-————õ————— 4 ☛= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. 1 Der Geldteufel. Gemälde aus unſerer Zeit von Hendrik Conſcience. Aus dem Flämiſchen von Dr. C. Büchele. —ę—— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. N letzte Gebü bald Schei „Stral Ruf; iſt da mit j auf u⸗ der P im N letzter tönen Reget — hunde und gruß. düfte jungf ten 2 Leber Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. — Erſtes Kapitel. Noch floß gleich einem ſilbernen Gewebe der letzte Reſt des nächtlichen Nebels in den Tiefen der Gebüſche, noch iſt die Luft kühl und feucht,— aber bald hebt die ſchönſte Maitagsſonne ihre glänzende Scheibe hinter dem Walde empor und wirft ihre „Strahlen über die ruhende Natur, gleichſam als Ruf zum Leben und zur Freude. Sanft und mild iſt das junge Licht; es färbt die Spitzen der Bäume mit ſchimmerndem Gold, es küßt die Blumenkelche auf und verbreitet ſich weiter und weiter als ein funkeln⸗ der Perlenſtrom über die Gräſer, welche noch ſchlafend im Morgenthau ſich baden. Die Nachtigall läßt die letzten Noten ihres Liedes in dem ſtillen Laube er⸗ tönen; die Lerche klimmt himmelan und läßt einen Regen von Tönen ihrer mächtigen Kehle entfallen; hundert Stimmen erklingen von Strauch und Staude und ſingen dem Herrn ihren dankbaren Morgen⸗ gruß. Die Luft iſt mit wohlriechenden Blumen⸗ düften beladen, das Licht bezaubert durch ſeinen jungfräulichen Glanz, die Bäume entfalten ihre zar⸗ ten Blätter, die Kerbthierchen beginnen ihr raſtloſes Leben, der Geſang der Vögel nimmt mehr und mehr zu. Alles iſt verjüngt, Alles ſcheint begeiſtert von Wonne und Hoffnung, Alles jauchzt und ruft:„ge⸗ grüßt ſeiſt Du, lieber Lenz, Jugendalter der Natur, ſüßes Lächeln der Gottheit!“ Der Menſch allein bleibt gefühllos für das Schöne, womit ſeine irdiſche Wohnung geziert iſt. Derweilen Thiere und Pflanzen— beſeelte und un⸗ beſeelte Geſchöpfe unter dem Einfluß der glänzenden Morgenſonne ſich vergnügen, liegt er bewußtlos in ſchwerem Schlaf begraben und wird nicht eher aus dem nächtlichen Scheintod ſich aufraffen, als bis das prächtige Naturgeheimniß vollbracht iſt. Es iſt für unſer Geſchlecht ein trauriges Bekennt⸗ niß, daß es Leute gibt, die lang gelebt haben und gleichwohl ſterben, ohne ein einziges Mal das Mor⸗ genroth eines ſchönen Tages angeſchaut und bewun⸗ dert zu haben. Unzweifelhaft erwachen Viele täglich bei dem erſten Morgenſchimmer, aber es iſt die Nothwendig⸗ keit oder Sucht nach materiellem Gewinn, die ſie vom Bette auftreibt. Sie laufen unachtſam vor⸗ wärts, das Haupt unter Sorge und Verdruß ge⸗ beugt;— und ob der Himmel mit allen Farben des Regenbogens ſich ſchmückt und ob die Sonne ihren Glanz bezaubernd über die Natur ausſtrömen läßt, in dem Herzen derer, auf welchen der Kummer laſtet, iſt es allzeit düſter und vor ihrem ängſtlichen Blicke liegt unverrückt eine graue Nebelwolke. So war es gleichfalls mit Mynheer Kemenger, der bereits ſeit mehr als einer Stunde in ſeinem geräumigen Garten unter einer hohen Akazie auf einer Bank ſaß, die Arme in tiefen Gedanken über der Bruſt gekreuzt. Mit dem Vorſatz, die Schön⸗ heiten nicht Syrin und ſ zu ſei undvi grau, Wahr um I hatte drückt T er ſich denn Garte Häuſ Alles Baur Garte Gebü Wohl W das kündi ihn! nützte balſa danke Fing zenden llos in er aus ls bis ekennt⸗ en und Mor⸗ bewun⸗ i dem vendig⸗ die ſie n vor⸗ uß ge⸗ en des ihren mläßt, laſtet, Blicke henaer, ſeinem e auf 1 über Schön⸗ 5 heiten der erwachenden Natur zu genießen, war er nicht hierhergekommen; denn er ſaß neben einem Syringenbuſch, mit dem Rücken gegen Oſten gekehrt, und ſenkte den ſtarren Blick auf den ſandigen Boden zu ſeinen Füßen. Herr Kemenaer hatte erſt ein Alter von fünf⸗ undvierzig Jahren, dennoch war ſein Haar bereits grau, ſeine Stirne gefurcht und ſein Blick matt. Wahrſcheinlich hatte er ſein Mannesalter in Sorgen um materiellen Gewinn zugebracht; vielleicht auch hatte beharpliches Mißgeſchick ſein Haupt niederge⸗ drückt. Wie es auch ſein mag, dem Anſchein nach hatte er ſich über ſein Loos auf Erden nicht zu beklagen, denn ſeine Wohnung, die in der Ferne dem großen Garten zugekehrt ſtand, war eines der anſehnlichſten Häuſer aus dem Faubourg einer großen Stadt, und Alles, was ihn umringte, ſowohl die herrlichen Baum⸗ und Blumenanpflanzungen, als die ſchönen Gartenſtatuen, die ſich hier und da am Saum des Gebüſches erhoben— ſprachen zum Mindeſten von Wohlſtand, wenn auch nicht von großem Reichthum. Was half es dieſen kummervollen Mann, daß das jugendliche Licht einen prächtigen Lenztag ver⸗ kündigte? Welche erquickende Zauberkraft kann für ihn das ſüße Morgenlied der Vögel haben? Was nützte es ſeiner beengten Bruſt, daß die Luft mit balſamiſchen Düften geſchwängert war oder nicht? Er, verſunken in die peinliche Arbeit ſeiner Ge⸗ danken, bückte ſich tiefer zur Erde, ſchrieb mit dem Finger Zahlzeichen in den Sand und murmelte bei ſich von Kapital und Intereſſen, von Renten und Geld... Als ob widrige Gedanken anderer Art ihn bei ſeinen Berechnungen ſtörten, hob er den Kopf wie⸗ der in die Höhe und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit von den Zahlen ab. Eine Weile hielt er den Blick mit ſteigender Angſt in die Ferne gerichtet; ſein farbloſes Geſicht ſchien noch bleicher zu werden; ſeine ganze Haltung zeugte von geheimnißvoller Beklemmung;— ja als hätte ihn ein peinlicher Schlag getroffen, rang er verzweifelnd die Hände und preßte die Zähne zu einem bittern Grinſen auf einander. Und doch war alles ringsherum einſam: nichts konnte ihn erſchrecken noch bekümmern, als allein die düſtern Gedanken eines gemarterten Herzens oder vielleicht die nagenden Vorwürfe eines ſchuldvollen Gewiſſens. Plötzlich ſchien er entſchloſſen aus ſeinem trüben Nachſinnen ſich aufzuraffen und ſprach zu ſich ſelbſt in ſcherzhaftem Tone: „Ich bin nicht bei Sinnen! Warum kann ich mich nicht, wie Andere, über die gemeine Furcht er⸗ heben? War ich denn in der That zu einfältig, zu dumm oder zu gut, um an dem allgemeinen Kampf um den Beſitz von Geld Theil zu nehmen? Jeder⸗ mann hat Durſt nach Geld, Jedermann genießt ſein Geld, aber Niemand fragt, woher es kommt. Sehe ich nicht den glücklichen Bankrottirer mit einem Lächeln der Selbſtgenügſamkeit ſeine ſchamloſe Pracht zur Schau tragen und mit den Rädern ſeines Wa⸗ gens ſelbſt die Schlachtopfer ſeiner Betrügerei be⸗ ſchmutzen?— Der argliſtige Börſenmann, der durch Ausbr fallen menbt vernu verfäl betrüt einer um ſ ſie ni genie ſtand zerrei keit l ehrlie wer die Robr. hat verti verle ſich die mehr unvt Mor zuſ liſtig fürd Auc Nac Sei n und on bei f wie⸗ it von gender Geſicht altung ja als rang Zähne d doch te ihn züſtern elleicht iſſens. trüben ſelbſt un ich cht er⸗ ig, zu Kampf Jeder⸗ zt ſein Sehe einem Pracht 3 Wa⸗ eei be⸗ durch 7 Ausbreitung falſcher Gerüchte die Staatspapiere fallen und ſteigen macht und Schätze Goldes zuſam⸗ menbrachte, wird er nicht als der Gott der Geld⸗ vernunft geehrt?— Der Krämer, der ſeine Waaren verfälſcht, der Kaufmann, der den Marktpreis durch betrügliche Mittel in die Höhe treibt, die Direktoren einer Geldgeſellſchaft, welche die Actien niederdrücken, um ſie unter der Hand für Nichts zu kaufen, ſind ſie nicht alle geehrt, gerühmt und angeſehen? Und genießen ſie nicht friedſam die Früchte ihres Ver⸗ ſtandes?... Ich allein, ich ſollte mir das Herz zerreißen, darum, daß ich eine einzige Unvorſichtig⸗ keit beging und Mittel benützte, welche man für un⸗ ehrlich hält, weil das Geſetz ſie verbietet? Aber wer kann den Beweis dafür liefern? Die Schrift, die ich zu unbeſonnen in Händen von Mynheer Robyn ließ, iſt gewiß längſt vernichtet. Das Feuer hat dieſen Gegenſtand der Furcht und Bekümmerniß vertilgt. Bin ich nicht reich? Was kann ich mehr verlangen? Ruhe des Gemüths? Man kann dieſe ſich ſelbſt wohl geben. Nun, nun, ſie iſt grundlos, die Angſt, die mich verfolgt: Robyn wird nicht lang mehr leben; mit ihm ſinkt der einzige Zeuge meiner unvorſichtigen Handlung in das Grob... wenn Monk etwas davon wüßte! Aber Vater Robyn iſt zu ſchlau, um ſeine Ehre und Sicherheit ſolchem arg⸗ liſtigen Fuchs zu vertrauen... ich habe nichts zu fürchten.“ Ein Lächeln erheiterte ſein Geſicht auf einen Augenblick; doch allmälig ſank er von neuem in Rachdenken und heftete den Blick auf den Boden. Sein Geſicht nahm wieder ſeinen erſten Ausdruck der Sorge oder Beängſtigung. Während Herr Kemenger unbeweglich auf der Gartenbank ſaß, öffnete ſich die Thüre ſeiner Wohnung und ein junges Mädchen ſprang in den Garten. Nach einigen leichten Schritten, um unter die nächſten Blumengeſträuche zu gelangen, ſchaute ſie mit froher Bewunderung umher. Ein Schimmer dich⸗ teriſcher Aufregung funkelte in ihrem Auge, ein ſtilles Lächeln ſpielte um ihre Lippen, und ſie ſog die friſche Morgenluft mit ſo mächtigen Zügen in die Bruſt, daß ihr Buſen ſichtbar ſich hob und ſenkte ... kaum aber konnte ſie den Eindruck des ſchönen Tags empfangen haben, als ſie den begeiſterten Blick zum Himmel erhob, die Hände zuſammenllegte und einſtimmig mit Allem, was um ſie herum war, ein inniges Dankgebet zu Gott emporſandte. Achtzehnmal hatte die Frühlingsſonne das ju⸗ gendliche Haupt von Laura Kemenaer beſchienen. Schlank und fein geſchnitten war ihre jungfräuliche Geſtalt, ſüß und ſchön ihr Angeſicht. Jedoch nicht ſchön durch die ſeelenloſe Regelmäßigkeit, die man als die körperliche Vollkommenheit der Frau zu rüh⸗ men pflegt; nein, ihre Stirne mochte wohl etwas zu hoch ſein; ihr Mund ließ wohl um gewiſſer Neben⸗ linien willen zu viel Gefühl, zu viel Schwärmerei vermuthen; ihre leichtgebogene Naſe konnte wohl zu viel Ausdruck haben;— aber ihre Stirne war ſo lilienweiß, ihre Wange ſo zart berost, ihr Auge ſo himmelblau, ihr Lächeln ſo ſüß und ſo voll Leben! Die gefällige Würde ihrer Haltung, ihre einfache, doch reiche Kleidung, und vornehmlich der Duft der an: traurig, kalt und kummervoll, gleich einem Bilde ſicht, liebkos jüngte plötzlie den B murm 85 Erde, kann ſucht? O das U weiter ſie de menae erweck ihm v und ſtillen und 2 ſeinen m Bilde ſchönen iſterten enlegte n war, as ju⸗ hienen. äuliche hnicht man u rüh⸗ oas zu Neben⸗ rmerei ohl zu var ſo uge ſo Leben! zfache, fft der 9 Keuſchheit, welcher gleichſam aus ihrer geringſten Bewegung, aus ihrem geringſten Augenaufſchlag ſich kund gab, bezeugten genugſam, daß dieſes Mädchen eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen hatte und durch Natur und Unterricht mit der doppelten Gabe des Gefühls und der Sittſamkeit geſchmückt war. Als ihr Gebet zu Gott geſprochen war, ſandte ſie von neuem den Blick nach Oſten, badete ihr An⸗ geſicht in dem ſanften Lichtſtrom und lauſchte noch eine Weile auf der Vögel helles Lied. Ein Lächeln unausſprechlichen Seelenglücks beſtrahlte ihr Ange⸗ ſicht, als ſie mit ihrem bewundernden Blick Alles liebkoste und umfaßte, was rings um ſie von ver⸗ jüngten Lebenskräften prangte.— Dann ſchien ſie plötzlich von einem Gefühl der Traurigkeit getroffen; den Blick nach einem fernen Syringenbuſch gerichtet, murmelte ſie: „Mein Vater! ſchon wieder mit den Augen zur Erde, und gebeugt unter Sorge und Kummer. Was kann es ſein, daß er ſo beharrlich die Einſamkeit ſucht? Ich mag ihn nicht fragen, es betrübt ihn. O das Geld, das unglückliche Geld!“ Unter dieſen Worten ſchritt ſie auf dem Pfad weiter, um zu ihrem Vater zu gelangen; aber ehe ſie den Syringenbuſch erreichte, war Mynheer Ke⸗ menaer durch ihre Ankunft aus ſeinem Nachſinnen erweckt worden. Eine völlige Veränderung ging in ihm vor; er ſtand von der Bank auf, ſtreckte Haupt und Glieder und ging ſeiner Tochter mit einem ſtillen Lächeln entgegen. Nun war wieder Form und Würde in ſeinem Gang, Liebenswürdigkeit in ſeinem Blick, edle Leichtigkeit in ſeinem Ausdruck und Gebahren: Alles an ihm zeugte von einem Mann⸗ der gewohnt war, in der beſten Welt zu eben. Während ſeine Tochter zum liebevollen Morgen⸗ gruß die Arme um ſeinen Hals ſchlang, drückte er einen Kuß auf ihre Stirne und ſprach: „Das ſchöne Maiwetter lockt Dich ſo früh in den Garten, nicht wahr, meine gute Laura? Du ſtreifſt den ganzen Tag unter Deinen Blumen herum, Dich Deinen ſchwärmeriſchen Traumgebilden zu über⸗ laſſen. Du haſt recht, Laura; es iſt ſo ſüß, der Honig, der in dem Lebensbecher oben ſchwimmt... komm, gehen wir zuſammen; Deine harmloſe Freude erinnert mich an Deine Mutter: ſie ſah auch in ihrem kindlichen Vertrauen nur die ſchöne Seite der Welt.“ „Vater, Du biſt betrübt,“ antwortete das Mäd⸗ chen liebkoſend,„ſage mir, was Dich bekümmert, ich werde Dich tröſten.“ „Betrübt, ich? Du täuſcheſt Dich, Laura.“ „Du ſaßeſt ſchon wieder ſo voll Gedanken und ſo einſam auf dieſer Bank.“ „Ah, ah, unſchuldiges Kind, Du meinſt, daß ein Mann durch die Welt kommt, ohne zu denken?— Ich bin wohlgemuth; das ſchöne Wetter gibt mir ein Gefühl von Jugend. Höre die Vögel ſingen, ſiehe das junge Grün ſich entfalten, ſieh die Blumen im Sonnenlicht erglänzen. Wer kann mitten in der lachenden Natur gefühllos bleiben?“ Dieſe Worte und der Ton, womit ſie geſprochen waren, ſchienen Laura zu beruhigen.— Ihre Ge⸗ danken nahmen eine andere Richtung. „2 wäre, .... Sonne ſteht ſi 1 beſingt mit Fo als ob fühlvol vielleie Weiß die Ni „ bildun mit G welt n unerfa das A 31 Vater l einem habe, Verſe Auger Oberf reich einem Welt zu Norgen⸗ ückte er früh in 2 Du herum, u über⸗ ß, der mt... Freude auch in eite der 3 Mäd⸗ nert, ich 1.” en und daß ein en?— ibt mir ſingen, Blumen in der prochen hre Ge⸗ 11 „Vater,“ rief ſie,„wenn nur Berthold jetzt hier wäre, was für ein ſchönes Gedicht könnte er machen! .. aber er wohnt in der Stadt; und wenn die Sonne die Wohnung von Mynheer Robyn beſcheint, ſteht ſie bereits hoch am Himmel.“ „Du meinſt, Laura, daß ein Dichter die Dinge ſehen muß, um ſie mit dem übertriebenen Ton, den man Seele und Gefühl nennt, zu beſchreiben?“ „In der That, Vater, es iſt doch wunderbar: Berthold wohnt nicht auf dem Felde, und dennoch beſingt er die Natur und ſchildert ihre Pracht mit Farben, ſo glänzend und ſo wahr, daß es iſt, als ob Alles, was ich hier bewundere, in ſeinen ge⸗ fühlvollen Verſen wiederkehre. Sieht der Dichter vielleicht in ſeinem Innern dies Alles abgeſpiegelt? Weiß er durch Eingebung allein Dinge, die Nichts, die Niemand ihn gelehrt hat?“ „Einfältiges Kind! der Dichter ſetzt ſeine Ein⸗ bildung an die Stelle der Wirklichkeit; aber iſt er mit Gefühl begabt, das zum Aufbau einer Schein⸗ welt nothwendig iſt, dann behagen ſeine Verſe dem unerfahrenen Herzen gleich dem Zauberglas, welches das Auge durch ein farbenreiches Schillern ergötzt.“ „Dichter ſein iſt doch ſehr ſchön, nicht wahr, Vater?“ „Es iſt eine Erholung, ein Vergnügen gleich einem andern, eine Grille der Jugend. Auch ich habe, ehe ich das wirkliche Leben kennen lernte, Verſe gemacht. Wer macht ſie nicht, wenn er mit Augen von zwanzig Jahren nichts als die glänzende Oberfläche der Welt ſieht? Berthold wird einſt ſehr reich ſein; mag er ſich noch einige Zeit mit Verſe⸗ 12 machen ergötzen, es iſt nichts Böſes dabei. Die Luſt wird wohl vergehen...“ „Glaubſt Du, Vater?“ „Das iſt ſicher;— ein reicher Menſch macht keine Verſe.“. Laura legte ihren Arm auf die Schulter ihres Vaters und ſprach mit triumphirendem Lächeln: „Nein, nein, Du betrügſt Dich, Vater. Berthold wird ein großer Dichter werden, Ruhm erwerben und immerdar gefühlvoll Alles lieben, was gut und ſchön iſt auf der Welt.“ „Du glaubſt das— weil Du es wünſcheſt.“ „Soll ich Dir noch Etwas ſagen, Vater? Aber Du darfſt in Bertholds Gegenwart nicht merken laſſen, daß Du davon weißt.“ „Nun wohl?“ „Berthold läßt ſeine Gedichte drucken! Ah, wie ſchön wird es ſein, das Buch, auf deſſen Blättern er die Empfindungen ſeiner milden Seele ausgegoſſen hat!... Ueber dem Angeſicht von Herrn Kemenaer hatte eine Wolke des Verdruſſes gelagert. „Berthold läßt ein Buch drucken?“ murmelte er mit gerunzelter Stirne,„wird ſein Name darauf ſtehen?“ „Gewiß, Vater, mit großen Buchſtaben. Ber⸗ thold Robyn. Ich habe das erſte Blatt geſehen. Mich dünkt, es erhebt den Menſchen, wenn ſein Name auf einem Werk⸗des Geiſtes gedruckt ſteht.“ Mynheer Kemenaer ſchüttelte nachdenklich den Kopf, bewältigte aber bald die Anwandlung von Verdruß. „Bah,“ ſagte er,„man vergibt einem Jüngling mehr al nicht lau Schritt folgen? ſingen: Seele i drücken! Geiſt zz unſer§ die Vo denn ſo Du? kommt! Monk wie Fre überwu freulich Botſcho kein D ſchlau, darin, dieſe K Anſehe der ar Robyn ie Luſt macht ihres n: erthold verben ut und ſt.“ Aber merken ch, wie tern er egoſſen r hatte nelte er darauf Ber⸗ geſehen. in ſein ſteht.“ en Kopf, berdruß. üngling 13 mehr als eine Narrheit. Berthold wird vielleicht nicht lange warten dürfen, um ſeinen unbeſonnenen Schritt zu beklagen, denn der Spott, der Neid...“ „Aber Vater,“ fiel Laura ihm ins Wort,„ich begreife die Welt nicht. Berthold fürchtet auch; er bebt, als müßte das Erſcheinen ſeines Buches ihm eine Quelle von Leiden werden. Wer wird ihn ver⸗ folgen? Iſt es eine Miſſethat, Gottes Werke zu be⸗ ſingen und die reinſten Regungen der menſchlichen Seele in den ſchönſten Formen der Sprache auszu⸗ drücken? Erhebt nicht eine ſchöne Dichtung unſern Geiſt zu dem veredelnden Kunſtgefühl? Erfüllt es unſer Herz nicht mit dankbarer Lebensfreude durch die Vorſtellung unſerer höheren Natur? Warum denn ſoll man den Dichter haſſen?... Was ſiehſt Du? Ah, Monk, der dort auf dem Pfade heran⸗ kommt!... Ich weiß nicht, was ich gegen dieſen Monk empfinde; ſobald ich ihn ſehe, wandelt es mich wie Froſt an. Du haſt es auch lieber, daß er hier weg bleibt, nicht wahr, Vater?“ „So täuſcheſt Du Dich über die Menſchen,“ ſagte Mynheer Kemenaer, der ſeine Aufregung bereits überwunden hatte,„die Ankunft Monks iſt mir er⸗ freulich; ich erwarte ihn; er muß mir eine wichtige Botſchaft bringen. Siehſt Du, Laura, Monk iſt kein Dichter; er iſt ein Mann der Wirklichkeit, ſchlau, verſtändig, gewandt. Seine Kunſt beſteht darin, Geld aus Geld zu machen... und verſchafft dieſe Kunſt keinen Ruhm, ſo gibt ſie doch Reichthum, Anſehen und Macht. Er iſt einfältig in ſeiner Art, der arme Monk; aus Anhänglichkeit an Mynheer Robyn, ſeinen alten Herrn, aus Gewohnheit viel⸗ leicht bleibt er Comptoirſchreiber, aber ſei verſichert, er iſt behend und liſtig genug, um Millionen zu ſammeln.“ Laura dachte anders darüber. Mit einem Aus⸗ druck des Stolzes und der Kälte ſah ſie den Schrei⸗ ber von Mynheer Robyn den Pfad herankommen. Monk war ein Mann von mittlerer Größe und konnte ungefähr das Alter von vierzig Jahren er⸗ reicht haben. Was auf den erſten Blick ſeinem Geſicht ein ſeltſames Ausſehen gab, war der Mangel der Haare an ſeinen Augenbrauen und Augenlidern. Sonſt war nichts Außergewöhnliches an ihm zu be⸗ merken, als vielleicht das beſtändige Lächeln, das auf ſeinen dünnen Lippen feſtgewachſen zu ſein, und der einſchmeichelnde Lichtglanz, der in ſeinen halbge⸗ ſchloſſenen Augen zu funkeln ſchien.— Im Grunde hatte ſein Geſicht nichts, was man Bedeutung nennt; es ſprach von Nichts und es ließ Nichts vermuthen als einen demüthigen Menſchen, zu niedrig und zu unſchuldig, um Jemand betrügen zu wollen oder zu können.— Seine Kleidung ſtimmte vollkommen mit dem Ausdruck ſeines Geſichtes überein; ein langer Frack, nachläſſig getragen, hing ihm beinahe bis auf die Füße herab; ſein Hut war ſeit langer Zeit nicht mehr neu, aber ſeine Halsbinde und ſein Leinenzeug weiß wie Schnee. Mit einem Uebermaß von Verbeugungen näherte er ſich Laura und grüßte ſie, während er mit unter⸗ würfigem Ton ſagte: „Ach vergeben Sie mir doch, gutes Fräulein Kemenaer, daß ich mich unterſtehe, Sie hier in der Betrachtung der Natur zu ſtören. Ich bitte Sie hunder Kemen blick ve unzeiti rſichert, nen zu n Aus⸗ Schrei⸗ imen. ße und ren er⸗ Geſicht igel der nlidern. zu be⸗ n, das in, und halbge⸗ Grunde nennt; rmuthen und zu oder zu nen mit langer bis auf eit nicht nenzeug näherte it unter⸗ Fräulein win der tte Sie 15 hundertmal um Vergeihung. Im Fall Mynheer Kemenaer mir einen Augenblick, einen kleinen Augen⸗ blick vergönnen will, werden Sie alsbald von meiner unzeitigen Gegenwart befreit ſein.“ „Machen Sie, mein Herr, machen Sie Ihr Ge⸗ ſchäft ab,“ antwortete Laura mit kalter Höflichkeit. „Sie brauchen deßhalb mich nicht um Nachſicht zu bitten.“ Monk lächelte und verneigte ſich, einige dankbare Worte murmelnd, als nähme er in ſeiner Einfalt ihren ſtrengen Blick und die Kürze ihrer Worte als einen Beweis ihres Wohlwollens gegen ihn. Bereits war Herr Kemenaer aufgeſtanden. „Kommen Sie, mein guter Monk,“ ſprach er in ſehr liebenswürdigem Ton.„Laſſen Sie uns einen Augenblick auf⸗ und abgehen.— Wie ſteht es mit den Neuigkeiten?“ „Gut, ſehr gut.“ „O, Sie ſind eine Perle von einem Mann... Laura, warte mich hier ab, ich kehre ſogleich zu Dir zurück.“ „Zwei Wörtchen, ein kleines Augenblickchen nur, mein Fräulein,“ wiederholte Monk mit ſeinem ſon⸗ derbaren einſchmeichelnden Lächeln. Beide entfernten ſich auf einige dreißig Schritte und blieben dort, hinter einem Gebüſch, in ſtillem Geſpräch mit einander ſtehen. Laura ſetzte ſich auf die Gartenbank nieder, ſenkte den Kopf und ſchaute zu Boden. Eine Weile dachte ſie an die kriechende Höflichkeit von Monk und an die Freundſchaft, welche ihr Vater dem Schreiber von Robyn zu ſchenken ſchien. Dann verbannte ſie das unangenehme Bild aus ihrem Geiſt, und ihre früheren Gedanken wieder aufnehmend murmelte ſie: „Ich begreife es nicht. Wenn mein Vater mit ſeinen Bekannten über Berthold ſpricht und ſagt, daß er einſt ſehr reich werden ſoll, dann zeugt Aller Angeſicht von Beifall und Achtung; nennt er ihn aber Dichter und ſagt, daß er Verſe macht, dann zucken Alle die Achſeln und ein ſpöttiſches Lächeln tritt auf ihre Lippen. Nichts deſto weniger preiſen ſie die Kunſt hoch und ſetzen ſelbſt ihren Stolz dar⸗ ein, mit Bewunderung davon zu reden. Warum ſcheint denn der Künſtler ihnen ein Gegenſtand des Mitleids oder der Mißachtung? Sonderbar, das Lied reißt ſie hin... und ſie haſſen das edle In⸗ ſtrument, in deſſen Innerſtem es geboren wird.“ Plötzlich wurde ſie ihren Träumereien durch die Stimme Monks entrückt, der mit wiederholten Ver⸗ beugungen im Vorbeigehen ſagte: „Guten Tag, Fräulein Laura, Sie ſehen, daß ich von Ihrer Güte keinen Mißbrauch mache; ent⸗ ſchuldigen Sie mich doch, wenn es Ihnen gefällig iſt... Ihr Diener, Ihr unterthäniger Diener.“ Er war bereits weit weg, als er ſich noch einmal umdrehte, um dieſe letzten Worte zu ſprechen. Herr Kemenaer näherte ſich ſeiner Tochter mit heiterem Lächeln auf dem Angeſicht und ſich vor Selbſtvergnügen die Hände reibend. „Ah, Du biſt fröhlich, Vater,“ rief Laura.„Es iſt alſo wahr, was Monk ſagte? Er brachte Dir in der That gute Nachrichten?“ „Ja, gute, ſehr gute Nachrichten. Ich bin voll Freude.“ 4 82 1 L ſchaftli Oberhe⸗ Verſta ſtehlich willige vor anſ dieſer ſeine Conf ihre e ſie: r mit ſagt, Aller r ihn dann ächeln reiſen 3 dar⸗ zarum d des „ das le In⸗ d.“ ich die 1 Ver⸗ einmal er mit ch vor 1.„Es Dir in in voll 17 „Ah, Gott ſei Dank! Laß mich an Deiner Freude Theil nehmen: welche Botſchaft hat Dir Monk ge⸗ bracht?“ „Laura, ich habe zehntauſend Franks gewonnen. Zehntauſend Franks an einem einzigen Tag. Das iſt auch wohl ſchön, nicht wahr?“ „Es iſt ſchön, weil es Dir Freude macht,“ mur⸗ melte das Mädchen kalt. „Du liebſt das Geld nicht, Laura; Du legſt wenig Werth darauf... Natürlich, Du weißt noch nicht, was es koſtet.“ „Ich würde es vielleicht lieben,“ ſeufzte ſie,„wenn es Dir nicht ſo oft ummer und Verdruß auferlegte.“ „Komm, ſprechen wir von etwas Anderem,“ fiel Herr Kemenaer ein.„Was fragteſt Du mich, als Monk unſer Geſpräch ſtörte? Ah, ich erinnere mich, Du fragteſt, warum man den Künſtlern nicht mehr Achtung erweiſe?“ „Warum die Welt den Dichter zu haſſen ſcheint?“ „Das Wort iſt etwas hart. Wird der Dichter gehaßt, dann geſchieht es wahrſcheinlich durch ſeine Kunſtgenoſſen, die andern Dichter. Darin liegt jedoch die Erklärung nicht, Laura. Es beſtehen im geſell⸗ ſchaftlichen Leben zwei Mächte, die einander die Oberhand ſtreitig machen, nämlich das Geld und der Verſtand; aber die Kraft des Geldes iſt ſo unwider⸗ ſtehlich und ſo übermächtig, daß der Geiſt ſich zum willigen Sclaven des Geldes machen, oder unfehlbar vor Hunger oder Verzweiflung ſterben muß. Die Kunſt iſt die hochmüthigſte Form des Geiſtes; in dieſer Form weigert er ſich, der Macht des Geldes ſeine Huldigung darzubringen und das Geld rächt Conſecience, der Geldteufel. 2 18 ſich. Nichts iſt natürlicher.— Haſt Du nicht ge⸗ er w ſehen, wie die Geſellſchaft, die geſtern Abend hier ſich war, mitleidig lächelte, als ich ſagte, daß Berthold. Verſe macht? Meine Bekannten ſind Männer von Kem Erfahrung; ſie wiſſen, daß alle die angeborne Ver⸗ nunft des Menſchen, all' ſein Gefühl, alle ſeine der Kräfte nicht hinreichend ſind, um ihm auf Erden 3 t ein leidliches Loos zu ſichern. Sie legen nur einen 1 Werth auf Dinge, die Früchte tragen, die dem Men⸗ meld ſchen einen greifbaren Vortheil einbringen und ihm Spre eine wirkliche Hilfe an die Hand geben, um ſich durch heute das läſtige Leben zu ſchleppen. Das Wort Künſtler 3 flößt ihnen Mitleid ein. Sie begreifen nicht, daß ein zahlt Menſch, der vorzugsweiſe mit geiſtigen Mitteln be⸗ 3 gabt ſcheint, unbeſonnen genug ſein kann, um ſie ſter nicht zu Geldgewinn zu benützen, und als ein ſtolzer fällig Bettler ſich über Jedermann erhaben und edler dünkt, 1 während er doch, um nicht zu verkümmern, an die ſie b Thüre des Geldes klopfen und um ein Almoſen bit⸗„ ten muß... Dieſe Wahrheiten dürfen Dich nicht erſuc betrüben, Laura! Berthold iſt eine Ausnahme; es wartet ſeiner ein großes Vermögen; er macht wohl Melo Verſe, aber darum iſt er doch kein Dichter, ſo was mir! man darunter verſteht.“„ „Welche eiskalte Welt ſchilderſt Du mir, Vater! Herr Deine Bekannten täuſchen ſich fürwahr. Hat der„Ich Menſch denn keine Seele, die auch leben muß? Fühlt Conr er nicht auch außer ſeinen körperlichen Bedürfniſſen weil einen Drang nach höheren Anregungen— zu einem bereit erhabenern Streben, als nur die Liebe zum Mate⸗ thold riellen und zum Geld?“ Welt Ein Lächeln trat auf ihres Vaters Lippen und lich, nicht ge⸗ end hier Berthold mer von rne Ver⸗ lle ſeine if Erden zur einen em Men⸗ und ihm ſich durch Künſtler „daß ein itteln be⸗ , um ſie ein ſtolzer ler dünkt, u, an die noſen bit⸗ Dich nicht ahme; es acht wohl , ſo was ir, Vater! Hat der aß? Fühlt edürfniſſen zu einem um Mate⸗ ippen und 19 er wollte auf ihre Frage antworten; doch nun zeigte ſich ein alter Diener auf dem Pfade. „Was hat Peter uns zu ſagen?“ murmelte Kemenger. „Wann beliebt der Herr zu frühſtücken?“ ſprach der Knecht. „Jetzt ſchon? Wir haben Zeit: bald!“ „Ganz wohl, Herr! aber ich muß dem Fräulein melden, daß Meiſter Conrad ſchon eine Stunde im Sprechzimmer ſitzt. Er ſagt, daß das Fräulein ihm heute ſo früh zu kommen befohlen habe.“ „Nun, nun, er kann warten, er wird dafür be⸗ zahlt,“ brummte Kemenaer. „Nein, nein, Peter,“ ſprach Laura,„bitte Mei⸗ ſter Conrad um Entſchuldigung. Erſuche ihn, ge⸗ fälligſt in den Garten zu kommen.“ Und ihren Vater bei der Hand nehmend, ſagte ſie bittend: „Nun, Vater, laß uns gehen. Ich habe Conrad erſucht, mir heute ſo früh Clavierſtunde zu geben. Berthold hat ein ſchönes Mailied gemacht, nach einer Melodie von Mendelsſohn; Meiſter Conrad muß es mir bringen.“ „Wohl denn, wenn Du es verlangſt,“ antwortete Herr Kemenaer, auf dem Pfade weiterſchreitend. „Ich weiß nicht, Laura, warum Du Dir an dieſem Conrad ſo viel gelegen ſein läſſeſt. Iſt es vielleicht, weil Berthold ihm Freundſchaft beweist? Man hat bereits bei mir über dieſe Freundſchaft geklagt. Ber⸗ thold iſt beſtimmt, reich zu werden und in der großen Welt zu verkehren. Es iſt ganz und gar nicht ſchick⸗ lich, daß er durch die Stadt Arm in Arm mit einem Mann läuft, der aus Noth gezwungen iſt, um einige Clavierſtunden zu betteln und außerdem in den Kirchen noch Violin ſpielt. „Aber, Vater, Conrad iſt ein talentvoller Künſt⸗ ler, ein Mann von Gefühl und Verſtand.“ „Ich weiß es, Laura; er iſt beſcheiden, höflich, verſtändig, voll Erfahrung, voll Weltkenntniß, wenn Du willſt; aber er iſt doch ein Muſikant. Man kann innerhalb ſeines Hauſes gegen ſolche Leute wohl freundlich ſein; aber auf der Straße grüßt man ſie mit einem protegirenden Lächeln und geht vorüber. Es ſchadet dem guten Ruf von Berthold in der vor⸗ nehmen Welt, daß man ihn mit Brodkünſtlern um⸗ gehen ſieht, als achte er ſich ſelbſt ihresgleichen. Du mußt es ihm ſagen: ſpäter wird er ſeine Laſt mit dieſem Volk haben. Sie werden ihn an den frühern Umgang erinnern und ihn beſtürmen, Geld von ihm zu entlehnen. Weit entfernt, die gehörigen Zinſen zu zahlen, geben ſie ihm ſelbſt das Kapital niemals zurück. Ueberdies, ſiehſt Du, ſagt das Sprüch⸗ wort: mit wem man verkehrt, mit dem wird man geehrt...“ In dieſem Augenblick trat Meiſter Conrad hinter einem Bosket hervor ihnen entgegen. Der Mann konnte fünfunddreißig Jahre erreicht haben, obwohl ſein mageres und kränkliches Aus⸗ ſehen und ſein leicht gebogener Rücken ihn wohl um zehn Jahre älter erſcheinen ließen. Es lag in ſeinem ganzen Ausdruck und in ſeinem Benehmen etwas Eingezogenes und Mildes, was das Kennzeichen der Demuth und des Zartgefühls trug. Seine Klei⸗ dung ſtimmte mit ſeinem Beruf als Clavierlehrer, erlau kehrer einen Sie, 7 einige Kirchen Künſt⸗ höflich, ,wenn un kann 2 wohl nan ſie orüber. er vor⸗ on um⸗ en. Du haſt mit frühern von ihm Zinſen niemals Sprüch⸗ rd man d hinter erreicht es Aus⸗ vohl um nſeinem netwas chen der ne Klei⸗ erlehrer, 21 welchen er im Hauſe von Herrn Kemenaer ausübte, zuſammen. Er trug einen ſchwarzen Rock, eine weiße Weſte und gelbe Handſchuhe, die wohl einiger⸗ maßen verſchoſſen waren; ſein Hut und ſein Rock waren oft und viel gebürſtet worden, man konnte es an den grauen Kanten und Nähten wohl ſehen. So ſprach Alles in der Perſon von Meiſter Konrad von Niedrigkeit und wohl einigermaßen von Mißmuth; allein der Blick ſeiner Augen erglänzte zuweilen auf eine ganz beſondere Weiſe, als ob in ſeinem kränklichen und ſchwächlichen Körper eine feu⸗ rige Seele verborgen läge und trauerte. Bereits in der Ferne entblößte er ſein Haupt und näherte ſich mit dem Hut in der Hand Laura's Vater. Dieſer ging auf den Muſikus zu, grüßte ihn liebreich und nahm ihn ſogar bei der Hand— aber mit dem vorderſten Glied ſeiner Finger— und ſagte in einem ganz vertraulichen, aber doch höchſt gönner⸗ haften Tone: „Meiſter Conrad, Sie werden es nicht übel neh⸗ men, daß man Sie ein wenig warten ließ? Ich bitte Sie tauſendmal um Entſchuldigung— Rechnen Sie eine Marke mehr.“ „Viel Güte, zu viel Güte, Herr Kemenger,“ ant⸗ wortete Conrad.„Im Falle ich zur Unzeit gekom⸗ men bin und Sie in Ihrem Morgenſpaziergang ſtöre, erlauben Sie mir, fortzugehen. Ich werde zurück⸗ kehren, und wäre es auch zwei⸗ oder dreimal an einem Tage; und als um eine Gnade erſuche ich Sie, mir von einer zweiten Marke nicht zu ſprechen.“ „So? Haben Sie denn zu viel Geld?“ 6 „Ach nein, mein Herr; aber ich bin ſo erfreut,„ wenn ich Ihnen beweiſen darf, wie hoch ich mich könnte durch Ihr Wohlwollen geehrt fühle.“ Kemenger klopfte dem Muſikus auf die Schulter keit. und rief mit Zufriedenheit aus: „Wahrlich, Meiſter, Sie wiſſen gut zu ſprechen;„ ich habe ſchon lange gedacht, daß mehr in Ihnen gern ſteckt, als Sie blicken laſſen wollen. Ich glaubte, 93 daß Sie ein tüchtiger Burſche ſein würden, wenn Meiſt Sie nur mit einigen hunderttauſend Franken zur 19 icht i Welt gekommen wären!“ Dieſer Scherz ſchien dem Künſtler nicht zu be⸗ lichkei hagen; ſein Körper zitterte unter der Hand, die ihm e auf der Schulter lag, und ſein Auge ſchoß einen erſuch Funken, den Herr Kemenaer glücklicher Weiſe nicht chen: bemerkte. ſtück Laura erlöste ihn aus dieſem erniedrigenden Zu⸗ S ſtreng ſtande. Sie ſteckte ihren Arm in den ſeinen und ſagte mit einſchmeichelndem Ton:„ „Meiſter Conrad, mein Vater ſagt dies nur, um Du n zu ſcherzen... Haben Sie nun das Mailied mit⸗ mand gebracht? Ja? Die Nolle? Laſſen Sie ſehen! Wie T gut Sie ſind, Meiſter Conrad. Ich danke Ihnen, Befeh daß Sie ſo früh gekommen ſind. Laſſen Sie uns“ ſchon ans Klavier gehen. Sie werden wohl die zweite Stimme ſingen, nicht wahr? Es iſt für einen Tenor: aber Sie haben eine Baritonſtimme...“ rief n „Ich habe gar keine Stimme. Sie wiſſen es„ wohl, mein Fräulein,“ ſtammelte der Muſikus. Conre „So gut Sie können; es iſt nur um bereit zu wie e Sie ſ ſein, wenn Berthold kommt.“ ffreut, mich chulter rechen; Ihnen laubte, wenn en zur zu be⸗ die ihm einen e nicht den Zu⸗ en und ur, um led mit⸗ i! Wie Ihnen, bie uns“ zweite Tenor: iſſen es 8. bereit zu 23 „Ach, Fräulein Laura,“ antwortete Conrad,„was könnte man Ihnen verweigern?“ „So; ſeien Sie bedankt für Ihre Bereitwillig⸗ keit. Kommen Sie jetzt.— Nicht wahr, Vater, Du gibſt es zu, daß wir ans Klavier gehen.“ „Und das Frühſtück, Laura? Ich möchte nicht gern eine Stunde auf Dich warten.“ „In der That, ich hatte es vergeſſen. Wenn Meiſter Conrad mit uns frühſtückte?“ Ein gemachtes Lächeln erſchien auf dem Ange⸗ ſicht ihres Vaters, während er mit vieler Freund⸗ lichkeit ſagte: „Ich gedachte eben Meiſter Conrad darum zu erſuchen.— Sie werden mir ein Vergnügen ma⸗ chen: ſeien Sie ſo gut und nehmen Sie das Früh⸗ ſtück an.“ Sich zu einer Magd wendend, befahl er ihr mit ſtrengem Blick: „Anna, wer auch kommen ſollte, mich zu ſprechen, Du wirſt Niemand in den Speiſeſaal einlaſſen. Nie⸗ mand, ſelbſt Monk nicht, hörſt Du?“ Der Muſikus begriff den Sinn und Zweck dieſes Befehls, denn er kannte Herrn Kemenaers Charakter ſchon lang. Wieder wandte er den Kopf zur Seite, um zu verbergen, was in ſeinem Innerſten vorging, aber Laura ergriff ſeine Hand, zog ihn zu Tiſche und rief mit ungezwungener Fröhlichkeit: „Setzen Sie ſich hierher, neben mich, Meiſter Conrad. Sie ſind ein guter Mann; ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich bin immer erfreut, wenn ich Sie ſehe.“ Der Künſtler ſetzte ſich auf den Platz, der ihm von Laura ſo freundlich angewieſen worden war; doch ſchob er unmerklich ſeinen Stuhl zurück, als wollte er durch ſeine Haltung andeuten, daß er den Abſtand nicht vergaß, der zwiſchen ihm und ſeinem reichen Wirth beſtand. Eine lange Zeit ſprach Kemenger mit unverho⸗ lener Gleichgültigkeit über das letzte Concert im Schauſpielhauſe, über die Schildereien der großen Ausſtellung und über ein gewiſſes Werk, welches eben viel Aufſehen in der hohen Welt machte, ſo ſchamlos unſittlich es auch war. Conrad antwortete wenig; das böswillige und eitle Urtheil von Laura's Vater verwundete ſein Künſtlerherz, doch bezwang er aus Höflichkeit ſeinen Verdruß und nickte ſtillſchweigend mit dem Kopfe. Es wurde in dieſem Augenblick mit ungewöhn⸗ licher Kraft und Haſt an der Hausklingel gezogen. Während die Magd über den Vorhof ſchritt, um das Thor zu öffnen, ſpitzte Kemenaer das Ohr und legte die Hand auf die Tiſchplatte, zum Aufſtehen bereit. Er hörte vielleicht das Geräuſch von Män⸗ nertritten im Gang ertönen und verließ ſofort den Speiſeſaal, um nicht in Geſellſchaft des Muſikus überraſcht zu werden. Unmittelbar darauf trat er wieder ein, indem er die Thüre vor einem jungen Herrn aufriß und fröh⸗ lich ſagte: „Willkommen, willkommen, Berthold, Sie werden erfreut ſein, Meiſter Conrad hier zu finden: er iſt ja ſo zu ſagen Ihr Freund... Was haben Sie da unter dem Arm? Bücher? Fürchten Sie nicht, daß war; k, als er den ſeinem nverho⸗ tert im großen welches chte, ſo ge und ete ſein t ſeinen dopfe. gewöhn⸗ zogen. ritt, um Ohr und lufſtehen in Män⸗ fort den Muſikus indem er ind fröh⸗ e werden n: er iſt n Sie da icht, daß 25 man Sie für einen Studenten oder für einen Buch⸗ binder nimmt?“ Aber Berthold achtete nicht auf dieſe ſcherzenden Worte. Mit der Röthe der Erregung auf den Wan⸗ gen ging er auf Laura zu, die aufgeſprungen war und ſeine Ankunft mit einem Freudenruf begrüßt hatte. „Laura,“ ſtammelte er,„ſieh hier das erſte Kind meiner beſcheidenen Muſe. Es iſt unter Deinem Blick geboren, ſei dem armen Wichte nicht zu ſtreng ... Herr Kemenaer, beliebt es Ihnen gleichfalls, ein Exemplar anzunehmen, nicht daß es einen Werth hätte, aber als einen ſchwachen Beweis meiner Hoch⸗ achtung... Sie auch, Conrad. Ich beſtimmte die⸗ ſen Abdruck für meinen Oheim, aber ich werde einen andern bei meinem Drucker holen.“. Während Berthold bebend zu forſchen ſchien, welche Wirkung das Erſcheinen ſeines Buches auf Jeden hervorbrachte, waren die Andern mit dem Durchblättern ſeiner Gedichte beſchäftigt. Herr Ke⸗ menaer lächelte beim Leſen der Ueberſchriften und murmelte: „Begeiſterung— Frühlingslied— Lob⸗ geſang auf den Schöpfer— An die Nach⸗ tigall.“ Laura zitterte vor Freude und ſchlug die Blätter ſchnell um, als wollte ſie in dem Bändchen nach Gedichten ſuchen, die ihr unbekannt waren; und in der That ſie fand eines, auf welches ſie außer ſich mit ſtarren Augen hinblickte. Es trug die Ueberſchrift: An ſie. Die Augen des Muſikus ſchienen in ungewöhn⸗ dem Buch ein Stück getroffen, das ihm beſonders behagte, denn ſeine Lippen bewegten ſich und er fuhr mit der Hand leiſe aber kräftig hin und her, als wäre er damit beſchäftigt, für ſich die Verſe zu de⸗ clamiren. Berthold war ein ſchöner Jüngling, mit ſtark ausgeprägten Zügen. Seine Wangen waren nicht berost; doch war die Farbe ſeines Angeſichts rein. Unter ſeiner hohen Stirne glänzten zwei ſchwarze Augäpfel, mild und feurig zugleich: ſein Mund, noch von einem jungen Bartanflug überſchattet, zog ſich zuweilen zu einem ſchärfern Ausdruck zuſammen und ſeine ſchweren Augenbrauen falteten ſich wohl zu einem tieferen Gedanken, während er wechſelsweiſe Laura und deren Vater anſchaute.— In ſeiner Kleidung, in ſeinem Benehmen, ſelbſt in ſeinem ſtillen Lächeln lag ein Ton von ungezwungener Freundlich⸗ keit, und zurückgehaltenem Stolze, der auf den erſten Blick erkennen ließ, daß der Jüngling außer der angebornen Herzensgüte auch den feinen Anſtand der höhern Welt beſaß. „O Vater, Vater, höre, wie ſchön doch dieſes Gedicht!“ rief Laura, mit dem Buch in der Hand ſich erhebend,„welche große Gedanken!“ Und ſie begann mit Begeiſterung in der Stimme Folgendes zu leſen: Natur verlieh dem jugendlichen Aar Der Schwinge Kraft, die Wolke zu durchdringen, Sie gab dem aufgeblühten jungen Jahr Die Nachtigall, das Morgenlied zu ſingen, lichem Glanze zu leuchten; er hatte wahrſcheinlich in h in ders fuhr als de⸗ ſtark nicht rein. varze noch ſich und l zu veiſe einer tillen dlich⸗ erſten der ſtand dieſes Hand imme gen, 27 Sie bot dem Künſtler einen Pinſel dar, Um Seelen zur Bewunderung zu zwingen; Und mir gab ſie die Cither in die Hand Das Lob zu preiſen von dem Vaterland. „Laura, einen Augenblick, wenn es Dir gefällig iſt!“ unterbrach ſie Herr Kemenaer, der nicht zuge⸗ hört, ſondern ſein Geſicht wie verſtört auf das Buch gerichtet hatte. „Berthold, was bedeutet das Gedicht, das auf der fünfzigſten Seite beginnt? Auf wen haben Sie es gemacht?“ „Auf Niemand,“ antwortete Berthold verwun⸗ dert. Laura hatte ſogleich die angegebene Seite auf⸗ geſchlagen und las mit halber Stimme und ſinnend den Anfang des Gedichts, das die Aufſchrift trug: Der Wucherer. Dort in dem ſtolzen Marmorbau, drauf ſtaunend weilt Dein Blick, Da wohnt der Glauz und Ueberfluß— wohnt nimmer⸗ mehr das Glück. Ein lebendes Gerippe nur, ein Schatten wohnt darinnen, An dem die Sünde ausgeprägt, erkennbar allen Sinnen, Und ſucht vergeblich nach dem Heil für ſich im Arm der Pracht... Ein geheimer Schrecken ſchien Laura zu ergreifen, als der letzte Vers ihrem Mund entſchlüpfte. Sie ſchwieg und ſenkte den Kopf. Herr Kemenaer durchſchaute die Bewegung ſeiner Tochter. Er that ſich die äußerſte Gewalt an, ſei⸗ den Aerger zu verbergen, und ſprach in liebevollem one: „Nun, fahre fort, Laura. Der Vorwurf iſt wohl ſonderbar für einen jungen Dichter, der die Welt noch nicht kennt, aber die Verſe ſind doch gefühlvoll und ſchön... Komm, ich will ſie ſelbſt leſen.“ Halb lachend und ſcheinbar ganz unbewegt, nahm Kemenaer den unterbrochenen Faden auf, und da das Gedicht ihm kräftig und ausdrucksvoll ſchien, gab er ſelbſt ſeinem Vortrag mehr Schwung. Ein lebendes Gerippe nur, ein Schatten wohnt darinnen, An dem die Sünde ausgeprägt, erkennbar allen Sinnen, Und ſucht vergeblich nach dem Heil für ſich im Arm der Pracht, Am Morgen hat der Schlummer ihm Erholung nicht gebracht. Er weiß ſich für den Reſt des Tages die Zeit nicht zu vertreiben Und ſieht von Allem rings herum ſich den Verdruß nur bleiben. Umſonſt daß jeden Schatz die Welt vor ſeinem Angeſicht, Ihr Wunderhorn die Kunſt enthüllt— er ſieht, er — merkt es nicht. Er ſieht die Ornamente nicht an ſeinen Marmorgängen An ſeinen breiten Wänden nicht die Prachttapete hängen, Nicht ſeinen Mahagony⸗Flur mit Bildwerk ausſtaffirt, Nicht die Gardinen überreich mit ſeidnem Schnee geziert, Selbſt nicht die Perlen edler Kunſt, ans Tageslicht ge⸗ zogen Verfeinte Wolluſt nur im Aug', mit Golde aufgewogen. So laſtet Ueberdruß auf ihm den ganzen langen Tag*) *) Der Reim von Tag und Ach findet ſich im Original ſelbſt. A. d. Ueberſ. rinnen, binnen, n Arm ;B nicht icht zu uß nur geſicht, eht, er ht. gängen hängen, ſtaffirt, geziert, icht ge⸗ eogen. Tag 8) Original leberſ. 29 Und ſinkt er in den Lehnſtuhl hin, ruft er des Abends Ach! Lenkt er das Auge auf ſich ſelbſt, ſchließt er's erſchrocken wieder Als ſäh' er in die Seele wie in einen Abgrund nieder*). Nachdem er zu Ende geleſen, näherte er ſich Ber⸗ thold, ſchüttelte ihm die Hand und ſprach: „Nicht ſchlecht in der That, viel Kraft und Farbe, ſchöne Worte. Etwas unerfahren, etwas Mangel an Weltkenntniß, aber artig zuſammengeſtellt. Es ſind hie und da kleine Fehler daran; ich möchte mich wohl gern näher darüber mit Ihnen unterhalten.— Laura wollte vor Ihrer Ankunft ein neues Lied probiren, das Sie mit ihr ſingen ſollten. Im Fall ſie nun mit Meiſter Conrad ans Klavier gehen wollte, könnten wir noch einen Augenblick beiſammen bleiben und etwas über Kunſt und Gefühl plaudern. Ich bitte Dich, Laura, folge Deinem Lehrer zum Piano.“ Conrad hatte ſich bereits erhoben; Laura verließ mit ihm das Zimmer, träge und traurig, als ob es ihr weh thäte, nicht länger bei Berthold bleiben zu können, um mit ihm die Freude des erſten Erſchei⸗ nens ſeines Buches zu genießen. Sie gehorchte jedoch ihres Vaters Verlangen ohne Zeichen von Unwillen. Sobald die Thüre des Zimmers geſchloſſen war, ließ Kemenaer ſich lachend in einen Lehnſtuhl fallen, *) Aus Ledeganks zerſtreuten und hinterlaſſenen Gedichten S. 107 und 130. 30 kreuzte die Arme über der Bruſt und ſagte in ſcher⸗ zendem Tone: „Setzen Sie ſich, Berthold.— Nun wahrlich, ſagen Sie mir, ſind Sie närriſch geworden?“ „Ich glaube es zum Mindeſten nicht,“ antwor⸗ tete der Jüngling.„Warum eine ſolche Frage, Herr Kemenaer?“ „Was haben Sie da für Unſinn über einen Wucherer geſchrieben? Sie vergeſſen alſo, wer Sie ſind und zu welcher Klaſſe der Geſellſchaft Sie ge⸗ hören. Sie ſind ſehr reich oder ſollen es werden.“ „Ich begreife Sie nicht.“ „Ihre Verſe ſind die Sprache eines Menſchen, der Hunger leidet, der mit zerriſſenen Schuhen her⸗ umläuft und vom Neide gegen Menſchen verzehrt iſt, die ein beſſeres Loos in der Welt haben, als er. Mit einem Wort, Sie ſprechen in dieſem Stücke wie ein dürftiger Poet, der auf dem Weg zum Armen⸗ haus iſt.“ Bertholds Stirn färbte ſich mit einer leichten Röthe, aber er bezwang ſeine aufſteigende Entrüſtung und antwortete: „Iſt der Wucher denn kein tadelnswerthes Uebel?. Wird er nicht durch Geſetz und Religion verurtheilt?“ „Sicher, ſicher, Berthold,“ brummte Kemenaer mit lebhaftem Spott. „Der Dichter darf nicht allein loben, was gut iſt, er muß ebenſo, gleich einem Sittlichkeitsarzte, das glühende Eiſen an die Wunden legen, welche in der Geſellſchaft krebsartig um ſich greifen...“ „Bah, das ſind Worte! Sie glauben, daß die Erde ſich nicht drehe nach Gewohnheit, weil Dichter * ſcher⸗ ahrlich, untwor⸗ „ Herr einen der Sie Sie ge⸗ erden.“ enſchen, en her⸗ ihrt iſt, als er. iſcke wie Armen⸗ leichten rüſtung Uebel?. heilt?“ menaer as gut zte, das in der daß die Dichter 34 und andere Skribler gegen reiche Leute ſchreien? Aber, mein Gott, die Welt ſteht ſchon ſo viele tau⸗ ſend Jahre und noch ſind die Künſtler ebenſo arm und ebenſo unbeſonnen.“ „Aber, Herr Kemenaer, der Wucher iſt zum Glück ein ſeltenes Uebel; warum unterſtellen Sie mir, daß ich gegen reiche Leute im Allgemeinen mich durch mein Gedicht habe erheben wollen?“ „Warum? weil die Worte Wucherer und Reicher in dem Munde und in der Feder der Neider beinahe daſſelbe ſagen wollen; wenigſtens verwechſeln ſie aus Bosheit den einen mit dem andern. Es iſt nicht der Mühe werth, darüber ſo lang zu ſprechen. Laſſen Sie uns ruhiger werden. Sagen Sie mir einmal gerade heraus, zu welchem Zweck haben Sie Ihre Gedichte drucken laſſen?“ Der Jüngling zögerte und ſchien durch dieſe directe Frage einigermaßen überraſcht. „Ich weiß es ſelbſt nicht recht,“ ſtammelte er. „Es iſt ein unwiderſtehlicher Drang, eine geheime Gewalt, die endlich über mich entſchied, oder lieber, die meine Furcht und meinen Willen bezwang.“ „Ruhm, nicht wahr?“ ſagte Kemenaer,„Rauch? Wiſſen Sie wohl, was Sie finden werden? Mich dünkt, ich ſehe bereits Ihre freundlichen Kunſtgenoſſen — denn nun haben Sie alle die ausgehungerten Kritzler zu Genoſſen— mich dünkt, ich ſehe ſie mit der Spitze ihrer Feder in der Galle ihres Tinten⸗ faſſes herumfahren, um Sie zu zerreißen und zu verſpotten... es ſei denn, daß Sie denſelben ihren Weihrauch mit Geld abkaufen, denn die Propheten ſind nicht ſo ſtolz, um nicht demüthig den Hut vor 32 einem Goldſtück abzunehmen!— Ihr Name wird in den Tagblättern ſtehen; hier wird man rufen, daß Sie ein Phönix ſind, da wird man ſchreien, daß Sie werth ſind, Diſteln zu eſſen... und am Ende von dieſem Allem werden alle geſetzten Leute Sie belachens⸗ werth finden und Sie werden ſich in die Nägel beißen wie Jemand, der eine unheilbare Dummheit began⸗ gen hat. Haha, ein Mann wie Sie, der durch ſein Vermögen die Kunſt vor ſeinen Füßen kriechen laſſen kann, giht ſeinen Namen dem Neide und der Miß⸗ gunſt des gemeinen Volkes preis.“ Aus Höfklichkeit hatte Berthold bis jetzt die Auf⸗ regung bezwungen, die ihn allmälig überwältigte. Der Jüngling kannte den Charakter von Laura's Vater und war oft genug durch deſſen kalten Spott in ſeinem Kunſtgefühl verwundet worden. Noch hielt er an ſich, ſo viel es ihm möglich war, aber ein fieberhafter Grimm zitterte bereits in ſeiner Stimme, während er antwortete: „Alles, was Sie ſagen, mag wahr ſein, Herr Kemenaer, Jedermann muß jedoch ſelbſt fühlen, welche Bedürfniſſe Gott in ſeine Seele gelegt hat. Ein Leben, ſo eiskalt und ſo ſelbſtſüchtig, wie Sie es mir anrathen, erfüllt mein Herz mit Verzweiflung. Ich will glauben an das Gute, glauben an die Zu⸗ kunft der Menſchheit... und iſt die Laufbahn, die ich mir geträumt habe, nicht anders zu durchwandeln, als um den Preis von Spott und Leiden, wohlan, ich nehme das Loos an, das Sie mir prophezeien.“ Den Kopf ſchüttelnd, ſagte Kemenaer mit einem Lächeln:„Sie ſind jung, Berthold, Ihre Unerfahren⸗ heit läßt Sie den Schein für das Weſen nehmen. verſtän Alles.“ „C mit bit wenn tracht Völker; alle Ic gemach viliſatit Naturk Funke gefallen Macht ſagen 6 Conſe rd in daß 3 Sie 2 von hens⸗ beißen egan⸗ ) ſein laſſen Miß⸗ Auf⸗ ltigte. ura's Spott hielt er ein imme, Herr ühlen, t hat. Sie es flung. e Zu⸗ n, die ndeln, ohlan, eien.“ einem ahren⸗ ihmen. Wäre es nicht viel beſſer für Sie, in Frieden den Reichthum zu genießen, der Ihnen zugetheilt iſt?— Und ſuchen Sie Ruhm, Anſehen, Herrſchaft, ſo ſtützen Sie ſich auf die Macht des Geldes: das Geld kann Alles, das Geld gibt Alles!“ „Geld allein!“ rief der Jüngling mit Verach⸗ tung.„Kein Gott, keine Tugend, keine ſittliche Würde mehr; Geld! aber welche Welt wollen Sie dem Men⸗ ſchen dann bereiten? Alſo ſoll es auf Erden nur noch zwei anerkannte Mächte geben: Geld und Arg⸗ liſt, es zu erwerben?“ „Und doch iſt es ſo!“ murmelte Kemenaer.„Und es mag Sie verdrießen oder nicht, alle wahrhaft verſtändigen Leute ſind davon überzeugt: Geld kann Alles.“ „Geld kann Alles?“ wiederholte der Jüngling mit bitterm Lächeln.„So ſcheint es in der That, wenn man nur den gegenwärtigen Augenblick in Be⸗ tracht zieht; aber leſen Sie doch die Geſchichte aller Völker; folgen Sie dem Gang der Menſchheit durch alle Jahrhunderte. Wer hat die Nationen zu dem gemacht, was ſie ſind? Wer hat das Licht der Ci⸗ viliſation durch die Welt verbreitet? Wer hat die Naturkräfte gezwungen, als dienſtwillige Sclaven für die Wohlfahrt der Menſchen zu arbeiten? Alles, was wir beſitzen: Geſetz, Recht, Freiheit, materielle Macht, ſittliche Gewalt, wer hat es uns geſchenkt? — Das Geld, meinen Sie? o nein, der Geiſt, der Funke von Gottes Weſen, dem Menſchen allein zu⸗ gefallen, damit er von der Höhe ſeiner geiſtigen Macht Gebieter über die Materie bleibe... Und ſagen Sie doch nicht, daß der Geiſt der Sklave des Conſeience, der Geldteufel. 3 34 Geldes, der Vergötterung der Materie werden kann. Das Geld herrſcht über einzelne Menſchen, nicht über die Menſchheit; es iſt eine Kraft des Augen⸗ blicks, ſein Einfluß erſtreckt ſich nicht weiter als über den Tag von heute. Der Geiſt iſt die Menſchheit ſelbſt; was er ſchafft, iſt unſterblich, er lebt fort durch alle Jahrhunderte, er entwickelt ſich, er wird immer größer. Viele Völ⸗ ker ſind von der Erde verſchwunden, die Zeit hat ihre materiellen Denkmäler umgeſtürzt und unter Trümmern begraben; aber in unſerer Sprache, in unſeren Geſetzen, in unſeren Künſten, in unſeren Wiſſenſchaften bleibt ihr Geiſt fortleben— weil von all der Arbeit des Menſchen nichts unſterblich iſt, als die Werke des Geiſtes allein...“ Herr Kemenaer ſchien durch dieſes zitternde Wort und durch den funkelnden Blick von Berthold tief getroffen. Das Lächeln war allmälig von ſeinem Angeſicht verſchwunden und er ſchaute den Jüngling mit etwas ärgerlicher Verwunderung an. Nun ſeine begeiſterte Stimme aufgehört hatte, durch das Zim⸗ mer zu ertönen, nahm Kemenaer augenblicklich ſeine Kälte wieder an und antwortete ohne einige Verle⸗ genheit in der Stimme: „Ihre Worte ſind hochtrabend, Berthold; dieſe. Gedanken haben Sie aus Büchern geſchöpft, geſchrie⸗ ben von Männern, die ſich ſelbſt beweihrauchten. Welchen Beweis können Sie aus einer Welt bei⸗ bringen, die vorüber iſt, oder aus einer, die nicht mehr kommen wird? Sehen Sie ringsum in dem wirklichen Leben. Was iſt ein Künſtler oder Gelehr⸗ ter ohne Geld? Ein armer Teufel, der vor Mangel Milli in kann. 7, nicht Augen⸗ als über rſchafft, zunderte, ele Völ⸗ Zeit hat d unter ache, in unſeren weil von blich iſt, ade Wort hold tief n ſeinem Jüngling zun ſeine das Zim⸗ lich ſeine ge Verle⸗ Ald; dieſe geſchrie⸗ drauchten. Velt bei⸗ die nicht in dem er Gelehr⸗ r Mangel 35 vergeht und flehend aufſchaut, ob es dem Geld nicht einmal ſeiner ſich zu erinnern beliebt. Wer wird an dem Tage, da wir nun leben, geehrt, angeſehen und geprieſen? Der, welcher Geld hat. Was die Dichter darüber ſchreiben oder nicht, es iſt alle Zeit ſo geweſen und wird immerdar ſo bleiben.“ „Aber, Herr Kemenaer, nehmen Sie es mir nicht übel, Sie täuſchen ſich!“ rief Berthold, vor unterdrückter Ungeduld bebend.„Reiſen Sie durch die ganze Welt; ſehen Sie die Völker mit Stolz auf die Denkmäler des Ruhmes ihres Vaterlandes wei⸗ ſen; hören Sie Alles erheben, was zu ihrer Ehre aus der Vergangenheit übrig bleibt;— leſen Sie die unſterblichen Namen, die aus Allem, was groß iſt auf Erden, uns in die Augen leuchten. Sind es Namen von Männern, die auf die Macht des Gel⸗ des pochten? O nein, der Name des reichen Cröſus erweckt Spott; der Name des armen blinden Homer erfüllt ſeit ſiebenundzwanzig Jahrhunderten ſelbſt das Herz der Könige mit CEhrfurcht!“ Herr Kemenaer ſchüttelte den Kopf und zuckte die Achſeln. „Es hat wenig Belang für mich,“ ſprach er,„zu wiſſen, was man von mir ſagen wird, wenn ich todt bin. Ich habe wahrlich Mitleid mit Menſchen, die ihr ganzes Leben in Mangel und Mißachtung hin⸗ ſchleppen, in der Hoffnung, daß man ihren Namen nennen wird, wenn ſie ihn nicht mehr hören können. Aber— vergeben Sie mir das Wort— es ſcheint mir ganz unbegreifliche Thorheit, daß Sie, Berthold, der nach dem Tode von Ihrem Oheim vielleicht eine Million beſitzen wird, gerade wie die elenden Neid⸗ harte dem Geld und den Reichen den Krieg erklären wollen.“ „Sie klagen mich mit Unrecht an, Herr Keme⸗ naer,“ antwortete Berthold mit großer Gelaſſenheit. „Ich haſſe das Geld nicht. Es iſt ein nothwendiges Mittel zu der Entwicklung des geſellſchaftlichen Le⸗ bens; es wird alle Zeit in ſichern Händen ſich auf⸗ häufen als die geſammelte Frucht langer Arbeit oder größerer Geſchicklichkeit. Ich fühle die tiefſte Achtung vor einem wohlhabenden Mann, der ſeinen Reich⸗ thum genießt, ohne ſich gänzlich dem Materiellen zu verknechten, der anerkennt, daß es noch andere löb⸗ liche Eigenſchaften gibt, als Reichthum, und daß der Menſch auch durch Herz und Geiſt leben muß, um auf Erden ſeine Beſtimmung als Gottes Auserkore⸗ ner zu erfüllen. Aber wen ich haſſe, das iſt der Mann, der meint, daß er Alles um ſich herum ent⸗ zaubern und materialiſiren müſſe, weil er dann als Herr materieller Güter zum Abgott werden könne unter den Anbetern der Materie. Wogegen ich mich aus aller Kraft erheben werde, das iſt die Lehre, daß das Geld Alles überwiege und Alles erſetzen könne, daß außer dem Geld weder Macht, noch Würde, noch Glück auf Erden möglich ſei. Dieſe Lehre iſt der Krebsſchaden, welcher ſchon ſeit einem Jahrhun⸗ dert an der europäiſchen Geſellſchaft zehrt. Sie ver⸗ nichtet alles Gefühl der Aufopferung, der Pflicht und Tugend; ſie zerſtört allen Glauben, alle Liebe, alle Geduld. Man ſagt der Menge, daß ſie vor dem Geld als vor dem einigen Gott knieen, daß ſie die Materie als die einzige Quelle des Glücks anbeten müſſe. So entwickelt man in dem Menſchen alleinig die T perlich Mißg zeichen aus h ander die 2 perſöt Geld oder mache nicht dieſes Alles früher Güter bild a müthi der§ Wäch und Tuger bild r Ich w Die 2 Fall! unter das C dung werde Geldn genüg rklären Keme⸗ ſenheit. endiges hen Le⸗ ch auf⸗ iit oder lchtung Reich⸗ llen zu rre löb⸗ daß der äß, um Berkore⸗ iſt der um ent⸗ ann als könne ich mich Lehre, erſetzen Würde, dehre iſt ahrhun⸗ Sie ver⸗ icht und be, alle vor dem ſie die anbeten alleinig die Triebe, die er mit den Thieren gemein hat, kör⸗ perliche Gier, materielle Begierde, immer wachende Mißgunſt. Was ſoll daraus werden? Die Vor⸗ zeichen haben ſich bereits gezeigt. Wenn die Leute aus höhern Ständen ſelbſt erkennen, daß ſie kein anderes Recht auf den Beſitz von Geld haben, als die Thatſache des Beſitzes allein; wenn ſie allen perſönlichen Werth leugnen, wenn ſie lehren, daß Geld allein hinreichend iſt, um aus einem Bettler oder Dummkopf einen vortrefflichen Menſchen zu machen, warum ſollte dann das gemeine Volk ſich nicht angeſpornt fühlen, um durch ſeine wüſte Kraft dieſes Geld ſich zu verſchaffen, durch deſſen Beſitz Alles, ſelbſt das Laſter gerechtfertigt würde? In früheren Jahrhunderten meinten die Beſitzer irdiſcher Güter, daß es ihre Pflicht ſei, der Menge das Vor⸗ bild aller Tugenden zu geben; ſie waren die helden⸗ müthigen Vertheidiger des Vaterlandes, die Vorſteher der Künſte und Wiſſenſchaften, die aufmerkſamen Wächter bei dem Heiligthum menſchlicher Civiliſation und Sittlichkeit. Nun ſollen ſie im Gegentheil alle Tugenden leugnen und für das Volk nur das Vor⸗ bild von Selbſtſucht, Argliſt und Materialismus ſein? Ich weigere mich, an einen ſo tiefen Fall zu glauben! Die Mehrheit der Reichen denkt nicht ſo; und im Fall das Glück mich wirklich begünſtigt, will ich mich unter die Zahl derer ſtellen, die da meinen, daß das Geld eine Macht iſt, welche durch ſeine Anwen⸗ dung zum Guten, zum Edeln und Schönen geheiligt werden muß.— Das Schickſal hat mir ausgedehnte Geldmittel beſtimmt; ich werde reich ſein; aber das genügt meinen Wünſchen nicht. Ich will von oben herabſehen können auf das Materielle, während der gefühlloſe Menſch unten liegt, um zu wühlen; ich will auf dem Gebiet des Geiſtes etwas werden, mein Weſen vervielfältigen durch das Wort, die Gemüther aus dem Schlamm der Erde zu Gott erheben... und ſo endlich mein Haupt niederlegen, mit dem Bewußtſein, daß ich im Leben etwas Anderes gethan, als den Hochmuth gepflegt und materielle Lüſte be⸗ friedigt habe.— Vielleicht wird man ſich dann meines Namens nach meinem Tode dankbar erinnern. Wer weiß?— Es iſt vielleicht ein Traum; aber er iſt ſo lockend, ſo ſchön, daß alle großen Geiſter der Welt zu ſeiner Verwirklichung das Kreuz des Märtyrerthums auf ſich genommen haben.“ Mochte Herr Kemenaer der Meinung ſein, daß dieſes Geſpräch zu keinem erreichbaren Ende führe, oder aus Vorſicht den aufgeregten Jüngling nicht weiter in ſeinem Gefühl verletzen wollen, er ſtand auf und ſagte: „Schöne Worte, aber wenig gute Gründe! Es iſt Ja und Nein, gleichwie mit allen Dingen, die auf keinem greifbaren Fundament beruhen. Ein Glück für Sie, Berthold, daß Sie reich ſind. Ich wünſche von ganzem Herzen, daß Sie Ihre Denkart nicht zu ſpät bereuen— kommen Sie, laſſen Sie uns nun ans Klavier gehen. Laura will das Mailied ſingen, das Sie gemacht haben. Ein Mailied, etwas an den Mond, etwas das Niemand kränken kann, dage⸗ gen werde ich im Grunde wenig einzuwenden haben; aber an das wirkliche Leben greifen, es tadeln und verachten? Das iſt gefährlich, ſehr gefährlich, Ber⸗ einem niedri zum Straf heit! § ware des ſchied ten, zu er die wurd dara Zimt einer Stur befa⸗ end der ich will , mein müther n... tit dem gethan, üſte be⸗ meines 1. Wer r iſt ſo Welt zu erthums in, daß e führe, g nicht er ſtand 1 Es iſt die auf n Glück wünſche nicht zu ns nun ſingen, was an n, dage⸗ haben; eln und ch, Ber⸗ 39 thold.— Nun kommen Sie, wir wollen ſpäter noch mehr davon reden.“ Noch ganz roth von ſeinem aufgereizten Gefühl, folgte Berthold Herrn Kemenaer, der die Thüre eines Nebenſaals vor ihm öffnete. Der Ton von Laura's ſchöner Stimme klang ihm entgegen, als ſie in den Gang eintraten, um ſich nach dem Innern des Hauſes zu begeben. Bweites Kapitel. Die Wohnung des alten Herrn Robyn ſtand in einem abgelegenen Quartier der Stadt und war ſehr niedrig von Ausſehen. Sie hatte ein ſchwarzes Thor 3 zum einzigen Eingang und in gleicher Tiefe mit der Straße nur vier Fenſter, welche zu größerer Sicher⸗ heit durch eiſerne Stangen geſchützt waren. Hinter dem Thore, etwa zehn Schritte entfernt, waren in einem Gang, der ſich weit in die Tiefe des Gebäudes verlängerte, zur rechten Seite ver⸗ ſchiedene Thüren, welche zu den Sprechzimmern führ⸗ ten, wo man die Leute, die Herrn Robyn um Etwas zu erſuchen hatten, warten ließ. Die alte Magd, die gewöhnlich das Thor öffnete, wenn geklingelt wurde, kannte den Willen ihres Herrn und war darauf abgerichtet, nie zwei Beſucher in demſelben Zimmer zu dulden, ja zu verhindern, daß jemals einer von ihnen wiſſen konnte, wer zu derſelben Stunde wie er im Hauſe von Herrn Robyn ſich befand.. Zur linken Seite, näher der Straße, war nur eine Thüre, durch welche man in das Bureau ein⸗ trat. Dieſes letzte Gemach war ziemlich geräumig und hoch; ſeine zwei Fenſter waren mit gruͤnen Blenden geſchloſſen, damit nie ein unbeſcheidener Blick von außen eindringen könnte. Während ſo die niedrigen Fenſter wenig Licht durchließen, herrſchte in dem Bureau von Herrn Robyn eine halbe Finſterniß, die Kälte erweckte und das Herz traurig ſtimmte. Außer einem ſchwarzen Pulte, drei Stühlen, einem Lehn⸗ ſtuhl mit Kiſſen und einem Kaſten mit geſchloſſenen Schubladen, um Papiere hinein zu legen, befand ſich nichts Anderes in dieſem Zimmer, als eine Kiſte, völlig mit eiſernen Reifen beſchlagen, ſichtbar mit dicken Bolzen an dem Boden befeſtigt und mit vie⸗ len ſonderbaren Schlöſſern verſehen. Denſelben Morgen, als Berthold im Hauſe von Laura's Vater die Kunſt vielleicht mit mehr gutem Willen als Glück vertheidigte, ſaß Monk, der Schrei⸗ ber von Herrn Robyn, in dem Bureau vor dem Pulte. Er ruhte mit dem Kopf auf beiden Händen und blieb ſo lange Zeit, ohne ſich zu rühren. Je⸗ mand, der ihn in dieſem Zuſtand überraſcht hätte, würde bei der Todtenſtille, die in dem ganzen Ge⸗ bäude herrſchte, unzweifelhaft auf den Gedanken ge⸗ kommen ſein, daß Monk aus Mangel an Beſchäfti⸗ gung und Langerweile in einen tiefen Schlaf ge⸗ fallen ſei. Hätte er jedoch geſehen, wie das Auge des Schreibers wachte und bisweilen Strahlen der Freude in die Ferne ſchoß, er wäre von einem Schau⸗ der bei dem Glanze dieſes Unheil verkündenden Schlangenblicks ergriffen worden. au ein⸗ nig und Blenden lick von edrigen in dem niß, die Außer Lehn⸗ loſſenen and ſich Kiſte, dar mit nit vie⸗ uſe von gutem Schrei⸗ or dem Händen n. Je⸗ t hätte, zen Ge⸗ iken ge⸗ eſchäfti⸗ haf ge⸗ s Auge llen der Schau⸗ ndenden 41 Monk ließ ſeine Arme endlich auf das Pult fal⸗ len und während ein ſchlimmes Lächeln auf ſein Geſicht trat, murmelte er bei ſich: „Sollte Herr Kemenaer etwas vermuthen? Er macht mir ſo ſonderbare Fragen; er ſchmeichelt mir und thut mir ſchön und ſpricht in dunkeln Worten, um zu erfahren, ob ich gleichfalls Kenntniß habe von gewiſſen geheimen Dingen, die er mit dem alten Robyn vollbracht hat. Wüßte er, daß ich aus den Papieren, die mir Herr Robyn zu verbrennen gab, eines zurückbehalten habe, das Säcke Geldes werth iſt! Ha, ha! Herr Kemenaer, Sie ſind nicht ſchlau genug, um einen Fuchs gleich Monk zu überliſten. Dieſes Stück Papier kann mir eine Leibrente wer⸗ den, im Fall die Noth mich zwingt, nach außerge⸗ wöhnlichen Mitteln mich umzuſehen. Man weiß nicht, was noch geſchehen kann. Wohl verſichert Herr Robyn täglich, daß er mir eine anſehnliche Erb⸗ ſchaft hinterlaſſen werde; aber er meint, daß er in Ewigkeit lebe, und ſchiebt ſein Teſtament zu machen immer hinaus. Der Geizhals! er ſchrickt vor einem Teſtament zurück, als wäre es eine vorzeitige Abtre⸗ tung von ſeinem Gut. Im Fall das Bruſtwaſſer ihn überraſchte! Ich ſoll nichts haben? Berthold ſoll Alles bekommen? Wir wollen ſehen!... Aber ſollte das Unglück mich treffen, müßte ich die⸗ ſes Haus verlaſſen, dann würde Herr Kemenaer ſich des armen Monk wohl erbarmen und für ihn ſorgen. Das koſtbare Stück, das ſeine Handſchrift trägt, iſt ein mächtiger Empfehlungsbrief bei ihm. Er iſt reich und wird wohl einige Tauſende aufopfern, um ſeine Ehre— vielleicht ſeine Freiheit— nicht in Gefahr bringen zu laſſen.“ Die Hausklingel erſcholl durch den Gang und erweckte ſeltſamer Weiſe des Schreibers Aufmerkſam⸗ keit. Er ſchritt ſelbſt auf die Thüre zu, als ob er Jemand erwartetete; doch bezeugte ſein ganzes Weſen, daß er ſich ärgerlich getäuſcht fand, als die alte Magd in das Bureau trat und ihm mit ſtillen und geheimnißvollen Worten ſagte: „Es iſt der Unternehmer, der geſtern hieher kam. Ich habe ihn in das grüne Zimmer geführt.“ „Er warte dort, bis daß Herr Robyn herab⸗ kommt,“ murmelte der Schreiber. „Es iſt auch eine Frau da, die ſchon ſeit einer halben Stunde in dem runden Zimmer ſitzt. Sie ſieht aber nur gemein aus; die Thränen laufen ihr von den Wangen: es wird nicht viel ſein.“ „Ich kenne ſie; ſie ſteckt in ſchlechten Schuhen... Margret, weißt Du doch, was ich Dir geſagt habe, nicht wahr? Wenn der Arbeiter kommt, der vor⸗ geſtern an dem Thore mit mir geſprochen, dann bringſt Du ihn geraden Weges in das Bureau.— Wie gehts da oben?“ „Nur ſchlecht, nur ſchlecht! Er iſt die ganze Nacht da gelegen, huſtend und ſtöhnend, als ob er ſich bereit machte, um in die andere Welt überzu⸗ ſiedeln. Ich habe ihm geſtern Abend und dieſen Morgen wohl zwanzigmal und auf alle Art zuge⸗ ſprochen, ſein Teſtament zu machen. Es hat noch keine Noth, ſagt er. Mir verſpricht er ein ſehr an⸗ ſehnliches Legat, ich bin wohl gewiß, im Fall der Tod den alten Geizhals nicht überraſcht, daß ich 43 reich ſein werde; darum ſpreche ich ihm nie von mir, ſondern alle Zeit von Cuch.“ „Gute Margret!“ ſeufzte Monk,„dann iſt es nur eine Wiedervergeltung der Freundſchaft; ich thue daſſelbe zu Deinem Vortheil.“ „Es iſt zu unſerem gemeinſchaftlichem Vortheil. Ihr lobt mich, ich preiſe Euch himmelhoch, ich rühme Eure Aufopferung und Eure Anhänglichkeit. So wird der Geizhals uns beiden mehr geben, als er anders thun würde. Iſt es nicht gleichgültig, wer von uns am meiſten bekommt, da wir doch unſere beiderſeitigen Vermächtniſſe zuſammenbringen werden.“ „In der That, Margret.“ „Und wenn er todt iſt, dann wollen wir uns ein gutes Leben machen. Lang dürfen wir nicht mit dem Heirathen warten; wir gehören nicht zur Ver⸗ wandtſchaft von dem Knauſer.“ „Das iſt wahr.“ „Wir ſind beide nicht mehr jung,“ fuhr Margret fort, ſich unter Lachen die Hände reibend.„Schön ſind wir auch nicht; aber wenn wir nur das Geld⸗ chen haben, dann wollen wir zeigen, ob dies nicht genug iſt, in Freundſchaft zu leben und glücklich zu ſein. Was ſagt Ihr dazu, lieb Monkchen?“ „Ich meine es ebenſo; Du weißt das wohl,“ antwortete der Schreiber, in ſeinen Gedanken weit abſchweifend. „Ich werde nun wieder hinaufgehen und ihm noch eins von dem Teſtament und Euren Dienſten vorſprechen; und wenn er herabkommt, verſucht noch einen kräftigen Anfall, Monk; denn ſeid verſichert, den Geizhals könnte etwas ankommen und er uns —— ——— — 4 —— entwiſchen. Berthold, dieſer ſchönredneriſche Laffe, Alles haben.“ Monk zuckt die Achſeln. „Aber, wenn es einmal geſchehen ſollte,“ ſeufzte Margret,„wenn man den Brummhafen einmal todt in ſeinem Bette fände, was dann?“ „Dann nichts.“ „Nichts? Wäre ich an Eurem Platz!“ „Was würdeſt Du thun?“ „Wenn ich die Schrift von Robyn ſo genau nachmachen könnte, wie Ihr? Und nun der Alte unverſehens ſtirbt? Ich ſchriebe ſelbſt ein Teſta⸗ ment.“ Zitternd vor Ueberraſchung und vielleicht vor Angſt antwortete Monk: „Wahnſinnige! Du möchteſt mich wohl auf das Schaffot bringen ſehen?... Nein, nein, laß mich machen, es iſt noch keine Gefahr. Dieſen Morgen wird es wahrſcheinlich nach Wunſch gehen. Ber⸗ thold hat eine Grube vor ſeinen eigenen Füßen ge⸗ graben; ich werde ihn heute noch hineinſtoßen.“ „Ja, was hat er denn gethan?“ „Es klingelt,“ rief Monk mit unterdrückter Stimme.„Geh, Margret;— und iſt es der Ar⸗ beiter, ſo bringe ihn auf das Bureau; aber laß mich allein mit ihm; Deine Gegenwart möchte unſerm Entwurfe hinderlich ſein.