——— —y—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo 6. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Benedetto, der racheglühende Dämon, hatte dem alten Ban⸗ ditenchef Franzesko Fano das dem Grafen Monte Chriſto geraubte Kind übergeben, unter der Bedingung, daß derſelbe den Knaben als ſeines Sohnes Sohn und als Räuber und Mörder erziehe, Bandit ſollte der Sprößling des Grafen werden, nichts mehr und nichts weniger. Hohe Belohnung war Franzesko für dieſen Dienſt zugeſichert. Aber ſchnell kam das Strafgericht über den Banditenchef.— Die von Monte Chriſto auf die Spur des geraubten Kindes ge⸗ brachten Gensd'armen umſtellten die Hütte Fano's und obgleich Bene⸗ detto und ſein Begleiter hier dem Arme der ſtrafenden Gerechtigkeit noch entgingen, ſo ereilte er doch die Räuberfamilie Fano. Fano's Sohn und ſein Weib, im Begriff die Flucht zu ergreifen, fielen unter den Kugeln und den Streichen der Gensd'armen. Die Piſtolenkugel eines Gensd'armen, welche Fano's Bruſt ge⸗ golten, hatte das Kind Monte Chriſto's getroffen, das der Bandit auf dem Arme gehalten. Fano hielt das Kind in ſeinen Armen; er ſah es bluten, hielt es für todt und eine reiche Quelle Geldes ſah er verſiegen, während das Blut von des Kindes Körper rieſelte. Immer noch das blutige Kind auf dem Arme haltend, flüchtete ſich Fano in die Hütte, ſchnell deren Thüre verſchließend. Knirrſchend vor Wuth über das ihn verfolgende Schickſal warf er das Kind auf ein mit mehreren Kleidungsſtücken bedecktes Lager und machte ſich an die Vertheidigung der Hütte. Er ſah ſein Leben verloren, wollte es aber nicht wohlfeil den Feinden überlaſſen, nicht wohlfeil ſollte der Triumph über ſeine Perſon werden. 16* ——— Nachdem Fano einige Schüſſe abgefeuert, hörte er hinter ſich einen Schrei und ſich umſchauend, ſah er, daß das Kind, welches er todt wähnte, die Augen geöffnet hatte, ſich bewegte und er hörte, wie es Schmerzenstöne ausſtieß. Bei dieſem Anblicke zuckte ein Freudenblitz durch Fano's hab⸗ gieriges Herz. Das Kind war nicht todt; es konnte wohl noch ge⸗ rettet werden, und dann konnte er immer noch Anſprüche auf die reiche Belohnung machen. Es galt nur, das Kind den Gensd'armen da draußen zu entziehen, ſo daß ſie es nicht finden konnten, und ſich ſelbſt zu retten. Franzesko Fano wußte immer noch einen Zufluchtsort. Er ſchoß ſein Gewehr noch ein paar Mal ab, um die Gens⸗ d'armen fern zu halten, und dieſen letzteren Zweck erreichte er, denn kein Angreifer zeigte Neigung, ſich dem ſichertreffenden Blei des wüthenden Banditen ſo ganz frei auszuſetzen. Fano gewann alſo für einige Minuten Friſt, und mehr bedurfte er zur Ausführung ſeines Zweckes nicht. Aus der Hütte zu entkommen, war keine Möglichkeit mehr vor⸗ handen; ſich außerhalb derſelben zu zeigen, hieß ſich dem Tode oder doch der Verwundung und Gefangennahme ausſetzen und die Letztere war ihm ſchrecklicher, als ſelbſt der Tod. Allein er hatte noch innerhalb der Hütte einen Zufluchtsort, wo er hoffen konnte, mit dem Kinde ſich verbergen zu können, ohne zu fürchten zu haben, von den Feinden entdeckt zu werden, wenn er es anders klug genug anfing. Noch einen Schuß ſchickte Fano in's Freie. Kaum war dieſer Schuß abgegeben, ſo ergriff Fano das wim⸗ mernde Kind ſammt den Kleidungsſtücken und den Betten, auf denen es gelegen, und ſprang blitzſchnell in den Hintergrund der Hütte, die aus großen Steinſtücken, Ueberreſt eines alten Gemäuers, beſtand. In dieſer Mauer öffnete ſich eine niedrige und ſchmale Thüre, die man bei ihrer Unregelmäßigkeit kaum eine Thüre nennen konnte, vielmehr nur ein Loch, kaum groß genug, um Fano in gebückter Stellung ſich hindurchzwingen zu laſſen. Dieſe Oeffnung führte in einen langgeſtreckten, kellerartigen Raum, der im Hintergrunde durch eingeſtürzte Wölbung abgeſchloſſen war. — — 245 In dieſem Raume warf er die mitgenommenen Sachen auf den Boden und legte das blutende Kind darauf, dann flog er wieder in die Hütte zurück, die Vertheidigung derſelben ſo lange als möglich fortzuſetzen. Fano hatte noch eine ſchwache Hoffnung, daß durch Wachſamkeit und durch Kühnheit der Vertheidigung die Belagerer ermüden und ſich aus der Schußweite ſeines Gewehres zurückziehen würden, bis daß der Abend hereinbrach, wo ſie ſich allerdings auf gefahrloſere Weiſe der Hütte wieder nähern konnten. Aber dann blieb Fano auch immer noch die Ausſicht, ſich im Dunkel der Nacht mit dem Kinde vielleicht durch die Reihe der Belagerung zu ſchleichen und zu entkommen. Sollte dieſes aber nicht möglich ſein, ſo blieb ihm die Zuflucht in jenen keinem der Feinde bekannten Kellerraum übrig. Allein zog er ſich hierher zurück, ſo mußte die Hütte zerſtört werden, damit der Schutt die Maueröffnung bedeckte und ſo den Augen der Feinde entzog. In Folge davon war Fano entſchloſſen, wenn es ſich heraus⸗ ſtellte, daß er noch vor Abend die Vertheidigung nicht fortführen könnte, die Hütte ſelbſt in Brand zu ſtecken, damit die Trümmer des einſtürzenden Daches ihm den Dienſt erweiſen könnten, ſeinen letzten Zufluchtsort zu verhüllen. Wenn die Hütte in Gluth ſtand, das Dach derſelben zuſammen⸗ brach, dann glaubten wohl die Feinde, er ſelbſt habe im Feuer ſeinen Untergang gefunden und ſeine Gebeine lägen verkohlt unter dem Schutte. Nachſuchungen, um ſich zu überzeugen, daß er wirklich ein ſolches Ende gefunden, gab ſich wohl Niemand die Mühe. Fano wußte, daß ſchon manche ſolche Verbrennungsfälle vorgekommen waren, aber Niemand daran gedacht, den Schutt deshalb zu durch⸗ wühlen. Um möglich viel Schutt vor der Oeffnung zu haben, ſchleppte Fano in den Pauſen, wo er nicht ſchoß, verſchiedene Geräthſchaften der Hütte neben die Oeffnung und ſchichtete ſie dort auf. Doch konnte er nur Minuten auf dieſe Arbeit wenden, da er wachſam auf die Feinde ſein mußte. 3 Jetzt aber wurden die Gensd'armen ungeduldig, einen einzelnen Mann ſo lange belagern zu ſollen, ohne daß es ihnen gelang, ihn in ihre Gewalt zu bekommen und ſie griffen nach einem Gewalt⸗ mittel, durch das ſie hofften, den furchtbaren Banditenchef doch end⸗ lich in ihre Hände zu bringen. Sie ſteckten die Hütte in Brand, ohne zu ahnen, daß ſie da⸗ durch eben einen Wunſch des Belagerten erfüllten und ihn der Mühe überhoben, ſelbſt den Feuerbrand in ſeine Behauſung zu werfen. Hochauf loderte die Gluth, bald ſtand die Hütte über und über im Feuer, Dampf wirbelte durch das Innere und drohte den kühnen Vertheidiger zu erſticken. Fano riß die Thüre auf, erſchien auf der Schwelle und rief den Belagerern grimmig zu, daß er ihnen nicht den Triumph gönne, ſich rühmen zu können, Franzesko Fano ſei durch ihre Hand gefallen, er wolle durch eigene Hand fallen. Dann ſprang er zurück in das Innere der Hütte, in Flammen und Rauch verſchwindend. Schüſſe fielen ihm nach und dieſes Mal traf eine Kugel Fano ſchwer in die Schulter. „Mord und Tod!— Die Hölle über Euch!“ ſchrie Fano, der ſich getroffen fühlte. Das Praſſeln der Flammen, das Geſchrei und Rufen der Gens⸗ d'armen machte Fano's wüthenden Aufſchrei unhörbar. Fano behielt aber doch Gegenwart des Geiſtes genug, ſich, ſein Gewehr feſthaltend, durch die Oeffnung in den Keller zu drängen. An den feuchten Wänden des Raumes glitt der Feuerſchein aus der Hütte flackernd auf und ab. Dampf war ſchon eingedrungen und zog an der niedrigen Decke hin; die Gluth aus der brennenden Hütte füllte den ſonſt kühlen Raum mit ungewöhnlicher Wärme. Fano ergriff das wimmernde Kind und zog ſich mit demſelben in den Hintergrund der Höhlung zurück, wo er ein Lager bereitete und das Kind darauf legte. Trotz der furchtbaren Schmerzen, die ſich bei ihm ſelbſt einſtellten, begab er ſich nochmals an die Oeffnung, holte mit verſengter Hand ein paar Brände aus der Gluth, um die Höhlung zu erleuchten, und begann nun die Wunde des Kindes zu unterſuchen. Fano war durch ſein Handwerk, wo es gar manche ſehr ſchwere, blutige Verletzungen abſetzte, in Behandlung der Wunden ſehr er⸗ fahren geworden, und ſo erkannte er, daß die Kugel des Gensd'armen gegen das Kind zwar eine ſehr gefährliche Richtung gehabt, aber 247 ſie war an eine Art Amulet, welches an einer ſeidenen Schnur am Halſe des Kindes hing, in eine ganz andere Richtung gebracht worden; von dem Metallplättchen abprallend, hatte die Kugel nur einen Fleiſchtheil an der Bruſt des Kindes zerriſſen und auch den Oberarm etwas verletzt, wodurch zwar eine ſtarke Blutung entſtanden war, aber die Wunde an und für ſich war ungefährlich, beſonders wenn ſie ſchnell beſorgt und die Blutung geſtillt wurde. Das Kind aber mußte erhalten bleiben, an ſeinem Leben hing ja eine ſo große Geldſumme und Geld überwog bei dem Räuber Alles. Er vergaß den Verluſt des Sohnes, der ganzen Familie, den Schmerz der eigenen Wunde über den Gedanken an die Er⸗ haltung des Kindes, das ihm ſo gewinnbringend werden ſollte. So⸗ fort machte er ſich an die ſorgfältige Verbindung der Wunde. Der Raum diente ihm als Weinkeller und als Niederlage von einigen anderen Sachen; darunter befanden ſich auch ein paar Flaſchen mit Kräuterſäften, die er als bei Wunden heilkräftig erkannt hatte. Er ſuchte dieſelben herzu und begann ſeine Arbeit. Ein furchtbares Krachen und Praſſeln begann jetzt, ſo daß das Gewölbe der Höhlung zu beben ſchien. Das Dach der Hütte war eingeſtürzt. Eine Rauchwolke war in die Höhlung ſelbſt getrieben und füllte dieſelbe aus. Im erſten Augenblicke war es Fano, als müſſe dieſer Qualm ihn erſticken. Aber nur einen Augenblick dauerte dieſes. Der Raum hatte an ſeiner Decke einige wohlverſteckte Oeffnungen; durch dieſe mußte ſich der Rauch nach und nach verziehen. Fano erinnerte ſich ſofort daran und ward ruhiger. Alle Aufmerkſamkeit Fano's wandte ſich nun wieder auf das Kind. Er wuſch die Wunde mit Wein, tröpfelte einen milden, heilenden Kräuterſaft darauf und verband es dann mit der größten Sorgfalt und Geſchicklichkeit. „Das Kind muß gerettet werden,“ ſagte er ſich dabei,„mag ſonſt auch Alles zu Grunde gehen. Pah, ſolch eine Summe findet man nicht alle Tage auf dem Wege.“ „Nun erſt, nachdem Fano das Kind beſorgt hatte, begann er an ſeine eigene Wunde zu denken und er verband ſie, ſo gut es ihm möglich war, aber er fühlte, daß er den rechten Arm, in deſſen Schulter die Kugel ſaß, faſt nicht mehr gebrauchen konnte, und ſah voraus, daß nach Verlauf einer Stunde der Arm ganz ſteif ſein werde. Da überkam ihm neue Sorge. Wie ſollte er ſich mit ſteifem Arme, vielleicht abgeſchwächt durch den erlittenen Blutverluſt und durch Wundfieber, welches ſich trotz ſeiner Rieſennatur doch ein⸗ ſtellen konnte, aus dieſem ſelbſt gewählten Gefängniſſe befreien? „Es muß gehen,“ ſagte er ſich mit finſterer Entſchloſſenheit, „ſo vieles Geld darf nicht verloren gehen.“ Geld, Geld! Darum drehte ſich Fano's ganzer Gedanke, alles Andere trat vor dieſem einen Gedanken zurück. Er wollte ſein Ver⸗ ſprechen halten, um Geld zu gewinnen, und er wußte, ſein Auftrag⸗ geber würde ſein Verſprechen auch halten, hatte er doch ſchon Be⸗ weiſe davon. Das ihm übergebene Kind war für ihn ein Kleinod von un⸗ ſchätzbarem Werthe, das mußte erhalten werden. In dem Schutte der Hütte fraß das Feuer noch gierig fort, um den letzten Reſt des Brennbaren zu vernichten; es kniſterte und praſſelte noch immer, und bisweilen polterte Etwas, es mochte dieſes Geſtein ſein, welches ſich von der Wand löſ'te und in den Schutt fiel. Fano glaubte auch Stimmen zu vernehmen, die ſich zuriefen, konnte aber nichts verſtehen. Nach einer Weile hörte er über ſich Schritte und daß da über ihm ein paar Leute ſprachen; da die Sprechenden in der Nähe des einen Luftloches ſtanden, ſo konnte er, der ſein Gehör anſtrengte, das Meiſte verſtehen, was die über ihm Befindlichen ſprachen. „Hier iſt nichts mehr zu finden!“ hörte er den Einen ſagen. „Ja, gewiß nicht,“ entgegnete ein Anderer mit rauher Stimme. „Der Schurke, der Fano, hat ſich ſelbſt gebraten, damit er dem Teufel gleich mundrecht gemacht in der Hölle ankommt.“ „Ich hätté aber doch gern geſehen, wenn dieſer Teufel in Menſchengeſtalt lebendig in unſere Hände gefallen wäre. Es wäre eine Genugthuung für uns geweſen, den Fano im Triumphe ein⸗ zubringen und dann die Prämie einzuſtreichen, die auf ſeine Ge⸗ fangennahme geſetzt war. „Wir ſind aber darum gekommen. Solch' ein Teufel gönnt es uns nicht, daß wir etwas an ihm verdienten und ich hoffe, ſchon 249 für dieſe ſchlechte Geſinnung wird er hundert Jahre länger in der Hölle braten, als es ohnedies geſchehen.“ „Es iſt ihm zu gönnen!“ „Aber,“ ließ ſich der Eine nach einer Pauſe wieder vernehmen, „der arme Herr, der Graf, dauert mich!— Er iſt ſo mit einem Schlage um den Sohn gekommen.“ „Es ſoll ſein einziges Kind ſein!“ „Deſto ſchlimmer für den Grafen. Deshalb bot er auch ſo große Summen, wenn wir ihm das Kind lebend wiederbrächten.“ Fano horchte hoch auf.— Alſo ein Grafenſohn war es, der da neben ihm auf dem Lager lag? Hier mußte ein ganz beſonderes, wichtiges Geheimniß herrſchen.— Das gab ohne Zweifel ein ge⸗ winnreiches Geſchäft, vielleicht noch gewinnbringender, als er jetzt ahnte. „Das Kind muß leben bleiben, und wenn ich dafür mich dem Teufel ſelber verſchreiben ſollte,“ ſagte Fano leiſe vor ſich hin. Die Leute oben hatten noch einige Worte gewechſelt, doch ohne daß Fano hätte verſtehen können, was ſie ſprachen. Er achtete auch nicht weiter darauf, denn er hatte ja jetzt durch dieſes Geſpräch Etwas erfahren, was ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm.— Der Sohn eines Grafen ihm übergeben! Das war es eben, an was er beſtändig dachte. Jetzt aber hörte er wieder den Einen rufen: „Zum Teufel, der Wind treibt auch gerade hierher den ganzen Qualm und der riecht ſo brenzlich, wie verbranntes Menſchenfleiſch. Gehen wir dem Geſtanke aus dem Wege.“ „Ha, ha,“ ſagte der Andere und ſeine Stimme klang wie Hohngelächter,„das iſt des Fano's Bratengeruch. Verderben wir uns die Naſen nicht damit; dem Teufel wird es beſſer ſchmecken, als uns.“ Fano vernahm aus den Schritten, daß ſich die Leute entfernten. Für Fano war das, was er gehört, höchſt willkommen, denn einmal hatte er doch einige Aufklärung über den Urſprung des ihm anvertrauten Kindes; zweitens hatte er erfahren, daß die Feinde ihn für ganz gewiß todt hielten, er alſo gegen Nachforſchungen im Schutte, wo die Oeffnung ſeines Zufluchtsortes immer noch hätte entdeckt werden können, ganz ſicher war; und drittens hatte er aus — 2——.—— den Reden der Leute noch geſchloſſen, daß der Wind den Rauch der Brandſtelle gerade über die Höhlung, die ſein Zufluchtsort geworden war, hinweg trieb, wo er nun nicht zu fürchten hatte, daß der aus den Luftlöchern abziehende Dampf die Aufmerkſamkeit der Nach⸗ ſuchenden erregen und ſie veranlaſſen könnte, wo ein böſer Zufall des Geflüchteten Entdeckung herbeifühven und ihn, der ſich für ge⸗ rettet wähnte, in das Verderben ſtürzen konnte. Fano's Lage war aber eine noch ſchlimmere geworden, denn die Luftöffnungen waren viel zu klein, um dem eingedrungenen Rauche einen ſchnellen und kräftigen Abzug zu geſtatten, und dieſer Rauch beizte ihm die Augen und er verſuchte alles Mögliche, um ſein„köſtliches Kleinod“, das Kind, dagegen zu ſchützen, indem er das Geſicht deſſelben mit einem Tuche bedeckte, welches er in Er⸗ mangelung des Waſſers mit Wein anfeuchtete, damit dieſes Tuch den Rauch von dem Kinde abhalte. Uebrigens durfte Fano nicht hoffen, den Qualm ſobald ſich verziehen zu ſehen, denn der Theil, welcher durch die Oeffnungen in die Luft entwichen war, wurde durch neueindringenden immer wieder erſetzt. Immer beſchwerlicher machte ſich auch die zunehmende Hitze, die aus dem glühenden Schutte der Hütte durch die Oeffnung in den eingeſchloſſenen Raum ſtrömte und den Aufenthalt in demſelben immer quälender machte. Obgleich Fano gegen die Hitze ſonſt nicht eben empfindlich war und er tagelang in der glühendſten Sonnen⸗ hitze gewandert war, oder gelagert hatte, war ihm dieſe eingeſchloſſene, dumpfe Hitze, oder vielmehr der erhitzte Dampf faſt unerträglich und oft glaubte er, daß er leibhaftiges Feuer athmete. Der Rauch, die Hitze betäubte ihn faſt, der Schmerz der Wunde meldete ſich immer gewaltiger; aber dabei richtete ſich dennoch ſein Blick immer wieder von Neuem auf das Kind; ihm widmete er ſeine ganze Sorge. Die Feuerbrände, die Fano in die Höhle genommen, erloſchen nach und nach ganz, nur noch einige Kohlen glimmten am Boden, nicht mehr vermögend, die Finſterniß zu erhellen, die immer dichter wurde, denn der Feuerſchein, welcher durch die Oeffnung gedrungen, erloſch nach und nach ganz, kaum daß noch ein ſchwacher Schimmer 251 dann und wann blitzgleich von dort aufleuchtete, aber ſogleich auch wieder verſchwand. Fano konnte ſich zuletzt nur noch durch das Gefühl von ſeiner nächſten Umgebung überzeugen. Es begann ihm, dem ſonſt ſo Furcht⸗ loſen, unheimlich zu werden und die wenigen glühenden Kohlen, die noch auf der Erde lagen, erſchienen ihm gleich glühenden Augen, die ihn anſtarrten, ihm Etwas ſagen zu wollen ſchienen und doch ſtumm blieben. Auch dieſe glühenden Augen verglimmten nach und nach gänzlich: ſie erloſchen und nur jener blitzgleiche Schimmer von der Oeffnung her, zeigte ſich noch, bald ſchwächer, bald ſtärker, aber immer ſeltener und ſeltener. Auf Fano's Stirn ſtanden dichte Schweißtropfen; bald war ſein ganzer Körper wie gebadet. Die Gluthhitze, die heftige innere Erregung preßten aus allen ſeinen Poren den Schweiß. Dann und wann überflog es Fano wie Fieberhitze, ſo daß ſich auf Momente ſeine Gedanken verwirrten, und dann war es ihm auch wieder, als griffe es zu ſeinem Herzen kalt wie der Tod.“. Kam der Tod?— Nein, nein, er konnte, er wollte nicht ſterben; er mußte ja Schätze erwerben. Fano konnte das Kind nicht ſehen, welches das Mittel zum Reichthum für ihn bildete, zu ſtark war die Finſterniß; aber er legte die Hand auf des Kindes Bruſt und fühlte, daß es noch athmete, und er fühlte auch, daß es bisweilen wie unruhig und ſchmerzhaft zuſammenzuckte. So oft er dieſe Lebenszeichen wahrnahm, zuckte ein Freuden⸗ blitz durch Fano's Inneres, denn er hatte da ja die Gewißheit, daß ſein Kleinod, das Kind, noch lebe. So lange es lebte, hatte er Ausſicht auf Reichthum, nach dem ſein nimmerſattes Herz begehrte, für den er alles Andere wegwarf. Die Zeit verging für Fano mit furchtbarer Langſamkeit, aber ſie mußte doch ſchon vorgerückt ſein, denn das Praſſeln der Flamme hatte ſich in leiſes Kniſtern verwandelt, welches in verſchiedener Stärke bisweilen in den Kellerraum drang. Endlich überkam Fano eine ungeheure Mattigkeit, ſo daß er ſich kaum mehr aufrecht erhalten konnte; ohne daß er es wußte, fielen ſeine Augen zu, es überkam ihm der Schlaf der Betäubung. Ein Schrei weckte ihn endlich aus demſelben. Er fuhr auf, ſtarrte um ſich. Dichte, faſt greifbare Finſterniß umgab ihn, eine ſchwüle, ſchwere Luft drückte auf ihn, ſo daß es ihm war, als ruhten Centnergewichte auf ſeinen Schultern. Sein ganzer Körper war mit klebrigem Schweiße überzogen, der Kopf wirr und wüſt, ein heftiger Schmerz brannte in der Wunde und ein brennender Durſt quälte ihn. Neben ihm winſelte und wimmerte es und im erſten Augen⸗ blicke der Verwirrung konnte ſich Fano keine Rechenſchaft über dieſes Geſtöhne geben; allein im nächſten Momente kehrte die Erinnerung in ihm zurück.— Es war das Kind, welches dieſe Laute von ſich gab. Fano wollte dem Kinde helfen, es beruhigen, er ahnte, daß es wohl auch vom Durſte gepeinigt würde, er taſtete erſt nach einer Weinflaſche, die er neben ſich geſtellt, und dann nach dem Kinde.— Aber da machte er die ſchreckliche Entdeckung, daß ſeine Befürchtung eingetroffen und ſein Arm vollſtändig ſteif und unbrauchbar ge⸗ worden war.— Und eben der rechte Arm mußte es ſein. „Möge der Teufel Dem, der mir dieſe verfluchte Kugel zu⸗ ſchickte, es zehnfach auszahlen,“ grellte Fano und ſchloß dieſe Worte mit einem furchtbaren Fluche. So gut es gehen wollte, ſuchte Fano das wimmernde Kind zu beruhigen. Er hatte die Flaſche gefunden, ſuchte nun des Kindes Mund, ihm etwas Wein einzuflößen; ob ihm dieſes aber in der Dunkelheit gelungen, wußte er nicht, aber er tröſtete ſich, daß das Kind denn doch getrunken haben müſſe, da es etwas ruhiger ſchien. Fano ſelbſt trank erſt dann in vollen Zügen, als er glaubte, des Kindes Durſt gelöſcht zu haben. Wieder umfing ihn dann eine Betäubung und dieſe ging bald in einen neuen todtenähnlichen Schlaf über. Auch das Kind mochte wohl eingeſchlafen ſein; vielleicht aus Erſchöpfung, vielleicht in Folge einer durch den eingeflößten Wein hervorgerufenen Betäubung. Matteo hatte aus der Ferne den Brand von Fano's Hütte be⸗ merkt, er hatte den Knall der Schüſſe gehört und dachte ſich wohl, daß dort eine furchtbare Kataſtrophe ſich entwickelt haben mußte.— Er kannte Fano, wußte, daß derſelbe ein Mann ſei, welcher lieber den letzten Blutstropfen verſpritzte, ehe er ſich den Gegnern ergab. Aber er war auch, gleich ſo vielen Anderen, von dem Glauben befangen, Fano verſtehe geheime Künſte, gebiete über übernatürliche hr auf, , eine ruhten dar mit heftiger lte ihn. Augen⸗ rieſes nerung ch gab. e, daß h einer nde.— rhtung dar ge⸗ gel zu⸗ Vorte Nind zu Kindes in der daß das ſchien. Zaaubte, ng bald mochte Folge n. itte be⸗ wohl, ßte.— lieber ergab. Zlauben türliche 2⁵53 Kräfte, welche ihn befähigten, den feindlichen Kugeln Trotz zu bieten, für den Fall dieſe Kugeln nur nicht geweiht waren, denn geweihten Kugeln,— ſo ſagt ja das Volk überall,— kann kein Zauber widerſtehen. So dachte denn auch Matteo, ſowohl den Kugeln, als dem Feuer werde Fano widerſtehen und ganz unverletzt aus dem Kampfe hervor⸗ gehen, und nicht lange werde es dauern, ſo erſcheine Fano vielleicht ſelbſt bei ihm. Schutz und Hilfe ſuchend. Allein Fano kam nicht, die Gluth der Hütte, welche den Himmel geröthet hatte, verſchwand und der Knall der Schüſſe, den der Wind zu Matteo's Ohr getragen, war längſt ſchon verhallt. Matteo glaubte deswegen, daß Fano ſich nach anderer Richtung entfernt haben werde. Derſelbe brauchte ja nicht gerade zu ihm zu kommen, und es war ſo auch beſſer, denn es hätten ſich ja Verfolger dem Flüchtlinge auf den Ferſen befinden können, und dieſe Verfolger hätten demgemäß Jedem, der durch irgend etwas in Verdacht kam, von Fano's Partei zu ſein, eine ſchlimme Lage bereiten können. Gern wäre Matteo in der Nacht noch nach der Stelle geſchlichen, wo Fano's Hütte geſtanden hatte, allein er wagte es doch nicht, denn er fürchtete nicht mit Unrecht, daß die Gensd'armen, welche Fano angegriffen hatten, noch Wache auf der Brandſtätte halten und ihn, wenn er ſich daſelbſt blicken laſſe, feſtnehmen könnten. Dieſes wollte er denn doch nicht. Am andern Morgen, als Matteo ſich in die Nähe der Brand⸗ ſtelle wagte, ſah er in der That einige Bewaffnete, welche in dem Schutte wühlten, und er erkannte in denſelben Gensd'armen. Er hielt ſich da in der Entfernung, um zu warten, bis Jene ihre Durchſuchung geendet und ſich entfernt haben würden. Aber dieſes dauerte lange und Matteo glaubte zu bemerken, daß ſelbſt, nachdem die Durchſuchung beendet worden war, ſich immer noch Gensd'armen in der Nähe aufhielten, ohne Zweifel, um irgend einen Gefährten Fano's, der ſich etwa in der Nähe blicken laſſen ſollte, ſogleich feſt⸗ zunehmen. Dieſe Vermuthung beſtimmte Matteo, ſich lieber zu entfernen, als durch ſein Lauern in der Umgebung möglicher Weiſe Verdacht auf ſich zu lenken. 254 Erſt gegen Abend dieſes Tages kehrte er zurück und die Luft nun rein findend, betrat er die Brandſtelle. Er fand daſelbſt nur Schutt, verkohlte Balken, von Rauch geſchwärzte Steine und ein paar Bäume, von der Gluth verſengt. In dem Schutte zeigten ſich deutliche Spuren, daß in demſelben herumgewühlt worden war, es gab ſelbſt eine Stelle, die noch ſchwach dampfte. Hier konnte Matteo ſchwerlich noch Etwas finden. Doch er⸗ innerte er ſich, von Fano ſelbſt einmal gehört zu haben, daß hinter ſeiner Hütte ſich eine Höhlung, oder eine Art Keller befände, ganz geeignet, daſelbſt alle möglichen Vorräthe aufzubewahren, und nun war er ſehr neugierig, zu wiſſen, ob die Gensd'armen bei ihrem Nachſuchen auch dieſe Räumlichkeit gefunden. In dieſem Falle mußte er dieſelbe offen finden. Ein neuer Gedanke kam da auch Matteo. Der erwähnte Raum mußte denn doch wohl ein ſehr verborgener ſein und hatte vielleicht mit der Hütte genauen Zuſammenhang. Wie, wenn Fano dieſen Raum zum Zufluchtsorte benutzt haben ſollte?— Es war möglich, und in dieſem Falle befand ſich der Bandit wohl noch daſelbſt. Voll Eifer umkreiſte nun Matteo die Brandſtätte und unter⸗ ſuchte namentlich die felſige Erhöhung, an welche ſich die Hütte ge⸗ lehnt hatte, und unter welcher er die Höhlung vermuthete. Er trat an verſchiedenen Stellen ſtark auf, um aus dem Klange ſeiner Schritte urtheilen zu können, ob der Boden vielleicht hohl ſei. Es ſtanden mehrere dichte Geſträuche hier oben, und als Matteo zwiſchen ein paar dieſer Geſträuche ſeine Probe wiederholte, war es ihm, als ob der Boden unter ihm wirklich dumpf klänge. Er wiederholte die Probe noch ein paar Mal und lauſchte jedes Mal mit angehaltenem Athem auf den Erfolg. Was war das?— Ließ ſich nicht der Ton einer menſchlichen Stimme vernehmen? Matteo wagte nicht, ſich zu regen, und lauſchte mit der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit. Wieder vernahm er da einen ſchwachen Ton; aber dieſes Mal klang es wie Stöhnen und Wimmern, das aus der Erde zu kommen ſchien. „Hätte ich doch recht vermuthet?“ ſagte Matteo zu ſich ſelbſt. Abermals lauſchte er. Luft t nur d ein eigten var, h er⸗ hinter ganz nun hrem Falle Raum leicht dieſen glich, t nter⸗ e ge⸗ trat ritte atteo war Er Mal 2⁵5⁵ Der Ton wiederholte ſich und jetzt war Matteo ſo ziemlich über die Richtung im Klaren, aus welcher dieſer Ton kam.— Unfern von ihm mußte ſich eine Oeffnung in der Erde befinden, welcher der Ton entſtieg. Behutſam durchbrach er das Geſtrüpp und durchſuchte zugleich mit ſeinem Stabe die Erde nach allen Richtungen, ob ſich nicht eine durch das Geſtrüpp überwachſene Oeffnung entdecken ließe. Er wandte dieſe Vorſicht auch deshalb mit an, um nicht etwa unver⸗ ſehens durch eine ſolche Oeffnung, wie er ſie vermuthete, in die Tiefe zu ſinken. Noch einmal ließ ſich jener Ton vernehmen. Er kam jetzt dicht vor ihm aus der Erde. In der nächſten Minute hatte er auch mit Hilfe ſeines Stabes die Oeffnung gefunden, welcher das Wimmern und Stöhnen ent⸗ ſtiegen ſein mußte.— Der Stab ſank tief ein und als Matteo auf die Erde niederkniete und das Geſtrüpp entfernt hatte, ſah er eine in die Tiefe gehende Oeffnung vor ſich.— Doch war dieſe Oeff⸗ nung viel zu eng, als daß ein Menſch ſich hätte hindurch zwingen können, höchſtens einem ſchmächtigen Knaben hätte es gelingen können. Das Geräuſch, welches Matteo verurſachte, indem er die Oeffnung frei machte und ſie unterſuchte, mußte unten gehört worden ſein und Mißtrauen erweckt haben, denn es ward da unten plötzlich ganz ſtill. Der, welcher ſich da unten befand, mochte vielleicht glauben, daß ſeine Verfolger es wären, die ſich über ihm befänden. Ohne eine Bewegung zu machen, lauſchte Matteo wieder hinab, achtſam auf Alles, damit es ihm nicht entgehe, wenn da unten ſich wieder Etwas regte.— Lange Zeit blieb unten wieder Alles ſtill.— Auch Matteo hielt ſich ruhig, um jeden Ton zu erlauſchen, der von unten kommen könnte. Endlich klang wieder ein Wimmern, leiſe, kaum hörbar, wie erſtickt von unten herauf an das lauſchende Ohr.— Aber dieſes Wimmern war wie von der Stimme eines Kindes. Gleich darauf folgte ein tiefer Seufzer, kurz, abgebrochen, wie von einem heftigen Schmerze unwillkürlich erpreßt. Dann ward Alles wieder ſtill. Matteo lauſchte noch eine kurze Zeit. Dann folgte wieder ein kurzer, ſtöhnender Ton. ——-— 256 Jetzt war Matteo vollkommen überzeugt, daß ſich da unten Jemand befinden mußte.— Nein, nach den gehörten Tönen zu urtheilen, mußten es zwei Perſonen ſein.— Er hielt es für an der Zeit, ein Zeichen zu geben. „Wer iſt da unten?“ fragte er mit leiſer Stimme. Alles blieb ſtill. Zum zweiten Male fragte er und dieſes Mal mit verſtärkter Stimme. Abermals keine Antwort. „Fano,“ fragte jetzt Matteo mit noch ſtärkerer Stimme,„biſt Du hier unten?“ Ein ſchwaches Stöhnen war die erſte Antwort.— Dann fragte es von unten herauf: „Wer ruft?“ „Matteo, Dein Freund!“ entgegnete der Mann oben. „O, dieſe verfluchte Kugel!“ ſtöhnte es unten mit dumpfer Stimme. „Biſt Du es, Fano?“ fragte Matteo wieder. „Jal⸗ 3 „Komme dann heraus. Die Gensd'armen ſind längſt fort und Alles iſt ſicher.“ „Sicher?“ „Ja, gewiß!— Du kannſt ruhig heraus kommen.“ „Ich kann ja eben nicht!“ „Weshalb nicht?“ „Ich bin— verſchüttet!“ Matteo ſchrak bei dieſer Antwort unwillkürlich zuſammen. Nach einer kurzen Pauſe fragte er dann wieder: ob ſich Fano nicht helfen könne?“ „Nein!— Die verfluchte Kugel!“ war die Antwort. „So biſt Du verwundet?“ fragte Matteo. „Ja, und wie!“ klang es zurück. Matteo war beſtürzt, er fragte, auf welche Weiſe Fano ver⸗ wundet ſei und ob er ſich wirklich nicht mehr ſelbſt helfen könne?“ Fano gab mit ſehr unſicherer Stimme Auskunft über die Art ſeiner Verwundung und verſicherte, daß er zu ſeiner Befreiung gar nichts zu thun vermöge; er bat zugleich den Matteo, daß er ihm hel ten zu der ckter biſt gte pfer Nach effen ver⸗ ne!“ Art gar 257 helfen möge, denn ſonſt müſſe er hier verkommen, da er ſich ſelbſt nicht mehr helfen könne. Fano's Worte waren, indem er dieſe Auskunft gab, kurz, ab⸗ gebrochen, ſtockend, bisweilen längere Pauſen machend, als müſſe er Kraft zu weiterer Rede erſt ſammeln, und dann wieder von Seufzern und mühſam unterdrücktem Stöhnen unterbrochen, daß Matteo daraus ſehr wohl erkennen konnte, die Verwundung Fano's müſſe ſchwer, ſein Zuſtand ſchlecht und ihm Hilfe ſehr dringend nöthig ſein. Er fragte, auf welche Weiſe er Fano helfen könne, und derſelbe ſagte ihm: er möge den Schutt vor dem Eingange zu der Höhlung hinweg räumen, denn ſonſt könne er nicht hinaus, von oben herab zu arbeiten, ſei nicht räthlich, da er fürchten müſſe, daß dann das Gewölbe zuſammenſtürzen und ihn erſchlagen könne. Für Matteo war dieſe Antwort genügend, um zu wiſſen, was er thun müſſe, um Fano zu helfen, und er war auch ſofort ent⸗ ſchloſſen, alle Kräfte aufzubieten, dieſes Rettungswerk zu vollbringen. Aber er beſaß keine Werkzeuge zum Wegſchaffen des Schuttes vor dem Eingange, der nach der Angabe Fano's an der Hinterwand der Hütte ſich befunden. Er hatte nur ſein Gewehr und ſein Meſſer bei ſich und wenn er ſich erſt ein Werkzeug herbeiholen wollte, ſo dauerte es ihm zu lange, denn es verging wohl wenigſtens eine Stunde darüber und bis dahin konnten noch mancherlei Zufälle eintreten. Matteo beſann ſich kurz, er ſuchte nach irgend einem brauch⸗ baren Werkzeuge umher, ſo gut es inzwiſchen bei eintretendem Nacht⸗ dunkel gehen wollte, und da er nicht ſogleich etwas Brauchbares fand, ergriff er einen Pfahl, den er gefunden und der vom Feuer ver⸗ ſchont geblieben war, und begann ſeine Arbeit, die ſich unter ſeinen rüſtigen Händen ſchnell förderte. Matteo entfernte die verkohlten Balken, welche an der Hinter⸗ wand lagen, er beſeitigte die Trümmer von herabgeſtürztem Mauer⸗ werk und hatte nach einigem Suchen glücklich den niedrigen Eingang zu Fano's letzter Zuflucht auch gefunden, und nach einſtündiger Arbeit war dieſer Eingang gänzlich freigemacht. Als Matteo nun den Raum zu betreten ſuchte, ſchlug ihm eine erſtickend ſchwüle, dunſtige Luft entgegen, und der Raum war mit faſt greifbarer Finſterniß gefüllt, ſo daß der Eindringende die Hand Monte Chriſto's letzter Weltgang. 17 258 vor den Augen nicht ſah, vielweniger von den nächſten Gegenſtänden auch nur Etwas zu erkennen vermochte. Ein Stöhnen drang aus dem Hintergrunde des finſtern Raumes, aber Matteo wagte nicht, einen Schritt vorwärts zu tappen, aus Furcht, über irgend Etwas zu ſtürzen. „Fano!“ rief er. „Matteo!“ klang es ſchwach zurück.„Matteo, biſt Du es?“ „Ich bin es,“ entgegnete Matteo,„aber wo biſt Du?“ „Nun hier!“ klang es aus dem Hintergrunde. „Das iſt wohl leicht geſagt,“ brummte Matteo;„aber man ſieht ja keine Hand vor den Augen.— Kannſt Du nicht vorkommen?“ Matteo hörte jetzt im finſteren Hintergrunde ein Geräuſch, als ob ſich Jemand dort bewegte; dann folgte ein ſtarkes Klirren. Es mußte wohl von der Bewegung Etwas zur Erde geworfen und vielleicht zerbrochen ſein. „Verflucht,“ klang Fano's Stimme,„es geht nicht!— O, dieſe teufliſche Kugel!“ Gleichzeitig ließ ſich jenes Wimmern der Kinderſtimme ver⸗ nehmen, welches Matteo früher ſchon gehört hatte. „Komm, hilf mir heraus!“ ließ ſich jetzt Fano's Stimme ver⸗ nehmen, dieſes Mal in flehendem Tone. Matteo verſuchte es nun, ein paar Schritte vorwärts zu tappen, ſtieß aber ſogleich an einen Gegenſtand, der klirrend umfiel und über den er ſelbſt faſt geſtürzt wäre. Er erinnerte ſich jetzt, daß er beim Hinwegräumen des Schuttes noch einige ſchwach glimmende Kohlen bemerkt hatte, und ſuchte nun nach denſelben. Er war auch ſo glücklich, noch eine derſelben zu finden, und benutzte ſie, um einige Spähne, die er von einem halb verbrannten Balken losgeſchnitten hatte, anzuzünden, mit denen er nun den finſtern Raum wieder betrat. Nun ſah Matteo, daß Fano im Hintergrunde des Kellers, der ſo gefürchtete Fano, kraftlos zuſammengebrochen halb ſaß, halb lag, in dem einen Arme ein Kind haltend, das ſchon halb Leiche zu ſein ſchien. Fano's Geſicht war von Rauch geſchwärzt, es ſchien wie ver⸗ zerrt, ſo daß es faſt nichts Menſchliches mehr an ſich hatte. Auch das Kind war geſchwärzt, deſſen Kleidung, wie die Fano's, verſengt. uſtänden Raumes, den, aus u 8s?“ 4 ber man ommen?“ uſch, als ren. Es vielleicht O, dieſe nme ver⸗ ume ver⸗ nxpen, nfiel und Schuttes uchte nun ſelben zu nem hab denen er lers, der halb lag, de zu ſein 3 wie ver⸗ te. Auch verfengt. 259 Neben Fano lagen einige zerbrochene Glasflaſchen und um⸗ geſtürzte Steinkrüge, welche er wohl bei ſeinen Bewegungen um⸗ geworfen und theilweiſe zerbrochen haben mochte. Fano richtete ſich auf und ſtarrte Matteo an. Seine erſte Frage war: „Sind noch dieſe verfluchten Hunde, die Gensd'armen, in der Nähe?“ Matteo entgegnete, daß er keinen von ihnen mehr geſehen habe, und wenn noch welche in der Umgegend wären, er wohl nicht hier ſein würde. „Gut, dann hilf mir fort!“ rief Fano und richtete ſich mit Anſtrengung noch weiter auf, dabei aber immer noch mit dem ge⸗ ſunden Arme das Kind an ſich preſſend. Fano's Stöhnen verrieth aber, daß jede Bewegung ihm Schmerz machen mußte, ein Schmerz, den ganz zu vermeiden ſelbſt ſeine rieſige Willenskraft nicht hinreichend war, wie das ihm entſchlüpfende ſchmerz⸗ liche Stöhnen, das Zucken ſeines Geſichts zeigte. Der rechte Arm war ganz unbrauchbar. Matteo trat zu ihm und ſuchte ihn beim Aufſtehen zu unter⸗ ſtützen; er wollte ihm deshalb das Kind abnehmen.— Allein Fano wehrte es ihm. „Nein, nein,“ rief er heftig, indem er das Kind an ſich preßte, „die Hand vom Kinde! Willſt Du es mir rauben?— Das Kind laſſe ich nicht!“ Matteo glaubte in dem erſten Augenblicke, der Räuber rede im Wundfieber, und ſchaute ihn betroffen an. „Was haſt Du nur, Fano?“ fragte er dann.„Wer ſpricht denn davon, Dir das Kind zu rauben?— Pah, ich hätte eben die wenigſte Luſt, mich viel mit Kindern zu ſchleppen. Aber ich will das Kind in die friſche Luft ſchaffen, denn ſonſt ſtirbt es, ehe es hinaus kommt, wenn es nicht gar ſchon todt iſt.“ Fano fuhr bei dieſen Worten Matteo's zuſammen und warf einen finſter forſchenden Blick auf das Kind. „Todt, ſagſt Du?“ ſchrie er Matteo an.„Der Teufel gab Dir dieſes Wort ein.— Dieſes Kind iſt nicht todt!— Es kann und ſoll nicht ſterben; ich will es nicht. Dieſes Kind iſt ein Schatz, den 17⸗ ich mir bewahren muß.— Komm, hilf mir auf, damit ich nur hinaus komme.“ Er machte eine gewaltige Anſtrengung, ſich aufzurichten, und ſeiner Willenskraft gelang es, für einige Minuten die Körperſchwäche zu beſiegen und mit Hilfe Matteo's auf die Beine zu kommen. Er hatte dabei das Kind in ſeinem Arme keinen Augenblick losgelaſſen. Geſtützt auf Matteo, das Kind feſt an ſich gedrückt, verließ Fano wankenden Schrittes die Höhlung, die ihm Zuflucht gewährt hatte, durchſchritt den Schutt ſeiner Hütte und machte dann noch etwa zwanzig Schritte vorwärts. Weiter aber konnte er nicht, denn die Körperſchwäche, der Schmerz der Wunde machten ſich geltend, laut ſtöhnend brach er zuſammen und ſank auf den Raſen nieder. „Waſſer! Waſſer!“ ſeufzte er. In einiger Entfernung von der Hütte floß ein kleiner Bach vorüber und Matteo redete Fano zu, ſeine Kraft zuſammen zu nehmen und noch bis zum Bache zu gehen, wo er ſeinen Durſt löſchen und dann ſeine Wunde waſchen könne und wo er auch Gelegenheit habe, das Kind zu baden, wodurch daſſelbe ſchneller zum Leben erweckt werden würde. Fano wollte wohl, denn er ſah ein, daß Matteo's Vorſchlag der beſte ſei, aber ſchon hatte er die Kraft nicht mehr, die zwei⸗ hundert Schritte bis zum Bache zurückzulegen. Er richtete ſich zwar, unterſtützt von Matteo, auf und ſchleppte ſich einige Schritte vor⸗ wärts, allein dann ſank er immer wieder zuſammen und ſtöhnte und ächzte, ſo daß es Matteo, der ſich allein mit dem Manne abquälen mußte, faſt ſchauerlich zu Muthe werden wollte. Mit großer Anſtrengung hatte Matteo endlich den Mann auf die Hälfte des Weges vorwärts gebracht, dann aber wollte es gar nicht mehr gehen. Es würde ſchneller und beſſer gegangen ſein, wenn Fano ſich hätte entſchließen können, das Kind, welches er mit dem geſunden Arme immer noch feſt an ſich gepreßt hielt, Matteo zu übergeben, aber ſo oft es ihm auch Matteo anbot, das Kind an ſeiner Statt zu tragen, und es ihm vorſtellte, daß ſie dann ſchneller den Bach erreichen würden, ſo oft hatte auch Fano dieſes mit Heftigkeit ver⸗ weigert. Mal. „ Hör Cs i das 1 aher 1 reichen raube ¹ Stim h nur „ und wäche en. Er Aaſſen. verließ ewährt noch denn eltend, jeder. Bach nehmen en und t habe, erweckt erſchlag le zwei⸗ hzwar, te vor⸗ te und quälen inn auf es gar no ſich ſunden rgeben, Statt n Bach eit ver⸗ — —— ——— ——— 261 „Das Kind kommt nicht aus meiner Hand,“ ſtöhnte er jedes Mal.„Es iſt mein Schatz!“ Als er aber jetzt wieder zuſammengeſunken war, da ſtöhnte Fano: „Ich kann nicht mehr!“ „Das Kind iſt Dir jetzt zu ſchwer,“ ſagte da Matteo wieder. „Höre endlich auf ein vernünftiges Wort und laſſe es mich tragen. Es iſt bei mir jetzt ſicherer als bei Dir. Fällſt Du, ſo könnteſt Du das Kind beſchädigen.“ „Ich kann das Kind nicht laſſen!“ ſtöhnte Fano mit matter, aber doch zorniger Stimme.„Verſuche mich nicht!“ „Thor,“ entgegnete Matteo,„kennſt Du mich denn nicht hin⸗ reichend genug, um zu wiſſen, daß ich Dich des Kindes nicht be⸗ rauben werde?“ „Wer weiß! Wer— weiß!“ murmelte Fano mit brechender Stimme. „Du ſprichſt im Fieber,“ ſagte Matteo. „Verflucht!“ knirrſchte Fano. Wieder machte er eine verzweiflungsvolle Anſtrengung, ſich zu erheben, doch vermochte er es nicht. „Meine Glieder ſind wie lahm,“ ſtöhnte er.—„Meine Knochen brechen!— O, die hölliſche Kugel!— Die Peſt“— Wuth knirrſchend lehnte ſich Fano zurück.— Nach einer Pauſe ſtöhnte er wieder: „Waſſer!— Bei allen Heiligen, Waſſer!“ Matteo redete ihm zu, ihm nun endlich das Kind zum Tragen anzuvertrauen, dann ſich an ihn anzuhalten, und ſo werde es wohl gehen, daß ſie ſchneller den Bach erreichten und dort könnten ſie ſich erfriſchen.. Fano führte erſt einige wirre Reden, dann aber ſchien ihm die volle Beſinnung wiederzukehren. „Matteo,“ begann er,„kannſt Du treu ſein?“ „Weißt Du das noch nicht,“ entgegnete Matteo.„Würde ich Dich ſonſt gerettet haben?“ „Gerettet?— Du that'ſt es vielleicht nur wegen dem Kinde.— Du weißt wohl“— Fano unterbrach ſich, ſtöhnte, ſtieß einen Fluch aus und ſchwieg dann. 262 „Nichts weiß ich,“ entgegnete ihm Matteo.„Zum Henker, was iſt denn eigentlich mit dieſem Kinde?“ „Still, ſtill!“ war Fano's Antwort. Es entſtand wieder eine Pauſe. „Waſſer!— Waſſer!— Ich verbrenne!“ ächzte dann Fano wieder. Jetzt entſchloß ſich Matteo.— Er wollte zum Bache eilen, Waſſer holen und ſagte dieſes Fano. Fano aber ſchien keinem Menſchen mehr zu trauen, auch Matteo nicht, ſo gut er denſelben auch ſonſt als treuen Gefährten kennen gelernt haben mußte. „Kommſt Du auch wieder?“ fragte er argwöhniſch. „Gewiß!“ „Wirſt Du mich auch nicht?“— „Fano,“ rief jetzt Matteo ungeduldig,„Du mußt im Fieber ſprechen, wie kämſt Du ſonſt zu ſolcher Frage?“ „Matteo,“ kreiſchte jetzt Fano mit furchtbarer Stimme, wenn Du mich verlaſſen oder gar verrathen wollteſt, ſo ſollte Dich mein tauſendfacher Fluch treffen; mein Geiſt würde Dich verfolgen und Dir das Blut aus den Adern ſaugen, und auf ewig ſollteſt Du dann in der unterſten Hölle brennen, aus der keine Erlöſung mehr iſt.“ Furchtbar klangen dieſe Worte Fano's, ſo furchtbar, daß Matteo unwillkürlich ein Kreuz ſchlug. „Waſſer! Waſſer!— Geh'!“ Matteo eilte zum Bache.— Er flog mehr, als daß er ging.— Er hatte kein Gefäß, ſo ſchöpfte er das Waſſer in ſeinen Hut und flog dann in vollem Laufe zu Fano zurück. Fano dachte erſt an das Kind in ſeinem Arme. Er legte es auf ſeinen Schooß und beſprengte ſein Geſicht mit Waſſer und dann erſt trank er ſelbſt; gierig ſuchte er den letzten Tropfen aus dem Hute zu ſaugen. Aber ſein Durſt war dadurch nicht gelöſcht, er ſchien vielmehr nur geſteigert. „Das iſt ein Tropfen auf glühendes Eiſen!“ ſeufzte er.„Mehr! mehr!“ Mit zitternder Hand reichte er Matteo den Hut wieder hin. Abermals verſuchte es da Matteo, Fano durch Zureden zu beſtimmen, ſeinen Vorſchlag anzunehmen, ihm das Kind anzuvertrauen und ſich ricn f Qual des Viel für welch welches aber ſcht „E nicht het „Mi ,80 „Gu ſtreckend, der Höll Gegenthe zuftieden Far aber, do „R feſt an gehen, wäre D 7 M leichter emporri an ihn laubten G erreicht, ſtillen zuwande hell ger ordentli und za Er ſch Hauſe was Tano eilen, Natteo ennen Fieber wenn mein n und dann r iſt.“ Natteo en zu trauen — ——— 263 und ſich dann auf ihn zu ſtützen, wo ſie dann den Bach eher er⸗ reichen könnten, während jetzt Fano nur liegen bleiben und in der Qual des Durſtes vergehen müſſe. Vielleicht war es das in ſeinen Eingeweiden wüthende Feuer, für welches er keine Linderung ſonſt wußte, als am Bache ſelbſt, welches Fano endlich beſtimmte, Mattev's Vorſchlag anzunehmen; aber ſchwer mochte ihm dieſes werden. „Schwöre mir, Matteo,“ ſprach er mit heiſerer Stimme,„mich nicht betrügen zu wollen.“ „Mir fällt das gar nicht ein!“ entgegnete Matteo. „Schwöre es!“ rief Fano. „Gut, ich ſchwöre es,“ ſagte Matteo, die Hand in die Höhe ſtreckend,„ſchwöre bei den Heiligen des Himmels und den Teufeln der Hölle, daß ich Dich des Kindes nicht berauben will, ich will im Gegentheil Alles thun, es am Leben zu erhalten.— Biſt Du nun zufrieden?“ Fano ſagte nichts, er nickte nur mit dem Kopfe, duldete es aber, daß Matteo das Kind aus ſeinem Arme nahm. „Richte Dich nun auf,“ ſagte Matteo jetzt,„halte Dich recht feſt an mich, beiße die Zähne zuſammen und dann wird's ſchon gehen, daß wir in ein paar Minuten beim Waſſer ſind!— Dann wäre Dir doch ſo weit geholfen, Fano.“ „Ja, ſo weit!“ ſeufzte Fano. Matteo hatte übrigens Recht, wenn er geſagt, daß es nun leichter gehen werde, denn Fano konnte ſich nicht nur leicht an ihm emporrichten, ſondern auch mit dem noch geſunden Arme ſich feſt an ihn klammern, ſo feſt, als ſeine ſtark geſchwundenen Kräfte es er⸗ laubten, und er wurde dabei noch von Matteo unterſtützt. In fünf Minuten hatten ſie denn auch den Rand des Baches erreicht, wo Fano dann leichter ſeinen brennenden Durſt etwas ſtillen konnte, während Matteo ſeine Aufmerkſamkeit dem Kinde zuwandte, welches er auf das Sorgſamſte abwuſch. Die Nacht war hell genug, um ihn erkennen zu laſſen, daß das Kind eine außer⸗ ordentlich weiße Geſichtsfarbe habe, daß die Haut des Kindes weicher und zarter war, als gewöhnlich, das belehrte ihm das Gefühl.— Er ſchloß daraus, daß das Kind aus ganz beſonders vornehmem Hauſe ſein müſſe. Die Kühle des Waſſers ſchien dem Kinde wohl zu thun, denn nachdem erſt der Athem kaum merklich geweſen war und er oft geſtockt hatte, als wolle er ganz aufhören, damit den gänzlichen Stillſtand der Lebensuhr andeutend, wurde er ſtärker und gleich⸗ mäßiger und Matteo konnte Fano ſagen, daß das Kind, für das er ſo viele Sorge hegte, ſich zu erholen anfange und, wenn es nur etwas Milch bekommen könne, in kurzer Zeit ganz munter ſein werde; Milch aber ſei ſchon aufzutreiben, denn in der Umgebung ſeien Ziegen vorhanden. „Dank den Heiligen,“ murmelte Fano.—„Tauſend“— Aber wieder unterbrach er ſich ſchnell, als fürchte er, es könne ihm ein Wort zu viel entſchlüpfen.— Welchen Gewinn er von dieſem Kinde zu ziehen hoffte, das wollte ſeine gelddurſtige Seele ganz allein für ſich behalten, Niemand ſollte es erfahren, nicht der ihm am nächſten Stehende, damit Niemand in Verſuchung komme, ihm dieſes werthvolle Kleinod rauben und den davon gehofften Ge⸗ winn für ſich benutzen zu wollen. Fano ließ ſich das Kind wiedergeben und dann drängte er Matteo, daß er eile und etwas Milch und andere Nahrungsmittel für den Kleinen herbeiſchaffe. An ſich ſelbſt dachte Fano in dieſem Augenblicke nicht; er war ganz zufrieden, daß er das immer gleich⸗ mäßiger athmende Kind in ſeinem Arme und das Waſſer in ſeiner Nähe hatte. Matteo eilte davon, ſo ſchnell er vermochte, um Milch zu holen, und nach wenigem Suchen gelang es ihm auch, in der Hütte eines Bekannten nicht nur eine Ziege, ſondern ſogar eine noch ganze, gläſerne Flaſche zu finden, in welche die Milch gefüllt wurde. Mit dieſer Beute eilte Matteo nach der Stelle zurück, wo er den ver⸗ wundeten Räuber verlaſſen, und fand dieſelbe auch ohne Schwierigkeit wieder. Fano erwartete Matteo mit ſchmerzlicher Ungeduld. Die Zeit war ihm furchtbar lang geworden; er hatte gefürchtet, Matteo werde nicht zurückkommen, und da er nach ſeiner Meinung ſo lange aus⸗ blieb, hatte er wieder den Gedanken gefaßt, derſelbe ſei treulos geworden, gehe hin, ihn zu verrathen, und wenn er zurückkehre, werde dieſes nur in Begleitung von Gensd'armen geſchehen, die ſich ſeiner bemächtigen und ihm das Kind entreißen ſollten. es verſu durch di denn er Als kämen, Flüche derben, Hand ho zu führe Man ſuchte ih Das mochte e⸗ klagte u zu trinke Da Matteo ihm aus klärlich, ———— 2 265 So mächtig war dieſe Befürchtung bei Fano geworden, daß er es verſuchte, ſich dem ihm nach ſeiner Anſicht drohenden Schickſale durch die Flucht zu entziehen, wozu ihm freilich alle Kraft fehlte, denn er hatte ſich nur eine kurze Strecke fortſchleppen können. Als Matteo zurückkehrte, wähnte Fano erſt, daß Gensd'armen kämen, und Matteo nicht ſofort erkennend, brach er in die wildeſten Flüche aus und drohte Jedem, der ihm nahen würde, mit Ver⸗ derben, obgleich er keine Waffen, nicht einmal ein Meſſer bei der Hand hatte und er nicht einmal die Kraft beſeſſen hätte, eine Waffe zu führen. Matteo erkannte wohl, daß Fano in der Fieberhitze ſprach, und ſuchte ihn zu beruhigen, was ihm aber nur ſchwer gelang. Das Kind war unterdeſſen gänzlich zum Leben erwacht, doch mochte es eben ſo viel Hunger, als Schmerzen empfinden, denn es klagte und wimmerte, ward aber ruhiger, als Matteo ihm Milch zu trinken gegeben. Dagegen ſchien ſich Fano's Zuſtand zu verſchlimmern, denn Matteo fühlte, daß deſſen Geſicht heiß glühte und daß heißer Athem ihm aus Fano's Munde entgegen wehte, und ſo war es ihm er⸗ klärlich, daß der Verwundete ſo häufig irre redete. In dieſen Phantaſieen ſprach Fano ſtets von dem Kinde, das ihm überliefert worden; dann von Gensd'armen, von Kugeln, die ihn träfen, von Flammen, die ihn verzehren wollten. Dabei ward ſeine Stimme ſo oft ſtockend, der Athem ſchien ihm häufig und häufiger zu verſagen und wie es Matteo vorkam, ging der Athem bisweilen in Röcheln über. Matteo wurde dabei zuletzt bange, als er ſo einſam mit Fano und dem Kinde hier in der Nacht weilte, und er ſehnte ſich danach, daß noch Jemand herbeikomme, der ihm helfe, den Verwundeten zu beruhigen und nach einem ſicheren Zufluchtsorte zu bringen. Wenigſtens Tag hätte es ſein mögen, denn Matteo hoffte, daß die Stunden des Tages nicht ſo endlos langſam vorübergehen wür⸗ den, wie die Nachtſtunden; auch konnte er dann ja deutlich ſehen, wie es eigentlich um Fano ſtand und wie deſſen Wunde eigentlich beſchaffen war. Matteo verſuchte es einige Male, von Fano Auskunft über das Kind zu erhalten, und ganz beſonders war er neugierig, zu 266 wiſſen, welcher Art denn eigentlich das Intereſſe ſein möge, das Fano auf ſo lebhafte Weiſe für das Kind ausſprach. Doch ſeine darauf bezüglichen Fragen blieben erfolglos, er konnte aus den oft wirren Reden Fano's nur ſo viel entnehmen, daß der Gewinn einer bedeutenden Geldſumme wohl mit dem Knaben zuſammenhänge. Da er Fano's unerſättlichen Gelddurſt kannte, ſo konnte Matteo wohl ſicher ſein, daß es ſich eben nur um Geld drehte. Endlich ſchwand das nächtliche Dunkel, der Morgen brach an und die Gegend hellte ſich ſchnell auf. Matteo's erſter Blick fiel auf Fano und er ſchauderte unwill⸗ kürlich bei deſſen Anblick zurück, denn ſein Geſicht hatte ſich ſo gänzlich verändert, daß er kaum mehr kennbar war. Eingeſunken waren die Augen und deren Blick war halb ge⸗ brochen, auch das Geſicht zeigte ſich verfallen und ſeine Züge waren tiefer gefurcht, als ſonſt und das Haar hing wirr um die tief ge⸗ faltete Stirn und die eingeſunkenen und fahlen Wangen. Die Kleidung zeigte überall Spuren des Brandes, ſie war ſtellenweiſe gänzlich durchgeſengt, und andere Stellen waren mit dunklen Flecken bedeckt, die ſich ſogleich als Blutflecke erkennen ließen. Nun machte ſich Matteo daran, die Wunde Fano's aufzuſuchen. Fano war in einen Zuſtand der Betäubung geſunken, in welchem er, völlig willenlos, mit ſich machen ließ, was Matteo wollte, und dieſer benutzte dieſes, Fano zu unterſuchen, um Gewißheit darüber zu er⸗ halten, ob es überhaupt nöthig wäre, ſich mit Fano viele Mühe zu geben und auf deſſen Fortſchaffung nach irgend einem ſicheren Orte zu denken, oder ob man ihn ruhig hier ſeinem Schickſale überlaſſen könne, gewiß, daß ſich daſſelbe ſchnell entſcheide. Als Matteo das von Blut getränkte Hemde, welches an den Körper anklebte, mit vieler Mühe entfernt hatte, da erkannte er, wie ſchwer die Wunde war und wie gefährlich der ganze Zuſtand. Der von der Kugel getroffene und ein Theil der Bruſt Fano's zeigte ſchon alle Spuren des Brandes, der entſtanden war, weil die Wunde ſo lange ohne alle Pflege geblieben war und Fano ſich auch während der ganzen Zeit in höchſter Aufregung befunden haben mußte.— Der Verwundete war verloren: dieſes war Matteo ſofort klar. „8 büſe mi hrennt!“ G Kind E „T Er ihm au einem l „F ſagen, ob Du W „V Ab er, was entfuhr Ratteo ——— 267 „Fano,“ ſagte er da voll Erſchütterung,„die Kugel hat es böſe mit Dir gemeint.“ Fano antwortete nicht, er befand ſich noch in einem Zuſtande vollſtändiger Bewußtloſigkeit. Matteo rüttelte ihn und Fano ſchlug jetzt die ſchon halb ge⸗ brochenen Augen auf, Matteo mit gläſernem Zlicke anſtarrend. „Fano!“ rief Matteo. „Was ſoll ich Dir, Teufel?“ entgegnete Fano ſtöhnend. „Beſinne Dich doch,“ ſagte Matteo.„Ich bin es ja, Matteo!“ Fano ſtarrte ihn einige Minuten an; die Beſinnung ſchien ihm langſam zurückzukehren. „Matteo,“— ächzte er dann und fügte hinzu:„O, wie das brennt!“ „Es iſt Dein Letztes,“ ſagte Matteo.„Haſt Du mir über das Kind Etwas zu ſagen, ſo thue es ſchnell, weil Du es noch kannſt.“ „Was, Schurke, willſt Du mich ausforſchen?“ ſchrie Fano. Er ſuchte ſich aufzurichten, griff nach dem Kinde, das neben ihm auf dem Raſen eingeſchlummert war, ſank aber ſogleich mit einem lauten Schmerzensſeufzer wieder zurück. „Fano,“ drängte Matteo wieder,„haſt Du noch Etwas zu ſagen, ſo folge meinem Rathe und thue es bald, denn wer weiß, ob Du es in der nächſten Stunde noch kannſt!“ Wieder ſtarrte Fano den Dränger an. „Verräther!“ lallte er dann. Aber Matteo ließ nicht nach, er drängte Fano wiederholt, daß er, was er noch zu ſagen haben könnte, ſchnell ſagen möge, und es entfuhr ihm das Wort„ſterben!“ Dieſes Wort aber traf Fano wie ein tödtlicher Stich. „Sterben?“ heulte er laut auf.—„Verräther!— Ich kann,— ich— will nicht ſterben!“ Seine Augen flammten dabei in gräßlichem Feuer. Ein letztes Aufflammen der Lebenskraft war es wohl. Im nächſten Augen⸗ blicke verloſch dieſes Feuer, und das oben noch gewaltſam empor⸗ gehobene Haupt ſank kraftlos zurück. „Das Kind— tauſend— tauſend,“— ſtammelte er und griff mit der geſunden Hand um ſich, als ſuche er nach dem Kinde. —— 268 1 Matteo ſah, daß Fano's Ende ſchneller nahe, als er gedacht hatte; er ſah das Zucken und hörte das Röcheln des Verwundeten und ihm ſchauderte. Er ſchaute ſich um, ob denn nicht Jemand erſcheine, der ihm beiſtehe, denn es war ihm ſchrecklich, ſo allein mit dem Sterbenden zu ſein. Er konnte ihm nicht helfen, wußte überhaupt keinen Rath. „Willſt Du nicht beichten, Fano?“ fragte Matteo.„Soll ich gehen und einen Mönch ſuchen?“ „Was?“— ſtöhnte Fano.—„Denkſt Du— ich— ſterbe?— Nein, ich will— nicht— ſterben!“ Seine Stimme verklang matt in dumpfem Röcheln. Plötzlich riß ſich Fano noch einmal empor.— „Das— Kind!“ ſtöhnte er.„Jeſu— tau— ſend!“ Er griff wieder krampfhaft umher nach dem Kinde, an das und an den Gewinn, der ihm durch daſſelbe in Ausſicht geſtellt war, ſeine letzten Gedanken ſich klammerten. Aber Matteo hatte das Kind ſchon aus der Nähe des krampfhaft um ſich greifenden Sterbenden genommen. „Fluch!“ klang es nochmals von den Lippen des Räubers. Dann aber ſtarrten die Augen Fano's plötzlich gläſern und regungslos zum Himmel, vom Blute gerötheter Schaum trat vor den Mund, einen Moment zuckten die Glieder des Sterbenden krampf⸗ haft umher; dann ſtreckten ſie ſich; Fano hatte geendet. Matteo ſprang beſtürzt auf.— Daß der Tod eintreten würde, war ihm wohl gewiß geweſen, daß es aber ſo ſchnell geſchehen würde, kam ihm unerwartet. Es wollte den Mann ein Grauſen beim Anblick der Leiche be⸗ ſchleichen, er ergriff das wieder unruhig werdende Kind und floh davon, ſo ſchnell als er vermochte. Im Oſten flammte die Morgen⸗ röthe empor, dann hob ſich langſam die Sonne und überfluthete mit ihrem Schimmer hell und goldig die Gegend, und ihre Strahlen trafen auch das verzerrte blaſſe Leichenantlitz Fanoe deſſen Körper dort am Bache ausgeſtreckt lag. Matteo hatte ſein Weib aufgeſucht und deinſelben das Kind übergeben, damit daſſelbe verpflegt werde. Er ſelbſt verſah ſich mit einer Hacke und einer Schaufel und begab ſich nach der Stelle, wo er die Leiche Fano's gelaſſen. M daran, und di Steinbl zu mas Er bed bet un I deshalt ſtattung der Br ferſchun beginne M fand er ließen, ſein, o verborg 8 mit W Alles, giemlig zu gele entfern donnte. bereits naueſte erhalte von g hinterl ordent vorne ſich ſo es ang wußte oll ich rbe?— das und t war, amyhaft bers. ern und trat vor krampf⸗ würde, eſchehen eiche be⸗ und floh Morgen⸗ rfluthete Strahlen Körper as Kind ſih mit telle, wo 269 Matteo fand die Leiche noch dort und machte ſich nun mit Eifer daran, derſelben ein Grab zu bereiten, ehe noch Jemand hinzukomme, und dieſes gelang ihm auch, da in der Nähe zwiſchen ein paar Steinblöcken ſich eine Vertiefung befand, welche er nur etwas tiefer zu machen brauchte, um dann den Leichnam hinein legen zu können. Er bedeckte denſelben mit Erde und Steinen, ſprach ein kurzes Ge⸗ bet und machte ſich dann an das Weitere. Matteo wollte ſich nämlich zum Erben Fano's machen, und deshalb hatte er auch Niemanden zu Hilfe gerufen bei der Be⸗ ſtattung Fano's. Als dieſe beendet war, begab er ſich ſogleich nach der Brandſtelle von Fano's ehemaliger Wohnung, um ſeine Nach⸗ forſchungen nach Schätzen, die er daſelbſt verborgen vermuthete, zu beginnen, ehe noch Andere in gleicher Abſicht ſich einſtellten. Matteo's Erwartungen wurden indeſſen getäuſcht, denn an Geld fand er nichts vor, und einige Schmuckgegenſtände, die ſich auffinden ließen, hatten keinen großen Werth, und es konnte gar nicht anders ſein, als der goldgierige Fano hatte ſeine Beute auf eine Weiſe verborgen, daß deren Auffindung nicht ſo leicht möglich war. So waren nur einige Waffen, ein paar Fäßchen und Flaſchen mit Wein und verſchiedenen Kräuterſäften und einige Lebensmittel Alles, was Matteo ſtatt der gehofften großen Geldſummen fand.— Ziemlich getäuſcht in ſeinen Erwartungen, aber mit dem Entſchluſſe, zu gelegener Zeit noch einmal die Brandſtelle genau zu durchſuchen, entfernte ſich Matteo und nahm mit, was er einſtweilen mitnehmen konnte. Als Matteo in ſeine Hütte zurückkam, hatte ſeine Frau ſich bereits mit dem Kinde viel zu ſchaffen gemacht und es auf's Ge⸗ naueſte unterſucht, wobei ſie auch den Streifſchuß, den das Kind erhalten hatte, gefunden, der indeſſen nach dem Urtheile Matteo's von gar keiner großen Bedeutung war, wenn er auch eine Narbe hinterlaſſen würde. Aus der Kleidung und Wäſche des Kindes, die von außer⸗ ordentlicher Feinheit waren, ſchloß das Ehepaar, daß das Kind von vornehmer Abkunft ſein müßte, aber ein beſonderes Kennzeichen fand ſich ſonſt nicht, weder am Körper noch an der Kleidung, außer daß es an einem ſeidenen Bande ein kleines Kreuzchen am Halſe trug. —— „Fano ſprach immer von tauſend und zehntauſend,“ ſagte Matteo ſinnend.„Was er damit meinte, wiſſen wir nun freilich nicht, aber es könnte doch ſein, es hätte auf den Jungen da Bezug und es bedeute Geld. Ich dächte, wir behielten den Jungen da bei uns und zögen ihn auf, wie es eben gehen will, vielleicht kommt dann einmal durch ihn eine Summe Geldes in's Haus.“ So geſchah es auch. Der Knabe— die Hinterlaſſenſchaft Fano's— blieb in der Hütte Matteo's, wurde Luigi genannt und gleich dem eigenen Kinde erzogen. Weder Matteo, noch ſeine Frau gaben ſich irgend eine Mühe, etwas von der Abkunft des Knaben zu entdecken, und überdies verließen ſie ſchon in den erſten Wochen die Gegend und zogen tiefer in das Gebirge und wechſelten im erſten Jahre den Wohnſitz mehrere Male. Weil das Ehepaar nicht im Geringſten wegen dem Knaben Er⸗ kundigungen einzog, erfuhr es auch ſpäterhin nichts, und bald war wohl überhaupt vergeſſen geweſen, daß ein Knabe geraubt worden. Man vergaß dieſes umſomehr, als ja das geraubte Kind mit Fano in der Hütte untergegangen ſein ſollte.— Was hätte man nach Todten noch viel forſchen ſollen, wenn man deren Tod für gewiß hielt? Luigi war ſo aufgewachſen, wie die Kinder von Leuten auf⸗ wachſen, die mehr im Felde und auf den Bergen leben, als im eigenen Hauſe, die jetzt einige Monate vielleicht ihre Heerden in und auf den Bergen weiden, dort in elender Hütte, entfernt von aller Bequemlichkeit, wie ſie das Leben angenehm zu machen ver⸗ mag, Wochen hintereinander leben, ohne in Verkehr mit anderen Menſchen zu kommen, wenn nicht etwa ganz in der NRähe ein paar andere Hirten ihre Weideplätze gewählt haben, mit denen ein ge⸗ legentlicher nachbarlicher Umgang gepflegt wird, oder mit denen in Gemeinſchaft ein Raubzug, ein Wegelagererſtückchen ausgeführt wird, an dem dann Diejenigen, welche den Anfall verübt haben, ſo un⸗ ſchuldig ſich ſtellen, als wie das Licht der Sonne. Da die Frau ſehr häufig ihrem Gatten Matteo auf die Weide⸗ plätze folgte, ſo nahm ſie natürlich auch Luigi mit ſich und dieſer lebte nun ſo mit ſeinen Pflegeeltern in der Wildniß, ſeine Geſpielen waren dann gewöhnlich die Schafe und Ziegen der Heerde und die Hunde des Pflegevaters, bisweilen wohl auch ein Knabe, den Matteo Matteo nich, g und dei uns t dann enſcaft mnt und ie Frau Knaben Wochen ten im den Er⸗ Id war worden. it Fano an nach gewiß en auf⸗ als im reen in ent von een ver⸗ anderen in paar ein ge⸗ enen in t wird, ſo un⸗ Weide⸗ d dieſer eſpielen und die Matteo 271 manches Mal zur Unterſtützung beim Weiden der Heerde benutzte. Nur ſelten kam es da vor, daß Luigi zu ſolchen Zeiten Geſellſchaft von Altersgenoſſen hatte.