— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„ 3„=.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — -——— — B=== der Graf von Monte⸗Chriſto. Roman von Alerander Dumas. Mit colorirten Abbildungen. Sechster Theil. ——— Dresden Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. XCIII. Der Selbſtmord. Auch Monte⸗Chriſto war mit ſeinen beiden Begleitern zur Stadt zurückgekehrt. Der Rückweg war heiter. Emanuel verhehlte die Freude nicht, daß der Friede über den Krieg geſiegt hatte, und geſtand laut ſeine menſchenfreundlichen Geſinnungen. Morrel ließ, in eine Wagen⸗ ecke zurückgelegt, die Heiterkeit ſeines Schwagers ſich in Worten Luft machen, ſeine Freude war tiefer, inniger, aber ſie glänzte nur in ſeinem Blicke. An der Barriere du Tröne bemerkten ſie Bertuccio, der, ſie erwartend, ſtarr und unbeweglich daſtand, wie eine Schildwache auf ihrem Poſten. A Der Graf wechſelte einige leiſe Worte mit ihm, worauf der Haushofmeiſter enteilte. Als ſie auf der Place royale ankamen, bat Emanuel um die Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen, damit ſeine Frau ſich weder um ihn noch um den Grafen länger ängſtige. „Ich würde den Herrn Grafen bitten, uns zu begleiten,“ ſagte Morrel,„er hat gewiß gleichfalls zagende Herzen zu beruhigen, wir wollen uns deßhalb Beide empfehlen.“ „Halt, meine Freunde,“ rief Monte⸗Chriſto,„berauben Sie mich nicht plötzlich meiner beiden Begleiter, beruhigen Sie Ihre liebenswürdige Frau, der ich mich auf das Verbindlichſte zu empfeh⸗ len bitte, und begleiten Sie, Morrel, mich nach den elyſäiſchen Feldern.“ „Herzlich gern, Graf, um ſo lieber, da ich in Ihrer Gegend Geſchäfte habe.“ ——y 1198 „Können wir Dich zum Frühſtück erwarten?“ fragte Emanuel. „Nein,“ entgegnete Maximilian. Sein Schwager ſtieg aus, die Equipage rollte weiter. „Sehen Sie, ich habe Ihnen Glück gebracht,“ rief Morrel heiter, als er mit dem Grafen allein war.„Haben Sie noch nicht daran gedacht?“ „Gewiß,“ ſagte Moͤnte-⸗Chriſto,„deßhalb wollte ich Sie ja bei mir haben.“ „Es iſt wunderbar,“ fuhr Morrel, wie zu ſich ſelbſt ſprechend, weiter fort. „Was denn?“ fragte der Graf. „Das eben Geſchehene.“ „Ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto lächend,„Sie haben das rechte Wort gewählt, es iſt wunderbar.“ „Denn,“ ſagte Morrel,„Albert iſt tapfer.“ „Sehr tapfer,“ rief Monte⸗Chriſto,„ich habe ihn ſchlafen ſehen, während der Dolch über ſeinem Haupte ſchwebte.“ „Und ich weiß, daß er ſich zweimal, und zwar ganz vorzüg⸗ lich geſchlagen hat,“ ſagte Morrel,„wie reimen ſie das mit ſeinem heutigen Betragen?“ „Stets Ihr Einfluß,“ entgegnete der Graf lächelnd. „Es iſt gut für Albert, daß er nicht Soldat iſt...“ „Wie ſo?“ „Entſchuldigungen auf dem Wahlplatze!“ ſagte der junge Ca⸗ pitain, den Kopf ſenkend. „Ei, ei,“ ſagte der Graf ſanft,„hegen Sie nicht die Vorur⸗ theile gewöhnlicher Menſchen, Morrel, Sie ſagen ſelbſt, Albert iſt tapfer, wie können Sie ihn für feige zugleich halten? Fühlen Sie nicht, daß Gründe von der höchſten Wichtigkeit ſeine Handlungs⸗ weiſe beſtimmt haben, und daß ſein Betragen eher heroiſch zu nennen iſt.“ „Gewiß, gewiß,“ ſagte Morrel,„aber ich ſage wie der Spa⸗ nier: geſtern war er tapferer als heute.“ „Sie frühſtücken doch mit mir?“ fragte der Graf, um das Geſpräch kurz abzuſchneiden. „Nein, ich verlaſſe Sie um Zehn.“ „Alſo wollen Sie anderswo frühſtücken?“ ——— =— ᷣ-— licerweiſei mir über 3 „Mein Nein.“ „Und Graf ſo leb dieſes Gehe 36! habe, nicht Statt die Hand. „Nun bei Ihnen dahin gehe „Gehe Sie irgend zen Herzen mächtig bit wende, die „D,“ erinnern, wenn fern, Gre „Gu „Auf Der aus, Ber⸗ Mor hofmeiſte „N. „N. „Ul en das ſchlafen vorzüg⸗ ſeinem ge Ca⸗ orur⸗ art iſt Sie ungs⸗ ch zu Spa⸗ m da⸗ —— 1199 Lächelnd ſchüttelte Morrel den Kopf. „Aber Sie müſſen doch frühſtücken?“ „Wenn ich nun keinen Hunger habe?“ „Ah,“ rief Monte⸗Chriſto,„ich kenne nur zwei Empfindungen, die den Hunger rauben, den Schmerz,(und dazu ſind Sie glück⸗ licherweiſe zu heiter,, und die Liebe. Und nach dem, was Sie mir über Ihr Herz geſagt haben, darf ich wohl glauben...“ „Meiner Treu, Graf,“ rief Morrel heiter,„ich ſage nicht Nein.“ „Und Sie erzählen mir das nicht, Maximilian?“ ſprach der Graf ſo lebhaft, daß man ſah, wie viel ihm darum zu thun war, dieſes Geheimniß zu kennen. „Ich habe Ihnen dieſen Morgen gezeigt, daß ich ein Herz habe, nicht wahr, Graf?“ Statt aller Antwort reichte Monte⸗Chriſto ſeinem jungen Freunde die Hand. „Nun wohl,“ fuhr dieſer fort,„ſeit mein Herz nicht mehr bei Ihnen im Gehölz von Vincennes iſt, weilt es anderswo, und dahin gehe ich.“ „Gehen Sie denn,“ ſagte der Graf langſam,„aber ſollten Sie irgend auf ein Hinderniß ſtoßen, o ſo bitte ich Sie vom gan⸗ zen Herzen, erinnern Sie ſich, daß ich Ihr Freund, und ziemlich mächtig bin, daß ich dieſe Macht gern zu Gunſten der Leute an⸗ wende, die ich liebe, und daß ich Sie liebe, Morrel?“ „O,“ rief der junge Capitain,„ich werde mich Ihrer Worte erinnern, wie die verzogenen Kinder ſich ihrer Eltern erinnern, wenn ſie dieſelben nöthig haben. Vielleicht iſt der Augenblick nicht fern, Graf, in welchem ich mich an Sie wende.“. „Gut, möchten Sie Wort halten! Adieu denn.“ „Auf Wiederſehen.“ Der Wagen hielt vor dem Hotel des Grafen. Beide ſtiegen aus, Bertuccio ſtand an der Treppe. Morrel empfahl ſich, und Monte⸗Chriſto winkte ſeinen Haus⸗ hofmeiſter zu ſich. „Nun?“ fragte er. „Nun, ſie verläßt ihr Haus.“ „Und ihr Sohn?“ 1200 „Sein Kammerdiener Florentin glaubt, er wird daſſelbe thun.“ „Komm.“ Und Monte⸗Chriſto ging mit Bertuccio in ſein Kabinet, ſchrieb den Brief und ſandte den Haushofmeiſter damit weg. „ Apropos,“ rief er,„ich laſſe Haydée wiſſen, daß ich zurück⸗ gekehrt bin.“ „Da bin ich,“ rief dieſe, durch das Geräuſch des Wagens be⸗ nachrichtigt und ganz außer ſich vor Freude, den Grafen friſch und geſund wieder zu ſehen. Alles Entzücken einer Tochter, die ihren Vater, die ganze Se⸗ ligkeit einer Geliebten, die ihren Geliebten wiederſieht, den ſie an⸗ betet, empfand Haydée während der erſten Augenblicke dieſer von ihr ſo ungeduldig erwarteten Rückkehr. Gewiß war Monte⸗Chriſto's Freude eben ſo tief und innig, wenn auch weniger mittheilend. Die Freude erfriſcht Herzen, die lange gelitten haben, ſo ſehr als der Thau die durch die Sonne ausgedörrte Erde; Herz und Erde ſaugen dieſen wohlthätigen Thau ein, und man gewahrt nach außen nichts davon. Seit einigen Tagen empfand Monte⸗Chriſto ein Gefühl, an das er ſeit lange nicht zu glauben wagte, es gab zwei Mercedes in der Welt und er konnte noch glücklich ſein. Sein freudeglühendes Auge verſenkte ſich in Haydée's Blick, als die Thüre geöffnet ward. Der Graf furchte die Stirn. „Herr von Morcerf,“ meldete Baptiſtin, als entſchuldige ihn dieſes eine Wort. Wirklich klärte ſich das Geſicht des Herrn auf. „Welcher?“ fragte er.„Der Graf oder der Vicomte?“ „Der Graf.“ „Mein Gott,“ ſchrie Haydée,„iſt denn noch nicht Alles vorbei.“ „Ich weiß nicht, ob noch nicht Alles vorbei iſt, mein vielge⸗ liebtes Kind,“ ſagte der Graf, yre Hände drückend,„aber das weiß ich, daß Du nichts zu fürchten haſt.“ „Aber es iſt doch der Niederträchtige.. 7 „Dieſer Mann kann mir nichts anhaben, Haydée, ich hatte mit ſeinem Sohne zu thun, den er zu fürchten hat.“ ———P—:— ———— „Au (äten hat Der Be „B0 Kopf des wenn Un „Ich ſagte das Mor Beider 9 M ic noch ſagte er zimmer. Sage Chriſto v Beſuch. Väl tigt war, hinter de bar ward der Lauſ vorging. Vor das Schl dem Hof da ſeines e ſehr lau Do ſeinen D den Gr digung Albert —7 s 15 „Auch wirſt Du nie wiſſen, mein Gebieter, wie ſehr ich ge⸗ litten habe.“ Der Graf lächelte. „Bei dem Grabe meines Vaters,“ rief er, die Hand auf den Kopf des jungen Mädchen legend,„ich ſchwöre Dir, Haydée, daß, wenn Unglück paſſirt, es nicht auf mich zurückfällt.“ „Ich glaube Dir, mein Gebieter, als ob Gott zu mir ſpräche,“ ſagte das junge Mädchen, dem Grafen ihre Stirn bietend. Monte⸗Chriſto hauchte einen Kuß auf dieſe reine Stirn, der Beider Herzen, das eine heftig, das andere dumpf ſchlagen machte. „O mein Gott,“ flüſterte der Graf,„erlaubſt Du denn, daß ich noch einmal liebe! Laß den Grafen in den Salon treten,“ ſagte er dann zu Baptiſtin und geleitete die ſchöne Griechin in ihr Zimmer. Sagen wir ein Wort der Erklärung über dieſen von Monte⸗ Chriſto vielleicht, von unſern Leſern jedoch gewiß nicht erwarteten Beſuch. Während Mercedes auf die vorhin beſchriebene Weiſe beſchäf⸗ tigt war, hatte ſie nicht bemerkt, daß ein bleicher, düſterer Kopf hinter den Scheiben einer auf den Corridor gehenden Thür ſicht⸗ bar ward. Ohne geſehen noch gehört zu werden, ſah und hörte der Lauſcher Alles, was in dem Zimmer der Frau von Morcerf vorging. Von hier aus trat der Mann mit dem bleichen Geſichte in das Schlafzimmer des Grafen von Morcerf, wankte an das nach dem Hofe führende Fenſter und hob den Vorhang. Da blieb er zehn Minuten, unbeweglich, ſtumm, die Schläge ſeines eigenen Herzens hörend. Für ihn waren die zehn Minuten ſehr lang. Da kehrte Albert von ſeinem Rendezvous zurück und wandte, ſeinen Vater hinter dem Vorhang bemerkend, den Kopf weg. Das Auge des Grafen erweiterte ſich, er wußte, daß Albert den Grafen furchtbar beleidi gt hatte, und daß einer ſolchen Belei⸗ digung in der ganzen Welt ein Duell auf Leben und Tod folgt. Albert kehrte friſch und geſund zurück, alſo er hatte ſeinen Vater gerächt. Ein Strahl unbeſchreiblicher Freude verklärte dieſes düſtere Der Graf von Monte⸗Chriſto. 76 ————— 2— 1202 Geſicht, gleich der Sonne, deren letzte Strahlen im Nebel wie in einem Grabe verſchwinden. Aber umſonſt erwartete er, daß der junge Mann zu ihm kommen, ihm ſeine Triumphe mittheilen werde; daß ſein Sohn vor dem Kampfe den Vater nicht geſehen hatte, deſſen Ehre er rächen wollte, fand er begreiflich, aber warum kam er jetzt, da ſeine Ehre gerächt war, nicht, den harrenden Vater zu umarmen? Er kam nicht.... Da ſchickte der Graf nach Alberts Kammerdiener, und welchen Befehl dieſer von ſeinem Herrn erhielt, wiſſen wir. Zehn Minuten ſpäter verließ der Graf, ganz ſchwarz gekleidet, ſein Zimmer, und ſtieg in ſeine Equipage. Sein Kammerdiener brachte ſeinen Militairmantel, ſteif durch die beiden Degen, welche er verbarg, dann ſchloß er die Thür und nahm neben dem Kutſcher Platz. „Nach den elyſäiſchen Feldern, zum Graf von Monte⸗Chriſto,“ rief dee General,„ſchnell.“ Vor dem Hauſe des Grafen angekommen, öffnete Herr von Morcerf ſelbſt den Schlag, ſprang, noch ehe die Pferde hielten, wie ein junger Mann zur Erde, ſchellte, und lerhaund mit ſeinem Diener in der geöffneten Thür. 3 Zum dritten Male hatte der Graf den Salon in ſeiner ganzen Länge durchſchritten, als Monte⸗Chriſto in die Thür trat.. „Ach, wirklich Herr von Morcerf,“ ſagte er ruhig,„ich. glaubte, falſch gehört zu haben.“ „Ja, ich bin es,“ ſagte der Graf, die Lippen ſo furchtbar zuſammenziehend, daß man ihn kaum verſtehen konnte. „Und was verſchafft mir das Vergnügen, den Herrn Graſen ſo früh bei mir zu ſehen?“ „Sie haben dieſen Morgen eine Rencontre nrit meinem Sohne gehabt, mein Herr?“ ſagte der General. „Sie wiſſen das?“ entgegnete Monte⸗ Ehriſto. „Und ich weiß auch, daß mein Sohn gute Gründe hatte, den Kampf mit Ihnen zu wünſchen, und daß er Alles thun mußte, Sie zu tödten.“ „In der That, ja, aber Sie ſehen, daß er mich trotz dieſer Gründe nicht getödtet, ja, ſich nicht einmal geſchlagen hat.“ 120³ „Und dennoch hielt er ſie für die Urſache von ſeines Vaters Untergang und von dem Mißgeſchick, das jetzt auf meinem Hauſe laſtet.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ ſagte Monte⸗Chriſto mit ſeiner ſchrecklichen Ruhe. „Ohne Zweifel haben Sie ſich gegen ihn erklärt oder ihm Entſchuldigungen gemacht.“ „Keins von Beidem.“ „Aber was konnte dann ſeinem Betragen zu Grunde liegen?“ „Die Ueberzeugung wahrſcheinlich, daß es in dem Allen noch einen Mann gab, der weit ſchuldiger war als ich.“ „Und wer war dieſer Mann.“ „Sein Vater.“ „Sei es,“ ſagte der Graf erbleichend,„aber Sie wiſſen, daß ſelbſt der Schuldigſte ſich nicht gern von ſeiner Straffälligkeit über⸗ zeugt.“ 5 „Ich weiß es... Auch war ich auf das vorbereitet, was jetzt geſchieht.“ „Sie erwarteten, daß mein Sohn ein Feigling war,“ ſchrie der Graf. 1 „Herr Albert von Morcerf kein Feigling,“ ſagte Monte⸗ Chriſto. 4.* „Ein Mann, der einen Degenin der Hand hält, ein Mann, deſſen tödtlicher Feind vor ihm ſteht, und der ſich dennoch nicht ſchlägt, iſt ein Feigling! O, weshalb iſt er nicht hier, damit ich es ihm ſagen kann.“. „Mein Herr,“ entgegnete Monte⸗Chriſto kühl,„ich kann nicht annehmen, daß Sie zu mir gekommen ſind, um mich von Ihren kleinen Familien⸗Verhältniſſen a punterhalten. Sagen Sie das Herrn Albert, vielleicht antwortet er Ihnen.“ „O nein, nein,“ ſagte der General, mit einem Lächeln, das augenblicklich verſchwand,„Sie haben Recht, deßhalb bin ich nicht gekommen, wohl aber, Ihnen zu ſagen, daß auch ich Sie als Feind betrachte, daß ich Sie inſtinktmäßig haſſe, daß es mir ſcheint, als habe ich Sie ſtets gekannt, ſtets gehaßt. Und da es nicht Sitte ſcheint, daß die jungen Leute dieſes Jahrhunderts ſich ſchlagen, denke ich, iſt an uns die Reihe... Iſt das auch Ihre Meinung?“ 76* — 1204 „Vollſtändig, und wenn ich behauptete, erwartet zu haben was geſchehen werde, ſo wollte ich von Ihrem Beſuche ſprechen, Herr⸗ von Morcerf.“ „Deſto beſſer... Sind Ihre Vorbereitungen getroffen?“ „Das ſind ſie ſtets.“ „Sie wiſſen, daß es ein Kampf auf Leben und Tod ſein wird,“ murmelte der General. „Ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto, den Kopf leicht in die Höhe werfend. „So laſſen Sie uns eilen, Zeugen ſind überflüſſig.“ „Wirklich, das iſt unnütz, wir kennen einander ſo gut.““ „Im Gegentheil,“ rief der General,„wir kennen uns ja gar nicht.“ „Bah,“ ſagte Monte⸗Chriſto mit demſelben zur Verzweiflung bringenden Pflegma,„laſſen Sie ſehen. Sind Sie nicht der Sol⸗ dat Fernand, welcher am Vorabende der Schlacht bei Waterloo deſertirte?— Sind Sie nicht der Lieutenant Fernand, welcher der franzöſiſchen Armee in Spanien als Spion diente? Sind Sie nicht der Capitain Fernand, der ſeinen Wohlthäter Ali verrieth und mordete? Und ſind alle dieſe Fernands nicht in dem General⸗ lieutenant und Pair von Frankreich, Grafen von Morcerf ver⸗ einigt?“ 4 „O,“ ſchrie der Graf, wie von einem glühenden Eiſen getroffen, „Niederträchtiger, der Du vielleicht im Begriffe ſtehſt mich zu tödten, nein, ich habe nicht geſagt, daß ich unſchuldig wäre, ich weiß wohl Dämon, daß Du, die Nacht durchdringend, in dem Buche meiner Vergangenheit geleſen haſt, aber vielleicht liegt in mir, trotz meiner Schande noch mehr Ehre als in Dir, unter Deiner ſchimmernden Außenſeite. Nein, nein, Du kennſt mich, das ſehe ich wohl, aber ich kenne Dich nicht, Abenteurer mit Gold und Edelſteinen ſapagaq In Paris läßt Du Dich Graf von Monte⸗Chriſto, in Italien Sind⸗ bad der Seefahrer, in Malta Gott weiß wie nennen. Aber welches iſt der einzig wahre Name unter dieſen hundert erborgten, ich will, ich muß ihn wiſſen, damit ich Dich wenigſtens einmal auf dem Kampfplatze ſo nenne, wenn ich Dir meinen Degen in das Herz. ſtoße.“ 8. Der Graf von Monte⸗Chriſto ward entſetzlich bleich, ſein Auge 1205 glühte, er ſprang in ſein Kabinet und kleidete ſich dort mit Blitzes⸗ ſchnelle in den Anzug eines Seemanns. So erſchien er, erſchreckend, unerbittlich, mit gekreuzten Armen vor dem General, der erſchreckt und todesbleich einen Schritt zu⸗ rückprallte, und ſich gegen einen Tiſch ſtützten mußte. „Fernand,“ rief er,„von meinen hundert Namen habe ich nur nöthig Dir einen zu nennen, um Dich zu zerſchmettern, aber nicht wahr, dieſen einen wirſt Du errathen? oder Du wirſt Dich ſeiner vielmehr erinnern? denn ungeachtet meines tiefen Kummers, meiner furchtbaren Qualen, zeige ich Dir heute ein Geſicht, welches die Freude der Rache verjüngt hat, ein Geſicht, welches Du ſeit Deiner Verheirathung oft in Deinen Träumen geſehen haben mußt, ſeit Du Mercedes, meine Braut, heiratheſt.“ Den Kopf hintenübergebeugt, die Arme erhoben, ſah der General ſtarren Blicks dieſe furchtbare Scene an, dann, ſich an die Mauer ſtützend, ſchlich er zur Thür und ſtieß nur dieſen einen finſtern, klagenden, herzzerreißenden Schrei aus: „Edmond Dantes.“ Dann ſchleppte er ſich mit Seufzern, die nichts Menſchliches mehr hatten, die Treppe herab, wankte wie ein Betrunkener durch den Hof, fiel in die Arme ſeines Kammerdieners und flüſterte matt: „Nach Haus! nach Haus!“ Die friſche Luft und die Schaam vor ſeinen Leuten brachte iihn wieder zu ſich, aber je näher der General ſeinem Hauſe kam, je heftiger ward ſein Schmerz. Einige Schritte vor dem Hotel ſtieg er aus. Die Thür war weit offen, ein Fiaker, ganz überraſcht in dieſe, 4 prächtige Wohnung beſtellt zu ſein, hielt in der Mitte des Hofes, der Graf ſah ihn mit Schrecken, aber er wagte nicht zu fragen und eilte in ſeine Zimmer.— Zwei Perſonen kamen die Treppe herab. Sie zu vermeiden, trat er in ein Kabinet. Es war Mercedes, die ſich auf ihres Sohnes Arm ſtützte. Sie gingen nur zwei Zoll bei dem Unglücklichen vorüber, der faſt durch Mercedes ſeidnes Kleid geſtreift ward und deutlich Alberts Worte hörte: „Muth, Muth, theure Mutter, wir ſind hier nicht mehr zu Hauſel“ 1206 Es ward ſtill, die Schritte verhallten. Der General griff mit ſeinen krampfhaft zuſammen gezogenen Handen in den faltigen Damaſtvorhang, er unterdrückte das ſchmerz⸗ lichſte, furchtbarſte Schluchzen, welches ſich je der Bruſt eines Vaters entrang, den Frau und Sohn zugleich verließen. Bald hörte er die Thür des Fiakers zuſchlagen, der Wagen ſetzte ſich in Bewegung, da ſtürzte er in ſein Schlafzimmer, um das noch einmal zu ſehen, was er in der Welt ſo ganz und einzig geliebt, aber weder Mercedes noch Alberts Kopf ward ſichtbar, um dem einſamen Hauſe, dem verlaſſenen Vater und Gatten den letzten Blick des Scheidens, der Wehmuth und der Verzeihung zu ſenden. Und als der Wagen mit dumpfem Widerhall durch das Thor rollte, ward ein Schuß durch das ganze Haus gehört, dichter Rauch drang durch die Fenſter des Schlafzimmers,... die Gewalt der Exploſion hatte es zerſprengt. —— - CXII. Valentine. Man erräth, wo Morrel Geſchäfte hatte und wohin er eilte. Morrel ging langſam auf das Haus des Herrn von Villefort zu. Wir ſagen langſam, weil es noch zu früh war. Aber er hätte mit ſeinem vollen Herzen nicht länger bei Monte⸗Chriſto bleiben können. Er wußte genau ſeine Zeit: die Stunde, in der Valentine bei Noirtier zugegen war, ſicherte den Liebenden ein ungeſtörtes Beiſammenſein. Noirtier hatte ihm nämlich wöchentlich zwei Be⸗ ſuche bewilligt und er benutzte nur zu gern dieſes ſüße Recht. Als er anlangte, erwartete Valentine ihn ſchon. Unruhig, faſt betäubt, drückte ſie ihm die Hand und führte ihn zu ihrem Großvater. Dieſe Unruhe war eine Folge des Aufſehens, welches Morcerſ's Abenteuer in der Oper, in der Welt gemacht hatte. Man zweifelte nicht, daß ein ernſtes Duell die Folge ſein müſſe; Valentine hatte mit ihrem weiblichen Inſtinct gleich errathen, daß Morrel dem Grafen von Monte⸗Chriſto ſecundiren werde. Den Muth ihres Geliebten, und die warme, innige Freundſchaft deſſelben für den Grafen kennend, fürchtete ſie, er habe ſich nicht mit der ihm zu⸗ getheilten paſſiven Rolle begnügt. Man wird ſich denken können, wie genau und ausführlich Mor⸗ rel nun Alles erzählen mußte, und welche unbeſchreibliche Freude in den Augen ſeiner Geliebten über den weniger glücklichen als unerwarteten Ausgang dieſer ſchrecklichen Sache ſtrahlte. „Jetzt,“ ſagte Valentine, Morrel bittend, ſich neben ihren Großvater zu ſetzen, und ſelbſt auf einem Tabouret zu deſſen Füßen Platz nehmend,„jetzt wollen wir ein wenig von unſeren Angelegen⸗ heiten ſprechen. Sie wiſſen, Maximilian, daß der gute Großpapa 1208 einen Augenblick lang den Gedanken hegte, dieſes Haus zu verlaſſen und eine Wohnung außer dem Hotel meines Vaters zu beziehen.“ „Ja gewiß,“ rief Morrel,„ich erinnere mich dieſes Planes und war ſelbſt ſehr damit einverſtanden.“ „Nun,“ ſagte Valentine,„ſo freuen Sie ſich, der gute Groß⸗ papa führt dieſen Entſchluß aus.“ „Herrlich!“ rief Maximilian. „Und wiſſen Sie,“ fragte Valentine,„weshalb der gute Großpapa das Haus verläßt?“ Noirtier ſah ſeine Enkelin an als ob ſie ſchweigen ſolle, aber Vatentine bemerkte es nicht, ihr Blick, ihr Lächeln war nur für Morrel. „O, was auch der Grund ſein mag,“ rief dieſer,„ich erkläre, daß er gut iſt.“ „Vortrefflich,“ ſagte Valentine,„er meint, die Luft der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Honoré tauge nicht für mich.“— „Ach ja Valentine,“ rief Morrel,„Herr von Noirtier kann wohl Recht haben. Seit vierzehn Tagen ſehen Sie ſehr leidend und angegriffen aus.“ „Ja, es iſt wahr, ein wenig,“ entgegnete Valentine,„auch verſteht Großpapa die Stelle eines Arztes zu vertreten, und da er Alles weiß, ſetze ich das größte Vertrauen ihn ihn.“ „Alſo leiden Sie wirklich, Valentine?“ fragte Morrel lebhaft. „Ach, man kann es wohl kaum Leiden nennen, ich empfinde eine allgemeine Unbehaglichkeit, das iſt Alles, ich habe den Appetit verloren, und es ſcheint mir, als unterläge mein Magen einem Kampfe, um ſich an etwas zu gewöhnen.“ Noirtier entging keines dieſer Worte. „O wie behandeln Sie dieſe unbekannte Krankheit 2 „O ganz einfach, ich nehme jeden Morgen ein Löffelchen von dem Tranke, der für Großpapa bereitet wird, d. h. jetzt bin ich ſchon bis zu vier Löffeln geſtiegen; der gute Großpapa meint, es ſei ein Univerſal⸗Mittel.“ Valentine lächelte, aber es war etwas Trauriges und Leidendes in dieſem Lächeln. Trunken vor Liebe, betrachtete Maximilian ſie ſchweigend, ſie war ſchön, aber ihre Bläſſe war matter, ihre Augen glühender als tiel R. 1209 gewöhnlich, und ihre ſonſt ſo rein weißen Hände glichen wächſernen Händen, die eine gebliche Färbung mit der Zeit zerſtört. Von Valentine glitt ſein Blick auf Noirtier; dieſer betrachtete mit dem tiefen, klugen Blicke das junge, in ſeine Liebe verſunkene Mädchen, aber er ſowohl wie Morrel bemerkten die Spuren eines kaum ſichtbaren Leidens, kaum ſichtbar, weil es bis jetzt Aller Augen, außer denen des Großvaters und des Geliebten entgangen war. „Aber,“ ſagte Morrel endlich,„ich denke, der Trank, von dem Sie nun ſchon vier Löffel nahmen, iſt eigentlich für Herrn von Noir⸗ tier beſtimmt?“ „Er iſt ſehr bitter,“ ſagte Valentine,„ſo bitter, daß Alles was ich ſpäter genieße, mir bitter ſchmeckt.“ Noirtier ſah ſeine Enkelin fragend an. „Ja, Großpapa, ſo iſt es. Eben, ehe ich zu Ihnen kam, habe ich ein Glas Zuckerwaſſer getrunken und es, da es auch ſo bitter war, halb ſtehen laſſen.“ Noirtier erbleichte und machte ein Zeichen, daß er ſprechen wolle. Valentine ſtand auf, um das Wörterbuch zu holen. Noirtiers Augen folgten ihr mit ſichtlicher Herzensangſt. Wirklich ſtieg dem jungen Mädchen das Blut zu Kopfe, ihre Wangen färbten ſich. „Ach,“ rief ſie, immer noch heiter,„das iſt ſonderbar; ich bin wie geblendet! Trifft denn die Sonne meine Augen?“ Und ſie ſtützte ſich auf das Fenſterſims. „Die Sonne ſcheint ja nicht,“ ſagte Morrel, noch mehr durch Noirtiers Geſicht, als durch Valentinens Unwohlſein beunruhigt. Er eilte zu ſeiner Geliebten. Sie lächelte. „Beruhige Dich, Großpapa,“ ſagt ſie zu Noirtier,„beruhigen Sie ſich, Maximilian, es war nichts, und ſchon vorüber... Aber halt, hören Sie doch, fährt nicht ein Wagen in den Hof?“ Sie öffnete die Thür, eilte an ein Fenſter des Corridors, kam jedoch gleich wieder. „Ja, es iſt die Baronin Danglars mit ihrer Tochter, die uns einen Beſuch abſtatten. Ich eile auf mein Zimmer, damit man 10 mich hier nicht ſucht. Adieu, oder vielmehr auf Wiederſehen, denn nicht wahr, Maximilian, Sie bleiben bei dem guten Großpapa, bis ich wiederkomme?“ Morrel folgte ihr mit den Augen und lauſchte, bis ihre leichten Schritte ganz verhallt waren. Dann nahm er auf Herrn von Noirtiers Wunſch das Wörter⸗ buch. Durch Valentine unterrichtet, verſtand er den Greis ſehr gut. Da er jedoch jedes Mal viele Buchſtaben nennen mußte, um Noirtiers Gedanken zu errathen, hatte er erſt nach zehn Minuten folgende Worte zuſammengeſetzt: 3 4 „Laſſen Sie mir das Glas Waſſer und die Carafine aus Valentinens Zimmer bringen.“ Morrel ſchellte ſogleich und gab dem Diener, welcher jetzt Herrn von Noirtier bediente, den eben erhaltenen Befehl. Der Diener kam ſehr bald wieder. Carafine und Glas waren ganz leer. Noirtier wollte ſprechen.. Nach einigen Minuten hatte Morrel den Satz: „Wie kommt es, daß Beides leer iſt, da Valentine das Glas nur zur Hälfte geleert hat?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Diener,„aber die Kammer⸗ frau des Fräuleins war im Zimmer, vielleicht hat ſie das Waſſer ausgegoſſen.“ „Fragen Sie,“ ſagte Morrel, Noirtiers Gedanken dieſes Mal durch den Blick errathend. Der Diener verließ das Zimmer, kehrte jedoch bald zurück. „Indem Fräulein Valentine durch das Zimmer ging, um ſich zu Frau von Villefort zu begeben, hat ſie den Inhalt des Glaſes ausgetrunken. Die Caraffe hat Herr Eduard geleert, um ſeinen Enten einen Teich zu machen.“ Noirtier blickte gen Himmel, wie ein Spieler, der ſein ganzes Vermögen auf einen Wurf ſetzt.. Von da an hefteten ſich ſeine Blicke ſtarr und unausgeſetzt auf die Thür. Wirklich hatte Valentine recht geſehen, Frau von Danglars und ihre Tochter ſtatteten ihren Beſuch ab. Die Damen hatten einander ſchon begrüßt, als Valentine eintrat. dau der 8 8 en N 1211 „Theure Freundin,“ begann die Baronin, während die jungen Damen ſich herzlich die Hand reichten,„ich komme mit Eugenie, damit Sie znerſt erfahren, daß meine Tocher ſich in Kurzem mit dem Prinzen Cavalcanti vermählen wird.“ Der populaire Banquier hatte gefunden, daß der Prinzentitel dem eines Grafen vorzuziehen ſei. „Dann erlauben Sie mir, Ihnen meinen aufrichtigſten Glück⸗ wunſch abzuſtatten,“ entgegnete Frau von Villefort,„der Prinz Capalcanti ſcheint mir ein junger Mann von den ſeltenſten Eigenſchaften.“ „Hören Sie,“ ſagte die Baronin lächelnd,„da wir als zwei Freundinnen mit einander ſprechen, kann ich Ihnen wohl ſagen, daß ihm, unſerer Meinung nach, noch dies und jenes mangelt. Er hat jenes Fremdartige in ſich, an dem wir Franzoſen ſtets den Italiener oder Deutſchen erkennen.“ „Indeſſen hat er ein gutes Herz, viel Geiſt, und, wie Herr Danglars behauptet, ein majeſtätiſches Vermögen.“ „Und,“ rief Eugenie, in Frau von Villeforts Album blätternd, „fügen Sie hinzu, daß Sie eine ganz beſondere Neigung für ihn hegen.“ „Die Sie ohne Zweifel theilen,“ ſagte Frau von Villefort. „Ich,“ entgegnete Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Feſtigkeit, „o nicht im Mindeſten, gnädige Frau, mir fiel es nie ein, mich den Sorgen eines Haushalts oder den Capricen eines Mannes zu unter⸗ werfen. Mein Wunſch war, Künſtlerin zu werden und frei durch mein Herz, meine Geſinnungen und meinen Verſtand zu ſein.