich unter Andern einen Schweizer zum Gefährten, welcher kränklich war und deßhalb nach Europa heimkehren wollte. Unterwegs erwies ich ihm manche Dienſte und vertheidigte ſo⸗ gar ſein Leben mit meinem eigenen Blute, denn ich empfing in einem Gefecht gegen die Buſchrangers einen Dolchſtich in den Arm. Dieſer Schweizer trug unter ſeinen Kleidern einen ledernen Gurt voll Pe⸗ pitas und großen Goldkörnern. Um mich für niei 1 nen Beiſtand zu belohnen, vertraute er mir an, er habe dieſes Gold an einem bis dahin noch unbe⸗ kannten Ort gefunden, wo die Pepitas in ſolcher Menge vorhanden wären, daß man ſie nur, ohne irgend eine Arbeit, von dem Boden aufzuheben brauche. Dieſer Ort iſt ſehr hoch in der Sierra Nevada oder im Schneegebirge, zwiſchen den Quellen des YNuba und des Federfluſſes gelegen; und er hat ihn mir ſo genau beſchrieben, und ſo viel Kennzei⸗ chen an des Lo beinahe an, um ſchaft e ſchaftlie den G ſchlag, „Je „G den zu deſtens können nach de waſchen „O abreiſer „N iſt noch rüſtet.“ „K hier nu Bischen wir nu den doe als wi „M wünſche „Al den bet morgen am mei⸗ zum nicht nach dem verlicher; edehnter. rthin zu⸗ das ich r, Kame⸗ eine drei am Ufer tte ziem⸗ n geſagt weil die e. Auf n einen war und iterwegs digte ſo⸗ denn ich hrangers zer trug voll Pe⸗ für mei⸗ an, er ch unbe⸗ ſolcher r, ohne fzuheben Sierra Quellen der hat Kennzei⸗ chen an die Hand gegeben, daß ich, mit dem Boden des Landes wohl bekannt, den goldreichen placer beinahe mit verbundenen Augen finden könnte. Wohl⸗ an, um Ihnen zu zeigen, daß ich für Ihre Freund⸗ ſchaft erkenntlich bin, ſchlage ich Ihnen vor, gemein⸗ ſchaftliche Sache zu machen und mit einander nach den Goldminen zu reiſen. Nehmen ſie den Vor⸗ ſchlag an?“ „Ja, ja,“ riefen die Andern erfreut. „Gut; ich werde noch ein paar ſtarke Kamera⸗ den zu gewinnen ſuchen;— denn wir müſſen min⸗ deſtens zu Sechſen ſein, um mit Erfolg arbeiten zu können: zwei müſſen die Erde aufgraben, zwei ſie nach dem Fluſſe tragen und zwei das Gold heraus⸗ waſchen.“ „O, Pardoes, lieber Pardoes, laß uns morgen abreiſen!“ rief Donatus. „Nein, ſo ſchnell geht es nicht. Die Jahreszeit iſt noch nicht günſtig, und wir ſind noch nicht ge⸗ rüſtet.“ „Kwik hat Recht,“ bemerkte Victor.„Warum hier nutzlos ſo viel Zeit verlieren? Warum vor ein Bischen Noth, minder oder mehr, zurückbeben; wenn wir nur den Goldminen näher kommen. Wir wer⸗ den doch mit ſo viel Leiden nicht zu kämpfen haben, als wir auf dem Jonas durchmachen mußten.“ „Meinen Sie?“ ſcherzte der Brüſſeler.„Ich wünſche, daß Sie ſich nicht täuſchen.“ „Aber wiſſen Sie denn nicht, Parddoes? Von den betrogenen Actionären der Caliſornienne werden morgen wohl zweihundert abreiſen, ſowohl nach dem 150 Norden, als nach dem Süden. Die meiſten beſitzen keine fünf Dollars.“ „Laſſen Sie dieſelben nur gehen,“ antwortete der Brüſſeler mit einem ſeltſamen Lächeln.„Sie wiſſen nicht, was ſie thun. Viele werden vielleicht niemals die placeres ſehen, und es ſollte mich nicht wun⸗ dern, wenn wir unterwegs hie und da Leichen oder entfleiſchte Gerippe fänden, welche von ihrer Unbe⸗ ſonnenheit Zeugniß geben. Ah, Sie glauben, daß man nach den Nordminen wie von Bruüſſel nach Antwerpen gelangen könne? Sie werden es ſehen und erfahren. Und wäre die Jahreszeit günſtig und wären wir ganz gerüſtet, ich würde nichts deſto weniger Aufſchub empfehlen, und zwar aus folgen⸗ dem Grunde. In wenigen Tagen werden von San Francisco vielleicht drei⸗ oder vierhundert Actionäre der Californienne nach den placeres reiſen, ohne Geld, ohne genügende Mundvorräthe und ohne die nöthigen Geräthſchaften. Der Hunger, die Noth und das Elend werden einen großen Theil dieſer Menſchen zu Dieben und Mördern machen, denn in Kalifornien kennt man kein anderes Geſetz, als die Gewalt, und der Stärkere raubt hier dem Schwächern, was er zu beſitzen wünſcht. Auch werde ich dießmal mich nicht auf die Reiſe machen, ehe jeder von uns ein Gewehr hat: der Revolver iſt gut für Streitig⸗ keiten in den Minen; aber auf dem Marſche, wo man zuweilen aus weiter Ferne mit Kugeln ange⸗ griffen wird, ſind Gewehre das nothwendige Ver⸗ theidigungsmittel gegen alle Gefahr. Inzwiſchen werde ich mich mit dem Ankauf von Allem, was uns nöthig iſt, beſchäftigen. Ich werde die meiſten Dinge —— brumn 5 genug Sie h ich?“ 28 an ſei n Brüſſe 8 geant ( „S gutes Rooze mit fo ſehen ſack. es ſo ceres als e wechſe zeuge Feuch zu we beſitzen 8rtete der ie wiſſen niemals cht wun⸗ hen oder er Unbe⸗ den, daß ſſel nach es ſehen günſtig hts deſto folgen⸗ von San lctionäre n, ohne ohne die ie Noth il dieſer denn in als die wächern, dießmal von uns Streitig⸗ che, wo in ange⸗ ge Ver⸗ zwiſchen vas uns n Dinge 151 bei Gelegenheit zu erhalten ſuchen; ſie werden auf ſolche Art uns nicht halb ſo theuer zu ſtehen kom⸗ men. Es iſt viel nöthig: Aexte, Spaten, Hacken, Schaufeln, Siebe, Keſſel, Decken, um darin zu ſchla⸗ fen, Segeltuch, um ein Zelt aufzuſchlagen, eine Wiege, um die Golderde zu waſchen, und noch vieles Andere. „Aber wann werden wir denn wirklich abreiſen?“ brummte Kwik unzufrieden. „Sobald das Wetter beſſer wird und wir Geld genug haben, um unſere Bedürfniſſe anzuſchaffen. Sie haben noch nicht viel erſparen können, denke ich?“ „Ich habe achtundzwanzig Dollars!“ rief Kwik, an ſeine Taſche ſchlagend. „Ja, aber Creps und Roozeman?“ fragte der Brüſſeler. „Ich dreißig. Ich einunddreißig,“ wurde ihm geantwortet. „Sie ſind reicher, als ich dachte. Es gibt ein gutes Mittel, um Ihre Dollars zu vermehren. Roozeman hat einen Reiſekoffer, der wahrſcheinlich mit feinen Hemden und anderer Leinwand wohl ver⸗ ſehen iſt. Donatus hat gleichfalls einen guten Reiſe⸗ ſack. Sie werden mir das alles geben und ich werde es ſo theuer als möglich verkaufen. In den pla- ceres trägt man keine Leinwand; man hat Nichts als ein Hemd von rothem oder blauem Flanell, und wechſelt niemals mit den Kleidern. Die Wollen⸗ zeuge ſind dort allein gut, ſowohl gegen Kälte und Feuchtigkeit, wie gegen Hitze.... Es beginnt ſpät zu werden, und ich bin müde. Geben Sie mir nun 15² jeder zehn Dollars, damit wir unſere Ankäufe auf gemeinſchaftliche Rechnung ſchon morgen beginnen können.“ Jan und Victor gaben das geforderte Geld her, ohne eine Bemerkung zu machen. Donatus dagegen ſuchte mit einem verlegenen Geſicht in allen ſeinen Taſchen herum, griff ſogar in ſeine Stiefel und ſagte: „Das iſt ärgerlich; da habe ich nun wieder mein Geld in meinem Hundeloch liegen laſſen! Es macht Nichts: ich werde es morgen zahlen.“ „Ha, Ha,“ lachte der Brüſſeler,„Sie machen von meinem Rathe einen allzuſtrengen Gebrauch, Donatus. Man muß wiſſen, mit wem man zu thun hat. Sie fürchten, ich werde mich mit den Dollars auf und davon machen, nicht wahr?“ „Alles iſt möglich in Kalifornien“ haben Sie ſelbſt geſagt,“ ſtammelte Kwik, aber ich habe ganz gewiß mein Geld nicht bei mir.— Was ich ſage, iſt ſo wahr, als ich hier ſitze,“ ſetzte er hinzu, wäh⸗ rend er eiligſt ſich erhob. Der Brüſſeler ſchlug ihm mit der Hand an die Taſche, ſo daß die Dollars hörbar erklangen. „Schau, ſchau, ich habe das Geld doch bei mir!“ brummte Donatus mißlaunig.„Da ſind die zehn Dollars. Ich werde heute Nacht ein Gebet ſprechen, daß Ihnen keine ſchlechten Gedanken im Schlaf kommen.“ „Nun denn,“ ſagte der Brüſſeler,„wir wollen ſparen, ſo viel wir können, um bald gerüſtet zu ſein. Sprechen Sie mit Niemand von unſern Ab⸗ ſichten, noch von dem Ziel unſerer Reiſe, noch von irgend men. bekann würde mit G tig me dort e hander aus d morge ſtehend Di Träun land; und Moree Di unter nannt träum Haesd darin umarr ſah er Haut mit ſ Stimn wenn fen ſa De Freun 153 ufe auf irgend Etwas, das Sie von mir etwa noch verneh⸗ eginnen eld her, dagegen ſeinen el und er mein macht machen brauch, u thun Dollars n Sie e ganz — ſage, wäh⸗ an die mir!“ 2 zehn rechen, Schlaf wollen tet zu n Ab⸗ h von men. Wenn man erführe, daß wir uns nach un⸗ bekannten und ſehr reichen placeres begeben wollen, würde man uns vorauseilen oder nachfolgen und mit Gewalt den Beſitz des glücklichen Platzes ſtrei⸗ tig machen. Haben Sie gute Hoffnung; wir wollen dort ernſtlich arbeiten. Es iſt alle Ausſicht vor⸗ handen, daß wir mit einer guten Ladung Goldes aus den Minen zurückkehren. Leben Sie wohl bis morgen; wir wollen jeden Tag über unſere bevor⸗ ſtehende Reiſe ſprechen.“ Dieſe Nacht hatten Creps und Roozeman gute Träume. Victor kehrte im Geiſt nach dem Vater⸗ land zurück, machte ſeine Mutter reich und glücklich und ſah ſich ſelbſt als Gatten der ſüßen Lucia Moreels. Donatus, welcher auf einigen Mehlſäcken lag, unter dem Obdach, welches er ſeinen Hundeſtall nannte, hatte einen ſehr unruhigen Schlaf. Bald träumte ihm, er werfe dem Feldwächter von Natten⸗ Haesdonk ſo viel Gold vor die Füße, daß derſelbe darin bis an die Kniee ſtand, ihn vor Entzücken umarmte und Aennchen ihm zur Frau gab; bald ſah er ſich wieder umringt von Wilden, die ihm die Haut vom Kopfe abziehen wollten, oder von Bären mit ſchrecklichen Zähnen, oder er rief mit lauter Stimme:„Haltet den Dieb, haltet den Dieb!“ wenn er Pardoes mit ſeinen Dollars davon lau⸗ fen ſah.. Dennoch, Alles recht betrachtet, ſchliefen die drei Freunde dieſe Nacht noch den ſüßeſten Schlaf, 154 welchen ſie zu San Francisco genoſſen haben V ſich mochten. dage Berg dern, Stun XVI. V Ber . der Die Goldſucher. and . Sck Ungefähr einen Monat ſpäter marſchirten ſechs dhn ermüdete Wanderer durch ein weites und einſanes wo Thal, öſtlich vom Sacramento⸗Fluß. Sie trugen war ſchwere Ranzen auf dem Rücken und waren mit geln Mundvorräthen, Beilen, Spaten, Hacken, wollenen ſtarl Decken und anderen Geräthen belaſtet; überdieß gute ſchleppte noch Einer das Segel zur Errichtung eines ſchli Zeltes, ein Anderer den großen Keſſel, um das keuch Waſſer zu ſieden, und ein dritter die hölzerne Wiege von mehr als ſechs Fuß Länge, welche zum Waſchen Goll der goldhaltigen Erde beſtimmt war. Beu Jeder hatte ein Gewehr, welches an einem Rie⸗ man men ihm über die Schulter hing, und einen Revol⸗ Erſt ver oder ein Meſſer in dem Gürtel. Sie mußten Par bereits viele Tage unterwegs ſein, denn ſie ſahen· ame unreinlich und beſchmutzt vom Kopf bis zu den hatt Füßen aus; und da ſie nun mit gebogenem Rücken, lahmen Füßen und keuchendem Athem ihres Weges dal gingen, hatten ſie wahrſcheinlich dieſen Tag bereits Ver einige Stunden zurückgelegt. oder Die Gegend, wo ſie ſich befanden, lag auf dem den öſtlichen Rande des Sacramentothales, zwiſchen den im Bärenfluß und dem Nuba. Zu ihrer Linken dehnte fehl haben u ſechs nſames trugen en mit ollenen berdieß g eines m das Wiege Vaſchen Rie⸗ Revol⸗ nußten ſahen u den Rücken, Weges bereits if dem n dem dehnte 155 ſich eine unabſehliche Fläche aus; auf ihrer Rechten dagegen ſahen ſie das Land ſich zu Hügeln und zu Bergen erheben, deren Gipfel und Rücken mit Ce⸗ dern, Cypreſſen und Tannen bekrönt waren. Viele Stunden fernab, hinter den immer höher werdenden Bergen brach ſich ihr Blick an dem rieſigen Grate der Sierra Nevada, deren Spitzen ſich ſo viele tau⸗ ſend Fuß zum Himmel erhoben, daß ſie mit ewigem Schnee und Eis bedeckt waren. Die Wanderer waren an einer Stelle angelangt, wo ſie das große Thal verlaſſen mußten, um oſt⸗ wärts durch eine enge Schlucht zwiſchen zwei Hü⸗ geln emporzuklimmen. Es hatte einige Tage zuvor ſtark geregnet. Jetzt ſchien die Sonne und es war gutes Wetter; aber der durchweichte Boden war ſchlüpferig und faſt unwegſam, und die Wanderer keuchten noch mehr als zuvor aus Ermattung. Die Männer, aus welchen dieſe Geſellſchaft von Goldſuchern beſtand, waren keine andern, als der Brüſſeler Pardoes und ſeine Freunde, Creps, Rooze⸗ man und Kwik, außerdem zwei neue Genoſſen. Der Erſte derſelben, welcher ſich meiſt zur Seite von Pardoes hielt, war ein Oſtender, welcher auf einem amerikaniſchen Schiff beinahe die Welt umſegelt hatte und zuletzt von Calloo abgereist war, um in Kalifornien Gold zu ſuchen. Es war ein Burſche, ſtark wie ein Bär, rauh von Worten, beſchränkt von Verſtand und ohne jegliche Regung von Edelmuth oder ſittlichem Gefühl. Er mußte händelſüchtig ſein, denn er rühmte ſich unaufhörlich ſeiner Gewandtheit im Kampfe mit dem Meſſer. An ſeiner linken Hand fehlte der kleine Finger; dieſes Glied hatte er in 156 einem ſolchen Kampfe verloren. Der Brüſſeler hatte denſelben, obwohl er ohne Mittel war, wegen ſeiner körperlichen Stärke und wegen ſeiner muthmaßlichen Ausdauer gegen das beſchwerliche Leben in den Minen in die Geſellſchaft aufgenommen. Der Zweite war ein franzöſiſcher Edelmann von ungefähr vier⸗ zig Jahren, mager, hochgewachſen von Geſtalt und von regelmäßiger Geſichtsbildung. Derſelbe war ſichtbar von hoher Abkunft; es lag Etwas in ſeinem Gang, in der Feinheit ſeiner Glieder und ſelbſt in dem Ausdruck ſeiner Lippen, das von trefflicher Er⸗ ziehung zeugte und auffallend gegen das grobe und unedle Geſicht des Oſtenders abſtach. Der Franzoſe war jedoch kein angenehmer Kamerade; er ſprach nur einzelne Wortè, wenn er nicht, ohne unhöflich zu ſein, ſchweigen konnte; und was er dann ſprach, war bitter und verrieth Gleichgültigkeit oder Hoch⸗ muth. Zu Zeiten ſchien er in Träumereien verſun⸗ ken und redete mit ſich ſelbſt, gleich Jemand, der von geheimen Gedanken oder von Gewiſſensbiſſen geplagt iſt, was Donatus zu der Aeußerung veranlaßte, er habe ein Mäuſeneſt in ſeinem Kopfe und es ſei wahrſchein⸗ lich eine Schraube in ſeinem Gehirn losgegangen. Der Grund, weßhalb Pardoes dieſen ſchweig⸗ ſamen Kameraden in die Geſellſchaft zugelaſſen hatte, lag darin, daß der Franzoſe all das Geld, welches er noch beſaß, dafür anbot, ſich ihnen als Reiſege⸗ fährte anſchließen zu dürfen; und da dieſes Geld ge⸗ rade ausreichte, um die nöthigen Waffen und was ſonſt noch erforderlich war, anzukaufen, ſo hatten die Flämiſchen Freunde ſeinen Vorſchlag mit Freu⸗ den angenommen. 