deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen muſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für iachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — — ᷣ— auf 1 Monat: 5 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Des Gefang'nen heißes Sehnen Geht allein auf Freiheit nur. Göthe. Es iſt Nacht, der Mond erhellt mit ſeinem Silberlicht die düſteren Gebäude des Bagno der alten Hafenſtadt Breſt. Finſter, abſchreckend heben ſich die gewaltigen Mauern in die Nachtluft empor, und hinter ihnen verbirgt ſich das Verbrechen und das Elend. Flüche, dämoniſches Lachen, Stöhnen, wilde Verwünſchungen vertreten hier oft die Stelle des Nachtgebetes, denn hier iſt der Abſchaum der Menſchheit eingeſchloſſen, damit er durch ſeine Verbrechen nicht mehr die Ruhe und Sicherheit der Nebenmenſchen gefährde. Durch das ſchmale, vergitterte Fenſter eines abgeſonderten Kerkers ſiel der Mond mit vollem Licht und verbreitete in dem engen, dumpfigen Raume eine ſchwache Helle, die eben zwei Männer erkennen ließ, die auf einer hölzernen Pritſche lagen und von denen der Eine ſchlief. Plötzlich fuhr der Andere wild auf und ſtarrte um ſich, während von ſeinen heftigen Bewegungen die ſchwere Kette mit der daran be⸗ feſtigten Kugel, die ſeinen Fuß umſchloß, klirrte. „Pierre!“ rief er, ſeinen ſchlafenden Mitgefangenen ſchüttelnd, „Pierre, wach auf!“ „Die Peſt über Dich!“ fluchte Pierre.„Was weckſt Du mich, Benedetto? Iſt es nicht genug, daß man ſich den Tag über ſchinden und placken muß für hartes Brod und Waſſer, ſoll man die Knochen nicht einmal in der Nacht auf dieſer niederträchtig harten Bank aus⸗ ruhen können?— Laß mich in Ruhe, oder ſo wahr ich Pierre heiße, ich zerdreſche Dir die Knochen zu Brei.“ Benedetto ſchien dieſe Drohung ſeines Gefährten nur mit halbem Ohr zu hören; ſtarr blieb ſein Auge auf einen Punkt gerichtet. „Siehſt Du nichts, Pierre?“ fragte er. „Was ſoll ich ſehen?“ fragte der Andere zurück. „Dort, dort in der Ecke!— Eine Geſtalt,“ erwiderte Benedetto, indem er auf einen Theil der Mauer zeigte, der von dem einfallenden Mondſtrahl dämmerig erhellt war. Pierre richtete ſeine Augen dahin. „Siehſt Du die Geſtalt nicht, die dort ſteht?“ fragte Benedetto weiter. „Ich ſehe nichts.“ „Reibe Dir den Schlaf aus den Augen und ſieh genau hin.— Sie dort hin!“ „Narr, das iſt der Mond, der ſo gefällig iſt, einmal zur Ab⸗ wechslung bei uns die Stelle der Nachtlampe zu vertreten.“ „Nein, es iſt eine Geſtalt mit bleichen Zügen und irren Augen.“ „Du ſelbſt mußt irre ſein.“ „Kein Gedanke davon, ich weiß, was ich ſehe.“ „Und ich weiß, daß ich nichts ſehe, als den Mondſtrahl auf unſern von Moder tapezirten Wänden, Du aber mußt träumen.“ „Ich wache wie Du.— Sieh' nur das bleiche Geſicht.— O, ich erkenne es, es iſt mein— Vater.“ „Menſch,“ rief Pierre, mit einem Ausdruck des Entſetzens,„haſt Du etwa Deinen Vater erſchlagen, daß Dir ſein Geiſt erſcheint?“ „Nein, nein,“ entgegnete Benedetto,„ſo böſe habe ich es mit ihm nie gemeint, wie er es ehemals mit mir. Kein Haar habe ich ihm gekrümmt.— Aber ſieh nur, er winkt mir, er öffnet den Mund, als wolle er mir Etwas ſagen; er will mir vielleicht ein Geheimniß vertrauen.— O, Du ſiehſt ja, ich kann nicht zu Dir!“ „Schweig, Benedetto,“ rief der Gefährte heftig,„ſonſt machſt Du mich am Ende mit Deinem verrückten Geplauder auch noch ſo furchtſam, daß ich wie Du Geſpenſter ſehe.“ „Hörſt Du nichts?“ „Nun ich ſoll gar hören! Benedetto, Du wirſt unerträglich.“ „Hörſt Du nicht die Stimme, die mich ruft?“ „Ich höre nichts als das Rauſchen des Waſſers im Hafen, und da unten mögen ſich wohl auch ein Paar Matroſen die Nachtwache — der N vertra Giſh n, und twache 5 mit einem Liede vertreiben. O, es hört ſich gar herrlich an, wenn ſolche Vögel in Freiheit ſingen und man in dieſem verfluchten Käfig eingeſperrt iſt, mit einem halben Centner Blei an den Beinen.— Da ſchlafe ich lieber, als das Geplärr anzuhören.“ „Nein, nein, es iſt des Vaters Stimme, der mich ruft!“ „Du wirſt mich mit Deinem Geſchwätz noch rein toll machen,“ fuhr da Pierre ungeduldig auf.„Willſt Du etwa ein Paar Püffe in die Rippen haben, die Dir Deine fünf Sinne zurecht ſetzen?— Mach es lieber wie ich, und ſchlafe.“ Damit legte er ſich brummend auf die Seite. „Schlafen, ſchlafen,“ murmelte Benedetto.„Nein, ich kann es nicht. Immer wieder ſehe ich des Vaters Bild, wie er mir Etwas ſagen will.“ „Schweig,“ murrte Pierre, ſchon wieder halb im Schlafe. Es entſtand eine Pauſe, während der ſich Benedetto unruhig auf ſeinem Lager hin und her bewegte. „Pierre,“ begann er dann plötzlich wieder. „Zum Satan, was giebt es ſchon wieder? rief der Geſtörte un⸗ muthig.„Laß mich in Ruhe.“* „Pierre,“ ſagte Benedetto,„ich weiß, daß Du ein Kerl biſt, der Nichts fürchtet und wohl auch Etwas wagt. Kann ich Dir vertrauen?“ „Närriſche Frage,“ brummte der Andere.„Iſt man zuſammen⸗ geſchmiedet, wie wir, ſo ſollte ſich das Vertrauen ſchon finden.“ Nun ſieh,“ ſagte Benedetto,„ich will und muß durchaus zu meinem Vater. Schon mehrere Nächte hindurch habe ich dieſe Er⸗ ſcheinung, und immer iſt es mir, als habe mir mein Vater etwas Wichtiges zu ſagen, was auf mein ganzes Leben entſcheidenden Ein⸗ fluß haben kann. Deshalb iſt mein Entſchluß gefaßt, Alles aufzu⸗ bieten, ihn wieder zu ſehen.“ „Wie willſt Du dies aber durchführen? Die Gerichte werden Deine kindliche Liebe ſchwerlich dadurch belohnen, daß ſie Dich lauit laſſen. Du biſt auf Lebenszeit verurtheilt.“ „Dann laufe ich ſelbſt, ohne die Gerichte zu fragen.— Flucht.. „Aber wie?“ „Du fragſt gar nicht wie ein alter Practikus, der Du doch zu ſein ſcheinſt.— Seit ich hier bin, denke ich daran, mich zu befreien 6 und nicht ohne Grund habe ich es endlich dahin gebracht, daß man mich aus dem großen Schlafſaal der Gefangenen mit einem Leidens⸗ hruder in eine beſondere Zelle brachte.— Ich habe das Innere des Bagno ſtudirt und alle Möglichkeiten einer Flucht erwogen, und ich denke, es wird, es muß gelingen.— Willſt Du helfen?“ „Schöne Frage, wenn es ſich um Freiheit handelt, greift man mit beiden Händen zu.— Wie iſt Dein Plan?“ „Wir haben zwei Pläne zu bedenken, Pierre, einen ungefähr⸗ lichen und einen gefährlichen.— Der erſte iſt, daß wir den Gefäng⸗ nißwärter, der uns zu beſorgen hat, zu gewinnen ſuchen, damit er uns durchhilft.“ „Dazu gehört Geld, viel Geld, denn ſolch' ein Kettenhund verlangt ſchon einen fetten Biſſen, ſoll er geködert werden. Haſt Du Geld?“ „Davon nachher.— Gelingt dieſes nicht, ſo müſſen wir uns durch Gewalt und Liſt zu befreien ſuchen. Wir entledigen uns der Ketten, brechen durch die Thüre und dann handeln wir, wie es die Umſtände verlangen. Ich habe das Gebäude ſo genau ſtudirt als möglich, und denke, es wird gelingen.“ „Aber dazu gehören Werkzeuge. Haſt Du dergleichen, Benedetto?“ „Man ſollte Dir den geübten Practiker gar nicht anſehen, Pierre. Haſt Du noch nicht gehört, daß man mit einem ausgezogenen Nagel ſchon Wunderdinge thun kann?— Und weißt Du nicht, daß ein kluger Mann immer auf alle Fälle ſich gefaßt macht?“ Bei dieſen Worten nahm er ſeinen Schuh auf und zog eine feine diamantharte Feile aus demſelben, ſowie eine ſchmale Meſſer⸗ klinge; beide Werkzeuge ließ er dann im Mondlicht vor den Augen Pierre's leuchten. „Ah,“ ſagte Pierre,„das iſt gut und ich kann da meinen Bei⸗ trag liefern.“ Er brachte eine feine zur Säge umgeformte Uhrfeder hervor. „Bravo,“ rief Benedetto,„dieſe Werkzeuge machen uns zum Herrn unſeres Schickſals.“ „Aber wie es mit dem Gelde?“ fragte Pierre wieder.„Du ſprachſt vom Beſtechen des Gefängnißwärters.— So einfältig wirſt Du nicht ſein, zu glauben, daß auf bloße Verſprechungen hin Je⸗ mand uns zur Freiheit verhilft; durch handgreifliche Beweiſe muß 4 7 man dieſe Art Leute überzeugen, daß es mit dem Verſprechen Ernſt iſt.— Alſo haſt Du Geld?“ „Kann ich Dir trauen?“ „Zum Satan und ſeinem ganzen hölliſchen Generalſtab, Bene⸗ detto, Du zeigſt mir ſehr wenig Vertrauen.— Da muß ich Dir mit 6 gutem Beiſpiele vorangehen.— Ich habe etwa zweihundert Francs 8 eingeſchmuggelt, und dieſe wollt' ich opfern.— Nun weißt Du es.— 19 Du wirſt mich wegen dem Gelde nicht todtſchlagen, denn Du weißt 4 wenn Du die Hand an mich legſt, ſitzeſt Du in nächſter Stunde im unterirdiſchen Loche und wirſt binnen drei Tagen guillotinirt.“ d„Und Du weißt das auch, alſo kann ich Dir ebenfalls ſagen, daß ich Geld habe und mehr wie Du.— Als ich noch in Paris im Gefängniß ſaß, wurde mir von unbekannter Hand von Zeit zu Zei d einiges Geld zugeſteckt, damit ich meine Lage erleichtern konnte. Es ſind einige tauſend Francs, die ich glücklich mit in das Bagno brachte.“ 4„Wie reich Du biſt, Benedettol— Vielleicht gelingt es ſo.“ 3 1„Vielleicht, doch immer nur vielleicht. Verlaſſen wir uns daher lieber auf unſere Arme.— Mich brennen die Feſſeln. Ich muß fort, ich muß zu meinem Vater.— Sieh' nur, ſieh'!— Dort erſchein t ſeine Geſtalt wieder, ſie nickt mir zu, ſcheint mir Beifall zu ſpenden, 1 mich zu ermuthigen.— O, Du ſollſt nicht länger vergeblich warten, Vater.“ in Pierre ſah ſich ſcheu um. 7„Schweig mit Deinem Geſchwätz, Benedetto!“ rief er dann. e„Ich ſehe nichts, werde aber zuletzt auch noch Alles ſehen, was Du⸗ 44 willſt, wenn Du nicht endlich ſchweigſt.“ ſen Benedetto ſchwieg. . Nach einer Pauſe begannen die beiden Gefangenen leiſe Berath⸗ ⸗ ungen über ihren Fluchtplan, und bald darauf klangen leiſe Feilenſtriche. Z weites Kapitel. Die Flucht aus dem Bagno. Wo Kraft nicht hilft und nicht die Gewalt, Da führt die Liſt zum Ziele doch bald. Alter Spruch. Einige Tage nach dieſem Geſpräch zwiſchen den beiden Galeeren⸗ ſträflingen trat der Schließer in den Kerker, um ſeine gewöhnliche Nachtinſpection zu halten. Benedetto, der ein von Natur ſehr ein⸗ ſchmeichelndes Betragen beſaß und daſſelbe anzuwenden wußte, hatte ſchon mehrere Tage hinter einander verſucht, mit dem Schließer näher bekannt zu werden, und indem er ihn zum Sprechen brachte, zu er⸗ f ahren, wie deſſen Charakter eigentlich ſei und ob er es wagen dürfe, ihm ein Anerbieten hinſichtlich der erſehnten Befreiung zu machen Der Schließer war aber die erſten Tage nicht ſonderlich zugänglich, da es ſeine Inſtruction ihm überhaupt verbot, mit irgend einem Ge⸗ fangenen Unterhaltung zu pflegen, es ſei denn in dienſtlichen Ver⸗ richtungen, um dem Arreſtanten dieſe oder jene Frage vorzulegen. Indeß wer hält es immer ſo ſtreng mit ſeinen Inſtructionen, beſonders wenn kein Aufpaſſer in der Nähe iſt? So widerſtand der Schließer auch nicht der Verſuchung, erſt auf ein einſilbiges und dann ein immer angelegentlicheres Geſpräch mit dem Galeerenſträfling, der eine ſo merkwürdig heitere Laune und reiche Unterhaltungsgabe offen⸗ barte, einzugehen. Benedetto hatte nun zwar den Mann zur Sprache gebracht, aber einen genaueren Blick in den Charakter des Mannes konnte er deshalb immer noch nicht thun. Als der Schließer heute erſchien, wurde er von Benedetto äußerſt zuvorkommend begrüßt, und auch der finſtere Pierre verzog ſein Ge⸗ ſicht zu gar höflichem Lächeln. nichts gründet ſei, den geweſen 7 „1 geſchloſ zu verr verricht uns tau 9. 76 Und d gnadige 51 1 Rücken 9 Benedetto fing ſogleich die Unterredung an und lenkte dieſes Mal das Geſpräch geſchickt auf die perſönliche Lage des Schließers. Der Mann war, wie Millionen andere Leute auch, mit ſeiner Lage 1 nichts weniger als zufrieden, klagte über Begründetes und Unbe⸗ gründetes, und wünſchte ſich Verbeſſerung, wozu aber keine Ausſicht ſei, denn er werde ſein Leben lang Schließer bleiben, wie er es geſtern geweſen und heute noch ſei. „Du ſollſt nicht ſo klagen, alter Kettenhund,“ ſagte Benedetto. „Bedenke doch erſt unſere Lage, die wir in dieſen Wänden ein⸗ geſchloſſen ſind, aus denen man uns nur führt, um ſchwere Arbeiten zu verrichten, die kein anderer Arbeiter um Geld und gute Worte verrichten mag, weil ſie den Körper aufreiben.— Würdeſt Du mit uns tauſchen?“ „Danke ſchönſtens,“ brummte der Schließer. „Siehſt Du nun, daß Du gegen uns lebſt wie ein König!— Und du biſt auch ein kleiner König.“ „Wie meinſt Du das?“ „Weil Du die Macht haſt, den oder jenen Gefangenen zu be⸗ gnadigen, das heißt, ihm zur Freiheit zu verhelfen.“ „Was ſchwatzeſt Du da?— Das iſt Sache der Regierung.“ „Ein vernünftiger Menſch kann dergleichen auch hinter dem Rücken der Behörden unternehmen und ſo jene Herren aus mancher argen Verlegenheit befreien.— Du klagſt ſo ſehr über Deine Lage.— Wie nun, wenn Dir zum Beiſpiel ein Paar Tauſend Francs geboten würden, wogegen Du einen kleinen Gegendienſt zu leiſten hätteſt, dann wäre Dir doch geholfen.“ „Woraus beſtände dieſer kleine Gegendienſt?“ „Beiſpielsweiſe geſagt, indem Du mich und meinen Gefährten Pierre befreiſt.“ Du willſſt mich verſuchen, Kerl!“ „Nein, ich will vielmehr Dein Glück machen, Mann. Höre mich an: ich weiß, Du kannſt uns befreien, wenn Du nur willſt, und mein Vater würde Dir dieſen Dienſt hoch belohnen. Er iſt reich ge⸗ nug dazu.— Jetzt iſt er krank, ſehnt ſich nach ſeinem Sohne, und wenn Du ihm denſelben bringſt, würde er Deinen Dienſt doppelt belohnen.“ „Solche Lieder kennen wir, mein Junge,“ ſagte der Schließer lachend.„Nun, wie heißt denn Dein Vater?“ — ———— „Ich darf ſeinen Namen jetzt nicht nennen.“ „Ganz natürlich nicht, obgleich es ganz gleich wäre, ob Du irgend einen Namen nennſt, und wenn es des Königs Name ſei. Wir kennen das ſchon.— Du willſt, ich ſoll Dich auf dieſe Worte hin aus dem Käfig laſſen, dann willſt Du ſpurlos verſchwinden und es mir überlaſſen, Deinen Vater zu ſuchen, der Gott weiß wo lebt.“ „Ich ſchwöre Dir. „Halte mich nicht für ſo dumm, Dir auch nur ein Wort zu glauben. Wer keine Ehre hat, kann kein Ehrenwort geben, wer kein Gewiſſen hat, kann nicht ſchwören, es ſind alles eitele Worte.— Hätteſt Du aber Ehre und Gewiſſen, ſo wäreſt Du nicht hier.— So viel wiſſen wir ſchon aus unſerer Erfahrung.“ Benedetto biß ſich bei dieſer ruhigen Logik des Schließers auf die Lippen und ſchleuderte ihm einen wüthenden Blick zu, den der Mann mit ruhigem, gleichgiltigem Lächeln empfing und ſich dann eben ſo gleichgiltig zum Fortgehen wendete. „Halt,“ rief ihm Benedetto nach,„ich habe Dir noch ein Paar Worte zu ſagen.“ „Gar nicht nöthig,“ erwiderte der Schließer,„ich habe ſo ſchon meine Inſtruction überſchritten und mich der Beſtrafung ausgeſetzt, indem ich bei Euch meine Zeit verplaudere, und ich ſollte eigentlich dem Director Alles melden, was Du mir geſagt haſt.“ „Das wirſt Du nicht thun.“ „Ich will Alles für Spaß betrachten.“ „Ich aber ſage Dir, daß bei mir kein Gedanke an Scherz iſt. Ich will Dir Beweiſe geben.— Sind Dir tauſend Francs genug, uns dafür zu befreien?“ „Tauſend Francs!— Hm, haſt Du Geld?“ „Wenn Du einwilligſt, zahle ich Dir ſogleich tauſend Francs.“ „Tauſend Francs ſind zu wenig, ſeinen Hals deshalb in Gefahr zu ſetzen.“ „Nun denn, zweitauſend.“ „Viel zu wenig.“ „Dreitauſend, Du alter Höllenhund!“ „Genügt Alles nicht, mein Junge.“ „Nun denn, viertauſend Franes. Mehr zu geben iſt mir jetzt nicht möglich.“ anty dette gilti „vie Dir weiß Bur Vate det, ſein däch Gefe unte ſchm 6s gehe feine kam nug ſeher Geſe er zu ethäꝛ vorſe blick 6t 11 „Und ich lege noch zweihundert Francs dazu,“ nahm jetzt Pierre das Wort. „Für ſolches Lumpengeld wagt man ſeinen Hals noch nicht,“ antwortete der Schließer. „Nun, Du Nimmerſatt, wie viel verlangſt Du denn?“ rief Bene⸗ detto ungeduldig. „Zehntauſend Francs wenigſtens,“ entgegnete der Schließer gleich⸗ giltig.„Dafür könnte man allenfalls etwas wagen.“ „Du ſollſt ſie bekommen und noch darüber,“ rief Benedetto, „viertauſend Francs kann ich Dir ſogleich geben, das Uebrige wird Dir mein Vater auszahlen.“ „Ah, immer wieder Dein Vater,“ lachte der Schließer.„Wer weiß, ob er auch nur zehn Sous hat.— Nun, wie ſteht es mit Dir, Burſche,“ fuhr er zu Pierre gewendet fort.„Haſt Du auch einen Vater, der für Dich zehntauſend Francs wagt?“ „Ich habe Niemand, der auf mich auch nur einen Francs wen⸗ det,“ entgegnete Pierre.„Zweihundert Francs habe ich, die ſollen Dein ſein, wenn Du mir aus dieſem verwünſchten Loche hilfſt.— Ich dächte, Du könnteſt mich um dieſen Preis unter dem Mantel meines Gefährten mit durchwiſchen laſſen, wie eine arme Seele ja auch mal unter dem Schutz von Sanct Peters Mantel in das Himmelreich ge⸗ ſchmuggelt wird. Laß mit Dir ſprechen, alter Kettenhund!“ Der Schließer lächelte bedeutungsvoll. „Ihr habt alſo Geld die Menge,“ ſagte er.„Gut, ich will mir es überlegen.— Denn,“ ſetzte er leiſe hinzu, indem er ſich zum Fort⸗ gehen wendete,„der fünſte Theil iſt mein.“ So leiſe er auch dieſe Worte geſprochen, ſo entgingen ſie den feinen Ohr Benedetto's doch nicht und dieſer erbleichte, denn er er⸗ kannte die Bedeutung dieſes fünften Theils. Er hatte ſich lange ge⸗ nug in Bagnos aufhalten müſſen, um zu wiſſen, daß, wenn ein Auf⸗ ſeher bei einem Gefangenen mehr Geld entdeckt, als dieſem nach dem Geſetz geſtattet iſt, bei ſich zu haben, und er es dem Director anzeigt, er zwanzig Prozent des weggenommenen Geldes als Anzeigegebühr erhält.— Der Schließer war alſo Willens, wie ſeine Inſtruction vorſchrieb, Alles der Direction zu entdecken, und dann war augen⸗ blickliche Unterſuchung unvermeidlich, die Flucht wurde für lange Zeit unmöglich gemacht. „Menſch, noch ein Worl!“ rief Benedetto dem Schließer zu. Dieſer drehte ſich um, zu ſehen, was der Gefangene noch wolle. Benedetto hatte ſich niedergebeugt, ein raſcher Handgriff und der ſchon vorher durchfeilte Beinring fiel mit allen Ketten raſſelnd und klirrend zu Boden, dann ſprang er auf und ſchnellte wie ein Tiger auf den vor Schreck wie verſteinert ſtehenden Schließer zu, mit beiden Händen deſſen Hals umfaſſend und ſo kräftig zuſammenpreſſend, daß der Mann lautlos zuſammen ſank. Dann kniete Benedetto auf des Betäubten Bruſt, ihn mit der einen Hand immer noch an der Gurgel haltend, mit der andern nach dem Meſſer des Schließers ſuchend. Endlich hatte er es gefunden und ſchwang es. „Was willſt Du thun?“ fragte Pierre. „Einen Hatzhund unſchädlich machen,“ entgegnete Benedetto kalt⸗ blütig.—„Wir müſſen nun fort, und dieſer Burſche darf nicht hinter uns her Lärm machen.“ „Wir dürfen ihn aber nicht tödten,“ ſagte Pierre.„Wenn un⸗ ſere Flucht mißlingt und man beſchuldigt uns, den Schließer ermordet zu haben, ſo verlieren wir binnen drei Tagen den Kopf, und das fällt ſehr in's Gewicht. Binden und knebeln wir ihn, daß er ſich nicht rühren kann.“ „Du haſt Recht, Pierre,“ ſagte Benedetto, ſeine Hand zurück⸗ ziehend,„man muß immer zuerſt an ſeinen eigenen Kopf denken.— Raſch die Kleider herunter, dann wird der Burſche geknebelt und gebunden.“ Obgleich Pierre nicht ganz verſtand, was ſein Genoſſe mit den Kleidern wolle, half er doch dieſen, dem Schließer die Uniform aus⸗ ziehen, worauf der noch bewußtloſe Mann gefeſſelt und geknebelt wurde. Nun begann Benedetto haſtig die Kleider des Schließers anzu⸗ legen, und verwundert ſah ihm Pierre zu. „Was willſt Du mit den Kleidern?“ fragte er. „Still,“ mahnte Benedetto,„ich habe einen neuen Plan.— Behalte Deine Eiſen an Dir. Ich bin jetzt der Schließer Jeannert, der Befehl hat, Dich zum Director zu führen, ſo kommen wir an der Wache vorbei und erreichen das Verhörzimmer, das öffnen wir leicht; dort ſind die Fenſter nicht vergittert und wir können hinaus in den Waſſergraben ſpringen, wo wir nur noch den Rechen zu überſteigen habe des und ſcl blie den ind erkla Dir wo ma olch binr verr dette ihne tung das Ben in ſ eine dan ſeine ſpra Bru des als 13 haben, um in den Hafen zu gelangen.— Hier iſt das Blechzeichen des Schließers, auf das uns alle Wachen paſſiren laſſen.“ Pierre ſtimmte dem Plane ſeines erfindungsreichen Freundes bei und nach einigen Minuten verließen Beide den wieder wohl ver⸗ ſchloſſenen Kerker, in dem der noch immer bewußtloſe Schließer zurück⸗ blieb.— Benedetto hatte die Mütze tief in das Geſicht gedrückt, trug den Schlüſſelbund am Gürtel, die Laterne in der einen, die Peitſche in der andern Hand, und ſchritt ſo neben Pierre her. Man kam zu der erſten Wache und dieſe rief ſie an. Benedetto erklärte, er bringe den Sträfling Nummer dreihundertfünfzehn zum Director und zeigte ſein Zeichen vor. „Paſſirt!“ ſagte der Soldat ſchläfrig. Die Flüchtlinge ſchritten vorüber. Nun paſſirten ſie eine Treppe und gelangten in den oberen Stock, wo ſich das Beiden ſehr wohl bekannte Verhörzimmer befand. Nie⸗ mand begegnete ihnen, keine Wache trat ihnen mehr entgegen. Die Thüre des Verhörzimmers war verſchloſſen, allein den mit ſolchen Arbeiten vertrauten Genoſſen war es ein Leichtes, das Schloß binnen wenigen Minuten zu öffnen. Sie traten in das Zimmer, verriegelten die Thür von innen und eilten an ein Fenſter. Bene⸗ detto hatte ſich nicht geirrt, die Fenſter waren nicht vergittert, unter ihnen floß das Waſſer durch einen breiten Graben, der in der Rich⸗ tung nach dem Hafen zu lief. Pierre eilte nun, ſich des hindernden Fußeiſens zu entledigen, das ohne Schwierigkeiten geſchah, da die Feile ſchon vorgearbeitet. Benedetto ſchaute indeſſen mit jenem ſicheren Blick von Leuten, die in ſolchen Dingen ſchon geübt ſind, im Zimmer umher, entdeckte raſch eine ſtarke, lange Schnur, welche er doppelt zuſammen wand und dann an das eiſerne Fenſterkreuz band. Benedetto war der Erſte, welcher ſich hinab ließ; als er mit ſeinen Füßen den Grabenrand erreichte, ließ er das Seil fahren und ſprang in das Waſſer, Pierre folgte auf die nämliche Art. Beide wateten nun durch das Waſſer, welches ihnen bis an die Bruſt reichte, bis ſie zu dem hohen Rechen kamen, der die Mündung des Grabens umſchloß und den zu überſteigen eben ſo beſchwerlich als gefährlich war, indem er mit ſcharfen Stacheln verſehen war, um das Ueberſteigen zu verhindern. Allein das Glück, welches ihnen 14 bei dieſem Unternehmen hold geweſen, blieb ihnen auch jetzt treu, und die Flüchtlinge kamen mit einigen leichten Verletzungen glücklich hinüber. Nach kurzer Zeit hatten Benedetto und Pierre den Rand des Hafens erreicht, wo ſie die Ketten eines Bootes ſprengten und unter dem Schutze der Nacht durch den Hafen auf die Rhede hinausrudern. Nach Verlauf zweier Stunden landeten ſie an der Küſte, gaben ihr Fahrzeug den Wellen Preis und ſchlugen nun den Weg nach Paris ein. Da die Flüchtlinge hinreichend mit Geld verſehen waren, ſo ſetzten ſie ſich ſchon bei Anbruch des Tages mit geringer Mühe in Beſitz der nöthigen Kleidungsſtücke, welche ihnen das Ausſehen wohl⸗ habender Landleute gaben, und ſie konnten nun ſchon unbeſorgter ihren Weg ſortſetzen. Ihr erſtes Nachtquartier hielten die Flüchtlinge in einem unan⸗ ſehnlichen Dorfwirthshauſe.— Als Pierre hier ſpät am Morgen er⸗ wachte, war Benedetto's Lager leer, und zu nicht geringem Erſtaunen vermißte Pierre auch ſeine Kleidungsſtücke. Erſchrocken und Böſes ahnend griff er nach dem Gurt, in dem er ſein Geld um den Leib gebunden getragen. Der Gurt war durch⸗ ſchnitten und verſchwunden. Da erkannte Pierre mit Schrecken und Wuth, daß er von ſeinem treuloſen Gefährten nicht nur verlaſſen, ſondern auch beſtohlen war. Er machte Lärm, fragte nach, aber Niemand wußte Etwas von Bene⸗ detto, kein Menſch hatte ihn das Haus verlaſſen ſehen. „O du Schurke,“ rief da Pierre voll Grimm.„Wer hieß mich auch, dir zu vertrauen!— Aber wehe dir, wenn ich dir je begegne, ich will dir, zärtlicher Sohn, dann vorhalten, ob ein Kamerad den andern beſtiehlt.“ In Prokura geworde den ſor bezeugu Aerzte d noch geb her ſchlie Wi liebliche: Gattin, Knabe i Gipfel d geſtürzt die Gatt entdeck, bedroht ein Hau ſträfling dem dit um die wo er d Gefängn Drittes Kapitel. Der Schwur am Fodtenlager. Biſt Du mein wahrer Sohn und willſt verdienen Des Vaters Segen, wohl, ſo räche mich. Shakeſpeare. In dem ehemals ſo lebhaften Hauſe des vormaligen königlichen Prokurators, Herrn von Villefort, war es jetzt ſehr öde und traurig geworden; wo es ſonſt von Beſuchern und Bittſtellern wimmelte, die den ſonſt ſo mächtigen Mann umlagerten und nach einer Gunſt⸗ bezeugung von ihm haſchten, ſah man jetzt nur dann und wann einige Aerzte oder ein Paar Diener, die in der Ruine des glänzenden Hauſes noch geblieben waren, und die mit trüber, verſtimmter Miene um⸗ her ſchlichen. Wie war auch Alles ſo anders geworden! Ehemals hatte eine liebliche Tochter in dem Hauſe freundlich gewaltet, hatte eine reizende Gattin einer Zauberin gleich die Welt angezogen, hatte ein munterer Knabe in übermüthiger Luſt den Vater umſpielt, der ſich auf dem Gipfel des Glücks angekommen wähnte. Aber Villefort war hinab⸗ geſtürzt worden, die Tochter war als Leiche aus dem Hauſe getragen, die Gattin hatte ſich Verbrechen ſchuldig gemacht, und als ſie ſich entdeckt, durch den Gatten ſelbſt mit Anklage auf Tod und Leben bedroht ſah, ſich und ihren Sohn vergiftet. Das Haus Villefort war ein Haus des Todes geworden. Immer neue Schläge hatten den Procurator des Königs getroffen. Ein Verbrecher wurde vor Gericht geſtellt, ein entſprungener Galeeren⸗ ſträfling, angeklagt des Mordes und des Betruges, da er ſich unter dem Titel eines Fürſten in ein angeſehenes Haus gedrängt, wo er um die Hand der einzigen Tochter geworben, aber im Augenblick⸗ wo er den Ehecontract unterzeichnen wollte, verhaftet und in das Gefängniß geführt ward. — —— 16 Dieſen Mann ſollte er auf Tod und Leben anklagen, aber da machte er die furchtbare Entdeckung, daß er ſeinem eigenen Sohne gegenüber ſtand, der Frucht einer ſtrafbaren Verbindung, die er längſt unter der Erde glaubte. Da ſtand er nun ſelbſt als Angeklagter, ſein Name war in den Augen der Welt geſchändet, vernichtet, und dieſen furchtbaren Schlag konnte er nicht ertragen, der Wahnſinn umnachtete ſeinen Geiſt, und lange Zeit war es ſein Geſchäft geweſen, die Erde an der Stelle umzuwühlen, wo er geglaubt hatte, mit eigener Hand den Sohn vergraben zu haben, der ihm jetzt auf ſo ſchreckliche Weiſe gegenüber getreten war. Dieſer Wahnſinn war ſeine Rettung geweſen vor der Strenge des Geſetzes, denn man konnte ihn nun nicht unter Anklage ſtellen. So hatte man ſich damit begnügt, ſein Vermögen zu ſequeſtriren und ihm nur ſo viel zu laſſen, daß er anſtändig auskommen und in ſeinem traurigen Seelenzuſtande keinen Entbehrungen unterworfen war. Mit der Zeit war es zwar den angeſtrengten Bemühungen der Aerzte gelungen, den Wahnſinn ſo weit zu heben, daß er nur noch ſelten zurückkehrte, aber die wieder erwachte Klarheit des Geiſtes war für den zerſchmetterten Mann keine Wohlthat, ſie zeigte nur den Ab⸗ grund des Unglücks, in welchem er geſtürzt war, und er mußte ſich mit Entſetzen geſtehen, ſelbſt durch frühere Thaten dieſes Unheil mit herauf beſchworen zu haben. Da ſchwand ſeine Lebenskraft mit jedem Tage mehr und die Aerzte ſahen, daß der Unglückliche nur noch kurze Zeit zu leben haben würde. Selbſt die rieſigſte Kraft hätte dieſen ſchnell auf einander folgenden Schlägen des Schickſals unterliegen müſſen. So ſaß Villefort jetzt in ſeinem weichen Lehnſtuhl, das Haupt geſenkt, die gefalteten Hände ſchlaff in den Schooß geſunken. Nie⸗ mand hätte in dieſem zuſammengebrochenen Mann mit den bleichen verfallenen Geſichtszügen, den gebleichten Haaren, den einſt ſo ſtatt⸗ lichen, ſtolzen Herrn von Villefort erkannt. Ein Diener trat mit leiſen Schritten ein und meldete einen Fremden, der durchaus Zutritt verlange und ſich nicht wolle abweiſen laſſen. „Ich empfange jetzt Niemand mehr,“ ſagte Villefort. „Das habe ich ihm bereits geſagt, doch will er nicht weichen,“ entgegnete der Diener. Diene pfange Name * „Jeder dränge wünſch wie d ja erw könnte 7 fortwa gelaſſe ihn o er eiſ 1 davon Nenm. In d 1 1 17 „Wirklich,“ ſagte Villefort mit einem kurzen Aufflammen des alten Stolzes.„Man will mir in meinem eigenen Hauſe Geſetze vorſchreiben. Sonſt wagte man dies freilich nicht.“ Ein bitteres Lächeln umzuckte ſeinen Mund, aber ſogleich ſank er auch in ſeine gebrochene Stellung zurück und ſtarrte mit erloſchenem Blick vor ſich hin. Der Diener ſtand ſchweigend und betrachtete voll Mitleid ſeinen unglücklichen Herrn, ohne es zu wagen, deſſen trübes Sinnen durch ein Wort zu unterbrechen. „Wie nennt ſich der Fremde?“ fragte endlich Villefort. „Er weigerte ſich, mir ſeinen Namen zu ſagen,“ anwortete der Diener. „Gut,“ entſchied der Kranke,„dann ſage ihm: Unbekannte em⸗ pfange ich am wenigſten; will er mich ſprechen, ſo möge er ſeinen Namen und den Zweck ſeines Beſuches nennen.“ Der Diener ging mit dieſem Beſcheid. „Unglücklicher Villefort,“ ſeufzte der Kranke, als er allein war. „Jeder ſcheint ſich jetzt das Recht herauszunehmen, ſich zu Dir zu drängen, vielleicht, um ſich an Deinen Leiden zu weiden.— Ich wünſche ja nichts mehr, als kein anderes Menſchenantlitz zu ſehen, wie das meines Dieners; denn in jedem freiden Geſicht muß ich ja erwarten, daß ein neuer Todfeind mir gegenüber tritt.— Ach, könnte ich mich vor aller Welt verbergen!“ Der Diener erſchien wieder, meldend, der Fremde weigerte ſich fortwährend, ſeinen Namen zu nennen, verlange aber beſtimmt, vor⸗ gelaſſen zu werden, dann werde das Auge des Herrn von Villefort ihn ohne Schwierigkeit erkennen, denn er ſelbſt habe ihn gerufen und er erſcheine, dieſem Rufe gehorſam. „Ich ſollte ihn gerufen haben?“ fragte Villefort.„Ich weiß davon nichts.“ „Aber er behauptet es und ſagt, aus dieſem Grunde ſei die Nennung ſeines Namens ganz unnöthig.“ „Hat Einer von Euch ihn vielleicht in meinem Namen gerufen?— In dieſem Fall müßt Ihr wiſſen, wer er iſt.“ „Niemand hat ſo etwas gewagt.“ „Iſt er alt oder jung?“ „Noch ſehr jung und elegant.“ 18 „Ich will ihn aber nicht ſehen, ehe ich nicht weiß, wer und was er iſt,“ beharrte Villefort. Der Diener wendete ſich, um dieſen neuen Beſcheid dem Fremden zu überbringen; in dieſem Augenblick knarrte die Thüre und der An⸗ gemeldete erſchien bereits ſelbſt auf der Schwelle. Es war ein junger, in höchſter Eleganz gekleideter Mann. „Da iſt er ſchon!“ rief der Diener.„Mein Herr, wie können Sie es wagen...“ Bei dieſem Ruf wendete Villefort ſeine Augen dorthin und ſtarrte den Beſucher an, als ſehe er einen Geiſt. Der Diener, aufgebracht über das kecke Eindringen des Fremden, ſchritt auf ihn zu, ihn wieder hinaus zu drängen. „Mein Sohn,“ rief da Villefort plötzlich, ſeine Arme ausſtreckend. „Ja, Vater, ich bin es, Du haſt mich gerufen!“ entgegnete der Eingetretene, indem er auf Villefort zueilte und vor ihm niederſank. Der Diener ſtand überraſcht und ſchaute mit großen Augen auf die Gruppe, entfernte ſich aber alsbald auf einen Wink ſeines Herrn. Lange Zeit betrachtete Villefort den jungen Mann, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſein Geſicht nahm dabei einen ſonderbaren Ausdruck an, von dem man nicht wußte, ob er Abſcheu, Widerwillen oder Zärtlichkeit ausdrücken ſollte. Auch der Beſucher ſchwieg und ſchien die Anrede des Kranken zu erwarten. Dieſer Beſucher aber war Andrea Benedetto, der aus Breſt ent⸗ ſprungene Galeerenſträfling. „Biſt Du es wirklich, Benedetto?“ fragte Villefort.„Wie iſt es möglich, daß ich Dich ſehe?— Man ſagte mir doch, Du ſeieſt auf Lebenszeit in den Bagno gebracht.“ „Dem iſt auch ſo,“ erwiderte Benedetto,„und ſonderbar kommt mir es ſelbſt vor, daß man mein Haupt nicht unter die Gutlllotine legte.— Indeß gab dieſes nur den Beweis, daß ich zu etwas Grö⸗ ßerem aufbewahrt bleibe, und ich habe meinem Schickſal kräftig in die Hände gearbeitet, damit ſeine gute Abſicht mit mir nicht verei⸗ telt werde.“ Der leichte, frivole Ton, mit welchem dieſe Worte geſprochen wurden, ſchien Villefort im erſten Augenblick unangenehm zu berühren, faſt ſtreng blickte er den Sprechenden an; aber bald gewann ſein Blick einen andern Ausdruck, er wurde düſter glühend. erſt ſelten So Dich geda Gegenwau „Sd „3 fort in le erſtanden erinnert, Er keit weite „Id gegenſeiti machen, das Dein gekomme gegenüben die Hand ich nichts nicht nu die Hoff tungsrech Vorſehun Dein We wie ih! ſolch ein „M „Jc ich mich Metheug t und waz m Fremden nd der An⸗ ein junge, wie können und ſtacrte C Fremden, usſtreckend. gegnete der niederſank. Augen auf nes Herrn. ein Wort n Ausdruck dillen oder und ſchien Wie iſt es ſeieſt auf bar kommt Guillotine twas Grö⸗ kräftig in nicht verei⸗ geſprochen u berühren, ewann ſein 19 „Du biſt dem Bagno entſprungen?“ fragte er. „Ja, mein Vater. Sie ſelbſt riefen mich nach Paris, allnächtlich trat Ihre Geſtalt vor mich und winkte mir, ſie ſchien mir Vorwürfe zu machen, daß ich ſo lange zögerte, und da eilte ich, dem Rufe zu gehorchen.“ „Meine Geſtalt wäre Dir erſchienen?“ „Ja, Vater, faſt jede Nacht ſah ich Sie auf mich zuſchreiten, erſt ſeltener, dann immer häufiger.“ „Sonderbar, auch ich habe die letzte Zeit immer häufiger an Dich gedacht, Dich herbei geſehnt, ſo ſchrecklich mir auch ſonſt Deine Gegenwart iſt.“ „Schrecklich, Vater?“ „Ja, ſchrecklich, daß Dein Mund mich Vater nennt,“ fuhr Ville⸗ fort in lebhafteſter Erregung fort;„ſchrecklich, wie ein vom Tode Auf⸗ erſtandener dem Lebenden ſein muß, um ſo ſchrecklicher, als es mich erinnert, daß ich ein— Verbrecher bin.“ Er ſchwieg erſchöpft, ſprach indeß nach einer Pauſe voll Bitter⸗ keit weiter: „Ich bin ein Verbrecher gleich Dir, und das hebt die Sache gegenſeitig auf, ich, der Schuldbewußte, kann Dir keine Vorwürfe machen, Du, der Schuldige, mir nicht.— Mein Leben iſt vernichtet, das Deine nicht minder, wir würden nie zuſammen in Berührung gekommen ſein, wenn nicht eine geheimnißvolle Gewalt uns einander gegenüber geſtellt und das Erkennen berbeigeführt.— Soll ich darin die Hand der Vorſehung erkennen?— Wäre das, gegen dieſe könnte ich nichts!— War es die Hand eines Todfeindes?— Ich bin deſſen nicht nur überzeugt, ſondern auch gewiß, und da iſt immer noch nicht die Hoffnung verloren, dieſem Todfeinde gegenüber das Wiedervergel⸗ tungsrecht zu üben und ihn für ſeine Verwegenheit, die Hand der Vorſehung ſpielen zu wollen, empfindlich zu züchtigen. Dieſes wäre Dein Werk, Benedetto, denn Du biſt jung und voll Kraft, und haſt, wie ich leider zugeben muß, eine Schule durchgemacht, welche Dich für ſolch' eine Aufgabe wohl befähigte.“ „Mich, Vater?“ fragte Benedetto. „Ja, Dich, Benedetto,“ ſprach Villefort weiter.„Lebhaft habe ich mich ſchon mit dem Gedanken beſchäftigt, daß Du das paſſende Werkzeug wäreſt, welches mich und meine Familie an dem Todfeind 2- 1 4 1 20 rächt, der uns niedergeſchmettert durch einen Blitzſtrahl, der wie aus heiterer Luſt auf uns herabfiel. Du warſt in ſeiner Hand ein Werk⸗ zeug, das mich auf den Tod verwundet hat, nun aber will ich dieſe Waffe gegen ihn ſelbſt wenden.— Von dieſem Gedanken lebhaft erregt, war mein Geiſt nur von Dir eingenommen, ich ſehnte mich nach Dir, ich rief Dich herbei, und wer weiß, ob damit die Erſchei⸗ nung, die Du gehabt haben willſt, nicht zuſammenhängt. Es giebt geheimnißvolle Dinge in der Natur, die wir nicht enträthſeln und ob wir alle unſere Geiſteskräfte aufbieten. Der Menſchengeiſt iſt groß, unendlich groß und umfaſſend, und dennoch giebt es unzählige Ge⸗ heimniſſe, die für ihn ſtets ein unauflösliches Räthſel bleiben, ein dichter Schleier iſt über dieſelben gedeckt, und des Menſchen Hand, die verwegen ſich vermißt, Sterne vom Himmel reißen und ſie in Atome zergliedern zu wollen, iſt doch zu ſchwach, dieſen Schleier zu lüften.— Wäre es nicht möglich, daß, während mein Körper in todtenähnlichem Schlaf umfangen lag, mein zweites, nur von dem einen Gedanken durchdrungenes Ich zu Dir hinüberſchwebte in Deinen Kerker, Dir ein Bote meiner Sehnſucht zu ſein?“ „Das könnte mich zu dem Glauben verleiten, daß das, was ich zu den Zeiten ſelbſt nur für eine Sinnestäuſchung, für eine Ausge⸗ burt meiner Phantaſie hielt, doch einen Schimmer von Wirklichkeit hatte,“ antwortete Benedetto.„Dieſes räthelhafte Gebilde rief mich alſo wirklich zur Erfüllung einer Miſſion auf?“ „Ja“ erwiderte Villefort,„und ich habe Dir bereits geſagt, wo⸗ raus dieſe Miſſion beſteht: Du ſollſt mich, Deine Geſchwiſter, Dich ſelbſt an dem Todfeinde rächen, deſſen Opfer wir Alle ſind.“ „Was aber habe ich eigentlich zu rächen?“ fragte Benedetto. „Ach, um Dir Alles zu erklären, reicht heute meine Kraft nicht mehr aus,“ ſeufzte Villefort.„Ich fühle mich jetzt ſchon erſchöpft. Laß mich jetzt ruhen und ruhe ſelbſt aus, höre aber zugleich meine Warnung: Laß Niemanden errathen, wer Du eigentlich biſt, und zeige Dich überhaupt ſo wenig als möglich.“ Er klingelte und befahl dem eintretenden Diener, Benedetto ein bequemes Zimmer anzuweiſen und zugleich die ſtrengſte Verſchwiegen⸗ heit über deſſen Anweſenheit in ſeinem Hotel zu beobachten. Der Diener ſchaute ſeinen Herrn verwundert an, verſprach aber, did erhaltene Weiſung auf das Gewiſſenhafteſte zu erfüllen und führte die Stul Beneden kerenſt natürlie M ſamkeit jungen, dem die nur mit mochte. es indef die Sch zu beſch um ihn es ſtün! werde, enthüllen als dieſe daß Du Der So Lebensze nach ih d 5 „Es ſol ohgleich „J dieſes h des 27. G und kau 21 Benedetto in ein reich ausgeſtattetes Gemach, wo der entflohene Ga⸗ leerenſträfling auf das Behaglichſte der Ruhe pflegen konnte und der natürlich wohler ſich befand, als in dem Bagno von Breeſt. Mehrere Tage vergingen, Benedetto widmete ſich mit einer Sorg⸗ ſamkeit, wie man ſie von dem von Verbrechen zu Verbrechen geeilten jungen Menſchen nicht hätte erwarten ſollen, der Pflege ſeines Vaters, dem dieſe Pflege ungemein wohl zu thun ſchien, obgleich er zu Zeiten nur mit Abſcheu ſein Auge auf des Sohnes Geſicht zu richten ver⸗ mochte. Zu der verſprochenen Erklärung von Seiten Villefort's kam es indeß nicht ſo ſchnell, er ſchien vor dem Gedanken zu ſchaudern, die Schreckgebilde in ſeinem Innern durch Erzählungen neu herauf zu beſchwören. Allein es drängte ihn auch, Benedetto Alles zu erklären, um ihn zu der Rache anzufeuern, nach deren Erfüllung er ſich ſehnte. „Benedetto,“ nahm Villefort eines Tages das Wort,„ich fühle es ſtündlich mehr, daß die Stunde meiner Erlöſung bald ſchlagen werde, und immer dringender wird das Bedürfniß, Dir Alles zu enthüllen, damit Du der Erbe meiner Rache wirſt, denn wenig mehr als dieſe kann ich Dir hinterlaſſen, da Du wohl am beſten einſiehſt, daß Du keine Anſprüche auf meine Hinterlaſſenſchaft erheben darfſt. Der Sohn Villefort's muß todt ſein für die Welt, denn giebt er ein Lebenszeichen von ſich, ſo ſtrecken die Hände des Gerichts ſich gierig nach ihm aus.“ „Sie erkennen michalſo wirklich für Ihren Sohn?“ fragte Benedetto. „Ja, Du biſt es,“ erwiderte der Kranke mit geſenktem Blicke. „Es ſoll eine Buße für mich ſein, daß ich Dir Deine Geburt erzähle, obgleich dieſelbe für Dich kein Geheimniß mehr iſt.“ „Ich höre, Vater.“ „Es gab eine Zeit,“ begann Villefort,„wo ich von heftigen Leidenſchaften durchglüht war, ich wollte ſchnelles Aufſteigen zu den höchſten Ehrenſtellen, wollte Ruhm und Einfluß; dieſes zu erlangen, war mein eifrigſtes Beſtreben. In dieſer Periode meines Lebens wurde ich mit einer jungen Dame aus angeſehener und einflußreicher Familie bekannt, wir geriethen immer tiefer in das Verhältniß und dieſes hatte Folgen, die junge Dame wurde ſchwanger. In der Nacht des 27. Septembers 1817 erhielt ich durch einen Vertrauten die Kunde, die Stunde der Entbindung ſei erſchienen; ich eilte zu der Geliebten, und kaum zwei Stunden nachher wurdeſt Du geboren.“ 22 „O, meinen Geburtstag kenne ich ſehr gut, aber eine Feier des⸗ ſelben habe ich noch nie erlebt,“ ſagte Benedetto mit bitterem Lächeln. „Und ich habe lange Jahre Alles gethan, um die Erinnerung an dieſen Geburtstag zu verwiſchen,“ entgegnete Villefort und ſprach dann weiter:„Ich mußte dieſe Geburt für eine meiner größten Un⸗ glücksfälle, die mich treffen konnten, betrachten und Alles kam nur darauf an, das Geheimniß den Augen der Welt zu entziehen, es zu vernichten, ehe es ſein geſpenſtiges Haupt erheben konnte. Die Fa⸗ milie der Dame war angeſehen und ſtand in vielfacher einflußreicher Beziehung; dieſer Fall mußte ihre Rache erwecken, und dann konnte es ihr leicht werden, mich von meiner ſchon erklimmten Höhe zu ſtürzen und meine ganze Laufbahn für immer zu vernichten. Man weiß ja auch, wie ſchonungslos die Welt in ſollen Fällen handelt. Um meiner glänzenden Laufbahn nicht zu ſchaden und den Ruf der Dame in den Augen der Welt unbefleckt zu erhalten, hatten wir ſchon vorher beſchloſſen, das Geheimniß mit dem Leben der Frucht unſerer trauten Zuſammenkünfte zu vernichten.“ „Und meine Mutter gab das zu?“ fragte Benedetto.„Ich habe immer gehört, daß es um Mutterliebe eine gar eigene Sache ſein ſoll.“ „Sie gab es nicht nur zu, ſondern drang ſelbſt mit Eifer darauf, das Zeugniß ihres Falles für immer von der Erde verſchwinden zu laſſen.“ „Ah, eine zärtliche Mutter, ich möchte ſie wohl kennen!“ „Du wirſt ſie ſeiner Zeit kennen lernen, ich glaube es wenig⸗ ſtens.— Doch laß mich fortfahren. Als das Kind geboren war, ſchlang ich die Nabelſchnur um ſeinen Hals und erdroſſelte es, oder beſſer geſagt, ich glaubte wenigſtens, es erdroſſelt zu haben, dann legte ich es in ein ſchon bereit gehaltenes Kofferchen, bedeckte es mit einer Serviette, nahm dann das Käſtchen unter den Arm und eilte hinab in den Garten, wo ich bereits ein Grabſcheit zurecht gelegt hatte, mit welchem ich unter einem Baum ein Loch grub und das Käſtchen hinein verſenkte. „Da traf mich der Mordſtahl irgend eines raubſüchtigen Menſchen und warf mich zu Boden. Ich ſtürzte zu Boden und ſchleppte mich mit Mühe bis an den Eingang des Hauſes, wo ich blutend zuſammen⸗ ſank, in ein Zimmer geſchafft und verbunden wurde. Ich gab an, in einem Duell verwundet worden zu ſein, man glaubte es.— Sechs Wochel und n Zweife glaubt „o, ni Sie l und hi die Bl dings aber d Bertue dem ei erzieh klar Weiſe einzuſe mich e ich ni mit ei Bezei ſagen 2 Menſch Wlln ich als die R Monte lars be zu wer Uaben 23 Wochen lag ich an der Wunde; als ich ſpäter endlich geneſen war und nach dem Grabe des Kindes ſah, fand ich es umgewühlt. Ohne Zweifel hatte jener Mörder mich bei meiner Arbeit belauſcht und ge⸗ glaubt, ich hätte Schätze vergraben, deren er ſich bemächtigen wollte.“ „Hier irren Sie, Vater,“ unterbrach Benedetto die Erzählung; „o, nicht Raubſucht, ſondern Rachſucht verſetzte Ihnen den Streich.— Sie hatten einen Anhänger Napoleons, einen Corſen, verurtheilen und hinrichten laſſen, worauf deſſen Bruder Bertuccio Ihnen auflauerte, die Blutrache auszuführen. Er öffnete das Käſtchen, welches er aller⸗ dings im Wahn, es wären Schätze in demſelben, wieder ausgegraben; aber der Schatz war ich, gewiß ein werthvoller Fund!— Der gute Bertuccio belebte mich wieder, übergab ſmich dem Findelhauſe, von dem er mich ſpäter nach ſeiner Heimath Corſica bringen und daſelbſt erziehen ließ. Ich habe ihn für meinen Onkel gehalten, bis mir es klar wurde, daß Herr Bertuccio mit dem Hauſe Villefort in keiner Weiſe verwandt ſein könne.“ „Was wollte dieſer angebliche Onkel aus Dir machen?“ fragte Villefort., „Nun, das, was ich heute bin, allerdings nicht, aber immerhin ſo gar Beſonderes nicht,“ erwiderte Benedetto leichtſinnig,„Bertuccio war oder iſt vielleicht noch ein gewandter Schleichhändler, der, als er einzuſehen begann, daß ich zu keiner ruhigen Lebensweiſe Geſchick hatte, mich ebenfalls zum Schleichhändler beſtimmte; allein ſo dumm war ich nicht, mich in dieſen gefährlichen Handel zu miſchen, ich verfolgte mit einigen Kameraden einen eigenen Weg, mit deſſen genauerer Bezeichnung ich Sie nicht langweilen will, Vater, ſo daß ich nur zu ſagen brauche, daß dieſer Weg in dem Bagno von Toulon endete.“ Villefort ſeufzte und wagte den leichtſinnigen, ſchwatzenden, jungen Menſchen kaum anzuſehen. „In Toulon befreite mich dann ein närriſcher Engländer, Lord Willmore, und ich kam nach mancherlei Abenteuern nach Paris, wo ich als Prinz Cavalcanti auftrat, indem mich ein alter Spieler bewog, die Rolle ſeines Sohnes zu ſpielen. Ich wurde bei dem Grafen Monte Chriſto eingeführt, durch dieſen mit der ſchönen Eugenie Dang⸗ lars bekannt und ermuthigt, bei dem reichen Banquier um die Tochter zu werben. Ich hatte wundervollen Erfolg, daß Sie wohl Urſache haben könnten, auf Ihren Sohn ſtolz zu ſein. Der Banquier willigte 24 in Alles, ſchätzte es für eine große Ehre einen Prinzen Cavalcanti zu ſeinem Schwiegerſohn zu haben und Alles war gut, bis auf die Unter⸗ zeichnung des Ehecontractes, in welcher ich durch die tölpiſche Polizei geſtört wurde, die in mir den aus dem Bagno enrflohenen Benedetto und den Mann endeckt hatte, der einem gewiſſen Cadrouſſe das Lebenslicht ausblies.— Doch das wiſſen Sie ja Alles, Vater, und auch, was darauf folgte, und daß ich auf Lebenszeit nach Breſt ge⸗ ſchickt wurde.“ „Leider weiß ich Alles,“ ſeufzte Villefort,„denn noch lebhaft ſteht jene furchtbare Scene vor meinen Augen, als ich im Gerichtsſaale in dem angeklagten Verbrecher meinen Sohn endeckte.— Wer aber ent⸗ deckte Dir das Geheimniß Deiner Geburt, Benedetto?“ „Wer anders als mein Pflegevater Bertuccio!“ „Ha, und iſt dieſer Bertuccio nicht Haushofmeiſter des Grafen Monte Chriſto?“ „Ganz recht.“ „O, wäre es noch nicht gewiß in mir, dieſes Wort gäbe mir die Gewißheit, daß auch dieſer Schlag von Niemand kam als von dieſem Grafen Monte Chriſto, meinem unverſöhnlichen Todfeinde!“ rief Villefort. Ingrimmig ballte er bei dieſen Worten die Fäuſte und ſein faſt erloſchenes Auge ſprühte feurige Blitze des Haſſes und der Rache. „Dieſer Monte Chriſto iſt ein Dämon der Hölle, der mich ver⸗ folgte, wo er konnte,“ ſprach Villefort weiter,„und noch kann ich nicht enträthſeln, woher ſein Haß gegen mich ſtammt.— Seit er in mein Haus trat, verfolgte mich das Unglück Schlag auf Schlag, meine Gattin wurde zur— Giftmiſcherin, um ihrem Sohn das geſammte Vermögen zuzuwenden; ſo ſtarben der Graf und die Gräfin Saint Meran, ſtarb meine Tochter Valentine als Opfer der Umtriebe des Grafen, und als ich als Richter vor meine Gattin trat, tödtete ſie ſich und ihren Sohn durch Gift: dieſes Gift aber, welches augenblicklich tödtete, hatte ihr dieſer hölliſche Dämon ſelbſt in die Hand gegeben und ihr den Gebrauch erklärt.“ Benedetto ſchaute ſeinen Vater mit einer Miſchung von Staunen und Entſetzen an. „Ha“ rief Villefort aus, die Hände zum Himmel ſtreckend,„hätte ich noch Kräfte in mir, wäre ich nicht ein elender, ve lorner Menſch, —ee zwiſchen entſtehen. die Piͤit Bruder ihn alle finden vernichtet uir dieſes Da zum Him „Ich Dimonen Sie, mei gerächt h „. fort, inde In „Noc ich Dir T Nord ich „Ich Haupt ſe „Da „Noc M ſeine Fr & „ D — Jene jun Tochter d „Si „Si Wie „De er nicht „D derte Vi — — 3 8 5 3 zwiſchen mir und dieſem Dämon ſollte ein Kampf auf Tod und Leben entſtehen. Ich kann nicht mehr, alſo übernimm Du, mein Sohn die Pflicht, Deinen Vater, Deine Schweſter Valentine und Deinen Bruder Eduard zu rächen.— Verfolge ihn, quäle, martere ihn, laß ihn alle Seelenleiden, die er mir zugefügt, mit Wucher wieder em⸗ pfinden, raſte und ruhe nicht bei Tag und bei Nacht, bis Du ihn vernichtet haſt und er ſich vor Dir im Staube windet.— Schwöre mir dieſes, Benedetto.“ Da ſank Benedetto vor dem Vater nieder und hob die Hand zum Himmel. „Ich ſchwöre es Ihnen bei allen Engeln des Himmels und allen Dämonen der Hölle, daß ich nicht raſten noch ruhen will, bis ich Sie, meine Schweſter, meinen Bruder und mich an dieſem Menſchen gerächt habe!“ rief er feierlich. „Dann nimm zum Lohn meinen väterlichen Segen!“ ſagte Ville⸗ fort, indem er ſeine Hand auf Benedetto's Haupt legte. In dieſer Stellung verharrten Beide ſchweigend einige Zeit. „Noch Eins,“ begann Villefort wieder,„verzeihſt Du mir, was ich Dir Böſes zugefügt?— Mein erſter Gedanke gegen Dich war Mord, ich begrub Dich lebendig.— Kannſt Du mir verzeihen?“ „Ich verzeihe es Ihnen, Vater!“ erwiderte Benedetto, wieder das Haupt ſenkend. „Dann nimm dreifachen Segen dafür“ „Noch Etwas müſſen Sie mir ſagen, Vater, wer war meine Mutter?“ „Villefort zögerte einige Augenblicke, und Benedetto wiederholte ſeine Frage dringender. „Ich muß Alles wiſſen,“ fügte er hinzu. „Du haſt Recht,“ antwortete Villefort,„Du mußt Alles wiſſen. Jene junge Dame war die Wittwe des Herrn von Nargonne, die Tochter des Herrn von Servieux.“ „Sie lebt noch?“ „Sie lebt als Baronin— Danglars.“ Wie vom Blitz getroffen, ſtarrte Benedetto ſeinen Vater an. „Deren Tochter ich heirathen ſollte?“ fragte er dann, als habe er nicht recht gehört. „Dieſelbe, denn es giebt nur eine Baroneſſe Danglars,“ erwi⸗ derte Villefort. 25 26 „O, Schickſal,“ rief da Benedetto aus,„welche wunderbare Wege führſt du die Menſchen!“ „Wunderbar und furchtbar,“ fragte Villefort.„Auch gegen die Danglars hat dieſer Dämon Monte Chriſto ſein Spiel getrieben. Der Name Danglars iſt beſchimpft durch die Geſchichte mit Dir, Eugenia Danglars iſt entflohen und man ſagt, ſie habe ſich in einem Kloſter verborgen, Danglars iſt in wenig Wochen vom Goldkönige, der über Millionen commandirte, zum Bettler geworden und mit Zurücklaſſung. ungeheurer Schulden entflohen, ſein Name iſt als Schwindler und 3 Betrüger gebrandmarkt.— Im Grunde bedauere ich ihn nicht, er war immer ein herzloſer, genußſüchtiger Schurke, und Deine Mutter, Benedetto, beſaß auch wenig Zartgefühl und lebt ſehr ungenirt hier mit den Millionen, welche ſie aus dem Schiffbruch gerettet.“ „Millionen?“ fragte Benedetto, indem ſein Auge blitzte. „Ohne Zweifel,“ verſicherte Villefort.„Aber wer weiß, wenn dieſer Dämon Monte Chriſto wieder auftaucht, um auch Deine Mutter zu ruiniren.“ — „O, das ſoll er nicht!“ rief Benedetto, ein wildes Gelächter auf⸗ pine ſchlagend.„Ich werde ihm zuvorkommen. Wo finde ich ihn?“ uſ „Du mußt ihn ſuchen, ich weiß es nicht,“ antwortete Villefort. 3 „Suche den Abbe Buſoni, ſuche den Lord Willmore, ſuche den Gra⸗ 1 Aerzt fen Monte Chriſto, Alle dieſe ſind eine und dieſelbe Perſon. Viel d leicht trägt dieſer Dämon noch mehr Nameu, wie er ſich aber auch- e h nenne, vergiß Deines Schwures nicht.“ d „Seien Sie ohne Sorgen, Vater,“ ſagte der Sohn mit fürchter⸗ lichem Lächeln,„ich werde nichts vergeſſen.“ „Rache, Nache!“ ſtöhnte Villefort und ſank zurück. jedes V Gefah Mann den N. Dann Unruhe fragen, Störu komme 1 kenne —— —— — — Viertes Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Gedenk' des Eides, den Du mir geſchworen, Wenn was Dir heilig noch auf dieſer Welt⸗ Körner. Fußtritte ließen ſich in dem Vorzimmer hören, dann entſtand ein heftiger Wortwechſel, wobei man deutlich des Kammerdieners Stimme unterſchied, aber auch eine rauhe Stimme vernahm. „Ich muß Sie wenigſtens melden,“ rief der Kammerdiener,„die Aerzte haben ſtreng jede gewaltſame Störung unterſagt.“ „Ich komme in Ausübung meines Amtes! Platz!“ entgegnete die barſche Stimme. Villefort war aufmerkſam geworden, noch mehr aber Benedetto, der durch ſeine frühere Lebensweiſe gewohnt war, auf jedes Vorkommniß zu achten und in jedem außergewöhnlichen Geräuſch Gefahr für ſich zu ahnen. Unwillkürlich überflogen des jungen Mannes Augen mit Blitzesſchnelle die Wände des Gemaches, um für den Nothfall einen Verſteck oder einen Weg zur Flucht zu erſpähen. Dann blickte Benedetto auf Villefort, der mit einem Ausdruck der Unruhe und Beſorgniß des Sohnes Augen ſuchte, als wollte er ihn fragen, was er von dem Geräuſch denke. „Monte Chriſto!“ murmelte Villefort. „Es ſchien, als glaubte er, jedes Unangenehme, überhaupt jede Störung könne nur von der Seite dieſes unverſöhnlichen Todfeindes kommen. Benedetto hatte dieſen Namen ſchon von ſeiner furchtbarſten Seite kennen gelernt, ſo daß er ſich bei deſſen Nennung eines leiſen Zu⸗ 28 ſammenſchauderns nicht wehren konnte und ſeine Augen ſich mit einer gewiſſen Bangigkeit nach der Thüre richteten. Er durfte nicht lange warten, denn der die Thüre verhüllende Vorhang wurde heftig auseinander geſchlagen und der Diener erſchien, aber auch dicht hinter ihm ein Polizeicommiſſar mit einiger Mann⸗ ſchaft, welche ohne Rückhalt in das Zimmer traten, trotz dem Wider⸗ ſtreben des Dieners, welcher die Eingedrungenen noch zurückzuweiſen verſuchte. Villefort's Antlitz überzog bei dieſem Anblick eine ſchwache Röthe, die Röthe des Zornes. „Mein Herr,“ rief er,„es gab eine Zeit, wo es Niemand wagte, unangemeldet in mein Zimmer zu dringen, und noch weniger dann, wenn man ihm ſagte, ich ſei nicht für ihn zu ſprechen.“ Der Commiſſar zuckte die Achſeln. „Herr von Villefort,“ ſagte er kalt,„dieſe Zeit iſt vorüber, und wenn ich unangemeldet eindringe, ſo geſchieht dieſes nur in der Aus⸗ übung meines Amtes.“ „Ich verſtehe...“ ſagte Villefort voll Bitterkeit. „Dann, mein Herr, wenn Sie verſtehen, werden Sie ſich auch nicht weiter über mein Erſcheinen wundern.“ „Gar nicht, denn ich weiß, woher mir dieſer neue Schlag kommt. Die Veranlaſſung Ihres Beſuches iſt der Graf von Monte Chriſto.“ „Sie irren, Herr von Villefort, der Graf Monte Chriſto iſt nicht Veranlaſſung und kann ſie auch nicht ſein, da derſelbe ſchon längſt Paris und ſelbſt Frankreich verlaſſen hat, ja man weiß nicht einmal, ob er überhaupt noch in Europa weilt.— Auch gilt mein Beſuch eigentlich nicht Ihnen.“ „Wem dann?“ Der Commiſſar wendete ſich ruhig zu Benedetto, welcher unent⸗ ſchloſſen neben ſeinem Vater ſtand, aber ſeine Augen fortwährend umherſchweifen ließ, wie ein in's Garn gerathenes wildes Thier, welches eine Gelegenheit zum Entſchlüpfen ſucht. Doch hier war ſchon jeder Ausweg verlegt, da die Polizeibeamten mit jener Sicherheit, welche die lange Ausübung eines Geſchäfts giebt, ſogleich alle Maß⸗ regeln getroffen, um ein Entkommen zu verhüten, ſofort die Thüren beſetzt hatten, die Fenſter beobachteten, aus denen ohne ſie kein Ent⸗ kommen möglich war, und Benedetto ſelbſt war bereits umſtellt. 1 welcher Zweifel erkenne kommen 7 ich führ Ei und S dem W verlaſſe „ gewend gejeigt mich de hier un ich dieſe machen, Du nic — 29 „ Ich ſuche einen aus dem Bagno entſprungenen Galeerenſträfling, welcher ſich Benedetto nennt,“ ſagte der Commiſſar ruhig.„Ohne Zweifel iſt es der junge Herr hier, wenigſtens glaubte ich ihn zu erkennen.“ „Hölle und Teufel,“ knirſchte Benedetto. „Monte Chriſto!“ ſtöhnte Villefort, der ſich von dem Gedanken nicht trennen konnte, daß jeder ihn treffende Schlag von dem Grafen kommen müſſe. „Nein,“ rief eine wilde Stimme,„nicht Monte Chriſto, ſondern ich führte dieſe Leute herbei!“ Ein Mann drängte ſich heran und Benedetto erblaßte vor Wuth und Schrecken, denn er erkannte Pierre, in deſſen Geſellſchaft er aus dem Bagno entſprungen war und den er heimlich in der Nacht verlaſſen. „Es iſt Benedetto!“ rief Pierre wieder, und dann zu Benedetto gewendet, fuhr erfort:„Du haſt mir ein ſo ſchönes Kameradenſtückchen gezeigt, daß ich Dir es nothwendig erwidern mußte. So habe ich mich denn nach Paris durchgeſchlagen, und da ich wußte, wo ich Dich hier ungefähr finden könnte, ſuchte ich Deine Spuren auf, und als ich dieſe gefnnden, hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als Anzeige zu machen, und dieſe Herren werden ohne Zweifel dafür ſorgen, daß Du nicht wieder aus dem Bagno entkommſt.“ Auf einen Wink des Commiſſaes ward Benedetto feſtgehalten und mußte ſich zähneknirſchend fügen. Villefort ſchaute ſtarren Auges auf Benedetto. „Monte Chriſto!“ murmelte er mit halberſtickter Stimme. „Führt den Gefangenen ab!“ befahl der Commiſſar. „Mein Sohn, mein Sohn,“ ſchrie da Villefort auf,„gedenke Deines Schwures!“ „Sei ohne Sorge, Vater,“ entgegnete Benedetto,„ich vergeſſe nicht, was ich gelobt, und alle die Ketten der hochweiſen Gerechtigkeit ſollen mich an der Erfüllung meines Gelübdes nicht hindern. Dieſer Teufel Monte Chriſto ſoll in tauſend Oualen zu meinen Füßen liegen.“ „Der Kerl iſt verrückt,“ lachte Pierre dazwiſchen,„oder er hat trotz ſeiner Erfahrung den Bagno ſo wenig ſtudirt, daß er nicht weiß, was man mit Entſprungenen macht und daß es auch Gulllotinen giebt.“ „Guillotine!“ murmelte Benedetto erbleichend. 30 Er mochte daran denken, daß ſein Leben an einem Haar hing und er eigentlich nur zwei Dinge zu erwarten hatte; das Blutgerüſte, oder Anſchmiedung in den unterirdiſchen Kerkern des Bagno. Auch Villefort mochte ähnliche Gedanken hegen, ſeine langjährige Erfahrung in der Praxis des Gerichtsweſens mußte ihm ſagen, welches Urtheil Benedetto's harre; ſein Geſicht begann ſich angſtvoll zu verzerren, ſeine Augen rollten wild in den Höhlen umher. „Fluch— Monte— Chriſto!“ ſtöhnte er. Dann ſank er zurück, Schaum trat vor ſeinen Mund, ſein Auge wurde ſtaar und gläſern, der Athem ſtockte... „Er ſtirbt!“ rief der Kammerdiener und ſtürzte zu ſeinem Herrn. „Vater!“ rief Benedetto. Er riß ſich mit Gewalt los, ſank zu den Füßen Villefort's nieder und ergriff deſſen kalte Hand. „Vater,“ ſagte er in der wildeſten Aufregung,„kannſt Du mich noch hören?— Nichts?— Dann vernehme es Dein Geiſt, der mich zu Dir rief und der mich auch ferner umſchweben wird, wie ich zu Deinen Füßen den Schwur wiederhole, Dich an Monte Chriſto zu rächen.“ „Reißt ihn auf!“ befahl der Commiſſar. Der Befehl wurde erfüllt und Benedetto emporgezogen. Der Commiſſar warf noch einen Blick auf Villefort's lebloſen Körper und zuckte die Achſeln. „Er ſcheint todt,“ ſagte er.„Ein Schlagfluß.— Nun, wir können das nicht ändern, und unſere Schuld iſt es auch nicht, denn wir handelten nur nach unſeren Vorſchriften; und ſo könnte es auch am beſten für dieſen Mann ſein, denn er wäre zur ſchwerſten Verant⸗ wortung gezogen worden, weil er einen entflohenen Sträfling bei ſich aufgenommen, und darauf ſteht harte Strafe, und ob der Flüchtling auch der eigene Sohn ſei. Villefort mußte dieſes wiſſen, ſein Gedächt⸗ niß war noch nicht ſo ſehr geſchwächt. Auch ſein anderer Prozeß hätte eine Fortſetzung erfahren können.— Mag er darum todt ſein, es iſt ein Glück für ihn.“ Benedetto warf dem Commiſſar einen wüthenden Blick zu, der aber keine Beachtung fand; kalt und ruhig wendete er ſich zu ſeinen Leuten. „Sc Ben Valers, der Con ligten 1 gerufen nicht zu Ben und trate zwei zuſ des Ver Blick da Lage. M losgeriſſ waltiger Anſtreng ihn anzu „9 Da ſich der Benedet de und uübe das Pfl .„ laſſen daß ich in den und auc könnte. Geldesl 8 1 Commij zu thun de 31 „Schafft den Gefangenen fort,“ ſagte er. Benedetto warf noch einen Blick auf den erſtarrten Körper ſeines Vaters, dann wendete er ſich und ließ ſich widerſtandslos abführen, en der Commiſſar folgte ihm, nachdem er den um ſeinen Herrn beſchäf⸗ ol tigten Diener noch darauf aufmerkſam gemacht, daß ein Arzt herbei⸗ gerufen werden müſſe, woran der Diener in ſeiner Beſtürzung gar nicht zu denken ſchien. Benedetto in der Mitte verließen die Polizeibeamten das Haus ige und traten hinaus auf die menſchenerfüllte Straße, wo eben durch zwei zuſammengefahrene Wagen ein ſtarkes Gedränge und Stockung ſen. des Verkehrs entſtanden war. Benedetto überſchaute mit raſchem Blick das Ganze und erwog Vortheile wie Nachtheile der momentanen kder Lage. Sein Entſchluß war gefaßt. . Mit Gedankenſchnelle hatte ſich Benedetto von den Polizeimännern ic losgeriſſen, dieſelben rechts und links zurückgeſchleudert, und ein ge⸗ ih waltiger Satz brachte ihn in das Gedränge, welches er mit wüthender 3 Anſtrengung durchbrach, ohne daß Jemand auch nur Miene machte, zu ihn anzuhalten. „Haltet! haltet!“ rief der Commiſſar. der Das Gedränge hatte ſich aber bereits wieder geſchloſſen, und als ſich der Commiſſar und ſeine Leute Bahn gemacht hatten, war von 1n Benedetto keine Spur mehr zu ſehen. uir Der Commiſſar war wüthend über die Unachtſamkeit ſeiner Leute und überſchüttete ſie mit Vorwürfen. Pierre ſtampfte mit Ingrimm denn das Pflaſter. „Ein verwünſchter Streich, Herr Commiſſar,“ ſagte er.„Aber ant⸗ laſſen Sie mich nur machen!— Ich ſetze meinen Kopf zum Pfande, ſih daß ich dieſen Burſchen ſchon herausbringen werde, und ob er ſich iin in den tiefſten Kellern von Paris verberge. Ich kenne meine Leute icht⸗ und auch die Wege, welcher dieſer Schuft möglicher Weiſe einſchlagen dhe könnte. Geben Sie mir nur Geld, damit ich die Maßregeln auch mit fein, Geldesklang unterſtützen kann, und ich fange den Burſchen noch.“ —„Darüber habe ich nicht mehr zu entſcheiden,“ entgegnete der der Commiſſar.„Komm mit zum Präfecten, der mag dann ſehen, was inen zu thun iſt, und ich verſpreche Dir, ein gutes Wort für Dich einzulegen.“ Der geprellte Commiſſar begab ſich mit Pierre auf die Polizei⸗ 32 präfectur und rapportirte den Vorfall, der ihm natürlich einen ſtarken Verweis zuzog; aber Pierre's Vorſchlag fand Anklang, denn man wußte ja, daß man Spitzbuben am leichteſten durch Spitzbuben fängt, ſo erhielt denn Pierre eine kleine Summe Geldes mit der Weiſung, Alles aufzubieten, des gefährlichen Menſchen hahhaft zu werden, und man verſprach ihm, wenn es ihm gelinge und er ſich ſonſt treu zeige, ſo würde man ſeine Vergangenheit vergeſſen und für ſeine weitere geeignete Verwendung ſorgen. Das war ein guter Sporn für Pierre. D welchen ſtehen Rückſi eigentli nahms. ſagen Deöhal in Par⸗ aan, blick, 1 miſchun worauf mehr Dang 8 ſie w 1 dich witiwe doir, ſprech und ſ — Fünftes Kapitel. Mutter und Sohn. Die Liebe kann ich nicht erzwingen, Jedoch ertrotzen mir das Recht. Müller. Die Baroneſſe Danglars gehörte zu den Damen in Paris, von welchen die Welt gar viel erzählte und bei jeder Erzählung zu ver⸗ ſtehen gab, man wiſſe eigentlich noch viel mehr, ſchweige aber aus Rückſichten. Obwohl die Welt aber immer gern mehr ſagt, als ſie eigentlich weiß, ſo meinte man doch, es könne bei dieſer Dame aus⸗ nahmsweiſe möglich ſein, man wiſſe wirklich mehr von ihr, als man ſagen wolle, und das war ein ſchlimmes Zeichen für die Dame. Deshalb wunderte ſich auch die ganze Welt, daß Madame Danglars in Paris blieb nach dem ſcandalöſen Auftritte mit dem Prinzen Caval⸗ canti, welcher ihre Tochter heirathen wollte, der ſich aber im Augen⸗ blick, wo der Contract unterſchrieben werden ſollte, durch die Ein⸗ miſchung der Polizei als der Galeerenſträfling Benedetto entpuppt hatte, worauf auch Eugenie entflohen, ihre Familie blamirt war, und noch mehr wunderte man ſich, als ſie auch dann noch blieb, nachdem Danglars als Bankrotteur die Flucht ergriffen hatte. Allen Gerüchten zum Trotz blieb ſie aber dennoch, und man ſagte, ſie wiſſe durch gewandtes Spiel auf der Börſe und dem grünen Tiſch ihr Vermögen zu verdoppeln und die Langweile ihres Stroh⸗ wittwenthums durch Empfang von Verehrern aus ihrer guten alten Zeit ſich zu verſüßen. Baroneſſe Danglars ſaß in ihrem glänzend ausgeſtatteten Bou⸗ doir, als ihr der Herr von Sanville gemeldet wurde, welcher ſie zu ſprechen wünſche. Die Baroneſſe kannte keinen Herrn dieſes Namens, und ſie erkundigte ſich erſt nach dem Aeußeren des Beſuchers. Das 3 34 Urtheil des Kammermädchens lautete da günſtig, Sanville ſollte ein ſchöner, junger Mann ſein, und nun war die Baroneſſe ſogleich zu deſſen Empfang bereit, denn wenn junge Männer ſie beſuchten, ſo kamen ſie nur, um ihr Huldigungen zu bringen und Weihrauch zu ſtreuen, und dergleichen hatte ſie gern, bisweilen kam es wohl auch, daß durch den Weihrauchduft das Anliegen um ein Darlehn durch⸗ ſchimmerte; aber obgleich der Baroneſſe nach Umſtänden dergleichen Geſuche weniger gelegen waren, ſo machte ſie doch Ausnahme, vor⸗ züglich, wenn der Suchende ſeinem Weihrauch etwas Berauſchendes für ihre Eitelkeit beizumiſchen verſtanden hatte. Der Angeredete trat ein, ein mit höchſter Eleganz gekleideter junger Mann mit blondem Haar und Bart, zu dem die ſchwarzen Augen indeß ſonderbar ſtanden. Die Baroneſſe war überraſcht, denn ein ſcharfer Blick auf dieſes Geſicht ſagte ihr, daß es ſehr viele ihr bekannte Züge enthielt, und nach einem zweiten forſchenden Blick war es ihr, als müſſe ſie dieſes Geſicht wirklich kennen; ſie wechſelte die Farbe und erhob ſich wie unſchlüſſig. Sanville lächelte. „Madame,“ ſagte er dann,„ich fürchte nicht, daß mein Beſuch Sie zu ſehr überraſcht.“ Der Ton und Ausdruck dieſer Stimme beſeitigte jetzt den letzten Zweifel bei der Dame, ſie hatte ſich inzwiſchen ganz erhoben und trat jetzt entrüſtet einige Schritte zurück. „Mein Herr,“ rief ſie,„wie können Sie es wagen, wieder vor meine Augen zu treten, nachdem Sie mich und mein Haus ſo tödtlich beleidigt.— Sie ſind...“ „Prinz Cavalcanti,“ ergänzte der Beſucher leichthin,„ſonſt auch Benedetto genannt, jetzt aber zur Abwechſelung Alphonſe von Sanville.“ Er ſprach dieſes mit einer Gleichgültigkeit oder vielmehr ruhigen Unverſchämtheit, welche die Baroneſſe faſt erſtarren machte. „Nochmals frage ich, wie können Sie es wagen, wieder mein von Ihnen ſo ſchrecklich beſchimpftes Haus zu betreten?