“ Valentine erröthete über dieſe feſte Beſtimmtheit. Das furcht⸗ ſame junge Mädchen konnte dieſe, ihrer Meinung nach ſo ganz un⸗ weibliche Natur nicht begreifen. „MUebrigens,“ fuhr Eugenie fort,„da ich wohl oder übel mich vermählen ſoll, danke ich wenigſtens der Vorſehung, daß Herr von Morcerf Abneigung gegen mich empfand, denn ſonſt wäre ich heute die Frau eines ehrloſen Mannes.“ „Das iſt wahr,“ ſagte die Baronin mit jener merkwürdigen Naivetät, die man oft bei großen Damen findet, und die ſogar die Berührung mit Emporkömmlingen nicht ganz vermfiſcht;„ja das iſt wahr, hätten Morcerfs nicht ſo ſehr gezögert, würde meine 1212 Tochter dieſen Albert geheirathet haben. Der General wollte es ſehr gern, und hat kürzlich ſelbſt deßhalb mit dem Banquier geſprochen, zum Glück war die rechte Zeit verpaßt, und wir konnten uns zu⸗ rückziehen.“ „Aber,“ ſagte Valentine furchtſam,„ſoll denn die ganze Schande des Vaters auf den Sohn zurückwirken? Herr Albert ſcheint mir doch ſehr unſchuldig an dem Verrath des Generals.“ „Verzeihung, theure Freundin,“ ſagte die unerbittliche Eugenie, „Herr Albert verdient und erhält auch ſeinen Theil, denken Sie nur, geſtern ſchickt er dem Grafen von Monte⸗Chriſto eine Heraus⸗ forderung und heute macht er ihm vor allen Zeugen Entſchuldigungen.“ „Unmöglich!“ ſagte Frau von Villefort. „Ach, meine Gute,“ rief die Baronin mit jener ſchon erwähnten Naivetät,„die Sache iſt nur zu gewiß, ich ſah Herrn Dobray, der dabei war.“ Auch Valentine wußte darum, aber ſie durfte nichts ſagen. Durch dieſe Unterredung ward ſie lebhaft an das Zimmer ihres Großvaters errinnert, wo Morrel ſie erwartete. Dieſem Gedanken ganz hingegeben, hatte Valentine während einiger Minuten keinen Theil an der Unterhaltung genommen, ja ſie wußte kaum, wovon die Rede war. Plötzlich legte Frau von Danglars die Hand auf ihren Arm und weckte ſie aus ihrer Träumerei. Zitternd und erſchreckt blickte ſie zu der Baronin auf. „Sie ſcheinen zu leiden, liebe Valentine,“ ſagte dieſe. „Ich?“ entgegnete das arme Kind, die Hand an die glühende Stirn legend. „Ja, betrachten Sie ſich in dieſem Spiegel, Sie haben in einer Minute drei bis viermal die Farbe gewechſelt.“ „Wirklich,“ rief Eugenie,„Du biſt ſehr bleich.“ „O beunruhige Dich nicht, Eugenie, es wird vorübergehen, mir iſt ſchon einige Tage nicht ganz wohl.“ Und ſo wenig liſtig Valentine war, begriff ſie doch, daß dies eine Gelegenheit ſei, ſich zurückzuziehen. Frau von Villefort kam ihr zu Hilfe. „Geh' auf Dein Zimmer, Valentine,“ ſagte ſie,„dieſe Damen werden gewiß verzeihen, trinke ein Glas klares Waſſer, das wird Dir gut thun.“ —— um Beſchleunigung bitten ſoll?“ empfohlen hatte, verließ unſere junge Freundin das Zimmer. „Das arme Kind,“ ſagte ihre Stiefmutter dann,„ſie beun⸗ ruhigt mich ſehr, ich fürchte, ſie wird ernſtlich krank.“ Indeſſen war Valentine in einer Aufregung, von der ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte, durch Eduards Zimmer geeilt, ohne auf deſſen Bosheiten zu achten. Sie ſtieg die kleine Treppe herab, ſchon hörte ſie Morrels Stimme, da plötzlich legte ſich es wie ein Flor vor ihre Augen, ihre ſteifwerdenden Füße verſagten ihr den Dienſt, ihre Hände hatten nicht mehr die Kräfte, ſich am Geländer zu halten, ſie rollte die letzten Treppenſtufen herab. Morrel hörte das Geräuſch, öffnete die Thür und ſah ſeine Geliebte leblos daliegen. Schnell wie der Blitz hob er ſie empor und trug ſie auf einen Stuhl. Valentine öffnete die Augen wieder. „O wie ungeſchickt ich bin,“ ſagte ſie mit fieberhafter Schnellig⸗ keit,„ich kann mich nicht einmal halten, und überſehe ſogar drei Stufen!“ „Sie haben ſich vielleicht verwundet, Valentine,“ rief Morrel ängſtlich,„o mein Gott, mein Gott!“—— Valentine ſah ihren Großvater an und las in ſeinen Augen den größten Schrecken. „Beruhige Dich, guter Großpapa,“ ſagte ſie, zu lächeln ver⸗ ſuchend,„es iſt nichts, ich war nur etwas ſchwindlig.“— „Wieder eine Betäubung, ein Schwindel,“ ſagte Morrel die Hände faltend,„o Valentine, ich beſchwöre Sie, achten Sie darauf.“ „Nicht doch, nicht doch, es war nichts,“ ſagte Valentine, „Alles iſt vorüber. Jetzt hören Sie eine Neuigkeit, in acht Tagen heirathet Eugenie, und in drei Tagen iſt ein großes Feſt, ein ſo⸗ genannter Verlobungsſchmaus. Wir ſind Alle eingeladen, Vater Frau von Villefort und ich... Wie ich wenigſtens verſtanden habe.“ „Ach, meine Geliebte, wann wird in dieſer Hinſicht die Reihe an uns kommen? O, möchte doch Ihr guter Großpapa, über den Sie ſo viel vermögen, antworten: bald!“ „Alſo wünſchen Sie, Maximilian, daß ich den guten Großpapa 1213 Nachdem Sie Eugenie umarmt, und ſich Frau von Danglars 1214 „Ja, ja,“ rief Morrel,„mein Gott ja. Bevor Sie nicht die Meine ſind, Valentine, werde ich nicht ruhig, es ſcheint mir ſtets als könnten Sie mir wieder entſchlüpfen.“ „O,“ entgegnete Valentine mit einer convulſiviſchen Bewegung, „Sie ſind ſehr furchtſam für einen Officier, Morrel, für einen Soldaten, der, wie man ſagt, die Furcht nie gekannt hat! Oh... Sh. Und ſie lächelte gezwungen und ſchmerzlich, ihre Arme ſanken kraftlos herab, ihre Glieder ſchienen ſteif zu werden, ſie ſank be⸗ wegungslos zuſammen. Der Schreckensſchrei, den Gott auf Noirtiers Lippen feſtbannte, belebte ſeinen Blick. Morrel, faſt eben ſo bleich als ſeine Geliebte, verſtand ihn, es mußte Hilfe geſchafft werden. Er klingelte haſtig, Noirtiers Diener und Valentinens Kammer⸗ frau ſtürzten gleichzeitig herbei. Valentine war ſo bleich, ſo kalt, ſo leblos, daß Beide von der in dieſem verfluchten Hauſe ohne Unterlaß herrſchenden Furcht ergriffen wurden, durch den Corridor ſtürzten und nach Hilfe ſchrieen. In demſelben Augenblicke empfahl ſich die Baronin mit Eugenie. Beide hörten noch die Urſache dieſes Lärms. „Sagte ich es Ihnen nicht,“ rief Frau von Villefort,„arme Kleine.“ wele dien in Arn ——————ͤ XCIII. Das Geſtändniß. Zu gleicher Zeit rief Herr von Villefort aus ſeinem Cabinet: „Was giebt es?“ Morrel blickte Noirtier an, dieſer bezeichnete ihm ein Cabinet, weelches dem jungen Capitain ſchon einmal zum Zufluchtsorte ge⸗ dient hatte. Kaum hatte er ſich dahin zurückgezogen, als der Procurator in das Zimmer ſtürzte, auf Valentine zueilte und ſie in ſeine Arme nahm. „Den Arzt... den Arzt... Herrn v. Avrigny,“ ſchrie er, „aber nein, ich werde ſelbſt gehen.“ Und er verließ das Zimmer. Morrel folgte ihm durch eine andere Thür. Eine entſetzliche Erinnerung, die Unterredung Villeforts mit dem Arzte, die er zufällig gehört, folterte ihn. Waren es nicht dieſelben, wenn auch minder heftigen Symptome, die Barrois Tode vorangegangen waren? Zu gleicher Zeit klangen die Worte in ſeinen Ohren wieder, die Monte⸗Chriſto vor zwei Stunden zu ihm geſprochen. „Wenn Sie in Verlegenheit und Angſt ſind, Morrel, denken Sie an mich, ich vermag viel.“ Und ſchneller als der Gedanke, ſtürzte er durch das Gewirr der Straßen nach den elyſäiſchen Feldern. Villefort war während deſſen in einem Fiaker vor Herrn von Aprigny's Thür angelangt und klingelte ſo heftig, daß der Portier erſchreckt öffnete. Sprachlos ſtürzte Villefort auf die Treppe zu. Der Portier rief ihm nach: „Im Cabinet, Herr Procurator, im Cabinet.“ 1216 Villefort öffnete ſchon die Thür oder riß ſie vielmehr auf. „Ach, Sie ſind es?“ rief der Doctor. „Ja, ich bin es,“ murmelte der Procurator, die Thür ſorgfältig ſchließend„und ich frage Sie jetzt, ſind wir allein, Doctor? denn mein Haus iſt verflucht.“ „Was!“ ſagte dieſer ſcheinbar kalt, innerlich jedoch tief be⸗ wegt,„iſt wieder Jemand bei Ihnen krank?“ „Ja Doctor,“ rief Villefort, mit der Hand convulſiviſch in die Haare fahrend,„ja.“ Avrigny's Blick ſagte: „Habe ich Sie nicht gewarnt!“ „Und wer wird denn bei Ihnen ſterben,“ fragte er dann lang⸗ ſam,„welches neue Opfer klagt Sie vor Gott der Schwäche an?“ Ein ſchmerzliches Schluchzen entrang ſich Villeforts Herzen, er ergriff den Arm des Arztes und murmelte: „Valentine... an Valentine iſt die Reihe.“ „Ihre Tochter?“ rief Avrigny ſchmerzlich überraſcht. „Sie ſehen, daß Sie ſich irrten,“ ſagte der Procurator, „kommen Sie und bitten Sie ihr auf ihrem Schmerzenslager den entſetzlichen Verdacht ab.“ „Jedes Mal, wenn Sie mich rufen ließen,“ entgegnete Avrigny „war es zu ſpät, dennoch will ich Sie begleiten; aber ſchnell, mein Herr, bei Ihren Feinden darf man keine Zeit verlieren.“ „O dieſes Mal, Doctor, ſollten Sie mir meine Schwäche nicht vorwerfen, ich will den Mörder erforſchen und beſtrafen.“ „Denken wir zuerſt daran, das Opfer zu retten, kommen Sie.“ Während die Beiden eilig nach Villeforts Hotel fuhren, langte Morrel ganz athemlos bei Monte⸗Chriſto an. Der Graf war in ſeinem Cabinet und war ſehr vertieft in ein Billet, welches ihm Bertuccio eben eilig geſchickt hatte. Als Morrel gemeldet ward, der ihn kaum vor zwei Stunden verlaſſen hatte, blickte der Graf auf. 5 Auch für Morrel mußte in den beiden Stunden Wichtiges vorgegangen ſein, denn ſo heiter er ihn verlaſſen hatte, ſo beſtürzt kehrte er jetzt zurück. Er ſtand auf und ſprang ſeinem jungen Freunde entgegen. —— Gat Me mir An kön vor nur Gel daz Hau 1217 „Was giebt's, Maximilian?“ fragte er,„Sie ſind bleich und Ihre Stirn iſt mit Schweiß bedeckt?“ Morrel ſank auf einen Stuhl. „Ja,“ ſagte er,„ich bin raſch wiedergekommen, denn ich muß Sie ſprechen.“ „Bei Ihnen iſt doch Alles wohl?“ fragte der Graf in einem Tone ſo wohlwollender Zärtlichkeit, daß die Aufrichtigkeit dieſer Geſinnung nicht zu verkennen war. „Dank, Graf, Dank,“ ſagte der junge Mann, ſichtlich verlegen, wie er das Geſpräch beginnen ſollte,„ja, in meiner Familie iſt Niemand krank.“— „Deſto beſſer! Aber Sie haben mir etwas zu ſagen,“ fragte der Graf immer unruhiger. „Ja, es iſt wahr; ach, ich verließ ein Haus, in welches der Tod eintrat...“. „Sie kommen von Herrn von Morcerf?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Nein, iſt Jemand dort geſtorben?“ „Der General hat ſich erſchoſſen,“ entgegnete der Graf kalt. „D entſetzlich?“ rief Maximilian. „Weder für die Gräfin, noch für Albert; beſſer der Vater und Gatte iſt todt, als entehrt; das Blut wird die Schande abwaſchen.“ „Arme Gräfin,“ ſagte Maximilian,„ja, die bedauere ich am Meiſten, ſie iſt eine ſo edle Frau.“ „Beklagen Sie auch Albert, junger Freund, denn glauben Sie mir, er iſt der Gräfin würdiger Sohn. Aber kehren wir zu Ihrer Angelegenheit zurück, bin ich vielleicht ſo glücklich, Ihnen dienen zu können?“ „Ach ja, ich bedarf Ihrer, wenigſtens bin ich thöricht genug, von Ihnen in einer Angelegenheit Hilfe zu erwarten, in der mir nur Gott helfen kann.“ „Sprechen Sie.“ „Ach ich wage es kaum, menſchlichen Ohren dieſes entſetzliche Geheimniß anzuvertrauen, aber die Nothwendigkeit zwingt mich dazu.“ Morrel hielt zögernd inne. „Glauben Sie, daß ich Sie liebe?“ fragte Monte⸗Chriſto, die Hand des jungen Mannes zärtlich drückend. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 77 1218— „O Sie ermuthigen mich, und mein Herz ſagt mir, ich dürfe kein Geheimniß vor Ihnen haben.“ „Sie haben Recht, Morrel, durch Ihr Herz ſpricht Gott; ſagen Sie mir, was Ihr Herz Ihnen eingiebt.“ „Graf, wollen Sie mir erlauben, daß ich Baptiſtin in Ihrem Namen beauftrage, ſich nach Jemandes Befinden zu erkundigen, den Sie kennen?“ „Ich habe mich zu Ihrer Verfügung geſtellt, um wie viel mehr nicht mein Diener?“ „Ach ich werde nicht ruhig, bevor ich nicht Gewißheit habe, ob es beſſer geht.“ „Soll ich Baptiſtin klingeln?“ „Nein, ich will ihn ſelber ſprechen.“ Morrel verließ das Zimmer und machte dem Kammerdiener ſeine Beſtellung; dieſer ging ſogleich weg. „Nun, haben Sie ihn entſendet?“ fragte der Graf. „Ja, und ich werde etwas ruhiger ſein.“ „Aber ich warte,“ rief Monte⸗Chriſto lachend. „Ja, und ich werde reden. Hören Sie denn. Eines Abends befand ich mich, unter Bäumen verſteckt, in einem Garten. Niemand ahnte meine Nähe. Zwei Perſonen, erlauben Sie, daß ich vor⸗ läufig ihre Namen verſchweige, unterhielten ſich in meiner Nähe mit leiſer Stimme, aber der Gegenſtand ihres Geſprächs intereſſirte mich ſo ſehr, daß mir keine Sylbe davon entging.“ „Das fängt düſter an, Morrel, und dazu Ihr Zittern, Ihre Bläſſe 4 „Ja, ſehr finſter, mein Freund. Der Herr des Gartens, in deſſen Hauſe Jemand geſtorben war, und der Arzt ſprachen alſo mit einander. Oder vielmehr, der Erſtere vertraute dem Zweiten ſeine Furcht und ſeinen Schmerz, denn es war in ſehr kurzer Zeit der zweite Todesfall, und der Herr glaubte, ſein Haus ſei einem Würgengel durch Gottes Zorn bezeichnet.“ „Ah“—— ſagte der Graf, den jungen Mann fixirend, und ſeinen Eßtuhl unmerklich ſo wendend, daß er im Schatten ſaß, währens us volle Tageslicht Maximilians Geſicht traf. „Ja,“ fuhr dieſer fort,„der Tod hatte zweimal hinter ein⸗ ander dieſes Haus heimgeſucht.“ lic, weni Fam uner All gedr ſagt zei iſt? Ger nien des ma⸗ hat dürfe ſagen A Ihrem n, den mehr be, ob diener lbends emand h vor⸗ he mit feſſſirte Ihre ss, in rachen weiten kurzer s ſei h und 1 ſaß, rein⸗ „Und was antwortete der Arzt?“ „Er antwortete... er antwortete, dieſer Tod ſei nicht natür⸗ lich, ſondern durch...“ „Nun, durch?“ „Gift herbeigeführt.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Monte⸗Chriſto mit jenem leichten Huſten, der ihm in Momenten außerordentlicher Bewegung ſtets dazu diente, ſein Erröthen, ſeine Bläſſe, ja ſelbſt die Aufmerkſamkeit zu verbergen, mit der er zuhörte.„Wahrhaftig, Maximilian, das haben Sie gehört?“ „Ja, lieber Graf, und der Doctor fügte hinzu, daß er ſich genöthigt ſehe, der Juſtiz Anzeige zu machen, ſollte ſich dieſes Ereig⸗ niß wiederholen.“ Monte⸗Chriſto ſchien mit der größten Ruhe zuzuhören. „Nun wohl,“ fuhr Morrel fort,„der Tod forderte ein drittes Opfer, und weder der Herr, noch der Doctor ſagten etwas; jetzt klopft der Tod zum vierten Male an dieſelbe Thür. Graf, wozu glauben Sie, daß die Kenntniß dieſes Geheimniſſes mich verpflichtet?“ „Mein lieber Freund, Sie erzählen mir da eine Geſchichte, die Jeder von uns auswendig weiß. Ich kenne das Haus, oder wenigſtens ein ähnliches, ein Haus mit einem Garten, einem Familienvater, einem Arzte, in welchem drei ſo ſonderbare als zunerwartete Todesfälle einander folgten. Nun gut, der ich das Alles weiß, ohne in das Vertrauen und Geheimniß dieſes Hauſes gedrungen zu ſein, kann ich Gewiſſensbiſſe haben? Unmöglich! Sie ſagten, der Zorn Gottes habe dieſes Haus einem Würgengel be⸗ zeichnet; wer ſagt Ihnen, daß dieſe Vermuthung nicht Wirklichkeit iſt? Ach mein Freund, wenn nicht der Zorn Gottes, ſondern ſeine Gerechtigkeit in dieſem Hauſe waltet, o ſo ſchlagen Sie die Augen nieder und laſſen der göttlichen Gerechtigkeit freien Lauf.“ Morrel ſchauderte, ſo düſter, ernſt und ſchrecklich war der Ton des Grafen. „Uebrigens,“ fuhrer fort, und ſein Ton klang ſo auders, daß man kaum glauben konnte, er komme aus demſelben M. de,„wer hat Ihnen geſagt, daß der Tod dieſes Haus nochmalsüb Lührt?“ „Ich weiß es,“ ſchrie Morrel,„und deshalb komme ich.“ 75& 77 1219 1 1 1 1220 „Aber was ſoll ich denn thun, Morrel? Wollen Sie vielleicht, daß ich den Herrn Procurator des Königs vorbereite?“ Monte⸗Chriſto ſprach die letzten Worte ſo klar und mit ſolchem Ausdruck, daß Morrel aufſprang und rief: „Graf, Graf, Sie wiſſen von wem ich ſpreche?“ „Ja, mein Freund. Sie waren eines Abends in dem Garten des Herrn von Villefort, und zwar vermuthe ich nach Ihrer Er⸗ zählung, daß es am Todestage der Frau von Saint⸗Meéran war, und Sie hörten den Procurator mit dem Herrn von Avrigny über dieſen Todesfall und den des Herrn von Saint⸗Meran ſprechen. Herr von Avrigny ſchrieb dieſen, ja beide Todesfälle einer Vergiftung zu, und Sie edles Gemüth ſondirten Ihr Gewiſſen, ob Sie dieſes düſtere Geheimniß veröffentlichen ſollten, oder verſchweigen dürften. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, theurer Freund, die Zeit der heiligen Vehme liegt hinter uns, zum Teuſel, was gehen Sie die Leute an! Gewiſſen, was willſt Du? ſagt Sterne. Mein junger Freund, laſſen Sie die Ruhenden ruhen, laſſen Sie die Schlafloſen in ihrer Schlafloſigkeit erbleichen, und ſchlafen Sie ruhig, keine Gewiſſensbiſſe werden Sie wecken.“ Ein entſetzlicher Schmerz malte ſich in den Zügen des armen Morrel, er faßte die Hand des Grafen und rief: „Aber es wiederholt ſich, ſage ich Ihnen.“ „Nun gut,“ ſagte Monte⸗Chriſto, über die Beharrlichkeit ſeines jungen Freundes verwundert und ihn ſtarr anſehend,„Gott hat dieſe Familie verdammt, ſie ſoll verſchwinden wie jene Kartenhäuſer der Kinder, die ein bloßer Hauch verweht. Erſt kam Herr von Saint⸗Méran, dann ſeine Gemahlin, bald darrauf Barrois, nun wird der alte Noirtier oder Valentine an die Reihe kommen.“ „Sie wiſſen es und ſagen nichts?“ ſchrie Morrel in ſolchem Paroxysmus des Schreckens, daß Monte⸗Chriſto zitterte, der ſelbſt bei dem Einſturz des Himmels ruhig geblieben ſein würde. „Aber was kümmert's mich,“ rief er endlich achſelzuckend, „kenne ich die Leute, und ſoll ich den Einen verderben, um den Andern zu eetten? Meiner Treu, nein, ich kann zwiſchen dem Schuldigeund dem Opfer keinen Unterſchied machen.“ „Aber ich, ich,“ rief Morrel vor Schmerz heulend,„ich liebe!“ „ MNorre / ſein ſparen blicke Sie, 9 einen Löwen 7 Palen ] hatte Geni mörde ausge G 9 innern lig, a det T er ru den. ttab weif Tra⸗ böſen dieſe tödt ſeie Chr 12 iellicht, ſolchem n Garten hrer Er⸗ an war, ny über ſprechen. tgiftung ſe dieſes dürften. Zeit der Sie die junger hlafloſen ig, keine warmen it ſeines dott hat nhäuſer err von is, nun n.“ ſolchem er ſelbſt zuckend, um den en dem , ich 1221 „Sie lieben, wen?“ rief Monte⸗Chriſto zurückprallend, und Morrels gen Himmel gehobene Hände faſſend. „Ich liebe unſäglich, wie ein Unſinniger, wie ein Mann, der ſein Blut darum geben würde, der Geliebten eine Thräne zu er⸗ ſparen, ich liebe Valentine von Villefort, die man in dieſem Augen⸗ blicke mordet, hören Sie wohl, ich liebe ſie, und ich frage Gott und Sie, wie kann man ſie retten?“ Monte⸗Chriſto ſtieß einen Schrei aus, von dem nur der ſich einen Begriff machen kann, der das Gebrüll eines verwundeten Löwen gehört hat. „Unglücklicher,“ murmelte er, die Hände ringend,„Du liebſt Valentine, Du liebſt die Tochter dieſes verfluchten Geſchlechts?“ Nie hatte Marrel einen ähnlichen Ausdruck geſehen, niemals hatte ein ſo furchtbares Auge ihm ſo nahe geglüht, nie hatte der Genius des Schreckens, den er auf dem Schlachtfelde und in den mörderiſchen Nächten von Algerien oft geſehen, ſo finſteres Feuer ausgeſtrahlt. Er wankte erſchreckt zurück. Nach dieſem Ausbruche ſchloß Monte⸗Chriſto, wie von einem innern Blitze geblendet, die Augen, dann ſammelte er ſich allmä⸗ lig, athmete tief, und an dem gleichmäßigern Heben nnd Senken der Bruſt, vorhin noch von Stürmen geſchwellt, merkte man, daß er ruhiger ward. Dieſer Kampf, dieſes Schweigen währte höchſtens fünf Secun⸗ den. Dann erhob ſich der Graf, ruhig, aber noch bleicher als ſonſt. „Sehen Sie, lieber Freund,“ ſagte er,„wie Gott die hoch⸗ trabendſten, wie die kälteſten Menſchen in ihrer Indifferenz zu ſtrafen weiß. Ich, der ich kalt und neugierig den Ausgang dieſer finſtern Tragödie erwartete, ich, der ich dem böſen Engel gleich, über die böſen Handlungen der Menſchen lachte, fühle mich nun auch von dieſer Schlange, deren krumme Windung ich kaltblütig betrachtete, tödtlich ins Herz getroffen.“ Morrel ächzte dumpf. „Genug,“ rief der Graf,„genug der Klagen, ſeien Sie ein Mann, ſeien Sie ſtark, hoffen Sie, denn ich bin da und wache über Sie.“ Morrel ſchüttelte traurig den Kopf. „Ich ſage, hoffen Sie, verſtehen Sie mich?“ ſchrie Monte⸗ Chriſto.„Bedenken Sie wohl, daß ich nie lüge, mich nie irre. 1222 Es iſt Mittag, Maximilian, danken Sie Gott, daß Sie nicht heute Abend, nicht morgen früh gekommen ſind. Hören Sie was ich Ihnen ſage; wenn Valentine noch nicht todt iſt, wird ſie nicht ſterben.“ „O mein Gott, mein Gott,“ ächzte Morrel,„ich verließ ſie ſterbend.“ Monte⸗Chriſto ſtützte den Kopf in die Hand. Was ging in dieſem Kopfe voll der ſchrecklichſten Geheimniſſe vor? War der Engel des Lichts, oder der Engel der Finſterniß in ihm mächtig? Das wußte nur Gott. Monte⸗Chriſto blickte wieder auf, und dies Mal war er ruhig wie ein aus ſüßem Schlummer erwachendes Kind. „Maximilian,“ ſagte er,„gehen Sie ruhig nach Hauſe, ich befehle Ihnen, keinen weitern Schritt zu thun, keinen Schmerz in Ihrem Geſichte zur Schau zu tragen, ich werde Ihnen Nachricht geben, nun gehen Sie.“ „O mein Gott, mein Gott, Sie betäuben und erſchrecken mich, Graf, mit Ihrer Kaltblütigkeit. Vermögen Sie etwas über den Tod? Sind Sie mehr als ein Menſch? ein Engel? ein Gott?“ Und der junge Capitain, der noch vor keiner Gefahr gebebt hatte, bebte unwillkürlich vor Monte⸗Chriſto. Aber dieſer ſah ihn mit einem ſo ſanften und ſo melancho⸗ liſchen Lächeln an, daß Maximilian ſeine Augen feucht werden fühlte. „Ich vermag viel,“ ſagte der Graf,„gehen Sie, mein Freund, ich muß allein ſein.“ . Durch die gewaltige Herrſchaft beſiegt, die Monte⸗Chriſto ſtets über ſeine Umgebung ausübte, wagte Morrel nicht, ſich der⸗ ſelben zu entziehen. Dem Grafen die Händ drückend, verließ er ihn. Vor der Thüre blieb er ſtehen, um Baptiſtin zu erwarten, der vollen Laufs von der Straße Matignon auf ihn zukam. Als Villefort und Avrigny bei Valentine eintraten, war ſie noch immer ohnmächtig. Der Arzt unterſuchte ſie mit der Sorge, die ihr Zuſtand erheiſchte, und der Gründlichkeit, die ſeine Kennt⸗ niß des Geheimniſſes verdoppelte. ie — ——y — - ———— — Villeforts Auge hing an ſeinem Blick und ſeinen Lippen, das Reſultat der Unterſuchung erwartend. Noirtier, noch bleicher als ſein Sohn, und noch begieriger auf die Löſung als dieſer, ſaß nach außen hin unbeweglich, innerlich tödtlich getroffen, da. Endlich ſagte Avrigny langſam: „Sie lebt noch!“ „Noch?“ ſchrie Villefort,„o Doctor, welch' ein entſetzlich Wort haben Sie da ausgeſprochen!“ „Ja,“ ſprach der Arzt,„ich wiederhole meine Worte: ſie lebt noch und ich bin darüber erſtaunt.“ „Aber iſt ſie gerettet?“ „Ja, weil ſie lebt.“ Und Apvrignys Blick begegnete Noirtiers Auge, es glänzte von einer ſo außerordentlichen Freude, einer ſolchen Gedankenfülle, daß der Arzt ſtutzte. Er ließ das bleiche, unbewegliche junge Mädchen in den Fau⸗ teuil zurückgleiten, und blickte Noirtier, der jeder ſeiner Bewegungen folgte, nochmals an. „Herr Procurator,“ ſagte er dann,„laſſen Sie Fräulein Valentinens Kammerfrau rufen.“ Villefort lehnte den Kopf ſeiner Tochter zurück, den er bis dahin gehalten hatte, und beſorgte den Auftrag ſelbſt. Kaum hatte er das Zinnnier verlaſſen, als Avrigny ſich Noir⸗ tier näherte. „Sie haben mir etwas zu ſagen?“ fragte er. Der Greis blinzelte ausdrucksvoll mit den Augen, es war, wie man ſich erinnern wird, die einzige Bewegung, deren er fähig war. „Mir allein?“ „Ja.“ „Gut, ich werde warten.“ Villefort trat wieder ein, ihm folgte die Kammerfrau, hinter dieſer kam Frau von Villefort. „Aber was iſt denn dem lieben Kinde?“ rief ſie,„Valentine verließ uns, weil ſie etwas unwohl war, aber ich glaubte nicht, daß es ſo ernſtlich ſei.“ Und mit Thränen im Auge, und den Zeichen der aufrichtigſten 1223 1 1224 vernac ſehen J mütterlichen Zuneigung, neigte die junge Frau ſich über ihre Stief⸗ tochter, und ergriff ihre Hand. Avrigny beobachtete den Greis, und ſah, wie deſſen Auge ſich erweiterte, ſeine Wangen zitterten und ſich verfärbten, und ſeine Stirn mit Schweiß bedeckt war. and „Ah!“ ſagte er unwillkürlich, indem ſeine Augen der Richtung von Noirtiers Blick folgten, d. h. alſo, ſich auf Frau von Villefort hefteten. „Das arme Kind,“ fuhr dieſe fort,„kommen Sie, Fanny, wir wollen ſie zu Bett bringen, das wird ihr gut thun.“ 4 Herr von Avrigny, der in dieſem Vorſchlage ein Mittel ſah, mit dem Greiſe allein zu bleiben, erlaubte dieſe Ueberſiedelung, be⸗ fahl jedoch ſtreng, ihr nichts zu geben, außer was er ihr verordnen werde.— Valentine hatte ihr Bewußtſein wieder erlangt, konnte jedoch inden weder reden noch ſich bewegen, ſo ſehr waren ihre Glieder durch den überſtandenen Fall zerſchlagen. Man trug ſie fort. i Aber mit einem Blick grüßte ſie ihren guten Großpapa, dem nan es war, als werde ihm die Seele ausgeriſſen, indem ſein geliebtes 13 Kind fortgetragen ward. Avrigny folgte der Kranken, ſchrieb ein Recept, bat dem Pro⸗ curator ſelbſt in die Apotheke zu fahren, mit dem Tranke zurück⸗ zukehren und ihn in ſeiner Tochter Zimmer zu erwarten. Nachdem er nochmals ſtreng befohlen hatte, der Kranken nichts zu reichen, kehrte er zur Noirtier zurück, ſchloß ſorgfältig die Thür und ſprach: „Nun, und Sie wiſſen etwas über die Krankheit Ihrer 4 Enkelin?“— „Ja.“ „Hören Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich werde fragen, und Sie antworten! Haben Sie Valentinens Unfall vorher geſehen?“ „Ja.“ ¹ Avrigny überlegte, dann Noirtier näher tretend, ſagte er: „Verzeihen Sie, was ich Ihnen ſagen werde, aber in der ſchreck⸗ lichen Lage, in welcher wir uns befinden, dürfen keine Indicien ihn 1 —— Zwei r — —— 1225 vernachläſſigt werden. Haben Sie den armen Barrois ſterben ſehen?“ Noirtier blickte gen Himmel.. „Wiſſen Sie woran er geſtorben iſt?“ fragte Avrigny, die Hand auf Noirtiers Schulter legend. „Ja.“ „Glauben Sie, daß ſein Tod natürlich war?“ Eine Art Lächeln umſpielte Noirtiers bewegungsloſe Lippen. „Alſo glauben Sie, daß Barrois vergiftet ward?“ „Ja.“ „Glauben Sie, daß das Gift, deſſen Opfer er geworden iſt, für ihn beſtimmt war?“ „Nein.“ „Und glauben Sie, daß dieſelbe Hand, welche Barrois tödtete, indem ſie einen andern meinte, heute Valentine getroffen hat?“ „Ja.“ „Sie wird alſo auch unterliegen?“ fragte Avrigny, ſeinen tiefen Blick auf Noirtier heſtend, als erwarte er den Eindruck dieſer Worte auf den Greis.. „Nein!“ blickte dieſer triumphirend. „Alſo Sie hoffen?“ fragte der Doctor überraſcht. „Ja.“⸗ „Was hoffen Sie?“ Dcerr Greis ſprach durch einen Blick, daß er nicht antworten könne. „Ach das iſt wahr,“ murmelte Avrigny. Dann fragte er: „Sie hoffen, daß der Mörder ermüden wird?“ „Nein.“ „Alſo glauben Sie, das Gift wird nicht auf Valentine wirken?“ „Ja.“ 4 „Denn nicht wahr, Sie wiſſen, daß man ſie vergiften will?“ Der Greis machte ein Zeichen mit den Augen, daß er keinen Zweifel hege. „Aber wie können Sie hoffen Valentinen zu retten?“ Der Greis blickte ſtarr nach einer Seite, Avrigny folgte der 1226 Richtung ſeiner Augen, und entdeckte die Flaſche, in der Noirtier jeden Morgen ſein Trank gebracht ward. „Ach! ach!“ ſagte der Doctor überraſcht,„ſollten Sie den Gedanken gehabt haben....“ „Ja,“ nickte Noirtier ihn unterbrechend. „Gegen das Gift zu ſichern?“ „Ja.“ „Sie nach und nach gewöhnend?“. „Ja, ja, ja,“ nickte Noirtier, ganz entzückt, verſtanden zu ſein. „Alſo wußten Sie durch mich, daß Brucine in dem Tranke iſt, den ich Ihnen gebe?“ „Ja.“ „Und ſie an dieſes Gift gewöhnend, wollten Sie die Wirkung eines ähnlichen Giftes vernichten?“ Dieſelbe triumphirende Freude in Noirtiers Blick. „Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ rief Avrigny.