4 2 und mant gewi Crep Dieß aus vorat beſor er n den? folge Pard ſo ge neue 8 dem ſeinen * ſeinen hatte ſeiner lichen den weite vier⸗ und war inem öflich rach, Soch⸗ rſun⸗ von »lagt e, er hein⸗ en. veig⸗ atte, lches ſege⸗ ge⸗ was atten freu⸗ 157 Victor war der Einzige, welcher aus Zuneigung und einem gewiſſen Gefühl von Mitleid dem Edel⸗ mann Freundſchaft bezeigte; der Oſtender war der gewöhnliche Kamerade von Pardoes geworden; Jan Creps ſchien ſich gleich gut mit Allen zu ſtellen. Dieß war nicht minder der Fall mit Donatus Kwik, welcher wohl der Ausdauerndſte von der Geſellſchaft ſein mußte; denn obwohl er die große Wiege auf dem Rücken trug und übermäßig belaſtet war, ent⸗ lockte er doch zuweilen noch durch ſeine ſeltſamen Sprünge und ſpaßhaften Einfälle den Andern ein ſchallendes Gelächter. Während ſie ſo an der ſteilen Anhöhe vom Thal aus emporſtiegen, wandte der Brüſſeler, welcher ſtets vorausmarſchirte, ſeinen Kopf nach allen Seiten, als beſorge er irgend ein Zuſammentreffen; bald ſchaute er nach der Spitze der Hügel, bald blickte er auf den Boden und ſchien undeutliche Fußſpuren zu ver⸗ folgen; aber die Andern achteten nicht darauf, da Pardoes vom erſten Tage an daſſelbe gethan und ſo geredet hatte, als müßte bei jedem Schritt eine neue Gefahr vor ihren Füßen auftauchen. In dieſem Augenblick glitt der Franzoſe auf dem feuchten Boden aus und beugte ſich tief unter ſeiner Laſt. »Eh, eh, Baron,“ rief Donatus,„C'être pas bon avec cet Ränzel sur son dos. Plus bon à Paris in der Kutſche, west-ce pas?“*) *) He, he Baron, das nicht gut ſein, mit dieſem Ränzel auf ſeinem Rüͤcken, beſſer zu Paris— nicht wahr? A. b. U. 158 Aber der Baron ſchien die Worte von Donatus nicht gehört zu haben. „Mich dünkt wahrhaftig, daß mein Franzöſiſch verſtändlich genug iſt“ brummte dieſer in ſich hinein. „Die Cdelleute können doch nie vergeſſen, was ſie geweſen ſind. Er wird fett werden von ſeiner Ba⸗ ronſchaft in Kalifornien. Herr van Hoogenberg mit einem Keſſel auf ſeinem Rücken!“ Und ſeinen Schritt ein wenig verkürzend, näherte er ſich Victor und ſagte: „Herr Roozeman, warum wollen Sie mich nicht Ihre Axt und Ihre Decken tragen laſſen? Es würde mir eine wahre Freude ſein, wenn Sie ein Bischen davon auf meinen Rücken abladen wollten.“ „Schweig', Donatus,“ antwortete Victor mit einem Lächeln,„Du biſt bereits beladen wie ein Mauleſel. Die große Wiege macht, daß Du wie ein Schiff unter Segel ausſiehſt. Ich betrachte Dich mir, denn morgen iſt die Reihe an mir, die Wiege zu tragen.“ „Sie werden dieſelbe nicht bekommen.“ „Keinen Scherz, Donatus; ich bin Dir dankbar für Deinen guten Willen mir zulieb; aber ich werde gleich den Andern thun. Sprich alſo nicht mehr davon: es iſt vergeblich... Was hat Pardoes be⸗ merkt, daß er ſo ernſthaft nach allen Seiten aus⸗ ſchaut?“ „Was wird er bemerkt haben? Gar Nichts. Der Brüſſeler ſchießt nicht wenig mit Speck,*) ſeit⸗ *) Will wohl ſo viel ſagen als: macht viel Lärm un Micts. dem Geſchi fürcht, ſamm und geſehe Ferne Schwe in A. man? marſch Gener Lärm zehn fen. S gemac rend Blum C „„ 71 denn I ſtehen vorau hielt. kehren *) natus g mit certe nicht e ein ton. mit e ein wie Dich Viege akbar verde 159 dem wir auf dem Marſche ſind. Bei ſeinen ewigen Geſchichten von Strauchdieben, Bären und Wilden fürchtete ich, wir würden nach drei Tagen alle zu⸗ ſammen den Würmern zur Beute geworden ſein*); und wir haben noch kein anderes lebendes Weſen geſehen, als hie und da einen Haſen und in der Ferne zwei oder drei kleine Hirſche mit ſchwarzen Schwänzen. Es iſt wohl der Mühe werth, deßhalb in Angſt zu ſein. Wiſſen Sie was, Herr Rooze⸗ man? Der Brüſſeler will ſich geltend machen. Er marſchirt voraus, führt und befehligt uns wie ein General, und er macht ſo viel Aufhebens und ſchlägt Lärm, um unentbehrlich zu erſcheinen. Ich will zehn Jahre mutterſeelen allein hier herumlau⸗ fen... Schau, was hat Pardoes gefunden?“ Sie näherten ſich dem Brüſſeler, welcher Halt gemacht hatte und beſorgt zu Boden ſchaute, wäh⸗ rend er mit ſehr leiſer Stimme ſagte: „Still! Es iſt nicht geheuer in der Nähe!“ „Sehen Sie Gold?“ fragte Donatus.„Was mich betrifft, ich erblicke Nichts als Gras und gelbe Blumen.“ „Still, Plappermaul,“ fuhr ihn Pardoes an. „Ich ſchweige, ich ſchweige; aber was ſehen Sie denn wahrhaftig?“ Indem er ihnen durch ein Zeichen bedeutete, ſtehen zu bleiben, ging der Brüſſeler einige Schritte voraus, während er ſich immer zur Erde gebückt hielt. Dann ſprach er, zu ſeinen Gefährten zurück⸗ kehrend: *) Im Texte: in das Würmerland gefahren ſein. A. b. U. 160 „Nehmen Sie Ihre Gewehre zur Hand, um auf alle Vorfälle gefaßt zu ſein.“ „Ei, ei, was ſoll, um Gotteswillen, hier vor⸗ gehen?“ fragte Donatus.„Ich ſehe keine lebendige Seele. Es ſind doch gewiß die rieſigen Bäume nicht, welche über uns herfallen werden?“ „Keine Dummheiten, Kwik; die Sache iſt ſehr ernſt. Bemerken Sie hier, meine Herren, vor Ihnen auf dem Graſe, und hier auf dieſer nackten Stelle die Fußſtapfen?“ „Ich gucke mir die Augen aus dem Kopfe; ich glaube, ich bin blind geworden,“ murmelte Kwik. „Mit ein wenig Erfahrung und einem ſcharfen Urtheil,“ fuhr der Brüſſeler fort,„vermag man aus dieſen undeutlichen Zeichen zu errathen, wer hier vorbeigegangen iſt, wie viel ihrer waren, was ſie gethan haben, und ſogar was für eine Sorte von Menſchen es ſind. Sehen Sie, die Eindrücke der Füße ſind nicht ſo breit, wie die von unſern Füßen, und nirgends eine Spur von Schuhnägeln. Es ſind Merikaner hier vorübergegangen. Der vordere Theil des Fußes iſt tief eingedrückt, während man in den meiſten Fällen die Ferſe nicht bemerkt. Sie ſind dem⸗ nach ſchnell gelaufen. Friedfertige Wanderer thun das nicht. Es ſind alſo Salteadores oder Strauch⸗ diebe. „Aber,“ bemerkte Victor,„die Füße ſind mit den Spitzen gegen uns gekehrt. Was für Leute auch hier vorüberkamen, ſie ſind hinter uns und entfernen ſich.“ „Müſſen Sie uns darum wieder den Tod auf den Leib jagen?“ brummte Donatus.„Wer weiß, ob die reits z Es Eindri⸗ ſeler j „und Salteae Wie d wehre ſchiren und vr De wurde, natus, hielt drehte man g fänden Si ohne d breiter einen: De welches her iſt getrage Goldſi Con im auf er vor⸗ bendige Bäume iſt ſehr Ihnen Stelle e; ich wik. charfen an aus er hier das ſie te von ke der Füßen, es ſind Theil in den d dem⸗ thun trauch⸗ id mit Leute 3 und d auf weiß, 161 ob die Sal... Sal... die Strauchdiebe nicht be⸗ reits zu San Francisco ſind?“ Es iſt noch keine Stunde verfloſſen, ſeitdem dieſe Eindrücke gemacht worden ſind,“ entgegnete der Brüſ⸗ ſeler ſehr ernſt und mit nachdrücklicher Stimme, „und da ich ſie nicht früher bemerkt habe, müſſen die Salteadores hier irgendwo die Hügel erſtiegen haben. Wie dem auch ſei, Freunde, behalten Sie Ihre Ge⸗ wehre zur Hand und werfen Sie im Weitermar⸗ ſchiren die Augen rechts und links hin, rückwärts und vorwärts. Stille, vor allem Stille!“ Der Ernſt, womit dieſer Befehl ausgeſprochen wurde, machte einigen Eindruck, wenigſtens auf Do⸗ natus, obwohl er es zu verbergen ſuchte. Nunmehr hielt er ſich immer vorn neben dem Brüſſeler und drehte unaufhörlich den Kopf um, wahrſcheinlich weil man geſagt hatte, daß die Räuber ſich rückwärts be⸗ fänden. Sie waren beinahe eine halbe Stunde gegangen, ohne das Mindeſte zu vernehmen. Das Thal war breiter geworden; aber nun ſollten ſie aufs Neue in einen ziemlich ſchmalen Engpaß einbiegen. Der Brüſſeler blieb ſtehen und ſprach: „Laſſen Sie uns einige Minuten hier ausruhen. Ich bitte Sie, Kameraden, fortan immerdar auf der Hut zu ſein, Alles genau zu betrachten, ſo weit Ihre Augen reichen, und auf das mindeſte Geräuſch, welches an Ihr Ohr ſchlägt, Acht zu geben. Bis⸗ her iſt uns keine Gefahr zugeſtoßen, weil ich Sorge getragen habe, von dem gewöhnlichen Wege der Goldſucher abzuweichen. Fernerhin wird das un⸗ Conſeience, das Goldland. 1. 11 162 möglich. In dieſen Thälern, zwiſchen dem Bären⸗ fluß und dem Nuba kreuzen ſich die Richtungen der Goldſucher. Sind es Salteadores oder Buschrangers, ſo können wir von jezt an jeden Augenblick ihnen begegnen. Alſo immerdar bereit zur Vertheidigung, beſonders wenn unſer Pfad von Hügeln oder Wäl⸗ dern beherrſcht wird, ſo wie es jezt wieder eine Zeit lang der Fall ſein wird. Sie marſchirten wieder vorwärts, trafen aber auf Nichts, bis zu dem Augenblick, da ſie das Ende des Engpaſſes erreichten. Da ſprang Kwik plötzlich mit einem Angſtſchrei zurück. „Was gibt's? Was ſehen Sie?“ riefen die An⸗ dern. „Dort, dort! antwortete Donatus,„eine ganze Räuberbande!“ Alle blieben ſtehen und hielten ihre Waffen in Be⸗ reitſchaft; denn ſie erblickten vor ſich, am Fuße eines Hügels und halb verborgen, vier Männer, an Bäu⸗ me gelehnt, wovon die zwei Vorderſten den Arm auf lange Musketen ſtützten. „Nun, was iſt zu thun?“ murrte Creps.„Wir können doch nicht hier unſchlüſſig ſtehen bleiben. Sie ſind nur zu vieren. Warum ſollen wir uns fürchten?“ „Ja, aber Vorſicht iſt auch Muth,“ antwortete Pardoes.„Sie ſind vielleicht zahlreicher als wir glauben, Laſſen Sie uns einen Augenblick beobachten, was ihre Abſicht ſein mag. Nun, in der That, ſie bemerken uns, und, wenn ich mich nicht täuſche, ſo lachen ſie.“ Kommt, laßt uns vorübergehen, ſagte Roozeman. „Zurückkehren iſt unmöglich. Wenn dieſe Männer voran Bewegt Sie etwa d Buschr und bli uu ſpre geboten und ein Kan Einer V „Ihr Bären⸗ gen der rangers, ck ihnen digung, r Wäl⸗ ine Zeit aber auf nde des glich mit die An⸗ e ganze in Be⸗ he eines in Bäu⸗ Arm auf „Wir en. Sie rchten?“ twortete als wir bachten, hat, ſie ſche, ſo ozeman. Männer 163 uns angreifen wollen, ſo können Sie uns auf alle Fälle doch erreichen.“ „Haben Sie Furcht, Pardoes? fragte Creps. „Furcht? Vielmehr Vorſicht. Sie kennen dieſes Land nicht. Aber es gibt kein anderes Mittel: voran denn..... und bei der geringſten feindlichen Bewegung geben Sie Feuer!“ Sie zogen wieder ihres Wegs weiter. Als ſie etwa auf vierzig Schritte an den muthmaßlichen Buschrangers vorüberzogen, rührten dieſe kein Glied und blieben auf ihre Gewehre gelehnt, ohne ein Wort zu ſprechen, ja ohne nur den guten Tag, der ihnen geboten wurde, anders als durch ein kurzes Gebrumm und ein leichtes Nicken des Kopfes zu beantworten. Kaum waren die Flamänder eine halbe Schuß⸗ weite entfernt, ſo rief Donatus verwundert aus: „Ei, Du lieber Himmel! Darf ich meinen Augen trauen? Es iſt wahrhaftig der rothe Knebelbart vom Jonas!“ „Du haſt Dich geirrt“ bemerkte Roozeman. Er iſt es nicht.“ „Ja, ja, er iſt es mit Leib und Seele..... Aber ohne ſeinen dicken Backenbart, den er ſich wahr⸗ ſcheinlich zu San Francisco hat abſchneiden laſſen. Einer von den Zweien ohne Gewehre. Sollte der rothe Schelm ein Strauchdieb geworden ſein? Ich habe, auf mein Wort, immer bei mir ſelbſt gedacht daß er nach dem Schaffot roch.....