= M a,] —------= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeihß- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———4—*Eer. auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 7— 1— uI—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Der arme Edelmann. Von Hendrik CGonsoience. Aus dem Vlämiſchen von Dr. Hans Wachenhuſen. Peſt u. Leipzig, 1851. Hartleben's Verlags⸗Expedition. Bei J. P. Sollinger's Witwe. Gegen Ende des Monats Juli 1842 fuhr eine offene Equipage über einen der Dämme, welche von der holländi⸗ ſchen Gränze nach Antwerpen führen. Der Wagen verrieth, obgleich er mit ſichtlicher Mühe geputzt war, offenbar eine gewiſſe Armuth, ſein loſer Zuſam⸗ menhang in den Fugen einen langen Gebrauch; er wackelte in ſeinen Riemen hin und her und klapperte in ſeinen ausge⸗ fahrenen Achsbüchſen. Das lederne Halbdeck, welches ſich über ihm erhob, glänzté in der Sonne durch das Oel, mit welchem es beſtrichen war, doch verbarg dieſer Glanz wenig⸗ ſtens die vielen Riſſe und Löcher des Leders. Zwar waren die Griffe an den Thüren und die übrigen Metallbeſchläge ſorgfältig geputzt, doch zeugten die Ueberbleibſel der Ver⸗ ſilberung an denſelben, die hier und da noch ſichtbar waren, von einem ehemaligen Reichthum, der jetzt entweder größ⸗ tentheils oder auch ganz und gar verſchwunden ſein mußte. Das Pferd, welches den Wagen zog, war ſtark gebaut und kräftig, und einem Kenner würde es beim erſten Blick aufgefallen ſein, daß es ſchwerere Arbeiten, den Frachtwagen oder den Pflug zu ziehen gewohnt war. Aufdem vordern Theil des Wagens ſaß ein Bauernjunge von ſiebzehn oder zwanzig Jahren in Livree, mit einem goldenen Bande am Hut und blanken Knöpfen am Rock; aber der Hut fiel ihm uͤber die Ohren und der Rock war ihm ſo weit, daß er dem Jungen wie ein Sack am Leibe Der arme Edelmann. 1 2 hing. Gewiß hatten dieſe Kleidungsſtücke als Eigenthum des Herrn ſchon einem vorigen Kutſcher gehört und ſollten auch noch eine Reihe von Jahren von Hand zu Hand ſpä⸗ teren Bedienten überliefert werden. Die einzige Perſon, die ſich im Fond des Wagens be⸗ fand, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Niemand hätte auf die Vermuthung gerathen können, daß er der Herr dieſes Knechts und der Eigenthümer dieſes alten verbrauchten Wagens ſei, denn ſein ganzes Weſen flößte Achtung, wenn nicht Ehrerbietung ein. Das Haupt gebeugt und in iefes Nachdenken verſun⸗ ken, ſaß er regungslos da, bis er den Lärm eines andern Wagens vernahm; dann aber erhob er das Antlitz, ſein Blick wurde ſanfter und nahm den Ausdruck der Zufrieden⸗ heit an— auf ſeinem ganzen Antlitz ſtand ein gewiſſer ruhi⸗ ger Stolz. Kaum aber hatte er mit den ihm Begegnenden einen gemeſſenen Gruß gewechſelt, als ein ſtiller Kummer wieder ſeine Züge bedeckte, während gleichzeitig ſein Haupt langſam auf die Bruſt ſank. Dieſer Anblick ſchon genügt, ſich unwillkürlich durch eine heimliche Sympathie für dieſen Mann zu intereſſiren. In der That iſt ſein Geſicht, obgleich ſchon von zahlreichen Runzeln des Kummers bedeckt, ſo regelmäͤßig und ſo edel, ſein Blick ſo ſanft und tief, ſeine hochgewölbte Stirn ſo rein, daß dieſer Mann ohne Zweifel mit allen Schätzen des Verſtandes und des Gefühls begabt ſein muß. Wahrſcheinlich hatte er ſchon viel gelitten, und wenn auch ſein Antlitz dieß nicht ſo ganz beſtimmt ausdrückte, ſo ſah man es doch an dem ſilberweißen Haar, das ſo früh ſchon ſeinen Schädel bedeckte, wohingegen ſeine ſchwarzen Augen unter dem Drange der in ſeinem Hirn jagenden Ge⸗ danken zuweilen in einem fremdartigen Glanze leuchteten. übet ſage run Leil bige zog ſo ſelb wei ſcha thum ollten ſpä⸗ s be⸗ and Herr ichten wenn rſun⸗ adern ſein eden⸗ ruhi⸗ nden amer aupt durch iren. ichen edel, en ſo des venn „ ſo früh irzen Ge⸗ en. 3 Seine Kleidung ſtimmte ganz mit dieſem Aeußeren überein; ſie trug den Stempel jener reichen, man köͤnnte ſagen: prächtigen Einfachheit, an der man die Welterfah⸗ rung und ein feines Gefühl des Paſſenden erkennt. Seine Leibwäſche war fein und glänzend weiß, ſein Rock von far⸗ bigem Tuch und ſein Hut war aufs ſorgfältigſte geglättet. Zuweilen und namentlich, wenn Jemand vorbeifuhr, zog er eine ſchöne goldene Tabaksdoſe hervor, und nahm mit ſo ſtolzer und doch gefälliger Geberde eine Priſe aus der⸗ ſelben, daß ſchon dieſe einfache Bewegung allein einen Be⸗ weis dafür gab, daß er in den höheren Kreiſen der Geſell⸗ ſchaft zu verkehren gewohnt war. Freilich konnte ein ſcharfſichtiges oder böswilliges Auge bei genauerer Unterſuchung leicht entdecken, daß der Rock die⸗ ſes Edelmannes ſchon bis auf den Faden kahl gebürſtet war, daß die Haare ſeines Hutes nur mit Mühe den abgeſcheuerten Rand desſelben bedeckten, und daß ſeine Handſchuhe an meh⸗ reren Stellen ausgebeſſert waren. Ja, hätte man auf den Boden des Wagens blicken können, ſo würde man bemerkt haben, wie das Oberleder eines ſeiner Stiefel und zwar am linken Fuß gebrochen und der graue Strumpfunter dem⸗ ſelben mit Dinte geſchwärzt war. Indeß waren alle dieſe Spuren der Armuth mit ſo viel Kunſt verſteckt, und die ärmlichen Kleider wurden mit ſolchem Stolz und Bewußtſein getragen, daß die Mehrzahl, die ſeiner anſichtig wurden, un⸗ fehlbar dafürhalten mußten, dieſer Mann trage deßhalb keine ganz neuen Kleider, weil er ſie eben nicht tragen wollte. Schon war dies Fuhrwerk in ziemlich ſchnellem Trab zwei Stunden hindurch über den Steindamm dahin geraſſelt, als der Knecht außerhalb der Stadt Antwerpen auf dem Damm vor einer kleinen Ausſpannung ſein Pferd halten ließ. Die Wirthin und der Stallknecht erſchienen und über⸗ 1* 4 luden den Herrn mit den tiefſten Ehrfurchtsbezeigungen, während ſie das Pferd ausſpannen halfen. Ohne Zweifel mußte der Fremde in dieſem unſcheinbaren Wirthshauſe ein gewohnter Gaſt ſein, denn Jeder der Anweſenden nannte ihn beim Namen. „»Schön' Wetter, nicht wahr, Herr von Vlierbeke? Aber es wird heiß werden.— Wenn es mehr regnen wollte, das würde drüben dem hohen Heideland auch keinen Scha⸗ den thun, nicht wahr, Herr von Vlierbeke?— Sollen wir dem Pferd von unſerm Hafer geben?— Aha, der Knecht hat ſelbſt welchen mitgebracht!— Steht vielleicht etwas zu Ihrem Befehl, Herr von Vlierbeke?“ Während die Wirthin ihn in großer Schnelligkeit mit dieſen und andern Fragen beſtürmte, ſtieg Herr von Vlier⸗ beke aus dem Wagen; er ſprach einige Worte zu der er⸗ ſteren, freute ſich, ſie wohl zu ſehen, fragte nach jedem ihrer Kinder und verkündete ihr endlich, daß er augenblicklich nach der Stadt gehen müſſe. Alsdann drückte er ihr freundlich, aber mit jener protegirenden Gewogenheit, die der Verſchie⸗ denheit des Ranges keinen Eintrag thut, die Hand, gab ſei⸗ nem Knecht einige Befehle, und begab ſich freundlich gruͤßend zu Fuß nach der Brücke, um in die Stadt zu gehen. Auf einem einſamen Platz der Außenfeſtung blieb Herr von Vlierbeke einen Augenblick ſtehen, ſchlug ſich den Staub von ſeinen Kleidern, glättete den Hut mit ſeinem Taſchentuch und paſſirte dann das rothe Thor. Jetzt, da er ſich in der Stadt befand, wo ihm aller⸗ lei Menſchen vorbeigingen und er jeden Augenblick ſich be⸗ obachtet glauben konnte, erhob er ſtolz das Haupt und affec⸗ tirte im Antlitz jenen Zug von Selbſtzufriedenheit, der An⸗ dere glauben macht, daß man glücklich ſei.— Und dennoch, trotz dieſer Behaglichkeit, die auf ſeinem Geſicht lächelte, wü doch der Abe igen, veifel e ein e ihn 2ke? ollte, Scha⸗ ollen necht twas mit ier⸗ er⸗ ihrer nach dlich, ſchie⸗ b ſei⸗ ßend Herr den inem aller⸗ h be⸗ affec⸗ An⸗ noch, helte, 5 wühlte in ſeiner Seele die fürchterlichſte Angſt. Ging er doch einer Demüthigung entgegen— einer Demüthigung, deren Wahrſcheinlichkeit allein ſein Herz bluten machte!— Aber es gab für ihn ja ein Weſen auf Erden, das er mehr noch als ſein Leben, mehr als ſeine Ehre liebte; für ſie hatte er ſo oft ſchon ſeinen Stolz zum Opfer gebracht, für ſie hatte er gelitten wie ein Märtyrer... So maächtig be⸗ herrſchte ihn dieſes Gefühl der Liebe, daß jede Pein, jede Erniedrigung, welche er erduldete, ihn in ſeinen eigenen Augen erhob und ihm den Schmerz als etwas zeigte, was veredelt und gewiſſermaßen heiligt. Nichts deſto weniger war ſein Inneres heftig aufge⸗ regt, das Blut jagte ihm ungeſtümer durch die Adern, je tiefer er in die Stadt, und je näher er dem Hauſe kam, wo er eine ſo harte Prüfung wagen ſollte. Endlich blieb er vor einer Thür ſtehen. Ungeachtet der wunderbaren Gewalt, welche er über ſich ſelbſt beſaß, zitterte ihm die Hand, als er an der Klingel zog. Der Anblick des Bedienten, welcher ihm die Thür öff⸗ nete, gab ihm die ganze Selbſtbeherrſchung wieder.—„Iſt der Herr Notarius zu Hauſe? fragte er. Nach einer bejahenden Antwort fuͤhrte ihn der Be⸗ diente in einen kleinen Saal und ging, um ihn ſeinem Herrn anzumelden. Sich ſelbſt überlaſſen, legte Herr von Vlierbeke ſchnell den rechten Fuß über den linken, und überzeugte ſich, daß man in dieſer Haltung nicht die Lücke in dem Oberleder ſeines Stiefels bemerken könne. Er zog ſeine goldene Ta⸗ baksdoſe hervor und hielt ſich bereit, eine Priſe zu nehmen. Der Notarius trat mit einer Amtsmiene herein und ſchien ſich ſchon zu einer höflichen Verbeugung anzuſchicken, — kaum aber hatte er die Perſon bemerkt, welche ſeiner 3 harrte, als ſein Antlitz den Ausdruck einer gewiſſen Zuruͤck⸗ haltung annahm, die man in der Regel anwendet, wenn man ſich gegen eine läſtige Frage waffnen will. Indeſſen nahm der Notarius nach einigen artigen, aber kühlen Wor⸗ ten vor Herrn von Vlierbeke Platz. Dieſer, durch das Erſcheinen des Notars hart verletzt, fühlte einen kalten Schauder durch ſeine Glieder ſchleichen und erblaßte, faßte jedoch gleich wieder Muth. „Herr Notarius,“ begann er in dem höflichſten Ton, Hich bitte um Verzeihung, wenn ich durch die äußerſte Noth gezwungen, komme, um abermals Ihre Güte in Anſpruch zu nehmen und Ihren Edelmuth um einen kleinen Dienſt zu bitten.* »Und was verlangen Sie von mir, mein Herr? fragte der Notar mißtrauiſch. „Ich wollte Sie erſuchen, Herr Notarius, mir noch eine Summe von tauſend Franken, oder auch weni⸗ ger, auf mein Gut in Hypothek zu geben. Doch dieß iſt mein beſonderes Geſuch nicht; noch heute habe ich Geld nöthig und ich wunſchte daher, noch dieſen Morgen von Ihnen ein paar hundert Franken als Lehen zu bekommen. Hoffentlich werden Sie, Herr Notarius, mir dieſe geringe Hilfe, die mich aus der größten Verlegenheit retten würde, nicht verweigern!“ „»Tauſend Franken? In Hypothek? Ihre Güter ſind ja über ihren wahren Werth belaſtet!“ „O, Sie irren ſich, Herr Notarius!» rief Herr von Vlierbeke in tiefſter Beſtürzung aus. „»Nicht im Geringſten! Ich habe auf Ordre der⸗ jenigen Perſonen, die auf Ihre Guͤter Geld hergegeben, die Schätzung aller Ihrer Eigenthümer ſo genau wie möglich a ufnehmen müſſen; das Reſultat davon iſt, daß die Capi⸗ taliſt Geld unerf ich a und ren- und Erit leidi er d ruͤck⸗ venn eſſen Wor⸗ letzt, ichen Ton, Noth druch ſt zu rr 2 mir veni⸗ ß iſt Geld von men. inge ürde, ſind von der⸗ die glich api⸗ 7 taliſten nur im Falle eines äußerſt günſtigen Verkaufs ihre Gelder ganz zurückbekommen würden.— Sie haben eine unerſetzliche Thorheit begangen, Herr von Vlierbeke; wäre ich an Ihrer Stelle geweſen, ich haͤtte mein ganzes Vermögen und das meiner Gemahlin nicht geopfert, um einem Undankba⸗ ren— einem Betruger ſollte ich eigentlich ſagen— zu helfen und ihn zu retten, mochte er nun mein Bruder ſein oder nicht!* Herr von Vlier beke beugte, durch eine peinliche Erinnerung darniedergedrückt, das Haupt und ließ dieſe Be⸗ leidigung ſeines Bruders unbeantwortet; krampfhaft preßte er die goldene Tabatiere zwiſchen ſeinen Fingern. „Durch dieſe Unvoörſichtigkeit haben Sie ſich ſelbſt und Ihr Kind in Armuth geſtürzt, denn verhehlen können Sie ſich dieß nicht mehr.... Zehn Jahre lang haben Sie, Gotrt weiß unter welchen Leiden, das Geheimniß Ihres gänzlichen Ruins verdeckt zu halten vermocht; jetzt aber naht doch unfehlbar der Augenblick, wo Sie Ihre Güter werden verkaufen müſſen... Der Edelmann ſchaute den Notarius mit einem Blick an, in welchem ſich Angſt und Zweifel malten. „Es iſt nun einmal ſo fuhr der letztere fort.„Herr van Hoogebaen iſt auf ſeiner Reiſe in Deutſchland ge⸗ ſtorben; ſeine Erben haben Ihren Schuldbrief uͤber viertau⸗ ſend Franken in dem Sterbehauſe gefunden und mir ge⸗ meldet, daß an eine Prolongation nicht zu denken ſei. War Herr van Hoogebaen Ihr Freund, ſo kennen ſeine Erben Sie doch nicht.— Zehn Jahre hindurch haben Sie bereits verſäumt, dieſe Schuld abzubürden, zweitauſend Francs an Intereſſen haben Sie bezahlt, zu Ihrem eigenen Vortheil muß dieß alſo ein Ende haben. Noch bleiben Ihnen vier Mo⸗ Herr von Vlierbeke, noch v ier Monate läuft der » nate. Schuldbrief!* „Noch vier Monate!* ſeufzte der Edelmann in fin⸗ ſterem Ton.„Und dann... großer Gott!*— »Dann werden Ihre Güter durch das Gericht verkauft. Ich ſehe wohl ein, daß dieſe Ausſicht trübe, ſehr trübe iſt; aber da dies doch ein unvermeidliches Schickſal iſt, ſo können Sie nichts Beſſeres thun, als ſich auf dieſen Schlag vorbe⸗ reiten. Laſſen Sie mich Ihre Güter aus dringenden Grün⸗ den zum Verkauf bringen, ſo entgehen Sie dem Schimpf eines gezwungenen Verkaufs!“ Wie vernichtet durch die ſchrecklichen Worte des Notars ſaß Herr vor Vlierbeke eine Zeit lang, das Antlitz in die Hände gehüllt, da. »Ihr Rath, Herr Notarius,“ ſagte er, als dieſer ihm den freiwilligen Verkauf ſeiner Güter rieth, das Haupt erhebend mit kaltem Schmerz,„Ihr Rath iſt gut und edel, aber ich kann ihn nicht befolgen. Sie wiſſen, daß alle meine Opfer, daß mein bitteres Leben, meine ewige Angſt nur dazu dienen ſollen, das Schickſal meines Kindes zu ſichern. Sie wiſſen es, Sie allein, Herr Notarius, daß Alles, was ich thue, nur einen, und wie ich glaube, heiligen Zweck hat. Jetzt will es mir ſcheinen, als wenn der Herr meine zehnjährigen Gebete erhören wolle: zwiſchen meiner Tochter und einem reichen jungen Mann, deſſen Edelmuth und Gutherzigkeit ich bewundere, hat ſich ein Liebesverhältniß entſponnen. Seine Eltern ſcheinen uns ſehr geneigt.— Vier Monate! die Zeit iſt wahrlich kurz; aber ſoll ich durch einen Verkauf alle meine Hoffnungen vernichten,— mein Kind und mich ſelbſt der offenen Armuth preisgeben gerade jetzt, wo ich vielleicht das Ziel von allen meinen unendlichen Leiden erreichen kann 29 »Alſo wollten Sie dieſe Leute betrügen?— Vielleicht berei⸗ ten Sie Ihrem Kinde dadurch ein noch viel größeres Unglück! Das Wort betrügen machte den Edelmann erzittern; ein S ſich in .. gung Elend Entſch ſtände vernich kaufen durch Exiſte. 9 ſich ſel 8 mahlit ſolches lich lel ler De˖ vermos Zukun G ihm ſt letzten ger au nen er den Re T. — „ Alles als Leh fin⸗ auft. iſt; nnen orbe⸗ rün⸗ impf dtars 6 in ieſer aupt edel, eine dazu Sie ich Jetzt igen nem keit eine Zeit alle elbſt icht 125 rei⸗ 3 2 rn; 9 ein Schauder durchrann ſeine Glieder, ſein Antlitz bedeckte ſich mit Schamröthe. »Betrügen!“ ſeufzte er mit bitterm Lächeln;„o nein! .... Aber ich werde ihre Liebe, dieſe gegenſeitige Zunei⸗ gung zweier Herzen, nicht durch die Veröffentlichung meines Elends unterdrücken! Nur wenn durch Einen von uns ein Entſchluß gefaßt worden iſt, werde ich redlich meine Um⸗ ſtände an den Tag legen; wird dann dadurch meine Hoffnung vernichtet, ſo werde ich Ihren Rath befolgen, mein Gut ver⸗ kaufen, das Vaterland verlaſſen und in irgend einem Lande durch Ertheilung von Unterricht meine und meiner Tochter Exiſtenz zu erhalten ſuchen!“ Hier ſchwieg er einige Augenblicke und fügte dann fuͤr ſich ſelbſt hinzu: „Aber habe ich nicht an dem Sterbebette meiner Ge⸗ mahlin und auf das Crucifix gelobt, daß mein Kind ein ſolches Schickſal nicht theilen— daß es zufrieden und glück⸗ lich leben ſolle? Zehn Jahre voller Leiden, zehn Jahre vol⸗ ler Demüthigungen haben mein Verſprechen nicht zu erfüllen vermocht. Jetzt dringt ein letzter Hoffnungsſtrahl in unſere Zukunft und...* Er ergriff zitternd die Hand des Notarius, und ſchaute ihm ſtarr in's Auge. »Freund!“ rief er flehend,„ſtehen Sie mir in dieſem letzten entſcheidenden Verſuche bei, halten Sie mich nicht län⸗ ger auf dieſer Folter, gewähren Sie mir, was ich von Ih⸗ nen erbitte; ich werde den Namen meines Wohlthäters, den Retter meines Kindes ſegnen, ſo lange ich athme!“ Der Notarius zog ſeine Hand zurück. »Aber ich begreife nicht,“ ſagte er verlegen,„was dieß Alles mit der Summe gemein haben kann, die Sie von mir als Lehen verlangen!* 10 „Ja, antwortete Herr von Vlierbeke mit der Hand in die Taſche fahrend, vnicht wahr, es iſt lächerlich, ſo tief zu ſinken und ſein Glück oder Unglück von Dingen abhängig zu ſehen, die jedem Andern zum Spotte dienen müßten!— Morgen kommt der junge Mann mit ſeinem Oheim zu uns, um bei uns zu ſpeiſen; der Oheim hat ſich ſelbſt eingeladen⸗ Aber wir haben nichts, was wir ihnen anbieten könnten; meine Tochter bedarf einiger Kleinigkeiten, um geziemend gekleidet zu erſcheinen, und wir ſollen ebenſo zu ihnen kom⸗ men.... Unſere Einſamkeit wird unſere Armuth nicht länger verſtecken; Opfer jeder Art müſſen gebracht werden, um nicht der Scham und dem Schimpf zu erliegen...) Bei dieſen Worten zog er die Hand aus der Taſche und zeigte dem Notarius etwa zwei Franken in kleiner Münze. „»Sehen Sie! ſagte er mit ſchmerzlichem Lächeln,„dieß iſt Alles, was ich noch beſitze! Und morgen ſoll ich reiche Leute zu Tiſche empfangen— und wenn ſie meine Armuth er⸗ fahren, iſt all' meine Hoffnung für mein Kind dahin! Um Gotteswillen, Herr Notarius, gewähren Sie mir Ihren edelmüthigen Beiſtand!“ „Tauſend Franken?“ murmelte der Notar,„ich mag meine Mandanten nicht betrügen..... Was wollen Sie denn für ein Pfand für dieſe Summe geben? Sie beſitzen nichts mehr, was nicht ſchon belaſtet wäre!“ „Tauſend— oder fünfhundert— wenn auch nur zweihundert!“ rief der Edelmann.„Borgen Sie mir nur etwas, was mich aus meiner Verlegenheit rettet!“ „Ich habe keine diſponiblen Gelder,y war die kühle Antwort.»In vierzehn Tagen vielleicht, aber ich kann es nicht gewiß verſprechen!“ Aus Freundſchaft denn!“ flehte der Edelmann.„Lei⸗ 5 hen Sie mir aus Ihrer eigenen Caſſe!“ im S mit ſ ein 2 . er we Auge er ſeit zur Er den le Es g. ner L dieſer oder ſ hätte das tiefen in be C dete e bald d einige die er aber Hand ſo tief bhängig en!— zu uns, eladen⸗ öͤnnten; giemend n kom⸗ th nicht werden, „ ſche und Nünze. n,„dieß he Leute nuth er- .. r Ihren ich mag llen Sie beſitzen auch nur mir nur die kühle ich kann nn.„Lei- 11 „Ich kann nicht erwarten, daß Sie wieder zu geben im Stande ſind, was ich Ihnen liehe!” fiel der Notarius mit ſichtbarem Spott ein;»was Sie verlangen, wäre alſo ein Almoſen?* Der Edelmann rang ſich verzweifelt in ſeinem Stuhl; er war leichenblaß, ein glühender Blick ſchoß aus ſeinem Auge, ſeine Stirn runzelte ſich heftig. Dennoch ſuchte er ſeine Aufregung zu bemeiſtern. „»Ein Almoſen?“ wiederholte er, indem er das Antlitz zur Erde ſenkte, mit düſterer Ruhe.—„Es ſei! Ich will auch den letzten Tropfen aus dem Kelche meiner Leiden trinken! Es geſchieht ja für mein Kind!“ Der Notarius nahm einige Fünffrankenſtücke aus ei⸗ ner Schatulle und bot ſie dem Edelmann. Fühlte ſich nun dieſer durch das Anbieten eines wirklichen Almoſens verletzt, oder ſchien ihm die Summe zu klein, als daß ſie ihm hätte nützen können— er blickte einige Secunden lang das Geld mit wildem Auge an, ſank dann mit einem tiefen Seufzer in den Stuhl zurück und barg ſein Antlitz in beiden Händen. In dieſem Augenblick trat ein Diener herein und mel⸗ dete einen andern Beſuch. Der Edelmann ſprang auf, ſo⸗ bald der Bediente den Saal verlaſſen hatte, und trocknete einige Thränen aus ſeinem Auge. Der Notarius wies abermals auf die Fünffrankenſtücke, die er auf die Ecke des Tiſches gelegt. Herr von Vlierbeke aber wandte mit Abſcheu den Blick von dieſem Gelde weg. „Herr Notarius, ſagte er ſchnell,„vergeben Sie mir meinen Stolz. Nur eins habe ich noch von Ih⸗ nen zu erbitten!“ „Und was iſt dieß 2 „Im Namen meines Kindes, ſchweigen Sie.“ 12 „Was das betrifft, ſo kennen Sie mich... ſeien Sie unbeſorgt!— Sie weiſen alſo dieſe geringe Unter⸗ ſtützung zurück 25 „Ich danke Ihnen!“ rief der Edelmann, während er die Hand des Notarius zurückſchob, zitternd, als habe ihn das Fieber erfaßt, den Saal verließ und zur Hausthür hinauslief, ohne den Diener abzuwarten, der ſie ihm zu öffnen hatte. Schwindlich von dem demüthigenden Schlage, der ihn getroffen, ſich ſeiner ſelbſt nicht bewußt, faſt ſterbend vor Scham, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, die Augen auf den Boden heftend, lief der unglückliche Mann eine Zeit lang durch die Straßen der Stadt, ohne zu wiſſen, wo er ſich befand. Endlich weckte das Gefühl der Nothwen⸗ digkeit ihn allmälig aus ſeinem Fiebertraum. Er richtete ſeine Schritte zum Burgerhoutſcher Thor hinaus und ging die Feſtungswerke hinauf, bis er ſich allein auf einem einſamen Platz befand. Hier ſtill ſtehend, ſchien er abermals mit ſich im Kampf zu ſein. Seine Lippen bewegten ſich krampfhaft, auf ſei⸗ nem Antlitz wechſelten allerlei Ausdrücke von Qual, von Hoffnung, von Verzweiflung und Scham. Inzwiſchen holte er ſeine goldene Tabaksdoſe aus der Taſche, blickte mit tiefem Gram das adelige Wappen an, das ſich in getrie⸗ bener Arbeit auf der Doſe befand, blieb dann in verzwei⸗ felte Gedanken verſunken ſtehen und erwachte dann wieder, als habe er etwas Großes beſchloſſen. „Andenken meiner guten Mutter,“ ſagte er endlich mit ſtiller, aber von innerer Bewegung bebender Stimme, während er mit einem Federmeſſer das Wappen von der Doſe kratzte,„Schutzengel, der mein Elend ſo lange ver⸗ borgen, das jetzt verrathen ſein wird; du Jahrhunderte altes Lebew Möge vor ne verſag dem F gewort zurück mit fi beobac C fand Plötzl habe, ſchild, enthie es hie . . Ende nachde endlich entlan Schil hauſe Straf ben, zeugte einer! ſeien Unter⸗ rend er abe ihn austhür ihm zu der ihn end vor gen auf ne Zeit ſen, wo othwen⸗ richtete nd ging f einem Kampf auf ſei⸗ al, von en holte ckte mit getrie⸗ verzwei⸗ wieder, endlich Stimme, von der unge ver⸗ rhunderte altes Erbtheil meiner Vorfahren... auch dir muß ich Lebewohl ſagen, dich mit meiner Hand ſchänden!... Möge denn dieſe letzte Hilfe, die du mir verſchaffſt, uns vor noch größerer Schande retten!“ Eine Thräne rann uber ſeine Wangen; ſeine Stimme verſagte ihm... Indeß ſetzte er ſeine ſonderbare Arbeit mit dem Federmeſſer fort, bis das Wappen ganz unkenntlich geworden war. Dann verließ er dieſen Platz und kehrte in die Stadt zurück, wo er faſt alle kleinen Straßen durchkreuzte und mit furchtſamem und ſcheuem Blick alle Aushängeſchilder beobachtete. Nachdem er ſo eine Zeit lang umher geſchwärmt, be⸗ fand er ſich in einer Gaſſe des St. Andreas⸗Viertels. Plötzlich zeigte eine freudige Bewegung, daß er gefunden habe, was er ſuchte. Sein Auge ruhte auf einem Aushänge⸗ ſchild, das nur die wenigen Worte:„geſchworner Bergträger“ enthielt.— In dieſem Hauſe lieh man auf allerlei Pfand; es hieß der Berg der Barmherzigkeit! Der Edelmann ging an der Thür vorbei und bis ans Ende der Straße; dann kehrte er wieder zurück. Bald beſchleunigte, bald hemmte er ſeinen Gang, je nachdem er irgend einen Vorübergehenden erblickte, bis er endlich den günſtigen Augenblick fand, bebend an der Mauer entlang ſchlich und in dem Hauſe verſchwand, das obiges Schild trug. Eine ganze Zeit darauf trat er wieder aus dem Berg⸗ hauſe heraus, und flüchtete ſich um die Ecke in eine andere Straße. Wohl ſtand Zufriedenheit in ſeinem Auge geſchrie⸗ ben, aber die ſtarke Röthe, welche ſeine Stirn bedeckte, zeugte deutlich genug, daß er die gewünſchte Hilfe nur mit einer neuen Demüuthigung hatte erkaufen müſſen. Bald hatte er den Mittelpunct der Stadt erreicht.⸗ Er trat in einen Eßwaarenladen, ließ ein gefülltes Huhn, eine Fleiſchpaſtete, eingemachte Früchte und andere kleine Gerichte in Körbe packen, bezahlte den Werth derſelben und verſprach, ſie durch ſeinen Diener abholen zu laſſen. Dann kaufte er bei einem Goldſchmied zwei ſilberne Löffel u. dgl. und verließ dieſes Stadtviertel, wahrſcheinlich, um noch an andern Orten weiter einzukaufen. II. In vielen unſerer Heidelande hat der Menſch einen ſiegreichen Kampf begonnen, um den Boden aus ſeinem Jahrhunderte langen Naturſchlaf zu erwecken. Er hat das Eingeweide der Erde durchwühlt und ſeinen Schweiß in ih⸗ ren Schooß geſchüttet, hat Wiſſenſchaft und Induſtrie zu Hilfe genommen, Sümpfe und Meoräſte trocken gelegt, Höhen abgetragen, das fruchtbare Waſſer der Gebirge aus dem Maasſtrom gelockt und alſo die nährende Lebensader durch einen Boden geleitet, der gleich einer Leiche tauſend Jahre geſchlummert. Siegreich kämpfte der Menſch gegen die Elemente! Nicht genug zu preiſender Triumph, der einſt dieß unfrucht⸗ bare Kempenland zu einem üppigen Garten umgeſchaffen! Wahrlich, unſere Nachkommen werden es nicht glauben, wenn ein wogendes Meer von Korn oder ein grünendes Thal ſich ihren entzückten Blicken zeigen wird, wo jetzt die Sonne ſich in dem ſcharfen Kieſel ſpiegelt! Im Norden von der Stadt Antwerpen, in der Richtung nach der holländiſchen Gränze, bemerkt man kaum erſt einige Spuren der Cultur, doch längs der Steinwege ſieht man hinein iſt A Ebene das wo n gränz erſtre Stree den 2 Weid des n gewa Dörf fließe den einer Scho davot Fuß Brüc nie e Gri Stäl ein u hinte fließe hen reicht.⸗ Huhn, kleine en und Dann u. dgl. noch an h einen ſeinem hat das 3in ih⸗ ſtrie zu gelegt, irge aus der durch d Jahre lemente! unfrucht⸗ ſchaffen! glauben, rünendes wo jetzt „ in der an kaum pege ſieht man hier und dort ſchon den Landbau in die nackte Heide hineingreifen; weiter hinein in dem Herzen dieſer Gegend iſt Alles wüſt und leer. Dort erſtrecken ſich die verſengten Ebenen mit ihrer einzigen Zierde, dem Heidekraut, ſo weit das Auge zu reichen vermag, da ſieht man noch Strecken, wo nichts als die bläuliche Nebeltinte den Horizont be⸗ gränzt, die uns andeutet, daß die Wüſte ſich noch weiter erſtreckt, als das Auge zu ſchauen in Stande iſt. Und dennoch begegnet man, wenn man alſo die langen Strecken durchkreuzt, von Zeit zu Zeit einem ſchlängeln⸗ den Bächlein, deſſen Ufer mit Kräutern bewachſen und von Weiden und lieblichen Baumgruppen umgeben ſind. Längs des murmelnden Heidebachs, weiter hinauf in dieſes Land gewahrt man einſame Bauernhöfe, Luſthäuſer und ganze Dörfer, als ob der Menſch gleich dem Boden nur des fließenden Waſſers bedürfe, um Nahrung und Leben zu finden. An einer dieſen Steklen, wo die Wieſen oder Weiden den Ackerbau ermöglicht, ſtand ein ziemlich großer Hof an einer abgelegenen Straße. Die hohen Bäume, die ihren Schatten ſo majeſtätiſch rund umher verbreiteten, zeugten davon, daß der Menſch ſchon ſeit Jahrhunderten hier feſten Fuß gefaßt, und der ſie umfließende Canal, die ſteinerne Brücke vor dem Thor bewieſen hinlänglich, daß dieſe Colo⸗ nie ein prächtiges Landgut ſei. Man nannte dieſes Eigenthum in der Umgegend den Grinſelhof. Der Pachthof nahm mit ſeinem Wohnhauſe, den Ställen und Scheuern die ganze Vorderſeite des Gutes ein und verhinderte den Vorübergehenden zu ſehen, was ſich hinter dem dicken Baumwerk oder innerhalb des ſie um⸗ fließenden Baches noch befinden, oder was dort vorge⸗ hen möge. Und in der That war dieß ſelbſt für den Pächter die⸗ ſes Hofes ein Geheimniß. Hinter ſeinem Hauſe erhob ſich undurchdringbares hohes Gebüſch, das gleich einem Vor⸗ hange das Innerſte des Landgutes dem Auge des Neugierigen entzog. Weder er, noch einer ſeiner Hausgenoſſen kam un⸗ gerufen über dieſe Gränze. In dem Fond dieſes Landſitzes, zwiſchen den höchſten Baäumen, ſtand ein großes Haus, das der Landbewohner das Schloß nannte. In dieſem wohnte ein Edelmann mit ſeiner Tochter, ſo einſam und verſteckt wie ein Einſied⸗ ler, ohne Knechte oder Mägde, und jede Geſellſchaft aufs ſorgfältigſte vermeidend. Allgemein wähnte man, daß die⸗ ſer Edelmann, der ziemlich ausgedehnte Güter beſaß, ſich nur aus Geiz und Habſucht von allem geſelligen Leben fern halte. Was den Pächter betraf, ſo wich dieſer jeder Erklärung hierüber aus und ehrte das geheimnißvolle Weſen des Edel⸗ mannes. Er befand ſich auf dieſem Gute ſehr wohl; das Land war fruchtbar und die Pacht nicht zu hoch. Er war hiefür ſeinem Herrn dankbar und borgte ihm daher gern ein Pferd, um ihn jeden Sonntagsmorgen in der alten Chaiſe nach dem Dorfe zu fahren, wenn der Edelmann und ſeine Tochter ſich zur Kirche begaben. Außerdem aber ſtand dieſen auch bei beſonderen und dringenden Angelegenheiten ſein Sohn als Kutſcher zu Dienſten. Es iſt ſpät Nachmittag. Die Sonne hat ihre tägliche Himmelsbahn bereits faſt ganz durchlaufen und neigt ſich nach Weſten; ihre Strahlen aber ſind, wenn auch nicht mehr ſo glühend wie am Mittage, noch warm und überſtrö⸗ men die Natur mit leiſer Glut. Auch im Grinſelhof ſpielt i rend i ſanfter Oſtſeit dunkel über d hitze e und La 1 Todes die Vi ſich.. dem g ſchien verſun Laub, öde S ihrem Gebüt der ſch Scha⸗ zwitſe Gefal 3 durch bringt chen, ſtraͤuc Schn ſchlan De er die⸗ bb ſich Vor⸗ herigen n un⸗ chſten vohner lmann inſied⸗ t aufs aß die⸗ ß, ſich en fern klärung 5 Edel⸗ as Land hiefür Pferd, ſe nach Tochter auch bei ohn als tägliche eigt ſich ch nicht berſtrö⸗ ſelhof 17 ſpielt die ſinkende Sonne luſtig in dem Blattwerk, und wäh⸗ rend ihre Strahlen die höchſten Kronen der Bäume mit ſanfteren Farben beglänzen, färbt ſich das Grün nach der Oſtſeite immer tiefer und wird im Innern der Gebüſche dunkel und geheimnißvoll. Rieſige Schatten werfen ſich über den Boden dabin, und nach der erdrückenden Tages⸗ hitze erhebt ſich allmälig die friſche Abendkühle über Gras und Laubwerk und erfüllt die Luft mit erquickenden Duͤften. Und dennoch iſt auf Grinſelhof Alles traurig; eine Todesſtille ruht wie ein Grabſtein auf dem einſamen Ort; die Vögel ſchweigen, der Wind ruht, kein Blättchen bewegt ſich... nur das Licht allein ſcheint hier Leben zu haben. Bei dem gänzlichen Mangel an jeder Bewegung, an jedem Laut ſchien es faſt, als ſei die Natur hier in einen Zauberſchlaf verſunken, und vertiefen wir das Auge in dieſes wilde, ſtille Laub, kann uns ein Schauder beſchleichen, als verberge die öde Stille dieſes Platzes irgend etwas Schreckliches in ihrem Schooß. Plötzlich aber rauſcht das Laubwerk. Mitten in dem Gebüſch beugen ſich die Zweige unruhig auseinander vor der ſchnellen Bewegung eines unſichtbaren Weſens. Eine Schaar von Vögeln verläßt ihren Zufluchtsort und fliegt zwitſchernd auseinander, als drohe ihnen eine unſichtbare Gefahr. Iſt es vielleicht ein menſchliches Weſen, das allein durch ſein Erſcheinen Leben und Geräuſch hier in dieſes Aſyl bringt, wo Tod und Stille zu herrſchen ſcheinen? Jetzt thut ſich das Laub auseinander! Ein junges Mäd⸗ chen, ganz weiß gekleidet, ſpringt zwiſchen den Haſelnuß⸗ ſträuchen daher und mit einem ſeidenen Häſcher einem Schmetterlinge nach. Sie fliegt ſchneller als ein Reh, den ſchlanken Körper ausgeſtreckt, die runden Arme in die Luft Der arme Edelmann. 