„Ohne dieſe Vorſicht wäre Valentine jetzt todt, ohne Rettung, ohne Er⸗ barmen getödtet, der Anfall war heftig, aber er hat ſie nur er⸗ ſchüttert, und dieſes Mal wenigſtens wird Valentine nicht ſterben. Eine übermenſchliche Freude ſtrahlte in den, mit unendlicher Dankbarkeit gen Himmel gerichteten Augen des Greiſes. Villefort klopfte.. „Das Medicament, Doctor,“ rief er,„hier, hier.“ „Iſt dieſer Trank in Ihrer Gegenwart bereitet?“ „Ja.“ „Und haben Sie ihn nicht aus den Händen gelaſſen?“ „Nein.“ Avrigny öffnete das Fläſchchen, goß einige Tropfen der darin enthaltenen Flüſſigkeit in die hohle Hand und koſtete. „Gut,“ ſagte er,„jetzt kommen Sie zu Valentine, ich werde meine Verhaltungsregeln geben, und Sie, Herr Procurator, werden darüber wachen, daß Niemand ſie übertritt.“ Während deſſen miethete ein italieniſcher Prieſter mit ernſtem Gange und ruhigen beſtimmten Worten das neben Herrn von Villeforts Hotel gelegene Haus.. Man weiß nicht, wie es kam, daß die drei andern Miether dieſes Hauſes daſſelbe zwei Stunden ſpäter verließen, aber man 1227 munkelte allgemein, das Haus ſtehe nicht auf feſtem Grunde, und werde bald zuſammenſtürzen. Dies verhinderte den neuen Miether jedoch nicht, noch denſelben Tag mit ſeinem Mobiliar einzuziehen. Dieſer Miethcontract ward drei, ſechs oder neun Jahre von dem neuen Miether geſchloſſen, welcher, der Gewohnheit folgend, auf ſechs Monate vorausbezahlte. Er war, wie ſchon geſagt, Ita⸗ liener, und nannte ſich Signor Giacomo Buſoni. Augenblicklich wurden Arbeiter gerufen, und noch in derſelben Nacht ſahen die ſpärlichen Vorübergehenden mit Verwunderung Zimmerleute und Maurer beſchäftigt, das in ſeinen Grundpfeilern wankende Haus zu ſtützen. XCIV. Bater und LTochter. Wir ſahen in dem vorigen Kapitel, daß die Baronin Dang⸗ lars der Frau von Villefort die bevorſtehende Vermählung Euge⸗ niens mit dem Herrn Andrea Cavalcanti bekannt machte. Dieſer öffentlichen Bekanntmachung war jedoch eine Scene vor⸗ angegangen, die wir unſern Leſern nicht vorenthalten dürfen. Wir bitten ſie alſo, einige Schritte zurück zu gehen, und ſich in den ſchön vergoldeten Salon zu verſetzen, den wir kennen und auf den ſein Eigenthümer, Herr Danglars, ſo ſtolz war. Ungefähr zehn Uhr Morgens ging der Banquier in dieſem Salon ziemlich unruhig und gedankenvoll auf und ab, oft nach den verſchiedenen Thüren blickend, und bei jedem Geräuſch ſtehen bleibend. Als ſeine Geduld endlich erſchöpft war, klingelte er dem Kam⸗ merdiener. „Etienne,“ rief er,„fragen Sie, weshalb Fräulein Eugenie mich hat bitten laſſen, hierher zu kommen, und weshalb ſie mich ſo lange warten läßt.“ Nachdem der Ausbruch übler Laune vorüber war, beſänftigte ſich der Banquier allmälig wieder. Wirklich hatte Fräulein Danglars ihren Vater um eine Un⸗ terredung bitten laſſen, und den vergoldeten Salon als den Ort der Zuſammenkunft beſtimmt. Dieſer Schritt hatte Danglars, der den kalten Charakter ſeiner Tochter kannte, ſo überraſcht, daß er ſich ihrem Wunſche augenblicklich fügte. Etienne kam zurück. „Die Kammerfrau des Fräuleins hat mir geſagt, daß das —— —————— —VVB—B—B—,——— Fräulein nicht länger zögern werde, ſobald ihre Toilette voll⸗ endet ſei.“ 3. Danglars machte ein Zeichen der Zufriedenheit. Der Welt, ja ſelbſt ſeinen Leuten gegenüber, ſpielte er den gutmüthigen Mann und ſchwachen Vater; es war ein Theil der Rolle, die er ſich in der volksthümlichen Komödie auferlegt hatte; es war eine Phyſiognomie, die er angenommen hatte, und die ihm convenirte. Beeilen wir uns jedoch, zu ſagen, daß meiſtentheils der gut⸗ müthige Mann verſchwand, um dem rohen Gatten und ſtrengen Vater Platz zu machen. „Weshalb, zum Teufel,“ brummte er,„kommt die Närrin nicht in mein Cabinet, wenn ſie mich ſprechen will, und weßhalb will ſie mich überhaupt ſprechen?“ Endlich ward die Thür geöffnet und Eugenie trat ein. Sie war in ein ſchwarzes Atlasgewand mit matten Blumen von der⸗ ſelben Farbe gekleidet, ihr Haar war friſirt und ihre zarten Hände mit Handſchuhen bekleidet, kurz ihre ganze Erſcheinung war der Art, als wolle ſie ſich eben in ihre Loge im italieniſchen Theater begeben. „Nun, Eugenie, was giebts?“ rief der Vater,„und weshalb in dieſen feierlichen Salon, da man ſich in meinem Cabinet ſo wohl befindet?“ „Sie haben Rechd, mein Herr,“ entgegnete Eugenie, ihrem Vater ein Zeichen machend, daß er ſich ſetzen möge,„Ihre zwei Fragen faſſen die ganze Unterredung in ſich, die wir mit einander haben wollen. Da die zweite die weniger complicirte iſt, werde ich Ihnen dieſelbe ganz gegen das Geſetz der Gewohnheit zuerſt beant⸗ worten. Den Salon habe ich vorgezogen, um dem unangenehmen Eindrucke zu entgehen, den das Cabiner eines Bangiers auf mich macht. Dieſe Kaſſenbücher, ſo vergoldet ſie ſein mögen, dieſe, wie die Thüren einer Feſtung ſorgfältig verſchloſſenen Schränke, dieſe Maſſe Bank⸗Billets und dieſe Unzahl engliſcher, holländiſcher, ſpa⸗ niſcher, indiſcher, chineſiſcher, peruaniſcher Briefe, üben im Allge⸗ meinen einen fremdartigen Einfluß auf den Geiſt eines Vaters aus, und laſſen ihn ganz vergeſſen, daß es größere und heiligere Intereſſen in der Welt giebt, als die ſociale Stellung und die Meinung ſeiner Geſchäftsfreunde. Ich habe den Salon gewählt, 1229 1230 weil hier aus prächtigem Rahmen Ihr Bild Sie heiter und glück⸗ verth lich anlacht, weil auch das Bild meiner Mutter, mein eigenes, nicht werthvolle Gemälde und ſinnige Kunſtſchätze uns umgeben. Ich an d halte viel auf die Macht äußerer Eindrücke, das iſt Ihnen gegen⸗ im S über vielleicht ein Irrthum, aber ich würde nicht Künſtlerin ſein, Hoff wenn mir nicht einige Illuſionen blieben.“ beha⸗ „Sehr gut,“ entgegnete Danglars, der dieſe ganze Tirade mit einer unerſchütterlichen Kaltblütigkeit angehört hatte, ohne zer⸗ kann ſtreut wie er war, auch nur ein Wort davon verſtanden zu haben. „Das war der zweite Punkt, ich habe ihn, wie es ſcheint,“ dieſer ſagte Eugenie ohne die mindeſte Verwirrung, und mit dem ihre theil Worte und Bewegungen charakteriſirenden männlichen Nachdruck, det „gründlich erſchöpft, und Sie ſcheinen mit meiner Erklärung zu⸗ ih l frieden. Gehen wir jetzt zu dem erſten Punkte über: Sie fragten nich mich, weßhalb ich dieſe Unterredung gewünſcht: Hier die Er⸗ Geiſt klärung: Ich will Herrn Andrea Cavalcanti nicht heirathen!“ aus Mit aufgehobenen Armen ſprang Danglars in die Höhe. paſſ „Mein Gott ja,“ fuhr Eugenie ganz ruhig fort,„Sie ſind er⸗ brich ſtaunt, ich ſehe es wohl, denn ſo lange Sie dieſe kleine Angelegen⸗ der heit beſchäftigt, habe ich mich nicht im Geringſten opponirt, jetzt auch jedoch iſt der Augenblick gekommen, den Leuten, die mich nicht zu Toch Rathe gezogen haben, in Sachen, die mir mißfallen, meinen freien feine und beſtimmten Willen entgegenzuſetzen. Mein ruhiges paſſives MNa Weſen entſprang dieſes Mal einer andern Quelle, als Sie vielleicht lii geglaubt, ich wollte als gehorſame devote Tochter,“(ein leichtes jener Lächeln umſpielte die Purpurlippen des jungen Mädchens)„ver⸗ bin, ſuchen mich Ihrem Willen zu fügen.“ Ei „Nun alſo?“ fragte Danglars. 4 4 „Ich verſuchte es,“ fuhr Eugenie fort,„aber es überſtieg er meine Kräfte, und jetzt iſt ungeachtet meiner Bemühungen der Au⸗ ted genblick gekommen, in dem ich mich zum Gehorſam unfähig fühle.“ dos „Aber den Grund, Eugenie, den Grund?“ Aug „Den Grund,“ entgegnete das junge Mädchen,„o mein Gott, dun nicht etwa weil er zu häßlich, albern, oder unangenehmer als ein Anderer iſt. Nein, Herr Andrea iſt, was Körper und Geſicht Das betrifft, ein ſchöner Mann, ich liebe auch nicht etwa einen Andern pdo mehr, das wären Gründe einer Penſionairin, die ich meiner un⸗ u — ͤ & werth halte, nein, ich liebe Niemand, das wiſſen Sie ſehr wohl, nicht wahr, mein Herr? Weßhalb ſoll ich alſo mein ganzes Leben an der Seite eines Gefährten vertrauern? Nun wohl mein Vater, im Schiffbruch des Lebens, denn es iſt ein ſteter Schiffbruch unſrer Hoffnungen, werfe ich meine unnütze Bagage in das Meer, und behalte nur meinen Willen, allein, folglich alſo auch frei zu leben!“ „Unglückliche! Unglückliche,“ murmelte der Banquier, denn er kannte aus Erfahrung ſeiner Tochter feſte, unbeugſame Grundſätze. „Unglücklich ſagen Sie?“ rief Eugenie.„Wahrhaftig nein, dieſer Ausdruck klingt ganz theatraliſch und affectirt. Im Gegen⸗ theil, glücklich, denn ich frage Sie, was fehlt mir? Die Welt fin⸗ det mich ſchön, das trägt zu einer günſtigen Aufnahme bei, und ich liebe eine gute Aufnahme, das erfriſcht die Geſichter, und die mich umgebenden erſcheinen mir minder häßlich. Ich habe etwas Geiſt und eine gewiſſe Empfänglichkeit, die es mir möglich macht, aus dem allgemeinen Leben zu wählen, was mir für das meine paſſend erſcheint, wie es der Affe macht, der die grüne Nuß zer⸗ bricht, um zum ſüßen Kern zu gelangenz; ich bin reich, dennfſie ſind einer der begütertſten Männer Frankreichs, und ich Ihre einzige Tochter, auch ſind Sie nicht ſo hartnäckig, wie die Theaterväter, Ihre Tochter zu enterben, weil ſie Ihnen keinen Schwiegerſohn und keine Enkel geben will. Das vorſichtige Geſetz hat Ihnen die Macht geraubt, mich wenigſtens ganz zu enterben, wie es Ihnen gleichfalls die Macht nimmt, mich zu einer Heirath mit dieſem oder jenem zu zwingen. Alſo ſchön, geiſtreich und talentvoll wie ich bin, und reich dazu? Wie können Sie mich unglücklich nennen? Ei, ſeien Sie doch gerecht, es iſt ja ein Glück!“ Als Danglars ſeine Tochter ſo lächelnd, ſo übermüthig ſtolz vor ſich ſah, konnte er eine rohe Bewegung des Zornes nicht un⸗ terdrücken, aber das war Alles. Dem fragenden Blicke ſeiner Tochter, dieſen ſchönen, ſtrengen, forſchend auf ihn gerichteten Augen gegenüber, ſchlug er die ſeinigen nieder, und beruhigte ſich, durch die Macht der Vorſicht bewältigt. „Wirklich, mein Kind,“ entgegnete er lächelnd,„Du biſt alles Das, was Du da rühmeſt zu ſein, außer einer Sache, die ich Dir jedoch nicht gerade heraus ſagen werde, ſondern die Du lieber er⸗ rathen magſt.“ 1231 1232 Eugenie ſah ihren Vater an, ſehr erſtaunt, daß man ſich er⸗ laube, ihr eine Blume dieſer Krone des Stolzes zu beſtreiten, mit der ſie ihr Haupt ſo ſchön ſchmückte. „Meine Tochter,“ fuhr der Banquier fort,„Du haſt mir eben aufs Genaueſte die Geſinnungen einer Tochter aus einander geſetzt, die jetzt entſchloſſen iſt, nicht zu heirathen; jetzt werde ich Dir die Gründe eines Vaters ſagen, der genöthigt iſt, hörſt Du wohl, ſeine Tochter zu verheirathen.“ Eugenie verbeugte ſich, nicht wie eine demüthige Tochter, ſondern wie ein Gegner, der ſich auf Widerſpruch gefaßt macht. „Eugenie,“ fuhr der Banquier fort,„wenn ein Vater ver⸗ langt, daß ſich ſeine Tochter einen Gemahl wählen ſoll, hat er ge⸗ wiß ſtets triftige Gründe für dieſen Wunſch. Theilweiſe wünſcht er, ſich in ſeinen Enkeln wiederzuſehen; ich habe dieſe Schwäche nicht und geſtehe aufrichtig, daß mir Familienfreuden ziemlich gleich⸗ giltig ſind. Ich ſage dies einer Tochter, die klug genug iſt, dieſe Gleichgiltigkeit zu begreifen und die mir kein Verbrechen daraus machen wird.“ 1 8 „Charmant,“ rief Eugenie,„fahren Sie fort, ich liebe dieſe Sprache.“ „Du ſiehſt, daß ich, ohne den Satz im Allgemeinen zu theilen, Deine Sympathie für die Freiheit der Sprache begreife, wenn nämlich die Umſtände danach ſind. Ich fahre alſo fort. Ich habe Dir einen Gemahl vorgeſchlagen, will Dir jedoch ganz aufrichtig geſtehen, daß ich dabei durchaus gar nicht an Dich gedacht habe. Du liebſt die Freiheit, ich muß jedoch meiner kaufmänniſchen An⸗ gelegenheiten halber durchaus darauf beſtehen, daß Du Dich je eher je lieber dieſem Manne vermählſt.“ Eugenie machte eine Bewegung. „Es iſt, wie ich die Ehre habe Dir zu ſagen, mein Kind, wider meinen Willen, denn Du zwingſt mich dazu, nicht wahr, das ſiehſt Du ein? gehe ich in arithmetiſchen Erklärungen ein, mit einer Künſtlerin wie Du, die ſich ſcheut, das Cabinet des Banquiers zu betreten, aus Furcht, dort auf unangenehme Weiſe unpoetiſch berührt zu werden. Aber in dieſem Cabinet, welches Du noch vorgeſtern betrateſt, um Dir die tauſend Franken zu holen, die ich Dir jeden Monat zur Befriedigung Deiner Launen bewillige, wiſſe, mein wolen da, al das phyſi erhäl Chrif geſſen abnin kurzer Pater 9 / 7 Dang wie wie d werde wenn der ſi mein oder geber und Geſt unte Entz dieſen wei Unal ſo be netw Alles kann D. —— ——4P— — — — I— ———— — — —— 1233 mein Fräulein, auch junge Mädchen, die ſich nicht verheirathen wollen, können Manches in dieſem Cabinet erfahren. Man erfährt da, aber aus Schonung für Dein zartes Nervenſyſtem will ich Dir das hier im Salon ſagen, daß der Credit eines Banquiers ſein phyſiſches und moraliſches Leben iſt, daß der Credit den Menſchen erhält, wie der Athem den Körper belebt. Ja der Graf v. Monte⸗ Chriſto hat mir darüber einſt eine Rede gehalten, die ich nie ver⸗ geſſen werde. Man erfährt da, daß in dem Maße wie der Credit abnimmt, der Körper zum Leichnam wird, und daß dies in ſehr kurzer Zeit einem Banquier begegnen muß, der die Ehre hat, der Vater einer ſo guten Logikerin zu ſein.“ Aber ſtatt ſich zu demüthigen erholte ſich Eugenie vielmehr. „Ruinirt!“ ſagte ſie. „Du gebrauchſt das rechte Wort, meine Tochter,“ ſagte Danglars,„ruinirt.“ „Ah!“ ſagte Eugenie. „Ja, ja, ruinirt! So iſt denn dieſes entſetzliche Geheimniß, wie der tragiſche Poet ſagt, bekannt. Jetzt vernimm durch mich, wie dieſem Unglück, nicht für mich ſowohl als für Dich, vorgebeugt werden kann.“ „O,“ rief Eugenie,„Sie ſind ein ſchlechter Phyſiognomiſt, wenn Sie glauben, daß ich meinetwegen die Kataſtrophe beklage, der ſie mich ausſetzen. Ich ruinirt! was thut das? bleibt mir nicht mein Talent? Kann ich mir nicht, gleich der Paſta, Malibran, oder Griſi, ein Vermögen verſchaffen, wie Sie es mir nicht hätten geben können? O ich werde es mir allein zu verdanken haben, und nicht, wie dieſe armſeligen zwölfhundert Franken, mit ſaurem Geſicht und Vorwürfen über meine Verſchwendung, die Sie nie unterlaſſen noch hinzuzufügen, empfangen. Nein, Ausrufungen des Entzückens und Blumen werden es begleiten, ja, und hätte ich dieſes Talent wirklich nicht, woran Sie, nach Ihrem Lächeln, zu zweifeln ſcheinen, bliebe mir nicht immer dieſe glühende Liebe zur Unabhängigkeit, die mir alle Schätze erſetzen wird, und mich faſt ſo beherrſchet, als der Trieb der Selbſterhaltung. Nein, nein, mei⸗ netwegen klage ich nicht, meine Bücher, meine Pinſel, mein Piano, Alles Sachen, die nicht viel koſten und die ich mir ſtets verſchaffen kann, bleiben mir. Sie glauben vielleicht, daß ich meiner Mutter Der Graf von Monte⸗Chriſto. 78 1234 wegen betrübt bin? Sie irren ſich wieder, oder ich müßte mich un⸗ geheuer irren, ſollte die Mutter nicht ihre Vorkehrungen getroffen haben, daß die von Ihnen gefürchtete Kataſtrophe ſpurlos und ohne Schaden an ihr vorübergeht. Ich hoffe, ſie hat ſich ſicher geſtellt, und ich hoffe, daß die Sorge für mich ſie nicht in ihren Vorkeh⸗ rungen geſtört hat, denn Gott ſei Dank! ſie hat, unter dem Vor⸗ wande, ich liebe die Freiheit, meine Unabhängigkeit nie beein⸗ trächtigt. O nein, ſeit meiner Kindheit habe ich ſo Vieles geſehen, ſo Vieles verſtehen gelernt, daß das Unglück keinen größern Ein⸗ druck auf mich macht, als es verdient. Seit ich mich ſelbſt kenne, hat mich Niemand geliebt, das iſt ſchlimm, daraus folgt jedoch ganz natürlich, daß auch ich Niemand liebe, deſto beſſer. Nun haben Sie mein Glaubensbekenntniß.“ „Alſo,“ ſagte Danglars, bleich von einem Zorn, der nicht aus gekränkter väterlicher Liebe entſprang,„alſo Sie mein Fräu⸗ lein wollen mein Verderben?“ „Ihr Verderben? ich?“ ſagte Eugenie,„ich begreife Sie nicht.“ „Deſto beſſer, das läßt mir einen Hoffnungsſtrahl, ſo höre.“ „Ich höre,“ ſagte Eugenie, ihren Vater ſtarr betrachtend, der ſich ſehr zuſammennehmen mußte, dieſen mächtigen Blick des jun⸗ gen Mädchens zu ertragen. „Wenn Herr Cavalcanti Dich heirathet, bringt er mir drei Millionen, die ich belege.“ „Ach ſehr gut,“ ſagte Eugenie verächtlich und ihre Handſchuhe ungeduldig glättend. 3 „Du glaubſt, ich werde Dich um dieſe drei Millionen betrügen? O nicht doch. Dieſe drei Millionen ſollen wenigſtens zehn ſchaffen. Ich habe mit einem meiner Collegen die Conceſſion zu einer Eiſen⸗ bahn erhalten, die einzige Induſtrie, welche in unſerer Zeit die fabelhaften Chancen des augenblicklichen Erfolges darbietet, die Law ehemals bei den guten Pariſern, dieſen ſteten Speculations⸗ narren anwendete. Man braucht nur ein Milliontel Eiſenſchie⸗ nen zu beſitzen, wie man ſonſt eine Hufe Landes am Ohio beſitzen mußte. Du ſiehſt, das iſt ein Fortſchritt, weil man wenigſtens zehn, fünfzehn, zwanzig, hundert Pfund Eiſen für ſein Geld hat. Gut denn, heute über acht Tage muß ich vier Millionen deponi⸗ ren,! werde 7 deſſen fünf den Pryi Vewen Popu täler hören man geſagt das Band det. nur Du Dispe Credie Mona wird 1 wahr dne verſ Cred das wohl will drei ohne rei wahr 2% 1235 ren, und ich wiederhole, daß ſie zehn bis zwölf Millionen bringen werden.“. „Aber bei dem Beſuche, den ich Ihnen vorgeſtern machte, und deſſen Sie ſich ſo gütigſt erinnern,“ ſagte Eugenie,„habe ich Sie fünf und eine halbe Million einkaſſiren ſehen. Sie zeigten mir ja den Schein, und waren ganz überraſcht, daß ein ſo werthvolles Papier meine Augen nicht gleich dem Blitze blendete.“ „Ja, aber dieſes Geld gehörte nicht mir, ſondern iſt nur ein Beweis des Vertrauens, das mir allgemein zu Theil wird. Meine Popularität als Banquier hat mir ſogar das Vertrauen der Hoſpi⸗ täler erworben, denen auch dieſe fünf und eine halbe Million ge⸗ hören. Zu jeder andern Zeit würde ich das Geld benutzt haben, man kennt jedoch meine großen Verluſte, und wie ich Dir ſchon geſagt, ſinkt mein Credit. Jeden Augenblick kann die Verwaltung das anvertraute Gut reclamiren, und ich würde einen ſchändenden Bankerott machen, hätte ich das Geld zu andern Zwecken verwen⸗ det. Ich verachte den Bankerott nicht, aber, verſtehe mich recht, nur ſolche, die bereichern, nicht die, welche ruiniren. Aber wenn Du Cavalcanti heiratheſt, wenn ich die drei Millionen zu meiner Dispoſition habe, oder wenn man es wenigſtens glaubt, wird mein Credit ſich wieder heben, und mein Vermögen, welches ſeit einigen Monaten durch unvorhergeſehenes Mißgeſchick ſich verringert hat, wird neu erblühen. Verſtehſt Du mich?“ „ ollſtändig, Sie verpfänden mich für drei Millionen, nicht „Je größer die Summe, deſto ſchmeichelhafter, ſie giebt Dir eine Idee Deines Werthes.“ „Dank. Nun noch ein Wort mein Herr. Wollen Sie mir verſprechen, ſich dieſer Summe nach Gefallen zu Hebung Ihres Credits zu bedienen, ohne ſie jedoch ſelbſt anzugreifen? Ich ſage das nicht aus Egoismus, ſondern aus Delicateſſe. Ich will mich wohl dazu hergeben, Ihr Vermögen wieder aufzubauen, aber ich will nicht Ihre Mitſchuldige zum Ruine Anderer ſein.“ „Aber wenn ich Dir ſage,“ ſchrie Danglars,„daß mit dieſen drei Millionen...“ 3 „Glauben Sie ſich aus der Verlegenheit ziehen zu können, ohne dieſe drei Millionen anzurühren?“ 78* 1 “ 1236 „Ich hoffe es, aber immer unter der Bedingung, daß dieſe Heirath, wenn ſie zu Stande kommt, meinen Credit wieder herſtellt.“ „Können Sie Herrn Cavalcanti die fünfhunderttauſend Fran⸗ ken zahlen, die ich dem Contracte nach bekomme?“ „Von der Mairie zurückkehrend, kann er ſie in Empfang nehmen.“ „Gut.“ „Wie? gut, was ſoll das heißen?“ „Daß Sie mir in Hinſicht meiner Perſon volle Freiheit laſſen, wenn Sie nur meine Unterſchrift haben.“ „Unbedingt.“ „Gut, ich bin bereit, Herrn Cavalcanti zu heirathen.“ „Aber was haſt Du für Abſichten?“ 1 „Das iſt mein Geheimniß. Wo bliebe meine Ueberlegenheit über Sie, wenn ich Ihr Geheimnißkennend, auch das meine preis gäbe?“ Danglars biß ſich auf die Lippen. „Alſo,“ ſagte er:„Du erklärſt Dich zu einigen Beſuchen bereit, die unumgänglich nothwendig ſind, um Deine Vermählung bekannt zu machen?“ „Ja.“ „Und unterzeichneſt in drei Tagen den Contract?“ „Ja.“ „Darum ſage ich jetzt: Gut!“ Und der Banquier drückte die Hand ſeiner Tochter zwiſchen der ſeinen. Aber der Vater wagte nicht zu ſagen: Dank, mein Kind, und die Tochter hatte kein Lächeln für ihren Vater. „Iſt die Conferenz beendet?“ fragte Eugenie ſich erhebend. Danglars nickte, denn er hatte nichts mehr zu ſagen. Fünf Minuten ſpäter ertönte das Piano unter Fräulein von Armilly's kunſtgeübten Fingern, und Fräulein Danglars ſang die Verwünſchung Brabantio's über Desdemona. Als die Piece zu Ende war, tkat Etienne ein und meldete Eugenien, daß der Wagen bereit ſei, und die Frau Baronin ſie erwarte, um mit ihr Viſiten zu machen. Wir haben beide Damen bei Villeforts geſehen, von wo aus ſie ihre Tour fortſetzten. iſſen, nheit be?" nchen lung ſchen und von die dete ſie aus denn ihm lag nichts daran, mit dem jungen Manne geſehen zu XOCIV. Der Contract. Auf drei Tage nach der eben erzählten Scene, Nachmittags fünf Uhr, hatte der Banquier die Unterzeichnung des Contracts zwiſchen Fräulein Eugenie Danglars und dem durch ihn zum Prinzen erhobenen Andrea Cavalcanti feſtgeſetzt. Ein friſcher Luft⸗ zug bewegte alle Blätter des kleinen vor dem Hauſe des Grafen von Monte⸗Chriſto gelegenen Gartens, als der Graf ſich zum Aus⸗ gehen vorbereitete, während die muthigen Pferde, ſchon über eine Viertelſtunde durch den Kutſcher gehalten, ungeduldig ſtampften. Der elegante Phäthon, den wir ſchon kennen, und von dem nament⸗ lich an dem Abende in Auteuil die Rede war, bog ſchnell an der Eingangsthür um, und Herr Andrea Caralcanti ſprang geſchmückt und ſtrahlend heraus. Mit ſeiner gewohnten Vertraulichkeit fragte er nach dem Be⸗ finden des Grafen, und ſtieg dann leicht die Treppe hinauf. Als der Graf den jungen Mann erblickte, blieb er ſtehen. „Guten Tag, Herr von Monte⸗Chriſto,“ rief Andrea. „Guten Tag, Andrea,“ ſagte dieſer halb ſpottend,„wie be⸗ finden Sie ſich?“ „Vortrefflich, wie Sie ſehen, ich komme, um über tauſend Dinge mit Ihnen zu ſchwatzen, aber vor allen Dingen, kommen oder gehen Sie?“ „Ich gehe.“ „Gut, um Sie nicht aufzuhalten, werde ich mit in Ihren Wagen ſteigen und Tom kann uns mit meinem Phäthon folgen.“ „Nein,“ ſagte der Graf, unmerklich, aber verächtlich lächelnd, 1238 werden,„nein, ich ziehe es vor, hier mit Ihnen zu ſprechen, lieber Herr Andrea, man ſchwatzt im Zimmer beſſer und der Kutſcher hört nicht jedes Wort.“ Der Graf trat in einen Salon und die Herren ſetzten ſich. Andrea nahm ſeine freundlichſte Miene an. „Sie wiſſen, lieber Graf,“ ſagte er,„daß heute Abend um neun der Contract unterzeichnet wird.“ „Ach wahrhaftig?“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Wie, das wußten Sie nicht? und waren Sie nicht durch den Schwiegerpapa von dieſer Feier benachrichtigt?“ „Ja, ich erhielt geſtern einen Brief, aber ich glaube nicht, daß die Stunde angegeben war.“ „Möglich, der Schwiegervater wird geglaubt haben, daß ſie allgemein bekannt.“ „Ah,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„da ſind Sie wohl ſehr glücklich, Herr Cavalcanti, es iſt eine ſehr paſſende Verbindung, und Fräu⸗ lein Danglars iſt hübſch!“ „O ja,“ ſagte Andrea beſcheiden. „Und ſehr reich, wie ich wenigſtens glaube,“ fuhr der Graf fort. „Sehr reich, glauben Sie?“ wiederholte der junge Mann. „Gewiß! Man ſagt, Herr Danglars verberge noch die Hälfte ſeines Vermögens.“ „Und er geſteht fünfzehn bis zwanzig Millionen,“ ſagte Ca⸗ valcanti freudeſtrahlend. „Ohne zu rechnen,“ fuhr Monte⸗Chriſto fort,„daß er im Be⸗ griff ſteht, eine Speculation zu entriren, die in den Vereinigten Staaten zwar ſchon etwas verbraucht, in Frankreich jedoch noch ganz neu iſt.“ „Ja, ja, ich weiß wovon Sie ſprechen wollen, die Eiſenbahn⸗ Conceſſion, die er erhalten.“. „Ganz recht, er wird wenigſtens zehn Millionen bei dieſer Geſchichte gewinnen.“ „Zehn Millionen! glauben Sie? das iſt ja einzig,“ ſagte An⸗ drea, welchen der metalliſche Klang dieſer goldenen Worte berauſchte. „Ja, und das Alles fällt Ihnen einſt zu, da Fräulein Eugenie die einzige Tocher iſt, und Ihr eignes Vermögen iſt, wie mir Ihr wa⸗ gan für Ste Gr get kalt Gen den Ih den Gli Wi für her der um —jü— 1239 Vater ſagt, faſt eben ſo groß, als das Ihrer Verlobten. Aber genug jetzt von Geldangelegenheiten. Wiſſen Sie, Herr Andrea, daß Sie dieſe Sache ganz leicht und geſchickt betrieben haben?“ „Wirklich, ich bin zum Diplomaten geboren.“ „Nun gut, Sie können Diplomat werden, Sie wiſſen, das lernt ſich nicht, ſondern iſt Sache des Inſtincts.... Das Herz iſt alſo geraubt?“ „Ich hatte große Furcht,“ ſagte Andrea mit theatraliſchem Pathos. „Und Sie ſind geliebt?“ „Muß doch,“ ſagte der junge Mann mit dem Lächeln eines Siegers,„denn man heirathet mich. Aber vergeſſen wir indeſſen einen wichtigen Punkt nicht.“ „Und?“ „Daß mir ſonderbarer Weiſe in der ganzen Sache geholfen ward.“ „Bah!“ „Gewiß.“ „Durch die Umſtände?“ „Nein, durch Sie.“ „Durch mich? nicht doch, Prinz,“ ſagte Monte⸗Chriſto, ein ganz beſonderes Gewicht auf dieſen Titel legend.„Was habe ich für Sie thun können! Genügte Ihr Name, Ihre geſelſſchaftliche Stellung und Ihr Verdienſt nicht?“ „Nein,“ rief Andrea,„nein, Sie haben gut ſprechen, Herr Graf, ich behaupte, daß die Stellung eines Mannes wie Sie mehr gethan hat, als das Alles zuſammen.“ „Sie irren ſich vollſtändig, mein Herr,“ ſagte Monte⸗Chriſto kalt, der die ſchlaue Abſicht des jungen Mannes merkte, und das Gewicht ſeiner Worte wohl begriff,„ſeit man das Vermögen und den Einfluß Ihres Herrn Vaters kannte, hat meine Protection Ihnen nichts mehr genützt. Wer hat mir, der ich weder Sie noch den erhabenen Urheber Ihrer Tage vorher je geſehen hatte, das Glück Ihrer Bekanntſchaft verſchafft? Zwei meiner Freunde, Lord Willmore und der Abbé Buſoni. Wer hat mich ermuthigt, nicht, für Sie zu garantiren, aber, Sie zu patroniſiren? Der in Italien 1240 ſo bekannte und geehrte Name ihres Vaters, denn perſönlich kannte ich Sie ja durchaus nicht!“ Dieſe Ruhe, dieſe gänzliche Ungezwungenheit überzeugten An⸗ drea, daß für den Augenblick eine mächtigere Hand als die ſeine ihn unterdrücke, und daß dieſe Macht nicht ſo leicht zu brechen ſei. „Ach ſo, aber,“ ſagte er,„mein Vater hat doch wohl ein ſehr großes Vermögen, Herr Graf?“ „Es ſcheint, ja, mein Herr,“ entgegnete⸗Monte⸗Chriſto. „Wiſſen ſie nicht, ob die mir beſtimmte Summe angekommen iſt?“ „Ich habe den Avisbrief erhalten.“ „Aber die drei Millionen?“ „Sind aller Wahrſcheinlichkeit nach unterwegs.“ „Ich werde ſie alſo wirklich ausgezahlt erhalten?“ „Aber zum Teufel,“ rief der Graf,„ich ſollte denken, Sie hätten ſich bis jetzt noch nicht über Geldmangel zu beklagen gehabt!“ Andrea war ſehr überraſcht, daß er einen Augenblick wie träumend daſtand. d „Nun habe ich noch eine Bitte,“ ſagte er, aus ſeiner Träu⸗ merei erwachend,„die ich thun muß, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie Ihnen unangenehm ſein könne.“ „Sprechen Sie.“ „Durch mein Vermögen begünſtigt, bin ich mit vielen hochge⸗ ſtellten Leuten in Verbindung getreten, ja ich habe, für den Augen⸗ blick wenigſtens, eine Menge Freunde. Aber indem ich mich in Gegenwart der ganzen Pariſer Geſellſchaft vermähle, muß ich durch einen klangvollen Namen unterſtützt werden, und bedarf einer väterlichen, einer mächtigen Hand, die mich zum Altar geleitet. Nun kommt mein Vater jedoch nicht nach Paris.... „Er iſt alt, leidet, wie er ſagt, an ſeinen Wunden, und iſt nach jeder Reiſe zum Sterben krank.