1 5 5 3 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oklkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ len angenommen.— 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wuchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ᷣ-—— auf 1 Monat: 4 Met.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 —————*— ————— ———————— — 1 — — △ Die Todtenhand. Von G. Verthold. Zweiter Theil. — Fortſetzung des Romans: Der Graf von Monte⸗Chriſto. Von Alerander Dumas. ——— d Mit colorirten Abbildungen. Achter Theil. ——— Dresden. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. —— 1— ———;;’-————:—— . Einunddreißigſtes Kapitel. Der Aeberfall. 1 Da ſtürzt aus der finſtern Grotte Des Waldes räuberiſche Rotte. Schiller. Die Sonne ſank hinter den ſteilen Felſenbergen, die ſich in langen Reihen von Norden nach Süden erſtreckend und nach allen Richtungen Ausläufer ſendend, die Landſchaft bedeckten und ihr einen wilden Charakter gaben: es waren die Apenninen. Violetter Duft umſchwamm die Bergeshäupter, während die Seiten des Gebirges ſchon von nebligem Blau umfloſſen waren, aus dem hier und da kräftigere grünblaue Maſſen auftauchten, die bewaldeten Berge an⸗ deutend. In einer engen Felſenſchlucht lagerte eine kleine Schaar Männer, wilde, verwegene, markige Geſtalten jeden Alters in ſchwarzen, blauen und braunen Sammetjacken und ſpitzen Hüten, einige auch mit dem Italien eigenen ärmelloſen Schaſpelz, wo die Haare nach Außen gekehrt ſind. Büchſen, kurze Karabiner, Stilets und bei Einigen auch Piſtolen, bezeichneten deutlich genug, welchen Schlages dieſe Leute waren, ſelbſt wenn man ihr Handwerk nicht aus ihren Geſichtern hätte herausleſen können, wo es in den ſcharfmarkirten Zügen, den wildflammenden Augen bei Vielen ſchon deutlich ausgeprägt ſtand. Es waren Banditen, die ſich hier zu irgend einem Unternehmen zu⸗ ſammengefunden hatten, nachdem ſie vielleicht am Morgen noch ihre Heerde geweidet, ihr Feld bebaut oder ſonſt ein Geſchäft getrieben, das ſie als gute Staatsbürger erſcheinen ließ. Unter ihnen ſtand ein junger Mann, der zwar auch theilweiſe die Tracht ſeiner Umgebung trug, aber dabei eine gewiſſe edle Eleganz verrieth, die ihn ſchnell vor Allen kennzeichnete, ſowie ſein ganzes 248 antg Benehmen andeutete, er ſei in ſolchen Kreiſen zwar heimiſch und ſolchen Umgang gewohnt, aber er habe auch ſchon in anderen, dieſen 3 5 ganz entgegengeſetzten Cirkeln ſich bewegt. Benedetto hatte freilich das Eine wie das Andere ſchon gethan, denn dieſer war es. 5 Benedetto ſprach bald mit dieſem, bald mit jenem der Lagern⸗ den, ſcherzte mit ihnen bisweilen auf ſehr derbe Weiſe, machte von und Zeit zu Zeit Verſprechungen und that überhaupt Alles, ſie bei recht guter Laune zu erhalten. Die Banditen hingegen, mit jenem Scharf⸗ Ind blicke, der ihnen einen geübten Genoſſen bald verräth, hatten auch hier ſchnell entdeckt, daß dieſer elegante, ſich einen vornehmen Anſtrich gebende junge Mann kein Neuling in ihrem Handwerk ſei und be⸗ handelten ihn als Geneſſen, obgleich ſie ihn ſonſt weiter nicht kannten, äbe denn ihr Hauptmann Luigi Vampa hatte ihnen den jungen Mann vorgeſtellt und ihnen angedeutet, ſie hätten bei dem nächſten Unter⸗ — nehmen dieſem Manne zu gehorchen, wie ihm ſelbſt, und zugleich 1 nei verſichert, es würde ihnen reichlicher Lohn dafür werden. feig War reicher Lohn in Ausſicht, ſo kümmerte es dieſen Schlag 1 Menſchen nicht, was von ihnen verlangt wurde, ſie hätten dann— 75 nach ihrem Ausdrucke—„ſelbſt des Teufels Großmutter aus der 68 Hölle entführt,“ und gegen einen Mann, den ihnen der Hauptmann ſelbſt vorgeſtellt, gab es keine Urſache zum Mißtrauen, denn Vampa als kannte ſeine Leute und ſaetzte keinen ſeiner Untergebenen einer Gefahr aus, indem er deſſen Sicherheit einem Unzuverläſſigen anvertraute. hel Benedetto ſchaute oft ungeduldig über die Gegend. Er lagerte hal mit der Geſellſchaft ſchon einige Stunden hier und noch kam nicht da der ſeiner Genoſſen, den er erwartete, Lippi fehlte noch, er hatte ſcoen ha am Mittage hier ſein ſollen, blieb aber immer noch aus, und Bene⸗ 1 St detto, der ein großes Unternehmen, einen Hauptſchlag für ſeine de Racheluſt auszuführen gedachte, deshalb aber auch wegen möglichen an Mißlingens doppelt beſorgt war, begann unruhig zu werden und auf 3ü den Gefährten Verdacht zu werfen, ob er nicht ein falſches Spiel gegen ihn treibe, ihn vielleicht im letzten Augenblicke gar verrathe, um von anderer Seite hohen Gewinn zu ziehen. Es iſt ja ſtets bei dem Böſen der Fall, daß er nie dem Ge⸗ u noſſen traut, ſondern wenn er ihn nicht ſieht, ſich von ihm verlaſſen Ei und verrathen wähnt, wo dann Wuth und Angſt in gleichem Grade in ſeinem Herzen wüthen. Das iſt eine Qual, welcher kein Verbrecher 249 entgeht, und die ihm das Leben zur Hölle macht durch eigene Schuld. Je mehr Genoſſen, je mehr Sorge und Angſt. Endlich aber erſchien Lippi; er eilte haſtigen Laufs den ſteinigen Pfad hinab in die Schlucht. Benedetto flog ihm entgegen. „Nun endlich, endlich!“ rief er ungeduldig.„Du bleibſt ewig und ſchon glaubte ich, Du ſeiſt treulos geworden!“ „Ich habe nur zwei Beine und keine Flügel,“ gab Lippi zur Antwort.„Aber laß die Burſchen ſich fertig machen, ſie kommen.“ „Sie kommen?“ rief Benedetto wie elektriſirt. Sein Auge begann in triumphirendem Lichte zu glänzen. Dann aber ſagte er: „Ich wußte es, der Graf hält immer Wort.“ „Still,“ mahnte Lippi wieder,„vergiß meine Warnung nicht und nenne des Grafen Namen nicht, willſt Du nicht alle dieſe Burſchen feige züſannnenfinben ſehen.“ „“ lachte Benedetto voll Bitterkeit,„ſei ohne Sorgen. Aber wenn dr Menſch oder Teufel gebunden vor mir liegt, da ſollen ſie es dennoch erfahren, wer es iſt, damit ſie erkennen, vor welchem Popanz ſie ſich gefürchtet und daß es noch einen Mächtigeren giebt, als ihn.— Wo trafſt Du die Menſchen?“ „In Caſtellana.— Ich hatte von dem Wirthe erfahren, daß er heute zur beſtimmten Stunde Pferde und ein Mittagsmahl bereit zu halten habe, und auf meine Erkundigungen bekam ich Gewißheit, daß es für Niemand anders beſtimmt, als für den Erwarteten; des⸗ halb ſchickte ich den Seppi mit der Nachricht zurück und wollte eine Stunde ſpäter ſelbſt aufbrechen, beſann mich aber anders und blieb, des Grafen Ankunft zu erwarten. Er kam auch mit zwei Wagen an, einer mit vier Pferden und einer mit zwei Pferden beſpannt. Ich ſah die Reiſenden ausſteigen.“ „Und war es wirklich Monte Chriſto?“ „Gewiß. Ich erkannte ihn ſogleich wieder. Er hat ſich faſt gar nicht verändert, ſeit ich ihn zuletzt ſah, und er ſcheint mir wirklich zu den Menſchen zu gehören, an welchen die Zeit ohne ſichtbaren Eindruck vorübergeht.“ „Dieſen Eindruck wollen wir hervorbringen,“ erwiderte Bene⸗ detto, und fragte dann nach der Zahl und Bewaffnung der Reiſenden. . G 3 4 1 1 —— — —.— — —m,⅓,. 250 Lippi berichtete, daß außer den Kutſchern fünf Männer und vier Frauen, ſowie ein Kind da ſei, bewaffnet wären die Männer hin⸗ reichend. Uebrigens habe er erlauſcht, daß die Geſellſchaft aus Rück⸗ ſicht auf die Frauen einige Stunden in Caſtellano ruhen und gegen Mitternacht in Ambrogio eintreſſen wolle, wo neue Pferde bereit ſtänden, mit denen in der Morgenfrühe die Reiſe fortgeſetzt werden ſolle, damit man nach einigen Stunden Rom erreiche. „Ich that noch Etwas, um die Reiſe aufzuhalten,“ ſchloß Lippi. „Wenn man auf ſolche Unternehmen ausgeht, hat man immer ein paar Mittelchen bei ſich, um dem günſtigen Zufalle unter die Arme zu greifen. Ich ſchlich mich in den Stall und brachte einem paar Pferde gewürzte Pillen bei, von deren Wirkung ich überzeugt bin. Die Thiere ſtehen gewiß ſchon ein paar Stunden da, ſchnaufend und keuchend und an allen Gliedern zitternd, und ſie einzuſpannen iſt keine Möglichkeit. In Caſtellano aber iſt es nicht ſo leicht, neue Pferde ſchnell zu ſchaffen und der Graf wird mindeſtens zwei Stunden Aufſchub in der Reiſe erleiden, wenn er nicht vorzieht, allein weiter zu reiſen, was ich nicht glaube, da er ſeinen Damen die Reiſe nicht unbequem machen wird; thut er dieſes aber, dann haben wir um ſo leichtere Arbeit.“ „Bravo, Lippi,“ entgegnete Benedetto,„Du haſt Deine Sache gut gemacht. Verlieren wir aber nun keine Zeit mehr, denn faſt jede Minute kann der Wagen nun kommen.“ Er trat zu den Genoſſen zurück, ſtellte ſich in ihren Kreis, ihnen verkündend, daß nun der Augenblick des Handelns nahe bevorſtehe, der Erwartete komme und ſie möchten ihre Sache gut machen, dann würde ihnen reicher Lohn werden. Sie möchten vor allen Dingen ſeinen Anordnungen gehorchen. „Und merkt wohl,“ ſchloß Benedetto,„der Mann, den ich Euch zeigen werde, iſt mein ausſchließliches Eigenthum, ihn tödtet nicht, aber bindet ihn, ſo daß er ſich nicht bewegen, knebelt ihn, daß er nicht ſprechen kann. Mit den Frauen mögt Ihr machen, was Ihr wollt, und wer ſonſt noch dabei iſt, den ſchießt und ſtoßt nieder, es wird kein Hahn danach krähen.— Wollt Ihr das?“ „Du bezahlſt uns dafür,“ entgegnete ein ergrauter Wegelagerer. „Dann ſchwört mir, zu gehorchen!“ rief Benedetto. Die Männer lachten. — .— ——— 251 „Pah,“ ſagte der Eine,„haben wir Dir nicht ſchon unſer Wort gegeben? Du ſcheinſt uns wenig zu trauen, da Du wieder und wieder Verſprechungen und Schwüre von uns verlangſt.“ „Ich aber verlange nochmals den Schwur und zwar auf dieſen Talisman,“ antwortete Benedetto ſehr ernſt.— Er zog zugleich das Käſtchen aus dem Buſen, öffnete es und zeigte den Banditen die vertrocknete Hand des Todten. Wie immer, ſo zeigte ſich auch hier der Charakter des römiſchen Banditen. So tollkühn, verwegen, nichts achtend, es mag ſein was es wolle, er iſt, wenn es um einfache Ausführung ſeines verwerflichen und nur zu oft blutigen Handwerks ſich handelt, ſo leicht in Scheu gehalten, ja in Schrecken geſetzt, ſo zaghaft, ſelbſt feige iſt er auch wieder, wenn man ſeinen Aberglauben mit in das Spiel bringt. Die Männer hatten ſchon von Lippi halb und halb erfahren, daß der Geronimo Salicetti, wie ſich Benedetto vor ihnen noch nannte, einen mächtigen Talisman beſitze, der ihm jedes Unternehmen gelingen mache; ſie hatten theils gezweifelt, theils nur halb geglaubt, jetzt aber ſahen ſie dieſen ſchauerlichen Talisman ſelbſt und fuhren entſetzt zu⸗ rück. Nun bedurfte es bei den eingeſchüchterten Leuten auch nur weniger Worte, um ſie Allem fügſam zu machen, und ſie leiſteten den verlangten Eid. Benedetto war befriedigt und eilte mit ſeinen Genoſſen nach der ſchon vorher ausgewählten Stelle, wo zwiſchen gewaltigen aufſteigen⸗ den Felsmaſſen der verengerte Weg ſich mühſam durchwand und Steintrümmer wie niedriges Gebüſch zu beiden Seiten das Verbergen der Männer begünſtigte. Hier vertheilten Benedetto und Lippi die Rollen an ihre Gefähr⸗ ten und dieſe legten ſich dicht an der Straße im Hinterhalt. Bene⸗ detto und Lippi blieben zuſammen unter einer Baumgruppe, und Erſterer behielt ſich vor, das Zeichen zum Losbruch zu geben. Stunden vergingen. Die Zeit hatte für Benedetto's Ungeduld Bleigewichte an den Schwingen und er ſprach manches Mal die Be⸗ fürchtung aus, der Erwartete habe entweder unterwegs ſein Nacht⸗ quartier aufgeſchlagen oder einen anderen Weg gewählt. Lippi hin⸗ gegen ſchob Alles auf die Pferde, bei denen ſeine Pillen gewirkt haben mußten und die wohl noch ſchwerer zu erſetzen geweſen ſein würden, als er erſt geglaubt. Er wußte viele Erzählungen von Monte Chriſto, 25² und darauf fußend, behauptete er, der Graf komme auf jeden Fall, denn er ſei ſtets gewohnt geweſen, ſeine erſten Beſtimmungen ſtreng einzuhalten, es möge nun dazwiſchen kommen, was das wolle.— Benedetto wußte das Nämliche, hatte ſelbſt Beweiſe davon geſehen und gab deshalb ſeinem Begleiter gern Recht. Der Erfolg beſtätigte auch die Vermuthung. Von der in der Richtung auf Caſtellana aufgeſtellten Wache klang ein leiſes Signal herüber. „Achtung!“ rief es hinter den Felſen. Auf Augenblicke ward es lebendig, das Geſtrüpp kniſterte und raſchelte, Schritte tönten, die Banditen eilten, die ihnen zugewieſenen Poſten einzunehmen. Von ferne klang das Rollen von Wagen auf dem ſteinigen Wege.— Flüchtig eilte Lippi nochmals über die Straße, nach den Poſten zu ſehen und kehrte dann zu Benedetto mit der Meldung zurück, daß Alles in Ordnung ſei. Benedetto fühlte ſein Herz höher klopfen. Er überſchaute den Platz. Der Mond war aufgegangen und übergoß faſt mit Tageshelle die Gegend; die Felſenhäupter ſtarrten geſpenſtig hernieder, die dunklen Fichten zeichneten ſich ſcharf ab auf den mondbeglänzten, helleren Steinwänden, die Straße zog ſich als lichterer Streif dahin; aber ſie war öde, die ganze Landſchaft ſchien wie ausgeſtorben, kein Lufthauch, kein Laut regte ſich.— Näher und näher kam das Wagengeraſſel. Mit angehaltenem Athem lauſchte Benedetto dieſem Tone; er war ihm wie die lieblichſte Muſik, denn er verkündigte ihm ja, daß der Augenblick nahe, wo er die Aufgabe ſeines Lebens erfüllen und ſei⸗ nen Durſt nach Rache befriedigen könne.— Sein Plan war gefaßt, Monte Chriſto ſollte leiden, furchtbar leiden, er ſollte alle Seelen⸗ qualen durchkoſten, die Benedetto nur erſinnen könne, aber tödten wollte er ihn nicht, nicht Vernichtung ſeines Lebens forderte er, den Körper wollte er ſchonen, aber dem Herzen, wenn der Graf eins hatte, der Seele alle möglichen Folterqualen zufügen; wollte dann der Gezüchtigte verzweifelnd die Hand an ſich ſelbſt legen, um des Da⸗ ſeins Qual zu entfliehen, ſo war es ſeine Sache. Immer näher raſſelte das Wagengeräuſch. Benedetto ballte die Hände, ſein Auge blitzte, er fühlte ſein Hirn vor Ungeduld glühen, ſein Herz wollte ſich krampfhaft zuſammenziehen. Er glich dem Raub⸗ 1 22 253 thiere, welches] vor Ungeduld zitternd des Moments harrt, wo es ſich auf ſeine ſorgloſe Beute ſtürzen könne. „Endlich! Endlich!“ knirſchte er.„Die Stunde der Abrechnung naht.— Nun zittere, ſtolzer Graf, Dämon meines Lebens!“ Jetzt erſchien der erſte Wagen und fuhr langſam daher. Er war hoch gepackt und mit vier Pferden beſpannt. Zwei Männer ſaßen auf dem Bocke zurückgelehnt, ein Dritter hatte ſeinen Platz hinten auf dem Wagen.— Bald darauf bog ein zweiter, mit zwei Pferden be⸗ ſpannter Wagen um die Felſenecke und folgte dem erſten in lang⸗ ſamem Schritte; Pferde und Menſchen ſchienen müde zu ſein und Beide verriethen keine große Eile. Der vorderſte Wagen kam jetzt in die Mitte des Weges in die Nähe einer verwitterten Baumgruppe, hinter welcher Benedetto und Lippi lagen.— Es regte ſich noch immer nichts, nur das Gepolter über die Steine hinrollender Wagenräder ließ ſich vernehmen, ver⸗ bunden mit dem Klirren und Klingen der Ketten, ſonſt herrſchte die tiefſte Stille. Benedetto ſtieß Lippi leiſe an. „Was meinſt Du?“ fragte er den geübten Banditen. „Es iſt Zeit,“ flüſterte dieſer zurück, ſeine kurze Büchſe ſenkend und den Hahn ſpannend. „Dann los!“ commandirte Benedetto mit lauter Stimme. Laut krachte der Schuß, zehnfaches Echo an den Felſenwänden weckend und mit Donnergetöſe in der Felſengaſſe fortrollend; ein Pferd des vorderſten Wagens ſtürzte todt zuſammen, die anderen Pferde bäumten ſich wüthend in die Höhe und ſchoben den Wagen zurück. Der Schuß war das Signal für die anderen Raubgenoſſen. Mit wildem Geſchrei ſprangen ſie hinter den Felsblöcken hervor, warfen ſich auf die Wagen und fielen den Pferden in die Zügel.— Allen voran war Benedetto, mit flammenden Blicken ſein Opfer ſuchend. „Räuber, Räuber!“ rief es aus den Wagen. Angſtgeſchrei weiblicher Stimmen erſcholl, wildes Rufen und Fluchen miſchte ſich wirr durcheinander; die Stille der Felſenſchlucht war plötzlich auf grauenvolle Weiſe unterbrochen oder in ſchaurigen Tumult umgewandelt. 254 Aus dem vorderſten Wagen ſprang ein in wallendem, dunklen Mantel gehüllter Mann, ihm folgte ein zweiter; von dem Bocke ſchwang ſich ein Neger, einen blitzenden Säbel in der Hand.— Ein Schuß blitzte und einer der Banditen ſtürzte mit zerſchmettertem Schädel nieder. Einen Augenblick wichen die Angreifer überraſcht zurück; dann aber folgte ein lauter Wuthſchrei und die wilden Menſchen ſtürzten vorwärts, wie hungrige Wölfe auf ihre Beute. Benedetto hatte den Mann im Mantel erkannt, es war das geſuchte Opfer. Er drang gegen ihn vor, ſeinen Hut tief in das Geſicht gedrückt. „Der Mann gehört mir,“ donnerte er ſeinen Genoſſen zu, auf den Grafen deutend.„Bindet ihn!— Mit den Andern macht, was Ihr wollt.“ Die Banditen drangen auf den ihnen gezeigten Mann ein.— Da erhob dieſer ſeine Stimme. „Zurück, Ihr Elenden!“ rief er mit Donnertone.„Nieder mit Euch in den Staub!— In dem Namen Luigi Vampa's nieder!“ Der Mantel ſank und in vollem Mondenglanze ſtand Monte Chriſto vor den Banditen. „Nieder mit Euch!“ wiederholte der Graf ſeinen Befehl.„Wagt Ihr es, Eure Hand an mich oder die Meinen zu legen?“ Es bedurfte dieſes Befehls nicht, denn ſchon war der Graf erkannt. „Graf Monte Chriſto!“ tönte es von Mund zu Munde. Einige der Banditen ſanken vor dem Furchtbaren auf die Knie nieder, Andere ſprangen zurück in ihre Schlupfwinkel, ſich dort vor ſeinen Alles durchbohrenden Blicken zu verbergen; von all' den wilden Männern hob ſich keine Hand mehr gegen den Grafen. Benedetto ſtand bei dieſer plötzlichen Verwandlung todtenbleich und ſtarr vor Wuth. Lippi war beſtürzt zurückgewichen. „Wir haben verſpielt, Signor,“ flüſterte er Benedetto zu. „Machen wir, daß wit fortkommen.“ Er ergriff Benedetto's Arm, ihn mit fortzuziehen. „Nein, nein,“ ſchäumte Benedetto.„D'rauf, Ihr Hunde, d'rauf! — Haltet Ihr ſo Eure Eide?— D'rauf, oder Fluch auf Eure Häupterl“— Niemand regte ſich, ſeinen Befehl zu befolgen. —— 7 — 40 255 Und wieder erſchienen neue Perſonen auf dem Schauplatze; zwei Männer ſprangen über die Felſen hinweg. „Das iſt Vampa!“ ſchrie Lippi im höchſten Entſetzen.„Nun flieh', ſonſt iſt Dein Untergang gewiß.“ Es war wirklich Luigi Vampa, Benedetto erkannte ihn und ſah mit raſchem Blicke, in welcher furchtbaren Gefahr er ſich befand, denn Vampa verzieh' nie eine Täuſchung. Jetzt galt es, ſich zu retten. „Satan, durchkreuzeſt Du ewig meine Pläne?“ ſchrie er wuth⸗ ſchäumend. Blind vor Grimm drückte er eine Piſtole auf Monte Chriſto ab und floh dann davon. In einigen Secünden waren er und Lippi verſchwunden und in der erſten Ueberraſchung dachte Niemand auf ihre Verfolgung. Monte Chriſto war unverletzt, aber ſeine Augen ſchoſſen drohende Blitze, als er jetzt auf Luigi Vampa zutrat, der mit abgezogenem Hute und geſenktem Haupte vor dem räthſelhaften Gewaltigen ſtand, deſſen Wort und Blick zauberähnliche Kraft bewieſen. „Luigi Vampa,“ ſagte er mit drohender Stimme,„zum erſten Male habe ich es heute erfahren, daß auch Du wortbrüchig werden kannſt. Schwurſt Du mir nicht zu, daß meine Perſon und alle die Meinen Dir heilig ſein ſollten und weder mir, noch Jemand von Denen, die mir angehören oder die unter meinem Schutze ſtehen, auch nur ein Haar gekrümmt werden ſolle? Haſt DuDeinen Eid ſo vergeſſen?— Wahrlich, Du ſammelſt Schmach auf Dein Haupt und forderſt meinen Zorn heraus.“ Vampa, der gefürchtete Banditenhäuptling, hörte die zürnenden Worte des Grafen faſt demüthig an. Jeder Andere, der es gewagt, ſo mit ihm zu ſprechen, würde als Antwort Dolchſtiche empfangen haben, aber von Monte Chriſto nahm er es hin, als ſei er deſſen Diener und als hänge ſeine Exiſtenz von deſſen Hauche ab. „Verzeihen Sie, Herr Graf,“ ſagte er nach einer Pauſe,„dieſer ganze Ueberfall ging nicht von mir aus, es war ein Werk der Täuſch⸗ ung, die mit mir getrieben wurde.“ Er erzählte nun jenen Beſuch des angeblichen Corſen, welcher im Beſitz des von Monte Chriſto ausgeſtellten Sicherheitszeichens ge⸗ weſen und was dieſer mit ihm verhandelt habe.„Aber,“ fuhr er fort,„obgleich ich ihm meine Leute zuſagte, ſo traute ich ihm dennoch 256 ſo unbedingt nicht, mir war es auffallend, daß er in mich drang, zurückzubleiben und mich nicht weiter in die Sache zu miſchen.— Man iſt bei ſolchen Dingen immer gewohnt, ſich Das und Jenes zu denken.— So dachte ich auch mir das Meine, und um möglicher Weiſe nicht betrogen zu werden, oder ſonſt auf eine Art zu kurz zu kommen, ſowie überhaupt genau zu wiſſen, was der Menſch eigentlich vorhabe, folgte ich den Leuten und hielt mich verborgen, Alles be⸗ obachtend. Ich war entſchloſſen, im Nothfalle perſönlich vorzutreten, um vielleicht Thaten zu verhindern, deren Verantwortung ich nicht auf mich nehmen konnte.— Der Verfolg zeigt, wie wohl angebracht meine Vorſicht war.— Aber ich hätte wirklich Alles in der Welt geglaubt, nur das Eine nicht, daß der verwegene Angriff Ihnen, Herr Graf, gelten ſollte.“ „Wie hieß der ſaubere Patron, der es auf mich gemünzt zu haben ſchien?“ fragte Monte Chriſto. „Er nannte ſich Geronimo Salicetti und gab vor, aus Corſica zu ſein,“ entgegnete Vampa. „Ich kenne keinen Salicetti,“ fragte Monte Chriſto ſinnend. „Aber die Corſen ſind gefährliche Leute, ſie lieben die Blutrache.— Ich kann mich aber wahrhaftig nicht erinnern, daß ich durch irgend Etwas die Blutrache eines Corſen herausgefordert hätte.“ Er rief Bertuccio und fragte dieſen, ob deſſen Gedächtniß ihm vielleicht zu Hilfe käme. Bertuccio erwiderte, daß die Salicetti's auf Corſica eine der an⸗ geſehenſten Familien wären, aus deren Schooße bereits hohe Kirchen⸗ fürſten hervorgegangen, aber er ſelbſt kenne keinen Mann dieſes Na⸗ mens perſönlich und wiſſe ſich ebenfalls nicht zu erklären, wie die Blutrache eines Corſen gereizt ſein könne.“ „Jedenfalls würden wir darüber in's Klare kommen, wenn wir den Menſchen vor uns hätten,“ ſagte der Graf.„In dem Weſen dieſes Mannes, wie in dem Tone ſeiner Stimme lag manches Bekannte, ich bin vielleicht bereits irgendwo mit ihm in Berührung gekommen. — Wo iſt der Burſche hin?“ Erſt bei dieſer Frage dachte man wieder an den Entflohenen. Niemand wußte, wohin er gekommen. Vampa war unzufrtieden, daß man ihn nicht aufgehalten, und befahl, ſofort den Verräther zu ver⸗ folgen und ihn um jeden Preis herzuſchaffen. 257 Monto Chriſto war unterdeſſen an den Wagen getreten, um Haidee zu beruhigen; dieſes hatte aber ſchon Albert gethan. Nun war die nächſte Aufgabe das erſchoſſene Pferd aus dem Wege zu ſchaffen und den Wagen wieder in reiſefertigen Stand zu ſetzen, um das noch eine Stunde entfernte, zum Nachtquartier be⸗ ſtimmte Ambrogio zu erreichen. Es geſchah dieſes mit Hilfe der Leute Vampa's nur langſam. Nach einer Stunde Aufenthalt auf dem Kampfplatze ſetzten ſich die Wagen wieder in Bewegung, die Dienerſchaft ging zu Fuß neben⸗ her, um den Wagen zu erleichtern, da ein Pferd fehlte und der Weg bald bergauf, bald bergab ging. Vampa war auf des Grafen aus⸗ drücklichen Wunſch mit ſeinen Leuten zurückgeblieben, ſchickte aber einige bewährte Burſchen in geringer Entfernung den Wagen nach, um bei der Hand zu ſein, wenn ja noch ein Angriff oder auch nur eine Neckerei gegen die Reiſenden verſucht werden ſollte. Die Hand des Todten. 17⁷ Zweiunddreißigſtes Kapitel. In der Oſteria von Ambrogio. Ein düſtres Schreckensbild ſteigt auf, Gleich einem Höllengotte aus der Erde. Sein Antlitz birgt der Mantel und die Stirn, Sie iſt gehüllt in zorn'ge Falten. Byron. Es war gegen Mitternacht, als die kleine Karawane Monte Chriſto's bei der iſolirt liegenden Oſteria von Ambrogio ankam, die beiden Wagen waren jetzt wieder allein, da die Leute Vampa's, welche bis in die Nähe der Oſteria gefolgt waren, ohne Gelegenheit zu haben, ſchützend einzutreten, einige hundert Schritt von der Oſteria Halt ge⸗ macht und ſich dann nach dem ſeitwärts gelegenen Dörfchen gewendet hatten, dort Nachtquartier zu halten. Der Vertrauten, wo ſie ſicher aufgehoben waren, mochte es dort, wie überhaupt in den meiſten römiſchen Ortſchaften, genug geben. 5 In der Oſteria war noch Licht, die Ankunft eines vornehmen Reiſenden war angemeldet und man erwartete ihn. Die Pferde, welche zum neuen Vorgeſpann nöthig waren, hatte man aus der Um⸗ gegend herbeigeſchafft und ſie ſtanden bereit, ſo daß es weiter keinen Anſtand gehabt hätte, die Reiſe nach Rom fortzuſetzen, und doch hatte der Graf ſchon vorher dieſe Oſteria zu ſeinem Nachtquartier beſtimmt, und jetzt gab es noch mehr Veranlaſſung zum Feſthalten an dieſem Plane, da ſowohl Haidee als Mirja durch den Schrecken bei dem Banditenüberfalle ſich zu ſehr angegriffen fühlten, um nicht einige Stunden ungeſtörte Ruhe zu wünſchen. An Räumlichkeiten zum Uebernachten fehlte es in der Oſteria nicht, dieſelben waren zum Theil ſchon zur Aufnahme der Gäſte in Bereitſchaft geſetzt und es koſtete nur noch einige Vorbereitungen, um Alles zur möglichſt bequemen Nachtruhe vorzubereiten. herg gioß ſcho einen Ball I ſchlie feltig des niß ſpi er und beſi nige das kein Chr gege muf thur ferr ſein Chr zum ſpre ſich vor Sürrn, n. Monte n, die welche Haben, ult ge⸗ vendet ſicher neiſten ehmen ferde, r Um⸗ keinen hatte immt, dieſem dem einige ſteria ſte in ngen, 259 Für die Dienerſchaft war in der Wirthsſtube eine Lagerſtätte hergerichtet, Haidee und Mirja bekamen ihre Ruheſtätte in einem großen ſaalartigen Raume angewieſen, wo auch die weibliche Diener⸗ ſchaft und der kleine Edmond übernachteten. Albert fiel ein Bett in einem kleinen Gemache zu, welches an ein größeres ſtieß das einen Balkon hatte und wo für Monte Chriſto ein Bett bereitet war.— In dem kleinen Vorſaal, in welchem dieſe drei Gemächer mündeten, ſchlief der treue Neger, den blanken Säbel in der Hand, die ſchuß⸗ fertigen Piſtolen neben ſich, um nock im Schlafe für die Sicherheit des theuern Herrn und der holden Gebieterin zu wachen. Monte Chriſto war ernſt geſtimmt und fühlte noch kein Bedürf⸗ niß nach Ruhe, deshalb blieb er noch einige Zeit mit Albert im Ge⸗ ſpräch beiſammen, und als dieſer ſich endlich zur Ruhe begeben, rief er Bertuccio, um mit ihm nochmals von dem angeblichen Salicetti und dem Ueberfall, zu ſprechen.— Er konnte ſich immer noch nicht beſinnen, je einen Mann dieſes Namens gekannt zu haben, noch we⸗ niger aber mit demſelben in Berührung gekommen zu ſein. Ganz dos Nämliche war bei Bertuccio der Fall, auch er konnte ſeinem Herrn keine weitere Auffklärung geben, als er ſchon gethan hatte. „Italien bietet mir einen unfreundlichen Gruß,“ ſagte Monte Chriſto,„und es iſt nicht mehr Alles ſo wie ſonſt. Es ſind Feinde gegen mich aufgetaucht, die ich nicht kenne, die ich alſo erſt entdecken muß, ehe ich ſie bekämpfen kann.— Du wirſt alſo auch das Deine thun, Meiſter Bertuccio, dieſe Gegner aufzuſpüren.“ „Gewiß, Herr Graf,“ verſicherte Bertuccio. „Vor allen Dingen liegt mir daran, dieſen angeblichen Salicetti kernen zu lernen.“ „Mir nicht minder. Ihn zu finden, ſoll mein Hauptbeſtreben ſein, und Vampa, der nie vergißt, wird dabei das Seine thun.“ „Dann macht mir noch Etwas Sorge. Das Gerücht, Monte Chriſto ſei ein Seeräuber, ſcheint durch ganz Italien vom Süden bis zum Norden verbreitet zu ſein, wenigſtens hörte ich überall davon ſprechen.— Wir müſſen dem Betrüger auf die Spur kommen, der ſich meines Namens zu Verbrechen bedient und mich ſelbſt dadurch vor den Augen der Welt zum Verbrecher ſtempelt.“ „Dieſes dürfte ſchwer halten.“ 17* 260 „Ich weiß es, Bertuccio, aber wir haben ſchon ſchwerere Dinge vollbracht. Der Name Monte Chriſto muß von jener Schmach rein gewaſchen werden.“ Bertuccio zuckte die Achſeln. „Das muß allerdings eine Hauptbeſtrebung ſein,“ ſagte er. „Aber——“ „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ unterbrach ihn der Graf. „In der Welt iſt nichts ſchwieriger, als den getrübten Glanz eines Namens wieder herzuſtellen. Der Geifer der Verleumdung iſt ein freſſendes Gift, welches den Glanz des Spiegels zerſtört, ſo daß ſelbſt nach der ſorgſamſten Abwaſchung immer noch ein häßlicher Schmutz⸗ fleck bleibt.— Die Welt glaubt nun einmal immer am liebſten das Schlimmſte, und die Nächſtenliebe bethätigt ſich dadurch, daß ſie ſtatt ihn zu reinigen, den Geſchmähten noch mit Koth zu bewerfen ſucht. Ich weiß dieſes, und mache mich gefaßt, daß mir es eben ſo geht. Aber dennoch muß der Betrüger entdeckt werden.“ Bertuccio erklärte ſeine Bereitwilligkeit zur Ausführung dieſer Aufgabe. „Ich erwarte Alles von Deinem Dienſteifer,“ ſagte der Graf. „Doch noch Etwas. Morgen kommen wir nach Rom. Werde ich dort die Wohnung bereit finden, wie ich befohlen?“ „Ich erwarte es für gewiß,“ antwortete Bertuccio, aber offen geſagt, ich weiß es nicht. Der Agent in Rom hat mir noch keinen Bericht erſtattet, wie er doch hätte thun ſollen. Der einfältige Burſche von Courier hat uns am Ende verfehlt und reitet jetzt vielleicht in der Irre herum, den Herrn Grafen ſuchend und nicht finden könnend.“ Monte Chriſto runzelte die Stirn. „Ich muß nur wiederholen, essiſt nicht Alles wie ſonſt,“ ſagte er nach einer Pauſe.—„Geh' und ſorge dafür, daß morgen Alles zeitig zur Abreiſe bereit iſt.“ Bertuccio entfernte ſich ſchweigend. Monte Chriſto wollte nun ebenfalls das Lager ſuchen, fand aber immer noch keine Ruhe; er trat hinaus auf den Balkon in die laue Nachtluft und ſchaute über die ſchlummernde Gegend. Der Mond leuchtete ſo mild herab, leichte Nebel zogen an den Bergen hin, vor der Oſteria verbreiteten hohe Kaſtanien tiefe Schatten, ſchlanke Pinien ragten darüber hinaus, Blumen dufteten und ſüßer Wohlgeruch um⸗ 34 4 3 — 261 wallte den einſamen Mann auf dem Balkon. Es war eine reizende Nacht, wie ſie nur glückliche Zonen, ähnlich Italien, aufzuzeigen ver⸗ mögen, und überall, überall herrſchte Ruhe und Frieden. War aber zauch Ruhe und Frieden in der Bruſt des Mannes auf dem Balkon?— Nein.— Wohl zuckte keine Muskel des mar⸗ morbleichen Geſichts, wohl ſchaute das dunkle Auge ruhig, aber in ſeiner Bruſt brauſte und ſtürmte es um ſo wilder. „Es iſt nicht mehr Alles ſo wie ſonſt,“ ſagte er halblaut vor ſich hin.„Sonſt unterſtützte das Schickſal jedes meiner Unternehmen, jetzt ſcheint es ſich gegen mich zu erklären. Die ganze Welt ſtand mir zu Gebote, ich durfte meine Hand ausſtrecken und es geſchah, was ich wollte; ſollte es jetzt nicht mehr ſo ſein?— Wie, ſollte ich nicht mehr können, wie ich wollte?— Man hat meinen Namen in Frankreich als Räuber und Leichenſchänder gebrandmarkt, in Italien ihn als den eines Seeräubers an den Pranger geſtellt. Ich habe bereits verſucht, durch Erklärungen und Zeugniſſe en zu waſchen, es gelang mir aber nicht. Ich habe bereits alle Mittel aufgeboten, um den Urheber dieſer Verleumdungen zu entdecken, auch dieſes war umſonſt. Ehemals durfte ich ſagen: morgen will ich das wiſſen, und ich wußte es zur beſtimmten Stunde.— Warum iſt das heute anders geworden?— In meiner Hand ruhen noch Schätze, die mich zu dem reichſten Manne der ganzen Erde machen; helfen ſie mir nicht mehr, meine Zwecke zu erfüllen?“ „Nein!“ klang es da vernehmlich zu des Grafen Ohr. Monte Chriſto fuhr zuſammen und ſchaute ſich um. Nirgends ließ ſich Jemand ſehen, von dem dieſe Antwort hätte kommen können, nur der Nachtwind rauſchte in dem Laube der Kaſtanien, ſonſt war Alles öde und ſtille. Ein bitteres Lächeln umzog des Grafen Mund. „Iſt es ſchon ſo weit gekommen, daß ich vor einem Wörtchen erſchrecke, das mein Ohr zu hören glaubt und welches mir doch nur meine Phantaſie eingab?“ fragte er ſich ſelbſt.„Wäre der Edmond Dantes ein Anderer geworden, als er war, ſeit er weiß, daß ein un⸗ ſichtbares Weſen ihn heimtückiſch umſchleicht und ſeinem Fuße viel⸗ leicht Schlingen zu ſtellen ſucht, die keines Menſchen Auge ſieht und die darum deſto verderblicher werden.— Ein geheimer Feind um⸗ 262 giebt mich, und ich weiß nicht, wohin ich mich wenden ſoll, um ibn zu bekämpfen.— Wer iſt er?“ Er ſtützte den Arm auf die Brüſtung des Balkons und legte die Stirn in die Hand. „Wer iſt dieſes feindliche Weſen?“ frug er halblaut. „Die Rache!“ tönte es da leiſe, aber doch deutlich. Der Graf fuhr in die Höhe und ſchaute mit flammenden Blicken um ſich. Wiederum war Niemand zu entdecken, von dem dieſe Ant⸗ wort hätte ausgehen können. Der Laut war ſo ſonderbar geweſen, es kam Monte Chriſto vor, als habe man dicht vor ſeinem Ohr ge⸗ ſprochen, als ſei aber auch der Laut aus der offenſtehenden Thüre des Zimmers auf den Balkon gedrungen, dann wieder ſchien es ihm, als müſſe er aus der Höhe herab, oder aus der Tiefe herauf gekom⸗ men ſein.— Es ward dem Einſamen faſt unheimlich zu Muthe. „Wer antwortet hier ungefragt?“ frug er mit lauter Stimme. Keine Antwort erfolgte. „Iſt Jemand hier?“ frug er zum zweiten Male. Wieder keine Antwort. Monte Chriſto beugte ſich über die Brüſtung hinab und ſchaute hinunter, aber da unten regte ſich nichts, Niemand war zu ſehen. — Er lächelte über ſich ſelbſt. „Spiel der Phantaſie,“ ſagte er.„Ich will dieſem Spuk am wirkſamſten dadurch vertreiben, daß ich das Lager ſuche.“ Er trat in das Gemach zurück, und da in demſelben eine ſchwüle Luft herrſchte, ließ er die zum Balkon führende Thüre halb offen; dann warf er ſich angekleidet auf ſein Bett, die Ermüdung machte ſein Recht geltend, er ſchlief ein. Alles im Hauſe ſchlummerte, überall herrſchte die Ruhe der Sorg⸗ loſigkeit. Draußen flüſterte der Nachtwind koſend mit den Blättern der Bäume, leuchtete der Mond, glänzte hier und da ein einzelner Stern.— Eine lange Pauſe iſt entſtanden. Monte Chriſto liegt ausgeſtreckt auf ſeinem Lager, der Schimmer der Nachtlampe wirft ein ſchwaches Licht auf ſein Geſicht; es iſt freundlich, freundlicher als ſonſt im Wachen, und ein leichtes Lächeln ſpielt um ſeinen Mund. Er mochte wohl freundliche Träume haben. Auf dem Balkon rauſchte und kniſterte es einen Augenblick leiſe — — — 263 dann ward Alles wieder ſtill. Vielleicht war es ein Nachtvogel, der durch das Weingeländer flatterte. Aber was iſt das?— Die zum Balkon führende, halb ofſen. gelaſſene Thüre öffnet ſich noch weiter, ein dunkler Schatten ſohleicht hinein. Es iſt eine männliche, von einem dunklen Mantel umhüllte Geſtalt, und als dieſe in den Lichtkreis der Nachtlampe tritt, zeigt ſich ihr Geſicht von einer ſchwarzen Maske bedeckt.— Unhörbar, geiſterhaft ſchwebt die Geſtalt nach der Thüre, welche nach dem Vor⸗ ſaale führt, und riegelt ſie zu. Dann ſchwebt ſie zu dem Lager des Grafen, wirft einen langen Blick auf ihm und begiebt ſich dann an die Thüre, welche in Alberts Schlafgemach führt. Eine leiſe Be⸗ wegung und auch dieſe Thüre iſt geräuſchlos geſchloſſen. Der geheimnißvolle, nächtliche, faſt geſpenſtig zu nennende Be⸗ ſucher macht nun die Runde durch das Zimmer, bald hier, bald da einen Augenblick ſtehen bleibend; dann tritt er an das Lager des Schlummernden. Monte Chriſto ahnt noch immer nichts, was in dem Zimmer vorgeht; er ſchläft ruhig fort, ſein Mund lächelt. „Verſöhnungl“ flüſterte jetzt der Schlafende. „Nein, Haß!“ murmelte die Erſcheinung. Eine Hand berührte die Monte Chriſto's, ſie iſt eiſig kalt, der Schlafende ſchauert zuſammen und öffnet die Augen. Er glaubt zu träumen, als er die unheimliche Geſtalt vor ſich ſieht. Einen Augen⸗ blick bleibt er vor Ueberraſchung bewegungslos in den Kiſſen liegen, dann aber richtet er ſich raſch auf und ſtarrt die dunkle Geſtalt an. Der nächtliche Beſucher regte ſich nicht, feſt und unbeweglich ſtehen bleibend, richtete er ſeine durch die Maske funkelnden Augen feſt auf den Grafen, der jetzt mehr und mehr zu der Ueberzeugung kam, daß es kein leeres Traumbild ſei, was er vor ſich ſah. —„Wer biſt Du?“ fragte Monte Chriſto mit ſtarker Stimme. „Dein böſes Geſtirn!“ antwortete die Geſtalt dumpf. „Was willſt Du?“ „Genugthuung!“ „Wofür?“ „Für zertretene Leben!“ Des Unbekannten Stimme klang bei den letzten Worten ſchauer⸗ e — — 264 lich hohl und unwillkürlich fühlte der ſonſt furchtloſe Graf es kalt durch ſeine Adern rieſeln. „Zeige Dein Geſicht,“ ſagte er nach einer Pauſe,„damit ich in das Auge deſſen ſehen kann, der mir zu drohen wagt.“ „Du wirſt es ſeiner Zeit ſehen und zittern,“ war die Antwort. „Ich zittere vor keinem Menſchen,“ gab der Graf ſtolz zurück. „Dann ſollſt Du es lernen.“ „Hinweg mit Dir, Unhold!“ Mit dieſen Worten griff der Graf nach dem Tiſchchen vor dem Bette, wo ſtets, er mochte übernachten wo er wollte, eine ſilberne Glocke ſtand. Die Glocke war weg und die Geſtalt ergriff mit eiſerner Fauſt des Grafen Arm. „Keinen Lärm,“ ſagte ſie drohend,„denn es nützt Dir nichts, Du biſt in meiner Gewalt, und wenn ich Dich hätte tödten wollen, ſo hätteſt Du in dieſem Augenblicke ſchon aufgehört zu leben. Aber ich will nicht die Vernichtung Deines Daſeins, nein, ich will vielmehr dieſes Daſein erhalten wiſſen.“ 3 Monte Chriſto ſtaunte bei dieſen Worten und ſuchte vergebens mit ſeinen Blicken die Maske zu durchdringen. 1 „Nun, guter Freund,“ ſagte er ironiſch,„wenn es Dir nicht um mein Leben zu thun iſt, ſo iſt es Dir vielleicht um ſo mehr um Geld. zu thun.— Ich bedauere, daß ich nichts bei der Hand habe, Dir ein Almoſen zu geben; aber melde Dich morgen vor der Abreiſe bei meinem Hofmeiſter, damit dieſer Dir ein Trinkgeld für die Mühe, mich zu wecken, giebt.— Nun geh' und laß mich ſchlafen.“ Der Unbekannte wich aber nicht von dem Platze. „Ich bin Dein böſes Geſtirn,“ ſagte er,„und ich komme nicht wegen Deines Geldes zu Dir, ſondern um Dir Fehde anzukündigen, um Dir zu ſagen, daß das ſtolze Gebäude Deines Glücks untergra⸗ ben iſt und ein paar Stöße meiner Hand hinreichen, es über den Haufen zu werfen, damit Du ärmer und elender wirſt, als der Aermſte und Elendeſte auf der Welt.— Haſt Du Dich nicht mit Frevelmuth der Gottheit an die Seite geſtellt? Haſt Du nicht geglaubt, Du könnteſt die Vorſehung ſpielen und die ewige Gerechtigkeit ausüben, was allein in der Macht des ewigen Gottes liegt, nicht in Deiner Hand, erbärmlicher Erdenwurm?— Du haſt dieſes gethan und für — — ——— —— 265 den Frevel wird Dich die Hand der ewigen Gerechtigkeit durch mei⸗ nen Arm züchtigen; ich bin Geſandter der ewigen Rache, Du biſt in meine Hand gegeben und durch meinen Mund verkündet Dir eine höhere Macht: Du haſt Dicht ſelbſt erhöht, darum ſollſt Du erniedrigt werden bis in den Staub.“ Regungslos ſtarrte Monte Chriſto den Sprechenden an. „Wer biſt Du, daß Du mit mir zu ſprechen wagſt?“ fragte er dann. „Dein böſes Geſtirn,“ antwortete die Geſtalt wieder.„Von dieſer Stunde an biſt Du in meiner Gewalt, die Kette iſt um Deinen Fuß gezogen, Du kannſt mir nicht entgehen. Die Angſt vor mir ſoll Dich über den ganzen Erdball peitſchen, und doch wirſt Du mir nicht entgehen können; Dein Körper iſt ſicher vor mir, aber Deine Seele will ich mit Scorpionenſtichen quälen, Tag um Tag, Stunde um Stunde, mit Wucher ſoll Dir vergolten werden, was Du Anderen gethan.— Deine Seele iſt mir verfallen.“ „Biſt Du Menſch oder Teufel!“ fuhr der Graf wild auf. „Dein böſes Geſtirn!“ wiederholte der Unbekannte zum dritten Male. „Menſch oder Teufel!“ rief Monte Chriſto noch heftiger. „Haſt Du Muth, ſo fühle, wer ich bin,“ entgegnete die Geſtalt und ſtreckte die eine Hand gegen den Grafen aus. Mit fieberhafter Haſt ergriff ſie Monte Chriſto.— Aber was war das? Das war ja dieſelbe Hand, die ihn aus dem Schlummer geweckt hatte, eiſig kalt und nur noch aus Gebeinen beſtehend.— Schaudernd ließ der Graf die Hand wieder fahren. „Das iſt die Hand eines Todten!“ rief er entſetzt.. „Du haſt es errathen,“ entgegnete die Erſcheinung dumpf.„Du biſt der Rache der Todten verfallen, ſie kündigen Dir Krieg an. Zitterel“ Mit dieſen Worten erloſch plötzlich die Nachtlampe, die ſie um⸗ hüllende Glasglocke fiel klirrend zur Erde und die Geſtalt war vei⸗ ſchwunden. Monte Chriſto ſtand ſtarr wie ein Marmorbild. An der zum Vorſaal führenden Thüre pochte es, ebenſo an der, welche das Schlafgemach Alberts verſchloß, und Alberts Stimme fragte: „Herr Graf, was iſt mit Ihnen?“ Dieſe Worte riefen wieder Leben in die Glieder Monte Chriſto's zurück. Er raffte ſich zuſammen und eilte an Alberts Thüre, die er 266 zu ſeiner Verwunderung verſchloſſen fand; er brach ſie haſtig mit einem Fußtritte auf und wandte ſich an die Saalthüre, wo es immer ſtärker pochte. Auch dieſe Thüre war geſperrt. Monte Chriſto ent⸗ riegelte ſie und Ali drang hinein, mit ſeinen Augen den Herrn ſuchend, und offenbar befriedigt, als er ihn in dem Zimmer ſtehen ſah. Auch Albert war bereits eingetreten. Die wenigen Secunden hatten hingereicht, Monte Chriſto Ruhe und Faſſung zurückzugeben; er befahl mit kaltem Tone dem Neger, Licht zu bringen, und wandte ſich dann zu Albert. „Sind Sie im Schlafen geſtört worden, Albert?“ fragte er. „Allerdings,“ erwiderte Albert.„Mir war es ſchon ſeit einiger Zeit, als hörte ich ſprechen, doch war ich viel zu müde und ſchlaf⸗ trunken, um darauf zu achten, dann aber weckte mich plötzlich ein lauter Ruf und ein Klirren völlig, und ich ſprang auf, fand aber die Thüre verſchloſſen.“ „Hatten Sie dieſelbe vielleicht geſchloſſen?“ „Nein, von innen geht das auch gar nicht.— Was ſoll das bedeuten?“ „Ich hatte unbekannten Beſuch, lieber Albert; wahrſcheinlich war es jener Geronimo Salicetti, der uns ſchon auf offener Straße einen Schabernack ſpielen wollte.“ „Erkannten Sie ihn?“ „Nein, ich vermuthe es nur.“ „Was wollte er?“ „Was anders, lieber Albert, als was ſolche Subjecte gewöhn⸗ lich wollen, wenn ſie ungeladene Beſuche in Häuſern machen.“ Albert verſtand, was der Graf meinte, und wunderte ſich nur, wie der Verwegene eingedrungen ſein könne, Monte Chriſto deutete auf die zum Balkon führende Thüre und erzählte, daß er dieſe Thüre wegen der Schwüle im Zimmer habe offen ſtehen laſſen, und da mittlerweile der Neger mit Licht gekommen war, ſchritten ſie ſogleich zur Unterſuchung des Zimmers. Die Nachtlampe lag umgeworfen, die Glaskugel zerſchlagen und dies erklärte genügend das Verlöſchen; die ſilberne Glocke mit dem goldenen, mit werthvollen Steinen beſetzten Griff war verſchwunden, obgleich der Graf gewiß wußte, daß ſie auf dem Tiſche geſtanden, ehe er ſich niederlegte; eben ſo fehlte die prachtvolle Taſchenuhr nebſt . 2 r e reu sreu e —— 267 Kette und ein kleines Portefeuille mit Banknoten, welches auf dem Tiſche neben dem Bette gelegen hatte. „Alſo gemeiner Diebſtahl,“ murmelte der Graf.„Wahrhaftig, ein ritterlicher Feind. Er ſchonte mein Leben, damit er noch mehr Gelegenheit habe, mich zu beſtehlen.“ Er ließ nun Bertuccio rufen, befahl dieſem, den Wirth von dem geſchehenen Einbruche in Kenntniß zu ſetzen und dann die ganze Um⸗ gebung der Oſteria auf das Genaueſte nach dem verdächtigen Men⸗ ſchen zu durchſuchen. Dieſes geſchah nun wohl, führte aber zu keinem anderen Reſul⸗ tate, als daß man an dem Weingelaͤnder, welches an dem Balkon ſich anlehnte, die Spuren fand, daß Jemand daſelbſt hinaufgeſtiegen ſein mußte. Monte Chriſto empfing dieſe Nachricht ruhig und ernſt. Er ſchickte die Leute wieder fort, verſchloß die Balkonthüre und warf ſich nochmals auf ſein Lager, dort wachend und ſeine ſcharfgeladenen Piſtolen in der Hand den Anbruch des Tages erwartend. Aber welche Gedanken wogten in dieſer einſamen Stunde in ſeiner Bruſt auf und ab! Des Unbekannten Drohung begann bereits in Erfüllung zu gehen, denn eine Sorge, die Monte Chriſto längſt nicht mehr gekannt, fand Eingang in ſeine Bruſt, und wo dieſes ge⸗ ſchieht, dann iſt es auch nicht mehr weit bis zum Zittern.— Der Graf ſträubte ſich wohl gegen dieſen Gedanken, aber dennoch konnte er ſich des verrätheriſchen Gefühls nicht erwehren. Als die Sonne aufging trat die kleine Geſellſchaft die Weiter⸗ reiſe nach Rom an, Alberts Herz klopfte heftiger, denn dort ſollte er ja ſeine Mutter wiederfinden. Auch Monte Chriſto's Herz pochte in ungewohnter Aufregung, obgleich ſein kaltes, bleiches Geſicit keine Spur davon verrieth. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Ein unerwarteter Beſucher. Wie kann ich es ändern, wenn heiße Gluth Mir in dem Buſen nimmer ruht? Wenn's mit gewaltigen Banden reißt Zu dir das Herz, zu dir den Geiſt. Waldau. In den blühenden Gärten der Villa Corſini wandelten zwei an⸗ muthige Frauengeſtalten umher, unter dem dichten Laube der Lorbeer⸗ gebüſche und der mit golsenen Früchten prangenden Orangebäume Schatten ſuchend, bis ſie endlich ein heimliches Plätzchen in der Nähe einer halbverſiegten Cascade gefunden, wo ſie ſich auf einer mit Moos bewachſenen Steinbank niederließen und ihr Geſpräch, welches aus ſcherzendem, anmuthigen Geplauder unbemerkt in eine ernſtere Richt⸗ ung übergegangen war, fortſetzten. Eugenie von Danglars und ihre Freundin Louiſe hatten wohl Ü ſache zu ernſterem Geſpräch, denn es machte ſich immer nöthiger für ſie, eine feſte Stellung zu ſuchen, um ſich eine Exiſtenz zu ſichern, welche nicht gar zu ſehr verſchieden von der war, welche ſie früher gewohnt waren. Sie hatten bis jetzt ihre Talente in Rom blos in ſo weit verwerthet, daß ſie Gaſtſpiele auf dieſem oder jenem Theater verſuchten, und ſie hatten dabei, ſowie in den wenigen Concerten, in denen ſie auftraten, rauſchenden Beifall geerntet, aber viel Gewinn fiel bei dieſen Verſuchen nie für ſie ab. Und gleichwohl galt es jetzt dem Gewinn, denn die Mittel der beiden Mädchen waren ziemlich erſchöpft; ſie befanden ſich zwar in Geſellſchaft und gleichſam unter dem Schutze Mercedes, doch waren deren Hulfequellen ſelbſt ſo gering und wenig ergiebig, daß das We⸗ 1 1 269 nige, was ſie beſaß, kaum für ihre eigenen Bedürfniſſe ausreichte, ſo ſehr ſie ſich auch einſchränkte; ſie hätte am wenigſten helfen können, wenn es bei den Kunſtjüngerinnen zum Fehlen kam, eher hätte ſie wohl ſelbſt noch in die Lage kommen können, fremde Unterſtützungen anzunehmen. Es waren den beiden Künſtlerinnen viele Anerbieten gemacht worden, auf dem römiſchen Haupttheater eine feſte Anſtellung zu nehmen, eben ſo hatten ſie durch Vermittelung einer hochgeſtellten Familie aus Neapel, die zum Beſuch in Rom geweſen war, die Ein⸗ ladung erhalten, auf der berühmten Bühne von San Carlo zu ſpie⸗ len und dort ſich niederzulaſſen. Eugenie und Louiſe waren zweifelhaft, was ſie wählen ſollten; Rom mit ſeinen großartigen Erinnerungen, mit ſeiner Liebe für ſchöne Künſte zog ſie an, denn hier fand das ſtatt, was in den nördlichen Staaten Europas faſt für ein Verbrechen gilt: Glieder der angeſehen⸗ ſten Familien, ſelbſt der Fürſtenfamilien— die in Italien freilich häufig genug zu finden und oft dabei in finanzieller Hinſicht traurig genug geſtellt ſind— in Concerten und auf Theatern auftreten zu ſehen, ohne daß irgend Jemand darin etwas Außerordentliches gefun⸗ den hätte.— Von Neapel hatten ſie aber auch ſo viel Angenehmes gehört, vorzüglich in Bezug auf die paradieſiſche Gegend, die Lage der Stadt an dem ewig blauſchimmernden Golf mit ſeinen köſtlichen Inſeln und Plätzen, die gleich reizend faſt nirgends mehr auf der Erde angetroffen werden. Louiſe ſtimmte für Neapel, da ſie hoffte, dort würden ſie von dem zudringlichen Benedetto, deſſen Begegnung ihrer Freundin Schrecken eingeflößt, ſicher ſein. Sie hatten ihn zwar ſeit langer Zeit nicht geſehen, doch fürchteten ſie immer, ihn wieder unerwartet vor ſich auftauchen zu ſehen. Eugenie hatte ihrer Freundin erſt beigeſtimmt, aber merkwür⸗ diger Weiſe ihre Meinung bald dahin geändert, daß ſie eiaſtweilen noch in Rom bleiben wollten, wenigſtens ſo lange, bis Mercedes be⸗ ſtimmte Nachricht von ihrem Sohne erhalten habe. „Vielleicht blüht uns in Rom auch noch das Glück,“ ſagte Louiſe. „Aber freilich dürfen ſolche Schatten nicht darauf fallen, wie in jener Nacht in dem Coliſſeum an die Wand fielen. Ich denke noch mit geheimem Schauder daran.“ 270 „Wer mochte jener Unbekannte ſein, der ſo plötzlich vor uns ſtand wie aus der Erde gewachſen?“ fragte Eugenie.„Die Erſchein⸗ ung war furchtbar, aber dennoch intereſſant.“ „Gott bewahre mich vor ſolchem Intereſſe!“ unterbrach Louiſe die Freundin lebhaft.„Ich glaube gar, Du wünſchteſt die Wiederkehr dieſer unintereſſanten Erſcheinung? Das wäre mein Geſchmack nicht.“ „Ich bin nicht ſo neugierig,“ erwiderte Eugenie,„und möchte auch ſonſt nicht die Wiederkehr wünſchen, da ich fürchte, die ganze Erſcheinung fönnte beim Tageelicht, wo die Sachen immer anders ausſehen, als bei Nacht, wo nicht Alles, ſo doch das meiſte Intereſſe verlieren.— Aber wer er ſein mochte?“ „Immer fragſt Du dieſes wieder,“ ſchmollte Louiſe.„Die Führer ſchienen ihn zu kennen, ihn zu fürchten aber wer es war, das ließ ſich nicht aus ihnen herauepteſſen. Nach ſeinem Benehmen zu ſchlie⸗ ßen, ſchien es ein ſehr gefahrlicher Menſch, ein Bandit, vielleicht ſogar ein berühmter Ban it zu ſein.“ „Wenn die Führer nur nicht einen dummen Spaß mit uns getrieben haben, um uns in Schrecken zu jagen,“ ſagte Eugenie. „Iw möchte faſt glauben, wenn wir den Menſchen am Tage wieder ſähen, er würde uns weiter nicht auffallen und hätte die ganze Ro⸗ mantif verloren“ „Dieſee fönnen Sie ſogleich erproben, Signoras,“ ſprach eine Stimme in der Nähe der beiden Mädchen. Das Geſträuch raſchelte, theilte ſich und ein elegant gekleideter Mann trat hervor, ſeinen ſptzen Hut vor den Madchen abziehend und ſich höflich verbeugend.— Die Mäſchen ſtanden überraſcht bei dieſer unerwarteten Erſchemung und drängten ſich unwillkürlich enger zuſammen; Eugenie aber flüſterte der Freundin zu: „Er iſt es. Es iſt der Mann aus dem Coliſſeum.“ „Mim Himmel, Du haſt Recht,“ flüſterte Louiſe zuſammen⸗ ſchreckend zurück. Der Mann blieb noch rubig ſtehen, als wolle er den Damen Zeit laſſen, ihn mit Muße zu betrachten, aber ſein ſcharfes Ohr hatte die wenigen gefluſterten Worte dennoch verſtanden und ein flüchtiges Lacheln umzuckte ſeinen Mund. Die Madchen waren furch die gemachte Entdeckung noch mehr verlegen, die unverhoffte Erſcheinung der Perſon, von welcher ſie ſo⸗ zür und der ———yy————,, r q́ õõõéééͤͤͤſͤſſſnnnn—— 271 eben geſprochen und über welche ſie ſich vertrauliche Mittheilungen gemacht, erſchreckte ſie faſt, und in ihrer Verwirrung leicht ſich ver⸗ beugend, wollten ſie ſich zurückziehen. Der Mann aber näherte ſich raſch und trat ihnen in den Weg. „Nein, Signoras,“ ſagte er mit dem freundlichſten Lächeln auf ſeinem Geſichte,„ſo ſchnell dürfen Sie ſich nicht entfernen, wenigſtens nicht, ohne mir geſazt zu haben, ob mein Erſcheinen am Tage wirk⸗ lich alle Romantik von mir abgeſtreift hat.— Ich kann mich ſchon als alten Bekannten von Ihnen betrachten, Sie haben mich als ſol⸗ chen auch wieder erkannt und doppeltes Recht habe ich da auf Antwort.“ „Sie ſagen, Sie wären ein alter Bekannter?“ fragte Eugenie zögernd.„Ich wüßte nicht, was Ihnen ein Recht auf dieſen An⸗ ſpruch gäbe.“ „Lügen Sie nicht, Signora,“ entgegnete Vampa, denn dieſer war es wirklich.„Sie hoben ſich ſelbſt ſchon verrathen, Sie kennen mich.— Ich bin der Mann aus dem Coliſſeum.“ Eugenie ſchien erſtaunt, daß dieſer Mann ein ſo ſcharfes Ohr beſitze, um jedes ihrer Worte, ſei es auch noch ſo leiſe geſprochen, zu hören, und wieder beſchlich ſie bei dieſer Entdeckung ſtärkere Furcht, ſo daß ſie leicht erbebend ſich feſter an der Freundin Arme klammerte. „Sie waren alſo wirklich in jener Nacht im Coliſſeum?“ fragte Louiſe, für die Freundin das Wort nehmend. „Sie haben mich erkannt, Signoras,“ erwiderte Vampa. „Der uns erſchreckte?“ 4 „Es thut mir leid, wenn ich wider Willen Ihnen einigen Schvrecken verurſachte.“ „Mein Herr, Sie ſcheinen überhaupt die Ueberraſchungen zu lieben, denn es iſt heute wieder ſo, Sie erſcheinen ungeahnt.“ „Ueberraſchungen ſind die Würze des Lebens,“ entgegnete Vampa mit feinem Lächeln,„und ich hoffe, Sie werden mir deshalb nicht zürnen. Uebrigens“— fügte er hinzu, ſich gegen Eugenie wendend und ſie mit glühenden Blicken betrachtend—„übrigens rufen mich ja ſtets Ihre Wünſche, und ich erſcheine gehorſam; ob ich auch hun⸗ dert Meilen entfernt wäre, Ihr leiſeſter Wunſch würde meine Seele mächtig berüdren und mich zu Ihnen rufen, Fäulein Danglare.“ Eugenie fuhr zuſammen.— Wie kannte dieſer Menſch ihren wahren Namen?“ Sie glaubte bisher immer, es gäbe in Rom nur drei Menſchen, welche von ihren früheren Verhältniſſen Kenntniß hätten. „Mein Herr,“ ſagte ſie, ſich feſt aufrichtend,„wie kommen Sie zu dieſem Namen.“ „Weil es der Ihre iſt, Signora,“ erwiderte Vampa ruhig.„Sie ſind die Tochter des ehemaliger Banquiers Danglars.“ „Ich habe keine Urſache, auf dieſen Namen ſtolz zu ſein,“ ſagte Eugenie, indem Purpurgluth ihr Geſicht übergoß;„aber wenn man mich einmal kennt, dann bin ich auch zu ſtolz, zu leugnen, daß ich dieſen Namen einſt wirklich trug.“ „Einſt?“ fragte Vampa. „Allerdings, denn jetzt heiße ich Eugenie von Armilly,“ ant⸗ wortete Eugenie beſtimmt,„und mit dieſem Namen will ich benannt werden.“ Vampa verbeugte ſich. „Dann aber mein Herr,“ fuhr ſie fort,„wenn Sie ſich auf alte Bekanntſchaft berufen, dann werden Sie es auch billig finden, wenn ich den Namen deſſen wiſſen will, der ſich meinen Bekannten nennt, und Sie werden es auch natürlich finden, daß wir mit einem uns Uabekannten kein längeres Geſpräch unterhalten.— Alſo nennen Sie ſich.“ Vampa ſchlug den Blick zur Erde und ein eigenthümliches Lächeln umzog ſein Geſicht. Dann ſagte er: „Wenn Sie mich wirklich nicht kennen ſollten, ſo werden Sie, Signoras, doch eine Vermuthung haben, wer ich ſein könnte.“ „Auch keine Vermuthung,“ antwortete Eugenie. „Und doch,“ fiel Louiſe lebhaft ein,“ eine Vermuthung habe ich, Sie haben mich ſelbſt darauf gebracht. Sie ſagten vorhin, meiner Freundin Eugeniens Wunſch rufe Sie herbei, wo Sie ſich auch be⸗ fänden, und dieſes giebt mir Licht. In jener Nacht im Coliſſeum äußerte meine Freundin in übermüthiger Laune, es müſſe romantiſch ſein, in dieſer Umgebung einen Banditen oder gar Vampa ſelbſt zu ſehen, und Sie— erſchienen. Dieſes bringt mich auf den Schluß, daß Sie wohl jener Vampa ſelbſt ſind.“ Ein flüchtiges Roth überzog das Geſicht des Erkannten und wieder ſuchten ſeine Augen den Boden, doch bald erhob er ſich wie⸗ der und ſchaute Eugenie lächelnd an. 2 HG ͤ ——— m em nn — 8 —— ich will dieſe Stunde benutzen.“ 273 „Signora“, fragte erglauben Sie auch, in mir Vampa zu ſehen?“ Eugenie war über ihrer Freundin Worte beſtürzt, denn wenn Beide auch neckend zu Zeiten die Vermuthung ausgeſprochen, jener Mann des Coliſſeums könne Vampa oder einer ſeiner Geſellen ge⸗ weſen ſein, ſo hatten ſie doch nie im Ernſt daran gedacht, daß es möglich ſein könne; jetzt aber, da Louiſe mit ſolcher Beſtimmtheit dem Mann gegenüber dieſe Behauptung ausſprach, es ſei Vampa, als ſie in des Mannes dunkelglühendes Auge, auf ſeine Kühnheit und Entſchloſſenheit verrathende Geſichtszüge blickte, da drängte ſich ihr mit Allgewalt der Gedanke an die Möglichkeit auf, er könne doch der Vermuthete ſein.— So fand ſie im erſten Augenblick keine Erwi⸗ derung auf des Mannes Frage, und er mußte dieſelbe wiederholen, ehe ſie verwirrt die Worte herausſtoßen konnte: „Ich weiß nicht,— ich kann nicht wiſſen,— aber, es wäre möglich.“ „Daß ich Vampa ſei?“ fragte er. „Nun ja,“ war die Antwort. „Nein, nein,“ rief da Vampa voll Eifer,„ich bin nicht jener Mann, glauben Sie mir, Signora, es ſteht ein ganz Anderer vor Ihnen als Vampa, dieſer exiſtirt nie in der Nähe eines holden We⸗ ſens, wie Sie, Signora.— Aber von Raubgedanken kann ich mich nicht freiſprechen, denn nichts würde mich glücklicher machen, könnte ich ihr Herz beſiegen im ſüßen Kampfe und es in meinen Beſitz bringen. Dieſes, Signora Eugenie, dieſes wäre mein höchſter Wunſch.“ Bei dieſer unerwarteten Liebeserklärung erglühte Eugenie zur dunklen Roſe, und nur ſcheu wagte ſie den kecken Mann anzublicken. Vampa aber fuhr fort: „Eugenie, iſt mir das erſte Wort entſchlüpft, ſo mögen Sie auch das Andere wiſſen, ja, ich halte es ſogar für Pflicht, Ihnen Erklärungen zu geben.“ „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich,“ rief Eugenie faſt flehend und ergriff der Freundin Arm, ſie mit ſich fortzuziehen. Vampa aber ſtellte ſich ihr in den Weg. „Nein,“ ſagte er,„ſo dürfen Sie ſich nicht entfernen, Sie müſſen mich hören. Wer weiß wann dieſe günſtige Stunde wiederkehrt, wo ich nur vor den Ohren Ihrer Freundin mit Ihnen ſprechen kann; Die Hand des Todten. 18 274 Ohne durch Eugeniens Beſtreben, von ihm frei zu werden, ſich beirren zu laſſen, begann Vampa eine glühende Schilderung ſeiner Gefühle, glühend, wie ſie nur aus dem leidenſchaftlichen Herzen eines heißblütigen Südländers hervorquellen kann. Er erzählte, daß ſeit jener Nacht, wo er ſie im Coliſſeum bei Fackellicht geſehen, ihr Bild nicht mehr aus ſeinem Innern gewichen; er habe durch einen zufällig angetroffenen Mann ihren Namen er⸗ fahren und nachher auch ihre Wohnung erſpäht, ohne jedoch ſich muthig genug zu fühlen, ſie daſelbſt aufzuſuchen, nur beobachtet habe er ſie bei ihren Ausgängen, gehört habe er ihren Geſang auf der Bühne, aber nie gewagt, ihr eine öffentliche Huldigung darzubringen. Eine gewiſſe Eiferſucht habe ſich ſeiner bemächtigt, er habe geglaubt, wenn er durch irgend etwas die holde Signora vor Aller Augen auszeichnet, ſo gebe er eben Veranlaſſung zu noch mehr Auszeichnungen von Seiten Anderer, lenke die Augen Anderer auf ſie und werde ſomit vielleicht ſelbſt die Veranlaſſung, daß Muthigere ihm mit perſönlichen Huldig⸗ ungen zuvorkamen und ihm den Sieg ſo bedeutend erſchwerten; nur er allein wolle ſie beſitzen, Niemand ſonſt ſolle ſich ihrer Gunſt rüh⸗ men. Von ihr hoffe er das Glück ſeines Lebens und werthlos ſcheine ihm das Daſein, wenn ſie ſeine Huldigung verſchmähe. Dieſes ihr zu ſagen, ſei er ſchon einige Tage den Mädchen gefolgt, des günſtigen Augenblickes harrend, wo er ohne Zeugen Eugenien ſagen könne, was in ſeinem Herzen vorgehe. Nun ſei der Augenblick gekommen, und er verlange ſein Urtheil, ob Tod, ob Leben. Immer feuriger hatte Vampa geſprochen, und es ſchien, als ver⸗ gäße er über dieſen Worten die ganze Welt um ſich, als ſei nur noch Eugenie einzig und allein da, ſonſt kein lebendes Weſen mehr.— Und Eugenie, obwohl anfangs entſchloſſen den Mann nicht anzuhören, der ſo verwegen zu ihr ſprach, fühlte ſich doch bald nicht mehr im Stande, ſo ohne Weiteres ſich zu entfernen; mit ſteigendem Intereſſe vernahm ſie des Mannes Eröffnungen, und ſinnend ruhte ihr Auge manches Mal auf ſeinen Zügen, welche durch das Feuer der Rede von Zeit zu Zeit einen eigenthümlichen, edlen und begeiſterten Ausdruck an⸗ nahmen, wohl fähig, ihr Auge mehr und mehr auf ſich zu ziehen. „Signora,“ ſchloß Vampa,„ſprechen Sie nun ihr Urtheil, ob Leben oder Tod mich erwartet.“ 4 eEE 275 „Ich verſtehe nicht“— ſtammelte Eugenie, jetzt wieder im höch⸗ ſten Grade verlegen werdend. Louiſe hatte wohl auch des Fremden Erklärungen mit vielem Intereſſe angehört, aber nur ſo weit, als dieſe ihre Freundin betrafen; ſie ſah deren Verlegenheit und fühlte den Beruf, derſelben ein Ende zu machen, indem ſie der Sache eine andere Wendung gab. „Signor,“ ſagte ſie ſcherzend,„man ſieht, daß ſie ein Freund von Ueberraſchungen ſind, erſt erſchreckten ſie uns in den Gewölben des Coliſſeums, dann hier, indem Sie vor unſeren Augen auftauchten, wie ein Geiſt aus der Erde, und nun endlich überraſchen Sie uns durch die Erklärung, welche Sie meiner Freundin machen. Erlauben Sie, daß wir Ihnen ebenfalls eine kleine Ueberraſchung bereiten.“ Bei dieſen Worten umfaßte ſie die Freundin und eilte mit ihr, gleich ein paar aufgeſcheuten Rehen, davon; nach wenigen Augenblicken waren ihre flatternden Gewänder hinter den Geſträuchen verſchwunden. Vampa war wirklich durch der Mädchen Flucht im höchſten Grade überraſcht, denn er hatte wenigſtens auf eine hoffnunggebende Antwort von Eugenie gerechnet, nun aber war durch Louiſens Ein⸗ ſchreiten dieſes verhindert. „Iſt doch der erſte Schritt geſchehen,“ tröſtete er ſich,„und ſie weiß nun, was in mir vorgeht; die Bahn iſt gebrochen und ich müßte mich ſehr getäuſcht haben, wenn nicht Eugeniens Schluß⸗ erklärung endlich mir zu Gunſten ausfallen ſollte.— Darum verzage nicht, Luigi, und vergiß auch nicht, daß Du die Gewalt haſt, im Nothfall das, was man im Guten verweigert, im Böſen zu erringen. — Liebe kann Alles, ſie kann aus dem Lamm einen Löwen, aus dem Löwen aber auch ein Lamm machen.“ Noch einen raſchen Blick nach der Richtung werfend, wo die beiden Mädchen verſchwunden waren, verließ Luigi Vampa den Platz. 18* Vierunddreißigſtes Kapitel. Graf Nonte Chriſto und Mercedes. Wenn zwei Herzen in Verſöhnungswonne Sich umſchlingen feſt und traut. O, dann dringet zu der fernſten Sonne Es als wie ein Jubellaut. 5 Klingt und ſingt durch alle Welten wieder, Engel weinen, und als linder Thau S Sinken dieſe Wonnethränen nieder, Segen bringend auf die grüne Au'. B. Während Eugenie und Louiſe dieſes neue Abenteuer erlebten, ſaß Mercedes in ihrem Zimmer und ſchaute durch das Fenſter träu⸗ mend hinaus auf die Straßen Roms, wo ſich das gewohnte bunte Leben entfaltete. Gegenüber dem Fenſter an einer Straßenecke ſtand in einer Niſche ein Madonnenbild, vor dieſem hatten ſich einige Pfifferari aufgeſtellt, wie ſie ſo häufig nach der ewigen Roma ziehen, ſich durch andächtige Bußübungen an geheiligten Plätzen Ablaß für ihre Sünden zu holen, die oft ſchwer genug ſein mögen, da die an⸗ dächtigen Beter in Rom in ihrer Heimath ſich eben kein Gewiſſen daraus machen, dem oder jenem Reiſenden mit Kugel oder Stilet das Lebenslicht auszublaſen und deſſen Habe ſich zuzueignen, felſen⸗ feſten Glaubens, daß die nächſte Wallfahrt nach der Stadt St. Peters Alles wieder in's Gleiche bringe und ſie von jeder Schuld rein waſche. Die Pfifferari ſchienen Meiſter auf ihren Inſtrumenten, ſowie des Geſanges zu ſein, denn die Muſik wie der Geſang klangen wunderbar weich und doch wieder feurig, jetzt triumphirend aufſchwellend zu ſtolzen Tönen, dann wieder zu leiſen, klagenden Tönen herabſinkend, wie von geheimem, tiefen Schmerz einer von innerer Qual zerriſſenen Seele ſprechend, dann aber wieder fröhlich der beſeligendſten Hoffnung ent⸗ gegenjauchzend. —————— 277 Mercedes lauſchte ſinnend dieſen Tönen, und bei ihren Klängen gingen alle die Bilder ihrer Vergangenheit wieder an ihrem inneren Blicke vorüber. Sie ſah ſich als fröhliches Kind in dem Dorfe der Catalonen an dem Ufer des Meeres ſpielen; ſie ſah ſich dann wieder, wie ſie an Edmonds Seite am Strande luſtwandelte, auf einem her⸗ vorragenden Steinblock mit ihm ſaß, wo der leichte Wogenſchaum ihre Füße netzte und das Rauſchen und Murmeln der Wellen ſich in das traute Liebesgeflüſter des glücklichen Paares miſchte.— Endlich, als jetzt unten die Klänge jubelnd aufbrauſten, gedachte ſie jener Stunden, wo Dantes ſie Braut genannt, wo mit ungeſtüm wogen⸗ dem Buſen ſie der Stunde ſich entgegenſehnte, wo Beider Hände auf immer vereinigt werden ſollten. Wie ſo ganz anders war es jetzt! Die Muſik nahm jetzt einen klagenden, ſchmerzlichen Ausdruck an und ſie weckte in Mercedes Herzen ſchmerzliche Erinnerungen.— Welche trübe Bilder tauchten in ihr auf! Bilder der Angſt und der tödtlichen Sorge.— Wie hatte ſie damals gleichſam zwiſchen Leben und Tod gerungen, als Edmond ohne Hoffnung auf Wiederſehen eingekerkert war, als ihr die Kunde wurde, der Unglückliche ſei im Kerker geſtorben und ſein Leichnam ruhe tief auf dem Meeresboden bei dem Schloſſe If.— Dann ſah ſie ſich an der Seite ihres Vetters Ferdinand Mondego als deſſen Gattin, aber ohne den Gedanken an irgend ein Erdenglück, obgleich das, was ſo viele Menſchen als Glück bezeichnen, Reichthum, hohe Ehren, Ueberfluß an Allem, was das Leben verſchönern kann, wenn das Herz zum Lebensgenuß noch fähig iſt, ſie reichlich umgab. Aber Mercedes Herz war krank, und ſo fand ſie keinen Genuß, nicht einmal zufrieden hatte ſie ſein können. Und wieder tauchten neue Bilder in ihr auf, ſie ſah den durch eigene Hand gefallenen Gemahl blutig vor ſich liegen, ſie ſah den todtgeglaubten Edmond als Rachegeſpenſt vor ſich aufſteigen und Schauder ergriff ſie. Da klang unten die Muſik der Pfifferari ſo mild, ſo verſöhnend, unnd Mercedes fühlte ihr Auge feucht werden. „Edmond!“ ſeußzte ſie. In ihren Träumen hatte Mercedes nicht bemerkt, daß ſich die Thüre ihres Zimmers leiſe öffnete und ein junger Mann mit einer verſchleierten Dame am Arme geräuſchlos eintrat.— Es war 278 Albert mit Mirja; der Sohn war erſchienen und die Mutter kahnit noch nichts. Fort und fort tönte die Muſik. „Edmond, Edmond!“ ſeufzte da Mercedes zum zweiten Male und noch lauter. Da hielt ſich Albert nicht länger, er machte ſich ſanft von Mirja los und eilte auf Mercedes los. „Mutter, Mutter!“ rief er faſt gekränkt,„warum rufſt Du nicht mich?“ Mit einem Schrei der Ueberraſchung wendete Mercedes ſich um, und mit dem Rufe:„Albert, mein Sohn!