“ fragte die Baroneſſe. „Ei, Madame,“ entgegnete Benedetto mit dem unſchuldigſten Lächeln von der Welt,„der feine Ton verlangt, daß alte Bekannte ſich beſuchen, und Sie werden mir hoffentlich keinen ſo argen Verſtoß gelen d Ihnen ve Der „A! Penedett „3 Kl,„dVc bin geöw alh bié d „Si Baroneſſe „Si gens iſt wie in Er Blick zu es lange Ber „D die Barc zu faſſen, „S Benedett welches de Auge Unr entgehen Sophas blieb noch ſih zu neven der Batonin die Auge ſie ſchien 35 gegen das, was Sitte iſt, zutrauen, daß ich unterlaſſen hätte, mich Ihnen vorzuſtellen, zudem Sie und ich uns ſo nahe ſtehen.“ Der ruhige Ton dieſer Worte empörte die Baroneſſe noch mehr. „Augenblicklich verlaſſen Sie mein Haus!“ rief ſie voll Entrüſtung.“ Benedetto verbeugte ſich. „Ich wollte gern Ihrem Befehle gehorchen, gnädige Frau,“ ſagte er,„doch habe ich unglücklicher Weiſe ein Geſchäft mit Ihnen und bin gezwungen, zu erklären, daß ich nicht eher mich ertfernen kann, als bis dieſes Geſchäft beendet iſt.“ „Sie ſind ſehr verwegen, Herr, mir dieſes zu ſagen,“ ſprach die Baroneſſe.„Wenn ich Sie nun nicht anhöre?“ „Sie müſſen, Madame,“ erwiderte Benedetto beſtimmt.„Uebri⸗ gens iſt das, was ich Ihnen zu ſagen habe, gleich ſehr in Ihrem, wie in meinem Intereſſe.“ Er warf der Dame bei dieſen Worten einen ſo eigenthümlichen Blick zu, daß die Baroneſſe ihre Augen verlegen zur Erde ſenkte und es lange dauerte, ehe ſie dieſelben wieder erheben konnte. Benedetto blieb während dieſer Zeit ruhig beobachtend. „Da Sie mich denn zwingen, ſo will ich Sie anhören,“ ſagte die Baroneſſe endlich,„nur erſuche ich Sie, ſich ſo kurz als möglich zu faſſen, ich habe noch mehr Geſchäfte.“ „Sie ſollen ſich nicht zu beklagen haben, Madame,“ antwortete Benedetto mit ſeinem eigenthümlichen ruhigen Lächeln auf den Lippen⸗ welches aber der Baroneſſe doch ſo vielſagend ſchien, daß ſie wieder die Augen zu Boden ſenkte. Unmuthig über den ihr angethanen Zwang, dem ſie nicht zu entgehen wußte, warf ſich die Baroneſſe Danglars in die Ecke eines Sophas und ſpielte mit einer herabhängenden Quaſte. Benedetto blieb noch einige Augenblicke ſtehen; da aber keine Einladung erfolgte, ſich zu ſetzen, nahm er mit größter Ungenirtheit auf einem Seſſel neven dem Sopha Platz und machte es ſich möglichſt bequem. Die Baronin bemerkte dieſes mit Unmuth, ſie ſah zornig auf, ſenkte aber die Augen vor dem ſtechenden Blicke Benedetto's eben ſo ſchnell wieder; ſie ſchien gänzlich in der Gewalt dieſes Menſchen. Wieder entſtand eine lange Pauſe.— Die Baronin ſchien die Eröffnung des Geſpräches zu fürchten, Benedetto aber wollte es ruhig abwarten, bis er zum Reden aufgefordert wurde. 3* 36 „Nun,“ begann die Dame endlich mit ziemlich unſicherer Stimme, „welcher Art iſt Ihr Geſchäft.— Meine Tochter iſt verreiſt,“ ſetzte ſie boshaft hinzu,„und dieſer wird daher wahrſcheinlich ihr Beſuch nicht gelten.“— „Nein, nicht Fräulein Eugenien, ſondern Ihnen,“ antwortete Benedetto ruhig. „So beginnen Sie,“ rief die Dame ungeduldig. „Ich komme von Herrn von Vileefort,“ ſagte Benedetto. Wieder mußte die Baroneſſe ihre Blicke ſenken, die Nennung dieſes Namens berührte ſie unangenehm, beſchwor dunkle Schatten in ihr herauf. 1 „Herr von Villefort iſt todt,“ nahm endlich die Baroneſſe wieder das Wort. „Seit geſtern, Madame.“ „Man ſagt, ſein Tod ſei unter beſonderen Umſtänden erfolgt, eine Verhaftung...“ „Sie irren nicht, Madame; ihn überfiel ein Schlagfluß aus Schreck über die Verhaftung ſeines Sohnes.“ „Seines Sohnes?“ „Allerdings, denn Sie wiſſen, Madame, daß Herr von Villefort einen Sohn, Namens Benedetto, hatte, dieſer Benedetto von Villefort bin aber ich zufälliger Weiſe, der augenblicklich aus triftigen Gründen unter dem Incognito Alphonſe von Sanville auftritt.“ Wieder folgte ein Blick, vor dem die Baroneſſe erbleichend die Augen niederſenkte. „Man hat Sie alſo nicht verhaftet? fragte ſie. „Doch, Madame,“ erwiderte Benedetto,„nur mit der kleinen Abwechslung, daß man mich nicht lange feſtzuhalten verſtand; im Kriege nennt man das, wie ich glaube, Selbſtranzioniren.“ „Wollten Sie mir nur ſagen, daß Ihr Vater todt iſt?— Dann war es unnöthige Mühe; ich wußte es ſchon.“ „Dieſes war Nebenſache.— Sie wiſſen alſo, Madame, daß Herr von Villefort mein Vater iſt, und wiſſen vielleicht auch noch recht gut, daß ich am 27. December 1817 in einem gewiſſen Hauſe zu Auteuil geboren bin.“ Die Baroneſſe Danglars ſaß todtenbleich in der Ecke des Sophas und kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn; es ahnte ihr nun, was Geſicht eugen Benedett dem alte „de „und ü haben. „N Stimme „0 „A. „Se heißt Ba Die richet in ſchloſſent Blicken Weib, fachelte Ausweg „ ihm zu. „Un unverwün „U ,31 ſtellen. „d. „. Madame Ma doch die um, als damit er „S ſie voll 5 aus illefort illeort rkünden nd die kleinen d; im Dann ß Hert öt gut luteuil ophas was Benedetto zu ihr führte und ſie zitterte; Benedetto aber blieb mit dem alten ruhigen Lächeln auf ſeinem Seſſel. „Da ich nun einen Vater habe,“ fuhr Benedetto ruhig fort, „und überhaupt geboren bin, muß ich natürlich auch eine Mutter haben. Meinen Sie nicht auch, Madame?“ „Natürlich,“ entgegnete die Gefragte leiſe und mit zitternder Stimme. „Dieſe Mutter ſuche ich.“ „Nun, ſo ſuchen Sie?— Was ſoll ich dabei?“ „Sehr viel, Madame.— Ich habe meine Mutter gefunden, ſie heißt Baroneſſe— Danglars.“ Die Baroneſſe ſtieß einen lauten Schrei aus und ſank wie ver⸗ nichtet in die Ecke des Sophas.— Aber bald gewann ſie ihre Ent⸗ ſchloſſenheit wieder, empört ſprang ſie auf und trat mit flammenden Blicken vor Benedetto. Sie war jetzt nicht mehr das gefallſüchtige Weib, die flatternde Kokette, ſondern eine zur Verzweiflung aufge⸗ ſtachelte Furie, ein gehetztes Wild, das, in die Enge getrieben, einen Ausweg ſucht. „Was wagen Sie für Unverſchämtheiten gegen mich?“ ſchrie ſie ihm zu.„Sie, ein Betrüger, ein Elender!“ „Und noch dazu Ihr Sohn, Madame,“ erwiderte Benedetto mit unverwüſtlicher Ruhe. „Unwürdiger Lügner!“ „Ich könnte Ihnen Zeugen von der Wahrheit meiner Worte ſtellen.“ „Doch nicht den todten Villefort?“ „Warum nicht, vielleicht thäte ſein Geiſt mir den Gefallen, Madame Danglars an den 27. December 1817 zu erinnern.“ Madame Danglars wollte ſich zum höhniſchen Lachen zwingen, doch dieſes Lachen erſtarb auf ihren Lippen und ſie ſah ſich ſcheu um, als fürchte ſie, den Geiſt Villefort's hinten emporſteigen zu ſehen, damit er Zeugniß ablege für ſeinen Sohn.— Bald aber nahm ihr Geſicht wieder den Ausdruck des Trotzes an. „Sie thun wohl,“ Herr von Villefort, Todte anzurufen,“ ſagte ſie voll Hohn,„denn unter den Lebenden würden Sie keinen giltigen Zeugen für ihre Behauptung: ich ſei Ihre Mutter, finden.“ 37 38 „Sie irren, Madame, es giebt einen gewichtigen Zeugen— Sioß Graf Monte Chriſto.“ tinma Bei Nennung dieſes Namens zuckte die Baroneſſe zuſammen, als ſei ſie von einer Schlange geſtochen; todtenbleich ſank ſie auf das welche Sopha zurück und verbarg das Geſicht in den Händen. brach „Monte Chriſto, Monte Chriſto,“ murmelte ſie,„der Entſetzliche!“ Plötzlich aber ſprang ſie gleich einer Wüthenden auf und ſtürzte nach dem Glockenzuge; Benedetto aber, der jede Bewegung der Ba⸗ die i roneſſe überwachte und ihre Abſicht ſchnell errieth, war noch raſcher,. kam ihr zuvor und ergriff ihren Arm. V von d „Madame,“ ſagte er ernſt, ich weiß, was Sie vorhaben. Sie geſchr wollen Lärm machen, mich vielleicht verhaften laſſen.“ mir, „Das will ich auch, Elender,“ rief ſie, wüthend mit ihm ringend,, „Du ſollſt Deinen Lohn finden.— Laß mich los, Betrüger, oder 4 ich rufe um Hilfe.“ wiede „Keinen Laut, Mutter,“ ſagte Benedetto mit furchtbarem Ernſt. „Haben Sie ſchon bedacht, welchen unendlichen Scandal Sie an⸗ vcht richten, wenn Sie mich verhaften ließen? Ich würde als meinen meine Zeugen den Grafen Monte Chriſto anrufen und Monte Chriſto Jater würde kommen.“ s⸗ Abermals bewies dieſer Name ſeine lähmende Kraft; die Ba⸗ V 1l8 3 roneſſe ſank faſt zuſammen. Benedetto aber fuhr ruhig fort: ſceine „Sie werden dieſen Scandal nicht machen, Mutter, denn ich ſalſt habe ſehr wirkſame Mittel, ihn zu verhindern. Sehen Sie hier!“ Auge Er zog bei dieſen Worten einen Dolch aus der Taſche und ſetzte ihn der Baroneſſe auf die Bruſt. „Ein Mann, wie ich, iſt auf jedes Ereigniß gefaßt, ſagte er. ſ „Ich habe keine Luſt, meine Freiheit wieder preiszugeben, nachdem 4 ich ſie kaum wieder erlangt. Beſtehen Sie darauf, Lärm zu machen, ſo gebrauche ich meinen Dolch, und meine Hand fehlt nie ihr Opfer.— iien Und iſt die That vollbracht, ſo werde ich dennoch meinen Zweck voll⸗ ſtändig erreichen, ſonſt müßte ich nicht Benedetto ſein.“ re t „Du biſt ein Ungeheuer,“ ſtöhnte die Baroneſſe in Todesangſt. eig „Kein größeres als der Vater, der mich lebendig vergrub, und I G auch kein größeres als die Mutter, die dieſe Barbarei zugab,“ ent⸗ vu gegnete Benedetto voll Bitterkeit.„Ich könnte mich faſt verſucht fühlen, enn jenes Verbrechen an mir jetzt dadurch zu rächen, daß ich mit raſchem nf en— n, als ſ das lächel“ ſtürzte er Va⸗ raſcher, Sie ngend, „oder Ernſt die an⸗ meinen Ihriſto ie Ba⸗ enn ich ierl“ d ſetzte gie er. achdem machen, fer.— d voll⸗ gangſt. b, und „ ent⸗ fühlen, raſchem 39 einmal eine Regung des Mitleides für mich hatte.“ Der furchtbare Ton, mit dem Benedetto dieſe Worte ſprach und welche das ganze ſchuldbewußte Gewiſſen des Weibes aufrüttelte, brachen deſſen letzte Kraft. „Wären Sie im Stande, mich zu tödten?“ fragte ſie bang. „Wenn Sie mich zum Aeußerſten treiben unbedingt, ja, war die entſchiedene Antwort Benedetto's. „Stecken Sie Ihren Dolch ein,“ ſagte die Baroneſſe, überwältigt von der furchtbaren Energie dieſes Menſchen, dem auf der Stirn geſchrieben ſtand, daß ihm Alles zuzutrauen war.„Dann ſagen Sie mir, was ich eigentlich ſoll.— Ich bin in Ihrer Gewalt.“ „Ein Glück, daß Sie dieſes erkennen,“ entgegnete Benedetto. Dann leitete er die Dame auf das Sopha zurück und ließ ſich wieder auf den Seſſel nieder. Hören Sie mich an, Madame,“ begann er dann.„Sie wiſſen recht wohl, daß ich Ihr Sohn bin, ſchon die Anerkennung von Seiten meines Vaters muß Sie davon genügend überzeugt haben.— Mein Vater erkannte mich öffentlich an; ich verlange von Ihnen aber nicht das Nämliche, ſind wir Auge in Auge gegenüber, ſollen Sie mich als Ihren Sohn betrachten, vor der Welt können wir uns fremd ſcheinen, die Welt braucht von unſern Verhältniſſen nichts zu wiſſen, ſelbſt Ihrer Umgebung ſoll es unbekannt bleiben, nur unter vier Augen ſind wir Mutter und Sohn.“ Die Baroneſſe athmete etwas leichter auf. „Wenn es Ihnen mit dieſen Bedingungen Ernſt iſt,“ ſagte ſie, „ſo würde ich vielleicht nicht abgeneigt ſein, darauf einzugehen.“ „Welchen Eid ſoll ich darauf leiſten?“ fragte Benrdetto. „Einen Eid?“ fragte die Baroneſſe, bitter lachend.„Was kann einem Manne wie Ihnen ein Eid gelten?“ „Offen geſagt, ſo wenig wie Ihnen, Mutter,“ antmortete Be⸗ nedetto. Es mußte ein furchtbares Verhältniß ſein, daß der Sohn zur Mutter alſo ſprechen durfte. Auch die Baraneſſe mochte dieſes fühlen, denn ſie erglühte, ſie hatte nie die Heiligkeit eines Eides geachtet. „Ich gebe Ihnen die einfache Verſicherung, Mutter, daß ich jene Verpflichtungen auf das Strengſte einhalten werde, ſo lange Sie die Stoß das Herz durchbohre, welches keinen Funken von Liebe, nicht — 40 Ihrigen beachten,“ fuhr Benedetto fort.„Und kann ich Ihnen auch die Verſicherung geben, daß ich mein Wort noch nie gebrochen.“ „Ich will Ihnen glaubeu.“ „Sie erkennen mich alſo als ihren Sohn an?“ „Ich kann nicht anders.“ „Aber dann trete ich auch in die Rechte Ihres Sohnes.“ „Vergeſſen Sie nicht gleich Anfangs Ihre Verpflichtungen,“ warnte die Baroneſſe. „Nicht im Geringſten,“ verſicherte Benedetto.„Ich beanſpruche, nur das Recht auf Ihre Unterſtützung, ſo oft ich derſelben bedarf. Sie ſind reich und es iſt Ihnen ein Leichtes, mir das zu gewähren was ich nöthig habe.“ Die Baroneſſe machte eine Miene, als wollte ſie ſagen: Ah, läuft es da hinaus? „Genügen Ihnen jetzt tauſend Napoleons?“ fragte ſie. „Hm,“ entgegnete Benedetto achſelzuckend,„für meine perſönlichen Bedürfniſſe wäre dieſe Summe überflüſſig genug, nicht aber zur Aus⸗ führung meiner Pläne.“ „Welcher Pläne?“ „Sie kennen den Grafen Monte Chriſto, den Mann, der ſich anmaßt, die Vorſehung zu ſpielen und nach ſeinem Ermeſſen Lohn und Strafe auszutheilen.“ „Es iſt ein entſetzlicher Menſch!— Ihm danke ich mein Unglück.“ „Und ich ihm das meine.— Er brauchte mich als Werkzeug ſeiner Pläne, indem er ſich das Anſehen eines Wohlthäters gab. Er ließ mich die Rolle eines Prinzen ſpielen, damit ich meine Schweſter heirathen könne, und ich war Narr genug, auf Alles einzugehen. Ja, aber Prinz Cavalcanti war ein verteufelt ſchöner Name und die Aus⸗ ſicht, als Millionär in der Hautevolée zu glänzen, hatte weit reizendere Farben, als der Kerker Bagno; aber es kam zuletzt doch heraus, daß der Herr Graf, mein väterlicher Gönner, nur darauf ausging, mich mit dem möglichſten Pomp zum zweiten Mal in das Bagno zu liefern, damit ich dort die Zeit meines Glanzes durch ein Paar Jähr⸗ chen Zugabe abbüße und mir bei meinem harten Zwieback die Lippen, lecke nach den Fleiſchtöpfen Egyptens.— Einem Grafen kann es bei Auſtern und Champagner freilich ganz gleich ſein, womit ein armer Galeerenſclave gefüttert wird, aber nicht dieſem Sclaven.— Wenn meinen 9 aus de Haben darf ich und g des ge — 41 ich dieſes dem Grafen je vergeſſe, will ich bis in die Ewigkeit Ku⸗ geln ſchleifen.— Dieſes iſt aber nur meine Privatſache, mein Haupt⸗ geſchäft iſt die Rache alles des Unheils, welches dieſer Menſch über meine Familie gebracht hat, und zu meiner Familie gehören Sie nun natürlich auch, Mutter, ſowie auch meine Schweſter Eugenie.“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Hören Sie mich an, Mutter. Mein Vater Villefort hatte bis zu ſeinem Ende nur noch einen Gedanken: Rache an dem Urheber ſeines Unglücks, an dem Mörder Valentinen's, Eduard's, der Gattin, die er zwar nicht ſo gemordet, wie ein gemeiner Meuchler thut, ſon⸗ dern gar ſubtil durch geheime Künſte; aber er hat ſie doch gemordet. In des Vaters ſterbende Hand mußte ich ſchwören, dieſes Werk der Rache auf mich zu nehmen und ihm alle die Seelenleiden mit Wucher zurück zu zahlen. Ich bin entſchloſſen dieſen Schwur treu⸗ lich zu halten, Schritt vor Schritt das Glück dieſes ſtolzen Mannes zu vernichten und endlich ihn ſelbſt. Ich erfülle ſo die Pflicht eines frommen Sohnes gegen den letzten Willen meines Vaters. Wollen Sie nicht auch, Madame, daß ich der fromme Sohn meiner Mut⸗ ter ſei?“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Indem ich Ihre und meiner Schweſter Eugenie Sache zu der meinen mache, oder vielmehr, ſie mit der meines Vaters vereinige.“ „Thun Sie es immerhin, aber meinen Namen laſſen Sie dabei aus dem Spiele.“ „Ich verſtehe, Sie fürchten den Gegenſchlag des Grafen.— Haben Sie keine Sorge.— Doch um dieſes Werk auszuführen, be⸗ darf ich Geld, viel Geld, der Graf kommandirt Millionen, ich nichts, und gleichwohl muß es wenigſtens zum Anfang der Kampf des Gol⸗ des gegen Gold ſein.— Sie müſſen mich unterſtützen, Mutter.“ Die Baroneſſe zog ein ſehr fatales Geſicht, denn ſie legte ihr Geld nur in Speculationen auf vermehrte Reichthümer an, nicht aber zu anderen Dingen. „Brauchen Sie ſo viel Geld?“ fragte ſie gedehnt.„Wie viel Tauſend denken ſie?“ „Einige hunderttauſend Francs vielleicht zum— Anfange,“ antwortete der Sohn. Madame Danglars blieb vor Schrecken faſt der Mund offen ſtehen. „So viel habe ich nicht,“ ſagte ſie.’ eine T „Sie ſcherzen, Mutter,“ erwiderte Benedetto lächelnd,„man weiß, daß Sie wenigſtens drei Millionen beſitzen und dieſe Millionen vermehren.“ Die Baronin biß ſich auf die Lippen. „Ich habe keine ſolche Summen bei der Hand,“ ſagte ſie dann. „Sie täuſchen mich nicht, Mutter,“ antwortete Benedetto voll⸗ Peiſ kommen ruhig,„ich weiß, Sie können mir jede Stunde mehr geben, als ich verlange. Ich beanſpruche dieſes mit dem Recht des Sohnes und bei meiner Verpflichtung lediglich; wenn Sie mein Recht zu ſchmälen ſuchen, bedenken Sie dann den Scandal.“ Dieſe Drohung wirkte; die Baroneſſe biß ſich die Lippen faſt blutend und ſann nach.— „Der Graf Monte Chriſto wird als ein Zeuge auftreten und mir zu meinem Rechte verhelfen,“ fuhr Benedetto drohend fort.„Be⸗ denken Sie das, Mutter.“ Wieder war es der Name dieſes furchtbaren Mannes, welcher die Zauberkraft ausübte und die trotzige Frau gefügig gegen den Willen des Sohnes machte. „Nun denn, genügen hunderttauſend Francs?“ fragte ſie. „Viel zu wenig, Mutter, ich bedarf wenigſtens das Fünffache.“ „So will ich Ihnen jetzt 120,000 in Bankbillets geben, ſind Sie dann zufrieden?“ „Es fehlen dann noch 380,000,“ Die Baroneſſe ſann wieder lange Zeit nach und warf endlich einen Blick auf die Uhr, ein leiſes Lächeln umzog dann ihr Geſicht. „Ich will Ihnen eine Anweiſung auf das Haus Rothſchild. geben, zahlbar nach Sicht,“ ſagte ſie endlich.„Dort ſteht ein Theil 4 meines Geldes und Sie werden die fehlende Summe ſofort erhalten. „Das Haus Rothſchild iſt ein ſicheres, und ich weiß, daß dort Gelder von Ihnen ſtehen,“ erwiderte Benedetto zuſtimmend. „Ei, ei,“ drohte die Baroneſſe lachend.„Sie ſcheinen ſehr gut über mein Vermögen unterrichtet zu ſein.“ Sie ging an den Secretär und ſchrieb die beſprochene Anwei⸗ ſung an das Haus Rothſchild. Benedetto prüfte ſie aufmerkſam und ſteckte ſie dann ruhig in die Taſche. — — —— 43 „Nun laſſen Sie mich in Ruhe,“ ſagte die Baronin und machte eine Bewegung mit der Hand nach der Thür. „Ich verſtehe,“ erwiderte Benedetto, nach ſeinem Hut greifend. „Bis auf Weiteres ſollen Sie Ruhe vor mir haben.“ Er empfahl ſich. Die Baroneſſe ſchaute ihm finſter nach, dann ſchrieb ſie raſch einige Zeilen, ſchellte und ertheilte der eintretenden Kammerfrau die Weiſung, den Haushofmeiſter zu rufen, mit dem ſie eine längere Unterredung hatte. Sechſtes Kapitel. Ein Getäuſchter. Und ob du noch ſo ſelig biſt, Nimm dich in Acht vor fremder Liſt. Alter Spruch. Nachdem Benedetto, froh ſeines gelungenen Werkes, die Baroneſſe Danglars verlaſſen hatte, nahm er ein Cabriolet und eilte nach dem Comptoir des weltberühmten Hauſes Rothſchild, wo er einem der Kaſſirer die Anweiſung der Baroneſſe präſentirte. Der Kaſſirer nahm die Anweiſung, prüfte ſie und zuckte die Achſeln. „Ich bedaure, daß Sie zu ſpät kommen, um ſofort das Geld in Empfang nehmen zu können,“ ſagte er.„Die Geſchäftsſtunden, wo dergleichen Gelder ausgezahlt werden, ſind für heute längſt vorüber.“ „Das habe ich nicht gewußt,“ erwiederte Benedetto unangenehm überraſcht. „Es thut mir leid.“. „Aber vielleicht machen Sie heute eine Ausnahme, zudem ich das Geld dringend, ich möchte ſagen augenblicklich bedarf.“ „Nein mein Herr, ſolche Ausnahmen ſind nicht ſtatthaft bei einem Hauſe, wie das unſere, wo Alles ſeinen ſtreng geregelten Gang gehen muß, um in der ausgedehnten Maſchinerie auch die geringſte Störung zu vermeiden. Blos bei wichtigen politiſchen Begebenheiten, oder wo das Intereſſe unſeres Hauſes unmittelbar berührt wird, ſind Ausnahmen geſtattet, ſogar geboten.“ „Vielleicht daß die Chefs eine Abweichung von der Regel ge⸗ ſtatten, wenn Sie es Ihnen meldeten.“ 3 „Dieſes würde nur vergebene Mühe ſein, denn eben die Chefs 45 ſind durch ihr eigenes Intereſſe gebunden, die einmal feſtgeſetzte Re⸗ gel unverbrüchlich feſtzuhalten.— Ich kann nur den Rath geben, ſich morgen früh 9 Uhr wieder zu uns zu bemühen, wo ſie dann dieſe Summe ohne Zögern erhalten werden. Benedetto blieb nichts übrig, als unverrichteter Sache wieder zu gehen, obgleich er meinte, bei einem Hauſe wie Rothſchild könne es weiter keine Störung machen, wenn man einige Hände voll Bank⸗ billets auch zur außergewöhnlichen Stunde hingäbe. Am nächſten Tage zur angegebenen Stunde ſtellte er ſich wieder auf dem Comptoir ein, wo er bereits eine Anzahl Perſonen vorfand, die von den Commis Summen ausgezahlt erhielten.— Benedetto mußte gegen eine Stunde warten, ehe die Reihe an ihn kam. Er präſentirte ſeine Anweiſung demſelben Kaſſirer, den er geſtern ge⸗ ſprochen. Dieſer zuckte heute noch mehr die Achſeln als geſtern. „Es thut mir leid, mein Herr, Ihnen dieſe Summe nicht aus⸗ zahlen zu können,“ hieß es wieder. „Wie,“ rief Benedetto aufgebracht,„wäre es etwa wieder zu ſpät?“ „Nein mein Herr, jetzt ſind die Stunden, wo ſolche Summen ausgezahlt werden.“ „Warum erhalte ich keine Zahlung?— Iſt die Anweiſung nicht richtig?“ „Vollkommen richtig, mein Herr, aber— ungültig erklärt.“ Benedetto ſtarrte den Mann an, als traue er ſeinen Ohren nicht. „Ungiltig! Wie wäre es möglich?“ fragte er. „Auf die einfachſte Art von der Welt,“ entgegnete der Kaſſirer mit größter Höflichkeit.„Die Baroneſſe Danglars ließ uns geſtern die Anordnung zukommen, keine von ihr ausgeſtellte Anweiſung zu zahlen und das geſammte von ihr bei uns niedergelegte Kapital nach London an das Haus Hillforth und Smith einzuſenden. In nächſter Stunde wird die Anordnung der Dame bereits in Vollzug geſetzt und die Summe nach London abgehen.— Sie ſehen alſo, daß wir nicht anders können.“ Benedetto ſtand wie verſteinert, dann aber überzog die Röthe des Zornes ſein Geſicht. „Das iſt ein hinterliſtiges Spiel!“ rief er, mit dem Fuße ſtampfend. „Von wem haben Sie die Anweiſung?“ fragte der Kaſſirer. „Von der Baroneſſe Danglars ſelbſt.“ über ihr „ Dann kann ich Ihnen nur rathen, ſich an dieſelbe ſelbſt zu treffen, wenden; die Dame hat ohne Zweifel ihre Gründe, eben ſo zu han⸗ lungen deln, und an ihr iſt es da auch, Ihnen Erklärungen zu geben.“„8 „Das ſoll ſie auch!“ brauſte Benedetto auf.„Hat Dann ſtürmte er fort. Fal mo Benedetto eilte nach der Wohnung der Mutter, Wuth⸗ unnd„d. Rachegedanken im Herzen, entſchloſſen, von ihr Erklärung dieſes Be⸗ 3„A nehmens zu verlangen, und ſie, die ja ſelbſt geſtanden, daß ſie in„d ſeiner Gewalt ſei, zu züchtigen für ihr doppelſinniges Betragen. de Als er in der Wohnung der Baroneſſe Danglars erſchien und m de heftig die Glocke zog, trat ihm der Haushofmeiſter entgegen, fragend, von 8 was er wünſche? 1 „Ich verlange die Baroneſſe Danglars zu ſprechen!“ rief Bene⸗ detto ungeſtüm. „Madame iſt verreiſt,“ erwiederte der Haushofmeiſter. n1 „Das iſt nicht wahr!“ hren „Nun, wenn Sie zweifeln, ſo ſteht es Ihnen frei, ſämmtliche ſuchen z Zimmer zu durchgehen, um ſich ſelbſt zu überzeugen.“ Wauch eir „Das will ich,“ rief Benedetto heftig,„und wehe Ihnen, wenn Nmantbehre Sie mich belogen haben.“ daß mi Ohne auf irgend eine Frage oder Erläuterung des Mannes 1„6 hören zu wollen, ſtürmte Benedetto heftig durch alle Zimmer der D rohun Etage, aber nirgends fand er die Geſuchte und auch Niemand von o würd ihrer Dienerſchaft; Alles zeigte ſich verſchloſſen und verrieth, daß die Sorge Bewohnerin ſich entfernt habe. in Kenr „Haben Sie ſich nun überzeugt, daß ich die Wahrheit ſprach?“ ſeien S fragte der Haushofmeiſter.„8 „Es ſcheint ſo,“ erwiderte Benedetto ingrimmig.„Wann reiſte See auf die Baroneſſe ab?“ Sie noc „Geſtern Abend.“ Se alſ „Und wohin?“ IFnen „Ich weiß es nicht.“ „Haben Sie auch keine Vermuthung?“ M. „Vermuthung wohl.— Vielleicht ging die Neiſe nach Belgien, viel⸗ deſe 1 leicht nach England, auch die deutſchen Bäder ſind nicht ausgeſchloſſen „Wann will die Baroneſſe zurückkehren?“ „Madame hat keine Zeit beſtimmt und mir nur aufgetragen, über ihre Wohnung zu wachen, ſpäter würde ſie weitere Verfügungen treffen, was ich hier beginnen ſolle und wohin ich meine Mitthei⸗ lungen zu richten habe.“ „Sehr ſchlau,“ murmelte Benedetto und ſetzte dann lauter hinzu „Hat Ihnen die Boroneſſe gar keinen Auftrag hinterlaſſen, für den Fall man nach ihr fragen ſollte?“ „Doch— Ihr Name, mein Herr?“ „Alphonſe von Sanville.“ „Dann habe ich einen Brief der gnädigen Baroneſſe an Sie.“ Der Haushofmeiſter ging und kehrte bald mit einem Briefe zu⸗ rück, den er Benedetto gab; dieſer las die Adreſſe: Herrn Alphonſe von Sanville“ auf demſelben und öffnete ihn haſtig. „Des Briefes Inhalt war kurz; die Baroneſſe ſchrieb: Mein Herr! „Das Reſultat unſerer heutigen Unterredung veranlaßt mich, vor Ihren Augen zu verſchwinden, geben Sie ſich keine Mühe, mich auf⸗ ſuchen zu wollen, denn Sie würden mich doch nicht finden. Da ich auch eine Summe, wie die, welche Sie von mir verlangten, nicht entbehren kann, ſo nahm ich mir die Freiheit, Maßregeln zu treffen, daß mir die Summe bleibt. „Sollten Sie aus dieſen Umſtänden Veranlaſſung nehmen, Ihre Drohung wahr zu machen und gewiſſe Verhältniſſe laut werden laſſen, ſo würde ich davon augenblicklich benachrichtigt werden und es meine Sorge ſein laſſen, den Grafen Monte Chriſto von Ihrem Vorhaben in Kenntniß zu ſetzen, wo dann Ihr Untergang gewiß wäre.— Alſo ſeien Sie klug und ſchweigen Sie. „Ich hätte mich Ihrer ſchon dadurch entledigen können, daß ich Sie auf dem Comptoir Rothſchild's verhaften ließ, allein ich wollte Sie noch ſchonen und Ihr Rachewerk nicht unterbrechen.— Verfolgen Sie alſo dieſen Weg, und ſollten Sie den Sieg davon tragen, ſo wird Ihnen auch der Siegespreis nicht entgehen!— mein halbes Vermögen. Baroneſſe Danglars.“ Mit finſterer Stirn und flammenden Augen hatte. Benedetto dieſen Brief geleſen. „Nun weiß ich genug!“ ſagte er kurz. Dann ſteckte er den Brief ein und ging anſcheinend gleichgiltig davon, während die heftigſte Erbitterung in ſeinem Innern kochte. Als er aber auf der Straße ankam, murmelte er mit bitterem Lachen: „O, ich Thor!— Ich glaubte recht klug gehandelt und mir eine Verbündete gewonnen zu haben, ſtatt deſſen iſt mir ein gefährlicher Feind erweckt. Ich bin überliſtet!— Nicht ohne Grund ſagt man: Weiberliſt giebt oft dem Teufel zu rathen auf.“ daß hie bringen Hauswe zeige des Vil Scheinfr ſeinem 6 richtig b 9 niſſe ein diee öffen ar nich daß Vil Y Beſucher 4 oben u u als So weniger außer je den Gal ſirbenen Nachlaß 1 der Sorg Ddie 3 giltig kochte. achen: t eine grücher man: —— Siebentes Kapitel. Die Hand des Todten. Wer einmal haſſet mit der ganzen Gluth, Sinnt auf Verderben nur für ſeinen Feind. Byron. Herr von Villefort war durch den Schrecken über die Verhaftung ſeines Sohnes wirklich getödtet; die herbeigerufenen Aerzte erklärten, daß hier alle Hilfe vergeblich ſei und das Leben ſich nicht mehr zurück⸗ bringen laſſe. So blieb den beiden Dienern, die allein noch das Hausweſen des Verſtorbenen ausmachten, nichts übrig, als die An⸗ zeige des Todes des Herrn von Villefort ergehen zu laſſen. Villefort hatte in den Tagen ſeines Glückes wohl zahlreiche Scheinfreunde gehabt, aber wenig wahre; die erſteren waren mit ſeinem Sturz geſchwunden, die letzteren hatten zwar den Mann auf⸗ richtig bedauert, aber auch auf ſie hatten die eigenthümlichen Verhält⸗ niſſe einen ſo mächtigen Druck ausgeübt, daß ſie ſich von dem durch die öffentliche Meinung Geächteten zurückzogen; anfangs ſelten, zuletzt gar nicht mehr erſchienen waren, was auch ſeinen Grund darin hatte, daß Villefort die erſte Zeit wegen ſeiner Geiſtesſtörung fern von allen Beſuchern gehalten, und er ſelbſt ſpäter, als die Geiſteskrankheit ge⸗ hoben war, nur ſelten ſich dazu verſtehen wollte, einen anderen Be⸗ ſuch als den ſeiner Aerzte bei ſich zu ſehen. So fand denn auch dieſer Todesfall wenig Theilnahme, noch weniger aber Trauer, denn Villefort beſaß ja keine Familie mehr, außer jenem von der menſchlichen Geſellſchaft ausgeſtoßenen Sohn, den Galeerenſträfling Benedetto; einige entfernte Verwandte des Ver⸗ ſtorbenen bekümmerten ſich nur darum, daß ihnen deſſen bedeutender Nachlaß möglichſt unverkürzt zukomme, alles Uebrige überließen ſie der Sorge der beiden Diener, und dieſe waren die Einzigen, welche Die Hand des Todten. 4 — 50 den Geſchiedenen betrauerten. Sie ſagten ſich aber ebenfalls, daß es ſo am beſten für Villefort gekommen, denn was hätte ihm die Erde noch bieten können? Freude keine mehr, ſchmerzvolle Erinnerungen genug, vielleicht auch neue Verfolgungen, ſeit man den Galeerenſträf⸗ ling in ſeiner Wohnung getroffen. Ohne Zweifel hätte eine Verfolgung auch ſtattgefunden, wenn der Tod nicht dazwiſchen getreten, denn ſchon am nächſten Tage waren beide Diener vor Gericht gefordert und über Benedetto's Anweſenheit ſcharf verhört worden, aber Beide hatten betheuert, den Fremden nicht näher gekannt zu haben; man glaubte ihnen und entließ ſie wieder. Dieſen beiden Dienern waren auch die Anſtalten zum Begräbniß überlaſſen; die Erben hatten nur angeordnet, nicht aus Rückſicht auf den Mann, denn dieſer galt ihnen nichts mehr, ſondern aus Rückſicht auf den Namen, daß das Begräbniß ſo pomphaft wäre, als unter ſolchen Umſtänden noch möglich ſei, und die Diener wünſchten ſelbſt, daß ihr unglücklicher Herr mit Glanz ſeine Ruheſtätte in der Gruft der Familien von Meran und von Villefort fände. Villlefort's Leiche wurde in einem Saale des von ihm bewohnt geweſenen Hauſes aufgeſtellt, allein während unter anderen Umſtänden hier ein heftiges Gedränge geweſen ſein würde, kam jetzt faſt Niemand, um den Geſtürzten noch einmal zu ſehen, und wer kam, kam mehr aus Neugier, denn aus Theilnahme. Es wurde Nacht, kein Menſch ließ ſich mehr blicken, an dem Sarge ſtanden nur noch die beiden Diener, mit leiſer Stimme die letzten Anſtalten zu der für den nächſten Morgen feſtgeſetzten Beerdig⸗ ung beſprechend. Beide waren ermüdet durch die Aufregung and die Anſtrengung der letzten Tage und ſehnten ſich nach Ruhe. Sie beredeten ſich, daß Einer abwechſelnd bei der Leiche wachen ſollte, während der Andere in dem Nebenzimmer einige Stunden ruhte. Das Loos, die erſte Wache zu halten, traf den alten Jean. „Halte gute Wache, Jean,“ ſagte der Kamerad im Fortgehen. „Was wäre eigentlich hier zu bewachen?“ entgegnete Jean traurig.„Unſer armer Herr wird nicht wieder erwachen, um noch irgend Etwas zu verlangen, wie in ſeinen Leidensnächten; und zu ihm kommen wird auch Niemand, was hätte ſich Jemand bei dem Todten zu erholen?“ N Und nut und wir Herrn a will ich Ber allein bei Es Kerzen, d löſcht, m Licht übe Jee Saales Ausnahn hatte. ꝛ laſeeen? Nach auf eine an ihm Hauſe er deren ge ſihn ſchau Nch die Still zug des des Sag den Uhr. Auf llang der uij ſa die Late hauſe ge die niede 51 „Nun ja,“ ſagte der Andere,„es iſt eigentlich ein unangenehmes und nutzloſes Ding, dieſe Leichenwache, aber es iſt einmal ſo Sitte, und wir dürfen davon nicht abgehen, ſondern müſſen unſerm armen Herrn auf dieſe Art das letzte Zeichen von Liebe und Treue geben.“ „Haſt Recht, Bernhard.“ „Nun gut, in zwei Stunden wecke mich, damit ich Dich ablöſe. Wenn Du mir ſagſt, daß Du auch müde biſt, armer Burſche, ſo will ich es Dir ohne Schwur glauben.“ Bernhard verſchwand in dem Nebengemach, und Jean blieb allein bei dem Todten. Es war eine traurige Wache. Der Saal war dunkel, denn die Kerzen, die ihn vor kurzer Zeit noch erhellten, waren längſt ausge⸗ löſcht, nur eine einſame Lampe brannte noch und goß ein unſicheres Licht über den Sarg mit der darin liegenden, abgezehrten Leiche. Jean überzeugte ſich, daß die nach Außen führende Thür des Saales verſchloſſen war; auch die anderen Thüren waren es, mit Ausnahme der des Nebenzimmers, in dem Bernhard ſich niedergelegt hatte. Auch die Fenſter waren geſchloſſen und durch die niederge⸗ laſſenen Vorhänge verhüllt. Nachdem Jean auf dieſe Weiſe die Runde gemacht, ſetzte er ſich auf einen Seſſel unweit des Sarges und verſank in trübes Sinnen; an ihm vorüber gingen die Zeiten des Glanzes, die er in Villefort's Hauſe erlebt, dann aber auch die Tage des Schreckens und der Trauer⸗ deren Zeuge er geweſen war, und deren Erinnerung ſchon hinreichte, ihn ſchaudern zu machen. Nichts ſtörte ſein Sinnen, in dem weitläufigen Gebäude herrſchte die Stille des Todes, nur dann und wann drang ein tiefer Athem⸗ zug des ſchlafenden Bernhard aus dem Nebenzimmer, von dem Kamin des Saales aber klang ein leiſes, einförmiges Ticken der dort ſtehen⸗ den Uhr. Auf der Straße war es ebenfalls ſtill, nur dann und wann klang der eilende Schritt eines einſamen Nachtwandlers herauf, oder ließ ſich einer der die Straße durchziehenden Wächter vernehmen. Die Laternen waren zum Theil ausgelöſcht, nur die, die dem Trauer⸗ hauſe gegenüber noch brannte, warf einen zitternden Schimmer auf die niedergelaſſenen Vorhänge des Saales.— Ein feiner Regen fiel 4* 5² herab, der Wind ſtrich klagend durch die Straßen, bisweilen die Regentropfen gegen die Fenſterſcheiben treibend. In dieſer Einſamkeit wollte es Jean faſt unheimlich werden, alle die längſt vergeſſenen Sagen, mit denen er als Kind einſt von einer geſpenſtergläubigen Tante unterhalten worden, fielen ihm bei und er fühlte einen leiſen Schauder durch ſeine Glieder gehen. Bald war es ihm, als bewege ſich die Leiche, bald glaubte er Schatten vorüberziehen zu ſehen, dann aber wähnte er ſchwache Seufzer zu hören, dabei umfing ihn mehr und mehr die Schläfrigkeit. „Sei kein Narr, Jean,“ ſagte der Mann zu ſich ſelbſt,„Du wirſt Dich doch nicht fürchten wollen? Die Augen auf und munter geblieben.“ Um ſich munter zu erhalten und zugleich Muth zu machen, ſchänkte ſich Jean einen Becher Wein ein und leerte ihn mit einem Zuge. Dann ſetzte er ſich wieder auf ſeinen Platz. Doch dieſes Mittel ſchien ganz das Gegentheil von dem zu be⸗ wirken, was Jean beabſichtigt hatte, er fühlte ſeine Schläfrigkeit zu⸗ nehmen, ſeine Sinne umflorten ſich mehr und mehr; einige Zeit kämpfte der Diener noch mit dem Schlaf, dann aber ſenkte ſich ſein Haupt auf die Bruſt, ſeine Augen ſchloſſen ſich und bald kündigten gleichmäßige Athemzüge, daß der ermüdete Wächter eingeſchlafen war. Es ſchlug Mitternacht, der metalliſche Klang von der Uhr auf dem Kamin tönte geiſterhaft durch den dunklen Saal, von der Straße herauf ließ ſich ſchwach das Signal des Wächters hören.— Jean ſchlief noch immer. Wieder ward Alles ſtill, nur der Regen rauſchte ſtärker der Wind pfiff heftiger. Aber, was war das?— Ein leiſes, ſelbſt dem geübten Ohre kaum vernehmbares Geräuſch ließ ſich an der einen Thüre des Saales vernehmen, dann flackerte das Licht der Lampe heftig, und bei dieſer Bewegung ſchien auch die Leiche Leben und Bewegung erhalten zu haben, indem durch das Spiel der Schatten die Täuſchung entſtand, als rege ſich die Leiche im Sarge.. Leiſe öffnete ſich die Thüre, von der ſich eine Stunde früher Jean noch überzeugt, daß ſie wirklich verſchloſſen ſei; ein dunkler Schatten ſchlüpfte hinein in den Saal, und die Thüre ſchloß ſich geräuſchlos wieder. Ein⸗ hafte Ge dem Sch dunklen obachtete hewvor, dunkles: verbreitet und Naſe jucke lei man erka Wie er gekom einer Mi Pauſe, d ſorgten ſchließend „So noch ein 53 Eine Secunde blieb die auf ſonderbare Art erſchienene ſchatten⸗ hafte Geſtalt lauſchend ſtehen, dann ſchlich ſie näher und näher zu dem Schlafenden, und jetzt ließ ſich erkennen, daß es eine in einen dunklen Regenmantel gehüllte Männergeſtalt war. Der Mann be⸗ obachtete Jean auf kurze Augenblicke, dann zog er ein Fläſchchen hervor, öffnete es und goß aus demſelben einige Tropfen auf ein dunkles Tuch, worauf augenblicklich ein feiner aromatiſcher Duft ſich verbreitete. Der Mann hielt das ſo getränkte Tuch Jean vor Mund und Naſe und ließ ihn den betäubenden Duft einathmen.— Jean zuckte leicht zuſammen, dann aber ſtreckten ſich ſeine Glieder, und man erkannte, daß ſein Schlaf feſter, behaglicher geworden war. Wieder lauſchte der Unbekannte und ſchlich dann ſo leiſe, wie er gekommen, an die zweite Thüre, hinter der Bernhard ſchlief, nach einer Minute verſchwand er hinter derſelben. Wieder eine lange Pauſe, dann erſchien der Fremde wieder, dieſes Mal aber mit unbe⸗ ſorgten Schritten und die Thüre ohne beſondere Vorſicht hinter ſich ſchließend. „So, ſo,“ murmelte er,„die beiden getreuen Wächter werden noch ein Paar Stunden ruhig ſchlafen, oder ich müßte alle meine Kunſt verlernt haben. Ich kann an mein Geſchäft gehen.“ Der Mann trat in die Nähe der Lampe, legte Hut und Mantel auf den Tiſch, und jetzt ließ ſich das Geſicht erkennen; es war— Benedetto. Benedetto näherte ſich nun leiſe, faſt zögernd dem Leichnam ſeines Vaters und betrachtete ihn einige Minuten in ernſtem Schweigen. „Du haſt mich hergerufen,“ ſagte er dann,„und ich brach meine Ketten und kam, um Dein Vermächtniß zu empfangen; ich komme jetzt zum zweiten Mal, aller Gefahr trotzend, um Dich nochmals zu ſehen und Dir zu ſagen, daß Dein letzter Wille an mir einen treuen Vollſtrecker finden wird. Meine erſte Begrüßung auf der Welt war der Fluch, Dein Vermächtniß weiht mich dem Fluch, und ich fühle es, mein Ende wird mit Fluch beladen ſein. Doch mag es ſein, ich erfülle mein Geſchick, wie Du es mir vorgezeichnet haſt, Du warſt ein ſchlechter Vater, aber ich will ein treuer Sohn ſein.“ Benedetto beugte nach dieſen Worten ſich über die Leiche nieder, und ſein Ohr ſchien auf eine Antwort aus dem kalten Munde des Todten zu lauſchen. Vergebene Mühe, die Leiche blieb ſtumm. 54 Einige Minuten blieb Benedetto in dieſer Stellung; dann rich⸗ tete er ſich wieder auf und ließ ſich leiſe vor der Leiche auf die Kniee nieder. „Vater,“ ſagte er feierlich, die Hand zum Schwur erhebend,„hier vor Deinem Todtenangeſicht gelobe ich, daß die Rache für alle die Leiden, welche Du erlitten, die einzige Aufgabe meines Lebens ſein ſoll; Alles, was ich von nun an noch beginne, ſoll nur Mittel zur Erreichung meines großen Zweckes ſein, der Vernichtung jenes Monte Chriſto, der ſich in thörichtem Dünkel als Werkzeug einer höheren Macht brüſtet, während er nur das Werkzeug eines hölliſchen Dämons war, des Dämons der Rache, welcher durch ihn nun auch in Anderer Bruſt geweckt wurde, ſo daß nun die Loſung: Rache um Rache iſt. Ich ſchwöre, dieſes Dämons Glück zu vernichten bis auf die letzte Spur, Alles, was ihm lieb und theuer auf der Welt iſt, ſoll er finken ſehen, und zuletzt ſoll er unter meiner Hand ſelbſt in Ver⸗ zweiflung enden. Ihr Geiſter der Rache, vernehmt meinen Schwur und ſeid mir bei deſſen Erfüllung behilflich!— Sollte ich aber in dem Kampfe unterliegen, dann ſoll mein Geiſt noch den Kampf der Rache fortſetzen und jenen Monte Chriſto ruhelos umherhetzen. Keine Verſöhnung, bis jener Menſch vernichtet, zermalmt iſt.— Dieſes ſchwöre ich; und möge die Erde ſich öffnen, der Feuerpfuhl mich ver⸗ ſchlingen, wenn ich dieſen Schwur nicht halte!“ Wieder erhob ſich Benedetto und beugte ſich über Villefort's Leiche. „Gieb mir ein Zeichen, einen Talisman, Vater,“ ſagte er,„der mich auf den rechten Weg führt, wo ich dieſen Monte Chriſto finde, der mich in Gefahren ſchützt und mir zugleich zum Wahtzeichen dient, daß es Deine Hand iſt, welche das Racheſchwert gegen Monte Chriſto führt, die züchtigende Geißel über ihn ſchwingt. Nicht mein ſoll das Hauptverdienſt bei dieſem Werke ſein, ſondern Dein.“ Benedetto ſchaute einige Secunden ſinnend vor ſich hin, dann ergriff er ſchnell mit ſeiner Linken die rechte Hand des Todten, zog einen ſcharfgeſchliffenen Dolch aus der Bruſttaſche, und mit ein Paar ſchnellen Schnitten hatte er kunſtgerecht die Leichenhand an dem Ge⸗ lenk abgelöſt, ohne bei dieſem Werk nur einmal zu ſchaudern. Einzelne dunkle Tropfen quollen aus dem verſtümmelten Arm und der abgeſchnittenen Hand hervor; Benedetto achtete dieſes nicht, er hob die Hand empor. „Sei Sorgf du ſich; ne worfen, t Wie dir die Raſch auf ergtif dann mit 5⁵ „Sei du mein Führer und Talisman!“ ſagte er feierlich. Sorgſam hüllte er dann die Hand in ein Tuch und ſteckte ſie zu ſich; nachdem er noch einen Blick auf die verſtümmelte Leiche ge⸗ worfen, trat er zurück. „Wir ſehen uns wieder, wenn mein Rachewerk beendet und ich Dir die Hand zurückbringe,“ ſprach Benedetto. Raſch hüllte er ſich dann in ſeinen Mantel, ſetzte den Hut wieder auf, ergriff eine Wachskerze, die er an der Lampe anzündete und dann mit ihr durch eine andere Thüre des Saales verſchwand. Achtes Kapitel. Eine ſchreckliche Entdeckung. Weh, weh, was wird mein Auge nun entdecken? Schiller. Jean ſchlief noch ruhig fort, auch Bernhard in dem Nebenzimmer regte ſich nicht, Beide ſchliefen auch noch, als der erſte Schimmer des Tages durch die Vorhänge des Fenſters in den Saal brach. Villefort's Beerdigung ſollte bald nach Sonnenaufgang geſchehen, und es mußten deshalb die letzten Vorbereitungen zur guten Stunde getroffen werden. Der Leichenbeſtatter hatte ſich bereits eingefunden, und verwundert, daß von den beiden Dienern, welche die Leichen⸗ wache übernommen, keiner zum Vorſchein kam, begab er ſich endlich mit der Wirthſchafterin nach dem Saale, wo die Leiche aufgeſtellt war. Sie fanden Jean noch ſchlafend und die Wirthſchafterin rüttelte ihn auf. „Ei, Monſieur Jean,“ ſagte ſie mit ihrer geläufigen Zunge, „Sie ſind mir ein ſchöner Wächter, Sie wachen ſchlafend, und wenn es dem guten Herrn von Villefort eingefallen wäre, ſich zu erheben, oder wenn irgend Jemand die Leiche hätte ſtehlen wollen, um damit noch ein Stück Geld von der Anatomie zu löſen, Sie würden es wohl nicht gehindert haben, denn es war ja, als könne man Alles aus dem Hauſe ſchaffen, ohne daß Sie es gemerkt, und als müſſe man eine Kanone von dem Invalidenhotel vor Ihren Ohren los⸗ brennen, ehe Sie aufwachten.— Sie haben ſich wohl aus der Wein⸗ flaſche Courage geholt und dabei die Naſe zu tief hineingeſteckt?“ Jean raffte ſich beſtürzt auf, taumelte aber ſogleich wie ein Be⸗ trunkener wieder nieder. 3 „Nun ſehe ich es doch, Monſieur Jean, wie der Wein gewirkt,“ ſchmetterte die Wirthſchafterin.„Es zeigt wenig Ehrfurcht vor dem ——eg——ääüä4 bodten hert S kann.— Geſelſchaft Ein Nedefluß nach einig urückgewi „Heil Bei d an den Se dieſe einen Hände übe „Jii Ein da, am u Kiſſen des Jean Leiche an, packte und „Rede folt vorger ,3t ich einſchl „Wo „Er gelegt“ an Ohne fand aber von Inne beichenbeſt „Sor „Oeh Danr liefen Sch decken? mmer er des hehen, Stunde unden, ichen⸗ endlich geſtellt üttelte Zunge, wenn heben, damit en es Alles müſſe n los⸗ Wein⸗ 12 in Be⸗ witkt,“ r dem ——O— 57 todten Herrn, ſich ſo zu betrinken, daß man nicht einmal mehr ſtehen kann.— Wo iſt Bernhard? Hat dieſer etwa auch bei der Flaſche Geſellſchaft geleiſtet. Ein Schreckensruf des Leichenbeſtatters unterbrach den ſtrafenden Redefluß der würdigen Dame.— Er war an den Sarg getreten, nach einigen auf die Leiche geworfenen Blicken aber ſogleich beſtürzt zurückgewichen. „Heiliger Gott,“ rief er,„was iſt mit der Leiche vorgegangen?“ Bei dieſen Worten raffte ſich Jean beſtürzt wieder auf und eilte an den Sarg, wohin ihm die Wirthſchafterin folgte. Kaum hatte dieſe einen Blick über die Leiche ihres Herrn geworfen, als ſie die Hände über dem Kopf zuſammenſchlug. „Jeſus Maria, die Hand, die Hand!“ rief ſie. Ein ſchauriges Schauſpiel zeigte ſich ihnen.— Die Leiche lag da, am rechten Arme fehlte die Hand, dunkle Blutflecken rötheten die Kiſſen des Leichentuches. Jean ſtand mit weit aufgeriſſenen Augen da und ſtarrte die Leiche an; er ſchien wie betäubt, bis ihn Dame Galin an dem Arme packte und heftig rüttelte. „Reden Sie, Menſch, was iſt mit dem armen Herrn von Ville⸗ fort vorgegangen?“ rief ſie ihm in's Ohr. „Ich— ich weiß nichts!“ ſtammelte der beſtürzte Mann.„Als ich einſchlief, war noch Alles in Ordnung.“ „Wo iſt Bernhard?“ fragte die energiſche Frau weiter. „Er hat ſich in das Nebenzimmer für eine Stunde ſchlafen gelegt,“ antwortete Jean. Ohne Zögern eilte Dame Galin nach dem bezeichneten Zimmer, fand aber zu ihrer Verwunderung die Thüre feſt verriegelt, ſo daß von Innen Niemand heraus konnte. Sie machte den ihr folgenden Leichenbeſtatter darauf aufmerkſam. „Sonderbar, ſonderbar,“ meinte die Dame. „Sehr ſonderbar, Dame Galin,“ ſtimmte der Mann bei. Dann traten Beide in das Zimmer, wo ſie Bernhard noch im tiefen Schlaf fanden, aus dem er mühſam aufgerüttelt wurde. „Prächtige Wache,“ ſchmetterte die Wirthſchafterin,„ſchläft der Menſch ruhig, wie ein Kindlein in der Wiege, während unerhörte I —— 58 Dinge vor ſich gehen!— Man kann auch gar Niemand mehr trauen, ſo wie der Herr todt iſt, denkt kein Menſch mehr an ſeine Pflicht.“ Bernhard befand ſich in dem nämlichen Zuſtande der Betäub⸗ ung wie ſein Amtsgenoſſe, ſo daß er die Worte der eifernden Dame größtentheils überhörte, und erſt der Anblick der verſtümmelten Leiche ſeines Herrn brachte ihn wieder zur Beſinnung. Mit ſtarrem Ent⸗ ſetzen ſchaute er auf die ungeheuere That, und der Schreck ſchien ſeinen Mund zu verſchließen. Als Bernhard endlich die Sprache wiederfand, betheuerte auch er, nichts von dem Geſchehenen zu wiſſen, und daß, als er ſich in dem Nebenzimmer zur kurzen Ruhe niedergelegt, noch Alles in Ord⸗ nung geweſen ſei, er überhaupt nicht begreifen könne, was hier ge⸗ ſchehen ſei und was dieſe That für einen Zweck haben könne. „Es muß unterſucht werden,“ ſagte der Leichenbeſtatter.„Mon⸗ ſieur Jean, rufen Sie den nächſten Polizeikommiſſar.“ Nun waren die Angehörigen des Haushaltes Villefort's wohl darüber einverſtanden, daß die Herbeirufung der Polizei ſehr fatal ſei, und die Sache wieder ungeheueres Aufſehen machen müſſe, des halb hätten ſie auch lieber gewünſcht, wenn die ganze Sache als Ge⸗ heimniß behandelt werden könnte, doch der Leichenbeſtatter berief ſich auf ſeine Pflicht, welche ihm auferlegte, in ſolchem Falle Anzeige zu machen. „Ich ſehe ſchon,“ ſeufzte da der ehrliche Jean,„das Haus mei⸗ nes unglücklichen Herrn iſt der Schauplatz einer Reihe von Verbrechen geweſen, und nun muß noch die Leichenentweihung dazu kommen, damit der Scandal vollſtändig wird. Es ſollte mich wunderr, wenn der arme Herr von Villefort in ſeiner Gruft noch Ruhe findet.“ Dann ging er, den Polizeicommiſſar herbeizurufen, der ſich auch ſogleich mit einigen Beamten einſtellte, und, nachdem er ſich ober⸗ flächlich von dem Thatbeſtande überzeugt, erklärte, die Beſtattung der Leiche müſſe aufgeſchoben werden, den Saal ſchließen ließ, der Diener⸗ ſchaft ankündigte, ſie dürfe das Haus nicht verlaſſen, und dann wei⸗ tere Anzeige machte. Bald erſchienen auch die Gerichtsperſonen in dem Trauerhauſe, welches inzwiſchen bereits von Neugierigen umlagert war, und die Unterſuchung begann mit dem Verhör der Dienerſchaft und des Leichenbeſtatters. Dame fer eſau deöhalb ſei jimmer, a ihr eiſt je hergehende den Jean entdeckt wo Das! ſagten, was gelegt, Jea⸗ ſeinem Stu ſtellte daß Wein zu ſ Beide Kopfes, ül gerufener! Nun! ſchuitten, ur wirklich ein eines Tiſche daſelbſt gele kleinen, eleg ſein mußte. Dieſe ſtahl entde unheimlich trennen den brechen ein Es w ſondern au ſhaft wurd ſie wußte, Fernen genau mit Scchetheit, riicſte Be tauen, llicht.“ ſetäub⸗ Dame biiche Ent⸗ ſchien auch ſich in Otd⸗ ſer ge⸗ „Mon⸗ wohl — fatal 6, des do Ge⸗ rief ſich Anzeige us mei⸗ tbrechen ommen, wenn t.“ ich auch h ober⸗ ung der Diener⸗ an wei⸗ ethauſe, und die md des 59 Dame Galin gab an, ſie ſei nach Eintreffen des Leichenbeſtatters ſehr erſtaunt geweſen, daß keiner der beiden Diener ſich blicken ließe, deshalb ſei ſie nach dem Trauerſaal gegangen, wo ſie ſowohl Vor⸗ zimmer, als auch die Thüre des Saales unverſchloſſen gefunden, was ihr erſt jetzt auffalle, da ſie gewiß wiſſe, dieſe Thüren ſeien am vor⸗ hergehenden Abend verſchloſſen worden; dann habe ſie den ſchlafen⸗ den Jean geweckt, und erſt dann ſei die Verſtümmlung der Leiche entdeckt worden. Das Verhör der Diener gab auch kein weiteres Reſultat; ſie ſagten, was ſie wußten, daß Bernhard auf eine Stunde ſich ſchlafen gelegt, Jean aber, der ſeinen Kameraden habe wecken wollen, auf ſeinem Stuhle eingeſchlafen ſei, wobei er freilich nicht in Abrede ſtellte, daß er, um ſich munter zu erhalten, vorher ein paar Gläſer Wein zu ſich genommen. Beide klagten übrigens über eigenthümliche Befangenheit des Kopfes, über Schwindel und ſtellenweiſen Schmerz, woraus ein herbei⸗ gerufener Arzt auf Anwendung eines Betäubungsmittels ſchloß. Nun wurde zur Unterſuchung der Leiche und des Saales ge⸗ ſchritten, und jetzt fand man verſchiedene überzeugende Spuren, daß wirklich ein Fremder hier geweſen ſein mußte, denn auf dem Teppich eines Tiſches fand man an der Näſſe, daß ein feuchtes Kleidungsſtück daſelbſt gelegen haben mußte, ferner fand man die Fußſpuren eines kleinen, eleganten Stiefels, der lange auf naſſem Wege gegangen ſein mußte. Dieſe Spuren leiteten in die Nebenzimmer, wo man den Dieb⸗ ſtahl entdeckte, und ſelbſt an einigen Blutflecken fand man, daß der unheimlich nächtliche Beſucher das Inſtrument, welches er zum Ab⸗ trennen der Hand von dem Leichnam benutzt hatte, auch zu dem Er⸗ brechen eines Faches des Secretärs gebraucht haben mußte. Es war alſo nicht nur eine Entweihung des Todten verübt, ſondern auch ein nicht unbedeutender Raub, denn durch die Diener⸗ ſchaft wurde bezeugt, daß viele werthvolle Sachen, von deren Daſein ſie wußte, fehlten. Ferner ſtellte ſich heraus, daß der, welcher die That verübt, ſehr genau mit allen Räumlichkeiten des Hauſes vertraut ſein mußte; die Sicherheit, mit welcher er eben die Orte aufgefunden, wo ſich die reichſte Beute befand, bewies dieſes. Wer aber war es? Das war jetzt die für Polizei wie Diener⸗ ſchaft ſchwer zu löſende Frage. „Wir können es uns nicht denken, wer ein Intereſſe an dieſer Verſtümmelung der Leiche des armen Herrn von Villefort haben ſollte,“ ſagte Dame Galin.„Daß Jemand Intereſſe an dem Gelde und den Koſtbarkeiten, welche vermißt werden, hatte, begreife ich weit eher.“ „Habt Ihr auf Niemand Verdacht?“ fragte der Commiſſar. Alle verneinten es einſtimmig. „Hatte Herr von Villefort vielleicht einen Feind, dem man dieſe Entweihung der Leiche zutrauen könnte?“ fragte der Polizeimann weiter. Dieſe Frage machte die Leute aufmerkſam. „Einen Feind gäbe es doch,“ ſagte Jean, den Finger an die Naſe legend,„und zwar einen recht gefährlichen Feind, dem ich es wohl zutrauen könnte, ſich noch an einem Leichnam vergriffen zu haben.“ „Wer iſt das?“ „Graf Monte Chriſto!“ Abermals bewährte dieſer Name ſeine unheimliche Wirkung; Polizei und Gerichtsperſonen ſtutzten, die Dienerſchaft Villefort's ſah ſich ſcheu um, als fürchte ſie, der Graf Monte Chriſto könne bei der Nennung ſeines Namens durch irgend eine Thüre herein und mitten unter ſie treten, und ſein Geſicht könne durch ein Fenſter, oder aus einer Ecke mit ſeinen ſchwarzen, funkelnden Augen ihnen entgegen⸗ ſchauen, drohend und Unglück verheißend. „Ja, das wird das Wahre ſein!“ rief Dame Galin, die Hände faltend.„Der Graf Monte Chriſto iſt an allem Unglück ſchuld, welches ſeit einiger Zeit unſer Haus ſo grauſam verfolgte and es entvölkerte. Er mußte einen grauſamen Haß auf unſern armen Herrn geworfen haben, Haß, den ſelbſt der Tod nicht verſöhnt.— Ihm allein iſt dieſer Nachtbeſuch zuzutrauen! Er hat Herrn von Villefort noch ein Zeichen ſeines Haſſes gegeben, indem er ihm die Hand raubte, von der er ſich vielleicht für beleidigt hielt.“ „Ja, ja, ſo muß es ſein,“ ſtimmten Jean und Bernhard bei. „So iſt es, traut meinen Worten!“ rief die Dame mit erhöhter Stimme. Sie that ſich nicht wenig auf ihre Entdeckung zu Gute und hätte ſich um keinen Preis von dem Gegentheil überführen laſſen. „Aber,“ warf der Commiſſar ein,„es iſt doch kaum möglich. einer der g zenet Mat langer Jeit ſhwunden, ,O 1 „Hiet, die „Dat warf der! „Par hier berber⸗ „Sie der Polizei Polizei grö theidigen, ginge und „9. „Wer wei Er kann j machen. 2 Bei di Hetren eine dieſes und „Ja, der Glaub „Dan „Was Bund wit habe Recht dieſer Nan dß ich de miteel verf laſſen.— emacht un diener⸗ dieſer ollte,“ nd den eher.“ ar. n dieſe weiter. in die ich es aben.“ irkung, s ſah bei der mitten et aus tgegen⸗ Hände ſchuld, ind es n Herm Ihm gillefort Hand ———— gemacht und die ſtrengſten Nachforſchungen gehalten werden.“ 61 Jener Mann, den man Graf Monte Chriſto nennt, iſt ſchon ſeit langer Zeit nicht nur aus Paris, ſondern auch aus Frankreich ver⸗ ſchwunden, vielleicht ſogar aus Europa.“ „O nein, mein Herr, er iſt in Paris,“ rief die Dame voll Eifer. „Hier, die verſtümmelte Leiche beweiſt es.“ „Dann müßte die Polizei auch von ſeiner Anweſenheit wiſſen,“ warf der Commiſſar wieder ein. „Paris iſt groß,“ ſtritt die hartnäckige Dame,„und wer ſich hier verbergen will, der kann es auch.“ „Sie erlauben mir, dieſes zu beſtreiten, Madame,“ entgegnete der Polizeicommiſſar, welcher durch dieſe Worte die Allwiſſenheit der Polizei gröblich angegriffen ſah und ſich berufen fühlte, ſie zu ver⸗ theidigen,„die Anweſenheit eines Mannes, wie Monte Chriſto, ent⸗ ginge uns auf keinen Fall.“ „O, er iſt überall, wo er eben ſein will,“ beharrte die Dame. „Wer weiß, ob er nicht in dieſem Augenblick mitten unter uns iſt. Er kann jede Geſtalt annehmen und ſich nach Belieben unſichtbar machen. Dieſem Manne iſt Alles möglich!“⸗ Bei dieſer kecken Behauptung der Dame Galin konnten ſich die Herren eines Lächelns nicht enthalten. Die eifrige Rednerin bemerkte dieſes und rief geärgert: „Ja, lachen Sie nur! Ich weiß, was ich ſage, und Ihnen wird der Glaube auch noch in die Hände kommen.“ „Dann wäre dieſer Monte Chriſto ja ein Hexenmeiſter!“ rief einer der Herren. 8. „Was ſonſt?“ ſagte die ſtets gerüſtete Dame.„Er hat einen Bund mit dem Teufel gemacht, davon iſt alle Welt überzeugt. Ich bleibe dabei, Monte Chriſto iſt dieſe Nacht hier geweſen.“ Der Commiſſar wurde nachdenkend. „Es könnte doch nicht ganz unmöglich ſein, die Dame Galin habe Recht,“ ſagte er zu ſeinen Collegen.„Man weiß Beiſpiele, daß dieſer Mann mit zaubergleicher Schnelle an einem Orte erſchien, ohne daß ich den Geheimnißvollen deshalb für einen Zauberer halte, ich halte ihn vielmehr für einen Mann, der über außergewöhnliche Hilfs⸗ mittel verfügt, die ihm ſelbſt unmöglich Scheinendes möglich machen laſſen.— Jedenfalls müſſen nach allen Theilen der Stadt Meldungen „Sind Sie endlich überzeugt?“ rief Dame Galin triumphirende „Und doch kann, ſelbſt vorausgeſetzt, der Graf Monte Chriſto ſei in Paris, dieſer es nicht geweſen ſein, welcher den Todten ent⸗ weihte,“ nahm ein Anderer das Wort.„Es iſt zugleich ein Raub, gemeiner Diebſtahl begangen worden, und deſſen iſt ein Mann wie Monte Chriſto nicht fähig. Er iſt ein Mann, der über unermeßliche Schätze verfügt, und ein ſolcher wird ſich nie zum gemeinen Diebe herabwürdigen.“ „Warum nicht?“ fiel die zungenfertige Dame dem Vertheidiger des Graſen heftig in's Wort.„Dem Menſchen iſt eben Alles zuzu⸗ trauen. Wer weiß, wo er ſeine Millionen zuſammengeſtohlen?“ „Madame,“ antwortete der Commiſſar lachend,„meines Wiſſens laſſen ſich ſo viele Millionen nicht ſtehlen, ohne daß es die ganze Welt erfährt, und in dieſem Falle müßten wir es doch auch wiſſen. Verlaſſen Sie ſich auf mein Wort. Uebrigens,“— ſetzte er ernſt hinzu,—„veranlaſſen uns dieſe Bemerkungen zu den ſtrengſten Nach⸗ forſchungen in dieſer Richtung.— Wir wollen an's Werk gehen.“ Nachdem Beſichtigungen und Verhöre geendet, entfernten ſich die Beamten, um höheren Orts Meldungen zu machen und die Nach⸗ forſchungen zu beginnen. Villefort's Leiche wurde den Abend in ſeiner Familiengruft bei⸗ geſetzt, zahlreiche Neugierige hatten ſich eingefunden, welche den Lei⸗ chenzug des einſt ſo mächtigen und dann ſo unglücklichen Mannes mit geheimen Grauen betrachteten, denn ſchon war überall das Ge⸗ rücht von der geſchehenen Entweihung verbreitet. Die unheimlichſten Sagen cireulirten über dieſen Vorfall in der Weltſtadt, und da man den Haß kannte, mit welchem Graf Monte Chriſto das Haus Villefort's verfolgt hatte, ſo ſtimmte Alles darin überein, daß die Entweihung nur durch Monte Chriſto geſchehen ſei, und Jedermann glaubte hierin ein neues Lebenszeichen des furcht⸗ baren Mannes zu ſehen, obwohl man ſchon längſt nichts mehr von ſeinem Aufenthalt wußte.— Wie ein Phantom der Nacht mußte Monte Chriſto erſchienen ſein, ſein letztes Rachewerk zu vollziehen, und wie ein Phantom der Nacht mußte er auch verſchwunden ſein⸗ — So ſagt die Welt. Alle Anſtrengungen der Polizei, um Licht in dieſer Sache zur verbreiten, blieben erfolglos. Rege Nationen ander, We gen. Hier troſen mit fingend in Seeleute n zankten m dern, die, eunſterem ellanern! Englände ten leicht Weines i tionsgefül Glenboge tend und einem bär Dont ſeine Gru ein Tüͤlke lbhnattern 1 hirend Ihriſto 1 ent⸗ Raub, n wie neßliche Diebe eidiger zuzu⸗ 2 iſſens ganze wiſſen. t etnſt Nach⸗ hen.“ ich die Nach⸗ ft bei⸗ en Lei⸗ Rannes 4s Ge⸗ in der Monte darin hen ſei⸗ furch⸗ hr von mußte lgiehen, en ſein: ache zu Neuntes Kapitel. Im Hafen zu Livorno. Im Thatendrange, in Ingendgluth Stürz' ich mit in die Welt hinein, Ich ringe und kämpfe mit kühnem Muth, Der köſtliche Preis muß werden mein. Müller. Reges, buntes Leben herrſchte, buntes Treiben, Matroſen aller Nationen liefen, rannten, ſchrien, ſchimpften und fluchten durch ein⸗ ander, Waaren wurden ein⸗ und ausgeladen, Kähne kamen und gin⸗ gen. Hier rannten die gebräunten, ſchwarzhaarigen, italieniſchen Ma⸗ troſen mit nackten Armen durch die Menge, oder lagerten lachend und ſingend in der Sonne auf den Quadern, halbnackte ſüditalieniſche Seeleute mit den rothen phrygiſchen Mützen luden Waaren aus, oder zankten mit geläufiger Zunge mit den ernſteren norditalieniſchen Brü⸗ dern, die, von Genua oder Nizza kommend, ſich in Kleidung wie ernſterem Benehmen ſchon weſentlich von den Neapolitanern und Si⸗ cilianern unterſchieden. Dann kam wieder ein Trupp vierſchrötiger Engländer, durch ihre Bulvogggeſichter mit den gewaltigen Backenbär⸗ ten leicht erkennbar, oft in Folge des genoſſenen feurigen italieniſchen Weines in etwas ſchwankendem Zuſtande, übrigens in ſtolzem Na⸗ tionsgefühl, welches den Engländer in keinem Lande verläßt, ſich nit Ellenbogen und Fäuſten rückſichtslos durch das Gedränge Bahn bre⸗ chend und das„Malededdo!“ der unſanft berührten Italiener mit einem bärenhaft hervorgebrummten„Goddam!“ beantwortend. Dort wieder ſchwadronirten ein paar bewegliche Franzoſen auf eine Gruppe gravitätiſcher Spanier ein; ernſt, gemeſſen ſchritt hier ein Türke daher, einen ſtolzen, verächtlichen Blick auf eine Schaar ſchnatternder Griechen werfend, an welchen, gemüthlich ſingend, Atm 64 in Arm einige luſtige Burſchen vorbeiſtreiften, deren blonde Haare ſie als Deutſche bezeichneten; Amerikaner und Ruſſen, Berber und Egypter, Alles war vertreten. Im Hafen lagen Schiffe von jeder Bauart, Wimpel jeder Farbe flatterten luſtig in die Luft, Flaggen aller Länder wehten neben ein⸗ ander, Dampfer lagen neben dem unſcheinbaren Küſtenfahrer, ſtolze Kriegsſchiffe neben den friedlichen Kauffahrteiſchiffen. Zwei junge, elegant gekleidete Männer ſaßen nebeneinander auf einigen Koffern, das Boot erwartend, welches ſie an Bord irgend eines der ſegelfertig im Hafen liegenden Schiffe bringen ſollte; hinter ihnen ſtand ein Laſtträger, um ihnen dienſtfertig bei Einſchiffung des Gepäcks behilflich zu ſein. Beide jungen Leute vertrieben ſich die Zeit mit Beobachtung des bunten Lebens um ſie. „Reiſeleben iſt im Grunde doch ſehr angenehm,“ ſagte der Eine. „Man ſieht täglich bunte, wechſelnde Geſtalten, und kann an einem Ort oft die verſchiedenſten Völkerſchaften ſtudiren, was für unſer Vor⸗ haben gewiß nur von Vortheil ſein kann. Meinſt Du nicht Auch, Eugen?“ „Ich fühle mich in dieſem Leben wie neu geboren,“ antwortete der Gefragte,“ und ich fange über dieſen ſtets abwechſelnden, neuen Erſcheinungen Vieles zu vergeſſen an, was mich in der erſten Zeit unangenehm berührte und drohend in mein Leben eingriff.“ „Wie gefällt Dir die Luft Italiens?“ „Jedenfalls beſſer als die Englands, wohin wir uns erſt wen⸗ deten. Der kalte, rauhe Nebel Londons drohte mich zu erdrücken, die Steinkohlenatmoſphäre wollte mich erſticken, und ich begreife nicht, wie es die Menſchen an der Themſe aushalten können. War Dir dort wohl, Louis?“ „Nichts weniger als das, Eugen; und ich verdenke es den Eng⸗ lände a gar nicht, wenn ſie in Schwärmen ihre neblige Inſel ver⸗ laſſen, um glücklichere Länder aufzuſuchen.— Deutſchland war augenehm.“ „Aber immer noch kein Land für uns. Ich konnte mich an die Sprache der Deutſchen nicht gewöhnen, ſie war zu hart für meine Kehle, und wir hätten dort nie unſer Glück gemacht.“ „Und doch lieben die Deutſchen Geſang und Muſik über Alles und wiſſen die Kunſt zu ſchätzen.“ „Was fingen kön bleibt imm irj eine Stim Beſtü und ſahen deſſen dunk über ſein d wenn man Ohne dieſer jung Geſpräch As ſtieß er ei Gefährten. „Bene Es n ausgerufen entgangen „Cs lars ihren Braut noc „Wa rend die G au entfern mit Ankla Eine. inem Vor⸗ Pen?“ ortete neuen Zeit wen⸗ ücken, nicht, Dir Eng⸗ ver⸗ wat n die neine Alles —— — 65 „Was hilft es uns, wenn wir nicht in ihrer Sprache zu ihnen fingen können? Mutterſprache ſpricht allein zum Herzen. Italien bleibt immer das Land, wo wir wirken können, wie wir es wünſchen, und mir ſagt es meine Ahnung, hier blüht unſer Glück.— Nach Rom, nach Rom!“ „Ich wünſche Ihnen dieſes Glück, Fräulein Eugenie,“ ließ ſich eine Stimme dicht hinter ihnen vernehmen. Beſtürzt ſchauten ſich Beide bei dieſer unerwarteten Anrede um und ſahen einen elegant gekleideten jungen Mann vor ſich ſtehen, deſſen dunkle Augen forſchend auf ihren Geſichtszügen ruhten, während über ſein düſteres Geſicht ein leichtes, verbindliches Lächeln glitt’ wie wenn man gute, alte Bekannte grüßt. Ohne daß die jungen Männer es gemerkt, hatte ſich ihnen dieſer junge Mann genähert, hatte ſie prüfend betrachtet und ihr Geſpräch theilweiſe mit angehört. Als der Eugen genannte junge Mann den Beobachter angeſchaut, ſtieß er einen leiſen Schrei aus und klammerte ſich ängſtlich an den Gefährten. „Benedetto!“ entſchlüpfte es ihm. Es war auch Benedetto. So leiſe Eugen auch dieſen Namen ausgerufen, ſo war Benedetto doch dieſes Erkennungszeichen nicht entgangen, und er lächelte triumphirend. „Es freut mich,“ ſagte er,„daß Fräulein Eugenie von Dang⸗ lars ihren Verlobten noch erkennt, ſowie ſein ſcharfes Auge ſeine Braut noch unter dieſer Verkleidung auffand.“. „Was ſprechen Sie, mein Herr?“ nahm Louis das Wort, wäh⸗ rend die Erkannte zitternd ihr Geſicht an deſſen Bruſt zu verbergen ſuchte.„Sie treiben ſehr ungeziemenden Scherz, denn mein Eugen kann unmöglich Ihre Braut ſein.— Wir müſſen Sie erſuchen, ſich zu entfernen und Ihre Späße wo anders anzubringen, wo Sie da⸗ mit Anklang finden; wir ſind zu dergleichen zu wenig aufgelegt, um ſie würdigen zu können.“ Benedetto hörte lächelnd dieſe Strafpredigt an, ließ ſich aber durchaus nicht irre machen. „Geben Sie ſich keine Mühe, Fräulein Louiſe von Armilly,“ ſagte er mit der freundlichſten Miene von der Welt,„Ihr Incognito iſt nun einwal gebrochen, auch Sie ſind erkannt. Meinen Augen Die Hand des Todten. 5 66 entgeht nun einmal nichts. Indeß fürchten Sie nichts, ich begreife Ihre Gründe, welche Sie zu dieſer Verkleidung bewogen, und bin gern geneigt, alle mögliche Rückſicht darauf zu nehmen.“ Entſchloſſen erhob ſich Louiſe von Armilly. „Wenn dieſes Ihr Ernſt iſt, Herr Benedetto, oder Prinz Ca⸗ valcanti, oder wer Sie ſonſt ſind, ſo beweiſen Sie dieſes dadurch, daß Sie ſich entfernen,“ ſagte ſie mit entſchiedenem Tone. 4 „Doch nicht, ohne vorher mit Ihnen einige freundliche Worte gewechſelt zu haben?“ ſagte Benedetto. „Sie wiſſen, mein Herr, daß zwiſchen mir und Ihnen keine Beziehung mehr ſein kann,“ nahm jetzt auch Eugenie das Wort, nachdem ſie ſich von ihrer Beſtürzung etwas erholt. „Ganz im Gegentheil,“ entgegnete Benedetto mit ſehr ernſtem Geſichte,„es ſind jetzt weit nähere Beziehungen eingetreten, die für mich und für Sie von höchſtem Intereſſe ſind.— Hoͤren Sie mich eine Stunde ruhig an, und Sie werden erſtaunliche Dinge erfahren.“ „Wir ſind nicht neugierig darauf,“ ſagte Louiſe kurz abweiſend. „Und doch ſind die Eröffnungen, die ich Eugenien zu machen habe, ſehr wichtig,“ antwortete Benedetto.„Glauben Sie nicht, daß ich die früheren Verhältniſſe wieder auffriſchen, auf meinem Rechte als Bräutigam beſtehen wolle; davon kann jetzt keine Rede mehr ſein, es ſind vielmehr ganz andere Dinge, die ich mit Ihnen zu verhandeln habe.“ In dieſem Augenblicke ſtieß ein Boot an das Land. Der Laſt⸗ träger gab den Kahnführern ein Zeichen und griff ſogleich nach den Koffern. „Gott ſei Dank, da iſt das Boot!“ rief Louiſe. Sie ergriff der Freundin Hand und zog ſie nach dem Boote. Benedetto ſtellte ſich ihnen in den Weg. „Ich werde Sie begleiten,“ ſagte er. „Nicht nöthig, nicht nöthig!“ rief Louiſe raſch. Sie ſprang mit Leichtigkeit in das Boot und zog Eugenie nach ſich. Benedetto wollte folgen, aber Beide wehrten ihn ab, und er wurde von dem den letzten Koffer bringenden Laſtträger zurückgedrängt. „Fort, fort!“ rief Louiſe den Bootsführern zu. Die beiden Seeleute, welche nur zu Abholung dieſer zwei jungen gaute Auftre ſinem Veiſu gfeilſch beteits die in See zu Benede kümmert un troſen und Laufen anſt wies, ihn er ihm bes daſelbſt an, „Woh „Nach legender] „Ich Auf d über dem( „Nun, will mitreiſe Das! geworfen! das Geſich „Alles Dann „Acht mando au Benen egreife d bin m Ca⸗ adurch, Worke keine Wort, iſtem die für ie mich ahren.