eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und V beträgt:— 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————444 auf 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 Mr. 50 Ff. 2 Mk. Ff. 5. Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 1 1 2 Monte-Chriltos letzter Weltgang. Von G. Verthold. Erſter Theil. Als Fortſetzung und Abſchluß des Romans: Der Graf Monte⸗Chriſto. Von Alerander Dumas. ————;———— ———— —— ¾— Mit colorirten Abbildungen. Neunter Theil. — Bresden.. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. — ——xxͤͤͤͤͤͤnnn—, —— Erſtes Kapitel. Die beiden Reiſenden. „Es war ſchon hoch am Nachmittage, die Sonne ſtand ſchon tiefer am Himmel, der ſich in heiterer Bläue und wolkenlos über die Landſchaft ſpannte. Es war dieſe zunächſt eine kleinere Prairie, durch welche ſich ein kleines Flüßchen ſchlängelte, das langſam ſeinen Lauf dem rieſigen Miſſiſippi zu nahm, der in einigen Meilen Ent⸗ fernung ſeine Wellen dem fernen Meere zurollte. Die Prairie war ungleich, Bodenerhöhungen bildeten wellen⸗ förmige, größere und kleinere Hügel; ſie glich ſo einem ſmaragdgrünen Meere, das Wellen warfV; aber dieſe Wellen blieben unbeweglich, ob auch auf der Prairie ſelbſt Bewegung herrſchte, denn unter dem bald weicheren, bald ſtärkeren Hauche des Luftzugs ſenkten und hoben ſich die ſchlanken Halme des hohen Prairiegraſes, und wiegten ſich nach allen Seiten, ſo daß die weite grüne Ebene wieder aus⸗ ſah, gleich der Oberfläche eines Sees, über den ein leichter Wind⸗ hauch ſtreift.. Der üppigſte Graswuchs war hier vorhanden, die Halme ſchoſſen faſt in Manneshöhe empor, vermiſcht mit ſich um die Halme ſchlin⸗ genden Convolvulusarten und den verſchiedenſten Gattungen Blumen, deren Blumenſternchen und Blumendolden durch das Grün ſchim⸗ merten. Des Fluſſes Lauf wurde durch Gruppen von Bäumen und Ge⸗ ſträuchen bezeichnet, auch mochte zu beiden Seiten des Ufers der Boden ſumpfig ſein, denn dort hatte der Graswuchs eine ganz be⸗ ſondere Ueppigkeit, und dort ſtand auch hoch aufſtrebendes Schilf bald in Gruppen, bald größere Stellen bedeckend, und die Blüthen⸗ fahnen des Schilfes flatterten in der Luft, während die ſich an ein⸗ ander reibenden Blätter des Schilfes jenes eigenthümliche, in mannich⸗ 1* fachen Tönen auftretende Geräuſch hervorbrachte, welches dem kundigen Ohr ſchon aus einiger Entfernung ein ſchilfreiches Ge⸗ wäſſer verräth. Stellenweiſe war das Gras theilweiſe abgeweidet, theilweiſe niedergetreten. Hier hatten Büffelheerden geweidet und auf jenen Wegen, die ihre Spur in dem hohen Graſe bemerkbar machten, waren ſie nach dem Flüßchen zur Tränke gezogen. An einer oder der andern Stelle des Grasmeeres tauchten dunkle Punkte und Streifen über die Halme empor und verſchwanden dann für Minuten; es waren dieſes die Rücken und Köpfe von Büffeln, die dort das ſaftigſte Gras zur Weide ſich ſuchten. Sie hatten ſich ſo ziemlich unbeſorgt in der Prairie vertheilt, denn ſie wußten ſich ja unter treuer Wache. Dort oben auf dem Hügel, von dem die Fläche ſich überſchauen ließ, ſtand ja der Wächter. Es war dieſes ein ſtarker Büffel, der über das niedrige Gras ſicht⸗ bar war und der ſeinen dicken ſtruppigen Kopf nach allen Seiten wandte, aus den kleinen feurigen Augen die Gegend überſchauend und dann wieder die Naſe witternd in die Luft hebend. Trotz der GeVwiſſenhaftigkeit, mit welcher dieſer Wächter ſeinen Dienſt verſah, vergaß er dabei doch nicht, auch für ſeinen Leib zu ſorgen, indem er die ſaftigſten der Gräſer um ſeinen Standort herum abweidete. Da und dort ſchlüpften die kleinen Prairiehunde, die ſtehenden Bewohner dieſer Grasflächen, durch die Blätter und Gräſer, oder ſchwebte raſchen Fluges ein Raubvogel auf und kreiſte, Beute ſuchend, in der Luft. Auf der einen Seite war die Prairie durch eine Hügelkette begrenzt, von der andern Seite aber durch dunkle Waldung, die in unregelmäßigen Linien ſich hinzog. Wie das Land gegen das Meer zu Halbinſeln, Landzungen, Inſeln bildet, ſo drang auch an verſchiedenen Stellen der Wald auf ähnliche Weiſe in das grüne Grasmeer, während anderſeits dieſes Grasmeer, gleichſam Meer⸗ buſen bildend, in den Wald brach. Ziemlich gleiche Richtung mit dem Flüßchen haltend, lief ein Pfad dahin, der dem Walde zuführte. Er ſollte vielleicht eine Straße vorſtellen, obgleich er dieſen Namen trotz der ſchwachen Räderſpuren, welche auf ihm ſichtbar waren, nicht verdiente. Selten genug mochte die ſogenannte Straße auch wohl benutzt werden. — * 1 3 5 —2 82 ☛— 1 Jetzt zogen zwei Reiter des Weges daher. Beide Reiter waren auf eine Weiſe ausgerüſtet, die anzeigte, daß ſie eine lange Reiſe bereits zurückgelegt, oder eine ſolche vor⸗ hatten. Der eine Reiter war älter als der andere. Er hatte ein ernſtes, edles, ſtark gebräuntes Geſicht mit Schnurrbart und Zwickelbart, nach Art der franzöſiſchen Offiziere. Sein Auge blickte ernſt, aber feurig, und auf ſeinem Geſichte war Entſchloſſenheit und Muth aus⸗ geprägt. Seinem Alter nach konnte ſich der Mann den fünfziger Jahren nähern. Er trug einen Reiſerock von leichtem Baumwollen⸗ ſtoff und dergleichen Beinkleider, auf dem Kopfe aber einen breit⸗ randigen Strohhut, der genügend Schirm gegen die Strahlen der Sonne gewährte. Eine lange Flinte hing ihm über die Schulter, er trug ferner ein Jagdmeſſer, Pulverhorn, einen Revolver und überhaupt die ganze Ausrüſtung eines Jägers, ſein kräftiges Pferd trug außer ſeinem Reiter auch noch einen Mantelſack, eine Proviant⸗ taſche und einen ledernen Beutel, der Pulver und Kugeln enthielt. Sein Begleiter, der bedeutend jünger und kaum zwanzig Jahre war, zeigte ein ſehr feines, intelligentes Geſicht und ſeine Kleidung und Ausrüſtung unterſchied ſich wenig von der ſeines älteren Ge⸗ fährten.. „Graf Morcerf,“ ſagte jetzt der jüngere Reiter zu dem älteren, „die Sonne neigt ſich immer mehr und wir haben für heute wohl wenig Ausſicht, ein anderes Nachtquartier zu finden, als den Wald und als Decke das Laub eines Aſtes und den Sternenhimmel.“ „Das iſt zuletzt kein Unglück, mein lieber Morell,“ antwortete Morcerf,„wenigſtens für mich nicht, der ich dergleichen Nachtlager noch von früheren Zeiten her gewohnt bin. Wir haben unſere Decken, wickeln uns hinein und allenfalls zünden wir uns ein Feuer an. So wird die Nacht ganz bequem hingebracht.“ „Und man erſpart ſich dabei die theure Hotelrechnung, welche die amerikaniſchen Hoteliers ſo gut zu machen verſtehen, wie ihre Collegen in Paris,“ bemerkte Morell.„Aber ich komme mir hier bald vor, wie in einer Wüſte, nur mit dem Unterſchiede, daß hier ſtatt des Sandes Gras iſt.“ 1 „Ich kenne die wahre Wüſte,“ ſagte Morcerf.„Die Sand⸗ flächen der Sahara, die glühende Luft daſelbſt machen einen ganz 6 anderen Eindruck.— Doch reiten wir etwas ſchneller, damit wir die Waldſtrecke dort bald erreichen, denn ich möchte aus dieſen grünen Meereswogen bald herauskommen.“ Beide Reiter beſchleunigten ihrer Roſſe Gang und nahmen ihre Richtung auf eine gedrängte Baumgruppe zu, die ſich in einiger Entfernung als Vorpoſten des Waldes erhob. Da erhob ſich plötzlich in der Nähe jener Baumgruppe ein dumpfes Brüllen und zugleich ward es dort in der Prairie lebendig; wie vom Sturme bewegt, wogten dort die Grasmaſſen durcheinander, und eine Menge ſchwarzer Geſtalten tauchten auf und nieder und nahten ſich ſchnell. Stampfen und Schnauben klang immer deutlicher. „Eine Büffelheerde iſt aufgeſcheucht,“ ſagte Morcerf.„Warten wir bis ſie vorüber iſt.“ Es war in der That eine Büffelheerde, die, das Gras nieder⸗ ſtampfend, in Galopp heran kam. Trotz der ſcheinbaren Plumpheit waren die Bewegungen dieſer Thiere doch ſehr ſchnelle. Schnaubend, die Köpfe mit den ſtarken Hörnern drohend geſenkt und die Schweife geſchwungen, brauſten die Thiere heran, etwa vierzig bis fünfzig an der Zahl, alſo noch eine verhältnißmäßig kleine Heerde bildend. Die Erde dröhnte unter den Hufen der dahinſtürmenden, laut ſchnau⸗ benden Thiere, die kaum hundert Schritt von den beiden Reitern deren Weg durchkreuzten und dann weiter in die grüne wogende Ebene hereinſtürmten. Die Pferde der beiden Reiter ſtutzten, ſie wurden unruhig, hielten von ſelbſt an, ſchnaubten aus weit aufgeblaſenen Nüſtern und ſträubten die Mähnen. „Gut,“ ſagte Morcerf, als die Büffel vorüber waren,„gut, daß wir nicht in die Mitte jener Beſtien geriethen, es hätte uns dann ſchlimm genug ergehen können. Die Beſtien hätten uns mit den Hörnern geſpießt und in Grund und Boden geſtampft.“ ℳ „Das wäre freilich kein beſonderes Vergnügen,“ meinte Morell. „Aber dort kommt wohl die Urſache dieſer eiligen Flucht der Büffel?“ Er deutete vorwärts. Dort kam eine Geſtalt, die langen Beine über ein Pferd ge⸗ hangen, langſam heran. „Ein Trapper!“ ſagte Morcerf raſch.„Er kommt uns ganz erwünſcht.“ — — — 9G— 7 Er trieb ſein Pferd raſch auf den einſamen Reiter zu. Morell folgte ihm und Beide waren dem Trapper ſo nahe, daß ſie ihn anrufen konnten. Der Trapper beantwortete denn auch den Gruß der Beiden mit großer Gemüthlichkeit und vieler Seelenruhe. Hielt dann ſein Pferd an und erwartete ſie. Der Trapper war eine ziemlich eigenthümliche Figur; er war ſtark und kräftig gebaut, breitſchulterig, mit Fäuſten verſehen, die ausſahen, als könne er mit denſelben den ſtärkſten Ochſen nieder⸗ ſchlagen, ohne den Schlag wiederholen zu müſſen. Das Geſicht war gebräunt, an Form etwas breit und von einem wirren, ſtruppigen, blonden Barte eingefaßt. Des Trappers Kleidung war höchſt praktiſch und für die Dauer berechnet, denn ſie beſtand aus einem Wamms von Büffelleder, der⸗ gleichen Beinkleidern und eben ſolchen über die Beinkleider geknöpften Gamaſchen. Aber dieſe Kleidung, wie das blaugeſtreifte Hemde und das um den Hals geſchlungene ſeidene Tuch verriethen durch ihr Ausſehen, daß der Träger ſich wenig mit der Säuberung derſelben befaſſen mochte, wie er überhaupt alle Toilettenkünſte zur Verſchöner⸗ ung ſeines Aeußeren verſchmähte. Gar ſtattlich und gut und blank gehalten war aber die Be⸗ waffnung des Trappers. Sie beſtand aus der Rifflebüchſe, weit⸗ tragend, ſchnell und ſicher ſchießend, aus dem Bowiemeſſer von ziem⸗ licher Länge und einem Revolver in ledernem Futteral, Pulverhorn und Kugelbeutel. Eine umgehängte Taſche und eine Feldflaſche voll⸗ endeten die Ausrüſtung. Das ſtarkknochige, wohl nicht ſehr ſchnelle, aber dafür deſto ausdauerndere Pferd trug außer einer wollenen Decke an ſeinem Sattel noch verſchiedene Lederbeutel, die wohl mit Proviant und Munition gefüllt ſein mochten. „He,“ rief der Trapper den beiden Reitern zu,„wollt Ihr auch Büffel jagen? Warum ſetzt Ihr denn Eure Pferde nicht in Trab und ſchießt ein Paar jener Burſchen nieder, während ſie bei Euch vorbeiraſen?“— Goddam, mir wäre Das nicht paſſirt, daß ich Büffel ſo nahe vorbeiließe, ohne ihnen wenigſtens eine Kugel zuzu⸗ ſenden.“ Morcerf hielt es für an der Zeit, dem Trapper die Erklärung . 8 zu geben, daß ſie nicht wegen der Jagd hier herumzögen, ſondern daß andere Geſchäfte ſie in dieſe Gegend geführt hätten. Der Trapper meinte: daß er es ihnen wohl angeſehen, daß ſie keine echten Prairiejäger ſeien, denn die hätten ſich etwas anders auszurüſten; aber er verſicherte auch, daß er ſelbſt, wenn ſie Jäger wären, ganz und gar nicht eiferſüchtig auf ſie ſei, denn es gäbe hier noch genug der Büffel, ſo daß man auch Anderen das Vergnügen gönnen könne, ſich einen friſchen Büffelbraten zu holen.. „Aber,“ ſagte dann der Trapper,„Ihr gedenkt wohl hier Euch Ländereien auszuſuchen, um gar eine neue Stadt oder ſo Etwas zu gründen?“ Morcerf verneinte Das wieder, worauf der Trapper meinte, daß ſei zuletzt auch kein Schaden, denn je ſpäter hier größere An⸗ ſiedelungen gegründet würden, deſto länger würde die Büffeljagd hier floriren.. „Geht Ihr denn Handelsgeſchäften nach?“ fragte der Trapper weiter, offerirte zugleich eine Anzahl Büffelhäute, die er in der Niederlage geſammelt. Morcerf lächelte und verſicherte, daß auch ſolche Geſchäfte ſie nicht hierher führten, und er überhaupt glaube, daß weder er noch ſein junger Freund genügendes Handelstalent beſäßen, um da Glück zu machen. „Nun, zum Henker,“ rief da der Trapper,„dann treibt Ihr wohl nur ſo zum Vergnügen in der Welt herum, um Eure Dollars los werden?“ „Auch Dieſes nicht, mein Freund,“ antwortete Morcerf.„Wir reiſen, um einen Mann aufzuſuchen, den wir nach allen Nachrichten in dieſem Staate möglicher Weiſe finden können, während es ebenſo leicht iſt, daß wir uns täuſchen und unſere Nachforſchungen ganz von vorn anfangen müſſen. Ich möchte Sie, Maſter, fragen, ob Sie vielleicht irgend Etwas wiſſen, denn ohne Zweifel ſind Sie, wenn nicht im ganzen Staate, ſo doch in dieſer Landſchaft bekannt genug, um die Leute zu kennen.“ „Ohne Zweifel kenne ich mancherlei Leute,“ entgegnete der Trapper,„aber alle ganz gewiß nicht.— Doch, ſo Ihr nichts da⸗ wider habt, reiten wir zu jenen Bäumen und ſetzen uns in's Gras, ——ÿ—— ſie 9 wo wir ganz behaglich ausruhen, auch ganz behaglich ſprechen können.“ Die beiden Reiſenden waren mit dieſem Vorſchlage zufrieden. Sie ritten mit zu der von dem Trapper bezeichneten Baumgruppe, ſtiegen dort von den Pferden und nachdem ſie dieſelben abgezäumt, ſo daß ſie waiden konnten, lagerten ſie ſich, die brennenden Pfeifen im Munde, im hohen Graſe, und nun fragte der Trapper, wer der Mann eigentlich ſei, den die Fremden ſuchten. „Wir ſuchen einen Mann, der einſt für Alle, die mit ihm um⸗ gingen, ein großes Räthſel war,“ begann Morcerf.„Er nannte ſich meiſt Graf Monte⸗Chriſto und machte ſeiner Zeit großes Aufſehen in Paris und auch anderswo.“ „Graf Monte⸗Chriſto?“ fragte der Trapper, ſich an den Stamm eines Baumes zurücklehnend.„Dann muß ich Euch gleich ſagen, daß Ihr mich umſonſt fragtet, denn ich habe vielleicht in New⸗York, oder ſonſt wo, von ihm einmal gehört, mir iſt es ſo. Aber das ſind wohl Jahre her und jetzt kenne ich keinen Mann, der ſich ſo nennt.“ „Er hat jetzt dieſen Namen auch abgelegt,“ ſagte Morcerf, „und ſoll wieder ſeinen urſprünglichen Namen führen: Edmond Dantes, oder auch nur Edmond.“ „Edmond? Edmondo?“ fragte der Trapper, ſinnend vor ſich hin ſchauend. „Ja, Edmond, vielleicht auch Edmondo,“ antwortete Morcerf, und fuhr dann fort:„Dieſer Edmond hat mannichfache Schickſale erlebt, und um ſein Daſein in Ruhe zu beſchließen, hat er ſich end⸗ lich nach Amerika zurückgezogen und iſt hier verſchwunden, denn dieſer Mann verſteht es, wenn er will, ſich unſichtbar zu machen und vor den Augen der Menſchen zu verſchwinden. Es hat denn auch lange gedauert, ehe es uns gelang, eine ſichere, oder doch wenigſtens ſcheinbar ſichere Spur von ihm aufzufinden, und dieſe Spur leitete uns in dieſen Staat, in dieſe Wildniß. Hier ſoll ein Maſter Edmond auf einer einſanten, aber ſchön ausgeſtatteten Farm leben, der durch ſeine beſondere Lebensweiſe ſich den Ruf eines Sonder⸗ lings erworben hat; nicht eben leicht zugänglich, hat er doch, da er ſich ſtets hilfreich und gefällig zeigte, angeblich vieles Anſehen und 10 vielen Einfluß gewonnen, und ſoll mit den Weißen auf eben ſo gutem Fuße ſtehen, wie mit den Schwarzen und den Rothhäuten.“ Der Trapper war immer aufmerkſamer geworden. „Hört, gute Freunde,“ ſagte er dann,„ein ſolcher Mann ſoll allerdings hier leben und er heißt vielleicht Maſter Edmond oder ſo ähnlich. Ich kann aber nicht ſagen, wo ſeine Farm liegt, die in der That auch etwas ganz Beſonderes ſein ſoll.— Ein Mann, wie ich, kümmert ſich mehr um die Büffel und um die Leute, mit denen er Geſchäfte machen kann, denn um Sonderlinge.“ „Der Maſter Edmond hat einen Mohren bei ſich, einen echten Muhamedaner!“ ſprach Morcerf weiter. „Hört, guter Freund,“ ſagte der Trapper,„wenn Das ein Kennzeichen ſein ſollte, ſo würde es viele Tauſende geben, auf die dieſes Zeichen paßte, denn es giebt in den Staaten der Union gar Viele, die nicht nur ein Stück, ſondern ſogar ſehr viele Stücke ſolchen Schwarzfleiſches um ſich herum haben. Und Muhamedaner? — Unter dieſen Schwarzen giebt es genug, bei denen ſelbſt der geſcheidteſte Mann nicht klug daraus wird, was ſie eigentlich glauben. Mit ſolchen Kennzeichen werdet Ihr nicht weit kommen!“ „Vielleicht wäre Das wichtiger, daß dieſer Monte⸗Chriſto eine Gattin beſitzt, eine Orientalin, Haydea genannt,“ meinte Morell. „Eine Orientalin? Eine Heidin?“ fragte der Trapper, und fügte dann kopfſchüttelnd hinzu:„Wenn Das iſt, wird der Herr Graf und Edmond, oder wie er ſonſt heißt, gewiß zu klug ſein, es der neugierigen Welt auf die Naſe zu binden, ſonſt würden die Miſ⸗ ſionäre mit ihren runden Hüten, ſchwarzen Röcken und verdrehten Augen gewiß auf ihn Tag für Tag Sturm laufen, um die heidniſche Gemahlin des ehrenwerthen Maſters zu bekehren und ſie zur Metho⸗ diſtin, zur Quäckerin, zur Irvingianerin oder ſonſt Etwas zu machen und des Maſters Dollars dadurch in ihre Taſchen zu locken, ſie machten dann als Zugabe wohl auch den ſchwarzen Mohren mit ſelig. Schmeißt man dieſe Art neun Mal aus dem Hauſe, ſo kommt ſie das zehnte Mal immer wieder, wie ⸗die verjagten Fliegen immer wieder zu dem ſüßen Kuchen ſich anlocken laſſen.“ „Aber, Maſter,“ unterbrach Morcerf den Trapper,„Sie ſagten doch von einem ähnlichen Manne.“ 4 „Nun ja,“ antwortete der Trapper,„aber ich weiß es nicht, W 11 wo dieſer Mann lebt und am wenigſten, ob es wirklich der richtige iſt. Aber einen guten Rath kann ich doch geben. Etwa zwei bis drei Meilen von hier hat ſich ein Farmer niedergelaſſen— der Thom kennt nun Alles und ganz gewiß auch jenen Mann. Dieſer kann die beſte Auskunft geben, weshalb ich Euch rathe, Euch dorthin zu wenden.“ Die Reiſenden nahmen nun zwar dieſen Wink mit großem Danke entgegen, meinten aber auch, es ſei eigentlich nun die Haupt⸗ ſache, dieſe Farm auch zu finden, was wohl ſo leicht nicht ſein dürfte.“ Der Trapper beſtätigte Dieſes, war aber dann ſo zuvorkommend, den Fremden ſich als Führer anzubieten, zudem er für ſeine Perſon dabei nichts verſäume, er vielmehr Einiges von ſeinen Vorräthen wieder vervollſtändigen könne. Morcerf und Morell nahmen dieſes Erbieten ſehr dankbar an, waren hauptſächlich dadurch befriedigt, daß ſie nun hoffen konnten, doch endlich über den Geſuchten etwas Gewiſſes zu erfahren, anderer⸗ ſeits aber erfreute ſie auch die Ausſicht, wieder eine Nacht unter einem Dache zubringen zu können, was ihnen die letzten Tage nicht ſo gut geworden war, da ſie oft genug in der Irre herum geritten ſein mochten, öfters als ſie ſelbſt ahnten, und während der Zeit keine menſchliche Wohnung getroffen. Geführt von dem Trapper zogen nun die Reiſenden weiter durch die Prairie, direkt der dunklen Waldung zu, in deren Nähe ſie bald ankamen. Eine Strecke weichen Bodens war zu paſſiren und hier zeigte ſich das Prairiegras niedergetreten und nach allen Richtungen auseinander gebrochen. Einige duntle Flecken zeigten an, daß hier Blut gefloſſen ſein mußte, Im Grunde war der Anblick gar nicht ſo ungewöhnlich. Es bezeichnete dieſes niedergetretene und blutbenetzte Gras eben eine Stelle, wo entweder Jäger einen oder ein paar Büffel erlegt, oder wo ein paar Büffel in erbittertem Kampfe ſich ſelbſt verwundet hatten; vielleicht konnte auch ein ſchwarzer Panther oder ein Luchs hier ein Raubſtück ausgeführe haben. Für den Trapper mußten dieſe Zeichen aber doch bemerkens⸗ wert genug erſcheinen, um ſie einer genauen Unterſuchung zu unter⸗ Kiehen, denn er hielt an, heftete ſeine Augen einige Augenblicke auf 12 8 die betreffende Stelle, ſtieg dann ſchnell vom Pferde und bückte ſich auf den Boden nieder und begann ſeine Unterſuchung der Stelle, die ihn ſehr zu intereſſiren ſchien; er verfolgte die niedergebrochene Stelle in einer Richtung und kehrte dann raſch zu den beiden Rei⸗ ſenden zurück. „Maſters,“ ſagte er kurz,„wir haben Urſache zur Vorſicht, denn ich finde hier die Spuren von Rothhäuten.“ Dieſes war eine Nachricht, welche einen lebhaften und nicht ganz angenehmen Eindruck auf die Reiſenden hervorbrachte, denn Beide richteten ſich ſofort höher in den Sätteln auf, ließen ihre Augen forſchend nach allen Seiten ſchweifen, und Morcerf rückte ſelbſt an ſeiner Büchſe, um ſie ſchneller ſchußfertig bei der Hand zu haben. „Indianer?“ fragte Morcerf und ſchaute abermals umher, als meine er, die Genannten könnten jeden Augenblick aus dem Graſe auftauchen, die buntbemalten Geſichter und die mit Federn ge⸗ ſchmückten Häupter zeigend. „Ich täuſche mich nicht,“ entgegnete der Trapper.„Es ſind Rothhäute hier geweſen, haben einen Büffel hier geſchoſſen und ihn zerlegt. Es kann Dieſes eheſtens dieſen Morgen geweſen ſein, denn geſtern Nachmittag paſſirte ich dieſe Stelle und fand dieſe Spuren noch nicht. Auch das Blut ſagt, daß es nicht ſo ſehr lange hier gehaftet haben kann.“ „Können denn nicht auch andere Jäger, als eben Indianer, den Büffel erlegt und zerſchnitten haben?“ meinte Morcerf. Der Trapper ſchüttelte den Kopf. „Wäret Ihr mit der Prairie und dem Urwalde vertrauter,“ ſagte er,„ſo würdet Ihr auch nicht lange im Zweifel ſein.— Hier finde ich im weichen Boden Abdrücke von Mocoſſins, wie ſie nur Indianer tragen.“ Morcerf war gleichfalls abgeſtiegen und ſtellte ſich neben den Trapper, aber er konnte doch Das nicht erkennen, was dieſer erkannte. „Ich ſehe nichts, als daß hier Vomzimt einige Werſchen ge⸗ ſtanden haben,“ ſagte er. „Eure Augen ſind noch blöde,“ fage da der Trapper.„Ich ſehe nicht nur, daß Indianer hier waren, ſondern auch, daß fünf. bis ſechs an dieſer Stelle verkehrt haben müſſen.“ 13 Er machte nun den ſtaunenden Reiſenden auf verſchiedene be⸗ ſtimmte Formen der Fußabdrücke aufmerkſam, in denen Morcerf und Morell ganz gewiß nichts Beſonderes geſehen haben würden, wenn ihnen nicht Kennzeichen angegeben worden wären. Beide erinnerten ſich nun der Erzählungen von jenen wunder⸗ bar geſchärften Sinnen der Indianer, durch welche ſie aus den unſcheinbarſten Kleinigkeiten, die einem gewöhnlichen Auge gänzlich entgehen, aus einigen abgeſtreiften Blättern, einem geknickten Zweige, einer halb entblätterten Blume, einem verrückten Steine und aus ähnlichen Dingen die beſtimmteſten und ſicherſten Schlüſſe zu faſſen vermögen, eine Eigenſchaft, welche ihnen die amerikaniſchen Jäger in Prairie und Urwald zum Theil wenigſtens abgelernt haben, was ihnen denn ſehr bei Ausübung der Jagd zu Statten kommt. Jetzt hatten die Reiſenden durch ihren Führer den Beweis von der Richtigkeit jener oft unglaublich klingenden Erzählungen. Der Trapper machte die Reiſenden noch auf ein paar Stellen aufmerkſam, wo auf niedergetretenem Graſe dunkle Flecken ſich be⸗ fanden, die er für Abdrücke von Mocoſſins erklärte, die erſt in Blut getreten ſein mußten. „Nun haben wir Urſache zur Vorſicht,“ ſagte der Trapper wieder.„Es iſt eine Jagdgeſellſchaft der Rothhäute in dieſe Gegend gekommen und wird namentlich die Waldgründe beſuchen. Man kennt die Gewohnheiten dieſer Herren Rothhäute. Indianiſche I Jäger ſind nicht Freunde der weißen Jäger, nicht Freunde der weißen An⸗ ſiedler, denn die Erſteren wie die Letzteren beſchuldigen ſie des Raubes an ihrem Eigenthum, da ſie behaupten, die Wälder und die Prairien ſeien ihr Eigenthum und der weiße Mann habe ſie nur widerrechtlich daraus verdrängt. Da ſucht ſich die Rothhaut zu rächen und geht da nicht ſelten ſehr abgefeimt zu Werke. Warnen wir vor allen Dingen den Thom und ſeine Leute und die anderen Farmer, wenn es eben möglich iſt.“ Der Trapper beſtieg ſein Pferd wieder, unterſuchte ſeine Waffen und ſchweigend ſetzte die kleine Geſellſchaft ihren Weg fort. Die Gewißheit, verdächtige Leute in der Nähe zu haben, übte eine gewiſſe aufregende Wirkung auf die Männer aus, von denen aber der Trapper doch als der Gleichgültigſte erſchien, den es geben konnte, denn ſeine 14 kurze Stummelpfeife im Munde ritt er in großer Gemüthsruhe vorwärts. Die Waldung war erreicht. Gegen die Prairie hin ſtanden die Bäume erſt vereinzelt, doch bald traten ſie gedrängter auf und verſchlangen ihre Aeſte oft ſehr innig. Die verſchiedenartigſten Bäume traten jetzt auf. Hier zeigte ſich eine Strecke mit Fichten und Tannen bewachſen, dann aber traten die Laubbäume über⸗ wiegend auf. Mächtige Eichen mit knorrigen Aeſten ſtanden da, Eſchen mit gefiederten Blättern, Ulmen von bedeutendem Umfange, weißer Ahorn und Zuckerrohre ſtanden in Gruppen, und dann zeigten ſich wieder mächtige Hykoryſtämme, verſchiedene Arten Pappeln und Wallnußbäume, vermiſcht mit noch vielen anderen Arten der Waldbäume. Bald ſtanden dieſe Bäume dicht beiſammen, dann wieder traten ſie weiter auseinander, den Sonnenſtrahlen mehr Zugang zu dem Wald⸗ boden vergönnend, der dann auch an dieſen Stellen beſonders üppig mit Strauchwerk und ſchönblühenden Pflanzen bedeckt war, während die verſchiedenſten Waldgräſer fröhlich emporſproßten aus dem durch das verfaulte Laub gebildeten fetten Boden. Gar mancher der Bäume, an denen die Reiſenden jetzt vor⸗ über kamen, war uralt, man ſah es ihm ſofort an dem mächtigen Umfange, an der zerriſſenen, halbverwitterten Rinde an, die mit grauem und grünem Mooſe bekleidet war. Bei manchen dieſer Baumrieſen begannen die oberen Aeſte und der Wipcfel ſelbſt abzu⸗ ſterben. Mancher Stamm war hohl, oder zeigte doch Löcher und Spalten, von denen manche durch den Schnabel des fleißigen Spechtes erweitert oder wohl auch ganz entſtanden ſein mochten. Hier und da ſtand ein rieſiger Hikory oder Ahorn, umgeben von jüngeren und ganz jungen Bäumen ſeiner Gattung. Er glich ſo einem Patriarchen, der von ſeinen Kindern, Enkeln und Urenkeln umgeben iſt. Dort wieder war ein Baum niedergeſtürzt und lag ausgeſtreckt auf dem Waldboden. Er mochte wohl ſchon lange gelegen haben, denn ein Theil ſeines Holzes war ſchon faſt gänzlich verfault und im Zerfallen begriffen, und da wucherten ſchon junge Pflanzen in in dem fauligen Holze empor, ſo daß der ganze Stamm wohl bald unter der grünen Hülle verſchwinden mußte. als Fla von des und weg ſie, ruhi per, mied ſamd könn weit Bäu dae ließ per reich Scal More 15 Die Reiſenden erhielten ſo das Bild eines Stückes Urwald und der Waldung, die ſie jetzt durchzogen. Es war ſchweigſam im Walde, denn nichts ließ ſich vernehmen, als da und dort das Hämmern eines Spechtes, der Schrei oder das Flattern eines Vogels, unten auf dem Waldboden das Summen von Käfern und oben in den Wipfeln der Zweige das leiſe Rauſchen des Windes in den Blättern. Der Tritt der Pferde war auf dem weichen Waldboden kaum zu vernehmen, oft raſchelte er nur in den Haufen der zur Erde ge⸗ fallenen getrockneten Blättern. Der Trapper ſchwieg, und obgleich gleichgiltig und ſorglos ſcheinend, war er doch ganz Ohr und das kleinſte Geräuſch des Wal⸗ des entging ihm nicht; doch ſagte ihm ſeine Erfahrung auch jedes Mal, daß das eben gehörte Geräuſch ganz ungefährlicher Natur ſei, und er ritt ruhig weiter. Morcerf und Morell, die beiden Reiſenden, ließen keine Be⸗ wegung des Trappers aus den Augen; das Gefühl ſagte ihnen, daß ſie, ſo lange dieſer erfahrene Mann ſeine Ruhe bewahre, auch ganz ruhig ſein könnten. Bisweilen ſtellten die Reiſenden wohl eine Frage an den Trap⸗ per, aber ſie erhielten immer nur kurze Antwort; der Trapper ver⸗ mied augenſcheinlich ein längeres Geſpräch, welches ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit hätte auf ſich ziehen und ſeine Wachſamkeit beeinträchtigen können. Endlich ward der Wald lichter, die Stämme traten wieder weiter auseinander und die durchſichtiger werdende Veräſtung der Bäume ließ den dunkelnden Abendhimmel ſchauen, an dem hier und da ein Stern auftauchte und immer heller herabſchimmerte. Auch ließ ſich jetzt ein deutlicher werdende Pfad erkennen und der Trap⸗ per verfolgte denſelben. Und jetzt klang Hundegebell aus der Ferne. „Die Farm!“ rief der Trapper, aufathmend.„Zum Glück er⸗ reichen wir ſie, ohne daß die verdammten Rothhäute nach unſeren Scalps verlangt hätten.“ Seine Worte drückten eine große Herzenserleichterung aus, und Morcerf, der Dieſes erkannte, fragte, ob die Gefahr nun vorüber ſei? 16 Der Trapper lächelte auf ſeine Weiſe und ſagte dann: „Gefahr gab es eigentlich nicht, nur ſeine kleine Unannehmlich⸗ keit; aber auch dieſe iſt beſeitigt. Wahrſcheinlich haben ſich die Rothhäute weiter nach Weſten oder Norden in die dort liegenden Gründe gezogen und lagern dort. Mögen ſie dort in Ruhe bleiben, wenn ſie uns in Ruhe laſſen.“ Weiter ging dann der Ritt. — Zweites Kapitel. In der Farm. Eine ebene Fläche im Urwalde zeigte ſich den Blicken. Es war ein faſt viereckiges Stück Land, von allen Seiten mit mächtigen hohen Bäumen umgeben, Hykoris, Eichen, Eſchen, Ulmen, Tannen, und da und dort ein blühender Tulpenbaum bildeten die Begrenz⸗ ung des Platzes. Dieſer Platz ſelbſt war mit Stangen theilweiſe eingefaßt und mit Weizen, Mais und Küchenkräutern beſäet, oder auch mit Kar⸗ toffeln bepflanzt. Alles ſtand ſchön und kräftig, Zeugniß von der Fruchtbarkeit dieſes Bodens ablegend. Seitwärts des eingezäunten Platzes lagen noch eine Anzahl Baumſtämme wirr auf dem Boden durch einander, ſie harrten des Wegſchaffens, damit dann die ab⸗ geſchlagene Waldſtelle ebenfalls urbar gemacht werden könnte. Am Rande der eingezäunten Feldſtücke lag das Blockhaus, Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäude gleichzeitig vorſtellend. Es war ein aus unbehauenen Baumſtämmen zuſammengefügtes längliches Viereck, das ein ſehr feſtes Ausſehen hatte. Die Fugen zwiſchen den Stäm⸗ men waren ſehr ſorgfältig mit Moos verſtopft und mit Lehm ver⸗ ſtrichen. In den Wänden waren kleine Oeffnungen eingeſchnitten, und einige dieſer Oeffnungen mit Glasfenſtern verſehen, wo man freilich nicht recht wußte, wie dieſes zerbrechliche Material in dieſe Wildniß gelangt war. Auf den feſten Wänden ruhte ein Dach aus Stangen, Raſen, Baumrinde und Stroh zuſammengeſetzt, ein Schorn⸗ ſtein ragte über daſſelbe hinaus. An dieſes Hauptgebäude der Farm ſchloß ſich ein zweites, zwar auch großes, aber weit leichter gebautes Gebäude, und außerdem ſtand noch ein kleiner offener Schuppen da, der zur Aufbewahrung von allerhand Geräthen diente. Dieſe Gebäude waren noch beſon⸗ Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 2 18 ders durch einen höheren Stangenzaun eingeſchloſſen, der auch mehr Feſtigkeit zeigte, als die anderen Umzäunungen. Ein paar ehrwürdige, alte Bäume waren in der Nähe des Hauſes ſtehen gelaſſen worden, und dieſe ſtreckten ihre Aeſte über die Dächer aus, traulichen Schatten gebend und zugleich Schutz gegen die Regenſtröme gewährend, die zu gewiſſer Jahreszeit hier ſehr häufig niederfallen. 8 Es war dieſes die Farm des Thom Butler, von dem der Trapper geſprochen hatte. Thom Butler, ein kräftiger Mann in den höheren vierziger Jahren, ſaß, ſeine Pfeife rauchend, auf einem Klotze vor der Thüre und ſchaute in die Abendluft hinaus. Er hatte den Tag über gar rüſtig gearbeitet und konnte ſich nun mit vollem Rechte der behag⸗ lichſten Ruhe hingeben. Seine Gattin, die Farmerin, erfreute ſich dieſer Ruhe noch nicht, denn ſie ging noch geſchäftig umher und wies einer ältlichen Magd und einer jüngeren Gehilfin noch Arbeiten an. Der Sohn des Hauſes und ein Mann, der als Knecht auf der Farm diente, be⸗ ſchäftigten ſich mit dem Ausſchnitzen eines Hausgeräthes. „Morgen wollen wir anfangen, die Stämme dort abzuräumen oder die Stöcke zu roden. Ich freue mich ſchon, wie es dann auf jenem Felde wachſen wird.“ „Sollten wir uns denn die Arbeit nicht erleichtern können, wenn wir an den ganzen Plunder Feuer legten?“ meinte der Knecht. „Nichts mit dem Feuer!“ antwortete Thom entſchieden,„die Stämme würden wohl ganz ſchön brennen, aber der Wald wahr⸗ ſcheinlich dazu und unſer Farmhaus auch noch mit; für das Feuer mag ich aber nicht gebaut haben.“ Die Farmerin, die hinzugetreten war, proteſtirte ebenfalls recht eifrig gegen die Anwendung des Feuers, und Thom verſicherte wieder⸗ holt, daß er ſolche Verfahrungsart anzuwenden durchaus keine Luſt verſpüre. Dann forderte er nach frommer Jarmer⸗ Sitte ſeine Leute auf, das Abendgebet zu ſprechen und dann ſich zur Ruhe zu be⸗ geben, damit ſie am nächſten Morgen neu gekräftigt wieder an die Arbeit gehen könnten. Eben wollte der Sohn das Nachtgebet anſtimmen, als der Hund, wlch die? war uns per! zu d berei ritter Oet⸗ freun zu n ſeie müf mehr ſe des über gegen ſehr apper rziger Thüre er gar behag⸗ nicht, Magd n des be⸗ iumen in auf wenn t. „die wahr⸗ Feuer recht jeder⸗ Luſt Leute be⸗ die und, 8 3. 4 19 welcher neben der Thüre ſaß, heftig zu bellen anſing und dadurch die Aufmerkſamkeit der Farmersleute erregte. „Es kommen Reiter,“ ſagte der Sohn, der vorwärts getreten war und hinausgelauſcht hatte. „Dann ſind es Trapper,“ meinte Thom ſorglos.„Sie werden uns um ein Nachtquartier anſprechen.“ Da kamen die Reiter ſchon zum Vorſcheine: es war der Trap⸗ per mit den beiden Reiſenden. Der Trapper rief dem Knechte zu, daß man ihnen die Thüre zu der Umzäunung öffnen möge, damit ſie einreiten könnten, und bereitwillig ward dieſem Verlangen entſprochen. Die ſpäten Gäſte ritten ein und Thom trat ihnen entgegen, den Trapper mit vieler Herzlichkeit als alten Bekannten begrüßend. Auch den Reiſenden ward freundlicher Gruß und die Einladung abzuſteigen und ſich's bequem zu machen. Thom bemerkte zugleich, daß die Gäſte ihm ganz willkommen ſeien, ſie ſich aber mit einem Lager von Heu und Stroh begnügen müßten, denn mehr zu bieten ſei er nicht im Stande. „Einem alten Soldaten genügt das,“ ſagte Morcerf lächelnd. „Für einen Jäger iſt Stroh ſchon ein fürſtliches Lager,“ meinte der Trapper, und begann ſofort ſein Pferd abzuſatteln. Die Reiſenden folgten dieſem Beiſpiele und erleichterten ihre Pferde ebenfalls von ihrer Bürde. Der Farmer rief unterdeſſen ſeiner Frau zu, für eine Abend⸗ Mahlzeit und dann für ein Nachtlager zu ſorgen, dem Knechte aber befahl er, für die Pferde das Jöthige herbeizuſchaffen. „Und nun,“ ſagte der Farmer zu dem Trapper und den Rei⸗ ſenden,„und nun ſetzen wir uns her und rauchen eine Pfeife, bis die Weiber drinnen mit ihrer Wirthſchaft fertig ſind. Alter John, haſt Du heute keine Jagdabenteuer zu erzählen?“ Dieſe Frage galt dem Trapper. „Das käme nachher zurecht,“ entgegnete John Walton,„für's Erſte habe ich eine ernſte Frage an Dich, Thom: Haſt Du Etwas von Rothhäuten gemerkt?“ Das Wort„Rothhäute“ machte vielen Eindruck auf den Far⸗ mer, denn ſein gemüthliches Geſicht nahm plötzlich einen ernſten Ausdruck an, er ſchaute den Trapper fragend an und ſagte dann, 2⸗ 20 daß er nichts von Rothhäuten wiſſe, wollte dann aber auch Aus⸗ kunft darüber, was dieſe Frage bedeuten ſolle. Als nun der Trapper erzählte, daß er die Fährten von In⸗ dianern geſpürt, daß er ſich nicht täuſche und daß er vermuthe, eine Jagdgeſellſchaft oder gar ein paar ſolcher Geſellſchaften könnten von dem Indianerterritorium herübergeſtreift ſein und ihren Lagerplatz in einem der Waldgründe aufgeſchlagen haben. „Und dann weißt Du, Thom,“ ſchloß der Trapper,„dann gilt es für den Weißen, Vorſicht zu zeigen und mit offenen Augen zu ſchlafen.“ „Ich weiß, ich weiß, ſagte der Farmer,„und da muß ich Euch gleich ſagen, daß es für mich eine Herzenserleichterung iſt, Dich und die lieben Gäſte hier bei mir zu haben.“ Nach dieſen Worten ſtand der Farmer auf, ging in das Haus, kehrte aber bald mit einer Büchſe in der Hand zurück, er unter⸗ ſuchte dieſelbe ſehr aufmerkſam, probirte den Hahn und ſagte endlich zufrieden:„Alles in Ordnung!“ „Es wäre gut, wenn auch die Nachbarn gewarnt würden,“ meinte der Trapper.„Sind die rothen Spitzbuben in der Nähe, muß Alles auf der Hut ſein.“ Der Farmer rief denn auch ſogleich ſeinen Knecht, ſagte ihm, daß Rothhäute ſich gezeigt und trug ihm auf, zu dem Nachbar Farmont zu gehen und ihm die Warnung zu bringen, aber er mahnte ihn zugleich, ſich zu beeilen, damit er bei guter Zeit wieder zurück ſei. Der Knecht machte ſich auch ſogleich auf den Weg, der aller⸗ dings nicht ganz kurz war, denn dieſer Nachbar, den er warnen ſollte, hatte ſeine Farm etwa eine engliſche Meile aufwärts von dem Flüßchen, in deſſen Nähe die Farm Thom Butlers lag.— Außer dieſen beiden Farmen befanden ſich noch einige in der Nähe, wenn man Entfernungen von einer engliſchen Meile und mehr nahe Nachbarſchaft nennen kann. Unterdeſſen war das Nachteſſen bereitet, der Farmer lud ſeine Gäſte ein, in das Haus zu treten und ſeiner Frau Mundvorräthen Ehre anzuthun. Die Gäſte traten ein und fanden im inneren Raume des Blockhauſes allen Comfort, den man von ſolch' einem Hauſe nur verlan Decke auſgeſ ſo da Scher paar Kiſten konnte — Teller ſtellt einfa der ſchmo mit ihm, Thon gebe zeich vom ſucht eine ſelbe fran auch Tho Abe ſähe irrt mal que 1 — ar ee — ——— ——— 21 verlangen konnte, denn die Wände widerſtanden dem Winde, die Decke ließ keinen Regen durch und der Herd an der aus Steinen aufgeſetzten Wand hatte für ſeinen Rauch hinlänglichen Ausgang, ſo daß er den Bewohnern des Raumes nicht weiter läſtig fiel. Ein langer, ziemlich plumper Tiſch, ein paar Bänke und ein Schemel machten das Meublement aus, welches indeſſen durch ein paar Klötzer in der Nähe des Herdes und ein paar Tonnen und Kiſten, die je nach Bedürfniß als Sitz und auch als Tiſch dienen konnten, vervollſtändigt wurde. Aber der Tiſch war mit einem ſehr weißen Tuche bedeckt, die Teller, welche von der Hausfrau für die Gäſte auf den Tiſch ge⸗ ſtellt wurden, waren auch recht reinlich, und die Speiſen zwar ſehr einfach, aber doch appetitlich. Der Schinken erwies ſich ſehr ſaftig, der Büffelbraten, der gleichfalls kalt aufgetragen war, als ſehr ſchmackhaft, und der Brandy war rein. Bei Tiſche begann nun der Trapper ſeinen Freund, den Farmer, mit dem Zwecke der beiden Reiſenden bekannt zu machen und ſagte ihm, daß er dieſelben in der Vorausſicht hierher gebracht, er, Thom, werde da mehr wiſſen und den Reiſenden den beſten Rath geben können. „Wer weiß,“ meinte Thom,„wenn man keine beſſeren Kenn⸗ zeichen zu geben vermag, als hier, ſo kann man die ganze Union vom Anfange bis zum Ende durchſuchen und werde doch den Ge⸗ ſuchten nicht finden. Einen Monte⸗Chriſto kennt Thom nicht, auch einen Dantes nicht. „Aber ein Maſter Edmond iſt doch da,“ ſagte er dann,„der⸗ ſelbe iſt ein ſchöner, ernſter Mann, von dem man ſagt, er ſei franzöſiſcher Abſtammung. Er hat eine ſchöne Frau bei ſich und auch einen Neger, der mit vieler Treue an ihm hängt.“ „Wo iſt dieſer Maſter Edmond? Wo wohnt er?“ fragte Morcerf. „Seine Farm iſt etwa ſechs Meilen von hier,“ entgegnete Thom,„ſie liegt am Blue⸗River in einem ſehr ſchönen Thale. Aber es iſt gar keine gewöhnliche Farm, und wenn Ihr denkt, es ſähe daſelbſt ſo aus, wie bei mir oder bei meinen Nachbarn, ſo irrt Ihr Euch, denn es iſt vielmehr, als hätte ein reicher Kauf⸗ mann aus New⸗York ſich dort einen Landſitz angelegt, um mit Be⸗ quemlichkeit den Sommer zu verbringen, es iſt eine Villa, ein 22 Schlößchen, in dem der Präſident der Union ganz gut ſein Quartier nehmen könnte. „Das könnte mit dem Geſchmacke des Grafen Monte⸗Chriſto übereinſtimmen,“ ſagte Morcerf, der ſehr aufmerkſam zugehört hatte, „denn dieſer liebte es, ſich mit einer Art orientaliſchen Luxus zu umgeben. Sind Sie, Maſter, in dieſer Farm geweſen?“ „Das Hineinkommen iſt eigentlich nicht ſo leicht,“ erzählte Thom,„denn der Maſter Edmond iſt zwar freundlich und zuvor⸗ kommend gegen Alle, hilft Denen, die ihn anſprechen, mit Rath und That, aber dabei hat er doch ſo etwas Vornehmes und Zurück⸗ haltendes, daß man mit ihm nicht ſo nachbarlich, vertraulich zu ſprechen vermag, wie dieſes doch alle Farmer zwanzig Meilen in der Runde unter einander thun. Dieſe Zurückhaltung macht, daß es ſchwer genug fällt, einmal in die Farm des Maſter Edmond zu dringen, und noch ſchwerer, in ſein Wohnhaus zu gelangen. Es gleicht da die Farm wohl für Viele einem verwünſchten Schloſſe, welches man wohl vor Augen hat, dem man ſich aber nicht nahen kann. So einem Schloſſe gleicht es auch ſonſt, denn ich denke, im ganzen Staate iſt kein ſolches Haus mehr zu finden, als dieſes. Mir iſt es nur einmal ſo durch Zufall gelungen, einen Blick hinein zu werfen, und da habe ich doch wenigſtens ſo viel hinweggebracht, daß da drinnen Glanz herrſchen muß, ganz beſonderer Glanz, bunte Wände, ſeidene Vorhänge, ſchöne Möbel!— God dam, gegen ſo ein Haus gleicht mein Blockhaus einer Hundehütte.— Nun, wir können nicht Alle in Paläſten wohnen und in meinem Blockhauſe lebe ich ebenſo gut als freier Mann und als Herr über mein Land, wie in einem Palaſte.“ „Maſter Edmond iſt alſo reich?“ fragte Morcerf. „Reich muß er ſchon ſein,“ antwortete der Farmer,„er iſt kaum acht Jahre hier. Er ſoll vorher in Californien ungeheure Schätze geſammelt haben; Andere wollen wieder wiſſen, er habe auf der Börſe ſehr glücklich ſpeculirt.— Mag das nun ſein wie es will, genug, Geld muß er haben, viel Geld, ſehr viel Geld, denn ſonſt hätte er nicht eine ganz große Länderei kaufen und darauf ein ſolches Schlößchen bauen können.— Das Capital wird ſich freilich auch rentiren, denn der Landſtrich iſt groß genug, um eine ganze Stadt darauf zu bauen; das Land hat Edmond billig, zu Re⸗ — ——— —— 5—— 23 gierungspreiſen, und dann wird er ſchon ſeinen Profit heraus⸗ ſchlagen, denn nach ein paar Jahren iſt hier der Bodenwerth gewiß um hundert Procent geſtiegen.“ „Alſo ein Bodenſpeculant wäre dieſer Maſter Edmond?“ fragte Morcerf kopfſchüttelnd. „Möglich,“ meinte Thom,„aber ein kluger Mann iſt es jeden⸗ falls. Maſter Edmond ſelbſt ſoll ſehr einfach ſein und wenig auf den Glanz geben, aber er will, daß Frau und Tochter es ſo ſchön als möglich haben ſollen.“ „Alſo dieſer Maſter Edmond hat Kinder?“ fragte Morell raſch. „Eine Tochter hat er,“ ſagte Thom,„von anderen Kindern wüßte ich wenigſtens nichts. Aber dieſe Tochter ſoll ein ganz wundervolles Geſchöpf ſein, ein wahres Zauberkind, wie es nicht gleich wieder zu finden iſt. Geſehen habe ich dieſes Mädchen noch nicht, aber davon gehört.“ „Die Sage übertreibt oft,“ bemerkte Morcerf und fragte dann, ob der Maſter Edmond irgend ein Geſchäft hier betreibe, was ihnen dann den Vorwand zu einer ernſten Annäherung geben könnte, da⸗ mit ſie ſich erſt überzeugen könnten, ob es auch die rechte Perſon ſei. „Ein Geſchäft, was der Maſter triebe, wüßte ich nicht zu nennen,“ meinte Thom.„Wollt Ihr aber zu ihm, ſo iſt es gar nicht nöthig, daß Ihr einen Vorwand gebraucht. Edmond liebt es, wenn man ohne alle Umſchweife zu ihm ſpricht, und iſt er der, den Ihr ſucht, ſo braucht Ihr weiter keinen Vorwand, iſt es aber eine andere Perſon, ſo braucht Ihr es nur zu ſagen, daß Ihr Euch geirrt habt, und Ihr werdet ihn da bereit finden, Euch jede Aus⸗ kunft zu geben, die Ihr verlangen könntet, und Euch behilflich zu ſein, ſo weit er es thun kann. Er ſcheint weite und zahlreiche Be⸗ kanntſchaften zu haben oder vielmehr gehabt zu haben.“ Die Freunde dankten dem Farmer für ſeine gefällige Auskunft und Morcerf meinte noch: ſolch' ein Mann, wie dieſer Maſter Ed⸗ mond, müſſe eigentlich ſehr einflußreich ſein. „Das iſt er auch,“ antwortete Thom.„Obgleich er unſere Geſellſchaft durchaus nicht ſucht, ſo hat er doch bei uns Farmern der Gegend einen großen Stein im Brode, und ſollten wir einen Gouverneur für unſeren Staat wählen, ſo würden wir Alle dem Maſter Edmond unſere Stimmen geben, und wir würden ihn auch 24 als Deputirten in den Congreß ſchicken, ja, als Candidaten für den Präſidentenſtuhl ihn aufſtellen.“ „Dann muß der Mann wiiklich eine ebenſo einflußreiche, als merkwürdige Perſönlichkeit ſein,“ ſagte Morcerf,„und es lohnt ſich ſchon der Mühe, ihn kennen zu lernen, ſelbſt wenn es nicht der Geſuchte ſein ſollte.“ „Merkwürdig iſt der Mann,“ beſtätigte Thom, und erzählte dann weiter, daß dieſer Edmond auch bei den Rothhäuten ſich eines großen Anſehens erfreuen müſſe, denn man wiſſe, daß er durch das Gebiet der gefürchtetſten Krieger⸗ und Jägerſtämme der Indianer ſich furchtlos bewege, und er von den Rothhäuten allgemein als ein „Medicinmann“, als eine Art Halbgott betrachtet und verehrt würde, und ein Wort von ihm genügend ſei, um dieſe oder jene Abſicht durchzuſetzen, oder die Rothhäute zu bewegen, irgend einen Plan ſofort aufzugeben.“ „Wenn dieſer Mann ſo merkwürdig iſt und ſolche geheimniß⸗ volle Macht offenbart,“ ſagte jetzt Morcerf wieder,„ſo glaube ich beinahe, wir brauchen nicht weiter zu gehen, und dieſer Mann iſt derſelbe, den wir aufſuchen. Denn Monte⸗Chriſto oder Edmond Dantes war eine ganz gleiche merkwürdige, myſteriöſe Erſcheinung. Morgen früh brechen wir dahin auf!“ Der Farmer verſprach ihnen, ſeinen des Weges kundigen Sohn als Führer mitzugeben. Unter dieſen Geſprächen war es ſpät geworden, der Farmer mahnte ſeine ermüdeten Gäſte, ſich zur Ruhe zu begeben, und er ſelbſt wollte mit ſeinem Sohne die Rückkehr des Knechtes erwarten. „Die Indianer werden uns überhaupt nicht läſtig fallen,“ ſagte der Farmer,„denn erſtens liegt die Farm verſteckt, und dann ſind wir ja Männer da, die ihre Büchſen auch zu führen verſtehen. — Ihr könnt alſo in Ruhe ſchlafen!“ wind Nacht und chend ung, verge Der Ermi die ihm keit woh und mach hert Zeit Unr wied Soh Per Drittes Kapitel. Der nächtliche Ueberfall. Die Nacht war ſtill und mild. Da draußen rauſchte der Nacht⸗ wind leiſe in den Bäumen und dann und wann ſtrich wohl ein Nachtvogel flüchtigen Fluges dahin, nach irgend einer Beute ſpähend und ſchnell wieder verſchwindend. In dem Blockhauſe ſaß der Farmer am Herde, ſeine Pfeife rau⸗ chend, aber oft ſtockte er in dieſer ihm ſonſt ſo angenehmen Beſchäftig⸗ ung, die Augen fielen ihm zu, der Athem wurde ſchwächer und er vergaß, den würzigen Rauch des glimmenden Krautes einzuziehen. Der gute Mann hatte den Tag über ſehr fleißig gearbeitet und die Ermüdung machte ihr Recht geltend. Ein paar Mal hatte er ſchon die Pfeife auf's Neue in Brand ſetzen müſſen, aber die Augen fielen ihm doch immer häufiger zu. Thom ſuchte durch Geſpräch mit ſeinem Sohne die Schläfrig⸗ keit zu vertreiben. Der Sohn ſaß ihm gegenüber und befand ſich wohl in wenig beſſerer Lage als ſein Vater, auch er war müde. Thom beſprach mit ſeinem Sohne die Arbeit des nächſten Tages und ſprach ſeine Hoffnung aus, daß der Ertrag des neu urbar zu machenden Feldſtückes ein reicher ſein und den Wohlſtand der Familie herbeiführen würde. Aber von Zeit zu Zeit horchte er hinaus, und als nach einiger Zeit der Knecht immer noch nicht kommen wollte, zeigte er einige Unruhe, denn er meinte, der Abgeſchickte könne nun doch endlich wieder da ſein; aber er beruhigte ſich auch immer wieder, als der Sohn wiederholt ſagte: der Knecht habe drüben bei Fremont eine Perſon, die er gern ſähe und die ihn wieder gern ſähe. „Dann freilich wird der Schlingel nicht ſogleich kommen,“ 26 meinte Thom mit gutmüthigem Lächeln. gnügen haben.“ „Nun, mag er ſein Ver⸗ Endlich dauerte es ihm doch gar zu lange, um ſo mehr, als der Schlaf immer mächtiger ſein Recht geltend machte. Gähnend erhob er ſich, trat vor die Thüre und ſchaute in die Nacht hinaus. Die Nacht war ſo ſtill, ſo ruhig, nirgends ließ ſich ein Laut vernehmen, der hätte Beſorgniß einflößen können. Nachdem der Farmer einige Zeit ſo gelauſcht hatte, ging er zurück in die Wohn⸗ ſtube und ſagte zu ſeinem Sohne: „Es iſt Alles ſtill und wird es auch bleiben. Ich will eine Stunde ſchlafen und dann kannſt Du mich wecken.“ Noch einmal ſah der Farmer nach ſeiner Büchſe, dann, nachdem er ſich überzeugt, daß auch hier Alles in Ordnung ſei, legte er ſich auf die Bank und war nach wenig Minuten ſchon eingeſchlafen. Der Sohn, der William, ſaß an dem Herde und ſchaute ſinnend in die verlöſchende Kohlengluth auf dem Herde.— Das Schweigen um ihn wirkte überwältigend auf ihn, und er verſank in eine Art Halbſchlummer, ſeine Gedanken verwirrten ſich und gingen in eine Art Träumerei über, wo unbeſtimmte Formen durch einander gaukelten. Der ausgeſchickte Knecht kam noch immer nicht, aber es dachte jetzt wohl Niemand daran. So war denn in der Farm Alles in der größten Ruhe, die Bewohner derſelben ſchliefen, mit Ausnahme des Sohnes vom Hauſe, der, wie ſchon geſagt, in einem Zuſtande zwiſchen Schlafen und Wachen ſich befand. Niemand ahnte, was ſich da draußen begab. Denn hier, um die Farm herum, begann ein unheimliches Schleichen und Treiben. Eine dunkle Geſtalt wand ſich ſchlangen⸗ gleich über den freien Raum, der zwiſchen dem Waldrande und der Umzäunung des Farmerhauſes ſich befand. Jetzt hob die Geſtalt das Haupt, lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit eine Minute umher. Eine kurze Pauſe entſtand, dann begann die Geſtalt die Vorwärtsbewegung wieder. Hinter dieſer Geſtalt und neben ihr in geringer Entfernung wurden ähnliche Geſtalten ſichtbar, die ganz gleiche Bewegungen machten.— Alles geſchah faſt geräuſchlos, unter Anwendung aller Vorſicht. Die Geſtalten benutzten hohes Gras, einzelnes Geſträuch, 27 einige Erdhaufen, um ſich für Minuten ganz unſichtöar zu machen und doch vorwärts zu bewegen. Jetzt klang das Zeichen, hörbar kaum und nur dem Wiſſenden kenntlich. Es glich dem Schnurren eines bei Nachtzeit um die ſchlummernde Blume ſchwärmenden Falters. Augenblicklich hielten die Bewegungen ſämmtlicher Geſtalten inne, ſie verharrten in regungsloſer Ruhe. Nur die zuerſt zum Vorſchein gekommene Geſtalt ſetzte nach kurzem Zögern den Weg auf die vorige Weiſe fort und näherte ſich ſo mehr und mehr der Umzäunung des Blockhauſes. Je näher ſie derſelben kam, deſto mehr Vorſicht wandte der Schleichende auch an; ſeine Bewegungen wurden faſt unmerklich und doch rückte er immer mehr vorwärts. Nur ein Indianer konnte auf ſolche Weiſe und mit ſo beharr⸗ licher Vorſicht vordringen. Es waren auch Indianer, die ſich ſchlei⸗ chend und kriechend der Farm näherten, und der, welcher ihnen vor⸗ anging, war ihr Häuptling. In der Feem aber ahnte man noch immer nichts von dem Nahen dieſer erbitterten und blutdürſtigen Feinde, die bei ihren An⸗ griffen ſtets ſo viel Liſt und ſo viel Grauſamkeit zeigten.— Vorwür wand ſich der Häuptling. Er blieb einen Moment lauſchend in regungsloſer Stellung liegen.— Aber da drinnen in der Farm regte ſich noch immer nichts.— Jetzt erhob ſich der Häuptling leiſe und langſam, erſt mit dem Oberkörper, dann mit dem ganzen Körper und beugte ſein Haupt, von dem ein langer Haarbüſchel im Nachtwinde flatterte, über die Umzäunung, aufmerk⸗ ſam in das Innere derſelben lauſchend. Das Reſultat dieſer Beobachtung war für den Indianer ein ſehr befriedigendes, denn immer noch regte ſich nichts; nun wandte er ſich wieder rückwärts nach ſeinen Gefährten zu und abermals ließ ſich jenes leiſe Summen vernehmen, welches dieſes Mal eine Fortſetzung fand, daß es auch an einigen anderen Stellen hörbar wurde. Und nun erhoben ſich die Geſtalten von der Erde, blieben aber noch in gebückter Haltung, in der ſie auch ihrem Häuptling nach an die Umzäunung ſchlichen. Jetzt war das Geräuſch der Heranſchleichenden ſtärker geworden, 28 der wachſame Hund in der Farm bemerkte es und erhob plötzlich ein heftiges Bellen, dadurch die Nähe der Feinde verrathend. Da brachen auch die Indianer in ihr Kriegsgeſchrei aus und ſtürzten ſich plötzlich wie entfeſſelte Teufel auf die Umzäunung der Farm, dieſelbe zum Theil überſpringend, zum Theil niederreißend, und ſo eindringend. Auf das erſte Hundegebell war William aus ſeinem Halb⸗ ſchlummer aufgefahren und in der Meinung, der Hund zeige die Rückkehr des Knechtes an, trat er ſorglos hinaus vor die Thüre, den ſo lange Säumenden zu empfangen. Er dachte weder daran, vorher ſeinen Vater zu wecken, noch auch, ſeine Büchſe mit zu nehmen. Er trat vor die Thüre und ſah eine Geſtalt auf das Haus zu⸗ ſpringen und immer noch in der Meinung, der Knecht ſei es, rief er dem Nahenden zu: „Alter Schlingel, kommſt Du endlich?“ Der Arme ſollte ſofort auf grauſame Weiſe aus ſeinem Irr⸗ thum geriſſen werden, denn alsbald erhob ſich der Indianer Kriegs⸗ geſchrei und dicht an ſeinem Kopfe vorbei ſauſte ein Wurfſpeer und fuhr mit ſeiner ſcharfen Spitze in die Hauswand, wo er ſtecken blieb. William ſprang voll Entſetzen ſeitwärts. „Auf, auf!“ ſchrie er aus vollem Halſe.„Rothhäute! Roth⸗ häute!“ Er wollte in das Haus ſpringen, aber ſchon hatte einer der ſtürmenden Indianer ihm den Weg verrannt. William packte den Indianer und rang mit ihm. Wohl war der junge Mann rieſen⸗ kräftig, aber der Indianer dagegen gewandt und geſchmeidig und dabei bewaffnet; er ſchwang ſein langes Meſſer gegen den Gegner. Da aber fiel der treue Hund den Indianer mit grimmigen Biſſen an und zerfleiſchte ihn. Der Indianer ließ den jungen Mann los und der Hund fiel unter dem Stiche ſeines Meſſers, aber William hatte durch das Opfer des treuen Thieres Zeit gewonnen, den In⸗ dianer weit zurückzuſchleudern und ſo ſich für den Augenblick frei zu machen. Aber er konnte auch nicht mehr zu der Thüre gelangen, denn ſchon drangen ein Paar der Indianer dort ein, ihr wildes, mark⸗ erſchütterndes Kriegsgeheul ausſtoßend. William, völlig waffenlos, 29 blieb nichts übrig, als ſich unter fortwährendem Lärmrufen um das Haus zu flüchten. Dort verſchwand er. Da krachte ein Schuß.— Laut heulend ſtürzte einer der In⸗ dianer zuſammen. Der Farmer war erwacht, er hatte ſeine Büchſe ergriffen, war hinausgeſprungen und hatte den Erſten der Indianer, der ihm ent⸗ gegen trat, niedergeſchoſſen. Es war aber auch des muthigen Farmers letzter Schutz geweſen, denn ſein Schuß fand ſogleich Beantwortung und er ſank nieder. Mit Siegesruf warf ſich ſofort der Indianer, welcher geſchoſſen, auf den Mann, packte den noch Zuckenden an den Haaren, mit der anderen Hand ergriff er ein ſcharfes Meſſer, ein raſcher, feſter Schnitt um Stirn und Hinterkopf, ein Ruck und die Kopfhaut des unglücklichen Mannes befand ſich als grauſiges Siegeszeichen in der Hand des Indianers. Der barbariſche Kriegsgebrauch der Indianer, das Scalpiren, war vollzogen. Dieſer erſte Sieg hatte die Blutgier der Indianer nur noch mehr geweckt; ein paar von ihnen drangen in die Stube, aus der ihnen die Lampe und die letzte Kohlengluth des Herdes entgegen⸗ leuchtete. Ein Haufen dürres Holz lag über dem Herde, ein In⸗ dianer warf einen Arm voll davon auf den Herd und hoch auf loderte die Gluth; noch mehr, er ſchleuderte einen Feuerbrand in den Holzhaufen, in dem es ſofort zu praſſeln begann. Jetzt ſtürzte in Todesangſt die von dem Lärm erwachte Farmers⸗ frau, die mit dem Mädchen nebenan in einem Verſchlage geſchlafen, in die Stube; das Mädchen folgte ihr, klammerte ſich an ſie an. Die Frau rief nach dem Gatten, nach dem Sohne. „Thom! Will!“ klang es. „Im nächſten Augenblicke ſchmetterte ſchon ein Axthieb auf ſie nieder, mit zerſchmettertem Haupte brach ſie zuſammen und eine Minute ſpäter war auch die Leiche des Scalpes beraubt. Gleichzeitig war das Mädchen von der Herrin losgeriſſen, ein paar dieſer rothhäutigen Teufel packten die Schreiende, ſchnürten ihr die Hände auf den Rücken und ſtießen ſie ſo aus dem Hauſe. In der Flur des Hauſes hatte ſich unterdeſſen eine wilde Scene entſponnen. Ein paar der Indianer hatten ſofort von dem Herde einen Feuerbrand geriſſen und denſelben auf der Flur in einen dort liegenden Haufen Stroh geworfen, der zu brennen begann und den Raum erhellte. In einem an die Flur ſtoßenden Verſchlage, der dem Sohne des Farmers und dem Knechte für gewöhnlich als Schlafſtätte gedient, hatten der Trapper und die beiden Reiſenden ihr Nachtlager gefunden. Sie hatten Waffen und Oberkleider abgelegt und hier, einmal ein Dach über ſich zu haben, ſchliefen ſie ſorglos auf ihrem Strohlager den tiefen Schlaf der Ermüdung.. Jetzt klang das Hundegebell in den Raum. Der Trapper er⸗ wachte, achtete aber erſt wenig auf den Lärm und er hörte den Ruf Williams, der nur dem Knechte gelten konnte. Aber jetzt klang der Schrei:„Auf, auf! Rothhäute!“ in ſein Ohr und augenblicklich fuhr er von dem Lager empor. „Auf!“ ſchrie der Trapper mit Donnerſtimme den Gefährten zu.„Die Indianer ſind da!— Zu den Waffen, Freunde!“ Dieſer Lärmruf ſchreckte die Schläfer auf. John Walton war ſchon aufgeſprungen. Die tiefſte Finſterniß umgab ihn. Er tappte nach ſeiner Jacke, ſie überzuwerfen und nach ſeiner treuen Büchſe. Er fand ſie auch und fuhr haſtig in die Jacke, ergriff, ohne ſich mit Aufſuchen der anderen Waffen aufzuhalten, die Büchſe und ſprang nach der Thüre. Aber in der Finſterniß verfehlte er ſie und ſtieß nur an die Wand. Jetzt fiel auch ſchon der erſte Schuß und wildes Geſchrei erhob ſich.— Immer noch konnte der Trapper die Thüre nicht finden, er tappte nach rechts und links und ſtieß voll Ungeduld mit Fuß und Kolben an die Thüre und prallte bisweilen an Morcerf und Morell, die gleichfalls von dem Lager geſprungen waren und im Finſtern umſonſt nach ihren Gewehren ſuchten. Sie verwirrten ſich ſo gegenſeitig und hinderten ſich. Draußen dauerte der Lärm nicht nur fort, ſondern ſteigerte ſich noch.— Der Trapper erkannte aus den verſchiedenen Tönen den Todesſchrei der Farmersfrau, das Siegesgeheul der Indianer und rief: „O, über dieſe Beſtien! Sie morden Alles und wir ſind hier wie gefangen. Wer nur die verwünſchte Thüre fände.“ Da glänzte Feuerſchein durch eine Fuge und die Thüre war gefunden. Mit einem Stoße ſprengte der Trapper die Thüre auf dianer ſie de Erbit ſchlä⸗ getro Kamy Indie demſe ———— 31 und ſtürzte hinaus. Feuerſchein glänzte ihm entgegen, Dampf wirbelte umher; es kniſterte und praſſelte, dazwiſchen gellte ununter⸗ brochen das ſchaurige Geheul der Indianer. John Walton ſah die Geſtalten ſich umher bewegen und ſchoß ſeine Büchſe auf den Nächſten ab. Wieder ein gräßliches Geheul! Der abermalige Tod eines der Ihren entflammte die Indianer zu neuer Wuth und ſie drangen auf den Trapper ein, der keine andere Waffe habend als die ab⸗ geſchoſſene Büchſe, dieſelbe umkehrend und mit hochgeſchwungenem Kolben ſich auf die Gegner ſtürzte. „Das iſt der weiße Johny!“ ſchrie da ein Indianer.„Fangt ihn!“ „Der Johny! Der Johny!“ klang es nun von Mund zu Mund. Dieſer Ruf verrieth, daß die Perſon des Trappers den In⸗ dianern ſehr wohl bekannt ſein mochte; aber die Töne, mit welchen ſie den Namen riefen, klangen eben nicht freundſchaftlich, Haß und Erbitterung war durchzuhören. Mit großer Gewandtheit wichen die Indianer den Kolben⸗ ſchlägen des Trappers aus, ſo daß ein paar von ihnen nur leicht ggeetroffen, aber nicht niedergeworfen wurden. Indeſſen dauerte dieſer Kampf kaum ein paar Minuten, denn mit jener Liſt, welche die Indianer ſtets im Kampfe mit ihren Feinden beweiſen, machten ſie demſelben auch hier ein raſches Ende. Ein Indianer warf ſich zur Erde, als ob er von des Trappers Kolben getroffen wäre, kugelte ſich ihm aber raſch näher, packte des Mannes Füße und zog ſie mit ſolcher Kraft hinweg, daß er hinter⸗ rücks niederſtürzte, die eben hochgeſchwungene Büchſe klirrend zur Erde fiel und er ſelbſt mit dem Kopfe ſo heftig auf einen Holzklotz ſchlug, daß er für den Moment völlig betäubt liegen blieb. Ein Siegesgeheul ausſtoßend, warfen ſich einige Indianer auf den geſtürzten Mann. „Weiß Johny gefangen! Weiß Johny gefangen!“ klang es im Triumphestone. Ein paar der Indianer feſſelten die Hände und Füße des Trappers und ſchleiften ihn aus der Flur in's Freie, während die anderen ſich auf die neu erſcheinenden Gegner warfen. Denn ſoeben erſchienen Morcerf und Morell, nur nothdürftig bekleidet, auf der Flur. Sie hatten bei dem in ihren Verſchlag 32 dringenden Feuerſchein ihre Gewehre endlich gefunden, ſie ergriffen und waren hinaus auf die Flur geſtürzt, wo ſie eben ankamen, als der Trapper niederſtürzte. Beide waren wohl Männer voll Muth, Kraft und Entſchloſſen⸗ heit, aber ſie kannten ihre Gegner und deren Gewohnheiten im Kampfe nur aus Erzählungen, denn noch nie waren ſie ihnen be⸗ gegnet. Das Geheul dieſer buntbemalten, wilden Beſtien in Menſchengeſtalt, das ſo ſchauerlich in ihre Ohren gellte, betäubte ſie faſt, der dichter werdende Qualm in der Flur drohte ſie zu er⸗ ſticken, der blutige Feuerſchein, der den Dampf durchbrach, erſtickte ſie faſt, ſie wußten im erſten Moment der Verwirrung nicht, wohin ſie ſich zuerſt wenden ſollten. Aber die Indianer wußten es deſto beſſer. Ehe Morcerf recht zur Beſinnung kommen konnte, war er von einigen Indianern ge⸗ packt, und indem er mit ihnen rang, entlud ſich ſeine Büchſe, der Schuß fuhr durch den Rauch in die Decke hinauf. Einen Moment ſpäter fühlte ſich Morcerf ſchon niedergeworfen, gebunden, und dann wurde er fortgeſchleppt. Morell, ebenfalls angegriffen, erhielt einen Meſſerſtich. Auch er ward ſchnell entwaffnet, gleich ſeinem Gefährten niedergeworfen, gebunden und fortgeſchleppt. Draußen im Freien fanden ſich die beiden Gefährten und der Trapper wieder, auch das Mädchen war ihnen zugeſellt. Alle vier Gefangene lagen gebunden auf der Erde und hatten einen grauen⸗ haften Anblick. Aus den Fenſtern und Luftlöchern des Farmerhauſes züngelten ſchon die Flammen und qualmte Rauch, nach einigen Minuten zuckten auch ſchon einzelne Flämmchen durch das Dach, ſie liefen auf demſelben einige Minuten herum, da und dort zu größeren Flammen ſich vereinigend und dann lohte das Feuer überall in ge⸗ waltiger Gluth zum Nachthimmel empor. Die Indianer brachten die Pferde des Trappers und der Reiſenden, ſowie die beiden Pferde des Farmers aus dem Schuppen und führten ſie durch die Lücke der Umzäunung hinaus in das freie Feld, dem Waldrande zu.— Um das Vieh der Farm kümmerten ſich die Räuber für jetzt nicht weiter. —. 33 Bald waren auch die Anbaue des Farmerhauſes von der Gluth ergriffen und nun brannte Alles über und über; die Indianer, die nicht mehr in das brennende Haus dringen und keine Beute mehr dort machen konnten, wollten ſich doch wenigſtens noch ein Ver⸗ gnügen bereiten und tanzten unter wilden Geberden, ihre Waffen ſchwingend, um das Feuer. Scheu gemacht durch den Lärm und die praſſelnde Gluth, hatte das Vieh der Farm die Umzäunung, in der es eingeſchloſſen ge⸗ weſen, durchbrochen und einen Ausweg ſuchend, rannten die Rinder und die Kälber mit hochgeſchwungenen Schweifen umher, zwiſchen⸗ durch liefen auch Schweine mit ängſtlichem Grunzen, flatterten Hühner. Die Indianer machten ſich da noch das grauſame Ver⸗ gnügen, die Thiere, ſobald ſie dieſe nur erreichen konnten, mit Wurfſpießen und Flintenkugeln zu tödten oder doch zu verwunden. Ein wahrer Hexenſabbath ſchien ſo auf der Brandſtätte im Gange zu ſein; die Flammen praſſelten, die brennenden Balken ſtürzten krachend in die Gluth, die Indianer tanzten und ſprangen umher, Kriegslieder ſingend, heulend, Triumphrufe ausſtoßend, die Waffen ſchwingend und ſie tönend aneinander ſchlagend; dazwiſchen knallten Schüſſe, brüllten die Stiere, Kühe und Kälber, ſchrieen die flüchtenden Ziegen ängſtlich, blökten die Schafe, Alles war ein grauſenhaftes Gemiſch von Tönen, wohl geeignet, ein Herz erbeben zu machen, aber die Herzen der entmenſchten Indianer freuten ſich ob dieſes ſchaurigen Tumults. Einige Indianer, die das Entkommen Williams bemerkt hatten, ſtreifften durch die ganze Einzäunung des die Farm umgebenden Landes, den Entflohenen zu ſuchen und auch ihn ihrem Blutdurſte zu opfern, aber von dem jungen Manne war keine Spur zu finden. Er mußte entweder in dem ſchon hochſtehenden Getreide ſich gut verborgen oder ſchon den Wald erreicht haben, um vielleicht zur nächſten Farm zu eilen und dort Hilfe zu holen. Die vier Gefangenen lagen unterdeſſen gebunden auf der Erde, bewacht von ein paar Indianern, die ſich bisweilen das grauſame Spiel erlaubten, über dem Haupte des einen oder anderen Ge⸗ fangenen ihre Beile zu ſchwingen und ſich den Anſchein zu geben, als wollten ſie dieſelben niederſchmettern laſſen; doch war es eben Mon te⸗Chriſtos letzter Weltgang. 