“ Er ſprach der Magd noch nach, bis daß ſie ver⸗ ſchwunden war. Dann murmelte er: „Heirathen? Heirathen? Im Fall Dein Erb⸗ theil anſehnlicher wäre, vielleicht wohl! Für das Geld, ja! Mit fünfzigtauſend Franks wuͤrde ich Himmel, denkt einmal, dann würde 45 Dich wohl heirathen. Alte Närrin!... Ah, es iſt der Druckergehilfe, ich höre ſeine Stimme!“ Ein Arbeiter trat auf den Zehenſpitzen herein, ſeufte und furchtſam wie ein Dieb um ſich blickend, zog er unter ſeinem Kittel ein Buch hervor, das er dem würde haben.“ nal todt Schreiber überreichte. Dieſer nahm es, zog einige Geldſtücke aus ſeiner Taſche und gab ſie dem Arbeiter. „Das iſt der verſprochene Lohn,“ ſagte er. genau Aber der Handwerker hielt, nachdem er das er Alte Geld beſehen hatte, die Hand noch geöffnet. 1 Teſta⸗„Was wollt Ihr mehr?“ fragte Monk wie ver⸗ wundert. ht vor„Es ſind fünf Franks zu wenig,“ antwortete der Andere. uuf das„Keineswegs, ich glaube ſogar, daß ich Euch zu ; viel gab.“ 5 mich. 8* 6(Sj 2 2; Norgen„Aber Herr, wie können Sie das ſagen? Sie Ber⸗ wiſſen es ſehr wohl. Wie wollen Sie doch einen hen ge⸗ armen Teufel betrügen, der ſich in große Gefahr „ bringt, um Ihnen zu dienen?“ 8„Nun, wollt Ihr das Geld nicht? Nehmt das rückter Buch zurück und geht hin.“ r Ar⸗„Weil Sie wiſſen, daß ich mit dem Buch nichts 3 mich„ anfangen kann. Das iſt nicht recht von Ihnen, Herr. Denken Sie nur nach; es waren nur vier Abdrücke geheftet, weil Ihr junger Herr nicht mehr verlangte. Ich habe die Blätter eins nach dem an⸗ dern wegprakticirt und das Buch ſelbſt geheftet und Erb⸗ geleimt. Wenn man dahinter käme, würde ich ge⸗ wiß mit Schande weggejagt.“ „Habt Ihr den verſprochenen Lohn nicht?“ inſerm e ver⸗ r das de ich 46 „Nein;— aber kann es nicht anders ſein, geben Sie mir dann noch ein Trinkgeld, wenn es Ihnen beliebt.“ „Nun, macht daß Ihr fortkommt, hier iſt ein Trinkgeld,“ ſchnauzte ihn Monk an, während er noch einige Kupfermünzen ihm in die Hand legte und ſelbſt die Thüre vor ihm aufmachte. Monk kehrte in das Bureau zurück und betrach⸗ tete mit triumphirendem Gemurmel das Buch von allen Seiten; dann ging er an das Pult und be⸗ gann Bertholds Gedichte zu durchblättern. Inzwi⸗ ſchen ſprach er mit heiterem Tone: „Er hat es heimlich drucken laſſen, weil er hoffte, daß ſein Oheim ihm dieſen Ungehorſam als eine vollbrachte Thatſache vergeben werde. Er meint, der einfältige Narr, daß Niemand etwas davon wiſſe. Als ob ich, der ich ſein Feind bin, ihn nicht bewachte! Als ob man mit Geld nicht alle Geheim⸗ niſſe herausbringen könnte! Nun werde ich es ſein, der das Buch ſeinem Oheim vorlegen wird; und Gott weiß, ob der Zorn von Herrn Robyn mir nicht einige Tauſende einbringen wird. In der That, es iſt das Verlangen, ſeinem natürlichen Erben Ber⸗ thold allen Vortheil zuzuwenden, das Robyn immer es verſchieben läßt, ſein Teſtament zu machen. Ber⸗ thold iſt ſeines Bruders Sohn, Margret und ich, wir ſind ihm Fremdlinge. Ja, es iſt Kampf zwi⸗ ſchen mir und Berthold; heißer, unverſöhnlicher, doch geſetzmäßiger Kampf! Er weiß es nicht, er vermuthet es nicht in ſeiner blinden Sorgloſigkeit. Deſto beſſer, deſto beſſer; ein Feind, der ſchläft, iſt gemächlicher zu bezwingen. Könnte ich nur etwas er 1, geben Ihnen iſt ein er noch nd ſelbſt betrach⸗ uch von und be⸗ Inzwi⸗ r hoffte, als eine meint, davon hn nicht Geheim⸗ es ſein, d; und dir nicht That, es en Ber⸗ immer n. Ber⸗ und ich, wf zwi⸗ onlicher, icht, er loſigkeit. läft, iſt r etwas 47 in dieſem Buch finden, das mir eine günſtige Waffe würde! Aber es ſind lauter Kindereien, nichts be⸗ deutende Worte und Gedanken: Jünglings⸗ traum— Abendgebet— An die Nachtigall — An dem Grabe eines Kindes— Troſtlo⸗ ſigkeitl.. So die Ueberſchriften der Gedichte mit halber Stimme leſend, fuhr Monk haſtig mit dem Durch⸗ blättern derſelben fort. Dieſe Unterſuchung gewährte ihm wahrſcheinlich den gewünſchten Erfolg nicht; denn allmälig war der Ausdruck der Freude von ſeinem Geſicht verſchwunden, und ſo oft ein neuer Titel an ſeinem Auge vorüberging, entſchlüpfte ihm eine Be⸗ wegung ärgerlicher Ungeduld. Plötzlich ſprang er auf und ſchien zu zittern, in⸗ dem er auf ein offenes Blatt des Buchs hinſtarrte, als könnte er nicht glauben, was er ſah. „Der Wucherer!“ murmelte er.„Der Wu⸗ cherer! Welcher gute Engel hat ihm dieſen Titel eingegeben? Er reicht allein hin, daß Herr Robyn vor Zorn vom Schlage gerührt wird!“ Ein lebendes Gerippe nur... An dem die Sünde ausgeprägt, erkennbar allen Sinnen, Und ſucht vergeblich nach dem Heil für ſich im Arm der Pracht! So laſtet Ueberdruß auf ihm den ganzen langen Tag, Und ſinkt er in den Lehnſtuhl hin, ruft er des Abends Ach! „Ha, ha, es kann nicht beſſer ſein!... Aber er iſt wahnſinnig oder unbegreiflich dumm, der dün⸗ kelhafte Berthold! Er ſchildert hier das Bild ſeines Oheims nach dem Leben. Ja er vergißt ſelbſt ſeinen Lehnſtuhl nicht! Sollte er es wohl abſichtlich ge⸗ than haben? Unmöglich. Er iſt bis zu ſeinem zwanzigſten Jahr auf der Hochſchule geblieben; und während er ſolche kindiſche und unbeſonnene Ideale hegt, hat man, auch wohl ein Bischen auf meinen Rath, vor ihm verborgen gehalten, welchen Handel wir hier treiben. Er hätte ganz bequem es merken können; aber er wohnt in der Luft... Iſt dies ein Zufall? Hat er in ſeinen Büchern geleſen, daß Wucherer Menſchen ſind, die Gewiſſensbiſſe haben, und mitten unter dem Geld vergeblich nach Glück und Frieden ſeufzen? Die Unſchuld!— Er wähnt ſich verſtändiger als Jedermann; er ſieht mit Ver⸗ achtung auf den armen Schreiber nieder— und er iſt thöricht genug, ſich ſelbſt den Strick um den Hals zu legen, ohne es zu wiſſen. Glücklicher Zufall! Ha, ha, Monk, lieber Junge, Dein Feind iſt in einen Fallſtrick gelaufen: laß ihn nicht entwiſchen... Da höre ich Herrn Robyn die Treppe herunterkommen. Verbergen wir das Buch, bis unſere Handelsſachen abgethan ſind; der Effect möchte ſonſt leicht geſtört werden...“ Er trat eilig an das Pult, ſetzte ſich nieder und gab ſeinem Geſicht den harmloſeſten Ausdruck der Gemüthsruhe, während er die Feder in die Hand nahm und zu ſchreiben ſich ſtellte. Eine Seitenthüre wurde geöffnet. Herr Robyn, durch die alte Margret am Arm geleitet, trat ein und ließ ſich vorſichtig in den breiten Lehnſtuhl fallen, der dicht neben der eiſernen Geldkaſſe ſich befand. ſeines ſeinen ich ge⸗ ſeinem n; und Ideale meinen Handel merken ſtt dies n, daß haben, Glück wähnt it Ver⸗ und er n Hals Zufall! meinen .. Da ommen. Sſachen geſtört er und ick der Hand Robyn, rat ein fallen, and. 49 „ Herr Robyn ſchien ein abgelebter Greis, obwohl dzer wahrſcheinlich die ſechzig Jahre noch nicht erreicht hatte, aber ſchon längſt unterwühlte eine langſame Krankheit ſein Leben. Die Bläue ſeiner Lippen und die ſeltſame Bläſſe ſeiner Wangen bewieſen deutlich genug, daß er an einer Herzkrankheit litt und viel⸗ leicht in Folge davon die Bruſtwaſſerſucht hatte. Außerdem waren ſeine Beine und Füße ſo ſehr ge⸗ ſchwollen, daß er ſich nicht mehr ohne Hilfe über den Boden fortſchleppen konnte. Das ganze Aus⸗ ſehen von Herrn Robyn— ſein Geſicht, ſeine Hal⸗ tung und die Abſpannung ſeiner Glieder— deute⸗ ten einen tiefen Verfall ſeiner Kräfte an. Seine Augen allein ſchienen noch viel Leben behalten zu haben, und auffallend war die Schnelligkeit des for⸗ ſchenden und mißtrauiſchen Blicks, den er bei ſeinem Erſcheinen in dem Bureau auf Alles warf. Der Schreiber hatte ſeinen Herrn gegrüßt, ohne von dem Pulte aufzuſtehen oder ſcheinbar ſeine Ar⸗ beit zu unterbrechen. Eine Weile blieb Alles ſtill; dann wies Robyn die Magd nach der Thüre und ſprach mit noch feſter, aber auf einmal nachlaſſender Stimme: „Monk, kommen Sie hieher!... Haben Sie die Aufklärungen, die Sie über den Unternehmer erhielten, beſtätigt gefunden? Denn wir müſſen auf unſerer Hut ſein: er kann wohl ſchon bei Andern Geld entlehnt haben; man würde dann zur Zeit der Bezahlung uns voraus ſein.“ „Es ſind keine Gründe vorhanden, dies zu be⸗ fürchten,“ antwortete der Schreiber.„Der Unter⸗ nehmer iſt von einem Unfall betroffen worden; aber Conſcience, der Geldteufel. 4 50 bis hieher hat er alle ſeine Geſchäfte mit Ehren ausgeführt.“ „Sie meinen alſo, daß wir uns mit ihm ein⸗ laſſen können?“ .. 1 „Ja, ſo wie wir es geſtern zuſammen beredet haben.“ „Nun wohl, da ſind die Schlüſſel, öffnen Sie die Kaſſe und holen Sie den Unternehmer.“ Mit dieſen Worten nahm Robyn einige Schlüſſel von dem eiſernen Ring, der an ſeiner Seite hing, und reichte ſie dem Schreiber dar. Während dieſer die Schlöſſer öffnete und die eiſernen Reife durch geheime Springfedern löste, folgte Robyn allen Bewegungen ſeiner Hände und hielt das Auge auf die Kaſſe geheftet, als fürchtete er, daß ſein treuer Monk ſelbſt ihn beſtehlen werde. In der Kaſſe waren von innen verſchiedene Fächer, jedes durch ein beſonderes Schloß geſchützt. Robyn hatte ſeinem Schreiber nur den Schlüſſel zum Oeff⸗ nen von einem dieſer Fächer gegeben;— wahr⸗ ſcheinlich daß darin hinreichende Gelder für die Ge⸗ ſchäfte des Tags ſich befanden. Sobald Monk den erſten Befehl ſeines Herrn vollzogen hatte, verließ er das Bureau und kehrte im Augenblick darauf mit einer wohlgekleideten Per⸗⸗ ſon zurück, der er einen Stuhl anbot. Dann ſetzte er ſich an das Pult, im Rücken von dem Unterneh⸗ mer und auf ſolche Art, daß er immer das Geſicht und vor Allem die Augen ſeines Prinzipals ſehen onnte. „Sie wünſchen mich zu ſprechen?“ „Ihr Name iſt Herr Guido?“ fragte Robyn. „3 antwor ſuchen, zehn N bin ber ‿ ſeufzte „wie ſt .„S mir eit Staats etwas viermal Zeit gr muthet Es iſt ternehn abwerft gemach müßte Liefera gebrach daſtehe iſt eine und eit angeſet Werkle zubring bezahle hat, wi Geld. mein 4 t Ehren ihm ein⸗ 1 beredet fnen Sie Schlüſſel eite hing, und die en löste, inde und fürchtete en werde. le Fächer, Robyn zum Oeff⸗ — wahr⸗ r die Ge⸗ tes Herrn und kehrte beten Per⸗ dann ſetzte Unterneh⸗ as Geſicht dals ſehen te Robyn. „Ich befinde mich in bedrängten Umſtänden,“ antwortete der Andere,„und komme, Sie zu er⸗ ſuchen, die Güte zu haben, mir für die Zeit von zehn Monaten eine Summe Geldes zu leihen. Ich bin bereit, es mit guten Zinſen zu bezahlen.“ „Die Zeiten ſind ſchlecht, das Geld iſt ſo rar!“ ſeufzte Herr Robyn, mit einem Blick zum Himmel. „wie ſtehen Ihre Angelegenheiten?“ „Schlimm genug für den Augenblick. Es iſt mir ein Unglück zugeſtoßen. Ich habe von der Staatsregierung einige Bauwerke übernommen, die etwas über meine Kräfte gingen. Ein Geſchäft von viermalhunderttauſend Francs. Alles ging lange Zeit gut, aber vor vierzehn Tagen hat ſich unver⸗ muthet ein Theil der angefangenen Bauten geſenkt. Es iſt wohl ein großer Verluſt; doch wird das Un⸗ ternehmen noch immer einen anſehnlichen Gewinn abwerfen. Zudem hat dieſer Unfall viel Geſchrei gemacht und man hat ſogar davon geſprochen, als müßte ich darunter erliegen. Sofort haben die Lieferanten mich beſtürmt; mein Credit iſt in Gefahr gebracht; ich muß mit baarem Geld in der Hand daſtehen, um das Baumaterial zu bekommen. Es iſt eine Zeit zur Vollendung der Bauten feſtgeſtellt und eine ſchwere Buße für jeden Tag Verzögerung angeſetzt. Ich werde mit einer übergroßen Zahl Werkleute arbeiten müſſen, um den Zeitverluſt herein⸗ zubringen; aber da die Staatsregierung mir nichts bezahlen wird, ehe das, was ſich am Bau geſenkt hat, wieder aufgerichtet iſt, fehlt es mir am nöthigen Geld... Sie werden mich unendlich verpflichten, mein Herr; es handelt ſich für mich darum, bei 52 dreißigtauſend Francs zu gewinnen, trotz des vorge⸗ fallenen Unglücks, oder die Unternehmung aufzuge⸗ ben und ganz zu Grunde zu gehen.“ „Die Werke, die noch auszuführen ſind, wie hoch können ſich die Koſten dafür belaufen?“ fragte Robyn. „Ich ſchätze ſie höchſtens auf hunderttauſend Francs.“ „Wie viel müſſen Sie noch von der Staatsre⸗ gierung ziehen?“ „Noch hundertfünfzigtauſend Francs.“ „Und wie viel haben Sie jetzt nöthig?“ „Mit fünfundzwanzigtauſend Francs in baarem Geld werde ich mein Unternehmen zu einem guten Ende bringen können.“ 1 „Fünfundzwanzigtauſend Francs? Das iſt ſchreck⸗ lich viel.“ „Ich werde Ihnen vortheilhafte Zinſen zahlen.“ „Aber ich leihe nicht auf Zinſen.“ „Sie leihen nicht auf Zinſen?“ fragte der Un⸗ ternehmer mit Verwunderung.„Man hat mir doch geſagt... Sie können mir alſo nicht helfen?“ „Ja wohl, ich will mich mit Ihnen aſſociiren.“ „Wie verſtehen Sie das, mein Herr?“ „Es iſt ganz einfach. Sie müſſen noch für, hunderttauſend Francs Arbeit ausführen. Zufolge Ihrer eigenen Ausſage wird Ihnen das ganze Unternehmen, im Fall ſie das nöthige Geld finden, ungefähr dreißigtauſend Francs Gewinn einbringen. Nehmen Sie achtundzwanzig an, das iſt für die Ar⸗ beiten, die noch zu vollenden ſind, ſiebentauſend, Francs. Wohlan denn, ich will Ihnen die verlangte * mit eiſi .„A theilen können lich, o rigkeit „ Sie in dingur vorge⸗ nufzuge⸗ d, wie fragte ttauſend ttaatsre⸗ baarem m guten it ſchreck⸗ zahlen.“ der Un⸗ mir doch en?“ ociiren.“ noch für Zufolge as ganze Ad finden, inbringen. ür die Ar⸗ bentauſend, verlangte „» 53 Summe auf ſechs Monate zur Hand ſtellen, mich mit Ihnen aſſociiren und dieſen letzten Gewinn thei⸗ len.“ „Aber, mein Herr, Sie irren ſich ohne Zweifel,“ rief der Unternehmer,„Sie würden von Ihrem Geld ein Intereſſe von mehr als fünfundzwanzig Procent ziehen!“ „Ich leihe nicht auf Zinſen,“ wiederholte Robyn mit eiſiger Kälte. „Aber würden Sie denn ebenfalls die Gefahren theilen, die noch im Verlaufe der Arbeit eintreten können?“ „Es gibt keine Gefahren mehr, ſagen Sie. Der Gewinn iſt vollkommen ſicher.“ „Was verlangen Sie dann von mir? Ich be⸗ greife Sie nicht.“ „Sie werden mir Wechſel zeichnen auf verſchie⸗ dene Verfalltage für die Geſammtſumme von acht⸗ undzwanzigtauſend fünfhundert und...“ „Und Sie geben mir nur fünfundzwanzigtauſend Francs?“ „Wie Sie ſagen.“ Der Unternehmer biß ſich vor Unwillen auf die Lippen und rührte ungeduldig die Füße. Robyn ſah ihm mit ſeinem kalten Blick in die Augen. Monk beobachtete ihn von hinten. Keiner von Beiden ſprach eine Zeit lang ein Wort. End⸗ lich, als auf dem Geſicht des Unternehmers Trau⸗ rigkeit und Verzweiflung zu leſen war, ſagte Robyn: „Sie müſſen es wiſſen, Herr Guido. Können Sie irgend die gewünſchte Hilfe unter beſſern Be⸗ dingungen erlangen, ſo gehen Sie, dieſelbe zu ſuchen. Der Ich würde es viel lieber haben; denn wenn ich kein Mitleid hätte mit einem ehrlichen Mann, würde ich Monk ſe mein Geld nicht ſo leichtſinnig aus der Hand laſſen. rief: 5 „He Erwägen Sie doch, daß die dreitauſendfünfhundert Francs, die ich für meine Aſſociation mit Ihnen be⸗ ſchäft. kommen kann, nichts ſind in Vergleichung mit dem, wird wi was ſie Ihnen Nutzen bringen ſollen. Und zudem„Jo — etwas, das auch ſeinen Werth für Sie haben„Sie ve mag— ich will Ihnen das Geld zur Hand ſtellen, Geld iſ ehe Sie mein Haus verlaſſen: unmittelbar, ſtehene vervielf den Fußes.“ alzuiha „N Noch ſaß der Unternehmer ſprachlos ſinnend da t und ſchien in bittere Gedanken verſunken. daß Si „Nun wohl,“ ſprach der alte Robyn huſtend, lauten „meine Zeit iſt koſtbar; ja oder nein? Sie ſind ganz Thier: frei in Ihrer Entſchließung, Sie werden mir ſelbſt„ LC einen Gefallen thun, wenn Sie nicht länger darauf was ar dringen, und hingehen, ſo wie Sie gekommen ſind.“ hören, Plötzlich ſtand der Unternehmer auf und ſagte verdien mit einer krampfhaften Bewegung der Fäuſte: Wi „Es ſei denn ſo, da es kein anderes Mittel mich die tief zu retten gibt. Ich bin bereit, auf Ihr Anerbieten durch? einzugehen.“ Au In weniger als einem Augenblick wuren vier angekü Wechſel bereit. Der Unternehmer zeichnete ſie, ohne Burea noch eine Bemerkung zu machen, und nahm mit un⸗ rauf verholener Verachtung auf dem Geſicht die Bank⸗ ſeinen noten in Empfang, welche ihm von Monk eingehän⸗. di digt wurden. beim? Murrend und ohne zu grüßen verließ er das hurche Bureau und öffnete ſich ſelbſt die Thüre nach der 5 Straße. h kein de ich laſſen. undert en be⸗ t dem, zudem haben ſtellen, ſtehen⸗ end da zuſtend, id ganz r ſelbſt darauf m ſind.“ d ſagte tel mich erbieten een vier ie, ohne mit un⸗ e Bank⸗ ingehän⸗ er das nach der 55 Der alte Robyn rieb ſich die Hände vor Freude: Monk ſchien ſich vor Vergnügen zu verzehren und rief: „Ha, ha, mein Herr, das iſt ein glückliches Ge⸗ ſchäft. Der Vogel hat noch einige gute Federn; er wird wiederkommen, er wird wiederkommen!“ „Ja, ja, mein braver Monk,“ lachte Robyn, „Sie verdienten reich zu ſein, denn Sie wiſſen, was Geld iſt und wie man es auf eine ehrliche Weiſe vervielfältigen kann... Sind noch andere Dinge abzuthun?“ „Nur noch die Frau, welcher ich geſtern ſagte, daß Sie nicht zu Hauſe wären. Die Erkundigungen lauten nicht günſtig für dieſelbe; es iſt ein mageres Thier: mehr als vierhundert Francs wiegt ſie nicht.“ „Laſſen Sie mich etwas zu Athem kommen, et⸗ was ausruhen,“ gebot Robyn,„wir werden ſogleich hören, ob nicht vielleicht ein Stüberchen mit ihr zu verdienen iſt...“ Wieder herrſchte eine lange Weile in dem Bureau die tiefſte Stille, nur in Zwiſchenräumen unterbrochen durch Robyns Huſten. Auf ein Zeichen ſeines Herrn ging Monk, die angekündigte Frau zu holen und brachte ſie in das Bureau— wo er ihr denſelben Stuhl anwies, wo⸗ rauf der Unternehmer geſeſſen war— und dann ſeinen vorigen Platz vor dem Pulte wieder einnahm. Die Frau that ſichtbar ſich Gewalt an, um nicht beim Ausſpruch ihres Grußes in Thränen auszu⸗ brechen. „Was iſt Ihr Begehren?“ fragte Robyn. „Ach, mein Herr,“ klagte ſie,„ich bin ſo un⸗ glücklich, ſo elend, daß ich nicht weiß, wie ich meinen Schmerz Ihnen ausdrücken ſoll! Ihre Barmherzig⸗ keit iſt meine letzte Zuflucht; haben Sie doch Mit⸗ leid mit mir!“ „Zur Sache, zur Sache,“ brummte der Alte mit unbewegtem Tone.„Sprechen Sie deutlich. Warum ſind Sie hiehergekommen?... Sie wollen?“ „Vergeben Sie mir, mein Herr,“ ſchluchzte die Frau, verzweiflungsvoll die Hände ringend.„Ich komme zu Ihnen um Hilfe— und, o Himmel, ich darf Ihnen nicht verhehlen, was für ein ſchreckliches Loos mich betroffen hat... ich ſollte es vielleicht nicht thun. Aber Sie ſind edelmüthig; das Ge⸗ heimniß, das ich Ihnen vertrauen muß, iſt mir theurer als das Leben.“ „Zur Sache, zur Sache,“ wiederholte Robyn ebenſo kalt. „Gott, welches Bekenntniß für eine Mutter!“ rief die betrübte Frau.„Mein Herr, ich bin Wittwe mit fünf Kindern. Viele Opfer habe ich mir aufer⸗ legt, um meinem älteſten Kinde, das ein Sohn iſt, eine gute Erziehung zu geben. Er iſt nun etwas mehr als zwanzig Jahre alt und hatte einen guten Platz als Reiſender für Rechnung eines Kaufmanns. Mein armer Sohn war fleißig und tugendſam; ſeine Erkenntlichkeit und Liebe zu mir machten mich glück⸗ lich. Da, wie es geſchehen, weiß ich nicht, vor einigen Monaten iſt er in Brüſſel in ſchlechte Ge⸗ ſellſchaft gerathen und hat daher insgeheim viel Geld verſchwendet. Man entdeckte plötzlich, daß er Zahlungen unterſchlagen hat, die er von den Kunden ſeines Herrn empfing. Man wollte ſich an den meinen nherzig⸗ ch Mit⸗ dielleicht as Ge⸗ iſt mir Robyn tutter!“ Wittwe aufer⸗ ohn iſt, etwas n guten manns. 1; ſeine h glück⸗ ſt, vor hte Ge⸗ m viel daß er Kunden an den . 57 königlichen Prokurator wenden und meinen Sohn als Dieb ergreifen laſſen; aber ich bin zu ſeinem Herrn gelaufen, habe auf den Knien ſeinen Zorn erweicht und von ihm eine Friſt von drei Tagen er⸗ langt, um das veruntreute Geld zurückzugeben. Unter dieſer Bedingung wird der Kaufmann das ſchreckliche Geheimniß verborgen halten. Zwei Tage ſind be⸗ reits abgelaufen. Ich habe überall— bei den Leuten meiner Familie, bei allen meinen Bekannten — um die erforderliche Summe gefleht; den Flur von zehn Häuſern mit meinen Thränen befeuchtet, ohne die Urſache meiner Verzweiflung aufdecken zu dürfen... und nichts, nichts! Sie allein, mein Herr, können mich retten! Dieſen Abend läuft die Friſt ab, die mir vergönnt iſt; wenn ich vor Son⸗ nenuntergang das Geld nicht übergebe, wird mein Sohn unter meinen Augen durch Gendarmen weg⸗ geholt...“ „Ihr Sohn iſt alſo ein Dieb?“ fragte Robyn. Dieſe Worte ſchlugen die Wittwe mit Schrecken und lockten von Neuem Thränen in ihre Augen. „Nein, mein Herr,“ rief ſie,„der arme Junge iſt verleitet worden. Er liegt zu Bette, mehr todt als lebend; er hat Fieberglut im Kopfe, er ruft Gott mit aufgehobenen Armen um Vergebung an. Er will ſterben, ſagt er, um ſeine Miſſethat, um ſeine Verirrung zu büßen.“ „Aber Frau, wozu dienen alle dieſe Klagen? Sagen Sie mir, wie viel Sie nöthig haben,“ murrte Robyn mit ungeduldigem Aerger. „Tauſend Francs, mein Herr,“ anwortete die Wittwe, ihre Thränen aufs Neue bezwingend. —,-nrñ— „Tauſend Francs?— Was für ein Geſchäft betreiben Sie?“ „Ich bin eine Putzmacherin, mein Herr; meine Töchter helfen mir. Der Ruf meines Hauſes iſt gut; wir haben viele Kunden und kommen ganz ordentlich durch die Welt.“ „Beſitzen Sie einige unbewegliche Güter?“ „Nein.“ „Und wie würden Sie mir dann die tauſend Francs zurückbezahlen, im Fall ich ſie Ihnen aus Mitleid liehe?“ „Ach, mein Herr, ſo wie es Ihrer Güte ange⸗ meſſen ſein würde. Wir würden monatlich oder alle drei Monate einen Theil abtragen; und ſicher in einem Jahr oder anderthalb vielleicht würden wir wohl ſo viel von unſerer Arbeit erſparen können. Dann, wäre auch unſere Schuld gegen Sie getilgt, würden wir doch nie die unſchätzbare Wohlthat ver⸗ geſſen!“ Herr Robyn ſchien ſich eine Weile zu beſinnen. Monk, der Schreiber, ſtand, die Arme über die Bruſt gekreuzt, hinter der Frau und hielt halb lächelnd den Blick auf ſie geheftet. Nach einer Pauſe murmelte Robyn hörbar bei ſich: „Schlechte Sache! Es iſt immer Zeit genug, ſein Geld wegzuwerfen.“ Die Frau ſah eine Weigerung in ſeinen Augen, ſie ſchlug die Hände zuſammen und ſagte bittend: „Um Gottes willen, guter, edelmüthiger Herr, weiſen Sie mich nicht ab, es wäre ein Todesſtoß für mich!“ 59 „Es thut mir leid, Mutter,“ antwortete Robyn mit mehr Gefühl,„wahrlich es thut mir leid, daß ich Ihnen nicht helfen kann.. 2 „Sie können mir nicht helfen,“ jammerte die Frau, während ſie ſich vor Robyn auf die Kniee warf und mit aufgehobenen Händen flehte: „O, ſeien Sie doch barmherzig gegen eine un⸗ glückliche Mutter; retten Sie dieſelbe, retten Sie ihre Kinder von der ewigen Schande; wir wollen Ihnen danken und Sie ſegnen und bis zu unſerem Todtenbett für Ihre Seligkeit beten. Gedenken Sie, daß es einen Gott gibt, der alle Barmherzigkeit lohnt; er wird es Ihnen tauſendfältig vergelten in ſeinem ſchönen Himmel! Mein Herr, mein Herr, o, ſchlagen Sie es mir nicht ab!“ Der alte Robyn ſchien in der That von Mitleid gerührt und hätte vielleicht der Flehenden ihre Bitte bewilligt. Sie bemerkte es, und richtete in athem⸗ loſer Hoffnung ihren Blick nach ſeinen Augen... Aber Monk huſtete, um die Aufmerkſamkeit ſeines Herrn auf ſich zu ziehen, und als dieſer ihn anſah, ſchüttelte der Schreiber verneinend den Kopf hinter dem Rücken der knieenden Frau. Robyn zuckte langſam die Achſeln, als wollte er ſagen: O der Armen, der Unglücklichen! Aber Monk zuckte heftig mit dem Körper zu einer mißbilligenden und ſelbſt befehlenden Geberde.— Der Alte ſchien ſich vor dem Rath ſeines Schreibers zu beugen und ſagte: „Nun, Frau, Sie müſſen gehen; was Sie ver⸗ langen, kann nicht ſein.“ „Wehe, wehe, gibt es denn gar keine Hoffnung mehr für mich?“ rief die zerſchmetterte Mutter.„Sie ſind reich, mein Herr; mit einem Bischen Geld, das Sie mir leihen, könnten Sie ſechs Menſchen von der Schande retten... meinen Sohn aus dem Gefängniß, vielleicht vom Tode befreien...“ Monk hatte ſich genähert und unterbrach ihre Klage; indem er ſie bei der Schulter faßte, zwang er ſie aufzuſtehen und ſprach, während er ſie ſachte nach der Thüre ſtieß: „Halten Sie mit Ihren Bitten ein: ſie ſind nutzlos. Mein Herr iſt kränklich; er kann das Ge⸗ jammer nicht ertragen. Sie müſſen ohne Zögern fortgehen.“ Die Frau kehrte ſich noch einmal um und ſagte flehend zu Robyn: „O mein Herr, können Sie mir nicht helfen, ſo vergeben Sie einer unglücklichen Mutter ihre Kühn⸗ heit— und bewahren Sie doch das Geheimniß, das ich Ihnen anvertraut habe.“ „Kommen Sie, kommen Sie,“ brummte Monk, „keine überflüſſigen Worte.“ Er führte ſie in den Gang, legte die Hand an die Thüre, um ſie zu öffnen; doch ſagte er noch mit eiskalter Gefühlloſigkeit: „Sie weinen? Thränen ſind auf der Straße gefährlich für Sie; ſie geben den Vorübergehenden Anlaß, nach dem Geheimniß Ihrer Verzweiflung zu forſchen.“ „Dank, Dank für den Rath!“ ſchluchzte die Frau, während ſie mit wankenden Schritten durch die Thüre ſich ſchleppte. „Sie d, das n von dem ) ihre zwang ſachte ſind 8 Ge⸗ zögern ſagte en, ſo Kühn⸗ 3, das Monk, nd an h mit btraße enden ng zu Frau, Thüre 61 In das Bureau zurückkehrend, ſtellte ſich Monk vor ſeinen Herrn hin. „Aber, Herr, was gedachten Sie zu thun?“ fragte er. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Robyn.„Die Augen dieſer Frau hatten mich gerührt. Vielleicht würden wir doch die Summe allmälig zurückbekom⸗ men.“ „Wie können Sie ſo denken!“ lachte der Schrei⸗ ber.„Es iſt kein Pfand. Wahrſcheinlich wären die tauſend Francs in das Waſſer geworfen. Tau⸗ ſend Francs! Das iſt ein Schatz. Und wenn Sie allen, die in der Stadt unglücklich ſind, helfen müß⸗ ten, Sie würden wohl, ehe drei Monate vergehen, ſich ſelbſt auf Stroh betten.“ „In der That; aber was wollen Sie, lieber Monk, ich werde alt und ſchwach von Natur. Das Herz bekommt das Uebergewicht; und, Sie wiſſen es wohl, das Herz iſt ein ſchlechter Geldverſorger. Wenn ich Sie nicht hätte, um für mich zu denken, ich würde am Ende meines Lebens noch klägliche Thorheiten begehen. Kommen Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke, guter Freund; es ſind tauſend Francs, die Sie wieder für mich erſpart haben. Ich werde an Sie denken, ich werde an Sie denken, wenn ich mein Teſtament mache. Noch einige Tage, wenn es nicht beſſer mit meiner Bruſt geht... Schließen Sie nun die Kaſſe!“ Während der Schreiber dieſen Befehl vollzog, fragte Robyn: „Monk, iſt ſchon Nachricht von dem Fabrikanten von Brüſſel da?“ 6² „Ja.“ „Kemenaer wird ohne Zweifel ſein ſchönes Geld bei der Sache verloren haben? Ich habe es ihm wohl geſagt, daß er zu viel wagt. Sie hatten Un⸗ recht, Monk, ihm ein ſo gefährliches Spiel anzu⸗ rathen.“ „Nehmen Sie es nicht übel, Herr,“ antwortete Monk,„aber Sie irren ſich ganz und gar. Ich bin dieſen Morgen ſehr früh zu Herrn Kemenger ge⸗ gangen, um ihm zu berichten, daß er bei der Sache zehntauſend Francs gewonnen hat.“ Ein Zittern ſchien Robyns ſich zu bemächtigen und ein peinlicher Huſten überfiel ihn. „Wie? Was ſagen Sie?“ ſtöhnte er endlich. „Es ſind zehntauſend Francs bei der Sache gewon⸗ nen— und ich habe mich geweigert, daran Theil zu nehmen! Unglücklicher, der ich bin!“ „Sie wollten meinem Rath nicht folgen,“ ſagte Monk.„Hätten Sie die Sache gemeinſchaftlich mit Herrn Kemenger übernommen, wie ich Ihnen vor⸗ ſtellte, ſo wären in dieſe Kaſſe fünftauſend Francs gekommen, die nun anderswo ihren Aufenthaltsort finden.“ „Wehel mein Verſtand wird trübe!“ klagte Ro⸗ byn.„Fünftauſend Francs verloren! Ach Freund, das iſt es, was mein Herz ſo peinlich klopfen macht. Holen Sie mir ein Glas Waſſer.“ Der Schreiber warf unter dem Weggehen einen ſeltſamen Blick auf ſeinen Herrn; er rieb ſich die Hände vor geheimem Vergnügen, während er vor der Thüre für ſich murmelte: „So iſt es gut; er wird nun nicht viel Luſt habe Ver! hatt Stil der verſ Loo⸗ ich ſicht zu Kra für ſchn nig mir bez! nac ſich lan 8 Geld es ihm en Un⸗ anzu⸗ wortete Ich bin aer ge⸗ Sache ichtigen endlich. gewon⸗ heil zu ſagte ich mit en vor⸗ Francs altsort gte Ro⸗ Freund, macht. einen ich die er vor el Luſt haben, Verſe vorleſen zu hören. Berthold ſoll den Verluſt der fünftauſend Francs bezahlen!“ Nachdem Monk ihm das Glas Waſſer gebracht hatte, blieb Robyn einige Augenblicke in trauriges Stillſchweigen verſunken. Er erhob jedoch bald wie⸗ der den Kopf und ſagte: „Mein Aerger wird die günſtige Gelegenheit, die verſchwunden iſt, nicht zurückbringen; Unglück iſt das Loos alter Leute... Monk, ſind Briefe da?“ „Nein, heute noch keine.“ „Dann iſt Alles abgethan?“ „Das heißt, es iſt wohl noch etwas da; aber, ich bitte Sie, laſſen Sie mich nicht davon ſprechen.“ „Warum dieſes Geheimniß? dieſes traurige Ge⸗ ſicht? Ein neues Mißgeſchick?“ „Ein Mißgeſchick iſt es nicht; aber es würde Sie zu ſehr aufregen. Der Aerger könnte Ihnen eine Krankheit zuziehen und Schaden thun. Aus Sorge für Ihre theure Geſundheit laſſen Sie mich ſchweigen...“ „Nun, nun, Monk, machen Sie mich nicht zor⸗ nig!“ rief, der Alte ungeduldig.„Sie werden es mir ſagen; ich befehle es Ihnen.“ „Ach, Herr Robyn!“. „Ich will es wiſſen, ohne Verzug.“ „Nun, ich muß mich Ihrem Gebot fügen. Doch bezwingen Sie Ihre Aufregung und zeigen Sie ſich nachſichtig gegen einen verirrten Jüngling.“ „Wollen Sie ſprechen?“ Monk holte das Buch aus dem Pulte; er ſtellte ſich, als bebe er vor Angſt, und trat ſo träge und langſam auf ſeinen Herrn zu, daß dieſer ſeine Kräfte überſpannte, um ſich in dem Lehnſtuhl halb aufzu⸗ richten und nach dem Gegenſtand zu greifen, der auf'd ihm die Erklärung von des Schreibers geheimniß⸗ gedrue vollen Worten geben könnte. Roby Dieſer blieb jedoch ein paar Schritte von ihm Er ſtehen und ſprach: und v „Das hat ein alter Herr, den ich nicht kenne, zog, u dieſen Morgen an der Thüre für Sie abgegeben. man i Zufällig öffnete ich ſelbſt die Thüre; der Herr ſagte M mir mit einem Lachen, das nahe an Spott grenzte: mitleid „Davon weiß Herr Robyn gewiß nichts. Man wird gelegt, nicht wenig auf ſeine Rechnung ſchwatzen und über„2 ihn lachen.“ niß. „Was? was? Wer wird über mich lachen? ſicht g. Worüber wird man ſchwatzen?“ rief Robyn ängſt⸗ leicht lich.. ausſeh „Ein wenig Geduld. Laſſen Sie mich fortfahren, ſind u ich bitte Sie. Wohl, wohl, ſprach der fremde Herr— Doe weiter— er ſagte, daß er ein Bekannter von Ihnen unterſt ſek— was wird man voll Befremden in der Stadt gethan aufſehen? der kranke, graue, ſteife Robyn, der Verſe„L macht in ſeinen alten Tagen! der verliebt wird in den 2 den Mond und in die Nachtigall!“ drucken „Aber, um Gotteswillen, was ſagen Sie da lächerl alles? Monk, ſind Sie wahnſinnig?“ ſchrie der Iſt er Alte, vor Ungeduld faſt aus ſeinem Lehnſtuhl„N ſpringend., Dichter „Nein, ich möchte Ihnen gern nach und nach bei ſeit die Sache begreiflich machen, um Ihr gefühlvolles 7,8 1 2 Herz ſo viel wie möglich zu ſchonen.“ komme „Was haben Sie denn ſo Schreckliches in der von ei Hand? Geben Sie her! Geben Sie her!“ aufzu⸗ 1, der imniß⸗ n ihm kenne, geben. ſagte renzte: n wird d über achen? ängſt⸗ ahren, e Herr Ihnen Stadt Verſe dird in bie da ie der onſtuhl dnach lvolles in der 65 „Es iſt ein Buch mit allerlei Gedichten darinnen; auf dem erſten Blatt ſteht mit großen Buchſtaben gedruckt: Frühlingsſeufzer von Berthold Robyn... und da es Ihr Name iſt...“ Er überreichte Robyn das Buch, der ſchweigend und vor Zorn bebend ſeine Brille aus der Rocktaſche zog, um mit eigenen Augen ſich zu überzeugen, daß man ihn nicht betrogen hatte. Monk hatte ſich neben den Lehnſtuhl geſtellt und mitleidig den Arm auf die Schulter ſeines Herrn gelegt, während er mit halber Stimme murmelte: „Armer Herr Robyn, mäßigen Sie Ihre Betrüb⸗ niß. Denken Sie, daß Berthold es nicht mit Ab⸗ ſicht gethan hat. Es iſt wahr, man wird Sie viel⸗ leicht verſpotten, aber Berthold konnte es nicht vor⸗ ausſehen. Es iſt ein Zufall, daß Sie ſein Pathe ſind und er denſelben Vornamen mit Ihnen trägt. — Daß er undankbar iſt, dürfen Sie ihm nicht unterſtellen: dafür haben Sie ihm zu viel Gutes gethan...“ „O der Unverſchämte! er hat mein Verbot in den Wind geſchlagen, ſeine Gedichte insgeheim drucken laſſen und mich in Jedermanns Augen lächerlich gemacht. Er ſoll es bezahlen. Wo iſt er? Iſt er zu Hauſe?“ „Nein, Sie begreifen wohl, daß ein junger Dichter Eile hat, die Abdrücke ſeines erſten Werkes bei ſeinen Freunden herumzutragen.“ „Ich werde ihn lehren, den Undankbaren! Er komme, er komme! Es iſt unbegreiflich! Er muß von einem böſen Geiſt beſeſſen ſein!“ Dieſes ſagend, durchblätterte er brummend das Conſcience, der Geldteufel. 5 66 Buch mit ſo leidenſchaftlicher Haſt, daß es ihm un⸗ möglich geweſen wäre, nur eine einzige Ueberſchrift davon zu leſen. „Nun,“ rief er aus;„was enthält das Buch? Was ſteht auf den ſchamloſen Blättern?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Monk.„Von Kindesbeinen an habe ich einen unüberwindlichen Haß gegen Verſe empfunden, und ich habe das Buch nicht geöffnet, aber den Worten des alten Herrn zufolge ſind es nur Liedchen auf den Mond, die Sonne, die Nachtigall.“ „Solche Kindereien, mit meinem Namen bezeich⸗ net!“ ſtöhnte Robyn. „Ja, aber dem alten Herrn zufolge muß auch ein ſchönes Gedicht darin ſtehen, das er mich erſuchte, Ihnen zu zeigen. Warten Sie, auf welchem Blatt beginnt es wieder? Er zeigte es mir, aber ich habe es vergeſſen. Nein, ich erinnere mich: es ſteht auf der fünfzigſten Seite.“ Herr Robyn öffnete von Neuem das Buch und ſuchte nach der angegebenen Seite; es dauerte ziem⸗ lich lang, ehe er ſie gefunden hatte... da grinste ihn plötzlich das Wort Wucherer an! Mit einem lauten Schrei des Abſcheu's und Zorns warf er das Buch ſo heftig von ſich weg, daß es mit offenen Blättern unter das Pult fiel. „Was iſt es, das Sie ſo aufregt?“ fragte der Schreiber wie verwundert.„War das angezeigte Gedicht nicht ſchön?“ „Eiſiger Spott!“ ſtotterte Robpyn.„Ach Monk, guter Freund, ich fühle mich nicht wohl. Das Blut kocht mir vor Zorn; das Herz klopft mir ſo heftig.“ das H. ſchüttel Schein Stimm ten He „Ein An dem Und ſu So laſ Und ſin Lenkt er Als ſäl „2 ſcheulic So un Ein ſeinem 67 ihm un⸗„Spott? nicht gegen Sie, fürwahr?“ verſchrift„Nehmen Sie das Buch, leſen Sie das Wort, das oben auf der Seite ſteht, und ſehen Sie, ob 3 Buch? das Haar mir nicht zu Berge ſtehen ſoll vor Ent⸗ rüſtung.“ „Von Der Schreiber raffte das Buch vom Boden auf ndlichen und öffnete es auf der fünfzigſten Seite. Das Wort as Buch ſchien ihn gleichfalls vor Entſetzen niederzuſchlagen Herrn und er erbleichte ſichtbar, während er den Kopf nd, die ſchüttelte, als könnte er ſeinen Augen nicht trauen. Scheinbar in Gedanken, las er mit gedämpfter bezeich⸗ Stimme, doch laut genug, um von ſeinem ergrimm⸗ ten Herrn gehört zu werden: uß auch erſuchte,„Ein lebendes Gerippe nur, ein Schatten wohnt Blatt darinnen, ich habe An dem die Sünde ausgeprägt, erkeunbar allen Sinnen, teht auf Und ſucht vergeblich nach dem Heil für ſich im Arm der Pracht. uch und................ te ziem⸗ So laſtet Ueberdruß auf ihm den ganzen langen Tag grinste Und ſinkt er in den Lehnſtuhl hin, ruft er des Abends Ach! s und Lenkt er das Auge auf ſich ſelbſt, ſchließt er's erſchrocken ch weg 3 wieder, fiel 5, Als ſäh' er in die Seele wie in einen Abgrund nieder!“ igte der.. gezeigte„Aber es iſt unerhört,“ rief Monk,„es iſt ab⸗ ſcheulich. Dieſes Gedicht hat Berthold nicht gemacht. Monk, So undankbar kann ein Menſch nicht ſein!“ as Blut Ein kräftiger Ton der Klingel unterbrach ihn in heftig.“ ſeinem Ausrufe; er wandte den Kopf ab, um die — — —— Freude zu verbergen, die wider ſeinen Willen deſſen Geſicht erhellte. Derſelbe Gedanke war in Robyns Geiſte aufge⸗ ſtiegen, denn er hielt gleichfalls den erwartenden, jedoch flammenden Blick auf die Thüre gerichtet. Ein Jüngling trat in das Bureau;— auf ſeinen Lippen ſchwebte ein zurückgehaltenes Lächeln, und in der Hand hielt er ein Buch, das er Herrn Robyn mit den Worten anbot: „Lieber Oheim, Du wirſt mir zürnen, nicht wahr? Aber Du biſt gut und wirſt mir vergeben, was ich gethan habe.— Verſchmähe dieſes demüthige Büch⸗ lein nicht... Aber Dein Blick iſt ſo ſtreng?“ „Monk, geben Sie das Buch her, das Sie in der Hand haben!“ rief der Alte, vor verhaltener Wuth bebend. „Meine Gedichte hier! Was bedeutet das?“ murrte Berthold, indem er den Schreiber fragend anſchaute. „Gehen Sie, Monk; laſſen Sie mich mit dem Heuchler allein,“ befahl Robyn. Als ob Berthold durchſchaute, was geſchehen war, und ein Vorgefühl deſſen hätte, was ihn er⸗ wartete, ſenkte er den Kopf und blieb ſprachlos ſtehen, bis der Schreiber verſchwunden war. „Verwegener!“ rief Robyn zitternd.„Du haſt meinen Befehl mißachtet? Du haſt alſo doch Deine läffiſchen Thorheiten drucken laſſen? Iſt dies der Lohn für alle meine Güte gegen Dich? Du ein Waiſe, der nichts auf der Welt beſitzt, Du mußteſt mir nach den Augen ſehen, um zu errathen, was mir gefallen oder mißbehagen könnte. Habe ich Dich nicht ſchwen hätte gehetzt Und 2 Du ü Tagen „J terte d „2 begreif zürnt tung Verlan bezwurn verſteh widerſt geſtritt Mein 2 mich de In der würde; vergebe meine ſittliche Nieman en deſſen te aufge⸗ artenden, cchtet. uf ſeinen ;, und in n Robyn ht wahr? was ich ſe Büch⸗ 74 Sie in haltener das?“ fragend nit dem eſchehen ihn er⸗ ſtehen, du haſt Deine jes der ü, ein nußteſt was ch Dich 69 nicht erziehen laſſen? Aus Liebe Geld an Dich ver⸗ ſchwendet, das ich zu meinem eigenen Unterhalt hätte ſparen ſollen? Geſammelt, geſorgt, mich ab⸗ gehetzt, um Dir ein ſchönes Erbtheil zu hinterlaſſen? Und Du, Du machſt meinen Namen zu Schanden, Du überhäufſt mich mit Spott in meinen alten Tagen!“ Berthold hörte traurig und ſtill dieſen bittern Verweis an. „Nun, nun, was kannſt Du antworten?“ pol⸗ terte der Alte weiter. „Ach, lieber Oheim,“ klagte der Jüngling,„ich begreife nicht, wie Du ſo ſchrecklich auf mich er⸗ zürnt ſein kannſt. Du weißt, daß ich aus Ehrerbie⸗ tung vor Dir ſchon ſeit zwei Jahren mein inniges Verlangen, einige meiner Gedichte drucken zu laſſen, bezwungen habe. Aber es iſt Etwas, das Du nicht verſtehen kannſt: ein Fieber, eine Krankheit, ein un⸗ widerſtehlicher Andrang. Ich habe gerungen und geſtritten gegen die Sucht nach Namen und Ruhm. Mein Wille iſt in dieſem Streit unterlegen; ich habe mich dem Schickſal unterworfen, das mich beherrſcht. In der That, ich wußte wohl, daß es Dich erzürnen würde; aber ich habe gehofft, daß Du es mir doch vergeben werdeſt... denn im Grunde, was können meine harmloſen Gedichte Böſes anrichten?“ „Fahre nur fort, fahre nur fort!“ ſpottete der Alte mit bitterem Lachen. „Lieber Oheim, es mißfällt Dir, daß ich mehr Werth auf die Kunſt, auf den Verſtand, auf die ſittliche Würde als auf das Geld zu legen ſcheine. Niemand hat ſich ſelbſt gemacht. Wenn es mir mög⸗ lich wäre, würde ich Deinem Willen mich bequemen. Ich kann es nicht; die Seele iſt meine Gebieterin; ich muß leben durch den Geiſt... Aber was thut es Dir, guter Oheim? Du arbeiteſt, um mich glück⸗ lich zu machen? Wenn nun die Kunſt das einzige Mittel wäre, dieſes Ziel zu erreichen?— Laß mein Herz ſeiner Neigung folgen; es wird Dir dafür ewig dankbar ſein...“ „Halt ein, ſcheinheiliger Schwärmer!“ rief der Alte.„Hier, nimm das Buch; lies nur, was auf der fünfzigſten Seite ſteht, Du Schlange, die ich an meinem Buſen erwärmt habe und die mir nun ihr Gift ins Angeſicht ſpeit!“ Berthold öffnete das Buch; und während er das Wort Wucherer ausſprach, betrachtete er mit fragen⸗ dem Erſtaunen das ganze Weſen ſeines Oheims. Er ſchien nicht zu begreifen, wie der Titel ſeines Ge⸗ dichts ſolchen gewaltigen Eindruck auf den Greis machen könnte. Durch ein Gefühl von Mitleid ge⸗ trieben, wollte er die Hand ſeines Oheims faſſen; doch dieſer zog ſie mit wilder Heftigkeit zurück. „Wucherer! Wucherer!“ ſtöhnte Robyn.„Ach, Du wirfſt mir den Namen eines Wucherers an den Kopf? So erkennſt Du meine Güte?“ „Aber, lieber Oheim, Du täuſcheſt Dich,“ ſprach der Jüngling.„Wie konnteſt Du doch ſolche ſchreck⸗ liche Dinge glauben? Ein Wucherer iſt ein Weſen ohne Seele, ohne Gefühl; ein habſüchtiger Menſch, der wie ein Raubthier ſucht und aufſpürt, wo Un⸗ glückliche ſind, nicht um ihnen zu helfen noch ſie zu tröſten, ſondern unter dem Vorwand, ihnen Geld zu leihen, Hoffnungsloſen, Wittwen und Waiſen das Blut l Und 2 Wuch ich ni Verwi Oheim Himm quemen. vieterin; vas thut ch glück⸗ einzige aß mein ür ewig rief der vas auf ich an nun ihr er das fragen⸗ ns. Er nes Ge⸗ Greis leid ge⸗ faſſen; ck „Ach, an den ſprach ſchreck⸗ Weſen Menſch, vo Un⸗ ſie zu Geld zu en das 71 Blut bis auf den letzten Tropfen auszuſaugen... Und Du ſagſt, daß ich Dich mit dem Namen eines Wucherers bezeichne? Dann gewiß, dann würde ich nichts verdienen, als Deinen Haß und Deine Verwünſchung... Aber was haſt Du, armer Oheim? Du wirſt ſo bleich, Deine Lippen beben? Himmel, was geſchieht Dir?“ „Weg! weg!“ ächzte der Alte halb ohnmächtig. „Weg aus meinen Augen, aus dem Hauſe! Geh, ich bitte Dich, Berthold; entferne Dich... bis nach Mittag! Ich werde mich erholen. Geh, daß ich Dich nicht mehr ſehe!“ Ganz verblüfft und nicht wiſſend, wozu er ſich entſchließen ſollte, ſtand Berthold mit gefalteten Händen da und ſchaute ſeinem Oheim ſprachlos in die Augen. Dann trat Monk in das Bureau, als hätte er gehorcht, was Robyn geſagt hatte. Er nahm Berthold am Arm und flüſterte ihm ins Ohr: „Gehorſam, Berthold; man darf einem kranken Greiſe ſich nicht widerſetzen. Entfernen Sie ſich, fort, gehen Sie eine Zeitlang ſpazieren, dann wird der Nervenanfall Ihres Oheims vorüber ſein. Ich werde ihm begreiflich machen, daß er im Irrthum iſt.“ „Wehe, wehe, was habe ich doch verbrochen!“ rief Berthold verzweifelnd. „Nichts,“ flüſterte Monk,„es iſt eine Grille, aber Sie müſſen Nachſicht haben.“ „Weg, weg!“ wiederholte Robyn, mit dem Kopf gegen den Lehnſtuhl zurückſinkend. Zerſchmettert und halb bewußtlos ließ der Jüng⸗ ling ſich von Monk zur Thüre leiten. Der liſtige Schreiber ſagte ihm, ehe er die Thüre öffnete, in unverfänglichem Tone: „Es iſt ein alter Herr, ein Bekannter von Ihrem Oheim, der Ihr Buch hieher brachte. Er meinte wohl zu thun, denn was er bereits geleſen hatte, fand er wunderſchön. Tröſten Sie ſich, Berthold, Ruhm iſt etwas, das man nicht ohne Kummer und Leiden erlangt. Kommen Sie den Nachmittag zu⸗ rück; ich werde es wohl dahin bringen, daß Ihr Oheim Ihnen wieder gut wird wie zuvor.“ Berthold hatte dieſe Worte nur halb begriffen und lief wie ein Wahnſinniger, mit dem Kopfe vor⸗ wärts und ohne umzuſehen, durch die Straße. Als Monk in das Bureau trat, entſchlüpfte ihm ein Angſtſchrei.— Der alte Robyn lag bewußtlos in ſeinem Lehnſtuhl, bleich wie eine Leiche und ohne irgend ein Lebenszeichen. Mit vorgeſtreckten Händen ſprang der Schreiber auf ſeinen Herrn zu und begann ihm Stirne und Hände zu reiben; doch ſeine Bemühungen, den Greis aus ſeiner Ohnmacht zu erwecken, blieben fruchtlos. Er zog an der Klingelſchnur, Margret zu Hilfe zu rufen. Die alte Magd erſchien. Kaum hatte ſie einen Blick auf ihren Herrn geworfen, als ſie ſich auf die Bruſt zu ſchlagen, zu wehklagen und zu ſchreien be⸗ gann mit ſo tief gefühltem Kummer, daß ſie nicht zu hören ſchien, was der Schreiber ihr ſagte. „Höre auf!“ murrte der Schreiber ungeduldig. „Du thuſt ja wie eine Närrin.“ „Ich Arme, ich Arme,“ kreiſchte ſie,„geſtorben, geſtorben ohne Teſtament! So lang bei dem alten zu für entgel bringe E hatte wegt ſein 2 damit richten man Blicks Schre / brum bei al II iete, in Ihrem meinte n hatte, erthold, ner und tag zu⸗ aß Ihr egriffen fe vor⸗ fte ihm pußtlos d ohne hreiber ne und Greis ſchtlos. ilfe zu einen uf die en be⸗ nicht uldig. orben, alten 73 Brummtopf gedient zu haben, in der Hoffnung, zu etwas zu kommen... und da zieht er nun ſo un⸗ erwartet ab, der Geizhals. Unglückliche Margret!“ „Was meinſt Du, daß ihn überkommen hat?“ „Ein Schlag. Seht Ihr es nicht?“ Der Schreiber zitterte, als finge er gleichfalls zu fürchten an, daß die verſprochene Erbſchaft ihm entgehen könnte. „Hole Waſſer, Eſſig: wir müſſen ihn zu ſich bringen,“ befahl er. Ehe die Magd mit der Eſſigflaſche zurückkehrte, hatte Robyn zu Monks großer Freude die Arme be⸗ wegt und bald auch die Augen aufgeſchlagen; aber ſein Blick war ſo gläſern und ſo ſtarr, daß der Schreiber bei dem Gedanken, ein wirklicher Schlag habe ſeinen Herrn des Verſtandes beraubt, in Schre⸗ cken gerieth. Ein Blödſinniger hätte kein Teſtament machen können! Als die Magd in das Bureau trat, war Monk damit beſchäftigt, einige Troſtworte an Robyn zu richten, um zu erproben, ob er noch verſtände, was man ihm ſagte;— der Greis ſchaute ihn wirren Blicks an, antwortete aber nicht. „Eilen Sie, Monk, eilen Sie!“ flüſterte Mar⸗ gret.„Sprechen Sie ihm von dem Teſtament viel⸗ leicht iſt es noch Zeit.“ 4 „Ja, laß mich allein mit ihm,“ antwortete der Schreiber,„entferne Dich ohne Zögern.“ „Und warum ſoll ich nicht gegenwärtig ſein?“ brummte die Magd.„Ich habe ſoviel Intereſſe da⸗ bei als Ihr.“ „Willſt Du gehen?“ brüllte Monk zwiſchen den 74 Zähnen durch und mit fürchterlichem Knurren,„oder ich verhindere, daß Du auch nur einen Pfennig be⸗ kommſt.“ Und plötzlich ſeine Wuth bezwingend, fuhr er fort: „Nun, gute Margret, ich bitte Dich, geh' fort. Du machſt, daß wir nur Zeit verlieren. Der günſtige Augenblick iſt koſtbar; vielleicht kehrt er niemals wie⸗ der. Was ich thun will, gereicht ja uns Beiden zum Vortheil.“ „Dann geſchwind, er möchte Euch unterwegs noch entſchlüpfen,“ ſagte Margret nach der Thüre gehend. Monk ſtellte ſich neben ſeinen Herrn, nahm ihn bei der Hand und ſah ihm mitleidig in die ſtarren Augen. Eine kurze Weile bewegte der Schreiber krampfhaft ſeine Wangen, wie Jemand, der Thränen zu unterdrücken bemüht iſt oder ſich Gewalt anthut, um Thränen vergießen zu können. Wie dem auch ſein mag, er begann übermäßig zu weinen. Vielleicht verlor der Nervenſchlag, der Robyn getroffen hatte, allmälig von ſeiner Kraft; vielleicht war es die Betrübniß ſeines Dieners, die ihn zum Bewußtſein brachte, wenigſtens bewegte der Greis mit einiger Mühe die Lippen und ſtammelte: „Berthold? wo iſt Berthold?“ „Keine Umwege!“ murmelte der Schreiber mit froher Haſt für ſich,„die Zeit iſt koſtbar.“ Und einen Stuhl näher rückend, legte er ſeinen Arm noch weiter um den Hals von Robyn und ſagte einſchmeichelnd: „Armes Schlachtopfer der Undankbarkeit, es iſt, haben gemül gen e den, zu ſaß kunft ob de gehör liebe ich T leid ſchied guter 7 mit Alles gen! verni unve Und Leber n,„oder nnig be⸗ fuhr er eeh' fort. günſtige als wie⸗ Beiden terwegs Thüre ihm ihn ſtarren chreiber chränen anthut, m auch Robyn ielleicht hn zum Greis eer mit ſeinen n und es iſt, 75 um ein ſteinernes Herz vor Mitleid zu brechen.— Befinden Sie ſich nun etwas beſſer?“ „Beſſer, beſſer; nicht ſterben, noch nicht ſterben,“ ſtammelte Robyn mit halber Stimme. „Ach nein, guter Herr,“ ſchluchzte der Schreiber, „ich weiß wohl, daß Ihre Unpäßlichkeit vorüber gehen wird, aber ich vergieße Thränen des Aergers und Grams, wenn ich bedenke, wie man Ihnen für Ihre Güte begegnet, wie man nach Ihrem Tode mit Ihrem theuer erſparten Gelde umgehen wird. Sie haben von Kindesbeinen an gearbeitet und ſich ab⸗ gemüht, einſam und karg gelebt und allem Vergnü⸗ gen entſagt und den Spott der Leute auf ſich gela⸗ den, um Stüber für Stüber ein kleines Vermögen zu ſammeln. Ich habe Ihnen geholfen, meiner Zu⸗ kunft abgeſagt und alle Ihre Sorgen getheilt, als ob das Geld, das wir gewinnen möchten, mir ſelbſt gehört hätte. Nun wohl, ich liebe dieſes Geld, ich liebe es mit väterlicher Liebe... Und vergieße ich Thränen, bittere Thränen, ſie fließen aus Mit⸗ leid mit dem Loos, das unſerem armen Geld be⸗ ſchieden iſt.— Sie verſtehen gar wohl, was ich ſage, guter Herr?“ „Ja, ja, Geld,“ ſtöhnte Robyn. „Berthold iſt Ihr einziger Erbe,“ fuhr Monk mit mehr Haſt und Eindringlichkeit fort,„er wird Alles bekommen. Aber er hat eine Mißachtung ge⸗ gen das Geld; er wird es verſchwenden, weggeben, vernichten, als die Frucht von Etwas, das er ſo unverſchämt die Sünde des Wuchers nennt... Und er wird Verſe machen, um ſein ungebundenes Leben zu rühmen, um ſeinen Fluch über das Geld b——— 76 auszurufen, das wir mit Angſt, mit Furcht und mit ewiger Sorge zuſammengebracht haben... Wer weiß, ob der Undankbare mitten unter ſeiner Künſt⸗ lergenoſſenſchaft, mit dem gefüllten Becher in der Hand, nicht ſeinen Spott auf den Wucherer ſchleudert, der ihm die Früchte eines ganzen Lebens von Sorge und Arbeit ſo unverdient zum Erbtheil hin⸗ terließ!“ „Wehe mir!“ klagte der Alte bebend vor Schre⸗ cken. Während Monk mit berechneter Abſicht die Worte langſam, jedoch kräftig, eines nach dem andern, ſei⸗ nem Herrn ins Ohr warf, beobachtete er deſſen Ge⸗ ſicht mit lauerndem Blick, um die Wirkung ſeiner Vorherſagungen zu erforſchen. „So ungerecht iſt das Schickſal!“ rief er aus. „Ich, der ich mit Ihnen ſclaviſch gearbeitet und ge⸗ ſorgt habe; ich, der ich aus Liebe zu dem Gelde und zu Ihnen meine Jugend ohne irgend ein Vergnügen habe vorübergehen laſſen, ich ſoll lang genug leben, um die Früchte meines Schweißes und meiner Auf⸗ opferung in Thorheit verſchwendet zu ſehen! In⸗ deſſen ſoll dem armen Monk nichts übrig bleiben als Thränen, um ſeinen alten Herrn zu betrauern, und zum Lohn für ſeine Anhänglichkeit ein Stückchen ſchwarzes Brod des Elendes...“ Robyn ſchien unter der Herrſchaft von ſeines Schreibers Stimme heftig zu leiden; ſprachlos ſtarrte er ihm in die Augen und gab kein anderes Zeichen von Bewußtſein, als je und je einen ſchmerzlichen Seufzer oder eine dumpfe Klage. „O,“ fuhr Monk fort,„warum ließ der Himmel mich i gebore men b lieb he Tod fi des G und ſo alle Z Herr, D ſo glä zittern 4 murm Fr alles und mit . Wer Künſt⸗ in der leudert, s von il hin⸗ Schre⸗ Worte n, ſei⸗ en Ge⸗ ſeiner aus. nd ge⸗ und zu nügen leben, Auf⸗ In⸗ leiben zern, ckchen ſeines tarrte eichen lichen mmel mich nicht als Ihren Sohn oder als Ihren Erben geboren werden! Ich würde all das Geld zuſam⸗ men bis auf den letzten Pfennig bewahren, verehren, lieb haben... Da in der Kaſſe würde nach Ihrem Tod für mich Ihre Seele wohnen bleiben; der Klang des Goldes würde mich an Ihre Stimme erinnern ... Ich würde es vermehren, es vervielfältigen; und ſo ſollte meine Dankbarkeit gegen Sie wachſen, alle Zeit wachſen... und Sie, Sie, mein guter Herr, Sie ſollten immer leben, niemals ſterben...“ Der bewegungsloſe Blick Robyns ſchien plötzlich ſo gläſern zu werden, daß Monk vor Schrecken zu zittern begann und hoffnungslos ausrief: „Herr, Herr, Gott kann Sie rufen. Laſſen Sie mich nicht arm und verſtoßen in der Welt. Sagen Sie mir, daß Sie ein Teſtament machen wollen, daß ich einen Notar rufen ſoll. Ich gehe, ich laufe... Himmel, was kommt ihn an? Er ſtirbt!“ Ein krampfhaftes Zucken durchlief den Körper des Kranken, während ſeine Glieder ſich ausſtreckten und er mit offenem Munde in den Lehnſtuhl zu⸗ rückfiel. Monk ſchüttelte wie wahnſinnig vor Angſt ſeinen Herrn heftig und rief ihn bei ſeinem Namen, aber es war unmöglich, ſich über den Zuſtand des Greiſes zu täuſchen. Die Haare zu Berge ſtehend und noch bläſſer, als der Todte, der vor ihm lag, hielt Monk ſein Auge auf das Geſicht des Greiſes gerichtet und murmelte in Verzweiflung: „Todt! er iſt todt! Ohne Teſtament! Alles, alles für den verhaßten Berthold; nichts, nichts für 78 mich! Ich werde hier weggejagt werden, ich, der meinte reich zu ſein! Kein Mittel zur Rettung; der Tod hat das Urtheil geſprochen! O, es iſt ab⸗ ſcheulich! Der alte, garſtige Geizhals!“ Er blieb eine Weile mit der Hand am Kopf ſtehen. Plötzlich wurde er wie von einem geheimen Schlag gerührt und rief mit fieberhaftem Lachen: „Welch Licht! Der Rath von Margret!— Aber das Schaffot? Eine Million oder das Schaf⸗ fot! Schreckliches Würfelſpiel!“ Er verſank in düſteres Nachſinnen; doch daraus erwachend ging er auf das Pult zu und ſagte: „Der Geldteufel beſitzt mich. Fruchtlos werde ich ihm zu widerſtehen ſuchen... Nun, nun, der Preis iſt der Gefahr wohl werth! Wer wird es wiſſen? Kann ich die Schrift von Robyn nicht ſo gut nachahmen, daß ich ſelbſt ſie beinahe nicht mehr zu erkennen im Stande bin? Ich bebe! Aber ein Sterbender bebt auch... Komm, komm, das Loos iſt geworfen: millionenreich oder Galeerenſträfling!“ Er ſaß bereits vor dem Pult und hatte einen Bogen Papier vor ſich hingelegt; mit der Feder zum Schreiben bereit, murmelte er noch: „Was ſoll ich Margret geben? Oh, nichts, nichts! Ich allein unterziehe mich der Gefahr, ich allein muß Alles, Alles haben... Einen Monat zurückdatiren, auf daß man nichts vermuthe!“ Er that ſich unendliche Gewalt an und bezwang wirklich ſeine Aufregung für einen Augenblick. Bald hatte er einige Zeilen auf das Blatt geſchrieben und überla⸗ merkſa melte Traue anfang ich, der Rettung; s iſt ab⸗ m Kopf geheimen ichen: ret!— Schaf⸗ daraus te: werde un, der pird es nicht ſo öt mehr ber ein s Loos ifling!“ e einen Feder nichts, hr, ich Monat zwang Bald in und 79 überlas ſie zwei⸗ oder dreimal mit angeſpannter Auf⸗ merkſamkeit. „Es iſt der Vorſchrift der Geſetze gemäß,“ mur⸗ melte er,„es bedarf nichts weiter. Nun geſchwind!“ Er ſchloß die Schrift in einen andern Bogen Papier ein, verſiegelte den Umſchlag und ſchrieb auf die Außenſeite:„Dieß iſt mein letzter Wille.“ Dann nahm er dem Todten die Schlüſſel der Kaſſe ab, öffnete dieſe haſtig, legte das Teſtament in eines der Fächer, und hing den Schlüſſel wieder an den Ring, von dem er ihn losgemacht hatte. Dann zog er ſehr ſtark an der Bureauklingel und legte ſein Angeſicht in die tiefſten Falten der Trauer. Margret kam herbeigelaufen und rief erſchreckt, als ſie den Leichnam ihres Herrn daliegen ſah: „Alſo doch, doch?... Todt! Ohne Teſtament? Arme Margret, armer Monk, was werden wir nun anfangen? Es iſt um vor Aerger und Verdruß zu vergehen!“ „Schweig, ſchweig,“ ſagte Monk,„es iſt ein Teſtament da.“ „Nein, nein,“ kreiſchte die Magd,„täuſchen wir uns nicht; wir ſind unglücklich. Der undankbare Filz hat uns dieſen Morgen noch geſagt, daß er binnen vierzehn Tagen erſt an ſein Teſtament den⸗ ken würde. Laßt uns die Kaſſe öffnen; es muß Geld darin ſein. So werden wir doch Etwas be⸗ kommen!“ „Es iſt ein Teſtament da, ſage ich Dir.“ Der feſte Ton von Monks Stimme erregte Mar⸗ gret Zweifel, ob nicht vielleicht in der That ein Te⸗ 80 ſtament beſtände. Dennoch ſah ſie in der Meinung, daß der alte Robyn es nicht gemacht haben konnte, den Schreiber mit ſeltſamen Blicken an und fragte: „Habt Ihr meinen Rath befolgt? Es ſelbſt ge⸗ ſchrieben?“ Monk verbarg ſeine Angſt unter einem ſpöttiſchen Lächeln. „Unſinnige!“ antwortete er,„und könnte ich zwanzig Millionen durch eine ſolche That gewinnen, ich würde es doch nicht verſuchen. Laß ſolche ein⸗ fältige Gedanken fahren. Das Teſtament iſt ſchon ſeit einem Monat von Robyn geſchrieben. Ich weiß nicht, was darin ſteht; doch hat unſer Herr mir ſterbend angezeigt, wo es liegt.“ „Dort in der Kaſſe, ſicher.“ „Ja. 1 „O Monk, laßt es ſehen?“ „Das kann nicht ſein. Das Teſtament iſt von Robyn ſelbſt verſiegelt. Der Vorſitzende des Ge⸗ richtshofes darf allein das Siegel erbrechen.“ „Aber Ihr ſeid doch ſicher, daß wir darin bedacht ſind?“ „Ich glaube es annehmen zu dürfen, da Robyn mir noch ſoeben ſagte, daß wir allzumal zufrieden ſein würden.“ „Wenn wir nur viel, ſehr viel bekommen!“ rief Margret.„Aber wie dem ſei, bekommt auch Eines von uns Beiden mehr als das Andere, unſere Hei⸗ rath bleibt doch feſtgeſtellt, nicht wahr?“ „Das will ſagen, wenn Du einmal ſehr viel, ſehr viel erbteſt, würdeſt Du mich vielleicht nicht mehr wollen.“ zu ſprec herum i armen Thränen „Es „daß er Vielleich ſeinem überraſc Mor und ſpr „Nu ſchwatze Beginne Die Straße; Bureau Eine und En laſſen he der tra Bewegu peinliche Conſc keinung, konnte, fragte: elbſt ge⸗ öttiſchen unte ich winnen, che ein⸗ ſt ſchon ſch weiß err mir iſt von es Ge⸗ bedacht Robyn ifrieden a!“ rief )Eines re Hei⸗ r viel, t nicht 81 „Was einmal beſchloſſen iſt, bleibt beſchloſſen. Oder meint Ihr es anders?“ „Nein, nein; aber wir haben keine Zeit, darüber zu ſprechen. Lauf nun ſchnell bei den Nachbarn herum und melde einem jeden den Tod von unſerem armen Herrn; aber Du mußt wehklagen, ſchreien, Thränen vergießen.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ murmelte Margret, „daß er mir nichts von dem Teſtament geſagt hat. Vielleicht hat er es mir verborgen, um mich nach ſeinem Tode durch ein recht großes Vermächtniß zu überraſchen. Der gute Mann!“ Monk faßte ſie beim Arm, führte ſie zur Thüre und ſprach mürriſch: „Nun, nun, thue was ich Dir befehle, und ſchwatze nichts bei den Leuten; es iſt gefährlich. Beginne nur mit dem Wehklagen.“ Die Magd lief heulend und ſchreiend auf die Straße;— zu derſelben Zeit widerhallte auch das Bureau von Monks traurigen Schmerzensrufen. Drittes Kapitel. Eine Stunde, nachdem Berthold voll Schrecken und Entſetzen die Wohnung ſeines Oheims ver⸗ laſſen hatte, irrte er noch in den Straßen der Stadt herum. Die Geberden, die ihm bisweilen entſchlüpften, der traurige Ausdruck ſeines Angeſichts und die Bewegungen ſeiner Lippen bezeugten, daß er von peinlichen oder verzweifelten Gedanken verfolgt wurde. Conſcience, der Geldteufel. 6 82 Viele Vorübergehende hielten ſtill, um ihm nachzu⸗ ſehen, andere lächelten, einige liefen ihm auf den Leib; doch er ſchritt, in Nachſinnen über das, was geſchehen war, verſunken, vorwärts, ohne auf Je⸗ mand Acht zu geben. Sein ſchneller Gang mußte endlich doch ein Ziel gefunden haben; denn in einer gewiſſen Straße, nicht fern von dem abgelegenſten Stadtthore, blieb er ſtehen und ſchien ſich Gewalt anzuthun, um ſeine Aufregung zu bezwingen. Dann trat er linker Hand in einen Tuchladen und fragte eine alte Frau, die hinter dem Ladentiſch ſtand, ob Herr Conrad auf ſeinem Zimmer wäre. „Ah, guten Tag, Herr Robyn,“ antwortete die Frau, indem ſie mit vielen Zeichen von Achtung und, Höflichkeit hinter dem Ladentiſch hervorkam,„Conrad iſt wohl nicht zu Hauſe, aber der Schlüſſel ſteckt zu ſeinem Zimmer. Er iſt ausgegangen, um Noten⸗ papier zu holen, und kommt auf der Stelle wieder. Belieben Sie hinaufzugehen und einen Augenblich auf ihn zu warten.“ Berthold hatte ohne Zweifel den Muſikus mehr als einmal in ſeiner Wohnung beſucht; denn er ſtieg nun die Treppe hinauf, trat ohne Zögern in ein Zimmer und ließ ſich auf einen Stuhl niederſinken. Mit dem Blick auf den Boden blieb er eine Weile regungslos ſitzen, wie Jemand, der ermüdet iſt und ſeine Glieder ruhen läßt. Das Gemach, welches Conrad im erſten Stock des Tuchladens bewohnte, war ſehr dürftig von An⸗ ſehen, wiewohl Alles merkwürdig ſauber gehalten und mit vieler Sorgfalt geordnet war. Außer dem gemiethe That— oder dre Muſikhef Lampe, noch ein Conrad ſorgfälti meiſtens ungebun Wer konnte, Wohlſta kennbar, noch ein einer L Der br ziert, n ſtopften wohl C allein f etwas? Aufmer zu empf Zw. die Wo von Kü⸗ und zw ſchieden zweifelr Sorge haben. m nachzu⸗ nauf den das, was e auf Je⸗ hh ein Ziel Straße, e, blieb er um ſeine inker Hand Frau, die onrad auf vortete die htung und „„Conrad el ſteckt zu im Noten⸗ le wieder. Augenblich ikus mehr in er ſtieg ern in ein ederſinken. eine Weile det iſt und iſten Stock g von An⸗ gehalten lußer dem 83 gemietheten Piano— ein koſtbares Möbel in der That— ſah man kein anderes Geräthe, als zwei oder drei hübſche Stühle, eine breite Tafel voll Muſikhefte, einen Violinkaſten und eine ziemlich große Lampe, um zur Nachtarbeit zu leuchten; außerdem noch ein Geſtell von drei oder vier Fächern, worauf Conrad die etlichen fünfzig Bücher, die er beſaß, ſorgfältig neben einander gereiht hatte. Es waren meiſtens Werke von alten und neuen Dichtern, noch ungebunden, doch bereits ſehr gebraucht. Wenn man auf den erſten Anblick bemerken konnte, daß der Bewohner dieſes Gemachs nicht im Wohlſtand lebte, war es doch zu gleicher Zeit er⸗ kennbar, daß er keinen Mangel litt und ſich zuweilen noch einige Ausgaben geſtatten konnte, um irgend einer Liebhaberei ſeines Geiſtes Genüge zu thun. Der breite Kaminſims war mit Gypsfiguren ge⸗ ziert, mit Muſcheln und Seegewächſen, mit ausge⸗ ſtopften Vögeln und mit allerlei Kleinigkeiten, die wohl Geld koſten, doch keinen Werth haben, als allein für den, der ſie zuſammengebracht hat. Aber etwas Anderes feſſelte noch in höherem Grade die Aufmerkſamkeit der wenigen Beſucher, die Conrad zu empfangen vergönnt war. Zwiſchen dem Schornſtein und dem Fenſter war die Wandfläche ganz bedeckt mit Porträtabdrücken von Künſtlern aller Jahrhunderte und aller Länder, und zwar in ſo anſehnlicher Zahl und ſolcher Ver⸗ ſchiedenheit von Form und Größe, daß man nicht zweifeln konnte, Konrad müſſe Jahre lang ſeine Sorge auf die Anlage dieſer Sammlung verwendet haben. 84 Obwohl unter dieſen Bildniſſen auch Namen von Tonkünſtlern, Malern und Gelehrten ſtanden— waren doch die Porträts der Dichter offenbar in der Mehrheit, und Conrad ſelbſt hatte einige davon mitten auf der Wandfläche neben einander angebracht und ſie alle zugleich mit einem ſchwarzen Band umſchloſſen. In dieſem Trauer⸗Ringe hingen die Bilder von Homer, Milton, Taſſo, Camoens, Cervantes, Von⸗ del, Chatterton, Gilbert und noch einigen andern. Seltſam war in der That eine ſolche Anordnung, und es mochte abſonderlich erſcheinen, daß geringere Dichter wie Chatterton und Gilbert von Conrad zu den bevorrechteten Plätzen zugelaſſen wurden, wäh⸗ rend viel berühmtere Künſtler ausgeſchloſſen waren; aber es lag ohne Zweifel unter dieſer Vereinigung von Namen ein geheimer Gedanke verborgen. Eine geraume Zeit war Berthold regungslos in Conrads Zimmer geſeſſen; doch allmälig hatten auf⸗ regende Gedanken ſich von Neuem ſeiner bemächtigt. Er war aufgeſtanden, hatte unbewußt einige Schritte durch das Gemach gethan und befand ſich nun vor der Wand, worauf die Bildniſſe der großen Künſtler zur Schau geſtellt waren. Sein Blick, lang herum⸗ irrend, haftete bald feſter auf dem ſchwarzen Kreiſe. Bisher hatte er der Anordnung der Porträts wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt; er hatte immerdar gemeint, daß es eine Laune von Conrad wäre, ohne eine andere Abſicht, als die Ausſchmückung des Zimmers; aber jetzt, in einer verzweifelten Gemüths⸗ ſtimmung ſich befindend, wollte er eine traurige Be⸗ deutung in dem ſchwarzen Band entdecken; und in der That In tiefe die Bild „Ho um ſein „To⸗ im Irrſi „Ca Er muß Hungers noch übe Pfandho „Ch Verzwei nichts a Erſe der tieff „W men, di mit der ſellſchaf alle, die Recht, gen Ba iſt gefaf nen von nden— nbar in ge davon agebracht n Band lder von es, Von⸗ ndern. ordnung, geringere onrad zu en, wäh⸗ nwaren; teinigung n. ugslos in tten auf⸗ mächtigt. e Schritte nun vor Künſtler g herum⸗ n Kreiſe. Porträts immerdar äre, ohne kung des Gemüths⸗ urige Be⸗ ; und in 8⁵ der That, er fand die Bedeutung ohne es zu wiſſen. In tiefe Träumerei verſunken und das Auge auf die Bilder gerichtet, murmelte er: 3 „Homer, der größte aller Dichter? Er bettelte um ſein Brot und war blind! „Torquato Taſſo, der Ruhm Italiens? Er ſtarb im Irrſinn! „Camoens, der erlauchte Sänger der Luſiade? Er mußte auch die Hand ausſtrecken, um nicht Hungers zu ſterben! „Cervantes, der geiſtvolle Verfaſſer von Don Quixote. Er ſtarb arm und verlaſſen! „Vondel, Niederlands mächtiger Genius? In dem Alter von achtzig Jahren lag der herrliche Greis noch über einen Pult gebückt, als Schreiber in einem Pfandhauſe! „Chatterton, der kühne Dichter? In irrſinniger Verzweiflung brachte er ſein Leben dahin, das ihm nichts als Trübſal gewährte! „Gilbert, unſchuldiges Schlachtopfer des Haſſes; — er ſtarb den ſchrecklichſten Tod in einem Laza⸗ rethe!“ Erſchrocken zurückweichend, rief Berthold im Tone der tiefſten Entmuthigung: „Welch gefahrvolles Loos! Die ſchönſten Na⸗ men, die in der Krone der Menſchheit funkeln, alſo mit der Zuthat der ſchrecklichſten Wechſelfälle verge⸗ ſellſchaftet! O, mein Oheim, Laura's Vater und alle, die mich lieben oder kennen, ſie haben vielleicht Recht, daß ſie meine Schritte von dieſer unglückhſeli⸗ gen Bahn abwenden wollen. Ja, ja, mein Beſchluß iſt gefaßt; ich werde der Kunſt ein ewiges Lebewohl 86 ſagen; meine verlockenden Träume überwinden, und vergeſſen, daß jemals das Streben nach einer höhe⸗ ren Beſtimmung ſich in mir regte. Ich werde mir Gewalt anthun, um mir in dem Materiellen zu ge⸗ fallen, um das Geld als die einzige Quelle des Glücks zu lieben,— um in der Erfüllung der körperlichen Lüſte Befriedigung für die Unruhe mei⸗ nes Geiſtes zu finden. Dann werde ich vielleicht einſchlummern in dem trägen Frieden des Herzens . und ich werde durch das gleichförmige Leben hintreiben, ungerühmt, aber unangefochten, bis das Grab zu gleicher Zeit meinen Leichnam und mein Gedächtniß verſchlingt!... Wie peinlich iſt doch für den Menſchen die Verläugnung ſeiner Natur! Aber es muß ſein: die Dankbarkeit iſt ein Geſetz, das man nicht mißachten darf. Nun ſcheint dieſe Aufopferung mir ein Abfall von meinem ſittlichen Weſen; ſie macht mir das Herz bluten und erſchreckt mich, als müßte ſie meine Lebensbahn gegen alle Hoffnung, gegen allen Genuß des Geiſtes abſchließen; aber ich täuſche mich ohne Zweifel...“ „Ah, Herr Berthold!“ rief Conrad, der dieſen Augenblick in das Zimmer trat.„Vergeben Sie mir, daß ich unwiſſend Sie ſo lange warten ließ. Was ſind Ihre Gedichte doch ſchön! Ich habe ſie ſchon großentheils geleſen. Welch' Feuer, welche ſüße Begeiſterung, wie überſtrömt mit der jugend⸗ lichen Lebensluſt Ihrer Seele! Haben Sie Dank, haben Sie Dank für den ſüßen Genuß und für die reinen Erregungen, die Sie mir gegeben haben... Aber Sie ſind betrübt, Berthold? Ihr Angeſicht. iſt entſtellt! Fühlen Sie ſich nicht wohl?“ vielleich „N fragte beſonde verſuch wärtic Inſtrr dem 2 wohl, terſchr drücke welcht deren wohl Quel ſeiner 7 Bertl den, und ner höhe⸗ herde mir en zu ge⸗ ielle des lung der uhe mei⸗ vielleicht Herzens ge Leben bis das ind mein iſt doch Natur! n Geſetz, int dieſe ſittlichen erſchreckt egen alle ſchließen; er dieſen eben Sie rten ließ. habe ſie e, welche r jugend⸗ Bie Dank, d für die haben... Angeſicht Der Jüngling ergriff des Künſtlers Hand und ſprach, ihm traurig in die Augen ſehend: „Conrad, ich bin unglücklich. Mein Herz hat es nöthig, ſich auszuſchütten. Laſſen Sie mich mein Loos bei Ihnen beklagen; es wird meinen Schmerz vielleicht erleichtern.“ „Nun, ſagen Sie mir, was iſt Ihnen geſchehen?“ fragte Conrad mit inniger Theilnahme, doch ohne beſondere Aufregung.„Ich werde Sie zu tröſten verſuchen; und ich glaube, daß es nicht ſehr müh⸗ ſelig ſein wird: es treiben wieder ſchwarze Wolken über den ungeſtümen Himmel der Einbildung, nicht wahr?