2 18 gehoben, den Boden kaum mit der Spitze des Fußes be⸗ rührend, ſcheint ſie geflügelt und leichter noch als die Vögel, die ſie aus ihrem Verſteck aufgeſtört hatte. Die loſen Haare wehen in dichten Locken um ihren ſchönen Hals... Mit einer ätheriſchen Bewegung ſpringt ſie auf, um den Schmet⸗ terling zu haſchen. Wie ſchön, wie wunderſchön doch der Schmetterling iſt, der über ihr ſeinen Zickzack in der Luft beſchreibt, als hätte er Luſt mit dem Mädchen zu ſpielen! Seine Flügel ſind mit himmelblauen, purpurnen, goldenen Augen beſäet. Ein Freudenruf, ein ſüßer, melodiſcher Laut, entfliegt der Bruſt des Mädchens. Beinah' hätte ſie den Gegenſtand ihres Verlangens gehaſcht; doch ſie hat ihn nur mit der Spitze ihres Netzes geſtreift und den Farbenſtaub auf ſei⸗ nen Flügeln verletzt. Zwar beſchädigt, ſteigt doch der Schmetterling höher in die Luft, traurig ſchaut ſie ihm nach, bis ſeine Farben ſich mit dem Blau des Himmels verſchmelzen. Athem ſchöpfend blieb ſie einige Minuten ſtehen und kehrte dann langſam wieder in den Steig zurück. Wie ſchön ſie iſt! Die Sonne hat ihr⸗Antlitz mit ei⸗ nem leichten Hauch gefärbt und dadurch ihre Wangen nur noch lieblicher gemacht, ihr ganzes Weſen zeugt von Lieb⸗ reiz, Seelenkraft und Geſundheit. Unter ihrer hohen Stirn ſieht man ihre ſchwarzen dunklen Augen durch die langen ſeidenen Wimpern hervorleuchten; ihr fein geſchnittener Mund zeigt zwei Reihen der glänzendſten Perlenzähne, die zwiſchen den roſigen friſchen Lippen hervorſchimmern. Und uͤber all dem Zauber dieſes blühenden jungfräu⸗ lichen Weſens wiegt ſich eine Fuͤlle der üppigſten dunklen Locken, die loſe auf ihre Schulter herabfallen und zuwei⸗ len einen Blick auf ihren blendenden Nacken frei geben. Sie iſt ſch leichte Form Antli i*ſt ſie Elfe an it und k der n näher Nelk zu ve beſon ren Unkr mit die i hand Lieb men und Blü gaß hab⸗ neig ſie! ter, ſcha Fußes be⸗ die Vögel, oſen Haare ls... Mit en Schmet⸗ hmetterling hreibt, als eine Flügel ggen beſäet. ut, entfliegt Gegenſtand ur mit der aub auf ſei⸗ t doch der aut ſie ihm s Himmels ſtehen und atlitz mit ei⸗ Langen nur zt von Lieb⸗ ohen Stirn die langen geſchnittener enzähne, die mern. n jungfräu⸗ ten dunklen und zuwei⸗ geben. Sie 19⁹ iſt ſchlank gebaut; das einfache weiße Kleid, das mit einem leichten Gürtel ihre Taille umſchließt, verbirgt die zarten Formen ihres Körpers nicht ganz, und wie ſie jetzt eben das Antlitz erhebt und in das Blau des Himmels hinaufſchaut, iſt ſie ſo himmliſch ſchön, daß man dieß Weſen für die Elfe vom Grinſelhof hätte halten können. Wäͤhrend ſie langſam den Pfad dahin wandelte, bald an irgend etwas Schönes und Freudiges denkend, laͤchelte und die Aufwallung ihres Herzens beſchwichtigte, bald wie⸗ der mit ernſtem Geſicht ſtehen blieb und auf die Erde blickte, näherte ſie ſich einem Blumenbeete, auf welchem einige Nelken mit geſenkten Häuptern unter der Hitze des Tages zu vergehen ſchienen. Dieſe Blumen mußten der Gegenſtand beſonderer Vorliebe irgend einer Perſon ſein, denn ſie wa⸗ ren alle an weiße Stäbchen gebunden und ſorgfaͤltig vom Unkraut frei gehalten. Die Wahl dieſer Blumen, die kindliche Sorgfalt, mit welcher ſie umgeben waren, eine Art mütterlicher Pflege, die ihnen zu Theil wurde, zeigte offenbar, daß eine Frauen⸗ hand— und zwar die eines jungen Mädchens— dieſe Lieblinge pflegte und liebkoſſte. Daͤs Mädchen gewahrte ſchon von fern, wie die Blu⸗ men ermattet und ſchlaff an ihren Stäbchen niederhingen, und eilte beſorgt auf ſie zu. „Ach Gott, meine armen Blümchen!» rief ſie, die Blüthe einer der Nelken mit der Hand erhebend,„ich ver⸗ gaß euch zu tränken! Ihr habt Durſt, nicht wahr? Ihr habt vergebens auf mich gewartet, ſeid verſchmachtet und neigt die Köpfchen, als wolltet ihr ſterben.— Aber,“ fügte ſie leiſe hinzu,„ich bin auch ſeit geſtern ſo zerſtreut, ſo hei⸗ ter, ſo vergnügt!... Guſt av! flüſterte ſie, den Blick ver⸗ ſchämt zu Boden ſchlagend vor ſich hin. 20 Einige Minuten lang blieb ſie in dieſer Stellung und vergaß die Blumen und vielleicht die ganze Erde um ſich her, um mit ihren ſüßen Träumen allein zu ſein. Allmaͤlig bewegten ſich ihre Lippen wieder. „Immer, überall,“ murmelte ſie leiſe,„ſteht ſein Bild mir vor Augen! Immer iſt es ſeine Stimme, die mich verfolgt! Es iſt mir unmöglich, dieſen Gaukelbildern zu ent⸗ fliehen!. Gott, was geht in mir vor?... Das Herz zit⸗ tert mir in der Bruſt... bald jagt mir das Blut glühend durch die Adern und bald wieder fließt es kalt und träge, und das Herz ſchlägt mir wild in der beängſtigten Bruſt... Mir iſt ſo beklommen, eine geheime Angſt durchbebt mein Gemüth... und doch jauchzt meine Seele und ſchwelgt in unbegreiflicher Wonne....“ So blieb ſie eine Zeit lang ſchweigend und reg ungs⸗ los, bis ſie endlich plötzlich zu erwachen ſchien. Entſchloſſen erhob ſie das ſchöne Haupt und ſchüttelte die ſchwarzen Locken auf ihre Schulter zurück, als wolle ſie ſich von ihren Ge⸗ danken losmachen. „Ja, ihr meine Lieblinge,“ ſagte ſie lächelnd zu den Nelken,„ich will euch helfen, will euch laben!“ Sie ſprang nach dem Gebüſch und brach einige Zweige von demſelben; mit dieſen beſchattete ſie die Blumen, er⸗ griff die neben ihnen liegende kleine Gießkanne und lief über den Raſen nach einem Baſſin oder Teich, der in der Mitte desſelben zwiſchen einigen hinüberhängenden Trauerweiden gegraben war. Die Oberfläche des Waſſers war heiter und ruhig, bis das Mädchen erſchien; kaum aber ſpiegelte ſich ihr Bild in derſelben, als auch der Teich von lebenden Weſen zu wim⸗ meln ſchien. Da kamen Hunderte von Goldfiſchen aller Grö⸗ ßen und Farben— rothe, weiße und dunkle— plätſchernd herange als wo „ Fiſche r Zeit, n haben.“ bis das als es Stelle 8 + kanne Haupte zurück wandel des Go E Katalp den S. zwei S rei vern gearbei A nieder, Hand, Gedan ermatte C Weite Mund einem matten lung und um ſich Allmäͤlig eht ſein die mich zu ent⸗ Zerz zit⸗ glühend d träͤge, Bruſt... ebt mein welgt in eg ungs⸗ eſchlo ſſen en Locken ren Ge⸗ d zu den Zweige ien, er- lief über r Mitte erweiden ihig, bis Bild in u wim⸗ er Grö⸗ itſchernd 21 herangeſchwommen, nach dem Waſſerſpiegel ſchnappend, als wollten ſie mit dem Mädchen ſprechen. „Geht, geht, laßt mich zufrieden!“ ſagte ſie, die Fiſche vorſichtig auseinander treibend,„ich habe jetzt keine Zeit, mit euch zu ſpielen; ihr ſollt nachher eure Nahrung haben.*. Die Fiſche aber zappelten um die Gießkanne herum, bis das Mädchen ſie wieder aus dem Waſſer hob, und ſelbſt als es wieder verſchwunden war, ſammelten ſie ſich an der Stelle des Ufers, wo das Mädchen geſtanden. Das letztere hatte die Blumen begoſſen, die Gieß⸗ kanne war langſam ihrer Hand entglitten. Mit geſenktem Haupte ſchritt ſie in das einſame Haus, kehrte dann wieder zurück und warf den Fiſchen etwas Weißbrot zu, dann aber wandelte ſie ganz in Gedanken verſunken durch die Steige des Gartens. Endlich näherte ſie ſich einer Stelle, wo ein hohes Katalpa⸗Gebüſch ſein Dach wie einen breiten Schirm über den Steig wölbte. Unter demſelben ſtand ein Tiſch nebſt zwei Stühlen; ein Buch, ein Schreibzeug und eine Sticke⸗ rei verriethen, daß das Maͤdchen vorhin hier geſeſſen und gearbeitet hatte. Auch jetzt ließ ſie ſich wieder auf einen der Stühle nieder, nahm abwechſelnd das Buch und die Stickerei zur Hand, ließ beides wieder fallen und legte dann ig tiefen Gedanken das ſchöne Haupt in die Hand, wie Jemand, der ermattet iſt und ſchlummern will. Eine Zeit lang blieb ihr großes glänzendes Auge in's Weite gerichtet, dann und wann ſpielte ein Lächeln um ihren Mund und ihre Lippen bewegten ſich, als wären ſie mit einem Freunde in Geſpraͤch. Zuweilen ſchloſſen ſich ihre marten Augenlider, doch erhoben ſich ihre Wimpern wieder, 22 um abermals zu ſinken, bis endlich ihre Wange auf den Arm ſank und ſie in Schlummer verſunken zu ſein ſchien. Aber ſchlief ſie wirklich? Ihre Seele wenigſtens wachte und jubelte, denn das ſanfte Lächeln umſpielte noch immer ihr Antlitz, und verſchwand es auch mitunter, um einem ernſteren Ausdruck Platz zu machen, ſo verbreitete es doch immer wieder den Sonnenſchein der Lebensfreude und des Glückes über das ſpiegelklare Weſen des Mädchens. Es war, als hätten ihre Traumbilder Geſtalt angenommen, und als umgaukelten ſie ihr Herz mit einer Fluth von zauberi⸗ ſchen Viſionen. Lange hatte ſie ſo, ganz in Vergeſſenheit verſunken und bei vergangenen Dingen weilend, dagelegen, als an der Au⸗ ßenthür des Hofes ſich Geraͤuſch vernehmen ließ, und das laute Wiehern eines Pferdes die Stille Grinſelhofs unterbrach.— Das Maͤdchen erwachte hierdurch jedoch nicht. Die alte Chaiſe war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte vor den Stäͤllen des Hofes Halt gemacht. Der Pächter und ſeine Frau kamen dahergelaufen, um ihren Herrn zu begrüßen und das Pferd ausſpannen zu helfen. Während deſſen ſtieg Herr von Vlierbeke aus dem Wagen und ſprach einige freundliche Worte mit den Leuten des Hofes, aber in ſo trübem Ton, daß der Pächter und ſeine Frau ihn mit Verwunderung anſchauten. Zwar verließ ihn der ſtille Ernſt ſelbſt bei der äußerſten Freundlichkeit niemals, heute aber zeigte ſein Antlitz eine ganz außergewöhnliche Niedergeſchlagenheit. Er ſchien ſehr ermattet und ſein ſonſt ſo lebendiges Auge bewegte ſich lang⸗ ſam und träge unter den dunklen Augenbrauen. Das Pferd ſtand im Stalle; der junge Kutſcher, der die Livr kleine P Wohnhe dem Pe „2 nöthig 1 Denec ſpeiſen.“ D Gutshe „ amts n Pauſe „. derbare nach d ſprach 2 8 reiche? teich g im S Ihr ſchlag gen, Frau werde zu ſei Es ft auf den hien. nigſtens lte noch er, um eitete es lde und ns. Es en, und auberi⸗ ken und der Au⸗ ind das lhofs jedoch ort und laufen, pannen nus dem Leuten bter und ußerſten litz eine ien ſehr h lang⸗ her, der 23 die Livree bereits abgelegt hatte, holte einige Körbe und kleine Päckchen aus dem Wagen und trug dieſelben in das Wohnhaus. Inzwiſchen näherte ſich Herr von Vlierbeke dem Pächter. „Bacs Jans,” ſagte er,„ich habe Eure Hilfe nöthig! Morgen kommen Gäſte nach Grinſelhof; Herr Denecker und ſein Neffe werden hier zu Mittag ſpeiſen.* Der Päͤchter ſchaute ungläubig und erſtaunt ſeinen Gutsherrn an. „»Der reiche Herr, der Sonntags während des Hoch⸗ amts neben Ihnen in dem Stuhl ſitzt? fragte er nach einer Pauſe zweifelnd. „»Nun ja, Bacs derbares „Und der heitere junge Herr Guſtav, der geſtern nach der Meſſe mit unſerm Fräulein auf dem Kirchhof ſprach „Derſelbe!) „Ach, Herr von Vlierbeke, was ſind das für reiche Leute! Sie haben alle die Güter rund um den Egel⸗ teich gekauft; auf ihrem Hofe ſtehen wohl an zehn Pferde im Stalle, außer denen, die ſie in der Stadt noch haben. Ihr Wagen iſt von unten bis oben mit Silber be⸗ ſchlagen!“ „Ich weiß es, deßhalb will ich ſie auch empfan⸗ gen, wie es ihrem Stande geziemt. Haltet Euch mit Eurer Frau bereit, ich werde Euch morgen ſehr früh rufen. Ihr werdet mir gern Eure Hand bieten, um mir behilflich zu ſein, nicht wahr?“ „Gewiß, gewiß, mit dem größten Vergnügen! Es freut mich ſogar, daß ich Ihnen zu Dienſten ſein kann!“ Jans; was iſt denn daran Wun⸗ 24 „Ich danke Euch für Eure Gefälligkeit. Alſo wie geſagt— morgen!* Herr von Vlierbeke ſchritt jetzt in das Haus und gab dem Knaben einige Inſtructionen in Betreff der Körbe, die er aus dem Wagen geholt, worauf er den Pachthof ver⸗ ließ und ſich durch das Gebüſch nach Grinſelhof begab. Sobald er aus dem Geſicht des Paͤchters war, bekam ſein Antlitz einen freieren Ausdruck, ein ſehnſüchtiges Lächeln zog ſich um ſeinen Mund, während er über die Steige des Gartens dahin blickte, als ſuche er Jemand in dieſer Ein⸗ ſamkeit. Plötzlich fiel ſein Blick auf das ſchlummernde Mäd⸗ chen. Gleichſam betroffen durch dieß Zauberbild, mäßigte er ſeine Schritte und blieb dann entzückt vor dem Maädchen ſtehen. Wie ſchön war das ſchlummernde Kind jetzt.... jetzt, wo die ſinkende Sonne ihre letzte Glut über ihre Geſtalt ausſtrömte und Alles um ſie her in einen roſigen Flor hüllte! Die ſchwarzen Locken ſchmiegten ſich in ſchöner Unordnung um ihre Wangen; der Katalpa⸗Buſch hatte ſeine Blüthen auf ihr Haupt herabgeträufelt, und ihre Ruheſtätte mit ſchneeweißen Kelchen beſtreut. Sie traͤumte noch immer fort; ein Lächeln von inniger Seligkeit zitterte auf ihrem Antlitz, ihre Lippen bewegten ſich und ſprachen unhörbare Worte, als ob ihre Seele nach Luft ſtrebe für den Ausdruck eines ſie bewaltigenden Gefühles. Lange ſuchte Herr von Vlierbeke den Athem anzu⸗ halten und weidete ſich an dem Anblick des reizenden Weſens. Ueberwältigt von tiefer Bewegung erhob er das Haupt und ſchlug das Auge zum Himmel auf. „Habe Dank, allmächtiger Vater, ſie iſt glücklich! ſprach er mit ſanfter, begeiſterter Stimme.„Laß mich hier⸗ nieden herzigk laß ihr 3 auf der auf de blieb d Bewun fräulich Freude Augen zücken ſich wi in den Lippen mit he verſtan Lippen Herz ſ gen, n dein H und. liche verbitt warm 4 Betra ſich, ſt ihre E 5 Alſo wie daus und er Körbe, thof ver⸗ f begab. r, bekam § Lächeln teige des eſer Ein⸗ de Mäd⸗ äßigte er Mädchen ... jetzt, Geſtalt —r hüllte! nordnung Blüthen ätte mit h immer ef ihrem nhörbare Ausdruck m anzu⸗ Weſens. nupt und ücklich! nich hier⸗ 25 nieden ein Märtyrer ſein, aber gib mir für mein Leiden Barm⸗ herzigkeit für ſie!— Gnade gib und Schutz für mein Kind, laß ihren Traum Wahrheit werden, o Herr!“ Nach dieſem kurzen, inbrünſtigen Gebet ließ er ſich auf den andern Stuhl nieder, lehnte ſeinen Arm vorſichtig auf den Tiſch, um das Haupt in die Hand zu ſtützen und blieb dann regungslos mit einem Lächeln des Glücks und der Bewunderung ſitzen. Für ihn mußte der Anblick dieſer jung⸗ fräulichen Schönheit ſeiner Tochter ein Quell unendlicher Freude ſein, die ihn durch eine wunderbare Macht für den Augenblick alle ſeine Leiden vergeſſen ließ; denn mit Ent⸗ zücken haftete ſein Auge auf ihr, auf ſeinem Antlitz repetirte ſich wie in einem treuen Spiegel jede Bewegung, welche ſich in den feinen Zügen des Mädchens bemerkbar machte. Plötzlich bedeckte eine hohe Röthe ihre Stirne; ihre Lippen bewegten ſich deutlicher, der Vater betrachtete ſie mit heiliger Andacht, und wenn ſie auch nicht ſprach, ſo verſtand er doch die tonloſen Worte, welche des Mädchens Lippen bewegten. „Guſtav! Sie träumt von Guſt av!' ſeufzte er.„Ihr Herz ſtimmt mit meinen Wünſchen überein. Möge es gelin⸗ gen, möge Gott uns gnädig ſein!— Ja, mein Kind, öffne dein Herz dem beſeligenden Gefühl der Hoffnung; träume und... wir wiſſen ja... doch nein, laß uns dieſe glück⸗ liche Stunde nicht durch das kalte Bild der Wirklichkeit verbittern! Schlafe, und laß deine Seele ſich baden in dem warmen Zauberſtrom der knoſpenden Liebe...9 Herr von Vlierbeke blieb eine Zeit lang in ſtiller Betrachtung noch vor ſeiner Tochter ſitzen; endlich erhob er ſich, ſtellte ſich hinter ſie und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn. Noch halb träumend öffnete das Mädchen die Augen; doch kaum hatte ſie bemerkt, wer ſie geweckt, ſo hatte ſie auch mit einem Sprung ihre beiden Arme um ſeinen Hals d geſchlungen und beſtürmte ihn unter ſüßem kindlichen Kuß 1e mit allerlei Fragen. 3 Der Edelmann machte ſich aus den Armen ſeiner Toch⸗ 27 . beke. ter los. ſchrocke „Wahrſcheinlich, Lenora,“ ſagte er ſcherzend,„darf wußt ich Dich heute nicht fragen, welche Schönheiten Du in kann 5 Vondel's Lucifer entdeckt; gewiß hat es Dir an Zeit ge⸗ zu ergr fehlt, dieſes Meiſterſtück unſerer Mutterſprache mit Mil- 3 7 ton's verlornem Paradieſe zu vergleichen?“* und ſ „Ach, Vater,“ ſtotterte Lenora,„es iſt mir in der That Räͤthſe ſo fremd und ſo ſonderbar im Geiſt. Ich weiß nicht, was Licht i ich habe— ich kann ſelbſt nicht einmal mit Aufmerkſamkeit Hals! leſen! 3 „»Nun, Lenora, betrübe Dich nicht, mein Kind. Setz⸗ barkeit Dich wieder; ich habe Dir etwas Wichtiges zu ſagen. Du 4 weißt nicht, warum ich heute nach der Stadt gefahren bin. feiner .... Morgen kommen Gäſte her, um zu Mittag bei uns zu ſeine ſein. Das Mädchen ſchien über dieſe Mittheilung ganz her. g ganz deinen erſchrocken und blickte den Vater verwundert an. „.....„ 5 „Es iſt Herr Denecker;— Du weißt ja, der reiche. Kaufmann, der neben mir in dem Kicchſtuhl ſitzt und das deihe „ 1. 2 ſchöne Schloß am Egelteich bewohnt.“ Naub „Ich kenne ihn wohl, Vater; er grüßt mich immer ſo freundlich und reicht mir jedesmal die Hand, um mir chen aus dem Wagen zu helfen, wenn wir bei der Kirche ab⸗ das ſteigen. Aber... 99 G „»Deine Augen fragen mich, ob er allein kommt!“ und l ſagte der Vater.—„Nein, Lenora, es kommt Jemand Aufre it;„ mit ihm. Tiefe * hatte ſie en Hals hen Kuß ier Toch⸗ d,„darf Du in Zeit ge⸗ it Mil⸗ der That icht, was rkſamkeit nd. Setz⸗ gen. Du hren bin. ei uns zu ig ganz der reiche und das ch immer um mir irche ab⸗ kommt!* Jemand 27 „Guſtav!“ rief das Mädchen unwillkürlich in ei⸗ nem Ton von Ueberraſchung und Freude, während die Röthe der Scham ihre Stirn bedeckte. „Ja, es iſt Guſtav“ antwortete Herr von Vlier⸗ beke.„Bebe deßhalb nicht, Lenora, und ſei nicht er⸗ ſchrocken vor mir, weil deine Seele ſich, ihrer ſelbſt unbe⸗ wußt, einem neuen Gefühl öffnet. Zwiſchen Dir und mir kann kein Geheimniß beſtehen, das meine Liebe zu Dir nicht zu ergründen im Stande wäre.* Das Maͤdchen blickte ihrem Vater tief in die Augen und ſchien in ſeinem milden Blick die Erklärung eines Räthſels zu ſuchen. Plötzlich, als ſei mit einem Male ein Licht in ihr aufgegangen, ſchlang ſie den Arm um ſeinen Hals und verbarg ihr Antlitz an ſeiner Bruſt. „Vater, lieber Vater,“ ſeufzte ſie mit feuriger Dank⸗ barkeit,„deine Güte iſt unendlich!“ Der Edelmann nahm eine Zeit lang die Liebkoſungen ſeiner Tochter hin. Dann aber umdunkelten ſich allmälig ſeine Geſichtszüge und eine Thräne trat in ſein Auge. „Lenora,“ ſagte er mit tiefem Gefühl,„Du wirſt deinen Vater ſtets ſo lieb haben, nicht wahr?“ „Ach immer, immer!“ rief das Madchen. „Lenora, mein Kind,“ ſeufzte der Vater weiter, „deine Liebe iſt mein Lohn und mein Leben auf Erden. Raube aber meiner Seele nie dieſen einzigen Troſt!“ Der traurige Ton ſeiner Stimme erſchreckte das Mad⸗ chen dermaßen, daß ſie ſprachlos ſeine Hand ergriff und das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt ſtill zu weinen begann. Einige Augenblicke verblieben Beide ohne Bewegung und hingeriſſen von ihren Gefühlen in dieſer Stellung. Ihre Aufregung war weder Trauer noch Freude, doch in ihrer Tiefe mit beiden vermiſcht. Des Vaters Antlitz veränderte zuerſt ſeinen Ausdruck, ſeine Züge wurden ernſt, er ſchüttelte zweifelnd das Haupt und ſchien ſich ſelbſt etwas vorzuwerfen. In der That wa⸗ ren die ſonderbaren Worte, welche die Thränen ſeiner Toch⸗ ter veranlaßt hatten, aus ſeiner innerſten Seele gekommen bei dem Gedanken, daß ein Anderer mit ihm die Liebe ſei⸗ ner Tochter zu theilen... ja ſie ihm vielleicht für immer zu entreißen kam. Wohl war er zu jedem Opfer bereit, und mochte es noch unendlich größer ſein, wenn es nur zum Glück ſeiner Tochter beitragen konnte;— dennoch aber blutete ſein Herz bei dem Gedanken an eine Trennung von ihr. Jetzt machte ſich dieſen Schein von Selbſtſucht zum Vorwurf und vertrieb mit Gewalt die trüben Gedanken aus ſeiner Seele. »Komm, komm, Lenora,“» ſagte er, das Haupt ſeiner Tochter liebevoll aufhebend;„ſei wieder heiter und fröhlich. Es iſt ein Glück, daß unſere Seelen ſich zuweilen erleichtern können, wenn das Uebermaß der Empfindung ſie daniederdrückt.— Laß uns jetzt hineingehen; ich habe Dir noch viel zu ſagen, damit wir unſere Gaͤſte empfangen können, wie es ſich gebührt.“* Schweigend gehorchte das Mädchen und folgte ihrem Vater mit langſamem Schritt, während noch einige Thrä⸗ nen ihren ſchönen Augen entfielen. Einige Stunden ſpäter ſaß Herr von Vlierbeke im großen Saale ſeines Hauſes bei einer kleinen Lampe, die beiden Ellbogen auf den Tiſch geſtützt. Dieſes Zimmer, nur an einem einzigen Punct ſchwach erleuchtet, während alle Winkel in vollkommener Dunkel⸗ heit das Auge zurückſtießen, war unheimlich und todesſtill. Die flack in langen ſpukhafte die Wät auf den Mi das ſchöt ten; das ſaß er r tungsvol En den Zel Ohr an 35 ihre Rul Do Lampe ein Kn. einige E ſchien m auch ke Lächeln befriedie S und näl ein klei Letzteres gann je gen, z0 dem S faſt alle zierung usdruck, Haupt dat wa⸗ er Toch⸗ ommen iebe ſei⸗ immer ochte es k ſeiner in Herz machte urf und Seele. Haupt ter und uweilen findung h habe bfangen e ihrem 2 Thrä⸗ ke im be, die ſchwach Dunkel⸗ desſtill. 29 Die flackernde Flamme des Lämpchens warf ihren Schatten in langen Streifen über die Wände und formirte allerlei ſpukhafte Geſtalten, während die alten Porträts, welche die Wände zierten, mit feſtem Blick ihre ſtarren Augen auf den Tiſch zu heften ſchienen. Mitten in dieſer Dunkelheit, dieſer Todesſtille, ſchien das ſchöne und ruhige Antlitz des Edelmanns ſich zu glät⸗ ten; das glänzende Auge in die Tiefe der Nacht gerichtet, ſaß er wie ein Bild bewegungslos da und ſchien erwar⸗ tungsvoll Jemandes zu harren. Endlich verließ er vorſichtig den Stuhl und ging auf den Zehen nach dem andern Ende des Saales, wo er das Ohr an eine geſchloſſene Thür lehnte. „Sie ſchläft!y flüͤſterte er vor ſich hin...„Gott beſchütze ihre Ruhe! ſeufzte er mit zum Himmel gerichtetem Blick. Dann näherte er ſich wieder dem Tiſch, faßte die Lampe und öffnete einen großen Wandſchrank. Sich auf ein Knie niederlaſſend, nahm er aus der unterſten Lade einige Servietten und ein Laken, entfaltete dieſelben und ſchien mit ängſtlicher Genauigkeit ſich zu überzeugen, ob auch kein Flecken an ihnen zu finden ſei. Ein zufriedenes Lächeln bewies, daß das Reſultat ſeiner Unterſuchung ein befriedigendes war. Sich wieder aufrichtend ergriff er einen kleinen Korb und näherte ſich mit dieſem dem Tiſch, aus deſſen Lade er ein kleines wollenes Tuch und ein Stück Kreide nahm. Letzteres zerdrückte er mit dem Heft eines Meſſers und be⸗ gann jetzt die Löffeln und Gabeln, die in dem Körbchen la⸗ gen, zu reiben und zu putzen. Ein Gleiches that er mit dem Salzfaß und andern kleinen Tafelgeräthſchaften, das faſt alles von Silber war und durch ſeine getriebene Ver⸗ zierung eine gewiſſe Wohlhabenheit verrieth. Wäͤhrend dieſer Beſchäftigung trieb ſein Geiſt auf dem Strom der Erinnerung dahin. Die Unbeweglichkeit ſeines Geſichts und ſeiner Augen, wenn er zuweilen unſtät in die Dunkelheit zu blicken ſchien, bewies, daß er mit ſeinen Ge⸗ danken abweſend war. Von Zeit zu Zeit entflohen ſeinen Lippen einige Worte, die von ſtillen und vielleicht ſüßen Thränen begleitet waren, ein liebevolles Lächeln glänzte zu⸗ weilen auf ſeinem Antlitz. Schon hatte er in ſeinem Traum alle die Namen genannt, die ihm auf Erden theuer ge⸗ weſen, und vielleicht die reine Lebensfreude ſeiner jüngeren Jahre wieder gekoſtet. Seine Stimme wurde klarer. „Armer Bruder! ſeufzte er,„nur ein einziger Menſch weiß, was ich für Dich that, und er nennt Dich einen Un⸗ ... Und Du, Du weilſt in den Eisſtrecken Amerikas, kränklich und dahinſiechend; für kargen Lohn durchkreuzeſt du die Wüſten, wo Dir monden⸗ lang kein menſchliches Antlitz begegnet. Du, ein Edelmann, biſt dem Engländer ein Knecht geworden und ſammelſt die Pelze, die dem Reichen zum Schmuck dienen!. bitt're Oualen leide ich um Deinetwillen! mein Zeuge, daß die Liebe zu Dir in meinem Herzen nicht abgenommen. Möchte Deine Seele, o Bruder, der Du in der Einſamkeit der Wüſte ſitzeſt und trauerſt, dieſen Seuf⸗ zer der meinigen empfinden und Dich troͤſten in deinem Elend! Der Edelmann verſank eine Zeit lang in die Verge⸗ genwärtigung von ſeines Bruders Schickſal. Endlich machte er ſich von dieſen Träumen los und wandte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zur Arbeit zurück. Er legte alle die ſilbernen Ge⸗ genſtände neben einander auf den Tiſch. „Sechs Gabeln— acht Löffel! ſagte er nachdenkend... „Wir ſind unſer vier am Tiſche... dankbaren, einen Betrüger! Aber Gott iſt und doch wird es ge⸗ hen; ie geſchick V in den mit lar Treppe kleine Beim von le ſuchte. Schre man ſo ſetzt, wenn verlan alſo z Neffen Klage Wink gewel währe beſtre klebte geſche dem ſeiner den beſche ſich auf dem eit ſeines tät in die einen Ge⸗ den ſeinen ſcht ſüßen länzte zu⸗ m Traum heuer ge⸗ rjüngeren rer. er Menſch einen Un⸗ mweilſt in hend; für r monden⸗ Edelmann, nmelſt die .. O, er Gott iſt erzen nicht der Du in eſen Seuf⸗ in deinem die Verge⸗ lich machte Aufmerk⸗ vernen Ge⸗ denkend... vird es ge⸗ hen; ich werde die Pächterin genau inſtruiren— ſie iſt eine geſchickte Frau...“ Während dieſer letzten Worte ſchloß er Alles wieder in den Schrank. Er nahm ſeine Lampe, verließ den Saal mit langſamem, vorſichtigem Schritt und ſtieg eine ſteinerne Treppe hinab in einen weiten gewölbten Keller, wo er eine kleine Thür öffnete und ſich in einen Bogengang beugte. Beim Schein der Lampe griff er zwiſchen einer großen Zahl von leeren Flaſchen in eine Lade und fand endlich, was er ſuchte. Er holte drei Flaſchen aus dem Sand. „Himmel, nur drei Flaſchen!“ ſagte er bleich vor Schreck.„Drei Flaſchen Tiſchwein! Mehr nicht!... Und man ſagt doch, daß Herr Denecker ſeinen Stolz darein ſetzt, viel trinken zu knnen!... Was ſoll ich anfangen, wenn dieſe drei Flaſchen geleert ſind und er noch mehr Wein verlangt?... Ich trinke nicht; Lenora ein ganz wenig; alſo zwei Flaſchen für Denecker und eine für ſeinen geffen... Es kann wohl genügen... Hier hilft ja kein Klagen, das Schickſal wird entſcheiden!“ Ohne ein Wort zu ſprechen ging der Edelmann in die Winkel des Kellers, fing dort mit der Hand einige Spinn⸗ gewebe auf, die er künſtlich über die drei Flaſchen hing, während er dieſe hie und da mit Staub und Sand beſtreute. Dann begab er ſich wieder in den Saal hinauf und klebte hier mit Kleiſter an einer Stelle, wo die Tapete ab⸗ geſcheuert war, ein Stück Möbelpapier an die Wand. Nach⸗ dem er dann beinah' eine halbe Stunde mit dem Burſten ſeiner Kleider und dem Vertuſchen der kahlen Stellen an den Ellbogen und Knien, welche die Zeit hervorgebracht, beſchäftigt geweſen, ging er wieder zum Tiſch und bereitete ſich zu weiterer Thätigkeit. Er holte einen Faden, eine dicke Nadel und ein Stück gelbes Wachs aus einer Schatulle, legte ſeine Stie⸗ fel auf den Schooß und begann nun wie ein geſchickter Schuhmacher die Lücken ſeiner Stiefel zuzunähen. Dieſe Arbeit mußte verzweifelte Gedanken in ihm erwecken, denn er laͤchelte verächtlich, als finde er ein bitte⸗ res Vergnügen darin, ſich ſelbſt zu verſpotten. Auf ſeinem Antlitz zeigte ſich ein Kampf ſeiner Nerven, die Röthe der Scham wechſelte auf ſeinen Wangen mit der Bläſſe; ſeine Bruſt zog ſich krampfhaft zuſammen, bis er endlich gleich⸗ ſam ergrimmt den Faden abſchnitt, die Stiefel auf den Tiſch warf und aufſprang. »Ja, ſchaut mich nur an,“ rief er, die Hand nach den Porträts an der Wand ausſtreckend,„Ihr, deren edles Blut durch meine Adern rinnt!— Du, Chef einer Armee, der Du an Egmont's Seite zu St. Quentin dein Leben für das Vaterland hingabſt!— Und Du, großer Staa. zmann, der Du nach der Schlacht von Pavia dem großen Kai er Carl ſo bedeutende Dienſte als Abgeſandter leiſteteſt!— Und Du, Wohlthäter der Menſchheit, der Du ſo viele Got⸗ teshäuſer beſchenkteſt!— Du Prälat, der Du als Prediger und als Gelehrter die Kirche deines Gottes ſo mannhaft vertheidigteſt!... Schaut mich an, nicht allein von Eu— rem kalten, lebloſen Leinen, ſondern auch aus dem Schooß des Allmächtigen! Er, der hier ſeine Schuhe näht, und bei nächtlichem Wachen ſein Elend zu verdecken ſucht, er iſt Euer Sohn, Euer Sprößling!