* „Bah, es ſind keine Strauchdiebe,“ lachte Victor. Ihr ſeht wohl, es ſind ermüdete Leute, welche ein wenig ausruhen.“ „Keine Strauchdiebe?“ wiederholte der Brüſſeler, 164 immer hinter ſich ſchauend.„Man kann wohl hören, fann F. daß Sie erſt in Kalifornien angekommen ſind. Woll⸗ wir un ten dieſe nach den placeres reiſen, ſo wären ſie gleich ſtürzen uns mit Geräthen beladen, kämen ſie von den pla- Donatu ceres, ſo würden ſie gleichfalls irgend welche Vor⸗ gleich 6 räthe bei ſich haben, und uͤberdieß könnte ich es an Sie Ih ihren Kleidern ſehen.“ mit ein Nun wirklich,“ fiel Donatus ein,„ſie gehen nicht V Run w nach den Minen, ſie kommen nicht von dort, alſo, Sch wie der Küſter von Natten⸗Haesdonk ſagt: ergo ſind olgten es Strauchdiebe..... 4 „Packen Sie ſich zum Henker*) mit ihren Dumm⸗ heiten,“ fuhr der Brüſſeler auf, indem er ihn zu⸗ rückſtieß. „Sie mögen davon glauben, was Sie wollen, Kameraden,“ fuhr er fort, ſich zu den Andern wen⸗ dend.„Es ſind Strauchdiebe; und die ſonderbaren Kerls, die wir geſehen haben, bilden wahrſcheinlich Ein nur einen Theil der Bande. Sie müſſen wiſſen, daß marſchi die wirklichen Leute vom Fach Wanderer, welche ſich vorwär nach den placeres begeben, ſehr ſelten anfallen, da und ol dieſelben noch kein Gold beſitzen. Ich bin deßhalb mußten zu vermuthen geneigt, daß die Buschrangers dort zurückg Schildwache ſtanden, um Goldſuchern, welche von den bezeigt Minen zurückkehren, aufzupaſſen. Auf alle Fälle, den M glauben Sie mir, iſt die Gegenwart dieſer Männer hatte ein ſchlechtes Zeichen. Laſſen Sie uns etwas ſchneller Wunſch gehen, um einen Vorſprung zu gewinnen, und be⸗ welchen halten Sie fortwährend die Augen offen; denn jeder Felſen Baum, jede Krümmung der Hügel, jeder Felſenſpalt uberfal et **) Im Texte: Laufen Sie nach dem Monde.— A. d. U. reicht. 165 öhl hören, kann Feinde verbergen, welche in dem Augenblick, da d. Woll⸗ wir uns deſſen am wenigſten verſehen, ſich auf uns ſie gleich ſtürzen möchten. Aber vor Allem Stille. Und Sie, den Pla. Donatus, geben Sie wohl Acht. Ich werde handeln, lſche Vor⸗ gleich einem Befehlshaber in Kriegszeiten, und wenn ch es an Sie Ihr Plappermaul nicht halten, ſo werde ich Sie mit einer Nachtwache außer der Ordnung beſtrafen. hen nicht Run vorwärts, meine Herrn, und paſſen Sie auf!“ 15, alſo, Schweigend und mit beſchleunigten Schritten ergo ſind V folgten die Wanderer ihrem Führer. Dumm⸗ ihn zu⸗ XVII. wollen, ern wen⸗ 9 derbaren Die Buschrangers. ſcheinlic Eine Stunde vor dem Einbruch des Abends ſen aß marſchirten die flämiſchen Goldſucher noch immer 3 he ſ vorwärts, obwohl ſie noch gebückter einherſchritten deß 5 und ohne Zweifel auf der Neige ihrer Kräfte ſein 3 eiha mußten. Sie hatten bereits eine ſchwere Tagereiſe lrs ur zurückgelegt und mehr als einmal das Verlangen nu, den bezeigt, ihr Zelt aufzuſchlagen und bis zum folgen⸗ Nrale den Morgen der Ruhe zu pflegen. Der Brüſſeler hatte ſich jedoch ſtets geweigert, dem allgemeinen uͤberfallen konnte, beherrſcht war. 4,b. UA. Jetzt hatten ſie indeſſen eine breite Ebene er⸗ reicht. Der Boden war hier, wie an den meiſten ſcnelhe Wuͤnſche ſeiner Genoſſen nachzugeben, weil der Weg, und d welchen ſie zogen, noch allzuſehr von Hügeln und ſenzpalt Felſen, von wo man ſie bequem und unverſehens 166 Orten, die ſie bereits paſſirt hatten, mit wilden Senfgewächſen und Windhaber bedeckt; aber man konnte nichts deſto weniger ſehr weit nach allen Rich⸗ tungen hin ausſchauen, ausgenommen auf der linken Seite, welche theilweiſe mit Buſchwerk und Tannen beſetzt war. In der Mitte des Thales floß mur⸗ melnd ein klarer Bach dahin. Hier war alſo zu fin⸗ den, was ſie zu einem Nachtlager und zur Bereitung des Abendeſſens, ihres hauptſächlichſten Mahles be⸗ durften. Ueberdieß hatte, da ſie unterwegs auf Nichts geſtoßen waren, ihre Beſorgniß ſich allmälig gelegt, und außer dem Brüſſeler dachte Niemand an eine Gefahr. Die Ranzen wurden abgeworfen, und während Jan Creps und der Baron bei den Vorräthen und Geräthſchaften Wache hielten, gingen die übrigen in den Wald, um das nöthige Holz zu holen. Einige Minuten ſpäter kehrten die letztern zu⸗ rück. Es wurden zwei ſchwere Stangen mit Gabeln am obern Ende in den Boden getrieben, eine andere quer über dieſe gabelförmigen Stützen gelegt und das Segel darüber geworfen. Das Zelt, unter welchem ſie auf dem feuchten Boden die Nacht zu⸗ bringen ſollten, war damit fertig. Zu derſelben Zeit hatte Donatus, an welchem die Reihe des Kochens war, ein großes Feuer ange⸗ zündet und einen Keſſel mit Waſſer darüber gehängt, zu welchem Zweck mittelſt Stangen ein ähnliches Gerüſte, wie bei dem Zelte, hergerichtet worden war. Die Bereitung des Abendeſſens war keine be⸗ ſchwerliche Aufgabe. Was ſie zur Herſtellung ihrer Kräfte bekommen ſollten, war dieſelbe Koſt, die ſie ſeit ihr und a Minen aus d ſucher ſer erp gekocht zeit ei zwiſche grob g in de damit einige Pfann voll TW von d gewöh⸗ ſucher W tigt m ſämmt auf il ſtreckt. eine P Jan u ſein lin De Ausgo haften Als de die N.. wilden er man en Rich⸗ er linken Tannen mur⸗ zu fin⸗ rreitung hles be⸗ gs auf allmälig aand an vährend den und übrigen . tern zu⸗ Gabeln andere egt und „ unter acht zu⸗ velchem V r ange⸗ ehängt, onliches en war. ine be⸗ g ihrer die ſie 167 ſeit ihrer Abreiſe von San Francisco gehabt hatten und auch auf ihrem fernern Marſche und in den Minen beibehalten ſollten. Der Brüſſeler hatte ſie aus dieſem Grunde zu der Lebensweiſe der Gold⸗ ſucher angehalten, und drang darauf, daß man von die⸗ ſer erprobten Regel nicht abweiche. Zuerſt wurde Kaffee gekocht: dieſes Getränke fehlt niemals bei der Mahl⸗ zeit eines Goldſuchers. Die Kaffeebohnen wurden zwiſchen zwei Steinen oder auf eine andere Weiſe grob geſtoßen und dann beigeſetzt. Zuletzt goß man in den ſiedenden Keſſel ein wenig kaltes Waſſer, damit der Satz zu Boden fiel. Dann ſchnitt man einige Streifen geſalzenen Specks ab, um ſie in der Pfanne zu braten. Endlich rührte man einige Hände voll Waizenmehl mit Waſſer an, um mit dem Fett von dem Specke Kuchen zu backen. Außer bei un⸗ gewöhnlichen Vorfällen lieferte die Küche der Gold⸗ ſucher keine anderen Gerichte. Während Donatus eifrig bei dem Feuer beſchäf⸗ tigt war, hatten die Andern ſich unter dem Zelte ſämmtlich in ihre Decken gehüllt und mit dem Kopfe auf ihren Ranzen ruhend, auf dem Boden ausge⸗ ſtreckt. Der Brüſſeler und der Franzoſe rauchten eine Pfeife; der Franzoſe ſchien bereits zu ſchlafen; Jan und Victor ſahen Donatus zu und lachten über ſein linkiſches Gebahren und ſeine ſeltſamen Einfälle. Der Abend war bereits angebrochen und die Ausgänge des Thales hatten ſich in dem zweifel⸗ haften Lichte der Dämmerung beinahe verborgen. Als der Geruch von dem erſten Kuchen Donatus in die Naſe drang, fühlte er, wie ihm vor Appetit der 168 Mund wäſſerte, und er begann in fröhlichem Tone zu ſingen: „Gott ſei gelobt! die Kartoffel ſind drinnen; Mutter iſt fröhlich, die Pfann' auf dem Feu'r, Laß uns mit Singen und Schmauſen beginnen, Vivat, es lebe's Kartoffelfeſt heu'r! Klopft euch das Herzchen nicht unter den Jacken, Hört ihr von Kuchen, von Kuchen backen! Leckern Kuchen backen! Am Schluſſe dieſes ſeltſamen Liedchens hob er eine Blechſchüſſel in die Höhe und rief, indem er denen, welche unter dem Zelte lagen, einen Kuchen darin zeigte, aus: „Männer, ich bin aus dem Kuchenbacklande. Schaut einmal! Wer wird einen ſo braun, ſo fett und ſo 474 Aber ein Piſtolenſchuß knallte wenige Schritte von dem Zelte; eine Kugel durchbohrte die Blech⸗ ſchüſſel in der Hand von Donatus, und er ließ, einen Schrei ausſtoßend, den Pfannkuchen in das Feuer fallen. Die Andern ſprangen auf, mit der Hand an dem Gewehr, und eilten unter dem Zelt hervor, um ſich gegen den Ueberfall, welchen der Piſtolenſchuß an⸗ kündigte, zu vertheidigen. Sie bemerkten jedoch Nichts, obwohl ſie über das leuchtende Feuer hinaus noch ſehr durch die Dämmerung zu ſchauen ver⸗ mochten. „Dort! dort!“ rief der Matroſe.„Zwiſchen den Bäumen, ein Mann, er flieht!“ „Bleiben Sie hier, Donatus, und nehmen Sie Ihr Gewehr zur Hand,“ gebot der Brüſſeler, wäh⸗ mit d Es mw drießli „ vor, a ſterniß Senfg daran Feinde beinah Dr mel u 1 Schult ſcharfe mit de Räube dieſer gern den 2 ebenſo über Als ſi die gr. entflol werk Es n Tone , en, Jacken, hob er dem er Kuchen Schaut und ſo ſchritte Blech⸗ ,einen Feuer n dem m ſich uß an⸗ jedoch hinaus 1 ver⸗ en den n Sie wäh⸗ 169 rend er, von den Andern gefolgt, dem Walde zu⸗ lief, um den Flüͤchtling zum Schuß zu bekommen. Noch ganz verblüfft, ſtand Kwik vor dem Feuer mit der Waffe in der Hand, ſeiner ſelbſt unbewußt. Es wirbelte ihm im Kopfe und er murmelte ver⸗ drießlich zwiſchen den Zähnen: „Schönes Kartoffelfeſt! Hübſches Kuchenbacken! Ach, wäre ich nur zu Natten⸗Haesdonk!“ Plötzlich begann er heftig zu zittern; es kam ihm vor, als ſehe er, gerade vor ſich, in der halben Fin⸗ ſterniß, einige Männer gebückt durch die dichten Senfgewächſe herankommen. Er konnte nicht länger daran zweifeln; einer von den heranſchleichenden Feinden hatte einen Hut auf dem Kopf und ging beinahe aufrecht. Donatus ſpannte ſein Gewehr, blickte zum Him⸗ mel und ſeufzte: „9, mein Gott, vergib mir; es iſt nicht meine Schuld!“ nach dieſem kurzen Gebet zielte er und ſchoß. Ein ſcharfer Schrei ertönte über die Fläche, und der Mann mit dem Hute fiel rückwärts zur Erde. Die andern Räuber ſprangen heran, um Donatus zu überfallen; dieſer aber ſchoß furchtbar unter ſie, daß ſie zu zö⸗ gern ſchienen. In dieſem Augenblick knallten von den Bäumen her drei oder vier Flintenſchüſſe und ebenſo viele Kugeln durchſchnitten ziſchend die Luft über den Häuptern der beſtürzten Buſchrangers. Als ſie bemerkten, daß ihr Ueberfall mißlungen und die größere Macht auf Seiten ihrer Gegner war, entflohen ſie in aller Eile durch das dichte Strauch⸗ werk und verſchwanden in dem Gehölze. Es waren die Kameraden von Donatus, welche ————ſ 170 auf ſeine Schüſſe herbeigeeilt kamen und durch ihre Erſcheinung die Diebe verjagten. „Mein armer Kwik, biſt Du nicht verwundet?“ fragte Victor in mitleidigem Tone, als er den jungen Bauern mit geſenktem Kopf und ganz niedergeſchla⸗ gen daſtehen ſah. „Nein, Herr Roozeman,“ ſeufzte Donatus,„aber es iſt gerade ſo ſchlimm: ich habe, leider, einen Men⸗ ſchen todtgeſchoſſen, ein vernünftiges Geſchöpf Gottes, gleich mir! Es wird mir wie ein Bleiklotz auf dem Gewiſſen laſten!“ „Was ſagen Sie? Einen Menſchen erſchoſſen? Wo?“ fragte Pardoes.„Sie werden doch in einem ſolchen Augenblick keinen Spaß treiben?“ „Dort, etwa fünfzig Schritte von hier, iſt er ge⸗ fallen, mitten auf der Stelle mit den hohen Senf⸗ gewächſen.“ „Nun, ſo führen Sie uns hin, wir wollen ſehen, ob Sie nicht geträumt haben.“ Auf der bezeichneten Stelle angekommen, bemerk⸗ ten ſie, daß in der That Jemand dort gefallen ſein mußte; es zeigte ſich eine Feuchtigkeit auf dem Bo⸗ den, welche ohne Zweifel von Blut herrührte. Der Brüſſeler eilte nach dem Zelte, kehrte mit einem brennenden Fichtenſpan zurück und leuchtete auf dem Boden herum. Dann ſagte er: „Es iſt Blut, in der That. Kommen Sie, folgen Sie der Spur mit mir. Aber richten Sie Ihre Augen nach allen Seiten und halten Sie Ihre Ge⸗ wehre in Bereitſchaft.... Sehen Sie, ſie waren zu dreien, und zwei haben den Verwundeten unter⸗ ſtützt. Das Blut klebt neben den Fußſtapfen an 3„ mich meine h ihre det?“ ungen eſchla⸗ „aber Men⸗ Fottes, f dem oſſen? einem er ge⸗ Senf⸗ ſehen, emerk⸗ n ſein 1 Bo⸗ te mit uchtete folgen Ihre e Ge⸗ waren unter⸗ m an 171 der Erde; die Wunde iſt alſo ein Schuß in den Arm; denn hätte Donatus den Räuber in den Leib oder auf die Beine getroffen, ſo würde das Blut gerade auf der Fußſpur oder unmittelbar dahinter liegen.“ „Er iſt alſo nicht todt, der arme Mann?“ fragte Kwik mit großer Freude. „Nein, da er noch zu laufen vermochte.“ „Gott ſei Dank! wenn ich einen Menſchen er⸗ mordet hätte, mir dünkt, ich würde keinen Augen⸗ blick mehr Ruhe gehabt haben.“ „Sie fürchten, daß der Geiſt des Todten Sie Nachts an den Zehen zupfen wird, nicht wahr?“ ſpottete der Matroſe. „ Ja, ich weiß es wohl, Sie glauben an Nichts, abſcheulicher Ketzer, der Sie ſind,“ entgegnete Do⸗ natus.„Es würde gewiß nicht zum erſten Male ſein, daß die Geiſter wiederkehren! Der Großvater von meiner Tante hat den Geiſt des Todtengräbers auf dem Kirchhofe von Natten⸗Haesdonk geſehen..