“ veiſend. machen nicht, neinem e Rede Ihnen er Laſt⸗ icch den Boote. ch ſich. und er drängt. jungen 3 — — 67 Leute Auftrag hatten, ſtießen gehorſam ab, und Benedetto wäre bei ſeinem Verſuche, dennoch in's Boot zu ſpringen, faſt in's Waſſer geſtürzt. Pfeilſchnell ſchoß das Boot einem kleinen Küſtenfahrer zu, welcher bereits die Anker gelichtet hatte und jeden Augenblick bereit ſchien, in See zu ſtechen. Benedetto lief haſtig auf dem Quai des Hafens hin, unbe⸗ kümmert um die Flüche und Verwünſchungen, welche ihm die Ma⸗ troſen und Laſtträger nachriefen, an welche er bei ſeinem eiligen Laufen anſtieß. Endlich fand er einen Kahn, deſſen Führer er an⸗ wies, ihn nach dem ſegelfertigen Küſtenfahrer zu bringen, welchen er ihm bezeichnete.— Nach Verlauf einer Viertelſtunde kam er daſelbſt an, als eben die Segel aufgezogen wurden. „Wohin geht die Fahrt?“ rief Benedetto am Bord hinauf. „Nach Civita⸗Vecchia!“ entgegnete ein ſich über das Geländer legender Matroſe. „Ich will mit.“ Auf dieſen Ruf erſchien ein ſchwammiges dunkelrothes Geſicht über dem Geländer und muſterte den Reiſenden. „Nun, was beſinnt Ihr Euch?“ ſchrie Benedetto herauf.„Ich will mitreiſen und kann meinen Platz ſo gut bezahlen wie ein Anderer.“ Das rothe Geſicht oben hatte kaum einen Blick auf den Mann geworfen und hatte kaum deſſen Stimme gehört, als der Mann, dem das Geſicht gehörte, auch ſchon den Hut tief in die Augen drückte. „Alles beſetzt!“ ſchrie er mit heiſerer Stimme herab. Dann verſchwand das Geſicht mit größter Eilfertigkeit. „Achtung! An die Segel!“ ſchallte gleich darauf das Com—⸗ mando auf dem Schiffe. Benedetto ſtarrte immer noch in die Höhe zu dem Schiffe, von dem aus ihm ſo rauhe Abweiſung geworden. „Alle Teufel,“ rief er dann,„was war das für ein Geſicht?— Ich ſollte es kennen.— Richtig!— Paris, Paris!— Aber wie käme der hierher?“ „Weg mit der Nußſchale da?“ ſchrie es jetzt über Bord herab. Zu gleicher Zeit drehte ſich das Schiff unter dem Drucke des Ruders, ſo daß das Boot Benedetto's in große Gefahr kam und der Bootführer nur mit Anſtrengung ſich ſeitwärts wenden konnte, wobei 5* 68 er aber nicht verfehlte, dem rückſichtsloſen Küſtenfahrer eine Fluth tüchtiger Flüche nachzuſenden. 6 Benedetto blieb in dem Boote aufgerichtet ſtehen und ſchaute W dem ſich durch die Maſſe der übrigen Schiffe windenden Küſten⸗ fahrer nach. „Merkwürdiges Zuſammentreffen!“ murmelte er.„Aber wir ſehen uns wieder!— Ich weiß, wo wir uns treffen.“ Dann wendete er ſich an den Bootsführer. „Sind hier noch mehr Schiffe, welche bei Civita⸗Vecchia an⸗ legen?“ fragte er. „Morgen geht der Dampfer„Hector“ nach Neapel und landet erſt in. Civita⸗Vecchia.“ Benedetto ließ ſich nach dem bezeichneten Schiffe rudern, belegte dort einen Platz und ſchien befriedigt. „Mit Dampf wird wohl jene Schnecke zu überholen ſein,“ murmelte er. Cuger von Dangl welche nur und ſich ff Maddalene luſtig hinc Beide Kajüte zu Cugenie p der einſt haßt, we unglücklich Galeeren achten, do keerenſträft verachten. Loui „Ac detreten mein Glü Fluth ſchaute üſten⸗ el wir ig an⸗ landet belegte ſein,“ Zehntes Kapitel. Die Maddalena im Sturm. Es will, Alſo ſcheint es, der Himmel herab in's Meer ſich verſenken, Und dagegen das Meer zum Himmel ſchmetternd erheben. Regen triefen die Segel, und mit des Himmels Gewäſſern Miſcht ſich die Woge des Meeres, und lichtlos ſtehet der Aether. Aber des Sturmes Gewölke vermehrt das Dunkel der Nacht. Ovid. Eugen und Louis von Armilly, oder vielmehr Fräulein Eugenie von Danglars und Louiſe von Armilly, deren vertraute Freundin, welche nur in ihrer Verkleidung obige Namen angenommen hatten und ſich für Brüder ausgaben, befanden ſich nun auf der Goelette Maddalena, welche ſofort nach ihrer Ankunft unter Segel ging und luſtig hinaus in die offene See ſtach. Beide Freundinnen hatten ſich in die ihnen eingeräumte kleine Kajüte zurückgezogen und wagten ſich lange nicht auf das Verdeck. Eugenie war zu beſtürzt über das Zuſammentreffen mit Benedetto, der einſt als ihr Verlobter galt und den ſie haßte, wie man die haßt, welche uns für das ganze Leben durch angethanen Zwang unglücklich machen wollen. Uebrigens wußte ſie ja, daß er ein den Galeeren entſprungener Verbrecher war, und konnte ihn nur ver⸗ achten, daß er es gewagt, die Augen zu ihr zu erheben. Ein Ga⸗ leerenſträfling und ſie!— Sie mußte ihn gleich ſehr haſſen und verachten. Louiſe ſuchte die Freundin zu beruhigen. „Ach Louiſe,“ ſagte Eugenie,„wie freute ich mich, endlich Italien betreten zu haben, hier wollte ich mich ganz der Kunſt widmen und mmein Glück gründen, und nun muß mein widriges Geſchick mir dieſen 70 verhaßten Menſchen wieder entgegenführen. Es fällt mir ſchwer, einen Menſchen zu haſſen, aber dieſen Benedetto muß ich haſſen.“ „Wie kann der Menſch Dich ſtören?“ erwiderte Louiſe.„Jetzt iſt ſchon die See zwiſchen ihm und uns.“ „Aber er wird unſerer Spur folgen; er weiß, daß wir nach Rom gehen.“ „Auch dort kann er uns nicht ſtören.“ „Seine Verfolgungen, ſeine Nachſtellungen.— „Glaube mir,“ tröſtete Louiſe,„Menſchen dieſes Schlages halten ſich nicht gern lange an einem Orte auf. Sollte er es aber doch wagen, uns in Rom läſtig zu fallen, ſo haben wir Mittel in den Händen, uns den Zudringlichen auf die einfachſte Art vom Halſe zu ſchaffen, indem wir ihn der Behörde anzeigen. Dieſe wird dafür ſorgen, daß ein Galeerenſclave nicht frei herumgeht.“ „Aber das Aufſehen, das dann möglicher Weiſe entſtehen und ſelbſt unſere Pläne gefährden könnte.“ „Ach, Liebchen,“ ſcherzte Louiſe,„Du ſiehſt die Dinge zu ſchwarz. — So wird es nicht werden!— Komm auf's Verdeck, in die friſche Luft, das wird Deine Grillen verjagen.“ Die Freundinnen betraten nun das Verdeck, wo die Schiffs⸗ mannſchaft und die wenigen anderen Paſſagiere ſich in maleriſchen Gruppen gelagert hatten, ſchlafend, plaudernd, oder Mora ſpielend in der Sonne liegend. Der Patron des Schiffes ging unbekümmert ab und zu, und ließ ſeine Leute machen, was ſie wollten, zufrieden, ſaß ein vierſchrötiger Mann, deſſen bedeutend dickes und rothes Geſicht von einem ungeheuren Strohhut beſchattet war. Köſtlich mild war die Luft, die Sonnenſtrahlen wurden durch den Seewind gekühlt, an dem heiteren Himmel hing kein Wölkchen, das Schifflein tanzte über die flimmernden, glitzernden Wellen, und mehr und mehr ſchwand die Küſte Livorno's; je weiter ſie ſich aber entfernten, je ruhiger wurde Eugenie. Sie fühlte ſich wieder ſicherer Die Nacht kam heran, eine herrliche, milde, italieniſche Mondnacht, wo die See wie Silber glänzte; der Wind war ſchwächer geworden, das Schiff ging langſamer, und die unbeſchäftigten Seeleute ſangen 1 ——ÿ—ÿ— daß ein günſtiger Wind die Segel ſchwellte, hinten am Steuerrade mlodiereich hen Sttan ds Nachtw In de iiſen aus ging die F Im La empot, ſie unrubig zu Sciiffvolk die F Hinterdecke vorigen To und ſchien Beſol zu dem S. zu fragen Augenblicke ergrff und der Steuer: Euger Blitzſtrahl „Got hin, Louiſe Louſſe „Bei Geiſt, oder und lebt!“ „Mei Unter und ihn a mit dem ſich zitterr von hier Der! naſche und twer, n. 4 „Jetzt nc alten doch den ſlſe zu dafür Und warz. friſche ziffs⸗ tiſchen jelend mmert leden, errade rothes durch ichen, und aber herer. nacht, lden, ngen — e ——— 1 71- melodiereiche Schifferlieder, während Jüngere die Liebchen am heimi⸗ ſchen Strande feierten und ihnen Liedergrüße auf ven Schwingen des Nachtwindes zuſendeten. In der Morgendämmerung zeigte ſich Elba, in violetten Um⸗ riſſen aus den Wellen hervortauchend. Weiter, weiter, ſüdwärts ging die Fahrt. Im Laufe des Tages ſtiegen plötzlich dunkle Wolken am Horizonte empor, ſie ballten ſich mehr und mehr zuſammen, die See begann unruhig zu werden, die Wellen ſchlugen ſtärker, und unter das Schiffsvolk kam mehr Leben. Die Freundinnen waren beſorgt. Sie befanden ſich auf dem Hinterdecke und kamen in die Nähe des Steuermannes, den ſie am vorigen Tage gar nicht beachtet. Der Mann drehte emſig das Rad und ſchien allein mit dem Schiffe beſchäftigt. Beſorgt wegen den dunklen Wolken traten Eugenie und Louiſe zu dem Steuermanne, um den Erfahrenen wegen dieſer Erſcheinung zu fragen und ſich zu erkundigen, ob Gefahr drohte. In dieſem Augenblicke geſchah es, daß ein Windſtoß den großen Hut des Mannes ergriff und auf das Verdeck ſchleuderte. Mit einem Fluch bückte ſich der Steuermann nach dem Hute und zeigte dabei ſein volles Geſicht. Eugenie hatte dieſes Geſicht kaum geſehen, als ſie wie vom Blitzſtrahl berührt zurückfuhr und der Freundin Arm faßte. „Gott, welche fürchterliche Aehnlichkeit!“ rief ſie leiſe.„Sieh' hin, Louiſe, ſieh' hin.“ Louiſe warf einen Blick auf den Steuermann, und auch ſie erblaßte. „Bei Gott,“ flüſterte ſie der bebenden Freundin zu,„iſt das ein Geiſt, oder iſt es Wirklichkeit?— Der Baron Danglars wie er leibt und lebt!“ „Mein Vater,“ ſtöhnte Eugenie. Unterdeſſen hatte der Steuermann ſeinen Hut wieder aufgerafft und ihn auf den Kopf gedrückt, und ſchien jetzt wieder ausſchließlich mit dem Steuer beſchäftigt zu ſein. Die beiden Freundinnen hatten ſich zitternd bis an das Geländer zurückgezogen und beobachteten von hier aus ſcheu den Mann, welchen ſie zu kennen glaubten. Der Steuermann ſchien dieſes zu bemerken, er warf ihnen einzelne raſche und mißtrauiſche Blicke zu, fing plötzlich an unruhig zu werden 72 und wendete den Beobachtenden den Rücken zu, ſeinen Hut noch tiefer in die Augen drückend. Eine Unruhe ſchien ſich plötzlich ſeiner bemeiſtert zu haben. Eugenie und Louiſe bemerkten dieſes und zogen ſich noch weiter zurück. „Sollte es wirklich mein Vater ſein?“ flüſterte Eugenie. „Es ſcheint mir unerklärlich,“ entgegnete Louiſe,„Baron Dang⸗ lars Steuermann eines italieniſchen Küſtenfahrers.“ „Wir wiſſen, daß mein Vater Bankerott gemacht und von Paris entflohen.“ „Ja, und dieſe Aehnlichkeit iſt fürchterlich.“ „Ach, es iſt mein Vater!“ ſtöhnte Eugenie.„Sieh nur, die ganze Geſtalt, die Haltung, Alles ſpricht dafür.“ Louiſe mußte das zugeben, obgleich ſie meinte, zwei Menſchen könnten ſich recht gut zum Verwechſeln ähnlich ſehen. Sollen wir ihn anreden?“ fragte ſie. „Um Gottes willen nicht,“ bat Eugenie.„Sieh nur, er ſucht ſich zu verbergen. Wohl mag es ihm quälend ſein, daß er, der einſt im Vollgenuſſe des Glückes lebte, ſich plötzlich in eine ſolche Stellung geſchleudert ſieht.— Komm, komm, hinweg von hier!“ Sie zog die Freundin hinweg, aber immer und immer wieder mußte ſie nach dem Manne am Steuer ſehen. Immer dunkler ward der Himmel, heftige Windſtöße brauſten daher und jagten das Schiff pfeilſchnell über die Wellen, die ſich immer mehr mit Schaum bedeckten.*— „Es kommt ein Gewitterſturm,“ ſagte der Patron.„Hält der jetzige Wind auch nur noch ein paar Stunden aus, ſo können wir Civita⸗Vecchia noch erreichen; iſt dieſes nicht, ſo wird unſere Mad⸗ dalena einen derben Tanz zu beſtehen haben.“ Seine Hoffnung ging indeß nicht in Erfüllung, denn es kamen in entgegengeſetzter Richtung Windſtöße, welche das Schiff auf eine bedeutende Strecke zurückwarfen. Donner begann in der Ferne zu rollen, der Kampf mit den Wogen ward immer heftiger, und der Patron ſchrie dem Steuermanne unausgeſetzt Befehle zu. So brach die Nacht herein, und mit ihr begann erſt die Schreckens⸗ ſcene. Das Gewitter brach mit furchtbarer Heftigkeit los: Schlag auf Sclag,d ſch mit ſ Etiif hů Untergang Euge börten ſie und Rufe geheul der Läng Kajüte un Anblick n Feuet zu ward bal Eug am Stel Winde u „ba Patron ſ In Hauptmaf fiel über „hei Nur die Taue „Ne ſchtie der Abe „Ei Ein bei dem t noch 3 ſeine weiter 3 — 3 Dang 4 Par⸗s 3 4 3 . 8 t, die 2 enſcen 4 4 t ſucht r, der ſolche 14 8 er. 1 5 wieder rauſten de ſih 3 äͤlt der en wir Mad. kamen f eine une zu nd der edens-⸗ ag auf 73 Schlag, der Himmel ſchien im Feuer zu ſtehen; die Wogen bäumten ſich mit fürchterlicher Wuth in die Höhe, ſchlugen donnernd über das Schiff hinweg und ſchienen ſich verſchworen zu haben, ihm den Untergang zu bringen. Eugenie und Louiſe ſaßen in ihrer kleinen Kajüte, und hier hörten ſie, wie der Patron ſeine Befehle ſchrie, ſie hörten das Schreien und Rufen der Matroſen und dazwiſchen manches Mal das Angſt⸗ geheul der Paſſagiere, welche abwechſelnd jammerten und beteten. Länger hielten es da die Freundinnen nicht aus in der dumpfen Kajüte und betraten ſchwankend das Verdeck. Aber hier war der Anblick noch troſtloſer als unten, der Himmel ſchien förmlich im Feuer zu ſtehen. Welle ſtürzte über Welle, das ſchwache Fahrzeug ward bald in die Höhe geſchleudert, bald in die Tiefe. Eugenie warf einen Blick auf den Steuermann. Dieſer ſtand am Steuer von Bliten erleuchtet, ſein graues Haar flatterte im Winde und ſein Blick ſchweifte angſtvoll über die Waſſerwüſte. „Haltet feſt, haltet feſt, ſonſt ſind wir verloren!“ brüllte der Patron ſeinen Leuten zu. In dieſem Augenblicke brauſte ein neuer Windſtoß heran, der Hauptmaſt der Goelette brach von ſeiner Wucht, wie leichtes Rohr, fiel über Bord und ſchleifte nebenher. „Heilige Mutter Gottes, nun ſind wir verloren!“ heulten Einige. Nur Wenige hatten die Geiſtesgegenwart, heranzuſtürzen und die Taue mit Beilen zu zerhauen, um das Sciiff zu befreien. „Rechts gehalten, damit wir wenigſtens das Ufer erreichen,“ ſchrie der Patron und ſprang ſelbſt an das Steuer. Aber das Schiff ſchien dem Steuer nicht mehr zu gehorchen. „Ein Schiff! Ein Schiff!“ ſchrie plötzlich ein Matroſe. Ein paar dunkelrothe Punkte glühten über dem Waſſer, und bei dem Leuchten der Blitze ſah man eine dunkle Maſſe, welche heran⸗ brauſte, über dem Schiffe ſchwebte von Zeit zu Zeit ein dunkelrother Schein.“ „Ein Dampfer!“ ſchrie der Patron.„Der hält wohl ſolch' einen Wind aus.— Alle Laternen her! Gebt Nothſignale! Schreit, was Ihr könnt!“ Augenblicklich ward dieſer Befehl erfüllt; Lichter glänzten auf der Goelette, lauter Hilferuf ertönte aus allen Kehlen. 74 Da dröhnte ein neues furchtbares Kracen, es ſchien, als ob das Schiff aus allen Fugen ging. Wellen ſtürzten brauſend und ſchäumend über das Verdeck. „Wir ſinken! Wir ſinken!“ heulte es. 4 Eugenie und Louiſe, ſich eng umſchlungen haltend, ſanken be⸗ wußtlos nieder. Veſ Schreckniſ Polſern; beleuchtet Ider Kajüte Iett Ion dem Imwweite Ge V mehr heft „Lou Kithſel.“ da ſtarrte gle die Arme „Eu Es den über „Mei „Dae „Jc weiß „Ver Erinnerun „Mi be⸗ — — —— Elftes Kapitel. Am Vord des Hektor. Verbirg Dich nicht ſo ſehr vor mir: Es nutzt nichts, dieſes ſag' ich Dir. Bürger. Verſchwunden war die finſtere Sturmnacht mit allen ihren Schreckniſſen; in einer eleganten Kajüte lagen auf ſchwellenden Polſtern zwei junge Frauengeſtalten in leichten, luftigen Gewändern, beleuchtet von den verſtohlen durch die niedergelaſſenen Vorhänge der Kajütenfenſter ſich drängenden Sonnenſtrahlen. Jetzt erwachte die Eine, richtete ſich erſtaunt, faſt erſchrocken auf von dem Polſter, ſchaute mit irren Augen umher. Als ſie aber die zweite Geſtalt neben ſich ruhen ſah, da ſtieg ihr Erſtaunen noch mehr, heftig ſtreckte ſie die Hand aus und rüttelte die Begleiterin. „Louiſe, Louiſe, erwache!“ rief ſie.„Erwache und löſe mir das Räthſel.“— Da erhob ſich auch die Andere raſch, öffnete die Augen und ſtarrte gleich einer Träumenden um ſich, dann aber breitete ſie haſtig die Arme aus und umſchlang die Gefährtin. „Eugenie!“ rief ſie leidenſchaftlich. Es waren Eugenie und Louiſe, welche in voriger Nacht unter den über ihnen zuſammenſchlagenden Wogen niedergeſunken. „Mein Gott, Eugenie, ſage mir, wo ſind wir?“ rief Louiſe. „Das Nämliche wollte ich eben Dich fragen,“ entgegnete dieſe. „Ich weiß es nicht.“ „Verſanken wir geſtern nicht in die See?“ fragte Louiſe, bei Erinnerung an jene Schreckniſſe zuſammenſchaudernd. „Mir war es ſo,“ beſtätigte Eugenie. 76 „Und wie kommen wir in dieſe Kleider?“ Wir trugen doch noch geſtern Männerkleidung?“ „Es iſt mir unbegreiflich.— Wie kommen wir überhaupt hier⸗ her? Wir ſind auf einem Schiffe, aber nicht auf unſerer Barke. — Welcher wohlthätige Geiſt rettete uns aus dem Waſſergrabe?“ „Louiſe, Du ſtellſt ganz dieſelben Fragen, die ich auch an Dich richten möchte.— Ich kann ſie nicht beantworten.— Was iſt aus meinem armen Vater geworden?“ „Dem Baron Danglars?— Ob jener Steuermann es auch wirklich war?— Ich zweifle, denn Menſchen ſehen ſich ja ähnlich. — Aber, Eugenie, mir kommt es vor, als müſſe irgend ein Zauber mit uns vorgegangen ſein: dieſes Schiff, dieſe Kleidung! Wird uns das Räthſel nun bald gelöſt werden?“ Ein leiſes Geräuſch ließ ſich vernehmen, dann öffnete ſic die Thüre und eine ernſte Dame in dunkelfarbigen Reiſekleidern trat ein. Als ſie die beiden Mädchen auf dem Polſter ſitzen ſah, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus und trat näher zu den raſch ſich Erhebenden. „Ich hörte Sie ſprechen, meine jungen Freundinnen,“ ſagte ſie ſanft,„und eilte hierher, nach Ihnen zu ſehen. Befinden Sie ſich wohl? Bedürfen Sie etwas?“ „Vor allen Dingen Aufklärung, wie wir hierher kommen,“ drängte Louiſe, deren Lebhaftigkeit ſich ſchnell wiedergefunden hatte.„Welche Umwandlungen ſind mit uns geſchehen? Welcher gute Geiſt hat uns hierher gebracht? Und vor allen Dingen, wo ſind wir!“ „Sie fragen Vieles auf einmal,“ entgegnete die Dame,„aber ich will ſuchen, Alles zu beantworten. Sie befinden ſich am Bord des Dampfers Hektor, welcher von Livorno nach Malta geht und zunächſt in Civita⸗Vecchia anlegen wird. Bei dem Sturme der geſtrigen Nacht ſahen wir eine Goelette dem Untergange nahe, und es gelang den Anſtrengungen unſeres wackeren Kapitäns und ſeiner Mannſchaft, die Bemannung jenes Fahrzeuges zu retten. Sie, meine Damen, wurden durch einen jungen Mann gerettet, der ſich als Paſſagier auf dem Schiffe befindet; derſelbe übergab Sie mir mit dem Bemerken, er wiſſe, daß Sie verkleidete Damen wären, und ſomit ſeien Sie unter meiner Pflege am beſten aufgehoben.— Sie haben die Gefahr glücklich überſtanden, danken Sie Gott dafür.“ „Und der Dame „We und ange nicht auch ,Jc meikt, un „Et hat, Eindruck möglichern Uutheil be bevor Si kundigt.“ „ ſtand En Danke b bekannt iſt für de mit ſich Loui den, und Der Dar und zog beobachte dieſes ge haft.— .„3 hinzu.= Die N dißt ma ſedſt we iind jen lebhaft! doch hier⸗ Parke. be?“ dich ſi aus auch nlich. auber uns ſic die ſlat ein. einen gte ſit die ſich nängte Welche at uns „aber m Vord ht Und ne der ,, und ſeiner meine ich als nir mit , und — Sie ür.“ — — —— 77 „Und Ihnen, Madame!“ fügte Eugenie hinzu, die zarte Hand der Dame ergreifend. „Wer aber iſt jener junge Mann, der uns an Bord brachte und angeblich kennen wollte?“ fragte Louiſe beſorgt.„Wird uns nicht auch vergönnt ſein, ihm zu danken?“ „Ich habe jenen Mann, Ihren Retter, erſt geſtern Abend be⸗ merkt, und, offen geſagt, er gefällt mir nicht,“ erwiderte die Dame. „Er hat etwas Unheimliches an ſich; doch mag vielleicht der grauſige Eindruck der Schreckensnacht viel beigetragen haben, daß ich mich möglicherweiſe täuſchte, und ich will mich deshalb vor ſchnellem Urtheil hüten; jedenfalls werden Sie den Mann noch ſelbſt ſehen, bevor Sie landen, er hat ſich ſchon einige Male nach Ihnen er⸗ kundigt.“ „Sie machen mich eben nicht neugierig auf dieſen Herrn,“ ge⸗ ſtand Eugenie,„ſo ſehr ich ihm auch nach Ihrer Ausſage zum Danke verpflichtet ſein mag. Aber Sie, Madame, kommen mir faſt bekannt vor, ich glaube Sie ſchon irgendwo geſehen zu haben, doch iſt für den Augenblick mein Gedächtniß noch zu ſehr angegriffen, um mit ſich ſelbſt einig zu werden über das Wie und Wo?“ Louiſe war durch die Worte ihrer Freundin aufmerkſam gewor⸗ den, und auch ſie betrachtete die Dame mit aufmerkſamen Blicken. Der Dame ſchien dieſes unangenehm zu ſein, ſie wurde faſt verlegen und zog ſich mehr in den Schatten der Wand zurück, um ſich den beobachtenden Blicken der beiden Freundinnen zu entziehen. Doch dieſes gelang ihr nicht.— b„Ich ſtimme meiner Freundin bei,“ rief Louiſe von Armilly leb⸗ haft.— Eine wunderbare Aehnlichkeit.— Ich ſah Sie in Paris.“— „Ja, in Paris und unter anderen Verhältniſſen,“ fügte Eugenie hinzu.—„Gräfin von Morcerf!“ Die Erkannte ſeufzte tief und trat wieder in den Schatten. „Sie irren ſich, mein Fräulein,“ ſagte ſie dann. „Nein, nein,“ berheuerte Eugenie,„Züge wie die Ihrigen ver⸗ gißt man nicht ſo leicht, um ſie beim Wiederſehen zu verkennen, ſelbſt wenn der Schmerz ſeinen Stempel darauf gedrückt hat.— Sie find jene unglückliche Gräfin, deren trauriges Schickſal wir einſt ſo lebhaft beklagten.“ 78 Da trat die Dame wieder näher und warf einen ernſten, traurigen Blick auf die beiden jungen Madchen. „Fräulein Danglars,“ ſagte ſie,„auch ich habe Sie längſt er⸗ kannt; ich ſage Ihnen, es giebt keine Gräfin Morcerf mehr, nur noch eine arme büßende Mercedes aus dem Fiſcherdorfe der Catalanen. Abgeſtreift iſt von mir jeder Prunk der großen Welt, der mich nie glücklich gemacht hat, und ich lebe allein noch meinen traurigen Erinnerungen.— Machen Sie meine Erinnerungen nicht noch trauriger durch die Nennung eines Namens, dem ich längſt entſagt, ich bin nichts mehr als die arme Mercedes, und ich bitte Sie, Fräulein Danglars, für die wenigen Stunden unſeres Zuſammen⸗ ſeins mich nie anders zu nennen und überhaupt jenes unglücklichen Namens nie zu erwähnen.“ Voll Theilnahme ergriff Eugenie der unglücklichen Mercedes Hand und drückte ſie innig. „Ich kenne Ihr Schickſal theilweiſe, arme Mercedes,“ ſagte ſie, „und ich ehre Ihren Schmerz und Ihre Trauer; gern auch will ich Alles thun, was Sie wünſchen, nur gewähren Sie mir eine Gegen⸗ bitte.— Sie kennen mich, und ſo wünſche auch ich, daß mein Name nicht auf dieſem Schiffe genannt wird.“ „Und am liebſten legte ich dieſe Kleidung wieder ab und griffe nach der Männerkleidung,“ fiel Louiſe raſch ein,„dieſe würde jedes unzeitige Erkennen verhindern.“ „Was ſollte Ihnen die Männerkleidung jetzt nutzen?“ antwortete Mercedes.„Auf dem Schiffe weiß ja bereits Alles, daß Ihnen dieſe Kleidung nicht gebührt, und die Neugier würde nur noch mehr gereizt werden, wollten Sie wieder ſo auftreten. Bleiben Sie lieber in dieſer Kleidung, die ich Ihnen angelegt.“ Eugenie und Louiſe wollten etwas darauf erwidern, allein da pochte es an die Thüre und gleich darauf öffnete ſie ſich; Benedetto trat mit höflicher Verbeugung ein. „Benedetto!“ rief Eugenie entſetzt. Benedetto achtete nicht auf dieſen Ruf, der ihm bewies, wie wenig willkommen ſeine Erſcheinung den Mädchen war, er begann vielmehr mit geläufiger Zunge ſeine Freude auszuſprechen, ſeine Schützlinge ſo wohl und munter zu ſehen nach den Gefahren der Nocht, und erklärte ſich ſehr befriedigt, daß das Glück ihm vergönnt, zu ihrer d beiden Rettung b Gedanken, Auch mrüch, a ſie garen „Sie Schichale 6 Sie m Dienſte zu die für m „Hin Sie nicht Gl gegnete: denn ſtet glück zuſe führen do „Auc „Sie mü ic Ihnen anhören? Eug auch von ebenfalls „M gegriffene BVenedet tto Leich blieben a miſtzung aſten, ſt er⸗ noch anen. h vie nigen noch lſagt, Sie, men⸗ lichen tcedes te ſie, ill ich ſegen⸗ Name griff jedes porfete dieſe ereißt er in in da edetto wie egann ſeine en der gönnt, Er Aeee — 5—— 79 zu ihrer Rettung aus der Lebensgefahr weſentlich mitzuwirken.— Die beiden Freundinnen erſuhren ſo, daß Benedetto hauptſächlich ihre Rettung herbeigeführt, und Beide fühlten einiges Grauen bei dem Gedanken, dieſem Manne gegenüber ihren Dank ausſprechen zu ſollen. Auch Mercedes wurde düſter: ſie verhüllte ihr Geſicht und trat zurück, als ſcheue ſie die Nähe dieſes Mannes. Benedetto aber ſchien ſie gar nicht zu beachten. „Sie ſehen, Fräulein Eugenie,“ ſagte Benedetto endlich,„das Schickſal geſtattet Ihnen nicht, mir zu entfliehen, immer wieder führt es Sie mir entgegen und gewährt mir die Gunſt, Ihnen neue Dienſte zu leiſten. Wollen Sie nun endlich die Erklärungen anhören, die für mich wie für Sie vom höchſten Intereſſe ſind?“ „Hinweg, hinweg!“ rief Eugenie abwehrend,„ich kann, ich will Sie nicht anhören. Ich bitte Sie, verſchonen Sie mich.“ „Gleichwohl muß ich darauf dringen, mich anzuhören,“ ent⸗ gegnete Benedetto. „O, mein Gott,“ rief da Eugenie,„treibt mich das Schickſal denn ſtets dieſem Menſchen entgegen, mit dem mich einſt mein Un⸗ glück zuſammenführte? Gehen Sie, mein Herr, alle Ihre Worte führen doch zu nichts, ich höre Sie nicht an.“ „Auch nicht, wenn ich feſt darauf beſtehe?“ fragte Benedetto. „Sie müſſen doch früher oder ſpäter das Geheimniß erfahren, das ich Ihnen zu enthüllen habe; warum wollen Sie es nicht ſogleich anhören?“ Eugenie erwiderte nur durch eine abwehrende Bewegung, welche auch von Louiſen unterſtützt wurde. Auch Mercedes nahm jetzt ebenfalls der Freundinnen Partei. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„ich finde es ſehr unzart, dei dem an⸗ gegriffenen Zuſtande dieſer jungen Dame darnuf zu dringen, Sie wider ihren Willen anzuhören, und ich möchte Ihnen rathen, für Ihre Angelegenheit eine günſtigere Stunde zu wählen als die jetzige iſt. Die beiden Damen bedürſen der Ruhe, alſo entfernen Sie ſich.“ „Wenigſtens ſollen Sie mich nicht ungalant finden,“ entgegnete Benedetto nicht ohne Verdruß.„Auf Wiederſehen, meine Damen!“ Leicht ſich verbeugend verließ er die Kajüte, die drei Damen blieben allein und Eugenie dankte Mercedes für ihre wirkſame Ein⸗ miſchung zu ihren Gunſten. 80 Während deſſen ſchritt Benedetto die Kajütentreppe hinauf auf das Verdeck des Dampfers, wo ſich die gerettete Mannſchaft der Maddalena gelagert hatte. Der unglückliche Patron des geſunkenen Schiffes war natürlich am ſchlimmſten weggekommen und befand ſich in einer ſehr aufgeregten Stimmung; er fluchte und betete abwechſelnd und lief zuweilen auf dem Verdecke umher wie ein Wahnſinniger, Allen, die ihm in den Weg kamen, verſichernd, er ſei nun ein ruinirter Mann und habe mindeſtens den Werth von hunderttauſend Ducati verloren. Die Matroſen dagegen hatten ſich eher getröſtet, ſie dehnten und ſtreckten ſich auf dem Decke im Sonnenſcheine, augenſcheinlich recht froh, nicht auf dem Meeresgrunde zu liegen, und gewiß auch zufrieden, keine Hand bei irgend einer Arbeit anlegen zu dürfen. Benedetto überſchaute ſuchend dieſe Gruppen, er ſpähte nach Jemand, und endlich hatte er dieſen gefunden, den Steuermann der Maddalena. Dieſer ſchien ſich noch weit unbehaglicher zu fühlen als der Patron ſelbſt und ſich gefliſſentlich vor Aller Augen zu verbergen, ſei es nun aus Scham, daß er am Steuer geſtanden und das Schiff doch verloren gegangen, was einen Steuermann zu Zeiten wohl in Verzweiflung ſetzen kann, oder ſei es aus ſonſt einem Grunde. Der Mann hatte ſich zwiſchen Tauen und Fäſſern ein Lager gewählt und ſaß hier, den Hut nach Gewohnheit tief in die Augen gedrückt. Auf dieſen Mann ſchritt nun Benedetto zu und ſchlug ihn ziem⸗ lich derb auf die Schulter, den Ueberraſchten dadurch veranlaſſend, aufzuſchauen; aber kaum hatte er einen Blick auf den vor ihm Stehen⸗ den geworfen, als er wie erſchrocken zuſammenſchauerte und noch eiliger als er aufgeſchaut ſein Geſicht wieder zu verbergen ſuchte. Benedetto lächelte über dieſes Benehmen. „Guten Morgen, Baron Danglars!“ ſagte er halblaut. Der Steuermann fuhr heftig zuſammen und ſeine Bewegungen zeigten deutlich das Beſtreben, womöglich in ſich ſelbſt zuſammen zu kriechen; aber er antwortete nichts, nur ein unterdrücktes Murren und Brummen ließ ſich vernehmen.. Benedetto ließ ſich aber dadurch nicht abweiſen, er rüttelte den Mann heftiger an der Schulter. „Guten Morgen, Herr Baron,“ wiederholte er jetzt lauter, „mich freut es, Sie endlich zu treffen, und ſehe keinen Grund, ſich verbergen zu wollen vor einem alten Freunde.“ „Laßt zitternder 1„ Ihr ſprech lena und „ dätto noch Baron De eUm nennt dieſe nicht meh Welt nie trägt.“ „D. wiſſen, j mehr Be⸗ cognito z deshalb meinen ,6 „d. „denn w haben.“ „W G Pläne n Da „M Mann kann mi die— A „ nedetto. der ſo i, Die H. 9 der 3„ Laßt mich in Ruhe, Menſch,“ brummte der Angeredete mit fenen 3 zitternder Stimme,„ich kenne Euch nicht und weiß nicht, von was dſh 3 Ihr ſprecht. Ich bin nur der arme Steuermann von der Madda⸗ ſand lena und weiß von dem Allen nichts, was Ihr da von Baronen gigr plappert.— Geht Curer Wege.“ 1 rüter„Ich aber weiß es recht gut, mit wem ich ſpreche“ fuhr Bene⸗ Kcai detto noch lauter fort.„Ich werde doch meinen Schwiegervater, den Baron Danglars, nicht ſo ſchnell vergeſſen haben.“ hnten„Um Gottes Willen,“ fuhr da der Steuermann zitternd auf, inlic 4 nennt dieſen Namen nicht mehr, es giebt keinen ſolchen mehr.“ cuch„Begreife, begreife,“ ſagte Benedetto.„Sie geſtehen es alſo doch n. 1 ein, daß Sie einſt jenen Namen führten?“ nach„Ja, ja, aber ich beſchwöre Sie, Benedetto, nennen Sie den Namen in der nicht mehr, ich bin nur noch der Steuermann Jacopo, der auf der en ads Welt nichts mehr hat, als die paar Lumpen, die er auf dem Leibe pergen, trägt.“ Schif„Der Herr Baron reiſen incognito. Ich werde dies zu ehren blin wiſſen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich vor der Welt nicht der mehr Benedetto genannt werde, denn auch ich habe Gründe, im In⸗ t und ia cognito zu reiſen, und vielleicht weit gewichtigere als Sie; ich habe t deshalb von der löblichen Sitte der Jetztzeit Gebrauch gemacht und ziem⸗ meinen Namen geändert, nenne mich alſo jetzt Alphonſe von Sanville.“ aſſenn,„Gut, Herr von Sanville alſo,“ wiederholte Danglars. ztehen⸗„Vergeſſen Sie das nicht, Signor Jacopo,“ warnte Benedetto noch„denn wir können noch lange und ausdauernd mit einander zu thun ſie. 1 haben.“ 3„Was ſoll ich Ihnen, Herr?“ „Ganz einfach, Sie ſollen mit mir zur Ausführung gewiſſer sungen Pläne wirken.“ mmen Danglars ſah ihn mißtrauiſch an. burten„Mein Herr,“ ſagte er nach einer Pauſe,„dazu dürfte ich der 1 Mann gar nicht ſein. Ich kenne Manches von Ihrer Vergangenheit, te den kann mir das Andere denken, und habe wahrhaftig wenig Luſt auf die— Galeere.“ lauter,„O, darum handelt es ſich gar nicht, Signor,“ entgegnete Be⸗ d, ſich nedetto.„Es handelt ſich vielmehr um die Züchtigung eines Dämons, der ſo viel Unheil angeſtiftet, daß die härteſte Züchtigung noch zu Die Hand des Tobten. 6 82 gelind erſcheinen dürfte. Auch Sie haben mit dieſem Dämon eine Abrechnung zu halten, denn durch ihn ſind Sie in dieſe Lage ge⸗ kommen: Monte Chriſto!“ Danglars fuhr zuſammen und ſchaute mit furchtſamen Blicken umher. „Sprechen Sie dieſen Namen nicht aus,“ flüſterte er,„er klingt zu furchtbar in meinen Ohren, und wer ſteht uns dafür, daß er nicht unter irgend einer Geſtalt auf dem Schiffe iſt, und durch dieſe paar Worte aufmerkſam gemachkt, hervortritt, mich noch tiefer in das Ver⸗ derben zu ſtürzen, als ich es ohnehin ſchon bin.“ „Sie haben gewaltige Furcht vor Jemand, der doch auch nichts weiter als ein Menſch iſt,“ ſagte Benedetto mit höhniſchem Lächeln. „Ich fürchte ihn nicht, habe ihm vielmehr den Krieg auf Leben und Tod erklärt, und ich biete Ihnen das Bündniß an, damit Sie auch einen Theil an dem Ruhme gewinnen, dieſen Dämon beſiegt zu haben.“ Danglars zitterte merklich und bat Benedetto, wenigſtens hier nicht von dieſer Sache zu ſprechen, da ſie leicht belauſcht werden könnten. „ Ich würde nicht der Geſchichte erwähnen, wenn ich nicht meine dringenden Gründe hätte, mir Verbündete zu werben. Daher wer⸗ den wir noch viel zuſammen ſprechen müſſen,“ ſagte Benedetto. .„Nur hier nicht,“ bat Danglars.„In kurzer Zeit erreichen wir den Hafen, und dann finden wir wohl eher einen Platz, wo wir un⸗ belauſcht reden können.— Danglars Angſt wurde merklich. Benedetto zuckte mitleidig die Achſeln und ſtimmte bei, daß die weitere Unterhandlung über jenen Gegenſtand auf dem Lande geſchehen ſolle, das man bald erreichen mußte, da ſchon die Thürme von Civita⸗Vecchia in der Ferne über dem Waſſer emporragten. „Noch etwas habe ich Ihnen zu ſagen, Signor Steuermann,“ ſagte er lauernd.„Fräulein Eugenie Danglars iſt an Bord; ſoll ich Sie ihr vorſtellen?“ Bei dieſer Nachricht fuhr Danglars von Neuem erſchrocken zu⸗ ſammen und verbarg ſein Geſicht in den Händen. „Um Himmels Willen nicht!“ ſtöhnte er.„Eugenie ſoll mich ſo nicht ſehen.“ Benedetto lächelte ſpöttiſch. „Sie Ihnen mit wollen. T Er el „die Dann ſuch ſich ſchefe ſict zu non eine goe age ge⸗ — Blicken „et klingt Fer nicht teſe paar das Ver⸗ c nichts Lächeln. ben und le auch haben.“ ns hiet könnten. t meine ſet wer⸗ tto. cen wir wir un⸗ dig die tjenen rreichen ne über mann,“ —; ſoll en zl⸗ 1 mich — 83 „Sie ſind ein zärtlicher Vater,“ ſagte er dann.„Ich glaubte Ihnen mit dieſer Nachricht eine Freude zu machen. Nun, wie Sie wollen. Wir ſehen uns dann wieder.“ Er entfernte ſich. „Die Peſt über Dich, Schurke!“ flüſterte ihm Danglars nach. Dann ſuchte er ſich noch tiefer in die Taue zu wühlen und ſtellte ſich ſchlafend, um auf ſolche Weiſe vor aller weiteren Störung ge⸗ ſichert zu ſein. 6* Zwölftes Kapitel. Die Verſchwörung in Civita⸗Becchia. Wenn Ctwas nur der Menſch recht ernſtlich will, Steht er auf ſeinem Pfade nie ſtill. Alter Spruch. Nach wenigen Stunden lief der Dampfer Hektor im Hafen zu Civita⸗Vecchia ein und landete ſeine Paſſagiere, deren Ziel faſt ohne Ausnahme Rom war, ſowie die gerettete Mannſchaft und die Paſſa⸗ giere der untergegangenen Maddalena. Danglars hatte es ſehr eilig, an das Land zu kommen, und ſchien nicht abgeneigt, ſich ſogleich unter die am Hafen ſich ſammelnden Gruppen zu verlieren; allein Benedetto, welcher ihn nicht aus den Augen gelaſſen hatte, war ſchnell an deſſen Seite und wich nicht mehr von ihm, ſo daß ihm ſein Fang nicht mehr entſchlüpfen konnte, Danglars mochte im Geheimen über dieſe aufgedrungene Begleitung ſo viel fluchen, als er wollte. Als Benedetto endlich einen Platz in einer einſamen Kneipe ge⸗ funden hatte, wo ſich ſprechen ließ, ohne daß Belauſchung zu fürchten war, begann er wieder das Geſpräch mit Monte Chriſto zu bringen, ſo ſehr auch Danglars widerſtrebte, ja, er wußte ihn zuletzt dahin zu bringen, daß er ihm ſeine Lebensgeſchichte erzählte. Danglars war früher Seemann geweſen, war zum Steulermann avancirt und endlich Supercargo auf dem Schiffe Pharaon, Eigen⸗ thum des Hauſes Morrel in Marſeille, geworden. Bei einer im Jahre 1815 unternommenen Fahrt dieſes Schiffes, welche der Kapi⸗ tän Leclerc kommandirte, hatte ſich als Lieutenant der junge Edmond. Dantes an Bord befunden. Der Pharaon legte auf dieſer Fahrt bei Elba an, wo ſich damals noch Napoleon befand, und der Kapitän wie der Lieutenant hatten ſich faſt einen Tag in Porto Ferrajo auf⸗ ¹ gehallen. Dantes nic ihm auch Danglar der milche lich das K Aber ich m Bald kam liefen, war Schiff wie des Phara Handumde worden. naſeweiſen ſiht meht than mein nand, eine Mereedes, als bonap bringen ſe „Ga „Nu vethafket, natüclich Phargon, war die Erj dieſes Be zu erze geweſen, Morral h. düſter Con Jüt des für die fr daß er d hlich vil, luch. Pafen zu aſt ohne e Paſſa⸗ br eilig, ſogleich zallein am ſchnell in Fang nen über eipe ge⸗ fürchten bringen, dahin ermann Eigen⸗ ner im Kapi⸗ Amond nort bei apitän jo auf⸗ 85 gehalten. Unterwegs war der Kapitän geſtorben und hatte Edmond Dantes nicht nur das Kommando des Schiffes übertragen, ſondern ihm auch Briefe anvertraut, welche er auf Elba erhalten hatte und die er nach Paris bringen ſollte. „Ich war ſchon ein alter Seemann, der Erfahrung hatte,“ fuhr Danglars fort,„und ſo mußte es mich nothwendig ärgern, daß mir der milchbärtige Edmond vorgezogen wurde, während mir doch eigent⸗ lich das Kommando nach dem Tode des Kapitäns gebührt hätte. Aber ich mußte mich fügen und meinen Aerger hinunterſchlucken. Bald kam es noch beſſer. Als wir in den Hafen von Marſeille ein⸗ liefen, war der alte Morrel ſo erfreut, das ſchon verloren geglaubte Schiff wiederzuſehen, daß er dem jungen Burſchen das Kommando des Pharaon wirklich übergab. Edmond Dantes war Kapitän im Handumdrehen und meine Ausſichten waren wieder zu Waſſer ge⸗ worden. Das verdroß mich, daß ich unter den Befehlen eines ſolchen naſeweiſen Burſchen ſtehen ſollte, und ich kannte nun auch keine Rück⸗ ſicht mehr.— Ich erfüllte nun nur meine Pflicht als getreuer Unter⸗ than meines Königs, als ich im Verein mit dem Catalonen Ferdi⸗ nand, einem jungen Soldaten, dem die Geliebte Edmonds, die hübſche Mercedes, in die Augen ſtach, den neubackenen Kapitän im Geheimen als bonapartiſtiſchen Agenten anzeigte, der Briefe von Elba nach Paris bringen ſollte.— Das zu thun war gewiß nur meine Pflicht.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Benedetto ironiſch. „Nun, es wirkte,“ erzählte Danglars weiter,„der Edmond wurde verhaftet, die Briefe fanden ſich vor, und das Weitere war dann natüclich nicht meine Sache. Ich erhielt die Kapitänsſtelle des Pharaon, mein College Ferdinand heirathete Mercedes, und ſo weit war die Sache ganz gut, wir konnten zufrieden ſein.“ Er fuhr dann fort, ſein übriges Leben zu ſchildern, doch kannte dieſes Benedetto von anderer Seite ſchon ausführlicher, als Danglars es zu erzählen für gut fand. Danglars war nicht lange Kapitän geweſen, er hatte Marſeille verlaſſen und die Empfehlungen des Herrn Morrel hatten ihm bei einem ſpaniſchen Banquier die Stelle als erſter Commis verſchafft, die er dann gut zu benutzen verſtand. Zur Zeit des ſpaniſchen Krieges übernahm er einen Theil der Lieferungen für die franzöſiſche Armee, und dieſe Geſchäfte gingen ſo glänzend, daß er dabei zu dem wurde, was man einen gemachten Mann nennt. 3 . 86 Nun begann er das Börſenſpiel, und durch daſſelbe ſtieg ſein Ver⸗ mögen mit reißender Schnelle, daß er bald zu den reichſten Leuten von Paris zählte und es Niemand auffiel, als er, zum Wittwer ge⸗ worden, mit der Frau von Nargonne ſich verheirathete, deren Vater bei dem Hofe in großer Gunſt ſtand. Dieſes vollendete ſein Glück; Danglars wurde zu allen größeren Geldgeſchäften, die den Staat be⸗ trafen, zugezogen und machte enormen Peofit, ſeine Millionen mehrten ſich, und der König ernannte ihn zum Baron. Niemand konnte glänzender leben als der ehemalige Supercargo des Pharaon. So war es fotgegangen bis zu dem Zeitpunkte, da der wunder⸗ bare Graf Monte Chriſto in Paris aufgetreten war, verſehen mit einem unbegrenzten Credit auf das Haus Danglars, welchen er ſo⸗ gleich benutzte. Mit dieſem Erſcheinen begannen auch die Unglücks⸗ fälle des Banquiers: der Graf päſentirte fortwährend neue Wechſel und zog dadurch das baare Geld aus dem Geſchäfte, nöthigte ſogar dadurch Danglars, der ſich ihm gegenüber keine Blöße geben wollte, bei anderen Häuſern Gelder aufzunehmen, und endlich verlor Dang⸗ lars in Folge einer falſchen telegraphiſchen Depeſche, welche ihn zu einer gewagten Speculation verleitete, über ein Drittel ſeines Ver⸗ mögens auf einen Schlag.— Zuletzt hatte Monte Chriſto noch zwei furchtbare Schläge gegen Danglars geführt, den er ſich zum Opfer erkoren, er hatte den Galeerenſträfling Benedetto unter dem Namen Prinz Cavalcanti in das Haus Danglars geführt, welcher um Eugeniens Hand werben mußte, und endlich entnahm er auf ein Mal fünf Millionen von dem Banquier, dieſer mußte anvertrautes Geld zu dieſer Zahlung benutzen, und dann, nachdem auch die Ge⸗ ſchichte mit Benedetto ſein Haus mit Schimpf beladen, als Bankrotteur fliehen. Er war mit einer zuſammengerafften Geldſumme von fünf Millionen nach Italien gegangen, hier aber in die Hände des berüch⸗ tigten Luigi Vampa gefallen, der ihm Alles bis auf den letzten Heller abpreßte; dann hatte er zum letzten Male den Grafen Monte Chriſto geſehen, der ſich ihm als jenen Edmond Dantes zu erkennen gegeben, den er einſt aus Neid in's Unglück geſtürzt. „Alſo Edmond Dantes war es?“ fragte Benedetto verwundert. „Dieſer hatte freilich keine Urſache, Ihnen dankbar zu ſein, Herr Baron, aber er hat ſich gewiß auch keinen Anſpruch auf Ihre Dank⸗ barkeit erworben. Wie ging es Ihnen, nachdem Sie aus der Räuber⸗ hähle entlo dieſer Bedi 9*⁴ Fünfzigtau hätte ich Dantes ſte jagte. Hi um in det ich zu ſehr wo von ze aber verun kam ein 6 foſt gum noch eiwo ſonſt mit Dan welches p „Mit derttauſend „So ich nach C wäre, deſt Handel an mich in d licher Bett einem Un alten See überhaupt Kehle ſteh bis zum ſeinem W „Ja fännen: nict ins zugefügt, M „Wit „Hal in Ver⸗ Leuten wer ge⸗ Yater Glück— taat be⸗ mehrten konnte vunder⸗ een wit er ſo⸗ unglücks⸗ Wechſel ie ſogar wollte Dang⸗ ihn zu es Ver⸗ och zwei n Opfer Namen ber um auf ein ttrautes die Ge⸗ krotteur on fünf berüch⸗ Heller Chriſto 87 höhle entlaſſen waren? Erzählen Sie mir Alles, denn nur unter dieſer Bedingung mache ich Ihre Sache auch zu der meinen.“ „O.“ ſagte Danglars,„meine Geſchichte lautet nicht erfreulich. Fünfzigtauſend Franken hatte mir der Graf gelaſſen, und mit dieſen hätte ich in Rom Etwas anfangen können, aber dieſer Edmond Dantes ſtand immer vor meinen Augen, daß er mich nach Neapel jagte. Hier kaufte ich mir in der Umgegend eine kleine Beſitzung, um in der Verborgenheit zu leben und Landbau zu treiben; doch war ich zu ſehr das Geſchäftsleben gewohnt, ich fing Speculationen an, wo von zehn gerade die unbedeutendſte gelang, die übrigen neun aber verunglückten und mein letztes Vermögen verſchlangen. Dazu kam ein Erdſtoß, welcher mein Landgut verwüſtete und mich vollends faſt zum Bettler machte. Ich behielt von den fünfzigtauſend Franken noch etwa tauſend, gewiß eine große Summe für einen Mann, der ſonſt mit Millionen ſpielte.“ Danglars zwang ſich bei dieſen Worten zu einem Gelächter, welches philoſophiſch ſein ſollte, aber ziemlich unglücklich ausfiel. „Mit tauſend Franken kann ein kluger Mann immer noch hun⸗ derttauſend verdienen,“ meinte Benedetto. „So dachte ich auch,“ entgegnete Danglars,„und deshalb ging ich nach Genua zurück, des guten Glaubens, je näher ich Frankreich wäre, deſto günſtiger müſſe mir das Glück ſein; ich fing einen kleinen Handel an, aber gewohnt, Alles im Großen zu treiben, konnte ich mich in das Kleine nicht finden und ſtand in kurzer Zeit als wirk⸗ licher Bettler da, ſo daß ich, wollte ich nicht verhungern, mich nach einem Unterkommen umſehen mußte. Ich erinnerte mich meines alten Seegewerbes, zu dem ich noch die meiſte Luſt verſpürte, wenn überhaupt von Luſt die Rede ſein kann, wenn das Meſſer an der Kehle ſteht; ich ging auf einen Küſtenfahrer und habe es da noch bis zum Steuermann gebracht. Dieſer Edmond Dantes kann mit ſeinem Werke zufrieden ſein.“ „Ja,“ ſagte Benedetto,„aber auch ich hoffe, einſt ſagen zu können: Ich bin mit meinem Werke zufrieden. Danglars, brennt es nicht in Ihrer Seele, wenn Sie bedenken, was Ihnen dieſer Menſch zugefügt hat?“ „Wie Höllenfeuer!“ „Haben Sie nicht die Sehnſucht der Wiedervergeltung?“ 88 „Gewiß, gewiß, ſehe ich, was ich ſonſt war und was ich jetzt bin, ſo möchte ich ihm das Herz aus dem Leibe reißen. Es iſt wahr, ich habe dieſem Edmond einſt einen Streich geſpielt, doch erfüllte ich da nur die Pflicht als Unterthan des Königs, welcher ſtaatsge⸗ fährliche Umtriebe anzeigen ſoll und muß, und das verdiente keines⸗ wegs die grauſame Rache, der ich ausgeſetzt war.“ Monte Chriſto, ſcheint es, hat auf dieſen Entſchuldigungsgrund nicht gedacht.— Ich werde freilich auch ihm gegenüber auf keinen ſolchen Grund denken.— Ich habe ſchwere, ſehr ſchwere Abrechnung mit dem Grafen zu halten. Danglars oder Jacopo, wollen Sie mir beiſtehen, den Grafen Monte Chriſto zu bekämpfen?“ Danglars zuckte bei dieſen Worten merklich zuſammen. „Ich bin froh, wenn ich mit dieſem Menſchen in keine Berühr⸗ ung mehr komme,“ ſagte er endlich.„Ein Kampf mit ihm iſt Ver⸗ wegenheit.“ „Sie ſcheinen ſehr wenig Muth zu haben,“ meinte Benedetto ſpöttiſch.„Aber beruhigen Sie ſich, ich nehme die Hauptſache auf mich und räche Sie zugleich mit, ſie ſelbſt haben nur Ihre Mit⸗ wirkung zuzuſichern.“ „In wie ſern?“ „Sie ſcheinen die Gewäſſer an der Küſte Italiens wenigſtens zu kennen, da Sie ehemals Seeweſen getrieben haben und jetzt wieder treiben. Kennen Sie eine Inſel Monte Chriſto?“ „Ich glaube davon gehört zu haben, doch zu finden wüßte ich ſie nicht.“ „Aufzufinden wird ſie aber dennoch ſein. Hören Sie, ich habe gegründete Vermuthung, daß jene Inſel, die wohl kaum mehr als eine kahle Klippe ſein kann, das Geheimniß der Reichthümer des Grafen umſſchließt, daß ſie die Quelle iſt, aus welcher er ſeine fabel⸗ haften Schätze geſchöpft. Bemächtigen wir uns derſelben, ſo iſt ein wichtiger Theil der Macht dieſes Dämons gelähmt, und wir hingegen ſetzen uns in den Beſitz der Mittel, an dem Verderben deſſelben zu arbeiten und ſo das Rachewerk zu vollbringen; Monte Chriſto kämpft nur mit Millionen und kann erfolgreich nur mit Millionen bekämpfte werden. Sind wir erſt im Beſitz der Inſel, mein lieber Jacopo, ſo finden wir hoffentlich auch Ihre verlorenen Millionen daſelbſt wieder, und wäre das nicht ein Triumph für Sie, wenn Sie, die Hände voll Gold, nach aufticheten Scweigen Dan „Köt fort.„ beginnen. Schlage dieſes nic „Sie „Hab nedetto we ſpiece I gewiß aiſ Mühe ni gehindert .»Ko nur erſt „Sie denäußeru aber widd Wetk dor deſſelben er dann n Varke ge bekanntſe und vern d jetzt wahr, ſeefüllte nalsge⸗ kines⸗ zgrund keinen chnung je mir erühr⸗ iſt Ver⸗ enedetto he auf Mit⸗ igſtens wieder ißte ich h habe hr als ier des fabel⸗ iſt ein ngegen den zu kämpft fämpft opo, ſo wieder, de voll 89 Gold, nach Paris zurückkehrten, dort die alte glanzvolle Firma wieder aufrichteten und alle Ihre Feinde und Neider auf ſolche Art zum Schweigen brächten?“ Danglars Augen leuchteten vor Begierde. „Können Sie ſich etwas Beſſeres wünſchen?“ fuhr Benedetto fort.„Ihr früheres glanzvolles Leben in Paris könnten Sie wieder beginnen. Mit einem Schlage waren Sie ruinirt und mit einem Schlage werden Sie wieder zu einen reichen Mann erhoben.— Iſt dieſes nicht einer kleinen Mühe werth?“ „Sie haben Recht!“ rief Danglars voll Lebhaftigkeit. „Haben wir nur erſt die fabelhafte Inſel gefunden,“ ſprach Be⸗ nedetto weiter, ſo entgehen uns die Schätze gewiß nicht, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen nicht nur einen guten Theil davon, der Ihren Verluſt gewiß erſetzt, ſondern auch, daß ich von jenem Augenblicke an Ihre Mühe nicht mehr in Anſpruch nehme; Sie können dann ſogleich un⸗ gehindert nach Paris gehen, alles Andere nehme ich auf mich.“ „Koſtbar!“ ſchmunzelte Danglars, ſich die Hände reibend.„Wer nur erſt jene Zauberinſel gefunden hätte!“ „Sie wird ſich finden,“ tröſtete Benedetto, der lächelnd den Freu⸗ denäußerungen des gefallenen Banquiers zuſah.„Für jenen Dämon aber wird es ſchon furchtbare Strafe ſein, wenn er ſieht, wie ſein Werk doch nur theilweiſe gelungen und Sie wieder auf dem Gipfel deſſelben Glückes ſich befinden, von dem er Sie herabgeſtürzt. Daß er dann weder Ihnen noch ſonſt Jemand ſchadet, dafür werde ich ſorgen.“ „Können Sie das?“. „Verlaſſen Sie ſich auf mein Wort. Schon durch den Verluſt ſeiner Schätze iſt ſeine Macht gelähmt.— Nun, willigen Sie ein?“ „Ganz gewiß!“ Er reichte Benedetto ſeine Hand hin und dieſer ſchüttelte ſie herzhaft. „Was habe ich nun zu thun?“ fragte Danglars nach einer Pauſe. „Vor allen Dingen müſſen wir ein tüchtiges Fahrzeug zu er⸗ werben ſuchen,“ antwortete Benedetto. „Dazu gehört aber Geld.“ „Dafür ſorge ich, mein lieber Danglars.— Sowie nur die Barke gefunden, zahle ich.— Dann werden Sie hoffentlich einige Bekanntſchaft unter den Küſtenbewohnern haben, um die entſchloſſenſten und verwegenſten für uns anzuwerben; kräftige Kerle müſſen es ſein 90 die weder Feuer noch Waſſer ſcheuen, damit wir uns für alle Fälle ouf ſie verlaſſen können, wenn ja jene Inſel Bewachung hätte, denn ſo geradezu unbeſchützt wird jener Dämon ſeine Schätze wohl nicht laſſen.“ „Das meine ich auch,“ erwiderte Danglars mit bedenklichem Kopfſchütteln. Benedetto achtete dieſes nicht, ſondern fuhr fort: „Ich behalte mir die Oberleitung des Ganzen vor, Sie aber, als Seemann, übernehmen das Commando der Barke.“ „Zugeſtanden.“ „Und dann ſtrenge Verſchwiegenheit über unſeren Zweck.— Bedenken Sie, daß die Wiederherſtellung Ihres Glückes davon ab⸗ hängig iſt.“ Benedetto zog ſeine Börſe. „Keine Silbe, kein Laut davon ſoll über meine Lippen kommen,“ betheuerte Danglars. „Hier ſind hundert Napoleons für den Anfang,“ ſagte er.„Be⸗ dürfen Sie mehr, ſo kommen Sie zu mir.“ Danglars ſteckte das Röllchen begierig ein. Man ſah, wie der Beſitz des Geldes den Muth des alten Schurken erhöhte. „Nun an das Werkl“ rief Benedetto. „Ich eile!“ ſtimmte Danglars bei und erhob ſich. „Halt,“ rief Benedetto.„Noch Etwas!— Wir müſſen zugleich zu erfahren ſuchen, wo dieſer Monte Chriſto ſich aufhält. Und um dieſes ſicher erfahren zu können, müſſen wir noch Verbündete gewinnen.“ „Verbündete?— Woher?“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß Fräulein Eugenie ebenfalls mit dem Dampfer gelandet iſt; ſie will mit ihrer Freundin nach Rom und iſt jedenfalls noch hier. Wir müſſen ſie aufſuchen.“ „Um Himmels Willen nicht!“ rief Danglars abwehrend. „Was haben Sie dagegen!“ „Ich kann mich nicht entſchließen, ſo vor die Augen meiner Tochter zu treten, wie ich jetzt bin, das begreifen Sie.— Wenn Sie durchaus mit Eugenie ſprechen wollen und müſſen, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb dieſes nicht auch ohne mich gehen ſollte.“ „Es geht doch nicht, denn Eugenie hat Vorurtheile gegen mich, ſo daß ſie meine Nähe flieht und, wenn ich vor ſie trete, mich zurück⸗ weif. 6 einander; ſein, Hert wenigſten ſteehen, Weitere 1 halten Dan ſinem v dieſes bei allein Be Wünſchen „Wi veteint d einmal d gegenube ſoll das Die „W Doch vor der! beſeiti legenet? machte f Tochter; ugleich Id Um nnen.“ enfalls H Rom 91 weiſt. Sie würde mich nicht einmal anhören, wenn ich ihr aus⸗ einander zu ſetzen ſuchte, um was es ſich handelt. Sie müſſen dabei ſein, Herr Baron, Ihr väterliches Anſehen wird Eugenie bewegen, wenigſtens meinen Vortrag anzuhören, und iſt nur erſt dieſes ge⸗ ſchehen, weiß ſie, um was es ſich handelt, ſo wird ſich auch das Weitere finden. Eugenie hat ja mit dem Dämon auch Abrechnung zu halten, das wiſſen Sie ſo gut wie ich.“ Danglars zog ein etwas ſonderbares Geſicht, als Benedetto von ſeinem väterlichen Anſehen ſprach, denn er wußte zu gut, wie viel dieſes bei ſeiner Tochter galt, und deshalb widerſprach er immer noch, allein Benedetto ſetzte ihm fortwährend zu, bis er ſich endlich den Wünſchen des jungen Mannes gefügiger zeigte. „Wie, Jacopo?“ ſagte endlich Benedetto,„Sie wollen mit mir vereint dem Grafen Monte Chriſto entgegen treten, und haben nicht einmal den Muth, in meiner Begleitung ſich einem jungen Mädchen gegenüber zu ſtellen, welches noch dazu Ihre eigene Tochter iſt? Wie ſoll das werden?“ Dieſes entſchied. „Wenn es denn durchaus ſein muß!“ ſagte er.„Ich bin bereit.“ Doch in ſeiner mitgenommenen Kleidung wollte Danglars nicht vor der Tochter Augen treten; dieſes letzte Hinderniß wurde leicht beſeitigt, und in ſtattlicher Seemannskleidung, aber mit ziemlich ver⸗ legener Miene und den Hut möglichſt tief in das Geſicht gedrückt, machte ſich Danglars am Arme Benedetto's auf den Weg, um die Tochter zu ſuchen. Dreizehntes Kapitel. Verunglückte Werbung. Ein harmlos Herz verzeiht dem Feind' Nach Racheluſt verlangt es nicht, Vergebung iſt ihm heil'ge Pflicht. Müller. Unter dem Schutze der edlen Mercedes hatten Eugenie und Louiſe den Dampfer verlaſſen und das Land betreten. Sie trugen auf den ausdrücklichen Wunſch ihrer neuen Beſchützerin weibliche Kleidung, da unter den wenigen von der Maddalena geborgenen Effeeten ſich auch Eugeniens kleiner Reiſekoffer befunden hatte, und ſie demnach in den Stand geſetzt waren, eine paſſende Toilette zu machen. Mercedes trug Trauergewänder, auch hatte ſie das Geſicht mit einem dichten, ſchwarzen Schleier bedeckt, ſo daß ſie von den heiteren, anmuthigen Geſtalten der beiden Mädchen auffallend abſtach. Man konnte ſie für eine geiſtliche Gouvernante halten, welche ihre Schutz⸗ befohlenen auf Reiſen begleite, und dieſe Beinerkung machte Louiſe auch leiſe gegen ihre Freundin. „Ich habe Sie noch nicht gefragt, meine jungen Freundinnen, wohin Sie ſich von hier zu wenden gedenken,“ nahm endlich Mercedes das Wort.„Wollen Sie mir es jetzt ſagen? Vielleicht, daß wir vor der Hand ein gleiches Ziel haben?“ „Wir wollen nach Rom,“ erwiderte Eugenie,„und es würde uns freuen, wenn auch Sie dahin reiſen. „Sie haben es errathen, auch ich will nach Rom,“ antwortete Mercedes.„Sind Sie dort bekannt?“. „Wir kennen dort wirklich Niemand,“ geſtand Eugenie. ſich in ein gleitung „Ach Städten! lernt hab allein wec ſccheuen ſo angenehm Grafen J Merc „Und ſie. Ei Kom wie Die als ſie d „J verſicherte „Un man wü begegnen. „De die Welt der Men, — Wohl treibt mie gelobte, Del regte ſich dieſe ſo ihr Glüc geflützt „Si und habe „Er „Er ſeltſt au cht mit eiteren, Man Schüͤtz⸗ Louiſe dinnen, ertedeẽ vir vor würde worlete „Dann ſcheint es mir doch gewagt für zwei junge Mädchen, ſich in eine ihnen wildfremde Stadt zu begeben, ohne ſchützende Be⸗ gleitung zu haben,“ ſagte Mercedes. „Ach,“ rief Louiſe lebhaft,„wir ſind ſchon in ſo vielen fremden Städten ohne Begleitung geweſen, daß wir darüber alle Furcht ver⸗ lernt haben.— Was ſollte für uns zu fürchten ſein? Wir gehen allein wegen der Kunſt nach der ewigen Stadt, und wenn wir Etwas ſcheuen ſollten, ſo wären es die Banditen, von denen man uns nicht angenehme Dinge erzählte und auch des Zuſammentreffens mit dem Grafen Monte Chriſto würden wir recht gern überhoben ſein.“ Mercedes ſeufzte bei der Nennung dieſes Namens. „Und ich hingegen hoffe, den Grafen in Rom zu treffen,“ ſagte ſie.„Ein Gerücht will wiſſen, er ſei nach langer Abweſenheit in Rom wieder aufgetaucht.“ Die beiden Mädchen ſchauten mit großen Augen auf Mercedes, als ſie dieſe Worte vernahmen. „Ich habe lange nichts von dieſem fabelhaften Grafen gehört,“ verſicherte Louiſe. „Und ich,“ ſetzte Eugenie leiſe hinzu,„und ich begreiſe nicht, wie man wünſchen kann, einem ſo Unheimlichen, wie Monte Chriſto, zu begegnen. Ich möchte ihn faſt für einen ſchon Geſtorbenen halten.“ „Der Unglückliche,“ ſeufzte Mercedes,„wohl war er ſchon für die Welt geſtorben, er lebte als Lebendigbegrabener, und die Falſchheit der Menſchen ſenkte das furchtbare Gift in ſein ſonſt ſo edles Herz. — Wohl trete auch ich nicht mit leichtem Herzen vor ihn, und doch treibt mich eben das Herz, ihn aufzuſuchen, obgleich ich mir einſt gelobte, ihn nie mehr zu ſehen. Der Mädchen Erſtaunen wuchs bei dieſen Worten, und zugleich regte ſich in ihnen die weibliche Neugier, zu erforſchen, was denn dieſe ſo ſchwergeprüfte Frau zu dem Manne treiben könne, der auch ihr Glück zertrümmert und ſie von der Höhe des Glanzes herab⸗ geſtürzt hatte. „Sie ſcheinen den Grafen Monte Chriſto vertheidigen zu wollen und haben doch durch ihn ſo viel gelitten,“ ſagte Eugenie. „Er litt noch mehr durch die Menſchen,“erwiderte Mercedes ſeufzend. „Er hat ſich als Ihr Feind gezeigt und Sie wollen ihn dennoch ſelbſt auffuchen?“ fragte Louiſe. 94 „Sollte dieſer Mann je mein Feind geweſen ſein, ſo habe ich ihm dieſes ſchon längſt verziehen,“ ſagte Mercedes.„Ich ſuche ihn auf, ja, aber dazu treibt mich das Mutterherz, und dieſes verlangt in allen Fällen ſeine Rechte.“ „Sie meinen Albert Morcerf?“ rief Eugenie voll Theilnahme. „Was macht der arme, junge Mann?“ „Ich fürchte, es geht ihm ſehr traurig,“ erwiderte Mercedes mit ſchmerzbewegter Stimme.„Nach jenen Unglücksfällen, welche meine Familie trafen, gingen wir nach Marſeille, wo ich in dem Dorfe der Catalanen, meinem Geburtsorte, meine Wohnung nahm, mich dort mit meinem Schmerze zu verbergen. Albeit ſchied von mir, er ging nach Algier, ſich dort einen neuen Namen zu erkämpfen, nachdem der Name ſeines Vaters vor der Welt beſchimpft war. Er kam glücklich dort an und ſtritt muthig, wie ich aus ſeinen Briefen entnehmen konnte. Als guter Sohn ſendete er mir von Zeit zu Zeit Geld, welches er ſich erſpart, damit ich nicht Mangel leiden ſollte; ich hätte deſſen nicht bedurft, denn ich erwarb mir ſelbſt einiges, was für meine geringen Bedürfniſſe hinreichte, und mehr verlangte ich nie. Von Zeit zu Zeit erhielt ich von unbekannter Hand Geldſummen zugeſtellt, aber ich habe ſie nie berührt, um ſie entweder dem Geber zurückzu⸗ geben, wenn ich ihn entdectte, oder ſie unverletzt den Händen meines Sohnes zu überliefern, wenn er je aus Afrika's Sandwüſten zurück⸗ kehrte; er ſollte dann nach ſeinem Ermeſſen darüber verfügen. Plötz⸗ lich blieben die Briefe aus, und nachdem ich Monate vergeblich geharrt, kam mir die Kunde, Albert ſei in einem Gefechte in der Kabylen Hände gefallen und von dieſen in das Innere der Wüſte geſendet, wo er als Sclave leben ſoll, ein entkommener Gefangener hat ihn bei einer Karavane geſehen.— Dieſes ſind die letzten Nachrichten, die mir über meinen armen Sohn zukamen. Ich verſank in Verzweiflung, bis mir plötzlich der Name des Grafen Monte Chriſto beifiel. Ich erinnerte mich an Alles, was man von dem räthſelhaften Manne ſagte, ich gedachte der Beiſpiele, wie oft er ſelbſt das am ſchwerſten Scheinende mit wunderbarer Leichtigkeit ausgeführt hatte, und mir kam die Idee, daß nur er im Stande ſei, mir meinen Sohn zurück⸗ zugeben, ihm müßte dieſes möglich ſein. Anfangs ſträubte ſich mein Stolz dagegen, dieſen Mann um irgend Etwas zu bitten, ich wollte mir einreden, lieber zu dulden und den ungeheuren Schmerz dieſes Verluſtes ſt Befteiung Vorwürfe, Freiheit w fönnie, die wenn elne „Gem „So! mit,“ führ geſagt, ich finden, oden ahn zu ſuch hing, anfle ſeine wund Gräfin M Melcedes, „Got „Ich will armen Mu⸗ „Wie dieſer Man „Auch „und in di gehen und gelangen; Unternehme Kraft geben Merce und mit ſo furcht auf Sugenie un „Wohl Beide weitet fort gehen. Dies und dieſe e Lugenie we 95 Verluſtes ſtill zu tragen, hoffend, ein glücklicher Zufall könne Alberts Befreiung herbeiführen, aber das Mutterherz ſiegte; ich machte mir Vorwürfe, daß, wenn ich eine Möglichkeit wüßte, meinem Sohne die Freiheit wieder zu verſchaffen, ich auch nur einen Augenblick zögern könnte, dieſes Mittel zu ergreifen; es iſt ja gewiß nichts Unehrenhaftes, wenn eine Mutter für den Sohn bittend erſcheint.“ „Gewiß nicht, arme Mutter!“ ſagte Eugenie voll Mitleid. „So nahm ich denn die bis jetzt unberührten Geldſummen zu mir,“ fuhr Mercedes fort,„und ſchiffte mich ein, denn man hatte mir geſagt, ich würde den Grafen Monte Chriſto wahrſcheinlich in Rom finden, oder daſelbſt doch den ſicherſten Fingerzeig erhalten, wo ich ihn zu ſuchen habe. Ich will den Mann, der einſt mit Liebe an mir hing, anflehen bei der Erinnerung an verſchwundene ſelige Stunden, ſeine wunderbare Macht anzuwenden, meinen Sohn zu retten, der Gräfin Morcerf würde er es vielleicht verweigern, aber gewiß nicht Mercedes, wenn ſie bittend zu ihm kommt, zum erſten Male bittend.“ „Gott gebe ſeinen Segen dazu,“ rief Eugenie voll Rührung. „Ich will den Grafen achten und verehren, wenn er die Bütten einer armen Mutter erfüllt.“ geſtellt,„Wie aber,“ fiel die beſonnene Louiſe ein,„wie aber, wenn rüczu⸗ dieſer Mann dennoch nicht aufzufinden wäre?“ meines„Auch dieſe Möglichkeit habe ich bedacht,“ antwortete Mercedes, ſwüc„ und in dieſem Falle bin ich entſchloſſen, lelbſt nach Algeeien zu Nlöt⸗ gehen und dort Mittel und Wege zu ſuchen, zu meinem Sohne zu gehart, gelangen; es iſt dies für ein ſchwaches Weib freilich ein ungeheures tabyſlen Unternehmen, aber mein Entſchluß ſteht feſt und Gott wird mir de, vwo Kraft geben, ihn auszuführen.“ ihn bei Mercedes ſprach dieſe Worte mit ſo wunderbar erhobener Stimme en, die und mit ſolchem Ausdrucke, daß die Mädchen mit faſt ſcheuer Ehr⸗ eiflung, fuͤrcht auf ſie ſahen, wie auf eine überirdiſche Erſcheinung, und 1. 3ch EGugenie unwillkürlich ausrief: Manne„Wohl dem, der eine ſolche Mutter hat!“ werſten 1 Beide Mädchen baten nun Mexcedes, ihre Beſchützerrolle noch nd mir weeiter fortzuführen, indem ſie ihnen geſtatte, mit ihr nach Rom zu b zurüt⸗ gehen. Dies war aber der von Mercedes ſelbſt ausgeſprochene Wunſch, t mein und dieſe erbot ſich, für eine Weiterreiſe Sorge zu tragen, damit nolte Cugenie weniger Gefahr liefe, mit Benedetto zuſammen zu treffen, dieſes 96 gegen den ſie den lebhafteſten Widerwillen empfand, obwohl ſie ihm ihr Leben danken mußte. Mercedes ging, um die nöthigen Anſtalten treffen zu laſſen, Eugenie und Louiſe aber wanderten hinaus in's Freie, um einen ein⸗ ſamen Platz aufzuſuchen, den ihnen Mercedes ſchon bezeichnet hatte, wo ſie ſich in friſcher Luft etwas erholen wollten, und wo auch Mer⸗ cedes ſich wieder einzuſtellen verſprochen hatte. Von ihren Ausſichten und Hoffnungen plaudernd, welche ſie in Rom verwirklicht zu ſehen erwarteten, wandelten die beiden Mädchen auf der kahlen Fläche auf und ab, bis ſie in ihrem Geſpräche plötz⸗ lich durch das Nahen zweier Männer unterbrochen wurden, in welchen einen ſie ſogleich Benedetto erkannten, auch der zweite Mann kam ihnen bekannt vor, doch konnten ſie das von dem Hute ſtark beſchat⸗ tete Antlitz nicht ſogleich genau betrachten. Die Freundinnen wollten ſich raſch zurückziehen, um mit Bene⸗ detto nicht in Berührung zu kommen, doch dieſer war ſchneller und vertrat ihnen mit höflichem Gruße raſch den Weg. Auch ſein Be⸗ gleiter war, obwohl langſamer, herangekommen, und jetzt konnten die Mädchen nicht mehr ſo leicht ausweichen. Eugenie warf einen Blick auf den älteren Mann und prallte erſchrocken zurück. „Heiliger Gott, mein Vater!“ rief ſie. Danglars Geſicht wurde bei dieſer raſchen Erkennung noch röther als gewöhnlich; es war ihm fatal, daß alle ſeine Vermummungen doch nicht hinreichend waren, ihn ſo unkenntlich zu machen, als er wohl wünſchte. Aber er faßte ſich ſchnell. „Ja, Dein Vater, Eugenie,“ ſagte er mit ſüßlichem Lächeln, „Dein Vater, der eben ſo erſtaunt iſt, Dich hier zu ſehen, wie Du es ſcheinſt, daß ich hier bin.— Hm, ſo ſpielt nun einmal die Welt. Nun, wie geht es Dir, Töchterchen?“ „So wohl, als es Jemand unter dieſen Verhältniſſen zehen kann,“ entgegnete Eugenie zurückhaltend. „Ich ſollte eigentlich recht böſe auf Dich ſein wegen Deiner heimlichen Abreiſe aus Deines Vaters Hauſe,“ fuhr Danglars fort, indem er ſich zual ein möglichſt würdiges, väterliches Anſehen zu geben verſuchte.„Du haſt mir große Sorge gemacht.“ 3ch meine Entfe lich finden, um jene D mich auf herein in in Paris das Leben und Böſes Eugen blicke auf während T einen Blick ich ſagte, „Nich „es denkt öat innere mie und Jenes eigene Eh Nach denRücken ,Jch ſehen, w iſt“ ſpra Dieſ dergleiche ſragte er Zukunſt ohne Um einzutrete zu viel, Stond ſt Die ſie ihm laſſen, nen ein⸗ thatte, d Mer⸗ e ſie in Mädchen be plöß⸗ welchen en fam beſchat⸗ t Bene⸗ ller und fein Be⸗ nten die prallte h röther mungen als er Lächeln, wie Du * Welt. gehen Deiner 1s fort ſehen zu 97 „Ich glaube nicht,“ antwortete Eugenie,„übrigens werden Sie meine Entfernung unter den damaligen Umſtänden hoffentlich natür⸗ lich finden, und ich will auch nicht fürchten, daß Sie jetzt kommen, um jene Verhältniſſe nochmals zu erneuern; Ihre Begleitung bringt mich auf dieſen Verdacht und zwingt mich auch ſogleich von vorn herein zu proteſtiren und Ihnen zu erklären, daß ſeit jenem Tage in Paris Ihre väterliche Gewalt über mich aufgehört hat, durch das Leben der Welt fühle ich mich mündig gemacht, ſo daß ich Gutes und Böſes ſelbſt zu unterſcheiden fähig bin.“ Eugenie warf bei dieſen Worten ſcharfe und bedeutende Seiten⸗ blicke auf Benedetto, der unmuthig mit ſeinem Stöckchen ſpielte,“ während Danglars ſich ärgerlich auf die Lippen biß und Benedetto einen Blick zuwarf, als wolle er fragen:„Hatte ich nicht Recht, als ich ſagte, daß hier mein Einfluß ſeine Endſchaft erreicht hat?“ „Nicht gleich ſo hitzig, mein kleiner Tollkopf,“ ſagte Danglars, „es denkt jetzt Niemand daran, jene alte Geſchichte zu wiederholen. Nicht ſo, Herr von Sanville?“ „Ich verſichere es auf mein Ehrenwort,“ erwiderte Benedetto. Mit unbeſchreiblicher Verachtung ſchaute Eugenie auf den jungen Mann. „Hat ein Benedetto auch Ehre?“ fragte ſie.„Doch ja, ich er⸗ innere mich, gehört zu haben, daß im Bagno auch„auf Ehre“ Dieſes und Jenes verſprochen und betheuert wird, dieſes mag aber eine eigene Ehre ſein, vor der der Himmel jeden Menſchen bewahre.“ Nach dieſen Worten wandte Eugenie ihrem ehemaligen Bräutigam den Rücken und Benedetto ſchleuderte ihr einenflammenden Zornesblitz zu. „Ich bin erſtaunt, mein Vater, Sie in ſolcher Geſellſchaft zu ſehen, während Sie doch wiſſen müſſen, welches Schlages dieſelbe iſt,“ ſprach Eugenie voll Vorwurf zu Danglars. Dieſer wurde verlegen, murmelte etwas von Verhältniſſen und dergleichen, und um ſich auf dieſe Art dieſem Thema zu entziehen, fragte er Eugenie, wohin ſie zu reiſen beabſichtige und was ſie in Zukunft vorzunehmen gedenke. Eugenie beantwortete dieſe Fragen ohne Umſtände und bemerkte, daß ſie als Sängerin in ein Theater einzutreten beabſichtige. Dieſes ſchien dem Adelſtolze Danglars doch zu viel, ſo wenig er auch augenblicklich Urſache hatte, auf ſeinen Stand ſtolz zu ſein. Die Hand des Todten. 7 —— „Auf das Theater willſt Du, Eugenie?“ fragte er heftig.„Iſt das möglich? Bedenkſt Du nicht Deine Geburt, Deinen Adel?— Das kann Dein Ernſt nicht ſein!