“ „Ich begreife. Und nun habe ich noch eine Bitte.“ „An mich?“ „Ja an Sie.“ „Und welche, mein Gott?“ „Die, meinen Vater zu vertreten.“ / gehab icht Anlei eine genin der heite mehr Cairc einer —— 1241 „Ach, mein lieber Herr, wie? nachdem ich ſo oft das Glück gehabt habe, mit Ihnen zuſammen zu ſein, kennen Sie mich noch nicht beſſer, und verlangen ſo etwas von mir? Wollen Sie eine Anleihe von einer halben Million machen? Meiner Treu, ſo ſelten eine ſolche Anleihe iſt, ſie würde mich, bei meiner Ehre, weniger genirt haben. Ich glaubte Ihnen wirklich geſagt zu haben, daß der Graf von Monte⸗Chriſto, was ſeine Mitwirkung in Angelegen⸗ heiten der Welt betrifft, niemals aufgehört hat, ſerupulös, ja um mehr zu ſagen, als Orientale, abergläubiſch zu ſein. Ich, der in Cairo, Smyrna und Conſtantinopel einen Serail hat, ſollte zu einer Heirath beitragen? Nimmermehr!“ „Sie verweigern mir alſo dieſe Bitte?“ „Gänzlich, und wären Sie mein Sohn, oder mein Bruder.“ „Aber,“ rief Andrea verdrießlich,„was ſoll ich nun thun?“ „Sie haben hundert Freunde, wie ſie eben ſelbſt geſagt.“ „Gewiß, aber Sie, Graf, haben mich Herrn Danglars vor⸗ geſtellt.“ „Nicht doch! Sie haben allerdings mit ihm zuſammen bei mir in Auteuil gegeſſen, aber zum Teufel Sie haben ſich ihm ſelbſt vorgeſtellt, das klingt anders.“ „Aber zu meiner Heirath ſind Sie mir behilflich geweſen.“ „Ich! durchaus nicht, ich bitte Sie recht ſehr, mir das zu glauben; erinnern Sie ſich doch, was ich Ihnen antwortete, als Sie mich baten, den Antrag für Sie zu machen. O, ich ſtifte niemals Heirathen, mein lieber Prinz, das iſt einer meiner unum⸗ ſtößlichen Grundſätze.“ Andrea biß ſich auf die Lippen. „Aber Sie werden doch wenigſtens da ſein.“ „Ganz Paris wird da ſein.“. „O gewiß.“ „Nun wohl, ich werde dem Beiſpiele von ganz Paris folgen.“ „Und werden Sie den Contract unterzeichnen?“ „Gewiß, ſo weit gehen meine Scrupel nicht.“ „Gut, ich muß mich begnügen mit dem was Sie mir geben. Aber noch ein Wort!“ „Nun!“ „Einen Rath.“ 1242 „Nehmen Sie ſich in Acht, ein Rath iſt noch ſchlimmer als ein Dienſt.“— „O dieſen Rath können Sie mir dreiſt geben.“ „Nun alſo.“ „Die Ausſteuer meiner Verlobten beträgt fünf Millionen Livres?“ „Das hat mir Herr Danglars ſelbſt geſagt.“ „Soll ich dieſe Summe an mich nehmen, oder Sie in den Händen des Notars laſſen?“ „Ich will Ihnen ſagen, wie dergleichen Angelegenheiten arran⸗ girt werden. Die beiden Notare machen ſich gegenſeitig mit den Contracten bekannt, wechſeln die beiden Mitgaben, geben ſich ein⸗ ander Empfangsſcheine, und ſtellen, nachdem die Vermählung voll⸗ zogen, das Ganze zu Ihrer Verfügung, als Herr der Gütergemein⸗ ſchaft.“ 4 „Aber,“ ſagte Anerea mit ſchlecht verhehlter Unruhe,„ich glaube meinen Schwiegerpapa ſagen gehört zu haben, daß er unſere Fonds bei dieſer fameuſen Eiſenbahnangelegenheit verwenden wolle, von der Sie vorhin ſprachen.“ „Nun ja, das wäre das beſte Mittel Ihr Geld zu verdrei⸗ fachen, denn der Baron Danglars iſt ein guter Vater und verſteht zu rechnen.“ 3 „Gut denn, Alles fügt ſich herrlich, außer Ihrer abſchlägigen Antwort, die mir ſehr weh thut.“ „Schreiben Sie dieſelbe nur den bei ſolchen Angelegenheiten ganz natürlichen Scrupeln zu.“ „Alſo dieſen Abend um neun?“ „Werde ich dort ſein.“. Und ungeachtet eines kleinen Widerſtandes von Seiten des Grafen, deſſen Lippen erbleichten, der jedoch äußerlich lächelte, faßte Andrea mit ſeiner gewöhnlichen Vertraulichkeit ſeine Hand, und drückte ſie, und empfahl ſich. Die vier bis fünf Stunden, welche Andrea bis dahin noch blieben, benutzte er zu Beſuchen bei ſeinen Freunden, ſich nochmals ihr Verſprechen wiederholen laſſend, am Abend im vollen Glanze bei Danglars zu erſcheinen. Nach acht Uhr Abends war wirklich das ganze elegante Quartier des die ſ Neuc vorn Sch zieh ſchwe ſich fr eine Wuß rals jonen den ran⸗ den ein⸗ voll⸗ rein⸗ nich nſere olle, drei⸗ ſteht igen eiten 1243 des Banquiers mit jener duftenden vornehmen Menge angefüllt, die nicht ſowohl Sympathie, als das einſtimmige Intereſſe, etwas Neues zu erfahren, hier vereinigte. Dieſe Verſammlungen der vornehmen Welt gleichen Blumenausſtellungen, die wankelmüthige Schmetterlinge, verhungerte Bienen und ſummende Horniſſen an⸗ ziehen. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Salons mit ver⸗ ſchwenderiſcher Pracht erleuchtet waren, daß Lichtwellen und Düfte ſich vereinten, und die ganze Einrichtung, die nur den Reichthum für ſich hatte, mit ihrem Glanze durchwehten. Fräulein Eugenie war mit der eleganteſten Einfachheit gekleidet, eine weißatlaßne, in Weiß geſtickte Robe umfloß ihren ſtolzen Wuchs, und eine, in ihrem glänzenden ſchwarzen Haar halb ver⸗ ſteckte Roſe bildete ihren ganzen Schmuck, den nicht das kleinſte Geſchmeide erhöhte. Dreißig Schritte von ihr ſchwatzte ihre Mutter mit den Herren Dobray, Beauchamp und Chateau⸗Renaud. Seit langer Zeit hatte Dobray heute zu dieſer großen Feierlichkeit das Haus des Banquiers zum erſten Male wieder betreten. Der Herr des Hauſes war von Deputirten und Finanzmännern umgeben, die ſich über politiſche Gegenſtände unterhielten. Andrea ging Arm in Arm mit einem Dandy auf und ab, und erklärte demſelben ziemlich laut und unverſchämt, auf welche Weiſe er künftig ſein Leben genießen, und wie er ſeine hundertfünfund⸗ ſiebenzigtauſend Livres jährliche Einkünfte in der Pariſer feinen Geſellſchaft verwenden wolle. Die bunte glänzende Menge wogte in den Sälen auf und ab. Wie überall, ſo waren auch hier die älteſten Frauen am reichſten geſchmückt, und die häßlichſten drängten ſich am Meiſten vor. Wollte man eine zarte, weiße, oder eine duftende rothe Roſe ſehen, ſo mußte man ſie in irgend einem Winkel hinter einer Mutter mit Turban oder einer Tante mit einem Paradiesvogel ſuchen. Zwiſchen dieſem Lachen, Schwatzen und Flüſtern ward beſtändig ein neuer Name von gutem Klang gemeldet, neue Gruppen formten, andere vergrößerten ſich. Als die maſſive Pendule, den entſchlummerten Endymion dar⸗ ſtellend, neun Uhr auf dem goldnen Zifferblatte zeigte, und neun 1244 glockenreine Töne erklangen, ward Monte⸗Chriſto's Name genannt, und wie durch einen electriſchen Funken getrieben, blickte die ganze Verſammlung nach der Thür. . Der Graf war ſchwarz und mit ſeiner gewöhnlichen Einfach⸗ heit gekleidet, ſeine weiße Weſte hob ſeine edle, hohe Bruſt, ſeine ſchwarze Cravatte ſchien von ganz beſonderer Friſche, ſo ſehr ſtach ſie gegen ſeine rein bleiche Farbe ab. Sein ganzer Schmuck beſtand in einer goldenen Kette, die ſo fein war, daß man die Gliedchen kaum auf dem weißen Piqué bemerkte. Es bildete ſich gleich ein Kreis um die Thür. Der Graf bemerkte mit einem Blicke des Auges die Baronin am einen, den Banquier am andern Ende des Salons und Fräulein Eugenie vor ſich. Zuerſt näherte er ſich der Dame vom Hauſe, die ſich mit Frau von Villefort unterhielt, die allein gekommen war, da Valentine noch immer leidend war. Von dieſer ging er geradewegs zu Eugenie und ſagte ihr in ſo raſchen und gemeſſenen Ausdrücken einige Worte des Willkommens, daß die ſtolze Künſtlerin davon betroffen wurde. Fräulein Luiſe von Armilly ſtand neben ihr, ſie dankte dem Grafen für einige Empfehlungsbriefe nach Italien, von denen Sie wie ſie ſagte, bald Gebrauch machen werde. Dieſe Damen ver⸗ laſſend, befand er ſich Danglars gegenüber, der ihm entgegen ge⸗ kommen war, um ihn zu begrüßen. Nachdem Monte⸗Chriſto dieſe drei geſellſchaftlichen Pflichten erfüllt hatte, blieb er ſtehen und ſah mit dem ſichern Blicke ge⸗ wiſſer Leute in gewiſſen Stellungen um ſich, mit jenem Blicke, der zu ſagen ſcheint:„Ich habe meine Pflicht erfüllt, jetzt verſäumt Ihr Andern nicht, was Ihr mir ſchuldig ſeid.“ Andrea, der in einem Seitenzimmier war, fühlte die Art ehr⸗ furchtsvollen Schauers, welche der Graf ſtets der Menge einflößte, und er eilte, ihn zu begrüßen. Er fand ihn gänzlich umringt, man ſtritt ſich um ſeine Worte, wie es den Leuten ſtets geht, die wenig und nie auch nur ein unbedeutendes Wort ſprechen. In dieſem Augenblicke traten die Notare ein, und legten ihre Papiere auf den prachtvollen, mit goldgeſticktem Sammet bedeckten Tiſch, der zur Unterzeichnung beſtimmt war.— T 9 halb 4 Kreis ſeeber bewe bei di Aber laute Milic yrocj tung Geſ Aue wäh! ten, glaub nahe den annt, anze fach⸗ varze gegen einer auf onin llein rau tine enie nige ffen ten 1245 Der eine Notar ſetzte ſich, der andere blieb ſtehen. Man bereitete ſich zu der Vorleſung des Contracts vor, den halb Paris anhören, ſo Viele unterzeichnen ſollten. Jeder nahm Platz oder vielmehr die Damen bildeten einen Kreis, während die Herren ihre Bemerkungen machten über Andrea's fieberhafte Bewegung, Danglars Aufmerkſamkeit, Eugeniens Un⸗ beweglichkeit und die leichte und ſcherzhafte Haltung der Baronin bei dieſer wichtigen Gelegenheit. Unter dem tiefſten Schweigen ward der Contract geleſen. Aber kaum war der Notar fertig, als das Leben noch voller und lauter als vorher wiederkehrte. Dieſe ungeheuren Summen, dieſe Millionen, welche die allgemeine Erwartung überſtiegen, mußten be⸗ ſprochen, und die in einem beſondern Zimmer ausgeſtellte Ausſtat⸗ tung und die Diamanten der Braut mußten von dieſer eiferſüchtigen Geſellſchaft beſehen, gemuſtert und bewundert werden. In den Augen der jungen Herren erhöhten ſie Fräulein Danglars Reize, während die Frauen ſich auch ohne dieſe Schätze, ohne dieſe Diaman⸗ ten, ſchön dünkten. Von ſeinen Freunden geſchmeichelt, beneidet und beglückwünſcht glaubte Andrea faſt an die Wirklichkeit dieſes Traumes und war nahe daran, den Kopf zu verlieren. Der Notar ſtand auf, nahm feierlich die Feder, hob ſie über den Kopf und ſprach: „Meine Herren, ſchreiten wir zur Unterzeichnung des Contracts.“ Der Baron mußte zuerſt unterzeichnen, dann der Stellvertreter von Andrea's Vater, dann die Baronin und endlich die künftigen Ehegatten. Der Baron und der Stellvertreter unterzeichneten. Die Baronin trat am Arme der Frau von Villefort zum Tiſche. „Mein Freund,“ ſagte ſie, die Feder nehmend,„iſt es nicht höchſt betrübend, ein unerwaterter Zufall in der Angelegenheit des Mordes und Diebſtahls bei dem Herrn Grafen von Monte⸗ Chriſto, beraubt uns des Vergnügens, den Herrn Procurator des Königs hier zu ſehen!“ „Ol mein Gott!“ ſagte Danglars, in demſelben Tone, in dem er geſagt haben würde: 1246 „Meiner Treu, das iſt mir ſehr gleichgiltig.“ „Mein Gott,“ ſagte Monte⸗Chriſto näher kommend,„ſollte ich wirklich unglücklich genug ſein, wider meinen Willen die Ab⸗ weſenheit Herrn von Villeforts veranlaßt zu haben?“ „Wie, Sie, Graf?“ fragte Frau von Danglars bezeichnend,„o das werde ich Ihnen nie verzeihen.“ Andrea ſpitzte die Ohren. „Es iſt doch nicht meine Schuld,“ fuhr der Graf fort. Man hörte aufmerkſam zu, Monte⸗Chriſto, der ſo ſelten die Lippen öffnete, ſprach.. „Sie erinnern ſich,“ fuhr der Graf fort, während Alles rings⸗ umher ſchwieg,„daß der Unglückliche, der mich berauben wollte, bei mir ſtarb, weil er, mein Haus verlaſſend, tödlich verwundet ward, von ſeinen Mitſchuldigen, wie man glaubt.“ „Ja,“ ſagte Danglars. „Nun gut, um ihm Hilfe zu leiſten, hatte man ihn entkleidet, und die Sachen in einen Winkel geworfen. Die Juſtiz nahm die Kleidungsſtücke an ſich, die Weſte ward jedoch vergeſſen.“ Andrea ward ſichtbar bleich, und zog ſich vorſichtig in die Nähe der Thür zurück, er ſah eine Wolke am Horizonte aufſteigen, die einen Sturm in ſich zu bergen ſchien. „Dieſe Weſte hat man heute, ganz mit Blut bedeckt, und in der Gegend des Herzens durchlöchert, wieder gefunden.“ Die Damen ſtießen einen Schrei aus, einige bereiteten ſich vor, ohnmächtig zu werden. „Man brachte ſie mir. Niemand begriff, was dies für ein Lumpen ſein könne, nur ich errieth, daß es wahrſcheinlich die Weſte des Opfers ſei. Plötzlich fühlt mein Kammerdiener, der dieſe traurige Reliquie mit Vorſicht und Ekel durchſuchte, in der Taſche ein Papier, zieht es heraus, und dieſes Papier war an Sie adreſſirt, Herr Baron.“ „An mich?“ rief Danglars. „Mein Gott, ja, an Sie; obgleich das Billet mit Blut beſu⸗ delt war, erkannten wir doch Ihren Namen,“ entgegnete Monte⸗ Chriſto, allgemeines Staunen weckend. „Aber,“ fragte die Baronin, ihren Manu unruhig anblickend, „wie kann das Herrn von Villefort verhindern...“ —́;; dem it das A ſchicke begreif wo 05 tion g J zweiten 3 71s Caderc D zweiten 3 merke, ſeinem zeichne T gelutt „ 1247 „Das iſt ganz einfach, gnädige Frau,“ nahm der Graf wieder das Wort,„Brief und Weſte waren wichtige Beweisſtücke, deshalb ſchickte ich Beides dem Herrn Procurator des Königs. Sie werden begreifen, lieber Baron, die Stimme des Geſetzes iſt die ſicherſte, wo es ſich um Verbrechen handelt, es war vielleicht eine Machina⸗ tion gegen Sie.“ Andrea fixirte Monte⸗Chriſto ſcharf, uud verſchwand in den zweiten Salon.. „Möglich,“ ſagte Danglars.„War der Ermordete nicht ein ehemaliger Sträfling?“ „Ja,“ ſagte der Graf,„ein ehemaliger Galeerenſclave, Namens Caderouſſe.“ Danglars ward etwas bleich, Andrea zog das Vorzimmer dem zweiten Salon vor. „Aber unterzeichnen Sie doch,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich be⸗ merke, daß meine Erzählung die ganze Verſammlung in Bewegung gebracht hat, und ich bitte Sie, Frau Baronin, und Sie, Fräulein Danglars, demüthig um Verzeihung.“ „Herr Prinz von Cavalcanti,“ rief der Notar,„Herr Prinz von Cavalcanti, wo ſind Sie?“ „Andrea! Andrea!“ wiederholten mehrere junge Herren, die mit dem italieniſchen Prinzen ſchon ſo vertraut waren, daß ſie ihn bei ſeinem Taufnamen nannten. „Ruft den Prinzen, benachrichtigt ihn, daß die Reihe zu unter⸗ zeichnen an ihm iſt,“ rief der Banquier einigen Dienern zu. Aber pötzlich kam die Maſſe beſtürzt in den Hauptſaal zurück⸗ gefluthet, als wäre ein erſchreckliches Ungeheuer eingetreten. Man hatte wirklich Urſache, zu ſchreien, zu erſchrecken, ſich zu entſetzen. Ein Gensdarmerie⸗Officier placirte zwei Gensdarmen vor die Thür jedes Salons, und trat auf Danglars zu. Ein mit ſeiner Schärpe umgürteter Polizeicommiſſair ging ihm voraus. Die Baronin ſtieß einen Schrei aus und ward ohnmächtig. Danglars, der ſich bedroht glaubte,(manche Gewiſſen ſind nie ruhig) blickte verſtört um ſich. „Was giebt es denn, mein Herr?“ fragte Monte⸗Chriſto den Polizeicommiſſair. 1248 „Wer von Ihnen meine Herren,“ fragte dieſer, ohne dem Grafen zu antworten,„nennt ſich Andrea Cavalcanti?“ Ein Schrei der Ueberraſchung ertönte durch den Saal.— Man ſuchte, man fragte. „Aber was iſt denn mit Andrea Cavalcanti?“ fragte der Ban⸗ quier verwirrt. „Er iſt ein aus dem Bagno zu Toulon entſprungener Galee⸗ renſträfling.“ „Und welches Verbrechen hat er begangen?“ „Er iſt überführt,“ ſagte der Commiſſair laut und rückſichts⸗ los,„den Caderouſſe ermordet zu haben, ſeinen alten Kettenge⸗ fährten, als derſelbe das Haus des Herrn Grafen von Monte⸗ 1 Chriſto verließ.“ hütted Monte⸗Chriſto blickte ſich raſch um. keeren Andrea war verſchwunden!.. Gensd nicht, ſlehe ten ku Baron ächtlich Louiſe W mehrte und C I ganz ichtlie nigin bewegt Thüre Seſſel 2 n ver 4 der. 6 —— ——— ——— XCV. Die Reiſe nach Belgien. Der Schreckensruf: die Peſt oder die Cholera iſt im Hauſe, hätte die weiten Säle in des Barons glänzendem Hotel nicht ſchneller leeren können, als die Erſcheinung des Officiers mit ſeinen Gensdarmen. Die unerwartete Entdeckung verfehlte ihre Wirkung nicht, ſämmtliche Gäſte eilten, ſich zurückzuziehen, oder vielmehr zu fliehen. Alle die unzähligen Treppen, Thüren und Ausgänge reich⸗ ten kaum hin, der geſchmückten Menge Raum zu geben. Der Banquier hatte ſich mit dem Officier eingeſchloſſen, die Baronin war ganz vernichtet und Eugenie zog ſich, ſtolz und ver⸗ ächtlich lächelnd, mit ihrer unzertrennlichen Freundin, Fräulein Louiſe von Armilly, in ihr Zimmer zurück. Die an dieſem Abend wegen der Feſtlichkeit ungemein ver⸗ mehrte Dienerſchaft, ſtand ſchwatzend und ſtaunend in den Küchen und Corridors, ohne ihres Dienſtes zu gedenken. Aber nur zwei von den genannten Perſonen verdienen unſere ganz beſondere Aufmerkſamkeit, und zwar Eugenie und Louiſe. Wie ſchon geſagt, hatte ſich die junge Braut ſtolz und ver⸗ ächtlich, mit dem Anſtande und der Majeſtät einer beleidigten Kö⸗ nigin in ihr Zimmer zurückgezogen, während ihre Freundin, weit bewegter und bleicher als ſie, ihr folgte. Eugenie verſchloß die Thüre ihres Zimmers von innen, Louiſe ſank erſchöpft in einen Seſſel. „O, mein Gott! mein Gott! wie entſetzlich,“ murmelte ſie, „wer konnte das glauben, Herr Andrea Cavalcanti... ein Mör⸗ der... ein dem Bagno Entflohener... ein Galeerenſträfling!... Ein ironiſches Lächeln umſpielte Eugeniens Lippen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 79 ——— 1250 „Wirklich,“ ſagte ſie,„ich war auserwählt; den Morcerfs entging ich, um den Cavalcanti's anheimzufallen.“ „Ei, Eugenie, nicht doch, vergleiche die Einen nicht mit den Andern!“ „Still, ſtill, Kind, alle Männer ſind Niederträchtige, und ich bin glücklich, ſie nicht nur zu verabſcheuen, ſondern zu verachten!“ „Aber was wird nun werden?“ fragte Louiſe. „Was nun werden wird?“ An* „Jal. „Und Du fragſt? Was in drei Tagen geſchehen ſollte, wir reiſen!“ „Alſo dennoch, obgleich Du Dich nicht verheiratheſt?“ „Höre, Louiſe. Ich verabſcheue dieſes abgezirkelte, geſchnör⸗ kelte, geglättete Weltleben, mein glühendſtes, ehrgeiziges Sehnen galt ſtets dem freien, unabhängigen Künſtlerleben! Weshalb ſoll ich hier bleiben? um in einem Monate zu einer neuen Heirath ge⸗ zwungen zu werden, vielleicht— wovon ſchon die Rede war,— mit Herrn Dobray? Nein, nein, Louiſe, die Begebenheit dieſes Abends ſei meine Entſchuldigung, ich ſuchte ſie nicht, ich verlangte ſie nicht, Gott ſchickte ſie mir, ſie ſei willkommen.“ „Wie ſtark und muthig Du biſt!“ „Aber kannteſt Du mich denn noch nicht? Laß ſeho, ouiſe, wie ſtehen unſere Angelegenheiten, die Extrapoſt „Iſt glücklicherweiſe ſeit drei Tagen beſtellt.“ „Haſt Du ſie an den verabredeten Ort beſteut.“ „Ja.“ „Unſer Paß?“ „Hier.“ Und Eugenie entfaltete ein bedrucktes Papier, das ihr Louiſe reichte und las: „Herr Leon von Armilly, Künſtler, zwanzig Jahre alt, ſchwar⸗ zes Haar, ſchwarze Augen, reiſ't mit ſeiner Schweſter.“ —„Als ich bei dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto war, ihn um Empfehlungsbrieſe an die Directoren der Thater zu Rom und Neapel zu bitten, ſprach ich von meiner Furcht als Frau zu rei⸗ „Herrlich! Durch wen haſt Du Dir dieſen Paß verſchafft.“ ſen. die er ſehr wohl begriff und ſich erbot, mir einen auf einen Hertn dieſen, — packen wir, / Mona hören. der V Paläſ Louiſe 4 Bankt / Koſtd zigta oder wir, verdo käſtch zu ve wir, ſcle nötl Geſ wäl u“ . vir niſe ar⸗ 3.4 ihn und rei⸗ Herrn lautenden Paß zu verſchaffen. Zwei Tage ſpäter ſandte er dieſen, und ich fügte hinzu: reiſ't mit ſeiner Schweſter.“ „So wäre Alles in Ordnung,“ ſagte Eugenie heiter,„wir packen unſer Felleiſen, und der ganze Unterſchied beſteht darin, daß wir, ſtatt am Hochzeitstage ſchon heute reiſen.“ „Aber haſt Du auch Alles überlegt, Eugenie?“ „Alles. Ich bin es überdrüſſig, nur von Actien, Wechſeln, Monats⸗Abſchlüſſen, Steigen und Fallen der Papiere reden zu hören. Louiſe, bedenke, ſtatt deſſen— Luft, Freiheit, der Geſang der Vögel, die Ebenen der Lombardei, die Canäle von Venedig, die Paläſte von Rom, die Küſten von Neapel! Wie viel beſitzen wir, Louiſe?“ Das Mädchen öffnete ein verſchloſſenes Taſchenbuch, nahm Bankbillets heraus und zählte. „Dreiundzwanzigtauſend Franken,“ ſagte ſie. „Und für mindeſtens eben ſo viel Perlen, Diamanten und Koſtbarkeiten,“ rief Eugenie.„O wir ſind reich, mit ſechsundvier⸗ zigtauſend Franken können wir zwei Jahre lang wie Prinzeſſinnen, oder vier Jahre höchſt bequem leben. Aber in ſechs Monaten haben wir, Du mit Deinem Spiel, ich durch meine Stimme das Kapital verdoppelt. Schnell, nimm Du das Geld, ich nehme das Schmuck⸗ käſtchen, damit wenn eine das Unglück haben ſollte, ihren Schatz zu verlieren, die Andere helfen kann. Jetzt das Felleiſen, eilen wir, das Felleiſen!“ „Warte,“ ſagte Louiſe, ſich horchend an die Thür der Baronin ſchleichend. „Was fürchteſt Du?“ „Daß man uns überraſcht.“ „Die Thür iſt verſchloſſen.“ „Aber wenn Du öffnen ſollſt?“ „Ei, ich öffne nicht!“ „Du biſt eine veritable Amazone, Eugenie.“ Und die beiden Freundinnen packten alle die Sachen, die ſie nöthig zu haben glaubten, mit bewundrungswerther Schnelle und Geſchicklichkeit in ein Felleiſen.. „So,“ ſagte Eugenie,„ſchließe das Felleiſen, ich will mich währenddem umkleiden.“ 79⸗ 1252 Louiſe bemühte ſich aus allen Kräften, mit ihren zarten, weißen Händen das Schloß zu befeſtigen. „ Aber ich kann nicht,“ ſagte ſie,„mir fehlt die Kraft, o, ver⸗ ſuche Du es.“ „Ach es iſt wahr,“ rief Eugenie lachend,„ich vergaß, daß ich Hercules bin, und Du nur die bleiche Omphale.“ Und das junge Mädchen ſtemmte ihre Knie auf das Felleiſen, und vereinigte die beiden Abtheilungen durch die Kraft ihrer weißen, muskuleuſen Arme, ſo das Fräulein von Armilly das Vorlegeſchloß durch die Ringſchrauben zu ſchieben vermochte. Als dieſe Sache glücklich beendet war, öffnete Eugenie eine Kommode, und nahm einen violett⸗ſeidenen Reiſemantel heraus. „Nimm,“ ſagte ſie,„Du ſiehſt, ich habe an Alles gedacht, in dieſem warm wattirten Reiſemantel wirſt Du nicht frieren.“ „Aber Du?“ „Ach ich friere niemals, das weißt Du, beſonders nicht in männlicher Kleidung.“ „Du willſt Dich alſo umkleiden?“ „Gewiß.“ „Aber wirſt Du Zeit haben?“ „Sei doch nur nicht unruhig, kleine Närrin, alle unſere Leute ſind beſchäftigt, Niemand wird uns ſtören, und iſt es denn— verzweifelnd, wie man mich glauben wird— ſo wunderbar, daß ich mich eingeſchloſſen habe, ſage?“ „Nein, es iſt wahr, Du beruhigſt mich.“ „Komm, hilf mir.“ Und aus der noch geöffneten Kommode nahm Eugenie einen vollſtändigen männlichen Anzug, von den Halbſtiefeln bis zum Reiſerock, und der ſorgfältig gewählten nothwendigſten Wäſche. Mit einer Gewandheit, die bewies, daß es nicht das erſte Mal war, kleidete ſie ſich in die Gewänder des andern Geſchlechts, knöpfte eine feine Weſte bis an den Hals hinaus zu und zog den Reiſerock über, der ihren feinen Wuchs abzeichnete. „O herrlich, herrlich,“ rief Louiſe, ſie voll Bewunderung be⸗ trachtend,„aber dieſes ſchöne, ſchwarze Haar, dieſe ſüperben Flech⸗ ten, die den Neid aller Frauen erregten, werden ſie unter jenem Herrenhute verſteckt werden können, den ich dort bemerke?“ V die zer ſchöner wit je 71 Vond Straß Gottha ber, freudi ren de T und j auf de Eugen naeerte —ſſſ 1253 „Du wirſt ſehen,“ entgegnete Eugenie. Und mit ihrer linken Hand die dicke Flechte faſſend, die ihre langen ſchlanken Finger kaum umfaſſen konnten, nahm ſie mit der rechten Hand eine große Scheere, und bald mähete und ſchnitt das ſcharfe Werkzeug in dieſen reizenden Haarſchmuck, der in üppiger Fülle zu Eugeniens Füßen fiel. Auf dieſe Weiſe ſchnitt ſie ihr Haar vollſtändig männlich, ohne Klage, ohne Bedauern, ihre ſchönen, ebenholzſchwarzen Augen glänzten noch ſtolzer und freudiger als gewöhnlich. „Ach das prächtige Haar!“ flüſterte ihre Freundin traurig. „Und bin ich nicht ſo beſſer,“ rief Eugenie feurig und glättete die zerſtreuten Locken,„findeſt Du mich als Mann nicht viel ſchöner?“ „O Du biſt ſchön, immer ſchön,“ rief Louiſe,„wohin werden wir jetzt gehen?“ „O nach Brüſſel, wenn Du willſt, das iſt die nächſte Grenze. Von da gehen wir nach Lüttich, Aachen, den Rhein entlang, bis Straßburg, durchſtreifen die Schweiz und gelangen über den Sanct Gotthard nach Italien. Gefällt Dir der Plan?“ „Ach za!“ „Wen betrachteſt Du?“ 1 „Mein Gott, Dich, Du biſt entzückend ſchön, man könnte ſagen, Du entführteſt mich.“ „Und wirklich, man hat Recht.“ „Ach, Eugenie, ich glaube das wünſcheſt Du.“ Und dieſen beiden jungen Mädchen, die Jeder in der tiefſten Traurigkeit verſenkt glaubte, die Eine ihres eigenen Schickſals hal⸗ ber, die Andere aus Theilnahme für ihre Freundin, brachen in ein freudiges Gelächter aus, und beſeitigten heiter die ſichtbaren Spu⸗ ren der die Vorbereitung ihrer Flucht begleiteten Unordnung. Dann löſchten ſie das Licht aus, öffneten vorſichtig lauſchend und ſpähend die Thüre eines Toilettenzimmers, in dem ſich eine auf den Hof gehende Treppe befand. Im Zimmer war Niemand, Eugenie ging voran, das Felleiſen tragend, Louiſe folgte ihr. Der Hof war leer.. Es ſchlug Mitternacht. Der Portier wachte noch, wenigſtens ſchim⸗ merte noch Licht in ſeiner Loge. Eugenie näherte ſich derſelben behut⸗ 1254 ſam, der wackere Schweizer lag ſanft ſchlummernd in ſeinem Stuhle ausgeſtreckt. wir Sie kehrte geräuſchlos zu Louiſe zurück, nahm das Felleiſen, dem welches ſie an die Erde gelegt hatte, und Beide ſchlichen, vom Schatten der Mauer geſchützt, weiter vor.. tigke . Eugenie ließ Louiſe ſich in dem Winkel des breiten Thorwe⸗ ges verſtecken und rief dann, ſich in das hellſte Licht ſtellend, mit b ihrer vollen, klangreichen Stimme: vot d „Die Thür auf!“ Der Portier taumelte auf, ſuchte ſogar die Perſon zu erken⸗ außer nen, öffnete jedoch, einen jungen Mann ſehend, der ungeduldig mit ſeinem Spazierſtöckchen gegen die Stiefel ſchlug, ohne Verzug die Thür. dig Augenblicklich glitt Louiſe wie ein Schatten durch die Oeff⸗ nung, während Eugenie ihr anſcheinend ganz ruhig folgte, obgleich ihr Herz wohl etwas unruhiger als gewöhnlich pulſiren mochte.— wot Ein Laſtträger kam vorbei, Eugenie gab ihm das Felleiſen, bezeichnete ihm die Straße de la Victoire, und zwar Nr. 30 als ſchn das Ziel ihres Weges, nahm ihre zagende Freundin bei der Hand und folgte dem rüſtig voranſchreitenden Manne, deſſen Gegenwart die ängſtliche Louiſe etwas beunruhigte, während Eugenie ſtark wie Judith oder Delila war. Vor dem bezeichneten Hauſe angelangt, nahm Eugenie das Felleiſen, gab dem Laſtträger etwas Geld und klopfte an einem Fenſterladen. Dieſer Fenſterladen gehörte zu dem Stübchen einer Weißzeug⸗ händlerin, die im Voraus benachrichtigt war. Glücklicherweiſe ſchlief ſie noch nicht, ſondern öffnete ſogleich. „ Mademoiſelle,“ ſagte Eugenie„laſſen Sie dem Portier die Kaleſche aus der Remiſe ziehen und die Poſtpferde holen, hier ſind fünf Franken für ſeine Mühe.“ „Wirklich,“ ſagte Louiſe,„ich bewundere Dich, ich verehre Dich faſt.“ Eine Viertelſtunde ſpäter war Alles beſorgt. „Welchen Weg nehmen wir, mein junger Herr?“ fragte der Poſtillon. 3 „Den Weg nach Fontainebleau“, ſagte Eugenie mit ihrer faſt männlichen Stimme. en⸗ mit hür. eff⸗ eich iſen, als Hand wart wie das nem eug⸗ veiſe die ſind ehre der faſt — 1255 „Aber was ſagſt Du?“ flüſterte Louiſe. „Vorſicht, Kind,“ entgegnete ihre Freundin,„dieſe Frau, der wir zwanzig Goldſtücke geben, kann uns für vierzig verrathen; auf dem Boulevard ſchlagen wir eine andere Richtung ein.“ Und das junge Mädchen ſchwang ſich mit anmuthiger Leich⸗ tigkeit in den bequemen Wagen. „Du haſt ſtets Recht,“ ſagte Louiſe, neben ihr Platz nehmend. Eine halbe Stunde darnach ließ der Poſtillon ſeine Peitſche vor dem Gitter der Barriere Saint⸗Martin knallen. „Gott ſei gelobt!