“ lag ſie halb ohnmächtig in den Armen des Wiedergekehrten. Tauſend zärtliche Namen ihr zurufend, ſuchte Albert mit Hilfe Mirja's die von der plötzlichen Freude Betäubte in das Leben zurück⸗ zurufen, und es gelang ihnen bald. Mercedes ſchlug die Augen auf und in überſtrömender Wonne begrüßten ſich jetzt Mutter und Sohn; ſie hatten ſo viele Fragen an ſich zu ſtellen, daß ſie an ihre nächſte Umgebung gar nicht dachten. Mirja war zurückgetreten, um die Wonne der Wiedervereinigten nicht zu ſtören. Endlich erhob Mercedes die Augen und bemerkte die verſchleierte Geſtalt. „Iſt dieſes?“—— freagte ſie. „Mirja, von der ich Dir ſchrieb,“ ergänzte Albert. Er ergriff bei dieſen Worten Mirja's Hand, zog ſie näher und ſagte: „Mirja, die Freundin meines Herzens, bittet um Deinen Segen, ſie will Dir eine gute Tochter ſein.“ Beide knieten vor Mercedes nieder und dieſe legte die Hände auf ihre Häupter. „Der Himmel ſegne Euch!“ flüſterte Mercedes, und dann den Sohn an die Bruſt drückend, ſetzte ſie hinzu:„Sei mir dreifach will⸗ kommen, da Du mir eine edle Tochter mitbringſt.“ Fröhlichen Herzens ergingen ſich die drei glücklichen Menſchen in der Wonne des Wiederſehens, und Mutter und Sohn konnten nicht ſatt werden, ſich gegenſeitig über die erlebten Schickſale zu fra⸗ gen und Antworten zu geben, wobei Mirja die ſchweigende Zuhörerin ſpielte. — 279 „Mutter,“ begann endlich Albert,„als ich eintrat, ſprachſt Du mehrmals den Namen eines Mannes aus, der auf ſo ernſte Art in unſer Leben eingriff. Du nannteſt den Namen Edmond.“ „That ich das?“ fragte Mercedes leiſe erröthend. Dieſe Worte ſchienen ihr wirklich unbewußt entſchlüpft zu ſein. „Ich hörte es mit eigenen Ohren,“ entgegnete Albert.„Der Träger jenes Namens harrt des Augenblicks, wo er Dich ſehen kann, doch wird er nur dann erſcheinen, wenn er weiß, daß Du ohne Haß ſeiner gedenkſt.“ „Wenn ich mit Haß ſeiner gedächte, ſo würde ich mich nicht an ihn um Hilfe gewendet haben,“ ſagte ſie dann.„Das Mutterherz zwang mich, flehend an ihn mich zu wenden, jetzt hat er die Ban⸗ den der Dankbarkeit um dieſes Herz geſchlungen, und kommt er nicht zu mir, ſo muß ich zu ihm gehen, damit ich einer heiligen Pflicht mich entledige.“ Kaum hatte Mercedes dieſe Worte geſprochen, als die Thüre ſich raſch öffnete und Monte Chriſto auf der Schwelle erſchien, mit ſeinem ernſten, ruhigen Blick die Gruppe muſternd. Eine ſchmerzliche Erinnerung tauchte bei dieſem Anblicke in ihm auf. „Wie ſüß muß es ſein, einen verloren geglaubten Sohn wieder zu umarmen,“ murmelte er.„Warum konnte meinem Vater nicht das gleiche Glück werden, daß ſein Edmond mit Mercedes in ſeine Arme ſinken konnte, wie jetzt Mercedes Sohn und Tochter umſchlingt? — O, der Unglückliche!— Er ſtarb in Verzweiflung den Hungertod!“ Eine dunkle Wolke umzog bei dieſen Gedanken Monte Chriſto's Stirn. Mercedes aber, die beim Anblicke des Grafen einige Secunden wie erſtarrt dageſeſſen, ſprang jetzt auf und eilte auf den Grafen zu, deſſen Hand ergreifend. „Edmond!“ rief ſie mit einer Stimme, aus welcher der Nachhall früherer Zeiten wiederklang. „Mercedes!“ entgegnete er leiſe und ſein Auge ruhte ernſt in dem ihren. Jetzt trat Albert hinzu. „Herr Graf,“ ſagte er,„was Sie hier ſehen, iſt Ihr Werk.— Ihnen allein danken wir es, daß wir uns wiederſehen, ohne Sie hätte die Mutter jetzt keinen Sohn mehr.“ 280 zum zweiten Male entriſſen würde. „Still, ſtill,“ entgegnete Monte Chriſto,„ich bitte Dich, Merce⸗ des, und Dich, Albert, dankt mir nicht, denn Euer Dank ſchlägt mir einen Stachel in meine Bruſt, da er mir es fühlbar macht daß ich noch ſo Manches an Euch gut zu machen habe, und auch dann noch nicht Euren Dank verdiene.— Was iſt Euch durch mich entriſſen!“ „Edmond,“ ſagte Mercedes,„mahne mich nicht an jene düſtere Zeit; dieſe Erinnerung iſt ein bitterer Tropfen in den Kelch der Freude.“ „In mir ſelbſt werde ich nur zu oft daran gemahnt,“ antwortete der Graf, auf ſeine Bruſt deutend.„Wohl war ich ſchwer gereizt, wohl hatte die Menſchheit ſich ſchwerer Verbrechen gegen mich ſchul⸗ dig gemacht, aber nicht ich war berufen, über dieſe Verbrechen zu Gericht zu ſitzen, nicht ich hätte im Uebermuth mir anmaßen ſollen, den Stellvertreter der ewigen Gerechtigkeit auf Erden zu ſpielen. Gott allein iſt die Rache, und gewiß, er hatte ſchon ſeine Strafe in jenem Augenblicke begonnen, als das Verbrechen gegen mich begann, denn kein Menſch iſt ſo abgeſtumpft, daß nicht zu Zeiten das Gewiſſen in ihm erwachen ſollte, und das Gewiſſen iſt ein ſtrenger Richter. Hätte ich die Genugthuung für das mir angethane Leid allein Gott anheim geſtellt, ſo wäre auch ich jetzt glücklicher.— Aber ich habe es ſo ge⸗ wollt und muß nun den Scorpion in mir tragen.— Mercedes, kannſt Du mir verzeihen?“ Des Grafen Hand ergreifend, flüſterte Mercedes innig: „Wie könnte ich Dir zürnen, den ich ſo ſehr geliebt und der ſo viel gelitten! Wo Du Unrecht gethan, da vergabe Dir Gott.“ Leuchtenden Blickes ſchaute der Graf empor. „Verſöhnung!“ rief er.„Du weißt es nicht, Mercedes, wie wohl mir bei Deinen Worten wurde.“ Nach einiger Zeit erſchienen Eugenie und Louiſe, von ihrem Spaziergange zurückkehrend, und ſie ſtutzten nicht wenig, als ſie den Grafen Monte Chriſto, den Sohn Mercedes und die unbekannte, fremde Dame bemerkten. Mit freundlichem Lächeln begrüßte ſie Monte Chriſto, allein beide Mädchen konnten nicht mit gleicher Freundlichkeit dieſe Begrüßung „Ja, Edmond, Dir danke ich es!“ rief Mercedes leidenſchaftlich und umarmte den Sohn, als wolle ſie verhindern, daß er ihr nicht 4 5 5 ⁵ Re “ — 3 281 erwidern, es ſtand Etwas zwiſchen ihnen und dem Grafen, er ſchien mehr als je einen unheimlichen Eindruck auf ſie zu machen. Monte Chriſto bot ihnen an, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen, aber Beide lehnten es ab. „Wir ſtanden bisher unter dem Schutze unſerer Freundin Mer⸗ cedes,“ ſagte Eugenie;„nun aber, da der ſchmerzlich vermißte Albert zurückgekehrt iſt, werden wir unſern ſchon vorher gefaßten Plan aus⸗ führen und nach Neapel gehen, um dort ganz der Kunſt zu leben. Wir hoffen, dort in ſolche Verhältniſſe zu kommen, welche uns jedes fremden Schutzes überheben.“ Damit eilten die Mädchen aus dem Zimmer.— Der Graf ſah ihnen mit traurigem Lächeln nach. „Auch ſie zürnen mir,“ ſagte er,„und keine leichte Arbeit dürfte es ſein, ihre Abneigung zu beſiegen.“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Eine verunglückte Verſöhnung. Ob gut, ob böſe, ſeinen Planen Muß Alles dienen, was es ſei. Goethe. „Hollah, Herr Baron!“ rief Benedetto Danglars zu,„unſer Mann iſt nun glücklich in Rom. Er iſt in unſerm Netze und es gilt jetzt, es enger und enger um ihn zu ziehen, ſo daß er ſich nicht mehr regen kann, ſondern ſich willenlos unſerer Gnade überlaſſen muß, und un⸗ ſere Gnade— ich garantire davor— ſoll der Art ſein, daß Satans Bosheit noch für engelgleiche Milde gelten ſoll.— Mit dem Maaß, wie Du gemeſſen haſt, wird man Dir wieder meſſen und das Kapital mit hundert Procent Zinſen zurückzahlen. Biſt Du dabei, Baron, mit Deinem guten Freunde Monte Chriſto nun ernſtlich anzubinden?“ Der Gefragte ſchien aber wenig Luſt zu haben, da er, nach Be⸗ nedetto's Aeußerung, nun ernſtlich vorgehen ſollte, ſich in die Sache zu miſchen; ſeine Erwiderungen verriethen vielmehr die Abſicht, ſich von der Gefahr ſo viel als möglich fern zu halten, Benedetto han⸗ deln zu laſſen und dann an den möglichen Vortheilen mit Theil zu nehmen. Benedetto lächelte ſpöttiſch. „Höre, Baron,“ ſagte er,„Du wirſt Dich ſchon bequemen müſſen, zu thun, was nöthig iſt, willſt Du Antheil an dem Gewinn haben. Denke an den neu auftretenden Banquier Baron Danglars in Paris, deſſen neuer Glanz alle Feinde und Neider verſtummen machen ſoll.“ „Das wohl,“ meinte Danglars mit Achſelzucken,„aber man hat in dieſem Monte Chriſto einen wahren Teufel gegen ſich, der die Wände durchſchaut.“ — — Widerſpruch, er war ganz in der Gewalt des ſchlauen Menſchen. So dem Wagen?“ 283 „Pah!“ lachte Benedetto.„Seine Augen ſind nicht ſchärfer als die meinen; ich nehme dieſen Kampf ruhig auf.— Komm, wir wollen in die Stadt hinein, um dort zu recognosciren, vielleicht findet ſich da gleich eine Rolle, in welcher Du Dich für den Anfang ſehr nütz⸗ lich machen kannſt.“ Wenn Benedetto befehlend ſprach, dann wagte Danglars keinen machte er ſich auch jetzt mit geheimem Zittern bereit, der Aufforder⸗ ung Folge zu leiſten und Benedetto auf ſeinem Gange zu begleiten, eine Ehre, welche ihm jetzt ſelten widerfuhr und die er heute gern gemißt hätte. Langſam ſchritten die beiden Männer den einſamen Weg nach der ewigen Stadt hin; Benedetto bemerkte in einiger Entfernung einen langſam dahin fahrenden, leeren Wagen. „Herr Baron,“ ſagte er,„es iſt doch nicht ſchicklich, daß ein Banquier aus Paris zu Fuß gehen ſoll. Fahren wir.“ Danglars zuckte zuſammen; er fühlte wohl den Spott, den Be⸗ nedetto für gewöhnlich in ſeine Worte zu miſchen wußte.— Benedetto rief den Velturino an und ſtieg mit Danglars ein.— Fort ging die Fahrt. Nicht lange waren ſie gefahren, als ihnen ein anderer Wagen, der von einem Seitenwege herbeikam, begegnete. Eine einzelne Dame ſaß in demſelben. Benedetto warf einen raſchen Blick auf die Dame und er erkannte ſie. Auch Jene mochte ihn erkennen, denn mit einer raſchen Be⸗ wegung lehnte ſie ſich in den Wagen zurück und zog den Schleier feſter über ihr Geſicht, zugleich rief ſie ihrem Kutſcher einige Worte zu, worauf dieſer ſeinen müden Gaul in ſchnellere Bewegung ſetzte. Benedetto war aufgeſprungen und ſtarrte dem dahin rollenden Fuhrwerke nach, dann ſtieß er den Baron an ſeiner Seite heftig in die Rippen. „He, Danglars,“ rief er ihm zu,„kannteſt Du die Dame in „Was kümmert mich dieſe,“ murrte Danglars. „Welch' ein zärtlicher Gatte!“ hohnlachte Benedetto;„das war die Baronin Danglars.“ Danglars fuhr zuſammen, als habe ihn eine Natter geſtochen. 284 „Wir müſſen ihr nach!“ fuhr Benedetto fort. „Um Gottes willen nicht!“ rief Danglars, ängſtlich Benedetto's Arm ergreifend. „Zärtlicher Gatte!“ ſpottete Benedetto.„Wir müſſen nach, und es ſoll mich freuen, zwei getrennte Seelen wieder zu vereinigen, ſo daß es heißen kann: Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag.“ Ohne ſich um das ängſtliche Einreden des Barons zu kümmern, wendete ſich Benedetto zu dem Velturino und bot ihm ein Goldſtück, wenn er in kürzeſter Friſt den vorausgefahrenen Wagen einhole. Das half; wie ein Toller peitſchte der Velturino auf ſeinen Gaul los, der nun wie ein Pfeil dahin ſchoß.— Nicht lange dauerte es, ſo war der Wagen der Baronin faſt eingeholt. Der Führer deſſelben ſuchte nun, wahrſcheinlich aufgemuntert durch die Verſprechungen der Dame, wieder einen größeren Vorſprung zu gewinnen, und ſo entſtand eine förmliche Wettfahrt, daß es ſchien, als müſſe durchaus einer der Wagen in Trümmer gehen, ehe die Wettfahrt ihr Ende erreicht habe. Doch hatte Benedetto's Velturino den Vortheil eines kräftigeren und feurigeren Pferdes. Benedetto ſah, daß in einigen Minuten ſein Wagen dem der Baronin voraus ſein könnte, und er wandte ſich zu dem Velturino, ihm das verſprochene Goldſtück reichend. „Burſche,“ ſagte er,„noch ein Goldſtück gebe ich Dir, fährſt Du ſo an jenes Pferd an, daß es niederſtürzt, oder doch am Wagen Etwas zerbricht. Leidet Dein Pferd Schaden, ſo erſetze ich Dir ihn.“ Der Velturino hatte in dem Goldſtück den Beweis, daß ſein Paſſagier es ernſtlich meinte, und er zeigte nun den beſten Willen, ihm zu dienen.— Noch einige Secunden, dann prallte ſein kräftiges Thier an den Gaul ſeines Kameraden mit ſolcher Gewalt an, daß dieſer zuſammenſtürzte und das Riemenwerk zerriſſen wurde. Beide Velturino's begannen augenblicklich fürchterlich auf einan⸗ der zu ſchimpfen und zu fluchen, da Einer dem Anderen ſeine Unge⸗ ſchicklichkeit vorwarf. Die Dame im Wagen ſchrie im höchſten Schreck auf, ſchien aber über den Unfall mit den Wagen weniger erſchrocken, als über Benedetto, der ſich raſch von ſeinem Sitze herabgeſchwungen hatte, nun zu ihr trat und höflich fragte, ob ſie vielleicht Schaden genommen habe. —- — 285 „Nein, nein,“ entgegnete die Dame,„halten Sie ſich wegen mir nicht weiter auf.“ Sie wendete dabei zugleich das Geſicht ab, aber der dünne Schleier ließ noch deutlich jeden ihrer Geſichtszüge erkennen. „Frau Baronin,“ entgegnete Benedetto,„Sie ſehen, daß Sie den Wagen auf einige Minuten werden verlaſſen müſſen, bis er wieder in Ordnung gebracht iſt. Darf ich Ihnen meinen Arm bieten?“ „Laſſen Sie mich!“ rief die Dame, ungeduldig abwehrend.„Ich bin keine Baronin.“ „Madame,“ ſagte Benedetto ernſt,„ich kenne Sie und Sie mich, und es dürfte Ihnen wohl ſehr unangenehm ſein, wollte ich hier auf offener Straße gewiſſe Dinge erörtern. Folgen Sie deshalb meinem guten Rathe, ſteigen Sie aus und laſſen Sie uns an jenen Platz unter die Bäume treten, wo wir ſo ungenirt ſprechen können, wie in Ihrem Boudoir in Paris, denn dieſe Eſel von Velturino's ver⸗ ſtehen kein Franzöſiſch.“ Frau Danglars, welche Benedetto ſehr gut erkannt hatte und auch aus dem Tone ſeiner Stimme entnehmen konnte, daß er nicht anſtehen würde, Scandal zu erheben, wenn ſie noch länger ſich wei⸗ gere, verließ raſch den Wagen und erklärte ſich bereit, dem Dränger zu folgen, obgleich ſie nicht im Geringſten neugierig ſei auf das, was er vorzubringen haben könnte. Benedetto reichte der Baronin den Arm, ſie lehnte ihn aber mit kalter Bewegung ab. Sich auf die Lippen beißend, forderte der junge Mann jetzt auch Danglars auf, aus dem Wagen zu ſteigen und an der Unterredung Theil zu nehmen. Danglars, welcher den Hut tief in das Geſicht gedrückt und ſeiner Gattin den Rücken gewendet hatte, weigerte ſich aus allen Kräften dagegen, doch einige ernſte Worte Benedetto’'s bewogen ihn, endlich, der befehlend gegebenen Einladung zu gehorchen; er ſtieg aus und folgte mit hängendem Kopfe dem voranſchreitenden Paare nach dem von Benedetto bezeichneten Platze. „Nun, was wollen Sie, Benedetto?“ begann die Baronin end⸗ lich, plötzlich ſtehen bleibend. „Für's Erſte bitte ich zu bedenken, daß ich nicht mehr Benedetto heiße,“ ſagte der junge Mann kalt,„ſondern Alphonſe von Sanville, 286 obgleich ich völliges Recht auf noch andere Namen hätte, wie Niemand beſſer weiß, als Sie, Frau Baronin.“ Der Baronin biß ſich auf die Lippen. „Was wollen Sie nun eigentlich?“ wiederholte ſie ihre erſte Frage. „Für's Erſte will ich das Vergnügen haben, Ihnen in dieſem Herrn Ihren ungetreuen Gatten, den Baron Danglars vorzuſtellen,“ ſagte Benedetto, den Baron mit Gewalt näher ziehend und ihm den Hut aus den Augen rückend. Die Baronin maß den ihr gegenübergeſtellten Gatten mit ver⸗ ächtlichen Blicken, Danglars aber vermochte ſeine Augen nicht auf⸗ zuſchlagen, er ſchien vollſtändig aus aller Faſſung gebracht, wo nicht zerknirſcht zu ſein. Weder der eine noch der andere Theil würdigte dem anderen ein Wort.— „Madame,“ ſagte Benedetto,„ich habe vor allen Dingen die lobenswerthe Abſicht, Sie mit Ihrem Gatten zu verſöhnen, der reuig vor Ihnen ſteht und gewiß bereit iſt, um den ehelichen Frieden herzuſtellen, Ihnen alle mögliche Genugthuung zu geben.— Iſt dem nicht ſo, Herr Baron?“ „Hole Dich der Satan!“ brummte Danglars. „Ein herrlicher Friedensbote!“ hohnlachte die Baronin. „Ich bin überzeugt, mein Streben verdient Dank,“ antwortete Benedetto, ohne ſich aus der Ruhe bringen zu laſſen,„denn wenn ich Ihnen zur Sühne ſpreche und Sie wieder vereinige, ſo bahne ich Ihnen nur den Weg zu neuem Glück, und Niemand kann mehr Intereſſe haben, Sie, Madame, wieder im Schooße des Glückes wie ehemals zu ſehen, als eben ich.“ „Wirklich!“ ſagte die Baronin mit beißendem Spott.„Aber ich begreife vollkommen“—— „Dieſes freut mich,“ fuhr Benedetto fort.„Sie ſehen hier den Baron Danglars, er iſt ſeit ſeiner Trennung von Paris thätig geweſen, denn das Genie läßt ſich nun einmal nicht unterdrücken. Sein Streben iſt von reichem Erfolge begleitet geweſen und Sie ſehen den Baron wieder auf dem Wege, einer der erſten Banquiers zu werden und den Glanz ſeines Namens in Paris wieder herzuſtellen. Es wird 1 ſ eA b” — 287 ihm gelingen, und Ihnen, Madame, kann ich nur anrathen, dem Herrn Baron die Hand zur Verſöhnung zu reichen.“ „Und was ſoll dann werden?“ fragte die Baronin ſcharf. „Ganz einfach,“ erklärte Benedetto,„Sie beziehen mit Ihrem Gatten vereint ein Hotel hier oder in Neapel und das Banquier⸗ geſchäft nimmt unter ihrem Schirm einen neuen Aufſchwung.— Nun, Herr Baron, meinen Sie nicht auch?“ Danglars hatte bisher noch kein Wort geſprochen, bei dieſer Sprache aber hob ſich ſein ſchweres Haupt und ſeine Züge nahmen wieder den alten Ausdruck eines berechnenden Speculanten an. „Hm, ja,“ meinte er.„Wenn die Frau Baronin ihre Millionen einſchießt, ſo ließe ſich ſchon ein erkleckliches Geſchäft machen.“ Die Baronin lachte grell auf. „Alſo darauf iſt es gemünzt!“ rief ſie.„Mein Vermögen ſoll bis auf den letzten Reſt verſchlungen werden? Nein, Herr Baron, wir find getrennt für immer, an eine Wiedervereinigung mit Ihnen iſt kein Gedanke bei mir. Verſtehen Sie mich.— Sie ſind gebrandmarkt als leichtſinniger Bankrotteur und Betrüger, und ſeit dem Augenblicke habe ich keine Gemeinſchaft mehr mit Ihnen, ſie würde nur meine Schmach vermehren.— Es laſtet ſo genug des Schmerzes auf mir, denn Eugenie iſt Ihres Vaters würdig geworden, ich mußte ſie, die glänzend Erzogene, durch deren Hand die angeſehenſten Männer Frankreichs ſich beglückt gehalten hätten, als— Schauſpielerin wieder⸗ ſehen.— Herrliche Tochter.— Seit jener Stunde, wo ich dieſes ſah, iſt Eugeniens Bild in mir eben ſo vertilgt worden, wie es ſchon längſt mit dem ihres Vaters der Fall war.— Wollen Sie Geſchäfte machen, Danglars, ſo treten Sie mit Ihrer Tochter in Compagnie, vielleicht, daß es da am meiſten Gewinn bringt.“ Ein ſtolzes, ſpöttiſches Gelächter ausſtoßend, verbeugte ſich die Baronin kalt und wendete ſich zum Gehen. „Halt, Madamel!“ rief Benedetto gebietend.„Wir haben noch mehr zu ſprechen.“ „Was wollen Sie noch?“ fragte die Baronin, verächtlich ſich umwendend. „Ihnen nur ſagen, daß Sie mir nicht zum zweiten Male ent⸗ 288 kommen, wie in Paris,“ entgegnete Benedetto.„Ich werde nicht dulden, daß Sie ſich abermals Ihren Verpflichtungen entziehen.“ „Verpflichtungen, mein Herr?“ fragte Jene voll Stolz. „Allerdings, und ich werde Sie nöthigenfalls zu deren Erfüllungen zwingen,“ antwortete Benedetto trotzig. „Ha, mir das?“ fuhr die Frau auf.„Wiſſen Sie wohl, Elender, daß ich Ihnen keine Gewalt mehr über mich einräume?— Noch ein Wort von Ihnen, nur noch eine Bewegung, mich aufhalten zu wollen, und ich rufe um Hilfe, und es ſind Leute genug in der Nähe, die mich von Ihnen befreien, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie ein ent⸗ ſprungener Galeerenſträfling, ein Räuber, ein Mörder ſind. Was dann Ihr Schickſal ſein wird, können Sie ſelbſt wiſſen!“ „Wie,“ fuhr Benedetto mit zornglühendem Geſicht auf,„und wenn ich ſpreche?“ 3 „So wird Ihnen Niemand glauben,“ antwortete die Baronin raſch,„aber mir wird man Glauben ſchenken, als ich für die Wahr⸗ heit meiner Worte ſofort Zeugen ſtellen kann, ſogleich hier in ihrem Genoſſen Danglars.— Nun wagen Sie es; ich bin bereit, und haben Sie es ſo weit gebracht, ſo ſcheue ich auch den Scandal nicht!“ Mit drohenden, blitzenden Augen ſtand die Baronin ihrem Sohne gegenüber. Benedetto war todtenbleich geworden, aber über ſein Geſicht zuckte es wie Wetterleuchten. Raſch wendete ſich nun die Frau und eilte ihrem noch wartenden Wagen zu; Benedetto machte wirklich keinen Verſuch, ſie zurückzu⸗ halten, er folgte ihr nur mit glühenden Augen. Danglars ſtand da, wie bankerott an Leib und Seele. Die Baronin ſtieg in den Wagen und der durch den Sturz beſchädigte Gaul ſetzte ſich in langſamen Trab. Jetzt ergriff auch Benedetto ſeinen Gefährten, riß ihn in raſchem Lauf zu ſeinem Wagen, ſprang hinein und gab dem Velturino Befehl, dem voranfahrenden Wagen in einiger Entfernung zu folgen. Dieſes geſchah und Bene⸗ detto verlor das erſte Gefährt nicht aus den Augen. Als ſie in die belebteren Straßen kamen, verließ Benedetto den Wagen, befahl Danglars, in demſelben zu bleiben und ihn an einer beſtimmten Stelle zu erwarten; dann bog der Velturino um eine Ecke, Benedetto aber miſchte ſich unter die Menſchenmenge auf der — 289 Straße und folgte ſo eilfertig der Baronin durch mehrere Straßen, bis er endlich den Vetturino vor einem anſehnlichen Hauſe halten, die Baronin vor demſelben ausſteigen und eilfertig in dem geöffneten Thore verſchwinden ſah. „Du entgehſt mir nicht,“ flüſterte er. Benedetto trat in ein, jenem Gebäude gegenüber liegendes Kaffeehaus, und nachdem er ſich dort über Verſchiedenes erkundigt, verließ er es mit zufriedener Miene.— Er wußte, was er wiſſen wollte. — Die Hand des Todten. 19 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Wie der Dolch ſpricht. Raſch tritt der Tod den Menſchen an, Es iſt ihm keine Friſt gegeben, Er trifft ihn mitten in der Bahn Und reißt ihn fort vom vollen Leben. Bereitet oder nicht zu gehen, Er muß vor ſeinem Richter ſtehen. Schiller. In höchſter Aufregung hatte die Baronin Danglars ihre Wohn⸗ ung erreicht; das Begegnen mit Benedetto, dem ſie von Paris hatte entfliehen wollen, und dann mit ihrem Gatten, hatte ſie auf das Höchſte erſchreckt und ihr Plan, in Rom einige Jahre in ungeſtörter Ruhe zu verleben, war dadurch vereitelt, denn das wußte ſie, wo Benedetto war, war für ſie keine Ruhe zu hoffen; hatte er doch heute, im erſten Augenblicke des erneuten Zuſammentreffens, die alten An⸗ ſprüche wieder durchſchimmern laſſen und ſogar von Verpflichtungen geſprochen, welche ſie gegen ihn habe. Sie ahnte, welche Verpflicht⸗ ungen er meinen könnte, mochte aber von denſelben nichts wiſſen. Wie ſollte ſie ſich nun von dem Menſchen befreien?— Indem ſie ſeine Verhaftung bewirkte?— Sie konnte es thun, aber dann war für ſie auch keine Ausſicht mehr, in Rom bleiben zu können, denn ſo viel wußte ſie, Benedetto würde nicht ſchweigen, er würde ihre gegenſeitigen Verhältniſſe vielmehr in recht grellen Farben ſchildern und ſie ſo dem öffentlichen Scandale preisgeben. Sollte ſie ihn, wie ſie ſchon gedroht, der Rache Monte Chriſto's zum Opfer bringen?— Der Graf war ein gewaltiger Mann, der ſeine Schläge gut anzu⸗ bringen und vernichtend einzurichten wußte. Wenn ſie ihm von den Plänen Benedetto's unter der Hand Mittheilungen zukommen ließ, veranlaßt werden, dieſen Feind raſch und für die Dauer unſchädlich 291 ſo würde der Graf ſchon aus Rückſicht auf die eigene Sicherheit zu machen.— Wo war der Graf?— Sie wußte nichts von ihm, er ſchien ganz verſchollen. Raſches Verſchwinden aus Rom, aus Italien überhaupt, ſchien der Baronin das einzige Mittel, dem Verfolger zu entgehen. Nach einigem Nachſinnen verfiel ſie auf die Idee, ſich nach Spanien zu wenden; von Granada hatte ſie viel Herrliches gehört, der Name der Stadt, wie der Alhambra, hatten einen zauberiſchen Klang in ihren Ohren.— Alſo dorthin! Aber wie, wenn Benedetto durch ſeinen ſataniſchen Spürſinn auf die rechte Fährte geleitet wurde und ſie auch dorthin verfolgte, wie er ihre Spur— ſie glaubte nicht anders— auch nach Rom gefunden und verfolgt hatte?— Nein, da mußte ſie ſich ſicher ſtellen, und raſch war ihr Entſchluß gefaßt. Die Baronin rief ihre Kammerfrau und befahl der Erſtaunten, für den nächſten Morgen einen Wagen zu beſtellen, der ſie nach Civita⸗Vecchia bringen ſollte, da ſie in aller Frühe abreiſen wolle. Bis dahin wären auch die nöthigen Reiſeeffecten zu packen. Auch dem herbeigerufenen Beſitzer des Hauſes kündigte die Baronin ihre, durch eingetretene Verhältniſſe gebotene ſchnelle Abreiſe an und beauftragte ihn, das, was ſie an Effecten zurücklaſſe, zu verkaufen und die Summe bei einem ihm namhaft gemachten Banquier niederzulegen. Ein Agent, den ſie näher bezeichnete, ſollte dieſes Geſchäft gemeinſchaftlich mit dem Wirthe beſorgen. Als dieſe Geſchäfte beendet waren, ſetzte ſich die Baronin an den Schreibtiſch und ſchrieb ein Billet an die franzöſiſche Geſandt⸗ ſchaft des Inhalts, daß in Rom ſich ein aus dem Bagno ent⸗ ſprungener, franzöſiſcher Galeerenſträfling, Namens Benedetto, auf⸗ halte, ſich hier Alphonſe don Sanville nenne und ſich mannigfache Beläſtigungen und Bedrohungen gegen angeſehene Perſonen erlaube. — Die nämliche Denunciation ſchrieb ſie auch an den Chef der päpſtlichen Polizei, und fügte hier ein vollſtändiges Signalement bei, um jedes Verfehlen unmöglich zu machen. Beide Billets ſiegelte ſie, adreſſirte ſie und legte dieſelben auf ihren Schreibtiſch; am nächſten Morgen, ſogleich nach ihrer Abreiſe, ſollten ſie an die Adreſſen abgegeben werden. 5 19* 292 „Er hat es nicht anders gewollt!“ flüſterte ſie und warf ſich auf die Ottomane. So verging eine Stunde. Die Kammerfrau war in einem ent⸗ fernten Gemache mit Packen beſchäftigt, der Diener war in einem Auftrage hinweggeſchickt und die Baronin befand ſich ganz allein. Plötzlich klang die Glocke an der Thüre, die Baronin fuhr empor; ſie hörte die Kammerfrau herbeieilen und öffnen, vernahm einen kurzen Worrtwechſel in dem Vorzimmer und erkannte eine Stimme, welche ſie eben ſo ſehr mit Furcht als mit Zorn erfüllte.— Entrüſtet ſprang ſie auf und eilte an die Thüre, um durch zürnende Worte den Eindringling fortzuweiſen und ſo ſich Ruhe zu verſchaffen.— Aber ſchon ward die Thüre aufgeriſſen und Benedetto erſchien in dem Zimmer. Mit ihm zugleich trat die Kammerfrau ein, welche vergebens verſucht hatte, das Eindringen des Beſuches zu verhindern. „Mein Herr,“ rief die Baronin drohend,„was wagen Sie?“ „Unauſſchiebbare Geſchäfte,“ erwiderte Benedetto ruhig. „Entfernen Sie ſich,“ befahl die Dame. „Es thut mir leid,“ war die kalte und beſtimmte Antwort,„es thut mir herzlich leid, Ihren Wunſch nicht erfüllen zu können, denn zu wichtig iſt die Angelegenheit, welche mich zu Ihnen führt, Madaine und da bei unſerem Geſpräche keine Zeugen nöthig ſind, bitte ich, Ihre Kammerfrau zu entfernen.“ Dazu hatte Madame Danglars wenig Luſt; als aber weder durch Befehle, noch durch Drohungen ſich Benedetto zur Entfernung bereden ließ, die Baronin aber fürchtete, daß Benedetto Dinge vor⸗ bringen könne, welche für keine anderen Ohren geſchaffen waren, als eben für die ihrigen, ſo befahl ſie der Kammerfrau, in dem Vor⸗ zimmer zu warten, bis ſie ſie rufen würde. Die Kammerfrau warf einen beſorgten Blick auf ihre Herrin, widerſprach aber nicht, ſie ging und die Baronin ſetzte ſich wieder auf die Ottomane. ‚„Ich bin bereit, Benedetto,“ ſagte ſie kurz.„Machen Sie ſchnell, denn Sie werden wiſſen, daß ich ſolche Geſchäfte, wie Sie haben könnten, möglichſt abzukürzen wünſche.“ „Es wird von Ihnen abhängen, Mutter,“ erwiderte Benedetto, „ob die Geſchäfte ſchnell beendet ſind oder nicht.— Von mir können gi pt 4 293 Sie überzeugt ſein, Mutter, daß ich von dem beſten Willen beſeelt bin, das Geſchäft ſo ſchnell als möglich abzumachen.“ Die Baronin zuckte zuſammen, es drang ihr glühend zum Herzen, von ſolch' einem Menſchen, den ſie verachtete und haßte, ſich Mutter nennen zu laſſen und es nicht ableugnen zu können, daß ſie in ſolch' einem Verhältniſſe zu ihm ſtehe.— Benedetto mochte dieſes wohl erkennen, denn er lächelte höhniſch dazu; er war ſich ſeiner Gewalt über ſeine Mutter bewußt. „Nun, was wollen Sie?“ fragte die Baronin raſch, voll Be⸗ gierde, ſich ſo ſchnell als möglich von dem Menſchen loszumachen. „Geld!“ war die ruhige Antwort. „Ach ſo,“ dehnte die Baronin,„Sie wollen alſo Ihre Er⸗ preſſungen fortſetzen.“ „Nicht im Geringſten,“ entgegnete Benedetto kalt.„Ich komme heute nur, um mein Eigenthum von Ihnen einzufordern.“ „Ihr Eigenthum, Benedetto?“ „Mein Eigenthum, Mutter.— Ich muß Ihrem Gedächtniſſe zu Hilfe kommen. Sie werden ſich gefälligſt erinnern, daß Sie mir in Paris eine Anweiſung auf das Haus Rothſchild, lautend auf fünf⸗ malhunderttauſend Francs, ausſtellten; aber Sie hatten es zugleich liſtig einzurichten gewußt, daß ich von dieſer Summe nicht einen Franc erhielt. Iſt dem nicht ſo?“ Die Baronin verfärbte ſich merklich. „Ich habe alſo jene Summe noch von Ihnen zu erhalten,“ fuhr Benedetto fort,„und ſie von Ihnen einzufordern, ſtehe ich heute vor Ihnen, alſo bitte ich um Auszahlung meines Eigenthums, und je ſchneller das geſchieht, je ſchneller iſt auch der erſte Theil meines Geſchäfts erledigt.“ „Fünfmalhunderttauſend Francs!“ rief die Baronin.„Sind Sie wahnſinnig, Benedetto?“ „Ganz und gar nicht, Madame, Sie werden mir hoffentlich mein Recht auf jene Summe, die Sie mir ſchenkten, nicht beſtreiten, ſondern es vielmehr auf das Schnellſte dadurch anerkennen, daß Sie mir das Geld ſchleunigſt auszahlen.— Sie haben das Geld liegen, und zwar in dieſem Schreibtiſch.“ „Unverſchämter!“ 294 „Ich will nur mein Recht, Madame, und das iſt keine Unver⸗ ſchämtheit.— Doch gehen wir nun zum zweiten Theile meines Ge⸗ ſchäfts über.— Durch das Innenbehalten jener Summe haben Sie mir volles Recht auf Zinsvergütung zugeſtanden und ich will dieſe nur nach dem mäßigſten Satze berechnen, was ein geübter Specu⸗ lant mit dieſer Summe während der Zeit hätte gewinnen können. Rechne ich nun noch die Unkoſten dazu, welche ich dadurch gehabt, indem Sie mich zwangen, zu Ihrer Aufſuchung koſtſpielige Reiſen zu unternehmen, ſo werden Sie die dadurch entſtandene Summe von nochmals fünfmalhunderttauſend Francs nicht für zu hoch finden. Alſo macht mein geſammter Anſpruch an Sie in Kapital, Intereſſen und Reiſevergütung nur eine Million.“ Benedetto ſprach dieſe Berechnung mit der liebenswürdigſten Gemüthlichkeit aus, gleichgiltig mit ſeinem Stöckchen ſpielend. Die Baronin ſaß vor Ueberraſchung und Zorn wie eine Bildſäule. „Eine Million“—— ſtieß ſie endlich hervor mit einem Tone, als ob der Zorn ſie zu erſticken drohe. „Eine Million, Madame,“ wiederholte Benedetto mit dem freundlichſten Lächeln von der Welt. „Nicht einen Sou erhalten Sie von mir.“ „Ich verlange auch keinen Sou, Madame, mein Anſpruch iſt eine Million Francs.“ „Ihre Unverſchämtheit überſteigt alle Begriffe.— Entfernen Sie ſich.“ „Sowie ich das Geld habe, Madame, dann augenblicklich.“ „Ich laſſe mich nicht länger von Ihnen brandſchatzen. Ent⸗ fernen Sie ſich!“ Benedetto's Augen begannen drohend zu rollen. „Sie weigern ſich alſo?“ fragte er. „Unbedingt,“ erklärte die Baronin entſchloſſen, während auch ihre Augen vor Wuth zu funkeln begannen.„Verlaſſen Sie augen⸗ blicklich meine Wohnung!“ „Sowie ich das Geld empfangen habe, ja.“ Sie erhalten von mir keins.“ „Gut, dann nehme ich es.“ Mit dieſer raſch und entſchloſſen ausgeſprochenen Erklärung ſprang Benedetto an den Schreibtiſch und ſtreckte die Hand nach demſelben ———— 295 aus.— Aber mit einem wilden Sprunge ſtand die Baronin neben ihm, den Tiſch mit ihrem Körper deckend. „Elender,“ ſchrie ſie,„fort, oder ich rufe Leute herbei und laſſe Dich als Räuber verhaften!“ Da blitzte Benedetto's Auge auf wie das des Tigers, welcher ſeine Beute wittert, und ſchon in nächſter Secunde glänzte in fner Hand ein Dolch. „Kein Wort, Mutter,“ ſtieß er hervor,„ſonſt ſpricht der Dolch!“ Einige Augenblicke ſtarrte die Baronin den Drohenden an, dann aber ſtieß ſie ihn heftig zurück und ſprang nach der Klingelſchnur, um Lärm zu machen. Benedetto aber war ſchneller. Er packte die Baronin und riß ſie zurück, und als ſie zu ſchreien verſuchte, preßte ſich ſeine Hand feſt um ihren Hals, ſo daß ſie blau im Geſicht wurde. „Kein Laut!“ ziſchte er.„Gieb mir das Geld!“ „Nein, niemals!— Hilfe!“ ſtieß ſie hervor, indem ſie zugleich alle Kraft aufwandte, ſich loszuringen. Da zuckte wie der Blitz Benedetto's Dolch herab, ein Blutſtrahl ſpritzte von dem Halſe der Baronin. Die Getroffene röchelte, ſie zuckte krampfhaft und machte eine letzte Anſtrengung, ſich zu befreien, um Hilfe zu rufen, brachte aber keinen Laut mehr hervor, denn wieder und wieder zuckte des Mörders blutige Klinge, und die Unglückliche ſank auf den Fußboden, deſſen Teppich von ihrem Blute roth gefärbt wurde. Der letzte Angſtruf der Gemordeten hatte der Kammerfrau Ohr erreicht; entſetzt ſtürzte ſie in das Zimmer und ſtieß einen gellenden Angſtruf aus. Aber ſchon warf ſich Benedetto mit furchtbarer Ge⸗ wandtheit auf ſie, umſpannte ihren Hals und erſtickte mit einem ihr in den Mund geſtopften Tuche jeden weiteren Hilferuf. Beʒnedetto's erprobte Uebung verließ ihn nicht, er band und knebelte das wehrloſe Weib und ſchleppte es in das Nebenzimmer. Als dieſes geſchehen, eilte er in das Vorzimmer, deſſen Thüre er verriegelte. Nach Beendigung dieſer Vorſichtsmaßregeln kehrte er auf den Schauplatz ſeiner blutigen That zurück und begann mit größter Kaltblütigkeit, wenige Schritte von ſeinem Opfer entfernt, den Schreibtiſch zu durchſuchen. 1 296 Die beiden Billets fielen ihm zuerſt in die Augen. Er erbrach und las ſie, und ein höhniſches Lächeln überzog ſein Geſicht. „Ah,“ ſagte er zu der blutend am Boden Liegenden gewendet, „da entdecke ich ja meine ſchlimmſte Feindin in Dir. Gut, Du ſchadeſt mir nicht mehr.“ Gierig wühlte er nun in den Fächern des Schreibtiſches herum und ſeinem Auge entgingen die geheimen Fächer nicht. Einige Bündel Bankbillets, Wechſel und Werthpapiere, einige Käſtchen koſt⸗ baren Schmuckes fielen in Benedetto's Hände und verſchwanden in ſeinen Taſchen. Zufrieden mit ſeiner Beute verließ Benedetto das Zimmer und leiſes Knarren der Thüre des Vorſaals zeigte an, daß er auch die Wohnung verlaſſen. Eine Stunde verging, Todtenſtille herrſchte in der weiten Wohnung, nur unterbrochen von dem ſchwachen Röcheln der in ihrem Blute liegenden Baronin. Da kehrte der Diener zurück.— Verwundert, Niemand in dem Vorſaale und dieſen unverſchloſſen zu finden, trat er in das Wohn⸗ zimmer und fand ſeine Herrin in ihrem Blute liegen. Er machte augenblicklich Lärm, die Zimmer füllten ſich mit Menſchen, Polizei⸗ beamte eilten herbei, Aerzte beſchäftigten ſich um die Verwundete, welche noch Lebenszeichen von ſich gab. Die gebundene Kammerfrau war gefunden und befreit, aber ſie vermochte wenig anzugeben, denn erſt auf der Reiſe von ihrer Herrin angenommen, kannte ſie Benedetto nicht. Unter den Zuſchauern, welche in das von Fackeln erhellte Zim⸗ mer traten, erſchienen jetzt auch zwei junge Damen, Eugenie und Louiſe, welche eben ihr Weg vorbeigeführt hatte, dann in das Zim⸗ mer getreten waren, ſich über die Urſache des Auflaufs näher zu unterrichten und ſo faſt wider Willen mit in das Zimmer gedrängt waren. Eugenie warf einen Blick auf das Geſicht der blutbedeckten Dame. „Gott, meine Mutter!“ ſchrie ſie auf. Aller Augen richteten ſich auf ſie.— Auch die Sterbende ſchlug die Augen nochmals auf und ihr Blick begegnete dem ihrer jetzt neben ihrem Lager niederſinkenden Tochter. Eug und zog 297 „Um aller Heiligen willen, wer hat das gethan?“ jammerte Eugenie. Da bewegten ſich die Lippen der Baronin. „Benedetto,“ ſtöhnte ſie abgebrochen.„Dein Bruder— that— es.“ „Benedetto mein Bruder?“ fragte Eugenie, welche glaubte, die Sterbende rede irre. „Ja,“ ſtöhnte die Baronin noch ſchwächer,„er iſt mein Sohn und Villefort's Sohn.— Er iſt ein— Muttermörder— Fluch!“ „Sie ſank zurück und ihr Auge brach.— Eugenie war wie vernichtet, Louiſe aber ergriff ihren Arm und zog ſie fort. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der Auftrag. Den Verbrecher zu ſtrafen Sei unſre heiligſte Pflicht. Müller. Kaum waren die beiden Mädchen von dem Schauplatze der That verſchwunden, als eine neue Perſon erſchien: Graf Monte Chriſto. Im Begriffe, an dem Hauſe vorbeizufahren, hatte er den Auflauf bemerkt, ſich nach deſſen Urſache erkundigt und war dann ſelbſt gegangen, um das ſeltene Verbrechen näher in Erfahrung zu bringen.— Auch er erkannte mit Entſetzen in der Todten eine Dame, die er einſt in Paris in den glänzendſten Verhältniſſen geſehen hatte, wo es aber allerdings auch ſein Werk war, daß jene Verhältniſſe mit Schrecken ein Ende genommen. Tief erſchüttert ſah er auf die blutende Leiche nieder, um welche ſich jetzt Aerzte, Polizeiagenten und Gerichtsperſonen geſammelt. „Armes Weib,“ ſagte Monte Chriſto,„als ich Dich in Paris ſah, hätte ich ein ſolches Ende für Dich nicht geahnt.“ Einer der Gerichtsbeamten hatte dieſe nur für ſich ausgeſprochenen Worte gehört und wandte ſich an den Grafen mit der Frage, ob er die Ermordete gekannt habe und von ihren Verhältniſſen wiſſe. Monte Chriſto entgegnete, er habe die Dame allerdings während ſeines letzten Aufenthaltes in Paris kennen gelernt, habe auch ihren Salon beſucht, etwas Weiteres über ihre gegenwärtigen Verhältniſſe und wie ſie überhaupt nach Rom gekommen, wiſſe er um ſo weniger, p g als er ſelbſt erſt nach längerer Abweſenheit von Aegypten in Rom eingetroffen ſei. „Nur noch eine Frage,“ ſagte der Beamte,„hatte die Dame vielleicht ſchon zu der Zeit Ihrer Bekanntſchaft Feinde?“ 299 „Feinde wohl,“ entgegnete Monte Chriſto,„und vielleicht ſehr gefährliche, aber gewiß keine ſolchen, die ihr mit dem Dolche zu Leibe gingen und dann ſie beraubten.“ Der Beamte trat zurück und Monte Chriſto wendete ſich zum Weggehen; da aber begegnete er zwei Augen, die ſich fragend auf ihn richteten. Dieſe Augen gehörten Luigi Vampa, der in eleganter Kleidung unter die Zuſchauer ſich gemiſcht hatte, ohne daß, wie es ſchien, die Nähe der Gensd'armen ihn genirte. Ein Blick, ein raſches Zeichen mit der Hand unterrichteten Vampa von dem Willen des Grafen. Dieſer ſchritt dann ruhig aus dem Zimmer und dem Hauſe, vor welchem ſein Wagen noch wartete. Eine Minute ſpäter erſchien auch Vampa. „In dem Coliſſeum,“ ſagte Monte Chriſto kurz. Vampa machte ein Zeichen des Einverſtändniſſes und ſchritt ſchnell davon. Der Graf ſchwang ſich in ſeinen Wagen und fuhr raſch weiter. Nach einiger Zeit hielt der Wagen des Grafen in der Nähe des Coliſſeums, Monte Chriſto ſtieg aus, befahl Ali, ihm zu folgen, und ſchritt dem mächtigen, alten Bauwerke zu.— Als er ſich dem Ein⸗ gange näherte, trat ihm Vampa bereits entgegen, er mußte mit über⸗ raſchender Schnelle hierher gelangt ſein.— Schweigend ſchritten Beide nach einem der Gewölbe, die ſich ſo zahlreich in der Ruine befinden. „Vampa,“ ſagte der Graf, nachdem er ſich umgeſehen, ob ſie auch allein wären und Niemand ihr Geſpräch belauſche,„ich habe mit Dir viel zu ſprechen, denn ich bedarf Deiner.“ „Sie wiſſen, Sie haben zu befehlen,“ entgegnete Vampa, „ſprechen Sie, Herr Graf, und ich gehorche.“ „Du haſt die ermordete Dame geſehen?— Haſt Du eine Ver⸗ muthung über den Mörder?“ 3 „Es war kein Römer; den Dolch führte ein Ausländer, wahr⸗ ſcheinlich ein Corſe.“ „Woraus ſchließeſt Du das?“ „Ein Italiener hat zwei Methoden, den Dolch zu gebrauchen, entweder ſtößt er ihn ſeinem Gegner von hinten in das Genick oder von vorn in die Gurgel und zieht dann die Schneide auf die linke Seite zu. Bei der Dame iſt der Dolch ſeitwärts in den Hals ge⸗ ſtoßen, um die Pulsadern zu durchſchneiden, und dann nach links 300 1 Gra vorgezogen. Dieſes iſt aber eine Eigenthümlichkeit des Corſen.— nich Gewandt iſt der Burſche geweſen, das erkennt man an der Sicherheit ſpräh ſeines Stoßes.“ dtwa „Ah,“ entgegnete Monte Chriſto faſt lächelnd,„da erfahre ich ja unerwartet Feinheiten in der Theorie des Meuchelmordes. Ihr kenn habt alſo für jede Nation einen eigenen Dolchſtoß?“ eing „Jede Nation hat ihre Eigenthümlichkeit im Guten wie im Böſen.“ ihn! „Mir fällt nicht ein, dies zu beſtreiten, doch daß dieſe Eigen⸗ nohl thümlichkeiten ſich bis auf ſolche Dinge erſtrecken, hätte ich nicht ge⸗ glaut glaubt. Jedenfalls gehören Kennerblicke dazu, dieſes ſofort zu wiſſen.“ dabei „Das macht die Praxis,“ antwortete Vampa mit leichtem dürfte Achſelzucken. „Nun, dieſe Praxis kann Dir jetzt Nutzen bringen. Ich ver⸗ 38 lange von Dir, daß Du Dein Möglichſtes thuſt, um den Burſchen, welcher den Mord beging, aufzufinden, ſo daß man ihn der Polizei der in die Hände liefern kann. Ich habe jetzt meine Gründe, dieſe auf— Sache auf mich zu nehmen und mit allem Eifer für die Rache der nii Ermordeten zu ſorgen; der Geiſt der Baroneſſe Danglars ſoll ſeine I le Sühne haben.“ iihen Vampa fuhr bei der Nennung dieſes Namens heftig auf, plötzliche dun Röthe überzog ſein Geſicht. „Danglars hieß die Dame?“ fragte er raſch. zein „Allerdings, die Gattin des ehemaligen Banquiers Baron Dang⸗ aber lars in Paris, den Du auch kennen zu lernen Gelegenheit hatteſt,“ Vamp antwortete Monte Chriſto. hben „Ich weiß, ich weiß,“ ſtieß der Hauptmann heftig hervor. „Aber Menſch,“ fragte Monte Chriſto erſtaunt,„wie kann Dich nde dieſer Name ſo in Bewegung ſetzen? Ich begreife Dich nicht.“ „In Bewegung, ich?“ erwiderte Vampa.„Ich wüßte nicht.— Doch es kann möglich ſein, aber davon ſprechen wir ein anderes Vamm Mal; das iſt für jetzt noch mein Geheimniß.— Aber Eins ſage ich Zwecf Ihnen, Herr Graf, Sie dürfen nicht ſorgen, daß ich ſaumſelig im Leben Nachſpüren des Verbrechers ſein würde, es iſt jetzt meine Sache mit, Verbre und wo Vampa's eigenes Intereſſe im Spiele iſt, da kann Himmel din ne und Hölle ſich dagegenſetzen, er führt es dennoch durch.“ Monte Chriſto ſtaunte über dieſe Worte, er forſchte, aber Vampa kunnte wollte ſich für den Augenblick zu keiner Erklärung verſtehen, und der werde 301 Graf, vor der Hand zufrieden, daß in der Verfolgung des Thäters nichts geſpart werden würde, ließ von ihm ab und brachte das Ge⸗ ſpräch auf einen anderen Gegenſtand, indem er fragte, ob Vampa etwas über jenen Salicetti erſpäht habe? Vampa entgegnete, er wiſſe nichts von ihm, Niemand wolle ihn kennen, und auch jener Lippi, der den fremden Menſchen bei ihm eingeführt, ſcheine verſchwunden, denn von ſeinen Untergebenen habe ihn bis jetzt noch Niemand entdeckt, und er glaube deshalb feſt, ſo⸗ wohl Salicetti als Lippi hätten ſich aus Rom entfernt, da ſie wohl glauben konnten, daß, nachdem ihr Handſtreich verunglückt und der dabei verübte Betrug entdeckt ſei, ſie in Rom nicht mehr ſicher ſein dürften; doch könne es auch nicht zu den Unmöglichkeiten gehören, daß ſich Beide in oder bei Rom verſteckt hielten, dann aber, hoffe er, würden ſie ihm und ſeinen Getreuen nicht entgehen. „Laſſ' es an keiner Thätigkeit fehlen,“ ſagte Monte Chriſto, „denn ich habe volle Urſache, zu glauben, daß dieſer Menſch mich auf alle Weiſe zu verfolgen ſuchen wird, ohne daß ich eigentlich weiß, was er von mir will. Vielleicht will er Geld, viel Geld ziehen, vielleicht hat er noch weitere Abſichten; doch mögen dieſe ſein, wie ſie wollen, ich glaube den Beweis zu haben, daß dieſe Abſichten ſehr ſchmutziger Natur ſind und der ſaubere Burſche ſich wenig von einem gemeinen Diebe unterſcheidet.— Ich möchte ihn aber doch gern von Angeſicht zu Angeſicht ſehen.— Hörſt Du, Vampa, hunderttauſend Scudi ſind ein ſchöner Preis, Du ſollſt ſie haben, wenn Du mir dieſen Salicetti überlieferſt.“ „Hunderttauſend Scudi, Herr Graf?“ fragte Vampa mit leuch⸗ tenden Augen. 3 „Zweifelſt Du an der Wahrheit meines Verſprechens?“ „Nicht im Entfernteſten, und ich habe es nie gethan,“ erwiderte Vampa.„Ich will mir dieſe Summe verdienen und zu dieſem Zwecke alle meine Macht aufbieten, dann aber beginne ich ein neues Leben, Vampa tritt von dem Schauplatze der Zeit ab, ſucht ſeine Verbrechen zu ſühnen, damit die Heiligen ihm gnädig ſein und ihm G ein neues, glückliches Leben ſchaffen mögen.“ „Menſch,“ rief der Graf, der ſich des Lächelns nicht enthalten konnte,„Du gehſt doch nicht mit der Idee um, ein Heiliger zu werden?“ 302 „Ich wünſchte, ich könnte es, um des Engels würdig zu ſein,“ murmelte der Bandit. Monte Chriſto ſah ihn ſtaunend an; dann aber ſchien ihm plötz⸗ lich Alles klar zu werden; ein leichtes Lächeln umzuckte ſeinen Mund. „Ach, Freund,“ ſcherzte er,„es kommt mir vor, als ſollte das Sprüchwort:„Liebe zähmt auch Tiger!“ bei Dir eintreffen.— Nun, ſchaffe mir Salicetti und die Hunderttauſend ſind Dein.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ antwortete Vampa. Dann ſchritt er raſch davon und verſchwand aus dem Gewölbe; Monte Chriſto verließ von einer anderen Seite das Coliſſeum. Eine Viertelſtunde blieb Alles ruhig, dann raſchelte es leiſe über dem Gewölbe und ein Kopf lugte vorſichtig herab. Als er unten Alles leer ſah, verſchwand er wieder, und bald darauf glitt eine Geſtalt herab. Es war Benedetto. „Ah,“ ſagte er,„es iſt gut, wenn man ſolche geheime Schlupf⸗ winkel aufſucht,„da erfährt man etwas.— Hunderttauſend Scudi? — Ich bin Dir wichtig, Herr Graf, und Du ſollſt mich ſeiner Zeit ſehen. Für jetzt iſt es ein Glück, daß Lippi oder gar der erbärmliche Schurke Danglars nicht da war; ich glaube, dieſe Schufte wären im Stande geweſen, mich zu verkaufen.— Nun gilt es!“ Auch er verließ haſtig das Gewölbe. dem nicht keine daß hatte die 1 und Fei un We ſein weiſ unbe daß her vern Achtunddreißigſtes Kapitel. Briefe und ihre Folgen. In wenig Zeilen kann verborgen liegen Der höchſte Schrecken wie die höchſte Wonne. Byron. Mehrere Tage waren verfloſſen, ſeit Vampa jene Aufträge von dem Grafen Monte Chriſto erhalten hatte, und noch war es ihm nicht gelungen, die Ausführung des einen auch nur anzubahnen, denn keine Spur der geſuchten Perſonen ließ ſich finden, und er ahnte nicht, daß dieſe beiden Perſonen doch nur eine und dieſelbe war. Vampa hatte alle ſeine Hilfsmittel aufgeboten, die Glieder ſeiner Bande und die zahlreichen Agenten, welche mit ihm im Einverſtändniſſe waren und ſich in Paläſten, Bürgerhäuſern und niedrigen Hütten zerſtreut fanden, angefeuert, raſtlos jede auch noch ſo kleine Spur zu verfolgen, welche zur dnden Salicetti's und des Mörders der franzöſiſchen Dame dienen könne; aber es war Alles vergebens geweſen. Monte Chriſto, dem Alles daran gelegen war, den geheimen Feind zu entdecken, der ſich ihm drohend in den Weg ſtellte und doch unſichtbar blieb, hatte ſich ebenfalls bemüht, ihn auf ſeinen geheimen Wegen zu entdecken, die ehemals ſo wirkſam geweſen; allein jetzt war ſeine Mühe umſonſt, das verſchleierte Bild blieb verſchleiert. Und doch war dieſer Gegner in Rom, Monte Chriſto hatte Be⸗ weiſe davon, und zwar ſehr beunruhigende; es ward ihm durch unbekannte Hand ein Brief zugeſtellt, der ihn davon unterrichtete, daß dieſer Gegner ihn umkreiſe, wie der Jäger das Wild. „Stolzer Mann,“ hieß es in dieſem Briefe,„Du glaubteſt bis⸗ her immer, Stellvertreter der Vorſehung ſein zu können, und dennoch vermagſt Du Dich nicht des Feindes zu erwehren, der ſich unſichtbar 304 an Deine Ferſen heftet, der in Deiner Nähe iſt, wo Du auch weilſt, und deſſen Hand Dich jeden Augenblick ergreifen, Dich vernichten kann.— Du prahlſt mit Deinem Reichthume und bieteſt hundert⸗ tauſend Scudi für den Kopf Deines Feindes. Thor, biete das Zehnfache und dennoch wirſt Du vergebens bieten; aber Dein Feind braucht nicht erſt Geld auf Dein Haupt zu ſetzen, denn ſchon iſt es in ſeiner Hand.— Beſtürzung bemächtigte ſich des Grafen bei Leſung dieſes Schrei⸗ bens, und dieſe Unruhe wuchs noch mehr, als er nach einigen Tagen einen zweiten Drohbrief erhielt, der in noch düſteren Worten abge⸗ faßt war als der erſte. Er ſtaunte, wie außer Vampa noch Jemand etwas von der Summe wiſſe, welche er auf die Einlieferung ſeines geheimen Feindes geſetzt habe, und finſterer Verdacht beſchlich ihn, daß Vampa, der ihm einſt ſein Leben dankte, treulos gegen ihn ſein und ein falſches Spiel treiben könne. War aber dieſer Verdacht ein⸗ mal in ſeiner Seele erwacht, dann ſchlug er auch weiter Wurzel, er wucherte fort und der ſonſt ſo ſichere Graf begann mit täglich ſich mehrendem Mißtrauen ſeine Umgebung zu betrachten, er fürchtete, in Jedem einen geheimen Feind, einen Verräther zu ſehen, und quälte ſich ab, ihn zu entdecken.— Umſonſt!— Da begann Monte Chriſto trotz ſeines ungeheuren Reichthums ſich mehr und mehr elend zu fühlen, er fand keinen ruhigen Genuß mehr, und ſelbſt in ſeinen heiterſten Augenblicken kam ihm der peinigende Gedanke: ſteht jetzt nicht jener furchtbare Geheimnißvolle hinter dir? Mit aller Kraft ſeines ſtarken Geiſtes ſuchte der Graf den Zuſtand der Beängſtigung ſeines Innern vor der Außenwelt zu ver⸗ bergen und litt eben deshalb doppelt; aber zugleich beſtrebte er ſich mit faſt fieberhaftem Eifer, wenn auch ſo geheim als möglich, endlich die Entdeckung jenes Feindes um jeden Preis herbeizuführen. Wenn dieſes bisher ohne beſonderen Erfolg blieb, ſo war der Graf nicht abgeneigt, die Haupturſache davon auf Vampa's anſcheinende Liſtig⸗ keit zu ſchreiben und ihn um ſo eher der Falſchheit gegen ſich zu beſchuldigen. „Wie kann man auch von einem Banditen Treue verlangen?“ murmelte er.„Der Menſch ſucht Gold und der Durſt danach erſtickt in ihm jede beſſere Regung.— Aber Vampa, wahre Dich, denn der geringſte Beweis des Verraths iſt Dein ſicherer Untergang; immer * GEE ——— ſ 305 noch habe ich Macht genug, den mir Uebelwollenden zu vernichten, ſo wie ich ihn nur kenne.“ Ein dritter, mit geheimnißvollen Drohungen gefüllter Brief, der auf einem offenen Fenſter des von dem Grafen bewohnten Palaſtes gefunden wurde, ſteigerte die Aufregung noch mehr. Bertuccio erhielt die Weiſung, um jeden Preis zu erforſchen, wie der Brief dorthin gelangt ſei; allein der gewandte Mann konnte nichts ergründen. „Ich ſehe wohl,“ ſagte da Monte Chriſto voll bitterem Unmuth, „mein Stern erliſcht, ich bin nicht mehr ſo gut bedient wie ehemals. Ich habe die Leute reich gemacht und nun wollen ſie lieber in Be⸗ quemlichkeit ausruhen, als mir einen Dienſt erweiſen.“ Dieſe unmuthigen Aeußerungen halfen dem Grafen aber nichts. Vampa war kaum weniger unruhig als der Graf, von deſſen Miß⸗ trauen gegen ſich er zwar nichts ahnte, wo es ihm aber höchſt un⸗ angenehm war, die ihm gewordenen Aufträge nicht erfüllen zu können, bei denen er übrigens ſelbſt ſo ſehr intereſſirt war, das Mädchen mit den Banden der Dankbarkeit an ſich zu feſſeln, wenn er das Blut der Ermordeten ſühnte. Faſt eben ſo viel lag ihm an der Entdeckung Salicetti's, weil es ſein Zweck war, mit der Summe, die ihm der Graf für dieſen Fall verſprochen, ſich in irgend einem Winkel der Erde ein Beſitzthum anzukaufen und des wüſten Treibens von jetzt gänzlich zu entſagen, ein neues Leben zu beginnen, Eugenie aber ſollte dieſes Leben theilen und der Engel ſein, der ihn zur Buße und zu des Lebens wie des Himmels Seligkeit leite.— Nur mit Energie! das war Hauptbedingung bei ihm. Mehrere Male hatte es Vampa verſucht, ſich Eugenien wieder zu nähern, doch war es nie gelungen, mehr als ein paar flüchtige Worte an ſie zu richten, und er triumphirte, als er zu bemerken glaubte, daß Eugenien's Augen freundlicher und ſcheinbar mit ſteigen⸗ dem Intereſſe auf ihm ruhten; auch glaubte er bei dem letzten Be⸗ gegnen, wo er Gelegenheit gehabt, ihr unbeachtet ein paar Worte zuzuflüſtern, bemerkt zu haben, daß ſie weit freundlicher, ſelbſt zu⸗ vorkommender ihm antwortete, ja ſogar traulich ſchien ihm dieſer Ton ihrer Stimme.— Mehr bedurfte es nicht, um die Gluth ſeiner Leidenſchaft noch höher anzufachen, er ſehnte ſich nach ihr, nach einer Stunde des Alleinſeins mit dieſem Weſen, um ihr Alles aus⸗ zuſprechen, was er fühlte, was er hoffte, welche Entwürfe er für Die Hand des Todten. 20 306 die Zukunft hatte und welche Rolle er bei dieſen Entwürfen Eugenien zuzutheilen gedachte. 3 Es verging aber Tag um Tag, ohne daß ſich ein Mittel finden wollte, dieſes erſte Ziel zu erreichen, und Vampa wurde dadurch unruhiger und leidenſchaftlicher als vorher, zum nicht geringen Er⸗ ſtaunen ſeiner Umgebung, welche ſich nicht mehr in ihren Anführer finden konnte.— Da brachte eines Tages ein Hirtenknabe ein Billet an den Hauptmann; das feine, zierlich gefaltete Papier zeigte, daß es von einer Dame kommen müſſe. Und in der That hatte der Knabe— einer der geheimen Boten der Bande— das Brieſchen von einer verſchleierten Dame erhalten, mit dem Auftrage, es an geeigneter Stelle abzugeben, und ihm war als Belohnung für dieſen Dienſt ein blanker Scudi geworden. Vampa erkundigte ſich näher nach der Dame, der Knabe hatte aber deren Geſicht nicht geſehen, ſondern nur bemerkt, daß ſie vor⸗ nehmen Standes ſein müſſe, auch ſei ſie von einer zweiten Dame begleitet geweſen. Mehr konnte der Bote nicht ſagen. Das Billet zitterte in Vampa's Händen, er hoffte, es könne von Jemand kommen, der ihm ſo theuer war; raſch zog er ſich nach einem entlegenen Winkel zurück und öffnete das Billet. Er hatte ſich nicht getäuſcht; es war von Damenhand geſchrie⸗ ben und lautete: „Wenn Sie derſelbe ſind, für den ich Sie ſeit unſerem Zuſammentreffen in den Ruinen des Colliſeums gehalten, ſo bitte ich Sie, heute in der Abenddämmerung ſich in dem Garten der Villa Maghetti bei der Statue des Mars einzufinden, denn ich habe Ihnen viel, ſehr viel zu ſagen und Sie auch um einen Dienſt zu bitten, deſſen Lohn nicht gering ſein wird, wenn anders Ihnen das nicht zu gering iſt, was ich zu thun im Stande bin.— Alſo kommen Sie, ich erwarte Sie mit Zuverſicht, denn unmöglich kann ich glauben, daß Sie meine erſte Bitte nicht berückſichtigen könnten oder wollten. Eugenie D.“ Vampa zweifelte jetzt nicht mehr, daß er wirklich einen Brief von Fräulein Danglars in der Hand hielt.— Welche Fortſchritte hatte er nicht bei der Dame ſeines Herzens gemacht, da ſie ihm ſelbſt ſchrieb, ihn einlud zu einem geheimen Geſpräch!— Was moch den des Mut ich einn ſelbſt Lo darat es Fteu — —— 307 mochte ſie aber von ihm verlangen?— Worin beſtand der Dienſt, den er ihr leiſten ſollte?— Verlangt ſie vielleicht, auf die Allmacht des Banditenhäuptlings bauend, von ihm Rache für das Blut der Mutter? „Gewiß, gewiß,“ ſagte Vampa leiſe,„und wenn ſie verlangte, ich ſollte die Sterne vom Himmel reißen, oder die Kuppel St. Peters einwerfen, ich würde es auf ihren Befehl thun, wenn ich dabei auch ſelbſt meinen Untergang fände. Für ſolchen Lohn wagt man mehr. Wo Alles zu gewinnen iſt, da ſetzt man auch Alles ein.“ Haſtig riß er ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche und ſchrieb darauf mit flüchtigen Zügen die Worte: „In der Abenddämmerung hofft auf das Erſcheinen der Venus Mars V. Er ſiegelte dieſes Billet, adreſſirte es an Eugenie und ſchickte es durch einen gewandten Boten nach der Wohnung der beiden Freundinnen. Er war vor lauter Freude wie berauſcht. Neununddreißigſtes Kapitel. Der Abend in der Villa NMaghetti. Da rauſcht es im Dickicht, da rauſcht es hervor, Und ſtürmt auf den einſamen Streiter, Schon iſt er umſchloſſen vom feindlichen Chor, Nun hilft auch ſein Schwert ihm nicht weiter; Nicht kann er mehr vorwärts und nicht mehr zurück, Nun muß er erfüllen ſein düſt'res Geſchick. Dörin g. Ueber eine Stunde verbrachte Vampa im wonnigſten Rauſche, wieder und wieder den Brief leſend, gleichſam verſuchend, jede Zeile, jedes einzelne Wort zu zergliedern, um daraus zu entdecken, was Eugenie ihm eigentlich ſagen wolle, was ihr Auftrag ſein würde; er befand ſich im Zuſtande eines Menſchen, der Gewißheit hat, im nächſten Augenblicke würden ſelbſt ſeine kühnſten Wünſche erfüllt werden, und in wonnigſter Aufregung ihnen entgegen ſchwärmt. Lange Gewohnheit hatte Vampa aber auch vorſichtig gemacht, und der jetzige Rauſch war nicht ſo mächtig, daß er den Hauptmann hätte Alles vergeſſen laſſen. Er ſandte einen zuverläſſigen Boten nach der Villa Maghetti, ſich dort zu erkundigen, ob an dem bevor⸗ ſtehenden Abende daſelbſt vielleicht Geſellſchaft oder eine Feſtlichkeit ſei. Es war ihm hinlänglich bekannt, daß der Beſitzer jener Villa zu den Kunſtfreunden zählte und oft Concerte und muſikaliſche Abend⸗ unterhaltungen in den Räumen der Villa veranſtaltete, bei denen auch Eugenie und ihre Freundin Louiſe mitgewirkt hatten; obwohl nicht zu erwarten war, daß Eugenie, nachdem ſie ſo tiefes Leid erfahren, ſchon wieder öffentlich auftreten würde, ſo war es doch nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß ſie wenigſtens als Zuhörerin zugegen ſein würde. rit, 309 In der That erfuhr Vampa auch durch ſeinen Geſandten, daß dieſen Abend das Namensfeſt des Beſitzers gefeiert würde und dazu zahlreiche Gäſte aus Rom erſcheinen würden, namentlich kunſtliebende. Nun war Vampa ſicher, daß Eugenie zugegen wäre und er ſie gewiß an dem bezeichneten Punkte erwarten dürfe. Er machte ſich in den ſpäteren Nachmittagsſtunden auf, ließ durch einen Vertrauten einen Wagen beſorgen und trat dann den Weg nach der Villa an, welche, in der Nähe der Straße nach Tivoli liegend, ungefähr eine Stunde von der Stadt entlegen war. Nur drei Mann ſeiner Ver⸗ trauteſten hatten Befehl, ſich bei der Villa einzufinden und dort ſeines Signals gewärtig zu ſein. Nicht die Sorge wegen einer ihm drohenden Gefahr bewog Vampa zu dieſer Vorſichtsmaßregel, er hatte vielmehr einen kühnen Plan entworfen, welchen ſeine Leidenſchaft ihm eingab. „Nur der Kühne gewinnt,“ ſagte ſich Vampa.„Iſt Eugenie ſo, wie ich erwarte, dann habe ich mein Glück errungen und keines ſtürmenden Schrittes bedarf es von meiner Seite, geht ſie aber nicht auf meine Vorſchläge ein, dann erfaſſe ich mit kühner Hand mein Glück und reiße es mit Gewalt an mich; Eugenie wird mir den Gewaltſchritt verzeihen, wenn ſie die Gluth meines Herzens ſieht und erkennt, welch' eine ſchöne Aufgabe ihr wird, indem ſie es in ihrer Hand hat, mich zum Guten zurückzuführen; aber zugleich wird ſie auch erkennen, daß Verſchmähung mich zum wildeſten Tiger machen kann und das dann entſtehende Unheil ihr zur Laſt fällt. — Wird da ein Weſen, wie Eugenie, noch lange Wahl halten?“ In Vampa war alſo der Entſchluß zur Reife gediehen, nöthigen⸗ falls die Geliebte mit Gewalt zu entführen, wenn ſeine Hoffnung ihn getäuſcht und ihm die Entdeckung vorbehalten war, daß nicht Liebe, ſondern andere Abſichten Eugenie zu dem Geſuche bewogen, ihn zu ſprechen. Lange vor der beſtimmten Zeit befand ſich Vampa in der Nähe der Villa, und von Unruhe getrieben, ſchlenderte er auf den um⸗ liegenden Höhen und in den nahen Hainen umher. Die Sonne ſenkte ſich endlich, Purpurgluth färbte den Himmel und die nahen und fernen Höhen, in goldigem Duft ſchwammen die fernen Thürme Roms, vor allen die mächtige Kuppel der Peterskirche mit dem weithin ſchimmernden Kreuz, das als ein verſöhnendes Gnadenzeichen 310 über der ewigen Stadt und deren Gebiet bis hinaus zu den ſchroffen Bergzügen leuchtete. Und von der Stadt her trug der Wind die gedämpften, aber melodiſchen Töne des Abendläutens von den Thürmen der Kirchen und Klöſter Roms, von der Straße her klang der melancholiſche Geſang einer Schaar Wallfahrer, die aus der Campagna oder aus dem Neapolitaniſchen her nach Rom und ſeinen Heiligthümern zog. — Es war ein Bild des Friedens und der Ruhe, ein Augenblick, deſſen gewaltiger Drang auch das verhärtete Gemüth unwillkürlich zur Andacht zwang. Auch Vampa fühlte die Allgewalt des Augenblicks, die Glocken⸗ töne, der fromme Geſang drangen mahnend zu ſeinem Herzen, es ſprach mit Donnerworten zu ihm, ihm nach und nach ein Bild ſeines vergangenen Lebens entrollend, ohne daß er es wehren konnte, wie er auch verſuchte, andere und freundlichere Bilder herauf zu be⸗ ſchwören. Er mußte ſich beugen. Unwillkürlich zog er den Hut, beugte das Knie und betete. In dieſem Gebete aber ſprach er wiederholt das Gelübde aus, ſein bisheriges Leben aufzugeben, ſo wie es ihm gelungen ſei, die letzten zwei Aufgaben zu erfüllen, und die Ausführung derſelben war ja kein Verbrechen, die Summe, welche er dafür erhalten ſollte, war anſehnlich, er konnte ſie ohne Gewiſſensbiſſe behalten und verwenden, und auch Eugenie durfte nicht erröthen, Theil an derſelben zu haben. Es wurde dunkler, die Fenſter der Villa erhellten ſich, einzelne Wagen, welche Gäſte brachten, eilten auf der Straße hin, andere hatten ihre Herren bereits abgeſetzt und kehrten jetzt nach Rom zurück, da die Villa ſelbſt keinen genügenden Raum zur Unterbring⸗ ung der Equipagen beſaß. Nun wurde es Zeit. Vampa eilte nach der Villa, und daſelbſt mit jedem Winkel und Plätzchen ſo genau bekannt wie in den Kata⸗ komben, ſeinem Hauptquartiere, ſelbſt, fand er leiht Eingang in den weitläufigen Garten der Maghetti. Hier ſtanden rieſige, altersgraue Baumgruppen, waren Gänge mit hohen, halb verwilderten Hecken eingefaßt, hier und da rauſchte eine kleine Kaskade über die Felſen, oder ſprudelte eine Fontaine luſtig ihren ſilbernen Waſſerſtrahl in die Luft. Die koloſſale Bild⸗ ſäule des Mars, aus weißem Marmor gemeiſelt, ſtand in dem ein⸗ ſam von eing geei den beo wal Inſt er h kam Rüch wur eige ja . Inte mit Gefü Wol Sche er je Stel gla auf Aug es G war klau noch dro 311 ſamſten Theile des Gartens, in einem kleinen Wieſengrunde, der von zwei Seiten durch Felſen begrenzt war, in welche man Grotten eingehauen, die von wildem Weine und Epheu umrankt, ſo recht geeignete Plätzchen zu heimlichen Zuſammenkünften bildeten. Vampa lagerte ſich hinter der Bildſäule auf einem Platze, von dem er unbemerkt den von dem Wohngebäude herführenden Weg beobachten konnte. Das Gebäude ſelbſt war verdeckt durch die ge⸗ waltigen Baumgruppen, aber von ihm her klangen die Töne einiger Inſtrumente, welche das Feſt einleiteten. Für Vampa's Ungeduld wurden die Minuten jetzt zu Stunden, er harrte und harrte, aber Eugenie, die ſo ſchmerzlich Erwartete, kam noch nicht. Vampa tröſtete ſich anfangs damit, daß ſie durch Rückſichten auf die Geſellſchaft zurückgehalten würde, allein die Zeit wurde ihm zuletzt quälend lang und er meinte, es ſei von Eugenie eigentlich unverzeihlich, ihn ſo lange warten zu laſſen, zudem ſie ihn ja ſelbſt beſtellt und in ihrem Briefe verrathen hatte, wie viel ſie Intereſſe dabei habe, ihn zu ſprechen. Oder— ein furchtbarer Gedanke— hatte ſich Eugenie einen Scherz mit ihm erlaubt, um zu erproben, ob ihre Macht über den allgemein Gefürchteten hinreichend ſei, ihn Thorheiten begehen zu laſſen, gleich einem verliehten Abenteurer?— Sollte er ein Spiel neckender Mädchenlaune geweſen ſein?— Bei dieſen Gedanken überzogen finſtere Wolken des Mannes Stirn. Alles hätte er eher vergeben, nur keinen Scherz mit ſeinen Gefühlen, die er jetzt für die heiligſten hielt, die er je gehabt.— Drohend richtete ſich ſein Auge hinüber nach der Stelle, wo Eugenie jetzt weilte und vielleicht im Geheimen des Leicht⸗ gläubigen ſpottete, welcher, ihrem Worte vertrauend, hier harrte. In dem Geſträuche raſchelte es leiſe; des geübten Banditen aufmerkſames Ohr vernahm das Geräuſch, forſchend wandte er ſein Auge dahin, aber ſogleich ward es wieder ſtill.— Vielleicht war es ein Vogel geweſen, welcher durch die Zweige ſtrich. Wieder harrte Vampa des Erſcheinens der Geliebten und wieder ward er durch ein leiſes Rauſchen getäuſcht.— Von dem Hauſe her klang Muſik in vollen Tönen und erfüllte die Nachtluft mit Wohllaut. So war ſchon über eine Stunde vergangen und Vampa harrte noch immer vergebens, ſein Unmuth ſtieg, er klemmte die Unterlippe drohend zwiſchen die Zähne, denn es ſchien ihm mehr und mehr ge⸗ 312 wiß, er ſei der Spielball eines Scherzes geweſen.— Wenn aber dieſes der Fall war, dann wollte er ſich rächen und zwar empfindlich. Plötzlich glühte es hinter den Bäumen dunkelroth auf, wie eine Feuersbrunſt, die brillante Flamme ſpielte zauberhaft durch die Be⸗ laubung und tauchte ſelbſt fernere Gegenſtände noch in purpurne Schlaglichter. Von einem hochgelegenen Punkte des Gartens war eine bengaliſche Flamme entzündet. Ueberraſcht fuhr Vampa empor und ſchaute umher.— Die Flamme ſpielte noch immer fort, wie blutiger Nordlichtſchein.— Aber was ſah er da?— Eine weibliche Geſtalt erſchien auf dem Wieſengrunde. War das Eugenie? Vampa's Herz klopfte höher.— So war er doch nicht getäuſcht, die Geliebte kam wirklich. Langſam, vorſichtig, faſt ſcheu, oft ſtill ſtehend und ſich um⸗ ſchauend, näherte ſich die nächtliche Spaziergängerin der Statue mehr und mehr, ſchien aber Sorge zu haben, ganz an dieſelbe heranzu⸗ treten.— Vampa bemerkte dieſes aus ſeinem Verſtecke, und fürchtend, die Erſehnte könne glauben, er ſei nicht gekommen und dann wieder umkehren, trat nun raſch hervor. „Mars erwartet Venus!“ rief er ihr als Loſung entgegen.— „Venus ſucht Mars!“ klang es in faſt muthwillig neckendem Tone zurück. Bei dieſem Rufe eilte Vampa der Kommenden entgegen. „Eugenie,“ jauchzte er auf,„o welche Wonne!“ Eugenie wich zurück und Vampa ſah jetzt, daß ſie dicht ver⸗ ſchleiert war. Er fand dieſes ſehr natürlich, denn auf ſolchen Zu⸗ ſammenkünften ſucht man oft ſein Geſicht zu verbergen, um boshafte Lauſcher irre zu führen. „Sie wollen mich doch nicht fliehen, Eugenie?“ fragte Vampa. „Sie riefen mich an dieſen Platz.“ „Ich habe Ihnen viel zu ſagen,“ entgegnete die Verſchleierte faſt flüſternd.