— Schmerzt ihn auch der Blick des Menſchen, vor Euch wenigſtens ſchämt er ſich nicht!... O, meine Vorfahren, Ihr habt gekämpft mit Wort und Schwert gegen die Feinde des Vaterlandes! Ich aber kämpfe gegen Spott und unverdiente Schande, ohne Hoffnung auf Sieg und Ruhe; ich leide, and fühle meine Seele Schim habe ie brav u iſt Ed richtet ich hie Aus d Haupt Eurem meiner denjeni und als gethan fF hingeri auf und Bildnit ᷣ ₰ das He riſches, ſein An † Stirn. 9 cheln. ſchmähl Ja, es gegen Dir, la Geduld ſteht m Der und ein ie Stie⸗ eſchickter in ihm n bitte⸗ ſeinem öthe der e; ſeine gleich⸗ auf den hach den edles Armee, eben für zmann, Kaiſer eſt!— e Got⸗ rediger innhaft n Eu⸗ Schooß t, und cht, er uch der er ſich ft mit ! Ich „ohne meine 38 33 Seele dahinſchwinden, ohne daß mir die Welt Anderes als Schimpf und Verachtung zollen wird!— Und dennoch habe ich Euer Wappen noch nicht entehrt; was ich that, iſt brav und tugendhaft vor Gott; die Quelle meines Unglücks iſt Edelmuth, Barmherzigkeit und Liebe... Ja, ja, richtet Eure glänzenden Augen auf mich, ſchaut mich an, der ich hier in den Schlund der Armuth verſunken da liege! Aus der Tiefe meiner Erniedrigung mag ich ſtolz das Haupt zu Euch erheben, das Auge nicht niederſchlagen vor Eurem Blick! Hier in Eurer Gegenwart bin ich allein mit meiner Seele, mit meinem Gewiſſen, hier trifft keine Schande denjenigen, der als Edelmann, als Chriſt, als Bruder und als Vater ſeine Leiden erträgt, weil er ſeine Pflicht gethan! Herr von Vlierbeke war ganz von Begeiſterung hingeriſſen; er ging mit langen Schritten an der Wand auf und ab, und erhob in Verzückung ſeine Hände zu den Bildniſſen ſeiner Vorfahren. In dieſer ſeiner Haltung lag etwas Majeſtätiſches; das Haupt ſtolz erhoben, hatte ſein Weſen etwas Gebiete⸗ riſches, ſeine ſchwarzen Augen glänzten in der Dunkelheit, ſein Antlitz ſtrahlte vor Würde. Plötzlich blieb er ſtehen und legte die Hand an ſeine Stirn. »Armer, ſinnloſer Menſch!? murmelte er mit trübem Lä⸗ cheln.„Deine Seele ſucht ſich Luft zu machen; ſie bricht die ſchmählichen Bande deiner Erniedrigung— und träumt... Ja, es iſt kein Gaukelbild!“ ſetzte er die Hände faltend mit gegen Himmel gerichteten Blick hinzu,„und doch danke ich Dir, langmüthiger Gott, daß Du den Quell von Muth und Geduld in meine Seele fließen ließeſt!... Genug! Da ſteht wieder die Wirklichkeit vor meinen Augen— ſie Der arme Edelmann. greift mich an, wie ein Gerippe aus der Finſterniß.— Jetzt aber bin ich ſtark, ich ſpotte dieſes Spukes, der Schande!9 „»Und morgen?...“ ſetzte er mit ängſtlichem Seufzer hinzu, indem er das Haupt erhob,„morgen wird ſich das Auge der Menſchen mißtrauiſch auf Dich heften; Du wirſt beben vor den verwundenden Blicken derjenigen, die nach dem Räthſel deiner Handlungen ſuchen, mit vollen Zü⸗ gen wirſt Du den Kelch der Schande trinken! Ja, ja, lerne deine Rolle gut; ſpiele die fade Komödie fort, eingedenk deines edlen Stammes, um auf der Folterbank aus allen Faſern deines Herzens zu bluten und hundertmal den Tod zu erleiden in einer Stunde. Ja, deine nächtliche Arbeit iſt gethan, geh jetzt zur Ruhe; vergiß im Schlaf, was Du biſt und was Dir droht!—— Elender Spott!— Da er⸗ wacht in Dir wieder das Bild deiner letzten Erniedrigung— da wirſt Du Dich ſelber ſehen— ſehen, wie dein väterliches Erbgut verkauft wird, wie man verächtlich über deinen Fall lächelt, wie Du mit deinem Kinde die Städte der Heimat fliehſt und in fernen Landen das Brot des Elendes ſuchen gehſt... Schlafen?... Es macht mich zittern!... Der Schuldbrief... Der Schuldbrief...” Mit immer wachſender Angſt wiederholte er dieſes Wort einige Male, während er den Tiſch von allen auf demſelben liegenden Gegenſtänden leerte. Dann verſchwand er mit der Lampe in einer Thür, die wahrſcheinlich nach ſeinem Schlafgemach fuͤhrte. III. Am nächſten Tage, ſobald die erſte Morgenröthe den Horizont färbte, war auf Grinſelhof Alles thätig. Die Pächt der † Sohn Leno Alles zehn? ſchien ordent phiren besſtill 4 geregt und h einige deßhal um de chelnd ſcherze müſſe, zeigten 9 von VT da ſie darübe Grin Edelm Arbeit 2 höher Tochte der S erniß.— kes, der Seufzer wird ſich ten; Du nigen, die ollen Zü⸗ ja, lerne eingedenk aus allen den Tod Arbeit iſt was Du — Da er⸗ rigung— äterliches er deinen tädte der Elendes kern!... er dieſes allen auf her Thür, te. rröthe den itig. Die 3⁵ Pächterin und ihre Magd ſcheuerten die Treppen und Gänge, der Pächter räumte den Pferdeſtall aus, während der Sohn die Steige des Gartens vom Unkraut ſäuberte. Lenora befand ſich ſchon früh im Speiſeſaale, um dort Alles in Ordnung zu bringen. Es war ein Leben, eine Regſamkeit, wie man ſie ſeit zehn Jahren auf Grinſelhof nicht mehr geſehen. Es ſchien, als mache den Leuten des Hofes die Arbeit außer⸗ ordentliches Vergnügen; auf ihrem Antlitz ſtand etwas Trium⸗ phirendes, als freuten ſie ſich ihres Sieges über die Gra⸗ besſtille, die ſo lange hier geherrſcht hatte. Herr von Vlierbeke, obgleich innerlich mehr auf⸗ geregt als alle Uebrigen, ſpazierte mit ſcheinbarer Kälte hin und her, und ging von dem Einen zum Andern, jeden durch einige freundliche Worte anfeuernd und Alles leitend, ohne deßhalb im mindeſten merken zu laſſen, daß er ſich viel um das bekümmere, was hier vorging. Er ſchmeichelte lä⸗ chelnd der Eigenliebe der einfältigen Leute und gab ihnen ſcherzend zu verſtehen, daß dieß eine Ehre für ſie ſein müſſe, wenn ſich ſeine Gäſte mit ihrem Empfange zufrieden zeigten. Noch nie hatten der Pächter und ſeine Frau den Herrn von Vlierheke ſo herablaſſend und heiter geſehen, und da ſie ihn aufrichtig achteten und liebten, ſo waren ſie darüber nicht weniger erfreut, als gäbe es Kirmeß auf Grinſelhof.— Sie durchſchauten nicht, daß der arme Edelmann, da er ſie mit Geld nicht belohnen konnte, ihre Arbeit durch Freundlichkeit zu bezahlen ſuchte. Als die ſchwierigſte Arbeit get han war, und die Sonne höher am Himmel ſtand, rief Herr von Vlierbeke ſeine Tochter herab und gab ihr ſeine Anweiſung zum Kochen der Speiſen. Sie ſollte blos dabei ſein und der Paͤchters⸗ 3* 36 frau ſagen, wie die ihr unbekannten Speiſen bereitet wer⸗ den müßten. Die alten Oefen wurden geheizt, das Holz brannte und kniſterte auf dem Herde, die Kohlen glühten auf den Pfannen und der Rauch wirbelte ſich ſpielend über dem Dach. Die Körbe wurden ausgepackt, das gefüllte Huhn und andere ausgewählte Speiſen wurden hervorgeholt, man brachte ganze Körbe voll Erbſen, Bohnen und aller⸗ lei Gemüſe; die Frauen begannen die Früchte zu ſchälen und zu bereiten. Lenora ſelbſt nahm an der Arbeit Theil und un⸗ terhielt ſich heiter mit der Pächterin und der Magd. Die letz⸗ tere, welche die Jungfrau ſehr ſelten in der Nähe geſehen und noch nie ſo lange in ihrer Geſellſchaft geweſen war, betrachtete ihre feinen ſchönen Züge, ihre ſchlanke Geſtalt und ihre feurigen Augen mit einer Art Entzücken und unendlicher Ehrfurcht, und tiefer noch äußerten ſich dieſe Gefühle auf dem Antlitz der Magd, als den Lippen der gedankenvollen Lenora einige Worte eines bekannten Voksliedes entflohen. Die Magd verließ ihren Stuhl und näherte ſich ſchüchtern ihrer Herrin. „Ach, liebe Frau Pächterin,“ bat ſie, ſich zu dem Ohr derſelben neigend, aber laut genug, um auch von Lenora gehört zu werden,»bitten Sie doch das Fräulein, das Lied weiter zu ſingen. Ich hab' es ihr vorgeſtern abge⸗ lauſcht, und es war ſo ſchön, ſo ſchön, daß ich wohl eine halbe Stunde hinter den Haſelnußſträuchen geſtanden und gehorcht habe. »Ach ja, bat die Paͤchterin ſchmeichelnd, zu Lenora gewandt,„wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, Fräulein, ſo würden Sie uns ſehr erfreuen. Sie haben eine O noch, mel! Ach ſt Antw Tag! macht tet wer⸗ brannte auf den ber dem e Huhn rgeholt, nd aller⸗ i ſchaͤlen und un⸗ Die letz⸗ geſehen en war, eſtalt und hendlicher ühle auf kenvollen entflohen. erte ſich dem Ohr Lenora lein, das ern abge⸗ vohl eine nden und Lenora de macht, die haben 37 eine Stimme wie eine Nachtigall— ich erinnere mich noch, wie meine Mutter— ach, ſie iſt ſchon lange im Him⸗ mel!— mich mit dem Lied immer in den Schlaf wiegte... Ach ſingen Sie es einmal!* „Es iſt ſo lang!“ ſagte Lenora lächelnd. „Und wenn es auch nur einige Verſe ſind!“ war die Antwort.—»Was iſt es heute doch für ein heiterer Tag!* »Gut,“ ſagte Lenora,»wenn es Euch Vergnügen macht, ſo will ich's Euch nicht weigern. Hört zu: Am Ufer, an dem ſchnellen Fluß Ein traurig Mägdlein ſaß; Sie klagt' und weinte vor Verdruß In's Gras, von Thränen naß. Sie warf die Blumen, die ſie brach, Beſtändig in den Strom; Sie rief: ach, lieber Vater, ach! Ach, lieber Bruder, komm! Ein Reicher kam des Wegs daher, Gewahret ihren Schmerz; Er ſieht das Mägdlein weinen ſehr, Das rührt ſein weiches Herz. Er ſprach zu ihr:»Mein liebes Kind, Sag' an, was klagſt Du hier, Warum ich weinend Dich hier find'; Kann's ſein, ſo helf' ich Dir!? Und troſtlos ſeufzt' das Mägdlein da, Und ſprach:„ach, braver Mann, „Ne arme Waiſe bin ich ja, Der Gott nur helfen kann! 38 Der grüne Hügel dort entlang Iſt meiner Mutter Grab, Und hier von dieſem Ufer ſank Mein Vater einſt hinab. Der wilde Strom ergriff ihn, ach, Er kämpfte und er ſank. Mein armer Bruder ſprang ihm nach, Und ach, auch er ertrank! Jetzt flieh' ich unſer einſam Haus!» So klagt die arme Maid; So ſchuttet ſie den Kummer aus, Das Herz voll Traurigkeit. „»O weine nicht!» ſo ſagt er da, »Dein Herz verdient nicht Pein. Ich will dein Freund, dein Bruder ja, Und auch dein Vater ſein!“ Dann nahm die Maid er bei der Hand, Führt' ſie als Braut nach Haus, Und that ihr an des Ufers Rand Die ſchlechten Kleider aus. Jetzt hat ſie reichlich Speiſ' und Trank, Wonach ihr Herz getracht't. Der reiche Mann verdient wohl Dank, Daß er ſo edel dacht'!*) Zu Anfang der letzten Strophe war Herr von Vlier⸗ beke auf der Schwelle der Küche erſchienen; die Pächte⸗ *) Dieſe Volksromanze, bekannt unter dem Namen„das Waiſen⸗ mädchen,“ wird in den Kempen viel geſungen. Die Sangweiſe iſt traurig, doch ſehr lieblich und melodiſch, und hat, wie Wil⸗ lems ſagt, viel Aehnli chkeit mit der Lieblingspiece der Cata⸗ lani:„Nel cor più mi sento,» aus der„Molinara.» rin erho er ſie ſt zufahren „ ſang zu terin.„ hin für V hinauf ſen au⸗ Livree, durch überzeu gen kö ihnen e wieder Wechſ tion ſe Alles Alles Leno dem Vater Buſch imme Equit ſelh hielt. freun ier⸗ ſchte⸗ aiſen⸗ zeiſe Wil⸗ Lata⸗ 39 rin erhob ſich ehrfurchtsvoll und ſchien ärgerlich darüber, daß er ſie ſtͤrte; er gab jedoch ſeiner Tochter ein Zeichen fort⸗ zufahren. „Ei, ei, man amüſirt ſich hier! ſagte er, als der Ge⸗ ſang zu Ende war, mit einem freundlichen Blick zu der Päch⸗ terin.„Das freut mich wirklich!— Ich bedarf Eurer ohne⸗ hin füͤr einige Augenblicke, liebe Frau!“ Von der Pächterfrau begleitet begab er ſich die Treppe hinauf nach dem Saale, wodie Tafel bereit ſtand, die Spei⸗ ſen aufzunehmen. Der junge Bauer ſtand hier bereits in Livree, mit der Serviette am Arm. Nachdem der Edelmann durch eine kurze Anſprache die Pächterin und ihren Sohn überzeugt hatte, daß Alles, was er jetzt beginne, nur gelin⸗ gen koͤnne, wenn ſie ihre Sache gut machten, begann er mit ihnen eine wahre Komödie und ließ Jeden ſeine Rolle mehrmals wiederholen. Das größte Augenmerk heftete er auf das ſchnelle Wechſeln der Löffel und Teller und fuhr in ſeiner Inſtruc⸗ tion ſo lange fort, bis er ſich einigermaßen verſichert, daß Alles gut ablaufen werde. So nahte denn endlich die Stunde des Mittagmahls. Alles ſtand in der Küche bereit, jeder war auf ſeinem Platz. Lenora hatte ſich angekleidet und wartete mir klopfen⸗ dem Herzen hinter der Gardine eines Nebenzimmers; ihr Vater ſaß mit einem Buch in der Hand unter dem Katalpa⸗ Buſch und ſchien zu leſen. Auf dieſe Weiſe verbarg er ſeine immer zunehmende Angſt vor den Leuten des Hofes. Es mochte etwa gegen drei Uhr ſein, als eine prächtige Equipage, durch ſchöne engliſche Pferde gezogen, auf Grin⸗ ſelhof zufuhr und vor der ſteinernen Treppe des Hauſes hielt. Der Edelmann bewillkommte ſeine Gäſte nach der freundlichen Zuvorkommenheit, die ihm eigen war und ſprach 40 einige flüchtige Worte zu dem Jüngling, während der Kauf⸗ mann ſeinen Bedienten den Befehl gab, ihn um fünf Uhr mit dem Wagen abzuholen, da er wichtiger Angelegenheiten wegen noch am Abend in der Stadt ſein müſſe. Herr Denecker war ein corpulenter Mann, der ſeine, obgleich ſehr reiche, Kleidung abſichtlich zu vernachläſſigen ſchien, um ſich dadurch den Anſchein der Unabhängigkeit zu geben. Uebrigens war ſein Geſicht von keinem beſondern Aus⸗ druck; dasſelbe ſprach freilich von einer gewiſſen Schlau⸗ heit, aber doch zugleich von großer Herzensgüte. Edler erſchien das Aeußere ſeines Neffen Gu ſtav, der bei einer ſchönen Geſtalt und einem ſtolzen männlichen Ant⸗ litz, eine außerordentlich feine Erziehung verrieth und in der Tournüre dem Edelmann nicht das Geringſte nachgab. Seine blonden Haare und dunkelblauen Augen gaben ſei⸗ nen Zügen etwas Poetiſches, während ſein feſter Blick und die leiſe angedeuteten Falten auf ſeiner Stirn darauf ſchlie⸗ ßen ließen, daß er mit vielem Gefühl und Denkungskraft begabt war. Unter den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeigungen führte Herr von Vlierbeke ſeine Gaͤſte in den untern Saal, in welchem ſich ſeine Tochter befand. Der Kaufmanngrüßte dieſe mit freundlichem Laͤcheln. »Welch eine ſchöne, reizende Erſcheinung!“ rief er mit wahrer Bewunderung.»Und in dieſem dunklen Grin ſelhof verborgen!— Nein, Herr von Vlierbeke, das iſt nicht recht!5 Inzwiſchen ging Guſtav auf das Mädchen zu und murmelte ihr ein unverſtändliches Compliment. Beide er⸗ rötheten bis an die Stirn, Beide ſchlugen bebend die Augen zu Boden, bis der Jüngling ſich dieſer Verlegenheit entriß und mit Lenora in verſtändlicher Weiſe eine Unterhaltung begann. — der ju * von V wird Augen zwiſche gern ſe bar w weiter Neffe durch i hen S hat ſie Vlie jedoch ſes dar gegenſt ernſt! mit la meine 5 die ihn gen ur T drohte was h lings Oheim Glück r Kauf⸗ ünf Uhr enheiten er ſeine, hläſſigen keit zu rn Aus⸗ Schlau⸗ av, der en Ant⸗ und in achgab. den ſei⸗ ick und ſchlie⸗ gskraft führte Saal, grüßte er mit 2lhof t nicht u und de er⸗ Augen ß und gann. 41 Der Kaufmann bemerkte die ſonderbare Aufregung der jungen Leute. „Sehen Sie nicht, was da vorgeht?“ flüſterte er Herrn von Vlierbeke ins Ohr,„ich ſeh's wohl. Mein Neffe wird ganz ſchwindlich im Kopf; die Jungfrau ſticht ihm die Augen aus!— Ich weiß nicht, wie lange dieſe Zuneigung zwiſchen den Beiden ſchon beſteht; aber wenn Sie es nicht gern ſehen, daß dieſes Gefühl wachſe und vielleicht unheil⸗ bar werde, ſo treffen Sie zeitig Ihre Vorſichtsmaßregeln, weiterhin möchte es zu ſpät ſein; denn ich ſage Ihnen, mein Neffe iſt mit ſeinem ſanften Geſichte kein Junge, der ſich durch irgend ein Hinderniß zurückſchrecken läßt.—— Se⸗ hen Sie nur: ſie ſind ſchon im Erzählen— der Schreck hat ſich ganz gelegt.“* meine Herren!* Mit Schüchternheit bot Guſtav Lenora ſeinen Arm, die ihn bebend und erröthend annahm. Beide ſchienen verle⸗ gen und doch ſtrahlte himmliſche Freude aus ihren Augen. Der Oheim erhob ſeinen Finger gegen den Neffen und drohte ihm ſcherzend, als wolle er ſagen:»ich weiß wohl, was hier vorgeht!* Dieſer Wink erhöhte noch die Röthe auf des Jüng⸗ lings Stirn, obgleich die ſcheinbare Zuſtimmung ſeines Oheims ihm das Herz mit ſüßer Hoffnung füllte. Zum Glück hatte Lenora dieſen Scherz nicht bemerkt. Man ging zur Tafel; der Edelmann nahm Herrn Denecker gegenüber neben Guſtav Platz, dem das junge Mädchen gegenüber ſaß. Die Paͤchterin brachte die Speiſen; ihr Sohn in Li⸗ vree bediente die Tafel. Die Gerichte waren ziemlich gut bereitet und mehr als einmal bezeugte der Kaufmann ſeine vollkommene Zufriedenheit; er war ganz verwundert über die gute Wahl und den Reichthum der Speiſen, denn er hatte ſich auf ein ſehr mageres Mahl gefaßt gemacht, da Herr von Vlierbeke in der ganzen Umgegend für einen reichen Filz von beiſpielloſem Geiz gehalten wurde. Inzwiſchen war die Unterhaltung allgemein geworden. Da Lenora zuweilen auf dieſe oder jene Frage ihres Nachbars, des Kaufmannes, zu antworten hatte, ſo fühlte ſie ſich freier und ſetzte ihre beiden Zuhörer nicht wenig durch die Zeichen von hohem Verſtande und großen Kenntniſſen, welche ſie an den Tag legte, in Staunen. Anders aber war es mit ihr, wenn ſie nur mit Guſtav zu ſprechen hatte— dann ſchien ihr Verſtand ſie zu verlaſſen und nur mit nieder⸗ geſchlagenen Augen vermochte ſie ihm in unzuſammenhän⸗ genden Worten eine Antwort zu geben. Dem Jüngling ging es aber auch nicht viel beſſer, und obwohl man es Beiden anſah, daß ſie innerlich glücklich waren, ſchienen ſie ſich doch nicht ſehr zu amüſiren. Herr von Vlierbeke leitete inzwiſchen die Unterhal⸗ tung auf allerlei Gegenſtände, die, wie er glaubte, ſeinen Gäſten von Intereſſe ſein könnten. Mit offener Freundlich⸗ keit räumte er die Gründe des Kaufmannes ein und gab ihm Gelegenheit, von Dingen zu ſprechen, welche dieſer als Kaufmann und Handeltreibender am beſten kennen mußte. Der Gaſt erkannte dieſe Freundlichkeit und war dem Edel⸗ manne aufrichtig dankbar dafür; ja er fühlte ſich wirklich ⸗ zu Herrt 4 walt ant ter ihm So und mit mann, d verſtande ſo ſchnel gen wuß können, hier war Nu in große? Deneck nach den Höflichke nora ur ſo geſcha Flaſche ſ Der nach der zitterte ir leerte A herrn du begann, die Bewe daß der L dem Gla denn jetzt den Wein ſen, und des Edel Herrn n das in Li⸗ h gut mſeine et über enn er ht, da einen vorden. ihres fühlte g durch tniſſen, er war atte— nieder⸗ enhän⸗ g ging Beiden ſie ſich nterhal⸗ ſeinen undlich⸗ nd gab eſer als mußte. n Edel⸗ wirklich 43 zu Herrn von Vlierbeke hingezogen und mußte ſich Ge⸗ walt anthun, um in der förmlichen Höflichkeit nicht hin⸗ ter ihm zuruͤckzubleiben. So ging denn Alles gut; Jeder war mit dem Andern und mit ſich ſelbſt zufrieden. Namentlich freute es den Edel⸗ mann, daß die Pächterin und ihr Sohn den Dienſt ſo gut verſtanden und die bereits gebrauchten Löffel und Teller ſo ſchnell fortzunehmen und geſaͤubert wieder zurückzubrin⸗ gen wußten, daß es unmöglich Jemand hätte bemerken können, wie groß der Mangel an ſolchen Gegenſtänden hier war. Nur eine Wahrnehmung ſetzte den Edelmann allmälig in große Beſorgniß. Er ſah nämlich mit Schrecken, daß Herr Denecker während ſeiner Beweisführungen ein Glas Wein nach dem andern leerte; auch der Jüngling forderte, aus Höflichkeit oder um Stoff zur Unterhaltung zu haben, Le— nora unaufhörlich auf, doch einen Römer zu trinken, und ſo geſchah es, daß kurz nach Beginn der Tafel die erſte Flaſche ſchon den Boden zeigte. Der Edelmann ſah zuweilen mit heimlichen Blicken nach der Flüſſigkeit, die ſich noch in der Flaſche befand, und zitterte innerlich jedesmal, wenn der Kaufmann ſein Glas leerte Auch die zweite Flaſche wurde auf Befehl des Haus⸗ herrn durch den Bedienten geholt. Herr von Vlierbeke begann, um den Durſt ſeines Gaſtes zu mäßigen, allmälig die Beweisführungen fallen zu laſſen, denn er hatte bemerkt, daß der Kaufmann nicht lange ſprechen konnte, ohne nach dem Glaſe zu greifen. Aber auch hierin ſah er ſich getäuſcht, denn jetzt begann Herr Denecker die Unterhaltung auf den Wein zu lenken und das edle Naß himmelhoch zu prei⸗ ſen, und verwunderte ſich über die unbegreifliche Mäßigkeit des Edelmannes. Inzwiſchen aber trank er noch mehr als 44 zuvor und wurde hierin, freilich in geringerem Maße, durch Guſtav ſecundirt. Die Angſt des Wirthes wuchs mit jedem Male, wo der Gaſt das Glas an die Lippen ſetzte, und wie ſehr es ihm auch wehe that, ſo mußte er ſich doch enthalten dem letzteren Beſcheid zu thun und war gezwungen, ſich hierin aus Furcht vor noch größerer Verlegenheit unhöflich zu zeigen. Auch die zweite Flaſche wurde geleert. „Hören Sie, Herr von Vlierbeke,“ ſagte der Kauf⸗ mann zu ſeinem Wirthe, der mit beängſtigtem Herzen, aber unter dem Scheine der Heiterkeit, allen Bewegungen des erſteren folgte,„der Wein iſt alt und ganz vorzüglich, ich geſtehe es; doch im Trinken muß man einige Abwechſelung haben, wenn der Geſchmack nicht ſchwinden ſoll. Sie müſ⸗ ſen einen vortrefflichen Keller haben, wenigſtens muß ich dieß nach dieſer erſten Probe glauben. Laſſen Sie uns eine Flaſche Chaͤteau-Margeaux holen, und haben wir noch Zeit, ſo wollen wir hernach mit einem Glas Hochheimer ſchlie⸗ ßen; Champagner trinke ich nicht, für wahre Weinkenner iſt das ein ſchlechter Trank.“* Bei den letzten Worten des Kaufmannes verbreitete ſich eine plötzliche Bläſſe über das Antlitz des Edelmannes; um ſeine Bewegung jedoch zu verdecken, fuhr er ſich einige Secunden lang mit der Hand über Stirn und Augen und ſuchte indeß alle ſeine Erfindungsgabe aufzubieten, um ſich geſchickt aus dieſer Verlegenheit zu retten. Als ſein Gaſt ſchwieg, war auch das Antlitz des Wir⸗ thes klar und heiter; ein ruhiges Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund. „Chàteau-Margeaux ν fragte er.„Wie Sie befehlen, Herr Denecker!... Jan, eine Flaſche Chateau-Mar- geaux ten zu. ergriff ſagte Flaſch keine beiſtel den S ten Fl er wi einſch nehm unzuf pen die 8 ſoglei „ unt Wir ze, durch ale, wo ſehr es lten dem ch hierin öflich zu der Kauf⸗ zen, aber ngen des glich, ich hechſelung Sie muſ⸗ muß ich uns eine noch Zeit, ꝛer ſchlie⸗ zeinkenner verbreitete lmannes; ſich einige ugen und , um ſich des Wir⸗ um ſeinen e befehlen, eau-Mar- 45⁵ geaux. Links in dem dritten Fach!“ rief er dem Bedien⸗ ten zu. Der Bauernjunge ſchaute ſeinen Herrn verwundert an, als ſpreche er in einer unbekannten Sprache zu ihm, und murmelte einige unverſtändliche Worte. „Entſchuldigen Sie mich!“ fuhr der Edelmann ſich er⸗ hebend fort,„er weiß im Keller nicht Beſcheid... Einen Augenblick!“ Herr von Vlierbeke ſtieg die Treppe hinab und ging in die Küche, wo er die dort bereit ſtehende Flaſche ergriff und mit derſelben in den Keller ging. Hier blieb der arme Monn ſtehen und ſchöpfte Athem. „Chateau-Margeaux! Hochheimer! Champagner!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.—„Nichts im Hauſe als dieſe letzte Flaſche Bordeaux!... Was thun? Zum Nachdenken iſt keine Zeit! Der Würfel iſt geworfen— möge Gott mir beiſtehen!“ Er eilte die Treppe wieder hinauf und trat lächelnd in den Speiſeſaal mit dem Korkzieher auf dieſer einzigen und letz⸗ ten Flaſche. Inzwiſchen hatte Lenora die Gläſer gewechſelt. „Dieſer Wein iſt wohl zwanzig Jahre alt; ich hoffe, er wird Ihnen munden! ſagte der Edelmann, während er einſchenkte und bebend von der Seite die Wirkung ſeines Be⸗ nehmens auf dem Antlitze des Kaufmannes zu leſen ſuchte. „Das muß ein Mißgriff ſein!» rief der letztere mit unzufriedenem Geſicht, als er kaum das Glas an die Lip⸗ pen gebracht, und zog es zurück.„Es iſt derſelbe Wein!» „In der That, ich habe mich vergriffen!... Doch da die Flaſche einmal geöffnet iſt, ſo laſſen Sie uns dieſelbe ſogleich leeren. Wir haben noch Zeit genug!“ »Wie Sie wünſchen,“ antwortete der Kaufmann, „unter der Bedingung, daß Sie mir was Beſſeres bringen. Wir müſſen uns ein wenig ſputen.* 46 So nahm denn auch der Wein in der dritten Flaſche ab, bis nur noch ein paar Gläſer übrig blieben. Der Edelmann konnte ſeine Angſt nicht länger ver⸗ heimlichen, er wandte zwar das Geſicht von der Flaſche ab, doch immer kehrte ſein Blick mit großer Angſt zu derſelben zurück. In ſeinem Ohr dröhnte bereits das ſchreckliche Wort „»Chateau-Margeaux,“ das ihn mit Schande bedecken ſollte. Der kalte Schweiß legte ſich ihm auf die Stirn und ſeine Farbe wechſelte mehrmals in einer Secunde. Doch hatte er ſeine Mittel noch nicht erſchöpft und kämpfte wie ein muthiger Soldat gegen dieſe Schmach. Mit der Hand und dem Taſchentuche ſich Stirn und Wangen reibend, huſtend und ſich abwendend, als wolle er nieſen, mit dieſen Ausflüchten entging er freilich eine Zeit lang noch der Aufmerkſamkeit ſeiner Gäſte, aber endlich war doch der Augenblick da, wo Herr Denecker die Flaſche erfaßte, um den letzten Wein einzuſchenken. Bei dieſem Anblick ergriff ein kalter Schauder den Edelmann, eine Todesblaͤſſe bedeckte ſein Geſicht und mit einem Seufzer ließ er das Haupt zurückſinken. War es eine affectirte Ohnmacht? oder nahm der Edelmann zu ſeiner wirklichen inneren Erſchütterung ſeine Zuflucht, um ſich vor einer ſolchen Verlegenheit zu retten? Alle ſprangen auf. Lenora ſtieß einen Angſtruf aus und eilte mit kummervollem Blick auf ihren Vater zu. „Es iſt nichts!» ſagte dieſer, indem er zu lächeln verſuchte und ſich langſam erhob.»Es iſt nichts; die Luft beengt mich hier! Laſſen Sie mich einen Augenblick in's Freie gehen, ſo würde mir gleich wieder wohl ſein!“ Mit dieſen Worten eilte er zur Thür und die Treppe hinab in den Garten. Lenora hatte ihn am Arm erfaßt und wollte ihn leiten, obwohl er dieſer Fürſorge nicht be⸗ durfte falls Scha die 2 war, Tocht higte, Luft kehre aus, Kauf muß kann habet trinke unſer ihn Herr nicht Gew wirt und Kau war, liche Gla⸗ Reh ſche ab, ger ver⸗ Flaſche derſelben he Wort bedecken tirn und e. Doch ofte wie tirn und wolle er ine Zeit lich war Flaſche dieſem nn, eine ffzer ließ hm der ng ſeine retten? ruf aus zu. lächeln die Luft blick in's 9) Treppe n erfaßt nicht be⸗ 47 durfte. Herr Denecker und ſein Neffe folgten ihm eben⸗ falls mit Aeußerungen der tiefſten Theilnahme. Einige Augenblicke nur hatte der Edelmann unter dem Schatten eines rieſigen Kaſtanienbaumes geſeſſen, als auch die Bläſſe von ſeinem Antlitz bereits wieder verſchwunden war, und er mit ſichtbarer Kraft und freiem Ton ſeine Tochter und ſeine Gäſte wegen ſeines Unwohlſeins beru⸗ higte, ſie jedoch erſuchte, ihn noch ein wenig in der freien Luft zu laſſen, für den Fall, daß ſeine Betaͤubung wieder⸗ kehren könne. Kurz darauf erhob er ſich und ſprach den Wunſch aus, ein wenig zu promeniren. „Das wird auch mir Vergnügen machen!“ ſagte der Kaufmann.„Um fünf Uhr fährt mein Wagen vor; ich muß mit meinem Neffen nach der Stadt fahren, und kann ja unmöglich abreiſen, ohne Ihren Hof geſehen zu haben! Laſſen Sie uns ein wenig umhergehen; hernach trinken wir zum Schluß noch eine gute Flaſche Wein auf unſere Freundſchaft.* Mit dieſen Worten bot er Lenora den Arm, die ihn ſchüchtern annahm. Guſtav ſeinerſeits ſchien, als Herr Denecker ihm einen lächelnden Blick zuwarf, es nicht ungern zu ſehen, daß ſein Oheim dem Mäadchen ſo viel Gewogenheit zeigte. Die Promenade begann. Man ſprach über die Land⸗ wirthſchaft, die Cultivirung der Heide, über die Jagd und allerlei dergleichen. Lenora, die jetzt am Arm des Kaufmanns und in der freien Luft wieder ganz ungenirt war, legte ſich auch weiter keinen Zwang auf. Die natür⸗ liche Heiterkeit ihres Gemüths offenbarte ſich in dem vollen Glanz der jungfräulichen Einfachheit; wie ein ſpielendes Reh wollte ſie den Kaufmann zum Laufen bringen und 48 hüpfte an ſeiner Seite unter allerlei Aeußerungen der Lebensluſt und der Heiterkeit. Herr Denecker befand ſich ſo gemüthlich bei den Scherzen des Maͤdchens, daß er ſich beinahe zum Tanzen und Spielen haͤtte verleiten laſſen kön⸗ nen. Er konnte das bezaubernde Antlitz des Madchens, das jetzt vor Glück ſtrahlte, nicht genug bewundern und mußte ſich, während ein Lächeln ſeine Lippen umſpielte, geſtehen⸗ daß ſein Neffe keinen ſchlechten Geſchmack habe. Während jetzt aber Herr von Vlierbeke im Be⸗ griff war, mit ſeinem Gaſt ſich ins Geſpräch zu vertiefen, und einen Entwurf in den Sand zu zeichnen, waren Le⸗ nora und Guſtav weiter gewandelt und ſchienen ernſtlich in Unterhaltung vertieft. Als der Vater mit ſeinem Gaſt die Promenade fort⸗ ſetzte, war das junge Paar ſchon etwa fünfzig Schritte voraus, und ſei es nun, daß der Zufall daran Schuld war, oder ob es abſichtlich geſchah, dieſe Entfernung zwiſchen ihnen verminderte ſich nicht. Das Mädchen zeigte Guſtav ihre Blumen, ihre Gold⸗ fiſche und Alles, was ſie in ihrer Einſamkeit liebte und pflegte. Aufmerkſam lauſchte er ihren Worten,— was ſie ſprach, ſchmolz für ihn in einen himmliſchen Geſang, der ihn in einen ſeligen Traum dahinriß. Herr von Vlierbeke ſeinerſeits bot Alles auf, um ſeinen Gaſt von der Rückkehr zur Tafel abzuhalten; alle Mittel ſeiner Gelehrſamkeit rief er zu Hilfe, erzählte wunderbare Geſchichten und ſuchte in die innerſten Falten ſeines Gemüͤths einzudringen, um ihn zu unterhalten; ja die Poſſen ſogar verſchmaͤhte er nicht, wenn die Converſation einmal ſtocken wollte, und erzählte in der That Dinge, die allerdings ſchicklich blieben, aber doch unmöglich aus ſeinem ernſten und edlen Gemüth kommen konnten. S necken beke er ihn „ „wir g mit un 5 los und der ver ſich zu nicht u S Wein derbare 7—, kam il fernun Vermt Seite manne daher keit zu keit zu * indem n der nd ſich er ſich a kön⸗ as, das mußte ſtehen⸗ Be⸗ tiefen, en Le⸗ enſtlich 2 fort⸗ ſchritte d war, viſchen Gold⸗ pflegte. ſprach, ihn in uf, um 1; alle rzählte Falten ten; ja rſation ge, die ſeinem 49 Schon nahte der Augenblick, auf welchen Herr De⸗ necker ſeine Abfahrt angeſetzt hatte. Herr von Vlier⸗ beke dankte Gott aus dem Grunde ſeines Herzens, daß er ihn aus dieſem peinigenden Zuſtande errette. „He, Guſtav!