3 nur ein Spiel, welches aber hinreichend die grauſame Gemüthsart der Sieger verrieth. Der Zuſtand der Gefangenen war traurig. Der Trapper blutete aus einer Kopfwunde, die er ſich durch den Fall zugezogen, aber kein Zug ſeines Geſichtes verrieth Schmerz, eine eiſerne, kalte Ruhe war über ſeine ſcharfen Züge gebreitet; ſein Auge blickte finſter bald in die Gluth, bald auf die jauchzenden Rothhäute und dann ſenkte es ſich wieder auf die Gefährten. Wenn er auf dieſe blickte, da überflog ein Zug des Mitleids und der Trauer ſein Ge⸗ ſicht. Wußte er doch beſſer als Jene, in welche Hände ſie Alle ge⸗ fallen, und welches Schickſal ihnen wahrſcheinlich zugedacht ſein würde, denn er kannte die Feinde. Morcerf lag neben dem Trapper. Auch er war finſter, die Blicke, die er den tanzenden Barbaren zuwarf, drückten Zorn und Haß aus. Er hatte ſo Vieles ſchon von der Indianer⸗Grauſamkeit gehört, und wenn er da bedachte, daß er vielleicht auch ein Opfer dieſer blutdürſtigen Race werden ſollte, da ward es ihm gar wehe um das Herz, er dachte dann an ſeine Heimath im fernen Frank⸗ reich, an ſeine Gattin, an ſeine Mutter, die er das letzte Mal ge⸗ ſehen haben ſollte, und er war ja auch Vater. Bei dieſem Gedanken war es ihm, als müſſe er im Weh vergehen und ſein Auge wurde feucht. Allein mit Rieſenkraft unterdrückte er dieſe Bewegung, damit ſie nicht zu deutlich in ſeinem Geſichte ſich abſpiegelte; er wollte eiſig kalt und ruhig ſcheinen, gleich dem Trapper; ſeine Feinde ſollten nicht ihn zittern und ſchwach ſehen, und ſo zuckte er auch mit keiner Miene, wenn Einer der Indianer zum grauſamen Zeit⸗ vertreib für ſich das Beil über ſeinem Haupte ſchwang. Aber doch konnte er ſich der Weichheit wieder nicht erwehren, wenn er auf den jugendlichen Morell an ſeiner Seite ſchaute. Dieſer junge Mann, faſt noch Jüngling zu nennen, der ein ſo reiches Leben noch vor ſich hatte, ſollte auch er unter dieſer Barbaren rauhen Händen fallen? Sollte er fern von der Heimath als Opfer dieſer Unmenſchen fallen und ſo für immer ſpurlos verſchwinden für die Seinen, die ihn ſo zärtlich liebten, deren Stolz und Freude er war? Es war dieſes ein ſchmerzlicher Gedanke, wohl geeignet, auch in.* Manne tiefe Bewegung hervorzurufen. Morell lag bleich neben den dlssxefheen, die Wunde, 35 die ihm des Indianers ſcharfes Meſſer in die Schulter beigebracht hatte, blutete, er fühlte ſich am ganzen Körper wie zerſchlagen. Auch ſeine Seele war von den ſchmerzlichſten Gedanken bewegt, denn auch er gedachte der Heimath und ſeiner Eltern, die jetzt viel⸗ leicht von ihrem Sohne ſprachen und ſeine baldige Rückkehr erſehnten. Er aber lag hier, gebunden, Gefangener eines grauſamen Feindes, ein grauſiges Schickſal vor Augen ſehend. War es zu verwundern, daß ihm bei ſolchen Gedanken ein banger, ſchmerzlicher Seufzer entſchlüpfte? Morcerf hörte den Seufzer und wandte ſein Haupt zu dem jungen Manne. „Muth, junger Freund!“ ſagte er. „Ja, Muth!“ rief jetzt der Trapper mit bitterem Lächeln da⸗ zwiſchen.„Ja, Muth, Freunde! Wir werden ihn in den Händen dieſer Teufel wahrhaftig mehr als genug brauchen. Aber Freunde, nur keine Schwäche gezeigt! Macht dieſen Barbaren nicht den Triumph, Euch ſchwach zuſammenbrechen zu ſehen, zeigt Euch als Männer allem Dem gegenüber, was noch kommen könnte. Trotzt ihnen, dann iſt überhaupt von dieſen buntgeſcheckten Beſtien noch Etwas zu erreichen, ſo geſchieht es durch Trotz und Hohn leichter, als durch Nachgiebigkeit und Schüchternheit.“ „Was wird aus uns noch werden?“ fragte Morcerf. „Das ſteht bei Gott und bei dieſen rothen Teufeln, in deren Hände uns das böſe Schickſal gegeben,“ antwortete der Trapper. „Wir werden es immer noch zeitig genug erfahren.“ „Ich fürchte es auch!“ ſeufzte Morcerf. John Walton aber knirrſchte zwiſchen den Zähnen hindurch: „O, daß ich doch meine Hände frei hätte, damit ich doch wenigſtens ein paar dieſer kupfrigen Schufte ihrer Großmutter in der Hölle zuſchicken könnte; ſie würde da wohl vor Vergnügen ein kleines Banket veranſtalten und ihren lieben Enkeln hier einen Thee mit brennendem Schwefel ſerviren und ihnen als Imbiß dazu Teufelsdreck auftragen.“ Es klang ein verzweiflungsvoller Humor aus dieſen Worten des Trappers, der, indem er dieſes ſprach, zugleich eine heftige An⸗ ſtrengung machte, ſeine Banden zu ſprengen und ſeine Hände frei zu machen. 3* 36 Umſonſt, der Lederriemen, mit dem des Trappers Hände zu⸗ ſammengeſchnürt waren, ſchnitt, ſtatt nachzugeben, nur tiefer in das Fleiſch ein, und der neben ihm ſtehende Indianer ſtieß ihn mit dem Fuße und hob zugleich drohend die Axt in die Höhe. „ Feiger Hund,“ rief da der Trapper dem Indianer zu,„wagſt Du es, einen Krieger mit Füßen zu treten?— Stünde ich Dir mit gewaffneter Hand gegenüber, ſo würdeſt Du wohl nicht den Muth haben, Du Feiger!“ Es war, als wolle der Trapper durch dieſe Worte den Indianer reizen, ihm mit der Axt den Kopf zu zerſchmettern, allein dieſer ließ die Axt ſinken und trat ein paar Schritte zurück, warf aber dem Gebundenen einen recht giftigen, drohenden Blick zu. Da trat ein anderer Indianer hinzu. Es war dieſes ein ſehr ſtattlicher Mann von regelmäßiger Bildung, aber ſein Geſicht war mit ſonderbarer Kriegsmalerei in ſchwarzer und rother Farbe bedeckt, wodurch das Schöne, was allen⸗ falls daran ſein konnte, verloren ging.— Auf ſeinem Kopfe ſchwankten drei Adlerfedern. Seine Kleidung beſtand aus bunt⸗ geſtreiftem Baumwollenzeuge und einer über die Schultern hängen⸗ den, bunt ausgenähten Büffelhaut; um ſeinen Hals hing eine Kette von Metallſtückchen, Glasperlen und Corallen. . Der Mann war vollſtändig als Krieger gerüſtet. Er trug eine lange Lanze mit flatterndem, buntem Roßhaarbüſchel in der Hand, auf dem Rücken die lange Indianerflinte, an der Seite ein Beil, im Gürtel ein langes, breites Meſſer. Außerdem war er mit Pulverhorn und Kugelbeutel verſehen und die kurze Pfeife und der Tabaksbeutel fehlten gleichfalls nicht. Es war dieſer ſtattliche Krieger der Häuptling der Indianer⸗ ſchaar und nannte ſich Chiaha⸗Walla. Er trat zu John Walter und fragte ernſt: „Ueber was beklagt ſich das Bleichgeſicht?“ Der Trapper kannte den Häuptling und entgegnete ihm finſter: „Ich beklage mich darüber, daß ein Feiger einen gebundenen Krieger mißhandelt. Binde mich los und ſtelle mich Jenem gegen⸗ über und es wird ſich zeigen, wer von uns Beiden mehr Muth hat.“ Mit Ruhe und ſelbſt mit einer gewiſſen Würde, welche die 37 Ariſtokratie der Indianer bei allen Gelegenheiten ſehr glücklich zu wahren verſteht, entgegnete der Häuptling: „Chiaha⸗Walla weiß, daß der weiße Johny ein tapferer Krieger und ein kühner Jäger im Walde und auf der Prairie iſt, und er ſoll nicht mehr berührt werden von uns. Aber Chiaha⸗Walla weiß auch, daß das Bleichgeſicht ſchlau iſt, wie der Fuchs und ſtark wie der Bär und er wird Dich deshalb nicht losbinden, auf daß Du nicht noch mehr unſerer Brüder erwürgſt.“ „Ah, ſo viel Anerkennung wird mir doch zu Theil,“ ſagte der Trapper mit einem höhniſchen Ausdrucke. Der Häuptling neigte ſchweigend ſein Haupt und trat dann zurück, ſich wieder zu den Seinen wendend. Der Trapper aber ſagte zu ſeinem Leidensgefährten: „Dieſer Spitzbube von einer Rothhaut iſt doch ehrlich und geſteht, daß er Furcht vor mir hat. Und er hat Recht, denn wäre ich frei, würde ich mich zuerſt gegen ihn wenden und ihm zeigen, daß ich ſeine bunt bemalte Fratze nicht im Geringſten fürchte.“ Dann ſchwieg er wieder und ſchaute mit grimmigem Blicke in die Gluth der Farm. Die leichten Nebengebäude waren bereits völlig niedergebrannt, das aus ſtarken Holzblöcken zuſammengefügte Farmerhaus, deſſen Dach be⸗ reits zuſammengeſtürzt war, brannte noch. Das Feuer konnte die ſtarken Stämme nicht ſo ſchnell überwältigen. Aber die Zerſtörung des vor wenigen Stunden noch ſo friedlichen und ſo glücklichen Wohnſitzes war doch ſo gut wie beendet, und auch von den Zuchtthieren, die am Tage noch die Farm ſo luſtig umgaben, eine paſſende Belebung des ländlichen Bildes, lagen viele todt auf dem Platze verſtreut. Welch' eine Veränderung konnte eine einzige unglückliche Stunde ſchaffen. Der Indianerhäuptling ſah, daß das Werk beendet war, daß es eigentlich nichts mehr zu zerſtören gegeben hätte, als die Früchte auf den urbaren Feldſtücken, dieſe aber waren noch zu grün, als daß man ſie hätte durch Feuer zerſtören können, und zur Anwend⸗ ung anderer Zerſtörungsmittel gab es keine Zeit. Auch drängte ihn wohl die Zeit zum Aufbruche, denn dies konnte er wohl vorausſehen, daß der Feuerſchein weit genug ſichtbar ſei, und derſelbe die anderen Farmen in Aufruhr ver⸗ 38 ſetzen mußte, dann war es bei längerem Verweilen auch möglich, daß ſein Rückzug nicht unbeläſtigt blieb, wenn er noch länger hier verweilte. „Chiaha⸗Walla hat ſein Werk beendet,“ ſagte er da, und gab das Zeichen zum Sammeln. Die Indianer eilten von allen Seiten herbei und ſchaarten ſich um den Häuptling; die Gefangenen wurden von einer kleinen Zahl Krieger in die Mitte genommen und dann ſtieß der Häuptling einen gellenden Schrei aus. Dieſes war das Signal, auf welches ſich der Zug in Bewegung ſetzte. Zehn Minuten ſpäter war die Rotte mit ihren Gefangenen und ihrer geringen Beute bereits wieder in der Waldung verſchwunden. Auf der Stätte, wo ſie ſo grauſam gewüthet, herrſchte die Ruhe des Todes. Die Flamme fraß noch weiter an den Holzſtämmen des Farmerhauſes, da und dort ziſchte noch eine Flammenſäule empor und Rauch wirbelte auf und zog über die Feldſtücke hinweg. Unweit der Thüre, auf der Stelle, wo die Flur ſich befunden, lag der verkohlte Leichnam des Farmers, der vor wenigen Stunden noch Pläne für die Zukunft gemacht und die fröhlichſte Hoffnung auf ein recht behagliches, friedliches Daſein gehegt, welches er ſich zu ſchaffen gedachte. Jetzt war mit einem Schlage Alles vernichtet und die Hoffnung hatte ſich als eitel erwieſen und der Hoffende ſelbſt war— verkohlte Leiche. Und die Farmerin, die ihren Tod in der Nähe des Herdes gefunden, an dem ſie ſo treulich gewaltet, war wohl bereits zu Aſche verbrannt und von ihr nichts mehr übrig, als ihr Scalp, der jetzt an dem Gürtel ihrer Mörders flatterte und beſtimmt war, die ſchaurigen Siegeszeichen in der Hütte des Indianers zu vermehren. Und um die Farm herum lagen die Leichen der muthwillig von den Indianern getödteten Thiere. Nach wenigen Stunden ſchon hatte wohl der Blutgeruch dieſer Körper Raubvögel herbeigelockt, um das ihnen von den Indianern bereitete, leckere Mahl zu beginnen. Viertes Kapitel. Der Indianer Heimkehr. Die Indianer zogen raſch in den Wald hinein und die Ge⸗ fangenen waren gezwungen, mit ihnen gleichen Schritt zu halten, ſo ſchwer es ihnen auch ankommen mochte, namentlich Morell, dem die Wunde immer noch ſehr ſchmerzte, und dem Mädchen, welches vor Schrecken und Bangen an allen Gliedern zitternd, ſich kaum fort⸗ zuſchleppen vermochte; zumal ſie von den ſie bewachenden Indianern nicht eben zarte Ermunterungen zum ſchnelleren Gehen erhielten. Die erbeuteten Pferde folgten dem Zuge, einige Indianer hatten ſie beſtiegen. Der Häuptling aber, der liſtige und grauſame Chiaha⸗Walla, hatte es verſchmäht, ein Pferd zu beſteigen, er ſchritt, die Büchſe in der Hand, den Seinen voran, ihnen den Weg weiſend und für ihre Sicherheit wachend. Es war dieſes eine Pflicht, welche die In⸗ dianer von ihrem Häuptlinge ſtets verlangen. Der Häuptling eines Indianerſtammes ſoll in Allem vollkommen ſein, auch in Bezug auf Kenntniß der Wege und auf Wachſamkeit. Der Zug ging immer tiefer in den Wald hinein und ſuchte ſich, ſo weit es eben möglich war, von der Gegend fern zu halten, wo ſich die wenigſten Farmen befanden, die in dieſem Theile des aus⸗ gedehnten Waldes angelegt waren. Nach einiger Zeit wandte er ſich zu dem Flüßchen und durchſchritt es um ſo leichter, als das Waſſer an der von dem Häuptlinge gewählten Stelle nicht tief war. Immer tiefer ging es in den Urwald hinein, und als der Morgen anbrach und Helle ſich mehr und mehr verbreitete, hatten die Indianer mit ihren Gefangenen einen felſigen Hügel erreicht, auf deſſen Spitze ſie ſich lagerten. Den Gefangenen war dieſe Raſt willkommen, denn die Wucht 40 4 der Ereigniſſe, welche ſo unerwartet über ſie hereingebrochen waren, die Ungewißheit über ihr Schickſal wirkten lähmend auf ihre Kräfte und eine gewiſſe Muthloſigkeit hatte ſich ihrer bemächtigt, und ſelbſt der Trapper, der noch beim Aufbruch einen zornigen Humor gezeigt hatte, war während des Zuges ſchweigſam und immer düſterer ge⸗ worden, nur ſeine Augen hatten geſprochen, denn ſie blickten ſtets mit Stolz und Grimm auf die ihn umgebenden Indianer, die ihrer⸗ ſeits ſiegesfroh und Triumph in den Blicken, aber gleichfalls ſchwei⸗ gend dahin zogen. Ermattet lagerten ſich die Gefangenen in dem Graſe, die In⸗ dianer ſetzten ſich im Kreiſe um ſie herum, mit Ausnahme des Häuptlings und einiger ſeiner Geſellen, die abſeits traten und, wie es ſchien, eine ziemlich lebhafte Berathung hielten. Die Gefangenen konnten wenigſtens ſehen, daß jene Leute ziemlich heftig geſticulirten und daß ſie bald nach dieſer, bald nach jener Richtung hin zeigten. „Sie berathen wohl, ob ſie uns gleich hier ermorden ſollen oder nicht?“ fragte Morcerf. „Ich glaube das nicht,“ entgegnete der Trapper,„denn es wäre ganz gegen die Gewohnheit dieſer überkupferten Hallunken, mit ihren Gefangenen ſo ſchnell zu verfahren, ausgenommen die Noth drängte ſie; dann freilich machen ſie kurzen Prozeß und das iſt zuletzt gar manches Mal für den Gefangenen ein Gewinn.— Jetzt aber iſt keine Noth vorhanden und die Spitzbuben berathen nur, welchen Weg ſie einſchlagen ſollen, um ihrerſeits ganz ſicher zu ſein, denn ſie können ſich es wohl denken, daß die Farmer und andere Leute, die eben in der Nähe ſind, die Verbrennung der Farm und die Ermordung der Familie nicht ſo gutwillig hinnehmen, ſondern ſich zuſammenſchaaren und ſie verfolgen werden.— Ich wollte darauf wetten, die Spitzbuben berathen, wie ſie die Verfolger am leichteſten irre führen können. Aber es ſind da drüben auch noch Leute, welche die Liſt und die Ränke der Indianerſpitzbuben genügend kennen und ſich da nicht ſo leicht irre führen laſſen. Von ſolcher angenehmen und liebenswürdigen Nachbarſchaft merkt man ſchon Etwas ab.“ „Alſo meinen Sie, es wäre noch Hoffnung auf Befreiung aus ſolchen Händen?“ fragte Morell, ſich raſch zu dem Trapper wen⸗ Linie halte 6 die d faltig feuch Das Sonn hier für d beide als Gru Indi aus es ſ Aufe gleit und Zurt ſtelt dure 41 dend, während ſein friſch aufblitzendes Auge die Hoffnung verrieth, die in Folge der Worte des Trappers in ihm neu auflebte. „Weshalb denn nicht?“ entgegnete John mit höchſter Gemüth⸗ lichkeit.„Es kann Alles werden und wir können in nächſter Stunde ſchon in der Lage ſein, den Spitzbuben alle die Liebesdienſte zu vergelten, die ſie uns jetzt erweiſen.“ Dieſe Worte gaben allen Gefangenen neue Hoffnung und ſelbſt das ganz gebrochen ſcheinende Mädchen lebte dadurch neu auf. Die Raſt dauerte nicht lange. Der Häuptling gab das Signal zum Aufbruche, der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung und ging den Berg hinab, dem unten ſich ausbreitenden, waldigen Grunde zu. Alle freien Stellen benutzend, wand ſich der Zug in langer Linie zwiſchen den Bäumen hindurch, ſo weit als möglich auf⸗ haltendes Dickicht und geſtürzte Stämme umgehend. Die Sonne hob ſich, man ſah es an den goldenen Lichtern, die durch die Wipfel der Bäume ſpielten, und in dem mannich⸗ faltigſten Grün glänzten die Blätter herab, während da unten noch feuchter Schatten herrſchte und Thau von den Blättern tropfte. Das wundervolle Farbenſpiel, das der Urwald bei Aufgang der Sonne entfaltet, zeigte ſich in aller ſeiner Pracht. Aber es achtete hier Niemand darauf; der Indianer hat überhaupt ſo wenig Sinn für die Naturſchönheiten, wie der Trapper und Squatter, und die beiden Reiſenden waren zu ſehr mit ihrer eigenen Lage beſchäftigt, als daß ſie hätten auf ſolche Erſcheinungen achten ſollen. Jetzt erreichte der Zug einen Bach, der langſam durch den Grund ſchlich. Der Bach war ſeicht, aber breit. Hier hielten die Indianer wieder an und wieder erfolgte eine kurze Beſprechung, aus der die Gefangenen aber nur ſo viel entnehmen konnten, daß es ſich um eine Theilung der Geſellſchaft handeln müſſe. Wirklich erfolgte auch bald eine Trennung, denn nach kurzem Aufenthalte brachen die Indianer, welche die Pferde führten, be⸗ gleitet von noch ein paar Anderen, auf, durchſchritten den Bach und verſchwanden dann gegenüber in dem Walde. Nachdem dieſe Abtheilung fort war, erfolgte auch für die Zurückgebliebenen das Zeichen zum Aufbruche. Der Häuptling ſtellte ſich wieder an die Spitze und trat in das Waſſer. Aber er durchſchritt den Bach nicht, ſondern wandte ſich und ging dem 42 Waſſerlaufe weiter aufwärts. Die Anderen, die Gefangenen ſcharf beobachtend, folgten ihrem Führer, ſich immer ſo ziemnkich in der Mitte des Waſſers haltend. So ging denn der Marſch im Waſſer faſt eine halbe Stunde fort, immer aufwärts und allen Krümmungen des Baches folgend. Die Gefangenen mußten daſſelbe thun. „Wißt Ihr, was dieſe Waſſerparthie bedeuten ſoll?“ fragte der Trapper ſeine Unglücksgefährten. „Vielleicht wollen die Indianer die Verfolger von der Spur ableiten,“ entgegnete Morcerf. „Richtig,“ ſagte der Trapper.„Es iſt dieſes ein Zeichen, daß ſie Verfolger nahe glauben und ſie wollen dieſelben irre führen. Deshalb haben ſich die Spitzbuben auch getheilt und der eine Theil zieht wohl mit den Pferden ziemlich offen dahin. Aber ich hoffe, die Liſt iſt vergeblich, denn bei jener Partei fehlen unſere Fußtapfen, der Boden des Fluſſes aber ſcheint mir etwas ſchlammig.— Das ſind Alles Zeichen für die Verfolger. „Schweigen!“ rief jetzt ein Indianer dem Trapper drohend zu. „Spitzbube!“ brummte der Trapper. Aber er ſchwieg doch. Schweigend ging nun die Wanderung weiter, nichts ließ ſich mehr vernehmen, als das fortwährende Rauſchen und Plätſchern des von den Fußtritten der Männer aufgeregten Waſſers, das den Wandernden übrigens für gewöhnlich kaum bis an das Knie ging, ſtellenweiſe zwar höher, dann aber auch wieder niedriger war. Aufgeſchreckt durch das ungewohnte Geräuſch der das Waſſer Durch⸗ wandernden ſprang hier und da ein Froſch aus dem Waſſer an das Ufer, dort ſich im hohen Graſe oder unter Blättern ſaftiger Waſſer⸗ pflanzen zu bergen, oder eine Eidechſe ſchlüpfte mit einem leiſen, ziſchenden Tone pfeilſchnell dahin. Jetzt aber ſtellte ſich der weiteren Wanderung ein Hinderniß entgegen: ein rieſenhafter Baumſtamm war niedergebrochen und quer über das Waſſer gefallen, und hatte in ſeinem Sturze obendrein jenſeits des Waſſers einige kleinere Bäume niedergeriſſen und ihnen die Aeſte abgeſchlagen, ſo daß dort eine Art Verhau entſtanden war. Obendrein zeigte ſich hier das Ufer ziemlich ſumpfig. Für die Indianer mochte dieſes ziemlich unangenehm ſein. Sie bli Ueber richt 3 Spure⸗ ſich ve ſumyfß den J verlege man h in den angen in der und d Seite ſehr; verlaf Spur ſich i und denn aller blieb der; langt endli einer dieb Erſch Stra halte 43 Sie blieben im Waſſer ſtehen und beriethen ſich, was zu thun ſei. Ueber den Baumſtamm hinweg zu klettern, mochte ihnen deshalb nicht räthlich erſcheinen, weil bei dem Paſſiren ſo vieler Leute leicht Spuren zurückbleiben konnten, die, wenn Verfolger hierher kamen, ſich verrätheriſch zeiigten. Umgingen ſie aber den Verhau auf dem ſumpfigen Boden, ſo blieben noch deutlichere Fußſpuren zurück, die den Verfolgern Alles verriethen. Indeſſen wenn es auf Liſt ankommt, iſt der Indianer nie lange verlegen, ſo war es auch hier. Die Berathung war bald zu Ende, man hatte ſich vereinigt und der Häuptling wandte ſich und ſchritt in dem Waſſer zurück. Auch die Anderen machten Kehrt, die Ge⸗ fangenen mußten daſſelbe thun und ſo ging die Wanderung ſtatt in dem Bache hinauf, jetzt hinab. „Zeit gewonnen, viel gewonnen!“ murmelte der Trapper. Die Wanderung im Bache ging faſt tauſend Schritt zurück und die Indianer waren wenig zufrieden damit, zudem auf beiden Seiten des Baches das Ufer nicht nur dicht bewachſen, ſondern auch ſehr moraſtig war, ſo daß es ganz unmöglich erſchien, den Bach zu verlaſſen, ohne an dem Ufer und noch eine Strecke hinaus deutliche Spuren davon zu hinterlaſſen. Endlich kam der Zug an eine Stelle, wo eine ſteinige Strecke ſich in das Land hineinzog und hier verließ er das Bett des Baches und ſetzte über Steingerölle den Weg fort, der mühſam genug war, denn dieſe nur von wenigen Bäumen beſetzte Fläche war dafür mit allerhand niedrigen Ranken überzogen, an denen der Fuß hängen blieb. Endlich ging dieſes Geröll in Felſenplatten aus, über die der Zug ſeinen Weg nahm und dann wieder in dichteren Wald ge⸗ langte, der ſich endlos hinzuziehen ſchien. So hatte der Marſch vielleicht einige Stunden gedauert, als endlich die Indianer wieder an Raſt dachten; ſie lagerten ſich an einer ſteinigen Stelle unter den Aeſten eines mächtigen Hykori, und die beiden gefangenen Reiſenden und das Mädchen ſanken in höchſter Erſchöpfung in das Gras, während der Trapper, eine gegen alle Strapazen abgehärtete Natur, noch keine beſondere Müdigkeit zu fühlen ſchien. Die Indianer mochten ſich nun wohl für ſo ziemlich ſicher halten, denn nachdem der Häuptling mit einigen der Aelteſten ſeiner 44 Schaar ſich leiſe beſprochen hatte, trat er ſelbſt zu dem Trapper und band ihm die Hände los, während andere Indianer denſelben Dienſt den Reiſenden und dem Mädchen erwieſen. „Chiaha⸗Walla meint, einem Krieger dürfen die Hände nicht gebunden bleiben, wie einem Sklaven,“ ſagte der Häuptling dabei. „Und der bleiche Johny meint,“ entgegnete der Trapper, in den Ton und die Sprachweiſe des Indianers einſtimmend,„es ſei gut, daß ein Krieger dieſes von dem Krieger denkt.“ Wieder neigte der Indianer würdevoll ſein Haupt und ſagte⸗ „Chiaha⸗Walla meint, das Zleichgeſicht ſpricht gut.“ Dann trat er zurück zu den Seinen. Die Gefangenen waren nun zwar von ihren Banden befreit, aber die Glieder waren ihnen durch das lange Gebundenſein ſteif geworden, ſo daß es einige Zeit bedurfte, um dieſelben wieder etwas in Bewegung zu bringen. Unterdeſſen begannen die Indianer ihr ſehr einfaches Frühſtück von den geringen Vorräthen, die ſie bei ſich trugen, und ſie boten auch den Gefangenen davon an. Es beſtand freilich nur aus in lange Streifen geſchnittenem und in der Luft getrocknetem Büffel⸗ fleiſche, das nicht den angenehmſten Geſchmack hätte, und dabei zäh genug war, um die ganze Kraft geſunder Zähne herauszufordern, aber der Hunger würzte das nur verwöhnten Gaumen unſchmackhafte Mahl und half es hinunter zwingen. Dazu holten die Indianer aus einem nahen Bächlein Waſſer, was den ermatteten Gefangenen höchſt willkommen war. Morcerf benutzte die halb und halb wieder erlangte Beweg⸗ lichkeit ſeiner Glieder, um die Wunde ſeines jungen Gefährten zu verbinden, ſo gut es ging, und auch der Trapper verband jetzt ſeine Wunde am Hinterkopfe, die er bisher gar nicht zu beachten ſchien und ihm aber doch genug Schmerz verurſacht haben mußte und noch verurſachte. Von Seiten der Indianer geſchah da nicht die geringſte Hilfs⸗ leiſtung, ſie überließen es den Gefangenen ganz, für ſich ſelbſt zu ſorgen, ſo gut ſie konnten. Wohl zwei Stunden dauerte der Indianer Raſt. Dann brachen ſie wieder auf und zogen weiter durch den Wald. Die Gefangenen befonden doch nicht Die die dahin Urwaldes Strahlen Mit friren) ermüdet v dem grüne die Ander und zugle Nore müdet, au Nur Et ſaß d blickte ſe dann auf einmal d ſtürzen, i aber die daß dieſe konnte un zog auch Job nährte d ihn und würden. Vol „D. — Hüätte geweſen, ihnen we gönnen nehmen Aber da der er, in es ſei ſagte. hefreit, ſteif etwas ühſtück boten lus in züffel⸗ ei zäh rdern, khafte dianer genen :weg⸗ e zu ſeine ſchien und 45 befanden ſich wieder in der Mitte ihrer Wächter, aber ſie waren doch nicht mehr gebunden und konnten ſich demnach freier bewegen. Die Sonne ſtand ſchon hoch, aber ihre Strahlen beläſtigten die dahinziehenden Indianer nicht ſehr, denn die Baumrieſen des Urwaldes, die ihre Aeſte nach allen Seiten hinſtreckten, hielten die Strahlen der Sonne ſo ziemlich vom Waldboden ab. Mittag mochte längſt vorbei ſein, als die Indianer auf einen freieren Platz kamen, wo ſie wieder raſteten. Die wilden Geſellen, ermüdet von der Blutarbeit der Nacht, ſtreckten ſich zum Theil auf dem grünen Raſen aus und überließen ſich dem Schlafe, während die Anderen, dabei auch der Häuptling, die Gefangenen bewachten und zugleich für die Sicherheit der Schlafenden ſorgten. Morcerf, Morell und das Mädchen fühlten ſich zum Tode er⸗ müdet, auch ſie ſanken in Schlaf. Nur der Trapper fühlte kein Bedürfniß nach ſolcher Ruhe. Er ſaß auf der Erde, ſchaute düſter vor ſich hin und nur verſtohlen blickte ſein Auge manches Mal auf die ſchlafenden Indianer und dann auf die, ſo Wache hielten. Da überkam ihm wohl mehr als einmal der Gedanke, aufzuſpringen, ſich auf einen der Indianer zu ſtürzen, ihm die Waffen zu entreißen und ihn niederzuſchlagen, dann aber die Flucht zu ergreifen; aber er ſagte ſich auch jedes Mal, daß dieſes Unternehmen nur ſein Tod ſein könne, denn eine Flucht konnte unter ſolchen Umſtänden nicht gelingen, und ein Fluchtverſuch zog auch unausbleiblich den Tod ſeiner Gefährten nach ſich. John unterdrückte alſo den Gedanken an Fluchtverſuche und nährte die Hoffnung, daß denn doch noch Befreier erſcheinen und ihn und ſeine Gefährten den Händen dieſer Barbaren entreißen würden. Voll Bitterkeit aber murmelte er vor ſich hin: „Der böſe Feind hat mir es eingegeben, dieſe Nacht zu ſchlafen! — Hätte ich, hätten wir Alle gewacht, ſo wären wir Männer genug geweſen, um dieſe Schurken zurückzuſchlagen und ein Dutzend von ihnen wäre zu ihrem großen Geiſte ſpedirt, dem ich es herzlich gönnen wollte, dieſe liebenswürdigen Hallunken in ſeine Arme zu nehmen und ihnen dort allerhand Wohlthaten zukommen zu laſſen. Aber da müſſen wir ſchlafen und uns übertölpeln laſſen.“ Der Trapper ſchlug ſich bei dieſen Worten vor die Stirn. 46 Ein paar Stunden vergingen wieder, die Sonne ſank ſchon tiefer und der Luftzug begann kühlender durch den Wald zu ſtreichen. Da gab der Häuptling durch einen ausgeſtoßenen gellenden Ruf das Zeichen zum neuen Aufbruche und ſofort erhoben ſich die In⸗- dianer, die als echte Jäger ſogar im Schlafe zu hören ſchienen. Der Trapper rüttelte ſeine noch ſchlafenden Gefährten auf und eine Viertelſtunde nachher befand ſich der Trupp ſchon wieder auf dem Marſche. Als die Sonne im Sinken begriffen war, hatten die Indianer den Urwald hinter ſich. Eine kleine Ebene, ſteinig und mit ein⸗ zelnen Baumgruppen, auch mit kleinen Gehölzen beſetzt, zeigte ſich nun und am Rande derſelben ſtieg ein felſiger und ziemlich kahler Berg empor, an den ſich noch einige andere Berge reihten. Raſch zogen die Indianer über die Ebene durch eine Schlucht an dem Berge hin, und als die Sonne geſunken war, ſtanden ſie am Ein⸗ gange eines von einem kleinen Fluſſe durchſtrömten Thales, welches einen ſehr romantiſchen Charakter hatte. An einer Stelle des Thales ſtieg ein leichter Rauch empor. John, der dieſes ſah, ſchien von dieſer Entdeckung unangenehm überraſcht und ſchüttelte den Kopf. 1 „Wir ſind auf dem Indianergebiete,“ ſagte er finſter.„Jetzt bekenne ich mich. Dieſer Berg iſt die Grenze.— Nun werden wir wohl bald inne werden, was man mit uns vor hat.“ Des Trappers Worte hatten einen ſehr düſteren Ausdruck, und der ernſte Blick, mit dem er dieſelben begleitete, ſchien den Gefährten ſagen zu wollen, daß die Entſcheidung nahe und wahrſcheinlich wenig erfreulich ſein werde. So fühlten denn auch Morcerf und ſein junger Gefährte ihre Herzen beklommener werden als vorher. Die Indianer drängten zum raſchen Weitergehen; ſie verdop⸗’ pelten ihre Schritte und zwangen dadurch ihre Gefangenen, auch ihrerſeits ihre Schritte zu beſchleunigen. Jetzt zeigte ſich hinter dem niedrigen Gebüſche der Lagerplatz der Indianer; eine Reihe Zelte, ſpitz zu laufend, war hier aufge⸗ richtet und bildete einen Kreis, aus deſſen Mitte jener Rauch emporſtieg. Als die Schaar einige hundert Schritte noch von dieſem Lager⸗ plate en Schrei o Die weithin, wand in Er wies der Wederho Da ein Sieg folgender Haltung von ihre welches Waaren tödten, zu brin Er Geſange tödtet niederge zugefüg Raſt u auszur⸗ der M D ausgefi wie vie Er kan ſchwang der Fa 1 ſchon reichen. tn Ruf ie In⸗ cjienen. uf und der auf lndianer it ein⸗ gte ſich kahler Raſch hn dem im Ein⸗ welches empor. genehm „Jetzt den wir ic, und fährten heinlich te ihre verdop⸗ , auch erplat aufge⸗ orſtieg. Lager⸗ 47 platze entfernt war, ſtieß der Häuptling einen lauten, gellenden Schrei aus, in dem ſeine Gefährten mit einſtimmten. Dieſer Schrei hatte etwas Wildes, Triumphirendes und tönte weithin, und war dabei ſo ſtark, daß das Echo an der nahen Berg⸗ wand ihn zurückgab und er weithin ſchallte. Er war auch dort im Indianerlager gehört worden, dieſes be⸗ wies der jubelnde Aufſchrei, der von dort her klang, mehrfache Wiederholung fand und jedesmal ſtärker und freudiger wurde. Da begann der Häuptling einen Kriegsgeſang oder vielmehr ein Siegeslied, in welchem er— indem er an der Spitze des ihm folgenden Zuges raſch auf das Dorf zuſchritt und dabei die ſtolzeſte Haltung annahm— erzählte, wie die Söhne des großen Geiſtes von ihren Jagdgründen ausgezogen, das Bleichgeſicht zu bekämpfen, welches von Oſten hergekommen mit dem Feuergewehr und mit Waaren, mit dem Feuergewehr die Söhne des großen Geiſtes zu tödten, mit den Waaren ſie zu betrügen und ſie um ihr Land zu bringen. Er erzählte in ſeinem eintönigen, aber rhythmiſch gehaltenen Geſange, wie die Zleichgeſichter die Söhne des großen Geiſtes ge⸗ tödtet oder ſie von ihren Jagdgründen vertrieben, ihre Wälder niedergeſchlagen, ihr Wild getödtet und ihnen alles mögliche Unrecht zugefügt hätten, und wie ſie mit dieſem Unrechte fortführen ohne Raſt und Ruhe und darauf ausgingen, den rothen Mann gänzlich auszurotten, indem ſie ihn nicht nur ſeines Beſitzes, ſondern auch der Mittel zum Leben beraubten. Dann aber erzählte er mit pomphaften Worten die von ihm ausgeführten Heldenthaten, wie viele Feinde er ſchon erſchlagen und wie viele Scalps er in ſeiner Hütte habe als Beweis ſeiner Taferkeit. Er kam dann auf die letzte Nacht und ſang, indem er ſeine Waffen ſchwang, von der Tödtung des Farmers und der Niederbrennung der Farm, der Gefangennahme der Bleichgeſichter. Wenn der Häuptling eine Pauſe im Geſange machte, da fielen andere Krieger, bald der, bald jener, mit ähnlichem Geſange ein, ihre Heldenthaten verkündend. So erreichten die heimkehrenden Indianer den Lagerplatz, wo ihnen ſchon Weiber und Kinder mit Freudengeheul entgegenſtürzten und ſie ſchreiend und ſingend umtanzten. Die Heimkehrenden aber 48 gaben ſich ein möglichſt ſtolzes Anſehen und, die Waffen ſchwingend, zogen ſie in der Mitte der ſie Empfangenden in das Lager ein, wo ſie von einigen Greiſen empfangen wurden. Auch die Indianer, welche mit den Pferden ſich von der Hauptgeſellſchaft getrennt hatten, waren ſchon angekommen und empfingen mit Freudensbezeugungen die zurückkommenden Kameraden. Aber ſchlimmer waren die Gefangenen daran, denn Weiber und Kinder begrüßten ſie mit Hohnworten, die freilich von Denen, an die ſie gerichtet waren, nicht immer verſtanden wurden, aber die Geberden, womit dieſe Worte begleitet wurden, waren um deſto verſtändlicher und weiſſagten den Unglücksgefährten ein böſes Schickſal. Zu eigentlichen Thätlichkeiten kam es aber nicht. Ganz vorzügliche Aufmerkſamkeit erregte die Geſtalt des Trap⸗ pers, und als der Häuptling mit lauttönender Stimme verkündete, wer derſelbe ſei, da erhob ſich ein lauter Jubel unter der Horde. „Das Bleichgeſicht! Der weiße Johny!“ ſchrieen Weiber und Kinder mit gellender Stimme und tanzten dabei mit wilden Sprüngen umher.— Der Trapper mußte da wohl eine unter den Indianern be⸗ ſonders bekannte und gehaßte Perſönlichkeit ſein, da ſeine Gefangen⸗ nahme ſolche Freudensbezeugungen hervorrief. Der Trapper rief, in ſtolzer Haltung ſich aufrichtend, mit dröh⸗ nender Stimme in den Jubel hinein: „Spitzbuben, Ihr könnt wohl zufrieden ſein, wenn ein Mann, wie der weiße Johny, in Euern Händen iſt; aber es giebt noch tauſend ſolcher Männer wie ich bin und noch beſſere!“ Lautes Geheul war die Antwort auf den Zuruf des weißen Mannes. Man war unterdeſſen in die Mitte des Platzes gekommen. Hier brannte ein helles Feuer und um daſſelbe waren eiſerne Pfannen geſtellt, während an Spießen große Stücke Büffelfleiſch brateten, die einen ſehr einladenden Duft ausſtrömten. Einige Frauen, die über der Freude des Empfanges die Be⸗ reitung der Abendmahlzeit für die Heimkehrenden ganz außer Acht gelaſſen haben mochten, machten ſich nun mit allem Eifer wieder an dieſes Geſchäft. Krieger giebt 3 „5 Sa Ueberfal Trap⸗ ndete, rde. er und wilden n be⸗ ungen⸗ dröh⸗ Mann, noch eeißen nmen. iſerne ſeiſch Ve⸗ Acht iieder 49 Da aber drang eine der Frauen herbei und rief den Häupt⸗ ling an: „Großer Häuptling, wo haſt Du Saka⸗Rao?“ Der Häuptling aber ſagte mit kalter Ruhe: „Squaw, Dein Saka⸗Rao iſt bei dem großen Geiſte und er jagt jetzt bei ihm in den glücklichen Gründen, wohin alle tapferen Krieger kommen, und wo es Ueberfluß an Büffeln und Hirſchen giebt. Die Bleichgeſichter erſchlugen ihn im Kampfe.“ „Saka⸗Rao! Saka⸗Rao!“ heulte das Weib. Saka⸗Rao war einer der Indianer geweſen, welcher bei dem Ueberfalle des Farmerhauſes ſeinen Tod gefunden und deſſen Körper wohl gleichfalls von der Flamme verzehrt worden war. Es war der Gatte dieſes jungen und noch ſchönen Weibes, das ſo ängſtlich nach ihm fragte. Das Weib warf ſich auf die Erde, raufte ſich das Haar, ſchlug ſich auf die Bruſt, und rief gellend mehrere Male den Namen ihres Gatten, und andere Weiber, die um die junge Wittwe ſtanden, ſtimmten in das laute Klagegeheul ein. Eine alte Indianerin trat jetzt zu den Heimgekehrten und rief wiederholt den Namen: „Wopao⸗Hano! Wopao⸗Hano!“ Niemand antwortete auf dieſen Ruf. „Wopao⸗Hano,“ rief da das Weib wieder,„warum kommiſt Du nicht, Deine Mutter zu begrüßen?— Warum bringſt Du ihr keine Beute?— Warum keinen Scalp, wie es dem Krieger ziemt? — Wopao⸗Hano, wo biſt Du?“ Wieder antwortete da der Häuptling: „Wopao⸗Hano hört nicht mehr auf Deinen Ruf, denn auch er iſt von den Bleichgeſichtern getödtet und iſt bei dem großen Geiſte!“ Bei dieſer Kunde ſtieß auch die Alte gellende Klageſchreie aus, auch ſie warf ſich, die Haare raufend, auf die Erde und ſchrie nach ihrem Sohne, und auch um ſie traten Frauen, ihr klagen helfend, die Luft mit ihrem Geſchrei füllend. Nach einer Weile aber richtete ſich die Mutter auf, laut klagend, daß die verrätheriſchen Bleichgeſichter nicht nur ihren Gatten getödtet, der unter ſeinem Volke ein ſo großer Krieger geweſen, und nun auch ihren Sohn, der ſchon ein paar Scalps ihr gebracht, und ſie Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 4 50 nun ganz allein ſtehe; ſie fragte zürnend die Männer, weshalb ſie denn zugelaſſen, daß der Liebling ihres Herzens unter den Streichen der Weißen gefallen, während ſie doch ſelbſt nicht einmal Wunden zu zeigen hätten, und dann ſagten, daß ſie als tapfere Krieger gekämpft. Sie zählte dann alle die guten Eigenſchaften und die Tugenden ihres gefallenen Sohnes auf, durch die er unter ſeinen Stammes⸗ genoſſen geglänzt, er ſei ein tapferer Krieger geweſen, der keinen Feind geſcheut, ein kühner Jäger, dem auch das ſtärkſte und ſchnellſte Wild nicht entgangen, ein Ringer, der im Wettkampfe auch die Stärkſten noch bezwungen, ein Schütze, der ſein Ziel nie verfehlt. In ähnliche Klagen brach das junge Weib aus, und auch dieſes wußte eine lange Reihe glänzender Eigenſchaften ihres Gatten, der nun beim großen Geiſte war, herzuzählen. Während dem blieben die Männer kalt und ungerührt ſtehen und betrachteten die Klagenden kalten Blickes. Aber die Weiber drängten ſich immer dichter um die Klagenden, aber zu tröſten ver⸗ ſuchte keine von ihnen, nur das Geſchrei vermehrten ſie auf ſehr unmelodiſche Weiſe durch ihre Stimmen. So ging es einige Zeit fort, dann trat die Alte, die Umgebung zurückdrängend, plötzlich vor den Häuptling und ſagte: „Großer Häuptling Chiaha⸗Walla, mein Sohn, die Blume der Gründe, Wopao⸗Hano, hört nicht mehr den Ruf ſeiner Mutter, er weilt bei dem großen Geiſte. Aber er verlangt einen Knecht, der ihn bedient, der ihm die Speiſen bereitet, wenn er von der Jagd kommt, und ſeine Wohnung rein hält. Chiaha⸗Wallas Sache iſt es, dem Krieger einen ſolchen Diener zuzuſenden.“ „Chiaha⸗Walla wird dieſes thun,“ entgegnete der Häuptling ruhig,„und nicht nur Wopao⸗Hano ſoll einen Diener erhalten, ſon⸗ dern auch Saka⸗Rao!“ Er warf dabei einen ſcharfen bezeichnenden Blick auf die Ge⸗ fangenen, die indeſſen zu weit abwärts ſtanden, um den Häuptling zu verſtehen, was übrigens auch außer dem Trapper keinem von ihnen möglich geweſen wäre, da ſie der Indianer Sprache nicht verſtanden, wie dieſer. Aber die Indianer verſtanden die Meinung und den Wink ſoiken künnen n ihres dä nehmen, n Auf in eins de und ſichr Um einen Arn niederlegte An d die Beile fangenen. In d des gelte etwas vo der Gefa⸗ müde die Nac Gefangen und gerö einer ſtun Unte ſich, wie über des das Kla⸗ Sie ver trachtete ſchien ſie den ſchö wieder e „S Benutzen Er von Hun ſGnell ve Dra b ſie ichen iuden ieger eenden mes⸗ einen ellſte h die ſeehlt. dieſes , der ehen eiber ver⸗ ſehr bung e der r, er „der Jagd e iſt tling ſon. Ge⸗ kling von nicht Gink 51 ihres Häuptlings vollkommen und ließen laute Beifallsrufe ver⸗ nehmen, namentlich ſchrieen die Weiber wie unſinnig. Auf den Befehl des Häuptlings wurden jetzt die Gefangenen in eins der Zelte geführt und ihnen bedeutet, dort ſich niederzulegen und ſich ruhig zu verhalten, da man ſie ſonſt wieder binden werde. Um dem Befehle Nachdruck zu geben, brachte ein Indianer einen Arm voll Lederriemen herbei, die er am Eingange des Zeltes niederlegte. An dem Eingange des Zeltes ſetzten ſich zwei Indianer nieder, die Beile in der Hand und überwachten jede Bewegung der Ge⸗ fangenen. In dem Zelte war es ſchon dunkel, da aber der vordere Theil des Zeltes aufgehoben und zurückgeſchlagen war, ſo drang doch etwas von dem Feuerſcheine hinein und beleuchtete die Geſtalten der Gefangenen, die ſich auf dem Boden gelagert hatten und todt⸗ müde die Glieder ſtreckten. Nach kurzer Zeit erſchienen ein paar Weiber und brachten den Gefangenen gebratenes Büffelfleiſch und aus Maismehl geformte und geröſtete Kuchen, die ſie auf der Erde niederſetzten und mit einer ſtummen Handbewegung aufforderten, zuzugreifen. Unter den Weibern war auch die zur Wittwe Gewordene, die ſich, wie die ganze Haltung zeigte, wohl ſchon ſo halb und halb über des Gatten Verluſt getröſtet haben mochte, nachdem ſie durch das Klagegeſchrei vorher ihren Schmerz zu erkennen gegeben hatte. Sie verweilte etwas länger im Zelte, als die Anderen, und be⸗ trachtete die Gefangenen ſehr aufmerkſam; beſondere Aufmerkſamkeit ſchien ſie aber Morell zu widmen. Endlich neigte ſie ſchweigend den ſchönen Kopf und folgte ihren Gefährtinnen, die ſich bereits wieder entfernt hatten. „Sehr galant von den Rothhäuten,“ ſagte der Trapper.„Sie ſchicken uns zu eſſen und noch dazu durch ſchöne Weiber. Was können wir von dieſen Spitzbuben mehr Aufmerkſamkeit verlangen? Benutzen wir die Gaſtfreundſchaft!“ Er begann auch ſogleich ſich zu bedienen, und ſeine Gefährten, von Hunger getrieben, folgten dem Beiſpiele. Die Mahlzeit wurde ſchnell verzehrt. Draußen ging es unterdeſſen ſehr lebhaft zu; das Feuer, durch 4* 4 52 . 3 Es mögen neues Holz genährt, flackerte gar luſtig und warf oft helle Streif⸗ wüffeljag lichter in das Zelt der Gefangenen, welche hinaus ſchauten und alerhand ſehen konnten, wie die Indianer ſchmauſ'ten, und dann wieder ſich manche it tanzend und Waffen ſchwingend um das Feuer bewegten, ſie hörten Staat 3 auch, daß bisweilen der eine oder andere Krieger einen Kriegsgeſang Geſähre nufinmte⸗ wo auch hin und wieder die Anderen im Chore ein⸗ ic einn elen.„e, it John, der die Geſänge ſo ziemlich verſtand, murmelte da einmal: bure „O, dieſe Schurken! Wenn ſie ſich loben, nehmen ſie das rindlich Maul immer gewaltig voll.“ 9 Nam „Ob Rettung kommt?“ fragte Morcerf mit beklemmtem Herzen. nir beiju „Wir müſſen das abwarten,“ entgegnete der Trapper kurz. iſam „Iſt ſie überhaupt noch möglich?“ 3 „Es iſt Alles möglich!“ 1 34 5 „Wenn aber keine Rettung kommt?“ 3 3 1 „Dann freilich ſind wir der Gnade dieſer überkupferten Schufte dn 3 überlaſſen!“ antwortete John achſelzuckend. ni d Es trat eine Pauſe ein, denn des Trappers Antwort hatte züce ſ nicht eben ermuthigend für die beiden Reiſenden geklungen. du Endlich nahm Morell das Wort und ſagte: d „Man ſagt: die Indianer gehen grauſam mit ihren Gefan⸗ und No genen um.“ Augen Der Trapper zuckte die Achſeln. Abe „Liebe Freunde,“ ſagte er dann,„es giebt hier wie überall Aeben u Ausnahmen. Aber für gewöhnlich greifen dieſe Burſchen ihre lagen, Gegner nicht mit Seidenpfötchen an, ſondern vielmehr mit rechten ihres S Teufelskrallen. Wir werden ja ſehen.“ welche u „Die Indianer ſcheinen Sie zu kennen, Maſter John,“ nahm manches jetzt Morcerf das Wort.„Wie kommen Sie aber zu dieſer Be⸗ anntſchaft?“ „Auf die einfachſte Weiſe,“ war des Trappers Antwort.„Die Rothhäute haben in der Regel ein ſehr gutes Gedächtniß und kennen * ddico, ſo ihnen warm gemacht haben. Ich kann mich rühmen, dieſes 5 auch gethan zu haben. Vor ein paar Jahren war die ganze Land⸗ ſchaft, wo jetzt ſchon gut bearbeitete Farmen ſtehen, noch im Beſitze der Miſſiſippi⸗Indianer, aber dieſe machten ſich ſehr unbequem, ſo daß nichts übrig blieb, als ihnen einen tüchtigen Denkzettel zu geben. — — Str eif⸗ in und her ſich hörten geſang re ein⸗ ſinmal. ſie das Herzen. urz. Schufte t hatte Gefan⸗ überall n ihre rechten —.— A 3 5³ Es mögen fünf Jahre her ſein, als ich in den Staat kam, um meine Büffeljagd zu treiben. Ich hatte ſchon früher mit den Rothhäuten allerhand Zuſammenſtöße gehabt und ihnen bei dieſer Gelegenheit manche ihrer Künſte und Schliche abgelernt, und als ich nun in dieſen Staat kam, wendete ich dieſelben auch an. Ich hatte ein Dutzend Gefährten und mit dieſen, die mich als Anführer wählten, führte ich einen Krieg gegen die Büffel und nebenbei gegen die Roth⸗ häute, die uns die Büffel ſtreitig machen wollten und außerdem ein Gelüſte nach unſern Scalps hatten. Dieſes Gelüſte wurde ihnen gründlich vertrieben und von da an führte ich bei den Rothhäuten den Namen der„weiße Johny“ und ſie nahmen alle Liſten an, mir beizukommen; aber das war umſonſt, denn ich ließ mich nicht ſo leicht fangen. Endlich ſchickte die Regierung Truppen hierher, mit den rothen Störenfrieden ein Wort zu ſprechen, und ich diente da als Rathgeber und Führer. Da wurde der weiße Johny bei den Rothhäuten noch bekannter und nicht beliebter. Daher kennen mich dieſe Burſchen und ſie werden mir, wie es den Anſchein hat, nichts ſchenken. Mag es ſein!“ John wandte ſich bei dieſen Worten um und ſchwieg. Das Mädchen war ſchon in Schlaf geſunken und auch Morell und Morcerf fühlten ſich bald von Müdigkeit überwältigt und die Augen fielen ihnen zu. Aber um das ſtets neu geſchürte Feuer herrſchte immer noch Leben und aus einem Zelte in der Nähe deſſen, wo die Gefangenen lagen, tönte einförmiger, melancholiſcher Klagegeſang. Es war die ihres Sohnes beraubte Mutter und die zur Wittwe gewordene Frau, welche umgeben von andern Frauen trauernde Weiſen ſangen, die manches Mal in allgemeines Klagegeſchrei endeten. Fünftes Kapitel. Unter den Rothhäuten. Vorüber war die Nacht, die Morgenröthe flammte auf hinter den Bergen, und dann hob ſich die Sonne langſam und majeſtätiſch empor; ihre goldenen Strahlen zuckten über den reinen, azuren Himmel, der ſich über die Landſchaft wölbte und flutheten dann in das Thal hinein, dort die letzte Spur von Dämmerung vertreibend und den Nachtthau von den Blättern und Blumen küſſend. Es war ein köſtlicher Morgen. Im Lager der Indianer begann ſich wieder Leben zu regen. Es kamen zuerſt die Frauen zum Vorſchein, denen, wie ſtets bei den Indianern, ſo auch hier, die größte Laſt und Arbeit oblag und die ſich mühen mußten, während der Mann auf ſeiner Decke noch behaglich ſchlief, oder ſeine Pfeife rauchend, ſich müßig dehnte. Etwas Anderes zu thun, als zu jagen oder in den Krieg zu ziehen, hält der Indianer für unter ſeiner Würde, alle andere Arbeit fällt den Frauen anheim, die eben als Laſtthiere für den ſtolzen Mann betrachtet werden und ſich dieſem Schickſale ruhig fügen. Die Frauen gingen mit Gefäßen nach der nahen Quelle und holten Waſſer, dann aber begannen ſie ihr Tagewerk, das ſo ziem⸗ lich war, und ſich vor der Hand darauf beſchränkte, zu ſorgen, daß die Männer beim Erwachen ein Frühſtück fänden. Die Gefangenen waren ſehr zeitig erwacht; die Unruhe, die ſich wenigſtens bei den Reiſenden auch im Schlafe fortgeſetzt und die wirrſten Träume geſchafft hatte, gönnte ihnen keinen langen Schlaf. Das in das Zelt dringende junge Tageslicht that ihnen faſt wohl, denn es weckte die Hoffnung, ihre Befürchtungen, daß die Indianer ein barbariſches Verfahren gegen ſie befolgen, würde ohne G. eintreff M entnom die Hä waffen gemach die Gef dianer Je Zeit zu ſc bij vorhand geſchlaf ſich ko ſchreite Höhe Gefang K bis ſe⸗ erſchie den G ſie auf hinder D die Ge und n hinter eſtätiſch azuren ann in reibend d. E regen. tets bei ag und ke noch dehnte. ziehen, eit fäll Mann le und ziem⸗ en, daß he, die tt und langen ihnen ·, daß würde — ohne Grund ſein, oder es könne doch für ſie noch rechtzeitig Rettung eintreffen. Morcerf und Morell hatten aus des Trappers Rede ſo viel entnommen, daß wenn das Unglück es gewollt, daß ein Weißer in die Hände der Rothhäute gefallen, die Farmer, und was ſonſt an waffenfähigen Männern in der Nähe geweſen, ohne Verzug ſich auf⸗ gemacht, die Spur der Indianer verfolgt und Alles aufgeboten hätten, die Gefangenen aus den Händen ihrer Feinde zu befreien, die In⸗ dianer ſelbſt aber recht empfindlich zu züchtigen. Jetzt hatten die Verfolger einen ganzen Tag und eine Nacht Zeit zur Verfolgung gehabt und es war da nicht unmöglich, daß ſich dieſelben ſchon in der Nähe befanden. Alſo war doch Hoffnung vorhanden. John, der am längſten und wie es ſchien, auch am ruhigſten geſchlafen hatte, und den Morcerf über die Hoffnung, die ſie noch hatten, befragte, entgegnete lakoniſch, wie ſeine Art war: „Es iſt Alles möglich!“ Aber er ließ ſeine Gefährten bei ihrer Hoffnung. Morcerf, durch die Ruhe, die um ihn herrſchte, und durch die Gleichgiltigkeit, die die ſie bewachenden Indianer bis jetzt gegen die Gefangenen bewieſen, ſicher gemacht, wollte es wagen, einen Verſuch zu machen, das Zelt zu verlaſſen, er erhob ſich und trat langſam dem Eingange des Zeltes näher. Die beiden wachenden Indianer ließen ihn ruhig bis nahe an ſich kommen, als er aber Miene machte, zwiſchen ihnen durchzu⸗ ſchreiten, ſtießen ſie einen drohenden Schrei aus, ſchnellten in die Höhe und ſchwangen mit grimmiger Miene ihre Beile gegen den Gefangenen, der beſtürzt zurückſprang. Kaum war auch der Schrei erklungen, als auch ſchon fünf bis ſechs Indianer, alle wohl bewaffnet, am Eingange des Zeltes erſchienen und mit grimmigen Mienen hineinſchauten. Sie gaben den Gefangenen ſo den Beweis, wie wohl ſie bewacht würden, wie ſie auf das erſte Signal bereit waren, jeden Fluchtverſuch zu ver⸗ hindern. Die Indianer wechſelten einige Worte und als ſie ſahen, daß die Gefangenen ſich ruhig verhielten, ſo zogen ſie ſich wieder zurück und nur die Wachen blieben an der vorigen Stelle, — — 3 ——— — — — ———jꝛ— Allmählig wurde es im Lager lebendiger, die Indianer mochten es endlich für gut befunden haben, ihren Schlaf zu unterbrechen und ſich zu zeigen. Die Gefangenen bemerkten dieſes ſehr bald, denn nachdem ſich erſt einzelne Männer vor dem Zelte verſammelt, geſellten ſich ihnen bald mehr dazu und dann kamen auch noch Kinder, drängten ſich dicht an den Eingang des Zeltes und blickten neugierig hinein. Es entſtand ein lebhafter Discours vor dem Zelte, von dem indeſſen für die Gefangenen nichts verſtändlich war. Auch der Häuptling erſchien endlich; er befand ſich in ſeinem völligen Schmucke, trat in das Zelt und betrachtete die Gefangenen mit Aufmerkſamkeit, aber er ſchwieg dabei und verleugnete keinen Augenblick die würdevolle Haltung, die er als Häuptling ſtets zu zeigen hatte, ſowohl Freunden als Feinden gegenüber. Morcerf machte einen Verſuch ihn anzureden, aber ſeine Worte fanden keine Erwiderung von Seiten des ſtolzen Indianers, der, nachdem er die Gefangenen genügend gemuſtert, ſchweigſam wie er gekommen, das Zelt wieder verließ. Aber draußen drängte ſich die Mutter des gefallenen Wopao⸗ Hano herbei und rief: „Großer Häuptling, Wopao⸗Hano verlangt einen Diener, ſonſt zürnt ſein Geiſt!! „Wopao⸗Hano wird den Diener erhalten,“ entgegnete der Häuptling mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. Auch die junge Wittwe war erſchienen, ſie trat dicht an den Eingang des Zeltes und ſchaute hinein, ſie verweilte hier auch ziem⸗ lich lange und ſchien Beobachtungen anzuſtellen. Den Gefangenen entging dieſes nicht und der Trapper ſagte zu ſeinen Gefährten halb ernſt, halb ſcherzend: „Dieſes Weib betrachtet uns ſo aufmerkſam, als ob es ein ganz beſonderes Intereſſe an uns finde und es Einen von uns zum Gemahl auswählen wolle, damit dieſer dann die Zahl dieſer Roth⸗ häute vermehren ſollte.“ „Das dürfte wohl nie vorkommen,“ bemerkte Morcerf. „Und doch iſt es ſchon mehr als einmal vorgekommen,“ ent⸗ gegnete John,„und es kommt auch immer noch vor. Gar Mancher, dem es aus irgend einem Grunde unter ſeinen Landsleuten ſchwül werden häuten gerauch kupfert andere kannib dianern erwache die er dort ſ fährter A und ſe ſehr di ſtumm Zelt u Schm und f zu erh 7 ſeien, finken — Weiſ Mitte India Meng wölig ſchten und ſich ihnen ſich G eſſen ainem genen teinen ts zu Worte „der, vie er 1. opao⸗ ſonſt ee der an den ziem⸗ ſagte n ganz ss zum Roth⸗ ent⸗ kancher, ſchwil 57 werden mochte, iſt auf und davon gelaufen und hat ſich den Roth⸗ häuten angeſchloſſen, er hat dann mit ihnen die Friedenspfeife geraucht, hat ſich ihre Schliche und Ränke lehren laſſen, hat eine kupferrothe Dame als Squaw geheirathet und iſt dann, wie manche andere Renegaten, indianiſcher geworden, als die Indianer ſelbſt, kannibaliſcher, als die Kannibalen.— Eins aber iſt gewiß, die kupfer⸗ farbigen Schönen haben auch glühlende und fühlende Herzen, ſo gut, wie eine Dame von New⸗York.“ Die Wittwe ſchien bemerkt zu haben, daß ſich jetzt die Augen der Gefangenen auch häufiger auf ſie richteten, ſie wich zurück und miſchte ſich unter die vor dem Zelte Verſammelten. Nach einiger Zeit entſtand plötzlich eine Unruhe unter den In⸗ dianern, die für den Augenblick in den Gefangenen die Hoffnung erwachen ließ, dieſe Bewegung unter den Maſſen deute an, daß die erſehnten Retter nahe ſeien, beſonders als jetzt bald da, bald dort ſich ein allarmirender Ruf vernehmen ließ. „Es kommt endlich Hilfe!“ rief da Morell freudig ſeinen Ge⸗ fährten zu. Auch Morcerf theilte für den Augenblick die Hoffnung Morells und ſchaute den Trapper fragend an. Aber dieſer war plötzlich ſehr düſter geworden und beantwortete die ſtumme Frage mit gleich ſtummem Kopfſchütteln und ſchaute dann finſter hinaus auf die das Zelt umlagernden Menſchen. Dieſe theilten ſich jetzt. Sechs bis ſieben Krieger in ihrem vollen Schmucke ſchritten auf das Zelt zu. Einige von ihnen traten hinein und forderten durch Worte und Zeichen die Gefangenen auf, ſich zu erheben und zu folgen. Dieſe Zeichen ließen die Hoffnung, daß Retter in der Nähe ſeien, in den Herzen der beiden gefangenen Reiſenden ſchnell wieder ſinken; John hatte ſeinerſeits dieſe Hoffnung gar nicht gehegt. Es blieb den Gefangenen nichts übrig, als ſich der erhaltenen Weiſung zu fügen und den Indianern zu folgen. Vor dem Zelte wurden ſie von den übrigen Kriegern in die Mitte genommen und ſofort war dieſe Gruppe auch von den übrigen Indianern, den Frauen und den Kindern umringt, die nun eine Menge Rufe ausſtießen, die, weil ſie laut durch einander klangen, völlig unverſtändlich wurden, ſo daß Alles nur ein Getöſe war. 58 Der Zug bewegte ſich langſam durch das Lager bis auf einen freien Platz vor demſelben, wo der Häuptling im Kreiſe der Aelte⸗ ſten ihrer harrte. Der Häuptling hatte gleichfalls ſeinen vollen Kriegerſchmuck angelegt und ſogar die bunte Malerei erneuert, ſo daß man wohl ſchon daraus erkennen konnte, es ſei eine ganz be⸗ ſonders feierliche Handlung im Werke, wo das Oberhaupt des Stammes in ſeiner ganzen Majeſtät erſcheinen wolle. Die Gefangenen wurden vor den Häuptling geführt und die Krieger ſchloſſen einen Kreis, um den ſich die Weiber und Kinder zuſammendrängten. Aber es ward von dieſem Augenblicke an doch ruhiger, nur noch ſelten ließ ſich ein Ausruf hören, dieſer Ruf war aber immer drohender Natur. Der Häuptling ſtimmte einen Kriegsgeſang an, in welchem er, wie bei ſolchen Geſängen gewöhnlich, ſeine Heldenthaten erzählte und dabei noch beſonders hervorhob, daß er der Häuptling des Stammes ſei und dadurch das Recht habe, zu befehlen und Urtheil zu ſprechen. Während des Geſanges ſchwang er oftmals mit drohender Miene ſeine Lanze— bisweilen auch ſein Beil gegen die Gefangenen, als wolle er dieſelben auf der Stelle durchbohren oder niederſchmettern. Ein lauter Kriegsſchrei ſchloß den Geſang und in dieſen Schrei ſtimmten nicht nur die Männer, ſondern auch die Weiber und Kin⸗ der ein. Es war ein ohrbetäubendes, markerſchütterndes Dröhnen, auf welches aber dann Todtenſtille folgte. Den Gefangenen war dieſer unheilverkündende Schrei in der That durch Mark und Bein gegangen. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Morcerf leiſe den neben ihm ſtehenden Trapper, und ſeine Stimme bebte, indem er dieſe Frage ſtellte.. „Daß wir uns auf Alles gefaßt machen müſſen,“ antwortete der Trapper ernſt. Bei dieſer Antwort war es Morcerf und Morell und noch mehr dem Mädchen, als ſtocke das Blut in ihren Adern, denn augenblicklich fielen ihnen ja alle die Erzählungen von den Schauer⸗ thaten der Indianer ein, die ſie gehört hatten. Das Mädchen ſtieß einen halblauten Schreckensruf aus und faltete die Hände zum Gebete. Ein junger Indianer trat jetzt vor den Häuptling und begann: Diener geſicht bereit die M 9 ſchaut gewõ des die zählte Antro einig erleg erwi ſchien ſich Blei ſein der aller Geiſt fang ihr einen Aelte⸗ vollen tt, ſo nz be⸗ t des d die Linder doch ſ war m er, e und mmes techen. Miene n, als attern. Schrei Kin⸗ hnen, in der tihm Frage portete ˖noch denn auer⸗ 3 und gann: „Großer Häuptling, es iſt nicht Sitte, wenn eine Frau oder ein Mädchen der Bleichgeſichter in unſere Hände fällt, dieſelbe dem großen Geiſte zu opfern.“ „Nein,“ entgegnete der Häuptling,„es iſt dieſes nicht Sitte bei den Kindern des großen Geiſtes.— Was beginnen wir nun mit dieſem Mädchen?“— Chiaha⸗Walla deutete nach dieſen Worten auf das gefangene Mädchen. „Opo⸗Waha,“ ſprach der junge Mann wieder,„bedarf einer Dienerin und er hat den Gedanken, dieſes Mädchen der Bleich⸗ geſichter kann dieſe Dienerin ſein, die ihn pflegt, ihm Speiſe bereitet und dieſe ihm bringt, wenn er danach verlangt, die ihm die Moccaſſins näht und den Mantel ſiickt.“ Nachdem der junge Indianer alſo ſeinen Antrag beendet, ſchaute der Häuptling im Kreiſe umher und fragte nach ſeiner gewöhnlichen ruhigen Weiſe, ob Jemand etwas gegen die Worte des Opo⸗Waha einzuwenden habe, und ob man einverſtanden ſei, die Gefangene demſelben zu überlaſſen. Seiner Anfrage eine noch günſtigere Aufnahme zu verſchaffen, zählte Chiaha⸗Walla zugleich verſchiedene gute Eigenſchaften des Antragſtellers auf, und hob namentlich hervor, daß er bereits einige Scalps erbeutet, graue Bären bekämpft und zahlreiche Büffel erlegt und ſich demnach auch als würdiger Sohn des großen Geiſtes erwieſen habe. Niemand machte gegen den Antrag eine Einwendung, vielmehr ſchienen Alle mit demſelben einverſtanden zu ſein, und ſo wendete ſich denn der Häuptling wieder zu dem jungen Manne und ſagte: „Chiaha⸗Walla ſagt Opo⸗Waha: nimm denn dieſes Weib der Bleichgeſichter und führe es in Deine Hütte, laſſe ſie Dir Dienerin ſein und züchtige ſie, ſo ſie nicht gehorcht, auf daß ſie inne werde, der rothe Mann ſei ihr Herr, wie er Herr dieſer Gründe iſt, und aller jener Gründe, ſo die Bleichgeſichter den Kindern des großen Geiſtes entriſſen haben.“ Der junge Indianer, durch dieſe Worte zum Herrn der Ge⸗ fangenen erklärt, trat zu derſelben und indem er einige Worte zu ihr ſagte, die ſie indeſſen nicht verſtand, ergriff er ihre Hand. Bei dieſer Berührung ſchrie das Mädchen voll Entſetzen auf, 59 60 es entriß mit einer heftigen Bewegung dem Indianer die Hand und wandte ſich, wie Schutz ſuchend, zu ihren Leidensgefährten. Das Mädchen ſtreckte die Hand aus, um Morell am Arme zu ergreifen und ſich an ihn zu klammern; allein ehe ſie dieſes noch ausführen konnte, hatte der Indianer unter Ausſtoßung eines zornigen Schreies ſchon des Mädchens Arm ergriffen und es heftig hinweggeriſſen. „Komm, komm!“ rief er dann. Die Gefangene wollte ſich ſträuben, allein ſchon hatten ſich auch ein paar Weiber durch den Kreis der Männer gedrängt, hatten die Gefangene umringt, ergriffen und zogen ſie nun mit ſich fort. Das Mädchen ſtieß verzweiflungsvoll einige Hilferufe aus, die aber ohne Wirkung blieben; ſo wurde denn die Gefangene fortgeführt, und wenn ſie auch noch mehr hätte rufen wollen, ſo wäre ihr Ton doch durch die lebhaften Stimmen der Frauen, die ſie umgaben, erſtickt worden. Die übrigen Gefangenen, alſo ihrer Gefährtin beraubt, harrten nun des Weiteren, was da kommen würde. Nach ziemlich langer Pauſe nahm der Häuptling wieder das Wort. Er wendete ſich zu den Gefangenen und fragte: „Bleichgeſichter, was wolltet Ihr in unſerem Lande?“ „Wir waren nicht in Eurem Lande,“ entgegnete der Trapper, der allein hinlängliche Sprachkenntniß beſaß, auf die Unterredung mit den Indianern eingehen zu können,„wir waren im Lande der weißen Männer.“ „Das Bleichgeſicht ſpricht nicht die Wahrheit,“ antwortete der Häuptling,„denn jenes Land dort, wo wir Euch gefangen nahmen, iſt nicht das der Bleichgeſichter, ſondern das der rothen Männer. Die Bleichgeſichter haben es dem rothen Manne nur ohne Recht ent⸗ riſſen. Das geraubte Gut gehört mit Recht aber nicht dem Räuber, ſondern dem Beraubten.“ „Der rothe Bruder irrt,“ ſagte der Trapper,„unſer großer Häuptling, der Herr über das Land iſt vom Aufgange der Sonne, bis zum Niedergange, hat uns geſagt: macht das Land urbar, auf daß es Früchte trägt, die uns Allen Brod geben. Das Land hat Raum für uns Alle und es verlangt der Hände, die es bebauen.“ „Wenn das Land Raum für Alle hat, weshalb verdrängt Ihr den rothen Mann?“ —— ———— „T — Va⸗ weißen Städte Der w wohnen „4 Mann tödtet! 95 ſie zu 5 die Se gegen komme rolhen dazu 6 4 macht keinen geſech nicht geſic das noch Tod Wir unſen ererk Kreif Unre 61 „Wir verdrängen ihn nicht, er ſelbſt zieht ſich von uns zurück. — Warum bebaut der rothe Mann nicht das Land, gleich dem weißen Manne?— Warum baut der rothe Mann nicht Dörfer und Städte gleich den weißen Männern, und wohnt dort friedlich?— Der weiße Mann würde dann friedlich neben dem rothen Manne wohnen und in ihm nur den Bruder ſehen.“ „Das iſt nicht wahr, das Bleichgeſicht hat ſich gegen den rothen Mann nie als Bruder bewieſen. Einen Bruder vertreibt, betrügt, tödtet man nicht.“ „Die rothen Männer haben die weißen Männer gezwungen, ſie zu bekriegen, da ſie zuerſt angriffen.“ Der Häuptling nahm dieſen Vorwurf nicht an, er vertheidigte die Seinen, indem er behauptete, die rothen Männer hätten ſich nur gegen die weißen Männer vertheidigt, als dieſe in das Land ge⸗ kommen und Alles an ſich geriſſen. So ſei der Krieg zwiſchen den rothen und den weißen Männern entſtanden, aber erſtere ſeien nur dazu gezwungen worden. Der Trapper widerſtritt nach Kräften, aber ſeine Vertheidigung machte auf die Rothhäute, die nur ſprachen, um Recht zu erhalten, keinen günſtigen Eindruck, und der Häuptling, müde dieſes Wort⸗ gefechtes, ſagte endlich: „Unſer Aller Anſicht iſt die: wir bedürfen der weißen Männer nicht, und wir lieben ſie nicht, wir haſſen ſie. Wenn die Bleich⸗ geſichter kommen, bringen ſie mit ſich das Elend und die Krankheit, das Feuerwaſſer und den Wahnſinn, unſer Volk ſtirbt, wir wünſchen noch länger leben zu bleiben. Viele Bleichgeſichter würden uns den Tod geben und wir würden ausgelöſcht werden von der Erde. Wir wünſchen das Land zu bewahren, welches der große Geiſt unſerem Volke gegeben hat, und welches wir von unſeren Vätern ererbt haben.“ „Ja, ja! Der große Häuptling ſpricht gut!“ klang es im Kreiſe wieder. Der Trapper aber murmelte: „Im Grunde hat der Spitzbube in manchen Dingen ſo ganz Unrecht nicht!“ Der Häuptling aber ſprach weiter: 62 „Weil wir leben und das Erbe unſerer Väter behalten wollen, müſſen wir kämpfen mit den Bleichgeſichtern und ſie vernichten!“ „Der große Häuptling ſpricht gut!“ klang es da wieder im Kreiſe. Mit erhöhter Stimme fuhr nun der Häuptling fort: „Darum müſſen wir auch die Bleichgeſichter ausrotten, wenn ſie kommen, dem rothen Manne ſeines Rechtes zu berauben, wir müſſen ſie dem großen Geiſte opfern und den Geiſtern Derer, welche ſie erſchlagen haben.“ Und wieder ſcholl es im Kreiſe: „Der große Häuptling ſpricht ſehr gut.“ Lautes Beifallsgeſchrei ſetzte ſich fort von Munde zu Munde und hallte um die Gefangenen, die durch des Häuptlings Worte bereits dem Opfertode geweiht waren. Jetzt drang ein Weib herbei und ſtellte ſich vor den Häuptling und die Aelteſten. Es war wieder die Mutter Wopao⸗Hanos. Mit wildem, haßdurchglühtem Blicke muſterte ſie ein paar Minuten die Gefangenen und wandte ſich dann zu dem Häuptlinge, rufend: „Wopao⸗Hano verlangt nach ſeinem Diener!“ „Chiaha⸗Walla ſagt Dir: Wopao Hano wird ihn erhalten!“ entgegnete der Häuptling, indem er auf die Gefangenen deutete. „Danke Dir, großer Häuptling!“ entgegnete das Weib und trat wieder zurück.. Die Gefangenen konnten nun gar nicht mehr in Zweifel ſein, daß über ihr Schickſal entſchieden war, und daß daſſelbe kein erfreu⸗ liches ſein werde. Sie wechſelten unter einander Blicke, Jeder ſchien den Anderen ausforſchen zu wollen, doch ohne ein Wort zu ſprechen. Es war, als fürchte ſich ein Jeder zu fragen, überzeugt, daß die Antwort nur eine niederſchlagend, hoffnungsloſe ſein werde. Was hätten dieſe Männer, die ſich in den Händen eines er⸗ bitterten, rachgierigen und blutdürſtigen Feindes ſahen, auch noch hoffen können? Von ihren Feinden gewiß nichts. Der Trapper, der allein eiſerne Ruhe bewahrte, betrachtete ſeine Gefährten mit ſcharfen Blicken, dann flüſterte er ihnen zu: „Muth, Freunde!— Macht dieſen rothhäutigen Beſtien nicht ein Vergnügen, daß Ihr Euch kleinmüthig zeigt. Trotzig muß man ihnen gegenüber auftreten, will man von ihnen Achtung erringen. Bedenkt, vorgetrete ,h Stolz au „Ch Häupllin „O. ſt“ ſpte Kriegers will der 28 aufrichte „Dir, C weiße I kriegt h von me kehren Zeugni „2 „2 weiße 8 beiden keine E das bl haben hatten D die beit „ 63 Bedenkt, daß immer noch Hoffnung auf Rettung iſt, wenigſtens für — Euch.“ Der Trapper betonte die letzten Worte noch ganz beſonders. Morcerf und Morell ſchauten verwundert auf den Trapper und der Erſtere fragte: „Warum nur uns?— Warum nicht auch für Sie, John?“ Aber ohne dieſe Fragen zu beachten war der Trapper ſchon vorgetreten. „Chiaha⸗Walla iſt ein großer Häuptling,“ ſagte er, ſich mit Stolz aufrichtend,„und er kennt den weißen Johny.“ „Chiaha Walla kennt den weißen Johny,“ antwortete der Häuptling. „Dann weiß er auch, daß der weiße Johny ein tapferer Krieger iſt,“ ſprach der Trapper weiter,„und daß auch ſein Wort das eines Kriegers iſt.“ „Chiaha⸗Walla weiß das,“ entgegnete der Häuptling.„Was will der weiße Johny von mir?“ „Ich will Dir ſagen,“ ſprach nun der Trapper, ſich noch ſtolzer aufrichtend und mit faſt trotzigem Blicke im Kreiſe umherſchauend, „Dir, Chiaha⸗Walla und allen Anderen Deines Stammes, daß der weiße Johny allein es iſt, der die rothen Männer als Krieger be⸗ kriegt hat, und Mancher von dieſen rothen Männern iſt im Kampfe von meiner Hand gefallen. Könnten jene rothen Männer zurück⸗ kehren aus dem Lande des großen Geiſtes, ſo könnten ſie auch Zeugniß ablegen von den Worten des weißen Johny.“ „Wir wiſſen dieſes,“ antwortete der Häuptling wieder. „Wir wiſſen das,“ klang es zuſtimmend auch im Kreiſe.„Der weiße Johny iſt ein großer Krieger.