“ „Conrad,“ klagte der trauernde Jüngling,„ich habe unwiderruflich beſchloſſen, für alle Zeit der Kunſt zu entſagen.“ „Gott Lob, daß es nicht ernſtlicher iſt!“ ſprach der Muſikus lächelnd.„Es iſt eine gewöhnliche Laune der Dichter, daß ſie bei der geringſten Wider⸗ wärtigkeit die Harfe zerbrechen wollen; aber das Inſtrument ſteckt ihnen im Herzen und iſt außer dem Bereich ihres Willens. Kommen Sie, ich ſehe wohl, daß Ihre Aufregung nichts iſt als ein Dich⸗ terſchmerz. Laſſen Sie ſich nicht davon nieder⸗ drücken, Berthold; der Kummer iſt die Zauberruthe, welche die Seele in ſich ſelbſt zurückkehren macht und deren Kräfte verdoppelt. Der Dichter fühlt es ſo wohl, daß er ſich ſelbſt Schmerzen ſchafft, um die Quelle der innigen und tiefen Gedanken milder in ſeinem Geiſte fließen zu laſſen...“ „Nein, nein, Sie irren ſich, Freund,“ ſeufzte Berthold,„mein Entſchluß iſt unveränderlich gefaßt. —— Ich verzichte für immer auf die Zukunft, die ich mir geträumt habe. Es macht mir Pein, ich bekenne es; aber ich werde Troſt ſuchen in einer andern Rich⸗ tung des Geiſtes.“ Der ſeltſam dumpfe Ton von Gelaſſenheit, worin der Jüngling dieſe letzten Worte geſprochen hatte, überraſchte Conrad und ſchien ihn plötzlich kummer⸗ voll zu treffen. „O Berthold,“ rief er,„Gott behüte Sie vor der Ausführung Ihres unſeligen Entſchluſſes!. Aber was brachte Sie auf einen ſo unerwarteten Vorſatz?“ 9 „Etwas Schreckliches, wovon ich die Urſache nicht ergründen kann,“ ſagte der Jüngling.„Als ich die Wohnung von Herrn Kemenager verließ, eilte ich nach Hauſe, um meinem Oheim ein Exemplar mei⸗ ner Gedichte anzubieten. Ich wußte wohl, daß für mich ein ſtrenger Verweis zu erwarten ſtand; aber ich hatte zugleich die Ueberzeugung, daß mein Oheim in ſeiner gewöhnlichen Gutherzigkeit gegen mich doch am Ende meine kühne That entſchuldigen würde. Darauf vertrauend, trat ich ein und bot meinem Oheim das Büchlein an.— O Conrad, ich vergeſſe mein Lebenlang den Augenblick nicht: mein armer, kranker Oheim ſchien außer ſich vor Zorn, ſeine Lippen bebten, er ſchaute mich mit Blicken des Haſſes und der Verachtung an, als hätte ich mich der ſchänd⸗ lichſten Miſſethat ſchuldig gemacht. Während ich zitternd daſtand und wie betäubt nach der räthſel⸗ haften Urſache von meines Oheims heftiger Aufregung fragte, öffnete er mein Buch, wies mir das Gedicht der Wucherer und brach dann in — 7 ſicher 7 ling, dern. mein ſoll, mein Bede ich mir ine es; n Rich⸗ worin hatte, ummer⸗ bie vor 81. arteten ze nicht ich die lte ich ar mei⸗ daß für ; aber Oheim ch doch würde. neinem vergeſſe armer, ,ſeine Haſſes ſchänd⸗ nd ich räthſel⸗ heftiger wies ann in 89 ſolche gräßliche Vorwürfe aus, daß jedes ſeiner Worte mich mit Verzweiflung und Schrecken traf. Er nannte mich undankbar, bedauerte die Güte, die er mir erzeigt hatte, verwies mir, daß ich ihm das häßliche Wort Wucherer an den Kopf geworfen habe, und rief zum Schluſſe, daß ich eine Schlange ſei, die zum Lohne für die Wohlthat ihr Gift ihm ins Angeſicht ſpeie!... Obwohl zerſchmettert unter dieſen grauſamen Beſchuldigungen, wollte ich ſprechen, um meinen Oheim zu beſänftigen; aber er rief mit todtblaſſem Geſicht und beinahe ohnmächtig, ich ſolle ſein Haus verlaſſen; er befahl, er flehte, daß ich bis nach Mittag fortgehen möchte; meine Gegenwart ſchien ihn zu martern... Ich lief wie ein Wahn⸗ ſinniger über die Straße, irrte einige Zeit in der Stadt herum und komme nun zu Ihnen, Conrad, um einem Freunde offenbaren zu können, was mir auf dem Herzen liegt... Dieſen Abend will ich alles verbrennen, was mir jemals aus der Feder floß; morgen werde ich alle Abdrücke meines Werkes vernichten— daß ſelbſt keine Erinnerung mehr da⸗ von übrig bleibt!“ Conrad ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte: „Ihr Werk vernichten? Berthold, ſeien Sie ver⸗ ſichert, Sie werden es nicht thun!“ „Zweifeln Sie nicht daran,“ ſeufzte der Jüng⸗ ling,„mein Beſchluß iſt gefaßt; nichts kann ihn än⸗ dern. Es grämt mich tief;— der Gedanke, daß ich meiner Seele das weite Leben der Phantaſie rauben ſoll, erſchreckt mich, als ſollte eine ewige Nacht auf meinen Geiſt niederfallen... aber das ſind falſche Bedenklichkeiten, ich werde ſie überwinden.“ 90 „Berthold, Sie ſuchen ſich ſelbſt zu täuſchen; ich glaube Ihnen nicht.“ „Sie werden es ſehen.“ „Ich mag Ihnen nicht glauben. Wie? Sie wollten um eines geringen Umſtandes willen Ihrer Beſtimmung entſagen und ſchon bei Ihrem erſten Schritt auf der Bahn der Kunſt unter einer vorüber⸗ gehenden Widerwärtigkeit ſich beugen? Wenn ich Sie einer ſolchen Schwachheit fähig achtete, würde ich zu Ihnen ſagen: Sie haben Recht, Berthold, unterlaſſen Sie einen Streit, wozu Gott Ihnen den nöthigen Muth nicht geſchenkt hat;— aber Sie ver⸗ kennen ſich ſelbſt: die mächtige Seele, die ſich in Ihren Gedichten offenbart, iſt nicht von der Art, um feige ihrem eigenen Weſen zu entſagen, aus Furcht, daß die Dornen der Dichterkrone ſie verwunden möchten.“ „Nein, nein, das iſt es nicht,“ antwortete Ber⸗ thold traurig,„an Muth fehlt es mir nicht; aber ſehen Sie, Conrad, mein Oheim hat mich nach dem frühen Tode meiner Eltern wie ſeinen eigenen Sohn geliebt. Er hat mir eine edle Erziehung geben laſſen und ſpart und ſorgt noch unaufhörlich, um mir ein reiches Erbtheil zu hinterlaſſen. Ich darf ſeine Güte nicht mißachten; Undankbarkeit iſt ein Wort, das mich als der Name der abſcheulichſten aller Untu⸗ genden beben macht. Wenn es meinen guten Oheim ſo unbegreiflich betrübt, daß ich die Dichtkunſt aus⸗ übe, wohlan, ſo will ich mich in ſeinen Willen ſchicken und mit Gelaſſenheit mein Loos annehmen. Geben Sie ſich keine vergebliche Mühe, meinen Entſchluß zu ändern, Conrad; Sie werden nur den Zweifel in en; ich 2 Sie Ihrer erſten drüber⸗ unn ich würde rthold, en den ie ver⸗ Ihren n feige ht, daß chten.“ e Ber⸗ ; aber ch dem nSohn laſſen nir ein e Güte t, das Untu⸗ Oheim ſt aus⸗ ſchicken Geben tſchluß eifel in 91 mein Gemüth werfen und mich noch unglücklicher machen.“ „Es iſt alſo wirklich Ihr völliger Ernſt?“ „Mein völliger Ernſt. Dieſer ſchmerzliche Ab⸗ ſchied von einem der ſchönſten Träume meines Le⸗ bens erfüllt mich mit unſäglicher Angſt; aber das Gefühl der Pflicht hat in mir den Sieg davon ge⸗ tragen. Es iſt gethan: ich werde von der Ausübung der Kunſt mich fern halten.“ „Sie werden alſo den heiligen Funken der Poeſie in Ihrem Buſen erſticken?“ rief Konrad mit bitte⸗ rem Lächeln. „Leider, ja; unwiderruflich, für alle Zeit,“ ſeufzte Berthold. „Und was werden Sie dann mit Ihren Ge⸗ danken anfangen?“ „Ich werde Beſchäftigung ſuchen, mich auf den Handel legen und friedſam die Vortheile des Lebens genießen.“ „Wie täuſchen Sie ſich!“ rief Conrad aus.„Sie werden unglücklich ſein, unglücklich über die Maßen! Wiſſen Sie wohl, Berthold, was das Geheimniß von allem Glück, von aller Macht und aller Größe in dem Menſchen iſt? Das Geld, wird Herr Kemenaer ſagen; und Sie ſelbſt, in der traurigen Stimmung Ihres Gemüths, ſcheinen ihm Recht geben zu wollen. Nein, das Geheimniß iſt, daß der Menſch einmal ſeinen wahren Beruf und ſeine ächte Beſtimmung erkenne und darnach thue. Wehe dem, der auf Er⸗ den das Kennzeichen zu verwiſchen ſucht, das Gott in ſeiner Seele ausgeprägt hat; wehe dem Unglück⸗ lichen, der durch eintretende Umſtände aus der ihm vorgezeichneten Bahn geworfen wird. Es ſind Weſen, die herumirrend und wie verloren ſich durch die Welt ſchleppen, die trauern, beneiden und verküm⸗ mern, die ins Grab ſinken, ohne jemals im Stande geweſen zu ſein, von den Kräften und Fähigkeiten, die ihnen angeboren waren, Gebrauch zu machen... Und, Berthold, was ich Ihnen ſagen will, wird Sie verwundern; ich bin einer der Halbmenſchen, eines dieſer verirrten Weſen!“ „Sie?“ rief der Jüngling erſtaunt.„Un⸗ möglich!“ „Betrachten Sie mein Angeſicht,“ fuhr Conrad fort,„es iſt bleich und mager; meine Augen ſind ohne Leben, mein Nacken iſt gebeugt und meine Bruſt ſchwach. Ich bin krank und ſchwinde ſeit vielen Jahren dahin. Welches Uebel meine Geſundheit untergrub, meinen Sie? Es iſt eine betrogene Seele, die ſich rächt und beim Mangel anderer Nahrung ihre eigene Wohnung verzehrt. Setzen Sie ſich und hören Sie mir zu! Ich werde Ihnen ſagen, was mein Loos war. Vielleicht wird dieſe Erzählung Sie von dem unſeligen Entſchluß, den Sie faſſen wollen, zurückſchrecken... Mein Vater war ein armer Schullehrer. Was der Kummer ſeines Lebens ſchien, war die Ueberzeugung, daß er mir, ſeinem einzigen Kinde, nichts auf der Welt hinterlaſſen konnte. Um mir doch ein wohlthuendes Beſitzthum zu ſchen⸗ ken, verwandte er auf meine Erziehung alle die Sorgfalt, welche einem liebevollen Vater möglich iſt, und unterwies mich nicht allein in der Kenntniß der Sprachen, ſondern ſelbſt in der Muſik, welche Kunſt er als beſonders brauchbar erachtete, um in Zeiten der ſchaf und nen ger Nam Ster mir heite wiſſe gierd — 5 barte Alle⸗ Geiſ hätte Meit und ſo bl auf gezw irrte imme ſtand lich. daß von ein h Beſch arme mit werd Veſen, h die rküm⸗ ttande keiten, en... d Sie eines „Un⸗ onrad ohne Bruſt oielen ndheit Seele, hrung und was hlung faſſen r ein ebens einem onnte. ſchen⸗ e die ch iſt, ß der Kunſt Zeiten 93 der Noth ſich ein ehrliches Auskunftsmittel zu ver⸗ ſchaffen. Mein Vater war Künſtler in der Seele und vor Allem ein inniger Bewunderer der erhabe⸗ nen Produkte des Geiſtes. Er ſprach mir mit andächti⸗ ger Verehrung von den erhabenen Dichtern, deren Namen aus dem Schooße der Jahrhunderte gleich Sternen menſchlicher Größe uns beſchienen; er las mir deren Werke vor, machte mich auf die Schön⸗ heiten darin aufmerkſam und erzeugte, ohne es zu wiſſen, in meinem jungen Buſen die flammende Be⸗ gierde nach geiſtiger Wirkſamkeit und nach Ruhm. — Als ich die Jünglingsjahre erreicht hatte, offen⸗ barte ſich meine Beſtimmung; ich machte Verſe auf Alles und überall. Es war, als ob ein zwingender Geiſt von meinem ganzen Weſen Beſitz genommen hätte, als ob ein geheimes Feuer mich verzehrte.— Mein Vater bemerkte meine Neigung mit Verdruß und Beſorgniß; doch hoffte er, daß es nicht ernſtlich ſo bleiben würde, beſonders weil ich bald einen Platz auf einem Handelscomptoir bekommen ſollte und ſo gezwungen wäre, von der Poeſie abzulaſſen. Er irrte ſich: ich machte Verſe auf des Kaufmanns Briefe; immerdar verſunken in fernabführende Träume, ver⸗ ſtand ich ſeine Befehle verkehrt und vergaß ſie gänz⸗ lich. Mit einem Wort, ich war dermaßen zerſtreut, daß man mich für verrückt hielt. Nach einer Probe von vier Monaten wurde ich von dem Comptoir als ein hochmüthiger Narr gejagt, der zu einer ernſtlichen Beſchäftigung völlig unbrauchbar wäre.— Mein armer Vater erſchrack vor meiner Zukunft. Als ich mit keckem Uebermuth ihm erklärte, daß ich Dichter werden wolle, was ich auch darum zu leiden haben möchte, ſtellte er mir vor Augen, wie unſicher das Loos des Dichters auf Erden ſei; er erzählte mir das traurige Leben und das beklagenswerthe Ende von Homer, von Camoens, von Torquato Taſſo, von Cervantes und von allen jenen, die dort aus dem ſchwarzen Trauerkreiſe uns ſo ruhig anſchauen. Ich widerſtand ſeinem Flehen Monate lang; aber er— in ſeiner beſorglichen Liebe und in ſeiner Angſt für das Loos ſeines einzigen Sohnes, bat, weinte, kniete vor mir nieder, bis ich endlich vor der Poeſie als Etwas zurückſchreckte, das meinen armen Vater und mich ſelbſt unglücklich machen müßte. Ich verſprach aufrichtig und mit feſtem Vorſatz, hinfort alle Be⸗ gierde nach Ruhm in mir auszurotten.— Bald fand ich einen Platz auf einem andern Comptoir und er⸗ füllte daſelbſt meine Pflichten mit großer Pünktlich⸗ keit, jedoch ohne Liebe und wahren Fleiß. Die ein⸗ mal entzündete Flamme brannte noch in meinem Herzen; und welche Gewalt ich mir auch anthat, ſie zu erſticken, noch immer trieb mein Geiſt auf dem Strome der Einbildung hinweg. Der Kampf, den mein Wille gegen die angeborne Neigung zu be⸗ ſtehen hatte, war ſo peinlich, daß ich in eine Art von Abmattung und geheimem Schmerz verfiel; ich wurde ſtill, träumend, einſiedleriſch; meine Seele trauerte ... Vor meinem Vater verbarg ich, was in mir vorging; er betrachtete die Ruhe meines Gemüths als ein günſtiges Vorzeichen meiner Zukunft; und um mich in dieſer Richtung zu beſtärken, ſchilderte er mit verlockenden Farben, wie ich, älter werdend, ſelbſt Handel treiben könnte; wie Andere auch mit Wenigem begonnen hätten, welche nun die Stadt er das e mir Ende ), von dem Ich er— aſt für kniete ſie als er und ſprach le Be⸗ d fand nd er⸗ nktlich⸗ ie ein⸗ neinem at, ſie uf dem f, den zu be⸗ rt von wurde rauerte in mir emüths t; und hilderte erdend, uch mit Stadt durch ihre Pracht und ihren Reichthum in Erſtaunen ſetzten; und wie ich dann, vielleicht in der Mitte meines Lebens, frei von allen Sorgen, mich geachtet, geehrt und geliebt ſehen würde. Er vergaß nie, mir den Werth und die Macht des Geldes zu rühmen und es mir als die ſichere Quelle von Ruhe, Glück und Einfluß darzuſtellen... aber von allen dieſen Anſichten wandte meine Natur ſich widerwillig ab.— Inzwiſchen ging ich täglich nach meinem Comptoir und ſetzte mich dort nieder, wie Jemand, der ſchlum⸗ mert; wohl arbeitete meine Hand, aber mein Geiſt war anderwärts und verlor ſich in unbeſtimmte jedoch trübe Gedanken. Allmälig wurde dieſes Leben mir unerträglich; meine Seele, von dem Pfad ihrer an⸗ gebornen Beſtimmung abgelenkt, fand an nichts Ge⸗ fallen noch Troſt. Selbſt die Muſik wurde mir gleichgültig; meine Violine, die nach den Comptoir⸗ ſtunden ſo manchmal mir eine Zuflucht geweſen war, um der Verzweiflung zu entfliehen, hing vergeſſen an der Wand. Dieſe unaufhörliche Traurigkeit un⸗ terwühlte meine Geſundheit; ein trockener Huſten ſchien mir ein kurzes Leben zu verkündigen; ich wurde mager und verkümmerte ſichtbar... Zehn Jahre blieb ich Commis, zehn Jahre der Hoffnungsloſig⸗ keit und verſchwiegenen Leidens!— Dann rief Gott meinen alten Vater von der Erde. Der Schlag traf mich tief; aber er gab mir die Freiheit wieder, und mit ihr die Hoffnung auf Erlöſung. Von Neuem erſchloß ſich vor meinen Augen die glanzreiche Zu⸗ kunft, die ich in meiner erſten Jugend geträumt hatte. Ich wollte wieder Verſe machen; ich ſaß ganze Nächte mit brennendem Kopfe über das Pal pier gebeugt, das die zurückgehaltenen Ergüſſe meiner erwachten Seele aufnehmen ſollte. Wehe, die Quelle der Gedanken ſchien mir vertrocknet; das Verſtänd⸗ niß der Form war in mir verdüſtert. Nach vielen nutzloſen Verſuchen mußte ich meine Ohnmacht er⸗ kennen. Die materielle Beſchäftigung und das Geiſt ertödtende Comptoirleben hatten meine Phantaſie ge⸗ lähmt und mich der Feinheit der Empfindung beraubt. Meine Verzweiflung, meine Thränen gaben mir die beſeligende Begeiſterung der Jugend nicht wieder... ich ſollte alſo Handlungsdiener bleiben, mit Wider⸗ willen durch das farbloſe Leben hinkriechen und ſterben vor Aerger und Verdruß?— Obwohl ich nur ſchwach und vielleicht feig von Geburt bin— das Verlaſſen meiner erkannten Beſtimmung ſchien es zu beweiſen— konnte ich ein ſolches Loos nicht als ein Urtheil aufnehmen, das unwiderruflich be⸗ ſtehen mußte. Noch immer kämpfte ich in meinem Innern gegen die ſchreckliche Ueberzeugung von mei⸗ ner Ohnmacht... Eines Abends, da ich, mit dem Kopf in den Händen, einſam da ſaß und nachſann und ängſtlich in den finſtern Abgrund meiner Zu⸗ kunft blickte, fiel mein Auge auf die Violine, die voll Staub und vergeſſen an der Wand hing. Ein Freudenſchrei entrang ſich meiner Bruſt; mein Ge⸗ danke war, ich hätte ein helleres Licht über meinem Leben aufgehen ſehen. Die Violine! Muſiker wer⸗ den, mit Künſtlern leben, Künſtler ſein!— Voll Vertrauen und ſtolzen Muthes gab ich meine Stelle als Commis auf und begann mit fieberiſcher Haſt mich auf der Violine zu üben. Monate lang, Tag und Nacht ertönten die Heil verſprechenden Töne durch kaum erfüllt Namet ſundhe keine ohne nahm Hunge danke, oder mußte. Wenn mann Piano will, dieſe 1 ſtand Finger laſſen. meiner meiner Quelle erſtänd⸗ vielen acht er— 4s Geiſt aſie ge⸗ deraubt. mir die eder... Wider⸗ en und ohl ich bin— g ſchien 8s nicht lich be⸗ meinem on mei⸗ nit dem achſann ner Zu⸗ die voll Ein ein Ge⸗ meinem ker wer⸗ — Voll Stelle er Haſt g, Tag a Töne 97 durch mein düſteres Kämmerchen; ich gönnte mir kaum die Zeit, Nahrung zu mir zu nehmen, ſo ſehr erfüllte mich der feſte Vorſatz, auf dieſer Bahn den Namen eines Künſtlers zu verdienen. Meine Ge⸗ ſundheit ſchien ſich wieder herzuſtellen, aber da ich keine Geldmittel beſaß, verfiel ich allmälig und faſt ohne es zu bemerken in die tiefſte Armuth. Ich nahm meine Wohnung auf einem Speicher, ich litt Hunger und Erniedrigung; denn mich ſtärkte der Ge⸗ danke, daß ich hier einen Kampf ausfocht, der Tod oder Leben meines Geiſtes zum Ausſchlag haben mußte. Ach, ich hatte mich betrogen, Berthold. Wenn man geboren iſt, um Dichter zu ſein, wird man nicht Muſiker allein durch den Willen. Violine, Piano? Wenn man wirklich Künſtler darauf ſein will, muß man ſich von Kindesbeinen an üben, dieſe Uebung niemals unterbrechen; man muß Ver⸗ ſtand und Gefühl aus Kopf und Herz in ſeine Finger jagen, und ſie, ſo zu ſagen, darin aufwachſen laſſen. Sieben Jahre ſind vorbei, ſeitdem ich in meiner Violine eine beſſere Zukunft entdeckt zu haben wähnte, ſieben Jahre von Aufopferung, von Noth und Arbeit.. und ich ſchätze mich glücklich, auf dem Chor der Hauptkirche einen Platz zu haben, und ich beuge den Rücken und bettle, um Lection auf dem Piano geben zu dürfen.“ he iiher Freund!“ murmelte Berthold ge⸗ rührt. „Ah, das wäre Nichts!“ rief Conrad verzweifelnd aus,„wenn das Herzeleid mich nicht verzehrte! Zu wiſſen, daß man geboren war, um in der Welt zu ſein, etwas Großes vielleicht— und fühlen, daß Conſcience, der Geldteufel. 7 man die Strafe ſeiner Schwachheit trägt. Untaug⸗ lich zu Allem zu ſein, weil man das Einzige ver⸗ leugnet hat, wozu Gott uns die Fähigkeit ſchenkte! Was iſt mein Leben? Enttäuſchung, Betrübniß, Verzweiflung. Ich habe in meiner Jugend den leib⸗ lichen Hunger gefürchtet... und nun muß meine arme Seele Hunger leiden, bis der Tod ſie von dem Feigling losmacht, der ſie verſchmachten ließ...“ Bei dieſen letzten Worten rollten zwei Thränen aus Conrads Augen und er ſchwieg unter dem Druck einer heftigen Aufregung; aber ehe Berthold ein tröſtendes Wort an ihn richten konnte, erhob er das Haupt wieder und ſagte mit trübem Schmerze: „Und Sie, Berthold, Sie wiſſen, daß Sie in dem gewöhnlichen Weltleben glücklich ſein werden? Sie glauben, daß Geld, Luxus, Pracht einer Seele wie der Ihrigen Befriedigung geben kann? Nun, führen Sie Ihr Vorhaben aus, verſuchen Sie zu vergeſſen, daß ein Funke des göttlichen Feuers Ihnen auf das Haupt gefallen iſt. Was wird die unvermeidliche Folge dieſer Feigheit ſein? Inmitten der Pracht werden Sie Ihr Herz leer fühlen; immerdar, un⸗ aufhaltſam wird Ihr Geiſt höher ſteigen wollen; Sie werden ſchwärmen, träumen und trauern, als ob et⸗ was an Ihrem Leben mangelte... Und laſſen Sie einmal die Zeit der farbenreichen Phantaſie, der plötzlichen Begeiſterung und des milden Wohlgefal⸗ len an der Natur vorübergehen— dann wird es Ihnen gehen wie mir: Sie werden verkümmern von geheimem Lebensüberdruß und mit Schauder auf das zurückſehen, was Sie aufgegeben und verloren haben. Geld kann Ihnen nicht helfen; Geld gibt dem Men⸗ ſchen kopf, und ſchen Ergit eigen ſchen Wag ein ſage, W niede Der ſich ein dem ſein Leber Kum ſollte Untaug⸗ ge ver⸗ chenkte! trübniß, een leib⸗ 3 meine von dem chränen m Druck pold ein er das ze: ein dem 12 Sie eele wie , führen ergeſſen, auf das meidliche Pracht dar, un⸗ len; Sie s ob et⸗ d laſſen aſie, der ohlgefal⸗ wird es nern von auf das n haben. em Men⸗ 99 ſchen keinen eigenen Werth; es macht aus dem Dumm⸗ kopf, aus dem Gelehrten, aus dem groben Lümmel und dem hochgebornen Edelmann vier reiche Men⸗ ſchen.— Ihnen iſt eine Seele gegeben, die nach Ergießung trachtet, die nach Ruhm dürſtet, die durch eigene Kraft und eigene Tugend glänzen will. Täu⸗ ſchen Sie dieſelbe: ſie wird Ihnen keine Ruhe laſſen... Wagen Sie, Ihrer Beſtimmung zu entfliehen— ich, ein armer Muſiker, ein aufgegebener Künſtler, ich ſage Ihnen voraus, Sie werden unglücklich ſein!“ Berthold ſaß mit dem Kopf in den Händen, und niedergedrückt unter den ſtrengen Worten Conrads. Der aufgeregte Jüngling erkannte mit Schrecken in ſich ſelbſt, daß die Weiſſagung ſeines Freundes wohl ein Bild der Wirklichkeit enthalten könnte, denn in dem Kampf, um zu einem Entſchluß zu kommen, hatte ſein eigenes Gemüth ihm gleichfalls ſein zukünftiges Leben mit ſolchen trüben Farben gezeichnet.— Voll Kummer und nicht wiſſend, wozu er ſich entſchließen ſollte, antwortete er nach einer Weile: „Wenn ich nur die Neigung meines Herzens fragte, Conrad, würde ich Ihrem Rathe folgen, aber der Zweifel beherrſcht mich. Nicht allein die Liebe und Dankbarkeit gegen meinen Oheim treiben mich, die Poeſie aufzugeben. Das Loos des Dichters flößt mir Angſt ein. Ach, der Ruhm iſt wohl theuer be⸗ zahlt, wenn man ihn mit einem ganzen Leben von Leid und Schmerz erkaufen muß!“ „Welche Verirrung!“ rief Conrad.„Kein Menſch auf Erden iſt glücklicher als der Dichter!“ Trübe lächelnd wies Berthold auf die Bildniſſe, die mit dem ſchwarzen Bande umrahmt waren. „Ich verſtehe Sie,“ ſagte der Muſiker,„es ge⸗ ſchah, um mich über das Aufgeben meiner Beſtim⸗ mung zu tröſten, daß ich die ſogenannten unglück⸗ lichen Dichter auf dieſe Weiſe unter meinem Auge zuſammengeſtellt habe. Es hat mir aber nichts ge⸗ holfen, mit Wiſſen und Willen ihre Namen zu fal⸗ ſchen Zeugen gemacht zu haben.“ „Bezeugen ſie nicht unwiderleglich, daß die Krone der Poeſie eine Marterkrone iſt?“ „Nein, man meint es, aber es iſt ein Irrthum.“ „Die Geſchichte aber ſpricht dafür; ſie hat mit dem glanzreichen Ruhm auch das elende Loos dieſer erhabenen Männer eingetragen.“ „Sehen Sie wohl, Berthold, man kann der Dich⸗ ter Beſtimmung auf verſchiedene Weiſe betrachten. Vielleicht ſind die meiſten nur groß geweſen, weil ihr Leben voll von Ereigniſſen, voll von Bewegungen und voll ſcheinbarer Widerwärtigkeit geblieben iſt. Die Seele ſtumpft ſich ab in dem Schlaf der Zufrie⸗ denheit; ſie iſt gleich einer ſtählernen Klinge, die Glanz und Schärfe durch den Roſt der Unthätigkeit verliert. Wer ſagt Ihnen, daß dieſe großen Män⸗ ner nicht den Luxus und Lebensgenuß verſchmäht haben, weil ein geheimes Gefühl ſie zu ewiger Thä⸗ tigkeit des Geiſtes antrieb? Es gibt auch nicht einen dieſer Dichter, dem nicht hundertmal angeboten wor⸗ den wäre, was der gewöhnliche Menſch Glück nennt. Sie haben ſich geweigert. Warum? Weil ſie, ſelbſt in ihrem Elende, ein größeres Glück genoſſen, als Jemand ihnen geben konnte!“ „Ach, Conrad, ich weiß wohl, was Sie ſagen wollen,“ ſeufzte der Jüngling,„aber laſſen Sie den Dich er fi gäße derſt ſein. nach die nicht ter f ſünd Sie Weſe Auge cheln entge unen einzi mehr terie verſe denn Seel Wer! ter? merk ſich ſend daue ein? ler 8 ge⸗ eſtim⸗ glück⸗ Auge s ge⸗ fal⸗ Krone zum.“ t mit dieſer Dich⸗ ſchten. weil ungen en iſt. zufrie⸗ „ die tigkeit Män⸗ hmäht Thä⸗ einen wor⸗ nennt. „ſelbſt u, als ſagen ie den 101 Dichter ſo hoch über das Materielle ſich erheben, daß er für einen Augenblick das Elend des Lebens ver⸗ gäße, muß er nicht gleich wie der Adler wieder nie⸗ derſteigen, um auf der Erde zu ruhen? Im Fall ſein Herz dann dürſtet nach Freundſchaft, nach Liebe, nach Hochachtung, wie peinlich muß ihm dann nicht die Enttäuſchung ſein, da er nichts als Feindſchaft, nichts als Erniedrigung begegnet?“ „Erniedrigung?“ ſpottete Conrad.„Der Dich⸗ ter ſollte Erniedrigung empfinden, er der niemals ſündigt, als durch Hochmuth? Nein, nein, glauben Sie es nicht! Er achtet ſich als ein bevorrechtetes Weſen auf Erden, und iſt es in der That. Seine Augen ſehen in der Natur erhabene Formen, ſchmei⸗ chelnde Farben, geheime Beziehungen, die Andern entgehen; durch ſeine Phantaſie rollen Welten voll unendlicher Schönheit und Pracht; er genießt in einer einzigen Stunde der Begeiſterung mehr wahres Glück, mehr unausſprechlich ſüße Erregungen, als der ma⸗ terielle Reichthum je in einem ganzen Lebenslauf verſchaffen kann. Sein Kummer ſelbſt iſt Genuß, denn der Schmerz iſt für ihn das Feuer, worin ſeine Seele zu neuer Kraft geläutert wird.— Durch ſeine Werke vervielfältigt der Dichter ſein Weſen; in wei⸗ ter Ferne, über Bergen und Strömen lauſchen auf⸗ merkſame Leſer auf ſeine Stimme und unterwerfen ſich ſeinem Einfluß; er iſt zu gleicher Zeit an tau⸗ ſend Orten gegenwärtig;— er wird bewundert, be⸗ dauert, er gebietet da, wo nichts anweſend iſt als ein Funke ſeines Geiſtes. O, und bliebe dem Künſt⸗ ler allein der Gedanke, daß er nie ſterben wird, die Ueberzeugung, daß nach dem Tode ſeines Leibes ſeine Schöpfungen fortleben werden, um die kommen⸗ den Geſchlechter vor der tödtenden Liebe zum Ma⸗ teriellen zu behüten und die menſchliche Natur durch die Idee des Guten und Schönen zu ihrem Urſprung, zu Gott zu erheben! Wäre dies allein nicht genug, um den Wechſelfällen des Schickſals Trotz zu bieten, das doch wie ein Blinder um ſich ſchlägt und nicht fragt, ob man Künſtler iſt, um ſelbſt tödtlich zu treffen?... Kommen Sie, Berthold, glauben Sie den Worten von Jemand, der Sie achtet und liebt. Kehren Sie zurück von Ihrem unſinnigen Ent⸗ ſchluſſe.“ „Könnte ich Ihrem Rath folgen!“ rief Berthold mit tiefer Rührung.„Denn in der That, ich fühle es wohl, für mich gibt es kein Glück in dem mate⸗ riellen Wohlſein... aber ich darf nicht: mein Oheim, die Pflicht der Dankbarkeit...“ „Ihr Oheim wird ſich beruhigen, Berthold.“ „Nein, nein, er iſt zu ſehr auf mich erzürnt; ich weiß nicht, welches drohende Feuer in ſeinen Augen ſprühte, als er mit dem Finger auf mein Gedicht: Der Wucherer deutete, funkelte der Haß in ſeinem Blicke.“ „Das Gedicht: der Wucherer,“ murmelte der Muſiker,„ich begreife...“ „Sie begreifen, warum dieſes Gedicht meinen Oheim ſo über die Maßen erbitterte? Warum es Laura's Vater ſelbſt vor Aufregung zittern machte?“ „Was Herrn Kemenaer betrifft, der hat den Geldteufel in ſeinem Leibe und haßt Alles, was man nicht für Gold kaufen kann; aber Ihr Oheim, das iſt etwas Anderes; er treibt Handel in Geld.— men⸗ Ma⸗ durch rung, enug, dieten, nicht ich zu n Sie liebt. Ent⸗ rthold fühle mate⸗ dheim, . at; ich Augen edicht: ſeinem lte der neinen im es chte?“ it den s man , das ld.— 103 Wie dem auch ſei, Berthold, es gehört ſich ſo wenig für mich, als für Sie, zu unterſuchen, warum Ihr Oheim ſein eigenes Bild in Ihrem Gedichte zu fin⸗ den geglaubt hat.“ „Gott, wenn Sie Wahrheit ſprächen!“ rief der Jüngling beſtürzt und bebend,„aber es iſt unmög⸗ lich; mein Oheim leiht Geld aus, in der That, doch es iſt an Unglückliche, mehr aus Mitleid, als aus Gewinnſucht.“ „Das Geld hat nur Mitleiden mit Unglücklichen, die hohe Zinſen zahlen.“ „Schrecklich!“ rief Berthold, ſeinen Kopf in den Händen verbergend.„Ich würde ſo wahrlich eine Schlange ſein, die, obſchon unwiſſend, ihr Gift ge⸗ gen ihren Wohlthäter ſpie!— Und ich ſollte das Buch nicht vernichten, worin ich die Poeſie durch die abſcheulichſte Undankbarkeit entheiligte? Conrad, Conrad, warum haben Sie mir das geſagt? Warum haben Sie die ſchreckliche Ahnung in mir befeſtigt? Erkennen Sie ſelbſt, daß ich nicht mehr vor meinem Oheim erſcheinen kann, ſo lang die Beſchuldigung beſteht, die eine unglückſelige Eingebung aus meiner Feder fließen ließ. Ihre Meinung mag gegründet ſein oder nicht, es iſt genug, daß das Gedicht mei⸗ nen Oheim, meinen Wohlthäter, blutig verwundet hat.“ Conrad ſchüttelte den Kopf mißmuthig und ſchien in Gedanken verſunken. „Ich danke Ihnen, Freund, für Ihre Zuneigung zu mir,“ ſprach der Jüngling langſam.„Sie haben neuen Troſt und Muth in mein Herz gegoſſen und wieder hat ein Strahl der Hoffnung meine Zukunft 10⁴ erhellt, aber wir täuſchen uns beide. Laſſen Sie uns geduldig das Haupt unter die Nothwendigkeit beugen.“ Plötzlich rief Conrad aufſpringend mit über⸗ raſchender Freudigkeit in ſeiner Stimme: „Ha, ich weiß ein Mittel— ein Mittel, um Ihren Oheim mit Ihnen auszuſöhnen, um Ihr Buch zu retten, um allen Verdruß mit einem Male zu vertilgen!“ Berthold ſchaute ſeinen Freund unglaubig an. „Nein, nein, vermehren Sie meinen Schmerz nicht durch neue Zweifel,“ ſeufzte er. „Einfach, doch unfehlbar iſt das Mittel,“ ſprach Conrad.„Laſſen Sie aus Ihrem Buche das Blatt nehmen, worauf der Wucherer ſteht; laſſen Sie ein neues Blatt mit andern Verſen drucken und ein⸗ fügen. Ueberzeugen Sie Ihren Oheim, daß das Gedicht wirklich ganz und gar vernichtet iſt. Ihre Unterwerfung wird ihm angenehm ſein.“ Ein Lächeln glücklicher Ueberraſchung erhellte Bertholds Angeſicht. „O der gute Gedanke!“ rief er. „Nicht wahr, Ihr Oheim wird Ihnen ſeine Ver⸗ gebung ſchenken und ſich wahrſcheinlich nicht länger gegen die Herausgabe eines Buches ſperren, worin nichts ſteht, das ihm mißfallen kann.“ „Sicher, ſicher; dieſes unſelige Gedicht iſt allein die Urſache ſeiner unbegreiflichen Wuth gegen mich; mein Oheim iſt die Gutherzigkeit ſelbſt; er betrübt ſich vielleicht ſchon jetzt über den Kummer, den er mir angethan hat. Welchen centnerſchweren Stein nehmen Sie mir vom Herzen, Conrad. Ich täuſchte Sie Kan die vori Dich Ung zurü C mit geiſt 2, nem ſchön Ihne Ihre den Gene fen! Sie Geld werd ſen Sie endigkeit t über⸗ el, um hr Buch NRale zu g an. Schmerz ſprach 3 Blatt ſen Sie nd ein⸗ iß das Ihre erhellte ne Ver⸗ länger worin allein 7mich; betrübt den er Stein äuſchte 105 Sie, als ich Gelaſſenheit vor Ihnen heuchelte; der Kampf hatte bereits in meinem Innern angefangen, die Verzweiflung erfüllte meine Seele. Nun iſt es vorüber, die düſtere Wolke iſt weg vor meinen Augen. Dichter ſein! Ja, ich muß, ich will Dichter ſein! Unglück, Schmerz, Widerwärtigkeit, Nichts ſoll mich zurückhalten!“ Der Muſiker drückte feurig des Jünglings Hand; mit Freudenthränen in den Augen und milder Be⸗ geiſterung in der Stimme rief er aus: „„Keine Furcht, Berthold. Blicken Sie mit küh⸗ nem Vertrauen der helleren Zukunft entgegen. Das ſchönſte Leben, das je Sterblichen gegönnt war, lacht Ihnen zu. Sie werden reich ſein und Schätze zu Ihrer Verfügung haben. Gott hat unter Tauſen⸗ den für Sie eine Braut auserkoren, die würdig iſt, die Genoſſin eines Dichters zu werden; die Sie begrei⸗ fen wird, die Sie lieben und verehren wird, weil Sie ein Sänger ſind. Während Alles, was das Geld verſchaffen kann, Ihnen zu Gebot ſtehen wird, werden Sie zugleich alle die Freuden ſchmecken, welche die menſchliche Seele aus der Quelle ihrer eigenen Empfindungen ſchöpfen kann. Doppelt Auserkorner auf Erden! Beſitzer von materieller Macht, von Reichthum des Geiſtes, von junger Körperkraft, Sie ſprechen von Unglück!... „Ja, ein Unglück kann Sie nur treffen,“ ſeufzte er mit ſtiller Betrübniß,„Ihre Seele, durch zu viel Glück in Schlaf gewiegt, kann vergeſſen, wozu ſie berufen iſt. Dieſer Gedanke erſchreckt mich; müßte er ſich verwirklichen, mich dünkt, ich würde darüber ebenſo ſehr trauern, als über das Aufgeben meiner eigenen Beſtimmung.“ „Sie lieben mich alſo wohl innig, Conrad?“ fragte der Jüngling, durch den dumpfen Ton in des Muſikers Stimme gerührt. „Sollte ich Ihnen das bekennen dürfen, Ber⸗ thold?“ antwortete Conrad mit feuchten Augen. „Ich habe die Entwicklung Ihres jungen Geiſtes mit ängſtlicher Sorge beobachtet, Sie ermuthigt und ohne daß Sie es merkten, auf die Bahn der Kunſt vorwärts getrieben. Während Sie— der Macht Ihrer Seele noch unbewußt— Ihre Gedichte allein machten, um ſie der gefühlvollen Laura vorleſen zu können, träumte ich hier in meinem einſamen Käm⸗ merchen für Sie die Größe des Geiſtes und den Glanz des Ruhms. Vergeben Sie dem armen Con⸗ rad ſeinen Hochmuth: er hat gemeint, es werde ihn in ſeinen eigenen Augen erheben, es werde ihm zu einem Troſt in ſeinem traurigen Leben gereichen, wenn er, der ſelbſt kein Künſtler werden konnte, dem Vaterland einen großen und mächtigen Künſtler zu ſchenken vermöchte.“ Berthold warf ſich dem Muſiker an den Hals und ſagte mit ſanftem Tone: „Guter Conrad, ich werde Sie für Ihre Zunei⸗ gung belohnen. Der erſte Gebrauch, den ich von meinem Reichthum machen will, ſoll die Verbeſſerung Ihres Looſes zum Ziel haben. Wir werden immer Freunde bleiben...“ Die Hausfrau öffnete die Thüre des Zimmers und überraſchte Berthold in dem Ausbruch ſeiner Dankbarkeit. für Sie 71 Frau e hend. Ab gewiß: neuen D währe. Muſike 1„ mit de neiner rad?“ in des Ber⸗ lugen. es mit dohne Kunſt Macht allein ſen zu Käm⸗ d den n Con⸗ de ihn ihm zu eichen, e, dem tler zu n Hals Zunei⸗ ch von ſſerung immer mmers ſeiner 107 „Herr Robyn,“ ſagte ſie,„nehmen Sie es mir nicht uͤbel, daß ich ſo unerwartet vor Ihnen erſcheine, aber da iſt eine Frau, die eine dringende Botſchaft für Sie hat; ſie iſt die Dienſtmagd Ihres Oheims...“ „Margret?“ rief Berthold, der angemeldeten Frau entgegenſpringend und ſie in das Zimmer zie⸗ hend.„Du vergießeſt Thränen? Was iſt geſchehen?“ Aber die alte Magd ließ ſich auf einen Stuhl fallen, legte die Hand vor die Augen und begann mit lauter Stimme zu weinen. Der Jüngling in höchſter Aufregung, ſowohl aus Mitleid, als gehei⸗ mem Schrecken, richtete viele haſtige Fragen an ſie. „Laſſen Sie mich Athem ſchöpfen, laſſen Sie mich zu mir kommen,“ kreiſchte ſie mit allen Zeichen der Verzweiflung,„ach, ich werde daran ſterben, das iſt gewiß; dieſer Schlag, ich überlebe ihn nicht!...“ „Um Gottes willen, ſprich, Margret,“ flehte Berthold,„Du machſt mich zittern. Sage, warum weinſt Du ſo bitterlich?“ „O, was bin ich ſo unglücklich! Der gute Herr Robyn, o ich Arme, der ein Teſtament gemacht, da⸗ mit ſeine alte Margret nicht vergeſſen würde.“ „Mein Oheim? ein Teſtament? Was ſagſt Du? Was iſt ihn angekommen?“ ſtöhnte Berthold bleich vor Angſt. „Er iſt todt, todt!“ ſchluchzte die Magd unter neuen Thränen. Der Jüngling ſtieß einen ſchrecklichen Schrei aus, während er ſich mit dem Kopfe an die Bruſt des Muſikers fallen ließ. „Conrad, Conrad,“ rief er,„haben Sie Mitleid mit dem armen Berthold. O, ich erſchrecke vor mir ſelbſt: die Schlange, die ihr Gift gegen ihren Wohl⸗ thäter ſpie und ihn durch ihren Biß gemordet hat. Er iſt todt, er iſt erlegen unter ſeinem Kummer; er hat mich vielleicht verflucht!“ Als ob Margrets Betrübniß plötzlich geſtillt worden wäre, ſtand ſie auf, näherte ſich dem Jüng⸗ ling und ſagte: „Sie irren ſich, Herr Berthold, er iſt an einem Nervenſchlag geſtorben; und er war nicht gegen Sie erzürnt; denn er wollte Sie noch vor ſeinem Tode ſehen. Er hat mehrmals nach Ihnen gerufen, aber wir wußten nicht, wo Sie zu finden wären.“ „Mein guter Oheim, er hat ſich meiner in ſeiner Sterbeſtunde erinnert,“ ſeufzte Berthold.„Guter, barmherziger Gott, habe Dank! Ich darf noch hoffen, daß er mir Vergebung geſchenkt hat.“ Dieſer tröſtende Gedanke öffnete den Born ſeiner zurückgehaltenen Thränen; er weinte heftig in der Stille. Conrad faßte eine ſeiner Hände und flüſterte ihm tröſtende Worte in die Ohren. Die alte Magd ſchaute ihn eine Weile mit dem Ausdruck des Unglaubens auf ihren Lippen an. Es ſchien ihr nicht möglich, daß Jemand, der ſolche große Schätze erben ſollte, wahrhaft betrübt ſein mochte. In der Meinung, Berthold erheuchle nur einen ſolchen Schmerz, weil es die Gewohnheit alſo wolle, ſagte ſie mit einer gewiſſen Ungeduld in der Stimme: „Nun, Herr, warum ſind Sie doch ſo betrübt? Sie haben Gründe genug, ſich zu tröſten. Länger dürfen Sie hier nicht bleiben; unſer Haus iſt voll fremder Leute, ein jeder fragt, wo Sie ſind. Es ſchickt Sie m gen, d D4 Berthe „ flehte der Th Ur er in Bertho Zimme Es gen ur düſtern tiefen n Wohl⸗ det hat. mer; er geſtillt 1 Jüng⸗ n einem gen Sie m Tode en, aber 1 n ſeiner „Guter, hoffen, n ſeiner in der rte ihm nit dem 409 ſchickt ſich nicht, daß man Sie für gleichgültig hält. Sie müſſen nach Haus kommen und den Leuten zei⸗ gen, daß Sie den Tod Ihres Oheims betrauern.“ „In der That, Sie müſſen nach Hauſe gehen, Berthold,“ ſagte der Muſiker. „Kommen Sie, Conrad, kommen Sie mit mir,“ flehte der Jüngling, während er ſeinen Freund nach der Thüre zog. Und als der Muſiker ihn zu fragen ſchien, was er in dem Hauſe ſeines Oheims thun ſollte, ſagte Berthold mit fieberiſcher Aufregung: „Conrad, ich bin außer mir; der Schreck wirft mich nieder. Sie ſollen meinen Muth ſtärken, die Verzweiflung von mir jagen. Kommen Sie, kom⸗ men Sie, wir wollen zuſammen am Todtenbette mei⸗ nes Wohlthäters beten.“ Conrad griff nach ſeinem Hut und verließ das Zimmer mit Berthold und der alten Margret. Viertes Kapitel. Es iſt Nacht. Die Stadt ſcheint in Stillſchwei⸗ gen und Finſterniß wie in einen Abgrund verſunken. Alles ſchläft... Im Hauſe von Herrn Robyn iſt ein abgelegenes Kämmerchen, mit Trauerflor behangen. Auf einem Tiſch ſteht ein ſilbernes Crucifix zwiſchen zwei Ker⸗ zen von gelbem Wachs. Der ſchwache und flackernde Schimmer dieſer Trauerlichter färbt Alles mit einem düſtern Zwielicht und erreicht mit genauer Noth einen tiefen Alkoven, worin Jemand unter einer ſchnee⸗ weißen Decke auf dem Rücken ausgeſtreckt liegt. Es iſt ein Greis; ſilberweiße Haare glänzen um ſeine Schläfe. Man könnte glauben, daß er der Nacht⸗ ruhe pflege und in Vergeſſenheit den Tagesanbruch erwarte; aber ſein Angeſicht, das von den gelben Lichtſchwingungen der Kerzen getroffen wird, iſt blei⸗ farbig und ſchrecklich bleich; ſeine Lippen bleiben un⸗ beweglich krampfhaft und ſeine ganze Miene iſt durch einen erſchreckenden Ausdruck von Pein und Ver⸗ zweiflung entſtellt. Es iſt, als ob dieſe Perſon unter dem Ausſtoßen eines durchbohrenden Nothſchrei's von von dem Tode überraſcht worden wäre. Am obern Ende des Bettes ſitzt eine alte Frau, mit dem Kopfe rückwärts gegen die Lehne ihres Stuhls geneigt. Ihre Kleider ſind ſchmutzig und verſchoſſen, unter ihrer Flügelhaube hervor hängen einige verworrene Haare ihr über die Stirne. Ihr Geſicht iſt mit tiefen Runzeln durchfurcht und zeugt durch die männliche Härte der Züge von rohem Charakter und gemeinem Weſen. Schwer iſt ihr Athemholen, das Keuchen ihrer Bruſt erfüllt die Kammer mit eintönigem Geräuſch. Sie ſchläft je⸗ doch nicht tief; denn bisweilen öffnet ſie ihre grauen Augen zur Hälfte und wirft einen bewußtloſen Blick auf eine andere Frau, die vor ihr am untern Ende des Alkovens ſitzt. Dieſe iſt jünger, und wiewohl ihre Kleider gleich⸗ falls Armuth verrathen, ſind ſie doch ſauber und ſorglich geordnet. Mit dem Kopf auf dem Arm, ruht ſie auf dem Rande des Tiſches und iſt wirklich in einen ſtillen Schlummer verfallen.. Stunden lang ſandten die Wachskerzen alſo ihr iegt. Es um ſeine r Nacht⸗ Sanbruch n gelben iſt blei⸗ iben un⸗ iſt durch nd Ver⸗ on unter rei's von te Frau, ne ihres tzig und hängen te. Ihr nd zeugt nrohem iſt ihr füllt die chläft je⸗ e grauen ſen Blick on Ende er gleich⸗ ber und m Arm, wirklich alſo ihr „ 111 trauriges Licht auf die hohlen Wangen des Leich⸗ nams, Stunden lang blieben die angeſtellten Wach⸗ frauen in Schlaf verſunken... bis endlich ein Karren durch ſein Geräuſch auf der Straße an⸗ kündigte, daß Tagesanbruch bevorſtehe. Die alte Frau öffnete langſam die Augen, reckte die Glieder und murmelte bei ſich: „Hu, wie iſt es ſo kalt! Es iſt, als ob mir alle Glieder auf dieſem harten Stuhl gebrochen wären. Man ſollte meinen, ſie würden einem armen Weibsbilde auch ein Kiſſen geben, um darauf zu ſitzen. Ja wohl, es würde dadurch verdorben wor⸗ den ſein! Es iſt nur noch gut, daß der Tod gerecht iſt. Der alte Wucherer, der dort liegt, Geſichter zu ſchneiden, als ob er bereits in der Hölle briete, wird dieſen Morgen in eine Grube geworfen wer⸗ den, gerade als ob er in ſeinem Leben keinen Heller mehr beſeſſen als die ſchwarze Lisbeth; und die Würmer werden ihn nicht fragen, ob er auf einem Kiſſen ſaß oder nicht.— Hu, wie iſt es hier doch ſo kalt!... He, Theres, wacht einmal auf! es iſt jetzt genug geſchlafen, die Bauern fahren ſchon auf den Markt.“ Die junge Frau erwachte, rieb ſich die Augen und ſagte, indem ſie etwas erſchreckt im Gemach herumſchaute: „O, was für ein ſchrecklicher Traum! Der Schweiß ſteht mir noch auf dem Geſicht!“ „Mich dünkt, Theres, Ihr zittert wahrhaftig. Ich glaube nicht, daß bei Leichen zu wachen, Eure Sache iſt. Es iſt nichts deſto weniger ein beſſeres Pöſtchen, als es ſcheint. Wenn es nur etwas mehr zu thun gäbe, aber die Menſchen leben gegenwärtig ſo lang!“ „Ach mein, Lisbeth, wie war ich doch in Angſt. Mir träumte, daß der Herr dort in dem Alkoven — Gott möge meiner armen Seele gnädig ſein— mir träumte, daß er von ſeinem Bette aufſtände und auf mich zukäme. Er ſah mich ſo ſtarr mit ſeinen gläſernen Augen an und wollte mir mit Gewalt die Hand geben. Ich glaubte vor Schrecken zu ſter⸗ ben, denn Ihr wißt wohl, daß die Hand von einem Geiſt wie Feuer glüht.“ „Nun, Du Gans,“ lachte die alte Frau,„todt iſt todt, es kommen keine Geiſter mehr zurück; ſie haben dort oben mit ihrer eigenen Rechnung genug zu thun.“ „Lisbeth, Lisbeth,“ ſeufzte die Andere, das Zei⸗ chen des Kreuzes machend,„Ihr glaubt an Nichts mehr, Ihr! Wißt Ihr nicht, was einmal in dem hohen Hauſe an dem Ende unſerer Straße geſchehen iſt? Fragt lieber des Metſers Großmutter; die hat ſelbſt den Geiſt geſehen. Warum ſollte ſie lügen?“ „Ja, in der alten Zeit!“ antwortete Lisbeth, „das weiß ich auch wohl: wenn Jemand geſtohlen oder die Leute betrogen hat, dann muß er nach ſei⸗ nem Tode ſo lang ſpuken, bis das geſtohlene Geld zurückgegeben wird; aber dies iſt abgeſchafft, Kind. Liebs Himmelchen, wenn dies gegenwärtig noch ge⸗ ſchehen müßte. Wenn alle Diejenigen, welche die Menſchen betrügen, zurückkommen müßten! Ihr könntet nicht mehr über die Straße gehen vor den Spukgeiſtern, die herumliefen. Fort, fort, was da liegt, iſt Staub und Aſche, wie das Sprichwort ſagt — wärtig Angſt. lkoven rin— de und ſeinen zewalt u ſter⸗ einem „todt ck; ſie genug s Zei⸗ Nichts n dem chehen ie hat gen?“ sbeth, ſtohlen ſch ſei⸗ Geld Kind. ſch ge⸗ he die Ihr dr den das da rt ſagt —n 113 .. Seht nur einmal unter den Tiſch, ob noch et⸗ was in der Flaſche iſt; denn ich weiß nicht, mir iſts ſo ſchwach im Herzen und hier iſt es ſo kalt!“ Theres holte eine Flaſche unter dem Tiſche her⸗ vor und reichte ſie ihrer alten Genoſſin hin. Dieſe trank einen Zug daraus und ſagte, ſeltſame Geſichter ſchneidend: „Nun, Theres, nimmt auch ein Schlückchen; es wird Euch erwärmen.“ „Pfui!“ antwortete die andere mit Abſcheu,„ich mag das garſtige Getränke nicht.“ „Seid Ihr denn bei Milch und Waizenbrod auf⸗ gezogen worden? Wartet nur noch etwas, wenn Ihr das Aemtchen einer Leichenhüterin begleiten wollt, werdet Ihr bald anders ſprechen.“ „Gott bewahre mich, daß ich mein Leben lang noch einmal bei einem Todten wache, der mir fremd iſt!“ ſagte die junge Frau mit einem Seufzer.„Ich habe es übernommen, weil mein Mann im Kranken⸗ hauſe liegt und ich doch etwas verdienen muß, um meinen unſchuldigen Kindern Brod geben zu können; aber ſeid verſichert, Lisbeth, von jetzt an braucht Ihr nicht mehr bei mir anzufragen. Der Tod iſt zu abſchreckend, häßlich; ſo oft ich meine Augen auf das Geſicht des armen Herrn Robyn fallen laſſe, zittere ich wie ein Rohr.“ „Es iſt leicht zu hören, Theres, daß Ihr noch nicht alt im Berufe ſeid, ſonſt würdet Ihr im Ge⸗ gentheil ſagen: je abſchreckender deſto beſſer.“ „Ach, Ihr ſeid von Sinnen? Sprecht doch ſolche Worte nicht an dem Orte, wo wir ſind,“ rief Theres, indem ſie mißbilligend den Kopf ſchüttelte. 8 Conſcience, der Geldteufel. „Ihr meint vielleicht, der alte Geizhals werde es hören? Was ich ſage, iſt gleichwohl leicht genug zu verſtehen,“ fuhr die ſchwarze Lisbeth fort.„Wenn Ihr und ich einen andern armen Menſchen ſterben ſeht, worüber müßten wir trauern? Wir ſind nackt auf die Welt gekommen und gehen ebenſo reich wie⸗ der hinaus. Wir verziehen das Geſicht nicht auf ſo häßliche Weiſe, denn es müßte in der That da oben ſchrecklich ſchlecht ſein, wenn wir es nicht etwas beſſer hätten, als hier.“ „Wenn man keine Kinder, keinen Mann oder keine Mutter hat, die man verlaſſen muß, dann würde in der That der Tod für uns nichts Arges ſein; aber arm oder reich, das Leben iſt doch ſo ſüß!“ „Ein reicher Menſch, der ſterben muß? Er ſieht ſein Geld, ſeine Häuſer, ſeine Kutſchen; er war überall Herr; Jedermann kroch auf den Knien vor ihm; auf ſeiner Tafel ſtanden alle Arten von Lecker⸗ biſſen; er trank Wein vom Morgen bis zum Abend; es war Muſik in ſeinem Hauſe; er ſpielte und praßte, als ob es ſein Handwerk wäre... Alles, Alles muß er verlaſſen; von ſeinem Reichthum kann er nicht mehr mitnehmen, als ich oder Ihr: einige Ellen Leinwand! Hättet Ihr Euer Leben lang in Gold und Luxus geſchwommen, Theres, und Gevatter Tod käme und ſagte: zjetzt iſts aus mit Kochen, Ihr würdet wohl auch häßliche Geſichter ſchneiden, oder meint Ihr nicht?“ „Was Ihr ſagt, iſt doch nur Spötterei,“ ant⸗ wortete die Andere,„ich habe die Dame aus dem Wagenhaus hinter unſerer Ecke geſehen, da ſie als » eine ſanft Himn jenig⸗ iſt es Schle ein K wahr ſeiner durch Himn ſchlech ein J werde genug „Wenn ſterben id nackt ich wie⸗ cht auf chat da etwas i oder „dann Arges doch ſo Er ſieht er war en vor Lecker⸗ Abend; praßte, Alles ann er einige ang in evatter kochen, neiden, 41 ant⸗ s dem ſie als „ 115 eine Leiche dalag. Sie hatte ein Geſicht, ſo ſtill, ſo ſanft und ſo hell, als ob ſie bereits ein Engel im Himmel geweſen wäre. Vor ihr fürchtete ich mich nicht; hätte ich es nur wagen dürfen, ſeid verſichert, ich würde ſie geküßt haben, in dem Gedanken, daß es ein Segen für mich geweſen wäre. So iſt der Tod nicht ſchrecklich.“ „Ich glaube es wohl! Aber wie ſprecht Ihr auch?“ ſagte die ſchwarze Lisbeth.„Eine Frau, welche die armen Leute ſo gern ſah— die alle Tage gute Werke that, und keine größere Freude kannte, als Unglückliche zu tröſten. Wenn Ihr auf ſolche Art reich geweſen ſeid, dann könnt Ihr ſterben ohne Schrecken. Es iſt auf der Welt wohl gut für Die⸗ jenigen, welche Schätze haben; aber in dem Himmel iſt es doch noch beſſer... Aber, lieber Gott, dieſer Schlag von reichen Leuten iſt ſo rar! Kennt Ihr ein Kameel, Theres? Es iſt ein großes Thier, nicht wahr? Der Unterpfarrer hat verfloſſenen Sonntag in ſeiner Predigt geſagt, daß ein Kameel noch leichter durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher durch die Himmelspforte.“ „Das kommt darauf an, wie er ſprach: ein ſchlechtet Reicher, wollte er ſagen;— denn wenn ein Armer Uebels thut, wird er auch dafür büßen. Ihr habt einen Groll gegen reiche Leute, Lisbeth, und Ihr ſprecht, als ob Gott im Himmel nicht gerecht wäre gegen Jedermann. Nach den Werken ſoll der Lohn ſein.“ „Ja, ja; wir würden vielleicht auch viel Böſes thun, das wir nun unterlaſſen müſſen, weil wir die Macht nicht haben; aber gethan iſt gethan und es ſteht —ͤ —ÿ— 116 dort oben auf der großen Rechnung. Dort in dem Alkoven liegt ein ſolcher, der ſeine arme Seele dem Geldteufel verkauft hat;— und in der Stunde ſei⸗ nes Todes hat er es wohl gewußt; darum iſt er mit einer ſo ſchrecklichen Larve geſtorben.— Schau ihn nur an; er wird Euch nicht beißen... Ich höre Geräuſch!— Es iſt Euer Stuhl, der kracht...“ „Ach was? mein Stuhl?“ ſeufzte die jüngere Frau erſchreckend.„Ich habe mich nicht verrührt! Ach Gott, es war dort hinter dem Alkoven... Schon wieder! Es iſt Jemand in dem Zimmer da⸗ neben.“ „Ah, ah, Ihr fürchtet Euch!“ ſpottete die An⸗ dere.„Es muß draußen ſchon Licht werden; Mar⸗ gret wird vielleicht aufgeſtanden ſein.— Ja, Kind, ſo lang der alte Protz lebte, durfte man nicht viel ſagen; er hatte Geld und der Gerichtshof ſpaßt nicht; aber wenn das Pferd todt, ziehen die Kinder ihm das Haar aus dem Schweife. Ihr ſollt einmal hören, was ſie Alles von Herrn Robyn zu ſagen und zu erzählen wiſſen. Ihr würdet darüber er⸗ ſchrecken und zittern: er hat wohl hundert ehrliche Leute aufs Stroh gebracht.“ „Ach, Ihr ſollt nicht Uebels ſprechen von Eu⸗ rem Nebenmenſchen. Seid Ihr auch deſſen gewiß, was Ihr ſagt?“ „Was kann ich davon wiſſen? Ich habe es bei dem Bäcker erzählen hören.“ „Seht Ihr wohl? War es dann nicht beſſer, Gott dort oben darüber richten zu laſſen?... Horch, es kommt Jemand die Treppe herauf. Es iſt Mar⸗ gret: ich höre es an ihrem Tritt.“ * allein S bend, melte ccht...“ jüngere rrührt! en... mer da⸗ die An⸗ Mar⸗ „Kind, cht viel zt nicht; der ihm einmal ſagen ber er⸗ ehrliche on Eu⸗ gewiß, es bei beſſer, Horch, Mar⸗ Herrn Robyns alte Magd trat in die Kammer, warf einen gleichgültigen Blick auf den Leichnam ihres Herrn und fragte dann lächelnd die Wäch⸗ terinnen: „Nun, wie iſt es die Nacht geweſen? Was muß es langweilig ſein, bei einem Todten zu ſitzen! Ich habe gut geſchlafen; aber doch wurde ich von mei⸗ nen Gedanken zu früh aus dem Bette gejagt. Ich werde hier noch ein halbes Stündchen bei Euch bleiben können; denn ich bin da unten nicht gerne allein.“ Sie nahm einen Stuhl, und ſich die Hände rei⸗ bend, als hätte ſie ein Recht vergnügt zu ſein, mur⸗ melte ſie: „Gott ſei gelobt, daß dieſe Leiche noch heute zur Thüre hinauskommt! Man ſollte die Menſchen, die todt ſind, nur gleich auf der Stelle begraben, dann würden die Lebenden nicht ſo lang ihre Laſt damit haben.“ „Und dann würde das Erbe früher getheilt werden,“ ſcherzte die ſchwarze Lisbeth. „Nun ja,“ antwortete die Magd,„das iſt auch für etwas zu achten. Ich werde alt, liebes Weib, und da ich doch etwas auf der Welt beſitzen muß, nehme ich es lieber heute als morgen.“ „Werdet Ihr viel erben?“ fragte die jüngere Frau. „Viel? ich glaube es wenigſtens.“ „Wißt Ihr es nicht?“ „Nein, das Teſtament iſt geheim; wenn der alte Brummhafen aus dem Hauſe iſt, wird man es er⸗ öffnen und leſen.“ 118 „Aber hat der Herr je mit Euch davon geſpro⸗ chen?“ fragte Lisbeth den Kopf ſchüttelnd.„Das iſt ſehr befremdend. Man könnte im Teſtament Euren Namen einmal vergeſſen haben, Margret!“ Ein leichter Schrecken bemächtigte ſich der Dienſt⸗ magd, doch ſie gewann augenblicklich ihre Ruhe wieder. „Es iſt eine ſonderbare Sache geweſen,“ ſagte ſie,„ich habe Jahre lang gefürchtet, ich würde am Ende von Allem keinen Pfennig davon haben, außer was ich an der Haushaltung erſparen konnte. Der Herr wurde alle Tage kränker und kränker, aber er hing zu feſt an ſeinem Geld, als daß er ein Teſta⸗ ment machen wollte. Wäre er unverſehens geſtor⸗ ben, unſer junger Herr— der Fant— würde Alles, Alles geerbt haben und ich und unſer Schrei⸗ ber hätten nichts bekommen... Aber ich höre, dünkt mich, etwas auf der Treppe ſich rühren! Sollte Monk bereits aufgeſtanden ſein?“ „Es iſt ein Karren, der vorüberfährt,“ bemerkte Lisbeth. „Das wäre etwas Schönes geweſen, nicht wahr, wenn der alte undankbare Filz von der Welt abge⸗ fahren wäre, ohne mir den verſprochenen Lohn zu geben!“ „Und er hat alſo doch endlich ein Teſtament ge⸗ macht?“ „Ja, aber es hat keine geringe Mühe gekoſtet. Er wollte nichts davon hören; es war noch immer Zeit genug.— Ich hätte ihn vor Aerger in ſeinem Bette erſticken laſſen, den Geizhals!— Ich glaube, daß unſer junger Herr, der Alles gern allein haben wollte vor, müßt 9 „ beth. 84 nicht geſagt drucke — K ihm ſieht wahr! dieſer als d iſt der bis zu Euch viel e Wart ausle Teſta geſpas und e der E alten in H Teſta Legat geſpro⸗ „Das ſtament ret!“ Dienſt⸗ Ruhe ſagte de am außer Der aber er Teſta⸗ geſtor⸗ würde Schrei⸗ höre, Sollte rmerkte wahr, abge⸗ ohn zu int ge⸗ ekoſtet. immer ſeinem laube, haben 119 wollte, ihn aufreizte; aber es fiel zum Glück etwas vor, das uns unerwartet Rettung brachte. Ihr müßt wiſſen, unſer junger Herr macht Verſe.“ „Was iſt das?“ unterbrach ſie die ſchwarze Lis⸗ beth. „Gedichte, Liedchen. Herr Robyn kann das nicht vertragen. Unſer junger Herr, der, unter uns geſagt, mehr als ein halber Narr iſt, ließ ein Buch drucken, ohne daß ſein Oheim etwas davon wußte. — Kennt Ihr Monk, unſern Schreiber? Ihr ſeid ihm geſtern unten auf dem Gang begegnet. Er ſieht wie ein unſchuldiger Dummerjan aus, nicht wahr? Ja, Ihr ſolltet das nicht ſagen, aber eben dieſer Monk hat mehr Liſten in ſeinem kleinen Finger, als der beſte Advokat in ſeinem ganzen Leibe. Er iſt der Verſtand und die Schlauheit ſelbſt vom Kopf bis zu den Füßen. Ja, ja, es iſt wahr, was ich Euch ſage, obwohl es nicht ſcheint. Er wird auch viel erben; ich werde mich mit ihm verheirathen... Wartet einmal, was wollte ich Euch noch weiter auslegen?“ „Von einem Buch mit Liedchen und von dem Teſtament,“ antwortete die ſchwarze Lisbeth, die mit geſpannter Neugier zuhörte. „Ach ja! Monk kann alle Geheimniſſe entdecken, und er weiß auch wohl, daß unſer junger Herr in der Stille ein Buch drucken ließ. Er hat es dem alten Robyn geſagt und ihn gegen Berthold ſo ſehr in Harniſch gejagt, daß er vor einigen Tagen ein Teſtament gemacht hat. Ich bekomme ein großes Legat!“ „Wie viel? Ihr wißt es nicht? Wenn es nun ſehr viel wäre, Margret! daß Ihr in einer Kutſche fahren könntet, he? Dürfte ich dann an Eure Thüre kommen, um den Abtrag von Eurer Tafel zu holen?“ „So viel wird es nicht ſein, Lisbeth?“ „Ihr könnt es immer nicht wiſſen.“ „In der That, Alles iſt möglich; er ſah mich wohl gern, weil ich ihm immer Recht gab und ihm ſchmeichelte, aber es geſchah doch nicht wegen ſeiner ſchönen Augen, dem knurrigen Büffel!“ „Sprecht doch nicht ſo,“ ſeufzte die junge Frau flehend.„Ich kann es ohne Schrecken nicht hören. Laßt um Gottes willen die Todten ruhen. Es iſt eine Schande, bei einer Leiche! Ihr müßt ihm dank⸗ bar ſein und für ſeine Seele beten!“ „Sieh, was kommt die einfältige Schlurre an?“ rief Margret mit Verwunderung.„Beten! Es würde viel helfen!“ „Sie kennt die Welt noch nicht,“ bemerkte die ſchwarze Lisbeth lachend.„Sie fürchtet, der Herr werde wieder aufwachen.— Schweigt ſtill, Theres, und laßt die Leute ſprechen, wie ſie wollen...“ „Sagt einmal, Margret, iſt es wahr, daß er über eine Million reich war?“ „Monk hat darüber reinen Mund gehalten, aber ich glaube es doch wohl.“ „Und mit welcher Handelſchaft hat er all dieſes Geld gewonnen? Sein Vater war ein Schacherer; der konnte wohl Geld zuſammengeſcharrt haben; aber eine Million, das fällt doch nicht vom Himmel.“ es nun Kutſche Thüre fel zu h mich id ihm ſeiner Frau hören. Es iſt dank⸗ an?“ ! Es kte die Herr cheres, . 4 daß er ,, aber dieſes cherer; ; aber l.“¹ 121 Margret zuckte die Achſeln mit einem ſonderba⸗ ren Lächeln. „Wir wollen dieſes Töpfchen nur gedeckt laſſen,“ murmelte ſie. „So, Ihr meint ſicher, ich wiſſe es nicht? Euer Herr war ein garſtiger Geldteufel und hat einer Menge Menſchen das Blut abgezapft und Wittwen und Waiſen unglücklich gemacht.“ „Wer ſagt das?“ fragte die Magd verwundert. „Nun auf der Straße; Jedermann ſagt es.“ „Und wie ſollte er dies gethan haben, glaubt hr?“ „Ja, ſeht nun, vom Geld kenne ich bitter wenig. Wie? das geht über meinen Verſtand. Aber zum Beiſpiel, in der Kammer des Schuhmachers neben meiner Thüre wohnen Leute, die einſt wohlhabend waren. Sie hatten einen großen Krämerladen und verdienten reichlich ihr Brod. Nun ſind ſie ſo arm, daß ich ſelbſt Mitleiden mit ihnen habe. Wo meint Ihr, daß ihr Geld und Gut geblieben iſt? Hier in dieſem Hauſe: in den Händen des alten Fuchſes, der dort liegt und auf ſeine Todtenlade wartet! Wie? dies ſolltet Ihr beſſer wiſſen, als ich; Ihr habt ge⸗ wiß mehr Kenntniß davon, als Jemand, der noch keine zwanzig Gulden beiſammen geſehen hat.“ „Sie hielten ihre Sachen vor mir geheim, ſo geheim, als ob ich eine ſchlechte Kreatur geweſen wäre, die ſie hätte verrathen können,“ antwortete die Magd,„aber weiß ich auch nicht Alles, ich weiß doch viel. Das iſt allezeit gewiß, Lisbeth, daß Ro⸗ byn dort oben garſtige Rechnung wird abzumachen haben. Ich würde wohl für ihn bitten— wenn ich 122 wüßte, mit wie viel ich im Teſtament ſtehe— aber, o Gott, es iſt Butter an den Galgen geſtrichen: er ſitzt in der Hölle bis über die Ohren!“ Die jüngere Frau ſprang plötzlich auf und ſagte mit Angſt und Entrüſtung: „Ich bleibe hier nicht länger; Ihr mögt mir meinen Taglohn verweigern, oder nicht; noch lieber Hunger und Noth, als ſolche Dinge hören müſſen. Es iſt abſcheulich!“ Die ſchwarze Lisbeth legte ihr die Hände auf die Schulter und drückte ſie mit Gewalt wieder auf ihren Stuhl nieder. „Aber, Du Einfältige, wenn es nun Wahrheit iſt, was wir ſagen.“ „Das iſt gleich, es durchbohrt mir das Herz!“ rief die Andere. „Hört, wir wollen es abmachen,“ ſprach Magret. „Es iſt draußen bereits heller Tag. Monk kommt immer früh hinunter, ich muß ihm ſein Frühſtück fertig machen; ich muß nun gehen, aber ſobald die Leiche aus dem Hauſe iſt, werde ich einen leckern Kaffee einſchenken. Wir werden Butterkuchen und geräucherte Zunge haben und fröhlich ſein... bis ſpäter alſo!“ Sie war im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen; — aber als ſie ſich umwandte, entfuhr ihr ein Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens, und ſie ließ ſich wieder auf ihren Stuhl fallen. „Berthold!“ rief ſie mit dumpfer Stimme. Wirllich zeigte ſich der Jüngling auf der Schwelle des Zimmers, und es war der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes, worüber die Magd ſo ſehr außer Faſſung geriet ſeinen rüſtur ſeinen getha Verfl mit was ein u habe 123 aber, gerieth. Er war bleich, ſeine Lippen bebten; in n: er ſeinen Augen funkelte das Feuer der heftigſten Ent⸗. rüſtung. Ohne Margret Zeit zu laſſen, etwas zu ſagte. ſagen, näherte er ſich ihr, faßte ſie am Arm und ſprach, indem er ſie aus dem Zimmer zog: t mir„Kommt, folget mir, gehorcht, ich will es lieber haben.“ üſſen. Die Magd, durch dieſe Handlungsweiſe über⸗ raſcht, ließ ſich über den Gang in ein Zimmer füh⸗ e auf ren, das nach dem Garten lag und bereits von den r auf Strahlen der aufgehenden Sonne erhellt war. Berthold ſchloß die Thüre und ſich mit den Ar⸗ hrheit men auf der Bruſt vor Margret ſtellend, rief er in höchſter Aufregung:. eerz!“„Undankbares Geſchöpf! Wie? Ihr wollt mei⸗ nen Oheim, Euren Herrn, nach ſeinem Tode ver⸗ agret. ſpotten? Habt Ihr denn kein Gefühl, keine Seele, ommt daß Ihr in Gegenwart der Leiche Eures Wohl⸗ hſtück thäters ſolche abſcheulichen Worte auszuſprechen d die wagtet?“ eckern„Aber was habe ich denn geſagt?“ ſtotterte die und Magd mit den Händen vor den Augen. . bis„Ha, Ihr habt ihm alſo geſchmeichelt?“ fuhr der Jüͤngling fort,„geſchmeichelt, damit er Eurer in aſſen; 5 ſeinem Teſtamente gedenke? Ihr habt ihm ſchön Schrei gethan, ihn betrogen in der Hoffnung auf Geld? ließ Verfluchtes Geld, das ſelbſt die Seele eines Weibes mit Gift erfüllt!“ „Aber Herr,“ kreiſchte die Magd,„ich weiß nicht, welle was Sie ſagen wollen. Es iſt möglich, daß mir Ge⸗„ ein unvorſichtiges Wort entfallen; aber, o Gott, ich ſſung habe dieſer Tage auch ſo viele Thränen vergoſſen, 124 daß ich mir nun Mühe gebe, meine Traurigkeit zu bemeiſtern.“ „Elende Schlange, Ihr wollt Euch noch ver⸗ ſtellen!“ grollte Berthold.„Ich habe Alles gehört: es war Gott, der mich erwachen ließ und meine Schritte nach dem Ort lenkte, wo Ihr Eure gottes⸗ läſterlichen Schmähungen über eine Leiche ausſpracht.“ Er faßte ſie von Neuem am Arm und rief: „Nun ſagt, was wißt Ihr von meinem Oheim?“ „Nichts, nichts,“ ſtammelte die erſchrockene Magd. „Warum iſt er in der Hölle? Warum kann Beten ſeiner Seele nicht helfen?“ „Aber Herr, was haben Sie? Wollen Sie mich ermorden?“ jammerte Margret.„Eine alte, wehrloſe Frau? Laſſen Sie mich los, oder ich ſchreie um Hilfe.“ Dieſe Drohung, obwohl nur erheuchelt, erſchreckte den Jüngling und veranlaßte ihn, ſeinen Unwillen mit Gewalt zu bezwingen. Er nahm ſeine vorige Haltung wieder an und ſagte ſpottend: „Euch ermorden! Nein, nein, Euch wegjagen, Euch verbieten, jemals wieder den Fuß in dieſes Haus zu ſetzen, das Ihr durch Eure ſchändliche Un⸗ dankbarkeit befleckt habt.“ „Mich wegjagen, mich?“ weinte Margret,„ich, die zwölf Jahre lang unſern alten Herrn verſorgt und in ſeiner Krankheit an ſeinem Bette gewacht hat? Er müßte es hören können, daß Sie die alte Margret wegjagen!“ „Ihr ſollt gehen, ſage ich Euch! Stehenden Fußes!“ „Aber, Herr, ſo jagt man doch einen Dienſtbo⸗ keit zu ) ver⸗ ehört: meine gottes⸗ racht.“ eim?“ Magd. kann Sie alte, ſchreie hreckte willen vorige agen, dieſes e Un⸗ nich, rſorgt wacht ealte enden nſtbo⸗ 125 ten nicht weg, ohne darnach zu fragen, ob er ein Obdach hat, wo er ſchlafen kann.“ „Sucht Euch eine Herberge; ich werde die Ko⸗ ſten bezahlen.“ Margret ſchien in dem Maße, als des Jüng⸗ lings Stimme von minderem Grimm zeugte, kecker zu werden; und ſie erkannte, daß es für ſie keine Gefahr hatte. Sie antwortete alſo mit keckem Tone: „Wenn man eine Magd wegſchickt, vergönnt man ihr zum Mindeſten vierzehn Tage, um einen andern Dienſt zu ſuchen.“ „Es iſt unmöglich,“ ſprach Berthold,„ich werde Euch einen ganzen Monatlohn bezahlen, aber geht fort, ich bitte Euch darum. Ihr dürft nicht unter. dieſem Dach bleiben, wo die Leiche meines Oheims ruht. Eure Gegenwart iſt eine Läſterung, ein Hohn für ihn.“ „Aber ich ſtehe in ſeinem Teſtament, ſo gut wie Sie, Herr, und ehe es bekannt, iſt hier Niemand Herr und Meiſter.“ Dieſe Worte erregten Berthold ein bitteres Lurhen Wieder entbrannte ſein zurückgehaltener orn. „Ihr ſteht im Teſtament,“ rief er,„und Ihr ſeid dankbar für die Wohlthat! Es iſt recht. Geht nach Eurer Kammer; ſucht Alles zuſammen, was Euch gehört, und entfernt Euch ſogleich, oder ich laſſe Euch durch das Geſetz mit Gewalt aus dem Hauſe treiben. Ha, Ihr wollt Kaffee trinken und fröhlich ſein, während man Euern Wohlthäter begräbt. Nein, nein! Geht Ihr oder nicht?“ Die Magd nahm ihre Schürze vor die Augen 126 und ſtand auf, um dem zwingenden Befehle des Jünglings zu gehorchen. Als ſie auf die Zimmer⸗ thüre zuſchritt, murmelte ſie drohende Worte, ſtieg jedoch, ohne weiter zu ſprechen, die Treppe hinab. Berthold ließ ſich, der Heftigkeit ſeiner Aufre⸗ gung faſt unterliegend, auf einen Stuhl ſinken und blieb in Nachſinnen verloren. Hinabgekommen, ließ die Magd ihre Schürze wieder fallen, lief über den Gang der Thüre des Bureau's zu, durch deren Schlüſſelloch ſie hinein⸗ ſchaute, ob Niemand ſich daſelbſt befände.— Ein Lächeln bewegte ihre Lippen. „Er iſt bereits da!“ murmelte ſie.„Wir wollen einmal ſehen, ob Margret ſich wie eine Bettlerin wegjagen läßt.“ Sie nahm von Neuem die Schürze vor die Augen, begann laut zu weinen und klopfte dann an die Thüre des Bureau's. „Herein!“ rief eine Stimme. „Ach, lieber Monk, helſt, helft mir!“ kreiſchte ſie, auf einen Stuhl niederſinkend.„Was wird noch über mich kommen! Es iſt um zu ſterben vor Scham und Aerger...“ „Nun, was bedeutet dies Geheul?“ fragte Monk mit barſchem Tone. „Wie? Dieſes Geheul?“ wiederholte ſie mit flammenden Augen und ihre Thränen plötzlich trock⸗ nend.„Ihr wißt wohl aus vielen Tonarten zu ſingen, Ihr! Ha, meint Ihr, daß es ſo fortgehen ſoll, wenn wir getraut ſind? Warum jagt Ihr mich nicht auch weg gleich einem Hund? Paßt nur auf, der Hund könnte Euch beißen!“ Ellb Grit und faßt da ſ wun Kom tröſt hle des limmer⸗ , ſtieg nab. Aufre⸗ en und Schürze ere des hinein⸗ — Ein wollen ettlerin Augen, an die reiſchte rd noch Scham e Monk ſie mit h trock⸗ ten zu rtgehen or mich ur auf, 127 Monk machte eine heſtige Bewegung mit dem Ellbogen und preßte die Lippen vor unterdrücktem Grimm zuſammen; er ging jedoch auf die Magd zu und ſprach, indem er ſie ſchmeichelnd bei der Hand faßte: „Aber Margret, gute Freundin, Du rückſt mir da ſo unerwartet auf den Leib. Iſt es dann zu ver⸗ wundern, wenn mir ein haſtiges Wort entſchlüpft? Komm, ſag mir, was Dich bedroht; ich werde Dich tröſten nach meinem Vermögen.“ „Denkt einmal, Monk, der hoffärtige Kopf, der Beſchlagnehmer da, jagt mich weg!“ „Wer?“ „Nun, Berthold.“ „Um einen Spaß zu machen, gewiß? Es iſt nicht möglich!“ „Ja, ja, ich muß ſtehenden Fußes abziehen, oder er will mich durch das Geſetz vor die Thüre ſetzen laſſen, ſagt er.“ „Aber die Urſache, der Grund?“ „Der Grund? Ich habe dort bei den Wächte⸗ rinnen ſo eines und das Andere über Herrn Robyn geſagt, zum Beiſpiel, daß der alte Geizhals kein Te⸗ ſtament machen wollte, daß er nun in der Hölle brennen müſſe und daß Gebete ſeiner Seele wenig helfen werden... Der Herr hat es gehört.“ „Du kannſt doch niemals Dein Maul halten!“ rief Monk, auf den Boden ſtampfend.„Unvorſich⸗ tige, wenn man erbt, muß man mit Ehrerbietung von ſeinem Wohlthäter ſprechen.“ „Seht, es iſt nur, weil Ihr ſo viel Gutes von ihm ſagt.“ 128 „Unter uns, wenn wir allein ſind, iſt es etwas Anderes; aber in Gegenwart von fremden Leuten! — Höre, Margret, ich habe Dir etwas verborgen, weil Du ſo viel Mühe haſt, zu ſchweigen. Nun will ich es Dir doch ſagen; aber es iſt ein Geheimniß, das Niemand wiſſen darf!“ „Ein Geheimniß, das Niemand wiſſen darf!“ wiederholte Margret, mit Augen, die vor Neugier brannten. „Ja, aber ich beſchwöre Dich, laß Deinem Munde kein Wort entſchlüpfen, welches das Beſtehen eines ſolchen Geheimniſſes vermuthen laſſen könnte. Die geringſte Unvorſichtigkeit könnte uns um unſer Erbe bringen; kein einziger Stüber bliebe uns übrig...“ „Nun, nun, was iſt es denn? Sprecht; ſeid verſichert, ich werde ſchweigen.“ „Margret, liebe Margret,“ ſeufzte Monk,„das Teſtament kann umgeſtoßen werden; es iſt nicht nach Vorſchrift des Geſetzes abgefaßt.“ „Himmel, woher wißt Ihr das?“ rief die Magd erbleichend. „Es iſt ſo; das Geſetz ſagt, daß ein Teſtament, um unantaſtbar zu ſein, die Angabe des Ortes und Tages tragen muß, an dem es gemacht iſt. Robyn hat das Datum vergeſſen!“ „Aber wie wißt Ihr das?“ fragte Margret mit anklagendem Blick.„Ihr habt das Teſtament doch nicht geſehen?“ „Nein; was ich Dir ſage, iſt mir insgeheim durch Jemand anvertraut worden, deſſen Namen ich nicht nennen darf, der aber vermöge ſeines Amtes bei — 5* dem( hat de ſchaft 1 um u komme aber ſtamer ſache die T ſollſt etwas geuten! borgen, un will eimniß, darf!“ Neugier Munde Zeſtehen könnte. n unſer de uns ht; ſeid 8,„das ht nach e Magd ſtament, tes und Robyn gret mit ent doch im durch ich nicht ates bei 129 dem Gerichtshof... Du verſtehſt mich? Er allein hat den Fehler bemerkt und will ihn aus Freund⸗ ſchaft für mich verborgen halten.“ „Es muß doch allezeit etwas dazwiſchen kommen, um uns einen Schlagbaum vorzuſchieben. Bald be⸗ kommen wir vollends gar nichts!“ „Im Fall Du ſchweigen kannſt, iſt keine Gefahr; aber wenn Du noch mit den Nachbarn über das Te⸗ ſtament ſchwatzeſt, dann wirſt Du ſicherlich die Ur⸗ ſache unſerer Armuth ſein.