“ rief da plötzlich der Kaufmann, „wir gehen ins Haus! Willſt Du ein Abſchiedsgläschen mit uns trinken, ſo ſpute Dich; es iſt bereits fünf Uhr!» Wieder wurde Herr von Vlierbeke bleich, ſprach⸗ los und ſichtbar erſchrocken blickte er den Kaufmann an, der vergebens die Wirkung ſeiner Worte auf ſeinen Wirth ſich zu erklären ſuchte und dießmal ſeine Verwunderung nicht unterdrückte. „Gefällt Ihnen dieß nicht? fragte er.. „Mein Magen krümmt ſich bei dem bloßen Worte Wein,“ ſtotterte Herr von Vlierbeke.„Es iſt ein ſon⸗ derbares Gefühl...* Plötzlich verklärte ſich aber ſein Antlitz wieder. „»Da kommt ja Ihr Wagen ſchon! ſagte er, mit der Hand nach dem Thor zeigend. Und wirklich fuhr Herrn Denecker's Wagen in den Hof. Der Kaufmann ſprach nicht weiter von Wein; es kam ihm ſehr befremdend vor, daß man ſich über ſeine Ent⸗ fernung zu freuen ſchien, und ohne Zweifel würde ihn dieſe Vermuthung verletzt haben, wenn nicht auf der andern Seite die große Freundlichkeit und Gutherzigkeit des Edel⸗ mannes ihn vom Gegentheile überzeugt haͤtten. Er glaubte daher das ſonderbare Weſen des letzteren ſeiner Unpäßlich⸗ keit zuſchreiben zu müßen, die er ihm vielleicht aus Artig⸗ keit zu verbergen ſuchte. »Herr von Vlierbeke,» ſagte alſo der Kaufmann, indem er die Hand ſeines Wirthes drückte,„ich habe bei Der arme Edelmann. 4 50 Ihnen einen äußerſt angenehmen Nachmittag verbracht; in Ihrer und dieſes liebenswürdigen Fräuleins Geſellſchaft muß man ſich wahrhaft glücklich fühlen. Ich bin im höchſten Grade erfreut, Ihre nähere Bekanntſchaft gemacht zu haben, und hoffe mir durch nähere Beziehung Ihre Freundſchaft ganz zu erwerben; inzwiſchen muß ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank ſagen für Ihren freundlichen, herzlichen Empfang!“ Guſtav und Lenora waren bereits zu ihnen ge⸗ ſtoßen. Der Edelmann ſprach einige Worte zu ſeiner Entſchuldigung. „Und mein Neffe!“ fuhr der Kaufmann fort,„wird ſicherlich mir beiſtimmen, daß er keine angenehmeren Stun⸗ den bisher verlebt, als die, welche er auf Grinſelhof ge⸗ noſſen. Sie werden mir ebenfalls die Ehre erweiſen, Herr von Vlierbeke, mich mit dieſem liebenswürdigen Fraͤu⸗ lein zu Mittag zu beſuchen; doch muß ich um Vergebung bitten, wenn ich dieß noch eine Zeit lang hinaus zu ſchieben gezwungen bin. Uebermorgen reiſe ich nämlich in Handels⸗ angelegenheiten nach Frankfurt, und bleibe vielleicht ein paar Monate fort. Sollte inzwiſchen mein Neffe Sie beſuchen, ſo hoffe ich wohl, daß er ſtets willkommen ſein wird.* Der Edelmann verſicherte den Gaſt auch ſeinerſeits ſeiner Freundſchaft. Lenora ſchwieg, obgleich Guſt av ihr ins Auge ſchaute, und ſie um Erlaubniß zu bitten ſchien. Der Oheim wandte ſich zur Equipage. „Und der Abſchiedstrunk? fragte Guſtav verwundert. „Laß uns doch noch hineingehen?“ „Nein, nein!) fiel Herr Denecker ein;„ich ſehe ſchon, wollte ich deinem Willen folgen, ſo würden mir wahr⸗ ſcheinlich gar nicht von hier fortkommen. Es iſt Zeit, daß wir fa Du ſe C in we Trennt ſprache aufrich G grüßen zufried „ meldet Vater verbra ſellſcho Erinn⸗ 6 ſo här aus F Woche von 2 grund nora verſtre wo ihr delte: Pfade der C bracht; llſchaft bin im eemacht Ihre Ihnen dlichen, nen ge⸗ ſeiner wird Stun⸗ hof ge⸗ n, Herr Fraͤu⸗ rgebung ſchieben Handels⸗ feeicht ein fe Sie nen ſein einerſeits Guſtav en ſchien. wundert. ich ſehe ir wahr⸗ zeit, daß 51 wir fahren! Ein Kaufmann muß immer Wort halten und Du ſelbſt weißt ja, was wir verſprochen haben! Guſtav und Lenora wechſelten einen langen Blick, in welchem ſie ſich gegenſeitig ihre Betrübniß über dieſe Trennung und die Hoffnung auf baldiges Wiederſehen aus⸗ ſprachen. Der Edelmann und Herr Denecker druͤckten ſich in aufrichtiger Zuneigung die Hand.— Man ſtieg in den Wagen. Einander freundlich zulaͤchelnd und mit den Händen grüßend, ſo weit man ſich noch ſehen konnte, verließen die zufriedenen Gäſte den Grinſelhof. IV. Am zweiten Tage nach der Abreiſe ſeines Oheims meldete Guſtav ſich auf Grinſelhofan. Er wurde von Vater und Tochter mit derſelben Freundlichkeit empfangen, verbrachte den größten Theil des Nachmittags in ihrer Ge⸗ ſellſchaft und kehrte gegen Abend, das Herz voll ſeliger Erinnerungen, nach ſeinem Hofe am Egelteich zurück. Für's Erſte durfte er ſich auf Grinſelhof noch nicht ſo häufig anmelden, ſei es aus Schicklichkeitsgefühl oder aus Furcht, dem Edelmann läſtig zu ſein; in der zweiten Woche jedoch hatte die aufrichtige Freundſchaft des Herrn von Vlierbeke dieſe Rückſichten bereits in den Hinter⸗ grund gedrängt. Der Jüngling wid erſtand der Sehnſucht, die ihn zu Le⸗ nora zog, nicht länger und ließ nun keinen Nachmittag mehr verſtreichen, ohne ihn in Grinſelhof verbracht zu haben, wo ihm die Stunden in ſtillem Glück dahinfloſſen. Er wan⸗ delte mit Lenora und ihrem Vater durch die ſchattigen Pfade des Gartens, wohnte den Lectionen bei, welche der Edelmann ſeiner Tochter in allerlei Wiſſenſchaften und 4* 5² Künſten gab, lauſchte mit wahrem Entzücken der ſchönen Stimme der Jungfrau, wenn dieſe zuweilen ihre Lieder durch das Laub erſchallen ließ, führte mit Beiden lehrreiche Geſpräche, und ſaß auch wohl träumend unter dem Ka⸗ talpa⸗Buſch, an eine glückliche Zukunft denkend, während er mit liebevollen Augen das Mädchen anſchaute, das nach den hoffnungsreichen Gebeten, welche ſein Herz beſtändig gegen Himmel ſandte, ſeine Braut werden mußte. Hatte das edle, reizende Antlitz der Jungfrau den Jüngling bezaubert, als er dieſelbe zum erſten Male auf dem Kirchhofe geſehen, ſo war ſeine Liebe zu ihr jetzt, wo er auch die Schönheit ihrer Seele kennen gelernt hatte, ſo innig, ſo gränzenlos geworden, daß die ganze Welt ihm farblos und todt erſchien, wenn Lenora nicht um ihn war, denn ihre Gegenwart umſtrahlte Alles in ſeinem Auge mit Licht und Leben. Für ihn konnte ein aus der ſüßeſten Poeſie der Got⸗ tesfurcht geborner Engel nicht ſchöner ſein, als ſeine jung⸗ fräuliche Freundin, und in der That klopfte, während ſie mit all' der äͤußeren Schönheit begabt war, die der Schöpfer dem erſten Weibe geſpendet haben kann, in ihrem Buſen ein Herz, deſſen Spiegelreinheit noch nicht durch den ge⸗ ringſten Hauch der Welt getrübt war und aus welchem das innigſte Gefühl bei der geringſten Gemüthsbewegung wie ein klarer Quell hervorſprang. Noch hatte ſich Guſtav nicht ein einziges Mal mit Le⸗ nora ganz allein befunden, da dieſelbe in ſeinem Beiſein nie das Zimmer verließ, in welchem ſie ſich gewöhnlich mit ihrem Vater befand, bis ſie ſelbſt dann den Wunſch zu erkennen gab, die friſche Luft zu genießen; auch war noch nie der Wunſch in dem Jüngling rege geworden, dem Vater des Maͤdchens ſeine Gefühle zu verbergen, oder Lenora zu geſtel wãre ſich i Hoch drei umſch von Ehrft vereh achtur außer Vli kennb ihm den, e ſtav ſpiell Verc bei ſe aus Eige Gefi ler de überz in ſe Guti ſein er w Geſi ſchönen 2 Lieder ehrreiche em Ka⸗ während das nach beſtaͤndig frau den Nale auf etzt, wo at hatte, Welt ihm um ihn dem Auge der Got⸗ ne jung⸗ hrend ſie Schöpfer n Buſen den ge⸗ chem das gung wie lmit Le⸗ Beiſein nlich mit erkennen nie der Jater des nora zu 53³ geſtehen, wie tief ihr Bild in ſeinem Herzen wohne. Hier wäre es ja nutzlos geweſen, mit Worten zu erklären, was ſich in ihren Gemüthern regte: Liebe, Freundſchaft und Hochachtung ſtrahlten unverdeckt und frei aus Aller Augen; drei Seelen lebten ja hier in einem und demſelben Wunſch, umſchloſſen durch ein Band, verſchmolzen in ein Gefühl von Zuneigung und Hoffnung. Obgleich Guſtav für Lenora's Vater eine tiefe Ehrfurcht empfand und ihn wirklich wie ein zärtlicher Sohn verehrte, ſo war doch etwas da, was zuweilen ſeiner Hoch⸗ achtung für dieſen Mann Abbruch zu thun ſuchte. Was er außerhalb über den unbegreiflichen Geiz des Herrn von Vlier beke hatte erzählen hören, war jetzt für ihn eine unver⸗ kennbare Wahrheit geworden. Noch nie hatte der Edelmann ihm ein Glas Wein angeboten und ebenſo wenig ihn eingela⸗ den, ein Abendbrot mit ihm zu theilen; ja zuweilen hatte Gu⸗ ſtav ſogar bemerkt, welche Mühe es ihn koſtete, dieſe bei⸗ ſpielloſe Sparſamkeit zu verbergen. Der Geiz iſt ein Charakterzug, der nur Abſcheu und Verachtung hervorrufen kann, weil es begreiflich iſt, daß bei ſeinem Entſtehen im menſchlichen Buſen aller Edelmuth aus demſelben fliehen muß und ſich derſelbe mit eiskaltem Eigennutz füllt. Auch Guſtav mußte lange gegen dieſes Gefühl kämpfen, um ſeine Aufmerkſamkeit von dieſem Feh⸗ ler des Herrn von Vlierbeke abzuwenden und ſich zu überzeugen, daß es eine Grille bei ihm, eine fatale Falte in ſeinem Herzen ſei, die das letztere ſeiner angebornen Gutmüthigkeit durchaus nicht beraubte. Hätte der Jüngling doch die Wahrheit gewußt! Hätte ſein Blick tiefer in das Herz des Edelmanns dringen können, er würde geſehen haben, wie hinter jedem Lächeln ſeines Geſichtes ein Schmerz verborgen lag, daß jedes Zucken ſei⸗ 54 ner Nerven, das ihn zuweilen wie ein Schauder überfiel, die Angſt ſeiner Seele zu verrathen ſuchte. Aber er wußte nicht— er, der Glückliche, deſſen Blicke ſich in denen Lenora'sbadeten, deſſen Seele aus der goldenen Schale der Liebe ſchlürfte— er wußte nicht, daß das Leben des Edelmanns ein ewiges Leiden war; daß derſelbe Nacht und Tag von einer fürchterlichen Zukunft träumte und mit Angſtſchweiß auf der Stirn die verſtreichenden Stunden zählte, als ob jede Minute ihn einem gefürchteten, unvermeidlichen Un⸗ glück näher trage.... Und hatte ihm der Notarius nicht geſagt:„noch vier Monate— noch vier Monate, und der Schuldbrief iſt verfallen; dann werden Ihre Güter durch das Gericht verkauft.* Von dieſen unſeligen vier Monaten waren bereits zwei verſtrichen! Daß er die Liebe des Jünglings zu ermuthigen ſchien, das geſchah nicht allein aus Freundſchaft für denſelben— nein, das Drama ſeiner Leiden mußte ja binnen einer be⸗ ſtimmten Zeit ablaufen! Drohte nicht ihm und ſeinem Kinde die Schande, der moraliſche Tod? Das Schickſal ſollte ja entſcheiden, ob er in ſeinem zehn Jahre langen Kampf gegen das bitterſte Elend den Sieg davontragen, oder überwunden an den Bettelſtab ſinken ſolle! Deßhalb verbarg er ſeine Armuth mit größerer Hart⸗ näckigkeit, und obgleich er wie ein Schutzengel über die beiden jungen Leute wachte, that er doch nichts, um die ſchnelle Entwickelung ihrer Liebe zu hemmen. Als der Zeitpunct nahte, wo Denecker zurückkehren ſollte, ſchienen Guſtav die zwei Monate ſeiner Abweſen⸗ heit wie ein Traum entſchwunden zu ſein. Obgleich er ſich ziemlich überzeugt glaubte, daß der Oheim ſeiner Liebe nichts entgegenſetzen werde, ſah er doch ein, daß dieſer ihm nicht überfiel, wußte n denen hale der elmanns Tag von tſchweiß als ob den Un⸗ Totarius te, und 2 Güter ts zwei n ſchien, ben— iner be⸗ ſeinem Schickſal langen nragen, er Hart⸗ iber die um die jckkehren lbweſen⸗ er ſich be nichts hm nicht 55 ſo viel Zeit außerhalb des Geſchäftes werde verſchwenden laſ⸗ ſen, und wenn er ſich dachte, daß er vielleicht Wochen lang von Lenora abweſend werde ſein müſſen, ſo ſah er mit Angſt und Betrübniß der Rückkehr des Oheims ent⸗ gegen. Einmal ſprach er gegen Lenoraſeinen Kummer hierüber aus und ſchilderte ihr den Schmerz, welchen er entfernt von ihr werde dulden müſſen. Zum erſten Male ſah er Thränen in ihren Augen und fühlte ſich durch ihre innige Zuneigung ſo gerührt, daß er ſchweigend die Hand des Mädchens er⸗ griff und lange ſprachlos neben ihr ſaß. Inzwiſchen ſuchte der Vater ihn zu tröſten, doch ſchienen ſeine Worte den ge⸗ wünſchten Zweck nicht zu erreichen. Nach langem Schweigen erhob ſich Guſtav und nahm von Lenora Abſchied, obgleich die gewöhnliche Stunde der Trennung noch nicht da war. Das Mädchen ſah es ſei⸗ nem Antlitz an, daß in ſeinem Gemüth eine Umwandlung vorgegangen, da ſeine Miene heiter und gefaßt erſchien. Sie ſuchte ihn zurückzuhalten und den Grund ſeiner plötzli⸗ chen Veränderung zu erfahren; Guſtav aber lehnte ihren Wunſch ab und äußerte nur, ſie werde morgen wahrſchein⸗ lich ſein Geheimniß erfahren. Dann verließ er den Grin⸗ ſelhof mit ſchnellen Schritten, als verfolge ihn ein ſchnel⸗ ler Gedanke. Herr von Vlierbeke glaubte in dem Antlitz des Jünglings geleſen zu haben, was in ſeinem Innern vor⸗ ging, und liebliche Träume verſüßten dieſe Nacht den Schlum⸗ mer des Vaters. Am andern Tage, als die Stunde ſchlug, wo Gu⸗ ſtav gewöhnlich einzutreffen pflegte, klopfte das Herz des Vaters vor Erwartung. Gleich darauf ſah er Guſtav durch das Thor und auf das Haus zukommen. Die Kleidung des Jünglings war heute nicht wie ge⸗ wöhnlich farbig, ſondern ganz ſchwarz wie das erſte Mal, wo er den Grinſelhof beſucht hatte. Ein freundliches Laͤcheln verklärte das Antlitz des Edelmanns, als er ihm entgegenging; dieſe ausgeſuchte Kleidung beſtärkte ihn in ſeiner Hoffnung und überzeugte ihn, daß der Jüngling in einer feierlichen Angelegenheit komme. Guſtav erſuchte ihn, einige Augenblicke mit ihm al⸗ lein ſein zu dürfen und wurde von Herrn von Vlierbeke in ein Nebenzimmer geführt. Hier bot der letztere ihm ei⸗ nen Seſſel und ſetzte ſich ihm gegenüber. „Ich höre, mein junger Freund!“ ſagte er. Guſtav ſaß einige Minuten ſchweigend da, als wolle er ſeine Gedanken ſammeln. „»Herr von Vlierbeke,“ begann Guſtav mit innerer Bewegung, jedoch nicht ohne Entſchloſſenheit, vich wage einen entſcheidenden Schritt bei Ihnen zu thun;. Ihre unendliche Güte allein gibt mir dazu den nöthigen Muth, und ich hoffe— welches auch die Antwort ſein mag, die Sie mir geben werden— daß Sie meine Kühnheit ent⸗ ſchuldigen werden. Es wird Ihnen nicht entgangen ſein, daß ſchon beim erſten Male, wo ich das Glück hatte Lenora zu ſehen, mein Herz von einer unwiderſtehlichen Neigung für ſie eingenommen wurde, die mir wie ein Engel erſchien, und es mir auch ſeitdem geblieben iſt. Ich hätte vielleicht, ehe ich dieſes Gefühl ſo tiefe Wurzel in mir faſſen ließ, um Ihre Zuſtimmung bitten müſſen; aber ich glaubte in Ihrer zuvorkommenden Freundſchaft gegen mich die Ueberzeugung zu finden, daß Sie bereits in meinem Herzen geleſen.... Der Jüngling ſchwieg in der Erwartung, daß der —— Edeln Dieſen nicht nehme „Faht ſeiner fort: liebt, Funke zu eir wenn von 2 laſſun chend, in der köͤſtlic Reinl müth über Liebe tung gen! der C macht unauf leſen! von 5 Sie Entſc wuͤrde mache vie ge⸗ e Mal, itz des geſuchte rzeugte genheit hm al⸗ rbeke hm ei⸗ wolle nnerer wage Ihre Muth, ag, die it ent⸗ ſein, hatte hlichen jie ein t. Ich zel in üſſen; dſchaft bereits ß der ——ʒ—— Edelmann ihn durch einige Worte ermuthigen werde. Dieſer aber ſchaute ihn mit ſtillem Lächeln an, aus dem nicht klar zu erſehen war, wie er dieß Geſtändniß auf⸗ nehme. Ein Zeichen mit der Hand, als wolle er ſagen: „Fahren Sie fort!» war ſeine einzige Bewegung. Guſtav fuͤhlte ſeinen Muth ſchwinden, doch ſich aus ſeiner Beklommenheit herausreißend, fuhr er entſchloſſen fort:„Ja, ich habe Lenora vom erſten Mal an ge⸗ liebt, wo mich ihr Auge traf. War aber damals ein Funke der Liebe in mein Herz gefallen, ſo iſt derſelbe jetzt zu einer Flamme angewachſen, die mich verzehren würde, wenn ſie hoffnungslos wäre. Sie glauben vielleicht, Herr von Vlierbeke, daß ihre Schönheit die alleinige Veran⸗ laſſung meiner Liebe iſt—— allerdings wäre dieſe hinrei- chend, um auch den Gefühlloſeſten hinzureißen; doch habe ich in dem Herzen meiner engelgleichen Freundin einen noch viel köſtlicheren Schatz entdeckt. Ihre Tugend, die unbefleckte Reinheit ihres Gemüthes, ihr ſanftes und zugleich ſo groß⸗ müthiges Gefühl— alle dieſe Gaben hat Gott ſo reichlich über ſie ausgegoſſen, und dieſe ſind es, die mich von der Liebe zur Bewunderung, von der Bewunderung zur Anbe⸗ tung getrieben haben.— Warum ſoll ich es länger verber⸗ gen!.... Nein, ohne Lenora kann ich nicht mehr leben; der Gedanke allein, daß ich von ihr getrennt werden könnte, macht mich zittern!— Ich muß ſie ſehen, muß ſie täglich, unaufhörlich ſehen; ihre Stimme hören, in ihren Augen leſen!— Ich weiß nicht, welches Ihr Beſchluß iſt, Herr von Vlierbeke; ſollte er aber gegen mich ſein, glauben Sie mir, mein Herz wuͤrde für ewig brechen. Sollte Ihre Entſcheidung mich von meiner Lenora trennen, der Schlag würde mich tödtlich trefften, mir das Leben verhaßt machen!“ 5 Guſtav hatte dieſe Worte mit großer Aufregung und Entſchiedenheit geſprochen. Der Edelmann erfaßte theilneh⸗ mend ſeine Hand. „»Regen Sie ſich nicht auf, mein junger Freund!* ſagte er.„Ich weiß, daß Sie Lenora lieben und daß dieſe für Ihre Liebe nicht unempfänglich iſt.— Was bewegt Sie ſo ſtark 25 »Wenn ich,» antwortete der Jüngling mit niederge— ſchlagenem Blick,„wenn ich nach all' den Beweiſen Ihrer Freundſchaft noch zweifle, ſo geſchieht es aus einem Grunde, der mich beben macht, und zwar, daß Sie mich dieſes Gluͤckes nicht für würdig halten möchten! Ich habe keinen Stamm⸗ baum, deſſen Wurzeln in der Vergangenheit wachſen; die Thaten meiner Vorfahren glänzen nicht in der Geſchichte unſeres Vaterlandes; das Blut, welches in meinen Adern fließt, iſt ſimples Bürgerblut.“ »Glauben Sie denn, Guſtav, fragte der Edelmann, „daß ich dieß nicht ſchon wußte, als Sie zum erſten Mal zu uns kamen? Ihr Herz wenigſtens iſt edel und ſchön— wie könnte ich Sie ſonſt als meinen Sohn lieben?“* 1»Alſo,“ rief Guſtav freudig,„alſo werden Sie mir Lenor a's Hand nicht weigern, wenn mein Oheim ebenfalls ſeine Zuſtimmung gibt?* »Nein,“ antwortete der Edelmann;„ich würde ſie Ihnen nicht weigern; ich würde Ihnen im Gegentheil mit wahrer Freude mein einziges Kind anvertrauen; aber es exiſtirt ein Hinderniß, das Ihnen unbekannt iſt.* „»Ein Hinderniß?y ſeufzte der Jüngling erbleichend, „ein Hinderniß zwiſchen mir und Lenora?* „Bemeiſtern Sie Ihre Liebe für einen Augenblick, und hören Sie ruhig die Erklärung, welche ich Ihnen zu geben habe.— Sie glauben, Guſtav, daß Grinſelhof und d thum wir wohn Verw über macht Sie ich ei ſich ſo Schaͤ opfert Guſ zenlo Edel Guſ gen, mein los, Ihne Keht ſeher ruhe abbr zu d Ihn ihr bitte 59 ung und und die Güter, welche zu demſelben gehören, mein Eigen⸗ heilneh⸗ thum ſeien.—— Sie irren ſich; wir beſitzen nichts; wir ſind ärmer als der Pächter, der auf unſerem Hofe reund!“ wohnt!* ind daß Der Jüngling blickte ihn eine Zeitlang mit Zweifel und bewegt Verwunderung an; dann legte ſich ein ungläubiges Lächeln über ſein Antlitz, das den Edelmann erröthen und beben jederge⸗ machte. 6 Ihrer»Ich ſehe es Ihnen an,“ fuhr der letztere fort,„daß Grunde, Sie meinen Worten nicht Glauben ſchenken. Für Sie bin Gluͤckes ich ein Geizhals, ein Menſch, der ſein Gold verbirgt, der tamm⸗ ſich ſelbſt und ſeinem Kinde das Nothwendigſte entzieht, um. ſen; die Schätze zu ſammeln, und Alles dem Laſter des Geizes heſchichte opfert— ein habſüchtiger Menſch, den man verachtet!“ Adern„oDO vergeben Sie mir, Herr von Vlierbeke,“ rief Guſtav angſtlich,„meine Hochachtung für Sie iſt grän— elmann, zenlos!* en Mal„Erſchrecken Sie nicht über meine Worte,“ fiel der hön— Edelmann ruhiger ein;„ich mache Ihnen keine Vorwürfe, 2. Guſtav; Ihr Lächeln beweiſt mir nur, daß es mir gelun⸗ Sie mir gen, unter dem Schein des verabſcheuungswürdigſten Geizes benfalls meine Armuth zu verbergen. Für den Augenblick iſt es nutz⸗ . los, Ihnen hierüber eine Erklärung zu geben.— Was ich ürde ſie Ihnen ſage, iſt Wahrheit; ich beſitze nichts— gar nichts! eil mit Kehren Sie nach Ihrem Gute zurück, ohne Lenora zu aber es ſehen, überlegen Sie reiflich und mit der größten Gemüths⸗ 5 ruhe, ob es nicht Gründe gibt, die Sie von Ihrem Vorhaben eichend, abbringen müſſen. Verwenden Sie ſchon die nächſte Nacht zu dieſer Ueberlegung— und wenn die arme Lenora enblick, Ihnen morgen noch theuer iſt, wenn Sie dann glauben mit onen zu ihr glücklich ſein, und ſie glücklich machen zu können, ſo ſelhof bitten Sie Ihren Oheim um ſeine Zuſtimmung. Hier haben 60 Sie meine Hand; möchten Sie dieſelbe dereinſt als eine Vaterhand empfangen, ſo wäre mein innigſter Wunſch erfüllt.“ Der feierliche und kühle Ton dieſer Worte überzeugte den Jüngling, daß ihnen die Wahrheit zu Grunde liege, ſo ſehr auch dieſe unerwartete Eröffnung ihn überraſchte. „Ob ich die arme Lenora lieben werde?“ rief Gu⸗ ſtav aus.„O Gott! Sie die meinige nennen zu dürfen, an ſie für ewig durch das Band der Liebe gefeſſelt zu ſein! Zu wiſſen, daß ich ſie beſchützen darf, daß mein Fleiß ſie glücklich macht! Schloß oder Hütte, Reichthum oder Armuth, Alles iſt mir gleich, wenn ſie es nur mit mir theilt! Die Nacht kann mir keinen Rath geben, Herr von Vlierbeke; mögen Sie mir Lenora's Hand ſchenken, ich werde Ihnen knieend für dieſen Schatz danken!* „Es ſei ſo!» antwortete der Edelmann.„Dieſe innige. Neigung, dieſe Standhaftigkeit iſt in Ihrer jungen Bruſt ſehr natürlich.... aber Ihr Oheim?» „»Mein Oheim? murmelte Guſtav mit ſichtbarer Be⸗ trübniß.„Es iſt wahr, ich bedarf ſeiner Zuſtimmung! Was ich in der Welt beſitze, oder noch beſitzen werde, hängt von ſeiner Liebe ab; ich bin eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, der Sohn ſeines Bruders; er hat mich an Kindesſtatt angenom⸗ men und mich mit Wohlthaten überſchüttet; er hat ein Recht, über mein Schickſal zu entſcheiden; ich bin ihm Gehorſam ſchuldig.“* »Und wird er, ein Kaufmann, der das Geld wahr⸗ ſcheinlich ſehr hoch ſchäͤtzt, weil er gelernt hat, was ſich mit dieſem ausrichten läßt,— wird auch er ſagen: arm oder reich, Schloß oder Hütte— es iſt mir gleich?“ »Ach, ich weiß es nicht, Herr von Vlierbeke,“ ſeufzte Guſtav unglücklich;„aber er iſt doch ſehr gütig gegen mich, ſo äußerſt gütig, daß ich wohl Urſache habe, auf ſeine ich w Abſich mein Leno ihre 4 in Se den. um d die Z Hofft über möge geger Ihne nore bis ſagen und Abſch bek hatt danl wäh als eine rfüllt.* erzeugte iege, ſo e. f G U⸗ dürfen, u ſein! leiß ſie rmuth, Die beke; Ihnen innige. Bruſt er Be⸗ Was gt von iſe, der genom⸗ dat ein nihm wahr⸗ s ſich arm eke,“ gütig de, auf 61 ſeine Zuſtimmung zu hoffen. Morgen wird er zurückkehren; ich werde ihm ſogleich beim Willkommengruß von meiner Abſicht ſagen— ihm geſtehen, daß meine Ruhe, mein Glück, mein Leben von ſeinem Ausſpruch abhängt. Auch er achtet Lenora ſehr hoch, und ſchien mich ſelbſt anzutreiben, um ihre Hand anzuhalten. Zwar wird ihn Ihre Erklärung ſehr in Staunen ſetzen, doch meine Bitten werden ihn überwin⸗ den. Glauben Sie mir!“ „Wohlan denn!“ ſagte der Edelmann, ſich erhebend, um dieſer Unterhaltung ein Ende zu machen.„Suchen Sie die Zuſtimmung Ihres Oheims, und verwirklicht ſich Ihre Hoffnung, ſo möge er hierher kommen, um das Nöthige über dieſe Verbindung zu verabreden. Wie es auch kommen möge, Guſtav, Sie haben ſich wie ein braver junger Mann gegen uns gezeigt, meine Achtung, meine Freundſchaft bleibt Ihnen. Gehen Sie— verlaſſen Sie uns heute, ohne Le⸗ nora zu ſehen; ſie möge Sie nicht eher wieder ſehen, als bis über dieſe Sache entſchieden iſt. Ich ſelbſt werde ihr ſagen, was ſie davon zu wiſſen nöthig hat.“ Halb vergnügt, halb traurig, das Herz voll Freude und voll Angſt, nahm Guſtav von Lenora's Vater Abſchied. V. Am andern Tage Nachmittags ſaß Herr von Vlier⸗ beke in dem oberen Saal ſeines Hauſes am Tiſche und hatte den Kopf in die Hand geſtützt. Er mußte in tiefe Ge⸗ danken verſunken ſein, denn ſein Blick flog unſtät umher, während ſein Antlitz bald Hoffnung und Zufriedenheit, bald Kummer und Angſt ausdrückte. Lenorarſchien zuweilen im Zimmer, blieb ungedul⸗ dig einen Augenblick ſtehen, ging von einer Seite zur andern, blickte durch das Fenſter in den Garten, und eilte dann wie⸗ der die Treppe hinab. Offenbar wartete ſie auf Jemand, der noch immer nicht kommen wollte. Indeſſen zeigte ihr Antlitz doch eine gewiſſe Heiterkeit, die den Beweis gab, daß es in ihr auch ſo ausſah. Hätte ſie ſehen koͤnnen, welche Beſorgniß zuweilen das Antlitz ihres Vaters entſtellte, ſie würde vielleicht nicht ſo harmlos geweſen ſein. Herr von Vlierbeke aber bezwang ſeine Aufregung in ihrer Gegenwart. Endlich von all dem Gehen und Kommen ermüdet, ſetzte ſich Lenora vor ihrem Vater nieder und ſchaute ihn an mit hellem, forſchendem Blick. „Meine gute Lenora,“ ſagte er,„ſei doch nicht ſo ungeduldig; heute können wir noch nichts erfahren— morgen vielleicht! Mäßige deine Heiterkeit, mein Kind, ſo wird dein Schmerz Dir leichter zu ertragen ſein, falls Gott in dieſer Sache gegen unſere Wiünſche beſchloſſen haben ſollte.* „»Ach nein, Vater,“ ſtammelte Lenora,»Gott wird mir ja gnädig ſein! Ich fühle es an der Aufregung meines Herzens. Daß ich heiter bin, Vater, mag Dich nicht wundern; ich ſehe Guſtav im Geiſte, wie er mit ſeinem Oheim ſpricht; ich höͤre, was er ſagt und was Herr De⸗ necker antwortet; ich ſehe, wie Guſtav ihn umarmt und er ſein Jawort gibt—— gewiß Vater, ich darf hoffen, denn Herr Denecker mag mich ja auch leiden und war ſtets ſo freundlich gegen mich!ꝰ „Und Du würdeſt alſo glücklich ſein, mein Kind, wenn Du Guſtavs Braut würdeſt?? fragte der Vater lächelnd. »Ich würde ihn nie verlaſſen!“ rief Lenora,„ihn lieben Freud unſre ſein, ſt av der zi zieren lieb h einzig weiß werde ſeinen Seel nem „der Sitt Eine geht. Woh horſa ſolch trägl mich Vat aber Bru ſagt Sti Trei andern, nn wie⸗ und, der Antlitz ß es in uweilen ielleicht rbeke et, ſetzte ihn an nicht ſo ren— Kind, , falls ſccloſſen tt wird meines ch nicht ſeinem rr De⸗ imt und hoffen, nd war Kind, Vater „ vihn 63 lieben, ſein Leben ſchmücken mit Zufriedenheit, Troſt und Freude, würde die Einſamkeit Grinſelhofs beleben durch unſre Freude!— Ach, dann würden wir ja unſer Zwei ſein, Vater, die Dir deine Tage verſüßen könnten! Gu⸗ ſtav weiß ja beſſer als ich den Trübſinn zu verſcheuchen, der zuweilen dein Antlitz umdüſtert; Du wirſt mit ihm ſpa⸗ zieren, ſchwatzen und jagen und fröhlich ſein; er wird Dich lieb haben wie ein Sohn und Dich auf Händen tragen. Sein einziges Streben auf Erden wird dein Glück ſein, weil er weiß, daß ja Deine Freude nur mein Gluͤck iſt; und ich werde ihn für ſeinen Edelmuth zu belohnen ſuchen und ſeinen Pfad mit den ſchönſten Blumen einer dankbaren Seele beſtreuen.— Ach ja, Vater, ſo werden wir in ei— nem Paradieſe von Freude ſein!“ „Arme, kurzſichtige Lenora!“ ſeufzte der Vater; „der Herr erhöre dein ſchönes Gebet! Aber es gibt Sitten und Geſetze in der Welt, die Du nicht kennſt! Eine Frau muß ihrem Gatten gehorſam folgen, wohin er geht. Und wenn Guſtav für ſich und für Dich eine andere Wohnung ſuchte, ſo müßteſt Du ihm ohne Einwand ge⸗ horſam ſein und Dich fern von mir zu tröſten ſuchen. Eine ſolche Trennung würde mir unter andern Umſtänden uner⸗ träglich ſein, wenn ich aber Dich glücklich weiß, ſo würde ich mich in meine Einſamkeit zu finden wiſſen.“ Das Mäͤdchen hatte mit Angſt und Schrecken den Vater angeſchaut, während er dieſe Worte ſprach; jetzt aber, als er ſchwieg, ließ ſie das Haupt langſam auf die Bruſt ſinken und eine ſtille Thräne entfiel ihrem Auge. „Ich weiß, Lenora, daß ich Dir Kummer verurſache,“ ſagte der Vater, indem er ihre Hände erfaßte, mit ſanfter Stimme;„doch Du mußt Dich an den Gedanken dieſer Trennung gewöhnen.“ 64 „Wie?y ſagte Lenora beſtimmt, indem ſie das Haupt erhob;„Guſtav ſollte verlangen, daß ich Dich verlaſſe, Du ſollſt allein auf Grinſelhof bleiben, deine Tage in Einſamkeit verbringen, während ich mit meinem Gat⸗ ten in die Welt tretend, ihn vielleicht in Freude und Luſtbar⸗ keit begleiten müßte? Ich würde ja keinen ruhigen Augen⸗ blick mehr haben; wo ich mich auch befände, die Stimme des Gewiſſens würde mir ins Herz rufen: Undankbare, Gefühlloſe, dein Vater leidet!—— Ja, ich liebe Gu⸗ ſtav; er iſt mir theurer als mein Leben und ſeine Hand würde mir ein Segen Gottes ſein;— aber wenn er zu mir ſagte: verlaſſe deinen Vater?... wenn ich dann zwiſchen Dir und ihm wählen ſollte... ich würde ihn verſtoßen... ja vielleicht trauern, dahinſiechen und ſterben, aber doch in deinen Armen, mein Vater! Herr von Vlierbeke zog ſeine Tochter zu ſich her⸗ auf und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Plötzlich aber machte ſich Lenora aus ſeinen Armen los und ſprang mit heiterem Lächeln fort, indem ſie nach dem Fenſter zeigte und auf ein ſich näherndes Geräuſch zu horchen ſchien. Das Getrappel von Pferden und das Rollen eines Wagens erklärten Herrn von Vlierbeke, was ſeine Tochter plötzlich ſo veraͤndert. Auch auf ſeinem Antlitz zeigte ſich ein freudiges Lächeln; er eilte hinab und erreichte ge⸗ rade die Hausthür, als Herr Denecker aus ſeinem Wagen ſtieg. Der Kaufmann ſchien äußerſt vergnügt und drückte die Hand des Edelmanns herzlich in die ſeinige. „Herr von Vlierbeke, ich bin erfreut, Sie wieder zu ſehen! Wie geht es? Mir ſcheint es, als habe mein Neffe ſich die Zeit meiner Abweſenheit wohl zu Nutze ge⸗ macht!... Wir waren bereits gute Freunde,“ fuhr er fort, auf d vatter wahr! ſuchen Leno eine davon genon durfte zu ſag ſuche arme beſchl men ſchaͤft mache ben, ner 8 wohl wußt terſch bindu Den Ihne mach De ſie das h Dich 1, deine m Gat⸗ Luſtbar⸗ Augen⸗ Stimme ankbare, be Gu⸗ 2 Hand ner zu ch dann rde ihn en und „ ich her⸗ lich aber ſprang Fenſter n ſchien. en eines as ſeine tz zeigte ichte ge⸗ ſeinem drückte e wieder be mein dutze ge⸗ fuhr er 6⁵ fort, während der Wirth ihn ins Zimmer führte, dieſem auf die Schulter ſchlagend,„und jetzt ſollen wir auch Ge⸗ vattern werden, wie ich hoffe. Der Schelm von Neffe hat wahrhaftig keinen ſchlechten Geſchmack; er könnte lange ſuchen, ehe er eine liebenswürdigere und ſchönere Frau als Lenora faͤnde.