— Dieſes geſchah hauptſächlich nur dann, wenn in der rauheren Jahreszeit die Hirten das Innere des Ge⸗ birges verlaſſen hatten. Dieſes Leben trug aber weſentlich dazu bei, den Körper des Knaben zu kräftigen und ſeine Geſundheit zu feſtigen und ihn geübt in allen Leibesübungen zu machen. Kein Baum war Luigi zu hoch, er ſtieg hinan und wiegte ſich kühn in dem Wipfel deſſelben; er erklimmte die ſteilſten Felſen mit der Gewandtheit einer Gemſe, und im Laufen und Ringen zeigte er ſich gleichfalls als Meiſter. Nach der Art der Bewohner jener Landſtriche lernte Luigi auch die Waffen zeitig führen, das Stilett, die lange Flinte, die Stein⸗ ſchleuder. Mit allen dieſen Waffen traf er ſein Ziel ſicher. Matteo, der dieſe Ausbildung ſeines Pflegeſohnes ganz allein ſeiner Unterweiſung zuſchrieb, war ſtolz auf ſolch' einen Zögling und prophezeite ihm, daß er noch einmal ein zweiter Fano werden könnte. Allein für ein ſolches Ziel ſchien Luigi doch wenig Sinn zu haben, denn obgleich Matteo ſich zeitig genug bemühte, ihm Geſchmack an der Sache beizubringen und ihn deshalb erſt bei kleinen Bri⸗ gantenzügen, dann größeren mitnahm, erſt mehr als Zuſchauer, dann auch als handelndes Glied, ſo hielt ſich Luigi doch immer zurück, mehr vertheidigungsweiſe. Er zeigte Liſt, Muth und Kalt⸗ blütigkeit, aber ſich wenig geneigt, dieſe Eigenſchaften auf ſolche Weiſe anzuwenden, wie es die Mehrzahl ſeiner Genoſſen machten. Kam er in Gefahr, ſo daß er ſich vertheidigen mußte, dann that er es mit aller Ruhe und Entſchloſſenheit und gebrauchte ſeine Waffen dann mit jener Sicherheit, welche die Vertrautheit mit denſelben verleiht. Matteo's Beſtrebungen, Luigi da zu entſchloſſenem Angriff auf eine Reiſegeſellſchaft oder auf ein reiches Haus zu bewegen, blieben ohne vielen Erfolg. „Warum ſoll ich den Leuten, die mir nichts zu Leide thaten, etwas zu Leide thun?“ fragte Luigi immer. Solche Fragen waren unter jenen Leuten, bei denen Luigi ſich befand, allerdings etwas ganz Ungewöhnliches, denn dieſelben folgten allein der Stimme der Habſucht und hatten ſie da Ausſicht, einen guten Fang zu machen, ſo fragten ſie nicht danach, ob ſie von jenen Leuten beleidigt ſeien oder nicht; ja, Matteo meinte ſogar, im Grunde hätten jene Menſchen, welchen ſie einen Angriff zugedacht, ihnen recht ſchweres Leid zugefügt, und er ſuchte dadurch Luigi zu widerlegen. „Luigi,“ ſagte er,„Du ſiehſt die Sache eigentlich von ganz falſcher Seite an. Du ſagſt: jene Leute hätten uns nicht beleidigt?— Ich ſage: ſie haben uns beleidigt, und beleidigen uns fortwährend noch, denn es ſind reiche Leute, die das haben, was wir nicht haben, und da ſie ſich weigern, mit uns zu theilen, ſo fügen ſie uns da⸗ durch ſchweres Leid zu, und wir üben nur das Wiedervergeltungs⸗ recht, wenn wir ihnen auch Leid zufügen, dadurch, daß wir ſie zwingen, mit uns zu theilen. Leid gegen Leid!“ Luigi kannte aber den Reichthum mit ſeinen Leiden und Freuden viel zu wenig, hatte überhaupt noch keine Wünſche nach Geld und Geldeswerth, als daß er Andere und ihren Glanz hätte beneiden und den Wunſch hegen ſollen, einen Theil von ihrem Ueberfluſſe zu beſitzen, und ſo war die Philoſophie ſeines Pflegevaters durchaus nicht die ſeinige, und die Verſuche Matteo's, den jungen Menſchen dazu zu bekehren, blieben vergeblich. Wenn Matteo ſich beſtrebt hatte, ſeinem Pflegeſohne auf ſolche Art nun, nach ſeiner Anſicht, möglichſt gute Erziehung zu geben, ſo gut, als ſie ein Briganti eben brauchen konnte, ſo war doch auf der anderen Seite die Erziehung keineswegs geeignet, Luigi irgend welche Kenntniſſe beizubringen, denn Matteo konnte Luigi natürlich nichts lehren, was er ſelbſt nicht wußte. So war Luigi mit der Erwerbung von einigen anderen Kenntniſſen auf den bloſen Zufall angewieſen worden, und dieſer hatte ihn wenigſtens inſofern unter⸗ ſtützt, als er einen Bekannten fand, der in ſeinem Kreiſe für ſehr gelehrt galt, weil er— leſen konnte und es auch verſtand, zur Noth ſeinen Namen zu ſchreiben. Dieſer gelehrte Mann brachte Luigi die edle Kunſt des Leſens bei und lehrte ihn auch, Buchſtaben zu malen. Auf etwas Weiteres erſtreckt ſich die Ausbildung Luigi's aber nicht, und er galt jetzt ſchon als ganz außergewöhnlich gebildet. Ziemlich zeitig hatte Luigi ſeinen Pflegevater in dem Hirten⸗ dienſte unterſtützt. Matteo, der ſelbſt keinen anderen Grundbeſitz hau und übri ſtan ang heu der aus ſn beſt ſeihen unte ſelb ſchaf Alle Bri als jenen ar, im gdacht, digi zu on ganz digte— vährend haben, uns da⸗ ltungs⸗ wir ſie Freuden eld und beneiden berfluſſe zurchaus Kenſchen if ſolche geben, doch auf irgend atürlich mit der Zufall n unter⸗ für ſehr ur Noth te Luigi aben zu i's aber ildet. Hirten⸗ undbeſit 273 ſein nannte, als das Feldfleckchen, auf dem ſeine beſcheidene Be⸗ hauſung ſtand, beſorgte die Heerde eines größeren Grundbeſitzers und durch ihn kam Luigi in den Dienſt deſſelben Mannes, der übrigens mit den Brigantis der ganzen Provinz auf gutem Fuße ſtand und deshalb auch nichts dagegen hatte, wenn die von ihm angeſtellten Leute mit den Brigantis gemeinſchaftliche Sache machten, heute die Heerden weideten oder auf italieniſch nachläſſige Manier den Acker beſtellten, und morgen mit der Flinte auf dem Rücken auszogen, irgend ein Wegelagerungsſtückchen auszuführen, oder eine Brandſchatzung, eine Plünderung zu unternehmen. Der Mann fand ſeine Rechnung dabei, denn er hatte dadurch für ſein geſammtes Beſitzthum vollkommene Sicherheit und zugleich konnte er Anſprüche erheben, daß ihm von beſonders Gewinn bringenden Unternehmen unter der Form eines Geſchenkes ein Antheil überbracht würde, er ſelbſt hingegen durchaus in keine Gefahr kam, wegen Mitwiſſen⸗ ſchaft zur Rechenſchaft gezogen zu werden, denn da er ſtreng ſchwieg, Alles duldete, wo es gut ging, auch ſchützte, ſo waren auch die Briganti ſtreng verſchwiegen und er hatte nichts weniger zu fürchten, als von ihnen verrathen zu werden. Es war dieſes ein Verhältniß, wie es im mittleren und unteren Italien häufig zu finden iſt, und ſo ſind die Dienſtleute irgend 8. eines Grundbeſitzers— ſei es nun ein kleiner oder ein großer— heute die ehrlichſten Leute, morgen die größten Spitzbuben, über⸗ mmorgen wohl gar arge Mörder und Brandſtifter, bei denen man ein Menſchenleben um den wohlfeilſten Preis haben kann. Luigi hatte da auch oft genug Streifzügen und Wegelagerungen beigewohnt und es hatte da ſogar Zeitpunkte gegeben, wo ſein ge⸗ wöhnlicher Widerwille gegen dieſes Treiben ſo ganz ſchwand, daß er ſogar mit beſonderer Luſt an irgend einem recht abenteuerlichen Unternehmen ſich betheiligte, ganz beſonders wenn es einem herz⸗ haften Kampfe galt. Matteo hatte deshalb in der letzten Zeit gehofft, Luigi werde doch noch ſeine Erwartungen erfüllen und ein tüchtiger Briganti werden, es kam ihm vor, als befinde ſich der junge Menſch endlich auf dem Wege, welchen er einen guten nannte, und in der That war es oft ſo geweſen, als wolle Luigi von ſeinen früheren Grund⸗ ſätzen mehr und mehr abgehen. Monte Chriſto's letzter Weltgang.. 18 „* Und dennoch waren immer wieder Perioden gekommen, wo Luigi ſich mit Zeichen von Abſcheu von dem Treiben der Banditen abgewendet hatte, wo er ſich geweigert, irgendwie ſich bei einem Unternehmen zu betheiligen. So war es fortgegangen bis jetzt. Bei Albert war nun kein Zweifel mehr, daß er wirklich den Sohn des Grafen Monte Chriſto gefunden; Alles ſprach dafür und er begann nun, dem jungen Manne Enthüllungen über ſeine wirk⸗ liche Herkunft zu machen. Luigi war erſt betroffen, zweifelnd; aber das, was ihm Albert jetzt ſagte, ſtimmte ja ſo ſehr mit ſeinen Träumen überein, welchen er ſtets ſo gern ſich hingegeben, daß er zuletzt nicht Alles hätte glauben ſollen. Er hatte ſo oft von Glanz und Größe geträumt.— Jetzt waren ihm die Mittheilungen der Fremden, die Ausſichten auf Beides geboten. Warum hätte er da das Gebotene nicht freudig ergreifen ſollen? Albert erklärte nun Matteo, daß er entſchloſſen ſei, Luigi mit ſich zu nehmen, für ſeine Ausbildung, in welcher ſo Vieles zu thun ſein werde, zu ſorgen, damit er auch in Bezug auf Ausbildung des Geiſtes und des Herzens und in Bezug auf Kenntniſſe die Stellung würdig ausfülle, zu welcher er durch ſeine Geburt berufen ſei. Auch werde er den Vater Luigi's aufſuchen und ihm das Wiederfinden des verlorenen Sohnes verkünden, auf daß dieſer Sohn in alle ſeine Rechte wieder eingeſetzt werde. „Wenn der Luigi ein ſo vornehmer Herr iſt und ein ſo großes Glück machen kann,“ ſagte da Matteo,„ſo habe ich nichts dawider, und es fällt dabei vielleicht auch für mich etwas ab.“ Damit war es entſchieden, daß Luigi bei Albert blieb und ihn und ſeine Begleiterinnen auf der ferneren Reiſe begleitete. Albert ſorgte vor allen Dingen, daß ſein Pflegling, der nun wieder ſeinen wahren Namen Edmond führte, anſtändige Kleidung erhielt, und in dem modernen Coſtüme nahm ſich denn auch der junge Mann ganz ſtattlich aus, wenn auch, wie Eugenie faſt mit Bedauern bemerkte, mit der Tracht, die halb die des Hirten der Abruzzen, halb die des Briganti geweſen, auch ein guter Theil Romantik von Edmond geſchwunden war. en, wo Zanditen ei einem klich den ffür und ne wirk⸗ n Albert welchen s hätte aumt.— ten auf t freudig Luigi mit zu thun dung des Stellung ſei. Auch derfinden alle ſeine ſo großes dawider, und ihn der nun Kleidung auch der faſt mit zirten der ter Theil 275 „Als Hirt ſahſt Du aus, wie ein junger Heros,“ ſagte Eugenie, „und man konnte bei Deinem Anblicke von den Helden der Gebirge träumen.“ „Laſſen wir das, Eugenie,“ ſagte Albert.„Die Helden der Gebirge, wie Sie ſich auszudrücken belieben, mögen von ferne ganz hübſch und romanhaft ausſchauen, beſieht man ſie aber in der Nähe, ſo ſind es zuletzt nichts als höchſt gemeine Spitzbuben und nur zu oft auch Kehlabſchneider. Sie, Eugenie, haben ſich ganz gewiß ſehr wenig erbaut, als die Helden des Gebirges uns anhielten und unſer Leben vielleicht in Gefahr ſchwebte.“ Eugenie gab dieſes zu. „Laſſen wir alſo jene Helden des Gebirges,“ fuhr Albert fort, „und ſeien wir zufrieden, daß wir nicht mehr den Luigi vor uns haben, der halb Hirt und halb Bandit war, ſondern Edmond Dantes, Graf von Monte Chriſto.“ Eugenie ſtimmte bei. 184 Hiebenzehntes Kapitel. Des jungen Edmond's Erziehung. Albert ſah wohl ein, daß noch ſehr viel zu thun ſein würde, um den jungen Edmond Dantes, deſſen Erziehung ſo ganz vernach⸗ läſſigt war, ſoweit auszubilden, daß er ihn in die höhere Geſell⸗ ſchaft, zu der er nach ſeiner Geburt gehörte, ausführen konnte.— Bisher war Edmond einfacher Hirt und bisweilen Bandit geweſen und er mochte ſeine Stellung unter dieſer Geſellſchaft ganz gut aus⸗ gefüllt haben, es mochte ihm ſelbſt geſtattet geweſen ſein, dort eine hervorragende Rolle zu ſpielen, da er durch verſchiedene Kenntniſſe und Fertigkeiten, wie ſie der Zufall ihm verſchafft, die Mehrzahl ſeiner Genoſſen übertraf; allein dieſes Alles war auch im Entfern⸗ teſten nicht hinreichend, ihm den Zutritt in beſſere Kreiſe zu ver⸗ ſchaffen.— Sein Name— der Name Monte⸗Chriſto— hätte ihm wohl dieſe Kreiſe geöffnet, er wäre dort als eine ſehr intereſſante Merkwürdigkeit angeſtaunt worden, allein an dem Umgange, an der Unterhaltung hätte er nicht theilnehmen können, ohne auf jeden Schritt anzuſtoßen. Und wenn es auch Leute genug gegeben haben würde, namentlich empfindſame Damen, welche den jungen Mann denn eben wegen ſeiner Eckigkeit und Unwiſſenheit als einen Natur⸗ menſchen nur um ſo intereſſanter gefunden haben würden, ſo mußte eben dieſes den andern Theil wieder abſtoßen.— Albert kannte die Geſellſchaft zu gut, um nicht zu wiſſen, daß Edmond dann wohl eben von Denen, die ihn in ſolchem Zuſtande am intereſſanteſten fanden, im Geheimen auch eben ſo ſehr eben wegen dieſes Zuſtandes verachtet würde, wenn auch die Höflichkeit nicht geſtattete, dieſes offen auszuſprechen. Es mußte demnach Albert's Aufgabe ſein, zunächſt Edmond eine Ausbildung angedeihen zu laſſen, welche die Ecken abſchliff, und die Unviſ die ge urtheil Er ho Gaben nun b an, it innen ſei oſt allein Ungan gang. wirke, dem U Schädl würde, ernach⸗ Geſell⸗ mte.— geweſen gut aus⸗ oort eine enntniſſe Rehrzahl Entfern⸗ zu ver⸗ ätte ihm tereſſante „an der uf jeden en haben en Mann en Natut⸗ ſo mußte aannte die ann wohl ſſanteſten Zuſtandes te, dieſes mond eine f. und die — — — — 277 Unwiſſenheit durch genügendes Wiſſen zu verwandeln, damit er über die gewöhnlichen Gegenſtände und Vorkommniſſe mit Verſtändniß urtheilen und mit Verſtändniß auch alle Fragen beurtheilen könnte. Er hoffte, daß dem jungen Edmond bei ſeinen guten natürlichen Gaben und ſeinem aufgeweckten Geiſte das Studium, welches ihm nun bevorſtand, nicht ſo ſchwer werden würde, es komme nur darauf an, ihm jetzt tüchtige Lehrer zu ſchaffen. Nun meinte zwar Eugenie, Frauen ſeien die beſten Erzieher⸗ innen eines jungen Mannes und der Umgang mit gebildeten Frauen ſei oft belehrender, als alle Vorträge eines trockenen Docenten, allein Albert ließ dieſes höchſtens in Bezug auf geſellſchaftlichen Umgang, auf äußere Politur gelten und meinte ſogar, daß der Um⸗ gang mit Frauen zu Zeiten auf ein junges Gemüth ſehr verderblich wirke, es gehöre ſchon eine gewiſſe Welterfahrung dazu, um aus dem Umgange mit Frauen allein das Gute zu ziehen und das Schädliche zu vermeiden. „Frauen ſind Blumen,“ ſagte er,„die in ihren Kelchen ſüßen Honig, aber oft auch verderbliches Gift haben.“ „Sehr ſchmeichelhaft für uns Frauen,“ ſchmollte Eugenie. „Aber Ihnen, Herr Albert, muß man ſchon Mancherlei zu Gute halten..— Albert unternahm es, den jungen Edmond vorläufig ſelbſt zu unterrichten, ſo lange nämlich ſeine Reiſe durch das ſüdliche Italien und Sicilien dauerte, und Marja und ganz beſonders Eugenie unter⸗ ſtützten ihn in ſeinem Beſtreben eifrig. Eugenie zeigte ſich vor Allem eifrig, und es war, als wolle ſie ihre Behauptung:„Frauen ſeien die beſten Lehrmeiſterinnen für junge Männer,“ durch ein Beiſpiel an Edmond bethätigen. 5 „Nur nicht zu eifrig,“ warnte da Albert manches Mal lächelnd. Es war überhaupt, als ſei es ihm nicht ganz erwünſcht, daß ſich Eugenie ſo viel mit Edmond beſchäftige, und als ſuche er bis⸗ weilen Einhalt zu thun. „Ei,“ meinte Eugenie,„wir müſſen doch aus dem jungen Bären einen civiliſirten Menſchen machen.“ „Einen civiliſirten Menſchen, ja,“ entgegnete Albert,„nur keinen civiliſirten Affen. Dergleichen haben wir ſchon zu viele in unſeren 278 Salons aufzuweiſen, daß eine Vermehrung derſelben gar nicht nöthig iſt.“ „Das war wieder ein Urtheil, wie nur Sie es fällen können,“ meinte Eugenie.—„Sie wollen den armen Edmond wahrſcheinlich zu einen finſteren Weltweiſen oder gar zu einen in ſich ſelbſt zurück⸗ gezogenen Einſiedler erziehen?“ „Zu einen Menſchen, Eugenie,“ antwortete Albert und fügte dann hinzu:„Sie werden wohl zugeſtehen müſſen, Eugenie, daß man den großen Haufen zweibeiniger Geſchöpfe, der in der Welt herumläuft, an nichts denkt, als an Eſſen, Trinken, Schlafen und an ſinnlichen Lebensgenuß, der keinen Sinn für Edleres, Höheres hat und in Folge deſſen auf die alltäglichſten Fragen keine ver⸗ nünftige Antwort zu geben weiß, gar nicht unter die Menſchen rechnen kann; es ſind eben zweibeinige Geſchöpfe, dem Thiere näher ſtehend, als dem wahren Menſchen.— Zu dieſer Klaſſe ſoll Ed⸗ mond ſich nicht geſellen, er ſoll Menſch werden, das heißt: ein ſtrebſamer Geiſt, der die wahre Beſtimmung des Menſchen erkennt, und der es auch erkennt, daß die wahre Menſchenwürde nicht darin liegt, Eſſen und Trinken hinabzuſchlingen, ſinnlichem Vergnügen und dem hohlen Reichthume nachzujagen, ſondern darin, an ſeiner fortdauernden Veredelung, an Ausbreitung ſeiner Kenntniſſe zu arbeiten, durch die allein man die wahre Beſtimmung des Menſchen erkennen kann.— Nicht blos Scheinbildung ſoll ihn umgeben, nicht nur durch äußere Politur ſoll er glänzen, ſondern durch wahre Bildung ſoll er ſich auszeichnen.— Dieſen Zweck werde ich bei Edmond's Erziehung im Auge behalten.“ Eugenie erwiderte nichts darauf, mochte ſich aber doch Mancherlei denken, darunter auch das: daß ihr Albert's Erziehungsplan ſo ziemlich pedantiſch vorkomme, und auf dieſem Wege der junge Edmond kaum ein Löwe des Tages werden dürfe, ſondern nur ein recht trockener Mann. Albert verfolgte unverrückt ſeinen Weg. Er nahm nach Been⸗ digung ſeiner Reiſe für einige Zeit ſeinen Aufenthalt auf einer Villa bei Rom und verſchaffte Edmond einen tüchtigen Lehrer. Der junge Edmond zeigte ſehr glänzende Anlagen und unter geſchickter Leitung machte er ſehr gute Fortſchritte zur Freude Albert's, der darauf die beſten Hoffnungen gründete. bildun junge malig — Mont Welt eine auf weit! Name wohl daß d eigent G Gattin in Po ſprech führen welche Mann⸗ Großn Penſio Jahr gekehr einen Merce ein 90 9 dabei ſchwät feurig der ſie oft Grund 279 nicht 4 Albert begab ſich dann nach Paris und ſetzte hier die Aus⸗ nnen,“ bildung Edmond's fort. Binnen Jahresfriſt war denn auch der einlich junge Monte Chriſto ſo weit, daß in ihm wohl Niemand den ehe⸗ zurück maligen Hirten und— Briganti der Abruzzen geſucht haben würde. Vorſichtig hatte es Albert vermieden, Edmond als den Sohn dſügte Monte Chriſto's einzuführen, denn dieſes hätte die große und kleine e, diß Welt veranlaſſen können, den jungen Mann zu umdrängen, ihn als r VIt eine Art Wunder anzuſtaunen und vielleicht nachtheiligen Einfluß en und auf das junge Gemüth zu üben.— Der Name Dantes war da döheres 3 weit ungefährlicher, denn Dantes war doch ein ſehr gewöhnlicher e ver⸗ Name, den Hunderte führen konnten, und von Hundert wußte es enſchen wohl kaum Einer und dieſer nur noch als eine dunkle Erinnerung, näher daß der wahre Name des räthſelhaften Grafen Monte Chriſto ull Ed⸗ 3 eigentlich Edmond Dantes war. ßt a 3 Conſequent in ſeinen Handlungen, hatte Albert es ſowohl ſeiner eernt 4 Gattin, als Eugenie ſtreng unterſagt, Edmond's wahre Abſtammung t dari 1 in Paris bekannt zu machen, und Edmond ſelbſt hatte ihm ver⸗ gnügen 1 ſprechen müſſen, vor der Hand ganz einfach den Namen Dantes zu rſeiner führen. So wußte eigentlich nur Albert und ſeine Familie, zu iiſe n welcher auch Eugenie gezählt wurde, wen man in dieſem jungen heſben 4 Manne eigentlich vor ſich habe. Zu Albert's Familie gehörte auch eine Tochter, die nach ihrer n, nit Großmutter den Namen Mercedes führte. Dieſe hatte ſich in einer nuhre Penſion befunden, und erſt, als ihre Familie bereits faſt ein halbes ich bei Jahr wieder in Paris lebte, war ſie in das elterliche Haus zurück⸗ gekehrt. ncherli Der junge Edmond hatte bei ihrem erſten Erſcheinen ſchon ienich einen merkwürdigen Eindruck auf ſich empfunden, und die junge nd kaum b Mercedes war auch ganz geeignet, einen ſolchen für die Dauer auf rocamer ein Herz zu machen. Mercedes beſaß die orientaliſche Schönheit der Mutter und Been⸗ dabei doch die ernſten Züge des Vaters, die durch einen gewiſſen j eine ſchwärmeriſchen Ausdruck gemildert wurden. Obgleich lebhaft und ret. 4 feurig, war ſie doch fern von dem gewöhnlichen queckſilbernen Weſen id unter ddeer Mehrzahl der Franzöſinnen und hielt ſich mehr zurück, ſo daß Alberl, ſſie oft kalt und ſelbſt melancholiſch erſchien, obgleich ſie dieſes im Grunde nicht im Entfernteſten war. ———— Edmond fühlte ſich mächtig zu ihr hingezogen. Ein Gefühl war in ihm aufgewacht, das in ſeinen Jahren wohl etwas ſehr Gewöhnliches war, das er aber doch noch nicht kannte, denn der Umgang mit den Mädchen der Abruzzen hatte für ihn zu wenig Anziehendes gehabt, um das Gefühl der Liebe in ihm aufwachen zu laſſen, und ſeit er im Hauſe Albert's ſich befand, hatte er ſein Augenmerk mehr auf die Studien gerichtet, denn auf etwas Anderes. Jetzt war eine Umwandlung mit ihm eingetreten. Der Anblick Mercedes hatte dieſelbe hervorgerufen, er ſuchte ihre Nähe, ſcheute ſich aber doch wieder, ihr zu nähern; wenn er ſich aber in ihrer Nähe befand, fühlte er ſich ſo ſeltſam befangen und doch wieder ſo wohl, daß er dieſem Gefühle keinen Namen zu geben wußte. Einen weiteren Einfluß hatte der Umgang mit Mercedes auf Edmond. Bei der Unterhaltung mit ihr, die ſo fein gebildet war, erkannte er immer mehr, welche Lücken ſein eigenes Wiſſen noch hatte, und er beſtrebte ſich nun mit dem größten Eifer, dieſe Lücken auszufüllen, um in Bezug auf Bildung ihr gleichzukommen. Wenn Eugenie geahnt hätte, weshalb Edmond jetzt mit ſolcher Raſtloſigkeit ſich auf das Studium der verſchiedenſten Gegenſtände warf, weshalb er oft Tag und Nacht nicht von ſeinen Büchern wich, ſo würde ſie wohl triumphirend gegen Albert bemerkt haben, daß ſie doch Recht habe, wenn ſie behauptete, die Frauen ſeien die beſten Erzieherinnen der jungen Männer. Auch auf Mercedes war Edmond's Erſcheinen nicht ohne nach⸗ haltigen Eindruck vorübergegangen. Sie fühlte bei ſeinem Anblicke eine lebhaftere Regung ihres Herzens und wußte ſich eher über dieſe Gefühle Rechenſchaft zu geben. Der Schimmer der Romantik, der ſich um Edmond's Perſon wob, mochte einen bedeutenden Antheil an dem Auflodern der Gefühle in Mercedes Bruſt haben. Wenn auch Mercedes ſich ſelbſt bald klar war über die Ge⸗ fühle in ihrer Bruſt, ſo wollte ſie doch nicht, daß ſonſt Jemand darüber Klarheit erhalte; am wenigſten aber ſollte dieſes bei dem Gegenſtande ihrer Zuneigung der Fall ſein. Sorgſam hütete ſie ihr Geheimniß. Es war ihr daſſelbe ſüß und eben das treue Bewahren ſchien es noch ſüßer zu machen. Gegen Edmond erſchien ſie zurück⸗ haltend, oft kalt, förmlich, ceremoniös, wie man es gegen Jemand iſt, den man zum erſten Male ſieht, oder dem man ſelten begegnet, — und i könne 6 ihr E Male trafer mehr u kalt g ¹ wenig der ſe allein denen junge dem genug dieſe Herr ihr ſe denn dieſen und wenn mond it, defühl ſehr n der wenig vdachen er ſein nderes. Anblic ſcheute ihrer der ſo 8 auf twar, n noch Lüden ſolcher nſtände n wich, n, daß e beſten e nach⸗ Anblicke er dieſe niik, der Antheil die Ge⸗ Jemand bei dem e ſie ihr ewahren e zur⸗ Jemand begegnet, 281 und wenn man ſie dann beobachtete, ſo hätte wohl Niemand ahnen können, daß in ihrem Herzen die Liebe ſo recht warm glühte. So kam es, daß es nach einigen Monaten noch ſchien, als ſei ihr Edmond noch ſo fremd, wie damals, als ſie ihm zum erſten Male begegnet, und doch wohnten Beide in einem Hauſe und doch trafen ſie ſich täglich mehrere Male und befanden ſich Abends oft mehrere Stunden in Geſellſchaft zuſammen. „Wie es ſcheint, ſagt Dir der junge Herr Dantes ſehr wenig zu,“ ſagte Eugenie zu Mercedes.„Du biſt ja oft wahrhaft grauſam kalt gegen ihn.“ Mercedes war zwar wegen dieſer Bemerkung Eugeniens nicht wenig betroffen, und faſt hätte ſie durch eine leichte Verwirrung der ſcharfblickenden Freundin Anlaß zu einem Verdachte gegeben, allein ſie beherrſchte ſich noch glücklich und ſagte mit ſcheinbarer Ruhe: „Wie ſollte ich anders gegen Edmond ſein?— Wir kennen uns, wir ſprechen uns, wir ſingen wohl auch bisweilen zuſammen ein Lied, und ich dächte, da könnte es nur ſo ſein, wie es eben iſt.“ „So findeſt Du wohl gar nichts Intereſſantes an dieſem jungen Manne?“ fragte Eugenie. „Eben ſo viel wie an jedem anderen jungen Manne!“ „Mercedes, Du biſt ein ſonderbares Weſen! Ich weiß Damen, denen Herr Dantes ſo ſehr intereſſant iſt, daß ſie auf Dich eifer⸗ ſüchtig ſind und Dich um das Glück, beſtändig in der Nähe des jungen Mannes weilen zu können, höchlich beneiden. Es werden dem Herrn Dantes genug Fallſtricke gelegt und es werden ihm genug Winke gegeben, ihn in irgend ein Netz zu locken.“ Mercedes erröthete ſichtlich bei dieſen Worten Eugeniens und dieſe bemerkte es. „Wie Du roth wirſt,“ ſagte ſie.„Du fürchteſt zuletzt doch noch, Herr Edmond könnte eine von jenen Damen intereſſant genug finden, ihr ſein Herz entgegen zu bringen.— Das könnte auch geſchehen; denn wenn ſich Hundert um ihn drängen, ſo wird er doch unter dieſen hundert Blumen zuletzt noch eine finden, die er für die Roſa und die Königin ſeines Herzens erklärt.— Und ich verſichere Dich, wenn es erſt bekannt werden ſollte, weſſen Sohn dieſer Herr Ed⸗ mond eigentlich iſt, unter welchem Namen er aufzutreten berechtigt iſt, ſo werden ſich alle junge Damen von Paris huldigend und werbend um ihn drängen und wenn Edmond unter dieſen Allen nicht Eine herausgriffe, ſo wäre er gar kein Menſch, wäre ein Ungeheuer, ein Eiszapfen, den man ganz ruhig an den äußerſten Nordpol ſchicken könnte, ohne fürchten zu müſſen, daß er erfrieren könnte, denn ge⸗ froren wäre er dann ſchon genügend.— Aber Du wirſt wieder roth?“ Wirklich flog wieder eine verrätheriſche Röthe über Mercedes Geſicht. Eugenie hatte auch wirklich gar zu ſonderbar geſprochen und Möglichkeiten aufgeſtellt, an welche Mercedes noch gar nicht gedacht hatte; ſie hatte davon geſprochen, daß Edmond eine Andere ihr vorziehen könnte und wie viele Andere gab es nicht in der weiten Stadt Paris! Wohl fühlte Mercedes ſelbſt, daß ihre Wangen heißer wurden von der in ihrem Herzen aufwallenden Gluth, aber ſie vermochte dieſe Gluth nicht zu unterdrücken, ſo ſehr ſie ſich auch augenblicklich deshalb bemühte; aber ſie wollte doch nicht zugeben, daß Eugenie Recht haben ſollte, und ſo entgegnete ſie dann mit einem gezwungenen Lächeln: „Roth werden?— Was ſollte denn dieſes bedeuten?— Es iſt warm im Zimmer!“. „Und vielleicht auch im Herzen!“ ſagte Eugenie, den Zeige⸗ finger drohend erhebend. „Wie Du nur ſolche Worte gebrauchen kannſt, Eugenie!“ rief faſt ungeduldig Mercedes.„Mein Herz iſt nicht wärmer und auch nicht kälter als ſonſt.— Geh' mir mit ſolchen Reden!“ Eugenie ſchwieg nun wohl, aber ſie kam bei nächſter Gelegen⸗ heit immer wieder auf dieſen Gegenſtand zurück und zog aus Mer⸗ cedes Benehmen, daß ihr zuletzt Edmond doch nicht ſo gleichgiltig ſei, wie ſie glauben machen wollte. Eugenie verſuchte auch bei Edmond das ähnliche Verfahren, um bei ihm eine Entdeckung zu machen, ob Mercedes ihm ſo gleich⸗ giltig ſei, und ob er vielleicht bereits einer anderen Dame ſein Herz geſchenkt.— Von dem Letzteren hatte ſie nichts bemerkt, obgleich ſie es an ſtillen Beobachtungen bisher nicht hatte fehlen laſſen.— Kleine, nichtsſagende Galanterieen waren wohl zum Vorſchein gekommen, aber ſie gaben keinen Anhalt. Eugenie erfuhr, ſo ſchlau ſie auch ihr Manöver einzurichten wußte, doch von Edmond noch weniger, als von Mercedes. Auch len nicht geheuer, lſchiden denn ge⸗ t roth?“ Mercedes eſprochen far nicht Andere rweiten wurden ermochte nbliclich Eugenie vungenen — Es iſ in Zeige⸗ nie!“ rief und auch Gelegen⸗ aus Mer⸗ leichgiltig hren, um ſo gleich⸗ ſein Herz gleich ſie Kleine, ekommen, nzurichten es. Auch 283 er war auf ſeiner Hut und zu nichts weniger geneigt, als ſich aus⸗ horchen zu laſſen und ſich ſelbſt zu verrathen. „Ich habe keine Zeit zu ſolchen Sachen,“ ſagte er Eugenien. „Bin ich mit meinen Studien zu Ende, ſo mag es an der Zeit ſein, auch auf Weiteres zu denken.“ „Sprichſt Du das im Ernſte, Edmond?“ fragte Eugenie. „Warum ſollte dieſes nicht im Ernſte ſein?“ fragte Edmond zurück. „Weil,“ entgegnete Eugenie,„weil dieſes aus dem Munde eines jungen Mannes ſo ganz ſonderbar klingt, daß man es nicht gut glauben kann; am wenigſten aber will der Glauben dann kommen, wenn man Erfahrungen gemacht hat.“ „Ich wüßte nicht anders zu ſprechen!“ „Hm, wir wollen das ſpäter ſehen, junger Herr!“ Eugenie hatte indeſſen mit ihren Reden ſowohl in Edmond, als auch in Mercedes die Beſorgniß erweckt, daß das Eine das Andere denn doch noch verlieren könnte, die Eiferſucht flammte in ihnen in heimlicher, aber deſto heftigerer Gluth auf. Ein jeder Theil ſagte es ſich, daß er im Grunde keine Urſache zur Eiferſucht auf den anderen Theil habe, da ja derſelbe ihm nichts verſprochen, ja, ihm nicht einmal ein Zeichen der Zuneigung gegeben habe, Mercedes nicht gegen Edmond, Edmond nicht gegen Mercedes, und doch konnten ſie ſich dieſer Regung nicht erwehren. Eine Folge dieſer Manöver Eugeniens war nun, daß ſowohl Mercedes, als auch Edmond in ſich den Drang der Nothwendigkeit fühlten, ſich Gewißheit zu verſchaffen, ob von dem anderen Theile auch Gegenliebe zu hoffen ſei oder nicht. Edmond ahnte nichts davon, wie heiß ihn bereits Mercedes liebe, und Mercedes ihrer⸗ ſeits hoffte wohl, daß Edmond ſie lieben könnte, glaubte aber nicht, daß er ſie jetzt ſchon liebe, wirklich liebe. Schon früher hatten Beide ſich im Geheimen gar ſorgſam beobachtet, um zu entdecken, ob nicht ein Zeichen käme, welches ſie hätten zu ihrem Gunſten deuten können, aber ebenſo hatten Beide ſich ſorgſam gehütet, ſich den Anderen durch ein ſolches Zeichen zu verrathen, und eben ſo ſehr hatten ſie ſich gehütet, durch irgend ein Wort oder einen Blick Dritten Urſache zu Vermuthungen zu geben. 284 Jetzt aber, wo es für Beide faſt zur Lebensfrage wurde, Auf⸗ klärung über die Geſinnung des andern Theils zu haben, wurde dieſe gegenſeitige Beobachtung und Ueberwachung ſchärfer, und da machte denn Mercedes die für ſie ungeahnte, aber doch nicht ſo ganz unerfreuliche Entdeckung, daß Edmond ſie beobachtet, ſie überwache. Und Edmond ſeinerſeits entdeckte das Nämliche bei Mercedes. Jetzt begannen ſowohl Mercedes als Edmond ſchon einiges Licht zu erhalten, denn das Eine wie das Andere ſchloß ſehr richtig, daß es dem Anderen denn doch Intereſſe einflößen müſſe, indem ſonſt ſich wohl dieſer andere Theil nicht die Mühe geben würde, zu beobachten und zu überwachen. Solche Bemerkung veranlaßte nun Beide, ſich gegenſeitig noch mehr zu beobachten, und da immer der eine Theil— Mercedes ſo gut, wie Edmond— der Meinung war, der andere Theil ahne gar nichts davon, daß er überhaupt beobachtet würde, ſo wurden ſie immer weniger vorſichtig. Endlich verreiſte Mercedes für einen Monat und länger, und dieſe Trennung war ganz geeignet, ſich gegenſeitig vollſtändig klar zu machen. Edmond zeigte die auffallendſte Unruhe und Zerſtreut⸗ heit und ſchien plötzlich den Sinn für das Studium in ſehr bedeu⸗ tendem Grade verloren zu haben, wenigſtens war ſein Eifer ſehr geſunken, unruhig trieb er ſich umher und konnte das, was er zu ſuchen ſchien, doch nicht finden.— Es war dabei gut, daß Eugenie Mercedes begleitete, da war Edmond doch vor der beſtändigen Beobachtung von ihrer Seite ſicher. Aber auch Albert hatte die Unruhe Edmond's bemerkt, und nach⸗ dem er mehrere Tage den jungen Mann beobachtet, beſchloß er endlich, ihn um die Urſache zu befragen. „Du biſt unruhig, Edmond,“ ſagte Albert ernſt. „Es iſt möglich, daß ich dieſes ſcheine,“ antwortete Edmond. „Hier dürfte doch mehr als Schein ſein,“ meinte Albert, und fügte dann ernſt hinzu:„Edmond, Edmond, es iſt mit Dir eine Veränderung vorgegangen, und Du würdeſt wohl thun, über das, was Du auf dem Herzen zu haben ſcheinſt, ſofort den Rath eines bewährten Freundes einzuholen. Du haſt zwar in Deinem Leben ſchon ſo mancherlei Erfahrungen gemacht, aber ſchwerlich ſolche, wie Du brauc „ich Unrr werd ſtan man bewü 3 prach Mitte gar! beſch dem ihn; der erſche unbe hera war die nach Mu Ma bea Auf⸗ vurde nd da dganz wache. SLicht h, daß ſonſt e, zu noch des ſo ie gar een ſie r, und ig klar iſtreut⸗ bedeu⸗ er ſehr er zu kugenie ndigen dnach⸗ endlich, nond. t, und ir eine er das, h eines Leben che, vie 285⁵ Du ſie in dem Falle, in dem Du Dich jetzt befinden magſt, ge⸗ brauchen kannſt.— Willſt Du Dich mir nicht entdecken?“ „Ach, Herr von Morcerf,“ antwortete Edmond etwas zögernd, „ich habe im Grunde gar nichts zu entdecken.— Es iſt ſoeben eine Unruhe über mich gekommen, über die ich mir ſelbſt nicht klar werden kann, die aber auch wieder vorübergehen wird, wie ſie ent⸗ ſtanden iſt. Ernſte Beſchäftigung mit den Büchern hat bei mir ſchon manches Mal ſolchen unruhigen Zuſtand beſeitigt. Ich will dieſes bewährte Mittel auch dieſes Mal verſuchen und es wird heilen!— Ich weiß das!“ So beſtimmt und zuverſichtlich auch Edmond in dieſer Beziehung ſprach, ſo wußte er doch ſelbſt ſehr gut, daß das von ihm genannte Mittel nicht fruchten würde, eben deshalb, weil er fühlte, er werde gar nicht die Ruhe gewinnen, ſich ernſtlich mit ſeinen Studien zu beſchäftigen. Aber er hatte aus Albert's Worten doch erkannt, daß er auf dem beſten Wege ſich befand, ſich zu verrathen, und dieſes brachte ihn zum Entſchluſſe, alle ſeine Energie aufzubieten, um vor den Augen der ihn Beobachtenden ganz ruhig und unbefangen wie ſonſt zu erſcheinen. Er ſetzte dieſen Entſchluß auch durch und wandelte ganz unbefangen ſcheinend ſeines Weges. Albert hingegen hatte geſehen, daß er aus Edmond nichts herausbringen werde, wenn derſelbe nicht freiwillig ſprach.— Er war kein Freund von unfruchtbaren Bemühungen und ſo brachte er die Sache auch nicht mehr zur Sprache. Mercedes Abweſenheit dauerte länger und ſie kehrte auch nur nach Paris zurück, um bald darauf wieder in Begleitung ihrer Mutter und Eugeniens nach der Villa abzureiſen, welche Albert bei Marſeille beſaß. Albert blieb zurück, um Edmond's Studien zu beaufſichtigen. Albert hatte aber noch auf Anderes ſein Augenmerk gerichtet, auf die Auffindung des Grafen Monte Chriſto, um ihm den wieder⸗ gefundenen Sohn zu übergeben, und er ſparte in dieſen Nachforſch⸗ ungen keine Mühe und keine Geldopfer. Aufrufe in vielgeleſenen Blättern aller Welttheile waren er⸗ laſſen, es wurde verkündet, daß dem Grafen Monte Chriſto wichtige und ihm erfreuliche Mittheilung zu machen ſei. Dieſe Aufrufe, die 286 binnen Jahresfriſt mehrere Male wiederholt wurden, hatten keinen Erfolg, und Albert meinte, dieſes müſſe ſeine Urſache entweder darin haben, daß der Geſuchte nicht mehr unter den Lebenden weile, oder daß derſelbe unter fremdem Namen in einer Landſchaft lebe, wohin jene Blätter nicht dringen könnten. Obwohl es Albert faſt ſehr ſonderbar vorkommen wollte, daß ein Mann, wie Monte Chriſto, ſich ſo ganz von der Welt zurück⸗ gezogen haben ſollte, daß er ſelbſt es verſchmähte, durch Zeitungen ſich über den Gang der Zeitereigniſſe zu unterrichten, ſo war doch der von ihm angenommene Fall ſehr leicht möglich. Albert hatte ferner in allen größeren Städten aller Welttheile, beſonders aber in Amerika und Aſien, ſich mit Agenten in Verbindung geſetzt, die ihn in Aufſuchung Monte Chriſto's unterſtützen ſollten, und er ſtellte jenen Leuten bedeutende Summen zur Verfügung, ſie zur erhöhten Thätigkeit anzuſpornen. Er gab jenen Agenten eine möglichſt genaue Beſchreibung nicht nur des Grafen ſelbſt, ſondern auch der Perſonen, die ſich muthmaßlich um ihn befanden, wobei er beſonders Ali, den Mohr, hervorhob. Angeſpornt durch den ausgeſetzten guten Preis, hatten dieſe Agenten auch ihr Möglichſtes gethan, um den Geſuchten aufzuſpüren und ſo dieſen Preis zu verdienen, und da und dort hatten ſich auch wirkliche oder auch nur ſcheinbare Spuren von Monte Chriſto ge⸗ funden. Aus dem ſüdlichen Afrika kam eine Nachricht, dann eine aus Moskau, welcher wieder eine andere von dem Kaukaſus, eine aus Oſtindien, aus Perſien folgte. Bei der Mehrzahl aller dieſer Nachrichten zeigte ſich aber, daß die Suchenden ſich geirrt, denn die Perſonen, welche man für Monte Chriſto gehalten, waren ganz andere. Unter ſolchem Suchen vergingen mehr als zwei Jahre, und Albert gab faſt die Hoffnung auf, den Geſuchten jemals zu finden, und der Gedanke, derſelbe ſei überhaupt nicht mehr am Leben, wollte ſich ihm immer mehr aufdrängen. Aber dieſen Gedanken wehrte er nach Kräften von ſich ab, und er ermüdete nicht, immer neue Nachforſchungen anzuſtellen. Albert glaubte jetzt, daß die Erziehung Edmond's ſo ziemlich beendet ſei, ſchon hatte er ihn in größere Geſellſchaften eingeführt und Albert hatte ſeine Erwartung nicht getäuſcht, denn Edmon igte richtet, S Abrußs gewort 7 eingefe Gründ wie au Sohn! Ei nahr be Abert geword nicht 1 plaude Verbi Monte Vertra aber n I D Mann zu ſei berüh Name den G keinen darin , Oder wohin 2, daß zurück⸗ tungen r doch theile, ndung ſollten, ügung, lgenten ſelbſt fanden, dieſe ſpüren ch auch ſto ge⸗ n eine eine dieſer inn die n ganz 7 e, und finden, Leben, danken immer iemlih geführt dmon 287 zeigte ſich gewandt, elegant, lebhaft und in der Unterhaltung unter⸗ richtet, ſo daß er ſeinem Erzieher alle Ehre machte. So war aus dem Hirtenknaben, dem Brigantenzögling der Abruzzen, ein fein gebildeter junger Weltmann der Weltſtadt Paris geworden. Wenn Albert Edmond auch jetzt noch nur als Edmond Dantes eingeführt hatte, nicht als Grafen Monte Chriſto, ſo hatte er ſeine Gründe. Nur die vertrauteſten Freunde Albert's wußten darum, wie auch, auf welche merkwürdige Weiſe Albert den todtgeglaubten Sohn des vielbeſprochenen Grafen aufgefunden hatte. Ein Geheimniß, welches Mehrere wiſſen, iſt aber ſchon nicht mehr bewahrt, denn nach und nach wurde es in den Kreiſen, in welchen Albert ſeinen Zögling eingeführt hatte, bekannt, wer dieſer junge Mann eigentlich ſei. Man zweifelte, flüſterte ſich Dieſes und Jenes zu und plötzlich ging es wie ein Lauffeuer weiter, der Sohn des Grafen Monte Chriſto ſei in Paris erſchienen. In Folge davon wurde Edmond der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit. Es kam ganz ſo, wie Albert vorausgeſehen hatte. Man ſtaunte Edmond an gleich einem ſeltenen Phänomen, man drängte ſich um ihn, Einladungen von allen Seiten flogen ihm zu, und Albert wurde mit einer Menge Fragen beſtürmt, er ſollte alle mögliche Aufklärung geben. Auf welche Weiſe die wahre Abſtammung Edmond's bekannt geworden, konnte Albert nicht enträthſeln. Edmond ſelbſt hatte nicht gedacht, unter dieſem Titel aufzutreten. Hatte Eugenie ge⸗ plaudert? Hatten die Freunde, denen er, um ſie zu bewegen, ihre Verbindungen in fernen Welttheilen zur Aufſuchung des Grafen Monte Chriſto mit zu benutzen, das Geheimniß anvertraut, dieſes Vertrauen mißbraucht?— Das Eine wie das Andere war möglich, aber natürlich erfuhr er es nicht. Das Aufſehen ging fort, man erzählte ſich die abenteuerlichſten Geſchichten und begriff nicht, wie es denn möglich⸗ſei, daß der junge Mann ein paar Jahre in Paris gelebt habe, ohne erkannt worden zu ſein. Man erinnerte ſich erſt jetzt, daß der wahre Name des berühmten Grafen ja eigentlich Edmond Dantes ſei, und nach welchem Namen auch der Sohn aufgetreten, und Perſonen, die ihrer Zeit den Grafen geſehen, fanden jetzt täuſchende Aehnlichkeit zwiſchen 288 Vater und Sohn, ſo daß ſie ſich mit Blindheit geſchlagen nannten, den jungen Dantes nicht ſogleich als Den erkannt zu haben, der er wirklich war. Es lag gar nicht im Charakter Albert's, ſolches Aufſehen hervor⸗ zurufen und ſich ſo mit Fragen beſtürmen zu laſſen; er ward deſſen bald müde und um aller weiterer derartiger Beläſtigung zu ent⸗ gehen, entſchloß er ſich kurz, mit ſeiner Familie und Edmond Paris zu verlaſſen und ſich auf ſeine Villa bei Marſeille zurückzuziehen.— Er führte dieſen Entſchluß auch ſchnell aus, und war zum großen Bedauern der Pariſer Geſellſchaft plötzlich verſchwunden. Edmond hatte nicht das Geringſte dawider, daß er ſo ſchnell dem geräuſchvollen Pariſer Leben entrückt wurde, blieb er doch in der Nähe Mercedes, mit der er nach und nach doch in ein ver⸗ traulicheres Verhältniß gekommen. Mercedes hatte ihm Beweiſe gegeben, daß ſie ihm gewogen ſei, und Edmond hatte ihr gleichfalls Beweiſe ſeiner Liebe gegeben, wenn er auch das Wort Liebe ſo wenig gegen ſie ausgeſprochen, wie ſie gegen ihn dieſes Wort hatte über die Lippen fließen laſſen. Auf der Villa bei Marſeille führte die kleine Familie, als deren Mitglied Edmond betrachtet wurde, ein ſehr einfaches, aber deshalb um ſo angenehmeres Leben. Aber Edmond fühlte bald, daß es für ihn doch nicht paſſend ſei, beſtändig in der Familie Morcerf zu verweilen und auf deren Koſten zu leben. Er befand ſich hier in einer ihn demüthigenden Abhängigkeit und ſtrebte nach Selbſtſtändigkeit. Deshalb ſprach er auch gegen Albert den Wunſch aus, nun, da er ſeine Studien ſo ziemlich beendet, in das Leben einzutreten und ſich eine ſelbſtſtändige Stellung zu erwerben. Albert fand dieſen Wunſch Edmond's für ſehr natürlich und billigte ſein Vorhaben. Er ließ ihm die Wahl, zu was für einen Lebensberuf er ſich entſchließen wolle, und meinte nur, er möge einen wählen, der ſich mit dem von ihm geführten Namen vereinigen laſſe: Staatsdienſt, Seedienſt oder Militärdienſt. Edmond wählte den letzteren, der ihm eine ſchnellere und glän⸗ zendere Carrière zu verſprechen ſchien, und trat durch Albert's Ver⸗ mittelung in ein in Maͤrſeille ſtehendes Regiment. 4 Einm Ausſi das der d in de den — gemac Lager, ¹ ihm innere merka — verſet vor ſ durch einer dunkl von„ ſeinen um woge Hier ſie n Er b geſch er ei amen er ſ 289 annten, 3 Dieſes Verhältniß hatte für Edmond doppelte Annehmlichkeit. er er Einmal befand er ſich in einer gewiſſen Selbſtſtändigkeit und hatte Ausſicht auf eine glänzende militäriſche Laufbahn, wenn ihm nur hervore⸗ das Glück einigermaßen wohl wollte, und dann blieb er in der Nähe d deſſen der Familie Morcerf und konnte ſeine dienſtfreien Stunden wie vor zu ent⸗ in dem gewohnten Kreiſe zubringen. d Pars Albert hielt fortwährend ſeine Blicke auf das Ziel gerichtet, hen.— den Vater Edmond's aufzuſuchen. großen Da ereigneten ſich unerwartet merkwürdige Dinge. Albert hatte einen Jagdausflug in der Umgegend Marſeilles ſchnell gemacht, kam ſpät Abends zurück und warf ſich ermüdet auf ſein doch in Lager, wo er alsbald in tiefen Schlaf ſank. ein ver⸗ Aber im Schlafe blieben ſeines Geiſtes Kräfte thätig, ſie webten Beweiſe ihm bunte Träume und ließen wechſelnde Geſtalten vor ſeinem leichfalls inneren Blicke emporſteigen und dieſe Geſtalten hatten eben heute Lebe ſo merkwürdige Bedeutung. Port hate Albert ſah ſich plötzlich in ein fernes, ihm unbekanntes Land 1 verſetzt. Unabſehbar breitete ſich eine wogende, grüne Fläche aus als deren vor ſeinen Blicken, eine grüne Wüſte, durchſchnitten von einigen rdeshalb durch ſumpfige Ufer ſich ſchlingelnden Bächen. Es war das Bild b eeiner amerikaniſchen Prairie, die ſich ſeinen Blicken zeigte, und die t vaſerd dunklen Punkte, die ſich durch das Grasmeer bewegten, waren Heerden 1 deren von Büffeln, deren Anweſenheit ſeine Jagdluſt herausforderten. bigenden Aber Albert beſiegte dieſen Trieb, ruhig ließ er die Büchſe an ſprah e ſeiner Seite hängen und ritt weiter. Er war ja nicht ausgezogen, tudien ſo um zu jagen, ein anderes Ziel hatte er ſich geſteckt.— Die grüne, ſftändige wogende Ebene lag endlich hinter ihm und er betrat einen Wald. Hier erhoben ſich rieſige, oft wunderbar geformte Stämme, wie er ſie noch nie geſehen, und drängten ſich immer dichter zuſammen.— riih und Er befand ſich in einem amerikaniſchen Urwalde. 85 lide Bunte Geſtalten zogen an ihm vorüber, die Häupter mit Federn a nüse geſchmückt, die Tracht bunt und ſeltſam, alle wohl bewaffnet, und zereinig ler erkannte in ihnen Indianer, wie ſie den fernen Weſten Nord⸗ „maaameriikas bewohnen. uur„Jetzt aber, indem Albert weiter zog, erſchien eine Geſtalt, die el 1 V er ſehr wohl kannte. Es war die Monte Chriſto’'ss.— Monte Monte Chriſto's letzter Weltzang. 19 290 Chriſto trug ein Gewand wie die Farmer, und einige Männer um⸗ gaben ihn; unter dieſen befand ſich auch Ali, der Mohr. Als Monte Chriſto erſchien, da neigten ſich die Indianer ehr⸗ furchtsvoll vor ihm und warfen ſich anbetend auf die Erde, als oo⸗ er ein Gott ſei, dem ſie Verehrung darbringen müßten. Er aber, dem dieſe Verehrung galt, ſtand würdevoll unter ihnen, gleich einem mächtigen, gebietenden Herrn. Staunend ſah Albert dieſes mit an und wagte keinen Schritt vorwärts zu thun, kein Wort zu ſprechen. Jetzt aber hob Monte Chriſto ſeine leuchtenden Augen und deren Blicke trafen Albert. Er nickte ihm grüßend mit dem Haupte zu und ſtand dann plötzlich neben ihm. „Albert,“ ſprach er,„Du ſendeſt Leute aus, nach mir zu ſuchen.— Spare dieſe Mühe und ſuche ſelbſt. Nur Du wirſt mich finden!“ „Ich?“ entgegnete Albert.„Wo?“ In dieſem Augenblicke erwachte er; der Traum war zerronnen. Aber dieſer Traum übte doch gewaltigen Druck auf Albert aus. Obgleich er auf Träume und Viſionen nichts gab, er dieſelben als eitle Hirngeſpinnſte betrachtete, auf welche kein vernünftiger Mann achten dürfe, ſo erfuhr er doch jetzt an ſich ſelbſt, daß unter gewiſſen Umſtänden doch die einmal feſtgeſtellte Regel eine Ausnahme er⸗ leiden könne.— Er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß dieſer Traum eine prophetiſche Stimme, ein Wink für ihn geweſen, der ihn belehrte, was er zu thun habe, nänlich ſelbſt ſich aufzu⸗ machen und nach Monte Chriſto zu ſuchen, und zwar mußte er auf den Prairien und in den Urwäldern Nordamerikas, unter den Stämmen der Indianer ſuchen, wollte er den Mann finden. Es mußte dieſes geſchehen! darüber war Edmond in wenigen Stunden mit ſich ſelbſt einig. Und ſeltſam!— Am Abende deſſelben Tages kam ein Brief aus Galveſton und Texas an, welcher ihm mittheilte, daß vor ein paar Jahren ein Mann mit Dienerſchaft ſich einige Zeit daſelbſt aufgehalten habe, von dem es geheißen, er und der Graf Monte Chriſto ſeien eine Perſon. Einige Franzoſen, die ſich zu jener Zeit in Texas angeſiedelt, wollten ihn erkannt haben. Sie hatten ihn in Paris geſehen, und der eine Franzoſe war ſelbſt mit Bertuccio in geſchäftlichen Verkehr geweſen, hatte ihn geſprochen, wie auch den I; ſqhn D Dieſe hatte 4 Stund zweite 1 lichen von ei kagten zuverlä biete d vielleie befinde Sonde ſehen und h aber Roth Velke den viellei Verke unnaf Ma⸗ über „Iſt Woh kom zu b nur mich ner um⸗ ner ehr⸗ als o Er aber, h einem Schrilt d deren upte zu cen.— finden!“ rronnen. beit aus. lben als r Mann gewiſſen ahme er⸗ ren, daß geweſen, h aufhu⸗ eer auf nter den n. wenigen in Brief vor ein doſelbſt Monte mmer deit atten ihn Bertuccio auch den 87 291 Ali. Monte Chriſto war dann verſchwunden und es hieß, er habe ſich nach Californien gewendet und lebe ſeitdem im Indianerlande. Dieſe Nachricht ſtimmte ſeltſam mit dem Traume Albert's. Dieſe Nachricht wies nach dem Indianergebiete und unter Indianern hatte Albert den Verſchollenen im Traumgebilde geſehen. Das Wunderbare mehrte ſich indeſſen noch, denn vierundzwanzig Stunden nach Eintreffen des erſten Schreibens erhielt Albert ein zweites, dieſes Mal aus Neu⸗Orleans. Dieſes Schreiben lautete beſtimmter und beſtätigte im Weſent⸗ lichen die im erſten Schreiben ausgeſprochene Vermuthung. Es war von einem von Albert mit Nachforſchung nach Monte Chriſto beauf⸗ tragten Agenten und theilte mit, daß ſich nun endlich doch eine zuverläſſig ſcheinende Spur von dem Geſuchten gefunden. Im Ge⸗ biete des oberen Miſſiſippi, an der Grenze des Indianerlandes, vielleicht auch innerhalb dieſes Landes, ſolle ſich eine Anſiedelung befinden, deſſen Beſitzer ein merkwürdiger Mann und zugleich Sonderling zu ſein ſcheine und bei den Rothhäuten in großem An⸗ ſehen ſtehen ſolle, ſie nannten ihn nach ihrer Sprachweiſe E— mond und hielten ihn für einen großen„Medizinmann“, von den Weißen aber werde er gewöhnlich„Maſter Edmond“ genannt. Mit den Rothhäuten ſolle dieſer E—mond oder Edmond in ziemlich regen Verkehr ſtehen und ſich beſtreben, deren Sitten zu mildern und ſie den Einflüſſen der Civiliſation zugänglich zu machen, woher ſich vielleicht die Zuneigung ſchreibe, die ſie gegen ihn hegten, den Verkehr mit Weißen hingegen ſolle er meiden und ſich ſo ziemlich unnahbar zeigen. Im Ganzen lautete der Brief dahin, daß dieſer Mann ziemlich räthſelhaft ſein müſſe und dabei ein großer Sonderling. Wie wunderbar ſtimmte dieſe Nachricht wieder mit dem Traume überein, auch ſie wies nach dem Indianergebiete. „Bin ich denn zum Hellſeher geworden?“ fragte ſich Albert. „Iſt dieſer Traum wirklich eine prophetiſche Stimme?— Gewiß!— Woher käme ſonſt dieſe merkwürdige nebereinſtimmung?— So kommt der Glaube in die Hände, daß Träume doch bisweilen etwas zu bedeuten haben können, bisher habe ich ſtets über dieſen Glauben nur gelacht.“ Immer klang es nun Albert in die Ohren:„Nur Du wirſt mich ſinden!“ und es war, als habe er keine rechte Ruhe mehr: er 19* 292 erklärte, daß er entſchloſſen ſei, eine Reiſe nach Nordamerika zu machen, die vielleicht ein Vierteljahr, vielleicht noch länger ihn von den Seinen entfernt halten würde. Da Albert faſt alljährlich eine längere Reiſe antrat, bald allein, bald mit ſeiner Familie, ſo fiel dieſe Ankündigung Niemandem auf, und Niemand dachte daran, daß dieſe Reiſe einen anderen Zweck haben könnte, als den, wieder einmal fremde Lande und fremde Leute zu ſehen und zu ſtudiren. Daß dieſes Mal ein ganz anderer Z weck vorliege, wußte nur Marja, welcher Albert ſeinen Traum erzählt und ſeinen Entſchluß, Monte Chriſto aufzuſuchen, mitge⸗ theilt hatte. Gegen Edmond äußerte Albert nichts von ſeinem Vorhaben, er ſagte ihm nur, daß er einen Ausflug zu machen denke, der zur Abwechſelung einmal Amerika gelten ſollte. Er hatte ſeine Gründe zu dieſer Verſchwiegenheit. Hätte er Edmond den eigentlichen Zweck ſeiner Reiſe eröffnet, ſo würde der junge Mann keine Ruhe mehr gehabt haben, er würde darauf gedrungen haben, an dieſer Ent⸗ deckungsreiſe nach ſeinem Vater Theil zu nehmen, und eben dieſes hielt Albert nicht für gut. Edmond war noch nicht lange in das Militär getreten, er mußte noch ſehr eifrig Exercitium und den Dienſt lernen, nicht minder Militärwiſſenſchaft ſtudiren, damit er in ſeiner neuen Carridère raſchere Fortſchritte machte, als es ſonſt der Fall geweſen ſein würde. Die Vorgeſetzten des jungen Mannes würden ſich unter keiner Bedingung haben bereit finden laſſen, ihm, der erſt ſo kurze Zeit eingetreten und noch gar nicht hinreichend militäriſch geſchult war, jetzt ſchon einen Urlaub auch nur auf ein paar Wochen zu gewähren, viel weniger auf ein halbes Jahr, wobei Albert überdies noch nicht ſicher war, daß ſich die Reiſe durch allerhand Zufälle nicht auf die doppelte Zeit ausdehnte.— Hätte Albert Edmond den wahren Zweck geſagt, ſo würde der junge Mann um Urlaub nachgeſucht haben, derſelbe wäre ihm abgeſchlagen worden und leicht möglich war es dann, daß der heißblütige junge Mann ſich zu unbeſonnenen Schritten hinreißen ließ, am Ende gar zum Deſertiren. Alſo ſchwieg Albert gegen ihn. Um dieſe Zeit war der junge Valentin Morell, der beſtändig im freundlichſten Verkehre mit dem Hauſe Morcerf geſtanden, in Narſei einige Reiſe: dort lo war e und d leiſten J einem treuen Verwau einige Louis, mußte. A ſeine erika zu hn von dallin, een auf, n Zvec ſtemde anderer Traum mitge⸗ rhaben, der zur Gründe en Zwed he mehr ſer Ent⸗ en dieſes er mußte minder eraſchere nde. er keiner rze Zeit ult war, ewähren, noch nicht auf die en Zweck t haben, war es Schritten beſtändig nden, in — 293 Marſeille angekommen. Er beſuchte Albert und ſagte ihm, daß er einige Wochen in Marſeille ſich aufzuhalten gedenke und dann eine Reiſe nach Weſtindien vorhabe, einen Verwandten zu beſuchen, der dort lebte. Er bat, ſich Albert anſchließen zu dürfen, und dieſem war es willkommen, da Valentin längere Zeit in New⸗York gelebt und die Sprache des Landes vollkommen geläufig ſprach. Auch Marja freute ſich, daß Valentin ihrem Gatten Geſellſchaft leiſten wollte, war dieſer nun doch nicht allein. Nach einigen Wochen ſchifften ſich die beiden Reiſenden auf einem tüchtigen Dampfer ein und Albert war nur von einem alten treuen Diener begleitet. Sie hatten Martinique erreicht, wo der Verwandte Valentin's als Beamter angeſtellt war, und hatten ſich einige Wochen daſelbſt aufgehalten und dampften dann nach Saint Louis, wo Albert's Diener aber ſchwer erkrankte und zurückbleiben mußte. Albert war ſo mit Valentin allein weiter gereiſt und hatte ſeine Nachforſchungen nach Monte Chriſto mit Eifer begonnen. Achtzehntes Kapitel. An der Küſte Marokkos. Blauer Himmel wölbte ſich über den endloſen, grünen Ocean, deſſen Wellen von einem leichten Winde bewegt waren, kräftig genug, um Segel zu blähen und Schiffe ihrem Ziele entgegenzutreiben. Die Sonne glänzte am Tage von dem heiteren Himmel und ſpiegelte ſich in den Wellen, ſo daß das Meer weithin ſchimmerte und glitzerte, und die Fiſche ſprangen ſpielend aus den Wogen empor, eine kurze Strecke über das Waſſer hinſchnellend, als wollten ſie der Sonne wärmende Strahlen recht genießen, und dann tauchten ſie wieder unter. Hatte ſich die Sonne, ein rieſiger Feuerball, im Weſten in das Meer geſenkt, das beim Scheiden des Tagsgeſtirns auf Minuten in purpurner Gluth erſtrahlte, dann waren die Sterne heraufgezogen, liebenden Auges herniederſchauend auf die weite Waſſerwelt, ſchim⸗ mernd, blitzend, glitzernd.— Und der Mond war gekommen, ſein Silberlicht über die Fluthen ausgießend, daß es war, als breite ſich plötzlich ein ſilberner Spiegel aus. Und durch dieſe Waſſerwelt zog der ſtolze Dampfer, der„Aigla“, ſeine Furche ziehend, dahin, ſchwarze Rauchwolken aus ſeiner Schlotte ſtoßend, während der günſtige Wind die Arbeit der Maſchinen unter⸗ ſtützte, indem er die aufgezogenen Segel blähte. Auf dem„Aigla“ aber befanden ſich Monte Chriſto, Abert und Valentin mit Bertuccio und Ali. Das erſte Schiff hatte, von einem Sturme verſchlagen, in Guodeloupe einlaufen müſſen, dort an der Maſchine erlittene Be⸗ ſchädigungen auszubeſſern. Die Rückreiſe der Geſellſchaft ſchien ſich durch dieſen Vorfall auf ſehr unangenehme Weiſe verzögern zu wollen. Aber der günſtige Zufall wollte es, daß eben der„Aigla“, 45 — Ocean, genug, iben. nel und immerte Vogen 3 wollten tauchten nin das nuten in ſgezogen, lt, ſchim⸗ een, ſein weite ſich „Aigla“, Schlotte ꝛen unter⸗ wert und agen, in liene Be⸗ ſchien ſich zögeln zu Aigla“, 295 nach Toulon beſtimmt, in dem Hafen von Baſſe⸗Terre zur Abreiſe fertig lag, und ſo hatte ſich Monte Chriſto mit ſeiner Geſellſchaft auf dieſem Dampfer eingeſchifft. Man konnte ſich keine glücklichere Fahrt wünſchen. Das Wetter war heiter und günſtig, das Schiff tüchtig, die Maſchine arbeitete kräftig und pfeilſchnell durchſchnitt der Dampfer die Wellen, unver⸗ rückt ſeinen Cours nach Oſten behaltend. „Geht die Fahrt ſo fort,“ ſagte der Capitän vergnügt,„ſo gewinnen wir faſt acht Tage, und das kann man ſich gar nicht beſſer wünſchen, denn man ſieht dann, wie mein Adler fliegen kann.“ „O,“ ſeufzte Monte Chriſto,„flöge er doch noch einmal ſo ſchnell, ſo daß ich lieber heute noch als erſt morgen meinen Edmond in die Arme ſchließen kann.“ „Wir kommen ja mit jeder Stunde ihm näher,“ tröſtete Albert. „Je näher ich ihm komme, deſto höher ſteigt auch meine Un⸗ geduld,“ verſetzte Monte Chriſto und fügte dann hinzu:„Auch will mich immer eine Ahnung beſchleichen, daß mir das Schickſal ſeine Tücke noch einmal zeigen könnte, daß ich vielleicht meinen Edmond nicht finde, wenn ich dahin komme, wo er ſein ſollte.“ „Wie wäre das möglich?“ „Guter Freund, mit dem Geſchicke iſt kein feſter Bund zu ſchließen. Ich habe die Wahrheit dieſes Satzes in meinem Leben nur zu oft erfayren.“ „Was ſollte denn zu fürchten ſein? Die Fahrt geht ſo glücklich von Statten.“ „Aber wir ſind noch nicht im Hafen!“ „Doch hoffentlich bald,“ entgegnete Albert und fragte den eben herzutretenden Capitan, in welcher Gegend ſie ſich befänden. „In der Nähe der Küſte Afrikas,“ antwortete der Capitän. „Morgen dürfien wir Land ſehen und geht die Fahrt ſo fort, paſſiren wir in zwei oder längſtens in drei Tagen die Straße von Gibraltar.“ „Und dann Toulon? Marſeille?“ fragte Monte Chriſto. „Ehe eine Woche zu Ende iſt!“ antwortete der Capitän, ſetzte aber hinzu:„Immer vorausgeſetzt, daß es ſo bleibt, wie heute.“ „Glauben Sie nicht, daß es ſo bleibt, Herr?“ fragte Monte Chriſto.—. ——ͤͤ, „Ich hoffe es,“ antwortete der Capitän mit leichtem Achſelzucken; „aber wir haben es mit Wetter zu thun, Wetter aber iſt launiſch.⸗ „Ganz recht!— Zwiſchen Nacht und Morgen kann ſich Vieles ereignen.“ „Heute iſt das Wetter ſehr ſchwül.“ „Ich glaube eine Folge der Nähe Afrikas.“ „Ganz Recht, und gut, wenn die Schwüle nichts Anderes bedeutet.“ Damit ging der Capitän, nach ſeinen Matroſen zu ſehen; Monte Chriſto aber, der an der Galerie ſtehen blieb und in die Ferne ſchaute, ſprach laut vor ſich hin: „Frankreich! Frankreich!— Nie habe ich mich mehr nach Dir geſehnt, als jetzt!“ Weiter rauſchte das Schiff. Ein Segel tauchte auf und gab den Paſſagieren Unterhaltung, indem ſie das herankommende Schiff beobachteten.— Das Schiff kam näher, es ging an dem Dampfer langſam vorüber und auch der Dampfer ging langſamer, damit die beiden Capitäne Zeit hätten, ſich durch das Sprachrohr zu grüßen, einige Fragen über das Woher und Wohin zu ſtellen und in der Eile einige Nachrichten aus den Ländern, von woher ſie kamen, auszutauſchen. Dann zog jenes Schiff weiter nach Südweſt und der Dampfer verfolgte ſeinen Cours nach Oſten. Die Sonne brannte immer heißer und der Wind, der bisher ſehr friſch gegangen war, legte ſich mehr und mehr.— Am Hori⸗ zonte ſtiegen leichte Wolken auf, die erſt weißlich waren, nach und nach aber eine graue Färbung annahmen. Mehr und mehr neigte ſich die Sonne dem Horizonte zu; ſie verſchwand hinter den Wolken, zerriß ſie aber noch einmal und ſtand jetzt dicht am Horizonte, langſam ſinkend. Aber die flammende Kugel war jetzt dunkelroth gefärbt, ſie glich einer Scheibe geſchmolzenen Erzes.— Die Wolken um die Sonne glühten roth, ebenſo die der Sonne zugewendeten Ränder der höher ſtehenden Wolken. Auch über das Meer goß die Sonne ſcheidend ihr rothes Licht aus, gleich einem glühenden Abſchiedskuſſe. Trotz der Windſtille war doch das Meer bewegter geworden, die Wellen hoben ſich höher und! ſchien wieden Meer des e 1 Woge kraſt letzter ſäume Wolken velblei E offenen 8 und d dunkle 9 unruhi ſchluge biswei 4 ſlöße nderes ſehen; in die h Dir altung, Schiff d auch hälten, Woher aus den ampfer bisher Hori⸗ ch und uu; ſi d ſtand bt, ſie im die der der s Licht indſtille h höher 297 und höher, und indem die ſcheidende Sonne ihr Licht auf ſie warf, ſchien es, als ob, indem ſich die Wellen hoben und ſenkten und wieder hoben, eine zahlloſe Menge rothblitzender Lichter über das Meer dahin tanzten, einen wirren Reigen haltend nach dem Tacte des eintönig rauſchenden Waſſers. Waren es die Götter des Meeres, die einen Tanz über die Wogen hielten? Jetzt noch ein flammendes Außblitzen der Sonne, wie die Lebens⸗ kraft vor ihrem Erlöſchen nochmals hoch und kräftig aufflackert, ein letzter Strom glühenden Lichtes goß ſich aus über Wolken, Wolken⸗ ſäume und das Meer und die Sonne maren hinter einer ſchwarzen Wolkenſchicht verſchwunden, die goldpurpurnen Ränder der Wolken verbleichten. Ein großartiges Schauſpiel, wie man es eben nur auf dem offenen Meere in ſeiner ganzen vollen Pracht genießt, hatte geendet. Faſt ſchwarz thürmten ſich die Wolken jetzt am Horizonte empor und das eben noch in buntem Lichtglanze ſtrahlende Meer lag als dunkle, unruhig bewegte Maſſe vor den Blicken der Schiffer. Noch herrſchte verhältnißmäßige Ruhe in der Luft, aber deſto unruhiger wurde das Meer, die Wellen hoben ſich höher; ſchon ſchlugen ſie donnernd an die Wände des Schiffes. Dabei liefen bisweilen weißliche Schaumſtreifen über die Wogen hin. Die Luft verduſterte ſich ſchnell; einzelne, noch ſchwache Wind⸗ ſtöße fegten leicht über das Meer. Graf Monte Chriſto beobachtete dieſe Anzeichen mit prüfenden Blicken. Er, als ehemaliger Seemann, kannte deren Bedeutung. „Wir werden eine unruhige Nacht haben,“ ſagte er zu Albert und Valentin, die neben ihm ſtanden.„Es wird ein Gewitter mit Sturm kommen.“ „Wir haben für dieſen Fall doch ein ſtarkes Schiff,“ ſagte Albert. „Ja,“ beſtätigte Monte Chriſto,„ſoweit ich den Adler kenne, hat er ſtarke Rippen.“ Auf die erſten Windſtöße war wieder Stille erfolgt, allein die Dunkelheit nahm zu, die Wolken hatten, immer höher ziehend, den größten Theil des Himmels umhüllt und hier und da nur zeigte ſich durch zerriſſenes Gewölk ein Stern. 