— Da höre ich Berthold die Treppe herabkommen. Fürchte Dich nicht; Du ſollſt hier bleiben; ich werde es mit dem Herrn wohl zu machen wiſſen. Gehe durch dieſe innere Thüre nach Deiner Kammer und bleibe dort ruhig, bis die Sache beigelegt iſt. Bewahre das Geheimniß; un⸗ ſere Wohlfahrt hängt davon ab!“ Monk ſah der Magd nach, bis die Thüre wieder geſchloſſen war. Sich die Hände reibend, ſagte er mit Lachen: „Dummes Plaudermaul! Du glaubſt Alles, was man Dir weiß macht. Nun ſie ſich im Beſitz eines Geheimniſſes wähnt, wird ſie an nichts An⸗ deres mehr denken. Wenn ſie ſpäter herausfindet, daß ihr Name im Teſtament vergeſſen iſt, wird ſie vielleicht, um ſich zu rächen, hingehen und ſagen, das Datum in dem letzten Willen von Robyn ſei ausgelaſſen. Man wird ihrer Anklage ſpotten. Das Teſtament trägt das Datum vom 20. April. Ha, ha, ich bin doch ein ſchlauer Kopf!“ Mit leiſen Schritten ging er nach dem Pulte, nahm eine Feder in die Hand und beugte den Kopf über das Papier, als wäre er mit Schreiben beſchäf⸗ Conſeience, der Geldteufel. 9 tigt.— Sein Geſicht war plötzlich kalt und gleich⸗ gültig geworden. Berthold trat in das Bureau ein, nahm einen Stuhl und ſagte, ſich niederſetzend: „Monk, ich muß mit Ihnen ſprechen.“ Der Schreiber drehte ſich um. „Setzen Sie ſich,“ ſagte Berthold,„unſer Ge⸗ ſpräch kann lang ſein.“ „Achten Sie nicht darauf, ich bin das Stehen gewohnt,“ brummte der Andere, während er ſeinen ſcharfen Blick auf den Jüngling gerichtet hielt, als wollte er im Voraus errathen, was er ihm zu ſagen oder zu fragen haben könnte. „Sehen Sie, Monk,“ begann Berthold,„ich könnte mit Fug und Recht über das, was ſeit einigen Ta⸗ gen hier geſchehen iſt, ungehalten ſein; aber ich will den Worten eines böſen Weibes nicht blindlings Glauben ſchenken.“ „Sie haben Recht, Herr, vollkommen Recht,“ fiel ihm Monk in die Rede,„Margret iſt eine Närrin, die nicht weiß, was ihr über die Zunge kommt. Sie ſpricht Böſes von Jedermann; von Ihnen, von mir, ja von ſich ſelbſt;— aber ſie iſt alt; man muß Mitleid mit ihren Jahren haben.“ „Sie muß dieß Haus verlaſſen, auf der Stelle. Ich habe ſie weggeſchickt.“ „Sie hat mir ihr Leid geklagt, aber es iſt gewiß nicht ſo gemeint, mein Herr.“ „Unwiderruflich beſchloſſen.“ „Warum jedoch ſo unerwartete Strenge?“ „O, es iſt abſcheulich; mein Blut wallt auf, wenn ich daran denke. Allerlei düſtere Betrachtun⸗ gen Mor Todt Als ſprec und bluti dem Läſte muß hiehe zu v blick unw 1 der wund G einer dazu . 1 mein wagt bitten Dien wollt Ich 5 muth Ohei gleich⸗ m einen iſer Ge⸗ Stehen r ſeinen elt, als zu ſagen ch könnte gen Ta⸗ ich will indlings ht,“ fiel Närrin, mt. Sie don mir, an muß Stelle. ſt gewiß 2 llt auf, rachtun⸗ gen hatten mich nicht ſchlafen laſſen; mit dem erſten Morgenſchimmer ſtand ich auf und wollte nach der Todtenkammer gehen, um noch einige Zeit zu beten. Als ich nahe derſelben kam, hörte ich ſeltſame Worte ſprechen. Ueberraſcht und betroffen blieb ich ſtehen und horchte. Margret verhöhnte meinen Oheim auf blutige Weiſe, freute ſich über ſeinen Tod und warf dem ſtillen Leichnam ihres Wohlthäters Spott und Läſterung ins Geſicht. Ich habe ſie weggejagt; ſie muß ohne Verzug fort von hier... aber ich bin hieher gekommen, über wichtigere Dinge mit Ihnen zu verhandeln.“ „Margret wird aber doch wohl dieſen Augen⸗ blick nicht fortgehen?“ brummte der Schreiber mit unwilligem Nachdruck. „Nicht? Und wer ſoll es verhindern?“ fragte der Jüngling, über den Ton in Monks Worten ver⸗ wundert. Sich plötzlich bezwingend, ſprach der Andere mit einem demüthigen Lächeln, das unzweifelhaft nur dazu diente, Ungeduld und Spott zu verbergen. „In der That, Sie ſind Herr. Nehmen Sie mein Vertrauen auf Ihre Güte doch nicht übel. Ich wagte zu hoffen, daß Sie, mein Herr, ſich zuletzt er⸗ bitten laſſen würden, aus Mitleid mit einer armen Dienſtmagd; und ich hoffe es noch... Aber Sie wollten mit mir von wichtigern Dingen ſprechen. Ich höre!“ Berthold ließ ſich durch Monks verſtellte De⸗ muth täuſchen und ſagte in ruhigem Tone: „Nein, ich will nicht unterſuchen, warum mein Oheim ſo unbegreiflich erzürnt auf mich war und wie er vor Erſcheinen meines Buchs Kenntniß von meinem Gedicht: der Wucherer, erlangte. Und ſollten auch Margrets Offenbarungen gegründet ſein... „Sie ſind nicht gegründet; Margret iſt eine Läſterzunge.“ „Das iſt mir gleich; ich will Alles vergeben und vergeſſen; aber unter einer Vorausſetzung.“ „Einer Vorausſetzung? Und welche?“ „Daß Sie mir zur Erreichung eines löblichen Zieles behülflich ſind.“ „Belieben Sie mir zu ſagen...“ „Monk, es wird ſo ſonderbar über meinen Oheim und über die Quelle ſeines Reichthums geſprochen. Man behauptet, daß er Wittwen und Waiſen an den Bettelſtab gebracht habe. Ich bitte Sie, erklären Sie mir aufrichtig, was an dieſen Beſchuldigungen Wahres ſein kann.“ Ein Zittern durchlief die Glieder des Schreibers; dieſe Bewegung entging dem Jüngling nicht. „Nun,“ ſagte er,„offenbaren Sie mir unge⸗ ſcheut, welche Art von Handel hier getrieben wird.“ „Welche Art von Handel?“ antwortete Monk. „Nach meiner Meinung ein geſetzlicher Handel.“ „Ein geſetzlichen Handel kann doch nicht das Verderben von ſo vielen Menſchen zur Folge haben. Beweiſen Sie mir, daß die Beſchuldigungen der Leute falſch ſind.“ „Laſſen Sie ſich deßhalb nicht anfechten, Herr Berthold,“ ſprach der Schreiber mit verſtellter Kälte. „So iſt es allezeit im Handel: wer Geld verliert, iſt erzürnt über den, welcher es gewinnt, und wenn man dann Wit men Spe dieſe nes iß von Und gründet ſt eine en und öblichen Oheim drochen. an den rklären gungen reibers; unge⸗ wird.“ Monk. del.“ hht das haben. gen der „Herr r Kälte. verliert, d wenn 133 man kein anderes Mittel hat, um ſich zu rächen, dann rächt man ſich durch Verläſterung.“ „Nun, ich will deutlicher ſein. Man nennt eine Wittwe Lorrein, die einſt ein bürgerliches Auskom⸗ men hatte und nun mit ihren Kindern auf einem Speicher Hunger leidet, Man ſagt, daß das Erbe dieſer Wittwe und ihrer Kinder in die Hände mei⸗ nes Oheims gekommen ſei. Iſt das wahr?“ „Es iſt wohl etwas daran,“ murmelte der Schreiber. „Aber wie? Auf welche Weiſe?“ Monk zuckte ſchweigend die Achſel. „Ha, Sie müſſen es wiſſen, da Sie mehr als mein Oheim ſelbſt die Dinge beſorgt und abgemacht haben.“ „Ich begreife Sie nicht, Herr,“ antwortete Monk mit einem bittern Ausdruck der Ungeduld.„Wäre Ihre Vermuthung gegründet, ich würde aus Achtung vor meinem Wohlthäter ſchweigen müſſen. Es ziemt uns nicht, meine ich, in Geheimniſſe einzudringen, die er, im Fall dergleichen beſtehen, wahrſcheinlich in ſein Grab mitnehmen wollte.“ „In der That, Sie begreifen mich nicht. Laſſen Sie mich Ihnen deutlicher erklären, was meine Ab⸗ ſichten ſind. Seit drei Tagen habe ich viel gehört und vernommen, und obwohl mein Herz ſich ſträubt, allen den Gerüchten, die umlaufen, völligen Glauben zu ſchenken, in meinem Innern hat ſich die traurige Ueberzeugung befeſtigt, daß mein armer Oheim in einem Irrthum befangen geweſen iſt; daß er ſich über die Rechtmäßigkeit gewiſſer Mittel, um Geld zu gewinnen, getäuſcht hat. Der Gedanke, daß Gott dort oben meinen Oheim für ſeinen unſeligen Miß⸗ griff zur Rechenſchaft ziehen wird, verfolgt mich Tag und Nacht und läßt mir keine Ruhe.“ Monk hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und den Kopf zwiſchen die Schultern eingezogen. Ein Lächeln des Unglaubens ſchwebte auf ſeinen dünnen Lippen. In dieſer Haltung hielt er den Blick bewegungs⸗ los auf den Jüngling gerichtet. „Gewiß, wenn mein Oheim einen ſolchen Durſt nach Geld hatte,“ fuhr Berthold fort,„war es nur aus Liebe zu mir. Um zu meinem Vortheil ein an⸗ ſehnliches Erbe hinterlaſſen zu können, hat er, viel⸗ leicht unbewußt, ſein Gewiſſen beſchwert und ſeine Seele in Gefahr gebracht. Nun wohl, Monk, die Dankbarkeit legt mir Pflichten auf, die ich erfüllen will. Ich werde die Leute aufſuchen, welche durch ihre Geldgeſchäfte mit meinem Oheim gelitten haben können; ich werde das Böſe wieder gut machen und ſo die arme Seele meines Wohlthäters von der Laſt befreien, welche er aus blinder Anhänglichkeit an mich auf ſich geladen hat. Im Fall Sie mir behülf⸗ lich ſein wollen, will ich noch heute den Unglücklichen Troſt und Labung bringen, die Gründe zu haben glauben, meinen Oheim vor Gott anzuklagen. Seien Sie unbekümmert wegen Ihres eigenen Legats; von meinem Erbtheil werde ich Alles vergüten.“ „Ha, ha,“ rief Monk,„was für ein thörichter Gedanke, man ſollte Sie auslachen!“ „Wer? Die Unglücklichen, die ich retten und da⸗ mit beſtimmen will, für meinen Oheim zu beten?“ Monk richtete den Kopf plötzlich dreiſt in die Höhe ſchaue ſchleu brach Ihre unehr mit niedr ſprec gege und gege zem leger die: die ſeine terſte woh Fure mir Pap gen brin 1 Miß⸗ ch Tag eekreuzt ezogen. ſeinen gungs⸗ Durſt es nur ein an⸗ , viel⸗ d ſeine nk, die rfüllen durch haben en und er Laſt eit an behülf⸗ klichen haben Seien 8; von richter d da⸗ en?“ in die 135 Höhe, und ſeinem jungen Herrn keck in die Augen ſchauend, ſagte er halb ſpöttiſch: „Sie ſprechen von Dankbarkeit? das Geld ver⸗ ſchleudern, das Ihr Oheim ſo ſorglich zuſammenge⸗ bracht hat? Sein Gedächtniß zu Schanden machen durch Ihre unvorſichtige Neugier? Ihn in Ihrem Herzen unehrlicher Gewinnſucht, und— laſſen Sie mich das Wort nur ausſprechen— des Wuchers an⸗ klagen? Dies nennen Sie Dankbarkeit? Sie ſind wahnſinnig?“ Berthold ſtand auf und ſchaute den Schreiber mit fragendem Erſtaunen an. „Ja,“ rief dieſer,„es wundert Sie, daß der niedrige, der einfältige Monk ſo keck mit Herrn Robyn ſprechen darf. Aber ich habe gleichfalls Pflichten gegen meinen verſtorbenen Wohlthäter zu erfüllen, und was auch geſchehe, ich werde ſein Gedächtniß gegen Ihre entehrende Unterſuchung vertheidigen.“ „Monk, Sie heucheln!“ ſagte Berthold mit ſtol⸗ zem Blick, der den Schreiber einigermaßen in Ver⸗ legenheit zu bringen ſchien.„Es iſt nicht Neugier, die mich antreibt; insgeheim will ich arbeiten, um die Seele meines Oheims durch Wohlthaten, die in ſeinem Namen ausgeübt werden, vor Gottes Rich⸗ terſtuhl Gnade finden zu laſſen.— Es mögen hier wohl ſchreckliche Dinge vorgegangen ſein, daß die Furcht vor Enthüllung Sie zittern macht. Warum mir nicht⸗ gutwillig geſagt, was ich wiſſen will? Die Papiere, welche dort in der Kaſſe eingeſchloſſen lie⸗ gen, werden mich doch auf die Spur von Allem bringen.“ Bei dieſen Worten ſprang der Schreiber auf, als 136 wäre er von einem geheimen Schlag getxoffen wor⸗ den. Er machte einen Schritt vorwärts, mit einer haſtigen Geberde, die von einem plötzlichen Entſchluß zu zeugen ſchien, aber er blieb ſtehen, bezähmte ſeine Wuth und murmelte hörbar bei ſich: „Nein, morgen, morgen...“ „Nun, ſo ſei es denn morgen,“ ſprach der Jüng⸗ ling, die Bedeutung dieſer Worte mißverſtehend.„Ich hätte am liebſten den Begräbnißtag meines Oheims durch gute Werke und Entſchädigung für Unrecht geheiligt; aber ich werde gern in dieſen Aufſchub willigen, wenn Sie mir verſprechen, mir morgen be⸗ hilflich zu ſein.“ „Ich Ihnen behilflich ſein?“ rief Monk.„Nie⸗ mals! Sie werden nichts wiſſen. Nein, nein, Sie, der Sie bereits meinem Wohlthäter zu ſeinen Leb⸗ zeiten Läſterungen ins Angeſicht geſpieen haben, Sie ſollen die Schande nicht auf ſein Grab herabrufen. Ich werde es Ihnen verwehren!“ Der Jüngling wurde bleich vor Zorn. „Unverſchämter!“ fuhr er auf.„Was unter⸗ ſtehen Sie ſich, mir dergleichen vorzuwerfen? Ich könnte Ihnen in demſelben Ton antworten und ſa⸗ gen, daß Sie es ſind, der meinen Oheim zu dem Wucher verleitet, der Mißbrauch von ſeiner über⸗ triebenen Sparſucht gemacht hat, um den Gelddurſt in ihm zu wecken; aber es iſt überflüſſig; ich ver⸗ achte Ihre bösartige Beſchuldigung. Weigern Sie ſich, mir zu ſagen, was ich wiſſen will, ſo werde ich es ohne Ihre Hilfe zu entdecken ſuchen... Ent⸗ fernen Sie ſich und laſſen Sie mich allein!“ 2 en wor⸗ it einer ntſchluß tte ſeine r Jüng⸗ d.„Ich Oheims Unrecht lufſchub gen be⸗ „Nie⸗ i, Sie, en Leb⸗ in, Sie bbrufen. unter⸗ 2 Ich und ſa⸗ zu dem r über⸗ elddurſt ich ver⸗ rn Sie erde ich . Ent⸗ 2 Ein ſchallendes Gelächter, bitter und ſpottend, war Monks einzige Antwort. „Aber ſind Sie denn von Sinnen?“ rief Ber⸗ thold mehr und mehr erſtaunt.„Was gibt Ihnen doch die Kühnheit, mir ins Geſicht zu lachen? Un⸗ verſchämter, waren Sie nicht der Diener meines Oheims und ſind Sie nicht auch der meinige, ſo lang Sie in dieſem Hauſe verbleiben?“ „Ich lache;“ brummte Monk mit einem Ausdruck des Triumphes und Haſſes,„ich lache, weil Sie ſo unbegreiflich einfältig ſind. Es iſt ein Teſtament da, das noch bis morgen geheim bleiben wird. Sie ſpielen hier den Oberherrn; aber Sie würden gewiß beſſer daran thun, zu warten, bis Sie den letzten Willen des Wucherers kennen. Sie jagen Margret auf die Straße, Sie weiſen mir die Thüre. Das Teſtament allein kann uns ſagen, wer hier abziehen ſoll: ob Margret, oder Sie, oder ich— oder alle zu⸗ gleich. Wer kann es wiſſen?“ „Welche Anmaßung!“ murmelte Berthold mit Verachtung.„Nun, laſſen Sie mich in Ruhe. Ich will Ihre Hilfe nicht; und ich werde nach Gutdün⸗ ken meine Pflichten gegen meinen Oheim erfüllen.“ Ddies ſagend, wandte er ſich nach der Kaſſe um und griff nach dem Schlüſſel, der an dem halbgeöff⸗ neten Deckel hing. Aber Monk, dies ſehend, ſprang herbei und rief: „Weg von der Kaſſe!“ —„Noch beſſer, Sie wagen mir Befehle zu geben?“ Der Jüngling riß eines der eiſernen Bande los und machte den Deckel der Kaſſe völlig auf; aber dann fühlte er Monks beide Hände auf ſeiner Schul⸗ ter und fiel beinahe rückwärts unter der unerwarteten Kraft, welche der Schreiber anwandte, ihn von der Kaſſe wegzureißen. Sich aufrichtend, packte Berthold ſeinen Angreifer an der Bruſt und warf ihn mit einem einzigen Stoß nach dem Pulte hin. Der Schreiber heulte vor Grimm und Wuth; er war blaß und ſeine Wangen bebten, in ſeinen Augen glühte ein düſteres Feuer; deſſen ungeachtet zeugte der ganze Ausdruck ſeines Geſichts von wüſter Freude. „Sie ſollen mir das bezahlen, ja bezahlen, hun⸗ dertfältig bezahlen,“ ſchalt er, während er ſein Pult öffnete und etwas zu ſuchen ſchien. Berthold hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und ſich mit dem Rücken gegen die Kaſſe geſtellt. In dieſer Haltung erwartete er den Schreiber. Ein Lachen des Abſcheu's und Stolzes lag auf ſeinem Geſichte. „Ah, ah,“ rief der Schreiber, mit einem Papier auf den Jüngling zugehend,„ich wollte allen Lärm vermeiden, ſo lang die Leiche noch im Hauſe blieb; aber Sie zwingen mich zur Rache. Ich will Sie vor Aerger und Verzweiflung ſich verzehren ſehen. Da, leſen Sie, dies iſt die buchſtäbliche Abſchrift des Teſtaments, das Herr Robyn in meiner Gegenwart mit eigener Hand geſchrieben hat.“ Berthold ergriff das Papier und begann zu leſen. Inzwiſchen hielt Monk mit triumphirendem Blick das Auge auf ihn gerichtet, und in dem Maße, als er den Jüngling erbleichen und zittern ſah, kam ein Ausdruck lebhafteſter Freude und unausſprechlichen Gen Fein und und nen ande für ſpie mac Sie terl eine Der aus mei „Al ger! erö ches rteten n der reifer Stoß h; er lugen eugte eude. hun⸗ Pult kreuzt In Ein einem apier Lärm blieb; 2 vor Da, des wart n zu Blick „ als n ein 139 Genuſſes auf ſeinem Geſicht zum Vorſchein. Sein Feind lag überwunden und er konnte ihm nun keck und ohne Furcht den Fuß auf die Bruſt ſetzen. Berthold ließ das Papier aus der Hand fallen und ſchaute den Schreiber mit unglaubigem Erſtau⸗ nen an. „Ja, ja, mein lieber Herr, es iſt ſo und nicht anders,“ ſcherzte Monk,„Alles, Alles für mich, nichts für Sie! Dies kommt davon, den Naſeweiſen zu ſpielen und Verſe gegen den ſogenannten Wucherer zu machen. Es iſt theuer bezahlt, aber was wollen Sie dagegen anfangen: der Krug iſt zerbrochen.“ Dem heftigen Eindruck und boshaften Spott un⸗ terliegend, ließ Berthold ſich, ohne zu ſprechen, auf einen Stuhl fallen und ſchaute mit tief empfundener Demüthigung zu Boden. „Wenn nun ich, ich der verachtete Schreiber, Sie aus der Thüre weiſen wollte, würden Sie es wagen, meinem Befehle ſich zu widerſetzen?“ fuhr Monk fort. „Aber ich bin vorſichtig; ich habe das Aufſehen nicht gern; außerdem wird das Teſtament erſt morgen eröffnet werden.“ „Es iſt unmöglich; Sie betrügen mich: ein ſol⸗ ches Teſtament kann nicht beſtehen!“ „Sie halten mich alſo für einfältig genug, um gleich Ihnen zu thun?“ lachte Monk.„Bin ich nicht zu alt und zu ſchlau, um das Fell des Bären zu verkaufen, ehe er gefangen iſt? Wozu würde es mir nützen, einen einzigen Tag zu triumphiren? Würde ich nicht morgen beſchämt und erniedrigt werden, wie Sie es jetzt ſind?“ „Es iſt abſcheulich!“ rief Berthold.„Sie haben mich verrathen, meinen Onkel mißleitet, mich beſtoh⸗ len. Ich werde mein Recht fordern, Sie gerichtlich belangen und dieſe Schrift umſtoßen, die Sie einem kranken Greiſe niederträchtig abgeliſtet haben.“ „Ihr Recht fordern? dieſe Schrift umſtoßen?“ wiederholte Monk mit ſeltſamem Mitleid in der Stimme.„Meinen Sie denn, Monk wiſſe nicht, wie ein Teſtament gemacht werden muß, um geſetzlich und unumſtößlich zu ſein? Ihr Oheim hat es frei⸗ willig geſchrieben. Schmeicheln Sie ſich ſelbſt nicht mit einer lächerlichen Hoffnung!“ In Bertholds Buſen drang die Ueberzeugung, daß er wohl wirklich aller Hoffnung auf Erbſchaft beraubt ſei; Monk war in der That zu argliſtig, um nicht alle Vorſorge gebraucht zu haben, die ihm den ruhigen Beſitz der ihm zuerkannten Hinterlaſſenſchaft ſichern konnte. „Wohlan,“ ſprach der Jüngling mit plöͤtzlicher Entſchloſſenheit,„es ſei denn ſo! Ich weiche; es ſcheint, daß ich hier mit der Luft nichts als Betrug, Bosheit und Miſſethat einathme. Vielleicht hat Gott in ſeiner Güte mich vor Befleckung behüten wollen. Meine Seele wird ſich wenigſtens mit dem unehr⸗ lichen Geld nicht beſchmutzen.“ Er wandte ſich nach der Thüre und wollte das Bureau verlaſſen; aber Monk ſtellte ſich vor ihn und ſprach mit ruhigerem Tone: „Ich vergaß Ihnen etwas zu ſagen.“ „Nein, nein, ich will nichts mehr wiſſen,“ ant⸗ wortete Berthold. „Es iſt eine Laſt, die Ihr Oheim mir auflegte, beſtoh⸗ ichtlich einem ßen?“ n der t, wie ſetzlich 3 frei⸗ nicht igung, bſchaft g, um m den aſchaft tzlicher de; es hetrug, t Gott vollen. unehr⸗ te das or ihn 2 flegte, ant⸗ 141 nachdem das Teſtament ſchon geſchloſſen war. Sie werden doch ſeine letzten Worte hören wollen.“ „Nun wohl; geſchwind, ich habe Eile, von hier wegzukommen.“ „Bleiben Sie nicht in der Thüre ſtehen; kehren Sie auf einen Augenblick in das Zimmer zurück.“ Berthold trat mit einigen Schritten wieder in das Bureau. „Das Teſtament war bereits geſchloſſen,“ ſagte Monk,„als ich Ihrem Oheim vor Augen ſtellte, daß Sie arm ſeien und vielleicht Hunger leiden würden. Ich wollte ihn vermögen, Ihres Namens im Teſta⸗ mente zu gedenken; er weigerte ſich und mein Ver⸗ ſuch ſchien ihn zu peinigen. Mit aller Mühe habe ich nur ſo viel aus ihm herausgebracht, daß er mich angewieſen— oder vielmehr erſucht hat, denn es gehörte nicht mehr ihm— daß er mich erſucht hat, ſage ich, Ihnen fünftauſend Francs baar zu bezah⸗ len, damit Sie Zeit hätten, um irgend einen Platz als Schreiber auf einem Bureau zu ſuchen.“ „Lügen!“ rief Berthold,„welchen neuen Betrug haben Sie plötzlich ausgedacht?“ „Es iſt, wie ich Ihnen ſage. Unterzeichnen Sie mir eine Quittung und ich werde Ihnen die Summe augenblicklich zur Hand ſtellen. Damit iſt Alles zwiſchen uns abgethan.“ „Ich will Ihr elendes Geld nicht,“ rief der Jüngling entrüſtet.„Ein Almoſen aus Ihrer Hand empfangen, ich würde mich ſelbſt verachten?— Aber wahrlich, Sie ſind von Sinnen!“ „Nun, nun, Herr Berthold, laſſen Sie es mich behalten, es iſt eben ſo gut; aber überlegen Sie wohl, 14² was Sie thun: vielleicht werden Sie noch mehr als einmal darnach ſchmachten. Auf jeden Fall will ich gut gegen Sie ſein und das Geld zu Ihrer Ver⸗ fügung halten, unter der Vorausſetzung, daß Sie ſelbſt kommen und mich darum bitten. Sie wer⸗ den kommen, Sie werden kommen, zweifeln Sie nicht daran.“ „Ich werde kommen?“ rief Berthold bitter ſpot⸗ tend.„Ha, ich verachte Ihr Geld und Sie und alle die, welche für Gold ihre Seele, ihr Gefühl und ihre menſchliche Würde verkaufen. Leben Sie wohl; und ſtrecke ich jemals die Hand nach Ihnen aus, ſo ver⸗ abſcheuen auch Sie mich; denn ich werde mich ſelbſt bereits verabſcheut haben!“ Berthold eilte nach der Thüre des Bureau's, während Monk ihm noch mit boshaftem Lächeln nachrief: „Sie verachten das Geld? Wie ſchnell werden Sie die Macht deſſelben kennen lernen! Sie verab⸗ ſcheuen mich? Ha, ha, daß Sie dies Wort nicht zu frühe bereuen!“ Der Schreiber blieb eine Weile vor dem Pulte ſtehen, mit einem Ausdruck wüſter Freude auf dem Geſicht. Seine Bruſt wogte vor Wonnegefühl und er murmelte triumphirende Worte in ſich hinein. Allmälig aber ſchienen ſeine Gedanken ernſter zu werden. Seine Geſichtszüge verdüſterten ſich bald, und den Kopf auf die Hände ſtützend, ſagte er: „Berthold wird ſein Recht heiſchen? Alle Kräfte anſpannen, um das Teſtament umzuſtoßen? Auf welchen Grund? Er weiß nichts; er vermuthet nichts.— Aber wenn Margret ein unvorſichtiges Wor liche Gla und dem Mit mer geri als eim Ger Su hen ſolch Ken Ver rem ihm rief wer und wät Ker Ho nen nac err ehr als will ich r Ver⸗ aß Sie e wer⸗ e nicht r ſpot⸗ id alle ad ihre l; und ſo ver⸗ ſelbſt reau's, ächeln verden verab⸗ cht zu Pulte f dem l und inein. er zu bald, dräfte Auf uthet tiges Wort aus dem Munde fallen ließe? Welcher glück⸗ liche Gedanke wurde mir eingegeben, als ich ihr den Glauben beibrachte, das Teſtament ſei mangelhaft und könne vernichtet werden, da das Datum bei demſelben fehle! Sie meint, darin beſtehe das Mittel, um mich im Nothfall zu zwingen; ihre Auf⸗ merkſamkeit iſt gänzlich auf dieſes Scheingebrechen gerichtet. Sie denkt an nichts Anderes mehr; es iſt als ob ſie nichts wüßte... Aber wenn Berthold einmal wirklich die Rechtmäßigkeit des Teſtaments vor Gericht angriffe? Vielleicht würde man bei dem Suchen nach andern Gründen entdecken, was geſche⸗ hen iſt... Nun, nun, er hat kein Geld, um eine ſolche Forderung durchzuſetzen!... Allein wenn Kemenaer ihm Hülfe leiſtete? Laura iſt ſeine Verlobte...“ Er rieb ſich die Stirne, um ſein Gehirn zu tiefe⸗ rem Nachſinnen zu wecken.— Plötllich entſchlüpfte ihm ein Freudenſchrei, und vor Aufregung bebend, rief er mit dumpfer Stimme aus: „O, welcher Gedanke! Laura ſoll meine Braut werden!“ Aber plötzlich wurde ſein Geſicht wieder ſchlaffer, und als ob die Muthloſigkeit ihm ins Herz geſunken wäre, ſeufzte er: „Nein, es iſt unmöglich. Meine Anfrage würde Kemenaer lächerlich erſcheinen; er würde mit meinem Hochmuth wie mit einem unerhörten Wahnſinn ſei⸗ nen Spott treiben...“ „Wie kindiſch meine Furcht iſt!“ ſagte er jedoch nach einem Augenblick.„Durch eine ſolche Staunen erregende Keckheit werde ich jeden Zweifel bezüglich 14⁴ der Rechtmäßigkeit meiner Erbſchaft niederſchlagen. nach d Es wird ein überzeugender Beweis von meinem Ver⸗ ſchiene trauen auf die Unangreißbarkeit des Teſtamentes ſein. die v Ja, ja, ſei nur keck, ſtolz, unerbittlich in Deinem gemen Hochmuth: damit blendet und beherrſcht man die„ hauen Leute. Laura meine Frau? Eine Erbſchaft von wohl vierhunderttauſend Francs? Sicher, ſicher, was Geder gibt es, das dem Glanz einer Million widerſtehen der H könnte? Und beſitze ich nicht das Nöthige, um Ke⸗ ren w menaer als einen Selaven vor meinen Füßen krie⸗ nen L chen zu laſſen? Gut, gut, ſo werde ich denn meinem Leiche Feinde Alles rauben! Seine Stelle einnehmen bis ſie ne auf ſeine Liebe hinaus! Ihn vor unmächtiger Ra⸗ Beſitz ſerei ſterben laſſen!“ 81 Als hätte dieſe Eingebung ihn vor Glück um den Ausd Verſtand gebracht, ließ er ſich mit einem lauten ſchal⸗ die g lenden Gelächter auf den Seſſel fallen, den Berthold war ſo eben verlaſſen hatte. Sohn 4 allein Erhöl V. Tritte — getret Eine Viertelſtunde vor der Stadt und deren U äußerſten Häuſern lag der gemeine Kirchhof. Es Ungle war ein beinahe unabſehbares Feld, auf allen Seiten Reich mit einer niedrigen Mauer umſchloſſen und wie be⸗„ noch herrſcht und beſchirmt von einem rieſengroßen ſtei⸗ und nernen Kreuzbilde, das in der Mitte deſſelben auf ken z einer Anhöhe errichtet war. Hie und da, in großen Ruhe Abſtänden von einander zerſtreut, erhoben ſich nur der einige geringe Denkmäler der Erinnerung über den Bett Ruheſtätten von vermöglicheren Verſtorbenen; aber 8 lagen. n Ver⸗ 3 ſein. deinem in die t von was ſtehen m Ke⸗ krie⸗ leinem en bis r Ra⸗ m den ſchal⸗ rthold deren Es Seiten ie be⸗ ſtei⸗ n auf roßen ) nur r den aber 14⁴⁵ nach der Südſeite hin, nicht fern von der Mauer, ſchienen die Prachtgräber, die Marmorkreuze und die vergoldeten Leichenſteine ſeltſam unter einander gemengt und wie mit Abſicht zu einem Gebüſch be⸗ hauener Säulen zuſammengedrängt. Es ſtunden wohl allerlei Lobeserhebungen und Sprüche auf dieſen Gedenkzeichen zu leſen; es war wohl bemerklich, daß der Hochmuth hier über den Tod ſelbſt zu triumphi⸗ ren wähnte; doch was allein deutlich aus den golde⸗ nen Lettern blinkte, war das Bekenntniß, daß die Leichen, die darunter lagen— wenn die Würmer ſie noch nicht aufgezehrt hatten— zu Lebzeiten im Beſitz von Geld geweſen waren. Weiter den Kirchhof hinauf, an ſeiner größten Ausdehnung, da, wo man die Kinder des Volks und die arbeitende Bürgerſchaft zu begraben gewohnt war, konnte nichts die Ruheſtätte eines Vaters, eines Sohnes oder eines Freundes erkennen laſſen, als allein vielleicht für die Letztverſtorbenen eine kleine Erhöhung aufgeworfener Erde, die bald unter den Tritten der Todtengräber und der Beſucher nieder⸗ getreten und weggefegt werden ſollte. Ueber dem Erdboden herrſchte ſo noch die ſtolze Ungleichheit von des Menſchen blindem Wahn. Die Reichen ſchienen in ihrem Hochmuth nach ihrem Tode noch fortzuleben; die Niedrigen ſchienen auf alle Zeit und ohne Erinnerung in ein endloſes Grab verſun⸗ ken zu ſein... und doch genoſſen Alle dieſelbe Ruhe, und Alle lagen, Seite an Seite, im Schooße der Erde, als wäre der Kirchhof ein ausgedehntes Bett, worin eine Anzahl Kinder von demſelben Vater ſchliefen... Conſcienee, der Geldteufel. 10 146 Es war Morgen an einem ſchönen Tag. Die Sonne goß ihre milden Strahlen auf die Felder; ſie ſpiegelte ſich in den goldenen Lettern der reichen Denkmäler; aber auch für die niedrigen Gräber hatte ſie Licht und Wärme und küßte mehr Blumen auf als ringsumher die kalten Steine... Einſam und ſtill war der Kirchhof. Die Schmet⸗ terlinge flatterten fröhlich über dem Trauergrund, die Bienen ſammelten Honig von den Grabesblumen, das Gras wiegte ſeine Halme über den vermoderten Ge⸗ beinen, die Vögel ſangen und ſchnäbelten mit einan⸗ der auf den Gipfeln der Grabmonumente;— aber doch ſtörte nichts die unbeſchreibliche Ruhe dieſes Todtenfeldes... Eine Frau mit zwei Kindern trat auf den Kirch⸗ hof herein. Sie war arm; man konnte es wohl bemerken, obwohl ihre verſchoſſenen Kleider in ihrem Schnitte noch Etwas von früherem Wohlſtand zu behaupten ſchienen. Ihr Angeſicht, mehr von Gram als den Jahren gealtert, war blaß und mager, doch fein von Zügen. Ihre beiden Kinder,— ein Knabe und ein Mädchen— waren geſund und rothwangig. Vielleicht hatte das Unwetter, das ihre Mutter nie⸗ derſchlug, ihr einfaches Herz nicht getroffen. Furchtſam und mit ſchüchternen Schritten folgten die Kinder ihrer Mutter zwiſchen den Gräbern hin, bis dieſe nahe bei der Mauer ſtehen blieb und be⸗ kümmert um ſich ſchaute, als ſuchte ſie auf dem Grund eine bezeichnete Stelle wieder zu erkennen. „Mutter, wo liegt denn der Vater begraben?“ fragte das Mädchen. Die Frau ſchüttelte den Kopf in ſtiller Verzweif⸗ lung Auge Grabf was begra murm / ſeufzt ag. Die e Felder; r reichen iber hatte imen auf Schmet⸗ rund, die nen, das erten Ge⸗ it einan⸗ — aber de dieſes en Kirch⸗ es wohl in ihrem ſtand zu n Gram ger, doch Knabe wangig. tter nie⸗ folgten ern hin, und be⸗ luf dem men. aben?“ erzweif⸗ 147 lung und bemühte ſich, während eine Thräne in ihrem Auge zu glänzen begann, an der Mauer gewiſſe Grabſteine zu entdecken, die ſie auf die Spur deſſen, was ſie ſuchte, bringen mußten. „Sag, liebe Mutter, wo liegt denn der Vater begraben?“ wiederholte das Mädchen. „Schweige Kind, ich werde es ſchon finden,“ murmelte ſie,„man hat bier etwas verändert.“ „Aber warum haſt Du auf Vaters Grab nicht auch einen Stein mit ſeinem Namen geſetzt, wie da ſo viele ſtehen?“ fragte das Kind. „Die da begraben liegen, ſind reiche Leute,“ ſeufzte die Frau, noch immer ſuchend.„Ah, mich dünkt, ich erkenne den Platz!“ „Mutter, Mutter, was für ein liebes Blümchen! Es iſt ein Maßliebchen, und es iſt roth an ſeinen Blättchen!“ rief der Knabe, der ſich zur Erde bückte und die Hand ausſtreckte, um das Maßliebchen von ſeinem Stiele zu brechen. Aber die Mutter wehrte es ihm plötzlich. „Nein, nein, Hänschen,“ ſprach ſie,„laß das Blümchen leben: es wächst auf dem Grabe Deines Vaters, Kind.“ „Wo liegt der Vater denn begraben?“ wieder⸗ holte das Mädchen zum dritten Male. „Da, vor Deinen Füßen, Aennchen,“ antwortete die Mutter, auf den Boden weiſend. „Da! Wo? Es iſt ja Alles lauter Gras!“ „Nun, Kinder,“ ſagte die Frau, von Aennchens Worten peinlich getroffen,„kniet nieder und betet mit mir für die Seele Eures armen Vaters. Legt 148 Eure Hände zuſammen und bittet Gott, daß er Euven Vater im Himmel belohne für ſein bitteres Leben...“ Die Kinder knieten neben ihrer Mutter auf dem Graſe nieder. Die Worte, Unſer Vater, der Du biſt im Himmel, kamen zu wiederholten Ma⸗ len von ihren Lippen. Lange Zeit ſäuſelte das ſtille Gebet über die letzte Ruheſtätte des Vaters hin; lange Zeit rollten Thränen von den Wangen der Frau, bis ſie endlich ihre Betrübniß bezwang, ſich aufrichtete und mit ihren beiden Kindern vom Grabe weggehen wollte. „Ach, Mutter, laß mich das Blümchen pflücken!“ flehte das Mädchen.. „Nein, Aennchen,“ bekam es zur Antwort,„laß es wachſen, bis es von ſelbſt auf Deines Vaters Grab niederfällt.“ „O ſei gut, Mutter!“ bat das Mädchen von Neuem,„du weißt nicht, wie froh ich ſein werde.“ „Aber, Kind, in einer Stunde iſt das Blümchen in Deiner Hand verwelkt und verdorben.“ „Nein, nein, Mutter; ich werde es zwiſchen die Blätter meines Gebetbuchs legen. Dort wird es trocknen. Ich werde es bewahren, und wenn ich dann zur Kirche gehe, wird das Maßliebchen mir immer ſagen, daß ich für meinen armen Vater beten ſoll.“ „O, Du biſt ein gutes Kind,“ ſeufzte die Mutter mit thränenden Augen.„Nimm, nimm das Blüm⸗ chen. Ja, leg' es in Dein Gebetbuch und bewahre es als ein Heiligthum liebreicher Erinnerung...“ Sie zeigte mit dem Finger nach der Mauer und ſprach legend 4 Du d. Du ſ den 9 und z weg Dein genau Zeit k um es 149 er Euren ſprach, ihren Arm auf die Schulter des Mädchens keben...“ legend: auf dem„Anna, Du biſt älter als Dein Bruder. Siehſt er, der Du dort in der Mauer die zwei Grabſteine? Wirſt lten Ma⸗ Du ſie wohl wieder erkennen? Wenn Du ihnen das ſtille den Rücken zukehrſt und dort nach dem Kreuze ſiehſt ers hin; und zehn große Schritte gerade aus von der Mauer igen der weg machſt, dann kommſt Du auf die Stelle, wo ng, ſich Dein Vater begraben liegt. Betrachte Dir Alles m Grabe genau, Kind, und vergiß es nie; denn es wird eine Zeit kommen, da ich nicht mehr bei Euch ſein werde, flücken!“ um es zu zeigen.“ Sie entfernte ſich von der letzten Ruheſtätte ihres 8rt,„laß Gatten und lenkte ihre Schritte langſam nach der Vaters Seite, wo die zahlreichen Grabmäler ſtanden. „Was iſt das dort?“ fragte Aennchen. den von„Das iſt die reiche Ecke, Kind,“ antwortete die verde.“ Mutter. lümchen„Wenn ich einmal groß bin,“ murmelte Häns⸗ chen,„dann werde ich auch einen ſchwarzen Stein chen die auf Vaters Grab tragen, jetzt bin ich noch nicht ſtark wird es genuge. denn ich.„Der Vater iſt doch auch reich geweſen, Mutter?“ hen mir fragte das Mädchen. er beten„Reich nicht, Aennchen, doch wohlhabend genug, um mit Ehren durch die Welt zu kommen.“ Mutter„Dann hatte er viel Geld, Mutter? Und wo Blüm⸗ iſt das Geld?“ bewahre„Ach, liebes Kind, Du kannſt es noch nicht be⸗ .. greifen. Dein Vater wurde betrogen und hatte Miß⸗ ler und geſchick in ſeinem Geſchäft. Durch die Umſtände gezwungen, hat er Geld entlehnt; er iſt in die Hände 150 von einem raubſüchtigen Wucherer gefallen; nach einem bittern Leben iſt er vor Kummer geſtorben, arm und von Jedermann verlaſſen...“ Ein Todtengräber mit dem Spaten in der Hand trat auf den Kirchhof und näherte ſich der Stelle, wo die Mutter mit den Kindern ſtand. Er wies hinaus nach dem Felde und ſagte: „Frauchen, Ihr müßt Euch auf die Füße machen; denn ſeht einmal, dort auf dem Steinwege, was da herankommt. Alle die Kutſchen! Der Kirchhof wird ſogleich voll Menſchen ſein.“ Die Augen in die Ferne nach dem prächtigen Leichenzug gerichtet, fragte die Frau: „Es iſt ſicher eine vornehme Perſon, die begra⸗ ben wird. Ein hoher Beamter, ein berühmter Mann?“ „Das weiß ich nicht,“ murmelte der Todten⸗ gräber,„aber er war millionenreich... Ihr kennt ihn wohl; die ganze Stadt kennt ihn; es iſt der alte, reiche Robyn...“ „Robyn!“ ſchrie die Frau, vor Ueberraſchung bebend,„Robyn!... kommt, kommt, liebe Kinder, verlaſſen wir dieſen Ort!“ Sie zog ihre Kinder über den Pfad fort, um die große Hecke zu erreichen. Unterwegs rief ſie, die Augen zum Himmel erhoben: „Gott, warum duldeſt Du ſolchen Hohn unter Deinen Augen? Er, der Mörder meines Gatten, mit ſolcher Pracht begraben, während die Kinder ſeines Schlachtopfers kaum das Grab ihres Vaters zu finden wiſſen!“ „Aennchen,“ ſprach ſie, dem Mädchen den Lei⸗ chenzug zeigend,„ſiehſt Du dort die Kutſche mit den flattern richte Sünde zu ew Kinde mende D hofs. auf il welche Stein wandt durch 5 her. aber er ſe folgte Auge drückt Mein n; nach eſtorben, er Hand Stelle, gte: machen; was da Hof wird kächtigen e begra⸗ Mann?“ Todten⸗ or kennt iſt der raſchung Kinder, um die ſie, die n unter Gatten, Kinder Vaters den Lei⸗ mit den 15¹ flatternden Federbüſchen, mit all dem blinkenden Gold, mit dem glänzenden Behängſel von rother Seide? O, wüßteſt Du, Kind, wer es iſt, den man darin, wie auf einem Throne, zu dem Grabe führt! Du würdeſt zittern, Dein Mund, ſo unſchuldig noch, würde ſeinen Namen...“ Aber— als hätte das, was ſie ſagen wollte, ſie erſchreckt— hielt ſie plötzlich zurück und ſchwieg. Das Mädchen ſchaute ſie fragend an. „Nein, nein,“ rief die Frau,„am Rande des Grabes beginnt das Reich der Gerechtigkeit. Gott richte zwiſchen beiden. Ach, die arme Seele des Sünders, möge der Herr in ſeiner Strenge ſie nicht zu ewiger Buße verdammen!“ Und dieſe Worte ſprechend, eilte ſie mit ihren Kindern auf die Seite des Kirchhofs, um dem ankom⸗ menden Leichenzug nicht auf ihrem Weg zu begegnen. Die Kutſchen hielten vor dem Thore des Kirch⸗ hofs. Während einige bezahlte Träger die Bahre auf ihre Schulter nahmen, ſtiegen alle die Perſonen, welche der Leiche folgten, aus den Wagen auf den Steinweg und ordneten ſich nach Rang und Ver⸗ wandtſchaft zu einem Zuge. So ſchritt man langſam durch das Thor. Berthold ging unmittelbar hinter dem Sarg her. Er war blaß und über die Maßen angegriffen; aber er ſenkte den Kopf tief auf die Bruſt, als ſuchte er ſeinen Kummer vor den Zlicken derer, die ihm folgten, zu verbergen. Wirklich hielt Jedermann die Augen auf ihn gerichtet; alle ſprachen mit unter⸗ drücktem Lächeln von ihm, dem Glücklichen, der ihrer Meinung zufolge eine Million erben ſollte und gleich⸗ wohl ſo gut Betrübniß und Schmerz nachzumachen wußte. Nach dem Jüngling folgten einige reiche Leute, mit ſtattlichem und kaltem Angeſicht, die zwar dem alten Robyn im Leben ganz fremd geweſen waren, aber hier in vollem Ernſt von ihrer Achtung vor. dem Geld Zeugniß ablegen konnten. Hinter ihnen ſchritt Monk, der Schreiber, ein⸗ her, mit einem weißen Taſchentuch vor den Augen. So ſehr ſchien er von Betrübniß und Leid überwäl⸗ tigt, daß er auf ſeinen Beinen wankte. Ja ein ein⸗ fältiger Zuſchauer— betrogen von dieſer auffallen⸗ den Liebe eines Dieners zu ſeinem Herrn— hatte den Schreiber am Arm gefaßt, um ihn auf ſeinem Gang nach dem Grabe zu unterſtützen. Noch weiter hinten, am Ende des Zugs, ſchritt Conrad der Muſiker einher. Er folgte der Leiche aus Anhänglichkeit an Berthold, und um dem Mann ſeine Achtung zu bezeugen, der, auf welche Weiſe es auch ſein mochte, ſich abgehetzt hatte, um für ſeinen jungen Freund, den Dichter, eine ſchöne Erbſchaft aufzuhäufen... Bald war der Sarg in die Erde geſenkt. Be⸗ reits hatte der Todtengräber ſeinen Spaten ergriffen, um zwiſchen dem Licht der Sonne und der Finſter⸗ niß des Todes eine ewige Scheidewand aufzuwerfen; — aber nun trat eine Perſon mit einem Papier in der Hand vor, um eine Leichenrede zu halten. Auf Vieler Angeſicht zeigte ſich ein zurückgehal⸗ tener Ausdruck von Neugier und Hohn. Was konnte man doch bei der letzten Ruheſtätte des alten Wu⸗ cherers zu ſeinem Lobe ſagen? T es iſt der Z geweſ Hand verſtä ſein e Reicht muth hohen Mann der T ſchloſſ Hilfe künſtl Stirn ihm d die er Wahr einige ners Erde vollbr A chend Stadt Freun ſich ir umachen e Leute, var dem waren, ing vor. , ein⸗ Augen. berwäl⸗ ein ein⸗ ffallen⸗ — hatte ſeinem ſchritt Leiche Mann zeiſe es ſeinen rbſchaft Be⸗ griffen, Finſter⸗ verfen; pier in kgehal⸗ konnte 1 Wu⸗ 153 Der Redner nannte Robyn ſeinen Freund;— es iſt eine gute Empfehlung in der Welt, daß man der Freund eines ſo reichen Mannes in der Welt geweſen iſt.— Dann ſprach er von deſſen hohem Handelsgeiſte und nannte ihn einen geiſtvollen und verſtändigen Financier; er hob hervor, wie er ſein ganzes Leben in Arbeit und Sorge trotz ſeines Reichthums hingebracht habe; er rühmte ſeine De⸗ muth und Sparſamkeit und ſtimmte einen beſonders hohen Ton an, als er Robyn als einen barmherzigen Mann darſtellte, als die Zuflucht der Unglücklichen, der Wittwen und Waiſen, die nie ſeine Thüre ge⸗ ſchloſſen gefunden, wenn ſie in Noth waren und der Hilfe bedurften. Am Ende wandte er ſich mit künſtlich geſenkter Stimme an den Todten: „Robyn, edelmüthiger Mann, nützlicher Bürger, treuer Freund, die Erde ſei Dir leicht!— Lebe wohl!“ Während der Redner ſich den Schweiß von der Stirne trocknete, kamen viele der Zuhörer herbei, ihm die Hand zu drücken und zu der ſchönen Rede, die er gehalten hatte, Glück zu wünſchen. Ob ſie Wahrheit enthielt, darum bekümmerten ſie ſich wenig; einige lachten ſelbſt laut über das, was ſie des Red⸗ ners Schlauheit nannten.— Der Sarg war in die Erde geſenkt, ihre Pflicht in den Augen der Welt vollbracht und Robyn bereits vergeſſen... Während nun die Anweſenden, zuſammen ſpre⸗ chend, ſich nach den Wagen begaben, um nach der Stadt zurückzukehren, näherte ſich Berthold ſeinem Freunde, dem Muſiker, und flüſterte ihm ganz außer ſich in's Ohr: 154 „Conrad, ich bitte Sie, bleiben Sie bei mir: ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu ſagen.“ Außerhalb der Umfriedung des Kirchhofs ange⸗ gekommen, ging Berthold an dem Wagen vorbei, auf deſſen Tritt Monk bereits einen Fuß geſetzt hatte, um einzuſteigen; aber der Schreiber, ſeinen jungen Herrn bemerkend, ſprang zu Boden, hielt die Thüre der Kutſche offen und ſagte, ſich tief vor Ber⸗ thold verneigend, in ſpottendem Tone: „Beliebt's Herrn Robyn, in die Kutſche zu ſtei⸗ gen? Ihr unterthäniger Diener wird wohl ſonſt ein Plätzchen finden.“ „Giftiges Ungeheuer!“ warf ihm Berthold ent⸗ gegen, einen flammenden Blick der Verachtung auf den Schreiber werfend.— Er faßte ſeinen Freund Conrad am Arm und entfernte ſich mit ihm auf einem Seitenweg. Einen Augenblick darauf ſaßen alle wieder in den Wägen. Den Pferden wurde die Peitſche ge⸗ geben.. und derſelbe Zug, der ſo langſam und ſo ſcheinheilig in ſtiller Trauer nach dem Kirchhof gekommen war, flog jetzt über den Steinweg mit ſolcher Eile und ſolchem Geraſſel, als führte er eine luſtige Geſellſchaft nach der Kirmes. „Nun,“ fragte Conrad, als er ganz allein mit Berthold war,„was haben Sie mir zu ſagen? Es iſt etwas Anderes, als das Traurige dieſer Feier⸗ lichkeit, das Sie ſo aufregt, ich ſehe es.“ Der Jüngling legte ſein Haupt an Conrads Bruſt und ſeußzte ſchmerzlich: „Ach, ich bin ſo unglücklich, beklagen Sie mein Loos: die Zukunft macht mich zittern.“ 7 ment fehle 7 Teſto iſt ſe ment mir: ich s ange⸗ vorbei, geſetzt ſeinen zielt die vor Ber⸗ zu ſtei⸗ ol ſonſt Ald ent⸗ ung auf Freund )om auf eder in che ge⸗ m und lirchhof eg mit er eine ein mit 2 Es Feier⸗ onrads mein 155 „Aber ſprechen Sie doch, Berthold. Hat ein unverſehenes Mißgeſchick ſie betroffen?“ Den Kopf erhebend, antwortete Berthold mit verzweifelndem Tone: „Conrad, Freund, ich bin arm, ärmer als Sie „Was bedeutet das? Ich begreife Sie nicht.“ „Mein Oheim hat mich enterbt.“ „Enterbt? Zu weſſen Gunſten?“ „Monk hat Alles.“ „Himmel, meine Ahnung war doch gegründet! Ich habe alle Zeit gefürchtet, daß der ſcheinheilige Fälſcher Ihren Oheim in ſeinen letzten Tagen zu betrügen ſuchen würde; aber ſo weit? Es iſt un⸗ möglich!“ „Und doch iſt es ſol Monk hat meinen armen Oheim mißleitet und gegen mich aufgehetzt. Ohne es zu wiſſen, hat Margret mir verrathen, wie es geſchah. Mit meinem Gedicht: der Wucherer, in der Hand hat er dem kranken Greiſe ein Teſtament abgedrungen. „Aber dieſes Teſtament müſſen Sie umſtoßen laſſen, Berthold; es kann nicht geſetzmäßig ſein.“ „Gibt das Geſetz meinem Oheim nicht die Frei⸗ heit, über ſeine Güter nach Gefallen zu verfügen?“ „Das iſt gleich, Sie müſſen gegen das Teſta⸗ ment den Rechtsweg einſchlagen; es können Form⸗ fehler ſtattfinden.“ „Eitle Hoffnung, Conrad! Als mein Oheim das Teſtament abfaßte, ſtand ihm Monk zur Seite. Monk iſt ſchlau und er weiß nur zu wohl, wie ein Teſta⸗ ment gemacht werden muß, um unangreifbar zu 1ℳ Schickſal hat mich unwiderruflich ge⸗ Conrad zitterte vo erſt eine traurige Gew Er ſprach nicht und ſinnen verſunken. „O, ich habe r Ueberraſchung, als ob nun ſein Herz dränge. chmerzliches Nach⸗ gehandelt wie ein Blinder rief der Jüngling. „Ich wußte, daß mein Gefühl ſagte mir, üßte. Wäre ich nicht ſo geweſen, mit einem Wort vor Verführung behüten ine ſo argliſtige Bosheit daß ich ihm mißtrauen müͦ unbeſonnen und ſorglos hätte ich meinen Oheim können; aber wer ſollte e glauben können?“ „Ach,“ ſeufzte der Muſiker,„weil der Künſtler nt und verachtet, darum wird er das S Es folgte eine Weil end den Blick niedergeſ Plötzlich ſchüttelte Conrad den er ſich dem Druck der un Die Hand ſeines froherem Ton: „Armer Berthold, es i nicht wahr, ſo viel ben Sie nicht, noch andere Quellen von frieden gibt?“ Stille; beide hiel⸗ Kopf, als wollte chaft entreißen. ergreifend, ſagte er mit ſt ein großes Unglück, ſchlichon Herzen uß und Seelen⸗ daß es in dem men der Jüngling mit fieberiſchem La⸗ „Ich verachte, ich verabſcheue ich, wie viel Flecken an einem chen im Angeſicht das Geld. Nun weiß Goldſtück ſein können hinzu 8 . 2 ich be mir d Laura 0 Muſit beraul Seele Zukun riſſen! iſt wi mein Ander Erden D mit ti that, er wi übertr zubrin ſchlimt vor ſe flich ge⸗ ob nun dränge. 8 Nach⸗ er, wie gte, daß gte mir, nicht ſo m Wort behüten Bosheit künſtler rrachtet, de hiel⸗ wollte reißen. er mit nglück, glau⸗ Herzen beelen⸗ m La⸗ ſcheue einem 157 Den Kopf ſenkend, ſetzte er mit düſterer Stimme hinzu: „Aber ich fühle die grauſame Macht des Geldes; ich bebe an allen Gliedern, der Schrecken verengt mir die Bruſt. Geld wäre nichts; aber Laura, Laura!“ „In der That, Laura, Laura!“ wiederholte der Muſtker faſt unhörbar. „Ach, darf ich, der arme, unglückliche Dichter noch mein Auge zu ihr zu erheben wagen? Wird Herr Kemenaer nicht dem Künſtler ohne Erbe ſeine Thüre verſchließen?“ In ſchmerzlichem Zweifel befangen zuckte Conrad die Achſeln. „Alſo,“ rief Berthold hoffnungslos aus,„ich werde nicht allein des Geldes, das ich wenig achte, beraubt worden ſein, ſondern der Traum meiner Seele, das Glück meines Lebens, das Licht meiner Zukunft, Alles, Alles wird mir mit dem Geld ent⸗ riſſen! Wir irren, wir irren, Conrad! Das Geld iſt wirklich die Quelle von Allem. O, könnte ich mein Herz nur dazu zwingen, ich würde gleich den Andern das Geld als die einzige wahre Macht auf Erden lieben und ehren!“ Der Muſiker ſchaute ſeinen verzweifelnden Freund mit tiefgefühltem Mitleid an.— Ob er es nur that, um Troſt in ſeinen Buſen zu gießen, oder ob er wirklich glaubte, daß des Jünglings Beſorgniß übertrieben ſei, er verſuchte ihm die Hoffnung bei⸗ zubringen, daß der Verluſt ſeines Erbes für ihn die ſchlimmen Folgen nicht haben würde, die ſo ſchreckbar vor ſeinem Geiſte ſchwebten. ————— — „Kommen Sie, Berthold,“ ſagte er,„mäßigen nicht Sie den Flug Ihrer leicht erregbaren Einbildung. danken Laſſen Sie uns auf einem Spaziergang nach der krankte Stadt zurückkehren; die Stunde naht, daß ich bei würde Herrn Kemenaer meine Klavierſtunde geben muß.— Laura Was fürchten Sie? Glauben Sie, Laura werde„5 Sie darum minder lieben, weil Sie derſelben mit„Sie Ihrer Hand kein großes Vermögen mehr anbieten nimmt können? Sie kennen Laura nicht ſo, wie ich ſie den S kenne. In ihrem Herzen liegt ein verborgener Schatz„0 von Edelmuth, von eigenem Willen und Trotz ver⸗ Gunſt borgen. Mich ſollte es durchaus nicht wundern, ihres wenn ſie deſto eher Ihre Braut werden wollte, weil es wi Ihre Lage deren Liebe und redliche Geſinnnng auf viele die Probe zu ſtellen und an den Tag zu bringen ren. ſcheint. Verzweifeln Sie nicht; Laura iſt kein Mäd⸗ recht chen wie andere: ſie betrachtet das Geld nicht als wird den Born der Lebensfreude...“ Herrn „Aber Herr Kemenaer?“ ſeufzte der Jüngling, er der V„für ihn iſt das Geld Alles!“ er ohn „Sie meinen es, Berthold. Es gibt aber doch verſchl Etwas, das Herr Kemenaer mehr liebt, als das Geld; ſtarkm Etwas, wofür er, wenn es gefordert würde, ſelbſt durch ſein Geld aufopferte.“ von J „Was kann das ſein?“ ſtanden „Das Glück ſeines einzigen Kindes, ſeiner Laura. liche E Nur weil er glaubt, das Geld könne ihr ein benei⸗ Ihres denswerthes Loos ſichern, ſelbſt dann, wenn er dieſe 92 Welt verlaſſen habe— aus Liebe zu ſeinem Kinde, der Ji ſpannt er ſorglich Alles an, um ſeine Mittel zu ver⸗ Freund mehren. Wenn Laura einmal erklärte, dem glück⸗ Gott p lichen Leben, das Sie zuſammen geträumt haben, Conrat mäßigen abildung. nach der Z ich bei muß.— a werde lben mit anbieten e ich ſie eer Schatz rotz ver⸗ vundern, te, weil ung auf bringen in Mäd⸗ nicht als üngling, ber doch as Geld; e, ſelbſt r Laura. n benei⸗ er dieſe Kinde, zu ver⸗ m glück⸗ haben, 159 nicht entſagen zu wollen? Wenn ſie, durch den Ge⸗ danken einer Trennung im Herzen verwundet, er⸗ krankte und zu verkümmern drohte? Herr Kemenaer würde Sie ſelbſt bitten, ſein Kind zu retten, ſeine Laura ihm zu erhalten.“ „Dank, Dank, Freund,“ murmelte der Jüngling, „Sie täuſchen mich vielleicht; aber mein kranker Geiſt nimmt ſo vertrauensvoll den frohen Lichtſtrahl auf, den Sie vor meine Augen zaubern.“ „Seien Sie verſichert, Berthold, Laura wird zu Gunſten ihrer Liebe einen muthigen Kampf gegen ihres Vaters Reſpect vor dem Gelde unternehmen; es wird einige Zeit dauern, es wird ſie vielleicht viele Thränen koſten; aber ſie wird doch triumphi⸗ ren. Sie ſehen wohl, Berthold, daß Sie mit Un⸗ recht ſich der Verzweiflung überlaſſen. Allerdings wird dieſe unerwartete Veränderung Ihrer Lage Herrn Kemenaer überraſchen und betrüben. Folgte er der erſten Eingebung ſeines Gemüths, ſo würde er ohne Zweifel ſeine Thüre vor dem armen Dichter verſchließen, wie Sie ſagten; aber die liebevolle, die ſtarkmüthige Laura iſt da, um das ſtrenge Urtheil durch Bitten abzuwenden. Denken Sie nicht übel von Ihrer edeln Freundin, ehe ſie dieſe Probe be⸗ ſtanden hat. Warten Sie mit Vertrauen: der end⸗ liche Erfolg wird Ihnen den Frieden und Frohſinn Ihres Herzens wieder ſchenken.“ „Möchten Sie doch die Wahrheit ſprechen!“ rief der Jüngling, indem er im Gehen die Hand ſeines Freundes dankbar drückte.„O, dann werde ich Gott preiſen für das, was geſchehen iſt! Ja, ja, Conrad; denn das Geld meines Oheims würde mir 160 keine Ruhe gelaſſen haben, es würde mein Inneres mit Gewiſſensbiſſen erfüllt haben..„ Sie wiſſen es nicht, aber dieſes Geld, es ſind die geſammelten Thränen von Wittwen und Waiſen, die Schmerzens⸗ rufe Unglücklicher, die Blutstropfen hoffnungsloſer Hausväter. Mit einem Wort, mein Erbtheil wäre die Frucht des elendeſten Wuchers geweſen.“ „Ich wußte, mindeſtens vermuthete ich es längſt,“ murmelte der Muſiker,„aber ich wollte Ihrem arg⸗ loſen und weichen Herzen eine dauernde Bekümmerniß erſparen.“ Plötzlich den Ton ändernd, ſagte Conrad mit mehr Ruhe: „Nun, erhalten Sie ſich die Hoffnung, bis Sie wiſſen, ob das Schickſal wirklich gegen Sie ſo feind⸗ lich geſinnt iſt, als Sie fürchten.— Sie werden Ihre Wohnung verlaſſen müſſen; mit dem boshaften Monk können Sie nicht länger unter demſelben Dache weilen.“ „Ich kehre nicht mehr nach Hauſe zurück,“ ant⸗ wortete Berthold.„Es hat zwiſchen Monk und mir eine heftige Erklärung gegeben. Um nichts in der Welt würde ich an die Thüre des abſcheulichen Betrügers klopfen. Sein Anblick allein würde mich vor Demüthigung und Scham zum Sterben bringen.“ „Aber wozu haben Sie ſich entſchloſſen? Wo werden Sie eine Wohnung nehmen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Haben Sie Geld?“ „Auf meinem Zimmer liegt noch ein Bischen Geld; drei⸗ oder vierhundert Francs, glaube ich. Doch we es holen „La Bertholl Ihrem! — Hat hinterlaſ „Ni⸗ geben. ſprache „Un angenon ſeine Fa rechtferti ſtellen, die Han ihm in — Das Perſon k werde ko gen, ihr geben. 5 ſchuldig, ich werde verſunken „ſprechen Conſci Inneres e wiſſen mmelten nerzens⸗ ngsloſer eil wäre längſt,“ em arg⸗ nmerniß rad mit bis Sie o feind⸗ werden dshaften n Dache 2 ant⸗ und mir in der eulichen würde Sterben Bischen ube ich. 161 Doch wollte ich lieber verhungern, als hingehen und es holen!“ „Laſſen Sie dies meiner Sorge anbefohlen ſein, Berthold; ich brauche mich nicht zu ſchämen, um in Ihrem Namen das zu fordern, was Ihnen gehört. — Hat Ihr Oheim Ihnen denn ganz und gar Nichts hinterlaſſen?“ „Nichts. Monk wollte mir fünftauſend Francs geben. Er ſagte, mein Oheim habe auf ſeine Für⸗ ſprache ihn darum erſucht.“ „Und Sie haben die fünftauſend Francs nicht angenommen? Mit dieſer Summe könnten Sie jedoch beſſere Umſtände abwarten.“ „Ein Almoſen von Monk annehmen? Ich?“ rief Berthold mit Entrüſtung.„Seinen Betrug, ſeine Falſchheit durch Annahme einer Entſchädigung rechtfertigen? Ha, Sie wollen mich auf die Probe ſtellen, Conrad.— Hätte Monk mir die Summe in die Hand gelegt, ſeien Sie verſichert, ich würde ſie ihm in ſein heuchleriſches Geſicht geworfen haben. — Das Geld ſoll bereit liegen bleiben, bis ich in Perſon komme, ihn darum zu bitten; Monk ſagt, ich werde kommen; ich werde, durch die Noth gezwun⸗ gen, ihn bitten, mir das angebotene Almoſen zu geben. Mache ich mich jemals einer ſolchen Feigheit ſchuldig, o, verachten Sie mich dann, Conrad; denn ich werde wohl tief in dem Schlamm der Niedrigkeit verſunken ſein.— Sprechen Sie mir nichts mehr davon: es peinigt mich...“ „In der That, Sie haben Recht,“ ſagte Conrad, „ſprechen wir nicht mehr davon. Ich habe Ihnen 11 Conſcience, der Geldteufel. ———— —— 162 einen guten Vorſchlag zu machen. In dem Hauſe, doch de wo ich ein Zimmer bewohne, ſteht ein hübſches Quar⸗ nen ſe tier ledig; es iſt mit Meubeln verſehen; es hat eine von K Thüre geradeüber von der meinigen. Miethen Sie gen in es, bis wir wiſſen, was weiter zu thun iſt.“ das iſt „Es miethen? Aber Geld?“ ſchauen „Denken Sie nicht daran. Conrad iſt nicht reich; trauric aber er hat allezeit pünktlich bezahlt und genießt das lich ſe Vertrauen der Hausfrau; er wird ſich für Sie ver⸗ Macht antwortlich machen.“ ſehe, „Aber am Ende des Monats?“ Gliede „Einen Monat werden Sie nicht bleiben, Ber⸗ es wa thold. Und ſollte Herrn Kemenaer's Entſchluß wider Ich bi alle Wahrſcheinlichkeit länger als einen Monat auf alle G ſich warten laſſen, nun wohl, ſo wird Conrad für das Re ſeinen Freund bezahlen... Warum doch ſo ge⸗— Gi ſprochen? Morgen werde ich das Geld holen, das Minde Sie auf Ihrem Zimmer gelaſſen haben. Sich wei⸗„2 gern, es auszuliefern, wäre ein dummer Diebſtahl. mung, Monk iſt zu ſchlau, um wegen einer ſolchen Kleinig⸗ troſt, d keit ſich in einen gefährlichen Streit zu verwickeln. Sie in Wohl, dann haben Sie genug für einen Monat und men mehr. Kommen Sie, kommen Sie, es iſt eine ab⸗ niedrig gethane Sache; nach meiner Klavierſtunde wollen Er dar wir das ſchöne Quartier neben meinem Zimmer mie⸗ verneh then. Sie werden wie ein Herr wohnen... und ſagen ich werde allezeit bei Ihnen ſein, Berthold, um Sie men S zu tröſten und Ihnen zur Ertragung Ihres Geſchicks 2 Muth einzuflößen.“ Frage „Braver Freund,“ murmelte der Jüngling,„mein nicht z Unglück hat Ihre Anhänglichkeit an mich vermehrt. Laube Wenn Alles ſich gegen mich kehren muß, werden Sie ten zu. m Hauſe, hes Quar⸗ hat eine ethen Sie 4 icht reich; nießt das Sie ver⸗ en, Ber⸗ uß wider onat auf nrad für h ſo ge⸗ len, das Sich wei⸗ Diebſtahl. Kleinig⸗ erwickeln. onat und eine ab⸗ 2 wollen mer mie⸗ . und um Sie Geſchicks ,,„mein ermehrt. rden Sie 163 doch den armen Berthold nicht verlaſſen! Bei Ih⸗ nen ſein, mit Ihnen zuſammenwohnen, zuſammen von Kunſt und Zukunft träumen, unſere Empfindun⸗ gen in den Buſen von einander ausſchütten... das iſt ein Glück, das mich dankbar zum Himmel ſchauen läßt!... Wenn mein Herz nicht von trauriger Beſorgniß beklemmt wäre, ich würde fröh⸗ lich ſein und jauchzen... aber die verwünſchte Macht des Geldes! Laura! Nun ich ihre Wohnung ſehe, fühle ich einen kalten Schauder mir durch die Glieder laufen. Ich bin beſchämt.— Dürfte ich es wagen, Sie zu begleiten, Conrad? Himmel! Ich bin in der That derſelbe Menſch nicht mehr; alle Gemüthskraft entſinkt mir; ich habe nicht mehr das Recht, zu lieben.— Flehen, zittern, erröthen, o! — Gibt das Geld nichts Anderes, ſo gibt es zum Mindeſten Muth und Vertrauen...“ „Was ſind Sie doch von veränderlicher Stim⸗ mung, Berthold!“ bemerkte der Muſiker,„nun ge⸗ troſt, dann trauernd, dann froh, dann verzweifelnd! Sie müſſen ſich bezwingen und vernünftig ſein. Kom⸗ men Sie, halten Sie den Kopf aufrecht und er⸗ niedrigen Sie ſich nicht unnütz vor Herrn Kemenger. Er darf die unerwartete Botſchaft durch Niemand vernehmen, als durch Sie. Fürchten Sie nichts; ſagen Sie kühn, was Ihnen geſchehen iſt.— Kom⸗ men Sie, ich werde klingeln.“ Die Thüre wurde geöffnet.— Auf Conrads Frage antwortete die Magd, Herr Kemenaer wäre nicht zu Hauſe, aber Fräulein Laura ſäße in der Laube am Ende des freien Platzes nach dem Gar⸗ ten zu.. 164 Berthold zitterte. Eine Aufregung, die ihn ſelbſt überraſchte, war über ihn gekommen. Früher hatte er ſtets mit erhobenem Blicke, mit frohem Gemüth und leichtem Vertrauen dieſen Ort betreten; nun hing ihm der Kopf auf die Bruſt, es wurde ihm eng ums Herz und auf ſeinen Wangen glühte das Roth der Scham. Mit ſolcher Beſorgniß näherte er ſich der Laube; — aber nicht ſobald hatte er den ſchüchternen Blick auf Laura gerichtet, als er einen ſchmerzlichen Schrei ausſtieß, die Hände vor das Angeſicht legte, um die Thränen zu verbergen, die plötzlich gleich einem Strom aus ſeinem erſchütterten Buſen aufwallten. Was hatte er denn geſehen, davon er ſo heftig betroffen wurde. Conrad ſelbſt ſchaute ihn er⸗ ſtaunt an. Als der Jüngling unerwartet vor der Laube an⸗ langte, hatte er Laura überraſcht, wie ſie in ſtiller Träumerei damit beſchäftigt war, einen Kranz zu flechten. Die Blumen, die ſie dazu geſammelt hatte, waren einem Orangenbaum entnommen; aus den ſchneeweißen Blüthen hatte ſie einen duftenden Kranz geformt... einen Brautkranz!— Dieß Zeichen einer ſüßen Hoffnung hatte den Jüngling in Schre⸗ cken und Betrübniß verſetzt. Laura und Conrad ſchauten ihn an, die Eine mit Angſt, der Andere mit Verwunderung; aber ehe Eines von ihnen ein Wort ſprechen konnte, ließ Ber⸗ thold ſich auf die Bank der Laube niederfallen, und rief mit tiefer Traurigkeit in der Stimme: „O meine gute Laura, der himmliſche Traum wird ſich nicht verwirklichen! Zerreiße, zerreiße den Kranz: bluten „2 zitternd Aufreg „A der W ſeinem Falſchl ich, da vergief / Laura! alles ſe zukünft Traum ſchwun Mal, men de hn ſelbſt eer hatte Gemüth n; nun de ihm ihte das Laube; en Blick Schrei um die einem allten. b heftig ihn er⸗ ube an⸗ N ſtiller ranz zu t hatte, us den Kranz Zeichen Schre⸗ ie Eine ber ehe 2ß Ber⸗ n, und Traum ße den 165 Kranz: der Anblick deſſelben macht mir das Herz bluten...“ „Was iſt Dir, Berthold?“ fragte das Mädchen zitternd,„um Gottes willen ſprich deutlich; Deine Aufregung erſchreckt mich!“ „Ach Laura,“ rief er, ich beſitze nichts mehr in der Welt; ich bin arm; mein Oheim hat mich vor ſeinem Tode enterbt!“ Das Mädchen ſchaute ihn ungläubig an. „Monk hat meinem Oheim ein Teſtament abge⸗ lockt; er iſt Erbe von Allem!“ „Monk?“ rief das Mädchen mit Zorn und Ver⸗ achtung im Angeſicht.„O, das iſt alſo der Grund des geheimen Abſcheus, den mein Herz gegen ihn empfand. Ich hatte ein Vorgefühl ſeiner bodenloſen Falſchheit; mir ſchauerte bei ſeinem Anblick, als ahnte ich, daß er denjenigen, welchen ich liebe, unglücklich machen würde.— Und er hat Dich Deines Erbes beraubt? Die Schlange, die kriecht und ſich ver⸗ birgt, um Gift zu ſpeien!— Unglücklicher Berthold! Du mußt darum nicht weinen... Gott wird den Betrüger wohl finden...“ Und dieß ſagend, begann ſie ſelbſt Thränen zu vergießen. „Es iſt ein trauriges Mißgeſchick, nicht wahr Laura?“ ſeufzte Berthold.„Du fühlſt gleichfalls, daß alles ſo Schöne und Herrliche, was wir von unſerem zukünftigen Leben hoffen durften, nun gleich einem Traume, der nichts als Betrübniß zurückläßt, ver⸗ ſchwunden ſein kann... Vielleicht iſt es das letzte Mal, daß ich in Deiner Gegenwart den ſüßen Na⸗ men der Geliebten ausſprechen darf.“ 166 Laura ſah wechſelsweiſe den Jüngling und den Muſiker an; ihre Thränen hatten aufgehört zu fließen; ihr Angeſicht drückte nur Schrecken und Er⸗ ſtaunen aus. „O Laura,“ fuhr Berthold fort,„nicht um den Verluſt des Erbes vergieße ich Thränen, ſondern das Herz zittert mir aus Furcht vor größerem Unglück. Ich dachte, Gott habe Dich geboren werden laſſen, um meine Braut zu ſein; in dieſer bezaubernden Ueberzeugung ſchaute ich hinaus in die helle Bahn unſeres Lebens und ſah nichts als Sterne der Freude, Freundſchaft und des Glücks, die lachend an dem reinen Himmel unſerer Ehe und unſerer Liebe blink⸗ ten. Wer weiß, Geliebte, wer weiß, ob das miß⸗ günſtige Geſchick uns dieſen Himmel nicht auf ewig verſchloſſen hat?“ Bertholds Stimme trug bei dieſen Worten einen ſo tief ſchmerzlichen Ausdruck, daß Laura unter dem Eindruck davon einen Schrei peinlichen Mitleids ausſtieß. Sie ergriff zitternd des Jünglings Hand. „Aber was willſt Du ſagen, Berthold?“ rief ſie. „Läßt dieſer Schlag des wechſelvollen Geſchicks Dich für meine Liebe fürchten? Nein, nein, verkenne meine Treue nicht! Ich habe Dich nicht geliebt, weil Du einſt reich an Geld ſein ſollteſt. Was mich an Dich knüpfte, was mich träumend einen Braut⸗ kranz flechten ließ, das iſt der Reichthum Deiner Seele, die reine Zartheit Deines Herzens, der Adel Deines Gemüths. Was ich an Dir liebe, iſt der Freund Gottes und der Menſchen, der Tugend, Schönheit und Kunſt. Hat ein boshafter Geldteufel Dir das Erbe Deines Oheims entzogen, ſo hat mein Bräutig verlorer denke, d einen f „D Ihnen dem G gemeſſ worten niedrig in der Dich b Mann dem 2 bleiben res D 22 das I liebt aber und den ehört zu und Er⸗ um den dern das Unglück. laſſen, bernden te Bahn Freude, an dem de blink⸗ as miß⸗ uf ewig n einen ter dem Mitleids Hand. rief ſie. ks Dich derkenne geliebt, as mich Braut⸗ Deiner er Adel iſt der Lugend, ldteufel ait mein 167 Bräutigam doch an den Schätzen der Seele nichts verloren. Sei getroſt und muthig, Berthold; be⸗ denke, daß Deine Thränen mich verletzen: Du mußt einen feſteren Glauben an Laura's Treue haben.“ „Du Engel von Edelmuth, anbetungswürdiges Herz der Güte!“ ſeufzte Berthold mit einer Stimme, die in Thränen der Bewunderung erſtickte. „Er fürchtet, Fräulein, daß Ihr Vater ihn von Ihnen entfernen wird,“ ſprach der Muſiker, augen⸗ ſcheinlich um ſeinem Freund behülflich zu ſein und dem Geſpräche eine zweckmäßigere Richtung zu ge⸗ ben.„Herr Kemenaer ſchätzt das Geld ſehr hoch.“ „Mein Vater; ja, mein Vater,“ murmelte das Mädchen bedenklich. „Seine Entſchließung iſt es, die mir Schrecken einflößt, Laura,“ ſagte Berthold.„Ich bin arm; ich beſitze nichts mehr, nichts als eine unſichere Zu⸗- kunft. Er wird mich fragen, mit welchen Mitteln ich Dir in der Geſellſchaft ein Deinem Stande an⸗ gemeſſenes Loos ſichern kann. Was ſoll ich ant⸗ worten? Wird er nicht mit Verachtung auf den niedrigen Dichter herabſehen? Gott, wenn er mich in der That verſtoßen, mich von Dir ſcheiden und Dich bewahren wollte, um die Braut eines reichern Mannes zu werden? O wehe, es würde mir bei dem Wechſel all des geträumten Glücks nichts übrig bleiben, als ein unerträgliches Leben und ein bitte⸗ res Dahinſchmachten!...“ „Was Du fürchteſt, wird nie geſchehen!“ ſprach das Mädchen mit beſtimmtem Tone.„Mein Vater liebt das Geld, das iſt wahr; er ſagt es wenigſtens, aber er fügt ſtets bei, daß er es nur ſchätzt, weil — 1 —————— 168 es mich glücklich machen kann. Nun wohl, von Dir geſchieden, kann ich nie glücklich werden, Berthold. Ich werde es ihm begreiflich machen; ich werde, wenn es nöthig iſt, bitten, flehen, vor ihm knieen. Er wird mich nicht krank werden laſſen, nicht vor Betrübniß ſterben laſſen. Nein, nein, dazu iſt ſeine väterliche Liebe zu innig. Er hat über die Mittel zum Lebensglück andere Gedanken als wir; aber meine Thränen werden ihn überwinden.“ „Und wenn er ſich weigerte, Laura, dann hörte ich vielleicht nie mehr Deine Stimme.“ „Wenn er ſich weigerte?“ wiederholte das Mäd⸗ chen mit Stolz in dem Blick.„Dann würde ich bei meinem Vater bleiben bis zum Ende ſeiner Tage und Dich doch in meiner Seele lieb behalten. Ha, Berthold, glaube nicht, daß Laura eine Frau iſt, die man gegen ihren Willen im Austauſch für ein großes Vermögen weggibt! Ich will meinen Vater ehren und lieben; aber Pflichten übernehmen, die ich nur zum Theil würde erfüllen können? Mich zu einem ganzen Leben der Heuchelei verurtheilen laſſen? Niemals, niemals! Du wirſt mein Bräutigam ſein; oder kein Mann auf Erden wird je mein Jawort empfangen.“ Der Jüngling murmelte Worte der Dankbarkeit und Bewunderung; aber Laura ließ ihm die Zeit nicht, um ſeiner Rührung Ausdruck zu geben.— Aufſtehend, ſprach ſie mit Augen, die von Muth und Stolz glänzten: „Keine Furcht, Berthold. Wenn man uns von einander ſchiede, würde ich unglücklicher ſein, als Du. Die Liebe zur Kunſt würde dann Dein Herz ganz Freihe nicht Gedan Seele will mein men. Du w Gedar mich glückli laſſen Vater⸗ beider ſchnell nicht eigene wanke wird nicht U terlich thold A tete ſi S „5 die an 169 von Dir ganz erfüllen können; in ihrer Ausübung und der Berthold. Freiheit des männlichen Lebens würdeſt Du, wenn h werde, nicht Troſt, ſo doch Zerſtreuung für Deine trüben n knieen. Gedanken finden. Eine Frau iſt allezeit mit ihrer nicht vor Seele allein; ſie träumt und ſchwärmt... Ich iſt ſeine will nicht hinſiechen!... aber verlaß mich nun; te Mittel mein Vater kann alle Augenblicke nach Hauſe kom⸗ ir; aber men. Er darf die Kunde nicht von Dir vernehmen; Du würdeſt durch einen unerwarteten Eindruck ſeinen in hörte Gedanken eine ungünſtige Richtung geben. Laß mich machen; Du ſollſt ſehen, Alles wird noch ein as Mäd⸗ glückliches Ende nehmen. Ich werde Conrad wiſſen ürde ich laſſen, wann Du kommen ſollſt, um aus meines ner Tage Vaters Munde das Wort zu empfangen, das unſer n. Ha, beider Weh ein Ende machen muß.... Geh nun iſt, die ſchnell; mein Vater möchte uns überraſchen. Traure ngroßes nicht mehr; vertraue auf Laura; das Glück ihres er ehren eigenen Lebens ſteht auf dem Spiele; ſie wird nicht ich nur wanken; ſie iſt zu lang Deine Verlobte geweſen, ſie u einem wird Deine Braut werden; es muß ſein, es kann laſſen? nicht anders...“ m ſein; Und dieſe Worte mit dem Tone einer unerſchüt⸗ Jawort terlichen Ueberzeugung ſprechend, geleitete ſie Ber⸗ thold und ſeinen Freund nach dem Thore. kkbarkeit Auf des Jünglings zitterndes Lebewohl antwor⸗ die Zeit tete ſie mit tröſtendem Lächeln: ben.—„Bleibe muthig, Berthold: es iſt nur eine Wolke, Muth die an dem Himmel unſerer Zukunft vorüber zieht.“ ns von ein, als n Herz 170 Sechstes Kapitel. Herrn Kemenaers Haushälterin war beſchäftigt, in einem Saale die Seſſel abzuſtäuben. Sie hielt ſich mit der linken Hand an einem Stuhl und bewegte mit der andern den Federwiſch; aber dieſe Arbeit war vielleicht nur verſtellt, denn mei⸗ ſtens blieb ſie regungslos in derſelben Haltung ſte⸗ hen und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf den Laut von Stimmen, die von Zeit zu Zeit hinter der Doppelthüre eines andern Saals verſtändlich zu ihr vordrangen. Was dort geſagt wurde, mußte für die Dienſtmagd von beſonderer Wichtigkeit er⸗ ſcheinen; denn ihr Geſicht veränderte ſeinen Aus⸗ druck je nach dem Gang des belauſchten Geſprächs und zeugte das eine Mal von Furcht und Betrüb⸗ niß, das andere Mal von Hoffnung und Freude. Von Zeit zu Zeit verirrte ſich ihre Aufmerkſam⸗ keit ganz von der Arbeit hinweg, und dann mur⸗ melte ſie, als nähme ſie wirklich Theil an dem, was hinter der Thüre geſchah, einige abgebrochene Worte: „Arme Laura, was muß ſie leiden!... Herr Kemenaer hat Recht: Liebe ohne Geld iſt eine Lampe ohne Oel!... Wie unwandelbar in ihrem Willen iſt unſer Fräulein; aber es wird ihr doch nicht glücken! .. Ach, da weint ſie nun ſo bitter; ſie wird daran ſterben!... die Stimme des Herrn wird ſo ſanft! Sollte er ihrer Bitte nachgeben? Unmöglich!... Was ſagt ſie da?— Sie will in ein Kloſter!. Sie fällt in Ohnmacht, glaube ich. Ach nein, ſie redet wieder!... Er verſpricht ihr, über die Sache nachzu bereits „ mit le und b noch e behore kein e O die H 5 einen über trauri währe digen mit de chäftigt, Sie Stuhl ); aber in mei⸗ ung ſte⸗ keit auf t hinter dlich zu mußte keit er⸗ n Aus⸗ eſprächs Betrüb⸗ eude. ꝛerkſam⸗ i mur⸗ m, was Worte: Herr e Lampe Willen glücken! d daran o ſanft! nachzudenken? Er gibt ihr Hoffnung? Dann iſt er bereits zur Hälfte gewonnen. Das hätte ich niemals gedacht... Man ſchweigt? Was mag nun geſchehen? Sie verlaſſen den Saal, glaube ich...