— Hören Sie, Herr Gevatter, das ſoll eine Hochzeit werden, daß man noch nach zwanzig Jahren davon ſpricht!9 Inzwiſchen hatten Beide in einem Nebenzimmer Platz genommen. Der Edelmann, ſo aufgeregt wie er war, durfte gar nicht glauben, was der Ton ſeines Gaſtes ihm zu ſagen ſchien, und blickte ihm zweifelnd ins Auge. „Es ſcheint mir,“ fuhr der Kaufmann fort,»als ſuche Guſtav mit brennender Ungeduld ſein Glück zu um⸗ armen; er hat mich auf den Knieen gebeten, die Sache zu beſchleunigen und ich habe wirklich Mitleid mit dem ar⸗ men Schelm. Darum ließ ich heute auch noch alle Ge⸗ ſchäfte liegen und kam zu Ihnen, um die Sache abzu⸗ machen. Wie er ſagt, haben Sie Ihre Zuſtimmung gege⸗ ben, und das war brav von Ihnen. Ich habe während mei⸗ ner Reiſe auch an dieſe Verbindung gedacht, denn ich habe wohl bemerkt, wie es mit meinem Neffen ſtand.— Ich wußte nur nicht, in wie fern Sie auf den Standesun⸗ terſchied Rückſicht nehmen würden.“ „»Alſo hat Guſtav Ihnen geſagt, daß ich ſeiner Ver⸗ bindung mit Lenora zuſtimme 9 „Er wird mich doch nicht hintergangen haben 2 fragte Denecker verwundert. »Nein;“ aber ſagte er Ihnen nichts Anderes, was Ihnen ebenfalls gewichtig erſcheinen mußte?* „»Ach was, Thorheit! Sie haben ihm was weiß ge⸗ macht!“ ſagte der Kaufmann lachend.»„Doch ſoll das raſch Der arme Edelm ann. 5 zwiſchen uns aufgeklärt ſein. Er ſagte mir, Grinſelhof gehöre Ihnen nicht. Sie ſeien arm. Sie haben aber doch wohl beſſere Begriffe von meinem Verſtand, als daß ich ſolche Märchen glauben ſollte!“ Der Edelmann bebte innerlich; bei dem heitern Ton, in welchem der Kaufmann geſprochen, hatte er einen Au⸗ genblick geglaubt, derſelbe wiſſe Alles und billige trotzdem den Wunſch ſeines Neffen; jetzt aber ſah er das Gegentheil. „Herr Denecker,“ ſagte er ruhig,„ſetzen Sie nicht den geringſten Zweifel in das, was ich Ihnen mittheilen werde. Ich willige in dieſe Verbindung, aber ich erkläre Ihnen hier: ich bin arm, blutarm!“ „Ha! ich weiß wohl, wie ſehr Sie an Ihren Geld⸗ ſäcken hangen!“ rief der Kaufmann,—„das iſt ja bekannt; aber in dem Augenblicke, wo Sie Ihre Tochter weggeben, ſollten Sie doch Herz und Börſe aufthun!— Man nennt Sie ohnehin geizig— was ſollte man erſt von Ihnen ſa⸗ gen, wenn Sie Ihrer einzigen Tochter den Brautſchatz weigerten?“* Der Edelmann ſaß wie auf Kohlen.»Um Gottes willen,“ rief er faſt flehend,„erſparen Sie mir dieſe Anſpie⸗ lungen! Ich erkläre Ihnen bei meinem Wort als Edel⸗ mann, daß ich nichts in der Welt beſitze!5 „Nun, nun!» ſagte Denecker lächelnd; vwir wol⸗ ſen die Sache doch mit Zahlen abmachen, da werden wir ja ſehen, ob unſere Rechnung ſtimmt! Glauben Sie nicht, daß ich hieher gekommen, um Sie zu großen Opfern zu nöthigen! aber bei einer ſolchen Verbindung iſt es doch nothwendig, daß Jeder etwas mit in die Caſſe bringt und wären die Theile auch noch ſo ungleich!“ „Gott! Gott!“» ſeufzte der Edelmann, die Hände ringend. lhof doch aß ich Ton, n Au⸗ otzdem heil. nicht heilen erkläre Geld⸗ kannt; geben, nennt nen ſa⸗ itſchatz Gottes Anſpie⸗ Edel⸗ ir wol⸗ en wir nicht, kern zu s doch ꝛgt und Hände 67 „Alſo hören Sie,“ fuhr Denecker fort:„ich gebe meinem Neffen eine Ausſteuer von hunderttauſend Franken, und will er Geſchäftsmann bleiben, ſo wird mein Credit ihm noch mehr werth ſein. Ich verlange nicht, ich will es nicht einmal, daß Lenora eine gleiche Summe mitbringe, ihre Abkunft und vor Allem ihre Schönheit ſind ja auch was werth— aber die Hälfte, fünfzigtauſend Franken? dar⸗ über werden Sie doch hinwegkommen können? Was meinen Siie— ſind wir einig 9'“ Bleich und bebend ſaß der Vater Lenorgs wie ver⸗ nichtet auf ſeinem Stuhl. „Herr Denecker,“ ſagte er bittend,„dieſe Unter⸗ redung vermag ich nicht zu ertragen. Erlaſſen Sie mir alſo dieſe Qual. Ich wiederhole Ihnen: ich beſitze nichts! Wiſ⸗ ſen Sie, da ich Sie zu überzeugen genöthigt bin, daß Grin⸗ ſelhof und Alles, was zu ihm gehört, mit Hypotheken be⸗ laſtet und zwar mehr als es werth iſt. Es wäre nutzlos, Ih⸗ nen zu erklären, woher dieſe Schulden datiren, ich ſage Ihnen nur, daß ich die Wahrheit ſpreche. Erklären Sie mir jetzt, ohne weiter hierein einzugehen, was Ihre Abſicht ruͤckſichtlich der Heirath Ihres Neffen iſt, ſeit Sie wiſſen, wie meine Verhältniſſe beſchaffen ſind.“ Aber auch dieſe Erklärung, ſo entſchieden ſie war, überzeugte den Kaufmann noch nicht, wenn auch ſein Ant⸗ litz ganz erſtaunt ſchien. „Vergeben Sie, Herr von Vlierbeke,“ ſagte er mit zweifelndem Lächeln,„es iſt unmöglich, Ihnen zu glau⸗ ben. Ich erwartete nicht, Sie ſo hartnäckig zu finden— indeß Jeder hat ſeine Fehler, der Eine iſt zu ſparſam, der Andere zu freigebig. Ich will alſo noch mehr thun, um Gu⸗ ſtav nicht für lange Zeit unglücklich zu machen. Geben Sie Ihrer Tochter fünfundzwanzig tauſend Franken. Sie kön⸗ 5* nen dies wahrlich nicht zu viel nennen; es iſt ein Spottgeld, das kaum für die Einrichtung hinreicht. Seien Sie alſo gerecht!— Hier iſt meine Hand!“ In fieberhafter Aufregung ſprang Vlierbeke auf und öffnete einen Schrank in der Wand. „Da leſen Sie, und überzeugen Sie ſich!“ rief er, ein Bündel Papiere auf den Tiſch werfend. Der Kaufmann durchflog die Papiere, ſeine Züge veränderten ſich immer mehr; er ſchüttelte das Haupt be⸗ denklich. „»Sie wollten mir nicht Glauben ſchenken,“ ſagte der Edelmann in ſpöttiſchem Tone.„Von dieſen Papieren wird Ihr Beſchluß abhängig ſein. Sie müſſen Alles wiſſen. Au⸗ ßer dieſem hier exiſtirt noch ein Wechſel von viertauſend Franken, den ich nicht bezahlen kann. Sie ſehen alſo, ich bin noch ärmer als arm: ich habe Schulden!“ „Alſo doch Wahrheit!“ rief Denecker beſtürzt.„Sie beſitzen nichts? Ich ſehe aus dieſen Papieren, daß mein Norar auch der Ihrige iſt. Ich ſprach bereits mit ihm über Ihre Güter— er hat mich aber in meiner Weisheit, oder vielmehr in meiner Dummheit gelaſſen.“ Als ſei ein Stein von dem Herzen des Edelmannes gefallen, athmete er jetzt freier und ſein Weſen nahm wie⸗ der die würdige Haltung an, die ihm eigen war. „Da Sie jetzt an meiner Armuth nicht mehr zweifeln, Herr Denecker,» ſagte er, ſich auf den Stuhl niederlaſ⸗ ſend und abgemeſſen,»ſo frage ich jetzt, was Ihre Anſicht iſt „Meine Anſicht?? wiederholte der Kaufmann.»Meine Anſicht iſt, daß wir gute Freunde bleiben wie zuvor— aber die Hochzeit iſt zu Waſſer geworden; wir wollen nicht mehr davon ſprechen!—— Aber ich frage Sie, Herr von Vlierbeke, wie hatten Sie denn Ihre Rechnung ge⸗ — — — macht ten ein möglie „* Blicke oder r „ wortet entfert Sie v Punct Sie g ihn an zen T 2 zu ver gungs * * mit im irre ge ben ve ich gle das ed ſo koſt einen. * angelo da ich ſich en zu unt ttgeld, e alſo e auf er, ein Züge pt be⸗ gte der n wird n. Au⸗ auſend ſo, ich .„Sie mein n uͤber t, oder nannes m wie⸗ veifeln, derlaſ⸗ ht iſt!* Meine — aber t mehr rr von ing ge⸗ 69 macht? Jetzt erſt fange ich an, klar zu ſehen— Sie glaub⸗ ten ein gutes Werk zu thun und Ihre Waare ſo theuer wie möglich zu verkaufen.... „Mein Herr! rief der Edelmann mit funkelndem Blicke,„ſprechen Sie mit Achtung von meiner Tochter! Arm oder reich— vergeſſen Sie nicht, wer ſie iſt!“ „Seien Sie nicht böſe, Herr von Vlierbeke! ant⸗ wortete der Kaufmann,„ich will Ihrer nicht ſpotten. Weit entfernt— waͤre Ihnen Ihre Abſicht gelungen, ich würde Sie vielleicht bewundert haben. Aber da Sie ſo delicat im Punct der Ehre ſind, ſo möchte ich Sie doch fragen, ob Sie gegen meinen Neffen rechtlich handelten, indem Sie ihn anlockten und dieſe unglückliche Neigung in ſeinem Her⸗ zen Wurze faſſen ließen 20 Der Edelmann ſenkte das Haupt, um die Schamröthe 3 zu verbergen, welche ſeine Stirn bedeckte. So blieb er re⸗ gungslos ſitzen. »Nun?“ fragte der Kaufmann. „Ach,“ ſeufzte der Arme,„haben Sie Mitleid mit mir! Vielleicht hat mich die Liebe zu meinem Kinde irre geführt.— Gott hat meine Lenora mit all den Ga⸗ ben verſehen, die ein Weib auf Erden ſchmücken können; ich glaubte, daß ihre Schönheit, die Reinheit ihrer Seele, das edle Blut, das in ihren Adern fließt, wenigſtens eben ſo koſtbar wie Geld...* „Ja wohl, für einen Edelmann vielleicht; aber für einen Kaufmann nicht!“ murmelte Denecker. „Werfen Sie mir nicht vor, ich hätte Ihren Neffen angelockt! Dies Wort verletzt mich tief— es iſt ungerecht; da ich aber in Guſtav und Lenora gleichzeitig die Liebe ſich entwickeln ſah, ſo habe ich allerdings dieſe Neigung nicht zu unterdrücken vermocht— im Gegentheile, ich habe Gott 70 täglich gedankt, daß er mir einen Retter für mein Kind geſandt! Nicht durch das Geld, ſondern durch ſeinen Edel⸗ muth iſt Guſtav ein braver junger Mann.. iſt es alſo ein Verbrechen des Vaters, der unabwendbar der Armuth anheim fallen muß, wenn er ſeine Tochter dem Elende ent⸗ riſſen zu ſehen hofft? „Gewiß nicht,“ antwortete der Kaufmann;„aber Sie haben ſich doch verrechnet. Ich bin ein Mann, der lieber zweimal die Waare prüͤft, ehe er zuſchlägt, und es iſt ſchwer, mir einen Apfel für eine Citrone zu verkaufen.* „Sie haben alſo keine Barmherzigkeit mit meinem Unglücke?“ rief der Edelmann aufſpringend.„Sie werfen mir vor, ich habe Sie betrügen wollen? Haben Sie nicht nach meiner freiwilligen Erklärung das Recht, zu thun, was Sie wollen? Sie ſprechen hier von Waaren, als hätte ich Ihnen meine Lenora verkaufen wollen! Dafür aber rei⸗ chen alle Ihre Schätze nicht hin, mein Herr! Mein Name wiegt ſelbſt in der Armuth ſchwerer als Gold!“ „Mein Gott!y rief De necker, durch das ſtolze We⸗ ſen des Edelmannes gedrückt.„Wir wollen hier nicht ſo viel Worte darüber verlieren! Jeder bleibe, was er iſt, und behalte, was er hat. Nur um Eins möchte ich Sie noch bitten: laſſen Sie meinen Neffen nicht mehr Ihren Hof betreten— ſonſt...) „Sonſt?» rief der Edelmann aufgebracht.„Mir eine Drohung?... Doch genug davon,“ fügte er kalt hinzu. „Soll ich Ihren Wagen vorfahren laſſen, Herr Denecker?* „Wie es Ihnen beliebt! Wir brauchen aber keine Feinde zu werden.“* „Gut, Herr Denecker; laſſen Sie uns abbrechen. Die Sache iſt abgethan.“ Mit dieſen Worten geleitete er den Kaufmann zur Thü⸗ kehr ſtüt Seu ſein räuſe Ben nicht ſchör entfl dem Sti lich uns Leu Ent Kind Edel⸗ es alſo rmuth de ent⸗ er Sie lieber es iſt ufen.* neinem werfen ie nicht thun, s haͤtte ber rei⸗ Name ze We⸗ nicht ſo er iſt, ich Sie Ihren Nir eine t hinzu. cker?* er keine brechen. ann zur 71 Thür und nahm mit kaltem Gruß Abſchied von ihm. Dann kehrte er in das Zimmer zurück, ſank in einen Stuhl und ſtützte das Haupt in beide Hände, während ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt entpreßte. So blieb er eine Zeit lang ſchweigend und regungslos, ſein Antlitz mit Todesbläſſe bedeckt, bis er plötzlich ein Ge⸗ räuſch über ſeinem Haupte vernahm. „Gott, meine arme Lenora!' rief er, aus ſeiner Bewußtloſigkeit erwachend.„Sie kommt! Ich habe noch nicht genug gelitten, auch ihr Herz muß ich brechen, ihre ſchönſten Träume zerſtören! O könnte ich dieſem Geſtändniß entfliehen!— was ſoll ich ihr ſagen 2 Wirklich öffnete Lenora die Thür und trat mit fragen⸗ dem, hoffnungsvollem Blick zum Vater. „»Nun, mein Vater o fragte ſie erbebend, als ſie die Stimmung ihres Vaters bemerkte. „Ach, mein Kind,* ſeufzte dieſer,„wir ſind nicht glück⸗ lich! Gott prüft uns durch viele Schickſale— wir müſſen uns beugen vor ſeinem allmäͤchtigen Willen!“ „Er hat ſeine Zuſtimmung verweigert, Vater? „»Ja, Lenora!“ »Nein, nein! rief das Mädchen,»es iſt unmöglich!“ „Verweigert, weil er Millionen beſitzt und wir arme Leute ſind!“ „Alſo dennoch Wahrheit? Guſtav mir entriſſen?— Entriſſen ohne Hoffnung 5 „»Ohne Hoffnung! wiederholte der Vater mit ton⸗ loſer Stimme. Ein Schrei entfuhr dem Munde des Mädchens. Le⸗ nora lief zum Tiſch und lehnte unter bitteren Thränen das Haupt auf denſelben, während ihr Buſen ſich unter der heftigſten Aufregung hob. Der Edelmann erhob ſich und blickte eine Zeit lang ſchweigend ſein Kind an. „»Lenora,“ ſagte er mit gefalteten Händen,»habe Mitleid mit mir! Faſſe Dich um meinetwillen!— In die⸗ ſer Unterredung mit Denecker habe ich alle Qualen er⸗ dulden müſſen, die das Herz eines Edelmannes, eines Va⸗ ters zu foltern im Stande ſind.—— Doch Alles dies iſt nichts gegen deinen Schmerz.... Lenora, mir ſchwin⸗ delt der Kopf, ich könnte ſterben vor Qual!* Kraftlos ſank er wieder in den Stuhl. Lenora eilte auf ihn zu und legte das Haupt auf ſeine Schulter. „Ihn nicht mehr ſehen! Seine Liebe, all das geträumte Glück vergeſſen!... Ja, auch er wird dieſen Schmerz nicht ertragen können!... Vater, laß mich weinen!“ Der Vater drückte ſein Kind feſter an die Bruſt und ehrte ſchweigend ihren Schmerz. Lange blieben Beide in tiefem Gram verſunken. VI. Vier Tage waren verſtrichen, ſeit Denecker Gu⸗ ſtavs Verbindung mit Lenora zurückgewieſen, als etwa eine Viertelmeile von Grinſelhof ein Miethswagen über die Heide fuhr, und gleich darauf in einem einſamen Sandwege hielt. Ein junger Mann ſprang aus dem Wagen und wies den Kutſcher nach einer entfernten Herberge. Die Pferde wurden im Wege zurückgelenkt, und der Wagen kehrte um, waͤhrend der Jüngling mit raſchen Schritten in der entge⸗ gengeſetzten Richtung forteilte. Er ſchien von heftiger Unge⸗ duld gejagt und zuckte dann und wann zuſammen, als er⸗ ſchrecke ſelho des W dickſte Hofe L Brücke das C 4 Garter Katal die Ec und il von* ſo ger Leno „Gut ehe ſie ling z „ Hand Sie r was ic ren F lande, ner 2 ſchwör 4 doch er * ſagte lang habe n die⸗ n er⸗ Va⸗ es iſt hwin⸗ eilte umte ymerz und de in Gu⸗ etwa über amen wies dferde um, entge⸗ Unge⸗ s er⸗ ſchrecke er vor unheimlichen Gedanken. Sobald Grin⸗ ſelhof ihm erſchien, ging er vorſichtig von der einen Seite des Weges zur andern, um die Plätze zu ſuchen, wo das dickſte Laub ihn verbergen konnte. In der Allee vor dem Hofe ſtieß er einen Freudenruf aus— das Thor ſtand offen! Leiſe ſchlich er auf den Spitzen ſeiner Zehen nach der Brücke, an dem Hofe vorbei und hinter das hohe Gebüſch, das Grinſelhof wie eine Mauer umgab. Kaum hatte er einige Schritte durch die Steige des Gartens gethan, als er zitternd ſtehen blieb; unter dem Katalpa Buſch nämlich ſaß Lenora, das Haupt auf die Ecke des Tiſches geſtüͤtzt; ihre Bruſt hob ſich gewaltig, und ihre Hände, mit denen ſie das Antlitz bedeckte, waren von Thränen genetzt.. Der Jüngling näherte ſich ihr leiſe, aber ſo ſtill, ſo geräuſchlos auch ſeine Bewegung war, ſo erhob doch Lenora das Haupt und ſprang mit dem Angſtruf: „»Guſtavly von ihrem Sitze auf. Sie wollte entfliehen, ehe ſie aber einen Schritt zu thun vermochte, lag der Jüng⸗ ling zu ihren Füßen. „Lenora, Lenoral hoͤren Sie mich!“ rief er, ihre Hand in die ſeine preſſend.„»Wenn Sie mich fliehen, wenn Sie mir den letzten Troſt verweigern, Ihnen zu ſagen, was ich leide und was ich hoffe, ich müßte ſterben zu Ih⸗ ren Füßen oder dahin ſchwinden weit von meinem Vater⸗ lande, von Dir, meiner Schweſter, meiner Geliebten, mei⸗ ner Braut entfernt! O Lenora, bei unſerer Liebe be⸗ ſchwöre ich Dich, verſtoße mich nicht!“ Obwohl Lenora an allen Gliedern zitterte, ſo lag doch etwas Würdevolles, Stolzes auf ihrem Antlitz. „»Ihre Kuͤhnheit nimmt mich Wunder, mein Herr!* ſagte ſie kalt und ruhig.„Es gehörte ſchon ein grauſamer Muth dazu, noch auf Grinſelhof zu erſcheinen nach dem Schimpf, der meinem Vater widerfahren iſt. Jetzt liegt er krank zu Bette; ſein Gemuth vermochte dieſe Schmach nicht zu ertragen; das Fieber hat ihn ergriffen.— Iſt dieß der Lohn für meine Neigung für Sie 2 „Gott, Lenora, Sie machen mir Vorwürfe! Was habe ich denn Böſes gethan?“ rief der Jüngling erſchreckt. „Es iſt keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns,“ ſagte das Maͤdchen;„ſind wir auch nicht ſo reich wie Sie, mein Herr, ſo erträgt das Blut, das in uns fließt, doch keine Be⸗ leidigung!— Stehen Sie auf; entfernen Sie ſich— ich mag Sie nicht mehr ſehen! „Gnade, Barmherzigkeit!“ flehte Guſtav, die Hände bittend zu ihr erhebend;„ich bin unſchuldig, Lenora!“ Das Mädchen zerdrückte eine Thräne, die ihrem Auge zu entrinnen drohte und wandte ſich von ihm, um zu gehen. »O Grauſamkeit!“ klagte der Jüngling verzweifelt. „Sie verlaſſen mich fuͤr immer, ohne Lebewohl, ohne Troſt! Sie bleiben taub für meine Bitten, gefuͤhllos für meinen Schmerz!— Ich will mein Loos ertragen.— Sie haben es gewollt!* Er ſprang auf und lehnte ſein Antlitz auf den Tiſch, bittere Thränen vergießend.„Lenora, Freundin! Sie ver⸗ urtheilen mich zum Tode! Ich vergebe Ihnen— ſeien Sie glücklich— Leben Sie wohl für ewig!“ Bei dieſen Worten ſuchte er ſich zu erheben, doch ver⸗ ſagten ſeine Glieder ihm den Dienſt, er ſank wieder auf den Stuhl und ſeine Arme fielen kraftlos auf den Tiſch. Lenora hatte etwa drei Schritte gethan, um ſich zu entfernen; die Klagen des Jünglings aber hatten ſie aufgehalten. Man ſah es ihr an, daß in ihr ein Kampf zwiſchen Pflichtgefühl und Liebe vor ſich ging. Endlich ſchien ihr H aus, w Hand ſind u Jüng kehrt haſſeſ Guſte nora Kopf als 2 wahr zwiſch hiern nung nem iſt ur ſich wenn ſterbe hat nicht mein ach dem liegt er chmach Iſt dieß e! Was ſchreckt. „ ſagte e, mein ine Be⸗ „— ich Hände ra¹* Auge gehen. weifelt. e Troſt! meinen daben es n Tiſch, Sie ver⸗ ien Sie och ver⸗ eder auf n Tiſch. um ſich tten ſie Kampf ch ſchien 7 ⁵ ihr Herz in dieſem Streit zu ſiegen; ſie brach in Thränen aus, näherte ſich langſam dem Jüngling und erfaßte ſeine Hand. „Guſtav,) ſeufzte ſie liebevoll;„armer Freund, wir ſind unglücklich, nicht wahr 85 Bei dem ſüßen Klang dieſer Stimme erwachte der Jüngling und blickte überglücklich dem Mädchen in's Auge. „Lenora, theure Lenora, Du biſt zu mir zurückge⸗ kehrt! Du haſt Barmherzigkeit mit meinen Leiden! Du haſſeſt mich alſo nicht?* „Vergeht eine Liebe wie die unſrige in Einem Tage, Guſtav?* „Nein, nein! Sie iſt ewig— ewig, nicht wahr, Le⸗ nora? Mächtig gegen Unglück und Mißgeſchick!“ „Glaube nicht, Guſtav, erwiederte das Mädchen, den Kopf ſenkend,„daß unſere Trennung mich weniger ſchmerzt als Dich! Ich werde dein Andenken in meiner Bruſt be⸗ wahren, bis das Grab die Kluft ausfüllt, die jetzt für immer zwiſchen uns entſtanden. Droben ſehen wir uns wieder— hiernieden nicht.“ „Lenora, Du täuſcheſt Dich!“ rief Guſtav hoff⸗ nungsvoll.„Mein Oheim iſt nicht unerbittlich, er wird mei⸗ nem Flehen nachgeben.* „Es kann ſein; aber das Ehrgefühl meines Vaters iſt unbeugſam. Du mußt mich verlaſſen, Guſtav, es ſchickt ſich nicht für mich, mit Dir allein zu ſein— verlaß mich; wenn uns Jemand überraſchte, mein armer Vater würde ſterben vor Scham!“ „Nur einen Augenblick noch, Lenora! Mein Oheim hat mir deine Hand verweigert; ich habe geweint, gefleht; nichts konnte ſeinen Beſchluß ändern. Da ſagte ich ihm in meiner Verzweiflung Dinge, vor denen ich ſelber ſchauderte, 76 als meine Beſinnung zurückkehrte. Auf meinen Knieen bat ich ihn um Verzeihung. Er iſt von Herzen gut, er vergab mir unter der Bedingung, daß ich ihn ſofort auf einer lange ſchon beabſichtigten Reiſe nach Italien begleite. Er hofft, ich werde Dich vergeſſen können— aber er täuſcht ſich! Ich habe mit heimlicher Freude dieſen Reiſeplan angenommen— ich werde Monate lang mit meinem Oheim beiſammen ſein, ihn mit Liebe umgeben, ihm ſeine Zuſtimmung ab⸗ ſchmeicheln und dann zurückkehren, Lenora, um Dir, mein Leben, meine Hand zu bieten!* Ein ſanftes Laͤcheln beſtrahlte das Antlitz des Mäd⸗ chens bei dieſer Schilderung eines möglichen Glückes; hald aber ſchwand der Zauber wieder. „Armer Freund,“ antwortete ſie mit ſtillem Schüerh es iſt grauſam, Dir dieſe letzte Hoffnung zu entreißen; wenn auch dein Oheim zuſtimmt— mein Vater wird es nicht!* „Dein Vater, Lenora? Er wird Alles vergeben und mich wie einen wiedergefundenen Sohn in ſeine Arme nehmen.“ „Nein, Guſtav, glaub' das nicht! Man hat ſeine Ehre verletzt— als Chriſt wird er Verzeihung ſchenken, als Edelmann aber wird er die Beleidigung nicht ver⸗ geſſen!* „Lenora, Du thuſt deinem Vater Unrecht! Wenn ich mit der vollen Zuſtimmung meines Oheims zurückkehre und ihm ſage: hier bin ich, der dein Kind glücklich ma⸗ chen will; gib mir Lenora zur Braut, ich will ſie mit all' der Liebe umgeben, deren mein Herz fähig iſt; ihr Loos ſoll beneidenswerth ſein— mas meinſt Du, wird er mir antworten 2 „Du kennſt ſeine grundloſe Güte nicht, Guſtavz mein( Dich ſiehſt, Gelieb nehme willſt! Name erſten Deiner ren, u L rühren wunde 2 will, i Lenor * Dich zu ver „ meinen geloger Dich das iſ 2 aus., es wit ich Di aber d — Le en bat vergab lange fft, ich : Ich ien— mmen ig ab⸗ mein Mäd⸗ ; bald )merz, eißen; wird geben Arme ſeine enken, ver⸗ Wenn kkehre ma⸗ e mit ; ihr wird ſt apz mein Gluͤck iſt das einzige Ziel ſeines Lebens— er würde Dich ſegnen und Gott danken!“ „Nicht wahr, Lenora, er würde Ja ſagen! Du ſiehſt, es iſt noch nicht Alles verloren. Alſo traure nicht, Geliebte; laß mich auf dieſer Reiſe das Bewußtſein mit⸗ nehmen, daß Du mich mit Vertrauen auf Gott erwarten willſt! Gedenke meiner in Deinen Gebeten, ſprich meinen Namen zuweilen in dieſen ſchattigen Pfaden, welche die erſten Seufzer unſerer Liebe gehört. Lächle mir zu in Deiner Einſamkeit, meine Seele wird Deinen Gruß hö⸗ ren, und mich aufrecht erhalten in der Ferne!* Lenora ſtand ſchweigend da; ſie weinte. Die ſüßen, rührenden Worte des Jünglings hatten ihren Stolz über⸗ wunden. „Ich gehe, Lenora. Möge jetzt kommen, was da will, ich weiß, daß Du meiner gedenken wirſt. Nicht wahr, Lenora, Du wirſt täglich an mich denken 85 „O Gott! ich habe meinem Vater verſprechen müſſen, Dich zu vergeſſen!“ „Mich zu vergeſſen? Du wollteſt Dich zwingen, mich zu vergeſſen?“* „Nein, Guſtav! Ich werde zum erſten Mal gegen meinen Vater ungehorſam ſein; ja, ich fühle es, ich habe gelogen in dieſem Verſprechen, denn vergeſſen kann ich Dich nicht; ich werde Deiner gedenken, ſo lange ich lebe, das iſt ja mein Loos auf Erden!» „O Dank, Dank, Lenoral“ rief Guſtav gerührt aus.„Dein Bild wird mich wie ein Schutzengel geleiten, es wird mir vor Augen ſtehen Tag und Nacht; ſtets werde ich Dich ſehen, Lenora! Mein Herz bricht beim Abſchied, aber die Pflicht gebietet mir zu gehen, ich fühle es. Lebwohl — Lebwohl!* 78 Ungeſtüm und zitternd drückte er ihre beiden Hände und verſchwand in dem Laub. „Guſtav, Guſtav, Lebwohl!“ rief Lenora faſt bewußtlos und ſuchte mit bebender Hand einen Stuhl, wo ſie in ihren Schmerz verſank und ihren Thränen freien Lauf ließ. VII. Lenora hatte ihrem Vater von Guſtavs letztem Beſuch erzählt und geglaubt, hierdurch ſeinem Herzen wieder Hoffnung einflößen zu können; dieſer aber hatte gleichſam gefuͤhllos und mit einem bittern Lächeln ihr zugehört, ohne ihr eine verſtändliche Antwort zu geben. Mit dieſem Tage war Grinſelhof noch einſamer ge⸗ worden als zuvor. Der Edelmann, ſichtbar von einem ge⸗ heimen Leiden erdrückt, ſaß faſt ſtets das Haupt in die Hand geſtützt und nachdenkend das Auge ins Weite gerichtet. Sicherlich ſtand vor ſeinen Augen der Verfalltag des ver⸗ hängnißvollen Schuldbriefs, der immer näher heranrückte, um den armen Vater mit ſeinem Kinde in den Abgrund zu ſtürzen. Lenora verbarg ihre eigenen Liebesſchmerzen, um den ihr unerklärlichen Kummer ihres Vaters nicht noch zu vergrößern. Obgleich auch ihr Herz von trüben Gedanken angefüllt war, zeigte ſie ſich heiter und aufgeräumt, und that und ſprach Alles, was ihr liebendes Herz ihr eingab, um des Vaters ſtillen Gram zu zerſtreuen. Aber Alles blieb fruchtlos; zwar dankte der Vater ihr mit einem Lächeln und ſanften Liebkoſungen, doch das Lächeln war traurig und bitter, und ſeine Liebkoſung matt und ſchmerzlich. Fragte Lenora zuweilen mit Thränen in den Augen nach der klärung düſtere Garten Sah L nem fi herte ſi ſo verlie zu ſuch S Trauern immer erhalten ſein, f zeugte beinahe im gern Spät zurück nach ih ſeinigen wußte weilen nicht ſe des VW Angſt Haͤnde ra faſt hl, wo freien letztem wieder eichſam t, ohne ner ge⸗ nem ge⸗ in die erichtet. des ver⸗ nrückte, lbgrund n, um noch zu edanken at, und eingab, r Alles t einem eln war nerzlich. Augen nach der Urſache ſeines Schmerzes, ſo wußte er jeder Er⸗ klärung auszuweichen; ganze Tage irrte er einſam und in düſtere Gedanken verſunken durch die ſchattigen Steige des Gartens und ſchien die Gegenwart ſeiner Tochter zu fliehen. Sah Lenora ihn von weitem, ſo erſchrak ſie vor ſei⸗ nem finſteren Blicke, ſeinen heftigen Geberden; nä⸗ herte ſie ſich ihm, um ihm ſeinen Kummer zu zerſtreuen, ſo verließ er ſie, um in ſeinem Hauſe ein ſtilles Plätzchen zu ſuchen. So verſtrich ein ganzer Monat voll Schweigen und Trauern. Lenora bemerkte, wie das Antlitz ihres Vaters immer magerer und bleicher wurde, wie ſeine Augen ihren Glanz verloren, als nage an ſeinem Leben eine verzehrende Krankheit. Um dieſe Zeit überzeugte eine Veränderung in dem Weſen ihres Vaters Lenora, daß ein ſchweres, ſchreck⸗ liches Geheimniß ihm auf dem Herzen liege. Seit einer Woche etwa hatten ſeine Augen wieder einen feurigen Glanz erhalten; fieberhaft ſchien er fortwährend aufgereizt zu ſein, ſeine Worte, ſeine Geberden, Alles, was er that, zeugte von Ungeduld und Spannung. Ueberdies fuhr er jetzt beinahe jede Woche zwei⸗ oder dreimal nach der Stadt, ohne im geringſten vermuthen zu laſſen, was er dort thun würde. Spät am Abend kehrte er dann wieder nach Grinſelhof zurück und ſetzte ſich ermattet ans Abendmahl, bis Lenora nach ihrem Zimmer ging und er ſelbſt dann auch in dem ſeinigen verſchwand. Daß er aber nicht ſchlummere, das wußte die Tochter wohl; denn wenn auch ihre Unruhe zu⸗ weilen den Schlaf von ihrem Lager verſcheuchte, hörte ſie nicht ſelten in der Nacht den Fußboden unter den Tritten des Vaters knarren und ſtand ſelbſt die fuürchterlichſte Angſt aus. 80 Lenora war von Natur ſehr entſchloſſen und beſaß ungewöhnliche Seelenkraft; allmälig wuchs daher in ihrer Bruſt der Entſchluß, ihn zu einer Mittheilung ſeines Geheimniſſes zu nöthigen. In dieſer Abſicht hatte ſie auch bereits mehrmals den Vater aufgeſucht, aber ſein durchdringender Blick, der finſtere Ausdruck ſeines Geſichts hatten ſie ſtets zurückgehalten, ja ſie ſah den Vater ihre Abſicht errathen und, ſich gleichſam furchtend vor ihren Fragen, in ihrer Gegenwart zittern. Auch heute war Herr von Vlierbeke wieder am frühen Morgen nach der Stadt gefahren. Schon war der Mittag vorbei, Lenora irrte langſam in bittere Träume verſunken durch die ſtillen Zimmer des Hauſes. Sie ſchien in ihrem tiefen Nachdenken zu ſprechen, ſtreckte die Hände aus oder wiſchte eine Thräne aus ihrem Auge... In der Zerſtreuung und ohne zu wiſſen, warum ſie es that, öffnete ſie die Schatulle des Tiſches, an welchem ihr Vater zu ſchreiben pflegte. Vielleicht mochte ſie auch die Begierde, ihres Vaters Geheimniß zu ergründen, hiezu antreiben— kurz, ſie fand in der Schatulle ein einfaches offen liegen⸗ des Papier. Kaum hatte ſie das Auge auf dasſelbe geworfen, als eine plötzliche Bläſſe ihr Antlitz bedeckte, und zitternd las ſie, was dieſes Blatt ihr offenbarte... Mit Abſcheu ſchloß ſie die Schatulle wieder und verließ ſchleunig das Zimmer. „Grinſelhof verkaufen!“ ſtöhnte ſie, in ihrem Ge⸗ mach angekommen und ſich kraftlos auf den Stuhl werfend.— „Warum? Denecker hat meinen Vater verſpottet, weil wir nicht reich genug waren!— was liegt hier für ein Geheimniß verſteckt?... Sollten wir wirklich arm ſein?... Gott! welch ein Licht: das iſt alſo das Räthſel — der 1 ſuchte klärte und il gegen gen a geſenk Wort treten „Soll gefühl ter ſte Wurn Liebe! C . fand er wer * ſeinen an, l Dir d Vater bleibt er ſie wahr! ein bi mein erfah Der d beſaß her in heilung t hatte „ aber ſeines ah den irchtend der am var der Träume e ſchien Hände In der öͤffnete dater zu egierde, ben— liegen⸗ en, als ernd las Abſcheu lig das em Ge⸗ fend.— t, weil für ein h arm Raͤthſel —— 81 der Leiden meines Vaters, das ich vergebens zu löſen ſuchte!ꝰ Lenora verſank in tiefes Nachdenken. Allmälig ver⸗ klärte ſich ihr Antlitz wieder, ihre Lippen bewegten ſich und ihre Augen leuchteten. Waͤhrend ſie ſo ſich zum Kampfe gegen das Schickſal zu rüſten ſuchte, ſah ſie den alten Wa⸗ gen auf den Hof fahren; ſie ſah ihren Vater gefühllos mit geſenktem Haupt in der Chaiſe ſitzen. Tief erſchüttert von dieſem Anblick vermochte ſie kein Wort zu ſprechen; ſchweigend ließ ſie den Vater ins Haus treten und blickte ihm nach; dann aber faßte ſie ſich wieder. „Soll,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„ein falſches Ehrfurchts⸗ gefühl mich noch länger zurückhalten? Soll ich meinen Va⸗ ter ſterben laſſen?— Nein, ich muß Alles wiſſen, muß den Wurm aus ſeinem Herzen reißen, ihn retten durch meine Liebe! 3 In dem letzten der Zimmer, welche ſie durcheilte, fand ſie den Vater ſitzen— ſeine Augen waren feucht; er weinte. „Barmherzigkeit für mich, mein Vater!? rief ſie zu ſeinen Knieen hinſtürzend.„Ich flehe Dich auf meinen Knieen an, laß mich um deinen Kummer wiſſen, ſag' mir, was Dir das Herz erdrückt! Laß mich erfahren, warum mein Vater ſo einſam weint!“ „Lenora, Du mein Alles, was mir auf Erden übrig bleibt! ſeufzte der Edelmann mit trübem Lächeln, während er ſie aufhob;„ich habe Dir viel Kummer gemacht, nicht wahr!— O komm, ſuche deine Zuflucht an meiner Bruſt— ein böſer Schlag ſteht uns bevor, der uns vernichten wird, mein Kind!) „»Mein Vater!» rief Lenora,„ich komme, um zu erfahren, warum Du leideſt; ich ſtehe nicht auf, ehe ich Der arme Edelmann. 