— Was würde Paris ſagen, wenn es erführe, die Tochter Danglars, die eine ſo glänzende Erziehung genoſſen, iſt Sängerin auf irgend einer Bühne geworden?— Nein, das kann Dein Ernſt nicht ſein!“ „Warum nicht?“ fragte Eugenie.„In Paris vielleicht würde man mir es verdenken, in Rom aber ſo wenig, wie in Neapel, wo Glieder der vornehmſten Familien auf der Bühne erſcheinen und Niemand ſich dadurch entehrt fühlt. Uebrigens“— ſetzte ſie faſt ironiſch hinzu—„fürchten Sie nicht, daß ich Ihrem Namen Schande machen werde, denn ich werde ihn nicht führen. Kann Sie das tröſten?“ „Nein, Eugenie,“ drängte Danglars, der ſich jetzt merkwürdig beſorgt für den Glanz ſeines Namens zeigte, vorzüglich deshalb, weil Benedetto ihm mit großer Gewißheit die Wiederherſtellung dieſes Glanzes verſprochen,„nein, es kann mich nicht beruhigen.— Warte nur noch einige Monate mit der Ausführung Deines Entſchluſſes und dann wird der Name Danglars in Paris wieder hergeſtellt und jeder Schatten von ihm verſchwunden ſein, Du aber wirſt wieder unter den erſten Damen von Paris glänzen. Bedenke, was dann die große Welt ſagen würde, wenn ſie von Deiner Theaterſucht erführe.“ „Gewiß nicht mehr, als ſie von der Braut eines Galeeren⸗ ſträflings ſagen würde,“ entgegnete Eugenie mit Schärfe.„Uebrigens will ich mich gegen dieſe Nachrede dadurch verwahren, daß ich nie mehr in jener ſogenannten großen Welt erſcheine, mögen ſich die Verhältniſſe auch geſtalten wie ſie wollen.“ „Wenn ich Dir aber ſage“— fing Danglars wieder an. „Ja, Fräulein Eugenie,“ nahm jetzt auch Benedetto das Wort, „übereilen Sie nichts, warten Sie vielmehr die Entſcheidung ab, die ohne Zweifel nur Glück für Sie wie für Ihren Vater herbeiführen wird. Ich bin überzeugt, daß in kurzer Zeit die Firma Danglars Paris wieder eröffnet wird, jenem Monte Chriſto zum Trotze.“ „Verſprechen Sie das?“ fragte Eugenie. „Ja, denn ich habe Monte Chriſto den Krieg angekündigt und er muß untergehen, vorher aber ſoll er ſehen, daß ſeine Pläne nur auf kurze Perioden gelangen, ſo der Plan auf Ihren Vater,“ ant⸗ wortete Be ſich an den der Gegenf auch Sie 8 It das C Chriſto ho Rache mit Halte haſtig,„ha einer Verbi Pläne nur ſehr, wenn getreten iſ dann ſchm Chriſto ge zugefügt, aber nach Ohren ged dem gemac wird Gott kann alſo ſeinen Weg der Kunſt. Louiſ die Rolle wirkungslo Rache geg .„E Verhältniſ detto endl „Jch „Schweige „In ſichtbar, von dem „Lebe rif Eugen 6.„R del?— „ wenn ziehung Nein, t wünde pel, wo den und ſie faſt Namen inn Sie twürdig lb, weil g dieſes Parte ſes und n jeder er unter ie große gfre.“ aleeren⸗ ebrigens ich nie ſich die an. 1 Wort, ob, die eiführen anglars be. digt und läne nur 1, ant⸗ 99 wortete Benedetto.„Auch Sie, Fräulein, haben Intereſſe daran, ſich an dem Grafen Monte Chriſto zu rächen, denn auch Sie waren der Gegenſtand eines ſeiner hölliſchen Pläne, und ich erwartete, daß auch Sie Ihre Hand bieten, um Ihnen Genugthuung zu verſchaffen. Iſt das Gefühl der befriedigten Rache nicht ein ſchönes?— Monte Chriſto hat ſeine Rache befriedigt, nun kommt die Reihe an uns, Rache mit Rache zu bezahlen.“ „Halten Sie ein, Benedetto,“ unterbrach Eugenie den Redenden haſtig,„halten Sie ein.— Erſtens mag ich mit Ihnen nie in irgend einer Verbindung ſtehen, denn ich bin leider überzeugt, daß Ihre Pläne nur Verbrechen ſein können, und deshalb beklage ich es auch ſehr, wenn mein Vater, wie es ſcheint, mit Ihnen in Verbindung getreten iſt: es wird kein Heil für ihn daraus erwachſen.— Und dann ſchmerzt es mich wohl, wenn ich bedenke, wie der Graf Monte Chriſto gegen Menſchen gehandelt hat, die ihm doch nie irgend etwas zugefügt, daß er Kinder für die Väter verantwortlich gemacht hat, aber nach Allem, was über dieſen räthſelhaften Mann zu meinen Ohren gedrungen, bin ich überzeugt, daß er von den Menſchen zu dem gemacht wurde, was er geworden iſt.— Was er Böſes geſtiftet, wird Gott richten, ich fühle mich nicht berufen, ſein Richter zu ſein, kann alſo auch keine Rachegedanken gegen ihn hegen.— Möge er ſeinen Weg gehen, ich gehe den meinen, der führt mich in die Arme der Kunſt.“ Louiſe beſtätigte die Worte ihrer Freundin, Danglars ſpielte die Rolle des ſcherzendes Zuhörers, und Benedetto's Worte blieben wirkungslos. Eugenie verſicherte wiederholt, daß kein Gedanke der Rache gegen Monte Chriſto in ihr aufkomme. „Es würde vielleicht bei Ihnen anders ſein, wenn Sie alle Verhältniſſe zwiſchen mir und Ihnen wüßten, Eugenie!“ brach Bene⸗ detto endlich aus. „Ich kenne dieſe hinreichend,“ war Eugenien's kalte Antwort. „Schweigen Sie.“ „In dieſem Augenblicke ward Mercedes Geſtalt in der Nähe ſichtbar, für die beiden Mädchen erſchien ſie als Veranlaſſung, ſich von dem Dränger loszumachen, ſehr willkommen. „Leben Sie wohl, Vater, Gott ſchütze Sie vor allem Böſen!“ rief Eugenie. 7* 1 100 Sie deutete flüchtig auf Benedetto und eilte dann mit Louiſe auf Mercedes zu, mit welcher ſie verſchwanden. „Da ſehen Sie meinen Einfluß auf dieſen Trotzkopf von Tochter,“ ſagte Danglars zu ſeinem Begleiter. „Wenn ſie wüßte“— entgegnete Benedetto. Danglars faßte den Sinn dieſer Worte ganz anders auf. „Ja, wenn ſie wüßte, ſie würde wohl anders reden,“ ſagte er. Raſc weit ins deren An knauſerte verwegen ein reine mache es ſtich beiz ganz für gar wohl „Mi Vierzehntes Kapitel. Der Seeraub auf fremde Nechnung. Ueber die brauſenden Wogen kommen wir düſter gezogen, Furcht und Entſetzen, Schrecken verbreitend, Um ihn zu letzen, ihn, der uns leitet. B. Raſcher als es Benedetto ſelbſt gehofft, waren ſeine Pläne ſo weit in's Werk geſetzt, daß ſich eine Feluke in ſeinem Beſitze befand, deren Ankauf ihm nicht ſchwer gefallen, da er mit dem Gelde nicht knauſerte. Auch eine ſeetüchtige Mannſchaft war gefunden, wilde, verwegene Burſchen, die nichts fürchteten und von denen wohl Keiner ein reines Gewiſſen hatte; Mehrere von ihnen ſahen ſogar aus, als mache es ihnen das größte Vergnügen, ihrem Nächſten einen Dolch⸗ ſtich beizubringen.— Solche Leute wollte Benedetto, dieſe paßten ganz für ſeinen Zweck, und als er ſie muſterte, nickte er Danglars gar wohlgefällig zu. „Mit ſolchen Kerlen kann man ſchon etwas ausrichten,* meinte er dabei,„und hat der Herr Graf Wächter in ſeinem Zauberpalaſte, ſo werden dieſe Burſchen gewiß wenig Umſtände mit ihnen machen.“ Die Zauberinſel aufzufinden, hatte nun auch wenig Schwierigkeit mehr, denn Einer der Geworbenen erklärte, er kenne ſie genau und ſei oft dort geweſen, ſie ſei ein Zufluchtsort von Schleichhändlern, welche von hier aus ihre Waaren nach der italieniſchen Küſte brächten. „Iſt nicht ein Palaſt dort?“ fragte Benedetto. Der Menſch lachte. „Ein Palaſt?“ fragte er.„Pah, leere, kahle Klippen, öde wie meine Mütze hier, und es mag wohl noch Niemand eingefallen ſein dort ein paar Steine aufzumauern.“ „Und doch muß dort ein Palaſt ſein.“ „Ich weiß von nichts.“ „Wo wohnt denn der Graf Monte Chriſto, wenn er auf der Inſel iſt?’“ ——— 3 „Das wird er ſelbſt am beſten wiſſen. Er iſt ein Hexenmeiſter, der Graf, mit dem ich nicht gern in Feindſchaft gerathen möchte.“ Benedetto ſtarrte den Mann an. Daß ein ſo verwegen aus⸗ ſehender Burſche ſo ſprach, war ihm unlieb. „Du fürchteſt alſo den Grafen?“ fragte er ſpöttiſch. „Es iſt mit ihm nicht zu ſpaßen,“ geſtand der Bandit. „Warum?“ „Nun eben weil er ein Hexenmeiſter iſt, dem die ganze Welt zu Gebote ſteht.“ „Weißt Du was, mein Freund,“ ſagte Benedetto, indem ſein Auge unheimlich zu blitzen begann,„ich fürchte den Grafen nicht. Gehorcht ihm die ganze Welt, ſo habe ich dagegen nicht nur über die Welt, ſondern auch über Himmel und Hölle zu verfügen. Ich beſitze einen Talisman, der alle Mächte mir unterthänig macht, mir den Weg nach jener Inſel und auch in den Palaſt zeigen wird. Ich will den Zauber ſchon zwingen, ſich zu enthüllen.— Sieh' her?“ Bei dieſen Worten zog er ein Käſtchen aus dem Buſen, öffnete es und zeigte dem Banditen die in Seide ruhende vertrocknete Todtenhand. „Das iſt mein Talisman, die Hand, die Himmel und Hölle zwingt!“ rief er dabei mit furchtbarer Stimme. Der Bandit fuhr todtenbleich zurück und ſchlug Kreuz über Kreuz. — Benedetto ſchloß das Käſtchen wieder und verbarg es in ſeinem Buſen. „Unter dieſes Talismans Schutz ſtehe ich, und auch auf Euch erſtreckt ſich ſeine Macht, ſo lange Ihr in meinem Dienſte ſeid,“ ſagte Benedetto.„Siehſt Du nun, daß wir den Grafen Monte Chriſto nicht zu fürchten haben?“ Der Bandit wich noch weiter zurück. „Merke Dir aber wohl,“ fuhr Benedetto fort,„die Hand iſt mächtig und zeigt mir Alles an. Sie würde mir auch augenblicklich Alles entdecken, wenn Einer von Euch auf Verrath oder Ungehorſam gegen mich ſinnen ſollte, und augenblickliches Verderben würde den Verräther ereilen.— Alſo hütet Euch, daß ich nicht nöthig habe, die Macht meines Talismans gegen Euch anzuwenden.“ Drohend die Hand erhebend trat Benedetto zurück. Der Bandit ſchlug wieder ein Kreuz und ging davon, ſeinen Kameraden das Gehörte und Geſehene zu erzählen. Dur Einfluſſes konnte ihr Macht ge als verw Ben Waffen a daß einig „Zu Sie Mit Hau in wenig Letzteter fährten e hatte Ber in das he As nicht meh kübel herb zuſtreichen an, ſagte Maßregel Danglar allein er Am auf offen den ſchw lage denf vorher de Bald rückte nu bliez ſcha ſollte. W duldig zu N „ Dß Welt t ſein nicht. über 1 mir 186 her?“ ete es hand. Hölle Kreuz. ſeinem fEuch ſeid,“ Monte mnd iſt licklich orſam de den de, die ſeien ————--- 103 Durch dieſen ſchlauen Theaterſtreich hatte ſich Benedetto ſeines Einfluſſes auf dieſe ſonſt ſo unlenkſamen Burſchen verſichert, und er konnte ihres blinden Gehorſams, ſowie ihres Vertrauens auf ſeine Macht gewiß ſein, da dieſe Klaſſe Menſchen eben ſo abergläubiſch als verwegen iſt. Benedetto ſorgte für ſchnelle Ausrüſtung der Feluke und ließ Waffen aller Art heimlich an Bord ſchaffen; ebenſo ordnete er an, daß einige große Kübel mit Farbe eingeſchifft würden. „Zu was ſoll die Farbe?“ fragte Danglars. „Sie werden es ſehen, Herr Baron,“ antwortete Benedetto kalt. Mit dieſer Antwort mußte ſich Danglars begnügen. Hauptſächlich durch Benedetto's raſtloſe Thätigkeit war die Feluke in wenig Tagen zum Auslaufen bereit. Benedetto und Danglars, Letzterer in der Eigenſchaft als Kapitän, ſchifften ſich mit ihren Ge⸗ fährten ein, und mit günſtigem Winde ſegelte der„Sturm“— ſo hatte Benedetto ſein Fahrzeug getauft— aus dem Hafen und ſtach in das hohe Meer. Als die Feluke einen halben Tag geſegelt hatte und das Land nicht mehr ſichtbar war, befahl Benedetto beizulegen, ließ die Farbe⸗ kübel herbeibringen und gab Befehl, das Schiff auf offener See an⸗ zuſtreichen. Die Leute ſahen ſich bei dieſer Anordnung bedeutſam an, ſagten aber nichts; ſie waren erfahren genug, die Urſache dieſer Maßregel auch ohne Frageſtellung ſo ziemlich zu ergründen. Nur Danglars konnte ſich nicht hineinfinden, was dieſes zu bedeuten habe, allein er erhielt keine befriedigende Auskunft. Am anderen Morgen lag ein ganz neues Fahrzeug noch ſtill auf offener See, und Niemand hätte in dem jetzigen„Sturm“ mit den ſchwarzglänzenden Schiffswänden und gänzlich geänderter Take⸗ lage denſelben„Sturm“ erkannt, welcher vierundzwanzig Stunden vorher den Hafen von Civita⸗Vecchia verlaſſen. Bald bläheten ſich nun die Segel wieder, allein das Schiff rückte nur langſam vor, denn der Wind hatte ſich geändert und blies ſcharf aus Nord⸗Oſt, während das Schiff aus Nord⸗Weſt ſteuern ſollte. Man mußte kreuzen, um vorzurücken, Benedetto ſchien unge⸗ duldig zu werden, allein die Mannſchaft war unbeſorgt. „Wir brauchen eigentlich gar keinen Cours zu halten,“ flüſterten 104 2 ſich die Leute zu,„jeder Wind iſt uns recht, es ſei denn, daß es zum Auskratzen kommt.“ Der neue Anſtrich hatte die Leute auf gar ſeltſame Gedanken gebracht. Ein zweiter, ein dritter Tag verging, der Wind blieb beharrlich ungünſtig. Man hatte von Zeit zu Zeit in der Ferne ein Segel geſehen und jedesmal, wenn ein ſolches ſich zeigte, warfen die Leute gar eigenthümlich fragende Blicke auf Benedetto, als erwarteten ſie von ihm einen Befehl; doch dieſer Befehl erfolgte nicht. Am dritten Tage, in den ſpäten Nachmittagsſtunden, ſegelte langſam ein Schiff gegen den Wind daher und hielt ruhig ſeinen Cours auf Benedetto's Fahrzeug zu, welches eben ſo ruhig und ſcheinbar unbekümmert die Wellen durchfurchte. Am Steuer des„Sturms“ ſtand Benedetto neben dem Steuer⸗ manne, dieſem den Befehl gebend, den Lauf der Feluke ſo einzu⸗ richten, daß ſie dicht an dem anderen Schiffe vorbeikäme. Der Steuermann nickte zum Zeichen des Verſtändniſſes und drehte ſein Rad.— Eine Stunde ſpäter waren ſich beide Fahrzeuge ganz nahe. „Nun die Waffen zur Hand, Burſchen!“ rief Benedetto. Mit lautem, wilden Rufe eilten die Matroſen, ſich zu bewaffnen. Sie hatten Benedetto verſtanden, ohne daß dieſer ſagte, was er vorhabe. „Scharf rechts gehalten!— Schneide dem Kerl den Wind ab!“ kommandirte Benedetto weiter. Die Feluke machte eine Wendung und flog dann pfeilſchnell vorwärts auf das langſam und ſorglos dahinſegelnde andere Fahr⸗ zeug.— Näher und näher ſchoß der„Sturm“, und es ſchien, als drohe er, durch jähes Anrennen das andere Boot in den Grund zu bohren.— Dieſes Manöver ſchien nun doch die Unruhe auf dem anderen Fahrzeuge zu erregen und es machte eine Wendung, um auszuweichen, allein auch der„Sturm“ änderte ſeine Richtung und war jetzt dicht an der Schiffswand. „Oho, was ſoll das ſein?“ ſchrie eine Stimme von dem anderen Schiffe herüber.„Seid Ihr verrückt, daß Ihr ſo blind d'rauf los⸗ ſegelt?— Seht Ihr nicht, daß vor Euch ein Schiff iſt?— Heil'ge Mutter Gottes, was ſoll das?“ drüben ä Die zu haben, Niemand Flluke Be Schiff zu auf das Bene ſie an de Burſchen Benedette „Er fallenen z liß es lanken arrlich Segel Leute en ſie egelte einen und teuer⸗ einzu⸗ Der te ſein nahe. affnen. has er d ab!“ ſchnell Fahr⸗ n, als und zu f dem g, um g und nderen if los⸗ Heilge 105 „Halt!“ ſchrie jetzt Benedetto mit Donnerſtimme hinüber.„Legt bei, ſo Euch Euer Leben lieb iſt.“ Er feuerte zugleich einen Piſtolenſchuß über das fremde Schiff weg; auf dieſem Fahrzeuge entſtand nun grenzenloſe Verwirrung. „Heilige Mutter Goites, ein Corſar! Barmherzigkeit!“ ſchrie es drüben ängſtlich durcheinander. Die ganze Beſatzung jenes Schiffes ſchien den Kopf verloren zu haben, denn Niemand dachte mehr an die Lenkung des Steuers, Niemand an Entkommen, oder auch nur an Gegenwehr, und der Feluke Benedetto's war es leicht, ſich ſo dicht an das angegriffene Schiff zu legen, daß gewandte Männer wohl vom Bord des einen auf das andere Schiff ſpringen konnten. Benedetto hatte fünf ſeiner keckſten Leute zu ſich genommen und ſie an den Schiffsrand geſtellt, dann ein Wink und die verwegenen Burſchen ſtürzten mit lautem Geſchrei hinüber auf das andere Schiff, Benedetto ihnen voran. „Ergebt Euch!“ donnerte Benedetto den erſchrockenen eber⸗ fallenen zu. „Barmherzigkeit!“ flehten dieſe. „Zur Erde mit Euch,“ herrſchte Benedetto,„und Keiner rühre ſich, wenn er nicht eine Kugel durch den Kopf haben will!“ Zitternd gehorchten die Leute und warfen ſich mit dem Geſichte auf den Boden. „Wo iſt der Patron?“ fragte Benedetto. Einer der Seeleute zeigte auf einen ältlichen, beſſer gekleideten Mann. Benedetto ſtieß dieſen mit dem Fuße und befahl ihm, ſich zu erheben.— Dieſer gehorchte. „Du biſt der Patron?“ fragte er. „Ja!“ geſtand der Gefragte demüthig. „Wo kommſt Du her?“ „Von Marſeille!“ „Was haſt Du geladen?“ „Seide und Wein.“ „Wo haſt Du Dein Geld?“ „Ich habe keins!“. „Du lügſt!“ donnerte ihm Benedetto zu.„Ich weiß, Du haſt 106 Geld auf dem Schiffe. Geſteh', oder ich laſſe Dich an den Maſt binden und Dir die Haut über die Ohren ziehen.“ „Gnade!“ ſtammelte der Unglückliche. Benedetto wiederholte noch zorniger ſeine Drohung und winkte ſeinen Leuten, welche den Patron ſofort packten und an den Maſt banden, wo er wieder gefragt wurde, ob er ſein Geld heraus⸗ geben wolle. Statt darauf zu antworten, flehte der Mann um Erbarmen, da ſein Fahrzeug ſein ganzes Vermögen ausmache und er Frau und Kinder habe. „Nun,“ meinte Benedetto,„wenn Du nicht ſprechen willſt, ſo werde ich ſchon ſelbſt zu finden wiſſen, was ich ſuche. Ich habe da einen Talisman, der mir Alles zeigt, auch Deine Nußſchale hat er mir gezeigt.“ Lachend begab ſich Benedetto in die Kajüte des Patrons, und mit jener Geſchicklichkeit, die er ſich bei ſeinem früheren Verbrecher⸗ leben angeeignet, wo ihm gleichſam der Inſtinkt die Orte bezeichnete, wo er Werthvolles finden könnte, hatte er bald die geheimen Stellen gefunden und ſich einer anſehnlichen Summe Geldes theils in Geld, theils in Papier bemächtigt.— Ohne auf das Btten des Patrons zu hören, befahl nun Bene⸗ detto, die Ballen mit Seidenzeugen und beſtem Weine ſo raſch als möglich auf den„Sturm“ überzuladen, wobei auch die Mannſchaft des gekaperten Fahrzeuges Hand anlegen mußte. Die halbe Nacht wurde dabei gearbeitet. Als die Umladung faſt beendet war und eben mehrere Leute des anderen Fahrzeuges ſich mit einem Ballen beſchäftigten, ſtellte ſich Benedetlo dicht neben ſie, hinter eine dünne Breterwand, und ſagte laut: „Dieſer Wein ſoll uns auf Monte Chriſto wohlſchmecken, und vielleicht ſind auch Teppiche in den Ballen, die wir zur Ausſchmückung meines Palaſtes brauchen können.“ 1 „Ja, Herr Graf, auf Monte Chriſto wollen wir luſtig leben,“ antwortete er ſich ſelbſt mit veränderter Stimme. „Sprich nicht ſo laut,“ ſprach Benedetto dann wieder mit der erſten Stimme,„man könnte ſonſt den Grafen Monte Chriſto in argen Verdacht bringen.“ 16 dieſes noch ſch, daß m Grauen bet Patron nä zuſammenf Endl Benedetto deſſen Ba⸗ reich. Wo zu ruinire trautes G „Wa „Ihr „Halt Namen ni um Dich Monte Ct jett ſchon Haare nic Der dieſen fur Bene wußte, da den Name laut nenn — ——— —— —— ſſſſſſſ 107 „Ach, Herr Graf, das hören jene Seelöwen nicht!“ antwortete er ſich dann wieder. Benedetto vernahm einen leiſen Ausruf und legte ſein Ohr an die Wand. „Heilige Mutter Gottes!“ hörte er leiſe ſagen.„Habt Ihr gehört?— Monte Chriſto!— Monte Chriſto iſt hier!“ „Still,“ flüſterte ein Zweiter.„Still, kein Wort,— das könnte unſer Tod ſein.“. Benedetto lächelte, ſein Plan war gelungen, und er bemerkte dieſes noch mehr, als er ſich jetzt wieder unter die Leute begab und ſah, daß man ihm noch mehr auswich und mit einem unverhohlenen Grauen betrachtete. Er bemerkte auch, wie ſich Einer dem gebundenen Patron näherte und ihm einige Worte zuflüſterte, worauf dieſer heftig zuſammenfuhr und ſcheu umherſchaute. Endlich war der werthvollſte Theil der Fracht umgeladen und Benedetto trat nochmals zu dem Patron des gekaperten Schiffes, deſſen Banden er durchſchnitt. „Nun fahre hin, wo Du Luſt haſt, Alter,“ ſagte er. Der Mann fiel vor ſeinen Füßen nieder. „Erbarmen, Herr Graf,“ flehte er.„Ihr ſeid ja unermeßlich reich. Was kann Euch daran liegen, einen armen Mann vollends zu ruiniren. Gebt mir wenigſtens das Geld zurück, es iſt anver⸗ trautes Gut, Herr Graf.“ „Was ſchwatzeſt Du da von Grafen?“ ſagte Benedetto. „Ihr ſeid doch der Graf Monte Chriſto,“ flüſterte der Patron ſcheu. „Halt ein, Unglücklicher,“ rief Benedetto drohend,„nenne dieſen Namen nie wieder, ſo Dir Dein Leben lieb iſt. Ich werde unſichtbar um Dich ſein und Dich vernichten, ſo Du es wagſt, den Namen Monte Chriſto über Deine Lippen zu bringen.— Ich würde Dich jetzt ſchon zerſchmettern, wenn mich das Mitleid mit Deinem grauen Haare nicht zurückhielt!“ Der Patron ſank zitternd zuſammen und flüſterte leiſe den Schwur, dieſen furchtbaren Namen nicht zu nennen, was auch geſchehen möge. Benedetto ging, ein dämoniſches Lächeln auf den Lippen. Er wußte, daß Niemand auf dem gekaperten Schiffe daran denken würde, den Namen Monte Chriſto zu verſchweigen, hingegen Alle ihn recht laut nennen würden. 108 „Nun, Herr Graf,“ flüſterte er zwiſchen den Zähnen,„das ging auf Deine Rechnung. Nun weiß die Welt, woher Deine Schätze ſtammen; Du biſt ein Seeräuber und kannſt Dich als ſolcher immer vor der Polizei hüten, denn ſie wird dieſen Wink nicht unbeachtet laſſen.— Es iſt in der That ein Kinderſpiel, den guten Namen vor der Welt zu zerſtören.“ Er hatte Recht, denn kaum hatten die beiden Schiffe ſich ge⸗ trennt, kaum war die letzte Spur des Segels des„Sturms“ am Horizonte verſchwunden, als Benedetto's Drohung auch ſchon ihre Wirkung verloren hatte und der Patron nicht mehr an ſeinen Schowur dachte. „Das war alſo der Graf Monte Chriſto,“ ſagte er. „Gewiß ein gar unheimlicher Burſche,“ ſagte ein Matroſe. „Nur zu jung ſchien er mir zu ſein.“ „O, der kann alle Geſtalten annehmen!“ rief ein Anderer. „Nun wiſſen wir doch, woher ſeine Reichthümer ſtammen,“ ſagte ein Dritter.„Er treibt Raub zu Waſſer und zu Lande. Da iſt es keine Kunſt, reich zu ſein, wenn man alle Welt beſtiehlt.“ „Wir müſſen überall Anzeige machen, damit die Behörden ihm das Handwerk legen,“ ſagte der Patron,„mein Schaden muß mit erſetzt werden.“ Damit waren Alle einverſtanden. Sie wiederholten ſich die Beſchreibung des Schiffes, um ja nichts zu vergeſſen, und als die ausgeplünderte Feluke in dem nächſten Hafen einlief, wurde ſofort Anzeige gemacht. Von nun an galt Graf Monte Chriſto als Seeräuber. Nach „Sturm“ Segel we geplünde zu ſicher zählen, d Patron! Die zu erreich ſchaft wa Gewiſſen und Jed recht na⸗ Wä ſptach m bei der ſo etwas malige des neu Corſaren herabgeſ nur als manchme er griff daß der Be s ging Fchäße immer eachtet en vor ich ge⸗ 5* am in ihre ſeinen atroſe. er. ſagte iſt es h ihm ß mit ch die ls die ſofort —y* — —— — ———— — —x —— Fünfzehntes Kapitel. Verfehlter Angriff. Auch der klug durchdachte Plan Iſt dem blinden Zufall unterthan. Goethe. Nach dieſem kühn ausgeführten Piratenſtreich durchfurchte der „Sturm“ wieder die Wellen und flog pfeilſchnell davon, denn alle Segel waren aufgeſetzt, um ſo ſchnell als möglich aus der Nähe der geplünderten Feluke zu kommen und ſo ſich gegen mögliche Verfolgung zu ſichern; denn ſo viel konnte ſich Benedetto an den Fingern ab⸗ zählen, daß dieſe Verfolgung eintreten müſſe, ſowie der geplünderte Patron Anzeige gemacht hatte. Die Fahrt ging jetzt nach Nord⸗Weſt, um vorerſt Monte Chriſto zu erreichen und dort den entworfenen Plan auszuführen. Die Mann⸗ ſchaft war luſtig und guter Dinge und machte ſich nicht das geringſte Gewiſſen aus dem Piratenſtreich, hatte er doch gute Beute gebracht und Jeder von ihnen hoffte auf reichlichen Antheil. Das war ſo recht nach dem Geſchmacke der wilden Burſchen. Während dem ſaß Benedetto mit Danglars in der Kajüte und ſprach mit ihm über den Fang, den ſie gemacht. Dem Baron war bei der Sache nicht wohl zu Muthe, und es ſchien ſich in ihm noch ſo etwas wie Ehrgefühl zu regen, wenn er bedachte, daß er, der ehe⸗ malige reiche Banquier aus Paris, deſſen Haus zu den glänzendſten des neuen Babylon gehört hatte, jetzt zu dem Scheinkapitän eines Corſarenſchiffes, zu dem Genoſſen eines ehemaligen Galeerenſclaven herabgeſunken war, der ihn nicht einmal recht als Genoſſen, ſondern nur als Werkzeug ſeiner Pläne betrachtete. Da kam es dem Manne manchmal vor, als ſchnüre ihm ſchon der Strick den Hals zu, und er griff unwillkürlich an ſeine Gurgel, als wolle er ſich überzeugen, daß der Strick wirklich noch nicht darum lag. Benedetto lachte und ſpöttelte über die Beſorgniß Danglars. „Sie haben wenig Muth, Herr Baron,“ ſagte er.„Als ehe⸗ maliger Geſchäftsmann müſſen Sie doch wiſſen, daß, wer Alles zu gewinnen denkt, auch Alles wagen muß.— Sie haben die Ausſicht, Ihre vorige Weltſtellung wieder zu gewinnen und das iſt für jetzt Alles, da müſſen Sie ſchon friſch die Würfel werfen.“ „Freilich,“ gab Danglars zu,„aber nicht auf ſolche gefährliche Weiſe, die uns an den Galgen bringen kann.— Wenn Sie, Herr Benedetto, ſo viel Luſt nach der nähern Bekanntſchaft nach dem ver⸗ hängmißvollen Dreibein verſpüren, ſo muß ich für meinen Theil ge⸗ ſtehen, daß ich dieſe noble Paſſion gar nicht theile.“ Er griff wieder mit ſehr beſorgter Miene nach dem Halſe.— Benedetto lachte. „Mein lieber Baron,“ ſagte er ungenirt.„Sie ſpielen jetzt den größten Schafskopf von der Welt. Begreifen Sie denn nicht, daß wir gar nichts, der Herr Graf aber Alles zu fürchten hat? Man wird nach ihm ſuchen, ihn bei dem Kragen nehmen, und ehe es ihm dann gelingt, ſich zu reinigen, ſind wir längſt an unſerem Ziele, der Glanz des Namens Danglars iſt hergeſtellt.— Schlagen Sie ſich dieſe Gedanken aus dem Kopfe und taxiren Sie lieber unſere Beute; Sie als Geſchäftsmann müſſen ſich darauf verſtehen.“ „Ich habe das ſchon gethan,“ entgegnete Danglars,„und die Sache iſt, denk' ich, ſo unbedeutend nicht. Die Fäſſer können ihre zehntauſend, die Ballen achtzig- bis hunderttauſend Francs Werth haben.“ „Das lohnt ſich kaum der Mühe,“ meinte Benedetto, unzufrieden ſcheinend.„Schlechte Beute!“ Er ſagte freilich nichts von den Geldſummen, die er gefunden, die ſich faſt auf hunderttauſend Francs beliefen, denn er war nicht geneigt, bei dieſen eine Theilung eintreten zu laſſen, nur eine kleine Summe, einige tauſend Francs, hatte er, als angeblich ganze Beute an baarem Gelde, gezeigt und vertheilt. Benedetto ſagte Danglars nun, daß er es ihm als Geſchäftsmann überlaſſen werde, die Ladung an irgend einem Orte zu verwerthen, er verſtehe von dem Handel nichts und vertraue auf des ehemaligen Banquiers Schlauheit, daß er Alles zu hohen Preiſen anbringen werde, ſowie auf ſeine Rechtlichkeit, die ihm nicht geſtatten würde, etwas von dem Gewinne zu verheimlichen. Benedetto machte bei den letzten dieſte Men langſam z „Du die nicht umwenden Ihr ihn abliefert, Frankteich ein Mörde „5ch auf Pierre wdal Und entgegen; knirſchend „Pe Dieſe gleich eine Steuerma da et nach könne Bet Flüdh Felſenvor von Piern nicht ertei Nähe des ſein Fahr ſchaft ſich ihr Mahl „Zu Dieſ den Maſt hinab zu Danglars Ben einen dr Die H ehe⸗ lles zu Kiät, ir jeßt hrliche ¹Herr mm ver⸗ eil ge⸗ ſe.— zt den daß n wird dann Glanz dieſe ; Sie n die ihre Werth rieden unden, nicht kleine Beute mann rthen, aligen verde, etwas letzten 113 dieſes Menſchen gegen ihn kochte, er fürchtete Schlimmes und zog ſich langſam zurück, ſich den Rücken zu decken. „Du haſt wahrſcheinlich zu viel getrunken, daß Du Dinge ſiehſt, die nicht da ſind,“ ſagte er dabei. „O, ich ſehe recht gut, Benedetto,“ ſagte Pierre, und dann ſich umwendend, rief er ſeinen Begleitern zu:„Fangt mir den Kerl! Wenn Ihr ihn an ein franzöſiſches Schiff oder an eine franzöſiſche Behörde abliefert, wird Euch gute Belohnung, denn man ſucht ihn in ganz Frankreich. Es iſt ein entſprungener Galeerenſträfling, ein Räuber⸗ ein Mörder!“ 1 „Schweig, Hund!“ ſchrie Benedetto und riß ein Piſtol hervor, auf Pierre anſchlagend. „Halt! Halt!“ rief da Alles. Und im Nu ſtarrten dem Erkannten zehn drohende Piſtolenrohre entgegen; Benedetto ſah ſeinen Untergang vor Augen und ſenkte knirſchend ſeine Waffe. „Packt ihn!“ rief Pierre und drang auf Benedetto ein. Dieſer verſetzte ihm einen heftigen Fauſtſchlag und floh dann gleich einem gehetzten Wild über die Felſen davon, gefolgt von dem Steuermann; Danglars hatte ſchon früher an ſeinen Rückzug gedacht, da er nach Benedetto's Erkennung ohne Zweifel gefürchtet, auch er könne Bekannte finden, dieſer Gefahr aber bei Zeiten entgehen wollte. Flüchtig ſprang Benedetto fort, immer darauf bedacht, ſich durch Felſenvorſprünge ſo viel als möglich zu decken, ihm nach hetzten die von Pierre angeſtachelten Verfolger, konnten den Gewandten aber doch nicht erreichen. So kamen Verfolgter und Verfolger endlich in die Nähe des Punktes, wo die Feluke Benedetto's lag; Benedetto konnte ſein Fahrzeug unter ſich liegen ſehen, und bemerkte, daß die Mann⸗ ſchaft ſich auf einer Felſenplatte verſammelt hatte und beſchäftigt war, ihr Mahl zu kochen. „Zu den Waffen, Kameraden! herauf zu mir!“ ſchrie er ihnen zu. Dieſer Ruf hemmte die Schritte der Verfolger, zudem dieſe auch den Maſt geſehen hatten, und Benedetto gewann Zeit, den Felſen hinab zu klimmen und ſich ſo zu ſichern; der Steuermann folgte und Danglars kam auf einer anderen Stelle zum Vorſchein. Benedetto befahl ſeinen Genoſſen, ſich ohne Zögern zu bereiten, einen drohenden Angriff zurückzuweiſen und ſich des Rückzuges Die Hand des Todten. 8 114 auf ihr Schiff zu verſichern. Augenblicklich eilten auch Alle dem Schiffe zu. Unterdeſſen war Pierre mit Einigen der Seinen auf der Höhe des Felſens erſchienen und konnten die Feluke unter ſich liegen ſehen. „Bei allen Donnern des Himmels,“ rief Pierre,„ſollte das nicht der ſchwarze Kaſten ſein, der Seeraub getrieben und geſtern an der Inſel geſucht wurde?— Seht her, Kameraden, paßt nicht die ganze Beſchreibung auf ihn?“ „Ja, wahrhaftig,“ antworteten andere Stimmen. „Schießt den Kerl herunter wie einen Sperling,“ rief Benedetto und ſprang in die Feluke, ſich dort einer Büchſe zu bemächtigen. Schon war Pierre bei dieſer Drohung von dem Felſen ver⸗ ſchwunden und Benedetto hörte nur noch, wie die Verfolger ſich zu⸗ riefen, Waffen zu holen und ihre Fahrzeuge ſegelfertig zu machen, um den Piraten aufzufangen. Da ſah Benedetto wohl, daß hier ſeines Bleibens nicht mehr ſei; ſchäumend vor Wuth befahl er, das Schiff aus der Bucht zu bringen und das Weite zu ſuchen. Für jetzt mußte er ſeinen Plan aufgeben. „Nun,“ fragte der Steuermann mißtrauiſch,„hat Dich Dein Talisman nicht vorher gewarnt?“ „Schweig', Hund,“ donnerte ihm Benedetto zu,„oder ich zer⸗ ſchmettere Dir den Schädel!“ Eine halbe Stunde biner floh der„Sturm“ mit vollen Segeln Welch immer noch Steinmeer, über einen Sonne glü deihen kann Waſſer jet Trauri nach allen; tiefe, felſige Klippen, d Brocken zer bedect, mor durchaus n geheure eber ſcch breitet, ſiee hat wie auch der Sa der einſame Steinboden man⸗ nach; Raſenz, öde braune dint on dem di einen Gluth der tuni dem Höhe ſehen. das man bt die ſedetto nn. ver⸗ ih zu⸗ achen, hr ſei; ringen geben. Dein h zer⸗ Segeln Sechszehntes Kapitel. Ein Sclavenleben. Ein traurig Leben iſt das Sclavenleben, In Ketten ſchleppt man ſeine Tage hin, Und ſeufzet jede Stunde nach Erlöſung Aus hartem Joch. Müller. Welch ein freudloſes Gebiet iſt jenes nach wochenlangen Reiſen immer noch endlos zum Verzweifeln ſich ausdehnende Sand⸗ und Steinmeer, welches ſich von den Grenzen des fabelhaften Dattellandes über einen großen Theil Afrika's erſtreckt und fortwährend von der Sonne glühendſten Strahlen verſenkt wird, ſo daß dort nichts ge⸗ deihen kann. Wir meinen die Sahara, jenes ungeheuere, einſt mit Waſſer, jetzt mit Sand gefüllte Becken. Traurig iſt dieſes Gebiet! Endloſe Sandflächen dehnen ſich nach allen Richtungen aus, unterbrochen durch wellenförmige Hügel, tiefe, felſige Schluchten, aus dem Sandboden emporſtarrende dunkle Klippen, deren Trümmer weit über die Umgebung in gewaltigen Brocken zerſtreut liegen, heute von dem ewig bewegten Flugſande bedeckt, morgen wieder entblößt. Man darf ſich bei einer ſolchen Wüſte durchaus nicht die Vorſtellung machen, als ob ſie eine einzige un⸗ geheure ebene Fläche ſei, über welche gleich einem Teppich der Sand ſich breitet, nein, die Wüſte gleicht jedem anderen flacheren Lande, ſie hat wie dieſes niedrige Berge und Thäler, Schluchten und Felſen; auch der Sand iſt nicht ſo gleichmäßig verbreitet, denn manches Mal zieht der einſame Wüſtenreiſende über den von der Sonne glühenden, harten Steinboden wohl eine Stunde und länger hin. Aber vergebens ſucht man nach Baum und Strauch, nach dem erfriſchenden Grün des Raſens, öde, troſtlos liegt die Landſchaft da, eingehüllt in gelbe und braune Tinten, über die ſich der wolkenloſe, tiefblaue Himmel ſpannt, von dem die Sonne ſo heiß herabbrennt, daß ſie die Atmoſphäre in einen Gluthofen zu verwandeln ſcheint und das Auge durch die von der Sandfläche, den nackten Felſen zurückprallenden Strahlen geblendet wird. Dann zittert oft der ganze Luftkreis in Gluth und die Sand⸗ 8* 116 hügel am Horizont ſcheinen ſich zu bewegen, wie die Wogen des Meeres. „Die Wüſte iſt das Feld des Todes!“ Wahr iſt dieſer Aus⸗ ſpruch, denn oft genug wird der Wüſtenwanderer durch redende Be⸗ weiſe davon überzeugt. Oft vereinzelt, dann in Gruppen, dann wieder in langen Reihen zeigen ſich gebleichte Gebeine von Menſchen und Thieren, namentlich Kameelen und Pferden, bisweilen auch von Ga⸗ zellen, das einzige Thier, welches ſich freiwillig weiter in die Wüſte wagt. Die andern Gebeine bezeichnen den Weg der die Wüſte nach allen Richtungen durchkreuzenden Karawanen, die bisweilen ganz, bisweilen theilweiſe hier ihren Tod fanden, ſei es durch Durſt und Erſchöpfung, ſei es, daß ſie unter Sandwirbeln begraben und erſtickt wurden. Selten iſt es, daß eine Karawane die Wüſte durchzieht, ohne durch ſolche Zeichen ihren Weg anzudeuten. Und doch hat die Wüſte auch ihre Perlen: die Oaſen. Es ſind jene Inſeln ein Sandmeer, wo ſüßes Waſſer quillt und der von dieſem Waſſer befeuchtete Boden mit Pflanzenwuchs, mit Geſträuch, mit ſchwankenden Palmen ſich bedeckt hat. Manche dieſer Oaſen ſind wirkliche Paradieſe, die Mehrzahl erſcheint im Vergleich zu dem Reich⸗ thum und der Pracht der tropiſchen Landſchaften allerdings ſehr dürftig, aber dennoch machen auch ſie auf den verſchmachtenden, durſtenden Wanderer den Eindruck eines Paradieſes und ſind ihm willkommen wie ein ſolches. In einer ſolchen Oaſe war es. Neben einem verfallenen Ge⸗ mäuer, dem Grabmal eines frommen Imans, ſprudelte eine Quelle, ihr Waſſer ſiel mit leiſem Geplätſcher in ein durch Mauerwerk und Geſträuch geſchütztes Becken und floß weiter in den friſch begrünten Raſen, welcher theilweiſe mit einem ſtachlichen Geſträuch mit leder⸗ artigen Blättern bedeckt war; darüber hoben einige Palmen ihre ſchlanken, mit der Blätterkrone geſchmückten Stämme in die Luft und ein leichter, warmer Nachtwind bewegte ihre Wedel leiſe hin und her. Von dem tiefblauen Himmel glänzten noch Sterne, aber im fernen Oſten dämmerte ein ſchwacher, hellerer Streif auf, den nahenden Tag verkündend.. In der Nähe der Quelle hatte ſich eine Karawane gelagert, ein leichtes Zeltdach war aufgeſchlagen, unter welchem die Beſitzer der umher liegenden, mit lang vor ſich ausgeſtreckten Hälſen ſchlafenden gameele Juß rufgeſchihtet Bumuſſe ge waren die unter dem n gekleideter ſchlief ebeufe Jetzt ne hewvor und er ſie über aus ſeinen! auf den Aſc „Auf, Fuße ſtoßen Der S loderten im der erlittene „Ungle meine Befeh das Feuer! nicht einbree es, daß nich „Wärs der Wüſte,“ mir wahrhe „Hund Schade gen „Wen meine Frei „Nun Junge iſt i dann zu ſpr mein Stab; Deoher mit enfahl „Iſte lugi fu gen des ſet Aus⸗ ende Be⸗ wieder chen und von Ga⸗ ie Wüſte üſte nach en gan unſt und d erſtickt urchzieht, Es ſind der von Geſträuch, daſen ſind em Reich⸗ rdürftig, urſtenden Ukommen lenen Ge⸗ ie Quelle, werk und degrünten mit leder⸗ lmen ihre leiſe hin rne, aber auf, den lagert, ein gefiter der b ſclafenden 117 Kameele Zuflucht geſucht hatten; Waarenballen waren um das Zelt aufgeſchichtet; bei den Kameelen lagen noch einige, in ihre weißen Burnuſſe gehüllte Männer in tiefem Schlafe.— Vor der Karawane waren die Reſte des nächtlichen Feuers ſichtbar: ein Haufen Aſche, unter dem noch Kohlen hervorglühten; ein dürftig in zerfetztem Burnus gekleideter Mann lag bei dieſem Aſchen⸗ und Kohlenhaufen und ſchlief ebenfalls. Jetzt regte es ſich in dem Zelte, ein finſterer Araber trat langſam hervor und richtete ſeine Augen zuerſt gegen Oſten, dann aber ließ er ſie über die Karawane ſchweifen. Plötzlich ſchoß ein Zornblitz aus ſeinen Augen und haſtig ſchritt er durch die ſchlafenden Kameele auf den Aſchenhaufen zu. „Auf, Du Hund,“ ſchrie er zornig, den Schläfer mit dem Fuße ſtoßend. Der Schlafende fuhr empor, ſeine Fäuſte ballten ſich, ſeine Augen loderten im wilden Feuer. Man ſah, er fühlte tief das Schimpfliche der erlittenen Behandlung. „Ungläubiger Hund,“ ſchrie der Araber wieder,„ſo befolgſt Du meine Befehle? Du ſchläfſt, wenn Du wachen ſollſt? Ich befahl Dir, das Feuer die Nacht durch zu unterhalten, damit die wilden Beſtien nicht einbrechen, und hier liegt noch ein Haufen Aſche. Mich wundert es, daß nicht alle meine Thiere in ihrem Blute liegen.“ „Wären doch die Löwen gekommen und womöglich alle Beſtien der Wüſte,“ murrte der Geſcholtene mit zorniger Stimme,„ſie wären mir wahrhaftig willkommene Gäſte geweſen.“ „Hund,“ zürnte der Araber,„um Dich wäre es wirklich kein Schade geweſen.“ „Wenn ich ſo wenig gelte, warum giebſt Du mir dann nicht meine Freiheit zurück?“ fragte der Andere. „Nun bei Allah, Sclave,“ antwortete der Araber wild,„Deine Zunge iſt immer noch geläufig. Weißt Du nicht, daß der Sclave nur dann zu ſprechen hat, wenn der Herr ihn fragt? Es ſcheint, als ob mein Stab dem Ungläubigen ſeine Pflicht gegen mich noch lehren ſollte.“ Drohend ſchwang der Araber ſeinen Stab und der Sclave wich mit erdfahlem Geſicht zurück; aber er ſchwieg noch nicht. „Iſt es ein Verbrechen, wenn ein Menſch ſeine Freiheit ver⸗ langt?“ fragte er. „Schweig'!“ befahl der Araber. „Nein, ich ſchweige nicht,“ entgegnete der Sclave beharrlich.„Ich hatte, als ich an dem Feuer einſchlief, einen ſüßen Traum; er führte mich in die Gefilde meines ſchönen Vaterlandes, zu meiner Mutter zurück und ich war unnennbar glücklich, daß mein Auge die reben⸗ bekränzten Hügel, das an die Ufer donnernde Meer und das kleine Häuschen wiederſah, wo die Erzeugerin meines Lebens weilt.— Und nun dieſer Abſtand als ich erwachte?——“ „Was kümmern mich Deine Träume.— Uebrigens iſt es Deine eigene Schuld, wenn Du noch Sclave biſt.— Es ſind Dir Mittel und Wege geboten, ein freier Mann zu werden.“ „Aber welche!“ „Du warſt ein Führer der Giaurs, welche Allah mit dem Schwert des Todes hinweg mähen möge, wie des Schnitters Sichel das reife Weizenfeld. Es wurde Dir angeboten, unter die Krieger des Stell⸗ vertreters des Propheten, des weiſen Emir Abd⸗el⸗Kader zu treten, und ſie in den Waffenkünſten zu unterrichten. Es ſind ſo Viele der Deinen ſchon in den Reihen des Emirs und nur Du verweigerſt es ſo trotzig.“ „Wiſſe, Said Ibrahim,“ erwiderte der Sclave voll Würde und hoch aufgerichtet,„ich habe der Fahne meines Vaterlandes geſchworen, und nie werde ich meinen Schwur brechen und mich dadurch vor den Augen der Welt und vor mir ſelbſt erniedrigen, noch weniger aber werde ich jemals das Schwert gegen meine Waffenbrüder, gegen meines Vaterlandes Fahnen erheben, nie die Schmach auf meinen Namen laden, daß ſein Träger für den Halbmond gegen das geheiligte Zeichen des Kreuzes geſtritten hat.“ „Sind nicht ſo Viele der Deinen unter der Fahne des weiſen Emirs verſammelt?“ „Schmach über ſie, es ſind ehrloſe Verräther, vor deren Namen Jeder verächtlich ausſpuckt.— Wehe ihnen, wenn ſie jemals in die Hände ihrer ehemaligen Waffengefährten fallen, der ſchimpflichſte Tod iſt ihnen gewiß.“ „Allah's Hand wird ſie vor dieſem Schickſal ſchützen und ſie wird des Emirs Waffen zum Sieg führen.“ „Die Hand Gottes wird ſie vernichten!“ „Sch dieſen Na⸗ Wied Wieder i ſornig. ſch auf Vorſicht Vorf Vortwech die übrige ſzlſen Nach „Di et ſein w geboten, falſchen Allah's) an biſt „Th „Nit mel etheb ihn vieln folgen. ein der „D. „Jc „De Herrn, d Na Kreis ſe Blicke ka „O ich gebet zu melde Du für um des nicht na⸗ — ,3 führte Mutter ſe reben⸗ ſs klein — Und s Deine Mitel Schwert as reife § Stel⸗⸗ treten, Piele der weigerſt rde und hworen, vor den ger aber „gegen meinen eheiligte 3 weiſen Namen in die iſte Tod ſe wid Schweig', Ungläubiger,“ ſchrie der Araber wild auf,„nenne nicht dieſen Namen vor den Ohren eines Rechtgläubigen, oder wehe Dir.“ Wieder ſchwang der Araber mit drohender Geberde ſeinen Stab. Wieder wich der Sclave Zurück und ſchwieg, aber ſein Auge rollte zornig. Er glich einem Löwen, der, auf das Höchſte gereizt, bereit war, ſich auf den Feind zu ſtürzen und ihn zu vernichten, aber nur durch Vorſicht daran zurückgehalten wurde. Vorſicht war dem Sclaven auch Noth, denn durch den heftigen Wortwechſel ihres Anführers mit dem Sclaven geweckt, hatten ſich die übrigen Araber erhoben und einen Kreis um die Streitenden ge⸗ ſchloſſen, drohende Blicke auf den kühnen Chriſten werfend. Nach einer Pauſe fuhr Said Ibrahim fort: „Die Hand des Trotzes verblendet des Ungläubigen Auge, daß er ſein wahres Heil nicht erkennt.— Noch ein anderes Mittel iſt Dir geboten, Deine Freiheit zu erlangen: ſchwöre auf dem Koran Deinen falſchen Glauben ab und bekenne Dich zu der Lehre Muhamed's. Rufe Allah's Namen an, ſtatt den Deines falſchen Gottes und von Stund' an biſt Du frei und von uns als Freund und Bruder aufgenommen.“ „Thue das, Ungläubiger!“ riefen die Umſtehenden. „Nie,“ entgegnete der Sclave, ſeine Hand betheuernd zum Him⸗ mel erhebend,„nie verleugnet der wahre Chriſt ſeinen Gott, er bekennt ihn vielmehr freudig jeden Augenblick, ſollte auch der Tod darauf folgen. Lieber ſelig ſterben als Märtyrer ſeines Glaubens, denn als ein der ewigen Verdammniß verfallener Abtrünniger leben.“ „Du weigerſt Dich alſo?“ „Ja!“ „Dann bleibe Sclave! Krieche als Hund zu den Füßen Deines Herrn, deſſen Hand Dich als Hund züchtigen wird.“ Nach dieſen Worten trat der Araber ſtolz zurück und der ganze Kreis ſchaute finſter und drohend auf den Sclaven, welcher dieſe Blicke kaltblütig erwiderte. „Said Ibrahim,“ nahm jetzt der Sclave das Wort,„oft habe ich gebeten, einem der chriſtlichen Conſule und Kaufleuten meine Lage zu melden und ihnen zu ſagen, wie hoch das Löſegeld iſt, welches Du für meine Freiheit verlangſt. Sie werden Dir es gern zahlen, um des Glaubensgenoſſen Feſſeln zu löſen.— Warum handeſt Du nicht nach meinem Vorſchlage?“ 120 „Warum?“ fragte der Araber.„Weil ich nicht will, daß die Ungläubigen den Arm eines Kriegers zurückerhalten, damit er auf's Neue die rechtgläubigen Verehrer Allah's und ſeines Propheten be⸗ kämpfe. Mich freut es vielmehr, daß ich den Trotz eines Ungläubigen zu bekämpfen habe, und ich will ihn brechen, dieſes ſchwört Dir Said Ibrahim bei dem Bart des Propheten.— Jetzt aber iſt es Zeit zom Aufbruch.— An die Arbeit, Sclavel rüſte die Kameele.“ Er gab ein Signal und augenblicklich regten ſich Aller Hände, die Kameele zur Fortſetzung des Zuges zu beladen, und mit finſterer Stirne legte der Sclave ſeine Hände an, die ſchweren Waarenballen herbeizuſchaffen und auf den Sätteln der noch ruhig am Boden liegenden Kameele zu befeſtigen. Oft wurde er dabei von den Arabern hin⸗ und hergeſtoßen, ſelbſt geſchlagen, wenn er nach ihrer Meinung nicht raſch genug die Arbeit verrichtete, und er durfte keine Miene des Widerſtandes machen, wollte er nicht die gröbſten Mißhandlungen, vielleicht ſelbſt den Tod auf ſich heraufbeſchwören.— Mit ſcheinbarer Geduld, aber unterdrücktem Zähneknirſchen nahm er Alles hin. „Frankreich!— O, meine Mutter!— Arme Mercedes!“ ſeufzte er. Dieſer Sclave war Albert Mondego, der Sohn des Grafen Mor⸗ cerf und der unglücklichen Mercedes. Nachdem der Graf Morcerf ſich erſchoſſen, Mercedes mit ihrem Sohn nach Marſeille gegangen und Albert von da nach Algerien gereiſt war, hatte ſich für den jungen Helden daſelbſt eine neue Lauf⸗ bahn eröffnet, auf der Ruhm, Auszeichnung und raſches Emporſteigen zu hoffen war. Beiſpiele davon hatte er ſtets vor Augen, denn viele der in Afrika kommandirenden Generale— in der Armee gewöhnlich nur die Afrikaner genannt— waren noch junge, kräftige Männer, ihr Aufſteigen hatte raſch ſtattgefunden, da ihnen faſt ſtets Gelegen⸗ heit geboten war, ſich auszuzeichnen und ihre Talente zu entwickeln. Albert hoffte, daß auch ihm das Schickſal ſich freundlich zeigen würde. In der That ſchien das auch, denn ſchon im erſten halben Jahre ward er zum Lieutenant ernannt und trat in die Zuaven ein, und zwar in ein Bataillon, welches faſt ununterbrochen in den Grenz⸗ gebieten ſtationirt war und mit den Kabylen im ſteten Kampfe lag. — Albert zeigte ſich als einer der thätigſten Offtziere, ſchlug ſich muthig herum mit den Feinden und benutzte die dienſtfreien Stunden zur Erlernung des Arabiſchen, welches ihm, da er beſtändig, mit ge⸗ ingen Un nütlich we und das Auf ſichen Abd ward ſein kühn einen den Stürn vordrang, Felſenhang block. All wollte er Kabylen fort, ehe dieſe Gefa Abe eleKader, Organiſin diente, ma zu treten, erklärend, Fahne fü Worte G. daß dieſe auch bei! Gefolge z ihm an n Bu ſeinen W träge mit und da behartte, durch die Zorne des Albe man ben aß die auf' in be⸗ ibigen Said it ym Hande nſterer ballen Boden abern inung Miene Gungen, nbarer ſite er. Mor⸗ ihrem gerien Lauf⸗ ſteigen iele hulich änner, elegen⸗ vickeln. würde. Jahre „und Grenz⸗ fe lag. ig ſich tunden nit ge⸗ 121 ringen Unterbrechungen, in Algerien zu bleiben beabſichtigte, ſehr nützlich werden konnte. Im nächſten Jahre wurde er Oberlieutenant, und das Kreuz der Ehrenlegion ſchmückte ſeine Bruſt. Auf einem Zuge in die Schluchten des Atlas, um den unermüd⸗ lichen Abd⸗el⸗Kader und deſſen rechte Hand, Bu Maza, außzuſuchen, ward ſein Bataillon in ein heftiges Gefecht verwickelt; es ſtürmte kühn einen felſigen Berg und Albert war einer der Vorderſten unter den Stürmenden. Als er eben an dem Rande einer tiefen Schlucht vordrang, traf ihn eine Kugel; er ſtrauchelte und ſtürzte den ſteilen Felſenhang hinab; im Fallen zerſprang ſein Säbel an einem Fels⸗ block. Albert verlor auf einige Minuten die Beſinnung, dann aber wollte er ſich ſchnell aufraffen, aber ſchon hatten ihn einige verſteckte Kabylen bemerkt, ſie ſprangen hervor, packten ihn und ſchleppten ihn fort, ehe er noch an Widerſtand denken konnte. Einige Zuaven hatten dieſe Gefangennahme geſehen und eilten zu Hilfe, kamen aber zu ſpät. Albert wurde vor Bu Maza geführt, und dieſer, der, gleich Abd⸗ el⸗Kader, bemüht war, reguläre Bataillone zu bilden und zu deren Organiſirung ſich ſowohl Deſerteurs als auch Kriegsgefangener be⸗ diente, machte Albert ſofort den Vorſchlag, in Abd⸗el⸗Kader's Dienſte zu treten, aber Albert wies dies mit Unwillen und Entrüſtung zurück, erklärend, er wolle lieber ſterben, als die Waffen gegen Frankreichs Fahne führen, der er Treue geſchworen.— Bu Maza war ſolcher Worte Gefangener gewohnt, und da er oft die Erfahrung gemacht, daß dieſe Geſinnungen ſich bald änderten, ſo glaubte er, daß dieſes auch bei Albert der Fall ſein werde; er befahl ihm alſo, in ſeinem Gefolge zu bleiben, und ſorgte, daß er gut behandelt wurde und es ihm an nichts fehlte. Bu Maza erwartete, dieſe Behandlung würde den jungen Mann ſeinen Wünſchen gefügiger machen; aber Albert wies alle ſeine An⸗ träge mit Beharrlichkeit zurück. Mehrere Wochen waren ſo vergangen, und da der Gefangene immer noch auf ſeiner erſten Weigerung beharrte, ging Bu Maza endlich zu Härte und Drohungen über, ohne durch dieſelben mehr ausrichten zu können. Albert widerſtand dem Zorne des Scheik ebenſo, wie er deſſen Freundlichkeit widerſtanden hatte. Albert wurde jetzt mit aller Härte als Gefangener behandelt; man bewachte ihn auf das Strengſte und ließ ihn oft an dem Nöthigſten Mangel leiden; ein Wort von ihm hätte Alles ändern 122 können, aber dieſes Wort zu ſprechen, verſchmähte er. Bu Maza drohte endlich mit dem Tode. „Glaubſt Du,“ entgegnete Albert verächtlich,„ich würde den Drohungen das gewähren, was ich freundlichem Zureden abſchlug?“ „Wohl,“ ſagte Bu Maza,„noch einmal will ich die Macht der freundlichen Worte verſuchen, dann haſt Du drei Tage Bedenkzeit, Dich zu entſcheiden, ob Du mich als gütigen Freund oder als furcht⸗ baren Feind ſehen willſt.“ Mit Aufwand aller Beredtſamkeit und unter den lockendſten Verſprechungen ſuchte Bu Maza den Gefangenen nochmals zu bewegen, ſeinen Sinn zu ändern und Dienſte zu nehmen. Dann ging er. Am dritten Tage kam Bu Maza wieder. „Wie iſt Dein Entſchluß?“ fragte er.„Ich komme, ihn aus Deinem Munde zu vernehmen, denn die Zeit iſt um.“ „Mein Entſchluß iſt der frühere,“ entgegnete Albert feſt. „Du willſt alſo nicht?“ „Nein.“ „Zum letzten Male?“ „Nein.“ „Dann wehe Dir!“ fuhr Bu Maza grimmig auf.„Du haſt meine Güte verſchmäht, Ungläubiger, ſo ſollſt Du meinen Zorn kennen lernen.“ Er entfernte ſich zornig, und nicht ohne Beſorgniß blieb Albert zurück; er ſah ſich in der Gewalt ſeiner Feinde, die oft auf das Grauſamſte mit ihren Gefangenen verfuhren, und jetzt, da Bu Maza auf ſolche Art gereizt ſich zeigte, war von deſſen jähzorniger Ge⸗ müthsart Alles zu fürchten. Aber Albert war auch entſchloſſen, lieber Alles über ſich ergehen zu laſſen, ehe er auch nur des Schattens eines Verrathes ſich ſchuldig machte. Schon nach einer Stunde erſchienen Bewaffnete bei Albert, feſſel⸗ ten ihn und führten ihn fort. Er fragte, wohin man ihn bringe, erhielt aber keine Antwort. Albert ſah aber bald, daß man ihn nach Bu Maza's Zelt führte.. Hier ſtanden Bewaffnete im Kreiſe aufgeſtellt, Albert wurde in deren Mitte geführt, worauf man ihn ſtehen ließ, um dem Scheik des Gefangenen Ankunft zu melden.— Bald erſchien Bu Maza und trat zu Albert. fragſt“ e „Nu — Mit geſproche „T. mich nie handeln. Bu Au einen bl. dieſen T während war, ſch dieſes M gelte, er „U da Du Waffen Rechtglä Maza de den hlug?⸗ ihht der denkzeit furcht⸗ endſten wegen, er. in aus du haſt Zorn Albert nuf das Maza er Ge⸗ , lieber is eines feſſel⸗ bringe, an ihn urde in Scheil pa und 123 „Du biſt ein tapferer Mann,“ ſagte er,„und deshalb wünſchte ich, Dich Deinem Schickſal entziehen zu können, in welches Dich Dein thörichter Starrſinn noch ſtürzen muß. Nimm alſo meinen Vorſchlag an und erkläre Dich darüber.“ „Ich habe mich ſchon erklärt,“ war Albert's mit Feſtigkeit ge⸗ gebene Antwort. „Bedenke, ich frage Dich zum letzten Male!“ warnte Bu Maza, deſſen Augenbrauen ſich ſturmverkündend zuſammenzogen. „Ich werde nie anders ſprechen, und ob Du noch hundertmal fragſt,“ erklärte Albert. „Nun denn,“ brauſte Bu Maza auf,„Du willſt Dein Verderben! — Mit Deiner Weigerung haſt Du zugleich Dein Todesurtheil aus⸗ geſprochen.“ „Tödten kannſt Du mich,“ gab Albert unerſchüttert zurück,„aber mich nicht zwingen, gegen das Gebot der Pflicht und der Ehre zu handeln.“ Bu Maza biß zornig die Lippen zuſammen und winkte. Auf dieſen Wink erſchien ein wildblickender Mann im Kreiſe, einen blanken, ſcharfgekrümmten Säbel in der Hand.— Albert kannte dieſen Mann, es war der Scharfrichter Bu Maza's, und er hatte während der Zeit, als er mit dem Scheik herumzuziehen gezwungen war, ſchon einige Male Proben von der furchtbaren Geſchicklichkeit dieſes Mannes geſehen.— Er ahnte, daß ſein jetziges Erſcheinen ihm gelte, erblaßte und ſenkte voll Ergebung ſein Haupt. „Ungläubiger,“ rief Bu Maza dem gefeſſelten Gefangenen zu, da Du Dich weigerſt, unter der heiligen Fahne des Propheten die Waffen zu führen, ſo will ich Dich hindern, daß Du je wieder den Rechtgläubigen Schaden zufügeſt. Dein Haupt falle!“ „Dann hat Frankreich noch Hunderttauſende von beſſeren Kriegern, als ich bin,“ antwortete der Verurtheilte ſtolz;„dieſe werden mich rächen und Dir Verderben bringen.“ „Kniee nieder!“ rief der Henker ihm zu. Schweigend gehorchte Albert. Er kniete nieder und beugte ſein Haupt. „Arme Mutter, lebe wohl,“ flüſterte er dann.„Wie Gott will.“ Athemloſe Stille herrſchte. Die Männer hielten feſt ihre Augen auf das in ihrem Kreiſe knieende Opfer gerichtet, und deſſen muthige 124 Ergebung in den Tod, welche ihn nicht einmal die Farbe wechſeln oder mit den Wimper zucken ließ, ſchien großen Eindruck auf ſie zu machen. Bu Maza winkte dem Henker nochmals. Dieſer trat heran und entblößte langſam des Verurtheilten Hals.— Albert zuckte mit keiner Miene, nur ſeine Lippen bewegten ſich im leiſen Gebet. „Du biſt ſehr langſam, Freund!“ ſagte er dann ruhig zum Henker, als dieſer mit dem Entblößen des Halſes gar nicht fertig zu werden ſchien.„Wenn mir die Hände nicht gebunden wären, wollte ich Dir helfen.“ 6 Der Henker brummte einige Worte und trat zurück. Bu Maza winkte wieder. Der Henker hob ſeinen Säbel und bewegte ihn langſam vor⸗ wärts; jetzt berührte die haarſcharfe, kalte Schneide Albert’'s Hals und zog ſich dann langſam zurück, zum letzten, zum Todeshiebe ausholend.—— Noch ein Augenblick.—— „Halt!“ rief da plötzlich eine Stimme. Der Henker ließ ſeinen Säbel ſinken und ſah auf Bu Maza, welcher ſich nach dem umwandte, welcher durch ſeinen Ruf die Exe⸗ eution unterbrochen. Auch Albert, welcher im nächſten Augenblicke erwartet hatte, den Todesſtreich zu empfangen, ſah verwundert auf. Ein graubärtiger Kabylenhäuptling trat aus dem Kreiſe und auf Bu Maza zu. „Was willſt Du, Huſſein?“ fragte Bu Maza. „Scheik,“ entgegnete Huſſein,„dieſen Ungläubigen erſchüttert ſelbſt Todesfurcht nicht. Aber der Tod iſt auch keine Strafe für ihn, der ſich weigert, unter der heiligen Fahne zu kämpfen. Härter muß man ihn züchtigen, als durch den Tod!— Brich des Ungläubigen Trotz, brich ſeinen Stolz dadurch, daß Du ihn der Sclaverei über⸗ giebſt, da mag er unter der Zuchtruthe eines eiſernen Herrn ſtehen⸗ da mag er ſehen, wie die Rechtgläubigen unter dem Schutze Allah's und ſeines Propheten die ungläubigen Eindringlinge in das Meer ſtürzen; dieſes wird ihm in die Seele brennen, er wird tauſendfachen Tod ſterben, und er wird doch nicht ſterben können, ſondern unter dem Tode ſich zur Qual leben.“ — — ——;—— „Hu „So Bu „St Dir geſch „t Albert in Guade, den lang dieſes no Bu „Re Dir nich dafür ſo zwiſchen bemerkb Da „T das wir Chriſten feſſelt fe de Tage er kündigt e und büttert t ihn, muß bigen über⸗ tehen⸗ Uah's Meer fachen unter 125 „Huſſein ſpricht weiſe!“ rief Bu Maza.„So ſei es.“ „So ſei es!“ wiederholten auch die anderen Kabylen. Bu Maza trat nun zu Albert. „Steh' auf, Ungläubiger,“ ſagte er,„Dein elendes Leben ſei Dir geſchenkt.“ „Ich weiß, welche Bosheit Ihr mit mir vorhabt,“ entgegnete Albert in ſeiner Stellung verharrend,„und flehe Dich als um eine Gnade, gieb mir lieber ſogleich den raſchen Tod, als daß Du mich den langſamen Tod der Sclaverei ſterben läſſeſt.— Ich will Dir dieſes noch danken.“ Bu Maza lächelte tückiſch. „Nein, Ungläubiger,“ ſagte er dann,„dieſe Gnade gewähre ich Dir nicht.— Du ſollſt Sclave des letzten Kabylen ſein, und ich werde dafür ſorgen, daß Du einen Herrn findeſt, der Dir den Unterſchied zwiſchen einem Sclaven und einem freien Manne recht eindringlich bemerkbar macht.— Darauf verlaß Dich.“ Da richtete ſich Albert ſtolz auf. „Thue es denn,“ ſprach er voll männlicher Feſtigkeit.„Auch das wird meinen Muth nicht beugen.— Die Religion lehrt den Chriſten Geduld in Leiden, und ich will Alles dulden, was Gott, nicht Du, Ohnmächtiger, über mich verhängt.“ „Du biſt noch ſehr übermüthig,“ gab Bu Maza zurück,„aber ich zweifle nicht, Dein Uebermuth wird in kurzer Zeit gebrochen ſein.“ Dann begab er ſich in ſein Zelt zurück, und Albert ward ge⸗ feſſelt fortgeführt. Der Scheik machte ſeine Drohung wahr, denn ſchon am nächſten Tage erſchien ein wildausſchauender Kabyle, und Albert ward ange⸗ kündigt, dieſes ſei der Herr, an den ihn Bu Maza als Sclave ver⸗ kauft habe. Albert ergab ſich ſchweigend in ſein Schickſal und folgte ſeinem neuen Herrn, der ihn zwei Tagereiſen weit in ein Kabylendorf führte, wo er denn zu den niedrigſten Haus⸗ und Feldarbeiten verwendet wurde. Hier erfuhr er recht, wie ein Sclavenleben iſt, denn ſeine Arbeiten waren hart und widerlich, die Behandlung roh, oft unmenſch⸗ lich, die Koſt ſchlecht und oft nicht hinreichend, den Hunger zu ſtillen. — Der junge Mann duldete und ſchwieg; er brütete Tag und Nacht über Pläne zur Flucht, doch ſein Herr ließ ihn nicht aus den Augen 126 und bei der ſcharfen Bewachung war die Ausführung eines Flucht⸗ verſuches faſt unmöglich. Nach einem qualvoll durchlebten halben Jahre verkaufte ihn ſein Herr an Said Ibrahim, den Führer einer Karawane, der etwas we⸗ niger roh, aber nicht minder hart und ſtreng war, wie der erſte Herr. Auch jetzt ward Albert vorzugsweiſe zu den niedrigſten Dienſt⸗ leiſtungen gebraucht und galt überhaupt als der letzte der Sclaven. — Aber er ertrug Alles mit leichterem Muthe, denn er hoffte jetzt eher Gelegenheit zur Flucht zu finden. Zeitig ung weite ſchon höch über den zeigte eine ein feiner gewölbe er tjefere Blä ſelbſt die d annrbehaglie Die) ſich der g ur unbeh und öſter prüfend H Sandlläch Abert, der ads hächt Abber mmochte er Säwüle I Wohl brach bei dabei emp tlaven. te jett Siebenzehntes Kapitel. Die Flucht durch die Wüſte. Um Ruhe zu finden, Wohin ſoll ich wenden Den eilenden Stab? Schiller. Zeitig brach die Karawane wieder auf und zog in öſtlicher Richt⸗ ung weiter durch die Wüſte fort. Die Hitze war an dieſem Morgen ſchon höchſt fühlbar, und wurde es noch mehr, als die Sonne ſich über den einförmigen, gradlinigen Wüſtenrand erhob. Die Sonne zeigte eine dunkle Röthe und blieb lange Zeit faſt ſtrahlenlos, denn ein feiner Dunſt ſchien die Atmoſphäre zu umfloren, dem Himmels⸗ gewölbe ein bleigraues Anſehen gebend, welches nur ſtellenweiſe in tiefere Bläue überging. Dabei wurde die Schwüle drückend, ſo daß ſelbſt die der Hitze gewohnten Araber immer deutlicher ihr Gefühl der Unbehaglichkeit verriethen. Die Araber ſchienen aber nach einigen Stunden, während deren ſich der Zuſtand der Atmoſphäre nicht im Geringſten änderte, nicht nur unbehaglich ſich zu fühlen, ſondern ſogar beſorgt zu werden; öfter und öfter richteten ſie ihre Augen um und über ſich, beobachteten prüfend Himmel, Sonne und die endlos und öde ſie umgebenden Sandflächen, und wechſelten bisweilen einige Worte, von denen aber Albert, der bei den Kameelen beſchäftigt war, nichts verſtehen konnte, als höchſtens dann und wann ein paar Silben. Albert kümmerte ſich auch nicht weiter darum, und noch weniger mochte er einen der Araber anreden, zu erfahren, was man an der Schwüle ſo Beſonderes finde. Wohl fühlte ſich auch Albert merkwürdig erſchöpft, der Schweiß brach bei ihm aus allen Poren und durchnäßte ſeine Gewänder; dabei empfand er eine gewiſſe drückende Befangenheit im Kopfe. Doch 128 dieſes fiel ihm nicht im Geringſten auf, er glaubte, dieſes ſei natür⸗ liche Einwirkung der Wüſte auf ihn, der das afrikaniſche Klima zwar gewohnt geworden, aber wochenlange Wüſtenreiſen noch nicht kennen gelernt hatte. Konnte da eine Erſchöpfung etwas ſo Auffallendes ſein, da er noch dabei das quälende Gefühl der Gefangenſchaft mit ſich herumtrug? Der Tag verging einförmig, wie es bei den Wüſtenreiſen ſtets der Fall iſt, wo das endloſe Blau des Himmels und das eintönige Braun und Gelb der Wüſte das Auge ſchon am erſten Tage über⸗ ſättigt. Als die Sonne ſich langſam niederſenkte, fühlte ſich Albert noch mehr als gewöhnlich ermattet, und da er den größten Theil des Tages zu Fuße gegangen, blieb er hinter ſeinem Dromedar, welches er zu beaufſichtigen hatte, mehrere Schritte zurück. Sein Herr be⸗ merkte, daß der Zwiſchenraum von Dromedar und Treiber immer mehr ſich vergrößerte, und kam zornig auf Albert zu. „Giaur,“ rief er,„es ſieht ja aus, als wollteſt Du zurückbleiben, um dann zu entfliehen?“ „Wenn man kaum einen Fuß vor den andern ſetzen kann,“ ent⸗ gegnete Albert,„denkt man da an die Flucht?— Du haſt mir den ganzen Tag kaum eine Stunde erlaubt, das Thier zu beſteigen.“ „Weil das Thier zu edel iſt, Dich zu tragen, wenn es ſchon unter ſeiner anderen Laſt keucht,“ zürnte der Araber.„Seit wann ſoll ein Rechtgläubiger das edle Dromedar, welches ein Geſchenk von Allah's Hand iſt über Gebühr belaſten, um eines Ungläubigen willen?“ „Ha,“ murmelte Albert„ich zweifle gar nicht, daß das Thier menſchlicher denken würde, als ſein Herr.“ Albert hatte dieſe Worte nur für ſich geſprochen, aber gleichwohl hatte ſie das Ohr des Arabers nicht nur gehört, ſondern auch ver⸗ ſtanden, und Zornesblitze flammten aus ſeinem Auge. „Was ſprachſt Du?“ fragte Said Ibrahim. „Nichts,“ entgegnete Albert kurz. „Ich hörte aber, daß Du ſprachſt, Giaur.“ „Dann ſprach ich für mich.“ „Wohl, Giaur,“ ſchrie Said Ibrahim erbittert,„wenn Du künftig wieder für Dich ſprechen willſt, ſo behalte es entweder für Dich, oder denke daran!“ Ein heftiger Schlag mit der Lanze traf Albert's Rücken. „Denk fählend hinz nochmals 3 Albert ſch nicht durh Mar ob er ſic ſich laſten! ihm arbeite Said Gefühllſig firitte ihn, „Fott Alber ſchwellte ſ Wied und der S hob der der Luft. „Fort Propheten Che rühren kor raſchen Bl. ſch allein ohne ſich! gewagter er erdulden ſtellen un iu eringe Bliz aleweichen pack und riſen und blutend wi eiſchrocken de Lanze Die He natür⸗ la zwar t kennen fallendes baft mit ſſen ſtets feintönige ge über⸗ b Albert heil des welches Herr be⸗ t immer ſäbleiben, nn,“ ent⸗ mir den gen.“ es ſchon it wann denk von willen?“ as Thier leichwohl auch ver⸗ ukünftig ich, oder 129 „Denke daran, Giaur!“ ſchrie er nochmals und ſetzte dann be⸗ fehlend hinzu:„Nun fort, Du Hund, und laß Dir es nicht einfallen, nochmals zurückzubleiben.“ Albert ſtand mit erdfahlem Geſichte vor dem Araber und regte ſich nicht. Die ihm ſoeben neu widerfahrene Beſchimpfung ging ihm durch Mark und Bein, und er wußte in dem erſten Augenblicke nicht, ob er ſich auf den Beleidiger ſtürzen oder geduldig die Schmach auf ſich laſten laſſen ſollte. Er ſchien zur Statue verwandelt, aber in ihm arbeitete es furchtbar, und ſein Auge blitzte und ſprühte. Said Ibrahim ſchien durch dieſe Regungsloſigkeit und anſcheinende Gefühlloſigkeit ſeines Sclaven nur noch erbitterter zu werden. Er ficirte ihn einige Augenblicke mit rollenden Augen. „Fort!“ befahl er dann zum zweiten Male. Albert rührte ſich noch immer nicht, der furchtbarſte Grimm ſchwellte ſein Herz zum Berſten. Wieder entſtand eine Pauſe. Die beiden Männer— der Herr und der Sclave— ſtanden ſich gegenüber, Auge in Auge. Endlich hob der Araber nochmals ſeine Lanze und wirbelte den Schaft in der Luft. 4 „Fort, Giaur!“ ſchrie Said Ibrahim dabei,„fort, oder bei des Propheten Bart, ich will den faulen Sclaven prügeln wie einen Hund!“ Che aber noch die Lanze Albert's Rücken zum zweiten Male be⸗ rühren konnte, fuhr Albert auch ſchon auf wie ein Raſender; einen raſchen Blick warf er um ſich, und ſehend, daß er mit ſeinem Gegner ſich allein befand, indem die Karawane ruhig ihres Weges fortzog, ohne ſich um die Zurückgebliebenen zu bekümmern, ſchoß ein wilder gewagter Entſchluß in ſeinem Kirn auf: keine neue Schmach wollte er erdulden, lieber Alles aufbieten, ſich vor neuer Schmach ſicher zu ſtellen und— galt es auch auf Leben und Tod— ſeine Freiheit zu erringen. Blitzſchnell ſprang Albert zur Seite, ſo dem drohenden Schlage ausweichend. Mit einem zweiten Satze hatte er Said Abrahim ge⸗ packt und ihn mit wahrer Rieſenkraft ſo heftig aus dem Sattel ge⸗ riſſen und zur Erde geſchleudert, daß der Araber beſinnungslos und blutend wie ein Todter vor ihm lag. Und ſchon war der Zügel des erſchrocken ſich aufbäumenden Roſſes in Albert's Hand, ſchon hatte er der Lanze und des Handſchars des Arabers ſich bemächtigt, und im Die Hand des Todten. 9 130 nächſten Augenblick ſaß er im Sattel des Renners, ihn wendend und hinausjagend in die endloſe Sandöde. Gern hätte ſich Albert auch der langen Flinte Said Ibrahims bemächtigt, ſo lange dieſer noch wehrlos war, allein er durfte ſich nicht aufhalten, denn ein flüchtiger Blick zeigte ihm, daß ſeine kühne That ſchon bemerkt ſei, und jeder verlorene Augenblick über Leben und Tod entſcheiden konnte. So mußte ſich Albert mit Lanze und Handſchar begnügen, ſowie mit den Piſtolen im Sattel, wobei es freilich zweifelhaft war, ob er ſie überhaupt gebrauchen könnte, da er ſelbſt ohne Pulver war. Aber was galt das in dieſem Augenblicke?— Er hatte eine Lanze und eine gute Klinge in ſeinem Beſitz, hatte einen Renner unter ſich, von dem er wußte, daß er das beſte und flüchtigſte Roß der ganzen Karawane war, und ſo hoffte er nicht nur einen guten Vor⸗ ſprung zu gewinnen, ſondern auch aus jedem Kampfe ſiegreich hervor⸗ gehen zu können, wenn die Uebermacht nicht allzu groß war. Dieſes war aber nicht ſo leicht glaublich, da die Rückſicht auf die Sicherheit der Karawane es ſchon von ſelbſt verbot, daß viele Männer ſich von ihr entfernten. Alſo vorwärts, vorwärts auf Leben und Tod!— Es galt die Freiheit!— Der edle Renner griff aus, obgleich ſchon ermüdet durch den angeſtrengten Tagesmarſch in der glühenden Hitze.