“ Eine Weile lauſchte ſie noch fort, ohne etwas zu vernehmen. Sie näherte ſich mehr der Thüre und wollte ihr Ohr hinhalten; doch plötzlich drehte ſich der Schlüſſel im Schloſſe und Herr Kemenaer, noch ganz erregt von dem heftigen Geſpräch mit ſei⸗ ner Tochter, trat in den Saal, wo die Haushälterin ſich befand. „Was thuſt Du hier?“ fragte er mit drohendem Blick. „Ich ſtäube die Stühle ab, Herr,“ antwortete die überraſchte Magd.„Wo mag doch der Staub herkommen? Man ſollte faſt alle Tage mit dem Federwiſch herumgehen.“. „Begib Dich hinauf zu Laura,“ gebot Kemenaer mit lebhafter Ungeduld.„Sie iſt auf ihrem Zimmer und befindet ſich nicht wohl... Im Fall ich Dich noch einmal dabei antreffe, daß Du Deine Herrſchaft behorchſt, ſo jage ich Dich weg. Und laß es Dir kein einziges Mal mehr ſagen, hörſt Du!“ Ohne noch eine weitere Antwort zu wagen, räumte die Haushälterin den Saal. Herr Kemenaer ſetzte ſich unter das Fenſter auf einen Stuhl und legte den Kopf in die Hände, um über das Geſchehene nachzudenken. Er ſchien ſehr traurig und zugleich ſehr ärgerlich zu ſein, denn während er zuweilen die Lippen zu einer ungedul⸗ digen Geberde zuſammenpreßte, ſtieß er fieberhaft mit dem Fuß auf den Boden. —— 172 Endlich ſtand er auf, und im Zimmer auf und abgehend, ſagte er: „Es iſt unbegreiflich! Berthold enterbt? Monk, der ſchlaue, liſtige Monk Beſitzer dieſes großen Ver⸗ mögens? Das kommt daher, Dichter zu ſein, träu⸗ men, in der Luft zu wohnen, und mittlerweile ſich durch einen argliſtigen Knecht betrügen zu laſſen! O, er verdient ſein Loos, der Dummkopf. Hätte er etwas mehr Acht auf materielle Intereſſen gegeben, ſolches Unglück würde ihn nicht betroffen haben. Er ſchätzt das Geld nicht: das Geld hat Rache genom⸗ men; es hat ſich ſelbſt weggeſchenkt an Jemand, der es liebt. So geht es.— Er ſoll mein Schwieger⸗ ſohn werden? Ein armer Verſemacher, ein verſtand⸗ loſer Träumer, ein Menſch, der ſelbſt nicht geſunde Vernunft genug beſitzt, um als Schreiber auf einem Bureau ſich zum Betrieb der Kaufmannſchaft tüchtig zu machen. Ha, ha, es wäre ſonderbar, in der That. Wie würden alle ordentlichen Leute mich verſpotten 1... Dieſer Monk, wer hätte es denken können? Der niedrige Schmeichler, der gemeine Comptoirdiener, vielleicht Millionen reich! Er iſt viel ſchlimmer als der alte Robyn; er wird die Pracht zu Hülfe neh⸗ men, um die Augen der Welt zu verblenden. Gott weiß, welche Schätze er mit der Zeit noch ſammelt. Er wird geliebt, geſchmeichelt und geachtet werden, Edelleute, Kaufherren, Börſenmänner werden in ihm das Geld verehren, ohne zu fragen, woher es kommt und wie er ſich daſſelbe verſchafft hat. Monk Millio⸗ nen reich! Welch überraſchender Schlag des Glücks!“ Herr Kemenaer hatte ſich dem Tiſche genähert und ſich, während er dieſe letzten Worte ſprach, wieder verfolg allerdit ſchüttel es entſ En „1 Einfält dem L. wird k Laura fühl iſ regen. mit ihr mehr ich du Seele würde von K Gott, Umſchl He Blicks; er mu⸗ regung leichten „2 Hoffne allmäl Mann Laura entſag auf und Monk, en Ver⸗ n, träu⸗ veile ſich laſſen! Hätte er gegeben, ben. Er genom⸗ and, der hwieger⸗ herſtand⸗ geſunde if einem t tüchtig er That. btten!... 22 Der irdiener, mer als lfe neh⸗ n. Gott ammelt. werden, in ihm 3 kommt Millio⸗ Glücks!“ genähert ſprach, 173 wieder auf einen Seſſel fallen laſſen. Im Stillen verfolgte er nun ſeinen Gedankengang. Dieſer mußte allerdings traurig geworden ſein; denn zuweilen ſchüttelte er den Kopf in ſchmerzlichem Zweifel und es entſchlüpfte ihm ein Seufzer dabei. 3 Endlich ſagte er träumend: „Meine arme Laura leidet wohl tiefe Schmerzen. Einfältiges Kind, das ſich aus Liebe auf ewig mit dem Looſe eines armen Dichters verbinden will! Sie wird krank werden und dahin ſiechen, ſagte ſie... Laura hat eine ſo wunderliche Naturanlage; ihr Ge⸗ fühl iſt ſo innig, ihre Nerven ſind ſo leicht aufzu⸗ regen. Wenn ihre Zuneigung zu Berthold ſo feſt mit ihrem Herzen verwachſen wäre, daß ſie ſich nicht mehr vertilgen ließe, ohne es zu zerreißen? Wenn ich durch allzu haſtigen Widerſtand ihrer zarten Seele eine unheilbare Wunde ſchlüge? Vielleicht würde ſie in der That dahinwelken; ſie iſt nicht ſtark von Körper... Mein einziges Kind, meine Laura? Gott, in welche Lage bringt mich dieſer unerwartete Umſchlag des Glücks!“ Herr Kemenaer verharrte eine Weile ſtarren Blicks; mancherlei Geberden entſchlüpften ihm und er murmelte unverſtändliche Worte, bis ſeine Auf⸗ regung ſich endlich ganz zu legen ſchien und er mit leichtem Lächeln ſagte: „Vorſichtig muß ich mit ihr ſein: ihr einige Hoffnung laſſen und ihre Liebe durch den Zweifel allmälig erſticken. Das gibt ſich mit der Zeit; ein Mann ohne Geld bezaubert nicht lang... Und will Laura nicht bald genug ihren unſeligen Wünſchen entſagen, ſo wird Berthold mir ſelbſt die Mittel an 174 die Hand geben, um ſie von ihrem Irrthum zu hei⸗ len. Ich werde ihm ſeine Armuth vor Augen ſtellen und ihn fühlen laſſen, daß man ſeine Gegenwart wohl dulden mag aus Nachgiebigkeit gegen die Grille eines jungen Mädchens, und nur ſo lang, bis dieſe Grille vorüber iſt. Er wird ſich dadurch verwundet fühlen und in ſeinem Stolze aus eigenem Antrieb von Laura entfernen. Nun, nun, die Sache iſt nicht ſo ſchlimm...“ Die Thorklingel ließ ſich mit überraſchender Kraft hören. „Wenn es Berthold wäre,“ rief Kemenger;— doch fügte er murmelnd hinzu: „Ein enterbter Mann klingelt nicht ſo ſtark.— Aber wer kann es wiſſen? Die Aufregung vielleicht.“ Sich an der Saalthüre zeigend, ſagte die Haus⸗ hälterin. „Herr Monk wünſcht den Herrn zu ſprechen.“ „Monk? Monk?“ fragte Kemenaer, während be⸗ reits auf ſeinem Angeſicht ein ſchmeichelndes Lächeln zum Vorſchein kam.„Laß ihn um Gottes willen nicht warten, Roſalie. Beeile Dich, bitte ihn um Entſchuldigung, führe ihn in den großen Saal und halte Dich bereit, den Wein zu bringen, den ich Dir angeben könnte. Geh und mach Deine Sachen gut!“ Kemenger trat in den andern Saal, ſchob eiligſt den ſchönſten Lehnſtuhl heran, ſchaute in den Spie⸗ gel, um ſeine Halsbinde beſſer zu richten, und hielt ſich dann, mit dem Ausdruck der Freundſchaft im Geſicht, gegen die Thüre gekehrt, um Robyns gewe⸗ ſenen Schreiber zu empfangen. Beide Hände vorausſtreckend, lief er dem Ein⸗ tretend den w führte 8 . I“ mich, zem H 8 Die ſe ſtande ſchuhe ſehr j ſicht, zurück Lippe zeugu ſchend druck was welche ausge A und ſ Freur n zu hei⸗ en ſtellen egenwart die Grille bis dieſe erwundet Antrieb iſt nicht der Kraft naer;— ſtark.— jelleicht.“ ie Haus⸗ echen.“ hrend be⸗ 8 Lächeln s willen ihn um Saal und n ich Dir den gut!“ ob eiligſt en Spie⸗ und hielt ſchaft im ns gewe⸗ dem Ein⸗ 175 tretenden entgegen und ſprach, während er ihn mit den wärmſten Beweiſen der Geneigtheit in den Saal führte: „Nun, mein lieber Herr Monk, wie freut es mich, Sie zu ſehen! Ich wünſche Ihnen von gan⸗ zem Herzen Glück. Der gute, brave Robyn! Wie verſtändig war es von ihm, ſein Geld ſo anzulegen; es konnte fürwahr keinen beſſern Händen anvertraut werden, als denen des intelligenten und tiefſchauen⸗ den Monk... Was verſchafft mir doch die Ehre Ihres Beſuchs?“ Monk ſchien durch das Erbe gänzlich verändert. Die ſchwarzen Trauerkleider von äußerſt feinem Tuche ſtanden ihm vortrefflich und die glänzenden Hand⸗ ſchuhe hatten aus ſeinen dürren, krummen Fingern ſehr feine und vornehme Hände gemacht. Sein Ge⸗ ſicht, ohne Augenbrauen und Wimpern, war wohl gleich zurückſtoßend geblieben; noch ſprachen ſeine dünnen Lippen von Argliſt und Gemeinheit; aber die Ueber⸗ zeugung von ſeinem Reichthum hatte etwas Beherr⸗ ſchendes in ſeinem Geſicht ausgeprägt: einen Aus⸗ druck von Selbſtgenügſamkeit und Kraftbewußtſein, was ihm den Anſchein eines trefflichen Mannes gab, welchen die Natur mit körperlicher Schönheit nicht ausgeſtattet hatte. Auf den zuvorkommenden Empfang von Kemenaer und ſeine Frage antwortete er mit ungezwungener Freundlichkeit: „Ich wollte der erſte ſein, Ihnen zu melden, daß Robyn mich zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt hat.“ „u viel Ehre; Sie ſind zu gütig,“ murmelte Laura's Vater. —— ——— 176 „Aber ich höre, daß Sie es bereits wiſſen. Hat Berthold denn noch die Keckheit gehabt, hieher zu kommen?“ „Er iſt in meiner Abweſenheit hier geweſen und hat meine Tochter mit der Sache bekannt gemacht.“ „Sie werden ihm ohne Zweifel Ihr Haus ver⸗ bieten?“ „Ich war eben daran, in Erwägung zu ziehen, was hier zu thun wäre. Nun, belieben Sie nieder⸗ zuſitzen, mein guter Herr Monk. Was darf ich Ihnen anbieten? Ein Glas Madeira?“ „Nein, nein, ich danke.“ „Malaga? Paxaréète?“ „Nein, geben Sie ſich doch nicht ſo viele Mühe, Freund Kemenager.“ „Wir ſollten dennoch ein Glas auf das glück⸗ liche Ereigniß trinken.“ „Nun denn, Ihnen zu Gefallen.“ Kemenaer zog an der Klingelſchnur und gab der Haushälterin Befehl, die angedeuteten Weinſorten zu bringen. Monk ließ ſich in einen Lehnſtuhl fallen und träppelte leiſe und ſchnell auf dem Teppich, wie Jemand, der ſich ganz behaglich fühlt und vollkom⸗ men mit ſich ſelbſt zufrieden iſt. Er ſchaute aber Herrn Kemenaer nach, während ein leichtes Lächeln der Argliſt und des Spotts auf ſeinen Lippen ſpielte. Die Magd hatte die angezeigten Flaſchen und einige Gläſer verſchiedener Form gebracht. „Nun, mein achtbarer Freund, iſt Ihnen Madeira gefällig?“ fragte Kemenaer. „Es ſei ſo: Madeira.“ „Wohlan, Herr Monk, dies geht auf Ihre Ge⸗ ſundhe ſich ſte Ihnen thum „4 meinen men mich n Glück thun.“ D Tone Bewec Aufreg 5 müthig Ihrem legung entſchli G „ ſeufzte a0 doch d nur ei ſitzt ke Con en. Hat eher zu ſen und macht.“ us ver⸗ ziehen, nieder⸗ Ihnen Mühe, s glück⸗ gab der inſorten )l fallen dich, wie vollkom⸗ ute aber Lächeln ſpielte. hen und Madeira hhre Ge⸗ 177 ſundheit und Ihr Wohlergehen! Möge das Glück ſich ſtets huldvoll Ihrer Geſchicklichkeit beweiſen und Ihnen auf dem Pfade zu immer wachſendem Reich⸗ thum zulächeln!“ „Haben Sie Dank; Sie ſind wahrlich zu gütig. — Und ich wünſche, daß ich allzeit Ihr Freund blei⸗ ben möge; daß die Umſtände mir vergönnen, Sie an meinen gewinnreichſten Unternehmungen Theil neh⸗ men zu laſſen. Ich fühle eine innige Neigung, mich näher mit Ihnen zu verbinden. Jetzt, wo das Glück es mir geſtattet, möchte ich Ihnen Gutes thun.“ Dieſe ſo hochfahrenden Worte, in beſchirmendem Tone ausgeſprochen, entlockten Herrn Kemenger eine Bewegung des Aergers; doch unterdrückte er ſeine Aufregung augenblicklich und antwortete ſehr höflich: „Ich weiß es, Herr Monk, Sie ſind ein edel⸗ müthiger Mann, und ich werde herzlich dankbar von Ihrem gefälligen Anerbieten Gebrauch machen.“ Monk ſchwieg einen Augenblick, nippte aus ſei⸗ nem Glas und ſchaute Kemenaer in die Augen. „Sie wollten mir etwas ſagen?“ fragte dieſer. „In der That,“ antwortete Monk,„aber es iſt mir entfallen. Ach ja, Sie waren eben in Ueber⸗ legung begriffen, wozu Sie ſich bezüglich Bertholds entſchließen ſollten!“ „Ich befinde mich in einem peinlichen Zuſtand,“ ſeufzte Kemenger. „Sie machen mich erſtaunen! So weit werden Sie doch die Unvorſichtigkeit nicht treiben, daß Sie auch nur einen Augenblick zögern könnten. Berthold be⸗ ſitzt keinen Pfennig auf der Welt; er mohnt bereits Conſcience, der Geldteufel. —————— 178 in einer elenden Kammer mit dem Muſikanten, dem daß Si ich hier zuweilen begegnet bin.“ zweifelh „'Er wohnt bereits in einer elenden Kammer?“„D wiederholte Kemenaer überraſcht. uns vo „Ja, ja; und glauben Sie nie, daß etwas von„N ihm zu hoffen iſt: ich habe ihm aus Mitleid fünf⸗ Begehe tauſend Francs geben wollen. Er hat es mit hohl. müſſen klingenden Worten abgelehnt. Er verachtet das Geld,„S der hochmüthige Narr!“ möglich „Was Sie ſagen, betrübt mich, guter Herr ſchehen Monk.“ und vie „Warum?“ täuſchen „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Laura ge: Narren berdet ſich, daß es einen Stein erbarmen ſollte.“.„A „Und was will ſie?“ mit ſch „Ich wage es beinahe nicht zu ſagen. Sie will ſehen d gleichwohl Bertholds Gattin werden.“ Es ver „Ha, ha!“ rief Monk laut lachend,„Sie ſcherzen; zu müſ es kann nicht ſein; ſie, Laura, Ihre Tochter, dee er iſt Frau eines armen Poeten? Es iſt ihr alſo unbe⸗ zu erkle kannt, daß er nichts mehr beſitzt, als die Kleider, ich kein die er auf dem Leibe trägt?“ „Sie weiß Alles.“ ſo füge 1„Aber wie rechtfertigt ſie ein ſo unerhörtes Ver⸗ Sie di langen?“ meine „Durch die Liebe, die ſie zu Berthold trägt.“ 3 „Die Liebe!“ ſpottete Monk,„die iſt gut in den zu viel Büchern. Da verheirathen ſich Markgräfinnen mit aus Ne Jungen aus dem Findelhauſe und Bankiers mit daß ie Töchtern armer Wittwen; aber im wirklichen Leben thun w von ſolchen Dingen ſprechen! Und Sie, Freund Welt. Kemenaer, der Sie die Welt kennen, iſt es möglich, die Br nten, dem dammer?“ ttwas von lleid fünf⸗ mit hohl⸗ das Geld, ter Herr Laura ge— ſollte.“ Sie will eſcherzen; dchter, die alſo unbe⸗ e Kleider, örtes Ver⸗ trägt.“ ut in den nnen mit kiers mit den Leben „Freund Zmöglich, 179 daß Sie über den Entſchluß, der für Sie zu faſſen, zweifelhaft bleiben?“ „Die Sache betrübt mich allzuſehr; laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen.“ „Nein, nein, ich will Sie als Freund vor dem Begehen einer unſeligen Thorheit bewahren. Sie müſſen Berthold die Thüre verſchließen.“ „Später gewiß, aber jetzt ſchon? Es iſt mir un⸗ möglich, ſo ſehr ich überzeugt bin, daß es ſo ge⸗ ſchehen muß. Meine Laura würde krank werden und vielleicht dahinwelken. Ich muß ihren Kummer täuſchen und allmälig ihre innige Liebe zu dem Narren Berthold zu überwinden ſuchen.“ „Alſo wird er noch hieher kommen?“ rief Monk, mit ſchlecht bezähmten Groll.„Nun, in dieſem Fall ſehen Sie mich zum letzten Mal, Herr Kemenaer. Es verdrießt mich, von einem guten Freunde ſcheiden zu müſſen; aber Berthold hat mich ſchwer beleidigt; er iſt hochmüthig genug, um ſich für meinen Feind zu erklären. In das Haus, wohin er kommt, ſetze ich keinen Fuß mehr.“ „Gedulden Sie ſich einige Wochen; ich werde es ſo fügen, daß er Ihnen niemals begegnet. Haben Sie die Güte und ſtimmen Sie aus Mitleid für meine unſchuldige Laura mir hierin bei.“ „Ja, Laura zu lieb würde ich mich bereitwillig zu vielen Opfern verſtehen. Es geſchieht ſowohl aus Neigung zu ihr, als aus Achtung vor mir ſelbſt, daß ich Ihnen die Augen öffnen will. Was Sie thun wollen, iſt die größte Unvorſichtigkeit von der Welt. Setzen Sie den Fall voraus, daß Laura nie die Braut des elenden Dichters werde;— Sie er⸗ 180 kennen ſelbſt, daß eine ſolche Heirath in gegenwär⸗ tigen Zeiten unmöglich iſt— aber Jedermann wird ſchon morgen wiſſen, daß Berthold enterbt iſt, daß er nichts in der Welt beſitzt und mit einem Geiger auf derſelben Kammer wohnt. Wenn man nun ſieht, daß er ſeine frühern Beſuche in Ihrem Hauſe fortſetzt, wird dies keine geringe Verwunderung geben. Alle verſtändigen Leute werden über Sie ſpotten und Sie verachten; die gute, tugendſame Laura wird der Gegenſtand jedes Geſprächs werden; ſie wird ihren Ruf verlieren, und erhält ſie noch irgend bei ordentlichen Leuten Zutritt, gemieden werden, als eine Perſon, die durch einen unziemlichen Verkehr die Geſetze des Anſtandes übertreten hat.“ „Was Sie ſagen, iſt die gewiſſe Wahrheit,“ ſeufzte Kemenaer.„Ich ſehe es auch wohl ein, aber ich bin Vater: die Thränen meiner unglücklichen Tochter machen mich unentſchloſſen. Zuweilen entſteht in mir die Frage, ob ich nicht beſſer thäte, Bertholds und Laura's Heirath zu beſchleunigen, um dem Ge⸗ ſchwätz der Leute vorzubeugen. Mein Vermögen iſt, ohne groß zu ſein, hinreichend, um ihnen beiden ein ſtilles und ſorgenfreies Leben zu ſichern, wenigſtens wenn ſie ſparſam ſein wollen.“ Monk ſtampfte ungeduldig auf den Teppich. Durch dieſe Bewegung beleidigt, ſagte Kemenaer mit kaltem, ſtolzem Tone: „Aber, Herr Monk, ich bin doch Herr, um über mein Kind und mein Vermögen nach meinem eige⸗ nen unbeſchränkten Willen verfügen zu können?“ „Wie kann Ihr Verſtand ſo benebelt ſein, Freund Kemenaer?“ rief Monk.„Ein Dichter ſparſam! Verſch. doch lo laſſen das w Gut ve dumm. greiflie führten unauf einen lang: Laura gebeuc ſterber ſeine gehen Ke betroff Bewei vergeſſ u8 iſt ſo, geben, im He Bekün 22 egenwär⸗ un wird iſt, daß Geiger lan nun m Hauſe ig geben. ſpotten ura wird ſie wird gend bei den, als Verkehr 4 ſeufzte aber ich n Tochter tſteht in Bertholds dem Ge⸗ nögen iſt, eiden ein enigſtens pich. Kemenaer um über iem eige⸗ nen?“ u, Freund ſparſam! 181 Verſchleudert er auch das Geld nicht, ſo wird er es doch los. Verzehren, ſich durch Jedermann betrügen laſſen und arm werden, ohne daß er es weiß; ja das wohl; aber ſparen, Geld verdienen und ſein Gut vermehren, dazu iſt er zu unbeſonnen und zu dumm. Was würde nun die Folge Ihres unbe⸗ greiflichen Beſchluſſes ſein, wenn Sie denſelben aus⸗ führten? Alle Menſchen müſſen einmal ſterben; Sie auch. Nun wohl!, ſtellen Sie ſich einen Mann vor, der lediglich von dem lebt, was Sie Ihrer Tochter nachgelaſſen haben;— der kein Geld kennt und es, ſo zu ſagen, blindlings an Alle hingibt, die ihm ſchmeicheln oder ihn betrügen;— der allzeit und unaufhörlich aus der Kaſſe ſchöpft, aber niemals einen einzigen Stüber wieder hineinbringt. Wie lang mag das dauern? Nicht lang. Ihr Kind, Ihre Laura, wird in Armuth verfallen, zur Niedrigkeit gebeugt einhergehen, und vor Reue und Traurigkeit ſterbend Sie anklagen, daß Sie es ſind, der durch ſeine Nachgiebigkeit ſie den unſeligen Mißgriff be⸗ gehen ließ!“ Kemenaer ergriff, von dieſer drohenden Weiſſagung betroffen und vielleicht Willens, durch einen höhern Beweis von Freundſchaft ſeine vorige Gereiztheit vergeſſen zu machen, Monks beide Hände und ſprach: „Ja, Sie ſind ein weiſer Rathgeber; ja, ja, es iſt ſo, wie Sie ſagen. Ohne Verzug will ich Befehle geben, um zu verhindern, daß Berthold nicht mehr im Hauſe zugelaſſen werde...“ „Aber Laura, Laura!“ klagte er mit wahrer Bekümmerniß. „Man ſtirbt nicht vor Liebe,“ lachte Monk. ————— 182 „Laura wird ſich tröſten. Wie können Sie auch glauben, daß dieſelbe einem Mann Liebe bewahren wird, der in einer Kammer wohnt, und ehe drei Monate vorbei ſind, vielleicht ſchon mit zerriſſenen Ellbogen herumlaufen wird? Laura verdient ein beſſeres Loos. Sie muß eine brillante Heirath machen, einem Mann ihre Hand reichen, der reich genug iſt, ihr zu einer hohen Stellung in der Welt zu ver⸗ helfen, der ſie neben Gräfinnen und Baroneſſen glänzen läßt. Sie iſt im Uebermaß mit Allem ge⸗ ſchmückt, was nöthig iſt, um ſelbſt die Braut eines Millionärs zu werden.“ „In der That, ſie iſt ſchön,“ murmelte Ke⸗ menaer. „Das iſt nichts,“ entgegnete Monk mit einem Lächeln. „Sie iſt verſtändig und hat eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen.“ „Um ſo beſſer; es kann nützlich ſein.“ „Sie hat eine ſchöne Stimme und verſteht ziem⸗ lich viel von Muſik.“ „Ueberflüſſig!“ „Sie iſt gutherzig, liebevoll und tugendhaft.“ „Gewiß, gewiß, aber ſie hat andere Verdienſte, wovon Sie nicht ſprechen.“ „So? Welche?“ „Sie iſt einziges Kind und Erbin von Herrn Kemenaer; ſie muß einſt, in der Zukunft, ungefähr vierhunderttauſend Francs in ihres Gatten Kaſſe bringen.“ „O, mein lieber Monk, wie irren Sie ſich!“ rief eine einen freuer ſicht C er tre von derſel iſt N K Sein Ahnn Mill Sie! die auch ewahren ehe drei rriſſenen ient ein machen, enug iſt, zu ver⸗ aroneſſen llem ge⸗ ut eines elte Ke⸗ it einem ezeichnete eht ziem⸗ haft.“ erdienſte, n Herrn ungefähr en Kaſſe ich!“ rief 183 Kemenager in plötzlicher Erregung,„Sie ſchlagen mein Vermögen zu hoch an.“ „Nun, nun, laſſen Sie es ſein, ſo viel Sie wol⸗ len: ich weiß, was ich ſage.“ Monk brachte noch einmal ſein Glas an die Lip⸗ pen, drehte ſich in ſeinem Stuhl und ſcharrte mit den Füßen, als ob etwas, was er zu ſagen im Be⸗ griff war, ihm nicht recht über die Zunge wollte. Kemenaer ſah ihn verwundert an. Sich jedoch ſogleich wieder faſſend, legte Monk den Ellbogen auf den Tiſch, um den Kopf darauf zu ſtützen und ſagte, Herrn Kemenaer in die Augen ſehend: „Ich bin hieher gekommen, um mit Ihnen über eine ſehr wichtige Sache zu ſprechen, um Ihnen einen Antrag zu machen, der Sie ohne Zweifel er⸗ freuen wird.“ „Ich höre. Haben Sie die Güte, mir Ihre Ab⸗ ſicht mitzutheilen.“ Ein frohes Lächeln erhellte Monks Geſicht, als er triumphirend ſprach: „Ich weiß einen guten Bräutigam für Ihre Laura! ... Sie ſcheinen erſtaunt? Ah, es iſt ein Mann von Verdienſten; aber ich will Ihnen nur eines derſelben erwähnen, das für alle übrigen bürgt: er iſt Millionen reich.“ Kemenaer horchte mit ſprachloſer Verwunderung. Sein Geſicht ſchien zugleich von einer ängſtlichen Ahnung entſtellt. „Nun, Herr Kemenaer, wenn Jemand, der eine Million beſitzt, zu Ihnen käme und ſagte:„geben Sie mir Ihre Tochter zur Braut,“würden Sie zögern?“ 184 „Aber von wem ſprechen Sie?“ beſchlich „Von mir ſelbſt,“ antwortete Monk. Sie nie Laura's Vater erbleichte in Folge der Gewalt, Mo die er ſich anthat, ſeine Entrüſtung zu bezwingen; Stuhl. dann verbarg er ſeine Aufregung unter einem er⸗ dieſer zwungenen Lachen und rief: ſuchte, „Ha, ha, lieber Monk, das iſt nicht Ihr Ernſt; ſeinen Sie wollen ſich auf meine Koſten luſtig machen!“ 3„S „Nun, was iſt denn ſo Wunderliches an meiner*,Sie m Frage?“ Nein, „Ihre Worte ſollten ernſtlich gemeint ſein? Ach, daß Si es iſt mir unmöglich, daran zu glauben. Sie Laura naer, heirathen? Nein, nein, ſo iſt es nicht gemeint!“ nommer Monk ſchien über Kemenaers ſpottenden Ton Lar ſehr aufgebracht; in ſeiner Stimme lag jedoch nichts währen von Zorn, als er ſagte: färbte. „Sie ſollten ſich im Gegentheil freuen. Mich„W dünkt, daß eine Million kein ſchlechter Bräutigam drohen iſt.“ Er „Ja, ja, eine Million bleibt immer jung; und Herzen⸗ ſie glänzt und entzückt, ohne daß die Zeit ihr etwas noch vo von ihrem Reiz entzieht; aber Sie, guter braver„L0 Monk?“ Verſtan „Nun was?“ zu brin „Sie ſind ſchon alt, oder ſcheinen es wenigſtens Sie ſin zu ſein.“„B „Dies thut nichts zur Sache.“„S „Ihr Aeußeres iſt nicht von der Art, um ein diener junges Mädchen anzuziehen, man darf das Ihnen abwaſch wohl ſagen, Sie ſind ein Mann von Verſtand und es geſch dürfen die Dinge wohl betrachten, wie dieſelben ſind. Ein Ha, ha, Monk, welch ein ſeltſamer Gedanke hat Sie Gewalt, bingen; em er⸗ Ernſt; en 14 meiner 2 Ach, Laura nt!“ n Ton nichts Mich utigam g; und etwas braver nigſtens um ein Ihnen nd und en ſind. hat Sie 185 beſchlichen? Wahrlich, ich glaube noch immer, daß Sie nicht im Ernſt ſprechen!“ Monk bebte vor verhaltener Wuth auf ſeinem Stuhl. Er fühlte wohl, daß Kemenaer, wie ſehr dieſer auch den Ton ſeiner Stimme zu beherrſchen ſuchte, ſeinen Spott mit ihm trieb und ſich durch ſeinen Antrag erniedrigt wähnte. 3„So, ſo,“ antwortete er mit drohendem Blick, *, Sie meinen wirklich, daß ich zur Kurzweil ſo ſpreche? Nein, nein, mein Anerbieten iſt ſo ernſtlicher Art, daß Sie es wohl bedauern könnten, Freund Keme⸗ naer, es nicht ohne alle die nutzloſen Worte ange⸗ nommen zu haben!“ Laura's Vater machte eine ungeſtüme Bewegung, während die Röthe des Zorns plötzlich ſeine Stirne färbte. Wie? Was iſt das? Sie wagen mir zu drohen?“ rief er höchlich entrüſtet. Er bezwang aber wiederum den Sturm ſeines Herzens und ſagte lachend, während ſeine Stimme noch vor heftigem Aerger zitterte: „Laſſen Sie uns Freunde bleiben. Der geſunde Verſtand wird hinreichend ſein, Sie zur Ueberzeugung zu bringen. Mein guter Monk, unter uns geſagt, Sie ſind häßlich, ſehr häßlich!“ „Bah, was macht das? Ich bin Millionär!“ „Sie waren geſtern noch Schreiber, Comptoir⸗ diener bei Robyn. Das Geld wird die Tinte wohl abwaſchen, die noch an Ihren Fingern klebt; aber es geſchieht doch nicht an einem einzigen Tag.“ Ein krampfhaftes Lachen verzerrte Monks Geſicht 186 und er ſchaute Herrn Kemenaer ſo ſpottend in die Augen, daß dieſer grollend aufſprang und ausrief: „Aber dies geht wahrhaftig zu weit! Hat Sie denn die Million verblendet? Dieſes Geſpräch muß aufhören!“ „Setzen Sie ſich, ſetzen Sie ſich,“ ſagte der An⸗ dere mit einer eiſigen Kälte, die Kemenaer zittern machte und zum Gehorſam zwang, als hätte der funkelnde Schlangenblick Monks ihn bezaubert. „Aber, ums Himmels willen, reizen Sie mich nicht! Sind Sie wahnſinnig?“ brummte Kemenager mit ängſtlicher Aufregung. „Ganz und gar nicht,“ „Was wollen Sie dann?“ „Nicht ſo viele Umwege, Freund Kemenaer; ich will, daß Ihre Tochter meine Frau werde.“ „Nie! Sie ſtürbe vor Schrecken bei dem bloßen Gedanken an eine ſolche Heirath.— Monk, laſſen Sie doch Ihr unſeliges Vorhaben fahren. Ich weiß nicht warum; aber Laura haßt Sie unaus⸗ ſprechlich.“ „Sie wird die Million lieben.“ „Und Sie haben auch keine Liebe zu ihr?“ „Meine Million und ihre vierhunderttauſend Francs werden friedlich mit einander leben.“ Aufs Neue ſprang Herr Kemenager auf und ſprach mit unverhehltem Zorn: „Ha, es würde ſchrecklich ſein, wenn es nicht lächerlich wäre; Sie halten mich fähig, Ihnen meine Laura zu geben? Ein edles, poeſiereiches Mädchen als ein Opferlamm in die Arme eines Menſchen ohne Seele zu liefern? Aber ich bin ihr Vater; ſie iſt mir Sie w binde, einer leidige ein Fr blieber gken m Hochm geſſen und ſe Laura alles von 0. fallen — N gegen zu vie 1 Lächel der Lo ul unben nicht Geſchi 8 genug „0 Geſchi viel 5 Sie e in die 1srief: Hat Sie ich muß der An⸗ zittern itte der t. 4 bie mich emenaer aer; ich n bloßen E, laſſen n. Ich unaus⸗ r?“ rttauſend 44 auf und es nicht en meine Mädchen Menſchen Later; ſie 187 iſt mir theurer als das Licht meiner Augen! Und Sie wollen, daß ich dieſelbe auf ewig Ihnen ver⸗ binde, Ihnen, deſſen Herz ſo kalt iſt wie das Herz einer Leiche?— Zu lang habe ich auf Ihren be⸗ leidigenden Vorſchlag gehört. Lieber wäre ich Ihnen ein Freund, zum Mindeſten ein guter Bekannter ge⸗ blieben; aber da Ihre Vermeſſenheit keine Schran⸗ gken mehr kennt, wohlan, ſo will ich Hochmuth gegen Hochmuth ſtellen. Verlaſſen Sie mein Haus; ver⸗ geſſen Sie, um was Sie bei mir zu bitten wagten, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie die Hand meiner Laura ſelbſt dann nicht bekommen ſollten, wenn Sie alles Gold beſäßen, das alljährlich durch die Bank von England rollt!— Nun, thun Sie mir den Ge⸗ fallen, gehen Sie und kehren Sie niemals wieder. — Nun, ſtehen Sie nicht auf? Wollen Sie denn gegen meinen Willen hier bleiben? Es wäre doch zu viel Unverſchämtheit!“ Monk rührte ſich nicht und hörte mit ſpottendem Lächeln auf Kemenaers Worte. „Haben Sie mich verſtanden oder nicht?“ ſchrie der Letztere mit ausbrechender Wuth. „Setzen Sie ſich noch einmal,“ antwortete Monk unbeweglich.„Von der Heirath werde ich mit Ihnen nicht mehr ſprechen; aber ich will Ihnen eine kleine Geſchichte erzählen.“ 4 „Nun, nun, keine Kindereien; es iſt des Spotts genug!“ „Setzen Sie ſich,“ wiederholte Monk.„Die Geſchichte, die ich Ihnen erzählen will, hat unendlich viel Bedeutung für Sie, Herr Kemenaer. Hören Sie einen Augenblick. Hernach werde ich mich ent⸗ 188 fernen... mit frohem Gemüth und mit Ihrer Zu⸗ ſtimmung zu meiner Heirath.“ „Ha, ha, Sie träumen!“ lachte Laura's Vater, mit einem Ausdruck, der tiefe Angſt verrieth. „Setzen Sie ſich,“ ſagte Monk, nochmals den Finger befehlend auf den Stuhl gerichtet.„Sie ſollen die Geſchichte ſogleich hören.“ Durch den Ton von Monks Stimme und einen geheimen Schrecken beherrſcht, ſetzte ſich Kemenaer nieder. „Es war einſt ein Mann, der hatte das Geld ſehr lieb,“ begann Monk mit kaltem Ton,„beküm⸗ merte ſich aber wenig um die Mittel, daſſelbe zu er⸗ halten. Er wucherte; er ließ ſich in viele gewinn⸗ bringende Geſchäfte ein; und wiewohl er immer mit dem Geſetzbuch in der Hand ſich innerhalb der äußer⸗ ſten Schranken des geſchriebenen Rechts zu halten wußte, einmal doch...“ „Was ſoll dieſe Geſchichte für mich?“ brummte Kemenger mit einer Stimme, die von einer unüber⸗ windlichen Angſt gedämpft war. „Nun, nun, hören Sie weiter,“ fuhr Monk fort. „Der Mann glaubte ſchlau zu ſein, aber einmal ließ er ſich doch durch Geldgier zu einer That verleiten, die man Prellerei oder escroquerie nennt... Sie müſſen etwas von dieſer Geſchichte wiſſen, Freund Kemenger.“ Mit der krampfhaften Hand auf dem Tiſchblatt ſchaute Kemenaer ſprachlos dem kalten Erzähler in die Augen. „Nicht wahr, Sie kennen die Geſchichte?“ wie⸗ derholte Monk ſcherzend. „A menaer „ Schlach ſie lier mangel an Ge das G auf ihr die Fre Welt. vielmel längſt „ vor S „T durch Monk Millior des rei wies il der M ihnen hörte 5 „L hrer Zu⸗ 8 Vater, ). nals den „Sie id einen temenaer as Geld „beküm⸗ de zu er⸗ gewinn⸗ mmer mit er äußer⸗ i halten brummte unüber⸗ onk fort. mal ließ derleiten, mnt... Freund riſchblatt ähler in 2“ wie⸗ 189 „Aber der Beweis? Der Beweis?“ ſtöhnte Ke⸗ menaer. „Ich fahre fort,“ entgegnete der Andere.„Die Schlachtopfer dieſes Gaukelſpiels wurden betrogen; ſie ließen ſich von allem entblößen, und dabei mangelte es ihnen, obwohl ſie etwas vermutheten, an Geld, um das wohl angezettelte Gewebe durch das Gericht entwirren zu laſſen. Er, der ſich auf ihre Koſten bereichert hatte, genoß im Frieden die Früchte ſeiner Gewandtheit und die Achtung der Welt. Er meinte, der Beweis ſeines Betrugs, oder vielmehr ſeiner blinden Unvorſichtigkeit wäre ſchon längſt vernichtet...“ „Himmel, und es iſt nicht ſo?“ fragte Kemenger, vor Schrecken beinahe außer ſich. „Das Stück wurde aus dem Feuer gerettet und durch einen armen Schreiber aufbewahrt,“ fuhr Monk fort, immer gleich kalt.„Der Schreiber wurde Millionär und ſetzte ſich in den Kopf, die Tochter des reichen Wucherers zur Frau zu haben. Dieſer wies ihn mit Hochmuth ab, aber der Schreiber oder der Millionär ſuchte die Schlachtopfer auf, ſtellte ihnen das nöthige Geld zur Verfügung, brachte die Beweiſe ans Licht und ließ ſo den Betrüger vor den Gerichtshof ſchleppen. Hier wurde er ſchuldig befunden und verurtheilt zu... Die Strafe kenne ich nicht genau, das Geſetz ſpricht von zwei Jahren Gefängniß...“ Bleich wie ein Todter und mit zitternden Lippen hörte Kemenaer auf dieſe Erzählung. „Sie, Sie beſitzen das Papier, wovon Sie ſpre⸗ chen?“ ſtammelte er. 190 Monk nickte triumphirend mit dem Kopf und fuhr fort: „Aber ich habe in der Erzählung fehlgegriffen; der Mann weigerte ſich nicht. Um ſeine Freiheit und Chre zu retten, um ſich ſelbſt und ſein Kind vor ewiger Schmach zu behüten, gab er dem Schrei⸗ ber ſeine Tochter im Austauſch gegen das unglück⸗ ſelige Beweisſtück. Nicht wahr, mein guter Herr Kemenaer, ſo iſt das Ende der Geſchichte?“ Einige Augenblicke blieb Laura's Vater unter dieſer ſchrecklichen Enthüllung wie zerſchmettert. „Iſt vielleicht die Verurtheilung das wahre Ende?“ fragte Monk.„Es hängt in der That nur von Ihnen ab. Ihr erſtes Wort wird es unwiderruflich entſcheiden.“ Kemenaer that ſich unendliche Gewalt an, ſeine Angſt beherrſchen zu können; er ſtreckte die Hand nach Monk aus und ſeußzte bittend: „Guter Monk, Sie werden mit einem armen Vater Mitleid haben, nicht wahr?“ „Verſtellen Sie ſich nicht. Mitleid zwiſchen uns? Was bezeichnet doch dies Wort? Wenn Sie dieſen Augenblick die Macht hätten, um mit mir nach Ihrem Willen zu handeln, Sie würden mich zur Thüre hinauswerfen. O, ich weiß es wohl!“ „Aber es iſt, als ob Sie mich zwängen, mein Kind zu ermorden!“ „Worte, Worte ohne Sinn!— Nun erklären Sie Ihre Abſicht, ja oder nein?“ „Gott, mein Gott!“ jammerte Kemenaer in ſeinem Innerſten,„es iſt abſcheulich!“ „Nun,“ ſagte Monk, pich werde dann nur ab⸗ gehen, mich rä naer. keinen im Ge⸗ wollte ſprang in den „N mir da bringen ſchreckli 26 Heirat! „3 11 auch n chender Geben Mi ein fiel eiskalte Kraft Tafel umgebe das Ve ppf und egriffen; Freiheit ein Kind Schrei⸗ unglück⸗ ter Herr er unter ert. e Ende?“ nur von derruflich n, ſeine die Hand n armen hen uns? iie dieſen mir nach mich zur ll en, mein erklären in ſeinem nnur ab⸗ 191 gehen, um noch heute genau zu berechnen, wie ich mich rächen ſoll... Leben Sie wohl, Herr Keme⸗ naer. Sie werden mich nicht mehr ſehen; ich will keinen Verkehr mit einem Mann haben, deſſen Platz im Gefängniß zwiſchen Dieben und Schelmen be⸗ ſtimmt iſt.“ Er machte einige Schritte nach der Thüre, als wollte er wirklich ſich entfernen; aber Kemenger ſprang ihm nach und zog ihn mit flehender Gewalt in den Saal zurück. „Nun?“ fragte Monk. „Ach,“ ſchrie Kemenaer,„es iſt ein Opfer, das mir das Leben vergiften, das meiner Laura den Tod bringen wird; aber, aber ich muß mich unter das ſchreckliche Geſchick beugen, das mich beherrſcht.“ „Sie geben alſo Ihre Einwilligung zu meiner Heirath mit Laura?“ „Ich muß, ich muß!“ „Und Sie werden dieſelbe beſtimmen, mich wenn auch nicht mit Freude, zum Mindeſten mit entſpre⸗ chender Ergebung zum Bräutigam anzunehmen? Geben Sie mir die Hand darauf.“ Mit einer Hand, die zitterte, als durchliefe ſie ein fieberhafter Schauder, berührte Kemenaer Monks eiskalte Hand, und ließ ſich dann mit erſchöpfter Kraft auf einen Stuhl und mit dem Kopf auf die Tafel fallen. „Nun, nun,“ ſagte der Andere,„tröſten Sie ſich nur: Ihre Betrübniß iſt grundlos. Ich werde Ihre Laura glücklich machen; ich werde ſie mit Pracht umgeben, ſie glänzen laſſen in der Welt; ihr all das Vergnügen verſchaffen, womit ein unerſchöpflicher 192 Reichthum den Pfad einer jungen Frau beſtreuen kann. Ihnen werde ich Vortheil zuwenden, ſo viel ich kann, denn durch dieſe Verbindung werden in der That Ihre Intereſſen die meinigen. Was in Ihre Kaſſe kommt, iſt für mich nicht verloren. Wir wollen zuſammen wunderſchöne Geſchäfte unterneh⸗ men; Sie werden Ihr Vermögen Tag für Tag wachſen ſehen und ſeien Sie überzeugt, Freund Ke⸗ menaer, der Augenblick wird bald kommen, wo Sie das Schickſal ſegnen werden, das Ihnen einen Mann wie mich zum Schwiegerſohn gab.“ Herr Kemenaer ſagte nichts, ſondern ſchien mit ſeinen Gedanken weit abgeirrt zu ſein. „Ah, ich denke da noch an eine beſondere Kleinig⸗ keit, die vielleicht ihren Werth hat,“ ſprach Monk. „Es kommt ein Lehrer hieher, der Fräulein Laura auf dem Klavier Unterricht gibt; dieſer Muſikus war ein Freund von Berthold. Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie ihm gleichfalls den Zutritt in Ihr Haus verſagen. Sie begreifen, aus welchen Gründen, nicht wahr?“ Laurg's Vater nickte bewußtlos mit dem Kopfe. „Der Anſtand erheiſcht, daß zwiſchen dem Tode Robyns meines Wohlthäters und meiner Heirath wenigſtens einige Monate vergehen,“ ſagte Monk. „Es iſt demnach Zeit genug, um Laura von ihrer Zuneigung zu dem armen Dichter geneſen zu laſſen und ihr die gedachte, eine Million betragende Ver⸗ bindung annehmlich zu machen; doch verlange ich, daß Sie ſogleich, das heißt zwiſchen morgen und übermorgen von meinem Antrag mit ihr ſprechen. Es wird mir angenehm ſein, Herr Kemenaer, als laufen hinein Zeit er beb 8 ½ mittel meine Ungel zu de Vater . 7 meine Cor heſtreuen ſo viel erden in Was in n. Wir nterneh⸗ ür Tag und Ke⸗ wo Sie n Mann hien mit Kleinig⸗ h Monk. n Laura Muſikus den mir leichfalls egreifen, Kopfe. em Tode Heirath te Monk. on ihrer zu laſſen nde Ver⸗ ange ich, rgen und ſprechen. ger, als 193 Verlobter Ihrer Tochter mit Ihrem Hauſe verkehren zu können und ſo durch mich ſelbſt die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Berthold, meinem Feinde, nicht die mindeſte Hoffnung gelaſſen wurde... Nun, ich will Ihnen heute nicht länger läſtig fallen; ich werde mich von Ihnen verabſchieden. Binnen vier oder fünf Tagen komme ich wieder, um aus Lauras Munde zu vernehmen, daß ſie den Namen Frau Monk annimmt. Sie kennen mich, nicht wahr, Herr Kemenaer? Sie kennen mich und wiſſen, daß man mich nicht betrügen oder ſeinen Spott mit mir trei⸗ ben darf?... Sonſt! Aber nein, Sie ſind ein Mann von Verſtand. Ich habe Vertrauen auf Ihre Redlichkeit. Wohlan, auf Wiederſehen alſo!“ Mit wankenden Knieen begleitete Kemenaer den ſtolzen Monk bis zur Hausthüre und ſagte dann mit trauriger, erſtickter Stimme: „Auf Wiederſehen, auf Wiederſehen.“ In den Saal zurückgekehrt, begann Kemenaer unter Ausſtoßung banger Seufzer auf⸗ und abzu⸗ laufen; er riß ſich die Haare aus und heulte in ſich hinein vor Schmerz und Wuth. Nachdem er lange Zeit gegen ſeine Verzweiflung gerungen hatte, rief er bebend aus: „Was iſt zu thun? Gibt es denn kein Rettungs⸗ mittel mehr? Nichts, nichts! Meine unſchuldige, meine reine Laura ſoll die Braut dieſes ſeelenloſen Ungeheuers werden! Ja, ja, ich muß ſie opfern, ſie zu dem ſchrecklichſten Leben verurtheilen, ich, ihr Vater! ... Unſeliger Fehltritt, der mich nöthigt, das Herz⸗ meines Kindes wie ein Henker zu brechen... Kein Conſeience, der Geldteufel. 13 194 Entkommen, keine Hoffnung... Wehe, wehe, wie ſoll ich es ihr ſagen? Ich zittere, die Fieberangſt macht mich beben... und doch kann ich meinem ſchrecklichen Loos nicht entfliehen: Entehrung, Schande, Gefängniß, fürchterliche Spukgeſtalten, die grinſend mir vor den Augen ſtehen!... Verdammt! ich habe das Geld angebetet, der Abgott ſtürzt mich zu Boden! Er zerſchmettert mein Kind, meine Ehre, all mein Glück..O die gerechte Rache des Him⸗ mels iſt auf mich niedergefallen— Gott hat mich verflucht!“ Bei dieſem letzten Schrei ſank er in einen Lehn⸗ ſtuhl, ſchlug ſich die Hände vor die Augen und brach in heftiges Weinen aus. Nachdem er eine Viertelſtunde ſich ſeiner Be⸗ trübniß völlig hingegeben hatte, ſprang er plötzlich auf, als wäre er von einem Schlage getroffen worden. „Nein, nein, es kann nicht ſein,“ rief er,„ich werde meinem Kinde den Todesſtoß nicht geben! Es gibt vielleicht noch ein Mittel zur Rettung. Er will Geld, der Verräther. Meine Tochter iſt ihm gleichgültig: mein Vermögen muß er haben. Wohl⸗ an, ich will es ihm ſchenken; hunderttauſend, zwei⸗ hunderttauſend Francs, Alles, Alles!...“ Unter dieſen Worten ordnete er mit fieberiſcher Haſt ſeine Kleider, griff nach ſeinem Hut und lief halb ſinnlos zur Thüre hinaus, um bei Monk noch einen letzten und verzweifelten Verſuch zu machen. L daß 2 ſtattet gewec Zanks wußte N Beſue öfters chen, ließ, nicht. C ſchon gegen hatte der 8 zeugu Allen geben 3 mädck Gott günſt arme einen den he, wie berangſt meinem Schande, grinſend mt! ich mich zu ie Ehre, 2s Him⸗ Hat mich in Lehn⸗ nd brach iner Be⸗ plötzlich getroffen er,„ich geben! ng. Er iſt ihm Wohl⸗ d, zwei⸗ beriſcher und lief oonk noch lachen. Siebentes Kapitel. Laura hatte wohl durch den Diener vernommen, daß Monk ihrem Vater einen langen Beſuch abge⸗ ſtattet hatte und daß zwiſchen beiden heftige Worte gewechſelt worden waren; doch von der Urſache des Zanks oder von dem Gegenſtande ihres Geſprächs wußte ſie nichts. Nun war ihr Vater— der kurz nach Monks Beſuch ausgegangen— noch abweſend, aber da er öfters, um Handelsgeſchäfte in der Stadt abzuma⸗ chen, die Stunde des Mittagsmahls vorüber gehen ließ, beunruhigte dieſe Abweſenheit ſeine Tochter nicht.. Es herrſchte Freude in Lauras Herzen. Ob⸗ ſchon ihr Vater anfänglich große Geringſchätzung gegen ihren enterbten Freund an den Tag gelegt, hatte er endlich doch auch Worte des Troſtes und der Hoffnung fallen laſſen, die ihr die feſte Ueber⸗ zeugung gaben, daß er in ſeiner liebreichen Güte zu Allem, was ihr Glück ſichern könnte, ſeine Zuſtimmung geben würde. Nachmittags ging Laura mit ihrem Kammer⸗ mädchen in die Kirche. Sie fühlte ſich gedrungen, Gott dafür zu danken, daß er ihres Vaters Herz günſtig geſtimmt hatte; ſie wollte beten für den armen Berthold, der ſo ungerechter Weiſe durch einen boshaften Menſchen ſeines Erbes beraubt wor⸗ den war; ſie wollte den Himmel um Rath und ——— —— 196 Stärke bitten, ihren unglücklichen Freund vor tödt⸗ licher Verzweiflung bewahren zu können. Das lange und innige Gebet hatte ihren Geiſt erleichtert. Als ſie die Kirche verließ, ſpielte ein hoffnungsvolles Lächeln auf ihren Lippen und ſie blickte mit ſüßem Vertrauen der Zukunft entgegen. Nach Hauſe gekommen, legte Laura Hut und Shawl im Vorzimmer ab und trat dann in den hin⸗ teren Saal, wo ſie ihren Vater traf, der mit dem Kopf in den Händen am Fenſter ſaß und in tiefes Nachdenken verloren war. Sie nahm einen Stuhl, ſetzte ſich neben ihn und ſprach, indem ſie ſchmeichelnd den Arm um ſeinen Hals legte: „Lieber Vater, Du mußt nicht ſo traurig ſein, Du wirſt es ſpäter wohl ſehen, daß Du Dich über Deine Güte gegen mich freuſt. Es iſt wahr, die Welt kann an Deiner Nachſicht zu tadeln finden, aber was thut das, wenn wir alle zuſammen glücklich ſind und in ſüßem Frieden leben?“ Kemenaer ſchaute noch immer ſprachlos zu Boden. Er hatte ſich Gewalt angethan, um ſich mit Feſtig⸗ keit zu waffnen; er hatte Stärke geſucht in der Ueber⸗ zeugung, daß eine Million doch nicht zu verachten ſei und er und ſeine Tochter ſich wahrſcheinlich über die Folgen der gefürchteten Heirath täuſchen. Aber alle ſeine Verſuche waren fruchtlos geblieben; ſein Herz war von Verzweiflung beherrſcht, ſein Geiſt verweigerte ihm jeden Rath; er wußte nicht, wie er ſeiner Tochter offenbaren ſollte, welchem ſchrecklichen Urtheil ſie ſich zu unterwerfen habe.. L wiede 6 ſelbſt von eines C ſchme für 1 ſieh wenn Herze gam thold geger und thänt um werd und? liebt Du nieße Laß Vate Geni gen; leber iſt m gen Seel rr tödt⸗ n Geiſt Ate ein und ſie gegen. ut und hen hin⸗ nit dem n tiefes ihn und i ſeinen ig ſein, ich über die Welt ber was ind und Boden. Feſtig⸗ r Ueber⸗ herachten ich über Aber en; ſein in Geiſt ,wie er vecklichen Laura ſchlug den ſüßeſten Ton ihrer Stimme wieder an: Lieber Vater, der Du für Deine Laura die Güte 7,— ſelbſt biſt, Du wirſt den Freund ihrer Kindheit nicht von ihr trennen, darum weil er das Schlachtopfer eines niederträchtigen Betrügers geworden iſt?“ Ein Zittern lief Kemenaer durch die Glieder. „Ach, verjage die trüben Gedanken,“ fuhr Laura ſchmeichelnd fort.„Laß das Geld kein Hinderniß für unſer aller Glück ſein... denn in der That, ſieh einmal, Vater, wie ſchön unſer Leben ſein wird, wenn Du der guten Eingebung Deines liebevollen Herzens Gehör gibſt. Berthold wird mein Bräuti⸗ gam werden; er wird hier bei uns wohnen. O, Ber⸗ thold hat ein ſo ſanftes Gemüth! Seine Dankbarkeit gegen Dich wird grenzenlos ſein; er wird Dich lieben und ehren und Dir gehorſam ſein wie ein unter⸗ thäniger Sohn; er wird Dir nach den Augen ſehen, um Deine geringſten Wünſche zu errathen. Wir werden zuſammen Dein Leben mit Liebe, mit Sorge und Fröhlichkeit umgeben; und ſo allezeit zärtlich ge⸗ liebt und verehrt von zwei dankbaren Kindern, wirſt Du Frieden und Freude bis zum höchſten Alter ge⸗ nießen, das Dir Gott auf unſer Gebet ſchenken ſoll. Laß das Geld Dich nicht länger bekümmern, lieber Vater. Mit Berthold vereinigt, brauche ich nach den Genüſſen und Vergnügungen der Welt nicht zu fra⸗ gen; wir werden zurückgezogen und damit ſparſam leben. Was Du durch Deine Arbeit geſammelt haſt, iſt mehr als hinreichend, uns vor materiellen Sor⸗ gen gänzlich zu bewahren. Aus unſern liebenden Seelen, aus dem ſüßen Frieden des Herzens ſollen 198 die Quellen des Glücks milde für uns fließen. Wir werden uns ergötzen an Poeſie und Muſik; die Natur bewundern, Blumen pflanzen; in einem umfaſſenden Kunſtſinn, in einer ungetrübten Liebe zu einander, in unſerer Dankbarkeit gegen den guten Gott ſanft durch das Leben dahingleiten, wie auf einem warmen Strom von Gemüthsruhe und Herzenswonne... Nicht wahr, lieber Vater, ein ſolches Loos iſt ſchöner als das eitle Gefühl, als die Pracht und das Schein⸗ vergnügen, welches die Welt ſammt ihrem Gelde uns geben kann?“ „Schweig, ſchweig, meine gute Laura,“ murrte Kemenaer,„Deine Worte peinigen mich grauſam!“ „Himmel, wie biſt Du ſo tief aufgeregt, Vater!“ rief das Mädchen erſtaunt,„habe ich denn etwas geſagt, das Dich betrüben könnte?“ Als ob Herr Kemenger aus ſeinem bedenklichen Zuſtand ſelbſt plötzlich den nöthigen Muth geſchöpft hätte, um einen Entſchluß zu faſſen, erhob er den Kopf und ſprach mit ſeltſamer Haſt in der Stimme, doch zugleich in einem Ton tiefer Traurigkeit: „Laura, mein Kind, ich gäbe mein ganzes Ver⸗ mögen, mein Leben ſelbſt darum, den Wunſch Dei⸗ nes Herzens erfüllen zu können; aber ich bin Vater — ein unglücklicher Vater, deſſen Herz durch den Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht unbarmherzig zer⸗ riſſen wird. Ich darf in das, was Du begehrſt, nicht einwilligen. Du haſt keine Erfahrung; Dein argloſes Herz wünſcht ein Glück, das vielleicht kurze Zeit dauert, doch unfehlbar eine traurige Zukunft herbeiführen muß. Liebe? Liebe? Es iſt ein Gefühl, das verſchwindet und endlich ganz vergeht. Wehe dem, darau Grun iſt de abhar uns braue lang zu C um u dienſ 8 ſchwe Geſie trock trieb Vate zwin Kem nicht u. Wir Natur iſſenden nander, tt ſanft varmen ne. ſchöner Schein⸗ lde uns murrte zuſam!“ Vater!“ etwas enklichen geſchöpft er den Stimme, es Ver⸗ ſch Dei⸗ n Vater rch den zig zer⸗ begehrſt, 3; Dein ht kurze Zukunft Gefühl, Wehe 199 dem, welcher die Wohlfahrt eines ganzen Lebens darauf bauen will. Nein, nein, der einzige feſte Grundſtein von Glück und Frieden iſt das Geld,— iſt der Beſitz von materiellem Gut. Mag uns Alles abhanden kommen, mag Mißgeſchick und Krankheit uns Alles rauben, Freunde, Verwandte, den Ge⸗ brauch unſerer Glieder, das Geſicht ſelbſt— ſo lang wir Ueberfluß an Geld haben, ſteht uns Alles u Gebot; und wir brauchen nur das Gold rund um uns blicken zu laſſen, um Jedermann unſerem Glück dienſtbar zu machen!“ Laura ſchaute ihren Vater mit ängſtlichem Still⸗ ſchweigen an. Alles an ihm ſchien verändert; ſein Geſicht bewegte ſich krampfhaft; ſeine Stimme war trocken und ſchnarrend. Was er ſagte, war über⸗ trieben und hatte die gewöhnliche Form von ihres Vaters zurückgehaltener Sprache nicht. „Das Leben, welches Dir zu geſtatten Du mich zwingen willſt, iſt ein Leben voll Gefahr,“ fuhr Kemenaer fort.„Auf dieſer Bahn wartet Deiner nichts als Erniedrigung, Elend und Schande. Ich mag mein unerfahrenes Kind ſolchen drohenden Wech⸗ ſelfällen nicht überlaſſen. Berthold hat kein Geld; er wird Dein Erbtheil ſorglos verſchwenden, Dich in Armuth ſtürzen... Ich werde todt ſein; Du wirſt allein in der Welt ſtehen... und vielleicht würdeſt Du auf meinem Grab mich anklagen, daß ich es war, der aus ſündhafter Feigheit das Unglück über Dich gebracht hat.“ „Vater, lieber Vater, was ſagſt Du da Alles?“ ſchrie Laura.„Ach habe doch ein bischen Mitleid mit mir!“ —-——— „Mitleid?“ rief Kemenaer ganz außer ſich.„Nein, kein Mitleid! Ich darf Dich nicht ſchonen; ich muß, ich muß Deine unglückliche Liebe zu Berthold mit Gewalt in Deinem Buſen erſticken!“ Das erſchrockene Mädchen ſchlug ſich die Hände vor die Augen und begann zu weinen. Ihr Vater, blaß vor innerer Aufregung, ſchaute ſie ſchweigend an. Das Leid ſeiner Tochter ſchnitt ihm peinlich ins Herz. Beherrſcht von einem uner⸗ bittlichen Geſchick und von fieberiſcher Ungeduld faſt wahnſinnig, bewegte er ſich convulſiviſch auf ſeinem Stuhle und ſeine Glieder zuckten in krampfhafter Erſchütterung.— Nach einer Weile beruhigte er den Sturm in ſeinem Innern, hielt mit einem Ausdruck von Mitleid den Blick auf ſein trauerndes Kind ge⸗ richtet und ſchien ſich ſelbſt die Härte ſeiner Worte zum Vorwurf zu machen. Er faßte ſie ſchmeichelnd bei der Hand und ſprach mit muthloſer Betrübniß in der Stimme: „Laura, vergib Deinem unglücklichen Vater, daß er Dir gegen ſeinen Willen Kummer machen muß. Du begreifſt gar wohl, mein Kind, daß ich der Er⸗ füllung der Pflichten, welche das Schickſal mir auf⸗ erlegt, mich nicht entziehen kann. Höre mir zu, ich werde mit Güte zu Dir ſprechen; ſei Du gleich⸗ falls gut gegen mich und habe Mitleid mit meinem Schmerz. O, er iſt unendlich!... Laura, ich habe von der Zeit an, da Du noch von dem Schooße Deiner Mutter mir entgegenlächelteſt, für Dich von der glänzendſten Beſtimmung geträumt. Die Liebe eines Vaters täuſcht ſich nicht über die Bedingung des Glücks, das er ſeinem Kinde ſichern will. Ich habe ge⸗ ſchönen hinterle mit all Mädche Recht, geehrt, ſtimmu Dichter vor Ar Dir at durch d cher ſe gebieter Mode Von eit Laura, verſcha glänzer nung, ſteinrei Millio⸗ und ich der für lichſte La⸗ zittern! Nein, muß, d mit Hände chaute ſchnitt uner⸗ ld faſt ſeinem hafter er den sdruck nd ge⸗ Worte ſprach r, daß muß. er Er⸗ r auf⸗ nir zu, gleich⸗ neinem h habe ſchooße ch von Liebe ingung . Ich 201 habe gearbeitet, geſpart, mich abgehetzt, um Dir einen ſchönen Brautſchatz geben, um Dir ein ſchönes Erbe hinterlaſſen zu können. Du biſt ſchön, geſchmückt mit allen Gaben, die Natur und Erziehung einem Mädchen gewähren können. Alles gibt Dir ein Recht, in der Welt zu glänzen, in der Geſellſchaft geehrt, beneidet, bewundert zu werden. Deine Be⸗ ſtimmung iſt nicht, Dein Glück mit einem armen Dichter zu theilen, durch Zwang und aus Furcht vor Armuth dem Thron zu entſagen, den die Welt Dir anbietet. Du mußt einen Palaſt bewohnen, durch die Straßen fahren in einer Kutſche, vor wel⸗ cher ſelbſt der Glanz der Reichſten erbleichen ſoll; gebieten, herrſchen und als Königin der Pracht und Mode gefolgt, umringt und angebetet werden... Von einem ſolchen Looſe habe ich für Dich geträumt, Laura, doch fehlen mir die Mittel, um es Dir zu verſchaffen; meine feſte Hoffnung beruhte auf einer glänzenden Heirath für mein Kind... die Hoff⸗ nung, ach die Hoffnung hat ſich verwirklicht: ein ſteinreicher Mann, ein Mann, der mehr als eine Million beſitzt, hat mich um Deine Hand gebeten... und ich, als Vater... Gott!— ja ich als Vater, der für das Glück ſeines Kindes auch das ſchmerz⸗ lichſte Opfer bringen muß...“ Laura hatte ihre Thränen unterdrückt und ſah zitternd ihrem Vater in die Augen. „Und ich,“ fügte Kemenaer, ängſtlich ſtammelnd, hinzu,„ich habe dem Millionen reichen Mann die Hand meiner Tochter zugeſagt.“ Als hätte dieſe unerwartete Ankündigung dem 202 Mädchen einige Seelenſtärke wieder gegeben, erhob ſie den Kopf und ſprach mit krampfhaftem Lächeln: „Alſo ich ſoll die Gattin aines Mannes werden, den ich nicht kenne? Meine Hand und mein Herz ſollen der Preis einer Geldſumme werden? O mein armer Vater, Du haſt Dich irre führen laſſen! Es iſt unmöglich: Du wirſt mich nicht auf dem Altare des materiellen Vortheils opfern, mich, die Dich ſo zärtlich liebt!“ Mit gefalteten Händen rief ſie aus: „O guter, lieber Vater, erbarme Dich meiner! Nicht wahr, nicht wahr, Du wirſt mich nicht zwin⸗ gen? Du wirſt mich nicht verurtheilen zu einem Leben ohne Liebe? Zu einem Leben voll Ekels und ewiger Verzweiflung?“ „Es muß geſchehen,“ murmelte Kemenaer mit düſterem Tone. „Nein, ich bitte Dich, Vater, laß mich in ein Kloſter gehen!“ ſchrie Laura.„Ich werde Berthold vergeſſen, nie mehr an ihn denken;— aber die Braut eines Unbekannten zu werden, der zu hoffen wagte, daß meine Neigung um Geld zu erkaufen ſei? O, lieber noch Allem Lebewohl ſagen, lieber noch im bitterſten Tode verſchmachten!“ Kemenaer mußte alle ſeine Kraft zuſammenneh⸗ men, um nicht in Thränen auszubrechen— bei dem gramvollen Angſtſchrei ſeiner Tochter; aber welchen unſäglichen Schmerz er auch erduldete, wie er auch mit raſender Verzweiflung in ſeinem Innern kämpfte, es gab kein Mittel, dem unerbittlichen Geſchick zu entgehen. Sich mit fieberhafter Entſchloſſenheit waff⸗ nend ſagte er mit verhaltener Stimme: Traum trügers gen Ge den Un ſein G mir ei Und i gegen kann i Mund würde Schlag Ker flehentl „ ner ſer was D ein Un Erſpare Ach, w n, erhob Lächeln: werden, ein Herz O mein en! Es n Altare Dich ſo meiner! ht zwin⸗ u einem kels und ſaer mit h in ein Berthold aber die u hoffen erkaufen u, lieber menneh⸗ bei dem welchen er auch kämpfte, ſchick zu eit waff⸗ 203 „Der Mann, den ich Dir zum Bräutigam geben will, iſt Dir nicht unbekannt, Laura; er kam zuwei⸗ len hieher und zeigte ſich immerdar liebenswürdig gegen Dich.“ Laura ſprang auf, als hätte ſie den Biß einer Schlange gefühlt. „Monk?“ rief ſie todtenbleich. „Monk,“ wiederholte der Vater bebend vor Angſt., Mit erhobenem Haupte und die Augen glühend vor Entrüſtung ſagte Laura: „Monke Monk? Du willſt, daß ich die Frau eines Monk werde? Aber es iſt ein ſchrecklicher Traum! Ich die Braut des niederträchtigen Be⸗ trügers, der Berthold beſtohlen hat? des ſcheinheili⸗ gen Geldteufels, ohne Seele noch Herz? des kriechen⸗ den Ungethüms, das ſchmeichelt und liebkost, um ſein Gift ausſpeien zu können? Ach, es liegt in mir ein angeborener Haß gegen dieſes Scheuſal! Und ich ſoll in Gottes Gegenwart mich zur Liebe gegen ihn verpflichten? Nein, nein, ſolchen Meineid kann ich nicht begehen. Und ſpräche auch mein Mund das Jawort, das Neigung gelobt, mein Herz würde ihn verachten, ihn verabſcheuen, ſo lang ein Schlag demſelben noch Leben läßt!“ Kemenaer ergriff ihre beiden Hände und ſtöhnte, flehentlich ihr in die Augen ſehend. „Laura, ich beſchwöre Dich bei dem Namen Dei⸗ ner ſeligen Mutter, bei meiner Liebe, bei Allem, was Dir theuer iſt, ſträube Dich nicht länger gegen ein Unglück, das uns vom Schickſal auferlegt iſt. Erſpare Deinem armen Vater die ſchrecklichſte Folter. Ach, wüßteſt Du, mein gutes Kind, wie Dein Wider⸗ 204 ſtand mich ſchmerzt? Und doch, und doch, Du mußt Monks Gattin werden. Nichts kann es verhindern, nichts aufhalten. Und wäre dieſe Verbindung auch eine Trübſal, eine Miſſethat, Du ſollſt, Du mußt ſie eingehen!“ Laura fiel vor ihrem Vater auf die Kniee und rief, die Hände zu ihm aufhebend: „Gnade, Vater, Gnade; verurtheile mich nicht zu einem ſo ſchrecklichen Leben! Ach, ich will Alles thun, was Du willſt; ich will Berthold verſtoßen, ihn haſſen, wenn ich kann; aber vergib mich doch nicht an Monk! Gott, das Herz erſtarrt mir im Buſen! Ich ſoll mit dieſem böſen Geiſte, mit die⸗ ſem Unmenſchen leben, Tag und Nacht ſein abſcheu⸗ liches Angeſicht ſehen und mich ſtellen müſſen, als liebte ich ihn?“ „Mein Kind, mein armes Kind, es iſt nichts daran zu ändern,“ ſeufzte Kemenger mit dumpfer Stimme. „Keine Gnade? Keine Barmherzigkeit?“ wim⸗ merte Laura halb wahnſinnig vor Schreck und Schmerz. „Ha, Du liebſt mich alſo nicht? Du haſt mich alſo nie geliebt.“ Kemenaer unterlag dieſer herzzerreißenden An⸗ klage; er ſchlug, einen lauten Schrei ausſtoßend, die Hände vor die Augen und brach in Thränen aus. Davon noch heftiger betroffen, ſprang Laura vom Boden auf, warf ſich ihrem Vater an den Hals und ſtöhnte unter zärtlichen, doch fieberhaften Küſſen: „O Vater, beruhige Dich, tröſte Dich, ſchenke mir Vergebung; ich weiß nicht, was ich ſage. Laß uns von dieſen ſchrecklichen Dingen nie mehr ſpre⸗ armun Haupt Thräne Ein verſenk zwunge terdrück der vor zweiflu mit M den fei Sei froher durchler „N nung Es gib ſcheulich „N. Kehllau „W Geſtänd zu mußt hindern, ng auch mußt ſie niee und nich nicht ill Alles erſtoßen, nich doch mir im mit die⸗ abſcheu⸗ ſen, als iſt nichts dumpfer 2“ wim⸗ Schmerz. mich alſo nden An⸗ oßend, die nen aus. aura vom Hals und küſſen: h, ſchenke age. Laß nehr ſpre⸗ 205 chen; Du meinſt es ſo nicht; die Betrübniß hat Dei⸗ nen Geiſt verwirrt, aber die Ruhe wird wieder in Dein Gemüth einkehren. Du liebſt mich noch, Du haſt mich immerdar ſo innig geliebt! Nun, weine nicht; ach Deine Thränen durchbohren mir ſo grau⸗ ſam das Herz!“ Und— als hätte ſie durch dieſe liebevolle Um⸗ armung ihre letzte Kraft erſchöpft— legte ſie das Haupt an ihres Vaters Bruſt und vermiſchte ihre Thränen mit den ſeinigen. Eine geraume Weile blieben beide in tiefe Trauer verſenkt. Herr Kemenager durch das Schickſal ge⸗ zwungen, das ſchreckliche Opfer zu vollbringen, un⸗ terdrückte ſeine Thränen und ſprach in einem Tone, der von unſäglichem Kummer und grenzenloſer Ver⸗ zweiflung zeugte: „Laura, meine theure Laura, ich bitte Dich, ver⸗ gieb mir die Marter, die ich gegen meinen Willen Dir anthun muß. Ich glaube auch nicht, daß Du mit Monk glücklich ſein kannſt; ich haße ebenfalls den feigherzigen Betrüger.“ Seine Tochter ſchaute ihn mit einem Strahl froher Ueberraſchung, die durch ihre Thränen hin⸗ durchleuchtete, an. „Nein, nein,“ flehte Kemenaer,„laß die Hoff⸗ nung nicht in Deinem Herzen aufkommen, Laura. Es gibt keine Hoffnung mehr, Du mußt den ab⸗ ſcheulichen Monk zum Bräutigam nehmen...“ „Nie, nie!“ murrte das Mädchen mit ſchrecklichem Kehllaute. „Warum zwingſt Du mich zu dem gräulichſten Geſtändniß, das ein Vater ſeinem Kinde machen 206 machen muß?“ klagte Kemenaer.„Wohlan, es gibt kein Mittel, um wenigſtens dieſer bittern Marter zu entgehen, ich ſoll den Gallenbecher bis auf den Grund leeren... Du ſollſt mich anhören, Laura, Du ſollſt wiſſen, welche geheime Macht mich als Sclaven be⸗ herrſcht... Du ſollſt urtheilen, mich erlöſen, mich retten oder mich verurtheilen zu ewiger Schande.“ Das Mädchen hatte wieder den Kopf mit den Händen bedeckt und vergoß ſtille Thränen. „Höre, Laura,“ ſprach ihr Vater,„höre und laß mich wenigſtens in dem Herzen meines Kindes Ent⸗ ſchuldigung finden... Ich war der Sohn eines Arztes; mein Vater hinterließ mir nichts auf der Welt, als einen ehrlichen Namen und eine gute Er⸗ ziehung. Deine Mutter war die Tochter ſehr reicher Leute. Ich liebte ſie, wie man liebt, ehe die kalte Welt das vertrauende Gefühl der Seele höhniſch er⸗ tödtet hat. Ihre Eltern verweigerten mir ihre Hand, unter dem Vorwand, daß ich, der nichts als ſeine Liebe beſaß, ihr den Wohlſtand nicht ſichern könnte, den ſie bisher im Verkehr mit der großen Welt ge⸗ noſſen hatte. Ich bat, ich flehte; ich verſprach, allen meinen Neigungen zu entſagen, um Geld zu gewin⸗ nen und Geld zu ſammeln. Endlich durch die Stand⸗ haftigkeit Deiner Mutter überwunden, gaben ſie gegen ihren Willen unſere Vereinigung zu. In dem ſüßen Genuß des erſten Jahrs der Ehe vergaß ich mein Verſprechen; ich umgab meine Sabina, Deine Mut⸗ ter, mit Pracht und Wohlleben und ſcheute keine Koſten, wenn ich vermuthen konnte, daß ſich ein Wunſch in ihrem Herzen regte. Ich bemerkte bald, daß ſich unſere Mittel verminderten. Der Gedanke, daß für werde die l ſie ſo ſuchen Wohr Auger an ih dung mir l gegen wäͤrts mit 8 nicht drigu Jetzt Konn⸗ Würd fing a zu tre gefühl ab; i Vorth hirn, zu ber Kräfte Zieles mich d mir n aber e herein es gibt rter zu Grund u ſollſt pen be⸗ u, mich nde.“ nit den nd laß es Ent⸗ eines zuf der ate Er⸗ reicher ie kalte iſch er⸗ Hand, s ſeine könnte, zelt ge⸗ , allen gewin⸗ Stand⸗ gegen ſüßen h mein 2 Mut⸗ ee keine ſich ein e bald, edanke, 207 daß die edelmüthige Liebe Deiner Mutter zu mir für ſie in der That eine Quelle der Erniedrigung werden ſollte, ergriff mich mit Schrecken. Wie? Sie, die bis dahin in ſorgloſem Ueberfluß gelebt hatte, ſie ſollte im Haushalt, an ihren Kleidern, bei Be⸗ ſuchen ſparen müſſen? Wir ſollten eine kleinere Wohnung beziehen und Deine Mutter vor aller Augen, zum Spott ihrer Verwandten und Bekannten, an ihrer Haltung, an ihren Worten, an ihrer Klei⸗ dung das Zeugniß der Strafe für ihre Neigung zu mir herumtragen? Die Welt iſt ſo unbarmherzig gegen den, der auf der geſellſchaftlichen Leiter ab⸗ wärts ſinkt! Sollte ſie meine Sabina verſpotten und mit Fingern auf ſie deuten? Nein, nein, dies durfte nicht geſchehen! Aber wie dieſelbe vor der Ernie⸗ drigung bewahren? Geld, Geld mußte es ſein. Jetzt erſt begriff ich den hohen Werth des Geldes. Konnte ich nicht den Frieden, das Glück und die Würde Deiner Mutter damit erkaufen?... Ich fing an, Handelsgeſchäfte, mancherlei Handelsgeſchäfte zu treiben. Von Gewinnſucht, Pflicht und Liebes⸗ gefühl angeſpornt, mühte ich mich Tag und Nacht ab; ich lauerte auf die Gelegenheit, irgend einen Vortheil im Flug zu erhaſchen, ich quälte mein Ge⸗ hirn, um die Möglichkeit eines Glücksfalls voraus zu berechnen; mit einem Worte, ich ſpannte alle Kräfte meiner Seele zur Erreichung eines einzigen Zieles an: Geld zu gewinnen!... So kämpfte ich mich durch das Leben; oft wurde ich betrogen, weil mir noch zu viel Vertrauen zu den Menſchen blieb, aber es glückte mir jedesmal, meine Verluſte wieder hereinzubringen.— Du Laura trateſt eben in Dein 208 zehntes Jahr, ich ſah Dich zur Frau heranwachſen; Deine Zukunft bekümmerte mein Gemüth. Ich fühlte mich zu vermehrter Arbeit, zu noch höherer Geld⸗ ſucht angetrieben; und bald ſetzte ich Alles, was wir beſaßen, auf den Würfel wechſelvoller doch vielver⸗ ſprechender Unternehmungen. Man war mir zu ſchlau, ich wurde betrogen, beraubt durch Liſt und Verrath. Mit einem einzigen Schlage des Schickſals hatte ich beinahe Alles verloren. Was ſollte ich thun? Mein Loos annehmen? Deine Mutter und Dich, Laura, in Armuth verfallen laſſen? O nein; ich legte wie ein Kleid, das ſich abgetragen, meine angeborne Weichheit des Gefühls ab und erhob mit einem drohenden Spottgelächter das Haupt gegen die betrügeriſche und habſüchtige Welt. Dann wurde mir durch Herrn Robyn das Mittel angeboten, um auf einmal faſt ſo viel zu gewinnen, als ich verloren hatte, und ſtimmte ich ihm hierin bei, wollte er mir Geld genug verſchaffen, um bei einiger Aufmerkſam⸗ keit meinen Untergang vor Jedermanns Augen ver⸗ bergen zu können. Ich zauderte lang; aber das Elend, das meine Gattin und mein Kind bedrohte, lähmte jeden Widerſtand.“ Mit leiſer Stimme und dumpfem Tone fuhr er ort: „Laura, ich ſterbe vor Scham bei dem Bekennt⸗* niß, das ich thun muß, aber ich kann dem Schickſal nicht entgehen. Ach, habe Mitleiden mit mir. Ich unterzeichnete in Robyns Hände Schriften, die mich ſchuldig machen in den Augen des Geſetzes...“ Das Mädchen ſchaute ihren Vater bebend an, und eine furchtbare Bläße entfärbte ihr Geſicht. 8 klagen hat je gangetn geſagt was g ſame es mit brenne M Kehle richt a urtheil Dich z3 diges E that ſeg gewähr O rette Conſe vachſen; h fühlte r Geld⸗ vas wir vielver⸗ mir zu Liſt und ſchickſals ollte ich tter und O nein; , meine thob mit t gegen n wurde ten, um verloren e er mir nerkſam⸗ gen ver⸗ ber das bedrohte, fuhr er Bekennt⸗ Schickſal dir. Ich die mich dend an, ſicht. 209 „Niemand hat je etwas von dieſer meiner be⸗ klagenswerthen Unvorſichtigkeit erfahren; Niemand hat je vermuthet, daß ich eine unehrliche That be⸗ gangen haben konnte. Robyn hat mir immerdar geſagt, daß die Schrift, der einzige Beweis deſſen, was geſchehen, vernichtet ſei; aber Monk, der grau⸗ ſame Monk hat das Geheimniß bewahrt. Er will es mir zurückgeben, es in meiner Gegenwart ver⸗ brennen, wenn Du, Laura, ſeine Gattin wirſt...“ Mit Thränen und einer Stimme, die faſt in der Kehle erſtickte, fügte er hinzu: „Wo nicht, ſo wird er Deinen Vater vor Ge⸗ richt anklagen und zur Schande, zum Gefängniß ver⸗ urtheilen laſſen.“ Laura ſaß regungslos wie ein Steinbild da; nur ihre Lippen bewegten ſich convulſiviſch. Herr Kemenaer fiel nun ſeinerſeits vor ihr auf die Kniee und ſtöhnte bittend: „Laura, meine vielgeliebte Laura, Gnade, Gnade für mich! Glaube nicht, daß Dein Vater aus Selbſt⸗ ſucht das ſchreckliche Opfer von Dir verlangt. Ach wollte Gott ihm den Tod ſchenken, er würde dank⸗ bar und glücklich zu Deinen Füßen ſterben. Aber es würde nichts helfen: Monk würde ſein Verlangen erfüllt ſehen wollen oder ſich an dem Gedächtniß Deines Vaters rächen: meine Schande würde auf Dich zurückfallen. Unterwirf Dich als ein gedul⸗ diges Schlachtopfer; hoffe, daß Gott Deine Liebes⸗ that ſegnen, daß er Dir Ruhe und Frieden im Leben gewähren wird, weil Du meinen Willen befolgt haſt. O rette Deinen Vater von offenbarer Schande!“ Conſcience, der Geldteufel. 14 210 Ein Geräuſch an der Thüre ließ Kemenaer auf⸗ ſpringen, ehe Laura ihm geantwortet hatte. Die Haushälterin erſchien an derſelben. „Herr Monk,“ ſprach ſie,„möchte gern einige Worte mit dem Herrn ſprechen; er hat ihm etwas Eiliges zu ſagen.“ „Nein, ich bin nicht zu Hauſe; ich kann Niemand empfangen!“ ſtammelte Kemenaer mit faſt wahnſin⸗ niger Geberde des Aergers und der Ungeduld. „Roſalie, führe Herrn Monk in dieſes Zimmer,“ befahl Laura. „Himmel, was willſt Du thun?“ ſchrie Kemenaer. „Einen letzten Verſuch machen,“ antwortete ſie entſchloſſen. „Aber er wird nichts hören wollen.“ „Wer weiß? Sei ohne Furcht, Vater; ich habe meine Pflicht begriffen.“ „Ach, Laura, ſtürze mich nicht in das Verderben!“ „Nein, Vater, ſei ruhig: ich werde Dich retten .. aber ich höre ihn kommen. Thue mir den Ge⸗ fallen und laß mich einen Augenblick mit Monk allein; ich flehe Dich an, ſchlage mir dieſe Bitte nicht ab!“ Kemenaer wurde ſo ſehr durch den muthigen Ton von Laura's Stimme beherrſcht, daß er, ohne weiter zu ſprechen, gehorſam ihrem Verlangen, ſich durch eine Seitenthüre zurückzog. Das Mädchen wiſchte in aller Eile die Thränen aus den Augen; mit ſtiller Gelaſſenheit im Angeſicht, aber zugleich mit tödtlicher Angſt im Herzen erwar⸗ tete ſie den Feind ihres Vaters. Ein kalter Schauer lief durch ihre Glieder, als ſie Monk im Zimmer erſcheinen ſah, mit demſelben verſte ſchmei Haß hatte. ner auf⸗ einige n etwas emenaer. riete ſie ich habe derben!“ ch retten den Ge⸗ ak allein; cht ab!“ igen Ton ne weiter — ich durch. Thränen Ingeſicht, n erwar⸗ eder, als hemſelben 211 verſtellten Lächeln auf den Lippen, demſelben ein⸗ ſchmeichelnden Blick, der ihr von Kindesbeinen an Haß und Verachtung vor dem Heuchler eingeflößt hatte. Monk näherte ſich dem Mädchen und ſagte in einem Tone von Selbſtzufriedenheit: „Fräulein Laura verlangt mich zu ſprechen? Ihr Vater hat Sie alſo mit meinen Wünſchen bekannt gemacht? Und Sie, Sie ſtimmen mit Freuden ein?“ Es lag in dieſer letzten Frage ein feiger Spott, der Laura grauſam ins Herz ſchnitt— und ihr blaſſes Antlitz plötzlich mit der Röthe der Entrüſtung und des Zorns färbte.— Das Mädchen erſchrack aber über die Aufregung ihres Gemüths; ſie bezwang ſogleich mit übermenſchlicher Gewalt den Schmerz, der in ihrem Buſen wühlte, und ſprach mit einer Stimme, die Monk durch ihre Weichheit und Ruhe überraſchte: „Belieben Sie einen Stuhl zu nehmen, mein Herr, und haben Sie die Güte, mich mit aller Auf⸗ merkſamkeit anzuhören, die ein feierliches und entſchei⸗ dendes Geſpräch erheiſcht. Mein Vater hat mir be⸗ fohlen, Sie zum Bräutigam anzunehmen; er hat mir zu verſtehen gegeben, daß er unglücklich ſein würde, wenn ich mich weigerte. Ich bin bereit, mich dem Schickſal zu unterwerfen...“ „Sie willigen ein?“ rief Monk, von der ſtillen Gelaſſenheit des Mädchens getäuſcht.„Ha, Laura, haben Sie Dank, ich erwartete dieſe Geneigtheit von Ihrer Seite nicht.“ „Sie wiſſen wohl, daß ich mich nicht weigern kann,“ ſprach Laura mit trauriger Stimme;„ehe ich 212 jedoch entſchieden Ihnen das Jawort gebe, iſt es für Sie nothwendig, mein Herr, zu wiſſen, wohl zu wiſſen, welche Stelle Ihre Gattin Ihnen in deren Herzen einräumen kann. Ich will Sie nicht täu⸗ ſchen; ich will nicht, daß mein ganzes Leben den Schein einer ewigen Heuchelei trage. Vielleicht werden Sie bei näherer Ueberlegung des Looſes, das unſerer wartet, von Ihrem Vorſatz noch ab⸗ kommen...