“ „Es iſt unnütz, daß wir weiter gehen,“ fiel der Brüſſeler ein, indem er umkehrte,„die Schelme ſind mit ihrem verwundeten Geſellen in den Wald entflohen und wahrſcheinlich ſchon weit entfernt. Kehren wir zu dem Zelte zurück, ich werde Ihnen unterwegs meine Gedanken darüber mittheilen, wie ſie es wohl angeſtellt haben, uns möglicherweiſe zu überliſten.... Sagen Sie mir einmal, Kwik, hat⸗ ten die Räuber Gewehre?“ „Zwei hatten Gewehre, und beide haben auf mich geſchoſſen, ſo daß ſogar eine Kugel mir durch meinen Haarbuſch geflogen iſt.“ 172 „Sehen Sie wohl?“ murmelte Pardoes gedan⸗ kenvoll.„Sie waren zu Vieren, mit demjenigen, welcher den erſten Piſtolenſchuß gethan hat; nur zwei hatten Gewehre. Es ſind dieſelben Männer, welche wir dieſen Nachmittag an den Bäumen ſtehen ſahen. Sie ſind unſerer Spur von ferne nachgegangen, um uns in unſerem Zelte zu überfallen. „Die Burſche müſſen ſehr verwegen ſein,“ be⸗ merkte Creps.„Sie wiſſen, daß wir ihnen an Zahl und Waffen überlegen ſind, und dennoch fürchten ſie ſich nicht, uns anzugreifen.“ „Ja, aber Sie kennen die Liſt nicht,“ antwortete der Brüſſeler,„und ich bin ſelbſt dumm genug ge⸗ weſen, mich dadurch täuſchen zu laſſen, obwohl ich viel davon habe ſprechen hören. Derjenige, welcher zuerſt ſeine Piſtole dicht bei dem Zelt abſchoß, that es nur, um uns hinter ihm weg weit von unſerem Nachtlager abzulocken. Ein Glück, daß ich Donatus auf der Wache ließ: ſonſt hätten die Genoſſen des Lockvogels in unſerer Abweſenheit unſer ganzes Zelt ausgeplündert. Es iſt ein Zug armer, verhungerter Goldſucher, welche auf ſolche Weiſe in den Beſitz von Lebensmitteln, Geräthſchaften und Decken zu ge⸗ langen ſuchten.... Meine Herren, ich bringe im Namen von uns Allen unſerem Freunde Kwik einen Glückwunſch dar. Er hat ſich als eine gute und muthige Schildwache benommen.“ „Das beweist nur, daß man nicht viel Verſtand nöthig hat, um einen glücklichen Schuß zu thun,“ brummte der Matroſe, welcher auf dieſen Lobſpruch neidiſch ſchien. „Es wird nur zum Beweiſe dienen, daß es nicht gedan⸗ nigen, zwei velche ſahen. n, um „ be⸗ Zahl en ſie ortete g ge⸗ hl ich elcher that ſerem natus n des Zelt gerter Beſitz u ge⸗ e im einen und ſtand hun,“ pruch nicht 173 nöthig iſt, immerdar Menſchen mit dem Munde zu tödten, um im Augenblick der Gefahr muthig ſein Leben zu vertheidigen,“ warf ihm Kwik entgegen. „Sie ſind ein kecker Burſche; wagen Sie zu be⸗ haupten, daß es nicht wahr iſt?“ „Ja, ja, es iſt wahr; ich will gern im Frieden mit Menſchen und Thieren leben; aber zwiſchen ich, du und er weiß ich wahrhaftig, wer mein beſter Freund iſt. Auf alle Fälle erkennt man den Pfu⸗ ſcher an ſeinen Werken, heißt es im Sprüchwort.“ Sie waren nun wieder bei dem Zelte angelangt. Donatus ergriff die Pfanne und fuhr mit dem Ku⸗ chenbacken fort, während die Andern aus ihren Blechſchüſſelchen den warmen Kaffee tranken und ein wenig Zwieback, der ihnen noch übrig geblieben war, hineintunkten. Kwik ſprach nichts mehr, murmelte aber unter dem Kuchenbacken in ſich hinein. Er bedachte, daß eine doppelte Gefahr ihn bedroht hatte: einen Chri⸗ ſtenmenſchen gleich einem Hunde niederzuſchießen, oder ſelbſt eine Kugel durch den Kopf zu bekommen; das Erſte flößte ihm Abſcheu ein, das Zweite be⸗ hagte ihm noch viel weniger. Die gebackenen Ku⸗ chen, ſo lecker ſie auch rochen, reizten ihn nicht mehr; er wurde ſchwermüthig und brummte mit dem Blick auf die praſſelnde Pfanne: „Hölliſche Koſt! Tauſend und tauſend Stunden weit her kommen, um Kuchen zu eſſen, die mit Ku⸗ geln gepfeffert und mit Menſchenblut gebuttert ſind? Donatus, Donatus, Junge, Du biſt ein abſcheulicher Eſelskopf! Was haſt Du hier zu thun? Natten⸗ Haesdonfk iſt ein irdiſches Paradies gegen dieſe Räu⸗ 174 berhöhle, wo man Dir die Kuchen zwiſchen den Zäh⸗ nen wegſchießt, ohne erſt um Erlaubniß deßhalb zu fragen.... Endlich war das Abendeſſen fertig; Jeder nahm ſeinen Theil. Der Baron, welcher Schildwache ſtand, wurde auf einige Minuten von Jan Creps abge⸗ löst. Als man im Begriff war, ſich unter dem Zelte ſchlafen zu legen, ſprach der Brüſſeler: „Suchen Sie auszuruhen, Freunde; denn mor⸗ gen mit Tagesanbruch müſſen wir wieder auf den Beinen ſein. Von den Schelmen, welche uns ange⸗ griffen haben, iſt nichts mehr zu fürchten; ſie wer⸗ den nicht wiederkehren. Wenn keine andere Gefahr ſich zeigt, werden wir die ganze Nacht nicht geſtört werden. Sie kennen Ihre Wachzeit. Nach dem Baron kommt die Reihe an Roozeman, nach Rooze⸗ man an den Oſtender, und ſo von Stunde zu Stunde. Der Baron wird ſeine Uhr ſeinem Nachfolger zur Hand ſtellen; geben Sie wohl Acht, daß Sie kein Geräuſch machen und nur den Genoſſen wecken, wel⸗ cher die Wache beziehen muß. Schauen Sie ohne Unterlaß nach allen Seiten aus und thun Sie die Ohren auf, ſo weit als möglich. Bemerken Sie Et⸗ was, ſo ſchießen Sie Ihr Gewehr los, und Jeder von uns wird, mit ſeiner Waffe zur Vertheidigung bereit, aufſpringen. Man ſchweige nun. Gute Nacht, ſchlaft wohl.“ Trotz der Aufregung des Tages unterlagen die Goldſucher ſehr ſchnell der Ermüdung nnd verfielen in einen ſo feſten Schlaf, daß von ihrem Schnarchen das Zelt einer Höhle voll brummender Bären zu gleichen ſchien. D Decke wiede auf d Nach hörte zweim „. klagen 8 Zäh⸗ lb zu nahm ſtand, abge⸗ dem mor⸗ f den ange⸗ wer⸗ Befahr geſtört dem Rooze⸗ tunde. r zur e kein wel⸗ ohne ie die ie Et⸗ Jeder igung Nacht, en die fielen archen n zu 175 Donatus allein drehte und wandte ſich in ſeiner Decke hin und her, ſtreckte die Beine aus, zog ſie wieder an ſich, legte ſich bald auf die Seite, bald auf den Rücken; aber er konnte keine Ruhe finden Nach anderthalb Stunden peinlicher Schlafloſigkeit hörte er Jan Creps, welcher dicht neben ihm lag, zweimal nieſen. „Ach, Herr Jan, wachen Sie?“ flüſterte Kwik in klagendem Ton. „Was fehlt Dir, Donatus, biſt Du krank?“ fragte Creps halb ſchlummernd. „Ich kann kein Auge zuthun.“ „Bah, Du mußt ſchlafen.“ „Ich kann nicht, Jan.“ „Das macht nichts aus.“ „Aber ich kann nicht ſchlafen, ſage ich Ihnen.“ „Du mußt es verſuchen; es wird ſchon gehen.“ „Alle meine Rippen ſind wie gebrochen; ich liege hier und zapple gleich einem Aal auf dem Roſte.“ „Das iſt nur ſo ein Gedanke.“ „Ja, Herr Jan, es iſt ein Gedanke, ein häß⸗ licher Gedanke.“ „Nun, mach' es kurz. Woran denkſt Du?“ „Ich denke und denke immer wieder bei mir ſelbſt: ſchlafen iſt nicht Alles, wenn ich nur wüßte, ob ich auch noch lebend wieder aufwache.“ Laß' mich in Ruhe, Du langweilſt mich, Do⸗ natus.“ „Nun wohl,“ ſeufzte Kwik, wenn es nicht anders ſein kann: noch ein Vaterunſer oder drei für meine 176 arme Seele.... Und dann geſchnarcht mit Gottes Hülfe!“ XVIII. Der Pepita. Des andern Tags bei Sonnenaufgang, nachdem man wieder Kaffee getrunken und die mit Speck ge⸗ backenen Kuchen aufgezehrt hatte, waren die flämi⸗ ſchen Goldſucher wieder aufgebrochen. Die größere Hälfte des Tags war bereits vorüber, ohne daß etwas Beſonderes vorgefallen war. Ihr Weg führte ſie wechſelsweiſe über Thal und Berg, bald ſich zu einer breiten Ebene erweiternd, bald zu einem ſchma⸗ len Paß verengend, deſſen ſteile Felſenwände auf die Wanderer niederzuſtürzen ſchienen. Während die Andern Nachmittags ſich, um ein wenig auszuruhen, zu Boden geſetzt und ihre Ran⸗ zen auf eine Viertelſtunde abgelegt hatten, war Do⸗ natus zu einem kleinen Waſſerfall gegangen, welcher etwa hundert Schritte von ihnen ſich brauſend über zerbröckelte Felſen ſtürzte. Er hatte Durſt und wollte trinken. Ueber das kriſtallklare Becken ſich neigend, ſah er Etwas in dem Waſſer glänzen; es war ein Kieſel ſo groß wie eine Fauſt und, wie es ſchien, in der Mitte durchbrochen. Das Herz des über⸗ raſchten Jungen begann gewaltig zu klopfen; er er⸗ bleichte und ſtarrte bewegungslos auf den ſchim⸗ mernden Gegenſtand hin, als hätte ein wunderbarer Anblick ihn mit Sprachloſigkeit geſchlagen. Doch griff aufger und ei gewäc lei un er ihn Al pitas. die He Do ſtamm ſchwer Brüſſe den S ſo wer Cor Gottes achdem heck ge⸗ flämi⸗ größere ie daß führte ſich zu ſchma⸗ de auf im ein Ran⸗ ar Do⸗ welcher d über wollte eigend, ar ein ſchien, über⸗ er er⸗ ſchim⸗ rbarer Doch 177 griff er nach dem Kieſel, betrachtete ihn mit weit⸗ aufgeriſſenen Augen, küßte ihn in ſeinem Entzücken und eilte dann ſchreiend und jubelnd durch die Senf⸗ gewächſe zu ſeinen Genoſſen zurück. Indem er aller⸗ lei unſinnige Geberden und Sprünge machte, rief er ihnen ſchon aus der Ferne zu⸗ „Männer, dankt Gott, ich habe den Schatz ge⸗ funden! Gold, Gold, einen Klumpen, wohl zehn Pfund ſchwer! Genug um ein Schloß zu kaufen....“ Aber er ſtolperte und fiel mit dem Angeſicht zu Boden. „Gold? Zehn Pfund? Iſt es wohl möglich?“ fragte Victor. „Gewiß iſt es möglich,“ antwortete der Brüſſe⸗ ler.“„Man findet wohl zuweilen die größten Pe⸗ pitas. Wenn Kwik einmal einen koſtbaren placer entdeckt hätte!“ „Das Glück iſt den Einfältigen immer günſtig,“ lachte der Matroſe. „Beeile Dich, beeile Dich, liebes Kwikchen!“ rief Jan Creps mit freudiger Ungeduld. Die Andern alle ſtreckten gleichfalls vor Begierde die Hände nach ihm aus. Donatus kam außer Athem herbeigelaufen und ſtammelte: „Schaut, ſchaut, was für ein großer Klumpen! ſchwer, ſchwer! Viel mehr als Blei!“ Mit dieſen Worten reichte er den Goldkieſel dem Brüſſeler, welcher nach einem kurzen Blick darauf, den Stein mit einem zornigen Ausrufe der Täuſchung ſo weit als er nur vermochte, über die Ebene hin⸗ Conſcience, das Goldland. 1. 12 „Daß Du die Kränke bekämeſt, Du ungeheurer Dummkopf,“ fuhr er gegen Kwik heraus, der ihn verwirrt und beſtürzt anſchaute und beinahe weinend murmelte: „War es kein Gold?“ „Gold? Es war ein Schwefelkieſel von der Gat⸗ tung der ſogenannten Pyriten,*) und er enthält nichts Anderes als Eiſen und Schwefel.“ Sie müſſen deßhalb nicht ſo böſe auf mich ſein,“ ſagte Donatus, während ſie ihre Ranzen wieder auf⸗ nahmen, um den Marſch fortzuſetzen.„Ich ver⸗ liere immerhin dabei ſo viel als Sie! Und gewiß ſind auch noch Andere auf ſolche Art getäuſcht worden. Warum ſollte man ſonſt das Sprichwort erfunden haben:„Es iſt nicht Alles Gold was glänzt? Nun, nun, wir ſind nicht ärmer als zuvor. Liegen hier keine Goldklumpen, ſo werden wir ſie weiterhin ſu⸗ chen. Wahrhaftig Herr Victor, es iſt doch verdrieß⸗ lich: mitten in meinem Laufe ſah ich den Feldwäch⸗ ter von Natten⸗Haesdonk mit ſeinem Aennchen die Arme lachend nach mir ausſtrecken, gerade da ich mit mei⸗ ner Naſe in den Senf fiel. In Gottes Namen, der trügeriſche Kieſel iſt dahin; aber die Hoffnung tra⸗ gen wir doch noch mit auf unſerem Rücken, ich will ſagen, in unſerem Herzen.“ Bald verwandelte ſich die bittere Täuſchung in Fröhlichkeit, und mancher mehr oder minder witzige Einfall auf Koſten der Leichtgläubigkeit von Dona⸗ tus gab den Freunden Stoff zum Lachen. Sie waren bereits mehr als vier Meilen über *) Feuerſteine. A. d. U. den und 1 jedoch hender heurer r ihn einend rGat⸗ nthält ſein,“ r auf⸗ hver⸗ ß ſind orden. funden inzt? en hier in ſu⸗ rdrieß⸗ dwäch⸗ Arme t mei⸗ en, der g tra⸗ ch will ung in witzige Dona⸗ über 179 den Waſſerfall, wo ſie ausgeruht hatten, hinaus und marſchirten an dornigem Strauchwerk hin, das jedoch nicht hoch genug war, um einen aufrecht ſte⸗ henden Mann zu verbergen. Plötzlich hielt der Matroſe an und griff nach ſeinem Gewehr, gleich Jemand, der ſchießen will. „Was ſehen Sie?“ fragten die Andern über⸗ raſcht. „Dort einen Menſchenkopf; Jemand der uns auf⸗ lauert und ſich in dem Dorngebüſch niederduckt!“ „Wo? Wir ſehen Nichts.“ Statt aller Antwort zielte der Matroſe und ſandte eine Kugel in das Geſtrüpp. Ein Todesſchrei ertönte und unmittelbar nach dem Schuß ließ ſich aus dem Gebüſch eine jam⸗ mernde Stimme vernehmen, ſo fein und zart, als hätte man eine Frau oder ein Kind getroffen. „Himmel, Sie haben ein Unglück angeſtellt!“ rief Victor, welcher durch den ſchmerzlichen Ton der Stimme im Innerſten der Seele gerührt war.„Kommt, kommt Freunde, eilen wir dem armen Opfer zu Hülfe!