“ ſagte Louiſe hoch aufathmend,„wir ſind außerhalb Paris!“ „Ja,“ entgegnete Eugenie,„und die Entführung iſt vollſtän⸗ dig gelungen.“ „Ja,“ aber ohne Gewalt,“ ſagte Louiſe. „Das werde ich als mildernden Umſtand gelten laſſen,“ ant⸗ wortete ihre Freundin. Dieſe letzten Worte verloren ſich faſt in dem Geräuſch des ſchnell auf dem Plaſter dahin rollenden Wagens. Herr Danglars hatte keine Tochter mehr. XCVI. Das Wirthshaus zur Glocke und zur Jlaſche. Und jetzt laſſen wir die Flüchtlinge ihren Weg nach Brüſſel fortſetzen und kehren zu Andrea Cavalcanti zurück, der ſo unbarm⸗ herzig von dem höchſten Gipfel des Glücks herabgeſchleudert war. Ungeachtet ſeiner großen Jugend war er ſehr gewandt und ſehr klug. Wir haben ſchon geſehen, wie vorſichtig und allmälig er ſich am Abend der Feier der äußern Thür näherte, um im ge⸗ eigneten Augenblicke zu entwiſchen. Ein bis jetzt vergeſſener Um⸗ ſtand verdient jedoch gleichfalls der Erwähnung. In einem der Zimmer, die Herr Andrea durcheilte, war die prachtvolle Ausſteuer ſeiner Braut zur Schau geſtellt, und zwar war nichts von alledem vergeſſen, bei deſſen Namen das Herz eines jungen Mädchens vor Freude hüpft, Cachemirſhawls, Valencienner Spitzen, engliſche Schleier, Schmuckkäſtchen und Diamanten. Andrea war nicht nur klug und gewandt, ſondern auch vor⸗ ſichtig und überlegend, er verſorgte ſich deshalb mit den reichſten von den hier ausgeſtellten Koſtbarkeiten, ſchwang ſich, mit dieſem Viaticum verſehen, leicht aus dem Fenſter um den Gensdarmen zu entgehen. Groß und ſchön gewachſen, wie ein Kämpfer der Alten, kräftig wie ein Spartaner, zitterte Andrea nicht vor einer Anſtrengung, ſondern floh ſchnellen Laufs, vorläufig ohne Plan und Ziel, nur bemüht, den Häſchern zu entrinnen. Mit jenem inſtinctsmäßigen Ortsſinne der Diebe, hielt er am Ende der Straße Lafayette an, um Athem zu ſchöpfen. Er war allein, ihm zur Linken lag das Gehege von Saint⸗Lazare, zur Rechten Paris in ſeiner Ausdehnung. „Bin ich verloren?“ fragte er ſich.„Nein, Zeit gewonnen, Alles gewonnen.“ In menden 7/ hier er glauber G von Pferde ſehlt; halten — — — menden Wagen. „He, Freund,“ rief Benedetto dem Kutſcher zu. „Was giebts?“ fragte dieſer. „Iſt Ihr Pferd ſehr ermüdet?“ „Ermüdet? Ach nein doch, es hat den ganzen Tag faſt nichts gethan, ſieben Franken habe ich, und zehn muß ich dem Herrn ab⸗ liefern.“ „Wollen Sie dieſen ſieben Franken noch zwanzig hinzufü⸗ gen, he?“ „Mit Vergnügen, das iſt nicht zu verachten, zwanzig Franken, hm, und was verlangen Sie dafür?“ „Wenn Ihr Pferd nicht zu müde iſt, etwas ganz Einfaches.“ „O, ich ſage Ihnen, es wird wie ein Zephir gehen, ſagen Sie nur, nach welcher Richtung?“ „Nach der Richtung von Louvres zu.“ „Aha, bekannt, Land des Gewürzbranntweins.“ „Ja, ich will mich dort mit einem Freunde treffen, der mich hier erwarten ſollte, ich habe die Zeit etwas verſäumt und er wird, glaubend, ich käme nicht mehr, weiter gefahren ſein.“ „Wahrſcheinlich!“ „Und wollen Sie verſuchen ihn einzuholen?“ „Gewiß. Und wenn wir ihn treffen?“ „Bekommen Sie das Doppelte,“ ſagte Andrea, bei dieſem Verſprechen nichts riskirend. „Es gilt,“ ſchrie der Kutſcher,„ſteigen Sie ein, holla, vor⸗ wärts, prrr... Andrea ſtieg ein, das Cabriolet fuhr raſch durch die Vorſtadt Saint⸗Denis, längs der Vorſtadt Saint⸗ nach dem endloſen Vilette. Um nicht aus der Rolle zu fallen, forſchte und ſuchte Andrea von Zeit zu Zeit nach dem grünen Cabriolet, mit dem braunrothen Pferde beſpannt, und war ganz betrübt, den geliebten Freund ver⸗ fehlt zu haben. Er ward nicht müde, jedes grüne Cabriolet anzu⸗ halten und zu muſtern. Plötzlich fuhr eine Kaleſche mit zwei Poſtpferden beſpannt, im Galopp an ihm vorüber. Martin durch die Barrieren 1257 In dieſem Augenblicke entdeckte er einen langſam näher kom⸗ 1258 „Ach, murmelte Cavalcanti,„hätte ich dieſe Kaleſche, dieſe beiden guten Pferde, und vor Allem den Paß, deſſen es bedarf, um ſie zu bekommen!“. 4 Und er ſeufzte tief. In dieſer Kaleſche befanden ſich Fräulein v. Danglars und Fräulein v. Armilly. „Schnell vorwärts!“ rief Andrea,„wir dürfen nicht zögern.“ Und das arme Pferd ſetzte ſich wieder in Trab, und langte dampfend in Louvres an. „Ich ſehe wohl ein, daß ich meinen Freund nicht einhole, und Ihr Pferd ruiniren würde, alſo will ich lieber hier bleiben. Hier ſind dreißig Franken, ich will in dem rothen Roſſe übernachten, und morgen ganz früh weiter fahren. Gute Nacht, mein Lieber.“ Und Andrea ſprang, nachdem er den Kutſcher bezahlt, aus dem Wagen. Der Kutſcher ſteckte freudig die Summe ein, und ſchlug den Weg nach Paris hin ein. Andrea that, als ſuche er das bezeich⸗ nete Gaſthaus auf; nachdem jedoch das Rollen des Wagens ver⸗ hallt war, eilte der Flüchtling im vollen Laufe davon. Nach zwei Stunden gönnte er ſich Ruhe, er mußte ganz nahe bei La Chapelle en Serval ſein. Nicht Ermüdung ließ Andrea ruhen, ſondern die Nothwendig⸗ keit, einen Entſchluß zu faſſen, ſich einen Plan zu bilden. Die Diligence nehmen, das war unmöglich, mit der Poſt fah⸗ ren, das war gleichfalls unmöglich, den zu dieſen Arten zu reiſen war ein Paß unumgänglich nothwendig. In dem Departement de P'Oise konnte Andrea keinenfalls bleiben, denn es war eines der freieſten und überwachteſten in ganz Frankreich. Er ſetzte ſich an den Rand eiues Grabens, verbarg den Kopf in beiden Händen und ſann nach. Zehn Minuten ſpäter richtete ſich Andrea hoch auf, ſein Ent⸗ ſchluß war gefaßt. Er überzog die eine Seite des Paletots, den er im Vorzim⸗ mer ſchnell über ſein Ballcoſtüm geworfen hatte, ſorgfältig mit Staub und klopfte dann an die Thüre des einzigen Wirthshauſes in La Chapelle en Serval. ————*⁴ daß! auls! ſehr haben junge währ hinte ſollte eine Frel geri dern hab Thl hau ſih, zu ent ber au de jed jen S im ſei fei Ent⸗ tzim⸗ mit uiſes — ——; 1259 Der Wirth öffnete. „Mein Freund,“ ſagte Andrea,„ich habe das Unglück gehabt, daß mein Pferd mit mir durchgegangen iſt, ich muß jedoch durch⸗ aus bald in Compiegne ſein, damit meine Angehörigen nicht zu ſehr beunruhigt werden, wenn mein Pferd ohne mich anlangt, haben Sie vielleicht ein Pferd zu vermiethen?“ Gut oder ſchlecht, ein Wirth hat ſtets ein Pferd. Der Stall⸗ junge ward gerufen, und ihm befohlen den Schimmel zu ſatteln. während der Wirth ſeinen kleinen ſiebenjährigen Sohn weckte, der hinter dem Herrn ſitzen, und ſpäter den Vierfüßigen zurückbringen ſollte. Andrea gab dem Wirthe zwanzig Franken, und ließ dabei eine Viſitenkarte aus der Taſche fallen. Es war die eines ſeiner Freunde vom Café de Paris, um den Wirth, nachdem Andrea fort⸗ geritten war, durch die Karte wiſſen zu laſſen, daß er ſein Pferd dem Grafen von Mauleon, Straße Saint⸗Dominique, 25, geliehen habe, denn dieſe Adreſſe ſtand auf der Karte. Das Pferd ging nicht raſch, aber gleichmäßig und ſicher, am Thurme zu Compiegne ſchlug es vier, als Andrea vor dem Wirths⸗ hauſe anlangte, wo gewöhnlich die Diligencen anzuhalten pflegen. Dieſes Wirthshaus iſt ganz vortrefflich, auch Andrea entſann ſich, ſchon einmal im Gaſthauſe zur Glocke und Flaſche übernachtet zu haben. Er verabſchiedete alſo das Kind und klopfte dann, feſt entſchloſſen, ſich durch ein gutes Eſſen und einige Ruhe zu den bevorſtehenden Ermüdungen zu ſtärken. Ein Kellner erſchien. „Mein Freund,“ ſagte Andrea,„ich komme von Saint-Jean- au-Bois, wo ich zu Mittag gegeſſen habe, rechnete darauf, hier einen der Wagen zu treffen, die um Mitternacht weiter gehen, habe mich jedoch wie ein Narr verrechnet. Geben Sie mir deßhalb eines jener niedlichen, auf den Hof führenden Zimmerchen, und bringen Sie mir ein kaltes Huhn ſowie eine Flaſche guten Wein.“ Der Kellner hegte keinen Argwohn; Andrea ſprach, die Cigarre im Munde, die Hände in den Taſchen ſeines Paletots, ſo ruhig, ſeine Kleidung war elegant, der Bart war gut gepflegt, die Stiefel fein und modern, kurz, man konnte nichts an ihm ausſtellen. Während der Kellner das Zimmer bereitete, ſtand auch die Wirthin auf; Andrea begrüßte ſie mit ſeinem verbindlichſten Lä⸗ cheln und fragte, ob er nicht Nro. 3 bekommen könne, welches er bei ſeiner letzten Durchreiſe gehabt habe. Unglücklicherweiſe war Nro. 3 nicht frei, ſondern von einem jungen Herrn beſetzt, der mit ſeiner Schweſter reiſte. Andrea ſchien troſtlos, und nur die inſtändigen Verſicherungen der Wirthin, daß Nro. 7 ganz ebenſo eingerichtet ſei, waren im Stande, ihn etwas zu beruhigen. Nicht ohne Grund hatte Andrea von dieſen niedlichen, in den Hof gehenden Zimmerchen geſprochen; dieſer Hof mit ſeinen drei⸗ fachen Gallerien, die ihm das Anſehen eines Schauſpielhauſes gaben, mit ſeinen leichten, ſich um die Colonnaden windenden Jasmin⸗ und Waldreben⸗Pflanzen, war einer der reizendſten Eingänge irgend eines Gaſthauſes. Das Huhn war friſch und wohlſchmeckend, der Wein alt und feurig, Andrea genoß Beides mit dem beſten Appetit von der Welt. Dann begab er ſich zur Ruhe, und verfiel bald in den beſten Schlaf eines Mannes von zwanzig Jahren, der einem Geſunden in dieſem Alter nie fehlt, ſelbſt wenn derſelbe Gewiſſensbiſſe haben ſollte. Wir ſind jedoch gezwungen, zu geſtehen, daß Andrea allerdings Gewiſſensbiſſe hätte haben können, ſie jedoch in der That nicht hatte. Folgendes war jedoch Andrea's Plan, der ihm, ſeiner Mei⸗ nung nach, die meiſte Sicherheit gewähren mußte. Mit Anbruch des Tages wollte er, nachdem er ſeine Rechnung bezahlt hatte, das Hotel verlaſſen, in den Wald eilen, dann, unter dem Vorwande, Studien als Maler zu machen, die Gaſtfreundſchaft eines Bauern anſprechen, ſich dann das Koſtüm eines Holzhauers und eine Axt verſchaffen, Haut und Haar nach einem Recept fär⸗ ben, welches ſeine alten Kameraden ihm gegeben, und ſo die nächſte Grenze gewinnen. Nachts wollte er gehen, bei Tage ſchlafen, und ſich nur bewohnten Gegenden nahen, um ab und zu ein Brot zu kaufen. Hatte er die Grenze einmal überſchritten, ſo wollte Andrea die Diamanten zu Geld machen, wechſelte dagegen zehn Bankbillets ein, die er ſtets für vorkommende Fälle bei ſich trug und hatte dann! phien U vürder 4 1 rückge einem bei ſic U der S 7 lange G G ziehen thes, 1 kleidet ungla undd vorhe ſonde gelbe das u paſſi ein ¹ 4 2 8 ¹ 1261 dann noch über 50,000 Livres zu verfügen, was ſeiner Philoſo⸗ phie nicht übel ſchien. Uebrigens rechnete er darauf, daß Danglars Alles anwenden vürden, dieſes für ſie ſo beſchämende Ereigniß zu vertuſchen. Deßhalb ſchlief Andrea ſo feſt und ſüß. Um nicht lange zu ſchlafen, hatte er die Vorhänge nicht zu⸗ rückgezogen, ſondern nur den Riegel der Thür vorgeſchoben. Auf einem Nachttiſche lag ein kurzes ſcharfes Meſſer, welches er ſtets bei ſich trug. Ungefähr um ſieben Uhr weckte Andrea ein warmer glänzen⸗ der Sonnenſtrahl, der gerade auf ſein Geſicht fiel. Die Augen noch halb geſchloſſen, fühlte er doch, daß er zu lange geſchlafen habe. Er ſprang auf und eilte an das Fenſter. Ein Gensdarm ging über den Hof. „Ein Gensdarm, wozu?“ fragte ſich Andrea. Dann antwortete er ſich mit jener Logik, die ſchon ſein Er⸗ zieher bewundert: 3 „Ein Gensdarm in einem Gaſthauſe iſt nichts Erſtaunenswer⸗ thes, wundern wir uns alſo nicht, ſondern kleiden wir uns an.“ Und unverwöhnt durch ſein faſhionables Leben in Paris, kleidete ſich Andrea auch ohne Hilfe ſeines Kammerdieners mit unglaublicher Schnelligkeit. „Gut,“ ſagte er dann,„ich werde warten bis er ſich entfernt und dann ſchnell entwiſchen.“ Und Andrea hob zum zweiten Male den leichten Fenſter⸗ vorhang. Ach, der erſte Gensdarm hatte ſich nicht nur nicht entfernt, ſondern Andrea gewahrte auch noch eine andere blau, weiß und gelbe Uniform am Fuße der Treppe, der einzigen, auf welcher er das Haus verlaſſen konnte, während ein Dritter, bewaffnet und zu Pferde, an der lgroßen Eingangsthür hielt, die er auch paſſiren mußte. Dieſer dritte Gensdarm war am Allerbezeichnendſten, denn ein Halbkreis Neugieriger umgab ihn. „Teufel! man ſucht mich,“ war Andrea's erſter Gedanke. Leichenblaß und ängſtlich blickte er um ſich. Sein Zimmer hatte nur einen Ausgang auf die äußere Gallerie, woſelbſt man von Jedermann geſehen werden konnte. „Ich bin verloren!“ war ſein zweiter Gedanke. Wirklich war die Gefangennehmung für einen Mann in An⸗ drea's Lage— verloren ſein—, denn ihr folgten Aſſiſen, Ur⸗ theil und— Tod ohne Erbarmen und Verzug. 3 Einen Augenblick drückte er convulſiviſch den Kopf zwiſchen beiden Händen. Er war faſt närriſch vor Furcht. Aber bald durchdrang ein Hoffnungsſtrahl ſein verzweifelndes Gemüth, ein mattes Lächeln belebte ſeine bleichen Lippen und farbloſen Wangen. Er blickte um ſich und entdeckte die gewünſch⸗ ten Gegenſtände, eine Feder, Papier und Tinte. Er tauchte die Feder ein, und ſchrieb mit möglichſt feſter Hand folgende Zeilen: „Ich habe kein Geld, um zu bezahlen, aber ich bin nicht unehrlich, ich laſſe dieſe Nadel zum Pfande, die den Betrag meiner Rechnung um das Zehnfache im Werthe überſteigt. Man wird mir verzeihen, bei Anbruch des Tages entſchlüpft zu ſein, ich ſchäme mich!“ Dann zog er ſeine Nadel aus der Halsbinde und legte ſie auf das Papier. Nun ſchob er die Riegel zurück, lehnte die Thür an, als hätte er dieſelbe, das Zimmer verlaſſend, zu ſchließen vergeſſen. Dann ging er zum Kamin und glitt mit der Gewandtheit eines Mannes, dem dieſe Art gymnaſtiſcher Uebungen nicht fremd ſind, in dem geſchwärzten Rauchfange, dem einzigen Rettungswege, in die Höhe. In demſelben Augenblick erſtieg der erſte Gensdarm, dem ein Polizei⸗Commiſſär vorausging, die Treppe, der zweite ſtand am Fuße derſelben, der dritte bewachte die Thür. Hören wir, welchem Umſtande Andrea dieſen Beſuch dankte dem er zu entziehen, ſich ſo große Mühe gab. Mit Anbruch des Tages waren die Telegraphen nach allen Richtungen hin thätig geweſen, und jede, faſt gleichzeitig benach⸗ richtigte Ortsobrigkeit verpflichtet, Carderouſſe’s Mörder nachzu⸗ forſchen.. — —— ——OCOO—:QℳůOůOFůBp——— — ——— ———V—ʒ⏑ʃ ℳ—ᷣ—ᷣ——— thätig 3 und F ſo meh neben dem L etwas gekom geſeſſe und F 1263 In Compiegne hatte, wie wir geſehen, die Nachſuchung ſogleich thätig begonnen, und man hatte natürlich im Gaſthofe zur Glocke und Flaſche, als erſtem Hotel der Stadt, den Anfang gemacht, um ſo mehr, da nach Ausſage der Schildwachen,(das Stadthaus liegt neben dem genannten Gaſthauſe), mehrere Reiſende dieſe Nacht in dem Hotel angelangt waren. Der um ſechs Uhr abgelöste Poſten erinnerte ſich ſogar, daß etwas nach Vier ein junger Mann zu Pferde auf dem Platze an⸗ gekommen ſei, und, nachdem ein Knabe, der mit auf dem Sattel geſeſſen, ſich mit dem Pferde entfernt, an das Gaſthaus zur Glocke und Flaſche geklopft, woſelbſt er Einlaß begehrt und gefunden habe. Auf dieſen jungen Mann hatte nun die Behörde Verdacht. Der Commiſſair und der Gensdarm näherten ſich Nr. 7. Die Thür war angelehnt. „O, o,“ ſagte der Gensdarm, ein alter, im Dienſte des Staates ſchlau gewordener Fuchs,„eine offene Thür iſt ein ſchlim⸗ mes Zeichen, ich wollte lieber, ſie wäre dreifach verriegelt.“ Wirklich beſtätigten Brief und Nadel die traurige Wahrheit: Andrea war entflohen.— Aber der Gensdarm begnügte ſich nicht mit dieſem einen Beweiſe. Er ſah ſich rings um, blickte unter das Bett, hinter die Vor⸗ hänge, öffnete die Schränke und blieb endlich an dem Kamine ſtehen. Dank Andrea's Vorſicht, war keine Spur ſeiner Fußtritte in der Aſche ſichtbar. Aber es war doch ein Ausgang, und in dieſer Angelegen⸗ heit mußte jeder Ausgang Gegenſtand der ſtrengſten Nachfor⸗ ſchung ſein. Der Brigadier ließ ſich alſo ein Bund Reißig nebſt Stroh bringen und machte Feuer unter dem Rauchfang des Kamins. Das Feuer kniſterte, und bald wirbelte, finſter wie ein Vul⸗ kan, eine dichte Rauchwolke gen Himmel. Aber kein Gefangener fiel in das Zimmer, wie der Gensdarm erwartet hatte. Seit ſeiner Kindheit mit der Geſellſchaft im Kampfe, nahm Andrea es wohl mit einem Gensdarmen auf, ſelbſt wenn derſelbe den achtungswerthen Grad eines Brigadiers erreicht hatte. Vor⸗ —— 8 ——— 1264 herſehend, daß Feuer in dem Kamin werde gelegt werden, hatte der gewandte Kletterer ſich auf das Dach geſchwungen, und lehnte ſich dort gegen einen Rauchfang. Einen Augenblick hegte er die Hoffnung gerettet zu ſein, denn er hörte den Brigadier die beiden Gensdarmen rufen und ganz laut ſagen:„Er iſt nicht mehr da.“ Aber den Hals behutſam vorſtreckend, ſah er, daß die beiden Gensdarmen, ſtatt ſich nach dieſer Nachricht, wie er erwartet, zu entfernen, ihre Aufmerkſamkeit noch verdoppelten. Andrea ſah ſich um, das Stadthaus, ein koloſſales Gebäude des ſechszehnten Jahrhunderts, erhob ſich wie ein finſterer Wall zu ſeiner Rechten, man konnte das ganze Dach des Hotels von dort aus überſehen, und der Flüchtling war ganz darauf gefaßt, den Kopf des Brigadiers in einem der Fenſter des Stadthauſes erſcheinen zu ſehen. Entdeckt, war er verloren, eine Jagd auf den Dächern ſicherte ihm durchaus keinen für ihn günſtigen Erfolg. Er beſchloß alſo, ſich durch ein anderes Kamin herabzulaſſen. Er ſuchte alſo eine Oeſſe, aus der kein Rauch aufſtieg, entdeckte ſie, kroch behutſam hin und verſchwand in der Oeffnung, ohne von Jemand geſehen worden zu ſein. Kaum war Andrea verſchwunden, als ein kleines Fenſter des Stadthauſes geöffnet, und der Kopf des Brigadiers der Gensdar⸗ men ſichtbar ward. Einige Augenblicke blieb dieſer Kopf unbeweg⸗ lich wie eine der ſteinernen Statuen, die das Gebäude ſchmückten, dann verſchwand auch er mit einem langen Seußzer getäuſchter Erwartung. Ruhig und würdevoll, wie das Geſetz, dem er diente, ging der Brigadier, ohne den tauſend Fragen der auf dem Platze verſam⸗ melten Menge zu antworten, in das Hotel zurück. „Nun?“ fragten ihn die beiden Gensdarmen. „Nun, meine Kinder,“ antwortete der würdige Brigadier,„der Schurke ſcheint uns vorläufig wirklich entſchlüpft zu ſein, aber wir werden ihm auf dem Wege von Villers⸗Cotterets und Royon nach⸗ forſchen, und die Wälder durchſuchen laſſen, und ihn auf dieſe Weiſe unzweifelhaft einfangen.“ Kaum hatte das ehrenwerthe Oberhaupt der Gensdarmen mit ——-————— Kellue ſelt Gens Nro. ſchnel nach. nein ſtieh inner duß. licht Züfe Schn dete d ———— — 5 — den Kamt gefcülen: 1265 det dieſen Leuten eignen Betvnung dieſe Worte geſprochen, jals ein langer Schreckensſchrei, von anhaltendem Läutten der Glocke be⸗ Fleitst, in dem Hofe des Hotels widerhalltk t.— ,O, v) was iſt das?4 ſchrie der Brigadier. „Ach, ein Reiſender, der ſehr eilig zu ſein ſcheint,“ rief der Wirth, in welcher Nummer ſchellt manè“ 918 11d nis tnmm„In NRrb. 30 63 1 9ε tOh Itrod 19 rol Gehen Sie him, Kellner.“ 2en Ln, 21112 Sr Arf 219 37 Und Geſchrei und Geräuſch der Glocke verdoppelte ſich, der Kellner eilte, der Rufe zu gehorchen. Anlt 1DG p9 1Gnt e,Halt!“ dief der Brigadier ihm nach,„det, welcher klingelt, ſcheint Jemand aders als eines Kellners zu bedürfen und ein Gensduitin ſoll ſich zit ſeiner Verfüͤgung ſtellen. Wer lögirt in S1 ronln sc. 790 a 9 196 r T Nro. 3.0u— 131.PS16. e„SDet kleine junge Männ, welcher dieſe Nacht mit ſeiner Schweſter pex Extra⸗Poſt ankam, und ein Zimmer mit zwei Betten Neklaients⸗ haisi aa nhaungeg nnd eine Binmer mibzm ¹ See Glocke Hard zum dtitken Mele gehört..n. „Folgen Sie miit, Hetr Cotmniſſarilis,“ tief der Brigadier, ſchnellen ſchtitts vötaneilend. 7 4 I GrItt not ten „Einen Augenblich⸗ rief der Wirth,„zwei Treppen führen na dem Zemmgi eio, d, gine vt innen, eiie von duden⸗, 1 Gt, ſagte der Brigudier,„ic nehme die innere, das iſt 11022 1TOI 1?(d.ni 71 11.IIDII 2, ac A e mein Departement,— ſind die Carabiner geladen?⸗ „Ihr Andern bewacht die äußere und gebt Feuer, wenn, er ſtiehen will, es iſt enn großer Verbrecher, wie der Telegraph ſagt.“ hin Der Brigadier vörſchwand mit dem Commiſſarius auf der innern Treppe, die Menge wogte neugierig und erwartungsvoll 2 Kiufqund abi er e mo eee Folgendes hatte ſich zugetragen: 1Ci 268f chi r. Zwer Drittet der Heſſs war Aideen mit gewohnter Geſchick⸗ lichkeit hinabgeglitten, hatte dann aber, Gott weiß durch welchen Zufall, das letzte Drittel ſeinet Tottt mit niehr geräuſch mid ingrößerer Schnelle gls er gewollt z rückgelegt, und war endlich iemlich unſanft in Wesſes nfen hätte wohl weiter keine Folgen 80 Der Graf von Monte⸗ Ch riſto. ——— ——— ——. 1266 gehabt, wäre das Zimmer leer geweſen; unglücklicherweiſe war dies jedoch nicht der Fall. Zwei Frauen ſchliefen in einem Bette und erwachten von dem Gepolter. Ihre Augen waren ſtarr auf das Kamin geheftet, ein Mann kam zum Vorſchein. Eine dieſer Frauen, eine Blondine, hatte jenen entſetzlichen Schrei ausgeſtoßen, der in dem ganzen Hauſe gehört worden war, während die Andere, eine Brünette, aus allen Kräften am Glocken⸗ zuge riß. Andrea hatte Unglück, wie man ſieht. „Barmherzigkeit,“ rief er, bleich, betäubt und ohne die Perſon zu ſehen, an die er ſich wandte,„aus Barmherzigkeit, ſchreien Sie nicht, retten Sie mich, ich will Ihnen ja kein Leid zufügen.“ „Andrea! der Mörder,“ rief eine der beiden jungen Frauen. „Eugenie... Fräulein Danglars,“ murmelte Cavalcanti ganz verdutzt. unthätigen Händen den Glockenzug entreißend, und ihn noch hef⸗ tiger als ihre Gefährtin in Bewegung ſetzend. „Retten Sie mich,“ flehte Andrea, die Hände faltend,„o aus Erbarmen, aus Guade, liefern Sie mich nicht aus.“ „Es iſt zu ſpät, man kommt,“ ſagte Eugenie. „O verbergen Sie mich wenigſtens, ſagen Sie, Ihre Furcht ſei grundlos geweſen, man wird mich nach einer andern Seite hin verfolgen, und Sie haben mir das Leben gerettet.“ Die beiden Mädchen hüllten ſich, von den verſchiedenſten Be⸗ wegungen gefoltert, in ihre Mäntel. „Gut, es ſei,“ ſagte Eugenie,„nehmen Sie den Weg, durch welchen Sie kamen, Unglücklicher, ſchnell, wir werden nichts ſagen.“ „Da iſt er!“ ſchrie eine Stimme vom Treppenabſatze,„da iſt er, ich ſehe ihn!“ Wirklich hatte der Brigadier, durch das Schlüſſelloch blickend, Andrea bemerkt. Zwei kräftige Kolbenſtöße ſprengten das Schloß, zwei die Rie⸗ gel, die Thür brach zuſammen. 5 Andrea ſtürzte nach der andern Thür, die auf die Gallerie ging, „Zu Hilfe, zu Hilfe,“ ſchrie Fräulein von Armilly, Eugeniens Haltun Gladia ein En A ächtlich Grad weßha / „man ganz „ Freund d „ Sie de dertar U G ihren wieden ¹ „ Eugen zurück. G nich,— ſind„ 1 1267 er ſchloß auf, die beiden Gensdarmen ſtanden davor, und legten ihre Carabiner auf ihn an. Erſtarrt, bleich, den Körper etwas nach hinten gebeugt, das Meſſer in der gekrümmten Hand, ſtand der Unglückliche da. „Fliehen Sie doch!“ rief Fräulein von Armilly, in deren Her⸗ zen das Mitleid erwachte, je mehr die Furcht aus demſelben ver⸗ ſchwand.„Fliehen Sie doch!“ „Oder tödten Sie ſich,“ ſagte Fräulein Eugenie mit Ton und Haltung einer jener Veſtalinnen, die im Circus dem ſiegreichen Gladiator mit dem Daumen befahlen, mit dem beſie Iten Widerſacher ein Ende zu machen. Andrea ſchauderte und ſah das junge Mädchen mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln an, welches bewies, daß ſeine Verderbtheit dieſen Grad erhabener Ehrenhaftigkeit nicht begriff. „Mich tödten,“ ſagte er, ſein Meſſer wegwerfend,„und weßhalb?“ „Aber Sie haben es ſelbſt geſagt,“ rief Fräulein Danglars, „man wird Sie zum Tode verurtheilen, man wird Sie wie einen ganz gemeinen Verbrecher behandeln.“ „Bah!“ entgegnete Cavalcanti, die Arme kreuzend,„man hat Freunde.“. Der Brigadier näherte ſich ihm, den Säbel in der Fauſt. „Wozu dieſe Umſtände, mein Lieber,“ rief Cavalcanti,„ſtecken Sie den Säbel ruhig in die Scheide, ich leiſte ja gar keinen Wi⸗ derſtand.“ Und er ließ ſich die Handſchellen anlegen. Die beiden jungen Mädchen betrachteten entſetzt dieſe unter ihren Augen vorgehende Metamorploſe, der feine Weltmann ward wieder zum Galeerenſträfling. Andrea wandte ſich zu ihnen und ſagte frech: „Haben Sie etwas an Ihren Vater zu beſtellen, Fräulein Eugenie? denn aller Wahrſcheinlichkeit nach, kehre ich nach Paris zurück.“ Eugenie verhüllte ihr Geſicht mit beiden Händen. „Oh, oh,“ fuhr der Unverſchämte fort,„ſchämen Sie ſich nicht, ich bin ja nicht böſe, daß Sie mir mit Extrapoſt nachgereist ſind, war ich faſt nicht Ihr Gemahl?“ 80* 1268 Und höhniſch lachend verließ der Gefungene das Zimmer, die beiden Flüchtlinge faſt ſterbend, und den neugievigen Blicken der Verſammlung preisgegeben, zurücklaſſend. G3ld AT4HO Eine Stunde ſpäter beſtiegen Beide in den Kleidern ihres Ge⸗ ſchlechts den Reiſewagenna mei 1 0d i= 13le. Man hatte, um die Neugierde abzuhalten, die Thür des Hotels geſchloſſen, nichts deſto weniger mußten die armen jungen Mädchen, gle die Thür bei ihrer Abreiſe wieder geöffnet ward, eine doppelte Reihe lachender, ſpottender Menſchen paſſiren. ènt 11157 Eugenie ließ die Vorhünge fallen, aber obgleich ſie nichts mehr ſah, hörte ſie deſſenungeachtet doch noch lange das quälénde Ge⸗ räuſch. Iinit ztachöoLe pltt nd t e Altnf 9 „Oiweßhalb iſt die Welt nicht eine Wuſte?“ vief ſie, in Fräu⸗ lein von Armilly's Armen ſinkend, indem ihre Augen we die des Pero funkelten, als er wünſchte, die ganze Welt möge mur einen Kopf haben, um ſie mit einem Zuge zu enthaupten. lode Am folgenden Morgen langten ſſir in dem Gotel von Flandern un Brüffel an, Srin dlidir 99 546 8. ntt aie Arlut kintt. . err 1 Am Abend vorher war Hert Andren Cavalcantti) dieſer kithne Ahenteurer, unter ſtchever und ſcharfer Bewachung in der Concier⸗ gerie zu Paris angelangt. 