“ „Unmöglich!“ fiel Monk ihr ins Wort.„Iſt dies der Zweck unſeres Geſprächs? Laſſen Sie uns dann ein Ende machen. Sie willigen in unſere Heirath? Das kann mir allein genügen.“ „Aber, mein Herr,“ rief Laura mit der Kraft des Unwillens,„ich liebe Sie nicht!“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Monk.„Doch thut dies für den Augenblick nichts zur Sache. Unſere Heirath kann erſt nach einigen Monaten vollzogen werden. Sie haben demnach Zeit genug, in Rück⸗ ſicht auf mich gerechter zu werden; und in jedem Fall werde ich, wenn Sie meinen Namen tragen, Ihnen durch meinen Reichthum ein ſo herrliches, luxuriöſes und beneidenswerthes Leben bereiten, daß Sie ihn wohl einigermaßen lieb gewinnen werden den Mann, der ſo freigebig das Geld vor Ihren Füßen ſtrömen laſſen wird.“ „Nie, nie, ich bitte Sie, mein Herr, ſchmeicheln Sie ſich nicht mit einer betrügeriſchen Hoffnung,“ rief Laura heftig aufgeregt.„Ich darf Ihnen nicht den mindeſten Schein der Hoffnung laſſen. Lieben? Nein, ich werde Sie nie lieben! Und ſammelte ich alle Kräfte meiner Seele, um durch fieberiſche Schwär⸗ N noch winne 3 mir! ihren lichſten des G ich m Ihnen meine meines Menſch iſt es vohl zu deren ht täu⸗ ben den jelleicht Looſes, och ab⸗ „S Sie uns unſere r Kraft och thut Unſere ollzogen n Rück⸗ jedem tragen, erliches, en, daß werden Ihren meicheln fnung,“ en nicht Lieben? nelte ich Schwär⸗ 213 merei einen einzigen Funken von Liebe in meinem Buſen zu wecken, es würde mir nicht glücken.“ „Nun wohl, es ſei ſo,“ antwortete Monk.„Wir wollen es doch ſehen.“ Laura war durch Monks eiskalten Ton und durch den ſcharfen Blick, den er unverſchämt auf ihr Auge gerichtet hielt, von ihrem Vorhaben abgebracht wor⸗ den. Sie hatte gehofft, daß es vielleicht möglich wäre, durch Bitten und die Darſtellung eines Le⸗ bens voll Schmerz und Unehre Monk ſelbſt zu ver⸗ mögen, von der unglückſeligen Heirath abzuſtehen. Entrüſtung und Abſcheu hatten ihr jedoch alles Fle⸗ hen unmöglich gemacht. Nach einer augenblicklichen Stille verſuchte ſie noch einmal einige Gewalt über ihr Gemüth zu ge⸗ winnen und ſprach bittend: „Aber, mein Herr, haben Sie doch Mitleid mit mir! Sie ketten mich an ſich, wie eine Sclavin an ihren Gebieter; Sie verurtheilen mich zu dem ſchreck⸗ lichſten Looſe. Für Sie kann das Geld eine Quelle des Glücks ſein, für mich nicht: ich habe Liebe nöthig, ich muß leben durch das Herz. Eine Ehe mit Ihnen? Sie iſt eine ewig finſtere Nacht, die auf meine Seele niederfällt; es iſt eine Verleugnung meines Weſens, ein Mord meines Gefühls!“ „Nein, nein, Sie ſehen das zu ſchlimm an,“ ſagte Monk, mit einem Ton, der ſie tröſten zu wollen ſchien, aber nur von Gefühlloſigkeit zeugte. „O, kann mein Schmerzensſchrei Sie nicht rüh⸗ ren,“ fuhr Laura fort,„haben Sie wenigſtens Mit⸗ leid mit Ihnen ſelbſt! Glauben Sie, daß ein Menſch auf Erden leben kann ohne Liebe? Mögen 214 Sie immer ſo denken! Aber Sie ſind im Irrthum. Laſſen Sie mich Ihre Gattin werden; ich werde an Ihrer Seite ſtehen, als eine Märtyrerin Ihrer Grauſamkeit, als ein eiskaltes Bild der Pflicht und Unterwerfung. Kein Wort der Liebe wird je aus meinem Munde kommen, denn dieſes Wort, wenn ich es ausſpräche, wäre ein Meineid. Ach, Monk, Sie werden mit mir unglücklich ſein!“ Monk ſtand auf, als hätte er auf Laura's Bitte nicht Acht gegeben, und ſagte mit einiger Ungeduld: „Ich weiß genug.— Ihr Vater erwartet mich, ich muß mit ihm von einer wichtigen Sache ſprechen, die einen ſchönen Gewinn abwirft.— Alſo, mein Fräulein, Sie willigen in unſere Heirath?“ Laura wurde bleich wie der Tod durch die Kälte dieſer Frage. „Sie willigen ein?“ wiederholte Monk. „Und Sie,“ rief das Mädchen mit düſterem Ton und mit zitternden Lippen,„und Sie, nehmen Sie das Leben an, das ich Ihnen vorhalte?“ „Warum nicht?“ antwortete Monk. „Gott, es iſt ſchrecklich!“ ſchrie Laura. 1 „Ich erwarte Ihre Antwort, mein Fräulein,“ murrte Monk, indem er ihr triumphirend in die Augen ſchaute. Laura reichte ihm ihre Hand, während ſie mit erſtickter Stimme, doch mit feſter Entſchloſſenheit ſagte: „Wohlan, daß mein Loos ſich erfülle! Sie werden mein Bräutigam!— Kommen Sie nun, da⸗ mit mein armer Vater ſeine Freude habe!“ „Ein Wort noch, mein Fräulein,“ ſprach Monk, Frrthum. derde an 1 Ihrer icht und je aus , wenn „Monk, s Bitte ggeduld: et mich, prechen, , mein ie Kälte üſterem nehmen zulein,“ in die ſie mit ſſenheit Sie in, da⸗ Monk, 6 215 ſie zurückhaltend.„Sie haben mir Bedingungen geſtellt, ich deßgleichen, ich ſtelle auch eine. Im Fall es geſchähe, daß Sie mich nie lieben könnten, werden Sie ſich doch vor den Augen der Welt als eine Frau betragen, die ihren Mann ehrt. Sie werden Ihr Herz allen andern verſchließen und Ihre Pflichten gegen mich nach Gebühr erfüllen?“ Laura, durch dieſe Worte in ihrem jungfräulichen Herzen verwundet, richtete ſich hoch auf und ſchaute Monk mit einem bittern Lachen der Verachtung an. Aus ihrem Auge fuhr ein Feuerſtrahl, ſo voll Stolzes und voll Verachtung gegen den Heuchler, daß dieſer eine Weile unter der Herrſchaft von Lau⸗ ra's hohem Selbſtgefühl ſeine Faſſung verlor. Doch nahm er ſich wieder zuſammen und ſagte ſcherzend: „Sie wollen mir ſagen, daß ich deßhalb nichts zu fürchten habe? Deſto beſſer, mein Fräulein. Es freut mich, daß ſchon der Gedanke einer Pflicht⸗ verletzung hinreicht, Ihr Gemüth in Aufregung zu bringen. Kommen Sie, laſſen Sie uns nun zu Ihrem Vater gehen; Ihre bereitwillige Zuſtimmung wird ihn erfreuen.“ Laura folgte ihrem zukünftigen Gatten mit der Geberde des Abſcheus auf ihrem Angeſicht, doch zu⸗ gleich mit feſtem Tritt, der von einem muthigen, oder fieberhaften Entſchluß zeugte. Eine Viertelſtunde ſpäter geleitete Kemenaer den künftigen Bräutigam ſeiner Tochter an das Thor. Monk ſchien vergnügt und fuhr noch immer fort, gegen den untröſtlichen Vater ſeiner Erwählten über Geld und Geldgewinn ſich zu erklären. 216 Als Kemenaer ſelbſt das Thor öffnete und aus Und Höflichkeit noch ein paar Schritte mit Monk in die Teufe Allee hinausgehen wollte, ſtand Berthold gerade da, gen?“ die Hand zur Klingel erhoben. Monk nahm den Hut mit ſpottender Ehrerbietung des m ab und ſagte lächelnd zu dem überraſchten Jüng⸗ und§ 1 ling: zittern „Unnöthig, unnöthig, Herr Robyn. Sie wün⸗ ſelbe ſchen Neuigkeiten von Fräulein Laura? Ich will N Ihnen die letzten davon melden. Laura verheirathet Geſich ſich; ſie hat freiwillig die Hand von Jemand ange⸗ einen nommen, der ihr wenigſtens ein geziemendes Loos wanke in der Welt ſichern kann. Nicht wahr, Herr Keme⸗ aus d naer, ſie hat die Hand von Herrn Monk ange⸗ nommen?“ „Von Monk? von Ihnen?“ ſchrie der Jüngling mit tiefem Kehlthon,„Laura Ihre Gattin?“ Und er ſchaute Herrn Kemenaer mit aufgeriſſenen Ir Augen und offenem Munde an, als wäre es ihm befand unmöglich, an dieſe ſchreckliche Botſchaft zu glauben. der zu „Es iſt wahr,“ ſtammelte Kemenger mit trauri⸗ äußerſ gem Tone. ſchatten „Alſo, Herr Robyn,“ ſagte Monk triumphirend, wo m „Sie werden uns verpflichten, wenn Sie fernerhin konnte vergeſſen, wo meine Braut wohnt...“ die um Berthold wurde bleich wie ein Leintuch; ein* Au ſchreckliches Grollen entwand ſich ſeinem Innern; er und in taumelte zitternd und mit verbiſſenen Zähnen zurück, Se zog ſeinen Körper gleich dem Löwen, der einen ſeines Sprung thun will, zuſammen und murrte mit dem werk ſe Feuer der Rache in den Augen: gere 2 „Zuerſt mein Erbe, dann meine Verlobte?... und aus k in die rade da, bietung Jüng⸗ le wün⸗ ch will eirathet dange⸗ 6 Loos Keme⸗ ange⸗ ngling iſſenen s ihm auben. trauri⸗ dirend, nerhin ; ein en; er zurück, einen t dem 217 Und Sie ſpotten noch meiner Leiden.. Boshafter Teufel, Du willſt mich alſo zu einer Miſſethat zwin⸗ gen?“ Die bebenden Lippen und der glühende Blick des wahnſinnig gewordenen Jünglings jagten Monk und Kemenager tiefen Schrecken ein.— Beide wichen zitternd hinter das Thor zurück und Monk warf das⸗ ſelbe mit Gewalt zu. Noch eine Weile ſtarrte Berthold mit verzerrtem Geſichte das verſchloſſene Thor an; dann ſtieß er einen Schrei der Verzweiflung aus und eilte mit wankenden Schritten und wahnſinnigen Geberden aus der Allee hinweg. Achtes Kapitel. In einiger Entfernung von Kemenaers Wohnung befand ſich ein offener Park hochſtämmiger Linden, der zu einem nahe gelegenen Landhaus gehörte. Am äußerſten Rande dieſer Baumgruppe und noch über⸗ ſchattet von deren Zweigen ſtand eine Bank, von wo man nicht nur Herrn Kemenaers Haus ſehen konnte, ſondern auch noch eine weite Ausſicht über die umliegenden Höfe und Felder genoß. Auf dieſer Bank ſaß Berthold, vor ſich hinſtierend und in tiefe Träumerei verſunken. Seitdem der unglückliche Jüngling ſo unerwartet ſeines Erbes beraubt worden war, hatte das Laub⸗ werk ſein zartes Frühlingsgrün bereits gegen kräfti⸗ gere Tinten vertauſcht. Der Kirſchbaum zeigte be⸗ reits ſeine rubinrothen Früchte; das Gras wiegte 218 ſeine aufgeſchoſſenen Halme unter dem Hauche der Sommerwinde; das Korn hatte abgeblüht; die Nachtigall hatte unter mütterlichen Sorgen ihr be⸗ zauberndes Lied vergeſſen... Die kurze Zeit, die verfloſſen war, mußte dem Dichter keine Wohlfahrt gebracht haben; denn ſein Ausſehen zeugte, wenn auch nicht von Armuth, doch von zunehmender Beſchränktheit der materiellen Mittel. Seine Kleider waren kahl gebürſtet und be⸗ gannen überall die grauen Nähte zu zeigen; ſein Hut, ſo ſorgfältig er auch geſtrichen war, ſchien vom langen Gebrauch abgetragen. In ſeinem ganzen Aeußern lag Etwas, was unleugbar Mangel an Geld verrieth. Sichtbar war Berthold abgefallen und abgema⸗ gert. In ſo kurzer Zeit hatte die nagende Betrüb⸗ niß bereits zwei kummervolle Furchen auf ſeine Stirne gegraben und die Falte des Grams auf ſeine eingefallenen Wangen gedrückt. Schon lang ſaß er auf der Bank unter den Lin⸗ den, ohne daß nur das geringſte Zeichen einiger Ge⸗ müthsbewegung bei ihm zum Vorſchein gekommen wäre. Allmälig jedoch trat auf ſein Geſicht ein bitterer Ausdruck; er rang die Arme und brachte dann beide Hände vor die Stirne, als wollte er das Toben ſeines Gehirns bezwingen. Wieder ſchien nach dieſer Aufregung die Ruhe in ſein Herz einzukehren. Ein ſtilles, trauriges Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, während er mit klagendem Tone in ſich hineinmurmelte: „Ach, meine arme Seele, Du leideſt und weinſt, nicht wahr? Trauernder Engel, aus dem Paradies verſto umher Haucdl daß 2 der ih Nein, Abgrr der V kelſtro zu fro dort, und d neben ſchlag Ton i Gott, träum Kraft kümm entflo nen d U allmä hoben pen n zen fo Geſich Gehir. einer vor de V Verzw 219 ch⸗ der verſtoßen, irrſt Du in dem Himmel Deiner Jugend t; die umher, mit der Hoffnung, daß der Wind Dir einen ihr be⸗ Hauch ihres Athems bringen ſoll? Du erwarteſt, te d. daß Dir der Duft einer Blume zugeführt werde, auf te. domi der ihr ſüßer Blick geruht hat?... Du hoffſt noch? n ſein Nein, erwarte nichts von der Zukunft: ihr finſterer 5, duch Abgrund umfaßt nur Täuſchung und Verdruß; aus 35 den der Vergangenheit allein ſcheint uns noch der Gau⸗ ün 8 kelſtrahl der Erinnerung entgegen! O, kehre zurück 1, ſein zu froheren Tagen; fliege hinweg zu jenen Akazien u vom dort, deren ſchneeweiße Blüthen ſo oft zwiſchen Dir de en und der Schweſterſeele niederfielen; laß Dich nieder gel an neben ihr, ſchwimme in ihrem ſanften Augenauf⸗ b. ſchlag, zittere vor Bewunderung bei dem begeiſterten Baang⸗ Ton ihrer Stimme, ſprich wie ehedem mit ihr von etrüb⸗ Gott, von Natur und von Kunſt... ja, träume, f ſeine träume, meine arme Seele; verzehre Deine letzte f ſeine Kraft in ſinnloſer Schwärmerei; träume und ver⸗ n Li kümmere, damit Du bald, der irdiſchen Wirklichkeit N in⸗ entflohen, Deinen ſchmachtenden Durſt an dem Brun⸗ ger Ge⸗ nen der ewigen Liebe ſtillen kannſt!“ umen Unter dieſen Worten hatte Bertholds Stimme cht ein allmälig ſich zu dem ſcharfen Tone des Spotts er⸗ Mact⸗ hoben. Jetzt, da er ſchwieg, bewegten ſich ſeine Lip⸗ 9 . pen noch, als führe er in ſeinem ſchmerzlichen Seuf⸗ zen fort. Allmälig veränderte ſich der Ausdruck ſeines Ruhe Geſichts. Ein neuer Gedankenſtrom ſchien durch ſein wuriges Gehirn zu wogen; denn ſeine Lippen ſchloſſen ſich zu er mit einer bittern Geberde und er ſchlug ſich mit der Fauſt : vor die Stirne. weinſt, Von der Bank aufſpringend, rief er im Ton der radies Verzweiflung: 220 „O Gott! hat mich der Muth denn für alle Zeit verlaſſen? Was thue ich hier? Mich mit traurigen Träumen martern; Nahrung ſuchen für das Fieber, das mir Seele und Körper verſchlingt... Und während ich meine Zeit, mein Gefühl und meine letzte Gemüthskraft einem Gaukelſpiel ſonder Hoff⸗ nung noch aufopfere, vergeſſe ich, daß es Jemand gibt, deſſen Wohlthaten ich mit Undank belohne.— Der gute Conrad! Er ſorgt, er arbeitet, er hetzt ſich ab vom Morgen bis zum Abend, um etwas Geld zu verdienen... Ich, feiger Schwärmer, ich laſſe ihn allein die Laſt von unſer beider Unterhalt tragen; ich nehme ſeinen Schweiß und ſeine Bekümmerniß an; ich eſſe, ich trinke, ich gehe herum— und ich ſehe meinen armen Freund gegen das andringende Elend kämpfen, ohne daß in mir der Muth ſich regt, meinen Theil an der gemeinſchaftlichen Arbeitslaſt zu tragen... O, ſo kann dieſes Leben nicht fort⸗ dauern! ich werde ſie zerbrechen die feigen Sclaven⸗ bande, die meinen Geiſt und meinen Willen gefeſſelt Baene Enteilen wir von dieſem unglückſeligen ... Er entfernte ſich in der That von der Bank und ſchritt haſtig unter den Bäumen hin, als wollte er die Straße erreichen; aber ebenſo ſchnell wurde ſein Gang wieder träge und immer träger, bis er plötz⸗ lich in völliger Unſchlüſſigkeit an einem Baumſtamm ſtehen blieb, und die Arme auf der Bruſt gekreuzt, zu Boden ſchaute. „Ja, ja,“ murrte er nach einer kurzen Pauſe, „ich will Conrad dankbar ſein für ſeine Liebe: arbei⸗ ten, Geld gewinnen... Aber wie? Was kann ich thun mache macht haben geſch: daß i ſänge gültig noch nen. mein nein SE einige dieſer hung⸗ N alle Zeit raurigen Fieber, Und d meine er Hoff⸗ Jemand hne.— er hetzt as Geld ich laſſe tragen; nmerniß und ich ringende ich regt, beitslaſt cht fort⸗ Selaven⸗ gefeſſelt cſeligen ank und ollte er rde ſein er plötz⸗ nſtamm gekreuzt, Pauſe, arbei⸗ ann ich 221 thun? Gedichte machen, ſagt Conrad. Gedichte machen? Welcher Spott! Ich habe Gedichte ge⸗ macht; es iſt ein Buch von mir erſchienen. Einige haben ihm zugejauchzt; man hat in den Zeitungen geſchrieben, daß eine ſchöne Zukunft meiner warte, daß ich berufen ſei, das Vaterland durch meine Ge⸗ ſänge zu ehren... aber die Menge bleibt ſo gleich⸗ gültig, mein Buch verkauft ſich ſo langſam, daß ich noch nicht einmal meinen Drucker habe bezahlen kön⸗ nen. Eine ſchreckliche, eine unabtragbare Schuld iſt mein einziger Lohn! Gedichte machen? o nein, nein... So mit ſich ſelbſt ſprechend hatte er unbewußt einige Schritte zurück nach der Bank gethan, als ob dieſer Ort eine geheime und unwiderſtehliche Anzie⸗ hungskraft auf ihn ausgeübt hätte. Noch einmal ſtehen bleibend gab er durch trau⸗ rige Geberden zu erkennen, daß ſeine Gedanken eine ganz neue Richtung eingeſchlagen hatten. Mit hef⸗ tigem Spott auf ſeinem Angeſicht ſtöhnte er: „Die Liebe? die Liebe? Sie iſt eine Buhlerin, die uns ſchmeichelt, uns bezaubert, unſer Auge ge⸗ blendet hält durch den Glanz verſprochenen Glücks, bis ſie uns unerwartet das Herz durchbohrt und den Mordſtahl in der Wunde ſtecken läßt, damit der Roſt der Erinnerung ſie vergiftet und uns eines langſamen Todes dahin ſterben läßt...“ Bei der Bank wieder angekommen, entfuhr ſeiner Bruſt ein kummervoller Seufzer, und das Auge nach Lenenders Wohnung gerichtet, ſagte er in düſterem one: „Es iſt keine Hoffnung mehr, keine, denn allein 222 im Tode! Warum noch einmal, zum zehnten Mal, mein Herz in einem fruchtloſen Kampfe verbluten laſſen? Raſen wir lieber mit dem Schmerz; wühlen wir unbarmherzig in der Wunde... es wird die Geneſung beſchleunigen.— Vielleicht wird Gott bald die unausfüllbare Seele, die er mir gegeben hat, erlöſen...“ Er ſank langſam auf die Bank nieder und beugte den Kopf tief auf die Bruſt. Während er in der Stille ſeine verzweifelten Ge⸗ danken fortſetzte und mit einer gewiſſen Luſt feſthielt, trat in den Pfad, der durch den Park führte, ein Mann, der mit den Augen Jemand zu ſuchen ſchien. Als er in der Ferne Berthold gewahrte, erſchien ein frohes Lächeln auf ſeinem Angeſicht. Er ging auf den träumenden Jüngling zu, rief ihn beim Namen, in einem triumphirenden Ton, der eine gute Bot⸗ ſchaft anzukündigen ſchien. Der Dichter, in ſeinem Traume überraſcht, ſtand auf und ſprach, während Schamröthe ſeine Stirn färbte: „Conrad! Du wußteſt, daß meine kranke Phan⸗ taſie mich nach dieſem Ort geführt haben mochte? Ich habe wiederum mein Verſprechen gebrochen, nicht wahr? Ach habe Mitleid, vergib mir!“ Der Muſiker achtete nicht auf dieſe Worte. „Setze Dich, ſetze Dich,“ rief er,„o Berthold, ich bringe Dir eine ſo gute Nachricht! Was für ein Glück iſt Dir doch widerfahren! Ich bin beinahe außer mir vor Freude...“ „Ein Glück? das mir widerfuhr?“ wiederholte en Mal, erbluten wühlen vird die ott bald een hat, beugte lten Ge⸗ feſthielt, te, ein ſchien. dien ein ing auf Namen, te Bot⸗ , ſtand Stirn Phan⸗ nochte? I, nicht erthold, für ein deinahe erholte 223 Berthold dem Muſikus mit glänzendem Blick in die Augen ſchauend. „Berthold, Freund,“ ſagte Conrad,„Du wirſt kaum glauben können, was ich Dir melden will.“ „Laura?“ fragte der Dichter mit fragendem Er⸗ ſtaunen. „Höre, ich will es Dir ſagen,“ ſprach der Muſi⸗ kus.„Vorgeſtern hat die königliche Geſellſchafs der ſchönen Künſte eine Sitzung gehalten, ſie hat corre⸗ ſpondirende Mitglieder aus den hervorragendſten Künſtlern des Landes ernannt. Dein Name prangt auf der Liſte der Auserwählten! O, das Herz klopft mir vor Freude! Der Stern des Ruhms iſt vor Dir aufgegangen, Berthold. Nun kann Niemand mehr Deine Verdienſte beſtreiten. Aus dieſem Beweis der Hochſchätzung, Dir von befugten Richtern geſchenkt, wirſt Du den Muth ſchöpfen, die Lorbeerkrone zu gewinnen, die vor Deinen Augen glänzt. Nicht wahr, der Zweifel weicht aus Deiner Seele? Nicht wahr, Du wirſt die glanzreiche Beſtimmung erfüllen, die Gott in ſeiner Güte Dir angewieſen hat?“ Berthold ſah ſeinen Freund mit traurigem Lä⸗ cheln an. „Himmel, biſt Du gefühllos für ſolche Ehrenbe⸗ zeugungen,“ rief der Muſikus ſchmerzlich betroffen. „Nein, nein,“ antwortete der Jüngling,„ich bin erfreut— erfreut, weil ich Dich glücklich ſehe...“ „Du weißt noch nicht Alles,“ fuhr Conrad fort. „Die Zeitungen kündigen Deine Ernennung an, neben dem Berichte, welchen der Sekretär zur Unter⸗ ſtützung des Vorſchlags Deiner Perſon abſtattete. Darin nennt man Dich einen gefühlvollen, einen 224 gemüthlichen, einen vortrefflichen Dichter,— und zum Beweiſe wurde in Gegenwart der Verſammlung Dein letztes Gedicht: die verirrte Seele von dem Präſidenten ſelbſt vorgeleſen. Die Zeitungen erzäh⸗ len, daß es die Zuhörer bis zu Thränen gerührt habe. Denke einmal, Berthold, Du haſt die alten Meiſter in der Kunſt zum Weinen gebracht. Ah, ich weiß nicht, aber es iſt der ſchönſte Tag meines Lebens!“ „Guter Conrad!“ ſeufzte der Jüngling. „Warum bleibſt Du aber ſo unbewegt?“ fragte der Muſikus.„Andere an Deiner Stelle würden dem Himmel für ſolches Glück feurig danken.“ „Es iſt wohl ſchön, in der That,“ murmelte Berthold.„Aber welchen Vortheil, welchen Nutzen wird es uns bringen? Ruhm? Sollte mein Ruhm, wenn mir wirklich Ruhm zu Theil würde, Dir die materiellen Opfer vergüten können, denen Du Dich ſo edelmüthig unterziehſt? Geld, Geld allein kann uns helfen.“ „Gewiß,“ antwortete Conrad mit ermuthigendem Lächeln,„aber es wird Geld davon einkommen, viel Geld vielleicht. Begreifſt Du denn nicht, daß Deine Ernennung und das amtliche Lob, das die Zeitungen Dir zuerkennen, die Aufmerkſamkeit auf Dein Werk richten wird? Man wird ſogleich viele Exemplare da⸗ von verkaufen, vielleicht wird die ganze Auflage in kurzer Zeit vergriffen ſein.— Dann bezahlen wir unſern Drucker, und mit dem Ueberſchuß des Geldes kaufen wir uns etwas beſſere Kleider. Komm, komm, traure nicht mehr; das Geld wird uns nicht allezeit mangeln; wir werden es einmal im Ueberfluß be⸗ ſitzen, beide E Auger eine ſteht Kraft, fallen geizig viel; begint Zöger „— und ſammlung von dem een erzäh⸗ 1 gerührt die alten .Ah, ich g meines ¹ fragte würden n.“ murmelte n Nutzen n Ruhm, Dir die Du Dich ein kann digendem nen, viel ß Deine eitungen in Werk lare da⸗ fflage in llen wir 3 Geldes „komm, allezeit fluß be⸗ 225 ſitzen, und Du, Du wirſt es ſein, der es für uns beide gewinnt.“ Ein Strahl der Freude glänzte in Bertholds Augen, während er, durch die glänzende Prophe⸗ zeiung der Gegenwart gleichſam entrückt, ſeinen Freund mit froher Verwunderung anſchaute. „Geld gewinnen? Ich werde viel Geld gewin⸗ nen!“ rief er aus,„o könnte es wahr ſein!...“ Doch mißmuthig ſetzte er hinzu: „Aber Du täuſcheſt Dich, Freund, die Poeſie iſt eine unzertrennliche Schweſter der Armuth; es be⸗ ſteht zwiſchen ihr und dem Geld eine abſtoßende Kraft, die ſie ewig von einander entfernt hält.“ „Welche neue Krankheit hat Dich wieder über⸗ fallen?“ ſeufzte Conrad ärgerlich.„Du wirſt noch geizig nach Geld? Es iſt wahr, wir haben nicht zu viel; doch außer daß unſere Kleider zu verſchießen beginnen, woran hat es uns bis jetzt gefehlt?“ Ein bitteres Lachen ſpielte um die Lippen des Dichters. „Conrad, wo iſt Deine Uhr?“ fragte er. Der Muſikus ſchien bei dieſer unerwarteten Frage überraſcht und verlegen. Nach einem augenblicklichen Zögern antwortete er: „Du fragſt nach meiner Uhr?— ich habe ſie zum Repariren gegeben.“ „Nein, edelmüthiger Freund,“ ſagte Berthold, „verbirg es mir nicht, was Du für einen armen Wahnſinnigen thuſt. Du haſt Deine Uhr verkauft oder verpfändet und die Zimmermiethe davon bezahlt, nicht wahr? Glaube nicht, daß ich Deine Aufopfe⸗ rung mit gefühlloſer Selbſtſucht annehme. Es iſt Conſecience, der Geldteufel. 15 226 mir ein zweiter Stich ins Herz, daß ich Deine Güte nicht zu erkennen vermag. O könnte ich nur Macht über mich ſelbſt gewinnen! Wüßte ich ein Heilmittel gegen die Qual, die mich verzehrt... Dieſes Bild, dieſes zwingende Bild, das mich Tag und Nacht verfolgt!“ Der Muſikus faßte Bertholds beide Hände und ſprach mit Nachdruck:— „Freund, Du irrſt. Das Heilmittel, das Du zu finden wünſcheſt, iſt nicht weit zu ſuchen; aber Du mußt es ernſtlich annehmen und Dich erinnern, daß Du ein Mann iſt, und Dich mit feſtem Willen gegen Deine krankhafte Einbildung erheben. Betrachte die Dinge mit kaltem Blute und ohne Schwärmerei. Dort hinter der Umzäunung wohnt eine Frau, die beſtimmt war, Deine Braut zu werden, die Dich glauben ließ, daß ſie ohne Dich nicht leben könne, daß ihre Seele fern von Deiner Seele verkümmern werde... und— wie es möglich iſt, kann ich nicht begreifen— ein einziger Tag genügte, ſie alle ihre Gelübde vergeſſen zu machen. Ihre Worte waren Falſch⸗ heit und Trug. Dich liebte ſie nicht; nur die Million, die Du erben ſollteſt, war der heimliche Gegenſtand ihrer Liebe. Und kaum iſt die Million Dir genom⸗ men, ſo entfernt ſich auch ihr Herz von Dir, um dem Erbe zu folgen. Sie verkauft ihre Neigung für Geld und vereint ſich zu einer fluchwürdigen Bun⸗ desgenoſſenſchaft mit demjenigen, welcher Dich be⸗ raubt hat... Berthold hob flehend die Hände empor, als wollte er um Schonung für Laura bitten. „Conrad, Conrad,“ ſeufzte er,„wenn wir uns triun über mit d ihr z oder von? Bräu wünſ in ei lichke lange ine Güte ur Macht deilmittel es Bild, ad Nacht inde und das Du in; aber nern, daß en gegen achte die därmerei. rau, die die Dich n könne, kümmern ich nicht alle ihre en Falſch⸗ Million, ggenſtand genom⸗ dir, um gung für en Bun⸗ Dich be⸗ vor, als wir uns 227 täuſchen? Sprich nicht ſo von ihr; Du zerreißeſt mir das Herz.“ „Nein, nein, keine Gnade für die Meineige,“ fiel Conrad aus.„Sie verdient nur unſere Verachtung. Daß ſie Deine Gattin noch werden könnte, würde ich nie unterſtützen, obgleich ich es hoffte; aber des andern Tages ſchon Deinen ſchnöden Feind zum Bräutigam annehmen, ſich ſelbſt aus Liebe zum Gelde an den Mann wegſchenken, den ſie allzeit gehaßt und verabſcheut hat? O es iſt das Uebermaß der Niederträchtigkeit, es iſt ſo erbärmlich und unedel, daß Du, anſtatt zu klagen, Gott danken ſollteſt, der ein ſo unwürdiges Weib Deiner Bahn entrückt hat. Schaue nicht länger nach der Wohnung dort. Dort triumphirt der boshafte Monk; dort lacht Kemenger über den enterbten Dichter; dort treibt Laura Spott mit dem armen Jüngling, der einſt ſeine Augen zu ihr zu erheben wagte. Ja, ja, es mag Dich grämen oder nicht, ſie muß ſpotten über das Schlachtopfer von Monks Betrug; wie ſollte ſie denn anders ihrem Bräutigam gefallen können? Alſo, was hoffſt, was wünſcheſt, was willſt Du? Du mordeſt Deine Seele in einem Traum, dem ſelbſt kein Schein von Wirk⸗ lichkeit zu Grunde liegt. Selbſt wenn Dein Ver⸗ langen erfüllt werden könnte, wenn Laura zu Dir disdanlehrte, ſollteſt Du ſie mit Abſcheu von Dir toßen.“ Berthold ſtand langſam von der Bank auf, in⸗ dem er muthlos ſagte: „Wehe, ich muß alſo Allem entſagen, ſelbſt der Erinnerung, dieſer letzten Nahrung meiner betrübten Seele! Verkümmern, ſterben mit der Ueberzeugung, daß ſie, die mich tödten, mit meinen Leiden noch ihren Spott treiben!“ „Wäre ich an Deiner Stelle, Berthold, ich würde wohl ein Mittel finden, mich zu rächen.“ „Ein Mittel, mich zu rächen?“ rief der Jüng⸗ ling mit plötzlicher Kraft.„Sage, was würdeſt Du thun?“ Der Muſikus antwortete mit begeiſtertem Ton: „Ich würde alle meine Kräfte zur Hervorbrin⸗ gung großer Werke ſammeln; ich würde aus meiner Feder Gedichte fließen laſſen, die meine Landsleute zur Bewunderung zwingen ſollten. Mein Name, verehrt, geliebt und von tauſend Zungen gerühmt, ſollte wohl durchdringen zu ihr, die mich ſo feig vergaß; der Glanz meines Rufes ſollte blendend ihr in die Augen ſtrahlen und vielleicht würde ſie dann ihren Meineid betrauern... Aber Du wirſt bleich? Du bebſt?— Was ſiehſt Du?“ An allen Gliedern vor Ueberraſchung zitternd, wies Berthold zwiſchen den Linden hin und zeigte in der Ferne auf zwei Frauen, die, ohne die beiden Freunde bemerkt zu haben, ſich langſam dem Orte näherten, wo dieſe geſeſſen hatten. Die jüngſte dieſer Frauen ging wankenden Schrit⸗ ten, der von einer ſchon vorgeſchrittenen Entkräftung zeugte. Die auffallende Bläſſe ihrer Wangen, der unſichere Blick ihrer Augen und ein Ausdruck von Schmerz und Muthloſigkeit konnten den Gedanken erregen, daß das arme Mädchen erſt von einer ge⸗ fährlichen Krankheit erſtanden war und nun am Arm der bejahrten Dienſtmagd, die ihr Geſellſchaft leiſtete, unter Scha en noch h würde Jüng⸗ deſt Du m Ton: vorbrin⸗ meiner ndsleute Name, gerühmt, ſo feig dend ihr ie dann bleich? nd, wies in der Freunde äherten, Schrit⸗ rräftung gen, der uck von edanken iner ge⸗ am Arm leiſtete, 229 unter den Linden wandelte, um in dem friſchen Schatten Erquickung zu ſuchen. „Laura! Es iſt Laura!“ murrte Conrad, ſeinen Freund am Arm ergreifend.„Komm, Berthold, komm, daß ſie wenigſtens nicht auf Deinem Angeſicht leſe, was Du leideſt!“ „Was ich leide?“ rief Berthold.„Sie, ſie trägt den Tod auf dem Angeſicht!“ „Komm, laß uns eilig von hier weggehen,“ ſagte Conrad, indem er mehr Gewalt brauchte, um ſeinen Freund von der Bank hinwegzuziehen;— aber die⸗ ſer widerſtand ihm wie von Sinnen und flehte: „Nein, nein, laß ſie mich noch einmal anſchauen, noch einmal... Und dann, dann entſage ich ihrer Erinnerung!. Noch einmal! Einen einzigen Blick in ihre Augen!“ Dies ſagend, ſprang er auf und erwartete mit unſäglicher Aufregung die Annäherung der Frauen. Inzwiſchen mußte Laura ihn bemerkt und erkannt haben: denn ſie hatte gezittert unter dem Eindruck einer heftigen Rührung. Obſchon ihre Begleiterin ſie gleichfalls zurückhalten wollte, unterbrach ſie doch ihren Gang nicht, ſondern kam geraden Wegs auf Berthold zu. Als beide aus der Nähe einen Blick wechſelten und ſie gegenſeitig auf ihrem Angeſichte dieſelben Spuren der Krankheit und Betrübniß entdeckten, ent⸗ ſchlüpfte ihnen zu gleicher Zeit ein Ruf ängſtlichen Mitleids.— Aus des Jünglings Augen brach ein Strom von Thränen;— von Schmerz überwältigt, ließ er den Kopf auf die Bruſt fallen und ſtarrte ſchweigend zur Erde. 230 Laura, wahrſcheinlich von einem Gefühl der Pflicht beherrſcht, hatte ſogleich ihre Aufregung be⸗ zwungen. Ihr Geſicht ſchien unbewegt und ruhig; aber die ſtetige Ruhe trug den Stempel einer uner⸗ meßlichen Betrübniß, einer Unterwerfung, ſo ſchmerz⸗ lich und hoffnungslos, daß es war, als ob die Ge⸗ wißheit eines nahen Todes ihr allein die Kraft ver⸗ liehe, um bei der erſchütternden Begegnung ruhig zu bleiben. Mit ſanfter, trauriger Stimme ſagte ſie: „Du biſt krank, Berthold, armer Freund, ich will Dich nicht fragen, welches Leiden Dich verzehrt; er iſt mir bekannt, der grauſame Wurm, der an dem entzauberten Herzen nagt. Ich bin gleichfa lls krank geweſen. Auf dem Leidensbette ausgeſtreckt, habe ich zu Gott gefleht, daß er Dir wenigſtens Kraft ſchenken möge, Dein Loos muthig zu ertragen.. Faſt außer ſich vor Bewegung, hielt Berthold die Hände dankend dem Mädchen hin und ſeufzte: „Du haſt für mich gebetet!“ „Aber der Himmel iſt uͤber mich ergrimmt,“ fuhr ſie fort,„die letzte Hoffnung meiner Seele mußte auch eitel ſein: ich hatte noch nicht genug an meinem eigenen Kummer...“ „Iſt es kein Blendwerk?“ rief Berthold über⸗ raſcht,„Du dachteſt an mich? Du beklagteſt mein Loos? Es geſchah alſo nicht aus freiem Willen, daß Du die Hand meines Feindes angenommen haſt?“ „Ich weiß es, Berthold, Dein Herz hat mich be⸗ ſchuldigt,“ murmelte Laura, während ein bitteres Lächeln auf ihren Lippen ſchwebte.„Du wähnteſt mich glücklich. Sieh auf mein Angeſicht, was die Du ſ armer 5 nein, ein u es iſt einen einen dieſe neue das hl der ng be⸗ ruhig; uner⸗ hmerz⸗ ie Ge⸗ ft ver⸗ hig zu ch will hrt; er n dem krank habe Kraft 47 erthold fzte: 4 fuhr mußte neinem über⸗ mein n, daß aſt?“ ich be⸗ itteres ähnteſt as die 23ʃ Freude aus der Schönheit meiner Jugend gemacht hat.“ „Aber, ich werde irre, der Kopf ſchwindelt mir. Du ſollteſt unſere Liebe betrauern? Du ſollteſt den armen Berthold noch lieben?“ „Lieben?“ wiederholte ſie mit trübem Scherz,„o nein, ich darf nicht mehr lieben. Das Schickſal hat ein unwiderrufliches Urtheil über mich ausgeſprochen; es iſt Nacht vor meinen Augen: ich ſehe nur noch einen Stern aus der Ferne mir entgegenlächeln— einen, er ſcheint über einem Grabe...“ „Laura, Laura, Du machſt, daß ich vergehe vor Angſt,“ rief Berthold verzweifelnd.„Ich durchſchaue Dein Leiden, ich begreife, was Deine ſchrecklichen Worte andeuten... aber gibt es denn keine Macht auf Erden, um Dich zu erretten? „Es gibt eine Macht, die Alles beherrſcht, auch mein Geſchick,“ ſprach ſie.„Ich fühlte mit ſehnlicher Erwartung, mit dankbarer Freude, daß die Krankheit mir die Bruſt beengte, daß das Fieber mich ver⸗ zehrte, und ich hoffte, daß ich die Erde verlaſſen dürfte, ehe das Opfer meiner Seele vollbracht wer⸗ den ſollte.“ „Sterben, Du willſt ſterben!“ ſtöhnte Berthold erſchreckt. „Nein,“ ſagte ſie,„es hat Gott nicht gefallen, mir den Tod zu geben. Ich werde geneſen!.. ach, ich werde geneſen!“ Der Ton unendlicher Verzweiflung, womit Laura dieſe düſtern Worte ausſprach, ließ den Jüngling in neue Thränen ausbrechen. Nicht minder tief mußte das Mädchen gerührt ſein,— denn obſchon ſie nicht 232 ſichtbar weinte und äußerlich mit Ruhe den Jüng⸗ ling anſchaute— zitterten ihre Wangen und glänzte in der Tiefe ihrer Augen ein feuchter Strahl, als fielen die Thränen ihr inwendig in den Buſen. Die Magd nahm Laura beim Arm und ſagte flehend: 1 „Ach, Fräulein, kommen Sie doch, laſſen Sie uns von hier weggehen; Ihr Vater hat geſagt, daß er uns folgen wird.“ Und als ſie ſah, daß Laura ihr zu gehorchen ſich weigerte, fügte ſie gleichſam als Drohung hinzu: „Und Herr Monk wird Ihren Vater ohne Zwei⸗ fel begleiten.“ „Monk, Monkl“ ſchrie Berthold, mit den Augen den Himmel um Rache bittend. Laura ſchien ihre Kräfte zu ſammeln und ſagte dann mit einem Ton wunderbarer Gelaſſenheit: „Berthold, der Zufall hat uns hier zuſammen⸗ gebracht, um uns ein letztes und ewiges Lebewohl zu ſagen. Bald wird ein feierliches Band mich zur Sclavin unerbittlicher Pflichten machen und zwiſchen uns einen Abgrund legen, den man, ohne eine Miſſe⸗ that zu begehen, ſelbſt nicht durch die Erinnerung auszufüllen verſuchen darf. Vergiß mich, ich flehe Dich darum; faſſe Muth, überwinde Deinen Kum⸗ mer, und laß mir wenigſtens den Troſt, daß ich allein den bittern Wermuthkelch trinke...“ „Berthold, ſchnell, laß uns hinweggehen!“ rief Conrad.„Dort kommt der böſe Geldteufel, der Euch beide in den Tod ſtürzt. Es iſt Monk'; er ſieht uns!“ „Lebe wohl, Berthold,“ flüſterte Laura, ohne eine Spur von Schrecken zu zeigen,„haſt Du mich jemals blick. und b Herzer und 1 geſſen, wunde ſeine zogen und 9 miſcht etwas rad ſi Schre ' Abgan vergeſ aus L Jüng⸗ glänzte l, als n. ſagte en Sie t, daß en ſich u: Zwei⸗ Augen ſagte t. nmen⸗ dewohl ch zur diſchen Miſſe⸗ erung flehe Kum⸗ aß ich „rief Euch uns!“ ohne mich 233 jemals geliebt, ſo höre auf mich in dieſem Augen⸗ blick. Weihe Deine Liebe der Kunſt; werde groß und berühmt; der Preis Deines Rufs ſoll in dem Herzen der armen Laura einen Widerhall finden... und muß ſie auch den Freund ihrer Kindheit, ver⸗ geſſen, den vaterländiſchen Dichter darf ſie doch be⸗ wundern und lieben.“ Berthold ſtand zitternd vor ſüßer Ueberraſchung, vor Mitleid, Verzweiflung und ſeliger Erinnerung. Er ſchaute dem Mädchen ſprachlos nach, während ſie ſich langſam am Arm ihrer Dienſtmagd entfernte. Monk ging an den beiden Freunden vorüber; ſeine Lippen waren zu einem Grinſen der Wuth ver⸗ zogen; in ſeinen Augen glühte das Feuer der Drohung und Rachſucht. Während er den Muſikus anſchaute, miſchte ſich zwiſchen den Ausdruck ſeines Grolls noch etwas ſo Verachtendes, ſo Erniedrigendes, daß Con⸗ rad ſich unendliche Gewalt anthun mußte, um einen Schrei der Entrüſtung zu bezwingen. Was Berthold betrifft, ſo hatte dieſer ſeit Laura's Abgang den Kopf gebückt und den Blick zur Erde gerichtet. So ſehr hatte er ſich in die Betrachtung deſſen, was geſchehen, verſenkt, daß Monk zwiſchen den Bäumen und aus dem Bereich ſeines Geſichts verſchwunden war, ohne daß er ihn bemerkt hatte. „Unglücklicher Freund,“ ſeufzte Conrad,„dieſe Begegnung wird Deine Qual vermehren.“ „Meine Qual vermehren?“ rief Berthold plötz⸗ lich mit faſt närriſcher Freude.„Welche Qual? Meine Betrübniß? Nein, nein, Laura hat mich nicht vergeſſen, nicht verrathen. Sie liebt mich noch; aus Liebe zu mir verkümmert ſie. O, dieſe Ueber⸗ 234 zeugung macht mir das Herz voll Muth; ich fühle mich größer werden; der Buſen hat ſich mir erwei⸗ tert; ich will, ich will!“ „Faſſe, beruhige Dich; Deine Sinne verirren ſich,“ ſprach Conrad erſchreckend. „Komm, komm,“ rief der Jüngling, während er ſeinen Freund mit fieberiſcher Haſt zwiſchen den Bäumen fortzog.„Komm, nun werde ich ein Dich⸗ ter, nun will ich einen glanzvollen Namen, nun fühle ich einen Durſt nach Berühmtheit... o, mein Kopf brennt, das Gehirn will mir den Schädel zerſpren⸗ gen; es iſt, als ob eine ganze Welt von Poeſie unter meiner Stirne kochte. Sie hat geſagt: ich werde den vaterländiſchen Sänger lieben!“ Und ſo ſchnell vorauslaufend, daß der erſchreckte Conrad ihm kaum folgen konnte, floh er wie ein Wahnſinniger aus dem Park. Neuntes Kapitel. Margret ſaß vor einem Mahagonitiſchchen, in einem Lehnſtuhl von grünem Sammt, und trank Chocolade aus einer Taſſe, deren durchſcheinendes Porcellan mit goldenem Laubwerk bedeckt war. Der Saal, worin ſie ſich befand, war mit koſtbaren Möbeln, weichen Teppichen und reichen Vorhängen geſchmückt, alles neu und nach dem ausgeſuchteſten Geſchmack eingerichtet. Die alte Dienſtmagd des ſeligen Herrn Robyn war beinahe nicht mehr zu erkennen. Sie trug eine Spitzenhaube nach der neueſten Mode, große Ohr⸗ ringe Gemäckh ſtuhls mürber hätte n hochgel Adel i ihrer2 ihrem Selbſte dem N W frieden den ei von 8 tauche vergaf das i wieder Geſich die ge ihrem zu err entſchl undeu lich g.˖ Monk konnte S nach. h fühle erwei⸗ —m ſich,“ rend er en den n Dich⸗ un fühle ein Kopf erſpren⸗ e unter rde den ſchreckte wie ein n einem Hocolade orcellan Saal, Möbeln, chmückt, eſchmack Robyn ug eine ße Ohr⸗ ringe und ſeidene Kleider. So wie ſie da, mit aller Gemächlichkeit des Luxus, gegen die Kiſſen des Lehn⸗ ſtuhls zurückgebeugt, halb liegend, halb ſitzend, den mürben Butterkuchen in die duftende Chocolade tauchte, hätte man leicht glauben können, in Margret eine hochgeborne Dame zu ſehen. Lag auch nicht viel Adel in ihrer Haltung, in ihrer Kleidung und in ihrer Art zu eſſen, ſo lag doch Hochmuth genug in ihrem Blick; und ihre Geſichtszüge waren von einem Selbſtvertrauen belebt, welches der Beſitz von Geld dem Menſchen einflößt. Wie ſehr auch Margret mit ihrem Stande zu⸗ frieden ſchien und mit wollüſtiger Begier die Kuchen, den einen nach dem andern, verſchlang, mußte doch von Zeit zu Zeit ein trüber Gedanke in ihr auf⸗ tauchen; denn zuweilen ſaß ſie regungslos ſtill und vergaß ihr Frühſtück, um über etwas Unangenehmes, das ihr vorſchwebte, nachzuſinnen. Dann trat ſie wieder mit dem Fuß auf den Teppich, während ihr Geſicht von Zorn entſtellt ſchien, oder ſtreckte wohl die geballte Fauſt aus, als drohte ſie Jemand mit ihrem Zorn oder ihrer Rache. Was ihren Geiſt ſo ſehr beſchäftigte, wäre ſchwer zu errathen geweſen, obwohl ihr einige zornige Worte entſchlüpften; aber dieſe waren ſehr abgebrochen und undeutlich. Doch ſprach ſie hin und wieder verſtänd⸗ lich genug die Namen von Laura Kemenaer und von Monk aus, in einem Tone, der vermuthen laſſen konnte, daß Neid und Beſorgniß ſie aufregte. So denkend und träumend, griff ſie unbewußt nach dem Teller, um noch einen Kuchen zu nehmen; aber ihre Hand traf auf keinen mehr.— Sie be⸗ wegte die Tiſchklingel heftig. Eine Dienſtmagd eilte herbei;— es war ein junges Mädchen vom Lande, das noch ziemlich un⸗ beholfen und einfältig ausſah. Es näherte ſich faſt zitternd Margret und fragte: „Was beliebt Ihnen?“ „Dummkopf, gib mir meinen Namen, Du Bäuerin!“ ſchnauzte Margret ſie an. „Was beliebt Ihnen, Madame?“ „Das Wort will nicht recht aus Deinem groben Maule. Pfui, Du riechſt noch nach dem Stall!“ „Aber, Madame,“ ſtammelte das Mädchen,„Sie ſind auch immer ſo zornig auf mich. Es iſt doch meine Schuld nicht, daß ich eine Bäuerin bin? Ich thue doch mein Beſtes, um dienen zu lernen.“ „Willſt Du ſchweigen!“ polterte Margret.„Eine Magd muß nie ſprechen! Du könnteſt Einem das Fieber an den Hals bringen mit Deinen gemeinen Zügen. Nun, warum habe ich Dich gerufen?... Warum habe ich geklingelt, frage ich. Hörſt Du nicht?“ „Madame hat gewiß die Chocoladekanne ausge⸗ trunken und will noch etwas haben?“ ſagte die Magd. „Ach ja! Wie kommt es, daß Du mir vier Kuchen auf den Teller gelegt haſt?“ „Sechs, Madame, ſechs!“ „Vier, keinen einzigen mehr.“ „Nein, Madame, ſechs.“ „Wie? Du wagſt mich Lügen zu ſtrafen? Vier, ſage ich. Geſtehe, daß es vier waren, oder ich will „S terte di „D „lauf 1 ſammen ſonſt la werfen. meinen Da und bee Bei ſich zu mittelbe lichem „N waren „A ſo will ſchluchz mit me Ihnen noch ni „K Dir ein ſollen, Sie be⸗ war ein llich un⸗ ſich faſt iuerin!“ groben tall!“ en,„Sie iſt doch t.„Eine nem das gemeinen en?.. börſt Du e ausge⸗ ie Magd. er Kuchen 2 Vier, rich will Dich einmal ſehen laſſen, wer hier Herr und Meiſter iſt. Schnell, ſprich: es waren nur vier.“ „Sie irren ſich, Madame, es waren ſechs,“ ſtot⸗ terte die Magd. „Du ſtarrköpfige Bäuerin!“ fiel Margret aus, „lauf nach Deiner Kammer, packe Deine Sachen zu⸗ ſammen und ſieh, daß Du vor Mittag hier weg biſt, ſonſt laſſe ich Dich durch den Knecht auf die Straße werfen. Haſt Du mich verſtanden oder nicht? Aus meinen Augen, Unverſchämte!“ Das Mädchen brachte die Schürze vor die Augen und begann zu weinen. Bei dem Anblick ihrer Thränen ſchien Margret ſich zu beruhigen; und anſtatt noch auf ihre un⸗ mittelbare Entfernung zu dringen, ſagte ſie in freund⸗ lichem Ton: „Nun, beſinne Dich noch einmal, Käthe: es waren nur vier?“ „Ach, Madame, wenn Sie es doch haben wollen, ſo will ich nur ja ſagen,“ ſeufzte das Mädchen ſchluchzend,„ja es waren vier. Sie müſſen Mitleid mit meiner Einfalt haben, Madame; ich würde Ihnen zu Gefallen gern lügen, aber ich kann es noch nicht.“ „Komm einmal hieher zu mir, Käthe, ich will Dir einen guten Rath geben.— Wirſt Du thun, was ich Dir ſage?“ Das Mädchen gehorchte ſchüchtern. „Du biſt noch ſo einfältig, wie Jemand, der von hinter der Kuh herkommt,“ ſprach Margret, ſie bei der Hand faſſend.„Du hätteſt damit anfangen ſollen, bei kleinen Bürgersleuten zu dienen; da hat 238 man viele Sorgen um ſeine Ohren, und wenn die Hausarbeit gethan i*ſt, läßt man die Magd in Frie⸗ den. Bei uns, die wir reich ſind, geht es nicht ſo, Kind. Wir haben zu viel müſſige Zeit und zu viel Grillen, ich habe gleichfalls gedient, Käthe.“. „Ich weiß es wohl, Madame,“ murmelte die Magd. „So, Du weißt es wohl?... Aber Du mußt ſchweigen, da Du ſiehſt, daß ich ſprechen will. Was wollte ich Dir ſagen?— Ach ja! Als ich mich ver⸗ dingte, gerieth ich auch gleich Dir zu reichen Leuten, in ein Haus, wo man alle Jahre viermal die Dienſt⸗ boten wechſelte. Ich war ſchlau und bemerkte gar ſchnell, was hier erforderlich war, um zu gleicher Zeit der Liebling der Frau und des Herrn zu ſein. Die Frau war Herr im Hauſe, ich ſah immerdar ihr nach den Augen. Schien ſie verdrießlich oder zornig, ſo ſchwieg ich; nannte ſie mich Eſel, dummes Thier oder faulen Strick, ſo ſchaute ich ſie flehend an, als geſtände ich, daß ſie Recht habe, mich zu ſchelten. Gelegentlich rühmte ich ihre Schönheit und die Pracht ihrer Kleider; ich ſtellte mich wahnſinnig verliebt in ihre unartigen Kinder, ihren knurrigen Schooßhund und in Alles, was ſie gern zu haben ſchien. Gerieth ſie in Streit mit dem Herrn, ſo gab ich ihr Recht— ſobald er weggegangen war, wohl verſtanden— und beklagte ihr Loos, als ob ich ſie in der That für unglücklich hielte; aber ich ſpickte ihr vom Geſicht ab, was in ihrem Innern vorging, um bei Zeiten noch mit der Sprache einzu⸗ lenken. Dem Herrn wußte ich anders in die Karten zu ſpielen. Er meinte, es gebe keinen verſtändigern und gei ſchlug i Hände als ſähe die Herr lieber d digkeit glaubten den Aë nun bir trage J Herrſche um zu meinen oder hr kannſt, Leute it Frau il fluß? Unterle wennm zu ſchlo ſehr gr ſelbſt z nun ich ich Die Du nic ich thue zu laſſe die Re ſtanden enn die n Frie⸗ nicht ſo, zu viel 7 elte die du mußt l. Was nich ver⸗ Leuten, e Dienſt⸗ erkte gar gleicher zu ſein. mmerdar lich oder dummes e flehend mich zu mheit und ahnſinnig knurrigen zu haben derrn, ſo gen war, , als ob aber ich n Innern che einzu⸗ die Karten ſtändigern 239 und geiſtreichern Mann auf der Welt, als er. So ſchlug ich bei dem Geringſten, was er ſagte, die Hände vor Bewunderung über dem Kopf zuſammen, als ſähe ich Wunder geſchehen, und äußerte oft, wenn die Herrſchaft in guter Stimmung war, daß ich noch lieber den Verſtand des Herrn oder die Liebenswür⸗ digkeit der Frau haben möchte, als ihr Geld. Sie glaubten mir und ſahen mich gern, weil ich ihnen den Aermel ſtrich... Siehſt Du wohl, Käthe, nun bin ich die Frau und Du biſt die Magd. Be⸗ trage Dich alſo gegen mich, wie ich gegen meine Herrſchaft gethan habe; ſieh mir nach den Augen, um zu wiſſen, was ich wünſche, ſchmeichle mir, folge meinen Launen, ſage, daß es dieſen Morgen vier oder hundert Kuchen waren, wenn Du nur vermuthen kannſt, daß es mir gefällt. Warum ſehen manche Leute ihre Hunde ſo gern? Warum gibt die gnädige Frau ihrem Azor Biscuit und Zuckerbrod im Ueber⸗ fluß? Das iſt ganz einfach. Azor ſchwänzelt ohne Unterlaß und ſchmeichelt und leckt die Hände, ſelbſt wenn man ihn ſchlägt, weil man Etwas oder Jemand zu ſchlagen haben will. Als ich diente, fand ich es ſehr grauſam und ſchlecht, daß ein Dienſtbote ſich ſelbſt zum Sclaven oder Hund machen ſollte; aber nun ich reich bin, finde ich es ſehr natürlich. Wenn ich Dich Dummkopf und Einfaltspinſel ſchelte, darfſt Du nicht weinen, Käthe. Laß mich nur ſchwatzen, ich thue es einzig und allein, um mich ſelbſt fühlen zu laſſen, daß ich reich bin.“ „Madame, Sie ſind demnach ſo reich?“ fragte die Magd, die ſonſt nichts von der langen Rede ver⸗ ſtanden hatte. 240 „Ja, ja, Käthe, wohl eine Million.“ „Eine Million? Das muß ja ſchrecklich viel ſein.“ „Das will ſagen, Käthe, ich beſitze die Million noch nicht, aber ich werde Herrn Monk heirathen, der ſie geerbt hat.“ „Unſern Herrn? Ich glaube es nicht,“ ſagte die Magd mit einem Lächeln, das Margret verwunderte. „Warum? Du vergißt, daß ich es bin, die Dich bezahlt. Was ich glaube, mußt Du gleichfalls glauben.“ „Ach ja, ich habe es ſchon wieder vergeſſen. Laſſen Sie mich nur in die Küche gehen, wenn es Ihnen beliebt. Das Frühſtück des Herrn muß noch fertig gemacht werden.“ „Nein, Du ſollſt mir ſagen, warum Du an mei⸗ ner Heirath mit dem Herrn zweifelſt.“ „Ich wage es nicht,“ ſtammelte das Mädchen. „Du mußt es wagen, ich will es,“ gebot Margret. Aber während die Magd noch zögerte, ſetzte ſie noch hinzu: „Du haſt gewiß etwas vernommen von einer Jungfer, die Laura Kemenaer heißt? Man hat Dir vielleicht geſagt, daß der Herr ſie heirathen werde? War es nicht in dem Bäckerladen, wo man ſo ſagte?“ Das Mädchen nickte bejahend mit dem Kopfe. „Du weißt es nicht recht, Käthe; Herrn Monks Liebe zu Laura Kemenger iſt nur Schein. Noch zwei Monate und Du wirſt mich Frau Monk nennen, ſei verſichert.“ „Wenn es nur wahr iſt!“ murmelte Käthe, die Achſel zuckend. fuhr d. gangen mit eit dem Y Conc klich viel Million deirathen, ſagte die wunderte. die Dich gleichfalls vergeſſen. wenn es nuß noch an mei⸗ dädchen. Margret. ſetzte ſie von einer hat Dir n werde? o ſagte?“ Kopfe. n Monks Noch zwei ennen, ſei äthe, die 241 „Wie? wenn es nur wahr iſt? Weißt Du denn etwas Beſonderes?“ fragte Margret, von dem kecken Tone der Magd überraſcht. „Ja, ja, ich habe es Ihnen nur nicht zu ſagen gewagt.“ „Sprich, ſprich ſchnell!“ rief Margret erſchrocken. „Sehen Sie wohl, Madame,“ ſagte Käthe,„von der Welt in der Stadt kenne ich wenig. Aber draußen auf den Dörfern haben die Menſchen einander auch gern. Der Sohn des Pächters, bei dem ich zuletzt wohnte, war in die Tochter des Bürgermeiſters ver⸗ liebt, und es ging ihm nicht nach ſeinem Sinn. Der arme Junge ſaß ganze Tage nachdenklich mit dem Haupt in den Händen, ſeine Augen ſtanden ihm ſo irr in dem Kopf und er murmelte immerdar: Roſa! Roſa!“ „Aber Du biſt närriſch, Dummkopf. Da will ſie mir nun eine Geſchichte aus ihrem Dorfe er⸗ zählen!“ „Ja, aber das iſt es nicht,“ antwortete das Mädchen.„Unſer Herr ſitzt auch ganze Tage ſo nachdenklich da und ſieht ſtarr vor ſich hin. Wenn Sie kommen, Madame, da ſteht er auf. und lacht. Auf mich gibt er ſo viel nicht Acht. Ich habe ſchon mehr als einmal gehört, daß er ſeufzte: Laura, Laura! gerade wie der Sohn unſeres Pächters.“ Margret erbleichte. „Und ſoll ich Ihnen noch etwas mehr ſagen,“ fuhr das Mädchen fort.„Geſtern, als Sie ausge⸗ gangen waren, hat Herr Monk mich in aller Eile mit einem Briefchen nach dem ſchönen Laden auf dem Markt geſchickt— Sie wiſſen wohl, wo alle Concience, der Geldteufel. 16 242 die reichen Frauenkleider vor den Fenſtern hängen.„C — Ich habe eine große Schachtel geholt. Der Herr Morger hat ſie geöffnet; ſie lag voll Spitzen. Zuerſt meinte den?“ ich, er wolle Ihnen ein Geſchenk machen; aber er„, hat mir verboten, Ihnen etwas zu ſagen, daß ich Betrüg, in dem Laden geweſen ſei. Ich habe einige Zeit wenn J hernach den Knecht mit der Schachtel unter dem Arm wie Ih ausgehen ſehen. So machte es auch der Sohn von kann in meinem Pächter, während er auf Freiersfüßen ging; zu verr er kaufte ein ſchönes Halstuch mit rothen und blauen ich wer! Würfeln für die Roſa vom Bürgermeiſter...“„Feé „Geh nach der Küche,“ ſchrie Margret, vor Wuth mit dro zitternd,„Geh nach der Küche, ſage ich Dir!“ ten, w „Sehen Sie! nun ſind Sie ſchon wieder zornig,“ Kopf fo ſtammelte die Magd.„Und ich habe Ihnen doch ſinniges geſagt, was der Herr mir zu verſchweigen gebot.„De So kann alſo eine arme Dienſtmagd nie etwas recht wohl 30 machen.“ Abend „Ja, ja, Du haſt wohl gethan, ich werde Dich ihn einn belohnen,“ ſagte Margret, indem ſie plötzlich auf⸗“ ich würz ſtand und, allerlei Drohungen murmelnd, nach der Kinder Thüre des Zimmers eilte.„Ich will es wiſſen.„W Haſt Du die Wahrheit geſagt, dann ſollſt Du noch Monk, ſeltſame Dinge ſehen, Käthe. O der Schelm, mich„Laf betrügen! Ja? Dann ſollſt Du auch nicht viel von„Ihr we der Million behalten!...“ 2Es Sie ſprang aus dem Zimmer, lief über den Gang e und überraſchte Monk, während er in der That Dich gal regungslos und mit den Händen am Kopf träumend nehmen.) da ſaß.— Bei ihrem Erſcheinen ſtand er jedoch auf, faltete ſeine Lippen zu einem freundlichen Lächeln nur, Be und ſagte: hängen. Der Herr erſt meinte aber er , daß ich mnige Zeit dem Arm Sohn von ßen ging; nd blauen ir!“ zornig,“ )nen doch een gebot. was recht erde Dich tglich auf⸗ nach der ¹s wiſſen. Du noch elm, mich viel von den Gang der That träumend edoch auf, n Lächeln 243 „Guten Tag, Margret. Wie geht es dieſen Morgen? Iſt Dein Kopfweh von geſtern verſchwun⸗ den?“ „Ihr habt mehr Kopfweh, als ich, ſcheinheiliger Betrüger!“ fiel ſie aus.„Sagt, woran denkt Ihr, wenn Ihr ganze Tage ſo daſitzet? Doch nicht an mich, wie Ihr vorgebt;— aber Margret kennt Euch und kann in Euren Fuchsaugen wohl leſen, daß Ihr ſie zu verrathen ſucht. Merkt auf, Monk, merkt auf, ich werde mich ſchrecklich rächen!“ „Fängſt Du ſchon wieder an?“ murrte Monk mit drohender Geberde;„ſprich, ſage mit drei Wor⸗ ten, was für eine neue Dummheit Dir durch den Kopf fährt. Ich habe keine Zeit, auf Dein un⸗ ſinniges Geſchwätz zu hören.“ „Dann könnt Ihr wohl Zeit machen. Ihr habt wohl Zeit, um anders wo vom Morgen bis zum Abend zu ſeufzen und zu winſeln. Ha, ha, ſeht ihn einmal daſtehen mit ſeinem Eulengeſicht! Pfui, ich würde mich ſchämen. Ihr ſeid häßlich genug, um Kinder zu erſchrecken...“ „Willſt Du ſchweigen, Unverſchämte?“ polterte Monk, vor Zorn zitternd.„Noch ein Wort!“ „Laßt nur Eure Zähne ſehen,“ ſpottete Margret. t„Ihr werdet mich doch nicht beißen.“ „Es geht zu weit, wahrhaftig es geht zu weit!“ rief Monk auf den Boden ſtampfend.„Du machſt Dich ganz zum Herrn über mich; es muß ein Ende nehmen.“ „Das Ende kommt, wenn Ihr wollt. Sprecht nur, Betrüger.“ „Du biſt über die Maßen undankbar. Ich erbe 244 allein das ganze Vermögen von Herrn Robyn; Du haſt ſelbſt kein Recht in dieſem Hauſe, das mir ge⸗ hört, einen einzigen Augenblick gegen meinen Willen zu bleiben; und ich, aus Güte, aus Freundſchaft, ich laſſe Dich hier Gebieterin ſein; ich gebe Dir Dienſtboten, ſchöne Kleider, Alles, was Du verlan⸗ gen kannſt. Was willſt Du mehr?“ „Wie unſchuldig er ſich geberdet!“ ſagte Margret mit höhniſchem Spott.„Meint Ihr mir Blumen auf den Aermel zu ſtecken?*) Freundſchaft, Güte? Nein, nein, es iſt nur, weil Ihr Euch vor mir fürchtet. Wagtet Ihr, mich auf die Straße zu wer⸗ fen, Ihr würdet nicht warten bis Morgen. Ich weiß es wohl. Aber ich halt Euch gut feſt; und ſeid ver⸗ ſichert, Ihr ſollt mir nicht entwiſchen.“ Monk fühlte ſich von der alten Magd beherrſcht, er knirſchte mit den Zähnen vor Ungeduld und ſchien ſie mit dem Blick verſchlingen zu wollen; doch ſie ſah, ihrer Ueberlegenheit bewußt, ihn mit ärgerlichem Lachen an. „Wenn ich mich nicht zurückhielte!“ ſchrie Monk, ihr mit der Fauſt drohend. „Nun ja,“ ſpottete Margret,„ich wollte es Euch rathen. Ich riefe alle Nachbarn zuſammen und riſſe Euch die Augen aus dem Kopfe. Nun haltet Euch nicht zurück.“ Zwei⸗ oder dreimal im Bureau auf⸗ und ab⸗ ſchreitend, that ſich Monk unendliche Gewalt an, ſich *) Etwa, wie wir ſagen: Honig um den Mund ſtreichen. zu bezwi Herrſchaf mit Müh er ſich r Entſchluf regung; nicht ver deutlich einmal d Hauſe zu ſechs Wo genug?“ „Und „Und um meir Geld; d Frau M Als Margret Lachen: „Und Befehle mehr hör „Wie Ihr wür flehen; obyn; Du 1s mir ge⸗ ꝛen Willen eundſchaft, gebe Dir du verlan⸗ te Margret r Blumen ft, Güte? vor mir ze zu wer⸗ Ich weiß d ſeid ver⸗ beherrſcht, und ſchien ; doch, ſie irgerlichen hrie Monk lte es Euch n und riſſe haltet Euch ⸗ und ab⸗ lt an, ſich den Mund 245 zu bezwingen; es ſchien jedoch, als ob Margrets Herrſ ſchaft ihn dermaßen folterte, daß er ſeine Wuth mit Mühe bezähmen konnte. Mit einem Mal ſtellte er ſich vor ſie hin, als hätte er einen plötzlichen Entſchluß gefaßt und ſprach noch zitternd vor Auf⸗ regung; „Sage mir deutlich, was Du willſt, und biſt Du nicht zufrieden mit meiner Antwort, dann geh, laufe bei den Nachbarn, bei Jedermann herum und ver⸗ kündige als ein Plappermaul, das Du biſt, was Du nicht verſchweigen kannſt.“ „Was ich will? Ich werde es Euch noch einmal deutlich ſagen: fürs Erſte verbiete ich Euch, noch einmal den Fuß über die Schwelle von Kemenaers Hauſe zu ſetzen; für's Zweite ſollt Ihr Euch binnen ſechs Wochen mit mir verheirathen. Iſt dies klar genug?“ „Und drittens?“ fragte Monk. „Und drittens, ſollt Ihr mir Geld genug geben, um meinen Brautſtaat mir machen zu laſſen. Viel Geld; denn ich will haben, daß in der Stadt von Frau Monks Kleidern lang geſprochen werde.“ Als hätte Monk nun ſeinerſeits die Abſicht, Margret zu reizen, antwortete er mit verächtlichem Lachen: „Und wenn ich Dir nun ſagte, daß ich Deiner Befehle ſpotte und von allen dieſen Kindereien nicht mehr hören will?“ „Wie bald würdet Ihr das zu beklagen haben! Ihr würdet mir nachlaufen, mich bitten und an⸗ flehen; aber, gebt Acht, iſt mein Beſchluß einmal 246 gefaßt, dann werde ich meine Rache bis zu Ende führen.“ „Nun, nun, was würdeſt Du denn thun?“ „An das Glockenſeil hängen, was Ihr für ein elender Betrüger ſeid, und wie das Teſtament um⸗ geſtoßen werden kann.“ „Du weißt es nicht.“ „Nicht? Ich weiß gewiß nicht, daß das Datum darauf fehlt. Es iſt Euch in einem unvorſichtigen Augenblick entfallen; aber ſeid verſichert, das Ge⸗ heimniß iſt nicht verloren gegangen.“ „Man wird Dir nicht glauben.“ „Heuchelt nur Ruhe auf Eurem falſchen Geſicht; da drinnen in Eurem Herzen iſt es viel weniger ſtill.“ „Nun wohl!“ rief Monk, mit einem Ausdruck triumphirenden Stolzes in den Augen.„Ich ſage Dir, daß ich keine Befehle von denen annehmen will, die mir hier dankbar gehorchen ſollten. Du kannſt warten, demüthig warten, bis Du erfährſt, was mir bezüglich des Verſprechens, das ich Dir gab, zu beſchließen beliebt; aber daß ich meine Be⸗ ſuche in Herr Kemenaers Hauſe einſtelle, glaube ja nicht.— Und nun verlaß das Bureau, ich gebiete es Dir!“ Margret ſtemmte die Hände in die Seiten und ſchrie in äußerſtem Zorn: „Ha, iſt es ſo gemeint? Wohlan denn, Ihr ſollt von mir hören. Ich laufe zu Berthold; er ſoll wiſſen, was an dem Teſtament mangelt; ich werde ihm ſagen, wie Ihr ſeinen Oheim mit Euren nieder⸗ trächtigen Ränken betrogen, wie Ihr ſein Erbtheil erſchlich irregeft legen, geſſen mir ne vierzeh dieſen Arme Vertra hinaus nicht v Sie ſich na Fauſt! „N noch b an den ſprang freundl wurde. Ton au zu Ende in?“ für ein nent um⸗ Datum rſichtigen das Ge⸗ Geſicht; weniger Ausdruck Ich ſage nnehmen en. Du erfährſt, ich Dir eine Be⸗ llaube ja gebiete ten und nn, Ihr ; er ſoll ch werde i nieder⸗ Erbtheil erſchlichen, wie Ihr insgeheim den alten Mann irregeführt habt. Ja, ja, ich will ihm einmal aus⸗ legen, wie Herr Robyn ſelbſt das Teſtament ver⸗ geſſen hat, wie er den Morgen vor ſeinem Tode mir noch ſagte, daß er ſein Teſtament erſt binnen vierzehn Tagen machen werde. Berthold wird in dieſen Moderpfuhl deutlicher hineinſehen, als ich... Arme Margret, das iſt alſo der Lohn für Dein Vertrauen zu dem Schelm, nun wirſt Du zur Thüre hinausgejagt. Tröſte Dich nur; Berthold wird Dich nicht verlaſſen...“ Sie weinte bei dieſen letzten Worten und wandte ſich nach der Thüre, indem ſie noch mit geballter Fauſt Monk zurief: „Nun lebe wohl, elende Schlange, ich werde Dich noch betteln gehen ſehen, wenn Du nicht zu früh an den Galgen kommſt.“ 3 Während der Drohungen der wüthenden Frau war Monks Geſicht allmälig immer bleicher gewor⸗ den; ihre Worte ſchlugen ihn mit ſolchem Schrecken, daß er völlig entmuthigt ſie anſchaute, bis ſie die Hand an die Thüre legte, um das Bureau und wahrſcheinlich das Haus zu verlaſſen. Da erwachte Monk aus ſeiner Betäubung, ſprang auf Margret zu und ergriff ſie, einige freundliche Worte murmelnd, beim Arm. Sie nach einem Stuhl führend, gab er ſeiner Stimme den ſüßeſten Ton und ſprach: „Setze Dich und ſtille Deine Thränen, liebe Margret. Es iſt Deine Schuld, daß ich zornig wurde. Du nimmſt auch einen ſolchen herriſchen Ton an. Wollte ich auf Dich hören und Deinem 248 Rath folgen, wir würden beide unglücklich ſein. Komm, beruhige Dich: keine Andere als Du ſoll meine Frau werden; was die Welt auch ſagen mag, Dich will und werde ich heirathen...“ „Wann? wann?“ fragte Margret. „Cher, als Du glaubſt; aber wir müſſen noch eine kurze Zeit vorſichtig ſein. Unſere Feinde haben wieder einige Hoffnung gefaßt.“ „Ihr betrügt mich ſchon wieder!“ rief Margret, ſich die Thränen aus den Augen wiſchend.„Warum ſitzt Ihr den ganzen Tag da, zu träumen und zu ſeufzen? Warum kommt Laura's Name immer auf Eure Lippen, wenn Ihr allein ſeid? Meint Ihr, daß ich nicht begreife, was dies ſagen will?“ „Iſt es nicht natürlich? Ich denke an Laura, an Kemenaer, an Berthold. Aber nicht ſo, wie Du glaubſt; im Gegentheil, ich zittere den ganzen Tag, der Schrecken erregt mein Gemüth, ich werde mager vor Angſt und Verdruß.“ „Es geht bei Kemenaer gewiß nicht nach Eurem Sinn?“ ſpottete Margret.„Seine Tochter wird auf die Stoßſeufzer eines ſo anziehenden Mannes, wie Ihr, nicht hören wollen?“ Monk biß vor Grimm die Zähne über einander, als hätte dieſer Scherz in ſeinem Herzen eine em⸗ pfindliche Wunde berührt. Er antwortete jedoch mit ſchlauem Lachen: „Du haſt es errathen, Margret; ſie haßt und verabſcheut mich, weil ich Bertholds Feind bin. In ihren Augen erſcheine ich wirklich als ein ab⸗ ſcheuliches Ungeheuer; aber um ſo beſſer, um ſo beſſer....“ „Wie Margret „Der krank und ein Kind unſer Bei digen, me in Laura „Euer „Ja gegen Be weit dieſe dieſen La ich ſie in an ihr rä „Und ſchenk gen dieſe Gelh zu betrüg „Es um Dein druß zu e dieſe Vor nünftig ſe Dir verb äußerſt p aber ich beider We ich ſein. Du ſoll gen mag, ſſen noch de haben Margret, „Warum und zu imer auf int Ihr, 2 a Laura, ſo, wie n ganzen ch werde ht nach Tochter iehenden einander, eine em⸗ jdoch mit daßt und ind bin. ein ab⸗ „um ſo 249 „Wie? was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Margret verwundert. „Der Schrecken, den ich ihr einflöße, macht ſie krank und hinſiechen. Sie wird ſterben; dann bin ich erlöst von der Furcht, die mich Tag und Nacht quält.“ „Ihr liebt ſie alſo nicht?“ „Lieben? Ich lieben? Siehſt Du mich denn für ein Kind an? Wenn ich nicht heucheln müßte, um unſer Beider Wohl gegen unſern Feind zu verthei⸗ digen, mein Haß allein wäre hinreichend, um mich in Laura verliebt zu ſtellen.“ „Cuer Haß?“ „Ja mein unerbittlicher, mein glühender Haß gegen Berthold. O, Du kannſt nicht faſſen, wie weit dieſes Gefühl mich beherrſcht. Nur weil Laura dieſen Laffen Berthold noch zu lieben wagt, habe ich ſie in meinen Haß eingeſchloſſen und will mich an ihr rächen.“ „Und die Spitzen, die Ihr derſelben zum Ge⸗ ſchenk gemacht habt? Ich ſollte nichts davon wiſſen; dieſe Geheimthuerei beweist allein, daß Ihr mich zu betrügen ſucht.“ „Es iſt wahr, liebe Margret, ich täuſchte Dich, um Dein Mißtrauen nicht zu wecken, um Dir Ver⸗ druß zu erſparen. Meine Neigung zu Dir flößt mir dieſe Vorſorge ein. Verſprich mir, daß Du ver⸗ nünftig ſein willſt, und ich werde nichts, nichts vor Dir verbergen. Was ich thue, iſt Heuchelei, die äußerſt peinlich und erniedrigend auf mich wirkt; aber ich unterziehe mich dieſem Opfer um unſer beider Wohlfahrt willen, Freundin.“ 250 „Himmel, wie langweilig iſt es doch, mit einem argliſtigen Menſchen zu thun zu haben?“ ſeufzte Margret halb verſöhnt.„Man kann nicht wiſſen, was man glauben darf. Und wie lang mag dieſes Spiel noch dauern?“ „Bis Laura ſtirbt. Sie war bereits ſehr weit auf dem Weg zum Kirchhof; aber ſie ſcheint nun wieder ein wenig ſich zu erholen.“ „Und wenn ſie genest?“ „Das glaube ich nicht,“ antwortete Monk,„ſie wünſcht ſich den Tod und zehrt an ihrem eigenen Herzen. Doch es iſt alles möglich. Angenommen, daß ſie geneſe, dann muß ich ſo lang den Heuchler ſpielen, bis die Heirath zwiſchen Berthold und Laura eine völlige Unmöglichkeit geworden iſt. Herr Ke⸗ menaer hat Mitleid mit dem Kummer ſeiner Tochter und zeigt ſich geneigt, ſie mit Berthold zu ver⸗ heirathen. Aber Du begreifſt wohl, Margret, daß dieſe Heirath verhindert werden muß; denn wenn Berthold Laura's Gatte wird, dann könnte Keme⸗ naer, der ein ſchlauer Geldteufel iſt, die Rechtmäßig⸗ keit des Teſtaments anfechten. Er iſt reich und wird die Sache vor den Gerichtshof bringen. Was an dem Teſtament mangelt, weiß er nicht; aber die Advokaten werden es ſo oft umdrehen und durch⸗ ſchnuffeln, daß ſie das Gebrechen unfehlbar ent⸗ decken. Und, gute Freundin, was würde die Folge davon ſein?“ „Es würde vernichtet werden?“ fragte Margret mit ängſtlicher Theilnahme, deren Anblick einen ge⸗ heimen Strahl ſiegprahlender Freude aus Monks Augen lockte. es noch ſtürbe n. auf der Aber, 3 Ihr jag verſicher und müf und bett allem I machen, trachte? Abſichten Geſchenk hin, Be muth— daß er i „In „ich hab nit einem “ ſeufzte t wiſſen, ag dieſes ſehr weit deint nun onk,„ſie meigenen enommen, Heuchler ind Laura Herr Ke⸗ r Tochter zu ver⸗ gret, daß unn wenn ite Keme⸗ ichtmäßig⸗ reich und n. Was aber die nd durch— lbar ent⸗ die Folge Margret einen ge⸗ 1 Monks 251 Mit klagender Stimme, als ob eine tiefe Trauer ihn bewegte, ſprach Monk weiter: „O, ich kann nicht mehr darüber ſchlafen! Wir ſollten all das Geld verlieren, das wir nun beſitzen. Wieder arm werden! Für Dich wäre es noch nicht ſo arg: Du könnteſt wieder Magd werden....“ „Ich wieder dienen gehen?“ rief Margret.„Ich ſtürbe noch lieber Hungers! Die Leute würden mir auf der Straße nachlaufen und mich verſpotten.— Aber, Monk, ſo weit wird es doch nie kommen? Ihr jagt mir den Tod in den Leib!“ „Wenn Berthold Laura heirathet, ſind wir ver⸗ loren.“ „Ihr müßt es verhindern; koſte es, was es wolle, Ihr müßt es verhindern. Ach, lieber Monk, ſpart doch keine Mühe.“ „Mühe ſparen, ich? Nein, nein, ich werde ringen, ſtreiten, Fallſtricke legen, bis wir des Sieges verſichert ſind. Es wird mich nicht entmuthigen, und müßte ich noch Monate lang heucheln, kriechen und betrügen. Nun begreifſt Du wohl, warum ich allem Möglichen aufbiete, Kemenaer glauben zu machen, daß ich nach der Hand ſeiner Tochter trachte? Warum ich ſie Beide über meine wahren Abſichten zu täuſchen ſuche, durch Ueberſendung von Geſchenken? So vergeht die Zeit; Laura ſiecht da⸗ hin, Berthold verfällt allmälig immer mehr in Ar⸗ muth— Kemenaer wagt beinahe nicht mehr zu ſagen, daß er ihn jemals gekannt hat. „In der That,“ murmelte Margret bekräftigend, „ich habe ihn vorgeſtern von ferne geſehen. Was 52² ſah er doch ſo elend aus! Es ſind noch immer dieſelben Kleider, die er trägt;— aber kahl! Ich hatte, dünkt mich, Mitleid mit dem armen Jungen.“ „Du ſcherzeſt. Mitleid mit unſerem angebornen Feinde? „Ich ſage es nur ſo geſprächsweiſe. Wer ſollte mit einem Trunkenbold, der zum Arbeiten zu faul iſt, Mitleid haben können?“ „Einem Trunkenbolde?“ wiederholte Monk mit freudiger Ueberraſchung.„Berthold ein Trunken⸗ bold? Wer ſagt dies?“ „Wißt Ihr es noch nicht? Berthold lauft mit ſchlechtem Volk herum. Er ſitzt ganze Tage im Wirthshauſe und trinkt Branntwein. Bei meiner Putzmacherin habe ich ihn von einer Frau bedauern hören, die in ſeiner Nachbarſchaft wohnt.“ Monk geberdete ſich, als ob er kein weiteres Ge⸗ wicht auf dieſe Entdeckung lege. Er faßte Margret bei der Hand, drückte ſie zärtlich und ſagte: „Nun, Du ſiehſt wohl, Freundin, daß Du Dich in meinen Abſichten getäuſcht haſt und Dich viel⸗ mehr bei mir bedanken ſollteſt. Bleibe fortan ruhig und höre nicht mehr auf das Geſchwätz der Nach⸗ barn. Es iſt möglich— ich glaube es nicht, aber wer kann es wiſſen— daß die Nothwendigkeit mich ſo weit treibt, ſcheinbar zu meiner Heirath mit Laura Anſtalten zu machen, daß Dir dies nur kein Mißtrauen einflöße: Du allein, Margret, ſollſt meine Gattin werden. Ich habe es Dir gelobt und es ſoll ſo geſchehen. In Erwartung deſſen biſt Du hier völlige Gebieterin und thuſt, wozu Du Luſt haſt. Verlangſt Du Geld, ſprich! was könnteſt Du mich zu werde! „ räche I daß ich fürchte Grund wohlge lang n bevorſt laß m Briefe wahnſi daß ich Margr h immer ahl! Ich Jungen.“ gebornen Ver ſollte zu faul Nonk mit Trunken⸗ lauft mit Tage im i meiner bedauern teres Ge⸗ Margret Du Dich Dich viel⸗ tan ruhig der Nach⸗ cht, aber vendigkeit eirath mit nur kein ret, ſollſt elobt und n biſt Du Du Luſt anteſt Du 25⁵53 mehr wünſchen.— Laß mich nur machen; ich werde unſere Feinde wohl überwinden. Binnen zwei oder drei Monaten ſollſt Du Frau Monk ſein. Nun wohl, iſt es ſo recht? Biſt Du zufrieden?“ Margret ſah ihm tief in die Augen. Er beſtand dieſe Unterſuchung, ohne die geringſte Aufregung zu verrathen. „Iſt es wohl ſicher, daß Du mich nicht be⸗ trügſt?“ fragte ſie. „Immerdar dieſelben argen Gedanken! Wenn ich einige Neigung für Laura Kemenaer fühlte, würde ich dann deren Tod wünſchen?“ „Nun, es ſei denn wieder ſo! Ich bin ein guter Tropf und man kann mir viel weiß machen; aber haltet Euch verſichert, Monk, daß Ihr es be⸗ reuen ſollt, wenn Ihr wieder den Falſchen gegen mich zu ſpielen wagt. Ihr wißt nun, was ich thun werde!“ „Habe ich nicht die reine Wahrheit geſagt, ſo räche Dich ſo wie Du willſt und kannſt; ich bekenne, daß ich es dann verdient haben werde. Doch ich fürchte es nicht; denn es iſt nicht mein Vorſatz, Dir Grund zur Rache zu geben. Bleibe vertrauend und wohlgemuth, Freundin: Deine Beſorgniß ſoll nicht lang mehr dauern. Da iſt meine Hand auf unſere bevorſtehende Heirath... Jetzt ſei nur ſo gut und laß mich ein wenig allein. Ich muß dringende Briefe ſchreiben. Dieſer Berthold wird mich noch wahnſinnig machen; es iſt mir ſo wirr im Kopfe, daß ich meine Gedanken nicht ſammeln kann.... Margret, wenn der Herr von geſtern kommt, ſo 254 erweiſe ihm viele Freundſchaft und führe ihn ſogleich hieher zu mir.