— Albert vernahm hinter ſich einige laute Schreie, einen Flintenſchuß, achtete aber nicht weiter darauf; heftiger trieb er ſein Roß an, daß es wie ein Vogel dahinflog über den Sandboden und durch ſeine heftigen Bewegungen ſich und ſeinen Reiter in Staubwolken hüllte. Albert war zu ſehr Krieger, als daß er nicht ſich hätte beſtreben ſollen, alle Vortheile wie Nachtheile des Terrains mit ſchnellem Blicke zu erwägen, um die erſten zu benutzen, die letzten zu vermeiden. Er warf einen Blick um ſich und bemerkte bei dem Scheine der verſchwin⸗ denden Sonne, daß drei Männer ſich von der Karawane getrennt hatten und auf ihren raſchen Roſſen ihn verfolgten. Dieſe Männer konnten inſofern gefährlich werden, als ſie ihre weittragenden, langen Beduinenflinten beſaßen, und ſie, das wußte Albert, in deren Hand⸗ habung Meiſter waren. Es galt einen gewiſſen Vorſprung zu be⸗ haupten, wo die Kugeln ihm keinen Schaden zufügen konnten; dann mußte el die Verfo Dort gelang es Augen de merung eintritt, mehr ent Alſo Albe mehr, wel ſpannte a ſein Thie den Erhe ihm faſt Von Verfolgen doch bem kam, off Schnellig konnte. Wei und die ja aus d nur noch Alb die Sand namentli Ebenheit Vertiefun räume ne Roß und ſich vor Itt Dunſt ſi ſah Abe Wweier di 131 dend und mußte er aber auch ſo viel als möglich Hinderniſſe zwiſchen ſich und die Verfolger zu bringen ſuchen, welche ihm den Vorſprung ſicherten. kam, offenbar war jener Reiter im Beſitze eines Thieres, das an Schnelligkeit mit dem ſchlanken Hengſt Said Ibrahims wetteifern Pbrahim Dort in der Ferne ſah Albert einige Erhöhungen auftauchen, urfte ſich gelang es ihm nur, erſt jene zu erreichen, ſo verſchwand er aus den ine kühne Augen der Verfolger, denn da die Sonne untergegangen, die Däm⸗ ber Leben merung in jenen Gegenden aber nur kurz währt, die Nacht aber raſch anze und eintritt, ſo konnte dann ſelbſt das ſchärfſte Auge ſeine Spur nicht wobei s mehr entdecken, zumal der Mond erſt ſehr ſpät aufging. te, da er Alſo vorwärts, vorwärts! Albert fühlte in dieſen Augenblicken keine Spur der Erſchöpfung att eine mehr, welche den ganzen Tag auf ihm gelaſtet; das Gefühl der Freiheit ner unter ſpannte alle ſeine Kräfte auf das Höchſte an, und weiter ſtürmte er, Naß der ſein Thier zu unerhörten Kraftanſtrengungen anfeuernd und es nach uhen Vor⸗ den Erhöhungen hinleitend. Die raſende Schnelle des Rittes verſetzte h herbor. ihm faſt den Athem, aber er achtete es nicht. 1 Dieſe Von Zeit zu Zeit warf Albert einen Blick hinter ſich nach den Siczecht Verfolgern; dieſe waren in Staubwirbel und Dämmerung gehüllt, fit vmn doch bemerkte er mit einiger Unruhe, daß der eine näher und näher 1 galt die konnte. Von der Karawane ſelbſt war nichts zu ſehen. det durch Weiter ging die Flucht. Die Luft ward dunkler und dunkler, Albert und die Hoffnung auf Entkommen wuchs; bald mußte der Flüchtling th achtt ja aus den Augen der Nachſetzenden verſchwunden ſein, wie er ſelbſt iß e wie nur noch ſchwach dämmernd die Umriſſe derſelben zu erkennen vermochte. e heftigen Albert mäßigte nun den Lauf ſeines Pferdes etwas, denn obgleich die Sandfläche eben ſchien, ſo wußte Albert doch ſchon zu gut, daß beſtteben namentlich in der Nähe von Erhöhungen, wie er bemerkt hatte, die lem Blicke Ebenheit der Wüſte oft nur ſcheinbar iſt, indem manchmal plötzlich eiden. Er Vertiefungen ſich hinziehen, oder Steinfelder kommen, wo die Zwiſchen⸗ verſchwin⸗ räume nur mit leichtem, lockeren Flugſande ausgefüllt ſind, auf dem e getrennt Roß und Reiter gleich große Vorſicht beobachten müſſen, wollen ſie e Männer ſich vor ſehr gefährlichen Stürzen ſichern. en, langen Jetzt war es Nacht, kein Stern zeigte ſich am Himmel, ein ſchwerer ren Hand Dunſt ſchien auf der Wüſte zu ruhen, bleiern, erdrückend. Wieder g zu be⸗ ſah Albert rückwärts. In der Ferne zeigte ſich der trübe Schein ten; dann zweier dicht neben einander angezündeten Feuer. Albert wußte, was 132 dieſe zu bedeuten hatten: es waren die Lagerfeuer der von ihm ver⸗ laſſenen Karawane. Nun wußte der Flüchtling genau, in welcher Richtung er ſich zu entfernen habe, um jede weitere, zufällige Be⸗ rührung mit ſeinen ehemaligen Reiſegefährten zu vermeiden. Albert ließ nun ſein Pferd wieder langſam gehen, um deſſen Kräfte nicht allzu ſehr zu erſchöpfen. Er war überzeugt, daß er von den Verfolgern wenigſtens jetzt nichts mehr zu befürchten hatte, denn ſo wenig er ſie in der Nacht bemerkte, ſo wenig konnten ſie ihn be⸗ merken, und zu hören war nicht ſo leicht möglich, da der weiche Sand⸗ boden den Hufſchlag des Roſſes faſt unhörbar machte, nur ein leichtes Knirſchen im Sande war das ganze Zeichen.— Trotz dieſem Gefühle der Sicherheit, welches Albert überkam, vernachläſſigte er doch die kriegeriſche Vorſicht nicht, ſeine Hand lag an den Waffen, er war jeden Augenblick kampfbereit. Allein jetzt, nachdem die erſte furchtbare Aufregung der Flucht nachließ, folgte auf die Anſpannung aller Kräfte allmälige Erſchlaffung, deren ſich Albert trotz aller aufgebotenen Energie nicht erwehren konnte, und die ihn faſt muthlos gemacht hätte. Mit doppelter Gewalt laſtete jetzt die drückende, dumpfige Schwüle auf ihm, die durch die Nachtluft nicht gemildert wurde, er fühlte jetzt, daß er wie im Schweiß gebadet war und ſeine Kleider förmlich am Körper klebten; die Zunge lechzte und ein brennender Durſt ſtellte ſich ein. Wäre Albert durch ſein Kriegerleben in Algerien nicht ſchon an Strapazen aller Art in ſolchem Klima gewöhnt geweſen, er würde vielleicht jetzt ſchon vollſtändig muthlos zuſammen gebrochen ſein, allein ſeine Charakterſtärke half ihm, auszudauern. Langſam ritt Albert weiter, er bemerkte, daß er über einige Er⸗ höhungen kam, und hielt dafür, es müßten das die Hügel ſein, welche er geſehen hatte; die Feuer, die ſich kurz vorher noch ſchwach däm⸗ mernd gezeigt, waren jetzt plötzlich unſichtbar geworden. Nun konnte ſich Albert wenigſtens einige Stunden für ſicher halten und zugleich hoffen, daß auch für den nächſten Tag keine Ver⸗ folgung mehr ſtattfinden dürſte, denn ſeinetwegen würde die Kara⸗ wane gewiß nicht einen Tag müßig in der Wüſte liegen, und die Reiter würden ſich wohl auch hüten, auf die Gefahr hin, von der Karawane abzukommen und ſich in der Wüſte rettungslos zu verirren, ihre Verfolgung noch weiter fortzuſetzen; wahrſcheinlich waren ſie jetzt ſchon aufd durfte ſich Alber dämmerun nach Gew in dem 5 Roß meht harten, g⸗ liche Aben der Durſt mußte ſuch und lager Die er ſchlief er ſich mi von ſeine die ſein t A Streif. umher, al zu erkenne ſam befar die Schw zu haben Aber genen Fr ₰ Ic erke ſchütend dulden u Er mache ſ Dabei un im ver⸗ welcher ige Be⸗ deſſen Ner von te, denn ihn be⸗ te Sand⸗ leichtes Gefühle doch die jar jeden er Flucht blaffung, n konnte, Gewalt urch die Schweiß e Zunge ſchon an er wütde in, allein inige E⸗ —, welche ach däm⸗ ür ſicher eine Ver⸗ ie Kara⸗ und die von der verirten, nſie jett 133 ſchon auf dem Rückwege zu ihrer Reiſegeſellſchaft begriffen, und Albert durfte ſich um ſo ſicherer halten. Albert ſuchte ſich nun einen Platz aus, wo er bis zur Morgen⸗ dämmerung ruhen könnte, ſchirrte ſein Pferd ab und befeſtigte es nach Gewohnheit der Beduinen an die in die Erde geſtoßene Lanze; in dem Futterſack befand ſich noch hinreichend Gerſte, er reichte dem Roß mehrere Hände voll und genoß dann ſelbſt ein Stück von dem harten, groben Brod und einige Datteln, dieſes war ſeine gewöhn⸗ liche Abendmahlzeit geweſen, und ſie befriedigte ihn auch heute; nur der Durſt quälte ihn, und zu deſſen Löſchung beſaß er nichts. Er mußte ſuchen, ihn zu verſchlafen, wickelte ſich in ſeinen alten Bournus und lagerte ſich in den Sand, den Sattel zum Kopfkiſſen. Die Erſchöpfung machte, daß der Flüchtling bald einſchlief, und er ſchlief auch unter dem düſteren Wüſtenhimmel ſo ruhig, als befände er ſich mitten in dem Lager ſeiner Kameraden, und er träumte wieder von ſeinem ſchönen Frankreich, von Paris und von ſeiner Mutter, die ſein täglicher Gedanke war. Als Albert erwachte, graute drüben im Oſten ei ein trüb⸗gelblicher Streif. Raſch ſprang der Flüchtling auf und lauſchte aufmerkſam umher, aber kein Laut ließ ſich vernehmen; um Etwas in der Ferne zu erkennen, war die Wüſte noch zu dunkel. Albert fühlte ſich ſelt⸗ ſam befangen, ſein Körper war immer noch im Schweiß gebadet, und die Schwüle der Luft ſchien noch nicht im Geringſten abgenommen zu haben. Aber Albert's erſter Gedanke war: Behauptung der eben errun⸗ genen Freiheit. Dieſer Gedanke überwog alles Andere. „O, meine Mutter, mein Frankreich,“ flüſterte er,„vielleicht ſehe ich Euch nun bald wieder!“ „Und da war es ihm, als ob eine Stimme ihm zuflüſterte: „Muth, Muth!“ „War das ein Gruß von Dir, Mutter?“ jauchzte da Albert auf. „Ich erkenne Deine Stimme! Dein Geiſt umſchwebt mich und wird ſchützend über mir walten. Ja, ich will Muth haben, will Alles dulden und tragen, um Dich bald wiederzuſehen.“ Er trat zu ſeinem Pferde, reichte ihm eine Portion Gerſte und machte ſich dann an die Arbeit, das edle Thier wieder zu ſatteln. Dabei unterſuchte er auch die an dem Sattel hängenden Taſchen und 134 Beutel und fand zu ſeiner Freude einen kleinen Handſchlauch mit Waſſer, in der Taſche aber eine Korbflaſche mit Rum, denn Said Ibrahim war, wie viele ſeiner Glaubensgenoſſen, zwar ein ſehr ſtrenger Anhänger des Propheten, der deſſen Satzungen buchſtäblich hielt und deshalb auch nie einen Tropfen Wein trank, allein er liebte Rum und Arac und genoß den Feuertrank ohne Gewiſſensbiſſe, denn dieſe Getränke waren im Koran nicht verboten, aus dem einfachen Grunde, weil Muhamed weder Rum noch Arac kannte, als er ſeinen Koran zuſammenſtoppelte. Was aber in dem Koran nicht verboten war, war den Gläubigen erlaubt, dieſes galt bei Said Ibrahim, der ſich allein an den Buchſtaben, nicht aber an den Sinn hielt, für unumſtößliche Gewißheit, folglich trank er Rum und hoffte dabei auf das Paradies. Dieſer Fund war Albert höchſt willkommen, ſo daß er den Vor⸗ rath von Datteln, den kleinen Pulverbeutel und einige andere Gegen⸗ ſtände, welche auf einer Wüſtenreiſe von großem Nutzen ſind, faſt gar nicht beachtete. Er genoß einige Tropfen Rum und beſchloß, den Waſſervorrath ſo viel als möglich für ſein Pferd aufzuſparen, den kleinen Rumvorrath aber ſo einzutheilen, daß er einige Tage reichte, wenn er unterdeſſen kein Waſſer finden ſollte. Nun brach Albert wieder auf und ſchlug die ſüdweſtliche Richt⸗ ung ein, wobei er ſein Roß zum raſchen Laufe antrieb, um bei Son⸗ nenaufgang ſo weit als möglich in der Wüſte zu ſein, denn er traute nicht, daß die Reiter der Karawane bei Tagesanbruch ihre Verfolgung wieder fortſetzen und ihn mindeſtens eine Stunde ſuchen würden; aber er fürchtete auch nicht, daß ſie ihn ſehr weit verfolgen würden, ob⸗ wohl ihnen bei Aufgang der Sonne der Hufſchlag ſeines Roſſes die von ihm eingeſchlagene Richtung verrathen mußte. Er hielt ſeine Perſon nicht für ſo wichtig, daß ſeinetwegen die Karawane ſtunden⸗ lang müßig liegen würde. Die öſtliche Richtung war die, in welcher die Karawane fortzog, denn ſie war nach Tripolis beſtimmt, deshalb ſchlug er die entgegengeſetzte Richtung ein. Während Albert auf ſeinem Renner durch die Wüſte flog, ſuchte er zugleich ſeinen Reiſeplan feſtzuſtellen. Er wollte einen halben Tag die eingeſchlagene Richtung feſthalten, dann, hoffte er, würde er voll⸗ kommen ſicher ſein, ſo daß er ſich nach Norden wenden dürfte, wo er vielleicht das tuneſiſche Gebiet oder auch ein Grenzgebiet Algeriens erreichen konnte, denn wie weit er eigentlich war, wußte er nicht, er hute nur ſo Tage reiſen unnte noch friich nich lict zurüch grabenen B würde ihn. Albert, daß herziehen, daß er ſolch ausgeben ko Gebräuche: ein tuneſiſc Curopäet, Belieben er kehren kon Heiter Atmoſphär eine wahre mit Widern beachtete de Pferd zwar weilen hiel nach den voor ihm, nahme, daß Jades Kopf pruf geneigt zu er, als es war, beſch der Unruh Anzuge ſe deuten ſchi Thieres üb Er ſt Waſſr an c mit Said tenger lt und Rum in dieſe Prunde, Koran at, war allein bößliche adies. Vor⸗ Gegen⸗ aſt gar , den „den reichte, Nicht⸗ Son⸗ traute olgung aber n, oh⸗ ſes die ſeine unden⸗ welcher töhalb ſuchte n Tag vol⸗ e, wo eriens cht, et — 135 hatte nur ſo viel gehört, daß die Karawane noch zehn bis vierzehn Tage reiſen mußte, um ihr Ziel zu erreichen. Die Grenze der Wüſte konnte noch einige Tagereiſen entfernt ſein, wie viele, konnte Albert freilich nicht berechnen, aber er glaubte, dieſen Weg verhältnißmäßig leicht zurückzulegen, da an dem Wüſtenrande die Oaſen und einge⸗ grabenen Brunnen ſich häufiger finden, und der Inſtinkt ſeines Thieres würde ihn dann dieſe Oaſen ſchon auffinden laſſen. Auch wußte Albert, daß in jenen Gegenden die Karawanen häufiger hin⸗ und herziehen, als tiefer in der Wüſte, und ſo war es ſehr leicht möglich, daß er ſolch eine Reiſegeſellſchaft fand, bei der er ſich für einen Araber ausgeben konnte, was bei ſeiner genauen Kenntniß aller Sitten und Gebräuche dieſes Volkes keine Schwierigkeit hatte. Kam er dann auf ein tuneſiſches Gebiet oder auch nach Tripolis, ſo fand er überall Europäer, die ſein weiteres Fortkommen vermittelten, ſo daß er nach Belieben entweder nach Algier oder vorerſt nach Frankreich zurück⸗ kehren konnte. Heiteren Muthes zog Albert weiter. Es ſchien ihm, als ob die Atmoſphäre noch drückender ſei, als geſtern, als ob nach und nach eine wahre Gluthofenhitze ſich entwickele, und als ob ſein Pferd nur mit Widerwillen in der ſüdlichen Richtung fortgehe; allein das Erſtere beachtete der nur mit ſich ſelbſt beſchäftigte Flüchtling nicht, und das Pferd zwang er, weiter und weiter gegen Süden zu gehen. Bis⸗ weilen hielt Albert auf erhöhten Punkten an und ſpähte rückwärts nach den Verfolgern, allein öde und todt lag beſtändig die Wüſte vor ihm, kein beweglicher Punkt zeigte ſich; Grund genug zur An⸗ nahme, daß ſeine Verfolgung aufgegeben ſei. Jedesmal nach ſolch einem Haltepunkt hob das Pferd ſeinen Kopf prüfend in die Luft, ſchien immer unruhiger zu werden und geneigt zu ſein, umzukehren, und dieſes ſiel Albert endlich auf, ſo daß er, als es nach dem Stande der Sonne zu urtheilen, ziemlich Mittag war. beſchloß, dem Thiere ſeinen Willen zu laſſen. Er ſchloß aus der Unruhe des Pferdes, daß ein ungewöhnliches Naturereigniß im Anzuge ſein könnte, worauf auch der Zuſtand der Atmoſphäre zu deuten ſchien und er wollte es ſo viel als möglich dem Inſtinkte des Thieres überlaſſen, der etwa drohenden Gefahr zu entgehen. Er ſtieg ab, reichte dem matten Roſſe einige Hände voll mit Waſſer angefeuchteter Gerſte, er ſelbſt aber genoß nichts, als einige 136 Datteln, dann nach kurzer Raſt beſtieg er den Sattel wieder, wen⸗ dete ſich gegen Norden und überließ es nun dem Pferde, einen Weg zu ſuchen, der ihm gut dünkte. Wie neu belebt, griff nun das Roß kräftig aus und trabte un⸗ aufhaltſam nach Norden, und ſelbſt der Schweiß, der jetzt aus ſeiner ſtets ſpiegelglatten Haut brach— echt arabiſche Pferde ſchwitzen nur ſelten— ſchien es nicht zu ſtören. Aber Albert empfand mehr und mehr einen beklemmenden Einfluß, die Schwüle drohte ihn faſt zu erſticken, das Mark in ſeinen Knochen ſchien ausdorren zu wollen, Zunge und Gaumen waren vertrocknet, zuletzt hing er ſchlaff und ab⸗ geſpannt auf ſeinem Thiere und ließ es gehen, wie es wollte; auch das Pferd ſchien matt und matter zu werden, ſtrebte aber mit Auf⸗ bietung aller Kraft nach Norden. Albert ſchloß daraus, daß das Thier wahrſcheinlich eine Oaſe wittere, und nach einer ſolchen ſehnte er ſich ſelbſt, denn in dieſer Gluth mußte er häufig und häufiger zu dem Waſſeerſchlauche ſeine Zuflucht nehmen, um nur dem drückenden Durſte zu entgehen, allein das warme, trübe, übelriechende Waſſer löſchte ſeinen Durſt nicht eine Minute.— Er war der Verzweiflung nahe und ſehnte ſich nach dem Einbruch der Nacht, hoffend, daß ihm da einige Kühlung würde. „O, meine Mutter, mein Frankreich!“ ſeufzte Albert manches Mal. Dann dachte er jedesmal an jene Stimme, die ihm:„Muth, Muth!“ zugeflüſtert hatte, und jedes Mal richtete er ſich auch mit neuer Kraft auf, entſchloſſen, Alles zu dulden und muthig auszuhalten in allen Beſchwerden. Endlich ſtand die Sonne dicht über dem Horizont, aber ſtrahlen⸗ los, ein trübrother, von ſchwarzen Streifen durchzogener Ball, ein hinter Dampf hervorglühender Erzklumpen. Der Dunſt war dichter und dichter geworden.— Die Sonne verſchwand hinter dichtem Dampf, eine Feuersbrunſt ſchien am Horizont aufzugehen, dann wurde es raſch Nacht, die Schwüle aber war faſt um keinen Grad gemildert. Albert konnte nicht weiter, auch das Pferd ſtand da mit trübe zur Erde geſenktem Kopfe und ſcharrte unruhig den Sand auf, als ſuche es dort einige Kühlung. Es kam keine.— Noch eine kurze Strecke zog der einſame Reiter fort, dann ſtieg er auf das Höchſte ermattet ab, verſorgte erſt ſein Pferd ſo gut als möglich und warfſich dann auf den heißen Sand. Beim eiſten Aug faſt noch ſchien jet einathmen geweide von Zeit z Jetzt erſcheinun überzeugt. erinnerte er nur fü dem übere Er wußte durch drü⸗ die ſtark ucht woh alle ihre gehört zu bruch des ſelbſt dre Drkan au Tooß Stzweiße bte un⸗ as ſeiner Achtzehntes Kapitel. Der Samum. Auf Sturmesſchwingen kommt der glüh'nde Sand geflogen, Und decket Menſch und Thier mit heißen Sandeswogen. Graf Alexander von Würtemberg. Beim Erwachen am nächſten Morgen fühlte ſich Albert in den in dieſer erſten Augenblicken an allen Gliedern wie gelähmt, die Schwüle war che ſei faſt noch drückender geworden als am verfloſſenen Tage, die Luft in, allein ſchien jetzt in eine glühende Maſſe verwandelt zu ſein, die ſich kaum tſt nict einathmen ließ, ohne daß man hätte fürchten ſollen, die ganzen Ein⸗ hnte ſich geweide würden verſengt werden. Dabei war Alles todtenſtill, nur gwürde. von Zeit zu Zeit klang aus der Ferne ein eigenthümlicher dumpfer Ton. hes Mll. Jetzt war Albert von dem Eintreten einer furchtbaren Natur⸗ „Muth, eerſcheinung der Wüſte— des heißen Windes oder Samums— feſt auch mit überzeugt. Er hatte noch geſtern nicht daran gedacht, heute aber zuhalten eerinnerte er ſich, daß alle Anzeichen, die er geſtern nicht beachtet, die jler nur für eine vorübergehende Temperaturveränderung gehalten; mit ſrahlen.. dem übereinſtimmten, was er über den furchtbaren Sandſturm gehört. Zall, ein Er wußte, daß der Samum ſich oft zwei Tage vor ſeinem Ausbruch t dichter durch drückende Schwüle, durch einen feinen Dunſt in der Luft, durch Dampf⸗ ddie ſtark geröthete Sonnenſcheibe ankündigt, und er konnte ſich nun urde cecht wohl die Unruhe der Araber erklären, die, in der Wüſte heimiſch, emildert. aalle ihre Eigenheiten hinreichend kennen. Albert erinnerte ſich ferner rübe zur gehört zu haben, daß je länger nach den erſten Vorzeichen der Aus⸗ ſuche is bruch des Sturmes auf ſich warten läßt, was in einzelnen Fällen zog der ſelbſt drei Tage dauern kann, deſto ſchrecklicher dann auch dieſer verſorze DOrkan auftritt. nSand. Trotz ſeiner außerordentlichen Mattigkeit, trotz des klebrigen Schweißes, der ſeinen Körper bedeckte und in dicken Tropfen von 138 ſeiner Stirn rieſelte, eilte Albert ſein Pferd zu rüſten, hoffend, durch eiligen Ritt noch eine Oaſe zu erreichen, ehe der ſchreckliche Sandſturm über ihn losbräche. Kaum hatte das ebenfalls ſchweißbedeckte Thier die ihm zugemeſſene Ration mit Waſſer angefeuchteter Gerſte verzehrt, als Albert auch ſchon in den Sattel ſprang und durch lauten Zuruf das Roß zum raſchen Lauf antrieb. Und das Roß verſtand ſeinen Reiter, oder wurde durch eigene Angſt angetrieben, es griff aus und ſtürmte davon, als wolle es dem Winde voraneilen. Fort ging der raſende Ritt, das edle Thier keuchte, es dampfte, ſeine Flanken ſchlugen heftig auf und nieder, und dennoch gönnte es ſich keine Raſt. Der Reiter aber fühlte ſich matt und matter werden, kaum vermochte ſeine Hand noch die Zügel zu halten, und es koſtete ihm, dem geübten Reiter, der ſonſt mit eiſerner Kraft in dem Sattel ſaß, unerhörte Anſtrengung, ſich auf dem Rücken des dahinfliegenden Renners zu erhalten. Im raſenden Fluge mochte das Roß vielleicht eine Strecke von einer Meile zurückgelegt haben. Als Albert aufſchaute, ſah er ſich in der Nähe einiger zerriſſenen Felſenhügel. In der Luft begann es jetzt lebendig zu werden, denn plötllich ziſchte und praſſelte es in der Luft, dazwiſchen klang es wie einzelne ferne Trompetentöne, dann wieder wie dumpfes Brüllen. Erſchrocken ſah ſich Albert um, die Atmoſphäre hatte jetzt ein dunkles Gelbgrau angenommen, die Sonnen⸗ ſcheibe war gänzlich dunkelroth. Albert hatte nicht Zeit dieſe Erſcheinung länger zu beobachten, das Roß ſtürmte mit letzter Kraft, mit hoch emporgeſträubter Mähne davon. Dann ſauſte plötzlich ein Windſtoß herbei und im Nu waren Roß und Reiter in eine aufgewirbelte Sandwolke gehüllt.— Albert glaubte noch einige dunkle Geſtalten, Schatten gleich, an ſich vorüber⸗ huſchen zu ſehen, dann aber ſah er nichts mehr, der Sand drang ihm in die Augen, in Naſe, Mund und Ohren, er fühlte ſein Geſicht brennen, es war ihm, als müſſe er in der nächſten Secunde erſticken. Halb beſinnungslos riß Albert ſeinen Turban vom Haupte, ſchlang ihn um Naſe und Mund und beugte ſein Geſicht tief in die Mähne des Pferdes; er ſah nichts mehr, fühlte nur an den heftigen Bewegungen, daß das Roß, von Todesangſt getrieben, dahinjagte. Einige Minuten vielleicht dauerte dieſes, dann ward es wieder ſtill. Albert gewann Zeit, aufzuſchauen. Die Luft hatte ſich in nichts verändert, b ion ſpielten Schon und achmete um(s vicht folgſame I ter, ohne n Mehren ſceinbar, de Geräuſch lit licer, ald o tauſend und Im nächſten 6s wurde) obwohl er herabgebeue er doch fort treffen. Da⸗ von dem wi Das! daß die Bel Der Sandy efüllte jen Lahme aus dem g gelegt, was Taab, aus ermannte, hären, und dle Thier d wollte d Plötzli ſürzte s; ſhwanden Geſicht in jihen konn „Meir —, durch dſturm — Thier erjehrt, — Juruf ſeinen us und ampfte, Innte es werden, koſtete Sattel egenden ecke von er ſich gann es in der „dann im, die Sonnen⸗ bachten, Mähne waren Albert dorüber⸗ ng ijm Geſicht eſticen. Haupte, in die heftigen jagte. wieder frichts e — — 139 verändert; vor ihm her jagte eine gewaltige dunkle Sandwolke, um ihn ſpielten noch einige kleine Sandwirbel. Schon glaubte Albert, er habe den Sturm glücklich überſtanden und athmete freier auf, er ſuchte den Lauf ſeines Thieres zu mäßigen, um es nicht ohne Noth zu ſehr anzuſtrengen, allein das ſonſt ſo folgſame Thier wollte jetzt dem Zügel nicht gehorchen, es jagte wei⸗ ter, ohne nur einen Augenblick zu raſten. Mehrere Minuten vergingen ruhig. Aber dieſe Ruhe war nur ſcheinbar, denn plötzlich raſſelte es wieder in der Luft, das nämliche Geräuſch ließ ſich vernehmen, wie erſt, jetzt aber furchtbarer, ſchreck⸗ licher, als ob das Himmelsgewölbe aus ſeinen Fugen gehen und in tauſend und aber tauſend Trümmern auf die Erde herabſtürzen wollte. Im nächſten Augenblicke war Albert wieder in Staubwolken eingehüllt, es wurde Nacht um ihn, finſtere Nacht.— Sein Geſicht glühte, und obwohl er ſich ſo tief als möglich auf die Mähne ſeines Pferdes herabgebeugt und ſein Geſicht in derſelben verborgen hatte, ſo fühlte er doch fortwährend die ſpitzen Sandkörnchen gleich Nadeln ſein Geſicht treffen. Das um das Geſicht geſchlungene Tuch ſchützte ihn nicht mehr, der von dem wüthenden Orkan aufgewühlte Sand drang durch alle Falten. Das Roß jagte fort, aber trotz ſeiner Betäubung empfand Albert, daß die Bewegungen des Thieres matter und unſicherer wurden.— Der Sandwirbel wollte nicht enden, fort und fort ſtürmte es und erfüllte jenes ſchreckliche Getöſe die Luft. Lahmer und lahmer wurde der Gang des Pferdes; jetzt fiel es aus dem geſtreckten Lauf, in dem es vielleicht drei Stunden zurück⸗ gelegt, was eben nur dem reinen arabiſchen Vollblut möglich iſt, in Trab, aus dem es nur dann und wann zu einem neuen Galopp ſich ermannte; Albert glaubte das Keuchen und Stöhnen des Thieres zu hören, und es ſchnitt ihm durch das Herz. Wieder verſuchte er, das edle Thier anzuhalten, es gehorchte nicht; weiter, weiter ſtrebte es, es wollte dem Tode entfliehen. Plötzlich machte das Thier noch einen wilden Sprung, dann ſtürzte es zuſammen, ſeinen Reiter weit hinwegſchleudernd.— Albert ſchwanden die Sinne, nur noch ſo viel Kraft beſaß er, daß er ſein Geſicht in den Sand drücken und ſeinen Bournus über den Kopf ziehen konnte. „Meine Mutter! Mein Frankreich!“ ſtöhnte er. 140 Dann ſah und hörte er nichts mehr.— Ueber den unglücklichen Wüſtenwanderer hinweg brauſte der Samum, wirbelte er ſeine Sandwolken und heulte ſein grauſiges Lied, das Todtenlied für alles Lebende in ſeinem Bereich. Lange mochte der Samum ſchon getobt haben, denn nicht nur Stunden, nein Tage wüthet bisweilen dieſe furchtbare Wüſtenerſchein⸗ ung.— Albert regte ſich, die Beſinnung kehrte ihm langſam zurück; er richtete ſich auf und ſchaute erſtaunt um ſich, erſtaunt, noch zu leben, erſtaunt, ſich in der Wüſte zu finden, und nur allmälig traten alle die Bilder der letzten Tage mit furchtbarer Wirklichkeit wieder vor ſeine Augen.— Jetzt erſt erkannte er wieder Alles und wußte ſich zu erklären, was es bedeuten ſollte. Die Luft war heller geworden, die Sonne weniger roth als früher, und das Getöſe hatte ſich bedeutend vermindert, zwar wirbelte immer noch hier und da eine Sandwolke in die Luft und fegte ungeſtüm vorüber, doch geſchah Alles mit weniger Heftigkeit als erſt und Albert ſchloß daraus, daß der Hauptſturm ſich gelegt habe und dieſes nur noch die Nachzügler wären. Aus dem Stande der Sonne glaubte Albert übrigens zu erkennen, daß er mehrere Stunden bewußtlos gelegen habe, und bei der Heftigkeit, mit welcher der Samum getobt, wunderte er ſich faſt, daß er nicht unter einen Sand, berge begraben lag, ein Schickſal, welches ſchon ſo manche Karawane, mancher einſame Wüſtenreiſende erfahren, deren weiße Gebeine erſt, nach Jahren, wenn der Wind die koloſſalen Sandhaufen wieder nach allen Richtungen zerſtäubt hat, zum Vorſchein kommen, traurige Denk⸗ male untergegangenen Lebens, eine Mahnung an den Wanderer, daß auch ihn in nächſter Stunde vielleicht ſchon das Schickſal ereilen kann. Die glühende Sandwüſte des Südens hat ſo gut ihre Tücken, wie das nordumſturmte Schneefeld des Nordens. Furchtbarer Durſt quälte Albert, und dieſer trieb ihn auf. Er wollte nach ſeinem armen Pferde ſehen, wenn es überhaupt noch da war.— Indem er umherſuchte, gewahrte er einen eigenthümlich ge⸗ formten Sandhaufen, aus dem eine Decke hervorragte, und als er ihn näher unterſuchte, fand er, daß es ein lang hingeſtrecktes, todtes Kameel, noch vollſtändig bepackt, war. Albert's erſter Gedanke war Waſſer. Er ſuchte umher in den Packſtücken und fand zu ſeiner Freude einen noch theilweiſe gefüllten Pnſſetſch hatte das Geſchmack wwang ihn faulige F Nun Vermulhu mußte waͤ die Beglei Vielleicht gezogen ſe dann war daß ſie de zuholen, Inde deckte er fals Kar — Da e rawane d lang hinſt um dann fie gezoge faſt glauk wahrhaft Fällen ur Einflüſſen tend war vielleicht umwehter „9, Cuch je Kein brauſte it hen gleic hoſtig de mußte, d uſte der Prauſiges nicht nur nerſchein⸗ zurück zu leben, aten alle der vor ußte ſich roth als wirbelte Ind fegte t als erſt egt habe ande der Stunden klcher der en Sand, arawane, eine erſt, der nach ge Denk⸗ erer, daß len kann. ken, wie auf. Er noch da nlich ge⸗ d als er 3, todtes r in den gefüllten 141 Waſſerſchlauch; gierig trank er einige Züge, allein durch die Hitze hatte das Waſſer im Lederſchlauche einen ſo widerlich eklen, faulen Geſchmack erhalten, daß es ihn faſt zum Erbrechen reizte, und dennoch zwang ihn der brennende Durſt, wieder und wieder die warme, faulige Flüſſigkeit zu koſten. Nun erſt dachte Albert daran, ſich weiter umzuſehen, und ſuchte Vermuthungen außfzuſtellen, wie dieſes Kameel hierher gekommen. Es mußte während des Samums niedergeſtürzt ſein, denn ſonſt würden die Begleiter ſchwerlich die Ladung auf deſſen Rücken gelaſſen haben. Vielleicht waren wenigſtens Einzelne der Karawane, die hier vorüber⸗ gezogen ſein mußte, dem furchtbaren Sandwirbel entkommen, und dann war es möglich, daß dieſe ſich noch in der Nähe befanden, oder daß ſie doch bald zurückkamen, die im Stich gelaſſenen Waaren nach⸗ zuholen, ehe vielleicht Andere dazu kamen und ſich dieſelben aneigneten. Indem nun, rootz ſeiner Mattigkeit, Albert weiter ſpähte, ent⸗ deckte er noch einige ähnliche Sandhaufen und erkannte in ihnen eben⸗ falls Kameele, und hier ſtieß er ſogar auf die Leiche eines Negers. — Da ergriff Entſetzen Albert's Herz.— Sollte hier eine ganze Ka⸗ rawane des Samums Wüthen erlegen ſein? Lag unter dieſer ſich lang hinſtreckenden Reihe Sandhäufchen Menſch und Thier begraben, um dann mit ihren gebleichten Gebeinen den Weg zu bezeichnen, den ſie gezogen und wo das Verderben ſie ereilt hatte?— Er mußte es faſt glauben, denn wo das Kameel, das Schiff der Wüſte mit ſeiner wahrhaft eiſernen Natur unterliegt, da widerſteht nur in ſeltenen Fällen und auch dann nur durch glücklichen Zufall der Menſch den Einflüſſen der Elemente.— Wie traurig, wie drückend, faſt vernich⸗ tend war das Gefühl, welches Albert bei dem Gedanken empfand, vielleicht das einzige lebende Weſen auf dieſem öden, von Sandwirbeln umwehten Felde des Todes zu ſein! „O, meine Mutter, mein Frankreich!“ ſeufzte er. Werde ich Euch je wiederſehen?“ Keine Antwort kam auf ſeine Frage. Der Wind rauſchte und brauſte, ihn auf Augenblicke in Sandwirbel hüllend, daß die ſpitzen Stein⸗ chen gleich eben ſo viel Nadelſpitzen ſein Geſicht trafen, und er jedes Mal haſtig den Bournus über das Geſicht ziehen und die Augen ſchließen mußte, das Eindringen des Sandſtaubes zu verhindern. Neunzehntes Kapitel. Der Emir und ſeine Tochter. 1 Ein braver Mann denkt an ſich ſelbſt zuletzt. Schiller. Was war das plötzlich?— Ein leiſer, klagender Ton ſchlug an Albert's Ohr, und er horchte auf.— War es eine Täuſchung ſeiner Sinne?— Doch nein, jetzt wiederholte ſich dieſer Ton; er ſchien aus großer Entfernung zu kommen und hatte nichts Thieriſches, nein, er war menſchlich.— Albert's Herz bebte von einem überaus wonnigen Gefühl.— So war er doch wirklich nicht der einzige Menſch in dieſer Einöde, welcher dem Wüthen des Samums glücklich widerſtanden. es befand ſich noch einer, vielleicht ſogar noch mehrere hier; er haue Lebensgenoſſen. Wer in einer Einöde ſich fern von allen Menſchen, gleichſam von aller Welt verlaſſen glaubt, und dann plötzlich den Ton einer menſchlichen Stimme hört, kann das wonnige Gefühl würdigen, wel⸗ ches Albert bei dieſem ſchwachen Laut empfand. Dieſe Stimme war ſeinen Ohren die lieblichſte Muſik. Zum dritten Male ſchien Albert dieſen Ton zu vernehmen, dieſes Mal noch ſchwächer und trauriger; es ſchien ein ferner Hilferuf zu ſein. „Verlangt Jemand meine Hilfe, ſo will ich ihm helfen, wo ich kann, obgleich ich ſelbſt faſt hilflos bin,“ ſagte Albert entſchloſſen. Alle ſeine Kraft zuſammenraffend, erhob ſich der junge Mann und ſchritt, auf einen gefundenen Stab geſtützt, in der Richtung fort, von welcher er dieſe Stimme gehört zu haben glaubte.— Aber jetzt war es todtenſtill und einige Minuten nachher heulte ein neuer Wind⸗ ſtoß heran, Albert in einen Sandwirbel hüllend und ihn faſt nieder⸗ reißend. Albert mußte ſich wenden und niederbeugen, um nicht er⸗ ſtickt zu werden. Als mit Schre konnte. von iht Hifferuf, Albe in der Un er wagte Täuſchung der richtig Getöſe de Wier dem Brau kein Ton machen. „Ri Kei Viel ſcher Rich erſchallen, Win Albe noch ge Phantaſ denken wieder be eilt, abe Noc in der der Sat Hand zu und feue Mit heen kein ergrif ſe Piſtoles, ſlelbſt zulett. hiller. , nein, er wonnigen in dieſer derſtanden. .„ 5 „ e. 92. gleichſam Ton einer igen, wel⸗ imme war nen, dieſes uf zu ſein. en, wo ich hloſſen. ge Mann tung fort Aber jtzt ler Wind⸗ iſt nitder⸗ nicht er⸗ 143 Als ſich Albert wieder aufrichtete, und um ſich ſchaute, ſah er mit Schrecken, daß er die erſte Richtung nicht mehr genau erkennen konnte. Die Sandwolke wirbelte ſchon in der Ferne dahin, und das von ihr herüberhallende Gepraſſel erſtickte vielleicht den ſchwachen Hilferuf, wenn er ſich ja nochmals vernehmen ließe. Albert war jetzt rathlos, er wußte, daß noch ein lebendes Weſen in der Umgebung ſein müſſe, und wußte es doch nicht mehr zu finden; er wagte ſich nach keiner Richtung zu wenden, da die Wüſte an Täuſchung reich iſt, und dann zu fürchten war, er könne gänzlich von der richtigen Spur abkommen.— Er harrte einige Zeit, bis das Getöſe des dahinziehenden Sandwirbels ſchwächer wurde. Wieder lauſchte er dann, aber in der Wüſte blieb es ſtill, außer dem Brauſen des Windes, dem eigenthümlichen Geräuſch in der Luft, kein Ton.— Albert entſchloß ſich endlich, einen andern Verſuch zu machen. „Rief Jemand?“ ſchrie er ſo laut er konnte. Keine Antwort erfolgte, ob Albert auch dieſen Ruf wiederholte. Vielleicht verwehte der Wind ſeinen Ruf, oder er hatte in fal⸗ ſcher Richtung gerufen.— Zum dritten Male ließ er ſeine Stimme erſchallen, dieſes Mal in entgegengeſetzter Richtung. Windesbrauſen war die ganze Erwiderung. Albert war niedergeſchlagen.— Sollten ihn ſeine Sinne den⸗ noch getäuſcht haben? War jenes leiſe Rufen nur ein Spiel der Phantaſie geweſen?— Oder— es war für ihn ſchrecklich daran zu denken— hatte der letzte Sandwirbel den Hilfeflehenden vielleicht wieder betäubt oder gar erſtickt?— Wie gern wäre er zu Hilfe ge⸗ eilt, aber wohin? Noch ein Mittel gab es, um ein Zeichen zu geben, daß er ſich in der Nähe befinde und zur Hilfeleiſtung bereit ſei.— Er hatte eine der Sattelpiſtolen in ſeinen Gürtel geſteckt, um ſie auch dann bei der Hand zu haben, wenn er abgeſtiegen war.— Er nahm das Gewehr und feuerte es in die Luft ab.— Der Schuß donnerte weithin in die Wüſte. Mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit lauſchte Albert, ob dieſes Zei⸗ chen keine Erwiderung fände.— Noch blieb Alles ſtill.— Albert ergriff ſeinen Handſchar und ſchlug mit der Klinge an den Lauf des Piſtoles, daß der ſcharfe, durchdringende Schall laut erklang. 144 Da klang es auch von jener Seite. Luft, dann ließ ſich die nämliche Stimme hören, wie vorhin. „Gefunden, gefunden!“ jauchzte Albert. Die Hoffnung, unter Menſchen zu kommen, mochten ſie auch ſein, was und wer ſie wollten, kräftigte ihn wunderbar; alle Erſchöpfung ſchien vergeſſen, mit Leichtigkeit eilte der junge Mann durch den auf⸗ gewehten Sand dem Schalle nach, der ſich noch einige Male wieder⸗ holte und immer deutlicher wurde. Nach kurzer Zeit bog Albert um einen vorſpringenden Stein⸗ klumpen und ſtand überraſcht von dem Anblicke, der ſich ihm jetzt bot. Gedeckt von einem felſigen Vorſprung ſaß ein alter Araber in wallendem, weißen Bournus und beugte ſich über eine ſchlanke, weib⸗ liche Geſtalt, deren Haupt auf ſeinem Schooße ruhte. Die Züge dieſes jugendlich zarten Weſens waren vom reinſten Ebenmaß, von wirklich ergreifender Schönheit, die durch die milden Züge um Auge und Mund noch gehoben wurde; des Mädchens Auge war geſchloſſen, alle ihre Züge wie ihre Glieder ſchlaff: entweder war ſie ohnmächtig oder todt.— Nach dem tiefen Schmerz, welcher ſich in dem Angeſicht des Greiſes ſpiegelte, hätte man das Letztere vermuthen ſollen. Zu den Füßen dieſer Gruppe lag regungslos hingeſtreckt der Körper eines Negers; man konnte ſogleich erkennen, daß er als ein Opfer des Samum gefallen. Mehr im Hintergrunde zeigten ſich wieder einige jener Erhöhungen, welche Albert bereits auf den Glau⸗ ben geleitet hatten, daß hier ein ganzer Karawanenzug zu Grunde gegangen ſein müſſe. Der Greis bemerkte Albert's Nahen nicht ſogleich, er war zu ſehr mit dem Mädchen auf ſeinem Schooße beſchäftigt, welchem er leiſe Worte zurief und verzweifelt ſchien, daß dieſe Worte weder ein Zeichen des Lebens in der matt hingeſunkenen Geſtalt hervorriefen, noch auch ſonſt Erwiderung fanden; ſo konnte ſich der junge Mann leiſe bis auf geringe Entfernung nähern und mit ſteigendem Intereſſe dieſe Gruppe betrachten. „Mein Kind, mein armes Kind,“ hörte Albert jetzt den Greis ſeufzen. Es war alſo Vater und Tochter. „Salem aleikum!“ ſprach jetzt Albert, näher tretend. Ueberraſcht ſchaute der Greis auf, und ein Freudenblitz überflog ſein Geſicht, als er den jungen Mann vor ſich ſtehen ſah. Ein Knall erſchütterte die „Al gelentt 1 „K „wenngle wie es m. Jeßt „Du kommſt 7 „Aus Herzen ſat „Wo „3c „So „Leit durch die ſchweiſen ich ihter durch ihn Gefährten meres, de Albe nölhig, de Selaven dann wie „D mig, ſein vergiſtet. dem Eng thronet gend dur tterte di n. auch ſein, ſtäpfung den auf⸗ e wieder⸗ i Stein⸗ jett bot. raber in ke, weib⸗ de Züge naß, von um Auge iſchloſſen, nmächtg Angeſicht en. creck der als ein geen ſich en Glau⸗ Grunde rzu ſehr er leiſe n Zeichen noch auch leiſe bis eſſe dieſe s ſeufzen. übetflog * 4 — 145 „Allah mit Dir,“ ſagte er.„Er hat Deine Schritte hierher gelenkt, einem unglücklichen Vater Hilfe zu bringen.“ „Was ich thun kann, o Greis, ſoll geſchehen,“ entgegnete Albert, „wenngleich ich fürchte, daß es unmöglich ſein dürfte, ſo zu helfen, wie es mein Herz verlangt.“ Jetzt erſt betrachtete der Greis den Sprechenden aufmerkſamer. „Du biſt nicht von unſerer Karawane,“ ſagte er.„Woher kommſt Du?“ „Aus der Wüſte in die Wüſte,“ konnte Albert mit aufrichtigem Herzen ſagen. „Wo ſind Deine Gefährten?“ „Ich weiß es nicht.“ „So biſt Du allein?“ „Leider ganz allein, o Greis!— Ich zog mit einer Karawane durch die Wüſte, da verleitete mich der Jagddrang, ſeitwärts abzu⸗ ſchweifen von meiner Geſellſchaft, ſo daß ich von ihr abkam, und als ich ihrer Spur wieder folgte, überfiel mich der Samum, ich verlor durch ihn mein Pferd, meine Waffen, Alles, und ich fürchte, meine Gefährten haben daſſelbe Schickſal gehabt, wo nicht ein noch ſchlim⸗ meres, denn ich kann mich eines ähnlichen Samums nicht erinnern.“ Albert ſagte theilweiſe Unwahrheiten, aber er hielt dieſes für nöthig, da er nicht wollte, der Greis ſollte ihn für einen entflohenen Sclaven anſehen. Der Greis ſchüttelte das Haupt und neigte ſich dann wieder über ſein Kind. „Du haſt Recht,“ ſagte er dann traurig,„der Samum iſt grim⸗ mig, ſein Gifthauch tödtet Alles, er hat auch mein Kind, meine Mirja, vergiftet.— Hilf, rette, wenn Du es vermagſt, Fremdling, entringe dem Engel des Todes ſeinen Raub und gieb Mirja, das Licht meiner Augen, dem Leben zurück.— O, warum nahm der Todesengel nicht mich zum Opfer? Ich habe genug gelebt, dieſe liebliche Blume aber hat ſich erſt dem Licht des Lebens halb erſchloſſen und ſchon ſoll ſie für immer verwelkt ſein!“ Albert fühlte ſich gerührt durch den tiefen Schmerz des Greiſes, er beugte ſich zu dem Mädchen herab und ergriff deſſen Hand. „Sei ruhig, Greis,“ ſagte er mild,„wenn der, der über uns thronet, der den gluhenden Samum entfeſſelt, daß er verderbenbrin⸗ gend durch die Wüſte raſet, und der ihn, ſobald er will, wieder in 146 ſein Gefängniß bannt, wenn der es will, ſo wird auch Deiner Tochter das Leben zurückkehren; iſt dieſes aber nicht, ſo bleibt Dir nichts übrig, als Mann zu ſein, Dich unter den Willen des Herrſchers der Welt zu beugen und demüthig Dich an das Walten des Schickſals zu fügen.“ Der Greis neigte traurig ſein Haupt. „Allah will es,“ entgegnete er.„Man ſoll ſich in das unab⸗ änderliche Schickſal fügen, und doch iſt es ſo ſchwer, ein ſolches Opfer zu bringen.— Meinſt Du nicht auch, Fremdling?“ „Ich begreife Deinen Schmerz, o Greis,“ antwortete Albert. „Aber verzweifle noch nicht, noch kann Rettung möglich ſein, und nicht zum erſten Male hätte die Hand des Sterblichen den Todes⸗ engel von ſeiner Beute verſcheucht.“ Nach dieſen Worten kniete Albert neben dem lebloſen Mädchen nieder, hob deſſen Haupt und unterſuchte den Puls.— Auf ſeinen Feldzügen in Algerien hatte er mehrere Male Gelegenheit gehabt, erſchöpft niedergeſunkene und ſchon entſeelt ſcheinende Soldaten zu ſehen, und deren Behandlung, um ſie in das Leben zurückzurufen, zu lernen; dieſe Kenntniß kam ihm jetzt zu Statten, und er bot vorerſt Alles auf, um zu ergründen, ob in dieſem herrlichen Körper noch Leben vorhanden ſei. Bei dieſen Bemühungen vergaß er gänzlich ſeine eigene Erſchöpfung. Der Greis verwandte kein Auge von ihm und beobachtete mit ängſtlicher Spannung alle ſeine Bewegungen. „Hat der Todesengel ſeine Beute?“ fragte er. „Noch nicht,“ entgegnete Albert zuverſichtlich,„noch iſt Leben in Deiner Mirja, laß uns aber eilen, den Funken anzufachen, ehe er verliſcht.— Waſſer, Waſſer!“ „Woher friſches Waſſer in der Wüſte nehmen?“ antwortete der Greis.„Dort muß ein Kameel liegen, welches Waſſerſchleuche trug, und ein anderes, welches mit Wein beladen war. Der Wein iſt durch Allah verflucht als Getränk, aber geſegnet als Heilmittel. Willſt Du ſuchen, Fremdling? Ich ſelbſt bin zu ermattet, mich zu erheben, und ohnedies könnte ich mein Kind keinen Augenblick allein laſſen.“ Albert war ſchon fortgeeilt, um die Kameele zu ſuchen, deren Ladung in dem jetzigen Zuſtande zu den Koſtbarſten gehörte, was er ſich wünſchen konnte. Nach einigem Suchen war er ſo glücklich, das Kameel aufzufinden, welches in einem Korbe wohlverpackt eine kleine begann. m auch die Etneuer lbſt, der ank, Gmi Nnnei.“ Anjahl We und einen! und dem le E Nach! de Freude, pulöſchläge mehr und t das Mädche Schlummer Albert hen ruhen dann aber! Lerunglückt „Freun uhen, das — Wie abe das Leben eden Wunſ „Emir ielleicht erinnern ka Da be geleert war mit Wein. durf läſch iif nach Alber „Trind Gegen botenen Re Tochtet übrig, Delt zu fügen.“ unab⸗ Opfer Albert. , und Todes⸗ Nädchen ſeinen gehabt, aten zu ffen, zu vorerſt er noch gänzlich ete mit eben in ehe er tete der he trug, ſt durch ilſt Du en, und . „deren was er ich, das e lleine 4 —— ar eeeeer 147 Anzahl Weinflaſchen trug, und mit zweien dieſer Flaſchen im Arme und einen Waſſerſchlauch auf der Schulter, kehrte er zu dem Greiſe und dem lebloſen Mädchen zurück, wo er ſogleich ſeine Behandlung begann. Er rieb Schläfe und Stirn des Mädchens mit Wein, flößte ihm auch mit Waſſer verdünnten Wein ein und ſuchte auf alle Weiſe die Erneuerung des Blutlaufes herbeizuführen. Nach Verlauf einer halben Stunde hatten der Greis und Albert die Freude, die Bemühungen mit Erfolg gekrönt zu ſehen, denn die Pulsſchläge Mirja's wurden raſcher und ſtärker, ihr Buſen hob ſich mehr und mehr und die gleichmäßigen Athemzüge verkündeten, daß das Mädchen aus der gefährlichen Betäubung in einen wohlthätigen Schlummer übergegangen war. Albert bat jetzt den in Freude überſtrömenden Greis, das Mäd⸗ chen ruhen zu laſſen und vorerſt auf die eigene Stärkung zu denken, dann aber mit ihm in Gemeinſchaft zu verſuchen, ob noch einige der Verunglückten in das Leben zurückgerufen werden könnten. „Freund,“ ſagte da der Araber,„Du ſprichſt weiſe, möge Mirja ruhen, das ſie umgebende Elend ſieht ſie ja doch noch zeitig genug. — Wie aber ſoll ich Dir danken, daß Du dem Lichte meiner Augen das Leben wiedergegeben?— Sprich! Der Emir Hareddin wird Dir jeden Wunſch gewähren, der in ſeinen Kräften ſteht.“ „Emir,“ entgegnete Albert, der jetzt die Würde des Greiſes kannte, „vielleicht bietet ſich bald Gelegenheit, daß ich Dich an Dein Wort erinnern kann, jetzt aber laß uns an das Nächſte denken.“ Da bei den Belebungsverſuchen Mirja's eine der Weinflaſchen geleert war, ſo füllte ſie Albert halb mit Waſſer und miſchte dieſes mit Wein. Dieſes Getränk bot er zuerſt dem Emir, daß er ſeinen Durſt löſche, aber der ſtrenggläubige Muhamedaner weigerte ſich und griff nach dem Waſſerſchlauche. Albert lächelte unwillkürlich. „Trinke immerhin,“ ſagte er beruhigend.„Vorhin ſagteſt Du ſelbſt, der Wein ſei als Heilmittel ein Geſchenk Allah's. Du biſt krank, Emir; denke, ich ſei Dein Arzt und reiche Dir den Wein als Arznei.“ Gegen einen ſolchen Grund hatte der Emir nichts einzuwenden und er trank mit ſichtbar beruhigtem Gewiſſen den ſo ſtreng ver⸗ botenen Rebenſaft.— Auch Albert löſchte ſeinen brennenden Durſt 10* V 148 Neger in das Leben zurückzurufen. Aber hier war ſeine Mühe vergeblich, trotz allen Anſtrengungen gelang es nicht, dem ebenholzfarbigen Körper neues Leben einzu⸗ hauchen; er war und blieb todt. Es iſt überhaupt Thatſache, daß die Neger, obgleich in dem ſüdlichen Klima geboren, doch faſt ſtets zu den Erſten gehören, welche dem Einfluſſe der heißen Winde der Wüſte unterliegen.. Ohne an ſich ſelbſt zu denken, ſuchte Albert nun noch einige der Verunglückten unter den ſie bedeckenden Sandhügeln auf, um auch an ihnen Rettungsverſuche anzuſtellen; doch Alles war vergeblich, ſie waren den Erſtickungstod geſtorben. Ein Freudenruf des Emirs rief ihn endlich von ſeiner mühe⸗ vollen Arbeit zurück. Er fand Hareddin neben Mirja. Das Mäd⸗ chen war erwacht, hatte ſich erhoben und ſchaute mit großen Augen um ſich. „Mirja,“ rief Hareddin, als Albert ſich näherte,„Mirja, ſieh“ hier den Mann, den Allah uns zur Hilfe ſandte! Ihm dankſt Du Dein Leben.— Reiche ihm die Hand, meine Tochter, und zeige ihm, daß Du ein dankbares Herz haſt.“ Da hob das Mädchen die großen, dunklen Augen zu Albert empor, und dieſer glaubte durch dieſe Augen auf die Tiefe der Seele zu ſehen. Dieſe Augen flammten und glänzten wie ſchwarze Sterne. ein wonniger Strahl ging von ihnen aus, beſeligend den, den er traf. Albert glaubte noch nie in ſeinem ganzen Leben ein Paar ſolche Augen geſehen zu haben und war in ihrem Anſchauen verſunken. Die Wüſte, der Samum, alles Elend, welches er erduldet, ſchwand in dieſem Augenblicke aus ſeiner Erinnerung, er ſah nur noch Mirja und ihren wundervollen Blick, der über die ganze anmuthige Erſchein⸗ ung einen wunderbaren Zauber verbreitete. Jetzt, in dieſer Minute, in der Wüſte, eben erſt dem Tode durch des Samum glühenden Hauch entgangen, erkannte Albert in vollem Umfange die Wahrheit, daß das Auge der Spiegel der Seele iſt, daß die größte Schönheit dennoch todt iſt, wenn ihr ein ſchönes Auge fehlt. Mit einem zauberiſchen Lächeln auf den Lippen, welches die Perlenzähne ſichtbar werden ließ, reichte Mirja Albert ihre kleine, weiche Hand entgegen und der junge Mann ergriff ſie feurig. und neugekräftigt ging er nun mit Eifer an ſein Werk, vorerſt den dieſem Him ſten und dcke lagen, nöglich an „Eten und ſie wi „Dan dem, deſf ch danke zu etweiſe nicht verta Albert Zuhöremn Mijja ſenkt Augen des Indeſſ Frage, was Hareddin den Anſicht bigenheiten Haredd voöllig ausg dauere, und wollen, um einem nach große Gefa auf dieſer abzuwarten anpeigte, da Sqcutze wo der todten auch die ne die in reich Lange ſeht ſchnell Aus d leinen Tag vorerſ dm rengungen ben einzu⸗ he, daß die aſt ſtet zu der Wüſte einige der um auch geblich, ſie ner mühe⸗ Das Mäd⸗ zen Augen Nirja, ſieh dankſt Du zeige ihm, zu Albert der Seele tze Sterne. den er traf. gaar ſolche verſunken. t ſchwand noch Miija e Erſchein⸗ dode durc in vollem ſe iſ, daß Auge fehlt pelches die hre lleine, unig. 149 „Fremdling,“ ſagte Mirja.„Du haſt Mirja's Leben gerettet und ſie wird Dir dafür dankbar ſein ihr Leben lang.“ „Danke nicht mir, holde Jungfrau.“ antwortete Albert,„ſondern Dem, deſſen Hand mir die Macht gab, für Dich zu wirken. Auch ich danke es ihm, daß eben ich auserwählt wurde, Dir dieſen Dienſt zu erweiſen, und möchte dieſes Bewußtſein um Alles in der Welt nicht vertauſchen.“ Albert ſprach dieſe Worte mit einem Feuer, welches ſeinen beiden Zuhörern aufzufallen ſchien, der Emir ſchaute ihn verwundert an, Mirja ſenkte die Blicke, als wolle ſie den auf ihr flammend ruhenden Augen des jungen Fremdlings ausweichen. Indeſſen gab es Ernſtes zu erwägen, vornämlich war die erſte Frage, was man zunächſt beginnen ſollte, um von hier fortzukommen. Hareddin und Albert beriethen dieſes und Letzterer fügte ſich gern den Anſichten des erfahrenen Greiſes, welcher die Wüſte und ihre Eigenheiten genau kannte. Hareddin war der Anſicht, daß der Samum noch keineswegs völlig ausgetobt haben dürfte, da er bisweilen drei bis vier Tage dauere, und ſo ſei es für ſie gefährlich, ſich auf den Weg machen zu wollen, um die Wüſte zu durchwandern, da ſie nur zu leicht noch von einem nachträglichen Sandwirbel überraſcht werden könnten, der ihnen große Gefahr bringen dürfte.— Sein Vorſchlag ging alſo dahin, auf dieſer durch Felſenbrocken etwas geſchützten Stelle den Zeitpunkt abzuwarten, da das zurückkehrende Blau des Himmels den Zeitpunkt anzeigte, daß die Gefahr vorübergegangen ſein würde. Zu weiterem Schutze wollten ſie ein kleines Zelt aufſchlagen, wozu ihnen die Decken der todten Kameele dienen konnten; unter dieſes leichte Dach ſollten auch die nothwendigſten Vorräthe von Lebensmitteln gebracht werden, die in reichlicher Menge vorhanden waren. Lange freilich durfte der Aufenthalt hier nicht dauern, denn unter dieſem Himmelsſtriche geht die Verweſung todter, thieriſcher Körper ſehr ſchnell vor ſich, und bei der großen Zahl der Leichen von Men⸗ ſchen und Thieren, welche hier in langer Reihe unter leichter Sand⸗ decke lagen, mußte die Luft bald verpeſtet werden. Aus dieſem Grunde ſollte der Zug durch die Wöſte ſo bald als möglich angetreten werden, und Hareddin hoffte nach einer oder zwei kleinen Tagereiſen eine ihm bekannte Oaſe zu finden, die von Kara⸗ 1 1 150 wanen häufig beſucht ward, und wo ſie entweder Hilfe finden, oder nach Maßgabe der Umſtände ihren Weg weiter fortſetzen konnten, wo ihnen immer die ziemlich gewiſſe Ausſicht blieb, bald auf eine Kara⸗ wane zu ſtoßen, bei der ſie Aufnahme finden mußten. Unterſtützt von dem Emir, machte ſich Albert ſofort an das Ge⸗ ſchäft, Decken herbeizuholen und aus ihnen ein leichtes Schutzdach aufzuſchlagen, unter dem er für Mirja ein weiches Lager bereitete. Dann ſuchte er noch Waſſer, Wein und Lebensmittel herbeizuſchaffen, die in überreicher Menge vorhanden waren. Auch einige Waffen und Munition nahm Albert zu ſich, um Mittel zur Vertheidigung zu haben, wenn irgend wie Gefahr drohe, ſei es nun von Seiten der Thiere, oder von Seiten der Menſchen, denn beide ziehen gern den Kara⸗ wanen nach, erſtere, um gefallene Thiere zu verzehren, Letztere, um auf Gelegenheit zum Raube oder zur Plünderung zu warten und die es namentlich auf verunglückte Karawanen abgeſehen haben, wo ihnen leichte Beute wird. Unter dieſer Beſchäftigung war die Nacht herangenaht und der Emir, welcher ſelbſt in der Wüſte von den Gebräuchen ſeiner Reli⸗ gion nicht ein Haar breit abwich, ließ mit erhobener Stimme den⸗ ſelben Ruf ertönen, mit der Muezzin von den Thürmen der Minarets die Gläubigen zum Gebet auffordert: „Zum Gebet, zum Gebet, es iſt nur ein Gott! Zum Gebet, zum Gebet, es iſt nur ein Gott und Muhamed iſt ſein Prophet!— Gott iſt groß und Muhamed iſt ſein Prophet!— Zum Gebet, zum Gebet!“ 2 Der Emir warf ſich nieder und griff in den Sand, um mit dieſem in Ermangelung des Waſſers die gewöhnlichen Abwaſchungen zu vollziehen. Albert konnte ſich nicht entſchließen, dieſen Gebrauch mitzumachen, um in den Augen Hareddin's ſeinen Charakter als an⸗ geblicher Araber zu behaupten. Er faltete ſtill die Hände und betete, denn auch er hatte ja heute beſonders viele Urſache, ſeinem Schöpfer dankbar zu ſein. Hareddin bemerkte dieſes, aber er ſagte nichts, ſondern verrichtete ruhig ſeine Andacht, dann aber erhob er ſich und trat zu Albert. „Weshalb weigerſt Du Dich, den Gebräuchen des Korans zu folgen?“ fragte er.„Biſt Du kein Gläubiger?“ — — .3 Sinne, W „c Hau zuu den „Jd ſehr woh auszuſpre alſo nich A unſerer) zu meine ſind, wer halten h nur Deit Weſen, uns alle heiligſten bekenntni anders i Saͤh Sinnen ſtrengen „D eillteſt m ſuchteſt obgleich Deines „E Lehren Liebe D Cure F Und w fragen, deſſeen G ſinden, oder konnten, wo feine Kara⸗ an das Ge⸗ 8 Schuzdach r ger bereitete.. beizuſcaffn, Waffn und ig zu haben, der Thiere, den Kara⸗ Letztere, un warten und haben, vo laht und det ſeiner Reli Stimme den⸗ der Minarets Zum Gebet, Prophett- gebet zum 7 nd, um mit bwaſchungen ſn Geömuch after alb an⸗ e und betete, m Schäpfer ern veriihtete u Abat z Forans zl 151 „Ich bin ein Gläubiger,“ antwortete Albert,„aber nicht in dem Sinne, wie Du das Wort verſtehſt, Emir Hareddin.“ „Was biſt Du denn?“ „Ich bin ein Chriſt.“ Hareddin ſchaute ihn groß an und muſterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. „Ich ahnte es faſt,“ ſagte er dann ruhig,„denn ich bemerkte ſehr wohl, daß Du den Namen Allah's und ſeines Propheten nicht auszuſprechen vermochteſt, beachtete es aber erſt nicht.— Du glaubſt alſo nicht an Allah und ſeinen Propheten?“ „Ich glaube an Gott und Chriſtus, ſeinen Sohn, den Gründer unſerer Religion,“ antwortete Albert.„Bete Du zu Allah, ich bete zu meinem Gott, die im Grunde doch nur ein und daſſelbe Weſen ſind, wenn ſie auch von den Lippen der Menſchen andere Namen er⸗ halten haben, wie der von den Juden verehrte Jehovah doch auch nur Dein Allah und mein Gott iſt; immer bleibt es nur daſſelbe Weſen, der Schöpfer, der Erhalter, der Regierer der Welt, von dem uns alles Gute kommt, und dem dafür dankbar zu ſein zu unſern heiligſten Pflichten gehört.— Es iſt nur ein Gott; dieſes Glaubens⸗ bekenntniß ſpreche ich freudig mit Dir aus, wenn auch die Form anders iſt, unter der ich ihn anbete.“ Schweigend neigte der Emir ſein Haupt und er ſchien in tiefem Sinnen verloren; die Anſchauung Albert's ſchien ſich mit ſeinem ſtrengen Muhamedismus gar nicht vereinigen zu laſſen. „Du wußteſt, Chriſt, daß ich Bekenner des Propheten bin, und eilteſt mir doch zu Hilfe und retteteſt meine Mirja?“ fragte er.„Du ſuchteſt auch Jene zu retten, deren Seelen jetzt in dem Paradieſe ſind⸗ obgleich ſie nicht Deines Glaubens waren, vielmehr zu den Feinden Deines Glaubens gehörten?“ „Emir,“ antwortete Albert, faſt verletzt von dieſer Frage,„die Lehren unſerer Religion enthalten goldene Worte. Sie ſagen auch: Liebe Deinen Nächſten wie Dich ſelbſt, und ſie ſagen auch: Liebet Eure Feinde. Ich übe nur meine Pflicht als Chriſt und als Menſch⸗ und würde Jedem zu Hilfe eilen, der hilfsbedürftig iſt, ohne zu fragen, unter welcher Form er den Gott verehrt, den ich anbete und deſſen Gebote ich zu erfüllen ſtrebe.“ 152 „Nun bei Allah,“ rief da der Emir,„wenn Dein Glaube Dir ſolche Lehren eingeprägt hat, dann könnte ich ihn faſt lieben, es muß die Religion der Barmherzigkeit ſein.“ „Sei davon überzeugt,“ antwortete Albert.„Doch ſage mir, würdeſt Du an meiner Stelle anders gehandelt haben? Könnteſt Du den Hilfsbedürftigen ſeinem Schickſal überlaſſen und kalt Deines Weges ziehen, blos weil Jener vielleicht Deinen Gott unter anderem Namen anruft als Du?“ „Nein,“ ſagte Hareddin nicht ohne einige Verlegenheit,„nein, das könnte Hareddin nicht. Aber“— ſetzte er zögernd hinzu— „ich würde meinen Glaubensgenoſſen zuerſt Hilfe leiſten.“ „Ich denke da anders, Emir,“ antwortete Albert.„Wer zuerſt und am meiſten hilfsbedürftig iſt, dem helfe ich zuerſt.“ „Lehrt dieſes Dich Dein Glaube?“ „Er lehrt den Nächſten lieben wie ſich ſelbſt; ich ſagte Dir es ſchon.“ „Aber handeln denn auch alle Chriſten nach dieſem Gebot?“ „Leider nein,“ geſtand Albert ſeufzend,„es giebt nur zu viel Chriſten, die es nur dem Namen nach ſind und dem Stifter ihrer Religion wenig Ehre machen.“ „Solchen bin ich oft begegnet,“ rief der Emir.„Ich traf auf meinen Zügen Menſchen, die ſich Chriſten nannten, die Religion der Liebe zu predigen vorgaben und doch nur Haß und Verdammniß im Munde führten.“ „Dieſe Menſchen vergaßen das Wort: Verdammet nicht, ſo wer⸗ det ihr nicht verdammt,“ erwiderte Albert.„Sie erkennen im blinden Eifer nicht, daß ſie ihrer Sache mehr Schaden zufügen, als Nutzen machen; ſie vergeſſen das Beiſpiel des göttlichen Chriſtus, welcher ſtets mild und verſöhnend wirkte, und ſtatt ſeinen Feinden zu fluchen, noch in der bittern Todesſtunde für ſie bat.“ „Wahrlich, Freund,“ ſprach Hareddin,„ich glaube, wenn Alles iſt, wie Du ſagſt, Du würdeſt ein würdiger Prieſter Deines Herrn werden und wohl im Stande ſein, durch Wort und That die Men⸗ ſchen zu bekehren. Wahrhaftig, ich beklage es, in Dir keinen Gläu⸗ bigen, keinen Anhänger des Propheten zu ſehen.— Würdeſt Du es nicht noch werden wollen?“ M „Freund,“ entgegnete Albert, lächelnd über dieſen Anfang der Proſelytenmacherei,„ich fühle mich in meinem Glauben viel zu glücklich, mm ihn mit ſi der. Jed ſeugung hin verde ich ſu aber das, w der gak al meiner Uebe ünnen, auch „Gewiß ſiner Tochte Er reich und Franke Als ſich wräch zugeh „Dein ſelig ſein, in „Gewiß dunile Auge Das G im Hintergr⸗ ſch in die wei lange hand, um Albert ſin Hirn, ſelten in ſei Mirja's Vi zulächelnd. der ſchauer welches der ir heißeres li ſich a hrülln des nahe, und mn dem Zeln deute ſuiht ube dir 8s muß ſage mir, Könnteſt oit Deines anderem ſt,„nein, binzu— Let zuerſt es ſchon.“ ſebot?“ t zu viel ffter ihrer traf auf igion der zmmniß im ſo wer⸗ nblinden s Nutzen welcher fluchen, inn Alles es Hertn di Men⸗ en Gläu⸗ ſt Du es fang der glüclich 153 um ihn mit einem anderen vertauſchen zu wollen. Mein Grundſatz iſt der, Jeden bei dem Glauben zu laſſen, zu dem ihn ſeine Ueber⸗ zeugung hinzieht; neigt ſich ſeine Ueberzeugung der meinen zu, ſo werde ich ſuchen, dieſelbe zu befeſtigen, und mich glücklich dabei fühlen; aber das, was ich für das Alleinwahre halte, Anderen aufzudringen, oder gar aufzuzwingen, das widerſtrebt mir.— Laß mich alſo bei meiner Ueberzeugung.— Sollten wir denn nicht Freunde bleiben können, auch wenn Du Muhamedaner biſt und ich Chriſt bin?“ „Gewiß, gewiß, Hareddin wird ſtets der Freund des Retters ſeiner Tochter ſein,“ rief der Emir ohne Beſinnen. Er reichte Albert die Hand und dieſer ſchlug freudig ein. Araber und Franke hatten Freundſchaft geſchloſſen. Als ſich jetzt Albert zu Mirja wendete, die ſchweigend dem Ge⸗ ſpräch zugehört, neigte ſich dieſe ihm zu. „Dein Glaube iſt mild und gut,“ flüſterte ſie,„und es muß ſelig ſein, in ihm zu leben.“ „Gewiß,“ flüſterte Albert zurück, nicht ohne Ueberraſchung in das dunkle Auge der Jungfrau blickend. Das Geſpräch endete damit.— Mirja ſtreckte ſich auf ihr Lager im Hintergrund des ſchnell aufgeſchlagenen Zeltes, Hareddin lagerte ſich in die Mitte und Albert wählte ſeinen Ruheplatz am Eingange, zwei lange Beduinenflinten neben ſich und den blanken Handſchar zur Hand, um die Schlafenden zu ſchützen. Albert konnte lange nicht einſchlafen, tauſend Bilder durchflutheten ſein Hirn, ſeine Mutter, Frankreich, Paris, Algier, die Wüſte wech⸗ ſelten in ſeinem Gedankenheer, und wieder und immer wieder tauchte Mirja's Bild auf, aus den ſchwarzen Gazellenaugen ihm freundlich zulächelnd.— In der Wüſte aber ward es lebendig, alle die Beſtien der ſchauervollen Sandeinöde ſchienen das reiche Mahl zu wittern, welches der grimmige Samum ihnen bereitet hatte, Hyänen ließen ihr heißeres Geſchrei ertönen, Schakale heulten und von Zeit zu Zeit ließ ſich aus der Ferne ein donnerartiges Rollen vernehmen, das Brüllen des Löwen, des Wüſtenkönigs.— Bisweilen kam das Heulen nahe, und wenn ſich Albert aufrichtete, glaubte er dunkle Schatten an dem Zelte vorüber ſchleichen zu ſehen: es waren Raubthiere, welche Beute ſuchten, die katzenartig funkelnden Augen verriethen ſie. Dann 154 faßte Albert ſeine Flinte feſter, um, wenn irgend eine der Beſtien den Angriff wagen ſollte, durch einen Schuß ſie niederzuſtrecken. Endlich ſiegte die Ermattung, er ſchlief ein und erſt am nächſten Morgen weckte ihn die Stimme des Emirs. Hareddin deutete zum Himmel. Dieſer war noch immer gelblich überzogen, aber ſtellenweiſe ſchimmerte die Bläue hindurch, zum Zei⸗ chen, daß das Unwetter vertobt hatte, und war dieſes einmal der Fall, ſo hatte man wochenlang nichts Aehnliches mehr zu fürchten. Der Emir ſchlug deshalb vor, noch einige Stunden zu harren, bis die Luft ſich gänzlich beruhigt habe, während dieſer Zeit nach Kräften ſich zu ſtärken und dann die Wüſtenwanderung anzutreten. So geſchah es auch und Nachmittags trat die kleine Geſellſchaft die Wanderung an, beladen mit Waſſerſchläuchen, Flaſchen und Lebens⸗ mitteln, ſo daß ſie, ohne Entbehrungen zu erdulden, mehrere Tage wandern konnte. Albert und Hareddin hatten ſich überdies mit hin⸗ reichenden Waffen verſehen und auch das Geld war nicht vergeſſen worden. Der Emir, welcher die Wüſte ziemlich gut kannte, ſchritt voran, ihm folgte Albert, auf deſſen Arm ſich Mirja ſtützte.— So ging die Wanderung bis zum Untergange der Sonne fort, wo die Geſell⸗ ſchaft wieder einen Lagerplatz ſuchte. Auch der nächſte Tag verging unter einförmiger Wanderung. Zwe durch die am ſchth furchtbar und mel und den that, un beſſeren Al La lleinen umzuſ ſtöhlich der Veſten ſtrecken. um nächſten mer gelblich t, zum gei⸗ einmal der zu fürchten. barren, bis ach Kräften n. Geſallſtaft und Lebens⸗ cht vergeſſen ſchritt voran, die Geſel⸗ anderung. Zwanzigſtes Kapitel. Leiden der Wüſtenwanderer. Die Sonne ſengt, es glüht der Wüſtenſand, Verbrannt und öde liegt das ganze Land, Ein Land des Fluchs, in dem kein Leben weilt, Das, wenn es naht, doch ſich'rer Tod ereilt. Freiligrath. Zwei Tage waten die drei Perſonen bereits gewandert und durch die Anſtrengungen einer ſolchen Fußreiſe nicht wenig erſchöpft; am ſichtbarſten machte ſich dieſe Ermüdung bei Mirja, die durch den furchtbaren Samum ſchon dem Tode nahe gebracht, ihre Kräfte mehr und mehr ſchwinden fühlte. Aber ſie klagte nicht, um ihren Vater und den ritterlichen Chriſten, der an ihrer Seite ſchritt und Alles that, um ihre Lage zu erleichtern, nicht zu entmuthigen. Die erſehnte Oaſe wollte ſich noch immer nicht zeigen und der Emir wurde unruhig; er fürchtete, die rechte Richtung verfehlt zu haben. „Hätten wir ein Dromedar bei uns oder ein Roß,“ ſagte der Emir,„die edlen Thiere würden auf Stunden Entfernung das Waſſer riechen und uns im Fluge dahin bringen.— Das Thier iſt mit beſſeren Sinneswerkzeugen ausgerüſtet als der Menſch.“ Albert mußte dieſes ſeufzend zugeben. Langſam ging der Marſch weiter. Man kam an den Fuß eines kleinen Hügels und Albert eilte denſelben hinan, um ſich in der Wüſte umzuſchauen und womöglich den ermüdeten Gefährten durch eine fröhliche Botſchaft neuen Muth einzuflößen. Und als er oben ſtand und um ſich ſchaute, da ſtand ſein Fuß wie feſt gewurzelt und ſein Auge leuchtete freudig. Vor ihm in nicht allzu großer Entfernung wogte und zitterte eine dunkle Waſſerfläche, der Sonne glühender Strahl blitzte und glitzerte auf ihr: ein See, 156 an dem hin und wider einige vereinzelte Palmen auftauchten, breitete ſich aus, der todten Wüſte Leben und Bewegung gebend. Welches wonnige Gefühl durchwogte da Albert's Bruſt, dort jener See mußte Erlöſung von der beſchwerlichen Wanderung bringen; er bot ja Waſſer, an ſeinem Ufer mußten Früchte wachſen, mußten jagdbare Thiere ſich einfinden und wahrſcheinlich waren daſelbſt auch Menſchen, vielleicht Reiſende, denen ſie ſich anſchließen konnten. Jeden⸗ falls war das Ende aller Noth da. „Waſſer, Waſſer!“ rief er jauchzend den Hügel hinab. Bei dieſem fröhlichen Rufe eilten Hareddin und Mirja den Hügel hinauf, wo Albert ſie mit freudeſtrahlendem Geſicht empfing und nach dem See deutete. „Waſſer, Waſſer!“ wiederholte er. „Allah ſei Dank, nun ſind wir gerettet!“ jubelte Mirja. Nur Hareddin ſtand ernſt, faſt finſter, und ſtarrte in die Ferne. „Wo iſt das Waſſer?“ fragte er endlich. „Nun, bei dem Blau des Himmels, Emir,“ rief Albert.„Hat die Sonne der Wüſte Dein Auge geblendet, daß Du nicht jene Fluth ſiehſt, die im Sonnenglanze wogt und wallt und ſchimmert?— Schau nur dorthin!“ „Chriſt,“ ſagte der erfahrene Beduine,„wehe dem, der jenem Waſſer traut, es wird ſeinen Durſt nie löſchen, er wird verſchmachten in ſeinem Anblicke! Die Geiſter der Wüſte zaubern dieſe Gewäſſer empor und täuſchen das Auge, damit der verdurſtete Wanderer dann die Qual des brennenden Durſtes deſto ſtärker fühle.— Was Du ſieheſt, iſt eitel Trug und Blendwerk.“ Albert ſtarrte den Emir an. „Glaube meinen Worten,“ fuhr Harreddin fort,„denn ich kenne die Wüſte. Wandere Tage, wandere Wochen lang fort, nach welcher Richtung Du willſt, und Du wirſt kein ſolches Gewäſſer finden, wie Du dort zu ſehen glaubſt, und ſchon nach einer Stunde wirſt Du jenes Meer verſiechen ſehen in Luft und Sand.“— Das iſt der Hohn der Wüſtengeiſter, den ſie mit dem Pilger treiben, damit er das um ſo empfindlicher fühle, was ihm mangelt.“ Jetzt erinnerte ſich Albert, daß auch in der Wüſte die Fata Mor⸗ gana, jene täuſchende Luftſpiegelung, ihr Spiel treibt, dem Wanderer wellende Meere, lachende Oaſen, herrliche Bauwerke zeigend, die dann vot der nichts übr wie immer „Das gttauchte Entmuthig ſolcher Täl „Dad Ehrſt, da Deine Krä hinweg!“ Mirjo ſich nieder der den Hi länget zu Wiede durch die! und ſo du jungen Freo Beſchwerde dietet.— theiligen Kräfte ſch langſam dieſen Zu⸗ Furch die Wande die Schlär gläubige mittel nei möglich e derer wied der Gmir getäuſcht! anderen„ 1ls mögl in komme „breitete ſt, dort bringen; mußten lldſt auch Jeden⸗ en Hügel dund nach a. ie Ferne. t.„Hat ine Fluth Schau er jenem hmachten Gewaͤſſet rer dann Gas Du ich kenne welcher den, wie irſt Du er Hohn das um ta Mor⸗ ganderet die dann —— vor den Augen des Getäuſchten in Luft und Dunſt zerfließen und nichts übrig laſſen, als die öde Wüſte, die ſich kahl und eintönig wie immer nach allen Himmelsgegenden erſtreckt. „Das iſt ja ein ſchreckliches Spiel,“ ſeufzte Albert, deſſen auf⸗ getauchte Hoffnung eben ſo raſch wieder ſchwand und einer gewiſſen Entmuthigung Platz machte, deren ſich auch das feſteſte Herz nach ſolcher Täuſchung nicht ganz erwehren kann. „Das iſt es!“ antwortete Hareddin.