“ „Jene aber,“ ſprach der Trapper weiter, indem er auf die beiden Gefährten deutete,„ſind keine Krieger meines Stammes, keine Einwohner meines Landes. Es ſind Fremde, die weither über das blaue Meer kamen und als Gäſte unſer Land betraten. Nie haben ſie die Waffen gegen die rothen Männer geführt, und ſie hatten auch nie den Willen dazu.“ Der Häuptling muſterte nach dieſer Erklärung des Trappers die beiden Reiſenden und ſagte dann: „Es ſind Bleichgeſichter, und woher ſie auch kommen mögen, 64 ſo bringen ſie doch nichts Gutes in unſer Land. Männer überhaupt in dieſem Lande?“ „Sie kommen her, einen Freund zu ſuchen, der ihr Land ver⸗ laſſen hat und in dieſes Land kam.“ „Wer iſt dieſer Freund?“ „Chiaha⸗Walla kennt ihn, und Ihr Alle kennt ihn auch. Es iſt der große Medizinmann am blauen Fluſſe, der Edmondo.“ Die Nennung dieſes Namens machte offenbar großen Eindruck auf die Indianer; die Aelteſten ſchauten den Häuptling an, und dieſer wieder muſterte bald die Gefangenen, bald die Umgebung und ſchien für den Augenblick unentſchloſſen, was er eigentlich ſagen ſollte. Endlich fragte er: „Was wollen dieſe Männer bei dem großen Medizinmanne?“ „Sie wollen ihm Nachrichten bringen aus ſeiner Heimath,“ antwortete der Trapper. „Der weiße Johny ſagt: es ſind Freunde des großen Medizin⸗ mannes?“ forſchte Chiaha⸗Walla weiter. „Es iſt ſo,“ entgegnete der Trapper und fügte mit Nachdruck hinzu:„Des weißen Johny Wort iſt das Wort eines Kriegers und dieſem muß man vertrauen.“ Der Häuptling aber ſchaute einige Augenblicke vor ſich hin, dann ſagte er: „Der weiße Johny iſt ein Krieger der Bleichgeſichter und die Bleichgeſichter ſuchen den rothen Mann zu hintergehen auf alle Weiſe. Das Bleichgeſicht hat doppelte Zungen. Mit der einen Was wollen dieſe Zunge ſpricht er die Wahrheit gegen die Seinen, mit der anderen lügt er gegen den rothen Mann.“ Der Trapper ſuchte nach Möglichkeit dieſen Vorwurf zu wider⸗ legen und behauptete, daß ſeine Worte vollkommen wahr ſeien, er ſei ein Krieger und für dieſen ſei es Ehrenſache, die Wahrheit zu reden.—— Seine Rede machte aber wenigen Eindruck auf die Indianer, zudem ſich der Häuptling nicht zugänglich erwies, deſſen Meinung aber für den ganzen Stamm maßgebend warr. „Wenn Zleichgeſichter in unſer Land kommen, hegen ſie nur böſe Abſicht gegen die Söhne des großen Geiſtes,“ ſagte Chiaha⸗ Palla en was nich „Je er zu ſei Er tert zu In ſich in d trat näh Der ſagte zu S überkux viel, 1 Rath‚ D fragte 5 Diene „ antwo⸗ ſagte indem genen 0 9 Leben Chiah⸗ Mo chdruck s und h hin, nd die ff alle einen nderen wider⸗ en, er zeit zu ianer, inung e nur hiaha⸗ ——; Walla endlich. 65 „Wir werden es erwägen, was wir glauben dürfen, was nicht.“ „Zeit gewonnen, viel gewonnen,“ murmelte der Trapper, indem er zu ſeinen Gefährten zurücktrot. Er ſchien ſich durch das Geſpräch mit dem Häuptlinge erleich⸗ terrt zu fühlen, ſeine viel heller glänzenden Blicke verriethen dieſes. In dieſem Augenblicke trat wieder ein Weib vor und ſtellte ſich in den Kreis der Männer. Der Häuptling winkte ihr und ſie trat näher. Es war die Wittwe des Saka⸗Rao, die ſchöne Ikala. Der Trapper warf einen zornigen Blick auf die Wittwe und ſagte zu ſeinen Gefährten mit flüſternder Stimme: „Schöne Beſcheerung! Das Satansweib will wohl wieder hetzen, damit der gute Eindruck, den meine Worte hervorgebracht haben, wieder in alle Winde geht? Will der Teufel ein gutes Werk vereiteln, ſteckt er ſich hinter irgend einen Weiberrock. Die überkupferten Spitzbuben achten ſonſt zwar auf ihre Weiber nicht viel, wenn es aber darauf ankommt, zu einer böſen That guten Rath zu geben, da haben ſie ſchon Ohren dafür.“ Der Häuptling hatte die Wittwe bereits näher gewinkt und fragte jetzt: „Was verlangt Ikala noch?“ „Ikala hat ſich überlegt, daß drei der Gefangenen hier ſind,“ begann jetzt die Wittwe mit niedergeſchlagenen Augen,„von unſeren Kriegern aber fielen zwei im Kampfe, ſo meine ich denn, daß auch das Opfer von zwei der Bleichgeſichter genüge, um den Gefallenen Diener nachzuſenden.“ „Der große Geiſt verlangt von ſeinen Söhnen auch ein Opfer,“ antwortete der Häuptling. „Die Opfer empfing der große Geiſt durch die Erſchlagenen,“ ſagte Ikala.„Ihr habt ihm dieſelben ſchon gebracht.“ „Was ſollen Deine Worte bedeuten?“ fragte Chiaha⸗Walla, indem er ſeine Blicke bald auf die Wittwe, bald auf die Gefan⸗ genen heftete. Ikala neigte ſich vor ihm, dann ſagte ſie: „Es iſt eine Sitte unſeres Volkes, daß, wenn eine Squaw das Leben eines Gefangenen verlangt, daſſelbe ihr nicht verweigert wird. Chiaha⸗Walla kennt dieſe Sitte.“ Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 5 66 „Chiaha⸗Walla kennt dieſe Sitte,“ entgegnete der Häuptling, und fragte dann:„Ikala verlangt das Leben eines dieſer Bleichgeſichter?“ Dieſe Frage brachte allgemeine Erregung hervor, die Augen der Indianer hefteten ſich auf die junge Wittwe, die einen mit ſtaunendem, die anderen mit unzufriedenem, faſt zornigem Ausdrucke. Ikala ſchaute aber nicht auf, ſie heftete die Blicke zur Erde und ſprach dann weiter: „Ja, Ikala verlangt von Chiaha⸗Walla das Leben eines der Bleichgeſichter.“ Die Erregung unter den Indianern war im Zunehmen. Ob⸗ gleich eine ſolche Bitte bei den Indianerſtämmen nichts ſo ganz Un⸗ gewöhnliches, aber daß eine Squaw, die ſoeben erſt zur Wittwe geworden, dieſe Bitte ſtellte, mochte den Indianern denn doch ſonder⸗ bar genug vorkommen. Der Trapper, der Alles gehört und auch verſtanden hatte, übrigens die Sitten der Indianer genügend kannte, war ebenfalls überraſcht, aber nicht unangenehm. „Warum verlangt Ikala eines Bleichgeſichtes Leben?“ fragte jetzt der Häuptling. Ikala zögerte wohl einige Augenblicke, ſo öffentlich auf dieſe Frage Antwort zu geben, aber nach kurzem Beſinnen entgegnete ſie: daß es unter dem Stamme nicht Sitte ſei, daß eine Squaw ſo lange ohne einen Gefährten bleibe, der ihr Zelt theile und ſie in Schutz nehme und Wild für ſie erlege, in dem Stamme ſei jetzt Niemand, der ſich als Gefährte für ſie eignete, und ſo wolle ſie denn eines der Bleichgeſichter wählen, damit daſſelbe ein Mitglied des Stammes werde und mit der Kriegsmalerei geſchmückt, mit den Söhnen des großen Geiſtes ausziehe zum Kampfe. „Alſo verlangt Ikala wirklich das Leben eines dieſer gefan⸗ genen Bleichgeſichter?“ fragte der Häuptling. „Ja, Ikala verlangt es,“ war der Wittwe Antwort. „Und welchen wählt Ikala,“ fragte der Häuptling weiter. Ikala wendete ſich um, ſchritt auf die Gruppe der Gefangenen zu, legte ihre Hand auf Morells Haupt und ſagte: „Dieſen wählt Ikala!“ „Ich wünſche Glück, guter Freund!“ rief der Trapper dem jungen Manne zu. More Perſtändn denn eige ſch an dieſe Pa doch, daß und daß Ein dem Muꝛ drängte Wittwe, Bleichgeſt zu woller lichſten Jeal wich obe „J „J würde ſ fordern, „S „‚Dieſer nicht d unſerer Eingeſe Dde den Ael enen dem 67 Morell war auf das Höchſte betroffen. Er hatte viel zu wenig Verſtändniß von der Sprache der Indianer, um zu wiſſen, von was denn eigentlich die Rede war, die Pantomime der Indianerin, die ſich an ſeine Seite geſtellt hatte, verſtand er eben ſo wenig, aber dieſe Pantomime und der Zuruf des Trappers ſagten ihm denn doch, daß von ihm im Beſonderen die Rede geweſen ſein mußte, und daß es zuletzt nichts ſo Unangenehmes ſein mochte. Ein zorniger Schrei ließ ſich jetzt vernehmen. Er kam aus dem Munde der Mutter, die ihres Sohnes beraubt war. Sie drängte ſich vor und trat mit drohender Miene vor die junge Wittwe, der ſie zurief: ob ſie denn wirklich im Stande ſei, ein Bleichgeſicht dem Tode und dem großen Geiſte ein Opfer entziehen zu wollen? Sie gebrauchte bei ihrer Rede nicht eben die freund⸗ lichſten Worte gegen die Wittwe und gegen die Gefangenen. Ikala hörte die Vorwürfe mit niedergeſchlagenen Augen an, wich aber dabei nicht von Morells Seite. Endlich entgegnete ſie: „Ikala weiß was ſie thut!“ „Ikala weiß es nicht,“ ſchrie die Alte dazwiſchen,„denn ſonſt würde ſie den großen Geiſt nicht erzürnen und ihn damit heraus⸗ fordern, auch ſie zu züchtigen.“ „Schweig!“ rief da der Häuptling und fügte dann hinzu: „Dieſer Brauch hat ſich von unſeren Vätern auf uns vererbt und nicht dürfen wir davon abgehen, ohne zu machen, daß die Geiſter unſerer Väter ſich von den Söhnen abwenden, die das von ihnen Eingeſetzte nicht achten und nicht halten wollen.“ Da wich die Alte zurück. Der Häuptling aber wandte ſich zu den Aelteſten und fragte ſie, ob ſie wollten, daß der Väter Brauch auch jetzt eingehalten würde. „Er ſei es!“ entgegneten Jene. Ganz ungefragt ſtimmten auch die übrigen Indianer dieſer Entſcheidung ihrer Aelteſten bei. Inſoweit wäre nun dieſe Angelegenheit entſchieden geweſen, allein es ſollte nun doch noch ein Hauptpunkt kommen. Chiaha⸗ Walla begann: „Chiaha⸗Walla ſpricht: Zwei Opfer ſollen genug ſein, nur zwei ſollen ſterben und hinübergehen in das Land des großen Geiſtes, dort den Kriegern der rothen Männer zu dienen, der Dritte möge 5* 68 leben, ſo er einwilligt, mit Ikala das Zelt zu theilen, Einer der Unſeren zu ſein und für Ikala Büffel zu jagen!“ Ikala ſtand noch neben Morell und ſchaute ihn mit ſehr freund⸗ lichen Blicken an, die ihn aufforderten, ohne Bedenken den Vorſchlag anzunehmen und ihre Hand zu ergreifen, die ſie zu ſeiner Rettung geboten. Aber Morell wußte noch immer nicht, was denn das eigentlich bedeuten ſolle; er ſchaute die junge Wittwe, die eben nichts Unangenehmes an ſich hatte, als etwa die kupferfarbige Haut, mit ſtaunenden Blicken an, den Trapper aber mit fragenden; er ver⸗ langte von ihm Aufklärung, was denn dieſes bedeuten ſollte. Der Häuptling ließ ihm aber nicht lange Zeit zum Sinnen, er trat jetzt zu ihm und hielt eine lange Anrede an ihn, ihn auf⸗ fordernd, ſich zu erklären, ob er Ikalas Vorſchlag annehmen und das Zelt mit ihr theilen wolle, ihm dabei verſichernd, daß er in dieſem Falle, ſo er ſich nur als treuer Gefährte der rothen Männer zeigen wolle, dieſe ihn auch ganz als Einen der Ihrigen betrachten und auch ihm getreue Gefährten ſein würden. „Nun entſcheide!“ war des Häuptlings Schlußwort. Morell verſtand von dieſem Allen nichts, nur einzelne Bruch⸗ ſtücke hatte er aufgefaßt, aber da ihm jeder Zuſammenhang fehlte, ſo waren ihm jene Bruchſtücke unverſtändlich. Nur ſo viel war ihm klar, es handele ſich um ſeine Perſon und er ſolle Etwas antworten. Ikala bemühte ſich nach Möglichkeit, dem Manne, den ſie ſich gewählt, durch freundliche beredete Blicke, durch ſanftes Drücken mit der Hand auf ſeinen Arm, die Sache verſtändlich zu machen, ſie rief ihm ſelbſt weichen Tones einige aufmunternde Worte zu, wohl nach dem Grundſatze, daß die Liebe jede Sprache verſtehe.— Aber Morell, der ſich gar nicht zu denken vermochte, was denn eigentlich vor ſei, verſtand doch nichts. Wie hätte er auch denken ſollen, daß er ohne ſein Zuthun das Herz einer rothhäutigen Schönheit ſo gerührt habe, daß ſie ſich für das Leben an ihn ketten wolle und ihn deshalb von dem Tode rette? Der Häuptling wartete nun auf Antwort von Seiten Morells; wahrſcheinlich meinte er, ſeine aus indianiſchen und engliſchen Wor⸗ ten zuſammengeſtoppelte Sprache, die übrigens von den Grenznach⸗ barn ſehr gut verſtanden wurde, ſei Weltſprache, und müſſe von hinzu:, Seiten iſt, wie Wittwen beſetzen. haut ge⸗ und w. ſein Le hier, un ſind do M „7 7 zuckend. paſſabe als höc und S 3 Sie, 3 „ er der eund⸗ ſchlag dettung in das nichs t, mit —r ver⸗ innen, in auſ⸗ en und er in ſänner tachten Bruch⸗ fehlte, ar ihm vorten. ſie ſich en mit en, ſie wohl Aber entlich in das ich für Tode vrells; Wor⸗ znach⸗ ſe von ———— — 69 Jedermann verſtanden werden. Jkala ihrerſeits heftete ſehr auf⸗ munternde Blicke auf Morell. Der Trapper ſah die Verlegenheit ſeines jungen Gefährten, und dieſelbe zu enden, wiederholte er ihm die Rede Chiaha⸗Wallas in ihrer Hauptſache. Morell, dem nun Alles klar wurde, war auf's Höchſte über⸗ raſcht. „Kann denn das wirklich Ernſt ſein?“ fragte er. „Ganz gewiß,“ entgegnete der Trapper und fügte erklärend hinzu:„Es iſt dieſes eine Sitte der Rothhäute, die ihre ganz gute Seiten hat, wenn die Wählende ſo jung und voch leidlich hübſch iſt, wie dieſe indianiſche Squaw, die ſich beeilt, den traurigen Wittwenſtand abzukürzen, und die leer gewordene Stelle wieder zu beſetzen. Auf ſolche Weiſe iſt ſchon mancher Europäer zur Roth⸗ haut geworden, entweder für immer, oder ſo lange es ihm beliebte, und manches Mitglied eines feindlichen Stammes hat auf die Art ſein Leben gerettet.„Biſt Du klug, ſo ſchlägſt Du ein!“ heißt es hier, und ich rathe Ihnen, lieber Freund, greifen Sie zu, denn Sie ſind doch zuletzt zu jung, um unter dieſer Beſtien Händen zu enden.“ Morell ſchauderte. „Was wird aber aus Euch?“ fragte er. „Was dieſe Rothhäute wollen,“ entgegnete der Trapper achſel⸗ zuckend. „Sie wollen Euch tödten?“ fragte Morell weiter und ſein Auge hing an des Trappers Munde, der ihm auf dieſe Frage Gewißheit geben ſollte. „Wenigſtens haben die Kerls den beſten Willen dazu,“ war des Gefragten Antwort. „Und ich allein ſollte dann verſchont bleiben?“ fragte der junge Mann wieder. „Natürlich,“ gab der Trapper den Beſcheid,„als Gemahl einer paſſabeln Rothhaut thut man Ihnen nichts zu Leide, junger Freund, als höchſtens dann, wenn Sie auf den Einfall kämen, durchzubrennen, und Sie dabei kein Glück haben.“ „Aber mein Gefährte,“ fragte Morell nochmals,„und auch Sie, John, ſollten geopfert werden?“ „Möglich,“ antwortete der Trapper wieder mit kaltem Achſel⸗ 70 zucken.„Wer in die Hände ſolcher Leute fällt, kommt nicht unge⸗ rupft davon. Auf mich wenigſtens ſind die Burſchen zu verbiſſen, als daß ſie mich laufen laſſen ſollten.“ Morell ſchaute den Trapper einige Augenblicke an, dann trat er raſch entſchloſſen einen Schritt von der noch immer an ſeiner Seite ſtehenden Ikala hinweg und ſagte mit feſtem Tone: „Unter ſolchen Umſtänden kann nur ein Entſchluß ſein!“ „Halt,“ unterbrach ihn der Trapper raſch,„nur nicht voreilig.“ „Nein,“ ſagte Morell.„Aber Ihr ſeid meine Gefährten, droht Euch Gefahr, ſoll ſie auch mir drohen. Mein Entſchluß iſt der: Ich trenne mein Schickſal nicht von dem Euren.“ Der Trapper nickte mit dem Kopfe; dann aber ſagte er: „Mein Freund, Ihr Entſchluß iſt der eines Mannes von Ehre, aber nicht der eines klugen Mannes.“ „Dieſe ſogenannte Klugheit wäre hier Selbſtſucht,“ antwortete er faſt unwillig,„und Selbſtſucht kenne ich nicht.— Sollte ich mich auf ſolche Weiſe zu retten ſuchen, während meine Freunde unter⸗ gehen?— Nimmermehr! Ich würde es mir zum ewigen Vorwurf machen, mich auf ſolche Weiſe gerettet zu haben, während meine Freunde untergehen.— Nie, nie werde ich ſolche Feigheit beweiſen“ „Sie ſprechen wie ein Mann!“ ſagte der Trapper mit einem Ausdrucke von Befriedigung. „Als Mann gedenke ich mich auch zu zeigen!“ rief der junge Mann voll Entſchloſſenheit.„Möge auch kommen, was da wolle!“ „Sei es denn!“ erklärte der Trapper. Ikala hatte immer noch in der Nähe geſtanden, ſie hatte quf⸗ merkſam dem Geſpräche zwiſchen dem Trapper und dem von ihr Er⸗ korenen zugehört. Aber freilich verſtand auch ſie von dieſer im reinen Engliſch gehörten Unterhaltung nur einzelne Bruchſtücke und fand keinen Zuſammenhang. Doch ihre Augen ſuchten in den Morells zu leſen, welcher Art deſſen Entſcheidung ſein würde, und ſie richtete ihre Blicke recht aufmunternd auf den jungen Mann, als wollte ſie ihm ſagen, er möge nur ohne Scheu ihre Han er⸗ greifen, ſie ſei für ihn zu Allem bereit. Aber dieſe Sprache der Augen fand keine Erwiderung. Chiaha⸗Walla hatte gleichfalls ſeinen Platz behauptet und mit großer Aufmerkſamkeit dem Geſpräche zugehört; er hatte genug währer fiel, d gleich als ſas ihm zu Bleich G nahme daß ei unbern Alten, Geiſt einige Unge⸗ biſſn, n trat ſeiner eilig.“ droht ſt der: Ehre, wortete mich unter⸗ orwurf meine eiſen“ einen junge polle!“ e auf⸗ ir Er⸗ er im e und n den , und Nann, i er⸗ mit genug Kenntniß von dem Engliſchen, um ſchon mehr zu verſtehen, als 71 Ikala, allein auch er fand keinen rechten Zuſammenhang und begann über die Dauer der langen Unterhaltung nun ungeduldig zu werden. „Was ſagt er?“ fragte er jetzt plötzlich. „Er ſagt, was ein braver Mann und großer Krieger ſagen muß,“ entgegnete der Trapper.„Er will das Schickſal erdulden, welches ſeine Freunde erdulden müſſen.“ Ein zorniger Blick funkelte aus den Augen des Häuptlings; er fragte: „Und Ikala?“ „Sie möge ſich einen Gatten aus ihrem Stamme ſuchen!“ antwortete der Trapper mit Entſchiedenheit.„Mein Gefährte ver⸗ mag nicht anders zu antworten.“ Bei dieſer Erklärung des Trappers ſtieß Ikala einen Schrei aus, der einem Gemiſche von Zorn und Enttäuſchung Ausdruck gab, während ein Blick voll Trauer und Unwillen auf den jungen Mann fiel, der ſie alſo verſchmähte, ein Blick des Mißtrauens ſtreifte zu⸗ gleich den Trapper; Ikala ſchien denſelben in Verdacht zu haben, als ſage er nicht die Wahrheit. Der Häuptling wandte ſich zu ihr. „Ikala ſieht, das Bleichgeſicht verſchmäht ihre Hand, die ſie ihm zur Rettung bietet,“ ſagte er, fügte aber ſogleich hinzu:„Das Bleichgeſicht wird ſich ſchon beſinnen.“ Ein lauter Schrei ging durch die Verſammlung, namentlich nahmen jetzt die Weiber Partei und ſchienen ſehr aufgeregt darüber, daß ein Bleichgeſicht es wage, die Wünſche einer ihrer Mitſchweſtern unberückſichtigt zu laſſen. Nur eine Stimme ſchrie triumphirend auf, es war die der Alten, die den Sohn verloren hatte. Sie rief: „Der große Geiſt verblendet das Bleichgeſicht! Der große Geiſt will ſein Opfer haben!“ Die Weiber ſchrieen da im Chore mit. Der Häuptling aber gab ein Zeichen mit der Hand und ſprach einige Worte, worauf die Gefangenen in das Zelt zurückgeführt wurden. Sechſtes Kapitel. Das Gericht. Die Gefangenen befanden ſich wieder in ihrem Zelte, wo die Bewachung wieder ihren Fortgang nahm, wie vorher, und auch die Neugierde der Indianer ſchien noch ſo rege, wie erſt, denn fort⸗ während ſtanden die verſchiedenſten Gruppen vor dem Zelte, ſchauten hinein und betrachteten die Gefangenen Der Trapper verband die Wunde Morells; er verlangte dazu von den wachthabenden Indianern einige Kräuter, die ihm als heil⸗ ſam bekannt waren und von denen er wußte, daß die Indianer ſie in der Regel immer bei ſich hätten. Die Indianer waren auch willig dazu, ſie riefen ein paar Worte und jetzt war Ikala die Erſte, die erſchien, ſie brachte ein kleines Bündelchen getrocknete Kräuter und legte ſehr eifrig mit Hand bei dem Verbinden der Wunde an, was den Trapper zu der Bemerkung veranlaßte: „Die gute Rothhaut hofft immer noch!“ Ikala zeigte übrigens, daß ſie keineswegs ſo rachgieriger Ge⸗ müthsart ſein mochte, wie die Mehrzahl ihrer Stammesgenoſſinnen, denn nachdem Morells Wunde beſorgt mar, erbot ſie ſich durch Zeichen und Worte auch dem Trapper dieſen Dienſt zu erweiſen, und dieſer nahm es an und ließ ſich den Kopf verbinden, was übrigens bei der Unbedeutenheit der Wunde nicht weiter nöthig geweſen wäre. „Ein gutes Herz,“ ſagte Morell weichen Tones. „Man kann dergleichen auch unter Beſtien finden,“ entgegnete der Trapper.„Aber wer weiß, wo dieſes hinaus will.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Morcerf. V „Man verbindet unſere Wunden, damit ſie nicht— ſchmerzen, 7 entgegnete der Trapper kurz. Jkalc urze deit auch wied aus gebt durch Je dann wie Die ließen es dieſer gu es mit it Norcetf, aus, aber für ſeinen daß es di zu thun, et für ſ beiden⸗ in dieſer So ſtand be viele St da ſchon Nahen Ab in kurz langſan Singen, zogen ſi den Oh einen U ſich der D. von den verſtand aber ſei „T di d die c die fort⸗ auten, dazu heil⸗ ler ſie auch die kenete mder Ge⸗ nnen, durch iſen, was öthig gnete 4 7 ——— — 73 Ikala entfernte ſich wieder; doch blieben die Gefangenen nur kurze Zeit allein, dann erſchienen einige Weiber, und unter dieſen auch wieder Ikala, und brachten den Gefangenen Speiſen, beſtehend aus gebratenem Büffelfleiſch, Maisbrod und Früchten. Sie luden durch Zeichen die Gefangenen zum Eſſen ein und entfernten ſich dann wieder. Die Gefangenen empfanden das Bedürfniß nach Speiſe und ließen es ſich um ſo wohler ſchmecken, als die beiden Reiſenden aus dieſer guten Bewirthung zu erkennen glaubten, daß die Indianer es mit ihnen denn doch ſo ſchlimm nicht meinen könnten. Sowohl Morcerf als Morell ſprachen dieſe Hoffnung auch gegen den Trapper aus, aber dieſer erfahrene Mann ſchüttelte den Kopf und ſagte: er für ſeinen Theil glaube eben aus dieſer guten Bewirthung zu ſehen, daß es die Indianer ſchlimm meinten, es ſei ihnen wohl nur darum zu thun, ihre Gefangenen bei guter Kraft zu erhalten; indeſſen habe er für ſeine Perſon nichts dawider, wenn ſich die Hoffnung ſeiner beiden Freunde erfülle, es wäre dieſes auch das Beſte, was man in dieſer Lage vor der Hand wünſchen könne. So vergingen mehrere Stunden des Nachmittags, die Sonne ſtand bereits tiefer, als ſich in dem Lager wieder ein Getöſe erhob; viele Stimmen riefen durcheinander und die Gefangenen glaubten da ſchon, daß dieſer plötzlich entſtandene Aufruhr das Zeichen vom Nahen der Freunde ſei, die ſie zu befreien kämen. Aber jetzt erhob ſich draußen ein Geſang, eintönig wohl und in kurzen Sätzen, aber ſehr trotzig klingend. Dieſer Geſang kam langſam dem Zelte der Gefangenen näher, er kam ganz heran, die Singenden blieben ein paar Minuten vor dem Zelte ſtehen, dann zogen ſie weiter und der Ton, der in verſchiedenen Abſtufungen zu den Ohren der Gefangenen drang, deutete an, daß die Singenden einen Umzug durch das Lager hielten. Nach längerer Zeit näherte ſich der Geſang wieder dem Zelte. Der Trapper ſchüttelte den Kopf dazu und ſchien wenig erfreut von dem Geſange, deſſen Bedeutung er unter den Gefangenen allein verſtand; er murmelte ein paar engliſche Flüche vor ſich hin, gab aber ſeinen Gefährten weiter keine Erklärung, als ein lakoniſches: „Wir werden es ſehen!“ Die Singenden waren wieder vor dem Zelte der Gefangenen 74 angekommen und blieben hier ſtehen. Der Geſang ſchwieg jetzt. 34 Der Häuptling trat mit aller der Gravität, welche die von ihm nſ begleitete Stellung in den Augen der Indianer verlangte, an den dul ve Eingang des Zeltes und forderte durch Worte und Zeichen die Ge⸗. der fangenen auf, das Zelt zu verlaſſen und ihm zu folgen. naf den Die Gefangenen konnten nichts Anderes thun, als ſie mußten Hie gehorchen. Der Trapper erhob ſich mit düſterem Blicke, winkte den Pfahl be beiden Mitgefangenen, daſſelbe zu thun und ihm zu folgen. So Miiſern, traten ſie vor das Zelt. airig. Hier waren die Männer des Indianerſtammes verſammelt, Ein alle mit der Kriegsmalerei geſchmückt und vollſtändig bewaffnet mit geſchihte Flinten, mit Bogen und Pfeilen, mit Aexten und Meſſern und mit Um Speeren. in deſer Eine Anzahl, zum Theil ſchon erwachſener Knaben hatte ſich b an die Männer geſchloſſen; auch ſie waren mit Bogen und Pfeilen 8 bewaffnet und ihre Geſichter drückten große Heiterkeit aus, als ob n, dai ihnen eine große Feſtfeier bevorſtehe. großen Weiber und Kinder drängten ſich in bunten Haufen um die damit Männer, neugierig auf das, was noch kommen ſolle, und als die dienten Gefangenen erſchienen, richteten ſich Aller Augen auf dieſelben. al Kri Die Krieger ſchloſſen ſich ſogleich um die Gefangenen, dieſelben 4„L in die Mitte nehmend, der Häuptling ſtellte ſich an die Spitze, Trappe ſchwang ſeinen Speer und ſtimmte abermals den Kriegsgeſang an, † D worauf ſich der Zug wieder in Bewegung ſetzte, umringt von den Reiſen Frauen und Kindern, die nach Kräften ſchrieen und lärmten. Die zuſam Krieger hingegen ſtimmten bald im Chore in den Kriegsgeſang des gefaßt Häuptlings ein, bald ſangen ſie abwechſelnd einige Sätze. Der damit Inhalt des Geſanges war immer das Lob ihrer eigenen Thaten S und die Aufzählung der Feinde, ſo ſie erſchlagen, der Scalps ſo ſie ſollte gewonnen hatten. Stund Während des Geſanges beobachteten ſie eine ſo urkomiſche,„ wunderliche, gravitätiſche Haltung, die ſehr erheiternd auf die Ge⸗ B„ fangenen gewirkt haben würde, wenn ihnen überhaupt noch Heiter⸗ cerf eit keit zu Muthe geweſen und ſie nicht lebhaftes Bangen wegen der Solch Ungewißheit ihres Schickſales in ſich getragen hätten. Lektier „Was ſoll nur das bedeuten?“ fragte Morcerf den Trapper T mit einer Stimme, die ſeine Beſorgniß verrieth. und ſie dg jett. pon ihm an den die Ge⸗ mußten kte den n. So ammelt, net mit nd mit atte ſich Pfeilen als ob um die als die den. ieſelben Spitze, ang an, von den n. Die ung des . Der Thaten ſo ſie wwiſche, die Ge⸗ Heiter⸗ hen der rapper — 7⁵ „Wir werden es ſehen!“ entgegnete John mit düſterer Stimme. Auf weitere Erklärung dieſer Ceremonie, die er übrigens ſehr gut verſtand, mochte er ſich jetzt wenigſtens jedenfalls nicht einlaſſen. Der Zug ging durch das Lager und dann vor daſſelbe hinaus auf den freien Platz vor demſelben. Hier war ein ſtarker Pfahl in die Erde geſchlagen. Um dieſen Pfahl hatte man eine Anzahl Holzſcheite, untermiſcht mit dürren Reiſern, aufgeſchichtet, doch war dieſer Scheiterhaufen nur ſehr niedrig. Ein weiterer Vorrath von Holz befand ſich in der Nähe auf⸗ geſchichtet, daneben brannte ein Feuer. Um den Scheiterhaufen ſchloſſen nun die Krieger einen Kreis, in deſſen Mitte ſich die Gefangenen befanden. Der Häuptling trat vor die Gefangenen und kündigte denſelben an, daß ſie nach dem Urtheile der rothen Männer, der Söhne des großen Geiſtes, beſtimmt ſeien, den Tod der Krieger zu ſterben, damit ſie in den Gefilden des großen Geiſtes Denen als Knechte dienten, welche ſie erſchlagen hätten. Er mahnte ſie zugleich, ſich als Krieger zu zeigen. „Ein guter Rath, Du buntgemalter Spitzbube,“ murmelte der Trapper mit einem grimmigen Blicke auf den Indianer. Dann aber theilte er die Rede des Häuptlings, von der die Reiſenden nur einzelne Bruchſtücke verſtanden hatten, denſelben im Zuſammenhange mit und mahnte zugleich auch, daß die Freunde gefaßt und muthig auftreten möchten, ſich als Männer zeigen ſollten, damit ſie nicht den Hohn der Indianer herausforderten. Sowohl Morcerf als Morell waren beſtürzt. So ſchnell alſo ſollte ſich nun ihr Schickſal entſcheiden, während ſie vor einer Stunde noch in den glücklichſten Hoffnungen ſich gewiegt hatten. „O, meine armen Eltern!“ ſeufzte da Morell. „Meine Mutter, meine Gattin, meine Kinder!“ ſtimmte Mor⸗ cerf ein und ſchlug ſein Auge zum Himmel. Dann fügte er hinzu: „Solch ein Ende iſt uns alſo beſtimmt, unter den Händen von Beſtien in Menſchengeſtalt!“ Der Trapper redete ihnen wieder zu, männlich feſt zu ſein, und ſich in das zu fügen, was nun doch nicht mehr zu ändern wäre. 76 a Er konnte indeſſen nicht viel ſprechen, denn der Häuptling deutete 38 jetzt auf Morell und begann wieder: di mein „Dieſes junge Bleichgeſicht ſoll doch noch verſchont bleiben, Verne wenn es ſich entſchließt, die Hütte mit Ikala zu theilen und ein do 335 Krieger des rothen Stammes zu werden. Das junge Bleichgeſicht tu. 2 möge ſich alſo erklären, ob es geſonnen iſt, den Wunſch Ikalas zu„Ju erfüllen.“ D ui Während der Häuptling dieſes ſprach, hatte ſich Ikala wieder ſolchen u durch die Reihen der Männer gedrängt, ſich neben Morell geſtelt Kiſegeſt und ſchaute ihn mit aufmunternden, freundlichen Blicken an. Morel Aſeben. verſtand da auch vollſtändig ſchon, von was die Rede ſein könnte, Ung und es war die Ueberſetzung durch den Trapper kaum nöthig. et zu „Und Ihr?“ fragte Morell.„Und Ihr ſolltet ſterben?“ habe? „Nun ja,“ entgegnete John,„die Kerls beſchließen es ſo und Da wir haben wenigſtens den Troſt, daß wir nur einmal— ſterben!“„ Mit feſter Stimme erklärte da Morell, daß es unter ſolchen das, bl˖ Umſtänden bei ſeinem erſten Entſchluſſe bleibe und auch bleiben müſſe, indem er ſein Schickſal nicht von dem ſeiner Gefährten i in trennen möge. Bei dieſem Entſchluſſe blieb er auch, obgleich der ſal ſein Trapper verſchiedene Verſuche machte, ihm dieſes auszureden. M Auch Morcerf verſuchte es, ſeinen jungen Gefährten anderen 5 Sinnes zu machen, indem er ihn auf ſeine Jugend aufmerkſam. 0 machte und darauf, daß, wenn er jetzt die ihm gebotene Rettungs⸗ Siäupl hand annehme, er ſpäterhin leicht wohl Gelegenheit finden werde, ungen ſich von den Indianern zu befreien und dann wieder zu den Seinen G zu gelangen, wo er dann auch ſeinen— Morcerfs— Angehörigen V und ſo ſeine letzten Grüße hinterbringen könne, und er ihnen auch zu ſagen b 7 im Stande ſei, wo und auf welche Weiſe er geendet, was für ſie T immer ſein Gutes haben müſſe, da ſie denn doch aus der quälenden G Ungewißheit über ſein Schickſal geriſſen würden. Anfangs ſchien es wohl, als ob Morcerfs Rede nicht ohne Ein⸗ Bleich druck auf den jungen Mann geblieben wäre und ſie ihn in ſeinem Entſchluſſe wankend gemacht habe, und Jkala ſchien dieſes auch zu hoffen, denn mit ſchmeichelnden Blicken trat ſie dicht an Morell 9 heran und ſuchte ſeine Hand zu ergreifen.’ Aber da fuhr Morell plötzlich auf und ſchüttelte den Kopf; er ſchob mit ſanfter Gewalt Ikala von ſich und ſagte: zugleic deutete bleiben, nd ein coeſich lalas zu wieder geſtellt Merell bnnte, g. ſo und rben!“ ſolchen bleiben fährten ich der nderen erkſam itungs⸗ werde, Seinen örigen ſagen jür ſie lenden e Ein⸗ ſeinem ih zu Norell p; er — 77 „Man würde mich verachten, wenn ich feiger Weiſe nur auf die Rettung meines Lebens bedacht geweſen wäre und ruhig geſehen, wie meine Gefährten den Tod erlitten.— Man ſoll ſolches nicht von mir ſagen.— Ich theile Euer Schickſal. Was man Euch an⸗ thut, das will ich auch erleiden.— Die Meinen möge Gott tröſten!“ „Junger Mann,“ rief da der Trapper,„Sie ſprechen in Rück⸗ ſicht auf Manches nicht klug, aber— bei Gott— ich würde unter ſolchen Umſtänden nicht anders ſprechen!— Sei es, denn wir bleiben Reiſegefährten und unſer Troſt iſt eben, daß wir nur einmal— ſterben.“ 3 Ungeduldig über das lange Geſpräch verlangte der Häuptling jetzt zu wiſſen, zu was ſich das„junge Bleichgeſicht“ entſchieden habe? Da wandte ſich der Trapper wieder zu Morell und fragte: „Der Mann verlangt Antwort. Zum letzten Male frage ich das, bleiben Sie bei Ihrem Entſchluſſe?“ „Ich bleibe dabei!“ antwortete Morell feſt und hob das Haupt ſtolz in die Höhe.„Was Ihr erleiden müßt, ſoll auch mein Schick⸗ ſal ſein!“ Morcerf ſeufzte. Der Trapper aber wandte ſich ſcheinbar kalt und ruhig zu dem Häuptlinge und ſagte ihm mit kurzen Worten den Entſchluß ſeines jungen Gefährten. Eben ſo kalt und ruhig erhob der Häuptling ſeinen Speer und ſagte:— „Das Bleichgeſicht will es ſo. Es ſei wie es will!“ Dann zu Ikala gewendet, fuhr er fort: „Chiaha⸗Walla ſpricht zu Ikala, das Bleichgeſicht verſchmäht Ikala, und es will mit ſeinen Gefährten ſterben. Möge denn das Bleichgeſicht ſeinen Willen haben und hinübergehen in das Gefilde des großen Geiſtes, die Zahl der Diener des Gattens Ikalas zu vermehren!“ Ikala, die durch den Ausſpruch des Häuptlings ihre letzte Hoff⸗ nung auf die Rettung des ſie ſo ſehr intereſſirenden jungen Mannes zerſtört ſah, ſtieß einen Schrei aus, der Zorn, Schmerz und Trauer zugleich ausdrückte, ſchlug die Hände vor das Geſicht und in Weinen 78 ſch an u Ein gewiſf i dieſem daß die 3 ausbrechend, drängte ſie ſich durch den Kreis der Männer, wo ſie dann ſogleich von einigen Gefährtinnen umringt wurde. Die Indianerinnen ſchienen es als Beleidigung zu empfinden, daß ein Bleichgeſicht es wagte, den wiederholten Bitten Ikalas zu Mhtten, ſou widerſtehen, denn ſie ſtießen zornige Rufe aus. en Chiaha⸗Walla aber ſchwang ſeine Lanze über dem Haupte und Dieſe ſtellte ſich, als wolle er ſie gegen einen der Gefangenen ſchleudern, und augenblicklich denſelben durchbohren. Auch ein paar andere neeih der Krieger, die hinter dem Häuptlinge ſtanden, thaten daſſelbe unter 9 M den drohendſten Geberden. 1 Und Der Trapper ſchaute kühn und verächtlich den Indianern in führt,u die blitzenden Augen und ſo drohend auch deren Bewegungen waren, Jur ſo zuckte er doch mit keiner Miene. de e Morcerf und Morell aber hatten die Augen niedergeſchlagen,“ lde d allein ſie bewahrten doch ihre feſte Haltung. Ihre Lippen bewegten 4 kujen 2 ſich im leiſen Gebete. „Lebe wohl, Valentin,“ ſagte Morcerf zu ſeinem jungen Ge⸗ 1 d z fährten. ener 8, „Aber wir machen ja auch dieſe letzte große Reiſe zuſammen auf kine und da wird die Trennung nur Augenblicke dauern.“ 1 uitt f „Kurze Trennung, ſchnelle Wiedervereinigung!“ murmelte Morell. mit ſih Dann aber ſeufßzte er vor ſich hin: Kan „Arme Mutter!“ der däu Schweigend ſtanden dann Beide neben einander und erwarteten Aieget jeden Augenblick den Tod. Kreis, So ſchnell ſollte der Tod ihnen aber nicht kommen, das lag blieb. weder in den Gewohnheiten der Indianer, noch in deren jetzigen G Abſichten. er zum Nachdem das grauſame Spiel der Lanzen einige Zeit fortge⸗ 3 der gar dauert, und der Häuptling glaubte, auf ſolche Weiſe den Muth„ ſeiner Gefangenen genug erprobt zu haben, ſtieß er einen lauten weiße⸗ Ruf aus und ließ den Speer ſinken. Un Dieſem Beiſpiele folgten ſofort die Anderen, Aller Epeere ſonken viele de nieder. unnd ſie Die Gefangenen ſchauten auf. Der Trapper behauptete ſeine auch ihr vorige unerſchütterliche Ruhe und keine Miene verrieth irgend eine zum Op Bewegung, die in ihm vorgehen könnte. Morcerf und Morell ſchauten das bi wo ſie finden, llas zu bte und eudern, andere le unter ern in waren, plagen, wegten ſen Ge⸗ mmen Morell. arteten s lag tigen ortge⸗ Muth lauten anken ſeine eine auten —;ñCOOCOCOV—ę—BBñ———-n-— ſich an und ſtaunten, daß ſie ſich gegenſeitig noch lebend ſahen. 79 Ein gewiſſes freudiges Aufleuchten ihrer Augen verrieth auch, daß in dieſem Augenblicke die Hoffnung noch einmal in ihnen auflebte, daß die Indianer es eigentlich doch nicht auf ihr Leben abgeſehen hätten, ſondern ſie ſich begnügten, ihnen durch ein grauſames Spiel Schrecken einzujagen und ſie Todesangſt empfinden zu laſſen. Dieſe für den Moment aufgetauchte Hoffnung ſollte aber bald wieder ſchwinden, denn auf einen Ruf des Häuptlings erſchienen ein paar Männer mit Riemen aus Biffelleder und feſſelten ohne Wei⸗ teres Morcerf und Morell die Hände auf den Rücken. Und jetzt ward auch das gefangene Mädchen wieder herbei⸗ geführt, um Zeuge zu ſein, was nun kommen ſollte. Nur der Trapper war noch ungebunden geblieben; aber er wurde jetzt von einigen Indianern gepackt und nach dem Scheiter⸗ haufen gezerrt, wo ſie ihn an den Pfahl banden. Der Trapper ſetzte dieſer Procedur keinen Widerſtand entgegen, wußte er doch, daß derſelbe umſonſt ſein werde bei der Menge ſeiner Feinde und daß ſie ihr einmal gefaßtes Vorhaben dennoch auf keinen Fall aufgeben würden. Deshalb ließ er mit einem Aus⸗ drucke finſterer Entſchloſſenheit und ſtumpfer Gleichgiltigkeit Alles mit ſich geſchehen. Kaum war der Gefangene an den Pfahl gebunden, ſo begann der Häuptling wieder ſeinen Kriegsgeſang, in den die anderen Krieger einſtimmten und während dieſes Geſanges theilte ſich der Kreis, ſo daß hinter dem Scheiterhaufen ein völlig freier Raum blieb. Gleich als wolle der Trapper die Feinde verhöhnen, begann er zum Erſtaunen ſeiner Unglücksgefährten gleichfalls einen Geſang, der gar ſtolz und mächtig aus ſeiner breiten Bruſt drang. „Hört!“ klang es da durch die Reihen der Indianer,„der weiße Johny ſingt!“ Und immer lauter klang Johns Geſang. John erzählte, wie viele der Indianer er bereits erſchlagen, wie er die anderen gehetzt und ſie überliſtet und er dachte Derer, ſo ihn jetzt überliſtet, daß auch ihre Stunde ſchlagen werde, daß auch ſie dem Zorne der Weißen zum Opfer fallen würden. Johny kündigte ihnen ſtolzen Tones an, daß binnen kurzer Zeit ihr ganzer Stamm untergehen werde und 80 jeder andere Stamm mit ihnen, denn für jeden Weißen, den ſie tödteten, würden tauſend Andere auferſtehen, den Erſchlagenen zu rächen, denn der Weißen wären mehr als Sand am Meere und ſie würden nicht eher raſten und ruhen, bis ſie die letzte Rothhaut vertilgt. Der ſo ſtolz ſingende Trapper hatte bei ſeinem Verkehre mit den Indianern wohl genug von deren Gewohnheiten erlauſcht, daß er dieſelben ziemlich ſo gut konnte, wie ihre Sprache, und es war faſt, als wolle er die Indianer durch ſeine Worte reizen, daß ſie in Grimm ausbrechend, ſeinem Leben ein ſchnelles Ende machten. Aber der Indianer iſt nicht ſo leicht aus ſeiner Ruhe zu bringen, er iſt es gewöhnt, von den gefangenen Feinden ſelbſt unter Todes⸗ martern noch gehöhnt zu werden, er läßt ſich aber dadurch in ſeinem langſamen grauſamen Verfahren gegen denſelben nicht im Mindeſten beirren. Je ſtolzer der Feind ſeinen Kriegsgeſang— hier zugleich ſein eigenes Todtenlied— ſingt, je mehr er den Feind höhnt, deſto höher ſteigt er in der Achtung der Rothhäute, die dann in ihm einen Mann ſehen, würdig ein Krieger zu ſein, und durch die Hand der Krieger zu ſterben. Die Indianer ſehen darin einen Beweis, daß der Feind ein Mann iſt, fähig die größten Martern zu ertragen, ohne aus ſeiner kalten Gelaſſenheit zu kommen, dieſes Ertragen der Martern gilt ihnen als der höchſte Beweis des Muthes, deſſen ein Mann fähig iſt. Aber ſie glauben dann dem Gefangenen auch förmlich eine Ehre zu erweiſen, wenn ſie ihn auf das Grauſamſte martern, und wahrlich, in Erfindung von Martern ſind die Indianer höchſt ſinn⸗ reich.„Sinnreicher als der Teufel ſelbſt,“ ſagt ein Amerikaner. John wußte dieſes auch, aber er wollte Allem trotzen, mas auch kommen würde. Der Häuptling trat jetzt vor den Trapper und ließ ſein mit kraftvollem Arme geſchwungenes Beil um das Haupt wirbeln. Er ſchwang es dann gegen den Gebundenen, als wolle er demſelben jeden Augenblick den Kopf ſpalten, oder das Beil in deſſen Bruſt verſenken, oft ſank das ſcharfſchneidige Beil ſo tief, daß nur ein Haar fehlte, um den Kopf zu berühren. Dieſes grauſame Spiel, welches den zuſchauenden beiden anderen Gefangenen den Athem in der Bruſt ſtocken machte, dauerte einige Zeit fort. icte er Der „J der Fau Die Uebung zurücktra Jet befanden Dde bedächti ſchwirrt Raumh E Kinder Charal Geſchie zu gell Indian ( u. eine J Knall Geiſte Der! 2 Geſchr ſchlage den l einen Feind worte desha verlän ( dem⸗ No⸗ den ſie und ſie othhaut hre mit tht, daß es war ſie in ſen. bringen, Todes⸗ ſeinem indeſten zugleich it, deſto in ihm ie Hand Beweis, ktragen, gen der ſſen ein ich eine rn, und ſſt ſinn⸗ aner. s auch ein mit In. Er mſelben Bruſt n Haar welches in der enen zu — 81 Der Trapper zuckte mit keiner Miene; ſtolz und verächtlich blickte er auf ſeinen Feind und rief ihm zu: „Ihr ſeid Feige! Wenn ich die Arme frei und eine Axt in der Fauſt hätte, Du würdeſt mir wohl nicht ſo nahe treten!“ Dieſer Zuruf blieb ohne Wirkung auf den Indianer, der ſeine Uebung noch einige Zeit fortſetzte, bis er es müde wurde und zurücktrat. Jetzt traten ein paar andere Indianer hervor, in ihren Händen befanden ſich Bogen und Pfeile. Der Eine ſpannte ſeinen Bogen, legte den Pfeil auf und zielte bedächtig lange Zeit; dann ließ er die Sehne fahren. Der Pfeil ſchwirrte dicht an dem Haupte des Trappers vorbei, durchflog den Raum hinter demſelben und blieb in dem Stamme eines Baumes ſtecken. Ein lautes Geheul von Seiten der zuſchauenden Weiber und Kinder begleiteten dieſen erſten Schuß. Dieſes Geheul, das den Charakter einer Beifallsbezeugung hatte, ſchien eben ſo ſehr der Geſchicklichkeit des Schützens, als der Kaltblütigkeit des Gefangenen zu gelten, der wieder mit keiner Miene gezuckt hatte und jetzt den Indianern verächtlich zurief: „Ihr ſeid ſchlechte Schützen!— Schämt Euch!— Wenn ich eine Rothhaut vor mir hatte, da hieß es: angelegt, ein Blitz, ein Knall und die Rothhaut war im Handumdrehen zu ihrem großen Geiſte geſchickt!— Wie viele von Euch habe ich nicht ſo erlegt?— Der weiße Johny fehlte ſein Ziel niemals, wie Ihr!“ Auf dieſe höhnende Herausforderung erfolgte wieder ein lautes Geſchrei. Die Erinnerung an die von dem gefürchteten Johny er⸗ ſchlagenen rothen Brüder weckte wohl in manches Indianers Bruſt den lebhafteſten Zorn, aber Keiner ließ ſich dadurch verleiten, durch einen gut gezielten Pfeil oder durch eine Kugel in die Bruſt des Feindes, deſſen Leben ſchnell ein Ende zu machen und ſeine Hohn⸗ worte für immer zu enden. Ganz im Gegentheil waren ſie eben deshalb wohl entſchloſſen, ſeinen Todeskampf nach Möglichkeit zu verlängern. 8 Ein zweiter Schütze trat vor und zielte wieder lange auf das dem Tode geweihte Opfer, und dann ſchwirrte der Pfeil wieder Monte⸗Chriſto's letzter Weltzang. 6 8² ſo nahe an des Trappers Haupte vorbei, daß die Federbekleidung deſſen Geſicht berührte. Ein dritter, ein vierter Pfeil folgten auf gleiche Weiſe in langen Zwiſchenräumen. Jedem Schuſſe folgte der frühere Ausbruch des Geheuls, bald ſtärker, bald ſchwächer, je nachdem der Schütze, nach der Meinung der Zuſchauer, ſeine Sache gut gemacht hatte. Der Trapper bewahrte ſeine Ruhe auf merkwürdige Weiſe und rief den Schießenden noch manche ſpöttiſche Worte zu. Das Schießen ging indeſſen fort, bis endlich einer der Schützen einen Pfeil abſandte, der dicht über dem Haupthaare des Trappers hinglitt und tief in den Pfahl eindrang, wo er zitternd ſtecken blieb. Ein Jubelgeſchrei belohnte dieſen Meiſterſchuß und das Schießen ſelbſt hatte damit vorläufig ein Ende. Wieder trat da der Häuptling vor. Er ſprach einige Worte im ſingenden Tone. Dann aber griff er plötzlich zu ſeiner Axt, ſchwang ſie abermals und warf ſie plötzlich mit ſolcher Gewalt und Gewandtheit gegen den Gefangenen, daß wohl Jeder geglaubt hätte, die Axt müſſe deſſen Haupt treffen und es zerſchmettern, aber die Axt war ſo gut gezielt, daß ſie zwar ganz dicht an dem Haupte des Opfers vorbeiſauſte, aber es durchaus nicht berührte. „Schlecht gezielt für einen Häuptling!“ rief John höhnend dem Indianer zu. Dieſer aber beachtete dieſen Zuruf nicht, trat würdevoll ein paar Schritte zurück und winkte. Auf dieſen Wink traten jene mit Bogen und Pfeilen bewehrten Knaben heran und die Krieger wieſen ihnen einen Platz in einiger Entfernung an. Ein paar andere Indianer traten an das Feuer und ſetzten ein paar fackelartig zuſammengefügte Bündel dürrer Spähne in Brand. Es war dieſes das Zeichen, daß das Vorſpiel nun geendet war und das Hauptſpiel, die Hinrichtung des unglücklichen Opfers, nun beginnen ſollte. 3 John wußte dieſes ſehr wohl. Er wußte, daß von den In⸗ dianern keine Gnade, kein Erbarmen zu hoffen war, aber er 83 leddung ſchaute trotzig darein. bemerken. Die Gefährten blickten trauernd auf den unglücklichen Mann am Pfahle; und ſie ahnten, daß dieſelbe Behandlung, deren er 8, had ausgeſetzt war, auch ihnen zu Theil werden würde. keinung„O, meine Eltern!“ ſeufzte da Morell. Moreerf aber blickte ſtarr vor ſich hin. Kein Zeichen der Furcht war an ihm zu eiſe in Schützsen rapperz n blitW. chißßen Wortee er A-t, alt nd 1 t hätte, ber die Haupte end dem voll ein wehrten einiger 3 Feuer dürrer geendet Opfers, den In⸗ aber er Siebentes Kapitel. Der große Medicinmann. Es war eine peinliche Minute. Der Trapper ſtand an dem Pfahle, mit finſterem Trotze um ſich ſchauend. Die Fackeln loheten und dort ſtanden die Knaben mit Bogen und Pfeilen, beſtimmt, ſich nun im Zielſchießen nach dem Verurtheilten zu üben. Die Krieger ſtanden bei den jugendlichen Schützen, ihnen Anweiſung gebend, wie ſie die Waffen gebrauchen ſollten. Uebrigens waren die Knaben in einer ſolchen Entfernung auf⸗ geſtellt, daß ihre Pfeile den an den Pfahl gebundenen Mann wohl verwunden, aber nicht tödten konnten. Er ſollte ihren Pfeilen recht lange als Zielpunkt dienen, ehe ihn der Todesſtreich traf. In den Augen der ſchußfertigen Knaben glühten Haß und un⸗ heimliche Mordluſt. Es war ihnen offenbar ein Feſt, daß ſie einen Feind, noch dazu ein Bleichgeſicht, zu Tode martern helfen ſollten. Auch in den Augen der Weiber glühte Haß, und dieſe Augen hingen bald an dem Trapper, bald an den Knaben, und ſie ſchienen es nicht erwarten zu können, bis ihre hoffnungsvollen Sprößlinge Proben ihrer bis dahin erlangten Schußfertigkeit ablegten. Jetzt hob der Häuptling ſeinen Speer, ſchwang ihn in der Luft und ſtieß dabei einen gellenden Schrei aus. S Auf dieſes Zeichen hoben die Knaben ihre Bogen, legten die Pfeile auf und ſpannten langſam unter Anweiſung der Erwachſenen die Sehnen. Noch ein Augenblick, dann mußte der Haupttheil des Schau⸗ ſpiels beginnen.—— Da klang plötzlich aus der Gruppe der Weiber ein gellender Schrei, der augenblicklich von verſchiedenen Anderen Wiederholung fand, und dieſe Rufe bewirkten, daß ſich ſofort Aller Augen nach n dem loheten ſtimmt, Die eiſung ng auf⸗ n wohl in recht ind un⸗ eeinen ſollten. Augen ſchienen ößlinge er Luſt aten die uchſenen Schau⸗ ellender -rholung gen nach à Das Gericht. jener J entſtand Au ſjein Et ihm, ül und er kam un fangen ling i Grimn 14 mender den T 6 5 blicklie forſche von ve 7 haben, verſtun G Seiten uſſch folgten Augen ihnen viele( jener Richtung wandten und eine Aufregung unter den Indianern entſtand. Auch der Trapper wandte ſeine Augen nach jener Richtung; ſein Standpunkt an dem Pfahle auf dem Scheiterhaufen erlaubte ihm, über die Köpfe der ihn umgebenden Indianer hinwegzuſchauen, und er ſah, daß ein Reiter in vollem Roſſeslaufe daher geſtürmt kam und hinter dieſem erſchienen noch ein paar Reiter. Des Trappers ſcharfes Auge ließ ihn auf den erſten Blick in dem Reiter einen Weißen erkennen und ein Hoffnungsſtrahl blitzte in ihm auf. „Feinde!“ rief es jetzt.„Bleichgeſichter!“ Dieſer Ruf brachte alle Indianer in Aufruhr. Die Krieger ſchwangen ihre Waffen, die ſie bei der Hand hatten, die Weiber heulten und einige von ihnen wandten ſich ſchon zur Flucht. Wüthend, daß das grauſame Spiel der Hinrichtung der Ge⸗ fangenen ſo unerwartet unterbrochen werden ſollte, ſtürzte der Häupt⸗ ling mit hochgeſchwungener Axt auf den Trapper los, ihn ſeinem Grimme noch zu opfern, ehe demſelben Hilfe käme. In dieſem Momente hatte aber der Trapper den daher kom⸗ menden Reiter ſchon erkannt und rief jetzt mit lauter Stimme durch den Tumult: „Maſter Edmond, der Medicinmann!“ Dieſer Ruf war des Gefangenen Rettung, denn faſt augen⸗ blicklich ſank des Häuptlings Arm herab und wandte ſeine Augen forſchend nach der Seite. „Der Medicinmann! Der große Medicinmann!“ rief es jetzt von verſchiedenen Seiten. Dieſer Ruf mußte wohl etwas Beruhigendes für die Indianer haben, denn der Kriegsruf, der ſchon da und dort ſich erhoben, verſtummte augenblicklich. Eine Minute ſpäter durchbrach ein Reiter die ſich nach allen Seiten theilende Maſſe der Indianer und hielt auf dem Platze. Hufſchlag hinter ihm zeigte an, daß noch ein paar Reiter ihm folgten, aber auf dieſe achtete im erſten Augenblicke Niemand, die Augen der Indianer waren auf den erſten Reiter gerichtet, der ihnen unerwartet und wohl auch ungelegen gekommen, denn gar viele Geſichter nahmen einen verdrießlichen Ausdruck an. 8⁵ 86 Der ſo plötzlich und unerwartet erſchienene Reiter war ein ſchlanker, aber doch kräftig gebauter Mann von etwas über Mittel⸗ größe. Sein von der Sonne etwas gebräuntes Geſicht war fein geſchnitten und edel geformt; einige tiefgefurchte Züge gaben Zeugniß, daß dieſer Mann wohl manches Leid getragen, manche Erfahrung gemacht haben mochte. Es waren ſelbſt Züge dabei, geeignet dem Geſichte einen ſchwermüthigen Ausdruck zu verleihen. Aber die Augen blickten klar und feurig und drückten Muth und Entſchloſſen⸗ heit aus. Die urſprünglich dunkle Farbe des Haares und Bartes ging bereits in's Graue über. Die Kleidung des Mannes war im Allgemeinen die eines wohlhabenden Farmers, aber außerordentlich fein. Sie beſtand aus einer Jacke aus lichtem, feinen Wollenſtoff, mit ſchwarzem Vorſtoße und einigen gleichfarbigen in orientaliſchem Geſchmacke ausgeführten Verzierungen, aus langen Beinkleidern von ähnlichem Stoffe und einer hellſeidenen Weſte. Um den Hals war ein buntes, ſeidenes Tuch loſe geknüpft und um den Leib eine ſchmale, ſeidene Schärpe geſchlungen.. Ueber dieſer Kleidung trug der Mann einen mexikaniſchen Mantel, den Poncho. Derſelbe war von zartem, leichten Gewebe, bunt geſtreift und mit bunten Stickereien verziert und gab durch die Art, wie der Reiter denſelben trug, der ganzen Erſcheinung des Mannes etwas Fremdartiges, Ritterlich⸗Romantiſches. Den Kopf bedeckte ein breitrandiger Hut von feinem Stroh⸗ geflecht und mit einigen dunklen Adlerfedern geſchmückt.* Uebrigens war dieſer Mann auch gut bewaffnet, denn er trug eine außerordentlich fein gearbeitete und mit Silber ausgelegte Doppelflinte, ein Meiſterſtück der Büchſenmacherkunſt. In der Schärpe ſteckte, geſchützt durch ein ledernes Futteral, ein Revolver. An der Seite hing ein Hirſchfänger. Pulverhorn und Kugelbeutel waren gleichfalls von eleganter Arbeit. Außer dieſen Waffen und Ausrüſtungsgegenſtänden führte der Reiter noch ein paar Piſtolen in den Satteltaſchen und auch hing an dem Sattelknopfe ein großer, lederner Beutel. Der Reiter ſaß ſehr feſt und elegant auf ſeinem Pferde, dem man nicht eben viel anſah, daß es einen angeſtrengten Ritt ge⸗ macht habe. „O dianern 71 Standy faleen! würden Medici M Mann gelogen gebroch ſeiner affenan trifft, Stamn Mohre die we zwiſch d Mohre war. meln! geſtickt bis üt gelben J Piſtole Shawl D kleidun volvern 87 ein„Edmond, der große Medicinmann!“ ging es unter den In⸗ ttel⸗ 13 dianern von Mund zu Munde. ſein„Maſter Edmond,“ rief jetzt der Trapper von ſeinem hohen Pniß, Standpunkte herab,„Sie kommen wohl auch wie vom Himmel ge⸗ tung fallen hierher? Aber ich dachte mir es faſt, daß Sie noch kommen dem würden. Aber ob zur rechten Zeit? Nun, Sie ſind ja der große die Medicinmann.“ b ſſen⸗ Maſter Edmond ſchaute auf den an den Pfahl gebundenen rtes Mann und wandte ſich dann zu dem Häuptlinge, dem er zurief: 6 „Was hat Chiaha⸗Walla begonnen?— So hat der Geiſt nicht eines gelogen, der mir ſagte: Eile, denn Chiaha⸗Walla hat ſein Gelöbniß d aus gebrochen und er dürſtet nach Blut.— Wenn Chiaha⸗Walla will, tſtoße daß Edmond mit ihm und den Seinen die Friedenspfeife rauchen hrten ſoll, ſo binde er ihn ſofort los.“ und„Ein kluges Wort, Maſter Edmond!“ rief der Trapper. denes Unterdeſſen waren auch die anderen Reiter herangekommen. chärpe Es waren ihrer Drei. Der Eine war ein Mohr, der aber trotz ſeiner ebenholzſchwarzen Haut doch nichts von der gewöhnlichen ſiſchen aaeffenartigen Negerbildung, wie man ſie in Nordamerika ſo häufig webe, trifft, an ſich hatte, und dadurch bewies, daß er einem ganz anderen durdj Stamme angehörte, als die Neger Amerika's. Die Augen des g des Mohren waren feurig funkelnd und zeigten Muth und Klugheit, die weiß glänzenden, wie aus Elfenbein geformten Zähne waren Sbroh⸗ zwiſchen den wenig geöffneten, keineswegs wulſtigen Lippen ſichtbar. 2 Ein rothes Fez mit blauer Troddel bedeckte das Haupt des T ng Mohren; deſſen übrige Kleidung ſo ziemlich vollſtändig orientaliſch glegte war. Sie beſtand aus einem blauen Jäckchen, mit geſchlitzten Aer⸗ m der meln und mit Goldtreſſen beſetzt, mit bunter Seide und Goldfäden volver. geſtickt. Seine Beinkleider waren weit, von rother Farbe und gingen lbeutel bis über die Waden, bis wohin die Beine von hohen Stiefeln, aus gelbem, weichen Leder, bedeckt waren. d det Auch der Mohr war wohlbewaffnet mit langer Flinte, mit t in Piſtolen und Dolch in dem als Gürtel um den Leib gewundenen H hing, Shawl, und mit einem gebogenen Säbel, dem orientaliſchen Natagan. e den Die anderen beiden Reiter trugen die gewöhnliche Farmer⸗ 2,, kleidung und waren nicht minder wohlbewaffnet mit Flinten, Re⸗ ſit ge volvern und Bowiemeſſern. 88 Dieſe Reiter hielten hinter dem erſten, deſſen ganze Erſchein⸗ ung verrieth, daß er das Haupt der kleinen Geſellſchaft war. Dieſes Mannes Befehl hatte eine wunderbare Wirkung auf die Indianer, denn ſie ſprangen alsbald herbei und zerſchnitten nicht nur die Banden Johns, ſondern auch der beiden Reiſenden, und ſie ſchienen ſich damit ſo recht zu beeilen, damit der große Medicinmann nur ſehen könne, wie folgſam die Rothhäute gegen ſeine Befehle wären. Morcerf und Morell, die den Tod erwartet hatten, wußten nicht recht, wie ihnen geſchehen und wohin ſie ſich ſogleich wenden ſollten, ſie blieben bei dem Feuer ſtehen. Der Trapper aber, kaum von den Banden befreit, die ihn an dem Pfahle feſtgehalten hatten, ſprang mit einem Satze von dem Scheiterhaufen herab, mitten unter die Indianer, ſchob dieſelben mit ſeinen kräftigen Armen ſehr ungenirt nach rechts und links bei Seite und trat zu dem Maſter Edmond, dem er die Hand reichte und in ſeiner derben Weiſe ſagte: „Dank, Maſter! Sie kamen eben noch zur rechten Zeit, ehe ich mit Pfeilen geſpickt und dann wie ein Stachelſchwein gebraten war. Sie haben dadurch Ihren Magen vor dem Schickſale bewahrt, geröſtetes Trapperfleiſch ſo ganz unbewußt verdauen zu müſſen, denn dieſe rothen Burſchen hätten wohl auf den Einfall kommen können, Ihnen dergleichen gaſtfreundlich zu ſerviren.“ Maſter Edmond warf einen zürnenden Blick auf die Indianer, dann wandte er ſich wieder zu dem Trapper und fragte: „Sie ſcheinen mich zu kennen, Maſter?“ „Ja und nein, Maſter Edmond,“ antwortete John. Dann ſagte er, daß er Trapper und in der Landſchaft zwar ſo ziemlich bekannt ſei, daß er aber noch nie Gelegenheit gefunden, dem Maſter zu begegnen, überhaupt habe er mehr Bedürfniß ge⸗ habt, die Büffel des Landes kennen zu lernen, als die Menſchen und Unmenſchen, wie die Indianer wären, und es werde ihm auch Niemand abſtreiten, daß es ſich unter einer Heerde Büffel ver⸗ gnüglicher und angenehmer lebe, als unter einer Horde Rothhäute. Er fuhr dann fort, daß er, obgleich er den Maſter Edmond noch nie geſehen, ihn doch bei dem erſten Blicke zu erkennen geglaubt habe, einmal an ſeiner Kleidung, dann an ſeinem Begleiter, dem Schwarze ung, als ſeinen Edmond geglaubt brechen, Jet des Sta mit dem und mit ein paar die Pfei „C rauche n pfeife. Ab zurück! Chiaha⸗ das, wa Di Umſtänd wird, di ſache d Pfeſe: des Un und kla De mond u „D Geiſtes! armen „T gegnete und den antworte Ein der Ind ein⸗ auf nitten enden, große gegen ußten enden n an ndem ſelben s bei reichte t, ehe braten vahrt, nüſſen, mmen dianer, zwar unden, nß ge⸗ enſchen n auch 89 Schwarzen, denn im ganzen Staate habe Niemand ſolche Begleit⸗ ung, als eben Maſter Edmond. Deshalb habe er auch ſogleich ſeinen Ramen gerufen, da er wiſſe, daß der große Medicinmann Edmond bei den Indianern in hohem Anſehen ſtehe, und er da geglaubt, er werde die ganze Marterceremonie am ſchnellſten unter⸗ brechen, wenn er deſſen Namen rufe. Jetzt trat der Häuptling, umgeben von einigen der Aelteſten des Stammes wieder heran. Er hatte die Zeit, wo der Trapper mit dem Medicinmanne ſprach, benutzt, um eine Pfeife zu ſtopfen, und mit einem Feuerbrande in der Hand, trat er jetzt näher, rauchte ein paar Züge, blies den Qualm weit in die Luft und reichte dann die Pfeife dem Maſter Edmond auf das Pferd, dazu ſprechend: „Chiaha⸗Walla ſagt: Edmond iſt ein großer Medicinmann, er rauche mit den rothen Kindern des großen Geiſtes die Friedens⸗ pfeife.“ Aber mit heftiger Handbewegung wies Edmond die Pfeife zurück und ſagte:„Edmond wird die Friedenspfeife nicht eher mit Chiaha⸗Walla rauchen, bis ſich Chiaha⸗Walla verantwortet hat über das, was er gethan.“ Dieſe Zurückweiſung der Friedenspfeife, die unter gewiſſen Umſtänden von den Rothhäuten als bittere Beleidigung empfunden wird, die gerächt werden muß, war hier für die Indianer eine Ur⸗ ſache der Beſtürzung, denn da ein mächtiger„Medicinmann“ die Pfeife zurückwies, glaubten die Indianer, daß dieſes ein Zeichen des Unglücks für ſie ſei, und es ließen ſich Rufe des Schreckens und klagende Töne hören. Der Häuptling aber ſenkte ſein Haupt wie trauernd vor Ed⸗ mond und ſprach: „Der große Medicinmann zürnt den Söhnen des großen Geiſtes! Sage der große Medicinmann denn, weshalb er dem armen Chiaha⸗Walla und deſſen armen Brüdern zürnt.“ „Weil Chiaha⸗Walla ſein Verſprechen nicht gehalten,“ ent⸗ gegnete Edmond mit zürnendem Tone,„deshalb zürnt Edmond ihm und den Seinen, und er wird ſie züchtigen, ſo ſie ſich nicht ver⸗ antworten können.“ Ein klagender Ton ließ ſich bei dieſer Antwort aus der Menge der Indianer hören. Chiaha⸗Walla aber ſenkte das vorher ſo ſtolz emporgehobene Haupt noch mehr, aber er erhob nochmals die Pfeife gegen Edmond. „Möge Edmond ſein Zürnen laſſen,“ ſagte er,„und mit Chiaha⸗ Walla die Friedenspfeife rauchen.“ Abermals wies Edmond dieſes Symbol des Friedens von ſich und ſagte ſtrengen Tones, daß ſich der Häuptling erſt über das, was er hier habe beginnen wollen, verantworten möge. „Ihr wolltet dieſen Mann hinrichten?“ fragte nun Edmond, auf den Trapper deutend. Chiaha⸗Walla geſtand dieſes zu und fügte hinzu: „Der weiße Johny ſollte den Tod des tapferen Kriegers ſterben.“ „Habt Ihr nicht gelobt, Frieden zu halten mit den weißen Brüdern?“ fragte Monte ⸗Chriſto mit zürnendem Tone. Ae „Wohl haben es die Kinder des großen Geiſtes gelobt,“ ent⸗ gegnete der Häuptling,„aber Chiaha⸗Walla ſagt Dir, Edmond, die Bleichgeſichter hielten nicht Frieden und zwangen die rothen Männer, die Axt des Krieges wieder zu erheben.“ Ein Schatten tiefen Unmuths flog über Edmond's Geſicht und traf faſt unwillig den Trapper. Dann fragte er, was ſich denn begeben habe, daß auf's Neue der alte Zorn gereizt worden ſei? Chiaha⸗Walla erzählte nun, ein Indianerſtamm ſei drüben in den Gründen der Eiſenberge von den Bleichgeſichtern überfallen, ihm der Häuptling und viele Krieger getödtet worden, und die Uebrigen hätten flüchten müſſen, um ihr Leben zu retten. So ſeien nun jene Söhne des großen Geiſtes wieder um einen Theil ihres von den Vätern ererbten Landes beraubt worden, und die Bleich⸗ geſichter hätten auf's Neue den Beweis geliefert, daß ihr Sinn gar nicht darnach ſtehe, mit dem rothen Manne Frieden zu halten und in Eintracht mit ihm zu leben, ſondern daß ſie nur darnach ſtrebten, dem rothen Manne nicht nur ſeines Erbtheils zu berauben, ſondern ihn auch ganz von der Erde zu vertilgen. „Was ſollen wir da thun?“ rief der Häuptling dann klagend aus.„Sollen wir uns wehrlos ſchlachten laſſen, wie der Büffel der Prairie? Sollen wir uns ohne Widerſtand von unſeren Jagd⸗ gründen verdrängen laſſen und dann Hungers ſterben? Unſere Väter beſaßen jene Jagdgründe, ſie lebten frei und glücklich auf denſelben und ruhi Niemand hielten. es den! oder er ſei es d und ſchu ergehen! Päter d Daſein! klagte d Do Weißen Indian genen? friedlich von Fri ihr Wo Hand g zu verſt erwartt ben in rfallen, ind die do ſeien il ihres Bleich⸗ in gar ten und trebten, ſondern klagend Büffel n Jagd⸗ Unſere lich auf denſelben; ſie verlangten, mit ihren Nachbarn Frieden zu halten und ruhig im Beſitze ihres Ererbten zu bleiben, wie auch ſie nach Niemands Eigenthum trachteten und mit ihren Nachbarn Frieden hielten. Aber das Bleichgeſicht kam und mit Liſt und Gewalt hat es den rothen Mann verdrängt. Der rothe Mann muß kämpfen oder er muß untergehen, ſei es durch das Blei der Bleichgeſichter, ſei es durch den Hunger.— Soll der rothe Mann denn wehrlos und ſchweigend alle Ungerechtigkeiten der Bleichgeſichter über ſich ergehen laſſen?“ „Es iſt traurig,“ ſagte Edmond finſter. Und wieder traf ein unzufriedener Blick den Trapper. Der Häuptling aber fuhr fort zu erzählen, wie glücklich die Väter der Indianer in ihren Jagdgründen gelebt, wie friedlich ihr Daſein dahingefloſſen, ehe die Bleichgeſichter gekommen, und er be⸗ klagte das Schickſal der Indianer. Dann aber kam er wieder auf den letzten Ueberfall durch die Weißen und ſagte, daß dann der Kriegsruf durch alle Stämme der Indianer gegangen und dieſelben aufgefordert worden, die erſchlaa genen Brüder zu rächen, und nun, da ſie geſehen, daß trotz der friedlichen Geſinnung der rothen Männer, die weißen Männer nichts von Frieden wiſſen wollten, da hätten ſie ſich auch nicht mehr an ihr Wort gebunden halten können und die Kriegsaxt wieder zur Hand genommen; ſie hätten, die Geiſter ihrer erſchlagenen Brüder zu verſöhnen, ihnen Bleichgeſichter nachzuſenden geſucht. „Edmond iſt ein großer Medicinmann,“ ſchloß der Häuptling, „er iſt ein Freund des rothen Mannes! Edmond möge dem rothen Manne Frieden ſchaffen mit den Zleichgeſichtern und der rothe Mann wird Frieden halten!“ Maſter Edmond ſchien bei der Erzählung des Indianers be⸗ wegt und nach kurzer Pauſe ſagte er, daß er das Seine thun werde, um die Weißen zu bewegen, ihr Vorgehen gegen die rothen Männer einzuſtellen, Verträge mit ihnen zu ſchließen und fortan in Frieden zu leben. „Möge Edmond dieſes thun,“ entgegnete der Häuptling,„und der rothe Mann wird ſein Wort halten.“ Er hielt dann nochmals die Pfeife empor und richtete einen erwartungsvollen Blick auf Edmond. Maſter Edmond mochte es nun doch nicht für gerathen halten, länger den ſtrengen Richter zu ſpielen und das Symbol des Frie⸗ dens zurückzuweiſen, das allein die vollſtändige Sicherheit giebt im Kreiſe der Indianer; denn nie wird der Indianer auch nur den entfernteſten Gedanken hegen, den anzutaſten, mit dem er die Frie⸗ denspfeife geraucht, und er wird denſelben gegen Jeden mit ſeinem eigenen Leibe und Leben vertheidigen. So winkte denn Edmond mit der Hand, und ſofort ſetzte der Häuptling die Pfeife in Brand, rauchte ein paar Züge, wobei er den Rauch recht weit in die Luft blies als Opfer für den großen Geiſt, und reichte dann die Pfeife dem Maſter Edmond. Dieſer rauchte nun gleichfalls einige Züge, warf einen kurzen Blick auf den Häuptling und reichte dann die Pfeife ohne Weiteres dem Trapper, der, die Bedeutung dieſes Gebrauchs kennend, haſtig die Pfeife ergriff und einige Züge daraus rauchte. Der Trapper, der ſoeben noch ein Opfer des Haſſes werden ſollte, war nun in den Kreis der Gaſtfreunde der Indianer aufgenommen und ſein Haupt ihnen als ſolcher geheiligt. Aber er gab die Pfeife nicht ſogleich weiter, ſondern er ſchaute ſuchend umher. „Maſter Morcerf! Maſter Morell!“ rief er nun mit hallender Stimme.„Hierher! hierher! Schließt auch Frieden mit den Roth⸗ häuten!“ Auf Maſter Edmond ſchien dieſer Ruf des Trappers einen merkwürdigen Eindruck zu machen. Er zuckte auf ſeinem Roſſe zu⸗ ſammen und wandte dann ſein durchdringendes Auge ſuchend nach allen Seiten. „Wen rufen Sie?“ fragte er haſtig.„Sind denn noch mehr Gefangene da?“ „Da kommen ſie ſchon!“ entgegnete der Trapper. Morcerf und Morell, nicht wiſſend, was ſie nach ihrer Be⸗ freiung von den Banden zunächſt thun ſollten, waren unentſchloſſen hinter den vor ihnen ſich zuſammendrängenden Indianern ſtehen geblieben, erwartend, was weiter kommen werde. Die vor ihnen ſtehenden Indianer mit ihrem hohen Kopfputze hatten die Geſtalten der beiden Reiſenden vor den Augen des Reiters ſo ziemlich ver⸗ deckt. Jetzt aber, da des Trappers Ruf erſcholl, drängten ſie ſich bereits fänden. dann di der geu dieſelbe weiter M die bei ſuchen 1 gleiten tenden deutlic Reite tiefer die T halten, Frie⸗ ſebt im t den e Frie⸗ ſeinem te der bei er großen kurzen peiteres haſtig apper, nun in d ſein ſchaute llender Roth⸗ einen oſſe zu⸗ d nach hmehr ter Be⸗ cloſſen ſtehen ihnen eſtalten ich vel⸗ ſie ſich 93³ ſchnell durch die ihnen willig Platz machenden Indianer und er⸗ ſchienen innerhalb des Kreiſes. Der Trapper trat ſchnell auf die Freunde zu und reichte ihnen die Pfeife, ſie zum Rauchen auffordend. Morcerf und Morell kannten den Gebrauch der Friedenspfeife bereits und wußten, daß ſie nun in vollſtändiger Sicherheit ſich be⸗ fänden. So rauchte denn Jeder einige Züge und Morell reichte dann die Pfeife dem nächſten beſten Indianer, der die Pfeife mit der gewöhnlichen ſtolzen Grandezza empfing, ſie rauchte und dann dieſelbe dem Aelteſten ſeiner Stammesgenoſſen übergab, der ſie weiter circuliren ließ. Maſter Edmond hatte unterdeſſen ſeinen Blick forſchend auf die beiden Reiſenden gerichtet. Da rief der Trapper dieſen zu: „Hier iſt der Maſter Edmond oder Edmondi, den Ihr auf⸗ ſuchen wolltet!“ Morcerf ließ einen raſchen Blick über des Reiters Geſicht gleiten. Dieſer hatte in dieſem Momente den ſein Geſicht beſchat⸗ tenden Hut etwas zurückgeſchoben, ſo daß man ſeine Züge noch deutlicher zu erkennen vermochte. „Graf Monte⸗Chriſto!“ rief Morcerf. Wie von einem electriſchen Schlage berührt, zuckte da der Reiter zuſammen, haſtig blickte er um ſich, rückte den Hut wieder tiefer in das Geſicht und fragte dann mit einer Stimme, der man die Bewegung anhörte: „Wer nennt dieſen Namen?