“ Und während Creps und Donatus mit ihm trotz der Warnung des Brüſſelers durch die Dornen drangen, folgten der Letztere und der Baron ihrem Beiſpiele. Der Matroſe, wahrſcheinlich erſchrocken bei dem Gedanken, möglicherweiſe einen Unſchuldigen ge⸗ tödtet zu haben, fluchte über ſeine Unvorſichtigkeit und blieb auf der Ebene ſtehen. Die Andern fanden auf einer kleinen offenen Stelle zwiſchen dem Geſträuch den Leichnam eines Mannes, welchem die Kugel die Stirne durchbohrt hatte. Ueber den Leichnam beugte ſich ein Jüngling oder viel⸗ mehr ein Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren. Er umarmte den Todten, während die Thränen über ſein häßliches Angeſicht ſtrömten, und war ſo außer ſich vor Verzweiflung und Schmerz, daß er anfänglich die Gegenwart ſo vieler Fremdlinge gar nicht zu bemerken ſchien. An ihren Kleidern ließ ſich erkennen, daß die Leute Mexikaner waren, und da der Jüngling in herzzerreißendem Tone immer die Worte:„pobre padre“*) wiederholte, ſo war offenbar, daß derſelbe über der Leiche ſeines Vaters weinte. Der Baron, welcher einige Worte Spaniſch ver⸗ ſtand, fragte ihn, wer ſie wären, und wie es käme, daß ſie ſo allein und ohne Waffen in dieſer gefähr⸗ lichen Gegend unterwegs ſich befänden. Was der Jüngling in kurzen und ſcharf abge⸗ riſſenen Worten ſagte, konnte der Baron kaum ver⸗ ſtehen, doch glaubte er daraus abnehmen zu dürfen, daß die unglücklichen Leute bereits zuvor überfallen und ausgeplündert worden und auf der Flucht von ihren Gefährten abgekommen waren. Der Knabe war augenſcheinlich halb ſinnlos vor Schmerz und wüthend gegen die Mörder ſeines Vaters, welche er für Strauchdiebe hielt; denn er ſprach mit großer Schnelligkeit und heftigen Geberden, während er ſeine flammenden Augen und ſeine Finger zum Himmel erhob oder auf den bewegungsloſen Leich⸗ nam deutete, oder drohend eine Verwünſchung gegen ſeine Zuhörer ausſtieß. *4) Armer Vater. A. d. U. folgen werde 7 mache Menſe auch ſolcher W hatten ihren und g S der T wollen De wegun der Lo Thrän und ſe Viellei nicht 1 flößte, umring De verzerr ſich au wieder mit H' aufgen hatte. er viel⸗ n. Er er ſein er ſich ünglich cht zu aß die ing in pobre erſelbe h ver⸗ käme, gefähr⸗ abge⸗ n ver⸗ dürfen, rfallen ht von Knabe 3 und lche er großer end er r zum Leich⸗ gegen d. U. 181 „Was ſagt er?“ fragte der Brüſſeler. „Er ruft die Rache des Himmels über uns herab und verſichert, daß der Geiſt ſeines Vaters uns ver⸗ folgen und uns bis zum Tode keine Ruhe laſſen werde.“ „Gott behüte uns!“ ſeufzte Donatus, ein Kreuz machend.„Das fehlte uns noch. Wir hatten bereits Menſchen und Thiere zu fürchten; da kommen jetzt auch die Geiſter noch ins Spiel. Schlaft ruhig mit ſolchen ſchrecklichen Verwünſchungen auf dem Leibe!“ Während Kwik in ſolchen Gedanken ſich erging, hatten die Andern über das, was zu thun war, ihren Entſchluß gefaßt. Sie warfen ihre Ranzen ab und griffen zu ihren Schaufeln. „Stehen Sie nicht ſo beſtürzt da, Kwik,“ ſagte der Brüſſeler.„Nehmen Sie ihren Spaten, wir wollen den unglücklichen Mexikaner begraben.“ Der Knabe kauerte ſich nieder und ſchaute be⸗ wegungslos und mit ſtarrem Blick auf die Arbeit der Leute, welche er für Strauchdiebe hielt. Die Thränen floſſen ihm ſtromweiſe über ſeine Wangen, und ſeine Rachſucht ſchien einigermaßen abgekühlt. Vielleicht daß die Sorge der Fremdlinge, ſeinen Vater nicht unbeerdigt zu laſſen, ihm Zweifel darüber ein⸗ flößte, ob das feindliche Menſchen wären, welche ihn umringten und in mitleidigem Tone zu tröſten ſuchten. Donatus wandte mit Abſcheu ſein Auge von dem verzerrten Angeſicht des Todten ab; doch ſo ſehr er ſich auch Gewalt anthat, er mußte immer von Neuem wieder ſeinen Blick auf daſſelbe richten. Und als er mit Hand anlegen mußte, um den Leichnam in das aufgeworfene Grab zu legen, da bebte er vom Scheitel —j4—— 18²2 bis zur Ferſe, das Haar ſtieg ihm zu Berge und ein Schauer durchzuckte ihn bis in das Mark ſeiner Ge⸗ beine. Ueberwältigt von ſeiner Aufregung, fiel er an dem Grabe, auf die Kniee und begann zu beten, während die Andern den Leichnam mit Erde und Steinen bedeckten. Als das Grab ganz gefüllt war, fragte der Brüſſeler: „Aber nun, Kameraden, was wollen wir mit dem Kinde anfangen?“ „Was wir anfangen?“ antwortete Victor.„Wir nehmen es aus Mitleid nach den placeres, ſorgen gut für daſſelbe und geben ihm bei unſerer Ankunft unter Menſchen die Mittel, wieder in ſeine Heimath zu gelangen.“ Es wird eine große Laſt ſein, meine Herrn.“ „Was thut das? Nachdem wir den Vater ge⸗ tödtet haben, werden wir doch nicht grauſam genug ſein, um dieſes arme Kind in der Wildnis Raub⸗ thieren zur Beute werden zu laſſen? Und müßte ich es mit Hülfe meiner Freunde auf den Schultern tra⸗ gen, es ſoll mit uns, bis wir es in Sicherheit ge⸗ bracht haben.“ „Es iſt verdrießlich, aber Sie haben Recht. Ba⸗ ron, machen Sie ihm begreiflich, daß er uns folgen muß. Der junge Mexikaner erhob ſich und folgte ge⸗ duldig; er ſchritt mit gebücktem Haupte dahin und ſchien gleichgültig gegen ſein Schickſal geworden zu ſein. Doch als er auf die Ebene gelangte, erhob er das Haupt, deutete mit dem Finger auf den Ma⸗ troſen und rief einige ſpaniſche Worte aus, welche vermuthen ließen, daß er den Mörder ſeines Vaters 1 erkar ſtand den rern 7 der Jun miſ bere Mex laut einen davr Geſi mer eine dem erkle half zitte des ihre lar, true Har der deß ſpre ind ein eer Ge⸗ fiel er beten, e und gte der it dem „Wir ſorgen Unkunft eimath n.“ ter ge⸗ genug Raub⸗ ißte ich ern tra⸗ heit ge⸗ ht. Ba⸗ en muß. gte ge⸗ iin und rden zu rhob er in Ma⸗ welche Vaters 1 183 erkannte. Aber als ob er plötzlich in den Zu⸗ ſtand der Ruhe zurückkehrte, heftete er ſeine glühen⸗ den Augen wieder zur Erde und folgte ſeinen Füh⸗ rern anſcheinend mit derſelben Gelaſſenheit. „Kommen Sie, kommen Sie, meine Herrn,“ ſagte der Brüſſeler,„halten Sie ſich nicht länger nit dem Jungen auf. Wir haben viel Zeit verlo en und müſſen vorwärts. Sie gedachten ihre Reiſe fortzuſetzen und hatten bereits etwa hundert Schritte gemacht, als der junge Mexikaner, ehe Jemand Etwas bemerkte, unter einem lauten Siegesſchrei und mit einer navaja oder einem Taſchendolch in der Hand, durch das Geſtrüpp davon eilte und mit Blitzesſchnelle ihnen aus dem Geſicht verſchwunden war. Ueberdieß wurde die Auf⸗ merkſamkeit der Flamänder von dem Flüchtling durch einen Schmerzensſchrei, welcher dem Matroſen in demſelben Augenblick entſchlüpfte, abgezogen. Der Oſtender hielt die Hand an ſeine Seite und erklärte, er habe einen Dolchſtich erhalten. Man half ihm ſeine Kleider ausziehen, und Jedermann zitterte vor Beſorgniß, er möchte von dem Sohne des von ihm Erſchoſſenen tödtlich getroffen worden ſein. Als man ſeine Seite unterſuchte, zeigte ſich zu ihrer Freude, daß der Dolch auf den einzigen Dol⸗ lar, welchen der Matroſe in ſeinem ledernen Gürtel trug, geſtoßen war und, da er hier abglitt, nur die Haut gerizt hatte. Er geſtand ſelbſt, daß es nicht der Mühe werth ſei, nur daran zu denken, oder deßhalb den Marſch um eine Minute aufzuhalten. Die Ranzen wurden wieder aufgenommen. Man ſprach noch eine Weile von dem Vorfall; aber dann —— S 184 verdüſterten ſich allmälig die Gemüther unter der Herrſchaft trauriger Gedanken, und die Geſellſchaft ſetzte ſchweigend und ernſt ihren Weg über Berg und Thal fort. Donatus Kwik ſchüttelte im Gehen unaufhörlich den Kopf und murmelte bei ſich ſelbſt: „Der Geiſt wird uns verfolgen und uns keine Ruhe laſſen bis zu unſerem Todtenbett! Man ſollte den Erſten, der noch in dieſes verwünſchte Land kom⸗ men will, ins Tollhaus ſetzen. Menſchen ſind Men⸗ ſchen; aber Geiſter, wer kann dagegen Etwas machen? Ei, ei, es wird je länger, deſto beſſer. Es ſollte mich nicht wundern, wenn heute oder morgen Lucifer ſelbſt uns über den Hals käme. In der That, der Schwarze fehlt uns noch. Dann haben wir das ganze Ma⸗ gazin von Schreckniſſen voll. Wenn ich wirklich einen Sack voll Gold, oder, nehmen wir an, nur eine Metze davon finde, ſo werde ich es wahrhaftig nicht geſtohlen haben. Der abſcheuliche Matroſe mit ſeinem Schießen! Da ſind wir nun mit der andern Welt in Krieg gerathen. Ich werde mein Leben lang kein Auge mehr zuthun können!“ XIV. Das Geſpenſt. Eine oder zwei Stunden ſpäter, während ſie ſtill⸗ ſchweigend unweit eines hohen Gebüſches vorüber marſchirten, blieb der Brüſſeler plötzlich ſtehen und blickte als o Weiſe tief ei 5 einige tenpro von„ ſcheinl ſo gro hätte. 2 meine thäten Viellei gend, wollen vorübe nach L Si brumm wünſch neue er der llſchaft rg und hörlich keine ſollte d kom⸗ Men⸗ achen? e mich ſelbſt warze Ma⸗ einen r eine nicht ſeinem Welt lang ſtill⸗ rüber und 185 blickte überraſcht zur Erde. Es ſchien in der That, als ob das Gras ringsherum auf eine beſondere Weiſe zertreten wäre; außerdem trug der Boden tief eingedrückte Spuren von Pferdehufen. „Da iſt etwas vorgefallen,“ brummte Pardoes, einige Schritte zur Seite tretend.„Kommen Sie ... ſehen Sie, hier iſt die Stelle. Ein Flin⸗ tenpropf? Man hat geſchoſſen. Und die Spuren von Pferdehufen unter einander? Man wird wahr⸗ ſcheinlich mit dem Laſſo geſpielt haben.“ „Hu!“ rief Donatus Kwik, da iſt eine Blutlache, ſo groß, als ob man einen Ochſen abgeſchlachtet hätte. „Zum Teufel! wir ſind auf einem ſchlechten Wege, meine Herrn,“ ſagte der Brüſſeler.„Mich dünkt, wir thäten beſſer, einige Meilen nordwärts abzulenken. Vielleicht gelangen wir auf ſolche Weiſe in eine Ge⸗ gend, die nicht ſo unſicher iſt. Kommen Sie, wir wollen am Fuße dieſes Hügels dem Gebüſch entlang vorüberziehen, bis wir wieder unſere erſte Richtung nach Oſten einſchlagen können.“ Sie bogen auf der Ebene links ab. Kwik folgte brummend und zwiſchen den Zähnen das Land ver⸗ wünſchend, wo man beinahe mit jedem Schritt auf neue Schreckniſſe ſtieß. Kaum waren ſie eine halbe Stunde gegangen, als Donatus Kwik mit Entſetzen ausrief: „Hülfe, Hülfe! Ein wildes Thier, ein Löwe, ein Bär!“ Wo, wo?“ riefen die Andern mit erhobenem Gewehr. „Dort, zwiſchen dem Gehölz. Ein Geſicht, ihr Herrn, ein Rachen und Augen, Augen! 186 „Wir ſehen Nichts!“ „Sind Sie denn blind? Sehen Sie dort über dem Dornbuſchi, die zwei Hörner nicht, die auf und ab⸗ gehen? Weh mir, es kommt, es kommt!“ „Ha, ha, Dummkopf! lachte der Brüſſeler,„es ſind ein paar Eſelsohren, die Du ſiehſt. Halten Sie ſtill, Freunde, der Himmel ſendet uns vielleicht einen koſt⸗ baren Beiſtand. Dieſer Mauleſel gehört wahrſcheinlich den Leuten, welche an der Stelle, wo wir die Blut⸗ lache fanden, angegriffen wurden. Das arme Thier iſt bei dem Streite flüchtig geworden und irrt nun herrenlos in dem Geſtrüpp herum. Bleiben Sie einige Augenblicke ruhig: es könnte wohl eine Liſt hinter dem Thiere, das uns hier aufſtößt, verborgen liegen.“ „Ein guter Kamerad für Sie, Donatus,“ brummte der Matroſe,„ihr werdet fortan zu Zweien ſein.“ Es ſchien, als ob Kwik die Sache gleichfalls ſo nähme; denn er eilte frohlockend in das Gebüſch, während die Andern ihm nachſchauten. Einige Mi⸗ nuten ſpäter erſchien er wieder auf der Ebene, einen Arm um den Hals des Mauleſels geſchlagen, der ſich ſehr zahm führen ließ. Kwik ſchien vor Freude außer ſich und ſtreichelte den Eſel unter mancherlei Schmeichelworten. Ja die Andern ſahen, während ſie ihm entgegengingen, wie er dem Thier einen Kuß auf die Naſe gab. Es war ein alter, ausgemergelter Mauleſel, der kaum die Kraft zu haben ſchien, auf ſeinen Beinen zu ſtehen; aber der Brüſſeler machte ſeinen Kameraden begreiflich, daß dieſe Thiere ſehr ausdauernd und ſtark ſeien, und dieſes, trotz ſeines Alters, ihnen noch viele Dienſte leiſten und wahrſcheinlich ihr ſchweres Gepä⸗ hattee einen gebun Strick Leder gebun U und Maul Wieg Gepã leicht A in de ren 2 viele getre Thier ſchaft E verlo ihre hatte Mat neign ber dem ind ab⸗ „es ſind Sie ſtill, ien koſt⸗ chinlich ie Blut⸗ e Thier rrt nun e einige t hinter liegen.“ rummte n ſein.“ falls ſo Gebüſch, ige Mi⸗ e, einen en, der Freude ancherlei vährend nen Kuß eſel, der Beinen meraden end und een noch ſchweres 187 Gepäck ihnen in die placeres tragen könnte. Das Thier hatte ein Brandmal am Hintertheile, ſtatt alles Geſchirrs einen Strick um den Hals und außerdem zwei zuſammen⸗ gebundene hölzerne Körbe auf dem Rücken; an dem Strick hing ein Glöckchen, deſſen Klöpfel mit einem Lederriemen, um das Klingeln zu verhüten, hinauf⸗ gebunden war. Unverweilt wurden die Aexte, Schaufeln, Keſſel und Decken von den Ranzen genommen und dem Mauleſel aufgeladen; außerdem band man ihm die Wiege auf den Rücken, und jeder entlaſtete ſich ſeines Gepäcks, ſo weit es ihm gutdünkte. „Donatus, ich mache Sie zum Eſelstreiber!