298 Am fernen Horizonte begann jetzt das Wetterleuchten, anfangs in längeren Zwiſchenräumen, allein bald raſcher ſich folgend, und dann erhoben ſich immer heftigere Windſtöße. Es waren alle Anzeichen von dem nun raſch herannahenden Gewitterſturme porhanden und auf dem„Aigla“ befanden ſich ſämmt⸗ liche Mannſchaften auf ihren Poſten, um bei dem Ausbruche des gefürchteten Unwetters bereit zu ſein.— Die Segel waren ein⸗ gezogen und feſtgebunden, nur allein die Dampfkraft trieb das Schiff noch vorwärts. Und jetzt flog heulend ein furchtbarer Windſtoß heran und packte das Schiff ſo gewaltig, als wolle er es auf der Stelle weit⸗ hinweg auf die Seite ſchleudern, und die Wellen donnerten ſo ge⸗ waltig an die Wandung des Schiffes, daß es in allen ſeinen Fugen ſtöhnte. Faſt gleichzeitig zuckte ein Blitz aus dem finſteren Gewölke, ein Feuerklumpen ſchien ſich in das Meer zu ſtürzen und ein furchtbarer Donnerſchlag dröhnte hinterdrein, daß es war, als bräche des Him⸗ mels Gewölbe zuſammen. „Nun beginnt der Tanz!“ ließ ſich die Stimme des Capitäns vernehmen.„Achtung, Leute!“ Er hatte Recht, denn dieſer Donnerſchlag war das Signal zum Losbruch des Sturmes. Wild heulte der Orkan und peitſchte die Wellen hoch empor, daß ſie ſich ſchäumend über das Schiff ſtürzten, und es war, als wollten ſie daſſelbe mit ſich herab auf den Grund des Meeres reißen. Aber ſie fanden keinen Eingang, denn feſt waren die Lucken geſchloſſen und auf dem Decke die in die Tiefe führenden Fallthüren mit ge⸗ theerter Leinwand gegen das Eindringen des Waſſers geſchützt. Blitz auf Blitz, Donnerſchlag auf Donnerſchlag folgten ſich ununterbrochen aufeinander; der Himmel ſtand faſt beſtändig im Feuer und das Rollen des Donners, das Brauſen des Meeres und das Heulen des Sturmes miſchten ſich zu einem betäubenden Ge⸗ töſe, welches an den Untergang der Erde erinnern mochte. Die wellenfeſten Seeleute aber, die ſchon ſo manche wilde Sturmnacht durchgemacht hatten, aber wenig berührten, ſie hatten nur Acht auf ihr Schiff und auf das Commando ihres Capitäns, deſſen Stimme durch das Sprachrohr die Stimme des Sturmes übertönte. von einge Nicht 6 lang deren Kajü der wurd und als alte nicht Sch gek de wit wü übe roll rub an anfangs , und ahenden b ſämmt⸗ fuche des ren ein⸗ las Schiff an und lle weit⸗ n ſo ge⸗ n Fugen bölke, ein lirchtbarer des Him⸗ Capitäns ignal zum h empor, war, als es reißen. eſchloſſen mit ge⸗ cützt. lgten ſich undig im eres und den Ge⸗ te. Die urmnacht Acht auf Stinme 2. 299 Auch die Schleußen des Himmels hatten ſich geöffnet, in großen, ſchweren Tropfen ſtrömte der Regen nieder, die ſchon von dem das Schiff überſtrömenden Seewaſſer durchnäßten Leute vollends durch⸗ weichend. Die Maſchine arbeitete aus aller Kraft, ſie ächzte und ſtöhnte. Es galt trotz des Sturmes den Cours zu behalten. Aber die Gewalt des Sturmes, der mit ſteigendem Ungeſtüme von Weſten herkam, trieb das Schiff doch immer mehr von der eingeſchlagenen Richtung ab und, wie der Compaß zeigte, in der Richtung nach der Küſte zu hin. Stunden lang tobte der Aufruhr der Elemente und Stunden lang dauerte der Kampf des Schiffes gegen Wind und Wellen. Monte Chriſto hatte ſich mit ſeiner Geſellſchaft gleich den an⸗ deren Paſſagieren in den unteren Raum, in die ihm angewieſene Kajüte zurückgezogen, da unter ſolchen Umſtänden Paſſagiere, als der Mannſchaft nur im Wege, nicht auf dem Verdecke geduldet wurden. Hier gedachte er den Verlauf des Sturmes abzuwarten, und der Sturm war nach ſeiner Meinung zu heftig ausgebrochen, als daß er hätte lange anhalten können. Im Ganzen zeigte ſich Monte Chriſto ſehr unbeſorgt. Seine alte Seemannsnatur behielt in ſolchen Fällen ſtets die Oberhand. An Schlaf war für die Paſſagiere unter ſolchen Umſtänden nicht zu denken, ſchon das gewaltige Hin⸗ und Herwerfen des Schiffes, wo es oft genug war, als ſolle das Oberſte zum Unterſten gekehrt werden, ließ den Gedanken an Schlaf gar nicht aufkommen. Ebenſo wenig ließ ſich an eine zuſammenhängende Unterhaltung denken, denn das wilde Durcheinander von dem Toben des Ge⸗ witters, des Sturmes und des Meeres erſtickte die Worte, und der wüſte Lärm im Schiffe ſelbſt trug das Seine bei, jede Rede zu übertäuben. Es waren Tonnen und Kiſten los geworden und dieſe rollten und ſchoben nun bei dem Schwanken des Schiffes hin und her. Monte Chriſto's Hoffnung, der Sturm werde ſich bald be⸗ ruhigen, erfüllte ſich nicht, es war vielmehr, als nehme er nur noch an Heftigkeit zu. „Es iſt eine böſe Nacht,“ ſagte Albert. „Die vorübergehen wird, wie alle böſen Dinge,“ entgegneke —y— 300 Monte Chriſto.„Wenn das Tageslicht anbricht, beruhigen ſich die Elemente in der Regel.“ „Wer nur wüßte, wie es oben auf dem Decke ſteht und wo wir uns eigentlich befinden. So herumgeworfen zu werden und nicht zu wiſſen, wo man eigentlich iſt, das kann man eben nicht zu den angenehmen Dingen rechnen.“ „Wir befinden uns auf dem Meere und hoffentlich wird das Schiff ſeinen Cours feſthalten.“ „Aber der Capitän ſprach davon, wir befänden uns in den Gewäſſern der afrikaniſchen Küſte.— Ich vermuthe, die Küſte Marokkos, dieſe aber hat Klippen und Riffe.“ „Machen wir uns keine Sorgen deswegen,“ tröſtete Monte Chriſto.„Wir haben einen erfahrenen Capitän und dieſer wird in ſolchen Fällen lieber ſeewärts ſteuern, als ſich der Gefahr ausſetzen, in der Sturmnacht an die Küſte getrieben zu werden.“ Kaum hatte Monte Chriſto dieſes geſagt, als die Thür ſich öffnete und der Capitän in die Kajüte trat. Der Mann ſah bleich, aber ruhig aus; ſeine arg zerzauſte Kleidung triefte von Regen und Seewaſſer. Des Capitäns Erſcheinen machte die Kajütenbewohner ſtutzen, denn es war ja bekannt, daß der Führer eines Schiffes in ſolcher Nacht ſeinen Poſten nicht ohne Noth verläßt, da eben ihm die Verantwortlichkeit für Alles aufgebürdet iſt.— Es mußte alſo etwas Außerordentliches ſein, was den Capitän herabführte zu ſeinen Paſſagieren. Aller Augen hefteten ſich fragend auf ihn. „Meine Herren,“ begann der Capitän mit ſehr ernſter, aber feſter Stimme,„ich habe Ihnen eine unangenehme Nachricht zu überbringen, ich wollte ſie Ihnen gern erſparen, aber es iſt meine Pflicht, Ihnen nichts zu verſchweigen, damit Sie auf alle möglichen Fälle bereit ſind.“ Dieſe Anrede, nichts Gutes verſprechend, war ganz geeignet, die Reiſenden zu beunruhigen. „Giebt es Gefahr?“ fragte Monte Chriſto. „Ja und nein!“ war des Capitäns Antwort. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Monte Chriſto beunruhigt. „Die Sache iſt eigentlich ganz einfach,“ entgegnete der Capitän. „Es iſt eine Beſchädigung am Steuer eingetreten und das Schiff geho nur Gefa imm daß 3h mögli Deche ſteile legen auf c die d wo in und ſicht zu ard das ſin den Küſte Monte fird in s ſetzen, ür ſich erjauſte ſtutzen, ſolcher m die le alſo ſeinen , aber icht zu meine Pglichen keignet, —y——= 301 gehorcht demſelben nicht mehr völlig. Auch die Maſchine arbeitet nur matt und ich darf ſie nicht mehr anſtrengen laſſen, ohne die Gefahr einer Exploſion hervorzurufen.“ „Der Sturm treibt alſo das Schiff willenlos?“ „So ziemlich!— Aber ich laſſe am Steuer arbeiten und hoffe immer noch, das Schiff wieder in meine Gewalt zu bekommen!“ „Wohin treibt uns der Sturm?“ „Ich kann jetzt keine Berechnungen anſtellen, vermuthe nur, daß es ſeinen Lauf gegen die marokkaniſche Küſte nehmen könnte!“ „So, ſo!“ „Meine Herren, ich habe meine Pflicht gegen Sie erfüllt!— Ich hoffe auf das gute Glück meines„Aigla“, aber— es iſt Alles möglich!“ „Capitän! Capitän!“ klang es jetzt durch das Sturmgeheul vom Decke herab. Augenblicklich ſtürmte der Capitän aus der Cajüte und die ſteile Treppe zum Decke hinauf, die Reiſenden in peinlicher Ver⸗ legenheit zurücklaſſend. Monte Chriſto ſagte ſeinen Begleitern kurz, ſie ſollten ſeine Rückkehr erwarten, er wolle ſich nur für ein paar Minuten über⸗ zeugen, wie es da oben ausſchaue.— Dann folgte er dem Capitän auf das Deck. Hier oben aber ſah es ſchaurig aus.— Die Finſterniß war faſt furchtbar. Das Gewitter hatte zwar etwas nachgelaſſen, allein immer zuckten nach aller Richtung Blitze, bald fern, bald nah, die Nacht auf Augenblicke erhellend. In dieſer Helle ſah man dann flüchtig die Umriſſe der ſchwarzen, faſt bis auf das Meer nieder⸗ hängenden Wolken und die ſchaumgekrönten, ſich hoch aufbäumenden Wogen.— Auf dem Dampfer waren außer den gewöhnlichen Schiffslaternen noch einige andere Laternen angebracht, um möglichſt volles Licht auf dem Decke zu haben und dann mit mehr Sicherheit arbeiten zu können. Das Deck ſelbſt war von dem Regen und dem Seewaſſer überſtrömt und ſchlüpfrich gemacht. Und immer noch heulte der Sturm, rauſchte der Regen her⸗ nieder, brauſte das Meer, immer noch ſchlugen die Wellen donnernd an die Flanken des Schiffes und der Schaum ſpritzte über das V V — 302 Schiff hinweg, welches nach allen Seiten hin ſchwankte, jetzt bald auf der Spitze einer Woge tanzte, dann wieder in die Tiefe ſchoß. Monte Chriſto mußte ein Tau ergreifen und ſich an daſſelbe anklammern, damit die Gewalt des Sturmes und der über das Deck ſchlagenden Wellen ihn nicht hinabſchleuderten in das Meer. Jener Ruf nach dem Capitäne hatte Gefahrdrohendes bedeutet, denn beim Scheine der Blitze hatten die am Bugſpriet poſtirten Matroſen bemerkt, daß vor dem Schiffe das Meer den Charakter einer heftigen Brandung annahm. Es war dieſes ein Umſtand, den in der Nacht und bei dem heftigen Sturme, der das ganze Meer in Aufruhr brachte, eben nur das geübte Auge eines See⸗ mannes erkennen konnte. Auch der Capitän erkannte ſofort, daß der Dampfer in die Nähe einer Brandung gekommen war; wo aber eine Brandung iſt, da ſind auch Klippen, theils unter dem Waſſer, theils über dem Waſſer, und Klippen ſind gewöhnlich in der Nähe einer Küſte. Sofort war der Capitän an das Steuer geſprungen, einen Verſuch zu machen, das Schiff von ſeinem gefährlichen Laufe abzu⸗ bringen, allein das Schiff gehorchte dem Drucke nicht mehr, es trieb weiter. Monte Chriſto war in die Nähe des Capitäns gekommen, der an das Compaßhäuschen getreten war und daſelbſt aufmerkſam Beobachtungen anzuſtellen ſchien. Er bemerkte Monte Chriſto jetzt neben ſich und fragte faſt barſch: „Was wollen Sie, Herr!“ „Es litt mich nicht mehr in der Cajüte,“ entgegnete Monte Chriſto,„ich wollte ſelbſt ſehen.“ „Jetzt iſt nur für Seeleute Platz auf dem Deck!“ „Ich war früher auch Seemann und habe als ſolcher mehr als einen Sturm erlebt!“ „Wirklich?— Dann iſt es etwas Anderes! Bleiben Sie dann, vielleicht können Sie nützen!“ „Wenn es möglich iſt!— Wo ſind wir?“ „Sie ſehen, jetzt an der Brandung, vielleicht bald an der— Küſte. „Inſel oder feſtes Land?“ leucht Maſſe ragten ung w. geſehen Richtu ot bald e ſchoß. daſſelbe der das Meer. ddeute, poſtirten harakter ſimſtand, s ganze es See⸗ in die ung iſ ſber dem liſte. n, einen fe abzu⸗ ehr, es men, der fmerkſam riſto jetzt e Monte mehr als hie dann, nder— — . 303 „Wer kann das in der Sturmnacht und unter ſolchen Umſtänden berechnen?“ „Wahr!— und das Schiff?“ „Gehorcht nicht mehr!“ Monte Chriſto wußte, was dieſes Wort zu bedeuten hatte, er zuckte die Achſeln und murmelte:. „Jetzt, mein guter Stern, verlaſſ' mich nicht!— Nur jetzt nicht!“ Da flammte wieder ein Blitz mit blendender Helle nieder, der Horizont ſtand für einen Augenblick in Feuer und in dieſer Be⸗ leuchtung ſah man das Meer vor dem Schiffe gleich einer kochenden 3 Maſſe brodeln und ſchäumen; über dieſer Brandung hinaus aber ragten langgeſtreckt zackige Umriſſe.— So ſchnell auch dieſe Beleucht⸗ ung wieder verſchwand, ſo hatten doch die Augen der Schiffer genug geſehen. „Dort iſt die Küſte!“ ſagte der Graf, die Hand nach jener Richtung ausſtreckend. „Leider!“ ſagte der Capitän. „Und der Sturm treibt uns auf die Küſte zu!“ „Ja!“ „Laſſen Sie das Schiff rückwärts laufen. Die Maſchine zwingt es vielleicht noch!“ Der Capitän ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Dieſes würde nichts helfen! Der Sturm iſt zu ſtark und würde möglicher Weiſe das Schiff herumdrücken und wir wären nur noch mehr gefährdet, wenn er es von der Langſeite aus ſaßte.“ Monte Chriſto ſah, daß der Capitain Recht hatte und ſtarrte ſchweigend vor ſich hin. „Wenn jetzt der Wind umſpränge,“ ſagte er,„ſei es nach Norden, ſei es nach Süden, ſo könnte Alles noch gut ablaufen.“ „In der jetzigen Richtung aber nicht, Herr?“ fragte Monte Chriſto. „O ja, wenn uns das Glück wohl will.“ Das Schiff ſchoß weiter, es durchſchnitt die Brandung, die es von allen Seiten umkochte und es bisweilen nach allen Seiten umher⸗ warf, wie einen Spielball. Ein neuer, ſtarker Blitz zeigte, daß die Küſte bereits bedeutend näher gerückt ſei, man erkannte Felſen und Berg und es ſchien eine Art Vorgebirge zu ſein. 304 Aus dem Donner, der ſchon entfernter klang, konnte man ſchließen, daß das Gewitter ſich auf das Land gezogen und jetzt über daſſelbe ſeinen Groll ausließ. Es gab dieſe Bemerkung Hoffnung, daß nun auch der Sturm ſich mildern werde.— Weiter wurde das Schiff durch die Brandung geſchleudert, immer dem feſten Lande zu. Jetzt erſchien Bertuccio auf dem Decke. Er kam, nach ſeinem Herrn zu ſehen, deſſen langes Ausbleiben ihn, ſowie Albert und Valentin beſorgt gemacht hatte. „Heilige Jungfrau,“ rief Bertuccio erſchrocken,„wir ſind ja in der Brandung und treiben dem Lande zu!“ Monte Chriſto befahl ihm, ruhig zu ſein und in die Kajüte zurückzugehen, Albert und Valentin zu ſagen, daß er noch einige Zeit auf dem Decke weilen wolle, ſie ſollten deshalb ohne Sor⸗ gen ſein. Kopfſchüttelnd ging Bertuccio. Als geübter Seemann hatte er die Lage des Schiffes mit ſchnellem Blicke überſchaut und erkannt, daß dieſelbe wenig Beruhigendes hatte. Kaum hatte Bertuccio ſich entfernt, als das Schiff einen Stoß erhielt, es krachte und zitterte, es ſtockte für einen Augenblick, als wolle es ſich auf die Seite legen, richtete ſich aber ſogleich wieder auf und ſchwamm weiter. Einen Augenblick ſtand Alles am Bord beſtürzt. „Beim Himmel,“ rief Monte Chriſto,„das Schiff iſt aufge⸗ laufen!“ „Aber wieder flott!“ rief der Capitän. Dann ergriff er das an ſeiner Seite hängende Sprachrohr. „In den Raum,“ donnerte es durch Sturm und Wogenbraus über das Schiff.„Seht nach Leck!“ „Ein paar Augenblicke ſpäter klang der zweite Befehl: „An die Pumpen!“ Die ſchon vorher ſür dieſen Dienſt beſtimmten Matroſen eilten an die Pumpen und harrten des Zeichens zum Beginnen. Nach etwa einer Viertelſtunde bangen Harrens klang aus dem Inneren des Schiffes die Meldung: „Schiff geſund!“ ante man und jetzt er Sturm ſlendert, id ſeinem lbert und ind ja in ie Kajüte ch einige hne Sor⸗ hatte er derkannt, inen Stoß nblick, als ich wieder iſt aufge⸗ achrohr. ogenbralls l: ſen eilten 1. aus dem — 305 „Gott ſei Dank!“ rief der Capitän frei aufathmend, dann ſagte er zu Monte Chriſto:„Der„Aigla“ hat wahrſcheinlich nur eine Klippe geſtreift, iſt wohl über eine ſolche hinweggegangen und der ſtarke Kupferboden hat dem Stoße widerſtanden!“ Es ſchien, als ob der Sturm an Heftigkeit etwas abnahm, aber der Dampfer trieb deshalb immer noch mit raſender Eile durch die kochende Waſſermenge, näher und näher dem Ufer zu. Die Maſchine hatte die Arbeit eingeſtellt, denn es war nicht mehr nöthig, daß ſie das Schiff vorwärts trieb. Ein zweiter Stoß erſchütterte jetzt das Schiff, wieder ſchwankte es auf die Seite und es war für einige Minuten, als wolle es feſt ſitzen. Aber da vollte eine mächtige Welle herbei, hob das Schiff und trug es weiter. „Unſer Stern verblüht noch nicht,“ ſagte der Capitän.„Wir kommen wohl glücklich durch dieſe Riffe!“ Kaum hatte der Capitän dieſes geſagt, da krachte es furchtbar durch das ganze Schiff und es war, als ob jede Planke, jeder Balken des Schiffes erzittere und aus den Fugen zu gehen drohe. — Dann ſaß das Schiff feſt, etwas zur Seite geneigt, der Vorder⸗ theil in die Höhe geſchoben, der Hintertheil geſenkt. Jene Welle, welche den Dampfer von der erſten Klippe hinweg⸗ gehoben, hatte dieſes nur gethan, um es mit deſto größerer Gewalt auf eine andere zu ſchleudern, wo es nun liegen blieb. „Wir ſind geſtrandet!“ rief Monte Chriſto. Ein gleichzeitiges flüchtiges Wetterleuchten hatte ihm einige hohe Felſen gezeigt, die in geringer Entfernung aus dem Meere emporſtiegen; er hatte zugleich geſehen, daß die Wellen wildſchäumend an dieſem Felſen emporſchlugen. „Ich hoffe, das Schiff iſt nur aufgelaufen!“ rief der Capitän, der jede Hoffnung feſtzuhalten ſuchte. Es kann wieder flott werden!“ „Um dann drüben zu zerſchellen!“ antwortete Monte Chriſto mit dumpfer Stimme., „Waſſer im Raume!“ ſchrie es jetzt aus dem Inneren des Schiffes.— Ein Leck!“ „An die Pumpen,“ donnerte des Capitäns Stimme. Der Maſchiniſt hatte die Ventile geöffnet und der Damyf ent⸗ wich mit unheimlichem Geheule aus der Schlotte. Monte Chriſto's letzter Weltgang. 20 306 Die Mannſchaften an den Pumpen, ſchon bereit ſtehend, hatten des Capitäns Commando gar nicht erwartet, ſondern auf den erſten aus dem Inneren des Schiffes dringenden Ruf ſofort die Pumpen in Bewegung geſetzt und arbeiteten jetzt mit Aufbietung aller Kräfte, um des in den Raum gedrungenen Waſſers Herr zu werden. Monte Chriſto ſtürzte in die Cajüte hinab, wo ſeine Geſellſchaft ihn noch erwartete. „Wir ſind geſtrandet!“ rief er ihnen zu.„Auf's Deck, auf's Deck!“ Er ſteckte raſch ein werthvolle Papiere enthaltendes Portefeuille zu ſich und eilte wieder auf das Deck zurück. Albert, Valentin und die Dienerſchaft folgten ihm und hielten ſich dicht an ſeine Seite. Es war, als erwarteten ſie von ihm allein noch Rettung. Auch die übrigen Paſſagiere, aufgeſchreckt durch die von oben zu ihnen gedrungene Schreckenskunde von dem Stranden, drängten ſich in größter Verwirrung auf das Verdeck, riefen, ſchrieen, fragten und fanden doch keine Antwort, denn die Schiffsmannſchaft, die jetzt nur auf möglichſte Réttung des Schiffes dachte, hatte mit den Arbeiten genug zu thun, und immer wieder klang die Stimme des Capitäns durch das Sprachrohr in das Gewirre, Befehle ertheilend, bald hier⸗ hin, bald dorthin. Die Schiffslaternen warfen ihr Licht über die Gruppen der ſchreckensbleichen Paſſagiere und der arbeitenden Matroſen. Monte Chriſto hatte ſich in der Nähe des Capitäns gehalten und beſtändig die Umgebung des Schiffes beobachtet, ſo gut dieſes in der nur durch in immer längeren Zwiſchenräumen erfolgendes Wetterleuchten und durch die Schiffslaternen erhellten Finſterniß möglich war. Er ſah, daß das Schiff mitten in der Brandung feſt ſaß, das Ufer aber nicht ſehr weit entfernt ſein konnte. Ob dieſes Ufer aber zugänglich war, das war eine Frage, die ſich erſt bei Tagesanbruch beantworten ließ, jetzt ſah man eben nichts, als zackige Umriſſe, die auf ſteile, kahle Felſen ſchloſſen. Der Capitän hatte ſich erſchöpft an das Compaßhäuschen ge⸗ lehnt und ſtarrte in die Nacht hinaus. Monte Chriſto trat zu ihm und fragte: ob er es nicht für b, hatten en erſten Pumpen r Kräſte, en. eſelſchaſt ſs Deckl⸗ rtefeuille hielten ſom allein von oben drängten —n, fragten t, die jitzt — Arbeiten Capitäns bald hier⸗ uppen der en. zgehalten gut dieſes olgendes Finſterniß tſaß, das Ufer aber esanbruch mriſſe, die zuschen ge⸗ nicht für 307 geeignet halte, die Boote auszuſetzen und zu verſuchen, an die Küſte zu gelangen. „Nein,“ entgegnete der Capitän,„ich hoffe immer noch, daß der „Aigla“ noch flott wird!“ „Aber wenn dieſes nicht der Fall iſt?“ fragte Monte Chriſto. „Dann iſt der„Aigla“ doch immer noch feſt genug gebaut, um in dieſer Lage den Sturm zu überdauern,“ antwortete der Capitän, „und wie mir vorkommt, mindert ſich der Sturm.— Aber ich hoſſe noch auf Flottwerden!“ „Aber das Leck?“ „Wird ſich verſtopfen laſſen und das eingedrungene Waſſer wird zu bewältigen gehen.“ Es war aber, als ſolle der Capitän ſofort den Beweis erhalten, wie wenig begründet ſeine Hoffnung ſei, denn ſoeben hob ſich wieder eine gewaltige Welle, ſtürzte ſich auf das Schiff und ſchob es noch mehr vorwärts. Der Capitän, der die Bewegung des Schiffes ſogleich bemerkte, rief freudig aus: „Der„Aigla“ wird flott!“ Es war dieſes aber nicht der Fall, denn nur vorwärts geſchoben war der„Aigla“, und nun lag er deſto feſter zwiſchen den Klippen, die ihn eingeengt hatten.— Ein gewaltiges Krachen und Aechzen, das durch das ganze Fahrzeug ging, ließ zugleich befürchten, daß auch die Hoffnung, welche der Capitän auf die Feſtigkeit ſeines Fahrzeuges ſetzte, eine vergebliche ſein dürfte, und daß der„Aigla“ zuletzt doch nicht im Stande wäre, dem heftig gegen ihn donnernden Wellenſchlage zu widerſtehen. Der„Aigla“ war ein Wrack! Dieſes konnte jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen ſein. Schon zeigte ſich auch die fortſchreitende Zerſtörung, indem die beiden Maſten, einer nach dem anderen, brachen und über Bord fielen, wo ſie von dem Waſſer hin⸗ und hergeſchleudert wurden und wiederholt an das Schiff ſtießen, an dem ſie noch durch die herab⸗ hängenden Taue, an deren Durchhauen Niemand dachte, feſtgehalten wurden. Daß überhaupt auch gar keine Ausſicht mehr auf irgend eine Rettung des Schiffes ſein konnte, bewies auch das im Raume immer 20* 308 höher ſteigende Waſſer, welches ſchon den Herd der Dampfmaſchine erreicht hatte und das Feuer löſchte. „Die Boote in's Waſſer! Die Boote in's Waſſer!“ ſchrie jetzt Alles. Und die Paſſagiere und auch Viele der Mannſchaft drängten ſich nach dem großen Boote, das noch an der Seite des Schiffes feſt⸗ gekettet hing, und beſtrebten ſich, daſſelbe in's Waſſer zu laſſen. Der Capitän ſtürzte ſich in die gedrängte Menge und ſtrengte ſeine Stimme nach allen Kräften an, die Leute von ihrem Vor⸗ haben abzubringen und ſie von dem Boote zurückzutreiben. Er ſtellte ihnen vor, wie thöricht ſie handelten, wenn ſie jetzt den Ver⸗ ſuch machen wollten, ſich im Boote vom Schiffe zu entfernen und in der Nacht, während die Brandung noch ſo gewaltig gehe, nach der Küſte zu gelangen, die ſie nicht einmal kannten und wo ſie nicht wüßten, wo ſie den geeignetſten Landungsplatz ſuchen ſollten; das Bost würde von den Wellen umgeſtürzt und zerſchellt werden, und Alle, die ſich in demſelben retten wollten, würden als Opfer der Brandung anheimfallen. Der Capitän redete den Leuten ferner zu, für jetzt nur ruhig auf dem Schiffe zu bleiben, von dem er behauptete, es werde dem Wellenſchlage lange genug widerſtehen, denn ein Schiff von ſolcher Bauart gehe in den erſten Stunden nicht auseinander, wie ein Kartenhaus. Er ſagte: ſie ſollten wenigſtens den Anbruch des Tages erwarten, dann würden ſie wenigſtens die vor ihnen liegende Küſte ſehen und den geeignetſten Landungspunkt ausſuchen können; auch werde ſich ja allem Anſcheine nach der Sturm bis Sonnenaufgang legen und dann ſei auch die Brandung ruhiger und mit weit weniger Gefahr zu paſſiren; ſie würden dann mit voller Sicherheit das Land erreichen. Der Capitän berief ſich dabei auf ſeine lange ſeemän⸗ niſche Erfahrung, da er ſich nicht das erſte Mal in ſolcher Lage befinde. Monte Chriſto hatte ſich an die Seite des Capitäns gedrängt. Er fand deſſen Anſichten ganz gegründet und unterſtützte ſie lebhaft, die beſtürzten Leute dringend mahnend, den Kopf nicht zu verlieren, ſondern ruhig und beſonnen der Gefahr in's Auge zu ſehen, denn Beſonnenheit allein könne jetzt retten. Es ſchien auch, als ob die Vorſtellungen auf Einzelne guten Eindr traten auf d Hände wolle wenig ihren woltte 1 hatten Boot falle d der C zu hin zugle mächt dann war aſchine rie jett aten ſich 8s feſt⸗ ſſen. ſtrengte Vor⸗ mn. Er en Ver⸗ und in , nach wo ſit ſollten, werden, s Opfer r ruhig de dem ſolcher wie ein s Tages de Küſte n; auch aufgang weniger das Land ſeemän⸗ er Lage edrängt. lebhat, erlieren, n, denn ne guten 309 Eindruck gemacht hätten, denn ſie trennten ſich von der Menge und traten zurück; aber die Uebrigen hörten in ihrer Beſtürzung nicht auf die mahnenden Worte. Dieſe Leute ſahen den Tod vor Augen, der ſchon ſeine kalten Hände nach ihnen ausſtreckte, ſie in das naſſe Grab zu ziehen; ſie wollten ihm entfliehen. Sie wußten dort drüben die Küſte, wo ſie wenigſtens Rettung des Lebens hofften, da ſie dort feſtes Land unter ihren Füßen hatten, ſtatt das trügeriſche Element, das Waſſer, und wollten hinüber. Der Capitän ſah, daß ſeine Worte nicht die gewünſchte Wirkung hatten, die Leute vielmehr immer noch ſich beſtrebten, das große Boot loszumachen, wobei ſie noch von einigen Matroſen, die gleich⸗ falls den Kopf ganz verloren hatten, unterſtützt wurden.— Da gab der Capitän Befehl, die Beſtürzten mit Gewalt an ihrem Vorhaben zu hindern. Aber da erſchütterte ein gewaltiges Krachen das Schiff, welches zugleich eine ſchwankende Bewegung nach der Seite machte. Der mächtige Andrang der Wogen hatte das Wrack etwas gehoben und dann noch etwas auf der Klippe vorwärts geſchoben. Und vielleicht war bei dieſer Gelegenheit an dem Schiffe etwas geborſten, wonach zu ſehen, Niemandem jetzt einfiel. Dieſes Krachen und dieſes Erzittern des Schiffes war es, was vollends alle Wirkung der Worte des Capitäns und Monte Chriſto's zu Nichte machte.— Alle hatten gehört, Alle gefühlt. „Das Schiff ſinkt!— In's Boot! In's Boot!“ ließ ſich eine Stimme vernehmen. Paniſcher Schrecken ergriff jetzt Alles, ſelbſt die, bei denen die Beſonnenheit begonnen hatte, zurückzukehren. Die Matroſen hatten ſchon das Boot losgemacht und ſchickten ſich an, es hinabzulaſſen. Eine gewaltige Woge wälzte ſich heran, ſie hob das ſchaum⸗ gekrönte Haupt, bäumte ſich an dem dem Untergange geweihten Schiffe empor und ſtürzte ſich donnernd über das Verdeck hinweg, dieſes mit einem Waſſerſtrome überfluthend. Rollen, Krachen, Poltern folgte dem Waſſerſturze, ein greller Angſtſchrei gellte durch die Nacht! Betäubung ſchien ſich für den Augenblick Aller bemächtigt zu haben. 310 Monte Chriſto hatte im Augenblicke, wo die Waſſermaſſe mit ſo furchtbarer Gewalt über das Deck hereinbrach, ein Tau ergriffen und ſich an daſſelbe geklammert, und als er ſich nun, nachdem die Kataſtrophe vorüber war, aufrichtete, ſah er bei dem Schimmer einer in der Nähe noch brennenden Laterne ein grauenhaftes Bild. Ein Theil des Geländers des Schiffes war hinweggeriſſen, Bruchſtücke deſſelben hingen noch am Schiffe, und an dieſe klam⸗ merten ſich ein paar Menſchen an, die, ſo über dem Waſſer ſchwebend, angſtvoll um Hilfe ſchrieen; ehe aber noch Jemand daran dachte, ihnen beizuſtehen, waren die Geländertrümmer vollends herabge⸗ brochen und die daran Hängenden von der Brandung verſchlungen. Monte Chriſto's erſter Gedanke war an Albert und Valentin geweſen, er ſchaute ſich nach ihnen um. Sie hatten mehr zurück⸗ geſtanden und drangen eben herbei, nach dem Grafen zu ſehen, und Bertuccio und Ali folgten ihnen.— Freude durchzog Monte Chriſto's Herz, als er ſeine Gefährten unverletzt vor ſich ſah. Er duldete es, daß Albert und Valentin ihn ergriffen und vom Rande des Schiffes hinwegzogen. Auch der wackere Capitän war unverletzt davongekommen und geſellte ſich zu Monte Chriſto. Aber wie ſo Mancher der Paſſagiere und Matroſen waren durch die furchtbare Sturzwelle vom Verdecke hinweg in das Meer geſpült worden! Wie Viele es ſein mochten, ließ ſich nicht erkennen, aber das ſah man ſchon, daß ſehr Viele aus jener Menge fehlten. Jene aber, die noch daſtanden, ſchienen vom Wahnſinne erfaßt zu ſein, denn noch wilder als vorher drängten ſie ſich zuſammen. „Wir ſinken!— Hilf, heilige Mutter Gottes!— In'’s Boot! In's Boot!“ Alſo heulte und ſchrie es durcheinander. Noch hing das Boot an einem Taue am Schiffe; es hatte die Sturzwelle glücklich überſtanden, ohne hinweggeriſſen zu werden. Jetzt ward das Tau von einem Matroſen durchgehauen.— Das Boot ſchwamm im Waſſer. Sofort ſprangen auch einige Matroſen in das Boot, ein paar Paſſagiere folgten. Noch einen Verſuch machte da der Capitän, die Leute zurück⸗ zuhalten, er rief, bat, beſchwor, befahl.— Alles umſonſt. Es war nit ſei und it geſtoße U jetzt ei gelang ſchaur 3 Mann zu ſor war a mende J und] Rand 6 wollte hörte warte denn die 2 zurü hie noch wei Sch St in ſſe mit griffen em die er einer periſſen, e klam⸗ twedend, dachte, erabge⸗ lungen. alentin zurück⸗ en, und driſtos ldete es, Schiffes en und en durch geſpült en, aber en. e erfaßt mmen. z Boot! hatte die werden. as Boot ein paar te zurick⸗ Es war 1 311 mit ſeinem Anſehen zu Ende.— Als er einen Matroſen anpackte und ihn mit Gewalt zurückhalten wollte, da wurde er roh zurück⸗ geſtoßen und der Matroſe ſtürzte ſich mehr in's Boot, als daß er ſprang. Unter Denen, die noch am Rande des Schiffes ſtanden, entſtand jetzt ein Ringen, denn Jeder wollte der Erſte ſein, der in's Boot gelangte. Fluchen, Brüllen, Kreiſchen, Bitten gellten wild und ſchaurig durcheinander. Jetzt gellte ein furchtbarer Angſtſchrei durch die Nacht. Ein Mann hatte einen Anderen zurückgeriſſen, um vor ihm in das Boot zu ſpringen. Der Letztere hatte den Erſteren feſtgehalten, dieſer war ausgeglitten und Beide ſtürzten jetzt über Bord in das ſchäu⸗ mende Meer. Niemand achtete darauf, Jeder ſuchte nur in'’s Boot zu kommen, und Mehrere ſprangen geradezu in's Waſſer, in der Hoffnung, den Rand des Bootes zu erreichen und ſich hineinzuſchwingen. Das Boot konnte kaum zwanzig Menſchen faſſen und doch wollten jetzt vierzig bis fünfzig in demſelben Platz nehmen. Man hörte von unten heraufrufen: das Boot ſei überfüllt, man ſolle warten, bis es zurückkehre.— Aber auch dieſer Ruf war umſonſt, denn immer ſtürzten ſich Einige über Bord, dem Verderben in die Arme. „Die Unglücklichen ſind verloren!“ rief der Capitän, verzweifelnd zurückweichend.„Wir können nichts mehr thun.“ „Eott ſei ihnen gnädig!“ fügte Monte Chriſto hinzu. Sie waren wieder an den Bord des Schiffes geſchritten, und hier an Taue ſich feſthaltend, blickten ſie hinab auf das Meer, das nooch auf einen kleinen Umkreis von den Laternen erhellt war, ſo weit dieſelben noch brannten. Sie ſahen das überfüllte Boot vom Schiffe abſtoßen, ſahen es von einer Welle aufgehoben, eine kurze Strecke fortgetragen, dann aber ſchoß es in die Tiefe, es verſchwand in der Nacht und der Brandung. Dann war es den Lauſchenden, als ob ſie einen wilden Schrei, wie vereint aus vielen Kehlen ausge⸗ ſtoßen, zu ihnen herüberdränge, aber ſie wußten nicht, ob das Heulen des Windes ſie täuſche, als ob ihre Angſt wegen jenen Unglücklichen es ihnen ſo ſcheinen laſſe, daß ſie die Stimmen der Elemente mit den Stimmen der Menſchen verwechſelten. 312 Sie erreichen den Strand höchſtens als Leichen!“ ſagte der Capitän und wich ſchaudernd zurück. Von Paſſagieren waren außer Monte Chriſto und ſeiner Geſell⸗ ſchaft nur noch einige auf dem Schiffe, dann der Capitän mit ſeinen Schiffsoffizieren und den Maſchiniſten und einer kleinen Zahl alter bewährter Matroſen, die treu bei ihrem Capitän ausharrten und die auch genügendes Vertrauen auf die Feſtigkeit des.„Aigla“ hatten. Ein Schiff von ſolcher Bauart wurde nicht ſogleich vom Wellen⸗ ſchlage zerriſſen. Auf Anordnung des Capitäns zogen ſich alle noch auf dem Schiffe befindlichen Leute auf das Vordertheil des Schiffes zurück, wo ſie am ſicherſten waren, denn das etwas tiefer liegende Hinter⸗ T theil wurde zu oft durch Sturzwellen überſpült. Prak Noch hing auch das zweite kleinere Boot an der Seite des I Schiffes. Der Capitän poſtirte ein paar entſchloſſene Matroſen in ſſbväc die Nähe deſſelben und erklärte zugleich ſehr ernſt, daß er Jeden, es ſich der es wagen würde, ohne ſeinen Befehl dieſes Boot anzurühren, einer den Kopf zerſchmettern werde. milde Es dachte aber Niemand daran. die he daß d geleg theile einzel ſreien 1 Stau hörte gewa ſchle erzürg pochen Bism dort Vord Man Welle⸗ duf dem zurück, Hinter⸗ ite des oſen in Ueunzehntes Kapitel. Die Riffpiraten. Das war eine ſchauerliche Nacht für Die, ſo noch auf dem Wrak des ſtolzen„Aigla“ ſich befanden! Wohl hatte das Gewitter ſich landeinwärts verzogen, das immer ſchwächer und bläſſer werdende Wetterleuchten zeigte deutlich, daß es ſich ſchon weit entfernt hatte und ſein letztes Grollen über irgend einer Landſchaft ausließ; auch hatte der Sturm ſich bedeutend ge⸗ mildert und aus dem Grade der Stärke der einzelnen Windſtöße, die heranbrauſten, konnte der erfahrene Seemann wohl entnehmen, daß die Wuth des Sturmes bis zum Sonnenaufgange ſich faſt ganz gelegt haben würde, wie auch aus den mehr und mehr ſich zer⸗ theilenden Wolken, zwiſchen denen der Mond hindurch ſchien und einzelne Sterne ſchimmerten, ſich die Hoffnung auf einen ziemlich freien Sonnenaufgang ergab, vielleicht folgte dann ein heiterer Tag. — Auch der Regen hatte nachgelaſſen und hatte ſich in einen feinen Staubregen aufgelöſt, der nur pauſenweiſe ſich einſtellte; endlich hörte er gänzlich auf. Aber doch packten die einzelnen Windſtöße das Wrack noch ganz gemaltig, als wollten ſie es aufheben und vollends an die Küſte ſchleudern, und die Brandung donnerte grimmig an die Holzwände, erzürnt, daß dieſelben immer noch widerſtanden und auf dieſes An⸗ pochen ſich nicht öffneten, dem ungeſtümen Elemente Einlaß gewährend. Bisweilen ſchlug auch noch eine Sturzwelle über das Hinterdeck, dort Alles mit ſich fortreißend, was nh ſo gehin wollte. Das Vorderdeck war frei davon. Auf dem Vorderdeck waren die auf dem Schiffe noch übrigen Mannſchaften und Paſſagiere und der Kapitän verſammelt. Hier hing 8 314 noch eine brennende Schiffslaterne und beleuchtete die Gruppen der Schiffbrüchigen. Bei dieſer ſchwankenden Beleuchtung ſah man den Kapitän mit ſeinen beiden Steuerleuten und dem Maſchiniſten bei dem Bug⸗ ſpriet ſtehen und hinausſchauend nach dem Oſten, von wo die Sonne kommen mußte.— Nur der Tag konnte ja den Schiffbrüchigen Rettung aus ihrer Noth bringen. Unfern von dieſer Gruppe ſtand Monte Chriſto mit Albert und Valentin und ſeinem Gefolge. Es fehlte Niemand, denn Alle hatten ſich ja um ihren Herrn gehalten, bereit, wenn es ſein mußte, mit ihm unterzugehen. Auch Monte Chriſto blickte ſehnend und forſchend hinaus gegen den Oſten, ob nicht der Tag bald ſich zeige, und mit ihm die Küſte, auf dem Meere aber vielleicht ein rettendes Segel. Er war nicht ohne Sorgen, denn die Küſte, an der ſie ſich befinden mußten, der Marokkos, war wegen ihrer den Schiffbrüchigen nichts weniger als freundlich geſinnten Bewohner nicht im beſten Rufe. Erzählte man ſich doch, daß die Schiffbrüchigen, welche durch das Unglück an dieſe ungaſtlichen Küſten geworfen wurden, ausgeplündert, und wenn ſie Widerſtand leiſteten, getödtet wurden, anderen Falls aber war ihr Loos, als Sclaven in das Innere des Landes abge⸗ führt zu werden.. Wie ſo Mancher, den der Sturm hierher verſchlagen, der ſich mit Mühe aus dem Toben des Meeres gerettet, mußte dann unter der glühenden Sonne Afrikas unter harter Arbeit als niedriger, mißhandelter Gefangener ſein Leben verbringen, ohne die Heimath und ſeine Lieben je wiederzuſehen.— Wie Wenigen, die kühn genug waren, die Flucht zu verſuchen, gelang es, zu entkommen; die bei weitem größere Mehrzahl verſchmachtete auf der Flucht entweder, oder ſie wurde von den ſchonungsloſen Verfolgern auf der Flucht getödtet. Diejenigen, welche getödtet wurden, waren dann immer noch die Glücklichſten, denn denen, ſo gefangen zurückgeſchleppt wurden, harrte ein noch traurigeres Loos, mit Ketten belaſtet, mußten ſie unter beſtändigen Mißhandlungen die niedrigſten Arbeiten verrichten. Wenn auch die europäiſchen Conſule nach Kräften ſich beſtrebten, ſolchem Unweſen zu ſteuern, ſo konnten ſie doch nicht viel thun, denn ſie erfuhren dergleichen Vorfälle nicht und wenn ſie dieſelben erfuhren und ſich an die amerikaniſchen Behörden wandten, um Auskun konnten ſei es handelt würde, Widerſ Anſehe viele 6 als He hin, n im höch Dieſes Scheine Nachfor Rappor gegen! ſind, w die Sc clamate Conſul wirklich J ſchwer in die loren, geſeh wiedg düſte blickli natür häuß er, Ung zu g bpen der Kapitän ſem Bug⸗ ie Sonne brüchigen bert und lle hatten lißte, mit ſorſchend und mit s Segel. befinden ſen nichts nen Kufe. ſdurch das ſeeplündert, eren Falls des abge⸗ dir ſch dann unter niedriger, Heimath in genug n; die bei entweder, der Flucht un immer öt wurden, nußten ſie verrichten. beſtrebten, viel thun, dieſelben dten, um 315 Auskunft über das Schickſal der Schiffbrüchigen zu erhalten, dann konnten die Behörden entweder nichts thun, oder wollten nichts thun, ſei es aus böſen Willen, da es ſich ja nur um„Chriſtenhunde“ handelte, oder weil ſie voraus wußten, daß ihre Mühe umſonſt würde, weil ſie bei der an Ungebundenheit gewöhnten und ſtets zur Widerſetzlichkeit bereiten Bevölkerung im Innern des Landes kein Anſehen genvſſen.— Dabei giebt es ja im Innern des Landes ſo viele Stämme, die den Sultan von Marokko nur dem Namen nach als Herrn anerkennen, beſtändig die Wohnſitze wechſeln, heute hier⸗ hin, morgen dorthin ziehen. Da ſind Nachforſchungen dann ſtets im höchſten Grade ſchwierig und für gewöhnlich— erfolglos.— Dieſes war denn gleich ein Grund mit, daß die Behörden nur zum Scheine, um die Reclamationen der Conſule zu befriedigen, einige Nachforſchungen anſtellten, deren Reſultat dann gewöhnlich der Rapport iſt: es ſind Alle ertrunken. Was will dann ein Conſul da⸗ gegen machen? Wenn er auch weiß, daß dieſe Angaben nicht wahr ſind, wenn er auch durch eigene Erkundigungen die Gewißheit erhielt, die Schiffbrüchigen lebten noch, ſo nützen ihm doch wiederholte Re⸗ clamationen ſo wenig wie die erſte, und man hat Beiſpiele, daß ein Conſul, der neue Reclamationen erhob, nach ein paar Jahren der wirklichen und ſcheinbaren Nachforſchungen doch nichts erreichte. Alles dieſes wußte Monte Chriſto und es erfüllte ihn mit ſchweren Sorgen. Was ſollte werden, wenn er und ſeine Gefährten in die Hände ſolcher erbarmungsloſer Menſchen fiel? Er war ver⸗ loren, wenn ihn nicht beſondere Glücksfälle unterſtützten. Und Haidee und ſeine Tochter? ſollte er ſie zum letzten Male geſehen haben?— Und ſollte es ihm nicht vergönnt ſein, den Sohn wieder zu finden und in die Arme zu ſchließen? Wohl waren ſolche Gedanken geeignet, eine noch größere Ver⸗ düſterung bei Monte Chriſto hervorzurufen, als es bei der augen⸗ blicklichen Lage der Dinge ohnehin ſchon der Fall war, war ganz natürlich. Monte Chriſto wußte indeſſen auch, daß dieſe Meeresgegend häufig von Schiffen aller Nationen befahren wurde, und ſo hoffte er, daß der günſtige Zufall ein ſolches Schiff in die Nähe ihres Unglücksortes führen würde, nahe genug, um demſelben ein Zeichen zu geben und von dem Borde deſſelben bemerkt zu werden.— Es — ÿůÿÿ 316 konnte ja auch ſein, daß auch andere Schiffe, gleich dem„Aigla“, von dem Orkane erfaßt, in die Nähe der Küſte getrieben, aber glücklicher davongekommen waren, und in dieſem Falle mußte das Wrack des„Aigla“ bemerkt werden. Dieſes war eine Hoffnung, welche Monte Chriſto feſthielt, da ſie beruhigend auf ſein ſorgenvolles Gemüth wirkte, und oft wandte er ſeine Augen ſehnend hinaus auf das noch ungeſtüm brauſende Meer; aber er ſah noch nichts als eine ſchwarze Maſſe, die ſich nur erſt wenig merklich von dem finſteren Himmel abtrennte. Die Lage der Schiffbrüchigen war nichts weniger, als erfreulich. Sie waren von dem Regen und dem Seewaſſer bis auf die Haut durchnäßt und zitterten jetzt vor Froſt, da in jener Himmelsgegend die Tage wohl ſehr heiß, aber dafür die Nächte oft ſehr empfindlich kalt ſind.— Die Leute drängten ſich zuſammen, ſich dadurch etwas zu erwärmen, und erwarteten mit Sehnſucht den Morgen, der über ihr Schickſal entſcheiden ſollte und der ihre Lage, wie ſie hofften, erträglicher machen würde. Aber die Zeit ſchien eben heute bleierne Flügel zu haben und die Nacht kein Ende nehmen zu wollen. Fort und fort ſchlug die Brandung donnernd an die Wände des Schifſes und der Schaum ſpritzte über das Deck hinweg. Der Wind pfiff noch ſcharf und klatſchend ſchlugen die losgeriſſenen Taue aneinander. Der Capitän hatte einen Matroſen in den Raum des Schiffes geſchickt, zu ſehen, wie es dort ausſchaue. Der Matroſe kam zurück und brachte die Nachricht, daß der untere Schiffsraum vollſtändig mit Waſſer gefüllt ſei und die Tonnen und Kiſten in demſelben herumſchwämmen. Nun war freilich nicht zu hoffen, daß die Fluth das Schiff wieder heben werde, aber es war auch nicht zu fürchten, daß es ſinke, da es auf dem Riffe feſtlag. „Wir haben nun nur noch die Wahl!, entweder, ſowie die See ſich genügend beruhigt und Ebbe eingetreten, an's Land zu gehen und dann zu ſuchen, einen Hafenort zu erreichen, oder wir bleiben ſo lange als möglich auf dem Wrack, nach einem Schiffe ſpähend, das uns freundlich aufnimmt,“ ſagte der Capitän. 5 merkte immer 9 „ mit ein indeſſen hält da ſchlecht Es finden, Eine el Anprall auch la Schiffe E. dahin Meer Dem 2 feſten gährte ſiedend 1 flohe grim wind. brauſt Strab von Land die umh der „Aigla 4, pen 1 aber uöte das ſtiett, da —ft wandte brauſende ie ſich nur erfreulich. die Haut elsgegend mpfindlich lrch etwas „der über ſie hofften, baben und die Wände weg. Der ſenen Taue es Schiffes kam zurück vollſtändig demſelben das Schiff en, daß es ie die See d zu gehen vir bleiben fe pähend, 317 „Wenn es möglich wäre, würde ich das Letztere wählen,“ be⸗ merkte Monte Chriſto. „Weshalb?“ fragte der Capitän. „Weil,“ entgegnete der Graf,„weil ich glaube, daß das Meer immer noch gaſtfreundlicher ſein dürfte, als das Land dort drüben!“ „Möglich, daß Sie Recht haben, mein Herr,“ ſagte der Capitän mit einem leiſen Seufzer, fügte aber ſogleich hinzu:„Wir wollen indeſſen das Beſte hoffen und müſſen es auch, denn auf die Dauer hält das Wrack doch nicht zuſammen, die Brandung ſpielt ihm zu V ſchlecht mit.“ Es war, als ſolle des Capitäns Ausſpruch ſofort Beſtätigung finden, denn von dem Hintertheile des Wrackes klang ein Krachen. Eine eben über das Deck ſtürzende Welle hatte durch den gewaltigen Anprall eine Planke losgeriſſen und damit den Anfang zur, wenn auch langſamen, ſo doch ſicheren und vollſtändigen Zerſtörung des Schiffes gemacht. Endlich hellte ſich der Himmel auf, langſamer zogen die Wolken dahin und zertheilten ſich nach allen Richtungen. Man ſah das Meer als eine dunkle, heftig bewegte Maſſe ſich weithin ausdehnen. Dem Wracke gegenüber erhoben ſich dunkle Maſſen, die Lage des feſten Landes verrathend. Um das Wrack aber krachte und brauſte, gährte und ſchäumte es, als ob ſich das verunglückte Schiff in einem ſiedenden Keſſel befände. Der Tag war im Anbrechen begriffen. Keine halbe Stunde verging, dann war Alles hell, die Wolken flohen, und mit überraſchender Schnelle verwandelte ſich das letzte grimmige Hauchen des Sturmes in einen friſchen, kräftigen Morgen⸗ wind. Nur das Meer wollte ſich nicht ſo ſchnell beruhigen, es brauſte und ſchäumte noch ungeſtüm fort. Jetzt blitzte über den Felſenzacken des Ufers ein goldener Strahl empor, und dann erhob ſtolz und majeſtätiſch die Sonne ihr von Strahlen umflammtes Haupt, goldenes Licht ausſtrömend über Land und Meer, und von dieſem Lichte getränkt, verwandelten ſich die Schaumkronen der Wellen in ſchimmernde Diademe, und der umherſpritzende Giſcht der Brandung glänzte gleich Perlen und in der Luft umherfliegenden Diamanten. Es hätte können ein großartiges Naturſchauſpiel ſein, wenn 318 irgend Jemand von den Schiffbrüchigen Stimmung gehabt hätte, darauf zu achten. Jetzt dachte aber Jeder an ſich ſelbſt. Zunächſt wandten ſich Aller Blicke dem feſten Lande zu. Dem Wrack gegenüber, nicht dreihundert Fuß entfernt, erhob ſich die Küſte. Dieſelbe war zum größten Theile felſig, an ein paar Stellen aber verlief ſie flachgehend in's Meer. Dieſe Küſte war völlig kahl, ohne Baumwuchs, nur dürres Geſträuch ſchien da und dort zwiſchen den Felſenklumpen Wurzeln geſchlagen zu haben. Einen weiteren Einblick in das Land hatte man nicht, man ſah nur aus der Ferne einige zackige, blaue Bergkuppen emporragen.— Seitwärts ſtreckte ſich ein gleichfalls kahles, felſiges, düſteres Vorgebirge in die See hinaus; doch war dieſes von der Stelle, wo das Wrack lag, wohl eine Seemeile entfernt.— Der ganze Anblick machte den Eindruck der Oede und Un⸗ wirthbarkeit. Monte Chriſto und der Capitän ließen dann ihre Blicke auf die See hinausſchweifen, um zu ſehen, ob ſich dort nicht ein ret⸗ tendes Schiff zeige.— Umſonſt, ſo weit man ſchauen konnte, lag das Meer öde und leer vor den forſchenden Blicken, kein Segel zeigte ſich, kein Dampfwölkchen. Auch das Land erſchien wie ausgeſtorben, wenn man die Möven und andere Vögel, die um die Felſen des Ufers ſchwärmten, ab⸗ rechnete. Dieſe Verödung des Strandes gab übrigens einer Befürchtung traurige Beſtätigung. Wenn Diejenigen, ſo in der Nacht das Schiff verlaſſen, das Ufer glücklich erreicht hätten, ſo mußte man ſie jetzt doch ſehen, und da dieſes nicht der Fall war, ſo konnte man nicht anders annehmen, als ſie ſeien Alle ein Opfer ihres verwegenen Beginnens geworden, und im Meere verſunken. „Beim Himmel, dort liegt ja das Boot!“ rief Monte Chriſto plötzlich. Er deutete dabei nach einer nahen Klippe, an der die Brand⸗ ung heftig ſchäumte, und an dieſer Klippe ſah man ein zerſchelltes Boot liegen, welches der Capitän augenblicklich als das große Boot des„Aigla“ erkannte. G das zuſehe Schif Mann dem Menſ 4 auf d lebend Auch willkon denſel es we einige 9 Arbei beſon noch geleg ſei, ang man wo Schi Süd päiſ der Ch aht hätte zu. 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Auch eine Tonne Trinkwaſſer fand ſich noch unverſehrt und war willkommen. Zugleich verſuchte man in die Cajüten zu dringen und aus denſelben das Werthvollſte zu retten. Man mußte damit eilen, denn es war vorauszuſehen, daß dieſer Theil des Schiffes, von dem ſchon einige Planken fehlten, zuerſt in Trümmer gehen werde. Bertuccio, der alte Seemann, und Ali zeichneten ſich bei dieſer Arbeit durch ihre Kühnheit und Gewandtheit aus, und ſie retteten beſonders die Gewehre und den Schießbedarf, der ſich zum Glück noch unverſehrt vom Seewaſſer zeigte. Monte Chriſto hatte ihnen dieſes noch beſonders an's Herz gelegt und auch den Capitän aufmerkſam gemacht, daß es räthlich ſei, ſich ſo gut als möglich mit Waffen zu verſehen. „Wo ſind wir?“ fragte Monte Chriſto. Der Capitän hatte eine Seekarte geborgen, und aus der nun angeſtellten Unterſuchung ergab ſich, daß das Vorgebirge, welches man ſeitwärts ſich erheben ſah, wahrſcheinlich das Cap Ghir war. Man war da nicht weit von Mogador, dem nächſten Hafen, wo ſich europäiſche Conſule befanden und wo häufig europäiſche Schiffe verkehrten. Die Häfen, welche von Mogador bis an die Südgrenze Marokkos ſich befinden, werden weit weniger von euro⸗ päiſchen Fahrzeugen angelaufen und zeigen ſich auch die Bewohner derſelben den Europäern weit weniger freundlich geſinnt. „Wir haben uns da wenig Glück zu wünſchen,“ ſagte Monte b Chriſto ſehr ernſt zu dem Capitän.„Ich wünſchte, da wir nun 320 einmal an eine Küſte geworfen werden mußten, es wäre an einer anderen Stelle geſchehen.“ „Näher an Mogador,“ entgegnete der Capitän.„Ja, das wäre jetzt auch wünſchenswerther.“ „Die Riffpiraten!“ „Freilich, das iſt arges Geſindel!“ „Und auch das Cap Ghir hat dergleiches.“ „Leider, und wie man ſagt, nicht von der beſten Sorte.— Aber wir haben ja unſere Flagge noch und dieſes Geſindel wird ſie kennen;— hiſſen wir die Flagge auf.“ „Was ſoll dieſes nützen?“ „Unſere Flotte hat ihrer Zeit Mogador bombardirt und auch andere Hafenneſter hier herum haben die franzöſiſchen Kugeln ſchon kennen gelernt. Das Geſindel wird ſich hüten, die franzöſiſche Flagge zu beleidigen.“ „Ich fürchte im Gegentheil, es wird dann unſer Unglück zu benutzen ſuchen, ſich zu rächen: denn dieſe Araber vergeſſen nichts und ſuchen, ſich Genugthuung zu verſchaffen.— Ein Anderes wäre es, wenn wir ein Kriegsſchiff mit ſo und ſo viel Kanonen hinter uns hätten.“ „Dann brauchten wir nicht auf dieſer verwünſchten Klippe zu liegen,“ murrte der Capitän. Er ließ ſich indeſſen doch nicht von dem Gedanken abbringen, daß die franzöſiſche Flagge eine Zauberkraft an ſich haben werde, daß ſie die Küſtenbewohner abſchrecken werde, eine Gewaltthätigkeit gegen die Schiffbrüchigen zu verſuchen, und befahl deshalb, eine Flagge herbei zu bringen und dieſelbe am noch ſtehenden Bugſpriet aufzuhiſſen. Während ein paar Matroſen nach der Flaggenkammer gingen, das Verlangte herbeizuſchaffen, beobachtete Monte Chriſto die Küſte. Das Meer hatte ſich beruhigt, auch die Brandung ſchäumte weniger heftig. Die Sonne glänzte auf dem weiten, ſich nur leicht bewegenden Meere, an den Riffen, die ſich längs der Küſte hin⸗ zogen, ſchäumte das Waſſer noch ſtark. Der Capitän meinte, ſie könnten es nun ſchon verſuchen, mit dem geretteten kleinen Boote an die Küſte zu gelangen, zudem es ſich zeige, daß zwiſchen den Klippen hindurch immer noch ein verhältnißmäßig ruhiges Fahr⸗ waſſer bleibe ( Boot, Prac mann und laſſen, zufolge noch d C ſchiene Die( Stran dort i beſpre erkenn ausſpr Stra der U ſprech Grup konnt zu e his heit worda zu br. reichs Virk Mp an einer Sorte.— indel wird und auch eln ſchon anzöſiſche lunglück zu ſſen nichts peres wäre inen hinter Klippe zu abbringen, hen werde, ltthätigkeit halb, eine Bugſpriet ner gingen, die Küſte. g ſchäumte nur leicht Küſte hin⸗ meinte, ſie inen Boote wiſchen den iges Fahr⸗ 321 waſſer ſei, auf dem Wrack konnten ſie doch für die Dauer nicht bleiben. Er gab auch ſofort Befehl, Anſtalten zu treffen, das kleine Boot, welches den Sturm überdauert hatte und noch feſt an dem Wracke hing, mit möglichſter Vorſicht hinabzulaſſen und es zu be⸗ mannen. Unterdeſſen hatten andere Matroſen eine Flagge heraufgebracht, und während die Einen ſich damit beſchäftigten, das Boot hinabzu⸗ laſſen, machten ſich die Anderen daran, dem Befehle ihres Capitäns zufolge, die Flagge aufzuhiſſen. „Wir ſind bereits geſehen!“ rief Monte Chriſto, der immer noch die Küſte beobachtete. Es waren dort drüben einige Geſtalten auf einem Felſen er⸗ ſchienen, die, wie man bemerken konnte, nach rückwärts winkten. Die Geſtalten mehrten ſich. Dann kamen auch welche unten am Strande zum Vorſcheine, ſie ſammelten ſich dicht am Waſſer, ſchienen dort irgend einen Gegenſtand und ſich über denſelben lebhaft zu beſprechen. Was dieſes war, konnte man vom Wracke aus nicht erkennen, doch irrte der Capitän wohl nicht, wenn er die Vermuthung ausſprach, das Waſſer werde die Leiche eines Ertrunkenen an den Strand geworfen haben und dieſe Leiche ſei nun der Gegenſtand der Unterhaltung jener Leute. Immer mehr Leute kamen an den Strand, ſich lebhaft be⸗ ſprechend und dann nach dem Wracke deutend. Man ſah aus der Gruppe bisweilen verſchiedene Dinge in der Sonne blitzen und dieſes konnten nur Waffen ſein. Dieſe Wahrnehmung veranlaßte Monte Chriſto, den Capitän zu erſuchen, einſtweilen mit der Herablaſſung des Bootes zu warten, bis man über die Abſichten jener Bewaffneten etwas mehr Klar⸗ heit habe. Der Capitän war beim Anblicke der Waffen ſelbſt ſtutzig ge⸗ worden und gab raſch Befehl, das Boot wieder an ſeine alte Stelle zu bringen, und die Matroſen gehorchten ſofort. Von dem Bugſpriet flatterte unterdeſſen ſchon die Flagge Frank⸗ reichs im friſchen Morgenwinde. Ob der Anblick dieſer Flagge die vom Capitän beabſichtigte Wirkung hatte? Es ſchien denn doch nicht ſo!— Am Strande ent⸗ Monte Chriſto's letzter Weltgang. 21 322 ſtand einige Aufregung, vieleeicht durch den Anblick der Flagge, vielleicht auch durch die Wahrnehmung hervorgerufen, daß das Boot wieder auf das Wrack gezogen wurde, die Schiffbrüchigen alſo da⸗ durch den Strandbewohnern ein ziemlich offenes Zeichen des Miß⸗ trauens gaben.— Man ſah ein paar Leute ſich von der Gruppe los löſen, faſt bis in's Waſſer treten und Waffen gegen das Wrack ſchwingen. Das waren keine Zeichen der Freundſchaft, eher der Feindſeligkeit. Monte Chriſto ſah dieſes und murmelte: „Meine Ahnung geht in Erfüllung, fürchte ich. Und die Flagge erregt nur den Groll jener Menſchen, ſtatt ihn zu beſchwichtigen und uns freundliche Aufnahme zu ſichern.“ Voll Sehnſucht wandte er ſeine Augen wieder nach dem hohen Meere, zu ſehen, ob nicht von dort Hilfe käme. Umſonſt.— Das Meer ſchimmerte im Sonnenglanze, daß es faſt das Auge blendete, aber kein Segel, kein Dampfwölkchen ließ ſich bemerken.— Alles war öde. Monte Chriſto beobachtete wieder den Strand. Hier mehrte ſich die Zahl der Leute, denn man ſah einige Geſtalten in vollem Laufe den Abhang zum Ufer hinabkommen, was Monte Chriſto zu der Bemerkung veranlaßte: „Die Geier wittern Beute, d'rum ſammeln ſie ſich!“ Dieſe Bemerkung war an Albert gerichtet, der neben dem Grafen ſtand. „Glauben Sie an Gefahr von jenen Leuten, Herr Graf?“ fragte Albert. 3 „Und zwar nicht geringe.— Sie kennen dieſe Race?“ „Leider!“ „Aber Sie ſprechen auch gut Arabiſch?“ „Ja, hatte in Algerien, in der Saharalgenug Gelegenheit, es zu lernen.“ „Sehr gut, da können Sie für den Nothfall bei jenen Leuten als Dollmetſcher dienen. Ali ſpricht das Arabiſche zur Noth auch. Der Mohr beſtätigte dieſes durch eine Bewegung mit dem Kopfe. Die Aufmerkſamkeit der Schiffbrüchigen wurde jetzt wieder durch das Treiben am Ufer auf ſich gezogen. Etwas in der Brendelung mußte den Leuten am Strande aufgefallen ſein, ſie drängten ſich an ein Klppe. Paſſe kurzem ſchlepp daß d deſſen bei— in die „Wenn von d 8 ermut und ä 3 3 auszu könne noch beij er Nagge das Boot ſen alſo da⸗ des Miß⸗ der Gruppe das Prack indſeligkeit. die Flagge ichtigen und dem hohen nze, daß es twolkchen ließ ſah einige inabkommen, be dem Gtafen graf'“ fragte gace?“ elegenheit, es jenen Leuten r Noth auch it dem Kopfe wieder dur Brendelung wüngte ſih 323 an einer Stelle zuſammen und deuteten nach einer dem ufer nahen Klippe.— Dann ſprangen plötzlich ein paar der Männer in das Waſſer, ſchwammen der Klippe zu, erreichten ſie und kehrten nach kurzem Aufenthalte daſelbſt an das Ufer zurück, Etwas mit ſich ſchleppend. Als Monte Chriſto durch ſein Glas ausſchaute, ſah er, daß die Leute einen lebloſen Körper an das Ufer brachten, an deſſen Entkleidung ſie ſogleich gingen.— Die Leute ſchwangen da⸗ bei— wie Monte Chriſto bemerkte— die einzelnen Kleidungsſtücke in die Luft, als wie zum Hohne der Schiffsbrüchigen. „Sie plündern die Leichen!“ rief Monte Chriſto voll Abſcheu. „Wenn mit den Todten ſo verfahren wird, haben die Lebenden von dieſen Barbaren nichts zu hoffen.“ Dieſe Wahrnehmungen wirkten auf die Schiffsbrüchigen wenig ermuthigend und der Capitän beſprach ſich mit ſeinen Offizieren und mit Monte Chriſto, was in ſolcher Lage zu beginnen ſei. Dieſe Frage war ſchwer zu beantworten. Die Einen meinten, man müſſe es verſuchen, auf dem Wrack auszuharren, bis ein Segel in Sicht käme, welches man herbei rufen könne; aber es war da allerdings ſehr fraglich, ob denn das Wrack noch ſo lange zuſammen halten würde; denn es krachte und ſtöhnte bei jedem ſtärkeren Wellenſchlage ſehr verdächtig. Eine fernere Frage war es, ob die Araber dort am Strande, die jedenfalls ihre Abſichten auf das Wrack hatten, welches noch ſo viele nutzbare Beute barg, ſo lange warten würden, ehe ſie einen Verſuch machten, ſich ihrer Beute zu bemächtigen, ehe das Meer dieſelbe verſchlang. Es war mit ziemlicher Gewißheit ein Angriff zu erwarten und dieſem mußte dann begegnet werden. Andere Stimmen erhoben ſich dafür, ſtatt an das Land zu gehen, lieber den Verſuch zu machen, mit dem Boote durch die Brandung zu und dann auf das hohe Meer zu gehen, und da das Boot aller⸗ dings zu klein war, um Alle, ſo noch am Bord ſich befanden, auf⸗ zunehmen, ſo ſollte ein Floß gezimmert werden, wozu das Wrack das Material liefern konnte. Auf dem Meere werde man bald ein Schiff finden, welches ſie aufnehmen könnte. Dieſer Vorſchlag wurde als ganz unausführbar abgelehnt, denn erſtens war es ganz unmöglich, hier in der Brandung ein Floß zuſammenzuſetzen, da das, was man jetzt zuſammengefügt hatte, im 21* 324 nächſten Augenblicke wieder auseinander geriſſen ſein könnte, und zweitens war es auch gar nicht zu erwarten, daß, ſelbſt wenn das Floß gebaut werden könnte, die Araber dort an dem Ufer den Bau würden ausführen laſſen; zudem war ja das Ufer zu nahe genug, um den Arabern zu geſtatten, mit ihren langen Flinten das Wrack und ſomit auch das Floß zu beſchießen. Endlich erbot ſich Albert, an das Ufer zu gehen und, da er der arabiſchen Sprache, die auch in dieſer Gegend geſprochen wurde, kundig war, mit den Uferbewohnern Unterhandlungen anzuknüpfen. Indem man noch über dieſen Plan hin⸗ und herſprach, änderte ſich plötzlich die Scene am Ufer. Hinter einem Felſenvorſprunge hervor, der wohl eine kleine Bucht verdecken mochte, kamen ein paar Boote gerudert und nahmen ihre Richtung längs dem Strande; die kleinen Fahrzeuge wurden kühn und gewandt durch die Brandung geführt.— Jedes der Boote war mit einigen Bewaffneten bemannt. An der Stelle angekommen, wo die Leute ſtanden, ſprangen einige derſelben in das Meer, erreichten die Fahrzeuge und ſchwangen ſich hinein. Nach kurzer Zeit erſchienen noch ein paar, den erſten ganz gleiche Boote, und eben ſo bemannt, wie die erſteren. Jetzt konnte kein Zweifel mehr ſein, die Leute dort drüben hatten böſe Abſichten. Monte Chriſto unterſuchte ſein Gewehr, ob es auch ſchußfertig ſei, Albert und Valentin thaten daſſelbe und der Capitän rief ſeinen Leuten und den anderen Paſſagieren zu, ſich bereit zu halten, da es nun leicht zu einem Kampfe kommen könnte und es da gälte, ſolchem Geſindel gegenüber Muth und Entſchloſſenheit zu zeigen. Man hatte ſich gar nicht geirrt, denn jetzt wendete ſich das größte der Fahrzeuge, beſetzt mit zehn Mann, gegen das Wrack, durchſchnitt kühn die Brandung und lief dann gewandt zwiſchen den Klippen hindurch. Die Ruderer zeigten ſich kräftig und geſchickt und der Steuermann mit dem Gewäſſer auf das Genaueſte bekannt, ſo daß die Manöver dieſes ſonſt ziemlich gebrechlich ausſehenden Fahrzeugs den vollen Beifall der auf dem Wrack befindlichen See⸗ leute hätten finden müſſen, wenn nicht eben dieſe Manöver für die⸗ ſelben ſo bedrohlicher Art geweſen wären. dem die L ſo gen haben G dieſes ſie gen wiſſen Nlagg — ein 2 Geiſt nehn von der klei Ern 325 Noch drei andere Fahrzeuge folgten dem erſten und ſie zeigten ſich nicht weniger geſchickt und gewandt. „Diable,“ rief der Capitän,„dieſe Kerls wären die prächtigſten Matroſen, wenn es nicht ſolche gottverdammte Schufte wären.“ Ein Schuß unterbrach ſeine Rede.— Dieſer Schuß kam von dem größeren Boote und die Kugel pfiff am Bugſpriet vorbei in die Luft. „Diable,“ ſchrie jetzt der Capitän wüthend,„alſo es iſt doch ſo gemeint!— Zeigt den Kerls, daß wir auch Pulver und Blei haben!“ Ein Matroſe legte auch bereits an, allein Monte Chriſto, der dieſes ſah, ergriff raſch ſeinen Arm und rief: „Halt, warten wir erſt ab, was dieſe Herren wollen „Plündern und morden!“ ſagte der Capitän.„Sonſt wollen ſie gewiß nichts.— Aber die Schufte ſcheinen Seemannsbrauch zu wiſſen und ſandten erſt einen Warnungsſchuß zu, damit wir die Flagge ſtreichen.“. „Wir ſtreichen ſie noch nicht!“ erklärte Monte Chriſto. „Nein, gewiß nicht!“ beſtätigte der Capitän, der ſich jetzt als ein Mann voll kriegeriſchen Muthes zeigte.—„Aber bei allen Geiſtern der Hölle, die Kerls wollen uns wohl zwiſchen zwei Feuer nehmen? Die Spitzbuben manöveriren wie die Teufel!“ Der Capitän hatte Recht, die Boote hatten ſich getheilt, zwei von denſelben machten eine kühne Schwenkung, um das Wrack von der rechten Seite zu faſſen, während das große Boot, von einem kleinen begleitet, auf der linken Seite herankam. Der Umſtand, daß der erſte Schuß von dem Wrack aus keine Erwiderung fand, ſchien die Herankommenden kühner zu machen; ſie glaubten vielleicht, daß die Schiffbrüchigen ohne Waffen und dabei entmuthigt ſeien. „Wollen wir ihnen nicht einen Kugelgruß zuſenden?“ fragte der Capitän, auf die Boote zeigend. „Noch nicht, Herr Capitän!“ antwortete Monte Chriſto.„Aber weiter dürfen ſie auch nicht heran!“ Er wandte ſich zu Albert und ſagte: „Nun, Herr von Morcerf, nun beginnt Ihr Amt. Rufen Sie den Leuten Halt zu und fragen Sie, was ſie wollen!