„Sehr Wichtiges ſollen Sie hören.— Aber hier nicht.— Kommen Sie nach jener Grotte.“ Vampa war dieſes willkommen, dieſe trauliche Einladung ver⸗ ſprach eine wonnige Stunde im geheimnißvollen Dunkel der Grotte, die ſich dort hinten im Felſen aufthat. Er bot der Dame den Arm, doch dieſe weigerte ſich, ihn anzunehmen, und ihm zuwinkend eilte — 313 ſie mit flüchtigen Schritten der Höhle zu.— Vampa folgte.— Bald ſtanden Beide am Eingange der Höhle. „Hier iſt hoffentlich kein Lauſcher,“ ſagte Vampa. „Bis auf das Echo,“ entgegnete die Dame. „D'rum wollen wir leiſe ſprechen.“ „Echo hat leiſe Ohren.“ „Eugenie, Sie meinen doch nicht, wir ſollten gar nicht ſprechen?“ „Warum nicht gar!— Dann väre unſere Zuſammenkunft ſehr nutzlos.— Kommen Sie in die Grotte.“ „Geben Sie mir Ihren Arm.“ ſagte Vampa.„Es iſt dunkel in der Grotte.“ Dieſes Mal legte die Dame ohne Widerſtreben ihren Arm in den des Hauptmanns; Vampa hätte bei dieſem Zeichen des wachſen⸗ den Vertrauens laut aufjauchzen mögen.— An einer Moosbank ſtanden ſie ſtill und ließen ſich nieder. „Welche Wonne!“ ſagte Vampa. „Wirklich eine Wonne,“ wiederholte die Dame. „Sie füllen mich mit Entzücken, Fräulein Eugenie. Auf ſolche Stunden hätte ich kaum zu hoffen gewagt.“ „Ich habe ſie lange erſehnt.“ „Wirklich?“ rief Vampa auf das Freudigſte überraſcht. Ein ſolches Geſtändniß übertraf ſeine kühnſten Erwartungen. Hatte er doch gefürchtet, er müſſe noch lange ſtürmen, jetzt aber er⸗ gab ſich, daß er bereits geſiegt.— Vampa legte ſeinen Arm um den Leib der Dame; auch dieſe umſchlang ihn. „Mars und Venus!“ rief die Dame plötzlich mit lauter Stimme, ſo daß das Gewölbe der Grotte widerhallte. Aber jetzt war die Stimme rauh, donnernd, männlich, und faſt entſetzt wollte Vampa auffahren, denn aus dieſer Veränderung der Stimme ahnte er Böſes; die Dame jedoch umſchlang ihn mit kräf⸗ tigen Armen und drückte ihn ſo feſt an ſich, daß der Ueberraſchte im erſten Augenblicke keiner Bewegung mehr fähig war. Und kaum war der Ruf der Dame verklungen, als es im Hin⸗ tergrunde der Höhle und in deren Umgebung ſich regte, es klirrten Waffen und rechts und links drangen Lichtſtrahlen hervor. „Vorwärts!“ rief es außerhalb der Höhle. 314 „Wir haben den Vogel!“ jauchzte es inwendig. „Das iſt Verrath!“ brüllte Vampa. Voll Wuth rang er mit der angeblichen Dame, die jetzt in lautes, rauhes Gelächter ausbrach und ihrerſeits alle Kräfte an⸗ ſtrengte, ihre Beute feſtzuhalten. Zwar waren Vampa's Kräfte durch Zorn und Verzweiflung geſtählt und dadurch denen ſeiner Gegnerin weit überlegen, allein Letztere erhielt Hilfe, da blitzſchnell die Höhle ſich mit Gensd'armen angefüllt hatte, welche ohne Säumen über den Banditen herfielen und ihn feſthielten. Noch eine verzweifelte Anſtrengung machte Vampa, um zu ent⸗ kommen; er ſtieß einen gellenden Pfiff aus, riß einen Arm los, zog eine Piſtole unter den Kleidern vor und feuerte ſie unter den Haufen ſeiner Feinde ab.— Einer der Gensd'armen taumelte an der Wand nieder. Vampa mochte gehofft haben, die Verwirrung, die auf ſeinen Schuß folgen mußte, benutzen zu können, um zu entſpringen, aber das mißlang, denn mit vermehrter Erbitterung hielten die Gensd'armen ihn feſt und zwangen ſeine Arme auf den Rücken. Der Bandit mußte erliegen.— Da ſtieß er einen zweiten noch gellenderen Pfiff aus. „Achtung,“ ſchrie ein Gensd'arm,„der Burſche hat Gehilfen bei ſich!“ Im Nu ſprangen einige der Bewaffneten vor die Grotte und ſtellten ſich dort auf, während Vampa vollends gefeſſelt wurde. Unterdeſſen waren Fackeln angezündet und die Grotte zeigte ſich tageshell erleuchtet. Vampa lag gebunden am Boden und knirrſchte mit den Zähnen.— Ein Gensd'arm trat hinzu und ſchaute ihn genau in das Geſicht. „Das iſt wirklich Vampa,“ ſagte er.„Haben wir Dich endlich?“ „Ja,“ knirrſchte der Gefangene,„ich bin Vampa.— Aber, Eugenie, dieſer hölliſche Verrath!“ Sein todtſprühendes Auge ſuchte die verrätheriſche Dame. Dieſe ſtand ruhig bei den Gensd'armen und ordnete ihren Schleier.— Jetzt näherte ſie ſich dem Gefangenen und ſchlug den Schleier zurück. „Nun, Burſche, haſt Du noch Luſt, hunderttauſend Scudi für mich zu verdienen, um dann damit ein neues Leben anzufangen?“ fragte ſie ſpöttiſch.„Für jetzt iſt wohl Deine Speculation auf meine Koſten verunglückt?“ 5 ——. 315 Vampa ſtarrte die Sprechende an, als habe er einen Geiſt geſehen. „Tod und Hölle,“ knirrſchte er,„das iſt Salicetti!“ Ein triumphirendes Gelächter aufſchlagend, trat der verkleidete Benedetto zurück und verſchwand aus der Grotte.— Er hatte ge⸗ ſiegt und Vampa konnte ihm nicht mehr ſchaden, zu gleicher Zeit war dem Grafen Monte Chriſto ein wichtiges Werkzeug geraubt. In ohnmächtiger Wuth lag Vampa am Boden und ſah den Abgrund, in welchen er ſich geſtürzt.— Aber noch mehr als ſeine Gefangennahme quälte ihn der Gedanke, ob Eugenie, im Bündniſſe gegen ihn, dem Menſchen die Hand geliehen, ihn in das Verderben zu locken, oder ob dieſer Salicetti, den er nur als ſolchen kannte, allein ihn auf liſtige Weiſe in das Verderben gelockt.— Er hätte mögen wahnſinnig werden. Nicht lange ließ man Vampa für jetzt Zeit, darüber zu grübeln, die Gensd'armen riſſen ihn vom Boden auf und zwangen ihn, in ihrer Begleitung dem Ausgange der Villa zuzuſchreiten.— Ver⸗ gebens ſchweifte des Banditen Auge umher, ob nicht ſeine Gefährten herbei kämen, ihm zu helfen; Niemand kam. Als die Diener der Gerechtigkeit durch den Hof der Villa ſchritten, den Gefangenen zwiſchen ſich, hatten, durch den Lärm herbeigerufen, die Gäſte ſich verſammelt. Unter ihnen befand ſich Graf Monte Chriſto. Vampa warf dem Grafen im Vorübergehen einen Blick zu und öffnete den Mund, um zu ſprechen, allein die Gensd'armen drängten ihn weiter. Vierzigſtes Kapitel. Der unheimliche Gaſt im Wagen. An Deine Schritte heft' ich mich, Wie der Jäger an die Fährte des Wildes Oſſian. Unter den Gäſten der Villa herrſchte die größte Beſtürzung über dieſen Vorfall, denn ſchnell war es bekannt geworden, daß der Ge⸗ fangene der berüchtigte Luigi Vampa war, und man erſchöpfte ſich in Vermuthungen, was der Banditenführer hier gewollt haben möge. „Etwas Gutes hat er jedenfalls nicht bezweckt,“ ſagten Einige. „Wahrſcheinlich hat er Nachricht von dem Feſte in der Villa em⸗ pfangen und Gelegenheit geſucht, einen guten Fang zu machen, denn ſo umſonſt geht ein Vampa nirgends hin, es muß etwas abwerfen, zwar etwas Reelles.— Wir ſind wahrſcheinlich einer großen Ge⸗ fahr entgangen, denn Einigen von uns galt ſeine Anweſenheit; es iſt nur die Frage, wer die unerwünſcht Bevorzugten waren, welche des Banditen liebenswürdige Bekanntſchaft näher machen ſollten.“ Dieſen Worten ſtimmte die Mehrzahl der Gäſte bei, nur Monte Chriſto blieb ernſt und ſchweigſam; er konnte jene Vermuthungen nicht zu den ſeinigen machen, denn deſſen war er gewiß, wo er war, drohte von Seiten Vampa's Niemandem Gefahr, und Vampa mußte es gewußt haben, daß auch er hier ſei, wenn er überhaupt Kenntniß von der Feſtlichkeit hatte. Sinnend zog ſich Monte Chriſto zurück; er gedachte jenes Blickes, den der Gefangene ihm zugeworfen, und er konnte ſich ihn ſehr wohl erklären: Vampa erwartete von ihm Befreiung.— Es lag auch wirk⸗ lich in des Grafen eigenem Intereſſe, den Mann, welchen er an ſich gekettet, nicht in den Händen ſeiner Feinde zu laſſen, um ſo weniger, als Vampa ſeine Aufgaben der Entdeckung jenes Salicetti und des Mörders der BaVroneſſe Danglars noch nicht erfüllt hatte. 317 Als der Graf durch ein matt erhelltes Zimmer ſchritt, ſah er zu ſeinem Befremden Eugenie von Danglars, welche wie gebrochen in einem Seſſel lag, Louiſe von Armilly ſtand neben der Freundin. Beſorgt trat der Graf hinzu und fragte, ob das Fräulein unwohl geworden ſei. „Eine flüchtige Anwandlung,“ entgegnete Louiſe.„Aber ſagen Sie mir, Herr Graf, wer war der Gefangene im Hofe eigentlich?“ „Sie haben ihn geſehen?“ fragte Monte Chriſto verwundert. „Ohne Zweifel, wir waren mit den anderen Damen auf der Galerie, da vernahmen wir, es ſei Luigi Vampa.— Iſt dem wirklich ſo?“ „Gewiß, der Luigi Vampa.“ Eugenie ſtieß bei dieſer Antwort einen leichten Schrei aus. „Was iſt Ihnen, Fräulein?“ fragte der Graf verwundert. „Ach, nichts, nichts,“ ſeufzte Eugenie. „Nein, Fräulein Eugenie,“ entgegnete Monte Chriſto ſehr ernſt, „dieſes kann ich nicht glauben. Hat Sie die Gewißheit der An⸗ weſenheit des gefürchteten Banditen ſo angegriffen, oder ſind es andere Beziehungen?“ „Beziehungen, Herr Graf?“ nahm Louiſe eifrig das Wort. „Nicht im Geringſten, wenigſtens nicht ſo von Bedeutung.— Die Sache iſt ſehr einfach. Bei einem nächtlichen Beſuche des Coliſſeums begegneten wir unter ziemlich abenteuerlichen Umſtänden einem Manne, und heute erkannten wir in dem Gefangenen denſelben wieder; der Schreck über die Entdeckung, was uns an jenem Abende hätte bevorſtehen können, griff meine Freundin unerwartet ſtark an. Ein wenig Ruhe wird ihr wohlthun.“ Monte Chriſto verſtand den Wink; er verbeugte ſich und ſetzte ſeinen einſamen Weg fort. „Seltſam, ſeltſam,“ murmelte er. Er miſchte ſich auf Augenblicke wieder unter die Geſellſchaft, um ſich zu erkundigen, ob Vampa Begleitung bei ſich gehabt.— Man wußte aber von nichts; entweder war der Hauptmann ganz allein geweſen, oder ſeine Leute hatten an einem verborgenen Orte gelegen, ſich aber zerſtreut, ſowie ſie die Gefangennahme ihres Oberhauptes bemerkten. 318 Einer der Anweſenden hatte von einem Gensd'arm erfahren, Vampa ſei durch eine Dame verlockt worden, dieſe Dame aber wäre eigentlich ein Mann geweſen, und dann plötzlich wieder verſchwunden. „Alſo hat am Ende ein Liebesabenteuer den Menſchen in das Verderben geſtürzt,“ murmelte Monte Chriſto im Fortgehen.„Und Eugenie?“—— Weiter ſchritt der Graf und trat unter die Veranda, wo er ſich an eine Säule lehnte und ſinnend in die Nacht hinausſtarrte.— Nicht lange hatte er dageſtanden, als er ſich plötzlich am Arme er⸗ griffen fühlte. „So allein, Edmond Dantes?“ fragte eine Stimme. Ueberraſcht, ſich bei dieſem Namen nennen zu hören, drehte ſich der Graf um und ſah eine verhüllte, dunkle Geſtalt neben ſich ſtehen. „Was wollen Sie?“ fragte er.„Wer ſind Sie?“ „Ihr böſes Geſtirn!“ entgegnete der Verhüllte mit dumpfer Stimme. Unwillkürlich fühlte der Graf ein leiſes Beben durch ſeine Glieder gehen bei dem dumpfen Tone dieſer Stimme. „Nun, was wollen Sie?“ wiederholte er raſch entſchloſſen. „Einſtweilen nichts als Ihnen ſagen, daß wieder eine Wurzel Ihres Stammes durchgehauen iſt,“ antwortete dieſelbe Stimme wieder.„Vampa kann die Hunderttauſend nicht mehr verdienen.“ „Teufel, wer biſt Du?“ fuhr Monte Chriſto auf und griff nach der Geſtalt. Ein lautes Gelächter aufſchlagend, verſchwand der Räthſelhafte. Monte Chriſto ſtand da wie angewurzelt. „Ha!“ murmelte er,„war das wieder ein Flügelſchlag des Ver⸗ derbens, das mich mit unſichtbaren Kreiſen umzieht?— Wer iſt dieſer furchtbare Feind, der ſich mir zeigt und doch verborgen bleibt?— Vampa fand durch ihn ſeinen Untergang, damit meinem Stamme wirklich eine Wurzel geraubt werde.— Ich muß ihn retten!“ Von einer ſonſt nie gekannten Unruhe getrieben, eilte Monte Chriſto zur Geſellſchaft zurück und miſchte ſich in die dichteſten Gruppen derſelben, wobei ſein Auge fortwährend umherſchweifte, ob er nicht wieder ſeinen ihn ruhelos umkreiſenden, geheimnißvollen Verfolger entdecke, doch nur bekannte Geſichter aus der römiſchen Ariſtokratie begegneten ihm. J gegen Verſol ſich n gekan Feind hinweg nach) E von de 7 lag in lag zu die v er ſa⸗ Ereig ſcheine E wo de 319 Muſik und Geſang erklang jetzt, doch Monte Chriſto blieb da⸗ gegen unberührt, denn er hatte nur einen Gedanken, den an ſeinen Verfolger, und vergebens ſann er nach, ihn zu ergründen. Er ſehnte ſich nach Einſamkeit, und doch hielt ihn ein unerklärliches, ſonſt nie gekanntes Gefühl der Furcht ab, hier allein zu bleiben, wo er ſeinen Feind in der Nähe wußte und ihn doch nicht kannte. Er ſehnte ſich hinweg aus der Geſellſchaft, mußte aber ſeinen Wagen erwarten, der nach Rom zurückgekehrt war, den er aber zeitig zurückbeſtellt hatte. Endlich kam der Wagen an, Monte Chriſto verabſchiedete ſich von der Geſellſchaft und ſtieg ein; die Pferde brauſten davon. Der Mond ſchien in voller Klarheit herab und die Umgegend lag im hellſten Lichte, wie es nur die Nacht haben kann. Der Graf lag zurückgelehnt in dem leichten, offenen Wagen, ſeine Augen auf die vor ihm emportauchende Kuppel der Peterskirche gerichtet; aber er ſah eigentlich wenig davon, denn ſeine Gedanken waren mit den Ereigniſſen dieſes Abends, mit Vampa's Verhaftung und dem Er⸗ ſcheinen des geheimnißvollen Feindes beſchäftigt. So war der Wagen in die Nähe einiger Ruinen gekommen, wo der Weg eine plötzliche Biegung machte. „Halt!“ rief da eine Stimme. Der Graf fuhr aus ſeinem Hinbrüten auf und ſchaute umher, aber plötzlich ſchwang ſich ein Menſch mit Leichtigkeit in den Wagen und nahm ſofort auf dem weichen Polſter neben Monte Chriſto Platz. „Menſch,“ rief der Graf,„was ſoll das?“ „Nichts weiter, als daß ich die gute Gelegenheit benutzen will, auf bequeme Art nach Rom zu gelangen,“ entgegnete der Menſch. „Ihr Herren habt es gut, es ſitzt ſich wirklich prächtig auf ſolchen Kiſſen, uns aber wird das im Leben nicht geboten.“ Während dieſer Worte dehnte ſich der Menſch mit möglichſter Bequemlichkeit in die andere Ecke.— Der Graf betrachtete den uner⸗ warteten Paſſagier einige Augenblicke. Es ſchien ein Bettler oder ſo etwas zu ſein, denn ſeine Kleidung zeigte ſich ſchäbig, von dem Ge⸗ ſichte war wenig zu erkennen, denn der Hut war tief in die Stirne gedrückt.— Ein eigenthümlicher Gedanke überkam da dem Grafen. Der Kutſcher und der Neger hatten das Erſcheinen des Unbe⸗ kannten auch bemerkt, und Erſterer hatte die Pferde angehalten, ſich fragend nach ſeinem Herrn umgewendet, dieſer aber befahl ihm, fort⸗ 320 zufahren. Dann wendete ſich Monte Chriſto zu dem unverhofften Geſellſchafter. „Weißt Du wohl, Freund, daß Du ſehr unverſchämt biſt?“ ſagte er. „Pah, ich habe nicht das Gelübde gethan, zu Fuß nach Rom zu wallfahrten,“ erwiderte der Fremde. „Gut, ſo magſt Du einſtweilen mit mir fahren.“ „Nicht mehr als billig.“ Es entſtand eine Pauſe, während Monte Chriſto leiſe eine ſeiner Taſchenpiſtolen hervorzog und bereit machte, für den Fall der Un⸗ bekannte Böſes beabſichtigte. Dann fragte er: „Dich ſchickt Jemand?“ „Gewiß, Graf,“ erwiderte der Fremde. „Du kennſt mich?“ „Ich wäre wohl ein ſchlechter Bote, wenn ich die nicht kennte, an welche ich geſendet bin.“ „Nun, wer ſchickt Dich?“ „Die Todten.“ Monte Chriſto fuhr zuſammen, denn die Stimme des Fremden lang plötzlich tief und hohl, als ob ſie aus einem Grabe käme. „Burſche,“ ſagte er dann ernſt und warnend,„ſich bin nicht zu ſolchen Späßen aufgelegt.— Wer ſchickt Dich?“ „Die Todten!“ entgegnete es wieder im vorigen hohlen Tone. „Welche Todten?“ fragte der Graf. „Die Todten von Paris!“ war die Antwort. Wie von einem electriſchen Schlage getroffen, fuhr der Graf wieder auf. „Menſch, wer biſt Du?“ fragte er dann heftig. „Der Geſandte der Todten,“ entgegnete Jener. „Wahrheit will ich, keinen Unſinn,“ rief der Graf heftig. „Antwort, oder ich laſſe Dich aus den Wagen werfen.“ „Hier meine Beglaubigung,“ erwiderte der Fremde ruhig. Er ſtreckte ſeine Hand aus und legte ſie auf die des Grafen; dieſer fühlte bei dieſer Berührung eiſige Kälte den feinen Handſchuh durchdringen.— Eine zweite Berührung an die glühende Wange und noch eiſiger war die Empfindung. Monte Chriſto ſchauderte zuſammen. „Menſch,“ rief er ſchaudernd,„was willſt Du?“ 1 Todte der? nte, den 321 „Ich bin Geſandter der Todten und kündige Dir die Rache der Todten an, Edmond Dantes!— Zittere, ſtolzer Mann!“ donnerte der Fremde mit furchtbarer Stimme. Monte Chriſto ſprang von ſeinem Sitze auf. „Halt!“ rief er dem Kutſcher zu. Da wendete er ſich zu dem Fremden. „Sprich die Wahrheit; wer biſt Du,“ donnerte er ihm zu,„die Wahrheit, oder ich ſchieße!“ „Schieße!“ entgegnete er ruhig. Zugleich zuckte ein bläuliches Licht blitzartig auf, ein lauter Knall dröhnte und weißer Dampf füllte den Wagen.— Ueberraſcht zuckte der Finger des Grafen, der Dampf ward durch einen weißen Pulver⸗ blitz durchzuckt, ein zweiter Knall folgte: der Graf hatte geſchoſſen. Hochauf bäumten ſich die Pferde und brauſten mit einer Schnelligkeit davon, daß der Kutſcher ſie kaum zu zügeln vermochte. Durch dieſe raſche Bewegung des Wagens verzog ſich der Dampf und der Unbekannte war— verſchwunden. Nirgends zeigte ſich mehr eine Spur von ihm. Von ferne klang der Schlag der Mitternachtsſtunde und von dem Thurme eines Kloſters tönte die Horaglocke für die büßenden Mönche. Monte Chriſto fühlte ſich von kaltem Schauder durchrieſelt. „Wer war der Menſch mit der eiſigen Todtenhand?“ flüſterte er ein über das andere Mal.„War es ein aus dem Grabe Er⸗ ſtandener, wie er ſagte?— Unmöglich!— Was das Grab ver⸗ ſchlungen, das kehrt nie wieder.— Aber, wer war es denn?— Wer giebt ihm die Macht, mich zu verfolgen?“ Er wußte ſich auf alle dieſe Fragen keine Antwort zu geben. „Fort, fort!“ rief er dann dem Kutſcher zu. Und weiter ſauſte der Wagen in raſendem Fluge, vorüber an Ruinen einer thatenreichen Vorzeit, an Gärten und Villen, hinein durch die hochgewölbte Porta, hin durch die ſchweigenden Straßen Roms bis zu dem Hotel des Grafen. Monte Chriſto ſtieg aus und befahl, das Wagenpolſter zu unter⸗ ſuchen, ob eine Spur ſeiner Kugel ſich zeige.— Dieſe fand ſich wirklich an der Seitenwand des Wagens; an der Stelle, wo der Unbekannte geſeſſen, zeigte ſich eine kleine Oeffnung, die Kugel war hier durchgedrungen. Die Hand des Todten. 21 322 „Das ſtreift an das Unglaubliche,“ rief der Graf. Dann ſchritt er in ſein Cabinet und ſchellte Bertuccio. „Haſt Du Nachricht über Salicetti?“ fragte er. „Nein,“ entgegnete Bertuccio. „Auch keine über den Mörder der Baronin von Danglars?“ „Auch darüber keine.“ „Du wirſt morgen Deinen Eifer verdoppeln, um mir darüber recht bald Aufſchluß geben zu können.“ „Ich thue, was möglich iſt, Herr Graf.“ „Auch das Unmöglichſcheinende muß möglich werden,“ fuhr der Graf entſchieden fort.„Dann höre noch einen dritten Auftrag.— Dieſe Nacht iſt Luigi Vampa von den päpſtlichen Gensd'armen ge⸗ fangen genommen worden; ich will nun wiſſen, auf weſſen Veran⸗ laſſung dies geſchah, und wer der war, welcher Vampa ſeinen Ver⸗ folgern in die Hände lieferte.— Nun geh'!“ Bertuccio verbeugte ſich und ging. Me nächſten noch an Reſultat einen M Befehl ſe in eines Tä Nachforſch ahielt, 1 1 *— --j Einundvierzigſtes Kapitel. Geſtändniſſe. Des Menſchen Herz bleibt ewig unbegreiflich. Schiller. Monte Chriſto's Aufträge zu vollziehen, hatte Bertuccio am nächſten Tage wohl alle ſeine Kräfte angeſtrengt, aber weder jetzt, noch an den folgenden Tagen wollte es ihm gelingen, irgend ein Reſultat zu erzielen, und dieſes war nicht wenig demüthigend für einen Mann, dem ſonſt ſo ziemlich Alles gelungen und der auf Befehl ſeines Herrn Alles möglich gemacht hatte, wenn es überhaupt in eines Menſchen Kraft lag. Täglich fragte der Graf mehrere Male nach dem Erfolge ſeiner Nachforſchungen, und die verneinenden Antworten, die er jedesmal erhielt, ſteigerten ſeine Ungeduld und ſeine quälende Unruhe, und zugleich ſchlich mehr und mehr finſterer Verdacht in ſein Herz, ob er auch von treuen Seelen umgeben ſei, ob ſeine Umgebung es nicht müde geworden, ihm ferner zu dienen; denn— er glaubte es— wenn der Dienſteifer noch ſo wäre, wie er ehemals war, dann mußten ſeine Aufträge längſt ausgeführt ſein. „Bertuccio,“ ſagte er da einſt,„es ſcheint, Du wirſt alt und durch die Anſtrengung meines Dienſtes habe Dein Geiſt gelitten, denn ſonſt wäre es unmöglich, daß in ſo langer Zeit noch kein Reſultat erzielt ſein ſollte.— Ich werde Dir Ruhegehalt geben müſſen und dann einen Anderen annehmen, der meine Befehle vollzieht.“ Bertuccio fühlte ſich durch dergleichen Ausfälle empfindlich gekränkt. „Herr Graf,“ ſagte er gewöhnlich,„wenn Sie Jemand finden, der Ihnen treuer dient, als ich, ſo trete ich ohne Murren zurück, aber 21* 324 nur, um Ihnen als letzter Diener zu dienen und ſo Ihnen Beweiſe meiner Treue zu geben.“ Dann ſuchte er jedesmal mit einem Eifer, als gälte es Tod 1 und Leben, ſeinen Auftrag zu vollziehen, denn jetzt galt es auch, ſeine Ehre zu retten.— Allein als dieſes immer umſonſt blieb, gerieth der Mann in eine gewiſſe Verzweiflung und ſchien endlich keinen Rath mehr zu wiſſen. Nach einigen Tagen war die Geduld des Grafen zu Ende und er beſchloß, perſönlich zu Vampa vorzudringen, ſich mit dieſem zu beſprechen, da er hoffte, durch dieſen etwas Weiteres zu erfahren, da er ſich für überzeugt hielt, daß deſſen Verhaftung nur auf Betrieb ſeines Feindes, der ihn ſo geheimnißvoll umgarnte, geſchehen ſei. Die funkelnden Goldſtücke in des Grafen Hand blendeten des Gefängnißaufſehers Augen und öffnete dem Freigebigen die Thüre zu dem Kerker Vampa's.— Dieſer Kerker war in den unteren Räumen der Engelsburg und auf eine Weiſe verwahrt, daß ein Entkommen der hier gefangen gehaltenen Verbrecher geradezu unmöglich ſchien. Vampa war in ſeinem feuchten, engen Kerker mit Feſſeln be⸗ laden, was hinlänglich zeigte, wie wichtig man dieſen Fang finde und wie man feſt entſchloſſen war, in ihm keinen Gedanken an Flucht aufkommen zu laſſen.— Als Monte Chriſto eintrat, richtete ſich der Gefangene auf, und da ſich ſein Auge ſchon etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte er augenblicklich den Grafen, und obwohl er überraſcht war durch dieſen Beſuch, verrieth doch kein Wort, daß er den Beſucher erkenne. Graf Monte Chriſto gab dem Gefängnißwärter einen Wink, worauf dieſer ſeine Lampe auf die als Tiſch dienende Steinplatte ſtellte und ſich entfernte. Monte Chriſto ſchaute erſt auf den Gefangenen und dann über⸗ blickte er den engen, dumpfigen Raum mit den feuchten, geſchwärzten Wänden, und ein unheimliches, bitteres Gefühl beſchlich ihn, denn er gedachte der um nichts freundlicherern Gefängniſſe des Schloſſes If, wo er ſo viele der ſchönſten Jahre ſeines Lebens vergraben geweſen. „Herr Graf,“ nahm endlich Vampa das Wort,„ich muß Sie leider in einer Wohnung begrüßen, die nichts Angenehmes an ſich hat.“ haaſten n ihn aus der Alpe iett zu Hand a 8 „V kommen wortete Einflui Va ldig ſü nur ein umwöl und ſe⸗ 7 „ Spielba Da ſchon ſe Damei geladen leiſtet. fortfahr — veiſe Tod ſeine h der Nath und m zu n, da ettieb ſei. n des üre zu äumen mmen ſchien. In be⸗ finde ten an richtete an die Frafen, c kein Wink, nplatte über⸗ wärzten , denn chloſſes tgraben uß Sie mes an — 325 „Ich gebe dieſes zu und weiß überhaupt die ganze Lage voll⸗ kommen zu würdigen,“ entgegnete der Graf. „Wenn dieſes iſt, ſo darf ich um ſo mehr hoffen, daß Sie mir die Freiheit bringen,“ fuhr Vampa fort. „Wenn ich auch heute noch nicht das Wort der Freiheit aus⸗ ſprechen kann, ſo hoffe ich doch, es wird mir bald gelingen,“ ant⸗ wortete der Graf.„Du kannſt überzeugt ſein, ich werde meinen Einflus aufbieten, um Dir das verlorene Gut wieder zu verſchaffen.“ Vampa verſicherte freudig, daß er ſich nun ſeiner Ketten ſchon ledig fühle, da er vollkommen überzeugt ſei, es würde dem Grafen nur einiger Worte an rechter Stelle koſten, um die Thüre ſeines Kerkers zu öffnen.. Monte Chriſto fragte nun den Gefangenen über die Urſachen, welche ihn, den Gewandten, in des Feindes Hände geliefert. Da umwölkte ſich Vampa's Stirn, ſeine Augen ſchoſſen feurige Zlitze und ſeine Fäuſte ballten ſich.— „Das war hölliſcher Verrath,“ rief er zornig.„Ich wurde zum Spielball abgefeimter Liſt.“ Dann erzählte er dem aufmerkſam zuhörenden Grafen, wie er ſchon ſeit längerer Zeit mit Leidenſchaft eine Dame liebe, wie dieſe Dame ihn zu einem Rendezvous nach jener unglücklichen Villa ein⸗ geladen und er in blinder Liebestollheit dieſer Einladung Folge ge⸗ leiſtet. Den Namen der Dame nannte er nicht. In ſeiner Erzählung fortfahrend, ſchilderte er ſeine Ueberliſtung durch eine verkleidete Perſon, die ſich nach ſeiner Gefangennehmung als den geſuchten Salicetti offenbart und dann verſchwunden war. Monte Chriſto hatte aufmerkſam zuͤgehört. „Wie ich geahnt, ſo iſt es,“ rief er.„Dieſer Streich kam von dem räthſelhaften Salicetti.“ „Ja,“ knirrſchte Vampa voll Wuth,„und komme ich je wieder zum freien Gebrauche meiner Arme, ſo ſchwöre ich bei allen Heiligen des Himmels und bei allen Geiſtern der Unterwelt, nicht ruhen noch raſten will ich, bis dieſer Menſch in meiner Hand iſt, und ſollte ich ihn aus den Eingeweiden der Erde, oder von den höchſten Spitzen der Alpen mir holen; nicht um die hunderttauſend Scudi iſt mir es jetzt zu thun, ſondern um meine eigene Hand. Er hat gewagt, die Hand an mich zu legen, und das that noch Niemand ungeſtraft.— 4 8 326 Ich will ihn lebendig auf einem Roſte braten, wie einſt dem heiligen Laurentius geſchah.— Ihm und ſeinen Helfern droht mein Dolch.“ Monte Chriſto ließ dem erbitterten Menſchen ſeine Rede ruhig beenden, dann aber fragte er, wer die Helfer Salicetti's und nament⸗ lich jener Dame ſeien, welche durch ihren Brief den ſchlauen Ban⸗ diten ſo verlockt, daß er jede ſeiner ehemaligen Vorſichtsmaßregeln vernachläſſigt habe.. „Ha,“ knirrſchte Vampa voll Wuth,„ha, die Verrätherin, auch ſie ſoll fallen und bitter ſoll ſie erfahren, was es heißt, Vampa zu reizen. Bei Gott mag ſie Vergebung finden, aber nicht vor meinen Augen. Ich glühte vor unſinniger Leidenſchaft, und dieſe ließ mich Alles vergeſſen. Doch dieſe Kerkerluft iſt ein furchtbares, aber auch wirkſames Heilmittel; aus dem Herzen geriſſen habe ich dieſe Leiden⸗ ſchaft und dafür ein üppig wucherndes Korn gepflanzt, das der Rache, und an der Frucht, die dieſes Korn treiben wird, ſoll Mancher ſich den Tod ſaugen.“ „Ohne Zweifel muß das erwähnte Weib mit Salicetti im Ein⸗ verſtändniſſe ſein,“ ſagte Monte Chriſto,„und durch ſie iſt dann wohl zu erfahren, wo man dieſen Menſchen findet.— Wie heißt das Weib?“ „Eugenie von Danglars,“ antwortete Vampa. „Unmöglich!“ entfuhr es dem durch Nennung dieſes Namens auf das Höchſte überraſchten Grafen. Monte Chriſto hätte eher Alles geglaubt, als dieſen Namen in dieſer Beziehung und in ſolcher Verbindung zu hören. Eugenie von Danglars die Geliebte des Banditenhäuptlings Luigi Vampa, die Verbündete des geheimnißvollen Salicetti!— Das war geradezu un⸗ denkbar, und er ſprach dieſes auch unverhohlen gegen Vampa aus. Vampa aber erzählte, wie er mit Eugenie zum erſten Male zu⸗ ſammengetroffen, und wie dieſes im Beiſein Salicetti's geſchehen, der ihm auch den Namen der Dame zuerſt geſagt und damit den Beweis geliefert, daß er ſie ſchon ſeit längerer Zeit gut kennen müſſe, und da ſie es ſo gut als gewiß wußte, daß ſie mit ihm im Einverſtändniſſe lebe, denn ſonſt würde ſie nicht jene Zeilen geſchrieben haben, welche ſchuld an ſeinem Unglücke waren. Darauf konnte Monte Chriſto nichts erwidern, faſt war er ge⸗ zwungen, an die Wahrheit der Vermuthung Vampa's zu glauben, ſo ſehr er ſich auch dagegen ſträubte. Er verſprach dem Gefangenen, dieſe haup allere liche FEFntl nur heime leich G und ſchwe Vam dach nicht brech lauter Deine Chare trügt zeſten ſtachel igen lch. u nent⸗ Ban⸗ egeln auch aa zu einen wich auch iden⸗ lache, ſich Ein⸗ wohl eib?“ amens en in e von die u un⸗ 1 aus. ale zu⸗ n, der eweis und dniſſe welche er ge⸗ den, o genen, 327 dieſe Angelegenheit auf das Genaueſte zu unterſuchen und ſich über⸗ haupt ſo kräftig als möglich für ſeine Befreiung zu verwenden, was allerdings ſo ſchnell nicht geſchehen könne, wie denn auch eine öffent⸗ liche Entlaſſung zu den Unmöglichkeiten gehöre, und nur eine geheime Entlaſſung unter dem Anſcheine der Flucht würde ſtattfinden können. Lächelnd erklärte Vampa, daß ihm dieſes einerlei ſei, wenn er nur überhaupt wieder in den Beſitz ſeiner Freiheit komme; je ge⸗ heimer ſeine Befreiung erfolge, deſto weniger habe er dann viel⸗ leicht unbequeme Verbindlichkeiten zu beobachten. Der Graf rief nun den Schließer herbei und verließ die feuchten und dumpfigen Gänge der Engelsburg. Als er aber wieder in ſeinem Cabinet war und, auf den ſchwellenden Polſtern des Divan ruhend, über die Unterhaltung mit Vampa nachdachte, da drängte ſich ihm mit Gewalt furchtbarer Ver⸗ dacht gegen Eugenie auf, und ſo oft er ſich auch zurief:„Es kann nicht ſein; eine Natur wie die Eugenie's kann ſich nicht mit Ver⸗ brechern gemein machen!“ ſo ſprach doch immer wieder und immer lauter eine andere Stimme:„Es iſt dennoch möglich. Haſt Du auf Deinen Lebenswegen nicht genug Menſchen kennen gelernt und ihre Charakter ſtudirt, um zu wiſſen, daß ſelbſt die heiligſte Außenſeite trügt? Iſt Eugenie nicht die Tochter ihres Vaters Danglars und das Kind ihrer Mutter? Erben ſich nicht ſo leicht die Eigenſchaften der Eltern auf die Kinder fort?— Unſinniger, vertraue keinem Menſchen, wenn er nicht dreifache Prüfung beſtanden hat!“ Und dieſe Stimme ſprach ſo ernſt, ſo gewichtig, daß Monte Chriſto mehr und mehr ſich zu ihr hinneigte. Er kannte Eugenie's Charakter noch nicht hinreichend, um genau zu wiſſen, daß in ihr wirklich kein Gedanke an Rachſucht lebte. Eugenie konnte es erfahren haben, daß er der Zerſtörer des Glückes ihrer Eltern ſei; daß er es war, welcher ſie aus ihren einſtigen glänzenden Verhältniſſen geriſſen und ſie gezwungen, ein ungewiſſes Leben in der weiten Welt zu führen; wenn ſie es nicht gewußt hätte, konnte jener Salicetti, der offenbar genau über die Thätigkeit, welche Monte Chriſto einſt in Paris entwickelt, unterrichtet ſein mußte, ſie nicht von Allem in Kennt⸗ niß geſetzt haben? Er hatte ihr vielleicht ein Gemälde in den ſchwär⸗ zeſten Farben entworfen, um die Rachſucht in ihrem Herzen aufzu⸗ ſtacheln und ſie für die Mitwirkung in ſeinen Angelegenheiten zu 328 3 gewinnen. Ein Menſch, der ſich ſo gewandt und liſtig zeigte, konnte ſolch' ein Werk ſchon beenden. Unbeſchreiblich niedergedrückt fühlte ſich daher Monte Chriſto; er ſah Feinde gegen ſich auftauchen, von denen er nichts geahnt; die ganze Welt ſchien ſich gegen ihn verſchworen zu haben, und er mußte fürchten, daß ſelbſt ſeine nächſte Umgebung in das Bündniß gegen ihn gezogen war, ihn verrieth, an ſeinem Sturze arbeitete, während er noch auf ihre Treue ſich glaubte ſtützen zu können. Immer gewaltiger erwachte das Mißtrauen in des Grafen Herzen. Er rief ſich jene Zeiten zurück, wo er auch arglos ſeinen ſcheinbaren Freunden vertraut, ihnen noch vertraut, als ſie ſchon den Boden unter ſeinen Füßen unterhöhlt und der nächſte Tritt ihn in den Abgrund ſtürzen mußte; ja ihnen noch vertraut, als er bereits in dem Abgrunde lag, wohin ihre Hände ihn geſtoßen, ohne daß er es ahnte.— War er jetzt wieder in dieſer Lage?— Waren ſeine Diener, war Albert, war Mercedes in die Verſchwörung gegen ihn hineingezogen?— War vielleicht irgend ein hölliſcher Plan im Werke, der ihn elender machen ſollte, als er es je geweſen?— Wie leicht war dieſes möglich, denn wer kann in die Tiefen des menſchlichen Herzens ſchauen? Sie ſind jedem menſchlichen Auge unergründlich, nur ein Auge durchdringt das Herz bis auf die geheimſten Falten, das Auge des ewigen Richters, dem nicht das kleinſte Sonnenſtäubchen entgeht⸗ Wo war nun die Gewalt hin, die er über die Menſchheit zu beſitzen geträumt und die er bereits auf ſo furchtbare Art ausgeübt? Er war im Beſitze von Schätzen, die ihn zum reichſten Manne der Erde machten, und doch vermochte er mit allen dieſen Reichthümern nicht einen wahrhaft treuen Freund, nicht einen treuen Diener ſich zu erobern, nur Eigennutz feſſelte ſie vielleicht an ihn, und zeigte ſich Ausſicht auf Gewinn, ſo verriethen ſie ihn.— Jetzt fühlte der Graf ſo recht, daß er nichts war, als ein ſchwacher, ohnmächtiger Menſch, und er fühlte ſich in dieſer Hinſicht grenzenlos unglücklich. Aber etwas mußte geſchehen; er mußte den Feinden zeigen, daß er noch der Alte war, daß noch Kraft genug in ihm lebte, um ihn ſelbſt in der Umgebung von lauter Verrath zu einem furchtbaren Gegner zu machen.— Wenn er jenen Salicetti fand, ven er für das Haupt der gegen ihn gerichteten Verſchwörung halten mußte, und ihn vernichtete, waren die Feinde eingeſchüchtert und er ſtand wieder in ſeiner etwas vernie auf d ungli der meh lars, Ausku dieſen ſtaun⸗ gann gleich erſtau „Gan der T Leiden ein B Band oder bohr Auge Richt⸗ 9 4 und ftagte — 329 ſeiner alten Unbeſieglichkeit da.— Wenn aber auch dieſes geſchah, etwas ſtand doch immer feſt, ſeine letzte Sicherheit war und blieb vernichtet; er hatte außer Haidee Niemand mehr, dem er vertrauen, auf den er ſich ſtützen konnte, und mußte ſich trotz ſeines Reichthums unglücklich fühlen; der erſte Theil ſeines Lebens war ihm vergällt, der zweite Theil, der noch vor ihm lag, wurde es vielleicht noch mehr.— Welch' eine troſtloſe Ausſicht! Vorerſt mußte Salicetti aufgefunden werden. Eugenie Dang⸗ lars, welche er mit ihm in Verbindung glaubte, konnte ihm darüber Auskunft geben; er mußte ihr das Geheimniß entreißen.— Mit dieſem Entſchluſſe begab er ſich zu ihr. Eugenie war erſtaunt über den Beſuch des Grafen, noch er⸗ ſtaunter aber, als er von Vampa's Gefangenſchaft zu ſprechen be⸗ gann, nach und nach auf Zalicetti überging und endlich anſcheinend gleichgiltig fragte, ob ſte einen Mann dieſes Namens kenne. „Ich habe nie einen Salicetti gekannt,“ entgegnete Eugenie erſtaunt.„Wozu dieſe Frage?“ Monte Chriſto ſchaute ihr feſt in das Auge, Eugenie aber hielt dieſen Blick ruhig aus. „Weshalb ich dieſe Frage ſtelle?“ ſagte Monte Chriſto endlich. „Ganz einfach deshalb, weil ich erfahren, daß dieſer Salicetti Urſache der Verhaftung Vampa's iſt, und eine Dame, welche Vampa mit Leidenſchaft liebt, mit dieſem Manne in Verbindung ſein muß, denn ein Brief von ihr lockte ihn in das Verderben, und wenn des Banditen Blut unter dem Henkerbeile fließt, iſt es Hauptverdienſt, oder— wie man es nehmen will— Hauptſchuld dieſer Dame.“ Eugenie ward glühend roth und jetzt ſenkte ſie vor den durch⸗ bohrenden Blicken der Augen des Grafen ihre Blicke ſcheu zur Erde. — Dieſes ſchien dem Grafen das Bewußtſein der Schuld und ſein 4 Auge ward finſterer und ſtrenger, gleich dem eines zürnenden Richters. Bald aber wechſelte auf Eugenie's Geſicht die glühende Röthe und tödtliche Bläſſe, ſo daß Louiſe ſie erſchrocken ſtützte und ſie fragte, was ihr ſei? „Nichts, nichts,“ erwiderte Eugenie, die Freundin wehrend. Dann zu dem Grafen gewendet, fragte ſie: „Wiſſen Sie den Namen jener Dame?“ „Ja, mein Fräulein,“ entgegnete Monte Chriſto, ſie feſt an⸗ ſehend,„der Name iſt— Eugenie von Danglars.“ Eugenie ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und ſchwankte halb ohnmächtig zurück; auch Louiſe war im höchſten Grade beſtürzt, Beide ſahen den Grafen mit Entſetzen an, und lange dauerte es, ehe ſie ſich erholt hatten, um weitere Fragen an den Grafen zu ſtellen. Dieſer erzählte kurz die Begebenheit mit dem Briefe, welcher die Urſache von Vampa's Gefangennahme ſei, und ſagte dann: „Sie ſehen, ich weiß Alles, Fräulein, und da ſie ſo gut wiſſen, wie ich ſelbſt, wie ſehr ich zu jenem Salicetti in Beziehung ſtehe, ſo werden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie mir deſſen Aufenthalt nennen, um Auge in Auge mit ihm zu ſprechen.— Ich bitte alſo“— Sowohl Eugenie als Louiſe betheuerten, daß ſie nichts von allen Dem verſtänden und nichts von einem Salicetti wüßten; Eugenie im Beſonderen ſchwur auf das Heiligſte, daß ſie nie in ihrem Leben ein Wort an Vampa gerichtet, und um den Grafen von der Wahr⸗ heit ihrer Betheuerung zu überzeugen, erklärte ſie ihm das ganze Verhältniß, in welchem ſie zu dem Banditenhäuptlinge geſtanden, und behauptete, irgend Jemand müſſe liſtiger Weiſe von Vampa ſelbſt Kunde von deſſen Leidenſchaft erhalten und, dieſe benutzend, ihren Namen mißbraucht haben, den gefürchteten Menſchen in die Hände der Behörden zu liefern, anders könnte ſie es ſich nicht denken. Eugenie's Worte ſtimmten ſo vollkommen mit der Erzählung Vampa's über Entſtehung und Fortgang der Bekanntſchaft überein, daß Monte Chriſto in ſeinem Verdachte ſchwankend gemacht wurde. — Entweder war Eugenie an Allem wirklich unſchuldig, oder ſie war eine— vollendete Heuchlerin. Auf ſeine erneuten Fragen ſchwur Eugenie nochmals hoch und theuer, nichts von einem Salicetti zu wiſſen und keine Ahnung zu haben, wer den Mißbrauch mit ihrem Namen getrieben. „Ich will Ihnen glauben,“ ſagte Monte Chriſto düſter,„hoffe aber auch, Sie werden mir jedes Anzeichen mittheilen, welches Ihnen möglicher Weiſe werden könnte, und das eine Hindeutung zu geben im Stande wäre, welche Spur zu verfolgen ſei, um jenen Menſchen zu erreichen, der ſo gröbliches Spiel mit uns Allen treibt.— Ihr eigenes Intereſſe verlangt es, den Mißbrauch Ihres Namens nicht ungeſtraft hingehen zu laſſen, denn wie leicht kann dadurch jener 331 Menſch ermuthigt werden, dieſen Mißbrauch fortzuſetzen und am Ende Sie damit der größten Gefahr auszuſetzen; Sie ſind ſchon in großer Gefahr, denn iſt es bekannt geworden, auf welche Weiſe Ihr Name bei dieſer Sache verflochten iſt, ſo wird die Geſellſchaft des gefangenen Vampa gewiß ſich nicht damit abgeben, Grund und Ungrund des Verdachtes zu unterſuchen, vielmehr werden hundert Dolche gegen Sie erhoben ſein.— Verſtehen Sie mich?“ „Sie zeigen mir ein entſetzliches Bild,“ rief Eugenie, erſchrocken ſich an Louiſe anklammernd. „Römiſche Dolche treffen gut,“ fuhr Monte Chriſto fort.„Sie ſind gewarnt.“ Eugenie vermochte vor Schrecken nicht zu antworten, und der Graf, der überzeugt war, daß er hier nichts von dem erfahren würde, was er zu erfahren gehofft hatte, griff nach ſeinem Hute, um den Beſuch abzubrechen. „Herr Graf,“ rief da Eugenie flehend,„Sie wollen gehen, ohne uns zu rathen?“ „Was ſoll ich Ihnen rathen?“ fragte Monte Chriſto, nicht ohne einiges Erſtaunen. „Was wir zu thun haben in dieſer furchtbaren Lage,“ ſagte Eugenie. „Ja, wirklich furchtbar,“ rief Louiſe ſchaudernd.„Ich ſehe ſchon hundert Banditendolche auf meine Freundin eindringen.— Sollen wir fliehen?“ „Meine Damen,“ erwiderte Monte Chriſto ernſt,„für den Augen⸗ blick dürfte Ihnen noch keine Gefahr drohen, und ich kann Ihnen nur meinen erſten Rath wiederholen, Acht zu haben auf jedes An⸗ zeichen und mir daſſelbe, auch wenn es unbedeutend erſcheinen ſollte, ſogleich mitzutheilen; ſelbſt der kleinſte, niedergedrückte Grashalm kann auf die ſichere Fährte nach der Höhle des Wolfes zeigen.“ Beide Mädchen verſprachen dieſes. „Dann noch etwas,“ ſagte Eugenie zögernd.„Sie ſagten, ein mit meinem Namen unterzeichneter Brief habe Vampa in das Ver⸗ derben gebracht?“ „So iſt es,“ antwortete der Graf. „Alſo bin ich unſchuldiger Weiſe Urſache an dieſes Mannes Untergange,“ fuhr Eugenie fort.„Sollte er nicht noch zu retten ſein?“ 332 „Vielleicht.— Aber haben Sie ſo großes Intereſſe an der Rettung eines Mannes, der durch ſein trauriges Handwerk von der menſchlichen Geſellſchaft ausgeſtoßen iſt?“ Eugenie erglühte bei dieſer Frage. „Intereſſe?“ ſagte ſie endlich ſtockend.„Ja und nein.— Ich kann mich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß ohne meinen Willen mein Name Urſache ſein ſoll, daß dieſer Unglückliche ſein Verderben findet.— Wenn er zu retten ware!— Vielleicht würde dieſes großen Eindruck auf des Mannes Herz machen und es zum Guten zurückführen, ſo daß er wieder ein nützliches Mitglied der Ge⸗ ſellſchaft wird, ſtatt deren Schrecken zu ſein.— Seine Rettung müßte ihm als ein Wunder erſcheinen und kein Wunder geſchieht umſonſt.“ „Wer ſollte ihn retten?“ „Sie, Herr Graf.— Sie haben ſchon ſo oft bewieſ ſen, daß Sie mehr auszuführen im Stande ſind, als andere Sterbliche, warum ſollte es Ihnen da nicht auch jetzt gelingen?“ „Sie wünſchen alſo wirklich die Befreiung Vampa's?“ „Aus den ſchon angegebenen Gründen wünſche ich es.“ „Können Sie Garantieen geben, daß Vampa ſeine wieder⸗ erlangte Freiheit nicht mißbraucht, ſondern daß er wirklich einen anderen, beſſeren Weg einſchlägt?— Können Sie dieſes?“ Wieder erglühte Eugenie. „Wie könnte ich dieſes?“ ſagte ſie endlich zögernd.„Es iſt mir gänzlich unmöglich.“ 4 „Vielleicht nicht ſo unmöglich,“ entgegnete Monte Chriſto. „Wenn Vampa im Falle ſeiner Befreiung erführe, wer ſeine Ketten eigentlich gelöſt und was man von ihm hofft, dann würde er ſich nicht undankbar zeigen und der Befreierin Erwartung nicht täuſchen. — Des Weibes Hand iſt auch befähigt, Wunder zu vollbringen.— Einſtweilen können Sie verſichert ſein, daß ich verſuchen will, Ihre Wünſche zu erfüllen, wogegen ich hoffe, auch Sie werden nicht nur meinem Rathe folgen, ſondern auch meine Wünſche berückſichtigen.“ Er nahm Abſchied und ließ die Damen in nicht geringer Ver⸗ wirrung zurück; namentlich fühlte ſich Eugenie beſtürzt. Monte Chriſto aber ſagte zu ſich ſelbſt: „Wer kann des Menſchen Herz ergründen?— Eugenie, die ſtolze Tochter eines ehemaligen Geldkönigs aus Paris, nimmt leb⸗ 5 1 333 haftes Intereſſe an dem Schickſale eines Räuberhauptmannes, und dieſes Intereſſe verräth eine lebhaftere Hinneigung, als ſich das Mädchen vielleicht ſelbſt geſtehen will.— Nun immer hin.— Wenn . Eugenie alſo ſprechen kann, ſo wird ſie wenigſtens keine Verſchworene gegen mich ſein, wenn ich auch auf ihre freundliche Geſinnung gegen mich kein Haus bauen mag.— Aber ſollte ſie dennoch falſch, ſollte ſie Heuchlerin ſein?— Ha, dann ſollte ſie es ſeiner Zeit empfinden und ſie wäre würdig für die Arme eines Banditen.“ Zweiundvierzigſtes Kapitel. Der Carneval in Rom. Heute ſind die Narren los, Jeder Thor iſt frei, Kann ein Narr ſein noch ſo groß, Als er immer war; Vivat, Vivat, Narrethei! Weisheit, ſchweige ſtill. B. Der letzte Tag des Carnevals war erſchienen.— Bis dahin hatte Monte Chriſto ein unruhiges und freudloſes Leben in Rom geführt, ein vergebenes Nachſpüren nach dem geheim⸗ nißvollen Feinde, den er nicht entdecken konnte und der dennoch uner⸗ müdlich in ſeiner Nähe ſchweifen mußte, wie ſo manches geheime Zeichen verrieth; wären es auch die gekreuzten Todtengebeine geweſen, welche bisweilen des Morgens unter dem Eingange des von dem Grafen bewohnten Palaſtes gefunden wurden und deren Bedeutung ſich die Dienerſchaft nicht zu erklären wußte. Aber Monte Chriſto, dem dieſe Vorgänge allemal gemeldet wurden, wußte die Be⸗ deutung beſſer. „Es ſind Zeichen von dem Geſandten der Todten,“ ſagte er ſich ſelbſt.. Aber welcher Todten?— War es ein Bote von jenem Eduard, deſſen unglücklicher Tod ihn zum erſten Male zum Bewußtſein gebracht, daß er ſeine Miſſion überſchritten, und der ihn mit ſo furchtbarer Reue erfüllte?— Oder waren dieſe Todten, von welchen jener Geheimnißvolle geſchickt zu ſein vorgab, Andere?— Er wußte es nicht.— Einmal war ſogar ein Todtenſchädel auf eine Fenſterbrüſtung gekommen, welcher mit hohlen Augen grauenhaft in das Innere des inem et, d Hauſes beſchrie konnte, gab A Drohu Rom heiße. ſchmette mocht, Perſon wendet ſolle, über kunft 3 obgleic auf ſei wenn e lichen; T zu gut, Feindes Geſchen arbeitet nzeige Veiſe detto n So aber au ——V— ——ᷣ—ᷣ—ͦ;Zñ—ñQB——— 335 Hauſes ſtarrte, während er zwiſchen den Zähnen ein Pergament hielt, beſchrieben mit geheimnißvollen Zeichen, die Niemand enträthſeln konnte, nur der Dolch, der ziemlich deutlich darauf angegeben war, gab Aufſchluß, welcher Art die mit dieſem Schädel ausgeſprochene Drohung ſein durfte. Quälende Unruhe trieb den Grafen umher, und gern hätte er Rom verlaſſen, um nur dieſer Unruhe zu entgehen, wenn nicht der heiße Drang, erſt ſeinen Feind kennen zu lernen und ihn zu zer⸗ ſchmettern, ihn zurückgehalten hätte. Auch hatte er noch nicht ver⸗ mocht, Vampa's Befreiung durchzuſetzen; er war von denjenigen Perſonen, an die er ſich in dieſer Angelegenheit im Geheimen ge⸗ wendet, dahin vertröſtet, daß des Gefangenen Leben geſichert ſein ſolle, man ihn aber dann erſt entſchlüpfen laſſen könne, wenn man über verſchiedene, den Behörden ſehr wichtige Dinge von ihm Aus⸗ kunft erhalten haben würde. Zu Vampa ſelbſt hatte der Graf nicht mehr gelangen können, obgleich er dem Schließer reiche Geſchenke bot.— Mit Hinweiſung auf ſeine Pflicht wies der Mann ſeine Gaben zurück und drohte, wenn er mit ſeinen Verſuchen fortfahre, ihn als Verführer der päpſt⸗ lichen Beamten zur Beſtrafung anzuzeigen.— Monte Chriſto kannte aber die Beſtechlichkeit der Beamtenwelt zu gut, um hier nicht anderen Einfluß zu ahnen, den Einfluß ſeines Feindes, der ihn von Vampa fern halten wollte und vielleicht durch Geſchenke, vielleicht auch durch Drohungen den Mann dahin be⸗ arbeitet, daß er Niemand mehr zu dem Gefangenen ließ. Und dieſes war wirklich der Fall geweſen, Benedetto war bei dem Schließer erſchienen, hatte ihm das Geheimniß des Beſuches Monte Chriſto's entlockt und ihn dann mit dem furchtbarſten Unglücke gedroht, wenn er jemals noch Jemand zu dem Gefangenen laſſe; er hatte ihm die Hand gezeigt als mächtigen Talisman, der ihm Alles anzeige, wenn etwas gegen ſeine Befehle geſchehe; und auf ſolche .Weiſe war der Mann ſo gewaltig eingeſchüchtert worden, daß er in ſeinem blinden Aberglauben angſtvoll Alles verſprochen, was Bene⸗ detto nur verlangte, und ſelbſt einen Schwur darauf geleiſtet hatte. So war die Zeit vergangen, für Monte Chriſto eine unglückliche Zeit, die ſich auf ſeinen immer düſter werdenden Zügen abſpiegelte; aber außer ihm erfuhr Niemand, was er litt.— Auch die Freuden 336 des Carnevals waren ſo ſpurlos an ihm vorübergegangen, er hatte ſie nicht genoſſen, aus Sorge, der Feind könne ihm entgegentreten und wieder den Tropfen bitterſter Galle in den Kelch ſeiner Freuden miſchen. Erſt am letzten Tage des Carnevals, wo ſich in den Straßen Roms die allertollſte Luſt zu entfalten pflegt, konnte der Graf ſich entſchließen, ſich an dem bunten Maskenzuge zu betheiligen. In reicher, orientaliſcher Tracht beſtieg er mit Haidee, Albert und deſſen Gattin ſeinen Wagen, der mit Körben voll Zuckerwerk, dem ſoge⸗ nannten Confetti, beladen war, um dem Maskengefechte beizuwohnen, wo der Confetti als Wurfgeſchoß dient. Nicht lange dauerte es, ſo befand ſich der Wagen des Grafen mitten im Maskengewirre, welches ihn nun zwang, langſam in der Reihe vorzurücken. Die tollſte Luſt umbrauſte ihn, Masken aller Art trieben ſich umher, jauchzend, ſchreiend, zankend, lachend, die ver⸗ ſchisdenſten Thierſtimmen nachahmend, auf den mannigfaltigſten Inſtrumenten, als Dudelſäcken, Hörnern, Muſcheln, Pfeifen, Violinen, Guitarren u. ſ. w. nicht muſicirend, ſondern einen ohrbetäubenden Lärm machend. Hier waren ganze Wagenladungen bunte Bajazzos, dort mit Federkronen geſchmückte Indianer, eiſenumhüllte Ritter, Quackſalber, Glieder aller Nationen, Menſchen mit Thierköpfen, die ausſchweifendſten Phantaſietrachten, Alles, was der Menſch in ſeiner tollſten Laune nur erdenken kann, war hier zu finden. Rechts und links flogen ganze Hände voll des ſtark mit Gyps verſetzten Zuckerwerks bald von einem Wagen auf den anderen, bald von den mit Teppichen behangenen Balkonen und Fenſtern der Häuſer in die Wagen und von den Wagen wieder zurück; ja, von den Balkonen wurden ganze Körbe Confetti's auf die unten wogen⸗ den Masken herabgeſchüttet, ſo daß die Mehrzahl der Masken bald ausſah, wie mit Mehl beſtäubte Müller. Aber nicht allein Confetti diente als Waffe, auch Blumenbouquets wurden benutzt, namentlich gegen die geſchmückten Damen auf den Balkons flog ein Regen von Blumen, wie denn auch mit Damen beſetzte Wagen mit ſolchen duftigen Bomben beſchoſſen wurden. Anders war es freilich mit compacteren Kugeln, denn auch Oran⸗ gen, wohl auch hin und wieder von boshafter Hand geworfene Eier flogen hin und her, und es wurde bei dieſer Kanonade vorzüglich 1n e 4 „ † an J loſigk einen gnüge genief 4 langſa Monte Maske dem h ſchwar ein To der S Das eſieh Iät,„ gelten z vel⸗ tigſten linen, enden azzos, Ritter, n, die ſeiner Gyps bald n der 1, von wogen⸗ n bald uquets uf den Damen en. Oran⸗ ne Eier büglih 337 auf die Geſichter gezielt, wo es dann manchen furchtbaren Halloh gab, wenn der Inhalt der zerbrochenen Eier an der Geſichtsmaske herablief.— Heute herrſchte nun einmal Maskenfreiheit, die tollſte Luſt, gemiſcht mit kleinen Bosheiten, konnte nach Herzensluſt aus⸗ gelaſſen werden, ohne daß Jemand zu befürchten hatte, der Andere könne etwas übel nehmen. Haidee und Maria, denen dieſes Alles neu war, hatten Herzens⸗ freude an dem tollen, bunten Treiben; Albert, deſſen alte, fröhliche Laune erwachte, warf wacker mit Confetti um ſich; aber Monte Chriſto war ernſt und ſchweigſam und ſcheinbar theilnahmlos an Allem, aber ſein forſchendes Auge ſchweifte ruhelos umher, als ſuche es Jemand. Albert fiel dieſes endlich auf, er richtete darüber einige Worte an Monte Chriſto, welche dieſen aus ſeiner ſcheinbaren Theilnahm⸗ loſigkeit aufrütteln ſollten. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ antwortete Monte Chriſto mit einem Anfluge von Bitterkeit in ſeinen Worten,„ich genieße das Ver⸗ gnügen auf meine Art; wer kann deshalb ſagen, daß ich weniger genieße, weil ich nicht auf dem Kopfe tanze wie die Anderen?“ Dann verſank er wieder in ſein Sinnen.— Der Wagen rückte langſam vorwärts, die Masken umtummelten ihn. Plötzlich ſprang eine der Masken mit einem Satze in den Wagen Monte Chriſto's und blieb hier gerade vor dem Grafen ſtehen. Die Maske war ſonderbar, ſie trug einen brennend rothen Mantel, auf dem hin und wieder auflodernde Flammen angebracht waren; ein ſchwarzer Hut deckte den Kopf, deſſen Maske einem Todtenkopfe ähnelte; ein Todtenkopf hing auch am ſchwarzen Bande um ſeinen Hals, auf der Stirn des Todtenkopfes aber waren zwei gekreuzte Dolche gemalt. Das ganze Erſcheinen dieſer Maske hatte etwas Unheimliches an ſich. „Ha, Burſche,“ rief Albert, die Maske am Mantel ziehend, „ſiehſt Du nicht, daß hier kein Platz mehr für Dich iſt?“ „Platz genug,“ entgegnete die Maske.„Aber nimm Dich in Acht, daß Du Dich nicht verbrennſt an dieſen Flammen!— Sie gelten Dir doch nicht.“ „Nun, wem denn?“ fragte Albert. „Ei, dieſem da,“ entgegnete die Maske, auf Monte Chriſto deutend. Monte Chriſto fuhr auf. „Burſche,“ rief er ihm zu,„was willſt Du von mir?“ Die Hand des Todten. 22 „Sehr viel!“ war die Antwort. „Vielleicht einen Scudi oder das Hinauswerfen?“ fragte der Graf. „Du wirſt mich doch nicht werfen,“ entgegnete die Maske mit höhnendem Gelächter. Dann ſich zu dem Grafen niederbeugend, ziſchte ſie dieſem in's Ohr:„Dieſes Roth iſt das Blut der Todten von Paris, das über Dich kommt; dieſe Flammen ſind die Flammen der Hölle, die Dich erwarten; die Dolche wirſt Du ſelbſt gegen Dich wenden, wenn Du in Verzweiflung endeſt.— Hier der Gruß!“ Nach dieſen Worten legte er auf den Schooß des Grafen einen — Todtenkopf.— Dann ſprang er mit leichtem Schwunge aus dem Wagen, mitten unter die umhertoſenden Masken. Mante Chriſto ſaß wie ein Marmorbild, den Todtenſchädel, der ihn aus hohlen Augen anſtarrte, auf dem Schooße.— Die beiden Frauen drängten ſich ſcheu und furchtſam aneinander; auch Albert war betreten, obgleich er nichts von den Worten der Maske ver⸗ ſtanden, da der Tumult zu arg war. „Das iſt ein ziemlich alberner Maskenſcherz,“ ſagte er,„das Volk mißverſteht die Maskenfreiheit!— Weg mit dem Memento mori!“ Er ergriff den Todtenkopf und warf ihn aus dem Wagen. Jetzt kam auch wieder Leben in den Grafen. „Ganz recht,“ ſagte er kaltblütig,„das iſt ein einfältiger Scherz, dem ich aber auf den Grund kommen muß. Die Maske muß ich wiederfinden um jeden Preis.“ Er befahl dem Kutſcher, weiter zu fahren, und ſprang dann aus dem Wagen; Albert folgte überraſcht des Grafen Beiſpiel und erklärte auf deſſen Frage ſeinen feſten Entſchluß, ihn zu begleiten, denn ihm komme der ganze Vorfall unheimlich vor.— Monte Chriſto willigte in dieſe Begleitung und fragte, ob er Waffen bei ſich habe. „Ja,“ entgegnete Albert.„Ich bin zu ſehr Soldat, um ohne Waffen auszugehen.— Aber weshalb fragen Sie?“ „Es iſt für alle Fälle,“ erwiderte der Graf.„Haben Sie Acht auf die Maske.“ In der Ferne ſahen ſie noch den rothen Mantel mit den Flam⸗ men flattern und machten ſich haſtig nach dieſer Richtung Bahn, aber obgleich bald da, bald dort der Mantel ſichtbar war und gleich einem Irrlichte vor ihnen herflatterte, konnten ſie ihn doch nicht rreich Graf che ſi vorw nach es 1. merke 3 ftt bald war! doch berül —— Q— 339 erreichen.— Plötzlich war die Maske gänzlich verſchwunden, der Graf und Albert befanden ſich mitten in einem Menſchenſtrome, und ehe ſie es ahnten, waren ſie von einander abgedrängt. Ohne auf dieſen Umſtand zu achten, drängte ſich der Graf weiter vorwärts, mit ſcharfen, ruheloſen Augen aus der Maske ſpähend nach jenem Unbekannten. Er wollte das Räthſel löſen, koſte es, was es wolle.— Noch einmal glaubte er jetzt den rothen Mantel zu be⸗ merken, fand ſich aber getäuſcht, denn dieſes war eine ganz andere Maske. Verdrüßlich über dieſe Täuſchung wandte ſich der Graf ab, doch jetzt ſchienen eine Menge rothe Mäntel zum Vorſchein zu kommen, bald da, bald dort tauchte einer auf, aber ein Mantel mit Flammen war nicht darunter. Nachdem der Graf faſt eine Stunde ruhelos umher geſpäht und doch zu keinem Reſultate gekommen, fühlte er ſich plötzlich am Arme berührt und ſah eine Maske im ſchwarzen Mantel neben ſich. „Seit wann erſcheint der Sultan ohne Gefolge?“ fragte die Maske.„Sind ſeine Schätze geſchwunden, daß er keine Diener mehr halten kann.“ „Pah,“ entgegnete Monte Chriſto.„Harun al Radſchid miſchte ſich ohne Gefolge unter das Volk, um deſſen Wünſche zu errathen; warum ſollte ich es da nicht auch thun können?“ „Harun al Radſchid ließ einen Diener ſich folgen,“ antwortete der Andere.„Ich will dieſer Diener ſein.“ „Dank, aber ich bedarf keines Dieners,“ ſagte Monte Chriſta Dann ſetzte er ſeinen Weg fort. Als er nach einiger Zeit ſich umſah, bemerkte er, daß die ſchwarze Maske beſtändig ſeinen Schritten folgte.— Er duldete dieſes kurze Zeit, als aber dieſe Begleitung beſtändig fortdauerte, wandte er ſich wieder um. „Ich liebe ſolche Begleitung nicht,“ ſagte er kurz. „Ich bin Dein Schatten, Edmond Dantes,“ klang es zurück. Bei der Nennung dieſes Namens fuhr Monte Chriſto zuſammen. „Was ſoll dieſer Name?“ fragte er dann. „Iſt's nicht der Deine, Monte Chriſto?“ fragte der Andere ſpöttiſch. „Du willſt mich kennen?“ „Der Schatten kennt ſeinen Körper.“ „Wer biſt Du?“ 340 „Dein Schatten.“ Monte Chriſto wurde eben ſo ungeduldig als aufmerkſam. „Ein Schatten iſt weſenlos,“ ſagte er,„er kann nicht reden.“ „O ja, er kann oft recht laut reden,“ ſpottete es.„Uebrigens bin ich weſenlos, hier iſt meine Hand, verſuche es.“ Er ſtreckte unter dem ſchwarzen Mantel die Hand hervor, und Monte Chriſto, in der Abſicht, ſich des Menſchen zu bemächtigen und ihn ſo zur weiteren Rede zu zwingen, vielleicht dadurch dem ſo lange geſuchten Geheimniſſe auf die Spur zu kommen, griff haſtig darnach. Kaum hatte er die Hand berührt, als wieder eiſige Kälte ihn durchrieſelte; die Hand war kalt, vertrocknet.— Mit einer unwillkür⸗ lichen, heftigen Bewegung ſchleuderte der Graf die Hand von ſich. „Menſch oder Teufel,“ rief er ſchaudernd,„wer biſt Du?“ „ ‚Dein böſes Geſtirn,“ entgegnete die Maske.„Dein Schatten, der ſich an Deine Ferſe heftet und Dir kündet, daß Deine Stunde bald geſchlagen hat, wo Du den Todten Rechenſchaft geben mußt.“ „Steh',“ donnerte der Graf dem Unbekannten zu,„gälte es Leben und Tod, ich muß wiſſen, wer Du biſt!“ Er wollte ihn ergreifen. Höhnendes Gelächter antwortete ihm. Aus der Erde ſchien ein Feuerſtrahl zu ſprühen, heiß wehte es in des Grafen Geſicht, dann folgte Dampf, ein heſtiger Knall erſchütterte die Luft. Die Masken ſtoben ſchreiend und fluchend auseinander und die räthſelhafte, ſchwarze Maske war verſchwunden. Monte Chriſto ward durch das heftige Gedränge mit fortgeriſſen; er machte ſich aus dem Wirrwar los und eilte in ſein Hotel zurück, wo er ſich in finſterer Rathloſigkeit auf den Divan warf. Auf's Neue hatte er den Beweis, daß ein geheimnißvolles Weſen ihm auf Schritt und Tritt folgte. War es ein Menſch? War es ein racheglühender Geiſt?— Wer konnte es ihm ſagen? — Des Grafen Zuſtand war ſchrecklich, ſein ſonſt ſo freier Geiſt umnachtet; er konnte zu keinem Entſchluſſe kommen. Als Bertuccio ſpät Abends zurückkam, empfing er zu ſeinem Erſtaunen den Befehl, Alles zur Abreiſe vorzubereiten, binnen vier⸗ undzwanzig Stunden würde er Rom verlaſſen. Graf Monte Chriſto wollte vor den Augen ſeines böſen Ge⸗ ſtirnes verſchwinden. ihn kür⸗ ſich. tten, unde ſßt.“ 2 es ein dann isken jafte, ſen, rück, polles nſch gen? Geiſt linem vier⸗ Ge⸗ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Ein neuer Schlag von unbekannter Hand. Halt, Herr, hier endet Euer freier Weg, Wohin Ihr nun geht, geht Ihr nur gezwungen. Shakeſpeare. Am nächſten Morgen trat Monte Chriſto reiſefertig bei Albert Morcerf ein, welcher mit Mercedes ein ſtattliches Logis bezogen hatte, und wo ſich eben auch Eugenie und Louiſe befanden.— Des Grafen Geſicht zeigte ſeine gewöhnliche kalte Ruhe. Albert wollte ſich entſchuldigen, daß er am vorigen Tage nicht achtſamer auf den Grafen geweſen ſei und er ihn verloren habe. Er habe ihn lange geſucht, aber im bunten Maskengewühle nicht finden können; dann ſei das Moccoloſpiel begonnen worden und da habe er geglaubt, es müſſe der Graf wieder in ſeinem Wagen ſein, habe dieſen aufgeſucht, aber nur erfahren, daß ſich der Geſuchte wieder in ſeinem Hotel befinde. „Laſſen wir das,“ entgegnete der Graf,„bei ſolchem Gedränge möchte man ſich mit Ketten zuſammenſchmieden, um nicht auseinander gedrängt zu werden.— Doch zu etwas Anderem.— Sie ſehen mich reiſefertig.“ „Wie, Herr Graf, Sie wollen abreiſen?“ fragte Albert erſtaunt. „Verhältniſſe,“ ſagte der Graf leicht hin.„Aber vorher ein Wort mit Ihnen, Albert; ein kleiner Auftrag“— Befehlen Sie ganz über mich,“ erwiderte Albert. Monte Chriſto winkte dem jungen Mann in eine Fenſtervertiefung. „Mein Freund,“ ſagte Monte Chriſto,„da ich unerwartet ſchnell von Rom hinweggerufen wurde und nicht weiß, wann ich je hierher zurückkomme, ſo erſuche ich Sie, ein Geſchäft zu beenden, welches * 1 nicht ohne Wichtigkeit iſt, wenn Ihnen gleichwohl für jetzt der Be⸗ weggrund dazu noch verborgen bleibt.— Es betrifft Vampa.“ Albert machte bei der Nennung dieſes Namens eine etwas er⸗ ſtaunte Miene.— Monte Chriſto bemerkte dieſes und fuhr fort: „Sie dürfen nicht fürchten, daß Sie mit ihm wieder eine Be⸗ kanntſchaft erneuern würden, wo es dann heißt: Geld oder das Leben.— Nicht im Entfernteſten.— Der arme Burſche ſitzt in Ketten und Banden und er wäre gewiß von ganzem Herzen aus dieſer fatalen Lage.“ „Dieſes glaube ich ohne Schwur,“ verſicherte Albert.„Soll ich dem Menſchen vielleicht zur Flucht behilflich ſein?“ „Vor der Hand genügt es, Vampa vor Verurtheilung ſicher zu ſtellen, denn jetzt darf er noch nicht fallen. Zu dieſem Zwecke er⸗ warte ich Ihre Mithilfe. Dieſe iſt ganz einfach.— Sehen Sie dieſen Ring?— Es iſt ein Diamant, den Kenner auf etwa hundert⸗ tauſend Francs geſchätzt. Sie begeben ſich zu dem Cardinal Matti, welcher in ſolchen Sachen gewichtigen Einfluß hat. Er liebt Dia⸗ manten, und da er überſchuldet iſt, ſo iſt er auch gegen Geld nicht unempfindlich.— Sagen Sie ihm, Sie wären von Lord Hope auf⸗ gefordert, ſich bei ſeiner Eminenz zu verwenden, daß der Prozeß gegen den gefangenen Luigi Vampa erſt ſpäterhin beginne, und als erſten Preis für dieſe Gefälligkeit überreichen Sie dem Herrn Car⸗ dinal dieſen Ring und dieſe Rolle mit Goldſtücke, wobei Sie nicht unterlaſſen dürfen, zu betonen, daß dieſes kleine Geſchenk nur der Vorläufer eines größeren iſt.— Sie werden nicht verfehlen, bei der ewig in Geldverlegenheiten ſchwebenden Eminenz bedeutende Folgen zu erzielen.“. Albert erklärte ſich bereit, dieſen Auftrag zu vollziehen, ohne erſt zu fragen, was den Grafen zu dieſer beſonderen Theilnahme bewege; er wußte, ohne beſtimmten Zweck that Monte Chriſto nie irgend Etwas, und dieſes war ihm genug.— Er empfing den frag⸗ lichen Diamantring und die Goldrolle aus des Grafen Hand, und ließ ſich ſchließlich zum beſſeren Verſtändniß noch über einige Punkte Aufklärung geben. Nochmals verſicherte Albert dann, daß er Alles thun werde, was der Graf von ihm wünſchte, verlangte dann aber eine Adreſſe, um dem Grafen Nachricht über den Erfolg ſeiner Schritte geben hrſ Zeit einen hätte den; A dem ſahen dieſes Thüre päpſtl er zu er⸗ Sie dert⸗ natti, Dia⸗ ſnicht auf⸗ rozeß als Car⸗ nicht der bei tende ohne ahme nie frag⸗ und unkte erde, reſſe geben 343 zu können; Monte Chriſto nannte ihm eine ſolche in Venedig, wohin alle Mittheilungen zu richten ſeien. Als dieſe Gelegenheit beendet war, trat Monte Chriſto zu den Damen zurück, um von ihnen Abſchied zu nehmen. Die Damen waren nicht weniger als Albert über die uner⸗ wartete Abreiſe des Grafen erſtaunt, doch wohl wiſſend, daß dieſer Mann ſelbſt gegen ſeine Umgebung das ihn umgebende Geheimniß⸗ volle nie ganz ablegte, und Niemandem als ſich ſelbſt über ſein Thun und Laſſen, ſowie über die Zwecke und die Zeit ſeiner Reiſen Rechenſchaft gab, wagten ſie nicht, nach irgend Etwas zu fragen, was darauf Bezug haben konnte; nur über das Eine erkundigten ſie ſich, ob der Graf Haidee und ſeinen Sohn in Rom zurücklaſſen werde, oder ſie ihn daſelbſt erwarten, oder ob ſie ihn begleiten würden. Monte Chriſto erklärte, er nehme ſeine Familie mit, da es zweifelhaft ſei, ob er ſo bald wieder an einen längeren Aufent⸗ halt hier in Rom denken könne. „Dann werden wir uns in Rom wohl nicht mehr ſehen,“ ſagte Albert. „Jedenfalls doch,“ entgegnete Monte Chriſto, und ich erwarte von Ihnen, daß Sie Rom nicht verlaſſen, bevor Sie mich nicht davon benachrichtigt haben. Sie wiſſen die Gründe, welche mich zu dieſem Verlangen bewegen.“ Albert verſprach dieſes. „Nun kommt der Augenblick des Scheidens,“ ſagte Monte Chriſto düſter. „Seine Stirn umwölkte ſich, denn zum erſten Male ſeit langer Zeit war er in der Lage, dem Drucke der Verhältniſſe weichend, einen Ort verlaſſen zu müſſen, wo er gern noch länger verweilt hätte.— Sonſt war dieſes anders, da übte er auf die Verhältniſſe den zwingenden Druck aus, und jetzt empfand er ihn. In dieſem Augenblicke tönten Schritte und Waffengeklirr in dem Vorzimmer. Der Graf ſchaute verwundert auf, die Damen ſahen ſich unruhig an, und Albert trat vor, um nachzuſehen, was dieſes Geräuſch zu bedeuten habe.— Da öffnete ſich bereits die Thüre und herein trat ein Polizeibeamter, gefolgt von mehreren päpſtlichen Gensd'armen. 344 „Mein Herr,“ rief ihnen Albert beſtürzt entgegen,„was be⸗ deutet dieſes Eindringen in meine Wohnung?“ „Befehl der Regierung,“ war die kalte Antwort. „Nun denn, wem gilt Ihr Beſuch?“ fragte Albert. „Wer von Ihnen iſt der ſogenannte Graf Monte Chriſto?“ gegenfragte der Beamte. „Ich bin der Graf Monte Chriſto,“ erwiderte der Graf,„aber nicht der ſogenannte, ſondern der wirkliche, wie Ihnen mein Diplom beweiſen kann.— Was ſoll Ihnen der Graf?“ „Ich bitte, mir zu folgen,“ antwortete der Beamte.„Sie ſind mein Gefangener.“. Mit zuſammengepreßten Lippen trat Monte Chriſto zurück. „Ich, Gefangener?“ fragte er. Schweigend überreichte der Beamte dem Grafen ein Papier, und dieſer las nun einen in aller Form gegen Edmond Dantes, Grafen von Monte Chriſto, ausgefertigten Verhaftungsbefehl der päpſtlichen Regierung. „Ah ſo,“ ſagte Monte Chriſto, der ſeine äußere Ruhe voll⸗ kommen wieder gewonnen,„nun kann ich allerdings nicht mehr zweifeln, daß Ihr Beſuch mir gilt, wenn ich gleich behaupte, daß Alles auf einem Irrthum beruht. „Darüber habe ich nicht zu entſcheiden,“ erwiderte der Beamte achſelzuckend,„und ich bitte, mir nun ohne Weigerung zu folgen.“ „Wohin?“ „Auf die Engelsburg.“ „Ah, ein höchſt intereſſanter Aufenthalt, ganz gemacht zu hiſtori⸗ ſchen und philoſophiſchen Studien.— Ehe ich aber dahin gehe, wird mir hoffentlich geſtattet ſein, Weib und Kind zu ſehen und Abſchied zu nehmen, ſei es auch nur für Stunden. Unter gewiſſen Verhält⸗ niſſen können ſelbſt Stunden ſich zu Wochen ausdehnen.“ „Ich bedaure,“ entgegnete der Beamte mit bezeichnender Be⸗ wegung,„meine Inſtruction lautet, Sie von dem Orte, wo ich Sie finde, direct nach der Engelsburg zu bringen.“ „Gut, dann müſſen Sie gehorchen.— Doch wird mir nicht verwehrt ſein, in dieſem Nebenzimmer unter vier Augen mit dieſem Herrn hier einige Worte zu wechſeln?“ lom ſind pier, ntes, der voll⸗ ehr daß ſamte gen.