6 8² weiß, welches Unglück mir ſo lange die Liebe meines Va⸗ ters geraubt. Wie groß auch meine Ehrfurcht vor Dir iſt, meine Pflicht ſpricht lauter als ſie in meiner Bruſt! Ich will, ich muß das Geheimniß deiner Leiden kennen lernen!“ „Was Dir die Liebe deines Vaters geraubt?— Das Geheimniß meiner Leiden iſt meine Liebe zu Dir, mein theures, mein angebetetes Kind! Zehn Jahre lang habe ich den Kelch der bitterſten Leiden geleert, und Gott täglich ge⸗ beten, Dich glücklich werden zu laſſen. Aber ach, er hat all' mein Flehen verworfen!“ „Alſo ich ſoll unglücklich ſein?“ fragte Lenora ohne die geringſte Bewegung. „Unglücklich durch Armuth! Der Schlag, welcher uns trifft, beraubt uns aller unſerer Güter— wir werden Grin⸗ ſelhof verlaſſen müſſen!“ Dieſe letztere Mittheilung ſchien das Mädchen mit der größten Beſtürzung zu erfüllen, denn ſie beſtätigte ja ihre Furcht; ſchnell aber bekämpfte ſie dieſe Aufregung. „Und nicht, weil dieſer Schlag Dich trifft, Vater, nicht deßhalb ſtirbſt Du langſam hin— ich kenne ja deine un⸗ überwindliche Seelenkraft— nein, weil deine Lenora dieſe Armuth theilen ſoll— deßhalb leideſt Du! Habe Dank für all deine Liebe! Aber wenn man mir alle Reichthü⸗ mer der Erde anböte unter der Bedingung, daß Du nur einen einzigen Tag leiden ſollſt, glaubſt Du, ich würde ſie annehmen ² Sprachlos und verwundert ſchaute der Edelmann ſeine Tochter an, deren Augen ſo heldenmüthig glänzten. Ein lei⸗ ſer Handdruck war ſeine einzige Antwort. „Gott hat uns ja gelaſſen, was uns auf Erden das Theuerſte iſt, warum alſo klagen? O faſſe wieder Muth, mein Vater; welches auch das Loos ſei, das unſer wartet, ——— s Va⸗ ir iſt, Ich rnen!* Das mein abe ich ich ge⸗ er hat a ohne der uns Grin⸗ mit der ja ihre Vater, ine un⸗ a dieſe Dank eichthü⸗ Du nur ürde ſie nn ſeine Ein lei⸗ den das Muth, wartet, 83 und müßten wir auch in eine Hütte ziehen: ſo lange wir uns haben, kann uns nichts darniederdrücken!* Ein ſonderbares Lächeln von Beſtürzung und Bewun⸗ derung verklärte das Antlitz des Edelmannes; er ſchien ſo verwirrt, als begreife er nicht, was geſchehen ſei. „»Lenora, mein Kind! rief er die Hände faltend aus,„Du biſt ein überirdiſches Weſen, ein Engel! Meine Sinne verwirren ſich, ich begreife die Größe deiner Seele nicht!* Das Mädchen ſah mit Freude, wie ſie den Sieg da⸗ vontrug, denn in den Augen des Vaters las ſie neuen Muth, ſie ſah ihn langſam das Haupt wieder erheben, als fülle der Stolz ihm den Buſen. Einen Augenblick betrachtete ſie mit himmliſchem Lächeln die Wirkung ihrer Worte. »Vater! mein Vater!“ rief ſie in begeiſtertem Ton, „nimm mich in deine Arme! Laß den Kummer fahren, das Schickſal iſt ja ohnmächtig gegen uns!* Als dieſe innige, ſtille Scene der Umarmung vorüber war, und Beide Hand in Hand neben einander ſaßen, ſchwebte auf ihrem Antlitz ein ſo zufriedenes, glückliches Lächeln, als haͤtten ſie die ganze Welt vergeſſen. »Ich habe Unrecht gethan, Lenora,» begann der Vater,»daß ich Dir nicht Alles mittheilte; aber verzeih mir's, es war ja die Furcht Dich zu betrüben, die Hoffnung, daß noch Alles wieder gut werden koͤnne. Jetzt aber ſollſt Du Alles wiſſen, ich kann Dir nichts mehr verbergen, denn der verhängnißvolle Zeitpunct iſt gekommen, der Schlag, der uns bedroht, iſt nahe; wir können ihm nicht mehr aus⸗ weichen. Biſt du gefaßt, Lenora, meine Mittheilun gen zu hören 8 »Ich bin es Vater! verbirg mir nichts!“ „Wohlan denn! was ich Dir erzaͤhlen werde, iſt eine 6 8 84 trübe, ſchmerzhafte Geſchichte; doch bebe nicht, mein Kind, wenn Du in derſelben ein Gemäaͤlde der Leiden deines Va⸗ ters ſiehſt. Du ſollſt auch erfahren, weßhalb Herr De⸗ necker ſo gegen mich handelte.“ Er ließ die Hand der Tochter los, ohne ſein Antlitz von ihr abzuwenden, und begann mit Ruhe und Nachdruck ſeine Erzählung „Du warſt noch klein, Lenora, geliebt und ſanft wie jetzt, die Freude und der Liebling deiner Mutter. Wir bewohnten in Ruhe und Frieden den kleinen Hof unſerer Väter und fanden in den Einkünften unſerer Güter Mittel genug, um mit Sparſamkeit unſerm Namen und Stande Ehre anzuthun. „Ich beſaß einen jüngeren Bruder, er war gut von Her⸗ zen, edelmüthig, aber unvorſichtig. Er wohnte in der Stadt und war mit einer Dame verheirathet, die von edler Her⸗ kunft, aber nicht reicher war als er ſelbſt. Ob ſeine Frau durch Prunkſucht ihn antrieb, unſichere Mittel zur Vermeh⸗ rung ſeiner Einkünfte zu verſuchen, ich weiß es nicht— genug, er ſpielte in Fonds— Du verſtehſt nicht, was dies ſagen will; es iſt ein Spiel, in welchem man in einem Augenblick Millionen gewinnen— ein Spiel, in welchem man aber auch in kurzer Zeit mit Frau und Kindern an den Bettelſtab gebracht werden kann.“ „Mein Bruder hatte zuerſt viel gewonnen und ſein Haus auf einem ſo großen Fuß eingerichtet, daß ihn ſelbſt die Reichſten hätten beneiden können. Er beſuchte uns zu⸗ weilen, brachte für Dich, Lenora, deren Pathe er war, allerlei Geſchenke und bewies uns deſto mehr Freundſchaft, als ſeine Mittel die unſerigen bei weitem zu überſteigen ſchienen.* „Zuweilen ſtellte ich ihm das Gefährliche ſeiner Unter⸗ nehmungen vor und ſuchte ihm zu beweiſen, wie es einem Edel Ehre folge lung denn hatt nen Ver nicht Sch laun dara mich dein ſie e Sch men tern zu t an Pfe dien zu ö zu n umſ Thr fleht und Kind, Va⸗ — De⸗ Antlitz druck ſanft Wir zſerer Mittel tande Her⸗ Stadt Her⸗ Frau ermeh⸗ ht— s dies einem elchem an den nd ſein ſelbſt ns zu⸗ er war, ft, als lenen.* Unter⸗ einem 8⁵ Edelmann nicht gezieme, ſein Hab und Gut und ſeine Ehre an unſichere Nachrichten zu ſetzen. Da aber ſeine Er⸗ folge meine Gründe ſtets ſchlugen, ſo waren meine Vorſtel⸗ lungen natürlich ohnmächtig,— die Sucht zum Spiel— denn Spiel iſt es— war mächtiger als meine Worte.” „»Das Glück, welches ihn eine Zeit lang begünſtigt hatte, ſchien ihn endlich verlaſſen zu wollen; er verlor ei⸗ nen großen Theil ſeines Gewinnes und ſah allmäaͤlig ſein Vermögen abnehmen. Trotzdem ſchwand ihm der Muth nicht, im Gegentheile, er ſchien noch hartnäckiger gegen das Schickſal anzukaͤmpfen, und hoffte mit Beſtimmtheit, das launiſche Glück zurückzuzwingen. Thörichte Hoffnung!” „An einem Winterabende— ich zittere noch, wenn ich daran denke— ſaß ich in meinem Zimmer und machte mich bereit, zur Ruhe zu gehen. Du warſt bereits zu Bette; deine Mutter ſaß an deinem Kopfkiſſen und betete, wie ſie es zu thun pflegte. Es ſtürmte draußen fürchterlich, der Schnee ſchlug an's Fenſter, der Wind heulte in den Bau⸗ men und ſchien unſer Haus in ſeinem Fundamente erſchüt⸗ tern zu wollen. Durch den Sturm der Elemente war ich zu trüben Gedanken geſtimmt.... Plötzlich wurde heftig an unſere Thüre geklopft, während das Wiehern eines Pferdes uns die Ankunft eines Wagens verkündete. Der Be⸗ diente— wir hielten deren damals zwei— ging, um die Thuͤr zu öffnen. Eine Dame ſtürzte in's Zimmer und fiel weinend zu meinen Füßen.... Es war meines Bruders Frau.“ „Zitternd vor Schreck wollte ich ſie aufheben; doch ſie umſchlang meine Kniee und flehte mich um Hilfe an, während Thraͤnen über ihre Wangen rannen. In unklaren Worten flehte ſie mich an, das Leben meines Bruders zu retten, und ließ mich ein entſetzliches Schickſal ahnen.“ »Deine Mutter kam inzwiſchen auch zu uns herab; wir S86 ſuchten Beide, die halb bewußtloſe Frau zu beruhigen und es gelang uns, durch die Beweiſe unſerer Theilnahme und Freundſchaft die Arme zum Bewußtſein ihrer Lage zu⸗ rückzurufen.* »Ja, Lenora, mein Bruder hatte Alles— Alles verloren; ja noch mehr verloren, als er beſaß! Herzzerrei⸗ ßend waren die Worte ſeiner verzweifelnden Frau, mehr als Alles aber entſetzte uns das Ende ihrer Schilderung. .... Mein Bruder— vernichtet durch die Ueberzeu⸗ gung, daß er ſeinen Namen geſchändet und durch den Ge⸗ danken, daß das Gericht einſchreiten werde— mein Bru⸗ der war in finſtere Verzweiflung verſunken: er hatte Hand an ſein Leben legen wollen. Seine unglückliche Frau hatte ihn in dieſem Vorhaben überraſcht und ihm die Mordwaffe aus der Hand gerungen. Jetzt ſaß er in ſein Zimmer ein⸗ geſchloſſen, ſprachlos, das Haupt in die Hände geſtützt und von zwei treuen Freunden bewacht. Wenn Jemand ihn auf Erden aus ſeiner Verzweiflung retten konnte, ſo war es ſein Bruder.“ „»Dies hatte auch die arme Frau eingeſehen, ſich in ei⸗ nen Wagen geworfen und war allein durch Nacht und Sturm zu mir gekommen, als dem einzigen Retter aus ihrer Noth. .... Da lag ſie jetzt zu meinen Füßen und flehte mich an, mit ihr nach der Stadt zu fahren.— Ich zögerte kei⸗ nen Augenblick; Deine gute Mutter, nicht weniger als ich durch dieſe ſchreckliche Nachricht getroffen und wohl vorher⸗ ſehend, um was es ſich hier handle, rief mir noch nach, als ich in den Wagen ſprang:„O rette ihn! ſieh auf nichts, ich heiße Alles gut!* 1 »So ging es im Sturm durch die Dunkelheit..... Du biſt blaß, Du bebſt, Lenoral! Ja, es war eine fürchterliche Nacht; meine zu früh gebleichten Haare ſind ein tr Mutl verwi lang in ſeit gab aber nigen ders Dein Alles davon die C werd dem gehal langt rhun gewo werd ſeine ſoglei haſt „Ler mehr von Mut einen dank Illes rrei⸗ nehr ung. Bru⸗ Hand datte affe ein⸗ und auf es ei⸗ urm oth. nich kei⸗ 87 ein trauriges Andenken jener Schrecken.... Doch faſſe Muth, mein Kind, und höre mich zu Ende!* „Es iſt nutzlos Dir zu beſchreiben, in welcher Geiſtes⸗ verwirrung ich meinen Bruder fand und wie ich ſtunden⸗ lang mich anſtrengen mußte, um einen ſchwachen Lichtſtrahl in ſein verfinſtertes Gemüth zu bringen. Nur ein Mittel gab es, um ſeine Ehre und zugleich ſein Leben zu retten; aber was für ein Mittel! Großer Gott! ich mußte die we⸗ nigen Güter, die ich beſaß, für die Schulden meines Bru⸗ ders verpfänden, den Hof unſerer Väter, den Brautſchatz Deiner Mutter, Dein ganzes Erbtheil, Lenora— Alles, Alles wagen mit der Ueberzeugung, den größten Theil davon für immer zu verlieren. Unter dieſer Bedingung konnte die Ehre meines Bruders und zugleich ſein Leben erhalten werden, denn nur unter dieſer Bedingung konnte er von dem Vorhaben, ſeiner Schande ein Ende zu machen, ab⸗ gehalten werden. Er war es nicht, der dies von mir ver⸗ langte, im Gegentheil, er ſetzte nicht voraus, daß ich dies rhun könne, noch wolle Aber ich hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß er ſeinen verbrecheriſchen Vorſatz ausführen werde, wenn ich nicht durch die größten Opfer unverzüglich ſeine Sachen ordnete.— Und doch durfte ich mich nicht ſogleich dazu entſchließen!“ „Wie?» rief Lenora erſchreckt,„mein Vater, Du haſt Dich geweigert?“ Ein ſtilles Lächeln trat auf das Antlitz des Vaters. „Lenora,» ſagte er,„ich liebte meinen Bruder; aber mehr noch liebte ich Dich, mein einziges Kind. Was man von mir verlangte, war Armuth für Dich und für deine Mutter.... Dieſer Gedanke zerfleiſchte mir auf der einen Seite das Herz, während auf der andern der Ge⸗ danke an die fürchterliche Lage meines Bruders nagte. End⸗ 88 lich gewann der Edelmuth den Sieg in dieſem Kampf. Es war Tag geworden; ich ging zu den größten Gläubigern und unterzeichnete bei ihnen die Schrift, welche meinem armen Bruder das Leben rettete.... die aber zugleich meine arme Gattin und mein ſchuldloſes Kind zum bit⸗ terſten Elend verurtheilte!* „»Gott ſei Dank! rief Lenora, als ſei ſie plötzlich aus einem ſchweren Traum erlöſt.»Habe Dank, Vater, daß Du ſo edel, ſo muthig warſt! Sie erhob ſich, legte den Arm auf ſeine Schulter und küßte ihn feurig, doch mit ſonder⸗ barem Ernſt.„. „Du dankſt mir für dieſe Handlung?— und doch iſt ſie gerade der Schritt, für welchen ich Dich um Ver⸗ gebung bitten muß, mein Kind!* »Um Vergebung?— Hätteſt Du anders gehandelt, häͤtte ich da nicht an dem Edelmuth meines Vaters zweifeln müſſen? Jetzt liebe ich Dich mehr noch als früher, mein Vater!— Um Vergebung? Iſt es denn ein Verbrechen, das Leben eines Bruders zu retten, wenn es in unſerer Macht ſteht?* „Die Welt urtheilt anders, Lenora! man vergibt es einem Edelmann nicht, daß er arm iſt. In einer ſolchen Lage muß er büßen für die Ungerechtigkeit, welche Viele in dem Adel ſehen; er muß büßen, doppelt büßen für die An⸗ deren. Man verachtet, verſpottet ihn und betrachtet ihn wie einen aus der Geſellſchaft Verſtoßenen; ſeine Standesgenoſ⸗ ſen fliehen ihn, um für ſeine Armuth nicht verantwortlich zu erſcheinen, Burger und Bauern ſehen ſpottend ſein Un⸗ glück, als wäre ihnen ſein Fall eine ſüße Rache... Doch höre weiter, mein Kind!* „Mein Buuder war gerettet; das tiefſte Geheimniß ver⸗ hüllte die Hilfe, welche ich ihm geleiſtet. Er verließ ſein Vaterlo ſeitdem Frau ſt mehr. mit Se ihr We einem F einen T „5 wurf, darin ſe die sig Gemüt ſagunge verfiel. 85 gen und geben, ſparen, 8 „ ſchwand gaßen! Einlad gen zu ligen, fahren cher He ziehen. Haß g che Gei 1e. meines f. Es bigern einem igleich bit⸗ mein echen, nſerer rgibt olchen ele in An⸗ n wie henoſ⸗ rtlich Un⸗ Doch zver⸗ ſein 89 Vaterland und ging mit ſeiner Frau nach Amerika, wo er ſeitdem durch Arbeit eine elende Exiſtenz gefunden. Seine Frau ſtarb auf der Reiſe. Wir unſerſeits beſaßen nichts mehr.— Grinſelhof und unſere übrigen Güter waren mit Schulden belaſtet worden, deren Capital größer. als ihr Werth. Außerdem hatte ich mich genöthigt geſehen, von einem Freunde eine Summe von viertauſend Franken auf einen Wechſel zu borgen.“ „Deine Mutter machte mir nicht den geringſten Vor⸗ wurf, als ſie die Größe meines Opfers vernahm; ſie ſah darin ſelbſt ein autes Werk. Bald aber verdammte uns die eigene Armuth zu ſo bittern Entbehrungen, daß das Gemüth deiner Mutter allmälig unter der Laſt der Ent⸗ ſagungen erlag und ſie, ohne zu klagen, in eine Abzehrung verfiel.“ „Ja, es war ſchmerzlich! Um unſern Ruin zu verber⸗ gen und den Namen unſerer Väter dem Spotte nicht preiszu⸗ geben, mußten wir mit der außerſten Genauigkeit das Geld ſparen, um die Zinſen unſerer Schulden damit zu bezahlen.“ „Nach und nach, in der Zeit von drei Monaten, ver⸗ ſchwanden unſere Dienſtboten und unſere Pferde; wir ver⸗ gaßen bald den Weg zu unſern Freunden und lehnten alle Einladungen ab, um unſerſeits Niemand bei uns zu empfan⸗ gen zu brauchen. Die Bewohner des Dorfes und die Ade⸗ ligen, unſere bisherigen Freunde, mißbilligten dies Ver⸗ fahren allgemein; man ſagte, wir wollten aus ſchmähli⸗ cher Habſucht, aus Geiz uns in unſere Einſamkeit zurück⸗ ziehen. Wir erwiederten dieſe Beſchuldigung, ja den offenbaren Haß gegen uns mit Liebe, denn gerade dieſer vermeintli⸗ che Geiz konnte nur unſere Armuth verborgen halten.“ „Ich komme jetzt an den ſchmerzlichſten Augenblick meines Lebens, Lenora. Deine arme Mutter war ſehr 90 abgezehrt; ihre Augen waren immer tiefer in ihre Höhlen geſunken, ihre Wangen waren bleich wie Schnee. Ichwar außer mir vor Schmerz, da ich ſie dahinſchwinden ſah, die ich mehr als mein Leben liebte! Lenora ſaß den Blick zur Erde gekehrt da; eine Thrane rann über ihre Wange. Der Vater blickte ſie einige Secunden traurig an, doch fuhr er in ſeiner Erzählung fort: »Arme Mutter! Sie weinte fortwährend; wenn ſie ihr Kind, ihre kleine Lenora, anblickte, rannen ihre Thränen über die Wangen! Dein Name ſchwebte beſtän⸗ dig auf ihren Lippen— für Dich ſandte ſie ein ununterbro⸗ chenes Gebet zum Himmel.... Endlich rief Gott ſie zu ſich; der Prieſter hatte ſie zu ihrer letzten Reiſe vorbereitet und Dich aus ihren Armen genommen und fortgeführt; ich allein befand mich im Schooße der Nacht bei ihr, deren kalte Lippen mir bereits den Abſchiedskuß gegeben hatten. Mein Herz blutete.... wie ſchmerzvoll waren ihre letz⸗ ten Augenblicke! Vor das Bett knieend, flehte ich Gott um ihre Erlöſung an, und trocknete die Thränen von ihren blei⸗ chen Wangen.“* Plötzlich ſchien das Gefühl zu ihr zurückgekehrt zu ſein; es war daͤs letzte Aufflackern der Lebensflamme. Sie rief mich beim Namen, ich ſprang auf, und mit klarer Stimme ſagte ſie zu mir:„Es iſt geſchehen, mein Freund, Lebe⸗ wohl! Gott hat mir keinen ſanften Tod vergönnt, ich ſterbe mit der Ueberzeugung, daß mein Kind, mein armes Kind, hienieden unglücklich ſein wird.“ „Ich weiß nicht, was meine Liebe ihr zu ſagen mir eingab, aber ich gelobte ihr, daß Du, Lenora, nicht im Elende bleiben, daß Du glücklich werden ſolleſt. Ein himm⸗ liſches Lächeln umſtrahlte darauf das Antlitz deiner Mut⸗ ter, denn ſie glaubte in dieſem Augenblicke meinem Ver⸗ ſprechen. ter meh De ſchwieg; Geſicht Zimmer. Da des Vat ſuchte m »H habe, iſt leicht th ich eine alle mei ſchütten ſchloſſen. „+‿ nommen Kind, u Sterben Verſprec ben und für uns denken. als dring klammer nicht mi Zukunft „»J zu halter Gott ha nora, Höhlen Ich war ah, die a; eine e einige ng fort: denn ſie en ihre beſtaͤn⸗ nterbro⸗ tt ſie zu bereitet rt; ich , deren hatten. hre letz⸗ Bott um ren blei⸗ zu ſein; ief mich Stimme „Lebe⸗ nt, ich armes gen mir icht im himm⸗ Mut⸗ n Ver⸗ 91 ſprechen.— Bald darauf, Lenora, hatteſt Du keine Mut⸗ ter mehr! Der Vater ließ das Antlitz auf die Bruſt ſinken und ſchwieg; auch Lenora ſaß ſchweigend da und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Eine Todesſtille herrſchte im Zimmer. Dann aber zog das Mädchen den Stuhl näher an den des Vaters und erfaßte ſeine Hand. Herr von Vlierbeke ſuchte mit ſeiner Erzählung zu Ende zu kommen. „Höre weiter, Lenora; was ich Dir noch zu ſagen habe, iſt nicht ſo trübe, denn es betrifft mich allein. Viel⸗ leicht thäte ich wohl, es Dir zu verſchweigen, doch habe ich eine Freundin nöthig, die da weiß, was ich gelitten, die alle meine Geheimniſſe kennt, in deren Herz ich Alles aus⸗ ſchütten kann, was ich ſeit zehn Jahren in mich ver⸗ ſchloſſen.* »Deine Mutter, meine einzige Stütze, war mir ge⸗ nommen; ich blieb allein auf Grinſelhof mit Dir, mein Kind, und mit meinem Verſprechen, das ich vor Gott der Sterbenden gethan!— Wie ſollte ich es anfangen, dieſem Verſprechen nachzukommen? Meine erblichen Güter abge⸗ ben und in einem fremden Lande umherirren, um Unterhalt für uns Beide zu verdienen?— Daran konnte ich nicht denken. Nach langer ſchmerzvoller Ueberlegung war es mir, als dringe ein Lichtſtrahl in meine Nacht, und hoffnungsvoll klammerte ich mich an den einzigen Plan, der, wenn auch nicht mir, doch meinem Kinde eine nicht ſo unglückliche Zukunft bereiten konnte.“ »Ich beſchloß, unſere Armuth eifriger als je verborgen zu halten und mein Leben an Deine Ausbildung zu verwenden. Gott hat Dich reichlich mit aͤußerer Schönheit begabt, Le⸗ nora, und Dein Vater übernahm es, Dich auch mit der Kunſt, den Wiſſenſchaften, mit Tugend, Gottesfurcht und Sittlichkeit auszuſtatten; er durfte ja hoffen, daß dein edles Blut, die Schönheit deiner Geſtalt und deines Ge⸗ ſichtes, die Schätze deines Verſtandes und deiner Seele den Brautſchatz aufwiegen würden, den er Dir nicht zu bieten im Stande iſt. Er ſchmeichelte ſich mit dem Gedanken, daß Du dereinſt eine gute Partie machen und dadurch in der Welt die Stellung wiederfinden werdeſt, zu welcher Dich deine Abkunft berechtigt.“ »Zehn Jahre lang, mein Kind, habe ich Dich in Al⸗ lem unterrichtet; was ich vergeſſen hatte oder nicht wußte, lernte ich ſelbſt die Nächte hindurch, um es Dir mitzu⸗ theilen. Wahrend ich mit der größten Beſorgtheit jeden Schmerz, jede Unannehmlichkeit von deinem Lebenspfade abzuwenden ſuchte und Dir in gewiſſem Maße Alles ver⸗ ſchaffte, was unſere ſcheinbar gute Lage erheiſchte; wäh⸗ rend ein beſtaͤndiges Lächeln von Zufriedenheit auf meinem Antlitz ſchwebte, wühlte gleichwohl die fürchterlichſte Angſt in meinem Buſen, und ich zählte mit Schrecken die Tage, welche uns dem fürchterlichen Augenblick entgegentrugen. Ach, Lenora, lange habe ich gelitten und meinem Körper alle Wohlthaten des Lebens entzogen! Die Hälfte meiner Nächte habe ich in ſelaviſcher Arbeit zugebracht, meine Kleidungsſtucke ausgebeſſert, den Gemüſegarten ſelbſt im Dunkel mit dem Spaten bearbeitet, allerlei Verrichtungen und Handarbeiten gelernt, um unſere Armuth vor Andern verborgen zu halten...* „Sei nicht traurig, mein Kind, ſetzte er hinzu, da er ſah, wie eine Thräne den Augen des Mäadchens entrann, und drückte ihr die Hand.„Hat mich der Herr auch mit vielem Trübniß geſchlagen, ſo gab er mir doch als Bal⸗ ſam das Lacheln deiner Lippen, und das erfüllte mich mit Dankba war me „ geſandt werde. keimte, necker“ der wir Wünſche Schlag ich die Schuld geſtorbe ganze L Himmel vor dieß Morgen ſelhof allein u räths un Unſer e zu ſtelle unſerer Jeden Gluͤck freundli gen— „1 ließ? A vorbehe W 8 „ urcht und daß dein eines Ge⸗ er Seele nicht zu zedanken, adurch in welcher h in Al⸗ dt wußte, r mitzu⸗ eit jeden henspfade llles ver⸗ e; wäh⸗ meinem ſte Angſt ie Tage, entrugen. n Körper e meiner , meine ſelbſt im ichtungen Andern inzu, da entrann, auch mit als Bal⸗ mich mit Dankbarkeit gegen den Himmel. Warſt du doch glücklich— war mein Verſprechen doch bis dahin erfüllt.“ „Endlich glaubte ich, daß Gort uns ſelbſt einen Engel geſandt habe, der Dich dem nahenden Elende entreißen werde. Ich ſah die Liebe, welche in Dir und Guſtav keimte, bis auch dies ſich wieder zerſchlug und ich bei De⸗ necker's letztem Beſuche ihm die traurige Lage entdeckte, in der wir uns befinden. Er weigerte ſich unwiderruflich, den Wünſchen ſeines Neffen zu willfahren. Aber auch dieſer Schlag war noch nicht genug. Der Freund, von welchem ich die viertauſend Franken geliehen, und der mir meinen Schuldbrief jährlich prolongiren ließ, war in Deutſchland geſtorben und ſeine Erben verlangten die Zahlung. Ich habe die ganze Stadt durchkreuzt, an jede Freundesthür gepocht, Himmel und Erde in meiner Verzweiflung aufgeboten, mich vor dieſer Schande zu retten— es war Alles vergebens. Morgen bereits wird man vielleicht an das Thor von Grin⸗ ſelhof ein Placat heften, in welchem der Verkauf nicht allein unſerer feſten Güter, ſondern auch unſeres Hausge⸗ raths und Alles deſſen, was uns theuer iſt, angekündigt wird. Unſer eigenes Ehrgefühl gebietet uns, Alles zum Verkauff zu ſtellen, was nur einigen Werth hat, damit der Belaue unſerer Schulden erreicht wird— und gelingt es uns, einem Jeden hiedurch gerecht zu werden, ſo wird dies noch ein Glück in unſerem Elende ſein.—— Doch Dü lächelſt ſo freundlich, Lenora? Zufriedenheit ſtrahlt aus deinen Au⸗ gen— betrübt Dich denn dieſer ſchreckliche Schlag nicht 25 „Und dies war es, Vater, was Dich ſo hinſiechen ließ? Anders nichts?— Hat dein Herz mir kein Geheimniß vorbehalten?“ „Keines, mein Kind; Du weißt Alles!9 „Wahrlich, fuhr Lenora mit Ernſt fort,„ich weiß, daß jeder Andere dieſes Schickſal als das größte Unglück anſehen würde— aber was kann es uns anhaben?— Warum ſcheinſt Du ſelbſt jetzt ſo ruhig, Vater?* »Weil Du, Lenora, mir wieder Muth und Ver— trauen in die Bruſt geflößt haſt; weil ich hoffen darf, daß Du doch nicht ſo unglücklich ſein wirſt! Ich weiß, was Du mir antworten wirſt, edles Kind, das Gott mir als ein Schild gegen alle Leiden gegeben!— Wohlan denn, ſo will ich, ohne das Haupt ſinken zu laſſen, den Schlag empfan⸗ gen und mich dem Willen Gottes ergeben.—— Und doch,“» fügte er langſam hinzu,»wer weiß, was für Lei⸗ den uns noch beſchieden ſein mögen? In die Welt hinein zu irren, fern von Freunden und Bekannten einen verbor⸗ genen Zufluchtsort zu ſuchen—— Du weißt nicht, Le⸗ nora, wie bitter das Brot der Armuth ſchmeckt!“ Die Jungfrau zitterte, da ſie ihres Vaters Antlitz aufs neue ſo umwölkt ſah.„Vater!» rief ſie begeiſtert ſeine Hand drückend und ihm ins Auge blickend,„Vater! ſei unbeſorgt, wir werden dennoch glücklich ſein! Verſetze Dich doch im Geiſte in die Lage, die unſer harrt— was liegt denn Schreckliches darin? In allen weiblichen Hand⸗ arbeiten bin ich ja bewandert; kann ich nicht wieder lehren, was Du mich gelehrt haſt? Ja, ich will für uns Beide thätig ſein, und Gott wird meine Arbeit ſegnen. Denk' Dir Vater, wir wohnen allein und vergeſſen in einem reinlichen Stübchen, in Frieden und unbekannt, ſtets beiſammen! Ach, Vater, mir iſt es, als werde jetzt erſt unſer Friede, unſere Seelenruhe beginnen— und Du, Vater, ſollſt nicht länger trauern, denn uns lacht ja ein Gluͤck, das wenig Sterbli⸗ chen zu Theil werden kann.“* Der Vater zog uͤberglücklich ſein Kind an die Bruſt, legte die eine Hand auf ihr Haupt und blickte betend zum Himme abfleht 5 las m Güter Umgeb machte Ruin und ſe 2 angege gründe die N ſich hi und er die wa geleiſte man d G als fri Er we wohl! tigte, ſeiner dem ſe 0 ſtav ſeine denn 2 Unglück aben?— und Ver⸗ darf, daß was Du r als ein n, ſo will empfan⸗ — Und § für Lei⸗ elt hinein n verbor⸗ icht, Le⸗ 25 s Antlitz begeiſtert „»Vater! Verſetze t— was n Hand⸗ er lehren, ns Beide denk' Dir reinlichen nen! Ach, ee, unſere ht länger Sterbli⸗ ie Bruſt, tend zum 9⁵ Himmel— er liſpelte ein ſtilles Gebet, das Segen her⸗ abflehte vom Himmel auf das Haupt dieſes Kindes. VIII. Wie Herr von Vlierbeke ſeiner Tochter geſagt hatte, las man ein paar Tage darauf die Verkaufsanzeige ſeiner Güter in den Zeitungen, und überall in der Stadt und der Umgebung ſtand ſie an den Ecken zu leſen. Die Sache machte großes Aufſehen und Jeder wunderte ſich über den Ruin eines Edelmannes, den man allgemein für ſo reich und ſo geizig gehalten. Da als Grund des Verkaufes eine Abreiſe des Beſitzers angegeben war, ſo würde man vielleicht die wahren Beweg⸗ gründe nicht haben errathen können, wenn nicht aus der Stadt die Nachricht ſich verbreitet hätte, daß Herr von Vlierbeke ſich hiezu entſchloſſen habe, um ſeine Schulden zu bezahlen und er in Folge derſelben ganz in Armuth gerathen ſei. Auch die wahre Urſache ſeines Unglücks, nämlich die dem Bruder geleiſtete Hilfe, wurde unter den Leuten bekannt, obſchon man die näheren Umſtände ſich nicht recht zu erklären wußte. Seit dieſer Anzeige hatte der Edelmann ſich noch mehr als früher zurückgezogen, um jeder Erklärung auszuweichen. Er wartete mit Ungeduld auf den Verkauf ſelbſt, und ob⸗ wohl der Schmerz ſich ſeiner dann und wann noch bemäch⸗ tigte, ſo fand er doch in den unermuͤdlichen Vorſtellungen ſeiner Tochter Kraft genug, um mit einer Art Stolz dem ſchweren Tage entgegenzuſehen. Inzwiſchen waren ihm aus Rom Briefe von Gu⸗ ſtav zugekommen, in welchen der Jüngling erklärte, daß ſeine Liebe für Lenora in ſeiner Abweſenheit nur inniger denn je geworden, und daß ſein einziger Troſt in der Hoffnung liege, daß ſie dennoch dereinſt die ſeinige werde; auf der andern Seite war aber ſein Schreiben keineswegs ſo ermuthigend, da er klagte, daß ſeine Bitten beim Oheim bisher noch immer erfolglos geblieben ſeien. Der Vater hatte die Briefe gleichgiltig bei Seite gelegt; er verbarg Lenora indeß nicht, daß er für eine mögliche Verbindung mit Guſtav keine Hoffnung mehr ſehe, und es alſo für ſie rathſam ſei, dieſe unglückliche Liebe zu vergeſſen, um ſich ferner keinen Kummer deßhalb zu bereiten. Lenora ſelbſt war uüberzeugt, daß ſie jetzt, wo ihres Vaters Armuth offenbar geworden, alle Erwartungen auf⸗ geben müſſe, und dennoch war es für ſie ein ſo beſeligendes Gefühl, zu wiſſen, daß Guſtav ſie noch immer liebe, daß er, deſſen Bild ihr Herz erfüllte und ihre Träume belebte, fort⸗ während an ſie denke und um ſeine Abweſenheit trauere. Auch ſie, ihrem Verſprechen getreu, nannte ſeinen Na⸗ men ſo oft in ihrer Einſamkeit, ſo manche Seufzer hörte der Katalpa-Buſch, als vertraue ſie dem Winde dieſelben an, ſie nach milderen Himmelsſtrichen zu tragen. Sie wie⸗ derholte ſich im Stillen ſeine ſchönen Geſtändniſſe, und grü⸗ belnd in ihren Spaziergängen durch die ſchattigen Pfade blieb ſie gewöhnlich an jedem Platze ſtehen, wo ein Wort, ein Händedruck, ein Blick von ihm ihr geſtanden hatte, was in ſeinem Inneren lebe. Als habe das Schickſal beſchloſſen, ihn durch alle mög⸗ lichen Schläge auf einmal daniederzudrücken, empfing der Vater jetzt eine Nachricht aus Amerika, in welcher ihm der Tod ſeines Bruders gemeldet wurde. Der Arme war nach langſamem Hinſchwinden ſeiner Kraͤfte in den Wildniſſen oberhalb der Hudſons⸗Bai geſtorben. Herr von Vlierbeke trauerte einige Tage tief über den Verluſt des geliebten Bru⸗ ders, d Schickſo ſtande GG von alle Zimmer zu beſic Gegenſt D in den terſtützt Aufſtell berkeit d anreizen zu trieb, unvorthe die Ueb kauf ſeit den wer Edelma⸗ tereſſe gering W kommen bringen, ſtänden ſo wie ſeiner T Le geben, 1 vorüber Der a e werde; neswegs n Oheim ei Seite für eine ig mehr gZlückliche ßhalb zu wo ihres gen auf⸗ lligendes „daß er, dte, fort⸗ zuere. nen Na⸗ er hörte dieſelben Sie wie⸗ und grü⸗ Pfade n Wort, tte, was lle mög⸗ fing der her ihm rme war zildniſſen ierbeke ten Bru⸗ ders, doch zog die nahende Entſcheidung ſeines eigenen Schickſals mit Gewalt ſeine Gedanken von dieſem Gegen⸗ ſtande ab. Endlich war der Verkaufstag erſchienen. Schon am frühen Morgen füllte ſich Grinſelhof von allerlei Leuten, die aus Neugier oder aus Kaufluſt die Zimmer des Edelmannes durchliefen, um den Hausrath zu beſichtigen, und im Geiſte den Werth der einzelnen Gegenſtände zu taxiren. Der arme Edelmann hatte alle verkaufbaren Stücke in den größten Saal tragen laſſen; von ſeiner Tochter un⸗ terſtützt, hatte er die ganze Nacht mit dem Säubern und Aufſtellen der meiſten Gegenſtände verbracht, damit die Sau⸗ berkeit derſelben die Kaufliebhaber zum Zahlen hoher Preiſe anreizen ſolle. Nicht Eigennutz konnte es ſein, was ihn hie⸗ zu teieb, denn da die feſten Güter einige Tage vorher zu ſehr unvortheilhaften Summen taxirt worden waren, ſo hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß in keinem Falle der Ver⸗ kauf ſeiner ganzen Habe mehr als den Belauf ſeiner Schul⸗ den werde decken können. Nur die Ehrlichkeit hatte den Edelmann veranlaßt, noch ſeine nächtliche Ruhe dem In⸗ tereſſe ſeiner Gläubiger zu opfern, um ihren Verluſt ſo gering wie möglich zu machen. Wahrſcheinlich hatte er ſich auch vorgenommen, die kommende Nacht nicht mehr in Grinſelhof zu ver⸗ bringen, denn unter den zum Verkauf aufgeſtellten Gegen⸗ ſtänden befanden ſich auch zwei Bettſtellen mit allen Betten, ſo wie eine große Anzahl Kleidungsſtücke, welche ihm und ſeiner Tochter gehörten. Lenora hatte ſich bereits früh auf den Pachthof be⸗ geben, um hier in einer Kammer zu verweilen, bis Alles vorüber ſei. Der arme Edelmann. 