“ 1u¹ Albert hatte ſchon das Sprachrohr des Capitäns genommen. Er ſetzte es an den Mund. „Halt!“ rief er den Nahenden in arabiſcher Sprache zu. Sein Ruf hatte keine Wirkung, die Boote ſetzten ihre Fahrt fort. „Was wollt Ihr?“ fragte Albert weiter. „Euch an's Land holen!“ klang jetzt eine Stimme zurück. „O, wir können ſchon von ſelbſt kommen,“ war Albert's Antwort, „wir bedürfen Eurer nicht!“ „Warum kommt Ihr da nicht?“ „Haben wir von Euch Gaſtfreundſchaft zu erwarten, wenn wir kommen?“ „Iat⸗ „Schwört Ihr das?“ „Schwören iſt unnütz!— Es iſt eitel in den Wind geſprochen!“ „So kehrt zurück!“ „Wir müſſen auf's Schiff!“ klang es zurück. Die Boote ſetzten in der That ihre Manöver fort. Zugleich ſah man jetzt noch zwei andere ſtark bemannte Boote zum Vorſchein kommen, pfeilſchnell, als gelte es einer Hetzjagd, durch die Brandung ſchießend, und auf das Wrack zuſteuernd. Das Wrack war jetzt von einer ganzen Flotille von Booten um⸗ geben, welche in der Brandung auf und nieder ſchwankten, wo aber ein jedes das andere an Kühnheit der Bewegung zu übertreffen ſuchte. Die Sache ward immer bedenklicher.— Monte Chriſto rief Albert zu, noch einen Verſuch zu machen, die Araber zur Umkehr zu bringen. „Was wolltet Ihr auf dem Schiffe?“ fragte Albert wieder. „Es iſt unſer!“ rief da eine rauhe Stimme. „Noch nicht!“ rief Albert.„Haltet an! Zurück!— Laßt mit Euch ſprechen!— Wir wollen“— Er konnte nicht weiterſprechen, denn faſt gleichzeitig fielen aus den Booten fünf bis ſechs Schüſſe gegen das Wrack. Ein paar Kugeln waren wohl Albert beſtimmt, denn die eine pfiff dicht an ſeinem Kopfe vorbei, und eine andere ſchlug durch das Blech des Sprachrohrs. Einig 1 wort wenn beſſer gleich Pulve über gut warer war enommen. zu. Fahtt for. rück. Antwon, wenn wir eſprochen!“ Zugleich Vorſchein Brandung Booten um⸗ , wo aber fffen ſuchte. Chriſto rief ur Umkehr ſielen aus Ein paak f dicht an Blech des 327 Ein Matroſe aber, der ſich, um die Herankommenden beſſer zu ſehen, über Bord gebeugt hatte, ſtürzte ſchwergetroffen in das Waſſer hinab, wo er ſofort verſchwand. Ein wildes Triumphgeheul aus den Booten begleitete ſeinen Fall, von dem Wrack aber klang ein Schreckensruf. „Feuer! Feuer auf die Hunde!“ ſchrie der Capitän wüthend. Ein Dutzend Schüſſe krachten vom Wrack hinab auf die Boote. Einige der Piraten ſtürzten todt oder ſchwergetroffen zuſammen. Allohgeſchrei, wüthendes Geheul, zornige Flüche waren die Ant⸗ wort auf dieſe heiße Begrüßung, die wohl noch heißer geworden wäre, wenn die der Handhabung der Gewehre wenig gewohnten Seeleute beſſer zielen gelernt hätten. Eine Minute ſpäter praſſelten wohl an zwanzig Schüſſe faſt gleichzeitig gegen das Wrack, welches für den Augenblick gänzlich von Pulverdampf umhüllt war. Die Kugeln pfiffen in allen Richtungen über die Köpfe der auf dem Deck befindlichen Perſonen, die ſich ſo gut als möglich zu decken geſucht. Ein paar Matroſen und Paſſagiere waren von den Kugeln geſtreift, aber ſchwergetroffen von dieſen Salven war Niemand. Monte Chriſto, Albert und Valentin, alle drei tüchtige Schützen, richteten ihr Feuer gegen jene Boote, welche von der rechten Seite an das Wrack zu kommen ſuchten; ſie wollten dieſelben dadurch fern halten, um den Uebrigen die Vertheidigung der anderen Seite zu erleichtern. Die Mannſchaften in jenen Booten aber feuerten unaus⸗ geſetzt auf das Wrack und ſuchten zugleich näher heranzukommen. Auch auf der linken Seite des Wracks dauerte das Gefecht fort. Flinten⸗ und Piſtolenſchüſſe knatterten von dem Wrack hinunter auf die Boote, die nicht weichen wollten, ſondern ſchon dicht herangekommen waren, und knallten auch wieder von den Booten hinauf an dem Wrack, welches gleich den Booten von dichtem Pulverdampf um⸗ zogen war. Mit dem ununterbrochenen Knattern der Gewehre miſchte ſich das Geheul, Geſchrei und Fluchen der Kämpfenden, zwiſchendurch waren einzelne Stimmen zu vernehmen, welche Commandorufe ertönen ließen, oben waren es die Stimmen des Capitäns und Monte Chriſto's, unten wohl die einiger Bootführer.— Dazu brauſte und donnerte ddie Brandung gegen die Wände des Wracks, kreiſchten die Seevögel, 328 die bisher ſpielend über dem Wrack Kreiſe gezogen und jetzt, vor dem ſo plötzlich entſtandenen Kampfgetöſe erſchreckt, flohen. Es war ein Höllenlärm. Der durch das Schießen hervorgebrachte Dampf begünſtigte die Boote der Marokkaner, ſich an das Wrack zu legen und hinderte die ohnehin nicht ſehr im Schießen geſchickten Matroſen ihr Ziel mit Sicherheit aufzuſuchen. Immer bedenklicher wurde die Lage der Vertheidiger des Wracks, ein paar von ihnen waren ſchon gefallen, einige Andere waren durch Wunden kampfunfähig gemacht. „Allohl Alloh!“ klang es jetzt ganz nahe. Entſetzt wandken ſich die Vertheidiger nach der Richtung, von wo dieſes Kriegsgeſchrei der Piraten kam und ſahen die Feinde plötlich auf dem Schiffe ſelbſt, und ſich gegenüber. Die Angreifer, keineswegs entmuthigt durch die erlittenen Ver⸗ luſte, waren durch dieſelben nur noch beharrlicher geworden; Beuteluſt und Rachedurſt ließ ſie Alles aufbieten, um den Widerſtand zu brechen. So hatten ſich etwa ein Dutzend Männer gleich Katzen auf das Deck des Wracks geſchwungen und ſtürmten jetzt, während ihnen noch Andere folgten, mit wüthendem Kriegsgeſchrei auf die am Vordertheil ſtehenden Vertheidiger ein. Unter den Angreifern bemerkte man einen hochgewachſenen, kraft⸗ vollen Mann, der ein Anführer zu ſein ſchien und der Allen voran vordrang. Ein Maſchiniſt, der ein Ruder als Waffe ergriffen hatte, warf ſich ihm entgegen, ſtürzte aber ſogleich von einem Piſtolenſchuſſe ge⸗ troffen nieder, der wilde Marokkaner ſprang über den Gefallenen hinweg und drang auf die Anderen ein. Seine immer ſich mehrenden Gefährten folgten; ſchon entſtand da und dort ein Handgemenge, ein wüthendes Ringen, die Verthei⸗ diger mußten ſich jetzt aller Waffen, wie ſie nur eben zur Hand kamen, und ihrer Fäuſte bedienen, zum Laden der Gewehre war unter ſolchen Umſtänden eben keine Zeit mehr. Die Gefahr für die Schiffbrüchigen ſtieg mit jedem Augenblicke und faſt ſahen ſie keine Wahl mehr vor ſich, als wollten ſie nicht unter den Streichen der grimmigen Feinde verbluten, ſich in's Waſſer zu ſtürzen und dort den Tod zu ſuchen. A vor, ſie machen ſchon f D entfalle ſchwan 8 mit ga ſeine 6 dieſem der W E über u kreuzen Geſich richete 5 deſſen ſchiene mache geſch raſch erhoh einen Gef zeigt Zau zuw Ver da vor dem rſtigt die nderte die 3 Ziel mit s Wrad, aren durch „von wo e plötzlich lenen Ver⸗ Beuteluſt eu brechen. f das Deck hnen noch Vordertheil nen, kraft⸗ Uen voran tte, warf ſchuſſe ge⸗ Gefallenen n entſtand le Velthei⸗ zur Hand ghehre war lugenblice 1 ſie nicht vs Waſſer 329 Albert zur einen, Ali zur anderen Seite, ſprang Monte Chriſto vor, ſich den Feinden entgegen zu werfen und noch einen Verſuch zu machen, ſie von dem Deck zu treiben. Sein lauter Zuruf fruchte, die ſchon faſt verzagenden Kämpfer zu ermuthigen. Dem Grafen war im Kampfe der ſein Geſicht beſchattende Hut entfallen, er ſtand mit bloßem Haupte den Feinden gegenüber und ſchwang ſeinen Hirſchfänger muthig in der Luft. Da Monte Chriſto ſah, daß aber jener faſt rieſenhafte Maure mit ganz beſonderer Heftigkeit auf die Schiffbrüchigen eindrang und ſeine Gefährten dadurch zum Kampfe anfeuerte, wollte er ſich aber dieſem entgegenwerfen und ihn unſchädlich machen; er war überzeugt, der Wilde würde ſeiner Fechtergewandtheit nicht widerſtehen können. Eine Minute ſpäter ſtand Monte Chriſto dem Manne gegen⸗ über und hob ſeine Klinge, ſie mit dem Natagan des Gegners zu kreuzen. Als er aber einen ſcharfen und forſchenden Blick auf das Geſicht des Gegners geworfen hatte, ſtutzte er für den Augenblick und richtete ſeine Augen ernſt und feſt auf den Feind. Auch dieſer hatte ſeinen Gegner feſt in's Auge gefaßt, er konnte deſſen Züge, da er ohne Kopfbedeckung war, genau ſehen und ſie ſchienen einen merkwürdigen Eindruck auf den wilden Menſchen zu machen, denn die Hand, die eben noch ſo kampfluſtig den Yatagan geſchwungen, ſank mit der Waffe hinab und er ſelbſt wich wie über⸗ raſcht einen Schritt zurück, dann noch einen, und drängte zugleich mit erhobener Hand die ihm zunächſtſtehenden Gefährten zurück. Auch Monte Chriſto ließ jetzt ſeine Waffe ſinken und warf noch einen forſchenden Blick auf den Mauren. Fär den Augenblick ruhte auf dieſem Punkte der Kampf, die Gefährten der beiden Anführer, die ſolches auffallendes Benehmen zeigten, ſchauten ſich gegenſeitig an, ohne aber zu wiſſen, welch' ein Zauber dieſes augenblickliche Stocken des erſt ſo erbitterten Ringens zuwege gebracht hatte. „Abu Haſſan,“ rief jetzt der Graf,„biſt Du es?“ „Effendi Edmondi?“ rief der Angerufene. „Ich bin es!“ entgegnete Monte Chriſto.„Hältſt Du ſo Dein Verſprechen?— Laß den Kampf ruhen.“ 1 1 Abu Haſſan ſchleuderte ſeinen Yatagan von ſich, wandte ſich dann gegen ſeine Gefährten und rief mit donnernder Stimme: „Halt, halt!— Beim Barte des Propheten, Niemand hebe die Hand auf gegen dieſe Leute!— Haltet an, beim Propheten!— Dieſe Leute ſtehen unter dem Schutze Abu Haſſans!— Haltet!— Zurück!“ Bei dieſem Rufe ließen die Angreifer die Waffen ſinken, ſie wichen zurück, wenn auch die Mehrzahl dieſes mit offenbarem Widerwillen that. Sie gehorchten dem Zurufe des Anführers, deſſen Benehmen ſie ſich allerdings noch nicht zu erklären wußten. Monte Chriſto und Albert, die die Worte Abu Haſſans voll⸗ kommen verſtanden hatten, riefen den Ihren zu, gleichfalls den Kampf einzuſtellen und ſich auf dem Vorderdecke zu ſammeln „Frieden! Frieden!“ rief zugleich Monte Chriſto, daß es über das ganze Schiff ſchallte. Da ruhte der Kampf, aber von den Booten aus dauerte das Feuer der Angreifer immer noch fort und die Kugeln flogen über das Wrack. Jetzt wandte ſich Monte Chriſto zu Abu Haſſan. „Beende das Schießen!“ ſagte er in befehlendem Tone. Gehorſam neigte der Maure ſein Haupt gegen den Grafen, dann ſprach er ein paar Worte zu ſeinen Gefährten, und während er nach der einen Seite des Wrackes ging, wandten ſich ein Paar nach der entgegengeſetzten Seite und gaben durch Rufen und Zeichen zu ver⸗ ſtehen, daß das Feuer einzuſtellen ſei. Das Feuer ſchwieg auch ſofort. Die Leute in den Booten mochten der Meinung ſein, daß das Wrack genommen ſei, ſie ſtellten das Feuern ein, ſuchten aber dann dicht an das Wrack zu kommen und ſich hinauf zu ſchwingen, denn ſie konnten ja gar nicht anders denken, als daß nun da oben die Plünderung beginnen werde, und ſie wollten natürlich ihren Theil davon haben Aber Abu Haſſan wehrte ihnen das Hinaufkommen und rief ihnen gebieteriſch zu, in den Booten zu bleiben, bis er ihnen ſagen würde, ſie könnten kommen. Sehr gut wiſſend, was dieſe Burſchen eigentlich bewog, ſich zu beeilen um das Wrack zu beſteigen, verſprach er ihnen auch zugleich, daß ſie mit der Beute nicht zu kurz kommen ſollten. 1 Erfolg an an und d nicht, 6 Haſſal Angri den S 1 geblie⸗ den e den( denen warf. Hand Und nöthit die ſ über ſich erſta was trat alle gen un ſchq wü Ar hebe die deten!— ſoaltet!— ſie wichen Eiderwillen Benehmen ſſans vol⸗ en Kampf ß es über lauerte das logen über e. tafen, dann nd er nach ar nach der hen zu ber⸗ , daß das aber dann ngen, denn 1 oben die ihren Theil n und vief hnen ſagen e Bulſchen verſprach urz kommen 331 Aber dieſes Mal hatten die Worte Abu's denn doch weniger Erfolg, denn während er hier ein Boot zurückwies, ſchwangen ſich an andern Stellen Leute aus andern Booten am Bord des Wracks, und die Gefährten, welche ſich ſchon oden befanden, wehrten es ihnen nicht, waren ihnen ſogar noch dabei behilflich. So war eine Viertelſtunde nun darüber vergangen, und Abu Haſſan glaubte jetzt, daß das Wrack hinlänglich gegen die weiteren Angriffe ſeiner Gefährten geſchützt ſei.— Er wandte ſich wieder zu den Schiffbrüchigen. Monte Chriſto mit ſeinem Gefolge war an ſeinem erſten Platze geblieben, ſcharfen Auges alle Bewegungen Abu Haſſans überwachend, den er noch immer nicht recht zu trauen ſchien, ſo wenig wie den anderen Mauren, die ſich auf dem Decke befanden und von denen Mancher gar feindliche Blicke nach den Schiffbrüchigen hinüber wmarf. Monte Chriſto hatte deshalb ſeine Waffen kampfbereit bei der Hand, und die Anderen befolgten ebenfalls das Beiſpiel ihres Herrn und hielten ſich zur Vertheidigung bereit, für den Fall eine ſolche ſich nöthig machen ſollte. Der Capitän, ſeine Mannſchaften und die übrigen Paſſagiere, die ſich Alle bereits ſo gut wie für verloren betrachtet hatten, waren über dieſe plötzliche Waffenruhe natürlich ſehr erſtaunt und wußten ſich dieſelbe nicht zu erklären. Sie betrachteten Monte Chriſto mit erſtaunten, zum Theil ſelbſt mißtrauiſchen Blicken, da ſie nicht wußten, was er eigentlich mit den Mauren verhandelt hatte.— Der Capitän trat zu Monte Chriſto, um ſich bei dieſem Aufklärung zu holen, allein zu ſolchen Erörterungen hatte Monte Chriſto jetzt nicht Zeit genug übrig, er vertröſtete den Capitän mit kurzen Worten auf ſpäter und mahnte ihn nur, jetzt dafür zu ſorgen, daß von Seiten der Mann⸗ ſchaften kein Anlaß zur Erneuerung der Feindſeligkeiten gegeben würde. Der Capitän verſprach dieſes. Abu Haſſan war wieder zu Monte Chriſto getreten, hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und neigte ſein Haupt nieder. „Effendi Edmondil!“ ſprach er mit demüthigem Ausdrucke der Stimme. „Abu Haſſan,“ unterbrach ihn der Graf raſch und mit ſtrengem Tone;„Abu Haſſan hat vergeſſen, was er einſt gelobte, als er aus — ———— —y 332 dem Waſſergraben und von dem Tode des Verhungerns gerettet wurde.“ Bei dieſem Vorwurfe neigte ſich Abu Haſſan noch tiefer und ſprach dann: „Nein, Effendi, Abu Haſſan hat nicht vergeſſen, was er dem Effendi ſchuldig iſt; er hat es tief in ſeinem denkbaren Gemüthe bewahrt.“ „Dankbares Gemüth und Abu Haſſan?“ „Ja, Abu Haſſan ſagt: dankbares Gemüth. Er will ſich nicht von dem Hunde beſchämen laſſen, denn dieſer leckt dankbar die Hand, die ihm Gutes gethan hat.“ „Aber ich habe von dieſer Dankbarkeit noch wenig bemerkt.— Läßt ſich übrigens der Angriff auf das Wrack mit dem Verſprechen vereinigen, das Abu Haſſan einſt gab?“ Abermals verneigte ſich der geſcholtene Maure demüthig vor dem Grafen. „Effendi,“ begann er. „Abu Haſſan,“ fuhr Monte Chriſto fort, ohne auf die Worte des Anderen zu hören,„Abu Haſſan verſprach, ſo er ſchiffbrüchige oder ſonſt unglückliche Seefahrer treffe, ſo wolle er gleichfalls alle Kräfte anſtrengen, dieſelben zu retten, er wolle ſie als ſeine Brüder betrachten, ſie ſchützen, ſein Brod und ſeine Hütte mit ihnen theilen. — Dieſes ſollte der Dank ſein für die Rettung, welche ihm wurde. — Wie hat nun Abu Haſean ſein Verſprechen gehalten?“ „O,“ rief jetzt Abu Haſſan,„Abu hat nichts von jenen Worten vergeſſen, die ſein Mund ſprach, als der Chriſt ſo edelmüthig ſich ſeiner und ſeiner Gefährten erbarmte.“ „Nicht vergeſſen,“ ſagte Monte Chriſto,„und doch greifſt Du mit Deinen Geſellen die unglücklichen Schiffbrüchigen an und ſuchteſt ſie zu morden und zu berauben?— Nennt Abu Homed das Halten des Gelübdes?“. Abu Homed hörte die ſtrafenden Worte Monte Chriſto's mit demüthiger Geduld an. Als dieſer geendet hatte, erhob er ſeine Stimme und ſagte ruhig: „Effendi Edmondi möge Abu Haſſan, ſeinen Sclaven, hören. Wahr iſt es, ich gab jenes Verſprechen, doch war ich damals See⸗ fahrer, aumen L „Al freilich i laſſen, ſ der Ma⸗ Haſſan Feinde bindet ei Löwen. nicht au hätten, Stieres Er noch die 75 der Feit ſind un Hütten Farben überſcht wir da dieſe F Herz, i mächti nichten D zu dem Maßreg der Cau Meeren achten. T ſo kon 333 gerettet fahrer, jetzt bin ich Bewohner des Landes und des Ufers, und wir — aarmen Leute müſſen davon mit leben, was uns die See an's Ufer wirft.“ ſet und„Alſo Strandrecht übt Ihr?“ fragte Monte Chriſto.„Das iſt freilich nicht anders von Euch zu erwarten. Aber der Angriff auf uns?“ et den„Hätte Effendi Edmondi den armen Abu Haſſan ausſprechen mühe laſſen, ſo würde er ſchon Antwort auf dieſe Frage haben,“ antwortete der Maure, ohne ſeine demüthige Stellung zu verändern.„Abu G Haſſan hat noch keine Schiffbrüchigen angegriffen, wenn ſie nicht h nicht Feinde des Landes ſeiner Väter waren.— Wo aber dieſes iſt, da Hand, bindet ein Verſprechen Abu Haſſan ſo wenig, wie ein Strohhalm den Löwen.— Abu Haſſan würde auch heute die Hand gegen Euch rkt.— nicht aufgehoben haben, wenn ſeine Augen nicht Farben geſehen prechen heätten, die ſeinen Zorn reizten, wie das rothe Tuch den Zorn des Sdttieres reizt! Jene Farben!“ ig ver Er deutete nach dieſen Worten auf das Bugſpriet, an welchem noch die franzöſiſche Flagge wehte. 6 „Jene Farben,“ ſprach dann Abu Haſſan weiter,„ſind die Farben Borte der Feinde unſeres Landes, von denen, die dieſe Farben getragen, nütige ſiind unſere Väter, unſere Brüder, unſere Söhne erſchlagen, unſere ls all Hütten und Saaten verbrannt, unſere Heerden geraubt worden. Dieſe Blüder Farben waren auf den Schiffen, welche unſere Städte mit Kugeln keien überſchütteten und die ganze Küſte in Schrecken ſetzte.— Können . wir da dieſe Farbe und deren Träger lieben, Chriſt?— Wir ſahen wude. dieſe Farben heute von dem Schiffe wehen, und Zorn faßte unſer Herz, in welches die Erinnerung an alle Leiden des Landes gar Worten b mächtig zurückkehrte, und der Zorn trieb uns, unſere Feinde zu ver⸗ ig ſich nichten.“ Mit einem eigenthümlichen Lächeln wandte ſich Monte Chriſto iſt Du zu dem Capitän: ſuchteſt„Mein Herr,“ ſagte er,„nun ſehen Sie, welche Wirkung Ihre Halten Maſßregel bezüglich der Flagge gehabt hat!“ 17 1„Ich bereue es nicht, die Flagge gezeigt zu haben,“ antwortete s mit ddeer Capitän voller Stolz.„Frankreichs Flagge kann ſich auf allen t ſeine Meeren ſehen laſſen und weiß Diejenigen zu züchtigen, die ſie miß⸗ achten. Meinen Sie dieſes nicht auch, Herr Graf?“ Monte Chriſto war Franzoſe, ſein Nationalſtolz bedeutend, und ſo konnte er nicht anders, als er mußte dem Capitän beiſtimmen. hören. s Stt⸗ 4 ————ÿꝛůꝛÿʒ —jj 334 Er meinte indeſſen:„Sie haben wohl Recht, Herr Capitän, aber unter Umſtänden kann dieſes auch gefährlich werden, wie wir ſoeben geſehen.“. „Und, Herr Graf,“ fuhr der Capitän erbittert fort,„glauben Sie denn, daß dieſe Hunde die Wahrheit ſprechen?— Mit Flagge und ohne Flagge; ſie würden uns ganz gewiß ganz gleich behandelt haben, denn ſie denken nur auf Raub.— Faule Ausrede!“ „Auch hier können Sie Recht haben, Herr Capitän,“ ſagte Monte Chriſto.„Allein man muß diplomatiſch ſein und darf es nich 9. n.“ Er wandte ſich wieder zu Abu Haſſan und ſagte ihm, daß ſie nicht über dieſen Gegenſtand ſtreiten wollten, auch nicht darüber, ob ſie Recht oder Unrecht gethan, denn das führe zu nichts; man müſſe vielmehr auf Mittel und Gelegenheit denken, wie er und ſeine Ge⸗ fährten aus ihrer unglücklichen Lage befreit würden und ſie ihre, durch die Elementarereigniſſe ſo grauſam unterbrochene Reiſe fortſetzen könnten; mit ihrem Schiffe dieſes zu bewerkſtelligen, ſei allerdings nun ganz unmöglich, denn daſſelbe ſei ein Wrack; deshalb handele es ſich jetzt darum, eine Hafenſtadt zu erreichen, wo ſie ſich ein⸗ ſchiffen könnten. „Kommt an's Land!“ ſagte Abu Haſſan darauf,„dann ſprechen wir weiter.“ „Verſprichſt Du uns Sicherheit?“ fragte Monte Chriſto. Abu Haſſan legte die Hand auf ſeinen Bart. „Bei dem Barte des Propheten,“ ſprach er dann,„Abu Haſſan verſpricht Dir, daß Niemand Dir und den Deinen auch nur ein Haar krümmen ſoll.“ Monte Chriſto erſchien dieſe Erklärung zu unbeſtimmt. „Aber Jene?“ fragte er, auf die Schiffsmannſchaft und die anderen Paſſagiere deutend.„Verſprichſt Du auch ihnen Schutz.“ „Chriſt,“ ſprach da der Maure voll Würde,„Abu Haſſan weiß, was er ſpricht, und ſein Wort iſt mehr, als nur ein Hauch in den Wind. Alle dieſe Männer gehören zu den Deinen und ſtehen ſonach auch unter Abu Haſſan's Schutz. Kommt deshalb ruhig an das Land. Beim Barte des Propheten, Euch ſoll kein Leid geſchehen! Du biſt mein Herr, ich bin Dein Sclave!“ Wie wieder v Mo verlaſſen verſproch Land ge Worttreu Der nun in' Die grauſige wurden Monte( Weack ve werden Kal Wrack v noch in ſtünzten, Plünder D Sttand willko zubring ſchlage 1 n, aber ſoeben dlauben Flagge ehandelt ¹ ſagte datf es daß ſie lber, ob n müſſe ine Ge⸗ ſie ihre, fortſetzen lerdings handele ſich ein⸗ ſprechen Haſſm ein Haar und die chuß.“ an weiß, hin den n ſonch — an das ge chnl 335 Wie zur Bekräftigung dieſer Worte neigte ſich Abu Haſſan wieder voll Demuth vor Monte Chriſto faſt bis zur Erde. Monte Chriſto wußte, jetzt konnte er ſich auf des Mauren Wort verlaſſen. Er wandte ſich zu dem Capitän, ſagte ihm, was der Mann verſprochen, und forderte ihn auf, Anſtalten zu treffen, um an das Land gehen zu können, wobei er noch hinzuſügte, daß er ſich für die Worttreue Abu Haſſan's glaube verbürgen zu können. Der Capitän ſtimmte bei und man kam überein, daß das Boot nun in's Waſſer gelaſſen werden und dann an's Land gehen ſollte. Dieſes geſchah auch; Mannſchaft und Paſſagiere, ſoweit ſie die grauſige Nacht und den darauf folgenden Kampf überdauert hatten, wurden nach und nach an das Land geſetzt, und der Capitän und Monte Chriſto mit ſeinem Gefolge waren die Letzten, welche das Wrack verließen, von ihrem Gepäcke mitnehmend, was noch gerettet werden konnte. Kaum hatten dieſe Letzten aber in Begleitung Abu Haſſan's das Wrack verlaſſen, als ſich auch ſchon die Mauren, die in ihren Booten noch in der Nähe geblieben, ſich gleich gierigen Geiern auf das Wrack ſtürzten, es von allen Seiten erklimmten und fofort eine gründliche Plünderung deſſelben begannen. Dagegen ließ ſich allerdings nichts thun, die Mauren übten eben Strandrecht, und die Schiffbrüchigen mußten froh ſein, daß ſich Jene mmit dem Wracke und deſſem Inhalte begnügten. Sowie alle Schiffbrüchigen am Strande angelangt waren, ſetzten ſie ſich nach Anordnung Abu Haſſan's in Bewegung und zogen die ſteile Höhe hinan, wobei die Verwundeten mit fortgetragen wurden. Oben angelangt, ſahen ſie in einiger Entfernung ein mauriſches Dorf von ziemlich ärmlichem Aeußeren, welches Abu Haſſan als ſeinen Wohnort bezeichnete, und ſeine Gäſte einlud, ihm dahin zu folgen, wobei er nochmals wiederholte, daß ſie vollkommen ſicher ſeien. Abu Haſſan hatte die Wahrheit geſprochen, denn nachdem er einige Worte an die ihnen entgegenkommenden Dorfbewohner ge⸗ richtet, wurden die Schiffbrüchigen mit großer Gaſtfreundſchaft be⸗ willkommt, und ſofort traf man Anſtalten, die Verwundeten unter⸗ zubringen und zu verbinden, ſowie für die Geſunden ein Zelt aufzu⸗ ſchlagen, damit ſie nicht unter freiem Himmel liegen dürſten. Monte Chriſto ſorgte dafür, daß für ihn und ſein Gefolge ein A 336 beſonderes Zelt aufgeſchlagen würde, und beſprach ſich dann mit Abu Haſſan über das Weitere, was zu thun ſei. Es galt Monte Chriſto, ſchnell eine Hafenſtadt zu erreichen, in welcher europäiſche Schiffe verkehrten, um dann nach Europa zu ge⸗ langen, aber er wollte auch nicht ohne ſeine Gefährten abreiſen, da er wohl wußte, daß ſeine Anweſenheit ein ſehr wirkſamer Schutz für dieſelben ſein werde, um ſo mehr, als er in Albert und Ali die ein⸗ zigen Begleiter hatte, die im Stande waren, in der Landesſprache mit den Eingeborenen zu verkehren. Auch wollte er die Verwundeten nicht zurücklaſſen. Magador war der einzige Hafen in dieſem Bezirke der Küſte, wo häufig europäiſche Schiffe einliefen und wo ſich europäiſche Conſule befanden; aber derſelbe war vom Cap Ghio viele Tagereiſen ent⸗ fernt. Er ſchlug deshalb vor, daß die Schiffbrüchigen die Landreiſe bis an das Cap Tafelteh unternehmen möchten, wo ſie nach ein paar Tagen ankommen könnten, dort würden ſie Küſtenfahrer finden, denen ſie völliges Vertrauen ſchenken könnten und die ſie dann weiter bis Magador bringen würden. Abu Haſſan erbot ſich, die Reiſenden bis zu dem genannten Cap zu führen und dort ihnen bei Auffindung eines ſicheren Schiffers behilflich zu ſein. 5 Monte Chriſto nahm dieſes Anerbieten mit Dank an; doch ehe die Reiſe angetreten werden konnte, verlangte die Rückſicht auf die Verwundenen einen Aufſchub um einige Tage. „Wir können ruhig hier bleiben,“ ſagte der Graf zu dem unge⸗ duldigen Capitän,„denn wir werden, nachdem wir einmal Gaſt⸗ freundſchaft genoſſen, hier ſo ſicher ſein, wie nur irgend wo. Es iſt eine Tugend dieſer Leute, daß ſie die einmal gewährte Gaſtfreundſchaft auch unverbrüchlich halten.“ „Aber Herr,“ ſagte der Capitän,„Sie können wohl zaubern, daß Sie mit dieſen Menſchen ſo ſchnell in gutes Einvernehmen kamen, nachdem es geſchienen, als ſollten wir Alle unſern Untergang finden? Wie ging dieſes eigentlich zu?“ „O, ganz einfach,“ antwortete der Graf.„Ich habe dem Abu Haſſan einen Dienſt erwieſen und er erwies mir wieder einen.“ Das Von ſein That kar ſiimmt. Haydee, Gattin u Tag üb dieſes u De orte, w lang es Winde wenige wieder zu mac von B. d Matroſ M ſich die Matro thätig gezeig nur d Mo⸗ mit Ahu iichen, in da zu ge⸗ reiſen, da Scuß für li die ein⸗ desſprache rwundeten Küſte, wo e Conſule eiſen ent⸗ Landreiſe nach ein rer finden, ann weiter Reiſenden luffindung doch ehe ht auf die dem unge⸗ nal Gaſt⸗ o. Es iſt reundſchaft lzaubern, en kamen, g finden? dem Abu nen.“ Zwanzigſtes Kapitel. Eine doppelte Rettung. Das Schiff„Alfonſo“ durchſchnitt die Wellen eiligen Fluges. Von ſeinem Hintertheile wehte die Flagge Portugals, und in der That kam das Schiff von Liſſabon und war nach Braſilien be⸗ ſtimmt. Am Bord des„Alfonſo“ befanden ſich Monte Chriſto und Haydee, begleitet von Bertuccio und Ali. Er hatte ſich mit ſeiner Gattin und ſeiner Dienerſchaft in Liſſabon eingeſchifft, um zunächſt nach Südamerika zu gehen, zu ſehen, ob er dort ein Ruheplätzchen für ſich und die Seinen finde. Es hatte ein paar Tage ſehr ſtürmiſches Wetter gegeben, einen Tag über hatte es ſogar heftig geſtürmt, und das Schiff war durch dieſes widrige Wetter weit von ſeinem Cours verſchlagen worden. Der Capitän ſuchte den Cours nach Bahia, ſeinem Beſtimmungs⸗ orte, wieder zu gewinnen, und da der Wind jetzt günſtig war, ge⸗ lang es ihm auch unſchwer; das Schiff lief mit dem günſtigen Winde munter vorwärts und die Matroſen waren beſchäftigt, die wenigen von dem Sturme verurſachten Beſchädigungen des Schiffes wieder auszubeſſern und im Ganzen das Schiff wieder ſo ſchmuck zu machen, wie vorher, damit es mit allem Glanze in den Hafen von Bahia einlaufen könnte. Der Hafen war indeſſen nicht ſobald zu erreichen und die Matroſen beeilten ſich deshalb mit ihrer Arbeit auch gar nicht. Monte Chriſto hielt ſich viel auf dem Decke auf, er vertrieb ſich die Zeit mit Beobachtung des Meeres und des Treibens der — Matroſen, welches ihm indeſſen weniger Unterhaltung bot, denn ſo thätig und ausdauernd ſich dieſe Seeleute während des Sturmes auch gezeigt, ſo nachläſſig und träge bewieſen ſie ſich jetzt, wo ſie eben nur die nothwendigſten Arbeiten verrichteten. Mante Chriſto's letzter Weltgang. 22 ———;O———— O4- — 338 Monte Chriſto richtete ſein Fernrohr häufiger nach der Ferne, um irgend ein Zeichen des nahendes Landes zu erſpähen, wodurch die endloſe, langweilige Seefahrt, die er im Grunde recht ſatt hatte, ihr Ende erreichen ſollte. Der Capitän, ein hagerer, wortkarger Portugieſe, der nicht den günſtigſten Eindruck auf den Grafen gemacht hatte, war in deſſen Nähe gekommen, und Monte Chriſto fragte ihn, wo ſie ſich befinden, und ob ſie nicht bald Land ſehen würden. Der Portugieſe ſchüttelte den Kopf. „Noch nicht ſogleich, Sennor,“ ſagte er.„Und wenn wir jetzt Land ſähen, ſo wäre es nur die Inſel San Paolo, von der wir uns übrigens ziemlich fern halten wollen.“ „Weshalb?“ „Weil ſich von dieſer Inſel in verſchiedener Richtung viele Meilen weit Klippen und Bänke in das Meer hinausziehen, wo man vorſichtig ſein muß, um nicht bei dem ruhigſten Wetter aufzulaufen und zu ſcheitern. Davor bewahre uns die heilige Jungfrau.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Portugieſe ein paar Kreuze und ging ſeines Weges weiter. Monte Chriſto war durch des Capitäns Mittheilung um ſo aufmerkſamer geworden. Er meinte, wenn er auf die nachläſſig umher handtirenden, oder faul in der Sonne liegenden Matroſen blicke, und man ſich in einer Gegend des Meeres befinde, die irgend⸗ wie den Schiffenden gefährlich werden könnte, werde es nicht ſo ganz unnütz ſein, wenn auch andere Leute ihre Augen offen behielten und für die Sicherheit des Schiffes wachten.— Monte Chriſto unter⸗ ſuchte deshalb von Zeit zu Zeit durch ſein Rohr den Horizont. Er entdeckte aber nichts, als einmal ein Segel, welches ſeinen Weg gen Süden nahm. So waren mehrere Stunden vergangen, und Monte Chriſto nahm das Fernrohr wieder vor das Auge und durchſuchte den Horizont. Auf einmal ſtutzte er. Er richtete ſein Rohr wieder und wieder nach einem Punkte, der ſüdweſtlich vom Schiffe lag. Er rieb ſich die Augen, als habe er nicht recht geſehen. Dann rief er Bertuccio, reichte ihm das Glas, und ihn auf einen Punkt am Horizonte aufmerkſam machend, befahl er ihm, eine J und ſ an jen denen brüchie 7 dort; ( Wahr änder 6 endlie denn Ver mit wül ſein ſch gla die au k der Ferne, wodurch ſatt hatte, der nicht —, war in ſwo ſie ſich in wir jetzt —n der wir nung viele un, wo man aaufzulaufen frau.“ ſRreuze und ing um ſo enachläſſig n Matroſen die irgend⸗ icht ſo ganz hielten und riſto unter⸗ ſorizont. ſches ſeinen nte Chriſto ſuchte den und wieder r rieb ſich nd ihn auf hl et ihm, 339 dieſen Punkt zu unterſuchen und dann ſeine Meinung darüber zu ſagen. „Ich glaube, es iſt eine Flagge!“ ſagte er dabei. Bertuccio ſchaute durch das Glas und rief: „Bei der heiligen Jungfrau, Herr, Sie haben Recht! Es iſt eine Flagge!“ Monte Chriſto unterſuchte jenen Punkt wieder durch das Rohr und ſagte dann: „Es iſt eine Nothflagge, und trügt mich nicht Alles, ſo brandet an jener Stelle das Meer. Es muß eine jener Klippen ſein, von denen der Capitän ſprach, und jene Flagge zeigt wohl Schiff⸗ brüchige an.“ 1 3 „Wir hatten vor ein paar Tagen Sturm!“ bemerkte Bertuccio. „Dann hätten die Unglücklichen vielleicht ſchon ein paar Tage dort zugebracht!“ rief Monte Chriſto.„Wir müſſen helfen!“ Sofort ſuchte der Graf den Capitän auf, theilte ihm ſeine Wahrnehmung mit und forderte ihn auf, den Lauf des Schiffes zu ändern, um den Verunglückten zu Hilfe zu kommen. Der Portugieſe brummte mißvergnügt in den Bart und meinte endlich, es ſei wenig gerathen, den Lauf des Schiffes zu ändern, denn es könne dann gleichfalls auf eine Klippe laufen. Zürnend aber entgegnete Monte Chriſto: „Ich habe gleichfalls zur See gedient und weiß, daß der See⸗ mann bei ruhigem Wetter ſolche Gefahren gar nicht kennt!— Uebrigens ſind dort wahrſcheinlich Leute vorhanden, welche der Hilfe bedürfen, und da muß ihnen auch Hilfe werden!“ Da der Portugieſe immer noch wenig Neigung zeigte, dem Verlangen Monte Chriſto's nachzukommen, ſo drohte dieſer endlich mit Anzeige gegen den Capitän, ſowie ſie einen Hafen erreicht haben würden. 5 Jetzt beſann ſich der Capitän, er gab Befehl, daß das Schiff ſeinen Lauf nach jener Richtung hin nehme, wo die Nothflagge ſichtbar war, verſicherte aber dabei wiederholt, daß er gar nicht glaube, daß ſich Jemand auf jener Klippe befinde, und daß er meine, die Flagge ſei nur als Warnungsſignal von irgend einem Schiffe aus aufgepflanzt, damit andere Schiffer dieſe Klippe vermeiden könnten. 22* — ———-—— — — 340 Monte Chriſto fand dieſe Ausrede ſehr ſonderbar und meinte wenn jede Klippe im Meere mit ſolch einem Warnungszeichen ver⸗, ſehen werden ſollte, ſo würde es bald Mangel an geeigneten Maßen geben, und er beharrte auf ſeiner Forderung, daß das Schiff die Richtung auf die Flagge inne halte. „Es wird nichts nützen!“ brummte der widerwillige Capitän nochmals. Das Schiff rauſchte weiter, es näherte ſich ziemlich raſch dem Punkte, der jetzt ſchon dem bloſen Auge ſichtbar wurde, und als nach Verlauf einer Stunde das Schiff noch näher kam, ſah man eine ſchwarze Linie aus dem Meere emporragen, aber zugleich auch die Schaumkronen der brandenden Wogen, von denen der Capitän er⸗ klärte, daß ſie ſich in der Richtung nach der Inſel San Paolo hin⸗ zögen, von der man nur einige Seemeilen entfernt ſein könne. Durch ſein Fernglas hatte Monte Chriſto aber noch mehr enr⸗ deckt. Er erkannte, daß ſich einzelne Punkte auf der aus dem Meere tauchenden niedrigen Klippe ſich bewegten. Dieſes konnten nur Menſchen ſein! Der Capitän, darauf aufmerkſam gemacht, daß er denn doch Unrecht habe, und dort ſich Schiffbrüchige befinden, brummte nach ſeiner Gewohnheit vor ſich hin, was dieſes Mal faſt klang, als ob er innerlich fluche, gab aber Befehl, daß das Schiff ſcharf auf jene Klippe zu gehalten werde, zugleich aber ſolle man ſcharfe Wache halten, damit man rechtzeitig unterſeeiſche Klippen bemerke und ihnen ausweiche. Das Schiff ſegelte vorwärts und es dauerte nicht lange, ſo konnte man die Leute auf der Klippe bereits mit bloſen Augen er⸗ kennen, und zugleich zeigte es ſich, daß es doch gerathen ſei, das Schiff langſamer gehen zu laſſen, denn auf der Steuerbordſeite des Schiffes zeigte ſich das Meer beunruhigt, zuweilen erhob ſich eine Welle, gekrönt mit Schaum, und ſchlug dann zurück, auf der Back⸗ vordſeite hingegen zeigte ſich vollkommen ruhiges Waſſer. Es war dieſes das Zeichen, daß auf der Backbordſeite einige Klippen unter dem Waſſer ſich befanden. Endlich kräuſelte ſich auch von dem Schiffe das Waſſer, zum Zeichen, daß hier die Brandung beginne. Das Schiff mußte des⸗ halb vom Winde abfallen, lachiren, bis es ruhiges Waſſer fand, und dar vorrücke De Stillſta dringen dieſes M zu über die ſeh⸗ lief ein Klippe, dieſen darüber dem W zwiſche der Kli noch ei ruhiger A jedenf Menſe Kräft ſtens Donn ihm d auch wan für 1 es T des Mol darq neinte hen ver⸗, iff die Capitän ſch dem als nach an eine lauch die vdiän er⸗ kolo hin⸗ nne. ehr ent⸗ n Meere enn doch mte nach , als ob auf jene e Pache nd ihnen ange, ſo sugen er⸗ ſei, das ſeite des ſich eine er Back⸗ e einige er, zum lßte des⸗ ſer fand, Maßen 341 und dann erſt konnte das Schiff wieder langſam gegen die Klippen vorrücken. Doch nicht lange, ſo gebot das kochend werdende Meer wieder Stillſtand, und der Capitän erklärte, er werde nicht weiter vor⸗ dringen, denn ſonſt laufe er Gefahr, ſein Schiff zu verlieren, und dieſes ſei ihm zuletzt doch das liebſte. Man war indeſſen doch nahe genug gedrungen, um Alles genau zu überblicken. Etwa ſechshundert Fuß von dem Schiffe erhob ſich die ſehr niedrige Klippe aus dem Meere, und an dieſer Klippe lief ein ſchmaler dunkler Grat zu einer zweiten, noch niedrigeren Klippe, ſo eine Art Damm bildend. Das Meer ſchlug heftig an dieſen Damm und manches Mal ſtürzten ſich Wogen ſchäumend darüber hin.— Einige Klippen, die von dieſem Damm etwas aus dem Waſſer ragten, machten die Annäherung um ſo gefährlicher.— Zwiſchen der Schaumlinie, welche dem Schiffe Halt geboten, und der Klippe, auf der ſich die Menſchen befanden, ſtreckte ſich übrigens noch eine kleine Fläche aus, auf welcher das Meer verhältnißmäßig ruhiger war, dann aber ſchäumte es um ſo hefliger. An dem Damme ragte einiges Holzwerk aus der Brandung; jedenfalls waren dieſes die Reſte des Schiffes, auf dem ſich die Menſchen befanden, die dort auf der Klippe ſtanden, aus allen Kräften winkten und wohl auch nach dem Schiffe zu ſchrien, wenig⸗ ſtens kam es Monte Chriſto vor, als ob durch das Brauſen und Donnern der Brandung der Schall von Menſchenſtimmen bis zu ihm dränge.— Doch konnte dieſes Täuſchung ſein. 2f Jene Menſchen auf der Klippe waren übrigens halb, zum Theil auch ganz nackt. Der Capitän, welcher ſie durch ſein Glas beobachtet hatte, wandte ſich finſter ab. „Es ſind Mauren,“ ſagte er,„ungläubige Hunde, gut genug für die Haifiſche!“ Auch Monte Chriſto hatte bereits die Bemerkung gemacht, daß es Muhamedaner ſein müßten, die dort harrten. Die Aeußerung des Capitäns erfüllte ihn mit Unwillen. „Sennor,“ ſagte er kurz und entſchieden,„ob Mauren oder Mohren, oder ſonſt Etwas, darauf kommt jetzt gar nichts an, ſondern darauf, daß es Menſchen ſind, die unſerer Hilfe bedürfen, und daß — —— 342 es dann auch unſere Pflicht iſt, den bedrängten Brüdern beizuſtehen. — Ich verlange, daß ſogleich ein Boot ausgeſetzt werde, um die Verunglückten abzuholen.“ „Wegen den Hunden uns der Gefahr ausſetzen?“ grollte der Capitän. „Es ſind Menſchen!“ „Pah!“ „Sennor,“ rief jetzt Monte Chriſto, zornig über des Portugieſen Unempfindlichkeit,„und wenn auf jener Klippe ein Hund ſich be⸗ fände, der mich durch ſein Geheul um Hilfe anflehte, ich würde ihn doch zu retten ſuchen.“ „Nun,“ gab der Portugieſe zurück,„dann mag es der Sennor verſuchen.“ Weder der Capitän, noch die Mannſchaften des Schiffes machten Anſtalt, um— wie Monte Chriſto erwartet hatte— ſofort die Schaluppe in's Waſſer zu laſſen und ſie zu bemannen, und die Matroſen ſchienen überhaupt ſo wenig Luſt zu haben, als der Ca⸗ pitän zur Rettung der Schiffbrüchigen Hand anzulegen.— Es hatte ſich ſchnell über das ganze Schiff verbreitet, daß die Schiffbrüchigen eben Ungläubige ſeien, und da ſprachen die bigotten Matroſen es offen aus, es ſei gar nicht nöthig, die Burſchen zu retten, denn die Welt verliere nichts an ihnen, wenigſtens brauche man ſich nicht ſo ſehr mit der Rettung zu beeilen, noch ein bischen Todesangſt ſchade den Ungläubigen gar nichts. Monte Chriſto ſah, daß hier Vorgeſetzter und Untergebene ſo ziemlich gleichgeſtimmt waren und da ſo ſchnell nicht an die Rettung der Verunglückten zu denken ſei.— Er drängte den Capitän, ſchnelle Anſtalten zu treffen, ihn darauf aufmerkſam machend, daß die Ver⸗ unglückten immer heftiger winkten und denſelben nun, da ſie das Schiff vor Augen hatten und ſie auf Erlöſung aus ihrer peinlichen Lage hoffen konnten, jede Verzögerung dieſer Erlöſung für die Un⸗ glücklichen qualvoll ſein müſſe.. „Das wird den ungläubigen Hunden nichts ſchaden!“ entgegnete der Portugieſe wieder. „Sennor,“ rief Monte Chriſto voll Entrüſtung,„Sie ſind ein Unmenſch. Wie wäre es denn, wenn Sie in derſelben Lage ſich befänden, wie Jene dort, und wenn auf dem Schiffe, das ſie retten nan hat gegen di gegen ſi Mit ſaft au Nul ſch weg merkte gewende pörung zu befet gehorche Graf h einfache ſaft ſo iſt duſtehen. um die olle der ttugieſen ſich be⸗ ſirde ihn Sennor machten pfort die und die der Ca⸗ Es hatte rüchigen troſen es denn die Hnicht ſo gſt ſchade gebene ſo Rettung ſchnelle die Ver⸗ ſie das einlichen die Un⸗ atgegnete ſind ein Lage ſich ſie retten 343 könnte, eben ſolche Anſichten herrſchten, als wie jetzt auf dieſem Schiffe?— Würde Ihnen dieſes nicht ſchrecklich ſein?“ „Pah,“ entgegnete der Capitän,„dieſe Hunde würden vielleicht noch ſchlimmer gegen uns handeln.“ „Sagen Sie beſſer, Sennor,“ antwortete Monte Chriſto,„denn man hat ſchon oft genug die Erfahrung gemacht, daß die Heiden gegen die Chriſten ſo großmüthiger ſich zeigten, als die Chriſten gegen ſie.“ Mit entſchiedenem Tone forderte Monte Chriſto jetzt die Mann⸗ ſchaft auf, daß ſie zur Rettung der Schiffbrüchigen eintrete. Nur Wenige zeigten ſich bereit, die Uebrigen murrten, daß ſie ſich wegen Heiden in Gefahr begeben ſollten.— Der Capitän ver⸗ merkte es ſehr übel, daß Monte Chriſto ſich an die Matroſen mit gewendet, meinte, das ſehe bald aus, als ob die Leute zur Em⸗ pörung gegen ihn aufgereizt werden ſollten; er habe auf dem Schiffe zu befehlen, und wenn er es verlange, ſo müßten die Matroſen ihm gehorchen und wenn er ſie durch die tollſte Brandung ſchicke; der Graf habe demnach gar nichts zu ſagen, denn er ſei nichts als ein einfacher Paſſagier. 5 „Wenn übrigens der Sennor ſo eifrig darauf iſt, die Bekannt⸗ ſchaft jener Hunde zu machen,“ ſchloß der Capitän höhniſch,„gut, ſo iſt hier das Boot und der Sennor möge es nur ſelbſt verſuchen!“ „Das will ich auch!“ entgegnete Monte Chriſto lebhaft. Er war ungeduldig ob des vielen vergeblichen Redens, und das Auskunftsmittel, welches der Capitän da ſpöttiſcher Weiſe vor⸗ ſchlug, wahrſcheinlich, weil er ſich für überzeugt hielt, der drängende Paſſagier werde eine ſolche Fahrt gar nicht wagen. Aber Monte Chriſto dachte ſeines früheren Seelebens und hatte ſchon mehr als einmal erprobt, daß er da noch nicht ſo ganz aus der Uebung gekommen war, daß er hätte vor einer anſcheinend etwas bedenklichen Fahrt zurückſchrecken müſſen.— Er rief Bertuccio und fragte ihn wegen der. Angelegenheit. Bertuccio überblickte das Wogenfeld und lächelte verächtlich. „Herr Graf,“ ſagte er,„hier durchzukommen, iſt wahrhaftig ein Kinderſpiel.— Da müßte ich wahrhaftig kein alter Seehund ſein, wenn ich da nicht durchkäme, und hätte ich auch nur ein Bret . —— — —2— —y 344 unter mir. Dieſe Spitzbuben aber, die ſich Matroſen ſchimpfen laſſen, könnten ſchon lange drüben ſein, wenn ſie guten Willen hätten; an Courage fehlt es ihnen ſonſt eben nicht, das haben wir ja beim Sturme genügend geſehen.“ „Alſo gehſt Du mit hinüber?“ fragte Monte Chriſto. „Ja,“ betheuerte Bertuccio,„ich wollte ſteuern, wenn ich nur ein Paar Ruderer hätte.“ „Gut,“ erklärte der Graf,„Du wirſt ſteuern und ich und der Ali werden rudern!“ „Wie?“ rief Bertuccio faſt erſchrocken,„Sie, Herr, wollten mitgehen und wollten ſogar rudern?“ „Ja, ich!“ „Das iſt aber rein unmöglich!“ „Weshalb?— Weißt Du nicht, daß ich Seemann bin?“ „O ja, aber“— „Sei ſtill, alter Burſche.„Wir nehmen noch den John und den Pedro mit, da geht es um ſo beſſer.“ John und Pedro waren zwei Spanier, welche Graf Monte Chriſto dienſtlos in Liſſabon getroffen und, da ſie gewünſcht, nach Südamerika zu gehen, ſie für die Dauer der Reiſe mit ſich ge⸗ nommen, obgleich er eigentlich nur Ali zu ſeiner Bedienung gebrauchte. Bertuccio ſchüttelte bei Erwähnung dieſer Leute bedenklich den Kopf und meinte, man könne da nicht wiſſen, ob dieſelben je ein Ruder in der Hand gehabt hätten. Doch ergab ſich bei der Nach⸗ frage bei den Leuten ſelbſt, daß ſie im Rudern zwar keine Meiſter ſeien, aber doch ſchon manche Kahnfahrt im offenen Meere gemacht hatten, und ſie erklärten ſich umſomehr bereit, die Fahrt, die ihnen gar nicht ſo gefährlich vorkam, mitzumachen, als ihnen Monte Chriſto noch eine gute Extrabelohnung in Ausſicht ſtellte. Bertuccio wollte wohl nochmals dagegen proteſtiren, daß Monte Chriſto die Fahrt mitmache, allein dieſer ſchnitt ihm kurz das Wort ab und begab ſich zu dem Capitän, dem er ſagte, er möge nun das große Boot herablaſſen, damit er zu den Schiffbrüchigen fahre und ſie von der Klippe hole. Erſtaunt ſah der Portugieſe auf den Fragenden. „Wie, Sie, Sennor?“ fragte er. „Ja, g übrigen und ich he Der gielleicht Paſſagier eine Luſt r muſter „We daß jede „So werächlich Ihnen ſo Er demſelben ſelben de und mei aufgewo⸗ Der ſchlechte Er Boot in bineinzn dj Chriſto etwas nehmeꝛ durchau keine( ihrer 5 ſo gro J Seear ſeiner (n?⸗ Zohn und f Monte ſcht, nach ſich ge⸗ ebrauchte. klich den en je ein er Nach⸗ Meiſter gemacht die ihnen e Chriſto Monte as Wort nun das hre und 345 „Ja,“ erwiderte Monte Chriſto entſchloſſen.„Sie haben mir es übrigens ſelbſt geſagt, Sennor Capitän, daß ich hinfahren ſolle, und ich halte Sie beim Wort.“ Der Portugieſe wurde für den Augenblick etwas verlegen, vielleicht auch fühlte er ſich beſchämt durch das Verlangen ſeines Paſſagiers, da dieſer Etwas unternehmen wollte, zu dem er ſelbſt keine Luſt gezeigt.— Aber bald beſann er ſich und lächelte höhniſch. Er muſterte den Grafen einen Augenblick, dann ſagte er: „Wenn ich das Boot hergebe, ſo muß ich auch Garantie haben, daß jede Beſchädigung daran ſofort erſetzt wird.“ „Sonſt verlangen Sie nichts, Sennor?“ fragte Monte Chriſto verächtlich und fügte dann hinzu:„Ich garantire für Alles und will Ihnen ſogleich Sicherheit ſtellen.“ Er nahm ſein Portefeuille aus der Taſche, öffnete es, entnahm demſelben drei Billets, jedes zu tauſend Francs, und reichte die⸗ ſelben dem Capitän, dazu ſagend, daß er dieſelben als Pfand ſtelle und meine, daß mit dieſer Summe der Werth des Bootes reichlich aufgewogen ſei. Der Portugieſe aber brummte halblaut vor ſich hin: „Wenn es dem Sennor Vergnügen macht, für ſein gutes Geld ſchlechtes Salzwaſſer zu ſchlucken, ſo habe ich nichts dawider.“ Er befahl dann den Matroſen zuzugreifen und das große Boot in das Waſſer zu laſſen, ſowie die nöthigen Ruder und Taue hineinzubringen. Dieſes geſchah auch ſofort. Während die Matroſen ſo beſchäftigt waren, begab ſich Monte Chriſto in die Kajüte, um ſich für die Fahrt, die er vorhatte, etwas auszurüſten, und von Haydee für eine Stunde Abſchied zu nehmen, indem er ihr zugleich ſagte, ſie brauche ſich wegen ihm durchaus keine Sorgen zu machen, denn die Fahrt habe durchaus keine Gefahr und er unternehme ſie nur, um dieſe Portugieſen in ihrer Liebloſigkeit gegen die Nebenmenſchen zu beſchämen. Haydee, die ihren Gemahl kannte, machte ſich denn auch keine ſo großen Sorgen. Monte Chriſto begab ſich wieder auf das Deck, jetzt in vollem Seeanzuge. Er fand Bertuccio und Ali nebſt den ſpaniſchen Dienern ſeiner bereits harrend. — — — Auch der Capitän und ſeine Matroſen hatten ſich auf dem Decke verſammelt und ſie ſchauten theils verwundert, theils zweifelnd, theils ſchadenfroh auf den Grafen und ſeine Begleiter, die, nach ihrer Meinung, als Landratten gar keinen Begriff davon hatten, wie ein Boot gerudert und noch weniger, wie es geſteuert werden müſſe, und die, nach ihrer Meinung, zuletzt das Wageſtück gar nicht unternehmen würden, oder ſo ſie es doch wagten, daſſelbe würden theuer bezahlen müſſen. Auch der Capitän trat jetzt nochmals zu Monte Chriſto und fragte ihn, ob er es wirklich unternehmen wolle, nach jener Klippe zu fahren. „Ohne Zweifel,“ entgegnete Monte Chriſto und eilte dem Fall⸗ repp zu, um in das Boot hinabzugelangen. Bertuccio und die Anderen folgten ihm. Ein paar Augenblicke, dann hatten ſchon Alle im Boote Platz genommen, Bertuccio ergriff ſofort das Steuer und die Uebrigen, Monte Chriſto voran, be⸗ mächtigten ſich der Ruder. „Los!“ commandirte Monte Chriſto. Das Tau, welches das Boot noch am Schiffe feſthielt, wurde gelöſt, Bertuccio drehte kräftig das Steuer, die Ruder ſchlugen in das Waſſer und nach ein paar Minuten war das Fahrzeug ſchon hinreichend weit von dem Schiffe entfernt und ſchwamm im Meere, den Schnabel der Brandung zugewendet, aus der ſich die Klippe erhob. Oben an der Galerie des„Alfonſo“ ſtand Haydee und winkte den kühnen Schiffern mit ihrem Tuche den Abſchied zu. Auch der Capitän und ſeine Matroſen hatten ſich an der Galerie des Schiffes zuſammengedrängt und ſchauten dem fortſchießenden Boote mit Staunen und Neugier nach. „Beim Teufel,“ rief der Capitän,„die Kerls wollen doch wohl fahren!“ „Und ſie ſcheinen gar nicht ſo ungeſchickt!“ meinte der Hoch⸗ bootsmann.„Der Kerl am Steuer mag ſeine Sache verſtehen!“ „Aber ſie werden doch nichts ausrichten,“ behauptete der Capitän, „die Brandung wird ſie zurückwerfen oder gar das Boot umſtürzen.“ „Das wäre ſchlimm!“ „Nein Srandung ſbwimmen „Man dochbootsn Der uandte ſie ul laſſen, greßen Be glech Hilf Schne Hand an, Miuten dochboots vährend hren ſol I aracht Steuern fürchten, daß für ſo große Die Boot be 9 „‿ Brandum als Jer ſein wo ganz g. D D Ruder gegang ſteuert Ruder der B auf dem weifelnd, die, nach —n hatten, aet werden gar nicht e würden priſto und er Klippe dem Fal⸗ agenblicke, cio ergriff horan, be⸗ elt, wurde ſchlugen in zeug ſchon im Meere, die Kliype und winkte der Galere ſchießenden doch wohl der Hoch iſtehen!“ r Cavitn mſtürjen. 347 „Nein, es wäre ganz Recht! Warum gehen die Kerls in die Brandung hinein.— Da mögen ſie es auch büßen und wenn ſie ſchwimmen können, ſehen, wie es ausreicht. Man muß doch für dieſen Fall etwas thun,“ bemerkte der Hochbootsmann.—„Es iſt wegen der Verantwortung.“— Der Capitän ſchien dieſe Bemerkung wahr zu finden, denn er wandte ſich haſtig um, befahl, das kleine Boot raſch in's Waſſer zu laſſen, mit gewandten Ruderern zu bemannen und dann dem großen Boote zu folgen, damit, wenn dieſes Hilfe bedürfe, auch ſo⸗ gleich Hilfe bei der Hand ſei. Schnell ſtürzten ſich die Matroſen auf das Boot und legten Hand an, und dieſes Mal ging Alles raſcher, denn nach ein paar Minuten ſchon glitt das kleine Boot in's Waſſer hinab und der Hochbootsmann ſprang ſelbſt hinein, um das Steuer zu führen, während der Capitän die Matroſen bezeichnete, welche die Ruder führen ſollten. Das Pflichtgefühl war eben in ihm in voller Stärke erwacht und zugleich der Ehrgeiz, das gleich im Anfange ſo gewandte Steuern Bertuccio's und das tüchtige Rudern der Anderen ließ ihn fürchten, ſie könnten denn doch ihr Ziel erreichen, da er wohl wußte, daß für gute und gewandte Seeleute jene Brandung durchaus kein ſo großes Hinderniß ſein konnte. Dieſer erwachte Ehrgeiz war es auch, daß er jetzt, als das Boot bemannt war, den Matroſen zurief: „Legt Euch auf die Ruder und ſeht zu, daß Ihr eher durch die Brandung und bei der Klippe ſeid, und die Hunde dort herabholt, Nals Jene; dann könnt Ihr die Landratten auslachen, die Schiffer ſein wollen, ohne es zu können!“ „Soll geſchehen, Capitän!“ rief der Hochbootsmann, der ſchon ganz gleichen Plan hatte.„Los!“ Dieſer letzte Ruf galt den Ruderern. Die Ruderer legten ſich dann auch mit aller Kraft auf die Ruder und das Boot ſchoß gleich einem Pfeile vorwärts, dem voran⸗ gegangenen nach, das es einzuholen ſtrebte. Doch hatte dieſes Boot ſchon einen großen Vorſprung, Bertuccio ſteuerte mit Umſicht und Geſchick, Monte Chriſto und die anderen Ruderer arbeiteten kräftig und ſchnell. Bald war der erſte Streifen der Brandung erreicht. Das Boot ſchoß hinein, wurde jetzt in die b V V — 348 Höhe gehoben, ſchoß dann in die Tiefe, um ſich ſogleich wieder auf der Spitze einer Woge zu befinden. Der Schaum ſpritzte über das Boot hin, aber dieſes ſtörte die muthigen Männer nicht.— Noch eine kurze Arbeit und ſie hatten dieſen Brandungsſtreifen über⸗ wunden und befanden ſich in zwar noch ſtark bewegtem, aber doch verhältnißmäßig ruhigeren Gewäſſer. Bertuccio warf einen Blick nach dem Schiffe zurück und bemerkte jetzt, daß das kleine Boot ihnen nachkam. Er rief dieſes dem Grafen zu. Monte Chriſto ließ für den Augenblick das Ruder ſinken und ſchaute ſich um. Er ſah das Boot nachkommen. „Ah!“ rief er,„dieſe Burſchen ſchlägt das Gewiſſen, oder ſie wollen uns die Ehre nicht gönnen, jene Unglücklichen gerettet zu haben.— Aber wir haben guten Vorſprung.— Achtung, Meiſter Bertuccio.— D'rauf los, Jungens!— Ehe Jene an die erſte Brandung kommen, müſſen wir an der Klippe ſein.“ Befeuert durch Monte Chriſto's Ruf und noch mehr durch ſein Beiſpiel, da er jetzt mit doppelter Kraft zu rudern begann, ſo unge⸗ wohnt ihm auch dieſe ſeit langen Jahren nicht getriebene Arbeit war, begannen auch die Anderen ihre Ruder mit doppeltem Eifer zu handhaben. Bertuccio aber, auf deſſen geſchickte Steuerführung jetzt Alles ankam, ſtand am Steuerruder, mit ſcharfem Auge das Gewäſſer um ſich beobachtend, um jeder Gefahr nach Kräften ausweichen zu können, und zugleich warf er bisweilen ſeine Blicke nach dem nach⸗ kommenden Boote hinüber, das allem Anſcheine nach ſich beſtrebte, ſie einzuholen. „Das ſoll ihnen denn doch nicht ſogleich gelingen,“ murmelte Bextuccio in ſich hinein. Jenes nachkommende Boot war indeſſen ſchon nahe bei dem erſten Brandungsſtreifen,— jetzt ſchoß es hinein. Aber auch das große Boot war bei der Brandung angekommen, welche die Klippe umtoſte und nun begann die ſchwerſte Arbeit. Vor dem Boote erhob ſich in einiger Entfernung die eben nicht ſehr umfangreiche Klippe, auf welcher ſich die Schiffbrüchigen be⸗ fanden, die, das ihnen zur Rettung kommende Boot nahe ſehend, auf der Klippe umherſprangen und winkten und dadurch ihre Freude kundgaben, uch, und Brauſen d auch mußt venden, u auf das ac Bertu iberſtrömte antfernt we und wenn Tau zugen ſchwimmen „Nun Mitj das Boot düice das uunehmen rerſchwand darüber h Ein wieder un fort, um dern, au hartem§. ins Aug Sei äuſcht. ſtüm, da dnige 9 und es laſſen, d punkte b Die kannte n Strecke dieſelbe M 349 wieder auf kundgaben, daß nun endlich ihnen Erlöſung komme.— Sie riefen über das auch, und wohl vernahm man im Boote ihre Stimmen, aber das b Noch Brauſen der Brandung geſtattete nicht, ein Wort zu verſtehen, und ſdiſen übee⸗ auch mußten die Männer alle Aufmerkſamkeit auf ihr Fahrzeug aber doch wenden, um nicht ſelbſt zu verunglücken, ſie konnten alſo gar nicht auf das achten, was Jene etwa riefen. dbemerte. Bertuccio bemerkte eine hervorſtehende, zum Theil vom Waſſer dieſs den überſtrömte, bankartige Klippe, die nur wenig von der Hauptklippe entfernt war. Hier ſchien die Brandung am wenigſten ſtark zu ſein ſinken und und wenn das Boot dort anlegte, konnte den Schiffbrüchigen ein Tcau zugeworfen werden, an dem ſie dann den Zwiſchenraum durch n, oder ſie ſchwimmen und an das Boot gelangen konnten. gerettet zu„Nun Muth! Es gilt!“ rief Bertuccio mit lauthallender Stimme. 9, Meiſter Mit feſter Hand griff er in das Steuerruder und hinein ſchoß an die erte das Boot in das wildſchäumende Waſſer, welches im erſten Augen⸗ blicke das verwegene Fahrzeug, welches den Kampf mit ihm auf⸗ durch ſein zunehmen wagte, zu verſchlingen drohte, denn im erſten Augenblicke n, ſo unge⸗ verſchwand das Boot faſt ganz im Waſſer und der Schaum ſchlug ene Arbeit darüber hinweg. eltem Eifer Ein banger Augenblick!— Dann hob eine Woge das Boot wieder und trug es eine Strecke weit auf ihrem Rücken mit ſich jett Alls fort, um dann zuſammenbrechend es wieder in die Tiefe zu ſchleu⸗ 3 Gewäſer dern, aus der es ſich aber alsbald wieder emporarbeitete und nach weichen zu hartem Kampfe die Bank erreichte, welche Bertuccio gleich Anfangs dem nac⸗ in's Auge gefaßt hatte. h beſtrebte, Sein erfahrener Seemannsblick hatte Bertuccio auch nicht ge⸗ auſcht. An dieſer Klippe war die Brandung weit weniger unge⸗ ſtüm, das Boot konnte, auf und nieder ſchwankend, ſich hier ſchon eeinige Zeit halten, denn weiter vorzudringen war nicht gerathen, he bei den und es galt zunächſt, den Schiffbrüchigen das Tau zukommen zu laſſen, damit ſie an demſelben die kurze Strecke von ihrem Stand⸗ punkte bis an das Boot zurücklegen könnten. murnelte kommen,.. hben— Die Bank ſtand mit der Hauptklippe in Verbindung, das er⸗ eben nicht kannte man, aber ſo, daß es wohl möglich ſein würde, eine kurze ihigen be Sctrecke auf der Bank gegen die Klippe vorzudringen, trotz des über ddieſelbe hinwegſchäumenden Waſſers. 3 Monte Chriſto warf ſeine Blicke auf Ali. he ſchend, hre Frude 350 „Ali,“ ſagte er,„ich weiß es, Du biſt ein guter Schwimmer!“ „Ich ſchwimme wie ein Fiſch, Herr!“ entgegnete Ali voll Selbſt⸗ gefühl und ſeine weißen Zähne zeigend. „Getrauſt Du Dich, mit einem Taue zu jenen Leuten zu ge⸗ langen?“ fragte Monte Chriſto, auf die Schiffbrüchigen deutend. Ali überblickte die Strecke, welche das Boot noch von der Hauptklippe trennte, und ſagte dann ruhig: „Ja, Herr!“ „So verſuche es, wackerer Burſche,“ ſprach Monte Chriſto. „Binde Dir ein Tau um den Leib, damit wir Dich, ſo es Noth thut, zurückziehen können. Du nimmſt noch ein Tau mit und wirſſt es den Leuten zu, ſowie Du ihnen nahe genug biſt.“ „Soll geſchehen, Herr,“ antwortete Ali. Er warf haſtig ſeine Oberkleider ab. „Ich dächte,“ meinte Bertuccio, nach der Klippe hinüberblickend, „die Leute hätten Taue bei ſich.“ „Man ſieht es,“ ſagte Monte Chriſto,„aber wie es ſcheint, denken die Unglücklichen gar nicht daran, dieſe Taue zu gebrauchen; wir müſſen es ihnen zeigen, was ſie thun ſollen!“ „Wenn ſie nicht an dieſes Rettungsmittel denken,“ brummte Bertuccio,„dann hat ihnen der liebe Herrgott auch nicht über⸗ reichlich Verſtand gegeben.“ Bertuccio's Gebrumme verhallte im Wogengebrauſe. Ali aber hatte ſich ſchon entkleidet, ein Tau mit feſtem Knoten um den Leib geſchlungeſl umd ein zweites Tau an das erſte be⸗ feſtigt, und einen gellenden Schrei ausſtoßend, ſtürzte er ſich mit vorgehaltenen Händen kopfüber in das Waſſer, in welchem er augen⸗ blicklich verſchwand. Keine halbe Minute dauerte es, dann kam Ali wieder zum Vorſcheine, jetzt ſchon dicht an der Bank.— Kräftig ſich vorwärts ringend, hatte der kecke Schwimmer auch ſchon den Felſen erreicht, ſich an ihm emporgeſchwungen und oben feſten Fuß gefaßt. Ali verkündete dieſes durch einen lauten, gellenden Triumph⸗ ſchrei, der zu dem Boote hinüberhallte, dann gegen die Schiff⸗ brüchigen hin, denen er zuwinkte. Lautes Geſchrei antwortete dem Rufe des Negers, man unter⸗ ſcied je s wirkl Vo vorwärt tend. 2 dann bi bis an andring get der Moh ſich der der Eine ſchöpft wurde. De ſchlunge Seil lo⸗ deren z Seiles dem An⸗ Ale ſch Rettung De und die Mauriſ A folgen er gekt N rettete K kam u Bertug Boot die B gieſen nte Chriſo. ſo es Noth und wirft lberblickend, e es ſcheint, gebrauchen; „brummte richt über⸗ ſe. ſtem Knoten er ſich mit em er augen wieder zum ch vorwärts ſen erreicht faßt. n Triumyh⸗ die Stiff man unter; s erſte 8 ſchied jetzt das Wort„Allah!“ und dieſes gab Gewißheit, daß man es wirklich mit Muhamedanern zu thun hatte. Vorſichtig begann Ali auf der von Waſſer überſpülten Bank vorwärts zu ſchreiten, immer die Richtung auf die Klippen behal⸗ tend. Anfangs ging ihm das Waſſer nur bis über die Kvnöchel, dann bis an die Waden und nach zwanzig weiteren Schritten ſchon bis an das Knie und Ali mußte heftig kämpfen, um dem heftiger andringenden Waſſerſchlage zu widerſtehen. Jetzt bemerkten die Schiffbrüchigen erſt die Abſicht, in welcher der Mohr den gefährlichen Weg zu ihnen einſchlug, und ſie erinnerten ſich der Taue und Seile, die ſie ſelbſt beſaßen. Plötzlich ſprang der Eine in die Brandung hinab und kam glücklich, aber ganz er⸗ ſchöpft auf der Bank an, wo er von Ali in Empfang genommen wurde. Der Maure hatte ſich ein ſchwaches Tau um den Leib ge⸗ ſchlungen, deſſen Ende auf der Klippe befeſtigt war. Er band dieſes Seil los und hielt es mit Ali's Unterſtützung feſt, dabei den An⸗ deren zuwinkend, gleichfalls herüber zu kommen. Mit Hilfe des Seiles gelang es auch den übrigen fünf Schiffbrüchigen, Einer nach dem Anderen durch die Brandung auf die Bank zu gelangen. Aber Alle ſchienen todesmatt und es war, als ob die Anſtrengung zu ihrer Rettung ihre letzten Kräfte aufgezehrt hatte. Der Erſte, welcher hinübergekommen, nannte ſich Abu Haſſan und dieſer konnte ſich ſofort mit Ali verſtändigen, da derſelbe das Mauriſche leidlich ſprach und Abu Haſſan etwas Franzöſiſch verſtand. Ali bedeutete Abu Haſſan, daß er und ſeine Gefährten ihm folgen ſollten, und ſchritt ihnen voran auf dem Wege zurück, den er gekommen war. Noch ein kurzer Kampf mit dem Waſſer und die ſechs Ge⸗ retteten befanden ſich im Boote. Kaum war dieſes geſchehen, als das andere Boot in die Nähe kam und ſich bereit machte, in die Brandung hineinzuſteuern.— Bertuccio aber drehte das Steuer ſeines Bootes gar kräftig, das Boot wendete ſich und arbeitete ſich mit ſeiner Belaſtung kühn durch die Brandung zurück in das ruhigere Waſſer, wo ſie dem Portu⸗ gieſenboote begegneten. Nun waren die Portugieſen wohl ſehr verdrüßlich, daß ſie, die befahrenen Matroſen, von dieſen Landratten gewiſſermaßen beſiegt waren, aber ſie mußten auch ſtaunen, daß dieſe Leute eine Gewandt⸗ heit entwickelt, die ſie ihnen gar nicht zugetraut, und mußten ihnen wegen ihrer Kühnheit auch Bewunderung zollen. Ein paar der Portugieſen konnten ſich da nicht enthalten, dieſen„Landratten“ jetzt, wie ſie in einiger Entfernung vorüber ruderten, ein lebhaftes „Vivat“ zuzurufen, in welches indeſſen nicht Alle, und auch der Hochbootsmann nicht, einſtimmten. Monte Chriſto kümmerte ſich indeſſen nicht darum; er rief ſeinen Leuten ermunternd zu, ſich zu beeilen, damit ſie durch die erſte Brandung wieder hindurch⸗ und bald nach dem Schiffe zurückkämen.