“ „Welcher Herr?“ fragte Margret.„Der mit der Brille?“ „Nein, der wird heute nicht kommen; der Andere.“ „Ach, der mit dem ſchmutzigen Kragen und dem zerknitterten Hute?— Er will gewiß Geld von Euch entlehnen? Er ſieht nicht viel gleich, Monk.“ „Du irrſt Dich; deßhalb kommt er nicht. Ich bediene mich ſeiner, um mich an Berthold zu rächen. Nun, thue, was ich Dir geſagt habe, Freundin.“ Margret verließ das Bureau. Noch hatte ſie die Thüre nicht ganz geſchloſſen, als Monk heftig auf den Boden ſtampfte, zwei⸗ oder dreimal im Zimmer auf und ab lief und dann in ſich hinein murrte: 3 „Die Unverſchämte! Sie beginnt mich mit ihrem lächerlichen Wahnſinn zu langweilen. Monk, der millionenreiche Mann ſoll eine dumme Magd hei⸗ rathen, alt, häßlich und arm?— Wenn ich ihr fünf⸗ oder ſechstauſend Francs gäbe? Sie würde es vielleicht mit Freuden annehmen und mich meines Verſprechens entbinden. Aber dann wird ſie unab⸗ hängig von mir; ſie wird plaudern, von dem Teſta⸗ ment ſprechen und vielleicht, ohne es zu wiſſen, ſich Aeußerungen erlauben, welche die Wahrheit ver⸗ muthen ließen. Nein, ſo lang ſie das Brod aus meiner Hand ißt, kann ich ſie zwingen; ich muß mich verſtellen, ſie betrügen, ihr ſchmeicheln, bis Laura meine Frau wird. Will ſich dann Margret nicht unter die Nothwendigkeit beugen, wohlan, ſo mag ſie von hier abziehen... Aber ich fürchte mich ohne Ge Hätte i trauen Er in die ſinnens „Ke ſtreben noch! erſchreck mit ihr Aufſchu dreimal von der ſie wied will mit glückte? iſt höfl blitzt m ſie mich mit eisl Aber ich kampfe ſoll ſie Vollzieh bittlich mich ein blendet. Rauch! ſeiner C und Ver n ſogleich „Der mit Andere.“ und dem von Euch nk.“ cht. Ich zu rächen. undin.“ hatte ſie ieuk heftig eimal im ch hinein nit ihrem konk, der tagd hei⸗ n ich ihr ie würde ch meines ſie unab⸗ em Teſta⸗ iſſen, ſich heit ver⸗ Brod aus ich muß heln, bis Margret ohlan, ſo rchte mich 25⁵ ohne Grund: ſie glaubt Alles, was man ihr ſagt.— Hätte ich nur nichts zu fürchten, als Margrets Miß⸗ trauen allein!...“ Er ſetzte ſich vor das Pult und legte den Kopf in die Hände. Nach einer Weile fortgeſetzten Nach⸗ ſinnens ſagte er wie erzürnt: „Keine Verzögerung mehr! Vater und Tochter ſtreben zuſammen Zeit zu gewinnen. Sie hoffen noch! Es wird etwas daſelbſt gebraut, was mich erſchreckt. Berthold ſteht noch im Einverſtändniß mit ihr. Sie macht ſich krank und ſiecht dahin, um Aufſchub für die Heirath zu gewinnen. Bereits dreimal ſchien ihre Geneſung ſicher; aber ſobald ich von der Beſchleunigung der Hochzeit ſpreche, wird ſie wieder rückfällig. Sie weigert ſich zu eſſen! Sie will mir durch den Tod entſchlüpfen. Wenn es ihr glückte?— Mich betrügen? das fällt ſchwer. Sie iſt höflich, aber verſtellt ſich. Aus ihren Augen blitzt mir das Wort Henker entgegen. Was muß ſie mich haſſen und verachten, um ſo Monate lang mit eiskaltem Stolze auf mich herabſehen zu können! Aber ich werde mich rächen; und müßte ſie im Todes⸗ kampfe vor dem Altar niederſtürzen, meine Frau ſoll ſie werden... Und ich werde mich beeilen; die Vollziehung der Heirath zwingend heiſchen; uner⸗ bittlich ſein. Ich weiß, was ihr ſolchen Haß gegen mich einflößt. Es iſt Bertholds Ruf, der ſie ver⸗ blendet. Ha, ha, dieſer Ruf ſoll verſchwinden wie Rauch!— Wir wollen ſehen, ob Laura nicht vor ſeiner Erinnerung zurückſchreckt, wenn Haß, Spott und Verachtung ſein Theil geworden iſt, wenn alle 256 ordentlichen Leute ihn als einen unedeln und ge⸗ fährlichen Mann tadeln und verachten werden. Er griff nach einem Tagblatt, das vor ihm zu⸗ ſammengefaltet lag, ſchlug es aus einander und las mit fieberhafter Freude auf dem Geſicht: „Die Freunde der vaterländiſchen Literatur und wir vor Andern haben mit Wohlwollen das erſte Buch von Berthold Robyn begrüßt und aufgemuntert, weil man darin auch bei Abweſenheit wahren Talents zum Mindeſten einige Anlage zu entdecken glaubte. So wenig man auch von ihm verlangen konnte, ſein zweites Buch, das unlängſt unter dem Titel: Schmerz und Hoffnung erſchien, hat Jedermanns Erwar⸗ tung zu nichte gemacht. Und wahrlich, in dieſen Gedichten von Berthold Robyn iſt nichts zu finden, als Aufgeblaſenheit, Unſinn, ſchlechter Geſchmack und Sprachfehler in Menge. Die Anſpielungen auf die wohlhabenden Leute, die der verbitterte Reimler ſich erlaubt, ſind wenigſtens widrig, wenn nicht gerade dumm. Man ſagt, der Schreiber ſei von Natur ein undankbarer Menſch und habe ſich nicht allezeit er⸗ kenntlich gegen ſeine Wohlthäter gezeigt. Was da⸗ ran iſt, wiſſen wir nicht; doch Eins iſt gewiß, näm⸗ lich, daß ſeine Gedichte ein Herz verrathen, das un⸗ erachtet der erheuchelten Einfalt, die einige ſeiner! ſchwächſten Gedichte zu kennzeichnen ſcheint, von Galle und Bitterkeit überfließt.“ Das Tagblatt niederlegend, ſprach Monk: „Was wird Laura ſagen beim Leſen ſolchen Lobs? Was wird ſie empfinden, wenn andere Stimmen ihr die öffentliche Meinung noch zur Kenntniß bringen?— Es iſt gut für den Anfang; aber es muß ſchlimmer, immerda unter der Raſerei Es iſt e will... Ich war mir ande den Dicht Ruf mich Es wird ſchon dar nicht kom ob es no dern Art zugreifen. Es iſt, al Vorſchub zu könnern loren geh Leben, ſe die Trund ja, ich n es wird: hirn abkü⸗ Mit ließ ſeine Herr im Garte Conſeie und ge⸗ rden. or ihm zu⸗ r und las ratur und das erſte gemuntert, en Talents n glaubte., onnte, ſein Schmerz ns Erwar⸗ in dieſen zu finden, hmack und en auf die eimler ſich icht gerade Natur ein allezeit er⸗ Was da⸗ wiß, näm⸗ n, das un⸗ nige ſeiner! heint, von onk: ſchen Lobs? men ihr die lingen?— ſchlimmer, immerdar ſchlimmer werden, bis Berthold, zerſchmettert unter der allgemeinen Verachtung, vor Grimm und Raſerei vergeht.— Die Kunſt gegen das Geld? Es iſt ein Kind, das gegen einen Rieſen kämpfen will... Wenn nur mein Tagblattſchreiber käme! Ich warte ſchon zwei Stunden auf ihn. Er muß mir andere unbeſtechlichere Skribler anweiſen. Unter den Dichtern ſelbſt wird die Mißgunſt auf Bertholds Ruf mich wohl geneigte Werkzeuge finden laſſen. Es wird mich ein Bischen Geld koſten; ich muß mich ſchon darein ergeben... Daß der Tagblattſchreiber nicht kommt! Ich möchte wohl mit ihm überlegen, ob es noch nicht Zeit iſt, um Berthold in einem an⸗ dern Artikel wegen ſeiner Neigung zum Trunke an⸗ zugreifen. Er trinkt! Margret hat es ſagen hören. Es iſt, als ob die böſen Zungen auf der Straße mir Vorſchub leiſteten, um das vorgeſteckte Ziel erreichen zu können. Er trinkt! Dies Wort wird nicht ver⸗ loren gehen. Erſt ſeine Werke, dann ſein früheres Leben, ſeine Neigungen, ſeine Gedanken und endlich die Trunkſucht. O, es iſt der Gnadenſtoß!... Ja, ja, ich muß den Tagblattſchreiber ſelbſt aufſuchen; es wird mir Zerſtreuung geben, es wird mein Ge⸗ hirn abkühlen...“ Mit dieſen Worten ergriff er den Hut und ver⸗ ließ ſeine Wohnung. Zehntes Kapitel. Herr Kemenaer wandelte mit trägen Schritten im Garten hinter ſeiner Wohnung auf und ab. Der Conſeience, der Geldteufel. 17 258 Kopf hing ihm auf die Bruſt und er hielt im Gehen den Blick bewegungslos auf den Pfad vor ſeinen Füßen gerichtet. Sein Geſicht trug die Spuren langen Leides; tiefer waren die Furchen des Kummers auf ſeiner Stirne eingegraben; ſeine Augenbrauen hatten ſich in ſchärfere Winkel gezogen; er war ſehr abgefallen und ſchien wohl um zehn Jahre älter geworden. Neben dem Weg, den er verfolgte, entfalteten die letzten Blumen des Jahrs ihre Kelche. Die Dahlia breitete ihre tauſend Farben zur Schau aus, die chineſiſche Sonnenblume bedeckte die Rabatten mit bunten Kränzen; der Alpenſtern ſchien das Blau des Himmels wiederzuſpiegeln.. Bereits begannen die Blätter einiger Bäume ſich mit allerlei Schattirungen und Tinten zu ſchmücken, als ob ſie vor ihrem Fall noch einmal die Augen der Menſchen durch erhöhte Pracht bezaubern wollten. Die Sonne war noch warm und ergoß ihre Strahlen gleich einem farbigen Lichtſtrom über die ſtille Herbſtnatur. Schön und anziehend blieb die Schöpfung in dieſer vorgerückten Jahrszeit. Für den, der mit ſich ſelbſt und mit andern zufrieden iſt, konnte ſie noch eine milde Quelle dankbarer Auf⸗ wallungen gegen Gott und dichteriſcher Erregungen der Seele ſein... Herr Kemenaer mußte mit ſeinen Gedanken ſich in weite Ferne verirrt haben, während er gleich⸗ gültig gegen Alles, was ihn umgab, und unempfind⸗ lich ſelbſt gegen den ſüßen Einfluß der Sonne— achtlos ei verzweifel Keine was ſein Gebüſch als wäre Richtung Er bl während / arme Lau meine Si widerrufli Zorn, abe Kinde!“ Er li dann an regungslo Gewißhei war es v beſchienen „Es murmelte „Ich hab teufel ged Der Herr ſtrafen. und Du ich bin muß! N. m Gehen r ſeinen Leides; if ſeiner atten ſich bgefallen rden. atfalteten e. Die hau aus, Rabatten ien das Bäume nten zu nmal die ezaubern goß ihre über die blieb die it. Für ieden iſt, rer Auf⸗ kegungen nken ſich gleich⸗ empfind⸗ onne— 259 achtlos einherſchritt und mit bitter verzogener Miene verzweifelnd die Erde zu befragen ſchien. Keine einzige Geberde gab Zeugniß von dem, was ſein Herz bekümmerte, bis er endlich, hinter ein Gebüſch ſich wendend, mit dem Blick hinausſtierte, als wäre er zum Voraus gewiß, daß er in dieſer Richtung Jemand gewahr werden müſſe. Er blieb ſtehen und hielt die Augen in die F Ferne, während der Name ſeiner Tochter ſich über ſeine Lippen ſchlich. Dann hob er die Hände bittend zum Himmel und ſeufzte: „O Gott, gibt es denn keine Gnade für meine arme Laura? Soll ſie in der That zur Buße für meine Sünde geopfert werden? Iſt es denn un⸗ widerruflich beſchloſſen? O, triff mich in Deinem Zorn, aber ſchlage mich doch nicht in meinem einzigen Kinde!“ Er ließ die Hände niederfallen und legte ſie dann an ſeine Stirne. So verharrte er eine Weile regungslos und zerſchmettert unter einer ſchrecklichen Gewißheit. Als er ſein Geſicht wieder aufdeckte, war es von dem düſtern Glanz eines bittern Spottes beſchienen. „Es iſt geſchehen! Es iſt keine Hoffnung mehr!“ murmelte er, auf ſeinem Pfade vorwärtsſchreitend. „Ich habe das materielle Gut verehrt, dem Geld⸗ teufel gedient, das Gold als eine Gottheit angebetet. Der Herr hat ſich des Goldes bedient, mich zu be⸗ ſtrafen. Laura, armes Lamm! noch einige Tage und Du mußt zur Schlachtbank;— ich, ihr Vater, ich bin der Henker, der ihre reine Seele morden muß! Morgen der Heirathscontract. Morgen!.. 260 Ha, ha, ſei muthig, heuchle Ruhe und Vertrauen. Tröſte deine Tochter; ſag ihr, daß ſie ſich täuſcht, — daß ſie glücklich ſein wird mit dem ſchrecklichen Ungeheuer, das die Hölle als einen Fluch auf meine Bahn geworfen hat!... Abſcheulicher Hohn!“ Noch tiefer ließ er den Kopf vornüber fallen. — Doch je mehr er dem Ort ſich näherte, wo ſeine Tochter auf einer Bank ſaß, ſuchte er ſeinem Gang größere Feſtigkeit und ſeinem Angeſicht einen minder hoffnungsloſen Ausdruck zu geben. Es glückte ihm nur zum Theile; denn wie ſehr er ſich auch Gewalt anthat, um ſeine Angſt zu verbergen, es blieb in ſeinen Zügen, ſelbſt in ſeinem Lächeln etwas Klagen⸗ des zurück, das inneres Leiden und bittere Trauer verrieth. Laura bemerkte ihren Vater erſt, als er gerade vor ihr ſtand; ſie ſchaute ihm mit mattem Blick in die Augen und murmelte einen ſtillen guten Tag. — Er ſetzte ſich auf die Bank neben ſie und faßte eine ihrer Hände. Beide ſtarrten zur Erde und ſchwiegen einige Augenblicke, als ob ſie einander nichts mehr zu ſagen hätten. Die unglückliche Laura war bleich und mager; doch behielten ihre lilienweiſe Stirn und die durch⸗ ſcheinenden Wangen noch all den bezaubernden Reiz, welcher das Geſicht manches dahinſchmachtenden Mädchens ſchmückt. Sie und ihr Vater, wie ſie ſo ſchweigend neben einander ſaßen, glichen zwei Be⸗ wohnern eines Krankenhauſes, die das Leidensbett verlaſſen haben, um unter dem blauen Himmel Er⸗ quickung zu ſuchen. Her indem e „La Morgen Hand z ſollte do mich ir zittern: vorüber „Ut merei „Iſt di noch in Kumme „F. chen mi Du doc mein T erregen Du D in Auf Vertrauen. ch täuſcht, chrecklichen auf meine ohn!“ der fallen. „wo ſeine nem Gang en minder lückte ihm ch Gewalt s blieb in as Klagen⸗ re Trauer er gerade n Blick in uten Tag. und faßte jen einige r zu ſagen d mager; die durch⸗ nden Reiz, rachtenden wie ſie ſo zwei Be⸗ leidensbett mmel Er⸗ 261 Herr Kemenaer brach zuerſt die peinliche Stille, indem er mit ſanfter Stimme fragte: „Laura, mein armes Kind, wie iſt es Dir dieſen Morgen? Immer noch gleich muthlos?— Deine Hand zittert, Dein ganzer Körper zittert. Wehe, ſollte das Fieber zurückgekehrt ſein?“ „Nein, ſei ruhig Vater,“ ſtammelte das Mäd⸗ chen.„Das Fieber hat mich verlaſſen.“ „Aber die ſchreckliche Aufregung? Was haſt Du?“ „Nichts, Vater; ein Traum, der mir dieſe Nacht vor Augen ſchwebte; ein ſchreckliches Gemälde, das mich in tödtliche Angſt verſetzte. Meine Nerven zittern noch von dem harten Schlag; aber es wird vorübergehen: es iſt bereits viel beſſer.“ „Unglückliche Laura, Du treibſt noch Schwär⸗ merei mit dem Schmerz,“ ſagte Kemenaer klagend. „Iſt die Wirklichkeit nicht ſchlimm genug, daß Du noch in falſchen Traumbildern Nahrung für Deinen Kummer ſuchſt.“ „Falſche Traumbilder?“ wiederholte das Mäd⸗ chen mit trübem Scherze,„o lieber Vater, ſprächeſt Du doch Wahrheit in dieſem Augenblick! Aber nein, mein Traum war das Vorbild, das kalte und Schrecken erregende Vorbild des Looſes, das meiner wartet.“ „Nun, Laura, erzähle mir, was Deine kranke Phantaſie Dir vorgemalt hat. Du wirſt ſehen, daß Du Dich mit Unrecht durch betrügeriſchen Schein in Aufregung verſetzen läßeſt.“ „Dieſe Erzählung würde Dich zu ſehr betrüben, Vater.“ „Ich glaube es nicht; aber, wäre dem auch ſo, 262 ſchütte die Angſt in das Herz Deines Vaters aus; es wird Deinem Gemüth Erleichterung verſchaffen, Laura.“ „Wohlan!“ ſprach das Mädchen in tief gerühr⸗ tem Ton.„Wiſſe denn, was mich ſeit Monaten vor Schrecken ſterben macht... Dieſe Nacht, wäh⸗ rend ich ſchlief, iſt etwas Wunderbares in mir ge⸗ ſchehen. Der Geiſt, der in mir lebt, iſt aus meinem Leibe gewichen; und ſo von dem Irdiſchen erlöst, hat er vorausgeſchaut in die Zukunft und mir gezeigt, was aus der armen Laura werden ſoll auf Erden ... Ich ſtand vor dem Altare; in der Brautkrone waren Dornen, die mir die Stirne verwundeten; das Blut träufelte über mein Angeſicht herab; ich fühlte den Trauring an meinem Finger brennen. Das Jawort entglitt meinen bebenden Lippen; ich gelobte Liebe, Liebe und Gehorſam!— Ich war ge⸗ traut, Schlachtopfer und Sclavin... Dein Kuß, o Vater, ſenkte ſich zum letzten Mal auf meine Stirne; ich wurde von Dir geriſſen und nach einer düſtern Behauſung geführt.— Lange Zeit widerhallte Spottgeſang und triumphirender Jubel in meinen Ohren; aber endlich kam die Nacht. Es wurde ſtill wie in einem Grab um mich. Ich war allein mit meinem Bräutigam. Endlich veränderte ſich ſein Geſicht und die Geſtalt ſeines Leibes. Vor mir grinste ein hölliſcher Geiſt, ein Teufel; das Haar ſtund ihm zu Berge, ſeine Zähne knirſchten, ſein Auge war glühend: er ſchien mich durch den Blick verſchlingen zu wollen... Niemand konnte mich hören, Niemand konnte mir helfen! Ich ſank auf die Kniee zur Erde und bebend unter Thränen, kriechend mit ſchre mich übe grundes. böſen Fe Gewölbe helfen! Neuem Schlund Gnade, der mei Seele, ewig, C in mirr der An⸗ zitterte!: ... S Ken „3 wortete Barmh ihm a⸗ rs aus; eſchaffen, gerühr⸗ Monaten ſt, wäh⸗ mir ge⸗ meinem öst, hat gezeigt, ff Erden autkrone undeten; rab; ich borennen. den; ich war ge⸗ Kuß, o Stirne; düſtern derhallte meinen rde ſtill lein mit ich ſein bvor mir 8 Haar n, ſein en Blick te mich unk auf hränen, 263 kriechend flehte ich um Gnade; er aber ergriff mich mit ſchrecklichem Geheul bei der Hand und ſchleppte mich über den Boden bis zu dem Rande eines Ab grundes. Ich ſprang zurück und entſchlüpfte dem böſen Feinde; mein Nothruf widerhallte gegen das Gewölbe, ich lief herum, ich ſchrie; nichts konnte helfen! Der grauſame Teufel ergriff mich von Neuem am Arm und riß mich zurück nach dem Schlunde, der mein Grab werden ſollte. ‚Gnade, Gnade, was willſt Du von mir?“ war der Schrei, der meinem erſchütterten Buſen entfuhr. ‚Deine Seele, Deine Seele muß ich haben,“ brüllte er, ‚auf ewig, auf ewig!... Dann kehrte der Geiſt, der in mir wohnt, zurück in meinen Körper; ich erwachte; der Angſtſchweiß floß mir vom Angeſicht und ich zitterte unter den Zuckungen eines brennenden Fiebers . Sind das falſche Traumbilder, Vater?“ Kemenger wiſchte, als hätte er dieſe Frage nicht gehört, ſchweigend eine Thräne aus ſeinen Augen; Laura hielt den Blick zur Erde gerichtet. Wiederum herrſchte geraume Zeit zwiſchen beiden eine feierliche Stille, die mehr ſagte, als Worte auszudrücken ver⸗ mochten. Das Mädchen erhob den Kopf und fragte: „Es gibt alſo keine Hoffnung mehr, Vater? Morgen ſoll meine Hand die unglückſelige Verbin⸗ dung unterzeichnen? Binnen wenigen Tagen ſoll mein ſchrecklicher Traum Wahrheit werden?“ „Ich habe alle möglichen Mittel verſucht,“ ant⸗ wortete Kemenaer,„vor ſeinen Augen geweint, ſeine Barmherzigkeit angefleht, mein ganzes Vermögen ihm angeboten als Löſegeld für meine und Deine 264 Freiheit. Er blieb unerbittlich! Laura, meine gute, meine ſüße Laura, aus Liebe zu Deinem unglücklichen Vater, nimm Dein Loos mit Geduld an!“ „Ich bin bereit,“ murmelte das Mädchen;„mich erſchreckt die Zukunft unſäglich; aber ich habe mich einmal unterworfen. Fürchte Nichts, Vater, an dem entſcheidenden Tag werde ich vielleicht mit Muth und Beruhigung Monks Hand annehmen, denn hinter dieſer Grenzmarke meiner Freiheit ſchimmert noch ein Stern der Hoffnung...“ „Immerdar, immerdar dieſer düſtere Gedanke!“ ſeufzte Kemenger.„Du willſt ſterben; Du lächelſt dem Tode zu, aber denkſt Du denn nicht an mich? Ach, Laura, ich ſoll allein auf der Welt bleiben... allein, mit der ſchrecklichen Ueberzeugung, daß ich Dich, mein theures Kind, ſo unſchuldig und ſo jung ins Grab gebracht habe. Sei vernünftiger. Es iſt vielleicht wirklich ein Unglück, die Gattin eines Man⸗ nes werden zu müſſen, den man nicht liebt, aber daß es ein ſo ſchreckliches Loos ſei, wie Deine exal⸗ tirte Phantaſie Dich glauben läßt, daran möchte ich zweifeln. Wie viel hundert Heirathen werden nicht in einem einzigen Jahr in unſerer Stadt geſchloſſen, die allein auf Gründen der Geldſucht, des Hochmuths oder geſellſchaftlicher Rückſichten beruhen. Das Geld hat in der vornehmern Welt ſeine Herrſchaft zu weit über das Herz ausgedehnt, daß einem erprobten Sprichwort zufolge Niemand mehr aus Liebe hei⸗ rathet, als Bürger und andere arme Leute.— Man bemerkt auch nicht, daß die wohlhabenden Leute darum mit ihrer Heirath unglücklich ſind.“ „Aber wer wird Dir ſagen, Vater,“ fragte Laura mit Nac welcher Bricht brechens um zu Ken wegung „Eif man bei berühmt raiſonni wird w Monk ſi nicht gel von Der Gefühl ſeitige? „As „Achtun Feinde, ſeine Se mand ve „De mich nie Unterwe weichen in dem angebote auf ewit Andere wird me werth er ine gute, lücklichen n;„mich abe mich an dem kuth und n hinter ert noch edanke!“ lächelſt n mich? iben... daß ich ſo jung Es iſt 2s Man⸗ t, aber ne exal⸗ öchte ich en nicht chloſſen, chmuths as Geld zu weit probten eLaura 265 mit Nachdruck,„welcher Kummer, welcher Zwiſt und welcher Haß im Innern einer Familie wohnen kann? Bricht nicht von Zeit zu Zeit die Stimme des Ver⸗ brechens aus den Paläſten der Reichen ſelbſt hervor, um zu bezeugen, daß eine Kette zerbrochen iſt?“ Kemenaer erbleichte; doch bezwang er ſeine Be⸗ wegung und fuhr mit ſcheinbarer Ruhe fort: „Eine Ausnahme von Hunderttauſenden, die man bemerkt, weil das Unglück einen edeln, oft einen berühmten Namen getroffen hat. So mußt Du nicht raiſonniren. Das Gefühl, das man Liebe nennt, wird wahrſcheinlich nies zwiſchen Dir und Herrn Monk ſich erzeugen. s iſt wirklich etwas, das ſich nicht gebieten läßt; na mit ein wenig gutem Willen von Deiner Seite kann ein anderes, gleich mildes Gefühl an deren Stel lle treten, nämlich eine gegen⸗ ſeitige Achtung. „Achtung!“ rief Laura, die Hände emporhebend. „Achtung vor dem Feinde meines Vaters! Vor dem Feinde, dem Räuber an... O, kann denn ein Menſch ſeine Seele in zwei Theile ſcheiden? Kann er Je⸗ mand verabſcheuen und achten zu gleicher Zeit?“ „Das will ich nicht ſagen, Laura; Du verſtehſt mich nicht. Setze voraus, daß Du Dein Loos mit Unterwerfung annimmſt, da ihm doch nicht auszu⸗ weichen iſt. Könnteſt Du dann keinen Troſt finden in dem Genuß des Reichthums und Luxus, der Dir angeboten wird? Es gibt ſo viele, die aller Liebe auf ewig entſagen würden, wenn ſie wie Du über Andere glänzend ſich erheben dürften. Dein Leben wird manchem andern jungen Mädchen beneidens⸗ werth erſcheinen. In der That, Deine geringſten 266 Wünſche werden erfüllt werden; Du wirſt ein aus⸗ gedehntes Landhaus zum Sommeraufenthalt haben, zahlreiche Dienerſchaft, funkelnde Juwelen, prächtige Kleider... Gebe Gott, daß dieſes Glück Dir das Leben, wenn auch nicht ſchön, zum Mindeſten erträg⸗ lich machen könnte; vielleicht würde dann noch ein Schein von Frieden in Deines Vaters Herz fallen können; vielleicht würden ſeine alten Tage keine ſchreckliche Marter für ihn ſein.“ Er faßte wiederum die Hand ſeiner Tochter, drückte ſie zärtlich und flehte: „Nun, liebe Laura, gib mir Muth; ſage mir, daß Du verſuchen willſt, in dem Genuß des Reich⸗ thums und der Pracht Vergnügen und Erleichterung zu finden; verſprich mir, daß Du das Bild des Todes aus Deinem Anblick verjagen willſt...“ Laura riß ihre Hand aus der ihres Vaters mit ſo krampfhafter Gewalt, daß Kemenaer erſtaunt und fragend ſie anſchaute. „Still, Vater; ach da iſt er! Monk! Monk!“ flüſterte das Mädchen, erſchrocken den Kopf abwen⸗ dend. „Halte Dich gut, ſei vorſichtig, verbirg, was in Deinem Herzen vorgeht, Laura?“ flehte Kemenaer. „Ich beſchwöre Dich, zeige Dich wenigſtens höflich.“ „Ja, ja, ich werde mir Gewalt anthun,“ ſtam⸗ melte Laura,„aber ſein Blick, ſein unausſtehlicher Blick!“ Monk kam von ferne auf dem Pfad herange⸗ ſchritten. Seine Haltung war ſtattlich, ſein Tritt leicht, ſein Benehmen frei. Die Kleider von feinem Schnitt ſtanden ihm gut; das elaſtiſche Spazierſtöck⸗ chen ſpi ſichte gl Stolzes wohl m zufriede Nac neben 4 „ Die So Beſſer, „Jo mit zu „D wohl de denswer verwun für den mich w⸗ Du zuf zu gefa Er nigen d ſeine B D „ einem ein aus⸗ haben, drächtige Dir das erträg⸗ ioch ein 3 fallen ge keine Tochter, age mir, 8 Reich⸗ chterung es Todes ters mit nunt und Monk!“ f abwen⸗ was in emenaer. höflich.“ 1,“ ſtam⸗ ſtehlicher herange⸗ in Tritt n feinem azierſtöck⸗ 267 chen ſpielte luſtig in ſeiner Hand; auf ſeinem Ge⸗ ſichte glänzte ein helles Lächeln der Freude und des Stolzes. Man konnte an ſeinem ganzen Ausſehen wohl merken, daß er aufs Aeußerſte mit ſich ſelbſt zufrieden war. Nachdem er Kemenaer gegrüßt hatte, ſetzte er ſich neben Laura und ſprach: „Du genießeſt das ſchöne Wetter, meine Liebe? Die Sonne iſt mild und warm. Wie geht es jetzt? Beſſer, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr, es iſt beſſer,“ ſtotterte Laura mit zu Boden geſchlagenen Augen. „Du wirſt geneſen,“ fuhr Monk fort,„ich werde wohl dafür ſorgen. Dein Leben will ich ſo benei⸗ denswerth machen, daß Du ſelbſt über Deine Trauer verwundert ſein wirſt. Ich habe einen ſchönen Wagen für den Hochzeittag gekauft; ich werde engliche Pferde haben, die ſchönſten, die in der Stadt zu finden ſind. Unſere Diener werden grün⸗rothe Livree tragen. So iſt es doch gut, Laura?“ „Ja, mein Herr, ſo iſt es gut,“ ſeufzte das Mädchen. „Aber Du biſt ſo trüb geſtimmt. Komm, laß mich wenigſtens in Deinen ſchönen Augen leſen, daß Du zufrieden biſt mit dem, was ich thue, um Dir zu gefallen.“ Er ergriff ihre Hand und wollte ſie in der ſei⸗ nigen drücken; aber Laura entzog ſie ihm, als hätte ſeine Berührung ſie gebrannt. „Du ziehſt Deine Hand zurück?“ ſagte er in einem Ton, der zugleich ſchmeichelnd und drohend 268 war.„Du verweigerſt mir die Hand? Wird ſie nicht in wenigen Tagen mir auf ewig angehören?“ „Verzeihen Sie mir,“ ſeufzte Laura mit ſchmerz⸗ licher Unterwerfung, indem ſie ihm ihre Hand reichte, „ich bin aufgeregt, ich weiß nicht, was ich thue, ich bin krank.“ „Krank?“ wiederholte Monk zornig.„Krank? Du haſt mir doch verſprochen, nicht mehr krank zu werden. Ich bin ein guter Junge, aber!...“ „Erzürnen Sie ſich nicht, mein lieber Herr Monk,“ ſagte Kemenaer,„ſie meint es nicht ſo.“ Und ſich mit bittendem Blick an ſeine Tochter wendend, fragte er: „Das Fieber hat Dich doch ganz verlaſſen? Du verlangſt ja nicht mehr, daß die Hochzeit aufgeſchoben werde?“ „Nein, ich bin nicht krank,“ antwortete ſie,„ich bin bereit, je früher die Hochzeit vollzogen wird, deſto lieber.“ Noch immer hielt Monk ihre Hand; aber Laura's Arm bebte und ſelbſt bis zu ihren Wangen pflanzte ſich das Zittern ihrer Nerven fort. Monk ſtellte ſich, als ob er es nicht merke; und ſeinem Geſicht wiederum einen minder ſtrengen Aus⸗ druck gebend, ſprach er: „Ich irrte mich; nur um ſo beſſer. Laura, meine Liebe, Du wirſt bald ſehen, was ich alles für Dich thue. Es iſt eine Ueberraſchung, eine frohe Ueber⸗ raſchung, aber ich darf noch nicht ſagen, was es iſt. Roſalie wird uns rufen. Ich werde Deine Traurig⸗ keit wohl vertreiben.“ Laura blieb regungslos und ſchweigend, die Augen zur Er! ſtand ſ das M term L⁰ ſagte er „8 allein Betrag lautere denn e Vird ſie hören?“ ſchmerz⸗ reichte, hue, ich „Krank? krank zu ſie,„ich n wird, Laura's pflanzte rke; und gen Aus⸗ a, meine für Dich e Ueber⸗ s es iſt. Traurig⸗ ie Augen 269 zur Erde geheftet. Dieſer unüberwindliche Wider⸗ ſtand ſchien Monk ſehr zu mißfallen. Er ſchaute das Mädchen eine Weile mit ſchiefem Blick und bit⸗ term Lächeln an. Dann, ſich zu Kemenaer wendend, ſagte er anſcheinend ganz gleichgültig: „Nun, Freund Kemenaer, nichts Neues?“ „Ich weiß nichts,“ war die Antwort. „Sind Sie geſtern denn nicht auf der Börſe ge⸗ weſen?“ „Nein, Sie wiſſen ja, ich gehe nicht mehr oft auf die Börſe.“ „Sie würden etwas gehört haben, was für uns allein vielleicht einiges Intereſſe darbietet.“ „So? Etwas über unſere Heirath?“ „Nein, etwas über Berthold Robyn.“ Laura erhob den Kopf, als hätte ein geheimer Schlag ſie plötzlich aus ihrer bittern Träumerei er⸗ weckt. Dieſe Bewegung entging Monk nicht. „Ja, über Berthold Robyn,“ wiederholte er, während er in ſeiner Rocktaſche etwas zu ſuchen ſchien.„Man hat auf der Börſe ein Büchlein aus⸗ geboten, das ſehr ſeltſame Aufklärung über Bertholds Betragen an den Tag bringt. Und daß es die lautere Wahrheit enthält, daran iſt nicht zu zweifeln; denn es hat augenſcheinlich einen Freund von Robyn ſelbſt zum Verfaſſer... Aber wo iſt das Büchlein jetzte Ich habe es doch in meine Taſche geſteckt... Es iſt vielleicht verloren.“ „Sparen Sie Ihre Mühe,“ fiel Kemenaer ein. „Was geht es uns an, wie es mit Berthold ſteht, oder 270 wie er ſich beträgt. Es iſt beſſer, daß ſein Name zwiſchen uns gar nicht mehr genannt wird.“ „Ah, hier habe ich es!“ ſagte Monk, ein Büch⸗ lein mit blauem Umſchlag öffnend.„Es iſt zu lang, um hier ganz geleſen zu werden. Ich will Ihnen nur einige Linie daraus mittheilen; ſie werden hin⸗ reichen, um Sie zur Ueberzeugung zu bringen, wie tief der elende Berthold in den Pfuhl des Laſters verſunken iſt.“ Laura ſah Monk zitternd und mit blitzenden Augen an, während er Folgendes aus dem Büch⸗ lein las: „Wir gehören zu denen, welche den jungen Dich⸗ ter Robyn bei ſeinen erſten Schritten auf der mühe⸗ vollen Bahn der Literatur begrüßt haben. Obwohl wenige befugte Richter ihm einiges Talent zuerken⸗ nen wollten, blieben wir doch der Hoffnung, daß er ſich mit der Zeit Erfahrung genug ſammeln werde, um einſt eine ziemlich gute Stelle unter den vater⸗ ländiſchen Schriftſtellern zu gewinnen. Es iſt alſo eine Freundesſtimme, welche aus dieſem geringen Büchlein ihm zuruft: Berthold, Du liegſt verſunken in Schmach; Du entehrſt Deinen Namen und die ganze Literatur mit Dir; Du mordeſt Deine Seele und Deinen Verſtand; alle, die Dich kennen, ſehen mit Verachtung auf Dich nieder. O, erhebe Dich aus dem Schlamm des Laſters; verlaß die Kneipen, wo Du unter dem gemeinſten Lumpengeſindel die Töne Deiner heiſeren Stimme vernehmen läſſeſt; ent⸗ ſage der Trunkſucht, fliehe den Branntwein, der Deinen Geiſt und Körper verzehrt. Höre das ſchreck⸗ liche W gemeine „F ganz a Mo „ „I ſen?“ f „I zitternd bezwing ſein. der Ku Aber n ſehen!“ einen der ihr greifen ſchaute. Es Sturm Weiſe auf M leriſche wies 1 94 die Ue n Name n Büch⸗ zu lang, Ihnen den hin⸗ en, wie Laſters litzenden m Büch⸗ gen Dich⸗ er mühe⸗ Obwohl zuerken⸗ , daß er werde, n vater⸗ iſt alſo geringen derſunken und die ne Seele n, ſehen be Dich Kneipen, ndel die ſeſt; ent⸗ ein, der s ſchreck⸗ 271 liche Wort Trunkenbold als einen Schrei der all⸗ gemeinen Verachtung Dir folgen...“ „Falſch! o mein Gott, es iſt falſch!“ rief Laura ganz außer ſich. Monk lachte. „Falſch?“ fragte er.„Warum glaubſt Du das?“ „In der That, Laura, wie könnteſt Du es wiſ⸗ ſen?“ flehte ihr Vater mit Thränen in den Augen. „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte das Mädchen, zitternd von der Gewalt, die ſie anwandte, ſich zu bezwingen.„Es iſt möglich; nein, es kann nicht ſein. Berthold ein Trunkenbold! Ah, doch, doch! der Kummer, die Verzweiflung, der Wahnſinn!... Aber wer hat dieſes Buch geſchrieben? Laſſen Sie ſehen!“ „Es ſteht kein Name darauf,“ ſagte Monk. „Kein Name?“ wiederholte Laura mit einem Schrei des Haſſes. Monk zitterte nun ſeinerſeits; das Mädchen hatte einen anklagenden Blick in ſeine Augen geworfen, der ihm bis in die Seele gedrungen war und be⸗ greifen ließ, daß Laura ſeine Bosheit ganz durch⸗ ſchaute. Es trat eine ſtille Pauſe ein. Kemenaer erſchrack, als fürchte er, daß in Monks Bruſt ein ſchrecklicher Sturm ſich bereite und er ſich auf eine grauſame Weiſe rächen würde.— Er täuſchte ſich jedoch; denn auf Monks Geſicht erſchien wieder das ewige heuch⸗ leriſche Lächeln, während e⸗ auf den Pfad voraus wies und ſagte: „Dort iſt Roſalie, die mir ein Zeichen gibt, daß die Ueberraſchung bereit iſt. Kommt, wir ſind Kin⸗ 272 der. Es hat in der That wenig Bedeutung für uns, Vergnü⸗ zu wiſſen, was Berthold in der Welt thut oder nicht nicht we thut.“„Ja Seinen Arm Laura bietend, ſprach er in freund⸗ murmel' lichem Ton: ſagte, ſo „Nun, meine Liebe, denken wir nicht mehr an Arm au das Büchlein; es enthält vielleicht Unwahrheiten,„Si wie Du ſagſt.— Gefällt es Dir, meinen Arm an: Sie ſolle zunehmen; Du wirſt Dich freuen, ſei deſſen gewiß.“ wird eit Laura gehorchte und ging an Monks Arm wei⸗ Beſuch ter. Das unglückliche Mädchen wankte auf ſeinen„Si Beinen und ließ das Haupt auf die Bruſt hängen, wortete gleich einer Verurtheilten, die man nach dem Richt: ſei, alle platz führt. Ihre Seele mußte wirklich einen un: Gefahr ausſprechlichen Abſcheu vor Monk empfinden, da„Fü ſeine Gegenwart allein ihr tödtliche Qual und Angſt nen imn einflößte. tigen. 2 Monk ſchien auf ihren Zuſtand nicht Acht zu Unter a geben und ſagte im Weitergehen zu Kemenger: ggründen „Ich werde ein Gewächshaus bauen, um die Millione Pflanzen der heißen Länder darin zu ziehen. Was Kemena⸗ mich betrifft, ſo bin ich kein Liebhaber davon, und wollen. wenn ich zufällig auf den Feldern mich befinde, weiß gewinne ich ſelbſt den Waizen nicht vom Hafer zu unterſchei⸗ der Acti den; und ich glaube auch nicht, daß ich jemals große des Kapi Fortſchritte in der Pflanzenkunde machen werde, weil ker. W ich den Nutzen davon durchaus nicht begreifen kann. menaer, Doch es iſt mir genug zu wiſſen, daß Laura die die Mit Blumen gern hat. Wahrend ich meinen Verſtand Vermög anſpanne, um Geld zu gewinnen und unſer Vermögen Robyn t zu vergrößern, ſoll ſie ſich mit der Beſorgung und geht zu! Aufziehung der ſeltenſten Blumen und Pflanzen ein iſt mehr Conſc für uns, der nicht n freund⸗ mehr an hrheiten, Arm an⸗ gewiß.“ lrm wei⸗ f ſeinen hängen, m Richt⸗ inen un⸗ den, da nd Angſt Acht zu ner: um die n. Was von, und de, weiß nterſchei⸗ ls große rde, weil fen kann. aura die Verſtand bermögen ung und nzen ein 273 Vergnügen machen. Das wird Dir wohl gefallen, nicht wahr, Laura?“ „Ja, gewiß, Blumen; ſie werden mir gefallen,“ murmelte Laura, beinahe ohne zu wiſſen, was ſie ſagte, ſo ſehr marterte es ſie, den Druck von Monks Arm auf dem ihrigen zu fühlen. „Sie ſind ein alter Liebhaber, Freund Kemenaer; Sie ſollen mir rathen und helfen,“ ſagte Monk.„Es wird eine Gelegenheit ſein, um mich oft mit Ihrem Beſuch zu beehren.“ „Sie thun wahrlich zu viel für Laura,“ ant⸗ wortete Kemenaer.„Wie groß Ihr Vermögen auch ſei, alle dieſe übermäßigen Ausgaben dürften es in Gefahr bringen.“ „Fürchten Sie nichts,“ lachte Monk.„Wir ken⸗ nen immer die Mittel, um das Geld zu vervielfäl⸗ tigen. Ich weiß bereits drei oder vier gute Geſchäfte. Unter anderem will ich eine induſtrielle Geſellſchaft gründen, eine große, mit einem Kapital von einigen Millionen. Ich werde der Director davon ſein, Sie, Kemenaer, können Kaſſier dabei werden, wenn Sie wollen. Wir werden Geld mit anderer Leute Geld gewinnen und daneben noch ſo gut die Intereſſen der Actionäre zu leiten wiſſen, daß auch ein Theil des Kapitals in unſere Kaſſen fließt. Nichts iſt leich⸗ ter. Wenn Sie nur ein bischen Muth haben, Ke⸗ menaer, etwas Kühnheit und Witz, ſo will ich Ihnen die Mittel an die Hand geben, in kurzer Zeit Ihr Vermögen zu verdoppeln. Mit Kleinigkeiten, wie Robyn that, will ich mich nicht mehr bemühen; das geht zu langſam. Auf dem Feld der großen Induſtrie iſt mehr zu thun; dort cirkulirt ein Strom Goldes, Conſeience, der Geldteufel. 18 274 der keinen Eigner hat, es zu bewachen... Sie be⸗ greifen mich doch wohl?“ Kemenaer antwortete nur mit einigen abgebroche⸗ nen Lauten und einem bekräftigenden Kopfnicken auf Monks Anerbieten. Eine Weile ſchritten ſie ſchwei⸗ gend neben einander hin. Als ſie dicht am Hauſe waren, ſagte Monk zu Laura: „Meine liebe Braut, Du mußt meine Hochzeits⸗ geſchenke ſehen. Ich wünſche, daß ſie Dir gefallen mögen. Keine Koſten habe ich geſpart, um Dir an⸗ genehm zu ſein; und ich bin überzeugt, daß man in der ganzen Stadt ſchwerlich etwas Reicheres oder Prächtigeres zu finden vermag.“ Er faßte ihre Hand und führte ſie über den Gang nach dem hintern Saal, wo die Geſchenke auf einer großen Tafel ausgebreitet lagen.— Es waren allerlei glänzende Stoffe von Atlas und Seide, da⸗ neben wunderbar ſchöne Spitzen. Deßgleichen befand 9 ſich hier ein geöffnetes Käſtchen, auf deſſen Boden der Schimmer von Gold und Silber ſich mit dem Gefunkel von Edelſteinen vermiſchte. Laura betrach⸗ tete die reichen Geſchenke mit gleichgültigem Blick, während Monk ſie um die Tafel herumführte, um ſie jeden Gegenſtand der Reihe nach bewundern zu laſſen. „Nun, was ſagſt Du zu dieſen Spitzen?“ „Schön, ſie ſind ſchön, mein Herr,“ murmelte Laura. „Und dieſer morgenländiſche Shawl? Haſt Du jemals einen geſehen, der ihm an Pracht gleich⸗ kommt?“ Rubiner „„S Stimme N ſein, di hing de auf ihre ſammen mit ihr zündet. arbeitet Da heftete er Laur nach eit gierig; edles, ſ Sie be⸗ gebroche⸗ icken auf e ſchwei⸗ Monk zu vochzeits⸗ gefallen Dir an⸗ man in res oder über den henke auf Es waren beide, da⸗ en befand en Boden mit dem a betrach— gem Blick, hrte, um undern zu 12* murmelte Haſt Du ſcht gleich⸗ 9/ 275 „Er iſt ſchön,“ ſtammelte das Mädchen. „Und dieſes Schmuckkäſtchen? Die Diamanten, Rubinen, Smaragden?“ „Schön, ſchön,“ wiederholte Laura mit trauriger Stimme. „Nun, Freund Kemenaer, bin ich nicht glücklich in meiner Wahl?“ „Fürwahr, es iſt königlich!“ rief Kemenaer, über den Reichthum der Geſchenke erſtaunt.„Laura, Du wirſt Dich freuen müſſen; Du wirſt die ſchönſte Braut ſein, die man in langen Jahren geſehen hat. Nun, danke doch dem guten Herrn Monk für ſeine frei⸗ gebige Freundſchaft.“ „Dank, Dank,“ flüſterte Laura. Monk nahm einen Spitzenſhawl von der Tafel, hing denſelben um Laura's Schultern und heftete ihn auf ihrer Bruſt mit einer wunderſchönen Broche zu⸗ ſammen, auf der die Liebe dargeſtellt war, wie ſie mit ihrer Fackel das Feuer auf Hymens Altar an⸗ zündet. Zu gleicher Zeit ſchlang er eine künſtlich ge⸗ arbeitete Kette ihr um den Hals. Das arme Mädchen hielt ſtill wie eine Bildſäule, heftete die Augen zur Erde und ließ ihn gewähren. — Was mußte ſie leiden in dieſem Augenblick! Ihr Buſen wogte ſchmerzlich, ihre Lippen bebten, doch ſuchte ſie ſo viel möglich ihre tödtliche Aufregung zu bezwingen. Was war Monks Abſicht? Quälte und marterte er Laura aus wirklichem Haß? Er ſchien vielmehr nach einem freundlichen Wort aus ihrem Munde be⸗ gierig; es ſchmeichelte ſeinem Stolze, daß ein ſo edles, ſo reines Mädchen ſeine Braut werden ſollte. 276 Gibt es vielleicht Menſchen, deren Herz ſo ſehr von böſen Neigungen überfließt, daß ſelbſt ihre Freund⸗ ſchaft Bosheit iſt? Während Laura ſich bewegungslos von Monk anſchauen und bewundern ließ, ſagte derſelbe: „Ach, wie bezaubernd wirſt Du ſein! Mich dünkt, ich ſehe Dich bereits an meiner Seite vor dem Altare ſtehen. Komm, ich will wiſſen, wie Dir die Braut⸗ krone ſteht...“ Er trat zu einem Stuhle, auf welchem eine große Schachtel ſtand, und ſich umdrehend zeigte er ihr von ferne einen Kranz von weißen Orangeblüthen, zwiſchen denen hie und da ein Edelſtein funkelte. Der Anblick dieſes Gegenſtandes entlockte Laura einen ſchmerzlichen Angſtſchrei. Sie wich, mit den Händen abwehrend, zurück, als wollte ſie wenigſtens dieſem Hohn entgehen.— Ein Brautkranz! Derſelbe Kranz von ſchneeweißen Blumen, wie ſie früher einen zu einer andern Hochzeit gewunden hatte. Monk kam lachend auf ſie zu; und wiewohl ſie bis zu dem Ende des Zimmers gewichen war, ſetzte er nichts deſto weniger ihr den Brautkranz auf das Haupt... Aber als hätten die Blumen ſie mit unerträglicher Gewalt niedergedrückt, das arme Mäd⸗ chen wurde bleich wie der Tod; ein herzzerreißender Seufzer ſtieg aus ihrem Buſen auf und ſie fiel in demſelben Augenblick ohnmächtig zur Erde, als Monk ausrief: „Frau Monk, wie ſchön Sie ſind!“ Cor nen Fe der unt ſchöpfer tel gew der hef krank; ihn bis auf der We ſchauert des Fe⸗ Stadt! folgen, und P nicht m in dem höher k In derholte aus ei und als einem Ueber Balken ungeher Wand All Armutl ehr von Freund⸗ n Monk e: ch dünkt, n Altare Braut⸗ ne große e er ihr blüthen, kelte. te Laura mit den enigſtens Derſelbe der einen ewohl ſie ar, ſetzte auf das ſie mit me Mäd⸗ reißender ie fiel in als Monk 277 Elftes Knpitel. Conrad ſaß auf einem Stuhl hinter einem klei⸗ nen Fenſter und ſuchte aus den ſchwachen Strahlen der untergehenden Sonne noch ein wenig Wärme zu ſchöpfen. Er hatte ſich in einen verſchoſſenen Man⸗ tel gewickelt und ſaß zuſammengekauert, wie Jemand, der heftige Kälte erleidet. Der arme Muſiker war krank; das Fieber hatte ihn befallen und ſchüttelte ihn bisweilen ſo gewaltig, daß ſeine Füße hörbar auf dem Boden aufſchlugen. Wenn er in den Pauſen zwiſchen den Fieber⸗ ſchauern den trüben Blick durch die grünen Scheiben des Fenſters warf, konnte er über einen Theil der Stadt hinſchauen und dem Rückzug des Abendlichts folgen, während es die Dächer der Häuſer mit Gold und Purpur überzog. Er befand ſich demzufolge nicht mehr in dem ſchönen Zimmer, das er früher in dem erſten Stock des Tuchladens bewohnte. Viel höher hinauf mußte ihn das Elend getrieben haben. In der That, das Gemach, worin er unter wie⸗ derholten Anfällen des Fiebers bebend ſaß, beſtand aus einem Theil des Speichers von einem hohen und alten Gebäude, das in frühern Zeitaltern zu einem Pfandhaus oder einer Gildhalle gedient hatte. Ueber dem Kopf des Muſikers zogen ſich mächtige Balken durch die kalkbeworfene Decke hin und eine ungeheure Schornſteinpfeife lief ſchräg längs der Wand hin. Alles in dieſer Kammer zeugte von Mangel und Armuth. Drei ſchlechte Stühle und ein Tiſch bilde⸗ 278 ten den ganzen Hausrath; auf dem letztern ſtand noch zwiſchen einigen Papieren und Notenheften eine irdene Schüſſel mit einem Meſſer und zwei Gabeln, die zuverläßig ſeit dem Mittageſſen unberührt ge⸗ blieben waren. Nichts unterbrach hier die grauliche Nacktheit der Wände, als nur einige Kleidungsſtücke, die in der Ecke neben dem Fenſter aufgehängt waren, und eine Violine, welche neben dem Schornſtein auf einem Häuf⸗ chen alter Bücher ruhte.— Darunter auf dem Boden ſtanden zwei Paar Schuhe von verſchiedenem Maße, daß man wohl errathen konnte, beide könnten nicht einer und derſelben Perſon angehören. Der Wichs⸗ topf und die Bürſte daneben bezeugten klar genug, daß die Inhaber dieſer Speicherkammer ſich ſelbſt zu bedienen gewohnt waren. Schon lang ſaß Conrad hinter dem Fenſter, ohne daß eine andere Bewegung als das Schütteln des Fiebers ein Gefühl in ihm hätte verrathen laſſen; nur von Zeit zu Zeit ſchien er auf ein undeutliches Geräuſch zu horchen, und dann ſchwebte etwas wie ein Lächeln der Sehnſucht auf ſeinem bleichen Angeſichte.“ Bald war die Sonne hinter dem fernen Horizont verſunken, und allmälig wurde es um den kranken Conrad ſo dunkel, daß von der ganzen Kammer nichts mehr zu unterſcheiden war, als das ſchimmernde Grün der Fenſterſcheiben. Eine völlige Stille um⸗ gab ihn; ein Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt. Plötzlich hörte er haſtige Schritte auf der Treppe ſchallen. Er ſchob ſeinen Stuhl nach dem Tiſche, ſchlug ſeinen Mantel auseinander und bemühte ſich, den Kopf aufrecht zu halten, wahrſcheinlich um der Perſon machen mit ihr Di zweiflu der W zündet De bei bei lichkeit en ſtand ften eine Gabeln, ührt ge⸗ theit der e in der und eine im Häuf⸗ n Boden n Maße, ten nicht r Wichs⸗ r genug, ich ſelbſt ter, ohne teln des u laſſen; deutliches s wie ein geſichte.“ Horizont kranken ier nichts mmernde tille um⸗ ruſt. r Treppe n Tiſche, ühte ſich, hum der Perſon, welche die Treppe heraufkam, glauben zu machen, daß er keine Kälte leide und es nicht ſchlimm mit ihm ſtehe. Die Thüre ging auf und eine Stimme voll Ver⸗ zweiflung rief in die Finſterniß hinein: „Es iſt abſcheulich! Die Menſchen ſind Schlan⸗ gen... Ich werde wahnſinnig! O mein Kopf, mein Kopf!“ 1 „Berthold, zünde die Kerze an,“ flehte der Muſikus, durch ſeines Freundes Ausrufe erſchreckt. Ein Zündhölzchen glimmte wie ein Lichtwurm an der Wand und unmittelbar darauf ſandte ein ange⸗ zündetes Kerzchen ſeine Strahlen durch die Kammer. Der Jüngling ſprang auf, ergriff den Kranken bei beiden Händen und fragte mit ſchmerzlicher Zärt⸗ lichkeit: „Mein armer Conrad, Deine Hände ſind eiskalt; Du bebſt ſo heftig; es geht Dir nicht gut?“ „Beſſer, viel beſſer,“ murmelte der Muſikus. „Das Fieber läßt nach.“ „Gott! und kein Mittel, hier einen Ofen zu be⸗ kommen,“ rief Berthold, ſich die Haare raufend. „Nicht ein bischen Geld, um einen Doctor kommen zu laſſen, um Medicin zu kaufen!“ Der Kranke ſah ihn mit ängſtlichem Erſtaunen an und fragte: „Haſt Du denn kein Geld erhalten?“ „Nichts, nichts,“ war die Antwort. „Und das Hochzeitgedicht? Hat es denn Herr Roelof Dir nicht bezahlt?“ „Alles geht uns conträr,“ ſeufzte der Jüngling. „Meine Verſe liegen da auf dem Tiſche; Herr 280 Roelof hat ſie abgewieſen. Sie ſind zu düſter und zu traurig.“ „Ich habe es Dir geſagt,“ klagte der Muſikus. „Du glaubteſt in der Gegenüberſtellung von Glück und Unglück eine Quelle innigen Freudengefühls zu finden. Die, welche glücklich ſind, ſchließen die Ohren vor dem Geſchrei des Schmerzes; es tönt ihnen höh⸗ niſch wie eine Anklage entgegen... Wir verlieren ſo zwanzig Francs!“ Auf den zweiten Stuhl niederſinkend, ſagte Ber⸗ thold mit einem Blick, der eine Bitte um Vergebung ausſprach: „Lieber Conrad, was konnte ich dabei thun? Was iſt es doch für ein blutiger Spott des Schick⸗ ſals, mich auf morgen ein Hochzeitgedicht machen zu laſſen? Morgen wird Laura mit Monk getraut!... Und ich ſoll ſingen, jauchzen, meine Seele in ein Freudenlied ergießen? Ich habe es verſucht: ich habe mich abgehetzt, daß mir der Schweiß auf die Stirne trat, um durch ein hüpfendes Metrum meinen Verſen den Ton der Freude aufzudrücken... Ver⸗ geblich! Selbſt die Worte von Freude und Hoffnung, die ich in meinem Gedichte gehäuft habe, athmen Trauer, Spott und Verzweiflung. So ſagte Herr Roelof, als er mir die Thüre wies... O, ich weiß nicht, aber es wogen mir ſeltſame Gedanken durch das Gehirn!“ „Komm, komm, bleibe ruhig,“ ſagte Conrad leiſe, „iſt es nichts Anders, als das, was Dir ſo bange macht? In drei Tagen bekomme ich mein Monat⸗ geld von der Kirche; dann ſind wir wieder reich.“ In bittere Betrachtungen verſunken, ſchien Ber⸗ thold d gehört ins We rend eit „Schrec Unglück Galle e Buſen k laß die verließ bringen ſo ſtieß mit gro Betrüge fünfhun nes let mich ſel Jederm treibt, ſprechen räthigen Sterben nenden der Sti Da ren beinahe nach De Fieber. — Er ter und Nuſikus. n Glück ühls zu e Ohren en höh⸗ erlieren te Ber⸗ gebung thun? Schick⸗ ſchen zu aut!... in ein cht: ich auf die meinen . Ver⸗ pffnung, athmen te Herr ch weiß n durch ad leiſe, b bange Monat⸗ eich.“ in Ber⸗ thold die tröſtenden Worte ſeines Freundes nicht gehört zu haben; er ſchaute mit aufgeriſſenen Augen ins Weite, ſeine Glieder zuckten convulſiviſch, wäh⸗ rend ein dumpfer Kehllaut ſich ſeiner Bruſt entwand. „Aber, Berthold, Du verbirgſt mir etwas,“ ſagte der Muſikus,„was regt Dich ſo furchtbar auf?“ „Was mich aufregt?“ wiederholte der Jüngling. „Schreckliche Dinge! Dieſen Nachmittag hat mich das Unglück wie ein Fluch verfolgt und mich ſo viel Galle einnehmen laſſen, daß ſie mir das Herz im Buſen krampfhaft zuſammenzieht. Höre einmal, aber laß die Entrüſtung Dich nicht überwältigen... Ich verließ Dich, um Herrn Roelof mein Gedicht zu über⸗ bringen. Kaum war ich eine Straße weit von hier, ſo ſtieß ich auf meinen Drucker; er überhäufte mich mit groben Redensarten, nannte mich einen elenden Betrüger, forderte die augenblickliche Bezahlung der fünfhundert Francs, die ich ihm für den Druck mei⸗ nes letzten Werks noch ſchuldig bin. Er bedroht mich ſelbſt mit Gefängniß; dabei bemerkt er, daß Jedermann mit meinem letzten Werk ſeinen Spott treibt, daß die Tagblätter mit Verachtung davon ſprechen, und daß ich beſſer thäte, alle die noch vor⸗ räthigen Exemplare als Makulatur zu verkaufen! Sterbend vor Scham höre ich eine Weile ſeinen höh⸗ nenden Vorwürfen zu;— und entfliehe endlich aus der Straße, faſt ohne zu wiſſen, was ich thue.— Da renne ich Deinen Freund, den Waldhorniſten, beinahe über den Haufen. Er hält mich auf, fragt nach Deiner Geſundheit; ich ſpreche ihm von Deinem Fieber.— O, das Blut kocht mir noch in den Adern. — Er antwortet mir:„Conrad hat zu viel in das 282 Glas geſehen; das kommt von dem Branntwein;„T nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſeinem ſchlechten mich d Vorbild nicht folgen...“ Herz ſ Der Kranke hob die Augen zum Himmel und Maenſch ſeufzte mit rührendem Tone: dieſelbe „Gott, iſt es möglich!... Berthold, Du haſt A ihm geſagt, daß man ihn getäuſcht hat, nicht wahr?“ ſchreckli „Ah, ich habe nichts geſagt. Dich als einen„D Trunkenbold ausſchreien hören, Dich, Conrad, das heulte Vorbild aller Tugenden, der Güte, der Aufopferung wir hi ſelbſt! Die Entrüſtung brachte mich zum Wahnſinn; Waſſer ich packte den Läſterer an der Bruſt und ſchleuderte verſchm ihn ſo gewaltſam gegen die Mauer eines Hauſes, Stadt daß er ganz blau im Geſicht wurde; aber man ent: und Tr riß ihn meiner Wuth. Er lief davon;— ich eben⸗ ſteigt d falls, ich wich vor den Drohungen der Umſtehenden„Y und eilte fort, um mein Gedicht Herrn Roelof zu„Y bringen. Ich riß mir unterwegs die Haare aus telnd. dem Kopf; eine unſägliche Raſerei erfüllte mein ſollte e Herz; mein Gehirn glühte; es war, als würde mir Er beſit das Haupt mit Hammerſchlägen zerſchmettert. Als ſein. ich an Roelofs Wohnung klingelte, bezwang ich meine habe n Aufregung mit Gewalt; ich reichte Herrn Roelof Chre. mein Gedicht; er las und gab es mir zornig zurück, gethan. mich fragend, ob ich meinen Spott mit ihm treiben„E wollte. Meine Entſchuldigungen halfen nichts; er„A brachte mich an die Thüre, wo er mir zum Lebewohl b.„S 1 einen blutigen Hohn ins Geſicht ſchleuderte... O,„O warum habe ich ihn nicht auch gleich dem andern nicht n behandelt!“ V indem „Was hat er denn geſagt?“ fragte der Muſikus Co⸗ nach einigem Stillſchweigen. ſchien antwein; ſchlechten mel und Du haſt wahr?“ s einen rad, das opferung gahnſinn; hleuderte Hauſes, man ent⸗ ich eben⸗ ſtehenden koelof zu nare aus lte mein ürde mir ert. Als ich meine n Roelof ig zurück, n treiben lichts; er Lebewohl .O. n andern Muſikus 283 „Mich zur Thüre hinausweiſend, ſprach er gegen mich die Worte, die wie tödtliches Gift mir ins Herz ſanken: Ihre Verſe ſcheinen das Werk eines Menſchen zu ſein, der ſchwindelköpfig iſt; Sie haben dieſelben im Rauſche gemacht...“ „Armer Berthold,“ ſeufzte der Kranke,„welche ſchreckliche Prüfung mußt Du durchmachen!“ „Du ein Trunkenbold, ich ein Trunkenbold?“ heulte der Jüngling.„Und wir ſind froh, wenn wir hier auf unſerm Speicher etwas Brod und Waſſer haben, um nicht vor Hunger und Durſt zu verſchmachten! Aber es iſt unbegreiflich. Die ganze Stadt ſcheint überzeugt, daß wir in Schlemmerei und Trunkſucht verſunken ſind. Aus welcher Hölle ſteigt doch die abſcheuliche Läſterung gegen uns auf?“ „Monk,“ murmelte der Muſikus. „Monk,“ wiederholte Berthold, den Kopf ſchüt⸗ telnd.„Du täuſcheſt Dich, Conrad; welchen Grund ſollte er haben, um mich ſo grauſam zu verfolgen? Er beſitzt mein Erbe; morgen wird Laura ſeine Gattin ſein. Um was kann er mich noch beneiden? Ich habe nichts mehr: weder Vermögen, noch Liebe, noch Ehre.— Ich habe ihm nie das Mindeſte zu Leide gethan.“ „Er hat Dir Böſes zugefügt,“ ſagte der Kranke. „Aber ich habe es ihm vergeben.“ „Der Böſe vergißt nie das Böſe, das er that.“ „O laß mich zweifeln: ich will die Menſchheit nicht verfluchen!“ rief Berthold in Verzweiflung, indem er die Hände vor die Augen legte. Conrad ſchwieg; das Schauern ſeiner Glieder ſchien viel an Heftigkeit nachgelaſſen zu haben; eine 284 leichte Röthe, welche ſein Geſicht zu färben begann, verkündigte, daß in Folge der Rückwirkung an die Stelle der Fieberkälte nunmehr die Hitze getreten war. Er ſchaute ſeinen Freund an, der noch mit dem Kopf in den Händen daſaß. Es herrſchte ge⸗ raume Zeit eine völlige Stille. Inzwiſchen ſchien Berthold heftigen Gemüthsbe⸗ wegungen preisgegeben zu ſein; er ſchlug ſich mit der Fauſt an die Stirne und verrieth durch unge⸗ ſtüme Geberden, was in ſeinem Buſen vorging. All⸗ mälig ſchien ſeine Aufregung ſich mehr und mehr zu legen, ſo daß ein Ausdruck ſtiller Gelaſſenheit ſeine Geſichtszüge glättete.— Dann rückte er ſeinen Stuhl näher und ſagte, indem er eine Hand des Muſikus ergriff, flehend: „Conrad, guter Freund, ich bitte Dich, ſtelle Dich nicht mehr dem Entſchluß, den ich gefaßt habe, entgegen. Du haſt aus Liebe zu mir Dich dem Elend ausgeſetzt; das Fieber, welches Deine Geſundheit untergräbt, iſt eine Folge Deiner Trauer, daß ich nicht glücklich bin. Ich darf Dich jedoch nicht unter meinen Augen vor Mangel ſterben laſſen, während ich das Mittel beſitze, Dich zu retten. Verurtheile mich nicht zu grauſamer Undankbarkeit; ich flehe Dich an, laß mich meine Pflicht gegen Dich erfüllen; halte mich nicht länger zurück.“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte der Muſikus. „Ich will morgen zu Monk gehen und ihn um die fünftauſend Francs bitten, die er für mich unter der Bedingung, daß ich ſie ſelbſt hole, bereit hält. Er wird ſie mir geben; er ſchrieb es mir ja noch vor vierzehn Tagen.“ „W ſchätzen! „Nieder Verachtt verabſch Verſtan⸗ erſtickt? muth de Schlamt Hirngeſ meiner grund d junge I Dichter, ſein. Lo unter de Laß mi „Ne Du, Be eine Go Läſterur guts be Die Erzählu die Rü Nun zit begann, an die getreten koch mit ſchte ge⸗ nüthsbe⸗ ſich mit ch unge⸗ ng. All⸗ mehr zu eit ſeine in Stuhl Muſikus ), ſtelle ßt habe, m Elend ſſundheit daß ich hht unter während rurtheile ehe Dich en; halte uſikus. ihn um ich unter reit hält. ja noch 28⁵ „Sein Schreiben war ein hölliſcher Spott.“ „Was thut dies zur Sache, wenn er mir nur das Geld gibt.“ „O Berthold, und Deine Würde?“ rief der Muſikus erſchrocken. „Welche Würde bleibt mir noch an mir ſelbſt zu ſchätzen?“ ſeufzte der Jüngling mit traurigem Tone. „Niedergedrückt, wie ich bin, unter der allgemeinen Verachtung, gehaßt als Menſch, verſpottet als Dichter, verabſcheut als ein Trunkenbold, der den wenigen Verſtand, welchen Gott ihm gab, in Branntwein erſtickt? Selbſtachtung? Es iſt für uns der Hoch⸗ muth des armen Wurms, der ſeinen Kopf aus dem Schlamm zu erheben ſucht, worin er fortkriecht. Keine Hirngeſpinnſte mehr, Conrad. Morgen wird zwiſchen meiner Vergangenheit und meiner Zukunft ein Ab⸗ grund gelegt, den nichts mehr ausfüllen kann. Der junge Mann voll Liebe, voll Stolz und Muth, der Dichter, an deſſen Zukunft Du glaubteſt, wird todt ſein. Laß den gefallenen Künſtler nicht gebückt gehen unter der Erinnerung deſſen, was er hoffen durfte. Laß mich Hilfe ſuchen, wo ſie zu finden iſt....“ „Nein, ich will es nicht!“ rief Conrad.„Wie? Du, Berthold, Du ſollteſt die Hand ausſtrecken, um eine Gabe von dem zu erbetteln, der Dich durch Läſterung tödten will, nachdem er Dich Deines Erb⸗ guts beraubt hat? Solche Feigheit begehen? Du?“ Die Aufregung, wovon Conrad bei der erſten Erzählung des Jünglings ergriffen worden war, hatte die Rückwirkung des Fiebers in ihm beſchleunigt. Nun zitterte er nicht mehr; die Bläſſe auf ſeinem 286 Geſicht hatte der Fieberhitze Platz gemacht; ſeine Stimme war frei und kräftig. „O, ich weiß es,“ ſagte Berthold.„Was ich thun will, iſt eine Feigheit... und doch, es ſoll geſchehen! Noch größere Feigheit würde es ſein, Dich vor Krankheit, Mangel und Schande verküm⸗ mern zu ſehen... und dies Alles, um einer Er⸗ niedrigung zu entgehen. Ich habe meine Pflicht be⸗ griffen. Was Du auch ſagen magſt, Conrad, morgen gehe ich zu Monk; ich hoffe, daß Gott in Anbetracht des Grundes, der mich treibt, mir den nöthigen Muth zu dieſem ſchmerzlichen Vorhaben verleihen wird.“ „Du wirſt es nicht verſuchen, Berthold,“ ſprach der Muſikus mit einer Art von Zorn.„Dich dieſem Heuchler zu Füßen werfen? Dich in Deinen eigenen Augen zu entehren? Niemals!“ „Aber wie dann aus dieſem mißlichen Zuſtande uns herausreißen? So kann es doch mit uns nicht bleiben!“ „Du übertreibſt Alles, Berthold. Wenn ich mein Monatgeld erhalten habe, dann können wir wieder einige Zeit fortleben, in der Hoffnung, daß es ein⸗ mal beſſer gehen werde. Es iſt die Läſterung, welche Dich erſchreckt, nicht wahr? Es iſt allerdings ſchmerz⸗ lich, die allgemeine Verachtung wie einen Grabſtein auf ſeinem Herzen drücken zu fühlen; aber ſolche Anfechtungen waren das Loos der meiſten großen Männer in der Welt. Es iſt die Feuertaufe des Ruhms. Der glänzendſte Stein in der Krone des Künſtlers fehlt noch, ſo lang der Neid, die Mißgunſt und V. Schlach Sei unterbre „Es Berthol Ein Lächeln „Al Da iſt Conrad hier iſt Berthol ſchreibt ſeiner? Als ertönten thold ſe keit folg von au bringen beim O Cor als ob flimmer aus ſei M Berthol Sto den Br 287 zt; ſeine und Verläſterung ihn nicht würdig erachten, ihr Schlachtopfer zu werden.“ Was ich Seine Rede wurde durch Schritte auf der Treppe es ſoll unterbrochen. es ſein,„Wer kann es ſein?“ ſagte Berthold,„vielleicht verküm⸗ ſchon wieder mein Drucker?“ einer Er⸗ 1„Es iſt der Knecht vom Hauſe,“ antwortete flicht be⸗ Berthold,„ich höre es an ſeinem Keuchen.“ morgen Ein Mann trat in die Kammer. Mit ſcherzendem nbetracht Lächeln herumſchauend, ſagte er: nöthigen„Ah, wie hoch wohnt Ihr, meine Herren.... verleihen Da iſt ein Brief, den der kleine Chorjunge für Herrn Conrad im Laden abgegeben hat. Wie dunkel es “ ſprach hier iſt! Sie ſitzen wie in einem Keller. Wenn Herr h dieſem Berthold bei dieſem Pfennigkerzchen ſeine Bücher eigenen ſchreibt, dann wünſche ich ihm Glück zu der Stärke ſeiner Augen.... Guten Abend, meine Herren.“ Zuſtande Als die Tritte des Knechts wieder auf der Treppe uns nicht ertönten, öffnete Conrad den Brief, während Ber⸗ thold ſeinen Bewegungen mit geſpannter Aufmerkſam⸗ ich mein keit folgte. In ihrem Zuſtand konnte jede Stimme r wieder von außen nur neuen Hohn oder unverhoffte Rettung 3 es ein: bringen; darum klopfte das Herz beider Freunde g, welche beim Oeffnen des Briefs... ſchmerz⸗ Conrad erbleichte; er rieb ſich Stirn und Augen, Grabſtein als ob es ihm vor dem Geſicht dunkel wäre und der ſolche flimmerte. Ein erſtickter Angſtſchrei hob ſich endlich n großen aus ſeiner Bruſt. aufe des„Was haſt Du? Was enthält der Brief?“ rief rone des Berthold erſchreckt. Mißgunſt Statt aller Antwort reichte der Muſikus ihm den Brief hin. 288 „Wie, was habe ich geſehen!“ ſchrie der Jüng⸗ ling:„Eine Entlaſſung von Deiner Stelle in der Kirche? Unſere letzte Hoffnung? Das Stückchen Brod, das uns noch übrig blieb?.... Auf Grund ſchlechten Betragens!“ Der Muſikus hielt den Kopf geſenkt; es fielen Thränen auf ſeine Kniee. Zitternd vor Aufregung und Mitleid legte Ber⸗ thold den Arm um Conrads Schulter und ſagte: „Sei ruhig, armer Freund; tröſte Dich nur. Es iſt ja nicht um Dein eigenes Unglück, daß Du weinſt. Die Quelle Deiner Thränen iſt die Trauer, die Du empfindeſt, weil Du nun ebenfalls alle Träume von Ruhm und Größe für mich aufgeben mußt, nicht wahr? Komm, das Unglück hat uns nun gänzlich zerſchmettert; empfangen wir wenigſtens unſer Loos mit dem Muthe der Unterwerfung. Gib jetzt Deine Zuſtimmung zu meinem Verſuch bei Monk.“ „Lieber auf dem Speicher ſterben,“ murrte der Muſikus, vor Schmerz und Groll ſtöhnend.„Weg⸗ gejagt auf Grund ſchlechten Betragens!“ „Höre mich doch gutwillig an,“ flehte der Jüng⸗ ling.„Ich ſagte Dir, daß ich mich der bittern Er⸗ niedrigung unterziehen wolle, allein aus Liebe zu Dir.— Ich täuſchte Dich, Conrad, die Selbſtſucht war meinem Entſchluß nicht fremd. Wie kann ich noch ferner in dieſer Stadt bleiben? Und wäre ich auch ſo ſehr gerühmt und verehrt, als ich nun ge⸗ haßt und verabſcheut bin, ſo wäre für mich doch nicht ein ruhiger Tag mehr möglich. Morgen wird Laura vor Gottes Altar die Hand von Monk an⸗ nehmen. Du glaubſt, daß ich ſie nicht mehr liebe, weil ich vor Dir noch imn Schlaf, f Meine F aber ſie verbunde Mannes ihres W und grau und Körn muß weg den, wo ich war fünftauſe unſern5 ziehen ne Menſcher wir unbe verlieren Du wirſ ſchäftigu lernen, einem B im Frieꝛ Verbann „Wi Muſikus den Prei Conſc r Jüng⸗ in der en Brod, chlechten es fielen gte Ber⸗ agte: nur. Es u weinſt. die Du ume von zt, nicht gänzlich ſer Loos zt Deine irrte der 7 Weg⸗ er Jüng⸗ tern Er⸗ Liebe zu elbſtſucht kann ich wäre ich nun ge⸗ nich doch gen wird Konk an⸗ ehr liebe, 289 weil ich ſchon lang die Flamme, die mich verzehrt, vor Dir verborgen hielt. O Conrad, ihr Bild ſteht noch immer vor meinen Augen, ſie ſtört noch meinen Schlaf, ſie lebt noch fort in allen meinen Gedanken. Meine Frau kann ſie nicht werden, ich bekenne es; aber ſie mit einem andern Mann, mit einem Monk verbunden wiſſen! Ihr begegnen an der Seite ihres Mannes; vielleicht beſchmutzt werden von den Rädern ihres Wagens? O nein, mein Herz würde ſo viele und grauſame Wunden empfangen, daß mein Geiſt und Körper darunter zu Grunde gehen müßten. Ich muß weg, mich entfernen, fliehen, nach fernen Lan⸗ den, wo nichts mich mehr daran erinnern kann, was ich war und was ich hoffen durfte... Laß mich die fünftauſend Francs holen, Conrad. Wir bezahlen unſern Drucker; wir tilgen unſere Schulden, wir ziehen nach Frankreich, nach Paris! Dort, in dem Menſchenſchwarm der Weltſtadt verſchmolzen, werden wir unbekannt ſein; die Läſterung wird unſere Spur verlieren, der Neid wird uns nicht folgen können. Du wirſt wohl in einer oder der andern Kirche be⸗ ſchäftigung finden; ich werde arbeiten, ein Handwerk lernen, wenn es ſein muß; auf einer Druckerei, einem Bureau meine Dienſte anbieten. Wir werden im Frieden leben, ruhig und ſo glücklich, als arme Verbannte es ſein können.“ „Wie ſchön wäre dieſe Ausſicht,“ ſeufzte der Muſikus,„wenn die Verwirklichung davon nicht um den Preis der blutigſten Aufopferung erkauft werden müßte!“ es iſ meine Rettung, um welche ich Dich Cnilehe. Conſcience, der Geldteufel. „Ach, Conrad, es iſt nicht Deine Geneſung, nein, 290 Aus Mitleid für mich, laß uns dem Ort entfliehen, wo ſie lebt. Stimme zu!“ „Schrecklicher Gedanke!“ rief Conrad.„Ich ſehe Dich zu den Füßen des ſchurkiſchen Monk niedergebückt; Du ſtreckſt die Hände zu ihm aus; er lacht über Deine Erniedrigung!“ „Schweige, ſchweige, Conrad,“ ſtammelte Ber⸗ thold zitternd.„Laß meinen Muth halten. Wecke den Stolz nicht in meinem Herzen. Stimme zuz denn, weigerſt Du Dich, was ſoll geſchehen?“ „In der That,“ murmelte Conrad, indem er den Kopf auf die Bruſt fallen ließ,„weigere ich mich, was ſoll geſchehen?“ „Eine Frauenſtimme auf der Treppe?“ rief der Jüngling verwundert.„Täuſche ich mich oder iſt es Wahrheit? Mich dünkt, es iſt die Stimme der alten Margret— der Magd von meinem ſeligen Oheim? Kommt dieſes böſe Weib, uns in unſerer Armuth zu verhöhnen? Sie wohnt bei Monk; ein neues Unglück naht uns!“ Margret riß die Thüre auf, während ſie laut in ſich hinein brummte: „Mich wegjagen? der Schelm, der Betrüger, er ſoll wiſſen, warum!“ Ueberraſcht durch die halbe Finſterniß, welche in der Kammer herrſchte, und beſonders durch den An⸗ ſchein von Nacktheit und Armuth, blieb Margret er⸗ ſtaunt ſtehen. „Was wollt Ihr hier?“ fragte der Jüngling, welcher aufgeſprungen war und ſie mit zornigem Blick anſchaute. „Ci, ei,“ ſagte die alte Magd mit aufgehobenen Händen, Hätten S mehr erke Menſchen „Was „Ha Berthold ich Sie a würden n. küſſen.“ „Kein auf, inden ich!“ „Sie „Nun wo jedoch, w gekommen ches der geſtohlen Auf 2 des Ungl Ueberraſe Funke un „Scht „Höre w will.“ Und ſie zu eir entfliehen, „Ich ſehe ergebückt; lacht über nelte Ber⸗ u. Wecke imme zu; n?“ indem er eich mich, rief der h oder iſt timme der m ſeligen in unſerer NRonk; ein dſie laut trüger, er welche in den An⸗ argret er⸗ Jüngling, zornigem gehobenen Händen,„ſind Sie es, Herr Berthold? So mager! Hätten Sie nicht geſprochen, ich würde Sie nicht mehr erkannt haben. Wie das Unglück doch die Menſchen verändert!“ „Was wollt Ihr hier?“ wiederholte der Jüng⸗ ling. „Ha, ha,“ lachte Margret,„der gute Herr Berthold iſt böſe auf mich! Wüßten Sie, warum ich Sie auf dieſem garſtigen Speicher aufſuche, Sie würden mir vor Dankbarkeit und Freude die Hand küſſen.“ „Kein Wort mehr, Unverſchämte!“ fuhr Berthold auf, indem er drohend vorſprang.„Fort, fort, ſage ich!“ „Sie jagen mich weg?“ ſeufzte die alte Frau. „Nun wohl, ich will mich entfernen. Wüßten Sie jedoch, was ich Ihnen zu ſagen habe! Ich war gekommen, um Ihnen das Erbe zurückzugeben, wel⸗ ches der falſche Monk Ihnen geſtohlen hat; ja, ja, geſtohlen wie ein Dieb.“ Auf Bertholds Miene erſchien ein bitteres Lächeln des Unglaubens. „Monk hat Euch ſicher geſchickt, um uns im Elend zu verſpotten.“ Aber Conrad war aufgeſtanden; er zitterte vor Ueberraſchung und in ſeinem Auge glimmte ein Funke unterdrückter Freude. „Schweige, Berthold, halte Dich ſtill,“ flehte er. „Höre wenigſtens an, was dieſe Frau Dir ſagen will.“ Und Margret bei der Hand nehmend, führte er ſie zu einem Stuhle. 292 „Nun, gute Frau, ſetzt Euch und ſeid ruhig,“ ſagte er in freundlichem Tone.„Ihr wollt Herrn Berthold ſein Erbe zurückgeben, ſagt Ihr? Das Erbe, V das ihm durch Monk geſtohlen worden iſt...“ hinausgeworfen wie einen Hund,“ rief Margret, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend,„aber er ſoll es bereuen! Ich mußte ſeine Frau werden; es war ſo zwiſchen uns feſtgeſtellt, ſo lang der alte Robyn noch lebte; aber Monk hat mich, als ein ſcheinheiliger Schelm, der er iſt, abſcheulich betrogen. Morgen verheirathet er ſich mit Laura Kemenaer, weil ihr Vater viel Geld hat; denn, Sie werden es nicht glauben können, er liebt ſie nicht, er haßt ſie...“ „Aber ſprecht doch von dem Erbe,“ bat der Muſikus ungeduldig. Margret ſchien auf dieſen Ausruf nicht zu achten und fuhr in ihrer Rede fort: „Und die Laura? Sie verabſcheut ihn und iſt ſo ſehr von ihm behext, daß das arme Fräulein vor Schrecken und Angſt die Auszehrung bekommen hat ... Ja, ja, Herr Berthold, Sie wiſſen es vielleicht nicht; aber Laura ſieht Sie noch ſo gern, daß ſie wegſchmilzt wie der Schnee, weil ſie von Ihnen ge⸗ ſchieden iſt.“ Der Zorn des Jünglings war gänzlich ver⸗ ſchwunden; er hatte mit klopfendem Herzen und funkelnden Augen die letzten Worte der alten Dienſt⸗ magd gehört.— Nun fragte er ſie mit ſchmeicheln⸗ dem Tone und beinahe flehend: „Die Auszehrung? Laura die Auszehrung? Monk hat mich weggejagt, mich zur Thüre Sie liebt nur konn das Land weit getn nicht gla „Beſ „aber da „Alſt meine E rief Bert „Un- nicht?“ „Ihr ſprechen, ihr ins! Mar zurecht,! gewichtig mit einer bekomme ſtohlen l Der des Jür achtung. „Si d ruhig,“ ellt Herrn Das Erbe, V ur Thüre rgret, mit er ſoll es ; es war lte Robyn einheiliger Morgen weil ihr es nicht ſie.. bat der zu achten In und iſt äulein vor mmen hat z vielleicht a, daß ſie Ihnen ge⸗ azlich ver⸗ erzen und ten Dienſt⸗ chmeicheln⸗ szehrung? Sie liebt mich noch, ſagt Ihr, Margret? Wie könnt Ihr es wiſſen?“ „Nun, es war Monks größter Verdruß; und darum hat er Ihnen ſo viel Böſes gethan, als er ſnur konnte. Sie mußten ſterben vor Grimm, oder das Land verlaſſen;— und er würde Sie wohl ſo weit getrieben haben, wenn Sie es auch vielleicht nicht glauben: mit Geld kann man Alles.“ „Beſonders das Böſe!“ ſeufzte der Muſikus, „aber das Erbe, das Erbe?“ „Alſo iſt es Monk wirklich, der meinen Ruf und meine Ehre durch bezahlte Läſterung vernichtete?“ rief Berthold. „Und wie anders? Einfältiger, wußten Sie es nicht?“ fragte ſie mit Verwunderung. „Ihr kamt hieher, über Bertholds Erbe zu ſprechen,“ fiel der Muſikus mit geſteigerter Ungeduld ihr ins Wort. Margret ſetzte ſich gemächlicher auf ihrem Stuhl zurecht, huſtete einige Mal, als ob ſie ſich zu einer gewichtigen Aufklärung bereitete. Dann ſagte ſie mit einem ſchlauen Lächeln auf dem Geſicht: „Darüber wollen wir einmal ernſtlich ſprechen. Gute Rechnungen machen gute Freunde, ſagt das Sprichwort.— Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen das Mittel anzeige, um die Million zurückzu⸗ bekommen, um welche Monk Sie durch Betrug be⸗ ſtohlen hat?“ Der Muſikus ſah Berthold in die Augen; auf des Jünglings Lippen ſchwebte ein Zug der Ver⸗ achtung. „Sie weiß nichts!