“ ſtori⸗ wird hied hält⸗ Be⸗ Sie nicht 345 „Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen auch dieſes verweigern, denn meine Inſtruction lautet, Sie, bevor Sie nicht in ſicheren Ge⸗ wahrſam gebracht ſind, keinen Augenblick zu verlaſſen.— Wenn ich feſt an meiner Inſtruction halte, werden Sie es nur gerechtfertigt finden, denn ich weiß, Sie ſind Meiſter im plötzlichen Verſchwinden.“ Der Graf biß ſich auf die Lippen, denn wirklich hatte er ein ſolches Verſchwinden im Sinne gehabt.— Aber er beherrſchte ſich und ſagte kaltblütig zu dem Beamten: „Daß ich im Verſchwinden Meiſter bin, davon könnte ich Ihnen ſogleich einen Beweis geben, und weder Sie, noch Ihre Leute würden mich zurückhalten können, Einige von Ihnen würden dieſen Verſuch ſogar mit dem Leben bezahlen müſſen.— Aber die Engelsburg iſt mir intereſſant, und ich will die Gelegenheit mir nicht entgehen laſſen, ſie für einige Stunden auf praktiſche Weiſe im Innern kennen zu lernen.“ Mit vollkommenſter Ruhe nahm nun der Graf von den tödtlich erſchrockenen Frauen Abſchied und hatte für jede ein unbeſorgt ſcherzendes und tröſtendes Wort, ihnen verſichernd, daß der Irrthum ſich bald aufklären und er in kurzer Zeit zurückkehren würde. „Für Sie, Albert,“ ſagte er zu dieſem gewendet,„habe ich nun noch einen neuen Auftrag. Unterrichten Sie Haidee von meiner Abweſenheit und beruhigen Sie dieſelbe darüber; auch übertrage ich Ihnen den Schutz meiner Familie, während ich von ihr ferne bin; wie Sie dann auch Bertuccio ſagen mögen, er ſolle jetzt dreifach wachſam ſein und die getroffenen Anordnungen aufrecht erhalten, es ſei meine Reiſe nur aufgeſchoben, nicht aufgehoben.— Sie aber“— ſetzte er leiſe hinzu—„führen Sie das, was ich Ihnen vorhin auftrug, auf jeden Fall aus.“ Albert verſprach Alles, und der Graf verließ mit einer leichten Verbeugung und dem ruhigſten Geſichte von der Welt das Zimmer. — Einige Minuten ſpäter raſſelte der verſchloſſene Wagen, in welchem der Graf mit dem Beamten ſaß, umgeben von einigen Gensd'armen, in raſchem Trabe der Engelsburg zu. „Was wird dieſes zu bedeuten haben?“ fragten ſich die Zurück⸗ bleibenden. 4 Niemand wußte Antwort darauf, denn Allen kam dieſer unge⸗ hnte Vorfall mehr als überraſchend; Monte Chriſto, der Mächtige, 346 ' 3 von dem ein Wink Menſchen auf den Gipfel des Glückes gehoben, Andere von dem Gipfel des Glückes herabgeſtürzt hatte, von dem es eine Zeit lang geſchienen, als ſei er allwiſſend und ſeinen Augen könne nichts entgehen, derſelbe Mann war nun ein Gefangener der päpſtlichen Polizei, und Niemand konnte es ſich denken, weshalb eigentlich. Albert forderte ſeine junge Gattin auf, ihn zu Haidee zu be⸗ gleiten, um dieſe ſo ſchonend als möglich von dem Vorgefallenen zu unterrichten. ben, dem igen ener halb be⸗ enen 3 Vierundvierzigſtes Kapitel. Monte Chriſto im Verhör. Er ſteht in ſeiner Richter Kreiſe, Das Haupt erhoben, das Geſicht So kalt und ernſt, er zittert nicht; Kein Zucken ſpricht von der Bewegung, Von einer leiſen, bangen Regung. Byron. Graf Monte Chriſto war, wie man ihm angekündigt hatte, nach der Engelsburg gebracht, wo man ihm ein ziemlich einfaches und enges Gemach, mit nur wenig Möbeln ausgeſtattet, anwies, deſſen Beſtimmung als Gefängniß hauptſächlich durch das ſtarke, eiſerne Gitter vor dem Fenſter und durch die ſchweren Schlöſſer an der dicken, eichenen Thüre verrathen wurde. Als der Graf ſich allein ſah in dem Gemache, lächelte er voll Bitterkeit.— Er hatte zwar ſchon in furchtbareren Geſängniſſen ge⸗ lebt, und gegen jene war dieſes Gemach der Engelsburg faſt ein Prachtzimmer zu nennen, aber er war und blieb Gefangener, nicht mehr Herr ſeines freien Willens wie ehemals. Und hier ſollte er leben, der einige Jahre umgeben von allen Genüſſen des Luxus zu⸗ gebracht, der gewohnt war, daß ſeine Diener auf einen Wink des Auges herbeieilten und nach ſeinen Befehlen fragten? Das war doch ein gewaltiger Abſtand!— Und was Monte Chriſto noch tiefer em⸗ pfand, als die Gefangenſchaft ſelbſt, war der verletzte Ehrgeiz, denn dieſe Stunde zerſtörte in den Augen der Welt den letzten Nimbus der überirdiſch ſcheinenden Macht, ſeiner Unfehlbarkeit, welche ihn bis dahin umgeben, er ſank auf die Stufe eines Verbrechers, eines ſchwin⸗ delnden Abenteurers herab, und der Welt war eine Menge Stoff zu boshaften Bemerkungen, zu Hohn und Spott gegeben, und er kannte 348 die Welt, um zu wiſſen, daß ſie nicht ſäumen würde, die übelſte denn Nachrede im reichlichſten Maße über ihn auszuſprudeln. u der „Ich ahne es, dieſer Schlag kommt von jenem geheimnißvollen n me Menſchen, der mich umſchwärmt,“ ſagte Monte Chriſto zu ſich ſelbſt; meine „er will mich vernichten. Aber Geduld, mein Freund, Edmond vweite Dantes läßt ſich nicht ſo leicht niederſchmettern.“ ioſten, Er rief durch Pochen den Schließer herbei und verlangte, der andere Gouverneur der Citadelle ſolle zu ihm kommen, da er dringend mit ihm zu ſprechen habe.— Nach einiger Zeit erſchien auch der Ge⸗ erde rufene, der Signor Ranucci, und verlangte zu wiſſen, was der nage Arreſtat von ihm wolle. 6 Monte Chriſto verlangte, daß man ihn unverzüglich zum Ver⸗ der G hör führe, ihm ſeine Anklage mittheile und ihm namentlich den de Ankläger gegenüberſtelle, oder ihn wenigſtens doch nenne. holen Der Gouverneur zuckte die Achſeln und erklärte, er könne hier weiter nichts thun, das ſei ganz die Sache des Gerichts, und dieſes würde zuſammentreten, wenn es den richtigen Zeitpunkt gekom⸗ men glaube. 1 „aber Ihren „Wie,“ rief Monte Chriſto,„ſo muthen Sie mir am Ende zu, würd ich ſoll geduldig in dieſem elenden Loche liegen, bis es den Herren und einfällt, ſich zu erinnern, ich ſei hier!— Das iſt wirklich eine ab⸗ Sign geſchmackte Zumuthung und ein ſo rieſenartiges Vertrauen in meine anng Geduld, daß ich dagegen proteſtiren muß.— Ich verlange heute noch Vernehmung, damit der Irrthum ſogleich aufgeklärt wird. Ich drch empfinde keine Neigung, eine Nacht in dieſer Höhle zuzubringen.“ Wün neur berei Begl „Höhle, Herr?“ ſagte Ranucci,„man hat Ihnen die beſten Zimmer in dieſem Caſtell angewieſen.“ „Ach, dann iſt der Comfort der Engelsburg nicht zu empfehlen,“ ſagte der Graf,„und Sie werden mir, der es beſſer gewohnt iſt, nicht verübeln, wenn ich keine Luſt empfinde, hier zu verweilen. Sie werden alſo von meinem Verlangen ſofortiger Vernehmung Anzeige machen.“ Der Gouverneur wollte Einwendungen machen, die Unmög⸗ lichkeit vorſchützen, allein Monte Chriſto ſchnitt ihm raſch das Wort ab, indem er mit Entſchiedenheit ſeine Forderungen wiederholte und ſchließlich hinzuſetzte: hlen,“ tiſ, eilen. ung mög⸗ Wort e und ————— 349 „Hüten Sie ſich, dieſen billigen Wunſch nicht erfüllen zu wollen, denn es könnte zu Ihrem offenbaren Nachtheile ausſchlagen. Obgleich in der Engelsburg, bin ich doch noch nicht gefangen, noch weniger in meiner Macht gelähmt, und durch dieſe dicken Mauern fliegen meine Beſchwerden bis zu dem Stuhle des heiligen Vaters und noch weiter, und glauben Sie mir, es wird mich dann wenige Worte koſten, den Verluſt aller ihrer Aemter herbeizuführen, während auf anderer Seite Ihnen durch mich die größten Vortheile ſicher ſind. Ich weiß zum Beiſpiel, daß Sie bald in große Verlegenheit kommen werden, indem Sie einen Wechſel ausgeſtellt, den Sie am Verfall⸗ tage nicht zahlen können. Iſt dem nicht ſo?“ Der Gouverneur wurde dunkelroth ti Geſichte, er ſtaunte, wie der Graf dieſes wiſſen konnte und ſchaute ihn faſt ſcheu an, ſo daß er des Grafen Frage ganz überhörte und dieſer ſie nochmals wieder⸗ holen mußte. „Wie wiſſen Sie das?“ fragte Ranucci dann. „Dieſes kümmert Sie nicht,“ entgegnete Monte Chriſto ſtreng, „aber Etwas beachten Sie: wie würde es um Sie ſtehen, wenn Sie Ihren jetzigen Poſten verlören, der Sie noch ſchützt? Wie hingegen würde Ihre Lage ſich umgeſtalten, wenn unerwartet jener Wechſel und andere Werthpapiere eingelöſt würden?— Beachten Sie dieſes, Signor, und bedenken Sie, daß ich die eine wie die andere Wirk⸗ ung hervorzubringen ſehr wohl im Stande bin.“ Mante Chriſto ſprach ſo feſt und entſchieden, daß Ranucci da⸗ durch eingeſchüchtert, aber auch zugleich mit Hoffnung erfüllt wurde. — Er verſprach ſogleich Meldung zu machen, damit des Grafen Wünſche womöglich erfüllt würden.— Zugleich erklärte der Gouver⸗ neur, daß der Schließer jederzeit zur Bedienung des Gefangenen bereit ſei und dieſer ſich zum Lebensunterhalt, ſowie zu ſonſtiger Bequemlichkeit Alles verſchaffen könne, wenn er mit den nöthigen Geldmitteln dazu verſehen ſei, aber Briefe dürfe er nicht nach aus⸗ wärts befördern, wenigſtens nicht, ohne daß ſie vorher von dem Gouverneur geleſen würden. Der Graf ſcherzte darüber, denn er glaubte nichts weniger, als daß ſein Aufenthalt an dieſem Orte ſo lange dauern könnte, daß ſich ein Briefwechſel nöthig machen ſollte. Nach einigen Stunden erhielt Monte Chriſto die Nachricht, daß erſt am nächſten Tage ſein Verhör beginnen werde und er ſich alſo 350 in Geduld fügen und dieſe Nacht ruhig in ſeinem Gefängniſſe bleiben möge. Was konnte der Gefangene anders thun, als ſich in Geduld faſſen und den nächſten Morgen zu erwarten, der ihm Entſcheidung bringen müſſe.— Er forderte von dem Gefängnißaufſeher, daß er ein Bett aus ſeinem Hötel holen ließe, und fügte ſich dann in ſein Schickſal, die Nacht im Gefängniſſe zuzubringen, ferne von den Seinen, von denen er nicht wußte, ob nicht auch ſie denſelben Ver⸗ folgungen ausgeſetzt ſein würden, wie er ſelbſt. Der Gedanke daran machte ihn ſehr unruhig, denn erſt jetzt, da er fern von den Seinen ſich befand, fiel es ihm bei, daß jener geheime Feind es darauf abgeſehen haben könne, ihn zu entfernen, um Haidee und den kleinen Edmond des natürlichen und wirkſamſten Beſchützers zu berauben und dann, indem er die beiden Weſen an⸗ griff, an denen des Grafen Herz mit höchſter Liebe hing, dieſen auch am ſchmerzlichſten zu verwunden.— Wer konnte wiſſen, welche teufliſchen Pläne jener Menſch hegte. Seit dieſer Ideengang in Monte Chriſto's Herz entſtanden, empfand er wahre Höllenqual und er war der Verzweiflung nahe. Die Hälfte ſeiner Schätze hätte er d'rum gegeben, wäre er jetzt bei Gattin und Kind geweſen, um mit treuem Blicke und ſtarker Hand über ſie zu wachen und ſie zu ſchützen; aber er vermochte nichts zu thun, als im ſtummen Schmerz den Boden zu ſtampfen, mit ver⸗ biſſener Wuth hinauszuſtarren aus ſeinem vergitterten Fenſter auf den nächtigen Himmel und die unter ihm liegenden Mauern und Dächer der Stadt.— Wie tief fühlte er ſich jetzt herabgeſtürzt von ſeiner Höhe, wie klein und elend mußte er ſich jetzt erkennen, der einſt göttliche Macht ſich angemaßt.— Was vermochte er jetzt?— Nichts.— Nicht einmal das holde Götterkind, den Schlaf, konnte er herbeirufen an ſein Lager, auf dem er ſich ruhelos umherwälzte. „Wäre dieſes wieder ein Flügelſchlag der Vergeltung des ewigen Gottes, deſſen Gebot: die Rache iſt mein, ich aus den Augen ſetzte, mir anmaßte, Rache zu üben und ſo in ſeine Befugniß zu greifen?“ murmelte Monte Chriſto.„Räche es an mir, der ich der Verbrecher bin, nur nicht an Haidee, nur nicht an meinem Edmond. Was können ſie, die Unſchuldigen, dafür, daß ich ver⸗ blendet war?— Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!“ Merger volſſe her, di Einſan aber ſ an da und f unter dem 6 Erde kehrte zurück wiede wenn längen er die dieſer gebli beſtel höflie Herre ſagen was! 5 düſter treten inem ver⸗ 351 Der Gequälte ſank zurück auf ſein Lager und verhüllte das Geſicht in den Händen, als wolle er ein Schreckensbild von ſich abhalten.— Umſonſt, umſonſt; wirre, dämoniſche Geſtalten tanzten um ihn, drohten ihm, ſuchten ihn zu ergreifen, machten Mienen des Spottes und des Hohnes gegen ihn; er ſah ſie ſelbſt mit ge⸗ ſchloſſenen Augen. Müde und abgeſpannt erhob ſich Monte Chriſto am nächſten Morgen von dem Lager, auf dem er ſeit langen Jahren die qual⸗ vollſte Nacht zugebracht hatte. Oede und todt ſchien Alles um ihn her, die Einſamkeit erdrückte ihn; der früher ſo oft, ſo gern die Einſamkeit geſucht, ſehnte ſich jetzt unter Menſchen. Vor Allem aber ſehnte er ſich nach Nachricht von Weib und Kind.— Er trat an das Fenſter, legte das bleiche Geſicht an die kalten Scheiben und ſtarrte durch das eiſerne Gitter hinaus; aber er ſah nichts als unter ſich einige Mauern der Veſte und darüber einige Dächer, von dem Palaſte, wo die Seinen weilten, zeigte ſich keine Spur. Der Himmel röthete ſich, die Sonne ſtieg langſam empor, die Erde mit ihrem goldnen Licht überfluthend, und mit ihrem Strahle kehrte auch neue Hoffnung in des halbverzweifelten Mannes Bruſt zurück.— In wenigen Stunden mußte ja Alles aufgeklärt und er wieder frei ſein, denn er konnte nicht glauben, daß die Behörden, wenn er nur erſt geſprochen, Veranlaſſung haben könnten, ihn noch länger in dieſem ſchrecklichen Aufenthalte feſtzuhalten.— Wie ſehnte er dieſe Stunde mit faſt fieberhafter Ungeduld herbei! In ſeiner Ungeduld rief Monte Chriſto den Schließer, damit dieſer nochmals den Gouverneur herbeihole, allein dieſer war an⸗ geblich abweſend und der Arreſtat mußte eine neue Geduldsprobe beſtehen. Endlich erſchien ein Polizeibeamter und lud Monte Chriſto höflichſt ein, ihm in ein benachbartes Zimmer zu folgen, wo die Herren vom Gericht ihn erwarteten, um zu hören, was er zu ſagen habe. „Umgekehrt,“ entgegnete der Graf bitter,„ich muß erſt hören, was man mir zu ſagen hat, ehe ich darauf antworten kann.“ Dann folgte er dem Beamten durch einen Corridor nach einem düſteren Zimmer, wo einige Herren um einen Tiſch ſaßen, den Ein⸗ tretenden höflich begrüßend und ihn einladend, auf einem bequemen 352 Lehnſeſſel Platz zu nehmen. Monte Chriſto that dieſes und er⸗ wartete dann die Anrede des Präſidenten. Dieſer, ein Mann mit lauernden und verſchmitzten Geſichts⸗ zügen, bewies ſich ſehr höflich gegen ihn, bedauerte in geläufigen Worten, ihn hier zu ſehen und in der unangenehmen Nothwendig⸗ keit zu ſein, ihn in Gewahrſam halten zu müſſen; aber höheren Orts ſei dieſe Maßregel angeordnet und ihm bliebe nichts übrig, als ſie zu vollziehen, da, was von oben käme, jedenfalls weiſe ſein müſſe. Uebrigens hoffe er, die Antworten des Angeklagten würden der Art ſein, daß ſie die völlige Unſchuld darlegten und es ermög⸗ lichten, die Haft zu enden. Monte Chriſto hörte dieſer Einleitung mit kalter Ruhe zu und erſuchte dann den höflichen Präſidenten, ihn vor allen Dingen von der Anklage zu unterrichten, und ihm ſo Gelegenheit zu geben, durch ſeine Vertheidigung ſo bald als möglich den Irrthum aufzuklären, denn einen ſolchen ſetzte er bei der ganzen Angelegenheit voraus. „Wir werden ſehen,“ entgegnete der Präſident bedächtig. Dann begann das Verhör mit den gewöhnlichen Formalitäten, denen der Graf durch eine raſche, unzufriedene Erklärung ein Ende machte, dafür drängte er deſto ungeduldiger nach Mittheilung der Anklage. Zu dieſer kam es nun endlich. Der erſte Punkt betraf die Seeräubereien, welche der Graf Monte Chriſto in dem tyrrheniſchen⸗ Meere verübt haben ſollte. Monte Chriſto lächelte verächtlich und erklärte, auf ſolche An⸗ klagen zu antworten, ſei unter ſeiner Würde, da es ſich ja ſchon her⸗ ausgeſtellt habe, irgend ein Abenteuerer habe ſeinen Namen gemiß⸗ braucht, um dieſe Räubereien auszuführen, vielleicht, oder vielmehr auch wahrſcheinlich, um ſeinen Namen in Mißcedrit zu bringen.— Wie ſich dies verhalte, ſei bereits in Alexandrien feſtgeſtellt; ſein Paß und andere ſchriftliche Ausweiſe bewieſen hinlänglich, daß er ſich zu jener Zeit, wo die Seeräubereien vorgefallen, theils auf der Reiſe von Oſtindien nach Aegypten, theils in letzterem Lande ſelbſt befunden. Die fraglichen Ausweiſe könne er jede Stunde aufzeigen. „Warum vernehmen Sie mich erſt jetzt über dieſe Sache, nach⸗ dem ich mich doch bereits längere Zeit in Rom aufgehalten und dabei wahrhaſtig mich nicht verborgen habe?“ fragte er ſchließlich. verzweife 3 nicht wi Mo „9 deß weg glauben ſein, ſo weg ſei⸗ auf dem dem Ein allgemei ſtreckt h loren ho Anklage diß mit ver der 3 „G Herr ——— — —— 35³ „Es iſt erſt jetzt wieder ein Ankläger aufgetreten,“ entgegnete faſt entſchuldigend der Präſident. „Dann bin ich wirklich neugierig auf ihn. Wo iſt er?“ „Er wird ſich ſeiner Zeit ſtellen.“ „Und mir beweiſen, daß ich Seeräuber bin?“ „Allerdings.“ „Nun, das dürfte ihm meinen Gegenbeweiſen gegenüber in der That ſehr ſchwer werden, ſo ſchwer, daß ich an ſeiner Stelle daran verzweifeln würde.“ „Ja,“ ſagte ein Beiſitzer zögernd,„wenn man nur überhaupt nicht wüßte, daß Sie eben da ſein können, wo ſie wollen.“ Monte Chriſto's Geſicht verzog ſich zu einem beißenden Lächeln. „Meine Herren,“ ſagte er,„es ſcheint, man will mir den Pro⸗ zeß wegen Zauberei machen, daß wird ja immer ſchöner!— Aber glauben Sie denn nicht, daß ich in ſolchem Falle gewiß nicht hier ſein, ſondern ſchon ſeit mehreren Stunden hundert Meilen weit hin⸗ weg ſein würde, wenn dieſes der Fall wäre? Der Engel da oben auf dem Steinhaufen und die Schlüſſel des heiligen Petrus über dem Eingange ſind kein Hinderniß mehr, denn bekanntlich ſoll die allgemeine Aufklärung ſich auch auf den Fürſten der Finſterniß er⸗ ſtreckt haben, ſo daß er den Reſpect vor den heiligen Zeichen ver⸗ loren hat.— Es giebt wahrhaftig keinen größeren Unſinn, als ſolche Anklage; ſie widerlegt ſich ſelbſt.“ Die Herren ſahen ſich an und ſchüttelten die Köpfe. „Iſt dieſes die ganze Anklage, wegen welcher ich erfahren mußte, wie man in der Engelsburg ſchläft?“ fragte Monte Chriſto mit verächtlichem Lächeln. „Dieſes muß Ihnen Ihr Gewiſſen beantworten,“ entgegnete der Präſident. „Mein Gewiſſen?— Wie meinen Sie das?“ „Es liegen noch mehrere ſchwere Anklagen gegen Sie vor, Herr Graf.“ „Sie machen mich wirklich neugierig.“ „Es handelt ſich um einen Mord,“ ſagte der Präſident. Monte Chriſto verſtummte einige Augenblicke. „Ein Mord?“ ſagte er dann, indem ſeine Stirne ſich um⸗ wölkte. Die Hand des Todten. 23 354 Scharfen Blickes beobachtete ihn der Präſident, damit kein Zucken des Auges, kein flüchtiges Zittern der Miene in dem Geſichte des Angeklagten ſeinem Auge entgehe; ſo bemerkte er die ſich finſter furchende Stirn und es ſchien ihm dieſes ein Zeichen der Schuld des Angeklagten. „Ja, ein Mord,“ ſagte er, triumphirend ob der Entdeckung, die er gemacht zu haben glaubte,„und zwar ein ſehr grauſiger.“ „Den ich verübt haben ſoll?“ fragte der Graf ernſt. „Ja, entweder Sie mit eigener Hand, oder er geſchah doch auf Ihre Veranlaſſung,“ erklärte der Präſident. Monte Chriſto hatte ſeine völlige Ruhe wiedergewonnen. „Nun,“ fragte der Graf,„weſſen Blut ſoll denn an meiner Hand kleben?“ „Das der Baronin Danglars, welche vor nicht langer Zeit er⸗ mordet und auch beraubt wurde,“ entgegnete der Präſident. „Wie,“ rief Monte Chriſto in höchſter Entrüſtung,„man wagt, mir feigen Meuchelmord und ſelbſt Raubmord ſchuld zu geben?— Wer iſt der Ankläger? Was hat er für Gründe mich dieſer ſchänd⸗ lichen That zu beſchuldigen?“ Der Präſident entwickelte mit aller Seelenruhe dieſe Gründe, welche dem Grafen bewieſen, daß das Gericht über verſchiedene Verhältniſſe gut unterrichtet ſein mußte; dieſe Gründe drehten ſich hauptſächlich um den Umſtand, daß der Graf ſich gegen die Baronin und deren Familie als erbitterter Todfeind gezeigt und er wahr⸗ ſcheinlich viel Intereſſe haben mußte, ſich vor der Rache der belei⸗ digten Frau zu ſichern. Man wolle zwar nicht behaupten, er habe eigenhändig der Baronin Blut vergoſſen, aber wohl ſei er ange⸗ klagt, beſtimmt durch ſein Gold einen Banditen zu dieſer That be⸗ wogen zu haben; der Polizei ſei es gelungen, feſtzuſtellen, daß ein junger, verdächtig ausſehender Menſch einige Male bei der Baronin aus⸗ und eingegangen, denſelben Menſchen aber habe man häufig um das Palais des Grafen Monte Chriſto geſehen, man habe be⸗ merkt, daß er das Haus betrete und nach einiger Zeit wieder ver⸗ laſſe, und dieſes ſei zweifellos der wirkliche Mörder.— Auch der Umſtand, daß Monte Chriſto zu den Erſten gehört, welche bei der Leiche der Baronin erſchienen, ward hervorgehoben und viel Gewicht auf ihn gelegt. 4 Vol Anklage auch, er würden, müſſe, i ſchubdigu mit glei beweiſen Nang m meine T „H ſtützen, ſehr gu halten, wiſſen, ſchaffen kommt.“ 6 Chriſto, flammte wiſſen, dieſen Vampa Ob Vampa nicht I 6 4 d ——&— + ——— 8 4 ———— 35⁵ Voll Entrüſtung vertheidigte ſich Monte Chriſto gegen dieſe Anklage und verlangte thatſächliche Beweiſe dafür, erklärte aber auch, er könne auf Verlangen Perſonen ſtellen, die ihm bezeugen würden, daß er ſich zu der Stunde, wo der Mord geſchehen ſein müſſe, in ganz anderen Stadttheilen befunden; vollends die Be⸗ ſchuldigung, Banditen zu dieſer That gedungen zu haben, wies er mit gleicher Entſchiedenheit zurück. „Wie wollen Sie mir eine ſo lächerliche, ungereimte Anklage beweiſen?“ fragte er in größter Erregung.„Ich dächte, ſchon mein Rang müſſe Ihnen den Gegenbeweis liefern, ſelbſt wenn Ihnen meine Denkungsart ſo ganz unbekannt ſein ſollte.“ „Hm,“ meinte einer der Richter,„ſich auf Ihren Rang zu ſtützen, iſt eine ſchlechte Vertheidigung, denn wir wiſſen in Rom ſehr gut, daß hohe Herren und Damen ihre Hände von Blut rein halten, für blanke Dublonen aber genug gefällige Hände zu finden wiſſen, welche unbequeme Perſonen möglichſt geräuſchlos bei Seite ſchaffen und ſie in ein Land befördern, aus dem Niemand wieder⸗ kommt.“ „Sie meinen alſo, bei mir ſei derſelbe Fall?“ fragte Monte Chriſto, indem ein zorniger Blitz aus ſeinen Augen auf den Sprecher flammte. „Rom hat überflüſſig käufliche Dolche,“ entgegnete der Präſi⸗ dent,„und das wird Ihnen noch beſſer, als uns bekannt ſein.“ „Wie ſollte ich das beſſer wiſſen als Sie, da ich ein Fremder bin?“ fragte der Graf. „O,“ eerwiderte der Präſident mit feinem Lächeln,„dieſes wiſſen Fremde wirklich oft beſſer, als mancher Einheimiſche, und zu dieſen Fremden muß ich auch Sie zählen, Herr Graf, der Sie ja mit dem Schrecken Roms und ſeiner Umgegend, dem berüchtigten Luigi Vampa, in genauer Verbindung ſtehen.“ „Ich?“ ſagte der Graf, unangenehm überraſcht. „Allerdings, Sie,“ erwiderte der Präſident beſtimmt,„und Sie werden dieſes um ſo weniger zu leugnen ſuchen, als der ſaubere Vampa dieſe Verbindung ſchon eingeſtanden hat.“ Obgleich Monte Chriſto dieſes Eingeſtändniß von Seiten Vampa'’s ſtark zu bezweifeln Urſache hatte, ſo war er doch gar nicht Willens, es zu leugnen, daß er allerdings in gewiſſer Be⸗ 23*½ 356 ziehung zu Vampa geſtanden, aber in den Hauptſachen nur in ſolcher, in welcher auch zahlreiche der angeſehenſten und hochgeſtell⸗ teſten Familien Roms ſtänden, die durch irgend einen Vertrag für ſich und ihre Angehörigen vor den Angriffen der Banditen Schutz ſuchten, welchen die Behörden ihnen nicht gewähren könnten, da ihnen manches Mal der Wille, am häufigſten aber die Macht fehlte, energiſch gegen das Unweſen einzuſchreiten. „Uebrigens hat mir der heilige Vater ſelbſt Gelegenheit ge⸗ geben, mir die Geſellſchaft Vampa's verbindlich zu machen,“ ſchloß der Angeklagte,„da er auf meine Verwendung einen Verbündeten Vampa's befreite, nachdem dieſer ſchon zum Tode verurtheilt war.“ Ziemlich überraſcht ſchauten die Richter ſich an, als der Name des Nachfolgers Sanct Petri mit in das Spiel gezogen wurde, und rauh erklärte der Präſident, des Papſtes Name ſei zu heilig, um auf ſolche Weiſe in die Verhandlung gezogen zu werden. „Ich werde ſagen, was wahr iſt,“ entgegnete der Graf kurz, „und der heilige Vater wird mir die Wahrheit meiner Worte ſelbſt bezeugen, und ſelbſt wenn man verhindern wollte, daß meine Stimme bis vor deſſen Stuhl dringe, ich würde hinreichend Mittel finden, dort laut, recht laut zu ſprechen.— Nun aber verlange ich meinen Ankläger zu ſehen. Wer iſt es?“ „Er iſt nicht da!“ „Nennt er ſich Geronimo Salicetti?“ „Wir kennen dieſen Namen nicht.“ „Nun,“ rief Monte Chriſto ungeduldig,„wie nennt er ſich ſonſt?“ „Sie werden ſeiner Zeit den Namen erfahren,“ war die Antwort. Monte Chriſto biß ſich faſt die Lippen blutig. „Sie ſpielen ſehr die Geheimnißvollen,“ ſagte er dann,„und ich fürchte, auch jener Menſch, der den Ankläger gegen mich ſpielt, wird ſich in derſelben Rolle gefallen und ſich wohl hüten, mir gegen⸗ über zu treten, da es ihm ſchwer fallen dürfte, ſeine Anklagen auch zu beweiſen.— Deshalb trage ich auf Verhaftung dieſes Menſchen an, ſowie er ſich blicken läßt, denn da er Alles ſo genau wiſſen will, was mir aufgebürdet wird, ſo dürfte er beſtimmte Gründe haben, die Schuld oon Anderen auf mich zu wälzen, vielleicht von ſich— ſelbſt.“ aber ih ausdrue ſie den dieſe der An aber vo erſcheine kläger e haben k und die eigentlie ſuchung D unbeka⸗ „0 „hoffen ich geſ weit in müſſen, ſind, w „1 ſident Sie nig fort me legenhe haftig zu laſſ D moglich ſolle w hüngen A Schreib 3 1 n „ —— ——— zu laſſen.“ Man zuckte die Achſeln und mahnte zur Geduld, verſprach möoglichſte Beſchleunigung des Prozeſſes und erklärte, der Arreſtat ſolle während der Zeit ein anſtändiges Gefängniß erhalten. „Vorher aber noch ein Wort mit Ihnen, von dem Vieles ab⸗ hängen kann,“ ſagte der Präſident.. Auf einen Wink von ihm packten die übrigen Herren ihre Schreibereien zuſammen und verließen das Zimmer. Die Glieder des Gerichts ſahen ſich mit ſonderbarem Geſichts⸗ ausdrucke an und der Präſident meinte, es ſei doch auffallend, wenn ſie den Zeugen verhaften ſollten.— Monte Chriſto entgegnete darauf, dieſe Maßregel könne nur dann ungerechtfertigt erſcheinen, wenn der Ankläger ein allgemein bekannter und zuverläſſiger Mann ſei, aber vollkommen an ihrem Platze, ja ſelbſt durch Vorſicht geboten erſcheine ſie, wenn, wie er allen Grund zu vermuthen habe, der An⸗ kläger ein Menſch ſei, der ſich vielleicht einen hohen Titel beigelegt haben könne, um mit Gewicht aufzutreten, den aber Niemand kenne, und die Richter wahrſcheinlich am wenigſten wiſſen dürften, wer es eigentlich ſei.— Darauf geſtützt verlangte er nochmals die Auf⸗ ſuchung und Verhaftung dieſes Menſchen. Die Richter gaben zu, daß ihnen der Ankläger im Grunde ganz unbekannt ſei, und verſprachen, die Sache in Erwägung zu ziehen. „Sind Sie nun mit dem Verhör zu Ende?“ fragte der Graf, „hoffentlich kann ich nun dieſen alten Steinhaufen verlaſſen, der— ich geſtehe es— denen, die von Außen um denſelben ſpazieren, weit intereſſanter erſcheinen mag, als denen, die in demſelben leben müſſen, vorzüglich dann, wenn der Grund dazu ſolche Unſinnigkeiten ſind, wie ſie mir aufgebürdet werden.“ „Wir ſind eigentlich noch nicht zu Ende,“ entgegnete der Prä⸗ ſident gemüthlich,„denn Sie haben wohl die Schuld geleugnet, nicht aber ihre Unſchuld bewieſen, und bevor dieſes nicht iſt, können wir Sie nicht entlaſſen.“ „Nun,“ brauſte Monte Chriſto auf,„dann ſtellen Sie mir ſo⸗ fort meinen Ankläger gegenüber und geben Sie mir dadurch Ge⸗ legenheit, meine Unſchuld ſofort zu beweiſen, denn ich empfinde wahr⸗ haftig keine Luſt, mich noch länger in dieſem Steinhaufen begraben Fünfundvierzigſtes Kapitel. Das Geheimniß des Steines der Weiſen. Hat der Unſinn Wurzel erſt geſchlagen, Dann beſiegt nichts mehr den Aberglauben. Chamiſſo. n. Begierig, was nun kommen würde, hatte ſich Monte Chriſto in ſeinen Seſſel zurückgelehnt und beobachtete den Präſidenten mit feſtem Blicke. Der Präſident erhob ſich, öffnete eine Thüre und rief einige Befehle hinaus, dann ſchloß er dieſe Thüre ſorgfältig und öffnete eine zweite, an ihr in demüthig gebeugter Haltung ſtehen bleibend. Aus dieſem Zimmer trat jetzt ein Mann in prieſterlicher Kleid⸗ ung, deren Abzeichen auf einen Kardinal hindeuteten. Der Prä⸗ ſident begrüßte ihn auch in der That mit dem Titel„Eminenz“. Monte Chriſto hatte ſich flüchtig erhoben, ſich grüßend verneigt, dann aber ſofort wieder Platz genommen, vollkommen gleichgiltig ſcheinend das Weitere erwartend. Die Eminenz ſchien dieſes ſtolz nachläſſige Weſen des Grafen, welcher ſie für ſeines Gleichen, wo nicht unter ihm ſtehend, zu be⸗ trachten ſchien, mit bedeutendem Mißvergnügen zu bemerken, wie die unzufrieden ſich zuſammenziehenden Augenbrauen andeuteten. Dann nahm der Kardinal an der Tafel Platz und muſterte den Grafen mit ſcharfen Augen. Ruhig erwiderte der Graf dieſe Muſterung, als ihm aber das Schweigen zu lange dauerte, unterbrach er es durch die Frage: „Darf ich nun wiſſen, was man noch von mir will?“ „Sie ſind alſo jener Graf Monte Chriſto, von dem man ſich ſo viel erzählt?“ fragte die Eminenz, ohne auf des Grafen Frage zu achten. ,3c Ehriſto. .„Si kalten, ſt Er müthig n vor innen „Me haben di „Oh „3 „Jd meine techten „L Indeſſen zu mach „Y. de erſt, ja, „9 daß Ihn Worte! vor Ihn Zauberſt weiſet2 es Ihne Händen je nach kann, oder ol ſein ſol worten Nothwel laſſen, ihres H können. 359 „Ich weiß es wenigſtens nicht anders,“ antwortete Monte Chriſto.„Was ſoll Ihnen nun der Graf?“ „Sie werden es erfahren,“ entgegnete der Kardinal, dem die kalten, ſtolzen Antworten des Grafen wenig gefallen mochten. Er wechſelte dann noch einige leiſe Worte mit dem noch de⸗ müthig neben ihm ſtehenden Präſidenten und beobachtete dabei den vor innerer Ungeduld wie kochenden Gefangenen. „Mein Heer,“ nahm endlich Seine Eminenz das Wort,„Sie haben die gegen Sie erhobenen Anklagen vernommen.“ „Ohne Zweifel!“ antwortete Monte Chriſto. „Bekennen Sie Ihre Schuld?“ „Ich bin mir keiner Schuld bewußt, vielmehr behaupte ich meine Unſchuld und verlange meine Freiheit aus dieſer unge⸗ rechten Haft.“ „Sie ſind ſehr kühn, von ungerechter Haft zu ſprechen.— Indeſſen wird es von Ihnen abhängen, dieſer Haft ein raſches Ende zu machen.“ „Von mir?— Dann erwarte ich Ihre Bedingungen.“ Des Kardinals Geſicht ward jetzt bedeutend freundlicher als erſt, ja, es nahm ſelbſt einen ſüßlichen Ausdruck an. „Herr Graf,“ ſagte er dann,„ich muß Ihnen wiederholen, daß Ihre Befreiung ganz von Ihnen abhängen wird, und einige Worte von Ihnen hinreichen werden, die Pforte der Engelsburg vor Ihnen aufſpringen zu laſſen, als hätten Sie dieſelbe mit einem Zauberſtabe berührt. Ich bezweifle auch nicht, daß Sie als ein weiſer Mann nicht zögern werden, dieſe Worte auszuſprechen, da es Ihnen nicht unbekannt ſein kann, daß Seine Heilichkeit, in deren Händen Sie ſich befinden, die Macht über Leben und Tod haben, je nach eigenem Ermeſſen der von Gott erleuchteten Seele beſtimmen kann, ob Sie augenblicklich Ihre Freiheit wieder erlangen dürfen, oder ob Sie auf immer in den Kerkern dieſer Feſtung begraben ſein ſollen.— Ich hoffe, Sie werden in Rückſicht darauf ihre Ant⸗ worten ſo einrichten, daß Seine Heiligkeit nicht in die grauſame Nothwendigkeit verſetzt ſein wird, den letzteren Fall eintreten zu laſſen, ſondern Sie ihr vielmehr die Freude gewähren, dem Zuge ihres Herzens folgen und das Wort der Freiheit ausſprechen zu können. Bedenken Sie dieſes wohl, ehe Sie antworten.“ Dieſe Anrede war ſehr vielſagend und Monte Chriſto begriff dieſes auch vollkommen; man beabſichtigte eine Einſchüchterung auf ihn, wollte einen Druck'ausüben, ehe man iihm noch die Fragen vor⸗ legte, die er beantworten ſollte. „Dieſe Einleitung macht mich auf die Frage ſelbſt begierig,“ ſagte er mit einem kalten, ironiſchen Lächeln.„Darf ich nun bitten, endlich zur Sache zu kommen?“ „Für's Erſte kann ich Ihnen die fröhliche Nachricht mittheilen, daß man entſchloſſen iſt, den Prozeß gänzlich niederzuſchlagen,“ ſagte der Kardinal,„allerdings nur in der Vorausſetzung, daß Sie dieſes durch Ihre Antworten möglich machen.“ „Ich werde immer neugieriger,“ antwortete der Graf mit ſeinem vorigen kalten Lächeln.„Meine Antworten werden ſich indeſſen ganz nach den Fragen richten, wie es auch gar nicht anders ſein kann. — Alſo, um was handelt es ſich?“ „Um ein Geheimniß.“ „Um welches?“ „Um das Ihres Reichthums.“ „Ach ſo,“—— dehnte der Graf mit einem ſpöttiſchen Blicke auf den Frager.„Man wünſcht alſo zu wiſſen, wie ich zu meinem Reichthume gekommen?— Ganz einfach. Es iſt eine Gabe des Glücks, und ich ſtehe nicht ſo vereinzelt da, denn die Rothſchilds, Torlonias, Eſtor, Hazis und Andere ſind gewiß auch keine armen Leute zu nennen und ſie danken ihre Schätze im Grunde doch auch nur der Gunſt des Glückes.— Sind Sie nun befriedigt?“ „Nicht im Geringſten, Herr Graf, denn man weiß, daß Ihre Schätze den Reichthum aller jener von Ihnen genannten Perſonen übertreffen und Sie dieſe Schätze zu jeder Zeit nach Belieben ver⸗ mehren können.“ „Ein ſehr ſchmeichelhaftes Zutrauen!— Auf dieſe Weiſe wäre ich ja der Herr der Welt.“ „Ohne Zweifel, da leider nicht zu beſtreiten iſt, daß in unſerem Zeitalter nicht mehr der Geiſt, ſondern nur das Geld die Welt regiert.“ „Ein ſchlechtes Compliment für mich, wenn ich wirklich der Herr der Welt wäre,“ ſagte Monte Chriſto lachend.„Aber wo ſoll das hinaus?— Ich verſtehe nun noch weniger, was Sie eigentlich wollen.“ denn w aus we beutung De ſelbſt ho beachten Scherz / ungedul dieſes G keinen S zu habe auf jede nun dieſ Unſinn der Bil gebens das Ge Betrüge wohl ei Gold g Se Anſich, ſein, ve ſprechun 361 „Mein Herr,“ rief der Kardinal eifrig,„verſtellen Sie ſich nicht, denn wir wiſſen ja hinreichend, daß Sie das Geheimniß beſitzen, aus werthloſem Metall Gold zu machen, und daß nur durch Aus⸗ beutung dieſes Geheimniſſes Ihr Reichthum entſtanden iſt.“ Der Graf ſchaute den Kardinal an, als habe er nicht recht ge⸗ hört; dann aber konnte er ſich des lauten Lachens nicht enthalten. „Sie meinen alſo, ich ſei ein Goldmacher?“ fragte er dann. „Wir ſind davon ſogar überzeugt,“ antwortete der Kardinal. „Wirklich?“ ſagte der Graf voll kalten Spottes.„Ich habe in der That nicht geglaubt, daß dieſer Aberglaube noch in den Köpfen der erleuchtet ſein wollenden Welt ſpukt, und noch weniger, daß ſelbſt hochſtehende Männer ſolchen Unſinn nur noch im Entfernteſten beachten können.— Ich ſtaune, Eminenz, und muß Alles für einen Scherz halten.“ „Machen Sie keine Winkelzüge, mein Herr,“ rief der Andere ungeduldig.„Hier iſt von keinem Scherz die Rede.— Sie beſitzen dieſes Geheimniß, wir wiſſen es, und es bleibt Ihnen nun die Wahl, ob der Prozeß ſeinen Fortgang haben ſoll und Sie für alle Zeiten in der Engelsburg eingeſchloſſen bleiben wollen, oder ob die Welt Sie im neuen Glanze und hohen Ehrenſtellungen erblicken ſoll.— Alſo entſchließen Sie ſich.— Das Geheimniß oder“—— Monte Chriſto ſah nach dieſen Worten wohl, daß man hier keinen Scherz zu treiben willens ſei, man vielmehr die Ueberzeugung zu haben glaubte, dieſes Geheimniß exiſtire wirklich und man es ihm auf jede Weiſe zu entreißen verſuchen werde. Vergebens ſuchte er nun dieſe Ueberzeugung zu bekämpfen, indem er den handgreiflichen Unſinn eines ſolchen Aberglaubens darſtellte, der mit den Fortſchritten der Bildung jetziger Zeit ſich nicht in Einklang bringen ließ, ver⸗ gebens ſuchte er darzuſtellen, daß diejenigen, welche vorgegeben hatten, das Geheimniß der Goldmacherkunſt zu beſitzen, ſich ſtets nur als Betrüger und Abenteurer herausgeſtellt hätten und auf dieſe Weiſe wohl eine Menge Geld verſchwendet, aber nie auch nur ein Gran Gold gewonnen wäre. Seine Worte fruchteten nichts, der Kardinal zeigte ſich in der Anſicht, dieſes allein könne die Quelle des Reichthums des Grafen ſein, verbiſſen und ſuchte durch gütliche Vorſtellungen, hohe Ver⸗ ſprechungen und abwechſelnde Drohungen den angeblichen Goldkocher 362 zur Erfüllung ſeines Verlangens zu beſtimmen. Er wies darauf hin, wie wünſchenswerth es für die Finanzen des Kirchenſtaates ſein müſſe, wenn ſie durch den Beſitz eines ſolchen Geheimniſſes in einen Zu⸗ ſtand kämen, der ſie zum Gegenſtande der Bewunderung und des Neides der ganzen Erde machte; er deutete ferner an, welches große Verdienſt ſich der Mann um die ganze Chriſtenheit erwerbe, welcher das Oberhaupt der chriſtlichen Kirche in den Stand ſetze, im In⸗ tereſſe der Kirche unbehindert nach allen Seiten hinzuwirken, was allerdings durch den Beſitz großer Geldſummen ſich ermöglichen laſſe; der Mann aber, der es dahin bringe, würde Gegenſtand der allge⸗ meinen Verehrung werden. Ferner ſtellte der zungenfertige Unter⸗ händler in Ausſicht, dem Schöpfer des Reichthums des Kirchenſtaates könne die Herzogswürde nicht entgehen, und nur von ſeinen Wünſchen werde es abhängen, ob auch die höchſte Ehrenſtelle im Staate ihm als Belohnung zufalle. Monte Chriſto hörte alle dieſe Anerbieten mit kalter, ruhiger Miene an und wies darauf hin, daß er weder nach dem Herzogs⸗ hute, noch nach Ehrenſtellen Verlangen trage, er nichts wolle, als ein freier und unabhängiger Mann zu ſein, der gehen und kommen könne, wenn er wolle. Die Drohungen wies er mit ſtolzer Veracht⸗ ung zurück, erklärend, daß er ſie nicht fürchte und überhaupt keine Drohung ihm ein Geheimniß entreißen könne, welches er ſelbſt nicht wiſſe, und daß, wenn dieſe Goldkocherei wirklich möglich ſei und ihm das Verfahren bekannt wäre, er nicht anſtehen würde, daſſelbe zum Gemeingut zu machen, damit ſich ein Jeder ſo viel von dem gelben Metall anſchaffe, als er wolle, und dann dabei ſo glücklich iſt, als er könne; denn Gold, viel Gold zu haben, gelte doch bei der Mehr⸗ zahl für den Inbegriff des höchſten Glückes. Als der Prälat ſah, daß er nicht zu ſeinem Ziele kommen könne, änderte er die Sprache. „Wir werden in einigen Tagen ſehen, ob Sie ſich anders be⸗ ſonnen haben,“ ſagte er rauh. Damit winkte er dem Präſidenten und verließ mit ihm raſch das Gemach; der Graf ſah ſich wieder allein. Nach wenigen Augenblicken erſchien der Gefangenenaufſeher wieder und forderte den Grafen auf, ihm zu folgen, und nach einigen Minu⸗ ten befand ſich Monte Chriſto wieder in ſeinem Kerker. Unt. ſchaft deſ aber am ihrem Ge hatte alle von ihm aber er k Albe ihr Kind, ein Ereig reine Un zwar ſche nicht ger Grafen Hauſe g Vertrau⸗ heimliche Auf druck ge dem Gra denſelben ——— Sechsundvierzigſtes Kapitel. Benedetto's neue Werbung. Nicht eher fühlt ſich wahrer Haß befriedigt, Als bis der Feind vernichtet iſt. Laube. Unter den Freunden Monte Chriſto's, ſowie unter der Diener⸗ ſchaft deſſelben herrſchte über ſeine Verhaftung die größte Beſtürzung; aber am untröſtlichſten war Haidee, die ſich an den Gedanken, von ihrem Gatten getrennt zu werden, nicht gewöhnen konnte. Albert hatte alle mögliche Mühe, die Troſtloſe zu beruhigen, Haidee wollte von ihm die Urſache wiſſen, weshalb man den Grafen verfolge, aber er konnte darüber keine Rechenſchaft geben. Albert blieb im Hotel Monte Chriſto's, hier über Haidee und ihr Kind, ſowie überhaupt über das Intereſſe des Grafen zu wachen, ein Ereigniß, welches er vor einem Jahre vorher noch für eine reine Unmöglichkeit gehalten haben würde. Meiſter Bertuccio ſah zwar ſcheel dazu, da er, eiferſüchtig auf das Vertrauen des Grafen, nicht gern einem Anderen, den er trotz ſeines Umganges mit dem Grafen für einen ganz Fremden anſah, irgend einen Einfluß in dem Hauſe geſtatten wollte, allein er wußte gleich wohl, daß Albert viel Vertrauen von ſeinem Herrn geſchenft war und begnügte ſich mit heimlichem Murren. Auf Mercedes hatte die Verhaftung nicht minder heftigen Ein⸗ druck gemacht, und auch Eugenie und Louiſe, obgleich ſie ſich von dem Grafen ferne gehalten, fühlten ſich von dem Schlage, welcher denſelben getroffen, unangenehm berührt. Am zweiten Tage nach der Verhaftung des Grafen befand ſich Eugenie allein, Louiſe war ausgegangen und auch das Kammer⸗ mädchen war mit einem Auftrage verſendet. Eugenie hatte ſich an das Inſtrument geſetzt und phantaſirte, ſie war ſchwermüthig, ihre Gedanken weilten wo anders, ſie dachte an die Vergangenheit und Gegenwart, und da tauchte auch das Bild jenes ſo ritterlich ſich zeigenden Banditen, das Bild Luigi Vampa'’s empor.— Ohne es zu wollen, kehrte der Gedanke an ihn immer häufiger zurück, und ſie erſchrak faſt ſelbſt darüber. „Er iſt ein von den Geſetzen geächteter Bandit?“ flüſterte ihr eine Stimme warnend zu. „Ein Geſunkener, aber kein Verlorener,“ ſprach eine andere ſtärkere Stimme. Jetzt öffnete ſich plötzlich die Thüre und ein Mann erſchien auf der Schwelle.— Unwillig über die Freiheit, die ein Mann ſich nahm, ohne Erlaubniß bei ihr einzudringen, erhob ſich Eugenie, ihn mit ſtrengen Worten zurückzuweiſen, aber das Wort erſtarb ihr auf den Lippen, als ſie dem Manne in das Geſicht ſchaute, denn ſie erkannte in ihm— Benedetto.— Voll Abſcheu wendete ſie ſich ab. Mit ſpöttiſchem Lächeln auf den Lippen trat Benedetto näher, ſich entſchuldigend, daß er ohne Anmeldung eingetreten, da er Nie⸗ mand gefunden, welcher ihm dieſen Dienſt erwieſen, aber die Muſik habe ihm den rechten Weg angedeutet, wo er Eugenie habe finden können. „Waren mir doch dieſe Klänge von früher her bekannt,“ ſagte er,„und ich weiß, daß Niemand ſie ſo aus den Saiten zu zaubern vermag, als Eugenie Danglars.“ „Kommen Sie, um meiner zu ſpotten?“ fragte Eugenie voll Unwillen. Ich kann meine Zeit nützlicher zubringen, als mit An⸗ hören ſolcher Worte, deshalb bitte ich, mich zu verlaſſen.“ Sie gedachte des blutigen Bildes ihrer Mutter, deren Anklagen gegen Benedetto aus ſterbendem Munde, und obwohl ſie mehr und mehr der Ueberzeugung war, nur der Irrſinn des Todeskampfes habe aus ihr geſprochen, ſo fiel es doch eben jetzt wieder mit furcht⸗ barſter Gewalt auf ſie, als ſie den Mann vor ſich ſah, vor dem ſie ſchon früher die größte Abneigung gehabt, die ſich jetzt in dem tiefſften Abſcheu verwandelt hatte.— So wandte ſie ſich auch jetzt voll Entſetzen ſchaudernd ab und wich mehrere Schritte zurück. den Füg Ben⸗ geneigt, zu laſſen. „Ic liche Du lör Einen nung, da und er ſa „Mö im Fieben Er wehrend „ aus wie „W. zu.„Bll glücklichen du kannſ gewiß.“ „D „We — Das iſt es, a brennen vot aller „Es predigeri ein Mör ich der .D. nehmen Benedette mir im und ihr künde Di gen und pfes rcht⸗ dem dem jetzt 365 Benedetto bemerkte dieſes ſehr wohl, ſchien aber durchaus nicht geneigt, ſich in ſeinem Vorhaben auch nur im Geringſten ſtören zu laſſen. „Ich habe mit Dir zu ſprechen,“ ſagte er, jetzt das vertrau⸗ liche Du gebrauchend. „Hinweg, Mörder!“ rief Eugenie ſchaudernd. Einen Augenblick ſtand Benedetto überraſcht von dieſer Bezeich⸗ nung; dann aber umzog das alte ſpöttiſche Lächeln ſein Geſicht und er ſah vollſtändig unſchuldig d'rein. „Mörder?“ fragte er.„Was fällt Dir ein?— Sprichſt Du im Fieber?“ Er wollte ſich ihr mehr nähern, aber Eugenie hielt ihm ab⸗ wehrend die Hände entgegen und floh noch weiter zurück. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Benedetto.„Sehe ich denn aus wie der Teufel, daß man vor mir flieht?“ „Wohl biſt Du ein Teufel,“ ſchrie Eugenie ihm voll Abſcheu zu.„Blut raucht von Deinen Händen, das Blut von meiner un⸗ glücklichen Mutter.— Flieh', elender Meuchelmörder, flieh', ſo weit Du kannſt und die Rache wird Dich dennoch erreichen. Sei deſſen gewiß.“ „Du ſprichſt im Fieber.— Warum ſoll ich der Verbrecher ſein?“ „Weil ich weiß, daß Du vor keinem Verbrechen zurückſchauderſt! — Das Blut meiner unglücklichen Mutter klagt Dich an.— Mir iſt es, als ob ich das Brandmal des Mordes auf Deiner Stirn brennen ſehe, und Du kannſt frech genug ſein, dieſe beſudelte Stirn vor aller Welt zu zeigen?“ „Es ſcheint, Fräulein Eugenie Danglars will zur Moral⸗ predigerin werden,“ ſagte Benedetto gezwungen lachend.„Ich ſoll ein Mörder ſein?— Hirngeſpinnſte!— Wer hat Dir geſagt, daß ich der Mörder der Baroneſſe ſei?“ „Dein Opfer ſelbſt!“ rief Eugenie, durch das gleichgiltige Be⸗ nehmen des Banditen— denn für etwas Anderes betrachtete ſie Benedetto nicht mehr— noch mehr empört.„Meine Mutter nannte mir im letzten Augenblicke Deinen Namen als den ihres Mörders, und ihr letztes Wort war ein Fluch auf Dein Haupt.— Ich ver⸗ künde Dir in ihrem Namen den Zorn des Himmels, und ich höre den Flügelſchlag der Vergeltung über Deinem Haupte rauſchen.“ 366 Benedetto ſtand einige Minuten mit geſenkten Blicken vor der Zürnenden, welche durch ihre flammenden Worte ſelbſt mehr Muth zu bekommen ſchien und mit erhobenem Haupte und blitzenden Augen dem Gegner entgegentrat. Wenn aber Eugenie glaubte, daß ihre Worte dauernden Ein⸗ druck auf Benedetto machen und ihn zur eiligen Entfernung bewegen würden, ſo irrte ſie ſich, denn ein verhärtetes Gemüth, wie das Benedetto's, konnte wohl auf Augenblicke verlegen gemacht werden, aber ein dauernder Eindruck blieb nicht zurück; auch ließ ſich ein Meiſter der Verſtellungskunſt nach Art dieſes korſiſchen Banditen gewiß nicht durch bloſe Worte aus der Faſſung bringen, daß er ſich hätte Blößen gegeben. Nach kurzer Pauſe nahm Benedetto wieder das Wort und ſuchte ſich gegen die Anklagen Eugeniens nach Kräften zu ver⸗ theidigen, dabei ſeine völlige Unſchuld an dem Verbrechen be⸗ theuernd, verſichernd, daß er während ſeines Aufenthaltes in Rom die Baroneſſe kaum geſehen, viel weniger aber in ihre Wohnung gekommen ſei, alſo wäre es ganz unmöglich, daß er Hand an ihr Leben gelegt haben könne. Er behauptete, wenn die Baroneſſe wirklich einen Benedetto als ihren Mörder angeklagt, ſo müſſe das ein anderer geweſen ſein, denn genug der Benedetto's gäbe es in der Welt, namentlich in Italien; oder es ſei auch möglich, des Todes Grauen habe die Sinne der Sterbenden ſo verwirrt, daß ſie nicht mehr gewußt, was ſie ſprach, oder irgend einer fixen Idee, die noch im letzten Augenblicke in ihrer Seele geherrſcht, Worte gegeben. Benedetto, als gewandter Schwätzer, wußte ſeine Worte ſo ein⸗ dringlich und überzeugend zu ſtellen, daß Eugenie faſt geneigt war, den Auslaſſungen des Schuldigen beizuſtimmen, um ſo eher, als ſie ja ſelbſt fortwährend den Gedanken gehegt, die Anklage der Ster⸗ benden könne ihren Grund wohl nur in Irrereden haben.— In Folge dieſer Betrachtung milderte ſich der Blick ihres Auges in etwas. „Da kann ich ja ſehr leicht in ungerechten Verdacht kommen,“ ſchloß endlich Benedetto.„Mein Gott, was kann ich davor, wenn es vielleicht noch ſehr viele Benedetto's giebt und es einem derſelben einfällt, die Schneide ſeines Dolches an einer armen Dame zu probiren. Oder iſt es meine Schuld, wenn dieſe Dame im Todes⸗ umyſe i auch aus würde ge gelegt,d Der der Welt rect ſeb ſie ſorde überhauy Ben er ſein C punkt ſei finden. weiter z ſuchte n dieſen M und gege gekränkt, wird auch gehen ſeh von dem Was geſagt, w wenn der mels, ih noch zur lichſte, d ſich entf ſtehe, u ſie mit genehme detto du wieder w „Ah als dem nedetto ſi Ster⸗ In was. nen,“ wenn elben e zu odes⸗ 367 kampfe irre redet?— Doch ganz gewiß nicht.— Aber es ſieht mir auch aus, als ſollte ich zum Sündenbock gemacht werden.— Ich würde gewiß der letzte ſein, welcher Hand an das Leben der Baronin gelegt, das mir aus vielen Gründen ſo theuer ſein mußte.“ Der Heuchler ſprach dieſes mit der unſchuldigſten Miene von der Welt, und Eugenie war ſchwankend, ob ſie ihm Recht oder Un⸗ recht geben ſollte. Doch ihr widerte es vor dieſer Geſellſchaft, und ſie forderte nochmals den Menſchen auf, ſie zu verlaſſen, da ſie überhaupt keinen Zweck ſeines Beſuches ſehe. Benedetto aber erklärte, er würde nicht eher ſich entfernen, bis er ſein Geſchäft beendet, wegen dem er hierher gekommen, der Zeit⸗ punkt ſei günſtig, auch dürfte Eugenie ſich nicht immer allein be⸗ finden.— Ohne dann auf den offenbaren Widerwillen Eugeniens weiter zu achten, ging er auf den Grafen Monte Chriſto über und ſuchte nochmals, Eugenie zum gemeinſchaftlichen Handeln gegen dieſen Mann zu bewegen, der tief, ja tief gedemüthigt werden müſſe, und gegen den nach und nach Alle auftreten würden, die er einſt gekränkt, damit er die Wahrheit des Wortes:„Wer Rache ſäet, wird auch Rache ernten“ in vollem Umfange an ſich in Erfüllung gehen ſehe; Eugenie habe übrigens mehr Grund, als ſie jetzt ahne, von dem Grafen Genugthuung zu fordern. Was Eugenie ſchon früher bei Gelegenheit der erſten Werbung geſagt, wiederholte ſie auch jetzt, ſie wollte nichts von Rache wiſſen; wenn der Graf gegen ſie Unrecht gethan, ſo ſei es Sache des Him⸗ mels, ihn zu züchtigen, ſie halte ſich weder zu ſeiner Richterin, noch zur Rächerin berufen. Schließlich verlangte ſie auf das Ernſt⸗ lichſte, der Beſucher ſolle ſie mit ſolchen Vorſchlägen verſchonen, ſich entfernt halten, da zwiſchen ihr und ihm keine Beziehung be⸗ ſtehe, und ſchon die Erinnerung der früheren Vorfälle, durch welche ſie mit ihm in Berührung gebracht worden, genug des Unan⸗ genehmen für ſie hätten, ſo daß es ſehr unnöthig ſei, wenn Bene⸗ detto durch ſeine Gegenwart dieſe peinlichen Empfindungen immer wieder wachrufe. „Ah ſo,“ ſagte Benedetto,„das heißt alſo ungefähr ſo viel, als dem Fräulein Eugenie wäre es angenehm, wenn der arme Be⸗ nedetto ſich nie mehr blicken ließe?“ 368 „Ohne Zweifel,“ entgegnete Eugenie kalt und deutete nach der Thüre. Trotz dieſes deutlichen Zeichens machte Benedetto doch keine Anſtalt, der Weiſung zu folgen und ſich zu entfernen, vielmehr ſagte er mit kaltem Lächeln: „Vielleicht dürfte Fräulein Eugenie mich nicht ſo leicht zurück⸗ weiſen, wenn ſie wüßte, wem ſie eigentlich vor ſich hat, und auch dürfte ſie dann wohl eher ſich bewegen laſſen, als Klägerin gegen dieſen teufliſch feinen Monte Chriſto aufzutreten.“ „Ganz gewiß nicht!“ erklärte Eugenie. „Wiſſe denn,“ rief da Benedetto,„ich bin— Dein— Bruder!“ „Bruder?“ ſchrie Eugenie entſetzt auf. Und wie vom BZlitze getroffen, taumelte ſie zurück, das Geſicht mit den Händen verhüllend. „Ja, Dein Bruder, Eugenie!“ rief Benedetto mit kaltem Triumphe. Er glaubte nun gewonnenes Spiel zu haben. „Nicht möglich! nicht möglich!“ ſtöhnte Eugenie, die ſich durch dieſe Neuigkeit im Innerſten vernichtet fühlte.„Hinweg von mir, Lügner.“ Benedetto verwahrte ſich gegen den Vorwurf der Lüge, und ohne auf die faſt krampfhafte Bewegung Eugeniens zu achten, die matt auf einen Armſtuhl geſunken war, begann er ihr das Geheimniß ſeiner Geburt und ſomit auch den Verwandtſchaftsgrad, in dem er zu ihr ſtand, zu enthüllen, und zeigte ihr, daß Monte Chriſto dieſes ſehr gut gewußt, aber dennoch habe dieſer Mann mit ſataniſcher Schlauheit ſeine Wege verfolgt, ihn Eugenie nahe gebracht und den Verſuch gemacht, indem er ihn und die Tochter des Banquier Danglars zur Verlobung bewog, eine blutſchänderiſche Ehe herbei⸗ zuführen, deren Ende, wenn ſie wirklich vollzogen wurde, nur Ver⸗ zweiflung ſein mußte.— Benedetto unterließ nichts, Alles mit mög⸗ lichſt dunklen Farben auszumalen, was dazu dienen konnte, die Abſichten des Grafen in recht ſchneidendem Lichte darzuſtellen. Dann aber begann Benedetto die Nothwendigkeit zu ſchildern, welche für Eugenie nun entſtanden ſei, dieſes Vergehen gegen der Menſchen heilige Satzungen, welches der Graf in ſeines Herzens Bosheit ſich habe zu Schulden kommen laſſen, ſtreng zu ahnden. et ſei Nanches es denn und ein auch in — auch den . nichts, 1 Ankläger Demüthi Er ſein We Manne, Demüth in das nung au habe, w haben, d recht mit Sta Benedett zu erwid ihr die ſtarrte Sprechen als woll zurückzun Da zuckten. „Dp verbiſſen uch eine nehr rück⸗ auch egen er!* ſicht ltem urch mir, und die nni er jeſes ſcher den quier erbei⸗ Ver⸗ mög⸗ die dern, n der tzens nden. GGäG‧²‧²⁰“ 369 Jetzt ſei der Feind ihrer Ruhe in der Gewalt der Behörden, und Manches würde da zu Tage kommen, was Niemand geahnt; da ſei es denn auch Eugeniens Pflicht, mit ihren Anklagen hervorzutreten und ein Verbrechen zu enthüllen, welches gegen die Kirche verſtoßend, auch in der Kirche ſeinen natürlichſten Richter findet, und gewiß auch den ſtrengſten und unnachſichtlichſten.— Benedetto verſäumte nichts, was Eugenie ſeinem Plane hätte geneigt machen können, als Anklägerin gegen den Gefangenen aufzutreten, und ſo zu deſſen Demüthigung oder auch Verderben mitzuarbeiten. Er verhehlte es dabei nicht, daß die Verhaftung des Grafen ſein Werk ſei, daß er unverrückt das Ziel feſthalte, dem ſtolzen Manne, der ſich als Gebieter der ganzen Erde geberdet, ſo viel Demüthigungen als möglich zu ſchaffen und ſchließlich ihn gänzlich in das Verderben zu ſtürzen; er ſprach aber auch offen die Hoff⸗ nung aus, nun, da ſie wiſſe, wer es ſei und wie der Graf verfahren habe, würde er in der Schweſter eine treue Verbündete gewonnen haben, die das ihr, ihrem Bruder und ihren Eltern zugefügte Un⸗ recht mit ihm gemeinſchaftlich zu rächen ſuchen werde. Starr, ſcheinbar mehr todt als lebendig, hatte das Mädchen Benedetto's Worte vernommen, ohne auch nur eine Silbe darauf zu erwidern, es war, als habe das Entſetzen über dieſe Enthüllung ihr die Sprache geraubt. Schwer athmend ſaß ſie da, ihr Auge ſtarrte bald in das immer leidenſchaftlich bewegtere Antlitz des Sprechenden, bald zum Himmel hinauf, dann ſchloß es ſich wieder, als wolle es nichts mehr ſehen von der ganzen Welt, welche für ihre Bewohner ſolche bittere Erfahrungen hatte. Benedetto glaubte ſich an ſeinem Ziele, ſein wildglänzendes Auge verrieth es. „Wir ſind Verbündete, Schweſter,“ ſagte er, derſelben die Hand hinreichend. Eugenie ſtieß die Hand ſchaudernd von ſich und winkte ihm, zurückzuweichen. Da ſchaute Benedetto finſter, drohend auf ſie und ſeine Lippen zuckten. „Du verſchmähſt des Bruders Hand?“ ſragte er mit mühſam verbiſſenem Grimme. „Biſt Du denn wirklichmein Bruder?“ fragte Eugenie tonlos zurück. Die Hand des Todten. 24 „Zweifelſt Du an der Wahrheit meiner Worte?“ erwiderte Benedetto.„Gehe zu Monte Chriſto und frage ihn, und er wird Dir es beſtätigen. Oder ſoll ich noch andere Beweiſe liefern?“ „Alſo iſt es wirklich wahr?“ fragte Eugenie nochmals. „Nenne das, bei dem ich Dir die Wahrheit beſchwören ſoll, und ich will es thun,“ war die Entgegnung Benedetto's. Einen Augenblick ſtarrte Eugenie wie im Traume vor ſich hi. ſie ſchien nicht zu wiſſen, was um ſie vorgehe. Benedetto machte noch einen Verſuch, ſich ihrer Hand zu bemächtigen.— Aber er⸗ ſchrocken auffahrend ſtieß Eugenie wieder dieſe Hand von ſich, „Dieſe Hand dampft von Blut,“ rief ſie.„Hinweg, hinweg. — Entſetzlich, ſo wäre es wahr, und kein Fiebertraum hat der un⸗ glücklichen Mutter Hirn umſchleiert, aber Du haſt gelogen und ge⸗ heuchelt, als Du Dich an ihrem Blute unſchuldig nannteſt.— Jetzt weiß ich es, als ob der Engel des Gerichts ſelbſt mir es in's Ohr gedonnert, Du biſt der Mörder und ſonſt Niemand.“ „Eugenie!“ donnerte Benedetto in wilder Drohung. „Du ſelbſt haſt mir die Gewißheit gegeben,“ fuhr Eugenie fort. „Mit dem letzten Athem, den meine unglückliche Mutter in ihrem Blute verröchelte, ſagte ſie mir, Du ſeieſt der Mörder, Du ſeieſt mein Bruder und nannte Dich Muttermörder.— Ich glaubte es nicht, konnte das Ungeheure nicht glauben, Du ſelbſt haſt mich ge⸗ zwungen dazu.— Ewiger Fluch Dir, Muttermörder.— Des Himmels Rache auf Dein Haupt!“ In höchſter Verzweiflung wollte Eugenie fortſtürzen, doch Bene⸗ detto hielt ſie mit ſtarkem Arme auf. „Wohin willſt Du?“ fragte er mit funkelnden Blicken. „Fort, fort aus Deiner Nähe,“ rief Eugenie.„Durch ganz Rom will ich Dein Verbrechen ausrufen, Muttermörder, Mutter⸗ mörder!“ „Halt, nicht von der Stelle!“ knirſchte da Benedetto. Mit Gewalt ſchleppte er Eugenie zu dem Sopha zurück und drückte ſie auf daſſelbe nieder. „Schweig, Eugenie, ſchweig,“ ziſchte er, indem er den Griff eines Dolches hervorſchauen ließ.—„Kein Laut mehr, oder ich könnte in Verſuchung kommen, Dich Deiner Mutter nachzuſchicken; Dein Fleiſch würde nicht härter ſein, als das ihre.“ Eum detto s t er zu A „5 und Spe Du haſt danke at und wer Redensan um ja müſſen. Beſtrafu Deinen preisgeb langkral nicht wa mit Won Henkerbei nicht jene Der tief in d „Fli 36 mi gezählt.“ „Au Er Todtenbl das Geb entſetzteg „A ꝗ detto. vor Alle ſchlagen, meine M ich hem iſt der ſi — 371 Eugenie ſtarrte den Drohenden mit ihren Augen an, Bene⸗ detto's tigerartig funkelnder Blick zeigte jetzt deutlicher als je, daß er zu Allem fähig wäre. „Ha, Engenie,“ fuhr Benedetto mit einer Miſchung von Grimm und Spott fort,„jetzt zeigſt Du endlich, wie conſequent Du biſt.— Du haſt mir ſtets vorgepredigt, in Deinem Herzen ſei kein Ge⸗ danke an Rache, Du würdeſt die Rache ganz allein dem Himmel und wer weiß welchen Heiligen allen überlaſſen, und was dergleichen Redensarten mehr ſind, welche Du gegen mich im Munde führteſt, um ja nicht jenem mächtigen Herrn Grafen zu nahe treten zu müſſen.— Den Grafen Monte Chriſto wollteſt Du nicht ſeiner Beſtrafung überliefern, wohl aber willſt Du mit fröhlichem Herzen Deinen Bruder, den armen Benedetto, dem Kerker, dem Henkerbeil preisgeben und willſt ſelbſt den erſten Anlaß bieten, daß die langkralligen Sbirren ihn packen.— O, das iſt ſchweſterliche Liebe, nicht wahr?— Es würde Dein racheloſes Täubchengemüth wohl mit Wonne füllen, wenn Du Deines Bruders Haupt unter dem Henkerbeile fallen, ſein Blut ſpritzen ſäheſt.— Freilich, ich bin nicht jener Graf.“ Der furchtbare Hohn, mit welchem Benedetto ſprach, ſchnitt tief in die Seele Eugeniens. „Flieh', verbirg Dich in den Tiefen der Erde,“ ſagte ſie. „Ich will nicht Dein Verderben, aber ich weiß, Deine Tage ſind gezählt.“ „Auch die Deinen,“ fügte Benedetto dumpf hinzu. Er entblößte den Dolch und ſetzte ihn auf Eugeniens Bruſt. Todtenbleich, an allen Gliedern zitternd, ſank Eugenie zuſammen; das Gebild des Todes trat als häßliches Schreckensgeſpenſt vor ihr entſetztes Auge. „Auch mich willſt Du morden, Unmenſch?“ ſtöhnte ſie. „Meine Sicherheit fordert ein neues Opfer,“ knirſchte Bene⸗ detto.„Ich habe Dir zu viel vertraut, Du weißt jetzt Dinge, welche vor Aller Augen verborgen bleiben ſollten, bis die Stunde ge⸗ ſchlagen, wo ich mein Rachewerk erfüllt habe und dann ſagen kann: meine Miſſion iſt zu Ende, ich will nun auch mein Leben enden, ich hemme ſeinen Lauf nicht mehr. Du weißt zu viel und der Tod iſt der ſicherſte Bewahrer der Geheimniſſe.“ 24* — 372 „Um einſt deſto lauter davon zu ſprechen!“ rief Eugenie zwar todtenpleich, aber mit feſter Entſchloſſenheit. Sie war zu ſtolz, vor dem Verbrecher ſich durch eine Bitte zu erniedrigen, und wenn von dieſer Bitte Tod und Leben abhängig war. Vielleicht erwartete Benedetto von Seiten Eugeniens eine Bitte, ein Entgegenkommen, denn er zögerte und ſah unentſchloſſen auf das bleiche Mädchen nieder, welches ruhig den Todesſtoß erwartete. Als aber Eugenie kein Wort weiter an ihn verlor, da ließ er lang⸗ ſam die Hand mit dem Dolche ſinken und ſchaute unruhig umher. „Eugenie,“ ſagte er dann,„willſt Du wirklich nicht auf meine Vorſchläge eingehen und in kein Bündniß mit mir eintreten?“ „Um keinen Preis der Welt!“ war des Mädchens feſte Antwort. „Auch nicht, wenn Dein Leben davon abhängt?“ „Auch dann nicht.“ Wieder rollten Benedetto's Augen grimmig, als er dieſe ab⸗ ſchlägige Antwort nochmals erfahren mußte, und abermals zuckte die Hand mit dem Dolche empor. Doch eben ſo ſchnell ließ er ſie wieder ſinken. „Eugenie,“ begann dann Benedetto,„ſchwöre mir, gegen Nie⸗ mand etwas von dieſer Stunde zu ſagen, namentlich darf Graf Monte Chriſto jetzt noch nicht die geringſte Andeutung haben, daß ich als ſein Feind aufgetreten bin.— Leiſte den Eid des unver⸗ brüchlichen Schweigens, ſo Du Dein Leben retten willſt; weigerſt Du Dich, ſo iſt dieſes Dein letzter Augenblick.— Merte Dir, mein Dolch fehlt nicht, und für meine Sicherheit opfere ich hundert an⸗ dere Leben, wobei dann das Leben der einſtigen Braut und jetzigen Schweſter kein Loth ſchwerer wiegt, als das jeder anderen Perſon. — Willſt Du den Eid leiſten?“ Durch leiſes Neigen des Hauptes gab Eugenie Phre Zuſtimm⸗ ung zu erkennen, worauf Benedetto ein kleines, an der Wand hängendes Kruzifix herabnahm und es ihr vorhielt. Eugenie legte die Finger auf das geheiligte Zeichen und ſchwur, gegen Niemand auf der Welt, ſelbſt im Beichtſtuhl nicht, etwas von dem zu offen⸗ baren, was ſie heute erfahren und was vorgefallen war; verſchwiegen wie das Grab wollte ſie ſein. „Ich will Dir rathen, dieſen Eid zu halten,“ ſagte Benedetto drohend, denn ein unbedachtes Wort ſtürzt Dich in das Grab; mir wird nic der klein zum zwe liche Lie „JG des Mar verlaſſe „W. von Dei Wunſch Dir.— Edd hält über De unnachſi Ka mer und Am irre Rede ſelbſt in ſein, den eab⸗ zuckte er ſie Nie⸗ Graf . daß unver⸗ igerſt mein t an⸗ ebigen erſon. ſtimm⸗ Pand legte emand offen⸗ wiegen nedetto b; mir f 373 wird nichts entgehen, kein Schritt, kein Wort von Dir, und ſelbſt der kleinſte Verrath ruft den Racheſtahl auf Dich hinab, und nicht zum zweiten Male wird der Stahl der Rache ſich durch die brüder⸗ liche Liebe entwaffnen laſſen.“ „Ich habe Dein Verlangen erfüllt,“ ſagte Eugenie, ohne auf des Mannes Drohung zu achten,„nun erfülle auch das meine; verlaſſe mich und kehre nie wieder. Dein Anblick iſt mir verhaßt.“ „Wirklich?“ ſagte Benedetto.„Du ſprichſt höchſt ſchmeichelhaft von Deinem Bruder.— Indeſſen will ich um ſo lieber Deinen Wunſch erfüllen, als ich überall beſſere Unterhaltung finde, als bei Dir.— Du ſollſt mich ſo lange nicht wiederſehen, als Du Deinen Eid hältſt, ſo wie aber nur ein Wort von dem, was heute geſchah, über Deine Lippen kommt, werde ich vor Dir ſtehen als zürnender, unnachſichtlicher Richter.— Dieſes rergiß nie!“ Kaltblütig ſeinen Dolch einſteckend, verließ Benedetto das Zim⸗ mer und war verſchwunden. Am nächſten Tage lag Eugenie im heftigen Fieber und führte irre Reden, welche Mercedes und Louiſe ſchaudern machten, aber ſelbſt in der Fiebergluth ſchien Eugenie ihres Eides eingedenk zu ſein, denn nie kam Benedetto's Name über ihre Lippen. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Gefangene in der Engelsburg. Traurig iſt des Gefangenen Loos, Er liegt, belaſtet mit Ketten, Tief in der Erde dunkelem Schoos, Seufzend:„Wer kann mich erretten?“ Döring. Monte Chriſto ſaß auf dem rohen Seſſel in ſeinem Kerker an dem Tiſche und war eigenthümlich beſchäftigt. Auf dem Tiſche lag eine Kapſel und daneben ſtand ein kleines Gefäß, welches aus einem ausgehöhlten Edelſtein beſtand und mit einer grünlichen Maſſe ge⸗ füllt war; in der Papierkapſel zeigte ſich ein feines, weißliches Pulver.— Der Graf nahm von der grünlichen Maſſe etwas weniges, kaum von der halben Größe einer gewöhnlichen Erbſe, tauchte dieſes in das Pulver und drehte ſodann kleine Pillen daraus, welche er ſorgfältig in eine andere Papierkapſel legte. Während dieſer Beſchäftigung, von der man nicht wußte, ob ſie der Graf blos zum Verſcheuchen der Langweile vornahm, oder ob er irgend etwas damit bezwecke, überzog von Zeit zu Zeit ein eigenthümliches Lächeln des Gefangenen Geſicht. Bisweilen ſchaute er dann durch das Fenſter und ſchien unter den dort ſich zeigenden Gebäuden irgend ein ihm bekanntes zu ſuchen. Was trieb der Gefangene?— Traf er vielleicht Vorbereitungen, um dann vor den Augen jenes goldgierigen Kardinals und des Ge⸗ richtspräſidenten das verlangte Wunder zu verrichten und Steine in Gold zu verwandeln, damit er ſeine Freiheit zurückkaufe? Ein Geräuſch an der Thüre ließ den Grafen die Arbeit raſch einſtellen, blitzſchnell waren die Kapſel und der ausgehöhlte Edelſtein verſchwunden, ſtatt deſſen nahm der Graf eine jener duftigen Ci⸗ garren zur Hand, die er ſich auch hier verſchafft. ſtruction Mon Mercedes gemacht, machen ob dieſer die zu h 1„D Chriſto, ſtürzen. nur aus iſt, dann Opfer ni trone be⸗ ſſſ 375 Die Thüre öffnete ſich und herein flog Haidee und hing an dem Halſe des Gatten; ihr nach folgte Mercedes.— Der Gefangenan⸗ wärter blieb an der Thüre ſtehen, und obgleich ihn Monte Chriſto aufforderte, ſich zu entfernen, ſo behauptete er doch, er müſſe bleiben, ſeine Inſtruction verlange es. Erſt als Haidee dem Beharrlichen einige funkelnde Goldſtücke in die Hand drückte, hatte deſſen In⸗ ſtruction keinen Werth mehr für ihn, er entfernte ſich. Monte Chriſto war eben ſo überraſcht als erfreut, Haidee und Mercedes bei ſich zu ſehen, und erfuhr, daß Bertuccio dieſes möglich gemacht, und dieſer auch das Entkommen des Gefangenen möglich machen wolle, wenn der Herr Graf es geſtatte, da er nicht wiſſe, ob dieſer nicht andere Mittel zu ſeiner Befreiung beſitze, wie z. B. die zu hoffende ſchnelle Freiſprechung. „Dieſes iſt wohl nicht ſo ſchnell zu erwarten,“ ſagte Monte Chriſto,„denn das unſinnigſte Zeug wird aufgeſucht, um mich zu ſtürzen. Aber ich bin auch ſchon darüber im Klaren, daß man mich nur aus Habſucht im Gefängniſſe hält, und wenn dieſes der Fall iſt, dann will auch dieſe Habſucht befriedigt ſein, eher läßt ſie das Opfer nicht los.— Man will mich— ſcheint mir es— als Ci⸗ trone behandeln, deren Saft man ausſaugt, um dann die Schale wegzuwerfen auf den erſten beſten Weg, wo jeder Fuß ſie zertreten kann.— Doch dieſes zu dulden bin ich nicht geneigt, um ſo weniger, als offenbarer Unſinn aus Allem ſpricht.