— Wie im Spiele war auch das letzte Hinderniß überwunden und das Boot ſchwamm in ruhiger See dem„Alphonſo“ wieder zu. Vom Bord wehte ihnen ein Tuch entgegen. Haydee begrüßte den zurück⸗ kehrenden Gatten. Als Monte Chriſto mit ſeinen Begleitern und den Geretteten an Bord ſtieg, flog Haydee ihm entgegen und hing, Freudethränen vergießend, an ſeinem Halſe, ihn herzlich begrüßend. Auch der Capitän begrüßte die Zurückkehrenden, aber geſchraubt, verlegen, kühl, man ſah es ihm an, daß er ihnen den Erfolg ihrer Anſtreng⸗ ungen nicht gönnte und er es vielmehr lieber geſehen, wenn ſie ſich vergeblich bemüht hätten und ſie wohl gar ſelbſt in die Lage ge⸗ kommen wären, die Hilfe des ihnen nachgeſchickten Bootes in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die mit dem Boote Monte Chriſto und den Seinen nach⸗ geſandten Mannſchaften, die jetzt gleichfalls das Schiff wieder be⸗ ſtiegen, empfing der Capitän ſehr unfreundlich und mit Vorwürfen, denn er meinte, ſie hätten viel zu wenig gethan, um den Sieg zu erringen und die Schiffsbrüchigen von der Klippe zu holen, ehe das erſte Boot dort angelangt war. „Bei der heiligen Jungfrau von Santarem,“ entgegnete da der beleidigte Hochbootsmann,„haben wir doch gearbeitet, daß das Blut hätte unter den Nägeln hervorkommen können, und die Schuld liegt nicht an uns, wenn wir nicht vorkamen. Aber die Kerls hatten ſchon zu großen Vorſprung und benutzten ihren Vortheil; denn ſie mochten merken, was wir eigentlich wollten, und arbeiteten dann auch, als 1 1 ob ſie de Schiffer digung d Er vergnügt Leuten au Boote zu rechtfertig haben. Der den Blick ihnen, Ei waren es anſah, do Die fangs g gewiſſer Denjenig ihm ihr ihnen du Chriſto zu dank D die Ma ſeine F geichen Nu bezeugu D beleidig zu ſage am allq Mont ſ ſie, die en beſiegt Gewandt⸗ bten ihnen paar der indratten“ lebhaftes auch der die erſte fämen.— und das zu. Vom en zurück⸗ Geretteeen dethränen Auch der verlegen, Anſtreng⸗ nn ſie ſich Lage ge⸗ es in An⸗ nen nach⸗ wieder be⸗ Vorwürfen, n Sieg zu n, ehe das ſete da der das Blut chuld legt atten ſchon ſie mochten aud, le ob ſie von Stahl und Eiſen wären, und dabei waren ſie beſſere Schiffer, als wir Alle gedacht! Fuhren ſie doch in die Brandung hinein, als ob ſie eben nur auf einem Landbache, den der Wind ein Bischen aufgerührt, herumruderten!“ „Ihr ſeid Alle ungeſchickte Eſel!“ Dieſes waren die Worte, mit denen der Capitän die Verthei⸗ ddigung des Hochbootsmannes beantwortete. Er wandte ſeinem Untergebenen den Rücken zu, und ſehr miß⸗ i oergnügt vor ſich hinbrummend, ging der Hochbootsmann mit ſeinen zer rie Leuten an eine andere Stelle des Decks, um das Heraufwinden der Boote zu leiten.— Er fand die Vorwürfe des Capitäns ſehr unge⸗ rechtfertigt, denn er war ſich bewußt, ſeine Schuldigkeit gethan zu haben. Aber er mußte ſchweigen. Der Capitän muſterte die geretteten Schiffbrüchigen mit prüfen⸗ den Blicken. Es waren ſechs Männer, Abu Haſſan der älteſte von ihnen, Einige waren kaum dem Jünglingsalter entwachſen. Uebrigens waren es kräftige, nervige Leute, derem Körperbaue man es ſogleich anſah, daß ſie im Ertragen aller Strapazen geſchickt waren. Die Mauren waren voll Dankgefühls für ihre Rettung. An⸗ fangs glaubten ſie in Bertuccio, weil er das Steuer führte und gewiſſermaßen den Oberbefehl über das Boot zu führen ſchien, Denjenigen zu ſehen, dem ſie zuerſt ihren Dank darzubringen und ihm ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen hatten, doch Bertuccio gab ihnen durch Zeichen zu verſtehen, daß er nur der Diener und Monte Chriſto der Herr und der ſei, welchem ſie vor Allem ihre Rettung zu danken hätten. Da wandte ſich die ganze Dankbarkeit gegen Monte Chriſto, die Mauren fielen vor ihm nieder, küßten ſeine Hände, ſeine Kleider, ſeine Füße und berührten mit den Stirnen die Erde vor ihm zum Zeichen der Dankbarkeit und Unterwürfigkeit. Abu Haſſan aber rief: „Effendi, befiehl über uns, wir ſind Deine Sclaven!“ Nur mit Mühe konnte ſich Monte Chriſto vor dieſen Dank⸗ bezeugungen retten. Der portugieſiſche Capitän ſchaute finſter d'rein; er ſchien ſich beleidigt zu fühlen, daß Niemand ſich an ihn wendete, ihm Dank zu ſagen, und er meinte, daß ihm als Capitän des Schiffes doch am allererſten Dank zukommen müſſe. Meonte Chriſto's letzter Weltgang. 23 „Ihr wollt Sclaven ſein,“ murmelte er.„Gut, Ihr ſollt es auch ſein!“ Er gab Befehl, daß das Schiff wieder unter Segel gehen und den erſt verlaſſenen Cours wieder ſuchen ſollte.— Um die Ge⸗ retteten kümmerte er ſich nicht weiter, als daß er anordnete, ſie ſollten im Schiffsraume untergebracht werden, wobei er vor ſich hin murmelte, daß es ungläubige Hunde, wie ſie wären, gar nicht beſſer verdienten, und Monte Chriſto mußte eintreten, um den Halbver⸗ hungerten Speiſe und Trank zu verſchaffen. Dieſes war ihnen auch höchſt nöthig, denn die Mauren waren vor Hunger faſt todesmatt.— Sie genoſſen aber die ihnen gereichte Speiſe mit der den Orientalen eigenen Mäßigkeit. Während die Geretteten ſich labten, ſetzte ſich das Schiff wieder in Bewegung, die Matroſen arbeiteten und lärmten und der Ca⸗ pitän ließ ſeine Mißlaune in gewaltigem Fluchen aus. Es ging ihm nichts ſchnell genug, und in der That war der Wind ſehr ſchwach geworden, ſo daß eine förmliche Windſtille einzutreten drohte, das Langweiligſte, was einem Seefahrer begegnen kann. Es dauerte in der That ſehr lange, ehe der„Alfonſo“ aus der Nähe der für ſo viele Schiffe verhängnißvollen Klippen ge⸗ kommen war. Immer ſchwächer wurde der Wind, immer ſchlaffer hingen die Segel an den Maſten und immer langſamer ging das Schiff. Einige Stunden nur dauerte es, dann lag das Schiff ganz ſtille, und der Capitän donnerte und wetterte. „Erſt war zu viel Wind, nun zu wenig!“ rief er.„Und wes⸗ halb geſchieht uns das? Hätten wir uns nicht mit dieſen ungläu⸗ bigen Hunden eingelaſſen, ſo könnten wir weiter ſein, vielleicht in einer Gegend, wo gerade recht friſcher Wind bläſt.— Nun können wir hier liegen und haben Zeit, unſere Jacken zu flicken.“ Monte Chriſto ließ den Capitän fluchen und ſchimpfen; er ſaß auf dem Hinterdeck, umgeben von den halbnackten Mauren, und ließ ſich von Abu Haſſan, mit dem er ſich ganz gut verſtändigen konnte, die Geſchichte ihres Schiffbruches erzählen. Das Schiff, welchem die Geretteten angehört, war ein marok⸗ kaniſches und hatte in Mogador ſeinen Eigenthümer, einen reichen Handelsmann. Derſelbe hatte das Schiff mit allerhand Waaren für Bt Ladung S ſtark g geweſe auf ſei ſchiff waren geword Schiff Braſili 6 S Braſil verſtär von ſe warf! Woger lich d Steu Schif wußt un die Ge⸗ ordnete, ſie vor ſich hin t nicht beſſer uren waren en gereichte Schiff wieder nd der Ca⸗ 6. Ez ging ar Wind ſehr treten drohte, in. 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Schon glaubten die Matroſen, in wenigen Tagen die Küſten Braſiliens zu ſehen, als das Wetter ſich änderte, der Wind ſich verſtärkte und bald in heftigen Sturm ausartete, der das Schiff von ſeinem Cours weit ab verſchlug, es recht ſchonungslos herum⸗ warf und endlich auf dieſe Klippen trieb, wo es, durch Sturm und Wogen auf den Felſen geworfen, gänzlich zerſchellte. Auf dem Schiffe hatten ſich achtzehn Mann befunden, einſchließ⸗ lich des Rois, wie die türkiſchen Capitäne genannt, und der beiden Steuerleute, ſowie dreier Kaufleute, die als Paſſagiere auf das Schiff gekommen waren, von denen die Mannſchaft aber nicht recht wußte, ob es wirklich Muhamedaner oder verkappte Juden waren. Zwei Matroſen waren ſchon während des Sturmes von dem Decke in die empörte See geriſſen worden und dort verſchwunden. Bei dem Scheitern ertranken der Rois, die Paſſagiere, die über⸗ haupt nicht zu ſchwimmen verſtanden, ſowie einige Matroſen, ſo daß nur der oberſte Steuermann, Abu Haſſan, mit fünf der kräftigſten Matroſen ſich auf die Klippe retteten. Am nächſten Morgen hatte der Sturm merklich nachgelaſſen und die Geretteten überlegten, was zu thun ſei, ſich aus der un⸗ glücklichen Lage zu ziehen. Abu Haſſan hatte für einen Marokkaner ganz leidliche Kenntniſſe des Meeres, in welchem er ſich befand, und wußte, daß in dieſer Gegend ſich eine Inſel und dann weiter weſt⸗ lich eine ganze Gruppe befinden mußte, und glaubte nicht zu irren, wenn er meinte, daß die Klippe, auf der er und ſeine Unglücks⸗ gefährten ſich befanden, im Zuſammenhange mit der erſtgedachten Inſel ſtehen könnte. 23* Abu Haſſan dachte demnach ſogleich daran, ob es nicht möglich ſein ſollte, aus den Trümmern des Schiffes ein Floß zu bauen, um auf demſelben jene Inſel zu erreichen, und er ermuthigte ſeine Ge⸗ fährten, die Gefahr nicht zu ſcheuen und ſo viel Bretter und Balken von dem Wracke an die Klippe zu retten, damit ſie das Floß zu⸗ ſammenfügen und auf dieſem in See gehen könnten. Wohl ſtrengten ſich die Leute auf's Aeußerſte an und wohl gelang es den mit Energie Arbeitenden, auch eine Anzahl Bretter, Stangen und Balken, ſowie ein Fäßchen mit Zwieback von dem Wracke zu bergen und gleichfalls einiger Taue noch habhaft zu werden, doch war das Schiff nicht ſo feſter Bauart geweſen, um dem heftigen Wellenſchlage auch nur für kurze Zeit zu widerſtehen; nur einige Stunden dauerte es, ſo war das Wrack gänzlich aus⸗ einandergeriſſen und nur einzelne Balken hielten noch feſt und ragten aus dem Waſſer hervor. Abu Haſſan wollte ſeinen Rettungsplan dennoch nicht aufgeben; er und ſeine Gefährten legten Hand an, das Floß zu bauen. Doch kam es, wie es gleich anfangs ſich vorausſehen ließ, wenn es auch gelang, einige Balken und Bretter zuſammenzufügen, ſo riß doch die heftige Brandung alsbald Alles wieder auseinander, ſchleuderte Bretter und Balken fort und zerſchellte ſie zum Theil an den Felſen. Die heftig ſteigende Fluth überſtrömte einen großen Theil der Klippe und riß die auf derſelben noch befindlichen Schiffstrümmer mit ſich hinweg, und bald war für die Schiffbrüchigen alle Hoffnung vereitelt, ſich auf ſolche Weiſe zu retten. Die Unglücklichen errichteten nun auf der Klippe eine Stange und befeſtigten an derſelben ein Stück an die Klippe geworfenes Segel, damit es als Nothſignal diene, wenn der günſtige Zufall irgend ein Schiff ineLicht bringe. Der Geſcheiterten Lage war ſehr übel, denn wenn die Ebbe eintrat, dann lag wohl die Klippe zum größten Theil trocken, ſie konnten dann ſelbſt den Felſengrat betreten und zu einer Nachba⸗ klippe hinübergehen und nach Muſcheln und Seethieren ſuchen, welche vielleicht von den Wogen dorthin geführt und dann von dem weichenden Waſſer zurückgelaſſen waren; auch die Brandung war dann bedeutend ſchwächer. Wälzte ſich aber die Fluth wieder heran, dann tobte die Brandung um ſo toller, der Schaum derſelben ſpritzte — — iſt über d Theile übe hüchſten P richt bis Am? die Hitze u hervorgebr in ſteigend von Vaſſer denn das Duſſ, ſtat und Unter auch, aber Ertragung ſie dieſe O Auch hatten zwo dieſes erſch mäßige M Abendländ Meerwaſſe ſo daß 0 Muſcheln, wöhnlich I ſchützende dadurch⸗ vom Wog nackten K Füng dieſer ſch zweiflung verhinder Glaubens was ihne durch ſt Paradie on dem haſt zu fn, um tſtehen; ch aus⸗ iſt und ifgeben; . Doch Felſen. heil der rümmer offnung Stange porfenes Zufall e Ebbe n, ſie achba⸗ ſuchen, on dem ig wat heran, ſoritzte 357 oft über die ganze Klippe hinweg, die Klippe ſelbſt war zum größten Theile überfluthet und die Schiffbrüchigen mußten ſich auf derem höchſten Punkte auf kleinem Raume zuſammendrängen, wollten ſie nicht bis an das Knie im Waſſer ſtehen. Am Tage brannte die Sonne auf die nackten Körper herab, die Hitze ward nur wenig durch den durch die Bewegung der Wogen hervorgebrachten Luftzug gemildert. Der Durſt quälte die Männer in ſteigendem Grade, und es iſt ſeltſam, daß Seefahrer, die doch von Waſſer umgeben ſind, eben vor Durſt ſo oft faſt verſchmachten, denn das bitterſalzige Seewaſſer iſt ungenießbar, es ſteigert den Durſt, ſtatt ihn zu löſchen, und ruft heftige Beſchwerden im Magen und Unterleibe hervor.— Die Mauren empfanden dieſe Qualen auch, aber es war noch ihr Glück, daß ſie von Jugend auf an die Ertragung von Hunger und Durſt gewöhnt waren, ſo empfanden ſie dieſe Qualen weniger. Auch der Hunger ſtellte ſich ein, der hohläugige Gaſt. Sie hatten zwar ein Fäßchen mit Zwieback auf die Klippe gerettet, und dieſes erſchien für den Unterhalt für viele Tage genügend, da der mäßige Morgenländer zu ſeiner Sättigung weniger bedarf, als der Abendländer, allein der Zwieback war zum größten Theile von dem Meerwaſſer durchweicht und dadurch gänzlich ungenießbar gemacht, ſo daß auf den Einzelnen nur ſo winzige Rationen fielen. Die Muſcheln, welche von dem Waſſer zurückgelaſſen wurden, gaben ge⸗ wöhnlich zu geringe Ausbeute, um ſättigen zu können. In der Nacht war es empfindlich kalt und ohne irgend eine ſchützende Bedeckung mußten ſie eng zuſammengedrängt, um ſich dadurch etwas zu erwärmen, auf der Klippe zubringen, beſtändig vom Wogenſchaume überſpritzt, der die ſo ſchon vor Froſt ſchauernden, nackten Körper mit eiſiger Kälte berührte. Fünf Tage und fünf Nächte hatten die Schiffbrüchigen in dieſer ſchaurigen Lage zugebracht und wenn ſie dabei nicht in Ver⸗ zweiflung verfallen, war es der muhamedaniſche Glaube, der dieſes verhinderte und ſie in ihren Leiden noch aufrecht hielt.— Dieſer Glaubensartikel, auf den ſie ſich ſtützten, ſagte ihnen, daß Alles, was ihnen widerfuhr, unvermeidliche Vorherbeſtimmung ſei und ſie durch ſtandhafte Ertragung dieſer Prüfung eine höhere Stufe im Paradieſe erreichen würden. 358 „Allah will es ſo!“ ſagten ſie zu einander.„Allah iſt groß und Muhamed ſein Prophet!“ In dieſem Glauben ergaben ſich die Unglücklichen ruhig dem Unvermeidlichen. „Aber,“ ſagte Abu Haſſan,„nur noch einundzwanzig Stunden hätte dieſe Lage dauern dürfen, und wir weilten nicht mehr unter den Lebenden, ſondern wären eingegangen in das Paradies, welches Muhamed ſeinen Gläubigen verheißen hat!— Allah iſt groß und Muhamed ſein Prophet!“ Bei dieſen Worten neigte ſich Abu Haſſan nieder bis auf die Erde, küßte den Saum von Monte Chriſto's Gewand und dann den Boden vor deſſen Füßen.. Die Windſtille dauerte noch mehrere Tage und als ſich dann der Wind erhob, war es Weſtwind, welcher das Schiff wieder von ſeinem Cours abzutreiben drohte und es zwang, beſtändig zu laviren, um nur etwas vorwärts zu rücken, und endlich ſprang der Wind gar nach Süden um und trieb das Schiff zurück. War der Capitän ſchon vorher mißlaunig geweſen, ſo ſtieg jetzt ſeine üble Laune auf den höchſten Grad, da er ſah, daß er unter ſolchen Umſtänden noch ein paar Wochen auf der See kreuzen konnte, ehe er an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangte.— Die Vorräthe des Schiffes neigten ſich ihrem Ende zu und der Capitän ſprach mit Heftigkeit davon, daß unnütze Eſſer am Bord nur dazu bei⸗ trügen, die ohnehin ſchwachen Vorräthe des Schiffes noch mehr zu verringern. Wen er damit meinte, bewieſen ſeine Seitenblicke auf die Mauren, in Bezug auf die er auch die wenig freundliche Bemerkung fallen ließ, wenn ſie alleſammt ertrunken wären, würde kein Hahn danach gekräht haben, und wenn es dahin käme, daß Mangel auf dem Schiffe einträte, ſo würde er wegen den ungläubigen Heiden ſeinen Leuten nicht das Geringſte entziehen, ſondern die erſteren lieber über Bord werfen laſſen. Die Mauren verſtanden zu ihrem Glücke nichts von dieſen Aeußerungen des hartherzigen Capitäns, ſie blieben demüthig und geduldig und blieben lieber um Monte Chriſto und deſſen Leute, von denen ſie ſtets Freundlichkeit zu erwarten hatten, und ſie fühlten wohl auch, für ale Jo Monte ſtändig flu Gageben, d richts half Nachd und dann der Wind ſteuerte da zu und nun Der ein Fluß i das Schiff fallen ließ von dieſer Der aus, und begleitet, mit dem übernachte nicht weit Am dem Ausf ſetzt. Di lichen M Bord un Bekanntſ Hochboot dem Hin End ihrer Ge Nähe des Hindäm haltung ſländlich groß g dem tunden unter velches ſ und zuf die dann dann er von aviren, Vind eeg jetzt r unter konnte, orräthe ſprach zu bei⸗ nehr zu auf die nerkung n Hahn gel auf Heiden erſteren dieſen hig und Leute, fühlten 359 wohl auch, daß ſie bei dem Grafen den wirkſamſten Schutz und für alle Fälle Hilfe finden würden. Monte Chriſto ſeinerſeits war es gewohnt, den Capitän be⸗ ſtändig fluchen und raiſonniren zu hören, und hatte es längſt auf⸗ gegeben, deshalb ein Wort zu verlieren, da er wußte, daß es nichts half. Nachdem der„Alfonſo“ faſt zwölf Tage erſt mit Windſtille und dann mit ungünſtigem Winde hatte kämpfen müſſen, ſprang der Wind um und wurde günſtiger; mit friſch geblähtem Segel ſteuerte das Schiff in ſüdweſtlicher Richtung ſeinem Ziele, Bahia zu und nur wenige Tage dauerte es, ſo war das feſte Land in Sicht. Der„Alfonſo“ ſteuerte einige Zeit längs der Küſte hin bis ein Fluß in das Meer mündete, eine kleine Bai bildend, in welche das Schiff ſteuerte und dann in der Nähe des Ufers den Anker fallen ließ, zum großen Erſtaunen Monte Chriſto's, der keinen Zweck von dieſer Unterbrechung der Fahrt ſah. Der Capitän ging an das Land und blieb bis in die Nacht aus, und als er ziemlich ſpät zurückkehrte, war er von einem Manne begleitet, der wie ein Pflanzer ausſah, und dieſer Mann, welcher mit dem Capitän auf ziemlich vertrautem Fuße zu ſtehen ſchien, übernachtete auf dem Schiffe und dieſes fiel Monte Chriſto auch nicht weiter auf. Am nächſten Morgen erſchienen vom Lande her ein paar Boote, ddem Ausſehen nach Pflanzerboote, alle mit kräftigen Ruderern be⸗ ſetzt. Dieſe Boote legten am Schiffe bei, die in denſelben befind⸗ lichen Männer, Pflanzer gleich dem erſt Gekommenen, ſtiegen an Bord und begrüßten den Capitän auf eine Weiſe, welche längere Bekanntſchaft verrieth. Der Capitän, der erſte Steuermann, der Hochbootsmann beſprachen ſich ziemlich eifrig und angelegentlich auf dem Hinterdecke. Endlich kamen die Mauren auf das Deck und lagerten ſich nach ihrer Gewohnheit, da ſie ſonſt doch nichts zu thun hatten, in der Nähe des großen Maſtes auf das Deck, wie immer einem lethargiſchen Hindämmern ſich überlaſſend, oder eine ernſte, abgebrochene Unter⸗ haltung führend, die in ihrer Einſilbigkeit aber nur Orientalen ver⸗ ſtändlich ſein und nur ihnen genügen konnte. 360 Der Orientalen Erſcheinung hatte die ganze Aufmerkſamkeit der Pflanzer erregt, und wie die Zlicke und die Fingerzeige an⸗ deuteten, drehte ſich jetzt die Unterhaltung allein um ſie. Bald verließen auch die Pflanzer, begleitet von dem Capitän, das Hinterdeck und traten zum großen Maſte, die Mauren in der Nähe beſchauend; ſie umgingen dieſelben in immer engerem Kreiſe, jede einzelne Perſon auf das aufmerkſamſte betrachtend. Den Mauren ſchien dieſes anfangs ſehr gleichgiltig, ſie mochten dieſe Aeußerung für bloße Neugierde halten, ließen ſich daher nicht im Geringſten aus ihrer orientaliſchen Ruhe bringen, und die, welche mit einander ſprachen, ließen ſich gleichfalls nicht unterbrechen, ſondern ſetzten ihre Unterhaltung ruhig fort. Nachdem die Fremden ihre vorläufige Muſterung der Mauren beendet hatten, traten ſie abſeits und ſprachen mit dem Capitän wieder längere Zeit ſehr lebhaft und angelegentlich, wobei häufige Hindeutungen auf die Mauren erfolgten. Monte Chriſto, der mit Bertuccio und Ali auf dem Decke erſchienen war, beobachtete die Sprechenden und deren Benehmen war ihm auffallend. Er kannte dieſen Portugieſen ſchon und miß⸗ traute ihm gründlich. Er beſchloß, ihn und ſeine Gäſte im Auge zu behalten, um zu ſehen, wo das hinaus wollte. Er durfte nicht lange warten, der Capitän war mit den Ver⸗ handlungen der Pflanzer zu Ende gelangt und trat nun zu den Mauren, denen er rauhen Tones befahl, ſich zu erheben. Wohl ſchienen die Mauren von dieſem plötzlichen Befehle be⸗ troffen, ſie ſchauten ſich an, aber ſie gehorchten— erhoben ſich ſchweigend. Einer der Pflanzer trat jetzt heran, ergriff den einen Mauren und begann deſſen Arme zu unterſuchen.— Der Maure ließ dieſes mit ſich geſchehen, aber er ſchaute finſter drein. Der Pflanzer hatte die Unterſuchung beendet, er ſchien mit dem Reſultat derſelben zufrieden und ſchob den Mauren zur Seite, einen zweiten ſich ausſuchend, den er gleichfalls auf dieſelbe Weiſe unterſuchte und ihm dann winkte, zu ſeinem erſten Gefährten zu treten. Unterdeſſen hatte auch ein zweiter Pflanzer einen dritten Mauren ergriffen, aus der Gruppe gezogen und deſſen Körper einer ſehr eingehenden Unterſuchung unterworfen. ν Jett ſuchung, d Sklavenha auſſteigen, ſehen ſein handelt w Sie und riefen Capitän un die zuerſt ihren Geſt Pflanzern ſie nach ei Auch jetzt ſeitw und feſthi Ein und die! Da! erhob ſein „Bei verrathen „All Fäuſte. „Ru Ein herzu un Audh hier vorg Capitän; Der „W ich auf n „ „denn ie Schutze. ſamkeit ige an⸗ gpitän, in der Kreiſe, nochten er nicht welche oondern ſauren apitän äufige Decke nehmen d miß⸗ Auge n Ver⸗ zu den hle be⸗ en ſch, Nauren dieſes en mit Seite, Weiſe treten. dritten r einer 3 361 Jetzt mochten die Mauren böſe Abſichten ahnen, die Unter⸗ ſuchung, das ganze Verfahren überhaupt erinnerte ſie wohl an den Sklavenhandel in ihrer Heimath und ließ in ihnen den Verdacht aufſteigen, daß es wohl hier auch auf einen Sklavenhandel abge⸗ ſehen ſein könne und ſie ſelbſt die Waare ſein ſollten, um die ge⸗ handelt wurde. Sie begannen unruhig zu werden, wandten ſich hin und her und riefen ſich einige Worte zu, die von finſteren Blicken auf den Capitän und die Pflanzer begleitet waren.— Die beiden Mauren, die zuerſt zurückgeſtellt waren, machten jetzt einen Verſuch, ſich wieder ihren Gefährten zuzugeſellen, allein ein paar Kerle, welche mit den Pflanzern auf das Schiff gekommen, hielten ſie zurück und drängten ſie nach einer anderen Stelle des Schiffes. Auch der dritte Maure, deſſen Unterſuchung beendet war, wurde jetzt ſeitwärts geſchoben, wo ein Matroſe ihn in Empfang nahm und feſthielt. Ein Vierter wurde ergriffen, trotz ſeines Sträubens vorgezogen, und die Unterſuchung begann. Da ward es den Mauren vollends ganz licht, und Abu Haſſan erhob ſeine Hand und rief: „Beim Barte des Propheten, wir ſind von dieſen Giaurs verrathen! Man verkauft uns!“ „Allah! Allah!“ ſchrien die Anderen und hoben drohend die Fäuſte. „Ruhig, Hunde!“ ſchrie der Capitän knirſchend dazwiſchen. Ein paar mit Peitſchen bewaffnete Matroſen traten ſchnell herzu und machten drohende Mienen gegen die Mauren. Auch Monte Chriſto war es nun vollſtändig klar geworden, was hier vorging, Unwillen ſchwellte ſein Herz, und raſch ſich zu dem Capitän durchdrängend, fragte er ihn, was dieſes bedeuten ſolle? Der Capitän ſchaute den Grafen ſtolz und finſter an. „Was kümmert Sie das, Dom,“ fragte er dann zurück,„was ich auf meinem Schiffe vornehme?“ „Ich habe hier ein Recht zu fragen,“ antwortete Monte Chriſto, „denn ich habe dieſe Leute gerettet und ſie liehen unter meinem Schutze.“ 362 „Die Flagge Portugals weht über dem Schiffe und ich bin der Capitän deſſelben, Sie, Dom, ſind nur Paſſagier!“ „Ich habe auch als ſolcher meine Rechte,“ antwortete Monte Chriſto feſt,„und verlange, auf mein Recht geſtützt, welches ich mir an dieſen Leuten erworben, zu wiſſen, was Sie vorhaben!“ „Nur Gutes, Dom. Ich verſorge dieſe ungläubigen Hunde auf dem feſten Lande, um dieſen unnützen Ballaſt ſobald als möglich los zu werden.“ „Das heißt, Sie wollen dieſe armen Burſchen als Sclaven verkaufen?“ „Als Arbeiter verdingen.“ „Ausflucht!“ „Nun, Dom, wie kann man denn von mir verlangen, daß ich dieſe ungläubigen Hunde umſonſt auf mein Schiff genommen und ſie gefüttert habe, während ſie des Futters nicht werth ſind!— Ich ſuche auf meine Koſten zu kommen!— Wenn ich einen Hafen anlaufe und die Hunde dort an's Land ſetze, ſo erſetzt mir Niemand auch nur mit einem Reis!— Pah, die Kerle mögen am Lande die Ueberfahrt und Futterkoſten abarbeiten.“ „Kennen Sie das Wort„Menſchenpflicht“ nicht, Capitän?“ fragte Monte Chriſto gereizten Tones. „Pah, es ſind Hunde und keine Menſchen,“ antwortete der Portugieſe kaltblütig.„Und dann, Dom, hätten wir das Unglück gehabt, in die Hände dieſer Ungläubigen zu fallen, ſo würden ſie mit uns um kein Haar beſſer verfahren ſein. Man kennt ja dieſe Race und weiß, wie ſie es treibt.“ „Man ſoll nicht Böſes mit Böſem vergelten,“ antwortete Monte Chriſto.„Man zeige ſich dieſen Leuten gegenüber groß⸗ müthig und ſie werden dafür dankbar ſein und bei Gelegenheit die Großmuth wieder vergelten.“ 1 Kalten Tones entgegnete der Capitän, daß er auf dieſer Leute Großmuth nichts borge, er ſeinen Erſatz haben wolle, und erſuchte dann den Grafen, das Geſchäft, welches er abzuſchließen gedenke, nicht länger zu ſtören, dabei verſichernd, daß die braunen Burſchen in den Händen dieſer Pflanzer ganz gut aufgehoben ſein würden. Monte Chriſto wandte ſeine ganze Beredtſamkeit auf, um den Portugieſen anderen Sinnes zu machen, allein vergeblich, denn der portugieſe Monte Chr unterbrechen Führers des Auch Einmiſchung Porte falle Meer zu we Monte zuletzt kein Mauren zu jahlen wolle der Capitär Von d wiſſen; er geſchloſſen damit beſch „Nein Diejenigen auf die ich geſchleppt köſtigung, zurückgewi des Verka Woh⸗ auf deſſen gute Wir nur für) zu verkal Letzteren Mor Blick des ſeitwärts finſtere; trat der Gebot a er wollt ch bin Nonte ich mir Hunde näglih Sclaven aß ich en und nd!— Hafen iemand nde die vitän?“ tete der Unglück den ſie a dieſe twortete t groß⸗ nheit die er Leute erſuchte gedenke, Burſchen würden. um den denn der — —— 363 Portugieſe blieb dabei, er müſſe ſich ſchadlos halten, und forderte Monte Chriſto wiederholt auf, ihn in ſeinen Geſchäften nicht zu unterbrechen, da er, als Paſſagier, nichts in die Angelegenheit des Führers des Schiffes ſich zu miſchen habe. Auch die Pflanzer, unzufrieden, daß durch Monte Chriſto's Einmiſchung der Abſchluß des Handels verzögert, ließen ſcharfe Worte fallen und ſprachen ſchon drohend davon, den Störer in's Meer zu werfen. Monte Chriſto ließ ſich dadurch indeſſen nicht abſchrecken; aber zuletzt kein anderes Mittel ſehend, den beabſichtigten Verkauf der Mauren zu hindern, bot er dem Capitän an, daß er ſelbſt die Koſten zahlen wolle, welche der Unterhalt der Mauren verurſacht habe, und der Capitän möge den Ueberſchlag machen. Von dieſem Abkommen wollte der Portugieſe erſt gar nichts wiſſen; er erklärte, der Handel ſei bereits mit den Pflanzern ab⸗ geſchloſſen und nicht rückgängig zu machen, der Paſſagier müſſe ſich damit beſcheiden und ruhig ſein. „Nein,“ rief da Monte Chriſto,„ich beruhige mich dabei nicht! Diejenigen, welche ich mit Gefahr meines Lebens vom Tode gerettet, auf die ich alſo das erſte Anrecht habe, ſollen nicht in die Sclaverei geſchleppt werden. Ich biete zweitauſend Franken für die Be⸗ köſtigung, und dieſes iſt überreich bezahlt! So dieſes Gebot aber zurückgewieſen wird, ſo erhebe ich im nächſten Hafen Klage wegen des Verkaufes freier Perſonen als Sclaven.“ Wohl war es gefährlich, ſolch' eine Drohung gegen den Capitän auf deſſen eigenem Schiffe zu gebrauchen, aber ſie hatte doch eine gute Wirkung. In Braſilien exiſtirte zwar noch die Sclaverei, allein nur für Neger, und ſtreng war es unterſagt, freie Leute als Sclaven zu verkaufen, das heißt Leute, die nicht Neger waren, denn die Letzteren galten ſelbſt in Freiheit noch nicht frei. Monte Chriſto, dem unwillkommenen Störer, einen finſteren Blick des Zornes zuwerfend, trat der Portugieſe mit den Pflanzern ſeitwärts, und ſie beſprachen ſich heftig untereinander, wobei genug finſtere Blicke auf Monte Chriſto und die Mauren fielen.— Dann trat der Capitän zu Monte Chriſto, ihm erklärend, daß er ſein Gebot annehme und er dann mit den Leuten machen könnte, was er wollte. Ohne ein Wort mit weiterem Unterhandeln zu verlieren, zahlte Monte Chriſto die von ihm gebotene Summe und bemerkte, daß der Capitän einen Theil davon den Pflanzern übergab, jedenfalls war dieſes die Entſchädigung für den vereitelten Handel. Ausſchweifend war die Freude der Mauren, als ihnen verkündet wurde, die Gefahr, als Sclaven verkauft zu werden, ſei vorüber gegangen, und als Monte Chriſto ihnen verſicherte, er werde dafür ſorgen, daß ihnen nichts Uebles begegne und ſie Gelegenheit finden ſollten, in ihr Vaterland zurückzukehren. Die Mauren fielen vor Monte Chriſto nieder, küßten ſeine Kleider, ſeine Hände, ſeine Füße und betheuerten ihm ihre Dankbarkei Abu Haſſan aber rief: „Beim Barte des Propheten, ich werde Dir ewig dankhar ſein, Chriſt, und ich will Dein Diener, Dein Narr, Dein Hund ſein, und ſo Du es befiehlſt, wird Abu Haſſan ſein Leben für Dich laſſen.“ Nur mit Mühe entzog ſich Monte Chriſto der ſtürmiſchen Dank⸗ barkeit der Mauren. Die Pflanzer hatten verdrießlich das Schiff verlaſſen, dieſes lichtete die Anker und ſchon am nächſten Tage lief es in den Hafen von Bahia ein, wo Monte Chriſto mit ſeinem Gefolge und ſeinen Schützlingen das Schiff verließ. Nach ein paar Tagen war bereits ein engliſches Schiff ge⸗ funden, welches nach Europa zurück wollte und dabei in Mogador einlaufen ſollte. Auf dieſes Schiff begaben ſich die ſchiffbrüchigen Mauren, für welche Monte Chriſto großmülhig das Ueberfahrts sgeld bezahlte. Bevor ſich die Mauren einſchifften, überhäuften ſie nochmals ihren Retter mit Dankbezeugungen. Monte Chriſto entgegnete ihnen: „Dankt mir dadurch, daß Ihr Euch, trefft Ihr bedrängte Chriſten, gegen dieſelben menſchlich bezeugt.“ Und die Mauren ſchworen es ihm zu bei Allah und dem Barte des Propheten. Seinen Schwur von damals hatte Abu Haſſan jetzt gehalten, als ihn das Schickſal ſo wunderbar mit ſeinem Retter zuſammen⸗ führte und es ihm geſtattet war, der Retter ſeines Retters zu werden. Abu H hrito und einem Küſte Abſchiede v Monte dem er ſich nach Marſe zahlte daß der ls war erkündet vorüber de dafür t finden en ſeine kbarkeit. n Hafen ſeinen hiff ge ochmals eihnen: ihriſten, a Barte ehalten, ſammen⸗ ters zu 365 Abu Haſſan zeigte ſich jetzt auch dankbar und geleitete Monte Chriſto und deſſen Gefährten um das Cap Ghir und dann auf einem Küſtenſchiffe bis nach Mogador, wo er ſich nach herzlichem Abſchiede von Monte Chriſto trennte. Monte Chriſto fand in Mogador ein italieniſches Schiff, auf dem er ſich einſchiffte und eine verhältnißmäßig glückliche Fahrt nach Marſeille hatte, wo er ſeinen Lohn zu finden hoffte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Eugeniens Verlockungen. In der Villa Morcerf bei Marſeille herrſchte ein ziemlich ein⸗ ſames und einförmiges Leben, ſeit der Hausherr abgereiſt war, um ſeine Irrfahrten zur Aufſuchung Monte Chriſto's zu beginnen. Frau von Morcerf und ihre Tochter lebten höchſt eingezogen und ihre einzige Geſellſchafterin war Eugenie Danglars, die oft ſehr lebhaft ſich zeigte und die Eingezogenheit weit weniger liebte, als die Haus⸗ herrin und ihre Tochter. 4 Der junge Edmond war faſt der einzige männliche Beſucher der Villa und war daſelbſt gern geſehen. Es zog ihn ja auch hin zu Mercedes, mit der er manche Stunde in traulicher Unterhaltung zubrachte und dabei ſein Herz ſtets immer ſchneller ſchlagen fühlte. Mercedes empfing den jungen Mann ſtets mit der größten Freundlichkeit, ſie machte mit ihm kleine Spaziergänge im Parke und in der Umgegend, ſowie auch kurze Ruderfahrten auf der See und ſie verhehlte es auch gar nicht, daß ſie ſich in Edmond's Ge⸗ ſellſchaft ganz glücklich fühle. Für gewöhnlich war auf dieſen Spaziergängen und Fahrten Eugenie die Begleiterin Mercedes und ſie bemächtigte ſich oft mit großer Lebhaftigkeit der Unterhaltung, dabei ihre Worte vor Allen 1 an Edmond richtend, deſſen manches Mal ſehr träumeriſchen und dann wieder ſehr lebhaften Antworten ihren ganzen Beifall zu haben 1 ſchienen. Es war natürlich, daß es jedes Mal, wenn der junge Edmond 4 das Vatfol langſemjf 4 „/ geſtatet, Herz würd mein Helz zubleiben, Rücſicten folgen: die Eugel ſeine Unzz gob, was Im gereit— Plan ver an ſich zie Nien ſo viele B ihrer Geſ bei Fräu ſich in E teſten da freundſch herrſchen ſchen B denken Sc zufrieder war, r an ſein Verdad ſeine E daß in nlich ein⸗ war, um en. Frau und ihre t lebhaft die Haus⸗ — Beſucher auch hin terhaltung en fühlte. rgrößten im Parke fder See ond's Ge⸗ — —— d Fahrten c oſt mit vor Allen ſchen und zu haben e Edmond t von den beſtimmte ſeltm und 367 das Verfolgen der aufgefundenen Spuren ging langſam, viel zu langſam für Edmond's Ungeduld. „O,“ ſeufzte er da manches Mal,„warum hat man mir nicht geſtattet, daß ich die Spuren meines Vaters ſelbſt verfolge? Das Herz würde mich geleitet haben, daß ich ihn ſchnell fand, ihn, dem mein Herz entgegen ſchlägt. Aber man hat mich gezwungen, zurück⸗ zubleiben, und doch wäre es meine Pflicht geweſen, alle anderen Rückſichten aus den Augen zu ſetzen und nur das eine Ziel zu ver⸗ folgen: die Auffindung meines Vaters.“ Eugenie war es dann, welche dem jungen Manne zuſtimmte, ſeine Unzufriedenheit mehrte und nicht ſelten ſogar Andeutungen gab, was ſie beginnen würde, wenn ſie ein Mann wäre. Im Ganzen war es, als ob Eugenie— nachdem Albert ab⸗ gereiſt— in Bezug auf den Sohn Monte Chriſto's einen beſtimmten Plan verfolge, durch deſſen Ausführung ſie wohl den jungen Mann an ſich ziehen und in eine gewiſſe Abhängigkeit von ſich bringen wollte. Niemand bemerkte dieſes, denn Frau von Morcerf beſaß nicht ſo viele Beobachtungsgabe und Menſchenkenntniß, um das Benehmen ihrer Geſellſchafterin zu durchſchauen, und eben ſo wenig war dieſes bei Fräulein von Morcerf der Fall, die heiter, fröhlich, ſorgenlos ſich in Edmond's Geſellſchaft glücklich fühlte und nicht im Entfern⸗ teſten daran dachte, daß Eugenie, die ſich ihr als Freundin zeigte, Pläne habe, durch welche ihr Glück getrübt werden könnte. So fand es Mercedes auch gar nicht auffallend, daß Edmond ſich mehr und mehr zu Eugenie hinneigte. Es war ja eben nur freundſchaftliche Beziehung, welche zwiſchen Edmond und Eugenie herrſchen konnten, wenigſtens war der Unterſchied der Jahre zwi⸗ ſchen Beiden ſo bedeutend, daß an keine andere Beziehung zu denken war. Schritt vor Schritt ging Eugenie vor, mehr und mehr die Un⸗ zufriedenheit Edmond's mit der Unthätigkeit, zu der er verurtheilt war, rührend und immer deutlicher zu verſtehen gebend, was ſie an ſeiner Stelle thun würde, und dabei auch den Samen des Verdachts: man ſei gegen ihn überhaupt nicht redlichen Sinnes, in ſeine Bruſt ſtreuend. Eine Folge war die ſteigende Unzufriedenheit Edmond's und daß in ihm nach und nach ein Mißtrauen gegen ſeine Umgebung 368 erwachte, welches erkältend auf ſein ganzes Verhältniß zu der Villa 3 Morcerf wirkte, wogegen er ſich an Eugenie mehr anſchloß. vetde n „Es wird mir geradezu unerträglich, länger in ſolcher Unthätig⸗ Er keit zu verharren,“ ſagte Edmond eines Tages zu Eugenie.„Es Nun den ſoll und muß eine Aenderung werden und zwar eine entſcheidende.“ Du nicht, „Was wollteſt Du thun, mein lieber Edmond? fragte Eugenie. dem Spiel „Aufmachen will ich mich!“ rief Edmond ungeſtüm.„Selbſt Mer hinaus in die Welt will ich und meinen Vater ſuchen!“— Hinaus,„Und hinaus!“ G 3 ein feſſelnd DNbenutzt, D „Ich begreife Deinen ungeſtümen Drang! Es iſt das Gefühl des Sohnes, welcher ſich ſehnte, ſeinen Vater, ſeine Mutter zu hindern, d finden, die er aufgehört hat, zu kennen.— Weshalb folgſt Du Vater eeig dieſem Drange aber nicht?“ ſogleich m „Kann ich denn? Bin ich nicht durch den Dienſt hier ge⸗„Ich bunden? Fehlen mir nicht auch ſonſt die Mittel zu ſolch' einem nniit mir t Unternehmen?“ vielmehr „Sieh', ſieh', wie ſchlau man gegen Dich verfahren iſt! Der„Ich Sohn des Grafen Monte Chriſto iſt durch den Dienſt gefeſſeetlnſtigſte gleich einem Sclaven, und man wird dafür geſorgt haben, daß er habe aber von dieſer Feſſel auch nicht losgelaſſen wird. Der Sohn des Mannes, neine Se der über die Schätze der Welt commandirte, beſitzt nicht die Mittel We zu einer Reiſe, die ihm ſeine Eltern kennen lernen laſſen ſoll. Und Sie dann hat man noch Mittel gebraucht, um den jungen Löwen deſto mit Dir feſter in ſeinen Banden zu halten.“— 1 deſt, wen „Welche Mittel?“ endlic k Eugenie hob warnend den Finger und ſprach dann: uc vich „Wenn ich Dir es ſagen wollte, Edmond, würdeſt Du mir es 3 nn zuletzt wenig Dank wiſſen. Laß mich daher lieber ſchweigen!“ M „Sprich, ſprich,“ rief Edmond dringend.„Ich flehe Dich an, Albert: Eugenie!“ dohh nich Aber Eugenie zögerte, ſie wollte nicht weiter ſprechen, und trieb junge 6 dadurch die Ungeduld des jungen Mannes immer höher, der ſie nun on deſ — beſtürmte, ihm Alles zu ſagen. lhnglüst „Wenn ich Dir es ſagen wollte, was ich mir denke, würdeſtt einſt ül Du es vielleicht bereuen, mich gefragt zu haben,“ ſagte endlich Glück; 8* Er Eugenie. Mont der Vill . Unth ätig⸗ le.„CEs eidende.“ Eugenie. „Selbſt Hinaus, 3 Gefühl dutter zu olgſt Du hier ge⸗ ch einem iſt! Der t gefeſſelt n, daß er Mannes, die Mittel ſoll. Und wen deſto du mir es gen!“ Dich an, und trieb der ſie nun e, würdeſt ge end lich 369 „Nein, nein,“ rief Edmond,„mag es ſein, was es will, ich werde nichts bereuen.“ Er beſtürmte Eugenie weiter mit Bitten und Vorſtellungen. „Nun denn,“ ſagte endlich Eugenie,„Du willſt es ſo.— Glaubſt Du nicht, daß auch— Mercedes eine Rolle übertragen erhalten in dem Spiele, welches man mit Dir treibt?“ „Mercedes?“ rief Edmond faſt erſchrocken.„Unmöglich!“— „Und doch iſt es ſo!— Man weiß, daß Mercedes für Dich ein feſſelnder Magnet iſt, und ſo hat man dieſen Magnet denn benutzt, Dich fortwährend zu feſſeln, Dich zu beſchäftigen und zu hindern, daß Dein Compaß nicht etwa in der Richtung nach Deinem Vater zeigt.— Es paßt nicht in die Rechnung jener Herren, Dich ſogleich mit Deinem Vater zuſammen zu führen.“ „Ich kann unmöglich glauben, daß Mercedes ein ſolches Spiel mit mir treiben ſollte, daß ſie blos eine Rolle ſpielte, ihr nicht vielmehr Alles, was ſie thut und ſagt, vom Herzen kommt.“ „Ich begreife es, wie Du, der Wenigerfahrene, Alles von der günſtigſten Seite betrachteſt und deshalb vertrauensvoll biſt.— Ich habe aber ſchon längſt meine Beobachtungen gemacht und daraus meine Schlüſſe gezogen.“ „Welcher Art ſind dieſe Schlüſſe, Eugenie?“ „Sie führen mich auf das Reſultat, daß man eben ſein Spiel mit Dir treibt, und Du Deinen Vater längſt gefunden haben wür⸗ deſt, wenn man wollte,“ ſagte Eugenie und fügte dann hinzu:„Und endlich komme ich auf das Reſultat, daß Du Deinen Vater ſobald noch nicht auffinden dürfteſt, wenn Du nicht ſelbſt ſuchſt.“ Wohl ſtaunte der junge Edmond ob dieſer Worte, allein Eu⸗ genie ließ es ſich angelegen ſein, dieſelben auch zu begründen. Mit gewandten Worten ſagte ſie dem jungen Edmond, daß Albert von Morcerf zwar für ſeine Erziehung geſorgt hat, aber doch nicht ſo ganz ohne Eigennutz und Hintergedanken, da er, der junge Edmond Dantes, als Mittel betrachtet werde, durch das ſich von deſſen Vater noch einige Genugthuung verſchaffen ließe, für Unglücksfälle, welche durch Veranlaſſung des Vaters von Edmond einſt über die Familie Morcerf hereingebrochen und deren ganzes Glück zerſtört hatten. Eugenie ſprach die Vermuthung aus: man beabſichtige den Maonte Chriſto's letzter Weltgang. 24 ——— jungen Edmond recht feſt an die Familie Morcerf zu ketten und ihm dann in Etwas wenigſtens den Groll, den man gegen den Vater hege, empfinden zu laſſen. Edmond's Vater aber werde wahr⸗ ſcheinlich erſt nach ein paar Jahren zum Vorſchein kommen und es würden ihm ſehr harte Bedingungen geſtellt werden, ehe man ihm den Sohn zuführe. „Dieſes kannſt Du ſchon daraus ſehen, daß man Dir die Er⸗ laubniß verweigerte, ſelbſt Deinen Vater aufzuſuchen,“ ſprach Eu⸗ genie weiter,„denn Deine Dazwiſchenkunft könnte ja die Pläne verderben, welche man entworfen hat. Deshalb brachte man Dich auch in ein Dienſtverhältniß, daß Dich feſſeln ſoll, welches Dir es jetzt wenigſtens unmöglich zu machen beſtimmt iſt, eine Reiſe zu unternehmen, Deinen Vater zu ſuchen. Glaube mir nur: es liegt in Allem, was geſchehen iſt und was man gethan hat, ein beſtimm⸗ ter, ſchlau berechneter Plan zu Grunde!“ Eugenie führte in gewandten Worten dieſe Sätze noch weiter aus, ſie ſuchte ſeine Zweifel an der Richtigkeit ihrer Anſichten zu widerlegen, und ihn zu überzeugen, daß man wirklich ein verſtecktes Spiel mit ihm treibe, welches er nur dann vereiteln könne, wenn er ſelbſthandelnd eingriff. Edmond ſchwankte. Es ſchien ihm unmöglich, Alles zu glauben, was Eugenie ihm ſagte, und ganz beſonders das, was Bezug auf Mercedes hatte, denn gar zu ſchmerzlich war ihm der Gedanke, daß auch ſie ſich bei einer Verſchwörung gegen ihn betheiligt haben ſollte. Aber Eugenie war ſchlau, ſie hatte nun einmal das Mißtrauen gegen die Familie Morcerf geweckt und baute auf dem ſo gelegten Grunde fort. Eugenie hatte Edmond beſchworen, gegen die Morcerf's und beſonders gegen Mercedes nichts von dem merken zu laſſen, was ſie ihm entdeckt habe, und Edmond hatte ihr dieſes verſprochen und hielt auch ſein Wort. Aber er kam nun immer ſeltener nach der Villa und wenn er kam, war er immer zurückhaltender, und dieſes blieb nicht un⸗ bemerkt. Mercedes ſchmerzte dieſe Umwandlung in dem Weſen Edmond's, aber ſie war zu ſtolz, dieſes ihm merken zu laſſen und verhielt ſich ruhig beobachtend, immer hoffend, der Schatten, der ſich jetzt über ihr Verhältniß zu Edmond legte, werde ſich wieder verziehen. Sie war ſich übrigens bewußt, nichts gethan zu haben, was die Ve ei hoffte! Währen zag, ſich ſell am dritten fungen Mau Sie ſas geit Nachfor guten Anfan Edmond des Weibes, Eines: „Wir! grüßung. „Iſt m regung. „Ja, i „Und „In T Eugenie. Ein-u Nachricht d „Endl Vonne an „Ruhf „Du erdri Edmo „Alſe „Gar „Siehſt D Reiſe nach man Dich verrathen, Edme verlangte Drief, de daß ſich 371 4 nn was die Veranlaſſung zu dieſer Zurückhaltung geben konnte.— mahr Sie hoffte und hoffte wieder auf die Umkehr Edmond's. un 6 Während ſich Edmond von der Villa mehr und mehr zurück⸗ mm imm zog, ſich ſeltener machte, hatte er deſto häufigere Zuſammenkünfte am dritten Orte mit Eugenie, die ihren Plan in Bezug auf den die E jungen Mann unverrückt befolgte. 4 Sie ſagte ihm, daß ſie in ſeinem Intereſſe ſchon ſeit einiger d u⸗ Zeit Nachforſchungen nach ſeinem Vater begonnen und ſie einen 1 lin⸗ guten Anfang gemacht habe, daß ſie hoffe, bald an's Ziel zu kommen. un Dih Edmond freute ſich darüber und gab ſich ganz in die Gewalt Dil es des Weibes, welches dieſe Gewalt auch ausnutzte nach Kräften. Reiſ zu Eines Tages trat Eugenie in das Zimmer des jungen Dantes. ai„Wir haben nun eine ſichere Spur,“ rief ſie nach kurzer Be⸗ eſtimm⸗ grüßung.„Ja, ich kann ſagen: wir ſind ſo gut wie am Ziele!“ .„Iſt mein Vater gefunden?“ fragte Edmond in lebhafter Er⸗ weter regung. chten zu„Ja, ich glaube wenigſtens, er iſt ſo gut wie gefunden!“ erſecktes„Und wo?“ fragte Edmond faſt zitternder Aufregung. e, wenn„In Oſtindien! am Ufer des Ganges lebt er!“ entgegnete Eugenie. glauben, Ein wahrer Feendenſtunm brach in Edmond's Bruſt bei dieſer zug auf Nachricht aus. daß auch„Endlich, endlich!“ rief er und warf ſich mit überſtürmender e. Aber Wonne an Eungenie's Bruſt. egen die„Ruhig, Edmond, ruhig!“ rief Eugenie bei dieſer Umarmung. nde fort„ Du erdrückſt mich ja, dann findeſt Du Deinen Vater nicht.“ rfs und Edmond trat zurück. en, wuas„Alſo iſt es wirklich wahr?“ fragte er nach kurzer Pauſe. chen und„Ganz gewiß,“ verſicherte Eugenie und fügte dann hinzu: „Siehſt Du nun, daß man mit Dir nicht ehrlich umging?— Die nd wenn Reiſe nach Amerika iſt eben nur eine Vergnügungsreiſe, an welcher nicht u⸗ man Dich nicht Theil nehmen laſſen wollte, um ſich nicht zu poerrathen, daß man noch wenig Eile hat, Deinen Vater zu finden.“ Edmond wollte von dieſen Auslaſſungen jetzt nichts hören, er verlangte Nachricht von ſeinem Vater und Eugenie zeigte einen Brief, den ſie erhalten hatte und in dem ihr mitgetheilt wurde, daß ſich im Innern Oſtindiens, an den Ufern des Ganges, ein 24* — —— — —— und ſich Edmond nenne, derſelbe aber mit Monte Chriſto eine Perſon ſei, wenigſtens ſprächen alle Kennzeichen dafür. „Was ſoll ich nun beginnen?“ fragte Edmond. Vor allen Dingen gegen Alle ſchweigen von dem, was Du welche neue Widerwärtigkeiten dann bereitet werden könnten.“ „Und dann?“— „Seltſame Frage.— Sagt es Dir Dein Herz nicht, daß es Dein Nächſtes ſein muß, zu Deinen Eltern zu eilen?“ „Alſo nach Oſtindien?“ „Wo wollteſt Du ſonſt Deinen Vater treffen?“ „Ich beſitze die Mittel nicht, eine ſolche Reiſe zu unternehmen.“ „Aber ich?“ „Wie, Eugenie,“ rief Edmond,„Du wollteſt meine Zwecke unterſtützen und mir die Mittel zur Erreichung derſelben gewähren?“ „Nicht nur das, mein Freund,“ entgegnete Eugenie,„ſondern ich bin auch Willens, Dich ſelbſt auf dieſer Reiſe zu begleiten und Dir, ſoweit ich es vermag, mit meinen Erfahrungen zur Seite zu ſtehen. Vielleicht erreichen wir um ſo eher unſer Ziel, wenn wir gemeinſam darauf hinwirken.“ „O, tauſend Dank, Eugenie!“ rief Edmond freudig bewegt. „Du zeigſt Dich mir als die treueſte Freundin!“ „Ich hoffe dieſes zu ſein.“ „Aber—“ „Was aber, Du ewiger Zweifler?“ „Ich bin Militär, bin Offizier!— Man ſagt: mein Regiment werde in nicht langer Zeit nach Algerien geſchickt werden und ich werde alſo keinen Urlaub bekommen für ſo lange Zeit, wie dieſe Reiſe beanſpruchen würde.“ „O,“ entgegnete Eugenie lächelnd,„wenn dieſes Deine ganze Sorge iſt, ſo iſt ſie ſehr unnöthig, gehe zu Deinen Oberſten, erſuche ihn um Urlaub zu einer Reiſe in den Orient und Du wirſt denſelben für ein Vierteljahr erhalten.— Ich habe da ſchon vor⸗ gebaut!“ That nicht gedacht, daß es jetzt möglich ſein ſollte, auch nur Mann mit ſeiner Familie aufhalte, der großen Reichthum beſitze jetzt erfahren haſt, entgegnete Eugenie.„Man kann nicht wiſſen, Edmond war erſtaunt, dieſes zu hören, denn er hatte in der für einen iinen Urla⸗ Ausſich. Eugen wenn man geiten vorſ ſich entgege bereits dah echalten ke Zeit von e daß, wie ſi wirklich an Wenn weiter, wün denn es w Edmond ko nur vorthe deren Toch nitnehmen Frau entfernen die, daß jeden Tag Allein Eu weit, blei aach köng ſtets wech haltig zu men ſch Villeni Dchts w kommen nach den ſei, dieſg werde di und ſo Man m beütte ſſto eine was Du ͤt wiſſen, en.“— „ daß es rnehmen.“ ie Zwecke währen?“ „ſondern leiten und Seite zu wenn wir g bewegt. Regiment en und ich wie dieſe ſs Deine Oberſten, Du wirſ ſchon vor⸗ atte in der auch nur —-ęͥ'ö-n— 373 für einen Monat Urlaub zu erhalten, und jetzt ſtellte ihm Eugenie einen Urlaub von mehreren Monaten als leicht zu erhalten in Ausſicht. Eugenie aber lächelte zu dem Erſtaunen Edmond's und meinte: wenn man Etwas durchführen wolle, ſo müſſe man ſich immer bei Zeiten vorſehen, damit im Augenblicke der Ausführung kein Hinderniß ſich entgegenſtelle, ſo habe ſie denn bei dem Oberſten des Regiments bereits dahin gewirkt, daß Leutnant Dantes einen längeren Urlaub erhalten könne.— Ferner hatte Eugenie auch ſchon ſeit einiger Zeit von einer Reiſe nach Italien und dem Orient geſprochen, ſo daß, wie ſie meinte, es nicht auffallen könnte, wenn ſie dieſe Reiſe wirklich antrat. 3 Wenn ſie Edmond als Begleiter mitnehme, meinte Eugenie weiter, würde es in der Villa Morcerf nicht ſo ſehr auffällig ſein, denn es war ihr ja männlicher Schutz nur erwünſcht, und für Edmond konnte die Reiſe bildend, anregend, zerſtreuend, im Ganzen nur vortheilhaft werden. Als ſie daher Frau von Morcerf und deren Tochter ihren Wunſch, den jungen Dantes als Reiſegefährten mitnehmen zu können, eröffnete, ſtützte ſie ſich auf die obige Anſicht. Frau von Morcerf war es unangenehm, daß Edmond ſich entfernen ſollte. Sie machte verſchiedene Einwendungen, beſonders die, daß es doch räthlicher ſei, Edmond bleibe in Marſeille, da jeden Tag die Nachricht ankommen könne, deſſen Vater ſei gefunden. Allein Eugenie meinte, ſie entferne ſich ja verhältnißmäßig nicht weit, bleibe brieflich mit Marſeille in ſteter Verbindung und dem⸗ nach könne Edmond die Nachricht von ſeinem Vater ſchnell zu⸗ kommen und ihn zurückrufen. Sie wies auch darauf hin, daß es nach den letzten Nachrichten von Albert und Valentin wahrſcheinlich ſei, dieſelben erreichten ihr Ziel erſt nach Monaten und Edmond werde dieſe Zeit in beſtändiger Unruhe und Ungeduld verbringen, und ſo ſei dieſe Reiſe für ihn vortheilhaft, indem ſie ihn durch ſtets wechſelnde neue Bilder auf angenehme Weiſe zerſtreue. Marja ſchien zwar nicht Alles, was Eugenie anführte, ſtich⸗ haltig zu finden, da aber Edmond ſelbſt ſchon für dieſe Reiſe eingenom⸗ men ſchien, ſo meinte ſie, kein Recht zu haben, ihn in ſeinem Willen irgendwie ein Hinderniß in den Weg zu legen und äußerte nichts weiter. Ganz ungeahnt leicht war es dem jungen Dantes geworden, von ſeinem Oberſten einen ſechsmonatlichen Urlaub zu erhalten, und ſeine Reiſevorbereitungen, welche er mit großer Haſt betrieb, waren raſch beendet. Er bedurfte ja überhaupt nur wenig. Eugenie, die ihren Plan verfolgend, ihre Vorbereitungen längſt ſchon im Stillen getroffen hatte, war mit gleicher Raſchheit reiſe⸗ fertig und nach wenig Tagen ſchon trat Edmond Dantes in die Villa Morcerf, von deren Bewohnerinnen Abſchied zu nehmen. „Sie ſcheinen ſehr gern Marſeille zu verlaſſen, Edmond,“ ſagte Mercedes mit leiſem Vorwurfe. „Glauben Sie das nicht, Mercedes,“ entgegnete Edmond. „In gar mancher Beziehung trenne ich mich ungern von hier. Aber dieſe Trennung wird ja nicht ſo lange dauern und wenn ich zurück⸗ kehre, werde ich die Ruhe gefunden haben, die mir jetzt fehlt. Ich hoffe es wenigſtens.“ Mercedes ſeufzte leiſe, dann ſagte ſie: „Mögen Ihre Wünſche erfüllt werden, Edmond, und möge Glück ihre Reiſe begleiten.“ Einen Tag ſpäter trug das Dampfſchiff Edmond und Eugenie aus dem Hafen Marſeille's hinaus in das Mittelländiſche Meer. Rom war das erſte Ziel der Reiſe, doch hielten ſich Beide nur zum Scheine ein paar Tage hier auf. Dann eilten ſie nach Ancona, von da nach Alexandrien, den Nil hinauf nach Cairo, durch die Wüſte an das rothe Meer und dann weiter auf ſchnellem Dampfer nach Oſtindien. Wenige Tage nach Entfernung der Beiden lief die Nachricht von Amerika ein, Graf Monte Chriſto ſei gefunden und nach der nöthigen Vorbereitung und Beendigung der dringendſten Geſchäfte, werde er ſelbſt nach Europa zurückeilen, den Sohn zu ſich herüber zu holen. Marja ließ dieſe Nachricht ſofort nach Rom an die von Eugenie angegebene Adreſſe abgehen und es kam auch nach einiger Zeit Ant⸗ wort mit der Nachricht, daß nach Verlauf eines Monats oder zweier Monate die Rückkehr der Reiſenden erfolgen werde, eher ſei doch auch des Grafen Ankunft nicht zu erwarten. Aber dieſe Monate vergingen, ohne daß Edmond und Eugenie zurückgekehrt wären; nur bisweilen liefen Briefe ein, bald aus dieſer, be baldige Conſtanti Und Valentin Nachricht erſchienen ſeigerten Da kehren we ernarten Hafen, in Die auf Nach „Wi Spiel m aber es im Herze an den Gefaht noch wi meine u Glück, Sohnes ihm all noch t ſchnel, A drang, A geworden, erhalten, t betricb, ig. gen längſt heit reiſe⸗ tes in die hmen. Edmond,“ Edmond. ier. Aber ich zurück⸗ ült Ih und möge d Eugenie ſche Meer. e nur zum h Ancona, durch die Dampfer Nachricht dnach der Geſchäfte, ich herüber en Eugenie Zeit Ant⸗ oder zweier er ſei doch nd Eugenie bald aus 375 dieſer, bald aus jener Stadt Italiens, dann Egyptens, immer die baldige Rückkehr in Ausſicht ſtellend. Dann kamen Briefe aus Conſtantinopel, aus Griechenland, doch nie die Reiſenden ſelbſt. Und nun erſchien endlich Graf Monte Chriſto mit Albert und Valentin in Marſeille. Er hörte mit Staunen und Unruhe die Nachricht von der Reiſe des Sohnes, und die Briefe, welche er las, erſchienen ihm ſo wenig befriedigend, daß ſie ſeine Unruhe nur ſteigerten. Da ſein Edmond wußte, daß er baldigſt nach Europa zurück⸗ kehren werde, warum war er nicht ſogleich zurückgekommen, ihn zu ernarten? Warum weilte er noch in fernen Ländern, ſtatt in dem Hafen, in dem des Vaters Schiff einlaufen mußte? Die Unruhe Monte Chriſto's ſtieg. Zwei Wochen harrte er auf Nachricht von Edmond, aber es kam keine. „Wie?“ fragte er ſich da,„ſollte dieſe Eugenie etwa ein böſes Spiel mit meinem Sohne beabſichtigen? Ungern glaube ich dieſes, aber es iſt die Tochter eines Danglars und Manches kann ſie noch im Heren verborgen gehalten haben, was erſt durch ihre Thaten an den Tag kommen wird!— Sollte durch ſie meinem Sohne Gefahr drohen und ſie mir denſelben entziehen wollen, ehe ich ihn noch wiedergeſehen? Es wäre ja gar nicht ſo unmöglich, daß ſie meine verſeckte Feindin geblieben und ſie jetzt darauf ausgeht, mein Glück, daß mir aus dem Wiederfinden des verloren geglaubten Sohnes erblühen ſollte, grauſam zu zerſtören!“ Dieſe Cedanken wurden ſo mächtig in Monte Chriſto, daß ſie ihm alle Ruhe raubten und als nach Verlauf einer weiteren Woche noch keine Nahricht von den Reiſenden einlief, entſchloß er ſich ſchnell, die Spur der Reiſenden zu verfolgen. Außer Bertuccio und Ali ſollten nur Valentin, der darauf drang, und noch ein Diener deſſelben ihn begleiten. Albert blieb dei ſeiner Familie zurück. So zog denn Monte Chriſto neuen Irrfahrten entgegen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In Oſtindien. Wie prächtig ſind ſie, die Ufer des Ganges, des heiligen Stro⸗ mes der Hindu's, die ſo zahlreich aus allen Gegenden Hinduſtans herbeiziehen, in den am heiligen Strome erbauten Tempeln zu heten, ſich in den klaren Fluthen zu baden und von dem lieblich hellen Waſſer zu trinken, welches nach der Sage die Gabe hat, daß, wenn ein Sterbender davon trinkt, derſelbe von der Seelenwanderung befreit bleibt, alſo ſeine Seele nicht mehr auf die Erde zurickkehrt, um in den Leib eines Thieres überzugehen, weshalb denn auch die Hindupilger dieſes Waſſer, welches die Eigenſchaft hat, ingut ver⸗ ſchloſſenen Gefäßen über ein Jahr in gutem Zuſtande zi bleiben, in eigenthümlich geformten kupfernen Gefäßen mit in ihre Heimath nehmen, damit, kommt die Todesſtunde, der fromme Hindn davon trinken und ſelig werden kann. „Reicht mir Waſſer vom Ganges!“ ſpricht der ſteßbende Hindu zu ſeiner Umgebung, ſo wie der ſterbende Mohamoaner ſpricht: „Wendet mir den Kopf nach Mekka!“ Und in den Fluthen des Ganges ſpiegeln ſich außer den oft in ſeltſam fremdartigem und doch grandioſen Style erbauten Tem⸗ peln die Verehrer des Brama und des Wiſchnu uUnd daneben wohl die hohen Minarets einer mohamedaniſchen Mochee, die Thürme und Kuppeln chriſtlicher Kirchen. Die Städte, nit oft glanzvollen indiſchen und europäiſchen Paläſten geſchmückt, werfen ihr Spiegel⸗ bild in die langſam dahin wallenden Fluther, und dort wieder ſchauen die beſcheidenen Hütten ſtiller Dörfer jinab in die Gewäſſer. Auf dieſen Gewäſſern aber ſchwimmen die prächtigen Lotos⸗ blumen, die dem Hindus heiligen und deshalb hochverehrten Blumen des Nenuphar, die eine im reinſten Weiß mit goldenen Staubfäden, weihin leu mer angeha heilige Buu ſerabkommt Stellen Höhe und, und Sunyf gelaſſenen um die Rol verbinden, Blüthenkelch Oſt w men bedeute geln, der A Denn nicht zu w üpſe hier ſondern übe Hier l V ſie arglos Shuungee er egungslos dos Opfer und zu u iedergeſt In n Sroo⸗ duſans uleten, hhellen 3, wenn werung rickehrt, auch die zut ver⸗ bleiben, Heimath u davon e Hindu ſpricht: den oſt en Tem⸗ en wohl Thürme nzvollen Spiegel⸗ wieder zewäſſer. 1 Lotos⸗ Blumen ubfäden, 377 weithin leuchtend, und dann jene wieder vom zarteſten Roſenſchim⸗ mer angehaucht, und kein Hindu wagt es, mit frevelnder Hand dieſe heilige Blume zu brechen, denn auf ihr ruht ja Brama, wenn er herabkommt, ſeine Kinder auf der Erde zu beſuchen. Stellenweiſe ſteht dichtes Rohr— Bambus von gewaltiger Höhe und andere Rohrarten— durchzogen von allerhand Waſſer⸗ und Sumpfpflanzen, die mit Blüthen bedeckt, die von dem Rohre gelaſſenen Zwiſchenräume ausfüllen, oder ſich in leichten Windungen um die Rohrſtengel in die Höhe winden, ſie zu einer dichten Wand verbinden, an welcher wie bunte Stickerei in leuchtenden Farben Blüthenkelche, Trauben und Glocken leuchten. Oſt werden dieſe Rohrdickichte förmlich undurchdringlich, neh⸗ men bedeutende Flächen ein. Es ſind dieſes die berüchtigten Dſchun⸗ geln, der Aufenthalt der blutgierigſten und giftigſten Thiere. Denn damit es den Menſchen in dieſen paradieſiſchen Gefilden nicht zu wohl werde, hat die Natur eine Menge gefährlicher Ge⸗ ſchöpfe hier vereint, und nicht nur an den Ufern des heiligen Ganges, ſondern über den größten Theil Oſtindiens. Hier lauert der geſtreifte Tiger auf ſeine Beute, die er, wenn ſie arglos an ſeinem Hinterhalte vorübergeht, mit gewaltigem Sprunge erreicht und dann ſein blutiges Mahl hält; der gefleckte Leo⸗ pard jagt hier oder der Panther lauſcht, auf den Aeſten der Bäume regungslos liegend, auf Gelegenheit, auf ein arglos vorüberziehen⸗ des Opfer ſich herabzuſtürzen. Das plumpe Nashorn, welches ungereizt zwar ziemlich harm⸗ los, in Wuth geſetzt aber furchtbar gefährlich wird, zieht hier ab und zu und bezeichnet ſeinen Weg durch eine breite Straße von niedergeſtampftem Rohre und Graſe, gleich der Fährte des wilden Elephanten, der in ganzen Heerden hier durch dichte Wälder zieht, friedlichen Sinnes und doch zerſtörend, harmlos, und gereizt, doch ſo furchtbar. In den Fluthen des Ganges ſelbſt, in der Nähe der Ufer, im Sumpfe, auf ſandigen Stellen hauſt nur zu zahlreich der gefährlichſte Süßwaſſer⸗Bewohner: der Alligator, welcher die im Fluſſe Baden⸗ den unter dem Waſſer ergreift, ſie hinab in die Fluthen zieht, ſie dort erſtickt und dann fortſchleppt, um ſie zu verzehren. In den Dſchungeln, wie in den Wäldern hauſen die gewaltig⸗ 378 tigſten und gefährlichſten Schlangen, beſonders die rieſenhafte Boa oder Königsſchlange, die den ſtärkſten Tiger bezwingt und ihm die Rippen zerbricht. Und dann ſind hier Scorpione und Tauſenfüße und andere giftige Inſekten. Alſo hat der Ganges, wie die ganze Landſchaft, genug der Schreckniſſe und Gefahren, und der Lichtſeite iſt eine dunkle Schatten⸗ ſeite entgegengeſtellt. Aber dieſe Pracht iſt auch mit verſchwenderiſcher Hand hier ausgeſtreut. Die köſtlichſten Blüthen, die Luft mit ſüßberauſchenden Düften würzend, bedecken die Fluren und die Bäume, und die köſtlichſten Früchte reifen überall. Hohe Palmen ſchwanken im leichten Winde, der Piſang ſtreckt ſeine mächtigen Blätter aus, die ſeltſamſten For⸗ men des Baum⸗ und Pflanzenwuchſes treten auf. In den bunteſten Farben glänzende Vögel tummeln ſich auf der Erde, im Waſſer, auf den Bäumen, in der Luft, gleich Juwelen glänzende Käfer und Schmetterlinge gaukeln umher. So iſt überall Glanz und Pracht. Durch dieſe reiche Landſchaft zog eine kleine Reiſegeſellſchaft hin. Ein Elephant trug auf ſeinem Rücken einen buntverzierten Palankin und in dieſem ſaßen drei Männer. Es waren: Graf Monte Chriſto, Valentin und Bertuccio. Ali und ein paar europäiſche Diener ritten auf muthigen Roſſen neben und hinter dem Elephanten, und noch einige eingeborene Reiter, welche einige Handpferde führten, hatten ſich angeſchloſſen, ritten voraus, zur Seite und hinterdrein. Alle waren wohl bewaffnet mit guten Jagdgewehren, denn ſie mußten ja durch eine Gegend ziehen, in welcher ſo viele reißende Thiere ſich aufhielten. Monte Chriſto hatte die Spuren, welche ſich von ſeinem Sohne und deſſen Begleiterin, die er jetzt nur Entführerin nennen konnte, fanden, mit größter Beharrlichkeit verfolgt. Nach langem Forſchen in Rom, Neapel und Griechenland hatte Monte Chriſto die Nachricht erhalten, daß die Geſuchten ſich in Egypten befinden und dort wieder hatte ihn die Spur an das Ufer des rothen Meeres geleitet und dort war ihm die beſtimmte Nach⸗ iicht gewo und er ſo Obwe und Geld ten; er welche hie die Name Hier ewas auf Dantes ul klärte er dem Name nes aufzut dem junge nen mußt Der lender M Wwei Woc umhergeſt ſich länge er ſeinen in Oſtind nächſt we Beſchwer Für denn nu ſuchen he ſondern des Gan Land zie den, un nares f Um Wochen geſtatte ohne h häufig hafte Boa diihm die nd andere genug der e Schatten⸗ Hand hier den Düften köſtlichſten ten Winde, mſten For⸗ in ſich auf ch Juwelen egeſellſchaft ntverziertrn ren: Graf igen Roſſen ingeborene geſchloſſen, n, denn ſſte le reißende nem Sohne nen konnte, enland halte hten ſich in mn das llfer mmte Aach⸗ 379 richt geworden, die Geſuchten hätten ſich nach Kalkutta eingeſchifft und er folgte dahin. Obwohl mit großer Mühe und vielem Aufwande von Zeit und Geld fand Monte Chriſto endlich doch die Spuren der Geſuch⸗ ten; er fand ſogar das Hotel, wo ſie logirt und in den Liſten, welche hier über den Fremdenverkehr geführt wurden, entdeckte er die Namen Edmond Dantes und Emilie Dantes. Hier alſo hatte der Sohn Monte Chriſto’'s gewohnt!