“ murrte er. 294 „Nichts? ich weiß nichts?“ wiederholte Margret. Drei Tage nach dem Tode des alten Herrn Robyn hat Monk mir ein Geheimniß anvertraut, ein Ge⸗ heimniß, das wohl ſchrecklich für den Betrüger ſein muß, da er mir mehr als ſechs Monate geſchmeichelt hat und vor meinen Füßen gekrochen iſt, wie ein Wurm, damit ich es verſchweigen ſollte. Wird dies Geheimniß vor Gericht bekannt gemacht, dann iſt das Teſtament nichtig vor dem Geſetz.“ „O Gott,“ rief der Muſikus mit aufgehobenen Händen,„möchtet Ihr die Wahrheit ſagen, Frau! Berthold, dann werden wir uns über die Läſterung erheben; uns würde die Macht gehören; nichts wäre im Stande, Dich auf Deiner Bahn zu hemmen; Dein Name würde einſt am Himmel der Kunſt als ein glänzender Stern leuchten!... Und dies Ge⸗ heimniß, Frau, dies Geheimniß?“ „Was geben Sie mir, wenn ich es Ihnen ent⸗ decke?“ fragte Margret mit ungeſtörter Ruhe. „Was verlangt Ihr? Was fordert Ihr?“ rief Conrad, vor Ungeduld zitternd. „Sie müſſen wiſſen,“ war ihre Antwort,„daß ich in Herrn Robyns Teſtament ſtehen ſollte; aber Monk hat es verhindert. Wären die Sachen den rechten Weg gegangen, dann hätte ich ein großes 1 Legat bekommen. Geben Sie mir das Legat zurück!“ „Aber wie viel? wie viel?“ „Doch wohl einige tauſend Francs.“ „Wie viele tauſend? Sprecht.“ „Ich will billig ſein. Sind zwanzigtauſend Francs zu viel?“ „Ne fünfund „D ſind noc ihr Sti Aber do „38 Dienſt, wohl ſo Francs dieſelbe an, wot „I. will ich für ung nicht ſo zweiflur Papier ſeufzte 2c Fußes! wußte uns ir Ihr ke Margret. rn Robyn . ein Ge⸗ rüger ſein ſchmeichelt „wie ein Wird dies dann iſt gehobenen n, Frau! Läſterung chts wäre hemmen; Kunſt als dies Ge⸗ hnen ent⸗ ihe. ihr?“ rief ert,„daß llte; aber achen den in großes t zurück!“ zigtauſend 29⁵5 „Nein, Ihr ſollt zwanzigtauſend Francs erhalten, fünfundzwanzig! dreißig!“ „Das heißt ſprechen,“ jauchzte Margret.„Sie ſind noch Menſchen, die einer alten Dienſtmagd nicht ihr Stück Brod für ihre alten Tage verweigern. Aber darf ich mich auf Ihr Wort verlaſſen?“ „Zweifelt nicht, Frau,“ antwortete Conrad,„der Dienſt, den Ihr Berthold erweist, iſt in der That wohl ſo viel werth. Ihr ſollt die dreißigtauſend Francs haben.— Nicht wahr, Berthold, ſie ſoll dieſelben haben. Seht Ihr wohl, Frau? Nun ſagt an, worin beſteht das Geheimniß?“ „Ihr betrügt mich nicht?— Nun wohl, dann will ich ſprechen. Das Geſetz erklärt alle Teſtamente für ungültig, auf welchen kein Datum ſteht. Iſt es nicht ſo?“ „Ja; was wollt Ihr ſagen?“ „Es ſteht kein Datum auf dem Teſtament von Herrn Robyn.“ Der Muſikus ſprang nach dem Tiſch, öffnete die Schublade und ſuchte mit zitternden Händen nach einem Papier. Als er es gefunden hatte, warf er den Blick darauf.— Ein dumpfer Schrei der Ver⸗ zweiflung entrang ſich ſeiner Bruſt, und er ließ das Papier auf den Tiſch fallen, während er ſchmerzlich ſeufzte: „Bittere Täuſchung!“ „Schnell, entfernt Euch von hier, ſtehenden Fußes!“ fiel Berthold gegen Margret aus.„Ich wußte es wohl, daß Monk Euch geſchickt hat, um uns in unſerer Armuth zu verſpotten. O, wäret Ihr keine Frau!“ 296 „Was befällt Sie alle beide?“ brummte Mar⸗ gret erſtaunt.„Nun Ihr das Geheimniß wißt, meint Ihr mich mit Scheltworten vor die Thüre zu ſetzen? Ihr kennt mich nicht: es ſoll ſo leicht nicht gehen!“ „Aber, Frau, man hat Euch betrogen,“ ſagte der Muſikus.„Hier iſt eine buchſtäbliche Abſchrift des Teſtaments. Es trägt das Datum vom zwan⸗ zigſten April. Ich will glauben, daß Ihr nicht hie⸗ her kamt, mit der Abſicht, uns zu verhöhnen; aber geht jetzt...“ „Dem zwanzigſten April?“ wiederholte Margret. „Sie ſind deſſen gewiß?“ „Da liegt die Abſchrift; könnt Ihr leſen, ſeht her.“ „Hat dieſer Spott nun lang genug gedauert?“ murrte der Jüngling.„Wollt Ihr Euch entfernen, oder nicht?“ „Einen Augenblick,“ ſagte die alte Frau, ſich an der Stirne kratzend,„einen Augenblick, laßt mich nachdenken... Ha, Monk hat etwas vorgegeben? Hat mich betrogen? Er hat mir etwas weiß ge⸗ macht? Warum? Aber wenn meine erſte Ver⸗ muthung doch gegründet geweſen wäre?... Ja, ja, welch Licht! Nun weiß ich es!“ „Was wißt Ihr?“ ſtammelte der Muſikus, über die Aufregung der Frau verwundert. „Was ich weiß?— Das Teſtament iſt falſch: Herr Robyn hat es nicht gemacht.“ „Erklärt Euch; wie meint Ihr das?“ „Hören Sie. Der alte Herr Robyn ſträubte ſich, ein Teſtament zu machen. Wir fürchteten— 7 Schne Monk anfall nicht Am YT ſeinen ihm he daß er einen Teſtan gegen gebliel Robyn bei der ſei; ab begreif 2 „S Mon macher nicht oder z Tod i Seid und er mich d Co vor ſie verſink den S Haſt e „2 te Mar⸗ iß wißt, Thüre zu icht nicht ,“ ſagte Abſchrift im zwan⸗ nicht hie⸗ en; aber Margret. ſen, ſeht dauert?“ ntfernen, rau, ſich laßt mich gegeben? weiß ge⸗ rſte Ver⸗ 4. Ja, us, über ſt falſch: ſträubte dteten— Monk und ich— er könnte einmal von einem Schlag⸗ anfall überraſcht werden und uns ſomit das Legat nicht hinterlaſſen, welches er uns täglich verſprach. Am Morgen ſeines Todes flehte ich ihn noch an, an ſeinen letzten Willen zu denken. Alles, was ich aus ihm heraus bekommen konnte, war die Verſicherung, daß er in vierzehn Tagen, wenn es nicht beſſer ginge, einen Notar kommen laſſen wollte. Es war kein Teſtament da; ich bin davon überzeugt. Monk war gegen eine Viertelſtunde mit dem alten Mann allein geblieben.— Es wurde geklingelt: ich fand Herrn Robyn todt in ſeinem Lehnſtuhl liegen und erſchrack bei dem Gedanken, daß er ohne Teſtament geſtorben ſei; aber Monk ſagte mir, es beſtände ein Teſtament; begreifen Sie, was dies ſagen will?“ „Um Gottes willen weiter,“ flehte Conrad. „Sie müſſen wiſſen,“ fuhr Margret fort,„daß Monk die Handſchrift von Herrn Robyn ſo gut nach⸗ machen konnte, daß unſer Herr ſelbſt ſie beinahe nicht zu unterſcheiden vermochte. Ich hatte eine oder zwei Stunden zuvor Monk geſagt: ‚wenn der Tod ihn überraſcht, ſchreibt ſelbſt das Teſtament.“ Seid verſichert, Monk hat meinen Rath befolgt;— und er hat mir etwas Anderes weiß gemacht, um mich das vergeſſen zu machen...“ Conrad ſchaute eine Weile mit ſtarren Augen vor ſich hin, wie Jemand, der in tiefes Nachſinnen verſinkt; aber eben ſo raſch warf er den Mantel von den Schultern, lief nach der Wand, zog zitternd vor Haſt einen Ueberrock an, nahm ſeinen Hut und rief: „Berthold, den Brief, den Dir Monk ſchrieb! Schnell, gib mir den Brief!“ 298 „Was willſt Du thun?“ fragte der Jüngling. „Wo willſt Du hin?“ „Den Brief, den Brief... Ach, Berthold, wenn dieſer Verdacht auf Wahrheit beruhte! Du würdeſt Dein Erbe zurückbekommen; der böſe Monk würde beſtraft werden...“ „Bleibe hier,“ ſagte Berthold.„Du biſt krank, Conrad. Es iſt ja morgen noch Zeit genug, zu un⸗ terſuchen, ob an den Worten dieſer Frau etwas Wahres iſt.“ „Morgen?“ rief der Muſikus.„Nein, nein, und müßte ich die ganze Nacht laufen, und müßte ich vor Ermattung auf der Straße niederſinken, ich werde Laura zu retten ſuchen. Morgen iſt es zu ſpät, morgen wird er mit Laura getraut.“ „Du willſt Laura retten?“ rief Berthold.„Was ſagſt Du? Ich begreife Dich nicht. Ihre Heirath hintertreiben?“ Aber Conrad, von ſeiner Haſt wie fortgeriſſen, ergriff Margret bei der Hand, zwang ſie aufzuſtehen und zog ſie vorwärts, indem er ſagte: „Kommt, Ihr müßt mit mir, um Aufklärungen zu geben, Ihr ſollt die dreißigtauſend Francs haben. Folgt mir und verſucht zu laufen: keinen Augenblick dürfen wir verlieren.“ An der Thüre rief er noch ſeinem Freunde zu. „Berthold, ſo mir Gott hilft, wird Dir Alles zurückgegeben werden: Liebe, Ruhm eld, Alles, Alles!“ Die Schritte des Muſikus hallten auf der Treppe, entfernten und verloren ſich mit ausnehmender Ge⸗ ſchwindigkeit. B und ſ Lenker . 2 eine a währe in die nig, ſehen. der ſch wohl, und 1 würde ſein, gemac C fen, g die A 1 vorwã fühlen Leute: allzeit denkt. Jederr meines agling. wenn vürdeſt würde krank, zu un⸗ etwas n, und ich vor werde ſpät, Heirath eriſſen, uſtehen rungen haben. genblick de zu. Alles Alles, Treppe, der Ge⸗ Berthold hob die gefalteten Hände zum Himmel und ſchickte ein ſtilles doch feuriges Gebet zu dem Lenker der menſchlichen Schickſale. Zwölftes Kapitel. „Kommt, Theres, beeilt Euch ein wenig,“ ſagte eine alte Frau zu ihrer minder bejahrten Genoſſin, während ſie beide zum Stadtthor hinausſchritten, um in die Vorſtadt zu gelangen.„Beeilt Euch ein we⸗ nig, oder wir kommen zu ſpät, um die Braut zu ſehen. Ihr, die Ihr ſo junge Beine habt, ſolltet der ſchwarzen Lisbeth nicht folgen können? Man ſieht wohl, daß das menſchliche Geſchlecht alle Tage mehr und mehr verfällt: als ich in Euren Jahren war, würde ich lieber über einen Schlagbaum geſprungen ſein, als daß ich einen Umweg von drei Schritten gemacht hätte.“ „Ja, aber ich wage nicht in der Straße zu lau⸗ fen, gleich Jemand, der von Sinnen iſt,“ antwortete die Andere,„Jedermann ſieht uns nach.“ „Worauf Ihr doch doch Acht gebt! Kommt nur vorwärts: ein armer Menſch braucht nicht ſo zart⸗ fühlend und verſchämt zu ſein. Es iſt gut für reiche Leute: die ſehen einander nach den Augen und ſind allzeit bekümmert, zu wiſſen, was man von ihnen denkt. Wir haben nach Niemand zu fragen, Theres; Jedermann kann doch wohl ſehen, daß wir nur ge⸗ meines Volk ſind. Es iſt an uns nichts zu preiſen, 300 und wer nichts Gutes zu erwarten hat, braucht nichts Böſes zu fürchten.“ Theres folgte eine Weile ſtillſchweigend.— Als beide in der Vorſtadt angelangt waren und einen Nebenweg einſchlugen, fragte ſie: „Aber Lisbeth, kennt Ihr die Braut? Habt Ihr ſie ſchon je geſehen?“ „Ja, ich habe ſie wohl zwei oder dreimal vor dem Thor der großen Kirche aus der Kutſche ſteigen ſehen. Sie hat mir einmal einen Franc gegeben, als ich ſie um ein Almoſen bat;— aber es iſt wohl fünf Monate her.“— „Und ſie iſt wirklich ſchön?“ „Schön? wie gemalt.“ „Weiß von Haut?“ „Wie eine Lilie.“ „Schwarze Augen?“ „Wie Pech.“ „Ein kleiner Mund?“ „Wie eine Roſenknoſpe.“ „Schlank von Gliedern?“ „Wie die Engel, die über dem Hochaltar ſtehen.“ „Es iſt etwas, das ich nicht begreifen kann,“ ſagte Theres.„Die reichen Leute ſind meiſtentheils ſo ſchön von Angeſicht, ſo weiß von Haut und ſo fein von Gliedern;— die armen Leute ſind im Ge⸗ gentheil ſo grob von Körper; ſie haben meiſtens platte Naſen, große Mäuler, knochige Arme und Beine. Wie mag das kommen? Alle Menſchen, arm oder reich, ſind ja doch von demſelben Blut?“ „Theres, Theres, Ihr verirrt Euch in Euren Gedanken,“ antwortete die ſchwarze Lisbeth.„Ich glaube armen grob v glaubt gehen einen ich? S wohl, Gebein len ihr ſeit ſeck daß e reicher einem und ſo Wer j neben Es ge teufel, nen YN ſeine; laut a einem kann d den he G d „* Menſce 7I nichts Als einen Habt l vor eigen eben, es iſt hen.“ ann,“ theils nd ſo Ge⸗ iſtens und ſchen, 1t?“ FEuren glaube, daß Gott es aufs Beſte geſchickt hat. Die armen Leute müſſen arbeiten, und darum ſind ſie grob von Gliedern und ſchwer von Knochen. Wie glaubt Ihr, daß es einem ſolchen gläſernen Fräulein gehen würde, wenn ſie ſich alle Wochen zweimal an einen Muſchelkarren anſpannen laſſen müßte, wie ich? Sie würde darunter erliegen... oder würden wohl, wenn ſie es eine Zeitlang durchmachte, ihre Gebeine eben ſo ſtark werden und die Sonnenſtrah⸗ len ihre Haut verbrennen, wie ſie nun die meinige ſeit ſechzig Jahren verbrannt haben. Du ſiehſt wohl, daß es nicht in dem Blut liegt. Laß einmal ein reicher⸗Leute⸗Kind von ſeinen jungen Jahren mit einem Schiebkarren laufen, es wird auch ſo knochig und ſo grob von Gliedern werden, wie ich oder Du.“ „Und es iſt der Schreiber von Herrn Robyn ſel., der Alles von dem alten Geizhals geerbt hat und ſich nun mit dem engelſchönen Fräulein verheirathet? Wer ſollte doch ſo etwas gedacht haben, als wir neben Robyns Leichnam ſaßen, ihn zu bewachen? Es geht über meinen Verſtand. Der garſtige Geld⸗ teufel, ohne Haar an ſeinen Augen! Hätte ich kei⸗ nen Mann und der käme, mich zu fragen, ob ich ſeine Frau werden wollte, ich würde vor Schrecken laut aufſchreien. Sein ganzes Leben zubringen mit einem ſo abſcheulichen Geſicht vor den Augen? Wie kann das ſchöne Fräulein doch Liebe empfinden für den häßlichen Kerl?“ „Das Geld, Theres, das Geld, Kind.“ „Das Geld? Aber ein Menſch bleibt doch allzeit Menſch.“ 302 „Ja, ein Menſch, wie wir denken, daß die Men⸗ ſchen ſind; aber wir irren uns.“ „Eine Heirath ohne ein Bischen Liebe. Ihr würdet ſagen, daß es eine Hölle ſein muß; und den⸗ noch ſcheinen die reichen Leute in größerem Frieden zu leben, als wir. Es gibt viele Dinge, die wir mit unſerem einfältigen Verſtand nicht begreifen können.“ „Nun, Theres, es iſt einfach genug. Wozu iſt die Liebe in einer Haushaltung nöthig? Um einan⸗ der in Kummer zu tröſten und die ſchwere Laſt des Lebens zuſammen bis zum Kirchhof zu tragen. Sie, die niemals einen Kummer haben und ſingend und tanzend durch die Welt ziehen, haben keine Liebe nöthig... Es iſt ſo eine eigene Sache in großen Häuſern um eine Heirath!“ „Ich glaube, Lisbeth, daß Ihr nicht viel davon wißt; von Eurem Speicher aus könnt Ihr doch nicht ſehen, was bei den reichen Leuten geſchieht.“ „Bin ich nicht zwanzig Jahre lang Taglöhnerin geweſen und habe ich nicht in hundert großen Häu⸗ ſern geſcheuert und gewaſchen? Was ich nicht ſah, erzählten mir die Dienſtboten.“ „Und wie geht es denn dort mit einer Hei⸗ rath?“ „Seht, das will ich Euch einmal ſagen. Jedes Fräulein weiß zum Voraus, mit wie viel Geld ſie ſich verheirathen darf; aber das Herz iſt jung und die Liebe blind, ſagt das Sprichwort. Es geſchieht gewöhnlich, daß das Fräulein ſeine Augen auf einen ſchönen und braven jungen Herrn fallen läßt, ohne ihn erſt zu fragen, wie viel Geld er hat. Dann kommt und de beginne noch m könnte ſie. T und ſar oder ſt funden den M da ſagt bei dieſ grundhe viel G Bekann Herrn! Einwill dachte, kommt der Vater, der die Rechnung für ſie macht und den jungen Herrn vor die Thüre ſetzt. Dann beginnen die Eltern zu fürchten, daß ihre Tochter noch mehr von dieſen armer⸗Leute⸗Grillen annehmen könnte, und ſuchen nun ſelbſt einen Mann für ſie. Den einen oder andern Tag kommt der Vater und ſagt dem Fräulein: ‚ich habe ſo viele tauſend oder ſo viele hunderttauſend Francs für Dich ge⸗ funden; Du mußt Dich damit verheirathen. Ob ſie den Mann kennt oder nicht, ob er häßlich genug iſt, daß die Kinder vor Schrecken Gichter bekommen, ob er dumm und böſe iſt, das thut Alles nichts zur Sache. Das arme Fräulein weint, ſeufzt und trauert eine Zeit lang; aber doch verheirathet ſie ſich mit dem Geld...“ „O, Ihr ſprecht immer Böſes von den reichen Leuten,“ fiel Theres ihr in die Rede.„Was Ihr da ſagt, kann wohl einmal geſchehen; es fällt ſelbſt in unſerer Straße wohl vor, daß die Eltern ein Mädchen gegen ihren Willen verheirathen, weil ein Bischen Geld ihnen die Augen verblendet; aber das kann ſo wenig unter vornehmen Leuten die Regel ſein, als unter den Menſchen von unſerem Schlag.“ „Ja, darin habt Ihr vielleicht wohl einigermaßen Recht, Theres, aber iſt es nicht ſo auch geſchehen bei dieſem Herrn Kemenaer, deſſen Tochter nun einen grundhäßlichen Menſchen heirathet, weil er ſchrecklich viel Geld beſitzt? Sie hat von Kindesbeinen an Bekanntſchaft mit dem jungen Herrn gehabt, der bei Herrn Robyn wohnte; und ihr Vater hat längſt ſeine Einwilligung zu ihrer Heirath gegeben. Jedermann dachte, Herr Berthold— ich glaube, ſo heißt er— 304 werde das Vermögen von ſeinem Oheim erben; aber das Teſtament gab Alles dem Schreiber. Der Wind drehte ſich und die Liebe des ſchönen Fräuleins auch. Sie hatte Berthold gern geſehen; nun ſah ſie den Schreiber gern; das will ſagen: wo das Geld war, da war auch ihre Liebe... Kommt etwas ſchneller vorwärts. Seht einmal dort in der Allee, wie viel Volk ſchon vor Herrn Kemenaers Hauſe ſteht!.. Ja, ja, Theres, ſo geht es in den großen Häuſern. Wir würden ſagen: es iſt Falſchheit und Seelenver⸗ käuferei; aber, o Gott, Kind, was kennen wir davon?“ „Nun, Lisbeth, ehe wir die Menſchen tadeln und richten, ſollten wir uns doch wohl einmal in ihren Platz denken. Wäreſt Du reich und hätteſt eine Tochter, würdeſt Du ſie einen armen Jungen heira⸗ then laſſen, der keinen Heller in der Welt beſitzt? Mit Geld kauft man die Butter und in einer Haus⸗ haltung iſt bald viel verthan;— ſieht man einan⸗ der dann wohl gern in einem Hauſe, wo die Mäuſe Hungers ſterben?“ „Das iſt wohl wahr; ich will nicht ſagen, daß ſie dieſen Berthold heirathen müßte; aber gibt es denn in ihrem Stande keine jungen Männer mehr, daß ſie einen Pavian, ohne Haar an den Augen, wählen mußte, weil er eine Million hat, wie die Leute ſagen?... Wir ſind da. Bleibt nur allzeit hinter mir;— es muß ſchon ein ſtarker Burſche ſein, der die ſchwarze Lisbeth zur Seite drücken wollte! Wir wollen dicht an das Thor zu gelangen ſuchen, anders ſehen wir die Braut doch nicht.“ „Ach, Lisbeth, was für zwei ſchöne Kutſchen,“ rief Theres.„Und der Bediente da droben mit V V ſeinem der auf „N ſie ſind wie ſie den Kon die Kriy bars, d wenn e den Pfe freſſen! ſich ab Laß und dann hü Vor ſich vie Mädcher pen zuſe Hochzeit die präc ſprachen Eine ten zu ſ ſtickten? wie ſie ten häng Schimme Ohren, blenden Alle aufgeriſſ gierde o Conſci n; aber r Wind s auch. ſie den Id war, chneller vie viel 11.. äuſern. Llenver⸗ avon?“ eln und n ihren iſſt eine heira⸗ beſitzt? Haus⸗ einan⸗ Mäuſe n, daß gibt es mehr, Augen, wie die allzeit Burſche wollte! ſuchen, iſſchen,“ en mit ſeinem gelbgrünen Kragen; er gleicht einem Papagei, der auf ſeiner Stange ſitzt!“ „Nehmt Euch vor den Pferden in Acht, Theres; ſie ſind nicht ſo höflich, wie ihre Gebieter. Sieh, wie ſie vor Ungeduld auf den Boden ſtampfen und den Kopf vor Stolz hintenüber werfen. Dies macht die Krippe voll Hafer. Das Pferd unſeres Nach⸗ bars, des Fuhrmanns, iſt niemals glücklicher, als wenn es ſeine Füße ſtill halten kann. Es iſt mit den Pferden wie mit den Menſchen, Kind: die einen freſſen viel und arbeiten wenig; die andern rackern ſich ab und bekommen nicht genug, um zu leben... Laß uns hier zu dem Haufen Mädchen hinſtehen; dann hören wir, was ſie ſagen.“ Vor der Wohnung Herrn Kemenaers befanden ſich viele Menſchen— meiſt Frauen und junge Mädchen aus der geringern Volksklaſſe, die in Grup⸗ pen zuſammengetreten waren und laut über Laura's Hochzeit mit dem millionenreichen Monk und über die prächtigen Brautkleider, die ſie tragen würde, ſprachen. Eine war damit beſchäftigt, in begeiſterten Wor⸗ ten zu ſchildern, wie Fräulein Kemenger in ſilberge⸗ ſtickten Atlas und ſchneeweiße Spitzen gekleidet ſei; wie ſie vom Kopf bis zu den Füßen voll Diaman⸗ ten hängen und wie ſie die Augen durch all den Schimmer von Gold und Cdelſteinen, die ſie in den Ohren, auf der Bruſt und an den Armen trüge, blenden würde. Alle die andern horchten mit offenem Mund und aufgeriſſenen Augen. Jedes Herz klopfte vor Be⸗ gierde oder Neid. Conſcience, der Geldteufel. 306 Sobald die prächtige Schilderung des Braut⸗ ſtaates vorüber war, brachen alle Zuhörerinnen in Rufe der Bewunderung aus; und ſelbſt die ſchwarze Lisbeth ſchlug die Hände zuſammen, als könnte ſie an ſo ſchöne Dinge nicht glauben. Man begann allgemein über das Glück der Reichen zu ſprechen und vornehmlich über das Glück von Fräulein Laura, die ſchon an ſich reich war und noch dazu mit einer Million ſich verheirathete! Wie erfreut und ſtolz mußte ſie ſein, meinte man. Sie würde ihr Leben lang in der Kutſche fahren, in einem Schloß wohnen, zwanzig Diener und Dienerinnen um ſich herum ſtreichen ſehen, um auf das geringſte Zeichen ihres Fingers Gehorſam zu leiſten. So reich ſein, als das Meer tief, gekleidet ſein, wie eine Königin, und jedermanns Auge durch ihre Pracht blenden! Für dieſe einfältigen Frauen und Mädchen gab es kein größeres Glück auf Erden, und hätte man ihnen ge⸗ ſagt, daß Laura Kemenaer Kummer empfinde, und unter dem Glanz der Diamanten ihr Herz vor Schrecken und Betrübniß zerriſſen fühle, ſie würden ſich nicht wenig über ſolche Undankbarkeit verwundert haben. Und dennoch, während hundert Frauen und Mädchen ihr Glück beneideten, litt die arme Laura eine ſo ſchreckliche Marter, daß ſie den Tod als eine Gnade von Gott erflehte. Auf einem der oberſten Zimmer in Kemengers Wohnung waren einige Frauen— Kleidermacherin⸗ nen, Modiſtinnen und Dienſtmädchen— beſchäftigt, die Braut anzukleiden. Gewöhnlich wird bei ſolchen erfreulichen Vorbe⸗ reitung jedes S rechten andere einen 9 Hie und au von Be erhebun ander, einer K leidende Lau und hal machen hätte ſie loren. Wanger wahrſche welche gefloſſen bei jede der krar ſie gerie des Kop hoffnung erfüllte. Die ſtille wi man no um ihr es nicht Braut⸗ innen in ſchwarze önnte ſie begann ſprechen n Laura, nit einer und ſtolz hr Leben wohnen, ) herum hen ihres ein, als gin, und n! Für es kein hnen ge⸗ de, und derz vor würden rwwundert nen und ne Laura als eine menaers nacherin⸗ ſchäftigt, Vorbe⸗ es nicht ſo? 30⁷ reitungen viel geredet und geſchwatzt; denn ſo wie jedes Stück der Kleidung angezogen und in ſeine rechten Falten gelegt iſt, muß eine Frau wie die andere der Braut eine Schmeichelei zukommen und einen Ruf der Bewunderung hören laſſen. Hier im Gegentheil herrſchte die peinlichſte Stille, und auf dem Geſicht der Frauen hatte ein Ausdruck von Betrübniß und Mitleiden die Stelle der Lobes⸗ erhebung eingenommen. Sprachen ſie auch mit ein⸗ ander, ſo geſchah es nur durch den Blick und um einer Klage Luft zu machen, die beim Anblick des leidenden Mädchens aus ihrem Buſen aufwallte. Laura ſtand in ihrer Mitte mit geſenktem Kopf und halb geſchloſſenen Augen. Sie ließ die Frauen machen und gab ſich ſprachlos zu dem Putz her, als hätte ſie das Bewußtſein ihres eigenen Weſens ver⸗ loren. Blaß wie eine Sterbende war ſie; über ihre Wangen liefen zwei bläuliche, faſt unerklärliche Linien, wahrſcheinlich die nachgelaſſenen Spuren der Thränen, welche die ganze Nacht hindurch aus ihren Augen gefloſſen waren. Sie wankte auf ihren Beinen und bei jeder Berührung der Frauen zitterten ihre Glie⸗ der krampfhaft. Wurde einige Mal eine Frage an ſie gerichtet, ſo antwortete ſie nur durch ein Zeichen des Kopfes, oder durch einen Blick, ſo traurig und hoffnungslos, daß ſie Alles um ſich her mit Mitleid erfüllte. Dieſe Brauttoilette glich alſo um ihrer Todten⸗ ſtille willen der Ankleidung einer Verurtheilten, die man noch ſchmückt, ehe ſie zum Schaffot geführt wird, um ihr Haupt auf den Block zu legen.— Und war 308 Als endlich die Braut in vollem Putze und mit allen ihren Juwelen ſo mitten im Zimmer ſtand, konnten die Frauen ihre Bewunderung nicht zurück⸗ halten.„Wie ſchön, wie prächtig, wie reich!“ mur⸗ melten ſie mit unterdrückter Stimme. Wahrlich, die Braut war ſchön. Ein Kleid von weißem moirirtem Atlaß, das aus Silberfäden ge⸗ woben ſchien, umfaßte ihre Taille und fiel in fließen⸗ den Wellenlinien hinter ihr zur Erde. Eine Krone von Orangenblüthen umkränzte ihre gagathſchwarzen Locken. Von ihrem Kopf hing ein Spitzenſchleier herab, der ſie ganz verhüllte und wie eine durch⸗ ſichtige Wolke ſchneeigen Duftes einſchloß. Das grüne Licht der Smaragde blitzte in ihren Ohren; die rothe Gluth der Rubine funkelte an ihrem Arm, aber auf ihrem Buſen ſchien aller Glanz, alles Feuer der edelſten Geſteine durch die Geſchicklichkeit des Künſt⸗ lers zu einem ſtrahlenden Brennpunkt vereinigt. Dies war Monks reichſtes Geſchenk: ein Roſenbouquet von koſtbaren Diamanten, ſo groß, ſo mannigfaltig und ſo rein, daß bei der geringſten Bewegung der ver⸗ wunderten Frauen tauſend Strahlen und Funken wie von einem wirklichen Feuer ihnen in die Augen ſchoſſen. Eine Weile ſtarrten Alle die prächtige Braut an, während eine von ihnen noch hie und da eine Falte des Kleides verbeſſerte. Dann ſagte dieſelbe in einem Ton, der eher von Mitleid als Schmeichelei zeugte: „Ich wünſche Ihnen Glück, Fräulein: es iſt ge⸗ ſchehen.“ Laura ging langſam auf die Seite und ſuchte mit der macherit das Me gerichtet Her er ſich war, d ſchloß d Zitt und kar denlaut ſtürzten vergnüc „O können, Ihr „Lo Unſer Da⸗ Arme i zweifelt und mit er ſtand, t zurück⸗ !“ mur⸗ leid von äden ge⸗ fließen⸗ ie Krone chwarzen enſchleier e durch⸗ as grüne die rothe aber auf euer der s Künſt⸗ gt. Dies zuet von ltig und der ver⸗ Funken e Augen raut an, ine Falte eher von s iſt ge⸗ d ſuchte mit der Hand nach einem Stuhl;— aber die Kleider⸗ macherin ſtieß einen Schreckenslaut aus, während ſie das Mädchen am Arm ergriff. „Fräulein, Sie dürfen ſich nicht ſetzen,“ ſagte dieſelbe,„Sie werden Ihr Brautkleid zerknittern.“ Auf Laura's Angeſicht erſchien ein Lächeln ſo voll Spott, ſo voll Betrübniß, daß die Frau erſtaunt ſich zurückzog. Das Mädchen ließ ſich ohne irgend eine Vorſicht auf den Seſſel fallen und ſchien abſichtlich das präch⸗ tige Brautkleid zerknittern zu wollen. Sie ſprach jedoch nichts und hielt den ſtarren Blick zur Erde gerichtet. Herr Kemenaer trat in das Zimmer. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß die Toilette vollendet war, dankte er den Frauen für ihre Dienſte und ſchloß die Thüre hinter ihnen. Zitternd ſah Laura den abgehenden Frauen nach; und kaum waren ſie verſchwunden, ſo ſtieg ein Freu⸗ denlaut aus dem Buſen des Mädchens auf. Thränen ſtürzten ſtrömend über ihre Wangen und mit einem vergnügten Lächeln rief ſie: „O Glück! ich werde wenigſtens noch weinen können, ehe mein Mund den falſchen Eid ausſpricht!“ Ihr Vater ergriff ihre Hand und ſagte bittend: „Laura, mein Kind, noch einen Augenblick Muth. Unſer Schickſal wird bald erfüllt ſein.“ Das Mädchen ſprang auf, warf ihre beiden Arme um ſeinen Hals, und während ſie ihn ver⸗ zweifelt umſchlungen hielt, rief ſie aus: „Vater, Vater, wenn Gott uns beide nur ſterben ließe! So, in den Armen von einander! Wenn 310 Er durch ein Wunder die Sichel des Todes zwiſchen uns und Monk niederlegen wollte! Ha, wie würden unſere Seelen den Herrn loben um ſeiner Barm⸗ berzigkeit willen, nicht wahr?“ „Schweige, Laura, ſprich nicht ſo,“ flehte der Vater.„Aus Liebe zu mir bezwinge Deine Thränen. Man erwartet Dich unten; Jedermann wünſcht Dich zu ſehen. Du mußt mir folgen...“ „Iſt er bereits da?“ rief das Mädchen mit Schrecken. „Nein, er noch nicht: einer der Zeugen und fünf oder ſechs unſerer Freunde. Man will wiſſen, ob Deine Toilette fertig iſt. Sei nicht unhöflich, es kann doch zu Nichts helfen.“. „Es kann zu Nichts helfen!“ wiederholte das Mädchen.„Nichts kann helfen! Gott hat mich alſo wirklich verlaſſen? Keine Hoffnung mehr: der böſe Teufel wird meine Seele haben auf ewig, auf ewig! O, ich kann es noch nicht glauben; es iſt zu greulich. Binnen einiger Stunden werde ich ihm angehören, zum Eigenthum, als eine Sclavin ohne Willen; er wird mich aus Deinen Armen reißen, mich nach ſeiner Wohnung führen.... Und dann, und dann?“ Dieſer Gedanke ſchien ſie mit Wahnſinn zu ſchla⸗ gen; ſie ſtreckte die zitternden Hände aus und zog ſich nach der Mauer zurück, als wollte ſie einer ſchrecklichen Erſcheinung entfliehen. Ihr betrübter Vater ſchüttelte den Kopf und that ſich ſolche Gewalt an, um den Fluß ſeiner Thränen in ſeinem Herzen zurückzuhalten, daß Wangen und Lippen bebten.— Er faßte aufs Neue die Hand 0 ſeiner 5 Stimme meine L ſtark un zu nehn zu bewe Verſpre ergrimn abſtehen Deinen Wenn Deinen Deinen was n. Hand e vor Ge urtheilt Da gewiehe Wi Vater nahmer Ker knieend Deinen Thräne Jedern wühlt; das S wiſchen würden Barm⸗ hte der hränen. ht Dich en mit id fünf ſen, ob ich, es lte das ich alſo er böſe fewig! reulich. ehören, en; er h nach dann?“ ſchla⸗ nd zog einer d that hränen en und Hand ſeiner Tochter und ſagte mit Verzweiflung in der Stimme: „Laura, meine vielgeliebte Laura, vergrößere meine Leiden nicht. Du verſprachſt mir noch geſtern, ſtark und muthig zu bleiben; das Unglück auf Dich zu nehmen, um Deinen armen Vater vor Entehrung zu bewahren. Warum erfüllſt Du Dein liebreiches Verſprechen nicht? Herr Monk iſt bereits ſo tief ergrimmt; er hat bereits von ſeiner Heirath mit Dir abſtehen wollen, um ſeine Nache auf mich, auf Deinen unglücklichen Vater, niederfallen zu laſſen. Wenn Du ihn nun vor Jedermanns Augen durch Deinen unverholenen Abſcheu verhöhnſt, und durch Deinen Haß ſeinem Stolze blutige Wunden ſchlägſt, was meinſt Du, wird er thun? Er wird Deine Hand ausſchlagen... aber dann wird Dein Vater vor Gericht gebracht und zu ewiger Schande ver⸗ urtheilt.“ Das Raſſeln einer Kutſche näherte ſich und Pferde⸗ gewieher ließ ſich draußen hören. Wie ein Nervenſchlag traf es zu gleicher Zeit Vater und Tochter, als ſie dieſes Geräuſch ver⸗ nahmen. Kemenaer ſank vor dem Mädchen zu Boden und ſprach in bittendem Tone: „Laura, Laura, er iſt da! Siehe, ich liege knieend zu Deinen Füßen. Ach, habe Mitleid mit Deinem Vater! Komm, komm hinunter; wiſche die Thränen aus Deinen Augen; verbirg, wie ich, vor Jedermann, welch ein Schmerz Deinen Buſen durch⸗ wühlt; verſuche zu lächeln.... o, Vergebung, Laura, das Schickſal zwingt mich!“ 312 Sich erhebend, faßte er ſie bei der Hand, zwang ſie, von dem Stuhl aufzuſtehen, und wollte ſie nach der Zimmerthüre fortziehen; aber das Mädchen wider⸗ ſtand ſeinem Drängen mit ſolcher Kraft, als ob ihre Füße an den Boden gefeſſelt geweſen wären. „Mein Gott, mein Gott,“ ſchrie Kemenaer, ſich mit den Händen vor die Stirne ſchlagend,„ſie will mich zu ewiger Schande verurtheilen!“ Laura wurde von dem herzzerreißenden Schrei ihres Vaters tief getroffen. Als wäre es zu einem plötzlichen Entſchluß in ihr gekommen, erhob ſie den Kopf, ſprang vorwärts nach der Thüre und rief mit einem wahnſinnigen Lachen auf dem Geſicht: „Komm, Vater, komm; es iſt geſchehen: ich über⸗ liefere mich dem Schickſal! Komm, Du ſollſt mit mir zufrieden ſein...“ Und mit ſeltſamer Haſt lief ſie, von ihrem Vater gefolgt, hinunter. Als ſie jedoch Monks Stimme zwiſchen andern Stimmen hinter der Doppelthüre des Saals ertönen hörte, entſiel ihr der Muth. Mit langſamem Schritt und geſenktem Kopf trat ſie an der Hand ihres Vaters in den Saal. Bei ihrem Erſcheinen durchlief ein Ausruf all⸗ gemeiner Bewunderung den Saal, und die Worte: „wie ſchön! wie prächtig!“ waren die einzigen, welche Laura's Ohr zuerſt trafen. Daß ihre Augen roth, ihre Wangen bleich waren, das be⸗ fremdete die Anweſenden nicht; es war natürlich, meinten ſie, daß eine junge Braut ihren jungfräu⸗ lichen Stand beweinte und mit Betrübniß vom elter⸗ lichen Hauſe ſchied, um ein ganz neues Leben zu be⸗ ginnen, deſſen Unkenntniß ſie erſchreckt. So der Se Aerger deckte, Abſcheu Jed Lächeln wenn ſi Freuden unſere? Es iſt ſollten doch nie Aufregr Lau Ihre G kleid rau Mit bringen! mich, meiner Kem in ſeiner Hand ſe „Lal Deines zwang ſie nach mwider⸗ ob ihre eer, ſich ſie will Schrei einem ſie den ief mit h über⸗ lſt mit Vater btimme elthüre . Mit ſie an if all⸗ Vorte: zigen, ihre s be⸗ ürlich, gfräu⸗ elter⸗ u be⸗ 313 So dachte aber Herr Monk nicht. Er warf von der Seite einen Blick auf Laura und zitterte vor Aerger und Zorn, als er auf ihrem Angeſicht ent⸗ deckte, daß nicht die mindeſte Milderung in ihrem Abſcheu vor ihm eingetreten war. Jedoch faltete er ſeine Lippen zu einem offenen Lächeln, trat auf das Mädchen zu und faßte ſie bei der Hand. „Komm, komm, meine Liebe, habe Muth,“ ſprach er.„Junge Mädchen vergießen immer Thränen, wenn ſie zur Hochzeit gehen. Und doch iſt es ein Freudentag. Hebe doch den Kopf in die Höhe; laß' unſere Freunde auch Dein ſchönes Geſicht bewundern. Es iſt ſo bleich, ſo bleich, Laura! Dieſe Herren ſollten bald denken, Du habeſt Kummer. Es iſt dem doch nicht ſo? Du haſt geweint; aber es iſt die Aufregung, nicht wahr?“ Laura, mehr todt als lebendig, blieb ſprachlos. Ihre Glieder zitterten ſo ſehr, daß man ihr Atlaß⸗ kleid rauſchen hörte. Mit lächelndem Angeſicht den Mund an ihr Ohr bringend, drohte Monk mit düſterem Tone: „Du willſt einem Lamm gleichen, das von mir zur Schlachtbank geführt wird. Sei freundlich gegen mich, oder ich zerſchmettere Deinen Vater unter meiner Rache!“ Kemenaer hatte in Monks Augen geleſen, was in ſeinem Herzen vorging. Voll Angſt ergriff er die Hand ſeiner Tochter. „Laura, Laura!“ flüſterte er,„erinnere Dich Deines liebreichen Verſprechens!“ 314 „Fräulein wird ihrem Bräutigam keinen freund⸗ lichen Blick verweigern, nicht wahr?“ fragte Monk. Das Mädchen ſtieß einen Seufzer aus, als bräche ihr das Herz im Buſen. Sie lächelte und ſuchte ihrem Angeſicht einen Zug von Freundlichkeit zu geben; aber in der Tiefe des Blicks, den ſie mit krampfhafter Gewalt über ſich ſelbſt gemildert hatte, lag unausſprechliche Angſt und tödtlicher Seelen⸗ ſchmerz verborgen. „Ich habe keinen Kummer,“ ſagte ſie laut,„ich bin ohne Furcht;— aber um Gottes willen, laſſen Sie uns abgehen. Ach Monk, Monk, ſeien Sie doch nicht böſe über mich; vergeben Sie meine Aufregung; ich weiß nicht, was ich thue... Kommen Sie, nach dem Stadthaus, nach der Kirche.... o, eilen Sie, oder ich werde wahnſinnig!“ „Mit Freuden würde ich Deiner ſchmeichelnden Ungeduld entſprechen,“ antwortete Monk,„aber es iſt nicht möglich, meine Liebe. Unſer zweiter Zeuge läßt auf ſich warten; ohne ihn können wir nicht auf⸗ brechen. Halte Dich dazwiſchen gut und muthig und wehre unſere Freunde nicht ab, Deine prächtige Toilette zu beſichtigen. Dein Vater winkt mir; ich habe ein paar Worte mit ihm zu wechſeln.“ Sich zu der Geſellſchaft wendend, ſagte Monk im Tone gebietender Höflichkeit, welche Menſchen eigen iſt, die auf ihr Geld pochen: „Meine Herren, ſeien Sie ſo gütig und nach⸗ ſichtsvoll, es iſt nicht übel zu nehmen, wenn ich Sie auf einen kurzen Augenblick verlaſſe. Ich habe meinem Schwiegervater ein einziges Wort zu ſagen. Belieben Sie die Braut ein wenig zu unterhalten;— ihre Aufregt wird di keit beze Er „Nr haben 6 Mo He 1☛ fragte 5 für mich Stadtha Ihnen ich ſeit um Ihrn an mir nicht gr „Do Hohne. niedrigt über we rathen. Es vern Laura al während trauert, freund⸗ Monk. bräche ſuchte keit zu ſie mit hatte, Seelen⸗ it,„ich laſſen ie doch tegung; e, nach en Sie, helnden aber es Zeuge ht auf⸗ ig und Toilette abe ein Monk enſchen bnach⸗ ich Sie neinem elieben — ihre Aufregung iſt groß. Nachher, beim Hochzeitsmahle, wird dieſelbe Sie durch ihre heitere Liebenswürdig⸗ keit bezaubern.“ Er folgte Kemenaer in ein abgelegenes Zimmer. „Nun?“ ſagte Laura's Vater,„ehe wir abgehen, haben Sie mir noch etwas zur Hand zu ſtellen.“ Monk ſah ihn an, ohne zu ſprechen. „Haben Sie das Papier nicht mitgebracht?“ fragte Kemenaer erſchrocken.„Antworten Sie doch, was iſt Ihre Abſicht?“ „Ich überlege,“ murrte Monk,„ob ich nicht beſſer daran thue, alle Beziehungen zwiſchen uns mit einem Mal abzubrechen: ob es nicht vortheilhafter für mich ſei, zu dem königl. Prokurator, als zum Stadthaus zu fahren.“ „Es iſt nicht möglich, daß ſolche Gedanken in Ihnen aufſteigen!“ ſeufzte Kemenaer.„Nun, da ich ſeit ſechs Monaten mein Kind gemartert habe, um Ihnen den Willen zu thun, ſollten Sie ſich noch an mir rächen wollen? Warum? Bin ich denn nicht grauſam genug geweſen?“ „Das ſind Worte,“ ſpottete Monk mit bitterm Hohne.„Ihre Tochter iſt eine Undankbare: ſie er⸗ niedrigt mich in Gegenwart unſerer Freunde. Dar⸗ über wollte mir bereits das Blut in Wallung ge⸗ rathen. Das Glück hat mich hochmüthig gemacht! Es verwundet mich tief und macht mich raſend, daß Laura allein unbeugſam vor meinem Verlangen bleibt, während ſich Jedermann meinem Willen fügt!“ „Aber Monk, was kann ich dabei thun? Es iſt doch meine Schuld nicht? Alles iſt jetzt bereit. Laura trauert, ja; aber das iſt die Ungewißheit. Iſt ein⸗ 316 mal die Trauung vollzogen, ſo wird ſie ſich in ihr Schickſal ergeben. Sie werden dieſelbe gut behan⸗ deln, nicht wahr? Sie wird Ihnen dankbar werden; allmälig mehr Achtung für Sie empfinden; Sie viel⸗ leicht lieben. Kommen Sie, geben Sie mir das Pa⸗ pier; um Gottes willen geben Sie es mir!“ Monk ſchien ſich an der Angſt von Laura's Vater zu weiden und ließ ihn mit gefalteten Händen flehen, ohne ihm anders als mit einem leichten Schütteln des Kopfes zu antworten. „Aber,“ fuhr Kemengaer fort,„wenn Sie Laura nicht mehr zur Braut begehren, nehmen Sie dann die Hälfte meines Vermögens als Preis für die un⸗ glückſelige Schrift. O thun Sie das, Monk, lieber Monk, ich werde Sie als meinen Retter, als den Wohlthäter meiner Tochter ſegnen.“ „Zweihunderttauſend Francs?“ brummte Monk lachend,„mit Laura habe ich dieſe auch.“ „O laſſen Sie mir meine Ehre und mein Kind; und nehmen Sie Alles, Alles was ich beſitze.... noch werde ich vor Ihnen knieen und Ihnen danken.“ Ein zuſammengefaltetes Blatt Papier aus einer Brieftaſche nehmend, reichte Monk es Kemenger hin. „Da, nehmen Sie Ihr Handzeichen,“ ſagte er, „es iſt Laura, die ich haben muß! Sie würden dieſelbe ſonſt wohl noch einem betrunkenen Dichter geben.... Kemenager ergriff das Papier mit zitternden Hän⸗ den, ſah ſtarr darauf hin und ſtieß einen Triumph⸗ ſchrei aus, während er ſeine unglückſelige Unterſchrift davon abriß und zwiſchen ſeinen Händen vernichtete. Den übrigen Theil des Papiers warf er in das Feuer, gend it weisſtü Al⸗ Kopf d kühnen überraf barg j Grimm 7S „Einfäl nicht vi Monk Papiere Sie bis zu halt zurückge Kemena ſeiner in ihr behan⸗ verden; ie viel⸗ as Pa⸗ Vater flehen, hütteln Laura 2 dann die un⸗ lieber ls den Monk Kind; unken.“ 3 einer er hin. gte er, vürden Dichter n Hän⸗ lumph⸗ rſchrift ichtete. n das Feuer, das hinter ihm brannte, und ſchaute ſchwei⸗ gend in die Flammen, bis von dem gefürchteten Be⸗ weisſtück nichts mehr als Aſche übrig blieb. Als Herr Kemenaer ſich umwandte, hielt er den Kopf aufrecht und warf in Monks Augen einen kühnen und drohenden Blick, der Laura's Bräutigam überraſchte und vielleicht erſchreckte. Derſelbe ver⸗ barg jedoch ſeine plötzliche Bewegung unter einer Grimmaſſe der Verachtung. „Was bedeutet dieſer herausfordernde Blick?“ fragte er. „Er bedeutet, daß ich nun gleichfalls überlege, ob ich die Heirath nicht abbrechen ſoll,“ antwortete Kemenaer.„Auf jeden Fall, mein Herr, wie es auch ſei, werde ich keine Unhöflichkeit von Ihnen mehr dulden und Sie werden die Betrübniß meiner Tochter ehren, ſonſt...“ Monk zitterte und wurde bleich. „Sonſt weiſen Sie mir die Thüre?“ ſagte er. „Einfältiger Menſch, meinen Sie denn, ich habe nicht vorausgeſehen, was hier geſchieht? Sie kennen Monk nicht. Hätte ich in Robyns nachgelaſſenen Papieren keine andere Beweisſtücke gefunden, um Sie bis nach Vollziehung der Heirath unter Zwang zu halten, würde ich gewiß dieſe Schrift Ihnen nicht zurückgegeben haben.“ „Sie haben noch andere Beweisſtücke!“ ſtammelte Kemenaer mit plötzlichem Kleinmuth.„Sie täuſchen mich: es beſtand dieſe Handſchrift allein.“ „Noch zwei Handſchriften,“ ſprach Monk, bereits ſeiner Uebermacht gewiß.„Kommen Sie, kommen 318 Sie, Freund Kemenaer; ich werde ſie Ihnen zu⸗ ſtellen, ſobald wir aus der Kirche zurückkehren.“ Kemenaer hatte Grund, überzeugt zu ſein, daß Monk ihn betrog: gleichwohl hatte er ſolche Furcht vor der tiefen Verſchlagenheit ſeines Feindes, daß er ihm folgte, ohne noch ein⸗Wort weiter zu ſprechen. Beide traten in den Saal, wo Laura, die Augen zu Boden geſchlagen, auf einem Stuhle ſaß, während Jedermann ſie ſtill betrachtete. „Iſt Herr van Dol, unſer zweiter Zeuge, noch nicht hier?“ rief Monk mit einer Stimme, die Angſt und Ungeduld verrieth.„Ich will in der Allee nach ihm ſehen, und kommt er nicht, ſo gehen wir doch ab, und müßten wir auf dem Stadthaus einen andern Zeugen nehmen. Halte Dich inzwiſchen bereit, Laura; ich komme ſogleich wieder, Dich zu holen.“ Er verließ den Saal und begab ſich über den offenen Platz nach dem Thore, um auf die Straße hinauszuſchauen. Die Frauen und Mädchen, die ſchon ſo lang daſtanden und warteten, um die Braut im Vorbeigehen bewundern zu können, wichen bei Seite und ließen, als Monk vorüberging, ein ſelt⸗ ſames Gemurmel und Geflüſter hören. Als er wie⸗ der durch das Thor zurückgekehrt war, rief die ſchwarze Lisbeth: „Nun wohl, habe ich es Euch nicht geſagt, daß er keine Augbraunen hat und kein einziges Härchen an ſeinen Augen ſteht?“ „O mein, wie iſt er ſo häßlich!“ ſeufzte ein Mädchen.„Man ſollte darüber erſchrecken!“ 2 andere möchte. es ſtec Hemde, Die ins Oh „N ſieh, de eilig he ausgeſe Frauen drängen Die laſſen, den Ha und öff ten Rar „O Zuſchau Diaman der Kir viele H hängen: hnen zu⸗ en.“ ein, daß 2 Furcht es, daß ſprechen. e Augen während ge, noch e Angſt r Allee hen wir s einen zwiſchen Dich zu ber den Straße en, die e Braut hen bei in ſelt⸗ er wie⸗ ief die t, daß Härchen zte ein „Was für ein Eulengeſicht!“ murmelte eine andere.„Ich möchte ihn nicht mit all ſeinem Gelde.“ „Ja, das ſagſt Du wohl,“ bemerkte eine dritte, „aber Du würdeſt ſchon Viel thun, um Dein Leben lang in einer Kutſche fahren zu dürfen!“ „Habt Ihr geſehen,“ fragte eine alte Frau, „wie ſeine Katzenaugen funkeln? Es iſt ein Kerl, dem ich nicht gern allein in einem Walde begegnen möchte. Er mag ſo viel Geld haben, als er will, es ſteckt eine böſe Seele unter dieſem geſtickten Hemde, das ſage ich!“ Die ſchwarze Lisbeth flüſterte ihrer Gefährtin ins Ohr: „Nun wird die Braut kommen, Theres, denn ſieh, dort weit in der Allee, wie die vier Herren ſo eilig heranlaufen! Nach ihnen hat der Bräutigam ausgeſehen.“ „Da iſt ſie! Da iſt ſie!“ riefen plötzlich die Frauen und Mädchen, mit Gewalt nach dem Thore drängend. Die ſchwarze Lisbeth, die ſich hatte überraſchen laſſen, ſtreckte ihre zwei muskulöſen Arme zwiſchen den Haufen hinein, welcher ihr die Ausſicht benahm, und öffnete ſich durch einen einzigen Ruck einen wei⸗ ten Raum, um in den Hof ſehen zu können. „O, wie ſchön! O, wie ſchön!“ riefen alle die Zuſchauerinnen.„Seht einmal, ſeht einmal, lauter Diamanten! Es iſt wie bei unſerer lieben Frau in der Kirche! Die Augen ſind davon geblendet. Wie viele Hunderttauſende hat die wohl an ihrem Leibe hängen? Man ſollte glauben, ihre Bruſt ſtehe in Flam⸗ 320 men. Himmel, Himmel, wie ſchön iſt das!... Aus dem Weg, aus dem Weg, da iſt ſie!“ Die neugierigen Weiber wurden plötzlich durch vier Herren von ſonderbarem Ausſehen zurückge⸗ drängt, die rauh und dreiſt waren, als ob ſie allein das Recht hätten, auf dieſem Platze zu gebieten. Die barſchen Männer achteten nicht auf die Klagen und Vorwürfe der Mädchen und traten in das offene Thor gerade in dem Augenblick, da die Braut mit ihrer Geſellſchaft unter der Hausthüre erſchien. Einer der vier Männer ging direct auf den Bräutigam zu und ſagte ihm etwas ins Ohr. Monk wurde bleicher als der Tod und hielt ſich an dem Arm des Mannes, der ihm wahrſcheinlich eine ſchreckliche Botſchaft gebracht hatte; aber dieſer führte ihn drei oder vier Schritte bei Seite und fuhr fort, ihm einige leiſe Worte zuzuflüſtern. Kemenaer zitterte vor Ueberraſchung; Laura ſah zum Himmel, als hoffte ſie noch, daß Gott ſie retten werde. Alle Zuſchauer, ſowohl die Mädchen vor dem Thore, als die Genoſſen des Bräutigams war⸗ fen einander fragende Blicke zu. Monk wandte ſich um und ſagte zu Laura und ihrem Vater mit einer tödtlichen Beſtürzung, die er diesmal nicht verbergen konnte, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab: „Es widerfährt mir etwas Wunderliches, das ich nicht begreifen kann. Ich muß in aller Eile mit dieſen Herren irgend wohin gehen. Seid aber deßhalb unbekümmert: es iſt nichts. Man hat mich ver⸗ leumdet; mit einem Wort werde ich mich rechtfertigen. 8* 321 Aus Wartet noch ein wenig; eine Viertelſtunde höchſtens; lich kehre eilig wieder...“ h durch Unter dieſen letzten Worten folgte er dem Unbe⸗ urückge⸗ kannten; dieſer ließ ihn in einen der Wagen ſteigen e allein und ſetze ſich⸗ſelbſt mit zwei ſeiner Begleiter hinein, gebieten. worauf er dem Kutſcher einen Befehl gab... Die Klagen Pferde wurden angetrieben, der Wagen flog wie ein 8 offene Pfeil durch die Allee und war bereits aus dem Ge⸗ aut mit ſicht verſchwunden, ehe Jemand der Zuſchauer von en. ſeinem Erſtaunen ſich erholte. auf den„Ei, lieber Himmel, der Geldteufel muß ins Monk Loch!“ rief die ſchwarze Lisbeth.„Er hat in der an dem That ein Geſicht, das gut wäre, um an dem Galgen ch eine zu hängen. Wie doch ein Heller rollen kann!“ er führte„Freue Dich noch nicht! bezwinge Dich!“ ſagte hr fort, 1 Kemenager mit fieberiſcher Haſt zu Laura, deren An⸗ geſicht von einer Art bewußtloſen Lächelns erhellt ura ſah war.„Es ſind Gerichtsdiener! Was mag es be⸗ e retten deuten? Gehe hinein, Laura; verhalte Dich ſtill den vor und ruhig. Ich will wiſſen, was geſchieht; ich werde is war⸗ ihm folgen, Aufklärung holen, zurückkehren. Geh hinein, geh hinein!“ Und dies ſagend, eilte er nach einem der Wagen, öffnete ihn und rief dem Kutſcher zu: 1„In vollem Trabe nach dem Juſtizgebäude!“ ra und die er cch auch 3, das File mit Dreizehntes Kapitel. deßhalb. ch ver Berthold ſtand, die Arme über die Bruſt ge⸗ ertigen. kreuzt, am Fenſter ſeiner ärmlichen Bodenkammer und * ſah durch die grünen Scheiben weit über die Dächer Conſcience, der Geldteufel. 21 3 22 der Häuſer hinaus. Schon lange Zeit hielt er, be⸗ wegungslos wie eine Bildſäule, den Blick nach einem hohen Kirchthurm gerichtet, deſſen vergoldete Uhren⸗ tafel im Morgenlicht ſchimmerte. Der unglückliche Jüngling folgte mit klopfendem Herzen den Zeigern der Uhrentafel in ihrem trägen Gang. So oft die Glocke den abgelaufenen Theil einer Stunde verkündigte, widerhallten die zitternden Töne ſo peinlich in ſeinem Innern, daß jeder Schlag ihm einen dumpfen Seufzer des Schmerzes und der Verzweiflung entriß... In dem Maße, als die Zeit vorſchritt, zeugten ſeine Augen von ſteigender Beängſtigung und wurde ſein Geſicht bleicher— bis endlich zehn wiederholte Schläge der Thurmuhr ihn ſo ſehr außer Faſſung brachten, daß er auf ſeinen Füßen wankte. Er entfernte ſich vom Fenſter, ſchlug ſich mit der Hand an die Stirne und rief im Tone der tief⸗ ſten Muthloſigkeit: „Zehn Uhr! Conrad iſt noch nicht zurück. Keine Hoffnung mehr!“ Und dann nach einer Pauſe düſterer Träumerei in die Ferne hinausweiſend, als ſähe er Etwas vor ſeinen Augen geſchehen, murmelte er zitternd: „Siehe, da iſt ſie! Die Brautkrone ſchmückt ihr Haupt. Monk reicht ihr den Arm. Der Gottloſe triumphirt; er lacht! Sie ſteigt in die Kutſche; die Pferde zertheilen die Luft, ſie fliegen... Weih⸗ rauchwolken erfüllen die Kirche; ein Loblied erſchallt durch die Gewölbe. Weihrauch und Geſang!... Es gibt ja wohl Weihrauch und Geſang bei einer Leiche. Warum nicht auch bei der Opferung eines 11 arme Alta und es i Schr felnt allm Beti Unſt ſittli Seel meſſ viell jung ſchaf ein ſchö⸗ Lebe ich ſtra⸗ gege ſie and liche meh Scht rühr den glär er, be⸗ einem Uhren⸗ fendem trägen Theil ernden Schlag nd der eugten wurde erholte aſſung ch mit er tief⸗ Keine umerei Etwas ond: ickt ihr ottloſe e; die Weih⸗ rſchallt i einer eines 11 323 armen Mädchens? Sieh, ſieh, da kniet ſie vor dem Altar. Monk ſteckt ihr den Trauring an den Finger ... der Prieſter fragt, ob ſie ihn lieben werde;— und ſie, ſie antwortet: ja!— O Jammer, Jammer, es iſt vollbracht!“ Er ließ ſich unter dem Eindruck dieſes letzten Schrei's auf einen Stuhl fallen und ſtarrte verzwei⸗ felnd zu Boden, bis ſeine fieberiſche Aufregung ſich allmälig etwas legte und ſeine Gedanken in andere Betrachtungen ſich verirrten. Dann ſagte er: „Sollte die Begierde nach Ruhm, der Durſt nach Unſterblichkeit, die Sehnſucht nach einem allſeitigern ſittlichen Leben— ſollte das Aufwallen unſerer Seele nach einem höhern Ziel eine ſündhafte Ver⸗ meſſenheit in Gottes Augen ſein? Iſt mein Loos vielleicht die Strafe des Hochmuths?— Ich war jung, begabt mit Denkkraft, mit Gefühl, mit Wiſſen⸗ ſchaft. Alles lachte mich an; meine Zukunft war ein Himmel voll glänzender Sterne. Ein Mädchen, ſchön und rein wie ein Engelsbild, ſollte meinen Lebenspfad mit den Blumen ihrer Liebe beſtreuen; ich ſollte reich ſein: der Glanz des Goldes mich um⸗ ſtrahlen... aber, o wehe, die Seele, die Gott mir gegeben, verlangte nach mehr; höher ſollte ſie ſteigen; ſie wollte ſelbſt vor dem Tode meines Körpers das andere Leben genießen: das Leben in der überſinn⸗ lichen Welt des Geiſtes und der Phantaſie, ſich Gott mehr annähern, dem Himmel einen Funken ſeines Schöpfungsvermögens rauben... und dann, ge⸗ rühmt und verehrt, von der Menge bewundert wer⸗ den, als ein Weſen von auserleſener Art; einen glänzenden Namen in das Buch der Jahrhunderte 3²24 ſchreiben und noch auf Erden unſterblich ſein! Ver⸗ meſſener, auf den Fittigen des Hochmuths dich er⸗ hebend, haſt du mit Verachtung auf die materielle Welt niedergeſehen, als ob ein Verbleiben daſelbſt deiner höhern Natur unwürdig wäre;— aber der Blitzſtrahl hat dich getroffen. Da liegt der Adler nun mit gebrochenen Schwingen, in den Koth nie⸗ dergeworfen, um nie wieder davon aufzuſtehen!— Hätte ich es nur über mich gewinnen können, die Kniee vor dem goldenen Götzen zu beugen, den man Geld nennt; hätte ich nur ein Bischen Liebe für das Materielle empfunden, o wie ſanft, wie ſorglos wäre mein Leben dahingefloſſen, als ein Strom von Ueppigkeit, Genuß und Pracht!.. Aber nun, was iſt aus mir geworden? Ein furchtſames Weſen, das gebückt unter der Schande geht. Ein muthloſer Auswürfling, der nicht mehr die Kraft beſitzt, ſich ſein Brod zu verdienen; der von einem armen Freund Alles, ſelbſt die Aufopferung ſeiner Geſundheit an⸗ nimmt und zu feig geworden iſt, um aus ſolcher Schmach ſich aufzuraffen. Nicht genug an dieſer er⸗ niedrigenden Wahrheit; die Läſterung ſpeit noch ihren giftigen Schaum gegen mich: ich bin ein verächtlicher Trunkenbold; ich erſticke meine Seele im Branntwein; wenn ich abmagere und verkümmere, geſchieht es nur, weil ich meine Geſundheit der Luſt nächtlicher Schwelgerei preisgebe!... o mein Gott!... und in einigen Stunden ſoll ich zu dem Ungeheuer gehen, das alle dieſe Lüge auf meine Lebensbahn geworfen hat— zu dem Heuchler, der meinen armen Oheim betrog und mißleitete— zu dem böſen Geiſt, der die unſchuldige Laura unter ſeiner gemeinen Liebe mord Wurt Almo den! ſtößt 2 Entſe Weit unve 3 Ange der, ſeine Schn ihn ſicht; Laur Ruh ſinn als abge alle ihm digr höll den und 325 Ver⸗ mordet... ich ſoll zu ſeinen Füßen kriechen wie ein ich er⸗ Wurm, meine Hände zu ihm aufheben und um ein terielle Almoſen von derſelben Hand betteln, die den glühen⸗ daſelbſt den Mordſtahl der Verzweiflung mir in den Buſen der der*½ ſtößt!“ Adler 4 Als ob dieſer letzte Gedanke ihn mit tödtlichem h nie⸗ Entſetzen ſchlüge, ſtarrte er einen Augenblick ins 1= Weite; er zitterte an allen Gliedern und murmelte 1, die unverſtändliche Worte. nman Plötzlich erſchien ein trübes Lächeln auf ſeinem de für Angeſicht; die Arme fielen ihm matt am Körper nie⸗ orglos der, der Kopf ſank ihm auf die Schulter und aus m von ſeinen Augen rollten ſtille Thränen zur Erde. nun, So verharrte er ſchweigend und regunslos, in Weſen, Schmerz verſunken, bis ein Geräuſch auf der Treppe thloſer ihn ins Bewußtſein zurückrief.. t, ſich Ein Ausdruck plötzlicher Freude erhellte ſein Ge⸗ freund ſicht; er ſprang auf und rief zitternd vor Aufregung: eit an⸗„Ah, das iſt Conrad! Vielleicht gute Botſchaft! ſolcher Laura's Erlöſung, Monks Strafe, Glück, Liebe, ſer er⸗ Ruhm... Nein! Wehe mir, bin ich denn wahn⸗ ihren ſinnig?“ tlicher Ein jammervoller Schrei entrang ſich ſeiner Bruſt, twein; als ſein Freund zur Thüre eintrat und er in ſeiner eht es abgeſpannten und traurigen Miene leſen konnte, daß tlicher*½ alle Hoffnung verſchwunden war. Dennoch lief er . und ihm entgegen, ergriff ſeine Hand und fragte: gehen,„Nun, Conrad, was weißt Du? Die Beſchul⸗ vorfen digung von Margret war falſch, nicht wahr? Eine Dheim hölliſche Erfindung von Monk ſelbſt, um mich unter „ der den grauſamen Schlägen der Hoffnung, des Zweifels Liebe 7 und der Enttäuſchung hinſterben zu laſſen?“ 326 „Ach,“ ſeufzte der Muſikus,„wie es auch ſei, Laura's Loos wird ſich heute erfüllen!— Ich bin ermüdet, völlig entkräftet, aller Muth hat mich ver⸗ laſſen. Wie weh thut es dem Herzen, wenn die letzte Hoffnung auf Heil und Rettung für immer entrückt wird!“ „Du biſt krank, Conrad,“ klagte der Jüngling, „o wie werde ich Dir je für Deine Güte danken können! Geh, ſetze Dich, ſprich nicht, halte Dich ſtill: Dein Fieber möchte kommen.“ Der Muſikus ließ ſich auf einen Stuhl fallen, während er mit ſchmerzlichem Lächeln ſagte: „Es iſt heute mein Fiebertag nicht: morgen. Laß mich etwas ausruhen, etwas Athem holen.“ Der Jüngling ſetzte ſich ſchweigend neben ſeinen Freund und faßte wieder eine ſeiner Hände, die er zärtlich drückte, um ihm wenigſtens durch dieſen ſtillen Beweis von Zuneigung Muth zu machen und ihn zu tröſten. Nach einigen Augenblicken ſprach der Muſikus: „Berthold, ich bin in der Allee vor Kemengers Wohnung geſtanden. Die Hochzeitswägen ſind an mir vorübergefahren; ich habe Monk mit dem Lachen des Triumphs auf dem Geſicht vor das Thor her⸗ unterkommen und dann wieder hineinlaufen ſehen, um ſein unglückliches Schlachtopfer zu holen...“ „Und Du haſt ſie abgehen ſehen, nach dem Stadthaus, nach der Kirche?“ ſeufzte Berthold mit Luerſie Aufregung, die er vergeblich zu bezwingen uchte. „Nein,“ fuhr Conrad fort,„ich blieb einen Augenblick zerſchmettert unter der ſchrecklichen Gewiß⸗ ſch ſei, ch bin ver⸗ letzte ntrückt gling, anken Dich allen, Laß einen die er tillen on zu lus: naers d an achen her⸗ ehen, 4 dem mit ngen einen wiß⸗ heit, daß nichts das arme Lamm aus den Klauen des Geiers retten konnte; aber ſelbſt aus meiner Verzweiflung brach noch ein Strahl der Hoffnung hervor. Es konnte noch Zeit ſein; ſelbſt noch auf den Stufen des Stadthauſes konnte die Gerechtigkeit ihr Schwert zwiſchen den Henker. und ſein Schlacht⸗ opfer niederwerfen... Ich lief wie ein Wahnſin⸗ niger nach dem Juſtizgebäude und ſuchte dort den Richter, der geſtern Abend Margret und mich ver⸗ hört hatte. Nirgends war er zu finden. Ich eilte nach ſeiner Wohnung; er war nicht zu Hauſe. Dann kehrte ich wieder nach dem Gerichtshof zurück; ich fragte Actuare und Schreiber; man ſah mich lachend an, als hielte man mich für verrückt. Niemand konnte mir etwas ſagen, um meine Angſt zu be⸗ ſchwichtigen, um mich zurecht zu weiſen oder mir Hoffnung zu geben... Wir ſind wohl unglücklich, Freund; aber wenn uns nur noch Thränen bleiben, ach, ſo mögen ſie fließen über das Loos der unglück⸗ ſeligen Laura: ſie iſt viel unglücklicher, als wir!“ Berthold legte ſich die Hand vor die Augen und blieb ſtumm. „Wie war ich ſo froh! Wie ſelig machte mich die trügeriſche Hoffnung!“ ſagte der Muſikus nach einer ſtillen Pauſe.„Als ich geſtern dem Richter auseinander ſetzte, welcher ſchwere Verdacht einer Uebelthat ſich gegen Monk erhob; als er außerdem Margrets Erklärungen gehört hatte, drückte ſein Ge⸗ ſicht eine faſt unbegrenzte Ueberzeugung aus; er ſagte, er werde unmittelbar eine Unterſuchung ein⸗ leiten und ohne Aufſchub verfolgen, und müßte er ſelbſt ſeine Nachtruhe aufopfern. Ich habe ihm zu 328 verſtehen gegeben, daß eines armen Mädchens Leben davon abhinge und ſein edelmüthiger Eifer zur Er⸗ forſchung der Wahrheit einem nie wieder gut zu machenden Unheil vorbeugen würde. Der Richter hat die unglückſelige Heirath nicht hindern können; es iſt alſo unwahr, was Margret uns ſagte... Ber⸗ thold, Freund, ich vergieße Thränen über Dein Un⸗ glück; aber verliere den Muth nicht: die Zeit wird Deine grauſame Wunde heilen...“ Der Jüngling ſchüttelte den Kopf und ſtand von ſeinem Stuhl auf. Mit einer Stimme, welcher er einen Ton von Feſtigkeit und Unterwerfung zu geben ſuchte, ſagte er: „Wohlan, Conrad, laß uns den Kummer mit Gewalt in unſerem Herzen erſticken. Es iſt nun ſo; Klagen können uns nichts helfen. Nehmen wir un⸗ ſer Geſchick wenigſtens mit der Ergebung der Ohn⸗ macht an. Morgen werden wir bereits fern von hier ſein. Vielleicht wird ein anderes Vaterland Dir Geſundheit und mir Ruhe des Geiſtes gewäh⸗ ren. Ja; denn ich will mich beſſern; ich werde ar⸗ beiten, allen den eiteln Träumen von Kunſt und Ruhm entſagen, und den Verſtand, der mir noch übrig bleibt, anwenden, um theilweiſe für Dich zu thun, was Du ſo liebevoll für mich gethan haſt.“ „Du beharrſt alſo bei dem ſchrecklichen Entſchluß?“ fragte Conrad traurig.„Du willſt den abſcheulichen Monk um Hilfe anflehen?“ Beider Aufmerkſamkeit wurde plötzlich durch den Widerhall einer Stimme abgelenkt, die von unten herauf rief: „Dort nicht, Herr! höher!— Noch höher! Ganz — 7 4 9 an d Auge 11 gute naer noch mich, kündi gung faßt berar ſchul weis welch —5b unter dem Dach! Oeffnen Sie die kleine ſchwarze Thüre— Ja, dort!“ „Herr Kemenaer!“ riefen der Muſikus und der Jüngling zu gleicher Zeit, während ſie zitternd mit einem fragenden Blick ihm in die Augen ſahen. „Vergeben Sie mir die Freiheit, die ich mir nehme,“ ſagte Herr Kemenaer, mit dem Hute in der Hand.„Herr Robyn, ich bringe Ihnen eine wich⸗ tige Nachricht. Monk iſt von der Gerechtigkeit er⸗ griffen und nach dem Gefängniß abgeführt worden...“ „Himmel!“ rief Berthold, vor Beſtürzung er⸗ bleichend,„und iſt Laura ſeine Frau?“ „Nein,“ antwortete Kemenager,„ſie war eben im Begriff, in den Wagen zu ſteigen; Gott hat mit ihr Erbarmen gehabt.“ Wie wahnſinnig warf ſich Berthold ſeinem Freunde an die Bruſt und rief mit Freudenthränen in den Augen: „Conrad, Conrad, Laura iſt nicht getraut! Die gute Laura, ſie iſt gerettet!“ „Ich danke Ihnen, Herr Robyn,“ ſprach Keme⸗ naer tief gerührt,„daß Sie meinem armen Kinde noch ſo viel Zuneigung bewahrt haben, und es freut mich, Ihnen gleichfalls ein unerwartetes Glück ver⸗ kündigen zu können. Monk iſt unter der Beſchuldi⸗ gung, mit eigener Hand ein falſches Teſtament abge⸗ faßt und Sie damit des Erbes von Ihrem Oheim beraubt zu haben, verhaftet. Stellt ſich dieſe Be⸗ ſchuldigung vor dem Gericht als wahr heraus, ſo weist das Geſetz Ihnen den Beſitz der Million zu, welche Ihr Oheim hinterließ. Man iſt damit be⸗ ſchäftigt, in Monks Wohnung Alles unter Siegel zu mir i legen.“ übrig „Berthold! ha!“ jauchzte der Muſikus,„Du wirſt Unre Dich nicht vor Monk demüthigen.“ glückl Auf Kemengers Geſicht lagerte ſich ein Ausdruck* wiſſer trüben Ernſtes, während er furchtſam ſtammelte: Quel 1„Herr Robyn, Sie glauben einen Menſchen vor noch ſich zu ſehen, der das Geld ſo ſehr anbetet, daß er wiede ſelbſt das Glück ſeines einzigen Kindes dieſem Götzen aufer des Tages opfern wollte. O kommen Sie von ſol⸗ iſt ni chen Gedanken in Bezug auf meine Perſon zurück. von Dieſelben mögen früher zum Theil gegründet gewe⸗ Verſt ſen ſein, jetzt wären ſie eine Ungerechtigkeit. Gott W hat mich geſtraft; ich habe Monate lang mit der ausſt ſchrecklichſten Marter meine Verirrungen gebüßt. Ich 3 komme zu Ihnen, mein Herr, als ein gedrückter Vater, ¹miich der das Leben ſeiner einzigen Tochter von Ihrem will Edelmuth erfleht. O Berthold, willigen Sie ein, ſprich mein Sohn zu werden; retten Sie meine arme Laura b Unre von einem ſichern Tod: Ihre Liebe allein kann ſie gang vor dem Grabe, das ſich vor ihr aufthut, bewahren.“ lichen 1„Wie? was verlangen Sie? Habe ich recht ver⸗ uns ſtanden?“ ſtammelte der Jüngling wie außer ſich. Ban⸗ „Laura meine Gattin? Aber es iſt unmöglich! So 4 viel Glück auf einmal!“. drück „Sie nehmen alſo meinen Vorſchlag an?“ fragte 57 Jüng Kemenger. 5 „Ach, ich ſterbe vor ſeliger Empfindung!“ rief dank der Jüngling aus.„Dank, Dank, o Gott!“ Arm „Dann, Herr Robyn,“ bemerkte Kemenaer mit einiger Beſorgniß,„will ich Sie nicht täuſchen. Mein aber Vermögen wird ſich ſehr vermindern; vielleicht, daß 1 mit 331 40 el zu mir nur die Hälfte von dem, was ich jetzt beſitze, übrig bleibt... Ich habe einmal in meinem Leben wirſt Unrecht gethan und aus Geldſucht Menſchen un⸗ glücklich gemacht. Fortan will ich mit meinem Ge⸗ druck viſſen in Frieden leben. Ich will verſuchen, ob die : Quelle der Liebe und Lebensluſt in meinem Herzen vor noch fließen kann. Um das Böſe, das ich gethan, ß er wieder gut zu machen, muß ich mir ſchwere Opfer ötzen auferlegen. Sie werden ein Millionär werden, daran ſol⸗ iſt nicht mehr zu zweifeln. Wird die Verminderung rück. V von Laura's Erbe Sie nicht in Ihrem großmüthigen ewe⸗ Verſprechen wankend machen?“ Gott Berthold warf ſich, indem er einen Freudenſchrei der ausſtieß, in Kemenaers Arme. Ich 1„Es iſt ein Traum!“ rief er.„O laſſen Sie ater, mich Ihnen den ſüßen Namen Vater geben! Ich hrem will gleichfalls, wenn das Geſetz zu meinen Gunſten ein, ſpricht, einen Theil meines Erbes opfern, um das aura b Unrecht zu vergüten, das aus Liebe zum Geld be⸗ m ſie gangen wurde. Wir werden zuſammen die Unglück⸗ een.“ lichen aufſuchen und die Wohlthaten des Erſatzes um ver⸗ uns herum ausſtreuen.— Was für ein ſchönes ſich. Band zwiſchen mir und meinem Vater!“ So Thränen traten aus Kemenaers Augen und er . drückte in der Aufwallung des Herzens den guten ragte* Jüngling an ſeine Bruſt. Berthold machte ſich, als ob ein plötzlicher Ge⸗ rief danke ihm durch die Seele führe, aus Kemenaers Armen los und ſagte im Tone feſter Entſchloſſenheit: mit„Eine Bedingung habe ich zu ſtellen, nur eine; Nein aber ſie iſt ſo unwiderruflich, daß ich ſie ſelbſt nicht daß 4 mit einem einzigen Wort beſtritten wiſſen will.“ —— 33² „Und dieſe Bedingung iſt?“ fragte Kemenaer er⸗ mache ſchrocken. den, „Sehen Sie wohl, Herr Kemenaer,“ antwortete und der Jüngling, auf Conrad weiſend,„der Mann, der auch dort vor Ihnen ſteht, iſt ein Engel von Treue und 1 Tag Güte. Er hat für mich geſorgt wie ein Vater, ſich abgehetzt wie ein Sclave. Um mir Zeit zu gönnen, ſo ra dem Künſtlerruhm nachzujagen, hat er das Brod an. haſtig ſeinem Munde geſpart; er hat mein Kreuz getragen, 3 mit mir durch Läſterung gelitten, ſeine Geſundheit, mein ſeine Ehre, ſeine ganze Exiſtenz aus Liebe zu dem 2 armen Dichter aufgeopfert. Er hat ſeinen Theil an ſie, meinem Elend auf ſich genommen, er muß ſeinen. Theil an meinem Glück, an meinem Reichthum haben. zitter Meine Bedingung iſt dieſe: Conrad war mir im gen. Elend ein Freund, ein Bruder; er ſoll im Ueberfluß werd mein Freund und Bruder bleiben: mit mir leben,— mich nie verlaſſen und über mein Vermögen ver⸗ fügen, wie wenn es ihm als volles Eigenthum zu⸗ gehörte.“ Conr Conrad lächelte zwiſchen Thränen der Freund⸗ Thür ſchaft und Dankbarkeit. Die Worte des Jünglings 1 hatten ihn ſo tief gerührt, daß er nicht ſprechen konnte. gab — Herr Kemenaer ergriff ſeine Hand, drückte ſie Peit feurig und ſagte: Thie „Sie dürften mich nicht mehr erkennen, guter 1 ſie p Conrad; ich nehme dieſe Bedingung mit Freuden an. aus Sie wiſſen, wie Laura Sie verehrte; ſie miſchte noch— ſehr oft den Namen von Ihnen in ihre Trauer. einie Laſſen Sie ein Band der Freundſchaft uns alle für Kem immer vereinigen. Laura, Berthold, Sie, Conrad, hielt und ich, wir werden nur eine einzige Familie aus⸗ 5 F ν 333 machen. Ich werde mit Ihnen zum Künſtler wer⸗ den, wenigſtens um Alles zu bewundern, was ſchön und gut iſt. Kommen Sie, Conrad, laſſen Sie mich auch Sie in die Arme drücken. Es iſt der glücklichſte Tag meines Lebens!“ Er umhalste den gerührten Muſikus; doch eben ſo raſch wandte er ſich zur Thüre und ſprach mit haſtiger Stimme: „Kommen Sie nun beide mit mir! o wie wird meine arme Laura ſich freuen! Sie erwartet Sie.“ „Weiß Laura denn, daß Sie hier ſind? Weiß ſie, warum?“ fragte Berthold. „Sie weiß es,“ antwortete Kemenaer,„aber ſie zittert vor Furcht, Sie möchten ihre Hand ausſchla⸗ gen... Mein Wagen ſteht vor der Thüre: die Pferde werden fliegen...“ „Unſere Kleider?“ ſeufzte der Jüngling. „Was machen die Kleider?“ „Komm, komm alſo!“ rief Berthold, indem er Conrads Hand ergriff und ſeinen Freund nach der Thüre zog... Unten ſprangen beide in den Wagen; Kemenaer gab dem Kutſcher Befehl; dieſer ließ die Pferde die Peitſche fühlen;— und, als hätten die ungeduldigen Thiere gewußt, daß ſie Glücksboten wären, ſchoßen ſie vorwärts und Funken flogen unter ihren Hufen aus den Steinen... Bald hatten ſie das Stadtthor erreicht und bogen einige Augenblicke nachher in die Allee ein, die nach Kemenaers Wohnung führte. Als ſie vor dem Thore hielten, dampften die muthigen Thiere von Schweiß, 334 und der Schaum fiel in dicken Flocken ihnen von den Mäulern. Kemenaer, von beiden Freunden begleitet, eilte hinein und öffnete die Thüre des hintern Saales, wo er wußte, daß Laura ſich befand. Bei ihrem Erſcheinen lag das Mädchen in einer Ecke des Saales auf den Knieen und hielt die Hände betend erhoben. „Laura, liebe Laura,“ rief ihr Vater,„ſtehe auf, ſei glücklich: hier iſt Dein Bräutigam!“ Das Mädchen ſprang auf und lief mit offenen Armen auf den Jüngling zu. Unterwegs blieb ſie aber ſtehen, ſchaute zum Himmel empor und rief mit unausſprechlicher Freude: „Dank, Dank, o Gott; Du haſt mich doch erhört!... Berthold, Berthold!“ Und ſie ſank halb ohnmächtig dem Jüngling an die Bruſt... aber auf ihrem Angeſicht ſchwebte ein ſo ſtrahlendes Lächeln, daß es ſchien, als ob das Herz ihr vor Seligkeit im Buſen zerfließen wollte. — 8 Bucht Ein Dian Drei Sopl Sam Dur aufm gewö logiſ nicht die g welckh treff billit In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Ausgewählte Werke von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. F. Grieb. Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Lys.... 6 Rgr. oder— 18 kr. Drei ſtarke Männer. 20 Ngr. oder 1 fl.— Sophie Printems. 2 Bde. 18 Ngr. oder— 54 kr. Indem wir hiemit der deutſchen Leſewelt in obiger Sammlung die vorzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jüngern vorlegen, glauben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Colorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. 3 Unſere deutſche Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Uebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. Sämmtliche Romane von Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöfiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carlén’s Romanen anſchließen, und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. Wir beginnen die Sammlung mit dem unübertroffe⸗ nen Romane:. Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. Jeden Monat erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen, und geben wir jede Lieferung einzeln ab; jedoch erhalten diejenigen Abnehmer, welche ſich zur Abnahme der im Laufe dieſes Jahres erſcheinenden Lieferungen verpflichten, zu Ende des Jahres das nach einer Pbotographie treff⸗ lich ausgeführte Portrait des Verfaſſers gratis. Stinttgart, 1857. grancklſche Verlagshandlung. 1 ——— —— ——— — — ö——— — —ſſſ“ — —1 +—— — Se e 4 4* 1 *„ 8 — 4„. 84 4. * — 2. 8 4 “ 2