7 98 Um zehn Uhr war der Saal, wo der Verkauf beginnen ſollte, mit Menſchen angefüllt; hier miſchten ſich eine Menge Edelleute und geputzte Damen mit alten Trödlern und ſchreienden Schacherjuden, die in der Hoffnung auf einen guten Handel aus der Stadt gekommen waren; und wiederum ſtanden hier die Bauern, geheimnißvoll mit einander plaudernd und ſich über das unerwartete Unglück des Edelmannes verwundernd, und endlich waren Leute gegenwärtig, die laut auflachten, und ſich allerlei Geſpötte erlaubten, während ſie warteten, daß der Notar die Ver⸗ kaufsgegenſtände ableſen werde. Eine halbe Stunde darnach begann der Verkauf. Der Feldwächter ſtand als Ausrufer auf einem Tiſch; der Notar war beſchäͤftigt, einen ſchönen eingelegten Klei⸗ derſchrank anzupreiſen, als der Edelmann ſelbſt in den Saal trat und ſich neben den Tiſch des Ausrufers ſtellte. Seine Erſcheinung verurſachte eine allgemeine Bewe⸗ gung unter den Zuſchauern; man ſteckte die Köpfe zu⸗ ſammen und flüſterte einander in die Ohren; man be⸗ trachtete ſich den ruinirten Edelmann mit einer Art ſtol⸗ zer Neugier, in welche wohl bei Einigen ſich das Gefühl des Mitleids miſchte, während bei den Meiſten nur Gleich⸗ giltigkeit oder Spott vorherrſchte. Doch nur einen Augenblick vermochte dieſer Spott ſich geltend zu machen, denn bald flößte ihnen das Ehrfurcht er⸗ weckende Antlitz des Edelmannes Bewunderung und Theil⸗ nahme ein. Er war wohl arm, das Unglück hatte ihn wohl materiell zu Grund gerichtet, aber aus ſeinen freien, unge⸗ nirten Blicken, auf ſeinem ganz ruhigen Antlitz ſtrahlte eine ebenfalls freie, muthige Seele, die durch Schickſalsſchläge nichts an ihrer Größe, nichts von ihrem Stolz verloren zu haben ſchien. T wurde Vlier Werth C Zeit m ſich ihr chen; Tröſtut ſehr N ten, ih Haltun nen Lo ſie ihn ließen. 2 ſtrahlte lenkraf wühlte Schme Gehen Jahrh er jetzt Schach innerun tete ſich ſeines: haft, aus ſei 2 Portre Vlier veginnen Menge ern und uf einen en; und voll mit Unglück en Leute Geſpötte die Ver⸗ kauf. n Tiſch; en Klei⸗ rin den 5 ſtellte. 2 Bewe⸗ oͤpfe zu⸗ nan be⸗ Art ſtol⸗ Gefühl Gleich⸗ pott ſich urcht er⸗ d Theil⸗ hn wohl I, unge⸗ hlte eine lsſchläge loren zu 99 Der Notar ſetzte inzwiſchen den Verkauf fort, und wurde beim Anpreiſen der Gegenſtaͤnde durch Herrn von Vlierbeke über ihren Urſprung, ihre Echtheit und ihren Werth unterrichtet. Einer oder der andere der Edelleute, welche in früherer Zeit mit Lenora's Vater in Beziehung geſtanden, näherte ſich ihm jetzt wohl, um mit ihm von ſeinem Unglück zu ſpre⸗ chen; er jedoch wich in höflicher Weiſe ihren neugierigen Tröſtungen aus, und ſprach ſo ungezwungen, ſeiner ſelbſt ſo ſehr Meiſter, daß ſie gar nicht Gelegenheit finden konn⸗ ten, ihm ihr unnützes Mitleid zu bezeugen. Ja, in ſeiner Haltung, in ſeinem ceremoniellen Benehmen, ſeinem fei— nen Lächeln, lag etwas ſo Sicheres und Ueberlegenes, daß ſie ihn ſelbſt mit einem Gefühl von Ehrerbietung ver⸗ ließen. Aber war auch das Antlitz des Edelmannes ruhig, ſtrahlte auch aus ſeinem Auge eine unverwüſtliche See⸗ lenkraft, ein hohes Bewußtſein des eigenen Werthes, ſo wühlten doch in ſeinem Buſen zuweilen die heftigſten Schmerzen. Alles, was ſeinen Vorfahren angehört hatte, Gezenſtände, die in ſeinem Geſchlecht ſeit zwei oder drei Jahrhunderten wie Heiligthümer bewahrt worden, ſah er jetzt für Spottpreiſe verkaufen und in die Hände der Schacherer übergehen. Und je mehr dieſe Kleinode der Er⸗ innerung zum Tiſch gebracht wurden, je mehr entfal⸗ tete ſich vor den Augen des Edelmannes die ganze Geſchichte ſeines ruhmreichen Geſchlechtes— es war ihm ſo ſchmerz⸗ haft, als werde mit jedem dieſer Gegenſtände ein Andenken aus ſeinem blutenden Herzen geriſſen. Der Verkauf war beinahe ganz zu Ende, als man die Porträts der ausgezeichneten Männer, welche den Namen Vlierbeke getragen, von der Wand nahm und ausſtellte. 100 Das erſte— es war der Held von St. Quentin— wurde einem Trödler für nicht mehr als drei Franken zugeſchlagen! Es lag in dem Verkauf dieſes Porträts, in dem lä⸗ cherlichen Preiſe, für welchen es fortgegeben wurde, ein ſo bitterer Hohn für den Edelmann, daß ſich zum erſten Mal die Qual, welche er dabei ausſtand, auf ſeinem Antlitz zeigte.— Er ſenkte den Blick zu Boden und blieb eine Zeit lang in muthloſes Nachdenken verſunken, dann erhob er das Haupt und verließ ſichtbar aufgeregt den Saal, um nicht auch bei dem Verkauf der übrigen Bild⸗ niſſe zugegen zu ſein. Die Sonne hatte nur noch den vierten Theil ihrer täglichen Bahn zu durchlaufen, um ihr Ziel im Weſten zu erreichen. Auf Grinſelhof iſt eine Todesſtille an die Stelle des Geräuſches der Schacherer getreten; kein Menſch iſt mehr in den einſamen Pfaden des Gartens ſichtbar; die Pforte iſt geſchloſſen, Alles in ſeine alte Ruhe zurückge⸗ kehrt— es war, als ſei hier nichts vorgegangen. Die Thür von Herrn von Vlierbeke's Wohnung öffnete ſich, zwei Perſonen erſchienen auf der Schwelle, ein ältlicher Mann und ein junges Mädchen. Beide trugen ein Päͤckchen in der Hand und ſchienen reiſefertig. Es iſt ſchwer, in dieſen ſchlecht gekleideten zwei Per⸗ ſonen den alten Edelmann mit ſeiner Tochter zu erkennen, und dennoch ſind ſie es. Offenbar haben ſie dieſe Kleidung abſichtlich angelegt, um arm zu erſcheinen, wie ſie es ja ſind. Lenora trägt ein dunkles Kattunkleid, eine Mütze und ein Halstuch; ihre ſchönen Locken ſind unſichtbar ge⸗ worden. Der Vater trägt einen ſchwarzen, bis zum Kinn zugekn faſt ſei 1 ſehr g von A ſchattig von der ſüßes Doch ſuchen, ben, u heimlic 2 hof zu nehmer „ die mit Lebewo T an, w eilte de zur Hi Fenſter nora mit ihr —„. der Paͤ hof! 1 „0 der Paͤ ſeht ja D einem em lä⸗ ein ſo erſten ſeinem d blieb dann gt den Bild⸗ ihrer Weſten Stelle nſch iſt r; die rückge⸗ ohnung hwelle, trugen i Per⸗ kennen, eidung es ja Mütze ar ge⸗ Kinn 101 zugeknöpften Rock und einen Hut mit breiter Krempe, die faſt ſein Geſicht verbirgt. Das Antlitz des Vaters iſt ruhig; auch Lenora ſcheint ſehr gefaßt, obgleich der ewige Abſchied von ihrer Heimat, von Allem, was ihr ſeit der Kindheit theuer, von dieſen ſchattigen Pfaden, in deren Dunkel zuerſt ihre Liebe keimte, von dem ſchönen Katalpa⸗Buſch, unter welchem ſie Guſtavs ſüßes Bekenntniß hörte, ſie mit tiefem Kummer erfüͤllt. Doch ſie muß ihres Vaters Muth aufrecht zu erhalten ſuchen, muß wie eine Schildwache auf ihr Herz Acht ha⸗ ben, um ihre eigene Gemüthsbewegung dem Vater zu ver⸗ heimlichen! Mit langſamen Schritten gingen Beide auf den Pacht⸗ hof zu, um von dem Pächter und ſeiner Frau Abſchied zu nehmen. „Mutter Beth,“ ſprach der Edelmann zu der letztern, die mit der Magd im Zimmer ſaß,„wir kommen, um Euch Lebewohl zu ſagen.“ Die Frau blickte Beide eine Weile mit Beſtuͤrzung an, warf einen ängſtlichen Blick auf ihre Kleidung und eilte dann, mit der Schürze die Augen bedeckend, weinend zur Hinterthüre hinaus. Die Magd legte den Kopf an das Fenſtergeſimſe und begann laut zu ſchluchzen, während Le⸗ nora auf ſie zuging, um ſie zu tröſten, und die Pächterin mit ihrem Mann zurückkehrte. »So iſt es denn wahr, Herr von Vlierbe ke,* ſprach der Pächter mit halber Stimme,„Sie verlaſſen Grinſel⸗ hof! Und wir ſollen Sie vielleicht nicht mehr wiederſehen 25 »Gute Mutter Beth, ſagte der Edelmann, die Hand der Pächterin ergreifend.„Betrübt Euch darum nicht; Ihr ſeht ja, daß wir unſer Schickſal mit Ergebenheit tragen!* Die Frau erhob das Antlitz, warf abermals einen 102 Blick auf die ordinaͤre Kleidung ihres frühern Herrn und verſch brach wieder in Thränen aus. Der Pächter ſtand einige Line 5 Augenblicke nachdenkend, den Blick auf den Boden hef⸗»Sehe tend, da. dertſe „Herr von Vlierbeke,)» ſagte er, verlauben Sie 8305 Veld; mir, einige Worte mit Ihnen allein zu ſprechen.“ Der Edelmann folgte ihm nach der Kellerſtube.„Ich ren, ſe dürfte Ihnen vielleicht nicht geſtehen,? fuhr der Pächter 2 hier fort, nachdem er die Thür hinter ſich geſchloſſen,„was Edelm meine Abſicht iſt; doch werden Sie mir verzeihen, wenn abſchla es Ihnen unangenehm ſein ſollte.“ „Sprecht, lieber Freund,» antwortete der Edelmann „ der Po freundlich lächelnd.. nigſten „Sehen Sie,“ ſtammelte der theilnehmende Bauer,„ „Alles, was ich gewonnen habe, danke ich Ihnen. Als ich und w. meine Beth heirathete, beſaßen wir nichts, und doch wa⸗ bieten. ren Sie ſo edelmüthig, uns auf dieſem Hofe die kleine 2 Pacht zu geben. Wir ſind mit Gottes Beiſtand inzwiſchen andere in beſſere Umſtände gekommen, Sie aber, unſer Wohlthä⸗ fand. ter, ſind jetzt unglücklich; Sie ziehen von hier, der Herr die ihr weiß, wohin, vielleicht um Armuth und Elend zu leiden. 5 Das darf nicht ſein, ich würde mir das mein ganzes Leben gemach lang zum Vorwurf machen. Alles, was ich beſitze, ſteht nige 2 Ihnen zu Dienſten. Paͤchte „»Ihr ſeid ein braver Mann! ſagte der Edelmann ge⸗ gab ſi rührt und drückte zitternd des Pächters Hand.„Ich fühle jeder d mich glücklich, daß ich Euch habe von Nutzen ſein können, von C doch ſteht von Eurer Güte ab, behaltet, was Ihr im 3 Schweiße Eures Angeſichtes erworben habt. Seid um uns Päͤchte nicht bekümmert, wir werden ja mit Gottes Hilfe ein er⸗ des 2 trägliches Loos finden.“. „»Herr von Vlierbeke,“ rief der Pächter flehend, ſchritte rrn und d einige den hef⸗ ben Sie e.»Ich Pächter ,„was , wenn delmann Bauer, Als ich doch wa⸗ e kleine zwiſchen Vohlthä⸗ er Herr leiden. s Leben e, ſteht nann ge⸗ ch fühle können, Ihr im um uns ein er⸗ flehend, 103 „verſchmähen Sie meine geringe Hilfe nicht!“ Dabei zog er eine Lade auf und zeigte ihm einen Haufen Silbergeld. „Sehen Sie,“ fuhr er fort,„dies iſt noch nicht der hun⸗ dertſte Theil von dem, was wir Ihnen zu danken haben. Erzeigen Sie mir die Gnade, und nehmen Sie dieſes Geld; kann es Ihnen auch nur einigen Schmerz erſpa⸗ ren, ſo will ich ewig Gott dafür danken.“ „Habt Dank, mein braver Freund,v antwortete der Edelmann mit Thränen in den Augen,„ich muß es Euch abſchlagen. Laßt uns wieder zurückgehen. Ich nehme nichts!“ „Aber wohin wollen Sie ſich denn wenden“ rief der Pachter; vum Gotteswillen, ſagen Sie mir dies we⸗ nigſtens.» „Das iſt mir nicht möglich, ich weiß es ſelbſt nicht, und wüßte ich es, ſo würde mir die Vorſicht Schweigen ge⸗ bieten.“ Mit dieſen Worten trat der Edelmann wieder in das andere Zimmer, wo er Alle, auch Lenora, in Thränen fand. Das Mädchen hing an den Halſe der Pächterfrau, die ihre Hand weinend an ihre Lippen drückte. Der Vater ſah, daß dieſem trüben Gemälde ein Ende gemacht werden müſſe; er ſprach mit tiefem Nachdruck ei⸗ nige Worte zu ſeiner Tochter, worauf dieſe ſich von der Pächterfrau trennte. Man drückte ſich gegenſeitig die Hand, gab ſich den Abſchiedskuß; dann nahmen Vater und Tochter jeder das Päckchen in die Hand und ſchritten über die Brücke von Grinſelhof in die Heide hinein. Lange ſchaute ihnen mit Thränen in den Augen die Päͤchterfamilie nach, bis ſie die Scheidenden an einer Ecke des Weges verſchwinden ſahen. Der Vater war ſchweigend den Heidepfad dahinge⸗ ſchritten und blieb endlich auf einer Höhe ſtehen, hinter 104 welcher ein dickes Gebüſch den Horizont begraͤnzte; er wußte, daß hinter dieſem Gebüſch Grinſelhof ſeinen Augen für immer entſchwinden werde. Noch einmal wandte er von hier den Blick nach dem Landgut, wo die Wiege ſeiner Väter und auch die ſeinige geſtanden. Was in ſeiner Seele vorging, ahnte Lenora wohl, denn ſie ſah den Vater zittern. Auch ſie fühlte die Kraft nicht, ihn aus dieſer ſchmerzlichen Betrachtung zu reißen. Endlich fielen zwei glänzende Thränen aus ſeinen Augen. Lenora fiel ihm um den Hals, küßte die Thränen von ſeinen Wangen und zog ihn unter allerlei Troſtesworten in das Gebüſch. IX. Kaum war der Edelmann acht Tage von Grinſel⸗ hof fort, als ein Brief von Gu ſtav aus Italien anlangte. Der Poſtbote wollte von dem Pächter erfahren, wohin ſich der frühere Eigenthümer von Grin ſelhof begeben, doch war hierüber keine Auskunft zu erlangen, weil Niemand wußte, wo der Edelmann mit ſeiner Tochter geblieben. Eben ſo vergeblich wurde der Notar befragt. Man legte daher den erſten Brief, ſo wie auch drei oder vier folgende auf der Poſt nieder, und kein Menſch be⸗ kümmerte ſich weiter um das Schickſal des Edelmannes, au⸗ ßer dem Paͤchter von Grinſelhof, der jeden Freitag, wenn er zu Markte fuhr, die Leute der übrigen Dörfer fragte, ob ſie nicht ſeinen frühern Herrn geſehen. Aber Niemand wußte, was aus ihm geworden. So waren etwa vier Monate verſtrichen, als eines Morgens eine elegante Extrapoſt vor dem Hauſe des No⸗ tars hielt. Die Wagenthür öffnete ſich, ein junger Mann im Notar — Bedie einige ein Z gerun, er zu Allmaͤ les La * vor ſi ſehen tigkeit halten nen: gung Liebe nes V Himn 5 ner E deber regung 7 2 Zimm er ihn Sie ſc wieder wichtig azte; er f ſeinen nach dem e ſeinige Lenora ühlte die tung zu s ſeinen ißte die allerlei rinſel⸗ nlangte. ohin ſich doch war wußte, Eben ſo uch drei nſch be⸗ nes, au⸗ Freitag, fragte, iemand s eines es No⸗ Mann 10⁵ im Reiſecoſtume ſprang heraus und eilig in das Haus des Notars. »Herr Notarius zu Hauſe?“ fragte er ungeſtüm den Bedienten. Dieſer aber meldete ihm, daß ſein Herr erſt nach einigen Minuten zu ſprechen ſei, führte den Fremden in ein Zimmer und bat ihn, hier zu warten. Der junge Mann ſchien ſehr verdrießlich über dieſe Zö⸗ gerung und warf ſich unwillig in den Lehnſtuhl. Trübe ſchaute er zu Boden und ſchien in tiefes Nachdenken zu verſinken. Allmälig aber erheiterte ſich ſein Antlitz wieder, ein ſtil⸗ les Lächeln zitterte über ſeine Lippen. »Wie bebt mein Herz vor Verlangen,“ ſprach er leiſe vor ſich hin.„Wie ſüß die Hoffnung, ſie noch heute wieder⸗ ſehen zu können; heute noch den Lohn meiner Standhaf⸗ tigkeit, eine Entſchädigung für ſechs traurige Monate zu er⸗ halten; heute noch vor ihr niederknieen, ihr ſagen zu kön⸗ nen: Lenora, meine ſüße Braut, hier iſt die Einwilli⸗ gung in unſere Verbindung; ich bringe Dir Reichthum, Liebe und Seligkeit! Ich kehre zurück, um das Alter Dei⸗ nes Vaters zu verſüßen, um mit Euch beiden in Eurem Himmel zu leben... Während dieſer Worte hatte er unter dem Sturm ſei⸗ ner Gefühle den Stuhl verlaſſen. Plötzlich glaubte er im Nebenzimmer Gerauſch zu hören. Er bemeiſterte ſeine Auf⸗ regung und nahm eine ruhige, freundliche Miene an. Der Notarius trat mit ernſter, feierlicher Miene in's Zimmer; kaum aber hatte er den Jüngling gewahrt, als er ihm mit großer Herzlichkeit die Hand reichte. »Willkommen, Herr Guſtav'y rief er.„Ich erwarte Sie ſchon ſeit einigen Tagen und bin wirklich erfreut, Sie wieder zu ſehen. Ohne Zweifel haben Sie mit mir einige wichtige Angelegenheiten zu ordnen und ich danke Ihnen im voraus für Ihr Vertrauen.—— Aber wie iſt es denn eigentlich mit der Hinterlaſſenſchaft? Iſt ein Teſtament da?* Dieſe Frage ſchien trübe Erinnerungen in Guſtav rege zu machen, denn ſein Antlitz nahm plötzlich einen ganz andern Ausdruck an, waͤhrend er mit der Hand in der Taſche ſuchte. »Ich bedauere Ihren Verluſt von Herzen, fuhr der Notar fort, da er den Eindruck ſeiner Worte gewahrte. „Ihr braver Oheim war mein Freund und ich bedauere ſei⸗ nen Tod ebenſo innig wie Sie. Fern von ſeinem Vaterlande rief Gott ihn zu ſich; es iſt ein großes Unglück, doch iſt dies ja das Los des Menſchen. Wir müſſen uns tröſten in dem Gedanken, daß wir ja Alle ſterblich ſind.... Doch Ihr Oheim hatte Sie außerordentlich lieb, ohne Zweifel wird er Sie in ſeinem letzten Willen nicht ver⸗ geſſen haben!“ „Leſen Sie dies, und Sie werden ſehen, was er von mir hielt!» antwortete der Jüngling, ein kleines Bündel Papiere auf den Tiſch legend. Der Notar begann die Papiere zu durchfliegen. Der Inhalt derſelben mußte ihn ſehr überraſchen, das ſah man ſeinem immer erſtaunter werdenden Geſicht an. „Laſſen Sie mich Ihnen Gluͤck wünſchen, Herr De⸗ necker!y rief er ſich vom Stuhl erhebend mit einer gewiſſen Ehrerbietung.„Dieſe Papiere ſind ſicher und unanfecht⸗ bar. Alleiniger Erbe! Aber wiſſen Sie denn auch, daß Sie jetzt mehr als eine Million beſitzen?“ „Wir wollen ein andermal davon ſprechen!“ fiel ihm Guſtav ungeduldig ins Wort...„Ich kam bei meiner Ankunft hier zuerſt zu Ihnen, um Sie uüm einen Dienſt zu erſuchen.* „Befehlen Sie, Herr Denecker!“* Herr meine Wohlt beſſer und ſe zur Un deſtow * gen, Ehrge Ohein ſich ei der E Schul Wertl an, o — mich richt, wird det, ſagen hof nes L es denn nt da 22 zuſtav en ganz in der uhr der wahrte. lere ſei⸗ terlande doch iſt tröſten , ohne iht ver⸗ er von Bündel n. Der äh man r De⸗ ewiſſen infecht⸗ 5, daß lel ihm meiner Dienſt 107 „Sie ſind der Notar des Herrn von Vlierbeke.“ „Zu dienen.“ „Durch meinen ſeligen Oheim habe ich erfahren, daß Herr von Vlierbeke in Armuth gerathen iſt. Ich habe meine Gründe, ihn nicht länger unglücklich ſehen zu wollen.“ „Ich verſtehe, Herr Denecker, daß Sie eine Wohlthat beabſichtigen, und in der That kann dieſe nicht beſſer angewandt ſein. Er iſt ein Opfer ſeines Edelmuths und ſeiner Ehrlichkeit. Vielleicht hat er dieſe Tugenden bis zur Unvorſichtigkeit, ja bis zur Thorheit getrieben, nichts⸗ deſtoweniger verdient er ein beſſeres Schickſal.“ „Gut, Herr Notarius; ſo bitte ich Sie mir zu ſa⸗ gen, wie ich dieſem Manne zu helfen vermag, ohne ſein Ehrgefühl zu verletzen. Ich kenne ſeine Verhältniſſe; mein Oheim hat mir viel davon geſagt. Unter Anderm befindet ſich ein Schuldbrief über 4000 Franken in den Händen der Erben des Herrn von Hogebaen. Ich wünſche dieſen Schuldbrief zu haben, und ſollte er das Zehndoppelte ſeines Werthes koſten.“ Der Notar ſchaute den jungen Mann ganz verblüfft an, ohne eine Antwort herauszubringen. „Warum beſtürzt mein Wunſch Sie ſo? Sie machen mich beben!* „Ich begreife Sie nicht,“ ſagte der Notar.»Die Nach⸗ richt, welche ich Ihnen hier zuerſt zu geben genöthigt bin, wird Sie tief betrüben, und iſt meine Vermuthung begrün⸗ det, ſo bedauere ich Sie mit Recht, Herr Denecker! „Um Gotteswillen! rief Guſtav erſchreckt.„Was ſagen Sie— erklären Sie ſich! Hat der Tod Grinſel⸗ hof heimgeſucht und wäre alſo die letzte Hoffnung mei⸗ nes Lebens vernichtet?“ „Nein! Seien Sie in dieſer Beziehung unbeſorgt— ſie 108 leben Beide noch, und dennoch h getroffen.* »So reden Sie! rief der Jüngling ungeſtüm. »Beruhigen Sie ſich! Nehmen Sie Platz, Herr De⸗ necker, es iſt ſo ſchrecklich nicht, wie Sie glauben; denn Ihr Reichthum wird Ihnen ja geſtatten, Alles wieder gut zu machen.* 1 »Gott ſei Dank!» rief Gu ſt av wieder Athem ſchöpfend. »Doch eilen Sie, Herr Notarius, Ihre Bedächtigkeit peinigt mich!“ »So wiſſen Sie denn, daß der Schuldbrief während Ihrer Abweſenheit verfallen iſt. Monate lang hat Herr von Vlierbeke vergebens Alles aufgeboten, um das Geld aufzutreiben. Auf der andern Seite waren ſeine Güter über⸗ mäßig mit Zinſen belaſtet und, um dem Schimpf eines ge⸗ zwungenen Verkaufs zu entgehen, hat er ſeine Güter und ſeinen Hausrath aus freier Hand verkauft. Die Einnahme deckte knapp ſeine Schulden, Jeder ſeiner Gläubiger iſt befriedigt durch das edle Benehmen des Herrn von Vlier⸗ beke, der das äußerſte Elend nicht ſcheute, um ſeinen Namen zu retten.» »Alſo bewohnt er jetzt das Erbtheil ſeines Vaters zur Miethe?* »Nein, er hat es verlaſſen.“ »Und wohin hat er ſich begeben? Ich muß ihn ſehen und ſprechen, ehe der Tag zu Ende gehr!* „Ich weiß es nicht!“ „»Wie? Sie wiſſen es nicht?» »Kein Menſch weiß es. Sie ſind aus der Provinz verſchwunden, ohne irgend Jemand in ihre Abſichten ein⸗ at ſie ein großes Unglück zuweihen.» »Himmel, was ſagen Sie!“ rief Guſtav in der größten worden nieman 5 „* dem V ſelhof Heide ſuche ge ohne E B ſichtbar wolle e rannen. Lenor auch ſo deſſen noran erlöſen 5 dig beo er;„ut übertrei iſt unber die Leut und Th Verbleil er auch dieſem Muhe „S erweiſer ihm die Unglück err De⸗ n; denn eder gut höpfend. chtigkeit vaͤhrend t Herr s Geld er über⸗ nes ge⸗ ter und mahme iger iſt Vlier⸗ ſeinen Vaters ſehen rovinz in ein⸗ in der 109 größten Beſtürzung.»Sie wiſſen nicht, was aus ihr ge⸗ worden iſt? Gott, dieſe Angſt ertrage ich nicht!— Alſo niemand weiß, wo ſie ſein mag?“ „Niemand! wiederholte der Notar.„Am Abend nach dem Verkauf hat Herr von Vlierbeke zu Fuß Grin⸗ ſelhof verlaſſen, und einen unbeſtimmten Weg über die Heide eingeſchlagen. Seitdem habe ich ſelbſt einige Ver⸗ ſuche gemacht, um ſeinen Verbleib kennen zu lernen, doch ohne Erfolg.“ Bei dieſer traurigen Nachricht erbebte der Jüngling ſichtbar, krampfhaft legte er die Hand aufs Auge, als wolle er die Thränen verbergen, welche demſelben ent⸗ rannen. Was ihm der Notar vorhin über das Unglück von Lenoras Vater geſagt, hatte ihn, wie ſchmerzlich es ihm auch ſonſt ſein mochte, nicht ſo ſehr getroffen, weil er deſſen Armuth bereits kannte; doch das Bewußtſein, Le⸗ nora nicht ſogleich wiederſehen, ſie nicht aus ihrem Elend erlöſen zu können, das erſchütterte ihn tief. Der Notar hatte den Jüngling eine Zeit lang mitlei⸗ dig beobachtet.»Sie ſind jung, Herr Denecker,“ ſagte er;„und wie man es in Ihren Jahren zu thun pflegt, übertreiben Sie Freude und Schmerz. Ihre Verzweiflung iſt unbegründet. In unſerer jetzigen Zeit iſt es nicht ſchwer die Leute zu finden, welche man ſucht; mit einigem Gelde und Thätigkeit kann man beſtimmt in wenigen Tagen den Verbleib des Herrn von Vlierbeke erfahren und wäre er auch in einem fremden Lande. Wollen Sie mich mit dieſem Auftrage beehren, ſo werde ich weder Zeit noch Mühe ſparen, Ihren Wunſch zu befriedigen.* »Sie werden mir dadurch einen unſchätzbaren Dienſt erweiſen, Herr Notarius,“ ſagte Guſtav ſich faſſend und ihm die Hand drückend.„Thun Sie Alles, was nothwendig iſt, wenn ich nur bald erfahren kann, wo ſie weilen. Ich vermag Ihnen unmöglich auszudrücken, wie ſchmerzhaft, wie verzehrend dieſe Ungewißheit für mich iſt, aber ſeien Sie überzeugt, daß Ihr erſter günſtiger Bericht mir theurer ſein wird, als ſchenkten Sie mir das Leben!* „Noch heute ſollen meine Schreiber bis tief in die Nacht mit Briefen zur Entdeckung des Herrn von Vlier⸗ beke beſchäftigt werden. Morgen früh begebe ich ſelbſt mich nach Brüſſel, um dort den Beiſtand der Sicherheits⸗ behörde zu ſuchen; geſtatten Sie mir nur, keine Koſten zu ſcheuen, ſo wird ſich Alles von ſelbſt machen.“* »Auch ich werde meinerſeits den großen Briefwechſel unſers Handlungshauſes benutzen, um dies Ziel zu errei⸗ chen, und müßte ich ſelbſt deßhalb weite Reiſen unternehmen.“* „Faſſen Sie alſo wieder Muth, Herr Denecker; ich zweifle nicht, daß wir in kurzer Zeit zum Zweck ge⸗ kommen ſein werden.— Da Sie nun von meiner Dienſt⸗ fertigkeit überzeugt ſind, ſo erlauben Sie mir eine Frage, zu welcher ich allerdings nicht berechtigt bin: Ihre Ab⸗ ſicht iſt alſo, eine Verbindung mit Fräulein Lenora einzugehen?“ »Mein unabänderlicher Entſchluß!? „Ihr unabänderlicher Entſchluß?— Das Vertrauen, mit welchem mich Ihr ſeliger Oheim ſtets beehrte, mein Amt als Notar und Rathgeber machen es mir zur Pflicht, Ihnen mit Ruhe vor Augen zu führen, was Sie zu thun beab⸗ ſichtigen. Sie ſind Millionaͤr. Sie führen einen Namen, der allein im Handel ein ſehr anſehnliches Capital werth iſt. Herr von Vlierbeke beſitzt nichts; ſein Ruin iſt Jedermann bekannt, und iſt die Welt auch ungerecht, ſo läßt ſie dem verarmten Edelmann doch nur Schmähung widerfahren. Mit Ihrem Vermögen, Ihrer Tugend, Ih⸗ rem A Erbin die Al Plötzl * „»Thut meine ſelhe Vernr ſeinen — G weil d kauf n man trag d * Herr? niß zu Grin Sie it ſo find dem 9 len. Ich nerzhaft, ber ſeien theurer f in die Vlier⸗ ch ſelbſt herheits⸗ oſten zu ffwechſel zu errei⸗ ehmen.* necker; weck ge⸗ Dienſt⸗ Frage, hre Ab⸗ enora rtrauen, ein Amt „Ihnen n beab⸗ Namen, al werth Ruin iſt recht, ſo mähung nd, Ih⸗ 111 rem Aeußern können Sie auf die Hand einer ſehr reichen Erbin Anſpruch machen, Ihr Vermögen verdoppeln...* Guſtav hatte ihm ungeduldig zugehört, bald aber die Augen abgewandt, um an etwas Anderes zu denken. Plötzlich wandte er ſich wieder zu dem Notar. „Es iſt gut!“» ſagte er, ihn unwillig unterbrechend. „»Thun Sie Ihre Pflicht, Herr Notarius, das Uebrige iſt meine Sache.— Sagen Sie mir, wem gehört Grin⸗ ſelhof jetzt 2 Der Notarius ſchien unangenehm berührt, daß ſeine Vernunftgründe ſo wenig Eindruck machten, ſuchte aber ſeinen Verdruß unter einem Lächeln zu verbergen. „Ich ſehe,» ſagte er,„daß Sie feſt entſchloſſen ſind. — Grinſelhofiſt durch die Hypothekenbeſitzer angekauft, weil der Belauf der Hypotheken offenbar bei dem Ver⸗ kauf nicht zu erreichen war.“ »Wer bewohnt es jetzt?“ „»Es iſt unbewohnt geblieben. Zur Winterszeit wagt man ſich nicht hinaus.“ „Es würde alſo den Eigenthümern verkäuflich ſein?“ „Gewiß. Ich ſelbſt bin bevollmächtigt, es für den Be⸗ trag der Hypotheken zu veräußern.“ »So iſt Grinſelhof mein! Haben Sie die Güte, Herr Notar, die Eigenthümer unverweilt davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ „Wie Sie befehlen, Herr Denecker. Betrachten Sie Grinſelhof von heute an als Ihr Eigenthum. Sollten Sie inzwiſchen den Wunſch hegen, das Gut zu beſichtigen, ſo finden Sie die Schlüſſel bei dem Pächter.“ Guſtav griff jetzt nach ſeinem Hut, um ſich zu entfernen. »Ich bin ermattet und bedarf der Ruhe,“ ſagte er, dem Notar freundlich die Hand reichend.„Auch bin ich zu 11² ſehr erſchürtert durch Ihre Mittheilungen. Leben Sie alſo wohl, und ſuchen Sie eiligſt Ihr Verſprechen zu erfüllen; meine Dankbarkeit für Sie wird größer ſein, als Sie ver⸗ muthen.— Leben Sie wohl bis morgen. Guſtav verließ das Haus des Notars, um in der Einſamkeit über den unerwarteten Schlag zu trauern, der ihn getroffen. X. Der ſchöne Lenz hatte bereits lange der Erde ihr Win⸗ terkleid genommen und die ganze Schöpfung zu neuem Le⸗ ben wach gerufen. Auch Grinſelhof ſtrahlt wieder in der ganzen Pracht ſeiner milden und freien Natur. Die ſtattlichen Eichen entfalten ihr dichtes Laub, die Alproſe ſteht in voller Blüthe, die Fliederblume erfüllt die Luft mit ihren Düften, die Vögel ſingen vor Luſt und Liebe und die Maikäfer ſchwirren und ſummen in dem Buchenlaub, während die Sonne ihren milden Strom über die zarten grünen Blätter ergießt. In Grinſelhof ſcheint nichts verändert; ebenſo einſam wie fruͤher ſind ſeine Pfade, ebenſo todt die Stille, welche in dem dichten Buſchwerk herrſcht— nur um das Haus ſelbſt iſt mehr Leben und Bewegung. Da ſieht man zwei Knechte eine ſtattliche Equipage mit Waſſer begießen und von Staub und Schmutz ſäubern; man hört das Wie⸗ hern und Getrappel von Pferden im Stalle. Eine junge Dienſtmagd ſteht auf der Schwelle und lacht und plaudert mit den Knechten. Plötzlich erſchallt aus dem Hauſe der helle Klang einer ſilbernen Tafelglocke. 4 — 1 es iſ im F auf gend mit ſchwe das wiſſe währ die Seſſ werk durch Wid gen Staꝛ träͤts Präl Zim fentl les, Leut dieſe ſie f ie alſo fuͤllen; die ver⸗ in der en, der Win⸗ 3 im Le⸗ der in Die llproſe aft mit de und nlaub, zarten ebenſo Stille, m das man gießen Wie⸗ junge audert Klang —, 113 »Himmel, der Herr verlangt ſchon ſein Frühſtück und es iſt noch nicht fertig!“ ruft die Magd und verſchwindet im Hauſe. Gleich darauf ſteigt ſie die Treppe hinauf, bringt auf einem koſtbaren Teller das Frühſtuck und ſetzt es ſchwei⸗ gend im Saal auf einem Tiſch vor einen Herrn hin, der mit der Stirn in der Hand gedankenvoll daſitzt. Ebenſo ſchweigend verläßt ſie das Zimmer wieder. Der Herr erwacht aus ſeinem Nachdenken und genießt das Frühſtück in großer Zerſtreuung; er ſcheint nicht zu wiſſen, was er thut. Das Möblement des Saales iſt ſehr auffallend, denn während man in demſelben einzelne Gegenſtande erblickt, die von Reichthum und Eleganz zeugen, ſtehen hier auch Seſſel und Schränke, deren dunkelbraune Farbe und Schnitz⸗ werk auf ein hohes Alterthum deuten und von denen einzelne durch zwei⸗ bis dreihundert Jahre dem Zahne der Zeit Widerſtand geleiſtet haben müſſen. An den Wänden han⸗ gen die alten finſteren Gemälde, deren goldene Leiſten, mit Staub bedeckt, allen Glanz verloren haben. Es ſind Por⸗ träts von Kriegern, von Staats männern, Aebten und Prälaten. Sowohl dieſe Porträts als andere Gegenſtände im Zimmer trugen das Wappen der Familie von Vlierbeke. Jeder unſerer Leſer weiß, wie in Grinſelhof öf⸗ fentlich Verkaufstag gehalten wurde, an welchem Tage Al⸗ les, was dem fruͤheren Gutsherrn zugehörte, an allerlei Leute verkauft wurde. Wie alſo kann es geſchehen ſein, daß dieſe Bilder wieder an ihren Platz zurückgekehrt ſind, den ſie für immer verlaſſen zu haben ſchienen? Der Herr am Tiſche richtet ſich, noch immer zer⸗ ſtreut, von ſeinem Platze auf, ſchreitet mit langſamen Schritten durch den Saal, betrachtet die Pumäz mit trü⸗ Der arme Edelmann. 