9 ihre F Jeder Anders 3 ungeh faſt u ſie ſi holt E eine genire Tochte loſer innern Fruu Blich ſie kenne ſcharf lr nicht, Wax Zwei ut, Thien dern chiie cier⸗ NONI. 5 Das Geſetz. Wir haben geſehen, mit welcher Ruhe die beiden Freundinnen ihre Flucht bewerkſtelligt hatten, und zwar kam das daher, weil Jeder zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, um auch boch dnß Andere achten zu können. Der Banquier gedachte, die Stirn mit Schwriß bedeckt, ſeiner ungeheuren Paſſiva und des, durch die ihm entgangenen Millionen faſt unvermeidlichen Banquerotts. Seine Gattin ſuchte, nachdem ſie ſich von der augenblicklichen gänzlichen Vernichtung etwas er⸗ holt hatte, ihren gewöhnlichen Tröſter, Lucian Dobray aufo— Sie hatte dieſe Vermählung gewünſcht und begünſtigt, weil eine Tochter von Eugeniens Charakter ſie nur im höchſten Grade geniren konnte, denn eine Mutter iſt nur dann Gebieterin ihrer Tochter, wenn ſie derſelben das Urbild der Klugheit und flecken⸗ loſer Reinheit iſt. Nux unter ſolchen Umſtänden iſt ein Weiehe innern Glücks zwiſchen Mutter und Tochter denkbar. Frau p. Danglars jedoch fürchtete Eugeniens Scharfſinn und Fräulein von Armilly's Rathſchläge, ſie hatte einige verächtliche Blicke ihrer Tochter gegen Dobray bemerkt, Blicke, die ihr zu ſagent ſchienen, daß ihre Tochter das ganze Liebes⸗ und Geld⸗Geheimniß kenne, das ihre Mutter mit dem Secretair vereinige, während eine ſcharfſinnigere und genauere Deutung der Baronin im Gegentheil klar gemacht haben würde, daß ihre Tochter Dobray verabſcheue, nicht, weil er in dem väterlichen Hauſe ein Stein des Anſtaßes war, ſondern weil ſie ihm ohne Umſtände in die Kategorie jener Zweifüßler brachte, die Plato nicht mehr unter die Menſchen rech⸗ nete, und welche Diogenes unter der Mwichrezbang 7 daaluige Thiere ohne Federn bezeichneten —— Unglücklicherweiſe hat in dieſer Welt Jeder ſeinen Geſichts⸗ punkt, der ihn verhindert, den Geſichtspunkt Anderer zu ſehen, deßhalb ſchien es der Baronin ein ernſtliches Unglück, daß ſich dieſe Heirath ihrer Tochter aufgelöst hatte, nicht weil ihr dieſe Heirath ſo beſonders wünſchenswerth und glückbringend für Eugenien er⸗ ſchienen wäre, ſondern weil ſie dadurch eine läſtige Zeugin entfernte. Wie ſchon geſagt, eilte die Baronin zu Dobray, welcher, bei dem Feſte gegenwärtig, Zeuge des Scandals geweſen war, und ſich gleich den Uebrigen entfernt hatte, um in irgend einem Elub über dieſes Ereigniß zu ſprechen, das jetzt drei Viertheile der Haupt⸗ ſtadt der Welt beſchäftigte. Als Frau von Danglars in ein ſchwarzes Gewand gekleidet und durch einen langen Schleier verhüllt, ungeachtet des Portiers Verſicherung, daß der junge Herr nicht zu Hauſe ſei, die Treppe heraufſtieg, verſuchte Dobray die Gründe eines Freundes zu wi⸗ derlegen, der behauptete, er müſſe nach dieſem Eclat, als Freund des Hauſes, Fräulein Eugenie, oder vielmehr ihre zwei Millionen heirathen. Dobray vertheidigte ſich wie ein Mann, der nur zu gern beſiegt zu ſein wünſcht, er ſelbſt hatte ſchon oft denſelben Gedanken ge⸗ hegt, denn, Eugenien und ihren unabhängigen und ſtolzen Cha⸗ rakter kennend, ſagte er ſich: es iſt unmöglich, ganz unmöglich, und dennoch gewann dieſer thörichte Gedanke zuweilen die Oberhand. Ach ſolche finſtere Geiſter wohnen zuweilen auch in den Herzen der reinſten Menſchen, gleich wie der Satan hinter dem Kreuze wacht. Thee, Spiel, und wie man ſieht, intereſſante Unterhaltung, denn man beſprach ſehr wichtige Sachen, dauerten bis ein Uhr Morgens. Lucians Kammerdiener hatte die Baronin in den kleinen Saal geführt, woſelbſt ſie bleich, ängſtlich und dicht verſchleiert, zwiſchen zwei Blumenkörben wartete, die ſie ſelbſt am Morgen geſchickt, und welche Dobray mit einer Sorgfalt und Eleganz geordnet hatte, die Frau von Danglars ſeine Abweſenheit verzeihen ließ. Er kam nicht, gegen Mitternacht beſtieg die Arme, des War⸗ tens müde, einen Fiaker und fuhr in ihr Hotel zurück. Mit eben der Vorſicht betrat die Baronin ihre Wohnung wie⸗ der, mit der Eugenie dieſelbe verlaſſen hatte, klopfenden Herzens ſieg ſi wie ſch K arme, feſt ar Treue ſie ver vorgeſ dem U Kamm I 4 zur R Auger für A und liche ſchich unſrie bare baren heim Feh Vog ſie l der, ande vor! unte maß —-————nx——— 1271 ſtieg ſie die zu ihren Gemächern führende Treppe hinan, welche, wie ſchon geſagt, neben Eugeniens Zimmer lagen. Kaum in ihrem Zimmer, eilte ſie an ihrer Tochter Thür; die arme, in dieſem Punkte wenigſtens achtungswerthe Frau glaubte feſt an die Unſchuld ihres Kindes, und deſſen Anhänglichkeit und Treue für den väterlichen Heerd. Sie lauſchte, Alles war ſtill, ſie verſuchte behutſam die Thür zu öffnen, aber die Riegel waren vorgeſchoben. Die Baronin glaubte, Eugenie habe ſich, von all' dem Unglück erſchöpft, zur Ruhe begeben; ſie klingelte nach der Kammerfrau, um dieſelbe deshalb zu befragen. Auch dieſe beſtätigte die Vermuthung ihrer Herrin. Die Baronin begab ſich ohne den Schatten eines Verdachts zur Ruhe, aber kein erquickender Schlaf ſenkte ſich auf ihre heißen Augenlider, ſie gedachte der unangenehmen Scene, dieſer Schmach für Alle; ſie gedachte des unvermeidlichen Aufſehens, des Hohns und der Schande, die ihrer Familie daraus erwachſen würden. Sie warf ſich ihre Mitleidsloſigkeit gegen die arme unglück⸗ liche Mercedes vor, die, unſchuldig leidend, dennoch bekrittelt war. „Eugenie iſt verloren,“ ſagte ſie,„und wir Alle. Die Ge⸗ ſchichte bedeckt uns mit Schmach, denn in einer Geſellſchaft, wie die unſrige, ſind gewiſſe Lächerlichkeiten ſtets offene, blutende, unheil⸗ bare Wunden.“ „Welches Glück,“ murmelte ſie,„daß Gott ihr dieſen ſonder⸗ baren Charakter verliehen hat, vor dem ich ſo oft gezittert habe.“ Und ihr dankbarer Blick hob ſich gen Himmel, wo die ge⸗ heimnißvolle Vorſehung Alles im Voraus beſtimmt, und ſelbſt Fehler, ja, Laſter, für irgend Jemand zum Glück wendet. Dann durchflog ihr Gedanke einen weiten Raum gleich dem Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln einen Abgrund überfliegt; ſie blieb bei Cavalcanti ſtehen. Dieſer Andrea war ein Niederträchtiger, ein Dieb, ein Mör⸗ der, und dennoch beſaß er Manieren, die eine Art von Erziehung andeutete, um nicht zu ſagen eine vollſtändige. Er war in der vornehmen Welt mit dem Anſcheine eines großen Vermögens und unter dem Schutze eines hohen Namens aufgetreten. Wer konnte dieſes Labyrinth durchſchauen? An wen konnte man ſich in dieſer troſtloſen Lage wenden? Dobray, eine Frau —— 1272 denkt ſtets zuerſt an ihren Geliebten, konnte ſie nur Pnhſteg⸗ ſie, ußte mächtigere Hilfe haben. Die Baxonin dachte an Herrn won Pillefort. n „Er hatte Cavalcanti, verhaften laſſen wollen, er hatte mit leids⸗ 16s dieſe Verwirrung in ihre Familie gehraght als, ſei ihm. dieſelbe eine ganz fremde. Aber nein, der Procuxator des Königs war kein mitleidelgſer Mann, er war ein Beamter, Sclaue ſeiger Pflichten, ein redlichex, und feſter Freund, der barſch, aber ſicher das Scalpell gebraucht hatte; er war kein Henker, ſondern ein Chirurg, ein Chixurg, wel⸗ cher vor den Augen der Welt die Ehre der Danglars von der⸗ Ver⸗ worfenheit dieſes jungen⸗ Mannes trennen wollte, den ſie der Welt als ihren Schwiegerſohn voxſtellten. Von dem Augenblicke, in welchem Derr von Billefart gls Freund der Familie Danglars ſo handelte, war nicht vorauszu⸗ ſetzen, daß der Banquier im Voraus auf irgend einen pon Andreg's Schlichen hätte vorbereitet ſein können. whnndn Pehraue Eeici der Baronin adlis alſoi in ſeinem 1 leban, als Waun Nachſicht walten zu laſſen. „Die Baxonin rief die Vergangenheit an, ſie) Heunruſte ihre Erinnerungen⸗ ſie wollte ihn im Namen einer zwar ſtrafbaren, aber glücklichen Zeit beſchwören und Herr von Villefort unterdrückte die Angelegenhgit pielleicht oder er ließ und dazu brauchte er nun die Augen wegzuwenden,) Andpea⸗ ntilishen und⸗ ahn hüchüban in contumgeiam pexurtheilen. ni⸗ Mit erbeichtentem Herzen ſclie die deru ein e Am andern Morgen verließ ſie ſchon um neun ihr, Lager, kleidete ſich ohne Hilfe ihrer Kammerſrau, ja ohne dieſelbe zu ruſen am und zwar ebem ſo einfach als den Abend vorher, Dann verließ ſie das Hotel, ging bis an die Straße de Propence, beſtieg einen Fiaker und⸗ ließ ſich, naih Seam von Vilsforts, ebng fahren. Seit einem Monaia guo diaſes Haus cinſen Lasnseth. in wel⸗ cem die Peſt iſt; ein Theil der Ziummer avar verſchloſſen, die Sär ————————— den wu laſſen, einles L Huſe⸗ der T 8 S Traur Porii E ließ ei genu Herr laſſen, man ſah dann an einem dieſer Fenſter das beſtürzte Geſicht eines Laquaien erſcheinen, dann ward alles wieder ſtill und todt wie im Grghe, und die Nachbarn fragten einander leiſe;„Werden wir heute wisder eine Bahre aus dem Hauſe des königlichen Pro⸗ cuxgtors kommen ſehen? en ien 1 165f ItotIndt u; Auch die Baxpnin ſchauderte beim Anblick dieſes troſtloſen Hauſes, ſie entließ ihren, Fiaker, näherte ſich wankenden Schrittes der Thür und zog die Gloce. onn 7. Naia- Selbſt dieſe klang dumpf und düſter, und ſchien die allgemeine Traurigkeit zu theilen; erſt nach dreimaligem Klingeln erſchien der Portier, öffnete jedoch die Thür nur ganz wenig.⸗ 51 htgfai0 Exr, ſah eine Frau, eine elegant gokleidete Frau, und dennoch ließ er die Thüre faſt ganz verſchloſſen. 1 nAber öffnen Sie doch,“ ſagte die Baronin. „Erſt muß ich wiſſen, wer Sie ſind“ du „Wer ich bin aber Sie kennen mich ja!“ „Wir kennen Niemand mehr.“ rchisdnu iis „Sind Sie toll, mein Freund?“ rief die Baronin. „Woher kommen Sie? 13, n e ,Oadas iſt zu arg!“ 1SlPnE fon unsh 5 62 „Porzeihen Sie, es iſt Befehl, Ihr Name?“ lin „Ich bin die Baronin Danglars, Sie haben wich zwanzigmal geſehen 0m ne h 838 ch si) Stlſrornne Wchisid ans 140)l Möglich, gnädige Frauz jetzt, was wollen Siedth „Das iſt in der That ſonderbar, ich werde mich bei Herrn von Villefort über die Unyerſchämtheit ſeiner Leute beklagen.“ „Gnädige Frau, es iſt keine Unverſchämtheit, ſondern Vorſicht; ohne Befehl des Herrn Doctor von Avrigny, oder ohne den Hexen Procuratgr des Käönigs ſprechen zu wollen, darf Niemand hiex ein⸗ treten.“ S.I17, tGph „Gerade mit dem Herrn Procuratar des Königs habe ich Ge⸗ ſchäfte.“ nir rſutl „Dringende?⸗ j. „Gewiß, ſonſt wünde ich⸗ mich⸗Nängſt entfernt habes, aber genug, hier iſt meine Karte, bringen Sie dieſelben Ihrem Herrn.“ bulonII S ch 118e11t e ee eieen r den wurden mi auf Augenblicke geöffnet, um friſche Luft einzu⸗ „Und werden die gnädige Frau meine Zurückkunft ab⸗ warten?“ „Ja, gehen Sie!“ Der Portier ſchloß die Thür und ließ die Baronin auf der Straße ſtehen. Aber Frau v. Danglars, es iſt wahr, hatte nicht lange zu warten, ſehr bald ward die Thür weit aufgemacht, die Baronin trat in das Haus, die Thür ſchloß ſich hinter ihr. Ohne die Hausthür aus den Augen zu verlieren, geleitete der Portier Frau von Danglars in den Hef und pfiff. Auf dieſes Zeichen erſchien der Kammerdiener. „Verzeihen Sie gnädige Frau,“ redete er die Baronin an, „dieſem braven Mann, aber es ward ihm ſtrenger Befehl, und Herr von Villefort hat mich beauftragt, Sie zu verſichern, daß er nicht anders handeln dürfe, als er gehandelt.“ Im Hofe war ein mit gleicher Vorſicht eingeführter Lieferant, deſſen Waaren unterſucht wurden. Von dieſer düſtern, ſie an ihr eigenes Unglück mahnenden Traurigkeit unbeſchreiblich niedergedrückt, erſtieg die Baronin die Treppe und ward von dem Kammerdiener, welcher ſie nicht einen Augenblick verließ, ſin Herrn von Villeforts Cabinet geführt. So ſehr Frau von Danglars auch mit dem, was ſie hierher geführt, beſchäftigt war, ſo unwürdig ſchien ihr doch der Empfang dieſer Bedienten, und ſie begann ſich zu beklagen. Aber das bleiche gramerfüllte Geſicht des Procurators blickte ſie mit ſo traurigem Lächeln an, daß ihre Klagen auf den Lippen erſtarben. „Verzeihen Sie meinen Leuten ein Betragen, aus dem ich ihnen kein Verbrechen machen kann; ſelbſt beargwöhnt, ſind ſie argwöhniſch geworden!“ „Alſo auch Sie ſind unglücklich?“ fragte die Baronin. „Ja, gnädige Frau.“ „Sie beklagen mich alſo?“ „Aufrichtig.“ „Und Sie begreifen was mich herführt?“ „Sie wollen mit mir über das ſprechen, was Ihnen begegnet iſt, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr, ein entſetzliches Unglück.“ — ſeiner liches, nenne 2 2 Ihr vermä Verlol deſſen 1 beweg deſſe färbt Begel und i / Yilei ſagen traun er, mein dej nur könn Sac gew net ——rnR—ur —— — —..— „Das heißt, ein Mißgeſchick.“ „Ein Mißgeſchick?“ rief die Baronin. „Ach gnädige Frau,“ entgegnete der Procurator des Königs mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe,„ich bin dahin gelangt, unerſetz⸗ liches, nicht wieder gut zu machendes Mißgeſchick Unglück zu nennen.“ „Ach glauben Sie denn, daß man dies vergeſſen wird?“ „Alles vergißt ſich, gnädige Frau,“ ſagte Villefort,„hat ſich Ihre Tochter auch nicht jetzt vermählt, ſo wird ſie ſich doch bald vermählen, und ich hoffe doch nicht, daß Sie Fräulein Eugeniens Verlobten bedauern?“ Die Baronin ſah den Procurator des König an, beſtürzt über deſſen faſt ſpöttiſche Ruhe. „Bin ich zu einem Freund gekommen?“ fragte ſie ſchmerzlich bewegt. „Das wiſſen Sie wohl, gnädige Frau,“ entgegnete Villefort, deſſen bleiche Wangen ſich bei dieſer Verſicherung mit leichter Röthe färbten. Wirklich war dieſe Verſicherung eine Anſpielung auf andere Begebenheiten als die, welche in dieſem Augenblicke die Baronin und ihn beſchäftigten. „Gut denn,“ ſagte die Baronin,„ſeien Sie gütig, lieber Villefort, ſprechen Sie als Freund und nicht als Beamter, und ſagen Sie nicht, daß ich heiter ſein ſoll, wenn Sie mich unendlich traurig finden!“ Der Procurator verbeugte ſich. „Wenn ich von Unglück ſprechen höre, gnädige Frau,“ ſagte er,„ich habe ſeit drei Monaten die ärgerliche Gewohnheit, an das meine zu denken, und ziehe egoiſtiſch, ich geſtehe es, eine Parallele. Deßhalb ſcheint mir Ihr Unglück im Vergleich zu dem meinigen nur Mißgeſchick, was ich, meine unſelige Lage bedenkend, beneiden könnte, aber laſſen wir das. Sie ſagten, gnädige Frau?...“ „Ich wünſche von Ihnen, mein Freund, zu wiſſen, wie die Sachen dieſes Betrügers ſtehen?“ „Betrügers!“ wiederholte Villefort,„das iſt ein Ausdruck, der gewiſſe Sachen mildert, und andere übertreibt. Herr Andrea Ca⸗ —— 1 1 —— — 76 valcanti, oder vielmehr Benedetto Betrhoer Wieif irren 19, nädige Frau, Benedetto iſt ein Mörder! „ Ich leugne das Wahre Ihrer Berichtigung ncht, mein Herr, aber mit je mehr Strenge Sie gegen den Unglücklichen verfahren, je härter treffen Sie unſere Familie. Ach, vergeſſen Sie ihn nur einen Augenblick, laſſen Sie ihn fliehen, ſtatt ihn zu verfolgen.“ „Sie kommen zu ſpät, gnüdige⸗ Frau, die Mefehla ſind ſchon gegeben.“ „Nun wohl, wenn man ihn ergref 51. 1i Glauben S daß man ihn ergreifen wird?“ „Ich hoffe es.“ „Gut, laſſen Sie ihn im Gefänguiſſe.“ Der Procurator machte eine verneinende Bewogung. „Wenigſtens bis meine Tochter verheirathet iſt,“ hne: die Baronin hinzu. „Unmöglich gnädige Frau, man muß der Gerechtigkeit ihren Lauf laſſen.“ „Und machen Sie d für mich keine Ausnahme, ſagte die Baronin, halb lächelnd, halb ernſt. „Für Niemand“ entgegnete Villefort,„weder fur na go. ſür Andere!“ „Achl! ſagte die Baronin, dhme ihren Gedauken weite Worte zu geben. eNist Killefort ſah ſie forſchend an. larßefh, ich weiß was Sie ſagen wollen,“ acgonnn er,„Sie ſpielen auf die in der Welt verbreiteten entſetzlichen Gerüchte an, daß alle dieſe, ſeit einiger Zeit meine Familie heimſuchenden To⸗ desfälle die mich in Trauer kleiden, nicht natürlich finde „Daran dachte ich nicht,“ ſagte Frau v. Dangkars lebhaft. „Wenn Sie daran dachten, gnädige Frau, war es nur d natürlich, und Sie fagten ſich: Du, der Du das Verbrecheſt ver⸗ folgſt, antworte: Weßhalb 1 es Verbrechen in Deitier Rähe, dis ungeſtraft bleiben?“ ikttt „Die Baronin erbleichte, „So dachten Sie, nicht wahr lncboe Saun⸗ Sid ischne rec„Nun ja, ich geſtehe es! e od. 81Pltt⸗ —„SIch werde Ihnen antworten.“ 1ralint nscbn. aibei dann zückenden ausdrucksvollen Auge an, welches mich daran erinnert, ſprach mit noch dumdferem Tone als gewbhnlich: nnatsEs giebt Verbrechen, die ungeſtraft bleiben, weil mun die Schuldigen nicht kennend, einen Unſchuldigen zu beſtrafen fürchtet. Aber wenn die Verbrecher bekaunt ſind,“(und Villefort ſtretkte die Hand gegen ein Zroßes, auf ſeinem Bütreau ſtehendes Kreuz aus,) „nwenu die Bexbrecher bekannt ſind,“ wiederholte er,„bei dem leben⸗ digen Gott, gnädige Frau, wer es dann auch ſei, ſie werden ſter⸗ ben! Wagen Sie mich jetzt, nach dem eben geleiſteten Schwur noch um Gnade für den Elenden zu bitten, gnädige Frau?“ nne Aber ſind Sie denn auth überzengt, daß er wirklich ſo ſchul⸗ dig iſt?“ enn dtne 3e Hören Sie, vor ſechs Jahren wardier zu fünfjähriger Zwangs⸗ arbeit auf den Galeeren verurtheilt und zwar wegen Fälſchung, dann entwich er und ward Mörder.“ 23fib Und wer iſt dieſer Uuglückliche?“ en enWas weiß ich, ein Bagabund, ein Corſe.“ „Und hat ſich Niemand zu ihm gemeldet?“ „Niemand, man kennt ſeine Eltern nicht. „Aber ſein angeblicher Bater aus Lueoat?“ „Ein anderer Schurke, ſein Mitſchuldiger⸗ wahrſch Die Baronin faltete die Hände, bin(h1 209. mltizsWillefortl““ flüſterte ſie ſanft und zürtlich. in— „Bei Gott, gnedige Frau,! rief der Procuratbr zmit Kner⸗ ſchütterlicher Feſtigkeit,„bitten Sie mich niemuls um Gnade für einen Schuldigen! Was hin ich? das Geſetz! Darf das Geſetz Angen für Ihre Traurigkeit haben? hat das Geſetz Ohren für Ihre ſanfte Stimme? hat däs Gefetz ein Gedächtniß, um Ihre zar⸗ ten Erimerungen zu denten? Nein, gnädige Frau, das Geſetz befiehlt, und ſtraft, wenn es befohlen hat. Sie werden ntir ant⸗ wortens ich ſeiein lebendes Weſen und kein Geſktzbuch) ader betrachten Sie mich ſehen Sie rings um nich, Häben die Menſchen mäch als Bruder behandelt, mich geliebt, mich geſchont, mich geſchutzt? Hat wehl Jemand um Gllade für Herrn won Villefort gebeten, hat man gwohl je ihm Gnade bewilligt?. Nein, nein, nein, verletzt und ſtets verwundet! Aber Du,„Du ⸗Sirene, blickſt mich ntit jenem ent⸗ eitilich. 1277 8 Millefort rollte ſeinen Seſſel dem Sitze der Baronin näher und — 1278 daß ich erröthen muß. Gut, ja, ich erröthe über das, was Sie wiſſen und vielleicht auch noch über andere Dinge! Aber ſeit ich gefehlt, vielleicht härter als Mancher gefehlt, habe ich die Gewän⸗ der Anderer geſchüttelt, um das Geſchwür zu finden, und ich habe es ſtets gefunden, ja ich habe mich gefreut, es zu finden, dieſes Siegel menſchlicher Schwäche oder Verderbtheit! Denn jeder Schul⸗ dige, den ich fand oder ſtrafte, ſchien mir ein neuer, lebender Beweis, daß ich nicht allein eine ſcheusliche Ausnahme bin. Ach, ach, die ganze Welt iſt ſchlecht, gnädige Frau, deßhalb muß Strafe ſein!“ 1— Villefort ſtieß dieſe letzten Worte mit einer Art fieberhafter Wuth aus. „Aber,“ entgegnete die Baronin, ein letztes Mittel verſuchend, „Sie ſagen, dieſer junge Mann ſei eine von Allen verlaſſene Waiſe?“ „Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer, oder vielmehr deſto beſſer, die Vorſehung hat es ſo gefügt, damit Niemand ihn zu bewei⸗ nen hat!“ „Das heißt, blutgierig gegen den Schwachen ſein!“ „Der Schwache, welcher mordet!“ „Seine Schande wirkt auf mein Haus zurück!“ „Und habe ich nicht in dem meinigen den Tod?“ „O, mein Herr,“ ſchrie die Baronin,„Sie ſind ohne Mitleid für Andere! Nun wohl, ich ſage Ihnen, man wird auch ohne Mit⸗ leid für Sie ſein:“ „Gut, ſei es,“ rief Villefort, den Arm wie drohend gen Him⸗ mel hebend. „Verſchieben Sie wenigſtens die Sache dieſes Unglücklichen bis zu den nächſten Aſſiſen, das hieße ſechs Monate Zeit zum Ver⸗ geſſen gewinnen.“ „Nein,“ ſagte Villefort,„ich habe noch fünſ Tage, die In⸗ ſtruction iſt gemacht, fünf Tage, das iſt mehr Zeit als ich bedarf, um ſo mehr, da auch ich, begreifen Sie wohl? vergeſſen muß! Ja, wenn ich arbeite, und ich arbeite Tag und Nacht, giebt es Augen⸗ blicke, in denen ich vergeſſen kann, und dann... bin ich glück⸗ lich.., nach Art der Todten, aber es iſt doch ſtetem Leiden vor⸗ zuziehen!“ des T 1„ Drag 9 Hand Diebe 0 die 1279 „Mein Herr, er iſt entflohen, laſſen Sie ihn fliehen, Unthä⸗ tigkeit iſt eine leichte Gnade.“ „Aber ich ſagte Ihnen ſchon, daß es zu ſpät iſt, mit Anbruch des Tages war der Telegraph thätig, und jetzt...“ „Mein Herr,“ ſagte der eintretende Kammerdiener,„ein Dragoner bringt dieſe Depeſche aus dem Miniſterium des Innern.“ Villefort nahm den Brief und erbrach ihn lebhaft. Frau von Danglars zitterte vor Schrecken, Villefort zitterte vor Freude. „Gefunden!“ ſchrie der Procurator des Königs,„in Com⸗ piegne iſt man ſeiner habhaft geworden.“ Die Baronin erhob ſich, kalt und bleich. „Leben Sie wohl, mein Herr,“ ſagte ſie.. „Adieu, gnädige Frau,“ entgegnete Villefort faſt freudig, und geleitete ſie bis zur Thür. Dann, an ſein Bureau zurückkehrend, ſagte er mit der rechten Hand auf den Brief ſchlagend:„Ich hatte einen Fälſcher, drei Diebe, zwei Brandſtifter, es fehlt mir nur ein Mörder, da iſt er; o dieſe Seſſion wird ſchön ſein.“ Die Erſcheinung. Valentine hütete noch immer das Bert, und erfüͤhr duürch Frau von Villefort alle dieſe Begebetthetten, d. h. Eugeittens Flucht und Andrea Cavalcanti's bder vielmehr Bensdetto's, Gefangennehmung wegen eines Mordes. Aber Valentine werr ſbef chwach, daß die Erzählung nicht in dem Grade auf ſie witkte, als es vielleitht der Faͤtk geweſett ſern Würde, wäte fie geſutid⸗ geweſet. Wirklich durch⸗ kreuzten nur eitiige verwitete Begkiffe den kranken Kößf unſeter zungen Freufbin, um Bld urch ihrs perſbitlichen Eincfindungen verlöſcht zu werden. à. niof nächf Griät noſſis= 3fe Während des Tages ward Valentine durch Noirtier aufrecht erhalten, der ſich zu ſeiner Enkelin tragen ließ, um das geiiebte Kind mit ſeinem väterlichen Blicke zu bewachen. Kam Villefort zurück, ſo nahm er ſeines Vaters Stelle bei ſeinem Kinde ein. Um ſechs Uhr zog er ſich in ſein Cabinet zurück, und erſt um acht, wenn Herr von Avrigny erſchien und den von ihm ſelbſt bereiteten Trank für die Kranke gebracht hatte, ward der arme Ge⸗ lähmte in ſein Zimmer zurückgetragen. Eine von dem Arzte ge⸗ wählte Wärterin zog ſich erſt gegen elf zurück, wenn Valentine eingeſchlummert war. Dann gab ſie Herrn von Villefort ſelbſt die Schlüſſel, und nur durch ſeiner Gemahlin oder des kleinen Eduard Zimmer, konnte man zu der Kranken gelangen. Jeden Morgen holte ſich der arme Morrel bei Noirtier Nach⸗ richt über Valentine, aber Morrel ſchien, ſonderbarerweiſe, von Tage zu Tage weniger unruhig. Obgleich noch krank, ward ſeine Geliebte doch beſſer, und hatte ihm Monte⸗Chriſto an jenem Tage nicht geſagt: Valentine iſt gerettet, wenn ſie in zwei Stunden noch lebt? Nun waren aber vier Tage verſtrichen. Scllaf lag. 2 in Mil lebten als erſ Morre fremde ſtrecte kend uu dann A und A und N ſie ale geben die ſe curate ſo mer E ſich en lichen Bilder den, fl ſchien, Kamir zu w Glock ſette mit de gekome Phan W mit d Augen 3 rau und dung die der urch⸗ ſeter ſtgen recht das Kam inde erſt elbſt Ge⸗ e ge⸗ ntine t die uard Eine große Nerven⸗Gereiztheit verfolgte Valentine bis in ihren Schlaf, oder vielmehr in den Zuſtand von Schlafſucht, dem ſie er⸗ lag. Im Schweigen der Nacht, in dieſer halben, durch eine matte in Milchglas brennende Flamme hervorgebrachten Dunkelheit, be⸗ lebten Schatten das Krankenzimmer. Es war der armen Valentine als erſchiene ihre Stiefmntter drohend; dann war es ihr, als breite Morrel die Arme gegen ſie aus; ja oft ſogar ſah ſie ihr ziemlich fremde Weſen, wie den Grafen von Monte⸗Chriſto, und das er⸗ ſtreckte ſich bis auf die Meubel, die ihr in dieſem Delirium wan⸗ kend und beweglich ſchienen. Gegen zwei Uhr Morgens erquickte dann gewöhnlich ein ſanfter anhaltender Schlaf die arme Dulderin. Am Abend des Tages, an dem Valentine Eugeniens Flucht und Andrea's Verhaftung erfahren hatte, als Villefort, Avrigny und Noirtier ſich zurückgezogen, und auch die Wärterin, nachdem ſie alle Vorbereitungen getroffen, ſich in das Domeſtikenzimmer be⸗ geben hatte, um dort von jenen finſtern Geſchichten zu plaudern, die ſeit einigen Monaten in der Bedientenſtube des königlichen Pro⸗ curators abgehandelt wurden, ereignete ſich im Krankenzimmer eine ſo merkwürdige, als unerwartete Scene. Eine Viertelſtunde mochte vergangen ſein, ſeit die Wärterin ſich entfernt hatte, Valentine, wie gewöhnlich eine Beute des nächt⸗ lichen Fiebers, gab ſich willenlos dieſen ſtets ſich wiederholenden Bildern hin. Von der Ampel aus ſtrahlten tauſende von glänzen⸗ den, flimmernden, fremdartigen Lichtern, als es plötzlich Valentine ſchien, als bewege ſich ihre in einer Mauervertiefung neben dem Kamin angebrachte Bibliothek, ohne daß die Angeln, in denen ſie zu ruhen ſchien, das mindeſte Geräuſch verurſachten. In jedem andern Augenblicke würde Valentine den ſeidenen Glockenzug bewegt und nach Hilfe geklingelt haben, jetzt jedoch ſetzte ſie nichts mehr in Erſtaunen. Ihre Phantome waren ſtets mit dem Tage verſchwunden, und ſie dadurch zu der Ueberzeugung gekommen, alle dieſe Erſcheinungen nur als Bilder ihrer krankhaften Phantaſie zu betrachten. Hinter der Thür erſchien eine menſchliche Figur. Wie geſagt, war Valentine infolge ihres Fiebers zu vertraut mit dieſen Erſcheinungen, um zu erſchrecken, ſie öffnete nur die Augen, hoffend, Morrel zu erkennen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 81 — — ————— ——— —=8ſ —,— ————— — 282 Die Geſtalt kam ganz nahe an ihr Bett, und ſchien mit tiefer Bewegung zu lauſchen.— In dieſem Augenblick fiel ein Strahl der Nachtlampe auf das Geſicht des nächtlichen Beſuchers. „Er iſt es nicht!“ murmelte ſie. Und ſie erwartete, überzeugt zu träumen, daß dieſer Mann verſchwinden, oder eine andere Geſtalt annehmen werde. Sie fühlte ihren Puls, er ſchlug heftig; nun erinnerte ſie ſich, daß das beſte Mittel, dieſe Erſcheinungen verſchwinden zu laſſen, ein von Avrigny bereiteter Trank ſei, wonach ſie, wenigſtens für Augenblicke, ruhiger ward. Valentine griff nach dem kryſtallnen Glaſe, aber die Erſcheinung ſtand noch da, zwei Schritte vom Bette, ja, das junge Mädchen fühlte ſogar einen heißen Athem ihre Hand berühren und dieſelbe zurückhalten, das Glas zu faſſen. Die Täuſchung verſchwand, Valentine fühlte, daß ſie wache, daß dieſe Erſcheinung wirklich da ſei, und ſie zitterte. Valentine zog den Arm langſam zurück. Dann nahn dieſe Geſtalt, von der ſie den Blick nicht abwen⸗ den konnte, und die ihr mehr ſchützend als drohend ſchien, das Glas, näherte ſich der Nachtlampe, als wolle ſie die Klarheit und Durch⸗ ſichtigkeit des Getränks prüfen. Aber dieſe erſte Probe genügte nicht. Dieſer Mann oder viel⸗ mehr dieſes Phantom, denn er ging ſo leiſe, daß der Teppich das Geräuſch ſeiner Schritte erſtickte, nahm ein Löffelchen des Getränks aus dem Glaſe und koſtete. Wnr Beſtürzt ſah Valentine dies Alles an, und war überzeugt dieſe Erſcheinung werde alsbald einer andern Platz machen; aber ſtatt wie ein Schatten zu verſchwinden, trat der Mann an ihr Bett, reichte ihr das Glas und ſprach tief bewegt: „Jetzt trinken Sie!...“ Valentine zitterte. Zum erſten Male ſprach eins ihrer Ge⸗ bilde mit menſchlichem Stimmklang zu ihr, ſie öffnete den Mund, um einen Schrei auszuſtoßen. Der Mann legte ihr den Finger auf die Lippen. „Der Graf von Monte⸗Chriſto,“ murmelte ſie. An dem Schrecken, der ſich in den Augen des jungen Mäd⸗ 4 hens me gung, d lezten H deſſen d dieſer ſchienen 5 „ſeien Wrdach habet 6 hegt fü hängli Vo Furcht! der ſyr Abſicht 3 /n* Sie m als ger Auge g überlaſ Marim E ken, d trauen tann ſich ſſen, für dung chen elbe ache, wen⸗ llas, urch⸗ viel⸗ das anks dieſe ſlatt Bett, Ge⸗ dund, Mäd⸗ ———-— ,‧, 1283 chens malte, an dem Zittern ihrer Hände, an der ſchnellen Bewe⸗ gung, die ſie machte, ſich in die Decken zu hüllen, konnte man den letzten Kampf des Zweifels gegen die Ueberzeugung erkennen, in⸗ deſſen die Gegenwart des Grafen von Monte⸗Chriſto bei ihr, zu dieſer Stunde, ſein geheimnißvoller Eintritt durch eine Mauer, ſchienen der unerſchütterten Vernunft Valentinens Unmöglichkeiten. „Rufen Sie nicht, erſchrecken Sie nicht,“ ſprach der Graf, „ſeien Sie nicht unruhig, hegen Sie ſelbſt nicht den Schatten eines Verdachts; der Mann, den Sie vor ſich ſehen,(denn dieſes Mal haben Sie Recht, Valentine, es iſt keine Einbildung) dieſer Mann hegt für Sie die zärtlichſte Liebe eines Vaters, die wärmſte An⸗ hänglichkeit eines Freundes.“ Valentine war keiner Antwort fähig; ſie hatte eine ſo große Furcht vor dieſer Stimme, die ihr die wirkliche Gegenwart deſſen, der ſprach anzeigte, aber ihr erſchreckter Blick ſprach: Wenn Ihre Abſichten rein ſind, weßhalb ſind Sie hier? Ihre Gedanken begreifend, ſprach der Graf: „Hören Sie mich, oder vielmehr betrachten Sie mich: ſehen Sie meine gerötheten Augen, mein Geſicht, das noch bleicher iſe als gewöhnlich, das kommt daher, weil ich in vier Nächten kein Auge geſchloſſen, mich unicht einen Angenblick lang dem Schlummer überlaſſen habe, weil ich Sie beſchütze, Ihr Leben für Ihren Freund Maximilian bewahren muß.