“ ſprach der Brüſſeler mit ſpaßhaftem Ernſt. „Ich bin es von Geburt,“ antwortete Kwik. „Verlaſſen Sie ſich darauf! Ich werde für das Thier Sorge tragen, wie für meinen eigenen Bruder.“ „Vorwärts, meine Herrn, jetzt vorwärts, mit leichtem Herzen und leichten Gliedern. Alle griffen fröhlich und jubelnd aus. Es war in der That keine geringe Luſt, ſich von der ſchwe⸗ ren Bürde befreit zu ſehen, welche ſie bereits ſo viele Tage faſt zu Boden gedrückt hatte. Als ein getreuer Eſelstreiber ſchritt Donatus neben dem Thier einher und hielt es, zum Beweiſe der Freund⸗ ſchaft, meiſtens mit der Hand am Halſe. Schon hatte der Vorfall den Reiz der Neuheit verloren, und die Andern förderten ſtillſchweigend ihre Schritte, als Donatus noch nicht aufgehört hatte, mit dem Eſel zu ſprechen. Wohl ſpottete der Matroſe von Zeit zu Zeit über die gegenſeitige Zu⸗ neigung der beiden Buſenfreunde, die einander ſo —— 188 unerwartet wieder gefunden hätten; doch Donatus gab keine Antwort darauf und ſetzte ſein Geſpräch mit dem Mauleſel fort. „Ja, Kamerade,“ ſagte er,„du darfſt nicht glauben, du ſeiſt in fremde Hände gefallen. Mein verſtorbener Vater, Gott ſei ſeiner armen Seele gnädig, hatte auch einen Mauleſel, und ich war es, der für ihn ſorgen, ihm Haber geben, ihn auf die Waide führen und ihm ſeine Streu zurecht machen mußte. Wir waren ſo gute Freunde, daß ich oft mein Stück mit Butter geſtrichenes Roggenbrod mit Hänschen, ſo hieß er, theilte. Du mußt mich gleich⸗ falls gern haben, und wäre es nur, weil ich für das Hänschen von Natten⸗Haesdonk ſo gut geſorgt habe. Alle Menſchen ſind Brüder und alle Maul⸗ eſel auch. Du ſchauſt mich an? Ich glaube wahr⸗ haftig, du verſtehſt mich? Es wundert dich, nicht wahr, daß Jemand, den du noch nicht kennſt, dir ſo viel Zuneigung bezeigt, aber das hat ſeine Gründe. Du mußt wiſſen, mein Freund, daß ich Jemand gern ſehe. Es iſt die Tochter von einem Feldwächter. Ich bin genug dafür geſtraft worden, daß ich meine Augen ſo hoch zu erheben wagte, denn der Feld⸗ wächter hat mich, als ich zu ihm ging und ihn bat, mir Aennchen zur Frau zu geben, mit ſolcher Ge⸗ walt zur Thüre hinausgeworfen, daß ich mit der Naſe in den Koth gefallen bin. Aennchen iſt jedoch nicht böſe auf mich; und ich meinerſeits, ich ſehe ſie immer vor meinen Augen, ſo deutlich, als wie ich jetzt deine zwei langen Ohren ſehe. Du mußt wiſſen, ich war einmal mit deinem Bruder Hänschen nach Mecheln geritten. Auf der Heimkehr, zwiſchen Willel ters 2 arme nicht von ganzer Wenn ſchwar mir, a und ſ glückli aber i kann ſein, dich g' es kei Bekan⸗ werde von w chen ein g gleichf finde nach ſagen Aenndh Hänsc Dr dieſem dadure ten, d ſchiren onatus eſpräch t nicht Mein Seele bar es, auf die machen ich oft od mit gleich⸗ ich für geſorgt Maul⸗ wahr⸗ nicht dir ſo ründe. d gern ächter. meine Feld⸗ n bat, r Ge⸗ it der jedoch ſehe s wie mußt ischen iſchen Willebroek und Natten⸗Haesdonk ſah ich Feldwäch⸗ ters Aennchen am Wege ſitzen und weinen. Das arme Kind hatte ſich den Fuß übertreten und konnte nicht mehr gehen. Ich habe ihr auf den Rücken von Hänschen geholfen. Sie war ſo froh! Den ganzen Weg haben wir mit einander geplandert. Wenn ſie von dem Eſel herab mit ihren freundlichen ſchwarzen Aeuglein zu mir niederſah, da war es mir, als ob das Herz mir innen im Leibe anſchwölle und ſo groß würde wie ein Kinderkopf. Ich war glücklich, glücklich! Warum, das weiß ich eben nicht, aber ich war doch ausnehmend glücklich. Sieh', ich kann dieß nicht ſo erklären; du müßteſt ein Menſch ſein, um das zu begreifen. Kein Wunder, daß ich dich gern ſehe, da du ein Mauleſel biſt; denn hätte es keine Mauleſel gegeben, ſo hätte ich Aennchens Bekanntſchaft nicht gemacht.... Es iſt wahr, ich werde in Kalifornien auch nicht der ihre; aber da⸗ von wollen wir jetzt nicht ſprechen. Aennchen, Aenn⸗ chen geht doch über Alles.... Ju, ju, du ſollſt ein gutes Leben bei mir haben. Ich werde dich gleichfalls Hänschen nennen. Sei nur guten Muthes; finde ich viel Gold, ſehr viel Gold, ſo werde ich dich nach Belgien mitnehmen. Du wirſt von Glück zu ſagen haben, he, du Schelm, wenn du mit mir und Aennchen in einem Schloſſe wohnen darfſt. Juchhe, Hänschen, juchhe!“ Donatus würde vielleicht noch Stunden lang in dieſem Tone fortgeſprochen haben; aber er wurde dadurch unterbrochen, daß ſeine Gefährten ſtill hiel⸗ ten, als ob ſie dieſen Tag nicht mehr weiter mar⸗ ſchiren wollten. ———— ——ſͤͤͤͤ 4 190 „Kameraden,“ ſprach der Brüſſeler,„ich ſchlage Ihnen vor, hier unſer Zelt zu errichten. Wir be⸗ finden uns auf einer Höhe und können weit aus⸗ ſchauen. Dort unten an dem Bach iſt Waſſer zu haben, und etwas weiterhin iſt Gras und Buſch⸗ werk, um den Mauleſel dort waiden zu laſſen. Es iſtzznoch heller Tag, und wir könnten eine halbe Stunde weiter gehen, aber es iſt nicht ſicher, ob wir wieder einen ſo wortheilhaften Platz finden. Legen Sie alſo Ihre Ranzen ab; wir wollen hier über⸗ nachten. Er löste dem Mauleſel den Bauchriemen und nahm ihm ſeine Laſt ab; dann machte er den Klöpfel im Glöckchen frei und ſtieß das arme Thier zwei⸗ oder dreimal an die Beine, daß es aufſprang und mit großer Schnelligkeit nach dem Gebüſch eilte. „O Gott, Hänschen, Hänschen!“ ſchrie Donatus. „Er wird ſich verlaufen!“ Aber der Brüſſeler hielt ihn zurück und ſagte: „Fürchte Nichts, Donatus. Man verfährt hier nicht anders mit den Mauleſeln. Er wird ſehr zu⸗ frieden ſein, während der Nacht freſſen und ſchlafen zu können. Das Glöckchen wird uns anzeigen, wo er iſt. Er wird ſich nicht entfernen; er iſt daran 4 gewöhnt. Man begab ſich in das Gebüſch, hieb das nöthige Holz und begann das Zelt aufzurichten. Jan Creps, der heute Koch und mit Feueranmachen beſchäf⸗ tigt war, ſagte zu Kwik: „Da, Donatus, nimm den Keſſel und lauf' den Hügel hinab, um Waſſer zu holen; der Kaffee wird deſto früher fertig ſein.“ Mine 8 K angeg „ rief nicht Wir morge Wenn 7 34 Da k Vorrẽ weiter 6 25 finden ſchlim Dinge Golde gleicht nöthige Creps, heſchäf⸗ if den e wird — 191 Kwik nahm den Keſſel und entfernte ſich in der angegebenen Richtung. „So, Freunde, ein Bischen Eile bei der Arbeit,“ rief der Brüſſeler.„Wir haben vergangene Nacht nicht zum beſten und überdieß nicht lang geſchlafen. Wir wollen einmal ordentlich ausruhen, um uns morgen recht früh wieder auf den Weg zu machen. Wenn wir nicht nachlaſſen, werden wir bald die Minen am Nuba erreichen.“ „Bald? Wann denn?“ fragte der Matroſe. „Noch drei oder vier Tage, und wir ſind dort. Da können wir ein wenig Raſt halten und unſere Vorräthe in den stores oder Läden erneuern, um weiter nach dem unbekannten placer zu reiſen.“ „Aber was verkauft man denn in den stores?“ „Alles, was die Goldſucher bedürfen, Mehl, Speck, Schinken, Zucker, Kaffee, Branntwein.“ „Ein ſeltſamer Gedanke, einen Laden an einem Orte errichten, wo die Andern Gold ſuchen und Gold finden!“ ſagte Victor. „Ja, Freund Roozeman, die ſind durchaus nicht ſchlimm daran,“ bemerkte Pardoes.„Sie verkaufen Dinge, die keinen Dollar werth ſind, um eine Unze Goldes; und während viele Goldgräber ebenſo arm nach Hauſe gehen, wie ſie gekommen ſind, verlaſſen die Budeninhaber niemals die placeres, ohne ein ſchweres Vermögen geſammelt zu haben.“ „Es ſind ohne Zweifel Mexikaner?“ „Nein, Leute von jedem Schlage, Franzoſen, Nordamerikaner, Spanier, Deutſche, und Mexikaner gleichfalls.“ 192 „Und wie vertheidigen ſie ihre Waaren gegen Diebe und Räuber?“ „Sie kennen die Verhältniſſe dort noch nicht. Die stores befinden ſich da, wo die Goldſucher in großer Anzahl beiſammen ſind. Da gibt man nicht viel Acht auf einen Dolchſtoß oder Piſtolenſchuß; aber ſobald ein Dieb ertappt wird, hängt man ihn auf ohne.... Er wurde in ſeiner Rede durch die Ankunft von Donatus unterbrochen, welcher ſeinen Keſſel Waſſer beinahe zur Erde fallen ließ und mit bleichen Wan⸗ gen und aufgehobenen Armen ſtammelte: „Gott bewahre mich! Da habe ich Etwas ge⸗ ſehen, ſo häßlich, ſo entſetzlich, daß ich vor Schrecken beinahe den Verſtand verloren habe. Ich glaube, es herrſcht Zauberei in dieſem Lande und der Teufel....“ „So ſag' doch, was Du geſehen haſt, Schwätzer!“ gebot ihm Pardoes mit zorniger Ungeduld. „Ja, laſſen Sie mich nur Athem holen. Dort, unten am Berge, an dem Waſſer, hängt ein Menſch an einem Baume und zappelt noch mit den Beinen. Er möchte ſchreien, ſicherlich; aber er kann nicht, denn er hängt in einer Schleife an einem Strick!“ „Nun kommt, wir wollen ſehen, was es iſt.“ Donatus führte ſie den Berg hinab und zeigte ihnen wirklich einen Mann, an dem ſtärkſten Aſt eines Baumes hängend. Der Wind, welcher durch den Engpaß ſtrich, bewirkte, daß der Leichnam an dem Strick ſich drehte; dieſe Bewegung hatte Kwik auf den Glauben gebracht, daß der Gehenkte noch am Leben ſein könnte. r J daß Donc Leicht die d zu fo 2 Spit ten. 1 dem nen Gol hölze ron, ſagte bare Schr dem häng viell Sie lege derk nich gegen hnicht. icher in en nicht nſchuß: tan ihn aft von Waſſer Wan⸗ das ge⸗ chrecken glaube, nd der ätzer!“ Dort, Menſch Beinen. nicht, btrick!“ ſt.⸗ zeigte en Aſt durch am an Kwik ee noch E 193 Näher zu dem Baum tretend, bemerkte Victor, daß eine⸗Blechſchüſſel an den Baum genagelt war. Donatus blieb zitternd ſtehen und wagte nicht, dem Leichnam nahe zu kommen; doch ließ er ſich durch die Spöttereien des Matroſen bewegen, den Andern zu folgen. Auf der Blechſchüſſel waren mit einer eiſernen Spitze Zeichen eingegraben, welche Buchſtaben bilde⸗ ten. Victor las es, indem er hinzuſetzte: „Es iſt Engliſch; es heißt ſo viel als: Achtung dem Lynchgeſetz. Jack Kalef hat hier ſei⸗ nen Buſenfreund ermordet, um ihm ſein Gold zu ſtehlen. „Sehen Sie, neben dem Baum ſteckt hier ein hölzernes Kreuzchen in der Erde,“ bemerkte der Ba⸗ ron,„da iſt das Grab des Ermordeten.“ „Bah, das ſind Dinge, die uns Nichts angehen,“ ſagte der Brüſſeler, umkehrend.„Laßt uns die koſt⸗ bare Zeit nicht damit verlieren, daß wir nach dem Schurken ſchauen. Kommen Sie, wir wollen nach dem Zelte zurück.“ „Himmel! gedenken Sie denn, dieſen Mann hängen zu laſſen?“ murmelte Kwik mit Entſetzen. „Er hängt gewiß ſchon ſechs Wochen hier.“ „Und Sie wollen ihn nicht begraben? Es iſt vielleicht ein Chriſtenmenſch, wie wir!“ „Laſſen Sie mich in Ruhe, Donatus. Sollten Sie dumm genug ſein, Ihre Hand an das Aas zu legen? „Aber, aber der Geiſt dieſes Mannes wird wie⸗ derkommen und umgehen, ſo lang ſeine Gebeine nicht unter der Erde liegen.“ Conſcience, das Goldland. I. 13 194 Ein ſchallendes Gelächter war die Antwort, welche er bekam. Unterwegs ſuchte ihm Victor be⸗ greiflich zu machen, daß er in ſeinem Mitleid einen Unterſchied machen müſſe. Der Gehenkte war ein abſcheulicher Mörder und hatte ſeine Strafe wohl verdient.. Kwik war jedoch nicht zu beruhigen; er drehte ängſtlich den Kopf um, als fürchte er von dem Leichnam verfolgt zu werden; er ſeufzte und mur⸗ melte faſt unhörbar: „Ich ſchlafe noch lieber auf dem Kirchhof von Natten⸗Haesdonk, obwohl es da wahrhaftig Nachts um zwölf Uhr auch nicht geheuer iſt.... Nun, nun, lieber Donatus, wickle Dich in deine Decke, lege Dich auf den Boden und träume von Aennchen und von Gold, bis ein Geiſt kommt und Dir den Hals umdreht. Was für ein Land, ach, was für ein ſchreckliches Land!“ Der Kaffee wurde ſchnell gekocht, desgleichen eine Anzahl Kuchen gebacken. Man nahm das Abendeſſen zu ſich. Victor wurde auf die Wache geſtellt, und die Uebrigen krochen unter das Zelt, um zu ſchlafen. Donatus drehte ſich noch viel unruhiger herum, als Tags zuvor. Er hielt jedoch die Augen feſt ge⸗ ſchloſſen, denn ſobald er ſie öffnete, nahm die Fin⸗ ſterniß allerlei ſchreckenerregende Geſtalten an. Er ſah den Leichnam des Mexikaners, den Leichnam des Gehenkten und den Leichnam des Ermordeten vor ſeinen Augen hin und her tanzen und ihn bedrohen. Was ihn jedoch mit tieferer Angſt erfüllte, war der Gedanke, daß er mitten in der Nacht aufgerufen twort, or be⸗ einen er ein wohl drehte dem mur⸗ f von Kachts Nun, Decke, unchen r den eichen das Wache Zelt, nur auf, es ſtinkt da drüben!