114 bem Blicke, geht wieder weiter, legt ſich die Hand vor die Augen, um noch tiefer nachzudenken und nähert ſich dann einem altfränkiſchen Käſtchen auf einem Ecktiſch. Er öffnet dasſelbe und holt einige gewöhnliche Juwelen, ein paar goldene Ohrge⸗ hänge und eine Halsſchnur von rothen Corallen hervor. Lange betrachtet er dieſe Dinge mit ſtillem, truͤbem Lächeln; ein tie⸗ fer Seufzer entringt ſich ſeiner Bruſt, er ſchlägt traurig die Augen zum Himmel und läßt die Kleinode wieder in das Käſtchen fallen. Darauf verläßt er den Saal und ſteigt langſam in den Hof. Die Knechte und Mägde grüßen ihn im Vorbeigehen ehrerbietig; er dankt ihnen ſtumm und verſchwindet in den dunkelſten Pfaden des Gartens. Am Fuße eines wilden Kaſtanienbaumes bleibt er ſte⸗ hen und kreuzt die Arme auf der Bruſt. Seine Lippen mur⸗ meln unverſtändliche Worte. Dann wendet er ſich lang⸗ ſam in einen andern Pfad und vertieft ſich weiter und weiter in das Gebüſch, von Zeit zu Zeit hier und dort ſte⸗ hen bleibend, wo ſeine theuerſten Erinnerungen ſich an ge⸗ wiſſe Gegenſtände knüpfen. Am Ufer des Baſſins blickt er träumend in das bunte Gewimmel der Fiſche und mit liebe⸗ vollem Blick weilt ſein Auge auf dem Nelkenbeete, das ſie ſo zärtlich gepflegt hatte, bis er endlich ermattet ſich un⸗ ter dem Katalpa⸗Buſch auf einen Stuhl niederſinken läßt. Lange ſaß er dort in ſich gekehrt, bis die Pächterfrau mit einem Buche in der Hand zu ihm trat. „Sehen Sie, Herr Denecker,» ſagte ſie,»hier iſt ein Buch, in dem Jungfrau Lenora zu leſen pflegte. Mein Mann hat geſtern auf dem Markte den Bauer geſehen, der es am Verkaufstage erſtanden hatte, und begleitete ihn nach Hauſe, um es zu holen. Es muß ein artiges Buch ſein, und wenn es nicht von unſerm Fräulein Lenora käme, ſo or die einem sſelbe hrge⸗ Lange in tie⸗ ig die n das ſteigt gehen n den er ſte⸗ mur⸗ lang⸗ r und rt ſte⸗ n ge⸗ ckt er liebe⸗ as ſie h un⸗ läßt. erfrau ier iſt Mein , der nach ſein, ee, ſo 115 würde ich es für kein Geld aus den Händen geben; mein Mann ſagt, es heiße„»Lucifer.“* Während deſſen hatte der Gutsherr der Pächterfrau das Buch aus der Hand genommen und es mit inniger Freude durchblättert, ohne auf die Worte der guten Frau Acht zu geben. „Ich danke Euch, Frau Jans,“ ſagte er endlich; „Ihr könnt Euch gar nicht denken, welch eine Freude Ihr mir mit dieſem Buche Eurer fruͤheren Herrin gemacht. Seid überzeugt, daß ich Eure Freundlichkeit nicht vergeſ⸗ ſen werde.* Nach dieſen Worten vertiefte er ſich wieder in das Buch. Frau Jans aber verließ ihn noch nicht. „Wenn Sie's mir erlauben, lieber Herr,» ſagte ſie, „ſo möchte ich wohl fragen, ob noch immer keine Nachricht von unſerem Fräulein gekommen iſt 29 „Nein, liebe Frau, noch nicht die geringſte. Alles iſt fruchtlos!» antwortete er traurig den Kopf ſchüttelnd. „Ach, das iſt ſchrecklich!“ ſeufzte Frau Jans.„Gott mag wiſſen, wo ſie jetzt iſt und was ſie leiden mag! Sie ſagte mir beim Abſchiede, daß ſie für ihren Vater arbeiten wolle; aber um mit ihren Händen den Unterhalt zu ge⸗ winnen, muß man von Kindheit an daran gewohnt ſein... Ach, wenn ich noch an ſie denke, thut mir's Herz immer weh. Unſer gutes Fräulein, das nun vielleicht andern Men⸗ ſchen dienen muß, arbeiten wie eine Magd, um einen Biſ⸗ ſen Brot zu verdienen!— Ich habe auch gedient, Herr, und weiß, was es ſagen will, vom Morgen bis zum Abend für Andere zu arbeiten—— Und ſo ſchön, ſo gelehrt, ſo lie— benswürdig und wohlthätig wie ſie iſt! Ach, das iſt ein ſchreckliches Schickſal; mir kommen die Thränen in die Au⸗ gen, wenn ich daran denke.* 116 Und Frau Jans, die brave Frau, vergoß wirklich Thränen. Auch Guſtav war aufgeregt und im Begriff, mit der Pächterfrau den Katalpa⸗Buſch zu verlaſſen, als er plötzlich aufhorchte und nach dem Wege zeigte. „»Horcht— hört Ihr nichts 2* »Es iſt ein galoppirendes Pferd!“ antwortete Frau Jans, ohne zu begreifen, warum dieſes Geräuſch ſo mächtig auf ihren Herrn wirken könne. „»Armes Herz!* ſeufzte der Gutsherr mit ſchmerzli⸗ chem Lächeln,„was geht Dich doch ein vorbei galoppirendes Pferd an!» „Sehen Sie nur, es kommt die Allee herauf ge⸗ ſprengt!» rief die Pächterfrau mit ſteigender Erwartung. »Gott, es iſt gewiß ein Bote, der Nachricht bringt! Möchte es doch eine gute ſein!» In der That ſprengte der Reiter durch das Thor und hielt ſein Pferd an, ſobald er den Gutsherrn und die Päch⸗ terfrau auf ſich zueilen ſah. Er ſtieg vom Pferde, zog einen Brief aus der Brieftaſche und überreichte ihn dem Gutsherrn. »Herr Denecker, ich komme im Auftrag des Herrn Notarius, der mir befohlen hat, in einem Athem hierher zu reiten und dieſen Brief zu überbringen.“ Nach dieſen Worten zog er ſein von Schweiß triefendes Pferd in den Stall. 4. Mit zitternder Hand öffnete Guſtav das Siegel die⸗ ſes Briefes, während die Pächterfrau lachend vor Hoffnung und mit aufgeriſſenen Augen jede ſeiner Bewegungen beob⸗ achtete. Beim Leſen der erſten Zeilen erblaßte Guſtav, je weiter er las, je mehr begann er wie ein Rohr zu zittern, bis endlich ein verklärtes Lächeln auf ſein Antlitz trat. iſt in Spa mir! holer und Man zur 9 Wie Equi werp Nat ſeine Stre einen wir, noch und der 6 der Vor virklich degriff, n, als Frau ſch ſo nerzli⸗ rendes uf ge⸗ rtung. Nöchte r und Paͤch⸗ zog dem Herrn herher dieſen n den I die⸗ fnung beob⸗ v, je ttern, 117 »Dank Dir, Gott!“ rief er die Hände faltend,„ſie iſt mir wiedergegeben!“ »Ach, lieber Herr,» rief Frau Jans in größter Spannung,„ſind es gute Nachrichten?» »Ja, freuet Euch, Frau Jans— freuet Euch mit mir! Lenora lebt, ich weiß, wo ſie iſt! Ich eile ſie zu holen!“ Damit lief er faſt ſinnlos vor Freude in's Haus und rief in aller Eile die Knechte und Bedienten zuſammen. „»Meinen Reiſewagen! die engliſchen Pferde! Meinen Mantelſack und Mantel— eilt, fliegt!“* Und ſelbſt mit Hand an's Werk legend, trug er, was zur Reiſe nöthig war, in den inzwiſchen vorgefahrenen Wagen. Wie vom Winde getragen, eilte in den nächſten Minuten die Equipage durch das Thor und jagte den Staub der Ant⸗ werpner Straße in dicken Wolken himmelwärts. XI. Auch wir gehen im Geiſte nach der franzöſiſchen Stadt Nancy auf die Reiſe, um Herrn von Vlierbeke und ſeine Tochter zu ſuchen. Dort angekommen, durchkreuzen wir eine Anzahl der Straßen in der ſogenannten Altſtadt und bleiben endlich vor einem großen Schuhmacherladen ſtehen— denn hier finden wir, was wir ſuchen. Wir gehen durch den Laden, die Treppe hinauf— noch eine Treppe, und jetzt in die kleine Thür. Hier ſieht es nur ärmlich aus, obgleich Alles zierlich und ſauber iſt. Die Vorhänge des Bettes ſind ſchneeweiß, der geriſſene Ofen iſt mit Kobalt glänzend geſtrichen und der Fußboden nach vlämiſcher Weiſe mit Sand beſtreut. Vor dem offenen Fenſter ſtehen Maßlieben und Violen, und blühen in der ſchönen Luft; daneben hängt ein Käfig, in welchem ein Goldfink ſitzt. Wie ſtill iſt's hier in dieſem Stübchen! Kein Seufzer unterbricht die Einſamkeit und Ruhe. An dem offenen Fenſter ſitzt ein Mädchen; ſie iſt ſo emſig mit dem Naͤhen neuer Leinwand beſchäftigt, daß man keine andere Bewegung als die der rechten Hand mit der Nadel bemerkt. Die Kleidung der jungen Näͤhterin iſt äußerſt ge⸗ wöhnlich, aber doch ſehr geſchmackvoll. Alles iſt ſo rein und ſchön an ihr, daß ein Hauch von Friſche und Lebens⸗ freude ſie zu umwehen ſcheint. Arme Lenora, dies alſo iſt das Loos, das Dir be⸗ ſtimmt wan! Deine edle Abkunft unter den Dachpfannen einer Arbeiterwohnung zu verbergen, fern von deinem Heimathsort einen Zufluchtsort zu ſuchen gegen Spott und Mißachtung, zu arbeiten ohne Unterlaß und gegen Noth und Mangel zu kämpfen, unter Kummer und Trauer Dich zu beugen und dein Herz aus tauſend Wunden blu⸗ ten zu laſſen.— Hat Dir der Gram deine Seele geal⸗ tert, Dir den Glanz deiner Augen geraubt? Doch Gott ſei Dank, ſo ſchlimm iſt es nicht! Schö⸗ ner noch als früher iſt dein engelgleiches Weſen, das Le⸗ ben in dem engen Zimmer hat den bräunlichen Anflug von deinen Wangen genommen, und deſto reizender iſt der zarte Ton deines Geſichtes, deſto klarer deine edle Stirn, deſto roſiger ſind deine Wangen. Noch glänzt das ſchwarze ſchöne Auge voll von Leben unter deinen langen Wimpern, noch iſt dein feiner Mund umſpielt von dem reizendſten Lächeln! Vielleicht ruht noch in deinem Herzen der reiche Schatz von Muth und Hoffnung, vielleicht ſchwebt noch imm ſchöp ſiegr Sie die l cken lang liebch läßt wild Hau mãcl flieg wall Sor Geſi zwiſe mit als ferne trach hup figs ſagt riſch Gef ter Käfig, beufzer iſt ſo man nit der eſt ge⸗ o rein ebens⸗ dir be⸗ fannen deinem tt und Noth Trauer n blu⸗ geal⸗ Schö⸗ 1s Le⸗ g von t der Stirn, warze npern, ndſten reiche noch 119 immer ein theueres Bild vor deinen Augen, vielleicht alſo ſchöpfeſt Du an dem Born der Erinnerung die Kräfte, um ſiegreich deinem Schickſal zu widerſtehen! Doch ſieh, ein Traum ſteigt in dem Mädchen auf. Sie läßt die Hand und die Arbeit ruhen. Das Haupt über die letztere geneigt, ſcheint ſie ſtarr auf den Boden zu bli⸗ cken; ihre Seele iſt weit von ihr. Sie legt das Leinen auf den Stuhl und richtet ſich langſam auf, ſie betrachtet ihre Blumen, pflückt ein Maß⸗ liebchen und zerblättert es in Gedanken verſunken; dann läßt ſie ihr Auge hinausſchweifen in's Weite und auf einem wilden Kaſtanienbaum ruhen, der zwiſchen den Dächern der Häuſer ſeine Krone erhebt. Der Anblick dieſes ihr ſo bekannten Laubes wirkt mächtig auf ihr Gemüth, ein unerklärliches Lächeln über⸗ fliegt ihr Antlitz, ihre Augen feuchten ſich, in heftiger Auf⸗ wallung ſcheint ſie die friſche Frühlingsluft, das Licht der Sonne mit vollen Zügen einzuathmen. Der Ausdruck ihres Geſichtes wechſelt zuweilen, es iſt, als wandle ſie im Geiſte zwiſchen zwei geliebten Weſen hin und her, als ſpreche ſie mit ihnen von Glück und Liebe. Ihre Lippen bewegen ſich, als ſpreche ſie— vielleicht flüſtert ſie den Namen eines fernen Freundes! Da ſteht ſie jetzt, mitleidig den armen Goldfink be⸗ trachtend, der ungeduldig in ſeinem Häuschen hin und her⸗ hupft und mit dem Schnabel vergebens die Drähte des Kä⸗ figs zu entfernen ſucht. „Warum wollteſt Du uns jetzt verlaſſen, armes Thie ſagte ſie, nachdem ſie dem Vogel eine Zeit lang träume⸗ riſch zugeſehen, mit ſanfter Stimme.„Du, unſer einziger Gefährte in unſerer Verlaſſenheit! Sei doch fröhlich, Va⸗ ter iſt ja geneſen! Jetzt wollen wir getroſt und glücklich r 25 12⁰0 leben.... Aber was iſt es doch, das Dich in Deinem Käfig ſo raſtlos hin und her treibt.... O, es iſt ſchmerz⸗ lich, nicht wahr, gefangen zu ſein, wenn man weiß, daß draußen Freiheit und Luſt uns zulächeln, wenn man in den weiten Feldern und Wäldern geboren iſt, wenn man weiß, daß dort allein unter Gottes ſchöner Sonne Leben ein Freund entriſſen?.... Doch, was frag' ich! Die Zeit der Liebe iſt wieder erſchienen, nicht wahr? Lieben iſt ja auch für Dich das ſchönſte Räthſelwort des Lebens!... Ich habe Dich in beſſern Zeiten gekauft, Du warſt lange meine einzige Geſellſchaft, mein Freund, meine Freude.» Das Mädchen langte bei dieſen Worten mit der Hand nach dem Käfig.„Ich weiß ja, was Dir fehlt, ſagte ſie, „da, flieh' hin— Gott ſchütze Dich! Geh' und genieße die zwei größten Nothwendigkeiten Alles deſſen, was da lebt: Freiheit und Liebe. Ach, wie frohlockt er vor Luſt, wie freu⸗ dig ſchlägt er mit ſeinen Flügeln! Lebe wohl, Du Glück⸗ licher!“ Lenora ſah dem Vogel einen Augenblick nach, wie er pfeilſchnell durch die Luft ſchoß, und kehrte dann mit zufriedenem Lächeln auf ihren Stuhl zurück, wo ſie das Leinen wieder zur Hand nahm. Eine Zeit lang ſeßzte ſie ſo die Arbeit fort. Plötzlich erhob ſie das Haupt und lauſchte. »Ach, da iſt der Vater! möchte er glücklich geweſen ſein Sie verließ ihren Stuhl und ging zur Thür. Papi Schr niede ren ſeine ihm mitge Alles Elend chen bis a und o ihn ei bin ſo zu B wurfs betet, Theil neſen derwe wahr Doch ſein? thum. weil biſt, einem merz⸗ daß an in man Leben ch bin Hei⸗ mei⸗ Viege zlich deſen ——, 12¹ Herr von Vlierbeke trat ins Zimmer, eine Rolle Papier in der Hand haltend und näherte ſich mit ſchlaffen Schritten einem Stuhl, in welchen er ſich ganz ermattet niederließ. Er war ſehr mager geworden; ſeine Augen wa⸗ ren tief in ihre Höhlen geſunken, ſein Blick war unſtät, ſeine Wange bleich, ſein ganzes Antlitz verfallen; man ſah ihm die Spuren einer ſchweren Krankheit an, die ihn ſo mitgenommen und auch zugleich geiſtig ſo erſchlafft hatte. Seine Kleidung war ärmlich, man ſah es ihr an, daß Alles an ihr verſucht war, um die äußeren Zeichen des Elends zu verbergen. Zwar war kein Fleck, kein Stäub⸗ chen auf derſelben zu entdecken, aber abgenutzt war ſie bis auf den Faden, dabei war ſie hie und da ausgebeſſert und obendrein viel zu weit für ſeinen abgemagerten Körper. »Guter Vater, du biſt wieder krank!“ ſagte Lenora, ihn einen Augenblick mit tiefem Kummer anblickend. »Ach nein, Lenora!y war die Antwort;„aber ich bin ſo unglücklich! „»Vater, Vater! vor acht Tagen noch lagſt Du krank zu Bette,“ ſagte das Mädchen zugleich tröſtend und vor⸗ wurfsvoll;„wir haben zu Gott um deine Geſundheit ge⸗ betet, als um das höchſte Glück, das er uns auf Erden zu Theil werden laſſen kann. Gott hat uns erhört, Du biſt ge⸗ neſen—— und Du klagſt ſchon wieder bei der erſten Wi⸗ derwärtigkeit! Dein Verſuch iſt heute mißglückt, nicht wahr? Ich ſeh' es an deinem kummervollen Antlitz!— Doch, was thut das? was fehlt uns, um glücklich zu ſein? Laß uns den Muth nicht verlieren, der iſt unſer Reich⸗ thum. Auch ich habe wohl getrauert, geweint und gelitten, weil mein Vater krank lag; jetzt aber, da Du mir geneſen biſt, jetzt komme, was da will!* »Arme Lenora, Du ſprichſt Dir ſelber Muth ein, 122 um mich aufrecht zu erhalten. Der Himmel vergelte Dir ſo viel Liebe!— Ich habe mich in der Erziehungsanſtalt des Herrn Roncevaur angeboten, meinen engliſchen Un⸗ terricht wieder fortzuſetzen; aber während meiner Krank⸗ heit iſt ein Engländer damit beauftragt worden, und auch dieſes Stück Brot iſt uns jetzt wieder entriſſen!» „Und der deutſche Unterricht bei Fraͤulein Pauline!“ »Die iſt nach Straßburg gezogen und kehrt nicht zu⸗ rück. Alſo Alles mit einem Male verloren, Lenora! Du ſelbſt erbleichſt bei dieſer Hiobspoſt, wie ich ſehe.“ In der That hatte das Mädchen die Augen nieder⸗ geſchlagen, die Worte des Vaters aber riefen ſie wieder wach. „Ich dachte nur an die Verlegenheit, welche Dir dieſe Zurückweiſung bereitete, mein Vater!“ ſagte ſie, ſich hei— ter ſtellend.„Doch ſei gutes Muthes, Vater, ich habe frohe Nachrichten!“ „»So? Du machſt mich neugierig!“ „Siehſt du dort des Leinen?v ſagte Lenora, nach dem Stuhl zeigend.„Zwölf Hemden ſoll ich nähen— feine Hemden! Und wenn dieſe fertig ſind, bekomme ich noch einmal ſo viel, das gibt guten Verdienſt, und ich weiß auch noch was Beſſeres; aber das iſt nur erſt eine Hoffnung!“ Das Mädchen hatte dieſe Worte ſo heiter geſpro⸗ chen, daß der Vater unter dem Einfluß ihrer Begeiſterung ebenfalls lächeln mußte.—»Nun, fragte er,„was iſt es denn, das Dich ſo glücklich macht? „Das wirſt Du nicht errathen!“ antwortete ſie wieder an ihre Arbeit zurückgehend und ſcherzend.„Weißt Du, Vater, wer mir dieſe Arbeit verſchafft hat? Es iſt die reiche Frau hier um die Ecke; ſie hat mich heute Morgen v rufen gegar von ſticken che di verfe unſer mehr ſer 2 gierig mich gema Umſt Du, neng mit N ren, zieml mich noch ſorge Vate barke fuhr Zeit müſſe te Dir anſtalt en Un⸗ Krank⸗ d auch ine!“* ht zu⸗ 1 Du nieder⸗ wieder r dieſe h hei⸗ frohe nach feine ) noch bHweiß eine eſpro⸗ terung vas iſt vieder Du, iſt die dorgen rufen laſſen und während deiner Abweſenheit bin ich zu ihr gegangen. Das wundert Dich, Vater, nicht wahr!“ „In der That, Lenora? Du ſprichſt von der Frau von Royan, für welche man Dir den ſchönen Kragen zu ſticken gab? Woher kennt ſie Dich?* »Ich weiß es nicht. Wahrſcheinlich hat die Frau, wel⸗ che die mühſame Arbeit bei mir beſtellte, ihr geſagt, wer ſie verfertigte. Sie muß ihr auch von deiner Krankheit und unſerer Armuth geſprochen haben, denn die Dame weiß mehr über uns, als ich vermuthen durfte.“ „»Himmel, ſie weiß doch nicht...* „Nein, ſie weiß nichts, was unſern Namen und un⸗ ſer Vaterland betrifft.“* „Fahre fort, Lenora; Du machſt mich neu⸗ gierig.“ »Nun, ſo höre denn, Vater. Frau von Royan hat mich ſehr freundlich aufgenommen, mir Lobeserhebungen gemacht wegen der ſchönen Stickerei, mich nach unſern Umſtänden gefragt und mir Troſt eingeſprochen. Und weißt Du, was ſie mir ſagte, als mir ihr Mädchen das Lei⸗ nen gab?— Gehen Sie, mein Kind, ſagte ſie, arbeiten Sie mit Fleiß und ſeien Sie getroſt und tugendhaft wie Sie es wa⸗ ren, und ich werde Ihre Beſchützerin ſein. Ich brauche ziemlich viel Näharbeit und zwei Monate können Sie für mich allein beſchäftigt ſein, und dann will ich Sie überdies noch bei meinen Bekannten empfehlen, überhaupt dafür ſorgen, daß Sie Mittel finden, ſich und Ihren kranken Vater vor Noth zu ſchützen. Als ich ihr nun aus Dank⸗ barkeit mit Thränen in den Augen die Hand geküßt hatte, fuhr ſie fort: Haben Sie Muth, mein Kind, es wird eine Zeit kommen, wo Sie noch Lehrmädchen zur Hilfe nehmen müſſen und Sie nach und nach eine ſelbſtſtändige Stellung ein⸗ 124 nehmen können. Ja, Vater, das ſagte ſie, ich erinnere mich jedes ihrer Worte noch!* Lenora ſprang auf, um ihren Vater zu umarmen. »Was ſagſt du nun, Vater 2 fuhr ſie fort.„Lehrmädchen, mein eigener Herr, einen Laden, ein Dienſtmädchen... Du führſt dann die Bücher und kaufſt die Waaren ein, und ich ſtehe im Laden und beaufſichtige die Mädchen! O Gott, wie ſchön iſt es doch, glücklich zu ſein und zu wiſſen, daß man Alles ſeinen eigenen Händen zu verdanken hat!— O! Du ſollſt in deinen alten Tagen noch heiter ſein!» Der Vater lächelte, er ließ ſich durch die ſchönen Bilder, welche ſeine Tochter vor ihm aufrollte, ſo gern umgaukeln; dann aber ſchüttelte er doch ſcherzend den Kopf. „»Lenora,“ ſagte er,„Ich habe wie ein Kind an dei⸗ nen Lippen gehangen und an das verheißene Glück ge⸗ glaubt; wie es auch kommen möge, wir haben Gott zu danken... Doch jetzt laß uns ernſt ſein: Der Schuh⸗ macher hat mir ſchon wieder von der Hausmiethe geſagt— zwanzig Franken ſind wir ihm noch ſchuldig, nicht wahr?“ „Ja, zwanzig Franken für Miethe und zwölf im La⸗ den. Das iſt Alles. Sobald dieſe Hemden genäht ſind, wollen wir ihm etwas auf Abſchlag zahlen, und er wird zufrieden ſein. Den Laden wird er uns ja noch borgen. Ich habe zwei und einen halben Frank für meine letzte Arbeit erhalten; Du ſiehſt alſo, Vater, wir ſind noch reich, und eh' vier Wochen verſtrichen ſind, haben wir keine Schulden mehr.“* Des Vaters Blick war wieder heiterer geworden.„Ich habe auch ein wenig Arbeit,“ ſagte er, das Papier auf dem Tiſch aufrollend;»ſie wird mir in einigen Tagen vier Fran⸗ ken eintragen. Herr Profeſſer Delſaux hat mir einige Muſikalien gegeben, die ich für ſeine Schüler abſchreiben V ſoll. noch; chens meine mit l zen da warf 4 Uhr ſ hing ĩ wiede hinab und n gewich unter und k macht in den geblich war Kaun thuen beke 2 mich rmen. dchen, 1... „ und Gott, daß 2!— 119 hönen gern Kopf. n dei⸗ ck ge⸗ ott zu chuh⸗ gt ahr 25 n La⸗ ſind, wird rgen. letzte reich, keine »Ich dem Fran⸗ einige eiben V. — 125 ſoll. Sei jetzt ein wenig ſtill, mein Kind; mein Geiſt iſt noch zu ſehr zerſtreut, ich könnte mich während des Spre⸗ chens irren und vielleicht das Papier verderben.» „»Aber ſingen darf ich doch wohl, Vater?“ »O ja, das macht mir ſogar Vergnügen und zieht meine Aufmerkſamkeit nicht von der Arbeit ab.* Der Vater begann jetzt zu ſchreiben, während Lenora mit leiſer Stimme ihre Lieblingslieder ſang und ihrem Her⸗ zen dadurch Luft machte. Inzwiſchen nähte ſie fleißig fort und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihres Vaters Antlitz. Endlich hörte ſie vom Thurm der Parochialkirche die Uhr ſchlagen. Sie legte ihre Arbeit nieder, ergriff einen Korb, hing denſelben an den Arm und wollte das Zimmer verlaſſen. „»Jetzt ſchon, Lenora? fragte der Vater verwundert. „Die Uhr ſchlägt zwölf, Vater.” Herr von Vlierbeke wandte ſeine Aufmerkſamkeit wieder der Arbeit zu, während das Mädchen die Treppe hinab eilte. Bald darauf kehrte ſie mit dem Korbe voll Kartoffeln und noch etwas Anderem zurück, das in ein Stück Papier gewickelt war, was ſie aber beim Eintreten ins Zimmer unter der Schürze verbarg. Sie goß Waſſer in einen Topf, ſetzte ihn neben ſich und begann ſingend die Kartoffeln zu ſchälen. Alsdann machte ſie Feuer im Ofen an und begann das Mittagmahl in demſelben zu kochen. Bis dahin hatte der Vater nicht von ſeiner Arbeit auf⸗ geblickt, denn das Mittagmahl ſah er täglich bereiten und es war ſehr ſelten, daß etwas Neues im Ofen gekocht wurde. Kaum aber waren die Kartoffeln gekocht, als ſich ein wohl⸗ thuender Geruch im Zimmer verbreitete. Herr von Vlier⸗ beke ſchaute ſeine Tochter mit Verwunderung an. „Fleiſch, an einem Wochentage, Lenora?“ fragte er vorwurfsvoll.„Wir müſſen ſparſam ſein, mein Kind. „Ach, Vater, antwortete Lenora lächelnd,„ſei nicht böſe: der Arzt hat es befohlen. „Du täuſcheſt mich dießmahl, nicht wahr?“ „Nein, der Doctor hat geſagt, daß Du mindeſtens dreimal in der Woche Fleiſch genießen müſſeſt, wenn es uns unſere Umſtände erlauben. Es wird Dir wohlthun, Vater, und deine Kraͤfte wieder herſtellen.“ „Aber unſere Schulden, Lenora!“* „Ich ſtehe für Alles. Sei jetzt ſo gut, Deine Pa⸗ piere fortzulegen, damit ich den Tiſch decken kann.“ Der Vater ſchüttelte den Kopf und that, was Le⸗ nora verlangt. Dieſe brachte ein kleines ſchneeweißes Laken ſo wie zwei Teller und die Schüſſel mit den Kar⸗ toffeln auf den Tiſch. Aermlich nur war dieſes Mahl, doch Alles ſo ſauber und appetitlich, daß dieſes Tiſchchen auch eine leckere Zunge gelockt haben könnte. Vater und Tochter ſetzten ſich an den Tiſch und be⸗ gannen ein ſtilles Gebet. Währendadesſelben hörten ſie plötzlich ein Geräuſch von Stimmen unten an der Treppe. Lenora wurde von einer heftigen Gemüthsbewegung ergriffen, die ſie ganz aus ihrem Gebet brachte; ſie lauſchte mit ſtarrem Blick auf etwas, was ihr unerklaͤrlich ſchien, und ſie mit Angſt und Beſtürzung erfüllte. Der Vater, der dieſe Aufregung nicht zu begreifen vermochte, blickte ſie an, als wollte er fragen: was iſt Dir denn? doch Lenora machte ihm mit der Hand ein Zei⸗ chen zu ſchweigen. Abermals drang die Stimme, und zwar viel deutlicher⸗ in das Stübchen herauf. Lenora erkannte den Ton dieſer Stimme und, als ſei ſie vom Blitz getroffen, flog ſie zur Thür, ter ge der V da! C unſere klärun ſeine flüchte das 2 Mam chen Leno Arm halten blickte Kleide mung lich d „* zweife erfaßt * damit 1 Blick, * „Gott fragte Nind.* „„ſei eſtens nn es lthun, Pa⸗ 3 Le⸗ beißes Kar⸗ doch auch d be⸗ en ſie reppe. egung uſchte a, und reifen t Dir 1 Zei⸗ licher, dieſer ie zur 127 Thür, ſchlug dieſe zu und drückte ſich mit Hand und Schul⸗ ter gegen dieſelbe. „Lenora, um Gotteswillen, was beginnſt Du?“ rief der Vater beſtürzt. „Guſtav, Guſtav!l“ rief das Maͤdchen.„Er iſt da! Er kommt! O, weg mit all dem vom Tiſche, er allein darf unſere Armuth nicht ſehen!* Das Antlitz des Vaters verfinſterte ſich bei dieſer Er⸗ klaͤrung, ſein Blick wurde ſtrenge. Stumm ſchritt er auf ſeine Tochter zu und entfernte ſie von der Thür. Lenora flüchtete in den tiefſten Winkel des Zimmers und verſteckte das Antlitz vor Scham. Die Thür flog auf. Jubelnd ſprang ein junger Mann herein und lief mit offenen Armen auf das Mäd⸗ chen zu. In ſeiner Freude hätte er ſich beſtimmt an Lenora's Hals geworfen, wenn nicht der ausgeſtreckte Arm und der verweiſende Blick des Vaters ihn zurückge⸗ halten hätten. Er blieb ſtehen, ſtarrte im Zimmer umher und blickte erſchrocken auf das Mittagsmahl und die ordinaͤren Kleider des Greiſes und ſeiner Tochter. Dieſe Wahrneh⸗ mung mußte ihm ſchrecklich ſein, denn er hielt ſich plötz⸗ lich die Hand vor das Auge. „Gott, dieß alſo iſt Ihr Loos geweſen!“ rief er ver⸗ zweifelt. Dann aber eilte er abermals auf Lenora zu und erfaßte ihre Hände. „»„O Lenora, Geliebte!“ rief er aus,„ſieh mich an, damit ich weiß, daß Du mich nicht vergeſſen!“ Und Lenora ſchaute ihn an und zwar mit ſeinem Blick, in welchem Alles lag, was er zu wiſſen wünſchte. „O, ich Glücklicher!“ fuhr Guſtav begeiſtert fort. »Gott ſei geſegnet, keine Macht der Erde ſoll mir jetzt meine Braut entreißen! O Lenora, umarme mich, nimm hiermit von mir den Brautkuß!* Guſtav öffnete ſeine Arme, um ſie an die Bruſt zu drücken. Lenora, zitternd vor Angſt und Glück, blieb mit geſenktem Blicke ſtehen, als ſei ſie bereit, ſeine Liebkoſung an⸗ zunehmen. Da aber ſtand plötzlich der Vater neben dem jungen Mann und ergriff ihn feſt bei der Hand, als wolle er ſein Vorhaben verhindern. „»Herr Denecker, ſagte er in ſtrengem Ton,»mäßi⸗ gen Sie Ihre Freude. Wahrlich, es freut uns, Sie wieder zu ſehen, aber weder Sie noch wir dürfen vergeſſen, was wir ſind.— Achten Sie unſere Armuth!“ „Was ſagen Sie* rief Guſtav.„Was Sie ſind? Sie ſind mein Freund, mein Vater! Lenora iſt meine Braut!.... Himmel, warum dieſer verdammende Blick! — Mirr ſchwindelt, ich weiß nicht, was ich thue!“ Abermals erfaßte er Lenora's Hand und zog ſie neben den Vater. „Hören Sie mich jetzt an!ꝰ ſagte er.„Mein Oheim iſt in Italien geſtorben; er hat mich zu ſeinem alleinigen Erben gemacht und mir auf dem Sterbebette befohlen, mich mit Lenora zu verbinden. Ich habe Himmel und Erde in Bewegung geſetzt, um Sie und Lenora zu finden, habe getrauert und geweint um die Abweſenheit meiner Geliebten, und Euch endlich gefunden. Jetzt aber komme ich, mir mei⸗ nen Lohn zu holen, meinen Reichthum, mein Herz, mein Leben zu Lenora's Füßen zu legen. Vater, verweigern Sie niir dieſen Lohn nicht. Kommen Sie, Grinſelhof wartet Ihrer, ich habe es für Sie gekauft, Alles iſt wieder da, was Ihnen theuer war, und auch die Bilder Ihrer Vorfahren zieren die Wände wieder. Kommen Sie, ich werde Ihnen Ihre alten Tage verſüßen, Sie umgeben mit Freude und Zufriedenheit.“* T veräͤnde verliere 2 Erden Macht ſeine Sie k Gotte und Stim und n Verſp Erder ihm i ihn in mel ſ Dein währ ans Bruf Kind ſie a hiermit ruſt zu ieb mit ung an⸗ en dem s wolle „mäßi⸗ wieder n, was e ſind? meine Blick! zog ſie im iſt in n Erben nich mit Erde in n, habe eliebten, nir mei⸗ in Leben Sie mir et Ihrer, s Ihnen ieren die )re alten denheit.* 129 Der Ausdruck in des Vaters Antlitz hatte ſich nicht verändert, doch ſchien ſein Blick allmälig die Strenge zu verlieren.— „Nun denn!“ rief Guſtav begeiſtert.„Nichts auf Erden ſoll mir meine Lenora entreißen, ſelbſt nicht die Macht des Vaters, denn Gott hat ſie mir gegeben!“ Er ließ ſich zu den Füßen des Vaters nieder, erhob ſeine Hände zu ihm und rief:„Vergebung— nein, nein! Sie können mir dieſen Todesſtreich nicht geben! Vater, um Gotteswillen, geben Sie mir Ihren Segen!“ Herr von Vlierbeke ſchien den Jüngling zu vergeſſen und hob den Blick zum Himmel. Allmälig wurde ſeine Stimme verſtändlich. „Margaretha, Margaretha!'“ rief er gerührt und mit Thränen in den Augen,„ſieh herab auf mich, mein Verſprechen iſt erfüllt— Dein Kind wird glücklich ſein auf Erden!) Und als Guſtav und Lenora, bebend vor Hoffnung, ihm ins Auge blickten, hob er den Jüngling auf und küßte ihn innig. „Guſtav,“ ſagte er,»mein theuerer Sohn, der Him⸗ mel ſegne Deine Liebe. Mache mein Kind glücklich— ſie iſt Deine Braut! „Guſtav mein!“ rief das Mädchen überglücklich, während ſie zu gleicher Zeit den Vater und den Geliebten ans Herz drückte. Der erſte Kuß der Beiden wurde an des Vaters Bruſt gewechſelt, während der Greis die Häupter ſeiner Kinder mit Thränen netzte und ſegnend ſeine Hände über ſie ausſtreckte. Der arme Edelmann 130 Und nun, liebe Leſer, muß ich Euch bekennen, daß ich Euch die Lage und ſelbſt den wahren Namen des Schloſſes des Herrn von Vlierbeke aus guten Gründen verborgen habe, und daher wird Niemand von Euch errathen können, wo Guſtav mit ſeiner ſchönen Gattin wohnt. Was mich betrifft, ſo habe ich Herrn und Frau Denecker geſehen und geſprochen, und bin ſelbſt mit ihren zwei Kinderchen und mit Herrn von Vlierb eke, dem Großvater, auf Grinſelhof umher gewandelt. Das bezaubernde Gemälde ihres häuslichen Glückes ſteht mir noch immer vor der Seele, wie ich es dort geſehen, als der alte Edelmann, im Garten auf einer Bank ſitzend, ſeinen zwei ſpielenden Enkelchen ſchon damals die Naturkräfte, die auf der Erde wirkſam ſind, begreiflich zu machen ſuchte; wie die kleine Adeline ihm auf den Schooß kroch, um ihm die Wangen zu ſtreicheln, während der unruhige Iſidor mit wilden Sprüngen auf ſeinem Beine ritt,— und wie endlich Herr Denecker und ſeine Gattin dabei ſtanden, und im ſeligen Bewußtſein ihres Glückes auf das des Großvaters und das heitere Spiel ihrer Kinder hin⸗ ſchauten. Wer mir dieſe Geſchichte erzählt hat, das ſage ich nicht, ſondern verſichere nur, daß ich alle Perſonen, die in derſelben eine Rolle ſpielen, kenne, und ſelbſt mehr als ein⸗ mal zu Tiſche geſeſſen habe bei Baes Jans dem Pächter, ſeiner Frau Beth, und ſeinem Mädchen Kaet, die gern ein wenig plaudern und ſich von ihren Wohlthä⸗, tern unterhalten. Ende. aß ich hloſſes borgen öͤnnen, Frau ihren dem lückes ſehen, tzend, räfte, uchte; „ um uhige -t,— dabei f das hin⸗ he ich die in Zein- dem aet, lthaͤ⸗. —,—