“ Aber dann ſich halb abwendend, fügte er ſchnell hinzu: „Graf Monte⸗Chriſto iſt todt, er iſt geſtorben!“ „Noch nicht, Graf Monte⸗Chriſto,“ entgegnete Morcerf.„Hat man dieſe Züge einmal geſehen, ſo vergißt man ſie nicht wieder, ob auch Jahre verrollten und ihre Spuren auf dieſen Zügen zurück⸗ ließen. In der Hauptſache iſt doch Alles geblieben, wie es ſonſt war. Sie ſind Graf Monte⸗Chriſto!“ Maſter Edmond hatte den Mann ruhig ausreden laſſen, aber dabei forſchend bald auf ihn, bald auf Morell geblickt. „Ich habe geſagt, Graf Monte⸗Chriſto iſt geſtorben,“ ſagte er 94 jetzt wieder.„Aber Sie?— Ich ſollte Sie kennen; aber noch wage ich den Namen nicht auszuſprechen.“ „Mercedes läßt Edmond Dantes grüßen,“ antwortete Morcerf. Blitzſchnell hatte ſich auch der Maſter aus dem Sattel ge⸗ ſchwungen, dem Mohr die Zügel des Pferdes zugeworfen und war auf Morcerf zugetreten, ihm mit Herzlichkeit die Hand reichend. Morcerf ergriff dieſe feine, weiße Hand und drückte ſie mit Wärme.— „Mercedes?“ fragte nun Edmond mit weichem Tone.„Alſo gedenkt ſie noch des Edmond Dantes? Sie ſind Mercedes Sohn, Sie tragen ihre Züge, ich erkannte Albert Morcerf ſogleich und ſtaune.“ Jetzt ſchweifte aber Edmond's Auge hinüber zu Morell, der ihn ſeinerſeits mit ſteigender Aufmerkſamkeit betrachtete. Morcerf fing Edmond's Blick auf und verſtand ihn. Morcerf ergriff Morell's Hand und ihn vorſtellend, ſagte er: „Hier iſt mein junger Freund und Gefährte, Valentin Morell!“ Abermals ſpiegelte ſich lebhafte Bewegung im Geſichte Ed⸗ mond's, er reichte Morell die Hand und ſagte dann: „Alſo deshalb erſchienen mir Ihre Geſichtszüge ſo bekannt, es ſind die Ihrer Mutter und Ihres Vaters. Seien Sie mir auch gegrüßt!“— Valentin erwiderte dieſen Gruß und heftete ſeine Augen fragend auf Morcerf, dem er die weitere Erklärung ſchien überlaſſen zu wollen. Die Indianer umſtanden die Gruppe mit ihrer gewöhnlichen ernſten Ruhe und ſie ſchienen wenig neugierig auf das zu ſein, was hier vorging und was ſie nicht verſtanden; aber der Trapper rief mit fröhlicher Stimme dazwiſchen: „So habt Ihr doch den Rechten gefunden, Freunde!“ „Ja, Gott ſei es gedankt!“ entgegnete Morcerf. Jetzt aber rief Edmond: „Aber, um Gott, Albert, Valentin, ſagt mir doch, welcher Zu⸗ fall führt Euch in dieſes Land und noch dazu unter die Horden der Indianer?“ „Es iſt Fügung des Schickſals!“ entgegnete Morcerf.„Graf Monte⸗Chriſto“—— „Ich ſagte Ihnen, Monte⸗Chriſto iſt todt für die Welt,“ unter⸗ brach ihn Edmond. ſühr da wir ſuch das Lel 3 7 „¹ hatte,) fremdur 1 85 Wichti einem — 9 Herr 1 ahne was e T er das es ei den 2 ſpann als d unged die F mir länge gemac unget fürcht ſamm lieber dch wage Norcerf. lattel ge⸗ und war chend. ſie mit („Alſo Sohn, ſtaune.“ prell, der Morcerf Morells Morell!“ ſichte Ed⸗ kannt, es tmir auch n fragend zu wollen. vöhnlichen Hzu ſein, Trapper 1 xelcher Ju⸗ ie Horden „enf t, 4 unter⸗ lieber Freund, das Leben hat mich geſtählt, ſo daß ich die größte 9⁵ „Nun denn, Herr Edmond Dantes,“ entgegnete Morcerf und fuhr dann fort:„Es iſt wunderbare Fügung, daß wir Sie, den wir ſuchten, hier finden mußten, nachdem wir die Hoffnung auf das Leben ſchon aufgegeben hatten.“ „Habe ich recht verſtanden?“ fragte Edmond.„Ihr ſuchtet mich?“ „Ja, Sie, Herr Edmond Dantes!“ entgegnete Morcerf. „Weshalb wolltet Ihr den, der ſich für die Welt todt erklärt hatte, wieder aufleben laſſen?“ fragte Edmond und es klang Be⸗ fremdung durch ſeine Stimme. „Um Ihnen eine Nachricht zu bringen, die Ihr Herz erfreuen muß.“ „Welche Nachricht könnte dieſes ſein?— Iſt ſie von ſolcher Wichtigkeit, daß zwei Männer wie Sie ſich ſelbſt aufmachten, nach einem Verſchollenen zu ſuchen?“ „Von großer Wichtigkeit und zugleich Erfreulichkeit für Sie, Herr Dantes!“ „So ſprechen Sie, Albert!“ „Sie ahnen nichts, Herr“— „Nein, nein,“ unterbrach ihn faſt ungeduldig Edmond,„ich ahne nichts, kann mir in dieſem Augenblicke auch gar nicht denken, was es ſein könnte. Sprechen Sie, Albert, ſprechen Sie!“ Albert zögerte mit der Antwort; es war, als fürchte er, wenn er das, was er ſagen wollte, ſo ganz unvorbereitet ausſprach, könne es einen zu aufregenden und dadurch nachtheiligen Eindruck auf den Mann machen. Edmond harrte einige Minuten; ſeine Mienen drückten ge⸗ ſpannte Erwartung aus, ſeine Augen hingen an den Lippen Alberts, als dieſer aber immer noch nicht ſprach, da rief er drängend und ungeduldig: „Warum ſprechen Sie nicht, Albert? Wollen Sie mich auf die Folter der Ungeduld ſpannen?— Wenn Sie, wie Sie ſagen, mir etwas Erfreuliches mitzutheilen haben, ſo zögern Sie nicht länger. Hat man in ſeinem Leben, wie ich, ſo bittere Erfahrungen gemacht, da geizt man nach dem Augenblicke, wo auch einmal ein ungetrübter, heller Sonnenblick durch den Nebelflor bricht.— Oder fürchten Sie, ich könne unter dem Gewichte Ihrer Mittheilung zu⸗ ſammenbrechen, wie ein ſchwaches Weib?— Fürchten Sie nichts, 96 Freude, wie den größten Schmerz mit gleicher Faſſung hinzunehmen verſtehe.“ „Nun denn, Herr Dantes,“ begann da Albert,„Sie hatten einen Sohn, der ihr größtes Glück bildete.“ Dantes ſchaute auf und blickte Albert in das Auge, ſein Blick zeigte Schmerz und Trauer, als er ſagte: „Wohl wahr.— Mein Edmond war mein Alles!“ „Dieſer Sohn, Ihr Edmond“— fuhr Albert fort. „Ging in der Hütte Fanos in den Flammen unter,“ ergänzte Edmond dumpf; dann aber fragte er, raſch hinzufügend:„Wes⸗ halb erinnern Sie mich daran, Albert, eben daran?“ 3 „Graf Monte⸗Chriſto,“ rief jetzt Albert mit gehobener Stimme, „Ihr Sohn, Ihr Edmond, ging nicht unter!“ Ein Freudenblitz zuckte jetzt aus Edmond's Augen, er fuhr empor, er beugte ſich vor, als wolle er weitere Worte von Albert's Lippen leſen, ehe ſie noch geſprochen wurden. Dann rief er: „O, mein Edmond!— Albert, ich beſchwöre Sie, was wollen Sie mit Ihren Worten ſagen?— Sprechen Sie, ſprechen Sie! Doch nicht, das—?“ Der erſchütterte Mann vermochte die Frage nicht zu beenden. Noch einen Augenblick zögerte Albert. Die ſchon jetzt ſich ſo deutlich zeigende Aufregung Edmond's ſchien ihm auf's Neue Be⸗ ſorgniß einzuflößen; er ſchien zu fürchten, dieſer Mann könne denn doch nicht ſo ſtark ſein, wie er ſelbſt meinte.— Allein dieſes Zögern dauerte nur einen Moment, dann ſagte er kurz entſchloſſen: „Graf Monte⸗Chriſto, Ihr Sohn— lebt!“ Es war als habe ein Blitz den Mann berührt, als ſein Ohr dieſe Freudenbotſchaft vernahm; er ſtand in dem erſten Momente ſtarr wie eine Bildſäule und ſein Auge hing an Dem, aus deſſem Munde ihm ſoeben dieſe Botſchaft verkündet war. Dann aber ſank er auf die Kniee, hob Augen und Hände gen Himmel und rief mit dem weichſten, tiefbewegteſten Tone: „Mein Edmond lebt! Er lebt! O, mein Gott, womit ver⸗ diene ich dieſe Gnade?“ In dieſer Stellung blieb er einige Minuten. Albert und Morell blickten gerührt auf den auf den Knieen lie⸗ genden Mann, deſſen Lippen ſich jetzt im ſtillen Dankgebete bewegten. o wunder natürlich! ſie ſchienen dizinmann auffuführe Erwartung Jetzt von Freud „Har bolſchaft lange un Dan „Bel Die ihrem Her aus dem ſoeben gen Aüm ſcher Sit „O Dir, wie Bert Luſt und „Ed O, lieber „Ja des innig Und edel gefo Boden, d zugleich( Monte⸗G fuhr ſert's ollen Siel den. ch ſo Be⸗ denn ögern Ohr nente eſſem gen ver⸗ lie⸗ gten. —— —— 97 John, der Trapper, ſtand betroffen, er hatte wohl gehört, um was es ſich handelte, aber er konnte noch keinen Zuſammenhang finden, fühlte aber auch, daß es jetzt nicht an der Zeit ſei, irgend eine Frage zu ſtellen, die nach Neugierde hätte ausſehen können. Auch die Indianer ſtaunten. Sie ſtanden dicht gedrängt umher und ſchauten mit großen Augen auf die Fremden, die eine ihnen ſo wunderbare Scene vor ihren Augen aufführten. Sie verſtanden natürlich nicht das Geringſte von dem, um was es ſich handelte, ſie ſchienen vielmehr geneigt, zu glauben, Edmond, der große Me⸗ dizinmann, ſei im Begriffe, irgend eine geheimnißvolle Ceremonie aufzuführen, und ihre Blicke verriethen neben dem Staunen auch Erwartung der Dinge, die da noch kommen könnten. Jetzt erhob ſich der Graf Monte⸗Chriſto, ſein Angeſicht ſtrahlte von Freude, aber dabei erſchien es doch wieder ruhig und gefaßt. „Haydee, Haydee,“ rief er,„o wärſt Du jetzt hier, dieſe Freuden⸗ botſchaft zu vernehmen. Welch' eine Wonne für Dich, die Du ſo lange und ſo ſchmerzlich unſeren Edmond beweint haſt.“ Dann zu ſeinen Begleitern gewendet, rief er: „Bertuccio! Ali!“ Die Gerufenen ſprangen von ihren Pferden und näherten ſich ihrem Herrn, der ihnen die freudige Kunde mittheilte, die er ſoeben aus dem Munde der Freunde erhalten hatte und die Urſache ſeiner ſoeben gezeigten tiefen Bewegung war. Ali neigte ſich da tief zur Erde, kreuzte ſeine Arme nach orientali⸗ ſcher Sitte über der Bruſt und ſagte: „O Herr, der große Gott hat Alles wohl gemacht und zeigt Dir, wie er Dich liebt!“ Bertuccio aber entblößte ſein Haupt, ſchwang den Hut in der Luft und rief jubelnd: „Edmond, unſer Liebling, nicht todt!, Er iſt wieder gefunden! O, lieber Herr, nun iſt ja Alles gut!“ „Ja, es iſt Alles gut!“ wiederholte Edmond mit dem Ausdrucke des innigſten, freudigſten Gefühles. Und doch flog es plötzlich wieder wie ein Schatten über ſein edel geformtes Geſicht, ſein Auge ſuchte für den Augenblick den Boden, dann hob er es wieder und richtete es forſchend und fragend zugleich auf Albert und Valentin. Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 7 % 98 „Albert,“ fragte er dann in zweifelndem Tone,„das Glück iſt zu groß, als daß ich ſogleich an deſſen volle Wahrheit glauben könnte. Lebt denn mein Edmond auch gewiß?“ Mit der Hand auf dem Herzen betheuerte Albert, daß er die volle Wahrheit geſagt habe und Edmond Dantes ſich dem Glücke, welches er bei dem Gedanken an den wiedergefundenen Sohn empfinden müſſe, mit vollſter Ueberzeugung hingeben könne. Va⸗ lentin Morell beſtätigte dieſte. „Alſo hat der unſelige Benedetto gelogen, als er mir ſagte: mein Sohn ſei in der Hütte Fano's mit umgekommen?“ fragte Edmond. „Gewiß!“ entgegnete Albert.„Aus dem Munde eines ſolchen elenden Menſchen konnten blos Unwahrheiten kommen!“ „O, Benedetto,“ rief da Monte⸗Chriſto voll Bitterkeit. Er gab ſich einige Minuten der heftigſten Erregung hin, die der Gedanke an dieſen Namen in ihm hervorrief; nach einer Pauſe murmelte er dann: „ Ja, dieſer Benedetto war ein Teufel!“ Aber ſich beſinnend, ließ er ſeine Augen umherſchweifen. Er ſuchte Jemanden und fragte: „Aber wo iſt Edmond! Wo iſt mein Sohn? Habt Ihr ihn nicht mit Euch gebracht, daß er ſeinen Vater begrüße?“ Albert verneinte dieſe Frage und ſagte dann dem Grafen, daß der junge Edmond, nachdem er durch Zufall aufgefunden worden und er erfahren, weſſen Sohn er ſei, allerdings darauf gedrungen, auszuziehen und ſeinen Vater zu ſuchen, daß man aber ſich nicht habe entſchließen können, den jungen, unerfahrenen Menſchen ein ſolches ſchwieriges Geſchäft übernehmen zu laſſen, wie die Aufſuchung eines Verſchollenen geweſen ſei. Deshalb hatte Albert im Einver⸗ ſtändniſſe mit Morell zunächſt den Verſuch gemacht, in Form öffent⸗ licher Aufrufe in vielgeleſenen Zeitungen den Aufenthaltsort des ihren Augen ſpurlos entſchwundenen Grafen Monte Chriſto zu ent⸗ decken. Sie hatten dieſe Aufrufe, in denen geſagt wurde, daß man dem Grafen wichtige Mittheilungen zu machen habe, zu verſchiedenen Zeiten wiederholt, doch ohne irgend einen Erfolg. Keine Nachricht war eingegangen, ſelbſt nicht einmal ein Wink, der ihnen irgend einen Anhalt geboten; ſie hätten da endlich faſt die Hoffnung auf⸗ gegeben, de entweder we halte ſich g Edmon verſicherte, gehört habe der Graf J für die gau Ali und 30 aber kein) gekommen. da ſein W nicht mehr; und wann ſehen und er nitgende geſchehen, was ihn: Alber ein Finger Amerikas, Verſchollen Amerika; in Perſon zu reiſen! da ſich ih Der mitzumach er, als g ſein konnt weilen in in die W wenn ſich des Verſo des ziels in Begleit ungen na auſe 99 gegeben, den Geſuchten je wieder zu finden; ſie hatten gemeint, entweder weile der Graf nicht mehr unter den Lebenden, oder er halte ſich grundſätzlich vor der ganzen Welt verborgen. Edmond war erſtaunt, als er von dieſen Aufrufen hörte, und verſicherte, daß er nichts von dergleichen geleſen oder auch nur gehört habe. Sein Entſchluß ſei ein für alle Mal geweſen, daß der Graf Monte⸗Chriſto, wie der Edmond Dantes, für alle Zeiten für die ganze Welt todt ſein ſollten, und ſo hätten nur Haydee, Ali und Bertuccio gewußt, welche Namen er einſt geführt, ſonſt aber kein Menſch von ſeiner ganzen Umgebung und wohin er auch gekommen. Zeitungen habe er mehrere Jahre gar nicht geleſen, da ſein Wille geweſen, ſich um den ganzen Gang der Welt gar nicht mehr zu kümmern, erſt ſpäterhin habe er ſich entſchloſſen, dann und wann den politiſchen Theil eines Journals flüchtig durchzu⸗ ſehen und ſo habe er denn auf dieſe Weiſe nichts erfahren, und da er nirgends hin eine Verbindung angeknüpft, oder wie ehemals wohl geſchehen, Agenten gehabt, die ihm Etwas hätten mittheilen können, was ihn vielleicht betreffen konnte. Er bedauerte dieſes jetzt. Albert erzählte dann mit kurzen Worten weiter, daß endlich ein Fingerzeig gekommen, der Geſuchte befinde ſich im Innern Nord⸗ Amerikas, und dieſes war ihnen wohrſcheinlich erſchienen, denn der Verſchollene hatte ja bei ſeinem Abſchiede die Abſicht erklärt, nach Amerika zu gehen. So hatte ſich Albert denn bald entſchloſſen, in Perſon und von Morell begleitet, nach den Vereinigten Staaten zu reiſen und dort die Nachforſchungen mit allem Eifer zu beginnen, da ſich ihm Ausſicht auf Erfolg gezeigt hatte. Der junge Edmond hatte zwar darauf gedrungen, die Reiſe mitzumachen, aber man hatte es ihm vor der Hand ausgeredet, da er, als gänzlich unerfahren in ſolchen Dingen, von wenig Nutzen ſein konnte und man auch dafür hielt, es ſei beſſer, wenn er einſt⸗ weilen in Ruhe an ſeiner eigenen Ausbildung arbeite, als ſich ſchon in die Welt begebe. Endlich hatte Morcerf und Morell gemeint, wenn ſich während ihrer Abweſenheit irgend wo anders eine Spur des Verſchollenen finde, deren Verfolgung Ausſicht auf Erreichung des Ziels biete, ſo ſei es für den jungen Edmond immer noch Zeit, in Begleitung eines älteren und erfahrenen Mannes die Nachforſch⸗ ungen nach anderer Richtung zu betreiben. 7* T 100 Ueber die Urſache, daß Albert Morcerf Valentin Morell mit ſich genommen, gab Erſterer noch an, daß Valentin ohnehin zu ſeiner völligen Ausbildung, und um Welt und Menſchen kennen zu lernen, ein oder zwei Jahre habe auf Reiſen gehen ſollen, und ſo habe ſich jetzt die beſte Gelegenheit gefunden, dieſen Zweck zu er⸗ füllen. Maſter Edmond erfuhr auf weiteres Befragen, daß er in dem Hauſe Morcerfs und unter Auſſicht Mercedes ſich befinde, wo er noch unter Leitung eines tüchtigen Lehrers Studien betreibe. „Aber Sie, Albert,“ ſagte nun Edmond,„Sie haben ſich ſelbſt aufgemacht, mich aufzuſuchen?— Wie verdiene ich ſolche Liebe von Ihnen, daß Sie Koſten, Mühe und Zeit deshalb aufwenden und ſich dabei ſelbſt in Gefahr begeben?“ „Herr Graf,“ entgegnete Albert,„wenn es auch eine Zeit gab, wo ich mit Groll Ihrer dachte, ſo konnte doch dieſer Groll nicht Stand halten, wenn ich betrachtete, was man Ihnen Alles zugefügt hatte. Späterhin hat ſich meine Meinung ganz zu Ihren Gunſten gewendet, und da ich weiß, welches Glück für die Eltern es iſt, ein Kind zu beſitzen, ſo hielt ich es für meine Pflicht, Alles aufzubieten, um Ihnen das gewiß ſo ſchmerzlich entbehrte Glück zu verſchaffen, die Gewißheit zu erhalten, daß der von Ihnen verloren geglaubte Sohn lebe. Die Mühe halte ich nicht für ſo groß, und wer Ge⸗ fahren erlebt hat, wie ich, der achtet auch auf andere Gefahren nicht weiter.— Und die Koſten, Herr Graf?— Dieſe wende ich nur von Ihrem Geſchenke darauf.“ Während der Maſter Edmond oder Edmond Dantes und die beiden Freunde ſprachen, hatten ſie auf Ihre Umgebung gar nicht geachtet, ſie ſchienen im Eifer ihres Geſprächs ganz vergeſſen zu haben, daß ſie ſich unter den Indianern befanden, welche ſie immer noch umringt hielten, ſie aufmerkſam beobachtend und auf jedes Wort lauſchend, obgletch ſie keins verſtanden, um ſo weniger, als die Sprechenden ſich der franzöſiſchen Sprache bedienten, wobei ſich denn ſelbſt der Trapper langweilte, da er von dieſer Sprache nur mangelhafte Kenntniſſe hatte, und keinen Zuſammenhang hinein⸗ bringen konnte. Ein paar Mal hatte wohl Chiaha⸗Walla den Trapper gefragt, von was denn geſprochen würde, aber der Trapper hatte ihm immer nur kurz ge künne und Das u ſie die Me Sprache un des großen Die S Strahlen ve blühte am Da enn welche bald und Valent Medizinman „Maſte fahr und ſ kommen B. wiſſen die als Feinde Frieden mi Erſte.— wird?— 2 denn nicht geiſchtern. GEdmo „Meir vergeſtn, der Landſe u verflge ihn ſelbſt rächen, un kann entſte hindert we „Hätt Trapper fr I rothen Bur mit in zu in zu d ſo er⸗ dem Jo er elbſt von und gab, nicht ſefügt unſten ein eten, ffen, zubte 101 nur kurz geantwortet, daß er ſelbſt nicht recht klug daraus werden könne und da außer Stand ſei, genügende Auskunft zu geben. Das war für die Indianer freilich eine ſeltſame Antwort, da ſie die Meinung hegten, alle„Bleichgeſichter“ ſprächen nur eine Sprache und ſo müſſe der Trapper denn doch wohl auch die Sprache des großen Medizinmannes verſtehen, die er jetzt eben gebrauchte. Die Sonne hatte ſich mehr und mehr geſenkt, ihre letzten Strahlen verglühten hinter den blauen Bergen und das Abendroth blühte am Himmel auf. Da entſtand plötzlich wieder eine Unruhe unter den Indianern, welche bald auch das fernere Geſpräch Maſter Edmonds mit Albert und Valentin unterbrach, denn zunächſt trat der Trapper zu dem Medizinmanne und rief ihm zu: „Maſter Edmond, mir ſcheint es, die Rothhäute wittern Ge⸗ fahr und ſeien Landsleute von uns im Anzuge.“ Faſt gleichzeitig trat aber auch der Häuptling heran und ſprach: „Chiaha⸗Walla ſagt Edmond, dem großen Medizinmann, es kommen Bleichgeſichter. Unſere Augen haben ſie erkannt, aber noch wiſſen die Söhne des großen Geiſtes nicht, ob die Bleichgeſichter als Feinde kommen, die rothen Männer zu bekämpfen, oder um in Frieden mit ihnen zu verkehren, aber Chiaha⸗Walla fürchtet das Erſte.— Was ſoll der rothe Mann thun, wenn er angegriffen wird?— Der rothe Mann muß dann ſein Kriegsbeil auch ſchwingen, denn nicht wehrlos kann er ſich ſchlachten laſſen von den Bleich⸗ geſichtern.“ Edmond fuhr auf. „Mein Gott,“ rief er,„da habe ich ja über meinem Glücke Alles vergeſſen, was noch geſchehen muß.— Die Farmer und Trapper der Landſchaft haben ſich aufgemacht, um die Spur der Indianer zu verfolgen, welche die Farm des armen Butler verbrannten und ihn ſelbſt erſchlugen. Sie wollen den Brand und die Mordthaten rächen, und ſie ſind es wohl, welche jetzt nahen. Welches Unglück kann entſtehen, wenn auch nur ein Schuß fällt!— Das muß ver⸗ hindert werden!“ „Hätten unſere Freunde doch die Spur gefunden!“ rief der Trapper frohlockend.„Ich dachte mir es wohl!— Wir haben den rothen Burſchen genug von ihren Schlichen und Pfiffen abgelernt, 102 um ihnen auf den Ferſen zu bleiben, wie ſie ſich auch wenden und drehen mögen.“ Maſter Edmond hatte ſich ſchon zu dem Häuptlinge gewendet, und ſprach jetzt zu ihm: „Edmond ſagt Chiaha⸗Walla, er möge ſeine Brüder zurück⸗ halten, damit kein Schuß falle, kein Beil ſich erhebe und kein Blut fließe, die weißen Männer ſollen den rothen Männern auch nicht zu nahe treten mit den Waffen in der Hand.“ „Verſpricht Edmond dieſes?“ fragte der Häuptling. „Ja,“ entgegnete Edmond kurz. Der Häuptling wandte ſich nun zu den Seinen und rief ihnen einige Worte zu, in denen er ihnen verkündete, Edmond, der große Medizinmann, werde für Frieden mit den Zleichgeſichtern ſorgen, man möge deshalb jeden feindlichen Schritt vermeiden. Maſter Edmond hingegen befahl ſeinen Leuten, daß ſie bei dem Trapper und den beiden Freunden zurückbleiben möchten, nur Ali ſolle ihm folgen, er werde bald zurückkehren. Dann ſchwang er ſich wieder auf ſein Pferd und jagte, gefolgt von Ali, der Gegend zu, wo man die Weißen bemerkt hatte. Wol das letzte in goldi dampften ſich berei die Stir die Wip klang de Auc Walde. Heerde- dieſer R zu weck rief, we Heulen aus ihr wieder und Kle anderen d verſpree Klingen Aufmer Nedizin und wo Indiane immerr in und dendet, zurück⸗ Zlut nicht Achtes Kapitel. Der Friedensprediger. ihnen Wohl eine Stunde dauerte die Abweſenheit des Maſter Edmond, große das letzte Abendroth war längſt verſchwunden, der Abendſtern glänzte orgen in goldigem Lichte ſo freundlich am Himmel, von den Gründen 2 dampften die Abendnebel in die Höhe, über den Wäldern lagerten ie bei ſich bereits nächtliche Schatten, und deutlicher als am Tage wurden „rur die Stimmen des Waldes, der Wind rauſchte vernehmlicher durch die Wipfel der Bäume, das Murmeln und Plätſchern des Waſſers klang deutlicher. Auch Thierſtimmen klangen aus den Gründen und aus dem 1 Walde. Dort verrieth der brüllende Ruf des Büffelſtiers, daß eine 4 Heerde Büffel auf den Gründen weile und ihre Nachtmahlzeit halte; 1 dieſer Ruf war wohl geeignet, die Jagdluſt der Indianer eben ſo zu wecken, wie der Schrei des Hirſches, der nach ſeinem Gegner rief, welcher auch aus der Ferne antwortete. Dazwiſchen klang das Heulen eines Wolfes, das leiſe Kläffen der Prairiehunde, die ſich aus ihren Erdhöhlen begeben hatten, ließ ſich vernehmen. Dann wieder klang der Ruf des amerikaniſchen Huhns, das Schnarren und Klopfen des Spechtes und wohl auch die Stimme manches anderen Vogels. Die Indianer achteten aber jetzt weder auf jenes gute Jagd erſprechende Rufen und Schreien, noch auf das andere Tönen und Klingen, deſſen ſie übrigens hinreichend gewohnt waren. Alle ihre Aufmerkſamkeit war auf die Gegend gerichtet, in welcher der große Medizinmann mit ſeinem ſchwarzen Gefährten verſchwunden war, und wo ſich die ihnen feindlich geſinnten Weißen befanden.— Die Indianer hatten ihre Waffen in den Händen, die ſie wieder und immer wieder genau unterſuchten, um auch gewiß zu ſein, daß die⸗ 104 ſelben, ſo es doch zum Kampfe kommen ſollte, ihnen den Dienſt nicht verſagten. Sie hatten wohl alles Vertrauen auf Maſter Edmond— den Medizinmann Edmond, wie ſie ihn nannten— aber durchaus keins auf die Friedfertigkeit der weißen Männer, mit denen ſie ſchon harte Kämpfe zu beſtehen gehabt und bittere Erfahrungen gemacht hatten. Die Männer hatten ſich in verſchiedene Gruppen geſtellt, die eine Art Schlachtordnung bildeten, und die mit Bogen und Pfeilen bewehrten Knaben geſellten ſich zu ihnen. Die Weiber und Kinder hingegen hatten ſich weit zurückgezogen und ſahen ſehr beſorgt aus; mehrere von ihnen hatten ſich in die Zelte begeben, dort in der Eile ihre beſten Habſeligkeiten zuſammenzupacken. Bertuccio und ſein Begleiter, Albert, Valentin und der Trapper hatten ſich ihrerſeits auf die Erde gelagert und in Erwartung der Rückkehr Maſter Edmonds unterhielten ſie ſich leiſe über die nun noch ſo glücklich vorübergegangene Gefahr, welche die beiden Rei⸗ ſenden jetzt erſt in ihrem vollen Umfange kennen lernten, da der Trapper, der genaue Kenner der Indianer und deren Sitten, Ge⸗ wohnheiten und Gebräuche ihnen nun erſt ſagte, was ihnen in den Händen ſolcher Menſchen Alles noch hätte bevorſtehen können, und mit welcher erfinderiſchen Grauſamkeit ſie ihre Gefangenen quälten. Sowohl Albert als Valentin ſchauderte die Haut bei den Er⸗ zählungen des Trappers und ſie betrachteten mit einem gewiſſen Mißtrauen die Indianer, nicht ohne Sorge, daß dieſelben noch ein Gelüſte anwandeln könne, ihr Müthchen doch noch an ihnen zu kühlen. 3 Als Valentin eine dieſe Beſorgniß andeutende Aeußerung fallen ließ, lächelte der Trapper und verſicherte, daß ſie nun, wo ſie die Friedenspfeife mit den Indianern geraucht, deren geheiligte Gaſt⸗ freunde wären, keiner der Indianer werde es nun dulden, daß Ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werde, und noch weniger werde er daran denken, ſie zu ermorden. Bertuccio beſtätigte dieſe Worte und ſügte hinzu: .„Dieſe Indianer ſind ein merkwürdiges Volk. In ihrem Haſſe ſind ſie wild, grauſam, ausſchweifend und ruhelos ſuchen ſie den Gegenſtand ihres Haſſes auf alle Weiſe und unter allen nur erdenk⸗ lichen Qualeé beſtändig, ihrem Gaſt ein edler K „Edmo dianer. Wirklie alein, dem die in der ſchiden wa einige Män Alle führter gfeife Die J brennenden geſichtet“ i ſie eine M zum Zeiche Es w Der Erſte ausgerüſtet mager, gle Züge wie Haar bonſ können, u lich ausge „Das Trapper d frieden ſei Rinte in Schritte d wild wie doch ſo ſc Dolhe Haa Böſewicht Velt und Der ſi ungen die ilen der laus, der pper der nun Rei⸗ der Ge⸗ n in nen, enen Er⸗ iſſen ein zu lllen die Jaſt⸗ daß erde aſſe den enk⸗ 105 lichen Qualen zu vernichten, aber in ihrer Freundſchaft ſind ſie treu, beſtändig, aufopfernd und ſie werden lieber ſelbſt ſterben, ehe ſie ihrem Gaſtfreunde ein Leid zufügen laſſen. Es ſteckt immer noch ein edler Kern in dieſem Volke.“ „Edmond kommt!“ klang es jetzt durch die Gruppen der In⸗ dianer. Wirklich kehrte Maſter Edmond jetzt zurück. Aber er war nicht allein, denn außer Ali begleiteten ihn noch eine Gruppe Männer, die in der zunehmenden Dämmerung indeſſen noch nicht zu unter⸗ ſcheiden waren. Erſt als ſie ganz nahe kamen, ſah man, daß es einige Männer in der Kleidung der Trapper und Farmer waren. Alle führten ſie Waffen bei ſich, aber auch Jeder rauchte eine kurze Pfeife. Die Indianer ließen den Zug ruhig herankommen, denn die brennenden Pfeifen galten ihnen als Zeichen, daß die„Bleich⸗ geſichter“ in friedlicher Abſicht ſich nahten und das war zugleich für ſie eine Mahnung, auch ihrerſeits die Pfeifen in Brand zu ſetzen, zum Zeichen, daß ſie die friedliche Annäherung annähmen. Es waren vier Männer, welche Maſter Edmond mitkbrachte. Der Erſte dieſer Männer, vollſtändig als Trapper gekleidet und ausgerüſtet, war eine ſonderbare Figur, lang wie eine Stange, mager, gleichſam ausgetrocknet, vom Wetter gebräunt, jeder ſeiner Züge wie aus Erz gegoſſen, die Naſe ſcharf gebogen, das rothe Haar borſtig, hätte er wohl einen komiſchen Eindruck hervorbringen können, wenn er nicht in ſeiner ganzen Erſcheinung ſo gar gefähr⸗ lich ausgeſehen hätte. „Das iſt der lange Jonathan,“ erklärte John.„Es iſt ein Trapper der ſeines Gleichen ſucht und die Rothhäute können zu⸗ frieden ſein, daß er mit der Pfeife im Munde und nicht mit der Flinte in der Hand zu ihnen kommt, denn er ſchießt auf hundert Schritte den Dollar zwiſchen Daumen und Zeigefinger weg. Er iſt wild wie der Teufel, wenn es zum Raufen geht, aber im Umgange doch ſo ſanft und zahm und gutmüthig wie ein Lamm. Er hat rothe Haare, man denkt da, er müſſe deshalb ein Verräther, ein Böſewicht ſein, und doch iſt er der ehrlichſte und beſte Kerl von der Welt und der Tabak, den er kaut, iſt nicht geſtohlen.“ Der zweite Mann war ſo ziemlich der Gegenſatz des langen 106 Jonathan, denn er war kaum Mittelgröße, aber ziemlich behäbig, mit vollen Backen und ſtattlichem Unterkinn, dabei dem Anſehen nach plump. Auch er war gut bewaffnet. Der Trapper bezeichnete dieſen Mann als einen Farmer, der ſich gewaltig in Reſpekt geſetzt habe, einmal wegen ſeiner Ver⸗ ſchlagenheit, ſeinem Muthe und ſeiner Gewandtheit, die man gar nicht an ihm ſuche, und dann wegen ſeiner Thätigkeit und ſeinem glücklichen Speculationsgeiſte. Wegen ſeiner Erfahrung und Um⸗ ſicht ſei der dicke Abel ſchon oft als Führer an Expeditionen gegen die Indianer gewählt worden und er habe da auch dieſes Mal dem in ihn geſetzten Vertrauen vollkommen entſprochen, die In⸗ dianer kannten ihn übrigens ſehr gut. Die beiden anderen Männer hatten weniger Auszeichnendes an ſich, es waren eben amerikaniſche Farmergeſtalten erſten Schlages, mit gebräunten Geſichtern, kräftigen Gliedern und gewaltigen Händen, gewohnt, die Rieſen des Waldes mit Leichtigkeit zu fällen. Chiaha⸗Walla war, ſeine Pfeife rauchend, vorgetreten und be⸗ grüßte die Ankommenden mit aller Häuptlingswürde, ein Gruß, der von dem langen Jonathan im Namen ſeiner Gefährten erwidert wurde. Nun nahm Maſter Edmond das Wort und ſagte: „Edmond hat mit ſeinen weißen Brüdern geſprochen und ihnen geſagt, ſie möchten die Gefühle des Haſſes aus den Herzen ver⸗ bannen und Freund ſein mit den rothen Brüdern und mit ihnen die Friedenspfeife rauchen. Nun kommen die weißen Männer zu den rothen Männern, zu hören, wie deren Willen iſt. Will der rothe Mann Krieg haben oder Frieden?“ Würdevoll entgegnete da der Häuptling: „Edmond iſt ein großer Medizinmann und ein Mann des Friedens, der rothe Mann hört gern ſeine Worte.— Möge der weiße Mann uns willkommen ſein, ſo er uns Frieden bringt.“ Mit dieſen Worten war nicht nur der Empfang beendet, ſon⸗ dern es war auch jedem Theile ſofort klar gemacht, in welcher Stell⸗ ung er ſich zu dem anderen Theile befinde. Die Abſicht der weißen Männer war erklärt und die rothen Männer kamen ihnen entgegen. Es galt jetzt nur noch zu verhandeln. Das Feuer, welches man bis jetzt nur durch Zulegung einigen Holzes angeſchür Lichte d lagerte. Chi ſeines S Feuer; i Männer, neben de zugleich ſeiner E Die pfeife, d Edmond weiterte N. Kreiſes und de die beit ſich oſt Dieſes M vergieß geeilt b äbig, iſehen der Ver⸗ (n gar einem Um⸗ gegen Mal e In⸗ endes lages, inden, d be⸗ 5, der vidert ihnen ver⸗ ihnen ner zu U der n des e der ſon⸗ Stell⸗ eißen gegen. nigen 107 Holzes vor Erlöſchen bewahrt hatte, wurde zu lebhafterer Flamme angeſchürt und ſchlug alsbald in hoher Gluth empor, mit rothem Lichte die ganze Geſellſchaft beleuchtend, die ſich jetzt um daſſelbe lagerte. Chiaha⸗Walla hatte die Aelteſten und die tapferſten Krieger ſeines Stammes zuſammengerufen und dieſe lagerten ſich um das Feuer; in ihrer Reihe nahmen nun auch Maſter Edmond und die Männer, welche er mitgebracht, Platz. Edmond hatte ſeinen Platz neben dem Häuptlinge gewählt, was dieſer als Auszeichnung und zugleich als Anregung zu betrachten ſchien, noch mehr Gravität in ſeiner Erſcheinung zu zeigen. Die Einleitung der Verhandlung geſchah nun durch die Friedens⸗ pfeife, die zuerſt von dem Häuptlinge angeraucht, von dieſem Maſter Edmond gereicht wurde, der nach ein paar Zügen daraus, dieſelbe weiterreichte, worauf ſie vollends die Runde machte. Nun begannen die Verhandlungen, die in den außerhalb des Kreiſes ſtehenden Indianern und Weibern, ſowie in dem Trapper und den beiden Reiſenden aufmerkſame Zuhörer fanden, obgleich die beiden Letzteren nicht viel davon zu verſtehen vermochten und ſich oft an den Trapper oder an Bertuccio um Aufklärung über Dieſes oder Jenes, was ihnen aufgefallen war, wenden mußten. Maſter Edmond begann, indem er ſagte: daß er, um Blut⸗ vergießen zu vermeiden, zu den weißen Männern, ſeinen Brüdern, geeilt ſei und Worte der Verſöhnung und des Friedens zu ihnen geſprochen; es ſei ihm auch gelungen, die Brüder zu beſchwichtigen und ſie zu bewegen, zu den rothen Männern zu kommen, zu hören, was ſie ſagen würden. „Es iſt mir ſchwer geworden, den Zorn der weißen Brüder zu beſchwichtigen,“ ſchloß Edmond,„und Chiaha⸗Walla wird zugeſtehen müſſen, daß die weißen Männer wohl Urſache haben, auf den rothen Mann zornig zu ſein!“ Chiaha⸗Walla hob bei dieſem Vorwurfe Augen und Hand in die Höhe. „Was ſagt Edmond, der große Medizinmann?“ rief er.„Wollen die Bleichgeſichter allein das Recht haben, zornig zu ſein? Wollen ſie dieſes Recht dem rothen Manne verweigern?— Chiaha⸗Walla 108 ſagt: der rothe Mann hat zuerſt das Recht, zum Zorn gegen die Weißen!“ Dieſen Ausſpruch zu begründen erhob nun der Häuptling die gewöhnlichen Klagen der Indianer. Er erzählte, daß den rothen Männern einſt das ganze Land von einem Meere zum andern gehört habe; dann aber ſeien die weißen Männer gekommen, hätten erſt an den Ufern des Meeres ihre Städte gegründet und dann Schritt vor Schritt vorgehend, die Indianer durch Liſt und Gewalt um ihr Land betrogen. Die weißen Männer wären darauf ausgegangen, die rothen Männer zu vertilgen— klagte der Häuptling weiter— durch alle Mittel und Wege, die rothen Männer hätten ſo glücklich gelebt, wären zufrieden mit ihrem Schickſale geweſen, das Wild des Waldes, die Früchte des Waldes und des Feldes hätten ihnen hinreichend Nahrung gegeben, und ſo hätten ſie Alles gehabt, was ſie bedürften, dann aber ſeien die Weißen gekommen, mit ihren Feuergewehren hätten ſie die rothen Männer aus der Ferne nieder⸗ geſchoſſen, ſie hätten ihnen Feuerwaſſer gegeben, welches das Mark in den Gliedern austrockne und die Krieger dem Tode in die Arme liefere, ſie hätten Krankheiten gebracht, durch welche ganze Stämme von der Erde verſchwunden wären. „Verfolgt den Lauf der Flüſſe, wie ſie dem Meere zueilen,“ rief der Häuptling,„und überall werdet Ihr an den Ufern dieſer Flüſſe, auf denen einſt der Kahn der rothen Männer dahinglitt, und auf denen jetzt die Feuerſchiffe der Weißen fahren, die Gräber unſerer alten Häuptlinge finden. Es ſind die Gräber der Väter unſerer Väter und ſie beweiſen beſſer als Worte, wie weit einſt das Gebiet der rothen Männer ſich erſtreckte.“ „Chiaha⸗Walla ſpricht gut,“ murmelten die Indianer. „Warum haben die weißen Männer dem rothen Manne ſein Erbtheil geraubt?“ ſprach der Häuptling weiter.„Haben ſie nicht genug Platz in ihrem eigenen Lande?— Unſere Väter haben die weißen Männer einſt als Gaſtfreunde empfangen— die Weißen mordeten ihre Wirthe und nahmen ihnen ihr Eigenthum. Iſt dieſes Recht?— Hat der rothe Mann je ſo gehandelt?— Iſt der rothe Mann allein dazu auserſehen, Unrecht zu leiden und ſoll er nicht endlich auch zornig werden und dieſes Unrecht rächen und ſein Erbe vertheidigen?“ Und „Chia „Freu Edmond tt ain Freund Mannes ſi beſaßen und heſiten,“ „Vir neigend. „Ihr Edmond fo Mann Fiſ den ſchnell voll Reich das Land für Ande Schaffen „We der Häup dem rothe noch ſich als daß ſeiner Ve „Ch Chie Natur, lange Jo „Die und dentt daß wir Verzeihu „S ſo könnt ſolcher m Dan „Ed Und wieder ging es durch den Kreis der Indianer: „Chiaha⸗Walla ſpricht gut!“ „Freunde,“ nahm jetzt Edmond das Wort,„Edmond ſagt Euch: Edmond trägt zwar auch die weiße Farbe an ſich, aber er iſt doch ein Freund des rothen Mannes und ſagt: die Klagen des rothen Mannes ſind nicht ohne Grund. Aber jenes Land, das Eure Väter beſaßen und wo ihre Grabhügel ſich erheben, werdet Ihr nie wieder beſitzen.“ „Wir wiſſen das,“ ſagte der Häuptling, traurig das Haupt neigend. „Ihr ſeht alſo, das Geſchehene iſt nun unabänderlich,“ fuhr Edmond fort.„An den Ufern der Flüſſe, auf denen einſt der rothe Mann Fiſche fing, auf den Gründen, wo er den ſtarken Büffel und den ſchnellen Hirſch jagte, da erheben ſich jetzt die ſtolzen Städte voll Reichthum, und da baut der weiße Mann mit fleißiger Hand das Land, daß es ihm Brod giebt, genug für ſich und auch noch für Andere. Und ſo leben dort die weißen Männer in fleißigem Schaffen glücklich.“ „Wenn die weißen Männer dort glücklich leben,“ entgegnete der Häuptling,„weshalb bleiben ſie nicht dort, ſondern kommen, dem rothen Manne auch das Land noch zu rauben, was er bis jetzt noch ſich gerettet hat? Der rothe Mann verlangt ja nicht mehr, als daß man ihm das laſſe, was er noch beſitzt von dem Lande ſeiner Väter.“ „Chiaha⸗Walla ſpricht gut,“ klang es abermals durch den Kreis. Chiaha⸗Wallas Fragen waren übrigens etwas verfänglicher Natur, Edmond ſchaute auch ſeine Begleiter bedeutend an. Der lange Jonathan aber murmelte: —„Dieſer rothe Spitzbube ſcheint ein geriebener Burſche zu ſein und denkt wohl, uns in's Bockshorn zu jagen und dahin zu bringen, daß wir ihm unſere Sünden eingeſtehen und dann demüthig um Verzeihung bitten.“ „Still,“ mahnte Edmond,„verſtände der Mann ſolche Worte, ſo könnten ſie einen ſchlimmen Eindruck auf ihn machen, und ein ſolcher wäre unſerem Werke nicht förderlich!“ Dann zu dem Häuptlinge gewendet, fuhr der Maſter fort: „Edmond hat Euch geſagt, daß er der Freund des rothen 110 Mannes iſt, und er hat dem rothen Manne zugegeben, daß dieſer oft Urſache zur Klage haben kann. Und jetzt ſagt Euch Edmond: wohl mag mancher weiße Mann nur von Unruhe getrieben, weil ihm das Leben in den großen Städten nicht gefällt, in Euer Gebiet kommen, aber die Mehrzahl erſcheint doch in Euren Wäldern, um das Land, welches dort in dem von den weißen Männern bewohnten Staaten einem blühenden Garten gleicht, auch hier in einen ſolchen umzuwandeln und ihm den Segen abzugewinnen, den es in ſeinem Schooße trägt, und da der rothe Mann nichts thut, den Boden zu bearbeiten und ihn dem Menſchen dienſtbar zu machen, ſo muß ſchon der weiße Mann dieſe Pflicht auf ſich nehmen.“ Chiaha⸗Walla und ſeine Indianer wechſelten bei dieſen Worten Edmond's ſehr bedeutungsvolle Blicke und nach einer Pauſe ſprach der Häuptling finſter: „Wenn der rothe Mann das Land bebauen wollte, würde der weiße Mann doch kommen und es ihm nehmen; der rothe Mann hätte dann nur für den weißen Mann gearbeitet.“ „Glaube Chiaha⸗Walla dieſes nicht!“ fiel ihm Edmond in's Wort.„Glaube, Chiaha⸗Walla, der weiße Mann iſt im Grunde friedlich geſinnt und er würde dann auch friedlich an der Seite des Nachbars wohnen, mit ihm freundlichen Verkehr unterhalten, ihn unterſtützen, da er einen gemeinſamen Zweck mit ihm verfolgt.— Habt Ihr nicht Beiſpiele davon?— Schaut auf die Tſchirokies, auf die Tſchates!— Es ſind Eure rothen Brüder. Sie wohnen in ihren Dörfern friedlich an der Grenze des weißen Mannes, und ſie wohnen auch mitten unter den weißen Männern, und Niemand denkt daran, ſie zu beleidigen, ſie werden vielmehr als liebe Nach⸗ barn, als Brüder betrachtet, ob ihre Haut auch anders gefärbt iſt. Glaubet mir, Freunde, nicht auf die Farbe kommt es an, welche die Haut zur Schau trägt, die den Menſchen bekleidet, ſondern auf das, was in dem Menſchen ſelbſt lebt, auf das, was wohlgepflegt, was geeignet iſt, den Menſchen zu einem wahrhaft edlen, vortreff⸗ lichen Weſen zu machen und dadurch ſein wahres Glück, und damit auch Anderer Glück zu ſchaffen, gleichviel, ob die Haut weiß, roth oder ſchwarz ſei.“ Ein Gemurmel des Beifalls, welches durch die Reihe der In⸗ dianer drang, verkündete, daß Maſter Edmond's Worte bei den Kothhäuten men, welche „Edmo Mannes! Auch Eindruck ge gutmüthigſte „Maſte ſchen in da dogegen, we Land bebau ohne vorher Morgen eb Gürtel eine Der l. und meinte häuten hal ſchießen, d geſchoſſen: abzuhäuten, Solche Sdmond ne „Sehl Platzes bi Idart ſie a zu nähren Thiere des iſt für die ungeheuren der aber der Büffe Art greife den Boder das Same DNmherrliche DWictt ein ſeine vole 111 Rothhäuten vielen Anklang gefunden, und man hörte einige Stim⸗ men, welche ſprachen: „Edmond ſpricht gut!— Edmond iſt ein Freund des rothen Mannes! Edmond iſt der Mann des Friedens!“ Auch auf die weißen Männer hatten Edmond's Worte guten Eindruck gemacht, und Abel ſagte, indem ſein fleiſchiges Geſicht den gutmüthigſten Ausdruck von der Welt annahm: „Maſter Edmond, möchten Sie doch dieſem rothhäutigen Bur⸗ ſchen in das Gewiſſen reden. Ich für meine Perſon hätte nichts dagegen, wenn Ruhe würde, und ich in Ruhe und Sicherheit mein Land bebauen könnte, und ich mich Abends in's Bett legen könnte, ohne vorher an die Möglichkeit zu denken, daß ich am nächſten Morgen eben zeitig genug aufwache, um meinen Scalp an dem Gürtel einer Rothhaut zu ſehen.“ Der lange Jonathan aber ſtreckte ſeine langen Beine von ſich und meinte, daß auch er nichts gegen den Frieden mit den Roth⸗ häuten habe, denn ohne Zweifel ſei es angenehmer, den Büffel zu ſchießen, ohne fürchten zu müſſen, ſeinerſeits von einer Rothhaut geſchoſſen zu werden, und gemüthlicher ſei es auch, einen Büffel abzuhäuten, als ſich ſelbſt abhäuten zu laſſen. Solche Zuſtimmungen und Anerkennungen waren für Maſter Edmond natürlich ſehr aufmunternd und er ſprach weiter: „Seht die Erde an, ſie iſt weit und ſchön, und genug des Platzes bietet ſie für alle Menſchen, und genug Fruchtbarkeit offen⸗ bart ſie auch, um alle die Menſchen, welche auf der Erde wohnen, zu nähren, ſei es durch die Früchte des Feldes, ſei es durch die Thiere des Waldes und durch die Bewohner des Waſſers. Ueberall iſt für die Bedürfniſſe des Menſchen geſorgt. Seht aber auch dieſe ungeheuren Wälder an, dieſe weiten Strecken fruchtbaren Bodens, der aber doch keine anderen Früchte trägt, als das Gras, in welchem der Büffel weidet.— Warum will der rothe Mann da nicht zur Axt greifen, kleine Theile des Waldes niederzuſchlagen und dann den Boden urbar zu machen?— Warum will der rothe Mann nicht das Samenkorn in die Erde ſtreuen, welches dann aufgeht und ihm herrliche Früchte trägt und ihn vor Hunger ſchützt?— Iſt es denn nicht ein ſchöneres Geſchäft, das Land zu bebauen, es zu veranlaſſen, ſeine volle Fruchtbarkeit zu entwickeln, zum Segen nicht nur des 112 Bebauers, ſondern auch aller Menſchen, denn ruhelos umherzuſtreifen, jetzt mit den Büffeln Krieg zu führen, dann mit den Menſchen, und ſie zu tödten? Schmecken die Früchte von den ſelbſtgezogenen Bäu⸗ men nicht ſüßer, als die von anderen, und als ſolche, die man viel⸗ leicht mit der Gewalt des Stärkeren geraubt hat?— Warum will der rothe Mann dieſe Süßigkeiten, die ſo leicht zu erringen ſind, nicht auch koſten, wie ſie der weiße Mann? Der weiße Mann müht ſich raſtlos im Schweiße ſeines Angeſichts, die Fruchtbarkeit der Erde zu befördern und daraus Nutzen zu ziehen für ſich und Andere, und da ſchmecken ihm die ſelbſtgewonnenen Früchte ſüß und er erringt dadurch auch eine glückliche Stellung. Hat der weiße Mann den Tag über redlich gearbeitet, ſo ruht er dann Abends aus, betrachtet mit freudigem Gefühle das Werk des Tages und Alles, was er durch ſeiner Hände Fleiß ſchon geſchaffen und errungen hat, und dieſes freudige Gefühl erhebt ihn, giebt ihm Seelenruhe und neue Kraft zur Arbeit für den nächſten Tag.— Warum will der rothe Mann dieſes Glück nicht auch genießen? Und er kann es doch ſo leicht ſich verſchaffen.“ „Würde man uns dieſes Glück denn gönnen?“ fragte Chiaha⸗ Walla finſter.„Der weiße Mann will ja von dem rothen Manne Alles haben.“ „Vor allen Dingen will der weiße Mann Frieden haben und Sicherheit für ſeine Perſon und die Früchte ſeines Fleißes,“ ant⸗ wortete Edmond,„und er wird dem rothen Manne dann auch ſeiner ſeits gern Frieden und Sicherheit gewähren. Glaube Chiaha⸗ Walla nur den Worten Edmonds, wenn er ſagt: der Mann, welcher das Land bebaut, deſſen Früchte erntet, und der, ſo er ſich durch ſeiner Hände Fleiß ein Beſitzthum erworben hat, in deſſen Beſitz er ſich dann um ſo glücklicher fühlt, wenn er ſich ſagen kann, was Du jetzt beſitzeſt, das verdankſt Du Dir allein. Dieſes ſind die friedlichſten Menſchen; ſie wollen keinen Krieg, weil derſelbe in einer Stunde zerſtören kann, was ſie durch regen Fleiß in langen Jahren erworben, und das ihnen deshalb um ſo lieber und werther iſt. Die Bebauer des Landes, die fleißigen Bewohner eines Landes wollen keinen Krieg, weil derſelbe ihnen nur Schaden aller Art bringen kann; nur gezwungen greifen ſie zu den Waffen, wenn ein feindlicher Angriff droht, denn es gilt ja nun, dem Feinde zu be⸗ gegnen un nichtung 1 Waffen in der da ſu daß er ih Vernichtun Bruſt des wüßte, der vernichtune rothen Ma geäſt, die drückt er die Hand „Chi Mann der ling.„5 Manne d Edn nicht dar wenn die friedlich würden als Freu die roth machen, die Plat und viel und die welches dann al einander rief ſich der Tſch rühig u und an Nchatas Juſtande Monte⸗ eifen, „und viel⸗ will ſind, müht Erde und rringt — den achtet as er und neue rolhe och ſo hiaha⸗ Nanne n und ant⸗ ſeiner hiaha⸗ elcher durch Beſitz „was d die einer jahren er iſt. andes r Art in ein zu be⸗ Bäu⸗ 113 gegnen und dadurch ihr ſchwer erworbenes Eigenthum vor Ver⸗ nichtung zu beſchützen. Der Feind iſt es, der dem Friedlichſten die Waffen in die Hand zwingt und ihn zum zornigen Krieger macht, der da ſucht, ſeinen Feind wo möglich gänzlich zu vernichten, auf daß er ihm nicht mehr zu ſchaden vermag. Dieſer Trieb nach der Vernichtung des Feindes, der ſein Glück ſtört, würde nicht in der Bruſt des Friedlichen entſtehen, wenn er ſein Eigenthum geſichert wüßte, der Feind ſelbſt alſo iſt es, der den Friedlichen zum wilden, vernichtungsluſtigen Gegner macht. So iſt es nun auch mit dem rothen Manne, indem er den weißen Mann wieder und wieder an⸗ greift, die Früchte ſeines Fleißes vernichtet und ſeine Freunde tödtet, drückt er ihm gewaltſam die Waffen zum Vernichtungskampfe in die Hand und nährt ſo die unheilvolle Flamme ſteter Feindſchaft.“ „Chiaha⸗Walla fragt Edmond: warum verdrängt der weiße Mann den rothen Mann mehr und mehr?“ fragte jetzt der Häupt⸗ ling.„Zwingt dadurch der weiße Mann nicht eben dem rothen Manne die Waffen in die Hände?“ Edmond entgegnete darauf ſofort, daß die weißen Männer gar nicht daran denken würden, die rothen Männer zu verdrängen, wenn dieſelben einen feſten Beſitz hätten, in Städten und Dörfern friedlich neben einander wohnten und das Land bebauten; wohl würden auch dann die weißen Männer noch kommen, aber nur als Freunde, und ſie würden nur die Ländereien erſtehen, welche die rothen Männer nicht bedürften, und dann dieſelben urbar machen, ſolcher Ländereien aber gäbe es noch in ungeheuren Strecken, die Platz genug gewährten zum Aufenthalte aller rothen Männer und vieler, ſehr vieler weißen Männer, und die weißen Männer und die rothen Männer, alleſammt unter einem Geſetze ſtehend, welches einen Jeden im Beſitze ſeines Vermögens ſchütze, würden dann als die friedlichſten Nachbarn zufrieden und glücklich neben einander wohnen und ſich gegenſeitig ſchätzen lernen. Edmond be⸗ rief ſich zum Beweiſe dieſer Behauptung wieder auf die Stämme der Tſchirokies und Tſchatas und anderen, die unter den Weißen ruhig und zufrieden lebten, das Land bauten und Handel trieben und an keine Feindſeligkeiten dächten, und wo namentlich die Tſchatas bereitwillig eingeſtänden, daß ſie ſich in einem glücklichen Zuſtande befänden, den ihre Väter nicht gekannt hätten. Dann Monte⸗Chriſto's letzter Weltgang. 8 114 mahnte Edmond die Indianer wieder, dieſes doch auch zu verſuchen, dann würden ſie urtheilen können, ob er nicht wahr und als ihr redlicher Freund geſprochen. Wieder ging da durch die Indianer das Gemurmel: „Edmond ſpricht gut!“ Edmond aber fuhr fort, zu den Indianern zu ſprechen, und er entwickelte ihnen die freundlichſten Bilder von der Glückſeligkeit des Friedens, durch den ſie zum Wohlſtande und zu neuem Anſehen kommen würden, und er mahnte ſie, dem Beiſpiele jener ſchon ge⸗ nannten Stämme, die ſich friedlichen Beſchäftigungen hingegeben, zu folgen, und auch dahin zu wirken, daß die benachbarten Stämme gleichfalls ſich den friedlichen Geſinnungen zuneigten und ſo den ewigen Feindſeligkeiten, die die Indianer nach und nach aufreiben und den rothen Stamm dem Untergange entgegenführten, ein Ende machten. Er zeigte auf das Beiſpiel der ſchon genannten Stämme hin, deren Kopfzahl, erſt ſchwach, ſich jetzt ſchon bedeutend vermehrt habe, da⸗ durch die Wahrheit des Satzes beweiſend, daß ein Volk, welches Ackerbau, Viehzucht und friedliche Gewerbe treibe, ſich nicht nur eines erhöhten Wohlſtandes erfreue, ſondern auch durch vermehrte Nach⸗ kommenſchaft ſich ſtärke, während ein anderes Volk, daß unſtät um⸗ herziehe, nur Jagd liebe und Krieg führe, nach und nach ſich ver⸗ ringere. Als Beweis dieſes Satzes führte er die Namen von Stämmen an, die einſt zahlreich und mächtig, doch jetzt gänzlich verſchwunden ſeien, ſo daß man nur noch den Namen und die Er⸗ zählungen ihrer Thaten, die ſich von Generation zu Generation fortgeerbt hätten, kenne, die Stämme ſelbſt ſeien jetzt entweder gänz⸗ lich ausgeſtorben, oder durch Vermiſchung in anderen Stämmen untergegangen, die nun gleichfalls im Verſchwinden begriffen wären. Aeußerungen der Indianer bewieſen, daß die Worte dieſes weißen Mannes einen immer ſtärkeren Eindruck auf ſie machten, ſie gaben zu, von den Tſchirokies und Tſchatas gehört zu haben, und auch, daß ſie erfahren, wie ſich dieſelben eines größeren Wohlſtandes erfreuten, als die anderen Stämme ſich rühmen könnten, und der Häuptling ſagte ſogar: wenn ſie ſicher wären, nicht von den weißen Männern geſtört und ſchließlich beraubt und von den anderen jagdtreibenden Stämmen ihrer Nation nicht beläſtigt zu werden, Zeſchäftig „Vir Brüder 3 werfen. ni Büffel erl viele Scal hat, gilt, Dieſe bedenkliche Jäger gen Maſt der Wort dianern weißen] fürchten, funden z würden ſtehen un Unterſtütz barn des wenn die wohnheit leben u dieſelben falls ſich ewige Fr Männer Väter je „ ſagte M großen2 uns ſelb mit allen Gott leb überkomr lich beſt 115 werden, ſo würden ſie ſich auch entſchließen können, freundliche Beſchäftigungen aufzunehmen. „Wir würden uns vielleicht die Feindſchaft unſerer rothen Brüder zuziehen,“ ſagte Chiaha⸗Walla.„Sie würden uns vor⸗ werfen, nicht mehr Männer zu ſein, denn nur der, der recht viele Büffel erlegt, gilt als großer Jäger, und nur der, welcher recht viele Scalps von durch ſeine Hand gefallener Feinde aufzuzeigen hat, gilt als großer Krieger!“ Dieſe Bemerkung des Häuptlings ſchien die Indianer wieder bedenklicher zu machen, denn es ging ihnen ja die Ehre, ein großer Jäger genannt zu werden, über Alles. Maſter Edmond ſuchte die ſeinen Abſichten nachtheilige Wirkung der Worte des Häuptlings ſofort zu entkräften, indem er den In⸗ dianern ſagte, daß ihre Furcht unbegründet ſei, denn von den weißen Männern hätten ſie dann nicht das Geringſte mehr zu fürchten, dieſelben würden ſich freuen, in ihnen gute Nachbarn ge⸗ funden zu haben und würden ihnen auch gute Nachbarn ſein; ſie würden dann unter dem Schutze der Geſetze der weißen Männer ſtehen und von dieſen, ſo ſie angegriffen würden, die wirkſamſte Unterſtützung erhalten. Er ſagte ihnen ferner, daß ſie ihren Nach⸗ barn des eigenen Stammes nur ein Beiſpiel geben möchten, und wenn dieſelben dann ſähen, daß es ſich auch ohne ihre alten Ge⸗ wohnheiten nicht nur leben laſſe, ſondern auch ruhig und glücklich leben und ein erhöhter Wohlſtand erreichen laſſe, da würden dieſelben auch nach und nach ihrem Beiſpiele folgen und eben⸗ falls ſich friedlichen Beſchäftigungen zuwenden, und dann würde der ewige Frieden mit allen ſeinen Segnungen in das Land der rothen Männer einziehen, und ſie würden glücklicher ſein, als es ihre Väter je geweſen. „Welches Glück könnte ouch ſchöner ſein, als der Frieden,“ ſagte Maſter Edmond.„Frieden mit allen Menſchen, mit dem großen Vater über uns und mit uns ſelbſt. Aber den Frieden mit uns ſelbſt und in uns erlangen wir nur, wenn wir im Frieden mit allen unſeren Nebenmenſchen und vornehmlich im Frieden mit Gott leben, ein beſeligendes Gefühl der Ruhe und damit des Glücks überkommt dann den Menſchen.— Sollte da nicht Jeder ſich red⸗ lich beſtreben, ſich dieſes Glückes theilhaftig zu machen? Jeder 8* 116 Menſch kann dieſes Glück erringen, wenn er vor Allem ſich bemüht, den Leidenſchaften in ſeiner Bruſt, und den böſen Gelüſten, die in ihm aufwachen könnten, Zügel anzulegen und ſie zu erſticken, bevor ſie mächtig und dadurch ſchwerer zu bekämpfen werden. Indem der Menſch ſo ſeine Leidenſchaften zügelt, ſie überwindet, und dadurch ſich den Ruhm des großen Helden, der ſich ſelbſt zu beſiegen verſteht, erwirbt, ſo wird er auch nie in Verſuchung kommen, ſeinen Mit⸗ bruder durch irgend Etwas zu beleidigen, deſſen Intereſſen zu nahe zu treten und dadurch Veranlaſſung zu Unfrieden zu geben. Der Menſch, der ſolche Grundſätze befolgt, erfüllt damit nicht nur die Pflichten gegen ſich ſelbſt und die gegen ſeine Mitbrüder, ſondern auch die gegen das höchſte Weſen, das über uns lebt und uns alle erſchaffen hat, gegen den Gott der weißen Männer, gegen den großen Geiſt der rothen Männer, aus dieſer Pflichterfüllung nach allen Seiten geht aber dann das ſchönſte, beneidenswertheſte Glück hervor. Frieden, Frieden! klingt es dort oben über den Sternen, die jetzt ſo freund⸗ lich auf uns herabblicken, als ſeien es die Augen der ſeligen Geiſter, die uns zuwinken und mit ſtummer und doch vielberedeter Sprache uns mahnen wollen, friedlich und einig unter einander zu leben, auf daß wir die Schönheiten unſerer Erde, die doch nur für den Menſchen ſo ſchön, ſo herrlich geſchaffen, in ihrem vollen Umfange und in ungetrübtem Glücke genießen, und wir uns würdig machen des ſchönen Looſes, daß uns verheißen iſt, ſo wir unſere Pflichten gegen Gott, gegen unſere Mitmenſchen und gegen uns ſelbſt erfüllt haben voll redlichen Sinnes, ſo lange wir auf dieſer Erde weilen, ein Glück, das uns dann werden wird, wenn wir von dieſer Erde geſchieden ſind und ſie mit einem anderen, uns jetzt noch unbekannten, aber gewiß ſchönerem Lande vertauſcht haben, wo wir das im rei⸗ neren Lichte erkennen vermögen, was uns jetzt noch verhüllt bleibt. — Schaut empor zu den Sternen! Vermögt Ihr nicht die Mah⸗ nung zum Frieden und zur Eintracht aus jener goldenen, flimmern⸗ den Schrift zu leſen?“ 6 5 Indem Edmond dieſes ſprach, deutete er mit ſeiner Hand nach dem mit zahlloſen goldenen Sternen bedeckten Nachthimmel, und Aller Augen folgten dieſem Fingerzeige. Auf die Indianer hatte Edmond's Rede den lebhafteſten Ein⸗ druck gemacht, und mehrere Male wiederholte ſich der Ausruf: „Edn Ehial „Der mond iſt Maſt ſener Vo friedlichn denn doch wilden Th zu leben; Zum ernſtlich Die Krieg wo doch reizt zinmann weißen2 Jet fährten! ſtellung und er Vortheile menſchen der Wei üht, e in ſevor der ſich geht, Mit⸗ ſe zu uſch, cten ſegen hat, der geht ſlden, eund⸗ eiſter, rache eben, den jange achen ichten erfüllt eilen, Erde inten, rei⸗ leibt. Mah⸗ mern⸗ nach und Ein⸗ . ——— 117 „Edmond ſpricht von dem Frieden! Edmond ſpricht gut!“ Chiaha⸗Walla aber ſagte: „Der rothe Mann höre auf die Worte Edmond's, denn Ed⸗ mond iſt ein Freund des rothen Mannes.“ Maſter Edmond, ſichtlich erfreut über dieſen guten Eindruck ſeiner Worte, ſprach weiter und ſchilderte abermals das Glück des friedlichen Lebens und zeigte, daß die Beſtimmung des Menſchen denn doch nicht ſei, ſich voll Haß feindlich anzufallen und gleich wilden Thieren zu zerfleiſchen, ſondern nur friedlich neben einander zu leben; die Erde habe da Raum genug für Alle. Zum Schluſſe forderte Edmond die Indianer auf, nun ſich ernſtlich dem Gedanken an friedliches Leben hinzugeben. Die Indianer entgegneten, daß ſie auch eigentlich nicht den Krieg wollten, ſondern es vorziehen würden, im Frieden zu leben, doch reizten die weißen Männer ſie immer wieder, der große Medi⸗ zinmann möge ihnen erſt die Sicherheit verſchaffen, daß ſie von den weißen Männern ferner nicht beunruhigt würden. Jetzt wandte ſich Edmond zu Jonathan, Abel und deren Ge⸗ fährten und forderte ſie auf, nun auch ihrerſeits etwas zur Her⸗ ſtellung des guten Einvernehmens mit den Rothhäuten zu thun, und er unterließ dabei nicht, ihnen eine kleine Ermahnung über die Vortheile des Friedens und über ihre Pflicht gegen die Neben⸗ menſchen zu geben, die in Hinſicht auf die Indianer von Seiten der Weißen eben nicht immer, oder beſſer geſagt, nur ſehr ſelten erfüllt wür de. Jonathan und Abel eröffneten nun ihrerſeits die Verhand⸗ lungen mit den Indianern mit der Verſicherung, daß der letzte Ueberfall, der eigentlich ernſte Züchtigung verdient habe, vergeben und vergeſſen ſein ſolle, und daß man ihrerſeits Frieden halten wolle, wenn die Indianer Frieden und gute Nachbarſchaft hielten. Es dauerte lange, ehe dieſe Verhandlungen eine Endſchaft er⸗ reichten, und Maſter Edmond, der aufmerkſam auf jedes Wort war, mußte noch manches Mal ſeine Beredtſamkeit aufbieten, um den Abſchluß zu beſchleunigen, aber endlich war man doch am Ziele. Unter der Bedingung der Sicherheit vor den Angriffen der Weißen und deren Unterſtützung im Falle eines Angriffs ihrer Stammgenoſſen erklärten ſich Chiaha⸗Walla und die Seinen bereit 118 zum Friedensſchluſſe und zur feſten Niederlaſſung an ihrer jetzigen Wohnſtätte, wo ſie die Beſtellung des Landes in Angriff nehmen wollten; aber ſie verlangten auch ferner, daß ihr Jagdgebiet von den Weißen nicht verletzt würde, denn ſie müßten Fleiſch haben zu ihrer Nahrung und Häute zur Kleidung. Mit großer Bereitwilligkeit ward dieſes zugeſichert, und Abel und Jonathan verſprachen ihrerſeits noch, daß ſie durch den Staat reiſen und alle Farmer und Trapper bewegen wollten, dieſem Ver⸗ trage beizutreten, wogegen ſie verlangten, daß auch einige Indianer zu ihren Stammesgenoſſen gehen und zu ihnen in dieſem Sinne ſprechen möchten, damit überall Ruhe eintrete. Von den Indianern wurde dieſes zugeſichert, doch ſagte dann der Häuptling: „So Edmond, der große Medizinmann, uns zu unſeren rothen Brüdern begleiten wollte, ſo würden unſere rothen Brüder gern ihn hören und nach ſeinen Worten thun, denn Edmond iſt ein Mann des Friedens und ein Freund des rothen Mannes; Edmonds Worte dringen zu dem Herzen.“ Maſter Edmond verſicherte, daß er wohl gern den Vorſchlag Chiaha⸗Walla's annähme, allein er wiſſe nicht, wie weit er bei dem Friedenswerke ſich werde Hetheihigen können; doch ſo viel als möglich ſolle es geſchehen. Chiaha⸗Walla ſprach ſeinen Dank aus. „Nun ſei alſo Frieden zwiſchen dem weißen und dem rothen Manne!“ rief Edmond. Chiaha⸗Walla neigte zuſtimmend das Haupt und ergriff die be⸗ reits wieder mit Tabak gefüllte Friedenspfeife, die er in Brand ſteckte und dann Edmond reichte. Den Vertrag beſiegelnd ging nun die Friedenspfeife von Mund zu Mund, und eine gewiſſe Zufriedenheit zeigte ſich in Aller Zügen, am meiſten aber in denen Edmond's. Abel wurde nun überaus gemüthlich und gleichſam ein Herz und eine Seele mit den Indianern, denen er alle möglichen guten Dinge verſprach. Er wollte ihnen einige Säcke Samengetreide liefern, damit ſie mit der Beſtellung des Bodens ſofort einen An⸗ fang machen könnten und er gab ihnen als praktiſcher Landwirth ſogleich eine Menge Rathſchläge, wie ſie die Sache am Beſten an⸗ fangen ſo Nath bed unterweiſe Aber nicht aus Endli rückzukehre aus der Indianer, feigt, geg finden. Der von dem „G00 von dieſen dann aue würden, es doch l ſich iſt Wort hal „Wa ſteckt urſy muß, um über als nicht und wenn au mit ihnen zum Ertr 119 fangen ſollten. Er ſagte ihnen ferner, wenn ſie wegen Etwas Rath bedürften, ſo ſollten ſie nur zu ihm kommen, er wolle ſie unterweiſen. Aber des guten Mannes Gemüthlichkeit brachte die Indianer nicht aus ihrer ruhigen, ſtolzen Gemeſſenheit. Endlich trennten ſich die Weißen, um zu ihren Gefährten zu⸗ rückzukehren. Sie nahmen das Mädchen mit ſich, das die Indianer aus der niedergebrannten Farm entführt hatten, und der junge Indianer, dem es zugeſprochen geweſen, und der anfangs Luſt ge⸗ zeigt, gegen dieſe Fortführung zu proteſtiren, mußte ſich hinein⸗ finden. Der Abſchied von den Indianern war ſehr freundſchaftlich, von dem Maſter Edmond ſehr herzlich; Abel ſagte zu ihm: „Goddam, Maſter, ich zog mit dem Vorſatze aus, recht viel von dieſen Rothhäuten niederzuſchießen, wenn ich gleich wußte, daß dann auch ein Paar meiner Nachbarn und Freunde drauf gehen würden, denn dieſe rothen Kerls vergeſſen ſchwer; aber nun iſt mir es doch lieber, daß kein weiteres Blut gefloſſen und nun doch Aus⸗ ſicht iſt, daß wenigſtens hier Ruhe wird. Wenn die Kerls nur Wort halten.“ „Warum denn nicht,“ entgegnete Edmond.„In dieſem Volke ſteckt urſprünglich ein guter Kern, der nur richtig behandelt werden muß, um zur ſchönen Pflanze zu gedeihen. Zeigt Euch ihnen gegen⸗ über als Freunde, als Menſchen, als Chriſten, übervortheilt ſie nicht und ſchont ihre Nationaleigenthümlichkeiten und mit der Zeit, wenn auch nur langſam, wird doch eine nachhaltige Umwandlung mit ihnen vorgehen. Flößt ihnen nur erſt Liebe zu ihrem Beſttze, zum Ertrage des eigenen Fleißes ein, und ſie werden auch fried⸗ fertig werden.“ Abel und Jonathan und deren Gefährten verſprachen Alles und dann trennten ſich die Männer, die vier weißen Männer zogen mit dem Mädchen fort, ihren Gefährten den Erfolg ihrer Verhandlungen zu verkünden und dann den Heimweg anzutreten. Auch Edmond dachte nun daran, das Lager der Indianer zu verlaſſen und mit den durch ſein Erſcheinen Geretteten ſich auf den Heimweg zu machen, allein die Indianer luden ihn ſo dringend ein, noch zu bleiben, daß er ſich dazu entſchloß, und er that dieſes um 120 ſo lieber, als er nun mit Ruhe ſich mit Abert und Valentin be⸗ ſprechen konnte. In Geſellſchaft des Trappers, der im Lager geblieben, Valen⸗ tin's und Albert's lagerte ſich Edmond in dem Zelte, welches Chiaha⸗ Walla ihm als Quartier angeboten hatte und vor dem ein kleines Feuer brannte, das das Innere des Zeltes erhellte. Bei dieſem Feuer lagerte ſich das Gefolge Edmond's, während die Indianer ſich nach und nach in ihren Zelten verloren, dort der Nachtruhe ſich hinzugeben. Albert erzählte nun Edmond die Art und Weiſe, wie deſſen Sohn gefunden, mit kurzen Worten, dabei verſichernd, er werde ſeinen Mittheilungen mehr Ausführlichkeit geben, wenn ein ruhiger Ort gefunden ſei. Edmond hörte aufmerkſam zu. „Wohl,“ ſagte er,„durch dieſes Wiederfinden meines todtge⸗ glaubten Sohnes giebt Gott mir einen Beweis, daß meine Ver⸗ meſſenheit, in der ich einſt das Richteramt über die Sünden meiner Mitmenſchen mir anmaßte, geſühnt iſt. Ich werde mit Euch nach Europa zurückkehren, meinen Sohn zu umarmen und ihn dann mit mir zu nehmen. Graf Monte⸗Chriſto, der bis heute todt war für die Welt, ſoll noch einmal aufleben um ſeines Sohnes willen.— Noch einmal beginne der Gang über das Welttheater.“ Ein Ruf des Mohren unterbrach das Geſpräch. „Der Himmel röthet ſich!“ rief jetzt Ali wieder. Edmond und der Trapper erhoben ſich und traten aus dem Zelte. Sie ſahen ſogleich, daß Ali richtig geſehen hatte, denn eine dunkle Röthe war an einem Theile des Himmels erſchienen, die ſich bald ausbreitete, bald zuſammenzog, aber einen ziemlichen Raum des Horizontes einnahm. Die Sterne ſchimmerten in weißlichem Lichte durch dieſe Röthe. Albert und Valentin waren gefolgt, und Erſterer rief bei dem Anblicke der Röthe überraſcht: „Ein Nordlicht!“ Aber der Trapper ſchüttelte den Kopf und ſagte: „God dam! wenn das ein Nordlicht iſt, ſo will ich mich auf der Stelle ſpießen und am Feuer da braten laſſen!— Entweder 1 ſſt da wied eennt ein „E ſeigt der das Gras Der brummte v Nuthwilen er die han ez dort dr der auch „Und und begab Dieſe ermüdet f der Trayn dann folg blieb noch Sinr ließ er de ſchwach ſe und ſein blanken die Siche amt nich Edn ſie einen neuer, a keiner W gehoben. In des Lage unterhalt ſich abhe ſorgen, ſie eine 121 iſt da wieder eine Dummheit oder eine Teufelei vorgefallen und es brennt ein Wald, oder eine Prairie, oder auch Beides zugleich!“ „Es wird ein Wald ſein,“ ſagte Edmond,„bei Prairiebränden ſteigt der Feuerſchein nicht ſo hoch; auch iſt in jetziger Jahreszeit das Gras noch zu ſaftig, als daß es ſo leicht brennen ſollte.“ Der Trapper gab dieſer Meinung ſeine Beiſtimmung und brummte verſchiedene verdrüßliche Bemerkungen über Unvorſicht oder Muthwillen, die den Brand verurſacht haben könnten. Dann hielt er die Hand in die Höhe, prüfte den Wind und meinte dann: wenn es dort drüben auch ſo windſtill ſei, wie hier, ſo werde der Brand, der auch nicht ſo groß ſcheine, keine beſondere Ausdehnung erlangen. „Und hier können wir ganz ruhig ſchlafen,“ ſchloß der Trapper und begab ſich in das Zelt zurück. Dieſem Beiſpiele folgten auch die Anderen, und da ſich Alle ermüdet fühlten, ſo kam auch keine Unterhaltung mehr in Gang; der Trapper wickelte ſich zuerſt in ſeine Decke und verſank in Schlaf, dann folgten Albert und Valentin ſeinem Beiſpiele. Nur Edmond blieb noch wach. Sinnend ſchaute Edmond vor ſich nieder und nur bisweilen ließ er den Blick hinausſchweifen vor das Zelt, wo das Feuer noch ſchwach fortbrannte, an dem ſein Gefolge gelagert war. Bertuccio und ſein Gefährte ſchliefen, nur der treue Ali wachte noch, den blanken Säbel neben ſich gelegt. Der Mohr war es gewohnt, für die Sicherheit ſeines Herrn zu wachen, und ließ ſich dieſes Ehren⸗ amt nicht nehmen. Edmond mahnte Ali, auch zu ſchlafen; er erinnerte ihn, daß ſie einen weiten Ritt gemacht und ihnen bei Sonnenaufgang ein neuer, angeſtrengter Ritt bevorſtehe; übrigens bedürfe es hier nun keiner Wache, denn ſie ſeien in dem Kreiſe der Indianer gut auf⸗ gehoben. In der That wachten auch einige Indianer. Das in der Mitte des Lagerplatzes brennende Feuer ward von ein paar Indianern unterhalten, deren dunkle Geſtalten von dem rothlodernden Feuer ſich abhoben. Sie hatten für die Sicherheit der Schlafenden zu ſorgen, eine Maßregel, die wohl dadurch hervorgerufen wurde, daß ſie eine zahlreiche Schaar weißer Männer in der Nähe wußten, mit 122 deren Führern ſie zwar die Friedenspfeife geraucht hatten, vor denen ſie ſich aber doch nicht ſo ganz ſicher halten mochten. Edmond überblickte Alles, dann ſenkte er ſeine Augen wieder zur Erde und ſein ganzes Leben mit den ſtets wechſelnden bunten Bildern zog an ihm vorüber. Manche dieſer Bilder waren licht und freundlich, andere Bilder hingegen waren düſter, abſchreckend. Endlich hob Edmond ſeinen Blick wieder zu den Sternen, als wolle er in denſelben leſen, was ſein Schickſal von nun an ſein werde, und dann ſprach er mit entſchloſſenem Tone vor ſich hin: „Es ſei! Graf Monte⸗Chriſto lebe neu auf. Von morgen an möge die Welt es erfahren, wer Maſter Edmond iſt!