“ Er erzählte dann den beiden ſtaunenden Frauen, welchen Ver⸗ dacht man auf ihn geworfen habe und was man von ihm verlange. „Ihr ſeht,“ ſchloß Monte Chriſto,„dieſe Herren werden mir die Pforte des Kerkers nicht eher aufſchließen, bis ich ihnen das Geheimniß des Steines der Weiſen verrathen habe; aber dann dürfte ich wohl zwiſchen dieſen Mauern meine Tage beſchließen müſſen, denn ich muß leider geſtehen, daß ich dieſes Geheimniß ſelbſt nicht weiß, und wirklich ergrübeln werde ich es hier nicht.“ „Immer gefangen bleiben, wäre ſchrecklich!“ rief Haidee. „Es hat aber allen Anſchein dazu,“ ſagte Monte Chriſto.„Um ſolchen Preis kann ich mir die Freiheit nicht erkaufen, aus dem einfachen Grunde, weil ich ihn nicht erlegen kann.“ „Wenn wir uns an den heiligen Vater wendeten?“ fragte Mercedes. 376 „Auch dieſes würde wenig helfen,“ meinte der Graf.„Ich glaube nicht, daß der Papſt etwas von dem Unſinne weiß, welchen man gegen mich vorbringt, denn ich halte ihn zu vernünftig, als daß er an derartigen Aberglauben hängen ſollte. Er wird auch wohl nie die Wahrheit erfahren, denn das iſt das Geſchick der Großen der Erde, daß ihre Diener ihnen nur das ſagen, was dieſe für gut finden, während die Diener dann thun, was ſie wollen, die Vortheile ihrer Handlungen für ſich behalten, die Verantwortlichkeit dafür aber dem Oberhaupte aufbürden.— Zu wie viel ſchlimmen Dingen hat nicht ſchon ein Monarch ſeinen Namen hergeben müſſen, ohne daß er von der Sache ſelbſt eine Ahnung hatte. So kann es auch hier der Fall ſein.“ „Wie ſollen wir Sie da retten?“ fragte Mercedes traurig. „Ueberlaßt dieſes mir,“ entgegnete Monte Chriſto ruhig.„Habt Ihr Geld bei Euch?“ Die Frauen bejahten dieſes; ſie führten in Papieren und Gold ungefähr zehntauſend Francs bei ſich. Der Graf erklärte dieſes für hinreichend und ließ ſich das Geld aushändigen. „Haidee,“ nahm der Graf dann wieder das Wort,„befiehl Bertuccio in meinem Namen, daß er um die Mitternachtsſtunde Alles zur Abreiſe nach Civita⸗Vecchia bereit hält; mit dem Schlage Zwölf werde ich bei Euch ſein.“ Voll Erſtaunen ſchauten die Frauen auf den Grafen. „Sie wollen dieſes möglich machen?“ fragte Mercedes. Haidee ſagte nichts, aber ſie klammerte ſich mit hoffnungs⸗ ſtrahlendem Blicke an den Gatten, der ſo zuverſichtlich ſprach. „Ueberlaſſen Sie das mir,“ entgegnete Monte Chriſto.„Sei ruhig, Haidee, in wenig Stunden ſind wir wieder vereint und ich ſpotte dann ſolcher thörichten Angriffe.— Alſo um Mitternacht.— Sei dann bereit, mir zu folgen.“ Mit kurzen, muthigen Worten die Gattin und die Freundin aufrichtend, und nachdem er ihnen nochmals die Verhaltungsbefehle für Bertuccio wiederholte, winkte er ihnen zu gehen. „Zwölf Uhr,“ ſagte er noch. Dann rief er den Gefängnißaufſeher und nahm von den Be⸗ ſucherinnen Abſchied.. .3J0 ds fröhli In Er zünd Rauchw So Unthätigt Pochen d brachte e Ehriſto „Eu denſelben Lacrimä was übt bringſt, Der empfindl ſprach, d habe, mi könne er old 377 „Ich hoffe,“ ſagte er dabei,„wenn wir uns wiederſehen, wird es fröhlicheren Herzens ſein, als es in dieſer Stunde geſchah.“ In einigen Minuten befand ſich Monte Chriſto wieder allein. Er zündete eine Havanna an und ſchaute ſinnend in die blauen Rauchwölkchen, welche ſeinem Munde entwirbelten. So kam der Abend, Monte Chriſto hatte bis dahin in völliger Unthätigkeit geharrt, endlich rief er den Gefängnißaufſeher durch Pochen an der Thüre und verlangte ſein Abendeſſen; der Mann brachte es und ſetzte eine Flaſche Wein auf den Tiſch.— Monte Chriſto ſchob die Flaſche zurück. „Euer Wein taugt nichts,“ ſagte er,„ich kann mich nicht an denſelben gewöhnen. Gehe zu Boſſardi und hole dort zwei Flaſchen Lacrimä Chriſti feinſten Gewächſes. Hier haſt Du zwei Goldſtücke, was übrig bleibt, iſt für Deine Mühe.— Wenn Du die Flaſchen bringſt, bekommſt Du noch eine Extravergütung.“ Der Gefangenenaufſeher war gegen das Geld nicht mehr un⸗ empfindlich, wie es die erſten Stunden den Anſchein gehabt; er ver⸗ ſprach, das Verlangte zu beſorgen, meinte aber, da er jetzt die Runde habe, müſſe der Arreſtat wenigſtens eine Stunde warten, denn eher könne er den Wein nicht herbeiſchaffen. Lächelnd meinte der Graf, daß es ihm auf dieſe Stunde eben nicht weiter ankomme, wenn der Gefangenenaufſeher dann den Wein bringe und überhaupt dienſtfrei ſei, ſo könne er ſein Abendeſſen gleich mitbringen und eine Flaſche Wein mit leeren. „Ich ſehe überdies,“ ſchloß der Graf ſeine Einladung,„ſo bald komme ich nicht aus der Engelsburg, in der ich wahrhaftig weit weniger von Engeln als von Teufeln ſpüre.— Da wünſche ich mir natürlich auch die Zeit zu vertreiben und ſehne mich nach Unter⸗ haltung, wo Du dann nicht ſo hartherzig ſein wirſt, mir dieſe Er⸗ heiterung abzuſchlagen.— Wir wollen heute ſehen, ob wir zuſam⸗ menſtimmen, und wenn das iſt, kannſt Du von Zeit zu Zeit mit mir zu Abend eſſen und von meinem Weine trinken. Dein Schade ſoll es nicht ſein.“ Dem Gefängnißwärter mochten dergleichen Einladungen nicht oft kommen, ihm wäſſerte der Mund nach den Genüſſen, wie er ſie ſich bei ſeinem mageren Gehalte natürlich nicht ſelbſt ſchaffen konnte; er verſprach demnach nicht nur, das Aufgetragene pünktlich zu 378 beſorgen, ſondern auch der Einladung Folge zu leiſten und die Flaſchen leeren zu helfen, hinzufügend, daß er mancherlei Geſchichten aus ſeinem bewegten Leben wiſſe, welche er gern zum Beſten geben würde. Nebenbei hoffte der Mann freilich auch von dem Gefangenen Manches zu erfahren, denn er hatte von einem Theile der Anklage gegen dieſen Wind bekommen, und hoffte, dann Vortheile ziehen zu können, wenn ihm Gelegenheit zu näherem Umgange mit dem Ge⸗ fangenen geboten würde; und er ſchloß jetzt, wenn er ſich dem Tau⸗ ſendkünſtler gefällig zeige, ſo werde dieſer ſich auch gegen ihn nicht ungefällig zeigen. Der Mann hielt auch Wort, denn er brachte in der Nacht die verlangten zwei Flaſchen Wein und nahm die nun wiederholte Ein⸗ ladung des Gefangenen zum Mittrinken mit Freuden an.— Bald ſaß er dem Grafen gegenüber und koſtete von dem feurigen Reben⸗. ſafte, den er bisher nur dem Namen nach kannte, und je mehr er koſtete und koſtete, deſto mehr löſte ſich auch ſeine Zunge, er ſchwatzte, und ſcheinbar aufmerkſam hörte der Graf den Reden des Mannes zu, der ſich jetzt in Erzählungen über ſein früheres Leben erging, wo er als Schiffer auf dem Meere herumgeſegelt, als Soldat viele Länder durchzogen und zahlreiche Abenteuer beſtanden, bis ihm end⸗ lich auf der Engelsburg als Gefängnißaufſeher ein Ruhehafen winkte, den er nicht mehr zu verlaſſen feſt entſchloſſen ſich erklärte, denn es ſei etwas gar Schönes um einen Dienſt, der eine geſicherte Stellung gewähre, da ſitze man recht warm und behaglich. „Aber,“ meinte der Graf,„jedenfalls iſt ein luſtiges, freies Leben durch alle Welt noch weit ſchöner, als immer, wie die Schnecke an ihrem Hauſe, an einem Platze zu kleben.— Heute hier, morgen da, jetzt durch Sonnenſchein, dann vielleicht keck durch Sturm und Regen, dann wieder zu einem luſtigen Abenteuer, welches wohl⸗ thätige Abwechslung in das Leben bringt; von Zeit zu Zeit kann wohl auch eine Verlegenheit, ſo ein Bischen Noth eintreten, allein dieſes wird nie lange dauern, es iſt ja nicht unmöglich, daß ſie dann dem Ueberfluſſe Platz macht.— Das giebt dann immer neue Reize und macht, daß man das Leben nicht ſo leicht ſatt bekommt.“— „Hm,“ ſagte der Gefängnißaufſeher,„ein Leben, wo man die Ausſicht hat, bis zu ſeinem letzten Tage ausreichend Brod und noch tiwas d nicht ſat ſo ein ſ Herr, m haben, d der Enge „W „Ka am beſte ſchwinde De „N 76 „] wiſſen, Wiſſen entſchlüg „Al tauſend 379 etwas darüber zu haben, bekommt man wahrhaftig auch ſo leicht nicht ſatt, und die Abenteuer entbehrt man ſchon gern, wenn Einer ſo ein fünfzig Jährchen und noch mehr auf dem Rücken hat.— Euch, Herr, mag es wohl anders ſcheinen, denn Ihr werdet mehr Luſt haben, von hier fort zu ſein, denn in ſolchem Loche zu bleiben.“ „Da haſt Du wahrhaftig Recht; ich habe das Abenteuer, auf der Engelsburg als Gefangener zu ſitzen, von Herzen ſatt.“ „Warum macht Ihr Euch denn nicht frei?“ „Kann ich es denn?— Gieb mir einen guten Rath.— Oder am beſten, ſchaffe mir Gelegenheit, bei Nacht und Nebel zu ver⸗ ſchwinden.“ Der Mann ſah den Grafen finſter forſchend an. „Meint Ihr, ich ſollte Euch zur Flucht verhelfen?“ fragte er. „So ungefähr,“ entgegnete Monte Chriſto. „Nun gut,“ ſagte der Aufſeher, ſich erhebend,„dann müßt Ihr wiſſen, daß ich Beamter bin, meine Pflicht kenne und mit meinem Wiſſen und Willen kein meiner Aufſicht anvertrauter Gefangener entſchlüpfen ſoll.— Ich habe es auf's Kruzifix geſchworen.“ „Auch dann würdeſt Du es nicht thun, wenn ich Dir Hundert⸗ tauſend böte?“ „Auch dann nicht.— Ich weiß wohl, daß Ihr dieſes und zehn Mal mehr geben könnt, wenn Ihr wollt, aber wenn ich meinen Eid breche, ſo verfällt meine Seele dem Teufel, und aus deſſen Klauen kauft ſie dann keine Million mehr los.— Wenn Ihr alſo wollt, daß ich mit Euch trinken und ſprechen ſoll, ſo laßt kein ſolches Wort hören.“ Der Aufſeher machte zugleich Miene, ſich zu entfernen, doch der Graf hielt ihn zurück. „Herr, verführen laſſe ich mich nicht,“ erklärte der Gewiſſenhafte. „Biſt ein Narr, wer will Dich denn verführen.— Setze Dich her und trinke.“ „Wenn Ihr keine ſolchen Reden mehr führen wollt.“ „Wer wird ſolchen Scherz gleich für Ernſt nehmen!— Wohl, ich will Dein zartes Ohr nicht mehr durch ſolche Worte beleidigen, darauf meinen Schwur. Setz' Dich, alter Bär!“ Der gewiſſenhafte Schließer folgte dieſer Einladung um ſo lieber, als ihn der Wein zu gut ſchmeckte und er aus ſchon ange⸗ 380 führten Gründen den allmächtigen Gefangenen ſich zum Freunde er⸗ halten wollte, obgleich er nichts davon wiſſen wollte, ihn entſchlüpfen zu laſſen, und dem Gefangenen eigentlich nur deshalb unterſagt, ihn ferner in Verſuchung zu ſetzen, weil er ſelbſt am beſten fühlen mochte, daß es leicht möglich ſei, er würde der Verſuchung eher unterliegen, als er ſelbſt glaubte, vorzüglich, wenn er ſo viel Geld erhielt, daß er ſich, wenn er mit einem Theile deſſelben Ablaß für die begangene Sünde kaufte, immer noch für einen reichen Mann betrachten konnte. Er nahm alſo wieder Platz und ſetzte das ſüßduftende Glas an die Lippen. Monte Chriſto hingegen ſah, daß mit dieſem Manne nicht gut zu verhandeln ſei, wenn es auf's Entfliehen ankam, und es vielleicht längere Zeit dauerte, ehe er ihn nach und nach zum Willen gebracht, denn daß dieſes ihm trotz der jetzigen Weigerung doch endlich ge⸗ lingen müſſe, darüber konnte bei einem Menſchenkenner, wie Monte Chriſto, kein Zweifel ſein. Aber der Graf wollte um Mitternacht frei ſein, er mußte alſo ſeinen ſchon früher entworfenen Plan feſthalten. Unbemerkt hatte er die Kapſel mit den gefertigten Pillen zur Hand genommen. „Höre, alter Bär,“ ſagte dann Monte Chriſto,„einen guten Rath mußt Du mir aber doch geben. Du ſprachſt vorhin davon, ich könnte mich frei machen. Was meinſt Du damit?“ „Nun,“ antwortete der Gefragte,„ich meine nichts weiter, als daß es Euch ein paar Worte koſten dürfte, und Ihr ſeid vogelfrei.“ „Zauberworte?“ „Hm, wie man es nimmt.“ „Rede deutlicher!— Was ſind das für wichtige Worte, die ſo mächtigen Klang haben ſollten, dieſe Mauern zu ſprengen?“ Der Aufſeher wiegte mit pfiffiger Miene das ſchon ſtark um⸗ nebelte Haupt hin und her. „Gerade ſo iſt es nicht gemeint,“ ſagte er,„Gott behüte mich vor der Sünde, daß ich Jemand Zauberei zumuthen ſollte.— Aber Ihr wißt, wie vielerlei Dingen man Euch anklagt, und ich will zwar meinen, ein paar dieſer Beſchuldigungen könnten nur vorge⸗ bracht ſein, um recht viel auf Euch zu bringen, andere Anklagen ſind wohl nicht ſo gewichtig, daß ſie nicht mit einer Hand voll Gold ließ dal hineing D. er ſuch erwachſ und ih deutung Gefange dieſem hineinf denn ſ Monte D Gliede Augen Schlaf iich ber ge⸗ gen 381 geſühnt werden könnten; aber es iſt noch etwas Anderes dabei: Ihr könnt Gold machen.“ „Wie man es nimmt, mein Freund,“ entgegnete Monte Chriſto ironiſch.„Aber was ſoll das jetzt?“ „Sehr viel. Entdeckt das Geheimniß und Ihr ſeid frei,“ er⸗ widerte der Aufſeher.„Man wird Eure Willfährigkeit an Ort und Stelle hoch zu lohnen wiſſen. Das iſt mein gut gemeinter Rath und Ihr werdet Euch für denſelben wohl erkenntlich zeigen.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte der Graf. Er ſchenkte das geleerte Glas des Aufſehers wieder voll und ließ dabei unbemerkt ein paar Kügelchen, die er am Tage gemacht, hineingleiten. Der Wein ſchäumte und perlte. Der Gefangenenaufſeher fuhr indeſſen mit ſeinem Schwatzen fort, er ſuchte Monte Chriſto die Vortheile zu beweiſen, welche dieſem erwachſen müßten, wenn er gegen die Behörden ſich gefällig zeige und ihnen ſein Geheimniß verkaufe; immer ließ er dabei die An⸗ deutung durchſchimmern, daß er erwarte, auch gegen ihn werde der Gefangene nicht ſo verſchwiegen ſein, vielmehr hoffe er, daß von dieſem Geheimniſſe auch für ihn etwas abfalle. Monte Chriſto hörte lächelnd zu, dabei feſt das Auge auf das Glas geheftet, in deſſen klarer Fluth ſich jetzt keine Spur der Kügelchen mehr zeigte.— Nun forderte er den Genoſſen auf, das Glas auf ſeine baldige Befreiung zu leeren und ſetzte ſcherzend hinzu: „Wenn Du es ehrlich meinſt, ſo läſſeſt Du keinen Tropfen im Glaſe.“ Und in der That, um zu beweiſen, wie redlich er es meine, trank der Gefängnißaufſeher das Glas bis auf den letzten Tropfen aus. Monte Chriſto lächelte ſtill für ſich hinein; dann füllte er das geleerte Glas zum zweiten Male und ließ wieder einige Kügelchen hineinfallen. Der Mann gegenüber bemerkte von dem Allen nichts, denn ſchon glänzten ſeine Augen gläſern und ſeine Zunge lallte.— Monte Chriſto munterte ihn auf, noch dieſes Glas zu trinken. Dieſes geſchah. Die Wirkung blieb auch nicht aus, denn die Glieder des Aufſehers ſtreckten ſich, das Haupt ſank mit geſchloſſenen Augen auf die Bruſt und der ſchwere Athem kündete den ſanften Schlaf des gewiſſenhaften Mannes. 382 Monte Chriſto beobachtete ihn einige Zeit ſcharfen Auges, er befühlte ſeinen Puls und ein zufriedenes Lächeln umzog ſein Geſicht. „Der hat eine ſtarke Portion,“ ſagte er.„Unter ſechszehn Stunden iſt hier kein Erwachen denkbar, wenn man nicht das Gegen⸗ theil kennt.— Nun an das Werk.“ Draußen ſchlug es elf.— Er hatte alſo noch eine Stunde zur Ausführung ſeines Planes vor ſich, um pünktlich zur angegebenen Stunde in ſeinem Hotel zu erſcheinen. In dem Gefängniſſe war Alles ruhig, auch von außen drang außer dem Glockenſchlage und dem Horaläuten von einem Kloſter⸗ thurme kein Geräuſch in die düſtern Kerkerzellen.— Monte Chriſto ergriff den bewußtloſen Gefangenenwärter, hob ihn auf und legte ihn auf ſein Lager, wo er ihn ſeiner Jacke mit dem Abzeichen ſeines Dienſtes entkleidete und ſich ſelbſt anlegte; ebenſo ſetzte er den breit⸗ randigen Hut des Schläfers auf und bemächtigte ſich endlich des Zeichens, deſſen Vorzeigung ihm überall in und um die Engelsburg, als im Dienſt befindlich, freien Weg öffnete. Schließlich ſchnallte er den Gurt um, an deſſen Haken das gewichtige Schlüſſelbund hing und eine kurze, knotige Peitſche ſteckte, mit welcher ſich der Aufſeher für den Nothfall gegen Widerſpenſtige Reſpect zu verſchaffen wußte. So ausgerüſtet, drückte Monte Chriſto den Hut tiefer in das Geſicht, verhüllte deſſen unteren Theil mit einem Tuche, damit es ausſehen ſollte, als habe er Zahnſchmerzen, ergriff die Laterne und verließ ſo entſchloſſenen Muthes den Kerker. Von früheren Beſuchen her kannte der Graf alle Räume des Kaſtells ſo ziemlich genau, ſo daß er ſich gut genug auch ohne Führer zurecht finden konnte; auch hatte er den Gefangenenauſſeher auf ge⸗ ſchickte Weiſe bei der Weinflaſche auszufragen gewußt, ſo daß er Alles kannte, was nöthig war, um durch die Wachen zu gelangen. Nachdem der Graf die Thüre verſchloſſen hatte, verfolgte er einige Gänge bis zu einer Thüre, die zwar verſchloſſen war, zu welcher er aber ebenfalls den Schlüſſel im Bunde vorfand. Nun kam er in den Vorhof, wo eine Wache ſtand, die ihn anrief, ihn aber, als er die Parole nannte, ruhig paſſiren ließ. Nun war aber noch das Thor und die Zugbrücke zu paſſiren, und dieſes— das wußte der Flüchtling— ließ ſich in der Nacht nicht möglich machen, denn da war die Brücke aufgezogen, das Thor ſeſt geſch geöffnet. feſten Er hauſung lleinen? in den m. in Freih Als Hotel, w ſtellt, we und nach ſeiner F und Me 383 feſt geſchloſſen und blos auf Verlangen des Kommandanten wurde geöffnet.— Indeß konnte das einen Mann nicht ſtören, der den feſten Entſchluß gefaßt hatte, zur beſtimmten Stunde in ſeiner Be⸗ hauſung zu ſein. Er ſchritt längs der Mauer hin, welche hier einen kleinen Vorhof einſchließt, ſtieg hinauf und ein Sprung brachte ihn in den mit Waſſer gefüllten Graben.— Damit war der Gefangene in Freiheit. Als die Mitternachtsſtunde ſchlug, trat Monte Chriſto in ſein Hotel, wo er mit Staunen und Freude begrüßt wurde.— Wie be⸗ ſtellt, war Alles reiſefertig, der Wagen ſtand angeſpannt im Hofe, und nachdem der Graf die Kleider raſch gewechſelt, ſtieg er mit ſeiner Familie ein und dahin ſauſten die muthigen Roſſe.— Albert und Mercedes waren zurückgeblieben. Achtundvierzigſtes Kapitel. Die Begrüßung in Benedig. Muß dieſer Dämon ewig mich verfolgen? Schiller. Monte Chriſto hatte nach ſeiner Flucht aus der Engelsburg mit flüchtigen Roſſen den Weg nach Civita⸗Vecchia eingeſchlagen, wo der ſchon mehrere Tage ſeiner harrende Dampfer noch lag, der ihn und ſeine Umgebung nach Livorno brachte, wo ſeine ſchnelle Jacht lag, die ihn und ſeine Gattin nach Monte Chriſto hinüber⸗ führte; hier verweilte der Graf mehrere Tage, nur ſeiner Familie lebend, ſich heiter und ſicher fühlend, wie lange nicht. Allein hier zu bleiben, war Monte Chriſto nicht Willens, da der einſame Aufenthalt mitten im weiten Meere für Haidee etwas Beängſtigendes zu haben ſchien. Deshalb befahl Monte Chriſto eines Morgens, die Jacht wieder zu rüſten, und flog wieder an die Küſte Italiens, wo er Bertuccio abſchickte, um auf dem Wege nach Venedig längs der Straße Poſtpferde und Quartiere zu beſtellen, damit der Graf und ſeine Familie nach Gewohnheit unterwegs ſo⸗ fort alle Bequemlichkeiten vorfänden; in Venedig ſelbſt hatte Ber⸗ tuccio Auftrag, einen Palaſt in belebter Gegend zu miethen und für raſche Einrichtung zu ſorgen, indem der Graf entſchloſſen war, hier mehrere Monate zuzubringen. Entfernt von Rom, gewiß, daß hier die Polizei ſchärfere Augen habe und ſtrengere Aufſicht über alles Verdächtige führe, hoffte er hier vor jenem geheimnißvollen Verfolger ſicher zu ſein, der ihm in Rom das Leben ſo furchtbar verwölkt und ihn ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder zittern gemacht. Es mochte ihm dieſes Geſtändniß auch noch ſo ſchwer werden, er mußte es ſich im Geheimen doch wiederholt ausſprechen; er hatte daß er a beben. und gewe bekannten Aller den Schu den Unfe Bert und zur ſeiner zu Mol die reizv er, daß und beſ Familien ung in) ſchnell die Der der Gold haben wi⸗ übrigen; Theil nich Im jeder Sta meiſters, Hier hier Vor⸗ durcheina Angehörig r. burg agen, , der hnelle über⸗ milie 3, da etwas hriſto n die nach tellen, s ſo⸗ Ber⸗ n und war, daß über vollen chtbar zittern ſchwer techen; — 385 er hatte gezittert vor jenem Unbekannten, und wenn er daran dachte, daß er auch in der Inſelſtadt auftauchen könne, ſo mußte er wieder beben. Aber dann durfte er auch hoffen, indem er die erfahrene und gewandte Polizei Venedigs zu ſeinem Schutze anrief, den Un⸗ bekannten zu entſchleiern. Allerdings war es für ihn demüthigend genug, ſich zuletzt auf den Schutz der Polizei angewieſen zu ſehen, nachdem er ſo lange den Unfehlbaren, Allwiſſenden geſpielt. Bertuccio's Auftrag lautete ferner dahin, am beſtimmten Tage und zur beſtimmten Stunde in Meſtro mit einem ſicheren Gondelier ſeiner zu harren, ihn nach dem beſtimmten Palaſt zu führen. Monte Chriſto hielt ſich einige Tage in Florenz auf, Haidee die reizvolle Stadt am Arnoſtrande zu zeigen, und mit Wonne ſah er, daß die Geliebte immer heiterer wurde; auch er wurde heiter und beſuchte ſelbſt einige ihm von früher her bekannte römiſche Familien, obgleich zu erwarten war, daß ſie ſchon von der Verhaft⸗ ung in Rom unterrichtet ſein mußten, da dergleichen Neuigkeiten ſchnell die Runde machen. Der Graf fürchtete keine Verfolgung mehr, denn der Verdacht der Goldkocherei war zu lächerlich, als daß eine Behörde gewagt haben würde, ihn deshalb nur im Geringſten zu beläſtigen, und die übrigen Beſchuldigungen waren zum Theil ſchon widerlegt, zum Theil nicht ſchwer zu widerlegen. Im Fluge ging es dann durch die Marken nach Venetien; auf jeder Station zeigte ſich die Vorſorge des unermüdlichen Haushof⸗ meiſters, und ohne Aufenthalt gelangten die Reiſenden nach Meſtro. Hier herrſchte ein gewaltiges Menſchengewühl; zum Theil waren es Reiſende, welche der Ueberfahrt nach Venedig harrten, zum Theil waren es Landbewohner der Umgegend, die eben Markttag gehalten, wo denn zahlreiche Fahrzeuge aus Venedig herüber gekommen waren, hier Vorräthe einzukaufen. Man ſchrie, lachte, ſchimpfte und zankte durcheinander nach der Art der lebhaften italieniſchen Nation, deren Angehörige ſelten etwas ohne viel Geſchrei abmachen können. Bertuccio harrte ſchon gewiſſenhaft in dem beſtimmten Gaſt⸗ hofe, wo er Rechenſchaft ablegte; er hatte einen Palaſt gemiethet, dieſen ausmöblirt und auch einen beſtimmten Gondelier in Dienſt genommen. Die Hand des Todten. 25 386 Da der Abend bereits hereinbrach, ſo verlangte Monte Chriſto ſogleich nach Venedig übergeführt zu werden; er befahl, daß Ber⸗ tüccio das Gepäck und die Dienerſchaft auf einem zweiten Fahr⸗ zeuge unterbringe und ſchritt dann durch das Gedränge nach dem Landungsplatze, wo eine Menge Gondeln und andere Fahrzeuge lagen.— Auf einen Ruf Bertuccio's erſchien ein junger, rüſtiger Mann mit einer rothen Schärpe um den Leib, und Bertuccio ſtellte dieſen als den in Dienſt genommenen Gondelier vor. Monte Chriſto warf einen forſchenden Blick auf den Menſchen und er glaubte ihn zu kennen. „Du heißt Pietro?“ fragte er dann. „Ja, Signor,“ entgegnete der Angeredete, ſich tief verneigend. „Es iſt mir eine Ehre, daß Eure Gnaden mich wieder erkennen.“ „Wenn ich nicht irre, ſah ich Dich auf Monte Chriſto,“ fuhr der Graf fort. Pietro bejahte dieſes. „Dein Vater iſt der kecke Contrebandier, welcher die Inſel Monte Chriſto zur Ruheſtation gewählt hat,“ fuhr der Graf fort. „Wie kommt es, daß Du da als Gondelier in Dienſt trittſt? Geht das alte Geſchäft nicht mehr?“ „O ja, Signor, es geht ſehr gut,“ erwiderte Pietro,„aber es hat Alles ſeine Urſachen, und aus ſolchen Umſtänden habe ich einſt⸗ weilen auch Dienſte genommen.“ Er erzählte dann, daß er mit ſeinem Vater und anderen Ge⸗ noſſen mit reicher Ladung nach Venedig zurückgekommen ſei, und die Ladung— Wein— glücklich durch die Zollſchranken gebracht wäre.— Da ſei er mit Bertuccio zuſammengetroffen, der einen Gondelier geſucht, und als er erfahren, daß es Sindbad, der See⸗ fahrer ſei, welcher den Gondelier verlange, habe er ſich ſchnell ent⸗ ſchloſſen, dieſen Dienſt zu übernehmen, um dem Herrn Grafen einen Beweis ſeiner Dankbarkeit zu geben, denn er wiſſe recht wohl, daß er es geweſen, welcher ihnen nicht nur den Aufenthalt auf Monte Chriſto geſtattet, ſondern ihnen auch ſeinen Schutz gewährte. „Pietro,“ ſagte Monte Chriſto ſehr ernſt,„verwechsle nicht die Begriffe, denn ich wünſche nicht in den Schein zu kommen, als habe ich geſetzwidriges Treiben geſchützt oder gar unterſtützt. Ich habe Euch einfach treiben laſſen, was Ihr wolltet, da ich gern einem Venedig“ Wäh ſattgefund deſen Wa Platz gene Pfeil der mehr der Meer Nuhe da Ueb Weſten d des Nach Wellen; Lichter al befeſtigten bunten L Als fuhren, an beide noch in e ſchlägen reichen entgegen Jeden ſeinen Weg gehen laſſe, ſo lange er meinen eigenen nicht ſtört.— Uebrigens biſt Du mir als Diener willkommen und es freut mich, daß ein Bekannter, auf deſſen Treue ich mich hoffentlich verlaſſen kann, für dieſe Stelle gefunden iſt. Nun auf, nach Venedig!“ Während dieſes Geſprächs hatte die Einſchiffung der Effecten ſtattgefunden und der Graf, welcher mit Haidee, ſeinem Sohne und deſſen Wärterin, ſowie mit Bertuccio in der geräumigen Gondel Platz genommen, gab das Zeichen zur Abfahrt. Pfeilſchnell fuhr das Fahrzeug über die ruhige Waſſerfläche der mehr und mehr aus dem Meere emporſteigenden Häuſermaſſe der Meereskönigin zu, die, von einem Maſtenwalde umringt, in ſtolzer Ruhe da lag. Ueber dem Waſſer tauchte der Mond auf, und während im Weſten der letzte Schimmer des Tages verſchwand, zitterte bereits des Nachtgeſtirns ſilbernes Licht auf den ſich hebenden und ſenkenden Wellen; und von der Lagunenſtadt herüber blitzten mehr und mehr Lichter auf, aus den Fenſtern der Paläſte, von den mit an ihnen befeſtigten lodernden Fackeln hin⸗ und hereilenden Gondeln, aus den bunten Laternen der Schiffe. Als die Reiſenden jetzt in die Kanäle der ſtolzen Venetia ein⸗ fuhren, wo die Gewäſſer an die Mauern der Palüäſte ſchlagen, die an beiden Seiten der Waſſerſtraßen aufgethürmt ſtehen, theils noch in ehemaliger Pracht leuchtend, theils, wie überhaupt Venedig, die Zeichen des Verfalls in ſich tragend, Zeugen ehemaliger Pracht und Herrlichkeit, die einſt hier wohnten, als Venetia noch die Be⸗ herrſcherin aller Meere war, da klang ihnen bald da, bald dort der Geſang eines der liederreichen Gondeliere entgegen, tönte aus den Fenſtern und von den Balkonen alle Arten Muſik, das Gezittere der Harfen und Guitarren, das melodiſche Klingen der Flöten und ſchmelzender Geſang kunſtgeübter Frauen und Mädchen.— Es war eine der reizvollen italieniſchen Nächte, wie man ſie nur unter dem glücklichen ſüdlichen Himmel findet. Durch mehrere Kanäle rauſchte die Gondel mit flüchtigen Ruder⸗ ſchlägen und kam jetzt an den Sanct Markusplatz mit der kuppel⸗ reichen Markuskirche, welche in dem herrlichſten Mondesglanze ihnen entgegen leuchtete. Haidee war entzückt von dieſem Anblicke, wie 25* 387 388 denn die ganze Fahrt durch die Kanäle ſie ſchon in lebhafte Auf⸗ regung verſetzt hatte. Monte Chriſto, um der geliebten Gattin ſo⸗ gleich beim Eintritt in die Lagunenſtadt einen vollen Anblick von deren geheimnißvollen Reizen zu verſchaffen, befahl Pietro anzu⸗ legen und hier ſeiner zu harren, er ſelbſt betrat mit Haidee den um dieſe Stunde ſehr belebten Platz und ließ ſeine Augen über die gewaltigen Maſſen der umliegenden Paläſte gleiten, Zeugen der einſtigen Herrlichkeit der Lagunenſtadt. Aus dem Markusdome erſchallten feierliche Klänge; es wurde dort ein nächtliches Amt gehalten. Monte Chriſto fühlte ſich dort⸗ hin gezogen, und Haidee am Arme trat er ein in den majeſtätiſchen Marmorbau, durch welchen die Töne des Geſanges rauſchten. Lange blieb das Paar hier ſtehen; Monte Chriſto hatte ſich in den Schatten einer Säule zurückgezogen, um von den Aus⸗ und Eingehenden ſo viel als möglich unbemerkt zu bleiben und nicht in ſeinen ernſten Betrachtungen geſtört zu werden, welche die Heiligkeit des Ortes, die feierlichen, erhebenden Klänge des Amtes in ihm wach riefen. „Venedigs Gruß iſt ernſt und feierlich,“ ſagte Monte Chriſto leiſe zu Haidee;„aus dieſen Klängen weht Frieden in eine wunde Seele, und ſchon die Erhabenheit dieſes Gott geweihten Ortes breitet einen milden, verſöhnenden Schatten über das bewegte, glühende Innere aus; ſolche Dome ſind gemacht, um in ihnen über Höherem das kleinliche Irdiſche zu vergeſſen.— Wir wollen dieſes Gefühl in vollen, durſtigen Zügen genießen; treten wir aus dem Dome, umfängt uns wieder der Außenwelt buntes Treiben, dann iſt noch Zeit, an des Lebens Sorgen zu denken. Gebe es Gott, daß dieſer Frieden, den ich hier um mich wehen fühle, mich aus ſeinem er⸗ habenen Tempel in den Strudel der Welt begleitet.“ Erſtaunt ſchaute Haidee den Sprechenden an, doch verhinderte die Dämmerung auf ihrem Standpunkte, des Grafen Züge, aus denen ſie leſen wollte, zu erkennen.— Solche Sprache war ſie von dem Gatten nicht gewohnt. „Bedarfſt Du des Friedens ſo ſehr, Du, der Ruhige?“ fragte ſie. Unwillkürlich ſeufzte Monte Chriſto leiſe. „Wo iſt der Menſch, welcher ſagen könnte: ich trage völligen Frieden in meiner Bruſt; Frieden mit Gott, der Welt und mit mir felbſt?“ Scheinend Stürmen ſeufßen lg Sehnſuch aus der 2 herbei.— in mir ſi und Bei ſchwand Der „We ſchmiegte. I gefaßt. macht, un uns eine in der 9 Glück zu Herzens zu ſehen, es wenig halten. hoffe ich lieren, brechen.“ Er Auf oder war verſamme Auſ. in ſo⸗ dvon anzu⸗ te den er die n der wurde dort⸗ iſchen ſch in und ct in lgkeit ihm hriſto vunde reitet hende erem efühl ome, noch dieſer ner⸗ derte auls 389 ſelbſt?“ ſagte er nach einer Pauſe.„Selbſt der am ruhigſten Scheinende muß dennoch bekennen, daß ſeine Bruſt nicht frei von Stürmen iſt, daß auch er Gefühle hat, die ihm den Frieden herbei⸗ ſeufzen laſſen.— Warum wollte ich da leugnen, daß auch ich dieſe Sehnſucht empfinde, welche das ſicherſte Zeichen iſt, daß der Friede aus der Bruſt gewichen; denn was man hat, das ſehnt man nicht herbei.— Ich bin ein Menſch, wie alle Menſchen, und die Regungen in mir ſind auch nur— menſchlich; ich fühle es.— Aber ich hoffe und glaube es auch zu fühlen, hier wird mir der Frieden werden.“ „Nein, die Hölle!“ ziſchte es da dicht in des Grafen Ohr.„Die Schlangengeiſel ſoll Dich auch hier von Ort zu Ort peitſchen.“ Monte Chriſto fuhr zuſammen, Haidee ſtieß einen Schrei aus und Beide ſahen ſich erſchrocken um.— Ein dunkler Schatten ver⸗ ſchwand hinter der Säule.— Die Töne der Meſſe klangen fort. Der Graf fühlte es ſich kalt zum Herzen dringen. „Was war das?“ fragte Haidee, die ſich bebend an den Gatten ſchmiegte. „Irgend ein dummer Scherz,“ entgegnete Monte Chriſto ſchnell gefaßt.„Wahrſcheinlich hat ein Menſch ſich das Vergnügen ge⸗ macht, unſer Geſpräch zu belauſchen, um dann durch ſeine Einſprache uns einen kleinen Schrecken einzujagen, weil es leider nur zu ſehr in der Natur ſo vieler Menſchen liegt, den Nebenmenſchen kein Glück zu gönnen, komme dieſes nun von außen oder aus des eigenen Herzens Tiefen. Es erfüllt ſie mit Neid, einen Anderen glücklich zu ſehen, und können ſie dieſes Glück nicht zerſtören, ſo ſuchen ſie es wenigſtens zu trüben.— Laſſen wir uns dadurch in nichts ab⸗ halten. Komm, laß uns unſere Wohnung aufſuchen; wir werden— hoffe ich— recht lange in Venedig bleiben, daß wir nichts ver⸗ lieren, wenn wir heute unſern Beſuch bei Sanct Markus ab⸗ brechen.“ Er reichte Haidee den Arm und führte ſie aus der Kirche. Auf dem Marktplatze ſtanden noch verſchiedene Menſchengruppen, oder wandelten umher, Andere hatten ſich um einen Improviſator verſammelt, überall ſah man das Beſtreben, den herrlichen Abend ſo gut und in ſo vollen Zügen als möglich zu genießen. Monte Chriſto hielt ſich nicht dabei auf, er hatte keinen Sinn mehr für dieſes Alles; er fühlte ſich durch die Begegnung in dem 390 Schweigend ſchritt er dem Orte zu, wo er die Gondel zurückgelaſſen. Er ſehnte ſich jetzt nach Ruhe und Einſamkeit, um über dieſen Gruß ſ Venedigs an ihn mit Ruhe nachzudenken. Langſam näherten ſich die Gatten der Gondel, in welcher Pietro, auf ſein Ruder gelehnt, eine jener wohllautenden, oft etwas ſchwermüthig klingenden Barcarolen ſang, deren Heimath vor Allem Venedig iſt.— Um in die Gondel hinabzuſteigen, mußten ſie durch ein kleines Säulenportal gehen. Plötzlich trat aus dieſem Portale eine in ſchwarzem Mantel gehüllte Geſtalt hervor und grüßte mit ſchweigendem Kopfnicken.— Der Graf erwiderte dieſen Gruß und ging dann ruhig weiter, ohne von dem Begegnenden viel Notiz zu nehmen. Der Mann im ſchwarzen Mantel ſtellte ſich ihm aber mit raſcher Bewegung in den Weg. „Guten Abend in Venedig, Graf Monte Chriſto!“ ſagte er. Dome verſtimmt, und zwar mehr, als er ſich ſelbſt geſtehen wollte.— Monte Chriſto ſtutzte über dieſen Gruß und darüber, daß er hier, kaum angekommen, auch ſchon erkannt worden. „Sie verkennen mich,“ ſagte er, einen ſchwachen Verſuch machend, den Fremden in ſeiner Vermuthung irre zu führen. „Dann klingt vielleicht Sindbad, der Seefahrer, beſſer,“ ent⸗ gegnete der Fremde mit einem Anfluge von Spott. „Was ſoll dieſes bedeuten?“ „Edmond Dantes, der Scharfſinnige, kann ſich dieſes vielleicht eben ſo gut ſelbſt ſagen, als ich es ihm zu ſagen vermöchte.“ Monte Chriſto ſtarrte den Menſchen an, der ihn ſo genau zu kennen ſchien, doch einerſeits war die Beleuchtung unter dem Säulengange zu ſchwach, um etwas Beſtimmtes in ſeinen Geſichts⸗ zügen zu erkennen, andererſeits war dieſes Erkennen auch durch eine Halbmaske von ſchwarzem Sammet unmöglich gemacht.— Aber es war ihm höchſt unangenehm, daß dieſer Auftritt ihm in Gegenwart Haidee's begegnete, um ſo mehr, als er dieſe Erſcheinung mit dem ihn ſeit einiger Zeit verfolgenden Geheimniſſe in Zuſam⸗ menhang brachte. Er wollte dieſer Begegnung raſch ein Ende machen und ſagte: Sie mi C NA „ iſt eine 6 die He Fremd Gondel Namen währen macht der U Waffe A kürlich und ei „ zuglei dem dump Nuhe dühr Poliz llte— dlſſen. Gruß welcher etwas Allem edurh Mantel fen.— :, ohne der mit er. daß er nchend, „ ent⸗ jelleicht 4 ennau zu er dem geſichts⸗ durch ct.— ihm in heinung Zuſam⸗ n Ende 391 „Iſt es in Venedig Mode, durch allerhand ſinnloſes Geſchwätz die Fremden zu empfangen?— Ich verſtehe nichts von dem, was Sie wollen. Gehen Sie Ihren Geſchäften nach und laſſen Sie mich unbehelligt.“ Raſch wollte der Graf ſeiner Gondel zuſchreiten, wurde aber daran wieder von dem Unbekannten gehindert. „Sie wiſſen, was ich will, Graf Monte Chriſto,“ ſagte er. „Nun,“ rief der Graf in höchſter Ungeduld,„woher kennen Sie mich ſo genau?“ „Ich kenne alle Menſchen.“ „Gut, machen Sie raſch die übrigen Geſchäfte ab, meine Zeit iſt eingetheilt, mein Herr.— Alſo, was wollen Sie?“ „Ich bringe Ihnen das Willkommen Venedigs.“ Der Fremde zeigte zugleich wie zum Willkommen dem Grafen die Hand entgegen.— Monte Chriſto ſah darin ein Mittel, den Fremden feſtzuhalten und ihn dann mit Hilfe Bertuccio's und des Gondeliers zur Enthüllung ſeines Geſichtes und zur Angabe ſeines Namens zu zwingen, ſo griff er haſtig nach der dargebotenen Hand, während er mit der linken Hand, die er von Haidee's Arm losge⸗ macht hatte, zugleich nach ſeinen Taſchenterzerolen griff, um, falls der Unbekannte Böſes im Schilde führe, ihn ſogleich mit ſicherer Waffe zu begegnen. Aber ſowie der Graf dieſe Hand berührte, ſtieß er ſie unwill⸗ kürlich ſchaudernd wieder von ſich, denn dieſe Hand war knöchern und eiſig kalt. „Menſch oder Teufel, wer biſt Du?“ rief er zurückweichend und zugleich Haidee zurückdrängend, damit ſie nicht in Berührung mit dem Furchtbaren komme. „Der Geſandte der Todten!“ antwortete der Fremde mit dumpfer Stimme. Dann war er verſchwunden. „Was war das?“ fragte die tödtlich erſchrockene Haidee. „Ein Maskenſcherz,“ entgegnete Monte Chriſto mit ſcheinbarer Ruhe.„Die Herren Venetianer ſcheinen den Carneval über Ge⸗ bühr ausdehnen zu wollen; allein ich hoffe, in Venedig iſt die Polizei weniger beſtechlich, als in der Hauptſtadt der Chriſten⸗ 392 heit, und ich werde dem unberufenen Maskenhelden auf die Spur kommen, um ihm eine Züchtigung zu verſchaffen, welche ihm die Luſt vertreibt, ankommende Fremde mit ſolchen Alfanzereien zu be⸗ läſtigen.“ 1 Er führte Haidee zu der Gondel, half ihr einſteigen, und mit raſchen Ruderſchlägen eilte Pietro dem Palaſte zu, welcher zu des Grafen Wohnung beſtimmt war. Der Chriſto zu finde Sorge wollte, hier gew dieſen ge heftete, er, wü⸗ Bertucch ſchrecklie Begleite jetzt, w Zimmer Vergeſſe ſcheinen, dieſem( ihm bef Spur im die zu be⸗ d mit u des Neunundvierzigſtes Kapitel. Düſtere Stunden eines ſonſt Glücklichen. Ich glaubte mir den Frieden zu erringen, Nachdem ich jenes ſchwere Werk vollbracht, Nachdem es mir gelungen, zu durchdringen Das unheilvolle Werk der düſt'ren Nacht. Ich hoffte nun zu ſein im ſich'ren Hafen, In dem, nach dem die See ſo wild geſtürmt, Man kann in ſüßer, trauter Ruhe ſchlafen;— Da neu empor ein Schreckensbild ſich thürmt. Waldau. Der düſtere Gruß, welchen Venedig dem Grafen von Monte Chriſto geboten, hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt, denn ſtatt Ruhe zu finden, ſollte der Graf auch hier von beſtändiger Unruhe und Sorge gequält werden; denn der Furchtbare, dem er entfliehen wollte, hatte ihn auch hierher verfolgt, war vielleicht ſchon vorher hier geweſen. Der Graf begann faſt abergläubiſch zu werden und dieſen geheimnißvollen Unbekannten, der ſich überall an ſeine Ferſen heftete, für ein geſpenſtiges Weſen zu halten, denn anders, glaubte er, würde es nicht möglich ſein, daß Jemand außer ihm und Bertuccio etwas von dem Ziele ſeiner Reiſe gewußt.— War dieſes ſchreckliche Weſen, der„Geſandte der Todten“, ſein unſichtbarer Begleiter auch hierher geweſen?— Weilte derſelbe vielleicht eben jetzt, wo er an ihn dachte, in ſeiner Nähe, vielleicht in einem Zimmer mit ihm, um ihn, wenn er auf Augenblicke ſich in ſüßes Vergeſſen verſenkte, ungeſtörter Ruhe ſich erfreute, durch ſein Er⸗ ſcheinen, durch ſeinen drohenden Mahnruf emporzuſchrecken?— Bei dieſem Gedanken ſah der Graf ſich ſcheu um, doch Niemand außer ihm befand ſich in dem Gemache. 394 Ein neuer Gedanke durchzuckte ihn gleich glühender Lohe, ein jedem i Gedanke, der ihn ſchon früher quälend beſchlichen: war Bertuccio, keines! den er ſo lange für treu gehalten, wirklich untreu? war er von den Schafe gegen ihn auftauchenden Feinden wirklich gewonnen, daß er ihnen de jeden Schritt und Tritt ſeines Herrn verrieth, und ihnen ſo Ge⸗ würde i legenheit gab, ihn feſter zu umgarnen, und dann, wenn er abgehetzt, ſtellunge ermüdet, ohnmächtig zum weiteren Kampfe war, ihn in den Ab⸗ Namen grund hinabzuſtoßen?— Es war ein entſetzlicher Gedanke, allein dieſes er drängte ſich mit Allgewalt auf, und ſo hielt er das, was er recht w dachte, nicht nur für ſehr möglich, ſondern auch faſt für ganz gewiß. ſollte, „Niemand, Niemand kann ich mehr vertrauen,“ ſeufzte der nöthigt Graf,„die ganze Welt verſchwört ſich zum zweiten Male gegen Finger mich.— Bertuccio ein Verräther, Ali vielleicht auch in der Ver⸗ zutrete ſchwörung gegen mich, und am Ende wird auch Haidee gegen mich man t eingenommen.— Entſetzlich!— Soll ich daſtehen als verdorrender um an Stamm, nachdem man Aeſte und Wurzel von mir abgehauen?— und g War ich denn nicht unglücklich genug in den Kerkern von If? Soll einſchre ich noch unglücklicher werden, als ich jemals war, und mit Flüchen„ aus der Welt ſcheiden?— Warum kommt aber auf mein Haupt Monte alles Leiden der Erde?— Aber“— fuhr der Graf in ſeinem ſchien Selbſtgeſpräche heftig auf—„ich will trotzen und kämpfen und ſiegen. Zur Wahrheit ſoll der Ausſpruch werden: der Menſch kann mehr das, was er ernſtlich will.— Ich habe früher geſiegt, auch jetzt eben wird mich der Sieg nicht verlaſſen.“ Sie ji Am nächſten Morgen begab ſich Graf Monte Chriſto zu dem zeit! Polizeidirector der Stadt, ſtellte ſich als Marquis Riccardi vor jener und erwähnte des Empfangs, welcher ihm in Venedig zu Theil ge⸗ nur d worden war, zugleich die Bitte ausſprechend, die Polizei möge ein ogle wachſames Auge auf die Perſon haben, die offenbar gefährliche Ab⸗ hande ſichten zu haben ſcheine. Er erwähnte zugleich, daß, indem er ſich Agen unter die Schwingen des kaiſerlichen Doppeladlers begebe, dieſer baren auch volle Verpflichtung habe, ihn zu ſchützen. Gegn So weit war es mit dem ſtolzen Grafen Monte Chriſto, der ſchoff einſt handelte, als ſei er eine zweite Vorſehung, ſchon gekommen, die Le daß er ſich zu ohnmächtig bekannte, ſich ſelbſt gegen die Verfolg⸗ ſo n ungen eines Geheimnißvollen zu ſchützen, und der deshalb den Schutz der einer Macht anzurufen genöthigt war, die viel geſchmäht und in unſ he, ein rtuccio, von den t ihnen ſo Ge⸗ bgehett den Ab⸗ „ allein was er gewiß. zte der e gegen er Ver⸗ en mich rrender en?— 2 Soll Nüchen Haupt ſeinen en und h kann ich jetzt zu dem di vor heil g-- üge ein che Ar⸗ er ſich dieſer 1o, der ömmen, zerfolg⸗ Schutz und in b 395 jedem wohlgeordneten Staate dennoch nothwendig iſt, da die Bürger keines Staates in Maſſe ſo tugendhaft ſind, daß nicht auch räudige Schafe mit unterliefen.— Der Polizeidirector war ſehr zuvorkommend und meinte, es würde ihm ſo ſchwer nicht ſein, den Herrn Marquis vor den Nach⸗ ſtellungen ſeines Feindes zu ſichern, wenn er im Stande ſei, den Namen und die nähere Bezeichnung der Perſon deſſelben zu geben; dieſes vermochte Monte Chriſto natürlich nicht, da er ja ſelbſt nicht recht wußte, ob er ihn für einen Menſchen oder einen Geiſt halten ſollte, und der Polizeimann ſah ſich nun zu ſeinem Bedauern ge⸗ nöthigt, dem Bittſteller zu erklären, daß er ohne einen beſtimmten Fingerzeig nicht im Stande ſei, wirkſam zu deſſen Schutz auf⸗ zutreten, denn in Venedig gäbe es der Verdächtigen ſo viele, daß man nicht ſogleich wiſſen könne, gegen wen man einzuſchreiten habe, um auf den Richtigen zu treffen; es würde alſo ſehr auf Umſtände und glückliche Zufälle ankommen, ob er ſchneller oder langſamer einſchreiten dürfe. „Das iſt nicht mehr die Polizei des alten Venedigs,“ ſagte Monte Chriſto,„die war einſt ebenſo berühmt als gefürchtet, und ſchien wirklich Unglaubliches zu leiſten im Stande geweſen zu ſein.“ „Danken Sie Gott dafür, Herr Marquis, daß ſie es nicht mehr iſt,“ entgegnete der Polizeidirector,„denn ſonſt wäre bei jener eben ſo berüchtigten als berühmten Polizei dieſes Wort, welches Sie jetzt ſprachen, ſchon hinreichend geweſen, Sie auf eine gewiſſe Zeit unter die Bleidächer zu führen.— Wohl war das Wirken jener Polizei von mehr Erfolg begleitet, als das der heutigen, aber nur deshalb, weil ſie gewiſſenlos verfuhr und Verdächtige ihr auch ſogleich als Schuldige galten und ſie dieſelben auch als ſolche be⸗ handelte, und dann, weil jeder Bürger des Staates zugleich ein Agent dieſer Polizei war, und es nur einer Anzeige in dem furcht⸗ baren Löwenrachen bedurfte, wollte man ſich einen perſönlichen Gegner oder auch nur einen unliebſamen Menſchen vom Halſe ſchoffen; die Polizei verfuhr dann raſch, und der große Canal gab die Leichen der in ihm bei nächtlicher Weile Ertränkten nicht zurück, ſo wenig, wie die unteren Gewölbe des Dogenpalaſtes die Seufzer der Gefolterten zur Oberfläche der Welt dringen ließen, wo dem Unſchuldigſten durch Martern ein Geſtändniß erpreßt wurde, von 396 dem ſeine Seele nichts wußte, das man aber durchaus haben wollte.— Wehe dem Staate, wo ſolche Zuſtände herrſchen, er eilt ſeinem Untergange entgegen, indem er ſich zu ſichern glaubt.— Dieſe Lehre hat auch Venedig erfahren, deſſen Lebenskraft eben durch die unſinnige Polizeiwirthſchaft im innerſten Mark verzehrt und faul gemacht wurde, ſo daß das ſtolze Staatsgebäude zuſammen⸗ ſtürzen mußte.“ „Ich begreife dieſes ſehr wohl,“ entgegnete Monte Chriſto,„und bin weit entfernt, in irgend einem Staate ein ſo grauſiges Inſtitut, wie die alte venetianiſche Polizei war, zurück zu wünſchen.“ „Zu ihrem eignen Vortheil, mein Herr,“ erklärte der Polizei⸗ chef,„denn herrſchte jene noch, ſo würden Sie jetzt ſchon ihre Frei⸗ heit verloren haben. Was ſagen Sie zum Beiſpiel dazu, wenn ich Ihnen die Enthüllung mache, daß jetzt bereits Anzeigen gegen Sie vorliegen, obwohl Sie erſt geſtern Abend in Venedig eintrafen?“ Monte Chriſto kam dieſes wirklich höchſt überraſchend, er wechſelte die Farbe, ſeine Stirn umwölkte ſich, doch blieb er ruhig. „Ich kann mich darüber nicht weiter wundern,“ ſagte er,„und glaube auch nicht zu irren, wenn ich behaupte, dieſe Anzeigen ſind von meinem geheimen Verfolger ausgegangen, der ſtets an meine Ferſen ſich hängt, und nie, wie ein ehrlicher Feind es thut, mit offenem Viſir mir gegenüber tritt. Wenn Sie meinen Ankläger in's Auge faſſen, ſo, ich bezweifle nicht, ſind Sie auf dem beſten Wege, meine vorhin ausgeſprochene Bitte zu erfüllen.“ „Sie ſind der bekannte Graf Monte Chriſto?“ „Ich leugne dieſes nicht.“ „Und doch kommen Sie unter angenommenen Namen nach Venedig?“ „Dieſes, Herr Director, geſchah aus dem einfachen Grunde, daß ich mir vor jenem Verfolger Ruhe verſchaffen wollte, und es deshalb vermied, ihn, indem ich unter meinem wahren Namen reiſte, nicht ſogleich auf meine Spur bringen wollte, wenn es ihm ja ein⸗ fiele, mir folgen zu wollen, vielleicht, um mir Geld abzupreſſen, denn darauf läuft es bei dieſer Klaſſe Menſchen doch überhaupt hinaus.“ „Nun wundert es mich in der That, wie jener Menſch ſo ſchnell auf Ihrer Spur war.“ „Un verflich muthe, E „Of von unbe ,9 Gs „Her „ gäbe zu komm der Nam habt hat „M „Von d „6 „Er „S wohl hem deutlich dieſe Ver wenn Si den Geg „In Idee ſell merkſamk kommen. Wollen theidigen „G daß ich ſo wenig als ſich meine V ſein wer Mol ung geg Unruhe 397 „Und mich macht es ſogar ſtaunen, und Sie würden mich ſehr verpflichten, wollten Sie mir dieſen Feind kennen lernen; ich ver⸗ muthe, Sie haben Kenntniß von ihm.“ „Offen geſtanden, Herr Graf, nein; die Anzeige gegen Sie kam von unbekannter Hand. „Ah!“ entfuhr es dem Grafen. Es entſtand eine Pauſe. „Herr Graf,“ nahm endlich der Polizeidirector wieder das Wort, „es gäbe vielleicht einen Fingerzeig, dieſem Feinde auf die Spur zu kommen. Wiſſen Sie, ob außer Ihrer Dienerſchaft Jemand von der Namensänderung und dem Ziele dieſer Reiſe Kenntniß ge⸗ habt hat?“ „Meines Wiſſens ſonſt Niemand,“ antwortete Monte Chriſto. „Von dem Ziele meiner Reiſe wußte nur mein Haushofmeiſter.“ „Sind Sie von deſſen Zuverläſſigkeit überzeugt?“ „Er war mir bisher ſtets treu.“ „So, ſo,“ antwortete der Chef,„aber Sie werden nun mir wohl beiſtimmen müſſen, daß aus der ganzen Sachlage ziemlich deutlich hervorgeht, daß irgend Jemand von Ihrer Dienerſchaft in dieſe Verſchwörung verwickelt ſein muß, und Sie wohlthun werden, wenn Sie ein wachſames Auge haben; vielleicht ertappen Sie dann den Gegner in Ihrem eigenen Hauſe.“ „In der That,“ ſagte Monte Chriſto düſter,„ich habe dieſe Idee ſelbſt ſchon ein Mal gehabt, und ich werde nun meine Auf⸗ merkſamkeit verdoppeln, um dieſer Sache endlich auf den Grund zu kommen.— Doch Sie ſprachen von Anzeigen gegen mich.— Woollen Sie mir Gelegenheit geben, mich gegen dieſelben zu ver⸗ theidigen?“ „Gelegenheit vielleicht, aber heute kann ich Ihnen nur ſagen, daß ich dieſelben Anzeigen für ſehr ſchlecht erfunden halte, und um ſo weniger geneigt bin, denſelben weitere Berückſichtigung zu ſchenken, als ſich kein Ankläger geſtellt hat.— Einſtweilen nehmen Sie meine Verſicherung, daß ich Ihnen ſo viel als möglich zu Dienſten ſein werde, ſo weit es meine Stellung erlaubt. Monte Chriſto ſchied von dem wackeren Polizeimanne mit Acht⸗ ung gegen dieſen erfüllt, aber in ſeiner Bruſt war noch gröbere Unruhe eingezogen, als vorher, denn durch des Polizeidirectors 398 Worte war ihm die noch beſtimmtere Gewißheit geworden, daß dem Vii wirklich in ſeinem eigenen Hauſe der Verrath eingezogen ſein müſſe. Per „Ha,“ murmelte er in ſich hinein, welche Wohlthaten habe ich git a dieſen Menſchen nicht erwieſen, und wie danken ſie mir nun!— er zu beſ Doch verflucht iſt der, der auf den Dank der Menſchen rechnet.— jenes Nic Die Menſchen bleiben nur ſo lange treu, als es ihnen ſelbſt Gewinn Ales b bringt, bieten ſich ihnen größere Vortheile, dann opfern ſie kalt⸗ zu unkeiſ blütig ihren Retter, denn das liebe Ich geht Allen voran, und gehen zun Gewinnſucht iſt der Herrſcher der Menſchen.— Doch will ich ihnen 5o! zeigen, daß auch bei mir das Ich vorhanden iſt, welches mir das zu bewach Nächſte ſein muß.“ iibet das In der erſten Aufwallung beſchloß Monte Chriſto, ſofort alle Die ſeine Leute, mit denen er ſich bisher umgeben, zu entlaſſen, ſelbſt konnte ſe Bertuccio und Ali nicht ausgenommen, obgleich er an dieſe ſich und ſorgl gewöhnt hatte und deren Dienſte ihm faſt unentbehrlich waren; den er ze aber er hielt Bertuccio für den Hauptverräther. ſolze Se Mit gefurchter Stirn ſaß Monte Chriſto in ſeiner Gondel, und ungen, w ſein Auge ruhte argwöhniſch auf Pietro, der rüſtig das Ruder am wenig führte.— Er traute Niemand ſeiner Umgebung mehr. mehr ſo „Alles ſind Verräther,“ knirſchte er,„die ganze Erde gleicht dieſer Ve einer großen Peſthöhle, wo die ſchon Erkrankten die wenigen Ge⸗ wußte, d ſunden mit ihren Peſtbeulen anſtecken und dann mit ſich in das Verderben reißen.“ Düſter geſtimmt kam der Graf in den Palaſt zurück und zog ſich wortkarg, und ohne die Umgebung vieler Blicke zu würdigen, in ſein Zimmer zurück. Sein Entſchluß war anfangs ſofortige Entlaſſung ſeiner für untreu gehaltenen Dienerſchaft und dann ſchnelle Abreiſe, nur von Haidee und ſeinem Knaben begleitet, aber eine innere Stimme rief ihm zu: „Sei nicht ungerecht und verurtheile nicht, bevor Du gehört und geprüft haſt?“ Wie konnte er jetzt ſchon urtheilen, da er noch nicht die Ge⸗ wißheit hatte, daß ſeine Diener ihn wirklich verrathen? Nur Ver⸗ muthungen hatte er, welche allerdings durch die Andeutungen des Polizeidirectors faſt bis zur Gewißheit hinaufgetrieben waren, aber doch war es keine völlige Gewißheit. Da gedachte er des Spruches: „Wehe dem Richter, der das Urtheil ſpricht, ehe er es nicht mit daß nüſſe be ich 4 t. ewinn kalt⸗ und ihnen das talle ſelbſt e ſich aren, und luder gleicht m Ge⸗ das iog igen, rlige dann aber eehört Ge⸗ Ver⸗ des aber iches: t mit 399 dem völligen Bewußtſein thun kann, daß er wirklich gerecht ſpreche! — Wer aber ein ungerechtes Urtheil ſpricht, der ladet die größte Sünde auf ſich und wird zum größeren Verbrecher, als der iſt, den er zu beſtrafen vermeint, und er wird dem ſtrengſten Richterſpruche jenes Richters verfallen, der ſich nie hintergehen läßt, deſſen Auge Alles ſieht und auf den erſten Blick das Rechte von dem Unrechten zu unterſcheiden vermag.— Beſſer iſt es, zehn Schuldige frei aus⸗ gehen zu laſſen, als einen Unſchuldigen zu beſtrafen.“ So beſchloß er denn zu bleiben, aber achtſamen Auges Alles zu bewachen, jeden Blick, jede Miene, die ihm vielleicht Aufſchluß über das erſehnte Geheimniß zu geben vermochte. Die Veränderung, die von nun an mit dem Grafen vorging, konnte ſeiner Umgebung nicht verborgen bleiben, er war zwar ruhig und ſorglos wie ſonſt, doch war dieſes nur Schein; der ſtrenge Ernſt, den er zeigte, das mehr als je zurückhaltende Betragen, eine gewiſſe, ſtolze Schweigſamkeit, wechſelnd mit ſcharf eindringenden Bemerk⸗ ungen, welche kamen, wenn die, an welche ſie gerichtet waren, ſolche am wenigſten erwarteten, zeigten nur zu deutlich, daß nicht Alles mehr ſo war, als wie es ſonſt geweſen; aber nach der Urſache dieſer Veränderung zu forſchen, wagte auch Niemand, denn man wußte, daß ein Monte Chriſto nie ſeine Gedanken durchdringen ließ. Fünfzigſtes Kapitel. der Rachtgeſang. So grell, ſo düſter klingt der Sang, Dann ſchwillt er auf mit Donnerklang, Und ſchwillt dann im gewalt'gen Chor Zur altersgrauen Burg empor. Berthold. Viele Tage waren vergangen, und obgleich Monte Chriſto ſeine Leute ſcharf beobachtete, ſo war er doch zu keinem Reſultat gekom⸗ men, welches ihn von der Schuld ſeiner Leute überzeugt hätte, ſie waren dienſteifrig wie immer, und Bertuccio beſtrebte ſich wie ſonſt, ſeinem Herrn jeden Befehl an den Augen abzuſehen und ihn dann mit überraſchender Schnelle und Pünktlichkeit auszuführen, wenn er es überhaupt vermochte; wie der Graf auch wachte, zur Klage fand er keinen Grund. Aber das Mißtrauen war einmal in ſeine Seele geſäet, es hatte Wurzel geſchlagen, war emporgewuchert. Von jenem geheimnißvollen Verfolger hatte ſich nichts mehr bemerken laſſen, es ſchien, als habe er mit dem ſchauerlichen Gruße vor der Hand ſich befriedigt gefunden, oder als ob er durch die ſtrenge Aufmerkſamkeit, welche der Graf auf Alles, was ihn umgab, richtete, eingeſchüchtert wäre; wohl auch durch die Aufmerkſamkeit von anderer Seite, denn Monte Chriſto bemerkte ſehr wohl, daß ſeine Wohnung, ſowie ſeine Ausflüge beobachtet würden, eine Ver⸗ anſtaltung des Polizeichefs. Da der Graf wußte, daß Anzeigen gegen ihn geſchehen waren, ſo war er ſehr in Zweifel, ob dieſe Beobachtung ſeinen Verfolger oder ſeiner eigenen Perſon galten, obgleich der artige Polizeimann das Erſtere verſicherte und dem nachforſchenden Grafen geſtand, er habe nur ſeine Pflicht erfüllt, wenn er in Folge der Anzeigen weitere Erkundigungen eingezogen, aber das, was er über den Herrn Grafen erfahren, durchaus nichts enthalte, welches eine Beobachtung ſeiner Perſon nöthig mache.— ———OO—— Aber de merkt we ausgeleg in Vene gehen, d Jtalien der Gra gingen Nac pflegte dort fri die eine liebſten Canale, nacht v 6 auf die legt und ihm m Gondel der Lich umliege dem kre Augenb er verfe H thurme ſeine gekom⸗ te, ſie ſonſt dann inn er fand Seele mehr Pruße ih die gab, amkeit „daß Ver⸗ zeigen dieſe ſlalten, dem rfüllt pogen, nichts ſe.— 401 Aber dem Grafen war dieſe Bewachung, die auch von Anderen be⸗ merkt werden konnte, und die ebenſo gut als ſeiner Perſon geltend ausgelegt wurde, unerträglich, und er beſchloß, nur noch kurze Zeit in Venedig zu verweilen, dann aber nach dem Süden Italiens zu gehen, da er wegen Haidee's Geſundheitszuſtand den Aufenthalt in Italien überhaupt noch vorzuziehen hatte. Einſtweilen vermied es der Graf ſo ſehr wie möglich, ſich öffentlich zu zeigen, und es ver⸗ gingen Tage, ohne daß er ſeinen Fuß aus dem Palaſte ſetzte. Nach ſolchen Tagen, die er im Innern des Palaſtes zugebracht, pflegte der Graf die Nächte theilweiſe auf dem Balkon zuzubringen, dort friſche Luft einzuſaugen und ſeinen Betrachtungen nachzuhängen, die eine immer bittere Richtung annahmen. Dann blieb er am liebſten allein, und er achtete auf das Treiben unter ihm, auf dem Canale, ſo wenig, wie auf den fernen Lärm, welcher bis nach Mitter⸗ nacht von dem Markusplatze und der Rialtobrücke zu ihm her drang. So ſaß er in einer mondhellen Nacht wieder da, den Arm auf die Brüſtung des Balkons geſtützt, das Haupt in die Hand ge⸗ legt und ſtellte Betrachtungen über das Sonſt und Jetzt an. Unter ihm murmelte das Waſſer und immer ſeltner ſchoß eine verſpätete Gondel vorüber. Wenn dann das Ruder im Waſſer rauſchte und der Lichtſchein der Fackeln und bunten Laternen auf Augenblicke die umliegenden düſteren Gebäude erhellte, mit dunkler Gluth ſich in dem kräuſelnden Waſſer ſpiegelnd, dann richtete der Graf wohl auf Augenblicke ſeine Blicke auf das vorübergehende Phänomen, aber er verfolgte es nicht, ſondern verſank wieder in ſein Sinnen. Horch, da klang es! Zwölf Schläge dröhnten von dem Glocken⸗ thurme des Sanct Markus herab. Unten im Waſſer regte ſich etwas. „Edmond Dantes!“ rief eine dumpfe Stimme. Der Graf fuhr auf und lauſchte hinab, aber konnte nichts ent⸗ decken. Die Stimme ſchien aus der Tiefe des Canals gekommen zu ſein, und Monte Chriſto glaubte geträumt zu haben.— Gleich⸗ wohl ward es ihm unheimlich, ſeinen einſtigen Namen zu dieſer Stunde auf ſolche Art gehört zu haben. Plötzlich erhob ſich unten ein Geſang, und wie feſt gebannt, lauſchte der Graf den geiſterhaft über dem Waſſer hinbrauſenden Klängen.— Es ſang: Die Hand des Todten. 26 „Ueber die Thäler und eiſigen Höhen, Ueber die Ströme und leuchtenden Seen, Ueber das brauſende Meer Schwebt die Rache daher. Folgt Dir auf rieſigen Schwingen, Wohin Du wenden Dich willſt, Feſſelnd mit mächtigen Ringen, Bis Du einſt Dein Schickſal erfüllſt. Hörſt Du es rauſchen in nächtlicher Luft? Horch! der Geſandte der Todten Dich ruft! „Windeſt Du Kränze von leuchtenden Roſen, Lieblich erblühet in Weſtwindes Koſen, Werde ihr Duft Dir zum Gift, Das verzehrend Dich trifft. Und der Blätter Geflüſter, Und aus dem Rauſchen des Bach' Dröhne Dir finſter und düſter, 8 Dröhne der Fluch Dir nach, Donn're Dir dumpf wie aus modernder Gruft. Horch! der Geſandte der Todten Dich ruft! „Singender Vögel laut jubelnde Lieder Kling' Dir im Buſen nur wieder und wieder, Gruß als der Furien Droh'n, 1 Grauſ'gen Gerichtes Ton Scheuch' Dich vom Buſen der Lieben, Wo Du noch Rettung geſucht; Ruhelos werde getrieben Fort in der eilenden Flucht, Nach Dir es donn're aus nächtlicher Luft. Horch! der Geſandte der Todten Dich ruft! „Birg' Dich in Klüften mit banger Geberde, Steige hinab in die Tiefen der Erde, Um zu entfliehen dem Fluch. Nach wird Dir donnern der Spruch: Haſt Du die Rache geſäet, Wird Dir auch Rache erblüh'n; Nun Dich die Rache umwehet, Blutig Dich Flammen umglüh'n, Schlagen empor aus der finſteren Gruft.— Horch! der Geſandte der Todten Dich ruft!“ leer lag „ E klangen, das Wo In der Gondel Mantel Einſam ue 0 9K nerſtim B er ſich abgefeu und we Au Gelächte ſeine K Ro 403 Der Geſang ſchwieg, todtenſtill war es in der ganzen Um⸗ gebung, der furchtbare Spruch, der in dieſen ſchauerlichen Worten ausgeſprochen wurde, ſchien die ganze Umgebung mit Entſetzen er⸗ füllt zu haben, ſo daß ſelbſt das Waſſer nicht zu rauſchen wagte und der Nachtwind wie ſchauernd die Fittige ſinken ließ.— Der Graf ſtand wie angewurzelt und ſtarrte immer noch hinab in die Fluth; er ſchien keine Macht mehr zu haben, ſich zurückzuziehen, um den furchtbaren Eindruck zu bewältigen, den der in der Geiſterſtunde angeſtimmte Geſang in ihm bewirkt hatte. Woher kam dieſer Geſang?— Er ſah Niemanden, öde und leer lag der Canal unter ihm. „Edmond Dantes!“ rief die vorige Stimme wieder. Monte Chriſto fuhr auf, ſtrich ſich wie ein Träumender über das Geſicht und ſchaute nochmals hinab.— Immer noch zeigte ſich nichts.— „Wer ruft?“ fragte er endlich. „Ich!“ entgegnete es. „Wer biſt Du?“ fragte Monte Chriſto wieder. „Der Geſandte der Todten!“ klang es zurück. Unter dem Balkon rauſchte es jetzt, ſchnelle Ruderſchläge klangen, und im Augenblicke flammte eine dunkelrothe Flamme auf, das Waſſer und die grauen Mauern der Paläſte grell erleuchtend. In der ſo entſtandenen blutigen Helle ſah Monte Chriſto eine kleine Gondel vorbeiſchießen, in welcher hoch aufgerichtet ein von dunklem Mantel umwallter Mann ſtand, der drohend ſeine Hand gegen den Einſamen auf dem Balkon erhob. Ueber Monte Chriſto's Antlitz zuckte es drohend. „Jeder Sänger muß ſeinen Lohn haben!“ ſchrie er mit Don⸗ nerſtimme hinab.—„Menſch oder Teufel, ich will Dich bannen!“ Blitzſchnell hatte er ſein ſicheres Taſchenterzerol— von dem er ſich jetzt nie trennte— hervorgeriſſen und es auf die Gondel abgefeuert.— Der Knall prallte an den Mauern der Paläſte ab und weckte das Echo. Auf der Gondel war die Flamme verloſchen; lautes, ſpöttiſches Gelächter tönte hinauf zu dem Balkon, dem Grafen beweiſend, daß ſeine Kugel nicht getroffen. Nach einer Pauſe blitzte in einiger Entfernung wieder die 26* 404 blutige Flamme auf und in ihrem Scheine zeigte ſich nochmals die drohende Geſtalt; noch ein Augenblick, dann war Alles verſchwunden, aus der Ferne rauſchten noch ſchwach die eilenden Ruderſchläge herüber. Monte Chriſto ſtampfte mit dem Fuße. „Gefehlt,“ grollte er.„Iſt das ein Menſch oder wirklich ein Phantom der Nacht, aus dem Grabe entſtiegen, um die Menſchen zu ſchrecken?— Aber nun biete ich ihm Trotz!— Ich will, ich muß das Räthſel löſen, nicht eher weiche ich von der Stelle, komme, was da wolle.“ Mit dieſem Entſchluſſe verließ der tieferſchütterte Graf den Balkon.— Von dem Markusplatze herüber ſchlug es Eins.— War Monte Chriſto früher entſchloſſen geweſen, Venedig zu verlaſſen, um vor den Augen ſeines unermüdlichen Gegners zu verſchwinden und auf ſolche Weiſe die nun ſchon ſo lange ent⸗ behrte Ruhe wieder zu gewinnen, ſo war er ſeit dieſem Geſange um Mitternacht des feſten Entſchluſſes, nicht mehr zu weichen noch zu wanken, ſondern ſeinen Feind feſten Fußes zu erwarten und ihn zu entlarven. „Ich will, ich muß!“ So hatte Monte Chriſto geſprochen in ſtiller Mitternachtsſtunde, und er war nicht gemeint, dieſem Worte untreu zu werden. Er hatte in dem Geſange des ſogenannten Geſandten des Todten eine offene Kriegserklärung gefunden und aus ihr den Zweck geleſen, der Plan gehe dahin, ihn durch allerhand Schreckensmittel von Ort zu Ort zu hetzen, ihn vielleicht todt zu hetzen, aber er war nicht geſonnen, ſich ferner hetzen zu laſſen.— Er war bis jetzt vor dem geſpenſtigen Unbekannten geflohen; dieſes ſollte enden.— Er glich jetzt dem gejagten Edelhirſche, der, wenn er ſieht, daß die Verfolg⸗ ung nicht enden will, ſich wendet, mit geſenktem Haupte kühn die Feinde erwartet und ſie dann mit dem ſcharfgeſpitzten Geweihe faßt und in die Luft ſchleudert.— So wollte er auch dem Angriffe begegnen.— Mit dieſem Vorſatze ſchien auch die Ruhe dem Gehetzten wenigſtens theilweiſe zurückgekehrt zu ſein, denn obgleich furchtbar ernſt und düſter, war doch jetzt jene ihn quälend umhertreibende die nden, cläge ch ein nſchen , ich omme, f den dig zu ers zu ge ent⸗ eſange noch nd ihn ſtunde, n. Er n eine eleſen, on Ort rnicht or dem ar glich gerolg⸗ ühn die ie faßt ingriff ehetzten rrctbar eibende — 405 Unruhe ſcheinbar gewichen.— Freilich, wer Alles wußte, was in dem Grafen vorging, würde erkannt haben, daß es eigentlich die Ruhe der Verzweiflung war, daß Verzweiflung ihm den Entſchluß eingegeben, einen Kampf auf Leben und Tod mit dem unſichtbaren Gegner zu wagen. Zwei Tage nach dem ſchauerlichen Nachtgeſange erhielt Monte Chriſto von dem Fürſten Grandenigo eine Einladung zu einem von demſelben veranſtalteten glänzenden Balle, und er nahm dieſelbe gern an, um Haidee eine Zerſtreuung in der ausgewählten Geſell⸗ ſchaft, die dort verſammelt war, zu verſchaffen. Am Abende des zweiten Tages eilte er mit der feſtlich ge⸗ ſchmückten Gattin auf ſchlanker Gondel nach dem Palaſte Grandenigo. Einundfünfzigſtes Kapitel. Zwei Verſchwörer. Im finſt'ren Winkel fitzen ſie zuſammen Und flüſtern leis; in ihrem Blicke Glüh'n unheilvoll der Hölle düſt're Flammen, Es zuckt der Mund voll bitt'rem Hohn und Tücke. Heinrich R... Es giebt keine Stadt ohne ihre finſteren Spelunken; je größer die Stadt, je mehr und gefährlicher werden dieſe Peſtlöcher, welche dann in der Regel der Zuſammenfluß der gefährlichſten Burſchen ſind, und welche den Bemühungen der Polizei Hohn ſprechen, denn die dort verkehrenden Perſonen ſind immer das, was man geriebene Subjecte nennt, und die der Sicherheitsbehörde häufig eine Naſe zu drehen wiſſen, ohne daß man ihnen ſelbſt etwas anzuhaben ver⸗ möchte. Venedig iſt da groß genug, um auch ſolche Orte aufweiſen zu können, und es hatte dieſelben ſchon zu der Zeit, als die Lagunen⸗ ſtadt noch Sitz des Dogen war und die gefürchtete und berüchtigte Polizei daſelbſt herrſchte, die es aber unter ihrer Würde zu halten ſchien, in dieſe Regionen hinabzuſteigen und deshalb nach dieſer Richtung eben nicht viel Thätigkeit entfaltete und es in der Regel nur that, wenn vielleicht ein Patrizier oder ſonſt ein hochgeſtellter Mann in dieſen Spelunken Zuflucht und Schutz ſuchte, oder ſie zum Centralpunkte einer Verſchwörung machen wollte. In einem ſolchen unheimlichen Locale, in der Nähe der Arſenal⸗ gebäude, war auch jetzt, wie überhaupt zu jeder Tagesſtunde, und wie die Welt behaupten wollte, auch zu jeder Nachtſtunde, eine Ge⸗ ſellſchaft verſammelt, die nicht zu den Vertrauen erweckenden gehörte, denn der Verkehr hier wurde hauptſächlich von Schmugglern, den berüchtigten Lagunenpiraten, Bravos, die noch gern ihren Dolch frr ein etwa ei Pelſone Widerſp auszuwe Unt bemerkte Perſoner während reichſten Der ein Geſicht Bewegl Es ſteckte, den Be in der; Erkenner zu erzäh gefunde ju ſehr, hielt, n manches noch we längſt v vergeſſe um ihr De baren und al „muß i Verzicht „8 Perſon Er n, Tücke. größer welche riſchen denn riebene e Naſe en ver⸗ ſen zu gunen⸗ ſchigte halten dieſer Negel eſtellter ſie zum erſenal⸗ e, und ine Ge⸗ gehörte, en, den Dolch 3 407 für ein paar Zechinen verkaufen, und bei denen ein Menſchenleben etwa eine Priſe Tabak gilt. Außerdem kamen noch allerhand Perſonen daſelbſt zuſammen, die aus irgend einem Grunde im Widerſpruche mit der Polizei waren und alle Urſache hatten, ihr auszuweichen. Unter den verſchiedenen Gruppen, die ſich hier gebildet hatten, bemerkte man auch eine, die ſich von den Uebrigen fern hielt; zwei Perſonen hatten ſich in einen finſteren Winkel zurückgezogen, und während ſie dem feinen Weine zuſprachen, der auf dem Tiſche des reichſten Nobili hätte prangen können, unterhielten ſie ſich eifrig. Der eine dieſer Männer, der ältere, hatte ſeinen Hut tief in das Geſicht gedrückt, als fürchte er, erkannt zu werden, auch waren ſeine Bewegungen unſicher und verriethen Unbehaglichkeit. Es war der unſelige Baron Danglars, der in dieſer Hülle ſteckte, in der wohl Niemand den ehemaligen Banquier von Paris, den Beſitzer von Millionen geſucht hätte, und der dennoch beſtändig in der peinlichſten Angſt ſchwebte, er könne erkannt werden, und der Erkenner könne es ſich dann zum Vergnügen machen, in aller Welt zu erzählen, wo und wie er den ehemaligen berühmten Goldbaron gefunden.