— Aber etwas auffallend war ihm der Umſtand, daß Emilie ſich gleichfalls Dantes und als Tante des Edmond genannt hatte. Indeſſen er⸗ klärte er es ſich leicht damit, daß Emilie es vorgezogen, ſtatt unter dem Namen Danglars zu reiſen, lieber als Tante des jungen Man⸗ nes aufzutreten, wodurch das ganze Verhältniß zwiſchen ihm und dem jungen Manne ganz gewiß auf das einfachſte geordnet erſchei⸗ nen mußte. Der Beſitzer des Hotels, der ſich als freundlicher und mitthei⸗ lender Mann zeigte, erinnerte ſich, daß dieſes Paar— welches faſt zwei Wochen hier gelebt— ſehr viel in der Stadt und Umgegend umhergeſtreift, und daß er mit dem jungen Manne einige Male ſich längere Zeit unterhalten, wobei er von demſelben erfahren, daß er ſeinen Vater aufſuche, den er noch nie geſehen, und welcher jetzt in Oſtindien leben ſolle und zwar in Benares, wohin ſie ſich zu⸗ nächſt wenden wollten, ſowie ſich ſeine Begleiterin etwas von der Beſchwerde der Seereiſe erholt haben werde. Für Monte Chriſto war dieſe Mittheilung ſehr willkommen, denn nun wußte er ja, in welcher Richtung er ſeinen Sohn zu ſuchen habe. Er hielt ſich deshalb in Kalkutta nicht länger auf, ſondern miethete einige indiſche Diener und zog dann an den Ufern des Ganges hinauf, oon denen er aber bald abbog, um, durch das Land ziehend, den weiten Bogen, welchen der Fluß macht, zu vermei⸗ den, und dann wieder an den Fluß gelangend, den Weg nach Be⸗ nares fortzuſetzen. Um dieſes Ziel zu erreichen, mußte die Geſellſchaft faſt zwei Wochen unterwegens bleiben, zudem das Klima dem Europäer nicht geſtattete, ſo andauernde und anſtrengende Reiſen zu unternehmen, ohne häufige Raſt zu halten. So raſtete denn auch die Geſellſchaft häufig von der heißen Mittagsſtunde bis gegen Abend, wenn die 380 Sonne ſich zu neigen begann und dann zogen ſie in der allmählig eintretenden kühleren Luft bis nach Mitternacht fort, ohne nöthig zu haben viel zu raſten. Bei ſolchen Nachtmärſchen verſahen ſich die angenommenen in⸗ diſchen Diener in der Regel mit Fackeln, nicht aber deshalb, um den Weg zu erleuchten, ſondern um die wilden Thiere, die gewöhn⸗ lich zur Nachtzeit auf Raub ausgehen, vor Anfällen auf die Kara⸗ vane abzuhalten, da, wie bekannt, eben die nächtlichen Raubthiere die größte Scheu vor Feuerſchein haben und durch nichts leichter von Angriffen abgehalten werden, als durch dieſen. Monte Chriſto hatte, des bequemeren Fortkommens wegen, auf gewiſſe Strecken einen Elephanten gemiethet, das ſtattliche Thier trug ihn und Valentin und oft auch Bertuccio gar bequem weiter in dem Palankin auf dem Rücken, der die in ihm Sitzenden vor der Sonnengluth ſchützte und ihnen geſtattete, auch ganz gemächlich zu ſchlafen. Die Geſellſchaft befand ſich wieder an einem Nebenfluſſe des Ganges, aber immer noch einige Tagereiſen von Benares. Es war bald Mitternacht, aber der Mond ſchien hell und die Nacht war ſo angenehm erfriſchend nach einem ſehr ſchwülen Tage, die Luft von den Wohlgerüchen zahlloſer Blüthen durchwürzt, daß eine Wanderung durch ſolch eine Nacht ein wahrhaft wonnig zu nennen⸗ der Genuß war, den ſich Monte Chriſto nicht verſagen konnte. Auch Valentin und Bertuccio befanden ſich in gleicher Stimm⸗ ung, während die Indier dergleichen gewohnt, ſich ganz gleichgültig dabei verhielten und nichts mehr wünſchten, als daß die Wanderung bald ihre Endſchaft erreichte. Die Reiſenden waren durch ein kleines indiſches Dorf gekom⸗ men. Hier lag ſchon Alles in tiefſter Ruhe und Monte Chriſto hatte ſeine Geſellſchaft weiter ziehen laſſen, bis ſie einen kleinen Hügel erreichten, wo ein alter Baobabbaum nebſt einigen anderen Bäumen ſtand und ſo einen trefflichen Ausruheplatz bei Tage, wie bei Nacht bot. Der Elephant und die Pferde fanden hier genügend Futter, um ſich zum weiteren Marſche zu kräftigen, denn Monte Chriſto gedachte nach einer Stunde Raſt noch weiter zu ziehen und über⸗ haupt die würde. der Erde, ſo Stämmen, bildeten. Kronen en Baumgrup An den S blüthenreic Nacht entf da und do Eine ihren Wes angenehme Die ein Feuer liegend fa Ande damit die feuchten( Mon dann zün noch kein Die herr Bäume fange gen Baumgr Von gend beſ gefaßt v erhoben. Belaub aus, die ſchimmq almählig e nöthig nenen in⸗ alb, um gewöhn⸗ die Kara⸗ aubthiere § leichter egen, auf he Thier m weiter nden vor emächlich luſſe des „Es war lacht war die Luft daß eine u nennen⸗ unte. rStimm⸗ eichgültig ganderung f gekom⸗ te Chriſto en kleinen manderen Tage, wie idd Futter, te Ehriſi und über⸗ 381 haupt die Reiſe fortzuſetzen, bis die Sonne am Himmel ſtehen würde. Der Baobab ſenkte ſeine dichtbelaubten Aeſte ſäulenförmig zur Erde, ſo daß ſie gleich jungen, aber mit den alten verwachſenen Stämmen, den Hauptſtamm umgaben, und ſo laubenartige Hallen bildeten. Ein paar Palmyrapalmen hoben ihre leichtgefiederten Kronen empor und einige Takbäume ſtanden umher, eine anmuthige Baumgruppe bildend, unter welcher allerhand Geſträuch wucherte. An den Stämmen ſchlangen ſich wilde Reben hinan und allerhand blüthenreiche Schlinggewächſe, welche zum Theil ſich nur in der Nacht entfaltend, ihre Blüthenkelche aufzuſchließen begannen und da und dort ſüße Düfte ausſtrömten. Eine Quelle rieſelte unter dem Geſträuche hervor und ſuchte ihren Weg in der Tiefe.— Sie trug bei, den Aufenthalt hier noch angenehmer zu machen. Die Indier machten ſich mit vieler Geſchäftigkeit ſogleich daran, ein Feuer anzuzünden, zu welchem ſie trocknes Holz genug umher⸗ liegend fanden und bald loderte die Flamme hell empor. Andere hatten unterdeſſen Teppiche auf den Erdboden gebreitet, damit die Herren weicheren Sitz hätten und nicht in dem hohen, feuchten Graſe lagern dürften. Monte Chriſto hielt mit den Seinen eine kurze Abendmahlzeit, dann zündete er ſich eine Cigarre an und erhob ſich. Er fühlte noch kein Bedürfniß nach Ruhe und ſchritt einige Zeit auf und ab. Die herrliche Landſchaft, die er ſtellenweis durch die Stämme der Bäume ſah, zog ihn mächtig an, er wollte ſie in größerem Um⸗ fange genießen und ſchritt durch das Geſträuch, von dem der Elephant die ſaftigen Blätter abriß und verzehrte, bis an den Rand der Baumgruppe. Von ſeinem neuen Standpunkte konnte Monte Chriſto die Ge⸗ gend beſſer überſchauen. Seitwärts lag das indiſche Dörfchen, ein⸗ gefaßt von alten Bäumen, über welche ſich die Häupter der Palmen erhoben. Von den Hütten war nichts zu erkennen in der dichten Belaubung. Auf der anderen Seite aber dehnte ſich ein Dſchungel aus, die als dunkle Maſſe langausgeſtreckt dalag, und da und dort ſchimmerte es wie Silber, das Daſein von Gewäſſer verrathend; 382 ob es ein Fluß war oder ein Teich, das konnte Monte Chriſto nicht unterſcheiden. Und darüber hinaus hoben ſich Gebirge in leichtem Duft ge⸗ hüllt und darunter Waſſerdampf, der da und dort über den Nie⸗ derungen lagerte, ſchien ein Meer zu ſein, aus welchem die Berge gleich Inſeln ſich erhoben. Wie lieblich, wie friedlich lag die vom Monde überfluthete Landſchaft da, und doch war ſie jedenfalls nicht friedlich, wenigſtens nicht öde, denn ein Gewirr von Stimmen war erwacht, ſo daß von der nächtlichen Stille keine Rede ſein konnte; eben die Stille der Nacht machte dieſes Getöne weit hörbarer. Aus den Dſchungeln herauf klang erſt ein dumpfes Brüllen, welches an der Seite, wo Waldung ſich befand, in einer anderen Tonart Erwiderung fand. Die Tiger waren laut geworden und mit ihm ſeine Vettern, die Leoparden und Panther und Onzen. Es war, als ob dieſe blutgierigen Geſellen aus der Ferne ſich un⸗ terhalten wollten. Dort erhob ſich auch ein trompetender Ton, der den weidenden Elephanten unruhig aufhorchen machte, denn er kannte ja dieſe von einem ſeiner noch in Freiheit umherwandelnden Brüder ausgeſtoßenen Rufe! Und jene grunzenden, in verſchiedenen Abſtufungen vernehmbaren Töne kamen wohl von dem plumpen Nashorn, das zur Tränke zog, oder von dem Tapir. Und dieſes Schnattern und Plappern und Heulen, das von dem Walde, von den verſchiedenen zerſtreuten Baumgruppen und ſelbſt vom Dorfe herüberklang, kam von den Affen, die dort in den Wipfeln der Bäume ihr tolles Weſen trieben, und manches Mal einen Lärm verführten, als werde dort ein Hexenſabbath gefeiert. „Wie bei den Menſchen,“ ſagte Monte Chriſto halblaut vor ſich hin.„Die Menſchen lärmen auch oft viel, aber nur um zu lärmen und ſich hörbar zu machen; weiter hat es keinen Zweck.“ Sinnend ließ er dann wieder ſeine Augen über die Gegend ſchweifen, und ein gewiſſes wehmüthiges Gefühl wollte ihn be⸗ ſchleichen. „Wie ſchön iſt die Erde,“ rief er aus.„Wie vollkommen er⸗ ſcheint Alles, und wie glücklich könnte der Menſch auf der Erde leben, wenn er— wollte, oder ſeine Nebenmenſchen es erlaubten. Eben durch die menſchlichen Leidenſchaften wird das Vollkommene zur Unvollkomm 3 gewandelt. ladert er n prozeß Dieſ men gelaſſe der Menſch Monte rerbrochen. Der El aus und ſta⸗ Auch d Monte Chri⸗ und laut zu Es muf witterten w Unruhe, die Forſchen Was u Monte als er ſeine grünliche P Ein nä in Panther lichen Feind Vielleie erkoren, der ſeiſch geko nur um ſo Hier „Ein Kraſt. Augle ſie gegen d Freili dugel und dicen Sc Leid zufü ſo niht erfluthete enigſtens daß von tille der Brüllen, anderen den und Onzen. ſich un⸗ Ton, der denn er ndelnden ciiedenen plumpen von dem n ſelbſt Wiffeln nen Lärm plaut vor r um zuͦ Zweck.“ Gegend ihn be⸗ mmen er⸗ ide leben, en. Eben mene zur 383 Unvollkommenheit herabgedrückt, und das Paradies zur Hölle um⸗ gewandelt.— Hat es der Menſch glücklich ſo weit gebracht, dann hadert er mit ſeinem Schöpfer, daß derſelbe bei dem Schaffens⸗ 4 prozeß Dieſes und Jenes verſehen, und ſomit die Welt unvollkom⸗ men gelaſſen.— Wer aber iſt daran ſchuld?— Niemand, als eben der Menſch ſelbſt.“ Monte Chriſto wurde in dieſem Selbſtgeſpräche plötzlich un⸗ G terbrochen. Der Elephant ſtieß einen eigenthümlich trompetenartigen Ton aus und ſtampfte die Erde. Auch die Pferde wurden von einer plötzlichen Unruhe erfaßt. Monte Chriſto hörte, wie die ſchon gelagerten Thiere aufſprangen und laut zu wiehern begannen. Es mußte etwas Ungewöhnliches in der Nähe ſein! Die Thiere 3 witterten wohl eine Gefahr: Monte Chriſto konnte das aus der 3 Unruhe, die ſich derſelben bemächtigte, wohl ſchließen. Forſchend ſchaute ſich Monte Chriſto um. Was war das? Monte Chriſto vernahm ein leiſes Raſcheln im Geſträuche, und als er ſeine Augen dorthin richtete, ſah er aus dem Dunkel zwei 1 grünliche Punkte unheimlich glühen. 1 Ein nächtliches Raubthier hatte ſich unbemerkt herangeſchlichen, ein Panther oder ein— Tiger! Die Thiere hatten den gefähr⸗ lichen Feind zuerſt gewittert, und waren deshalb unruhig geworden. Vielleicht hatte das Ungethüm ihn, den Grafen, ſich zum Opfer erkoren, denn man ſagt ja, daß der Tiger, der einmal Menſchen⸗ 1 fleiſch gekoſtet, dieſes dann aller anderen Beute vorzieht und dann nur um ſo gefährlicher wird. Hier galt kein langes Beſinnen. 1 „Ein Tiger! Fackeln her!“ ſchrie Monte Chriſto aus voller 1l Kraft. Zugleich riß er eine ſeiner Taſchenpiſtolen hervor und feuerte ſie gegen die grünen Augenpunkte ab. Freilich konnte Monte Chriſto nicht hoffen, daß eine Piſtolen⸗[ kugel und war ſie auch noch ſo gut gezielt, einen Tiger, vor deſſen dicken Schädel ſich nicht ſelten Bleikugeln breit ſchlagen, irgend ein Leid zufügen werde, aber er hoffte doch, daß der helle Pulverblitz —— 384 in der Nacht, der Knall des Schuſſes das Raubthier ſchrecken und es zum Rückzuge veranlaſſen werde. Alles geſchah mit Gedankenſchnelle, und kaum hatte Monte Chriſto den Schuß abgegeben, als er auch mit einem gewaltigen Satze zurückſprang und einen Baum zu erreichen ſuchte, hinter deſſen Stamme er ſich gegen einen Sprung des Raubthiers decken könnte. Er hatte außer den beiden Taſchenpiſtolen keine Waffen bei ſich, hätte alſo einem Angriffe von Seiten ſolch einer Beſtie völlig wehrlos gegenüber geſtanden. Es gelang ihm, einen Takbaum zu erreichen, deſſen Stamm ſeinen Körper für den Augenblick wohl genügend deckte. Er warf einen Blick zurück nach der Stelle, wo er den Feind zuerſt geſehen. Ein dumpfes Zorngebrüll klang aus dem Geſträuche, dann kamen jene unheimlichen grünen Punkte wieder zum Vorſchein.— Somit war das Ungeheuer durch Blitz und Knall denn doch nicht zur Flucht bewogen. Es hatte eben Menſchenfleiſch gewittert. Der Elephant ſtieß einen neuen ſchmetternden Ton aus. Monte Chriſto ſuchte durch ein paar raſche Sprünge einen zweiten ſchützenden Stamm zu erreichen und ſo einen größeren Zwiſchenraum zwiſchen ſich und das Raubthier zu bringen und ſeiner Gewandtheit gelang es auch. Doch kaum hatte er dieſen Zufluchtsort erreicht und einen Blick nach der gefährlichen Stelle geworfen, als er auch die grünlichen Punkte größer werden und näher kommen ſah.— Das Raubthier verfolgte ihn alſo. Monte Chriſto zog ſeine zweite Piſtole hervor, um dieſelbe für den Nothfall als letztes Schutzmittel zu gebrauchen. Der Warnungston des Elephanten, welcher allerdings nur den Eingeborenen verſtändlich war, der Ruf Monte Chriſto's oder der Piſto⸗ lenſchuß und dann das darauf folgende Gebrüll hatten die ganze Geſellſchaft in Bewegung gebracht, die Europäer hatten nach ihren Gewehren gegriffen, die Eingeborenen aber hatten Brände aus dem Feuer geriſſen. „Herr Graf! Herr Graf!“ riefen Valentin und Bertuccio. „Sahib! Sahib!“ ſchrieen die Indier und ſprangen, ihre Fackeln im Kreiſe um ſich ſchwingend, durch das Gebüſch. — — derſelbe 1 heller wä⸗ Das p brände und Funken hat neues Gehe hate, und! man, wie d jett erkannt Palent ſcon ihre G ten zwei Se Bei de einen furcht verſchwunde Vei de krummen S Raubthier; blicke hinter Aii zurief, ſeines Herr Monte Chre vorſichtig ge greifen wol⸗ Die C Indier mit der Flucht Es e Schützen, waren, ein Mont enau hatt ſeines Auf Att, wie geiprungen als wolle ob das T Mante Ch recken und tte Monte gewaltigen te, hinter ters decken Waffen bei ſtie völig m Stamm Er warf ſt geſehen. cee, dann ſſchein.— doch nicht ittert. aus. unge einen größeren und ſeiner einen Blick grünlichen Raubthier m dieſelbe s nur den der Piſtov⸗ die ganze nach ihren e aus dem tuccio. ngen, ihre h. 385 Das plötzlich laut werdende Geſchrei, die lodernden Feuer⸗ brände und die von denſelben nach allen Richtungen ſtiebenden Funken hatten den Tiger ohne Zweifel geſchreckt. Er ſtieß ein neues Geheul aus, welches jetzt aber ſchon einen unſicheren Ton hatte, und da die Fackeln genug Helle um ſich verbreiteten, ſo ſah man, wie der Tiger, denn ein ſolcher war es wirklich, wie man jetzt erkannte, ſich zur Flucht wandte. Valentin und Bertuccio ſahen kaum das Thier, als ſie auch ſchon ihre Gewehre auf daſſelbe anlegten.— Faſt gleichzeitig knall⸗ ten zwei Schüſſe. Bei der Fackelbeleuchtung ſah man, daß der Tiger ſich wandte, einen furchtbaren Satz nach rückwärts machte, dann aber war er verſchwunden. Bei den beiden Schützen vorbei aber ſprang, den blanken, krummen Säbel in der Hand, Ali, und ſchien bereit zu ſein, das Raubthier zu verfolgen; doch Monte Chriſto, der in dieſem Augen⸗ blicke hinter ſeinem Baume hervortrat, verhinderte dieſes, indem er Ali zurief, zurückzukehren und der Treue gehorchte der Stimme ſeines Herrn, er bändigte ſeine Kampfluſt und kam zurück, wo ihn Monte Chriſto mit einem leichten Verweiſe empfing, daß er un⸗ vorſichtig genug habe ſein und einen Tiger mit blanker Klinge an⸗ greifen wollen. Die Geſellſchaft kehrte nun zu dem Feuer zurück, wo ein paar Indier mit den Thieren beſchäftigt waren, die ſich indeſſen nach der Flucht des Tigers leichter beruhigen ließen. Es entſtand nun die Frage, ob der Tiger durch die beiden Schützen, welche Valentin und Bertuccio, die beide geübte Schützen waren, eine Verwundung erhalten habe oder nicht. Monte Chriſto, welcher hinter ſeinem Baume hervor Alles ziemlich genau hatte beobachten können und Jagderfahrungen genug während ſeines Aufenthaltes in Amerika geſammelt hatte, meinte: nach der Art, wie der Tiger nach den abgefeuerten Schüſſen in die Höhe geſprungen und einen Augenblick ſelbſt auf die Seite geſchwankt, als wolle er auf die eine Seite ſinken, ſei wohl anzunehmen, daß derſelbe wenigſtens eine Kugel erhalten habe und wenn es nur heller wäre, ſo würde es ſich, verfolge man die Fährte, ausweiſen, ob das Thier blute. Monte Chriſto's letzter Weltgang. 25 386 Ein paar der Indier, die man nun über ihre Anſicht befragte, meinten: wenn der Tiger wirklich angeſchoſſen ſei, ſo werde er ſich in die Dſchungel in ſein altes Lager zurückgezogen haben und dort werde man ihn bei Tagesanbruch finden können; doch dann, wenn der Tiger ſeine Mahlzeit gehalten, ziehe er ſich bei Sonnen⸗ aufgang in das Lager zurück, um den Tag über zu ruhen, wenn anders ihn nicht der Hunger heraustreibe. Sie erzählten Beiſpiele, daß angeſchoſſene Tiger, obgleich ſchon todeswund, doch noch mit ſolcher Schnelligkeit die Flucht ergriffen, daß es gänzlich unmöglich geweſen, ſie ſelbſt mit den ſchnellſten Pferden einzuholen, nach mehrſtündigem Suchen aber habe man dann das Thier in ſeinem Lager verendet oder doch im Verenden, gefunden, denn der Tiger habe, wie alle Katzenarten, eine außer⸗ ordentlich zähe Lebenskraft, und eben dieſes mache die Jagd auf den Tiger ſo überaus gefährlich, da er, ſelbſt zum Tode verwundet den Jäger noch zerreißen kann. Ein Tigerjäger müſſe überhaupt ſehr kaltblütig ſein und es verſtehen, ſicher zu zielen; ein Schuß durch die Stirn oder in ein Auge, ſei dann das ſicherſte Mittel, dieſes furchtbarſte aller Jagdthiere ſchnell unſchädlich zu machen. Solche Erzählungen, ſowie die Muthmaßungen über die mög⸗ liche Verwundung des Tigers, ſowie die von den Einzelnen ge⸗ gebene Wahrſcheinlichkeit, den Tiger doch noch einmal zu treffen, reizten die Jagdluſt der Europäer und Valentin meinte: „Es wäre denn doch ſchade, wenn wir in Oſtindien geweſen und nicht einen Tiger erlegt hätten. Ein Engländer, der aus Oſt⸗ indien zurückkommt und nicht wenigſtens einen Tiger geſchoſſen deſſen Haut er aufzuzeigen vermag, als Wahrzeichen ſeines Helden⸗ muthes, wird in ſeinen Kreiſen gar nicht als echter Gentleman an⸗ geſehen.“ Monte Chriſto gab Valentin Recht und meinte: die Gelegendeit ſei günſtig, mit leichter Mühe im Beſitz eines ſolchen Siegeszeichens zu kommen, vorausgeſetzt, daß der Tiger wirklich wund geſchoſſen ſei, wo dann vielleicht eine Kugel genügen könnte, dem Leben des ſo ziemlich außer Vertheidigungsſtand geſetzten Thieres ein ſchnelles Ende zu machen. Nach kurzer Berathung wurde denn beſchloſſen, an dieſer Stelle den Morgen zu erwarten, dann der Fährte des Tigers zu folgen 5 und den Ko lange dauer Abs m diſelben we „Das zu gehen, m „Nun, in ſolchen „Einige „Gut! dß ich in? Bären und Rungit „Sahib Thiere ſind „Tiger ine gutgezie „Ja, a hült nicht ſte „Auch Du ja auf „Ja, Ihr gut get Jleikugeln aus, es hat „Dann „Sahi „Nein beehren ſol ich habe a des von ih ſellſt ein a Bei G ruhigen u und deſſen et ſich de würden ſi befragte, de er ſich den und doch dann, Sonnen⸗ ſen, wenn leich ſchon ergriffen, ſchnellſten habe man Verenden, ine außer⸗ Jagd auf verwundet überhaupt ein Schuß iſte Mittel, machen. die mög⸗ nzelnen ge⸗ zu treffen, en geweſen t aus Oſ⸗ geſchoſſen nes Helden⸗ tleman an⸗ gelegenheit geszeichens geſchoſſen Leben des ein ſchelles dieſer Stelle s zu folgen 1 387 und den Kampf mit demſelben aufzunehmen, der hoffentlich nicht lange dauern werde. Als man dieſen Entſchluß den Indiern mittheilte, ſchienen dieſelben wenig davon erbaut und der Anführer derſelben meinte: „Das iſt immer eine gefährliche Sache, auf eine ſolche Jagd zu gehen, wenn man keine Erfahrung darin hat.“ 4 „Nun, Rungit,“ fragte Monte Chriſto,„ich denke doch, daß Du in ſolchen Dingen Erfahrung haſt.“ „Einige wohl, aber nicht ſo viele, Sahib!“ „Gut! Vielleicht aber beruhigt es Dich, wenn ich Dir ſage, daß ich in Afrika Löwen, Elephanten, in Amerika Panther, graue Bären und Büffel geſchoſſen.“ Rungit ſchüttelte langſam das Haupt und muſterte den Grafen. „Sahib,“ ſprach er dann,„das kann Alles ſein, aber alle dieſe Thiere ſind immer noch keine Tiger.“ „Tiger ſind auch nur Thiere, die fallen müſſen, wenn ihnen eine gutgezielte Kugel durch den Schädel fährt.“ „Ja, aber es will auch gut gezielt ſein, Sahib, und ein Tiger hält nicht ſtill, wie eine Scheibe, bis die Kugel ihn trifft.“ „Auch die anderen Thiere thun dieſes nicht!— Uebrigens haſt Du ja auf unſerer Reiſe ſchon geſehen, daß wir ſchießen können.“ „Ja, Sahib, Vögel und Antilopen, Hirſche und Haſen habt Ihr gut getroffen. Aber ein Tiger iſt ein anderes Thier und mit Bleikugeln richtet man nicht viel gegen ein ausgewachſenes Thier aus, es hat Knochen wie Eiſen und die Kugel ſchlägt ſich daran platt.“ „Dann giebt es andere Kugeln!“ „Sahib, haſt Du ſilberne Kugeln?“ „Nein, und wenn man ſolch eine Beſtie mit ſilbernen Kugeln beehren ſoll, würden dieſe Jagden ziemlich koſtſpielig werden. Aber ich habe andere Kugeln, ſtählerne, die noch obendrein im Körper des von ihnen getroffenen Thieres explodiren und dieſes hält gewiß ſelbſt ein Tiger nicht aus.“ Bei Erwähnung ſolcher Kugeln ſchien der Indier ſich zu be⸗ ruhigen und da er obendrein den feſten Entſchluß Monte Chriſto's und deſſen Gefährten ſah, das Abenteuer zu beſtehen, ſo widerſetzte er ſich demſelben auch nicht länger und meinte nur: für alle Fälle würden ſie am beſten thun, noch mehr Leute anzunehmen, ſie hätten 25* 388 ein Dorf in der Nähe und ein zweites nicht ſo fern, faſt jedes Dorf in dieſer Landſchaft habe einen Tigerjäger unter ſeinen Be⸗ wohnern, oft auch ein paar und wenn dieſes nicht der Fall ſei, dann wären doch ein paar in ſolchen Sachen leidlich erfahrene Männer vorhanden, die von großem Nutzen ſein könnten, und an einer Tigerjagd würden ſich die Leute ſchon gern betheiligen, da ſie durch Erlegung eines ſolchen Thieres eines ſehr gefährlichen Nachbars ledig würden. Monte Chriſto war zu dieſem Vorſchlage bereit und befahl, bis zu Tagesanbruch gute Wache zu halten; dann wollte er nach dem Dorfe zurückſchicken und die Leute daſelbſt aufbieten laſſen. Der Reſt der Nacht verging ruhig und auch jenes Nachtcon⸗ cert verſtummte mehr und mehr, jemehr der Tag ſich nahte, die Thiere, welche es aufgeführt, mochten wohl nach ihren Schlupf⸗ winkeln zurückgekehrt ſein und nach gehaltener nächtlicher Mahlzeit beginnen, der Ruhe zu pflegen. Es ward heller und heller, doch trat nicht die in Europa ge⸗ wöhnliche Dämmerung ein, ſondern der erſte Strahl der Sonne flammte plötzlich über den Bergen empor und verwandelte ſchnell die Nacht in Tag, wie es in jenen Zonen gewöhnlich iſt, welche weder Morgen⸗ noch Abenddämmerung kennen. Schon vorher hatte ſich Rungit mit ein paar Gefährten nach dem DoRrfe aufgemacht, dort die Bewohner zur Tigerjagd auf⸗ zurufen. Da Monte Chriſto aber begann mit Valentin und Ali nach der Fährte des Tigers zu ſuchen, vor allen Dingen aber wollte er ſiche erſt ü erzeugen, ob die Schüſſe das Thier auch getroffen hätten. Monſe Chriſto genau wußte, an welcher Stelle er das Thier zuerſt geſehen, ſo fand er dieſelbe auch leicht wieder und konnte von hier aus die Fährte verfolgen. Bald war denn auch die Stelle gefunden, wo ſich der Tiger befunden haben mußte, als die Schüſſe auf ihn gerichtet wurden und nun galt es achtſam auf alle Merk⸗ male zu ſein. Nach etwa zehn Schritten zeigte ſich auf einem breiten Pflan⸗ zenblatte ein friſcher, dunkelbrauner Fleck, der ſich ſogleich als Blut auswies. Einige Schritte weiter wurden dieſe Flecke auch an dem ſich an der hohen Graſe Raubthier ge Es wal dr ziemlich Nachder die Stelle de nit ſeinen duld die Ri Fährte wiede beginnen kön eidlic von denen z waren. Es als geübte Monte ihten Gefät ſie ihn auf Nun wu und die Pfe ter Auſſicht bis daß die ſn zur Ja Der J duf eine D lag, und w ein paar Die m hewies, da hutten, den daß der D mußte, be So g Blunſpurer daß er haben mu faſt jedes ſeinen Be⸗ er Fall ſe efahrene en, und an ſͤligen, du gefährlichen und befahl, lte er nach laſſen. 8 Nachteon⸗ nahte, die in Schlupf⸗ er Mahlzeit Europa ge⸗ der Sonne delte ſchnell iſt, welche ährten nach zejagd alf⸗ li nach der 389 hohen Graſe und an den Blättern des Geſträuchs, durch welche ſich das Raubthier gedrängt hatte, und zwar in vermehrten Mengen, ſichtbar. Es war alſo gewiß, daß der Tiger wirklich getroffen und daß er ziemlich ſtark geblutet haben mußte. Nachdem dieſes Reſultat erlangt war, bezeichnete Monte Chriſto die Stelle der Fährte, wo er mit dem Nachſuchen geendet und kehrte mit ſeinen Begleitern zu dem Feuer zurück, wo er nun mit Unge⸗ duld die Rückkehr Rungit's und der Anderen erwartete, um die Fährte wieder aufzunehmen, ſie zu verfolgen und damit die Jagd beginnen könnte. Endlich kam Raugit wieder. Er brachte ſechs Männer mit, von denen zwei mit allen Jagderforderniſſen vollſtändig ausgerüſtet waren. Es waren dieſes Vater und Sohn und wurden dem Grafen als geübte Tigerjäger vorgeſtellt. Monte Chriſto hieß ſie willkommen und wurde mit ihnen und ihren Gefährten ſchnell handelseinig über den Preis, für welchen ollie er ſich en hälten. rdas Thier und konnte hdie Stelle die Schüſſe alle Melk⸗ eiten Afli⸗ ich als B lut uc an dem ſie ihn auf der Jagd begleiten wollten. Nun wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. Der Elephant und die Pferde ſollten in das Dorf gebracht werden und dort un⸗ ter Aufſicht eines europäiſchen Dieners und einiger Indier bleiben, bis daß die Jagd vorüber ſei, alle Uebrigen aber ſollten dem Gra⸗ fen zur Jagd folgen. Der Jagdzug begann auch ſogleich und zwar in der Richtung auf eine Dſchungel, die etwa eine ſtarke engliſche Meile entfernt lag, und wo, wie die Tigerjäger ſagen, nicht nur einer, ſondern ein paar Tiger ihren Aufenthalt haben mußten. Die wieder aufgenommene und dann weiter verfolgte Fährte bewies, daß die Ausſagen der beiden Jäger ihre völlige Richtigkeit hatten, denn dieſelbe führte in der That nach jener Dſchungel, und daß der Tiger nicht ſo ganz unbedeutend wund geſchoſſen ſein mußte, bewies die Blutſpur. So gelangte man an den Rand der öſchungel und hier zeigte ſich an den niedergedrückten Blättern und an den überaus ſtarken Blutſpuren, daß der Tiger hier entweder einige Zeit geruht, oder daß er ſich, den Schmerz der Wunde zu mildern, hier gewälzt haben mußte. 390 „Der mag etwas Derbes auf das Fell bekommen haben,“ ſagte der Tigerjäger, welcher ſich Ghurpur nannte. „Dann haben wir wohl leichtes Spiel mit ihm?“ fragte Monte Chriſto. „Wir wollen noch nicht zu feſt darauf bauen,“ antwortete Ghurpur mit leichtem Kopfſchütteln.„Ein Tiger verträgt ſchon Etwas.“ Auch Rungit war dieſer Meinung und rieth den Europäern, nun, da ſie in die Dſchungel eindringen müßten, erſt noch ihre Waffen zu unterſuchen, damit auch Alles in Ordnung ſei, denn von dem Verſagen eines Gewehres könne das Leben eines Schützen abhängen. Ghurpur gab auch ſelbſt das Beiſpiel, indem er ſeine Waffen, die aus einer ſchweren Jagdbüchſe und einem langen Dolche be⸗ ſtanden, auf das Genauſte unterſuchte; ſein Sohn und Rungit thaten daſſelbe und Monte Chriſto und die Seinen folgten dieſem Beiſpiele. In die Oſchungel gingen verſchiedene Fährten. Eine breite Gaſſe, wo Alles niedergetreten war, zeigte die plumpen Fußſpuren des Rhinoceros und des Tapirs, ſo wie auch Spuren von anderen kleineren Thieren, und Ghurpur ſagte, daß dieſe Fährte zu einer offenen Waſſerlache führe, wo die Thiere zur Tränke gingen und an der ſie oft auch kämpften. An der Blutſpur fand man die Fährte, welche der Tiger ge⸗ macht hatte, und der Tigerjäger ſagte: der geſuchte Feind werde jedenfalls in den Reſten eines alten Tempels liegen, die ſich mitten in der Dſchungel auf einer kleinen Erhöhung vorfänden und von denen es bekannt ſei, daß ſie dergleichen Beſtien zum Aufenthalte dienen. Nun begann das Eindringen in den Rohrwald. Der Tiger⸗ jäger und ſein Sohn ſchritten voran, Monte Chriſto und Ali folgten, nach dieſen kamen Valentin und Bertuccio, an welche ſich ein euro⸗ päiſcher Diener und ein paar mit langen, feſten, mit ſcharfen Eiſen bewehrten Spießen verſehene Indier ſchloſſen. Rungit und die anderen Indier brachen ſich zur Seite Bahn durch das Rohr. Anfangs war der Durchaang verhältnißmäßig leicht, denn das Bacbusro nehr in kl Shilfarten walde emd und ein ſe lleinen, bo ſten Form gen der 3 Nieme amkeit de einen Aug ſeiner wild gann, der onnte. Je w ſäämme un daß man ten mit ſt Üinks mit zu machen Je t der Bode dort ſah aber auf das Waſ über deſſ ſchwinge Wo queme 2 ander, d traten wurde No drei M 1 „wir m gegang ben,“ agte agte Monte antwortete trägt ſchon Europäern, ſt noch ihre ſei, denn es Schützen ine Waffen, Dolche be⸗ und Rungit gten dieſem Eine breite Fußſpuren von anderen rte zu einer ngen und an t Tiger ge⸗ Feind werde ie ſih mitten den und von Aufenthalte Der Tiger⸗ Ali folgten, ich ein euro⸗ harfen Eiſen Seite Bahn üt, denn das 391 Bambusrohr, bis zu zehn und mehr Ellen aufſchießend, ſtand noch mehr in kleinen Gruppen vereinzelt, vermiſcht mit anderen, niederen Schilfarten. Auch ragten da und dort noch Bäume aus dem Schilf⸗ walde empor, während auf dem Boden hin allerhand Geſträuche und ein ſaftiger Pflanzenwuchs mit oft phantaſtiſch geſtalteten, bald kleinen, bald rieſigen Blättern ſtand. Blüthen in den verſchieden⸗ ſten Formen und den verſchiedenſten Farben prangten an den Zwei⸗ gen der Bäume und Sträucher und an den Stauden. Niemand achtete jetzt dieſer Pracht, Alle hatten ihre Aufmerk⸗ ſamkeit der Jagd zugewendet, denn es war ja niemand auch nur einen Augenblick ſicher, daß nicht der geſuchte Tiger, oder Einer ſeiner wilden Kameraden ihnen entgegentrat und den Kampf be⸗ gann, der ſehr leicht für ein paar der Jäger unheilvoll werden konnte. Je weiter die Jäger eindrangen, deſto dichter wurden die Rohr⸗ ſtämme und bisweilen erreichten ſie auch einen ſo ſtarken Umfang, daß man wohl die Abſicht aufgeben mußte, ſie ſo im Vorüberſchrei⸗ ten mit ſcharfem Meſſer umzuhauen, wie die Indier rechts und links mit dem ſchwächeren Rohre es thaten, um die Bahn freier zu machen und den Jägern leichteren Durchgang zu ſchaffen. Je tiefer die Jäger in die Dſchungel drangen, je weicher wurde der Boden und machte vorſichtigeres Auftreten nöthig. Da und dort ſah man durch das Rohr das helle Waſſer ſchimmern. Da aber auf dieſer Strecke zerſtreut Steine und ganze Felsblöcke über das Waſſer ragten, ſo gab es immer noch einen mäßig feſten Pfad, über deſſen unſicherſte Stellen die Jäger ſich mit leichten Sprüngen ſchwingen konnten. Wohl eine Viertelſtunde dauerte dieſe unbehagliche und unbe⸗ queme Wanderung, dann wurden die Felsblöcke dichter neben ein⸗ ander, die Rohrwaldung dagegen dünner, mehr vereinzelte Gruppen traten wieder auf und der Boden, den die Jäger betraten, wurde mit jedem Schritte feſter. Noch hundert Schritte, dann war der Pfad ſchon ſo breit, daß drei Männer neben einander wandeln konnten. „Nun Achtung, Sahib,“ wandte ſich Ghurpur zu Monte Chriſto, „wir nahen uns dem Orte der Entſcheidung. Der Tiger iſt hier gegangen; hier iſt wieder Blutſpur am Schilfe.“ 392 In der That war es ſo und die geübten Jäger hatten über⸗ haupt keinen Augenblick die Fährte des verfolgten Wildes verloren. Unwillkürlich faßten die Jäger ihre Gewehre feſter und traten leiſer auf, während die Augen vorſichtig nach allen Richtungen ſchweiften. So rückte man langſam vor. Das Schilf ward immer dünner, der Boden feſter und begann ſich zu heben.— Noch eine kurze Strecke, dann hatten die Jäger eine niedrige, aus dem Sumpfe hervorragende Bodenerhöhung vor ſich, die noch zu klein war, um ſie mit dem Namen eines Hügels zu belegen, die aber doch ziem⸗ lich anſehnlichen Umfang hatte. Große und kleine Steinblöcke lagen an den Seiten der Er⸗ höhung zerſtreut und an der Spitze ragten ſelbſt einige Felſenkuppen hervor, an der man aber Spuren von Bearbeitung ſah, ſo wie ſie auch durch verfallenes Mauerwerk unter einander in Verbindung geſetzt waren. Von dieſem alten Bauwerke ließ ſich indeſſen wenig mehr er⸗ kennen, denn es war mit Geſträuch, Moos und Schlingpflanzen dermaßen überwachſen, daß das Geſtein nur hier und da durch⸗ ſchimmerte. Wieder wandte ſich der alte Tigerjäger zu Monte Chriſto; ſein Geſicht war ſehr ernſt. „Sahib,“ ſprach er,„jetzt werden wir den Tiger aus ſeinem Lager treiben.— Nan gilt es!— Es iſt eine ganz andere Sache, von einer Tigerjagd zu ſprechen und von ihr erzählen zu hören, als dem Tiger ſelbſt gegenüber zu ſtehen, dem Tiger, deſſen Blick ſchon genügt, auch dem Beherzten, der ſolchen Zlickes nicht gewohnt iſt, das Blut ſchneller zum Hirn zu treiben.— Da gilt es, kaltes Blut zu behalten und feſt zu zielen und im Nothfalle feſt zu ſtoßen! Traueſt Du Dir dieſes nicht zu, es ausführen zu können, ſo bleibe lieber zurück, tritt in die zweite Linie und laſſe uns allein das Werk beenden!“ „Sorge nicht wegen mir und auch nicht wegen Ali,“ antwor⸗ tete Monte Chriſto ruhig.„Wir ſind der Gefahren gewohnt.“ Auch Valentin und Bertuccio verſicherten, daß ſie keine Furcht hätten, ſondern entſchloſſen ſeien, dem Raubthiere feſten Fußes ent⸗ gegen zu gehen. Ghur lheilte ſei ſhle, und war, ſo e halten hät Die ſchicke Gh den Einga ſelbſt folgt Seite ſich zurückgebli Rung Naubthiere das Rohrd Aller der in lei⸗ Vorſprung hatte er d ſtieß einen Ein verrieth, d Annäherun Kaum pur einen der Indie rücken für Scho zu nennen Aber dſſelde; war und kit auf hende Fü ſcheinen Stelle ni Tod Sohn al ten über⸗ verloren. nd traten ſichtungen er dünner, eine kurze Sumpfe war, un doch ziem⸗ der Er⸗ ſenkuppen o wie ſie ebindung mehr er⸗ gpflanze ſtieß einen gellenden Schrei aus. da durch⸗ riſto; ſein us ſeinem thfolle feſt zu können, duns allein „ antwor⸗ ohnt.“ ine Furcht 393 Ghurpur ſchien durch dieſe Verſicherungen befriedigt; er er⸗ theilte ſeinem Sohne und den ihn begleitenden Indiern ſeine Be⸗ fehle, und da mittlerweile auch Rungit mit den Seinen erſchienen war, ſo erhielt auch dieſer ſeine Anweiſungen, wie ſie ſich zu ver⸗ halten hätten. Die Indier ſtellten ſich nun im weiten Halbkreiſe auf, dann ſchickte Ghurpur ſeinen Sohn voraus gegen die Ruine, damit er den Eingang zu der Wohnung des Raubthieres erſpähe; Ghurpur ſelbſt folgte dann langſam, begleitet von Monte Chriſto, an deſſen o Seite ſich Ali befand, und von Valentin. Bertuccio war etwas zurückgeblieben. Rungit ſchritt nach der hinteren Seite der Ruine, um dem Raubthiere, wenn es etwa von dort ausbrechen und die Flucht in das Rohrdickicht ergreifen ſollte, den Weg zu verlegen. Aller Augen hefteten ſich mit geſpannter Erwartung auf Punta, der in leichten Sprüngen ſich der Ruine näherte, dort auf einen Vorſprung ſich ſchwang und aufmerkſam umherſpähte.— Jetzt hatte er den Zugang zur Tigerhöhle entdeckt; er hob die Hand und Ein dumpfes Brüllen, das aus dem Innern der Ruine kam, verrieth, daß der Tiger anweſend war, daß er aber auch ſchon die Annäherung ſeiner Gegner bemerkt hatte. Kaum hatte ſich dieſer Ton vernehmen laſſen, als auch Ghur⸗ pur einen weithin gellenden Schrei ausſtieß, der ſofort von Seiten der Indier Wiederholung fand. Es war das Signal zum Vor⸗ rücken für Alle, das auch ſofort unter fortgeſetztem Geſchrei geſchah. Schon ward auch der Tiger ſichtbar; ein ſtattliches, faſt rieſig zu nennendes Thier. Aber nicht da, wo Punta das Thier erwartet hatte, kam daſſelbe zum Vorſchein, ſondern etwas häher, als deſſen Standpunkt war und ihm im Rücken, und da Punta ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit auf die Stelle gerichtet hatte, wo er die in die Trümmern ge⸗ hende Fährte des Tigers entdeckt, hatte er offenbar von dem Er⸗ ſcheinen des Raubthieres an einer von ihm gar nicht geahnten Stelle nichts bemerkt. Todesangſt ergriff da den Vater, als er den nichts ahnenden Sohn alſo bedroht ſah. 5 394 „Wahre Dich, Punta, wahre Dich!“ ſchrie Ghurpur aus voller Kraft. Er ſtürzte zugleich vorwärts, dem Sohne zu helfen. In dieſem Augenblicke ſtieß der Tiger ein furchtbar dröhnen⸗ des Gebrüll aus und Punta, der erſt durch dieſes ihm donnerähn⸗ lich in die Ohren drängende Gebrüll auf die Nähe des Feindes aufmerkſam gemacht wurde, fuhr beſtürzt auf und ſah die Augen des Tigers hinter ſich funkeln. Punta wollte ſich ſchnell von ſeinem Standpunkte herabſchwin⸗ gen, um ſich zu ſichern, aber wohl eben nur durch dieſe Bewegung gab er dem Tiger Veranlaſſung, ſeine Aufmerkſamkeit ihm zuzuwen⸗ den, denn für den erſten Augenblick hatte das Thier alle ſeine Auf⸗ merkſamkeit wohl nur auf die lärmend nahenden Jäger gerichtet. Als nun Punta ſich hinabſchwingen wollte, da ſtürzte ſich— ein lautes Geheul ausſtoßend— der Tiger mit gewaltigem Schwunge auf ihn und hatte ihn auch augenblicklich mit ſeinen ſcharfen Zäh⸗ nen an den Schultern gepackt, zugleich ſeine Klauen in den Leib des unglücklichen jungen Mannes ſchlagend. Punta ließ das Gewehr, das ihm nun doch nichts mehr nützen konnte, fallen und ſuchte ſich des langen Meſſers zu bemächtigen, allein dieſes war ſchon nicht mehr möglich, denn Tiger und Mann ſtürzten auf die Erde nieder und der Tiger lag auf ſeinem Feinde, deſſen Schultern er jetzt losließ, dafür aber den rechten Arm ergriff und ihn zerfleiſchte. Punta ſtieß ein ſchreckliches Schmerzensgeſchrei aus und rang voll Verzweiflung gegen den Tiger. Aber was vermochte ſeine Kraft gegen das gewaltige Thier.— Er wälzte ſich mit demſelben auf der Erde, die er mit ſeinem Blute färbte. „Punta! Punta! Helft!“ ſchrie Ghurpur und flog mit gewal⸗ tigen Sprüngen auf die Gruppe zu. Jetzt war er nahe; er legte ſein Gewehr auf den Tiger an, aber in dieſem Moment kam der mit der Beſtie ringende junge Mann ſelbſt in die Schußlinie. Der Vater durfte nicht ſchießen, aus Furcht, ſeinen Sohn zu treffen; er warf das Gewehr weg, zog das Meſſer und wollte ſich ſo auf den Tiger ſtürzen. Ein paar Eingeborene ſprangen mit ihren langen Speeren 4— —.— herbei, d ſch uiß geben, a Ghl entfernt, den erſte richtete e den näch ſchloſſen Den geeilt, a Punta m Nich Indier, langen 6 igen To ob er eit auch der der Tige Biſſe in verſetzend Der laſſen un bönnte, unglückl Sch das Ro weiten gegen i M wegung Schuſſe ſchlug; überſpr Augen! und fl pur aus dröhnen⸗ onnerähn⸗ s Feindes die Augen ahſchwin⸗ ewegung zuzuwen⸗ eine Auſ⸗ ſeerichtet. nehr nützen :mächtigen, und Mann em Feinde, Arm ergriff und rang ochte ſeine demſelben mit gewal⸗ Tiger an, ende junge n Sohn zu wollte ſich n Speeren 395 herbei, den jungen Mann zu befreien und den Tiger zu veranlaſſen, ſich aufzurichten und dadurch den anderen Jägern Gelegenheit zu geben, auf ihn zu ſchießen. Ghurpur befand ſich nur noch wenige Schritte von dem Tiger entfernt, als dieſer das Nahen neuer Feinde bemerkte, und da er den erſten Feind nun doch bereits unſchädlich für ſich gemacht hatte, richtete er ſich, ein Wuthgeheul ausſtoßend, auf und wandte ſich den nächſten Gegnern zu, die bereits einen Halbkreis um ihn ge⸗ ſchloſſen hatten. Denn auch Monte Chriſto, Valentin und Ali waren herzu geeilt, aber Keiner wagte es, zu ſchießen, aus Beſorgniß, zugleich Punta mit zu treffen. Nicht Ghurpur wandte ſich der Tiger zu, ſondern zweien der Indier, die ſich gerade gegenüber von ihm befanden und ihm ihre langen Spieße entgegenſtreckten. Mit einem Schlage ſeiner gewal⸗ tigen Tatze hatte das Ungethüm einen der Spieße zerbrochen, als ob er ein ſchwaches Rohr wäre, und in demſelben Augenblicke war auch der Indier, der den Spieß geführt hatte, zur Erde geworfen, der Tiger lag ein paar Secunden auf ihm, ihm ein paar wüthende Biſſe in die zum Schutze vor das Geſicht vorgehaltenen Arme verſetzend. Der andere Indier hatte voll Entſetzen den Spieß fallen laſſen und fürchtend, daß der nächſte Angriff des Tigers ihm gelten könnte, hatte er die Flucht ergriffen, ohne daran zu denken, ſeinem unglücklichen Gefährten zu Hilfe zu kommen. Schon aber ſchnellte der Tiger wieder empor, die Flucht gegen das Rohrdickicht zu ergreifen, aber er hatte erſt ein paar ſeiner weiten Sprünge gemacht, als Monte Chriſto auch ſchon ſein Gewehr gegen ihn abfeuerte. Monte Chriſto hatte wohl gut gezielt, aber die ſchnellen Be⸗ wegungen des Thieres hatten doch Einfluß auf die Sicherheit des Schuſſes gehabt, der Tiger war getroffen, er ſprang hoch auf und ſchlug dann kopfüber über einen Felſenblock hinweg, den er eben zu überſpringen im Begriffe geweſen war, aber obgleich man im erſten Augenblicke glaubte, er ſei gefällt, ſo ſprang er doch ſofort wieder auf und floh, ſcheinbar mit ſeiner vorigen Kraft, weiter. Jetzt ſchoß auch Valentin hinter dem Tiger drein. Der Tiger —⸗—⸗—xxxxxxxxꝛ:;n’—— „—— 396 machte einen krankhaften Sprung nach der Seite, fiel auf das Hinter⸗ theil, richtete ſich aber ſoſort wieder auf und verſuchte die weitere Flucht; aber dieſe wollte nicht mehr gelingen, denn nach wenigen Schritten ſank er wieder hin und ſtieß dabei ein klagendes Gebrüll aus. Zwei bis drei Schüſſe fielen jetzt auf den ſich wieder aufrich⸗ tenden Tiger, doch wie es ſchien, ohne vielen Erfolg, denn das Thier raffte offenbar alle ſeine Kräfte zuſammen, richtete ſich noch⸗ mals auf und machte einen neuen Sprung vorwärts; es ſtrengte ſich an, das Rohrdickicht zu erreichen. „Ali, die Büchſe!“ rief Monte Chriſto ſeinem Schwarzen zu, indem er denſelben das abgeſchoſſene Gewehr reichte, damit er es wieder lade, und zugleich die noch geladene Büchſe aus Ali's Hän⸗ den nahm. Monte Chriſto ſpannte den Hahn und richtete ſeine Augen feſt auf den Tiger. Dieſem ſchwanden offenbar die Kräfte, denn er war wieder auf den Hintertheil niedergeſunken, der ſchwer getroffen ſein mußte. Auf den Vorderſüßen aufgerichtet, wandte er ſein Haupt, riß den Rachen weit auf und ſtieß ein furchtbares Gebrüll aus. Da drückte Monte Chriſto auch ſchon ab, und dieſes Mal hatte er gut getroffen, denn der Tiger fuhr in der nächſten Secunde in die Höhe, bäumte ſich auf den Hinterfüßen auf und ſtürzte dann auf den Rücken nieder. Ein wildes Freudengeſchrei begleitete ſeinen Fall. Aber in dieſes Geſchrei miſchte ſich plötzlich ein neues Gebrüll. Es kam von der Ruine her. Zugleich erſcholl der Schreckensruf: „Wahrt Euch!— ein Tiger!“ Alle wandten ſich beſtürzt um nach der Richtung, aus welcher der Lärmruf kam. Auch Monte Chriſto wandte ſich um. Ein neuer und wohl nicht minder gefährlicher Feind, als der eben erlegte, war mittlerweile erſchienen. Die Tigerin ſtand an dem Eingange zu dem Lager, welchen Punta zu ſeinem Unglücke ſo genau beobachtet hatte. Im Kampfe mit dem männlichen Tiger begriffen, hatten Alle ihre Aufmerkſamkeit dieſem allein zugewendet und die Ruine ganz außer Acht gelaſſen; denn Niemand hatte daran gedacht, daß da⸗ felbſ no aber ſte Vohnſit vorgeruf nen und durch ih Die und ſchie wielleicht „Ali en zu, i und die laden beſ Aber hatte noch zu laden, wehre au So! ſchützen— entgegenſe einem Ti blanken g Ghu Sohne b empor un daran, ſe ſollte, zu Ai fertig zu ſprang v All zu nehm wundete Blute w was ihm einem ſ welches uui eenn das ich noch⸗ ſtrengte erzen zu, it er es ''s Hän⸗ ugen feſt r wiedet in mußte. riß den Nal hatte cunde in zte dann Gebrüll 3 welcher als der „welchen atten Alle uine ganz 397 ſelbſt noch mehr dergleichen Beſtien verborgen liegen könnten. Nun aber ſtellte es ſich heraus, daß eine ganze Tigerfamilie hier ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatte.— So war denn die Tigerin, wohl her⸗ vorgerufen durch den Nothruf ihres Gemahls, am Eingange erſchie⸗ nen und Niemand hatte erſt ihr Erſcheinen bemerkt, bis ſie ſelbſt durch ihr grimmiges Knurren, dann durch ihr Brüllen ſich verrieth. Die Tigerin war übrigens gleich ſtattlich, wie ihr Gemahl, und ſchien demſelben an Kraft und Gewandtheit ganz ebenbürtig, vielleicht ſogar überlegen. „Ali, die Büchſe! die Büchſe!“ rief Monte Chriſto dem Schwar⸗ zen zu, indem er ihm das wieder abgeſchoſſene Gewehr hinreichte und die Hand nach dem anderen ausſtreckte, welches Ali eben zu laden beſchäftigt war. Aber Ali war mit dem Laden noch gar nicht fertig, Valentin hatte noch gar nicht daran gedacht, ſein abgeſchoſſenes Gewehr neu zu laden, und daſſelbe war bei Denen der Fall, welche ihre Ge⸗ wehre auf den männlichen Tiger abgefeuert hatten. So mußten dieſe Jäger— und es waren gerade die Haupt⸗ ſchützen— dem Kampfe mit einem neuen, gleich gefährlichen Feinde entgegenſehen, ohne andere Waffen zu haben, als Piſtolen, welche einem Tiger gegenüber ſehr unſchuldiges Spielzeug ſind, und die blanken Klingen. Ghurpur, der bis dahin mit ſeinem ſo ſchwer verwundeten Sohne beſchäftigt war, richtete ſich bei dem erneuten Geſchrei empor und g eiff nach ſeinem langen Meſſer. Er dachte jetzt nur daran, ſeinen Sohn, ſowie er von der Tigerin angegriffen werden ſollte, zu verlhedigen Al und Valentin beeilten ſich, mit dem Laden ihrer Gewehre fertig zu werden. Bertuccio, der ſein Gewehr noch geladen hatte. ſprang vorwärts und legte auf die Tigerin an. Allein dieſe ließ weder dem Einen Zeit, ſie ſcharf auf's Korn zu nehmen, noch den Anderen, die Gewehre zu laden.— Der ver⸗ wundete Tiger, der mit ſeinen Tatzen um ſich haue d, ſich dort im Blute wälzte, hatte noch einen Verſuch gemacht, ſich aufzurichten, was ihm allerdings nicht gelang. Er begleitete dieſen Verſuch mit einem ſchauerlich ſchmerzlichen und zugleich grimmigen Geheule, welches wohl als Hilferuf für die Gemahlin gelten ſollte, denn ———— —— 398 dieſe wendete das Haupt ſofort nach jener Richtung und ſtieß ein wildes Geheul aus, das wohl als Antwort dienen ſollte. Einen Augenblick ſpäter ſprang die Tigerin, ein neues Gebrüll ausſtoßend, in gerader Richtung nach der Stelle zu, wo der Tiger verendend ſich wälzte. In dieſer Richtung aber, zwiſchen dem tödtlich verwundeten Tiger und der wüthenden Tigerin ſtanden jetzt Ghurpur, Monte Chriſto, Valentin, Ali und ein paar Indier. „Raſch, raſch!“ rief Monte Chriſto Ali wieder zu,„die Büchſe!“ Aber da ſprang ja die Beſtie ſchon vorwärts. Gleichzeitig fiel ein Schuß!— Bertuccio hatte auf die Tigerin im Augenblicke, wo ſie vorſchnellte, geſchoſſen, aber wenn er ſie auch getroffen und verwundet, ſo hatte dieſer Schuß nur den Erfolg, das Thier noch wüthender zu machen. In dem Augenblicke, wo die Tigerin vorwärts ſprang, ſah Monte Chriſto das Gewehr Ghurpur's im Graſe liegen, welches derſelbe weggeworfen hatte, als er ſeinem Sohne zu Hilfe ſprang. Monte Chriſto machte einen Sprung nach demſelben und dieſer Sprung war vielleicht ſein Glück, denn dicht vorüber an der Stelle, wo er eben geſtanden, ſprang die Tigerin und warf ſich mit raſen⸗ der Wuth auf einen Indier, der etwas hinter dem Grafen geſtan⸗ den hatte, denſelben ſogleich niederreißend und Zähne und Klauen in deſſen Bruſt ſchlagend, ehe derſelbe noch Zeit hatte, irgend einen Gebrauch von ſeinem langen Meſſer zu machen. Nun entſpann ſich eine eigenthümliche, grauſige Scene.— Ghurpur war mit dem langen Meſſer in der Hand aufgeſprungen und von Wuth über den Zuſtand ſeines von dem männlichen Tiger ſo übel zugerichteten Sohnes erfaßt, warf er ſich mit Blitzesſchnelle auf die Tigerin, welche noch über dem Körper des Indiers lag, ihn mit ihren Biſſen zerfleiſchend. Mit kräftiger Hand packte Ghurpur die Tigerin hinten am Genick am Felle und führte einen wüthenden Stoß nach ihrem Halſe, ſo daß ſich die ſcharfe Klinge tief in das Fleiſch ſenkte und das Blut augenblicklich hervorſpritzte. Es war dieſes ein Wagſtück, welches nur der allerverwegenſte und dabei ſeiner Fauſt ſicherſte Tigerjäger zu unternehmen ſich ent⸗ ſbleßt koſtet hat. Die vie ihr y Indier ab machte ſie Aber feſt an ih liegend, li das Meſer den Hals Zwei, hielt der des Ungetl Die o ſigen Scen lich enden Mont aufgehoben fertig und griff war, Mont ſeine Büch den Tigerj an ſeiner Die Sprünge plötzlich i heftig na Ghu den Stoß das Auge traf den Knochen ein drüll iger deten tonte ſ el“ eitig licke, und noch ſah Aches rang. dieſer Stelle, raſen⸗ eſtan⸗ lauen einen 5— ungen Tiger hnelle lag, en am ihrem e und egenſte t ent — 399 ſchließt und deſſen Verſuch wohl ſchon Manchem das Leben ge⸗ koſtet hat. Die Tigerin heulte laut auf; ſie ſchien gar nicht zu wiſſen, wie ihr plötzlich geſchehen, ſie ließ von dem zur Erde geworfenen Indier ab, und indem ſie inſtinktartig dem Tode zu entfliehen ſuchte, machte ſie einen wilden Sprung vorwärts. Aber ſie riß ihren Feind mit ſich fort. Ghurpur hatte ſich feſt an ihre Genickhaut geklammert und halb auf der Feindin liegend, ließ er ſich von ihr mit fortſchleifen, während des Sprunges das Meſſer aus der Wunde ziehend und noch einmal daſſelbe in den Hals ſtoßend. Zwei, drei Sprünge verſuchte noch die Tigerin, doch immer noch hielt der tollkühne Tigerjäger ſich feſt angeklammert an das Fell des Ungethüms. Die anderen Jäger ſtanden entſetzt beim Anblicke dieſer grau⸗ ſigen Scene, die ſo oder ſo für den Verwegenen leicht ſehr unglück⸗ lich enden konnte. Monte Chriſto hatte unterdeſſen das Gewehr des Tigerjägers aufgehoben, Ali aber war gleichzeitig mit dem Laden der Büchſe fertig und eben noch rechtzeitig, um ſie Monte Chriſto, der im Be⸗ griffe war, die Tigerin zu verfolgen, reichen zu können. Monte Chriſto warf Ali das plumpe indiſche Gewehr zu, ergriff ſeine Büchſe und eilte in raſchen Sprüngen dem Thiere nach, um den Tigerjäger aus ſeiner gefährlichen Lage zu befreien. Ali blieb an ſeiner Seite und Valentin und Rungit ſchloſſen ſich ihnen an. Die Tigerin hatte unterdeſſen erkannt, daß ſie durch ihre Sprünge den Feind nicht ſo leicht abſchütteln konnte, ſie hielt plötzlich in ihren Sprüngen inne, wandte den Kopf und ſchnappte heftig nach dem an ihr Hängenden. Ghurpur behielt ſeine Geiſtesgegenwart und führte einen wüthen⸗ den Stoß nach dem Kopfe des Thieres. Er gedachte die Klinge in das Auge des Thieres zu bohren, aber der Stoß ging fehl und traf den Kopf mit ſolcher Gewalt, daß der Stahl an dem harten Knochen zerſprang. Jetzt war es um den Verwegenen geſchehen, denn mit dem Meſſerſtumpfe konnte er ſich nicht mehr vertheidigen. Einen letzten Verſuch machte er zur Vertheidigung, indem er mit dem Stumpfe noch einen kräftigen Stoß gegen das ihm zuge⸗ wendete Auge der Tigerin führte. Er traf wohl auch, aber faſt gleichzeitig packte auch das Thier ſeinen Vorderarm und ſchlug ſeine Zähne tief in denſelben. Da aber ſtanden Monte Chriſto und Ali ſchon zur Hilfe bereit; zwei Schüſſe knallten und von den Kugeln in den Kopf und in die Bruſt getroffen, ließ die Tigerin ihre Beute los und brach zu⸗ ſammen. Ghurpur hatte die Feindin gleichfalls losgelaſſen, er wollte von der zur Erde Geſtürzten zurücktreten, ward aber von ihr, die im Todeskampfe wie wüthend mit den gewaltigen Klauen um ſich hieb, noch ſo heſtig an den Oberſchenkel getroffen, daß er faſt niederge⸗ ſtürzt wäre, doch faßte er ſich noch und ein Sprung brachte ihn aus der gefährlichen Nähe. Der Kampf war beendet, denn Tigerin und Tiger zuckten im Todeskampfe immer noch auf der von ihrem Blute gerötheten Erde, ſie rollten ſich auf derſelben hin und her, peitſchten mit den Schwän⸗⸗ zen das Gras und ſchlugen mit den Tatzen nach allen Richtungen, ſo daß es gefährlich war, ſich ihnen zu nähern.— Es ſchien, als wolle trotz der ſchweren Wunden das Leben doch nicht aus dieſen Körpern fliehen. Die Indier aber feierten den Sieg über die furchtbaren Feinde auf ihre Weiſe.— In laute Schmähungen gegen die Beſiegten ausbrechend, ſtürzten ſie auf dieſelben zu, warfen mit Steinen, ſchlugen mit Geweh kolben auf ſie ein, wenn ſie dieſes thun konn⸗ ten, ohne in Gefahr zu kommen, von den herumhauenden Klauen geiroffen zu werden. Auch die Schärfe ihrer Spieße verſuchten ſie. Ghurpur hatte unterdeſſen ein Tuch um den blutenden Arm gewunden und trat nun wieder zu ſeinem Sohne, der ſich aufgerich⸗ tet und an die Mauer gelehnt hatte. Der arme Burſche war wirklich ſehr übel zugerichtet und Monte Chriſto, der herzu getreten war, beeilte ſich nun, unterſtützt von ſeinem Gefolge, den Verwundeten Hilfe zu leiſten. Das Gleiche geſchah bei den beiden anderen verwundeten Indiern. „Es iſt ſchrecklich,“ ſagte Monte Chriſto.„Nun glaube ich es ſchon, daß eine Tigerjagd kein Werk für einen gewöhnlichen Jäger iſt, denn e ſammen, ſerben? Aber meinten, e ſo ſchon g. ſcoon die! zerſchmetter Rungi⸗ denn dieſell für das Ue gnügen mü „Und „Ja, G iſt kein Ki verlieren,! nicht alle? drauf ging, Rüſfel faſſe Er wa dem Vater, Nungit lich die Tig möchte desh Ghurp ſicht bei de groß ſein kommen kö Ein p ruine und in welchem ſein mocte men wurde Nach geendet, ſie an konnt der männli Nonte ghri uge⸗ faſt glug reit; die zu⸗ evon le im hieb, derge⸗ e ihn en im Erde, hwän⸗ n einen, konn⸗ Klauen en ſie. a Arm ſgerich⸗ t und elſtütt undeten icj& Jäger 4 401 iſt, denn ein Tiger bricht in der That nicht unter dem Feuer zu⸗ ſammen, wie ein Hirſch.— Wollen denn die Beſtien gar nicht ſterben? Ich werde ihnen noch eine Kugel geben.“ Aber Rungit und auch Ghurpur redeten ihm davon ab; ſie meinten, es ſei ſchade um Pulver und Kugel, auch ſeien die Felle ſo ſchon genug von den Kugeln durchlöchert; die Anderen würden ſchon die Mühe übernehmen und den Beſtien die Schädel vollends zerſchmettern. Rungit ſagte überdies, daß man die Leute nicht ſtören dürfe, denn dieſelben wollten ſich noch an den ſterbenden Beſtien rächen für das Ueble, das ihnen dieſelben zugefügt hätten, und dieſes Ver⸗ gnügen müſſe man ihnen ſchon laſſen. „Und ſo viel Blut hat es gekoſtet!“ rief Monte Chriſto. „Ja, Sahib,“ antwortete Ghurpur finſter,„eine ſolche Jagd iſt kein Kinderſpiel. Man muß dabei immer gefaßt ſein, Blut zu verlieren, vielleicht gar das Leben. Ich war ſchon bei Jagden, wo nicht alle Jäger lebendig zurückkehrten, und ſelbſt ein Elephant drauf ging, weil er ungeſchickt genug war, ſich von der Beſtie am Rüſſel faſſen zu laſſen. Da ging es heute immer noch qut aus.“ Er wandte ſich wieder zu ſeinem Sohne, der indeſſen gleich dem Vater, ſeine Schmerzen mit großer Standhaftigkeit ertrug. Rungit aber machte nun darauf aufmerkſam, daß wahrſchein⸗ lich die Tigerin Junge haben würde, die im Lager lägen, und man möchte deshalb dort nachſehen. Ghurpur ſprach dieſelbe Vermuthung aus, rieth aber zur Vor⸗ ſicht bei der Nachforſchung, da, wenn die jungen Tiger ſchon etwas groß ſein ſollten, es ſehr leicht noch zu einem Kampfe mit ihnen kommen könne. Ein paar der Indier begannen die Durchſuchung der Tempel⸗ ruine und hatten auch bald genug das Lager der Tiger entdeckt, in welchem ſie die jungen Tiger fanden, die etwa zwei Wochen alt ſein mochten, und demnach ohne Schwierigkeiten gefangen genom⸗ men wurden. Nach etwa einer halben Stunde hatten die Tiger vollſtändig geendet, ſie lagen lang ausgeſtreckt da und zuckten nicht mehr.— Man konnte nun zur Unterſuchung ſchreiten und fand da, daß es der männliche Tiger geweſen, welcher in voriger Nacht Monte Chriſto's Monte Chriſto's letzter Weltzang. 26 402 Lagerplatz in Allarm geſetzt hatte, und dabei verwundet worden Kauen u war, denn er trug eine Schußwunde in der Seite, die älter war, zugerichte als die, welche er in ſeinem letzten Kampfe erhalten hatte. 1 Mor Es waren unterdeſſen auch Tragbahren hergeſtellt worden, beglei wozu der Bambus und die Schlingpflanzen mit ihren zähen Ran⸗ Figers ken überflüſſiges Material boten. Die Verwundeten wurden auf 1 D dieſelben gelegt, eben ſo die erlegten Tiger und nun ſetzte ſich der zuric J Zug wieder in Bewegung, um zunächſt aus der Dſchungel zu de Aach gelangen. 3 iüdie Nach Verlauf einer Stunde war das indiſche Dorf erreicht, g veit wohin ein Bote vorausgeeilt war, die frohe Nachricht von der glücklichen Beſiegung der gefährlichen Nachbarſchaft verkündend. Da hatten ſich die Einwohner des Ortes, Alt und Jung, Männer, Weiber und Mädchen am Eingange zuſammen gefunden und empfin⸗ gen die Ankommenden mit lautem Jubelgeſchrei. Man umdrängte die erlegten Raubthiere, gegen welche Hohnworte und Schmähungen ausgeſtoßen wurden, und machte ſich ſogleich daran, die drei jungen, ſich ſehr ungeberdig anſtellenden Tiger unterzubringen, behufs ihrer Aufziehung, denn ſie boten ja einen ziemlich einträglichen Handelss artikel, da die indiſchen Großen ſie zur Aufführung von Thier kämpfen, ſowie zur Dreſſur der Jagdelephanten benutzen. Den Verwundeten wendete man für den erſten Augenblick weit weniger Aufmerkſamkeit zu, als dem erlegten Raubwilde und erſt, als der erſte Jubel vorüber war, gedachte man ihrer und beeilte ſich, ihnen alle Hilfe angedeihen zu laſſen, welche das Dorf bieten konnte. Ghurpur verhielt ſich bei ſeiner Verwundung ziemlich gleichh giltig und meinte gelaſſen:. „Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich in die Zähne eines Tigers gerieth und habe an meinem Leibe genug Spuren von dieſen Söh⸗ nen des Teufels. Geht man auf ſolche Jagd, muß man Solches auch mitnehmen.— Nur gut, daß es nicht ſchlimmer wurde. Aber der arme Punta wird lange warten müſſen, ehe er wieder auf die Beine kommt und daran denken kann, dieſen Beſtien wieder zu vergelten.“ In der That war auch Punta, der ſich am längſten unter den — 1 orden war, nden, Ran⸗ n auf h der gel zu rreicht, on der d. Da änner, mpfin⸗ rängte hungen ungen, s ihrer andels⸗ Thier⸗ ic wit d erſt 3 beeilte ſeen gleica Tigers en Söh⸗ Solches e. Aber aufdie ieder zu — unter den —— 403 Klauen und Zähnen des Tigers befunden hatte, auf das Schlimmſte zugerichtet. Monte Chriſto beſchenkte die Indier, welche ihn auf der Jagd begleitet, reichlich und behielt ſich nur das Fell des männlichen Tigers vor, damit er ein Andenken an dieſe gefährliche Stunde habe. Dann zog er ſich wieder auf den Lagerplatz auf den Hügel zurück, dort von dem heißen Tage auszuruhen, und der Tag, ſowie die Nacht vergingen dieſes Mal ruhig, der Störer von geſtern hatte ja ſeine Strafe erhalten und kam nicht wieder. Als der Morgen graute, brach die Reiſegeſellſchaft auf und zog weiter. 26* BDreiundzwanzigſtes Kapitel. In Benares. „Benares!“ In ganz Indien giebt es keine heiligere Stadt als Dich, die Glänzende, die Stadt der Prieſter, das Ziel zahlloſer Wallfahrten, denn es ſtrömen ja ganze Schaaren von frommen Pilgern, hier zu beten, zu opfern und in den Fluthen des heiligen Ganges zu baden. Benares!— Du biſt die Stadt der Palmen, von denen aus die Seelen, ſo von der Seelenwanderung befreit wurden durch den Genuß des heiligen Gangeswaſſers, in den Schooß der Götter ſchweben; Stadt der Blumen des Nenuphar, des Ruheſitzes der Götter, wenn ſie ihre Gläubigen auf der Erde be⸗ ſuchen!— O Benares, wie herrlich biſt Du!“ Alſo ruft ein Reiſender aus, hingeriſſen von dem erſten An⸗ blicke dieſer Stadt, romantiſch und lieblich zugleich gelagert an dem Ufer des Ganges. Dieſen Eindruck hatten auch Emilie Danglars und Edmond Dantes empfunden, als ſie von Putna herkommend, von der Höhe zuerſt einen Blick auf dieſes Paradies Hinduſtans und der Hindu's und beſonders der Braminen, deren es nicht weniger als zwanzig⸗ tauſend hier giebt, warfen. Zwei Stunden waren die beiden Reiſenden noch von der Stadt entfernt geweſen, als dieſelbe ſchon mit ihrem Glanze ſich zeigte, denn aus der herrlichen Landſchaft ſchimmerte, glänzte, blitzte und glitzerte es zu ihnen herüber, und ſie ſahen, untermiſcht mit grünen Baumpartien ein Häuſermeer auftauchen, über welchem luftige Mi⸗ narets, ſtarke, phantaſtiſche Thürme, hochgewölbte Kuppeln auftauch⸗ ten, die zum Theil vergoldet, zum Theil mit den lebhafteſten bun⸗ ten Farben bemalt, im Sonnenlichte weithin leuchteten. Je bunte G. meeres, Ganges „D. ſiehf“ ſg mein Vat ſit aufgef — Pahr ſo wünſch „Hof „und es nicht.