“ Dann hüllte auch Edmond ſich in ſeine Decke und verſank in Schlaf. Durch das ganze Lager der Indianer herrſchte Ruhe. Tdhau und ſowebte. Büffel zu der 7 Himmels u Norgenſtet bin Wölkch Doch I hafte Woll dieſer Wol Stelle, wo Brand mu An de Auch ung, wie ſchon früh dazu, denn Graf Willen wie Albert un nun wiede Ali, Peerde be hinter der Aber Der erſte Keiegerſch Neuntes Kapitel. Der Waldbrand. Der Morgen war angebrochen und die zarte, blaue Farbe des Himmels verkündete einen heiteren, aber auch warmen Tag. Der Morgenſtern, immer ſchwächer glänzend, ſtand am Himmel, an dem kein Wölkchen aufſtieg. Doch ja, dort über der Waldung ſchwebte eine dunkle, nebel⸗ hafte Wolke, bald ſich hebend, bald ſich ſenkend, die unteren Ränder dieſer Wolke ſchienen geröthet, aber nur noch ſchwach. Es war die Stelle, wo man während der Nacht den Feuerſchein geſehen. Der Brand mußte alſo noch fortdauern. An den Grashalmen, an dem Laube der Bäume glänzte friſcher Thau und da und dort erhob ſich ein Vogel von ſeinem Lager und ſchwebte Nahrung ſuchend über der Erde hin. Auch im Lager der Indianer war bereits Leben und Beweg⸗ ung, wie in der Regel alle Naturkinder hatten ſich die Rothhäute ſchon früh erhoben. Heute hatten ſie auch beſondere Veranlaſſung dazu, denn die Gäſte hatten ſich zeitig zum Aufbruche bereitet. Graf Monte Chriſto— wie nun Maſter Edmond nach ſeinem Willen wieder hieß— ſaß ſchon hoch zu Roß, neben ihm der Trapper, Albert und Valentin, die mit den aus der Farm entführten und nun wieder zurückgeſtellten Pferden beritten gemacht waren. Ali, Bertuccio und der andere Diener hatten gleichfalls die Pferde beſtiegen und hielten, des Signals zur Abreiſe gewärtig, hinter den Herren. Aber auch noch andere Geſellſchafter hatten ſich eingefunden. Der erſte war Chiaha⸗Walla, der Häuptling, der in ſeinem vollen Kriegerſchmucke auf ſeinem kleinen Roſſe ſaß, das geübt war, die Büffel zu jagen und in ſchnellem Fluge die Prairie zu durchfliegen, 124 aber nie auf Kriegszügen gebraucht wurde, da der Indianer dieſer nördlichen Stämme ihre Kriegszüge am liebſten zu Fuß abmachen. Noch zwei Indianer, gleichfalls in vollem Kriegerſchmucke, hatten ſich dem Häuptlinge angeſchloſſen, ihn zu begleiten, und ſie hatten gleichfalls Roſſe beſtiegen, auf denen ſie ſich ſehr ſtattlich ausnahmen. Chiaha⸗Walla hatte es ſich durchaus nicht nehmen laſſen wollen, Edmond,„den großen Medizinmann“, der zwiſchen den Bleich⸗ geſichtern und den rothen Männern auf ſo geſchickte Art den will⸗ kommenen Frieden hergeſtellt, und Alles, was zwiſchen beiden Theilen bisher vorgefallen war, in das Meer der Vergeſſenheit geſenkt hatte, wenigſtens auf einen Theil ſeines Weges das Geleit zu geben und ihm als Führer und auch— ſo es Noth thäte— als Beſchützer zu dienen, obgleich ihn ſowohl Edmond, als der Trapper verſichert hatten, daß ſie die Wege genügend zu finden wiſſen würden, ſie auch an keine weitere Gefahr glaubten. „Chiaha⸗Walla ſpricht: der Wirth giebt ſeinem Gaſte das Ge⸗ leite, und wacht über den Gaſt, auf daß ſein Fuß ſich an keinen Stein ſtoße.“ Da hatte Monte Chriſto ſich nicht mehr des Indianers Be⸗ gleitung widerſetzt. Der geſammte im Lager anweſende Stamm, die Krieger, die Greiſe, die Frauen und die Kinder, war gleichfalls ſchon munter, er hatte ſich um die zur Abreiſe Gerüſteten verſammelt, um von ihnen, namentlich von Edmond Abſchied zu nehmen, den ja Alle mit eben ſo vieler Scheu als Ehrfurcht betrachteten. „Gedenket der Worte, die ich zu Euch ſprach und lebet in Frieden mit Euren Nachbarn, ſei ihre Haut auch weiß oder roth gefärbt!“ rief Monte Chriſto von ſeinem Roſſe herab nach den Ver⸗ ſammelten mahnend zu. „Wir wollen es!“ klang es faſt einſtimmig zurück. Dann gab Monte Chriſto das Zeichen zum Aufbruche, Chiaha⸗ Walla ſtieß einen gellenden Schrei aus und raſch trabten nun die Roſſe in den thaufriſchen Morgen hinein. Lange klangen die Abſchiedsrufe der zurückbleibenden Indi⸗ aner den Fortziehenden noch nach, bis ſie dieſelben aus den Augen verloren hatten. Als der Ruf der Indianer verklungen war, fühlten ſich Morcerf und Valent nun erſ, al DIdee ſo grin ſaher, fühll daß, ſo la I noch nicht docj nocj i Stunde auf Sie ka wußt haben weſend war dianern he raucht hatt ein Haar Mont ausſptache die Gewo keine ähnl Als tiefer im hatte mit zu fragen auch dem ſchenkte, Indianer inne hiel Der häuptling gehabt he beide Me blieb da ſeinen de Der bahnten Indianer nicht nu nach der dieſer achen. hatten hatten uhmen. wollen, Bleich⸗ t wil⸗⸗ heilen hatte, en und ſchützer rſichet n, ſi as Ge⸗ keinen †s Be⸗ er, die nunter, m von ſa Alle bet in er roth n Ver⸗ chiaha⸗ un die Indi⸗ Augen forcerf 125 und Valentin denn doch recht froh und um Vieles erleichtert, denn nun erſt, als ſie die vielen rothhäutigen, bunt bemalten Geſtalten, die ſo grimmig nach ihrem Leben verlangten, nicht mehr vor ſich ſahen, fühlten ſie ſich vollſtändig ſicher. Sie geſtanden ſich jetzt erſt, daß, ſo lange ſie in dem Lager der Indianer geweſen, ſie immer noch nicht ſo ganz ohne Beſorgniß geweſen, dieſe Burſchen könnten doch noch ihre friedfertigen Geſinnungen bereuen und noch in letzter Stunde auf eine Hinterliſt gegen ſie ſinnen. Sie kannten eben dieſe Nation zu wenig, ſonſt würden ſie ge⸗ wußt haben, daß jetzt Jeder der Indianer, der in dem Lager an⸗ weſend war, für ſie, mit denen ſie die Friedenspfeife, das den In⸗ dianern heiligſte Symbol der Freundſchaft und der Eintracht, ge⸗ raucht hatten, das Leben laſſen würde, ehe ſie zugeben, daß ihnen ein Haar gekrümmt. Monte⸗Chriſto, dem ſie in franzöſiſcher Sprache ihre Gedanken ausſprachen, lächelte darüber und gab ihnen nähere Erklärung über die Gewohnheiten der Indianer, welche unter ſolchen Umſtänden keine ähnliche Befürchtung aufkommen ließen. Als die Sonne ſich hob, befand ſich die Reiſegeſellſchaft ſchon tiefer im Walde und ritt heiteren Muthes dahin. Monte⸗Chriſto hatte mit Albert und Valentin ſo Vieles zu ſprechen und ſo Vieles zu fragen, daß er auf ſeine übrige Begleitung wenig achtete, und auch dem Wege, den er dahin zog, keine weitere Aufmerkſamkeit ſchenkte, die auch gar nicht nöthig war, da der Trapper und der Indianerhäuptling ſchon dafür ſorgten, daß ſie die rechte Richtung inne hielten. Der Trapper hingegen, der allen Groll gegen den Indianer⸗ häuptling vergeſſen hatte, obwohl derſelbe ſo böſe Abſichten mit ihm gehabt hatte, unterhielt ſich mit demſelben ſehr angelegentlich, und beide Männer fanden immer Stoff zur Unterhaltung. Der Indianer blieb dabei ſehr ernſt, wie immer, der Trapper hingegen zeigte ſtets ſeinen derben Humor. Der Zug ritt durch den Urwald, wo es allerdings keine ge⸗ bahnten Pfade gab, allein unter Führung des Trappers und des Indianers waren ſolche Pfade auch nicht nöthig, denn ſie wußten nicht nur ſtets die rechte Richtung nach dem Stande der Sonne, nach der Bemooſung der Baumſtämme und ähnlicher Kennzeichen 126 zu finden, die das Auge des gewöhnlichen Wanderers gar nicht be⸗ achtet, ſondern ſie wußten auch immer die Wege zu finden, auf denen die Pferde am leichteſten und ohne viel ermüdet zu werden fortkommen konnten. So ging der Zug faſt ſtets in Gründen hin, zwiſchen rieſigen Bäumen hindurch, Hügel nur dann überſteigend, wenn dieſelben nicht zu vermeiden waren. Mehrere Stunden waren die Reiſenden ſchon fortgezogen, doch ohne ſich ſehr zu beeilen. Das Geſpräch, welches Monte Chriſto mit den beiden Freunden unterhielt, ließ ſich eben am bequemſten beim langſamen Fortreiten führen. Endlich hatte man am Ufer eines Baches eine Stunde geruht, die Pferde hatten behaglich in dem ſaftigen Graſe geweidet, ſich an dem klaren Waſſer erfriſcht und waren nun zur Weiterreiſe gekräftigt. Weiter ging nun der Ritt und jetzt mußte der Zug einen höheren Hügel erſteigen. Als die Reiſenden dieſen Hügel erſtiegen hatten, ſtrich ihnen ein ſtärkerer Luftzug entgegen, von dem ſie im Thale nichts gemerkt hatten, und dieſer Luftzug trug ihnen zugleich einen auffallenden, brandigen Geruch entgegen. Eine Ausſicht war von hier oben nicht, da rieſige Bäume mit wucherndem Unterholze den Hügel und ſeine ganze Umgebung bedeckten; nur der Himmel ſchimmerte durch die Belaubung der Wipfel. Aber dieſes ſichtbare Blau war jetzt nicht mehr ſo klar und rein, wie vorher. Nicht nur der Trapper und der Indianerhäuptling waren durch den Geruch aufmerkſam geworden, ſondern auch der Graf Monte Chriſto. Monte Chriſto warf einen Blick auf die Indianer. Dieſe waren ſtets neben einander geritten und zogen mit weit geöffneten Nüſtern den Geruch ein. „Dieſer Geruch bedeutet nichts Gutes!“ ſagte Monte Chriſto. 1 „God dam, nein,“ entgegnete der erfahrene Trapper,„gar nichts Gutes. Der Waldbrand, deſſen Schein wir geſtern Abend und heute früh ſahen, hat Fortſchritte gemacht und nun drehte ſich der Wind, ohne daß wir es gemerkt haben, da unten in den Gründen, der Wind treibt das Feuer in ganz anderer Richtung als erſt.“ t „Hie „Gat die Frage „Ddas Fe Segeln. 155 prüfend u „Um „und bei ſein.— jener Str Feuer zu wir viell „Wa „Wi Er n Chia gedrängt ihre Auge Geruchso zuziehen, Der die Sach Ernſte, Flamme würden beſonder⸗ finden un anders n ſtand lei Die fahr in dieſer B, Der eine Stu eien u iit be en, auf werden rieſigen ieſelben en, doch iſto mit en beim geruht, ſich an käftigt. g einen e waten Nüſtern 127 „Hierher?“ fragte Albert. „Ganz natürlich,“ entgegnete der Trapper, faſt lächelnd über die Frage, die ihm bei der Sachlage ſehr unnöthig zu ſein ſchien. „Das Feuer läuft von dem Winde, wie das Schiff mit vollen Segeln.“ „Es ſcheint nicht mehr ſo weit,“ ſagte jetzt Monte Chriſto, der prüfend um ſich und über ſich geſchaut.„Es iſt Rauch vorhanden.“ „Um uns und noch mehr über uns,“ beſtätigte der Trapper, „und bei meiner armen Seele, das Feuer mag ſo fern nicht mehr ſein.— Der Rauch wird ſtärker.— Jetzt denke ich daran!— Auf jener Strecke ſteht viel Nadelholz, das iſt harzig genug, um ſchnell Feuer zu fangen. Das Feuer wird raſch vorrücken, ſchneller, als wir vielleicht denken.“ „Was iſt da zunächſt zu thun?“ fragte Monte Chriſto. „Wir werden es gleich ſehen,“ entgegnete John. Er wandte ſich nun zu den Indianern. Chiaha⸗Walla und ſeine Gefährten hatten ihre Pferde zuſammen⸗ gedrängt und hielten dicht neben einander. Aber ſie ſchwiegen; nur ihre Augen ſchauten forſchend bald über ſich, bald vor ſich, und ihre Geruchsorgane ſchienen ſehr eifrig beſchäftigt, den Rauchgeruch ein⸗ zuziehen, der in der That immer bemerklicher wurde. Der Trapper fragte den Häuptling nach ſeiner Meinung über die Sache und dieſer entgegnete mit ſeinem gewöhnlichen ruhigen Ernſte, daß er gleich dem Trapper glaube, der Wind werde die Flamme auf gefährliche Weiſe anfachen und die Flammen ſelbſt würden in dem harzigen Holze, das auf dem nächſten Waldgebiete beſonders häufig wachſe, ſehr reiche und leicht feuerfangende Nahrung finden und dadurch werde das Feuer ſchneller vorwärts rücken, wenn anders nicht Striche von Laubbäumen, die dem Feuer mehr Wider⸗ ſtand leiſteten, daſſelbe aufhalten würden. Die nächſte Frage war nun, wohin ſich wenden, um der Ge⸗ fahr, in den Bereich des Feuers zu gerathen, zu entgehen, und an dieſer Berathung nahm auch der Graf Theil. Der Trapper war der Anſicht, man möge lieber wenden und eine Stunde zurückreiten, dann würde ſich Gelegenheit finden, auf einem Umwege, und ohne durch das Feuer in Gefahr gebracht zu 5 128 werden, das Ziel zu erreichen; auch Monte Chriſto ſchien dieſer An⸗ ſicht ſich zu neigen. Allein Chiaha⸗Walla und ſeine beiden Gefährten fanden dieſen Vorſchlag nicht geeignet und der Erſtere meinte, wenn die Wind⸗ richtung bleibe wie jetzt, ſo ſei zu fürchten, daß das Feuer ſchneller ſein dürfe als ſie, denn eben in jener Richtung befänden ſich große Strecken Nadelholz, die ohne Zweifel raſch von dem Feuer über⸗ flogen ſein würden. Er ſchlug dagegen vor, lieber vorwärts zu reiten, da würden ſie bald ein paar kahle Hügel finden, auf denen ihnen, wenn ſie bis dahin doch von dem Feuer ereilt würden, daſſelbe weniger ſchaden werde; hinter den Hügeln aber befinde ſich ein kleiner See mit ſeichten Uferſtrecken und kleiner Inſel, erreichten ſie dieſen, ſo würden ſie ſich als geſichert betrachten können. Der Trapper wollte einige Einwendungen machen, aber die Indianer hielten an ihrer Anſicht feſt, und Monte Chriſto ſtimmte ihnen endlich bei, indem er ſagte: er ſei vollkommen überzeugt, daß ſeine Freunde, die Rothhäute, welche den Urwald doch genügend kennen müßten, den beſten Ausweg wählen würden. Ueber dieſe Berathung war längere Zeit vergangen und jetzt begannen ſich beunruhigende Zeichen zu melden, denn die Pferde verriethen mehr und mehr eine ſeltſame Unruhe. Sie hoben die Köpfe gegen den Wind, ſchnaubten, witterten, ſtampften die Erde mit ihren Hufen und zeigten Neigung, den Platz zu verlaſſen. „Die Gefahr naht,“ ſagte Monte Chriſto.„Die Pferde wittern ſie. Es wird Zeit, dieſen Ort zu verlaſſen.“ Allerdings wurden die Zeichen auch beunruhigend. Das Blau des Himmels zeigte ſich immer mehr ſchwärzlich überzogen und dieſer Flor war bald dichter, ſo daß der Himmel ſchwarzgrau erſchien, bald wieder dünner, das Blau hindurchſchimmern laſſend. Selbſt über die Sonne zog bisweilen ein flüchtiger Schleier. Der Wind war im Zunehmen und von Zeit zu Zeit hauchte es zwiſchen den Stämmen der Bäume beſonders warm hindurch. Dabei trug der Wind von Ferne ein immer vernehmlicher werdendes Geräuſch zu den Ohren der Reiſenden. Es war ein ver⸗ ſchwimmendes Praſſeln und wie ein Gemiſch von Stimmen der verſchiedenſten Art, bald wie ein Heulen, ein Brüllen, dann ein Dröhnen, war noch das geübte jnes Ger Der „Chic uns in jer Sofor wätts und ſolgten ihr ihren Sch wenn die; licheit ſch ihnen von fliehen. der oft mit Nankengen ſchon hal deshalb k Die Köpfe ime immer g. die Bode mußten; Dal den Reiſ dann ab Geräuſch oder Gei dahin. Alb mehr un zu bedeu Rul „d. Weiſe be Monte wittern as Blau a dieſer erſchien, Selbſt hauchte durch. imlicher ein ver⸗ men der ann ein 129 Dröhnen, bisweilen ſogar wie ein dumpfes Krachen. Aber Alles war noch fern, noch unbeſtimmt, verſchwimmend, ſo daß wohl nur das geübteſte Ohr annähernd beſtimmen konnte, woher dieſes oder jenes Geräuſch ſeinen Urſprung hatte. Der Häuptling erhob ſeine Stimme und rief: „Chiaha⸗Walla ſagt: eilen wir, denn der große Geiſt warnt uns in jener Stimme und das Feuer läuft raſcher, wie ein Roß.“ Sofort lenkte er ſein immer unruhiger werdendes Pferd ſeit⸗ wärts und ritt auf dem Kamme des Hügels fort. Die Andern folgten ihm und die Pferde beſchleunigten ohne Zuthun der Reiter ihren Schritt; ſie würden ſich ſelbſt in ſchnellen Lauf geſetzt haben, wenn die Zügel ſie nicht zurückgehalten hätten. Eine gewiſſe Aengſt⸗ lichkeit ſchien ſich der Thiere bemächtigt zu haben; ihr Inſtinkt ſagte ihnen von der nahenden Gefahr und ſie ſtrebten, derſelben zu ent⸗ fliehen. Der Kamm des Hügels zog ſich lang hin; er war ſehr uneben, oft mit Steinblöcken beſäet, mit auf dem Boden hinkriechenden Rankengewächſen überzogen, oder durch niedergebrochene und wohl ſchon halb verfaulte Baumſtämme, oder durch Aeſte bedeckt, und deshalb konnten die Reiter nur langſam vorwärts kommen. Die Pferde wurden dabei immer unruhiger, ſie wandten die Köpfe immer häufiger ſeitwärts, ſchnaubten und witterten und zeigten immer größere Neigung, ihren Gang mehr zu beſchleunigen, als es die Bodenbeſchaffenheit eigentlich erlauben wollte, und die Reiter mußten ſehr Acht haben, um die Roſſe in ihrer Gewalt zu behalten. Dabei mehrten ſich die warmen Luftſtröme, und der Wind trug den Reiſenden einen brandigen Rauchgeruch zu, der ſich erſt ſchwach, dann aber immer mehr bemerklich machte. Jenes ſchon erwähnte Geräuſch dauerte fort, und in der Luft flohen unter lautem Geſchrei oder Gekrächz ſchnellen Fluges bald einzeln, bald truppweiſe Vögel dahin. Albert und Valentin, durch die allgemeine Unruhe endlich auch mehr und mehr beunruhigt, fragten Monte⸗Chriſto was das Alles au bedeuten habe und was nun noch werde. Ruhig entgegnete der Gefragte: „Die Thiere ahnen die Gefahr und ſuchen ſich derſelben kluger Weiſe bei guter Zeit zu entziehen, aber der Menſch darf nicht blind⸗ Monte Chriſto's letzter Weltgang. 9 130 lings fliehen, er muß berechnen, damit er, indem er der Gefahr zu entfliehen hofft, nicht aber derſelben in Rachen läuft.— Vertrauen wir uns ruhig den Indianern an, denn dieſe Leute ſind in ſolchen Fällen vermöge ihrer Vertrautheit mit allen Erſcheinungen des Ur⸗ waldes, die beſten Führer und wiſſen da bis auf das Kleinſte jede Vortheile klug zu berechnen und zu benutzen.— Ich halte es jetzt für ein Glück, daß die Indianer darauf beſtanden, uns zu begleiten.“ Der völlig unbeſorgte Ton, mit welcher der Graf ſprach, ließ auch in den beiden Freunden keine weitere Beſorgniß mehr auf⸗ kommen. Endlich war das Ende des Hügelkammes erreicht und es ging bergab einem Grunde zu. Das Hinabreiten an dem ziemlich ſteilen Abhange war ſchwierig, aber es lief doch glücklich ab, zudem während deſſelben die Pferde etwas beruhigt erſchienen, denn weder der heiße Luftſtrom, noch der Brandgeruch konnten ſich auf dieſer Hügelſeite ſo bemerklich machen, aber das Geräuſch dauerte noch fort. Unten angekommen, zeigte ſich ein zum größten Theil mit Nadel⸗ holz bewachſener weiter Grund, durch den ein Bach ſich ſchlängelte. Der Boden war zwar mit niedrigem Strauchwerke, Rankengewächſen und hohen Pflanzen zum Theil bedeckt, aber doch ſo ziemlich eben. „Nun ſchnell vorwärts!“ rief der Trapper, der die Bewegung auf ſolchem Terrain ſchon gewohnt war. Chiaha⸗Walla ſtieß einen gellenden Schrei aus, hob die eine Hand in die Höhe und gab ſeinem Pferde Zügelfreiheit. Sofort griff auch ſein Roß aus, durchbrach das Geſträuch, trat die Pflanzen nieder und ſtürmte vorwärts. Die anderen Reiter folgten, ſo gut es gehen wollte, ſahen ſich aber oft genug veranlaßt, der Eile der Roſſe Einhalt zu thun, da⸗ mit ſie nicht gegen die Bäumſtämme ſtürmten, oder von den niedrig gehenden Aeſten beſchädigt würden. Die Bäume traten ſtellenweiſe ſehr dicht zuſammen, und das Unterholz wurde hoch. Immer wieder aber zeigte der Indianerhäuptling ſein Talent in Auffindung der beſten Wege und ſchon von Weitem unterſchied er, wo es ſich am beſten werde durchkommen laſſen. Chiaha⸗Walla war zunächſt nur darauf bedacht, die Strecken, wo Nadelgehölz ſtand, ſchnell hinter ſich zu haben, denn er wußte aus Erfahrung, daß dieſe Bäume das Feuer ſchnell fortpflanzten. Oef die Farb die Stra der inde artig zu Der geruch w die mächt keinen D bemerkoc der Wan All und deſſ ung und de Fragen 1 „ immer liegt, i ſie riefe zur Wa 131 Oefter und öfter aber blickte Chiaha⸗Walla über ſich und prüfte die Farbe des Himmels. Das Blau war jetzt faſt ganz verſchwunden, die Strahlen der Sonne ſchienen gebrochen durch den Rauchflor herab, fahr zu ertrauen ſolchen des Ut. der indeſſen noch lange nicht dicht genug war, die Sonne wolken⸗ ſte jdee artig zu umhüllen. ds jetzt DDer warme Luftſtrom meldete ſich wieder und auch der Brand⸗ pleiten“.. geruch ward wieder deutlicher. Aber eine Ausſicht bot ſich nirgends, c, liß ddie mächtigen Stämme mit ihrer mannigfachen Veräſtung geſtatteten hr auf keinen Durchblick, ſo daß man nur aus den ſich auf andere Art 1 bemerkbar machenden Anzeichen ſchließen konnte, was dort hinter 8s ging ddeer Wand von Bäumen vor ſich gehen mochte. h leien Allein dieſe Anzeichen waren beunruhigend genug und nicht während nur für die Menſchen, ſondern auch noch mehr für die Thiere. er heiße„Werden wir doch noch von dem Feuer ereilt werden?“ ügelſeite Dieſes war die Frage, welche da und dort Einer der Reiter 1 an den Andern richtete.* it Nadel⸗ Auch Albert und Valentin ſtellten dieſe Frage bald an Monte⸗ längele. Chriſto, bald an den Trapper. ewächſen„Ich hoffe nicht,“ antwortete der Graf mit ſeiner gewöhnlichen ch eben. Ruhe und verwies dann immer darauf, daß ſie ja Chiaha⸗Walla ar und deſſen Gefährten bei ſich hätten und ſie ſich auf deren Erfahr⸗ gung 7 1 ung und Umſicht verlaſſen könnten. die eine Der Trapper aber entgegnete auf an ihn deshalb gerichtete Fragen gewöhnlich: ch, tait„Wir müſſen abwarten.— Ein Bischen warm könnte es noch immer werden, ſo daß wir keine Pelze brauchen.“ aben ſih Eine Stunde waren die Reiter ſo fortgezogen, und immer noch war dichter Wald um ſie, der Brandgeruch wurde eindringlicher, bu bisweilen war es ſelbſt, als ob der ſtärker wehende Wind Rauch⸗ ne eiſe wölkchen zwiſchen den Stämmen hindurchtreibe, das Praſſeln, das elenmei b ſeltſame Tönen ward immer deutlicher, nicht nur hinter den Reitern Talbet ließ es ſich vernehmen, ſondern auch ſeitwärts. chied Chiaha⸗Walla und ſeine Gefährten verriethen jetzt gleichfalls pier mehr Unruhe, ſo wenig dieſes ſonſt in der Gewohnheit der Indianer Strecken liegt, ihre Köpfe waren in beſtändiger Bewegung nach allen Seiten, 3 ſie riefen ſich bisweilen kurz abgebrochene Worte zu, Aufmunterung 35 zur Wachſamkeit enthaltend, und wo es ging, ließen ſie ihre Pferde 9* 13² raſch ausgreifen und flogen dann pfeilſchnell zwiſchen den Bäumen hindurch, über die hervorragenden Wurzeln und auf der Erde lie⸗ gende, abgebrochene Bäume hinwegſetzend. Aber die Dichtigkeit des Waldes und die Bodenbeſchaffenheit erlaubten ſolche ſchnelle Ritte nicht oft, und wenn die Reiter auf ſolche Weiſe eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, mußten ſie immer wieder die Eile mäßigen und die Pferde langſamer gehen laſſen. Horch, jetzt keuchte Etwas. Etwa ein Dutzend Wölfe der Urwälder kamen zwiſchen den Stämmen zum Vorſchein. Die Köpfe geſenkt, die Zunge lechzend aus dem geöffneten Rachen hängend, jagten die Beſtien vorüber und ſchienen die ſchnell vorwärts trabenden Reiter gar nicht zu beachten. Ein paar Augenblicke und die Wölfe waren zwiſchen den Bäumen verſchwunden. Noch ein paar Minuten und wieder praſſelte es. Dieſes Mal kam ein prächtiger Hirſch zum Vorſchein. Das mächtige Geweih auf den Rücken gelegt, floh das edle Thier dahin, dicht an dem Pferde Chiaha⸗Walla's vorüber und ſtürmte weiter zwiſchen den Rieſenſtämmen hindurch. Faſt gleichzeitig erſchienen auch einige Hirſchkühe, begleitet von mehreren Kälbern. Die großen hellen Augen dieſer Thiere ſprachen Angſt aus; ſie achteten gleichfalls nicht auf die Reiter, und flohen vorüber in die Tiefe des Waldes. Unter allen anderen Umſtänden würde die Jagdluſt der In⸗ dianer beim Anblicke der ihnen ſo nahe kommenden Thiere erwacht ſein und ſie würden ihre Flinten gebraucht haben. Aber jetzt dachten ſie nicht daran, oder doch nur daran, daß die eilige Flucht der Thiere ihnen ein Zeichen der Gefahr gäbe, die ihnen auch drohte, und der zu entgehen, ſie ſich anſtrengen müßten. „Das Feuer rückt vor!“ rief der Trapper.„Sehen wir, daß wir weiter kommen!“ Monte⸗Chriſto aber ſprach: „Droht der Zorn der entfeſſelten Elemente mit Verderben, da erliſcht die Feindſchaft der Thiere unter einander; kein Thier, ſelbſt das wildeſte nicht, denkt daran, das Leben des anderen Thieres zu bedrohen, es ſucht nur ſein eigenes Leben zu retten. Erſt wenn die gem Feindſch We geſtattete häufiger bald ent achteten Jet einander ſaftiger werke be ausgreift ſich ſogle ſträubten geſetzten Hufe ka kleinere, All Roſſe, e aus, die theils i dort ra fange h friſchem aus der fanden, D Wwar ſt geſtand, äumen de lie⸗ fenheit ſer auf immer aſſen. en den echzend dorüber icht zu Bäumen 8 Mal Geweih an dem den den tet von prachen flohen der In⸗ erwacht dachten cht der drohte, vir, daß rben, da er, ſelbſt hieres zu rſt wenn 133 die gemeinſchaftliche Gefahr vorüber iſt, da erwacht auch die alte Feiindſchaft wieder.“ Weiter ging der Ritt, ſo ſchnell es die Bodenbeſchaffenheit geſtattete. Das unheimliche Getöſe kam immer näher und immer häufiger ſah man jetzt Thiere vorübereilen, bald näher den Reitern, bald entfernter, Hirſche, Rehe, Füchſe, Wölfe, aber die Reiſenden achteten ſo wenig auf dieſelben, als die Thiere auf ſie. Jetzt endlich ward der Wald heller, die Bäume traten aus⸗ einander, bildeten mehr vereinzelte Gruppen, zwiſchen denen ſich ſaftiger Grasboden gebildet hatte, hier und da mit einigem Strauch⸗ werke beſetzt, und hier konnten die Pferde nun mit mehr Sicherheit ausgreifen. Die Reiter ließen die Zügel ſchießen, die Roſſe ſetzten ſich ſogleich in Galopp, und brauſend und ſchnaubend, mit ge⸗ ſträubten Mähnen und geſchwungenen Schweifen jagten die in Furcht geſetzten Thiere dahin und es ſchien, als berührten ſie mit flüchtigem Hufe kaum den Boden und als hätten ſie Flügel, wenn ſie über kleinere, ihnen in den Weg kommende Hinderniſſe hinwegſetzten. Allen voran war der Indianerhäuptling auf ſeinem flüchtigen Roſſe, er zeigte den Weg und ſtieß bisweilen weithinſchallende Rufe aus, die wie Befehle an ſeine Begleiter klangen. Immer wieder flüchteten die verſchiedenartigſten Thiere vorüber, bald näher, bald ferner den dahinjagenden Reitern. Immer mehr hellte ſich der Wald auf, die Baumgruppen traten noch weiter aus einander. Noch ein paar Minuten raſchen Rittes und die Reiter hatten eine Art Lichtung vor ſich. Aber dieſe Lichtung war von einer langgeſtreckten, faſt kahlen Höhe begrenzt. Auf der Lichtung, wie auf der Höhe und an deren Seiten ſtanden hier und da einige junge Bäume, theils einzeln, theils in Gruppen, oder auch Gruppen von Strauchwerk. Da und dort ragte noch ein mächtiger Baumſtumpf von bedeutendem Um⸗ fange hervor, abgeſtorben zwar, aber an ſeiner Außenſeite doch mit friſchem, grünen Mooſe bedeckt, während aus ſeinem Innern, und aus den Spalten Pflanzen, die dort Nahrung genug für ihre Wurzeln fanden, hervorwucherten. Dieſe Baumſtrunke, die ruinenartig ſichtbar wurden, waren zwar ſtumme, aber doch beredete Zeugen, daß hier einſt ein Urwald geſtanden, der vor mehreren Jahren durch einen Brand zerſtört ſein 134 mußte. Das Feuer war aber nicht mächtig genug geweſen, dieſe Rieſen des Waldes, die noch friſch und ſaftreich dageſtanden haben mochten, ganz zu verzehren, es hatte aber doch die Stämme getödtet, ſie theilweiſe verkohlt, und ſo waren ſie ſtehen geblieben als Ruinen des Waldes, vollends verwitternd und in ihrer Verwitterung neuer Vegetation Nahrung ſchaffend. Auf der ausgebrannten, nun mit Aſche kräftig gedüngten Ober⸗ fläche des Bodens aber hatte ſich ſchnell neuer Graswuchs gebildet, der Wind hatte Samen von Bäumen, Sträuchern und Kräutern herbeigetragen und auf den ausgebrannten Stellen ausgeſtreut, und dieſer Samen hatte gekeimt, gewurzelt und war kräftig aufgegangen, die Stätte der Zerſtörung mit neuer Vegetation überziehend. So zeigte es ſich, daß, wo die Natur vernichtet, ſie auch immer wieder das Vernichtete erſetzt, daß aus dem Tode neues Leben ſprießt. Wenn unterdeſſen der Anſiedler nicht mit Axt und Hacke kam, dann war in fünfzig Jahren die ganze Strecke wohl wieder mit kräftigſtem Walde bedeckt, der im Verlauf von weiteren fünfzig Jahren zum Urwalde ſich ausbilden konnte. Zu ſolchen Betrachtungen war aber für die Reiſegeſellſchaft jetzt keine Zeit, ſie hatte an ſich ſelbſt zu denken. Der Trapper deutete nach der Höhe. „Hinauf, hinauf!“ rief er. Gleichzeitig ſtieß der Häuptling ſeinen gewöhnlichen Schrei aus und jagte voran. 4 Vorwärts ging es dann in geſtrecktem Roſſeslaufe über die ebene Fläche und dann die hier ſanft ſich abdachende Höhe hinan. Einige Minuten raſenden Rittes und die Reiter befanden ſich oben. Laut wiehernd hielten die Thiere oben anz obgleich ſie alle Neigung zeigten, ſogleich auf der anderen Seite der Höhe hinabzu⸗ ſtürmen, ſo mußte man die ſchon über und über von Schweiß be⸗ deckten Thiere ein paar Augenblicke verſchnaufen laſſen, um ſie für den vorausſichtlich weiteren tollen Ritt kräftiger zu erhalten. Auch war es nöthig, daß ſich die Reiter von der Höhe aus, die einen verhältnißmäßig ziemlich freien Umblick gewährte, ſoweit man denſelben in einem Urwalde verlangen konnte, etwas über die Sachlage orientirten. Aber der Umblick war ſchauerlich. Der prächige einem bar am ähnlich, Glas erl Tages e Gra Reiſende Im güttel, h der ſich maſſen, das Feu Wolken Unten u auf ſtell den Wol die Raue zeigten ſ Rei heerende ſchon ül ganz v bald de kleinere von V Bäume D und bi einzeln glühen d ſchiene geſende hielten dieſe haben üdtet, ſuinen neuer Ober⸗ bildet, utern t und langen, immer prießt. ſe kam, er mit fünfzig ſſchaft reii aus ber die hinan. joben. ſiee alle inabzu⸗ eeiß be⸗ ſie für he aus, ſoweit ber die —— 135 Der Himmel, der früh ſo heiter, ſo klar, ſo wolkenrein in prächtiger Bläue auf die Erde herabgeſchaut hatte, war jetzt von einem Rauchſchleier überzogen. Wohl ſtand die Sonne noch ſicht⸗ bar am Himmel, aber nur als ſchwärzlich rother Ball, ohne Strahlen, ähnlich, wie man den Sonnenkörper durch ein durch Rauch geſchwärztes Glas erblickt, und dieſer Schleier gab dem leuchtenden Geſtirn des Tages ein todtes, freudloſes Ausſehen. Grauenhaft war die Ausſicht auf die hinter und ſeitwärts den Reiſenden befindlichen Waldung. Im Halbkreiſe am beſchränkten Horizonte zog ſich ein Feuer⸗ gürtel, hoch auf zuckten die röthlichen Flammen durch den Qualm, der ſich in dichten Maſſen über der Waldung lagerte. Die Rauch⸗ maſſen, ſo gewaltig entſtanden durch das viele friſche Holz, welches das Feuer verzehrte, wälzten ſich, vom Winde getrieben in dichten Wolken dahin, und ſie zeigten dabei die verſchiedenſten Farben. Unten waren die Rauchmaſſen von der Gluth geröthet, höher hin⸗ auf ſtellenweiſe von Gluth durchzuckt, die beſtändig wechſelte und den Wolken von Qualm die verſchiedenſten Formen gab, und während die Rauchwolken unten ſchwarzgrau, theilweiſe faſt ſchwarz waren, zeigten ſie oben hellere Farben. Recht deutlich konnte man das ſchnelle Vorſchreiten des ver⸗ heerenden Elements beobachten, denn aus dem Rauchmeere, welches ſchon über der vorliegenden Waldung lagerte und dieſelbe wo nicht ganz verhüllte, ſo doch umſchleierte, zuckten blitzesgleich bald da, bald dort Flammen empor, dort in gewaltigen Pyramiden, hier in kleineren, einzelnen Lichtern, je nachdem die Flamme ganze Gruppen von Bäumen auf einmal ergriffen hatte, oder ſie nur einzelne Bäume verzehrte. Dieſe Feuererſcheinungen drangen auffallend ſchnell vorwärts, und bisweilen dauerte es nur einige Minuten, dann waren dieſe einzelne Flammen zu einer einzigen rieſigen Feuergarbe, zu einer glühenden Wand vereinigt. Dieſe vorwärtsdringenden Flammen verſchiedener Größe er⸗ ſchienen faſt wie Tirailleure, von dem nachdringenden Heere aus⸗ ggeeſendet, das Terrain frei zu machen; oder auch erſchienen ſie, als hielten ſie über der Waldung einen wilden, irrlichtartigen Reigen. 136⁶ Aber dieſer Reigen verkündete der Waldung Vernichtung, Vernicht⸗ ung überhaupt allem Lebenden, was in Bereich dieſes Reigens kam. Das verheerende Element zehrte ſchnell und es ergriff Alles, was in ſeiner Bahn lag und was es verzehren konnte. Schneller noch als die Flamme war der Rauch, der von den Hauptmaſſen abgetrennt, in kleinen Wölkchen zwiſchen den Bäumen der noch unverſehrten Waldtheile hervordrang, Vorboten des auch über dieſen Theilen ſchwebenden Verhängniſſes. Hinter den Reiſenden dehnte ſich bereits eine lange Wand von Feuer und Qualm aus, zeigend, daß der Brand dort im raſchen Vorſchreiten begriffen war. Dieſe Wand bewies auch, wie richtig der Indianerhäuptling vermuthet hatte, wenn er ſagte, der Weg rückwärts würde für ſie der Weg des Verderbens ſein, denn eben dort mußten die Flammen ſehr gute Nahrung gefunden haben, das ſchnelle Vorſchreiten der⸗ ſelben ſprach dafür. Der Wind trieb die Flammen immer weiter. Aber im anderen Halbkreiſe lag die Waldung noch unberührt, ein grünes Meer in den verſchiedenſten Schattirungen, das in ſeinen Wogen erſtarrte. Auf dieſem grünen Meere lagerte in der Ferne noch der hellſte Sonnenſchein, ſo daß es gar freundlich und Hoff⸗ nung verkündend herüberleuchtete. War aber dieſer Sonnenſchein vielleicht der letzte, der ſich über der Waldung lagerte, wie der geſtrige Sonnenſchein der letzte geweſen, der die heute der Zerſtörung anheimgefallenen Waldtheile in ſeinem goldenen, warmen Lichte gebadet? War morgen vielleicht auch alle jene Baumpracht durch das heißhungerige Element in Aſche verwandelt oder verkohlt? Wer vermochte dieſes zu ſagen. Heiß wehte es von dem rieſigen Flammenheerde herüber nach der Höhe, auf der die Reiſenden hielten und das furchtbare Schau⸗ ſpiel überſchauten. Der Rauch zog umher wie ein dünner Flor, und ſein Geruch wurde beläſtigend. Der Wind trieb Aſchetheilchen herüber und ſelbſt Feuerfunken ſchienen bisweilen in der Luft zu ſpielen; doch war dieſes vielleicht nur Geſichtstäuſchung. Was den Anblick des grauſigen Schauſpiels noch grauſiger machte, war das von der Feuerſtätte herüberdringende unheimliche Tönen, es praſſelte und heulte in verſchiedenen Tonarten, und bis⸗ weilen lla glaubte da⸗ Seufzen, War gehenden! nichtung, jagten? Seitn ſich eine z Höhe war einiger E Auf Punkte, d der ander waren, fo Thiere, d Graſe der vetheerend Sow und dere bönnen, t erwachtu der Fäh⸗ Abe Ausruf „N. ſtruppige Stunden ernicht⸗ S kam. Ales, on den bäumen s auch iid von raſchen duptling für ſie ammen een der⸗ weiter. perührt, ſeinen Ferne d Hoff⸗ ch über r letzte ldtheile ch das er nach Schau⸗ 1 Ror, heilchen Luft zu rauſiger eimliche nd bis⸗ 137 weilen klang auch ein ſchwaches Krachen dazwiſchen; dann aber glaubte das Ohr auch wieder Klagelaute zu vernehmen, ein Stöhnen, Seufzen, banges Rufen. War dieſes der Klagegeſang des in ſeiner vollen Kraft unter⸗ gehenden Waldes und jenes das Siegesgeheul der Geiſter der Ver⸗ nichtung, die im Flammenmantel eingehüllt über die Erde hinweg⸗ jagten? Seitwärts der Höhe, auf der ſich die Reiter befanden, erhob ſich eine zweite und mit der erſteren zuſammenhängend. Auch jene Höhe war kahl, aber ſteiler als die erſte, wenigſtens ſchien es aus einiger Entfernung geſehen ſo. Auf dem Kamme dieſer Höhe erſchienen jetzt einige dunkle Punkte, die man ſofort als Biſons erkannte. Sie flohen ſofort auf der anderen Seite der Höhe hinab und noch ehe ſie verſchwunden waren, folgten ihnen ſchon andere Trupps. Eine ganze Heerde dieſer Thiere, die vielleicht bis zum letzten Augenblicke in dem ſaftigen Graſe der Waldblöße geweidet hatte, war auf der Flucht vor dem verheerenden Feuer begriffen. Sowohl der Indianer, als der Trapper beobachtete dieſe Thiere und deren Richtung, und im erſten Augenblicke hätte es ſcheinen können, trotz der nahenden Gefahr ſei die Jagdluſt in den Jägern erwacht und ſie beobachteten die Thiere deshalb ſo genau, um dann der Fährte zu folgen und das Wild zu beſchleichen. Aber dieſes war nicht der Grund der Beobachtung, des Trappers Ausruf zeigte dieſes ſofort. „Nichts kann uns gelegener kommen, als dieſe Heerde der ſtruppigen Dickköpfe!— Die ungeſchlachten Burſchen wittern auf Stunden das Waſſer, und ich will darauf wetten, ſie wiſſen ſo gut wie wir, daß das Waſſer das Feuer aufhält und ſie geborgen ſind, wenn ſie den See erreichen. Eilen wir und verfolgen wir die Fährte. Die Büffel ſind uns jetzt unſchätzbare Wegweiſer.“ Chiaha⸗Walla war ganz gleicher Meinung, er hob die Hand in die Höhe und ſtieß das Signal zum Abreiten aus. Man befolgte das Commando willig, und die Pferde ſetzten ſich mit großer Eile in die Bewegung, offenbar erfreut, daß ſie von der Stelle kamen. So ſchnell als möglich ritten die Reiſenden die Höhe hinab 138 und gelangten auch glücklich unten an. Ein breiter Bach floß hier, willkommen für die Reiter, welche ihre Pferde hier tränken wollten, ehe ſie weiter ritten, denn ſie ſahen wohl voraus, daß bei dem Weiterritte in der ſteigenden Hitze der Durſt die Pferde quälen und dadurch deren Kräfte zeitig erlahmen würde. Aber die Pferde ſchienen kaum zu bewegen zu ſein, nur flüchtig einiges Waſſer einzuſaugen, und dabei hoben ſie beſtändig die Köpfe, wanden ſie ſeitwärts und gaben alle Zeichen der Unruhe von ſich. Als die Pferde getrunken und dann den Bach durchſchritten hatten, ſetzten ſie ſich ſogleich unaufgefordert in Galopp und jagten vorwärts, bis eine von tiefen Waſſerfurchen durchzogene Strecke kam, und wieder zum Langſamreiten zwang. Nicht ohne Beſchwerde wurden dieſe Hinderniſſe überwunden, die Reiter hatten dabei eben ſo ſehr mit der Schwierigkeit der Paſſage, als mit der Unruhe der Pferde zu kämpfen, denn dieſelben wollten es lieber verſuchen, die Waſſerfurchen zu überſpringen, ob⸗ gleich es vorauszuſehen war, daß ihre Kräfte dazu nicht hinreichend ſein würden. Doch endlich waren dieſe Hinderniſſe überwunden und jenſeits der Furchen begann wieder hochſtämmiger Wald, aus Nadel⸗ und Laubholz gemiſcht.. Der Trapper warf einen Blick rückwärts und rief mit be⸗ ſorgtem Tone: „Das Feuer iſt hölliſch ſchnell. Die Hügel brennen.“ Auf dieſen Schreckensruf wandten ſich aller Augen nach rück⸗ wärts. Man ſah, daß der Trapper nur zu wahr geſprochen hatte. Das Feuer war mit raſender Schnelligkeit vorgerückt und die Lichtung zwiſchen Hügeln und Wald war nicht im Stande geweſen, den Fortſchritten Einhalt zu thun, überhaupt fand das Feuer auch hier Nahrung genug. Man ſah, daß der Kamm des Hügels mit ſeinem hohen, zum größten Theile trockenen Graſe, ſeinen Geſträuchern und einzelnen Baumgruppen in vollen Flammen ſtand. Das Feuer loderte in die Höhe, es lief blitzesgleich, nach allen Richtungen hin ſich ſchlängelnd, die Seiten der Höhen hinab und ſchon zuckten auch am Fuße der Höhen Flammen auf und wirbelte Rauch empor. „Vorwärts! vorwärts!“ rief es aus jedem Munde. Jeder nit ſolcher gand der ſhritten und dürren, ſchi ther ahmn Die ei de Reiſend falten würd der Wind Hinein lleine See die Büffel Am R über ſie w brauſend d Büffelheer indem ſie niedergeſte dieſem vo Aber zuſammen gewallig undurchd Reitern bar, abe durch un Roſſe. Wo nit ſich keiten d als zerſt einander hier, vollten, hei dem en und flüchig Küpfe, lon ſich. ſchritten jagten ſte kam, ſwunden, ſeit der dieſelben ben, ob⸗ reichend jenſeits del und mit be⸗ ach rück⸗ en hatte. und die geweſen, ter auch en, zum einzelnen ein die ingelnd, uße der 1 139 Jeder fühlte die Gefahr, die hier drohte, denn wenn das Feuer mit ſolcher Schnelle fortlief, ſo konnte es in wenig Minuten den Rand der Waſſerfurchen erreicht haben, die ſie ſoeben erſt über⸗ ſchritten und dieſe Furchen, deren Wandungen mit ſo vielem dichten, dürren, ſchilfartigen Graſe bewachſen waren, boten dem Feuer weit eher Nahrung als ein Hinderniß. Die einzige Hoffnung war jetzt, daß jener Bach, in welchem die Reiſenden ihre Pferde getränkt hatten, das Feuer etwas auf⸗ halten würde, ganz es zu hemmen, vermochte er freilich nicht, denn der Wind trieb die Flammen auch hinüber. Hinein ging es in den Wald. Hinter demſelben mußte der kleine See liegen, von dem die Indianer geſprochen und dem auch die Büffel zugeeilt waren. Am Rande des Waldſtriches ſtanden die Bäume noch vereinzelter, aber ſie waren mit vielem Geſträuche vermiſcht, welches die Pferde brauſend durchbrachen. Weiterhin fand ſich endlich die Spur einer Büffelheerde und dieſe gewaltigen Thiere hatten Bahn gebrochen, indem ſie auf ihrer wilden Flucht Geſträuch und hohe Pflanzen niedergeſtampft hatten. Den Roſſen war es deshalb geſtattet, auf dieſem vorbereiteten Pfade kräftig auszugreifen. Aber dieſes dauerte nicht ſehr lange, denn die immer dichter zuſammentretenden Bäume, deren Aeſte oft ſehr niedrig gingen, die gewaltiger aus dem Boden hervorragenden Wurzeln, das oft faſt undurchdringliche Geſtrüpp, das auf dem Boden wucherte, machte den Reitern Vorſicht zur Pflicht. Die Büffelbahn war zwar noch ſicht⸗ bar, aber dieſe Thiere waren leichter zwiſchen den Stämmen hin⸗ durch und disrch das Geſtrüpp gekommen, als ein Reiter mit ſeinem Roſſe. Worte wurden nicht mehr gewechſelt, denn Jeder war jetzt nur mit ſich und ſeinem Roſſe beſchäftigt, um glücklich die Schwierig⸗ keiten dieſes Waldes zu überwinden und da man nicht anders konnte, als zerſtreut reiten, ſo mußte man zugleich ſehen, nicht zu weit von einander abzukommen, denn in ſolcher Waldung war, wenn irgend eine Verwirrung unter der Geſellſchaft entſtand, eine Verirrung leicht möglich. Vielleicht war es, daß, um eine ſolche Verirrung zu vermeiden, der Häuptling jetzt häufiger ſeine Stimme hören ließ und laute, 140 gellende Rufe ausſtieß, welche zeitweiſe von den beiden anderen Indianern auf ähnliche Weiſe beantwortet wurden. Gar oft prüften aber auch die Indianer, der Trapper und auch Monte⸗Chriſto die Bäume in ihrer Umgebung und dieſelben ſchienen ihnen gar nicht zu gefallen, denn es waren mehrentheils mehr oder minder alte Nadelbäume, die reich mit Flechten und Mooſen bekleidet, zwiſchen den noch grünen Aeſten eine Menge dürrer zeigten. Mit dürren Aeſten und Zweigen war auch der Boden be⸗ deckt und da und dort ſtand ein halb oder ganz abgeſtorbener Baum. Wohl waren dieſes Zeichen, welche den vor dem Feuer Fliehenden lebhafte Beſorgniß einflößen konnte, denn das Feuer, in dem dürren Graſe und über die aufgehäuften dürren Reiſer hinlaufend, durfte nur an einem dieſer alten harzreichen Bäume hinauflecken, die lang hinabhängenden, ſaftloſen Bartmooſe und die verdorrten Zweige und Aeſte ergreifen, ſo ſtand der ganze Baum, eine rieſige Brandfackel, auch in Flammen und ſetzte auch die Nachbarbäume in Brand. Und wie nahe war dieſe Gefahr. Wohl geſtattete der dichte Waldſtrich, durch den die Fliehenden jetzt eilten, keinen Umblick nach irgend einer Seite, man konnte ſich alſo nicht durch den Augenſchein überzeugen, wie weit der ver⸗ heerende Brand ſchon vorgerückt war, aber dem Ohre ward es um ſo deutlicher, denn jene Stimmen des Feuers wurden immer lauter, das Heulen und Praſſeln, das Krachen und Stöhnen, das Seufzen und die Klagelaute erſchienen oft ſo nahe, als ob es kaum hundert Schritte entfernt wäre, und nicht nur hinter den Eilenden, ſondern ihnen auch zur Seite. *Dieſes Getöne wurde faſt ſinnverwirrend, zudem ſich noch andere Erſcheinungen dazu geſellten, denn ſchwüler ward die Luft, der Wind, der durch die Bäume ſtrich, hatte eine unangenehme, trockene Wärme und ſchon war es auch, als ob da und dort eine Pflanze, die des Waldes kühlen Schatten gewohnt war, unter dem Einfluſſe dieſer Wärme Blätter und Blüthen matt zur Erde hängen ließ. Auch der Brandgeruch hatte ſich mehr und mehr verbreitet. Alles war geeignet die Reiſenden zur Eile zu veranlaſſen, da⸗ mit ſie recht ſchnell aus dieſer ihnen ſo gefährlichen Umgebung kämen und ſie eilten auch nach Kräften. in weiteren ilſo auch e Aber! wiſchn de trubend, d Rauch war Die. ſogen ſie „Das Erſch der Pferde denn die: Gefaht ſtü Zu a die Reiter Stämme der erſehn „Vor Und ſttäuche kreiſe von dieſer A All quollen und ſeit Vorſpru und ſie anderen eper und rentheils hten und ge dürrer oden be⸗ ar Baum. Feuer 8 Feuer, —n Reiſer Bäume und die le Baum, auch die lehenden unte ſich der ver⸗ d es um e lauter, Seufzen hundert ſondern ih noch die Luft, genehme, oort eine ter dem hängen erbreitet. ſen, da⸗ ngebung dieſeben 141 Wieder erreichten ſie eine Gegend des Waldes, wo die Bäume in weiteren Zwiſchenräumen ſtanden und der Boden ebener war, alſo auch ein ſchnelleres Reiten geſtattete. Aber kaum hatten ſie dieſe Gegend erreicht, als ein Windſtoß zwiſchen den Stämmen hindurchbrach, eine Rauchwolke vor ſich her⸗ treibend, die für den Augenblick die Reiter faſt umhüllte. Der Rauch war heiß. Die Pferde ſchnaubten und griffen ſtärker aus und keuchend flogen ſie zwiſchen den Bäumen dahin. „Das Feuer iſt da!“ rief der Trapper.„Vorwärts! vorwärts!“ Erſchreckt durch dieſen Ruf ſuchten die Reiter jetzt den Lauf der Pferde zu beſchleunigen. Aber dieſes war gar nicht nöthig, denn die Thiere thaten ſchon von ſelbſt ihr Möglichſtes. Auf alle Gefahr ſtürmten ſie dahin. Zu allem Glücke lichtete ſich die Gegend des Waldes, welche die Reiter durchflogen, mehr und mehr, man konnte ſchon durch die Stämme ſehen und dort mußte eine freiere Fläche kommen, vielleicht der erſehnte See. „Vorwärts denn!“ Und jetzt brachen die Reiter durch die letzten Bäume und Ge⸗ ſträuche und ſahen eine weite, wieſenartige Fläche vor ſich, im Halb⸗ kreiſe von der Waldung eingefaßt, vorn aber ſo ziemlich offen und dieſer Anblick machte ſie freier athmen. Allein die Gefahr war noch groß, denn hinter den Fliehenden quollen immer dichtere Rauchmaſſen zwiſchen den Stämmen hervor und ſeitwärts von ihnen ſchien das Feuer ſich zu beeilen, einen Vorſprung vor denen zu gewinnen, die es als ſeine Opfer betrachtete, und ſie mit einem Flammenkreiſe zu umziehen. Dort ſtand eine gewaltige Tanne. Das Feuer, im hohen Graſe fortlaufend, hatte an dem Stamme hinaufgeleckt, wohl trockene Mooſe und dürre Aeſte gefunden, die es ergriff und gierig verzehrte. Die Tanne ſchon von Flammen und Rauch umhüllt, erhob ſich gleich einer feurigen Pyramide. Hier war keine Zeit zu verlieren. Die Reiter ſtürmten hinaus auf die Wieſe. Da brüllte, krachte und donnerte es. Eine Heerde Büffel brach mit hochgeſchwungenen Schweifen, die ſtruppigen, kurzgehörnten Köpfe 142 zur Erde geſenkt, als wollten ſie jedes Hinderniß über den Haufen ſtoßen, brüllend und ſchnaubend aus der ſeitwärts gelegenen Waldung. Das Feuer hatte wohl ihren Lauf durchkreuzt und ſie gezwungen, eine andere Richtung einzuſchlagen. Sie ſtürmten auf die Wieſe hinaus und die Erde dröhnte unter ihren Hufen, ſchaurig klang dabei ihr wildes Brüllen, welches Zorn und Angſt ausſprach. Gemiſcht mit der Büffelheerde flohen ſchnellfüßige Hirſche, das ſtolze Geweih auf den Rücken gelegt, ſcheue Hirſchkühe mit den angſt⸗ vollen Kälbern, die nur mit äußerſter Anſtrengung der ſchnellen Flucht der Mutter zu folgen vermochten, dann kamen auch Rehe zum Vorſchein, ſelbſt einige wilde Schweine ſuchten in dieſer Gemein⸗ ſchaft ſich zu retten. Dazwiſchen ſchoſſen Wölfe und Füchſe hin. Hinter den fliehenden Thieren aber liefen ſchon Feuerlinien durch das Gras, mehr Rauch als Gluth erregend, und heulten die zornigen Stimmen der Flammengeiſter. Alles ſtob in raſender Flucht dahin. „D'rauf, d'rauf!“ ſchrie der Trapper.„Es gilt das Leben! Ich möchte denn doch nicht gern hier gebraten ſein!“ Die Uebrigen mochten wohl den ganz gleichen Wunſch hegen. Seitwärts raſ'te die Flamme immer wilder und fraß ſich in der Waldung feſt, und der Wind, der ſich immer mehr verſtärkte, jagte das Feuer ungeſtümer als vorher vorwärts. Immer ſtärker wirbelte der Rauch um die Reiter, er ward bis⸗ weilen ſo dicht, daß er die Augen beizte. Die Pferde, welche in ihrem wilden Laufe den Rauch einathmeten, ſchnauften heftiger und ängſtlicher, ließen ſich aber dadurch nicht abhalten, ihre letzten Kräfte anzuſtrengen, dem zornigen Elemente zu entkommen. Jetzt wirbelte wieder eine Dampfwolke über der Erde hin. Sie war dichter als die früheren und wirbelte raſch vorwärts. Für den Augenblick waren die Reiter ſo dicht in dieſen Dampf ein⸗ gehüllt, daß ſie einander wie durch einen dünnen Nebel erſchienen. Einige Augenblicke ſpäter liefen Flämmchen zwiſchen den Reitern auf dem Erdboden hin; ſie flackerten und verbreiteten ſich ſchnell nach allen Richtungen, nicht nur zwiſchen den Reitern, ſondern auch vor denſelben. Und jetzt ſchlug ſie empor die Gluth, eine faſt erſtickende Hitze rerbreitend gleider de Das geilſchte d Dieſe ſengenden ſeren Na ſlugn) dder ſie d Der ſaſt, der kaum die Rit ging getüthete Geſtalten Wil nicht mer herkam, Mi des Ind behaupt ternde A ſeinen 9 „⸗ A Feuer, aber es fand, ſtand, I Feuer, drohte und ſi dieſelt Qual! Haufen Waldung. eawungen, inte unter ches Zorn ſche, das den angſt⸗ ſchnellen Rehe zum Gemein⸗ ſe hin. euerlinien kulten die 1s Leben! ſch hegen. iß ſich in verſtärkte, ward bis⸗ welche in tiger und en Kräſte erde hin. ts. Für impf ein⸗ iſchienen. Reitern h ſchnel ern auch nde Hitze — 143 verbreitend, die Haare der durch ſie hinfliegenden Pferde, die Kleider der Reiter verſengend. Das trockene Gras war in Brand gerathen und der Wind peitſchte die gefräßige Flamme weiter. Dieſe über den Erdboden fegenden und an dieſem Alles ver⸗ ſengenden und verzehrenden Flammen waren die Vorboten der grö⸗ ßeren Flammen, die hinter ihnen mit blutiger Lohe rieſig empor⸗ ſchlugen und viele hundertjährige Stämme in Aſche verwandelten oder ſie doch verkohlten. Der glühende Qualm, der die Reiter jetzt umgab, erſtickte ſie faſt, der Schweiß drang aus allen ihren Poren und ſie vermochten kaum die Augen bisweilen zu öffnen, damit ſie ſahen, wohin der Ritt ging, aber ſie ſahen dann vor ſich und um ſich nur vom Feuer gerötheten Dampf, durch den ſich dunkle Geſtalten bewegten, die Geſtalten von Menſchen und Thieren. Wild praſſelte und kniſterte es, überall klang Geheul; es war nicht mehr zu unterſcheiden, ob daſſelbe von Menſchen oder Thieren herkam, oder ob es das Geheul des Windes in den Flammen war. Mitten durch dieſes grauſige Getön klang wieder die Stimme des Indianerhäuptlings, der ſeinen Platz an der Spitze des Zuges behauptete, und jetzt den großen Geiſt anrief, dann wieder ermun⸗ ternde Worte vernehmen ließ. Auch der Trapper ließ ſeine Stimme vernehmen und rief ſeinen Gefährten zu: „Muth, Muth!— Das Gras brennt nicht lange!“— Wohl hatte er Recht, das Gras brannte nicht lange, und das Feuer, welches daſſelbe verzehrte, flatterte ziemlich ſchnell vorüber, aber es pflanzte das Verderben fort und wo es genügend Nahrung fand, da brannte es länger, und wo ein Baum in ſeinem Wege ſtand, da ſchlug es an demſelben gierig in die Höhe. Auch war es bald nicht mehr das von unten heraufſchlagende Feuer, welches die Reiter bedrohte, ſondern der zunehmende Rauch drohte ſie zu erſticken. Es legte ſich wie ein Flor vor ihre Augen und ſie mußten es nur dem Inſtinkt der Pferde überlaſſen, wohin dieſelben ſie tragen würden. Aber wieder war es der Indianerhäuptling, der der Hitze, dem Qualme mit bewundernswerther Ausdauer trotzte und ſeine ganze 144 Gegenwart des Geiſtes behielt, die ihn befähigte, die Richtung inne zu halten, die er für die zweckmäßigſte erkannt hatte und ſo ſein Führeramt nach Umſtänden wohl zu verſehen. Seine beiden roth⸗ häutigen Gefährten unterſtützten ihn dabei. Die Gewohnheit der Indianer, ſich ſchon von Kindheit an gegen körperliche Schmerzen faſt bis zur Unempfindlichkeit abzuhärten, kam ihnen bei dieſer Gelegenheit zu ſtatten und ſie zeigten ſich in dieſer Gefahr weit ausdauernder als die Europäer. Noch eine Strecke galoppirten die Reiter im Rauche fort, da aber kamen ſie plötzlich an ein am Boden hinloderndes Feuer, das ſich ziemlich lang auszudehnen ſchien. Eine Gruppe niedriges Ge⸗ ſträuch, dürre Stauden, durchwachſen von hohem Graſe, hatte Feuer gefangen und war hell aufgelodert. Hier galt kein Beſinnen, der Häuptling ſetzte kühn und dabei einen lauten Ruf ausſtoßend durch das Feuer, auch Monte⸗Chriſto edles Roß trug ihn pfeilſchnell durch die Flammen. Aber das Pferd des Trappers ſcheute. Im Augenblicke wo der Trapper heranſprengte, um dem Häuptlinge durch das Feuer nachzufolgen, ſchlug dicht vor dem Pferde eine hohe Flamme auf, es blendend und wohl auch ſo erſchreckend, daß es ſich in Schmerz und Angſt hoch empor bäumte, fehltrat und mit ſeinem Reiter niederſtürzte. Der Trapper flog mit halbem Körper in die Gluth, die aus⸗ einanderſchlug, ſeine Lage war jetzt ſchrecklich, aber er behielt doch noch Gegenwart des Geiſtes genug, den Zügel ſeines Pferdes feſt⸗ zuhalten und zugleich einen lauten Hilferuf auszuſtoßen. Faſt im Augenblicke ſeines Sturzes ſetzte ein anderer Reiter über ihn hinweg durch das Feuer, ſo daß die Hufe des Roſſes den Geſtürzten faſt berührten und weithin ſprühten die Funken unter dem Hufe des dahin ſtürmenden Pferdes. Des Trappers Pferd ſprang wieder empor. Der Trapper, immer noch den Zügel feſthaltend, ſuchte ſich durch eine raſche Be⸗ wegung aus dem Feuer zu wälzen und ſich aufzurichten, aber das ſcheue Pferd riß ihn durch ſeine heftige Bewegung bei dem Auf⸗ ſpringen wieder nieder. Durch die Flammen zu ſetzen und ſo den andern Reitern zu folgen, fehlte es dem Thiere wohl an Muth, es wandte ſich und begann an immer noe Etrecke hi „Hal Dat immer no das Pferd ſuchte er bäumend nieder. „Hel zum zweit Sche Ali, den Stur achtend, wit gewo anderen ſeſtgehalt Dad und obn ſo achtet ſo ſehr konnter 3 blicke, dunkle ung inne ſo ſein een roth⸗ in gegen ten, kam in dieſer fort, da uer, das iges Ge⸗ tte Feuer nd dabei eChriſto blice wo as Feuer me auf, Schmerz Reiter die aus⸗ ielt doch des feſt⸗ er Reiter oſſes den en unter Trapper, aſche Be⸗ aber das dem Auf⸗ eitern zu ſich und ——— 145 begann an dem Rande des Feuers hinzuſprengen. Der Trapper, immer noch den Zügel feſthaltend, wurde ſo von ſeinem Roſſe eine Strecke hingeſchleift. „Haltet! Haltet! Helft!“ rief der unglückliche Mann. Da riß der Zügel, aber den abgeriſſenen Theil hielt der Trapper immer noch feſt, und während er mit der Kraft der Verzweiflung das Pferd, von dem doch ſeine Rettung abhing, feſtzuhalten ſtrebte, ſuchte er ſich zugleich aufzurichten. Aber das Pferd, das ſich hoch bäumend von dem Hinterniſſe zu befreien ſuchte, riß ihn abermals nieder. „Helft! Helft!“ rief der Trapper mit halberſtickter Stimme zum zweiten Male. Schon war auch Hilfe ihm nahe. Ali, der Mohr Monte Chriſto's, und Einer der Indianer hatten den Sturz des Trappers geſehen, und die eigene Gefahr nicht achtend, ſprengten ſie ihm zur Hilfe herbei. Der Indianer ergriff mit gewandter Hand den geriſſenen Zügel und Ali drängte von der anderen Seite ſein Pferd an das des Trappers, ſo daß daſſelbe feſtgehalten war. Dadurch gewann der geſtürzte Reiter Zeit, ſich aufzuraffen und obwohl ihm alle Glieder ſchmerzten und er arg verbrannt war, ſo achtete er dieſes doch jetzt nicht und ſprang wieder in den Sattel, das Pferd durch den zerriſſenen halben Zügel und die Kniee ſo gut als möglich lenkend, zwang er es zu dem Verzweiflungsſatze durch das Feuer. Ali und der Indianer, die ſich um ſeine Rettung be⸗ müht, blieben bei ihm. Zum Glück war der Strich des brennenden Geſtrüppes nicht ſo ſehr breit, mit zwei Sätzen waren die Reiter hindurch und ſie konnten nun weiter ſprengen. Jetzt theilte ein Windſtoß die Dampfwirbel für ein paar Augen⸗ blicke, und durch die ſo entſtandene Oeffnung erblickte man eine dunkle glatte Fläche. Es war Waſſer! „Der See, der See!“ rief der Häuptling mit freudigem Tone. Dieſer Ruf flößte Allen neues Leben ein. „Gott ſei gelobt, nun ſind wir gerettet!“ ließ ſich die Stimme Monte Chriſto's vernehmen.— Vorwärts ging es mit friſchem Muthe. Monte Chriſto's letzter Weltzang. 10 146 Nur noch eine verhältnißmäßig kurze Strecke war zu durch⸗ reiten, dann ſenkte ſich ein Abhang hinab, und die Reiter gelangten an das Ufer des Sees, welches ſo ziemlich ſumpfig war, ſo daß die Pferde bald bis nahe an das Knie einſanken. Aber ein Wonnegefühl bemächtigte ſich der Reiter, als ſie das Waſſer erreicht hatten, denn über dieſe Waſſerfläche hatte das Feuer keine Gewalt mehr; ſie waren gerettet. Auch die Pferde ſchienen dieſes frohe Gefühl mit ihren Herren zu theilen, denn ſie wieherten jetzt gar freudig auf und ſchlürften mit Begierde das Waſſer ein. Nun konnten ſi der Aufen welche de hinabwog ſtände a einen F ragten. .„1 RMo ihren p können Sie hal lich in über do dieſe T d L u durch klangten daß die ſie das as Feuer Herren clürften Zehntes Kapitel. Auf der Inſel im See. Nun befanden ſich zwar die Reiter am Ufer des Sees, aber hier konnten ſie denn doch nicht bleiben und das Weitere abwarten, denn der Aufenthalt hier war unbehaglich genug durch die glühende Hitze, welche der Wind ihnen zutrug, durch den Dampf, der den Uferhang hinabwogte und ſie immer wieder umhüllte. In den See hinein waren hin und wieder kleine Strecken Schilfes gewachſen, andeutend, daß das Waſſer nicht ſo tief ſein konnte. In einer Entfernung von ein paar hundert Schritten vom Ufer ragte eine kleine mit Bäumen bewachſene Inſel über das Waſſer empor. Der See ſelbſt ſchien mehr breit als lang. In geringer Entfernung ragten eine Menge ſchwarzer Gegen⸗ ſtände aus dem Waſſer empor; es war faſt, als ob das Waſſer hier einen Felſen bedeckte, deſſen zahlloſe Spitzen über den Waſſerſpiegel ragten. „Was iſt nur das?“ fragte Albert verwundert. Monte Chriſto kannte die Erſcheinung und lächelte. „Lieber Freund,“ ſagte er,„das ſind die Büffel, vielleicht die⸗ ſelben, die wir auf unſerem Ritte geſehen. Dieſe Thiere mit ihren plumpen Körpern ſind nicht zum Schwimmen gemacht und ſie können nicht weiter in's Waſſer gehen, als ſie Grund fühlen. Sie haben ſich, der Hitze des Feuers zu entgehen, ſoweit als mög⸗ lich in das Waſſer begeben und ſtrecken nun nur noch die Schnauzen über das Waſſer empor, um Luft ſchöpfen zu können. Hier werden dieſe Thiere auch bleiben, bis die Gefahr vorüber iſt.“ „Ich fühle große Verſuchung, dem Beiſpiele der Büffel zu 10* 148 folgen,“ ſagte jetzt Albert,„denn die Hitze wird unleidlich und das Waſſer kühlt wohl.“ Auch Valentin ſchloß ſich der Anſicht ſeines Freundes an, aber ſowohl der Trapper als die Indianer ſprachen dagegen. Der Häuptling deutete nach der Inſel und ſagte: die Pferde könnten einen Theil des Sees durchſchreiten, den anderen Theil aber durch⸗ ſchwimmen, die Inſel ſei nicht ſo weit entfernt, der Waſſerſpiegel ruhig und ſomit keine Gefahr vorhanden; auf der Inſel aber wür⸗ den ſie vollſtändig geſichert ſein und höchſtens vom Rauche beläſtigt werden. So ritten ſie denn in's Waſſer, wo die erhitzten und von Schweiß bedeckten Thiere wohlgefällig das Waſſer ſchlürfend ihren Durſt löſchten und dann auch ohne Aufforderung von Seiten ihrer Reiter im Waſſer weiter ſchritten. Der Inſtinkt trieb die Thiere, ſich ſo ſchnell als es ging aus der Nähe des ihnen nachwogenden Feuers zu entfernen; ſie ſahen die Inſel und nahmen ihre Richtung darauf zu. Eine Zeit lang ging es auf weichem, ſchlammigen Boden durch das ſeichte Waſſer fort, die Pferde ſanken bisweilen wohl tief ein und das weitere Vordringen mochte ihnen, ermüdet von dem raſen⸗ den Laufe, von der unleidlichen Hitze und der Laſt der Reiter, be⸗ ſchwerlich genug fallen, aber ſie hielten wacker aus. War es doch für jetzt die letzte Anſtrengung. Der flüchtende Zug kam an ein paar jener Büffel, die im Waſſer ſtanden, ziemlich nahe vorüber. Wohl wendeten die Thiere langſam und zögernd ihre über das Waſſer hervorragenben dunklen, plumpen und ſtruppigen Köpfe nach dem nahenden Geräuſche um, aber ſie machten keine Bewegung, um wie ſonſt, die Renſchen zu fliehen. Die Gefahr, die hinter ihnen hergebrauſ't und der ſie nur mit Mühe entgangen, ſchien ſie förmlich betäubt zu haben, ſo daß ſie in den nahenden Menſchen, vor denen ſie doch ſonſt ſtets ſcheu flohen, jetzt nicht mehr die Feinde ſahen, die ihnen ſo gefährlich waren. Flucht war für die Büffel und andere Thiere jetzt gar nicht nöthig, denn ſelbſt die jagdluſtigen Indianer und der Trapper dachten nicht im Entfernteſten daran, dieſen Thieren irgend etwas d das aber der unten durch⸗ piegel wür⸗ läſtigt d von ihren ihrer wiere, genden ſichtung ndurch ief ein raſen⸗ et, be⸗ tes doch die im Thiere dunklen, che um, chen zu ſie nur ſo daß s ſcheu fährlich ar nicht Trayper d etwas Einwirkung des Schweißes aufgelöſt, und es war da ein unbe⸗ 149 zu Leide zu thun, ſie achteten nicht einmal anf dieſelben, alle ihre Aufmerkſamkeit war nur auf die Inſel vor ihnen und auf ihre Pferde gerichtet. Bald verloren die Pferde den Grund, begannen zu ſchwimmen, erreichten aber glücklich die Inſel, an derem Strande ſie mit fröh⸗ lichem Wiehern emporkletterten. Auch für die Reiter war es ein ſehr befriedigendes Gefühl, nicht nur feſten Grund unter ſich, ſondern auch einen breiten Waſſer⸗ gürtel zwiſchen ſich und dem Feuer zu wiſſen. Sie ſchwangen ſich aus den Sätteln. Die Inſel war übrigens ſchon belebt, denn ſie war der Zu⸗ fluchtsort der verſchiedenſten Thiere des Urwaldes geworden, Hirſche und Rehe lagerten, erſchöpft von der eiligen Flucht, auf dem Strande, dort auszuruhen, Füchſe und Wölfe hatten ſich an anderen Stellen gruppirt; in den Aeſten der Bäume ſaßen verſchiedenartige Vögel. Dieſe Vögel zeigten auch die meiſte Scheu, denn bei dem Nahen der Menſchen erhoben ſie ſich kreiſchend und Rufe ausſtoßend und flogen nach entfernteren Bäumen. Dieſe Warnungsrufe, von dem Nahen des Feindes der Thiere des Waldes, des Menſchen, Kunde gebend, zeigte nun bereits wieder mehr Wirkung, denn die am Strande gelagerten Thiere ſprangen auf und zogen ſich, wenn auch nicht in eiliger Flucht, wie es ſonſt wohl geſchehen wäre, vor den Nahenden zurück, um ihnen aus dem Geſichte zu kommen. Dieſe Thiere hätten es freilich nicht nöthig gehabt, da noch Niemand daran dachte, ſie irgendwie zu beleidigen. Die Pferde wurden ihrer Zäume entledigt, damit ſie unge⸗ hindert graſen konnten, und dann erſt ſchauten die Männer ſich gegenſeitig an. 3 Sie waren von Rauch und den in der Luft herumfliegenden Aſche⸗ und Rußtheilchen geſchwärzt und in Schweiß gebadet, der Linien über die Geſichter gezogen, beſonders die Indianer ſahen da ſeltſam aus, da ſie vor dem Abritte einzelne Partien ihrer Geſichter mit bunter Malerei geſchmückt; die Farben hatten ſich durch die 150 ſchreibliches Farbengemiſch von ſehr ſonderbaren Linien entſtanden, das wohl einen urkomiſchen Eindruck hätte machen können, wenn augenblicklich Jemand dafür Sinn gehabt hätte. Auch die Kleider waren hin und wieder mehr oder minder ſtark verſengt. Am ſchlimmſten war der Trapper weggekommen, der Sturz mit dem Pferde, das Schleifen durch das brennende Geſtrüpp hatte ſehr ſichtliche Spuren auf ſeinem Geſichte und auf ſeiner Kleidung zurückgelaſſen. Das Geſicht war faſt ganz geſchwärzt, ſo daß es viele Aehnlichkeit mit einem Neger hatte; dabei blutete es aus einigen leichten Hautritzen. Haare und Bart waren verſengt.— Die Kleidung ſelbſt hatte Riſſe erhalten, war verſengt und mit Schmutz bedeckt. Aber der eiſenfeſte, an alle Gefahren gewöhnte Mann, den nichts erſchrecken konnte und der in Ueberwindung des Schmerzes den Indianern ſo ziemlich glich, zeigte ſich bei dieſem Zuſtande ſehr gleichmüthig, ſo daß er ſelbſt nach ſeiner gewohnten Weiſe ſich mit vielem Humor darüber luſtig machte, wie wundervoll ſein Ausſehen ſei, und es bedauerte, ſich in ſolcher Geſtalt nicht in den Straßen von New⸗York zeigen zu können, damit die Leute dort ſähen, wie ein ehrlicher Trapper in den Urwäldern zugerichtet werden könnte. Der Trapper ſtieg wieder in das Waſſer und begann ſich zu waſchen, welchem Beiſpiele auch die Anderen folgten; doch kühlte dieſes Bad wenig, da die Hitze des rings umher wogenden Brandes auch der Oberfläche des Waſſers eine gewiſſe Lauheit mitge⸗ theilt hatte. Nun erſt, nachdem die Reiſenden mit einem wohlthuenden Gefühle von Sicherheit ihre Toilette gemacht und durch das Waſſer, ſo gut es die Umſtände geſtatteten, ſich etwas erfriſcht hatten, rich⸗ teten ſie ihre. Augen auf das ſich ihnen bietende Schauſpiel des Waldbrandes, das ſie jetzt in ſeiner ganzen furchtbaren Großartig⸗ keit betrachten konnten, und zwar mit jener Ruhe, welche das Ge⸗ fühl, einer großen Gefahr entronnen zu ſein und ſich in Sicherheit zu befinden, verleiht. Sie erkannten dabei aber auch, daß ſie der Ausdauer und Schnelligkeit ihrer wackeren Thiere viel zu verdanken hatten, denn wärtn ſi ohne 3 der Bra Vor des rette mente ge ſetend. Gluth ge Vorn zue Nahrung getrocknet ſchnell v ſuckke du rieſige T Das Ufer err auch die einen du verbrann reichen der Wir Gl Schilfe liegend ſchiene in der Waſſer in dem vor der A ſehr 1 Seite, um ſig — ſehr g wachſe hinlän ſtanden, „ wenn minder —r Sturz p hatte lleidung daß es es aus lengt.