— Das verletzte den Eigendünkel dieſes Mannes doch gar zu ſehr, zudem er ſich auch jetzt noch für eine höchſt wichtige Perſon hielt, welche alle Welt kennen müſſe, obwohl ihm Benedetto ſchon manches Mal ſpottend zu verſtehen gegeben, wie er glaube, daß es noch weit wichtigere Männer gäbe, und daß der Herr Baron ſchon längſt von der Mehrzahl ſeiner ehemaligen Bekannten und Freunde vergeſſen ſein würde, nur nicht von denen, die durch ſeinen Bankerott um ihr Vermögen gekommen. Der zweite Mann war aber Benedetto, der in ſeiner unſchein⸗ baren Schifferkleidung frei und keck in das Getreibe hineinſchaute und alſo ganz den Gegenſatz zu dem ſtets ſcheuen Baron bildete. „Alſo, Herr Baron Danglars,“ begann Benedetto wieder. „Zum Teufel,“ fuhr Danglars voll Aerger und Ungeduld auf, „muß ich Sie denn ſtets erinnern, daß ich auf meine Titel längſt Verzicht geleiſtet habe.— Wenn es nun Jemand hörte?“ „So würde dieſer Jemand große Mühe haben, in vorſitzender Perſon den Herrn von——“ entgegnete Benedetto. Er wollte fortfahren, doch Danglars ſchloß ihm den Mund. 408 „Wie oft ſoll ich Ihnen denn ſagen,“ ſtöhnte Danglars,„dieſer unſelige Titel.—— Um Alles in der Welt bitte ich“— „Mag er denn wegfallen,“ ſpottete Benedetto, der ſich an des ehemaligen Banquiers Angſt ſtets zu ergötzen ſchien.„Ich will die meinem ehemaligen Schwiegervater ſchuldige Ehrfurcht nicht ſo weit aus den Augen ſetzen.— Doch kommen wir zur Sache.— Wir haben die beſte Gelegenheit, nun dem bewußten Feinde den ſtärkſten Schlag beizubringen und unſern Plan, Sie in Glanz und Würde wieder in Paris einzuführen, endlich in's Werk zu ſetzen. Der ſchlaue Fuchs iſt endlich in den Canälen der Waſſerſtadt gefangen.“ „Was meinen Sie damit?“ „Ich meine nichts Anderes, als daß der Graf Monte Chriſto, der ſich hier Marquis Riccardi nennen läßt, um uns zu täuſchen, auf dem Punkte ſteht, wo er ſeinen Reichthum an uns abtreten muß. Es gilt nun, zu handeln, denn wahrlich, umſonſt können wir doch nicht die weite Reiſe von Rom nach Venedig gemacht haben. — Begreifen Sie dieſes nicht?“ „Ich begreife es um ſo mehr, als ich dieſes Leben ohne Ruhe und in fortwährender Sorge von ganzem Herzen ſatt habe,“ erklärte Danglars. „Um ſo mehr werden Sie da bereitwillig ſein, mir in Allem und Jedem, was zum ſchnellen Schluſſe führen kann, die Hand zu bieten,“ antwortete Benedetto. Danglars ließ ſich unwillkürlich einen Seufzer entſchlüpfen. Er hatte ſchon ſo vielen Handleiſtungen der unangenehmſten und ſelbſt für einen Charakter, wie der ſeine, der doch ſchmutzig genug war, demüthigendſten Art ſich fügen müſſen, daß er ſtets nur mit Zagen daran denken konnte, Benedetto, der ihn mit ehernen Ketten gefeſſelt hielt, würde ſeine Mithilfe wieder in Anſpruch nehmen. „Nun?“ fragte Benedetto. „Ich muß wohl,“ ſeufzte Danglars. „Sie willigen alſo ein, Herr Ba—?“ fragte Benedetto ſarkaſtiſch. Danglars preßte ihm die Hand auf den Mund und ſchaute ihn mit ängſtlicher Geberde an, während er zugleich ſeinen breit⸗ krämpigen Hut tiefer in die Stirne drückte; Benedetto war ſo an Vollendung des Titels gehindert und lachte.— Dann wiederholte er ſeine Frage, und als Danglars ſeufzend nochmals ſeine Bereit⸗ willigke widerte „2 Riccard Palaſt dieſes J genau ſt Abend nennen löblichen und w⸗ der Ge üſchen, btreten nen wit haben. Ruhe erklärte Allem aand zu lüpfen. dſelbſt g war, Zagen gefeſſelt kaſtiſch. ſchaute breit⸗ 3 ſo an derholte Bereil⸗ 409 willigkeit verſichert und dann gefragt, um was es ſich handle, er⸗ widerte Benedetto: „Wir wiſſen, daß der Graf Monte Chriſto oder Marquis Riccardi, oder wie er ſonſt zur Abwechslung ſich nennen mag, den Palaſt Nicoloſi ganz allein mit ſeinem Gefolge inne hat, welches dieſes Mal klein genug iſt. Ich habe den ganzen alten Steinhaufen genau ſtudirt und weiß, was ich zu meinen Zwecken brauche. Heute Abend iſt der Graf mit ſeiner Türkendirne, die ſich Frau Gräfin nennen läßt, bei einem Feſte des Signor Grandenigo, welches nach löblichem italieniſchen Gebrauche vor Tagesanbruch nicht enden wird, und wo auch der Herr Graf nicht eher zurückkehren kann, ohne bei der Geſellſchaft anzuſtoßen, welche zu den auserleſenſten Venedigs gehört, wie die in einem gewiſſen Salon einſt zu den beſten von Paris zählte.“ „Still, ſtill,“ ſeufzte Danglars, der dieſe boshafte Bemerkung ſehr wohl verſtand. Er dachte an ſeine Glanzzeit in Paris, und mit Neid ward er erfüllt, daß er hier in Venedig nicht auch in der erſten Geſellſchaft glänzen konnte. „Jene Zeit kann wieder kommen,“ tröſtete Benedetto,„und von morgen an ſchon werden wir die erſten Schritte auf der neuen Bahn machen können.— Der Palaſt Nicoloſi iſt alſo dieſe Nacht von der Hauptperſon, welche wir zu fürchten haben könnten, ver⸗ laſſen, und wir haben viele Stunden Zeit, um mit Bequemlichkeit daſelbſt unſere Geſchäfte abzumachen, die ganz einfach darauf hin⸗ auslaufen, uns in Beſitz des größten Schatzes des Herrn Grafen zu ſetzen, verſtehen Sie mich, des größten.— Sie müſſen da mit und mir hilfreiche Hand leiſten.“ Danglars zog ein ſehr fatales Geſicht. „Wie meinen Sie das?“ fragte er. „Nun, es iſt ganz einfach,“ antwortete Benedetto,„Sie gehen mit in den Palaſt und helfen mir, uns in den Beſitz dieſes größten Schatzes zu ſetzen.“ Des Barons Geſichtszüge wurden immer ängſtlicher. „Ich ſoll mit einbrechen?“ ſagte er, indem er ſeinen Hut noch tiefer in die Augen rückte. „Was anders, Seelenfreund?“ gab Benedetto zurück. 410 „Soll— ſoll— rauben?“ „Seit wann hat Baron Danglars ein ſo zartes Gewiſſen?“ fragte Benedetto ſtreng.„Oder iſt Ihr Muth ſchon hinweg?— Dann bedaure ich.— Allein kann ich nicht gehen, alſo werde ich mir einen andern Gehilfen ſuchen, der dann den Gewinn mit mir theilen wird. Dann wird freilich für einen Dritten nichts ab⸗ fallen.— Ich ziehe meine Hand von Ihnen ab.— Wir ſind ge⸗ ſchieden.“ Kaltblütig erhob ſich Benedetto. Doch Danglars zog ihn mit verzweiflungsvoller Geberde zurück. „So war es ja nicht gemeint,“ ſtöhnte er.„Ich bin ja zu Allem bereit.“ Benedetto ſetzte ſich wieder und nachdem er den zaghaften Ge⸗ noſſen noch einige Zeit mit ſcharfen Worten gequält, dann aber ihn angeſtachelt und Ausſicht auf hohen Gewinn geſtellt, der ihnen un⸗ ausbleiblich aus dem Streiche dieſer Nacht erwachſen würde, erklärte er endlich, da heute der letzte Tag ihres Aufenthaltes in Venedig ſei, ſo wollten ſie noch eine Rundfahrt durch die Canäle machen, auch den Palaſt Grandenigo beſuchen, und dann, ſowie es elf Uhr ſchlage, bei dem Palaſte Nicoloſi ſein, daſelbſt den günſtigen Zeit⸗ punkt zur Ausführung ihres Planes zu erwarten. „Wir haben noch drei Stunden Zeit,“ ſagte Benedetto,„dann heißt die Parole: Palaſt Nicoloſi und Monte Chriſto.— Morgen ſind wir die reichſten Leute der Erde und Monte Chriſto iſt der ärmſte Mann der Erde.— Darauf noch ein Glas.“ Er ſchenkte mit blitzenden Augen die Gläſer voll, ſtieß mit Danglars ſo heftig an, daß deſſen Glas zerſprang. „O weh,“ ſeufzte Danglars,„ein ſchlimmes Zeichen.“ Er war abergläubiſch, wie Leute ſeines Schlages gewöhnlich ſind und erbleichte merklich. Benedetto lachte herzlich. „Im Gegentheil,“ ſagte er,„es iſt ein gutes Zeichen.— Dieſes Glas ſtellte Ihr altes ſchlimmes Schickſal vor, es zerbrach unter dem Anpralle Ihres neuen Glückes zum Zeichen, daß Ihre trüben Tage ihre Endſchaft erreicht haben.— Hier, nehmen ſie ein neues Glas, das wird Ihnen das Symbol eines neuen Glanzes ſein, der Ihrer harrt.“ Er reichte dem ehemaligen Banquier ein anderes Glas, ſtieß nochmal Danglar vollſtänd Be fernen, an ihnen 16 Bel bar Unb ſeiner f genehm, für jetzt ung ſei d hinausc Jener! Au Grupper achtete den Ufe ein und De ſonderte ſchaute öhnlich Dieſes ter dem trüben neues ain, der , ſtieß 411 nochmals mit ihm an und Beide tranken in durſtigen Zügen, Danglars mit verklärtem Geſicht, denn Benedetto's Worte hatten ihn vollſtändig getröſtet. Beide erhoben ſich ſodann und waren im Begriff, ſich zu ent⸗ fernen, als plötzlich ein Mann, den Hut tief in das Geſicht gedrückt, an ihnen vorbeiſtreifte. „Guten Abend, Benedetto,“ ſagte er mit ſcharfer Stimme. Benedetto ſchrak leicht zuſammen, ſich hier von einem ihm ſchein⸗ bar Unbekannten nennen zu hören. War es vielleicht ein Genoſſe ſeiner früheren Thaten?— Ein ſolches Erkennen war ihm unan⸗ genehm, denn er hatte ja ſo viele Urſache, zu wünſchen, wenigſtens für jetzt Allen fremd zu bleiben, welche er eben nicht zur Ausführ⸗ ung ſeiner Pläne brauchte. Der Fremde war gleichgiltig vorüber und durch die Thüre hinausgegangen, und als Benedetto mit Danglars ihm folgte, war Jener verſchwunden. Auf dem kleinen, freien Platze bis an das Ufer hatten ſich bunte Gruppen gelagert, welche des Abends ſich hier erfreuten; Benedetto achtete aber nicht auf ſie, er ſchritt mit Danglars raſch vorbei an den Uferrand, wo Lippi in einer Gondel ſeiner harrte, ſtieg raſch ein und pfeilſchnell ſchoß das Fahrzeug davon. Der Mann, welcher in dem Zimmer Benedetto erkannt hatte, ſonderte ſich aus einer der Gruppen, trat auf die Ufermauer und ſchaute der dahineilenden Gondel mit ſpöttiſchem Lächeln nach. „Gute Nacht, wackerer Kamerad,“ ſagte er.„Nun findet ſich eine Gelegenheit, Dir gewiſſe Liebesdienſte zu vergelten.— Palaſt Nicoloſi— Marquis Riccardi— Graf Monte Chriſto!“— Dieſe Namen merken ſich ſo leicht, wie der Name Benedetto und Bagno von Breſt, Pierre hat zum Glücke ein treffliches Gedächtniß.“ Dann rief er einen Gondelier und ſtieg ein, Pierre, der einſtige Genoſſe Benedetto's im Bagno von Breſt, der Gefährte ſeiner Flucht, eilte davon. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Gefangen. Da donnert es laut an die Pforte, Da bricht ſie krachend herein, Da ſtürzen mit flammenden Schwertern Die lauernden Häſcher herein. Heinrich R.. Alle Säle des prachtvollen Palaſtes des reichen Fürſten Gran⸗ denigo waren geöffnet und mit einer auserleſenen Geſellſchaft ge⸗ füllt, welche ſich auf die mannichfachſte Art unterhielt, wofür der reiche und freigebige Wirth auf das Ausreichendſte geſorgt hatte. In dem einen Saale klang Ballmuſik, in einem zweiten war ein pracht⸗ volles Buffet errichtet, in einigen Nebenzimmern waren Spieltiſche aufgeſtellt, noch andere Zimmer waren nur dämmernd erhellt, um Perſonen, welche ein Stündchen allein plaudern wollten, aufzuneh⸗ men, und deren gab es hier, wie bei allen Feſten, genug. Monte Chriſto, Haidee am Arme, der freundlich von Grande⸗ nigo bewillkommnet und auf alle Art ausgezeichnet war, bewegte ſich in ungezwungener Heiterkeit durch die glänzenden Räume; er war heiter, weil er Haidee heiter ſah, und er ſchien ſich in dieſer Umgebung wohl zu befinden. So rückte die Mitternachtsſtunde heran, als plötzlich ein Diener erſchien und dem Grafen meldete, ein Fremder wünſche in dringen⸗ der Angelegenheit den Marquis Riccardi zu ſprechen. Monte Chriſto ſtutzte einen Augenblick, denn ſein erſter Ge⸗ danke war an ſeinen geheimnißvollen Verfolger, doch raſch ent⸗ ſchloſſen befahl er, den Fremden in ein beſonderes Zimmer zu führen und ihn zu erwarten. Dann verließ er Haidee und eilte davon, zu hören, was man ihm für Nachricht zu bringen habe. gegen u ul „Er Riccardi „Al v Ch — Sie jener kle gnädiger Chriſto, ertern Gran⸗ aft ge⸗ ür der te. In pracht⸗ jeltiſche ltt, um funeh⸗ Grande⸗ bewegte me; er dieſer Diener dringen⸗ her Ge⸗ ſch ent⸗ rführen davon, 413 Ein Mann in der Kleidung der unteren Stände trat ihm ent⸗ gegen und erklärte auf die Frage des Grafen, wer er ſei: „Ich nenne mich Pierre und bin ein Franzoſe; das Andere thut— denke ich— nichts zur Sache.“ „Wir werden ſehen,“ erwiderte der Graf.„Komme zur Sache.“ „Erſt ein paar Fragen, Signor.— Sie nennen ſich Marquis Riccardi?“ „Allerdings heiße ich ſo.— Was ſoll das?“ „Ehe ich das Weitere ſage, muß ich erſt der Perſon ſicher ſein. — Sie ſind eigentlich der berühmte Graf Monte Chriſto, der Herr jener kleinen Felſeninſel im einſamen Meere?“ Monte Chriſto war von dieſer Frage überraſcht und muſterte den Fragenden einige Augenblicke. „Du ſcheinſt mich zu kennen?“ ſagte er dann. „Im Gegentheile,“ erwiderte Pierre,„ich ſehe Sie in meinem Leben heute das erſte Mal, aber gehört habe ich Vieles von Ihnen, gnädiger Herr, und bin auch mit Pietro und Anderen auf Monte Chriſto geweſen.“ „Nun gut, ich bin der Geſuchte.— Was willſt Du?“ „Noch einen Augenblick.— Sie wohnen in dem Palaſte Nicoloſi?“ „Das iſt bekannt.— Sind nun der Fragen genug?“ „Allerdings genug!— Eilen Sie aber, Herr Graf, denn um dieſe Stunde iſt man im Begriff, Ihnen Ihren größten Schatz zu rauben; Sie haben ihn ohne Zweifel im Palaſte.“ Ein Donnerſchlag ſchien den Grafen geiroffen zu haben, er ſtarrte den Unglücksboten an. „Meinen größten Schatz,“ rief er.„Mein größter Schatz iſt mein Kind!— Menſch, was ſoll das?— Was weißt Du?“ Pierre erzählte nun, was er, der ſcheinbar ſchlafend in einer dunkeln Ecke hinter einem Mauervorſprunge gelehnt hatte, von dem Geſpräche der beiden Genoſſen erlauſcht hatte; auch unterließ er nicht, dem Grafen zugleich mitzutheilen, was er zur Verhinderung des Streiches bereits gethan hatte. Er war zu dem Polizeidirector geeilt, hatte dieſem das Entdeckte gemeldet und ſich mit ihm über die Maßregeln zur Ergreifung der Verwegenen beſprochen. Nach dem Plane ſollte der Palaſt Nicoloſi beim Eintritte der Nacht von 414 Polizeiagenten beobachtet werden, die Verfolgten aber wollte man in den Palaſt laſſen, um ſie um ſo ſicherer zu ergreifen; gegenwärtig ſei der Palaſt bereits bewacht und er ſelbſt wäre auf den Wunſch des Polizeidirectors hierher geeilt, um den Grafen zu benachrichtigen, da ſeine Gegenwart vielleicht ſich nöthig machen könne.— Von der Dienerſchaft im Palaſte ſelbſt war Niemand in Kenntniß geſetzt worden, da man nicht wiſſen konnte, ob die Verwegenen, welche den Handſtreich vorhatten, nicht Spione in der Nähe unterhielten, und dann die geringſte Unvorſicht den ganzen Plan vereiteln konnte. „Denn,“ ſchloß Pierre,„wir haben es mit Menſchen zu thun, welche ſchlau wie der Teufel ſelbſt zu ſein ſcheinen.“ „Menſch,“ rief Monte Chriſto,„Du haſt mich Dir hoch ver⸗ pflichtet, und ſei gewiß, Monte Chriſto wird ſich dankbar bezeigen. Jetzt fort!“ Er eilte in den Saal zurück, ſagte Haidee, ein unaufſchiebbares Geſchäft rufe ihn auf eine Stunde hinweg; dann entſchuldigte er ſich bei dem freundlichen Wirthe und eilte nach der Gondel, in welcher Pierre hergekommen und wo er den ihm wohlbekannten Secretär des Polizeidirectors nebſt zwei Gefährten fand, welche den Grafen reſpectvoll begrüßten und ihm ſagten, ſie ſeien von dem Polizeichef zu ſeiner Verfügung geſtellt. Monte Chriſto trieb zur Eile.— Als die Gondel abſtieß, ſchlug die Mitternachtsſtunde. Bald war der Canal erreicht, an dem der Palaſt lag, und ſie kamen bis in die Nähe deſſelben, wo der Gondelier ein leiſes Zeichen gab, das, nur eingeweihten Ohren verſtändlich, ſogleich Erwiderung fand.— Eine zweite Gondel kam aus dem Schatten eines Palaſtes. „Sind ſie da?“ fragte der Secretär. „Seit einer Viertelſtunde,“ entgegnete es flüſternd. „Wie viel ſind es?“ fragte der Polizeibeamte weiter. „Außer dem Gondelier ſind nur zwei Menſchen geſehen worden,“ lautete der Bericht. „Nun, mit dieſen werden wir fertig werden,“ meinte der Beamte.„Nun habt Acht, daß Niemand entkommt; in zehn Minuten kann das Zeichen ertönen, dann packt den Gondelier. Ihr wißt übrigens, wie Ihr zu handeln habt.“ Er Palaſt N ſahen, n enſtern 1 Sche und lief! Zeichen g abgab, wi Pfeit ſchmalen welches d eilten die Hof, übe bereit ge Palaſt) Es es gelang ſich trug. ſaß Ali: Monte C den neben kennend, leiſe und Vorſaaltt Auf man värtig dunſch tigen, n der geſett he den und te. thun, h ver⸗ geigen. bbares igte er el, in annten he den in dem ubſtieß, nd ſte leiſes ſogleich catten orden,“ te der —— 415 Er gab dem Gondelier ein Zeichen, dieſer fuhr weiter, an dem Palaſt Nicoloſi vorüber, wo ſie im Schatten eine Gondel liegen ſahen, was durchaus nichts Ungewöhnliches war. Aus einigen Fenſtern des Palaſtes ſchimmerte ſchwaches Licht. Scheinbar unbekümmert um Alles ſchwamm die Gondel vorüber und lief nach einigen Secunden auf eine andere, mit der ebenfalls Zeichen gewechſelt wurden und deren Mannſchaft denſelben Rapport⸗ abgab, wie die der erſten. Pfeilſchnell ging es nun weiter.— Die Gondel bog in einen ſchmalen Canal ein und landete endlich an einem kleinen Hauſe, welches die ſpäten Gäſte ohne Aufenthalt einließ.— Schweigend eilten die fünf Männer durch dieſes Gebäude über einen kleinen Hof, überſtiegen die hinter demſelben aufgeführte Mauer auf ſchon bereit gehaltener Leiter und befanden ſich in dem kleinen, an dem Palaſt Nicoloſi ſich lehnenden Garten. Es galt jetzt, ohne Aufſehen in den Palaſt zu kommen, und es gelang, da Monte Chriſto den Schlüſſel zu der Salonthüre bei ſich trug.— Die Geſellſchaft trat in das untere Vorgemach. Hier ſaß Ali mit einer Pfeife im Munde, wachend in einer Ecke; als Monte Chriſto eintrat, erhob ſich der Neger raſch und griff nach den neben ihm liegenden Piſtolen, aber ſogleich ſeinen Herrn er⸗ kennend, ſah er ihn erſtaunt an. Monte Chriſto winkte ihm. „Wo iſt Bertuccio?“ fragte er. „Auf ſeinem Zimmer,“ entgegnete Ali. „Und Stefano und Giacomo?“ „Schlafen im Nebengemach.“ „Haſt Du Etwas bemerkt?“ „Nichts.“ Monte Chriſto befahl ihm nun, die genannten beiden Diener zu wecken und hier zu bleiben, bis er rufen würde, dann ſchritt er leiſe und geräuſchlos die Treppe hinauf, eben ſo geräuſchlos die Vorſaalthüre öffnend. Auf den Zehen eilte Monte Chriſto an die Thüre des Schlafgemachs ſeines Kindes, ſeines größten Schatzes, wie er zu Pierre geſagt, und legte ſein Ohr an dieſelbe.— Es war Alles ruhig.— 416 Doch nein, jetzt regte ſich Etwas; eine Seitenthür wurde ge⸗ öffnet, es ließen ſich leiſe Fußtritte auf dem weichen Teppich unter⸗ ſcheiden.— Dem Grafen ſtockte der Athem.— Haſtig riß er die Thüre auf und trat ein. Entſetzlich! Da ſtand das Bettchen des Knaben, in welchem dieſer ruhig ſchlummerte, neben dem Bett aber ſtand ein Mann, deſſen Züge bei dem matten Dämmerlichte nicht zu unterſcheiden waren. Der Mann ſtreckte die Hand nach dem Kinde aus. „Halt, Elender!“ rief Monte Chriſto und ſprang gleich der Löwin, welche ihr Junges vor dem Jäger ſchützen will, auf den fremden Eindringling los. „Tod und Hölle!“ rief dieſer aus und wich einen Schritt zurück. Im Nu hatte ſich Monte Chriſto zwiſchen die Wiege und den Feind geworfen. Gleichzeitig drang der Polizeibeamte mit ſeinen Leuten in das Gemach und Erſterer eilte ohne Säumen an das Fenſter, ſchlug eine Scheibe durch und ein ſcharfer Pfiff aus ſilberner Pfeife ſchrillte über das Waſſer. Monte Chriſto war unterdeſſen mit den zwei Männern und Pierre auf den Fremden eingedrungen und ſuchten ihn feſt zu halten. „Halt, Benedetto!“ ſchrie Pierre ihm voll Wuth nach. Benedetto floh in das Nebenzimmer, von dem Grafen und den drei Männern verfolgt. Er verfehlte in der Eile die Thüre, rannte an die Wand und wurde von einem Polizeidiener ergriffen; dieſer aber ſtürzte ſchon in der nächſten Secunde aufſchreiend zuſammen, ein ſcharfer Dolchſtoß hatte ihn getroffen.— Benedetto erreichte die Thüre und ſprang in den Salon. Hier trat eben ein zweiter Mann aus der Thüre des Cabinets des Grafen. „Fort,“ ſchrie Benedetto dieſem zu,„fort, in's Waſſer!“ Er ſprang durch die offene Thüre auf den Balkon, Pierre ihm nach und wollte ihn faſſen; aber ehe ſich dieſer noch des Flüchtlings bemächtigen konnte, war derſelbe ſchon auf die Brüſtung geſprungen und ſtürzte ſich kopfüber in's Waſſer. Unten rauſchte es, Stimmen ſchrieen durcheinander.— Pierre aber, wie wahnſinnig vor Wuth, flog aus dem Salon, um unten die Verfolgung des Gehaßten fortzuſetzen. Zwei bemächtigt die er auf hierher ge Mont Teeyye hit Hier war auch Ali befanden beſtändig, Einbrechen Der Gondel. erſte Zeich welche bie gelegen, der zweite dem Altar „Oh müßte ei⸗ ſchwimme wohl ſuch „Ja, darf und muß gefu Er ſ „Ei leicht fin deſſen A auszuneh Verhör d Beg Beamte Männern Stuhl ge Die ade ge⸗ unter⸗ et die welchem Mann, waren. ich dd auf den t zurück. ſlnd den in das lug eine llte über ern und zu halten. und den rannte z; dieſer ſammen, eichte die Cabinets eere ihm lchtlings ſptungen — Pierre unten die 417 1 Zwei Männer hatten ſich unterdeſſen des Gefährten Benedetto's bbemächtigt, der keinen Verſuch zum Widerſtand machte; zwei Beutel, die er auf dem Arme trug, zeigten deutlich genug, welcher Zweck ihn hierher geführt hatte.— Er wurde gebunden. Monte Chriſto war unterdeſſen, von dem Beamten gefolgt, die Treppe hinab Pierre nachgeeilt, und ſtand jetzt auf der Treppe, die zum Einſteigen in die Gondel in das Waſſer hineingebaut war. Hier war ſchon Pierre und eine mit Polizeiſoldaten gefüllte Gondel; auch Ali mit einigen von dem Lärm oben aufgeſchreckten Dienern befanden ſich hier.— Pierre war außer ſich vor Zorn, und ſchrie beſtändig, man ſolle den Canal durchſuchen, damit der verwegene Einbrecher nicht entkommen könnte. Der Beamte fragte nach dem zweiten Boote und nach der Gondel, welche ſie hier geſehen. Die Polizeigondel war auf das erſte Zeichen herbeigeeilt, eben ſo die zweite, da aber war die Gondel, welche bisher im Schatten dicht an die Mauer des Palaſtes gedrängt gelegen, hervorgeſchoſſen und hatte die Flucht ergriffen, verfolgt von der zweiten Polizeigondel; bald darauf war ein ſchwerer Körper von dem Altan in das Waſſer geſtürzt und verſchwunden. „Ohne Zweifel iſt der Kerl ertrunken,“ ſagte der Beamte.„Er müßte eine wahre Fiſchnatur haben, wollte er den Canal entlang ſchwimmen, bis er Gelegenheit zur Landung findet.— Aber gleich⸗ wohl ſucht Alles genau durch.“ „Ja,“ rief Pierre, voll Wuth den Boden ſtampfend,„kein Winkel darf undurchforſcht bleiben, ich ſelbſt will ſuchen helfen!— Der Satan muß gefunden werden!“ Er ſprang in die Gondel.— Der Beamte war unzufrieden. „Einer iſt uns durch das Netz gegangen,“ ſagte er,„doch viel⸗ leicht findet man ihn noch. Oben aber haben wir noch Einen und deſſen Ausſage könnte uns dienlich ſein, um den ganzen Fuchsbau auszunehmen.— Kommen Sie, Herr Graf, daß wir vorläufig ein Verhör anſtellen.“ Begleitet von dem Grafen und ſeinem Gefolge begab ſich der Beamte in den Salon zurück, wo der gebundeve und von zwei Männern bewachte Gefangene mehr todt als lebendig auf einen Stuhl geſunken war und das Haupt zur Erde geſenkt hatte. Die Hand des Todten.. 27 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ein zerknirſchter Gefangener. Die Hand gefeſſelt, trüb' den Blick, Steht der Gefang'ne vor der Schaar, Aus deren Augen das Geſchick Er lieſt, das ihm beſtimmt war. Byron. Monte Chriſto's erſter Gang war zu dem bedroht geweſenen Sohne, ſeinem größten Schatz, ſich zu überzeugen, ob dieſer unver⸗ letzt geblieben.— Er fand ihn ruhig ſchlafen, und nun ſelbſt be⸗ ruhigt, begab er ſich in den Salon zurück, wo unterdeſſen zwei Wachskerzen angezündet waren und der Polizeiſecretär bereits das Verhör begonnen hatte, zu erfahren, auf welche Art die beiden ver⸗ wegenen Menſchen in den Palaſt gelangt wären. Dieſes war auf ſehr einfache Weiſe geſchehen. Benedetto war an dem, mit Vorſprüngen reichverzierten Palaſte in die Höhe ge⸗ klimmt, bis es ihm gelungen, ein Seil über den Altan zu werfen, an dem er nun eine Strickleiter emporgezogen, die ihnen den Ein⸗ gang in den erſten Stock des Palaſtes geſtattet, wo ſie ſich vorerſt nach dem Cabinet des Grafen gewendet und daſelbſt den Secretär erbrochen hatten. Der Gefangene hatte kaum dieſes Geſtändniß abgelegt, als er einen Schreckensruf ausſtieß und eine Bewegung machte, als wolle er von ſeinem Stuhle aufſpringen; doch ſeine Glieder waren wie gelähmt, auch hinderten ihn ſeine Wächter an dieſer Bewegung, und ſo ſuchte er wenigſtens ſein Geſicht zu verbergen, was aber auch nicht ging, da ſeine Hände gebunden waren. Monte Chriſto trat dem Gefangenen, den er erſt gar nicht beachtet hatte, näher, aber kaum hatte er einen Blick auf deſſen Geſicht ge⸗ worfen, als er auch in höchſter Ueberraſchung ſtehen blieb und den Gebundene ttrengunge oder es m zu verhind zu ſi „Bart Dang „Es Baron,“ wundere ie licheere W Dan ſchien, al „We Baron?“ geſchäfte! Er n welche m Danglars und ſein Der und mit „Her „Oh amte wei Dar mand m Baron, doch meir damit ſie Vlic, Schaar, dar. Vvron. eweſenen t unver- elbſt be⸗ en zwei eits das den ver⸗ etto war Höhe ge⸗ werfen, en Ein⸗ vorerſt Secretär als er ls wolle aren wie wegung, gas aber beachtet ſſicht ge⸗ und den 419 Gebundenen anſtarrte, welcher jetzt wahrhaft verzweiflungsvolle An⸗ ſtrengungen machte, ſich loszureißen und ſein Geſicht zu verhüllen, oder es wenigſtens in den Schatten zu wenden, um das Erkennen zu verhindern. Zu ſpät, denn ſchon war er erkannt. „Baron Danglars?“ ſagte Monte Chriſto mit ſchneidender Kälte. Danglars machte einen Verſuch, ſich abzuwenden. „Es iſt ein unverhofftes Vergnügen, Sie hier zu ſehen, Herr Baron,“ fuhr Monte Chriſto voll grimmigem Hohn fort,„nur be⸗ wundere ich, daß Sie ſo ungewöhnliche Stunden und noch ungewöhn⸗ lichere Wege wählen, um mich mit Ihrem Beſuche zu beehren.“ Danglars Geſicht wurde bald glühend roth, bald erfahl; es ſchien, als müſſe er erſticken. „Wollen Sie mir nun den Zweck Ihres Beſuches ſagen, Herr Baron?“ fuhr Monte Chriſto fort.„Sind es vielleicht Geld⸗ geſchäfte?“ Er warf einen Blick auf die auf einem Tiſche liegenden Beutel, welche man dem Gefangenen abgenommen und dahin gelegt.— Danglars ſchloß die Augen; er ſchien wirklich einer Ohnmacht nahe, und ſein ganzer Körper zitterte wie im Fieber. Der Polizeiſecretär hatte den Worten des Grafen ſchweigend und mit Verwunderung zugehört, jetzt wendete er ſich an ihn. „Herr Graf, wie es ſcheint, kennen ſie den Herrn?“ fragte er. „O ja,“ antwortete Monte Chriſto,„ich kenne ihn ſehr gut, oder— wenn Sie wollen— auch zu gut.“ „Ohne Zweifel iſt es ein geriebener Gauner?“ fragte der Be⸗ amte weiter. Danglars fuhr bei dieſem Titel zuſammen, als hätte ihn Je⸗ mand mit glühendem Eiſen berührt.— Er, der einſt ſo ſtolze Baron, der allmächtige Goldfürſt, mußte dieſes hören. Monte Chriſto lächelte beißend. „Um Gottes Barmherzigkeit willen,“ unterbrach ihn Danglars voll Verzweiflung.„Sprechen Sie nicht weiter, Herr Graf.“ Voll Verachtung ſchaute Monte Chriſto auf ihn nieder. „Warum ſollte ich nicht ſprechen?“ fragte er ruhig;„iſt es doch meine Pflicht, dieſen Herren zu ſagen, wem ſie vor ſich haben, damit ſie Ihnen den nöthigen Reſpect zu bezeigen im Stande ſind. 27* * 3 f 1 420 Wiſſen Sie denn, meine Herren, dieſer Ehrenmann auf dem Armen⸗ ſünderſtuhl iſt der Herr Baron von Danglars, ehemals Banquier in Paris, wo ihm die Kleinigkeit widerfuhr, welche man im gewöhn⸗ lichen Leben Bankerott zu nennen pflegt.— Iſt dem nicht ſo, Herr Baron? und wollten Sie nicht ſo gefällig ſein, Ihren ſpäteren Ge⸗ ſchäftsgang zum Beſten zu geben?“ Danglass ſchien in die Erde ſinken zu wollen, er wand ſich verzweiflungsvoll hin und her und ſtöhnte, und ſtöhnte immer wieder. Der Beamte hatte raſch Monte Chriſto's Ausſagen zu Protocoll genommen. „Was bewog Sie zu dem Einbruche hier?“ fragte er dann den Gefangenen. Dieſer ſchwieg. „Freundſchaftlicher Geſchäftseifer,“ nahm Monte Chriſto an des Gefragten Stelle das Wort,„er wollte mein Geld gut unterbringen. Der Geldmann verleugnet ſich nicht, und der Herr Baron iſt nicht nur ein Geldmann, ſondern auch ein Goldmann, der mir ſchon viele Liebesdienſte erwieſen hat.— Wiſſen Sie noch, Herr Baron, das Schloß If—“ Danglars prallte zurück, wie vom Schlage getroffen. „Wer ſind Ihre Mitſchuldigen?“ fragte der Beamte weiter. Keine Antwort erfolgte.— Auf wiederholte Fragen beharrte Danglars dennoch in ſeinem Schweigen, als ob ſeine Zunge ge⸗ lähmt wäre. „Wir werden es erfahxen, Herr,“ rief der Beamte endlich aufge⸗ bracht und befahl, den Gefangenen nach dem Polizeigefängniß zu führen. „Wenn es nicht gegen die Geſetze verſtößt, würde ich Sie bitten, den Gefangenen mir zu überlaſſen,“ ſagte der Graf,„ich bin der Verletzte.“ „Das, mein Herr, kann nicht geſchehen,“ antwortete der Beamte mit einem mißtrauiſchen Blick auf den Grafen.„Dieſer Verbrecher gehört dem Geſetz an und wir dürfen ihm denſelben utcht entziehen. Auch ſcheint mir es, als ob der Gefangene es vorzöge, eher in un⸗ ſerer als in Ihrer Gefangenſchaft zu ſein.“ Dem ſchien auch wirklich ſo zu ſein, denn als der Beamte winkte, den Gefangenen fortzuführen, ſuchte dieſer mit der größten Eilfertigkeit nur aus der Nähe des Grafen zu kommen. merzlih Der Befund Draht du dem Zimn verwahrten wiedergefu von etwa fählten I waren. Mit vor Wul flohenen trunken mir verd ſchneiden mit der und erſch denigo r noch eini Banquier gewöhn⸗ ſo, Herr eren Ge⸗ and ſich wieder. Protocoll ſfann den Han des tbringen. iſt nicht on biele on, das eiter beharrte unge ge⸗ Armen⸗ h aufge⸗ uführen. ih Sit iic bin r Beamte gerbrecher entſiehen. rin un⸗ e winkte, lferigkeit 421 Ernſten Blickes ſchaute Monte Chriſto ihm nach und faſt ſchmerzlich zuckte es über ſein Geſicht. Der Polizeibeamte blieb noch bei dem Grafen, um den weiteren Befund aufzunehmen. Man fand bei der Unterſuchung die mit Draht durchflochtene Strickleiter noch an dem Altan befeſtigt. In dem Zimmer des Grafen war der Secretär erbrochen und des dort verwahrten Geldes beraubt, welches man aber bei Danglars bereits wiedergefunden; der Graf vermißte nur ein Bündel Banknoten von etwa hunderttauſend Francs, welche wahrſcheinlich in des Ge⸗ fährten Taſche und dann mit dieſem in das Waſſer gewandert waren. Mittlerweile war Pierre zurückgekommen, ſein Geſicht glühte vor Wuth, denn trotz ſorgſamer Unterſuchung war von dem Ent⸗ flohenen keine Spur mehr zu finden geweſen, er mußte alſo er⸗ trunken ſein. „O,“ knirſchte Pierre,„muß mir dieſer Streich geſpielt wer⸗ den!— Ich hätte dem Kerl gern unter die Augen geſagt, was er mir verdankt, um mich an dem Geſicht zu erbauen, welches er dann ſchneiden müßte.“ „Du kennſt den Menſchen?“ fragte der Beamte. „Weshalb nicht,“ antwortete Pierre.„Er nennt ſich Benedetto und iſt ein franzöſiſcher Galeerenſträfling, der vielleicht ſchon ein paar Mal dem Bagno entlaufen ſein mag.“ „Benedetto?“ ſchrie Monte Chriſto auf.„Unmöglich.“ „Pah, ich kenne ihn nur unter dieſem Namen,“ antwortete Pierre. „Wo trafſt Du ihn?“ fragte Monte Chriſto. Pierre wurde bei dieſer Frage ziemlich verlegen. „Davon ſprechen wir ein ander Mal,“ ſagte er.„Jetzt wollen wir nochmals ſehen, ob der Schuft nicht noch aufzufinden iſt.“ „Gut,“ erklärte der Graf,„morgen erwarte ich Dich, und Du ſollſt erfahren, daß ich nicht undankbar ſein werde.“ Nachdem er Bertuccio noch einige Befehle gegeben, verließ er mit der Polizeimannſchaft, deren Geſchäfte beendet waren, den Palaſt, und erſchien eine Viertelſtunde nachher wieder bei dem Fürſten Gran⸗ denigo ruhig und unbefangen, als ob nichts geſchehen wäre und blieb noch einige Stunden daſelbſt, ſich heiterer Unterhaltung hingebend. 422 Als die Sterne verbleichten, nahm er Abſchied von dem Fürſten lage jurü⸗ und kehrte nach ſeinem Palaſte zurück. An der Landungstreppe ergrifen, ſagte er zu Pietro: und demn „Mit dem Schlage ſieben biſt Du auf Deinem Poſten!“ Begnodigl Dann verſchwand er in dem Innern des Palaſtes. ds Snate Zur beſtimmten Zeit hielt die Gondel vor dem Palaſte, Monte diſem Ret Chriſto ſteckte ein Päckchen Banknoten zu ſich und ließ ſich zu dem geſprochen Polizeidirector fahren, welcher ziemlich erſtaunt den frühen Beſuch iſ kein we empfing.—„Jch „Ah,“ ſagte er, nach kurzer Begrüßung,„Sie kommen gewiß, Chriſto,„ wegen dem geſtrigen Vorgange mit mir zu ſprechen.“ Wo „Sie errathen meinen Zweck theilweiſe,“ entgegnete Monte Chriſto.„Haben Sie ſchon Verhöre mit dem Gefangenen angeſtellt?“ Der Director erwiderte, daß dieſes noch nicht der Fall geweſen ſei, da in ſo frühen Stunden keine Verhöre angeſtellt würden ohne dringende Veranlaſſung, doch würde noch im Laufe des Vormittags daſſelbe vorgenommen werden, dann würde ſich hoffentlich Vieles herausſtellen, und die Mitſchuldigen, von denen einer wahrſcheinlich ertrunken ſei, würden entdeckt werden. dürfen ke Stand u Strafbar des Geri Angeklag dann das fangenen „Herr Director,“ ſagte endlich Monte Chriſto,„Sie werden„Ar mir zugeſtehen, daß ich der allein Beſchädigte bei der Sache bin.“„W „Allerdings, mein Herr,“ entgegnete der Director. Sie den „Demnach hätte ich auch den größten Anſpruch auf den Ge⸗„N fangenen.“„3 „Erſt das Geſetz und dann Sie, mein Herr.“ „Wenn ich nun wünſchte, daß der Gefangene allein mir über⸗ laſſen würde, würde das Geſetz ſich weigern?“ „Unbedingt ja,“ erwiderte der Director ſtreng.„Nur dem mis bet Geſetze ſteht das Recht zu beſtrafen zu, und es kann daſſelbe an Nie⸗ u d mand abtreten.“ „Straft es auch dann, wenn kein Ankläger auftritt?“„ „Wenn ich Sie recht verſtehe, wollen Sie von der Anklage ſtraffrei gegen den Gefangenen abſtehen?“ beſonder „Das bin ich allerdings geſonnen.“ Sie um Der Director ſchaute den Grafen voll Verwunderung an. Mo „Ich begreife das nicht,“ ſagte er dann.„Uebrigens kann es Abenäſt dem Gefangenen auch dann nichts helfen, wenn Sie von der An⸗ „It muß ich Nachtheil lernt, bi Fürſen gätteppe 4 1 Monte wzu dem 1 Beſuch gewiß, 2 Monte geſtellt?⸗ geweſen den ohne rmiitags h Vieles ſheinlih werden bin.“ den Ge⸗ air über⸗ Nur dem ean Nie⸗ Anklage 423 klage zurücktreten, denn er iſt von meinen Beamten auf friſcher That ergriffen, man hat Ihnen entwendete Gegenſtände bei ihm gefunden und demnach muß das Geſetz mit voller Strenge eintreten.— Ein Begnadigungsrecht aber, mein Herr, ſteht nur der höchſten Perſon des Staates zu, alſo unſerem Kaiſer, und auch dann erſt kann von dieſem Recht Gebrauch gemacht werden, wenn das Geſetz ſein Urtheil geſprochen hat.— Es muß Alles auf geſetzlichem Wee gehen, ſonſt iſt kein wohlgeordneter Staat möglich.“ „Ich beſtreite dieſes nicht, Herr Director,“ anwortet Monte Chriſto,„doch ſind hin und wieder auch Ausnahmen möglich.“ „Wo man es ernſtlich mit der Heiligkeit der Geſetze hält, da dürfen keine Ausnahmen eintreten,“ erklärte der Director.„Weder Stand noch Rang, noch ſonſt eine Rückſicht darf bei einem wirklich Strafbaren eine Milderung geſchehen laſſen.— Es iſt die Sache des Gerichts, Alles zu erwägen, ſowohl Das, was zum Vortheil des Angeklagten ſpricht, als auch Das, was zu ſeinem Nachtheil iſt, um dann das Urtheil zu ſprechen.— Glauben Sie, daß bei dieſem Ge⸗ fangenen das Urtheil mild ſein könnte?“ „Aufrichtig geſprochen: nein.“ „Wie ich aus dem Rapport meines Secretärs geſehen, kennen Sie den Angeklagten.“ „Nur zu gut, mein Herr.“ „Zu ſeinem Vortheil?“ „Ich will nicht lügen, indem ich Ja ſage, ehrlich geſprochen muß ich ſogar ſagen, ich kenne ihn nur zu meinem allergrößten Nachtheil, doch iſt auch mein Entſchluß, Alles, was von ſeiner Seite mich betrifft, in Vergeſſenheit zu begraben. So verzeihe ich ihm auch Das, was er mir eſſt jetzt wieder zuzufügen im Begriff war.“ „Ich bewundere Sie.— Sie wollen alſo, der Gefangene ſoll ſtraffrei entlaſſen werden? Dann muß ich vorausſetzen, Sie haben beſonderes Intereſſe an dieſem Manne und mein Amt legt mir auf, Sie um genaue Auskunft über ihn zu bitten.“ Monte Chriſto that dieſes ohne Zögern, indem er eine kurze Lebensſkizze Danglars von dem Augenblick, wo er ihn kennen ge⸗ lernt, bis zu deſſen Bankerott gab, doch ohne deſſen Beziehung zu 424 ihm ſelbſt zu erwähnen, überhaupt, ohne irgend wie anzuklagen. Der Director hörte aufmerkſam zu. „Was bezwecken Sie nun eigentlich mit dieſem Manne,“ fragte er,„der augenſcheinlich ſehr tief geſunken ſein muß, da er vom Millionär bis zum gemeinen Diebe herabſank? Ich bitte, reden Sie aufrichtig zu mir, denn nur dann iſt es möglich, daß ich vielleicht etwas zur Erfüllung Ihrer Wünſche zu thun im Stande bin.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß bei mir Alles in Ver⸗ geſſenheit begraben ſein ſoll,“ antwortete der Graf,„und ich will in vollem Umfange beweiſen, obwohl Danglars zu Denen gehört, durch deren Schuld ich meine ſchönſten Jahre in den unterirdiſchen Kerkern des Schloſſes If vertrauern mußte.—— Meine Abſicht iſt die, daß Danglars aufgefordert wird, über ſeinen Gefährten, der Benedetto genannt wurde, umfaſſende Geſtändniſſe abzulegen, dann aber möge er entlaſſen werden, nachdem man ihm geſagt, daß Edmond Dantes nicht mehr an Rache für zugefügtes Unrecht denke, daß er Alles vergeſſen habe, und zu deſſen Beweis mögen Sie ihm dann dieſes Päckchen einhändigen. Es enthält zweihunderttauſend Francs, jedenfalls genug für einen Mann, der in Zurückgezogenheit ſeine Tage beſchließen will; Sie würden vielleicht dabei ihn er⸗ mahnen, daß er am beſten thut, ſich in irgend einem ſchönen Winkel der Erde, gleichviel wo, niederzulaſſen und dort in Ruhe ſeine Tage zu beſchließen.— Wenigſtens könnte ich ihm keinen beſſeren Rath geben, und Sie, Herr Director, gewiß auch nicht.— Nun wiſſen Sie Alles und ſind zum Vollſtrecker meines Willens ernannt, wobei ich der völligen Ueberzeugung lebe, Sie werden nun redlich das Ihre thun.“ „Gewiß,“ ſagte der Beamte, welcher ſtaunend und gerührt des Grafen Worte angehört.„Aber wirklich, Sie machen mich ſtaunen, da Sie Ihren Feinden noch Wohlthaten erweiſen.“ „Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß es die edelſte Rache iſt, wenn man Denen wohl thut, die uns haſſen.— Was habe ich nun von Ihnen zu hoffen?“ „Daß ich Alles thun werde, um Ihre Wünſche zu erfüllen, und ich werde deshalb mit dem Herrn Generalgouverneur Rück⸗ ſprache nehmen, vorher aber muß ich mein Verhör mit dieſem alten Sünder anſtellen, um zu wiſſen, wie weit ich in Ihrem Sinne vor⸗ gehen dar fann ich aber durch nich verm Ic Dank,“ er füllen, un ſöhnend n „Gen ſt viellei kann Ihr In Er bat d Nach ullagen. 1 fragte er vom den Sie wdiellicht .“ in Ver⸗ ich will gehört, ediſchen Abſicht fährten, zulegen, agt, daß t denke, Sie ihm tauſend dgenheit ihn er⸗ ſchönen in Ruhe keinen icht.— Willens den nun ührt des ſtaunen, edelſte — Pas erfüllen, r Rück⸗ m alten ane vor⸗ 425 gehen darf. Handelt es ſich nur um den Diebſtahl bei Ihnen, ſo kann ich nichts weiter thun, als dem Geſetz ſeinen Lauf zu laſſen, aber durch meinen Einfluß mildernd einzuwirken, iſt mir auch dann nicht verwehrt.“ „Ich ſage Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit meinen herzlichſten Dank,“ entgegnete Monte Chriſto,„indem Sie meine Wünſche er⸗ füllen, unterſtützen Sie zugleich meine Miſſion, welche jetzt iſt: ver⸗ ſöhnend nach allen Richtungen zu wirken.“ „Gewiß, gewiß,“ verſicherte der Director.—„In wenig Stunden iſt vielleicht ſchon Alles nach Ihren Wünſchen entſchieden und ich kann Ihren Willen ausführen.“ In dieſem Augenblicke ward der Polizeidirector hinausgerufen. Er bat den Grafen, auf ihn zu warten, und entfernte ſich. Nach einer halben Stunde erſchien er wieder, ſein Geſicht war ernſt. Schweigend trat er an ſeinen Arbeitstiſch, wo er das von Monte Chriſto empfangene Banknotenpäckchen niedergelegt hatte, nahm es und reichte es dem Grafen. „Nehmen Sie Ihr Eigenthum zurück,“ ſagte er.„Ihre Gabe kommt zu ſpät.“ „Was ſoll dieſes heißen?“ fragte der Graf überraſcht und faſt erſchrocken. „Die Sache iſt auf die einfachſte Weiſe erledigt,“ antwortete der Director.„Der Gefängnißaufſeher meldet mir eben, daß, als er dem Gefangenen das Frühſtück bringen wollte, er ihn todt und kalt gefunden; Danglars hatte ſich mittelſt ſeines Halstuches an dem Fenſtergitter aufgehangen und ſomit iſt er als Selbſtmörder geſtorben.— Ich habe ſoeben meinen Secretär abgeſchickt, um den Thatbeſtand aufzunehmen.— Sie ſehen alſo, hier iſt nichts mehr zu thun.“ „Er hat ſich ſelbſt gerichtet,“ ſagte der Graf ernſt, indem er die Banknoten zu ſich ſteckte.„Ich bewundere nur, daß er ſo viel Muth gehabt, um Hand an ſich ſelbſt zu legen.“ Er verabſchiedete ſich und begab ſich nach ſeinem Palaſt zurück. Hier erwartete ihn bereits Pierre, und von dieſem erfuhr Monte Chriſto, daß es wirklich nur der Benedetto, der Sohn Villeforts, ſein könnte, der in Gemeinſchaft mit Danglars den Einbruch in den 426 Palaſt unternommen hatte.— Aber er glaubte nicht, daß dieſer Menſch auf etwas Anderes ausgegangen ſein würde, als auf ſein Geld, denn— meinte er— Leute ſolchen Schlages haben auf der Welt keinen anderen Zweck, als, ohne zu arbeiten, auf fremde Koſten reich zu werden. Uebrigens hielt er es nicht für ſo ſchwierig, wenn der Menſch noch lebte, ſeiner habhaft zu werden; doch war er der Meinung Aller, Benedetto müſſe im Kanal ertrunken ſein. Er fragte Pierre, wie er ihm den ihm geleiſteten Dienſt am beſten zu belohnen vermöge, und dieſer erwiderte, er ſei vollkommen zuftieden, wenn der Graf es durch ſeinen Einfluß zuwege bringe, daß er in Frankreich ſtraffrei leben könne, wenn er je dahin zurück⸗ kehre, am liebſten aber trete er in des Grafen Dienſte, da er das ruheloſe Umherziehen mit den Schmugglern ſatt habe. Nach kurzem Beſinnen war der Graf bereit, den Menſchen in ſeinen Dienſt zu nehmen, wobei er vorausſetzte, Pierre würde ſich durch gutes Betragen und durch Treue dieſes Vorzugs würdig er⸗ weiſen.— Er gab auch ſogleich Bertuccio den Befehl, für die Ein⸗ kleidung und Beſchäftigung des neuen Dieners zu ſorgen, ihn aber auch ſcharf im Auge zu behalten, damit deſſen Zuverläſſigkeit ſich erſt erprobe. 1 Ben Miooloſi getaucht, Geiſtesgen teieben, z unter der und abwe zu ſchöpf deren Se⸗ und ſah durchſucht wühlten. Dieſe folget nu bedeutend einen kle Nac erlahmen wegungen bäude an und an Seiner K ſich enpe auf den ß dieſe auf ſein auf der de Koſten 1 d wenn ar er der tenſt am kommen bringe, n zurück⸗ aer das nſchen in ürde ſich irdig er⸗ die Ein⸗ n aber ſich eit Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Abſchied von Benedig. Ein kecker Sinn weiß Alles zu benutzen. Schiller. Benedetto war auf Leben und Tod von dem Balkon des Palaſtes Nicoloſi in den Kanal geſprungen, war kopfüber bis auf den Grund getaucht, aber alsbald wieder empor gekommen; jetzt kam ihm ſeine Geiſtesgegenwart und Schwimmkunſt, die er von Jugend an ge⸗ trieben, zu ſtatten, denn er tauchte raſch wieder unter und ſchwamm unter dem Waſſer ſchrägüber nach der anderen Seite des Kanals, und abwechſelnd untertauchend und wieder emporkommend, um Luft zu ſchöpfen, ſchwamm er eine Strecke fort.— Er hörte auf der an⸗ deren Seite die Stimmen nach ihm rufen, ſah die Fackeln glühen und ſah auch, wie die Männer in der Gondel dort Alles genau durchſuchten und mit langen Stangen ſelbſt in der Tiefe des Kanals wühlten. Dieſes eifrige Suchen war ihm erwünſcht, denn da die Ver⸗ folger nur eine Gondel zur Verfügung hatten, ſo konnte er einen bedeutenden Vorſprung gewinnen, bevor ſie dort auf jener Seite einen kleinen Raum abgeſucht hatten. Nach kurzem Schwimmen fühlte Benedetto aber ſeine Kräfte erlahmen, ſeine Kleider ſogen Waſſer und erſchwerten ihm die Be⸗ wegungen; er glaubte zu ſinken.— Da bemerkte er ein kleines Ge⸗ bäude an dem Kanal, an welches ſich eine verfallende Mauer lehnte, und an einen Stein ſich klammernd, ſchwang er ſich aus dem Waſſer. Seiner Klettergewandtheit war es dann ein Leichtes, an der Mauer ſich empor zu arbeiten, dann legte er ſich platt nieder und ſchaute auf den Kanal hinab. 428 Es war hohe Zeit für ihn geweſen, daß er einen Zufluchtsort fand, denn einige Minuten nachher rauſchte eine zweite Gondel heran und begann die Durchſuchung auch auf dieſer Seite. Die angezündeten Fackeln erhellten Alles mit rother Gluth, und hätte ſich Benedetto noch im Waſſer befunden, würde er den Verfolgern ſelbſt durch ſeine Tauchergeſchicklichkeit nicht entgangen ſein, hier oben aber ſuchte ihn Niemand. Kurze Zeit blieben die Gondeln in ſeiner Nähe, dann ruderten ſie weiter; Benedetto aber, der ſich auf ſeiner Mauer doch nicht mehr ganz ſicher fühlte, glitt herab in einen kleinen Hof, der zu⸗ gleich einen Garten vorſtellen ſollte, wenn gleich Alles mit Geſtrüpp überwuchert war, wie denn überhaupt ſowohl das Haus als die ganze Umgebung die Spuren des Verfalles an ſich trug. Indem Benedetto um ſich ſchaute, bemerkte er Lichtſchimmer, welcher durch eine Ladenſpalte am Hauſe drang, und neugierig ſchlich er auch hin, um hindurch zu lauſchen.— Was er hier ſah, machte ſein Herz freudig beben, denn er ſah— Gold. In einem gewölbten Zimmer ſaß ein eisgrauer Alter vor einem Tiſch, auf dem eine kleine Lampe ſtand, und wühlte gierig in einem Haufen Gold, daneben lagen auch kleine Stöße Papiere, welche Benedetto für Werthpapiere erkannte. „Ah,“ ſagte er,„wer da hinein könnte!— Hier müßte ein kleiner Beitrag werden zu dem zum Verderben Monte Chriſto's an⸗ geſammelten Kapital.“ Er ſchaute nach Gelegenheit umher, um wo möglich in das Haus zu dringen; doch dieſes ſchien ſchwierig, denn trotz dem ver⸗ fallenen Ausſehen war das Gebäude doch gut verwahrt, das Fenſter, durch welches Benedetto ſchaute, hatte ein ſtarkes, eiſernes Gitter, welches auszubrechen nur nach langer und geräuſchvoller Arbeit möglich ſchien.— Aber hier unter Geſträuch halb verſteckt, zeigte ſich eine Thüre und an dieſe ſchlich er ſich, die Dittriche zu probiren, mit denen er ſich dieſe Nacht wohl verſehen hatte. Einer dieſer Dittriche ſchloß geräuſchlos, und die Thüre, unvorſichtiger Weiſe von innen nicht verriegelt, ging auf.— Sie knarrte leiſe und Benedetto zog ſich raſch zurück, um an dem Fenſter zu lauſchen, ob der Mann da drinnen Etwas bemerkt habe; doch dieſes war nicht der Fall, der alte Geizhals zeigte ſich vielmehr in ſeine ſüße Be⸗ ſchäftigung und Sehen Benen er eine ſch damit und gleich eine Eine ſeinen Arn Gange bei bemerkte herſtamme loch eine eifrig Ge Benedette jener Ve Wucherer während wenn ein räuſch R Ben hinter de jetzt zog durch da genomme „De ſagte jet zweitauſe Wolle he In ſicht, ſo einen S Da „W Der er den U gewiſſes e. Die 3 hätte feingen ein, hier ruderten och nicht der zu⸗ Geſtrüpp als die ſchimmer, neugierig bir ſc or einem in einem , welche züßte ein iſtos an⸗ hin das dem ver⸗ Fenſter, 3 Gitter, r Arbeit kt, zeigte probiren, er dieſer er Weiſe eiſe und chen, ob dar nicht üße Be⸗ utsut eane. und Sehen vergeſſen zu haben ſchien. ——— 429 ſchäftigung mit dem Goldhaufen ſo vertieft, daß er darüber Hören Benedetto lächelte bei dieſer Entdeckung wohlgefällig; dann zog er eine ſchwarze Geſichtsmaske aus der Taſche, bedeckte ſein Geſicht damit und ſchlich wieder an die Thüre, dieſe leiſe aufdrückend und gleich einem Marder ſich durch den engen Spalt windend. Eine dichte Finſterniß umgab Benedetto, und als er prüfend ſeinen Arm ausſtreckte, bemerkte er, daß er ſich in einem engen Gange befand, in dem er leiſe einige Schritte forttappte.— Da bemerkte er ein Lichtpünktchen, ſchwach wie von einem Leuchtkäfer herſtammend, und an daſſelbe ſich bückend, ſah er durch das Schlüſſel⸗ loch einer Thüre in das gewölbte Gemach, wo der Mann noch eifrig Geld zählte, und zwar ſo eifrig, daß er nichts hörte, als Benedetto die Thüre aufdrückte und eintrat. Der Mann war in jener Vergeſſenheit von Allem um ſich, in welche Geizhälſe und Wucherer oft fallen, wenn ſie ſich an ihren Goldhaufen weiden, während ſie dann, in das Extreme fallend, ſchon zuſammenzittern, wenn eine Maus über den Boden raſchelt, weil ſie in dieſem Ge⸗ räuſch Räuber und Mörder zu hören glauben. Benedetto war mit ſeiner alten Diebsgewandtheit bis dicht hinter den Golddurſtigen geſchlichen, ohne daß dieſer es bemerkte, jetzt zog er leiſe die Hand des Todten aus dem Gewande; ſie hatte durch das zu ihr gedrungene Waſſer eine noch eiſigere Kälte an⸗ genommen. „Der Gewinn dieſer Woche iſt ſchon zwölfhundert Gulden,“ ſagte jetzt der Alte.„Gut, wenn es geht, wie es ſoll, können noch zweitauſend voll werden.— Man muß die Schafe ſcheeren, weil ſie Wolle haben; dieſe wächſt nicht immer ſo ſchnell!“ In dieſem Augenblick fuhr ihm eine kalte Hand über das Ge⸗ ſicht, ſo kalt, ſo eiſig, daß er zuſammenſchauerte.— Der Alte ſtieß einen Schreckensruf aus. Da ziſchte es ihm in die Ohren: „Wucherer, die Flammen der Hölle warten Deiner!“ Der Alte ſah ſich um und ſtürzte faſt von ſeinem Seſſel, als er den Unbekannten vor ſich ſtehen ſah, dem die ſchwarze Maske ein gewiſſes hölliſches Anſehen gab.— Zum zweiten Mal berührte die 430 eiſige Hand ſeine Stirn, zum zweiten Male fühlte der Alte Todes⸗ ſchauer. ſucher empor, dann aber warf er ſich plötzlich mit einem Angſtſchrei über den Tiſch, als wollte er ſeinen Mammon mit ſeinem Körper decken.— Benedetto blieb unbeweglich. „Wahre Dich,“ ſagte er,„dieſe Goldhaufen werden zu glühen⸗ den Kohlen, welche Dich durch Leib und Seele brennen.“ Entſetzt fuhr der Wucherer zurück, als ob er ſchon die Kohlen⸗ gluth fühlte. „Wer biſt Du?“ ſtammelte er. „Ich bin der Geſandte der Todten!“ entgegnete Benedetto. Der Alte ſchauderte. „Wo kommſt Du her?“ fragte er dann weiter. „Aus der Unterwelt,“ war die Antwort.„Hier der Beweis.“ Wieder legte er die Todtenhand auf des Wucherers mit kaltem Schweiß ſich bedeckende Stirn.— Der Alte ſaß wie ein Marmor⸗ bild, nur mechaniſch ſtreckte er wieder die geſpreitzten Hände ſchützend über den Goldhaufen. „Was willſt Du?“ ſtöhnte er dann.—„Hebe Dich hinweg von mir.— Alle guten Geiſter!— Jeſus Maria und alle Heiligen ſchützt mich!“ „Die Heiligen haben keinen Antheil an Dir,“ antwortete Be⸗ nedetto.„Die Todten ſenden mich, Dir zu ſagen, daß Du bald zu ihnen verſammelt wirſt, und dorthin kannſt Du Deinen Mammon nicht mitnehmen, wohl aber wird Dich jedes Goldſtück, welches Du auf unrechte Weiſe an Dich gebracht, Jahrhunderte lang auf der Seele brennen, gleich glühender Kohle.— Aber ich bin ihr Ge⸗ ſandter, höre wohl, Geſandter der Todten, und von ihnen beauftragt, eine Miſſion in ihrem Intereſſe zu vollziehen.— Sie verlangen von Dir das Opfer von fünfzigtauſend Gulden, dann ſoll Dein Leben noch einige Tage gefriſtet werden.“ Benedetto's geübtes Auge hatte den Werth der auf dem Tiſche liegenden Papiere etwa ſo hoch geſchätzt. Bei dieſer Forderung empörte ſich der Geiz des Wucherers; ſich mit dem ganzen Leibe über den Goldhaufen werfend, kreiſchte er: Mit irren Augen ſchaute der Alte zu dem unheimlichen Be⸗ „du Aber mächtig d „Bed nicht diei Befehle d Verdamm Nuten au Hebe „ Aber I Stimme f üihm mit als er ſak vermochten Lehnſeſſel die Papfe Der fühlte die zurück, ve nedetto d dein Du mich zwa Haupt un e Todez⸗ hen Be⸗ ngſtſchrei Körper glühen⸗ Kohlen⸗ etto. Beweis.“ it kaltem Marmor⸗ ſchützend hinweg Heiligen ttete Be⸗ bald zu Nammon lches Du auf der ihr Ge⸗ rauſtragt, verlangen oll Dein in Tiſche ers; ſich ſte ee 331 8 „Du biſt ein Betrüger!—ebe Dic weg von mir!“ Abermals berührte ihn da die Todtenhand, und halb ohn⸗ mächtig vor Furcht und Schrecken lag der Geizige auf dem Golde. „Bedenke,“ ſagte Benedetto mit hohler Stimme,„daß Du nicht drei Tage mehr zu leben haſt, wenn Du Dich weigerſt, dem Befehle der Todten zu gehorchen.— Willſt Du lieber der ewigen Verdammniß anheimfallen, als Dich von Etwas trennen, was keinen Nutzen auf der Erde für Dich hat, da Du es nicht genießeſt?“ „Hebe Dich hinweg, hebe Dich hinweg!“ war die ganze Antwort. Aber Benedetto ließ ſich dadurch nicht abhalten. Mit lauter Stimme fuhr er fort, dem Wucherer von ſeiner Miſſion vorzupredigen, ihm mit der Verdammniß, mit der Rache der Todten zu drohen, und als er ſah, daß ſeine Worte den Geiz des Mannes nicht zu beſeitigen vermochten, packte er ihn mit ſtarker Hand und drückte ihn in den Lehnſeſſel zurück, während er zugleich mit der andern Hand kaltblütig die Papiere ergriff und ſie zuſammenſchob. Der Wucherer wollte es hindern, ſeine Hand ergreifen, aber er fühlte die eiſige Kälte der dürren Todtenhand und fuhr ſchaudernd zurück, verzweiflungsvoll wagte er nicht mehr zu hindern, daß Be⸗ nedetto die Papiere zu ſich ſteckte; die Schauer des Todes um⸗ wehten ihn. Benedetto, welcher noch von dem Goldhaufen einige Hände voll zu ſich geſteckt, ſo viel er glaubte fortbringen zu können, wendete ſich jetzt wieder zu dem Wucherer. „Du haſt den Willen der Todten nicht erfüllt,“ ſagte er,„in⸗ dem Du nicht mit eigener Hand mir das Geld übergabſt, ſondern mich zwangſt, es zu nehmen. So ſchwebt die Rache über Deinem Haupt und Deine Stunden ſind gezählt.— Zittere vor dem Gericht!“ „Erbarmen!“ flehte der Alte. Ob er mit dieſen Worten Erbarmen bei den Heiligen oder ſein Geld zurückverlangte, blieb unentſchieden. „Nur unter einer Bedingung kann Dir Gnade und Lebens⸗ friſt werden,“ entgegnete Benedetto ſtreng,„indem Du Deine noch übrige Lebenszeit benutzeſt, um Dich mit dem Himmel zu verſöhnen. Dieſes kannſt Du nur durch Wohlthaten.— Deshalb böre: mit Sonnenaufgang nimmſt Du tauſend Ducaten und trägſt ſie in das Spital des heiligen Markus, wo Du ſie zum Wohle der leidenden Menſchheit opferſt. Ferner giebſe Du eine gleiche Summe an das Spital der barmherzigen Brüder.— Willſt Du?“ Der Alte ſah Benedetto mit irren Augen an, das Verlangen deſſelben kam ihm ungeheuer vor, es war ſchon ſo viel von ſeinem Mammon von dem Tiſche verſchwunden und jetzt wurden noch ſolche Anſprüche gemacht, er ſollte von ſeinem zuſammengeſcharrten Gelde Wohlthaten erzeigen, an die er in ſeinem ganzen Leben noch nicht gedacht hatte; ſein Geiz ſträubte ſich daher ganz entſetzlich dagegen. Allein er war durch das ganze Benehmen Benedetto's ſchon ſo ge⸗ waltig eingeſchüchtert, daß er wirklich in ihm ein überirdiſches Weſen zu ſehen glaubte und mehr und mehr zitterte, wenn er bedachte, daß ſeine Stunde ſchlagen könnte und er in der Tbat ſehr wenig Anſprüche an den Himmel ſich erworben, ſein Herz vielmehr ſtets an dem Irdiſchen gehangen hatte. Aber dieſes Irdiſche war Geld, Geld, der Abgott aller Geizigen, dem zu Liebe ſie ſelbſt die größten Verbrechen nicht ſcheuen! Indeß bedurfte es einer zweiten ernſten Frage Benedetto's, ehe er ein zitterndes„Ja“ herausſtieß. „Schwöre es in die Hand der Geſandten der Todten, daß Du dieſes Ja ernſtlich meinſt,“ fuhr Benedetto befehlend fort, indem er ihm die vertrocknete Hand entgegen hielt.—„Schwöre!“ In Angſtſchweiß gebadet legte endlich der Geizhals ſeine Finger in die Todtenhand und ſprach ſtammelnd den Eid nach, die ange⸗ gebene Summe an die bezeichneten Anſtalten zu ſchenken; aber mit jedem Worte, welches er ausſprach, war es ihm, als ob er ſich ſelbſt einen Stich in das Herz gäbe. Die Kälte der Hand, welche er dabei berührte, drang ihm in das innerſte Mark, als ob der Tod ſchon Hand an das Leben legte. „Nun giebſt Du ferner noch eine kleine Summe an das Spital San Spirito,“ fuhr Benedetto fort, der es darauf angelegt zu haben ſchien, den Alten möglichſt gründlich auszuplündern. Voll Entſetzen ſtarrte der Geizige den kühnen Forderer an, aber nach einer kurzen, eindringlichen Rede, geſpickt mit Drohungen des Todes, mit der ewigen Rache der Höllenpein, ſagte der ſchon halbtodte Mann zu und leiſtete nochmals den Eid. Auf dieſe Weiſe erpreßte Benedetto noch eine Anzahl Summen für beſtimmte wohlthätige Anſtalten, und es ſchien ihm Vergnügen zu mach obgleich auf eine liche We Als Alten al Duft dra Geſichte faſt auge ſchloſſen Mit welche er Gewölbe wieder i den Can bekannt, eines jen⸗ durchſchne wo er e Riva de lunke ver zu ſehen nedetto e an das berlangen n ſeinem loch ſolche ten Gelde och nicht dagegen. n ſo ge⸗ ds Weſen bedachte, r wenig neht ſtets var Geld, ie größten tos, ehe daß du indem er ine Finger die ange⸗ aber mit ſich ſelbſt welche et b der Tod das Spital zu haben rderer an, Drohungen der ſchon Summen Vergnügen 1 1 1 ¹ 43³ zu machen, auf fremde n viel Wohlthaten zu ſtiften, obgleich der Ruhm dieſer milden Spenden nicht auf ihm, ſondern auf einem Andern ruhen mußte, über deſſen Bekehrung und plötz⸗ liche Wohlthätigkeit gewiß die ganze Welt Mirakel ſchreien würde. Als Benedetto ſeinen Zweck erreicht hatte, ließ er von dem Alten ab, er zog eine Phiole hervor, öffnete ſie und ein ſtarker Duft drang aus derſelben hervor; langſam näherte er dieſelbe dem Geſichte des vor Schreck und Aerger halb bewußtloſen Alten, und faſt augenblicklich erfolgte die Wirkung, denn des Wucherers Augen ſchloſſen ſich, das Haupt ſank auf die Bruſt. Mit Seelenruhe wählte Benedetto noch einige Goldſtücke aus, welche er zu ſich ſteckte, dann nahm er die Lampe und verließ das Gewölbe, deſſen Thüre er wieder verſchloß. Bald befand er ſich wieder im Freien und ſchleuderte die Lampe über die Mauer in den Canal. Er ſelbſt aber, der genau mit dieſem Stadttheile ſich bekannt gemacht hatte, überſtieg eine zweite Mauer und gelangte in eines jener engen Gäßchen, welche die Häuſermaſſen von allein Seiten durchſchneiden, und durch dieſes gelangte er weiter an einen Canal, wo er eine eben vorüberfahrende Gondel anrief und ſich nach der Riva dei Schiavone rudern ließ, wo er in einer heimlichen Spe⸗ lunke verſchwand.. Nach einigen Stunden begegnete er hier Lippi, der einen Geiſt zu ſehen glaubte, da er ſich erkundigt und erfahren hatte, daß Be⸗ nedetto ertrunken, deſſen Gefährte aber gefangen wäre. „Um den alten Nichtsnutz iſt kein Schade,“ ſagte Benedetto, „ich brauchte ihn nicht mehr, und es iſt mir lieb, ſeiner läſtigen Geſellſchaft überhoben zu ſein. Mögen ſie ihn meinetwegen hängen. Aber er könnte uns verrathen, deshalb heißt es nun, von Venedig einſtweilen Abſchied zu nehmen.— Vorher aber ſoll Monte Chriſto noch ein Zeichen erhalten, daß er ſich nicht ſicher betrachten darf und Ertrunkene immer noch leben.“ Er entfernte ſich mit Lippi und nach einigen Stunden ruderte eine Barke nach dem feſten Lande hinüber; auf dieſer Barke be⸗ fanden ſich auch Benedetto und Lippi. Zu derſelben Stunde erhielt Monte Chriſto ein Käſtchen und als Bertuccio in des Grafen Gegenwart es öffnete, ſtarrte ihnen Die Hand des Todten. 28 3 434 ein Todtenſchädel entgegen, hnebeiche den Zähnen einen Zettel hielt, des Inhalts:. „Der Geſandte der Todten von Paris grüßt Edmond Dantes, und kündet ihm an, daß der Todten Hand dicht über ſeinem Scheitel ſchwebt und in wenig Stunden ihn und die Seinen ver⸗ nichten wird.“ Monte Chriſto war erſtarrt. Er ſchickte Bertuccio fort und durchmaß ruhelos das Gemach mit haſtigen Schritten.— So mel⸗ dete ſich der Furchtbare wieder und dieſes Mal bedrohte er auch die Häupter der Seinen. Dieſe durften keiner Gefahr ausgeſetzt werden.— Ein Entſchluß, ein bitterer Entſchluß entrang ſich ſeiner Bruſt. Er rief Bertuccio. „Rüſte Alles zur Abreiſe,“ ſagte er.„Morgen verlaſſen wir Venedig und wenden uns nach dem Süden.“ Bertuccio ſah ſeinen Herrn ſtaunend an, als wolle er von ihm Aufklärung, doch der Graf winkte ihm und er ging. Am nächſten Tage hatte Monte Chriſto Venedig im Rücken. In Zelle auf Bandit z den ſtreng verſicherte bereitet, Vierundfünfzigſtes Kapitel. Die Rettung eines Verurtheilten. Nur durch der Tugend würdiges Leben Sühnſt Du den Himmeld; ſuche zu ſtreben Nach der Verſöhnung, weil es noch Zeit. Waldau. In düſterem Hinbrüten verſunken ſaß Luigi Vampa in ſeiner Zelle auf der Engelsburg. Vor wenig Stunden war der gefürchtete Bandit zum letzten Male vor ſeinen Richtern erſchienen und hatte den ſtrengen Spruch aus ihrem Munde erfahren, er lautete auf den Tod. Zwei Tage hatte man ihm gegönnt, ſich zur Reiſe in das Jenſeits vorzubereiten, dann ſollte das furchtbare Beil der Guillotine ſein Haupt vom Rumpfe trennen, blutiger Tod ſollte ſein ſchuld⸗ beflecktes Leben ſühnen. Sogleich nach ſeiner Rückkehr in den Kerker hatte ſich ein Kapuziner bei dem Verurtheilten eingefunden, ihn auf ſein baldiges Ende vorzubereiten, und Vampa hatte ſeine Worte mit ruhiger Faſſung hingenommen, er ſchien gleichgiltig gegen das Leben und verſicherte dem Pater, er ſei ſchon vollkommen auf den Tod vor⸗ bereitet, ſeitdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß ſeine Freunde, von denen er Alles erwartet, ihn verlaſſen. „Im Himmel iſt ein Freund, der Keinen verläßt, der ihm ver⸗ traut,“ hatte da der Pater geſagt,„und der den Reuigen freund⸗ lich in ſeine Arme aufnimmt. Auf dieſen Freund ſtütze jetzt Deine ganze Hoffnung.“ „Das thue ich,“ entgegnete Vampa,„und ich hoffe, ich habe mich mit ihm, den ich einſt verlaſſen, wieder befreundet.— Was Du mir ſagen könnteſt, ehrwürdiger Pater, habe ich mir ſchon Alles ſelbſt geſagt, und wenn die Stunde kommt, bin ich bereit, alle 28* 436 Pflichten, welche die Kirche ihren Bekennern auferlegt, zu erfüllen, zu beichten und die Abſolution zu erflehen, bis dahin wünſche ich aber mehr meiner Selbſtbetrachtung überlaſſen zu ſein, wenigſtens für den heutigen Tag.“ Der Kapuziner erfüllte des Gefangenen Wunſch, nachdem er noch einige Ermahnungen an ihn gerichtet, hatte er ihn ſich ſelbſt überlaſſen. Als der Mönch ſich entfernt hatte und die Thüre klirrend wieder in das Schloß gefallen, war Vampa in tiefes, ernſtes Sinnen ver⸗ ſunken, welches zuletzt in ſtarres Hinbrüten überging, indem er nicht zu bemerken ſchien, daß die Nacht hereinbrach, tiefe Finſterniß ihn umgab. War er doch dieſelbe ſchon gewohnt geworden. So überhörte es Vampa auch, als jetzt das Schloß wieder raſſelte, der Riegel klirrte, die Thüre ſich öffnete, und erſt als ein heller Lichtſchein hereinfiel, ſchaute er auf einen Augenblick auf, doch glaubend, der Schließer komme, ſeine gewöhnliche Abendviſi⸗ tation zu halten, ließ er ſofort wieder das Geſicht in die Hände ſinken und verharrte in dieſer Stellung theilnahmlos gegen Alles, was ihn umgab. Ein Mönch trat ein, der Schließer folgte ihm und ſetzte eine Laterne auf den Boden; er wollte den Gefangenen anreden, ihn von dem Beſuche unterrichten, doch der Mönch winkte ihm zu ſchweigen und ſich zu entfernen. Da ging der finſtere Mann und ließ den Geiſtlichen mit dem Gefangenen allein. Schweigend blieb der Mönch einige Zeit vor dem Verurtheilten ſtehen, ihn ernſten Blickes betrachtend. Vampa blieb noch immer unbeweglich. „Luigi!“ ſagte der Mönch endlich. Bei dieſem Rufe ſchaute Vampa auf und ſchien erſtaunt, den Mönch hier zu ſehen, er ſuchte ihm in das Geſicht zu blicken, doch war dieſes zu ſehr im Schatten, als daß er einen Zug deſſelben hätte erkennen können. „Wer ruft mich?“ fragte er dann. „Jemand, der Dein Beſtes will,“ erwiderte der Mönch. „Ich glaube Euch dieſes Wort, würdiger Pater,“ antwortete Vampa,„aber ich halte Euren Beſuch heute für unnöthig; ich habe bereits den Wunſch ausgeſprochen, daß man mich mir ſelbſt über⸗ nülen, ſce ich nigtens dem er h ſelbſt wieder en ver⸗ er nicht riß ihn wieder als ein lick auf, bendviſi⸗ Hände Ales, zte eine ihn von chweigen ließ den theilten h immer nt, den en, doch deſſelben w. twortee ich habe bſt übe⸗- 437 laſſe, bis die Stunde erſcheint, und dann ſoll ſich Niemand über mich zu beklagen haben.“ „Welche Stunde?“ „Die Stunde des Todes.— Eine andere habe ich doch nicht zu erwarten und habe mit dem Leben abgeſchloſſen.“ „Wohl Dir,“ ſagte da der Mönch mit erhobener Stimme,„wohl Dir, wenn Du mit Deinem vorigen Leben abgeſchloſſen und Du Dich zum Antritt eines anderen, würdigeren bereiteſt.“ Dieſe Stimme klang Luigi wunderbar bekannt; er ſprang auf, ergriff die auf dem Boden ſtehende Laterne und verſuchte, dem Mönche in das Geſicht zu leuchten, doch dieſer hatte ſeine Kapuze tief in das Geſicht gezogen, ſo daß kein Zug ſich erkennen ließ. „Sie ſind?“ fragte Vampa, die Laterne auf den Steintiſch ſetzend. „Ein Freund!“ antwortete der Beſucher. Er machte zugleich eine leichte Bewegung und die Kapuze fiel zurück. Vampa ſah in ein Geſicht mit grauem Barte. „Ihr Geſicht kenne ich nicht, aber Ihre Stimme iſt die— des Grafen Monte Chriſto,“ ſagte Vampa endlich. Der Mönch winkte dem Verurtheilten mit raſcher Bewegung Schweigen zu. „Still, Luigi,“ ſagte er,„nenne keine Namen.“ „So ſind Sie es wirklich?“ rief Vampa in freudigem Erſtaunen. Und unwillkürlich ſank er vor dem als Mönch gekleideten Grafen auf die Kniee nieder. Monte Chriſto zog den Gefangenen faſt unwillig vom Boden auf und gebot ihm, ſelbſt hier, wo ſie ſcheinbar ohne Zeugen wären, nichts zu thun, was ſeine Erkennung herbeiführen könne, und be⸗ ſonders ſolle er vermeiden, Namen auszuſprechen, denn er müſſe hier für Alle allein der Mönch bleiben, unter ſeinem wahren Namen aufzutreten, habe er gewichtige Gründe, zu vermeiden.! Vampa ſah den Grafen verwundert an. Daß er in dem Kerker nicht als Graf Monte Chriſto erkannt ſein wollte, ſchien ihm ganz natürlich, daß der Graf aber Gründe haben könne, in Rom nicht unter ſeinem wahren Namen aufzutreten, erſchien ihm ſonderbar.