“ 195 werden ſollte, um die Schildwache abzulöſen. Er mußte alſo in der Finſterniß allein daſtehen! Seine Kameraden in dem Zelte ſchnarchten ſehr ſtark und ſchienen in einen wohlthätigen Schlaf verſunken; er beneidete ſie um dieſe Gemüthsruhe und ſagte bei ſich ſelbſt, er würde gern einen Klumpen Goldes, ſo groß wie ein Apfel, darum geben, wenn er gleich⸗ falls vergeſſen könnte, daß es Geiſter gebe, die wie⸗ der kommen. Er begann mit Innigkeit zu beten; und ſei es, daß die Abkehr ſeiner Gedanken ſeine Angſt verminderte, oder daß er der Ermüdung vom Marſche unterlag, er verfiel endlich in einen leichten Schlummer, der allmälig zu einem feſten Schlaf ſich geſtaltete. Mitten in der Nacht fühlte er plötzlich, wie ihn Etwas am Beine zog und in die Wade kneipte. Er ſprang auf und ſeufzte, während ihm die Haare zu Berge ſtanden: „O Gott, ſteh mir bei! Ein Geiſt, ein Geiſt!“ „Schweig', Eſel der Du biſt“ fuhr ihn der Matroſe an.„Du mußt auf die Wache; es iſt eilf Uhr.“ „So?“ brummte Kwik, aus dem Zelte tretend, „ſo fällt ein unglücklicher Menſch aus einem Brun⸗ nen in den andern.“ „Da iſt die Uhr,“ ſagte der Oſtender, ihm die⸗ ſelbe in die Hand legend;„um NMitternacht mußt Du den Baron wecken, um Dich abzulöſen.“ „Haben Sie Nichts in der Finſterniß geſehen?“ fragte Kwik in ängſtlichem Ton. „Ja, Donatus, etwas Schreckliches, Junge; paß' 196 „Was haben Sie geſehen? Um Gottes willen, täuſchen Sie mich nicht.“ „Was ich geſehen habe? Ein Geſpenſt, einen Geiſt, mit einem weißen Leintuch über dem Rücken!“ antwortete der Matroſe mit hohler Stimme.„Er hat mich angeſprochen.“ „Ei, ei, iſt es wahr? Und was hat er geſagt?“ „Iſt unter Deinen Gefährten kein dummer Junge Namens Kwik?“ hat er gefragt.„Ja, hab, ich ge⸗ antwortet, er wird gerade um Mitternacht auf die Wache kommen.“—„Nun wohl,“ hat das Geſpenſt erwiedert.„das iſt eben die rechte Stunde, um die⸗ ſem furchtſamen Schwätzer den Hals umzudrehen.— Schlaf' wohl bis Morgen, Donatus.“ Als der arme Kwik ſich in der Finſterniß allein ſah, begann er vor Angſt auf den Beinen zu wan⸗ ken. Er hatte Luſt, ſeine Augen geſchloſſen zu hal⸗ ten, aber bei allen ſeinen Schwachheiten beſaß er doch viele gute Eigenſchaften, und eine davon war die, daß er treu und ernſtlich die Pflicht, welche er einmal übernommen hatte, erfüllen wollte. Trotz ſeiner Aufregung erinnerte er ſich, daß er hier ſtand, um über das Leben ſeiner Kameraden, und vornehm⸗ lich über Victor Roozeman zu wachen. Er ſchaute deßhalb nach allen Seiten aus; aber wie der kalte Schweiß an ihm ausbrach und welche ſeltſame Erſcheinungen und Spukgeſtalten vor ſeinen Augen emportauchten, läßt ſich kaum beſchreiben. Bäume, Felſen, Wolken, Alles nahm eine drohende und Furcht erregende Form an. Bis jetzt indeſſen fühlte er ſich noch muthig ge⸗ nug, um ſeinen Poſten nicht zu verlaſſen, aber wie villen, einen cken!“ ſpenſt n die⸗ en.— allein wan⸗ hal⸗ aß er war che er Trotz ſtand, nehm⸗ aber velche ſeinen eiben. hende mußte ſein Schrecken nicht in dem Maaße zunehmen, als die Mitternachtſtunde näher rückte, jene Stunde, wo den Vorſtellungen ſeiner Kindheit zufolge Geiſter und Geſpenſter umgingen und Böſes zu üben ſuchten? Plötzlich erſchreckte ihn ein halberſtickter Schrei, und ſein Haar ſtieg ihm gleich Borſten zu Berge. Er ſah oder bildete ſich ein zu ſehen, daß in weiter Ferne eine Menſchengeſtalt mit einem weißen Lein⸗ tuch über dem Haupte aus der Erde erſtanden war und jetzt langſam, doch geraden Wegs auf ihn zukam. Er zog ſich bis an das Feuer zurück und mußte ſich an den Pfahl, der beim Kochen Dienſte geleiſtet hatte, anlehnen, um nicht umzufallen. Da ſchoß ihm ein rettender Gedanke durch den Kopf! Er zog die Uhr aus der Taſche, öffnete ſie, bückte ſich über die Flamme und richtete mit ſeinem zitternden Finger den Zeiger beinahe um drei Viertel Stunden voraus. Dann kroch er in das Zelt, zog Jemand bei den Beinen und ſagte: „Baron, Baron, wachen Sie auf: douze heures. C'est pour vous faction,*) zwölf Uhr!“ „Wie, zwölf Uhr?“ brummte der Franzoſe, aus dem Zelte tretend.„Es iſt noch keine halbe Stunde, daß ich Sie zur Ablöſung aufſtehen hörte.“ „Nun nun,“ ſtammelte Donatus in ſeinem kau⸗ derwelſchen Franzöſiſch.„Quand dormir, pas savoir si douze heure ou pas: Tiens la horloge, juste cela!“*) *) Zwölf Uhr. An Ihnen iſt die Wache. **) Wenn ſchlafen, man nicht wiſſen, ob zwölf Uhr uder nibt. Da iſt die Uhr, das hier. A. 198 Der Boron nahm die Uhr und ſtellte ſich auf ſeinen Poſten. Donatus wickelte ſich in ſeine Decke, legte ſich nieder, machte das Zeichen des Kreuzes und mur⸗ melte in ſich hinein: „Es iſt nicht ehrlich, ich weiß es; aber ich werde es ihm wieder vergelten, und müßte ich zu einer andern Zeit zehnmal für ihn Wache ſtehen. Ich bin nicht furchtſam: ich habe Muth genug; aber gegen Geſpenſter kämpfen? Niemals.... weh mir, weh mir, ſchlaf wohl, Donatus!“ Und er ließ mißmuthig den Kopf auf ſeinen Ranzen fallen. XX. Der Verwundete. Als die Goldſucher am folgenden Morgen er⸗ wachten und auf die Uhr ſchauten, waren ſie nicht wenig verwundert, daß die Sonne um eine Stunde ſpäter aufging, als Tags zuvor. Es wurden darüber allerlei Vermuthungen ausgeſprochen, und der Ma⸗ troſe verſicherte ſogar, daß es unbezweifelt von einer großen Erderſchütterung herkommen müſſe, welche die Weltkugel aus ihrem Gleichgewicht gebracht habe. Donatus ſchaute zu Boden und geberdete ſich, als ob er in Folge eines Rheumatismus unaufhörlich nieſen müßte. Wohl ſchaute ihm der Baron miß⸗ trauiſch in die Augen, aber der einfältige Junge machte ein ſo unſchuldiges Geſicht, daß der Argwohn des Barons völlig verſchwand. 2 »v ch auf te ſich mur⸗ werde einer ch bin gegen , weh ſeinen n er⸗ nicht tunde rüber Ma⸗ einer he die habe. „als örlich miß⸗ unge wohn 8 — 2 199 Während ſie ſich niedergeſetzt hatten, um den Kaffee zu trinken, rief Jan Creps, ſich die Hände reibend: „Heute werden wir viele Stunden Wegs zurück⸗ legen. Wir haben gut geſchlafen, nicht wahr, Kwik?“ „Ja, ja,“ brummte Donatus,„es ſieht nicht dar⸗ nach aus; die ganze Nacht bin ich immer und immer von vier oder fünf Geſpenſtern geplagt worden.“ „Du mußt Deine Einbildung bezwingen, Freund Kwik,“ lachte Victor.„Gott hat uns bisher beſchützt; es iſt zu hoffen, daß er auch fernerhin über uns wachen wird.“ „So, das heißt beſchützt, Herr Roozeman? Ich bin doch neugierig zu wiſſen, wie es heute wieder gehen wird. Ein Drache mit ſieben Köpfen, der Teufel in Perſon, oder ein Dutzend Menſchenfreſſer.“ Kommt, kommt, nicht viel Zeit verloren, Kame⸗ raden,“rief der Brüſſeler,„die Ranzen aufgenommen! Donatus, hole den Mauleſel; er ſteht dort, dicht bei dem Tannenbaum.“ Einige Minuten ſpäter waren ſie auf dem Weg. Donatus wollte mit Gewalt den Ranzen und die Flinte von dem Baron tragen, aber der Franzoſe, welcher den Geund dieſer plötzlichen Dienſtfertigkeit nicht verſtand, lehnte das Anerbieten mit einer ſtolzen Kopfbewegung und unter kaltem Spotte ab. Kwik hätte ſehr gern den Baron für die drei Viertelſtunden, welche er ihm geraubt hatte, durch andere Dienſte entſchädigt: aber ſo unfreundlich ab⸗ gewieſen, war er zu dem Mauleſel zurückgekehrt und ſchritt nun halb mißmuthig neben ihm einher. Mit leiſer Stimme erzählte er dem Thiere, wie —— 200 er dieſe traurige Nacht überſtanden und was für ſchreckliche Dinge er geſehen hatte. Er beklagte es, Natten⸗Haesdonk verlaſſen zu haben, und ſprach mit ſo viel Begeiſterung von ſeinem Geburtsdorfe, von ſeinen fetten Weiden, und von der Ruhe und Freude, welche man dort genoß, ohne Mörder, Geſpenſter oder Wilde fürchten zu müſſen, daß der Mauleſel, hätte er ihn verſtehen können, ſicher gedacht haben würde, Natten⸗Haesdonk müſſe in einem irdiſchen Paradieſe gelegen ſein. Um ſich ſelbſt zu tröſten, ſuchte er dem Thiere Muth einzuſprechen und das Glück, mit Aennchen einmal auf einem Schloß zu wohnen, vor ſeinen Augen in glänzenden Farben auszumalen.... Aber mitten in deſſen verlockender Rede fühlte der Mauleſel ſich von einer Fliege geſtochen und gab aus Mißverſtändniß ſeinem Begleiter einen ſo heftigen Stoß, daß der arme Kwik jählings zu Boden ſtürzte. Donatus mußte ein ſehr zähes Leben haben, denn eehe die Andern Zeit hatten, um ihm zu Hülfe zu kommen, war er bereits wieder aufgeſprungen und hatte ſeinen Platz neben dem Laſtthiere eingenommen. Dieſer kleine Vorfall hatte alſo die Reiſe nicht unterbrochen. Donatus hielt dem Mauleſel eine end⸗ loſe Predigt über die Freundſchaft, die Dankbarkeit, den Gehorſam, wozu ein Eſel ſeinem Herrn oder Treiber, wenn dieſer ihn mit Sanftmuth behandelt, verpflichtet iſt. Er war eben damit beſchäftigt, ihm zum Vorbild alle die guten Eigenſchaften von Häns⸗ chen in Natten⸗Haesdonk aufzuzählen, als der Brüſ⸗ ſeler plötzlich ſtehen blieb und ausrief: „Die Gewehre zur Hand, meine Herrn! Viele Männer vor uns!“ — 9 0 Gn 8 für te es, h mit „von reude, r oder hätte pürde, adieſe hte er k, mit „ vor te der b aus ftigen türzte. denn lfe zu n und nmen. nicht e end⸗ arkeit, oder ndelt, „ihm Häns⸗ Brüſ⸗ Viele e 201 „Da haben Sie es wahrhaftig wieder!“ ſeufzte Donatus.„Ich gebe keine Pfeife Tabak für unſer Leben.“ Alle blieben mit erhobenen Musketen ſtehen; ſie ſahen eine große Anzahl Männer kommen, aber von Ferne ließ ſich nicht deutlich erkennen, von welcher Sorte die Leute waren. Sobald die Bande der Geſellſchaft des Brüſſelers Pardoes gewahr wurde, hielt ſie gleichfalls an und brachte ihre Gewehre in Bereitſchaft. „Je nun, Kameraden,“ murmelte Donatus,„wenn wir nicht anders können, ſo laßt uns mit Gottes Hülfe kämpfen; aber dort ſind ihrer wohl zwanzig, und da in der Nähe iſt ein Gebüſch, wohin man ſich flüchten könnte. Wer ſich in Gefahr begibt, kommt darin um,“ ſagt der Paſtor von Natten⸗Haesdonk.“ „Schweig, Dummkopf,“ unterbrach ihn Pardoes; „wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt hier an keine Gefahr zu denken. Die Männer dort ſind mit ſchwe⸗ rem Gepäck belaſtet. Es ſind Goldſucher, die von den placeres zurückkehren. Kommt, Freunde, laßt uns thun wie ſie: ſetzen wir vorſichtig unſern Weg fort. Seht, ſie machen uns Zeichen der Freundſchaft.“ In der That näherten ſich die beiden Truppen einander, und ſobald ſie ſich beiderſeits verſichert hat⸗ ten, daß es nur Wanderer waren, welche ſolcher Art zuſammentrafen, wechſelten ſie ſchon aus der Ferne laute Grüße aus. Jedoch hielt Jedermann ſich auf ſeiner Hut. Der Brüſſeler erkannte einen Franzoſen, den er vor Jahren in den nördlichen Minen geſehen hatte. Er ging auf ihn zu und verharrte einige Minuten 202 im Geſpräch mit ihm, während ſeine Genoſſen einige Worte mit den übrigen Goldſuchern austauſchten und dadurch Aufklärung über den Zuſtand der placeres zu erlangen ſuchten. Es wurde ihnen wenig geſagt, denn dieſe Leute waren ſehr mißtrauiſch, und als Donatus in ſeinem ſchlechten Franzöſiſch einen von ihnen fragte:„C'est pour vous beaucoup grand de l'or dans cette sac?“*) da ſchienen ſie alle in Zorn zu gerathen und ſchauten ihn mit drohenden Blicken an. Die Vorderſten der Bande hatten ſich bereits wieder auf den Marſch gemacht; der Brüſſeler drückte dem Franzoſen die Hand und ſagte ihm Lebewohl. Pardoes näherte ſich ſeinen Freunden, welche gleichfalls ihre Reiſe fortſetzten. Sie ſahen ihn an, in der Erwartung, daß er ihnen von dem, was er vernommen hatte, Etwas mittheilen würde, aber er. ſchüttelte mit ſichtbarer Bekümmerniß den Kopf und beobachtete Stillſchweigen. „Haben Sie ſchlimme Zeitungen, Pardoes, daß Sie ſo ernſt ausſehen?“ fragte Jan Creps. „Schlimme Zeitungen,“ war die Antwort. „So? Wieder etwas Neues?“ murmelte Donatus; „Wilde haben wir noch nicht gehabt.“ „Wilde ſind es, auf die wir ſtoßen könnten,“ ſagte Pardoes. „Nun wohl, Sie mögen es anſehen, wie Sie wollen,“ rief Kwik zornig aus,„ich nehme wahrhaftig meine Entlaſſung als Goldſucher und reiſe nach *) Da haben Sie alſo viel groß Gold in dieſer Sack. A. d. Hauſe. Ich bin bereits um ein halbes Ohr in die⸗ ſem verzauberten Lande gekommen; aber ich möchte nicht gern mit einem Kopf voll Blut und ſo kahl wie meine Blechſchüſſel zu Natten⸗Haesdonk an⸗ langen.“ „Halten Sie Ihr Maul, Donatus, und hören Sie, wenn es Ihnen gefällig iſt. Sehen Sie, meine Herren, was der Franzoſe mir geſagt hat. Zwiſchen uns und den placeres des Nuba iſt eine große Bande wilder Kalifornier erſchienen. Man hat in den stores die Botſchaft erhalten, daß ſie vor vier Tagen eine Geſellſchaft Reiſender überfallen haben. Die Män⸗ ner, welche da an uns vorbeimarſchirt ſind, haben die Wilden aus der Ferne geſehen. Der Franzoſe hat mir gerathen, ein paar Stunden weſtwärts ab⸗ zulenken, damit die Wilden unſere Spur nicht auf⸗ finden könnten. Am Fuße jenes Berges dort wollen wir ſeinen Rath befolgen. Seien Sie auf Ihrer Hut und halten Sie ſich ſtets zur Vertheidigung bereit.