“ Eine glühende, freudige Röthe färbte die Wange der Kran⸗ ken, denn bei dieſem Namen ſchwand der letzte Grad des Mif⸗ trauens, den Valentine gegen den Grafen noch gehegt hatte. „Maximilian?....“ wiederholte ſie, dieſen ſüßen Namen liſpelnd,„Maximilian! alſo hat er Ihnen Alles geſtanden?“ „Alles. Er hat mir geſagt, daß Ihr Leben das ſeinige ſei, und ich habe ihm Ihr Leben verbürgt.“ „Sie haben ihm verſprochen, daß ich leben würde?“ „Ja.“ „Wirklich, mein Herr, Sie ſprechen von Wachſamkeit und Schutz, ſind Sie denn Arzt?“ „Ja, und glauben Sie mir, der beſte, den Ihnen der Himmel in dieſem Augenblicke ſchicken konnte.“ 81* — 1284 „Sie ſagten, Sie hätten mich bewacht,“ ſagte Valentine un⸗ ruhig,„aber wo, ich habe Sie nicht geſehen?“ Der Graf zeigte mit der Hand nach der Bibliothek. „Ich war hinter dieſer Thür verborgen,“ ſagte er,„ſie führte in das benachbarte Haus, welches ich gemiethet habe.“ Valentine wandte tief erſchreckt die Augen ab, und ſagte voll jungfräulicher Schaam zitternd: „Aber, was Sie gethan, iſt unerhörter, beiſpielloſer Wahnſinn, und der mir gewährte Schutz gleicht ſehr einer Beleidigung!“ „Valentine,“ ſagte er ernſt,„während dieſer langen Wache habe ich nur auf die Perſonen geachtet, die bei Ihnen erſchienen, auf die Medicamente, die man Ihnen gereicht, und wenn die Ge⸗ tränke mir gefährlich ſchienen, trat ich ein, ſchüttete den Inhalt des Glaſes aus, und gab Ihnen ſtatt des todtbringenden Giftes einen wohlthuenden Trank, der neues Leben in ihre Adern goß.“ „Gift! Tod!“ ſchrie Valentine, ſich von Neuem dem Einfluße einer fieberhaften Erſcheinung unterworfen glaubend,„was ſagen Sie da, mein Herr?“ „Still! mein Kind,“ ſagte Monte⸗Chriſto, den Finger wieder auf die Lippen legend,„ich ſagte Gift, ja, ich ſagte Tod, und ich wiederhole: Tod, aber trinken Sie erſt dies!“(Der Graf zog aus aus ſeiner Taſche ein Flacon, welches eine rothe Flüſſigkeit ent⸗ hielt, wovon er einige Tropfen in ein Glas goß.)„Und wenn Sie getrunken haben, nehmen Sie in dieſer Nacht nichts weiter.“ Valentine ſtreckte die Hand aus, aber kaum hatte ſie das Glas berührt, als ſie die Hand eben ſo ſchnell wieder zurückzog. Monte⸗Chriſto nahm das Glas, trank es zur Hälfte und gab es dann Valentine, die den Reſt lächelnd trank. „O ja,“ ſagte ſie,„ich erkenne den Geſchmack meines nächt⸗ lichen Getränks, dieſes Waſſers, das meine Bruſt etwas erfriſchte und mein Gehirn etwas beruhigte. Dank, mein Herr, Dank!“ „So haben Sie vier Nächte gelebt, Valentine,“ ſprach der Graf,„aber wie lebte ich? O die grauſamen Stunden, die Sie mir verurſachten? O dieſe entſetzlichen Qualen, die mich folterten, wenn ich das tödtende Gift in ihr Glas gießen ſah, und dachte, daß Sie trinken könnten, bevor ich Zeit gehabt haben würde, den Inhalt in den Kamin zu ſchütten.“ ſtart, I wie das denn, w 0 „ 8 3 iſt grauf auf meit norden! Sie liſt ſein!.. „l nicht He Varrois hätte d ward, 8 7/ Großpa tränke t „ wie ein „, „ weiß, d Sie, ſe und de Sie, a 9 7„ . 98 in Ihr M ſich nät ſiefür lange z 2 Leben t e un⸗ ührte e voll nſinn, Wache lenen, e Ge⸗ anhalt Giftes go 5.“ afluße ſagen vieder id ich g aus ent⸗ n Sie 1285 „Sie ſagen, mein Herr,“ ſprach Valentine, vor Schrecken ſtarr,„daß Sie tauſend Qualen erlitten haben, indem Sie ſahen, wie das tödtende Gift in mein Glas gegoſſen ward, und wiſſen Sie denn, wer es that?“ „Ja. „O, was Sie mir da ſagen, mein Herr, iſt ja entſetzlich, iſt grauſig! Wie, in dem Hauſe meines Vaters, in meinem Zimmer, auf meinem Schmerzenslager, ſetzt man die Verſuche fort, mich zu morden? O gehen Sie, mein Herr, Sie verſuchen mein Gewiſſen, Sie läſtern die Güte Gottes... o es iſt unmöglich, es kann nicht ſein!...“ „Und ſind Sie denn das erſte Opfer, Valentine? Gingen nicht Herr und Frau von Saint⸗Méran voran, fiel nicht der arme Barrois? Würde nicht Herr von Noirtier längſt geſtorben ſein, hätte das Gift, an welches er ſeit drei Jahren allmälig gewöhnt ward, ihn nicht gegen Gift geſchützt?“ „O, mein Gott,“ ſagte Valentine,„alſo deßhalb hat der gute Großpapa verlangt, daß ich ſeit mehreren Wochen alle ſeine Ge⸗ tränke theile?“ G „Und dieſe Getränke,“ rief Monte⸗Chriſto,„ſchmecken bitter, wie eine halbgetrocknete Pomeranzenſchaale, nicht wahr?“ „Ja, mein Gott, ja!“ „O das erklärt mir Alles,“ fuhr der Graf fort,„auch er weiß, daß man hier vergiftet, ja vielleicht, wer vergiftet. Er hat Sie, ſein vielgeliebtes Kind, gegen dieſe tödtende Subſtanz geſichert, und derſelben dadurch die Kraft geraubt; ich begriff nicht, wie Sie, armes Kind, dieſem furchtbaren Gifte hatten trotzen können.“ „Aber wer iſt denn der Mörder?“ „Ich könnte Sie fragen: Haben Sie niemals Nachts Jemand in Ihr Zimmer treten ſehen?“ „O ja. Oft glaubte ich Schatten vorübergleiten zu ſehen, die ſich näherten, entfernten und dann verſchwanden. Aber ich hielt ſie für Gebilde meines Fiebers, wie ich auch, als Sie eintraten, lange zu träumen oder von Phantaſien verfolgt zu ſein glaubte.“ „Alſo Sie kennen die Perſon nicht, welche Ihnen nach dem Leben trachtet?“ 1286 „Nein,“ ſagte Valentine.„Weßhalb kann man meinen Tod⸗ wünſchen?“ Sie werden Ihren Mörder kennen lernen,“ flüſterte Monte⸗ Chriſto aufhorchend. „Wie ſo?“ fragte Valentine, erſchreckt um ſich blickend. „Weil Sie dieſen Abend nicht vom Fieber befangen ſind, weil Sie wachen, und weil Mitternacht, die Stunde der Mörder ſchlägt.“ „Mein Gott, mein Gott,“ hauchte Valentine, den perlenden Schweiß von der Stirn trocknend. Wiilkklich ſchlug es Mitternacht, langſam und traurig, man hätte ſagen mögen, daß jeder Schlag des Bronzehammers das Herz des jungen Mädchens tödtlich traf. „Valentine,“ fuhr der Graf ſort,„rufen Sie Ihre ganze Kraft zu Hilfe, unterdrücken Sie den Schrei in der Kehle, heucheln Sie feſten Schlaf, und Sie werden ſehen!“ Valentine faßte des Grafen Hand. „Es ſcheint mir, als hörte ich Geräuſch,“ flüſterte ſie,„ziehen Sie ſich zurück.“ „Leben Sie wohl, oder vielmehr auf Wiederſehen,“ entgegnete der Graf. Dann eilte er auf den Fußſpitzen nach der Bibliothek, ſeine junge Freundin mit einem ſo traurigen, ſo väterlichen Lächeln be⸗ trachtend, daß ſie von Dankbarkeit durchdrungen ward. „Keine Bewegung, kein Wort,“ ſagte er,„man muß Sie ein⸗ geſchlafen glauben, ſonſt würde man Sie vielleicht tödten, bevor ich Ihnen zu Hilfe eilen könnte.“ 1— Und nach dieſem ausdrücklichem Befehl verſchwand der Graf — in der ſich geräuſchlos hinter ihm ſchließenden Thür. V. Mitter D verhall d Secur ihres 1 nicht, chem; dieſe? 8 Gedan in der verſuc keit leicht nicht ſie N Schwe zuge Mont mit ſe harkei geſſen dod tonte⸗ weil lägt.“ enden man Herz ganze ſcheln iehen egnete ſeine in be⸗ ein⸗ bevor Graf XCVIII. Locuſte. Valentine blieb allein, noch an zwei andern Uhren ſchlug die Mitternachtsſtunde. Dann, nachdem das Geräuſch einiger vorbeifahrender Wagen verhallt war, ward Alles wieder ſtill. Die Kranke blickte unverwandt nach der Uhr, und zählte die Secunden, die um das Doppelte ſo langſam waren, als die Schläge ihres Herzens. Und dennoch zweifelte ſie; die unſchuldige Valentine begriff nicht, daß Jemand ihren Tod wünſchen könne. Weßhalb? zu wel⸗ chem Zwecke? wem hatte ſie ſo Uebles zugefügt, daß man ſich auf⸗ dieſe Weiſe rächen wollte? Sie fürchtete nicht einzuſchlafen. Ein einziger, ſchrecklicher Gedanke hielt ihren Geiſt wach, und zwar der, daß eine Perſon in der Welt exiſtire, die ſie zu morden verſucht hatte und es noch verſuchte. Und wenn nun dieſe Perſon, der Unwirkſam⸗ keit des Gifts müde, wie Monte ⸗Chriſto angedeutet, viel⸗ leicht eine andere, ſchnellere Todesart wählte, wenn der Graf nicht Zeit gewann, ſie zu retten, wenn ihr letzter Gedanke nahen, ſie Morrel nicht wiederſehen ſollte.. Bei dieſem Gedanken ward Valentine leichenblaß, eiſiger Schweiß bedeckte ihre Stirn, ſie war im Begriff, nach dem Glocken⸗ zuge zu greifen und nach Hilfe zu klingeln. Aber es war ihr, als glänze hinter der Thür der Bibliothe k Monte⸗Chriſto's über ſie wachendes Auge, welches ſie jedoch zugleich mit ſo tiefer Schaam erfüllte, daß ſie ſich fragte, ob ihre Dank⸗ barkeit ſtets genügen werde, die indiscrete Freundſchaft zu ver⸗ geſſen. 1288 Zwanzig Minuten, zwanzig Ewigkeiten, waren vergangen, ſtets daſſelbe Schweigen, noch zehn Minuten folgten, endlich that der Hammer der Uhr einen tönenden Schlag an die Glocke, nachdem Secunde auf Secunde langſam vorgerückt war. In dieſem Augenblicke gab ein vernehmliches Klopfen gegen das Getäfel der Bibliothek Valentine die Gewißheit, daß der Graf wache und ſie zum Wachen ermahne. Wirklich ſchien es ihr, als höre ſie in der Gegend von Eduards Zimmer ein leichtes Geräuſch, ſie horchte hoch auf, hielt den faſt erſtickten Athem an, das Schloß kniſterte leiſe, die Thür bewegte ſich in ihren Angeln. Valentine hatte ſich auf den Ellbogen geſtützt, ſchnell nahm ſie eine liegende Stellung an und ſchloß die Augen, ſie mit dem Arm bedeckend. Dann lauſchte ſie bewegt, zitternd, das Herz mit unausſprech⸗ lichem Schrecken erfüllt. Es nahte ſich Jemand ihrem Bette und ſchob die Vorhänge zurück. Valentine nahm ihre ganze Kraft zuſammen, um jenes regel⸗ mäßige Athmen bervorzuhringen, welches einen ruhigen Schlaf verkündet. „Valentine!“ ſagte ganz leiſe eine Stimme. Das junge Mädchen zitterte bis in das Herz hinein, antwor⸗ tete jedoch nicht. „Valentine!“ wiederholte dieſelbe Stimme. Daſſelbe Schweigen. Valentine hatte verſprochen ſich zu ſtellen als ob ſie ſchlafe. Alles blieb unbeweglich. Valentine hörte nur das faſt unhör⸗ bare Geräuſch, durch das Fallen einiger Tropfen in ihr Glas ver⸗ urſacht. Unter dem Schutze ihres ausgeſtreckten Armes, wagte ſie die Augen etwas zu öffnen, und ſah eine Frau im weißen Nacht⸗ gewande, die wirklich aus einer Phiole einige Tropfen in ein Glas goß. Valentine hatte vielleicht zu laut geathmet, oder irgend eine Bewegung gemacht, die Frau hielt unruhig inne, und neigte ſich über ihr Bett, um zu ſehen, ob ſie wirklich ſchlief: es war Frau von Villefort. Ihre Stiefmutter erkennend, ward des jungen Mädchens Kör⸗ per von bewegt bt vorhäng wegung vor⸗ r⸗ 1289 per von ſo heftigem Zittern ergriffen, daß die Bettdecke leicht davon bewegt ward. Frau von Villefort verſchwand augenblicklich hinter den Bett⸗ vorhängen, um dort ſtumm und aufmerkſam auf die geringſte Be⸗ wegung Valentinens zu achten. Dieſe erinnerte ſich der entſetzlichen Worte Monte⸗Chriſto's, es war ihr, als habe ſie in der einen Hand ihrer Stiefmutter ein langes ſcharfes Meſſer funkeln ſehen. Valentine rief alſo ihre ganze Willenskraft zu Hilfe und ver⸗ ſuchte die Augen zu ſchließen, was ihr jedoch faſt unmöglich ward. Indeſſen, durch des jungen Mädchens ruhiges Athmen geſi⸗ chert, hob Frau von Villefort abermals den Bettvorhang, um dann vollends den Inhalt der Phiole in das Glas zu ſchütten. Dann zog ſie ſich lautlos zurück. Valentine hatte nichts gehört, ſie ſah nur, daß der Arm ver⸗ ſchwunden war, dieſer volle, friſche Arm einer jungen und ſchönen Frau von fünfundzwanzig Jahren, die Mordgedanken in ſich hegte. Es iſt unmöglich, Valentinens Empfindungen während des Aufenthalts ihrer Stiefmutter in ihrem Zimmer auszudrücken. Das Klopfen an der Bibliothek weckte das junge Mädchen aus ihrer Erſtarrung. Beſtürzt richtete ſie ſich auf, die Thür drehte ſich lautlos in ihren Angeln, der Graf von Monte⸗Chriſto erſchien. „Nun,“ fragte er,„zweifeln Sie noch?“ „O mein Gott,“ murmelte Valentine. „Sie haben geſehen?“ „Ach!“ „Sie haben erkannt?“ Valentine ächzte. „Ja,“ ſagte ſie,„aber ich kann es nicht glauben.“ „Sie wollen alſo lieber ſterben und den armen Maximilian ſterben laſſen?“ „Mein Gott! mein Gott,“ ſagte Valentine faſt verwirrt, „aber kann ich das Haus nicht verlaſſen, mich retten?“ „Kind, die verfolgende Hand würde Sie überall erreichen, mit Hilfe des Goldes würde man ihre Diener beſtechen, und der Tod drohte Ihnen überall, im Waſſer, und wenn Sie es an der 7 4 A —— — 1290 Quelle tränken, in der Frucht, und wenn Sie dieſelbe am Baume pflückten.“ „Aber ſagten Sie nicht, die Vorſicht des guten Großpapa Noirtier habe mich gegen das Gift geſchützt?“ „Gegen ein Gift, und eine nicht zu große Doſis, man wird ein anderes Gift nehmen und die Doſis verſtärken.“ Er nahm das Glas und führte es an die Lippen. „Ach wirklich,“ ſagte er,„es iſt ſchon geſchehen, Sie ſollten nicht mehr durch Brucine, ſondern ein einfach natürliches Mittel vergiftet werden. Ich erkenne den Geruch des Alkohol, in dem es aufgelöſ't ward. O Valentine, hätten Sie getrunken, was Frau von Villefort in Ihr Glas gethan, Sie waren verloren.“ „Aber mein Gott, weshalb verfolgt man mich denn ſo?“ „Sie ſind reich, Valentine, Sie haben zweihunderttauſend Livres Einkünfte, und entziehen dieſe Summe Ihrem Bruder.“ „Wie das? Mein Vermögen iſt ja nicht das ſeinige, und ſtammt von meinen Großeltern.“ „Gewiß, und deßhalb mußten Herr und Frau von Saint⸗ Meran ſterben, damit Sie Erbin werden konnten; deshalb ward Herr von Noirtier verdammt, und deshalb müſſen endlich Sie, Va⸗ lentine, ſeine Erbin, ſterben, weil dann Ihr Vater von Ihnen erbt, und Ihr Bruder als einziger Sohn der natürliche Erbe bleibt.“ „Eduard! armes Kind! alſo ſeinetwegen wurden alle dieſe Verbrechen begangen?“ „Ach, begreifen Sie endlich!“ „O mein Gott, gieb, daß er nicht darunter leidet!“ „Sie ſind ein Engel, Valentine.“ „Aber mein Großvater Noirtier iſt ja nicht unterlegen, man hat alle Verſuche aufgegeben, ihn ums Leben zu bringen.“ „Ja, weil man bedacht hat, daß nach Ihrem Tode Ihr Bru⸗ der natürlicher Erbe war, und dieſes Verbrechen alſo unnütz und gefährlich ſein würde.“ „Und in dem Geiſte einer Frau konnten ſo entſetzliche Gedan⸗ ken keimen! O mein Gott, mein Gott!“ „Denken Sie an den Poſthof in Pérouſe und den Mann im braunen Mantel, mit dem Frau von Villefort über Bereitung der der Tod wach kenn melt dem de vate flüſt bege wen erwe wen 1291 Aqua Toffana ſprach; nun wohl! ſeit dieſer Zeit keimt der entſetz⸗ liche Gedanke in ihrem Gehirn.“ „O mein Herr,“ rief das ſanfte Kind, in Thränen zerfließend, „ich ſehe wohl, daß ich unrettbar zum Tode verdammt bin.“ „Nein, nein, Valentine, denn ich habe dieſe Complots vorher⸗ geſehen, nein, unſere Feindin iſt beſiegt, weil ſie errathen ward. Sie werden leben, Valentine, leben, um glücklich zu ſein und um ein edles, reines Herz glücklich zu machen, aber um zu leben, Va⸗ lentine, müſſen Sie mir volles Vertrauen ſchenken.“ „Befehlen Sie, mein Herr, was ſoll ich thun?“ „Was ich Ihnen gebe, ohne Widerſtand nehmen.“ „O! Gott iſt mein Zeuge,“ rief Valentine, daß, wenn ich allein wäre, ich gern ſterben würde.“ „Sie dürfen ſich Niemand anvertrauen, ſelbſt Ihrem Vater nicht.“ „D nicht wahr, mein Herr, mein Vater iſt nicht mit in dieſem entſetzlichen Complott?“ fragte Valentine händeringend. „Nein, und dennoch muß Ihr Vater, vertraut mit der Praxis der Verbrechen, ahnen, daß alle dieſe auf ſein Hans ſich häufenden Todesfälle nicht natürlicher Art ſind. Ihr Vater ſollte über Sie wachen, er ſollte meinen Platz einnehmen, er ſollte den Mörder kennen, und ihn beſtraft haben. Geſpenſt gegen Geſpenſt,“ mur⸗ melte er, ſeinen Satz ganz leiſe ſchließend. „Mein Herr,“ ſagte Valentine,„ich werde Alles thun, mich dem Leben zu erhalten, denn es giebt zwei Weſen in der Welt, die mich lieben, und ſterben würden, wenn ich ſterbe, mein Groß⸗ vater und Maximilian.“ „Ich wache über Beide, wie ich über Sie gewacht habe.“ „Dank, verfügen Sie über mich,“ ſagte Valentine. Dann flüſterte ſie kaum hörbar.„O mein Gott, was wird mir noch begegnen!“ 11 „Was Ihnen auch begegnet, Valentine, erſchrecken Sie nicht, wenn Sie leiden, den Gebrauch Ihrer Sinne verlieren, wenn Sie erwachen, ohne zu wiſſen wo Sie ſind, fürchten Sie nichts, ja wenn Sie ſich in einer Bahre, in einem Grabgemölbe wiederfänden, zagen Sie nicht, ſondern ſagen Sie ſich; In dieſem Augen⸗ — — —— ——— 6 —]ͤ 1292 blicke wacht ein Freund, ein Vater, ein Mann, der mein und Maximilians Glück will, über Dich.“ „Ach, ach, welch' entſetzlicher Gedanke!“ „Valentine, ziehen Sie es vor, die Anklägerin Ihrer Stief⸗ mutter zu ſein?“ „Ach, lieber will ich hundert Mal ſterben!“ „Nein, Sie werden nicht ſterben, und was Ihnen auch be⸗ gegnen mag, verſprechen Sie mir nicht zu klagen, ſondern zu hoffen.“ „Ich werde an Maximilian denken!“ „Sie ſind meine vielgeliebte Tochter, Valentine, ich allein kann Sie retten, und ich werde Sie retten.“ Valentine, wohl fühlend, daß der Augenblick gekommen fe⸗ Gott um Kraft und Muth zu bitten, murmelte einige Worte, ganz vergeſſend, daß ihre weißen Schultern keine andere Hülle als ihre aufgelöſ'ten, lang herabwallenden Haare hatten, und daß man ihr Herz unter den feinen Spitzen ihres Nachtgewandes ſchla⸗ gen ſah. Der Graf legte ſanft die Hand auf den Arm ſeines Schütz⸗ lings und ſprach mit ſeinem väterlichen Lächeln: „Mein Kind, glaube an meine Ergebenheit, wie Du an die Güte Gottes und an Maximilian glaubſt.“ Valentine ſah ihn dankbar und folgſam an. Der Graf zog aus ſeiner Weſtentaſche einen, eine Bonbon⸗ niere bildenden Smaragd, knipſte das goldene Schlößchen auf, und legte eine kleine runde Paſtille von der Größe einer Erbſe in Va⸗ lentinens Hand. Valentine nahm ſie in die andere Hand und ſah den Grafen aufmerkſam an, deſſen edle majeſtätiſche Züge von dem Glanze faſt göttlicher Macht widerſtrahlten. Sie fragte ihn durch Blicke. „Ja,“ ſagte ihr Beſchützer. Valentine verſchluckte das kleine Kügelchen. „Und jetzt, auf Wiederſehen, mein Kind, ich will zu ſchlafen verſuchen, denn Du biſt gerettet.“ „Gehen Sie,“ ſagte Valentine,„und ich gelobe Ihnen, keiner Furcht Raum gebend, was auch geſchehen mag.“ 1293 Monte⸗Chriſto blickte das junge Mädchen zärtlich an, die, der Wirkung des vom Grafen empfangenen einſchläfernden Mittels un⸗ terliegend, die Augen ſchloß. Da nahm er das Glas, goß drei Theile des Inhalts in den Kamin, damit man glauben möchte, Valentine habe das Fehlende getrunken, ſetzte es dann auf den Nachttiſch und verſchwand durch die geheimnißvolle Thür, nachdem er noch einen letzten Blick auf Maximilians Geliebte geworfen hatte, die mit dem Vertrauen und der Reinheit eines zu den Füßen des Herrn gebetteten Engels entſchlief. XGAIX. Valentine. Die letzten Strahlen der matt aufflackernden Nachtlampe ver⸗ breiteten ein ungewiſſes Licht in dem Krankenzimmer, ein finſtres, trübes Licht färbte mit ſeinem gelblichen Scheine die weißen Bett⸗ vorhänge und Decken des jungen Mädchens. Das Geräuſch der Straße war erloſchen, das innere Schwei⸗ gen erſchreckend. 1 Eduards Zimmer öffnete ſich nochmals, Frau von Villefort erſchien in der Thür, um die Wirkung des Getränks zu beobachten. Sie blieb auf der Schwelle ſtehen, lauſchte dem Kniſtern der Lampe, dem einzigen Geräuſch in dieſem todesſtillen Gemache, dann näherte ſie ſich vorſichtig Valentinens Nachttiſche, um zu ſehen, ob das Glas leer ſei. Es war faſt ganz geleert, wie wir wiſſen. Frau von Villefort ſchüttete den Reſt in die Aſche, reinigte ſorg⸗ fältig den Kryſtall und rieb das Glas mit ihrem eigenen Tuche aus, bevor ſie es wieder auf den Nachttiſch ſtellte. Hätte der Blick eines Menſchen in das Innere dieſes Zimmers dringen können, er würde bemerkt haben, wie ſehr Frau v. Ville⸗ fort zögerte, Valentinens Bett zu nahen und die Augen auf ihre Stieftochter zu richten. Dieſes finſtere Licht, dieſes Schweigen, dieſe entſetzliche Poeſie der Nacht vermiſchte ſich ohne Zweifel mit der betäubenden Poeſie ihres Gewiſſens; die Giftmiſcherin hatte Furcht vor ihrem Werke. Endlich faßte ſie Muth, hob den Vorhang und neigte ſich über das Bett. Valentine athmete nicht mehr, ihre faſt ganz aufeinander ge⸗ preßten Zähne ließen kein Atom eines Hauches paſſiren, der das Leben nicht ben, it U Villef legte G ] fog ſie W der S nain ziſom ausge gel w bei, ſie z fürcht 9 hang, 6 1 4 Vorh erſc Mor ſtützt im Gege lenti 1295 Leben bezeichnet hätte, ihre ſchon bleichen Lippen bewegten ſich nicht mehr, ihre Augen waren von einem violetten Streif umge⸗ ben, ihre Haut war ſchon matt wie Wachs. Unbeweglich, aber mit beredten Blicken, betrachtete Frau von Villefort dieſes Geſicht, hob dann, ſchon muthiger, die Decke, und legte ihre Hand auf Valentinens Herz. Es war ſtill und kalt. Nur die Pulſe ihrer eignen Finger klopften ſtark, ſchaudernd zog ſie die Hand zurück. Valentinens Arm hing an dem Bette herab, und ſchien von der Schulter bis zum Ellnbogen nach einer der Grazien von Ger⸗ main Pilot geformt, der Vorderarm war jedoch etwas krampfhaft zuſammengezogen, die ſchön geformte Hand ruhte ſteif und mit ausgeſpreizten Fingern auf dem Acajou. Die Umgebung der Nä⸗ gel war bläulich. 1 Frau v. Villefort konnte nicht mehr zweifeln, Alles war vor⸗ bei, das entſetzliche letzte Werk war vollbracht! Die Giftmiſcherin hatte nichts mehr in dieſem Zimmer zu thun, ſie zog ſich vorſichtig zurück, ihre eignen Tritte auf dem Fußboden fürchtend. Aber Minuten vergingen, und noch immer hielt ſie den Vor⸗ hang, wie einen ausgebreiteten Schleier über Valentinens Haupt. Das Kniſtern der Nachtlampe verdoppelte ſich. Bei dieſem Geräuſch zitterte Frau von Villefort und ließ den Vorhang ſinken. In demſelben Augenblicke erloſch die Lampe, das Zimmer war erſchreckend dunkel.— Inmitten dieſer Dunkelheit zeigte die wachende Uhr die vierte Morgenſtunde an. Von dieſen einander folgenden Erſchütterungen betäubt, ſtürzte die Giftmiſcherin ſchnell, wie von Furien gejagt, in ihr Zimmer. Die Dunkelheit währte noch zwei Stunden. Nach und nach drang ein bleicher Tag in das Gemach, die Gegenſtände in demſelben mehr und mehr abzeichnend. Die Krankenwärterin, eine Taſſe in der Hand, trat in Va⸗ lentinens Zimmer. — ———— 1296 Für einen Vater oder einen Geliebten würde der erſte Blick hingereicht haben, ſich zu überzeugen, daß Valentine todt ſei, die Wärterin glaubte ſie ſchlafend. „Gut,“ murmelte ſie, an den Nachttiſch tretend,„ſie hat etwas getrunken, das Glas iſt halb geleert.“ Dann eilte ſie an den Kamin, machte Feuer an, ſetzte ſich in ihren Lehnſtuhl, und benutzte, obgleich aus dem Bette kom⸗ mend, Valentinens Schlummer, um auch noch einige Augenblicke zu ſchlafen. Die Uhr ſchlug Acht.. Von dieſen ſo lang anhaltenden Schlummer überraſcht, über dieſen noch immer aus dem Bett hängenden Arm beſtürzt, eilte die Wärterin an das Bett, um ihn in die Höhe zu heben, der ſteife Arm gab jedoch nicht nach. Nun ward ihr Alles klar. Einen furchtbaren Schrei ausſtoßend, eilte ſie zur Thür, und rief: „Zu Hilfe, o zu Hilfe!“ „Wie zu Hilfe?“ rief von unten herauf der Doctor. Es war um die Zeit, in welcher Herr v. Avrigny gewöhnlich zu kommen pflegte. „Wie, zu Hilfe?“ ſchrie Herr von Villefort, aus ſeinem Ca⸗ binet ſtürzend,„Doctor, haben Sie nicht einen Hilferuf gehört?“ „Ja, ja, mein Herr,“ entgegnete Herr von Avrigny,„folgen Sie mir ſchnell, es war bei Valentinen.“ Aber noch bevor Arzt und Vater eintreten konnten, ſtürzten die in derſelben Etage oder demſelben Corridor befindlichen Domeſtiken in das Zimmer, hoben, ihre geliebte junge Gebieterin bleich und bewe⸗ gungslos daliegen ſehend, die Arme gen Himmel, und wankten, wie vom Schwindel erfaßt. „Ruft Frau von Vileefort, weckt meine Gemahlin!“ ſchrie der Procuratar des Königs an der Thür des Zimmers, in welches er, wie es ſchien, nicht einzutreten wagte. Aber ſtatt zu gehorchen, blickten die Diener auf den Herrn von Avrigny, der an das Bett getreten war und Valentine in ſeine Arme nahm. „Auch dieſe noch,“... murmelte er, ſie zurückſinken laſſend, „o mein Gott, mein Gott, wann wirſt Du Einhalt thun?“ 1 Hinume 4 mit e Stim und f I Pater⸗ Trepi ſtill, zum C Nacht Thro die? beugt wußt die? ſchien Vale von fes dami des Sta⸗ dieſe um in eine 1297 Villefort ſtürzte in das Zimmer. „Was ſagen Sie... mein Gott,“ ſchrie er, die Hände gen Oimmel hebend,„Doctor!... Doctor...“ hat„Ich ſage, daß Valentine todt iſt,“ ſagte Herr von Avrigny . mit einer feierlichen und durch dieſe Feierlichkeit furchtbaren ſih Stimme. on⸗ Villefort ſchwankte, als verſagten die Füße ihm dem Dienſt, nblice und ſiel mit den Kopf auf Valentinens Bett. Bei den Worten des Arztes vereinigte ſich der Schrei des Vaters mit dem der Diener, dann herrſchte auf den Gängen, den über Treppen und im Hofe eine allgemeine Bewegung, dann ward Alles eilte ſtill, das Geräuſch verlor ſich: die Diener hatten, vom Erſten bis der zum Letzten, alle dieſes verfluchte Haus verlaſſen. In dieſem Augenblicke erſchien Frau von Villefort, noch im hür, Nachtgewande, auf der Schwelle, fragend um ſich blickend und einige Tvbränen hervorzwingend. Plötzlich trat ſie einen Schritt oder einen Sprung vorwärts, ddie Arme gegen den Nachttiſch ausſtreckend. nlih Sie ſah, wie Herr von Avrigny ſich neugierig über den Tiſch beugte, um das Glas zu ergreifen, welches ſie, wie ſie el diͤit n Ca⸗ wußte, in der Nacht ganz ausgegoſſen hatte. rt?“ Es war gerade ſo weit gefüllt, als, bevor ſie den Inhalt in foxlgen ddie Aſche geſchüttet hatte. 7 Wäre Valentinens Geſpenſt plötzlich vor der Giftmiſcherin er⸗ die in ſchienen, es würde weniger Eindruck auf ſie gemacht haben. das Es war wirklich dieſelbe Farbe des Getränks, welches ſie in bew⸗ Valentinens Glas gegoſſen, wovon dieſe getrunken hatte. Herr n,„ie von Avrigny betrachtete es ſo genau, dieſes Gift konnte ſein ſchar⸗ fes Auge nicht trügen, es war unzweifelhaft ein Wunder Gottes, 1 je der damit, ungeachtet der Vorſicht des Mörders, ein Beweis, eine Spur es er, ddes Verbrechens bliebe. 5 Während Frau von Villefort ſtarr und unbeweglich wie eine 1 envon Statue des Schreckens daſtand, während ihr Gemahl in die Decken ſeine d dieſes Sterbebettes vergraben, nichts von dem ſah und hörte, was um ihn vorging, trat Herr von Avrigny an das Fenſter, um die in dem Glaſe befindliche Flüſſigkeit beſſer ſehen zu können, und einen Tropfen davon zu koſten. Der Graf von Monte⸗Chriſto. iſend, 8² 1298 „Ach,“ murmelte er,„das iſt nicht mehr Brucine, laß ſehen du was es iſt.“ Noittier Dann trat er zu einem Schränkchen, welches er während Va⸗ 3u lentinens Krankheit zu einer Apotheke umgeſchaffen hatte, nahm ühne in ein kleines Flacon mit Salpeterſäure, ließ einige Tropfen davon in I die gelbliche Flüſſigkeit fallen, welche augenblicklich die rothe Farbe A des Blutes annahm. „Ah,“ ſagte Aprigny mit einem Abſcheu eines Richters, der M die Wahrheit erkannt hat, und der Freude eines Weiſen, dem ſich lih u ein Problem entſchleiert. ſeen Frau von Villefort drehte ſich einen Augenblick um ſich ſelbſt, lin ihre Augen ſchleuderten Flammen, dann wurden ſie matt, ſie in 8 wankte, ſuchte die Thür mit der Hand und verſchwand. 