„Schaue nicht mehr hin, Chriſt, damit das böſe Zauberſpiel nicht Deinen Muth bricht und Deine Kräfte lähmt. Auch Du, Mirja, erhebe Dich.— Hinweg, hinweg!“ Mirja erhob ſich ſeufzend von dem heißen Sande, auf den ſie ſich niedergelaſſen. Albert ſuchte ſie zu ſtützen und folgte dem Emir, der den Hügel ſchnell hinabeilte, um die trügeriſchen Luftgebilde nicht länger zu ſehen. Wieder begann die Wanderung. Hareddin, durch zahlloſe Züge durch die Wüſte abgehärtet, ſuchte auch jetzt ſich aufrecht zu erhalten und ſo durch das Beiſpiel äußerſter Ausdauer der Tochter und dem jungen Franzoſen ein gutes Beiſpiel zu geben in Ertragung aller der Beſchwerden, welche die Wüſte ihren Beſuchern in ſo reichem Maaße bietet.— Aber die Täuſchung durch die Wüſtenſpiegelung hatte nach⸗ theiligen Einfluß genug auf die beiden Unerfahrenen gehabt; ihre Kräfte ſchienen wenigſtens die erſte Zeit wieder gelähmt zu ſein, nur langſam und verdroſſen ſchritten ſie vorwärts. Hareddin, welcher dieſen Zuſtand kannte, ſuchte ſie zu ermuthigen. Furchtbar heiß ſengte die Sonne; der geringe Waſſervorrath, den die Wanderer mitgenommen, war bis auf wenige Tropfen verbraucht; die Schläuche hingen leer auf ihren Rücken und ſchon hatte der ſtreng⸗ gläubige Emir weniger Abſcheu vor dem Weine. Auch die Lebens⸗ mittel neigten ſich ihrer Endſchaft zu, trotz dem, daß ſie ſo karg als möglich eingetheilt wurden und es war zu befürchten, daß die Wan⸗ derer wieder in die traurigſte Lage kommen würden; überdies geſtand der Emir gegen Albert offen, er habe ſich in allen ſeinen Berechnungen getäuſcht und die von ihm geſuchte Oaſe verfehlt, nun wiſſe er keinen anderen Rath. als auf das Gerathewohl vorzudringen und ſich ſo viel als möglich nach Norden zu halten, um dem Wüſtenrande näher zu kommen. V 4 — .——— —— — 158 Albert warf bei dieſer Entdeckung einen traurigen Blick auf Mirja. — Das zartgebaute Mädchen ſchien ſchon längſt über ihre Kräfte an⸗ geſtrengt, wie ſollte ſie dieſe Beſchwerden länger erdulden können? Fortwährend von Hareddin zur Ausdauer ermuntert, ſchritt die kleine Geſellſchaft noch mehrere Stunden in nördlicher Richtung fort. Oft ſchienen Mirja und auch Albert nahe daran, unter der ſengenden Gluth der Sonnenſtrahlen zuſammenſinken zu müſſen und auch Hared⸗ din verrieth durch immer unſicherer werdenden, ſchwankenden Gang mehr, daß nur ſeine Willenskraft es ſei, die ihn aufrecht erhielt, allein mit derſelben Willenskraft ſuchte er auch alle Zeichen der Schwäche vor ſeinen jungen Begleitern zu überwinden. „Muth, Muth!“ rief er ihnen oft zu.„Was mein Alter erträgt, wird Eure Jugend noch leichter ertragen!“ Auf das Furchtbarſte erſchöpft und vom Durſt gequält, erreichten die Wanderer in ſpäter Nachmittagsſtunde einen kleinen Hügelzug, den ſie überſteigen mußten, um in ihrer nördlichen Richtung zu bleiben. — Hier ſank Mirja ermattet nieder. „Ich kann nicht weiter,“ ſeufzte ſie. „Muth, Mirja,“ mahnte der Emir.„Verlierſt Du in der Wüſte den Muth, ſo verlierſt Du auch die Hoffnung, Verluſt der Hoffnung bedeutet hier aber zugleich Verluſt des Lebens.“ Albert reichte dem Mädchen einige Tropfen des übelriechenden Waſſers mit Wein vermiſcht, um es zu ſtärken, aber dieſer Trank ſchien die Leiden Mirja's nicht zu lindern. „Wenn ich hier ſterbe,“ flüſterte ſie dem jungen Manne zu,„ſo denke manchmal an das Mädchen in der Wüſte.“ Bei dieſen Worten fühlte Albert einen leichten Druck ſeiner Hand, der ſein Innerſtes durchbebte. „Sei muthig, Mirja,“ mahnte er.„Vielleicht bringt ſchon die nächſte Stunde Rettung, eine Blume wie Du, iſt nicht beſtimmt, in der Wüſte zu verwelken, ſie ſoll duften und glänzen zum Glück und zur Freude der Menſchen.“ „Sie wird verwelken,“ entgegnete das Mädchen traurig lächelnd, „denn der zu ihrem Leben nöthige Thau iſt von der neidiſchen Gluth der Sonne aufgezehrt; aber ſie wird ruhiger ſterben, wenn ſie weiß, daß ihr Erinnerung bewahrt bleibt.“ Mirja ſp a Vnigen B väliigt kneben „Wenn daf du,oT Da umze „Wie ge dem Schicſal du wirſt die „Gewiß ſ weniger, a uns kräftig d tergang denne wir zuſammen „Ja,“ ki Worte,„danr Ohne da und Mirja ge ihtes Herzens Gluth eines durh den W wenn der Tod herühre, Mit ſefen Blicki Neu er Jater um. ir war mit ſt Rettungszeich derzweifelt d fühlte er, da aber zuſar ſwand der! und ſterben, „dinauf den Hügel f ſitſchen u ſonmen unt Mirj täfte an⸗ onnen? hrit die ung fort. engenden h Hared⸗ en Gang lt, allein Schwäche rerträgt, erreichten lzug, den bleiben. er Wüſte Hoffnung iechenden ſer Trank ezu,„ſo zer Hand, ſchon die immt, in lück und lächelnd, en Gluth ſie weiß 159 Mirja ſprach dieſe Worte ſo klagend und begleitet von einem ſo innigen Blicke auf Albert, daß dieſer von ſeinen Gefühlen über⸗ wältigt neben ihr niederkniete und ihr leiſe zuflüſterte: „Wenn Dir ein Gedanke Muth einflößen kann, ſo ſei es der, daß Du, o Mirja, beſtimmt biſt, für mich zu leben.“ Da umzog freundliches Lächeln Mirja's Geſicht. „Wie gern wollte ich es,“ ſagte ſie leiſe,„wenn mir es von dem Schickſal beſtimmt wäre.— Etwas weiß ich aber nun, Chriſt, Du wirſt die arme Mirja nicht vergeſſen.“ „Gewiß nicht,“ eutgegnete Albert ermuthigend,„und zwar um ſo weniger, als ich hoffe, Dich ſtets vor Augen zu behalten.— Laß uns kräftig dem widrigen Schickſale widerſtehen und wenn unſer Un⸗ tergang dennoch beſchloſſen wäre im Rath des Höchſten, dann wollen wir zuſammen ſterben.“ „Ja,“ rief Mirja ſchwärmeriſch und wie beruhigt durch Albert's Worte,„dann ſterben wir zuſammen!“ Ohne daß ſie das Wort„Liebe“ ausſprachen, hatten ſich Albert und Mirja gegenſeitig durch Wort, Blick und Händedruck die Gefühle ihres Herzens entdeckt; Albert hatte erkannt, daß Mirja ſich mit der Gluth eines ſüdlichen Herzens zu ihm hinneigte, ſie hatte es verrathen durch den Wunſch, wenigſtens von ihm nicht vergeſſen zu werden, wenn der Todesengel in der Wüſtengluth ihre Stirn mit eiſigem Hauche berühre; Mirja hatte durch die Bitte Albert's, für ihn zu leben, einen ſtiefen Blick in deſſen Herz gethan. Neu ermuthigt erhob ſich Mirja und ſchaute ſich nach ihrem Vater um. Emir Hareddin hatte das Paar längſt ſchon verlaſſen, er war mit ſorgenvollem Herzen den Hügel hinangeſtiegen, nach einem Rettungszeichen auszuſpähen, denn Niemand wußte beſſer als er, wie verzweifelt die Lage für ihn und ſeine Begleitung geworden; auch fühlte er, daß er ſich nicht lange mehr aufrecht erhalten könne, brach er aber zuſammen, ſo war Alles verloren, denn, das wußte er, dann ſchwand der Muth der jungen Leute gänzlich, auch ſie würden hinſinken und ſterben, ohne weiteren Kampf gegen das Schickſal zu verſuchen. „Hinauf, hinauf!“ rief da Mirja, als ſie des Vaters Geſtalt auf dem Hügel ſtehen ſah.„Kämpfen wir muthig und können wir die tückiſchen Wüſtengeiſter nicht beſiegen, ſo wollen wir doch nur zu⸗ ſammen untergehen!“ 160 Auf Albert's Arm geſtützt, ſtieg Mirja den Hügel hinauf und in dieſem Augenblicke ſchien ſie keine Erſchöpfung mehr zu fühlen. Oben auf dem Gipfel des kleinen Hügels ſtand Hareddin mit ernſtem, ruhigen Geſicht, wie er es immer zeigte, und regungslos ſtarrte er hinaus in die Wüſte, die mit ihrem braungelben Farben⸗ tone ſich immer noch endlos ausbreitete, während die Luft von der Hitze zitterte und dadurch entfernteren Gegenſtänden eine Art ſchein⸗ barer Bewegung mittheilte. „Habt Ihr Kraft, noch ein paar Stunden zu wandern?“ fragte der Emir. „Ja!“ entgegnete Mirja entſchloſſen. „Dann frage ich Dich nicht, Chriſt,“ ſagte Hareddin, ſich zu Albert wendend,„denn wenn das Weib Kraft in ſich fühlt, eine Be⸗ ſchwerde zu überſtehen, dann muß der Mann die zehnfache Kraft be⸗ ſitzen.— Eure Kräfte aber ſollen noch durch eine frohe Botſchaft geſtählt werden.— Seht Ihr nichts?“— Erſtaunt ſchauten Albert und Mirja auf den Emir und dann ließen ſie ihre Augen in der Wüſte umherſchweifen, konnten aber nichts entdecken, als Sand und Luft. „Seht Ihr noch nichts?“ fragte der Emir wieder. „Was ſollen wir ſehen?“ fragten Albert und Mirja. „So iſt des Greiſes Auge ſchärfer und gleicht dem des Adlers,“ rief Hareddin,„während der Jugend Augen, blöde geworden, nichts erſpähen können!— Schau dorthin, und bei Allah und ſeinem Pro⸗ pheten, das iſt keine Täuſchung mehr.“ Albert blickte in der angedeuteten Richtung und entdeckte jetzt in der Ferne einige dünne Linien, welche in die Luſt ragten, und einen ausgedehnten, dunkleren Streifen von unregelmäßiger Form, den er für eine Reihe Felſen zu halten geneigt geweſen wäre, wenn nicht jene dunklen Linien ihn irre gemacht hätten. „Was iſt das?“ fragte Albert. „Es iſt das, wonach das Kameel mit ausgeſtrecktem Halſe eilt,“ entgegnete Hareddin mit feierlicher Stimme,„das, dem das Roß mit aufgeblaſenen Nüſtern entgegenfliegt, der Ort der Sehnſucht jedes Wüſtenpilgers, Allah's köſtliches Geſchenk in der Wüſte, es iſt eine Oaſe!“ Bei di und auch ſeinetwegen „Sag nict beſt Mädchen; Ein Hared der Sonne die angeg es geſtatte ſtändig do da nun C Att ſchein⸗ ern?“ fragte din, ſch zu hlt, eine Be⸗ che Kraft be⸗ tde Botſchaft ir und dann onnten aber deckte jezt in :, und einen form, den et wenn nich Halſe eilt“ a Rüß mi nſucht fd „d iſt eint des Mlets. orden, nicſs 1 ſeinem Pro⸗ 1 161 Bei dieſen Glück verheißenden Worten jauchzte Mirja laut auf, und auch Albert fühlte ſein Herz von Freude überſchwellen, weniger ſeinetwegen, als wegen des Gedankens, Mirja gerettet zu ſehen. „Sagte ich Dir es nicht ſoeben, Mirja, daß die herrliche Blume nicht beſtimmt iſt, in der Wüſte zu verwel'en?“ flüſterte er dem Mädchen zu. Ein Druck der Hand war die vielſagende Erwiderung. Hareddin mahnte zum Aufbruch, damit ſie noch vor Untergang der Sonne die rettende Oaſe erreichen könnten, und ſo ſchnell als es die angegriffenen Kräfte und die Rückſicht auf das ermattete Mädchen es geſtatteten, ſchritten die Pilger in der Wüſte vorwärts, ſich be⸗ ſtändig durch zugerufene Worte ermunternd zum frohen Ausharren, da nun Erlöſung ſo nahe ſei. Die Hand des Todten. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Wüſtenräuber. In einem Angenblick fern und nah, Schunell, wie die Sündfluth, ſind wir da, Wie die Feuerflamme in dunkler Nacht In die Häuſer fährt, wenn Niemand wacht. Es ſträubt ſich— der Krieg hat kein Erbarmen— Das Mägdlein in unſeren ſe hnigten Armen. Schiller. Ohne ſich Raſt zu gönnen, eilten die Wanderer der Oaſe zu und bald ſahen ſie die dunklen Linien ſich deutl cher und deutlicher abtrennen und endlich zu ſchlanken, mit luftigen Büſcheln gekrönten Palmenſtämmen ſich bilden. Da ſchlug der faſt Verſchmachtenden Herz immer höher, denn dort mußte Waſſer ſein, die Palmen trugen vielleicht Früchte, und zu der Quelle, die dort war, kamen jagebare Thiere, jedenfalls konnten ſie heffen, daſelbſt ſo lange Aufenthalt und Nahrung zu finden, bis eine Karawane ſie aufnahm. Dieſes Mal war es keine Täuſchung, keine Fata Morgana ſpiegelte dem Auge Truggebilne vor. Das Bewußtſein, dort in der Daſe Ruhe, Schatten und über⸗ haupt Erſotz für alle gehabten Anſtrengungen zu finden, kräftigte die Wanderer zu einer Ausdauer und der Fortſetzung des Weges, welche ſie am Morgen dieſes Tages nie für möglich gehalten haben wür en. Je mebr ſie ſich der Oaſe näherten, je leichtec und ſchneller wurden die Schritte. Päüötzlich hielt Hareddin an und machte Albert auf einen leichten Rauch aufmerkſam, welcher unter den Palmen aufſtteg. Es mußte eine Karawane daſelbſt lagern, und die Freude darüber war groß, denn nun fanden ſich ja alle Wünſche erfüllt. Nacht Haſe ſo deutlich ei Hälſe eini einige Me Auch Oaſe aus und trabt menden e man mög führen un Vorſicht „Di ten iſt,“ wetden Kat kamen; ſam den Bogen u bewaffne Haupt a widerun mißtraut freundl di Reiter k „A widenn. 5 „Ä 3 gemorde ſcaft d 1 3 icht. Erbarmen— nen. Schiller. er Oaſe zu deutlicher gekrönten machtenden nen trugen n jagebate Aufenthalt n. Dieſes egelte dem und über⸗ aäftigte die ges, welche en wür en. wurden die nen leichten. Es mußte war gloß, 163 Nachdem ſie noch eine Strecke fort gewandert, kamen ſie der Oaſe ſo nahe, daß ſie ſowohl die Palmen als auch die Geſträuche deutlich einzeln unterſcheiden konnten, und jetzt ſahen ſie auch die Hälſe einiger, Kameele über das Geſträuch em porſchauen und bemerkten einige Männer, die ſich um das Gehölz bewegten. Auch die drei einſamen Perſonen in der Wüſte mußten von der Oaſe aus bemerkt ſein, denn pötlich kamen drei Reiter zum Vorſchein und trabten auf ihren raſchen Roſſen in gerader Linie den Ankom⸗ menden entgegen.— Dieſes war Hareddin auffallend und er äußerte, man möge dort wobl eine ſehr reiche Ladung auf den Kameelen führen und Räuber fürchten, weil man bei ihrer Aanäherung ſolche Vorſicht entwickele. „Dieſe Leute werden ſchon ſehen, daß von uns nichts zu fürch⸗ ten iſt,“ meinte Albert lächelnd.„Z vei Männer und ein Mädchen werden gewiß keine Karawane ausplündern.“ Kaum hatte er dieſes geſagt, als die Reiter im Fluge herbei⸗ kamen; der eine Reiter hielt vor ihnen ſtill, den Wanderern gleich⸗ ſam den Weg verſperre d, die anderen beiden ſchweiften in weiten Bogen um die Ueverraſchten. Uebrigens waren die Reiter vollſtändig bewaffnet und Alle hatten die Kapuze ihres Bournuſſes über das Haupt aezogen. „Salem aleikum!“ rief Hareddin den Reitern zu. Zu ſeinem EFrſtaunen fand dieſer freundliche Gruß keine Er⸗ widerung, die Reiter betrachteten die Geſellſchaft mit finſteren und mißtrauiſchen Blicken. „Allah il Allah!““ rief Hare din wieder, hoffend, durch Aus⸗ ſprache dieſes muhamedaniſchen Glaubensbekenntniſſes die Reiter zu freundlicherem Empfang zu veranlaſſen. Dieſer Spruch ſchien auch nicht ohne Wirkung zu ſein, denn ein Reiter kam näher. „Wo ſind Eure Gefährten?“ fragte er, ohne den Gruß zu er⸗ widern. „In der Wüſte,“ entgegnete der Emir eben ſo kurz. „Wann kommen ſie? fragte jener weiter. „Nie,“ war des Greiſes Antwort,„des Samums Hauch hat ſie gemordet. Wir ſind die letzten von ihnen und ſuchen die Gaſtfreund⸗ ſchaft der Wüſtenſöhne.“ 11* 164 Dieſe Worte fänden wieder keine Erwiderung, die Reiter muſterten die drei Perſonen aufmerkſam von oben bis unten. „Nun, bei dem Bart des Propbeten,“ ſagte Hareddin ungeduldig, „ſo lange habe ic Niemand auf Antwort harren laſſen, der mich um Gaſtfreundſchaft bat.— Was fürchtet Ihr von uns?— Wenn Ihr uns mißtraut und deshalb uns Eure Gaſtfreundſchaft verweigert, ſo werdet Ihr uns nicht verweigern, unſern Ruheplatz in der Oaſe zu ſuchen, denn die Oaſe iſt das Gemeingut aller Menſchen, welche die Wüſte durchziehen.“ Nach dieſen ſtolzen Worten winkte Hareddin Albert und Mirja zu ſich und wollte mit ihnen ſeinen Weg nach der Oaſe fortſetzen. Doch ſchien er dabei etwas unruhig geworden zu ſein, denn auch er muſterte jetzt die Reiter mit mißtrauiſchen Blicken, und faſt unmerklich hob er ſeine Flinte, daß er ſie jeden Augenblick ſchußfertig machen konnte.— Er gab Albert einen kurzen Wink, und auch dieſer, dem das Benehmen der Beduinen ſchon längſt aufgefallen war, machte ſich bereit, nöthigenfalls der Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Langſam ſetzten Hareddin und Albert, Miija in der Mitte, ihren Weg nach der Oaſe fort, begleitet von den drei Reitern, welche fortwährend fiaſtere Blicke auf die Wanderer warfen und von Zeit zu Zeit einige Worte wechſelten, welche Hareddin nicht verſtehen konnte. Eine kurze Strecke mochten ſie ſo fortgezogen ſein, als die Reiter, wie von einem plötzlichen Entſchluſſe getrieben, den weiteren Weg verſperrten und den Wanderern ein drohendes„Halt!“ zuriefen. Ueberraſcht, aber nicht erſchrocken blieben Hareddin und Albert ſtehen, ihre Begleiterin in der Mitte, und Albert hob drohend ſeine lange Beduinenflinte. „Legt die Waffen nieder!“ herrſchte ein Reiter. „Warum?“ fragte der Enir. „Wir befehlen es, und ſind hier die Herren!“ war die Antwort. „Nun, bei Allah und dem Barte des Propheten,“ rief Hareddin, „Ihr werdet unverſchämil— Ein Krieger trennt ſich nur im Tode von ſeinen Waffen und ſo werden auch wir unſere Waſſen lebend nicht aus der Hand geben.— Was fürchtet Ihr übrigens von zwei bewaffneten Männern?“ „Die Waffen, die Waffen!“ klang es ſtürmiſch. „Nein, Und? ſe mit im tmn Gaſtfte wartet.“ In di ſin Roß Auge muſt Kaum zu blißen! „Emi lich in m Augenblie jett retter „En ſich mit Hare nichts zu „Hu Deinem Reiter ſte liegen m Deiner§ „Ali haſt du manche gebracht. „De ſittetn ſo deſſen, de vor Dein dabe, und Urſache, „de deinen?“ die Niter iaten. lungeduldig, er mich um Wenn Jör weigert ſo der Oaſe zu welche die und Mirja e fortſetzen. enn auch er unmerklich ttig machen dieſer, dem var, machte egnen. der Mitte, fern, welche d von Zeit tt verſtehen ein, als die den weiteren t“ zuriefen. und Albert ohend ſeine ie Antwort. f Hareddin, Ir im Tode uffen lebend s von zwel —-— —— 165 „Nein,“ antwortete Hareddin. Und Albert fügte hinzu:„Wer meine Waffen will, der nehme ſie mir im offenen Kampfe!— Uebrigens hätte ich bei der gerühm⸗ ten Gaſtfreundſchaft der Wüſte einen anderen Empfang von Euch erwartet.“ In dieſem Augenblicke jagte noch ein Reiter herbei; ungeſtüm ſein Roß parirend, hielt er dicht vor der Gruppe, ſie mit ſcharfem Auge muſternd. Kaum hatte dieſer Reiter Hareddin bemerkt, als ſein Auge wild zu blitzen begann. „Emir Hareddin!“ rief er.„Allah ſei Dank, daß er Dich end⸗ lich in meine Hand gegeben! Schon lange habe ich nach dieſem Augenblicke mich geſehnt!— Ergieb Dich, nieder mit den Waffen, jetzt rettet Dich nichts mehr!“ „Emir Hareddin iſt das?“ ſchrieen die anderen Reiter, indem ſie ſich mit allen Zeichen des Grimmes um den Greis drängten. Hareddin behauptete ſeine alte ſtolze Ruhe, aus welcher ihn nichts zu ſchrecken ſchien. Aber auch er hatte den Gegner erkannt. „Huſſein Mahmud!“ rief er.„Wilder Wüſtenräuber, danke es Deinem gütigen Stern, daß Hareddin nicht an der Sptze ſeiner Reiter ſteht, denn ſonſt würde Dein Blut den Sand netzen. Heute liegen meine Getreuen unter dem Sande begraben und ich bin in Deiner Hand.“ „Allah ſei Dank, ja Du biſt es,“ höhnte Huſſein.„Jahre lang haſt Du uns verfolgt, haſt uns gehindert, wo Du konnteſt, haſt uns manche gute Beute entzogen und uns wohl noch ſelbſt in Gefahr gebracht. Jetzt aber, Verfluchter, zittere vor Huſſein's Zorn!“ „Dann müßteſt Du ein Anderer ſein, wenn Hareddin vor Dir zittern ſollte,“ antwortete der Emir verächtlich.„Ich rühme mich deſſen, daß ich ſeit Jahren mit Dir im Kampfe gelegen, Karawanen vor Deinen Angriff geſchützt und manchen Unſchuldigen gerettet habe, und im Bewußtſein, gethan zu haben, was Recht, habe ich keine Urſache, weder vor Allah, noch vor einem Menſchen zu zittern.“ „Das wollen wir ſehen!“ hohnlachte Huſſein.„Wo ſind die Deinen?“ 166 „Sie liegen im Wüſtenſande,“ antwortete der Emir finſter. „Der Todesengel hat ihre Stirnen berührt.“ „Lüge,“ ſchrie Huſſein,„man kennt die Liſt des Emir Hareddin! Du willſt Dich in unſer Lager einſchleichen, um uns ſicher zu machen und dann Deine Bluthunde herbeirufen, auf daß ſie uns überfallen und würgen.— Aber die Deinen ſollen nur Deine Gebeine noch ſinden, damit ſie ſehen, wie Huſſein Mahmud die zu ſtrafen weiß, welche ſich ſeinem Wege zu widerſetzen wagen.— Haut den grauen Hund nieder!“ Während des Geſpräches haften ſich noch einige Reiter dazu gefunden und alle ſtürzten ſich jetzt mit wildem Geſchrei auf Hareddin und ſeine Gefährten. Mirja wollte ſich ſchüützend vor ihren Vater werfen; allein rauhe Fäuſte riſſen ſie zurück und hielten ſie feſt. Albert, der ſie befreien wollte, wurde mit einem Lanzenſchafte über den Kopf getroffen, daß er betäubt viederſtürzte, und in dieſem Zu⸗ ſtande entwaffnete und band man ihn. Während deſſen hatte Hareddin von ſeinen erbitterten Feinden zwei Lanzenſtiche erhalten und ſank zur Erde. Er ſah ſeinen Tod vor Augen und wollte nicht ungerächt ſterben. Mit letzter Kraft ſich aufrichtend, hob er ſeine Flinte, zielte, drückte ab, und mit von einer Kugel durchbohrten Bruſt ſtürzte Huſſein Mahmud aus dem Sattel. Wuthgeſchrei der Wüſtenräuber begleitete den Fall ihres An⸗ führers, und gleich entfeſſelten Dämonen fielen ſie über den ſterben⸗ den Emir her, ihn buchſtäblich in Stücke hauend, wobei ſie die wil⸗ deſten Verwünſchungen gegen ſeinen Namen ausſtießen. Einige der Wäthendſten wollten ſich auf Mirja und Albert ſtürzen, um auch ſie ihrer Rache zu opfern; aber Andere ſtellten ſich ſchützend dazwiſchen. „Sie müſſen ſterben als Opfer für Huſſein Mahmud,“ ſchrieen die Mordluſtigen. „Nein,“ entgegneten Andere,„damit machten wir uns ſelbſt Schaden; das Mädchen iſt ſchön und ſie gilt auf einem guten Markte immer ein paar Tauſend Piaſter.— Es wird auch für die ſtolze Tochter des Emirs Hareddin größere Schmach ſein, ſich als Sclavin verkauft in köeten.“ „Dar welche dul Scho glühten g. um vernl Beſonnene die Jugen und dala zahlt wer Die hatten( deren zu ſeiner Al wohin grub. 2 liegen, So fallen, doppelt leben, reddin, füllen; von ihn denen wären werden d Schaa immer W die in eine 2 fangen ir fiſte.. verkauft zu ſehen, als wenn wir ſie ſelbſt auf ſchimpfliche Weiſe Hareddin! zu machen überfallen (beine noch rafen weiß den grauen iter dazu Hareddin hren Vater ten ſie feſt. ſchafte über dieſem Zu⸗ ten Feinden ſeinen Tod er Kraft ſich t von einer aus dem ihres An⸗ den ſteiben⸗ ſie die wil⸗ und Albert ſellten ſich d“ ſchrieen uns ſelbſt uten Malkte ür die ſilze als Sclavin 167 tödten.“— „Dann ſoll doch der Menſch hier ſterben,“ brüllten die Wüthenden, welche durchaus ein Opfer für ihren Blutdurſt verlangten. Schon drängten ſich die Mordluſtigen um Albert, ihre Augen glühten gleich denen wilder Thiere und die Waffen hoben ſich drohend, um vernichtend auf des Unglücklichen Haupt niederzufallen. Einige Beſonnene hielten auch hier die Blutgierigen zurück, indem ſie auf die Jugend und den kräftigen Gliederbau Albert's aufmerkſam machten und darauf hinwieſen, daß auch für ihn eine ſtattliche Summe ge⸗ zahlt werden würde, wenn man ihn als Sclaven verkaufe. Die Stimmen dieſer Leute, welche Gewinn in Ausſicht ſtellten, hatten Gewicht genug, um den Ausbruch der Rachgier bei den An⸗ deren zu unterdrücken, denn der Araber iſt geldſüchtig und opfert ſeiner Bereicherung gern alle anderen Rückſichten. Albert und Mirja wurden fortgeführt und nach der Oaſe gebracht, wohin man auch die Leiche Huſſein Mahmud's brachte und da be⸗ grub. Die Leiche des unglücklichen Hareddin blieb unter freiem Himmel liegen, den Hyänen, Schakalen und Wüſtengeiern zur Beute. So ſah ſich dena Albert zum zweiten Male der Sclaverei ver⸗ fallen, und nicht allein, ſonodern mit Mirja, was ihm ſeinen Zuſtand doppelt ſchmerzlich machte. Zu dem Gefühle, in Sclavenketten zu leben, kam noch der Gedanke an das traurige Ende des edlen Ha⸗ reddin, welches auch Mirja's Bruſt mit den ſchmerzlichſten Gefühlen füllen mußte, und er konnte ſie nicht tröſten, denn man hielt ihn fern von ihr und geſellte ihn zu einigen andern jungen Männern, von denen er bald erfahr, daß auch ſie Gefangene der Wüſtenräuber wären und ſie die Beſtimmung hätten, als Sclaven verkauft zu werden. Durch dieſe Gefangenen erfuhr Albert auch, daß der Zug dieſer Schaar nach Egypten ginge, wo ſie für Sclaven und Sclavinnen immer einen guten Markt fänden. Die Nacht brach ein, Sterne funkelten nieder auf die Oaſe und die in derſelben gelagerten bunten Gruppen der Beduinen, von denen eine Anzahl ſchlief, während die Anderen das Lager und die Ge⸗ fangenen bewachten.— Gegen Mitternacht ward es laut in der Wüſte, — 168 das Heulen der wilden Beſtien verrieth, daß ſie den Leichnam Ha⸗ reddin's gewittert hatten und ſie ſich an das willkommene Mahl machten. Unter einer der Palmen erhob ſich ein leiſer, klagender Geſang, und Albert erkannte die Stimme Mirja's. Sie trauerte um den Vater und ihr Schickſal, und ſandte auf dieſem Wege dem Freunde ihre Grüße und betrauerte des Vaters blutiges Ende. Am und Albe gut bewe welche, verſchiede öſtlicher; aus gute und ſomi mehr bei Karawar ſie aber keinen I gegenden Gefahr Entdecku immer Kaufleut ſchuldigſe Da neeinen, ſo, denr gilt es durch Li und er nam Hr⸗ ene Mahk aer Geſang, um den — Ireunde —— —-— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Zug nach Egypten. Vergebens iſt Dein Kämpfen, Das Schickſal zwingſt Du nicht. Tiedge. Am nächſten Morgen brach die Bande der Wüſtenräuber auf, und Albert ſah jetzt erſt, wie zahlreich dieſelben waren. Wohl vierzig gut bewaffnete Männer begleiteten etwa dreißig beladene Kameele, welche, wie Albert durch andere Gefangene erfuhr, ohne Ausnahme verſchiedenen Karawanen abgenommen waren. Die Reiſe ging in öſtlicher Richtung, immer in der Nähe des Wüſtenrandes, und zwar aus guten Gründen. Sie fanden auf dieſer Strecke häufiger Oaſen und ſomit häufiger Waſſer, deſſen ſie bei ihren zahlreichen Pferden mehr bedurften; ferner begegneten ſie in dieſer Richtung häufiger Karawanen, die ſie dann nach Umſtänden ausplündern konnten, wobei ſie aber faſt immer nur an kleine Geſellſchaften ſich hielten, welche keinen Widerſtand zu leiſten vermochten.— Daß ſie nach den Nil⸗ gegenden zogen, geſchah, weil ſie dort ihre geraubten Waaren ohne Gefahr auf den Markt bringen konnten, denn dort hatten ſie keine Entdeckung zu fürchten, da dergleichen Banden für ihre Plünderungen immer eine gewiſſe Grenze haben, über die hinaus ſie die ehrſamen Kaufleute ſpielen und ſich mit echt arabiſcher Verſchlagenheit die un⸗ ſchuldigſte Miene von der Welt geben. Da ſie auch Sclaven auf den Markt bringen, ſo ſollte man meinen, ſie müßten durch dieſe verrathen werden; doch dem iſt nicht ſo, denn nie gilt des Sclaven Zeugniß, und ſagt er ſo Etwas aus, gilt es für ein Zeichen boshafter Geſinnung des Sclaven, der ſich durch Lügen an ſeinem früheren Herrn für irgend Etwas rächen wolle, und er zieht ſich dadurch nur noch Strafe zu. Der Wüſtenräuber 170 ſchwört ruhig bei Allaß und Muhamed's Bart, daß er an Allem unſchuldig ſei, und der Richter glaubt ihm, vorzüglich, wenn zugleich ein Beutelchen mit Piaſtern in ſeine Hand ſinkt; dergleichen kann ein Sclave allerdings nie bieten. Ueber dieſes Alles erhielt Albert nach und nach durch ſeine Mitgefangenen Aufſchluß. Es waren dies theils Neger, theils junge, kräftige Männer und auch kaum dem Knabenalter entwachſene Jüng⸗ linge, welche von den Räubern verſchont waren, um aus ihnen Geld zu machen. Es waren außer Mirja auch weibliche Gefangene bei der Bande, doch wurden dieſe von den männlichen Gefangenen getrennt gehalten, und gegen einige von ihnen, wie Mirja, bewies man ſo viel Rückſicht, daß man ſie den größten Theil des Tages auf Kameele ſetzte. Die übrigen aber, namentlich die Negerinnen, mußten gleich den männ⸗ lichen Gefangenen zu Fuß gehen. Ohne Unterbrechung ging der Zug fort, ſich ſo viel als möglich an die Oaſen haltend, wodurch die Reiſe keineswegs ſo beſchwerlich wurde, als wenn ſie tiefer in die Wüſte gedrungen wären; nur in ſeltenen Fällen dauerte es längere Zeit, ehe ſie ſolch' einen Ruhepunkt fanden. Unterwegs erhielt die Karawane noch Zuwachs durch einige Kameele und einen Trupp RNeger, die einem Sclavenhändler ab⸗ gejagt waren. Da es Albert verſchmähte, alle den Muhamedanern vorgeſchriebene Gebräuche mitzumachen, er vielmehr bei ſeinen chriſtlichen Gebräuchen vlieb, ſo war es bald bekannt, daß er ein Chriſt ſei, doch ſchien dieſes ſeinen Leidensgenoſſen, wie auch den Räubern gärzlich gleichgiltig; Chriſt oder nicht, er mußte auf dem Markte doch eine Summe Geldes einbringen. Auf Befragen leugnete es Albert nicht im Entfernteſten, Chriſt zu ſein, und er verlangte von dem Anführer der Bande, daß er ihn nach der nächſten Stadt ſende, wo ein chriſtlicher Conſul ſei, der jedes Löſegeld für ihn zahlen würde; auch machte er zur Bedingung, daß Muja dann befreit würde. Der Anführer erklärte, daß er ſeinetwegen keinen Umweg machen, noch weniger aber Leute abſenden könne, die ihn nach Tunis oder Tripolis, den einzigen Städten, wo chriſtliche Conſule wären, brächten; deshalb müſſe er warten, bis ſie nach Egypten kämen, wo ſich Käufer — genug finde als ſich z Uebrit gefangenen halten wu und damit huufiger G tröſten, imn welcher ihr Alber die auf it Miuja we wenigſter das Mä ihn biete zu verſc Al niß hab der Bar ſamkeit Mujn et wied wechſelt Al üble Ab nicht g wollte ſtehe. endlich Wüſte man ſ eingeſt 1 ungeſt Bu S. er wi t gehalten, el Röcfith ſetzte. Die den männ⸗ aals möglich beſchwerlich en, nur in Ruhepunkt purch einige ändler ab⸗ geſchriebene Gebräuchen ſchien dieſes gleichgiltig; ne Summe ſten, Chriſt daß er ihn der jedes gung, daß eg machen, Tunis oder brächten; ſich Käufer 171 1 genug finden würden.— Was blieb nun dem Gefangenen übrig, als ſich zu fügen? Uebrigens genoß Albert bald mehr Freiheit, als ſeine Mit⸗ gefangenen; da er durch ſein ernſtes Weſen ſie in Ordnung zu er⸗ halten wußte, wurde ihm ſo eine Art Aufſicht über ſie anvertraut, und damit war freiere Bewegung verbunden. Jetzt gewann er auch haufiger Gelegenheit, mit Mirja einige Worte zu ſprechen und ſie zu tröſten, indem er verſicherte, er würde Alles aufbieten, damit der, welcher ihn befreie, auch ihr die Freiveit verſchaffe. Albert hätte jetzt wohl bisweilen auf Flucht denken können, da die auf ihn gerichtete Aufſicht nicht beſonders ſtreng ſchien, aber ohne Mirja wollte er ſich nicht entfernen, und mit Mirja zu fliehen, war wenigſtens jetzt eine Unmöglichkeit, und er äußerte dieſes auch gegen das Mädchen, als dieſes ihn ermunterte, wenn ſich Gelegenheit für ihn biete, doch lieber ſeine Feſſeln zu brechen und ſich die Freiheit zu verſchaffen. 1 Allein bald ſollte Albert neue und ſtärkere Urſache zur Beſorg⸗ niß haben. Er bemerkte, daß ſeit einiger Zeit der neue Anführer der Bande, welcher ſich Bu Salah nannte, mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit für Mitja erfüllt ſchien und der Annäherung Albert's an Mirja immer mehr Hinderniſſe in den Weg legte, und endlich, als er wieder dazu kam, als Albert mit dem Mädchen einige Worte wechſelte, es ihm geradezu verbot, ſich ferner Mirja zu nähern. Albert war durch dieſes Verbot beſtürzt, denn er ahnte, daß üble Abſichten auf Mirja dabei zu Grunde liegen möchten, und war nicht geneigt, des Mannes Befehl ſo ſtreng zu befolgen, vielmehr wollte er ſich durch Mirja ſelbſt Gewißheit verſchaffen, wie es damit ſtehe. Er ſuchte lange umſonſt Annäherung an die Geliebte, und endlich gelang es ihm doch, als Bu Salah eines Abends in die Wüſte geſchweift war, um ein Wild aufzutreiben, denn ſchon näherte man ſich der Grenze des Nillandes und ſomit waren alle Räubereien eingeſtellt. Muja war erfreut, nach ſo vielen Tagen wieder einige Worte ungeſtört mit Albert ſprechen zu können und erzählte ihm nun, daß Bu Salah ſie täglich mit Anträgen verfolge und er ihr erklärt habe, er würde ſie um keinen Preis verkaufen, ſondern ſie für ſich be⸗ —————ööööööööö—ÿÿ— 172 halten und mit der Karawane nach der Grenze Marokko's zurück⸗ führen, wo er Beſitzungen habe. Albert erſchrack über dieſe Mittheilung; er wußte nun, daß ſeine Befürchtungen nur zu begründet waren. „Was willſt Du thun, Mirja?“ fragte er. „Der Menſch iſt mir entſetzlich,“ klagte das Mädchen,„um ſo entſetzlicher, als er zu den Mördern meines Vaters gehörte.— Aber was kann ich thun? Ich bin in ſeiner Gewalt.und dieſes iſt ſein und mein Tod.“ „Mirja!“ rief Albert erſchrocken. „Es iſt ſein Tod, ſage ich.“ flüſterte Mirja noch leiſer.„Ich habe geſchworen, meinen Vater zu rächen, und mich dazu. Sowie Bu Salah ſeine Abſicht wahr macht und mich, ſtatt mich zu ver⸗ kaufen, mit ſich zurück zu führen ſucht, dann bohre ich ihm den eigenen Dolch in die Bruſt. Ich weiß, der Tod wird dann mein Schickſal ſein; doch kann ich nicht glücklich leben, ſo will ich gar nicht leben, aber doch auch den Zerſtörer meines Glückes mit in den Abgrund des Todes reißen.“ Mirja's feurig blitzendes Auge zeigte, daß es ihr mit der Aus⸗ führung ihres Entſchluſſes vollkommen Ernſt ſei. „Mirja,“ bat Albert,„ich flehe Dich an, übereile nichts, ſondern hoffe; Du weißt, wie ich Dich liebe und daß ich fur Dich Alles zu opfern bereit bin.“ „Was hätteſt Du zu opfern, als Dein Leben?“ erwiderte das Mädchen.„Du biſt ſo arm wie ich, und giebſt Du Dein Lettes, was bleibt dann Mijja übrig, als auch ihr Letztes zu geben, das Leben?“ „Hoffe!“ „Auf was ſoll Mirja hoffen?— Bu Salah giebt mich nicht aus ſeiner Hand, Du wirſt verkauft und dadurch für immer von mir geteennt, wer weiß wohin Dein Herr Dich dann führt?“ „Ich werde nicht Sclave bleiben, denn Bu Salah hat mir ver⸗ ſprochen, mich mit einen Cheiſten zuſammen zu bringen, damit dieſer das Löſegeld für mich erlegt.— Und ſo wie ich mich als franzöſiſcher Offizier zu erkennen gebe, wird kein Europäer ſich weigern, jede Summe, und ſei ſie noch ſo hoch, für meine Freiheit zu erlegen, denn er weiß, daß ihm dieſelbe ſofort zurückerſtattet wird.“ „Tra warnte M fugleich 1 „Da „Une handeln! einen der Salah's: er ſelbſt Albe war nicht als bosh gewinnſi hinreiche Geldgie „T Rettung erreichen ſtehen i reiche R Jtaliene nicht ſch ſagſt, n ſuchen von Cl dem ih wie ich hauch blühen. S ſich die wie ein dos zurüt. n daß ſeine n,„um ſo te.— Aber ſes iſt ſein ſer.„Jch u. Sowie ſich zu ver⸗ hihm den dann mein il ich gar mit in den t der Aus⸗ 8, ſondern h Alles zu widerte das in Legtes. eben, das mich nicht mmer von 12* mir ver⸗ amit dieſer anzöſicher gern, jete u ellegen, 173 „Traue auf Alles, nur nicht auf eines Wüſtenräubers Wort,“ warnte Mirja voll Schmerz.„Hat er nicht zugeſagt, mich mit Dir zugleich zu verkaufen?“ „Das hat er.“ „Und wie hält er ſein Wort?— So wird er auch gegen Dich handeln und ſtatt einen Chriſten zu ſuchen, Dich vielmehr lieber an einen der wildeſten Feinde Deines Glaubens verkaufen, denn Bu Salah's Herz iſt eben ſo falſch als boshaft, und ſeiner Bosheit opfert er ſelbſt die Ausſicht auf mehr Gewinn.— Du ſiehſt es an mir.“ Albert ſchaute finſter zur Erde. Das, was Mirja jetzt ausſprach, war nicht ſo unwahrſcheinlich, der Anführer ſchien eben ſo hinterliſtig, als boshaft und obwohl er gleich allen Beduinen im höchſten Grade gewinnſüchtig zu ſein ſchien, ſo hatte Albert doch ſchon an ſich ſelbſt hinreichende Beweiſe, daß der Haß gegen die Chriſten oft genug dieſe Geldgier überwiegt.— „Wenn dem ſo wäre, ſo müßten wir auf andere Mittel zur Rettung ſinnen,“ ſagte Albert leiſe.„Wenn wir Egyptens Boden erreichen, kann es uns leichter werden, denn zahlreiche Europäer ſtehen im Dienſte des Paſcha und haben oft großen Einflaß; zahl⸗ reiche Reiſende aus allen Nationen, Franzoſen, Engländer, Deutſche, Italiener, Ruſſen, durchziehen das Land nach allen Richtungen, und nicht ſchwer dürfte es uns werden, mit einem derſelben in Verbind⸗ ung zu treten. Dann aber iſt unſere Befreiung geſichert, denn wenn auch das Wort des Sclaven bei dem Moslem nichts gilt, ſo hat doch das Wort des Chriſten bei dem Chriſten zu jeder Zeit gewich⸗ tigen Klang, und es wird widerhallen bis zur geeigneten Stelle.“ „Glaube mir, Chriſt,“ erwiderte Mija,„dieſes, was Du mir ſagſt, weiß Bu Salah auch, und er wird ſich dadurch ſicher zu ſtellen ſuchen vor dem nachtheiligen Einfluſſe Deines Wortes, daß er Dich von Chriſten fern hält und Dich an einen Muſelmann verkauft, bei dem ihm Deine Rede nicht ſchaden kann.— Wir ſind verloren, Du wie ich; den kurzen Traum von Freude und Glück hat der Wüſten⸗ hauch ſchnell verſcheucht; in der Wüſte kann ja keine Blume blühen.“ Sie ſprach die letzten Worte mit einem Tone aus, in welchem ſich die Hoffnungsloſigkeit ihres Herzens deutlich ausſprach und der wie ein ſchneidender Mißklang in das Herz Albert's drang. 174 „So giebſt Du alle Hoffnung auf. Mirja?“ fragte er. „Alle,“ entgegnete das Mädchen mit auf die Bruſt geſenktem Haupte. „Ich aber nicht,“ flüſterte Albert ermuthigend.„Noch giebt es Mittel und Wege, uns die Freiheit zu verſchaffen, ſelbſt wider den Willen Bu Salab's.— Des Menſchen Geiſt iſt unerſchöpflich an Hilfs⸗ mitteln, und je mehr die Noth ſteigt, je mehr Auswege finden ſich auch; ſo werden ſich auch uns Mittel zur Rettung bieten.— Die Flucht.—— Mirja's Hoffnung ſchien anfangs gering zu ſein, daß ſich ein Ausweg zur Flucht finden dürfte doch Albert ſprach mit männlicher Feſtigkeit den Entſchlaß aus, Alles zu wagen, ſowie er nur die Gewißheit erhalte, daß ſie auf Eyptens Boden und in der Nähe größerer Städte wären, dann— ſo war er überzeugt, konnte ein gut berechneter Fluchtverſuch gar nicht mißlingen. „Sei muthig, Mirja, und laß die Hofſaung nicht ſinken,“ mahnte Albert. Das Nabhen einiger Beduinen unterbrach die Unterhaltung. Es waren die von Bu Saiah beſtellten Wächter, und dieſe zeigten ſich zornig, daß der Sclave des Herrn Befehl übertreten und mit der Sclavin geſprochen hatte; Albert konnte ſich einer Züchtigung für dieſe Verwegenheit nur durch ſchleunige Entfernung entziehen. Dieſes zeigte ihm aber auch, daß der Anführer ſeine Vorſichts⸗ maßregeln verdoppele, um jede Annäherung zwiſchen Albert und Mirja auch während ſeiner Abweſenheit zu verhindern, und dieſe Gewißheit überzeugte ihn mehr und mehr, daß er auf Mirja's Be⸗ freiung nicht hoffen dürfe, wenn er ſie nicht durch eigene Liſt und Kraft herbeiführe.— Feſter und feſter ward da in ihm der Entſchluß, die Flucht zu wagen, aber nicht ohne die Tochter Hareddins. Bei der ſtrengen Aufſicht, welche in letzter Zeit die Wüſten äuber entwickelten, gab es wenig Ausſicht, daß es einem Einzelnen gelingen ſollte, das Mädchen zu befreien und mit ihm zu enifliehen. Albert zer⸗ arbeitete ſich vergebens den Kopf, um einen Fluchtplan zu erſinnen; was er auch erdacht, es zeigte ſich das Eine wie das Andere als unausführbar. Mit Muja ſich zu beſprechen, war eben ſo unmöglich, denn während der Reiſe hielt ſich jetzt Bu Salah mehrentheils in der Nähe des Dromedars auf, welches die Gefangene trug, und in der,Nacht ** ſorgten Wr ſenen Lage hat, auf d Da er mußte et f gieis; abe außerorden möglich ſch Geringereẽ hinlänglich ſeinem Bef Gewalt, d zu machen Vorſ die Entſch kannte, gleich Alt Der bis ſie tie Nacht auf theilweiſe ſo entflieh genommer Militäcon räubern n Alles ihrem Enn bereit halt ſtwörung Es w des dages ſolle. Wät um ſich ſlü ung die ne „Vert Ein T er. ſ geſenktem ccd gitt es ſt wider den dan Hiſſ⸗ finden ſic tn.— die daß ſich ein männlicher er nur die n der Nihe konnte ein ſcht ſinken,“ altung. E? jeigten ſich nd mit der btiaung für hen. ne Vorſicht⸗ Abbert und „und dieſe Mujos Be⸗ ne Liſt Und er Eniſchlß, dins. güſten äuber en geinge Albeit zer⸗ jnnen; was ausführbar. glich, denn in der Nähe n der Aacht — — 175 ſenen Lagerplatze entfernte, am wenigſten aber, daß Albert dieſes that, auf den man beſonderes Augenmerk zu richten ſchien. Da entſtand ein verwegener Plan in Albert's Hirn. Retten mußte er ſich und Mirja, dieſes ſtano in ihm feſt, retten um jeden Pieis; aber allein konnte er dieſes nur dann ausführen, wenn ein außerordentlich glücklicher Zufall eintrat, der aber eher denkbar, als möglich ſchien. Um ſeinen Plan aber auszuführen, beſchloß er nichts ſorgten Wachen dafür, daß kein Sclave ſich von dem ihm angewie⸗ 1 Geringeres, als unter ſeinen Schickſalsgenoſſen, die er auf der Reiſe hinlänglich kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, Theilnehmer an ſeinem Befreiungeplane zu werben, und dann, im Nothfall mit offener Gewalt, die Befreiung Mirja's zu erzwingen und ihre Flucht möglich zu machen. Vorſichtig begann Albert ſeine Werbung bei Einigen, die er als die Entſchloſſenſten und mit ihrer traurigen Lage am unzuftiedenſten kannte, und er fand für ſeinen Plan Beifall, die Männer waren gleich Albert bereit, ſich allenfalls mit Gewalt zu befreien. Der Plan ward berathen. Die Verſchworenen wollten abwarten, bis ſie tiefer in Egypten ſich befänden, dann aber wollten ſie in einer Nacht auf ein gegebenes Zeichen die Wachen entwaffnen, ſich auf die theilweiſe auch in der Nacht geſattelt ſtehenden Pferde werfen und ſo enifliehen, Mirja ſollte nebſt anderen Sclavinnen befreit und mit⸗ genommen werden. Dann wollten die Flüchtlinge bei dem nächſten Militälcommandanten Anzeige machen, damit dieſer den Wüſten⸗ räubern nachſetze. Alles ſchien nach Wunſch zu gehen. Die Reiſe näherte ſich ihrem Ende, man war in Egypten, und nun mußte man ſich auch bereit halten, die erſte günſtige Gelegenheit zu ergreifen, wo die Ver⸗ ſchwörung zum Auebruch kommen ſollte. Es war wieder eine ſternenhelle Nacht. Albert hatte während des Tages Mirja durch Zeichen zu verſtehen gegeben, daß ſie hoffen ſolle. Während der Nacht aber traten die Verſchworenen zuſammen, um ſich flüſternd über den Plan zu beſprechen, für deſſen Ausführ⸗ ung die nächſtfolgende Nacht beſtimmt wurde. „Verräther!“ klang es da plötzlich. Ein Beduine hob raſch das Haupt und ſtand wie ein drohendes 176 Geſpenſt vor den Verſchworenen, die voll Beſtürzung im eiſten Augen⸗ blick nicht wußten, was ſie beginnen ſollten. Der Beduine klatſchte in die Hände, und blitzſchnell warf ſich eine Anzahl Männer auf die Sclaven und riß und ſchlug ſie ohne Umſtände zu Boden.— Da erkannte Albert mit Entſetzen, deß ſich ein Verräther unter ihnen befunden haben müſſe und Alles ent⸗ deckt ſei. „Wir ſind verrathen!“ rief er ſeinen Genoſſen zu.„Zu den Waͤffen und d'rauf!— Es gilt Freibeit und Leben!“ Er ſelbſt gab das Bei piel zum kübnen Handeln, indem er einem Beduinen die Lanze entriß, deren Träger durchbohrte und dann gleich einem Raſenden um ſich ſtieß und ſchlug, wobei er ſuchte, durch lauten Zuruf die anderen Gefangenen zu gleich entſchloſſenem Handeln zu bewegen. Schon war es zu ſpät dazu. Ein rieſiger Neger, der ſich Albert anſchloß, ward augenblicklich durch einen Piſtolenſchuß getödtet, und Albert ſelbſt ſah ſich nach wenig Minuten niedergerungen, entwaffnet und gebunden. Jetzt war alle Hoffaung verloren.— Als die Morgenſonne ſich bob, ſah ſie Albert und die Mehrzahl der Sclaven gebunden am Boden umher liegen, Einige von ihnen bluteten. Bis an die Zähne bewaffnete, grimmig blickende Beduinen bewachten ſie. Von den Sclaven war die Mehrzahl gänzlich entmuthigt, und Einzelne von ihnen ergingen ſich in Vorwürfen gegen Albert, daß er ſie zu dem Unternehmen verleitet, welches ihnen nur Verderben bringe. Sie nannten ihn einen Giaur, ſchmähten und veifluchten ihn auf alle Weiſe. Albert, in ſeinem Innerſten vernichtet, ohne irgend einen Troſt, erwiderte auf alle dieſe Verwülſſchungen nichts. Was hätte es ihm auch nützen ſollen? Bei dieſer Stimmung der Sclaven war es Bu Salah leicht, zu erfahren, daß Albert der Anſtiifter der Verſchwörung ſei, und zugleich, was damit bezweckt worden war, und alle ſeine Wuth wandte ſich gegen Albert, dem er höhniſch in das Geſicht ſagte, daß einer der Sclaven, den er habe zur Theilnahme an der Verſchwörung verleiten wollen, Alles entdeckt habe. „Und olſt dafür ſeht Tod, wird die S ſhuldigen! „Uebe „Bin ich gelten.“ „Nun verfluchte oolſt ſehen Er n Gefangen ſie vonz beſinnun, So züchtigt! die Seine Endl mengebiſſ und war Schwäche ihn auch erttagen. Aberi zu legen, um ſich. mit ihm End „Gie überliefen triumphir Nun biſt nüchſten Vüſte.⸗ Die dſſten Augen⸗ nel warf ſih dlug ſie ohne tzen, daß ſich ad Alles ent⸗ „Zu den dem er einem te und dann t ſuchte, durch ſenem Handeln — der ſich Albert geſödtet, und gen, entwaffnet die Mehrzähl ige von ihnen kende Beduinen tmuthigt, und en Albert, daß nur Verderben und veffluchten vernichtt, ohne ſtungen nichts. zalah leicht, zu i, und uunt uth wandte ſi daß einet del börung ruurif 1 1 177 1 „Und Du. Giaur, biſt der Urheber des ganzen Verbrechens und ſollſt dafür Deine Strafe erleiden. Auf Aufruhr gegen ſeinen Herrn ſteht Tod, und werden noch Andere zum Aufruhr verleitet, dann wird die Strafe derſchärfüſ⸗ ſchrie Bu Salah.„Nenne Deine Mit⸗ ſchuldigen!“ „Ueber meine Lippen kommt kein Wort,“ entgegnete Albert ſtolz. „Bin ich verrathen, ſo will ich doch nicht Verrath mit Verrath ver⸗ gelten.“ „Nun, Du ſtolzer Giaur,“ höhnte Bu Salah,„ich brauche Deine verfluchte Zunge nicht, um die Verräther kennen zu lernen, und Du ſollſt ſehen, wie ich zu züchtigen weiß!“ Er winkte, und Mann für Mann wurden jetzt die gebundenen Gefangenen herbeigeführt, in der Nähe auf den Boden geworfen und ſie von zwei ſich fortwährend ablöſenden Negern ſo gepeitſcht, bis ſie beſinnungslos am Boden lagen. So ging die Execution fort, bis die Mehrzahl der Sclaven ge⸗ züchtigt war, Geheul, Geſchrei füllte die Luft, aber Bu Salah und die Seinen blieben ungerührt. Endlich war die Execution vorüber, Albert erwartete mit zuſam⸗ mengebiſſenen Zähnen, daß man nun auch ihn vornehmen werde, und war ſchon im Voraus entſchloſſen, durch kein Zeichen der Schwäche den Barbaren einen Triumph zu bereiten, ſondern, ſo tief ihn auch dieſe beſchimpfende Strafe empörte, Alles mit Ruhe zu ertragen. Aber er irrte ſich, denn Niemand machte Miene, Hand an ihn zu legen, er blieb unter ſeiner Bewachung ſtehen und ſah verwundert um ſich.— War ihm jede Strafe geſchenkt? Oder was hatte man mit ihm vor?— Er konnte nichts ergründen. Endlich trat Bu Salah zu dem Gefangenen. „Giaur,“ ſagte er hohnlachend.„Du wollteſt uns den Henkern überliefern, aber Allah gab es nicht zu, daß der ungläubige Hund triumphire, der Sieg gebührt allein dem Bekenner des Propheten.— Nun biſt Du ſelbſt dem Tode geweiht, verrätheriſcher Giaur, in der nächſten Stunde ſchon ſtreut der Wind Deine Aſche über die Wüſte.“ 4 Die Hand des Todten. 178 Albert verſtand nun wohl, daß ſein Urtheil geſprochen, aber nicht, welcher Art es war. Aber dieſes war dem unglücklichen jungen Manne in dieſem Augenblicke vollkommen gleich, er ſah, daß ſein Ver⸗ derben unvermeidlich ſei, und eine dumpfe Reſignation hatte ſich ſeiner bemächtigt.— So hatte er auch auf Bu Salah's höhnende Rede keine andere Antwort, als einen kalten Blick. Bu Salah gab ein Zeichen: zwei Beduinen packten den Ver⸗ urtheilten, der Kreis öffnete ſich, und Albert ſah im Hintergrunde eine ſchreckliche Zurüſtung. Um eine Palme war dürres Holz und Gras aufgeſchichtet, wie man es in der Umgebung gefunden, und dorthin ſchleppte man ihn jetzt. Da ward es dem Unglücklichen klar, welches Schickſal ihm zugedacht war. „Bindet ihn an die Palme!“ befahl Bu Salah. Die Henker zerrten den Verurtheilten an den Stamm und ſchnürten ihn dort feſt. „Nun, Giaur, verführe meine Sclaven wieder zum Aufſtande!“ ſchrie der Anführer hohnlachend.„Die Hunde mögen ſich an dem Schickſale des Hundes der Hunde weiden und Allah anflehen, daß es ihnen nicht auch ſo ergeht wie Dir. Du aber, Giaur, ſollſt auf Erden ſchon das Vorſpiel der Hölle erhalten, die Dich er⸗ wartet.“ „Du haſt Recht,“ antwortete Albert voll Schmerz und Erbitter⸗ ung,„denn wenn ich Dich anſehe, da ſehe ich den Teufel, wie er ſich an den Qualen der armen Seelen weidet, und Du wirſt einſt ein würdiger Genoſſe des Satans ſein, wie Du ſchon ſein Statthalter auf der Erde ſcheinſt.“ „Schweig',“ brüllte Bu Salah,„ſchweig' oder ich laſſe Dir die Zunge ausreißen.— Doch nein, dann hörte ich ja nicht die ſüßen Lieder, die Dich das Feuer fingen lehren wird.— Zündet an!“ „Mirja!“ ſeufzte Albert. Sein Auge ſuchte nach der Geliebten, aber er konnte ſie nicht erſpähen, weit ab hatte Bu Salah die Sclavinnen gelagert, und Albert dankte im Herzen ſeinen Peinigern für die Rückſicht, daß Mirja nicht Zeugin ſeines qualvollen Todes wurde. „Meine Mutter! Arme Mirja! O mein Frankreich!“ flüſterte Albert leiſe. Da Scheitetha Flammen . Hell glücklichen 179 rochen, ahetr Da näherten ſich die Beduinen mi ü lnn 9 a e ich dis eduinen mit Fackeln und zündeten den 8 11 8 Finh enden Die Flamme praſſelte, züngelte mit blutrothen 33 eif„O, meine arme Mutter!“ rief Albert ſchmerzlich. 3 nrurthin ſchlug die Lohe auf und Dampf umflorte den Un⸗ ten den Ver Hintergunden ds Holz und, funden, und lüclichen klar, . Stamm und n Aufſtande!“ ſich an den glehen, daß es Giaur, ſolſt die Dich er⸗ und Erbitter⸗ reufel, wie er zdu wirſt einnt in Statthalter laſſe Dir die iccht die ſien ndet an!“ mnte ſe niht gelagett, und 1 ht, daß Rij eich!“ llſrte Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Monte Chriſto und Haydee. Feſten Entſchluſſes voll, Alles zu ſühnen, Was durch mich Uebles entſtanden ſein könnte, Sieh'ſt Du mich hier.— Grabbe. Die Sonne glühte heiß über Kairo, aber in dem Innern eines reichen, hohen Gebäudes herrſchte Kühle. Die wenigen nach der Straße zu gehenden Fenſter des glänzenden Salons waren mit Läden gegen die von den gegenüberſtehenden weißen Mauern zurückprallen⸗ den Sonnenſtrahlen geſchloſſen, die nach dem Hofe und Garten aber ſtand offen, denn von hier ſtrömte angenehme, würzige und kühle Luft hinein. In dem Hofe, wie im Garten ſpielten Springbrunnen und füllten die Luft mit leiſem, harmoniſchen Geplätſcher, Schling⸗ pflanzen rankten ſich um die Säulen der Arkaden und um die geöff⸗ neten Fenſter des Salons, durch welche prangende Blüthen neugierig hineinſchauten. In dem Hofe ſtanden prunkende tropiſche Gewächſe, noch mehr dergleichen aber ſtanden in dem an das Haus ſich ſchließen⸗ den Garten. Hier blühten ganze Roſenhecken, die Lieblingsblumen des Orients, hier war die Auswahl aller der reizendſten Kinder der Blumenwelt, und darüber ſchwankten einige Palmen, die lichte, grüne Blätterkrone in Sonnengluth badend.— Der Garten ſchien ein kleines Paradies. Durch das Fenſter ſchaute man in dieſen Garten und darüber hinaus auf die ſchlanken Minarets der Stadt und auf die maleriſch gelagerte Citadelle mit ihren zahlreichen Thürmen, den im Sonnen⸗ ſchein glänzenden Palaſt des Vicekönigs, von dem herab vergoldete Kuppeln und ſtrahlende Halbmonde weit hinein in das Land funkelten. Der Salon war mit verſchwenderiſcher Pracht ausgeſtattet: in — Putpur, hingen ar mälde, do dieſem iſt weihung Macht, N An bin, reiche wechſelnd, In den( Schalen der Raue mit Blur Lupus e Au Haar un orientali am beql ebenfalle durch we verrathen weſen w gelockter Jahre z Die Gattin überall, hatte er Aeußerer da nun von Auß Alles en „d. fühle m Natur aushauch nen uin könnte, Grabbe. Innern eines hen nach der ten mit Läden zurückprallen⸗ Garten aber ge und kühle ringbrunnen er, Schling⸗ um die geöf⸗ hen neugierig he Gewächſe, ſich ſchleßen⸗ lingsblumen n Kinder der lichte, grüne n ſchien ein und darüber die malelich im Sonnen⸗ ab vergoldete and funkelten. sgeſtattt. in 181 Purpur, Blau und Gold ſtrahlten die Wände, koloſſale Spiegel hingen an den Wänden, und hier und da verrieth ein großes Ge⸗ mälde, daß der Beſitzer dieſes Hauſes kein Muhamedaner ſei, denn dieſem iſt die Nachbildung der menſchlichen Geſtalt als eine Ent⸗ weihung Allah's durch den Koran verboten, Allah allein hat die Macht, Menſchen zu bilden. An den Wänden liefen mit Seidendamaſt überzogene Tapeten hin, reiche perſiſche Teppiche, theilweiſe mit prächtigen Thierfellen ab⸗ wechſelnd, bedeckten den Fußboden, den Schritt unhörbar machend. In den Ecken des Salons ſtanden weiße Marmorſtatuen, metallene Schalen haltend, aus denen ein dünner, ſüßen Wohlgeruch aushauchen⸗ der Rauch ſich emporkräuſelte, an der Decke hing ein prachtvoller, mit Blumen geſchmückter Kronleuchter. Ueberall ſah man den größten Luxus entfaltet. Auf einem Divan ſaß ein ernſter, bleicher Mann mit ſchwarzem Haar und Bart, fein geſchnittenen Zügen und dunklen Augen, halb orientaliſch, halb abendländiſch gekleidet, wie es ihm in dieſem Klima am bequemſten geſchienen; neben ihm ruhte ein anmuthiges, junges, ebenfalls etwas blaſſes Weib mit großen, dunklen Gazellenaugen, durch welche, wie durch die ganze Geſichtsform, ſie ſich als Orientalin verrathen hätte, wenn auch nicht die reiche orientaliſche Kleidung ge⸗ weſen wäre, welche ſie heute trug. Zwiſchen Beiden ſpielte ein dunkel⸗ gelockter Knabe in etwas phantaſtiſcher Tracht; er mochte etwa drei Jahre zählen. 1 Dieſer Mann war der Graf Monte Chriſto, das Weib ſeine Gattin Haidee und das Kind ſein Sohn Edmond.— Gewohnt, überall, wo er hinkam, ſich mit dem höchſten Glanze zu umgeben, hatte er ſich auch in Kairo einen Palaſt eingerichtet, der ſich in ſeinem Aeußeren allerdings von den Nachbarhäuſern in Nichts unterſchied, da nun einmal der Orientale wenig darauf giebt, wenn ſeine Häuſer von Außen einen glänzenden Anblick gewähren, dafür aber im Innern Alles enthielt, was ein verwöhnter Geſchmack verlangen konnte. „Wie fühlſt Du Dich, Haidee?“ fragte Monte Chriſto. „Die Luft Egyptens thut mir wohl,“ entgegnete Haidee.„Ich fühle mich freier als unter der Sonne Oſtindiens, wo zwar die Natur eine wunderbare Pracht entfaltet, aber die Erde auch Dünſte aushaucht, welche meine Bruſt nicht zu ertragen vermag.“ 182 „Ich ſah dieſes, liebe Haidee,“ ſagte Monte Chriſto,„und des⸗ halb gab ich meinen Plan auf, an dem Ufer des Ganges, fern von der Welt, vorzüglich von Allen, mit denen ich bisher in Berührung gekommen war, ein einfaches, ſtilles und glückliches Leben zu ver⸗ träumen. Ich hatte mir es angenehm genug ausgemalt jenes Glück, und träumte mich als indiſchen Nabob, aber auch ich fand nicht Alles das, was ich erwartete.“ „Bereueſt Du es, von den Ufern des Ganges geſchieden zu ſein?“ „Nein, und um ſo weniger, da mir dort die Gefahr drohte, Dich zu verlieren. Das oſtindiſche Klima gleicht der Schlange unter den Blumen: die Blumen entzücken das Auge, aber ſchleichend naht ſich die giftige Feindin und ſticht die argloſe Hand, welche ſich aus jenen Blüthen Feſteskränze zu winden gedenkt und doch nur die Todtenkrone gewunden hat.— Ich hatte nicht bedacht, daß ſchon Hunderttauſende von Europäern den ſumpfigen Dünſten des Ganges und der Geſtade Oſtindiens zum Opfer gefallen, oder daß ſie von der glühenden Sonne das Mark ihrer Gebeine austrocknen fühlen. Deshalb eilte ich gern, jenes Land zu verlaſſen, und hier in Kairo wollen wir Deine völlige Geneſung erwarten, damit der Uebergang in die Luft Europa's Dir nicht neuen Nachtheil bringt. Ich glaube, man kann ſich hier ganz behaglich fühlen und unſer Meiſter Bertuccio hat ſein Möglichſtes dazu gethan. Vielleicht geſchah es aus Freude, daß er Oſt⸗ indien hinter ſich hat, denn dort ſchien alle ſeine Thätigkeit gebrochen.“ „So gedenkſt Du wirklich lange hier zu bleiben?“ „Nein, Haidee, ſo lange nicht.— Laſſen wir die Winterzeit vorüber, dazu iſt Kairo der beſte Aufenthalt mit ſeiner geſunden, weder zu heißen, noch zu kalten Luft, in welcher jeder Kranke geneſen muß, wenn ſein Leiden nicht ſchon unheilbar wurde.— Das wiſſen auch die Zugvögel Curopa's gut, deshalb ſuchen ſie die Geſtade des Nils auf, wenn der rauhe Nordwind über die Fluren ihrer Heimath brauſt und Schneewirbel vor ſich her treibt.— Ahmen wir dieſen geflügelten Wanderern nach, und warten wir die Zeit ab, da der Frühling wieder einzieht, und kehren wir dann auch heim, dort ein Neſtchen zu ſuchen, in welchem wir ruhen können.“ „Aber wohin?“ „Sorge nicht deshalb, Haidee, denn uns ſteht die ganze Welt offen, wo wir ein Plätzchen finden, auf dem unſer Herz uns ſagt, dcj wit u gehmen w llüliche I igen Grar iine herlli ſhaffen w lebensverſ da nicht e „Gen Ein Stirn des „Ich Pauſe, verzeihen ſie unab trümmer ſpiel dal Werth ſ bin Deit Gift koch deſſen T bitteten meine tigt, Fre — 3ch Ruhe ur wenn u lichen S und die daß wir gei iſt licſſten dieſe ab „ 35 den, wi dadurch 8, ſern von Brrührung ſeden zu ver⸗ ſenes Glüc, fand naht en zu ſein?“ fahr drohte, lange unter eichend naht he ſich aus och nur die t, daß ſchon des Ganges ß ſie von der len. Deshalb ;W wollen wir in die Luft „man kann cio hat ſein daß er Oſt⸗ gebrochen.“ e Winterzeit er geſunden, anke geneſen Das wiſſen Geſtade des zrer Heimath wir dieſen ab, da der m, dolt ein ganze Velt tz un ſagt, »Und des⸗ daß wir uns wohl befinden werden, da laſſen wir uns nieder. Nehmen wir Neapel, Jonien, Konſtantinopel, oder ſuchen wir das 5 1 glückliche Madeira auf, wenn wir es nicht vorziehen, in dem präch⸗ tigen Granada zu leben.— Ueberall finden wir Licht und Luft und eine herrliche Natur, und was die Natur uns verweigert, das ver⸗ ſchaffen wir uns ſelbſt, denn wir brauchen mit den Mitteln zur Lebensverſchönerung glucklicherweiſe nicht zu geizen.— Sollten wir da nicht ein ſtilles, zufriedenes Leben führen können?“ „Gewiß, wenn es uns nur die Menſchen gönnen, mein Edmond.“ Ein düſterer Schatten überflog bei dieſen Worten Haidee's die Sttirn des Grafen. „Ich habe die Menſchen kennen gelernt.“ ſagte er nach einer Pauſe,„und weiß, daß ſie ihrem Nebenmenſchen oft nichts weniger verzeihen, als glücklich zu ſein. Der Neid iſt der giftige Stachel, der ſie unabläſſig zu Bosheiten antreibt, und dann ſuchen ſie nur zu zer⸗ trümmern, was Andere ſich aufgebaut. Bin ich nicht ſelbſt ein Bei⸗ ſpiel davon geweſen?— Hatte ich da nicht genug Gelegenheit, den, Werth ſogenannter Freunde ſchätzen zu lernen, die wohl ſagen: Ich bin Dein Freund und will Dein Beſtes, während in ihrem Herzen Gift kocht und ſie hinter dem Rücken des betrogenen Argloſen als deſſen Todfeinde handeln?— Jetzt aber habe ich— Dank meiner bitteren Erfahrung— nichts mehr von den Menſchen zu fürchten, meine Rechnung mit ihnen iſt abgeſchloſſen, mneine Feinde ſind gezüch⸗ tigt, Freunde ſuche ich keine mehr, gegen Angriff bin ich gewappnet. — Ich werde an Deiner Seite, Haidee, den Reſt meiner Jahre in Ruhe und Zurückgezogenheit verleben, und an mir ſoll es nicht liegen, wenn unſer Leben nicht ruhig, wie der glatte Spiegel eines fried⸗ lichen Stromes dahinfließt.— Ich frage nichts mehr nach der Welt, und die Welt wird hoffentlich auch nichts mehr nach mir fragen, ſo daß wir in glücklicher Vergeſſenheit leben.— Ach, Haidee, mein Ehr⸗ geiz iſt nicht der große Name in der Welt, nein, ich werde am glück⸗ lichſten ſein, wenn die Welt mich vergißt, oder doch nur Wenige, dieſe aber mit Liebe meiner gedenken.“ „Gebe der Himmel, daß Deine Träume ſich verwirkl ichen!“ „Ich hoffe es.— Ich bin den Augen der Menſchen verſchwun⸗ den, wie ein Meteor, und werde mich wohl hüten, die Aufmerkſamkeit dadurch nochmals auf mich zu ziehen, indem ich wieder auftauche.— 184 Mein Wahlſpruch iſt von jetzt: Vergeſſenheit, ein ſtilles, zufriedenes Leben für Dich und unſern Edmond.“ „O wie reizend male ich mir dieſes Glück aus!“ rief Haidee feurig. Monte Chriſto umſchlang das Weib innig und drückte einen Kuß auf deſſen weiße Stirn. „Ich bin wohl fröhlicher Hoffnung,“ ſagte er.„Ein Weiſer ſpricht: Baue den Altar des Glückes in Deiner eigenen Bruſt, und der Tempel wird ſich dann von ſelbſt über Dir wölben.— Laß uns daher eifrig an das Werk gehen und bauen und bauen, bis das Ge⸗ bäude feſt und unerſchütterlich daſteht.“ So erging ſich das Paar noch lange in Träumen und Entwürfen zur Schaffung zukünftigen ungetrübten Glückes. Monte Chriſto war von Paris nach der Türkei, dann aber nach Oſtindien gegangen, wo er gedacht, auf einer reizenden Beſitzung an den Ufern des Gonges für ſein übriges Leben zu wohnen; doch der nachtheilige Einfluß des Klima's auf Haidee's Geſundheit und andere Umſtände hatten ihn bewogen, dieſen Plan aufzugeben und nach Europa zurückzukehren. Vorher hatte er in Kairo Raſt gemacht, um in deſſen, als ſo wohlthätig für Leidende gerühmten Klima vollſtän⸗ dige Heilung der angegriffenen Geſundheit Haidee's zu ſuchen, da er mit Recht fürchtete, der raſche Uebergang aus dem Klima Oſtindiens in das Europa's könne große Nachtheile mit ſich führen.— Erſt nach Eintritt des Frühjahrs, wo dann bei zunehmender Hitze der Aufenthalt in der Hauptſtadt Egyptens weniger angenehm wird, wollte der Graf ſeine Reiſe nach Europa fortſetzen und dort ein Ruheplätz⸗ chen ſuchen. „In Kairo,“ ſagte der Graf freundlich zu Haidee,„wird es uns an Zerſtreuungen auch nicht fehlen, wenn wir anders derſelben be⸗ dürfen ſollten; das Volksleben vertritt die Stelle des Theaters, und die Wüſte, die uns ſo fern nicht iſt, dürfte uns bei aller ihrer Oede und Starrheit doch auch ſo manches Neue bieten.— Ich habe vor⸗ erſt Ausſicht dazu, dieſe unendliche Sandfläche kennen zu lernen, denn Du weißt, Abbas Paſcha hat mich eingeladen, ihn auf einer Löwen⸗ jagd zu begleiten. Es ſoll dieſes hier ein ſeltenes Schauſpiel ſein, denn Löwen verirren ſich nicht ſo oft nach Egypten. Ich habe die Einladung angenommen und bin neugierig, wie eine ſolche Jagd abläuft. Kaum dr Whüt „ umüthig! dann den tuctio ſogt in des D. „Do „Es „R. mit glei „Heraus „Gl Brief au⸗ genug ſe Er und Mo „Ei Sorge. ehemalig Nacht vo Saale d die beide Weiſe be ſonſt wir dieſes Ve den Herr ſt in gu noch hein Vechenſch Mo. dug, ſin 3 zuftiedenes 4 4— nief Haidee die eien guß „Ein Weiſer —Brüſt, und — Laß ung bis das Ge⸗ d Entwärfen nn aber nach Beſitung an ten; doch der t und andere en und nach gemacht, um ma vollſtän⸗ uchen, da er a Oſtindiens ren.— Eiſt der Hitze der wird, wollte n Ruheplät⸗ wird es uns derſelben be⸗ heaters, Und t ihrer Oede h habe vor⸗ lernen, denn einer Löwen⸗ auſpiel ſein ch habe die gagd ab bläuft. 185 Kaum hatte der Graf dieſe Worte beendet, als der Vorhang an der Thür zurückgeſchlagen wurde und ein Mann erſchien, der ſich demüthig verbeugte und ſo die Anrede ſeines Herrn erwartete. „Was willſt Du, Bertuccio?“ fragte Monte Chriſto. „Nachrichten aus Europa!“ entgegnete der Hofmeiſter. „Für mich?“ „Für Sie, Herr Graf.“ Monte Chriſto erhob ſich, küßte lächelnd den Kraben und verließ dann den Salon, ſich in ſein Kabinet zu begeben.— Hier trat Ber⸗ tuccio ſogleich nach ſeinem Herrn ein, und Letzterer ſchaute forſchend in des Dieners Auge. „Du ſiehſt aus, als brächteſt Du nichts Gutes,“ meinte der Graf. „Es iſt wenigſtens keine angenehme Sache,“ entgegnete Bertuccio „Nun, gleichviel, wir haben Angenehmes wie Unangenehmes mit gleicher Seelearuhe ertragen gelernt,“ ſagte Monte Chriſto. „Heraus damit!“ „Gnädiger Herr,“ erwiderte Bertuccio,„ſoeben erhielt ich einen Brief aus Rom, dem zwei Journalartikel beigelegt ſind, die mir wichtig genug ſchienen, Ihnen ſogleich mitgetheilt zu werden.“ Er reichte bei dieſen Worten dem Grafen ein gedrucktes Blatt, und Monte Chriſto las: „Ein merkwürdiges Verbrechen erfüllt Paris mit Unruhe und Sorge. Vor einigen Tagen ſtarb ein ſehr bekannter Mann, der ehemalige Prokurator des Königs, Herr von Villefort. In der letzten Nacht vor dem Begräbniſſe, während da die Leiche in dem großen Saale des von Villefort bewohnten Hauſes ausgeſtellt war, wurden die beiden, die Leichenwache habenden Diener auf eine unerklärliche Weiſe betäubt, die Leiche aber der rechten Hand beraubt.— Auch ſonſt wird vieles Werthvolle vermißt.— Die allgemeine Stimme giebt dieſes Verbrechen dem Grafen Monte Chriſto ſchuld, deſſen Rache den Herrn von Villefort ſelbſt im Tode noch verfolgt. Die Polizei iſt in größter Thätigkeit, um Spuren jenes räthſelvollen Mannes, der noch heimlich in Paris anweſend ſein ſoll, aufzufinden und ihn zur Rechenſchaft zu ziehen.“ Maonte Chriſto ließ dieſes Blatt, welches ein ſehr altes Datum trug, ſinken und ſtarrte Bertuccio an. 186 „Bertuccio,“ ſagte er dann,„ſoll man darüber lachen oder erſchrecken?“ „Ich glaube, Beides,“ entgegnete Bertuccio. „Villefort iſt todt,“ fuhr Monte Chriſto fort.„Er möge ruhen, und Gott möge ihn mild gerichtet haben, ich ſelbſt will dafür beten. Daß aber ich ſeine Leiche entweiht haben ſoll, das iſt baarer Unſinn.— Kann man dem Grafen Monte Chriſto wirklich ſo Etwas zutrauen?“ „Man traut ihm ja noch mehr zu: Diebſtahl,“ fügte Bertuccio hinzu.„Hier ſteht von verſchwundenen, werthvollen Sachen.“ „Unerhört, mich zum Diebe ſtempeln zu wollen!“ rief der Graf Monte Chriſto empört.—„Ha, wie kam man nur auf die Idee, daß ich in Paris ſein ſoll, während ich am Ganges lebte? Hat viel⸗ leicht irgend ein Betrüger meine Rolle zu ſpielen verſucht?— Aber dann würde ich es wohl ſchon eher gewußt haben.“ „Es iſt wohl nicht möglich, daß in Paris ein zweiter Monte Chriſto auftreten könnte,“ erwiderte Bertuccio,„man würde den Be⸗ trug ſchnell entdecken, denn Niemand kann die Mittel haben, wie Sie, Herr Graf, alſo auch dieſe Rolle unmöglich nur eine Woche mit Glück durchführen.“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ ſagte der Graf.„Dann aber kann das Gerücht nur das Werk eines boshaften Feindes ſein, vielleicht des Leichenſchänders und Diebes ſelbſt, der jene That nur beging, um einen Schatten auf meinen Namen zu werfen.— Wir werden aber dieſen Flecken zu tilgen und den Buben zu entdecken wiſſen. Dieſes ſei unſere erſte Aufgabe bei unſerer Rückkehr nach Euxopa.“ Bertuccio verneigte ſich. „Es giebt leider noch mehr Flecken zu tilgen, Herr Graf,“ ſagte er. „Wie ſo?“ fragte Monte Chriſto geſpannt. „Es iſt eine zweite Anklage gegen Sie erhoben, welche mit der erſten genau übereinſtimmt,“ antwortete der Haushofmeiſter,„und die man für noch gefährlicher halten könnte, als die erſte.“ „Da bin ich wirklich neugierig!