— groß und Mann he⸗ „Wi Tone der „Und wonnige 1 Edmo Das tauſend G hat, entfal 405⁵ Je näher ſie dieſer Stadt kamen, je mehr enthüllte ſich dieſer bunte Glanz, deſto deutlicher auch zeigte ſich das Gewirr des Häuſer⸗ meeres, welches an dem hier verſchiedene Windungen machenden Ganges ſich ausdehnte. „Das Herz muß Einem aufgehen, wenn man dieſe Pracht ſiehf,“ ſprach Edmond, hingeriſſen von dieſem Anblicke,„und wenn mein Vater hier in dieſer Stadt, die vor uns liegt, ſeinen Wohn⸗ ſitz aufgeſchlagen hat, ſo muß ich ſeine Wahl ſehr glücklich nennen. — Wahrlich, wenn das Innere der Stadt dem Aeußeren entſpricht, ſo wünſchte ich hier wohl auch zu wohnen!“ „Hoffentlich findeſt Du Deinen Vater hier,“ entgegnete Emilie, „und es wird dann von Dir abhängen, ob Du hier bleibſt oder nicht.— Aber Eins ſage ich Dir voraus! Die Stadt ſcheint ſehr groß und ſchwierig dürfte es ſein, aus dieſer Maſſe einen einzelnen Mann herauszufinden, wenn er auch ein Europäer iſt.“ „Wir werden ſuchen und finden!“ antwortete Edmond im Tone der Hoffnung. „Und dieſes Suchen wird angenehme Erholung, das Finden wonnige Ueberraſchung ſein,“ ſagte Emilie. Edmond ſtimmte Dieſem bei. Das ungeheure Bild der heiligen Stadt, die mehr hundert⸗ tauſend Gebäude und über ſiebenhunderttauſend ſtändige Einwohner hat, entfaltete ſich mehr und mehr, immer dichter ſchien der Wald von Thürmen zu werden, deren Benares über zweitauſend aufzu⸗ weiſen hat. Und als die Reiſenden jetzt einzogen in die heilige Stadt, da war der Eindruck ein berauſchender. Die Reiſenden hatten den Weg längs des Ufers des Ganges genommen, und eben hier entfalteten ſich die reichſten Bilder, welche ganz geeignet waren, dem Fremden den großartigſten Begriff von den übrigen Theilen der Stadt beizubringen. Tempel und Thürme, oft von den ſeltſamſten Formen, die dem Auge des Europäers faſt abenteuerlich erſcheinen mögen, die aber immer wieder den indiſchen Styl mehr oder weniger deutlich zeigen, ſteigen empor, lange Säulengänge ziehen ſich hin, die Säulenknäufe häufig in den heiligen Lotosblumen ausgehend. Am Ufer zeigen ſich eine Menge breiter Marmortreppen, die zu dem Waſſer hinabführen, ſowie mit kunſt⸗ voll gearbeitetem Gitterwerk umgebene Terraſſen. Hell ruhte die Sonne auf dieſen Bauwerken und mit dieſen miſchte ſich das dunkle Grün der Pappeln, Tamarinden und Ba⸗ nyanen, über welche wieder Cocos⸗, Arekae und Palmyrapalmen ihre ſchlanken Stämme, gekrönt mit den geſiederten Wipfeln er⸗ hoben; Sträucher und Bäume mit weithin leuchtenden Blumen, die in den mitten in den Häfen angelegten Blumengärten gedeihen, ſchauten durch die Zwiſchenräume der Bauwerke. Durch die offenen Räume zwiſchen Thurm und Palaſt, Tem⸗ pel und Serail, ſchauten Gärten und Märkte; ein weit geöffnetes Thor gewährte den Einblick in den mit Terraſſen verzierten, mit herrlichen Blumen geſchmückten Hof eines reichen Mannes. Lange, überwölbte Galerien verbanden die Gebäude. Dort erhob ſich wieder ein hohes, faſt drohendes Gebäude, reich bemalt an ſeinen unteren Theilen, während es oben mit klei⸗ nen, vorſpringenden, luftigen Thürmchen geſchmückt war. Die Mehrzahl der Häuſer, an welchen die Reiſenden vorbei⸗ kamen, zeigte ſich dunkelroth angeſtrichen, oder es waren in grellen Farben Blumentöpfe, Männer, Weiber, Ochſen, Elephanten, Anti⸗ lopen, Götter und Göttinnen, in vielhändigen und vielköpfigen Ge⸗ ſtalten, darauf gemalt, allerdings oft ſo, daß man lange rathen mußte, ehe man es herausbrachte, was dieſe oder jene Malerei eigentlich vorſtellen ſollte. „Kein Ufer in ganz Indien iſt ſo mit unzähligen Tempeln, Pagoden, Hallen, Badeplätzen und Pavillons geziert, als die Ufer des Ganges in Benares,“ ſagt ein Reiſender, und Emilie und Ed⸗ mond fanden dieſen Ausſpruch vollkommen bewahrheitet. Es findet dieſes ſeine Erklärung dadurch, daß der vornehme Hindu glaubt, wenn er hier in Benares, dicht am Ufer des Ganges, zu Ehren ſeiner Götter einen Prachtbau aufführt, er ſich dadurch eine Stelle im Himmel ſichern könne, denn von hier führt ja, nach dem Hinduglauben, eine große Königsſtraße gerade in den Himmel. Deshalb bauen auch die Fürſten Indiens ſich in Benares Paläſte, wenn ſie auch nur ſelten einige Zeit hier wohnen, es iſt dieſes ein Verdienſt, durch welches ſie ſich Anſpruch auf eine Stelle in dem Himmel erwerben können, und in den Himmel kommt ja Jeder lieber, als in d Paläſte ſährlihh trotz der daß die Und ſo leichte die aus teſten Ge meht als Tage hie haft zu: des Gan der Gan den wild das Me En der gro an das ganze ne We Die ab drän „D ſenden drängen wird, Fuſſe Leuten deſto el kunſt dieſen d Ba⸗ dalmen Aln er- en, die deihen, Tem⸗ ffnetes n, mit Lange, bäude, it kei⸗ vorbei⸗ grellen „Anti⸗ geen Ge⸗ 407 als in die Hölle. Dadurch aber ſind nicht nur eine Menge indiſcher Paläſte in Benares entſtanden, ſondern die Zahl derſelben wächſt jährlich und auch der Reichthum der Bewohner iſt ſo im Steigen, trotz der hohen Steuern, durch welche die Engländer dafür ſorgen, daß die Hindus nicht zu reich werden. Und welch ein buntes Leben herrſchte hier— dieſes war um ſo leichter erklärlich, als ja die Stadt nie leer von Pilgern wird, die aus allen Theilen des weiten Indiens, ſelbſt aus den entfern⸗ teſten Gegenden, nach der heiligen Stadt ziehen, oft kommen täglich mehr als Tauſend an, und die Pilger bleiben regelmäßig fünfzehn Tage hier, um alle ihre religiöſen Gebräuche und Opfer gewiſſen⸗ haft zu vollziehen, vor Allem aber, um hier in den heiligen Fluthen des Ganges zu baden und von ſeinem Waſſer zu trinken; denn iſt der Ganges auch durch ganz Indien heilig, von ſeinen Quellen in den wilden Schluchten des Himalaya bis zu ſeinem Ausfluſſe in das Meer, ſo iſt er doch bei Benares ganz beſonders heilig. Emilie und Edmond hatten ſich kaum eine Stunde in einem der großartigen engliſchen Hotels ausgeruht, als ſie auch wieder an das Ufer gingen, dort auf und abwandelnd, das bunte, ihnen ganze neue Treiben zu beobachten. Welche wechſelvolle Bilder boten ſich ihren Augen hier dar. Die zum Ganges führenden Wege wurden nicht leer, auf und ab drängten ſich die Leute ohne Unterlaß. „Das geht ſo fort,“ ſagte der engliſche Führer, den die Rei⸗ ſenden angenommen hatten,„vom früheſten Morgen bis Mitternacht drängen ſich hier die Leute, und wenn das Gedränge gar zu arg wird, dann kann es auch vorkommen, daß Dieſer oder Jener im Fluſſe ertrinkt. Allein dieſe kleinen Zufälligkeiten thun bei dieſen Leuten nichts, denn wer im Ganges ſeinen Tod fand, kommt ja deſto eher in den Himmel.— Was verlangt man auch mehr.“ Auf den Stufen dieſer Treppen, wie auf den Terraſſen, auf den Quai's lagerten Hindus aller Kaſten und aller Farben und aber auch aus allen Theilen Indiens und demnach in den verſchie⸗ denſten Trachten. Die Pilger waren männlich und weiblich, alt und jung, man ſah Greiſe, die trotz ihres Alters die weiteſten Wege nicht geſcheut hatten, um das Ziel ihrer Sehnſucht zu erreichen, und dann wieder ſah man auch Kinder, welche von ihren Eltern 408 mitgebracht wurden, damit auch ſie des Glückes theilhaftig würden, in den Wäſſern des heiligen Fluſſes gebadet zu werden. Auf den Stufen, an den Treppen und auf den Quai's ſaßen Braminen, einen Vorrath von mancherlei Büchſen, Töpfen, Farben, Kuſſagras, Sandelholzpulver, Sandelöl und was der Dinge mehr waren, die der Luxus Indiens erſonnen, neben ſich ausgekramt. Mit ehrfurchtsoollem Gruße nahte ſich dieſer oder jener der Ba⸗ denden einem der Braminen, legte einige Münzen hin und empfing dafür die Farbe, die ihm nöthig dünkte, um ſich das Zeichen ſeines Glaubens auf die Stirne zu malen, gewöhnlich ein breiter Strich, der aber nie blau ſein darf, da dieſe Farbe allein der Kaſte der Prieſter zu tragen zukommt.— Doch war die Malerei ſehr ver⸗ ſchieden, die Reiſenden ſahen Hindu's, die ſich mit gekreuzten und ge⸗ ſchwungenen Linien und mit runden Punkten, bald in rother und weißer, bald in gelber Farbe, geziert hatten. Dieſe Malerei kennzeichnete be⸗ ſonders die Anhänger des Wiſchnu, während die Anhänger des Seiwa durch einen Dreizack in Roth oder Weiß ſich auszeichneten. Andere wieder brachten ihr Gebet und ihre Waſſertropfen der Sonne dar, mit aufrecht zuſammengefalteten Händen ſich zu ihr hinwendend und Gebete vor ſich hinmurmelnd, oder ein Loblied ſingend an ſie, die Alles belebt. Noch Andere ſchöpften mit einem Yoni— einem Gefäße von Kupfer— Kuſſagras in der Hand haltend, Waſſer aus dem Fluſſe, um es unter Gebeten in den Fluß zurückzugießen. Ein kleiner Trupp nahte ſich der Treppe, auf derſelben hinab⸗ zuſteigen zum Fluſſe. Seine Kleidung zeigte, daß er zu dem Stamme der Radjputen gehörte. Es war eine ganze Familie.— Der Mann und Vater war der Führer der kleinen Schaar; innerſte Befriedigung malte ſich in ſeinen Zügen. Er hatte ja die geheiligſte Stelle des Ganges erreicht, die ſo lange das Ziel ſeiner Sehnſucht war, und er kam nun, in dem Strome zu baden. Damit iſt aber auch die angeſtrengte Wanderung, die vielleicht mehrere Wochen ge⸗ dauert, belohnt.— Er iſt zugleich von dem Glücke ſeiner Lieben überzeugt, denn auch ſie werden der Beſeligung theilhaft, welche dieſes Bad im heiligen Fluſſe verleiht. Man ſah auch der Frau an, wie tief ſie von innerer Regung ergriffen war; es war, als ob ihr das ganze Daſein nur in dieſem Augenblicke liege, wo das heilige W den Vate nen aus, und es g Töchter h frommen merkſam erählte, fügte dan in dieſem „Liel Glauben, ja ſelbſt Laſſen w gegen Gl „Und „Wie De „Mei ich es al halben M rig ſein.“ „Ebe je eher, j ſerer Rei „3c . Emi immer w nach Mor ſie wußte nict ange Edm kehrten u ungen hä „La Edmond ürden, ſaßen zarden, mehr imt. der Ba⸗ myfing ſeines Strich, ſte der r ver⸗ und ge⸗ weißer, nete be⸗ Seiwa feen der zu ihr Loblied äße von Jluſſe, hinab⸗ zu dem ilie.— innerſte heiligſte ehnſucht iſt aber chen ge⸗ Lieben welche ler Frau als ob wo das 409 heilige Waſſer ihren Körper benetzte. Unverwandt das Auge auf den Vater geheftet, folgte der Sohn; ſein Angeſicht drückte Stau⸗ nen aus, er ſchien von der ihn umgebenden Herrlichkeit berauſcht und es gar nicht faſſen zu können, daß er wirklich hier war. Die Töchter hingen mit den, den Hindumädchen eigenen, weichen, kindlich frommen Blicken an den Bewegungen der Eltern und lauſchten auf⸗ merkſam den Worten des Vaters, der ihnen mit lauter Stimme erzählte, daß hier Kriſchna, dort Rama und dort wieder Ladſchman gebadet hätten. „Es iſt ein frommer Glauben,“ ſagte Edmond ſinnend, und fügte dann hinzu:„Und doch begreife ich nicht, wie das Volk eben in dieſem Glauben ſich ſo glücklich fühlen kann.“ „Lieber Edmond,“ entgegnete Emilie,„jedes Volk hat ſeinen Glauben, den es allein für wahr hält, ob er auch noch ſo falſch, ja ſelbſt unſinnig wäre, und es fühlt ſich darin ganz glücklich.— Laſſen wir die Leute bei ihrem Glücke, denn es iſt ja überhaupt gegen Glauben nicht zu ſtreiten.“ „Und ſuchen wir nun meinen Vater auf,“ drängte Edmond. „Wie Deine Nachrichten ſagen, befindet er ſich doch hier.“ „Meine Nachrichten ſagen es, aber dieſe Stadt iſt größer, als ich es ahnte und wir müſſen den Einzelnen aus mehr als einer halben Million Menſchen herauszuſuchen ſtreben. Es wird ſehr ſchwie⸗ rig ſein.“ „Eben deshalb laß uns eilen, damit wir dieſe Schwierigkeiten je eher, je lieber überwinden und uns eines herrlichen Lohnes un⸗ ſerer Reiſe erfreuen können.“ „Ich eile ja ſchon.— Einſtweilen laß uns ausruhen!“ Emilie ruhte denn auch aus und wußte Edmond's Ungeduld immer wieder zu beſchwichtigen. Sie hatte Agenten beauftragt, nach Monte Chriſto zu forſchen; doch war dieſes nur Schein, denn ſie wußte doch im Voraus, daß derſelbe in ganz Benares gewiß nicht angetroffen werden konnte. Edmond ward indeß oft ſehr unruhig, wenn dieſe Leute zurück⸗ kehrten und immer wieder die vorige Kunde brachten: ihre Bemüh⸗ ungen hätten bis jetzt noch kein Reſultat gehabt. „Laſſ' mich die Sache ſelbſt in die Hand nehmen,“ ſagte da Edmond eines Tages voll Ungeduld.„Ich gehe von Haus zu Haus — 410 und frage, o auf dieſe Weiſe werde ich den Geſuchten doch endlich finden.“ „Thor,“ antwortete Emilie,„auf dieſe Weiſe würdeſt Du ent⸗ weder nie, oder nur ſehr ſpät an's Ziel kommen, vielleicht in einem Jahre, vielleicht noch ſpäter. Du und ich, wir können vor der Hand gar nichts thun, als harren, was die, welche mit der Stadt, mit den Einwohnern und allen Verhältniſſen vertraut ſind, auffin⸗ den.— Und da habe nur Geduld, denn ſie werden ſchon finden.“ So mußte ſich Edmond fügen, obgleich es ihm ſchmerzlich genug war, in einer Stadt zu leben, in welcher ſein Vater ſich aufhalten ſollte, und dieſen doch nicht auffinden zu können. Emilie ſorgte für Zerſtreuung nach beſten Kräften und das Leben in Benares, wie die ganze Stadt ſelbſt und deren reizvolle Umgebungen, boten genug Gelegenheit dazu. Bot doch Alles, bei jedem Schritte, die wechſelvollſten, bunteſten, oft überraſchendſten Bilder, die anzuſchauen man nicht ſatt werden konnte. Nach Gewohnheit der Fremden, welche ſich längere Zeit in Benares aufzuhalten gedachten, hatte Emilie mit Edmond das Hotel, wo ſie zuerſt abgetreten waren, verlaſſen und in dem Palaſte eines abweſenden reichen Indiers eine Wohnung bezogen, wo ſie völlig ungezwungen leben konnten. Und es war eine höchſt angenehme Wohnung, mit allem Luxus eingerichtet, welchen der Reichthum des Beſitzers geſtattete. Die Gebäude umſchloſſen einen großen Hof, um welchen unten Säulen⸗ hallen ſich hinzogen. In der Mitte des Hofes befand ſich ein Springbrunnen, um denſelben waren die mit den herrlichſten und duftigſten Blumen bepflanzten Gartenbeete angelegt, blühende Sträucher und einige ſchattige Bäume ſtanden hier, und um die Säulen der Bogengänge wandten ſich blüthenreiche Schlingpflanzen. Eine Terraſſe endlich, zu der man vom Hofe aus aufſtieg, geſtattete einen weiten Blick auf den Lauf des Ganges, auf das ſtets ſich verändernde Treiben an deſſen Ufer, ſowie auf die vorübergehende Straße und den freien Platz, welche ſchon wegen der Nähe des Ufers nie leer von bunten Geſtalten, ankommenden und fortziehen⸗ den Reiſenden und Pilgern, wurden. Der Hof ſelbſt war belebt von den verſchiedenſten Vögeln mit dem bunteſten und glänzendſten Gefieder. Mehrere Arten von Tauben, rerſchieden len, gelbr boten hieri glänzte wie Arazien und Um di daß ſie wi neben ihnen Edelſteinen Es me einer Nacht Auf de geſchützt de wurden nie ihnen entf „Hier halb träun glücklich ſe „Warn „Man hier ſtören „Hier Aber Du „Jch unter den mein Ziel „Ich „Wei „Noc zu erhalten Und und Emili endlich du ent⸗ neinem vor der rStadt, auffin⸗ finden.“ hmerzlich ater ſich und das reizvolle les, bei chendſten Zeit in as Hotel, aſte eines ſie völiig blühende d um die gpflanzen. geſtattete ſtets ſich dergehende Nähe des fortziehen bn Tauben, 411 verſchieden geſtaltet, verſchieden gezeichnet und gefärbt, blaue Doh⸗ len, gelbbrüſtige Sperlinge und ganze Schaaren von Papageien hatten hier ihre Wohnungen aufgeſchlagen. Das Gefieder der Papageien glänzte wie Smaragd in der Sonne, wenn ſie ſich hoch über die Akazien und Mangobäume, in denen ſie ihre Neſter hatten, ſchwangen. Um die Blumen gaukelten bunte Schmetterlinge, oft ſo gefärbt, daß ſie wie in der Luft umherflatternde Blumen ausſahen und neben ihnen ſchwirrten Käfer, die an Glanz dem Golde und farbigen Edelſteinen glichen, an denen Oſtindien ſo reich iſt. Es mahnte dieſer Palaſt an ein Märchen aus Tauſend und einer Nacht! Auf der Terraſſe ſaßen Emilie und Edmond oft ſtundenlang, geſchützt durch luftige Zeltdecke vor heißen Sönnenſtrahlen und wurden nicht müde, alle die Reize anzuſchauen, die ſich hier vor ihnen entfalteten. „Hier iſt es wie in einem Paradieſe,“ ſprach da Edmond, wie halb träumend vor ſich hinſchauend,„hier iſt es, als müſſe man glücklich ſein.“ „Warum ſollte man nicht glücklich ſein?“ fragte Emilie. „Man könnte es, wenn das Leben mit ſeinem Leide nicht auch hier ſtörend eingriffe.— Das Leid iſt die Schlange im Paradieſe.“ „Hier haſt Du Recht, der Menſch iſt nirgends vor Leiden ſicher. Aber Du könnteſt doch leidenfrei ſein!“ „Ich könnte es, ich könnte mich ſogar als den Glücklichſten unter den Glücklichen in dieſem Paradieſe betrachten, wenn ich mein Ziel erreicht und meinen Vater gefunden hätte.“ „Ich habe Dir ſchon oft geſagt, habe Geduld!“ „Weißt Du noch nichts Näheres?“ „Noch nicht, aber ich habe gegründete Hoffnung, bald Nachricht zu erhalten, welche hoffentlich Deine Unruhe ſtillt.“ Und Edmond beruhigte ſich wieder, weil er nicht anders konnte, und Emilie bereitete ihm neue Zerſtreuungen. „Du ſiehſt, Edmond,“ ſprach ſie,„ich ſuche Dir Alles zu Liebe zu thun, was ich nur vermag.“ „Ach, ich ſehe dieſes wohl,“ entgegnete Edmond,„und ich bin Dir dankbar dafür.“ „Du ſiehſt daraus ferner, daß ich Dich liebe!“ 412 „Glaubſt Du, ich verkenne dieſes und liebe Dich nicht weniger?“ Emilie legte leiſe ihre Hand auf ſeinen Arm und ſchaute dem jungen Manne in das offene Auge. „Edmond,“ ſprach ſie dann,„vielleicht glaubſt Du dieſes und doch iſt Deine Liebe zu mir viel geringer, als die meine zu Dir.“ „Weshalb ſollteſt Du mich mehr zu lieben glauben, als ich Dich?“ fragte der junge Mann mit leiſem Vorwurfe im Tone. „Edmond,“ entgegnete Emilie,„es iſt deshalb, weil ich glau be, daß Du eines Weibes wahre Liebe gar nicht begreifſt.“ „Welche Worte!“ rief Edmond mit dem Ausdrucke unverhehl⸗ tem Erſtaunens. „Und doch haben dieſe Worte ihre tiefe Begründung,“ fuhr Emilie fort,„Glaubſt Du, daß es noch Jemand geben ſollte, der im Stande ſei, Dir dieſe Opfer zu bringen, die ich Dir ſchon ge⸗ bracht habe?“ Edmond war von dieſen Worten um ſo mehr überraſcht, als er wirklich ſich noch keine ähnliche Frage vorgelegt hatte, ja noch nie daran gedacht.— Er ergriff mit Wärme Emilie's Hand und drückte ſie. „Wahrhaftig, nein!“ rief er. „Glaubſt Du, daß, nur ſo zum Beiſpiele geſagt, Mercedes Dir und Deinem Glücke ein gleiches Opfer zu bringen im Stande ge⸗ weſen wäre, wie ich Dir gebracht habe?“ fragte ſie weiter und es lag etwas Lauerndes im Tone dieſer Frage. Nur höchſt ſelten hatte Emilie den Namen Mercedes gegen Edmond über ihre Lippen gebracht, es war dann auch immer auf eine Art geweſen, als ob ſie dadurch verſuche, ihm die Erinnerung an dieſes Mädchen zu einer wenig angenehmen zu machen. Edmond ſchaute vor ſich nieder. „Ach, Mercedes!“ ſeufzte er. Eine leichte Wolke überflog Emilie's Stirn. „Wie es ſcheint,“ ſagte ſie mit einiger Bitterkeit,„hängſt Du mit Deinen Gedanken immer noch ſo ſehr an Mercedes, daß Du darüber vergeſſen haſt, daß ſie ſich in die Verſchwörung gegen Dich ziehen ließ und an den Winkelzügen Derer ſich betheiligte, die als O ner waren. „Erin gleich ſein „Wüt „Nein „Und „Nuch an ſie den „Du! „War habe Merc glaubte in „Das Ton, wie in Deinem Aber den eine a „Nein von Merce aber dieſer Heiligenſch gänzlich ve wöhnliches, „Todt „Ja, betrachten, „Alſo „Wu 1 nicht durch cedes als 1 von Haß v ſch in die Todte ruhe Emili dnnn ſagte „Mit ich nicht aute dem ieſes und zu Dir.“ 1, als ich Tone. h glaube, mverhehl⸗ ng,“ fuhr * 4 4 4 ſollte, der ſchon ge⸗ aſcht, als „ja noch Hand und rrcedes Dir tande ge⸗ ler und es des gegen immer auf rinnerung —n. hangſt Du „ daß Du —ung gegen betheiligte 41'3 die als Deine Freunde auftraten, und doch Deine geheimen Geg⸗ ner waren.“ „Erinnere mich nicht daran, Emilie!“ rief Edmond, indem zu⸗ gleich ſeine Augen zornig aufflammten. „Würde Dir Mercedes Opfer gebracht haben?“ „Nein— nein!“ „Und doch hängt Deine Erinnerung noch ſo feſt an ihr?“ „Auch das nicht! Aber es verurſacht mir Schmerz, wenn ich an ſie denke.“ „Du haſt ſie geliebt?“ „Warum ſollte ich Dir, Emilie, es verſchweigen?— Ja, ich habe Mercedes geliebt und zwar recht heiß und innig, denn ich glaubte in ihr das Ideal des Weibes zu erkennen.“ „Das Ideal?“ fragte Emilie und es klang Etwas durch ihren Ton, wie ein leiſer Spott.„Vielleicht lebt dieſes Ideal jetzt noch in Deinem Herzen?— Antworte mir aufrichtig!“ Aber Edmond ſchaute finſter drein; er machte mit ſeinen Hän⸗ den eine abwehrende Bewegung und ſagte dann: „Nein, nein!— Es hat mich Schmerz gekoſtet, tiefen Schmerz, von Mercedes zu glauben, daß ſie hinterliſtig gegen mich gehandelt, aber dieſer Schmerz iſt nun verſchwunden, überwunden; auch der Heiligenſchein, den meine Phantaſie um Mercedes Haupt wob, iſt gänzlich verbleicht und ich ſehe in ihr nichts mehr, als ein ſehr ge⸗ wöhnliches, kaltes, ich möchte ſagen, todtes Bild!“ „Todtes Bild, Edmond?— Sprichſt Du auch die Wahrheit?“ „Ja, denn wollte ich Mercedes als ein noch lebendes Bild betrachten, müßte ich ſie haſſen!“ „Alſo haſſen?“ „Wunderſt Du Dich darüber, Emilie. Eben um mir die Welt nicht durch das Gefühl des Haſſes zu verbittern, betrachte ich Mer⸗ cedes als todt und man ſagt ja, was todt iſt, das wird nicht mehr von Haß verfolgt, man denkt nur mit Bedauern daran, daß man ſich in dieſem Gegenſtande ſo ſehr getäuſcht hat, läßt aber das Todte ruhen!“ Emilie's Augen gewannen einen eigenthümlichen Ausdruck, dann ſagte ſie: „Mit Deinem Haſſe, Edmond, ſcheint es nicht ſo ſchlimm zu — 414 ſein, denn ich meine: das, was man recht haßt, das haßt man auch noch im Tode.“ „Mir ſcheint dieſes ungerecht,“ entgegnete Edmond,„denn dem, der todt iſt, ſchadet dieſes nichts mehr und dem Lebenden nützt es nichts. Man ſagt: Laßt die Todten ruhen!“ „Nun wohl, ich will Dir nicht Unrecht geben, Edmond, es liegt ſogar ein gewiſſer Grad von Weisheit in dieſen Worten.— Wie aber wäre es, wenn Mercedes jetzt vor Dich trete. Würdeſt Du das, was Du geſagt, auch ihrem Anblicke gegenüber feſthalten?“ Unwillkürlich ſchaute ſich Edmond um, als ob er glaube, Mer⸗ cedes ſtehe hinter ihm. 5 Emilie bemerkte dieſes und wieder zeigte ihr Blick den Aus⸗ druck des Verdruſſes. „Du erwarteſt wohl Mercedes?“ fragte ſie ſcharf. „Nein,“ antwortete Edmond kurz. „Gieb Dir auch keine Mühe mit dieſer Erwartung,“ ſagte nun Emilie mit ſcharfer Betonung,„denn Mercedes wird ganz ge⸗ wiß nicht nach Dir ſuchen.“ „Ich glaube es.“ „Wenn ſie aber jetzt vor Dich trete, was dann?“ Edmond's Augen begannen zu funkeln. „Wenn ich jetzt Mercedes vor mir ſähe, ſo müßte ich anneh⸗ men, ſie ſei wieder aufgelebt,“ ſagte er,„und—“ Er unterbrach ſich. „Nun und—“ fragte Emilie geſpannt. „Und ich müßte ſie nicht nur haſſen, eben weil ſie lebt,“ ent⸗ gegnete der junge Mann mit zornigen Blicken,„ſondern ich dürfte es auch nicht bei dieſem Haſſe bewenden laſſen, es würde mich drän⸗ gen, ihr Beweiſe davon zu geben, es ihr empfinden zu laſſen.— Es würde mich drängen, ſie zu verfolgen, ſei es bis zu ihrer oder meiner— Vernichtung!“ Der Ausdruck in Edmond's Augen war immer unheimlicher geworden, die Blitze, die ihnen entfuhren, immer ſtechender; Emilie, die ihn beobachtet hatte, ließ unwillkürlich ſeine Hand los. „Edmond,“ ſagte ſie dann,„aus Deinen Worten, Deinen Blicken ſehe ich, daß Du der Sohn Deines Vaters biſt!— Auch er verfolgte die, ſo ihn beleidigt hatten, ſo lange er noch Leben in ihnen ſpracſſt Ueb dieſem C gleichilt auf ſich wie wert Edn „Jch Edmond, „Au ſein könn „Die durch inn „Wi „Ich möglich i Sie doch nie Schritt a Edm verſtehen „Sif „Für „We „Me „So für das Emi Edmond verſtehen „Ed leicht ſ eh Sturme Volln ſeſters, man auc denn dem, n nütt es dmond, es Vorten.— Pirdeſt eſthalten“ rube, Mer⸗ den Aus⸗ mg, ſagte d ganz ge⸗ ich anneh⸗ 1 lebt, ent.. un ich dütſte e mich drär⸗ 415 in ihnen wußte und ſuchte ſie zu vernichten auf alle Art.— Du ſprachſt jetzt ſo, wie er ſeiner Zeit geſprochen haben mag.“ Uebrigens ſchien Emilie jetzt ganz zufrieden und ſie brach von dieſem Gegenſtande ab; nachdem ſie einige Zeit ſich über ziemlich gleichgiltige Gegenſtände verbreitet, brachte ſie das Geſpräch wieder auf ſich und Schritt vor Schritt vorgehend, ließ ſie durchſchimmern, wie werth ihr Edmond ſei.. Edmond ſchien dieſes nicht zu bemerken. „Ich wünſchte wohl, immer in Deiner Nähe zu ſein, mein Edmond,“ ſagte ſie.“ „Auch ich würde mich glücklich fühlen, wenn ich ſtets bei Dir ſein könnte,“ antwortete Edmond. „Dieſes könnte doch geſchehen,“ antwortete Emilie,„nämlich durch innige Vereinigung.“ „Wie verſtehſt Du das, Emilie?“ fragte Edmond. „Ich meine die innigſte Vereinigung, wie ſie für das Leben möglich iſt,“ ſprach Emilie mit Nachdruck. Sie hatte wohl ſchon oft auf ſolche Vereinigung hingedeutet, doch nie ſo beſtimmt wie es jetzt geſchah.— Sie rückte Schritt vor Schritt auf ihr Ziel los. 3 Edmond ſchien aber ihrer Worte eigentlichen Sinn nicht zu verſtehen, er ſchaute ſie ſo ruhig an, wie immer. „Sind wir denn nicht ſchon vereinigt?“ fragte er ruhig. „Für dieſe Reiſe, ja!“ „Weshalb nicht auch ſpäterhin?“ „Meinſt Du für die Reiſe durch das ganze Leben?“ „Sollte denn dieſes Band, welches uns jetzt vereint, nicht auch für das ganze Leben dauern können?“ Emilie ſchüttelte den Kopf. Sie ſchien faſt unzufrieden, daß Edmond ihrer Worte wahren Sinn nicht verſtand, oder— nicht verſtehen wollte. Sie ſah wohl, ſie mußte noch deutlicher werden. „Edmond,“ ſagte ſie,„dieſes jetzige Band, welches Dir viel⸗ leicht ſehr feſt erſcheinen mag, iſt doch nicht feſt genug, um jedem Sctrurme widerſtehen zu können; ein Zufall kann es trennen.— Wollen wir ſicher deshalb ſein, ſo muß das Band ein ernſteres, feſteres, wie man zu ſagen pflegt, ein unauflösliches ſein, obgleich 416 4 8 es kein Bandahkt, das feſt genug wäre, daß es nicht aufgelöſt oder mit Gewalt zerriſſen werden könnte, wie dieſes Band.“ Sie hatte, während ſie dieſes ſprach, eine Schleife von ihrer Bruſt gelöſt und mit ſchneller Handbewegung ſie aufgeknüpft und das zarte Seidenband bei dem letzten Worte zerriſſen. Sie ſchleu⸗ derte die Stücken von ſich und murmelte dabei: „Was hilft ein zerriſſenes Band!— Man kann es zwar wie⸗ der zuſammenknüpfen, aber es wird doch kein Ganzes mehr daraus.“ Befremdet ſchaute Edmond auf Emilie, die immer erregter zu werden ſchien. Emilie aber heftete ihre dunklen Augen feſt auf den jungen Mann und ſagte dann: „Edmond, ich würde untröſtlich ſein, wenn das Band zwiſchen Dir und mir zerriſſen würde.“ „Fürchte nichts!“ entgegnete Edmond.„Was ſollte uns trennen?“ „Manches könnte dieſes bewirken,“ antwortete Emilie.„Es könnte auch kommen, daß man uns gegen Deinen und ganz gewiß auch gegen meinen Willen auseinander reißt. Wenn Du vor⸗ bauen willſt, daß dieſer Fall nicht eintreten kann, dann wäre nur ein Mittel bei der Hand.“ „Welches?“ fragte Edmond geſpannt. „Dieſes Mtttel iſt: innigſte Vereinigung, die es auf der Erde geben kann,“ ſprach nun Emilie.„Wenn wir Hand in Hand durch das Leben gehen, verknüpft durch ein heiliges Band!— Ver⸗ ſtehſt Du?“ Edmond fing an zu verſtehen, was Emilie mit ihren Worten eigentlich meinte und lichte Gluth loderte auf ſeinen Wangen auf. Es bemächtigte ſich ſeiner eine Verlegenheit, in welcher er nicht wußte, was er antworten ſollte. Emilie aber legte ihren Arm um ihn und zog ihn näher an ſich heran; er ließ es geſchehen. Sie begann ihn zu liebkoſen und von ſeiner Seite erfolgte kein Widerſtand, aber auch keine Erwi⸗ derung; Scheu hielt ihn zurück. „Wie biſt Du hölzern!“ rief Emilie.„Wollteſt Du das Band mit mir löſen laſſen, oder ſelbſt löſen, ſtatt es auf das Feſteſte zu knüpfen?“ Nei „Ode Du mir durh geh abgeſtreift „Ach mich.— Und verfolgte Schlauheit geneigter machen, a Es d wieder au jungen M den Platz Das gewöhnlic men, als Nicht hören, ger Rohrflöten ließ ſich; Dieſ es werde dem Ufer über kom Eug⸗ wo ſie, v aufgeſtellt vor ſich g und ſchau Euge ſich nahte dirnſtliche — *) Irut ſeht vorden Mante 0 aufgeläſt von ihrer üpft und ie ſchleu⸗ war wie⸗ daraus.“ regter zu n jungen zwiſchen ttennen?“ ilie.„Es anz gewiß Du vor⸗ wäre nur der Erde aand durch — Ver⸗ —n Worten ungen auf. er nicht näher an koſen und ine Erwi⸗ das Band Feſteſte iu „— 417 „Nein, nein,“ ſtieß Edmond hervor. „Oder,“ fuhr Eugenie“) fort,„erſchreckt Dich der Gedanke, daß Du mir dauernd angehören ſollſt und ich Dir, zuſammen gekettet durch geheiligte Bande?— Freilich iſt meine Jugendblüthe längſt abgeſtreift und ich könnte Deine Mutter ſein! Schreckt Dich dieſes?“ „Ach, Eugenie,“ antwortete Edmond,„Deine Worte verwirren mich.— Laſſe mir Zeit, mich zu ſammeln.“ Und Eugenie ließ ihm auch Zeit, denn ſie ſchwieg für jetzt, doch verfolgte ſie ihren Plan mit doppeltem Eifer und dabei mit vieler Schlauheit, indem ſie es verſuchte, Edmond für ihre Abſichten immer geneigter zu ſtimmen und es ihm förmlich zur Nothwendigkeit zu machen, auf ihren Plan einzugehen. Es verging wieder eine Woche, da ſaß Eugenie mit Edmond wieder auf der Terraſſe am Hauſe, und während ſie heiter mit dem jungen Manne plauderte, ließ ſie zugleich ihr Auge über die Straße, den Platz und nach dem Ufer hinüberſchweifen. Das Leben und Treiben ſchien heute noch bunter zu ſein, als gewöhnlich; die Leute drängten ſich an verſchiedenen Stellen zuſam⸗ men, als ob ſie irgend Etwas erwarteten. Nicht lange dauerte es auch, ſo ließ ſich in der Ferne Geſang hören, gemiſcht mit dem Klange von Trommeln, Schellenbecken und Rohrflöten, auch Hörner und der ſchmetternde Schall der Trompeten ließ ſich pauſenweiſe vernehmen. Dieſes Getön kam näher und näher und Eugenie vermuthete, es werde eine Prozeſſion ſein, die von einem der Tempel aus nach dem Ufer ziehe und erwartete, daß dieſelbe an ihrem Palaſte vor⸗ über kommen werde. Eugenie trat deshalb dicht an die Brüſtung der Terraſſe, von wo ſie, verborgen durch die ſaftig grünen Blattpflanzen, welche hier aufgeſtellt waren, ungeſehen Alles, was auf der Straße unter ihr vor ſich ging, beobachten konnte. Edmond war neben ſie getreten und ſchaute gleichfalls geſpannt hinab. Eugenie hatte ſich nicht getäuſcht, es war eine Prozeſſion, welche ſich nahte; ſchon der feierliche Geſang verkündete es, daß eine gottes⸗ dienſtliche Handlung im Gange ſei. *) Irrthümlicher Weiſe iſt auf vorigem Bogen anſtatt Eugenie, Emilie ge⸗ ſetzt worden. Mante Chriſto's letzter Weltgang. 27 Und jetzt kam der Zug zum Vorſchein.— Voran tanzten Ba⸗ jaderen in ihrer leichten, luftigen Kleidung, welche die Arme, den größten Theil der Bruſt frei ließ, und im Tanze ſich auseinander ſchlagend, auch die ſchön geſchwungenen Hüften, die runden Schen⸗ kel auf Augenblicke zum Vorſchein kommen ließen. Die Bajaderen waren mit Blumen bekränzt, mit bunten Flittern behangen, und aus den Haaren, von dem Halſe, der Bruſt und den Armen blitzte und glitzerte goldner Schmuck, beſetzt mit Edelſteinen und Perlen, und ſelbſt um die Knöchel der Füße ſchlangen ſich Reifen, die bei einigen der Tänzerinnen mit ſilbernen Glöckchen behangen waren, die während des Tanzes hell llangen. Dieſe Bajaderen ſchwangen in der Hand kleine metallene Becken, zum Theil mit Glöckchen behangen, welche ſie im Takte zuſammen⸗ ſchlugen. Ein bunter Haufen Muſiker folgte, verſehen mit allerlei In⸗ ſtrumenten, die oft nur zu viel Urſprünglichkeit verriethen, da ſie entweder nur aus einem Stückchen Rohre, oder dem Horne eines Büffels, oder auch nur aus einer Muſchel beſtanden, und mehr ge⸗ eignet erſchienen, eine Katzenmuſik aufzuführen, denn eine geregelte Muſik. Und im Grunde war dieſe Muſik auch kaum etwas An⸗ deres, denn, obgleich Einzelne unter der Schaar ihre Inſtrumente ganz wacker zu handhaben wußten, ſo verſchwanden dieſelben doch unter den Anderen, die ſich von allen Seiten zuſammen gefunden und wo Jeder ſein Inſtrument mit Eifer bearbeitete, ohne dabei viel darauf zu achten, welche Melodie ſein Nachbar anſchlug und es entſtand ein wahres Chaos von Tönen. Dann aber kamen die Braminen, wohl ein paar Hundert, alle mit der blauen Linie auf der Stirn. Einige trugen ziemlich phantaſtiſch geformte Standarten, und in ihrer Mitte zeigte ſich ein Baldachin, unter dem ſich ein gar ſeltſames Götzenbild erhob, welches drei Köpfe und ſechs Arme hatte, und auf einer Lotosblume ſaß. Augen und Zähne des Bildes waren von Gold und goldene Spangen zierten auch Arme und Beine deſſelben, welches für das Auge eher etwas Abſchreckendes, denn zur Anbetung Herausfordern⸗ des hatte. Und doch wurde dieſes Bild von Bajaderen umtanzt, und die Prieſter, welche es trugen und umgaben, ſangen feierliche Weiſen ihn zu Eh verführten Eine den Brami ſten ein ga ein Andere von Tönen Langſ den freien beſonders lichem Um Die Ufer erreie Auf! zeigte ſich umgeben Dieſe Geſellſchaf Was die! zog, war an einer „Ah, ihren Trit des dient jeder Hell Helden pf Euge die einzie weißes S laſſen. Edm doch war Tugh flatt Die ſie zogen ſcienen d der Bela⸗ ten Ba⸗ ne, den inander Schen. iaderen en, und n blitzte Perlen, die bei waren, eBecken, ſammen⸗ erlei In⸗ /, da ſie rne eines mehr ge⸗ geregelte twas An⸗ Hundett, n jiemiih te ſich ein otosblume 1d goldene s für das 419 ihm zu Ehren, und wandelten unberückt durch den von der Muſik verführten betäubenden Lärm ernſten Schrittes weiter. Eine gewaltige Menge Gläubige ſchloſſen ſich ſingend der ſingen⸗ den Braminenſchaar an, wobei es aber auch paſſirte, daß die Vorder⸗ ſten ein ganz anderes Lied ſangen, als die Mittelſten, und dieſe wieder ein Anderes, als die Hinterſten, und ſomit auch hier ein Gewirr von Tönen entſtand, würdig des Lärmens der ſogenanten Muſik. Langſam zog die Prozeſſion vorüber. Sie bewegte ſich über den freien Platz dem Fluſſe zu, denn dort ſollte das Götzenbild an beſonders heiliger Stelle gebadet werden, um darauf, nach feier⸗ lichem Umzuge ſeinen alten Platz im Tempel wieder einzunehmen. Die Prozeſſion war vorüber, ſie hatte mit ihrer Spitze das Ufer erreicht und lauter ſchollen die Geſänge der Braminen. Auf der Straße aber, durch welche die Prozeſſion gekommen, zeigte ſich jetzt ein Elephant mit einem Palankin auf dem Rücken, umgeben und gefolgt von einigen Reitern und einigen Fußgängern. Dieſes war nun allerdings nichts Beſonderes, denn dergleichen Geſellſchaft kam des Tages mehrmals vor dem Palaſte vorbei. Was die Aufmerkſamkeit Eugenie's und Edmond's beſonders auf ſich zog, war bei dieſer Geſellſchaft eine glänzende Tigerhaut, welche an einer Stange befeſtigt, über dem Palankin hing. „Ah,“ ſagte Eugenie,„hier kommen Tigerjäger! Sie halten ihren Triumphzug durch die Stadt und die Haut des erlegten Fein⸗ des dient ihnen als Trophäe. Nun, jeder Sieger iſt ein Held und jeder Held verdient Bewunderung, ſo wollen denn auch wir dieſe Helden pflichtſchuldigſt bewundern.“ Eugenie beugte ſich weiter durch die Blätter der Einfaſſung vor, die einziehenden Sieger genauer zu ſehen, ſie ergriff ihr feines, weißes Spitzentuch, daſſelbe zu deren Begrüßung in der Luft wehen zu laſſen. Sie ſchwang es über der Brüſtung. Edmond ſtand noch neben ihr und ſchaute gleichfalls hinab, doch war er von unten ſo wenig zu ſehen, wie Eugenie, blos das Tuch flatterte zwiſchen dem reichen Blätterſchmucke hindurch. Die Tigerjäger waren der Terraſſe gegenüber angekommen, ſie zogen an derſelben hin, und die, welche im Palankin ſaßen, ſchienen verwundert über dieſes Begrüßungszeichen, welches unter der Belaubung ſichtbar wurde, ſie beugten ſich etwas vor, um ge⸗ 27* 420 nauer hinauf zu ſehen und zu erkennen, von welcher ſchönen Hand ihnen dieſer Gruß käme. Es waren zwei ältere Männer und ein junger Mann, die in europäiſcher Tracht gekleidet, in dem Palankin ſaßen; die Gewehre waren neben ihnen aufgehangen. Eugenie hatte kaum einen flüchtigen Blick auf die Reiſenden geworfen, als ſie überraſcht zuſammen zuckte und ſchnell die Hand mit dem Tuche zurückziehend, ein paar Schritte zurückwich, dabei zugleich Edmond's Arm ergriff, als wolle ſie ihn verhindern, länger hinabzuſchauen und ihn gleichfalls zurückzuziehen. Edmond wandte ihr das Geſicht zu. Auch ſeine Geſichtszüge zeigten lebhaftere Erregung.— Er blickte Eugenie an.— Ihr Ge⸗ ſicht war bleich geworden, ihre Augen verriethen Unruhe. „Was iſt Dir, Eugenie?“ fragte Edmond erſtaunt, und ſeine Stimme bebte dabei leiſe. Eugenie hatte ſich bereits von ihrer Ueberraſchung etwas erholt. „Ach nichts,“ entgegnete Eugenie raſch,„ein Inſekt ſtach mich in die Hand und der Schmerz war im erſten Moment ſo ſtark, daß ich dachte, es ſei eine Schlange, die ſich hier unter den Blättern verborgen haben könnte.“ „Arme Eugenie!“ „Trotz aller Schönheit iſt dieſes Land doch ein ganz abſcheu⸗ liches Land!— Geht man im Freien ſpazieren, ſo muß man ſich fürchten, von Tigern und ſonſt einer Beſtie angegriffen und zerriſſen zu werden, oder daß ein ungeſchickter Elephant oder ein Rhinozeros uns den letzten Knochen im Leibe zertrampelt. Will man baden, da riskirt man mit zwei Beinen in's Waſſer zu treten und mit einem oder mit gar keinem Beine wieder hinaus zu kommen, wenn man unterdeſſen nicht ganz mit Haut und Haar verſchluckt iſt.— Will man im Schatten ruhen, ſo lauert wohl ſchon eine Schlange, welcher wir als willkommenes Frühſtück dienen ſollen, und dann kommen noch Scorpionen und Taranteln und allerhand Giftfliegen und Mücken hinzu, welche nach unſerem Blute lüſtern ſind. Ich bleibe nicht mehr lange in dieſem Lande!“ Es war, indem Eugenie in ſcherzendem Tone alſo ſprach, als wolle ſie dadurch ihre Unruhe verbergen oder ſie hinwegplaudern, oder Edmond's Aufmerkſamkeit von dem eben Geſehenen abziehen. aber ſie Dieſe Erſtere ve „LuW Du nichts „Wo Elephante wahtſchei in der L wäre.“ Ach Ert chen Verf Aber bereits d und ſeine Seitenga Auch einen ſche b ruhigt, a Edn gend, ob „Wo Eugenie! nem Sch Ung „De Eug „W „d Denen u nen Hand n, die in Gewehre Reiſenden die Hand ich, dabei en, länger Lichtszüge Ihr Ge⸗ und ſeine das erholt. ſtach mich ſo ſtark, Blättern z abſcheu⸗ jman ſich d zerriſſen thinozeros an baden, n und mit men, wenn ct iſt.— Schlange, und dann Giftfliegen ſindd 3ch ſprach, als gplaudern, zabziehen. —ʃ 421 Dieſes Letztere gelang ihr aber nicht, ſo wenig wie ihr das Erſtere vollkommen gelang. „Eugenie,“ ſagte Edmond, ihren Redefluß unterbrechend,„haſt Du nichts geſehen?“ „Was ſoll ich geſehen haben?“ entgegnete Eugenie haſtig.„Einen Elephanten, der behaglich mit dem Schwanze wackelte, weil er wahrſcheinlich eine Flaſche Arrak witterte, eine Tigerhaut, die gern in der Luft geflattert hätte, wenn ſie nicht gar ſo plump geweſen wäre.“ „Ach, nicht das, nicht das?“ ſagte Edmond faſt ungeduldig. Er trat wieder an die Brüſtung, obgleich Eugenie einen ſchwa⸗ chen Verſuch machte, ihn daran zu hindern. Er ſchaute hinab. Aber das, was er ſuchte, fand er nicht, denn der Zug hatte bereits den Platz überſchritten, der Elephant mit dem Palankin und ſeinen Reitern und der Tigerhaut verſchwand ſoeben in einer Seitengaſſe.— Auch Eugenie war wieder an die Brüſtung getreten und hatte einen ſcheuen Blick durch das Blätterwerk geworfen. Sie ſchien be⸗ ruhigt, als ſie nichts mehr ſah. Edmond wandte ſich in ſteigender Unruhe zu Eugenie, ſie fra⸗ gend, ob ſie wirklich nichts geſehen habe? „Was ich geſehen habe, ſagte ich Dir bereits,“ entgegnete Eugenie ungeduldig,„einen Elephanten mit großem Rüſſel und klei⸗ nem Schwanze und eine Tigerhaut, in welcher der Tiger fehlte.“ Ungeduldig ſchüttelte Edmond den Kopf. „Darnach frage ich ja gar nicht,“ ſagte er dann.„Valentin—“ Eugenie zuckte bei Nennung dieſes Namens leicht zuſammen; aber ſie beherrſchte ſich. „Was für ein Valentin?“ fragte ſie im gleichgültigſten Tone. „Valentin Morell!“ ſtieß Edmond hervor. „Was iſt mit dem?“ „Ich wollte darauf ſchwören, daß Valentin Morell Einer von Denen war, die auf dem Elephanten ſaßen.“ Es zuckte Etwas über Eugenie's Geſicht wie leichtes Erſchrecken, dann wie finſterer Unmuth. Raſch ſagte ſie: „Du haſt Dich getäuſcht!“ „Nein, nein,“ antwortete Edmond eifrig,„ich wollte darauf 422 ſchwören, daß es Valentin Morell war, der ſich aus dem Palankin beugte und zur Terraſſe hinauf ſchaute; und der ernſte Mann neben ihm hatte einen ſo wunderbaren Ausdruck im Geſichte, der mich anzog!“ „So, ſo,“ murmelte Eugenie; dann aber fügte ſie raſch hinzu: „Du biſt ein Thor und ſiehſt Leute, die nicht vorhanden ſind!— Ich habe dieſe Perſonen allerdings auch geſehen, aber ſie nicht ſo intereſſant gefunden. Es waren eben fiſchblutige Engländer, von denen der Eine vielleicht einige Aehnlichkeit mit dem jungen Morell haben konnte, die mir übrigens nicht im Geringſten auffiel, obgleich ich die Morells länger kenne, als Du.“ „Und doch iſt mir es ſo!“ „Thor, wie ſollte denn auch Valentin hierher nach Benares kommen, da er mit Albert Morcerf in Amerika herumzieht?“ Edmond ſchien für den Augenblick durch dieſen Einwurf ſtutzig gemacht und ſann einige Augenblicke nach, dann aber, plötzlich auf⸗ fahrend, ſagte er: „Und doch könnte es ſein!— Können Morcerf und Morell nicht auch in Erfahrung gebracht haben, daß mein Vater hier in Benares leben ſoll und ſie kommen nun, ihn zu ſuchen?“ Eugenie war es, als fühle ſie einen Stich durch das Herz; nichts konnte ihr unlieber ſein, als daß Edmond auf ſolch eine Idee kam, die das Gewebe, welches ſie um ihn geſponnen, zu zerreißen drohte. „Wahrhaftig, Edmond,“ ſagte ſie ſchnell, ich bewundere Deine Schlußfolgerungen, nachdem Du doch wiſſen konnteſt, daß Albert Morcerf und ſeine Gefährten noch keinen ſolchen Eifer nach Auf⸗ findung Deines Vaters gezeigt haben.— Und dann: wo war denn Herr Morcerf?— Haſt Du ihn auch auf dem Elephanten geſehen?“ „Nein, aber es wäre doch möglich, daß es der Mann geweſen ſein könnte, der uns den Rücken zukehrte und auf der anderen Seite des Elephanten hinabſchaute.“ 3 Eugenie ſchlug ein lautes Lachen auf. „Edmond,“ rief ſie dann,„werde nicht gar zu lächerlich!— Herr von Morcerf würde Dir wenig dankbar dafür ſein, wenn er wüßte, daß Du jene grauhaarige Maſchine für ihn anſiehſt.— Wahrhaftig, das iſt doch gar zu luſtig, Herrn Morcerf's ſchlanke, llegante zeugen, hierher zufälig könnte. Anſicht nen M nicht ſ ſich be geweſel an ihre die es lich w T Genie ſowie unterſt Grafer dienſtt 8 bewoh in nä und C W fort n trat ſ C I ihres Palankn un neben der mich ſch hinzu ſind!— e nicht ſo nder, von zen Morell d oöglech Benares eht?“ vurf ſtutzig lötzlich auf⸗ nd Morell ter hier in das Hetz; h eine Idee &u zerreißen dere Deine aß Albert nach Auf⸗ Hwar denn geſehen” n geweſen er anderen chelichh an, wenn er unſiehſt 27 3 ſchlanke — 423 elegante Geſtalt mit jenem knorrigen, bärenhaften Burſchen zu ver⸗ gleichen, der eher ausſieht, wie eine alte Theerjacke, als wie ein ehemaliger franzöſiſcher Offizier.“ Edmond ſchien es nun ſelbſt zu finden, daß er ſich denn doch geirrt haben könne und ſchwieg. Eugenie aber wandte alle ihre Beredtſamkeit auf, ihn zu über⸗ zeugen, daß es gar nicht möglich ſei, Valentin Morell habe ſich hierher gewendet, und wie leicht es der Fall ſei, ein Menſch habe zufällig Aehnlichkeit mit einem andern, ſo daß man ihn verkennen könnte. Es gelang ihr auch, Edmond nach und nach von ihrer Anſicht zu überzeugen, und er ging ſchweigend hinweg. Eugenie aber blieb noch auf der Terraſſe zurück und ihre Stirn umwölkte ſich finſter. Sollte ihr Plan doch noch vereitelt werden durch das Erſchei⸗ nen Monte Chriſto's? Dieſer Mann mußte, nach ihrer Anſicht, wo nicht ſeine ganze alte Macht, ſo doch einen guten Theil derſelben ſich bewahrt haben, denn ſonſt würde es ihm ſchwerlich möglich geweſen ſein, ſo ſchnell ihre Spur zu finden und ſich ſo beharrlich an ihre Ferſen zu heften.— Alſo war Graf Monte Chriſto Denen, die es wagten, den Kampf mit ihm aufzunehmen, noch ſo gefähr⸗ lich wie ſonſt. Die Kraft des Geiſtes, die Feſtigkeit des Charakters, das Genie in Entwerfung der Pläne und die ſchnelle Entſchloſſenheit, ſowie die zähe Beharrlichkeit in Ausführung der Pläne, waren, unterſtützt von der Macht des Goldes, die Mächte, welche dem Grafen zur Seite ſtanden und er verſtand es, ſich dieſe Mächte dienſtbar zu machen und ſie vollſtändig auszunützen. Vielleicht wußte Monte Chriſto jetzt ſchon, daß ſie das Haus bewohnt, an welchem vorbei er ſeinen Einzug in Benares gehalten, in nächſter Stunde konnte er da ſein, den Sohn von ihr verlangen und Edmond folgte dann ohne Zweifel und ſie— hatte eben verſpielt. Alſo fort von hier! Leicht war es ihr, den jungen Edmond zu überreden, ihr ſo⸗ fort nach Delhi zu folgen und nach Verlauf einer Stunde ſchon trat ſie in Begleitung des jungen Edmond Dantes die Reiſe an. Ihre Abreiſe glich mehr einer Flucht, denn ſie ließ einen Theil ihres Gepäcks zurück, unter Aufſicht eines vertrauten Dieners, der 424 den ſtrengen Befehl hatte, Allen, die nach ihr fragen würden, zu ſagen: ſie ſei nach Bombay zurückgekehrt.— Von dem Gepäcke ſollte dieſer Diener das Entbehrliche zu Gelde machen, mit dem Uebrigen aber ihr nach Verlauf einiger Tage nach Delhi folgen, doch ſo, daß Niemand das Ziel ſeiner Reiſe wiſſe, es müſſe eben heißen, daß ſie und ihre Begleitung nach Bombay ſei, dort ſich wieder einzuſchiffen. Als am nächſten Tage Monte Chriſto glücklich genug die zeit⸗ herige Wohnung Eugenie's entdeckt hatte und mit ſeinem Gefolge dort vorſprach, wurde ihm die Nachricht von der Abreiſe der Ge⸗ ſuchten und der Diener, getreu der Weiſung ſeiner Herrin, gab Bombay als Reiſeziel an. „Ich hoffte am Ziele zu ſein,“ ſagte der Graf finſter,„ſehe aber wohl, daß ich die Jagd immer wieder von vorn beginnen muß.— Man könnte darüber verzweifeln, darf aber doch nicht er⸗ matten deshalb. Es würde dieſes Entmuthigung anzeigen, entmuthigt aber wird man durch das Scheitern ſeiner Pläne, wenn man ſich ohne allen Halt fühlt, und deshalb nicht wagt, dieſe Plane weiter zu verfolgen. Man giebt alle ſeine Entwürfe kleinmüthig auf.— Aber von mir ſoll man dieſes nicht ſagen! Wirft mich der Sturm auch einmal zurück an das eben verlaſſene Ufer, ſo ſtreiche ich vor ihm doch nicht die Segel, ſondern ſteuere, zu neuem Kampfe bereit, mein Schiff in die empörten Fluthen zurück, auf die Gefahr hin, daß die neu begonnene Fahrt eben auch nur eine Irrfahrt werden könnte. Ich hoffe, mein Compaß trügt mich nicht!“ Kefügelt! Der Luft, wel ausbreitete Fläche hin Die alten und der Von einen Drg ſtärkere H Vurc Getön vem klingend. Dieſe des Wind halb deutl Es r gend, wo ſtampfend woher die hauſes in raſch in d wiehernd, Sicherheit Stimmen Der deen vor den, zu Gepäe nit dem folgen, ſſe eben dort ſich die zeit⸗ Gefolge der Ge⸗ in, gab r,„ſehe deginnen nicht er⸗ tmuthigt man ſich e weiter werden Vierundzwanzigſtes Kapitel. In der Waldſchänke. Der Tag neigte ſich zu Ende, trüber und trüber ward die Luft, welche ſich über die Grenzdiſtrikte Litthauens und Polens ausbreitete. Der Wind brauſte ungeſtüm über die weißverhüllte Flläche hin, bisweilen den Schnee in gewaltigen Wolken aufwirbelnd. Die alten Fichten und Föhren neigten ſich knarrend hin und her unnd der Wind ſchüttelte ungeſtüm deren Aeſte und Wipfel. Von Minute zu Minute ſteigerte ſich der Wind, er drohte in eeinen Organ auszuarten, die finſter ſich ballenden Wolken, das ſtärkere Heulen verriethen dieſes. Durch das Windsgebrauſe aber ließ ſich ein eigenthümliches Getön vernehmen, bald wie entferntes Bellen, bald wie Heulen klingend. ahr hin, 5 des Windes kaum vernehmbar, dann aber wieder näher und des⸗ halb deutlicher klingend, in dieſer Deutlichkeit aber um ſo ſchauriger. Dieſes Tönen ſchien jetzt ſehr entfernt, durch das Brauſen Es war Wolfsgeheul, wohl bekannt den Bewohnern der Ge⸗ gend, wohlbekannt auch den Pferden, die jetzt ſchnaubend und ſtampfend, oft unruhig die Köpfe nach den Seiten wendend, von wooher dieſes Geheul kam, vor dem Thore eines einſamen Wirths⸗ hauſes im Wald hielten, und nachdem ſich der Thorflügel geöffnet, caſch in den Hof trabten, dort mit offenbarem Behagen friſch auf⸗ wiehernd, denn ſie hatten nun ja Futter zu erwarten, und zugleich Scicherheit vor den blutdürſtigen, heißhungrigen Feinden, deren Stimmen ihnen ſo große Furcht eingejagt und die ihren Lauf ſo beflügelt hatten. Der Wolf wittert ja die Pferde, deren Fleiſch er allem An⸗ deren vorzieht, auf weite Entfernung und hetzt gierig und heißhung⸗ 426 rig dem Raube nach, um wenigſtens das eine dieſer Thiere zu erjagen und an ihm den nie ganz zu ſtillenden Hunger etwas zu befriedigen. Die Pferde aber kennen die Stimme des Raubgeſellen des Waldes, und bei dem erſten Laute, den ſie vernehmen, fliehen die ſonſt ſo muthigen Thiere mit geſträubten Mähnen angſtvoll dahin über die Schneefläche, einen ſicheren Stall ſuchend, wo ſie Schutz finden vor den Zähnen des heißhungrigen Todfeindes, der kein Erbarmen kennt, ſondern ſtunden ang der Fährte des von ihm gehetzten Wildes folgt. Es war ein niedriges, unſcheinbares Gehöft, wie man es in Litthauen und Polen ſo oft findet, einſam im Walde gelegen, ein Krug— wie dort die Wirthshäuſer heißen,— beſtimmt den auf der Straße vorüberziehenden Reiſenden und Fuhrleuten Gelegenheit zur Raſt und zum Nachtquartier zu bieten, den Bewohnern der naheliegenden Ortſchaften aber an Sonn⸗ und Feiertagen als Ver⸗ ſammlungsort zu dienen, wo dann dem ſcharfen Branntwein und dem gewöhnlich nur für litthauiſche Magen genießbaren ſogenann⸗ ten Biere weidlich zugeſprochen wird, und wo dann auch die„ge⸗ ſelligen“ Vereine ſehr häufig mit erbittertem Fauſtkampfe und nicht eben ſelten auch mit Meſſerſtichen enden. Der Krug war ein ziemlich langes Gebäude, aus Feldſteinen aufgeführt, mit kleinen Fenſterlöchern verſehen, in der Mitte des Gebäudes war noch ein Stockwerk, ein Gemiſch von Stein und Holz, aufgeführt, in welchem ſich zwei kleine Fenſter befanden.— Das Ganze war von einem hohen Strohdache bedeckt.— Dieſes Gebäude diente zur Wohnung und zugleich theilweiſe auch zur Stallung. 5 An dieſes Gebäude ſchloſſen ſich ein paar halb verfallene Bau⸗ werke, die als Scheune und als Schuppen dienten und durch eine Mauer oder ſtellenweiſe durch derbe Planken eingeſchloſſen wurden, ſo daß es einen Hof bildete, zu welchem der Zugang durch ein ziemlich alterſchwaches Bretterthor geſtattet war. Dieſes Thor konnte einem herzhaften Stoße nicht widerſtehen. Dte Schlitten waren in den Hof gefahren. In dem erſten Schlitten ſaß eine dicht im Pelz gehüllte Dame mit einem jungen Manne; ein wohlbewaffneter Diener hatte auf dem Bocke Platz ge⸗ nommen. vor ſich mütze v tief ver E. ſo wen Anblic nur b weiter 6 den wird auch deute Jude zu erjagen defriedigen. 28 Waldes, ie ſonſt ſ in über die finden vor Erbarmen n gehetten man es in helegen, ein nt den auf Gelegenheit ohnern der en als Ver⸗ ntwein und n ſogenann⸗ uch die ‚ge⸗ fe und nicht Feldſteinen r Mitte des Stein und efanden.— — Dieſes ſe auch zut fallene Bau⸗ d durch eine eingeſchloſen der Zugang var. Dieſes dem erſten inem jungen de Platz ge⸗ 427 Die Dame war Eugenie und ihr Begleiter der junge Edmond Dantes. In dem zweiten Schlitten ſaß die Dienerin Eugenie's mit noch zwei gleichfalls wohl bewaffneten Männern. Der Krüger, ein ältlicher Mann, deſſen Geſicht ſofort den Juden verrieth, und deſſen rothbrauner Bart ſchon ſtark mit Grau gemiſcht war, trat unter die Thüre und nachdem ihm ein Blick auf die Reiſenden gezeigt hatte, daß er eine vornehme Geſellſchaft vor ſich hatte, nahm er dehmüthig ſeine arg mitgenommene Pelz⸗ mütze von dem halbkahlen Schädel und trat an den Schlitten der Dame, tief verneigend fragend: was der gnädigen Herrin Wunſch ſei. Eugenie verſtand die Sprache des jüdiſchen Wirthes natürlich ſo wenig, als er die Ihre verſtanden haben würde; aber ſchon der Anblick des Juden war geeignet, ſie mit Abneigung gegen das Haus zu füllen, an deſſen Thür ihr Schlitten hielt. Ihr Dolmetſcher, der auf dem zweiten Schlitten Platz gefunden, war ſchon herabgeſprungen und fragte den Juden, wie weit es noch bis zur nächſten Stadt ſei.“ „Acht bis neun Werſte,“ entgegnete der Krüger. „Da wäre keine Ausſicht, noch bei Tage hinzukommen?“ fragte der Dolmetſcher. „Ganz gewiß nicht, und es wäre auch möglich, daß die Pferde nicht weiter könnten.“ „Weshalb?“ „Es waren heute Fuhrleute hier, die klagten, daß die Straße ſo tief verweht ſei, daß ſie die dreifache Zeit gebraucht haben, um nur bis hierher zu gelangen. Einer iſt noch da, der es nicht wagte, weiter zu fahren.“ Der Jude wies bei dieſen Worten auf einen im Hofe ſtehen⸗ den bepackten Schlitten, und fuhr dann fort: „Und jetzt dürfte es noch ſchlechter ausſehen, denn der Wind wird ja immer ärger und da iſt gewiß in einer halben Stunde auch die letzte Spur der Straßen verweht.“ In der That war dem auch ſo, der Wind verſtärkte ſich be⸗ deutend und drohte immer mehr in Sturm auszuarten. Uebrigens wußten auch die Reiſenden bereits, daß der Jude hier nicht übertrieb, denn ſie hatten die Straße bis zu 428 dem Kruge ſchon ſo ſtark verweht gefunden, daß die Pferde bisweilen rechte Mühe gehabt, ſich durch den Schnee zu arbeiten und die Schlitten mit fort zu bewegen.„Es wird dabei dunkel,“ fuhr der Jude fort,„und die Herrſchaften finden da wohl kaum den Weg, der faſt immer durch den Wald geht und ein paar ſtarke Bogen macht, um die Sümpfe und einen Hügel zu umgehen.“ „Durch Wald?“ „Faſt immer, wie ich ſagte, gnädige Herrſchaft, denn die paar Feldflecke und der Sumpf thun nichts dazu.“ „Schlimm!“ „Um ſo ſchlimmer, als es dieſes Jahr ſo viele Wölfe giebt, die ſchon am Tage gefährlich, und des Nachts vollends des Teufels ſind, ſo daß man wachen möchte, damit ſie nicht gleich Dieben in das Haus brechen.“ Gleich, als ſollten des Krügers Worte ſofort Beſtätigung fin⸗ den, klang jetzt noch näher das Wolfsgeheul. „Peter,“ rief jetzt der Krüger dem bereitſtehenden Knechte zu, „ſo ſchließe doch das Thor, Du fauler Hund, ſonſt ſind die Wölfe wohl keck genug und dringen in das Haus ein!“ Der Knecht machte ſich brummend an das Werk und ſchloß das Thor. Unterdeſſen hatte der Dolmetſcher Eugenie mitgetheilt, was er von dem Juden erfahren und bemerkte, daß für heute demnach wohl an keine Weiterreiſe zu denken ſei, da die eigenen Erfahrungen das Gehörte nur zu ſehr beſtätigten, es ſei zu viel Gefahr vorhan⸗ den, einmal die verwehte Straße, dann die Möglichkeit in der Nacht von der Straße abzukommen, da ſie ſo viele Krümmungen mache und dann auf die vielleicht nur erſt ſchwache Eisdecke der tiefen Sümpfe zu gerathen, an welchen dieſe Gegend reicher ſei, als es überhaupt für Reiſende und Bewohner dienlich genannt werden könnte.— Und endlich warnte der Dolmetſcher auch vor den Wölfen. „Mir ſchaudert vor dieſem Hauſe,“ entgegnete Eugenie,„aber ich fürchte, da draußen iſt es zuletzt noch ſchrecklicher. Die Wölfe—“ „Ueberall klagt man, daß die Wölfe eben dieſen Winter ſo zahlreich ſind und in gewaltigen Rudeln umherſchweifen,“ antwor⸗ tete der Mann. Juden, deutlich ue „1 früheren weit bei Eu haben, die Wö was eb Uebeln Je beugend 8 1 Aaron Herrſcho als hie Wölfen. In deutlich „8 A Juden für ſie 2 Naum Herr dg geweſen Herrſche Es tsweiln und die cfüht der Weg, Vogen die paar fe giebt, Teufels ieben in pung fin nechte zu, die Wölfe und ſchloß , was er nnach wohl lahrungen vorhan⸗ t in der mmungen genannt auch vor ie,„aber Wölfe— Winter ſo antwol⸗ „Es iſt ſchauerlich!“ „Am Tage reiſt man an ſicherſten.“ „Aber iſt man in der Nacht auch hier ſicher?“ Eugenie deutete bei dieſer Frage auf das Haus und auf den Juden, und ſie begleitete dieſe Fingerſpitze mit einem Blicke, der deutlich genug ihren Verdacht ausſprach. Ueber des Dolmetſchers Geſicht zuckte ein flüchtiges Lächeln. „Mademoiſelle,“ ſagte er,„jetzt iſt es nicht mehr ſo, wie in früheren Zeiten. Jetzt iſt unter den Wölfen in Menſchengeſtalt weit beſſer aufgeräumt, als unter den Wölfen des Waldes!“ Eugenie zauderte noch unentſchloſſen. „Sie meinen alſo, Girard?“ fragte ſie. „Ich meine,“ entgegnete der Andere,„daß wir nur die Wahl haben, entweder hinaus in die ſtürmiſche Schneenacht und unter die Wölfe, was wahrhaftig nicht einladend iſt, oder hier zu bleiben, was eben auch nicht ſehr einladend erſcheint, allein unter zwei Uebeln immer noch das kleinſte iſt.“ Jetzt trat der Jude wieder an den Schlitten und ſich tief ver⸗ beugend ſagte er demüthig: „Wollen denn die Herrſchaften nicht in das Haus des armen Aaron treten? Das Haus iſt zwar arm und niedrig und ſolcher Herrſchaften nicht würdig, aber es iſt drinnen immer noch beſſer, als hier im Hofe im kalten Sturme, oder gar draußen unter den Wölfen.— Hört nur, wie ſie heulen!“ In der That trug der Wind abermals das Geheul der Wölfe deutlich herüber nach dem Hofe. „Die Beſtien mögen heute recht hungrig ſein,“ ſagte Girard. Auf einen Wink Eugenie's wandte er ſich dann zu dem Juden und fragte ihn, ob er auch ein genügendes Unterkommen für ſie habe.. „O,“ ſagte der Jude,„das Herrſchaftsſtübchen wird wohl Raum für die Herrſchaften haben; es hat ſchon mancher vornehme Herr dort geſchlafen und iſt mit dem alten Krüger ganz zufrieden geweſen. Ich werde ſogleich Feuer machen laſſen.— Steigen die Herrſchaften nur aus.“ Es war immer dunkler geworden und Eugenie, ſehend, daß 430 ihr nun doch keine Wahl mehr übrig blieb, mußte ſich entſchließen, auszuſteigen und das ihr widerwärtige Haus zu betreten. Sie wandte ſich zu Edmond. „Edmond,“ ſagte ſie,„es hilft denn doch nichts, wir müſſen vorlieb nehmen. Wir haben zwar ſchon manches ſchlechte Gaſthaus auf unſerer Reiſe getroffen, aber dieſes ſcheint doch das ſchlechteſte von den ſchlechten.“ Edmond ſchwang ſich raſch aus dem Schlitten, dann wandte er ſich zu Eugenie und ſagte: „Ich dächte, dieſes Gebäude wäre ein Palaſt zu nennen, gegen⸗ über der Ausſicht, vielleicht unter ein paar alten Fichten, umbrauſt vom Schneeſturm, umheult von Wölfen, die Nacht hindurch bi⸗ vouakiren zu müſſen. Betrachten wir das Schlechte als etwas Gutes, und es wird doch wenigſtens erträglich werden.“ Mit großer Galanterie half er Eugenie, den Schlitten zu verlaſſen und führte ſie dann in das Haus. 4 Der voranſchreitende Krüger öffnete eine Thür und lud mit geſchmeidigem Tone ſeine Gäſte zum Eintritt ein. Eugenie prallte im erſten Augenblicke zurück vor dem Dunſte, der ihr hier entgegenquoll und nur mit Widerſtreben betrat ſie den Raum, der den Namen einer Gaſtſtube führte. Der Anblick dieſes Raumes war weder ſehr einladend, noch Vertrauen erweckend. Die aus Feldſteinen gebauten Wände mochten einmal mit Kalk weiß angeſtrichen geweſen ſein, allein von dieſer Farbe zeigte ſich jetzt keine Spur mehr, nur ein ſchmutziges Grau überzog in verſchie⸗ denen Schattirungen Alles, die niedrige Decke war förmlich ſchwarz geräuchert, Ofenrauch, Tabaksqualm und Oelruß hatten das Ihrige gethan, dem Holzwerke dieſe Färbung zu verleihen. Ein großer, aus Ziegelſteinen gemauerter Ofen, nahm einen nicht unbedeutenden Theil des Raumes ein, und ſtrömte ſehr reich⸗ lich Wärme aus. Der Fußboden war zum Glück nicht mehr er⸗ kennbar bei dieſer matten Beleuchtung, doch fühlten die verwöhnten Füße der Franzöſin ſofort, daß dieſer Fußboden nicht nur höchſt uneben, ſondern auch nicht in reinlichem Zuſtande war. Die Möbelirung des Raumes hatte viel Urſprüngliches. Ein paar rohe Holztiſche und dergleichen Bänke, einige lahme Schemel und ein Hauplbeſta wo eine2 und ähnli Eine niedtige 2 eine Schä An d auf dem 5 ſache Licht kennen. Um in der St auch gar geſelſchaf Geſtalten ſchließen, an, währe Dieſ ches woh⸗ ſelben ge Genüſſe g Der übel den übric ſen Dünf ohne eine Auf Virths altert ſc nichts Ei offenbar wenn au werden zehnjähri lichen A Gäſte ne rathende cließen, tmüſſen Jaſthaus hlechteſte vandte , gegen⸗ umbrauſt durch bi⸗ 8 Gutes, litten zu lud mit Dunſte, etrat ſie lend, noch mal mit deigte ſich verſchie⸗ b ſchwarz las Ihrige aöm einen ehr reich⸗ mehr er⸗ rwöhnten ur höchſt Ein hes. Schemel 431 und ein paar Klotze, die als Sitze dienen mußten, bildeten den Hauptbeſtandtheil. In einer Ecke befand ſich der Schänkſtand, wo eine Anzahl Flaſchen und Krüge, ſowie Gläſer, Thontöpfchen und ähnliche Trinkgeſchirre aufgeſtellt waren. Eine Säule in der Mitte des geräumigen Zimmers ſtützte die niedrige Decke und deutete zugleich an, daß dieſer Raum nicht nur eine Schänkſtube, ſondern zugleich einen Tanzſaal vorſtellen ſollte. An dieſer Säule brannte ein Kienſpan, ein zweiter am Ofen, auf dem Tiſche aber eine übelriechende Oellampe, und dieſes drei⸗ fache Licht ließ die Geſellſchaft in der Stube ziemlich deutlich er⸗ kennen. Um jenen Tiſch ſaßen fünf Männer, die Pelzmützen trotz der in der Stube herrſchenden Hitze auf dem Kopfe und ſie fanden es auch gar nicht nöthig, bei dem Eintritte der vornehmen Reiſe⸗ geſellſchaft die Mützen vom Kopfe zu entfernen. Es waren derbe Geſtalten mit ziemlich rohen Geſichtern; ihrer Kleidung nach zu ſchließen, gehörten ein paar von Ihnen dem Stande der Fuhrleute an, während die Andern gewöhnliche Landbewohner zu ſein ſchienen. Dieſe Männer qualmten aus kurzen Pfeifen ein Kraut, wel⸗ ches wohl den ſtolzen Namen„Tabak“ führen mochte, aber den⸗ ſelben gewiß nicht verdiente und aber auch nur zu der Klaſſe der Genüſſe gehörte, wie ſie nur ein polniſcher Gaumen vertragen kann. Der übelduftende Qualm dieſes ſogenanten Tabaks miſchte ſich mit den übrigen Düften, die in dem Raume herrſchten, und unter die⸗ ſen Dünſten ſpielte die, welche der ſcharfe Wotki, den die Kerls ohne eine Miene zu verziehen, tranken, eine große Rolle. Außer dieſen Gäſten befand ſich noch die Familie des jüdiſchen Wirths in dem Raume, beſtehend aus der Frau, die bedeutend ge⸗ altert ſchien, und in ihrer ganzen äußeren Erſcheinung durchaus nichts Einladendes hatte, aus einer Tochter, die nach ihrer Kleidung offenbar große Vorliebe für grellbunte Farben beſaß, und die, wenn auch nicht eben häßlich, ſo doch auch nicht hübſch genann⸗ werden konnte, und endlich aus einem Sohne, einem etwa fünf⸗ zehnjährigen, rothhaarigen Burſchen, mit tückiſchem Blicke und wider⸗ lichem Aeußeren, der am Ofen hockte und die eintretenden neuen Gäſte neugierig anglotzte, ohne aber ſeine die größte Trägheit ver⸗ rathende Stellung auch nur im Geringſten zu ändern. 