— -und mit n, den chmerzes nde ſehr ſich mit Ausſehen Straßen ſen, wie könnte. nſich zu ch kühlte Brandes t mitge⸗ thuenden Waſſer, ten, rich⸗ piel des roßartig⸗ das Ge⸗ iherheit uer und en, denn 151 wären ſie auf ihre eigene Kraft angewieſen worden, ſo wären ſie ohne Zweifel bereits erſtickt oder lägen als verkohlte Leichname auf der Brandſtätte des Waldes. Vor ihnen wogte das Flammenmeer immer näher dem Ufer des rettenden Sees, der dann dem gierig um ſich freſſenden Ele⸗ mente gebieteriſch Halt gebieten mußte, der Verheerung Grenzen ſetzend. Der ganze Hintergrund zeigte nur Flammen und von der Gluth geröthete Dampfmaſſen, die in ſchwarzen Wolken aufſtiegen. Vorn zuckten die Flammen von Baum zu Baum, gierig nach neuer Nahrung ſuchend. Das Feuer lief über den durch die Gluth aus⸗ getrockneten Grasboden hin, es lohte durch die Geſträuche, dieſelben ſchnell verzehrend, es leckte an den Stämmen der Bäume empor, zuckte durch Aeſte und Zweige und verwandelte ſo die Bäume in rieſige Brandfackeln, die das Verderben weiter verbreiteten. Das auf dem Boden hinlaufende Feuer hatte auch bereits das Ufer erreicht, an den Stellen, wo Schilf ſtand, ſuchte es heißhungrig auch dieſes zu verzehren, allein nur da und dort gelang es ihm, einen dürren Büſchel zu erfaſſen, der dann kniſternd und qualmend verbrannte, aber das Feuer nicht weiter fortpflanzte, denn die ſaft⸗ reichen Waſſerpflanzen, die ſich zwiſchen das Schilf drängten, ſetzten der Wirkſamkeit der Gluth gewaltigen Widerſtand entgegen. Gleichwohl war das Kniſtern der vereinzelten Flammen im Schilfe ſchon hinreichend, den noch in der Nähe deſſelben im Waſſer liegenden Büffeln, die ein feines Gehör für dergleichen zu haben ſchienen, Beſorgniß einzuflößen, denn ſie verließen den Standpunkt in der Nähe des Schilfes, hoben die ſtruppigen Köpfe über das Waſſer, ſtießen ein kurzes, dumpfes Gebrüll aus und ſuchten, ſich in dem Waſſer fortbewegend, einen Platz zu gewinnen, der ihnen vor dem Feuer die völligſte Sicherheit bot. Auf der einen Seite des kleinen Sees ſchien das Feuer nur ſehr langſame Fortſchritte noch zu machen, aber auf der anderen Seite, wo der Wind es vorwärts trieb, griff es ſichtlich ſchneller um ſich. Die Inſel, auf welche ſich die Reiſenden geflüchtet, hatte keinen ſehr großen Umfang; ſie war mit Bäumen und Geſträuchen be⸗ wachſen und hatte in der Mitte eine felſige Erhöhung. Sie bot hinlänglichen Schutz; allerdings nicht gegen die Hitze, welche der 152 Waldbrand ausſtrömte, auch nicht gegen den Dampf, der ſich bis⸗ weilen in dichten Wolken heranwälzte und die Inſel wie mit einem Nebelſchleier umgab, aber nie auf lange. Auch über andere Theile des Sees wälzte ſich bisweilen eine Rauchmaſſe, ward im Fort⸗ ſchreiten dünner und zertheilte ſich endlich gänzlich. Mit Dampf war überhaupt die ganze Luft durchzogen und der Brandgeruch verbreitete ſich weithin. Auf den Rath der erfahrenen Indianer und des Trappers lagerte ſich die Reiſegeſellſchaft hinter der felſigen Erhöhung in der Mitte der Inſel, wo ſie gegen die Strömung der Hitze und des Dampfes mehr geſchützt war. Wie lange die Reiſenden nun auf dieſer Rettungsinſel würden verweilen müſſen, war nun allerdings nicht zu beſtimmen; die In⸗ dianer meinten, bis zum nächſten Morgen werde die Umgebung des Sees ſo ziemlich kahl gebrannt ſein, daß man es allenfalls wagen könne, die Inſel zu verlaſſen und über die rieſige Brandſtelle zu ziehen, doch werde der über dieſelbe gelagerte Qualm und die den Boden bedeckende, noch glühende Aſche manches Hinderniß bereiten, und die Pferde würden auf eine lange Strecke keine Nahrung finden. „Das wird ſich aushalten laſſen,“ meinte der Trapper gleich⸗ müthig und ſuchte ſeinen Proviantbeutel durch, der ſich gleich den übrigen für einſtige Anſprüche genügend gefüllt erwies. Dann ſtreckte er ſich in das Gras und verſank in tiefen Schlaf, welchem Beiſpiele auch der größte Theil der Geſellſchaft folgte. Der Reſt des Tages verging für die Geſellſchaft ſehr einförmig. Man beobachtete den Brand, der kein Ende nehmen zu wollen ſchien und deſſen Ausdehnung ſich wegen den verhüllenden Rauch⸗ wolken nicht genau erkennen ließ, am wenigſten von der Inſel aus, die keinen Fernblick von erhöhtem Standpunkte gewährte. Man beſprach ſich über den Brand, tauſchte Vermuthungen aus über deſſen Entſtehung, Verbreitung und über den Schaden, den derſelbe anrichten könne, ſowie über ſein baldiges und ſpäteres Ende.— Der Trapper, ſowie die Indianer, als die Erfahrenſten in ſolchen Ereigniſſen, gaben dann Erzählungen zum Beſten, die dieſe oder jene Behauptung begründen ſollten, und die bisweilen nichts weniger als erfreulich in die Ohren der Europäer klangen, die dergleichen rigniſſe märchenha Endl Aber freundlich dieſes M inem Fl haupt we Dafü feurig pu⸗ bald ſtärt blutrothe glühte R. In ſeiner Fl Erze in die Welle funkelnde Die Golde ü Da über ge⸗ ſogar a Dl Beobac durchbre Funken Myria ſch bis⸗ t einem eTheile n Fort⸗ und der rappers in der und des würden die In⸗ ung des 3 wagen ſtelle zu die den bereiten, finden. r gleich⸗ leich den n Schlaf, olgte. nförmig. wollen n Rauch⸗ nſel aus, e. Man aus übet derſelbe Ende.— nſolchen ieſe oder zweniger ergleichen 153 Ereigniſſe nur noch aus Erzählungen kannten, die ihnen dann märchenhaft vorgekommen waren. Endlich brach der Abend herein; dann begann die Nacht. Aber von Mond und Sternen am nächtigen Himmel, die ſich freundlich ſchimmernd in den Fluthen des Waſſers abſpiegeln, war dieſes Mal nichts zu ſehen, denn der Rauch hatte den Himmel mit einem Flor überzogen, der den Sternen, wenn dieſe Nacht über⸗ haupt welche ſchienen, das Durchſchimmern unmöglich machte. Dafür aber war der ganze Himmel von einer unheimlichen, feurig purpurnen Gluth überzogen, die abwechſelnd bald ſchwächer, bald ſtärker hin und her wogte; von der Waldung züngelten immer blutrothe Flammen empor und darüber wälzten ſich feurig durch⸗ glühte Rauchwolken. In dem See aber ſpiegelte ſich die Gluth wider und ein Theil ſeiner Fläche hatte das Ausſehen, als beſtehe ſie aus geſchmolzenem Erze in vollem Fluſſe, und wenn der Wind über die Fläche ſtrich, die Wellchen leicht kräuſelnd, da war es wieder, als tanzten roth⸗ funkelnde Lichter über die Fluth. Die Bäume auf der Inſel aber ſtanden wie mit dunkelrothem Golde überſtrömt. Dabei ging jenes unheimliche Getöne, welches den ganzen Tag über gedauert, ohne Unterbrechung fort und ſchien durch die Nacht ſogar an Deutlichkeit zu gewinnen. Dort aber in ſüdlicher und weſtlicher Richtung ſchien den Beobachtenden die Gluth von Zeit zu Zeit durch ein helleres Licht durchbrochen zu werden, das aber immer ſogleich wieder ſich verlor. — Dieſe Erſcheinung kehrte immer häufiger wieder und erregte die Aufmerkſamkeit der Reiſenden. Zugleich mehrte ſich der Wind; bisweilen kamen plötzliche Wind⸗ ſtöße von ſteigender Heftigkeit. Sie ſtrichen über die Inſel und den See; ihr Hauch war faſt glühend, ſo daß ſie Albert an den Samum gemahnten; ſie führten heiße Aſche und einen Regen von Funken mit ſich, ſo daß es bisweilen ſchien, als ſei die Luft mit Myriaden leuchtender Käferchen gefüllt, die durch einander ſpielten. Monte Chriſto ſchüttelte den Kopf.. „Mir gefällt das nicht,“ ſagte er.„Dieſer Wind treibt Funken 154 und Flammen nach anderen Theilen des Waldes und pflanzt ſo das Feuer fort, daß kein Ende abzuſehen iſt.“ „Wir können aber nicht löſchen,“ entgegnete der Trapper. „Der Macht der Elemente gegenüber erlahmt die Kraft des Menſchen, und ſelbſt der Rieſenhafteſte fühlt dann, wie ſchwach und klein er iſt. Aber hoffentlich bedeutet dieſer Wind, der immer mehr zunimmt, auch etwas Anderes.“ Man beobachtete weiter. Plötzlich zuckte eine blendende Helle um die Inſel und um den Himmel, ſie ſchien die glühende Röthe da oben zu durchbrechen; zugleich ließ ſich ein dröhnendes Rollen vernehmen. Chiaha⸗Walla ſprang auf und ſtreckte ſeine Hand in die Luft. „Der große Geiſt ſpricht!“ rief er. „Ein Gewitter!“ rief der Trapper fröhlich.„Ein Gewitter bringt Regen, vielen Regen und der wird mit dem Feuer ein Wort ſprechen!“ Dieſe Worte wirkten erleichternd auf die ganze Geſellſchaft. „Gelobt ſei Gott!“ rief Albert. „Die Natur ſorgt ſtets dafür, daß Alles ſein Maas hat, und die Zerſtörung ſelbſt nicht ihre beſtimmten Grenzen überſchreitet,“ ſagte Monte Chriſto.„Warten wir in Ruhe das Weitere ab.“ Heftigere Windſtöße brauſ'ten heran; dann fielen einzelne große Tropfen nieder, aber dieſe ſchienen, angehaucht von der Gluth, Tropfen rothglühenden Metalls zu ſein. Wieder zuckte ein Blitz und faſt unmittelbar darauf rollte ein heftiger Donner. „Das Gewitter iſt da!“ rief der Trapper mit ſteigender Fröhlichkeit. Es war auch da! Mit ſeinem ganzen Ungeſtüme brach das Wetter los! Schlangen gleich zuckten jetzt die Blitze nach allen Richtungen nieder, den rothen Gluthſchein des Feuers mit weißlichem Lichte durchbrechend, der Donner rollte in furchtbaren Schlägen, daß es ſchien, als zittere die Erde unter den Füßen der Männer, die ſchweigend das ſich hier entwickelnde großartige Schauſpiel be⸗ trachteten. Unter dieſen betäubenden Donnerſchlägen entluden ſich auch die Polken. ein förm ſih der ergoſſen nieder u Ufer zu. Dal häufiger, ſegten, die Bäur bewegten Die auf, daß Schaum glänzte in blutig war es, heulte D ſchützen Decken den Re W Schut ſam, u gezwun lanzt ſo Trapper. denſchen, llein er unimmt, um den drechen; die Luft. Gewitter in Wort ſcaft. hat, und creitet,“ ab.“ ne große r Gluth, rollte ein teigender vrach das ichtungen em Lichte . daß es mer, die ſpiel be⸗ auch die 1 155 Wolken. Erſt ſtrömte der Regen nur mäßig herab, aber bald ſchien ein förmlicher Wolkenbruch hernieder zu gehen, ſo gewaltig ergoß ſich der Regen. Alle Schleußen des Himmels waren geöffnet und ergoſſen ſich über die Erde. Klatſchend fielen die Regentropfen nieder und bald rieſelten kleine Bächlein von der Erhöhung dem Ufer zu. Dabei erhob ſich ein orkanähnlicher Wind, deſſen Stöße immer häufiger, immer gewaltiger über die See und die Inſel hinweg⸗ fegten, von der Brandſtätte Rauch mit ſich führend, er ſchüttelte die Bäume auf der Inſel, daß ſich die Aeſte knarrend und ſtöhnend bewegten. Die Gewalt des Gewitterſturmes wühlte das Waſſer des Sees auf, daß ſeine Wellen brauſend an das Ufer ſchlugen, oder mit Schaum gekrönt umher wirbelten, und in dem Lichte des Blitzes glänzte der Schaum in weißlichen Lichtern, in dem des Brandes in blutigen. Wenn der Wind das Waſſer recht tief auffurchte, da war es, als ob blutige Streifen ſich über den empörten See zögen. Von dem Strande her tönte dumpfes Brüllen. Es kam von den Büffelheerden her, die ſich bei dieſem Aufruhre der Elemente, wo der Himmel mit der Erde im Kampfe war, ſich aus dem ſie bis dahin ſchützenden Waſſer wieder an das Ufer geflüchtet, wo ſie ſtehen geblieben waren. Die geängſtigten Thiere wagten ſich wohl weder vorwärts noch zurück, denn vor ſich hatten ſie das brodelnde aufgerührte Waſſer des Sees, hinter ſich den noch brennenden und dampfenden Wald, von welchem immer noch Funken und Qualm herübergetrieben wurde, und über ihnen flammten die Blitze, ſtrömte der Regen, heulte der Sturm. Die Reiſenden auf der Inſel hatten, ſich vor dem Regen zu ſchützen, ihre Decken umgeworfen, in denen der Sturm wühlte. Dieſe Decken ſchützten ſie auch nicht lange vor dem ſo dicht niederfluthen⸗ den Regen, bald waren ſie durchweicht; dann drang der Regen durch die Kleider und näßte die Haut. Wohl hätten ſie unter den vom Sturme gepeitſchten Bäumen Schutz ſuchen können, aber das war bei dem Gewitter nicht rath⸗ ſam, und ſonſt bot die Inſel keinen Schutz. So waren die Männer gezwungen, die ganze Wuth des Unwetters unter freiem Himmel 156 auszuhalten, und oft mußten ſie alle Kräfte aufbieten, um von den heftig daher brauſenden Windſtößen nicht niedergeworfen zu werden. Die Indianer kauerten reſignirt auf den durchweichten Erd⸗ boden nieder, ſie ſchwiegen und ſuchten nur ihre Gewehre nach Möglichkeit vor der Näſſe zu ſchützen. Auch die Anderen, von dem Stehen ermüdet, aber doch etwas wähleriſcher als die Rothhäute, ſuchten einige Steine zuſammen, um wenigſtens einen trockneren Sitz zu haben. Der Trapper war dabei ſehr luſtig und rief mehrere Male in das Wetter hinein: „Nur zu, nur zu! Das rettet den Wald!“ Monte Chriſto mahnte zur Geduld, da alle ſchlimmen Stunden doch einmal ein Ende nähmen, und der Trapper unterſtützte dieſe Mahnung mit der Bemerkung, daß es immer beſſer ſei, naß zu werden, als zu verbrennen; dieſes Wetter ſei übrigens nichts Böſes, ſondern meine es recht gut und die kleine Unbehaglichkeit ſei zu ertragen. Die Wirkung des heftigen Regens auf das Feuer zeigte ſich auch bald deutlich. Die Röthe, welche den Himmel erſt glühend gefärbt hatte, nahm erſt langſam, dann immer ſchneller ab, und die Feuerſtröme, die von dem brennenden Walde empor geſtiegen, wurden zuſehends kleiner; ſie verlöſchten mehr und mehr und verſchwanden endlich unter Wolken dichten Qualms, deren geröthete Ränder aber zeigten, daß das Feuer immer noch, obgleich ſchon im Unterliegen, hart⸗ näckig mit dem Waſſer kämpfte. Allein auch die Färbung der Nauchmaſſen wurde immer ſchwächer; das Feuer war im Erliegen, es war ſchon gärzlich beſiegt. Dagegen waren die Rauchwolken jetzt gewaltiger, von der ſchweren Regenluft niedergedrückt, jagten ſie über den See hin und wenn der Orkan eine ſolche Rauchmaſſe vor ſich her über die Inſel trieb, fiel ſie den Männern oft ſehr beſchwerlich, doch trieb der Sturm dieſen Rauch immer ſehr ſchnell vorüber. Endlich, nach einigen Stunden, verzog ſich das Gewitter in die Ferne, der Sturm hatte ſich gelegt und auch der Regen ließ nach, das wilde Brauſen des Sees beruhigte ſich gleichfalls, und als der Morgen dauerte Aud konnte n. die Erde Sie welche n und dort igte ſih e, nahm öme, die suſehends endlich zeigten, en, hart⸗ ung der Erliegen, von der hin und die Inſel trieb der er in die ieß nach G als der 157 Morgen anbrach, war das Unwetter gänzlich beendet; nur der Regen dauerte noch ſchwach fort. Auch dieſer verzog bei Aufgang der Sonne, und die Sonne konnte nun, frei durch die abziehenden Wolken tretend, wieder auf die Erde niederſchauen. Sie beſchien aber jetzt eine weite Stätte der Zerſtörung, über welche noch Dampf ſich lagerte, der wieder und immer wieder da und dort aufſtieg, den Horizont verhüllend. Elftes Kapitel. Auf der Farm des Grafen Monte Chriſto. Graf Monte Chriſto hatte ſich ein gar reizendes Fleckchen Erde ausgeſucht, um daſelbſt die ihm noch vergönnten Tage ſeines Lebens in Ruhe, Frieden und ſtillem Wohlthun zu verleben. Die Beſitzung, die er ſich angekauft, war ausgedehnt genug, um in Europa für ein kleines Fürſtenthum gelten zu können, in Amerika, wo wohlhabende Männer, ſcharfrechnende Speculanten, oder auch kleine Geſellſchaften von Speculanten in Staaten, wo der Boden⸗ werth zur Zeit noch gering im Preiſe ſtand, oft große Gebiete ankaufen, um dann, wenn durch Zuzug der Bodenwerth geſtiegen iſt, die Ländereien einzeln mit enormem Gewinne wieder loszu⸗ ſchlagen, galt die Beſitzung im Grunde doch nur für mäßig. Monte Chriſto hatte bereits Einwanderer an ſich gezogen und da und dort eine Colonie gegründet, von denen eine jede auf Ver⸗ größerung berechnet und ihr deshalb ein beſtimmtes Areal zuge⸗ wieſen war, welches einer vorher berechneten Vermehrung der Colo⸗ niſten angemeſſen war. Jede dieſer Colonieen war nach einem von Monte Chriſto feſt⸗ geſtellten Syſteme eingerichtet und Monte Chriſto überwachte ſeine Schöpfungen mit faſt väterlicher Fürſorge, um ihnen ein fröhliches Gedeihen zu ſichern. Er war deshalb auch allgemein verehrt. Den ſchönſten Platz der ganzen Ländereien hatte Monte Chriſto zur Niederlaſſung für ſeine eigene Perſon ausgewählt und dort ſeinen Wohnſitz erbaut, der den freundlichſten Eindruck hervorrief. Die Gebäude glichen bei aller Einfachheit doch einem Fürſtenſitze. Aus einem lachenden Thale erhob ſich ein niedriger Hügel, an deſſen Spitze ſchaute das Wohngebäude der Farm in das Thal Es war in einfachem mauriſchen Style erbaut, mit einem niedrigen Heuptthu reih geſch in Inner Räume z Zwe Wohnung mit Zinne ſo d Hauptgeb den Blun Um Die Stel Urwald, Ein Thei nutzt wor tieſen, di Die auf einen Berge un Von die ganze Un⸗ ganz na weiter q chen ein to. hen Erde 5 Lebens nug, um Amerika, der auch Boden⸗ Gebiete geſtiegen er loszu⸗ 9 geen und auf Ver⸗ eal zuge⸗ der Colo⸗ riſto feſt⸗ hte ſeine fröhliches ehrt. te Chriſto und dort ervorrief rrſtenſitze. hügel, an as Thal niedrigen 159 Hauptthurme und vier Eckthürmen, alle mit Zinnen gekrönt. Ein reich geſchmücktes Portal gewährte den Zugang zu dem Gebäude, das im Innern überaus wohnlich eingerichtet war. Namentlich die oberen Räume zeigten eine glänzende Ausſtattung. Zwei Seitenflügel ſchloſſen ſich an das Hauptgebäude an, Wohnungen für die Dienerſchaft und Stallungen enthaltend. Eine mit Zinnen verſehene Mauer von ſehr bedeutender Ausdehnung um⸗ ſchloß das Ganze und ſomit auch den geräumigen Vorplatz des Hauptgebäudes mit ſeinen prächtigen Raſenplätzen, ſeinen prangen⸗ den Blumen⸗ und Geſträuchgruppen. Um das Schloß aber dehnte ſich ein großartiger Park aus. Die Stelle, wo jetzt das Schloß ſich erhob, war einſt ein Stück Urwald geweſen, die ganze Gegend war von ſolchem bedeckt geweſen. Ein Theil deſſelben war ſtehen geblieben und war zum Parke be⸗ nutzt worden. Da ſtanden denn noch Gruppen gewaltiger Baum⸗ rieſen, die viele hundert Jahre an ſich vorübergehen geſehen hatten. Die durchgehauenen Wege gewährten die herrlichſten Ausſichten auf einen kleinen See, auf den Fluß, auf die umgebenden, bewaldeten Berge und einzelne Felſenpartien. Von dem Thurme aber genoß man eine reiche Ausſicht auf die ganze Umgebung. Unten am Fuße des Hügels befand ſich die eigentliche Farm, ganz nach der Art eines europäiſchen Meierhofes angelegt, und noch weiter abwärts reihten ſich die von Gärten eingefaßten netten Häus⸗ chen einer Colonie Anſiedler. Auf dem Schloſſe wohnte Graf Monte Chriſto mit ſeiner Familie, die außer ſeiner Gattin Haydee aus einer Tochter beſtand. Claire, die Tochter, war ein reizendes Mädchen von etwa acht⸗ zehn Jahren, ſchlank und zart gebaut, glich ſie umſomehr ihrer Mutter, als ſich in ihrer ganzen Erſcheinung etwas von dem orientaliſchen Typus ausprägte, man ſah es an dem feinen Schnitte des Profils, den dunklen, feurigen und doch ſo ſanft blickenden Augen. In dem Hauptgebäude der Farm wohnte ferner die Diener⸗ ſchaft zum perſönlichen Dienſte bei dem Grafen und ſeiner Familie. In dieſer Dienerſchaft waren der Haushofmeiſter Bertuccio und der treue Neger Ali die Hauptperſonen. 160 Jetzt befanden ſich auch noch die Gäſte Monte Chriſto's hier, Albert Morcerf, Valentin Morell und der Trapper. Der wilde Ritt in der glühenden Hitze des Brandes hatte die Wunden Valentins und des Trappers nicht unbedeutend verſchlim⸗ mert, und bei dem Trapper hatte es ſich herausgeſtellt, daß ſeine durch den Sturz erhaltenen Brandwunden denn doch ſtärker waren, als es erſt den Anſchein gehabt, und er hatte deshalb recht gern die Einladung angenommen, bis zur Heilung der Wunden bei Monte Chriſto zu bleiben. Es war dem Trapper ſogar lieb, einige Zeit in der Nähe des Mannes zu verweilen, der als Sonderling bezeichnet worden war, ihm aber jetzt ſehr intereſſant erſchien. Er hatte ſich ihn ganz anders gedacht. Nach ſeiner gewohnten graden Weiſe ſprach der Trapper dieſes auch ungeſcheut aus und Monte Chriſto lächelte dazu. Er meinte: Von weitem haben die Menſchen oft eine ganz andere Ge⸗ ſtalt, als wenn man ſie in der Nähe betrachtet; nahe beſehen, über⸗ treffen ſie manches Mal die Erwartungen, aber noch häufiger täuſchen ſie dieſelben.“ Die Reiſegeſellſchaft war übrigens ohne weitere Gefährdung auf der Farm Monte Chriſto's angekommen. Am Vormittage nach dem Waldbrande hatte die Geſellſchaft die Inſel wieder verlaſſen, und die neugekräftigten Pferde hatten die kurze Strecke zwiſchen der Inſel und dem Ufer ohne Schwierig⸗ keit durchſchwommen. Die Büffel, welche ſich vor der Wuth des Feuers in den See geflüchtet, waren längſt ſchon aus dem Waſſer getreten und über die Brandſtelle hingezogen, auf unverſehrten Waldwieſen ihr Futter zu ſuchen. Deshalb war auch des Trappers Meinung geweſen, wenn die Büffel ruhig über die Brandſtätte könnten, ſo würden es die Pferde wohl auch ohne Beſchwerde aus⸗ halten. Dieſes war auch der Fall geweſen, denn die Aſche war durch den Regen ſchon ſehr abgekühlt; die einzige Beſchwerde hatte ſich dadurch herausgeſtellt, daß überall noch Dampf aufſtieg und der brandige Geruch durch die ganze Umgebung herrſchte. Gar ſeltſam war es den ſolchen Anblicks Ungewohnten vorge⸗ kommen, ganze Reihen noch aufrechtſtehender verkohlter Stämme zu finden und zwiſchen ihnen hindurchziehen zu müſſen. Ohne Puth ver wie die keit gehal durchzogen um ſich g Nach nommener Rückkehr geladen l Tage ſei einem feß doch nich erklärten, Freunden Peife ge ſchaft vo ſehen ho Freunden „Ge noch ma „S wollen, entgegn fangen dem ſi gangen Mong ſos hie, hatte die verſchlim⸗ daß ſeine ler waren, recht gern bei Monte inige Zit bezeichnet matte ſh pper dieſes Er meinte. nndere Ge⸗ ehen, über⸗ her täuſchen Hefährdung Geſdſeft ekde hatten Schwierig⸗ V Wuth des den Waſſe. mverſehrten V 3 Trappels Brundſtäte werde aul war durch d hatte ſch eg und der uten vorge⸗ Stämme u 161 Ohne Gefahr war dann die Geſellſchaft in der von des Feuers Wuth verſchont gebliebenen Waldſtrecke angekommen, und für Leute, wie die Indianer und der Trapper, hatte es weiter keine Schwierig⸗ keit gehabt, nun, da die nächſte Abſicht erreicht und die Brandſtelle durchzogen war, auch die Richtung wiederzufinden, die ſie durch den um ſich greifenden Brand am vorigen Tage verloren hatten. Nachdem die Indianer auf ſolche Art ihrer freiwillig über⸗ nommenen Pflicht als Führer genügt hatten, dachten ſie auf die Rückkehr zu den Ihrigen. Obgleich Monte Chriſto ſie dringend ein⸗ geladen hatte, ihn bis nach ſeiner Farm zu begleiten, dort einige Tage ſeine Gäſte zu ſein und die Annehmlichkeit des Lebens in einem feſten Wohnſitze zu beobachten, ſo waren die Rothhäute denn doch nicht zu bewegen geweſen, dieſer Einladung zu folgen. Sie erklärten, die Heimath rufe ſie zurück, und nachdem ſie mit ihren Freunden, den Bleichgeſichtern, mit großer Würde nochmals eine Pfeife geraucht hatten, zum Zeichen, daß ſie in Frieden und Freund⸗ ſchaft von ihnen ſchieden und ſie in Frieden auch ſich wieder zu ſehen hofften, nahmen ſie Abſchied von Monte Chriſto und deſſen Freunden. „Gedenket Eures Wortes,“ ſagte Monte Chriſto beim Abſchiede noch mahnend zu den Indianern. „So die Bleichgeſichter mit dem rothen Manne Frieden halten wollen, ſollen ſie ſich über den rothen Mann nicht zu beklagen haben,“ entgegnete da Chiaha⸗Walla. Und fort waren ſie gezogen, ihrem Wohnſitze zu. Monte Chriſto mit ſeinen Dienern und ſeinen Gäſten aber war durch die nun ſich öffnende Prairie ſeiner Beſitzung zugezogen, Alle herzlich froh, aus ſo großen Gefahren glücklich gerettet zu ſein. Wohl konnte Morcerf mit Recht ſagen: „Die letzten Tage waren ſo ereignißreich, daß ſie ein Jahr zu füllen vermocht hätten.“ Wohl waren dieſe wenigen Tage voller Ereigniſſe geweſen; Albert und Valentin hatten die Prairie kennen gelernt, hatten die Wuth der Indianer beim Ueberfalle der Farm erfahren; waren Ge⸗ fangene der Indianer geweſen, jeden Augenblick den Tod erwartend, dem ſie nur durch das Erſcheinen des Grafen Monte Chriſto ent⸗ gangen waren. Sie waren ferner Zeugen des Friedensvertrages Monte Chriſto's letzter Weltgang. 11 162 zwiſchen den Weißen und den Indianern geworden, und hatten dann von den Indianern eben ſo viele Beweiſe der Freundſchaft, als erſt der Feindſchaft erhalten.— Auf wunderbare Weiſe hatten ſie ſo den Mann gefunden, den ſie lange geſucht, und dann im Vereine mii ihm eine neue gewaltige Gefahr, die des Waldbrandes, überſtanden. Freudenvoll war der Empfang des Grafen mit ſeiner Begleitung in ſeiner Farm— wie er beſcheiden ſein Schloß nannte— ge⸗ weſen. Auch die Gäſte erfreuten ſich der herzlichſten Aufnahme, und als Haydee erſt erfahren, welcher Freudenbotſchaft Ueberbringer ſie waren, da rief ſie mit vor hoher Wonne überſtrömenden Augen: „O, nun iſt Alles gut. Die Zeit der Prüfung iſt vorüber! Gott hat uns neu begnadigt, er ſchenkt uns zu der Tochter auch den Sohn wieder, den wir ſo lange beweint haben.“ Mit doppelter Liebe ſuchten nun Haydee und ihre Tochter Alles zu thun, was ſie den Gäſten an den Augen abſehen konnten, und ſie ſuchten ihnen mit dem liebenswürdigſten Eifer Alles ver⸗ geſſen zu machen, was ihnen auf der zu ſo edlem Zwecke unter⸗ nommenen Reiſe Uebles widerfahren war. Albert meinte hier indeſſen ſcherzend: „Man zählt dieſes nicht. Kleine Abenteuer gehören zur Würze der Reiſen, die ohne ſolche höchſt langweilig wären. Wenn ich jetzt Alles überdenke, ſo iſt mir es, als müßte ich mich ärgern, wenn ich das nicht erlebt hätte, was ich jetzt erlebte.“ „Mir meines Theils erſcheinen die überſtandenen Gefahren ſehr klein gegen das Vergnügen, welches mir das ſo glücklich erreichte Ziel unſerer Reiſe gewährt,“ ſagte Valentin.„Es trifft hier ein, was man immer ſagt: ohne Mühe und Arbeit erreicht man nichts. Ich meine: das mit Mühe erreichte Ziel iſt um ſo ſchöner, eben weil es Mühe gemacht hat. Eben dieſes Bewußtſein macht es werthvoller!“ Valentin hatte wohl Recht, wenn er ſo ſprach, für ihn war das erreichte Ziel doppelt werthvoll geworden. Der furchtbar eilige Ritt in der Hitze des Waldbrandes, die heftige Aufregung dabei, die auf die Hitze folgende Regennacht hatten die Wunde Valentins um ſo mehr verſchlimmert, als ſein Körper noch gar nicht für Ertragung aller Strapazen ſo abgehärtet war, wie der ſeiner Gefährten. Auf dem Ritte nach der Farm 74 hatte er ſe Schmerzen zu geben, zurm mu denken. Es h in Wund ihn mehre mehrere T Hayd Sorgſamſt lchkeit ein „Ale ſagte ſie teeu pfleg leichtern.“ Clait heitere P. tt begleit ihn und derſelbe Val⸗ an, und Schweſte könne, a Alt niſſe, de ſowohl, Als mer wi wandelt üppigen Baumri Unterha d Clairer um ſo atten dann —, als erſ ſie ſo den eereine mij berſtanden. Gegleitung ſte— ge⸗ hme, und bringer ſie Augen: t vorüber! bchter auch e Tochter n konnten, Alles ver⸗ ſecke unter⸗ zur Würze enn ich jetzt ern, wenn Gefahren ich erreichte t hier ein, nan nichts. eben weil erthvoller!“ hn war das andes, die Regennackt , als ſein abgehärtet der Farm — 163 hatte er ſchon alle Kraft aufwenden müſſen, die heftiger werdenden Schmerzen zu bezwingen und ſich ein heiteres, unbefangenes Aeußere zu geben, gleich dem ſeiner Gefährten. Doch nach Ankunft in der Farm mußte ſein Erſtes ſein, auf Erneuerung des Verbandes zu denken. Es hatte ſich da eine ſtarke Entzündung der Wunde gezeigt, ein Wundſieber von bedeutender Heftigkeit hatte ſich eingeſtellt und ihn mehrere Tage auf das Lager gefeſſelt, und dann konnte er noch mehrere Tage das Zimmer nicht verlaſſen. Haydee und ihre Tochter hatten den jungen Mann da auf das Sorgſamſte gepflegt, und namentlich die Erſtere hatte ihm die Zärt⸗ lichkeit einer Mutter bewieſen. „Alle dieſe Leiden erträgt dieſer junge Mann ja wegen uns,“ ſagte ſie zu ihrem Gatten.„Warum ſollte ich ihn da nicht auch treu pflegen und nach Kräften verſuchen, ſeine Schmerzen zu er⸗ leichtern.“ Claire ſaß manche Stunde am Lager Valentins und ſuchte durch heitere Plaudereien und durch Erzählungen die das Krankenlager ſo oft begleitende Langweile zu verſcheuchen. Sie wachte ſorgſam über ihn und beſtrebte ſich, jeden ſeiner Wünſche zu erfüllen, noch ehe derſelbe ausgeſprochen wurde. Valentin erkannte dieſe treue Pflege auch in vollem Umfange an, und er ſprach es gegen Albert aus, daß eine Mutter und eine Schweſter den geliebten Sohn und Bruder nicht treuer pflegen könne, als Haydee und Claire ihn. Albert lächelte auf eigenthümliche Weiſe bei dieſem Geſtänd⸗ niſſe, denn er glaubte ſchon Verſchiedenes bei ſeinem jungen Freunde ſowohl, als auch bei dem Mädchen bemerkt zu haben. Als Valentin endlich ſo weit hergeſtellt war, daß er ſein Zim⸗ mer wieder verlaſſen durfte und ſich im Freien ergehen konnte, da wandelte er täglich bald mit Albert, bald mit Claire durch die üppigen Blumengruppen des Gartens und unter den Gruppen der Baumrieſen des Parkes, wo die Stunden unter der freundlichſten Unterhaltung vergingen. Die Stunden, die Valentin auf ſolche Art in der Geſellſchaft Claire's verbrachte, boten ihm den wonnigſten Genuß, und dieſes um ſo mehr, als ſie ſich vertrauungsvoll an ihn ſchloß, ihm mit 11* 164 ſchweſterlicher Freundlichkeit entgegen kam und ſich gegen ihn mit herzlicher Natürlichkeit ganz ſo gab, wie ſie wirklich war. Von Koketterie zeigte ſich bei ihr keine Spur. Valentin ſuchte Claire's Geſellſchaft, ſo oft es ſich thun ließ, und das Mädchen ließ ſich ſeinerſeits auch recht gern finden, denn es fand augenſcheinlich den größten Gefallen an dem Verkehre mit Valentin, der ſich ſtets ſo ritterlich und dabei auch ſo zartſinnig bewies. Ohne daß die jungen Leute es ſelbſt ahnten, gaben ſie ſich immer deutlichere Zeichen der gegenſeitigen Zuneigung, die einen tieferen Grund hatte, als blos brüderliche und ſchweſterliche Liebe, für welche ſie dieſe Gefühle hielten; wenigſtens ſuchte ſich Claire zu überreden, ihre Zuneigung gegen Valentin habe keinen anderen Urſprung, als dieſe Liebe, verbunden mit der Dankbarkeit, dafür, daß Valentin eine ſo weite und gefahrvolle Reiſe unternommen, um ihren Eltern und ihr ſelbſt ein ſo großes Glück zu verkünden.— Sie überredete ſich, daß es da ſogar eine große Pflicht für ſie ſei, den jungen Mann recht heiß zu lieben, als Schweſter nämlich. Valentin täuſchte ſich da anfangs wohl auch, allein er ward ſich doch bald klarer, beſonders als immer lebhafter der Wunſch bei ihm in den Vordergrund trat, ſich nie mehr von Claire trennen zu dürfen. Eine Bemerkung Alberts gab ihm volle Klarheit darüber und ſagte ihm zugleich, daß beobachtende Augen bereits Das ge⸗ ſehen, was er ſich bis dahin noch nicht ſelbſt hatte eingeſtehen wollen. „Valentin,“ ſagte Albert,„ich fange an zu glauben, die Tochter des Grafen Monte Chriſto iſt Dir nicht gleichgiltig.“ „Ich liebe ſie als Schweſter,“ entgegnete Valentin, indem eine verrätheriſche Röthe über ſeine Wangen loderte. „Nicht mehr, lieber Freund?“ fragte Albert, den jungen Mann forſchend anſehend. „Ich glaube nicht!“ „Ich hingegen glaube es, Valentin. Man hat ſeine Zeichen, die nicht ſo leicht täuſchen, und der Liebende mag noch ſo ſehr über ſich wachen, er wird doch ſich bald da, bald dort unbewußt ver⸗ rathen und dann oft am meiſten, wenn er ſich vor ſolchem Verrathe am ſicherſten glaubt. Ich finde dieſe Erſcheinung bei Dir übrigens aͤct unbeg gefeſelt blie ſühi, das Pallung zu galentin, ſe befinden, u jihenden 3 Palent Porte ihn wie Valenti tt auf ihn uftauchend ſühm nun a ſr: wo Eif diſes Gefü mand in werden er habe er au gemacht, m „Bei nun faſt,“ „Ich ſogar ſcho „Du ähnlich ſi „Tä Vale „Abe Chriſto d Dief noch gar Augenblie worden u iün nt var. Von 1 gefeſſelt blieb, Gräfin Claire aber iſt ein reizendes Mädchen, wohl thun ließ, den, denn erkehre mit zartſinnig en ſie ſic die einen liche Lebe, ſich Claire ten anderen keit, dafür, ömmen, um künden.— für ſie ſei, ämlich. in er ward Wunſch bei trennen zu eit darüber ts Das ge⸗ eingeſtehen die Tochter indem eine ngen Mann ine Zeichen, ſ 0 ſehr über bewußt ver⸗ m Verrahe ir übtigens»* nicht unbegreiflich, denn ich weiß, daß in Europa Dein Herz un⸗ fähig, das empfängliche Herz eines jungen Mannes in heftigere Wallung zu bringen. Wäre ich noch in Deinem Alter, mein lieber Valentin, ſo würde ich mich Claire gegenüber wohl in gleicher Lage befinden, wie Du, denn ſie hat einen gewiſſen unwiderſtehlich an⸗ ziehenden Zauber an ſich.“ Valentin fühlte dieſes jetzt ſelbſt, eben da des älteren Freundes Worte ihn darauf aufmerkſam machten, und im erſten Augenblicke, wie Valentin Albert ſo ſprechen hörte, war es ihm ſelbſt, als müſſe er auf ihn eiferſüchtig werden. Dieſes allerdings nur blitzesgleich auftauchende und eben ſo ſchnell wieder verſchwindende Gefühl gab ihm nun auch die völlige Gewißheit über ſich ſelbſt, denn er wußte ja: wo Eiferſucht iſt, da iſt auch Liebe. Er ſagte ſich jetzt: er habe dieſes Gefühl nur deshalb noch nicht empfunden, weil er noch Nie⸗ mand in der Nähe Claire's bemerkt habe, auf den eiferſüchtig zu verden er hätte Veranlaſſung finden können, und eben deshalb habe er auch noch nicht die Entdeckung über ſich ſelbſt ſo vollſtändig gemacht, wie jetzt. „Bei Gott,“ rief er da,„bei Gott, theurer Freund, ich glaube nun faſt, Du haſt Recht!“ „Ich glaubte es nicht nur,“ entgegnete Albert,„ich war davon ſogar ſchon längſt überzeugt.“ „Du ſiehſt ſcharf, Albert! Dann ſage mir auc, ob Claire ähnlich für mich fühlen könnte?“ „Täuſchen mich nicht alle Zeichen, ſo iſt es ſo!“ Valentin war durch dieſe Worte ſeines Freundes glücklich. „Aber,“ ſagte Albert ernſt,„es iſt nun die Frage, ob Monte Chriſto dieſes Verhältniß zu ſeiner Tochter billigen würde.“ Dieſe Frage war allerdings ein Etwas, was dem guten Valentin nooch gar nicht eingefallen war, um ſo weniger, als er erſt in dieſem Augenblicke ſich über ſeine Hoffnungen und Wünſche ganz klar ge⸗ worden war. „Warum ſollte Edmond Dantes dieſes nicht?“ fragte er etwas kleinlaut. „Ich ſehe keinen vernünftigen Grund dazu,“ entgegnete Albert. Aber man kann nie voraus wiſſen, wie der Andere über eine 165 166 Sache eigentlich denkt, am wenigſten bei einem Manne, wie Monte Chriſto, der ſtets für Alle ein Räthſel war und es wohl auch jetzt noch iſt. Man weiß nicht, ob er vielleicht mit ſeiner Tochter irgend einen Plan hat, der möglicher Weiſe durch ein anderes Verhältniß, wie das mit Dir, Valentin, durchkreuzt würde; und dann iſt eben Monte Chriſto der Mann, der ſeine Pläne nicht durchkreuzen läßt, ſondern ſie durch alle ihm zu Gebote ſtehenden Mittel auszuführen ſucht. Mancher hat dieſes zu ſeinem Glücke, Mancher zu ſeinem Un⸗ glücke erfahren.“ Dieſe Worte Alberts, die für Valentin zugleich eine Mahnung zur Vorſicht und eine ernſte Warnung enthielten, machten den jungen Mann ſtutzen.— Einen Mann, wie Monte Chriſto, zu ergründen, war ſchwer, er konnte dieſes Werk nicht unternehmen; aber er be⸗ ſchloß auch, ſich von Claire ſo bald als möglich Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, wie ſie zu ihm ſtehe, und dabei wo möglich auch zugleich zu erfahren, ob ihr Vater, wie Albert vermuthet, irgend eine Be⸗ ſtimmung über ſie getroffen habe. Wohl hatte Valentin ſchon am nächſten Tage Gelegenheit, mit Claire allein zu ſein, aber im entſcheidenden Augenblicke verſagte ihm das Wort,; dann traten ſeine Freunde hinzu und der Augen⸗ blick ging vorüber. Dieſes wiederholte ſich auch in den nächſten Tagen. Unterdeſſen zeigte Monte Chriſto große Thätigkeit. Er hatte ſeinen Entſchluß ausgeſprochen, ſo wie Valentin völlig hergeſtellt und gekräftigt ſein würde in deſſen und Alberts Begleitung nach Europa zu reiſen, um ſeinen Sohn abzuholen und ihn der Mutter und Schweſter zuzuführen. Haydee und Claire ſollten auf der Farm bleiben und daſelbſt weitere Nachrichten von ihm erwarten. Albert hatte auch ſchon nach Europa geſchrieben, daß ſie den Geſuchten glücklich gefunden und man ihre baldige Rückkehr nach Europa in Geſellſchaft des Grafen erwarten könne. Wohl hatte Haydee den Wunſch ausgeſprochen, die Reiſe mit zu machen, allein Monte Chriſto hatte dieſes verweigert, da er ent⸗ ſchloſſen war, die Reiſe mit größter Raſchheit zurückzulegen, weshalb die Theilnahme Haydee's und ihrer Tochter an derſelben nicht räth⸗ lich war. Der Zeitpunkt, wo die Abreiſe ſtattfinden ſollte, nahte heran. Da der hoher Trennung Leic dem Trä die vor i Val erwartete kaum ein Clai wartet als er. „S diſhen E „N. „3 iſt denn „G „ gar nich Ich kön unſicher 6 9 liche G waren Valent noch h 1 Claire ganze A echälti, n iſt ben euzen läßt, luszuführen ſeinem Un⸗ Nahnung den jungen ergründen, aber er be⸗ hei zu ver⸗ uch zugleich nd eine Be genhei, mit icke verſagte der Augen⸗ . Er hatte g hergeſtell leitung nach der Mutter uf der dern en ie Reiſe mi da er ent wie Nonte auch jegt chter irgend dij ſe der üdkkehr nah richt rith 6 1 ähte vemn 167 Da wanderte Valentin einſam und ſinnend in dem Schatten der hohen Bäume des Parkes, er dachte an Claire und die baldige Trennung von ihr, die ihm drohte. Leichte Schritte kamen ihm entgegen. Dieſe Schritte waren dem Träumenden bekannt. Er ſchaute auf, es war wirklich Claire, die vor ihm ſtand. Valentin war von dieſer ihm ſo erwünſchten und doch ſo un⸗ erwarteten Begegnung ſo betroffen, daß er im erſten Augenblicke kaum ein Wort zur Begrüßung fand. Claire hingegen, obgleich ſichtlich überraſcht, daß ſie ſo uner⸗ wartet auf Valentin geſtoßen, erſchien doch weit unbefangener, als er. „So allein, lieber Freund?“ fragte ſie mit ihrer weichen, melo⸗ diſchen Stimme. „Nein, Claire,“ entgegnete Valentin,„ich bin nicht allein!“ „Ich ſehe doch Niemand,“ ſagte Claire heiteren Muthes.„Wer iſt denn mit Ihnen? Etwa Ihr Schutzengel?“ „Gewiß!— Er und meine— Geodanken begleiten mich!“ „Sie hatten auch in der That ſo tiefe Gedanken, daß Sie mich gar nicht ſahen und mich beinahe über den Haufen gerannt hätten. Ich könnte über dieſe Gedanken Beſchwerde führen, da ſie die Wege unſicher machen.“ „So ſchlimm wird es denn doch nicht ſein, Claire.“ „Schlimm genug aber doch, wenn dieſe Gedanken die perſön⸗ liche Sicherheit anderer Menſchenkinder gefährden.— Aber was waren es denn für merkwürdige Gedanken, in welche der liebe Herr Valentin Morell ſo ſehr vertieft war, daß er darüber weder ſah, noch hörte, am Ende auch gar nicht fühlte?“ Wie heiter, wie muthwillig, wie neckend klangen dieſe Worte! Claire ſchien eine ihrer glücklichſten Stunden zu haben, denn ihr ganzes Geſicht ſtrahlte ſo heiter. Valentin hob ſein Auge und ſchaute in des Mädchens Geſicht, auf dem ſo heller Sonnenſchein lagerte. „Claire,“ ſagte er dann,„ich dachte an den nahen Abſchied!“ Claire wurde plötzlich ernſt. „An die Abreiſe?“ ſagte ſie dann.„Iſt dieſelbe denn wirklich ſo nahe? Mein Vater ſprach ſich noch nicht beſtimmt aus.“ 168 „Jedenfalls wird die Trennungsſtunde bald ſchlagen,“ ant⸗ wortete Valentin faſt ſchwermüthig.„Vielleicht kann die Friſt noch eine Woche, vielleicht noch länger dauern, aber wenn ſie auch Mo⸗ nate dauerte, ſo erſchiene die Trennungsſtunde doch immer noch zu bald.“ Valentin ſchaute bei dieſen Worten Claire mit Innigkeit an. Claire ſenkte die Augen. „Sie wollen nach Europa zurück, Herr Morell?“ fragte ſie dann. „Europa iſt meine Heimath, dort iſt das Haus meiner Eltern,“ entgegnete Valentin. „So gehen Sie gern zurück?“ 3 „Meine Kindespflicht ruft mich, Claire, aber doch ſcheide ich ſehr ungern von hier, denn in den wenigen Wochen, die ich hier verweilte, iſt mir dieſes Fleckchen Erde zur zweiten Heimath ge⸗ worden, von einer Heimath trennt man ſich doch immer ungern.“ Claire ſeufzte leiſe. Valentin ergriff des Mädchens Hand und leitete es zu einem nahen Ruheſitze, wo er ſich niederließ. Claire folgte willig ſeinem Beiſpiele und ließ ihre Hand in der ſeinen. „Ich ſcheide ungern von hier,“ ſprach jetzt Valentin,„aber es muß doch geſchehen, ich muß tauſend Meilen von hier fort, ein un⸗ geheurer Zwiſchenraum, er erſcheint mir faſt unendlich.— Aber bin ich auch durch Meere von hier getrennt, werde ich doch ſtets dieſes Ortes gedenken.“ „Glauben Sie, man würde Sie hier vergeſſen?“ fragte Claire. „Mich würde es glücklich machen, wenn ich dieſes nicht zu be⸗ fürchten hätte.“ „Sie haben das Vergeſſenwerden auch nicht zu fürchten, lieber Herr Morell; aus tauſend Gründen nicht. Eher könnten wir dieſe Furcht hegen.“ „Weshalb, theure Claire?“ fragte Valentin und wagte es, des Mädchens Hand mit ſteigender Wärme zu drücken. Claire erwiderte dieſen Druck leiſe, dann aber ſchaute ſie Va⸗ lentin in's Auge und ſagte faſt ſchwermüthig: „Sie ziehen wieder hinaus in die Welt, der fernen Heimath zu. Tauſend ſtets wechſelnde Bilder werden während Ihrer Reiſe an Ihnen vorüberziehen, und dieſe täglich neuen Erſcheinungen und Eindrück vergißt Brüſt iſt „S „Ic Erde zu Geiſt, E Cla gefühlt! „Cl Engel ne Die neinende abhalten doch wü zu ſein nur m füllung n,“ ant⸗ hriſt noch auch Mo⸗ mer noch keit an. ſie dann. Eltern,“ ſcheide ich eich hier math ge⸗ ungern.“ zu einem lig ſeinem „aber es t, ein un⸗ Aber bin tets dieſes gte Glaire. icht zu be⸗ ten, lieber wir dieſe te es, des te ſie Va— n Heimalh hrer Reiſe ungen und 169 Eindrücke werden diejenigen, die Sie hier empfangen haben könnten, erſt abſchwächen, dann— verwiſchen!“ „Nie, nie, Claire!“ rief da Valentin feurig. „Wiſſen Sie das, Herr Morell?“ fragte Claire leiſe. „Ja,“ antwortete Valentin feſt,„ich weiß es!— Den Ort, wo man ſo glücklich lebte, der förmlich zum Paradieſe geworden iſt, vergißt man nie, nie, ſo lange noch ein Funken Lebens in der Bruſt iſt.“ „Sie nennen dieſe Farm ein Paradies, Valentin?“ „Ja, Claire, ich habe keinen anderen Namen, dieſes Fleckchen Erde zu bezeichnen. In dieſem Paradieſe lebt und webt ein guter Geiſt, Engel möchte ich ihn nennen.“ Claire erröthete, ſie hatte wieder einen leiſen Druck ihrer Hand gefühlt und ihn erwidert. „Claire,“ begann jetzt Valentin wieder,„ſoll ich Ihnen dieſen Engel nennen?“ Die Gefragte bewegte leiſe das Haupt, als ob ſie ein ver⸗ neinendes Zeichen machen wolle; Valentin ließ ſich dadurch nicht abhalten, er drückte Claire's Hand an ſeine Bruſt und ſagte: „Fühlen Sie, wie mein Herz ſchlägt und fragen Sie es nach dem Namen jenes Engels und es wird Ihnen ſagen: dieſer Engel heißt— Claire!“ Claire zuckte leiſe zuſammen und Purpurröthe überflog ihr Geſicht. Valentin neigte ſich zu ihr hinüber, ſo daß ſein Geſicht faſt das ihre berührte und ſagte: „Claire, aus dieſem Paradieſe werde ich nun vertrieben, und doch wünſchte ich nichts mehr, als ſtets in der Nähe dieſes Engels zu ſein!— Ja ich muß es ausſprechen, mir iſt es, als hinge nicht nur mein Wohl und Wehe, ſondern ſelbſt mein Leben an der Er⸗ füllung dieſes Wunſches.“ „O, mein Gott!“ ſeufzte Claire. „Claire“—— flüſterte Valentin. „Valentin!“ flüſterte das Mädchen und neigte ſein erglühendes Köpfchen an die Schulter des Freundes. Indem das Eine des Anderen Namen flüſterte, war auch zugleich das Geſtändniß der Liebe ausgeſprochen.— Nicht brauchten ſie das 170 Wort„Liebe“ auszuſprechen, ſie verſtanden ſich ſchon gegenſeitig genügend aus dem bloſen Geflüſter des Namens, aus dem innigen Blicke der Augen, aus dem Drucke der Hände, ſelbſt aus dem leiſen Beben der nach einander hinſtrebenden Körper. War doch das In⸗ einanderfließen dieſer Töne, das leiſe Umſchlingen ihrer Arme ein beredtes Zeichen, daß Leib und Seele ſtrebten, in inniger Harmonie feſt verbunden zu ſein für alle Zeit. Bedurfte es bei ſolcher ſtummen Sprache wohl noch der Nenn⸗ ung vieler Wörter, um ein Gefühl kund zu geben, das harmoniſch in der Seele des Einen, wie des Anderen herrſchte?— Dieſe Har⸗ monie hat tauſend ſtumme und doch ſo leicht verſtändliche Zeichen. So ſaßen denn Beide zuſammen, ſich umſchlungen haltend, Claire das Geſicht an die Schulter Valentins gelehnt. Sie hatten die ganze Welt um ſich vergeſſen, weil ſie in dieſem Augenblicke die Welt ganz allein in ſich ſelbſt fanden. Was bedurften ſie auch da der Außenwelt? waren ſie ſich doch ſelbſt genug. Es war dieſes einer jener Augenblicke, wo der Menſch, wie von Wonne betäubt, Himmel und Erde vergißt, die aber nur ein⸗ mal im Leben wiederkehren und zu dem man ſo gerne ſagen möchte: „Verweile doch, Du biſt ſo ſchön!“ Die ſtumme Sprache der Blicke, der Lippen, der Hände dauerte wohl einige Minuten, dann erſt begann leiſes Flüſtern wieder, ſüße Worte, Liebesbetheuerungen wurden getauſcht. „So ſei denn der Bund geſchloſſen zwiſchen unſeren Herzen,“ ſagte Valentin. „Unauflöslich, Valentin,“ entgegnete Claire. „Und unſer Ziel ſei die innigſte, treueſte Vereinigung.“ „Vereinigt mit Dir für die Welt!“ Valentin war glücklich durch dieſe Worte und ſchwelgte im Vollgenuſſe dieſes Glückes. Aber plötzlich tauchte es in ihm wie ein dunkler Schatten auf, denn die Erinnerung an die Worte ſeines älteren, erfahrenen Freun⸗ des Albert erwachte in ihm, er dachte an Claire's Eltern, nament⸗ lich an Monte Chriſto, den unergründlichen Charakter. „Claire,“ ſagte er jetzt,„es giebt denn doch kein Glück, in das ſich nicht ein bitterer Tropfen miſcht.“ genſeitg innigen em leiſen das In⸗ Arme ein Harmonie er Nenn⸗ rmoniſch ieſe Har⸗ Keichen. haltend, in dieſem bedurften ug. nſch, wie nur ein⸗ mne ſagen de dauerte eder, ſüße Herzen,“ g. welgte im jatten auf, nen Freun⸗ nament⸗ id, in dN 171 „Was meinſt Du, Valentin?“ fragte Claire, erſtaunt zu dem Geliebten aufblickend. Sie ſchien nicht begreifen zu können, wie er jetzt, wo ſie doch von dem Kelche des ſüßeſten Glückes, das ſie noch nie empfunden, durſtig ſchlürften, noch von einem bitteren Tropfen ſprechen könne. „Unſere Herzen ſind verbunden, Claire,“ antwortete Valentin. „Aber, ſollten uns nun nicht eben wegen dieſes Bündniſſes noch „Kämpfe bevorſtehen? Deine Eltern“—— „Was fürchteſt Du von meinen Eltern, Valentin?“ fragte Claire.„Meine Mutter liebt Dich ja, als ob Du ihr eigenes Kind wärſt. Ich glaube, dieſes könnte Dir nicht unbekannt ſein.“ „Wohl kenne ich das und danke es Deiner edlen Mutter,“ ent⸗ gegnete Valentin.„Aber Dein Vater, Claire?“ „Was ſollte uns mein Vater für Hinderniſſe bereiten wollen?“ fragte das Mädchen, welches die Beſorgniſſe Valentins nicht recht begriff. „Dein Vater, Claire, iſt ein eigener Charakter,“ ſagte Valentin. „Ihn zu ergründen, überſtiege meine Kräfte, ſelbſt wenn ich viele Jahre in ſeiner Nähe weilte; ſeine Vergangenheit, ſo weit ich die⸗ ſelbe kenne, ſagt mir dieſes. Hat er einen Plan, ſo ſpricht er ganz gewiß nie davon, bis daß der Augenblick ſeiner Ausführung ge⸗ kommen iſt.— Dein Vater könnte mit Dir, Claire, auch ſeine Pläne haben.“ Claire ſchaute dem Zweifelnden ruhig in das Auge. „Was könnte mein Vater für andere Pläne haben, als den für das Glück ſeines Kindes?“ fragte ſie dann.„Mein Vater iſt mir ſtets der liebevollſte Vater, der beſte und treueſte Freund geweſen, der ſtets auf das Innigſte Theil an meinen kleinen Leiden und Freuden nahm, ſo lange ich nur zu denken vermag.— Auf dieſe ſeine mir ſtets bewieſene Liebe vertraue ich auch jetzt.“ „Und wenn es dennoch wäre?“— fragte Valentin, zwar etwas beruhigter, aber immer noch zweifelnd. „Ich halte dieſen Fall zwar für unmöglich,“ entgegnete Claire, „allein, wenn es dennoch wäre, wie Du ſagſt, ſo hätten wir an meiner Mutter eine mächtige Verbündete. Sie iſt ſo weich, ſo gut.“ „Hat ein Charakter, wie Dein Vater, einmal einen Plan 172 gefaßt, ſo läßt er ſich von Niemand leiten, als von ſich— ſelbſt,“ antwortete Valentin. „Und von ſeiner Liebe, Valentin,“ ſagte Claire ſanft. „Ihr habt Beide Recht!“ klang da eine ernſte Stimme da⸗ zwiſchen. Erſchrocken fuhr das Paar von ſeinem Sitze auf und ſchaute ſich um. 3 Monte Chriſto ſtand vor ihnen. Sein Geſicht zeigte ernſte Freundlichkeit, ſein klares Auge blickte mild. Valentin war ſichtlich befangen, Claire's Geſicht war von Purpurgluth übergoſſen; ſie ſchlug die Augen zur Erde. Monte Chriſto betrachtete Beide ein paar Minuten aufmerkſam, dann wiederholte er: „Ihr habt Beide Recht!— Du, Valentin, indem Du ſagſt, daß ich nur meiner eigenen Eingebung folge, und Du, Claire, wenn Du ſo feſt auf meine väterliche Liebe vertrauſt. Ich erwartete auch gar nicht, aus Deinem Munde etwas Anderes zu hören.“ Wie hoffnungserweckend klang dieſe Sprache!— Valentin fühlte ſein Herz ſchneller und freudiger ſchlagen und heftete ſeine Augen auf den Grafen; auch Claire hob ihre Blicke, in denen ein feuchter Schimmer glänzte, und richtete ſie auf den Vater. „Vater!“ flüſterte ſie leiſe. „Ich bin Dein Vater und werde es zu allen Zeiten ſein und mich Dir als ſolchen beweiſen,“ entgegnete Monte Chriſto.„Glaubt Ihr übrigens, es wäre mir ein Geheimniß geblieben, wie Ihr zu einander ſtändet?— Ihr irrt!— Ihr ſeid Beide nicht die Naturen, die ihre Herzen ſo verſchleiern könnten, daß ein ſcharf beobachtender Blick dieſelben nicht bald durchſchauen könnte, und ich rechne Euch dieſes noch zum Verdienſte an.— Meinen Augen war es längſt klar und ich wußte das Wahre vielleicht eher, ehe Ihr Euch ſelbſt klar geworden.“ Valentin und Claire ſchauten faſt verwirrt auf den Grafen dann ſich ſelbſt an. „Ich war im Klaren und habe nicht gehindert,“ ſprach Monte Chriſto weiter, indem ein flüchtiges, mildes Lächeln über ſein Ge⸗ ſicht zog. „Vater,“ flüſterte Claire, indem ſie des Vaters Hand ergriff und ihr ſehen, da „Nun nicht zorn Tochter a Jetzt Hand und „Dal zürnen?“ „Ich gegnung. „Un Aber „Nid nach Art erringen damit in ſonders, Erſte die wiſſen, d bloſes S dann ſchr auch gege Harmonit erblühen durch zur „Id „Ich Monte C überzeugt zeugung den erſte Ueberzeug „Ich Augenblie zeugung weitern, 2 173 und ihr Geſicht auf dieſelbe neigte,„darf ich Deine Worte ſo ver⸗ ſtehen, daß Du mir nicht zürnſt?“ „Nun, Du kleine Geheimnißkrämerin, Du ſiehſt ja, daß ich nicht zornig bin,“ entgegnete Monte Chriſto leichten Tones, der Tochter auf die Wange klopfend. Jetzt trat auch Valentin dem Grafen näher; er ergriff deſſen Hand und fragte: „Dann darf auch ich wohl hoffen, daß Sie mir gleichfalls nicht zürnen?“ „Ich bin kein Tyrann, junger Freund!“ war des Grafen Ent⸗ gegnung. „Und dann, wenn“,— begann Valentin wieder. Aber raſch unterbrach ihn der Graf. „Nicht vorſchnell, junger Freund,“ ſagte er.„Nicht überſtürzt nach Art des jungen, heißen Blutes, welches Alles im Fluge zu erringen meint. Ich weiß, was Du ſagen willſt, denke aber, es hat damit immer noch Zeit. Es iſt viel vorher zu bedenken, und be⸗ ſonders, daß ein zu ſchneller Schritt Unglück bringen kann.— Für's Erſte die Frage: habt Ihr Euch ſelbſt hinlänglich geprüft, um zu wiſſen, daß dieſes Feuer, daß jetzt in Euch auflodert, nicht ein bloſes Strohfeuer iſt, welches jetzt in hoher Lohe aufſchlägt und dann ſchnell zu todter Aſche niedergebrannt iſt?— Habt Ihr Euch auch gegenſeitig geprüft und da erkannt, daß auch wirklich die wahre Harmonie zwiſchen Euch herrſcht, durch die allein das wahre Glück erblühen kann?— Habt Ihr das Alles ſchon gethan und ſeid da⸗ durch zur Erkenntniß gekommen?“ „Ich bin überzeugt!“ begann Valentin. „Ich glaube es Dir, lieber Freund,“ ſagte, ihn unterbrechend, Monte Chriſto.„Du biſt überzeugt, das heißt jetzt: Du glaubſt überzeugt zu ſein; aber doch iſt dieſe völlige, feſtſtehende Ueber⸗ zeugung noch nicht vorhanden, weil eine ſolche in ſolchen Fällen in den erſten Augenblicken gar nicht entſtehen kann. Zur Reifung der Ueberzeugung iſt immer einige Zeit erforderlich.“. „Ich glaube feſt, ich werde nie anders ſprechen, als in dieſem Augenblicke,“ erklärte da Valentin.„Die Zeit kann meine Ueber⸗ zeugung nur feſtigen, aber kaum ſie auf einen größeren Kreis er⸗ weitern, als ſie ſchon iſt.“ 174 „Das Alles wird die Zeit eben lehren!“ antwortete Monte Chriſto. „Was habe ich nun von Ihnen zu hoffen, Herr Graf?“ fragte Valentin mit einem Seitenblicke auf Claire.— „Alles, mein junger Freund,“ antwortete der Graf wohl⸗ wollend. „Auch daß ich Sie einſt— Vater nennen darf?“ fragte der junge Mann ſtockend. „Soll dieſes eine Werbung um Claires Hand bedeuten?“ fragte Monte Chriſto. Mit erglühendem Geſichte bejahte Valentin dieſe Frage. Sehr ernſt wandte ſich jetzt Monte Chriſto und ſagte: „Herr Valentin Morell wirbt um Dich, Claire. Sage mir nun, liebſt Du ihn auch wirklich?“ „O Vater, von ganzem Herzen!“ flüſterte Claire. „Welche Antwort ſoll ich dem jungen Manne geben?“ „Das wird Dir Dein Herz ſelbſt ſagen, Vater!“ „Vor Allem der Verſtand, meine Tochter,“ erklärte Monte Chriſto ſehr ernſt und bedeutſam. Dann trat er ein paar Schritte zurück und ſprach: „Meine Kinder, ich will Euch meine Einwilligung zu dem Bunde der Liebe, den Ihr geſchloſſen habt, nicht verſagen, ich will Dir, Claire, nicht wehren, dem Manne Deiner Liebe zu folgen, wohin er Dich auch führen ſollte, und will Dir, Valentin, nicht die Hand Derer verſagen, die Du liebſt. Ihr habt Euch gefunden, die Tochter Monte Chriſto's ſchloß ſich in Liebe dem Sohne Valentinens an, und ich möchte dieſes für einen neuen Fingerzeig des Himmels halten, daß eine vollſtändige Verſöhnung zwiſchen mir und der Welt ſtatt⸗ gefunden.— Ich werde Euch nicht entgegen treten, nur verlange ich, daß Ihr erſt Euch prüft, ob dieſes Gefühl, das Ihr in Euren Herzen empfindet, auch wahr und echt ſei.— Ein Jahr und darüber gebe ich Euch Zeit, Ihr werdet während dieſer Zeit getrennt von einander ſein und vollkommen Muße haben, mit Euren Herzen auf das Reine zu kommen. Ich gehe, meinen Sohn zu holen, und Valentin wird mich begleiten, um ſeiner Eltern Einwilligung zu der Verbindung zu holen.— Du, Claire, bleibſt bei Deiner Mutter zurück.— Wohl Euch, wenn Ihr nach Verlauf eines Jahres noch rerfliegt. ſo denkt, mehr war, jett der a „0, getrennt u „Und Valentin, hinaus!“ „Wir Ehriſto ru Eben gang fort. zurückublei ihr warm dem Hauſe ſten Gefüh ſicht in ei Kampf ſol Claire Valen und ſprach ſeines Her le je ir —— 175 ſo denkt, wie heute, dann iſt doch wohl zu hoffen, daß Eure Liebe mehr war, als nur ein flüchtiger Rauſch, mehr als ein Duft, der jetzt der aufgeſchloſſenen Blüthe entſteigt, und dann in alle Winde verfliegt.“ „O,“ rief da Valentin,„und ob ich auch Jahre von Claire getrennt wäre, ich würde ſie noch lieben, wie heute.“ „Und ich,“ verſicherte Claire leiſe,„und ich würde Dich, Valentin, lieben, ſo lange mein Leben dauert und noch darüber hinaus!“ „Wir werden dieſes nach Jahresfriſt ſehen!“ ſagte Monte Chriſto ruhig. Eben ſo ruhig, wie er geſprochen, ſetzte er dann ſeinen Spazier⸗ gang fort. Valentin fand es jetzt nicht paſſend, allein bei Claire zurückzubleiben, nach ein paar ihr zugeflüſterten Worten drückte er ihr warm die Hand und eilte Monte Chriſto nach, während Claire dem Hauſe zu ging, die Bruſt von hohen Hoffnungen, von den ſelig⸗ ſten Gefühlen geſchwellt, denn des Vaters Worte hatten ja die Aus⸗ ſicht in ein Paradies in ihr erſchloſſen. Ohne Hinderniſſe, ohne Kampf ſollte ſie das ſchöne Ziel erringen. Was wollte ſie mehr? Claire war glücklich! Valentin hatte Monte Chriſto eingeholt; er geſellte ſich zu ihm und ſprach ſeinen Dank für die Güte aus, mit welcher der Graf ſeines Herzens höchſten Wunſch zu erfüllen trachtete. Aber Monte Chriſto unterbrach ihn raſch. „Laſſ' das jetzt!— Nach Jahresfriſt iſt eher Zeit zum Danken, denn erſt dann wird die letzte Entſcheidung fallen und von Euch wird es abhängen, wie ſie ausfällt! Ich habe Euch dieſes bereits geſagt und es bleibt dabei!“ „Ich aber verſichere, daß mein Herz unveränderlich an Claire hängen und Sie ſtets als Vater verehren wird!“ entgegnete Valentin. „Verſprich nicht zu viel,“ ſagte Monte Chriſto warnend,„und überhaupt erwähne jetzt dieſer Sache nicht weiter, mache Dich viel⸗ mehr zur baldigen Abreiſe bereit, denn in wenigen Tagen werde ich aufbrechen und rechne dabei auf Deine Begleitung!“ „Gewiß begleite ich Sie!“ rief Valentin.„Ich bleibe an Ihrer Seite, wohin es auch immer ſei, und wäre es ſelbſt durch den Feuerheerd eines Vulkans.“ 176 „So ſchlimm wird es wohl nicht werden,“ ſagte der Graf lächelnd und fügte dann ernſt hinzu:„Auch liebe ich es nicht, wenn man ſolche ausſchweifende Verſprechungen macht, an deren Erfüllung zuletzt kein Gedanke iſt. Wer zu viel verſpricht, hält in der Regel das Wenigſte.“ Das Geſpräch auf einen völlig gleichgiltigen Gegenſtand leitend, ſetzte Monte Chriſto ſeinen Spaziergang mit Valentin fort und kehrte dann in das Haus zurück, wo er Befehle zur Vorbereitung für baldige Abreiſe gab. Eine Woche ſpäter nahm Graf Monte Chriſto denn auch Ab⸗ ſchied von ſeiner Gattin und ſeiner Tochter. Niemand ſollte ihn begleiten, als Morcerf und Valentin, und von ſeiner Dienerſchaft nur Bertuccio und Ali. John Walton, den Trapper, nahm Monte Chriſto zwar auch mit in die Geſellſchaft, allein nur bis zur Einſchiffung nach Europa ſollte er in ſeiner Begleitung bleiben, dann aber nach der Villa zurückkehren und daſelbſt für die Dauer der Abweſenheit des Grafen ſeinen Wohnſitz nehmen. 8b weißen reichſten und lin 1 üllung Regel eitend, t und eituug 5-. te in1 eſhaſt r auhh zurohopao II Grafen 4 1 1 Zwölftes Kapitel. Auf dem Miſſiſippi. Dahin rauſchte der ſtolze Dampfer„Ariel“ durch die gewaltigen weißen Fluthen des mächtigen Miſſiſippi, des breiteſten und waſſer⸗ reichſten Fluſſes der Vereinigten Staaten Nordamerita's, der, rechts und links Ströme, Flüſſe und Flüßchen in ſich aufnehmend und doch ſeine Breite nicht verändernd, dem Meere zuſtrömt. Auf dem„Ariel“ befand ſich Graf Monte Chriſto mit Albert und Valentin, außerdem noch von Bertuccio, Ali und noch einem zuverläſſigen Diener begleitet; auch der Trapper befand ſich bei der Geſellſchaft. Monte Chriſto war mit ſeiner Umgebung den Miſſouri hinab⸗ gefahren, bis dieſer ſich in den Miſſiſippi ſtürzte und dann hatte die Geſellſchaft einen der den Rieſenſtrom hinabgehenden Dampfer beſtiegen, deſſen Beſtimmungsort New Orleans war. Dieſes Schiff führte den Namen„Ariel“. Der„Ariel“ war einer jener großen und ſtolzen Dampfer, wie ſie faſt nur in Amerika auf den großen Flüſſen gebräuchlich ſind. — Er hatte auf ſeinem Verdecke Salons von zwei Etagen über einander, ſo daß man dieſes Fahrzeug recht wohl ein ſchwimmendes Haus nennen konnte. Die Räume, welche für die vornehmeren Paſſagiere beſtimmt waren, zeigten in ihrer Ausſtattung Eleganz und alles Das, was der Amerikaner zum vollkommenen Comfort für nöthig hält, und dieſes iſt nicht wenig und zeigt nichts von der republikaniſchen Einfachheit, die man, wenn man von Republiken ſpricht, ſo gern hervorhebt, vielmehr erinnert die Einrichtung dieſer Räume weit eher an den raffinirten Luxus in Paris, Albert und Valentin meinten dieſes wenigſtens. Monte Chriſto's letzter Weltgang. 12 178 Monte Chriſto, der ihre Bemerkungen darüber gehört hatte, meinte lächelnd: „Liebe Freunde, in Amerika könnt Ihr wohl Alles ſuchen, aber nur keine Spartaner und die berühmte ſchwarze Suppe der ſparta⸗ niſchen Helden iſt in den amerikaniſchen Kochbüchern noch nicht auf⸗ genommen worden.“ Der„Ariel“ rauſchte weiter durch die Wellen und vorüber flogen die mannigfachſten Uferlandſchaften. Oft zeigte ſich zu beiden Seiten des Fluſſes mächtiger Urwald, der der Axt des Anſiedlers noch harrte. Hier ſtanden am Ufer ganze Wälder von Sumpf⸗ cypreſſen, dann wieder Pappeln, Ahorn, Tulpenbäume, Eſchen und gelbe Fichten. Ganze Strecken gigantiſchen Rohrs, durchzogen von mannigfachen Waſſerpflanzen, ragten ſtellenweiſe ziemlich weit in den Fluß hinein. Dann kamen wieder Uferſtrecken, die mit gelbem Sande bedeckt waren und ein unfruchtbares Ausſehen hatten, aber da und dort den Blick in eine wellenförmige Prairie eröffneten, die von dunklen Waldſtreifen und blauen Bergen begrenzt war. Waſſervögel der verſchiedenſten Art hatten in den Wäldern und Schilfſtrecken längs des Ufers ihren Aufenthalt; ſie flogen bis⸗ weilen, aufgeſchreckt durch das gewaltige Schnauben und Brauſen des vorübereilenden Dampfers, in ganzen Schaaren in die Höhe.— Aber auch unheimliche Gäſte bewegten ſich im Waſſer, Alligatoren, dieſe gefürchteten, gefährlichen und gefräßigen Eidechſen, die an ſumpfigen Uferſtellen ſo gern hauſen und auch gern den vorüber⸗ ziehenden Schiffen folgen, erwartend, daß irgend eine Beute von denſelben für ſie abfallen werde, die ſie gefräßig verſchlingen könnten. Je weiter das Schiff den Fluß hinab kam, deſto belebter zeigten ſich auch Ufer und Fluß. Einzelne Anſiedelungen, ganze Dörfer und Städte wurden ſichtbar, und bald hier, bald da legte der „Ariel“ an, um vielleicht einige Paſſagiere für die weitere Reiſe an Bord zu nehmen, und Paſſagiere für kürzere und längere Strecken gab es eben überall. Freilich boten manche dieſer Städte einen gar ſonderbaren An⸗ blick, denn wenn ſie gleich den ſtolzen Namen Stadt führten, ſo beſtanden ihre ganzen Häuſer kaum aus vier oder fünf, dagegen ſah man die Holzpfähle, mit denen die Straßen abgeſteckt waren, die erſt wie gr denn l ſehnlich je nach begünſt nichtz Holzhäu mehr au Steinba Di einanden Einiger angelegt Brandy leute un überall Vom weniger beſondere geit auft hatte, aber ſparta⸗ t auf⸗ orüber beiden ledlers umpf⸗ n und en von veit in bedeckt d dort zunklen äldern en bis⸗ rauſen he.— atoren, die an orüber⸗ te von önnten. zeigten Dörfer gte der teiſe an Strecken ren An⸗ ten, ſo dagegen waren, — ———— 179 die erſt angebaut werden ſollten und die einen Begriff geben konnten, wie groß dieſe Stadt vielleicht nach acht bis zehn Jahren ſein werde, denn längere Zeit bedarf es in Amerika nicht, um eine ziemlich an⸗ ſehnliche Stadt gleichſam aus dem Boden zu ſtampfen, die dann, je nachdem die Umſtände fernere Entwickelung begünſtigen oder nicht begünſtigen, entweder auf dem alten Standpunkte bleibt, das heißt, nichts weiter zeigt, als ein paar Reihen ziemlich urſprünglicher Holzhäuſer um eine oder zwei Kirchen, oder im anderen Falle ſich mehr ausdehnt und die anfänglichen Holzgebäude durch ſtattliche Steinbauten erſetzt. Die Paſſagiere des Dampfers waren ſehr mannigfach durch⸗ einander und gleichfalls beſtändig wechſelnd durch den Abgang Einiger und den Zufluß Anderer, der an jeder Stelle ſtattfand, wo angelegt wurde, Pflanzer, Farmer und Trapper, rohe Irländer voll Brandy und Methodiſtenprediger voll heiliger Worte, ſtolze Kauf⸗ leute und derbe Hauſirer, Arbeiter aller Art und Agenten, die überall ein Geſchäft zu machen ſuchten, Neger, Mulatten und Weiße. Von dieſer bunten Geſellſchaft wurde Monte Chriſto indeſſen weniger berührt, denn er hatte für ſich und ſeine Begleitung eine beſondere Abtheilung des Salons genommen, wo er ſich die meiſte Zeit aufhielt. Uebrigens war der„Ariel“ nicht das einzige Fahrzeug auf dem ſtolzen Strome, denn mehrere Male des Tages begegnete er anderen Dampfern, bald größerer, bald kleinerer Bauart, ferner auch Segelſchiffen, oder er überholte welche, kleine Segelboote und Kähne fuhren auch von einem Ufer zum anderen. Zwei Tage hatte die Fahrt ſchon gedauert, ohne daß irgend ein hinderndes Ereigniß eingetreten wäre. Am dritten Tage, als Monte Chriſto eben auf dem weichen Polſter in ſeinem Salon ausgeſtreckt lag, den bläulichen Rauch einer köſtlichen Havanna vor ſich hinblaſend und dabei mit Albert und Valentin ſich unterhaltend, vernahm man plötzlich einen aus dem Innern des Schiffes kommenden ſchwachen Knall, dem eine leichte Erſchütterung des Schiffes ſelbſt folgte. Monte Chriſto ſprang unwillkürlich auf und ſah ſeine Gefährten an, die auch ihrerſeits die Augen fragend auf ihn richteten. Jetzt zeigte ſich auch eine lebhafte Unruhe unter den Paſſa⸗ 12* 180 gieren des Schiffes, man ſchrie, man rief und fragte durcheinander und deutlich hörte man aus dem ſonſt unverſtändlichen Lärm ängſt⸗ liche Stimmen heraus. Gleich darauf aber ertönte das Commando des Capitains. „Stopft die Maſchine! Alle Mann auf den Poſten!“ Dieſes Commando verrieth ſchon viel. Es mußte irgend etwas Außergewöhnliches vorgegangen ſein, was dieſe Befehle veranlaßte. Monte Chriſto wußte, daß ein Amerikaner nicht ohne Noth das Schiff halten ließ und alle Mannſchaft auf den Poſten rief. „Herr Graf, was mag das bedeuten?“ fragte Albert. „Nichts Gutes,“ entgegnete der Gefragte raſch,„möglicher Weiſe einen Luftſprung gegen die Wolken.— Sehen wir nach, was es giebt.