“ Kachdem ſie ihre Richtung nach Weſten einge⸗ ſchlagen hatten und einigermaßen ſich von dem Ein⸗ druck der ſchlimmen Kunde erleichtert fühlten, ſagte der Brüſſeler: „Abgeſehen davon, Kameraden, lauten die Nach⸗ richten von den Minen wirklich gut. Man hat höher hinauf nach den Quellen des YNubafluſſes neue pla- ceres entdeckt, welche noch reicher ſind als diejenigen, die bisher aufgefunden wurden. Der Franzoſe, wel⸗ chem ich in frühern Jahren einen Dienſt geleiſtet habe, hat mir merkwürdige Andeutungen gegeben; und da die neuen placeres auf unſerem Wege ge⸗ 204 legen ſind, bin ich der Meinung, wir würden wohl daran thun, einige Tage unſer Glück zu verſuchen. In der Entfernung von ein paar Stunden gibt es stores; Sie werden da ausruhen und inzwiſchen das Geſchäft des Goldſuchers lernen können. Nicht der Erſte beſte gibt von Anfang an einen geſchickten Goldſucher; es iſt ein Gewerbe, das auch ſeine Lehr⸗ jungen hat.“ Donatus hörte nicht auf dieſe Erklärungen; er ſchritt brummend neben dem Mauleſel einher und ſah unaufhörlich mit ängſtlichen Blicken rückwärts, gequält wie er war von der Furcht, es würden un⸗ fehlbar Wilde zum Vorſchein kommen. Es war für ihn ausgemacht, daß man in dieſem verwünſchten Lande Kalifornien immer auf das Schlimmſte gefaßt ſein müſſe, um nicht hinter der ſchrecklichen Wirklichkeit zurückzubleiben. Von Zeit zu Zeit fuhr ermit der Hand nach dem Kopfe und zupfte ſich anden Haaren, um überzeugt zu ſein, daß er noch nicht kahl war. Plötzlich entfuhr ihm ein Schrei und er rief er⸗ bleichend: „O Gott, da ſind ſie! Da ſind ſie!“ Ein ſeltſames Geräuſch hatte ſich in der Ferne aus dem Gebüſch vernehmen laſſen, und die Genoſſen von Donatus, ebenſo überraſcht wie er, blieben lau⸗ ſchend ſtehen. Es war eine jammernde Stimme, welche um Hülfe zu flehen ſchien. Man vermochte anfänglich nicht zu erkennen, welches die Sprache des Klagenden war; aber nunmehr hörten ſie deutlich das Wort „God“ ausſprechen. *) Sott. A. b. U. „Iſt es möglich?“ rief Victor;„ein Flamänder in dieſer Gegend? Kommt, kommt, laßt uns nach⸗ ſehen. Es iſt wahrſcheinlich ein unglücklicher Lands⸗ mann.“ „Laſſen Sie uns beiſammen bleiben,“ ſagte der Brüſſeler. Halten Sie Ihre Gewehre in Bereit⸗ ſchaft: denn unter Allem kann eine Liſt ſtecken. Do⸗ natus! ſuche uns mit dem Eſel durch das Gebüſch zu folgen.“ Indem ſie dem ſchmerzlichen Hülferuf nachgin⸗ gen, fanden ſie einen jungen Mann an einem Baume ſitzen. Er war bleich, ſeine Wangen waren einge⸗ fallen und ſeine Füße ſehr dick mit Lappen umwun⸗ den, welche er von ſeinen Kleidern geriſſen hatte. Seine erſten Worte verriethen, daß er ein Engländer ſein mußte, und man hatte ſich inſofern über ſeine Perſon geirrt, als das Wort„God“ im Engliſchen wie im Flämiſchen daſſelbe bedeutete. Er erzählte, er und ſeine Genoſſen ſeien von Buſchrangers überfallen worden, und er habe dabei eine Kugel in den Fuß bekommen. Seine Wunde hatte ſich entzündet; ſein Fuß war äußerſt ange⸗ ſchwollen und ſchmerzte ſehr; er konnte nicht gehen und war bereits vier Tage in dem Gebüſche herum⸗ gekrochen, von Kräutern und Wurzeln lebend und eines ſchrecklichen Todes gewärtig. Er flehte ſeine Zuhörer mit gefalteten Händen und um der Liebe Gottes willen an, ihn doch nicht in der Wüſte liegen zu laſſen. Sein Vater halte einen großen store oder Laden am Federfluß, und er werde ſeine Retter reichlich belohnen. Victor und Jan Creps ſprachen ſogleich davon, -·· — 206 man ſolle den jungen Mann auf den Eſel ſetzen und ihn mitnehmen, aber der Matroſe erklärte fluchend, die Menſchenliebe ſei in Kalifornien eine Dummheit, und er habe keine Luſt, um der ſchönen Augen dieſes Engländers willen wieder unter einer Eſelslaſt bei⸗ nahe zu erliegen. Während es zwiſchen Roozeman und dem Oſten⸗ der darüber zu harten Worten kam, ſagte der Brüſ⸗ ſeler: „Kommen Sie mit mir ein wenig zur Seite, meine Herrn; die Sache iſt wichtig genug, um ſich darüber zu berathſchlagen.“ Und als man ihm etwa zwanzig Schritte weit gefolgt war, fuhr er fort: „Freunde, wir haben glücklicher Weiſe einen Mauleſel gefunden. Es iſt eine koſtbare Hülfe und macht uns möglich, in großen Tagereiſen und mit beträchtlicher Geſchwindigkeit dem Ziel nahe zu kom⸗ men, wornach wir uns alle ſehnen. Der Mauleſel iſt alt und ſchwach. Wollen wir uns mit dem ver⸗ wundeten Menſchen dort beſchweren, ſo müſſen wir wieder unſere Geräthſchaften und die Wiege auf den Rücken nehmen und werden dadurch ſehr aufgehalten. Was den Lohn betrifft, den er uns verheißt, ſo ver⸗ trauen Sie nicht darauf; einmal in Sicherheit, wird er uns ſagen:„ſeid bedankt und guten Tag.“ „Aber ſollen wir denn einen Chriſtenmenſchen, unſern Nächſten, unbarmherzig in dieſer Wüſte ſter⸗ ben laſſen?“ rief Victor.„Gehen Sie, ſetzen Sie Ihren Weg fort, meine Herrn; muß es ſein, ſo bleibe ich allein bei dem Unglücklichen und trage ihn, wenn ich es vermag.“ — Der Verwundete, welcher von Ferne zuſah, be⸗ merkte wohl, daß der junge Mann mit dem blon⸗ den Haar zu ſeinen Gunſten redete. Er ſtreckte demnach flehend die Hände zu ihm aus und hielt den bittenden Blick auf ihn gerichtet. „Nun wohl, ich erkläre mich entſchieden gegen das lächerliche Vorhaben von Roozeman,“ ſchnaubte der Matroſe.„Trage die Geräthſchaften, wer will, mir kommt kein einziges Stück mehr auf den Rücken.“ „Es ſei“ erwiderte Victor,„dann werden wir Alles tragen, nicht wahr, Jan?“ „Gewiß, das iſt abſcheulich, ſolche Gefühl⸗ loſigkeit!“ „Und Du, Donatus?“ „Ich trage, um einem Menſchen das Leben zu retten, die Wiege und die Aexte bis an das Ende der Welt. Gott wird uns deßhalb gnädig ſein und uns vielleicht zum Lohne dafür die Wilden vom Leibe halten.“ „Was ſagen Sie dazu, Baron?“ fragte Pardoes. „Ich denke,“ war die Antwort,„daß ein Men⸗ ſchenleben nicht der Mühe werth iſt, um ſo viel Aufhebens davon zu machen; doch der Unglückliche iſt noch jung; ich will meinen Theil von Geräth⸗ ſchaften wohl tragen.“ Bereits hatten Victor und ſeine Freunde dem Mauleſel den größten Theil ſeiner Laſt abgenom⸗ men, hoben nun den Verwundeten vorſichtig vom Boden auf und ſetzten ihn auf das Thier. Der arme Jüngling dankte Victor mit Thränen in den Augen und betheuerte ihm in feurigen Worten, er ff„— — — 208 3 werde ihm ſeinen Edelmuth bis an den Rand des Grabes nicht vergeſſen. Ihrem Verſprechen zufolge nahmen Roozeman und Creps die meiſten Geräthſchaften auf ihren Rücken, und die Wiege band man Donatus auf den Ranzen. Die Reiſe wurde fortgeſetzt. Unterwegs erzählte der Engländer, wie ihm das Unglück begegnet war. „Mein Name iſt John Miller; wir ſind aus Kilkenny in Irland,“ ſagte er.„Ich mußte mich nach Sacramento begeben, um dort einen Vorrath Mehl für den Laden meines Vaters einzukaufen. Da wir am Federfluſſe die nöthigen Mauleſel nicht zu bekommen vermochten, habe ich den Weg über die placeres am YNuba genommen und dort, nach einigen Tagen Wartens, die Mauleſeltreiber, deren ich bedurfte, gefunden. Wir ſtiegen mit Schnelligkeit die Berge hinab, denn unſere Mauleſel waren gut. Nichts Beſonderes begegnete uns auf der Reiſe bis zum dritten Tag. Ein paar Stun⸗ den vor Mittag erblickten wir am Fuße der Anhöhe, welche unſern Weg beherrſchte, einen Mann ſitzen, zuſammengekrümmt und vornübergebeugt, gleich Je⸗ mand, der ſehr ermattet iſt. Da er allein war und keine andere ſichtbare Waffe, als einen Revolver hatte, flößte er uns kein Mißtrauen ein. Auf unſer Befragen erklärte er uns, er ſei von San Fran⸗ cisco abgereist, um nach den placeres im Norden zu gelangen, habe ſeinen Weg verloren und ſterbe nun aus Mangel an Lebensmitteln faſt vor Hunger. Wir gaben ihm einigen Zwieback und ein gutes Stück geſalzenes Fleiſch. Der Mann hatte einen grof Aug unte mel! täuſ habe mir vom Waf wied dem Reiſ Von einer um ſchw als habe rang aber Mar Halt uns hatte ware gebe ner geſar C man hren den ählte war. aus mich rrath ufen. nicht über dort, eiber, mit uleſel - auf Stun⸗ höhe, ſitzen, Je⸗ r und olver unſer Fran⸗ orden ſterbe inger. gutes einen großen rothen Knebelbart und wunderliche, kleine Augen...“ „War er ein Franzoſe?“ fragte Victor überraſcht. „Ja, er war ein Franzoſe; es befanden ſich zwei unter uns, die mit ihm ſprechen konnten.“ „Der rothe Knebelbart von dem Jonas!“ mur⸗ melte Roozeman.„Donatus hat ſich nicht ge⸗ täuſcht!“ „Ich würde ſein Geſicht nicht ſonderlich beachtet haben,“ fuhr der Verwundete fort,„allein es kam mir vor, als ob er uns alle, einen nach dem andern, vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete und unſere Waffen zählte. Er war aufgeſtanden und hatte ſich wieder auf den Marſch gemacht; wir hatten, nach⸗ dem wir ihn auf den rechten Weg gewieſen, unſere Reiſe in entgegengeſetzter Richtung wieder angetreten. Von Mißtrauen angetrieben, ließ ich meine Gefährten einen Augenblick anhalten und erſtieg einen Hügel, um dem Unbekannten nachzuſehen. Er war ver⸗ ſchwunden und konnte ſich auf dieſer Ebene nirgends als in dem Gebüſch oder in dem Walde verborgen haben.— Wir fürchteten einen Ueberfall von Buſch⸗ rangers, welche eben ſehr zahlreich herumſtreiften; aber da wir nach anderthalbſtündigem, ſchnellem Marſche auf Nichts geſtoßen waren, machten wir Halt, um die Laſtthiere freſſen zu laſſen und für uns ſelbſt das Mittagsmahl zu bereiten. Eben hatten wir wieder unſere Mauleſel beſtiegen und waren im Begriff, das Zeichen zum Abmarſch zu geben, als auf der Anhöhe über uns einige Män⸗ ner erſchienen und fünf oder ſechs Kugeln uns zu⸗ geſandt wurden. Wir ſetzten uns zur Wehre und Conſeience, das Goldland. I. 14 —— —— ſchoſſen gleichfalls unſere Flinten ab; da ſtürzten vom Berge herab etwa zehn Räuber, um uns auf den Leib zu rücken, ehe wir Zeit gehabt hatten, unſere Flinten auf's Neue zu laden. Da rief, Einer der Unfrigen:„flieht, flieht!“ und ich ſah, wie meine Genoſſen ihre Mauleſel eiligſt in Lauf ſetz⸗ ten, um ihr Heil in der Schrelligkeit dieſer Thiere zu ſuchen. Ich wollte das Gleiche thun; aber der⸗ ſelbe Mann mit dem rothen Knebelbarte und den kleinen Augen zielte auf mich und ſchoß mir eine Kugel durch den Fuß. Mein Mauleſel machte einen Sprung, warf mich zu Boden und lief den andern nach. Die Räuber verfolgten meine Gefährten; ich hörte noch lang Flintenſchüſſe, die mehr und mehr aus der Ferne ertönten. In der Vorausſetzung, die Buſchrangers würden zurückkehren, um mich auszu⸗ plündern, kroch ich fort bis in das Gehölz. Seit vier Tagen bin ich hier; mein Fuß iſt entzündet. Ich konnte die Glieder nicht mehr rühren und ſah Nichts vor mir, als einen ſchrecklichen Tod, als Gott ſich meiner erbarmte und mir unerwartet Hülfe und Rettung ſandte.“ Vickor und Jan ſprachen lange Zeit mit einan⸗ der über die Rolle, welche der rothe Knebelbart von dem Jonas in dieſer Geſchichte geſpielt hatte; und Jan Creps verſicherte, er werde dem Schurken eine Kugel durch den Leib jagen, wenn er ihm je wieder begegnete. Endlich gelangten die Flamänder zu einer Stelle, wo ſie übernachten wollten. Während man das Abendeſſen bereitete, entblößte Victor den Fuß des jungen Engländers, wuſch ſeine entz⸗ leide Reir Sch⸗ er der und Ane ſein den ihre gan We mer lan ihn We rzten S auf atten, Einer wie ſetz⸗ thiere der⸗ den eine einen ndern ; ich mehr g, die iuszu⸗ Seit ündet. d ſah „Gott e und einan⸗ et von und n eine wieder Stelle, tblößte ſeine entzündete Wunde ſorgfältig aus und wickelte das leidende Glied in einen ſauberen Lumpen. Die Reinigung und der neue Verband erleichterten die Schmerzen des Unglücklichen in ſolchem Grade, daß er die Hände Roozeman's faßte und mit Thränen der Dankbarkeit benetzte. Donatus trat dem Verwundeten ſeine Decke ab, und obwohl derſelbe hundertmal dieſes edelmüthige Anerbieten ablehnte, beharrte Kwik hartnäckig bei ſeinem Vorſatze und legte ſich auf den bloßen Bo⸗ den nieder. Dieſe Nacht genoſſen Alle unter dem Schutze ihrer Schildwache eines ruhigen Schlafes. Donatus, ganz zufrieden und erfreut, daß er zu einem guten Werke hatte beitragen können, wurde nicht von Träu⸗ men geplagt und ſchlief ſo feſt, daß man Minuten lang an ihm hin und her ſchütteln mußte, bis man ihm begreiflich machen konnte, daß die Reihe des Wachſtehens wieder an ihm wäre. Ende des erſten Bandes. 4. * 8 — — 4 8 44 8 4 2 3 4* 8* “ 4 1 3 8 8 „„—* “ ——