“ „So lange erhielt ich kein Zeichen von Ihnen,“ ſagte Vampa, „und ſchon glaubte ich mich von Ihnen verlaſſen; dieſes aber hieß für mich, auch von aller Welt verlaſſen zu ſein. Ich hatte zwei 438 Vermuthungen: entweder hatten Sie mich aufgegeben, oder es war Ihnen unmöglich gemacht worden, Etwas für mich zu thun, wenn aber das Letztere der Fall war, dann mußte ich mich für verloren halten, denn wo die Kraft eines Mannes, wie Sie, erlahmt, dann iſt auf der Erde keines Menſchen Kraft mehr im Stande, ein Werk zu vollbringen, was Ihnen zu ſchwer geworden.— Was ſoll ich nun für das Wahre annehmen?“ „Das Letztere,“ erwiderte Monte Chriſto mit düſterem Ernſte. „Sie ſcherzen.“ „Nein, ſage ich Dir, ich ſcherze nicht.— Meine Macht hat in Vollendung meiner erſten Miſſion ihren Glanzpunkt erreicht, jetzt erlahmt dieſe Macht, feindliche Mächte umſchlingen mich mit unſicht⸗ baren Banden, mich in meiner zweiten Miſſion zu hindern.“ „Laſſen Sie mich an Ihrer Seite ſtehen, um dieſe Banden zu vernichten.“ „Nicht alſo,“ entgegnete Monte Chriſto ſehr ernſt,„der Weg, den ich Dir vorzuzeichnen Willens bin, führt zwar mit dem meinen zu einem gleichen Ziele, allein dennoch bleiben ſie getrennt.“ Vampa wich bei dieſen Worten zurück und ſchoß einen zornigen und mißtrauiſchen Blick auf den Grafen. „Ich glaubte, Sie kämen, um mir Rettung zu verkünden,“ ſagte er dann. „Rettung für dieſſeits, und von Dir wird es abhängen, ob auch für das Jenſeits,“ antwortete Monte Chriſto. „Wie,“ rief Vampa mit freudeſtrahlendem Blick emporſchnellend, „ſo wird mein Blut nicht unter dem Henkerbeile fließen?“ Vampa hatte vor einer Stunde noch ſein Leben aufgegeben und mit kalter, ſtolzer Ruhe ſeinem Ende entgegen geſehen, aber bei den wenigen Worten Monte Chriſto's war auch die ganze Liebe zum Leben wieder erwacht und er klammerte ſich an die Hoffnung wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. „So werde ich nicht fallen?“ fragte er nochmals, und ſein Auge hing an Monte Chriſto's Munde, als erwarte er von dieſem das Urtheil über Leben und Tod. „Ich hoffe, nein,“ entgegnete der Graf. „Auch nicht in dieſem verdammten Kerker vermodern?“ fragte Vampa weiter. nie geſe Deine Deine heſtet ſ und tie es war n, wenn verloren nt, dann in Werk ſoll ich Ernſte t hat in ct, jetzt t unſicht⸗ 3 anden zu eer Weg, meinen zornigen künden,“ ngen, ob hnellend, igegeben en, aber nze Liebe Hoffnung ſein Auge eſem das frage 439 „Ich glaube nicht,“ war Monte Chriſto's Erwiderung. „Ha,“ jauchzte da der Verurtheilte leiſe vor ſich hin,„dieſes Wort verbürgt mir meine Freiheit und dann— dann ſehe ich Eugenie wieder.“ Faſt trübe ſchaute Monte Chriſto den Gefangenen an. Dann fragte er langſam: „So haſt Du Eugenie Danglars nicht vergeſſen?“ „Wie könnte ich das!“ rief Vampa voll Leidenſchaft. „Klagſt Du ſie noch an, ſchuld an Deiner Gefangenſchaft zu ſein?“ „Nein, nein, ich bin ja längſt ſchon von ihrer Unſchuld überzeugt.“ „Was bezweckſt Du nach Wiederlangung Deiner Freiheit in Bezug auf Eugenie?“ „Ich werde ſuchen, ihre Liebe zu erringen und mich ganz ihrem Dienſte weihen; ſie wird an meiner Seite leben.“ „Halt,“ rief da Monte Chriſto gebieteriſch,„das kann, das darf nie geſchehen! Haſt Du nicht bedacht, welche Kluft Du ſelbſt durch Deine Vergangenheit zwiſchen Dir und Eugenie aufgebaut haſt? Deine Vergangenheit iſt dunkel, blutbefleckt, an Deinem Namen heftet ſich Schrecken und Entſetzen, Eugenie iſt hingegen rein, zart⸗ und tieffühlend, und wenn ſie ſelbſt auf Augenblicke Deine Ver⸗ gangenheit vergeſſen könnte, die Erinnerung würde ihr ſtets wieder zurückkehren, ſie würde nur mit Schauder auf Dich blicken können und das Blut an Deinen Händen kleben ſehen; dieſes aber müßte ſie grenzenlos elend machen, ſie müßte ihr Leben unter Schmerz, Gram und Trauer verzehren, langſam im freudenloſen Daſein müßte Eugenien's Leben lange vor der Zeit hinwelken und Du wärſt ge⸗ zwungen, Dich als ihren Mörder anzuklagen. Du hätteſt nur Unheil geſchaffen für ſie und Dich.— Haſt Du dieſes auch bedacht, Luigi?“ Vampa ſchlug ſich mit wilder Geberde vor die Stirne. „So bin ich ausgeſtoßen von der Welt und von den Menſchen,“ grollte er im Tone der Verzweiflung,„ſo ſoll ein Fluch an mir haften und mir nachdonnern, wohin ich mich wende?— Dann iſt der Tod mir willkommen. Was ſoll mir das Leben ohne Glück?“ „Sprichſt Du wie ein Mann?“ unterbrach Monte Chriſto dieſen leidenſchaftlichen Ausbruch.„Du ſprichſt vom Tode, weil Du einer Idee entſagen ſollſt?— Das thun nur kleine Seelen. Du ſollteſt 440 vielmehr vom Leben ſprechen, von einer Zukunft, welche Deine Ver⸗ gangenheit ſühnt, und ſollteſt darauf denken, das Glück, den Frieden, an welchen Du jetzt verzweifeln willſt, aus Dir ſelbſt zu ſchaffen.— Ernſtlichem Wollen gelingt Vieles, in ihm liegt des Mannes Kraft. — Wolle Dein Glück und Du wirſt es ſelbſt durch Entſagung finden. — Bedenke, wie unglücklich Eugenie werden müßte, wie unglücklich Du ſelbſt, und Du wirſt den geträumten kurzen Stunden des Glücks um ſo freudiger entſagen, um Jahre, nein Ewigkeiten des Elends zu vermeiden; dann kannſt Du Dir einſt ſelbſt mit hoher Befriedig⸗ ung ſagen: durch ein ſchwer ſcheinendes Opfer habe ich das Glück Derer gerettet, die ich liebte, und aus dieſem fröhlichen Bewußtſein wirſt Du reineres Glück ſchöpfen, als Du je gefühlt.“ Vampa ſchwieg. „Oder,“ fuhr Monte Chriſto nach einer Pauſe fort,„glaubſt Du wirklich, Du könnteſt die Erinnerung an die Vergangenheit ſo vernichten, daß nur die ſonnenklare Gegenwart vor Dir liegt, und Eugenie wirklich ſo glücklich machen, wie ſie es verdient?“ Wieder ſchwieg Vampa; er ließ das Haupt muthlos auf die Bruſt ſinken. Monte Chriſto beobachtete ihn mit ernſten Blicken. „Du ſchweigſt?“ ſagte er dann.„Dieſes Schweigen ſagt mir, daß Du ſelbſt daran zweifelſt, und dieſes Eingeſtändniß muß Dir genug ſein, um zu entſagen. Der Mann muß eines Mannes würdig handeln.“ „Ich fühle es, ich bin elend,“ ſtöhnte Vampa. „Dann mußt Du auch das Bedürfniß fühlen, Dich aus dem Elende zu retten,“ entgegnete Monte Chriſto ſtreng.„Sagteſt Du nicht vorhin ſelbſt, Du hätteſt mit Deinem vorigen Leben abgeſchloſſen?“ — Laß es in Vergeſſenheit ſinken und bereite Dich zu einem wür⸗ digeren vor, auf daß Dein Wort zur Wahrheit werde.“ „Ich verſtand jenes Wort in Beziehung auf den mich erwar⸗ tenden Tod.“ „Laß Luigi Vampa mit ſeiner Vergangenheit auch wirklich todt ſein und tritt als neuer Menſch in die Welt.“ Mit eindringenden, erſchütternden Worten drang nun Monte Chriſto in den Banditen, ſein Leben zu ändern, ſeine Verbrechen zu ſühnen durch aufrichtige Reue und Buße und dadurch ſich eines künftigen Glückes würdig zu machen; noch ſtänden ihm hundert ·—··ʒͥʒʒNNNY Wege of ſchaft zu er ſich wenn er reichen, und unn böſen G⸗ hartem K ſelbſt ern ſchen ſch Guten m Böſe üb Menſchen wirkunge und gep williges und die zu pfleg reichen habe, wi Princip feſten W werden Reellich Willen ne Ver⸗ ieden, ffen.— ³ Kraft. finden. glückich 3 Glücks Elends ffriedig⸗ 3 Glück vußtſein „glaubſt inheit o egt, und auf die Zücken. agt mir, nuß Dir würdig zus dem teſt Du goſſen?“ em wür⸗ herwar⸗ wirklich Monte echen zu h eines hundert 441 Wege offen, ein wahrhaft nützliches Glied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu werden und ſegensreich und verſöhnend zu wirken, wodurch er ſich bei dem ewigen Richter einen milden Richterſpruch erringe, wenn er einſt vor deſſen Thron treten müſſe. Um dieſes zu er⸗ reichen, ſei aber nöthig, daß er mit ſeiner Vergangenheit gänzlich und unwiderruflich breche, jeden etwa noch in ihm auftauchenden böſen Gedanken mit entſchloſſener Kraft unterdrücke und ſo nach hartem Kampfe den größten Sieg in der Welt, den Sieg über ſich ſelbſt erringe. Er müſſe aus ſich ſelbſt heraus einen neuen Men⸗ ſchen ſchaffen, denn in dem Menſchen ſelbſt liege der Keim des Guten wie des Böſen, und an ihm ſelbſt liege es nur, wenn das Böſe über das Gute triumphire, nicht von Außen könne es in den Menſchen gepflanzt werden, wohl aber könnten durch äußere Ein⸗ wirkungen ſowohl die Keime des Guten wie des Schlimmen geweckt und gepflegt werden; an dem Menſchen ſelbſt ſei es dann, durch williges Entgegenkommen die Einflüſſe des Guten willig aufzunehmen und die dadurch befruchteten Keime des Edlen und Tugendhaften zu pflegen, auf daß ſie zu einem üppigen, kräftigen und ſegens⸗ reichen Fruchtfelde emporſprießen könnten, hingegen ſei es auch Pflicht, den Einflüſterungen der Böſen keinen Eingang zu geſtatten und das zwiſchen dem reinen Samen aufwuchernde Unkraut kräftig auszurotten. Monte Chriſto wies darauf hin, wie Vampa nur zu lange ſchon die Stimme des Feindes alles Guten gehört und ihr gefolgt habe, wie es aber noch nicht zu ſpät ſei, den Kampf mit dem böſen Princip in ſich ſelbſt aufzunehmen, der, ob auch ſchwer, doch durch feſten Willen, Beharrlichkeit und Mannesmuth ſiegreich durchgeführt werden könne. „In ſolchem Kampfe muß das Gute zuletzt über das Böſe ſiegen,“ ſchloß der Graf,„denn wo ernſter Wille, wo aufrichtige Geſinnungen ſind, da iſt auch Gott der treueſte Verbündete, und undenkbar iſt es, daß er dann dem Böſen den Sieg über das Gute gewähren ſollte, denn dann würde ier ja aufhören, der treue Ver⸗ bündete, der allliebende Vater, der Inbegriff alles Guten zu ſein. Freilich muß dann der Kämpfer von Beharrlichkeit und redlichem Willen beſeelt ſein, denn von einem Heuchler wird Gott nie der Verbündete werden.“ 442 Tief bewegt hatte Vampa dieſer Rede des Grafen zugehört; ſeine Erſchütterung nahm von Minute zu Minute zu und Thränen ſchimmerten in den Augen des einſt ſo wilden Banditen.— Er reichte Monte Chriſto die Hand und ſagte: „Ich will kämpfen und— ſiegen!“ „Dann wird Gott Dich ſegnen,“ entgegnete der Graf,„er wird Dir Ruhe und Frieden zurückgeben und Dir einſt eine ruhige Sterbe⸗ ſtunde gewähren.“ Monte Chriſto fuhr nun fort, dem Reuigen Rathſchläge über ſeine künftige Lebensbahn zu geben. Er wollte Vampa befreien und dann ſollte der Befreite das Noviciat in einem höhere Zwecke verfolgenden Orden antreten und ſich dann entweder der Kranken⸗ pflege oder dem Miſſionsdienſte widmen, durch Allem entſagende, für das allgemeine Menſchenwohl Alles opfernde Liebe ſollte er die Er⸗ innerung an frühere, wild durchſtürmte Tage zu verwiſchen ſuchen. Wenn aber Vampa nach abgelegtem Probejahre und nach reiflicher Prüfung ſeiner ſelbſt keine Neigung empfinde, in einen geiſtlichen Orden zu treten, dann ſolle er lieber einen anderen Weg einſchlagen, der, ob man ihn auch weltlich nenne, doch ebenfalls zum Ziele führe. „Viele Wege führen zu dem einen Ziele,“ ſagte Monte Chriſto, „dem Reichen wie dem Armen ſind ſie geöffnet, und von eines Jeden Neigung hängt es ab, welchen Pfad er zur Erfüllung ſeiner Miſſion wählen will; nur achte Jeder auch ſorgſam darauf, daß er nicht auf Abwege geräth.“ Nachdem Alles beſprochen war, fragte Luigi, wie ſein Freund ihn befreien wollte, und ſprach ſeine Zweifel darüber aus, ob dieſes auch gelingen werde. „Es wird gelingen,“ entgegnete Monte Chriſto.„Vampa, der gefürchtete Bandit aus den Katakomben Roms, ſoll ſterben, ſoll für die Welt wirklich todt ſein, aber aus ſeinem Tode ſoll er zum neuen Leben erwachen.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Luigi zweifelnd. „Du wirſt mich verſtehen,“ erklärte Monte Chriſto. „Hier nimm dieſe Kryſtallphiole. Der Inhalt iſt genau be⸗ rechnet. Er wird Dich auf zwei Mal vierundzwanzig Stunden in einen Zuſtand der Erſtarrung verſetzen, daß Du einer Leiche gleich wirſt; um die Täuſchung vollkommen zu machen, nimm dieſe zweite blaue P wird ſich keinen 3 Dich der mir gein biſt Du Van mit genc Dann en Am Räuberch Abende Monte( ſtarren! Noc dem ger trennten Leben zu verfolgen augehört, Thränen — Er „er wird e Sterbe⸗ äge über befreien te Zwecke Kranken⸗ ende, für r die Er⸗ n ſuchen. reiflicher zeiſtlichen ſchlagen, ele führe. Chriſto, nes Jeden r Miſſton er nicht Freund ob dieſes mpa, der , ſoll für um neuen genau be⸗ unden in ce gleich iſe weite 443 blaue Phiole und reibe mit deren Inhalt Deinen Körper ein, dann wird ſich nach einigen Stunden ein Leichengeruch entwickeln, welcher keinen Zweifel an Deinem Tode übrig läßt. Dann wird man eilen, Dich der Anatomie zu überliefern, deren Director aber bereits von mir gewonnen iſt und Dich in meine Hände übergiebt.— Dann biſt Du gerettet und für das Weitere iſt bereits Alles eingeleitet.“ Vampa empfing aus Monte Chriſto's Händen die beiden Phiolen mit genauer Anweiſung, wie er deren Inhalt gebrauchen ſolle. Dann entfernte ſich der Graf. Am nächſten Tage verbreitete ſich das Gerücht, der verurtheilte Räuberchef Luigi Vampa ſei am Schlage plötzlich geſtorben; am Abende deſſelben Tages aber wurde in das Haus eines Agenten Monte Chriſto's ein verſchloſſener Korb gebracht; er enthielt den ſtarren Körper Luigi Vampa's. Noch vierundzwanzig Stunden ſpäter verließ Monte Chriſto mit dem geretteten Vampa Rom und ging nach Civita⸗Vecchia. Hier trennten ſie ſich; Vampa wandte ſich nach dem Norden, ein neues Leben zu beginnen, Monte Chriſto nach Süden, dem ihn raſtlos verfolgenden Dämone zu entfliehen. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Die Luſtfahrt nach Iſchia. Glaube nicht, mir zu entgehen, Meine Hand erreicht Dich doch. Goethe. Von Rom war Monte Chriſto nach Neapel gegangen, wo er unter dem Namen des Lord Hope lebte. Er glaubte, hier weit genug von Venedig zu ſein, um den geheimnißvollen Verfolger ge⸗ täuſcht zu haben, zudem er noch ein anderes Mittel gebraucht, um ihn irre zu leiten. Sogleich nach ſeiner Entfernung von Venedig hatte Monte Chriſto nach Paris den Auftrag ertheilt, in einigen Journalen daſelbſt die Nachricht abdrucken zu laſſen, er ſei in Marſeille gelandet und befinde ſich auf dem Wege nach Paris, dann aber, er befinde ſich bereits in Frankreichs Hauptſtadt. Der Graf war vollkommen überzeugt, dieſe Nachricht würde unter den ſtoff⸗ bedürftigen Journalen ſchnell die Runde machen und ſo jenen Menſchen, der ihn ſo raſtlos verfolgte, gänzlich irre leiten. 1„Es müßte kein irdiſches Weſen, es müßte ein Dämon ſein, wenn er auch hierher mir folgte,“ murmelte der Graf manchmal, und ich hätte dann alle Urſache, zu fürchten, daß er beſtimmt ſei, mir den Untergang zu bringen.“ Es vergingen Wochen; Monte Chriſto hatte an der Straße nach Portici ein kleines Landhaus gemiethet und wohnte daſelbſt mit Haidee und einer kleinen Dienerſchaft, zu welcher jetzt auch Pierre geſellt war. Der Graf ſchien vollkommen heiterer und un⸗ befangener, als er ſeit ſeiner Ankunft in Italien je geweſen war. Eugenie Danglars und Louiſe Armilly befanden ſich ebenfalls hier, ſie hatten bei dem berühmten Theater San Carlo Anſtellung angenommen und ernteten reichen Beifall. Mercedes mit Albert und deſſe in Nape jungen 5 behalten zu begleit ſeiner, d einige N woltt,jeh hätte er! von dem Erde gäb und ſtirb Mor und er der Graf ſeltener Erſtere n terlichen Geſchäſten Vaters h in dieſe Pompeji Aberts gehen, h doch. he. I, wo er hier weit olger ge⸗ ucht, un Venedig zeinigen r ſei in ris, dann der Graf den ſtoff⸗ ſo jenen non ſein, nanchmal, immt ſei, r Straße e daſelbſt et auh und un⸗ iſen war. ebenfalls Anſtellung t Abett 445 und deſſen Gattin hatten den Aufenthalt in Rom ebenfalls mit dem in Neapel vertauſcht, und zwar hauptſächlich auf Wunſch der beiden jungen Damen, welche gern in Mercedes eine mütterliche Beſchützerin behalten wollten und ſie gebeten hatten, ſie auf einige Zeit hierher zu begleiten. Albert war um ſo lieber hierher übergeſiedelt, als er ſeiner, das ſüdliche Klima gewohnten jungen Gattin gern noch für einige Monate den Aufenthalt in dem ſüdlichen Italien gewähren wollte,ehe er ſie nach dem rauheren Klima von Paris führte. Wo hätte er da einen reizenderen Aufenthalt finden können, als Neapel, von dem die ſtolzen Einwohner in voller Ueberzeugung, auf der Erde gäbe es kein reizenderes Plätzchen mehr, ſagen:„Sieh' Neapel und ſtirb!“ Monte Chriſto war hier mit Albert wieder zuſammengetroffen, und er und deſſen Gattin bildeten den einzigen Umgang, welchen der Graf und Haidee genoſſen. Mercedes ſah er nur ſelten, noch ſeltener aber Eugenie und Louiſe, und dann geſchah es nur, um Erſtere mit ſeinem Rathe zu unterſtützen, da das Einziehen der müt⸗ terlichen Erbſchaft für Eugenie bei ihrer Unerfahrenheit in ſolchen Geſchäften mehr Schwierigkeiten bot.— Den Selbſtmord ihres Vaters hatte der Graf Eugenien verſchwiegen, ſowie er überhaupt in dieſem Punkte gegen Alle Schweigen beobachtete, er wollte dem Mädchen durch dieſe Kunden nicht neue Demüthigungen bereiten. Nachdem viele Wochen in größter Eingezogenheit verlebt waren, kaum etwas unterbrochen durch einige kurze Ausflüge nach Portici, Pompeji und Caſerta, beſchloß endlich Monte Chriſto, dem Wunſche Alberts nachzugeben und ihn auf einem weiteren Ausfluge nach den paradieſiſchen Inſeln Iſchia, Capri und Procida zu begleiten. Man wollte erſt nach Iſchia gehen, dort im Freien übernachten und den nächſten Tag nach Neapel zurückkehren. Monte Chriſto unternahm die Parthie mehr, um Haidee Zer⸗ ſtreuung zu verſchaffen, und Alle erwarteten von der Luſtbarkeit viel Vergnügen. Außer dem Grafen und Haidee, Albert mit Maria und Mer⸗ cedes, Eugenie und Louiſe, befanden ſich nur noch eine Dienerin und zwei Diener auf dem ſchwankenden Schifflein, deſſen Beſatzung aus jenen ſtarkſehnigen, nacktbeinigen Fiſchergeſtalten beſtand, welche 446 in Neapel ſo zahlreich und deren Stimmen bisweilen gleich denen der berüchtigten Lazzaronis ſo gewichtig ſind. Bald ſchwamm das Fahrzeug auf dem ewig blauen Waſſer⸗ ſpiegel des Golfs dahin, jenen Eilanden zu, die gleich ſchimmernden Juwelen aus der heiteren, blauen Fläche auftauchend, den Schiffen⸗ den gar einladend entgegenwinkten. Eugenie und Louiſe, die heiteren Künſtlernaturen, waren ent⸗ zückt von den Reizen der Waſſerfahrt unter dieſem glücklichen Himmel, und mit jener Leichtigkeit, mit welcher namentlich für Kunſt be⸗ geiſterte Naturen ſo gern ſich über Alles hinwegſetzen und den glücklichen Augenblick in vollen Zügen genießen, ſchienen auch die beiden Freundinnen die Erinnerung an die trüben Wolken, welche bisweilen den Himmel ihres Lebens beſchattet, gänzlich in den Hintergrund gedrängt zu haben; namentlich war es bei Eugenie der Fall, welche ſelbſt die Abneigung vergeſſen zu haben ſchien, welche ſie ſeit Benedetto's Mittheilungen über den Grafen gegen dieſen empfand, und die— da ſie nicht Alles glauben konnte, was der bluttriefende Bruder von ihm geſagt— zwar nicht ſtark genug hervortrat, um ſich gegen Monte Chriſto ſchroff und abweiſend zu zeigen, welche aber dennoch tief genug in ihrem Herzen gewurzelt hatte.— Beide Mädchen erheiterten die Geſellſchaft mit ihren Ge⸗ ſängen und die ganze Geſellſchaft war glücklich, ſehr glücklich. Eine Stunde und länger war das Fahrzeug fortgetrieben, die Luſt ſtieg, ſelbſt der ernſte Monte Chriſto ward immer heiterer, er unterhielt ſich mit Albert und machte ihn ſelbſt auf die reizvollen Umgebungen aufmerkſam. „Wahrlich,“ ſagte er,„ich habe ſchon ſo viel von der Erde geſehen, aber ich muß dennoch geſtehen, Neapel iſt eines der reiz⸗ vollſten Plätzchen, welches unſere Erde aufzuweiſen hat; in ganz Europa kenne ich nur ein ähnliches, Conſtantinopel und ſeine Um⸗ gebungen, auch dort entfalten ſich, wie hier, die Reize des Paradieſes. Es liegt nur an den Menſchen ſelbſt, um hier glücklich, recht glück⸗ lich zu ſein und ſolche von der Natur bevorzugte Plätzchen wirklich zu Paradieſen zu machen. Leider muß man aber da geſtehen, es ſind in dieſem Paradieſe viele gefallene Engel, ſelbſt Teufel.“ „Es iſt merkwürdig, daß, je herrlicher das Land, je teufliſcher die werden, welche es bewohnen, ſei es Menſch, ſei es Thier. ———Q—Q—OL—HQ—L—Q—Q—Q—-᷑—˖———— —— Neapel h nicht nach „Un trifft,“ 1 den Veſu blaue Lu Menſchen und gährt jeden Aug Leidenſcha gekommen Unw heitere S unſeligen nicht Mac hatte ſich Albe ging, ein in deſſen es ihm v Beid neuen G rauſchten. Plöt welche im Ruderern Segel kre dos uh bewegte. „Hi ſagte a haben, haben 8 Englinde retten kan „Mir machen ſi h denen V Waſſet⸗ mernden Schiffen⸗ dren ent⸗ Himmel, unſt be⸗ und den auch die „welche in den genie der , welche n dieſen was der k genug iſend zu ewurzelt gren Ge⸗ c. ben, die teerer, er eizvollen der Erde der rei in ganz ine Um⸗ rodieſes. ht glück⸗ witklich hen, es l. eufliſcher Thier. 447 Neapel hat ſeine Vipern, und Menſchen, die ihnen an Bösartigkeit nicht nachſtehen,“ entgegnete Albert. „Und einen Nachbar, der an tückiſcher Bösartigkeit Alles über⸗ trifft,“ fügte Monte Chriſto hinzu, auf den in der Ferne ſich erheben⸗ den Veſuv deutend, welcher aus ſeinem Krater Rauchwolken in die blaue Luft wirbelte.„Aber der Berg hat mit ſeiner Tücke die Menſchen angeſteckt, und wie das Feuer in ſeinen Eingeweiden tobt und gährt, ſo glüht auch die Leidenſchaft in der Menſchen Herzen, jeden Augenblick drohend, ſich verheerend Bahn zu brechen.— Durch Leidenſchaft iſt leider immer das größte Unglück über die Menſchen gekommen, ſei es für die Einzelnen, ſei es für die Maſſe.“ Unwillkürlich verdüſterte ſich bei dieſer Erinnerung des Grafen heitere Stirn wieder.— Auch er hatte ja unter dem Einfluſſe dieſer unſeligen Leidenſchaften gelitten, bitter gelitten, auch er hatte ja nicht Macht genug gehabt, ſeine Leidenſchaften zu zähmen, und er hatte ſich dadurch— Selbſtqual bereitet. Albert ſchien zu bemerken, was in des Grafen Bruſt vor ſich ging, ein Blick auf die ſich umwölkende Stirn des Grafen, ein Blick in deſſen wie von geheimem Schmerze aufleuchtendes Auge hätten es ihm verrathen müſſen. Beide Männer ſchwiegen, die Frauen aber ſtimmten einen neuen Geſang an, deſſen Töne harmoniſch über das Waſſer rauſchten. Plötzlich machte Albert den Grafen auf eine Barke aufmerkſam, welche im Fluge daher ſchoß, augenſcheinlich von beſonders geübten Ruderern getrieben, welche das im vollen Winde ſich blähende, kleine Segel kräftig unterſtützten. Die Barke nahm die Richtung'auf das Fahrzeug des Grafen, welches ſich im Verhältniſſe langſamer bewegte. „Hier will ſich am Ende eine Geſellſchaft uns anſchließen,“ ſagte Albert.„Der Geſang unſerer Damen muß Zauberkräfte haben, wie der der Sirenen, welche ſich einſt hier herumgetrieben haben ſollen.— Die Burſchen kommen näher.— Vielleicht ſind es Engländer, vor denen man ſich auf keinem ſchönen Punkte der Erde retten kann.“ „Mir läge an der Geſellſchaft engliſcher Touriſten nichts, ſie machen ſich ein wenig zu breit, als daß bei ihrem Vergnügen auch 448 Andere Vergnügen haben ſollten.— Aber vielleicht machen ſich die Herren das Vergnügen, mit uns eine Wettfahrt zu unternehmen, und dann haben wir das Vergnügen, von ihnen in anderer Be⸗ ziehung in Ruhe gelaſſen zu werden.“ E In der That ſchien es auf eine Wettfahrt abgeſehen, die Fiſcher waren derſelben Meinung und machten Anſtalt, einen ſolchen Wettkampf anzunehmen, indem auch ſie den Gang ihrer Barke zu beſchleunigen begannen; Monte Chriſto befahl ihnen aber, ſich damit weiter keine Mühe zu geben, vielmehr in dem vorigen Gange zu verharren, die Reize der Waſſerfahrt wären ihm lieber, als ſolch' ein nutzloſes Jagen. Die Barke näherte ſich unterdeß. Es befanden ſich in ihr außer den beiden Ruderern nur zwei Männer, welche ruhig ſitzen blieben und von der Geſellſchaft nicht einmal ſo viel Notiz nahmen, daß ſie ihr die Geſichter zugewendet hätten. In raſchem Fluge ſchoß die Nußſchale heran, lief einige Minuten neben der Barke Monte Chriſto's hin und die beiden Fiſcher riefen ihren triumphiren⸗ den Gruß herauf. Dann ſchoß ſie vorwärts, wendete, umkreiſte die Geſellſchaft in einem Bogen und rauſchte davon. „Das iſt ja ein ordentliches Piratenmanöver,“ ſagte Monte Chriſto.„Wenn wir nicht ſo nahe an der Stadt wären, würde ich ſagen: ſeien wir auf der Hut.“ „Ohne Beiſpiel wäre es nicht, daß ruhige Fahrzeuge ſelbſt in Häfen von ſolchen unverſchämten Burſchen angefallen wären,“ ent⸗ gegnete Albert.„Aber mit dieſen nehmen wir es ſchon auf.— Nur etwas fällt mir auf, daß einer dieſer Burſchen trotz der Hitze noch einen Mantel trägt.“ „Ihn friert vielleicht,“ meinte der Graf ironiſch.„Das wäre echt engliſch.“ „Die Kerls wollen uns ärgern,“ murrten die Fiſcher unzufrieden und machten nun Anſtalt, den angebotenen Wettlauf ernſtlich an⸗ zunehmen. Die Barke kehrte jetzt um, umkreiſte nochmals das größere Fahrzeug und entfernte ſich dann wieder. Plötzlich fuhr Haidee, welche das ſonderbare Benehmen jener Barke beſorgten Auges beobachtet hatte, erſchrocken auf und ergriff Monte Chriſto's Arm. b V V ——— Geſicht „r gnügen! nun doch Er hundert mit ihm Die die Ruder bedeutend „No trage ob dort ſo g Patron ſ Das Grafen b den Vorſ Für Burſchen gefordert angezoge mend wa die blaue „M hoffentlie Die ſich die rnehmen, derer Be⸗ hen, die n ſolchen Barke zu ih damit Zange zu als ſolch h in ihr hig ſiten nahmen, im Fluge er Barke mphiren. rreiſte die te Monte ;, würde ſelbſt in en,“ ent⸗ auf.— der Hitze Das wäre zufrieden nſtlich an⸗ z größere nen jener nd ergtif 1 1 449 „Schau hin!“ flüſterte ſie.„Was iſt das?“ Monte Chriſto warf einen Blick auf das Boot und ein leichtes Beben durchſchauerte unwillkürlich ſeinen Körper, denn im Boote hatte ſich der Mann im Mantel plötzlich hoch aufgerichtet und den einen Arm erhebend, machte er eine drohende Bewegung gegen die Geſellſchaft. „Bei Gott, das iſt Er!“ entſchlüpfte es dem Grafen. „Wer?“ riefen Haidee und Albert zu gleicher Zeit. Monte Chriſto hatte ſich indeſſen ſchon wieder gefaßt und ſein Geſicht zeigte die vorige kalte Ruhe. „Irgend ein halbtoller Menſch mag es ſein, der ſich das Ver⸗ gnügen macht, mich zu umſchwärmen,“ ſagte er.„Ich will aber nun doch ſehen, wer es eigentlich iſt.“ Er wandte ſich zu den Fiſchern und bot jedem von ihnen hundert Ducati, wenn ſie jenes Boot einholten und dann Schritt mit ihm hielten. 2 Die Fiſcher lächelten vergnügt und ſie legten ſich ſofort auf die Ruder. Hundert Ducati waren für jeden von ihnen ſchon ein bedeutender Schatz, den ſie ſich nicht entgehen laſſen konnten. „Noch hundert Ducati lege ich für Jeden von Euch zu und trage obendrein allen möglichen Schaden, wenn Ihr die Nußſchale dort ſo anrennt, daß ſie ſinken muß,“ flüſterte Monte Chriſto dem Patron ſeiner Barke zu. Das Auge dieſes Mannes blitzte feuriger. Er nickte dem Grafen beiſtimmend zu, dann ging er zu ſeinen Gefährten, ihnen den Vorſchlag des Grafen mitzutheilen. Für eine ſolche Summe, wie ihnen geboten wurde, hätten dieſe Burſchen das Zehnfache von dem unternommen, was jetzt von ihnen gefordert wurde. Das kleine Segel wurde augenblicklich ſtraffer angezogen, die Ruder ſchlugen in die Fluth, daß das Waſſer ſchäu⸗ mend weithin ſpritzte, das Schifflein durchfurchte mit doppelter Eile die blaue Fluth, ſeine Richtung auf die andere Barke nehmend. In dieſer, welche ſich läſſig auf den Wellen ſchaukelte, ſtand der Mann noch immer in drohender Stellung aufrecht und ſchien ruhig das Herankommen der größeren Barke zu erwarten. „Menſch oder Teufel,“ murmelte Monte Chriſto,„wir werden hoffentlich bald in das Klare zu einander kommen.“ Die Hand des Todten. 29 6 450 Da ſcholl plößlich ein wildes, grelles Lachen von der kleinn I Barke herüber. „Edmond Dantes,“ rief es dann über die Fluth,„der Geſandte der Todten grüßt Dich!“ Ein neues, grelles, zorniges Lachen; dann ſchlugen auch dort die Ruder in die Fluth, daß der Schaum umherſpritzte, und gleich einem von dem Bogen abgeſchnellten Pfeile ſchoß die kleine Barke dahin, die Richtung nach Iſchia nehmend. „D'rauf, d'rauf!“ brüllte der Patron.„Bedenkt, es gilt zwei⸗ hundert Ducati der Mann!— Das bietet uns kein König!“ Und die Männer fingen an zu arbeiten, ihre Geſichter glühten vor Erhitzung, die Augen blitzten und leuchteten in wildem, gierigen Feuer, Schweiß ſtrömte von den glühenden Stirnen und eines Jeden Bruſt keuchte, aber unermüdet arbeiteten die muskelkräftigen Arme, mit Blitzesſchnelle gingen die Ruder auf und nieder. Am Bord ſchwieg der Geſang, die Frauen ſahen ſich erſchrocken an, denn ſie wußten nicht, was das Alles bedeuten ſollte. Monte Chriſto ſtand aufrecht in der Barke und ſchaute mit düſter glühen⸗ den Augen auf das vor ihnen hertanzende Fahrzeug. Sein Aeußeres ſchien ruhig, aber das glühende Auge ſtrafte dieſer ſcheinbaren Ruhe Lügen. Auch Albert war befremdet. Er trat zu dem Grafen und fragte:„Erklären Sie mir, was das bedeuten ſoll?“ „Ein Wettlauf, wie Sie ſehen!“ entgegnete der Graf laulüüi „Wie es ſcheint, auf Tod und Leben.“ „Immerhin.“ „Aber ſollte man die nutzloſe Eile nicht mäßigen? Sie ſehen, die Damen werden unruhig.“ „Für die Damen iſt keine Gefahr, ſie können ruhig ſein!“ „D'rauf, d'rauf!— Zweihundert Ducati der Mann!“ brüllte wieder die Stimme des Patron. „D'rauf, d'rauf, bis die Ruder brechen!“ ſchrieen die Fiſcher zurück.„Laßt die Spitzbuben nicht entkommen!“ Weeiter ging es.— Das Waſſer um die wie vom Sturme ge⸗ jagte Barke war wie zum Schaume aufgequirlt, die Barke ſchoß dahin. aus den Hallunke Wie konnten ſ ſchienen! behaupten hatten R größer w Am der größ ſtießen m geflucht l Zaume So die Leute haben mi ſie einzuh finſteren einzuſtelle hatte ſich Vorgebir. b die üimte. leinen ſandte h dort gleich Barke zwei⸗ glühten jerigen eines äftigen grocken Monte glühen⸗ eußeres Ruhe n und tblütig. ſehen, n!“ brüllte Fiſcher eme ge⸗ daßin 451 „Maledetto!“ fluchte der Patron, welcher die kleine Barke nicht aus den Augen ließ.„Die Schufte gewinnen Vorſprung.— D'rauf, Hallunken!— Denkt an den Lohn!“ Wie die Männer aber auch gleich Raſenden arbeiteten, ſo konnten ſie die kleine Barke doch nicht einholen.— Auch bei dieſer ſchienen die Ruderer alle Kraft aufzubieten, um den Vorſprung zu behaupten, ſelbſt die beiden Paſſagiere, die bisher unthätig geweſen, hatten Ruder ergriffen und arbeiteten rüſtig mit.— Größer und größer wurde der Zwiſchenraum. Am Bord der größeren Barke rief dieſe Schnelligkeit Ausbrüche der größten Unzufriedenheit hervor, der Patron und ſeine Leute ſtießen manchen grimmigen Fluch aus und würden wohl noch ärger geflucht haben, wenn nicht die Scheu vor den Damen ſie etwas im Zaume gehalten hätte. So verging eine halbe Stunde in der Hetzjagd, dann mußten die Leute geſtehen, daß die verfolgte Barke weit tüchtigere Bauart haben müſſe, als die ihre, und es da keine Möglichkeit mehr ſei, ſie einzuholen, wenn nicht irgend ein Unfall der kleinen Nußſchale Lauf hinderte.— Ein ſolcher Unfall ſchien aber bei der Gewandt⸗ heit jener Bootführer rein unmöglich.— Daß der Fiſcher Meinung begründet ſei, bewies ſich in dem immer größeren Vorſprunge, welchen das kleine Boot errang, und finſteren Blickes befahl Monte Chriſto, das nun nutzloſe Wettfahren einzuſtellen und die Richtung etwas zu verändern, zu ſehen, ob jene auch dieſes Mal ihn, verfolgen würden. Demzufolge nahm die Geſellſchaft ihre Richtung mehr nach dem nördlichen Ende der Inſel, die kleine Barke folgte nicht, ſchien ſich gar nicht mehr um die größere zu kümmern und verfolgte ruhig ihren Lauf gegen die ſüdliche Seite der Inſel. Nach einer halben Stunde war Iſchia erreicht; die kleine Barke hatte ſich ſchon vorher unſichtbar gemacht, indem ſie um ein kleines Vorgebirge bog. Keine Spur ließ ſich mehr von ihr entdecken. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Die Macht auf Iſchia. Dunkle Geſtalten Schaffen und walten, Brauen der Rache gährendes Gift. Wagner. Die Geſellſchaft hatte Iſchia erreicht, hatte gelandet und ſich ſogleich auf den Weg nach dem Ipomeo gemacht, jenem er⸗ loſchenen Vulkane, der ſeine Natur nur noch durch zahlreiche heiße Quellen verräth, die an ſeinen Seiten entſpringen, während ſeine verwitterte Lavadecke mit der prächtigſten Pflanzendecke bekleidet iſt, wie denn ganz Iſchia eine unbeſchreibliche Fruchtbarkeit beſitzt, wie ſonſt kein Ort Italiens ſie aufzuweiſen hat. Die Natur ſchafft hier Alles aus ſich ſelbſt, die, wie alle Süditaliener, von Natur trägen Einwohner thuen wenig oder nichts dazu. Bald durch Orangenhaine, durch mit üppig wuchernden Reben bekleidete Gehänge vorbei, dann über Felſen, auf denen die dunklen Blüthen der Granaten glühten, eine Menge der prächtigſten Blüthen leuchteten und dufteten und ihre farbenreichen Häupter im leiſen Winde wiegten, ging der Weg aufwärts nach der Höhe. Die durch den Vorfall auf der See getrübte Heiterkeit ſtellte ſich nur langſam wieder ein, indeſſen ganz unterdrückt konnte ſie doch nicht bleiben, die Umgebung war zu ſchön und die Natur entfaltete im Großen wie im Kleinen zu viel Reize, als daß dieſe Eindrücke an empfäng⸗ lichen Gemüthern hätten ſpurlos vorübergehen können, lauter und lauter wurden die freudigen Ausrufungen, und endlich ſtimmten die Frauen wieder Geſänge an, unter welchen ſie die Mühe des Berg⸗ ſteigens vergaßen und auch die Männer veranlaßten, mehr und mehr in die Fröhlichkeit einzuſtimmen. Herzen, e nicht zu wöhniſch einem Ge ihm die Berührune der Wind den Füße Ton an ſ dieſes fur an die ve dem erſte Kugel ſic von Neeiſ entſtiegen Jaſt Unbekannt ſandten d Lebender e Gift. ner. nd ſich m er⸗ heiße ſeine det iſt zt, wie ft hier trägen Reben unklen lüthen leiſen e durch angſam gleiben, Broßen pfäng⸗ er und ten die Berg⸗ dmeht 453 Bei Monte Chriſto kam dieſe Fröhlichkeit freilich nicht ſo vom Herzen, er zeigte ſie nur mehr, um den heiteren Sinn der Anderen nicht zu trüben. In ſeiner Bruſt gährte und tobte es, und arg⸗ wöhniſch blickte ſein Auge bald rechts, bald links, ob nicht aus irgend einem Gebüſche der furchtbare Geſandte der Todten hervortreten und ihm die kalte, eiſige Todtenhand entgegenſtrecken würde, an deren Berührung er nur mit geheimem Schauder denken konnte.— Wenn der Wind etwas ſtärker in den Blättern rauſchte, ein Stein unter den Füßen der Steigenden ſich loslöſte oder ein anderer ſtärkerer Ton an ſein Ohr ſchlug, hielt er es ſchon für ein Zeichen der Nähe dieſes furchtbaren Weſens, und unwillkürlich zuckte dann ſeine Hand an die verborgenen Waffen.— Monte Chriſto war entſchloſſen, bei dem erſten Erſcheinen des Räthſelhaften durch ſeine nie fehlende Kugel ſich die Gewißheit zu verſchaffen, ob er wirklich ein Weſen von Fleiſch und Bein vor ſich habe, oder ob es ein aus dem Grabe entſtiegener Dämon ſei. Faſt mußte er das Letztere glauben, das ganze Auftreten des Unbekannten war der Art, und nannte er ſich nicht ſelbſt den Ge⸗ ſandten der Todten?— Würden die Todten Lebende zur Verfolgung Lebender ſenden? „Es kann kein Menſch, es muß ein der Hölle entſtiegener Dämon ſein,“ murmelte der gequälte Mann manches Mal vor ſich hin. „Ammenmärchen,“ verſpottete er ſich dann ſelbſt wieder,„wenn auch manches Wunderbare, ſelbſt Wiederkehr der Geiſter Verſtorbener möglich iſt, ſo können ſie doch nicht auftreten. Das zu glauben, wäre Wahnſinn.“ Dann lachte der Graf wohl ſo grell auf, daß ſeine Begleiter ſtehen blieben und ſich beſorgt nach ihm umſchauten, denn ſolches Lachen war nicht Einſtimmen in die Fröhlichkeit. Dann blieb der Graf wohl auch ſtehen, legte die Hand auf die Stirne und fühlte, daß ſie fieberiſch glühte, nicht von der Erhitzung des Bergſteigens, ſondern von der inneren Aufregung. „Wahnſinn, Wahnſinn,“ murmelte er dann,„noch bin ich nicht wahnſinnig, aber ich fühle es, ich ſtehe an der Grenze, ich muß es werden, wenn es mir nicht bald gelingt, dieſes ſchreckliche Ranh⸗ ſel zu löſen.“ 454 Endlich kamen die Wanderer auf die Spitze des Ipomeo, und ein entzückendes Rundgemälde breitete ſich vor ihren Augen aus, ſo reizend, zaubergleich, daß den Frauen Ausrufe des freudigſten Staunens entſchlüpften. Zu ihren Füßen lag die Inſel mit ihren Orangenhainen, Granatengebüſchen, Feigenplantagen und Rebengeländen, freundliche Häuschen, hin und wieder ein prunkendes Landhaus ſchimmerten aus dem ſaftigen Grüne hervor. Gegen Oſten ragten die Thürme der Stadt Iſchia und gegen Weſten einige Häuſer Forio's hervor, und das ganze reizende Eiland war von dem im Sonnenglanze ſchimmernden, tiefblauen Meere umgeben, auf denen gleich Vögeln mit leichten Schwingen leichte Fiſcherbarken hin und her eilten; hier und da ſegelte wohl auch ein ſtolzeres Schiff dahin und verrieth der dunkle Qualm den Weg eines Dampfſchiffes. Gegen Weſten bis nach Norden hin dehnte ſich endlos das tyrrheniſche Meer aus, aus welchem nur ein paar kleine Eilande, die Inſelchen San Stefano, Vandotena und darüber hinaus Ponza und Zannone ſich emporhoben. Gegen Norden ſchimmerte in duftigen Umriſſen das römiſche Kap Circello und dort die blauen Berge von Gaeta herüber. Gegen Oſten hob ſich die Nachbarinſel, das frucht⸗ bare Procida, friſch und grün aus dem Meere, und ſeine weißen Häuschen ſchimmerten als helle Punkte herüber, über dieſe Inſel hinweg ſchaute ernſt das im Alterthume berühmte Kap Miſano. Dann folgten Puzzuoli, die Inſel Niſita mit ihrem weißen Thurme und über dieſe hinweg zeigte ſich Neapel amphitheatraliſch emporſtrebend, ſchimmernd in dem Glanze der ſüdlichen Sonne, während hinter ihm violette Gebirgszüge aufſtiegen. Dort hob der Veſuv ſein ſtarres Haupt, eine Rauchſäule ſchwebte über ihm, dort zeigte ſich auch ſein Nachbar, der Somma, am Fuße des drohenden Berges aber ſchimmerten Portici, Reſina, Torre del Greco, Caſtel a Mare und Sorrento, bis über Maſſa hinaus das Kap Campanello das feſte Land abſchloß, über welches hinaus dann der Golf von Salerno blitzte. Dann folgte die reizvolle Felſeninſel Capri und wieder Meer, endloſes blaues Meer. Die Augen der Frauen glänzten vor Entzücken und wurden nicht müde, immer wieder von Neuem das herrliche Bild anzuſchauen. „Wi eine Hütte Anblickes denen ver nur einme Aehn aus, nur er vermoc zuſtimmen, der Natur Geringfüg verſchloſſe ſchienen d Begeiſter: Mon wühlte in Todten, u ſich auftau zü löſen, was er ei gefunden, 4⁵⁵ „Wie reizvoll!“ rief Eugenie begeiſtert.„Hier möchte ich mir eeine Hütte bauen, um wieder und immer wieder dieſes entzückenden Anblickes zu genießen. Glücklich, dreimal glücklich die Menſchen, denen vergönnt iſt, hier zu wohnen. Glücklich ſchon der, welchem nur einmal die Wonne ſolchen Schauſpiels gegönnt iſt!“ Aehnlich ſprachen ſich die anderen Mitglieder der Geſellſchaft aus; nur um Monte Chriſto's Mund zuckte es wie ein Schmerz, und er vermochte nicht in den allgemeinen Ausbruch der Wonne ein⸗ zuſtimmen, ſo empfänglich er auch ſonſt ſelbſt für den kleinſten Reiz der Natur war, ſo gut er es auch ſonſt verſtanden, ſelbſt aus dem Geringfügigen das Reizende herauszufinden.— Sein Mund blieb verſchloſſen, ſeine Augen ſchweiften zwar forſchend umher, aber ſie ſchienen dennoch nichts von dem zu ſehen, was ſeine Begleiter mit Begeiſterung erfüllte, ſie ſchienen vielmehr etwas zu ſuchen. Monte Chriſto war nicht glücklich, wie ein blutiger Stachel wühlte in ſeiner Bruſt die Erinnerung an den Geſandten der Todten, und ſein Auge ſuchte ihn, jeden Augenblick zagend, ihn vor ſich auftauchen zu ſehen. Sein Hirn zermarterte ſich, das Räthſel zu löſen, wer der Unbekannte eigentlich ſei, von wannen er komme, was er eigentlich von ihm wolle und wie er jetzt wieder ſeine Spur gefunden, um ihm von Neuem die Freude am Leben zu vergällen und eben durch die Ungewißheit über das, was ihn erwarte, das Daſein zur Hölle zu machen. Ein wirklich hereingebrochenes Unheil läßt ſich leichter ertragen, als die bange Erwartung eines ſolchen. Monte Chriſto empfand dieſes jetzt im vollen Maße. 4 Nach mehrſtündigem Aufenthalte auf dem Gipfel des Ipomeo ſtieg die Geſellſchaft hinab nach dem wundervoll gelegenen Badeorte Caſamicciola. Hier trafen ſie auf zahlreichen Beſuch, Leute aus allen Nationen bewegten ſich hier durcheinander, Süd⸗ und Nord⸗ italiener, Malteſer, Franzoſen, Spanier, Deutſche, Ruſſen, Griechen, Amerikaner und vor Allen die unvermeidlichen Engländer, die ſich anmaßend überall hindrängten und ſtets den beſten Platz für ſich begehrten.— Dieſe Fremden waren theils durch den Ruf der Heil⸗ kraft der warmen Quellen, theils durch den Wunſch nach Natur⸗ genuß, theils aber auch nur, um ſagen zu können, ſie wären hier geweſen, an dieſem Platze zuſammengeführt.— Das Letztere ſchien bei der Mehrzahl der Engländer der Fall zu ſein, deren von Ge⸗ 456 ſundheit ſtrotzenden Geſtalten man anſah, daß ſie der Quellen nicht bedurften, die aber auch nicht im Geringſten um die ſie umgebenden anmuthigen Partien ſich bekümmerten. In ſolcher Geſellſchaft konnten Graf Monte Chriſto und ſeine Begleiter ſich nicht wohl befinden, ſie blieben alſo nicht länger da, als nöthig war, ſich etwas zu erholen, dann aber traten ſie die weitere Wanderung an, um noch andere Partien der Inſel zu beſuchen. Bei Untergang der Sonne kamen die Wanderer wieder in der Nähe ihres Landungsplatzes an, wo ſie das Nachtlager unter freiem Himmel halten wollten, ein Genuß, auf den ſich namentlich der weibliche Theil freute. An dem ſchon vorher beſtimmten Platze war ein leichtes Zelt aufgeſchlagen, wo die Damen ſchlafen ſollten, während für den Grafen und Albert ein Laubdach genügend war. Der Platz war am Meero, aber ziemlich hoch über demſelben, ſo daß freie Ausſicht auf den Veſuv mit ſeiner vom Widerſchein des inneren Feuers ſchwach gerötheten Rauchſäule blieb, von drei Seiten war der Platz von Felſen eingeſchloſſen, die von allerhand Schling⸗ pflanzen maleriſch umrankt ſich zeigten. Zerſtreut auf dem Platze ſtanden blühende Orangen⸗ und Granatenbäume, welche ſüßen Duft aushauchten. Unter einer ſolchen Gruppe an einer kleinen, munter ſprudelnden Quelle war das Zelt aufgeſchlagen, und hierhin hatten die beiden Diener, unterſtützt von den Schiffern, bereits die mitgenommenen Vorräthe geſchafft, um durch ein reiches Nachtmahl die Kräfte der Ermüdeten wieder zu ſtärken. Ein munteres Feuer praſſelte den Ankommenden entgegen, und dieſe lagerten ſich in maleriſchen Gruppen umher. Bald war das Nachtmahl bereitet und bei dem Scheine des lodernden Feuers und von an den Bäumen aufgehängten, bunten Laternen und rothleuchtenden Fackeln verzehrt. Einige in der Nähe ſich aufhaltende, ſchon den Tag über durch die ungewohnten Vor⸗ bereitungen aufmerkſam gemachten Bewohner der Inſel hatten ſich als Zuſchauer eingefunden, die bisweilen ihre Anweſenheit durch ein lautes„Eoviva!“ verriethen, vorzüglich dann, als ihnen der Graf einige Flaſchen feurigen Weines zugeſendet hatte. Nachd 1 Ermüdung zogen ſich Monte Ch den nächſt guter geit Abend zur begab ſich zu ſchlafen Es g drückende wieder un „Der Dann noch ſchw wachend ſchritt un durch eine Die geſchwäng überzog d von der Punkte, d Mont Felſen ſta ihrem Fuf Meeres v ob er M ihm ſo r losreißen „Ed. nenden. Faſt ſtand eine „Du „A, „Ja in des Seiten hling⸗ Platze Duft Anden beiden nenen te der e den riſchen ee des zunten Nähe Vor⸗ n ſich ch ein Graf 1 457 Nachdem eine Stunde noch verplaudert war, machte ſich die Ermüdung geltend, die Zuſchauer hatten ſich verlaufen, die Damen zogen ſich in das Zelt zurück, dort auf weichen Polſtern zu ruhen, Monte Chriſto und Albert ertheilten ihre letzten Befehle, damit für den nächſten Morgen Alles zur Einſchiffung bereit ſei, denn bei guter Zeit wollten ſie noch Capri erreichen und auch den nächſten Abend zur Rückfahrt nach Neapel benutzen. Nachdem dies geſchehen, begab ſich der Graf mit Albert unter das Laubdach und ſuchte zu ſchlafen. Es gelang ihm nicht, ruhelos wälzte er ſich umher, eine drückende Schwüle drohte ihn zu erſticken; er erhob ſich endlich wieder und warf einen Blick auf Albert. Dieſer ſchlief bereits feſt. „Der Beneidenswerthe,“ murmelte der Graf. Dann trat er unter dem Dache hervor.— Das Feuer brannte noch ſchwach, der eine Diener war eingeſchlafen, der andere ſaß wachend dabei und ſchürte die Kohlen zuſammen. Monte Chriſto ſchritt an ihm vorbei und wendete ſich gegen das Meer. Er wollte durch einen kurzen Spaziergang ſein aufgeregtes Blut beruhigen. Die Nacht war herrlich und mild, die Luft von Blüthenduft geſchwängert, der Mond ſchaute von dem tiefblauen Himmel und überzog das Meer mit ſilbernem Schimmer.— Ueberall Ruhe, nur von der fernen Küſte des Feſtlandes her glänzten einige feurige Punkte, die Feuer der am Strande ruhenden Fiſcher. Monte Chriſto ſchritt vorwärts, bis er dicht an dem Rande der Felſen ſtand, die, ſteil abfallend, ſich in das Meer ſenkten, das an ihrem Fuße ſchwach brandete.— In dem Anblicke des nächtlichen Meeres verſunken, blieb der Graf lange ſtehen, er wußte ſelbſt nicht, ob er Minuten oder ſchon Stunden hier geweilt hatte. Es war ihm ſo weh, und doch konnte er ſich von dieſem Anblicke nicht losreißen. „Edmond Dantes!“ klang es da plötzlich hinter dem Sin⸗ nenden. Faſt erſchrocken ſchaute ſich Monte Chriſto um. Hinter ihm ſtand eine in einen Mantel gehüllte Männergeſtalt.— Er kannte ſie. „Du da?“ entſchlüpfte es ihm. „Ah, Du kennſt mich endlich!“ hohnlachte Jener. „Ja und nein.— Wer biſt Du eigentlich?“ 458 „Du weißt es, der Geſandte der Todten.“ „Was habe ich mit Dir zu ſchaffen?— Was willſt Du von mir? Verlangſt Du mein Leben?“ „Wenn ich Dein Leben wollte, ſo wäre es ſchon hundert Mal in meiner Hand geweſen,“ höhnte der Unbekannte mit furchtbarer Stimme,„erſt jetzt war es wieder, denn als Du an dem Rande des Felſen ſtandeſt, hätte ein leichter Stoß meines Armes Dich in die Tiefe hinabſtürzen können.— Dein Leben gehört mir und nicht Deinen Tod will ich. Nein, Du ſollſt leben, aber leben in Ver⸗ zweiflung und Wahnſinn!— Höre recht, Edmond Dantes, ſtolzer Graf von Monte Chriſto, leben ſollſt Du in Elend, Verzweiflung und Wahnſinn!“ 1 Des Furchtbaren Worte ſchwollen zu wahrem Donnertone an, und ſie ſchmetterten mit entſetzlicher Gewalt in des Grafen Ohr. Monte Chriſto ſtand wie betäubt.— Der Verhüllte war einige Schritte zurückgewichen und ſeine Augen brannten wie glühende Kohlen auf dem Grafen. Dieſer ſtand noch immer regungslos.— Plötzlich aber richtete er ſich hoch auf und ſtürzte auf den Verhüllten zu. „Menſch oder Teufel, wer biſt Du?“ donnerte er ihm zu. „Dein böſes Geſchick!“ war die höhniſche Antwort des weiter Zurückweichenden. „Sprich oder ſtirb!“ ſchrie Monte Chriſto wieder, ſeine Piſtolen herausreißend. Spottendes Lachen war die Antwort. Monte Chriſto drückte ab. Der Schuß donnerte, das Echo an den Felſenwänden weckend.— Der Unbekannte war— verſchwunden. Der Graf trat an die Stelle, wo Jener geſtanden,— keine Spur war von ihm zu ſehen.— Da ſchlug ſich der Graf an die Stirn. „Täuſcht mich ein Traumbild?“ grollte er.„Elend, Verzweif⸗ lung, Wahnſinn? Bin ich ſchon in den Krallen des Wahnſinns?— Barmherzigkeit!“ Wie von Furien gepeitſcht rannte er wieder dem Lagerplatze zu. Albert und die Diener, durch den Schuß aufgeſchreckt, eilten dem Grafen entgegen. Er fragte ſie, ob ſie Jemand geſehen.— Sie hatten Niemand bemerkt. 5 nach Neal ,s Ohne unter das Am und erklü kehre, Alb wollen die Tour ab: Niem ſchweigſan 459 „Es iſt gut,“ ſagte der Graf kurz.„Morgen früh gehe ich nach Neapel zurück.“ Ohne auf eine Erwiderung der Erſtaunten zu warten, ging er unter das Laubdach und warf ſich auf ſein Lager. Am nächſten Morgen erſchien der Graf zwar bleich aber ruhig, und erklärte nochmals, daß er für ſeine Perſon nach Neapel zurück⸗ kehre, Albert ſolle mit den Damen die Luſtfahrt fortſetzen. Davon wollten die Ueberraſchten nichts wiſſen, und ſo brachen auch ſie ihre Tour ab und machten ſich verſtimmt auf den Rückweg. Niiemand konnte ſich erklären, was vorgefallen. Der Graf blieb ſchweigſam und düſter. — — — ——— Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Der Frauermorgen in der Villa. In ſeine Arme reißt er das Kind, Und iſt verſchwunden ſchnell wie der Wind. B. Dämmerung ruhte noch auf Neapel und ſeiner Umgebung, Alles lag in lautloſer Stille, nur im Hafen herrſchte ſtellenweiſe ſchon Regſamkeit, denn hier und da machte ſich ein Schiff zum Aus⸗ laufen fertig, oder es kehrten einzelne Fiſcherboote zurück, um bei guter Zeit die Ausbeute der nächtlichen Fahrt auf den Markt zu bringen und dann den Tag über in dem ſüßen Garnichtsthun zu verträumen, in welchem die Italiener Meiſter ſind. An einer Stelle des Ufers landete ein kleines Fiſcherfahrzeug, zwei mit Schweiß bedeckte Männer ſtiegen aus und traten ſofort den Weg nach den in der Nähe liegenden Villen hin an.— An der Umfaſſungsmauer einer dieſer Villen blieben die Männer einige Augenblicke ſtehen und lauſchten aufmerkſam umher. Es blieb ruhig, Alles war wie ausgeſtorben.— Jetzt traten Beide an eine kleine Pforte in der Mauer, und der Eine von ihnen zog ein Inſtrument hervor, mit deſſen Hilfe er geräuſchlos und ſchnell das Schloß öffnete und ſich und ſeinem Gefährten den Eintritt in den Garten der Villa verſchaffte. Die Villa war die von Monte Chriſto bewohnte, und die beiden Männer, welche ſich auf ſo geheimnißvolle Art Eingang verſchafften, waren Benedetto und ſein Gefährte Lippi. „Nun beginnt das Schwerſte,“ brummte Lippi.„Wirklich, ich muß zugeben, der Dienſt um Dich iſt nicht leicht. Jede Stunde umherſpüren, immer auf der Lauer ſein und nun geſtern die ſonder⸗ bare Luſtfahrt nach Iſchia, wo wir uns faſt die Arme vom Leibe arbeiten ging, al Seele u todtmüde den unz man und S0 oft gen beſten„ Dir trug „U daß es ihn wä graben unnützen iſt das Schlag lange, al nicht noc „W „Seit ic ungen u aus Flei anderen matter L ſich vorh neuen wußte Näeug, ſofort — An einige ruhig, kleine ument Schloß Zarten beiden ifften⸗ h, ich tunde onder⸗ Leibe 461 arbeiten mußten; dann die Rückkehr in der Nacht, wo es wieder ging, als ob hundert Sbirren hinter uns her wären, obgleich keine Seele uns verfolgte, und im Augenblicke der Landung, wo man todtmüde iſt, ſogleich wieder ein Unternehmen.“ „Das uns eine Million einbringen kann,“ unterbrach Benedetto den unzufriedenen Gefährten.„Ich habe noch immer meinen Talis⸗ man und dieſer leitet mich.“ „Schweig' mit Deinem Talisman,“ murrte Lippi,„er hat ſich oft genug ſchlecht bewährt.— Sind wir nicht häufig in unſern beſten Plänen geſtört worden, obgleich Du den Talisman bei Dir trugſt?“ „Undankbarer,“ ſtrafte Benedetto,„ſiehſt Du denn nicht ein, daß es eben der Talismann war, der uns das Leben rettete? Ohne ihn wäre ich wahrſcheinlich jetzt ſchon im Schlamme Venedigs be⸗ graben oder eine Speiſe der Fiſche.— Jetzt haben wir aber mit unnützem Gerede keine Zeit zu verlieren, ſind wir hier fertig, dann iſt das Schwerſte unſerer ganzen Aufgabe vollbracht, der letzte Schlag gegen den Feind iſt ausgeführt und wir können uns ſo lange, als wir wollen, mit aller Behaglichkeit pflegen.— Iſt dieſes nicht noch einer kleinen Anſtrengung werth?“ „Wenn es nur die letzte wäre, wie Du ſagſt,“ antwortete Lippi. „Seit ich mit Dir zuſammen bin, regnet es ſolche kleine Anſtreng⸗ ungen und Du möchteſt Dich erinnern, daß der Menſch eigentlich aus Fleiſch und Bein und nicht aus Stahl und Eiſen beſteht.“ „Schweig, knurrender Faulpelz,“ befahl Benedetto.„Wir kommen an das Haus.“ Der Garten war während der leiſe ausgeſprochenen, unzufrie⸗ denen Aeußerungen Lippi's durchſchritten und das Wohnhaus war erreicht. Es beſtand aus einem Erdgeſchoß und einem darauf ge⸗ ſetzten Stockwerke und lag von allen Seiten von Gartenanlagen umgeben. Aus einem Fenſter des Erdgeſchoſſes glänzte Licht, aus einem anderen in dem erſten Stocke ſtahl ſich hinter den Vorhängen ein matter Lichtſtrahl hervor.— Benedetto, der nicht verſäumt hatte, ſich vorher über die ganze Lokalität, welche er zum Schauplatze ſeiner neuen Thaten machen wollte, auf das Genaueſte zu unterrichten, wußte die Bedeutung dieſer Lichter.— In dem Treppenhauſe 462 brannte das eine Licht; hier pflegten abwechſelnd Ali und ein an⸗ derer Diener, an dem eben die Reihe war, die Nacht über Wache zu halten, und von hier aus hielt der eben Wachende ſeinen Um⸗ gang über die Treppen und Corridors des Gebäudes. Das zweite Licht kam aus der Kinderſtube, wo der kleine Edmond mit ſeiner Wärterin ſchlief. Benedetto hatte, um ganz ſicher zu gehen, von einem Diener der Herrſchaft, welche dieſe Villa an Monte Chriſto vermiethet und ſie auch ſonſt immer bewohnt hatte, eine ganz genaue Beſchreibung und endlich auch einen Plan der Villa ſich verſchafft; er hatte ferner angeordnet, daß Lippi in eleganter Kleidung unter hohem Titel ſich als angeblich Kaufluſtiger eingeſtellt und während der Abweſenheit des Grafen und ſeiner Familie die inneren Räume des Gebäudes im Allgemeinen in Augenſchein genommen hatte.— Dadurch war es ihm und Lippi gelungen, ſich ſo viel Kenntniß des Hauſes zu verſchaffen, daß ſie glauben konnten, ſich frei und ſicher in demſelben bewegen zu können.. An dem Weinſpalier ſich in die Höhe ſchwingend, erreichte Benedetto ein Fenſter, welches auf einen Vorſaal führte. Durch einen geſchickten, allen Gaunern wohlbekannten Kunſtgriff hatte er raſch und geräuſchlos die eine Spiegelſcheibe geſprengt und konnte nun durch das geöffnete Fenſter eindringen. Er befeſtigte eine feſte Strickleiter an das Fenſterkreuz und verſchaffte ſo ſeinem Gefährten den Eintritt. Kaum waren die Verwegenen in dem Hauſe, als auf dem Kieswege Schritte klangen. Es war der Gartenwächter, welcher auf ſeinem Rundgange an dem Herrenhauſe vorbeikam. Mit angehaltenem Athem lauſchten die beiden Männer dieſem Geräuſche; wenn der Mann die herabhängende Leiter bemerkte, ſo waren ſie verrathen und ihr Vorhaben wurde vereitelt. Aber der Wächter mochte des Wachens überdrüſſig ſein, denn er ſchaute nicht weiter hin, und nachdem er an der Gartenfronte hingewandelt, hörten ſie, wie er ſich wieder in der Richtung nach dem Parke zu entfernte. Erſt als des Wächters Schritte verhallt waren, verließen die Männer das Fenſter, wo ſie gelauſcht hatten, jeden Augenblick bereit zur Flu ridor, al räuſch h End vernahm in derſe Drücker Auf Jußboder jeden Se einer M dämmern und in ſchlafen, Lehnſeſſe Ber einige T ſichig he Dieſe m in an⸗ Wache n Um⸗ zweite ſeiner Diener et und eibung ferner tel ſich ſenheit bäudes ch war iſes zu ſelben rreichte Durch atte er konnte ne feſte fährten f dem welcher dieſem ke, ſo der der te nicht andelt, arke zu zen die Pbereit 463 zur Flucht, wenn es ſein mußte. Sie ſchlichen jetzt durch den Cor⸗ ridor, an jeder Thüre lauſchend, ob ſie irgend ein verdächtiges Ge⸗ räuſch hörten.— Ueberall war Todtenſtllle. Endlich gelangten ſie an die Thüre zur Kinderſtube. Hier vernahmen ſie aus den Athemzügen, daß eine ſchlafende Perſon ſich in derſelben befinden müſſe. Benedetto legte die Hand auf den Drücker und die Thüre öffnete ſich. Auf den Zehen traten beide Raubluſtige in das Zimmer, deſſen Fußboden mit weichen Teppichen bedeckt war, ſo daß dieſe ſchon jeden Schritt unhörbar machten. Das Zimmer war durch eine unter einer Milchglasglocke ſtehende Lampe matt erhellt, und bei dieſem dämmernden Scheine ſah Benedetto eine reichverzierte Wiege ſtehen und in derſelben, in ſchwellende Kiſſen begraben, ein Kind ruhig ſchlafen, den Sohn des Grafen Monte Chriſto. In weich gepolſtertem Lehnſeſſel daneben ſchlief die Wärterin ſorglos. Benedetto zog eine Phiole aus der Taſche, öffnete ſie und ließ einige Tropfen des Inhalts auf ein Tuch fallen, welches er, vor⸗ ſichtig heranſchleichend, der Wärterin vor Mund und Naſe hielt. Dieſe machte eine krampfhaft zuckende Bewegung, aber ſie ſchlief fort und ihre Athemzüge wurden ſchwerer. Einen Augenblick beobachtete Benedetto die Schlafende, dann lächelte er zufrieden, und die Phiole nochmals hervorziehend, tröpfelte er Einiges von deren Inhalt auf die Kleidung der Schlafenden, welche ſofort einen feinen, aber durchdringenden Geruch entwickelte. Nachdem dieſes geſchehen, ergriff Benedetto das ſchlafende Kind, hielt auch dieſem für einen Moment das von betäubendem Dufte geſchwängerte Tuch vor das Geſicht, nahm es dann auf den Arm und wendete ſich nach der Thüre, wo Lippi, der jede Bewegung ſeines Gefährten aufmerkſam beobachtet, wie der Schüler die des Lehrmeiſters, ſeiner harrend ſtand. Geräuſchlos, wie ſie gekommen, verließen die beiden Entführer das Zimmer, glitten mit ihrer betäubten Beute die Strickleiter herab und verſchwanden in dem Parke. Villa und Garten blieben wieder todtenſtill, Alles beharrte in ahnungsloſer Ruhe, welche aber nach wenig Stunden furchtbar ge⸗ ſtört werden ſollte, als die kühne Entführung entdeckt wurde. Gegen Mittag kam der Graf Monte Chriſto mit Haidee zurück; zitternd und todtenbleich trat ihm Bertuccio entgegen, ihm den Vorfall zu melden. Als der Graf den Raub des Kindes erfuhr, zitterte er wie eine vom Blitz getroffene Eiche; Haidee ſank ohn⸗ mächtig zuſammen. „Furchtbares Schickſal,“ ſtöhnte der Graf,„wirſt Du nicht müde, mich zu verfolgen?— Willſt Du mich wirklich bis zum Wahnſinn treiben?“ Dann aber wendete er ſeine ganze Sorgfalt Haidee zu und ſuchte ſie in das Leben zurück zu bringen, welches ſeinen zärtlichen Bemühungen bald gelang, allein Haidee erwachte nur, um in ver⸗ zweiflungsvolle Klagen auszubrechen. Jetzt war es wieder an Monte Chriſto, Mannesmuth und Seelenſtärke zu zeigen, um, ſelbſt Verzweiflung im Herzen, die Ver⸗ zweifelnde zu tröſten. „Suche Dich zu beruhigen,“ ſagte er,„denn ich werde Alles aufbieten, um ſo ſchnell als möglich unſern Liebling zurück zu bringen. Ohne Zweifel iſt es nur ein einfacher Banditenſtreich, der darauf hinzielt, mir ein bedeutendes Löſegeld zu entreißen, und gewiß erhalten wir heute noch Nachricht darüber und was die Schurken verlangen.— Mag es eine Million ſein, oder noch mehr, ja, Alles, was ich habe, ich werde es für unſern Liebling freudig opfern.“ Haidee wurde durch dieſe Verſicherung in Etwas beruhigt, und Monte Chriſto erklärte weiter, daß er ſofort jede ſich zeigende Spur verfolgen werde und er hoffe dadurch den Entführern die Ueberzeugung beizubringen, daß ſie am Beſten thäten, gegen eine gute Summe das geraubte Kind ſchnell zurück zu bringen, ehe das Verderben über ſie hereinbreche. Monte Chriſto erzählte mehrere ähnliche Fälle, die ihm bekannt geworden, und brachte dadurch der bekümmerten Gattin die Ge⸗ wißheit bei, daß wenigſtens jetzt noch nichts für die Sicherheit des Kindes zu fürchten ſei. Nachdem der Graf auf ſolche Weiſe Haidee beruhigt und für ſich ſelbſt daraus Beruhigung geſchöpft, beſprach er ſich mit Ber⸗ 1 tuccio, w getroffen noch eini nichts we für Erfo und man Befreiung geld nicht war, wele Er! keine Sp zweite T ſtieg zur verbarg. .38 er die E Schickſal uns ein! dem unſe daß ſie Am übereinſti feingekleit geſchlage rüchtigten urück; n den eühr, k ohn⸗ mnicht 3 zum u und tlichen in ver⸗ h und ſe Ver⸗ Alles ück zu c,, der , und as die mehr, freudig ruhigt, eigende en die en eine he das hekannt ie Ge⸗ eit des ind für t Ber⸗ 465 tuccio, welcher ſchon alle Maßregeln zur Verfolgung der Entführer getroffen und auch die Polizei in Allarm geſetzt hatte. Er ordnete noch einige weitere Schritte an und nun konnte er vor der Hand nichts weiter thun, als geduldig zu warten, was ſeine Maßregeln für Erfolg haben würden, oder ob ſeine Erwartung ſich beſtätigte und man ihn bald in Kenntniß ſetze, welche Summe er für die Befreiung ſeines Sohnes erlegen ſolle. Mäßig würde dieſes Löſe⸗ geld nicht ſein, das wußte er, vorzüglich dann nicht, wenn bekannt war, welcher Mann der ſogenannte Lord Hope eigentlich ſei. Er harrte bis zum Abend, aber keine Nachricht lief ein, auch keine Spur hatte ſich ſonſt noch gefunden. Ebenſo verging der zweite Tag in fruchtloſem Harren und Monte Chriſto's Beſorgniß ſtieg zur tödtlichen Angſt, welche er aber vor Haidee ſorgfältig verbarg. „Ich kenne die Methode der italieniſchen Banditen,“ tröſtete er die Gattin,„indem ſie uns länger in Ungewißheit über das Schickſal unſeres Kindes laſſen, werden ſie damit nur bezwecken, uns ein um ſo höheres Löſegeld abzupreſſen.— Zu Leide thun ſie dem unſchuldigen Kinde nichts, ihr eigenes Intereſſe verlangt es, daß ſie es gut pflegen.“ Am Abend dieſes Tages kam endlich von zwei Seiten eine übereinſtimmende Nachricht. Man hatte einige Männer mit einem feingekleideten Kinde bemerkt, welche die Straße nach Capua ein⸗ geſchlagen, und man wollte in ihnen Glieder der Bande des be⸗ rüchtigten Franzesko Fano erkannt haben, welcher in der Gegend von Arpino ſein Weſen trieb. Die eine Nachricht kam von Pierre, die andere durch Polizeiagenten. Monte Chriſto beſchloß ſofort, perſönlich dieſer Spur zu folgen. Er wollte nur Bertuccio und Pierre mitnehmen, der Polizeidirector gab ihm noch einen ſeiner Agenten mit und bevollmächtigte ihn, wo er auch hinkäme, die Polizeimannſchaft zu ſeinem Gebrauche auf⸗ zubieten und allenfalls auch die bewaffnete Macht in Anſpruch zu nehmen. Für die Dauer der Abweſenheit des Grafen wollte Albert die Intereſſen deſſelben vertreten und die Sorge für Haidee über⸗ nehmen, und deshalb bezog er mit ſeiner Gattin ſofort die Villa Monte Chriſto's. Die Hand des Todten. 30⁰ 466 Schon am nächſten Morgen reiſte der Graf ab, um langſam und auf jedes Zeichen achtend, den Weg nach den berüchtigten Abruzzen einzuſchlagen. Sein Plan ging dahin, entweder mit Fano direct zu unterhandeln, oder erſt einige Glieder der Bande in ſeine Hände zu bekommen und dann deren Leben für das ſeines Sohnes verantwortlich zu machen. Wer ein Billet und an ſß „Wo die Mitte Sie heut kapelle be die Eröff wird Ihr Haid leſen, und Mutterlie folgen. ihr die folgen, könnte, Albert o dieſe ſie daß das ſie beſchi davon en käme, wi Haidee ſ 4 1 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Benedetto und Haidee. Es ziſcht die Schlangenzunge Ihr zu manch' gift'ges Wort. Uhland. Wenig Stunden nach Monte Chriſto's Abreiſe erhielt Haidee ein Billet, welches ſoeben durch einen unbekannten Mann abgegeben und an ſie adreſſirt war. Es enthielt nur die Worte: „Wollen Sie beſtimmte Nachricht über Ihr Kind, ſowie über die Mittel haben, wieder in deſſen Beſitz zu gelangen, ſo kommen Sie heute Abend ſechs Uhr in das Thal hinter der Januarius⸗ kapelle bei Gigliano; doch ohne Begleiter, denn nur Ihnen werden die Eröffnungen gemacht.— Sie werden erwartet, aber zugleich wird Ihnen Schweigen zur Pflicht gemacht.“ Haidee bebte vor innerer Erregung, als ſie dieſes Billet ge⸗ leſen, und die Sehnſucht nach ihrem Sohne, die heilige Macht der Mutterliebe, trieb ſie ſofort, ohne Bedenken die Einladung zu be⸗ folgen. Erſt ſpäter, als ſie mit mehr Ruhe darüber dachte, wollte ihr die Klugheit rathen, nicht ſo blindlings dieſer Aufforderung zu folgen, da für ſie ſelbſt leicht eine Falle dahinter verborgen ſein könnte, und eine Stimme wollte ihr zuflüſtern, es ſei gerathen, Albert oder wenigſtens Maria in das Vertrauen zu ziehen, damit dieſe ſie mit ihrem Rathe unterſtützten; aber dann dachte ſie wieder, daß das Billet ausdrücklich ihr ſtrenges Schweigen auferlegte und ſie beſchied, allein zu kommen, und ſo fürchtete ſie, wenn ſie etwas davon entdeckte und in Begleitung nach dem ihr bezeichneten Orte käme, würde der ganze Weg vergebens ſein. So viel konnte ſich Haidee ſelbſt dei ihrer geringen Erfahrung ſchon denken, daß der 30 ———.— 1—-—————— ————õʒ ↄ—————— —————————— 8— 468 So! Ewigkeit In! Benedetto von ſeinen aufmerhſar ſah. mach Hand und Haid Briefſchreiber nichts verſäumen würde, was zu ſeiner perſönlichen Sicherheit gehörte. Haidee beſchloß alſo, Niemandem etwas von dem Billete zu ſagen und unter dem Vorwande, in der Kapelle des heiligen Januarius für das Wohl des entführten Kindes zu beten, zur be⸗ ſtimmten Stunde ſich nach dem bezeichneten Platze zu begeben, welcher von der von ihr bewohnten Villa eine ſtarke halbe Stunde entfernt war. Sie befahl alſo in den ſpäteren Nachmittagsſtunden Ali, den Wagen einzuſpannen, lehnte Albert's Begleitung ab und nahm nur ſie ſchaut Maria, die ſich nicht abweiſen laſſen wollte, und eine Dienerin Schrecken mit ſich. Schweige Nachdem die Frauen gebetet und Haidee bemerkt hatte, daß„ die beſtimmte Zeit heranrückte, ſagte ſie zu Maria und der Dienerin, Hai ſie ſollten ſie hier erwarten, denn ihr Gelübde lege ihr auf, nun„A allein zu den in dem hinter der Kapelle ſich öffnenden Thale be⸗ hoffe, S findlichen Stationen zu gehen. konmen „Ich ginge lieber mit Dir,“ ſagte Maria, welcher die Auf⸗ dieſelben regung ihrer Freundin auffallend geworden war. habe ich „Bleibe hier,“ entgegnete Haidee faſt befehlend,„ich kann, ich Sie dor darf auf dieſem Gange keine Begleitung mitnehmen. Gebe der Ben Himmel ſeinen Segen zu dieſem Gange.