“ Er öffnete die Thüre ſeiner Cajüte, um in den Salon zu treten und dann nachzufragen. Da kam ihm ſchon der Trapper entgegen, und als Monte Chriſto ihn über die Urſache des Knalls und des Lärms fragte, ſagte er, daß er nur ſo viel in der Eile herausgebracht habe, daß irgend Etwas an der Maſchine geborſten oder gebrochen ſei und das Schiff deshalb ſeinen Lauf unterbrechen müſſe. Daß das Schiff in der That faſt gar nicht mehr durch die Kraft der Maſchine fortrückte, ſondern nur mehr von den Wellen des Stromes langſam mit fortgetrieben wurde, ließ ſich deutlich genug bemerken. Monte Chriſto begab ſich nun zu dem Capitain und fragte ihn, was vorgefallen, aber dieſer Mann, der immer noch dahin und dort⸗ hin commandirte und dazwiſchen weidlich fluchte, ſchien ſich gar nicht die Mühe geben zu wollen, Etwas auf des Grafen Fragen zu antworten, bis dieſer ihm ungeduldig zurief, daß er denn doch ver⸗ pflichtet ſei, den Paſſagieren zu ſagen, ob Gefahr vorhanden ſei oder nicht. „Der Teufel hole die Gefahr und den Teufel dazu, der unten ſein Weſen treibt,“ fluchte der Capitain, der zum roheſten Schlage gehörte.„Pah, Gefahr? Ein Siederohr iſt geborſten und das Waſſer löſcht das Feuer. Der ganze Bettel iſt in ein paar Stunden ausgebeſſert, und dort liegt ja Coahoma, das hat ſchon eine Maſchinenſchmiede.— Nun ſtört uns nicht länger.“ dann d oh ſie bleiben D das S A verlaſſe R. ſichtbar lich he einigen zu beſo legenes ) das glicher nach, treten Monte e, ſagte irgend Schif ich die Wellen deutlich gte ihn, nd dort⸗ ſich gar agen zu och ver⸗ nden ſei er unten Schlage —————--- — und das Stunden hon eie ——“ Da Monte Chriſto auch von einem anderen Schiffsmanne er⸗ fuhr, daß in der That keine Gefahr für das Schiff zu fürchten ſei, ſo half er mit, ſeine beſorgten Reiſegefährten zu beruhigen. In der That zeigte es ſich auch, daß keine Gefahr vorhanden war, denn der„Ariel“ wurde glücklich an den Strand bei der Stadt Coahoma gebracht, wo die Reiſenden die Ankündigung erhielten, daß die Reparatur in längſtens drei Stunden beendet ſein würde und dann die Reiſe weiter gehe; es war dabei den Reiſenden freigeſtellt, ob ſie für dieſe Zeit an das Land gehen oder auf dem Schiffe bleiben wollten. Die Mehrzahl der Paſſagiere wählte das Erſtere und verließ das Schiff, auf dem nun ſofort ein gewaltiges Hämmern losging. Auch Monte Chriſto hatte mit Albert und Valentin den„Ariel“ verlaſſen und ging eine Stunde ſpazieren. Nach Verlauf einer Stunde ward ein zweites Dampfſchiff ſichtbar, an Bauart und Größe dem„Ariel“ gleich. Es kam end⸗ lich heran und legte gleichfalls am Strande an. Der Capitain dieſes Schiffes kam mit einigen ſeiner Mannſchaft und einigen Paſſagieren an das Land, da er hier verſchiedene Geſchäfte zu beſorgen hatte, und begab ſich endlich in ein am Strande ge⸗ legenes Einkehrhaus, wo auch der Capitain des„Ariel“ bereits ſaß und den Aerger über die Verzögerung ſeiner Fahrt in Brandy zu erſticken ſuchte. Auch Monte Chriſto begab ſich mit ſeiner Begleitung endlich dahin, um einige Erfriſchungen einzunehmen. Unfern des Tiſches Platz nehmend, an dem die beiden Capitaine ſaßen, hatte er Ge⸗ legenheit, das Geſpräch derſelben mit anzuhören. „Euer„Ariel“ taugt nichts, Maſter Duff,“ ſagte der Capitain des anderen Dampfers,„da iſt mein„Minneſota“ doch ein anderes Schiff, das dampft den„Ariel“ in Grund und Boden.— Eure Maſchine taugt auch nichts! Wenn ſo ein Röhrchen platzt, da iſt gleich die ganze Beſcheerung flügellahm! Ha, ha!“ Und der Capitain der„Minneſota“ ſtürzte ſpöttiſch lachend ein derbes Glas Brandy hinab. Maſter Duff aber war ſichtlich geärgert, daß ſein„Ariel“ alſo zurückgeſetzt wurde, und betheuerte, daß, wenn nur nicht das Schiff eben wegen der Maſchinenbeſchädigung lahm da läge, ſo wolle er 182 es auf der Stelle zeigen, daß kein beſſeres Fahrzeug auf dem Miſſi⸗ ſippi ſchwimme, noch je geſchwommen habe. „Haſt Du doch gut reden!“ ſpöttelte der Minneſota⸗Capitain, „denn wenn ich Dir jetzt eine Wettfahrt anböte, könnteſt Du Dich gut aus der Schlinge ziehen, indem Du ſagſt: die Maſchine iſt nicht im Gange.“. Maſter Duff hatte ſchon eine bedeutende Quantität Brandy im Kopfe und ſo ward er durch dieſen erneuten Angriff ſeines Collegen um ſo aufgeregter. Er wandte ſich zu ſeinem Nachbar. „Steuermann,“ rief er,„in aller Teufel Namen, renne auf den„Ariel“, hetze die Kerls an und frage, wann ſie fertig ſind mit ihrem verwünſchten Gehämmere.“ Der Aufgeforderte, der Steuermann des„Ariel“, blieb ruhig ſitzen, blies eine gewaltige Rauchwolke von ſich und ſagte dann: „Capitain, Ihr wißt ja, in einer Stunde kann nun Alles fertig ſein und wir können heizen.“ „Da hörſt Du es, Minneſotamann,“ rief Duff ſeinem Collegen zu,„in zwei Stunden iſt der„Ariel“ wieder flügge.— Bleibſt Du ſo lange hier?“ „Auch drei Stunden!“ entgegnete der Gefragte. „Gut, dann wollen wir ſehen, ob Deine„Minneſota“ ſo gut läuft, wie der„Ariel“ fliegt.“ „Ariel“ wird wie ein lahmer Spatz fliegen und die Minneſota wie ein Strauß laufen!“ 3 Dieſer neue Ausfall auf ſeinen geliebten„Ariel“ brachte den Capikain Duff auf's Neue in heftigen Zorn; er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß es dröhnte und rief dann: „Warte nur, der„Ariel“ ſoll fliegen, daß Dir die Augen über⸗ gehen, wenn Deine Minneſota nachhinkt, wie ein lahmer Gaul.“ Dieſes war dem Anderen doch zu ſtark, auch er ſchlug mit ſeiner derben Fauſt dröhnend auf den Tiſch und wies die Aeußerung Duff's energiſch zurück, wiederholt behauptend, daß es auf dem ganzen Miſſiſippi und überhaupt auf allen Flüſſen und Seen der Vereinigten Staaten kein Schiff gäbe, welches ſich mit dem ſeinen meſſen könnte und er bot dem Gegner eine Wette an. „Ich ſetze tauſend Dollar!“ ſagte Duff. Der Andere lachte höhniſch. Trinkgel „31 M Kaſten, „d viertauſe 78 tauſend Dann e das Lok 2 nern na „Ariel“ n auch in „D Scjfe! gut neſota 2 den Fauſt über⸗ 1l.“ g mit erung dem n der ſeinen — 4 ——————õÿ—Z—Z—Z—;—;ℳ;ℳͦꝛ:ꝛö ——— 183 „Tauſend Dollar nur?“ ſagte er dann.„Da ſieht man es, wie unſicher Du bei der Sache biſt!— Ich ſetze zweitauſend!“ „ SOho, ich biete dreitauſend!“ entgegnete Duff.„Mein„Ariel“ gewinnt mir ſie ſchon!“ „Gut, dreitauſend!“ ſagte der Andere.„Es iſt ein leidliches Trinkgeld. Es bleibt dabei!— Schreibe einen Wechſel!“ „Zu was?“ „Nun, damit ich Sicherheit habe, wenn der Teufel etwa Deinen Kaſten, den„Ariel“, holt und Dich dazu.“ „Das könnte Dir wohl eher paſſiren als mir. Ich ſetze darauf viertauſend Dollar!“ „Deſto beſſer für mich,“ höhnte der Minneſota⸗Capitain.„Vier⸗ tauſend dann, ſchreib!“ „Du auch!“ „Verſteht ſich!“ Damit waren die beiden von Brandy entflammten Ehrenmänner des Handels einig Sie riefen nach Papier, ſetzten, ſo gut es gehen wollte, die Wechſel auf und tauſchten ſie aus, wobei ein Jeder auf eine Weiſe lächelte, als wolle er ſagen: ich habe Dein Geld ſchon in der Taſche. Dann erhoben ſich Beide und verließen etwas unſicheren Schrittes das Lokal, nach den Schiffen zurückzukehren. „Was war das?“ fragte Albert den Grafen, den beiden Män⸗ nern nachſehend. „Eine amerikaniſche Mode, die oft genug vorfällt,“ entgegnete Monte Chriſto. „Ich habe davon gehört, daß bisweilen ein Dampfſchiff das andere überholen will und da auch manches Mal das Eine zu Grunde geht.“ „Nicht immer, mein Freund!“ „Wenn es aber hier nun auch der Fall wäre und es eben den „Ariel“ träfe?— Der Capitain ſcheint mir betrunken genug dazu!“ „Thut nichts! Die Amerikaner machen dergleichen Streiche auch in vollkommener Nüchternheit.“ „Die Maſchine ſcheint mir auch nicht das Beſte an unſerem Schiffe!“ „O, die Maſchine iſt gut; ich kenne ſie.“ 9 184. 4 4 1 „Mir ſcheint es aber doch gefährlich!— Der betrunkene Capitain.“ 4 „Sei ohne Sorge, Albert,“ entgegnete Monte Chriſto mit den vollkommenſten Ruhe,„man weiß ſchon Maßregeln zu nehmen.. Damit brach er ab.„A Bald darauf verließ Monte Chriſto mit ſeiner Geſellſchaft das 3 Lokal und begab ſich auf das Schiff zurück, wo er den Trapper und wei ſchon fand und auch den Capitain, der nach ſeiner Gewohnheit A durch das ganze Schiff fluchte und ſeine Leute auf eine Weiſe zr M Arbeit trieb, daß ihnen der Schweiß in Strömen über den Körper lief. trift die Aus dem Maſchinenraume klangen gewichtige Hammerſchläge, Alles ei es wurde daſelbſt noch gearbeitet. ¹ Da 18 Doch ſchon nach einer Viertelſtunde verſtummten dieſe Schläge Nonte und es kam die Meldung: Alles ſei in Ordnung! N „Heizt! heizt!“ ſchrie der Capitain.„Lege Alles Hand and?— Die Leute regten ſich noch mehr, ſie keuchten förmlich und Tläpper rannten dabei ziemlich rückſichtslos durch die Gruppen der Paſſagiere, ſehr eif gleichviel, ob ſie den Einen oder den Anderen umrannten. Reſulta „Zieht die Glocke!“ befahl der Capitain.„Läutet, daß de A Schnecken an Bord kommen!— Wer nicht zur rechten Zeit kommt, geſprä kann bleiben, wo er iſt.“ a Die Schiffsglocke ertönte, den noch am Lande Weilenden das ALihten Signal zu geben, es ſei Zeit, wieder an Bord zu gehen. Monte Chriſto 1 iſt ſehr begab ſich in den Schiffsraum und ſuchte den Maſchinenmeiſter, den Vnin oba er auch glücklich auffand.— Er fragte ihn nach der Maſchine. „Alles gut, Maſter,“ war die Antwort,„der Schaden war gar G6 nicht ſo groß, wie es erſt ſchien, ſonſt wären wir auch nicht ſo lichkeit ſchnell fertig geworden.“ ein rege „Wie ſchnell geht das Schiff für gewöhnlich?“ eſchäfti „In fünf Minuten macht es die Meile!“ „Bei größter Beſchleunigung aber?“— „Die Meile in drei Minuten höchſtens!“ „Ohne Gefahr für das Schiff?“ 1 „Hm, das Schiff iſt gut und die Maſchine tüchtig.“ „Alſo ohne Gefahr?“ „Jede Maſchine hält das freilich nicht lange aus!“ „Gut, Maſter, Sie werden das Schiff alſo heute nicht aus ſeinem normalen Gange bringen?“ Kiſten h zu ſein, D ct aus „Ich muß die Maſchine arbeiten laſſen, wie der Capitain be⸗ hlt,“ ſagte er dann. „Auf alle Gefahr hin?“ „Ja, auf alle Gefahr. Der Capitain kennt Schiff und Maſchine und weiß, was er Beiden zumuthen darf.“ „Wenn aber bei dieſen Befehlen offenbare Gefahr droht?“ „Maſter,“ antwortete der Maſchinenmeiſter phlegmatiſch,„dann trifft die Verantwortung nicht mich, ſondern den Capitain, der für Alles einzuſtehen hat, da er wiſſen muß, was er befiehlt.“ Damit eilte der Mann wieder zu ſeiner Maſchine, wohin ihm Monte Chriſto nicht folgen durfte. Monte Chriſto ſtieg wieder hinauf auf das Deck, winkte den Trapper, Albert und Valentin zu ſich und begann mit denſelben ſehr eifrig zu ſprechen, und dieſes Geſpräch hatte ein günſtiges Reſultat. Auch eine Anzahl Paſſagiere wurden nach und nach in das Geſpräch gezogen, das jetzt einen ſehr geheimen Charakter annahm und augenſcheinlich von ſehr allgemeinem Intereſſe ſein mußte. Während dieſes Geſprächs ſchweiften die Augen der Sprechenden oft ſehr aufmerkſam über das Schiff und beſonders nach dem Capitain hin, deſſen Thun und Treiben ſie einer immer genaueren Beobachtung zu unterwerfen ſchienen. Gegenüber dem„Ariel“ lag die„Minneſota“, die an Statt⸗ lichkeit dem„Ariel“ nichts nachgab, und auch an deren Bord herrſchte ein reges Leben, denn man war dort noch mit Einladen von Gütern beſchäftigt, die am Strande gelagert hatten. So verging noch eine Stunde, dann kam die Meldung aus dem Maſchinenraume, daß Alles fertig ſei. „Nun gilt es!“ rief Capitain Duff. Er warf einen Blick hinüber nach der„Minneſota“. Dort war man mit dem Einladen fertig, die Mannſchaften bewegten ſich nur noch auf dem Deck, mit Ordnen der Ballen und Kiſten beſchäftigt; Paſſagiere ſchienen weit weniger auf jenem Schiffe zu ſein, als auf dem„Ariel“. Duff ergriff ſein Sprachrohr und ſetzte es an den Mund. 1 Der Maſchinenmeiſter ſah den Grafen verwundert an. * „He, Kamerad,“ rief er hinüber nach der e,Minneſote„Alles. fertig? Der„Ariel“ wird fliegen!“ u feber „Laſſ' ihn fliegen!“ klang es derb zurück. འblifl Die Schiffsglocke des„Ariel“ begann wieder zu läuten, das ſints 1 letzte Abfahrtsſignal zu geben. Der Capitain beſtieg ſeine Brücke„Minne und ſtieß einen Ruf aus. Alſcht Die Maſchine begann zu arbeiten, Stoß auf Stoß ging es, du ganze Ballen Dampfes wurden ſtoßweiſe aus dem Schlotte getrieben ſonen( und die Räder ſetzten ſich in Bewegung, und gar ſtolz dampfte der in ſcue⸗ „Ariel“ vom Ufer der Mitte des gewaltigen Stromes zu, um dann Sthiff ſe auf deſſen Rücken den Weg nach dem noch ſo fernen Ziele fortzu-⸗ 1 ſetzen.—„ Die„Minneſota“ hatte zwar den Anker gelichtet, ſie hatte auch Pfeil ib vollſtändig geheizt, aber ſie regte ſich doch nicht. Capitain Duff, Auf der jenes Schiff ſtets im Auge behielt, rief ärgerlich: Mril⸗ „Am Ende iſt der Burſche zur Einſicht gekommen, daß er mit dazu dier meinem„Ariel“ es doch nicht aushalten kann und er giebt die Wette ethöhen gleich zum Anfange auf!“ Glock h „Ach nein,“ entgegnete ihm der Oberſteuermann,„o ich dente Cap ganz anders! Der Burſche will großmüthig ſein, uns einen Vor⸗ ſree ſei ſprung laſſen und gedenkt dann wohl uns nicht nur einzuholen, ſondern auch auszuſtechen.“ „God dam!“ fluchte Duff.„Großmüthig?— Das will ich nicht! Oho, denkt der Kerl mir einen Vortheil zu laſſen? So haben wir nicht gewettet!“ Wieder heftete er ſeinr Augen auf des Gegners Schiff, aus deſſen Schlott der Dampf noch ruhig in die Luft wirbelte, und das, wie es den Anſchein hatte, noch immer keine Anſtalt machte, ſich in Bewegung zu ſetzen. Darüber ward Capitain Duff noch ärgerlicher, er wollte keine Großmuth auf ſolche Weiſe, da ſeinem Schiffe daa durch die Gelegenheit geraubt worden wäre, ſich als wirklich ſchneller voon der Läufer zu zeigen. In ſeinem Aerger befahl er, daß das Schiff ſcl ganz langſam weiter laufen ſolle, um der„Minneſota“ zu zeig3en, daß der„Ariel“ ſeinen Vortheil nicht benutzen und keinen großen Vorſprung gewinnen möge. deehten Langſam vorrückend hatte der„Ariel“ ſo ziemlich die Mitte ſritte a des Stromes erreicht und wendete nun den Schnabel nach vorwärts. ahinter de e auch Duff, er mit Wette denke Vor⸗ holen, nicht! en wir f, aus d das, ſch in rlicher, ffe da⸗ hneller Schif zeigen, großen Mitte wälts. Nun endlich begann ſich auch die„Minneſota“ in Bewegung zu ſetzen, ſie ſteuerte gleichfalls nach der Mitte des Fluſſes, aber gleichfalls ſo langſam wie es der„Ariel“ gethan, der ſeiner Seits ſeines Weges ruhig weiter zog. Doch ließ ſich bemerken, daß die „Minneſota“ eine ſchrägere Richtung einſchlug, als ſei es in der Abſicht, den„Ariel“ auf dieſe Weiſe eher zu erreichen. Duff ließ ſich dadurch nicht beirren, er blieb bei ſeinem lang⸗ ſamen Gange und befahl wiederholt, daß die Maſchine nicht eher in ſchnellere Bewegung geſetzt werden ſolle, als bis des Gegners Schiff ſo ziemlich in gleicher Linie mit dem Seinen angelangt ſein werde. „Aber dann,“ rief er,„aber dann muß es gehen, als ob ein Pfeil über das Waſſer flöge.„Ariel“ darf ſich nicht ſchlagen laſſen.“ Auf der„Minneſota“ mochte man endlich inne werden, daß der „Ariel“ von dem ihm gewährten Vortheile— der übrigens nur dazu dienen ſollte, den von der„Minneſota“ gehofften Triumph zu erhöhen— keinen Gebrauch machen wolle, und ein Zeichen mit der Glocke hallte über das Waſſer bis hinüber zu dem„Ariel“. Capitain Duff verſtand, was dieſes Zeichen bedeuten ſoll, er ſchrie ſeinen Leuten zu: „Fertig! Der Trog geht los!“ Auch Monte Chriſto hatte dieſes Zeichen vernommen und auch des Capitains Worte gehört. Er hatte ſeine Freunde und eine An⸗ zahl Paſſagiere um ſich verſammelt und beobachtete aufmerkſam jede Bewegung des Capitains, und damit ihm kein Wort deſſelben ent⸗ gehe, hatte er ſeine Stellung möglichſt nahe an demſelben genommen. Auch er rief ſeiner Umgebung zu: „Fertig! Haltet Euch zum Handeln bereit!“ Blos zuſtimmendes Kopfnicken antwortete. Am Bord des„Ariel“ hatte man ſich über jenes Glockenzeichen von der„Minneſota“ nicht geirrt; es war das Signal zur Be⸗ ſchleunigung des Arbeitens der Maſchine, zum Beginn des Wettlaufs. Schneller und immer ſchneller folgten ſich die Dampfballen, die aus dem Schlotte des Schiffes ausgeſtoßen wurden, die Räder drehten ſich raſcher, und das Waſſer, zu weißem Schaume gequirlt, ſpritzte an den Wandungen des Schiffes in die Höhe, während hinter dem Kiele eine weiße Schaumfurche daher zog. 188 Capitain Duff hatte kaum jenes Signal vernommen, als er auch ſchon den Befehl gab, alle Dampfkraft zu entwickeln, um mög⸗ lichſt ſchnell vorwärts zu kommen. Faſt augenblicklich begann auch die Maſchine ſchneller zu arbeiten. Es dröhnte, brauſ'te, keuchte und ſtöhnte durch das ganze Schiff; mit weithin tönendem Gebrauſe wurde der Dampf aus dem Schlotte geſtoßen.— Das Deck zitterte von dem gewaltigen Arbeiten der Maſchine. Das Waſſer um das Schiff ſchien zu kochen und weiße Schaumwellen umzogen das Schiff, und mitten hindurch flog der „Ariel“. Für des Capitains Ungeduld und Ehrgeiz ging aber der Lauf des Dampfers doch noch zu langſam, dieſes bewieſen mehrere ſich raſch folgende, auf die ſtärkere Spannung der Maſchine bezügliche Befehle, die auch von dem gehorſamen Maſchinenmeiſter, der ohnehin wußte, um was es ſich handelte, auch nach Möglichkeit befolgt wurden. In der That ſchien es auch, als ſolle der„Ariel“ einen Vor⸗ ſprung behaupten, denn die„Minneſota“ blieb zurück, und obgleich auch ſie die Maſchine aus aller Kraft arbeiten ließ, ſo wurde der Abſtand zwiſchen beiden Schiffen nur um ein Weniges geringer. Capitain Duff, beſtändig das gegneriſche Schiff im Auge be⸗ haltend, war von dem Verlauf, den die Sache bis jetzt genommen, ſehr befriedigt, und er ſchrie in toller Luſt: „Ha, ha, mit dem„Ariel“ iſt nicht gut wetten!„Ariel“ fliegt, die„Minneſota“ ſchleicht!— Ha, ha!“ Und dann ſchrie er wieder: „Haltet Euch dazu, Jungens, der„Ariel“ muß fliegen bis der langſame Kaſten dort außer Sicht iſt!“ Das war allerdings eine ſtarke Vorausſetzung, den Lauf des Schiffes ſo zu beſchleunigen, daß des Gegners Schiff nicht mehr zu ſehen war, obgleich auch dieſes alle Kraft ſeiner Maſchine übermäßig anſtrengte, wie man aus den Bewegungen des Schiffes ſelbſt be⸗ merken konnte. Faſt eine halbe Stunde hatte dieſer Wettkampf ſchon gedauert, da war es, als ob die„Minneſota“ ſchneller vorrückte, denn der Zwiſchenraum zwiſchen ihr und dem„Ariel“ verringerte ſich. 8p 9 raum. E. Ein erbeben Capitain Mo „N Er ſolgten anderer Ra ohne ſich dieſen die dien giere n M nicht un des Gel ſtand u ungen! 3 „Der? als er n ng⸗ rbeiten. Schiff Schlolte ten der d weiße log der er Lauf tere ſich zügliche ohnehin befolgt en Vor⸗ obgleich erde der mger. uge be⸗ dommen, fliegt, bis der auf des mehr zu ermäßig elbſt be⸗ gedauert, denn der 1 189 „Spannt den Dampf höher!“ ſchrie Duff hinab in den Maſchinen⸗ raum. „Es geht kaum mehr!“ klang es vernehmlich zurück. „Es muß!“ brüllte Duff.„Der„Ariel“ muß ſiegen!“ Ein paar raſcher ſich folgende Stöße, welche das ganze Schiff erbeben machte, verkündeten, daß der Maſchiniſt dem Befehle des Capitains nachzukommen ſuchte. Monte Chriſto ſprang auf. „Nun iſt es Zeit!“ rief er.„Folgt mir!“ Er eilte nach der Stelle hin, wo der Capitain ſtand. Ihm folgten der Trapper, Albert, Valentin, Ali und etwa ein Dutzend anderer Paſſagiere. Raſchen Schrittes näherte ſich Monte Chriſto dem Capitain, ohne ſich darum zu kümmern, daß es ſtreng unterſagt iſt, den für dieſen allein vorbehaltenen Raum zu betreten; blos Mannſchaften, die dienſtliche Meldungen zu machen haben, dürfen dahin, Paſſa⸗ giere nie. Monte Chriſto kümmerte ſich um dieſe Schiffsordnung jetzt nicht und der Capitain ſchien in ſeiner Aufregung ſolche Verletzung des Gebrauchs gar nicht zu bemerken. Erſt als der Graf bei ihm ſtand und ihn bei Namen rief, wendete er ſich um und ſah die Gruppe vor ſich ſtehen. „Was wollen Sie, Maſter?“ ſchrie der Capitain dem Grafen zu.„Fort von hier!— Kennt Ihr die Schiffsordnung nicht?“ „Wir kennen ſie, Maſter Duff,“ entgegnete der Graf ruhigen Tones,„aber der Drang der Umſtände zwingt uns zu dieſem Vor⸗ gehen.“ „Nun, was giebt's?“ fragte Duff in grobem Tone. „Wir verlangen zu wiſſen, was dieſe Hetze zu bedeuten hat?“ „Was geht Euch das an?“ „Ich dächte ſehr viel, denn unſer Aller Leib und Leben ſteht dabei auf dem Spiele.“ „Pah!“ entgegnete Duff, verächtlich über die Finger blaſend. Dann wandte er ſich um und beobachtete wieder die Beweg⸗ ungen der„Minneſota“, die dem„Ariel“ mehr und mehr ſich näherte. „God dam! der„Ariel“ muß ſiegen!“ fluchte da der Capitain. „Der Burſche heizt fürchterlich; er kommt näher. Aber er ſoll nicht— 190 Er ſetzte das Sprachrohr an den Mund, doch ehe er ſeinen Befehl in den Maſchinenraum rufen konnte, hatte Monte Chriſto mit ſtarker Hand ihm das Rohr von dem Munde weggezogen. Wüthend wandte ſich Duff nach ihm um. „Maſter,“ ſchrie er,„was wagen Sie?“ „Was ich muß,“ antwortete Monte Chriſto ruhig. „Ich bin im Dienſte!“ ſchrie Duff wieder.„Wenn Sie mich noch einmal hindern, ſo laſſe ich Sie binden und zu den Waaren⸗ ballen im unterſten Schiffsraume werfen. God dam! das will ich!“ „Ich würde mir dieſes wohl ſehr ernſtlich verbieten, Capitain,“ verſetzte Monte Chriſto kühl.„Ich hindere Sie nicht im Dienſte, ich will Sie nur an Ihre Pflicht mahnen, die Sie jetzt ganz ver⸗ geſſen.“ „Oho!“ „An Ihre Pflicht gegen die Compagnie, der dieſes Schiff ge⸗ hört, und die in Gefahr iſt, durch Ihre Thorheit daſſelbe zu ver⸗ lieren, an Ihre Pflicht gegen die Paſſagiere.“ „Pah, der Teufel wird Euch nicht gleich holen, und wenn er dieſes thut, was ſchadet es!“ Nach dieſem echten Yankeeausdrucke, der deutlich verrieth, wie wenig ihm das Leben ſeiner Mitmenſchen galt, wenn es darauf ankam, einen Vorſatz auszuführen, wandte ſich der Capitain wieder um und ſchaute nach dem gegneriſchen Fahrzeuge aus. „God dam!“ fluchte er wieder,„der Schurke kommt näher, und daran ſeid Ihr ſchuld, Spitzbuben!— Fort mit Euch!“ Er griff wieder nach dem Sprachrohre, allein Monte Chriſto hielt daſſelbe feſt. „Rebellion!“ brüllte der Capitain. Er holte zum Schlage gegen Monte Chriſto aus, doch der Trapper packte ſchnell ſeinen Arm und hielt ihn mit eiſerner Ge⸗ walt feſt. „Rebellion!“ brüllte Duff wüthend, indem er ſich loszuringen ſuchte.„Hunde, was wagt Ihr?— Ich laſſe Euch alleſammt in's Waſſer werfen!— Dickl!“ rief er einem Matroſen zu,„der Maſchinen⸗ meiſter ſoll ſchneller fahren!“ In dieſem Augenblicke drängte ſich ein ſchweißtriefender, berußter Feuermann durch die Gruppe zum Capitain. ——ℳ————— dieſes m in Gefa rohr, w Gl Chriſto ſchießen er durc Vereine .„8 Ei einer 2 wieder e mich ſgaaren⸗ lich!⸗ itain,“ dienſte, z ver⸗ ſif ge⸗ zu ver⸗ 3 7 3 8 3 ———— — — „Capitain,“ rief er,„der Maſchinenmeiſter läßt melden, der Keſſel glühe, er müſſe den Gang der Maſchine reduciren, die Spann⸗ ung werde zu hoch.“ „Schufte,“ ſchrie der Capitain wuthſchäumend, indem er auf den Feuermann losfuhr,„wollt Ihr auch gegen mich rebelliren?— Und wenn der Keſſel ſchmilzt!— Schneller fahren!— Sonſt wird der„Ariel“ geſchlagen!“ „Aber!“ wandte der Feuermann ein. „God dam,“ brüllte Duff,„Maul halten! Gehorchen und thun, was ich ſage!— Marſch!— Schneller auf meine Verantwortung!“ Der Feuermann wandte ſich zum Gehen. Da hielt ihn Monte Chriſto auf. „Guter Freund,“ ſagte er,„ſagen Sie dem Maſchinenmeiſter, er ſoll das Schiff in ſeinen gewöhnlichen Gang ſetzen, nicht ſchneller und auch nicht langſamer.“ Duff hatte dieſe Worte gehört, ſeine Wuth ſtieg. „Blos ich habe hier zu befehlen,“ brüllte er.„Schnell!— Beim leibhaftigen Teufel, da kommt ja der Burſche ſchon!“ In der That hatte die„Minneſota“ den„Ariel“ faſt erreicht— dieſes machte den Capitain natürlich wüthend, zudem er ſeine Wette in Gefahr ſah, verloren zu gehen. „Dampf anſpannen! D'rauf, d'rauf!“ brüllte er. „Maſchine ſtopfen!“ commandirte da der Graf durch das Sprach⸗ rohr, welches er immer noch feſt in den Händen gehalten hatte. Gleich einem Raſenden ſtürzte da der Capitain auf Monte Chriſto los; er riß einen Revolver heraus, den Gegner niederzu⸗ ſchießen. Doch ehe er dieſes Vorhaben auszuführen vermochte, war er durch den Trapper auch ſchon entwaffnet, und von dieſem im Vereine mit Albert, Valentin und Andern niedergeworfen. „Zu Hilfe! Rebellion!“ brüllte der Capitain. Ein paar Matroſen drängten ſich wohl heran, als ſie aber ſich einer Anzahl kampfbereiter Männer gegenüber ſahen, wichen ſie wieder zurück. „Kennſt Du das Wort Lynchen?“ fragte der Trapper höhniſch, indem er den Capitain beim Kragen in die Höhe zog. Das Wort Lynchen mußte denn doch eine beſondere Wirkung auf den Capitain ausgeübt haben, denn er antwortete in den erſten 192 Augenblicken gar nicht, ſo zungengewandt er ſich ſonſt auch immer zeigte. Monte Chriſto's Befehl, die Maſchine zu ſtopfen, mußte gute Wirkung gehabt haben, denn bereits begann das Schiff langſamer und ruhiger zu gehen. Capitain Duff bemerkte dieſes. „God dam!“ ſchrie er jetzt,„bin ich nicht mehr Capitain?— Gelten meine Befehle“—. Er konnte nicht enden. Die„Minneſota“ war wirklich mit dem„Ariel“ auf ziemlich gleicher Linie angekommen, doch nur durch übermäßige Anſtrengung der Dampfkraft, wovon ſchnell ein furchtbarer Beweis geliefert werden ſollte.— Während der„Ariel“ bereits langſamer zu gehen begann, dampfte die„Minneſota“ mit raſender Eile fort, und befand ſich in einem Abſtande von etwa hundertundfünfzig Ellen in ziemlich gleicher Linie mit dem„Ariel“ an deſſen Bord man das Stöhnen und Grollen der angeſtrengten Maſchine hörte, das Brauſen des mit Gewalt aus dem Schlott getriebenen Dampfes drang von der „Minneſota“ herüber zum„Ariel“, auf dem übrigens jetzt ſelbſt Lärm genug war.— Vorüber ſchoß die„Minneſota“; ſie befand ſich ſchon eine halbe Schiffslänge von dem„Ariel“ voraus. Vom Bord der„Minneſota“ klang ein Sieges⸗ und Hohnruf durch das Sprachrohr herüber nach dem„Ariel“. Allein dieſer Ruf ſollte bald verſtummen vor einem neuen furchtbaren Getöſe. Ein furchtbarer Knall erſchütterte die Luft; es war als ob mit Donnergetöſe die Erde ſich plötzlich aufthäte, um Alles zu ver⸗ ſchlingen. Unwillkürlich wandten ſich Aller Augen nach der Gegend, von woher der Knall gekommen und hier bot ſich ein entſetzliches Bild ihnen dar. „Hilf Gott, die„Minneſota!“ gief Monte Chriſto. Von der„Minneſota“ ſtieg ein weißer Strahl in die Höhe, umgeben von gewaltigen Dampfwolken, die ſchon um den größten Theil des unglücklichen Schiffes wogten, auf dem die furchtbarſte gerſtöru sgeriſſ herum, der entf daß es Mücken. Die ſätt, do Eiſenthei des ober andere( zum Th Die Exploſio ſo daß und des Sturm Fa ſtarrt. fallen, a da ſah: der Mit dort rot glücklich Fun eine übe feſt geſch was dare lemlich engung eliefert egann, nd ſich gemlich Stöhnen des mit on der tſelbſt halbe hohnruf neuen ob mit zu ver⸗ und, von es Bild e Höhe, größten ihtbarſte —— — — ͦ— ⸗-—-————⸗—⸗ðꝛ—ↄõ—-:—-———— Zerſtörung herrſchte. In der Luft flogen Balken, Bretter, Tonnen, losgeriſſene Schiffstheile, Menſchen und abgeriſſene menſchliche Glieder herum, zum Theil waren die Menſchen durch die furchtbare Gewalt der entfeſſelten Kraft des Dampfes ſo hoch in die Luft geſchleudert, daß es vom Bord des„Ariel“ ausſah, als ſchwebten dort oben Mücken. Die Trümmer des verunglückten Schiffes wurden weit hinge⸗ ſäet, donnernd ſielen einzelne Balken, Breter und Tonnen, ſowie Eiſentheile auf den„Ariel“ nieder; ein Balken zerſchlug die Decke des oberſten Stockwerks des„Ariel“, und dann noch den Fußboden; andere Gegenſtände ſauſ'ten über den„Ariel“ hinweg und fielen in zum Theil weiter Entſernung in das Waſſer nieder. Die Fluthen des Miſſiſippi ſelbſt waren durch die Gewalt der Exploſion in Aufruhr gebracht und wogten gewaltig auf und ab, ſo daß der„Ariel“ einige Sekunden in Folge dieſes Aufwogens und des gewaltigen Luftdruckes hin und her ſchwankte, als habe ein Sturm ihn erfaßt. Faſt eine Minute ſtand am Bord des„Ariel“ Alles wie er⸗ ſtarrt. Niemand ſchien begreiſen zu können, was eigentlich vorge⸗ fallen; als man aber die Blicke wieder nach der„Minneſota“ richtete, da ſah man jetzt durch die Dampfmaſſen ſo viel, daß das Schiff in der Mitte auseinander geriſſen war. Schon zuckten auch da und dort rothe Flammenzungen hervor; das Feuer begann an dem un⸗ glücklichen Schiffe zu zehren. Furchtbar hatte ſich die Verwegenheit gerächt, den Dampf auf eine übermäßige Weiſe anzuſpannen, ſo daß er endlich den doch ſo feſt geſchmiedeten Keſſel ſprengen und damit dem Schiffe mit Allem, was darauf ſich befand, den grauenvollſten Untergang bringen mußte. — Und Alles wegen einer unſinnigen Wette. 1 Noch eine Minute verging, dann ſah man in den Fluthen eine Menge Schiffstrümmer, Menſchen, welche mit dem Waſſer kämpften, ſowie Leichen. Der„Ariel“ hielt an, auch ohne daß ein Befehl von Seiten des Capitains erfolgt wäre; der Maſchinenmeiſter hatte ſelbſt die Nothwendigkeit erkannt, und den Lauf des Schiffes unterbrochen. Man hatte von dem Capitain Duff abgelaſſen, derſelbe hatte ſich aufgerafft, aber er ſchien von allen dieſen ſo raſch ſich folgenden Monte Chriſto's letzter Weltgang. 13 194 Ereigniſſen ſo beſtürzt, ſo um alle Gegenwart des Geiſtes gebracht, daß er nicht wußte, was er zuerſt beginnen ſollte. Aber ſeine Be⸗ fehle waren zuletzt auch nicht nöthig, denn der erſte Steuermann und gleichzeitig Monte Chriſto und der Trapper hatten mit lauter Stimme gerufen, daß die Boote in's Waſſer gelaſſen werden ſollten. In Monte Chriſto erwachte die alte Seemannsnatur und zu⸗ gleich der Rettungseifer. Er wollte ſich bei dem Rettungswerke ſelbſt mit betheiligen, legte Hand an bei Herablaſſung der Boote und ſprang ſelbſt in ein's derſelben, um zu helfen, Verunglückte auf⸗ zufiſchen. Kaum hatte ſich das große Boot einige Klafter vom„Ariel“ entfernt, als die Mannſchaft bemerkte, daß der vordere Theil der „Minneſota“ tiefer zu ſinken begann, und dann auch das Hinter⸗ theil nachfolgte. Nur ein paar Minuten dauerte es, dann war von dem ganzen ſtolzen Schiffe nichts mehr zu ſehen, als nur die auf dem Waſſer treibenden Trümmer, unter welche ſich die Boote begaben und Verunglückte auffiſchten. Faſt zwei Stunden vergingen unter dieſer Arbeit, dann rief der Capitainsbefehl die ſuchenden Fahrzeuge zurück. Capitain Duff war in grimmiger Stimmung und fluchte ge⸗ waltig; allein er ſchien des Vorfalls, den er Rebellion genannt hatte, gar nicht erſt mehr Erwähnung thun zu wollen, wenigſtens nicht gegen die Paſſagiere, er verharrte auf ſeinem Poſten und gab den Befehl zur Fortſetzung der Fahrt. Langſam verließ der„Ariel“ den noch mit Trümmern bedeckten Platz und ſetzte ſeinen Weg fort, auf welchem er für einige Zeit noch durch verſchiedene, von der unglücklichen„Minneſota“ her⸗ ſtammenden Gegenſtände begleitet wurde, die von der Strömung fortgeführt, den unteren Gegenden des Rieſenſtromes Kunde brachten, daß ein gewaltiges Ereigniß auf dem Strome ſtattgefunden hatte. Die Fahrt des„Ariel“ ſtockte nach Verlauf einiger Stunden ſchon wieder bedeutend, und man erfuhr, daß in Folge der über⸗ mäßigen Dampfanſpannung denn doch einige Unordnungen an der Maſchine eingetreten wären, die nun erſt wieder beſeitigt werden müßten. Dieſe Nachricht gab den Paſſagieren die Gewißheit, daß, wenn die Hetzfahrt nur noch einige Minuten länger ſo fortgeſetzt worden wäre, haben könnte S Grafen Einſchr und es die M A ung der ſei, we des Co Nolle etwa! dabei! zu neu J des C haßerft drohen ſiel ein möglich rührun J feindlie ſich ſor er mög D Reden, Grafen Capitai eigenme geäußer giere ſ Capitai M * 3 3 ¹ 1* 195 wäre, der„Ariel“ ſehr leicht das Schickſal der„Minneſota⸗ hätte haben können und von ihm dann jetzt auch nichts mehr übrig ſein könnte als Trümmer. Sehr Viele unter den Paſſagieren gab es da, die es dem Grafen Monte Chriſto lebhaft Dank wußten, durch ſein kräftiges Einſchreiten einer wahrſcheinlichen Kataſtrophe vorgebeugt zu haben, und es wurde von ihnen beſchloſſen, eine Deputation zu wählen, die Monte Chriſto im Namen Aller Dank ſagen ſollte. Allein Monte Chriſto entzog ſich nach Möglichkeit dieſer Aeußer⸗ ung der Anerkennung nach Kräften und deutete an, daß es ihm lieber ſei, wenn der Sache gar nicht mehr Erwähnung geſchehe, ſchon um des Capitains willen, der an den Vorfall, wo er eine ſo ſchlechte Rolle geſpielt, nicht weiter erinnert werden ſollte, damit er nicht etwa verſuche, auf irgend eine Weiſe ſich an den hauptſächlich dabei betheiligten Paſſagieren zu reiben, was nur wieder Anlaß zu neuen Streitigkeiten hätte geben können. Monte Chriſto bemerkte wohl, daß, als er zufällig in die Nähe des Capitains kam, derſelbe ihn mit recht finſteren, feindſeligen, haßerfüllten Blicken betrachtete und auch einzelne der Matroſen ihn drohend anſchauten, aber weder von dieſen noch von dem Capitain fiel ein Wort, wie überhaupt Alle von der Schiffsmannſchaft es möglich vermieden, mit Monte Chriſto irgend wie in nähere Be⸗ rührung zu kommen. Monte Chriſto gab ſich den Anſchein, als bemerke er von dieſer feindlichen Haltung nichts oder beachte ſie doch nicht und verhielt ſich ſoweit ganz gleichgiltig, der Trapper aber warnte ihn endlich, er möge auf ſeiner Huth ſein. Der Trapper hatte Gelegenheit gehabt, verſchiedene verdächtige Reden, die von Seiten des Capitains und der Matroſen gegen den Grafen Monte Chriſto, als Anſtifter einer Rebellion gegen den Capitain und wegen Eingreifen in deſſen Vorrechte und Ertheilung eigenmächtigen Commandos, gefallen waren, wobei man ſich auch geäußert, daß dieſes nicht ſo hingehen dürfe, indem ſonſt die Paſſa⸗ giere ſich daraus ein Recht machen dürften, nach Belieben den Capitain zu commandiren. 3 Monte Chriſto lächelte. „Freund,“ ſagte er zum Warner,„ich kann mir Dergleichen denken, fürchte mich aber nicht und habe in meinem Leben auch hinreichend gelernt, vorſichtig zu ſein.— Uebrigens weiß ich: im Nothfalle ſtehen faſt Alle für mich und ſehr wenige für meinen Gegner!“ Damit war die Sache vor der Hand abgethan und es geſchah auch von keiner Seite Etwas, was als offene Herausforderung zu neuem Streite hätte betrachtet werden können. O New- die T merkte, ( zurückg eine F I fährten müthig Gefühl E Theil deſto kehren W Kaufle deutend zu, un Leben Barken ſich hie T ihm be ſamkeit um 30 Chriſto Dreizehntes Kapitel. In New⸗Orleans. Ohne weitere Störung irgend welcher Art war der Weg bis New Orleans endlich glücklich zurückgelegt, und als Monte Chriſto die Thürme der Stadt, den Maſtenwald des Hafens von fern be⸗ merkte, da athmete er wie erleichtert auf und ſagte: „Iſt mir doch, als ob ich nun ſchon die Hälfte meiner Reiſe zurückgelegt und überhaupt das Schwerſte überſtanden hätte.— Noch eine Fahrt über den Ozean und Alles iſt gut, das Leben iſt verſöhnt.“ Monte Chriſto's heitere Stimmung theilte ſich auch ſeinen Ge⸗ fährten mit, und ſelbſt Valentin, der gar manches Mal in ſchwer⸗ müthige Träumereien verſunken geweſen und mit gewiſſen bangem Gefühle an Claire gedacht hatte, ward jetzt heiterer. Er konnte es ja auch ſein, denn nun war wirklich ſchon ein Theil des Weges zurückgelegt, und je ſchneller er nach Europa kam, deſto ſchneller durfte er auch hoffen, wieder nach Amerika zurückzu⸗ kehren und zu Claire. Vorüber ging es jetzt an den zum Theil prächtigen Villen der Kaufleute von New⸗Orleans, welche in langen Reihen und in be⸗ deutender Ausdehnung beide Ufer des Stromes ſchmücken, der Stadt zu, und je näher man derſelben kam, deſto lebhafter zeigte ſich das Leben und Treiben auf dem Fluſſe, Dampfſchiffe und Segelſchiffe, Barken, Boote, Kähne, Nachen aller Art und aller Größen kreuzten ſich hier, ab und zu fahrend. Der„Ariel“ dampfte immer langſamer vorwärts, zwiſchen den ihm begegnenden Schiffen und Booten hindurchſteuernd. Die Lang⸗ ſamkeit der Fahrt war, wie man ſagte, durch die Vorſicht geboten, um Zuſammenſtoß und Unglücksfälle zu vermeiden, und Monte Chriſto wunderte ſich gleich manchem Anderen nicht wenig, daß der 198 ſonſt ſo rückſichtsloſe Capitain ſolche ungewöhnliche Vorſicht ent⸗ wickelte, meinte aber, der Mann fürchte die Hafenpolizei. Das große Schiffsboot war von einigen rüſtigen Ruderern be⸗ mannt und von dem zweiten Steuermanne geführt, dem Dampfer vorausgegangen, eine Meldung zu machen, wie es hieß. Es dauerte bei immer langſamer werdender Fahrt über eine Stunde, ehe der„Ariel“ an dem Landungspolatze der Miſſiſippi⸗ dampfer anlangte, wo das große Boot ſeiner bereits harrte, um in Geſellſchaft mit anderen Booten die Paſſagiere an das Land zu bringen. Etwas betroffen wurden aber die Paſſagiere, als ein Boot mit mehreren Conſtablern beſetzt, an das Schiff kam, und ohne Weiteres ſtiegen die Polizeibeamten an Bord und beſetzten die Treppe, auf der man zu den Booten hinabſtieg. Capitain Duff trat ihnen entgegen und begrüßte ſie auf eine Art, die zeigte, daß dieſe Männer ihm nicht unerwartet kamen, und begann dann ſogleich ein leiſes aber ſehr angelegentliches Ge⸗ ſpräch mit dem Commiſſar, der die Conſtabler führte. Dieſer hörte ihm ſehr aufmerkſam zu, fragte Verſchiedenes und ließ dabei öfters ſeine Augen forſchend über die Paſſagiere laufen, die zum Theil ſchon mit ihrem Gepäcke in der Nähe ſtanden, unge⸗ duldig des Augenblickes der Ausſchiffung harrend. Monte Chriſto befand ſich mit ſeiner Begleitung noch in ſeiner Abtheilung des Salons, erwartend des Augenblicks, wo der größte Theil der Paſſagiere ausgeſchifft ſein werde, um dann, ohne in das Gedränge zu gerathen, gleichfalls das Schiff zu verlaſſen. Aber nicht wenig erſtaunt war er, als jetzt der Polizeicom⸗ miſſar, begleitet von dem Capitain und einem Polizeimanne bei ihm eintrat und derſelbe ſich ihm näherte, nach kurzem Gruße fragend, wen er vor ſich habe. „Intereſſirt Sie das ſo ſehr, Maſter?“ fragte Monte Chriſto, indem ſein Geſicht ſich von dem in ihm aufwallenden Unwillen röthete. Er hatte geſehen, mit welchem tückiſchen, hohnvollen Blicke der Capitain ihn fixirte und er ahnte, daß derſelbe die Urſache dieſer an ihn gerichteten Polizeifrage ſein könnte. „Ganz gewiß, Maſter, intereſſirt es mich,“ entgegnete der Beamt nennen N Auge Capita „ weiter. D „ zuerſt „ „Ichh nennen meinen PWalto! mit ihn Schritte vorüber d hebend, „ vethafte W in den größere Vorte wallige t ent⸗ en be⸗ impfer r eine iſippi⸗ um in nd zu Boot d ohne rreppe, uf eine kamen, ſeiner größte 199 Beamte,„alſo im Namen des Geſetzes der Vereinigten Staaten, wie nennen Sie ſich?“ Monte Chriſto beſann ſich einen Augenblick; er richtete ſein Auge mit zornigem Audrucke auf den ihn höhniſch anlächelnden Capitain und ſagte dann ruhigen Tones: „Ich nenne mich Edmond Dantes!“ „Und welcher von Euch iſt John Walton?“ fragte der Beamte weiter. Der Trapper trat vor und fragte mit ſeiner Baßſtimme: „God dam, was will man von dem John?“ „Sind Sie es etwa, Maſter?“ fragte der Beamte, indem er zuerſt den Capitain anſah und dann den Trapper muſterte. „God dam, ja!“ polterte der Gefragte heraus und fügte hinzu: „Ich habe mich noch niemals geſchämt, meinen ehrlichen Namen zu nennen, wäre aber doch jetzt neugierig zu wiſſen, weshalb man auf meinen Namen ſo überaus neugierig iſt.— Alſo ich bin John Walton und frage: was ſoll ich Euch?“ „Ihr werdet dieſes ſogleich erfahren,“ antwortete der Beamte. Er wandte ſich nun gegen den Capitain und fragte mit ſcharfer Betonung, obh dieſes wirklich die Leute ſeien, die er ihm genannt. „Wirklich und wahrhaftig,“ antwortete der Capitain.„Wenn ſie es nicht ſind, wollte ich zeitlebens nichts trinken, als Salz⸗ waſſer.“ Monte Chriſto wollte dieſer Scene ein Ende machen, er wandte ſich zu ſeiner Umgebung und forderte ſie auf, ihm zu folgen, und mit ihm das Schiff zu verlaſſen.— Dann wollte er mit feſtem Schritte und erhobenem Haupte an dem Beamten und dem Capitain vorüberſchreiten. Der Beamte aber ſtellte ſich ihm in den Weg und ſeinen Stab hebend, rief er mit feierlicher Stimme: „Edmond Dantes und John Walton, im Namen des Geſetzes verhafte ich Euch!— Folgt mir!“ Wäre in dieſem Augenblicke ein Blitzſtrahl herabgezuckt und in den Salon, begleitet von einem Donnerſchlage, er hätte nicht größere Ueberraſchung, ja, Beſtürzung hervorrufen können, als dieſe Worte es thaten. Der Trapper fuhr wild auf und ballte die ge⸗ waltigen Fäuſte zum Schlage, Monte Chriſto aber blieb ruhig, wenn 200 er auch dem Beamten und dem Capitain finſtere Blicke zuwarf. Nach kurzer Pauſe fragte er, was denn die Urſache zu dieſer auf⸗ fallenden Maßregel gegen ihn und ſeinen Gefährten ſei. „Das werdet Ihr erfahren, jetzt folgt mir!“ entgegnete der Beamte. Monte Chriſto ließ ſich aber mit dieſer Antwort nicht abfer⸗ tigen, er berief ſich auf das Geſetz, nach welchem jeden Verhafteten auf Verlangen die Urſache der Verhaftung angegeben werden müſſe. — Dieſe Berufung wirkte auch, denn der Beamte ſagte kurz: „Die Verhaſtung geſchieht wegen Anſtiften zum Aufſtande und wegen Betheiligung bei demſelben.“ Jetzt ward es dem Grafen, wie dem Trapper klar, woher dieſer Schlag gegen ſie geführt wurde und ſie brauchten nur auf den hinter dem Commiſſar ſtehenden, höhniſch lächelnden Capitain zu ſehen, um zu wiſſen, daß ſie ſich nicht geirrt hätten, wenn ſie meinten, daß er der Ankläger ſei. Alſo deshalb war das Boot dem Dampfſchiffe vorausgeeilt, um gegen ſie Anzeige zu machen und die Polizeigewalt herbeizurufen; und deshalb war auch das Dampfſchiff ſo überaus langſam ge⸗ gangen, um den Abgeſchickten Zeit zur Anzeige zu laſſen, und den Polizeimännern Zeit, ſich am Strande einzufinden und das Schiff zu erwarten. Dem ehrlichen John ſtieg das Blut ſiedend zum Hirn, er, der Sohn der Urwälder, war eben kein Freund der Polizei, vorzüglich dann nicht, wenn ſie ſeine eigene Freiheit zu beſchränken gedachte. Er zeigte auch hier nicht die geringſte Neigung, ſich zu fügen und die Hand zuckte nach dem Bowiemeſſer. Monte Chriſto aber legte die Hand auf des Erbitterten Arm und ſprach mit gelaſſenem Tone: „Ruhig, Freund, und laſſ' das Meſſer ſtecken.— Unſere Sachen ſtehen nicht ſo ſchlimm, können aber durch das Meſſer ſchlimm ge⸗ macht werden.“ „Maſter,“ ſchrie der Trapper,„laſſen Sie mich nur dieſem Hunde von Capitain den Bauch auſſchlitzen und die anderen Paſſagiere auffordern, dieſe anderen Kerle zu lynchen, ſie in’s Waſſer zu werfen. Muß ich denn erleben, daß mit ehrlichen Leuten ſo umge⸗ gangen wird?“ Damp Ankla Grafe ſchrie 1 packe llelſch zuglei Gürte tain 1 uwarf. er auf⸗ ete der b ahfer⸗ gaſteten müſſe. z: de und r dieſer hinter en, um daß er ill, um urufen; ſam ge⸗ nd den Schiff er, der rzüglich gdachte. gen und en Arm Sachen zmm ge⸗ dieſem aſogiere werfen. ) umge⸗ 201 Monte Chriſto ſuchte den Mann zu beruhigen und verſicherte ihn, daß, wenn er Selbſthilfe gebrauchen wolle, er nur ein Wort zu ſagen brauche, und nicht nur der Capitain, ſondern auch die Polizeimänner lägen dann alleſammt im Waſſer, aber er wolle dieſes Wort nicht ſagen, denn eben dann hätte die öffentliche Gewalt das un⸗ beſtreitbare Recht, gegen ihn als Anſtifter von Rebellion einzuſchreiten, und dieſes wolle er nicht, er wolle ſich lieber unrechtmäßigen Ge⸗ waltmaßregeln fügen, um dann deſto glänzender gerechtfertigt da zu ſtehen. Monte Chriſto rieth dem Trapper, eben ſolche Grundſätze zu befolgen und in aller Ruhe das Weitere abzuwarten. Brummend und grollend und die grimmigſten Blicke auf den Capitain und die Beamten werfend, zog der Trapper die Hand von von dem Hefte der gefährlichen Waffe und trat zurück. „Folgen Sie mir!“ befahl nun der Commiſſar. „Erſt noch ein Wort, Maſter,“ ſagte Monte Chriſto. „Was giebt's noch?“ fragte Jener. Monte Chriſto trat auf den Capitain zu und legte ſeine Hand mit eiſernem Drucke auf deſſen Schulter; dann wandte er ſich zu dem Commiſſar und ſagte mit ruhiger, aber nachdrücklicher Stimme: „Ich verlange, daß unſer Ankläger, der Capitain Duff des Dampfſchiffes„Ariel“ gleichfalls verhaftet werde. Für die weitere Anklage werde ich ſorgen.“ Der Commiſſar ſtutzte, er ſah bald den Capitain, bald den Grafen an. Der Capitain aber ward vor Wuth blauroth im Geſichte und ſchrie dem Grafen drohend zu: „Rebell, ich zerbreche Dir alle Knochen im Leibe!“ Er riß ſich los und machte Miene, den Grafen ſelbſt anzu⸗ packen. Aber da ſtand auch ſchon der treue Ali neben ſeinem Herrn, fletſchte gegen den Capitain ſeine weißen Perlenzähne und legte zugleich mit vielſagender Miene Hand an den Dolch in ſeinem Gürtel. Auf der anderen Seite aber ſtand der Trapper und dem Capi⸗ tain die geballten Fäuſte unter die Naſe haltend, rief er ihm zu: „Wage es nur, dieſen Mann anzurühren, und mache dann 202 zugleich in Geſchwindigkeit Dein Teſtament, denn lebend kommſt Du nicht davon!“ Der Beamte trat raſch zwiſchen die Streitenden und fragte Monte Chriſto, welche Anklage er gegen den Capitain habe, daß er deſſen Verhaftung verlange. Monte Chriſto erhob da gegen den Capitain die Beſchuldigung, daß er in der Trunkenheit durch eine unſinnige Wettfahrt das Leben der Paſſagiere und die Sicherheit des Schiffes gefährdet und dieſes Beginnen ſo weit getrieben habe, daß ſelbſt der Maſchiniſt für die Sicherheit des Schiffes beſorgt geworden ſei; wie ſehr übrigens dieſes ſinnloſe Beginnen habe Gefahr bringen können, zeige das Beiſpiel der„Minneſota“, die bei der Wettfahrt zu Grunde ge⸗ gangen. „Lügen, Lügen!“ brüllte Duff dazwiſchen.„Ich weiß, was ich meinem Schiffe zutrauen konnte und es galt bei mir, die durch die Reparatur der Maſchine verlorene Zeit wieder einzubringen.— Dieſe Schufte verſtehen den Teufel von der ganzen Schifffahrt.“ Der Commiſſar aber ſchüttelte bedenklich den Kopf, und zum Grafen gewandt, meinte er, daß er hier nichts weiter thun könne, wolle Monte Chriſto eine Anklage gegen den Capitain erheben, ſo müſſe er dieſes vor dem Gerichte thun, einſtweilen habe er aber ihm zu folgen. 1 „Gut denn,“ rief Monte Chriſto,„führen Sie mich denn zu dem Richter, und ich werde für mich und für meine Gefährten ge⸗ nügende Bürgſchaften ſtellen, aber auch gegen den ehrenwerthen Capitain Anklage erheben.“ Ruhig gab er dann Albert und Valentin die Weiſung, mit dem Gepäcke ſich nach einem ihnen näher bezeichneten Hötel zu be⸗ geben und dort ſeine Ankunft zu erwarten, dabei verſichernd, er werde nicht lange bleiben, dann winkte er dem Trapper und verließ mit demſeben das Schiff, um, verfolgt von dem hämiſchen Lächeln des Capitains, in dem Polizeiboote an das Land zu fahren. Monte Chriſto und John Walton wurden auf ihr Verlangen ſogleich zu dem Richter geſührt, und Erſterer verlangte ſofortiges Ver⸗ hör, damit er ſich von den gegen ihn erhobenen Anſchuldigungen reinigen könne. zu ſein , „: weilen. 9 haben Monte mſt Du fragte daß er digung, Leben dieſes fär die brigens ge das nde ge⸗ was ich och die gen.— hrt. nd zum könne, en, ſo der ihm denn zu ten ge⸗ verthen g, mit zu be⸗ nd, er verließ Lächeln langen es Ver⸗ gungen 203 „Das muß vor der Jury geſchehen!“ entgegnete der Richter trocken. „Wann geſchieht das?“ fragte Monte Chriſto. „Vielleicht in acht, in zwölf Tagen!“ war die Antwort. „Nicht eher?“ „Pah, Maſter, es wird noch gut gehen, wenn Eure Sache überhaupt in zwei Wochen zur Sprache kommt.“ „Weshalb?“ „Weil zu viel andere Sachen vorliegen.“ „Wenn es aber bei mir drängt, der Geſchichte ſchnell ledig zu ſein?“ „Ja, mein Junge, das drängt eben einem Jeden.“ „Wir haben nicht Zeit, uns lange in New⸗Orleans zu ver⸗ weilen.“ „Glaub's ſchon.— Aber, Jungens, Ihr werdet ſchon Zeit haben müſſen.“ „Alſo iſt keine Beſchleunigung zu erwarten, Maſter?“ fragte Monte Chriſto nachdrücklich. „Keine,“ entgegnete der Richter und ſteckte gelaſſen ein Röll⸗ chen Tabak in den Mund.„Keine, ſage ich, Jungens. Es liegt zu viel vor, und ein Richter darf Keinem den Vorzug geben.“ Monte Chriſto ſah dem Manne forſchend in die Augen, dann zog er langſam ſeine Portefeuille hervor, öffnete es eben ſo lang⸗ ſam und begann in demſelben zu ſuchen. Während er dieſes that, beobachtete er das Geſicht des Richters, und er bemerkte, wie ſich deſſen Augen mit ganz beſonderem In⸗ tereſſe auf das Portefeuille hefteten, aus deſſen Form er ſehr wohl auf reichlichen Inhalt ſchließen konnte. Jetzt kannte er, der Menſchenkenner, ſeinen Mann genügend. Monte Chriſto nahm eine Tauſenddollarnote aus dem Porte⸗ feuille, näherte ſich dann dem Richter und benutzte einen Augen⸗ blick, wo der Schreiber deſſelben wegſah, um dem Geſtrengen die Note in die Hand zu drücken. Der Richter warf einen flüchtigen Blick auf das Papier, und ein gewiſſer Schimmer von Befriedigung überflog ſein Geſicht. Er ließ ſeine kleinen, grauen Augen zu dem Schreiber hinübergleiten 1 und dann verſchwand das Papier in der Taſche. 204 „Iſt keine Beſchleunigung möglich, Maſter?“ fragte jetzt der Graf wieder. „God dam!— hm“— brummte der Richter und blätterte in einigen vor ihm liegenden Papieren. „Ich ſagte Ihnen, daß wir Eile haben“— fuhr Monte Chriſto fort. „Verſtehe ſchon!“ ſagte der Mann der Gerechtigkeit. „Und ich würde nicht undankbar ſein,“ ſprach der Graf weiter und berührte mit dem Finger wieder das Portefeuille, welches er noch in der Hand hielt. Der Richter folgte dieſer vielſagenden und an ſich doch ſo ein⸗ fachen Bewegung. „Hm!“ knurrte er dann. „Alſo morgen, Maſter!“ ſagte Monte Chriſto. „God dam, alter Junge,“ ſprach jetzt der Amerikaner mit un⸗ gewohnter Gemüthlichkeit,„es iſt viel verlangt, aber vielleicht ginge es doch noch.“ Er heftete bei dieſen letzten Worten ſeine Augen mit ganz be⸗ ſonderem Ausdrucke wieder auf das in des Grafen Hand ruhende Portefeuille und ſpuckte dabei kunſtgerecht den braunen Tabaksſaft aus dem Munde weit von ſich. Monte Chriſto konnte dieſen Blick gar nicht mißverſtehen, er war gar zu vielſagend. Eine zweite Tauſenddollarnote folgte der erſten nach und verſchwand gleich dieſer in der Taſche des Mannes der Gerechtigkeit, deſſen Geſicht ſich mit einem gewiſſen vielver⸗ ſprechenden, ſonnigem Schimmer überzog. „Alſo, wenn es heute nicht mehr möglich iſt, morgen?“ fragte der Graf wieder. Der Richter kratzte ſich hinter den Ohren. „God dam,“ ſagte er dann,„einem Gentleman, wie Sie ſind, Maſter, kann man zuletzt doch nichts abſchlagen.— Es iſt viel ver⸗ langt, beim leibhaftigen Teufel, viel. Aber Sie ſind ein Gent⸗ leman, da kann, da muß man ſchon etwas möglich zu machen ſuchen. — Magss ſein, wenn Ihr ſolche Eile habt, morgen ſchon gehangen zu werden... God dam, werde mein Möglichſtes thun.“ „Gewiß?“ fragte Monte Chriſto. „Verſteht ſich,“ antwortete der Richter,„es iſt ein wichtiger Fal, ein lemen, ſe Die der der ganz off Bürgſcha fragen d Das rechligkeit die gena ſo warer Nuf gegen ſe Beſchuldi eröffnet! „D „Der Te den Que Dar dem Rich „Es mit dem dem Ho ſo würd Sprache lange. G „d. Trapper, bin über die Pra Beleidig und laſſe eeſen iſt Ner hi — Verhör u werde ett der terte in Monte weiter ches er ſo ein⸗ mit un⸗ ht ginge anz be⸗ ruhende baksſaft hen, er lgte der Mannes vielver⸗ fragte die ſind, viel ver⸗ 1 Gent⸗ ſuchen. ehangen wichtiger 205 Fall, ein dringender Fall, da muß man eilen!— Unterdeſſen, Gent⸗ lemen, ſeid ſo gut, und geht in's Gefängniß.“ Dieſer letzteren Aufforderung zu genügen, hatten natürlich we⸗ der der Graf noch der Trapper Luſt, und ſie ſagten dieſes auch ganz offen; Monte Chriſto bot für ſich und ſeinen Mitangeklagten Bürgſchaften an, die wohl genügen würden, und nannte auf Be⸗ fragen die Chefs des Handlungshauſes Summer und Wheler. Das waren allerdings Namen, die bei dem Pfleger der Ge⸗ rechtigkeit zogen, und da ſich binnen einer Stunde herausſtellte, daß die genannten Herren die Bürgſchaft mit Vergnügen übernähmen, ſo waren Monte Chriſto und der Trapper der Haft entlaſſen. Nun trat aber auch Monte Chriſto als Kläger auf und zwar gegen ſeinen Ankläger, gegen den er in der Hauptſache dieſelben Beſchuldigungen vorbrachte, wie er ſie ſchon gegen den Commiſſar eröffnet hatte. „Das werden wir gleich morgen einleiten,“ ſagte der Richter. „Der Teufelskerl ſoll nicht mehr wetten!— Wir wollen 5 ſchon den Querkopf zurecht ſetzen.“ Damit war für jetzt die Conferenz zwiſchen Monte Chriſto und dem Richter zu Ende. „Es koſtet mich zweitauſend Dollars,“ ſagte der Graf, als er mit dem grimmig knurrenden Trapper durch die Straßen der Stadt dem Hotel zuging.„Hätte ich ſie dem Spitzbuben nicht geboten, ſo würde unſere Sache vielleicht in vier, oder in ſechs Wochen zur Sprache kommen und dann ſich hinſchleppen auf Gott weiß wie lange. Es heißt hier wie allerwärts: wer gut ſchmiert, der fährt gut.“ „Der Teufel,“ knurrte der ſich in ſehr übler Laune befindliche Trapper,„der Teufel ſollte eigentlich alle dieſe Burſchen holen. Ich bin überhaupt kein Freund vom Leben in der Stadt, und lobe mir die Prairie und den Urwald! Da iſt doch ein anderes Leben! Beleidigt mich dort Jemand, ſo brenne ich ihm Eins auf's Leder und laſſe ihm die Spitze meines Meſſers koſten. Von langen Pro⸗ zeſſen iſt da keine Rede, und ich verſchaffe mir ſelbſt Recht.— Aber hier am Ende Monate durch allerhand Löcher geſchleppt, in Verhör genommen und zuletzt noch höchſt freundſchaftlich gehangen zu werden!— Das iſt nicht mein Geſchmack!“ 206 Monte Chriſto lächelte und meinte, daß zuletzt jedes Ding zwei Seiten habe, das Leben in der Stadt, wie das Leben im Urwalde, und oft genug auch drei Seiten, es handle ſich nur darum, ſoviel als es in den eigenen Kräften liege, die Lichtſeiten aufzuſuchen, und um die Schattenſeiten ſchnell herumzukommen. Der Trapper gab dem wohl Recht, brummte und knurrte aber doch noch gewaltig, der Zwang, den er ſich in der Stadt auferlegen ſollte, war ſeinen, die Freiheit gewöhnten Gliedern etwas Un⸗ behagliches. Capitain Duff wurde in der That am nächſten Tage ſchon zu einer neuen Vernehmung vorgeladen, die ihn überführte, daß er aus einem Ankläger zum Angeklagten geworden war. Monte Chriſto trat als Ankläger gegen ihn vor die Schranken, der Trapper, Morcerf und Valentin ſtanden als Zeugen neben ihm. Duff fluchte fürchterlich, ſpuckte den gelben Tabaksſaft klaftern⸗ weit von ſich und behauptete, die ganze Anklage ſei erfunden, er habe eigentlich keine Wette gemacht und wenn der Capitain der „Minneſota“ noch lebte, ſo würde dieſer es bezeugen. An der ganzen Geſchichte ſei jener Capitain ſelbſt ſchuld, und wenn der⸗ ſelbe darüber in die Luft gegangen, ſo möge er es mit ſich ſelbſt ausmachen. Er ſagte ferner, daß er ein amerikaniſcher Capitain ſei, auf die Reputation ſeines Schiffes halte und er da nicht zugeben könne, daß ein anderes Schiff daſſelbe überhole, das ſei dann für ſeine eigene Ehre ſelbſt zu empfindlich, ſo daß er lieber Alles wage, als daß das Unglück geſchehe, daß ſein„Ariel“ von anderen Schiffen ausgeſtochen werde, und jeder Vereinigte Staaten⸗Capitain werde auf ganz gleiche Weiſe handeln. „Seltſame Rede!“ bemerkte da Monte Chriſto,„wenn jeder Capitain ſo denkt, dann muß bei ſolch' einer Fahrt doch nothwendig ein Schiff zu Grunde gehen, wenn keins zurückbleiben will, und unter ſolchen Umſtänden möchte man es Jedem widerrathen, als Paſſagier ſich auf einem ſolchen Dampfer einzuſchiffen, denn er giebt ja ſein Leben der Willkür des Capitains Preis.— Ich zweifle aber, ob die Compagnieen und andere Eigenthümer ſolcher Fahrzeuge mit dieſen Grundſätzen ihrer Capitaine zufrieden ſind und ob ſie nicht mehr Ehre hinein ſetzen, ihre Paſſagiere ſicher an das Ziel ihrer Reiſe 3 daher zi ghEr ſo ſchnel zu befö Schrank Duff B eigenes hundert ſtrafung der Cap „Und D ich verg Mo Ein Bürgſche auch nic ſchiffahr entlaſſe Alberts Hotel v Geberde Du biſt Geld, d ihre Ch aufzuwe Beſchäde tauſend macht d ng zwei trwalde, „ſoviel en, und tte aber ferlegen das Un⸗ ſe ſchen daß er Chriſto Trapper, klaftern⸗ den, er tain der An der enn der⸗ t ſelbſt tain ſei, zugeben ann für s wage, Schiffen werde n jeder hwendig il, und en, als er giebt le aber, uge mit ſie nicht el ihrer 207 Reiſe zu bringen, denn ein anderes Schiff, das eben deſſelben Weges daher zieht, um eine Schiffslänge zu ſchlagen.“ er Er führte dann aus, daß es Pflicht ſei, die Paſſagiere zwar ſo ſchnell als möglich, aber auch mit der vollkommenſten Sicherheit zu befördern, und daß deshalb der Willkür eines Einzelnen feſte Schranken gezogen werden müßten. Er behauptete, des Capitains Duff Benehmen ſei um ſo ſtraffälliger, da er nicht allein ſein eigenes Leben leichtfertig auf das Spiel geſetzt, ſondern auch noch hundert Anderer Leben gefährdet habe. Er verlangte ſtrenge Be⸗ ſtrafung des leichtfertigen Mannes.. Der Richter, der die zweitauſend Dollars Monte Chriſto's in der Taſche hatte, gab ihm in Allem Recht, machte den Capitain weidlich herunter und kündigte ihm an, daß er für jetzt verhaftet ſei. — Dank es Dir der Teufel, Schuft von einem Richter!“ ſchrie der Capitain erbittert, und zu Monte Chriſto gewandt, fuhr er fort: „Und Dir, Burſche, werde ich auch meinen Dank abſtatten und was ich vergeſſe, mag der Teufel nachholen!“ Monte Chriſto erwiderte mit ruhigem, kalten Blicke. Eine Woche ſpäter erfuhr der Graf, daß der Capitain ſich gegen Bürgſchaft wieder auf freiem Fuße befinde, ihm von Gerichts wegen auch nicht viel geſchehen werde, daß er aber bereits von der Dampf⸗ ſchifffahrtsgeſellſchaft, welcher der„Ariel“ gehörte, ſeines Dienſtes entlaſſen ſei, er aber darob wüthe. Von dem Letzteren ſollte Monte Chriſto bald einen Beweis erhalten. Als Monte Chriſto einen Tag ſpäter in Begleitung Valentins, Alberts und des ewig brummenden Trappers, gefolgt von Ali, das Hotel verließ, trat ihm plötzlich der Capitain Duff mit wüthenden Geberden entgegen. „Schuft,“ ſchrie er Monte Chriſto zu,„treffe ich Dich endlich?— Du biſt ſchuld, daß ich meinen Dienſt verloren und obendrein mein Geld, denn die Compagnie iſt zu dumm, zu begreifen, daß ich nur ihre Ehre gewollt, und auch zu ſchmutzig, deshalb ein paar Gulden aufzuwenden. Faſelt das Volk von Kramjuden, der„Ariel“ hätte Beſchädigungen erhalten, die Maſchine ruinirt und es koſte über tauſend Dollars, ſie wieder herzuſtellen. Lumperei! Für zehn Dollars macht das jeder Schloſſerjunge!— Soll eine große Rechnung von 208 über zweitauſend Dollars für die Reparaturen bezahlen!— Pfui!— Aber, wer iſt daran ſchuld?— Niemand anders, als Du, alte Vogelſcheuche!“ „Wie ſoll ich daran ſchuld ſein?“ entgegnete der Graf ruhigen Tones.„Hätten Sie, Maſter, ſich vernünftig betragen, wie es einem rechtſchaffenen Capitaine zukommt, ſo würden Sie keine üblen Folgen zu beklagen haben. Ein Jeder trage das, was er ſich ſelbſt zu⸗ gezogen hat.“ „Ganz recht,“ ſchrie Duff,„und Du magſt das Deine auch tragen, wenn Dir es auch ein bischen tief in's Fleiſch gehen wird.“ Bei den letzten Worten riß der Capitain voll Wuth ſein Bowinmeſſer heraus und wollte dem Grafen einen Stoß verſetzen. Monte Chriſto wich aber demſelben durch eine ſchnelle Bewegung aus und griff nach dem Revolver in ſeiner Taſche. Allein er war denn doch nicht Amerikaner genug, um gegen die Manöver eines geübten Bowinmeſſerfechters, wie der Capitain einer war, vorſichtig genug ſein zu können. Duff machte einen Sprung, um dem Gegner von der Seite beikommen zu können, und vielleicht würde es ihm gelungen ſein, ehe der Graf ſeine Waffe hervorbringen konnte, wenn ſich nicht der Trapper in der Nähe be⸗ funden hätte. Der Trapper hatte alle Bewegungen des zornigen Capitains überwacht, und als derſelbe ſein Meſſer zum Vorſchein brachte, auch das ſeine entblößt. Der Trapper war aber ganz Amerikaner, durch die zahlreichen, beſtandenen Abenteuer in ſolchen Dingen ge⸗ wandt gemacht, dabei kaltblütig und ſtets nach allen Richtungen auf der Wache. Als nun jetzt der Capitain mit einem Wuthſchrei auf den Grafen ſich ſtürzte und das Meſſer zum tödtlichen Stoße zuckte, ſprang der Trapper vorwärts, riß den Grafen mit gewaltiger Fauſt zurück und ſtellte ſich ſelbſt dem Capitain gegenüber, eine Stellung annehmend, ſo feſt und kunſtgerecht, daß der Angreifer ſogleich erkennen konnte, er habe es hier mit einem gewandten Gegner zu thun, der vielleicht ſchon manchen ähnlichen Kampf aus⸗ gefochten. Duff, der mehr Poltronnerie als Muth beſaß, wich betroffen vor dem Manne zurück, deſſen Meſſer ſo drohend in der Hand blitzte. Der Trapper ſah es und höhnend rief er ihm zu: Fell ſe 7 deſſen die ki Zorn griffe entſpa nächſte waren eben auszur A funkeln bereit, probte der ge J bittern in die das no K ſtürzen trat de Gegner verlang E Schritt griff ve Mont ui „ alte 1 uhigen einem Folgen bſt zl⸗ eauch wird.“ h ſein eſetzen. vegung gegen apitain e einen en, und Waffe 209 „Alter Junge, wenn Du zu etwas mehr Courage haſt, als Jemandem das Meſſer hinterrücks zwiſchen die Rippen zu ſtoßen, ſo komme doch heran!— Ha, oder fällt Dir das Herz ſchon unter die Schuhſohlen?“ Der Hohn wirkte, er ſtachelte die Wuth des Capitains neu auf, mit gezucktem Meſſer ſtürzte er ſich auf ſeinen Gegner, demſelben zurufend: „Laſſ' doch ſehen, was Du kannſt! Ich will Dir ein Loch in's Fell ſchneiden, ſo groß, wie Dein großes Maul!“ Der Trapper erwiderte gar nichts, er beobachtete ſeinen Gegner, deſſen Angriff erwartend, der indeſſen auf ſich warten ließ, denn die kühne, feſte Haltung des Trappers ſchien abkühlend auf den Zorn des Capitains zu wirken.— Als Duff noch mit dem An⸗ griffe zögerte, ſo begann der Trapper ſelbſt und zwiſchen Beiden entſpann ſich ein wüthender Meſſerkampf, in deſſen Folge ſchon in nächſter Minute Beide bluteten, wenn auch nur leichte Ritze es waren, die die blitzſchnellen Stöße beider Meſſer hervorgebracht, da eben die Kämpfer es verſtanden, die Stöße aufzufangen, oder ihnen auszuweichen. Ali ſtand daneben, die Hand an dem Griffe ſeines Handſchars, funkelnden Blickes die Bewegungen des Capitains beobachtend, und bereit, ſowie dem Trapper irgend Etwas zuſtoße, ſofort ſeine er⸗ probte Waffe zu entblößen und zu gebrauchen; jetzt aber hielt ihn der gebietende Blick Monte Chriſto's noch zurück. Noch eine Minute dauerte der Kampf mit gegenſeitiger Er⸗ bitterung, dann war er entſchieden: der Capitain hatte einen Stoß in die rechte Bruſtſeite erhalten, daß das Blut hervorſpritzte. „Hölle und Teufel!“ rief der Getroffene taumelnd,„auch das noch!“ Krampfhaft ſein Meſſer faſſend, wollte er ſich auf den Trapper ſtürzen, ſich zu rächen, doch dieſer ſtieß ihn kaltblütig zurück und trat dann ſelbſt ein paar Schritte zurück, beobachtend, ob ſein Gegner genug haben würde, oder ob er noch weiter nach Kampf verlange. Es ſchien das Letztere der Fall! Duff machte noch einen Schritt vorwärts, als wolle er gegen den Trapper einen neuen An⸗ griff verſuchen; aber er taumelte ſchon und preßte ſeine Hand auf Monte Chriſto's letzter Weltgang. 14 210 die Wunde. Auch mochte die drohende, unerſchütterte Haltung des Trappers, von dem er eben ſolchen Kraftbeweis erhalten hatte, das ihre beitragen, um dem Zornigen die Erfolgloſigkeit jedes Angriffes auf dieſen Mann erkennen zu laſſen. Indem der Capitain taumelnd zurückwich, fiel ſein Blick auf Monte Chriſto, und da ſchoß ihm das Blut wieder in's Geſicht. Er wandte ſich gegen denſelben, und während ſeine Augen Flammen ſprühten, ſchrie er dem Grafen zu: „Elender Schurke! Du biſt an Allem ſchuld, ſollſt Dich aber doch nicht an meinem Schaden freuen!“ Seine letzte Kraft zuſammenraffend, ſtürzte ſich der Capitain auf den Grafen und hob das Meſſer zum tödtlichen Stoße. Monte Chriſto war aber nicht unvorbereitet; mit raſchem Griffe faßte er den drohenden Arm und preßte ihn mit gewaltiger Kraft zuſammen, ſo daß Duff den beabſichtigten Stoß nicht ausführen konnte. Ein Wuthſchrei erſcholl zu gleicher Zeit. Dieſer Schrei kam von Ali, der, kaum erkennend, daß ſeinem Herrn ein neuer Angriff drohe, ſeinen Handſchar aus der Scheide geriſſen hatte und nun ſich gleich einem Tiger auf den Capitain ſtürzte, ihn von hinten anpackte, ihn zurückriß und dann ihm den Handſchar an die Gurgel ſetzend, ausrief: „Hund, Ruhe, oder ich ſtoße zu!“ Capitain Duff antwortete nicht, er brach zuſammen. „Halt, Ali, Halt! Bei Deinem Leben!“ rief Monte Chriſto, der nicht anders glaubte, als Ali habe ſeine Drohung ſchon wahr gemacht und zugeſtoßen. „Hier iſt nichts zu halten, Herr!“ entgegnete Ali ruhig, indem er zugleich zurücktrat. Wie natürlich, hatte dieſe Scene auf offener Straße eine ſtarke Volksmenge zuſammengerufen, die ſich immer vermehrte, ganz getreu dem alten Spruche: wo Zehn ſtehen, kommen Hundert zuſammen, und wo Hundert ſtehen, Tauſend. Die Leute fragten und fragten, was denn vorgefallen wäre?