432 Eine ältliche Magd von plumpen Formen und in zerriſſener ſchmutziger Kleidung gehörte noch mit zu dem Hausſtande. Eugenie blieb bei der Thüre ſtehen und ſchien ſich nicht ent⸗ ſchließen zu können, ſich in dieſe Atmoſphäre zu wagen, denn die⸗ ſelbe drohte ſie zu erſticken. Auch Girard und Edmond theilten ganz daſſelbe Gefühl und begriffen auch vollkommen, daß ihre Gefährtin von dieſem Allem noch viel empfindlicher berührt werden mußte, als ſie ſelbſt. Des⸗ halb wandte ſich auch Girard ſofort an den Krüger, ihn fragend: ob er keinen andern Wohnungsraum habe, in dem ſie bleiben könnten, denn hier wäre es für ſie denn doch nicht zum Aushalten, und da ſie doch einmal die Nacht in dieſem Hauſe zubringen müß⸗ ten, ſo würden ſie es vorziehen, in einem Bodenraume oder ſonſt wo zu verweilen, bis der Tag anbreche, nur nicht hier. Der Krü⸗ ger lächelte gar demüthig. Dann ſagte er: daß er ſehr gut wiſſe, daß die gnädigen Herrſchaften hier nicht bleiben würden und er habe auch ſchon von dem Herrſchaftsſtübchen geſprochen; man möge ſich nur gedulden, bis daß alle geheizt wären, dann würde man ſchon zufrieden ſein. Eugenie zog es aber vor, dieſes Heizen nicht erſt abzuwarten, ſondern lieber ſogleich auf das verheißene Zimmer führen zu laſſen. Sie ſtellte dieſes Verlangen, warf dann noch einen forſchenden Blick auf die Geſellſchaft in der Gaſtſtube und folgte dann mit ihren Begleitern und ihrer Zofe dem voranleuchtenden Wirthe. Es ging eine leiterartige Holztreppe in die Höhe, welche Eugenie ſchon mit böſer Ahnung erfüllte und ſie zu der Aeußerung veranlaßte: „Mir ſcheint es eben nicht, als ob dieſes Ding wirklich eine Treppe wäre, und eine Himmelsleiter genannt werden dürfte!“ „Nur Muth!“ entgegnete Edmond heiteren Tones,„der Weg zum Himmel ſoll ja auch rauh ſein.“ „Sie gelangten auf einen Gang im oberen Stockwerke und der Krüger öffnete die Thür zu der Herrſchaftsſtube, wie er dieſes Gemach nannte, und das wohl für die gewöhnlichen Beſucher des Kruges ſo einen Anſtrich von Nobleſſe haben konnte, aber das die Anſprüche anderer Reiſenden, und am wenigſten die einer verwöhn⸗ ten Franzöſin nicht im Geringſten zu befriedigen vermochte. 8 Die gleicfals ſit, in heiligen! ſie in da ligen den ſtimmt, ſonderes Zwe wieder ei es waren Fenſtern Dre mit Stro richt ebe Ein ſtattung erten Oj und an Feuer ar Das noch zwe als die aufzuwei Der weiteren mehr, d Eugenie ſie wirkl herriſſener nicht ent, denn die⸗ efühl und em Allem ſt. 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Zwei kleine Fenſter durchbrachen die Wand und hier zeigte ſich wieder ein für eine litthauiſche Waldſchänke ganz beſonderer Luxus: es waren ein paar Stücke bunten Zeuges als Vorhänge an dieſen Fenſtern angebracht. Drei Bettſtellen waren in dem Zimmer aufgeſtellt, doch nur mit Strohſäcken und Decken verſehen, die bei näherer Betrachtung nicht eben beſonders reinlich ſich erwieſen. Ein Tiſch, ein paar Bänke und Schemel vollendeten die Aus⸗ ſtattung der Herrſchaftsſtube, die übrigens noch mit einem gemau⸗ erten Ofen ausgeſtattet war, der bereits eine leidliche Wärme zeigte, und an dem jetzt die Magd eifrig beſchäftigt war, ein lebhaftes Feuer anzufachen. Das Zimmer hatte noch einen Bretterverſchlag, hinter welchem noch zwei Bettſtellen ſtanden, die etwas mehr Bequemlichkeit boten, als die im Zimmer ſtehenden, da ſie ein paar alte, lederne Polſter aufzuweiſen hatten. Der immer höfliche und dehmüthige Wirth fragte nach den weiteren Bedürfniſſen der Reiſenden, doch hatten dieſelben keine mehr, da die Vorräthe zur Abendmahlzeit im Schlitten mitgeführt waren, und ſo ging der Krüger wieder zu ſeinen anderen Gäſten. Kaum war er fort und hatte ſich auch die Magd entfernt, als Eugenie ſich an Girard mit der Frage wendete: ob er glaube, daß ſie wirklich hier ganz ſicher wären? „Wenigſtens ſicherer als im Freien,“ entgegnete Girard, „Wenn uns Gefahr droht, iſt es von Seiten des Juden allein.“ „Wie das?“ fragte Eugenie haſtig.„Haben Sie etwas be⸗ merkt?“ „Ach ja,“ antwortete Girard lachend.„Ich habe bemerkt, daß der Jude ein Jude iſt und da ſind wir allerdings ſehr in Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 28 434 Gefahr, eine gewaltige Rechnung zu bekommen, die wohl auch einem Hotel in Moskau oder Warſchau zur Ehre gereichen würde.“ „Ach, wenn es weiter nichts wäre, das wäre das Wenigſte!“ ſagte Eugenie.„Mir aber kommen die Leute unten ſehr verdäch⸗ tig vor; ich glaube bemerkt zu haben, daß ſie uns mit ſehr un⸗ heimlichen Blicken beobachteten, und daß ſie ſich auf ſehr verdäch⸗ tige Weiſe verſtohlen zuwinkten.“ Girard lächelte bei dieſer Eröffnung Eugenie's, und er ſchien die Beſorgniß, welche ſich in dieſen Worten ausſprach, für ſehr wenig begründet zu halten. Doch Edmond kam Eugenie zu Hilfe, indem er ſagte, daß auch ihm die Leute unten höchſt verdächtig vorgekom⸗ men wären und er mindeſtens Vorſicht für nicht unangebracht halte. Obgleich Girard, ein ſehr nüchterner Mann, der ſeit langer Zeit in Rußland gelebt und daſſelbe durchreiſt hatte, demnach ge⸗ nügend Kenntniß des Landes beſaß, keineswegs die großen Beſorg⸗ niſſe Eugenie's theilte, ſo ſtimmte er doch dahin bei, daß für alle Fälle geſorgt und auch jede Vorſicht angewendet werden müſſe, damit, wenn die Beſorgniſſe Eugenie's und Edmond's auf irgend eine Art begründet wären, man gerüſtet daſtände, jeden Angriff zurückzu⸗ weiſen. In Folge deſſen wurden auf Edmond's Anordnung alle noch in den Schlitten befindlichen Gewehre heraufgeſchafft und zwar da⸗ mit Niemand etwas von dieſer Maßregel bemerke, unter den Decken verborgen, welche zur Herſtellung der Lager ſich nöthig machten. Girard meinte dabei, es werde ſich dieſe Vorſicht hoffentlich als unnöthig erweiſen, aber es ſei zuletzt doch beſſer, Alles bei der Hand zu haben, was man, wenn auch nicht wahrſcheinlicher Weiſe, ſo doch möglicher Weiſe brauchen könnte. Nach der Verabredung ſollten Eugenie und ihr Kammermädchen in dem Verſchlage ſchlafen, Girard, Edmond und der Diener Ed⸗ mond's aber in den Betten in dem Zimmer; für den einen Kutſcher ward ein Lager auf dem Fußboden bereitet. Der andere Kutſcher hatte ſeine Schlafſtelle in einer Seitenkammer angewieſen erhalten. Auf dieſe Weiſe blieben die Reiſenden mit ihrer Dienerſchaft zuſammen. Wohlthuende Wärme durchzog bald das Zimmer und die Rei⸗ ſenden fühlten ſich in kurzer Zeit ſo behaglich, daß ſie den Mangel alles un Haus un daß ſie Schauer Vo⸗ bereitet, das Abe den Reſt Eug ſunken dachte au nicht ohn worden Grafen? ſie des( Vor ſodann n hatten ſie buſen beſ da ſie in Freund theilweiſ und ſie laſſen. So in Abuß vollen N uch einem de.“ Lenigſte e t verdäch⸗ ſehr un⸗ t verdäch⸗ ſchien die ehr wenig lfe, indem vorgekom⸗ racht halte. ſit langer emnach ge⸗ en Beſorg⸗ alle Fille ſe, damit, d eine Att 7 zurückzu⸗ g alle noch zwar da⸗ den Decken machten. hoffentlich lles bei der ſicher Weiſe nermädchen Diener Ed⸗ len Kutſcher re Kutſcher n erhalten. ienerſchoft nd die Ne⸗ den Mangel 43⁵ alles und jedes Luxus nicht mehr fühlten. Der Sturm, der das Haus umbrauſte, ließ es den Reiſenden noch angenehmer erſcheinen, daß ſie durch derbe Wände, gelagert um einen warmen Ofen, dem Schauer eines nächtlichen Schneeſturmes nicht mehr ausgeſetzt waren. Von den mitgeführten Vorräthen ward eine Abendmahlzeit bereitet, das heiße Waſſer zum Thee lieferte der Wirth, und als das Abendbrod beendet war, ſo dachte man auf Unterhaltung für den Reſt des Abends. Eugenie war einſilbig geworden, zuletzt, in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken und nahm nicht mehr Theil an der Unterhaltung. Sie dachte an ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und war nicht ohne Sorgen, denn ihre Pläne waren noch immer durchkreuzt worden und ſie befand ſich jetzt förmlich auf der Flucht vor dem Grafen Monte⸗Chriſto, während ſie Edmond glauben machte, daß ſie des Grafen Spur mit Eifer verfolgten. Vor dem Grafen war ſie von Benares nach Delhi geflohen, ſodann nach Hydrabad und dann nach Curacheh gegangen. Hier hatten ſie ein Schiff getroffen, welches nach dem perſiſchen Meer buſen beſtimmt war, und Eugenie entſchloß ſich, Perſien aufzuſuchen, da ſie in Teheran bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft einen genauen Freund zu finden hoffen durfte. Ueberdies zog ſie Perſien, welches theilweiſe auch ein Wunderland genannt werden kann, mächtig an, und ſie wollte ſich die Gelegenheit, daſſelbe zu ſehen, nicht entgehen laſſen. So landete ſie in Edmond's Begleitung mit ihrem Gefolge in Abuſchär, beſuchte das berühmte Schiras mit ſeinen wunder⸗ vollen Roſengärten und den paradieſiſchen Thälern, durchwanderte die Ruinen von Perſepolis, der einſt ſo glänzenden Hauptſtadt des mächtigen Perſerreichs, wo einſt Cyrus reſidirte, ein Halbgott, der ſeine Hand kühn nach der Herrſchaft über die Erde ausſtreckte und Alles ſeinem Willen zu unterwerfen ſuchte, wo der ſtolze Xerxes und die Darius das Scepter führten, und nach Erlebung mancher⸗ lei Abenteuer gelangte ſie nach Teheran, wo ſie ihren Bekannten glücklich auffand und durch denſelben am Hofe des Schachs ein⸗ geführt, der zwar glanzvoll genug, aber auch orientaliſch verweichelt ſich erwies. Eugenie und Edmond nahmen Theil an mehreren glänzenden 28* 436 Feſten und an einigen Jagdzügen des Hofes, und es vergingen Monagte im flüchtigen Rauſche. Edmond galt in Teheran als Eugenie's Gatte, obgleich derſelbe in Betracht ſeines Alters weit eher der Sohn derſelben hätte ſein können. Aber Eugenie war Meiſterin in den Künſten der Toilette, und wußte ſich ein jugend⸗ liches Aeußere zu geben, welches die jetzige Umgebung vollſtändig täuſchte. Aber eben durch die Glieder der franzöſiſchen Geſandſchaft ward Eugenie's jetziger Aufenthalt bekannt und ſie erhielt plötzlich die Nachricht, daß Monte⸗Chriſto ſich auf dem Wege nach Teheran befinde. Ungeſtümer als je drängte Eugenie Edmond, ſich mit ihr kirch⸗ lich trauen zu laſſen, allein Edmond fand den Ort nicht paſ⸗ ſend dazu. „Laß uns nur erſt den Vater finden!“ ſagte er. „Ich habe wieder eine Spur von ihm,“ entgegnete Eugenie. „Sie leitet nach dem Kaukaſus.“ „Scheint es doch, als ob er vor mir fliehe,“ klagte Edmond. „Er iſt raſtlos, wie ſonſt, und ahnt nicht, wie wir ihn ſuchen,“ tröſtete Eugenie.„Laß uns ſeiner Spur folgen; einmal finden wir ihn doch!“ Und Edmond folgte ihr, nicht ahnend, daß er es war, der vor dem Suchen des Vaters floh, denn mit größter Sorgfalt hatte Eugenie es ihm ſtets zu verheimlichen gewußt, wenn ſie Nachrichten erhielt, Monte⸗Chriſto befinde ſich in der Nähe, oder derſelbe habe ihren Aufenthaltsort entdeckt und ſei der Spur gefolgt. Sie wußte ja, daß, ſowie Edmond etwas davon erfuhr, ſein Vater befinde ſich in der Nähe, Nichts ihn mehr bewegen werde, ihr zu folgen, ſon⸗ dern er vielmehr des Vaters Ankunft erwarten werde. So bot ſie denn beſtändig alle mögliche Liſt auf, des Vaters Nachforſchungen reſultatlos zu machen, und den Sohn zu bewegen, ihr zu folgen, denn feſt war ſie ja entſchloſſen, nicht eher dem Va⸗ ter den Sohn zuzuführen, bis daß ſie es als Edmond's Gattin thun konnte. Aber, wie ſchon geſagt, Edmond hatte dieſem Schritte inſofern Widerſtand entgegen geſetzt, als er erſt den Vater finden wollte. So war denn auch die von Eugenie beabſichtigte Trauung in Teheran jiche. wo ſied in deſſe Kämpfe Da und hier nahm, ſi zu diene angekom Eugenie pfangend „M Die nach Un ſchlage f W „W Eugenie Edr „D „T ſich nei ſerem G Finden ſtets vo E En ſeits an Sitzend vergingen heran alz Uters weit genie war in jugend⸗ volſtändig eſandſchaft elt plötzlich h Teheran i ihr kic⸗ nicht paſ⸗ te Eugerie. te Edmond. ihn ſuchen,“ lfinden wir s war, der prgfalt hatte Nachrichten lrſelbe habe Sie wußte befinde ſich folgen, ſon⸗ des Laters lu bewegen, er dem Va⸗ attin thun itee inſofern en wollte. pfangend. Trauung in 437 Teheran unterblieben, und ſie war abgereiſt, mit Edmond das kas⸗ piſche Meer überſchiffend und ſo nach dem Kaukaſus gelangend, wo ſie der Zufall mit einem Tſcherkeſſenfürſten bekannt werden ließ, in deſſen Aul ſie denn einige Wochen zubrachte und Zeugin einiger Kämpfe mit den Ruſſen war. Das herrliche Tiflis ward denn Aufenthaltsort der Franzöſin und hier lernte ſie den ſprachgewandten Girard kennen, der es unter⸗ nahm, ſie nach Moskau zu begleiten und ihr daſelbſt als Dolmetſcher zu dienen, bis ſie in der alten Hauptſtadt des ruſſiſchen Reiches angekommen, wo Girard förmlich ihrem Gefolge ſich anſchloß, Eugenie als Herrin anerkennend und von ihr Beſoldung em⸗ „Monte⸗Chriſto kommt!“ Dieſe Nachricht vertrieb Eugenie aus Moskau und ſie gedachte nach Ungarn zu gehen, wenn nicht Edmond vorher ihrem Vor⸗ ſchlage folgend, ihr ſeine Hand gereicht haben würde. „Was ſinnſt Du ſo trübe?“ fragte Edmond. „Böſe Ahnungen bemächtigen ſich meiner,“ antwortete Eugenie. „Wie ſo?“ fragte Edmond wieder. „Ich fürchte, wir reiſen zuletzt— vergeblich!“ entgegnete Eugenie halblaut.. Edmond erſchrak. „Vergeblich?“ fragte er dann. „Mir iſt es ſo,“ ſagte Eugenie, und dann zu Edmond'’s Ohr ſich neigend fuhr ſie fort:„Es iſt, als ob ein böſer Geiſt über un⸗ ſerem Geſchicke walte, der, weil Du unſere Verbindung von dem Finden Deines Vaters abhängig machen willſt, uns dieſes Glück ſtets vorzuenthalten ſtrebt.“ Edmond ſchaute Eugenie ſtutzend an. Eugenie aber winkte ihm zu, erhob ſich und trat mit ihm ab⸗ ſeits an ein Fenſter, ſo daß die am Tiſche in der Nähe des Ofens Sitzenden— Girard und die Zofe— von dem, was ſie ſagte, nichts hören konnten. Vor dem Fenſter brauſte der Wind immer heftiger und trieb den Schnee gegen die kleinen Scheiben. „Wilde Nacht!“ ſprach Eugenie, und fuhr dann gedämpften Tones fort:„iſt es doch, als wolle uns dieſe empörte Natur mit 438 Schneewällen umgeben, auf daß wir ja nicht an unſer Ziel kommen. Wie Alles, hat auch ſie ſich gegen uns verſchworen und doch glaube ich, wir könnten dieſe Hinderniſſe leichter überwinden, wenn ein Schritt gethan wäre.“ „Welcher Schritt, Eugenie?“ „Haſt Du vergeſſen, was ich vorhin ſagte?— Ich glaube, ſowie der entſcheidende Schritt gethan würde, ſo wäre der Wider⸗ ſtand der uns feindlichen Mächte gebrochen und wir erreichten ſchnell das Ziel: das Finden Deines Vaters.“ „Glaubſt Du das?“ „Ganz gewiß!“ „Von dieſer Seite betrachtet, könnte ich wohl in meinem Vor⸗ ſatze, unſere Verbindung erſt in Gegenwart meines wiedergefun⸗ denen Vaters zu vollziehen, wankend gemacht werden und—“ „Nun und?“ „Und einwilligen.“ Eugenie neigte ſich zu dem jungen Manne hinüber und drückte einen Kuß auf ſeinen Mund, eine Vertraulichkeit, welche zwiſchen ihnen häufig vorfiel. „Mein Edmond,“ ſagte ſie,„dieſer Dein Entſchluß könnte Dich und mich glücklich machen. Uebrigens biſt Du mir auch ſonſt es ſchuldig, daß endlich in dieſes Verhältniß Klarheit gebracht wird. Schon in Teheran galten wir für Gatten und nicht meine Schuld war es, daß wir es nicht wurden.“ „Ich weiß es.“ „Wären wir es damals ſchon geworden, was wir erſt werden ſollen, ſo würden wir vielleicht nicht nöthig gehabt haben, alſo in der Irre herum zu ziehen.“ Immer wärmer werdend führte Eugenie dieſe Idee weiter aus und hielt feſt an ihrem angeblichen Glauben an ihnen feindlichen Schickſalsmächten, die nur dadurch entwaffnet werden könnten, daß das, was dieſe Mächte hindern wollten, ſchnell ausgeführt werde. Edmond neigte ſich zuletzt auch immer mehr dieſer Anſicht zu, Eugenie's Worte klangen ihm überzeugend und endlich ſagte er: „Sei es!— Wenn ein Prieſter da wäre, könnte die Trauung heute noch vor ſich gehen.“ Eugenie ergriff in freudiger Ueberraſchung Edmond's Hand. ſcheint es mein Gl Sie wieder ei ſie morg ſich der Die treiben! die Verꝛ Umfang daß ihr Allen liͦ Un und als ſchon a S In ſich dem dieſen ſ Eu dutſcher einige welche uuh x inem Vor⸗ edergefun⸗ ind drückte he zwiſchen önnte Dich h ſonſt es aacht wird. nne Schuld iſt werden n, alſo in weiter aus feindlichen nten, daß werde. Anſicht zu, agte er: Trauung Hand. „Heute?“ fragte ſie,„heute ſagſt Du?“ „Ja,“ entgegnete Edmond ernſt. „Dein feſter Wille?“ „Entſchieden feſt!— Ich ſprach es aus.“ Eugenie's Augen blitzten bei dieſen Worten Edmond's freudig ſie drückte ſeine Hand. „Bleibſt Du bei dieſer Entſcheidung?“ fragte ſie dann. „Unbedingt!“ „Nun denn!— Wir treffen wohl morgen einen Prieſter, der uns den Dienſt erweiſt und dadurch das Schickſal entwaffnet.“ „Ich bin bereit!“ Friſcher aufathmend ſprach da Eugenie. „Dieſes Haus kam mir erſt ſo ſchauerlich vor, und doch er⸗ ſcheint es mir in dieſem Augenblicke als der Palaſt, in welchem mein Glück geſchaffen wurde.“ Sie küßte Edmond wieder und nahm ihren Platz am Tiſche wieder ein, wo ſie ein Geſpräch über die Richtung begann, welche ſie morgen einſchlagen wollten und über die Schwierigkeiten, welche ſich der Fortſetzung ihrer Reiſe bieten könnten. Dieſe Schwierigkeiten mußten ſich bei dem fortdauernden Schnee⸗ treiben bis zum Morgen allerdings noch bedeutender geſtalten, da die Verwehungen auf der Straße mit jeder Stunde einen größeren Umfang annehmen mußten, und ſo konnte es leicht kommen, daß ihr Aufenthalt in dieſem Wirthshauſe länger dauerte, als ihnen Allen lieb war. Unter dieſen Geſprächen verging eine Stunde, dann eine zweite,, und als Eugenie endlich nach der Uhr ſah, fand ſie deren Zeiger ſchon auf Neun ſtehen. Sie erhob ſich, um nun das Lager zu ſuchen. In dieſem Augenblicke trat der eine Kutſcher ein und näherte ſich dem Herrn Girard, mit welchem er einige Worte ſprach, welche dieſen ſichtlich betroffen machten. Eugenie fragte nach der Urſache und erfuhr nun, daß der Kutſcher wieder in der Gaſtſtube geweſen und gefunden, daß noch einige ſehr verdächtig ausſehende Männer daſelbſt angekommen, welche mit den angeblichen Fuhrleuten ſehr vertraut ſchienen und auch Waffen bei ſich führten, wie er wohl bemerkt habe; es 440 wären nun außer dem Wirthe und ſeinem Sohne acht Männer unten. Dieſe Nachricht war wohl geeignet, die Reiſenden bedenklich zu machen, und Edmond ſchaute ſich unwillkürlich nach den Waffen um, die in einer finſteren Ecke an der Wand lehnten. „O, meine Ahnung!“ ſeufzte Eugenie. Girard aber hatte ſich ſchnell wieder gefaßt und wie früher, lächelte er auch jetzt unbeſorgt und ſuchte Eugenie zu beruhigen, indem er meinte: das Hinzukommen von noch mehr Leuten ſei in einem Wirthshauſe etwas ganz Gewöhnliches, und wenn dieſe Leute Waffen bei ſich führten, ſo ſei es gleichfalls erklärlich, denn ohne Waffen werde ſich wohl Niemand ſo leicht in einen von den Wöl⸗ fen unſicher gemachten Bezirk wagen und allein auch Niemand. Ferner meinte Girard: dieſe Leute würden vielleicht Wanderer ſein, die gleich ihnen froh wären, daß ſie aus dem Schneetreiben heraus unter ein ſicheres Dach gekommen, und daß dieſelben ihnen gewiß nichts Uebles zufügen, ſondern ſchon zufrieden ſein würden, wenn man ihnen nichts Uebles zufüge. Es gelang ihm aber nicht ſo ganz, die neuerwachte Beſorgniß der Franzöſin wieder einzuwiegen, ſie verlangte vielmehr, daß Alles wachen ſolle und wollte wiſſen, was zu thun ſei, wenn wirklich ein Angriff erfolge. „Wir vertheidigen uns dann!“ entgegnete Girard leiſe lächelnd. Auf Verlangen Eugenie's erhielt nun auch der zweite Kutſcher Befehl, mit in dem Zimmer zu bleiben. Auf Girard's Zureden begab ſich endlich Eugenie zur Ruhe, begleitet von ihrer Zofe.. Die Männer aber machten Anſtalt, dieſem Beiſpiele zu folgen, vor⸗ her aber nahmen Edmond und Girard die vorhandenen Waffen noch⸗ mals in Augenſchein, zu ſehen, ob auch wirklich Alles in Ordnung ſei. Es waren drei doppelläufige Flinten vorhanden und eine ein⸗ läufige, außerdem einige Piſtolen, drei Hirſchfänger und zwei Aexte. Alſo reichte die Bewaffnung für die Männer aus. Nachdem dieſes geſchehen und beſtimmt war, daß Einer ab⸗ wechſelnd mit dem Andern wachen ſollte, warfen ſich die Männer auf ihre Lagerſtellen, mit Ausnahme Girard's, der die erſte Wache übernommen hatte. — — Sou et doch in unbeſorgt lih weger wenn er eine ſchlaf nöthig, d Wirth ber und er de urückweis möglicher ſich damit Er ſ Außen be lauſchte! Er ſchien Al nung, du Er konnte al Geſellſch ſammelt er nur nen. E haupt et Gi müſſen, Etwas vermeid Al ſchloß d Einen a keinen t Männer bedenklich den Waffen vie früher, beruhigen, aten ſei in dieſe Leute denn ohne den Wöl⸗ emand. Vanderer aneetteiben Aben ihnen in würden, Beſorgniß „daß Alles wirklich ein ſe lächelnd. tte Kutſcher zur Ruhe, folgen, vor⸗ Laffen noch⸗ ednung ſei. d eine ein⸗ zwei Aexte Einer ab⸗ ie Männer erſte Wache 441 So unbeſorgt ſich auch Girard anfangs gezeigt hatte, ſo war er doch im Geheimen nichts weniger als dieſes, und wenn er ſich unbeſorgt gezeigt, ſo geſchah es mehr wegen den Anderen, nament⸗ lich wegen Eugenie, um dieſe nicht zu beunruhigen, denn er meinte: wenn er in ihre Beſorgniſſe einſtimme, ſo werde er ihr doch nur eine ſchlafloſe Nacht bereiten, und das ſei denn doch gar nicht nöthig, da er ſich vielleicht täuſchen könne, oder daß, wenn der Wirth bemerkt haben ſollte, wie gut ſie mit Waffen verſehen ſeien, und er doch böſe Abſichten gehegt, werde er von dieſen Abſichten zurückweichen, und ſtatt einen Raubanfall auf ſie zu wagen, der möglicher Weiſe recht ſehr zu ſeinem Nachtheile ausfallen konnte, ſich damit begnügen, den Reiſenden eine hohe Rechnung zu machen. Er ſetzte das Licht an den Ofen, damit es nicht ſo ſehr von Außen bemerkt werden könnte, öffnete dann leiſe die Thüre und lauſchte hinaus. Er ſah und hörte nichts. Es war vollſtändig finſter und unten ſchien Alles ſtill. Girard ſchlich ſich im Finſtern bis an die Oeff⸗ nung, durch welche die Treppe hinab ging und lauſchte wieder. Er vernahm Stimmen, die aus der Wirthsſtube hervorkamen, konnte aber nichts verſtehen. Nur ſo viel war gewiß, daß dort die Geſellſchaft noch in ziemlich lebhafter Unterhaltung begriffen, ver⸗ ſammelt ſein müſſe, und ſehr erwünſcht wäre es ihm geweſen, wenn er nur einen kleinen Theil dieſer Unterhaltung hätte verſtehen kön⸗ nen. Es hätte ihm dieſes doch Gewißheit geben können, ob über⸗ haupt etwas zu fürchten war, oder nicht. Girard wagte ſich nicht weiter, denn er hätte ſonſt fürchten müſſen, daß er im Finſtern die Treppe hinabſtürze, oder ſonſt über Etwas falle und Lärm verurſache. Aber dieſen wollte er unbedingt vermeiden. Alſo ſchlich ſich Girard wieder in das Zimmer zurück und ſchloß die Thüre durch einen Riegel, der ſich an derſelben vorfand. Einen anderen Verſchluß gab es nicht, denn das Thürſchloß hatte keinen Schlüſſel. Die Reiſegefährten waren, ermüdet von den Anſtrengungen und Aufregungen des Tages bereits Alle in tiefen Schlaf geſunken, er war der Einzige, der noch wachte. Aber eben die Sorgloſigkeit, mit welcher Jene ſchliefen, ſteigerte 442 die eigene Unruhe bei Girard. Er fragte ſich, was denn geſchehen ſolle, wenn Gefahr wirklich hereinbreche und die ſorgloſen Schläfer überraſche? Ehe ſich dieſe aus den Armen des Schlafes reißen konnten, waren ſie wohl ſchon übermannt und verloren. Girard mußte ſich eben ſagen, daß ein ſolcher plötzlicher Ueber⸗ fall ſehr leicht möglich ſei, denn die Thüre und deren Verſchluß befanden ſich in einem Zuſtande, der es ſehr unwahrſcheinlich er⸗ ſcheinen ließ, dieſelbe könnte den Anſtrengungen eines kräftigen Mannes auch nur einige Minuten widerſtehen. In Folge davon fand ſich Girard veranlaßt, doppelt aufmerk⸗ ſamer zu wachen, damit ihm auch die leiſeſte verdächtige Bewegung in oder um dem Hauſe nicht entgehe. Lauſchend lehnte Girard an dem Fenſter undſchaute durch die ſich mit Eis bekleidenden Scheiben hinaus, ſo gut es eben gehen wollte. Er ſuchte dabei eine der kleinen Scheiben vom Eiſe frei zu halten. Draußen tobte der zum Sturme ausgeartete Wind fort, er heulte um das Haus und ſchien es bisweilen recht tüchtig zu packen, wie das gelegentliche Knarren, Kniſtern und Stöhnen in dem Holz⸗ werke des Daches zeigte. Der Mond ſtand zwar am Himmel, aber dichte Wolken deckten ihn und nur dann und wann zeigte eine lich⸗ ter werdende Partie der Wolken die Stelle an, welche der Beglei⸗ ter der Erde ſoeben am Himmelsgewölbe einnahm, und noch ſel⸗ tener war es, daß der Mond für einige Minuten ſiegreich die Wolkenmaſſen durchbrach und ein mehr oder minder helles Licht über die Gebäude des Waldwirthshauſes und deſſen Hof warf, auf welchen die Fenſter der„Herrſchaftsſtube“ hinaus gingen. Wohl eine halbe Stunde hatte Girard ſo geſtanden und hinaus⸗ gelauſcht mit der Aufmerkſamkeit einer Schildwache, die es weiß, daß von ihrer Wachſamkeit das Schickſal von wohl Tauſenden ab⸗ hänge; aber es blieb Alles ruhig und Girard ſagte ſich wieder und wieder, daß ſeine Sorge zuletzt doch ganz unnütz ſei, denn es werde ihnen eben nichts geſchehen. Allein, wie er es auch verſuchte, auf ſolche Weiſe ſeine Sorge zu beruhigen, es wollte ihm doch nicht gelingen, es ward ihm viel⸗ mehr immer unheimlicher. Endlich entſchloß er ſich, das Zimmer nochmals zu verlaſſen und zu und viel Er ſott wier gehört. Es näherten ewas he ſchende des Hauj Gire damit ker auf die auch wirk Imr Thüre. Gire auſcht je nur, um Ein der Thü abermals Alſe gelauſcht Ka thüre in ten und Ei einer La ſchwande fünf Mi tragen die aus konnte ſi ngeſchehen en Sclläfer afes reißen icher Ueber⸗ Verſchluß heinlich er⸗ 8 bäſtigen lt aufmerk⸗ Bewegung durch die eben gehen n Eſe frei d fort, er gzu packen, dem Holz⸗ mmel, aber te eine lich⸗ der Beglei⸗ d noch ſel⸗ jegreich die elles Licht f warf, auf n. und hinaus⸗ le es weiß, uſenden ab⸗ wieder und i es werde ſeine Sorge td ihm viel⸗ u verlaſſen 443 und zu lauſchen, ob es unten im Wirthszimmer ruhig geworden und vielleicht daraus zu ſchließen ſei, daß Alles im Hauſe ſchläfe. Er wandte ſich und machte ein paar Schritte, blieb aber ſo⸗ ſoort wieder ſtehen, denn er hatte vor der Thüre ein leiſes Geräuſch gehört. Es klang wie leiſe, ſchleichende Schritte, die ſich der Thüre näherten. Girard lauſchte und hatte ſich nicht getäuſcht, es kam etwas heran geſchlichen, aber ſo leiſe und vorſichtig, daß der Lau⸗ ſchende alle Aufmerkſamkeit ſammeln mußte, um bei dem außerhalb des Hauſes herrſchenden Getöſe die Schritte zu unterſcheiden. Girard blieb wie angewurzelt ſtehen, er hielt den Athem an, damit kein Ton ihm entgehe, aber ſeine Augen hefteten ſich zugleich auf die in der Nähe liegende Waffe, ſich zu überzeugen, daß ſie auch wirklich da ſei und er ſie im Nothfalle ſogleich ergreifen könnte. Immer näher kam das leiſe Schleichen— jetzt war es an der Thüre.— Es hielt hier an. Girard hielt den Athem feſter an.— Er dachte es ſich: es lauſcht jetzt Jemand an der Thüre des Gemachs, ohne Zweifel nur, um ſich zu überzeugen, ob die Reiſenden auch alle ſchliefen. Ein paar Minuten dauerte dieſe Stille.— Dann entſtand vor der Thüre wieder ein leiſes Geräuſch, die Schritte machten ſich abermals vernehmbar, aber jetzt deutlicher.— Sie entfernten ſich. Alſo war es doch ein Kundſchafter geweſen, der an der Thüre gelauſcht, und das war verdächtig. Kaum hatte der Lauſcher ſich entfernt, als unten die Haus⸗ thüre knarrte, was Girard veranlaßte, wieder an's Fenſter zu tre⸗ ten und hinauszublicken. Ein Lichtſchimmer erhellte den Hof.— Ein paar Männer mit einer Laterne kamen zum Vorſchein, überſchritten den Hof und ver⸗ ſchwanden dann in einem Seitenſchuppen.— Aber ſie blieben kaum fünf Minuten dort, dann kehrten ſie zurück, ſie ſchienen etwas zu tragen und wie es dem⸗Lauſcher vorkam, waren es mehr Männer, die aus dem Schuppen traten, als hineingegangen waren.— Er konnte ſich täuſchen, aber es war doch auffallend. Die Thüre knarrte wieder, das Licht verſchwand vom Hofe, dann vernahm er Stimmen und Tritte von unten herauf, dann ein ſchwaches Klirren, wie von ſich berührendem Metalle. 44⁴4 Waren das Waffen?— Jedenfalls that jetzt Vorſicht und Wachſamkeit mehr Noth. Girard fühlte ſein Herz banger klopfen; er wollte nicht allein wach ſein, und ſo trat er zu Edmond und rüttelte ihn leiſe. Edmond fuhr aus dem Schlafe auf und fragte noch halb ſchlaf⸗ trunken: ob die Zeit, wo die Reihe der Wache an ihn komme, ſchon da ſei. „Still, ſtill!“ flüſterte Girard ihm zu. Leiſe theilte Girard nun dem jungen Manne ſeine Wahrnehm⸗ ungen und ſeine Beſorgniß mit und ſagte ihm: daß er es für nöthig halte, daß zwei einige Zeit in Gemeinſchaft wachten, damit ſie gerüſtet ſeien, auf alle Fälle den ſie möglicher Weiſe Angreifen⸗ den entgegenzutreten. Edmond war betroffen, beſonders da dieſe Worte aus dem Munde des Mannes kamen, welcher ſich erſt ſo ſorglos und dabei bemüht gezeigt, die Sorge der Anderen zu verſcheuchen.— Jetzt wurde Edmond's Sorge verdoppelt, er erhob ſich taſch und griff nach ſeinem Gewehr, er wollte auch Eugenie ſofort wecken und von der Gefahr unterrichten, unterließ es aber auf Girard's Abmahnung. „Es iſt Zeit genug dazu, wenn die Gefahr wirklich naht,“ ſagte er.„Sollte unſere Sorge unbegründet ſein, wozu dann erſt die Ruhe ſtören?“ Neben einander ſitzend, die Waffen neben ſich, harrten nun die beiden Männer auf das Weitere. Sie hielten ſich ſchweigend, aber lauſchten um ſo aufmerkſamer. So verging wieder eine halbe Stunde; nichts ließ ſich ver⸗ nehmen, als die Athemzüge der Schläfer und draußen das Heulen des Windes. Jetzt ließen ſich wieder Tritte hören, ſie kamen leiſe die Treppe herauf und es ſchienen mehrere Männer zu ſein, die aber ſehr vor⸗ ſichtig auftraten. Dieſes Geräuſch näherte ſich der Thüre. „Sie kommen!“ flüſterte Girard Edmond zu.„Nun Achtung, junger Freund, und keinen Laut!“ Noch ein paar Augenblicke dauerte es, dann ſtand Jemand vor der Thüre und der Drücker derſelben bewegte ſich leiſe und vorſichtig einige Mal auf und ab, zum Zeichen, daß Jemand die Thüre zu öffnen verſuchte. Ved Der ſein, daß ein paar Männer, Edm Jett „Sie „Ab Stimme. „Au Es Gira verſtand: Zum Beid Stäm nun für, durchfror drinnen Girard M 9 7 „ 7 6 1 A 3 3 diicht und nicht allein leiſe. jalb ſchlaf⸗ in konme, Wahrnehm⸗ er es für ten, damit Angreifen⸗ 2 aus dem und dabei n.— Jett und griff n und von lbmahnung. klich naht,“ dann erſt arrten nun ſchweigend, ſich ver⸗ das Heulen die Treppe er ſehr vor⸗ re. n Adtung, d Jemand leiſe und denu die 445 Weder Edmond noch Girard ließen einen Laut vernehmen. Der an an der Thüre Stehende ſchien es inne geworden zu ſein, daß der Eingang nicht ſo leicht auszuführen wäre. Man hörte ein paar Stimmen flüſtern. Demnach waren es zwei oder drei Männer, die auf dem Gange ſtanden. Edmond und Girard hielten ſich immer noch ſtill. Jetzt klang eine lautere Stimme: „Sie ſchlafen Alle,“ ſagte ſie. „Aber die Thüre iſt verſchloſſen,“ entgegnete eine andere Stimme. „Auch gut!— Poche!“ Es pochte an der Thüre, erſt leiſe, dann ſtärker. Girard gab Edmond einen Wink zu ſchweigen und Edmond verſtand und ſchwieg. Zum zweiten Male pochte es. Beide Wachenden verhielten ſich ruhig. Stärker noch ſetzte ſich das Pochen fort und Girard fand es für gut, ein Lebenszeichen zu geben. „Wer da?“ rief er. „Macht auf!“ entgegnete es. Girard erkannte die Stimme des Juden. „Was wollt Ihr?“ fragte er. „Macht auf, Herrſchaften!“ antwortete des Juden Stimme. „Warum?“ „Es iſt noch ein reiſender Herr eingetroffen, und da er ganz durchfroren iſt, ſo möchten die Herrſchaften geſtatten, daß er ſich drinnen wärmt und dann beim Ofen ſchläft.“ „Daraus kann nichts werden!“ „Was— nichts?— Warum nicht?“ „Weil wir Niemanden in der Nacht einlaſſen!“ antwortete Girard mit ſehr entſchiedenem Tone. „Wie, Niemanden?“ „Ganz gewiß, Niemanden!“ „Auch mich nicht, den Krüger?“ „Auch Dich nicht, Jude!“ „Bin ich nicht der Herr?“ „Jetzt ſind wir die Herren dieſer Stube.— Und nun höre 446 nochmals, es wird vor Tagesanbruch Niemand eingelaſſen!— Mit dieſem Beſcheide geh' Deiner Wege und ſtöre unſern Schlaf nicht weiter.“ Dieſer Befehl mochte aber dem Juden nicht zuſagend ſein, denn derſelbe führte einen heftigen Schlag gegen die Thüre und rief: „Macht auf!“— Ich will herein!— Ich bin in meinem Hauſe!“ „Und wir ſind in unſerem Zimmer!“ klang die Antwort zurück. Der Jude ließ ſich mit dieſer Antwort noch nicht abweiſen, er zankte und forderte immer ungeſtümer Eintritt, ſich auf ſein Hausrecht berufend, fand aber ſtets ſich gleich bleibende entſchloſſene Abweiſung. In Folge des immer heftiger werdenden Streites waren die beiden Kutſcher und der Diener erwacht, hatten ſich nach und nach ermuntert und ſtanden jetzt bereit, die Waffen zu ergreifen. Auch Eugenie und ihre Zofe ſchreckten jetzt auf und während die Zofe einen Schreckensſchrei ausſtieß, ſprang Eugenie von dem Lager, verließ den Verſchlag und verlangte zu wiſſen, was ſich hier begebe. Edmond entgegnete ihr, daß der jüdiſche Wirth auf ungeſtüme Weiſe Einlaß begehre und man ihm dies verweigere; er bat ſie dann, ſich wieder in den Verſchlag zu begeben und abzuwarten, wohin dieſer Zank noch führen werde.— Er drängte bei dieſen Worten ſie und ihre Zofe in den Verſchlag zurück. Unterdeſſen ging der Streit fort, und der Jude ſehend, daß er auf dieſe Weiſe denn doch nicht zum Ziele kam, ſchrie nun plötz⸗ lich mit wilder Stimme: „Ich will und muß hinein!“ „Wir müſſen hinein!“ Ein plötzliches Toben erhob ſich vor der Thüre, es ſchrie, fluchte mit wilden Stimmen durcheinander und dabei klang es von den Fußtritten vieler Menſchen, die ſich da oben anſammelten. Es polterte und ſtampfte. Dann ein gewaltiger Schlag gegen die Thüre, daß dieſelbe zitterte und ſtöhnte, der Schlag aber durch das ganze Haus dröhnte. Darauf vernahmen die Vertheidiger ein Geräuſch, als ob ein Brecheiſ den. Si 65 daß die gewiß. 33 Der die ihm: ſch auf Da zugehen treffich; und ihren der Weiſt ſchlagen Gebrauch Edm über auf liegen, un wehr abge Ihre auf Dieſe Anderen Alle Ein theidigune demſelben am nächſ Ebe ſelle geſch nen war. Noch Ein Thüte un der Angr Zug „Er n.— Nt Brecheiſen in die Fuge zwiſchen Thüre und Thürſtock geſtoßen wür⸗ claf niht den. Die Thüre bewegte ſich und ächzte wieder. Es war klar, die Angreifer ſuchten die Thüre zu ſprengen, und gend ſein, daß die Thüre nur einige Minuten widerſtehen konnte, war auch eund nf: gewiß. „Zu den Waffen!“ riefen Girard und Edmond gleichzeitig. Der Ruf war eigentlich unnöthig, denn ſchon hatte ein Jeder ner gri die ihm zugewieſenen Waffen zur Hand genommen, ſie vertheilten ort zuric. ſich auf ihren Poſten. abweiſe, Da die beiden Kutſcher nicht ſo gut mit Schießgewehren um⸗ auf ſein ugehen wußten, ſo waren ſie mit den Aexten bewaffnet, die ſie niſchloſſene trefflich zu führen verſtanden; ſie erhielten Jeder noch eine Piſtole unnd ihren Poſten auf den beiden Seiten der Thüre angewieſen mit varen die 4 e Weiſung, Jeden, der eindringen wollte, mit der Axt niederzu⸗ in meinem und nach ſchlagen und von den Schießwaffen nur im äußerſten Nothfalle en. Gebrauch zu machen. d während 5 Edmond, Girard und der Diener ſtellten ſich der Thüre gegen⸗ uyn den über auf und Erſterer hatte das vierte Schießgewehr neben ſich vas ſih 1” texen um es ſogleich ergreifen zu können, wenn er das erſte Ge⸗ wehr abgeſchoſſen hatte. ungeſtime Ihre Aufgabe war, daß, ſowie die Thüre erbrochen würde, er bat ſie uf Dieſelben Feuer gegeben würde, doch ſollte nur Einer nach dem Anderen ſchießen, damit Zeit zum Laden ſei. Alles war blitzſchnell vor ſich gegangen. Ein ſchneller Entſchluß leitete Girard auf eine weitere Ver⸗ theidigungsmaßregel. Er winkte dem einen Kutſcher und ergriff mit demſelben in Gemeinſchaft eine der ſchweren Bettſtellen, die gerade am nächſten ſtand und ſchob ſie quer vor die Thüre. Eben ſo ſchnell wurde der Tiſch umgeſtürzt und an die Bett⸗ ſtelle geſchoben, ſo daß für die Vertheidiger eine Bruſtwehr gewon⸗ bzuwarten, bei dieſen hend, daß nun plötz⸗ ſiie,] nen war. 3 von Noch ein Schlag und die Thüre ſprang auf. 1 ne 65 Ein Gewehrlauf ſtreckte ſeine Mündung durch die Spalte der relten. Thüre und ein Schuß krachte unmittelbar darauf, die böſe Abſicht e nieelbe— der Angreifer bekundend.— Dampf füllte das Gemach. aß diſſe Zugleich erhob ſich eine Stimme, welche rief: 1dyhis„Ergebt Euch, oder Ihr müßt Alle ſterben!“ 1l 448 „Zurück,“ ſchrie Girard dagegen,„zurück, der Erſte, welchet int es wagt einzudringen, iſt des Todes!“ ſen Seine Stimme ſchien aber im Getöſe vor der Thüre zu ver⸗ 3 it z0 hallen; die Thüre flog auf und der Schein von Laternen zeigte ſich, ſprten, bei welchem die Räuber ihren Angriff fortſetzten. 5 „Zurück!“ ſchrie Girard warnend zum zweiten Male. Dieſe Warnung blieb ohne Wirkung; ein paar Kerle von wilden Ausſehen drängten ſich in die Thüre und ſchwangen Waffen in den Händen, dabei ein drohendes Geſchrei ausſtoßend. „Zum letzten Male: Zurück!“ ſchrie Girard ſie an. Er wollte es bis zum letzten Augenblicke vermeiden, Gewalt⸗ maßregeln zu ergreifen, um wo möglich in Güte die Feinde zur Einſtellung ihres Angriffs zu vermögen. Aber dieſe gute Abſicht zeigte ſich erfolglos, denn ein Piſtolen⸗ ſchuß war die Antwort, aber zum Glücke ſchlecht gezielt, denn die Kugel fuhr zwiſchen Girard und Edmond hindurch und ſchlug hin⸗ ter ihnen in die Wand. Im nächſten Augenblicke aber blitzte es auch ſchon von Girard's Gewehr auf, der Schuß donnerte und der eine Räuber ſtürzte . laut aufheulend zur Erde. . Ehe ſich noch Jemand von den Angreifern beſinnen konnte, . hatte auch Edmond ſchon geſchoſſen und einen zweiten Räuber d J— 1 getroffen. Das Zimmer war von Pulverdampf gefüllt. Auf dem Gange vor der Thüre tönte Aechzen, Fluchen, wildes Geſchrei und Wuthgeheul durch einander; es polterte, als ob eine ganze Legion böſer Geiſter dort losgelaſſen wäre. An die Thüre wagte ſich für jetzt keiner der Angreifer mehr, um nicht ſofort von den Vertheidigern niedergeſtreckt zu werden; „ auch hatten ſie ja ſchon geſehen, daß die Barrikade das raſche Ein⸗ dringen hindern mußte. Aber von der Seite her knallten mehrere Piſtolenſchüſſe und 1 1 die Kugeln flogen durch die Thüre in das Gemach, in deſſen Wände ſich einbohrend. Edmond und Girard, hinter der dicken Platte des Tiſches ge⸗ deckt, benutzten die Zeit, um ihre Gewehre wieder zu laden. Da ſie keinen Feind ſahen, nur den Pulverdampf, welcher den d der h: der Dün zu ver⸗ aternen deigte ſi 9, n Male. Kerle vun vildem ugen Wafen in end. 1 ie an. meiden, Gewalt⸗ e die Feinde zur enn ein Piſtolen⸗ gezielt, denn die Räuber ſtürze beſinnen konnte, zweiten Räuber Fluchen, wildes rte, als ob eine Angreiſer mehr, rect zu werden das raſche Ein⸗ ſcolenſchüſſe und in deſſee Wänd? des Tiches ge zu laden. welcher den myf, welch p 449 Raum vor der ſelbſt drang, Zeit; Thüre in das Zimmer Donner begleitet, von wollten ſie ihr Pulver der HinRoon 2 hingegen mult eher 2u⸗ S, aber Pulverrauch ſi zu wollen, Weg öffnen den denn do und der ſchon erlittene Verluſt erbitterten hörte man eine Stimme Tagesanbruch halten, noch viele Stunden und n die Räuber noch grei⸗ 29 450 ihr zu, in ihrem Verſchlage zu bleiben, damit ſie nicht durch die im Zimmer umherfliegenden Kugeln verletzt würde. Eben knallten wieder ein paar Schüſſe, flogen Kugeln durch das Gemach und Eugenie floh erſchrocken aufſchreiend in ihren Ver⸗ ſchlag zurück. Jetzt aber klangen wieder heftige Schläge. Dieſe wurden gegen die Bettſtelle geführt und dieſelbe bewegte ſich. Es war ſo⸗ mit kein Zweifel: die Räuber ſuchten die Bettſtelle zu zerſtören und hinweg zu ſtoßen, um auf ſolche Weiſe Eingang in das Zimmer zu gewinnen. Das Krachen der Schläge und Stöße ſchallte durch das ganze Haus. Durch das fortwährende Schießen in's Zimmer hinein, war der Dampf in demſelben immer dichter geworden, und um demſelben Abzug zu verſchaffen, ſprang Edmond an eines der Fen⸗ ſter und ſchlug die Scheiben ein. Er benutzte dieſen Umſtand, einen Blick in das Freie zu wer⸗ fen und ſah unten im Hofe den Schimmer einer Laterne, ſah aber zugleich auch, daß an die Wand ein langer Gegenſtand, dem An⸗ ſcheine nach eine Leiter, gelegt wurde, offenbar nur zum Zwecke, auf derſelben an das Fenſter zu gelangen und durch daſſelbe die Vertheidiger im Rücken anzugreifen. Er beugte ſich etwas weiter vor, ſchaute ſo hinaus und erkannte unten beim Scheine der Laterne einige Männer, die unten ſtanden. Zufällig war die Leiter oben an dem Fenſter angelehnt, welches Edmond eingeſchlagen, er konnte dieſelbe mit ſeiner Hand erreichen. Von dem Klirren des Fenſters mochten die Leute unten bei dem herrſchenden Getöſe ſo wenig gehört haben, wie Edmond von Dem etwas verſtehen konnte, was unten geſprochen wurde. Aber indem er jetzt die Hand an die Leiter legte, fühlte er an der Erſchütter⸗ ung, daß ſoeben Jemand an derſelben in die Höhe ſtieg. Raſch beſonnen packte da Edmond die Leiter und gab ihr ſolch einen gewaltigen Stoß, daß ſie umſchlug. Edmond vernahm einen wilden Aufſchrei, dann Fluchen und ein wirres Durcheinander der Stimmen.— Das Umſtürzen der Leiter mochte den Leuten wohl ſehr unerwartet kommen; doch waren ſie vielleicht auch noch im Zweifel, ob dieſer Umſturz aus Zufall, oder aus einer anderen Urſache geſchah. Edm Kutſcher, Verſuchs Dant Hier nichts geſe an, die ſi Artſchläge Der ell Kräften an, dem Geweh der Thüre Jest h zertrümmert es.— Mal doch waren Dieſes konnte da da die Zerſ die Belager nicht ſelbſt nichts thun, dic genug Thüre zu v Wie lq dieſes Hin ſchutzlos de peinliche L Wiede und der ei nit Rieſen Tiſch geſte bis nahe d Scho platte.— Noch auf die K durh die in 1 ugeln durch n ihten Ver⸗ ieſe wurden Es var ſo⸗ erſtören und das Zimner ih das ganze fmer hinein, n, und um nes der Fen⸗ Freie zu wer⸗ ne, ſah aber d, dem An⸗ zum Zwecke, daſſelbe die etwas weiter der Laterne nt, welches nd erreichen. ten bei dem d von Dem Aber indem ſ Erſchütte⸗ . ab ihr ſolch 451 Edmond wich ſchnell vom Fenſter zurück und winkte einem der Kutſcher, damit er ſich dort aufſtelle und jede Wiederholung eines Verſuchs zum Einſteigen mittelſt ſeiner guten Axt verhindere. Dann wandte ſich Edmond wieder der Thüre zu. Hier dauerte der Tumult fort, wenn gleich von den Angreifern nichts geſehen werden konnte. Die Räuber ſtrengten alle Kräfte an, die ſie hindernde ſchwache Barrikade hinwegzuräumen, ihre Axtſchläge arbeiteten heftig und zugleich ſchoben ſie aus Kräften. Der eine Kutſcher und der Bediente ſtrengten ſich hinwieder nach Kräften an, dieſes Zurückſchieben zu hindern, während Girard mit dem Gewehre im Anſchlage wachte, daß Niemand ſich ungeſtraft an der Thüre blicken ließ. Jetzt knackte und krachte es: die eine Seite der Bettſtelle war zertrümmert.— Auf's Neue dröhnten Axthiebe, ſtieß und drängte es.— Man beſtrebte ſich, die Barrikade vollends zu zerſtören und doch waren die Arbeitenden nicht zu ſehen. Dieſes war für die Angegriffenen das Schlimmſte, denn man konnte da nichts thun, die Zerſtörung der Barrikade zu hindern, da die Zerſtörer durch dieſe Barrikade ſelbſt gedeckt waren, während die Belagerten ihre Deckung nicht aufgeben durften, wollten ſie ſich nicht ſelbſt ſofort den Schüſſen der Feinde ausſetzen. Sie konnten nichts thun, als verhindern, daß der umgeſtürzte Tiſch, deſſen Platte dick genug war, um Kugeln abzuhalten und groß genug, um die Thüre zu verſperren, nicht zurückgeſchoben werden konnte. Wie lange aber konnte es noch dauern, ſo war wohl auch dieſes Hinderniß zertrümmert und die Angegriffenen ſtanden dann ſchutzlos den Angriffen der Räuber preisgegeben.— Es war eine peinliche Lage. Wieder krachte und ſplitterte es. Ein kräftiger Stoß erfolgte und der eine Theil der Bettſtelle war vollſtändig beſeitigt. Aber mit Rieſenkraft hatten ſich der Kutſcher und der Diener gegen den Tiſch geſtemmt, und als die Bettſtelle wich, ſchob ſich die Platte luchen und ſtürzen der doch waren aus Zufal, bis nahe der Wand vor. Schon trafen da auch Axthiebe und wuchtige Stöße die Tiſch⸗ platte.— Noch eine Minute, dann legten ſich plötzlich zwei Gewehrläufe auf die Kante der Tiſchplatte, im nächſten Augenblicke hoben ſich 29* 452 zwei Köpfe, zwei Blitze zuckten durch ugenblicklich waren die beiden Köpfe auch A dampf wirbelte auf.— A wieder eric wunden. werr 9 4 dnd e ſis ch am Wenn noch ein paar Hinderniß an der Gir dann erkannte dieſes Nun gilt es männlich wollen wir doch wenigſtens ſuchen, als n neuer, e es Fenſter war von ſt ahnden err err heidiger. or Der Dij —‿ Di Puſter rathlos. Edn. nond aber behi auf Fenſter zuzuſprit r, und ſah einen 1 halkende Zim on aber mo 10 G der in das ſtan it dem Gewehrkolben, un ſol lche S n eingeſtoßen, die Zimmer hinein. das Zimmer, es krachte, Pulver⸗ Edr . daß 9 mond und Girard, Beide en, zu zielen und ab⸗ hinter ihnen klirrte dumpfer F da ſahen wand, der am Fenſter den fen von einem der nur noch ſchwache Barrikade. olgten, ſo war auch das letzte und rief ſeinen Gefährten zu: zu ſtehen. Können wir nicht ſiegen, ſo ſo viele dieſer Schurken mitzunehmen afel ſplitterte. eten dieſen Stoß. htbar!— Ein zweites cheiben, der ganze Fen⸗ Schüſſe ihnen 5 LC. S ⁸₰½ fiel ein Piſtolenſchuß durch das Fenſter f im Rücken bracht Verwirrung unter g zurück und wandte ſich gegen das utſcher ſprangen auf und wandten ſchienen für den Augenblick ganz 9 es, um ſogleich buih, gefallen t In lichen Geiſte id Edmon id neben ihm und verſetzte ihm einen ſo daß der Kerl rückwärts 1 5 1 1 — —— die Leiter hinabſtürzte und im Fallen die Leiter, an die er ſich wohl naufla ammern verſuicht hatte, mit umriß. ick waren nun wohl die Belagerten im Rücken den unerwarteten Angriff eingetretene war von den Räubern ſofort benutzt wor⸗ tte zur Seite geſchleudert und ſchon ſtan⸗ Kerls, die durch die Thüre geſprungen, ägen mit h hHochgeſchwungenen n Waffen, ein lautes ſchoß ieners brüllend und her „Wir ſind verloren!“. ht! noch nicht!“ entgegnete Edmond. ſein Gewehr unter den Haufen der Eindrin genden, weg und riß ſeinen langen, ſcharfen Hirſchfänger aus in der Fauſt ſich Räubern entgegenwarf. e ſtand der Kutſcher, ſein ſcharfes Beil hoch in und es dann niederſchmettern laſſend auf die rie es jetzt jammernd. ſie mit Todesangſt erfüllt, ag aberr mals verlaſſen, bei den Männern Schutz ieſelben ſch im erbitterten Zimmer, als ſie es betrat; derſelbe . er bei deren Kleinheit nur müh⸗ icht, daß Eugenie im erſten Mo⸗ vermoch als einige unbeſtimmte, ſich in dem weißlichen Qualme hin und immer, der trübe gedämpft von dem und von einer Laterne, welche die Räuber mit in das Zimmer gebracht, ausging. Sollte ſie vordringen oder zurückweichen? Eugenie wußte es nicht. 454 „Edmond! Edmond!“ rief ſie. „Helft, Ihr Heiligen!“ fiel eine zweite weibliche Stimme ein. Es war die Zofe, welche ihrer Herrin gefolgt und ſich voller Angſt an ſie klammerte, einmal, um bei ihr Schutz zu ſuchen, und dann, um dieſelbe womöglich zu ſchützen, oder doch ſie in den Ver⸗ ſchlag zurückzuziehen, wo noch kein Feind eingedrungen und doch vielleicht noch ein Verſteck zu finden war. „O Rettung, Rettung!— Edmond!“ ſchrie Eugenie wieder. Es blitzte wieder durch den Dampf, Schüſſe knallten donner⸗ ähnlich durch den engen Raum, Kugeln pfiffen durch den Dampf und dieſer war durch die wiederholten Schüſſe nur noch mehr ver⸗ dickt, er ſchien förmlich undurchdringlich werden zu wollen. „Ed—“ ſchrie Eugenie. Sie konnte nicht enden, eine Kugel war ihr durch die Bruſt gedrungen, einen entſetzlichen Schrei ausſtoßend, brach ſie zuſammen, und ſank in die Arme der Dienerin, und riß dieſe, die voll Ent⸗ ſetzen laut aufheulte, mit ſich zur Erde nieder. In dieſem Augenblicke, wo Eugenie den tödtlichen Schuß em⸗ pfing, hatte Edmond ſie erſt bemerkt; daß dieſes nicht eher geſchah, hatte die Kampfwuth bisher gehindert. „Eugenie, zurück!“ ſchrie er ihr zu. Aber da traf auch ſchon ihr Todesſchrei ſein Ohr und füllte ihn mit Entſetzen. „Eugenie!“ ſchrie er auf. Sein Auge ſuchte ſie, konnte ſie aber ſchon nicht mehr entdecken, der dichte Pulverdampf umhüllte Alles. Noch einen wüthenden Stoß führte er gegen den Räuber, mit dem er eben im Kampfe begriffen war und ſein mit Fechtergewandt⸗ heit geführtes Eiſen traf wohl, der wilde Kerl ſtürzte zuſammen. Kaum dieſes nächſten Feindes ledig, ſprang Edmond auf die Stelle zu, wo er Eugenie's Geſtalt im Qualme geſehen, von woher er ihren Ruf gehört. Aber er ſah nichts mehr. Brüllen und Schreien, Fluchen und Rufen, Heulen, Stöhnen und Röcheln miſchte ſich mit dem Stampfen der Kämpfenden, mit dem Klirren und Raſſeln der auf einander treffenden Waffen. Grauſiger Tumult!— Es war, als ſei die ganze Hölle in dem — — — — Druck und Verlag von Fr. Tittel in Dresden. Der Ueberfall engen Kaun u rüthend „Edmo Laß uns d Auch! uar bis zu durch aber geinden die Der 7 die Wand den Arm 3 So ſte Gegnern g. drungen. Kein Gegner, d ſchwere V men ſich i ihnen hatt vor ſich z Die Schuß in letzten Au laden hätt So k Aber zuckte plö höher! In barer Ge durch die Flamme „Fe Ein erſicken, iich hang Du 45⁵⁵ engen Raume losgelaſſen, in welchem mehr als ein Dutzend Männer in wüthendem Kampfe begriffen waren. „Edmond, her zu mir!“ rief jetzt Girard.„Rücken an Rücken! Laß' uns das Leben theuer verkaufen!“ Auch der rieſige Kutſcher, der unermüdlich ſeine Axt ſchwang, war bis zu Girard zurückgezogen; er blutete bereits, ließ ſich da⸗ durch aber nicht abhalten, ſeine letzten Kräfte anzuſtrengen und den Feinden die Kraft ſeines Armes fühlen zu laſſen. Der Diener Edmond's aber war bereits ſchwer verwundet an die Wand geflüchtet und dort niedergeſunken, unfähig, noch ferner den Arm zur Fortſetzung des Kampfes zu erheben. So ſtanden denn drei Männer allein, neun bis zehn wüthenden Gegnern gegenüber, denn ſo viele waren nun in das Gemach ge⸗ drungen. Kein Schuß fiel jetzt mehr; die Räuber in ihrer Wuth, die Gegner, die ihnen ſo hartnäckigen Widerſtand geboten und ihnen ſo ſchwere Verluſte beigebracht, möglichſt ſchnell niederzuſchlagen, nah⸗ men ſich nicht mehr Zeit, ihre Gewehre zu laden und Mancher von ihnen hatte durch das Hineinknallen in das Zimmer, ohne ein Ziel vor ſich zu haben, ſein Pulver wohl auch ſchon verſchoſſen. Die Angegriffenen hingegen hatten zwar noch Jeder einen Schuß in der einen Piſtole, aber ſie wollten denſelben bis zum letzten Augenblicke der höchſten Bedrängniß verſparen. Zum Neu⸗ laden hätten ſie ohnehin keine Zeit mehr gefunden. So kämpften ſie denn, ein Mann gegen drei Mann, rüſtig fort. Aber was war denn das?— In einer Ecke des Gemaches zuckte plötzlich eine lange, feurige Zunge auf und ſchlug höher und höher! In Folge des vielen Schießens war ein Haufen leicht brenn⸗ barer Gegenſtände, der dort gelegen, in Brand gerathen, und der durch die offenen Fenſter und Thüre gehende heftige Zug hatte die Flamme angefacht. „Feuer! Feuer!“ klang es. Einige der Räuber ſtürzten ſich ſofort auf die Flamme, ſie zu Feerſſticken, weil noch Zeit war, der Krüger, um deſſen Eigenthum es ſich handelte, ihnen voran.— Durch dieſen Vorfall bekamen die Reiſenden etwas mehr Luft, denn faſt die Hälfte der Raubgenoſſen dachte in dieſem Augenblicke, herbeigerufen durch die Klagerufe des Juden nur daran, den Brand zu erſticken. Aber die andere durch die offenen Beuſte⸗ dr hinaus in die Nacht, dort miſchend, welcher durch die F Die Lage der Angegriffen Kräfte begannen ſchon zu er wildeſter Erbitterung immer auf die Opfer eindrangen. Da feuerte Edmond ſeinen letzten Schuß ab, um ſich noch etwas Luft zu machen. Wohl hatte er gut getroffen, ſein Gegner ſtürzte zuſammen, Haber dafür ſtürmten ein paar Andere auf ihn ein. Immer höher ſtieg die Noth—— den wüthenden Kampf fort, und 8 Brüllen, Klirren und Toben h mit dem Brouſen des Sturmes li chneeflocken trieb. wurde immer verzweifelter, ihre en, während die Angreifer mit e Plötzlich krachte es unten im diſeee als ob Etwas zuſammen⸗ ſchlag, Roſſegewieh r, Stimmen! bräche.— Dann Huff „Hurrah!“ ſcholl es. Dann knatterten e Schüſſe in raſche Aus dem Hofe herauf klang es wieder. „Koſaken!“ Wieder Schüſſe, Geſchrei, Fluchen Dazwiſchen das Getöne von Geſchirrgl den Tumult durchdrang. Im erſten Momente ſchienen d Herrſchaftsſtübchen von dieſem Getöſe gar 5 ſehr waren dieſelben von Kampfwuth durchglüht. Da ſtürzte der Knecht des Juden durch die Thüre des Zimmers und ſchrie: „Verrath!— Koſaken!“ Bei dieſem Rufe war es, als Donner gerührt würden.—(. Fanni ruhte. erruth pe ild durcheinander. welches hell di Alles wandte ſich Zu ſpät, denn ſchon kli was 4 5⁵7 „Hurrah!“ klang es vor der Thüre. Einige Koſaken, mit Piſtolen und blanken Säbeln in der Fauſt erſchienen an der Thüre und ſchoſſen den Erſten, der durch dieſelbe zu flüchten verſuchte, ohne Weiteres nieder, die Uebrigen aber trieben ſie mit Säbelhieben zurück. „Ergebt Euch!“ befahl der Anführer der Koſaken. Geheul war die Antwort. „Wir ſind verrathen!“ ſchrie der Jude in Verzweiflung.„Brecht durch!“ Er ſtürzte ſich wie wüthend auf die Koſaken und die Andern folgten ihm, ſuchend, ſich Bahn zu brechen. Umſonſt. Säbelhiebe trieben ſie zurück. Blutend und heulend flüchteten ſich die Geſellen nach den Fenſtern zu und ſuchten noch⸗ mals Widerſtand zu leiſten. Während dem hatten ſich Edmond und Girard nebſt dem Kutſcher, friſchen Athem ſchöpfend, gegen die Thüre des Verſchlages zurückgezogen, und hier fand Edmond zu ſeinem Entſetzen Eugenie in ihrem Blute liegend. Einen Schreckensruf ausſtoßend, kniete er neben der Verwun⸗ deten nieder und ergriff ihre erkaltende Hand. „Eugenie!“ ſchrie er. Bei dieſem Rufe ſchien Leben in Eugenie's Bruſt zurückzu⸗ kehren, ſie richtete ſich auf in den Armen der noch neben ihr knieen⸗ den Zofe. „Edmond!— Edmond!“ rief ſie mit letzter Kraft in ſchmerz⸗ lichſtem Tone. Bei dieſem Rufe drang aus der Gruppe der Koſaken plötzlich ein Mann vor und trat auf Eugenie zu. „Wer ruft mich?“ fragte er. Der Ton dieſer Stimme ſchien eine Zauberkraft auf Eugenie auszuüben; ſie richtete ſich noch höher auf, und ſtarrte mit weit geöffneten Augen auf den Mann vor ſich. „Monte Chriſto!“ ſchrie ſie dann entſetzt auf. „Eugenie Danglars!“ rief der erkannte Graf. Es war wirklich Graf Monte Chriſto, der ſo unerwartet mit Gefolge in dem einſamen Waldwirthshauſe erſchienen war und zwar Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 30 4⁵⁸8 gerade zur rechten Zeit, um die Bedrängten aus höchſter Gefahr zu retten. Voll Staunen ſchaute Edmond auf den Mann, der Eugenie kannte und von ihr gekannt wurde: er wußte nicht, wer derſelbe war, ahnte es auch nicht. Hinter dem Grafen erſchien jetzt Valentin, und kaum hatte der⸗ ſelbe einen Blick auf die Gruppe geworfen, als er auf ihn zuſtürzte und ſich zu ihm niederbeugend, ihn umarmte, dabei jubelnd ausrief: „Edmond Dantes! O, endlich haben wir Dich gefunden, Edmond!“ „Wie?“ rief der Graf auffahrend,„wer iſt das?“ Da richtete ſich Valentin auf, zog Edmond mit ſich in die Höhe und rief: „Beglückter Vater, hier iſt Dein Sohn, den Du ſo lange ſuch⸗ teſt!— Edmond, hier iſt Dein Vater!“ Und Vater und Sohn lagen ſich in den Armen und feierten das Feſt des Wiederſehens. Unterdeſſen hatten die Koſaken auch den Letzten der Räuber überwältigt, was nicht todt war, lag gebunden auf dem Fußboden. Graf Monte Chriſto aber begab ſich mit ſeinem Sohne und Valentin in die untere Stube, wohin auch Eugenie getragen wurde, um ihr die möglichſte Hilfe angedeihen zu laſſen. Aber dieſe Hilfe kam zu ſpät, denn ſie hatte ſchon geendet. Die Erſchütterung des Wiederſehens des Grafen hatte wohl ihr Ende beſchleunigt. „Sie ſchlumm're ſanft,“ ſagte der Graf ernſt.„Ich verzeihe ihr und kein Groll von meiner Seite belaſte ihre Gruſt. Es iſt nicht gut, wenn ein Menſch auf den andern zürnt. Ich habe es an mir erfahren, und auch ſie, die Tochter Danglars, erfuhr es wohl an ſich ſelbſt.“ Er trat zurück und ließ Eugenie's Leichnam mit einer Decke verhüllen. Dann aber gab er ſich wieder ganz der Wonne hin, ſeinen Sohn wieder gefunden zu haben, nachdem er faſt die Hoffnung auf⸗ gegeben, daß ihm dieſes gelingen werde. Seit jenem Tage in Benares hatte Monte Chriſto ſtets die Spur ſeines Sohnes und deſſen Entführerin verfolgt, oft hatte er ſier ware geſt eine Edn ſich Koſe Räl Wöl ſein wele liche eing ab! den 459 ſie verloren, dann aber auch immer wieder gefunden, dabei aber waren ihm verſchiedene, zum Theil ſehr gefährliche Abenteuer, zu⸗ geſtoßen, wo bisweilen ſein und ſeiner Gefährten Leben nur an einem einzigen Haare ſchwebte. Heute war er in denſelben Gaſthof gekommen, wo Eugenie und Edmond die letzte Nacht zugebracht, hatte dort erfahren, wohin ſie ſich gewendet und war gleich aufgebrochen, ihnen zu folgen. Eine Koſakenabtheilung, die denſelben Weg zu machen hatte, um auf Räuber zu fahnden, hatte er bewogen, bei ihm zu bleiben. Im heftigſten Schneeſturme, umheult und angegriffen von Wölfen, hatte Monte Chriſto den Wald durchreiſt und war ſo mit ſeinem zahlreichen Gefolge in der Waldſchänke angekommen, aus welcher der Tumult drang und verrieth, daß hier etwas Gefähr⸗ liches vorgehen müſſe.— So hatte man das Thor geſprengt, war eingedrungen und hatte— gerettet. 4 Monte Chriſto reiſte am nächſten Morgen mit ſeinem Sohne ab bis zur nächſten Stadt, wo er Eugenie beſtatten ließ. Dann kehrte er nach Marſeille zurück, freudig empfangen von den Freunden. Edmond vermählte ſich mit Mercedes, und begleitete dann ſeinen Vater nach Amerika, wo die Hochzeit Valentin's mit Claire glanzvoll begangen wurde. Monte Chriſto ruhte dann im Kreiſe ſeiner Kinder und Enkel aus von ſeinem wechſelvollen Leben. In der Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei von Fr. Sittet, Dresden, Ammonſtraße Nr. 47, iſt zu haben und durch alle Buch⸗ handlungen, ſowie durch deren Reiſende und Boten zu beziehen: Doctor Eisenbart. Illuſtrirt⸗humoriſtiſches Blatt. Zu haben in Heften mit Buntdruckbilderbeilagen à Heft 5 Sgr. 13 Hefte bilden einen Band, kann auch in einzelnen Nummern, à 1 Spr., bezogen werden. Inſerate finden auf dem Umſchlage der„Doctor⸗Eiſenbart⸗Hefte“ bei der ſehr ſtarken Auflage die weiteſte Verbreitung und wird die geſpaltene Petit⸗Zeile mit 5 Sgr. berechnet. Das Paradies der Liebe und Ehe, oder: Die Kunſt, Frauen und Mädchen treu zu machen. Entſchleierte Geheimniſſe des Geſchlechtslebens in ſeinem ganzen Umfange. 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