“ rief Monte Chriſto. Bertuccio überreichte dem Grafen ein zweites Zeitungsblatt, auf dem eine Stelle roth unterſtrichen war, und mit nicht geringem Be⸗ fremden las Monte Chriſto eine zweite, ihn betreffende Nachricht, dieſes Mal aus Livorno datirt. der. gewäſſetn ſijen, in d gät ſchon bereits Kri ſowie ſämt Küſte Vefe geben und „Imt ſempelt n mich an d talieniſche von dem „Si leicht beſt 8 Er Brieftaſcht den Ausd „In er,„ſorge an Nichts ihm dari Bert Als ſeiner St Ausdruch „Ar. du ſagſt wenigen fillen, fti jegt ſchon zu vewiich zu neuen Feind, w ſchtbaren über tret lacen oder moͤge rhhen, dafür beten. e Unſinn.— 3 zutrauen?“ te Bertuceio chen.“ ief der Gref uf die Idee, 21 Hat viel⸗ ht?— Aber veiter Monte ürde den Be⸗ den, wie Sie, che mit Glück er kann das vielleicht des beging, um werden aber iſſen. Dieſes pa.“ af,“ ſagte er. elche mit der neiſter,„und ſie⸗ ſo. 4 ngsblat, auf geringem Be de Nachriht, über treten, iſt der Kampf leicht, aber mit verſteckten Feinden zu 187 Der Inhalt des ziemlich langen Berichtes war, daß in den Gewäſſern zwiſchen Sicilien und Sardinien Seeräubereien vorgefallen ſeien, in dem Führer der Piraten aber habe man den, ſeit längerer Zeit ſchon verſchollenen Grafen Monte Chriſto erkannt, und es wären 6 bereits Kriegsſchiffe ausgelaufen, Jagd auf den Korſaren zu machen, ſowie ſämmtliche Polizeibehörden in den Hafenſtädten der italieniſchen Küſte Befehl erhalten hätten, auf den Grafen Monte Chriſto Acht zu geben und ihn im Betretungsfalle feſtzunehmen. „Immer beſſer,“ rief der Graf mit bitterem Gelächter,„nun ſtempelt man mich gar zu einem Seeräuber und hofft wohl gar, mich an der Segelſtange eines Kriegsſchiffes oder an irgend einem italieniſchen Galgen hängen zu ſehen!— Ein liebenswürdiger Plan, von dem es mir nur leid thut, daß er nicht gelingen dürfte.“ „Sie haben einen Feind, Herr Graf,“ warnte Bertuccio.„Viel⸗ leicht beſteht ſogar ein Complot gegen Sie.“ „Schon gut,“ entgegnete Monte Chriſto kurz. Er faltete die Zeitungsblätter zuſammen und legte ſie in ſeine Brieftaſche. Nachdem dieſes geſchehen, nahm ſein Geſicht wieder ganz den Ausdruck der alten Ruhe an. „In zwei Tagen brechen wir zur Jagd in der Wüſte auf,“ ſagte er,„ſorge dafür, daß die Jagdpferde in gutem Stande ſind und es an Nichts fehlt. Abbas Paſcha wird Glanz entfalten, wir dürfen ihm darin nicht nachſtehen.“ Bertuccio entfernte ſich, und Monte Chriſto blieb allein. Als der Graf ſich allein ſah, zogen wieder düſtere Wolken auf ſeiner Stirn empor, und ſein Auge nahm einen faſt ſchwermüthigen Ausdruck an. „ Arme Haidee,“ ſagte er für ſich,„wohl haſt Du Recht, wenn Du ſagſt: Die Menſchen gönnen uns nicht, glücklich zu ſein.— Vor wenigen Minuten erſt erging ich mich in den lockenden Bildern einer ſtillen, friedlichen, glücklichen Zukunft, die ich mir ſchaffen wollte, und jetzt ſchon ſteigt ein Feind auf, der den guten Klang meines Namens zu vernichten ſtrebt, ja vielleicht ſchon vernichtet hat, und mich dadurch zu neuen gefährlichen Kämpfen herausfordert.— Wo aber iſt dieſer Feind, wo ſoll ich ihn finden, der mich aus dem Hinterhalt mit un⸗ ſichtbaren Waffen verwundet?— Mit Feinden, die uns offen gegen⸗ 188 5 ringen, wird oft zur Unmöglichkeit.— Doch es gilt!— Es muß ſich erſt zeigen, ob ich es mit einem einzelnen Feinde zu thun habe, oder mit einem ganzen Complot, wie Bertuccio vermuthet, und habe ich nur erſt Gewißheit, wohin ich mich wenden ſoll, an zerſchmetternden Schlägen ſoll es dann auch nicht fehlen, denn ich bin entſchloſſen, mir mit Gewalt Ruhe zu erkämpfen, von dem Kampfplatze aber auch nur als Sieger abzutreten.— Es gilt!“ Der Mann⸗ der eben noch von Ruhe geträumt, mußte ſich wieder zum Kampfe rüſten. Am und Ber peten, tö Es war der Wüſt Cgy den gefät Raubſuch licher We 1 wieſen ſi benachba⸗ vereinzelt Durchrelſ wann ei bisweilen Schrecken teln und der dann kann, bis und endl Raub ihr zu thunh der Thier finden, d Eemßſh un habe, oder und habe ich ſchmettenden R eniſchoſſen, ze abet auch Fte ſich wieder Vierundzwanzigſtes Kapitel. Auf der Löwenjagd. Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen, Wenn ſprudelt der Becher des Lebens ſo reich! Kind. Am zweiten Tage nach jener Unterredung zwiſchen Monte Chriſto und Bertuccio ſchmetterten vor dem Palaſte Abbas Paſcha's Trom⸗ peten, tönte lärmende und nichts weniger als harmoniſche Muſik. Es war das Zeichen des Aufbruchs der Geſellſchaft, welche ſich in der Wüſte den ſeltenen Genuß einer Löwenjagd verſchaffen wollte. Egypten ſelbſt beherbergt faſt gar keine reißenden Thiere, außer den gefährlichen Krokodilen im Nil, die durch ihre Gefräßigkeit und Raubſucht bisweilen zur wahren Landplage werden, die aber glück⸗ licher Weiſe durch ihre Natur allein auf das Bett des Nils ange⸗ wieſen ſind. Löwen ſind nicht heimiſch, eben ſo wenig wie in den benachbarten Diſtricten von Tripolis und der Sahara, wo ſie nur vereinzelt, gleichſam nur auf der Durchreiſe vorkommen. Solche Durchreiſende hat auch Egypten von Zeit zu Zeit, indem dann und wann ein Löwe aus der Wüſte oder aus Abyſſinien herüberſtreift, bisweilen ſelbſt tief in das Land eindringt und dann nicht wenig Schrecken erregt, denn die Fellahs, deren Waffen höchſtens aus Knüt⸗ teln und ſchlechten Aexten beſtehen, ſind keine Gegner für einen Löwen, der dann ruhig die größten Verwüſtungen unter den Heerden anrichten kann, bisweilen, nachdem er böſer Laune iſt, auch Menſchen zerreißt und endlich wohl genährt ſich wieder in die Wüſte verliert, wo der Raub ihm ſchon ſchwerer fällt, da er es dort mit flüchtigem Wilde zu thun hat.— Die Wüſte iſt aber der Lieblingsaufenthalt des Königs der Thiere, im angebauten Lande ſcheint er ſich unbehaglich zu be⸗ finden, vielleicht weil ſein Inſtinkt ihm ſagt, daß ihm dort mehr Ge⸗ 190 fahren drohen und er ſeines Lebens keine Stunde ſicher iſt, während in der Wüſte kein Feind ſich ihm entgegenſtellt. Auch jetzt war nach langer Zeit ein Wüſtenkönig in den Nieder⸗ ungen Egyptens erſchienen, und bis auf nur wenige Meilen von Kairo vorgedrungen, bedeutenden Schrecken verbreitend und Schaden machend. Abbas Paſchah, davon unterrichtet, beſchloß ſogleich, darauf Jagd zu machen, ließ die nöthigen Vorbereitungen zu einer längeren Abweſen⸗ heit treffen und lud mehrere angeſehene Würdenträger des Landes und einige Freunde ein, dieſer Jagd beizuwohnen. Unter den Ein⸗ geladenen befand ſich auch Monte Chriſto. Vor dem Palaſte des Paſchah hatte ſich eine ſehr zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft verſammelt; da jeder der Eingeladenen eine Anzahl Diener als Gefolge mitgebracht hatte; ſo ſah man egyptiſche Offiziere und Beamte, Engländer, Franzoſen, Italiener und Deutſche, wie ſie eben in Kairo ſich aufhielten. Auch ein ſtarker Trupp gut bewaffneter, regulärer Reiter war da, den Zug zu begleiten und ihn gegen die möglichen Angriffe räuberiſcher Beduinenſchwärme zu ſchützen, die eben auch nicht zu den Seltenheiten gehörten. Sogleich, nachdem Abbas Paſchah erſchienen und zu Pferde ge⸗ ſtiegen war, ſetzte ſich der Zug unter Trompetenklang in Bewegung, und es ſchien ganz, als ob ein kleines Heer zu einem Kriegszuge aus⸗ rückte, nicht aber, daß es eine bloſe Jagdgeſellſchaft ſei. Den krieger⸗ iſchen Charakter nahm der Zug noch mehr an, als er aus der Stadt kam, denn hier harrten unter Kavaleriebedeckung etwa ein Dutzend Kameele, welche Lagergeräth und Lebensmittel trugen. So war für Alles geſorgt, um die Jagd ſo bequem, aber auch ſo umſtändlich als möglich zu machen. Die Geſellſchaft, durchgängig trefflich beritten, zog ziemlich raſch in ſüdweſtlicher Richtung von Kairo fort, um die Gegend, wo der Löwe hauſen ſollte, ſchon in der Nacht zu erreichen und am nächſten Tage die Jagd zu beginnen. Unterwegs erfuhren ſie, daß es nicht ein einzelner Löwe ſei, der ſich gezeigt, ſondern ein paar, vielleicht wären es drei. Solche Nachrichten waren den Jägern willkommen, denn auf ſolch' einer Jagd heißt es: Je mehr Beute, je mehr Ehre! So erreichte man den für das erſte Nachtquartier beſtimmten Lagerplatz, es wurden für die Herren Zelte aufgeſchlagen, Feuer an⸗ gezündet, und dann lagerte man ſich, einige Stunden zu ruhen. Die rusgeſtelt achen, do den Punk Die eulten u Feuern 3 Sümme! nchmen iſ Morgen fernten T Mar gezogen k dem Rück Aufbruch Getöſe g weitem K Dar llang eir lange ge dem ang weite E Angabe waltige Nu das Wil für heut der Fäh Do ſang au eine don die Schl „D Wi kommen jſuſamm Kameele tiſt während in den Nieder ilen von Kairo aden maünd. arauf Jagd zu eren Abweſen⸗ er des Landes nter den Ein⸗ jahlreiche Ge⸗ Anza Dienet Offizjere und „wie ſie etben t bewaffueter, ihn gegen die ützen, die eben zu Pferde ge⸗ in Bewegung, iegszuge aus⸗ Den krieger⸗ aus det Stadt ein Dutzend So war für mſtändlich als jiemlich raſch gend, wo der d am nächſten daß es nicht gar, vielleicht willkommen, e mehr Ehrel e beſtimmten „n. Feller an⸗ en, Feuer u ulhen. de ——- — 1 —— 191 ausgeſtellten Wachen hatten Auftrag, auf jedes Geräuſch ſorgſam zu achten, da der Löwe gewöhnlich in der Nacht durch ſein lautes Gebrüll den Punkt verräth, wo er ſich aufhält. Die Nacht verging indeß ruhig, nur Schakale bellten, Hyänen heulten und umſchlichen den Lagerplatz, wagten ſich aber, von den Feuern geſchreckt, nicht heran; von dem donnerartigen Rollen der Stimme des Löwen, welches in ſtillen Nächten ſtundenweit zu ver⸗ nehmen iſt, ließ ſich nichts hören, nur eine der Wachen glaubte gegen Morgen einen ähnlichen, aber ſehr ſchwachen und mithin ſehr ent⸗ fernten Ton vernommen zu haben. Man ſchloß daraus, das geſuchte Wild müſſe ſich weiter zurück⸗ gezogen haben und wäre wohl gar, gewarnt von ſeinem Inſtinkt, auf dem Rückwege in die Wüſte begriffen. Deshalb eilten die Jäger zum Aufbruch und drangen jetzt in der Richtung vor, von welcher das Getöſe gekommen war. Ein Theil der Reiter zerſtreute ſich, um in weitem Kreiſe umherſchweifend die Spuren des oder der Löwen zu ſuchen. Darüber verging der größte Theil des Tages, erſt gegen Abend klang ein Signal und erhielt Abbas Paſcha die Kunde, daß man die lange geſuchte Fährte gefunden. Augenblicklich eilte die Geſellſchaft dem angegebenen Orte zu, die trefflichen Pferde legten die ſtunden⸗ weite Entfernung in kürzeſter Zeit zurück, und wirklich fand ſich die Angabe beſtätigt, deutlich waren in dem Sande die Spuren von ge⸗ waltigen Löwentatzen abgedrückt. Nun hatten die Jäger nur dieſer Fährte zu folgen, um endlich das Wild aufzutreiben, doch bald ſank die Sonne und endete dadurch für heute die Jagd, denn in der Dunkelheit war an kein Erkennen der Fährte zu denken. Die Geſellſchaft mußte zum zweiten Male lagern. Das nämliche nächtliche Concert wie auf dem vorigen Lagerplatze ſang auch hier die Schläfer ein.— Gegen Mitternacht aber ertönte eine donnernde Stimme in der Wüſte, welche weithin dröhnte und die Schläfer weckte. „Der Löwe! der Löwel!“ flüſterte man ſich zu. Wieder und wieder erklang das Dröhnen; es ſchien näher zu kommen, die Pferde wurden unruhig, ſie ſprangen auf, drängten ſich zuſammen, hoben die Köpfe in die Luft und witterten. Auch die Kameele verriethen unbehagliche Bewegung. 192 Und wieder und näher donnerte des Löwen Gebrüll, mehr noch ſtieg die Unruhe der Thiere; die Männer erhoben ſich und griffen zu den Waffen, um für den Nothfall zum Empfang des Ungethüms bereit zu ſein, wenn es ja einen Angriff auf die Pferde verſuchen ſollte. Und wieder ließ der Löwe ſeine majeſtätiſche Stimme erſchallen, und vor ihr ſchwieg Alles in weitem Umkreiſe, weder Schakal noch Hyäne ließ ſich mehr hören. Doch nein! Von anderer Richtung, nur entfernter, dröhnte es jetzt ganz ähnlich; es ſchien gleichſam die Antwort auf den erſten Ruf zu ſein.— Somit war wirklich noch ein zweiter Löwe in der Gegend, und es verſprach morgen eine ziemlich ergiebige Jagd zu werden. Einige der kühnſten Jäger ſchlugen vor, den erſten Löwen, der nicht ſo weit entfernt ſein könnte, ſogleich anzugreifen und zu erlegen, am nächſten Morgen aber das zweite Thier aufzuſuchen, doch Abbas Paſcha verbot dieſes entſchieden; er glaubte, beide Löwen würden auch ſo ſchon als gewiſſe Beute zu betrachten ſein, und am Tage ſei die Jagd jedenfalls nobler und intereſſanter, als bei Nacht, wo ein Jäger den andern nicht ſehe und viel von dem großartigen Schau⸗ ſpiele verloren gehe. Abbas Meinung fand allgemeinen Beifall, und die ungeſtümen Jagdluſtigen wurden zur Ruhe gewieſen. Der Löwe kam übrigens nicht näher. Nicht nur das angezün⸗ dete Feuer mochte ihn zurückhalten, er hatte vielleicht auch gewittert, daß hier zahlreiche Menſchen verſammelt wären, und ein Angriff auf die Geſellſchaft zu ſeinem Nachtheile ausſchlagen müſſe. Er erſchütterte noch ein Mal die Luft mit ſeinem Gebrülle, und dann entfernte er ſich, wie das nach einiger Zeit wieder laut werdende Gebrüll, das jetzt ſchwächer klang, andeutete.— Jedes Mal antwortete die Stimme des zweiten Löwen, und auch dieſer ſchien ſich zu nähern.— Dieſe Annäherung war den Jägern nur angenehm, da ſie nun die Fährte dieſes Thieres leichter finden konnten. Die Gewißheit, daß die Thiere ſich in der Nähe befanden und es am nächſten Tage mit ihnen einen harten Strauß ſetzen würde, erfüllte die Jäger mit ſolcher fieberhaften Aufregung, daß die Mehr⸗ zahl von ihnen nur wenig oder gar nicht Schlaf fand. Nur Monte Chriſto in ſeiner unerſchütterlichen Ruhe und Kaltblütigkeit lag in ſeinem luftigen Zelte und ſchlief unbekümmert um die allgemeine Spannung. Lang gefellchaft bevor ſich o große( tank geni lchkeit ſch nige get u vetfolg d Geſell Die Bezug au päer hing ſe wären Fährte ge Winth, de End pfeifen gegeben. nachzuhol auch glei „Al „Al Ein Windese ſchienen hüllte.— Stunde merkſam Ein wo verſe nen, daß halte.— das gan⸗ Mo dffiſien eiweitert war, ſo Die l. mehr noch nd griffen zu ethüms bereit ſchen ſollt. me erſchallen, Schakal noch t, dröhnte es en eiſten Ruf der Gegend, u werden. zLöwen, der nd zu erlegen, „doch Abbas wen würden am Tage ſei racht, wo ein tigen Schau⸗ ungeſtümen das angezün⸗ uch gewittert, in Angrif auf gr erſchütterte entfernte er Gebrüll, das edie Stimme ern.— Dieſe un die Fährte befanden und ſetzen würde, aß die Mehr⸗ Nur Monte lag in ſenem le Spannung. 193 Lange, ehe die Sonne aufging, beſand ſich der größte Theil der Geſellſchaft auf den Beinen und trieb ungeduldig zum Aufbruch, bbevor ſich die Löwen zu weit entfernten. Doch Abbas Paſcha ſchien ſo große Eile nicht zu haben, er mußte erſt ſeinen würzigen Morgen⸗ trank genießen und erſt eine Pfeife Tabak mit echt türkiſcher Behag⸗ 3 lichkeit ſchmauchen; um aber ein Uebriges zu thun, ſchickte der Paſcha einige gewandte Jäger aus, auf flüchtigen Roſſen des Löwen Spur zu verfolgen und die Richtung durch Signale anzudeuten, wo dann die Geſellſchaft mit möglichſter Eile folgen konnte. Die Mehrzahl der Türken in des Paſcha Gefolge ahmten in Bezug auf Bequemlichkeit das Beiſpiel ihres Herrn nach, die Euro⸗ päer hingegen verwünſchten mehr als einmal das türkiſche Phlegma, ſie wären lieber ohne Verzug in die Sättel geſprungen und der Fährte gefolgt, doch dieſes durften ſie nicht aus Rückſicht auf ihren Wirth, dem man bei der Jagd die Hauptrolle überlaſſen mußte. Endlich war der ſchwarze Mokkatrank geſchlürft, die Morgen⸗ pfeifen waren ausgeraucht und das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Jetzt aber ſchien Alles beſtrebt, die verlorene Zeit wieder nachzuholen. Sowie nur die Türken in den Sätteln ſaßen, kam auch gleichſam ein anderes Leben in ſie.— „Allah il Allah!“ rief Abbas. „Allah il Allah!“ wiederholte das Gefolge. Ein Horn klang dazwiſchen und ausgriffen die edlen Roſſe, mit Windeseile dahin fliegend, daß die Hufe kaum die Erde zu berühren ſchienen und ein Wirbel von Sandſtaub die ganze tolle Schaar ein⸗ hüllte.— Durch dieſen raſenden Ritt waren in der Zeit einer halben Stunde die vorausgeſchickten Jäger eingeholt, und mit vereinter Auf⸗ merkſamkeit wurde die Spur verfolgt. Eine Stunde verging, die Geſellſchaft kam in ein ſteiniges Thal. wo verſchiedene Fährten ſich kreuzten und dadurch zu beweiſen ſchie⸗ nen, daß wenigſtens der eine Löwe hier ſein Hauptquartier gewählt hatte.— Die Jäger zerſtreuten ſich zu Zweien oder Dreien durch das ganze Thal, um das Wild aufzutreiben. Monte Chriſto ritt mit Abbas Paſcha und einigen türkiſchen Offizieren in der Mitte des Thales, das ſich immer mehr und mehr erweiterte und theilweiſe mit niedrigen, ſtachlichen Büſchen bewachſen war, ſo recht geeignet zum heimlichen Aufenthalte der Raubthiere. Die Hand des Todten. 13 194 „Der Löwe! der Löwel!“ klang es plötlich. Einige der Reiter hatten das Raubthier entdeckt, wie es nieder⸗ geduckt hinter einem von Geſtrüpp umgebenen Felſenblock lag und ſich geberdete, als ginge es der ganze Jagdlärm ganz und gar nichts an. Die Reiter ſprengten auf das Thier ein und ſuchten es durch Geſchrei nicht nur aufzuſcheuchen, ſondern auch den Jagdgenoſſen das Signal zu geben, daß das blutige Spiel nun beginne. Im Nu erdröhnte nun auch der Boden unter den Hufſchlägen der in Galopp geſetzten Roſſe, welche über die Steinklumpen hinweg⸗ ſetzend, in grader Linie dem Orte zueilten, von woher das Geſchrei kam. Bald war daſelbſt auch ein Trupp Reiter in weitem Halb⸗ kreiſe verſammelt, der die Flinten ſchußfertig in der Hand, ſich immer enger zuſammenzog. Seltſamer Weiſe ſchien der Löwe immer noch keine Notiz von ſeinen Feinden zu nehmen, vielleicht, weil er durch den Felſenblock⸗ hinter dem er lag, verhindert war, deren gefährliche Anzahl zu über⸗ blicken. Immer noch lag das rieſige, königliche Thier niedergeduckt und den größten Theil des Körpers in Geſträuch und Steinen ver⸗ borgen, aber die großen, rollenden Augen waren feſt auf die nächſten Gegner gerichtet, die Mähnenbüſchel am Kopfe ſträubten ſich und öfter und öfter zeigte ſich das elfenbeinartige ſcharfe Gebiß. Dabei ſpielte der Schweif hin und her. Den Jägern dauerte dieſes verächtliche Benehmen des Wüſten⸗ königs zu lange, ſie wollten nicht ſchießen, um Abbas Paſcha nicht in der Ehre des erſten Schuſſes auf das Thier vorzugreifen, was ihnen allenfalls die Ungnade des Gewaltigen zuziehen konnte; mit anderen Waffen das Thier anzugreifen, empfand Niemand Luſt, denn das hieß das Leben zu Markte tragen. Sie verſuchten wiederholt durch Geſchrei das phlegmatiſche Thier in Bewegung zu ſetzen. Endlich verlor ein junger Offizier die Geduld, einen Stein in die Hand nehmend, ſprengte er raſch auf den Löwen ein. „Auf, Du Fauler!“ ſchrie er ihm zu. Zugleich ſchleuderte er mit aller Gewalt den Stein nach dem Löwen. Der Stein traf.— In ein Wuthgebrüll ausbrechend, ſchnellte das gereizte Thier empor. Raſch wollte der verwegene, junge Mann ſein Roß herumwerfen, aber dieſes durch des Löwen Gebküll, durch ſen fürcht ſtorcte de dumnflehen In die eprung un ſt hoch a wargrabend, fülten. La dr vicht 3e ſinem Pfer Ein fu ſſſſs Scha Fuucht, der weflung ſ um unglü Jeder, er Mit jezt erſchie ſeiner Seit auf den L Shüſſen, fügte, wie gebracht Dieſe dielen Sch heute und dir furchtt lürzte un Danr Wied Riten dur dapſeifen de eiligen „Bei Drauf, 28 nieder⸗ d lag und dgar vichts en es durch enoſſen das Huſſchägen en hinweg⸗ das Geſchrei etem Halb⸗ „ſich immer ie Noiiz von Felſenblock, ahl zu über⸗ niedergeduckt Steinen ver⸗ die nächſten fen ſich und biß. Dabei des Wüſten⸗ Paſcha nicht greifen, was konnte; mit d Luſt, denn —n wiederholt ſetzen. en Stein in n. n nach dem ad, ſchrellt junge Nann deſſen furchtbar rollende Augen vielleicht noch mehr in Angſt geſetzt, gehorchte dem Zügel nicht mehr, es wollte ſeitwärts ausbiegen und davonfliehen. In dieſem Augenblicke that das gereizte Thier auch ſchon einen Sprung und hing plötzlich am Halſe des vor Schreck und Schmerz ſich hoch aufbäumenden Roſſes, ſeine ſcharfen Zähne in deſſen Fleiſch vergrabend, während die gewaltigen Klauen das Thier umſpannt hielten. Laut ſtöhnend überſchlug ſich das Roß, und deſſen Reiter der nicht Zeit gehabt hatte, nach einer Waffe zu greifen, lag unter ſeinem Pferde und dem Löwen. Ein furchtbarer Schreckensruf entfuhr allen Jägern, welche Zeuge dieſes Schauſpieles waren; aber Niemand wagte zu ſchießen, aus Furcht, den unten liegenden jungen Mann zu treffen, der mit Ver⸗ zweiflung ſich emporzuringen ſuchte. Aber es wagte auch Niemand dem unglücklichen Jäger ſonſt zu Hilfe zu kommen, denn da fürchtete Jeder, er würde das zweite Opfer ſein. Mit lautem Geſchrei ſprengten noch mehr Jäger herbei, und jetzt erſchien auch über Stock und Stein ſetzend Abbas Paſcha, an ſeiner Seite Monte Chriſto.— Der Paſcha feuerte ſogleich ein Piſtol auf den Löwen ab und dieſer Schuß war das Signal zu noch mehr Schüſſen, von denen aber keiner dem Raubthiere vielen Schaden zu⸗ fügte, wie ſie denn in der Mehrzahl auch nur als Schreckmittel an⸗ gebracht wurden. Dieſes Mittel ſchlug in der That an.— Erſchrocken ob der vielen Schüſſe und des ſteigenden Lärms verließ der Löwe ſeine Beute und ſich eingeſchloſſen ſebend, flog er mit einem Satze wie ein Pfeil zwiſchen die Pferde hinein, riß dem einen mit einem Schlage der furchtbaren Tatze den Leib auf, daß es augenblicklich zuſammen⸗ ſtürzte, und zermalmte deſſen Reiter mit einem Biſſe die Schulter. Dann flog der Löwe weiter.— Er war glücklich durchgebrochen. Wieder fielen Schüſſe, aber die ſcheu gemachten Pferde verhin⸗ derten durch ihre heftigen Bewegungen alles ſichere Zielen, die um⸗ herpfeifenden Kugeln hinderten den Löwen nicht im geringſten in der eiligen Flucht. „Bei Allah, die Beſtie entkommt!“ ſchrie Abbas Paſcha zornig. „D'rauf, das Thier muß fallen!“ 3 13* 196 Und dahin ſauſten die edlen Roſſe der Spur des fliehenden Löwen nach. Das Thier war auf dieſem Terrain offenbar im Vortheil, wie ein Pfeil ſchnellte es über Felsblöcke hinweg, wo ihm kein Pferd zu folgen vermochte, dann verſchwand es wieder hinter Felſen und Ge⸗ ſträuch, und die Reiter mußten oft große Umwege machen, um das fliehende Wild wieder zu erreichen.— Fortwährend fielen dabei Schüſſe und an den blutigen Spuren ſah man recht, daß das Thier getroffen war, doch konnten ſeine Wunden nicht ſo bedeutend ſein, da ſie ſeine Bewegungen nicht im geringſten hinderten. Abbas Paſcha und Monte Chriſto, welche die ſchnellſten Pferde der ganzen Geſellſchaft ritten, ſetzten ſich neben einander über ein Felſenſtück, und plötzlich ſahen ſie ſich dem Löwen wieder gegenüber, Abbas Pferd ſtürzte zuſammen und ſchleuderte ſeinen Reiter von ſich, daß er dicht vor dem Löwen niederfiel. Dieſer ſtieß ein ſchreckliches Wuthgeheul aus und krümmte nach Katzenart den Rücken, ſich mit aller Macht auf den Paſcha zu ſtürzen. Dieſer war verloren.— Monte Chriſto ſah die Gefahr des Paſcha, ſchnell warf er ſich aus dem Sattel, eine Piſtole in der Hand. Eben ſprang der Löwe; aber in demſelben Moment donnerte auch des Grafen Schuß und der Löwe konnte den tödtlichen Sprung nicht vollenden, zuckend fiel er dicht neben dem Paſcha nieder. Schnell hinzuſpringend, riß Monte Chriſto den Paſcha aus der Nähe des Löwen, damit er nicht bei deſſen letzten Zuckungen von den gewaltigen Tatzen noch getroffen wurde, und half ihm dann ſich aufrichten. Abbas Paſcha ſah erſtaunt um ſich. „Bei dem Barte des Propheten,“ ſagte er,„ich gab mein Leben verloren.— Aber der Löwe iſt todt?“ „Ja,“ antwortete Monte Chriſto ruhig, indem er den Lauf ſeines trefflichen Gewehreg abputzte.—„Ja, dieſe Beſtie hat ihre Rolle in der Welt ausgeſpielt!“ Unterdeſſen waren mehrere Jäger hinzugekommen und unter⸗ ſuchten das nur noch leiſe zuckende Ungethüm. Es war ein Löwe von ſeltener Größe. „Bei ziht het, deungen ¹ „Wir Mont „E6 ſinlig St für den iſ 6 nur zw „Nun uch das lbergeben. Das 9 ſigkeit des Nach velſammel Shuß der ulten, da Nur „Me d.„Ich Eini Jäger, u werdende des zweit Die fürück, un ine Höh, ſucte Lo wa zwe auf den „Wo In Kreis um „Be junge dü ſt weich des fliehenden Vont theil wie kein Pien zu ſen und Ge⸗ felen dabei aß das Thier edeutend ſein, elſten Pferde det über ein der gegenüber. ſeiter von ſich, krümmte u cha zu ſtürzen. warf er ſich ng der Löwe; n Schuß und n, zucknd fil taſcha aus der zuckungen von alf ihm dann er den Lauf eſtie hat ihre en und untel⸗ war ein Löwe 1 Gen, um dad 1 197 „Bei Allah,“ ſagte einer der Jäger,„das iſt ein Glücksſchuß! Seht her, die Kugel iſt mitten durch das Auge in das Gehirn ge⸗ drungen und mußte ſo den ſchnellen Tod des Löwen herbeiführen.“ „Wirklich, Graf,“ ſagte Abbas,„Du haſt eine glückliche Hand.“ Monte Chriſto zuckte mit kaltem Lächeln die Achſeln. „Es war immerhin Glück dabei,“ antwortete er,„wer aber auf fünfzig Schritt auf einem Kartenblatte Auge für Auge ausſchießt, für den iſt es keine Kunſt, das Auge eines Löwen zu kteffen⸗ wenn es nur zwölf Schritte entfernt iſt.“ „Nun gleichviel,“ ſagte Abbas,„der Sieg iſt Dein und alſo auch das Siegeszeichen. Meine Leute werden Dir des Löwen Haut übergeben.“ „Das genügt,“ ſagte der Graf lächelnd,„obgleich bei der Leich⸗ ſtigkeit des Sieges der Ruhm nicht ſo groß iſt.“ Nach und nach hatten ſich alle Jäger um den getödteten Löwen verſammelt, ſowie auch ein Theil der Eskorte, ſoweit ſie nicht zum Schutz der Kameele zurückgeblieben. Abbas Paſcha ließ kurze Raſt kalten, damit Mann und Roß ſich etwas erholten. Nur Monte Chriſto verließ den Sattel nicht. „Mein Roß und ich, wir fühlen nichts von Müdigkeit,“ ſagte er.„Ich will die Fährte des zweiten Löwen ſuchen. Komm, Ali!“ Einige junge Offiziere ſchloſſen ſich ihm an, gleichfalls einige ahe und pfeilſchnell ſtrichen die Reiter über die wieder ebener werdende Gegend nach der Richtung fort, von wo ſie das Gebrüll des zweiten Löwen in vergangener Nacht gehört hatten. Ddie trefflichen Roſſe legten in kurzer Zeit eine bedeutende Strecke rück und Monte Chriſto und einer der Offtziere ſprengten jetzt auf eine Höhe, um von hier aus die Gegend zu erſpähen, wo der ge⸗ ſuchte Löwe ſich wahrſcheinlich aufhalten könnte, die übrigen Reiter, ab mein Eühen etwa zwanzig an der Zahl, machten unten Halt, um bereit zu ſein, auf den erſten Blick ſich dahin oder dorthin zu wenden. „Was iſt das?“ fragte Monte Chriſto, in die Tiefe hinab deutend. In nicht ſehr großer Entfernung hatte ein Trupp Männer einen Kreis um eine Palme geſchloſſen, die Palme wurde von Rauch umwogt. „Bei dem Barte des Propheten, das iſt verdächtig!“ rief der junge Türke.„Sollten es auch Löwenjäger ſein?— Dann müſſen ſie weichen, denn wo Abbas Paſcha jagt, darf Niemand jagen.“ „Dann nehmen wir denſelben ihnen ab,“ erklärte der Türke. „Niemand hat Anſpruch darauf, als der Paſcha.“ „Wenn ſie aber nicht wollen?“ „Sie müſſen!— Wehe dem, der des Paſcha Zorn erregt, oder gar die Hand gegen ihn zu erheben wagt!“ „Mir fällt auf, daß der Rauch ſo dicht um die Palme iſt. Das iſt meines Wiſſens nicht Wüſtenbrauch, die Feuer ſo nahe an dieſe wohlthätigen Bäume anzuzünden, und auch bedürfen jene Leute am Vormittage ſchwerlich des Feuers.“ „Bei Allah, Chriſt, Du haſt Recht. Das hat Etwas zu be⸗ deuten.— Wiſſen die Hunde nicht, daß es verboten iſt, eine Palme zu beſchädigen, ſo lange ſie noch Früchte trägt?— Sind es Bos⸗ hafte, welche auf Vernichtung der Bäume ausziehen? Das muß unterſucht, muß geſtraft werden.— Melden wir es dem Paſcha!“ „Ich glaube, dort kommt er ſchon!“ ſagte Monte Chriſto. Wirklich wirbelte eine gewaltige Staubwolke heran. Der Paſcha hatte die türkiſche Bequemlichkeit außer Augen geſetzt, vielleicht von Jagdluſt getrieben, vielleicht auch von Eiferſucht und Furcht, Monte Chriſto könne den Löwen finden und ihn mit eben ſo ſicherer Hand erlegen, wie den erſten, ihn, den Paſcha, aber dadurch um den gan⸗ zen Ruhm der Jagd bringen. Der Offizier ſchickte ſogleich einen ſchnellen Reiter mit der Meld⸗ ung des Entdeckten dem Paſcha entgegen und forderte dann Monte Chriſto auf, ihn zu begleiten, um die Sache zu unterſuchen; wenn bei den Leuten drüben feindliche Geſinnungen herrſchten, ſo wären ſie ſtark genug, es mit ihnen aufzunehmen und auch ſei der Paſcha mit ſeinem zahlreichen Gefolge nahe. Monte Chriſto willigte ohne Bedenken in den Vorſchlag und die ganze kleine Schaar ſetzte ihre Roſſe in Galopp. „Und wenn ſie den Löwen ſchon erlegt hätten?“ fragte der Graf⸗ d räuber fteuten konnten zu vert d gedrän auf de det V Laut und a dieſe lauſch hatte helfen wollte den G währe 1 lagte der Graf b t der dütt. in erregt oder die Palme ſſt er ſo mahe an tfen jene deute Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Mirja's Opfer. twas zu be⸗ ſt, eine Palme Und eint uns nicht das Leben, Sind es Boz⸗ So eine uns der Tod. 2 Das muß. Körner. anihh Dampf qualmte um Albert.— Die wilden, hartherzigen Wüſten⸗ räuber ſtanden umher im Kreiſe, die Geſichter höhniſch verzerrt. Sie freuten ſich der Qualen, welche ſie einem verhaßten Chriſten anthun konnten, und riefen dem Unglücklichen wottiſche Worte zu, ſein Leiden zu verhöhnen. Die gezüchtigten Gefangenen ſtanden auf einen Trupp zuſammen⸗ gedrängt und ſtarrten mit düſteren Augen und ſtumpfen Geſichtern auf den Mann, der ihnen hatte die Freiheit verſchaffen wollen, keinen der Verſchworenen nannte, ſondern für ſie als Opfer ſtarb.— Kein Laut entfloh den ſtummen Lippen dieſes Menſchen. ſuchen; wenn Plötzlich klang ein lauter Angſtſchrei, die Männer ſahen ſich um, ten, ſo wätm, und auch Albert an ſeinem Mariepſaß hob das Haupt; er kannte 1 ſi der Jaſſpa d dieſe Stimme. Es war die unglückliche Mirja.— Sie hatte durch Zufall er⸗ lauſcht, daß Albert ein furchtbares Loos erwarte, und in Todesangſt hatte ſie ſich losgeriſſen und war herbeigeflogen, um womöglich zu helfen, zu retten, oder mit dem Geliebten unterzugehen.— Man wollte ſie aufhalten.— Umſonſt, ſie drängte ſich in den Kreis. Erſtarrt blieb ſie ſtehen, als ſie das furchtbare Schauſpiel ſah, den Geliebten an den Baum gebunden, vom Dampfe umwogt, während zu ſeinen Füßen ſchon Flammen empor praſſelten. „O Albert!“ ſchrie ſie in Todesangſt laut auf. „Mirja!“ rief Albert entſetzt.„Um Gott, was willſt Du hier?“ . Der Paſcha vielleicht von Furcht, Monte ſicherer hand um den gan⸗ wit der Meld- he dann Mont Vorſchlag und 200 „Was will das Weib?“ ſchrie Bu Salah zornig.„Befolgt man ſo meine Befehle?“ Mirja ſtürzte vor Bu Salah nieder. „Menſch,“ rief ſie verzweifelnd,„Menſch, ſo Du auf die Barm⸗ herzigkeit Allah's hoffſt, ſo übe auch Du Barmherzigkeit.— Gnade, Gnade dem Unglücklichen.“ „Ich hoffe nicht nur auf Allah's Barmherzigkeit, ſondern auch auf ſeinen Lohn,“ entgegnete Bu Salah, indem in ſeinem Auge das Feuer des Haſſes und des Fanatismus aufglühte; ich bringe ein ihm wohlgefälliges Opfer, wenn ich dieſen verfluchten, ungläubigen Giaur von der Erde vertilge.“ „Gnade, Gnade!“ flehte Mirja wieder, die gefalteten Hände zu dem Furchtbaren emporhebend. Einen Augenblick muſterte Bu Salah die Flehende, dann über⸗ zog ein triumphirendes Lächeln ſein dunkles Geſicht. „Wirſt Du für das Leben jenes Mannes ein Opfer bringen?“ fragte er. „Jedes, jedes!“ rief Mirja in Verzweiflung.„Jedes Opfer bringe ich, nur rette ihn.“ Bu Salah rief ſeinen Begleitern einige Worte zu. Die Männer ſtanden unwillig erſtaunt, aber der Anführer fuhr zornig auf. „Soll ich zwei Mal befehlen, Ihr Söhne von Hunden?“ ſchrie er.„Befolgt meine Worte.— Das Feuer weg.“ Murrend traten die Männer zu dem Scheiterhaufen, riſſen die Brände auseinander und erſtickten ſie, ſo daß nur noch der Dampf in die Höhe qualmte. Die Männer waren unwillig, daß ihren Augen das ſüße Schauſpiel entzogen werden ſollte, einen Chriſten durch Flammen zu Tode gemattert zu ſehen. Albert ſtand an ſeinem Baume und ſchaute erſtaunt um ſich, nicht wiſſend, was er denken ſollte. Kleidung und Haare waren ihm bereits von den Flammen verſengt. „Sollen wir den Giaur losbinden?“ fragte finſterblickend ein Beduine. „Nein,“ entgegnete Bu Salah kurz. Dann wandte ſich der Häuptling zu Mirja. „Weib,“ ſagte er,„weißt Du noch die Worte, welche Dein Mund ſoeben ausſprach?“ fin“ fu „de voll Fre⸗ Dein Ha binden, „d Salah. haben. men, Mi Des Feuer ac ſuckte. „3 ſo das mit zitte Dankbar „A 3 nichts A „E Beduine ihrem das Leb .„Irfolgt die Barm⸗ — Gnade, vndern auch m Auge das bringe ein ungläubigen n Hände zu dann übe⸗ er bringen?“ Jedes Opfer „riſſen die der Dampf ſihren Augen riſten durch dunt um ſich, waren ihm blicend ein w elche Dein Die Männer auf. den?“ ſchrie 201 „Ich weiß ſie,“ entgegnete Mirja. „Um Deinetwillen ſoll dieſem Giaur ſein elendes Leben geſchenkt ſein,“ fuhr Bu Salah fort. „Dafür werde ich Dir ewig dankbar ſein,“ entgegnete Mirja voll Freude.„Möge Allah und der Prophet reichen Segen über Dein Haupt ausſchütten.— Nun aber laſſe den Unglücklichen los⸗ binden, damit auch er Dir danken kann.“ „Der Dank eines Giaur iſt eitel Ruhm im Winde,“ ſagte Bu Salah.„Er bleibt an ſeinem Baume, bis wir weiter geſprochen haben.— Ich werde vorerſt nur Deinen Dank in Anſpruch neh⸗ men, Mirja.“ Des Beduinen Augen funkelten bei dieſen Worten in wildem Feuer auf das Mädchen herab, daß dieſes unwillkürlich zuſammen⸗ zuckte. „Ich danke Dir aus vollem Herzen und werde für Dich beten, ſo das Gebet eines Weibes bei Allah Wirkſamkeit hat,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme.„Dieſes iſt Alles, womit ich Dir meine Dankbarkeit beweiſen kann.“ „Alles?“ fragte Bu Salah finſter. „Ja, Alles,“ wiederholte Mirja,„denn ich, die Sclavin, habe nichts Anderes.“ „Erinnerſt Du Dich endlich, daß Du Sclavin biſt?“ ſagte der Beduine voll Hohn.„Dann denke auch daran, daß die Seclavin ihrem Herrn Gehorſam ſchuldig iſt.— Du ſagteſt, Du wollteſt für das Leben dieſes Mannes jedes Opfer bringen?“ „Ich ſagte es.“ „Und jetzt verlange ich Erfüllung Deines Wortes, und ich er⸗ innere Dich zugleich, daß ich die Gewalt habe über Dich und dieſen Giaur, und ich ihn vernichten kann, ſobald ich nur will.— Sein Leben hängt an dem Hauche Deines Mundes.“ Mirja zitterte.— Ihr ahnte, was Bu Salah fordern würde. „Ich verlange von Dir Dankbarkeit,“ fuhr der Beduine fort. „Dieſe widme ich Dir ſchon aus vollem Herzen, ſowie Du jenes Mannes Bande gelöͤſt haſt,“ erwiderte Mirja. Sie ſchritt zugleich auf die Palme zu, an der Albert ſtand. Bu Salah ſtellte ſich ihr in den Weg. „Was willſt Du?“ fragte er. 202 „Ich will die Feſſeln dieſes Unglücklichen löſen,“ entgegnete Mirja. Bu Salah zog ſie mit Gewalt zurück. „Soweit ſind wir noch nicht, Mirja,“ ſagte er.„Du ſprichſt zwar von Dankbarkeit, allein Bu Salah verlangt nicht Worte, ſon⸗ dern Thaten. Worte ſind die Trugbilder der Wuͤſtengeiſter, welche dem verſchmachtenden Pilger Meere köſtlichen Waſſers und Bäume voll herrlicher Früchte zeigen, aber bei dieſen Früchten und Waſſer kann der Pilger Hungers und Durſtes ſterben. Thaten aber ſind die wirklichen Früchte und das lebendige Waſſer der Quelle, welche den Verſchmachtenden laben, und ſolche Thaten will ich.— Du weißt, Bu Salah fand Wohlgefallen an der Tochter Hareddin's, er warb um ihre Liebe, bat, wo er befehlen konnte, aber der ſtolzen Dirne Herz wollte ſich nicht beugen, es ſtieß den bittenden Herrn kalt von ſich, weil ihr Herz von Liebe zu einem Giaur erfüllt iſt. Jetzt ver⸗ lange ich das Verſprechen, daß Du freiwillig mein ſein willſt und mir freiwillig folgſt, wohin ich Dich führe, dieſen Giaur aber ver⸗ banne auf immer aus Deinem Herzen, denn höre ich je ſeinen Namen von Deinen Lippen, dann zittere vor meinem Zorn.— Willſt Du dieſes thun, willſt Du freiwillig Bu Salah angehören, Mirja?“ Mirja ſtand bleich, mit gefalteten Händen und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen.— Ihre Befürchtungen waren erfüllt, Bu Salah, der furchtbare Wüſtenräuber verlangte ein Opfer. „Sprich, Mirja,“ rief Bu Salah mit erhöhter Stimme,„von Deinen Worten hängt das Leben oder der Tod dieſes Mannes ab.“ „Mirja,“ erhob da Albert ſeine Stimme,„denke nicht an mich⸗ denke an Dich ſelbſt.— Um keinen Preis gieb Dich dieſem Satan zum Opfer; ich weiß zu ſterben.“ „Schweig, Giaur,“ herrſchte Bu Salah.„Und Du, Mirja, ſprich.“ „Bu Salah, ſei barmherzig,“ flehte Mirja. „Ich verlange Antwort,“ drängte der Beduine. „Sprich nein!“ rief Albert dazwiſchen.„Ich nehme kein Opfer an.“ „Ungläubiger Thor,“ höhnte der Beduine,„glaubſt Du nicht, daß Bu Salah die Gewalt hat, das Opfer zu nehmen, wenn man es ihm verſagt. Noch aber laſſe ich Dir die Wahl, Mirja, ob ich der milde Freund oder der ſtrenge Herr ſein ſoll.“ „Befreie den Unglücklichen,“ bat das Mädchen nochmals. 9 „etwas 1 grophe Wiſſe⸗ Urtheil iinet7 wäre, zuthun, digend Scheite M ſih m um der worte, 0 dem B. Alles t mußt mich a 9 dem Flamn die Lu damp „ nag; 9 ſen M und u ben zum J gegnete Mia. „du ſpricht olte, ſon. ſeiſtet, welch und Bäume n und Waſer aber ſind die le welch den — Du weißt, n’s, er warb ſolſen Dirne detrn kalt von in willt und aur aber ver⸗ ſeinen Namen — Wilſt Du „Mirja?“ mit niederge⸗ t. Bu Salah, Simme,„von Mannes ab.“ nicht an mich⸗ dieſem Satan Mirja, ſprich.“ znehme kein du nicht, daß venn man 6n la, ob ih der chmals. . † 5— 203 „Du willigſt ein?“ fragte Buh Salah. „Nimm mein Leben für das ſeine,“ rief Mirja ſchmerzlich, „etwas Anderes kann ich Dir nie gewähren, hörſt Du, nie.“ „Ha, bei Allah,“ rief Bu Salah wild lachend,„die Tochter des Propheten will ihr Leben für den ungläubigen Hund opfern.— Wiſſe, Du Stolze, dieſes Wort iſt allein ſchon hinreichend, des Giaurs Urtheil zu ſprechen. Er hat freventlich durch Zauberkünſte das Herz einer Anhängerin des Propheten ſo berückt, daß ſie wohl gar fähig wäre, den Koran abzuſchwören und dem Propheten die Schmach an⸗ zuthun, daß ſie zu den Giaurs übergeht und ihren Irrglauben hul⸗ digend in den Götzenhäuſern ſingt und betet.— Auf, zündet den Scheiterhaufen an, der Verfluchte ſoll tauſendfachen Tod ſterben.“ Mit Hohnlachen ſtürzten die Beduinen wieder herbei und mühten ſich mit grauſamer Luſt, den auseinandergeriſſenen Scheiterhaufen um den Verurtheilten neu zu ordnen, wobei es Hohn und Schimpf⸗ worte gegen den Unglücklichen in reichem Maße gab. „Zündet an,“ ſchrie Bu Salah mit Donnerſtimme. „Erbarmen, Erbarmen,“ ſchrie Mirja in Seelenangſt, ſich vor dem Beduinen niederſtürzend.„Gnade dem Unglücklichen! Ich will Alles thun, was Du verlangſt.“ „Zu ſpät,“ erwiderte Bu Salah voll Hohn.„Was ich will, mußt Du ohnehin thun, denn ich bin Dein Herr, und entſchloſſen, mich auch als ſolchen zu zeigen.— Der Giaur ſtirbt.— Zündet an!“ Mit Feuerbränden in der Hand nahten ſich einige Beduinen dem Scheiterhaufen und zündeten ihn an verſchiedenen Stellen an⸗ Flammen züngelten wieder in die Höhe und Rauchwirbel ſtiegen in die Luft. „Lebe wohl, arme Mirja!“ rief Albert durch Flammen und Dampf.„O, meine Mutter, o mein Frankreich!“ „Albert,“ ſchrie da Mirja wie wahnſinnig auf,„dieſer Teufel mag zwei Opfer haben. Ich ſterbe mit Dir.“ Mit verzweifelnder Entſchloſſenheit ſchleuderte Mirja die näch⸗ ſten Männer zurück, ſtürzte ſich kühnen Sprunges in die Flammen und umſchlang Albert. „Albert,“ rief ſie,„wir ſterben zuſammen, ſind wir für das Leben nicht vereint, ſo ſoll es doch unſere Aſche ſein, jenem Teufel zum Trotz.“ —— — — 204 „Halt,“ brüllte Bu Salah, wie wüthend an den Scheiterhaufen ſpringend,„halt!—„Reißt die Wahnſinnige aus dem Feuer! Fluch über Euch Alle, wenn ihr ein Leid geſchieht!“ Zum zweiten Male ſtürzten ſich die Beduinen in die Flammen, riſſen die Feuerbrände auseinander und ſuchten das entſchloſſene Mädchen von dem Verurtheilten loszureißen. Umſonſt, Rieſenkraft ſchien in Mirja's ſchwache Glieder eingezogen, ſie umſchlang wie mit eiſernen Armen den Geliebten. Bu Salah ward immer wüthender und ſtürzte ſich jetzt ſelbſt über die glühenden und dampfenden Brände hinweg, Hand anlegend an Mirja, und jetzt konnte das Mädchen den vereinten rohen Kräften nicht widerſtehen, es ward losgeriſſen und mit Gewalt zurückgezogen. 1 „Zündet an! Nieder mit dem Giaur!“ brüllte Buh Sahla in höchſter Wuth, während er zugleich Mirja in ſeine Arme gepreßt hielt. 1 Zum dritten Male ward der Scheiterhaufen bereitet, die noch ſin glühenden Bündel und Reiſer zuſam mengeſtoßen. Feuerbränd 1. flogen hinein. „Albert!“ ſchrie Mirja in Verzweiflung und ſuchte ſich aus des 1 jagken Beduinen Armen loszuringen. 3 duien „Mirja!“ entgegnete Albert mit ſchon von Qualm halb erſtickter dus 5 Stimme. hielen Noch einmal ſuchte das Mädchen ſicch v von dem Peiniger zu be⸗ inen z freien, umſonſt, ihre Kraft erlahmte, ſie vermochte das Schreckliche duülde nicht mehr zu ertragen und brach ohnmächtig zuſammen. 171 ducht Die Beduinen jauchzten wie Teufel um ihr unglückliches Opfer. 7 5 1 K ſ. ſprung NKitern einreite des Ge erſte Haupt da dur baufen Jluch ſnmen, loſſene enkraft je mit ſſelbſt legend räften zogen. pla in thielt. e noch Atbränd aus des rſtickter zu be⸗ eclliche Opfer. — ——— ———— 7 4.— d. 2 — — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Des Baſcha Gericht. Zittert vor dem gerechten Grimme, Wenn der Richter das Urtheil ſpricht. Schiller. Flammen und Dampf umhüllten das Opfer an der Palme und ſchon kräuſelte ſich die Rauchſäule über die ſchwankenden Zweige des ſtolzen Baumes.— Da ertönte plötzlich raſcher Hufſchlag. In ſauſendem Galopp jagten zwei Reiter daher, noch mehrere folgten ihnen.— Die Be⸗ duinen ſchienen von dem ſchauerlichen Auftritte ſo hingeriſſen, daß ſie das Nahen der Fremden nicht ſogleich merkten.— Einen Augenblick hielten die beiden Reiter an, und dieſe kurze Pauſe war hinreichend ihnen zu zeigen, welches unmenſchliche Verbrechen hier ausgeführt wurde.— Im Nu flogen beide Reiter, die Gruppe der Wüſtenräuber durchbrechend, in die Mitte des Kreiſes. „Was geht hier vor?“ rief der eine Reiter mit Donnerſtimme. „Heran, heran!“ ſchrie der Zweite. Keine Minute verfloß, da brauſten auch ſchon die andern Reiter herbei, die Beduinen Bu Salah's waren überfallen, ehe ſie es ahnten. Der erſte Reiter war unterdeſſen raſch von ſeinem Roſſe ge⸗ ſprungen und riß die Feuerbrände auseinander, worin er von einigen Reitern unterſtützt wurde, welche theilweiſe auch durch muthiges Hin⸗ einreiten in das Feuer daſſelbe zu dämpfen ſuchten. Die Geſtalt des Gebundenen wurde dadurch frei. „Heiliger Gott, das iſt Mercedes' Sohn!“ rief plötzlich der erſte Reiter. Bei der Nennung des Namens ſeiner Mutter hob Albert das Haupt und ſchaute den Rufenden an.— Ein leichter Schauder ging da durch ſeine Glieder. * F 206 „Monte Chriſto, Furchtbarer, Du hier?“ flüſterte er mit halb⸗ erſtickter Stimme. Statt die Zeit mit Antworten zu verlieren, zog Monte Chriſto den Dolch, welchen er in dem Gürtel trug, und durchſchnitt die Bande Albert's. „Packt die Schurken, laßt keinen entkommen,“ ſchrie er zugleich den Reitern zu.„Sie ſollen uns Rechenſchaft geben für das Ver⸗ brechen, welches ſie hier verübt.“ Es bedurfte dieſes Befehles nicht, denn ſchon waren die Löwen⸗ jäger plötzlich zu Menſchenjägern geworden und über die beſtürzten Beduinen hergefallen, die jetzt ſo raſch, als es ihnen möglich war, nach dem Lagerplatze liefen, wo die Pferde und Kameele unter Schutz des zweiten Theiles der Bande ſtanden. Ein Theil der Fliehenden wurde niedergeritten und gebunden, einige, die Widerſtand verſuchten, zuſammengehauen und erſchoſſen, und nur Wenige entkamen zu dem Lagerplatz. Unter dieſen war Bu Salah, welcher Mirja mit ſich fortſchleppte. „Albert,“ ſagte Monte Chriſto, des Geretteten Hand ergreifend, „Albert, wie um aller Welt kommen ſie hierher und in ſolche Lage?“ Alberts Blicke ſchweiften aber ſcheu umher, Mirja ſuchend. „Nachher, nachher!“ rief er. Retten Sie Mirja!“ Monte Chriſto ſah den jungen Mann fragend an. Albert aber, von einem ſchnellen Entſchluſſe beſeelt, ſchwang ſich plötzlich auf das leerſtehende Roß eines der Reiter, der ſich eben mit dem Binden eines Gefangenen beſchäftigte und jagte davon.— Im nächſten Augenblick befand ſich auch ſchon Monte Chriſto und deſſen Mohr an des jun⸗ gen Mannes Seite. „Was wollen Sie thun, Albert?“ fragte er. „Mirja retten!“ entgegnete Albert. „Wer iſt Mirja?“ „Meine Freundin, meine Schweſter!“ „Ich verſtehe,“ entgegnete Monte Chriſto mit eigenthümlichem Lächeln.„Iſt ſie in der Gewalt jener Menſchen?“ „In den Händen Bu Salah's, des Wüſtenräubers.“ „Alſo Räuber? Dann d'rauf, d'rauf.— Ali, gieb dem Herrn Waffen; dort liegen welche bei einem Verwundeten.“ Reiter in men; hier ſliehenden Kugeln pß Der gegen ſich die ſich a leiſten. U zurück. A ſcon im die Sache Albe und Mii Eindringe ſchaute rü Ankunft) und dieſen Eine und lints Die Wüß Keiter bee Kameele, mit ihnen Theile in werden. Dieſ denn dad ges beſchl witbel un kamen ſu welchen( mehr mo 4 Auch rathſam halb⸗ briſto t die ngleich Ver⸗ öwen⸗ ürzten war, Schut enden ichten, dem b eifend, fage?“ aber, j das eines unblick jun⸗ ichem t ſich werden. 207 Des Grafen Neger ſchwang ſich aus dem Sattel, bemächtigte ſich der Waffen des verwundeten Beduinen und reichte ſie Albert. Unterdeſſen war der junge Offizier mit ungefähr einem Dutzend Reiter in Verfolgung der Fliehenden bei dem Lagerplatze angekom⸗ men; hier aber ſtanden die Wüſtenräuber ſchon kampfbereit, um die fliehenden Genoſſen aufzunehmen und die Verfolger zurückzuweiſen.— Kugeln pfiffen dieſen entgegen, und Zwei fielen. Der Offizier ſtutzte über dieſen Empfang. Er ſah, daß er Feinde gegen ſich hatte, die nicht nur ſtärker als ſein Trupp waren, ſondern die ſich auch entſchloſſen zeigten, den hartnäckigſten Widerſtand zu leiſten. Ueberraſcht rief er ſeine Leute zuſammen und zog ſich etwas zurück. Als Monte Chriſto mit Albert herankam, waren die Reiter ſchon im Weichen begriffen. Der Offizier erklärte dem Grafen, wie die Sachen ſtänden. Albert verlangte heftig, daß man auf die Wüſtenräuber eindringe und Mirja befreie, doch Monte Chriſto hielt, gleich dem Offizier, das Eindringen für zu tollkühn, als daß es von Erfolg ſein könnte. Er ſchaute rückwärts und bemerkte an der ſich nähernden Staubwolke die Ankunft Abbas Paſcha's. Schnell hatte er auch einen Plan entworfen und dieſen mit raſchen Worten dem Offizier und Albert mitgetheilt. Eine Minute nachher theilten ſich die Reiter, ſchwenkten rechts und links um die Gegner und ſtanden ihnen plötzlich im Rücken.— Die Wüſtenräuber, welche nur die ihnen eben gegenüberſtehenden Reiter beachteten und glauben mochten, dieſelben hätten es auf ihre Kameele abgeſehen, machten Front gegen ſie und wechſelten Schüſſe mit ihnen, die aber auf keiner Seite Schaden machten, weil ſich beide Theile in der paſſendſten Entfernung hielten, um nicht getroffen zu Dieſes Feuern machte Lärm und dieſes wollte Monte Chriſto, denn dadurch wurde die Ankunft Abbas Paſcha's und ſeines Gefol⸗ ges beſchleunigt. Plötzlich brachen einzelne Reiter aus dem Staub⸗ wirbel und drangen auf die Beduinen ein; mehr und mehr Reiter kamen zum Vorſchein, und jetzt ſah Bu Salah mit Schrecken, mit welchen Gegnern er es zu thun hatte, und daß hier kein Widerſtand mehr möglich ſei. Auch die Begleiter des Häuptlings ſahen, daß kein Zögern mehr rathſam ſei, ſie ſtoben wie Spreu im Winde auseinander und ſuchten 2 208 den Ausweg zur Flucht in die Wüſte, das Gepäck, das noch nicht aufgeladen war, dlieb zurück, Niemand dachte an deſſen Bergung, ſondern Jedermann nur an ſein eigenes Entkommen. Albert erkannte Bu Salah, welcher mit Mirja auf dem Sattel vor ſich das Weite ſuchte und augenblicklich trieb er ſein Thier zu raſchem Laufe an und ſetzte Bu Salah nach, ihm die Geliebte zu entreißen. Monte Chriſto, welcher Albert nicht mehr aus den Augen ließ, ſchloß ſich auch jetzt ihm an. Der Räuberhäuptling gewann einen Vorſprung und würde dieſen auch behauptet haben, wenn nicht Ali, der Neger des Grafen, durch einen Schuß deſſen Pferd gelähmt hätte; vergebens waren jetzt alle Beſtrebungen Bu Salah's, vorwärts zu kommen, Albert ſauſte heran, und voll Erbitterung wendete ſich jetzt der Beduine, dem gehaßten Feinde eine Kugel entgegenzuſenden. Eine heftige Bewegung Mirja's ließ den ſonſt ſicheren Schützen ſein Ziel fehlen. Ein paar Sprünge ſeines Roſſes brachten Albert dicht neben Bu Salah. „Hier meine Antwort,“ donnerte er ihm zu. Es blitzte, und durch den Kopf geſchoſſen, ſtürzte der Wüſten⸗ räuber vom Pferde. Albert ergriff mit raſcher Gewandtheit Mirja, zog ſie vor ſich auf den Sattel und flog dann, in einen lauten Triumphruf aus⸗ brechend, nach dem Lagerplatze zurück, wo Abbas Paſcha mit ſeinen Gäſten hielt und ſeitwärts ein Trupp gebundener Gefangener ſtand. Albert wurde durch Monte Chriſto dem Paſcha vorgeſtellt und mußte ſein Abenteuer erzählen. Als Abbas Paſcha erfuhr, daß er es hier wirklich mit Wüſtenräubern zu thun hatte, runzelte ſich ſeine Stirn und ſein Auge glühte. „Bei Allah und dem Haupte des Propheten, dieſes ſollen ſie nicht weiter thun!“ rief er. Er ertheilte ſogleich Befehle, alle Gefangenen zuſammenzubringen, gleichviel, ob geſund oder verwundet, und dann hielt er hoch zu Roß im Kreiſe ſeines Gefolges förmlich Gericht über ſie, wobei Albert und die übrigen befreiten Gefangenen die Ankläger machen mußten. „Ich weiß genug!“ rief Abbas endlich.„Dieſes ſind die Hyänen der Wüſte, welche zugleich rauben und morden. Die Hand des Jägers iſt über Euch und wird Euch vernichten.“ Wink, i ſich ſchw umringte die Gefe Na dert Sch Gleich! Gruppe in einen Erde lie ſich müt und ſch „W „A Abbas Beſten g beißt nig übt, g ſchuldig „1 moͤchte einfach⸗ „D um üb und zu unſchul Die ch nicht dergung, Sattel dhier zu lebte zu Augen de dieſen n, durch jetzt alle te heran, gebaßten Mirjals dt neben Wüſten⸗ vor ſch if ruf aue⸗ it ſeinen er ſtand. jellt und „daß er ſich ſeine ſollen fe ubringen, fu doeh) ſbettund ien. Hyänen Hand dee 1 209 „Gnade, Gnade!“ riefen die Beduinen, welche aus dieſen Worten ihr Urtheil heraushören konnten. „Habt Ihr Gnade geübt?“ fragte Abbas. Die Räuber ſchwiegen, nur Einer ſagte: „Wenn wir es nicht thaten, ſo war es nicht unſere Schuld, ſondern Bu Salah's.“ „Dann tragt auch mit ihm die Strafe,“ antwortete der Paſcha kalt. Er wendete ſich ab und gab einem Offizier einen eigenthümlichen Wink, indem er die Hand horizontal bewegte. Der Offizier verneigte ſich ſchweigend und trat dann zu den Soldaten, welche die Gefangenen umringten, und die auf ſein Kommando ſich ſoſort in Marſch ſetzten, die Gefangenen mit ſich forttreibend. Nachdem ſich der traurige Marſch eine Strecke von einigen hun⸗ dert Schritten in die Wüſte entfernt hatte, machten die Soldaten Halt Gleich darauf praſſelte Gewehrfeuer, hüllten Rauchwolken die ganze Gruppe ein, und als der Dampf ſich verzogen, ſtanden die Soldaten in einem Haufen verſammelt und betrachteten eine Gruppe auf der Erde liegender Todten.— Man bemerkte, wie einige der Gefallenen ſich mühſam aufzurichten ſuchten, dann aber traten Soldaten vor und ſchmetterten ſie durch Kolbenſchläge wieder nieder. „Was iſt das?“ fragte Monte Chriſto. „Allah hat die Räuber durch meine Hand gezüchtigt,“ erwiderte Abbas Paſcha mit unverwüſtlicher Ruhe.„Man ſchützt ſich am Beſten gegen den Wolf, wenn man ihn tödtet.— Ein todter Wolf beißt nicht mehr.“ Gegen dieſe Logik war natürlich nichts einzuwenden; Abbas Paſcha hatte auf orientaliſche, ſehr praktiſche Weiſe Gerechtigkeit ge⸗ übt, gleichviel, ob der Eine oder der Andere mehr oder weniger ſchuldig ſei. „Deine Juſtiz iſt ſehr einfach,“ meinte Monte Chriſto,„aber ich möchte doch nicht unter derſelben ſtehen, denn mir iſt ſie gar zu einfach.“ „Die Wüſte hat keine Kerker und auch ſitzt hier kein Divan, um über die Beſtrafung eines Verbrechers Jahre lang zu berathen und zuletzt doch noch nicht darüber einig zu ſein, ob ſchuldig oder unſchuldig zu ſprechen ſei,“ erwiderte Abbas.„In der Wüſte heißt Die Hand des Todten. 14 8 210 es: wer auf der That ergriffen iſt, der iſt ſeiner Schuld überführt und zum Urtheil reif.— Aber brechen wir auf von der Stätte des Todes, wir wollen nicht länger die Thiere der Wüſte und die Vögel in der Luft von ihrem Mahl abhalten. Bald werden ſich dieſe Gäſte in Schaaren einſtellen und in wenig Tagen wird von den Gerichteten nur noch das nackte Gebein im Sonnenſchein bleichen.— Möge es allen Denen, die gleich ihnen auf Raub denken, als warnendes Bei⸗ ſpiel dienen und ihnen Furcht erwecken vor der Gerechtigkeit der Gläubigen. Er gab das Signal zum Aufbruch, und der Zug, dem ſich jetzt auch Albert und Mirja angeſchloſſen hatten, ſetzte ſich in Bewegung. ihr Alber ſich als ſe Abbas Pe empören, herabgeſtüt mannigfach befangener rettet und Vereinigu eführt te des Vögel Gäſte ſchteten öge es Bei⸗ keit der ch jett degung. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Mirja's Bekehrung. Führe mich, Freundin, mit milder Hand Hin auf den Weg zum ewigen Vaterland. Hohlfeld. Die Geſellſchaft war wieder nach Kairo zurückgekehrt, und mit ihr Albert Morcerf und Mirja, die auf Monte Chriſto's Andringen ſich als ſeine Gäſte und Schützlinge betrachteten, wie er ſelbſt Gaſt Abbas Paſcha's war. Wohl wollte ſich der Stolz Albert's dagegen empören, dieſem Manne, der ſeine Familie von ihrer ſtolzen Höhe herabgeſtürzt, Etwas zu verdanken, allein er war auch durch die mannigfachen Leiden der letzten Zeit geläutert, er dachte immer un⸗ befangener über die ganze Sachlage von ehemals nach und da konnte er dem Grafen nicht mehr ſo zürnen. Und jetzt, wo er ſein Leben dem Grafen zu danken hatte, und noch mehr, wo auch Mirja ge⸗ rettet und wieder in ſeine Arme gelegt war, mit der Hoffnung auf Vereinigung für das ganze Leben, konnte er faſt nicht anders, als von Monte Chriſto's dringender Einladung Gebrauch zu machen und ſich ganz in ſeinen Schutz zu begeben. So war denn das Paar zu Hausgenoſſen des Grafen geworden, und Haidee hatte ſich ſogleich mit ſchweſterlicher Sorgfalt der jungen Maurin angenommen, ſie pflegend, tröſtend und ermuthigend, ſo daß Mirja's heiterer Sinn bald in vollem Umfang wiederkehrte und ſie ſich mit voller Seele an ihre holde Wirthin anſchloß; Haidee's zauber⸗ gleiche Anmuthe wirkte, ſie wußte nicht nur zu beſiegen, ſondern auch feſtzuhalten. Faſt ähnlich erging es Albert mit dem Grafen. Albert bemühte ſich, zurückhaltend, ernſt und kalt gegen dieſen Mann zu ſein, er ſuchte oft faſt mit Gewalt dunkle Bilder vor ſeiner Seele herauf zu 4 14* 212 beſchwören, damit ſie zwiſchen ihm und den Grafen treten, doch umſonſt; wenn er ſich auch wehrte, er fühlte immer ſich wie mit magnetiſchen Kreiſen umzogen, die enger und enger wurden und mehr und mehr ihn zu Monte Chriſto drängten. Je mehr er Umgang mit dieſem Manne hatte, je näher er ihn kennen lernte, je mehr empfand er Achtung vor ihm und ſah er das finſtere Dämoniſche ſchwinden, welches bisher in ſeinen Augen dieſe Geſtalt umgeben hatte. Monte Chriſto ſelbſt ſchien gar nichts zu thun, um den jungen Mann zu ſeinem Vortheil zu beſtechen, er ging ruhig ſeinen Weg, zeigte ſich ernſt, freundlich, und wenn Albert in erſter Zeit mit Ge⸗ walt Zurückhaltung gegen ihn bewahren wollte, zeigte er ſich keines⸗ wegs dadurch verletzt, ſondern zog ſich zurück. „Sie haben noch einen Groll gegen mich, Albert,“ ſagte er bis⸗ weilen.„Sie klagen mich vielleicht in Ihrem Herzen an. Ich will mich nicht dagegen vertheidigen, ſondern will meine Rechtfertigung der Zeit überlaſſen, ſie wird verſöhnend wirken und wenn dann Ihr Blut ruhiger durch die Adern rollt, dann werden auch Sie milder denken, als jetzt; das heiße Jugendblut iſt oft ungerecht, es liebt oft blindlings und verdammt eben ſo blind, die Erkenntniß kommt erſt ſpäter, bisweilen zu ſpät.“ Daß aber bei Albert dieſe Zurückhaltung nicht von Dauer war, davon zeugte der Brief, welchen er von Kairo aus an ſeine Mutter ſchrieb, die er noch in Marſeille glaubte, und in dem er ihr ſeine Schickſale ſchilderte, ſeine Rettung durch Monte Chriſto ihr mittheilte und dann die Hoffnung ausſprach, ſie bald zu begrüßen und ihr in Mirja die künftige Tochter vorzuſtellen. „Einige Wochen noch werde ich mich hier aufhalten,“ ſchloß der Brief,„aber nur in Rückſicht auf Mirja, damit ſie ſich während dieſer Zeit von den Leiden der Wüſtenreiſe vollſtändig erholt und ſich beſſer zu den Beſchwerden der ihr ungewohnten Seereiſe vorbereitet; ſie findet da keine beſſere Pflegerin, als Haidee, und beide Frauen hängen an einander wie Schweſtern.— Dieſes iſt auch ein Haupt⸗ grund, daß ich in dem Hauſe Monte Chriſto's bleibe. Ich würde die Gaſtfreundſchaft dieſes Mannes keinen Tag länger beanſprucht haben, als es eben nöthig iſt, ich würde ihm mein Leben nicht ge⸗ dankt, ich würde ihn geflohen haben, aber die Rückſicht auf Mirja war die erſte mächtige Vermittlerin, und nun bin ich wie mit unſicht⸗ ———— immer w alle Bele Bald wa weckt, w und wie mächtig ihre gan eiferungs zu eriing Hai heiten de da Mirjo den eige weniger hatte ſie zu dem gekomme über die Religion Mohame umſonſt netiſchen und mehr it dieſem pfand er hwinden, ale. n jungen nen Weg, mit Ge⸗ h keines⸗ aie er bis⸗ Ic wil tfertigung dann Ihr Sie milder liebt oſt ommt erſt auer war, ne Mutter ihr ſeiie mittheilte und ihr in ſchloß der grend dieſtr ereitet; fie de Frauen ein Huupt. 34 würde beanſpuiht en nict ge⸗ auf Mria mit unſihr⸗ dſch beſer 4 213 baren Ketten zu dieſem Manne gezogen, ich bin zu dem Geſtändniſſe gezwungen, daß ich faſt wider Willen ihn liebe und ſein Freund ge⸗ worden bin in den wenigen Tagen, daß ich in ſeiner Nähe weile, und mir zu Stunden es ſelbſt unmöglich ſcheint, mich von ihm los⸗ zureiſen.— Nicht einen finſteren Dämon ſehe ich mehr vor mir ſtehen, wenn ich dieſen Mann anſchaue, und doch iſt er ein Dämon, denn mit unerklärlicher Gewalt hat er meinen Willen gefangen ge⸗ nommen.— Wird mir Mereedes ob dieſes Geſtändniſſes zürnen?“ Was Albert das Verhältniß zu dem Hauſe Monte Chriſto's immer werther machte, war die Schmiegſamkeit, mit welcher Mirja alle Belehrungen annahm, welche ihr aus Haidee’'s Munde kamen. Bald war in der Seele des jungen Naturkindes die Erkenntniß ge⸗ weckt, wie unendlich viel des Wiſſenswerthen es in der Wüſte gäbe und wie unendlich wenig es wiſſe. Der Trieb nach Bildung war mächtig erwacht, Mirja erkannte jetzt, wie im Wiſſen Albert, Haidee, ihre ganze Umgebung unendlich höher ſtehe, als ſie, und der Nach⸗ eiferungstrieb drängte ſie nun, wenigſtens theilweiſe eine ähnliche Höhe zu erringen und dadurch Albert'’s würdiger zu ſein. Haidee ſuchte vor Allem zuerſt die junge Maurin für die Wahr⸗ heiten des Chriſtenthums zu gewinnen, und es war ihr dieſes leichter, da Mirja, wie die Frauen des Orients überhaupt, ſehr wenig von den eigentlichen Lehren des Mohamedismus wußte und ſie noch weit weniger darauf eingerichtet war, dieſe Lehren zu verfechten; auch hatte ſie ja durch Albert's Worte und Handlungen große Hinneigung zu dem Chriſtusglauben gewonnen und war zu der Ueberzeugung gekommen, daß dieſer Glaube große Vorzüge habe, wenn gleich ſie ſich über dieſe Vorzüge, ſowie überhaupt über die ganze Wahrheit dieſer Religion ſo wenig klar werden konnte, wie ſie ſich klar über den Mohamedismus war, in dem man ſie erzogen hatte. Haidee war ihre Bekehrung vorbehalten. Stundenlang ſaß Mirja zu den Füßen ihrer Freundin und lauſchte deren Worte, und mehr und mehr erſtarkte ihre Ueberzeugung, ſo daß ſie einſt ſagte: „Ich weiß nun, es kann viele Religionen in der Welt geben, aber gewiß keine beſſere, als die Eurige. Ich wünſchte wohl auch in derſelben aufgenommen zu werden und in ihr zu leben und zu ſterben.“ „Wie glücklich wird ſich Dein Albert fühlen, wenn Du ihm 7 214 dieſes ſagſt,“ rief Haidee. dieſem Geſtändniſſe erfüllt.“ So war es auch. Albert freute ſich des Entſchluſſes der Ge⸗ liebten, welche ihm ſagte: Glaubſt Du, ich könnte einen andern Gott anbeten wollen, als Du?— Du biſt ſo gut und edel und nur Dein Gott kann Dich dazu gemacht haben; ich will zu Deinem Gott beten, daß er mich „Einer ſeiner wärmſten Wünſche iſt mit Dir gleich werden läßt, dann werde ich gewiß recht glücklich werden.“ „O, Mirja,“ ſagte Monte Chriſto, der mit herzlicher Theilnahme Albert und die junge Maurin beobachtet hatte.„Du biſt ſchon ein reines, gutes Gemüth und wirſt noch mehr veredelt werden.— Ich ſelbſt will nach Kräften beitragen, wenn ich etwas zu Deinem Heile thun kann.“ „Dann hilf mir, daß ich bald in die Gemeinſchaft der Chriſten aufgenommen werde,“ bat Mirja. Monte Chriſto verſprach dieſes und Albert meinte, man könne ſogleich einen der in Kairo oder Alexandrien wohnenden Prieſter herbeirufen, damit er die Vorbereitung zur Taufe der jungen Maurin treffe, doch Monte Chriſto ſtellte ihm vor, daß dieſes nicht wohl aus⸗ führbar ſei, denn man befände ſich in einem mohamedaniſchen Lande, wo in dieſer Beziehung keine Toleranz herrſche, und wenn er auch glaube, durch ſeinen Einfluß alle Unannehmlichkeiten von Mirja und dem Geiſtlichen, der ihre Taufe übernehme, fern zu halten, ſo würde dieſes den Geiſtlichen doch nur ſo lange ſchützen, als er ſelbſt zugegen und im Stande ſei, für ihn einzutreten, nach ſeiner Abreiſe aber würden ohne Zweifel mohamedaniſche Zeloten ihrem Fanatismus Luft zu machen ſuchen und dann ſei auf keinen Schutz für die oder den Verfolgten mehr zu hoffen. Das Chriſtenthum iſt den Mohamedanern ein Greuel, ein noch größerer Greuel aber iſt es ihnen, wenn Einer der Ihrigen zu dem von ihnen tödtlich gehaßten und in den Abgrund der Hölle ver⸗ dammten Glauben übertritt. Wenn nicht der mächtigſte und nach⸗ drücklichſte Schutz eintritt, ſo verfällt der Abtrünnige dem Tode durch Henkershand, oder wenn ihm dieſes Schickſal durch mächtigen Ein⸗ fluß erſpart iſt, ſo bleibt er doch keinen Augenblick des Lebens ſicher, der Fanatismus iſt gegen ihn aufgeſtachelt und jeder der moha⸗ medaniſchen Fanatiker hält es für ein verdienſtliches Werk, einen ſolchen! nicht au von der Behörden ſäbbſt on in ſo w den all Nic ſehen wi zog und Man ſch hriſtliche Auftreten und wo heimlich M irgend( medismu „1 für die( ſo viele wohnhei Vermeid ſtolze I in ſeine andetet Krautfel M bis ſie zur Tau in das mehr I „ „Und J bevor 7 die todt e iſt mit der Ge⸗ len, als nn Dich er mich werden.“ eilnahme con ein — 3c m Heile Chriſten an könne Prieſter Maurin vohl aus⸗ n Lande, er auch irja und ſo würde zugegen eiſe aber gatiemus die oder ein noch wzu dem ölle ver⸗ nd nach⸗ ode durh gen Ein⸗ ns ſicher ec moha⸗ k, einen — —— — —jjj — mmmenn—— ———õ—— 5 —-òʒ¾ℳ—— — — 215 ſolchen Abtrünnigen dem Tode zu überliefern, damit ſein Beiſpiel nicht auf Andere anſteckend wirke und ſie ebenfalls zum Abfall von der Lehre Mohamed's verleite.— Von Seiten der türkiſchen Behörden hat dieſer Abtrünnige faſt nie Schutz zu erwarten, denn ſelbſt angenommen, der oder jener Beamte ſei von dem Fanatismus in ſo weit frei, ſo darf er doch nicht für ihn eintreten, will er nicht den allgemeinen Grimm gegen ſich ſelbſt heraufbeſchwören. Nicht minderer Haß trifft dann den, welcher als Urſache ange⸗ ſehen wird, daß der Anhänger Mohamed's den Chriſtusglauben vor⸗ zog und ſtatt den Lehren des Koran zu folgen, die der Bibel annahm. Man ſchmäht ihn, verfolgt ihn, ſucht ihn zu verderben, und ſind nicht chriſtliche Geſandte oder Conſule bei der Hand, die durch kräftiges Auftreten ſich ſeiner annehmen, ſo ſchützt ihn nichts vor Einkerkerung und wohl ſelbſt Verurtheilungen, deren Vollziehung manches Mal heimlicher oder geräuſchloſer Beſeitigung ganz ähnlich iſt. Monte Chriſto wußte dieſes ſehr gut und widerrieth deshalb, irgend Etwas zu thun, welches dieſe empfindliche Stelle des Moha⸗ medismus berühre. „Wir leben in einem mohamedaniſchen Lande,“ ſagte er,„und für die Gaſtfreundſchaft, die uns hier gewährt wird, ſind wir ſchon ſo viele Rückſicht ſchuldig, daß wir die Sitten, Gebräuche und Ge⸗ wohnheiten dieſes Landes achten und den Glauben des Volkes ſchonen. Vermeiden wir daher alles Verletzende und ahmen wir nicht jenes ſtolze Inſelvolk nach, welches glaubt, jedes Volk ſei nur da, um ſich in ſeine Launen zu fügen, und die auf den Rechten und Gewohnheiten anderer Völker herumtrampeln, wie übermüthige Schulknaben in dem Krautfelde. Das ſäet nur Haß, ſolchen aber wollen wir nicht ernten.“ Monte Chriſto machte den Vorſchlag, Mirja möge ſich gedulden, bis ſie europäiſchen Boden betreten hätten, dann ſei immer noch Zeit zur Taufe und ſie habe da Gelegenheit, vor dieſem Schritt noch tiefer in das Weſen der chriſtlichen Religion einzudringen, ſo daß ſie mit mehr Vorbereitung die Weihe empfangen könne.— „Lebe fromm und rein nach den Lehren der Religion,“ ſagte er, „und Du wirſt ſchon als wahre Chriſtin betrachtet werden können, bevor Du die Weihe der Taufe erhalten haſt.— Glaube mir, nicht die todte Ceremonie macht den Chriſten, ſondern die Ausübung der 216 Lehren der Chriſtusreligion. Was hilft alles das Ceremonielle, wenn das Herz nicht dabei oder doch kein Verſtändniß ſeiner Bedeutung iſt.⸗ Der Graferklärtedann, er ſelbſtwerde das Paar nach Europa begleiten, und ſowohl Albert als Mirja empfingen dieſes Verſprechen mit Freuden. „Mirja iſt ein edler Charakter,“ ſagte dann Monte Chriſto, als er mit Albert allein war,„und er wird Ihnen, lieber Freund, das werden, was Haidee mir geworden, eine treue, liebevolle Gefährtin, die in trüben Stunden eine unerſchöpfliche Quelle des Troſtes in ſich ſchließt. Sie werden glücklich mit ihr ſein.