— Schon ſchien es auch, als ob der eine Theil für den Beſiegten, der andere Theil für den Sieger Partei nehmen wolle, ſo daß es noch zu einer Fortſetzung des hier ausgefochtenen Kampfes kommen könnte. g des 2, das griffes ick auf Zeſicht. ammen h aber apitain Monte aßte er ammen, ſeinem Scheide Capitain ihm den Chriſto, nnz getreu ſammen, fragten, z ob der Sieget des hier 211 Zufällig befanden ſich unter der Menge ein paar Paſſagiere des„Ariel,“ die, ſich herzudrängend, Duff als den gewiſſenloſen Capitain jenes Dampfers erkannten, dieſes Erkennen und ihren ge⸗ rechten Unwillen über des Capitains Benehmen von damals ſofort kund gaben. „God dam,“ rief eine derbe Stimme,„das iſt ja der Schurke, der uns beinahe ſammt und ſonders in die Luft geſprengt hätte. Hat er endlich ſeinen Lohn erhalten? Recht ſo! Recht ſo!“ Dieſer Ruf erregte Aufmerkſamkeit; man fragte, wollte Aus⸗ kunft, was das Geſprochene zu bedeuten habe, und wurde mit mög⸗ lichſt kurzen Worten die Urſache ſeines Zornes gegen den Beſiegten erklärt, wobei ſeine Worte von ſeinem Gefährten und auch von dem Trapper Beſtätigung erhielten.“ Dieſe Eröffnung wandte ſofort den allgemeinen Unwillen gegen den Capitain Duff, und während erſt der größte Theil der Ver⸗ ſammlung geneigt ſchien, für den Beſiegten Partei zu nehmen, da man in der Regel den ſchwächeren Theil zu unterſtützen geneigt iſt, ſo wandte ſich Alles gegen ihn. Zornige Stimmen erhoben ſich, welche Verwünſchungen gegen Duff ſchleuderten und Drohungen laut werden ließen. Duff hatte ſich bereits etwas erholt; die Hand auf ſeine Wunde gepreßt, richtete er ſich auf. „Nieder mit dem Schuft!“ ließen ſich ein paar Stimmen ver⸗ nehmen.„Fort mit dem Schiffsſprenger!“ „Es iſt nicht wahr! Es iſt nicht wahr!“ rief der Capitain, der zu begreifen begann, um was es ſich handelte. „Oha, wir kennen Dich ſchon, Junge!“ ſchrie der erſte An⸗ kläger.„Wohl, wir wollen Dir ſchon die Luſt vertreiben, wieder Wettfahrten zu machen!“ „Lyncht ihn!“ erhob ſich jetzt ein Ruf. Dieſer Ruf hat für die unteren Volksklaſſen Amerikas einen ſehr verführeriſchen Klang, und dieſes bewies ſich auch hier, denn der Ruf fand nicht nur vielfachen Beifall, ſondern auch vielfachen Widerhall: „Ja, ja, lyncht ihn! Lyncht ihn!“ klang es da und dort. Immer zorniger brauſ'te dann der Ruf weiter. 14* ———— 2 9 A* —. — 212 Der Capitain hatte ſich vollends aufgerafft, ſchwankend ſtand er da, ſuchend das Blut mit den Händen zurückzuhalten, damit er nicht vollends entkräftet würde. Man ſah es ihm wohl an, welche Anſtrengung es ihm koſtete, ſich auf den Füßen zu erhalten. Er ſuchte ſich, Gefahr ahnend, aus dem Gedränge zu entfernen, und machte ſchwankend einige Schritte vorwärts; aber er fühlte ſeine Kräfte ſchwinden. „Laſſ't mich gehen!“ rief er mit bebender Stimme,„und helft mir fort! Will mir Niemand helfen?“ „Lyncht ihn!“ war die einzige Antwort auf den flehenden Ruf. Mehrere kräftige Fäuſte packten den Capitain gar derb beim Kragen und ſchüttelten ihn ab. „Fort! fort!“ hieß es dann. Man packte den Capitain und begann, ihn fortzuſchleppen. Monte Chriſto ſprang dazwiſchen. Er ſuchte die Menge zur Beſonnenheit zu mahnen, allein umſonſt, denn die Erbitterung, die Luſt an der Ausübung der Lynchjuſtiz ſchien ſich zu ſteigern, ſeit⸗ dem man das Opfer ſelbſt in den Händen hatte; ehe Monte Chriſto noch weiter ſprechen konnte, war er ſchon zurückgedrängt und der Capitain trotz ſeines Flehens fortgeſchleppt. Monte Chriſto forderte den Trapper, ſowie Valentin und Albert auf, ihn bei Befreiung des Capitains zu unterſtützen. Die Letzteren waren wohl willig, aber der Trapper zeigte wenig Luſt. „Gehen wir unſerer Wege,“ brummte er,„damit wir nicht ſelbſt noch Ungelegenheiten haben. Gegen das Volk richten wir nichts aus; es will nun einmal ſein Opfer haben.— Der Kerl iſt es übrigens auch werth!“ Trotz dieſer Einrede verſuchte Monte Chriſto es doch noch, den Capitain den Händen des zornigen Volkes zu entreißen, mußte aber bald erkennen, daß der Trapper nicht ſo ganz Unrecht hatte, denn er vermochte nicht mehr in die Gruppe zu dringen, die ſich um den Capitain geſammelt hatte und ihn fortſchleifte. Es ſammelten ſich immer mehr Leute und Jedermann ſchien herzliches Vergnügen zu haben an der Ausſicht, daß die berüchtigte Lynchjuſtiz ſich auch endlich wieder eines Opfers bemächtigt hatte, und Niemand ſchien geneigt zu ſein, ſich daſſelbe entreißen zu laſſen. erl iſt h, den e aber „denn m den en ſich gen zu h auch ſchien 213 Weiter und weiter wälzte ſich die Menge und hatte endlich einen Kanal erreicht. Monte Chriſto hörte noch eine Stimme rufen: „In's Waſſer! in's Waſſer!“ „Hurrah, in's Waſſer!“ klang es hundertſtimmig nach. Jetzt drangen einige Conſtabler herbei, um das Volk auseinander zu treiben, allein ſie kamen zu ſpät. Die Lynchjuſtiz hatte ihr Opfer. Duff, durch Blutverluſt und Mißhandlungen abgemattet, war, als man ihn in's Waſſer ſtürzte, ſogleich untergeſunken und nicht wieder zum Vorſchein gekommen. Nach Beendigung dieſer ſchnellen Execution zerſtreute ſich die Menge blitzſchnell nach allen Richtungen. Ein Jeder fühlte den Drang, ſich ſo ſchnell als nur möglich unſichtbar zu machen, um nicht etwa für die eben begangene That zur Verantwortung gezogen zu werden. Ausführen wollte die Lynchjuſtiz eben Jedermann, ver⸗ antworten ſie Niemand. Zwar befand ſich Monte Chriſto mit ſeinem Gefolge noch in der Nähe des Schauplatzes der That, aber an ihn ſich zu wenden, fiel vor der Hand Niemandem ein, obgleich er am beſten im Stande geweſen wäre, über die Urſache der ganzen Scene Auskunft zu geben. Einige Tage ſpäter ſchiffte ſich Monte Chriſto mit ſeinem Ge⸗ folge nach Europa ein, der Trapper aber nach New⸗York, im Voraus betheuernd, daß er ſobald als nur möglich den Städten den Rücken kehren würde, um nur recht bald wieder in ſeinen lieben Urwald zu kommen. Er ſagte: „Das Leben im Urwalde iſt Goldes werth, das in der Stadt nicht einen Schuß ehrlichen Pulvers!“ Dierzehntes Kapitel. Der räthſelhafte Hirt. Es iſt in den Abruzzen, jener wilden, verrufenen Gegend, be⸗ rühmt wegen der hohen Romantik ſeiner Landſchaft, berüchtigt wegen dem Räuberunweſen, welches eben hier im vollſten Flore ſteht, und das in den zahlloſen Schluchten und Klüften des Gebirges, in den Wäldern und in den Ruinen aus den Zeiten der Römer, wie denen des Mittelalters, die hier noch zahlreich die Gipfel von Felſen oder Abhänge gewaltiger Berge krönen, ſeine Schlupfwinkel findet, wäh⸗ rend in den Engpäſſen, durch welche ſich die Straßen ſo oft winden müſſen, den verwegenen Banditen die günſtige Gelegenheit zu Ueber⸗ fällen geboten wird. Unterrichtet ſind dieſe Banditen ſtets gut, denn in jeder Stadt, jedem Städtchen, in jedem Dorfe, faſt in jedem Gehöfte haben ſie ihre Vertrauten und Kundſchafter, ſo daß ſie ſtets vorher unterrichtet ſind, wenn die Gensd'armen oder das Militair einen Streifzug gegen ſie zu unternehmen gedenkt und in welcher Richtung derſelbe gehen ſoll, wie ſie auch unterrichtet ſind, wenn Reiſende ſich zeigen, bei denen ſich Etwas holen ließe. Im erſten Falle ſind ſie ſtets verſchwunden, wo ſie geſucht werden, im zweiten Falle aber ſind ſie zur Stelle, ihre Beute zu machen. Wachtpoſten haben ſie auch ſonſt überall, und gar Mancher, der ruhig ſeine Heerde zu weiden ſcheint, iſt im Grunde ein ge⸗ fährlicher Spion, der durch gewiſſe telegraphiſche Zeichen, nur dem Wiſſenden verſtändlich, anderen Wachtpoſten Kunde von nahender Gefahr oder von zu hoffender Beute giebt. Ob jener einſame Hirte wohl auch zu dieſer Klaſſe Menſchen gehört? Auf einer ſteilen Anhöhe, an der ſich eine Straße herauf wand, ſtand dieſer Hirt. Er war noch ein Jüngling, dem kaum der be⸗ egen und den enen oder wäh⸗ inden eber⸗ denn dem ſtets litair 215 erſte Flaum um das Kinn zu ſproſſen anfing. Sein gebräuntes Geſicht war fein geformt, von dem edelſten Schnitte in dem Profile, ſo daß er jedem Maler als Modell hätte dienen können, wenn der⸗ ſelbe einen Seraph malen wollte. Die Augen waren dunkel und feurig, und dieſer Glanz, ſowie der eigenthümliche Schwung der feingezogenen Augenbrauen gaben ihm eine Art orientaliſchen An⸗ ſehens, was ihm ſehr wohl ſtand. Seine Größe war wenig über Mittel; die Geſtalt war ſchlank und, wie ſich leicht erkennen ließ, auch gleich dem Geſichte vollkommen regelmäßig. Die Kleidung des Burſchen war die gewöhnliche Hirtenkleidung des mittleren und ſüdlichen Italiens. Ein ſchwarzer Spitzhut, mit einem Heiligenbilde und ein paar Federn geziert, bedeckte die ſchwarzen ſchlichten Haare; über einer grünen Jacke trug er einen Pelz aus Schaffellen, die rauhe Seite nach außen gewendet und ohne Aermel; ferner kurze, ſchwarze Hoſen, Strümpfe und die mit vielen Bändern um Fuß und Bein befeſtigten Lederſandalen. Eine Kürbisflaſche, ein Roſenkranz und daneben ein langes Meſſer war an dem Gürtel des Burſchen befeſtigt; aber auch eine Schalmei, die Zeugniß ablegte, daß dieſer Jüngling wohl ein Freund der Muſik ſein mochte, dabei aber zu feines Gefühl hatte, um ſich auf dem herkömmlichen nationalen Dudelſack zu verlegen, der ſonſt das Lieblingsinſtrument der italieniſchen Hirten und ein Schrecken für kunſtſinnige Ohren iſt. Auf ſeinen langen Stab geſtützt, ſchaute der Jüngling ſinnend hinaus in das Weite, anſcheinend wenig achtend auf ſeine Schaf⸗ heerde, die an den Seiten des Hügels die ſpärlichen Kräuter ab⸗ weidete, deſto mehr aber dem Anblicke der Landſchaft ſich hingebend, die von hier geſehen, wirklich ein reizendes, romantiſches Bild bot. Ein ſchmales Thal, geſchmückt mit einem kleinen See und durchfloſſen von einem bald hier, bald da durch das Grün blinken⸗ den Flüßchen. Ein Dorf, einzelne Gehöfte waren da und dort zer⸗ ſtreut; ſeitwärts ragten die grauen Gebäude eines Kloſters aus dem Schatten der umgebenden Bäume und darüber erhoben ſich ſchroffe Felſenberge, theilweiſe bewachſen, theilweiſe kahl, oft zerriſſen durch tiefe Schluchten. In der Ferne verſchwammen dieſe Berge in bläu⸗ lichem Duſte.— Die Landſchaft lag im zauberiſchen Glanze der ſich neigenden 216 Sonne, welche ihre Strahlen recht warm und kräftig über die Felſen⸗ parthien ſtreifen ließ. Plötzlich ſchien ein anderer Anblick, als der der Landſchaft, die Aufmerkſamkeit des jungen Hirten auf ſich zu ziehen.— Ein Reiſe⸗ wagen war, durch ein Gehölz kommend, ſichtbar geworden; derſelbe fuhr langſam den Hügel hinan. Voraus dem Wagen ſchritt ein Herr mit zwei Damen. Sie mochten aus dem Wagen geſtiegen ſein, um, zu Fuß gehend, die romantiſche Landſchaft beſſer zu genießen. Der Herr bot eine ſehr ſtattliche, ernſte Erſcheinung von mili⸗ täriſcher Haltung, welche, verbunden mit dem kräftigen Wuchſe des Mannes, der ganzen Erſcheinung etwas Ritterliches gab. Die bei⸗ den Damen befanden ſich berfits in den Jahren der Reife, aber es waren immer noch anziehende Erſcheinungen, und ihre gewählten Toiletten zeigten, daß ſie zu den vornehmen Ständen zählten. Als die Wanderer auf die Spitze des Hügels kamen und den Hirten ſtehen ſahen, der ſie aufmerkſam betrachtete, blickten ſie etwas überraſcht auf denſelben, als ob ihnen deſſen Erſcheinen unerwartet käme, obgleich ſie durch den Anblick der Schafheerde ſchon hätten darauf vorbereitet ſein ſollen, daß ſie auch den Hirten ſehen würden. Schnell auf den Jüngling zutretend und ihn kurz grüßend, fragte der Herr: „He, Burſche, wie weit iſt es noch bis Voltura?“ „Ich denke zwei Miglien!“ entgegnete der Burſche. „Weißt Du denn dieſes nicht genauer?“ fragte der Herr. „Wir haben keine Uhren in der Taſche,“ gab der Burſche gleichmüthig zurück,„und wenn wir einmal nach Voltura oder ſonſt wohin gehen, gehen wir eben und rechnen es nicht aus.“ „Gut,“ ſagte nun der Herr,„aber wenn Du auch keine Uhr haſt, ſo wirſt Du mir doch ſagen können, ob der Weg bis dorthin ganz ſicher iſt.“ „Ich denke, ja!“ „Man warnte uns!“ „Vor was?“ „Vor Brigantis!“ Der Burſche verzog den Mund zu einem leichten Lächeln, wo⸗ bei zwei Reihen blendend weißer Zähne zum Vorſcheine kamen. Niema 1 zeigte Näher ſehr 5 Jüng. ihnen die ei die v neigen 7 Stim beoba lſen⸗ die teiſe⸗ ſelbe Sie „die mili⸗ des bei⸗ er es hlten dden etwas vartet ätten rden. ßend, urſche ſonſt Uhr 217 „Briganti?“ fragte er dann.„Vor Brigantis braucht ſich hier Niemand zu fürchten.“ Unterdeſſen waren die Damen herzugetreten, und der Burſche zeigte, daß er nicht ohne Höflichkeit ſei, denn er nahm bei deren Näherkommen den Hut ab und grüßte ſie mit einer gewiſſen, ihm ſehr wohl anſtehenden Demuth. Beide Damen ſchauten mit großer Aufmerkſamkeit auf den Jüngling, deſſen Geſtalt, wie die klaſſiſche Schönheit ſeines Kopfes ihnen ſehr wohl zu gefallen ſchienen. „Meinſt Du, daß es keine Banditen in der Nähe gäbe?“ fragte die eine Dame. „Gewiß nicht, Madonna,“ antwortete der Burſche, wieder auf die vorige eigenthümliche Art lächelnd und dabei ſich leicht ver⸗ neigend, was er auf eine ſehr natürliche, graziöſe Art that. Die Fragerin ſchien von dieſem Lächeln, dem Klange der Stimme, der Verbeugung ſehr betroffen und immer aufmerkſamer beobachtete ſie die Geſichtszüge des jungen Mannes. „Mein Gott,“ flüſterte ſie ihrer Gefährtin zu,„was iſt nur das. Alles an dieſem jungen Menſchen iſt mir ſo bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich ihn ſchon geſehen haben ſollte, oder wo ich einen Mann begegnete, der dieſem Hirten oder dem vielmehr der Hirte ähnlich iſt!“ Die Gefährtin warf einen forſchenden Blick auf den Hirten, dann rief ſie voll Erſtaunen: „Wahrhaftig, Marja, Sie haben Recht!— Auch ich finde überraſchende Aehnlichkeit, und zwar mit einem Manne, der“— Sie endete nicht, wandte aber ihre Blicke wieder forſchend auf den Hirten, der den Hut noch in der Hand behalten, jetzt aber, da er bemerkte, welchen Eindruck er auf die beiden Damen machte, er⸗ ſtaunt auf dieſelben ſah. „Wen meinen Sie, Eugenie?“ fragte Marja. Eugenie antwortete nicht, ſie wandte ſich mit lebhafter Be⸗ wegung zu dem Herrn und ſagte: „Herr Albert, ſehen Sie dorthin. Sehen Sie dieſen jungen Mann und ſagen Sie mir dann, ob ich mich täuſche, wenn ich ſage, daß derſelbe eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit mit einem Manne hat, der ſo gewaltigen Einfluß auf unſer Schickſal hatte!“ 218 Der Herr, den Eugenie Albert genannt hatte, warf einen Blick auf den Hirten, er ſchaute forſchend in deſſen Auge und trat be⸗ troffen einen Schritt zurück. „Bei Gott,“ ſagte er,„Sie haben Recht, Eugenie. Fiel mir doch ſchon vorher ſo Manches auf, ohne es zu beachten, jetzt bringen Sie mich auf die Spur!—— Sie haben Recht!“ Der Hirt, dem es nun immer deutlicher wurde, daß er der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit geworden, wurde noch er⸗ ſtaunter und ſah die ihn Betrachtenden auch ſeinerſeits mit großen Augen an. Er kannte ſie nicht und konnte nicht begreifen, woher ihn dieſe kennen ſollten.— Ein flüchtiger Verdacht ſtieg in ihm auf; er ſetzte ſeinen Hut wieder auf und ſein Blick wurde faſt drohend, als er ihn wieder auf Albert haftete. Trotzig auf ſeinen Stab lehnend, erwartete er das Weitere. Albert trat jetzt zu ihm und fragte mit mildem Tone: „Wie nennſt Du Dich, mein Sohn?“ „Luigi,“ war die Antwort, von einem mißtrauiſchen Blicke begleitet. „Aber ſonſt?“ „Nun, ich heiße Luigi!“ „Du mußt doch noch einen Namen haben? den Familien⸗ namen?“ „Ich bin ſtets nur Luigi genannt worden.“ „Wie heißt aber Dein Vater?“ „Vater?— Ich weiß es nicht!“ „Sollteſt Du denn wirklich ohne Vater ſein!?“ „Ich weiß wenigſtens von keinem.“ Albert ſchaute auf Marja und Eugenie. Die beiden Damen hatten unterdeſſen mit leiſer Stimme und mit wenigen Worten ihre Gedanken über den jungen Hirten, der ſie plötzlich ſo ſehr intereſſirte, ausgetauſcht, aber ſie hatten dabei auch noch aufmerkſam auf das Geſpräch Alberts mit dem inter⸗ eſſanten Hirten gehört und deſſen Antworten ſchienen ihnen den Intereſſanten noch intereſſanter zu machen; ſie warfen ſich bedeut⸗ ſame Blicke zu. „Wie ſeltſam!“ ſagte Eugenie. „In der That ſeltſam,“ beſtätigte Albert.„Dieſer Jüngling leich muß( hinzu. lichei ſollte. „alein und E Tauſe 2 wieder 219 gleicht dem Grafen Monte Chriſto Zug auf Zug, und ich denke, ſo muß Edmond Dantes ausgeſehen haben, als er noch Jüngling war.“ „Aber die Augen erinnern mich an Haydee,“ fügte Marja hinzu. „In der That, ja,“ nahm Eugenie das Wort.„Dieſe Aehn⸗ lichkeit iſt doch gar zu auffallend, als daß ſie nicht Wunder nehmen ſollte.“ „Menſchen köonnen ſich ähnlich ſein,“ ſagte Albert leichthin, „allein dennoch muß ich zugeben, daß ſolche Aehnlichkeit ſelten iſt und Edmond Dantes überhaupt ein Geſicht hat, welches man unter Tauſenden herauskennen könnte.“ „Ein Vampyrgeſicht!“ flüſterte Eugenie vor ſich hin und warf wieder einen langen, forſchenden Blick auf den Hirten. Albert wandte ſich wieder zu dieſem. „Mein Sohn,“ fragte er,„biſt Du in dieſer Gegend geboren?“ „Ich glaube es,“ entgegnete der Gefragte,„aber ich weiß es nicht!“ „So weißt Du Deinen Geburtsort nicht?“ „Es mögen Viele hier ſein, die nicht wiſſen, wo ſie geboren!“ „Alſo biſt Du auch in dieſem Falle?“ Der Hirt beantwortete dieſe Frage mit ſtummem Kopfnicken. Die ſo angelegentlichen Fragen des fremden Herrn, in die auch die Damen mit einſtimmten, erweckten offenbar mehr und mehr ſein Mißtrauen und er gedachte wohl ſich denſelben am beſten zu ent⸗ ziehen, wenn er auf die nächſten Fragen keine andere Antworten mehr gab, als die durch ſtumme Zeichen. Albert ſah, daß dieſer junge Menſch entweder nichts wiſſe, oder nichts wiſſen wollte. Albert ließ deshalb vor der Hand mit ſeinen Fragen ab, gönnte dem Hirten einſtweilen Ruhe und wandte ſich zu den Damen zurück, mit welchen er ſeine Bemerkungen über den intereſſanten Hirtenknaben tauſchte. Wieder war man darüber einſtimmig, daß dieſer Hirt in ſeinen Geſichtszügen, ſeiner Geſtalt, ſeiner Haltung, im Klange der Sprache und in der Art ſeines Lächelns ganz überraſchende Aehnlichkeit mit dem Grafen Monte Chriſto habe, und die Eine glaubte noch dieſen, die Andere jenen Zug aufgefunden zu haben, der dem Grafen eigen ſei und im Geſicht oder dem Weſen des jungen Hirtens wieder 220 gefunden zu haben, wo dann die Eine ſtets die Bemerkung der Freundin beſtätigte und ſelbſt Albert dann und wann ihnen Recht gab, obgleich er die ganze Sache mit kälteren Augen betrachtete, und nicht in einem jeden Zuge ſo unbedingte Aehnlichkeit fand, wie dieſes von Seiten der Damen geſchah. „Wie iſt es nur möglich, daß ſich in dieſem jungen Menſchen eine ſo vollkommene Aehnlichkeit mit jenem merkwürdigen und ſelt⸗ ſamen Manne vereinigt findet?“ fragte Marja. „Menſchen können ſich ähnlich ſein,“ entgegnete Albert.„Ich ſagte es ſchon.“ „Aber ſo Zug um Zug!“ rief Eugenie.„Sollte dieſer junge Mann zuletzt nicht in einem Zuſammenhange mit dem Grafen ſtehen?“ „Man kann in Alles Zuſammenhang bringen, wo man Zu⸗ ſammenhang finden will,“ meinte Albert kühl. „Ach,“ rief Eugenie faſt ungeduldig,„Sie ſpielen den Un⸗ gläubigen; Herr Morcerf, wie das ſo Ihre Gewohnheit iſt.— Wäre es denn eine ſo große Unmöglichkeit, daß dieſer Hirtenburſche zu⸗ letzt doch in einem vielleicht ſehr nahen Verwandtſchaftsgrade zu Monte Chriſto ſtände.— Der Graf kam ja in aller Welt herum! Er konnte auch in dieſer Gegend geweſen ſein und“— „Und ein zärtliches Verhältniß gehabt haben,“ ergänzte Albert, „ein Verhältniß, deſſen Frucht wir jetzt vor uns ſehen.— Dieſes wollen Sie vielleicht ſagen, Eugenie.— Aber hier muß ich denn doch ſagen, daß der Graf wohl nicht der Mann war, ſolche Ver⸗ hältniſſe zu ſchließen.“ „In der Welt iſt Alles möglich! Dieſes ſagen Sie ja ſelbſt immer.— Doch hatte der Graf nicht einen Sohn?“ „Einen Sohn, den er ſehr ſchmerzlich betrauerte.“ „Er verlor denſelben in den Abruzzen?“ „Ja!* „Und ſind wir nicht eben in den Abruzzen?“ „Allerdings ſind wir das. Aber Sie wollen doch nicht etwa ſagen, daß dieſer junge Hirt gar der verlorene Sohn des Grafen ſein könnte?“ „Wenigſtens liegt dieſe Idee ſehr nahe, denn in dieſer Welt iſt ja Alles möglich,“ entgegnete Eugenie. „Hier bezweifle ich denn doch die Möglichkeit,“ ſagte Albert ſehr er Kind ie mit ve Todter 4 Eugeni geſtand Könnte Sollten Grafen 3 wieder A macht, der Bl. E That i wo an Jünglit ihm, a des Gr Sohne R G „ merkw ganz U erkundi nein, e anlaßt mir ei D vorkom Reihe endlich ſondere er zeig ht etwa Grafen er Welt eAlbert 221 ſehr ernſt.„Sie wiſſen doch, daß der Sohn des Grafen als kleines Kind in der Hütte des Banditen Fano erſchoſſen und ſeine Leiche mit verbrannt iſt? Es geſchah dieſes vor langen Jahren. Ein Todter kann nicht auferſtehen!“ „Hier muß ich Ihnen widerſprechen, Herr Albert,“ ſagte Eugenie.„Es ſind ſchon oft genug Todtgeglaubte wieder auf⸗ geſtanden. Iſt es nicht bei dieſem Grafen auch der Fall geweſen? Könnte es da bei ſeinem Sohne nicht gleichfalls der Fall ſein? Sollten wir uns vielleicht jener Gegend nahe befinden, wo den Grafen das Unglück traf, den Sohn zu verlieren.“ „Himmel, wenn dieſes wäre?“ rief jetzt Marja und heftete wieder ihre Blicke auf den noch ruhig daſtehenden Hirten. Auch Albert war von Eugeniens Bemerkung ſehr betroffen ge⸗ macht, tiefer Ernſt lagerte auf ſeiner Stirne, und forſchend war der Blick, den er auf den Hirten warf. Er hatte auf Etwas nicht gedacht. Er befand ſich ja in der That in jener Gegend der Abruzzen, wo die Hütte Fano's geſtanden, wo angeblich der Sohn Monte Chriſto's geendet. Wenn er den Jüngling, der da ſo trotzig vor ihm ſtand, betrachtete, ſo war es ihm, als könne es doch möglich ſein, er habe den geraubten Sohn des Grafen vor ſich, denn dem Alter nach konnte derſelbe mit dem Sohne des Grafen auf ganz gleicher Linie ſtehen. Raſch wandte ſich jetzt Albert wieder zu Luigi. „Junger Freund,“ ſagte er,„ich ſehe es wohl, daß Dir es merkwürdig erſcheint und auch erſcheinen muß, daß ich, als ein Dir ganz Unbekannter, ſo angelegentlich mich nach Deinen Verhältniſſen erkundige. Glaube nicht, daß dieſes gewöhnliche Neugier wäre, nein, es iſt das lebhafte Intereſſe, das mich zu dieſen Fragen ver⸗ anlaßt; ein wirklich lebhaftes Intereſſe, welches Dein bloſer Anblick mir einflößt.“ Dem Hirten mochte dieſe Erklärung nicht weniger ſonderbar vorkommen, als wie die erſten Fragen; er ſchaute die Fremden der Reihe nach mit großen Augen an, ſchüttelte den Kopf und meinte endlich, daß er nicht begreife, was denn die Fremden ſo ganz Be⸗ ſonderes an ihm fänden, daß ſie über ihm Auskunft verlangten, und er zeigte ſich neugierig, zu wiſſen, was denn dieſes eigentlich wäre. 222 Albert, dem es drängte, nun endlich zu einem beſtimmten Ziele zu kommen, fragte nochmals nach Geburtsort, Alter und nach den Eltern des Hirten, erhielt aber darauf nur die vorigen Antworten, ſo daß er ſich für überzeugt halten mußte, es ſei wirklich Alles ſo, wie der Jüngling ihm ſagte. „Aber Verwandte mußt Du doch haben, mein Sohn?“ fragte Albert. „Ich habe einen Vetter, der nennt ſich Matteo,“ entgegnete Luigi. „Wo iſt dieſer?“ fragte Albert raſch weiter. Luigi ſchaute den Fragenden an und zögerte einige Zeit mit der Antwort,— endlich deutete er ſeitwärts nach einer Richtung und ſagte: „Dort hinter dem Hügel liegt ſein Haus.“ „Führe mich zu ihm,“ ſagte Albert raſch.„Ich will ihn ſprechen.“ Wieder ſah Luigi Albert groß an, dann aber ſagte er, daß er jetzt nicht von ſeiner Heerde fort dürfe, und wollten die fremden Herrſchaften den Matteo ſprechen, ſo müßten ſie ihn ſelbſt aufſuchen, wobei er aber auch nicht anzugeben wiſſe, ob der Geſuchte ſogleich zu treffen ſein werde, derſelbe könne auf dem Felde ſich befinden, oder über Land gegangen ſein, wo er am Ende erſt am anderen Tage, oder nach ein Paar Tagen zurückkehre. „Und wenn ich eine ganze Woche auf den Matteo warten ſollte,“ rief Albert,„ſo will ich es doch thun, denn ich muß ihn ſprechen.— Wenn Du wilrklich nicht ſelbſt uns führen kannſt, ſo beſchreibe mir den Weg, daß wir nicht irre gehen.“ „Aber,“ ſagte der Jüngling,„ich denke, Ihr wollt nach Volturno?“ „Erſt will ich zum Matteo!“ erklärte Albert. „Sagt mir aber doch erſt, was denn das iſt, was Euch zum Matteo treibt?“ fragte Luigi, deſſen Erſtaunen ſich mehrte.„Ich kann mir es nicht denken.“ „Licht will ich erhalten,“ antwortete Albert,„und zwar über Dich. Vor ſechszehn Jahren etwa verlor ein vornehmer Herr in dieſer Gegend ſeinen Sohn. Derſelbe war ihm geraubt worden, und ſeine Spur verfolgend, gelangte er in die Landſchaft, wo der Knabe ſich in den Händen eines gewiſſen Fano befinden ſollte.“ ſeiner d Lu plötzlich Male, eine K ausein die zw iele ch den vorten, les ſo, ftagte Luigi. eit mit ichtung l ihn daß er remden ſſuchen, ſogleich finden, nderen ſollte,“ hen.— ibe mir t nach ich zum ,3c ar über Herr in worden, wo der lte.“ „Fano, Fano!“ murmelte Luigi ſinnend. „Kennſt Du den Namen?“ fragte Albert haſtig. „Ich habe ſeinen Namen gehört,“ entgegnete Luigi.„Seine Hütte lag dort drüben am Gebüſch. Sie iſt ausgebrannt, aber es ſtehen immer noch ein paar Mauern.— Doch, was iſt denn weiter geſchehen?“ „Nun,“ ſprach Albert weiter,„der Fano wurde hier ereilt, die Hütte iſt ausgebrannt, Fano ſoll mit verbrannt ſein, der geraubte Knabe aber ſoll erſchoſſen und ſeine Leiche auch verbrannt ſein.“ Immer geſpannter werdend, mit angehaltenem Athem und vor⸗ gebeugtem Haupte lauſchend, hatte Luigi Alberts Erzählung mit ſteigender Aufmerkſamkeit zugehört, zuletzt war er dem Erzähler näher getreten. „Ein Knabe ſoll geraubt und dann erſchoſſen ſein?“ fragte er endlich mit vor Aufregung zitternder Stimme. „Erſchoſſen? Verbrannt?“ „So iſt erzählt worden!“ entgegnete Albert. „Erſchoſſen von Gensd'armen?“ „Allerdings!— Die Kugel hatte Fano gegolten und traf ſtatt ſeiner das unglückliche Kind.“ Luigi zuckte mit der Hand nach der Bruſt, als fühle er dort plötzlich einen Schmerz, dann ſagte er: „Was Ihr nicht Alles wißt!— Mir ſagte Matteo einige Male, daß ich als kleines Kind in großer Lebensgefahr geweſen ſei, eine Kugel habe mich getroffen. Hier iſt die Narbe noch!“ Mit raſcher Handbewegung riß er das Hemde auf ſeiner Bruſt auseinander und deutete auf eine an der Bruſt befindliche Narbe, die zwar ſtark verwachſen, aber doch noch ſichtbar genug war. „Er iſt es!“ rief Marja. „Ja, hier iſt keine Täuſchung möglich!“ ſtimmte Eugenie ein. „Aber,“ ſagte Albert,„jenes Kind ſoll ja verbrannt ſein?“ „Matteo ſprach auch von Feuersgefahr,“ antwortete der junge Hirt.„Wie Alles gekommen iſt, das weiß ich nicht ſo genau, mag es Matteo erzählen.“ „Ja, ja, auf zu Matteo!“ rief Albert. Er ließ ſich den Weg beſchreiben, reichte dann dem jungen Hirten die Hand und ſagte: „Junger Freund, wir ſehen uns wieder!“ Dann beſtieg er den unterdeſſen herangekommenen Reiſewagen, in welchem die Damen ſchon Platz genommen, und raſch rollte dann der Wagen davon. Der junge Hirt ſchaute dem Wagen träumend nach; er ſah, wie die Damen ſich noch einmal aus dem Schlage beugten, nach ihm zurückſchauend und ihm grüßend zuwinkend.— Dann verſchwand der Wagen dem Geſichte Luigis. Gar ſeltſam ward es Luigi zu Muthe. Er wußte in der That ſo gut wie nichts von ſeiner Abſtammung, obgleich er immer der Meinung geweſen, er müſſe doch aus derſelben Gegend ſtammen, in welcher er jetzt lebte, denn ſonſt wäre er doch, wie er meinte, gar nicht hier. Früherhin hatte er ſich nie viel um dieſen Gegenſtand bekümmert, er hatte Matteo, in deſſen Hauſe er aufgewachſen, für ſeinen Vater gehalten, bis derſelbe ſpäterhin ihm die Eröffnung gemacht, daß er nicht ſein Vater ſei, er ihn nur aus Mitleid auf⸗ genommen habe. Auch hatte Matteo geſagt, daß er wohl in einem entfernten Lande geboren ſein könnte, und daß er ihn verwundet aus dem Feuer geriſſen. Näheres war von Matteo nicht zu erfahren geweſen, da derſelbe ſtets behauptet, er ſei außer Stande, weitere Auskunft zu geben. Matteo hatte indeſſen genug geſagt, um im Herzen Luigis eine gewiſſe Unruhe, eine Sehnſucht zu erwecken, die ihn antrieb, Mittel zu ſuchen, durch deren Hilfe es ihm möglich würde, das Dunkel, er ſtamme. In der erſten Zeit war dieſer Drang ſehr mächtig in des Jünglings Bruſt geweſen, allein er hätte auch bald ſo viel er⸗ kannt, daß, wenn Matteo ihm nicht Auskunft zu ſagen, oder wenigſtens Fingerzeige zu geben vermöchte, ſo würde er nie über ſolche Angelegenheiten eine Gewißheit erhalten. Nach Verlauf eines Jahres war Luigi bereits ruhiger gewor⸗ den, aber doch war er gar manches Mal in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken und dann tauchten in ihm allerhand bunte Bilder auf, ihm die Pracht und Herrlichkeit der Erde zeigend, auf die er vielleicht auch gerechte Anſprüche hatte. 3 Jetzt, da er auf ſo ſeltſame Weiſe von der fremden Reiſe⸗ geſellſchaft erkannt worden war, ohne daß er noch recht wußte, wo⸗ welches ſich um ihn gelagert, zu zerſtreuen, oder zu erfahren, woher ho wagen, te dann er ſah, ach ihm and der r That ner der nen, in te, gar enſtand en, für öfnung id auf⸗ einem wundet derſelbe ben. is eine Mittel Dunkel, „woher chtig in viel er⸗ , oder ie über gewor⸗ gen ver⸗ if, ihm wielleicht Reiſe⸗ gt, wo⸗ 225 durch dieſes ſeltſame Erkennen herbeigeführt worden war, erwachten jene Traumbilder wieder, und jetzt erſt, nachdem der Wagen ſich entfernt hatte, ſchon ſeinen Blicken verſchwunden war, fiel Luigi es ein, daß er eigentlich hätte mehr Fragen an die Herren, auch an die Damen ſtellen ſollen, vielleicht daß er dann ſchon jetzt über ſeine Abkunft nähere Mittheilungen erhalten haben würde. „Matteo wird nicht da ſein,“ ſagte er plötzlich vor ſich hin, „er wird ſchon im Paſſe liegen! Der fremde Wagen muß, will er nach Voltura, durch jenen Paß!— Heilige Jungfrau, wenn dort ein Unglück geſchähe, ſo wäre für mich jede Spur verlöſcht!— Es darf nichts geſchehen! Nein, nein, um alle Welt nicht; denn ich muß Gewißheit haben. Ich muß hindern!— Warum habe ich auch die Fremden nicht gewarnt!“ In der größten Unruhe wandte ſich Luigi nach allen Seiten um, mit aufmerkſamem ZBlicke ausſpähend und dann wieder lauſchend. Endlich ließ er einen langen, gellenden Pfiff erſchallen, den er in kurzen Pauſen noch zwei Mal wiederholte. „Jacopo! Jacopo!“ rief er dann ungeduldiger. Aber es erfolgte keine Antwort und noch ungeduldiger wieder⸗ holte er dieſen Ruf einige Male. Endlich pfiff es in der Ferne und Luigi ſchien beruhigt. Einige Minuten nachher kam ein junger Burſche, faſt noch Knabe, den Hügel hinan gelaufen und blieb vor Luigi ſtehen. „Kommſt Du endlich, Jacopo?“ rief Luigi den Burſchen an. „Ja, ja, entgegnete dieſer.„Bin ja ſchnell genug gelaufen!— Haſt Du Etwas geſehen? Etwas gehört?— Wo ſoll ich hinlaufen?“ „Du ſollſt gar nicht laufen, Jacopo,“ antwortete Luigi.„Du ſollſt hier bei der Heerde bleiben und Acht geben, daß ſich nichts verläuft.— Auch giebſt Du Acht, ob ſich Verdächtiges zeigt.“ „Gensd'armen.“— „Du weißt es ja.— Dann giebſt Du Botſchaft!“ „Ich weiß, ich weiß!— Aber Du?“ „Ich laufe nach dem Paſſe!“ „Aber die Reihe war doch an Dir, den Wachtpoſten hier zu halten.“ Monte Chriſto's letzter Weltgang. 15 „Pah, Junge, frage da nicht erſt.— Im Paſſe bin ich heute nöthiger als hier!— Halte gute Wacht!“ Ohne ein Wort weiter zu ſprechen, ſprang Luigi davon und nach einem Haufen großer Steine, der ſeitwärts aufgeſchichtet lag, hob ein Paar Steine hinweg und brachte eine kurze Flinte zum Vorſcheine. Er warf dieſe Waffe über und eilte dann den Hügel hinab. Jacopo aber nahm behaglich Platz, brachte ein Stück Ziegen⸗ käſe hervor und begann mit Seelenruhe ſeine Abendmahlzeit, die an Frugalität nichts zu wünſchen übrig ließ. Fünßehntes Kapitel. Unter den Brigantis. Unterdeſſen war der Reiſewagen Alberts von Morcerf mit ſeinen Inſaſſen ſchnell den Hügel hinabgerollt, ſah ſich aber bald genöthigt, langſamer zu fahren, da der Weg ſteiniger und ſchlechter wurde.— Da dieſe Straße nicht allzuviel Verkehr hatte, ſo hatte man ſich eben auch nicht viel um die Unterhaltung derſelben in fahrbarem Suſtande bekümmert. Albert und die beiden Damen waren indeſſen von der ſo eben gehabten Begegnung ſo ergriffen und ſo ganz in Anſpruch genom⸗ men, daß ſie von dem ſchlechten Wege wenig merkten; nur wenn der Wagen gar zu arg ſtieß, entfuhr wohl den Damen ein Seufzer ob ſolchen Beſchwerden. „Es iſt doch ein merkwürdiger Zufall, daß wir dieſen Hirten hier treffen mußten, während wir zu Fuße gingen,“ ſagte Marja. „Wären wir im Wagen geweſen, ſo würden wir an ihm vorbei⸗ gefahren ſein, ohne ihn zu beachten.“ „Es giebt eigentlich keinen Zufall, Marja,“ entgegnete Albert, „es iſt vielmehr Alles Vorherbeſtimmung. Mir iſt in meinem Leben ſo Vieles begegnet, was man für gewöhnlich als Zufall bezeichnet, das aber doch eine ſo merkwürdige Verkettung hatte, daß ich daſſelbe nur Vorherbeſtimmung einer höheren Macht nennen kann, die Alles auf's Genaueſte vorher berechnet hat, ſo daß Alles ineinander greifen mußte, wie das Räderwerk einer Maſchine, und nichts von dem vorgezeichneten Wege abweichen durfte.“ „Laſſen wir das jetzt,“ nahm Eugenie das Wort.„Zufall oder Vorherbeſtimmung, iſt ganz gleich.— Ich glaube feſt, daß wir den Sohn des Grafen Monte Chriſto gefunden.“ 15* ———QO-ñC˖j——————— ———-———.—— — — 228 „Ich möchte bald daſſelbe ſagen,“ meinte Albert.„Es trifft Alles ſo ziemlich zu.“ „Ich dächte: ganz.“ „Möglich! Wenigſtens trifft bis jetzt Alles zuſammen, und das, was ich noch durch den Matteo erfahren werde, dürfte das noch Fehlende ergänzen.“ Die Damen gaben hier einſtimmig ihr Urtheil ab, daß aller⸗ dings Alles ſo zuſammentreffe, daß man gar nicht zweifeln könne, der Hirt ſei wirklich der Sohn Monte Chriſto's. Eugenie bemerkte dann noch, daß ſie eigentlich ſich wundern müſſe, daß der Graf ſeinen Sohn noch nicht aufgefunden, denn der⸗ ſelbe habe ja ſonſt die geheimnißvollſten Mittel beſeſſen, das zu er⸗ gründen, was andern Menſchen verhüllt geblieben; ſie meine daher, der Graf hätte, ſo er nur ernſtlich nach dem Sohne geforſcht, den⸗ ſelben ſchon längſt finden müſſen. „Den Kräften des Menſchen iſt ein beſtimmtes Ziel geſetzt, das ſie nicht zu überſpringen vermögen,“ antwortete Albert.„Auch dieſer Monte Chriſto hat es an ſich erfahren, daß er zwar Vieles, aber nicht Alles vermochte.— Wie übrigens, ob dieſer Mann über⸗ haupt noch unter den Lebenden verweilt? Er ſcheint ganz verſchollen, denn ſeit Jahren erfuhren wir von ihm nichts mehr; nur dann und wann kam ein Gerücht, daß da oder dort ein Mann aufgetaucht, der in ſeiner Art und Weiſe viele Aehnlichkeit mit Monte Chriſto haben ſollte; fragte man aber genauer nach dieſem Manne, ſo war er entweder verſchwunden, oder er entpuppte ſich als ein ganz ge⸗ wöhnlicher Menſch, der Niemand weniger ſein konnte, als jener Graf.— So ſollte er bald in Amerika, bald in Afrika, bald in Aſien, dann in Rußland, in England, in Spanien aufgetaucht ſein und doch fand man ihn nicht.“ Unter ſolchen Geſprächen waren die Reiſenden bis an einen die Hauptſtraße kreuzenden Seitenweg gekommen, der nach Luigi's Be⸗ ſchreibung zu der Behauſung Matteo's führen ſollte. Die niedrige Wohnung, die nach der erhaltenen Schilderung die Matteo's ſein mußte, zeigte ſich in geringer Entfernung an den felſigen Hang eines Hügels angelehnt, umgeben von einigen Bäumen. Der Wagen bog nach Alberts Anweiſung auf dieſen Fahrweg ein, konnte ihn aber nicht weit verfolgen, denn er ward immer trift das, noch aller⸗ önne, ndern der⸗ zu er⸗ daher, 3 den⸗ t, das „Auch Vieles, über⸗ hollen, n und toucht, Ehriſto ſo war inz ge⸗ jener ald in ht ſein nnen die is Ve⸗ derung lan den aumen. ahrweg immer 229 ſchmäler und ſteiniger und verwandelte ſich zuletzt in einen ſchmalen Fußweg, der in verſchiedenen Windungen nach jener einſamen ländlichen Wohnung führte. Albert ließ alſo den Wagen halten, ſtieg aus und befahl, daß der Wagen wenden und dann auf ihn warten ſolle, Marja und Eugenie wollten zurückbleiben und die Rückkehr Alberts erwarten, die, wie er verſprach, nicht lange ſich verziehen würde, da er, wenn er Matteo überhaupt zu Hauſe fände, denſelben mitbringen und ihn als Wegweiſer mit nach Voltura nehmen wollte, um deſto bequemer ihn ausfragen zu können. Die Sonne verſchwand eben hinter den Bergen, als Albert die ſehr unſcheinbare, halb verfallene Wohnung Matteo's erreichte. Eine Frau mit ein paar Kindern ſaß an der Thüre der Hütte und ſie machte große Augen beim Anblicke des ihr Fremden, vor dem ſich die Kinder furchtſam in die Hütte flüchteten. Nur ein größerer Knabe blieb ſtehen und betrachtete Albert mit ſtolzen, trotzigen Augen. Albert fragte nach Matteo, erfuhr aber, daß derſelbe fort⸗ gegangen, auf den Handel, wie die Frau ſagte, und erſt am nächſten Tage zurückkehren würde. Verſtimmt über dieſes Nichttreffen, ſagte Albert der Frau, daß eer am nächſten Tage wieder kommen werde, da er mit Matteo etwas Dringendes zu ſprechen habe, und die Frau verſprach, dieſes ihrem Manne zu ſagen. Albert kam es vor, als ob die Frau ſehr unſicher und befangen thue, und ſchied, wenig erbaut von derſelben, nach ſeinem Wagen zurückzukehren. Indem er auf dem Fußwege fortſchritt, hörte er haſtige, leiſe Schritte, die ſeitwärts von dem Felde kamen, wo eine Reihe niedriger Sträucher ſtand, und als er aufmerkſam nach jener Richtung ſchaute, bemerkte er den Knaben aus der Hütte Matteo's, der dort flüchtig hinter dem Geſträuche auftauchte, aber ſogleich wieder verſchwand. Albert war dieſes auffallend; er blieb ſtehen, lauſchte und vernahm nochmals leiſe Schritte, die ſich ſehr flüchtig nach vorwärts zu entfernten und dann verhallten. Zu ſehen war nichts mehr. Uunwillkürlich griff Albert nach den Piſtolen, die er in der Bruſttaſche ſeines Rockes bei ſich trug; es zog ſo Etwas wie eine 230 böſe Ahnung in ſeine Bruſt. Er befand ſich in den Abruzzen und wußte, in welchem Geruche dieſelben ſtanden. Beſchleunigten Schrittes eilte er dann zu dem Wagen zurück, wo er den Damen kurz ſagte, daß ſein Gang umſonſt geweſen, und dann in den Wagen ſprang, der nun wieder die Richtung nach der verlaſſenen einſchlug und dieſelbe endlich wieder erreichte. Albert drängte zur beſchleunigten Fahrt und der Kutſcher fuhr ſo ſchnell, als es der Weg erlaubte. Der Abend war hereingebrochen, es begann ſchon ſtärker zu dunkeln und Albert hatte da deſto mehr Veranlaſſung, die Fahrt zu beſchleunigen, um die Stadt zu erreichen, ehe es völlig dunkel wurde. Auf der Straße war Alles leer, kein Menſch zeigte ſich, der über die Entfernung der Stadt hätte Auskunft geben können; die Reiſenden wußten daher nicht, ob ſie bis zur Stadt noch eine kürzere oder längere Fahrt zu machen hatten. Immer düſterer wurde die Gegend, und die Bergwände, zwiſchen denen die Straße hindurchlief, traten mehr und mehr zuſammen, die Felſen wurden ſteiler, und dann und wann zog ſich eine Wald⸗ parthie von dem Berge herab bis über die Straße, die dann auf eine Strecke durch das Gehölz laufend, ganz dunkel war. Der Kutſcher fluchte manches Mal über den ſchlechten Weg, der ihn an ſolchen Stellen zwang, an ſolchen dunklen Stellen lang⸗ ſam zu fahren, während er doch ſehr gern recht ſchnell die Stadt erreicht hätte. Der Diener auf dem Bocke brummte gleichfalls ſehr unzufrieden vor ſich hin und ſah argwöhniſch bald nach Rechts, bald nach Links, wobei er die Hand ſtets bereit hielt, nach den Waffen zu greifen, die er bei ſich trug. Die beiden Damen ſeufzten über die endloſe Fahrt und wünſchten gleichfalls deren Ende herbei, wobei ſie ſich manches Mal Bemerk⸗ ungen zuflüſterten über die Gegend, die ihnen bei dieſer düſteren Nacht ſo recht unheimlich vorkam, und Albert ſelbſt erſchien die Gegend umſomehr verdächtig, als er wußte, in welchem üblen Rufe die ganze Landſchaft ſtand. Anfangs war er wohl ſorglos genug geweſen, zudem man ihm geſagt, daß die Gegend jetzt ſicher ſei, doch als er ſich jetzt ſo einſam in dieſer düſteren Gegend ſah, wollte jene Sorgloſigkeit zum guten — n und zurück, n, und ich der er fuhr ker zu irt zu wurde. h, der en; die kürzere wiſchen ammen, Vald⸗ aun auf Weg, un lang⸗ Stadt lls ſehr s, bald Waffen unſchten Bemerk⸗ düſteren dien die en Rufe an ihm einſam guten —— — 231 Theile ſchwinden. Immer häufiger ſchaute er forſchenden Auges nach allen Seiten aus, und horchte aufmerkſam auf jedes Geräuſch, ſo weit ein ſolches bei dem Raſſeln der Räder zu vernehmen war. Die Waldſtrecke war endlich zurückgelegt, aber dafür traten bald wieder die Felſenwände näher zuſammen, ſie bildeten eine Art Paß, durch den ſich die Straße in ſtarker Biegung in die Höhe zog. Die Schwierigkeit dieſer Strecke zwang den Kutſcher, zu ſeinem großen Mißvergnügen noch langſamer zu fahren, als vorhin. „Wenn man uns hier anhielte, wäre es für uns am ſchlimmſten und für die Brigantis am bequemſten,“ ſprach der Kutſcher ziemlich laut zu dem neben ihm ſitzenden Diener. Albert und ſeine Begleiterinnen hörten dieſe Bemerkung und ſowohl Marja, als Eugenie erſchraken bedeutend darüber. „Eine entſetzliche Gegend,“ ſeufzte Marja.„Ich fürchte, es war Verwegenheit, hier ſo ſpät in der Nacht noch zu reiſen.“ „Liebe Marja,“ entgegnete Albert,„in ſolch' einem Lande iſt es gleichgiltig, ob man bei Tage oder bei Nacht reiſt, und oft ſind die Brigantis am Tage gefährlicher, als in der Nacht; denn in der Nacht ſchlafen ſie eben auch gern, da ſie wiſſen, daß ſie ja ihre ſaubere Arbeit auch am Tage und da noch beſſer verrichten können.“ „Das wäre doch ein Troſt, wenn man in der Nacht am ſicherſten reiſen könnte,“ ſagte Eugenie mit einem leiſen Seufzer.„Eigentlich wäre die Reiſe zur Nachtzeit durch ſolche Gegend hoch romantiſch, wenn die leidige Furcht, daß Einem im nächſten Augenblicke ſchon von ſolch' einem unhöflichen Strolche von Briganti die Kehle ab⸗ geſchnitten ſein könnte, nur zu einem Genuſſe ſolcher Romantik kommen ließe.— Ich muß geſtehen, mir wäre es weit lieber, wenn ich jetzt in einem weichen Bette läge, als daß ich hier zwiſchen Felſen und Wald herumzittern ſoll.“ „Ich zöge dieſes wohl auch vor!“ ſagte Marja halblaut. Albert tröſtete wieder, daß die Fahrt nun hoffentlich nicht mehr lange dauern würde, denn ſo weit er auf die Beſchreibung trauen könne, müſſe, wenn dieſer Paß paſſirt ſei, Voltura bald erreicht ſein. Eugenie hatte ſich aus dem Wägenfenſter gebeugt, um die Um⸗ gebung flüchtigen Blickes zu überſchauen, ſoweit es die Nacht er⸗ laubte. Plötzlich aber fuhr ſie erſchrocken zurück. „Hört Ihr nichts?“ flüſterte ſie. 232 Albert ſtutzte. „Was ſollen wir denn hören?“ fragte er. „Es war mir, als käme Jemand dem Wägen nach,“ antwortete die Dame.„Ich hörte Fußtritte und als ob Jemand ſtolpere.“ „Das Geräuſch der Räder wird Sie getäuſcht haben,“ ſagte Albert beruhigend. Aber trotzdem er dieſes zu Eugenie ſagte, war ihm deren Be⸗ merkung doch auffallend und er beugte ſich lauſchend aus dem Wagen hinaus. Es vergingen einige Minuten, ohne daß Albert mehr gehört hatte, als das Rollen der Räder, den Hufſchlag und das Schnauben der Pferde; er gewann dadurch die Ueberzeugung, daß Eugenie ſich denn doch geirrt haben müſſe, und ſchon wollte er ſich wieder in den Wagen zurücklehnen, als ſein geübtes Ohr einen Ton vernahm, der hinter dem Wagen herkam, und der ſofort ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog.. Es war wirklich der Schall von Fußtritten, der für ein paar Augenblicke ziemlich ſtark, dann aber wieder leiſer und kaum ver⸗ nehmbar klang, als ob Jemand nachſchleiche und nur unverſehens ſtärker aufgetreten wäre. „Wer iſt da?“ rief Albert entſchloſſen aus dem Wagen hinaus. Keine Antwort folgte, der Schall, der vorhin Alberts Auf⸗ merkſamkeit ſo erregt, war verſchwunden. Aber im Wagen waren ſowohl Marja, als Eugenie durch Alberts Anruf auf das Höchſte erſchrocken und ſie fragten ängſtlich, was denn ſei? „Es wird gar nichts ſein,“ entgegnete Albert kurz. Kaum hatte er dieſes geſprochen, als ſich ein neues Geräuſch vernehmen ließ und auch dieſes Mal hinter dem Wagen. Es war, als rolle ein Stein von ziemlicher Schwere den Abhang hinab. Das Gepoltere war von Allen gehört worden. Albert ſtutzte und der Kutſcher rief: „Das hat was zu bedeuten!“ „Was ſollte das bedeuten?“ fragte Marja beſtürzt. „Daß ein Stein locker geworden und den Abhang hinab gerollt iſt,“ entgegnete Albert ſchnell beſonnen.„Weiter iſt es nichts!“ rech nah doch au aus. Auf⸗ durch ſtlic, äuſch war, b. ſtutzte hinab ſt es 233 Kaum hatte er die letzten Worte geſprochen, als es plötzlich rechts und links, vor und hinter dem Wagen laut wurde, man ver⸗ nahm Fußtritte mehrerer Menſchen, gemiſcht mit Klirren. „Da haben wir es!“ ſchrie der Kutſcher.„Die Teufelsbrut iſt doch da!“ Wie raſend begann er auf die Pferde loszuhauen, ſo daß ſie ausgriffen und den ſchweren Wagen in vollem Laufe den Berg hinan zu ſchleppen begannen. Ddieſe Eile nützte aber jetzt nichts mehr, denn überall tauchten ſchon dunkle Geſtalten auf. „Halt, halt!“ klang es von allen Seiten. Ein Schuß krachte und die Kugel pfiff über den Wagen hinweg. „Halt, oder es iſt Euer Tod!“ brüllte eine gewaltige Stimme. Ein paar Männer hatten ſich auf die Pferde geworfen, hatten ſie an den Zügeln ergriffen und ſie ſo zum Stillſtehen gezwungen. Ein Briganti war blitzſchnell auf den Tritt geſprungen, hatte mit kräftiger Fauſt den Poſtillon ergriffen, ihn vom Bocke herab⸗ geriſſen, ſo daß derſelbe zwiſchen die Räder ſtürzte. Die anderen Brigantis drängten ſich um die Thüren des Wagens, durch deren Glasfenſter ſofort einige Mündungen der Ge⸗ wehre in das Innere des Wagens ſchauten, und zugleich eine drohende Stimme rief: „Niemand rühre ſich, ſonſt geben wir Feuer und Alle ſeid Ihr des Todes!“ Schon hatte Albert nach ſeinen Piſtolen gegriffen und war auf⸗ gefahren, um ſich und ſeine Begleiterinnen zu vertheidigen, allein mit einem lauten Angſtſchreie ergriff Marja ſeinen Arm. „Albert, Albert, um Gotteswillen!“ flehte ſie. Albert erkannte auch ſofort ſelbſt, daß gegen dieſe Uebermacht keine Vertheidigung möglich war, daß der bloße Verſuch zum Wider⸗ ſtande ſeinen und vielleicht auch ſeiner Gefährtinnen Tod herbei⸗ führen mußte.— Knirſchend vor Grimm lehnte er ſich in den Wagen zurück und erwartete das Weitere. „Seid Ihr Engländer?“ fragte eine Stimme. „Nein, Franzoſen!“ entgegnete Albert. „Iſt ganz gleich,“ war die Antwort des Briganti.„Steigt aus, Signors.“ „Es ſind zwei Damen!“ bemerkte Albert. „Schön, da giebt es Schmuckſachen für unſere Weiber,“ war die Antwort.„Ausgeſtiegen, Signoras!“ Der Briganti riß bei dieſem Worte den Schlag des Wagens auf und befahl nochmals den darin Sitzenden, auszuſteigen. Albert erhob ſich, dem Befehle zu gehorchen; im Augenblicke, wo er auf dem Wagentritte ſtand, ſah er, daß nur drei Mann auf dieſer Seite ihm gegenüber ſtanden, und ein böſer Dämon gab ihm den Gedanken ein, zu verſuchen, ſich durch raſchen Angriff dieſer Gegner zu entledigen und ſo durch Kühnheit und Entſchloſſenheit zuletzt doch noch den Sieg zu erfechten. Fühlte ſich Albert doch im Gebrauche der Waffen durch lange Uebung ſicher. Albert blieb zögernd auf dem Tritte des Wagens ſtehen; er griff hinter ſich, ſich ſeines Jagdmeſſers zu bemächtigen, welches auf dem Kiſſen des Wagens lag. Aber die Brigantis gehörten jedenfalls zu der gewitzigten Sorte, die ſchon manche Erfahrung gemacht hatte und dadurch vorſichtig geworden war. Sie hatten ein ſcharfes Auge auf Albert und auf jede ſeiner Bewegungen, die ihnen verdächtig vorkommen mochten. Wie auf ein Commando warfen ſich ſofort die Brigantis auf den Mann, packten ihn und riſſen ihn von dem Tritte herab. Albert ſtrengte alle ſeine Kräfte an, ſich der Feinde zu entledi⸗ gen, er rang mit ihnen, konnte aber der Uebermacht nicht widerſtehen. Karja und Eugenie, vor welche ſich jetzt einer der Banditen geſtellt und ſie mit dem Tode bedroht hatte, ſo ſie noch irgend einen Widerſtand verſuchen ſollten, ſchrieen angſtvoll auf, baten und jammerten. Die Banditen hatten aber auch ſchon die andere Thüre des Wagens aufgeriſſen und befahlen mit grimmiger Stimme den beiden Damen, auszuſteigen. In ihrer Angſt verſtanden die Damen aber dieſen Befehl nicht ſogleich, und ungeduldig packten die Brigantis an, ſie herauszuziehen. Der Diener, welcher auf dem Bocke geſeſſen, war, ohne daß er von ſeinen Waffen hätte Gebrauch machen können, ſchon herab⸗ geriſſen, gleich dem Kutſcher, und lag auf der Erde. Andere Brigantis hatten gleichzeitig die Stränge der Pferde zerſchnitten. r n 5 8 d L b,“ war Wagens henblick, ann auf gab ihm j dieſer oſenheit doch im hen; er ches auf Sorte, orſichig und auf nochten. auf den entledi⸗ erſtehen. zanditen nd einen en und Thüre ume den ihl nicht uziehen. daß er herab⸗ Pferde — 23⁵ Dieſe Sache nahm für Albert einen ſehr gefahrdrohenden Cha⸗ rakter an. Erbittert, daß der Reiſende ſich nicht ſofort fügte, ſondern noch ſich loszuringen ſtrebte, hob der eine Briganti ſchon ſeinen Dolch gegen ihn auf. „Halt, Kameraden! Halt! Zurück!“ klang es jetzt plötzlich durch die Nacht. Ein junger Burſche flog heran, drang durch die Gruppe der Brigantis bis an den Wagen und bis zu Albert, die Leute, welche denſelben gepackt hielten, recht kräftig zurückdrängend. „Halt,“ rief der Burſche wieder,„halt!— Ihr dürft dieſen Leuten nichts thun, denn ic habe ihnen ſichere Fahrt noch Voltura zugeſagt.“ „Es iſt der Luigi!“ ließ ſich jetzt eine Stimme vernehmen. Und wirklich war es der junge Hirt, der Luigi, welcher ſo unerwartet hier erſchienen war. „Junge,“ rief jetzt ein Briganti,„was geht es uns an, wenn ein ſolcher Gelbſchnabel einem fetten Fremden ſichere Fahrt zuſagt? Du biſt noch lange nicht Capitano, um dieſes zu können.— Geh' Deiner Wege!“ Luigi aber wich nicht, drängte ſich vielmehr noch näher an Albert. „Ihr dürft dieſen Leuten kein Haar krümmen,“ ſagte er mit ſehr beſtimmtem Tone.„Sie ſind uns wichtiger, als Ihr denkt!— Ich ſage es noch einmal, ich leide es nicht!“ „Ei, Junge, Du ſprichſt ja ſo gewichtig,“ höhnte Einer,„aber es wird Dir nichts helfen.“ Luigi's Einſpruch hatte aber doch das Gute gehabt, daß ſowohl die Damen, als auch Albert vor der Hand unbeläſtigt blieben. Marja und Eugenie befanden ſich noch im Wagen, Albert hatte ſich freigemacht und lehnte an dem Wagen, geſpannt erwartend, welchen Ausgang die Sache nun nehmen werde. Es war ihm ein unange⸗ nehmes, faſt bitteres Gefühl, jetzt die Entdeckung machen zu müſſen, daß der junge Mann, der nach ſeiner Meinung der Sohn des Grafen Monte Chriſto ſein mußte, ſich als ein Genoſſe der Bri⸗ ganti herausſtellte, alſo ein Verbrecher war. Und doch empfand Albert auch wieder eine gewiſſe Befriedigung dabei, denn das Einſchreiten Luigi's zeugte von einem edlen, kräftigen und entſchloſſenen Charakter, und in der Beharrlichkeit, mit welcher — —— 1 — ——— 236 er ſeine Abſicht jetzt durchzuſetzen ſuchte und dabei ſelbſt gebieteriſch ſprach, hatte dieſer Luigi manche Aehnlichkeit mit dem Charakter Monte Chriſto's. Mit ernſtem Blicke muſterte Albert den jungen Menſchen, ſo gut dieſes in der Nacht möglich war. „Iſt denn der Matteo nicht hier?“ fragte jetzt Luigi. Ein Briganti trat hervor. „Teufelsjunge,“ ſagte er,„freilich bin ich hier.— Wie aber kommſt Du hierher? Du ſollteſt drüben bleiben und die Nacht bei der Heerde wachen.— Iſt das Dein Gehorſam?“ „Ohm,“ entgegnete Luigi,„es iſt dort drüben nichts verſäumt, denn ich habe einen Stellvertreter zur Heerde geſetzt und ich bin gegangen, Dich zu ſuchen. Dachte mir es ſchon, daß Du hier ſein würdeſt.“ „Mich ſuchteſt Du?“ fragte Matteo. „Ja, Ohm,“ antwortete Luigi,„ich ſuchte Dich, um Dir zu ſagen, daß Dich dieſer Signor aufſuchen und ſprechen wollte.“ Luigi deutete bei dieſen Worten auf Albert. Die Worte Luigi's hatten bei den Brigantis allgemeines Er⸗ ſtaunen hervorgerufen; man ſah ſich ſtutzend an und wich etwas zurück, denn die Bemerkung, daß der Reiſende, den man ſo unge⸗ ſtüm angegriffen und ſelbſt ſchon am Leben bedroht hatte, ſeine Reiſe zu dem Zwecke unternommen, einen ihrer Kameraden aufzu⸗ ſuchen und ihn zu ſprechen— man ſchloß dieſes aus Luigi's Worten — machte die Brigantis betroffen und brachte ſie auf den Gedanken, hier einen Mißgriff begangen zu haben.— Sie wichen weiter zurück, der Platz um den Wagen wurde frei. Matteo trat auf Albert zu, nahm ſeinen Hut ab und grüßte ſehr höflich und ehrerbietig; dann fragte er: „Signor, Ihr wollt den alten Matteo ſprechen?“ Albert bejahte dieſes und fragte: ob er der Matteo ſei, von dem der junge Schäfer ihm geſagt. „Freilich heiße ich Matteo,“ antwortete der Briganti ſehr ge⸗ ſchmeidig und immer noch den Hut in der Hand haltend.„Was befiehlt der Signor? Was ſoll der alte Matteo thun?“ „Dor allen Dingen mir dieſe Burſchen vom Halſe zu halten, erſuche ich den Signor Matteo unter Zuſicherung einer guten Be⸗ 237 lohnung,“ entgegnete Albert, indem er auf die Brigantis zeigte, die immer noch ziemlich verdächtige Haltung bewahrten, als ob ſie die beabſichtigte Plünderung der Reiſenden zwar aufgeſchoben, aber nicht aufgehoben hätten. Matteo entgegnete, daß er dafür ſtehen wolle, daß den Reiſenden kein Uebles mehr widerfahre, beſonders dann, wenn ſich der Signor nicht ungroßmüthig zeige. Er deutete ziemlich verſtändlich darauf hin, daß man erwarte, der fremde Herr werde der Geſellſchaft einige Entſchädigung zukommen laſſen, denn ſie ſeien eben Alle arme Leute, die auch leben wollten und deshalb gezwungen wären, von den Reiſenden einen Zoll zu erheben. Albert verſtand der langen Rede kurzen Sinn ſehr gut und meinte denn mit ſtolzem Lächeln, daß er ſich wohl bereit finden laſſen werde, den Leuten ein anſtändiges Trinkgeld zukommen zu laſſen, doch verdienten ſie es eigentlich nicht, da ſie etwas gar zu ungeſtüm darum angehalten hätten, höfliche Leute wären ihm lieber. Vor allen Dingen wandte ſich Albert nun an ſeine Gattin und zu Eugenie die er damit zu beruhigen ſuchte, daß die Gefahr vorüber ſei und ſie nun von dieſen Leuten nichts mehr zu fürchten hätten. „Was hat mir der Signor zu ſagen?“ fragte nun Matteo wieder. „Davon nachher,“ antwortete Albert,„für's Erſte helft meinen Leuten, das Geſchirr wieder in Stand zu ſetzen, denn wie mir ſcheint, habt Ihr ganz ohne Noth argen Schaden gemacht!“ Er deutete dabei auf den Wagen und die Pferde. „Ja, heilloſen Schaden!“ rief der Kutſcher, der ſich unterdeſſen erhoben hatte, als er ſah, daß die Sache einen ſehr friedlichen Ausgang zu nehmen ſchien, und es ihm nicht, wie er anfangs ge⸗ fürchtet, um Hals und Kragen ging. Es hinderte auch Niemand weder den Kutſcher, noch den Diener, ſich von der Erde zu erheben, und als der Erſtere die zerſchnittenen Stränge und überhaupt die Verwirrung inne ward, welche die ſcharfen Meſſer der Brigantis am Geſchirr der Pferde angerichtet hatten, da wäre er gern mit Flüchen und Verwünſchungen auf die Bande losgefahren, allein er traute dem Landfrieden doch noch nicht ſo ganz, um es zu wagen, den Zorn der Brigantis zu reizen, und begnügte ſich mit Gebrumme und einzelnen Ausrufungen. —— 1 238 Albert hatte unterdeſſen ſich an die Bande zurückgewendet, nach dem Anführer gefragt und demſelben in Begleitung einer kleinen Strafpredigt eine Rolle mit hundert Ducati zur Vertheilung an die Geſellſchaft als Trinkgeld übergeben, und unter der Bedingung, daß man ihn nun unbeläſtigt laſſe. Der Briganti nahm die Strafpredigt ſehr ruhig, faſt demüthig hin, das Geld ſehr freudig an und leiſtete ſeinerſeits das Ver⸗ ſprechen, daß die Geſellſchaft jeden Augenblick zum Schutze der Reiſenden bereit ſein werde. Der ganz umgewandelte Mann erbot ſich ſogar, den Wagen bis in die Nähe von Voltura zu begleiten, damit er ganz ſicher ſei. Albert lehnte dieſes Anerbieten dankend ab und meinte, er wolle ſchon zufrieden ſein, wenn er glücklich durch den Paß komme und ſeiner Gattin ein neuer Schrecken erſpart bleibe. Hoch und theuer ſchwor da der Chef der Brigantis, daß von Schrecken gar keine Rede mehr ſein könne, denn er und ſeine Leute ſeien die gutmüthigſten Seelen von der Welt und jagten Niemandem ohne Noth Schrecken ein. Albert und die Signoras im Wagen könnten ſich ganz gewiß darauf verlaſſen, daß ſie es verſtänden, die beſten Freunde zu ſein.. Wenn Albert auf dieſe beſte Freundſchaft nicht ſo ſehr viel vertraute, war es ihm wohl nicht zu verdenken, aber er wußte auch aus angehörten Erzählungen, daß er ſich wenigſtens inſoweit auf das Wort der Brigantis verlaſſen konnte, daß er von dieſer Seite keinen Angriff mehr zu beſorgen hatte, wenngleich dabei nicht aus⸗ geſchloſſen blieb, daß er nicht noch Angriffe auf ſeine Börſe zu er⸗ leiden hatte. Der Kutſcher hatte unterdeſſen das Geſchirr der Pferde unter⸗ ſucht und meldete, grimmige Seitenblicke auf die Brigantis werfend, daß unter dem Lederzeuge wirklich ganz unverſchämt gewirthſchaftet worden ſei, und die Leute wohl gar großes Vergnügen gehabt haben mußten, wenn ſie recht vielen und dabei recht unnöthigen Schaden anrichteten, der ihnen denn doch nicht den geringſten Nutzen ſchaffen könnte.— Er ſagte zugleich, daß es wohl eine Stunde und mehr Arbeit geben würde, ehe die Beſchädigungen ſo zur Noth ſoweit hergeſtellt ſeien, um es wagen zu dürfen, die Reiſe bis zur nächſten —— Stadt müßt Nachr Riſe unter Ander einzul ſo gu dann deſſen biete wege Ande Brig dort die grup. Aber Anb Him welch vieln Arbe ihre ſolch gewe deſſe bean ihnen 239 Stadt fortzuſetzen, wo die Geſchirre dann gründlich reparirt werden müßten. Für Albert und noch mehr für ſeine Begleiterinnen war dieſe Nachricht ſehr unangenehm, denn er hätte lieber auf der Stelle ſeine Reiſe fortgeſetzt, wenn es auch nur darum geweſen wäre, die Damen unter ein ſicheres Obdach zu bringen; aber jetzt blieb ihm nichts Anderes übrig, als ſich in das Unvermeidliche zu fügen. Die Brigantis waren ſo rückſichtsvoll, Albert und die Damen einzuladen, ſich in ihrer Geſellſchaft ein Nachtmahl gefallen zu laſſen, ſo gut es eben die Umſtände geſtatteten; während der Zeit würde dann das Geſchirr wieder in Stand geſetzt ſein und ſie hätten unter⸗ deſſen doch keine Langeweile. Albert fand es nicht für gerathen, dieſes freundſchaftliche Aner⸗ bieten abzuſchlagen, hatte aber Mühe, Marja und Eugenie zu be⸗ wegen, den Wagen zu verlaſſen, denn weder die Eine, noch die Andere hatten beſonderes Vertrauen zu der Aufrichtigkeit der Brigantis. Die Brigantis hatten ſich etwas abſeits vom Wege gelagert, dort in der Vertiefung eines Felſens ein Feuer angemacht, welches die wilden Geſtalten, die ſich in maleriſchen Stellungen umher gruppirten, mit ſcharfen Schlaglichtern beleuchtete. Sehr ſchnell wurden auch die Anſtalten zur Bereitung des Abendeſſens getroffen und die Damen hatten den ſehr intereſſanten Anblick eines Brigantilagerplatzes und der Wirthſchaft unter freiem Himmel. Die Brigantis holten Stücke Fleiſch aus ihren Querſäcken, welches dann, an Ladeſtöcke geſpießt, über dem Feuer gebraten, oder vielmehr nur geröſtet wurde. Mit von Uebung zeugender Raſchheit war dieſer Theil der Arbeit beendet und mit großer Höflichkeit luden jetzt die Brigantis ihre Gäſte ein, ſich in ihrem Kreiſe niederzulaſſen und das auf ſolche Weiſe gebratene Hammelfleiſch zu koſten. Für Marja und Eugenie wäre es ein Ding der Unmöglichkeit geweſen, auch nur einen Biſſen dieſes Fleiſches zu genießen, bei deſſen Transporte und Zubereitung keineswegs mit der von ihnen beanſpruchten Reinlichkeit und Vorſicht verfahren worden war, wie ihnen die Bereitung auch ſonſt viel zu urſprünglich erſchien, um 240 appetiterweckend zu ſein.— Sie entſchuldigten ſich daher mit leicht erklärlichem Appetitmangel, der ſeinen Urſprung in dem durch den erlittenen Ueberfall ausgeſtandenen Schrecken habe, und die Banditen waren galant genug, dieſer Entſchuldigung zu glauben und auf rauhe Art ihr Bedauern auszuſprechen, ohne es zu wollen, Urſache dieſes Appetitmangels geworden zu ſein, wodurch ſie jetzt des Vergnügens beraubt würden, die Damen in ihrem Kreiſe bewirthen zu können. Albert mußte allerdings ſich entſchließen, an dem Mahle in⸗ ſoweit wenigſtens Theil zu nehmen, daß er das Fleiſch koſtete, allein ſeine Soldatennatur unterſtützte ihn dabei, ſo daß er ſogar an dieſer Koſt Geſchmack fand und nachher ſeiner Gattin und Eugenien ver⸗ ſicherte: das Fleiſch habe gar nicht ſo übel geſchmeckt und er habe während ſeines afrikaniſchen Kriegslebens ſchon ganz andere Koſt vertragen müſſen, gegen welche das von Brigantihand bereitete Hammelfleiſch trotz dem Wildpretgeruch doch noch ein Göttermahl genannt werden müſſe. Matteo hatte es ſchon mehrere Male verſucht, von Albert zu erfahren, was derſelbe von ihm verlange, hatte aber vor der Hand nichts weiter erfahren. Dagegen ſtellte Albert das Verlangen, daß Matteo, und da nun Luigi da ſei, auch dieſer, ihn nach Voltura begleiten ſolle, damit er daſelbſt mit Ruhe mit ihm ſprechen könne. Luigi war ſogleich bereit, aber Matteo zeigte ſich anfangs be⸗ denklich. Er mochte fürchten, daß, da der Reiſende ihn nun als Mitglied einer Bande Brigantis kennen gelernt und derſelbe auch ſeine Wohnung wußte, wie er daraus erfahren, daß Albert bereits dort nach ihm gefragt, es könne für ihn der Beſuch der Stadt in ſolcher Geſellſchaft gefährlich ſein. Albert beruhigte ihn darüber und ſagte ihm, daß er durchaus nichts zu fürchten habe, es ihm nur daran liege, über verſchiedene Gegenſtände und Angelegenheiten recht ausführlich zu ſprechen und ſein Schaden werde es nicht ſein, wenn er dann offene Antworten gäbe. Aber,“— ſagte Matteo, immer noch etwas bedenklich. „Kein Aber, Alter,“ entgegnete Albert.„Ich verſichere Dir nochmals, daß die ganze Angelegenheit für Dich nicht nur höchſt unverfänglich iſt, ſondern Dir ſogar ſehr großen Vortheil bringen kann.“ und u 9 allein geben kann haben, daß 7 gern d J einer daß e ganz: Plat G friede mit e ( der R Jenſe nebe Sorg den⸗ Beſch Als ſelbſt lohnu ſich n ſeicht den diten auhe ieſes gens nen. in⸗ leein ieſer ver⸗ habe Koſt eitete nahl t zu Hand daß tura ane. be⸗ mals auch ereits dt in haus edene und gäbe. Dir höchſt ingen 241 „Es betrifft doch nicht etwa meine Kameraden?“ fragte Matteo und warf einen Seitenblick über die lagernden Geſellen. „Kein Gedanke daran,“ antwortete Albert.„Es betrifft einzig allein die Löſung eines Räthſels, die Du, wie ich hoffe, vor Allen geben kannſt und die Dir auch einen hübſchen Gewinn abwerfen kann und abwerfen wird.— Ach, Du ſcheinſt noch Bedenken zu haben, Alter?— Ich begreife dieſes nicht, nachdem ich Dir geſagt, daß Du durchaus nichts zu fürchten haſt, und da Du ſiehſt, wie gern der Luigi bereit iſt, mich in die Stadt zu begleiten.“ Matteo erhob keinen Widerſpruch mehr und als nach Verlauf einer Stunde das Geſchirr wieder ſoweit in Stand geſetzt worden, daß es noch für ein paar Stunden halten konnte, ſetzte ſich Matteo ganz ruhig mit auf den Bock, während Luigi hinten auf dem Wagen Platz nahm. Der Abſchied von den Brigantis war kurz und zu deren Zu⸗ friedenheit, da Albert die genoſſene Gaſtfreundſchaft großmüthig noch mit ein paar Goldſtücken belohnte. Ein paar der Brigantis ließen es ſich nicht nehmen, den Wagen der Reiſenden noch eine Strecke bis durch den Paß und durch das Jenſeits deſſelben liegende Gehölz zu begleiten und trabten luſtig neben dem Reiſewagen her, wobei Marja und Eugenie immer in Sorge waren, die Burſchen, die angeblich zum Schutze der Reiſenden den Wagen gelgiteten, könnten auf den Einfall kommen, zuletzt aus Beſchützern nochmals zu Angreifern zu werden. Allein es geſchah nichts, was dieſe Sorge gerechtfertigt hätte. Als ſie aber das Ende des letzten Gehölzes erreicht hatten und da⸗ ſelbſt Abſchied nahmen, ſprachen ſie ſehr höflich um eine kleine Be⸗ lohnung„für Begleitung“ an und Albert konnte es nicht vermeiden, ſich noch einmal großmüthig zu zeigen. „Die Schurken,“ ſagte er dann zu Marja,„wenn ſie nicht ſtehlen, da betteln ſie, ſonſt ſcheint dieſes Volk zu nichts nütze zu ſein!“— Eine halbe Stunde ſpäter hatten die Neiſenden Voltura erreicht und ſie fühlten ſich bedeutend erleichtert, als ſie ſich innerhalb der Stadt und in einem leidlichen Gaſthauſe befanden. Monte Chriſto's letzter Weltgang⸗ 16 242 Am nächſten Morgen hatte Albert mit Matteo eine aus⸗ führliche Unterredung und der Mann war denn auch im Stande, dem Frager den vollkommenſten Aufſchluß über Luigi zu geben, und immer klarer ward es da vor Alberts Blicken, Alles ſtimmte genau zu. „Wir haben uns nicht geirrt,“ ſagte Albert am Schluſſe der Unterredung zu ſeiner Gattin und Eugenie,„dieſer Luigi iſt Edmond Graf Monte Chriſto, und ſeine Rettung muß eine wunder⸗ bare genannt werden.“ In der That konnte auch die Rettung aus der brennenden Hütte Fano's ein halbes Wunder genannt werden. von Er F as Von LI ruck& Verl D Andrä, der Mörder. rey Control Chart Green Vellow Heod Magenta