“ Weiſung Dann ging ſie zögernden Schrittes den Pfad zu dem einſamen im Anſch Thale hinab, ſich oft umſchauend, ob ihr auch Niemand folge.*i Dieſes war nicht der Fall, denn Maria und die Dienerin hatten blutig z ſich auf einen Stein niedergelaſſen und verfolgten von hier aus mit Sache.“ ihren Augen den Weg der Dahinwandelnden. Endlich entzog eine„Sj Biegung des Weges die Kapelle und die ganze Umgebung derſelben„Al Haidee's Augen. Ihnen n Jetzt ward ihr aber auch weh und ſchaurig zugleich zu Muthe, es ſogar denn ſie war ſolcher einſamen Wanderungen nicht gewohnt, am„L wenigſten aber unter ſolchen bedenklichen Umſtänden, nur die Liebe ewig dan zu ihrem Kinde trieb ſie vorwärts.— Aber bald ſtockte ihr Fu„Da wieder, ſie wagte nicht, weiter zu gehen, aber eben ſo wenig konnte ſprechen ſie es über ſich gewinnen, umzukehren.— Ermattet ſank ſie auf den Sach einen Stein und ſtarrte rathlos vor ſich hin. nlichen ete zu eiligen zur be⸗ ggeben, Stunde , den m nur jenerin e2, daß enerin, , nun ale be⸗ e Auf⸗ nn, ich be der ſſamen folge. hatten aus mit og eine rſelben Muthe, t, am Lebe r duß konnte ſie auf 469 So verging eine lange Zeit, Haidee war es, als ſei es eine Ewigkeit und ihre Angſt war im Steigen begriffen. In dem Gebüſche rauſchte es. Ein Mann trat hervor; es war Benedetto. Er betrachtete einige Augenblicke die Sitzende, welche von ſeiner Gegenwart noch nichts bemerkt hatte, und ſchaute dann aufmerkſam und argwöhniſch zugleich umher. Als er Alles ſicher ſah, machte er gegen ein Gebüſch ein flüchtiges Zeichen mit der Hand und trat dann raſch auf Haidee zu. Haidee wurde durch das Geräuſch ſeiner Schritte aufgeſchreckt; ſie ſchaute empor, und Benedetto bemerkend, ſtieß ſie einen leiſen Schreckensruf aus. Benedetto winkte ihr mit der Hand zum Schweigen. „Sie ſind die Gräfin Monte Chriſto?“ fragte er. Haidee bejahte dieſe Frage. „Ich habe Sie hier erwartet,“ fuhr Benedetto fort,„und ich hoffe, Sie werden meinen Befehlen, allein zu erſcheinen, nachge⸗ kommen ſein; Hinterliſt würde Ihnen nichts nutzen, vielmehr würde dieſelbe nur ihr Verderben herbeiführen, denn auch auf ſolche Fälle habe ich gedacht und meine Maßregeln dafür getroffen. Sehen Sie dorthin!“ Benedetto deutete nach einem Gebüſche, und als Haidee, dieſer Weiſung folgend, dorthin ſchaute, ſah ſie Lippi, welcher eine Büchſe im Anſchlage hielt. „Sie ſehen,“ fuhr Benedetto fort,„ich bin bereit, Verrath blutig zurückzuweiſen und zu ſtrafen.— Doch kommen wir zur Sache.“ „Sie riefen mich hierher?“: „Allerdings, und das, was ich Ihnen zu eröffnen habe, wird Ihnen nicht nur von hohem Intereſſe ſein, ſondern Sie werden mir es ſogar danken.“ „Verſchaffen Sie mir mein Kind zurück und ich werde Ihnen ewig dankbar ſein,“ bat Haidee dringend. „Davon nachher,“ ſagte Benedetto ausweichend.„Für jetzt ſprechen wir von einer anderen, Ihnen nicht minder nahe liegen⸗ den Sache.“ „Was könnte mer näher liegen, als mein Kind?“ 470 „Gilt Ihnen des ſogenannten Grafen Monte Chriſto's Liebe und Treue nichts?“ „Welch' eine Frage!“ „Sie glauben vielleicht ganz allein im Beſitze der Liebe dieſes Edmond Dantes zu ſein?“ „Kann hier Jemand zweifeln?“ „Ich zweifle nicht nur daran, ſondern weiß es ſogar mit Ge⸗ wißheit,“ rief Benedetto mit erhobener Stimme.„Dieſer Monte Chriſto iſt ein Betrüger, ein Elender, ein Heuchler, der, ſeine ſelbſt⸗ ſüchtigen Zwecke verfolgend, herzlos mit Liebe, Treue und Glau⸗ ben ſpielt.“ Haidee erbleichte bei dieſer gegen ihren Gatten geſchlenderten Anklage; aber zugleich ergriff ſie mächtiger Unwillen. „Das iſt Verleumdung!“ rief ſie empört. „Ich will Ihnen das Gegentheil beweiſen,“ erklärte Benedetto. „Edmond Dantes war früher arm, ſo blutarm, daß ſein Vater Hungers ſtarb, und gleichwohl iſt er jetzt unermeßlich reich.— Wiſſen Sie nun, woher dieſer Reichthum ſtammt?“ Haidee mußte dieſe Frage verneinen. Sie wußte es wirklich nicht, denn Monte Chriſto hatte ſie nie davon unterrichtet, und Haidee, in ihrem unſchuldigen Sinne glaubend, es müſſe nur eben ſo ſein, daß ihr Gatte über Millionen verfüge, hatte nie auch nur mit einer Silbe darnach geforſcht. „Sie wiſſen es nicht?“ fuhr Benedetto mit ſpöttiſchem Lächeln fort.„Ich will es Ihnen ſagen: er kam durch Betrug und Raub dazu.“ „Lüge!“ fuhr Haidee heftig auf. „Wahrheit, Madame,“ entgegnete Benedetto kalt.„Edmond Dantes wurde in Rom verhaftet, wiſſen Sie warum?“ „Unbegründete Anklagen.“ „Wohlbegründete, wollen Sie ſagen. Die Anklagen gingen auf Seeraub, auf Verbindung mit berüchtigten Banditen und Schleich⸗ händlern, auf Falſchmünzerei, Zauberei und ſelbſt auf eigenhändigen — Raubmord.“ „Unmöglich!“ ſtieß Haidee hervor. .„Hat Ihnen Ihr ſauberer Gatte nichts von dieſen Anklagen geſagt?“ Haide denn Mon ſhe egen ihn, 18 Mit! ſcheinlih; könnten; e Vorten ni Pahrheit ſie möge Banditen Schmuggl geſtehen!: Gift in H Auch ihr Mörd andeutete, Grafen g droht, und heit zu e Todt Haidee d auf ſie w Entrüſtun wußte all erfahrenen Ben phirend. Er „Au fort. 2 ganz An Ihre Ge über iſt Mit Augen be leidenſcha en auf hleich⸗ digen lagen 471 Haidee mußte geſtehen, daß dieſes nicht der Fall geweſen ſei, denn Monte Chriſto hatte ihr nur geſagt, daß man nichts Unſin⸗ nigeres und Lächerlicheres aufbringen könne, als dieſe Anklagen gegen ihn, auf die Natur derſelben war er nicht eingegangen. Mit teufliſcher Gewandtheit wußte Benedetto es Haidee wahr⸗ ſcheinlich zu machen, daß alle dieſe Anklagen Begründung haben könnten; er wies zugleich darauf hin, daß ſie, glaube ſie ſeinen Worten nicht, von den römiſchen Gerichten ſich bald genug von der Wahrheit ſeiner Worte überzeugen laſſen könne. Er ſagte ferner, ſie möge ihren Gatten nur fragen, ob er nicht mit dem gefürchteten Banditen Vampa, dem Schrecken Roms, und mit venetianiſchen Schmugglern in Verbindung geſtanden, und er werde ihr dieſes ein⸗ geſtehen müſſen. So ging er Schritt für Schritt vorwärts, um Gift in Haidee's Bruſt zu träufeln. Auch die Urſache des Todes der Baroneſſe Danglars, ja ſelbſt ihr Mörder zu ſein, beſchuldigte Benedetto den Grafen, indem er andeutete, die Baroneſſe habe ſehr viel von der Vergangenheit des Grafen gewußt, ſie habe ihm mit Anklagen und Vernichtung ge⸗ droht, und da habe ſie fallen müſſen, um durch Blut neue Sicher⸗ heit zu erkaufen. Todtenbleich, die Stirne mit kaltem Schweiße bedeckt, hörte Haidee dieſen Worten zu, von denen jedes wie ein Donnerſchlag auf ſie wirkte. Sie wollte zweifeln, wollte alle dieſe Anklagen mit Entrüſtung zurückweiſen, und doch vermochte ſie es nicht. Benedetto wußte alle Anklagen ſo überzeugend vorzubringen, daß ſich der Un⸗ erfahrenen der Glaube faſt mit Gewalt aufdrängte. Benedetto ſah den Eindruck ſeiner Rede und lächelte trium⸗ phirend.— Der Sieg war ſein. Er ging weiter.— Er kannte den Charakter der Orientalinnen. „Auch Sie ſind ein Opfer ſeines Betrugs,“ fuhr Benedetto fort.„Während er Ihnen Liebe heuchelt, ſchlägt ſein Herz für eine ganz Andere, Sie ſind nur Gegenſtand ſeiner Sinnenluſt, weil Ihre Geſtalt noch friſch und ſchön iſt.— Wenn Ihre Blüthe vor⸗ über iſt, ſchnellt er Sie hinweg wie eine ausgepreßte Citrone.“ Mit angehaltenem Athem ſtarrte Haidee den Mann an, ihre Augen begannen zu blitzen, ihre Zähne preßten ſich zuſammen. Die leidenſchaftliche Gluth der leicht erregbaren Orientalin regte ſich, 472 Eiferſucht, bisher von Haidee ungekannt, erwachte in ihr und wuchs zu dämoniſcher Wildheit.— Nur mühſam ſtieß Haidee hervor: „Du lügſt, Elender!“ „Was das Herz nur ungern glaubt, ſoll ſtets Lüge ſein,“ ant⸗ wortete Benedetto,„ſelbſt wenn es unumſtößliche Wahrheit iſt.— Mein Mund ſpricht die Wahrheit. Sie kennen dieſe Mercedes, wiſſen aber wohl nicht, wer ſie früher war.“ „Eine Freundin Edmond's, und es iſt die Mutter Albert's, ſeines Freundes,“ antwortete Haidee. Benedetto ſchlug ein lautes, höhniſches Gelächter auf. „Glauben Sie das wirklich?“ ſagte er.„uUnſchuldige Seele, die Sie ſind!— Wiſſen Sie denn, Mercedes war früher die Braut Edmond Dantes, die ihm aber von einem Soldaten weggeſchnappt wurde. Dieſer Soldat war eben Albert's Vater, und der Herr Graf hat es ihm nie vergeſſen, daß er Mercedes Mann und Al⸗ bert's Vater dazu geworden. Deshalb hatte er auch nach ſeiner Rückkehr nach Paris nichts Eiligeres zu thun, als dem glücklichen Nebenbuhler durch allerhand Teufelskünſte ſo zuzuſetzen, bis er, in Verzweiflung gejagt, ſich erſchoß.“ „Ich kannte ihn,“ erwiderte Haidee kalt,„er war der Verräther meines Vaters, und Edmond hat nur meinen Vater gerächt.“ „Arme Thörin!“ hohnlächelte Benedetto,„das glauben Sie.— Die Rache Ihres Vaters war nur ſehr kleine Nebenſache bei ihm, er würde gar nicht daran gedacht haben, hätte er dabei nicht an⸗ dere Zwecke verfolgt. Er wollte ſich den Anſchein geben, als ob Ihr Intereſſe ihm über Alles gehe, damit Sie nicht allein mit der kalten Pflicht einer Sclavin, ſondern wirklich mit hinreißender Gluth an ihm hingen, dieſe macht den Genuß immer appetitlicher. Sein Hauptzweck war allein, den gehaßten Nebenbuhler bei Seite zu ſchaffen, um wieder bei Mercedes freie Hand zu gewinnen, mit der er von da an immer in Verbindung geblieben ſein wird, wie das nun ſo recht vom Herzen gehende Aneinanderſchließen Beider be⸗ weiſt. Auch iſt es nicht blos Zufall, daß dieſe Mercedes nach Neapel kam; die Sehnſucht Beider verlangt Zuſammenſein, und wir könnten es wohl noch erleben, daß Mercedes Gräſin Monte Chriſto ſich nennt, während die arme Haidee Sclavin der Sul⸗ tanin wird.“ Der mehr, um anzufachen. Mißtrauen „Aber „It „In“ „Sie Benen kam er zu Kaun Jubelrufe wollte, do „Zur gebe ich!r „Mei meinen E „Mu vom Arm „Gle Haidee w ſei es au ſie zurück. Da die Händ „Gie Schmerze Ben leiſe.— aus Bene „M Verz ſlürzen;; ſie zurück „Laf muß zu 1 473 Der Stachel ſaß. Benedetto brauchte wenig Beredtſamkeit mmehr, um den geweckten Funken der Eiferſucht zur wilden Gluth aanzufachen. Die ſanfte Hingebung von ehemals war verſchwunden, Mißtrauen in jeder Hinſicht in des Weibes Herzen geweckt. „Aber mein Kind, mein Edmond?“ rief Haidee mit neuer Angſt. „Iſt in meiner Hand,“ erklärte Benedetto. „In Deiner?“ „Sie ſollen ſich überzeugen, Frau Gräfin.— Warten Sie.“ Benedetto verſchwand in dem Gebüſche, nach einigen Minuten kam er zurück, auf dem Arme den kleinen Edmond tragend. Kaum ſah Haidee ihren kleinen Liebling, als ſie mit einem Jubelrufe auf ihn zuſtürzte und ihn Benedetto vom Arme reißen wollte, doch dieſer ſtieß ſie zurück. „Zurück!“ donnerte Benedetto ihr zu,„nicht ſo leichten Kaufes gebe ich meine Beute Preis.“ „Mein Kind, mein Kind!“ rief Haidee.„Räuber, gieb mir meinen Edmond wieder!“ „Mutter, liebe Mutter!“ rief jetzt auch der Knabe und ſtrebte vom Arme des Entführers nach der Mutter hin. „Gleich einer Löwin, der man ihr Junges geraubt, ſprang da Haidee wieder vor, den Kampf um ihren Liebling zu wagen, und ſei es auf Leben und Tod. Aber nochmals ſchleuderte Benedetto ſie zurück. Da ſank Haidee auf die Kniee nieder und ſtreckte flehendlich die Hände nach dem Kinde aus. „Gieb mir mein Kind, meinen Edmond!“ rief ſie im höchſten Schmerze. 1b Benedetto blieb kalt. Er trat einige Schritte zurück und pfiff leiſe.— Auf dieſes Signal erſchien Lippi, nahm das weinende Kind aus Benedetto’s Arm und verſchwand in dem Gebüſche. „Mutter, Mutter!“ klang noch des kleinen Edmond's Stimme. Verzweifelnd ſchnellte Haidee empor und wollte Lippi nach⸗ ſtürzen; Benedetto faßte ſie mit ſtarker Fauſt am Arme und hielt ſie zurück. „Laß mich,“ keuchte Haidee, mit ihm ringend,„laß mich, ich muß zu meinem Kinde!“ 474 „Keinen Schritt,“ befahl Benedetto.„Nicht eher ſiehſt Du Dein Kind wieder, bis ich es will.— Höre meine Bedingungen.“ „Was willſt Du?“ fragte Haidee, den Furchtbaren anſtarrend. „Höre denn, was ich will,“ begann Benedetto mit furchtbarer Stimme.„Edmond Dantes iſt des Kindes, wie Deiner unwürdig, aber er ſoll mir für des Kindes Leben zahlen, Summen zahlen, die hinreichend wären, ein Fürſtenthum zu kaufen.— Und dann ſoll er das Kind noch nicht beſitzen, ich werde es Dir überliefern, wenn Du mir vorher ſchwörſt, von jenem Augenblicke den Verdammten zu verlaſſen und nie mehr zu ihm zurückzukehren.“ Haidee ſtarrte den Sprechenden an; ſie ſchien nicht faſſen zu können, was er wollte. „Bis zu dem zwanzigſten Auguſt ſind es noch drei Wochen,“ fuhr Benedetto fort,„an jenem Tage erwarte ich Edmond Dantes und Dich auf der Inſel Monte Chriſto. Edmond ſoll vor das Ge⸗ richt der Todten, ich ſelbſt werde den Ankläger machen und Du wirſt ſehen, er kann ſich nicht vertheidigen. Auf ſolche Art will ich Dir den Beweis liefern, wie unwürdig dieſer Verbrecher Deiner und Deines Kindes iſt, und wie ſehr Du Recht haſt, Dich von ihm zu trennen für immer. Du wirſt ihm dann in meiner Gegenwart erklären, daß Du ihn nur verachten kannſt und ihn nie wiederſehen willſt, und daß Du auch Wort hältſt, dazu wird Dich Dein Eid zwingen.“ „Du biſt ſchrecklich,“ ſtöhnte Haidee.„Und das Kind, und mein Edmond?“ „Wird Dir ſpäter überliefert werden,“ ſagte Benedetto kalt. „Glaube nicht, ich würde ſo thöricht ſein, das Kind mit nach der Inſel zu bringen und mich ſo in eine Falle zu begeben, nein, das Kind bleibt als Pfand in ſicheren Händen, und macht Jemand nur im Entfernteſten Miene, mir ein Haar zu krümmen, ſo muß des Kindes Leben büßen; für einen Tropfen meines Blutes erhaltet Ihr des Kindes blutiges Haupt.— Dieſes merke Dir! Nur Dich und Edmond Dantes erwarte ich auf Monte Chriſto, ſonſt Nie⸗ mand.— Ich werde ein ſcharfes Auge haben und jeden verſuchten Verrath an mir mit Blut rächen.— Sorge alſo dafür, daß der Verdammte an dem Tage auf der Inſel erſcheint, ſorge auch dafür, daß keine Hinterliſt angezettelt wird, da dieſelbe nur zu Deinem 1 ſarrte den mochte abe Endlie Maria und beſorgt,2 Gegenſtand Bei Kraft zuſan über ihr J ſie es dure Wagen zu Haide und Mercc ſogleich he bieten, all ſehen, ſie würde ihr Man Anfall kra und dritte Naria ſu ès ihnen ſch bewu ſie rechtfer Haide weiflung ſo daß A. ſande ſein ſ Du ungen.“ arrend, htbarer vrürdig, en, die nn ſoll wenn ten zu ſſen zu ochen,“ Dantes as Ge⸗ nd Du vill ich Deiner m ihm enwart erſehen in Eid , und o kalt. ach der n, das nd nur uß des erhaltet Dich I Nie⸗ uhe aß der dafür, deinen 475 Verderben ausſchlagen kann, und vor Allem ſchweige gegen den Ver⸗ dammten von dem, was ich Dir heute ſagte, bis ich ſelbſt ſprechen werde.— Schwöre mir es.“ „Ich will ſchweigen,“ entgegnete Haidee mit bebender Stimme. „Aber meinen Edmond?“ „Denke an den zwanzigſten Auguſt,“ entgegnete Benedetto kurz. Er ſprang in das Gebüſch und war verſchwunden. Haidee war halb ohnmächtig auf einen Stein geſunken und ſtarrte dem Verſchwundenen nach. Sie wollte ihm nacheilen, ver⸗ mochte aber weder Hand noch Fuß zu regen. Endlich nahten Stimmen, welche ihren Namen riefen. Es waren Maria und die Dienerin, welche, über das lange Ausbleiben Haidee's beſorgt, Ali herbeigerufen und dann ſich aufgemacht hatten, den Gegenſtand ihrer Sorge zu ſuchen. Bei der Annäherung der Suchenden raffte Haidee ihre letzte Kraft zuſammen und ſchwankte ihnen entgegen, und als Jene, beſtürzt über ihr Ausſehen, um die Urſache deſſelben fragten, entſchuldigte ſie es durch plötzliches Uebelbefinden und ließ ſich an den harrenden Wagen zurückgeleiten. Haidee kam in dem angegriffenſten Zuſtande in die Villa zurück, und Mercedes, durch Albert von dieſem Vorfalle unterrichtet, eilte ſogleich herbei, die Kranke zu beſuchen und ihr ihre Pflege anzu⸗ bieten, allein zum allgemeinen Erſtaunen wollte Haidee ſie gar nicht ſehen, ſie ließ ſagen, ſie wünſche allein zu bleiben und hoffe, dann würde ihr beſſer werden.. Man hielt dieſe Weigerung im erſten Augenblicke für einen Anfall krankhafter Laune, als aber dieſe Weigerung auch am zweiten und dritten Tage ſtattfand, da ward es Allen auffallend, Albert und Maria ſuchten über die Urſache in's Klare zu kommen, doch gelang es ihnen nicht, und Mercedes zog ſich tief verletzt zurück. Sie war ſich bewußt, nichts gethan zu haben, was dieſes Benehmen gegen ſie rechtfertigen konnte.„ Haidee aber verbrachte ihre Zeit in Thränen zu, und ihre Ver⸗ gweiflung, die ſich offen ausſprach, machte ihre Umgebung beſorgt, ſo daß Albert es für ſeine Pflicht hielt, den Grafen von dem Zu⸗ Kaande ſeiner Gattin zu benachrichtigen. 476 Auch Haidee hätte Urſache gehabt, dem Grafen Nachricht zu geben, damit er zu dem Termine auf Monte Chriſto ſei, allein ihr bangte vor ſeinem Anblicke, und ſchaudernd dachte ſie an die Ent⸗ ſcheidung ihres Schickſals, welche zu dem verhängnißvollen zwanzig⸗ ſten Auguſt hereinbrechen mußte. Endlich aber konnte Haidee das Geſchäft nicht mehr auſſchieben, ſie ſchrieb dem Grafen einen kurzen, kalten Brief, wo ſie ihn von der Einladung, und daß von deren Befolgung das Schickſal des entführten Kindes abhänge, benachrichtigte. In ſtriche Sü Blüthe ſt der Geger Arca nach ſtreifender lichen Vo ſeit der wartet Neunundfünfzigſtes Kapitel. In den Apeninnen. Nein, meine Rache, ſie ſoll ewig dauern, Sie ſoll vererben ſich auf Kindes Kinder. Shakeſpeare. In den Abruzzen, jenem berüchtigten und gefürchteten Land⸗ ſtriche Süditaliens, wo das Räuberunweſen vor Allem in der ſchönſten Blüthe ſteht, finden wir Benedetto und Lippi wieder. Es iſt in der Gegend von Arpino, in den wilden Felſenthälern, die ſich von Arca nach der römiſchen Grenze hin erſtrecken, und die den umher⸗ ſtreifenden Banden den für ihr verbrecheriſches Geſchäft ſehr weſent⸗ lichen Vortheil bieten, ſich in ein Nachbarland raſch zurückziehen zu können, wenn ſie auf dem einen Gebiete zu eifrig verfolgt werden. Sowohl Benedetto als Lippi waren nach echter Banditenweiſe bis auf die Zähne bewaffnet, Lippi trug ein Kind, den Sohn des Grafen Monte Chriſto. „Sind wir bald zur Stelle?“ fragte Benedetto ſeinen Begleiter. „Es kann keine halbe Stunde mehr dauern, ſo müſſen wir die Hütte Fano's erreicht haben. Sie liegt am Felſenwege.“ „Und Du glaubſt, ihn zu treffen?“ „Warum nicht? Ich kenne Franzesko Fano gut genug, habe ich doch erſt vor zwei Jahren unter ſeiner Fahne geſtanden und ſeit der Zeit wird er ſeine Gewohnheit nicht geändert haben. Er wartet mit ſeinem Sohne eine kleine Heerde, die den ganzen Reich⸗ thum des alten Fuchſes auszumachen ſcheint; kommt Nachricht von einem zu hoffenden guten Fange, ſo iſt er in wenig Stunden an der Spitze ſeiner Geſellſchaft und ſchlägt d'rein, wie der leibhaftige Tceufel. Bisweilen macht er wohl auch eine Wallfahrt nach Rom, um ſich Ablaß für ſeine Sünden zu holen, denn der alte Satan 478 iſt eigentlich eine ſehr fromme, chriſtliche Seele, der lieber barfuß auf den Veſuv ſteigen als einen Faſttag brechen würde.— Hat er aber den Ablaß, nun, dann kann er mit gutem Gewiſſen gleich auf dem Rückwege von der Wallfahrt ein paar nichtsnutzige Kehlen abſchneiden und auf Rechnung des nächſten Ablaſſes ſündigen.“ „Du entwirfſt ein ſchmeichelhaftes Bild von der Frömmigkeit Deiner Landsleute.— Du biſt wohl ſelbſt nicht anders?“ „Pah, was thut's?— Warum ſollte man ſich nicht auf ſeine Art luſtig machen, wenn man Ablaß zu bekommen weiß?“ entgegnete Lippi leichtſinnig.„Aber nun ſage, was haſt Du eigentlich mit dem Kinde vor?“ „Was weiter, als daß ich es Fano zur Erziehung geben will. Das habe ich Dir ſchon ein paar Mal geſagt.“ „So ſoll es immer bei ihm bleiben?“ „Natürlich, wenigſtens ſo lange ich es für gut finde.“ „Ich hörte aber, wie Du zu dem Weibe ſagteſt, daß Du in drei Wochen ihr das Kind zurückgeben wollteſt.“ „Kein Gedanke daran.“ „Wahrſcheinlich willſt Du nicht Wort halten.“ „Werde kein Thor ſein.— Erſt mag der Herr Graf ſein Löſegeld zahlen und dann ſoll das Kind dennoch in meinen Händen bleiben und mir das Mittel ſein, durch welches ich das Weib von dem guten Freunde auf immer fern halte.— Denn“— er ſagte das Letzte mit furchtbarem Blicke—„ich habe geſchworen, mich an dieſem Menſchen furchtbar zu rächen, und ich will dieſen Schwur in ſeinem ganzen Umfange halten.“ „Warum nimmſt Du ihm das Leben nicht? Es war oft genug in Deiner Hand.“ „Um keinen Preis taſte ich ſein Leben an; das wäre Wohlthat für jenen Menſchen, und eher möge meine Hand am Leibe ver⸗ dorren, wie dieſe kalte Todtenhand hier, ehe ſie Jenem auch nur die geringſte Wohlthat erweiſt.— Ich habe es ſchon weit mit ihm gebracht, ich habe ihn als Pirat, als Räuber, als Schmuggler, als Falſchmünzer, als Zauberer, endlich als Raubmörder an den Pranger geſtellt; ſein Ruf iſt ohne Rettung vernichtet; an vielen Orten darf er ſich gar nicht blicken laſſen, ohne Gefahr zu laufen, verhaftet und dem Gerichte überliefert zu werden. Nirgends hat er Ruhe, die unter Entfernu Schafe un liche Wol beide Wa Vor Schooße, in ländli daneben den erho „Gt reichend. „Ac gebotene „Au ja die du und ich zu mache darfuß nt er lich auf Kehlen gen.“ nmigkeit uf ſeiee tgegnete lich mit den will. Du in raf ſein Händen zeib von er ſagte mich an Schwur ſt genug Tohlthat ibe ver⸗ ꝛuch nur mit ihm ler, als Pranger ten darf verhaftet 1 Ruhe, 479 ich hetze ihn von Ort zu Ort durch die ganze Welt, jeden Augen⸗ blick muß er zittern, daß ich vor ſeinen Blicken auftauche und ihn den Racheruf in das Ohr gelle. Noch mehr, in ſeinem Kinde habe ich das Mittel, ihn arm zu machen, bettelarm, und ich reiße auch die Gattin von ſeiner Seite und zwinge ſie, ihm ſelbſt zu ſagen, wie ſie ihn verachtet. Sie darf nie mehr zurückkehren; das Kind iſt mir Pfand dafür. Auch was er noch an Freunden haben ſollte, muß von ihm losgeriſſen werden, und ſelbſt Bertuccio und der ſchwarze Teufel, der Mohr, müſſen fallen.— So ſoll der ſtolze Mann zuletzt einſam daſtehen und der Verzweiflung preisgegeben ſein für alle Zeiten, unter der Höllenqual in ſich ſelbſt ſoll er tauſendfache Tode ſterben und jeder dieſer Tode ſoll qualvoller ſein, als ich ihn erſinnen könnte, wenn ich meine Hand in ſein Blut tauchen wollte.“ Lippi ſchaute den Sprechenden ſchaudernd an. „Menſch,“ rief er dann,„ich beuge mich vor Deiner teufliſchen Größe!“ Sie ſchritten weiter den Felſenweg hinab und ſahen bald an der anderen Seite des Thales eine an den Felſen geklebte Hütte, die unter dicht belaubten Plantanen halb verborgen lag. In einiger Entfernung davon weidete auf kleinem Wieſengrunde eine Heerde Schafe und Ziegen. Lippi bezeichnete jene Hütte als die gewöhn⸗ liche Wohnung des gefürchteten Franzesko Fano, und bald ſtanden beide Wanderer vor derſelben. Vor der Hütte ſaß ein junges Weib mit einem Kinde auf dem Schooße, ein kleiner Knabe ſpielte neben ihr im Graſe; ein Mann in ländlicher Tracht, aber mit finſteren und trotzigen Zügen, ſaß daneben und ſchnitzte an einem Stabe. Bei dem Nahen der Frem⸗ den erhob er ſich und blickte ſie forſchend an. „Guten Tag, Franzesko,“ ſagte Lippi, dem Manne die Hand reichend. „Ach, Du biſt es, Lippi?“ ſagte Franzesko Fano, in die dar⸗ gebotene Hand einſchlagend.„Haſt Dich lange nicht ſehen laſſen.“ „Aus guten Gründen,“ antwortete Lippi lachend.„Du weißt ja die dumme Geſchichte, wie wir über die Grenze geſprengt wurden und ich ganz beſondere Gründe hatte, mich ſchnell aus dem Staube zu machen. Will man ſich nicht die Augen ausbeißen laſſen, muß 4⁸⁰ man ſich dem Rauche entziehen.— Ich habe es dann wieder kurze Zeit unter Vampa verſucht und bin dann zur Abwechſelung zu meinem alten Gewerbe auf der See zurückgekehrt, weil nun der Menſch einmal das am liebſten treibt, was er in der Jugend ge⸗ lernt hat und man im Leben Alles verſuchen muß.“ „Nun, was bringſt Du hier für einen Burſchen mit?“ fragte Fano. „Einen guten Freund, dem Du eine Gefälligkeit erzeigen ſollſt und der Dich dafür reich bezahlen wird,“ antwortete Lippi. Fano wandte ſein Auge erwartungsvoll auf Benedetto, welcher jetzt näher trat und das Anſinnen ſtellte, Fano ſolle das Kind an⸗ nehmen und für deſſen Erziehung ſorgen. Der Räuberchef muſterte Benedetto lange vom Kopfe bis zu den Füßen und fragte endlich, was er für dieſen Dienſt zu zahlen bereit ſei. „Wenn Du alle Bedingungen erfüllſt, welche ich Dir ſtellen werde,“ entgegnete Benedetto,„ſo ſollſt Du erkennen, daß Du es mit keinem Knauſer zu thun haſt. Ich gebe ſogleich fünftauſend Ducato und dann zehn Jahre hindurch alle Jahre tauſend Ducato, vorausgeſetzt, daß das Kind am Leben bleibt, und ich werde Dir für die Summen jede mögliche Sicherſtellung gewähren, die Du nur immer verlangen kannſt.“ Fano's Augen begannen zu funkeln; dieſes Gebot war für ſeine Habgier zu lockend, denn dergleichen Verdienſt winkte ihm nicht alle Tage. „Fünftauſend Ducato?“ murmelte er, als habe er ſeinen Ohren nicht getraut, ob ſie auch wohl recht gehört.„Und die Beding⸗ ungen?“ „Für das Erſte verlange ich, daß Du dieſen Knaben wie Deinen eigenen erziehſt,“ ſagte Benedetto.„Du läßt ihn aufwachſen, wie er eben aufwachſen will, hältſt ihn gut, weiheſt ihn aber ſo zeitig als möglich in Dein Handwerk ein, damit er lernt Kehlenabſchneiden, Reiſende ausplündern, ſich mit Gensd'armen herumzuſchlagen, kurz, daß er ein Bandit wird, würdig, ein Schüler ſeines Meiſters Franzesko Fano zu ſein.“ „Nichts weiter,“ lachte Fano,„dann iſt das Geld nicht ſchwer ſein hat er urhe lung zu nun der gend ge⸗ wit en ſolſſt welcher iind an⸗ bis zu u zahlen r ſtellen Du es ftauſend Ducato, erde Dir die Du für ſeine m nicht in Ohren Beding⸗ ben wie ſwachſen, ſo zeitig hneiden, en, kurz, Meiſters t ſchwer 481 zu verdienen. Laß mich dafür ſorgen, daß er mir keine Schande macht.— Was nun weiter?“ „Ferner mache ich zur Bedingung, daß Du dem Knaben den Glauben beibringſt, er ſei Dein Sohn oder doch ein naher Ver⸗ wandter von Dir, und in dieſem Glauben muß er für alle Zeiten bleiben.“ „Er ſoll als mein Enkel gelten,“ verſicherte Fano.„Die Frau, welche Du hier ſiehſt, iſt meine Schwiegertochter, mein Sohn iſt bei der Heerde.“ „Wird Dein Sohn in die Bedingungen willigen?“ „Ich bürge für ihn. Luigi hat keinen anderen Willen als den meinen.— Du ſiehſt, ich verſtehe mich auf das Kindererziehen.“ „Dann iſt es gut.“ „Haſt Du noch mehr Bedingungen?“ fragte Fano. „Noch eine ſehr wichtige,“ erwiderte Benedetto.„Es wäre nicht unmöglich, daß der Knabe aufgeſpürt und Dir ein hohes Löſegeld geboten würde, dann aber mußt Du dieſes abweiſen, mußt dabei verharren, es ſei Dein Enkel und haſt mir ſofort Nachricht zu geben. Ich werde dann Sorge tragen, daß Du keinen Verluſt erleideſt, darauf verlaſſe Dich.“ „Das läßt ſich hören.“ „Aber,“ fuhr Benedetto mit drohender Stimme und blitzenden Augen fort,„hüte Dich wohl, irgend einen unredlichen Gedanken gegen mich zu haben, oder nur das Geringſte zu thun, was gegen dieſe Bedingungen verſtößt, die ich Dir geſtellt habe, denn dieſes würde nur zu Deinem Verderben ausſchlagen. Ich habe einen Talisman, der mir Alles anzeigt, wenn Jemand eine Falſchheit gegen mich begehen will, und der mir auch die Wege weiſt, welche ich einſchlagen muß, um den Verräther ſicher zu treffen. Schaue her!“ Er zog die Todtenhand hervor und hielt ſie in die Höhe. Fano fuhr entſetzt zurück und ſchlug ein Kreuz. „Heilige Mutter Gottes!“ murmelte er mit ſcheuem Blicke.“ Benedetto weidete ſich einige Minuten an dem Eindrucke, welchen ſein angeblicher Talisman auf den abergläubiſchen Menſchen gemacht hatte. Dann fragte er wieder: „Du willſt alſo Alles thun.“ Die Hand des Todten. 482 „Gewiß,“ entgegnete Fano mit einem ſcheuen Seitenblicke auf die Hand.„Aber das Geld?“ „Schwöre mir auf das Kruzifix, daß Du meine Bedingungen unverbrüchlich halten willſt,“ fuhr Benedetto fort, ohne auf die Geld⸗ frage zu achten. 4 Fano erklärte ſich bereit, den verlangten Schwur zu leiſten; er brachte ein Kruzifix aus der Hütte und leiſtete auf daſſelbe den Eid.— Auch die junge Frau folgte dem Beiſpiele ihres Schwieger⸗ vaters. Benedetto war befriedigt, und jetzt erſt übergab er das ent⸗ führte Kind der Banditenfrau. „Aber das Geld,“ fragte Fano dringender. „Alter Burſche,“ lachte Benedetto,„habe keine Sorgen, es geht Dir nichts verloren.“ Mit dieſen Worten griff Benedetto in die umhängende Taſche, holte fünf Goldrollen hervor und gab ſie Fano, welcher ſie gierig aufbrach und deren Inhalt überzählte, um gewiß zu ſein, daß er um kein einziges Goldſtück übervortheilt werde.— Benedetto ſah ihm mit ſpöttiſchem Lächeln zu. Die Frau hatte unterdeſſen das ermüdete Kind auf ein Bett gelegt, während die Männer ſich vor der Hütte lagerten und Bene⸗ detto nochmals Alles genau wiederholte, was er in Bezug auf das entführte Kind inne gehalten haben wollte. Nun hatte Fano wohl viel Luſt, das Geheimniß zu durchdringen, woher das Kind käme und wer der ſei, welcher es ſeinen Händen überliefert, doch Bene⸗ detto war gar nicht geneigt, ihn weiter in das Vertrauen zu ziehen, als eben nöthig war, und Lippi's Zunge war durch ſeines Gefährten ſtrenge Weiſung gebunden. Nach einiger Zeit erſchien Luigi Fano, der Sohn und zu⸗ künftige Nachfolger des alten Räuberchefs. Er war herbeigerufen, damit er von der unerwarteten Vermehrung ſeiner Familie unter⸗ richtet würde und von Benedetto ſelbſt die Verhaltungsbefehle er⸗ halte. Auch er war zu Allem willig. Unter dem Geſpräche verging die Zeit, man aß dann von dem ſchnell bereiteten Mahle, wozu der Bandit einen Wein zum Vor⸗ ſchein brachte, welcher auf einer königlichen Tafel nicht beſſer hätte ſein können. 3 ent⸗ 3 geht Taſche, gierig daß er to ſah n Bett Bene⸗ uf das owohl küme Bene⸗ ziehen, fährten ind zu⸗ erufen, unter⸗ ihle er⸗ in dem 1 Vor⸗ t hätte 483 Nachdem Alles auf das Genaueſte beſprochen war und Bene⸗ detto auch die Wege angegeben, auf welchem ihm fortwährend Nachricht zugehen könne, und er ferner an Fano eine Anzahl An⸗ weiſungen ausgeſtellt hatte, auf welche er an beſtimmten Orten die verſprochene Jahresſumme erhalten würde, nahmen Benedetto und Lippi zu ſpäter Stunde Abſchied. „Gedenkt Eures Eides,“ mahnte Benedetto noch,„und erinnert Euch, daß mein Talisman mir Alles ſagt.“ Dann ſchritten Beide den Felſenweg hinan und ſchlugen die Richtung nach Arci ein. Benedetto wollte von dort über die römiſche Grenze gehen und dann nach Rom reiſen, damit er an dem beſtimmten Tage gewiß auf Monte Chriſto eintreffen und ſeiner Rache die Krone aufſetzen könne. „Noch eine kurze Zeit Geduld, dann ſind alle Beſchwerden zu Ende und wir können leben wie die Fürſten,“ tröſtete Benedetto ſeinen Gefährten. „Halt!“ donnerte es ihnen da plötzlich entgegen. Zwei Männer ſprangen hinter den Felſen hervor und auf ſie zu; in geringer Entfernung zeigten ſich noch einige. 31* Sechszigſtes Kapitel. Der Kampf mit den Banditen. Bei des Abends letzten Strahl Hallt Geſchrei und Schwerterklang, Weckt das Echo in dem Thal, Todesſeufzer ſtöhnend bang. B. Monte Chriſto und ſeine Begleiter hatten ihren Weg nur langſam fortgeſetzt, denn in jedem Orte, wohin ſie kamen, ſtellten ſie Nachforſchungen an, um ſich zu überzeugen, daß ſie auch der richtigen Spur folgten; bald waren auch Bertuccio oder Pierre rechts oder links abgeſchweift, um da oder dort Erkundigungen ein⸗ zuziehen. Bisweilen hatten ſie wohl Andeutungen erhalten, welche ſie vermuthen ließen, ſie befinden ſich auf der rechten Fährte, aber noch öfter zeigte ſich nicht das geringſte Anzeichen, und ſie mußten nur auf das Geradewohl weiter ziehen. So kam es, daß ſie zur Zurücklegung einer Strecke, wozu ſie kaum ein und einen halben Tag nöthig gehabt hätten, ſechs Tage brauchten. Endlich erreichte Monte Chriſto Milana an der Straße nach Arpino, und hier ward ihm durch mehrere Perſonen die Nach⸗ richt, daß zwei Männer mit einem Kinde hier geſehen worden wären, und daß das Aeußere der Männer auf den Verdacht geführt hätte, ſie gehörten zu der Bande des Franzesko Fano. Monte Chriſto forſchte zwar nach dem muthmaßlichen Aufent⸗ halte des Banditenchefs, aber in den Ortſchaften, welche er berührte, wollte auf ſolche Fragen Niemand Beſcheid wiſſen, da ihnen die Fragenden ſelbſt verdächtig vorkommen mochten und Alle im Falle eines Verraths die Rache der Banditen fürchteten, die ihre Agenten an jedem Orte hatten und in derartigen Sachen nicht lange ſpaßten. eilte Volln weder ſeinen 0 Neape in ſei⸗ mehr ditenn oder, traute fürcht angele Gewiß, daß ſein Sohn ſich in der Gegend befinden müſſe, eilte Monte Chriſto nach Arpino, zeigte dem Polizeibeamten ſeine Vollmachten und forderte ihn auf, ihm Mittel zu verſchaffen, ent⸗ weder den Hauptmann Franzesko Fano ſelbſt, oder doch einige ſeiner Leute in die Hände zu bekommen. Der Polizeidirector, von dem Grafen und dem Agenten aus Neapel beſtürmt, ward ziemlich verlegen und verſicherte, wenn es in ſeiner Macht geſtanden, würde ſchon längſt kein Franzesko Fano mehr exiſtirt haben, es ließe ſich aber wenig thun, denn das Ban⸗ ditenweſen ſei zu ausgebreitet, und man könne nie wiſſen, ob Der oder Jener, dem man begegne, ein Glied der Bande oder ein Ver⸗ trauter derſelben ſei; frage man Jemand, ſo müſſe man ſtets be⸗ fürchten, daß dieſe Frage die Urſache von der Vereitelung des beſt⸗ angelegten Planes werde; dem Zufalle allein müſſe man überlaſſen, wenn Etwas geſchehen ſolle. „Sie machen hier ein ſehr trauriges Geſtändniß, Herr,“ ſagte der Graf unzufrieden.„Ich kann aber nicht darauf warten, bis es dem Zufalle gefällig ſein wird, zu meinen Gunſten einzutreten.— Sollte nicht auch Gold die Rolle des Zufalls ſpielen?— Mir kommt es auf einige Tauſend nicht an, wenn ich nur meinen Zweck erreiche.“ Neues Achſelzucken war die Antwort; der Graf erreichte nichts weiter und entfernte ſich mißmuthig. Als er in den von ihm bewohnten Gaſthofe zurückgekommen war, ließ ſich ein Mann bei ihm melden, und ſofort trat einer der unteren Polizeibeamten, die der Graf in dem Vorzimmer des Direc⸗ tors geſehen, bei ihm ein. Der Mann that anfangs ziemlich verlegen und machte einige Umſchweife, als der Graf ihn nach der Urſache ſeines Beſuches fragte, allein endlich trat er doch mit ſeiner Abſicht vor, indem er Winke darüber fallen ließ, er wiſſe von der Unterhaltung mit dem Polizeichef. „Leicht wäre es möglich, daß Gold Wunder wirkte,“ ſagte er. Aber es müßte eine hohe Summe ſein, denn mit den fünfhundert Ducato, welche die Regierung ausgeſetzt, iſt nichts gethan, dafür trägt Niemand ſeine Haut zu Markte.“ „Wenn ich aber eben ſo viel Tauſend biete?“ fragte Monte Chriſto.„ 486 ' „Dafür ließe ſich noch nicht ſo viel thun, als nöthig wäre.“ „Auch nicht für die doppelte Summe?“ „Dann eher; nur müßten Sie für einen armen Teufel noch Etwas zulegen, der Alles genau weiß und der den Führer machen müßte, dann aber keinen Tag mehr ſicher im Lande bleiben könnte, ſondern keine Wahl hätte, als auszuwandern.“ Monte Chriſto verſtand ſich endlich dazu, den zehntauſend Ducato noch zweitauſend zuzulegen, und nun erklärte der Polizeimann, er würde den fraglichen Mann ſofort herbeiholen. Er ging, und Monte Chriſto ſah dem Manne mit ſonderbarem Gefühle nach, denn er hatte den Polizeidirector nicht wenig im Ver⸗ dacht, daß er ſelbſt mit den Banditen unter einer Decke ſpiele und der Unterbeamte ein Geſandter von ihm geweſen; oder hatte dieſer Untergebene an der Thüre gelauſcht?— Auch möglich. „Das ſind mir ſchöne Einrichtungen,“ murmelte er. Doch augenblicklich war es ihm gleichgiltig, auf welche Art er zum Ziele kam, wenn dieſes nur überhaupt geſchah. Es dauerte nicht lange, ſo brachte der Beamte einen liſtig aus⸗ ſehenden Mann, welcher mit dem Grafen bald handelseinig wurde, und verſicherte, er wiſſe Fano's Aufenthalt, und wenn man ſeinen Anordnungen folge, könne man hoffen, ihn zu fangen. Schon eine Stunde nachher gingen verſchiedene bewaffnete Gensd'armen unter Verkleidung von Arpino ab und ſchlugen die Richtung nach Arci und den dort befindlichen Schluchten ein, Monte Chriſto und Bertuccio folgten mit Pierre in einem Reiſewagen, der mit Waffen gefüllt war. Nach einigen Stunden erreichte man auf ſehr ſchlechter Straße das eine Ende des Thales, wo ein dichtes Gebüſch jede Ausſicht verſchloß. Hier hatten die Gensd'armen ſich bis auf wenige geſammelt, die anderen waren ſchon nach anderer Richtung gegangen, um die Auswege für die Banditen abzuſchneiden. Auch waren die Leute ſchon thätig geweſen, denn zwei Männer, anſcheinend Holzhauer, lagen gebunden und geknebelt am Boden, und Monte Chriſto erfuhr, daß dieſes Mitglieder der Bande Fano's wären. Er ſuchte ſie zur Sprache zu bringen, doch war von ihnen nichts zu erfahren. Die Gensd'armen wurden nochmals genau inſtruirt, wie ſie handeln follten, und ihren Eifer zu beleben, bot jetzt Monte Chriſto der La dem, jeden die A zu thu p ſuchte von d deutlic von d werder J Geſtra zu un einige pfad ſ H detto! B Geiſtes weg denn Grund Riehe mußte reiche 1 1 faſt er ihnen. zu treß ſich ü und d weide 8 golten die Hij F 487 dem, welcher Fano fangen würde, tauſend Ducato Extrazulage, für jeden anderen Banditen aber fünfhundert. Dieſes wirkte Wunder⸗ die Augen der Männer blitzten und ſie verſprachen ihr Möglichſtes zu thun. Vorſichtig vorſchleichend entdeckte man endlich die Hütte Fano's, ſuchte ſich aber möglichſt zu verbergen, um weder von dort, noch von dem Wieſengrunde, wo die Heerde weidete und wo, wie man deutlich ſah, ein Mann auf einem erhöhten Punkte ſtand, welcher von dort aus die ganze Umgebung beobachten konnte, bemerkt zu werden. Nun theilten ſich die Gensd'armen und gleich Katzen, durch das Geſträuch ſich ſchleichend, ſuchten ſie von allen Seiten die Hütte zu umſtellen. Monte Chriſto und ſeine zwei Begleiter folgten in einiger Entfernung Denen, welche den nach Arci laufenden Felſen⸗ pfad ſich hinab zu winden ſuchten. Hier ſahen ſie zwei Männer hinan kommen, es waren Bene⸗ detto und Lippi, denen ſie jetzt gebieteriſch Halt befahlen. Benedetto, obgleich auf das Höchſte überraſcht, verlor doch die Geiſtesgegenwart nicht.— Raſch ſich wendend ſprang er den Felſen⸗ weg wieder hinab; Lippi folgte, und es begann nun eine Hetzjagd, denn die Gensd'armen, ſich verrathen ſehend, hatten jetzt keinen Grund mehr, um weitere Vorſicht zu beobachten, ſie ſuchten die Fliehenden, welche ſie für Mitglieder der Fano'ſchen Bande halten mußten, zu ereilen und zugleich die Hütte des Hauptmanns zu er⸗ reichen, um ſich dieſer wichtigen Perſon zu verſichern. Benedetto, welcher ſich durch ein Paar ſchnellfüßige Verfolger faſt ereilt ſah, wandte ſich, ſchoß auf ſie und verwundete einen von ihnen. Erbittert gab jetzt auch der Getroffene Feuer, ohne jedoch zu treffen. Benedetto und Lippi gewannen einen Augenblick Zeit, ſich über ein Felſenſtück zu ſchwingen, durch ein Gebüſch zu dringen, und die Flucht nach der Wieſenfläche zu nehmen, wo die kleine Heerde weidete. Einige unwirkſame Schüſſe wurden ihnen nachgeſchickt. Schon der erſte Schuß hatte für die Uebrigen als Signal ge⸗ golten, ſie brachen nun von allen Seiten hervor und ſtürmten auf die Hütte ein. Franzesko Fano und ſein Sohn, ſtets argwöhniſch, ſtets auf der Lauer, hatten ſchon bei dem erſten Lärm ihre Waffen ergriffen, 488 während die Frau mit dem jüngſten Kinde auf dem Arme, dem zweiten an der Hand, ebenfalls bereit zur Flucht war, der kleine Edmond blieb Fano ſelbſt überlaſſen. Kaum war Fano aus der Hütte getreten, als auch ſchon von allen Seiten die Feinde emportauchten und auf ihn eindrangen. „Dort iſt Fano,“ ſchrie eine Stimme. „Dann d'rauf!“ brüllten die Angreifer. Fano's flammender Blick hatte ſchnell den aufgefunden, welcher ſeinen Namen genannt, und ihn auch erkannt; es war jener Mann aus Arpino, welcher die Gensd'armen hierher geführt. Dieſer Mann war dem Hauptmanne als ein ehemaliger Vertrauter der Geſellſchaft bekannt.. „Stirb, Verräther!“ ſchrie er ihm zu. Er riß die lange Flinte an den Backen, der Schuß krachte und augenblicklich ſtürzte Jener mit zerſchmettertem Haupte zuſammen. Inſtinktmäßig wichen die Angreifer einige Augenblicke zurück. Fano wollte dieſes benutzen; er riß den kleinen Edmond auf ſeinen Arm, und ohne ſich erſt Zeit zu gönnen, das Gewehr wieder zu laden, ſprang er vorwärts, die Linie der Angreifer zu durchbrechen. Sein Sohn und deſſen Gattin mit den beiden Kindern folgten ihm. Nur auf Momente dauerte das Zaudern der Gensd'armen, der von Monte Chriſto geſetzte Preis war zu lockend, als daß ſie nicht Alles hätten verſuchen ſollen, den berüchtigten Banditen in ihre Gewalt zu bekommen, koſte es, was es wolle. Wüthend drangen nun Alle auf die Banditenfamilie ein und ſuchten die Männer zu entwaffnen. Wieder fielen zwei Schüſſe und zwei Gensd'armen ſtürzten. Aber dieſes war nur das Signal für die Anderen, noch wüthender auf die Beiden einzudringen, während Andere ihnen den Rückzug nach der Hütte abzuſchneiden ſuchten. Fano dieſes ſehend, ſuchte nun die Thüre wieder zu erreichen, in der rechten Hand die umgekehrte Flinte ſchwingend, auf dem linken Arme das ſchreiende Kind tragend, ſtürmte er zurück, ſchmet⸗ terte einen der Gegner nieder und erreichte die Thüre glücklich zu gleicher Zeit mit der flüchtenden Frau. Nicht ſo glücklich war Luigi, welcher von einem Stoße getroffen, niederſank. Ein Gensd'arm wollte ihn packen, ſank aber von Fran⸗ ihm. , der nicht ihre ingen er zu rzten. ender ückzug ichen, dem hmet⸗ ch zu offen, Fran⸗ — . 489 zesko's Kugel getroffen nieder. Luigi gewann dadurch Zeit, ſich aufzuraffen und nach der Hütte zu ſpringen. Der vorhin von Franzesko Niedergeſchmetterte richtete ſich voll Wuth auf, zog eine Piſtole und ſchoß auf Fano, aber nicht ihn traf er, ſondern das Kind auf deſſen Arme. Gleichzeitig fielen noch einige Schüſſe, der eine warf Luigi nieder, eine andere Kugel fuhr durch die Bruſt des Weibes. Nur Fano, den man noch lebendig zu fangen hoffte, blieb unverletzt. Raſend fuhr der Bandit in die Höhe. „Ha, Ihr Mörder,“ brüllte er den Gensd'armen zu,„mit Weibern und Kindern führt ihr alſo Krieg?— Die Hölle ſoll Euch dafür geheizt werden.“ Hoch empor hielt er die blutende Kinderleiche und ſchleuderte ſie dann hinter ſich in die Hütte, wohin ſich der ſchwer verwundete Sohn bereits ſchleppte. „Ergieb Dich, Fano!“ ſchrieen die Angreifer. „Damit Ihr den Spectakel habt, mich unter Henkershänden bluten zu ſehen,“ ſchrie Fano wuthſchäumend zurück.„Um keinen Preis!“ Er ſprang in das Innere der Hütte und ſchlug die Thüre krachend hinter ſich zu. Die Angreifer wollten nachdringen, konnten aber die ſtarke Thür nicht bewältigen, und auch blitzte bald hier, bald da ein Schuß hervor, die Gensd'armen mahnend, daß ſie dieſe letzte Feſtung des Banditen nicht ſo leicht gewinnen könnten. Sie warfen ſich hinter Steine und Gebüſche und richteten von da aus ihr Feuer auf die Fenſteröffnungen; Alle waren darüber einver⸗ ſtanden, daß es bei dem bekannten desparaten Charakter des Ban⸗ diten ſchwer halten würde, ihn lebend zu fangen. Unterdeſſen war auch Monte Chriſto herbeigeeilt; er ſah die getödtete Frau vor der Hütte liegen, hatte von dem erſchoſſenen Kinde bereits gehört, und voll Sorge forſchte er, weſſen die Kinder wären. Man ſagte ihm, daß es die Kinder des Sohnes von dem Hauptmanne wären, und daß ſich bisweilen fünf bis ſechs Kinder hier befunden haben ſollten. Der Graf war damit beruhigt. Während dem drohte die Dämmerung einzubrechen, ohne daß die Belagerer Fortſchritte gemacht hätten, ſie durften ſich nicht ein⸗ — 490 mal zeigen, denn ſogleich blitzte ein Schuß aus irgend einer Oeffnung der Hütte, ſo daß ſich Niemand in den gewiſſen Tod wagen wollte. Allgemein ward nun die Sorge, daß Fano beabſichtige, ſich ſo lange zu halten, bis ſeine entkommenen Leute eine Anzahl Mit⸗ glieder der Bande geſammelt und ſie zum Entſatz ihres Haupt⸗ manns herbeigeführt haben würden. Dieſes konnte in der Nacht geſchehen, und dann war ein Kampf ſehr bedenklich, da man nicht wiſſen konnte, wie ſtark dieſer Entſatz wäre, man hingegen gewiß ſein durfte, es mit verzweifelten Leuten zu thun zu bekommen, welche Alles aufbieten würden, den belagerten Anführer zu retten. „Wir müſſen den Fuchs aus dem Baue brennen,“ erklärte endlich der Anführer der Gensd'armen, welcher die Sache vor Ein⸗ bruch der Nacht beendigen wollte. Allgemeiner Beifall begrüßte dieſen Vorſchlag und ſofort ſuchte man ihn in's Werk zu ſetzen. Da man aus Furcht vor der drohen⸗ den Büchſe des Banditen der Hütte auf keiner anderen Weiſe bei⸗ kommen konnte, kletterten einige verwegene Burſchen keck auf die Felſen über dem Hüttendache. Sie hatten dürre Reiſer mit hinauf⸗ genommen und einige Minuten nachher flammte oben ein hellleuch⸗ tendes Feuer; als Alles oben im Brande war, wurde das Feuer hinabgeſtoßen auf das Dach, und nur eine kurze Zeit dauerte es, ſo ſtand das leicht entzündliche Dach in hellen Flammen. Durch einige herabgewälzte Steine, welche dröhnend das Dach durchſchlugen, ſuchte man dem Feuer und dem Oualm noch ſchnelleren Eingang in das Innere der Hütte zu verſchaffen, und zugleich den Belagerten noch eher zu zwingen, ſeinen Zufluchtsort zu verlaſſen.— Man hörte von Außen, wie der Bandit einen Wuthſchrei ausſtieß, doch ein gleich darauf fallender Schuß bewies den Belagerern auch wieder, daß ſein Trotz noch nicht gebrochen ſei. Schon floß das Feuer von dem Dache herab, glühender Dampf qualmte aus allen Oeffnungen; die ganze Umgebung war von der Gluth geröthet. Da öffnete ſich die Thüre und Franzesko Fano erſchien von Feuer umflogen, wie ein der Hölle entflohener Dämon. „Achtung! Er kommt!“ ging es von Mund zu Munde. Augenblicklich richteten ſich alle Gewehre auf ihn, der in der Flammenburg einen trefflichen Zielpunkt bot.— Man war darüber überein gekommen, nur nach ſeinen Beinen zu ſchießen, um ihn ————— 491 lebend zu fangen. Franzesko Fano ſah überall Gewehrläufe blitzen, vor ſich den Feind, hinter ſich hatte er die praſſelnde Gluth. Jetzt erkannte er, daß ſeine Stunde geſchlagen habe. Ein Gensd'arm erhob ſich und trat einige Schritte vor. „Ergieb Dich, Fano, oder es iſt Dein Tod!“ rief er dem Bandit zu. „Erſt der Deine!“ hohnlachte Fano. Ein Schuß krachte und der Gensd'arm ſtürzte getroffen nieder. „Schurken,“ brüllte dann der Bandit,„ſoll ich als Opfer des Verraths fallen, ſo will ich Euch doch wenigſtens nicht den Triumph gönnen, durch Eure Hand gefallen zu ſein. Franzesko Fano gönnt Niemand die Ehre, ihn beſiegt zu haben, er weiß zu ſterben.“ Mit wildem Satze ſprang er zurück in die praſſelnde Flamme, Qualm entzog ihn den Blicken. Dann donnerte ein Schuß aus der Gluth; eine Minute nachher brach krachend das Dach zuſammen und die Flammen ſchlugen hoch auf.— Franzesko Fano und ſeine Familie hatten den Untergang gefunden. Schaudernd ſtanden die Männer an der Stätte der Zerſtörung. Dieſes Ende des wilden Banditen füllte ſie mit Entſetzen. Man harrte noch bis zum Morgen, ob ſich vielleicht noch ein Mitglied der Bande zeige, aber es blieb ſtill, und als die Sonne ſich erhob, trat die Schaar mit den Verwundeten und drei Todten den Rückweg nach Arpino an. Hier fand Monte Chriſto den Brief Haidee's, welcher ihn nach Neapel zurückrief, und er reiſte ſogleich ab. — — — — 1 — 1 V 8 — —— —— —,——— * Einundſechszigſtes Kapitel. Die Kataſtrophe auf Monte Chriſto. Böſe Früchte trägt die böſe Saat. Schiller. An dem Morgen des verhängnißvollen Tages, welchen Bene⸗ detto zu der Zuſammenkunft mit Edmond Dantes auf der zauber⸗ reichen Felſeninſel Monte Chriſto beſtimmt, landete die Yacht des Grafen an der Inſel, Monte Chriſto ſtieg in Begleitung Haidee's aus, ſonſt folgte ihnen Niemand, ſelbſt Bertuccio nicht, vielmehr entfernte ſich auf Befehl des Grafen das Fahrzeug eine kurze Strecke vom Ufer.— Monte Chriſto war außergewöhnlich ernſt und düſter. Er hatte in der letzten Zeit zu viel bittere Erfahrungen gemacht, welche ſein ganzes Lebensglück zu zerſtören drohten. Er hatte Haidee ganz verändert gefunden. Die Giftſaat Benedetto's war in Haidee's Herzen aufgegangen, und ſie fühlte ſich unglücklich, grenzenlos un⸗ glücklich, der Graf aber noch mehr, denn er konnte ſich dieſes ver⸗ änderte Benehmen ſeiner Gattin nicht erklären, da ſie beharrlich ſchwieg. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſtiegen Beide an dem Felſen empor zu der vorderen Grotte, wo ihnen zu ihrem nicht geringen Erſtaunen drei Perſonen entgegentraten, ein junger, eleganter, ſchlanker Mann, eine junge, ſchlanke Dame und ein finſterer, ver⸗ witterter Greis, der ſich mühſam an dem Arme des jungen Mannes aufrecht erhielt. „Welch' ein Zuſammentreffen!“ rief der junge Mann.„Graf Monte Chriſto, unſer Wohlthäter, ſo ſind Sie wirklich hier?“ „Morell, Valentine, Noirtier!“ entgegnete der Graf, indem ein Strahl von Freude über ſein Geſicht zuckte. Er umarmte Morell und begrüßte mit ernſter Freundlichkeit Valentine, die von ihm vom Tode Gerettete; Noirtier reichte er die Hand, und des Greiſes verwittertes Angeſicht war ſichtlich bewegt. 493 Nachdem die Begrüßung vorüber war, erhielt der Graf auf ſeine Frage, welcher Zufall dieſe Geſellſchaft nach Monte Chriſto führe, die Aufklärung, daß ſie bereits zwei Tage ſich hier befänden, um einige Zeit auf dieſer ihnen von dem Grafen einſt zum Mit⸗ gebrauch überlaſſenen Inſel zu verbringen; ihr Fahrzeug, welches ſie hierher gebracht, ſei an dieſem Morgen nach Elba geſendet, dort noch einige Einkäufe für den Aufenthalt zu machen. Monte Chriſto erinnerte ſich der Bedingung ſeines Beſtellers, daß er ihn allein erwarten ſolle, und war einigermaßen in Ver⸗ legenheit, ob er die Freunde bitten ſolle, ſich einſtweilen auf die Nacht zu begeben, doch kreuzte dieſe dem Befehle nach um die Inſel und war augenblicklich verſchwunden, ſo daß der Graf kein Mittel beſaß, ſie ſogleich herbeizurufen. Er begnügte ſich alſo, den Freun⸗ den zu erklären, daß er durch ein eigenthümliches Geſchäft veran⸗ laßt ſei, ſie zu bitten, ſich bis auf Weiteres in das Innerſte der Höhle zurückzuziehen und nicht eher zum Vorſchein zu kommen, bis er ſie aufſuchen werde. Morell und Valentine ſahen den Grafen zwar verwundert an, allein ſie weigerten ſich nicht und Morell ſagte: „Herr Graf, wenn wir Sie ſtören, ſind wir bereit, die Inſel einſtweilen zu verlaſſen.“ „Nein, nein,“ entgegnete der Graf,„nicht ſo war es gemeint. Aber ich wünſche für die Unterredung, welche möglicher Weiſe folgen wird, keine Zeugen zu haben, und es iſt mir dieſes von dem, den ich erwarte, ſelbſt zur Bedingung gemacht.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Morell. Er ergriff wieder Noirtiers Arm und verſchwand mit dieſem und Valentinen im Hintergrunde der Höhle, Monte Chriſto ſah ihnen trübe nach, dann ſetzte er ſich mit Haidee am Eingange der Grotte nieder, keiner der Gatten ſprach ein Wort, Haidee war ſtumm, Monte Chriſto ſtarrte hinab in die wogende See. So ſaßen Beide länger als eine Stunde. Endlich klangen Fußtritte.— Monte Chriſto ſchaute empor und ſah einen Mann der Höhle ſich nähern.— Er erkannte ihn augen⸗ blicklich. „Benedetto!“ entfuhr es ihm. 494 Benedetto hatte dieſen Ausruf gehört. Er blieb einige Augen⸗ blicke ſtehen, ließ ſeine Augen prüfend unnherſchweifen und dann erſt trat er zu der Gruppe. „Was willſt Du?“ fragte der Graf, ſich ſtolz erhebend. „Edmond Dantes,“ entgegnete der Menſch, ſein Auge noch prüfend umherſchweifen laſſend, als wolle er ſich überzeugen, daß kein Hinterhalt ihm drohe,„Edmond Dantes, biſt Du allein?“ Monte Chriſto deutete ſchweigend auf Haidee. „Ich rathe Dir, Edmond Dantes, keine Hinterliſt gegen mich zu verſuchen,“ warnte Benedetto,„es würde Dir nicht nur nichts helfen, ſondern ſelbſt zu Deinem Verderben ausſchlagen.“ „Was ſoll dieſes bedeuten?“ fragte der Graf finſter.„Was berechtigt Dich zu ſolcher Sprache gegen mich?— Was willſt Du?“ „Du fragſt viel in einem Athem,“ antwortete Benedetto.„Ich erwidere Dir in einem Worte, welches Dein Blut zu Eis erſtarren ſoll: Die Todten von Paris grüßen Dich.“ Seine Vorherſagungen ſchienen einzutreffen, dann plötzlich ſtand der Graf wie zur Bildſäule verwandelt und ſtarrte den Furchtbaren mit weitgeöffneten Augen an. „Wie,“ ſtieß er dann hervor,„Du biſt dieſer Dämon? Du, Benedetto?“ „Zweifelſt Du?“ rief Benedetto mit wildem Lachen.„Sieh' hier meinen Zeugen.“ Er hielt die Todtenhand in die Höhe; dann berührte er mit ihr das Geſicht des Grafen und dieſer fuhr ſchneebleich zurück. „Teufel“—— rief er dann empört. „Teufel gegen Teufel!“ entgegnete Benedetto kaltblütig. Monte Chriſto hatte ſich ſchnell wieder gefaßt, und jetzt umzog ein ſpöttiſches Lächeln ſein Geſicht. „Benedetto,“ ſagte er,„Du haſt gut geſchauſpielert und über: haupt Deinem Handwerke Ehre gemacht.— Komm nun zur Sache.“ „Ich bin ſchon bei dem Anfange derſelben.“ „Du haſt mein Kind geraubt.“ „Ich habe es.“ „Es handelt ſich bei Menſchen Deines Schlages um Löſe⸗ Opfer zu bringen.“ —————— geld.— Beſtimme es. Ich bin bereit, für meinen Edmond jedes greaee 1 1 1 2 I! 1 — 495 „Ich verlange dieſe Inſel von Dir mit Allem, was ſie enthält.“ Dieſe Inſel iſt längſt nicht mehr mein freies Eigenthum, ſie gehört Herrn Morell und ſeiner Gattin.“ „Wie Du dieſe entſchädigſt, iſt Deine Sache, ich verlange für Deines Kindes Haupt die Inſel mit ihren Schätzen.— Außerdem noch zehn Millionen.“ „Biſt Du von Sinnen?“ „Im Gegentheil bin ich vollkommen bei Vernunft,“ entgegnete Benedetto ſpöttiſch. „Du willſt mich zum armen Manne machen.“ „Zum elenden obendrein,“ ſagte Benedetto mit kalter Ruhe. Monte Chriſto ſtarrte den furchtbaren Mann an; Haidee, durch Benedetto's ſchreckliche Worte beſtürzt und zaghaft gemacht, ſuchte angſtvoll Schutz an des Grafen Seite.— Endlich nahm Monte Chriſto wieder das Wort und fragte: „Weshalb verfolgſt Du mich mit ſolcher teufliſchen Wuth?“ „Die Todten von Paris ſenden mich,“ erwiderte Benedetto, die kalte Hand wieder emporhaltend. „Welche Todten?“ „Mein Vater Villefort, den Du in teufliſcher Grauſamkeit ver⸗ folgteſt, ihn elend machteſt, zur Verzweiflung, zum Wahnſinn, zum Tode brachteſt.“ „Dein Vater, Elender, hat mich um die ſchönſten Jahre meines Lebens gebracht, indem er mich ſchuldlos lebendig in den Kerkern von If begrub, er iſt ferner ſchuld, daß mein Vater Hungers ſtarb. — Sollte ich ihn dafür ſegnen?“ „Dann hatteſt Du es mit ihm allein zu thun; aber Du machteſt ſeine Gattin zur Giftmiſchern.“ „Nicht ich, ihr böſes Herz that es.“ „Du biſt ſchuld an dem Tode meines Bruders Eduard!“ fuhr Benedetto fort.„Ich fordere ſein Leben von Dir.“ Monte Chriſto verſtummte. Benedetto hatte mit ſeiner letzten Anklage eine Wunde getroffen, die am meiſten brannte, denn ſtets hatte er ſich Eduard Villefort's Tod zum Vorwurf gemacht. „Ich fordere das Leben meiner Schweſter Valentine Villefort von Dir!“ ſchrie Benedetto mit Donnerſtimme.„Auch ſie haſt Du Deiner teufliſchen Rache geopfert.“ 496 „Das iſt eine Lüge!“ rief da eine Stimme. Am Arme Morell's trat Valentine aus dem Hintergrunde her⸗ vor.—„Wer ſpricht, der Graf Monte Chriſto hat mich geopfert?“ fragte die junge Frau mit glühenden Blicken.„Er hat ſich viel⸗ mehr für mich geopfert; er rettete mir das Leben und ſchuf mein Glück, und zwar das ſchönſte, reinſte Glück.“ Benedetto ſtarrte ſie zurückweichend an, als habe er einen Geiſt geſehen.—„Wie,“ ſtammelte er,„Sie wären Valentine Villefort, meine Schweſter?“ „Elender,“ donnerte Morell ihm zu,„nenne dieſes reine Weſen nicht Schweſter, dieſer ſüße Name wird entwürdigt durch Deinen Mund.“ Benedetto warf ihm einen Blick der Wuth zu und öffnete den Mund zur Antwort. Da klirrten plötzlich Waffen. Geſtalten erſchienen am Eingange der Höhle. „Da iſt er!“ rief eine Stimme. Mit wildem Satze ſprang ein Mann in die Höhle, fuhr mit raſender Wuth auf Benedetto zu und packte ihn an der Gurgel. Es war Pierre. „Habe ich Dich endlich, Du Dieb, Du Mörder?“ ſchrie er ihm zu.„Nun ſoll Dir das Handwerk gelegt werden.“ Voll Erbitterung würgte er ſeinen Gefangenen mit aller Ge⸗ walt an der Kehle. „Verrath!“ kreiſchte Benedetto und wollte ſich losringen von des Feindes eiſernem Griff. Umſonſt, Pierre hielt ſeinen Feind feſt, und ſeine Begleiter, toskaniſche Gensd'armen und Strandhüter fielen über Benedetto her, warfen ihn nieder und feſſelten ihn. Monte Chriſto ſprang hinzu. „Halt,“ rief er.„Benedetto, mein Kind, um Gott, um Kind!“ „Elender,“ kreiſchte der Gefangene voll Wuth,„ſuche es in der Hölle.— Wiſſe denn, Dein Kind fiel in der Hütte Fano's unter den Kugeln Deiner Helfershelfer.— Jauchze nur, Kindesmörder!“ Da ward es ſchwarz vor des Grafen Augen und mit einem Wehrufe ſank er an die Felſenwand zurück. jer⸗ t 20 iel⸗ ꝛein eiſt ſen d.“ Zweiundſechszigſtes Kapitel. Monte Chriſto's Abſchied. Und die Vergangenheit liegt hinter mir, Ein neues Leben möge nun beginnen. Schiller. Als Monte Chriſto aus ſeiner Betäubung erwachte, fand er ſich von ſeinen Freunden umgeben, auch Bertuccio, Ali und Pierre waren zugegen, und jetzt erfuhr der Graf, welcher Zufall die Ge⸗ fangennahme ſeines böſen Dämons herbeigeführt hatte. Pierre war in einem Auftrage nach Livorno geſendet und hier hatte er am Tage vorher Benedetto entdeckt. Augenblicklich hatte er auch ſeine Verfolgung begonnen, doch ohne des Geſuchten hab⸗ haft werden zu können. Erſt am nächſten Morgen war es ihm gelungen, Benedetto wieder aufzufinden, im Augenblick, als dieſer ſich auf einer Barke eingeſchifft, welche ſogleich ſich in Gang ſetzte. Nun wollte der glückliche Zufall, daß Pierre den Führer der Barke kannte und er erſt eine Stunde vorher von ihm erfahren, er ſei gemiethet, eine kleine Geſellſchaft nach der Inſel Monte Chriſto zu bringen. Augenblicklich machte Pierre Anzeige bei dem franzöſiſchen Conſul, und ſeine Worte waren von ſolchem Erfolge, daß ſchon in nächſter Stunde zwei ſchnellſegelnde, wohlbemannte Barken ſich zur Verfolgung des gefährlichen Menſchen aufmachten. Glücklich war es ihnen dann auch gelungen, ſich der Gefährten Benedetto's und des Anführers ſelbſt zu bemächtigen.— Sie waren im ſicheren Gewahrſam. Ueber das Schickſal ſeines Kindes erfuhr Monte Chriſto nichts Beruhigendes, denn auch Lippi's Ausſage ſtimmte mit der Bene⸗ detto's dahin überein, daß das geraubte Kind in der Hütte Fano's ſeinen Untergang gefunden. „Das iſt das Opfer für Eduard Villefort,“ murmelte der Graf. Von dieſem Augenblicke an war ſein Entſchluß gefaßt. Die Hand des Todten. 32 — 498 Zur Vertheidigung und Buße zugleich legte er ſich auf, Morell ſeine Geſchichte zu erzählen, dieſe war in Kurzem folgende: „Edmond Dantes hatte 1815 ein dem Hauſe Morell in Marſeille gehöriges Schiff nach dem Tode deſſen Kapitäns glücklich zurück⸗ geführt und ward zur Belohnung dafür zum Kapitän deſſelben er⸗ nannt. Er hatte ſich nun mit ſeiner Geliebten Mercedes verlobt. Sein Glück erregte den Neid Danglars und eines Nebenbuhlers Mondego, welche den Umſtand, daß Edmond von dem verſtorbenen Kapitän Briefe, welche dieſem auf Elba anvertraut waren, zur Be⸗ förderung erhalten hatte, zu deſſen Anklage benutzten, welche Ville⸗ fort, damals Präſident in Marſeille, mit Eifer benutzte, ſich in den Augen der bourboniſchen Regierung in gutes Licht zu ſetzen, und obwohl er des Angeklagten Unſchuld erkannte, dieſen doch in dem Schloſſe If einkerkern ließ, wo er eine lange Reihe von Jahren gefangen blieb. „Hier machte er die Bekanntſchaft mit dem Abbé Faria, der hier gleichfalls Gefangener war, und erhielt von ihm die Kunde von dem auf der Inſel Monte Chriſto liegenden Schatze. Der Tod des Abbé half ihm zur Freiheit, indem er die Stelle der Leiche in dem zugenähten Sack einnahm und ſo ſich in das Meer ſtürzen ließ. „Er rettete ſich glücklich, gewann den Schatz und nachdem er ſich lange Zeit in Rom aufgehalten, wo er auch die Bekanntſchaft mit Albert gemacht, kehrte er nach Frankreich zurück, um ſein Rachewerk zu beginnen. Viel hatte ſich geändert während der Gefangenſchaft Edmond's; ſein Vater war Hungers geſtorben, Villefort zu einem der erſten Staatsämter emporgeſtiegen, Mondego hatte Mercedes geheirathet und ſich zum General und Grafen emporgeſchwungen, Danglars war ein reicher Banquier geworden.— Monte Chriſto enthüllte dunkle Thaten aus dem Leben Mondego's, namentlich ſeinen Verrath an Ali Paſcha von Janina, er beſchimpfte ihn und trieb ihn zum Selbſtmord. „Danglars Vermögen wurde durch falſche Nachrichten, welche den Banquier zu gewagten Speculationen trieben, ruinirt, eben ſo durch ungeheure Summen, welche Monte Chriſto aus deſſen Geſchäft nahm; endlich ward noch ſein Haus beſchimpft, als der entflohene Galeerenſträfling Benedetto als Prinz von Cavalcanti um die Hand von Danglars Tochter warb, im Augenblicke der Verlobung aber verhaftet wurde. Danglars fallirte und floh. 9 ₰ wüthe genoſſ Auch und a ſelbſt ſih al lars g hatte. ſinnig Mong Erzäl daß nah ſolche frühe wiede beſtä für aus, Anſ dor⸗ 499 „Ueber Villefort brach Unheil auf Unheil herein. Der Tod wüthete in ſeinem Hauſe, die eigene Gattin vergiftete die Haus⸗ genoſſen, um deren Vermögen ihrem Sohne Eduard zuzuwenden. Auch Valentinen drohte der Tod, aber Monte Chriſto rettete ſie, und aus Furcht vor der Strafe vergiftete ſich dann die Giftmiſcherin ſelbſt und nahm ihren Sohn im Tode mit. Villefort aber mußte ſich als Vater Benedetto's bekennen, den er mit der Baronin Dang⸗ lars gezeugt und ihn in der Stunde ſeiner Geburt lebendig begraben hatte. Bertuccio hatte ihn gerettet.— Villefort war darüber wahn⸗ ſinnig geworden.— Alles dieſes war das Rachewerk des Grafen Monte Chriſto geweſen.—„Ich habe bereut,“ ſchloß er, als er die Erzählung geendet,„ich habe ſelbſt zum Theil hart dafür gebüßt, daß ich in ſtolzer Selbſtüberhebung das Rachewerk in meine Hand nahm und Kläger und Richter in einer Perſon ſein wollte.— Ein ſolcher Richter wird ſtets parteiiſch handeln.— Ich ſprach es ſchon früher aus: meine Lebensbahn ſoll fernerhin verſöhnend ſein; ich wiederhole es heute: ſie ſei verſöhnend und büßend.“ Monte Chriſto traf mit Ruhe ſeine letzten Verfügungen. Er beſtätigte Morell und Valentine in dem Beſitze der Felſeninſel, ſetzte für Albert, wie für Eugenie von Danglars bedeutende Summen aus, andere Summen beſtimmte er für die Armen und wohlthätige Anſtalten. Als dieſes geſchehen, kehrte er nach Livorno zurück und beſtieg dort mit Haidee, Bertuccio und Ali ein nach Amerika beſtimmtes Schiff. „Amerika,“ ſagte er beim Abſchiede von ſeinen Freunden, „wird ein Plätzchen für mich haben, wo ich nach meinem neuen Lebensplane leben kann. Forſcht nicht mehr nach mir, denn Graf Monte Chriſto iſt todt für immer.“— Eine Stunde ſpäter dampfte das Schiff ſchon in offener See. Kurze Zeit nach dem Verſchwinden des Grafen ward über Benedetto, der an Frankreich ausgeliefert war, das Urtheil ge⸗ ſprochen; ſein Haupt fiel unter der Gulllotine. Auch die Todtenhand kam zur Ruhe, denn auf Anordnung Valentinen's wurde ſie nach Paris gebracht und wieder in den Sarg Villefort's gelegt.— Sie hatte ihre Miſſion vollbracht. Ende der Todtenhand. —,—— ——— 9— In der Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei von Fr. Fittet in Dresden, Ammonſtraße 47, iſt zu haben, ſowie durch deren Reiſende und Boten zu beziehen: 3 Das Müllerröschen, oder: Die Erſcheinung auf der Blutbrücke. Mit color. Bildern. Von G. Berthold. Preis 25 Ngr. Die Familienſtube, 5. Serie. Inhalt: Die vier Heymonskinder. Preis 4 Ngr. Reinecke Fuchs. Preis 5 Ngr. Salomon und Marolf. Preis 3 Ngr. Geſchichte von der ſchönen Magelona. Preis 3 Ngr. Hirlanda. Preis 3 Ngr. Der Zecher in der Haideſchänke. Preis 3 Ngr. Die Kinder des Glücks. 9 Bde. Von Schrader. Preis 3 Thlr. Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, und ſeine Geſellen. Charaktergemälde aus dem Anfange des 19. Jahr⸗ hunderts von G. Berthold. Mit colorirten Bildern. Preis 1 Thlr. Die Ruine Tollenſtein als Raubneſt, oder: Kardineck und Grünhans, die Vorgänzer des Johannes Karaſeck. Erzählung von G. Berthold. Mit colorirten Bildern. Preis 1 Thlr. Antoinette Czerna, die Fürſtin der Wildniß, mit colorirten Bildern von Derwiez. Preis 28 Ngr. Die Boucanier. Roman in 5 Bänden. Preis„5 Ngr. Der Räuberhauptmann Wenzel Kummer, genannt: Der böhmiſche Wenzel. Von G. Berthold. Mit color. Ab⸗ bildungen. Preis 1 Thlr. Eugenie, die treue Magyarin, oder: Türke, Ungar und Ruſſe, die Feinde als Freunde. Romantiſche Er⸗ zählung von G. Berthold. Preis 14 Ngr. Prinz Lieschens Fahrten und Abenteuer, oder: Die ſchöne Weberstochter aus Lunzenau. 2 Bde. Von Berthold. Mit color. Bildern. Preis 1 Thlr. 2 Ngr. Der Räuberhauptmann Bojanowsky, des reichen Goldſchmieds Sohn, genannt der Fuchs, oder: Der Fürſt der Todtengruft. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde aus dem 18. Jahr⸗ hundert von Relfföl. Mit col. Bildern. Preis 22 Ngr. 5 ₰ 2 8 8 5 8 0 E 8 0 * d0 8 5 Druck und V in Urthe , um e ich Nur um Richter bitte rrey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2