“ „Ich hoffe es,“ erwiderte Albert. „Mirja hat auch einen eigenthümlichen Einfluß auf mich,“ fuhr der Graf fort. „Wirklich, Herr Graf?“ fragte Albert mit einem mißtrauiſchen Blicke. Die Eiferſucht des jungen Mannes ſchien ſich bei dieſer flüchtig hingeworfenen Bemerkung des Grafen zu regen. Monte Chriſto bemerkte, was in Albert vorging, und lächelte. „Lieber Freund,“ ſagte er,„Sie haben junges, heißes Blut und ſcheinen jedes Wort danach zu deuten.— Sie haben keine Urſache, eiferſüchtig zu werden. Wenn ich ſage: Mirja hat Einfluß auf mich geäußert, ſo verſtehe ich dieſes in anderem Sinne, als Sie es deuten. Um Ihnen alle Unruhe zu erſparen, will ich mich erklären. Der fromme, reine Sinn, der ſich bei Mirja offenbart, ihre Begier, die Wahrheit des Chriſtenthums zu erlernen, ihr Eifer, die geheiligten Lehren als treue und fromme Jüngerin zu erfällen, führen auch mich immer mehr auf die Grundlehren des Chriſtenthums zurück und zeigen mir immer deutlicher, daß ich die Lehren des Stifters unſerer Religion nicht ſo erfüllt habe, wie ich ſie hätte erfüllen ſollen. Er lehrt: „Liebet Eure Feinde.“ Ich habe ſie gehaßt, gehaßt mit aller Kraft einer feurigen Seele. Chriſtus ſagt ferner:„Thut wohl denen, die Euch haſſen.“— Auch dieſes habe ich nicht befolgt, ich habe meine Feinde verfolgt, ſo weit mein Arm reichte, ich habe ihnen Böſes zu⸗ gefügt, wo ich konnte.— Ferner ſpricht die Bibel:„Die Rache iſt mein, ſpricht der Herr.“— Auch dieſes habe ich nicht beachtet, nicht bedacht, ich hielt mich vielmehr für das Werkzeug der Rache des Herrn, für ſo eine Art Stellvertreter Gottes auf Erden, der nach Gutdünken verfahren, züchtigen und ſtrafen könne.— Und doch war ich nur ein armſeliger Menſch mit verblendeten Augen.— Ich habe übermüthig gehandel Uebermu dem höc wo es dieſes w meine J Alt er ihn el Mo nach eine „Lie Sie jeb Beleidig! Die Rach Zügel g auf ſein Reiter ſi dauert n „Je „muß ah am wen Prieſter „aber ich ich mir zurück, der gan ſie zu Nun bi wirken, zurück; beſchlie es iſt Glück Jahren dort die W e, wenn ung iſt.⸗ egleiten, Freuden. iſto als und, das ffährtin, gin ſich , 4 fuhr en Blicke. flüchtig lächelte. Zlut und Urſache, auf mich Zdeuten. n. Der giet, die ebeiligten nuch mich ad zeigen Religion Er lehrt: ler Kraft nen, die he meine zöſes zu⸗ Rache iſt tet, nicht 66 Herrn, utdünken hnur ein ermüthig 217 gehandelt, dieſes erkenne ich deutlicher, aber ich fühle auch, daß dieſem Uebermuth die Reue folgt, wo ich beſſer gethan hätte, die Rache allein dem höchſten Richter zu überlaſſen, und nur das Böſe zu verhindern, wo es in meiner Macht ſtand. Ich habe Gutes gethan, ja, aber dieſes wenige Gute wiegt die vielen Fehler, zu denen ich mich durch meine Rachewuth hinreißen ließ, nicht auf.“ Albert kam dieſe Selbſtanklage des Grafen ſo überraſchend vor, daß er ihn erſtaunt anſah, und keine Worte fand, Etwas darauf zu erwidern. Monte Chriſto ſchaute einige Zeit ſinnend zur Erde und ſagte nach einer Pauſe: ieber Albert, ich warne Sie als wohlmeinender Freund, wenn Sie je beleidigt, ſelbſt ſchmerzlich gekränkt ſind, ſo vergeſſen Sie dieſe Beleidigung lieber, als daß Sie Ihrer Rache den Zügel ſchießen laſſen. Die Rache iſt ein wildes, feuerſprühendes Roß, das, wenn einmal der Zügel geriſſen iſt, ſich nicht ſo leicht wieder aufhalten läßt, ſondern auf ſeinem verderbenbringenden Wege fortſtürmt, bis es mit dem Reiter ſich in den Abgrund ſtürzt.— Der Rauſch befriedigter Rache dauert nie lange, nur zu bald tritt bittere Enttäuſchung ein.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Lehren, Herr Graf,“ erwiderte Albert, „muß aber dabei doch geſtehen, daß ich dieſelben aus Ihrem Munde am wenigſten erwartete, da ich Sie immer für einen der eifrigſten Prieſter der düſteren Göttin Rache hielt.“. „Es iſt möglich, daß Sie Recht haben,“ gab der Graf zurück, „aber ich bin enttäuſcht, und ginge ich mit den Lebensanſichten, die ich mir nach manchem bangen Ringen bis jetzt erkämpft, nach Europa zurück, ich würde anders handeln, und lieber alle meine Feinde in der ganzen Welt ſchonen, als mich der Gefahr auszuſetzen, indem ich ſie zu ſtrafen verſuche, auch einen Unſchuldigen mit zu treffen.— Nun bin ich zu dem Entſchluſſe gekommen, nur noch verſöhnend zu wirken, um mir durch dieſe Wirkſamkeit den ganzen inneren Frieden zurück zu erobern und dann mein Leben in friedlicher Verborgenheit zu beſchließen. Darauf, lieber Freund, geht jetzt mein ganzer Ehrgeiz, und es iſt nur die Frage, ob mir die Menſchen es gönnen, daß ich dieſes Glück genieße.— Gönnte man mir es früher, in meinen glücklichſten Jahren, doch auch nicht, und vergrub mich in einem eiſigen Kerker, dort meine Roſenjahre in Einſamkeit zu vertrauern, ein Todter für die Welt, wie die Welt für mich todt war.“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Monte Chriſto in Alexandrien. Aber auch aus entvölkerter Höhe Kann der zündende Donner ſchlagen. Schiller. Albert deutete öfters darauf hin, wie ſehr er ſich nach Europa, nach Marſeille und den Anblick ſeiner Mutter ſehne, und daß er auch glaube, Mirja ſei hinlänglich gekräftigt, um die Seereiſe ertragen zu können; er ſprach deshalb von Abreiſe. Der Graf hingegen mahnte, noch einige Zeit auszuharren, bis günſtigere Reiſezeit eingetreten ſei. Da trat eines Tages Bertuccio zu dem Grafen und reichte ihm einen Brief, der durch den Agenten in Rom eingelaufen war. Monte Chriſto erbrach das Schreiben und war nicht wenig überraſcht, als er an der Unterſchrift ſah, daß der Brief von Mercedes, der Mutter Albert's, kam. Auf den erſten Blick ſah Monte Chriſto, daß Mercedes den Brief Albert's nicht erhalten hatte und ſomit nichts von des Sohnes Schicke ſal wußte, und dieſes wunderte ihn auch nicht, denn jener Brief war nach Marſeille gerichtet, aus dem gegenwärtigen Schreiben aber ſah der Graf, daß die Wittwe Morcerf's ſich ſchon ſeit einiger Zeit in Rom aufhielt und zwar in der Abſicht, ſich an ihn, den ehemaligen Geliebten, mit einer Bitte zu wenden, dahin auslaufend, er, Monte Chriſto, möge ſeinen Einfluß verwenden, daß ihr von den Kabylen gefangener Sohn aufgefunden und befreit würde. Der Brief ſchloß: „Ihre Allmacht hat der Gattin den Gatten geraubt, laſſen Sie jetzt Ihre Allmacht auch wirken, der bekümmerten Mutter den Sohn wiederzugeben.“ „Ja, bekümmerte Mutter, Du ſollſt Deinen Sohn wieder haben!“ rief Monte Chriſto.„Glück, wie danke ich Dir es, daß Du eben mir es gönnteſt, Albert zu retten.“ mit kurze rettet un begleiten Mo derung Allem zu nach Ale Mi ereitet nen, wer Kairo zu ſchaft au Hafenſta Hie bereits Ancona ſchehen erſt die zeigen u Am ſich eifui Seeleute ſich mit eingerich Seeleute Tiſch, werfend „ erklären en. T. Europa, Fer auch ragen zu mahnte, reten ſei. ichte ihm Monte ſcht, als Mutter den Brief Schick⸗ -rief war aber ſah Zeit in emaligen „Monte Kabylen j ſchloß: ſſen Sie en Sohn haben!“ eben mir —————— —yj——— — erklären.“ 219 Er ſchrieb haſtig einige Zeilen an Mercedes, in welchen er ſie mit kurzen Worten benachrichtigte, ihr Sohn ſei bereits gefunden, ge⸗ rettet und befände ſich bei ihm, und daß er ſelbſt Albert nach Rom begleiten würde. Monte Chriſto übergab dieſen Brief Bertuccio zu raſcher Beför⸗ derung an ſeinen Agenten nach Rom und ging dann, Albert von Allem zu benachrichtigen und ihm zu ſagen, daß ſie in wenig Tagen nach Alexandrien aufbrechen würden, dort ſich nach Italien einzuſchiffen. Mit der gewohnten Raſchheit hatte Bertuccio Alles zur Abreiſe bereitet. Dieſe würde ſchon in nächſter Stunde haben geſchehen kön⸗ nen, wenn Monte Chriſto nicht Gründe gehabt, noch einige Tage in Kairo zu verweilen. Erſt am dritten Tage flog die kleine Reiſegeſell⸗ ſchaft auf der Eiſenbahn durch das fruchtbare Nilthal nach der alten Hafenſtadt. Hier war durch des unermüdlichen Haushofmeiſters Thätigkeit bereits ein Dampfer bereit, die Reiſenden aufzunehmen und nach Ancona zu führen, von wo die Weiterreiſe nach Rom zu Lande ge⸗ ſchehen ſollte. Ehe ſich Monte Chriſto aber einſchiffte, wollte er Albert erſt die Merkwürdigkeiten der Stadt Alexanders des Großen mit Muße zeigen und verlängerte deshalb ſeinen Aufenthalt um einige Tage. Am zweiten Tage, als Monte Chriſto an dem Hafen hinſchritt, ſich eifrig mit Albert unterhaltend, bemerkte er, daß einige fremde Seeleute ihm folgten, achtete aber nicht weiter darauf, ſondern begab ſich mit ſeinem Begleiter nach einem der halb europäiſch, halb türkiſch eingerichteten Kaffeehäuſer, dort die Abendkühle zu erwarten.— Die Seeleute folgten auch hierher und lagerten ſich um einen entfernten Tiſch, oft Blicke hinüber nach dem Grafen und ſeinen Begleiter werfend. Dieſes fiel dem Grafen endlich auf; auch Albert bemerkte es und ließ darüber eine Aeußerung fallen. „Jene Leute ſcheinen uns zu kennen,“ ſagte er. „Möglich,“ entgegnete Monte Chriſto,„noch möglicher aber, daß ſie uns verkennen.— Es ſcheinen mir Italiener.“ „Was mögen ſie haben?“ „Das wird ſich hoffentlich bald zeigen.“ „Man ſollte den Burſchen Gelegenheit geben, ſich raſch zu 220 „Das werden ſie ohnehin thun, ſobald es ihnen paßt,“ ant⸗ wortete der Graf lächelnd.„Wir wollen in Geduld warten, was herauskommt,— Sie haben doch Waffen bei ſich?“ Albert ſah bei dieſer Frage den Grafen ſtutzend an. Er bejahete die Frage, da er Taſchenpiſtolen trug. „Sie ſtaunen, lieber Freund,“ ſagte Monte Chriſto, welcher den verwunderten Ausdruck in Albert's Zügen wohl bemerkt hatte.— „Wir haben Italiener vor uns, die uns vielleicht für ganz Andere halten und wahrſcheinlich darauf ausgehen, uns für fremde Sünden zu ſtrafen. Da iſt es immer gut, auf Alles gefaßt zu ſein.— Warten wir ein wenig, ob jene Burſchen vor uns aufbrechen werden.“ Dieſes geſchah aber nicht, vielmehr geſellten ſich noch zwei europäiſche, aber beſſer gekleidete Männer zu ihnen und ſie ſprachen eifrig zuſammen. „Wir haben nicht Zeit, auf jene Burſchen zu wärten, ſagte endlich Monte Chriſto ungeduldig. Er winkte Albert, erhob ſich und ſchritt dem Ausgange des Kaffeehauſes zu. Da ſprangen auch jene Männer auf, einer von ihnen klatſchte in die Hände, und faſt augenblicklich erſchien ein egyptiſcher Beamter mit den Abzeichen eines Polizeioffiziers, hinter ihm ſtanden wie aus der Erde gewachſen ein halbes Dutzend Khawaſſen mit derben Stöcken bewaffnet und ſperrten den Ausgang. Monte Chriſto ſtutzte wohl einen Augenblick über dieſe uner⸗ wartete Erſcheinung, dann aber that er, als ob er ſie gar nicht beachte, auch konnte er ſich nicht denken, daß ſie wirklich auf ihn Bezug haben ſollte.— Er ſchritt alſo ruhig weiter und ſuchte ſich mit Albert durch die Khawaſſen zu drängen. 4 Da ſtellte ſich ihm der Beamte und mit ihm die beiden zuletzt gekommenen Europäer in den Weg und befahlen ihm und Albert drohend, zu halten. „Folgt mir!“ befahl der Polizeioffizier. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Graf. „Ihr habt nicht zu fragen⸗ ſondern zu gehorchen,“ war die barſche Antwort. Monte Chriſto ſchaute um ſich.— Er und Albert waren von den Khawaſſen umringt, auch die Seeleute hatten ſich dicht heran⸗ ſagte ge des latſchte eamter ie aus derben uner⸗ rnicht uf ihn te ſich zuleßt Albert 221 gedrängt und muſterten die beiden Perſonen mit flammenden Augen. — Auch die übrigen Gäſte des Kaffeehauſes hatten ſich überraſcht erhoben und waren näher getreten, zu ſehen, was hier vorgehe. „Hier muß ein Irrthum ſein,“ ſagte Monte Chriſto.„Mit welchem Rechte behandelt man uns, als ob wir Straßenräuber wären?“ „Das ſeid Ihr auch!“ ſchrie einer der Seeleute. „Elender Lügner!“ donnerte Monte Chriſto dem Ankläger zu. Er winkte zugleich gebieteriſch, ihm Platz zu machen; aber die Leute drängten ſich nur dichter um ihn, und einer der Europäer trat näher hinzu. „Mein Herr,“ redete ihn Monte Chriſto an,„Sie ſind Europäer und vor Ihrem Angeſichte proteſtire ich gegen die mir angethane Gewalt, die ich nur als türkiſche Brutalität bezeichnen und nur als auf einer Verkennung beruhend erklären kann.“ Der Angeredete zuckte die Achſeln. „Sie nennen ſich Graf Monte Chriſto?“ fragte er. Monte Chriſto war wohl erſtaunt, daß man hier ſeinen Namen wußte, da er unter dem Namen des Lord Hope reiſte, aber er ſah keinen Grund, ſeinen Namen zu verheimlichen. Er antwortete alſo ruhig:„Jal“ „Sie nennen ſich auch Sindbad, der Saeſghvern fragte Jener weiter. „Auch das,“ gab Monte Chriſto ruhig zurück. „Dann iſt kein Irrthum,“ ſagte der Europäer zurücktretend. „Sie ſind verhaftet und haben dieſen Leuten zu folgen.“ „Aber weshalb?“ fragte der Graf aufgebracht. Der Gefragte zuckte die Achſeln und trat zurück.— Der Polizei⸗ offizier drängte den Grafen rauh zum Gehen. „Hüte Dich,“ drohte der Graf,„daß es nicht zu Deinem Nach⸗ theile ausſchlägt. Abbas Paſcha iſt mein Freund und ich werde mich bei ihm beklagen, wenn Du Dich nur im Geringſten unehrerbietig gegen mich beträgſt.“ Dieſe Drohung war nicht ohne Wirkung, die Türken ſahen ſich etwas verlegen an. Der Offizier wandte ſich zu dem Europäer, der das Wort geführt und fragte: „Du biſt doch ſicher, Chriſt?“ „Gewiß,“ entgegnete dieſer.„Thu' Deine Pflicht!“ 222 Demzufolge erhielt Monte Chriſto neue Aufforderung, den Khawaſſen zu folgen und er ſah, daß er jetzt nicht anders als ge⸗ horchen könne. „Mein Begleiter geht doch frei aus?“ fragte er, auf Albert deutend. „Nein,“ lautete die Entſcheidung,„er geht mit uns.“ Ohne weiteren Verzug ſetzte ſich der Trupp in Marſch, die beiden Verhafteten in der Mitte und gefolgt von den Seeleuten und an⸗ deren Neugierigen. „Eine ſeltſame Promenade,“ ſagte Monte Chriſto, der ſeine gute Laune nicht verloren hatte.„Ich bin doch neugierig, auf was die Sache hinauslaufen wird.“ Die Verhafteten wurden in das Stadtgefängniß gebracht und Monte Chriſto ertrotzte durch Drohungen, daß man ihnen nicht nur das beſte Gemach anwies, ſondern auch den Gouverneur ſogleich benachrichtigte, ſowie davon, daß der Verhaftete ſich einen Freund Abbas Paſcha's und unter dem Schutze des engliſchen und des fran⸗ zöſiſchen Conſuls ſtehend genannt und mit ſchwerſter Ahndung gedroht hatte, wenn man ihm nicht ſogleich Mittel böte, ſich zu verantworten, da doch Alles nur auf ein Mißverſtändniß hinauslaufe. In Folge dieſer Drohungen ließ der Gouverneur, um ſich vor Verantwortung ſicher zu ſtellen, die Verhafteten ſofort in ſeinen Palaſt bringen und ſuchte eine Art Verhör mit ihnen anzuſtellen. Jetzt erfuhr Monte Chriſto auch die Urſache ſeiner Verhaftung. Durch italieniſche Schiffer war auch in Alexandrien die Nachricht verbreitet worden, daß in den italieniſchen Gewäſſern ein Seeräuber, der ſich Monte Chriſto nenne, ſein Weſen treibe; auch in den Theilen des mittelländiſchen Meeres, welches Egypten und Syrien beſpülen, ſollte ſich ein Korſar gezeigt haben, und die Beſchreibung von deſſen Schiff ſchien mit der Beſchreibung, welche die Italiener von dem Fahrzeuge des angeblichen Monte Chriſto gaben, ſo ziemlich übereinzuſtimmen, ſo daß man im Hafen von Alexandrien überzeugt war, beide Piraten ſeien ein und derſelbe. Bei ſeinen Spaziergängen am Hafen hatte ein italieniſcher Matroſe, welcher vor einigen Jahren den Grafen Monte Chriſto mehrere Mal geſehen und einmal ſelbſt mit ihm ge⸗ ſprochen, den als Seeräuber Angeklagten erkannt und ſofort einigen Freunden gemacht Jest welche ſeit zuſamme „Ein mit ſtolzer Mir iſt n mehr Cur bei den er Er j Gouvernen anderen b ſch zwei langer 3e gangen, Paſcha fo den Ober und ſich der engliſe ſowie er alff den Der gegen der ſch auf den engl Papiere Angeklag des Graj bat, daß Mc Chriſt des Ober biet ſein. Der ung, ſie „ den als ge⸗ Abbert beiden nd an⸗ e gute las die t und bt nur ogleich reund fran⸗ edroht orten, h vor Palaſt Jeßt Durch breitet e ſich n des ſollte ſSchiff zeuge mmen, jraten hatte grafen m ge⸗ nigen 4 223 Freunden die Entdeckung mitgetheilt, welche dann weitere Anzeige gemacht, die Verhaftung des Verdächtigen zu bewirken. Jetzt erſt erinnerte ſich Monte Chriſto jener Zeitungsnachrichten, welche ſeinen Namen als Pirat brandmarkten und er erkannte den Zuſammenhang ſeines jetzigen Abenteuers mit jener Anklage. in Schurke mißbraucht meinen Namen,“ ſagte Monte Chriſto mit ſtolzer Ruhe,„aber zu welchen Zwecken, muß die Zeit lehren. Mir iſt nichts leichter, als zu beweiſen, daß ich einige Jahre nicht mehr Europa geſehen habe, alſo es von vornherein unmöglich iſt, bei den erwähnten Verbrechen irgendwie betheiligt zu ſein. Er führte dieſe Beweiſe auch ſofort. Aus ſeinem von dem Gouverneur der Präſidentſchaft Bombai unterzeichneten Paß und aus anderen bei ſich führenden Papieren ging hervor, daß Monte Chriſto ſich zwei Jahre in Oſtindien aufgehalten habe, und erſt vor nicht langer Zeit mit dem Dampfer nach Suez und dann nach Kairo ge⸗ gangen, wo er ſich wieder einige Zeit aufgehalten und mit Abbas Paſcha fortwährend Umgang gehabt. Er berief ſich als Zeuge auf den Oberſt Shermann, der mit ihm die Ueberfahrt bis Suez gemacht und ſich jetzt noch in Kairo aufhielt, und verlangte ſchließlich, daß der engliſche Conſul herbeigerufen werde, damit er den Paß prüfe, ſowie er ſich auch darauf berief, als geborener Franzoſe Anſpruch auf den Schutz der franzöſiſchen Conſulate zu haben. Der Gouverneur ward immer ſtutziger und immer höflicher gegen den mit ſolcher Sicherheit von ſeiner Unſchuld ſprechenden und ſich auf ſo gewichtige Freunde berufenden Mann, und beeilte ſich, den engliſchen Conſul einladen zu laſſen, welcher denn auch die Papiere für richtig erkannte und ſeine Ueberzeugung ausſprach, der Angeklagte ſei unſchuldig. Die Folge davon war ſofortige Freilaſſung des Grafen und Alberts, wobei der Gouverneur zugleich dringend bat, daß des Mißgriffes nicht weiter erwähnt werde. „Man hat ſich bei der Sache ſehr plump betragen,“ ſagte Monte Chriſto.„Uebrigens ſoll morgen bei guter Zeit noch das Zeugniß des Oberſt Shermann und vielleicht auch das des Abbas Paſcha's hier ſein.“ Der Gouverneur und der Conſul lächelten bei dieſer Verſicher⸗ ung, ſie glaubten nicht, daß es möglich ſei, dieſe Zeugniſſe ſo ſchnell 224 herbeiſchaffen zu können und hielten dieſelben überhaupt nicht mehr für ſo nöthig, da die Sache ſchon in Ordnung gebracht ſei. „Nein, nein,“ entgegnete Monte Chriſto,„morgen Mittag ſoll der vollſtändigſte Beweis meiner Unſchuld da ſein.“ Dann ging er mit Albert nach ſeinem Hotel zurück und rief Bertuccio. „Bertuccio,“ ſagte er,„du wirſt ſogleich einen Extrazug auf der Eiſenbahn nach Kairo beſorgen und Dich bereit halten, in nächſter Stunde aufzubrechen.— Während Du dieſes beſorgſt, werde ich Deine Aufträge vorbereiten.“ Bertuccio verneigte ſich und eilte davon. Monte Chriſto aber ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Als der Intendant zurückkam, hatte der Graf bereits zwei Briefe geſchrieben und geſiegelt; der eine dieſer Briefe war an Abbas Paſcha, der andere an Oberſt Shermann gerichtet. Monte Chriſto erzählte Bertuccio mit wenig Worten ſeine Verhaftung und Anklage und be⸗ auftragte ihn, die beiden Briefe an die beiden Empfänger perſönlich abzugeben und ſogleich Antwort darauf in Empfang zu nehmen, ſich aber ſo einzurichten, daß er in den Mittagsſtunden des nächſten Tages wieder in Alexandrien ſei. Bertuccio verſprach es und eilte davon. Monte Chriſto wandte ſich zu Albert. „Ich habe einen geheimen Feind,“ ſagte er,„der aus dem Verborgenen Schläge gegen mich führt.— Gebe der Himmel, daß es mir ſtets ſo leicht werde, dieſe Streiche abzuwehren, als dieſes Mal.— Der Feind ſoll mich übrigens gerüſtet finden.“ In den ſpäteren Mittagsſtunden des nächſten Tages ſtand Ber⸗ tuccio wieder vor ſeinem Herrn, in der Hand zwei Schreiben; ſowohl Abbas Paſcha als der Oberſt beſtätigten des Grafen Ausſagen und Letzterer leiſtete Bürgſchaft. Mit dieſen Schreiben begab ſich der Graf zu dem ſtaunenden Gouverneur, der ſich demüthig neigte und ver⸗ ſicherte, auch er ſei vom erſten Augenblick von Monte Gheiſts m Un⸗ ſchuld überzeugt geweſen. N Benede lich be gend mußte 1 mehr ttag oll und rief bauf der nächſter ch Deine iſto aber Briefe Paſcha, erzählte und be⸗ erſönlich mmen, ſich nächſten wandte aus dem nel, daß dieſes and Ber⸗ ſowohl gen und der Graf und ver⸗ io's Un⸗ ————— — —— ——. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Beſeitigte Gefahren. Ein ſchlauer Kopf weiß Alles zu benutzen. . Müller. Nach dem verunglückten Unternehmen auf Monte Chriſto hatte Benedetto gerechte Urſache zur Beſorgniß, da der von ihm ſo ſchmäh⸗ lich betrogene und dadurch tödtlich beleidigte Pierre in derſelben Ge⸗ gend ſich befand, welche er zu ſeinem Wirkungskreiſe ſich erkoren; er mußte erwarten, daß Jener bei jeder Gelegenheit ſein Verderben her⸗ beizuführen ſuchen würde.— Auch konnte durch Pierre ein guter Theil ſeines Planes dadurch vereitelt werden, da er ihn und auch das Fahrzeug erkannt, und nun das Gerücht, als ob Monte Chriſto ein Pirat ſei, auf das Wahre zurückzuführen im Stande war. Wenn es an den Tag kam, daß der entſprungene Galeerenſträfling Benedetto die Rolle Monte Chriſto's ſpielte, dann mußte dieſes der verfolgenden Hand der Polizei ſchon ein höchſt wichtiger Fingerzeig ſein. Ein anderer Nachtheil war, daß der üble Ausgang dieſes Be⸗ ſuches auf Monte Chriſto, welcher den Glauben der Mannſchaft an ſeine Macht und die Wirkſamkeit ſeines Talismans, durch welchen er ſich anfangs in Reſpect geſetzt, bedeutend erſchüttert, das Vertrauen der wilden Burſchen auf ihren Führer wankend machte und ſein An⸗ ſehen ſchwinden ließ. Benedetto ſuchte nach Kräften allen Nachtheilen vorzubeugen. Er befahl, gegen die Küſte Korſika's zu ſteuern, ließ am zweiten Tage beilegen und die Farbentöpfe wieder hervorholen, bald hing die Schiffswand voll Maler, welche die Pinſel wacker handhabten, und ſchon am Abend dieſes Tages war das ſchwarze Fahrzeug verſchwun⸗ den, anſtatt ſeiner ſchwamm ein blaues mit gelben Streifen auf dem Meere. Die Hand des Todten. 226 Die Mannſchaft gehorchte nur widerwillig und murrte Das und Jenes unter ſich. Lippi, der Steuermann, trat auf Benedetto zu und fragte: „Was ſoll nun werden? Sollen wir ganz zu Malern werden und alle Tage den alten Kaſten neu anſtreichen?“ „Ihr habt mich nicht um Rechenſchaft zu fragen,“ antwortete Benedetto barſch.„Ich bezahle Euch und Ihr habt mir da einfach zu gehorchen, und wenn ich Euch in die Hölle ſelbſt führte.“ „Das ſcheint auch ganz ſo,“ entgegnete der Steuermann,„aber ich dächte, bei ſolchen Geſchäften, wie Du treibſt, hätten wir Andern auch eine Stimme. Auf Deinen gerühmten Talisman iſt doch kein ſo großer Verlaß.“ „Weshalb nicht?“ „Dein Talisman hat Dir nichts geſagt, daß wir mit Schimpf und Schande von jenem alten Felſenklumpen fliehen müßten.— Wenn das alte Zauberzeug nicht weiter wirkt, ſo wirf es lieber in's Waſſer.“ „In's Waſſer?“ rief Benedetto mit Entrüſtung.„Biete mir hunderttauſend Ducaten und ich laſſe Dir den Schatz noch nicht.— Weißt Du, weshalb das Unternehmen fehlſchlug?— Ich hatte eine kleine Ceremonie verſäumt, und unter jenen Leuten war Einer, der den böſen Blick hatte.— Weißt Du aber auch, was mir der Talis⸗ man jetzt verräth?— Er zeigt mir an, daß unter Euch Uebelgeſinnte, ſind und ich dürfte nur weiter fragen, dann würde der von geheimen Leben beherrſchte Finger ſich erheben und auf die deuten, die feind⸗ liche Geſinnungen gegen mich hegen.— Und weißt Du ferner, was die Hand noch andeutet? Von Weſten her droht uns Gefahr, ſegeln wir länger in dieſer Richtung, ſo werden wir auf einen verderblichen Feind ſtoßen.— Wollt Ihr es darauf ankommen laſſen und die Fahrt nach Weſten fortſetzen, damit Ihr Euch von der Wirkſamkeit des Talismans überzeugt?“ Die Seeleute, welche dieſe anſcheinend nur an den Steuermann Lippi gerichteten Worte gehört hatten, ſahen ſich etwas betroffen an und weder der Steuermann, noch die Uebrigen hatten eine Antwort. „Wollt Ihr es verſuchen und gegen Weſten ſegeln?“ fragte Be⸗ nedetto nochmals.„Ihr könnt kein beſſeres Mittel finden, Euch von der Wirkſamkeit des Talismans zu überzeugen; aber freilich wird Euch nachher die Erkenntniß wenig nutzen.“ gegenzo Benede E es Und troſen 8 hielt ſie ruhiget gleich 3 chen a drehen deutete ſchaft freilich detto, ſpieler Zaube hatte die F vorhen 8 und to zu erden vortete einfach „aber Andern ch kein himpf Wenn Paſſer.“ ſte mir cht.— e eine er, der Taliè⸗ ne heimen efeind⸗ ar, was ſegeln lblichen und die kſamkeit ermann ffen an ntwott. igte Be⸗ uch von d wird ———jjj— 227 Immer noch hatten die Seeleute keine Antwort.— Benedetto lächelte ſtill in ſich hinein, denn er wußte, daß er auf gutem Wege war. Er muſterte die Geſellſchaft eine Zeit lang mit durchdringenden Blicken und wiederholte ſeine Frage. „Nun,“ fragte Lippi,„was droht uns von Weſten?⸗ „Die Hand verräth mir, es ſei große Gefahr, nicht von Wind und Wetter, ſondern von einem Feinde; das Leben ſteht auf dem Spiele.“ antwortete Benedetto. 3 Dieſe Ankündigung rief bedenkliches Kopfſchütteln hervor; es war Keiner auf der Felucke, der ſich eines ſo reinen Gewiſſens hätte rühmen können, daß er dem in Ausſicht geſtellten Feinde ruhig ent⸗ gegenzuſehen vermocht hätte. „Wohin ſollen wir uns da wenden?“ fragte Lippi. „Ich werde den Talisman fragen?“ antwortete der verſchlagene Benedetto.. Er zog das Käſtchen mit der Hand des Todten hervor, öffnete es und zeigte die ſchauerliche Reliquie. Dieſer Anblick machte die Ma⸗ troſen wieder ſcheu zurückweichen; ihr Aberglaube regte ſich abermals. Benedetto ſetzte das Käſtchen auf ſeine ausgeſtreckte Hand und hielt ſie gegen alle vier Weltgegenden. „Sage mir, o Talisman,“ begann er dann mit eintöniger, ruhiger Stimme,„ſage mir, wohin ſoll ich mich wenden, um der gleich finſterem Gewitter herandrohenden Gefahr zu entgehen?“ Zum nicht geringen Erſtaunen der Matroſen begann das Käſt⸗ chen auf Benedetto's Hand zu ſchwanken, dann aber langſam ſich zu drehen, bis der Zeigefinger der Todtenhand nach öſtlicher Richtung deutete.— Dann verlor ſich die Bewegung wieder.— Die Mann⸗ ſchaft ſtarrte mit offenen Mäulern das Wunder an.— Es hatte freilich Niemand die einfachen Kunſtgriffe bemerkt, durch welche Bene⸗ detto, der Erfahrene, dieſe Bewegung hervorbrachte. „Nach Oſten, nach Oſten!“ riefen die Seeleute einſtimmig. Benedetto's ſchlau berechnete Worte und ſein geſchickter Taſchen⸗ ſpielerkniff hatten Wunder gewirkt. Der erſchütterte Glaube an die Zauberkraft des Talismans war wieder hergeſtellt und Benedetto hatte ſein altes Anſehen zurückerobert.— Niemand empfand Luſt, die Fahrt nach Weſten fortzuſetzen, Lippi wendete vielmehr, ohne vorher erſt das Commando des Kapitäns oder Benedetto's dazu zu ——— 228 erwarten, das Steuer, und gab dem Fahrzeuge die Richtung nach Oſten.— Dorthin lag aber das Feſtland Italiens, dorthin wollte Benedetto, die günſtige Zeit abzuwarten, wo er einen neuen Hand⸗ ſtreich auf die öde Felſenmaſſe unternehmen konnte; zugleich glaubte er dort endlich ſichere Nachrichten über den Aufenthalt des von ihm geſuchten und gehaßten Mannes zu erhalten. Ein ſeltſamer Zufall half Benedetto, den neu erwachten Aber⸗ glauben der Matroſen noch mehr zu beſtärken.— Als das Schifflein in den Abendſtunden, öſtliche Richtung haltend, langſam über die ſchäumenden Wellen hinſtrich, tauchten in weſtlicher Richtung die Spitzen von Maſten empor, eine Dampfwolke qualmte durch die blaue Abendluft und immer deutlicher ward der Rumpf eines Dampfers ſichtbar. Dieſer verrieth ſich auch bald als Kriegsſchiff und er ſchien den Cours der Felucke zu verfolgen. Den Seeleuten ſchien bei dieſer Bemerkung merklich warm zu werden; der Steuermann kratzte ſich im Kopfe und fragte Benedetto, was er dazu meine? „Nichts weiter,“ entgegnete Benedetto kalt,„als daß die Untrüg⸗ lichkeit meines Talismans ſich glänzend bewährt. Wären wir weiter gegen Weſten vorgedrungen, ſo würden wir dem Dampfer geradezu in die Hände gelaufen, von ihm angehalten und durchſucht ſein, ſo aber ſind wir geborgen.“ „Gewiß?“ fragte der Steuermann, dem es bei Benedetto's Zu⸗ verſicht augenſcheinlich leichter um's Herz wurde. „Glaubt meinem Talisman, er hat noch nie gelogen!“ ant⸗ wortete Benedetto ſtolz. Die Seeleute waren durch dieſe zuverſichtlichen Worte beruhigt, weniger aber ſchien dieſes mit Danglars der Fall zu ſein, welcher heimlich gegen Benedetto ſeine Beſorgniß ausſprach, weil dem alten Schurken das böſe Gewiſſen eben nicht ruhen, ſondern ihn in Allem, was er ſah, Gefahr ahnen ließ. 3 „Wir haben nichts zu fürchten,“ ſagte Benedetto.„Was ſollte jener qualmende Kaſten bei uns zu ſuchen haben?— Und ich werde nicht fallen, bis ich meine Miſſion erfüllt, mich an dem dämoniſchen Grafen gerächt und Sie, Herr Baron, in Paris wieder im alten Glanze geſehen habe.“ Do Wiederk Galeere ſtändig 1 nach wollte Hand⸗ Plaubte un ihm Aber⸗ bifflein ſber die ng die ch die eines dif und farm zu nedetto, Untrüg⸗ t weiter peradezu ſein, ſo to's Zu⸗ “ ant⸗ beruhigt, welcher im alten Allem, as ſolle c werde roniſchen m alten 229 Danglars ſchmunzelte bei der letzten Erwähnung. Ausſicht auf Wiederherſtellung des alten, genußreichen Lebens hatte Zauberkraft bei ihm. In der That ſchien auch der Zufall alle Verheißungen Bene⸗ detto's glänzend rechtfertigen zu wollen, denn am Morgen des näch⸗ ſten Tages war keine Spur mehr von dem beſorglich machenden Dampfer zu bemerken. „Seht Ihr die Macht meines Talisman's!“ rief Benedetto ſei⸗ nen Leuten zu. Dieſe brachen in einen Jubelruf aus; das Anſehen des ſchlauen Galeerenſträflings und ſeines angeblichen Zaubermittels war voll⸗ ſtändig hergeſtellt. 1 N Dreißigſtes Kapitel. Der aufgefangene Brief. Ein großer Schritt führt uns zum Ziel, Viel kleine Schritte thun es auch. Göthe. Benedetto hatte die Keckheit, mit ſeiner Felucke in Livorno an⸗ zulegen, ſeine Waaren dort ausſchiffen zu laſſen. Er hielt ſich ſo ſicher vor aller Gefahr, daß er glaubte, Alles wagen zu können, und in der That war ihm das Glück beſtändig günſtig. Danglars erhielt Auftrag, die durch kühnen Seeraub erbeuteten Waaren zu möglichſt hohen Preiſen loszuſchlagen, Lippi mußte während der Zeit mit ſeinen Leuten Fiſcherei treiben, denn Benedetto hielt es für nöthig, Danglars beſtändig unter ſeinen Augen zu behalten, da er weder in deſſen Ehrlichkeit noch Verſchwiegenheit ſo großes Ver⸗ trauen ſetzte. Als durch Danglar's Erfahrung in Handelsgeſchäften die Waaren zu verhältnißmäßig guten Preiſen verkauft waren, ging Benedetto mit ſeiner Geſellſchaft wieder zu Schiff und ſegelte nach Civita Vec⸗ chia, wo er ſeine Leute nochmals ſchwören ließ und ſie dann unter die Führung eines aus ihrer Mitie genommenen, zuverläſſig ſcheinen⸗ den Mannes ſtellte, wobei ſie zur Abwechslung durch Küſtenfahrten ihren Unterhalt verdienten. Sie ſollten ſich aber nie ſehr weit ent⸗ fernen, Neapel auf der einen, Livorno auf der anderen Seite waren die entfernteſten Punkte, welche ſie berühren durften. Benedetto wollte ſie bei der Hand haben, wenn ihm die Zeit gelegen ſchien, einen zweiten Beſuch auf Monte Chriſto zu machen.“ Lippi, der Steuermann, hatte Benedetto als einen durchtriebenen und mit aller Welt bekannten Burſchen kennen gelernt, mit dem Etwas auszurichten war, und deshalb behielt ihn Benedetto bei ſich. Grafen lange! am Erj Aufenth Ei Roms denn e gab in lien, hatten, ſich zu ſetzen. wenig ließen N Gaule Ermül Knecht von d bracht bis R Bin und Wege bis n Reite Ziel he. ho an⸗ ſich ſo a, und ruteten hrend jelt es en, da 3 Ver⸗ Laaren nedetto 4 Vec⸗ Unter ſeinen⸗ ahrten it ent⸗ waren wollte einen benen t dem j ſich. 231 Er verſprach ſich von ihm in ſeiner Begleitung mehr Nutzen, als wenn er auf der Barke an den Küſten umherſchweifte. Benedetto wendete ſich mit ſeiner Begleitung nach Rom und lebte hier einige Wochen in der Nähe der Weltſtadt auf einem halb⸗ verfallenen Landſitz in Verborgenheit, aber faſt täglich ging er nach Rom hinein, um Nachforſchungen nach dem Ziele ſeiner Rache, den Grafen Monte Chriſto, anzuſtellen, denn— ſchloß er— da der Graf lange und wiederholt in der ewigen Stadt gelebt, ſo müſſe hier auch am Erſten eine Spur aufzufinden ſein, welche zu den verborgenen Aufenthaltsort des Gehaßten leitete. Eines Tages ſchweifte Benedetto mit Lippi in der Umgegend Roms umher. Danglars blieb wie gewöhnlich als Haushüter zurück, denn er ſcheute ſich, in Rom auf der Straße ſichtbar zu werden. Es gab in Rom jetzt ſo viel Beſuch von Pariſern aus den erſten Fami⸗ lien, die zum Theil einſt in ſeinen prunkenden Cirkeln ſich bewegt hatten, daß der geſtürzte Banquier es nicht über's Herz bringen konnte, ſich zu zeigen und der Gefahr demüthigender Erkennung ſich auszu⸗ ſetzen.— Die beiden Wanderer traten in eine am Wege liegende, wenig beſuchte Oſteria, ſetzten ſich hier unter die luftige Veranda und ließen ſich eine Flaſche dunklen, italieniſchen Wein geben. Nicht lange hatten ſie geſeſſen, als ein Reiter auf ſchweißbedecktem Gaule herantrabte, vor der Oſteria hielt und mit allen Zeichen der Ermüdung aus dem Sattel ſtieg. Er gab das dampfende Thier dem Knecht zum Füttern und warf ſich unter der Veranda auf eine Bank, von dem herzutretenden Wirthe Brod und Wein verlangend. „Ihr ſcheint müde,“ meinte der Wirth, als er das Verlangte brachte.„Kommt wohl weit her?“ „Wollte ich meinen,“ entgegnete der Gefragte.„Von Ancona bis Rom iſt kein Weg, den eine Katze mit einem Sprunge zurücklegt. Bin Tag und Nacht geritten, habe ſechs Mal die Pferde gewechſelt und in den vertrackten Gebirgen bald Hals und Beine gebrochen.“ Er ließ ſich dann noch lang und breit in Klagen über ſchlechte Wege aus, die er paſſirt habe, und fragte dann, ob es noch weit bis nach Rom hinein ſei. „Zwei Miglien ungefähr,“ meinte der Wirth. „Alle Heiligen ſeien gelobt, daß es nicht weiter iſt,“ ſeufzte der Reiter,„denn ſonſt könnte der geſtrenge Herr, der mich ſchickt, alle — —— 232 meine Knochen von der Straße aufleſen und hätte ſo den beſten Be⸗ weis meines Dienſteifers.— Nun kann ich eine Stunde hier aus⸗ ruhen, darauf wird nichts ankommen.“ Der Wirth wurde abgerufen, Benedetto aber trat an ſeine Stelle, den Schnellgereiſten zu unterhalten. „Ihr ſeht ja aus, als ob Ihr jeden Augenblick zuſammenklapgen wolltet, wie ein Taſchenmeſſer,“ ſagte er,„und der Gaul ſcheint auch mehr Sehnſucht nach einer Streu, denn nach noch mehr Straßen⸗ pflaſter zu haben.— Ihr ſeid wohl Courier?“ „So, ſo,“ gähnte Jener. „In wichtigen Staatsgeſchäften?“ fuhr Benedetto fort. „Wüßte nichts davon.“ „Dann gewiß noch wichtigere Privatangelegenheiten?“ „Möglich, doch will ich nicht behaupten, daß es gar ſo wichtig wäre.“ „Nun, um Nichts hetzt man nicht Menſchen und Thiere zu Tode.“ „O ja, bisweilen doch! Die Laune vornehmer Herren verlangt es bisweilen.— Doch da hinein habe ich meine Naſe nicht zu ſtecken, ich habe Briefe zu überbringen mit dem Befehl, Tag und Nacht zu eilen, um recht ſchnell nach Rom zu kommen.— Und da muß ich ſchon eilen, damit der Abſender nicht eher da iſt, als ich, der ich wahrſcheinlich ſeine Ankunft melden ſoll, damit Vorbereitungen zu ſeinem Empfange getroffen werden.— Der Herr gehört auch zu Jenen, die es überall finden wollen, wie zu Hauſe, und er hat es dazu, es durchzuſetzen.“ „Das ſcheint ein ſehr mächtiger Herr zu ſein.“ „Der vor Allem ‚ſchnelle Bedienung verlangt, und ob dabei ein Dutzend Knochen aus allen Fugen gingen.— Und man muß ſchon, denn der Mann ſcheint überall und nirgends zu ſein, und über alle Zauber der Erde zu gebieten. Doch ich habe wohl ſchon zu viel geſchwatzt.“ Der Mann lehnte ſich zurück und ſchloß die Augen. Benedetto aber wurde durch die Worte des Couriers aufmerkſam gemacht. „Daß muß ein geheimnißvoller Mann ſein,“ ſagte er. „Ich wollte, ich wüßte ſein Geheimniß, wo er ſeine Schätze her hat,“ brummte der Mann,„ich würde dann nicht Botenreiten.“ ſich u hingen es wa friedig ſtellen V viellei entſch Bened entwe — eng 1 war; Ausf dieſer führe war Bene komn Beide Stra und offen ob e und lang n Be⸗ aus⸗ Sielle lappen t auch taßen⸗ ſar ſo ere zu erlangt ſtecken, icht zu uß ich der ich gen zu uch zu hat es bei ein ſchon, er alle u viel „Iſt er wirklich ſo reich?“ „Unmenſchlich, und Niemand weiß, wo er es her hat.“ „Es wird Euch doch nicht verboten ſein, den Namen dieſes Mannes zu nennen?“ „Hm, wer weiß, er mag auch ſeine Launen haben.“ „Nun vielleicht weiß ich ſeinen Namen:— Monte Chriſto.“ „Hm, will es nicht beſtreiten,“ brummte der Mann und drehte ſich um, um vor dem ewigen Frager endlich Ruhe zu haben. Benedetto fühlte bei Beſtätigung ſeiner nur auf's Geradewohl hingeworfenen Frage ein leichtes Beben durch ſeine Glieder zittern; es war der grauſig wonnige Schauer der Racheluſt, die bald zu be⸗ friedigen ſich jetzt Ausſicht zeigte.— Er wollte noch einige Fragen ſtellen, den Aufenthalt des Grafen zu erfahren, doch der Courier, vielleicht ſchon verdrießlich, daß er bereits ſo viel ausgeplaudert, ſchien entſchloſſen, kein Wort mehr darüber zu ſagen und beantwortete Benedetto's weitere Verſuche, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, entweder mit Knurren und Brummen oder ſchlaftrunkenem Gähnen. Benedetto konnte dieſes aber nicht weiter kümmern; er wußte genug. Er wußte, daß der Courier Briefe bei ſich führte, und da war zu hoffen, daß dieſe Briefe über Alles, was er wiſſen wollte, Auskunft gaben, deshalb ſtand in ihm auch der Entſchluß feſt, ſich dieſer Briefe um jeden Preis zu bemächtigen. In der Oſteria war der beabſichtigte Streich nicht gut auszu⸗ führen, da der Wirth immer ab⸗ und zuging, und da der Courier zwar die Augen zu hatte, aber augenſcheinlich nicht ſchlief, ſo konnte Benedetto trotz ſeiner Gewandtheit in ſolchen Geſchäften nicht an ihn kommen. Benedetto flüſterte ſeinem Begleiter einige Worte zu, worauf Beide ſich erhoben und die Veranda verlaſſend, nachläſſig auf der Straße fortſchlenderten. Nach einiger Zeit erhob ſich der Courier, bezahlte ſeine Zeche und ging nach dem Pferde, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Das Pferd war offenbar müde zum Hinſtürzen, weshalb der Mann den Wirth fragte, ob er ein friſches Thier erhalten könne.— Das war nicht der Fall, und er mußte alſo das müde Roß wieder beſteigen und ſich mit langſamem Schritte begnügen. 234 So kam er in die Nähe der Ruinen der alten Bäder, an denen hin die Straße führte, in der Ferne hob ſich die gewaltige Kuppel St. Peters in der Abenddämmerung empor, die ſchmale Sichel des Mondes trat an den Himmel. Die Gegend umher ſchien wie aus⸗ geſtorben. Plötzlich ſtutzte das Roß und blieb ſtehen, mitten auf dem ohne⸗ hin nicht breiten Wege lag ein Mann lang ausgeſtreckt. „He, Burſche, was machſt Du hier?“ brummte der Courier. Der Liegende begann bei dieſen Worten ſcheinbar wieder etwas zu leben; er richtete den Kopf etwas auf. „Gut, daß endlich ein Menſch kommt,“ ſtöhnte er.„Ich bin über einen Steinklumpen gefallen und kann nicht auf, hilf mir, daß ich aus dem Wege komme und nicht zertreten werde.“ „Na,“ brummte der Reiter,„Du mußt einen Guten getrunken haben, daß Du auf ebener Straße Felsſtücke ſiehſt und darüber weg fällſt.“ Er ſtieg aber doch ab und beugte ſich nieder, dem Verunglückten zu helfen. Da ſtreckte der angeblich Verunglückte ſeinen Arm aus⸗ packte den Mitleidigen mit Rieſenkraft und zog ihn herab zu ſich; zu gleicher Zeit empfing dieſer einen heftigen Schlag auf den Kopf. „Monte Chriſto!“ ſtöhnte der Ueberliſtete. Ein zweiter noch ſtärkerer Schlag folgte, der Mann verlor ſein Bewußtſein und lag regungslos da, das ſcheugemachte Pferd trabte davon, ohne daß Jemand einen Verſuch gemacht hätte, es aufzuhalten. Neben dem Ueberfallenen kniete Benedetto und durchſuchte mit gieriger Hand deſſen Kleider nach den Briefen. Bald waren die Papiere gefunden und Benedetto hielt ſie triumphirend in die Höhe. „Endlich,“ rief er,„endlich hoffe ich eine Spur gefunden zu haben, die mir den Weg zeigt, wo ich mit dem Gehaßten zuſammen⸗ treffen und ihn vernichten kann!“ Er erhob ſich und ſteckte die Papiere ſorgfältig zu ſich. „Was ſoll aber mit Dem geſchehen?“ fragte Lippi, welcher den Verunglückten geſpielt hatte, auf den jetzt wirklich Verunglückten zeigend. „Wirf ihn in den Graben,“ ſagte Benedetto.„Dann wird es heißen, er ſei vom Pferde gefallen und habe ſich den Kopf zerſtoßen. —— die g freie werd derlig will finde wird iſt W etwas H bin daß unken trüber lückten aus. c, zu f. ſein trabte zalten. te mit en die Höhe. een zu men⸗ r den ückten 1d es koßen. 235 Ihm fehlt nichts, als ſeine Brieftaſche, dergleichen kann man aber leicht verlieren.“ Der betäubte Courier wurde auch wirklich in den Graben ge⸗ ſtoßen, und Benedetto eilte dann mit ſeiner Beute über die Felder und durch die Ruinen davon, einen Platz zu ſuchen, wo er die er⸗ beuteten Papiere durchſehen könne, denn ſchon war die Nacht zu dunkel, um einen Schriftzug zu erkennen. Eine andere Oſteria nahm ſie endlich auf und hier entfaltete Benedetto die Papiere. Das erſte der Papiere war eine Art Paß, welches den Vorzeiger als Beauftragter des Grafen Monte Chriſto beglaubigte und für ihn Schutz und Hilfe verlangte, ſowie, daß er in allen ſeinen Unternehmungen unterſtützt werde. Unterzeichnet war dieſe Beglaubigung mit einigen eigenthümlich verſchlungenen Schriftzügen; auch war ein Stempel mit braunrother Farbe darunter gedrückt. „Weißt Du, was dieſes bedeutet,“ fragte Lippi, welcher dieſes Document aufmerkſam geprüft hatte. „Ich bin noch nicht ſo tief in alle Geheimniſſe eingeweiht,“ entgegnete Benedetto. „Nun, ſo höre; mit dieſem Blatte in der Hand kannſt Du durch die gefährlichſten Gegenden ganz Italiens wandern und von den freien Söhnen der Wälder und Gebirge wird Dir kein Haar gekrümmt werden,“ erklärte Lippi.„Die Polizei wird zwar nicht allemal ſon⸗ derlich freundlich d'rein ſehen, aber Dir auch nichts thun.— Auch will ich nicht behaupten, daß alle Geſellſchaften ſich ſogleich willig finden laſſen, Dich auf dieſes Blatt hin zu unterſtützen, aber Einer wird darauf hin gewiß ſeine Leute zur Verfügung ſtellen, und dieſer iſt Vampa.“ „Der berühmte Vampa?“ „Derſelbe.“ „Teufel,“ ſagte Benedetto,„dann iſt dieſes Papier ja wirklich goldeswerth und ich kann es gut benutzen.— Meinſt Du nicht, daß es mich bei Vampa einführen könnte?“ „Ja, gewiß, und er wird Dir zu Dienſten ſtehen.“ „Ich finde ſolche Einrichtung in der That prächtig.— Heute iſt ein Glückstag, der mich meinem Ziele raſch näher bringt, und 236 dieſes danke ich meinem Talisman. Er wies mir den Weg nach der Oſteria und machte den Tölpel von Courier ſchwatzen.“ „Für den Menſchen konnte das Schwatzen nicht ſo gefährlich ſein, denn in allen anderen Fällen, nur nicht in dem heutigen, würde ihm der Name Monte Chriſto als beſte Schutzwehr gedient haben.“ „Nun,“ ſchloß Benedetto,„es iſt jedenfalls für uns ſehr gut, daß ich das koſtbare Papier habe, es kann mir zur Waffe gegen den Todfeind werden.— Sehen wir nun, was die anderen Papiere enthalten.“ Der erſte Brief, den Benedetto erbrach, trug die Adreſſe von Mercedes Herrera und enthielt die Nachricht, daß ihr Sohn gefunden und Graf Monte Chriſto, der ſich einfach Edmond Dantes unter⸗ ſchrieb, ihn ſelbſt in ihre Arme zurückbringen werde. Benedetto ſah aus dieſem Schreiben, daß Monte Chriſto ſich in Egypten aufge⸗ halten hatte und mußte ſich geſtehen, daß er ihn dort nicht vermuthet und noch weniger geſucht haben würde.— Aber mit Wonne erfüllte ihn der Nachſatz: „Binnen kurzer Zeit werde ich ſelbſt in der ewigen Stadt ſein; wenn Sie dieſen Brief erhalten, trägt mich vielleicht ſchon das Meer.“ „Ah, und ich werde Dich willkommen heißen, Edmond Dantes, oder wie Du Dich ſonſt nennen magſt,“ murmelte Benedetto.„Nun erſt beginnt das Werk, für welches ich meine Kräfte aufgeſpart.“ Er las den zweiten an einen Agenten in Rom gerichteten Brief, worin dieſer den Auftrag erhielt, ſofort ein Hotel in Rom zu miethen und bis zu einem beſtimmten Tage würdig auszuſtatten.— Zur vorläufigen Beſtreitung dieſer Ausſtattung lag eine Anweiſung auf hunderttauſend Franks an das Haus Torlonia bei. Benedetto war dieſer Fund willkommen, da ſeine Kaſſe dadurch bedeutend vermehrt wurde, ließ aber Lippi nicht das Geringſte davon merken. Er ſteckte die Anweiſung ſorgfältig zu ſich und griff nach den anderen Papieren. Das nächſte Schriftſtück enthielt eine Art Reiſeroute. Der Courier war in demſelben angewieſen, in beſtimmten Gaſthäuſern, wo der Graf Monte Chriſto übernachten wollte, Anſtalten treffen zu laſſen, daß der Reiſende würdig aufgenommen werde und er wie ſein Ge⸗ folge, bei dem ſich zwei Damen und ein Kind befänden, Alles auf das Bequemſte vorbereitet finde. ich der äbriich würde aben.“ t gut, ſen den Papiere ſee von funden unter⸗ tto ſah aufge⸗ muthet erfüllte t ſein; Meer.“ Dantes, „Nun tt.“ Brief, miethen — Zur ng auf dadurch davon if nach Courier wo der laſſen, ein Ge⸗ les alf 237 Auch dieſes Document war für Benedetto unſchätzbar, da es ihm die Route verrieth, welche Monte Chriſto von Ancona aus ein⸗ ſchlagen würde, ſowie es auch die ungefähre Zeit andeutete, wann der Erwartete einträfe. Die übrigen Papiere hatten in der Hauptſache für Benedetto keinen Bezug und er begnügte ſich, dieſelben als unrichtig zu verbrennen. „Nun kommt es vor allen Dingen darauf an, mich auf eine gute Art bei Vampa einzuführen,“ ſagte er.„Er ſoll mir womöglich ſeine Hand bieten zum Rachewerke.“ „Das erwarte ich nicht von Vampa,“ erwiderte Lippi,„denn er iſt ein williges Werkzeug in des geheimnißvollen Grafen Hand. Er wird in deſſen Intereſſe lieber hundert Menſchen die Kehle abſchneiden laſſen, als auch nur den kleinen Finger ſeiner linken Hand gegen ihn erheben.— Ich kenne Luigi Vampa.“ „Nun,“ meinte Benedetto,„dann benutzt man ihn zum Schlage, ſagt ihm aber nicht, wem der Schlag eigentlich gilt.— Da Du übrigens mit Vampa bekannt biſt, ſo kannſt Du mich bei ihm ein⸗ führen?“ Lippi verſprach das. Dann ſuchten Beide ihre Wohnung auf, wo Danglars ſie erwartete. „Luſtig, Herr Baron,“ rief ihn Benedetto zu.„Der Herr Graf wird bald einen ſchönen Tag durchmachen müſſen.— Ich habe ihn und Sie ſind ſchon wieder ſo gut, als der mächtige Banquier Dang⸗ lars in Paris.“ Danglars' Geſicht verklärte ſich bei dieſer Ankündigung, er wollte mehr wiſſen, doch Benedetto glaubte ihm ſchon genug geſagt zu haben. Am nächſten Morgen entfernte ſich Lippi, die Zuſammenkunft Benedetto's mit Vampa zu vermitteln, Benedetto aber ging zu Torlonia, auf deſſen Comptoir er die angewieſenen hunderttauſend Francs ohne Widerrede ausgezahlt erhielt. Von dieſem Gelde hatte er Lippi nichts merken laſſen und eben ſo wenig erfuhr Danglars etwas davon, denn Benedetto war nicht gemeint, ohne Noth mit irgend Jemand zu theilen. ———— Einunddreißigſtes Kapitel. Der Nachtbeſuch in dem Cokiſſeum. Es iſt ſchon in den ſtillen Stunden Der mondbeglänzten Zaubermacht Manch' traut' Geheimuiß aufgewacht. R.. Düſtere Nacht ruhte auf der ewigen Stadt, die Mondſichel neigte ſich mehr und mehr dem Untergange zu, durch den Schleier leichter Wölkchen, welche das Himmelsgewölbe bedeckten, leuchtete hier und da ein Stern mit hellem Funkeln, verſchwand aber bald wieder hinter dem ſchnell vorüberziehenden Wolkenflor. In gewaltigen, düſtern Maſſen lag der uralte Rieſenbau des Coliſſeums, welchen meiſt die alten Römer zur Zeit der Glanzperiode der ſtolzen Imperatoren aufgeführt, und der jetzt immer noch wie auf Felſen gegründet daſteht, ein Zeuge der gewaltigen Kraft der Vorzeit und ihrer Baukunſt, welche Werke wie für die Ewigkeit gegründet aufführte, beſchämend genug für die jetzige Zeit, wo die prunkenden, neuen Gebäude oft ſchon nach wenig Jahren ihrem Verfalle entgegen⸗ eilen.— Aber durch die Fenſteröffnungen lauſchte jetzt der Nacht⸗ himmel mit den verſchwindenden und wieder auftauchenden Sternen, durch die öden, offenen Hallen, Gänge und Gewölbe ſtrich der Wind, hier und da unheimlich pfeifend, als ob Geiſterſtimmen laut wurden, und ſich klagend von den Tagen ehemaliger Kraft und Herrlichkeit und dann des tiefen Falles erzählten, der einſt über die Hauptſtadt der Welt gekommen und auch dieſes mächtige Bauwerk mit zertrüm⸗ mert hatte. An den Mauern und rieſigen Pfeilern ranken ſich Epheu und einige andere dürftige Rankenpflanzen empor, an den gewaltigen Quadern wuchern Mooſe und Flechten, aus den Ritzen des Mauer⸗ ct. lneigte leichter ier und hinter au des periode wie auf Vorzeit gründet kenden, tgegen⸗ Nacht⸗ sternen, Wind, vurden, riicheit epiſtadt ertrüm⸗ eu und altigen Mauer⸗ — ——— -——— ——— 239 werks ſproſſen magere Geſträucher, Gräſer und Pflanzen. Die halb⸗ zerfallenen Sitze ſind von Erde und Gras, die gewaltige Arena iſt mit Schutt bedeckt.— Die Belebung beſteht am Tage aus Ziegen, die hier dürftige Weide finden, und aus Reiſenden, die theils aus Neugier, theils um zu forſchen hierher geführt werden. Bei Nacht aber treiben Nachtvögel verſchiedener Art ihr Weſen hier; Reiſende, welche das mächtige Bauwerk bei Fackelbeleuchtung und in dem zauberhaften Scheine des Mondlichtes betrachten wollen, durchziehen, geleitet von kundigen Führern mit lodernden Fackeln in der Hand, die düſtern Gewölbe und Galerien; dann finden ſich auch Liebespärchen ein, die hier ſich ein unbelauſchtes Stelldichein geben; ſie glauben wenigſtens unbelauſcht zu bleiben, ohne es aber in der Wirklichkeit zu ſein, denn zur Nachtzeit iſt das Coliſſeum nicht ſelten der Zuſammenkunftsort gefährlicher Menſchen, Banditen treiben ſich hier herum, um vielleicht an irgend einem einſamen Wanderer eine gute Beute zu machen und Verabredungen mit Genoſſen zu treffen; auch finden ſich wohl Leute hier ein, welche der Dienſte irgend eines der Banditen bedürfen und ihn an dieſer Stelle durch hohen Preis anzuwerben ſuchen.— So hat die todte Ruine immerwährend Leben in ſich, wenn gleich verſchieden von dem, welches einſt zur prunkenden Kaiſerzeit hier herrſchte.— 3 Auch heute war die Ruine nicht ſo todt, wie es auf den erſten Anblick ſchien, hin und wieder ſchwirrte ein Nachtvogel aus einem Gewölbe hervor, beſchrieb einen Kreis in der Luft und verſchwand dann ſchnell wieder, wie er gekommen. An einer entfernten Stelle des Gemäuers tauchte von Zeit zu Zeit der Glanz einer einſamen Fackel auf, die mit rothem Lichte die verwitterten Mauern erhellte, und einzelne Schatten bewegten ſich dann in der Helle umher, bis⸗ weilen klein zuſammenſchrumpfend, dann wieder ſich rieſenhaft aus⸗ dehnend, je nachdem das Licht der Fackel fiel.— Dieſes zeigte an, daß eine Geſellſchaft noch die Räume durchſchweifte. Durch die unteren Gewölbe ſchritten langſam und leiſe zwei Männer, nur bisweilen in die dämmernde Helle des ſcheidenden Mondes hinaustretend. „Vampa erwartet mich alſo hier?“ fragte der Eine. „Ja, Benedetto,“ entgegnete Lippi, und dann ſetzte er flüſternd hinzu:„Gedenke meiner Warnung und verrathe durch nichts, daß 240 Deine Abſicht auf den furchtbaren Monte Chriſto geht. Vampa iſt ſchlau und ſcha fſinnig genug, um aus einem unbewachten Worte das Wahre herauszuhören. Das wäre dann für mich wie für Dich gefährlich.“ „Sei ohne Sorge,“ gab Benedetto ruhig zurück,„ich werde mich überwachen, damit Deine werthe Perſon keine Gefahr läuft.— Aber ich muß zugeben, dieſer Platz iſt für ſolche Geſchäfte prächtig gewählt, ich glaube, es könnten hier noch hundert verſchiedene Gruppen ſich bilden und mit einander über die ſchlimmſten Dinge verhandeln, ohne daß die Eine von der Andern Etwas weiß.— Aber wo bleibt Vampa? Ich bin neugierig, den berühmten Häuptling von Angeſicht zu An⸗ geſicht zu ſehen.“ „Wir werden ihn bald ſehen,“ tröſtete Lippi,„denn er iſt nicht gewohnt, lange auf ſich warten zu laſſen, weder dann, wenn er als Freund erſcheint, noch dann, wenn er als Feind kommt.“ Beide gingen noch einige Hundert Schritte weiter durch die Ruinen, dann ließ Lippi einen leiſen Ton hören, ähnlich dem Lockrufe eines Vogels, und dieſer wurde ſofort erwidert. Schritte ließen ſich hören und bald darauf trat aus dem dunklen Gange eine Geſtalt in den helleren Raum, in dem die beiden Männer ſtanden.— So viel Benedetto in dem Dämmerlichte erkennen konnte, war die Geſtalt von mittlerer Größe, aber vollkommen gleichmäßig geformt; die Bekleidung des Mannes war die der wohlhabenderen Landleute der Umgegend Roms und wurde mit größter Eleganz ge⸗ tragen. Dazu kam noch ein kurzer, dunkler Mantel. „Wer ruft?“ fragte der Mann. „Terni und St. Ombroſa,“ entgegnete Lippi. „Ah, Du biſt es, Lippi?“ ſagte Jener.„Was bringſt Du?“ „Ich bringe den Mann, von dem ich Dir ſagte,“ erwiderte Lippi. Vampa, dieſer war es, wendete ſich jetzt zu Benedetto. Er brachte eine Laterne zum Vorſchein, nahm den Deckel ab und ließ einen flüchtigen Schimmer auf den ſpäten Beſucher fallen. Benedetto war es, als ob aus der Dunkelheit zwei Augen gleich glühenden Kohlen auf ihn gerichtet wären, und er konnte ſich eines unwillkürlichen Bebens nicht enthalten. „Was willſt Du von mir?“ fragte Vampa mit ernſter, ruhiger Stimme. Dienſte, das den dn ver Va fallen u aufmerk volſſtänd Benedett 7d „N ai ſeit „T 7E langer; 5 N durch m Va dele, vo Vampa ſt A n te das für Dich h verde mich uft.— Aber htig gewhl, Guppen ſi andeln, ohne eibt Vampa⸗ ſicht zu An⸗ n er ſſ nicht wenn er als 4 err durch die dem Lodktufe dem dunklen iden Männer nnen konnte, glichmäßig hlhabenderen ⸗Eleganz ge⸗ ingſt Dal“ widerte Lippi. . Er brachte d ließ einen henedetto war enden Kohlen nwillkürlichen 1 iger nſier, rühig 241 „Biſt Du Luigi Vampa, das Haupt der freien Söhne der Ka⸗ takomben?“ fragte Benedetto. Vampa bejahte dieſe Frage und wiederholte dann die ſeine nach dem Begehr des Fremden. „Kennſt Du dieſes Zeichen?“ fragte Benedetto, indem er Vampa das dem Courier abgenommene Blatt mit dem rothen Stempel und den verſchlungenen Zügen reichte. Vampa nahm das Bäutt, ließ das Licht ſeiner Laterne darauf fallen und prüfte jedes Wort genau, dabei oft den Ueberbringer mit aufmerkſamem Blicke muſternd.— Endlich ſchien er von der Prüfung vollſtändig befriedigt, er faltete das Blatt zuſammen und gab es Benedetto zurück. „Du kommſt von Monte Chriſto?“ fragte er. „Nicht von ihm ſelbſt,“ entgegnete Benedetto,„aber er ſchickte mir, ſeinem guten Bekannten, von Paris her dieſes Blatt.“ „Wo iſt der Graf jetzt?“ „Er weilt fern von hier, am Ufer des Nils, wird aber in nicht langer Zeit wieder an dem Strande der Tiber wandeln.“ „Ich weiß es.— Dieſes Blatt macht Dich zum Herrn meiner Dienſte, und wie mir Lippi ſagte, machſt Du Anſpruch auf dieſelben.“ „Nicht ich mache Anſpruch, ſondern der Graf Monte Chriſto durch meinen Mund.“ Vampa neigte ſich leicht und fragte dann, um was es ſich han⸗ dele, von welcher Art die Dienſte wären, welche Monte Chriſto ver⸗ lange, wobei er zugleich verſicherte, daß er gern jedem Befehle des Grafen gehorchen wolle, wenn er nicht unmögliche Dinge von ihm verlange. Benedetto erzählte nun, er habe Auftrag, für den Grafen Monte Chriſto einen Act der Strafe zu vollziehen. Jemand, dem er eine Züchtigung, und zwar eine ſchwere, zugedacht, werde in wenig Tagen durch das Gebirge reiſen, er, Benedetto, habe Befehl, dieſe Perſon aufzuheben und nach einem ſicheren Orte in Gewahrſam zu bringen, wo er ihn bewachen ſolle, bis der Graf ſelbſt erſcheine; die ihm zugeſen⸗ dete Vollmacht ſolle dienen, von Luigi Vampa ſich einige entſchloſſene Männer geben zu laſſen, ihn bei dem Unternehmen zu unterſtützen. Vampa forſchte darauf nach dem Namen der betreffenden Perſon, welcher dieſer Streich gelten ſollte. Die Hand des Todten. 2 16 242 „Mir iſt es ſtreng verboten, den Namen irgend Jemand zu nennen,“ entgegnete Benedetto,„und Du wirſt nicht wollen, daß ich meinem Eide untreu und den Befehlen des Grafen ungehorſam werde.— Außer dem Grafen werde ich vielleicht der Einzige ſein, welcher den Namen des bedrohten Mannes kennt, und Du wirſt ihn ſeiner Zeit wohl durch des Grafen Mund erfahren, denn er ſcheint Dir großes Vertrauen zu ſchenken.“ „Er ſcheint nicht blos, ſondern thut es auch wirklich,“ erwiderte Vampa ſtolz und mit Nachdruck,„und deshalb wundert es mich, daß mir der Name verſchwiegen bleiben und überhaupt mir der Auftrag nicht allein übertragen werden ſoll.“ Es klang aus dieſen Worten etwas wie verletzte Eitelkeit durch, und darauf hatte Benedetto nicht gerechnet. „Ich kann nicht darüber urtheilen, weshalb er mir und nicht Dir die Vollziehung des Auftrags anvertraute,“ ſagte er nach langem Beſinnen.„Jedenfalls aber weißt Du, daß der Graf Monte Chriſto nie Etwas ohne beſtimmten Grund unternimmt, und auch glaube ich nicht, daß der Grund, welcher ihn veranlaßt, Alles mir zu über⸗ tragen, etwas Nachtheiliges für Dich hat, denn ſonſt würde er Deine Mithilfe nicht in Anſpruch nehmen, da in den Gebirgen ſo viele Arme ſind, die ſich auf den erſten Wink für ihn heben würden.“ Vampa ſtimmte dem bei und zeigte ſich durch Benedetto's Er⸗ klärung befriedigt. Er fragte nur noch, wenn er ſeine Hilfe verlange und wie viel Männer er dazu ſtellen ſolle. „In drei Tagen werde ich von Dir ſechs zuverläſſige Männer verlangen,“ entgegnete Benedetto, froh, daß der gefürchtete Räuber⸗ hauptmann ſich ſo leicht überzeugen und in Allem ſo fügſam finden ließ. „Gut,“ ſagte Vampa,„in drei Tagen werde ich ſelbſt Dir ſechs Männer zuführen.“ „Du wilſſt alſo ſelbſt dabei ſein?“ fragte Benedetto, unangenehm berührt durch des Hauptmanns Worte. „Allerdings, mein Freund,“ erwiderte Vampa nachdrücklich,„denn ich kann dem Grafen Monte Chriſto auf keine Weiſe beſſer meine Ergebenheit bezeigen, als wenn ich mich perſönlich jeder Dienſtleiſtung zu ſeinem Vortheile unterziehe.“ Benedetto biß die Zähne zuſammen, um einen leiſen Fluch, der ihm auf den Lppen ſchwebte, zu unterdrücken. * demand zu —, daß ic ngehorſam inöge ſein, 1 wirſt ihn Ker ſcheint erwiderte 3mc, daß der Aufttag ekeit durc, und nicht ach langem inte Chriſto uch glaube ir zu über⸗ de er Deine viele Atme detto's Er⸗ ife verlange ge Männet ie Näuber⸗ finden ließ. ſt Dir ſechs nangenehm lich, denn tſſer meine enſileiſtung Jluch, der 243 „Der Graf kennt Deine Ergebenheit bereiis, ſo daß fernere Be⸗ weiſe nicht nöthig erſcheinen,“ ſagte er. „Wirklich,“ murrte Vampa.„Oder glaubt der Graf Monte Chriſto vielleicht, die Augen Luigi Vampa's dürften das nicht ſehen, was ſeiner Leute Augen ſehen?“ „Das glaube nicht,“ beruhigte Benedetto,„aber Erſtens könnte es kommen, daß Dir in der Nähe ein gewinnreiches Unternehmen winkte, welches Du verſäumteſt, und dann, da mir der Auftrag wurde und nicht Dir, ſo müßte ich die Führung der Leute beanſpruchen, für Dich aber würde es nicht paſſen, wenn Du Dich unter meiner Führ⸗ ung ſtellen wollteſt.“ „Ah ſo!“ machte Vampa.„Corpo di Bacho, Du haſt Recht! — Gut, ich werde zurückbleiben und Dir die verlangten ſechs Männer ſtellen. Monte Chriſto ſoll ſich nicht über Mangel an Dienſteifer zu beklagen haben.“ 4 Wäre es heller geweſen, ſo würde Benedetto den drohenden Blick geſehen haben, der aus des Banditenhäuptlings Augen auf ihn hin flammte, und dieſer Blitz, glühend und unheildrohend, würde den, dem er galt, vorſichtig, ſelbſt beſorgt gemacht haben. „Wie iſt Dein Name?“ fragte Vampa nach einer Pauſe. „Geronimo Salicetti,“ entgegnete Benedetto keck. „Gut, Geronimo, ich werde ihn nicht vergeſſen,“ ſagte Vampa mit ruhigem Tone, aber finſter drohenden Blicken.„Einſtweilen bleibt es bei dem Geſagten. In drei Tagen alſo.“ „In drei Tagen,“ wiederholte Benedetto. Geräuſch näher kommender Schritte, helles, durch das Gewölbe dringendes Fackellicht unterbrach das Geſpräch. Die drei Männer traten unwillkürlich mehr an den nächſten, mächtigen Pfeiler, ſich von ihm bedecken zu laſſen; ſie waren ja Alle gewohnt, ſich bei jeder außerordentlichen Gelegenheit ſo raſch als möglich beobachtenden Blicken zu entziehen und dafür ſelbſt zu beobachten. Helle Stimmen ließen ſich hören, vorzüglich eine klang hervor. „Das ſind Frauenſtimmen,“ ſagte Vampa leiſe.„Wahrſcheinlich Engländerinnen.“ „Nein,“ murmelte Benedetto,„ich ſollte dieſe Stimme kennen.“ Er wollte ſich zugleich noch weiter zurückziehen, doch Vampa hielt ihn feſt. 4 244 „Ei,“ ſagte er,„Du wirſt doch vor Damen nicht entlaufen wollen?— Wenn Du die Damen wikklich kennſt, ſo feierſt Du hier vielleicht eine Scene unerwarteten Wiederſehens.“ Benedetto ſchien aber nach dieſer Scene gar nicht begierig zu ſein, denn er zog ſich wieder hinter den Pfeiler zurück und Vampa folgte mit Lippi ſeinem Beiſpiele, denn die Stimmen näherten ſich ſo raſch, daß die Geſellſchaft bald hier zu erwarten war. Nach einigen Minuten erſchienen auch, geleitet von zwei Führern, drei Damen, eine ältere in ſchwarzer Kleidung und zwei jüngere, welche letztere fröhlich plauderten und ſich halb ſcherzend ihre Bemerk⸗ ungen über die von ihnen durchwandelten Räume mittheilten, während die ältere zwar freundlich, aber auch ernſt und ſchweigſam blieb. „Wirklich, Louiſe,“ ſcherzte die Jüngſte,„ich komme mir ſonderbar vor, wenn ich ſo bei Fackellicht durch dieſe Ruinen wandere.“ „Ich mir nicht minder, Eugenie,“ entgegnete die Andere.„Aber es iſt auch ſchauerlich dabei, mir iſt, als müßten meine Fußtritte die Geiſter jener alten Römer wecken, welche dieſe Mauern aufführten und dann hier den blutigen Spielen zuſchauten.— Mir kommt es vor, als würden dort Gladiatoren auftauchen, die Schwerter zum Todeskampfe gezückt.“ „Schweig' um Himmels willen,“ rief Eugenie halb lachend, halb ernſt,„Du wirſt mich zur Geiſterſeherin machen!— Hu, ich höre ſchon die wilden Beſtien brüllen!— Aber es ſind wohl nur die Hunde, welche auf dem Capitol die Poſten der unſterblichen Gänſe einnehmen.“ „Du wirſt mir aber zugeſtehen, daß ſo ein alter Römergeiſt in wallender Toga eine höchſt paſſende Staffage wäre,“ ſcherzte Louiſe; „es wäre romantiſch und gäbe ein ergötzliches Abenteuer.“ „Das beſtreite ich Dir,“ erwiderte Eugenie,„es wäre ein Aben⸗ teuer, welches die Haare zu Berge triebe, und dabei finde ich nichts Ergötzliches.— Nein, in einer römiſchen Ruine iſt zur Nachtzeit die paſſendſte, Belebung ein ſtattlicher Räuber, und darin läge Romantik, wenn ſo ein großmüthiger Rinaldo Rinaldini uns entgegenträte, uns höflich begrüßend; ſo zum Beiſpiel der Vampa, von dem man ſo viel erzählt.“ „Meine Damen,“ warnte der Aeltere,„treiben Sie den Scherz entlaufen ddu hier tgierig zu d Vampa herten ſich Führem, jüngere, Bemelk⸗ während blieb. ſonderbar 1 e.„Aber ßtritte die nufführten kommt es erter zum end, halb ich höre ie Hunde, nehmen.“ ergeiſt in te Louiſe; ein Aben⸗ ich nichte dtzeit die ſomantik, räte, und man ſo en Scherz 245 nicht ſo weit, Sie wiſſen, man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen, und das Coliſſeum iſt zur Nachtzeit nicht der ſicherſte Ort.“ „Ja, komm, Eugenie,“ nahm auch Louiſe, ernſter geworden, das Wort,„wir haben genug geſehen und wollen nur wünſchen, daß wir nicht noch gewiſſe Leute ſehen.“ Louiſe zog Eugenie mit ſich fort. Plötzlich zuckte Eugenie zuſammen. „Horch, was regte ſich da hinter dem Pfeiler?“ fragte ſie ängſtlich. „„Komm fort, komm fort,“ rief Louiſe. Aber ſchon ſtand eine raſch hinter dem Pfeiler hervorgetretene männliche Geſtalt vor der Geſellſchaft.— Das volle Licht der Laterne fiel auf ſie und zeigte ein edles, fein geſchnittenes, etwas bleiches Geſicht mit brennenden, ſchwarzen Augen, ſorgſam gepflegtem Locken⸗ haar und kleinem Bärtchen, gekleidet in ländlich⸗romantiſches Coſtüm, zum Theil verdeckt durch den maleriſch drapirten Mantel.— Es war Luigi Vampa. Galant den Hut ziehend, nahte er ſich Eugenien. „Was man wünſcht, wird oft erfüllt,“ ſagte er.„Erlauben Sie mir, daß ich Sie aus der Raine geleite.“ Die Führer ſtarrten den kecken Ritter an. Sie kannten ihn und bebten. Aber auch Eugenie bebte und klammerte ſich ängſtlich an Louiſe. „Um Gottes willen, laſſen Sie mich,“ flehte ſie.„Was wollen Sie?“ „Erſchrecken wollte ich Sie nicht, meine Damen, ſondern nur einen Theil Ihrer Wünſche erfüllen,“ antwortete Vampa höflich. „Gute Nacht, meine Damen.“ Er verbeugte ſich voll Artigkeit vor den Damen und war im nächſten Augenblicke wieder in der Finſterniß verſchwunden. Die Führer ſchlugen ein Kreuz und eilten dann mit ſo ſchnellen Schritten davon, ſo daß die erſchreckten Damen ihnen kaum folgen konnten und mehr als ein Mal in Gefahr waren, über die Trümmer⸗ haufen hinwegzuſtürzen. Hinter dem Pfeiler aber faßte Vampa Benedetto's Arm. „Du kennſt dieſe Damen?“ fragte er. „Ich dächte doch,“ war die Antwort. „Wer war die Dame, die mich zu ſehen wünſchte??“ „Eugenie, die Tochter des Baron Danglars in Paris.“ „Wo lebt ſie hier?“ „Ich weiß es nicht.“ „Gut, dann werde ich es zu erfahren wiſſen.“ Damit eilte Vampa raſch davon und die Zurückbleibenden ſchauten ihm verwundert nach. — L4uck à Nerlag von rr. t MTes deL. Die Giftmischerin. —— — — .— 1 — —— rey Control Chart Green vellow Hed Magenta Grey 2 6 em .