1 t 3 Einen Augenblick darnach vernahm man das ferne Geräuſch 4 N eines zur Erde ſinkenden Körpers. d Aber Niemand achtete darauf, die Krankenwärterin betrachtete weit die chemiſche Analyſirung, Herr von Villefort war noch immer ohn⸗ vößnl mächtig. Nur Herr von Avrigny hatte Frau von Villeforts Bewegung dhne und ihre ſchnelle Entfernung bemerkt. Er hob den Vorhang, blickte durch Eduards Zimmer in das A ſeiner Mutter und ſah ſie bewegungslos auf dem Teppich aus⸗ geſtreckt. b Ihrer „Stehen Sie Frau von Villefort bei,“ ſprach er zu der Wär⸗ 1 terin,„die gnädige Frau iſt nicht wohl.“ I „Aber Fräulein Valentine?“ ſtammelte ſie. b hätte „Fräulein Valentine bedarf der Hilfe nicht mehr, denn ſie iſt todt“ „Todt, todt,“ ſtöhnte Villefort in einem Schmerzensanfall, ſt dr der um ſo überwältigender, je neuer und ungekannter er dieſem Herzen von Bronze war. „Todt? ſagen Sie,“ ſchrie eine dritte Stimme,„wer ſagt, das l Valentine todt iſt?“ 1 Die beiden Männer wandten ſich um und erblickten Morrel, der zitternd, bleich und ganz entſtellt auf der Schwelle ſtand. Hören wir, wie dies zuging. konnte 7 8 ſehen d Va⸗ nahm won in Farbe , der m ſich ſelbſt, tt, ſie träuſch achtete eer ohn⸗ vegung in das haus⸗ — Wär⸗ —‿ enn ſie anfall, dieſem t, daß Nortel, „ —— 1299 Zu der gewöhnlichen Stunde war er durch die kleine Thür zu Noirtier gekommen. Zu ſeinem Erſtaunen fand er die Thür offen und konnte alſo, ohne zu klingeln, eintreten. In dem Vorzimmer wartete er einen Augenblick, aber der an Barrois Stelle getretene Diener erſchien nicht. Wie wir wiſſen, hatten alle Diener das Haus verlaſſen. Morrel hatte durchaus keine Urſache, unruhiger als gewöhn⸗ lich zu ſein, Monte⸗Chriſto hatte ihm verſprochen, daß Valentine leben werde, und dieſes Verſprechen bis jetzt treu gehalten, jeden Abend hatte der Graf ihm gute Nachrichten gebracht, die Noirtier am folgenden Morgen beſtätigte. Dieſes Schweigen ſchien ihm jedoch ſonderbar, er rief, rief wie⸗ der, keine Antwort. Er ging weiter. Noirtiers Thür war offen, wie die andern Thüren. Der Greis ſaß wie gewöhnlich in ſeinem Lehnſtuhle, aber ſeine weit geöffneten Augen und die über ſeine Züge verbreitete unge⸗ wöhnliche Bläſſe ſchien inneren Schrecken auszudrücken. „Wie befinden Sie ſich, mein Herr?“ fragte Morrel, nicht ohne eine gewiſſe Beklemmung des Herzens. „Gut,“ ſagte der Greis mit ſeinem Blinzeln der Augen. Aber ſeine Phyſiognomie ward immer unruhiger. „Sie wünſchen etwas,“ ſagte der junge Mann,„ſoll ich einen Ihrer Leute rufen?“. „Ja!“ Morrel ſchellte; aber wenn er auch den Glockenzug zerriſſen hätte, Niemand erſchien. Er wandte ſich nach Noirtier um, der Greis war leichenblaß. „Mein Gott,“ rief Morrel,„weßhalb kommt denn Niemand, iſt denn ein Unglück geſchehen?“ Noirtiers Augen ſchienen aus den Höhlen dringen zu wollen. „Aber was iſt Ihnen denn? Sie erſchrecken mich,“ rief Morrel, „Valentine... Valentine!“ „Ja, ja,“ nickte der Greis. Maximilian öffnete den Mund, um zu reden, aber ſeine Zunge konnte keinen Laut hervorbringen, er wankte und fiel faſt. Dann ſtreckte er die Hand nach der Thür aus. 82* 1300 „Ja! ja! ja!“ fuhr der Greis fort. Maximilian ſprang in zwei Sätzen die kleine Treppe hinauf, während Noir⸗tiers Augen zu rufen ſchienen: „Schneller, ſchneller!“ In wenig Minuten gelangte der junge Mann durch eine Reihe ganz leerer Gemächer in Valentinens Zimmer. 3 Er hatte nicht nöthig die Thür aufzuſtoßen, ſie ſtand ganz weit offen. Lautes Schluchzen tönte ihm entgegen. Er ſah wie durch einen Nebel eine ſchwarze Figur zwiſchen weißen Kiſſen und Decken ſchim⸗ mern. Furcht, entſetzliche Furcht bannte ihn an die Schwelle. Da hörte er eine Stimme ſagen:„Valentine iſt todt!“ und eine zweite Stimme, die wie ein Echo antwortete: „Todt! todt!“ Vill Schlnerze man ni ſich aug von dieſ Pette ur konnte ſchmerz mit de Blicks, ſagen ſchim⸗ und — C. Maximilian. Villefort erhob ſich, faſt beſchämt, bei dem Ausbruche dieſes Schmerzes überraſcht zu ſein. Der entſetzliche Beruf, dem er ſeit 25 Jahren vorſtand, hatte ihm faſt jedes menſchliche Gefühl geraubt. Sein betäubter Blick richtete ſich auf Morrel. „Wer ſind Sie, mein Herr,“ rief er,„der Sie vergeſſen, daß man nicht auf dieſe Weiſe ein Sterbehaus betritt? Entfernen Sie ſich augenblicklich!“ Aber Morrel blieb unbeweglich, er konnte ſeine Augen nicht von dieſem entſetzlichen Schauſpiel abwenden, dieſem zerſtörten Bette und der darauf ruhenden, bleichen und lebloſen Geſtalt. „Entfernen Sie ſich, hören Sie,“ ſchrie Villefort, während Avrigny näher trat, um den jungen Mann aus der Thür zu ſchieben.. Dieſer blickte irr den Leichnam, die beiden Herren, das ganze Zimmer an, ſchien einen Augenblick zu zögern, öffnete den Mund, konnte jedoch kein Wort hervorbringen, ungeachtet der Fluth ſchmerzlicher Gedanken, die ſein Gehirn durchkreuzten. Er wühlte mit den Händen im Haar nnd verließ das Zimmer ſo verſtörten Blicks, daß Villefort und Avrigny einen Blick wechſelten, der zu ſagen ſchien: „Er iſt toll!“ Aber ehe noch fünf Minuten verg angen waren, hörte man die Treppe unter gewichtigen Schritten knarren, Morrel erſchien wieder, mit übermenſchlicher Kraft den Greis mit ſeinem Lehnſtuhl in ſeinen Armen haltend. Auf der oberſten Treppenſtufe angelangt 1302 ſetzte er den Stuhl zur Erde und rollte ihn ſchnell in Valentinens Zimmer. Nur die Kraft der Verzweiflung ließ den jungen Mann dieſes Rieſenwerk vollbringen.. Entſetzlich vor Allem war Noirtier, in welchem die Klugheit alle ihre Hilfsquellen entwickelte, und deſſen glühendes und mäch⸗ tiges Auge die andern Sinne und Glieder erſetzte. Auch auf Villefort machte dieſes bleiche Geſicht mit den flam⸗ menden Augen einen entſetzlichen Eindruck. Jedes Mal, wenn er mit ſeinem Vater in Berührung gekom⸗ men war, hatte ſich etwas Furchtbares begeben. „Sehen Sie, was man mit ihr gemacht hat!“ ſchrie Morrel, den Lehnſtuhl an Valentinens Bett rollend, und die Hand gegen ſie ausſtreckend:„Sehen Sie, mein Vater!“ Einen Schritt zurücktretend, ſah Villefort eriaunt dieſen jungen Mann an, den er kaum kannte und der Noirtier Vater nannte. Die ganze Seele des Greiſes ſchien in ſeinen Augen zu lie⸗ gen, die mit Blut unterlaufen waren. Die Halsadern ſchwollen an, ſeine Farbe war bläulich, ein Schrei ſchien durch alle Poren zu dringen, erſchreckend durch ſeine Stummheit, herzzerreißend durch ſein Schweigen. Avrigny eilte beſtürzt auf den Greis zu, und ließ ihn an ein ſtarkes ableitendes Mittel riechen. „Mein Herr!“ ſchrie Morrel, Noirtiers Hand ergreifend,„man fragte, wer ich ſei, welches Recht ich habe, hier zu ſein! O erklä⸗ ren Sie es, der Sie es wiſſen!“ Und Maximilians Stimme ward durch Schluchzen erſtickt. Das heftige Athmen des Greiſes drohte thn die Bruſt zu ſprengen, er ſchien eine Beute der Bewegungen, die dem Todes⸗ kampfe voran zu gehen pflegen. Endlich rollten ſchwere Thränen ſeine Wangen herab, er war glücklicher als Morrel, der ohne Thränen ſchluchzte. Sein Kopf konnte ſich nicht ſenken, ſeine Augen ſchloſſen ſich. „Sagen Sie,“ fuhr der junge Capitain dumpf fort,„ſagen Sie, daß ich ihr Verlobter war! Sagen Sie, daß ſie meine edle Fraundin, Si ſhnol Und, bend, ſank Dieſe wenden in ſort, ohne der uns 3 heweinen, Aber und ſeinen Wäh Schluchze Acel ſchweres, andern i End Wort: „J tine wie dieſe Lie denn ich bin auch hegen zu hat die menſchli Hülle 8 Sie lie lentine „6 kend, da lentine chers. S werde i A beſtürzt 8 — 1303 ens Freundin, meine einzige Liebe auf Erden war! Sagen Sie, ſagen Sie ſchnell, daß dieſer Leichnam mein iſt!“ eſes Und, das ſchreckliche Schauſpiel gebrochener großer Kraft ge⸗ bbend, ſank er vor dem Sterbelager ſeiner Geliebten zuſammen. gheit Dieſer Schmerz war ſo tief, ſo wahr, daß Ayrigny ſich weg⸗ fice wenden mußte, um ſeine Bewegung zu verbergen, und daß Ville⸗ fort, ohne eine Erklärung zu fordern, dem Magnetismus nachgab, lam⸗ der uns zu denen zieht, die diejenigen geliebt haben, welche wir beweinen, und Morrel die Hand reichte. 1 Jkon Aber dieſer ſah nichts, er hatte Valentinens Hand gefaßt, 1 und ſeinen glühenden Kopf ſtöhnend in die Kiſſen verſenkt. 1717 ere., Während einiger Minuten hörte man in dieſem Zimmer nur 17 egen Schluchzen, Verwünſchungen und Gebete.— Aber ein Geräuſch übertönte das Alles, und zwar Noirtiers 1 eſen ſchweres, keuchendes Athmen, welches einen Lebensfaden nach dem ater aaandern in ſeiner Bruſt zu zerſprengen ſchien. 1 Endlich nahm Billefort, als am Meiſten Herr über ſich, das lie⸗ Wort: 1 1 llen„Mein Herr,“ ſagte er zu Maximilian,„Sie liebten Valen⸗ b 1 oren tine wie Sie ſagten, Sie waren ihr Verlobter, ich kannte weder 1 urch ddieſe Liebe noch dieſes Bündniß, und dennoch verzeihe ich, ihr Vater, denn ich ſehe, daß Ihr Schmerz groß und wahr iſt. Uebrigens 17 ein bin auch ich viel zu tief betrübt, um in meinem Herzen noch Zorn hegen zu können. Aber Sie ſehen, der Engel, den wir liebten, nan hat die Erde verlaſſen, ſie, die jetzt den Herrn anbetet, bedarf der fläi. maenſchlichen Anbetung nicht mehr, ſagen Sie alſo dieſer traurigen Hülle Lebewohl, faſſen Sie zum letzten Male die Hand derer, die Sie liebten und entfernen Sie ſich für immer von ihr, denn Va⸗ lentine bedarf jetzt nur noch eines Prieſters, der ſie ſegnet.“ zau„Sie irren ſich, mein Herr,“ ſchrie Morrel, auf ein Knie ſin⸗ des⸗ kend, das Herz von namenloſem Weh erfüllt,„Sie irren ſich, Va⸗ lentine bedarf nicht nur eines Prieſters, ſondern auch eines Rä⸗* war chers. Schicken Sie nach dem Prieſter, Herr v. Villefort, der Rächer iopfvoerde ich ſein.“ „Was wollen Sie ſagen, mein Herr?“ murmelte Villfort, 3 gn beſtürzt über dieſen neuen Ausbruch ſcheinbaren Wahnſinns. „Ich will ſagen,“ fuhr Morrel fort,„daß Sie als Vater genug 1304 geweint haben, und nun Ihre Pflicht als Procurator des Königs beginnt.“ Noirtiers Augen funkelten, Avrigny trat näher. „Mein Herr,“ rief Morrel, mit den Augen die Empfindungen der Zuhörer ergründend,„ich weiß was ich ſage, und auch Sie Alle wiſſen, daß.............. Valentine keines natürlichen Todes geſtorben iſt.“ Villefort ſenkte den Kopf, Avrigny trat noch einen Schritt näher, Noirtier machte Ja mit den Augen. „O,“ fuhr Morrel fort,„in unſerer Zeit verſchwindet ein ſo junges, ſchönes, anbetungswürdiges Weſen wie Valentine nicht von der Welt, ohne daß man fragt, wie es zugegangen iſt! Wohl denn, Herr Procurator des Königs, kein Mitleid, ich mache Ihnen die Anzeige des Verbrechens, ſuchen Sie den Mörder!“ Und ſein glühendes Auge heftete ſich drohend und forſchend auf Villefort, der ſeinerſeits bald Noirtier, bald Avrigny flehend anſah. Aber ſtatt bei dem Vater oder dem Arzte Hilfe zu finden, begegnete der Procurator eben ſo erbitterten Augen, als denen des Anklägers. . „Mein Herr,“ entgegnete Villefort,„noch gegen dieſen drei⸗ fachen Willen und ſeine eigene Bewegung kämpfend,„Sie irren ſich, bei mir werden keine Verbrechen begangen, das Mißgeſchick verfolgt mich, Gott ſtellt mich auf die Probe, und zwar ganz ent⸗ ſetzlich, aber gemordet iſt hier Niemand!“ Noirtiers Augen ſprühten Blitze, Avrigny öffnete den Mund, um zu reden. Morrel hob, wie Schweigen gebietend, die Hand. „Und ich ſage, daß man hier tödtet!“ rief er, die Stimme ſenkend, ohne die entſetzliche Vibration zu verlieren.„Ich ſage Ihnen, daß dies ſeit vier Monaten das vierte Opfer iſt! Ich ſage Ihnen, daß man vor vier Tagen ſchon einmal verſucht hat, Va⸗ lentine zu vergiften, was jedoch, Dank Herrn von Noirtier Vor⸗ ſicht mißlang. Ich ſage Ihnen, daß man die Doſis verdoppelt, oder ein anderes Gift gewählt hat, und daß es dieſes Mal gelun⸗ gen iſt. Ich ſage Ihnen, daß Sie das Alles ſo gut wiſſen als ich, dann dieſe iter aufg d. vergebens „Id Herrn v. erinnert, Ihrem G dieſen tre ungerecht nens Mö Vill „Jc Schweige drungen die Sei Obrigke Tode m ſchuldig in den Valentin Un eigne S erſtickten nen Au die Kni 8 1 Morrel bei den muthig 0 M in übe önigs ungen e Alle 1“ ſchritt in ſo ſt von denn, en die chend ehend nden, n des drei⸗ irren ſchick ent⸗ lund, imme ſage ſage Va⸗ Vor⸗ ppelt, eſun⸗ zich, — über aufgeklärt.“ 1305 denn dieſer Herr hat Sie ſchon lange als Arzt und Freund dar⸗ „O Sie ſprechen im Delirium, mein Herr,“ ſagte Villefort, vergebens bemüht, gegen dieſe Anklage zu ſtreiten. „Ich im Delirium!“ ſchrie Morrel,„nun wohl, ich frage Herrn v. Avrigny, fragen auch Sie ihn, ob er ſich noch der Worte erinnert, die er am Todestage der Frau von Saint⸗Méran in Ihrem Garten ſprach, als Sie Beide, ſich allein glaubend, ſich über dieſen traurigen Fall unterhielten, und worüber Sie Gott nicht ungerechter Weiſe anklagen dürfen, als höchſtens, daß er Valenti⸗ nens Mörder erſchaffen hat.“ Villefort und Avrigny blickten einander an. „Ja, ja, erinnern Sie ſich,“ ſagte Morrel,„denn dieſe im Schweigen der Nacht ausgeſprochenen Worte ſind in mein Ohr ge⸗ drungen. Die ſtrafbare Gefälligkeit des Herrn v. Villefort gegen die Seinigen ſehend, hätte ich von alle dem Anzeige bei der Obrigkeit machen ſollen, und würde jetzt nicht Mitſchuldiger am Tode meiner ſo ſehr geliebten Valentine ſein... Aber der Mit⸗ ſchuldige, Valentine, wird Dein Rächer! Dieſer vierfache Mörder iſt in den Augen Aller ſichtbar, und wenn Dein Vater Dich verläßt, Valentine, ſo werde ich, das ſchwöre ich, den Mörder verfolgen!“ Und die Natur hatte Mitleid mit dieſer kräftigen, durch ihre eigne Stärke brechenden Organiſation, die letzten Worte Morrels erſtickten in der Bruſt, heiße, brennende Thränen entſtürzten ſei⸗ nen Augen, er ſank zuſammenbrechend vor Valentinens Bette in die Kniee. „Auch ich,“ ſagte jetzt der Doctor,„verbinde mich mit Herrn Morrel, um das Verbrechen zu verfolgen, denn mein Herz erbebt bei dem Gedanken, daß vielleicht meine Gefälligkeit den Mörder er⸗ muthigt hat.“ „O mein Gott, mein Gott,“ murmelte Villefort vernichtet. Morrel blickte auf, und blickte den Greis an, deſſen Augen in übernatürlichem Glanze funkelten. „Sie wollen ſprechen?“ „Ja,“ blickte Noirtier, und zwar um ſo furchtbarer, als alle Fähigkeiten dieſes armen, ohnmächtigen Greiſes in ſeinen Augen concentrirt waren. 1306 Man 8 „Sie kennen den Mörder?“ fragte ihn Morrel. „Jal. 3 8 „Und Sie wollen uns auf die Spur leiten,“ ſchrie der junge n,„hören Sie, Herr v. Avprigny, hören Sie!“ Noirtier blickte ihn melancholiſch an, und weckte ſo ſeine Auf⸗ merkſamkeit. Ach dieſes ſanfte Lächeln der Augen hatte Valen⸗ tine oft ſo glücklich gemacht. Der Greis blickte erſt Morrel an, dann nach der Thür. „Ich ſoll mich entfernen?“ rief dieſer ſchmerzlich. „Jal „Ach, ach, aber haben Sie doch Mitleid mit mir.“ Noirtiers Augen blieben unerbittlich auf die Thür geheftet. „Darf ich wenigſtens wiederkommen?“ „Ja.“ „Soll ich allein gehen?“ „Nein.“ „Soll auch Valentinens Vater das Zimmer verlaſſen?“ „Nein.“ „Der Doctor?“ „Ja.“ „Sie wollen mit Herrn v. Villefort allein bleiben?“ „Ja.“ „Aber wird er Sie verſtehen?“ „O,“ ſagte dieſer,„ſeien Sie unbeſorgt, ich verſtehe meinen Vater ſehr gut.“ Aber die Zähne des königlichen Procurators ſchlugen heftig an einander.. Man Herr v. Avrigny nahm Morrels Arm, und zog den jungen n in ein Nebenzimmer. Im ganzen Hauſe herrſchte ein tiefes entſetzliches Schweigen, wie das des Todes. Nach einer Viertelſtunde hörte man einen unſichern Schritt, Villefort erſchien auf der Schwelle des Salons, in dem die Beiden warteten. „Kommen Sie,“ ſprach er. Und er führte ſie zu Noirtier zurück. Morr Sein Mei das entſet Die „Ic Aber „Seie werden,“ genannt, 1 berren, d wahren, „Ja, Mor⸗ glaubens. ' „ mein He Mann, d ſtimmt n wahr me Der = Beruhige dar iſt u in drei! des geſ Innerſte Un zu wolle Auſ⸗ dalen⸗ inen eftig ngen gen, ritt, iden Morrel betrachtete den Procurator aufmerkſam. Sein Geſicht war leichenblaß, ſeine Stirn gefurcht. „Meine Herren,“ ſprach er erſchüttert,„Ihr Ehrenwort, daß das entſetzliche Geheimniß unter uns bleibt?“ Die Beiden machten eine Bewegung. „Ich beſchwöre Sie...“ fuhr Villefort fort. Aber...“ ſagte Morrel,„der Schuldige, der Mörder.“ „Seien Sie ruhig, mein Herr, der Gerechtigkeit ſoll genügt werden,“ ſagte Villefort,„mein Vater hat mir den Schuldigen genannt, iſt eben ſo rachedurſtig als Sie, und beſchwört Sie, meine Herren, dennoch gleich mir das Geheimniß des Verbrechens zu be⸗ wahren, nicht wahr, mein Vater?“ „Ja,“ blickte Noirtier beſtimmt. Morrel machte eine Bewegung des Schreckens und des Un⸗ glaubens. 3 „O!“ ſchrie Villefort, Maximilian am Arme feſthaltend,„o mein Herr, wenn mein Vater, dieſer, wie Sie wiſſen, unbeugſame Mann, dieſe Bitte an Sie richtet, ſo geſchieht es nur, weil er be⸗ ſtimmt weiß, daß Valentine furchtbar gerächt werden wird. Nicht wahr mein Vater?“ Der Greis blickte zuſtimmend. Villefort fuhr fort: „Er kennt mich wohl, und ich habe ihm mein Wort gegeben. Beruhigen Sie ſich, mein Herr, drei Tage verlange ich, drei Tage, das iſt weniger als die Juſtiz von Ihnen verlangen würde, und in drei Tagen wird die Rache, welche ich dem Mörder meines Kin⸗ des geſchworen habe, die gleichgiltigſten Menſchen bis in das Innerſte ihres Herzens erbeben machen. Nicht wahr, mein Vater?“ Und bei dieſen Worten knirſchte er mit den Zähnen, und ſchüttelte die Hand des gelähmten Greiſes. „Wird das Alles gehalten werden, Herr Noirtier?“ fragte Morrel, während Avrigny ihn durch Blicke fragte. „Ja,“ entgegnete Noirtier mit finſterer Freude. „Schwören Sie denn, meine Herren,“ ſagte Villefort, die Hände der Beiden vereinigend,„ſchwören Sie Schonung gegen die Ehre meines Hauſes zu beweiſen, und mir die Rache überlaſſen zu wollen?“ 1308 Avrigny wandte ſich ab und murmelte ein ſchwaches„Ja,“ aber Morrel entriß ſeine Hand der des Procurators, ſtürzte an das Bett, drückte ſeine Lippen auf Valentinens eiſigen Mund, und entfloh mit dem Stöhnen einer Seele, die in ihrer Verzweiflung untergeht. Wir haben geſagt, daß alle Domeſtiken das Haus verlaſſen hatten, Herr von Villefort ſah ſich alſo genöthigt Herrn von Avrigny um alle die zahlreichen und delicaten Schritte zu bitten, die ein Todesfall in einer großen Stadt im Gefolge hat, und na⸗ mentlich ein Todesfall unter ſo verdächtigen Umſtänden. Noirtiers ſtummer, bewegungsloſer, verzweifelnder Schmerz war ſchrecklich, gleichwie ſeine Thränen ohne Stimme. Villefort trat in ſein Cabinet; Avrigny holte den Arzt der Mairie, der die Functionen eines Todtenbeſchauers verſah, und den man ſehr energiſch den Arzt der 2 Todten nannte. Noirtier wollte ſeine Enkelin nicht verlaſſen. Nach Verlauf von einer halben Stunde erſchien Herr von Avrigny mit ſeinem Collegen, die Thüren nach der Straße zu wa⸗ ren geſchloſſen, und da auch der Portier mit den Uebrigen ver⸗ ſchwunden war, mußte Herr von Villefort ſelbſt die Thüre öffnen. Aber er blieb auf der Schwelle ſtehen und hatte niüht den Muth, wieder in das Sterbezimmer zu treten. Die beiden Aerzte gingen alſo allein zu Valentine. Noirtier ſaß neben dem Sterbebette bleich, ſtumm und unbeweg⸗ lich wie die Todte. Der Arzt der Todten näherte ſich mit der Gleichgiltigkeit, die denen eigen iſt, welche die Hälfte ihres Lebens bei Leichnamen zu⸗ bringen, hob Valentinens Decke, und öffnete ihre Lippen etwas. „O,“ ſagte Avrigny ſeufzend,„Sie ſehen wohl, das arme, liebe Kind iſt todt!“ „Ja,“ entgegnete ſein College lakoniſch, und ließ das Tuch wieder über Valentinens Geſicht zurückfallen. Noirtier ließ ein dumpfes Röcheln hören, Avrigny wandte ſich nach ihm um, die Augen des Greiſes funkelten, der gute Doctor begriff, daß Noirtier ſeine Enkelin zu ſehen wünſche, er trat an das Bett, und während der Arzt der Todten die Finger, mit denen er die Lippen der Verblichenen berührt hatte, in Chlorwaſſer nuſc, en merten E Eine Dan Vile dankte de 8 Abbé, w Vorbeige „9 und in müt Si M „ 0 IA nicht w un ſchlüſſel ſein Ca Ge einem rator 7 italien liegen anbien ſheher ſchon Ja,“ ſe an ſund, flung laſſen von itten, na⸗ merz tt der d den von 1 wa⸗ ver⸗ finen. t den :weg⸗ die n zu⸗ 8. rrme, Tuch e ſich oetor tt an henen aſſer wuſch, entſchleierte er das ruhige, bleiche Antlitz dieſes entſchlum⸗ merten Engels. Eine Thräne des armen Noirtier belohnte den guten Arzt. Dann entfernten ſich beide Doctoren. Villefort trat ihnen in der Thür ſeines Cabinets entgegen, dankte dem Arzte und ſprach zu Avrigny: „Und jetzt den Prieſter, nicht wahr?“ „Haben Sie irgend einen Geiſtlichen, dem Sie ganz beſonders den Vorzug geben, bei Valentine zu wachen?“ „Nein gehen Sie zu dem nächſten.“ „Der nächſte,“ entgegnete Avrigny,„iſt ein guter italieniſcher Abbé, welcher das benachbarte Haus bewohnt. Soll ich ihn im Vorbeigehen benachrichtigen?“ „Haben Sie die Güte, beſter Avrigny, ihn ſelbſt herzubringen, und in Valentinens Zimmer zu führen, hier iſt der Schlüſſel, da⸗ mit Sie nach Willkür ein⸗ und ausgehen können.“ „Wünſchen Sie den Prieſter zu ſprechen, mein Freund?“ „Ich wünſche allein zu ſein. Sie werden mich entſchuldigen, nicht wahr? Ein Prieſter muß jeden Schmerz begreifen.“ Und Herr von Villefort gab ſeinem Freunde einen Haupt⸗ ſchlüſſel, grüßte nochmals den fremden Arst und verſchloß ſich in ſein Cabinet, um zu arbeiten. Gewiſſen Gemüthern iſt Arbeit ein Mittel gegen jeden Schmerz. In der Thür begegnete den Aerzten ein Prieſter. Avrigny ging auf ihn zu. „Mein Herr,“ redete er ihn an,„würden Sie gemeigt ſein, einem unglücklichen Vater, der ſeine Tochter verloren, dem Procu⸗ rator des Königs, Herrn von Villefort, einen Dienſt zu leiſten?“ „Ach mein Herr,“ entgegnete der Prieſter mit unverkennbar italieniſchem Accent,„ja, ich weiß, es iſt dort Jemand geſtorben.“ „So habe ich alſo nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, welches An⸗ liegen mein Freund Ihnen zu machen wagt?“ „Ich werde meiner Pflicht gemäß ihm zuvorkommen, und mich anbieten, mein Herr.“ „Es iſt ein junges Mädchen.“ „Ja ich weiß; ich hörte es von den Dienern, die das Haus fliehend verließen. Ich weiß, daß ſie Valentine hieß, und habe ſchon für ſie gebetet.“ 1309 1310 „ Dank, Dank, mein Herr,“ rief Avrigny,„und da Sie Ihr heiliges Amt ſchon begonnen haben, ſeien Sie auch ſo gütig es fortzuſetzen. Erlauben Sie mir, Sie zu der Todten zu führen, und Sie im Voraus der innigſten Dankbarkeit einer in die tiefſte Traurigkeit verſenkten Familie zu verſichern.“ „Ich gehe,“ ſagte der Abbé,„und wage zu verſichern, daß nie inbrünſtigere Gebete als die meinigen gen Himmel geſtiegen ſind.“ Als ſie in das Sterbezimmer traten, begegnete Noirtiers Blick dem des Abbé und er ſchien etwas ganz Beſonderes darin zu leſen, denn er verließ ihn nicht mehr. Avrigny empfahl dem Prieſter nicht nur die Todte, ſondern auch den Lebenden, und der Abbé verſprach ihm, ſeine Gebete Va⸗ lentine, ſeine Sorge Noirtier zu weihen. Um in ſeinen Gebeten nicht geſtört zu werden, und den Greis in ſeinem Schmerze nicht ſtören zu laſſen, ſchloß der Prieſter, nach⸗ dem Herr von Avrigny ſich entfernt hatte, ſorgfältig die Thür und ſchloß dann auch die Riegel der nich den beiden andern Zimmern führenden Thüren. Der Wäl Amt vol irdiſches Sp den, un der Hü⸗ De daun, o. Um uu 3 durator 8 2 Wett z ſe Ihr tig es ühren, tiefſte 3 daß ſind.“ Blick leſen, londern te Va⸗ Greis nach⸗ für und mmern —— CI. Die Anweiſung Danglars. Der folgende Tag war trübe und neblig. Während der Nacht hatten die Leichenbeſtatter ihr trauriges Amt vollbracht und Valentine auf ihr reich geſchmücktes letztes irdiſches Lager gebettet. Spät am Abend war Noirtier in ſein Zimmer gebracht wor⸗ den, und hatte ſich gegen alle Erwartung ruhig darein gefügt, von der Hülle ſeines geliebten Kindes getrennt zu werden. Der Abbé Buſoni hatte bis Tagesanbruch gewacht und ſich dann, ohne Jemand zu ſtören, zurückgezogen.— Um acht Uhr kam Apvrigny, er ging in Villeforts Begleitung zu deſſen Vater, um zu ſehen, wie der arme Greis die Nacht zuge⸗ bbracht habe. Sie fanden ihn in ſeinem großen Lehnſtuhle ruhig und ſüß ſchlummern. Beide blieben erſtaunt auf der Schwelle ſtehen. „Sehen Sie,“ ſagte Avrigny zu Villefort, der ſeinen ſchlafen⸗ den Vater betrachtete,„die Natur weiß den heftigſten Schmerz zu beruhigen; Niemand wird ſagen, daß Herr Noirtier ſeine Enkelin nicht liebte, und dennoch ſchläft er.“ „Ja, und Sie haben Recht,“ entgegnete Villefort überraſcht, „er ſchläft und das iſt erſtaunlich, denn ſonſt hält ihn die geringſte Unannehmlichkeit ganze Nächte hindurch wach.“ „Der Schmerz hat ihn betäubt,“ bemerkte Avrigny. Und Beide gingen nachdenkend in das Cabinet des Pro⸗ curators. „Betrachten Sie mich,“ ſagte Villefort, auf ſein unberührtes Bett zeigend.„Der Schmerz hat mich nicht betäubt, ich habe in 1312 zwei Nächten nicht geſchlafen,... aber ſehen Sie meinen Schreib⸗ tiſch, ich habe geſchrieben, o mein Gott... zwei Tage und zwei „Nächte geſchrieben und an dem Proceſſe des Mörders Benedetto gearbeitet! O Arbeit! Arbeit! meine Neigung, meine Freude, meine Leidenſchaft, Du bewältigſt alle meine Schmerzen!“ Und er drücklte Avrigny's Hand convulſiviſch. „Bedürfen Sie meiner?“ fragte dieſer. „Nein,“ ſagte Villefort,„aber ich bitte, kommen Sie um eilf Uhr wieder, denn dann... wird... die Beerdigung... o mein armes... liebes Kind!...“ Und der Procurator des Königs gab einem menſchlichen Ge⸗ fühle nach, hob die Augen gegen Himmel und ſeußzte tief. „Und werden Sie auch im Trauerſaale zugegen ſein?“ „Nein, ein Vetter übernimmt die traurige Ehre des Empfangs. Und noch bevor Avrigny die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, begab ſich der Procurator des Königs wirklich ſchon wieder zur Arbeit. Auf dem Corridor begegnete der Doctor dem Verwandten, von welchem Villefort geſprochen, einer ſowohl in dieſer Geſchichte als in der Familie unbedeutenden Perſon, einem jener Weſen, die ſchon bei ihrer Geburt dazu beſtimmt ſind, eine Nebenrolle in der Welt zu ſpielen. Schwarz gekleidet, mit einem Crepp um den Arm, hatte er ſich pünktlich zu ſeinem Vetter begeben, um die ihm übertragene Pflicht auf das Genaueſte zu erfüllen. — — Um Eilf rollten die Trauerwagen in den Hof, und die Straße der Vorſtadt Saint⸗Honoré war mit einer Menge Volks gefüllt, gleich gierig bei Freude und Trauer der Reichen, und gleich eilig, einer prachtvollen Beerdigung und einer fürſtlichen Vermählung beizuwohnen. Bald füllten ſich die Salons, zuerſt erſchienen einige unſerer Bekannten, d. h. Dobray, Chateau⸗Renaud und Beauchamp, dann die Berühmtheiten der Kammer, des Gerichtshofes, der Armee und Literatur; denn Herr von Villefort nahm, weniger durch ſeine ge⸗ ſellſchaftliche Stellung als durch ſein perſönliches Verdienſt, einen der erſten Plätze in der Pariſer Welt ein. J der Vo Dmdie Ankonmne ſredigung aeheertes G Die, w hateau⸗Re „dus, Mmgegen ſeinen olend,—, gdacht, Rac zichen ſoll „Meine „Kannt „ch he Ich werde arbeiten, Doctor, wenn ich arbeite, verſchwindet Alles.“ Hmn Vall! awas melo „Sie würdigen H „ Ver Ker? „der! 1 Nein, Nale Tage zu „Haben ſorochen?“ „Man mir, und wird. Ich Nſönell folge niglicen; d Königs wiſen ſein n 1„lebrie Noer von A e Sie, „Den „Ich be der Graf ——⸗—x—x—xꝛꝛÿõõͤ— 4—— 4 ſcheib⸗ Der Vetter ſtand an der d zwei die Ankommenden. Für die Gl nedetto friedigung nicht ein in Thränen ſchwimmendes, von Traurigkeit meine verheertes Geſicht eines Vaters, Bruders oder Verlobten zu ſehen. Die, welche ſie kannten, ſtanden in Gruppen umher. Dobray, Chateau⸗Renaud und Beauchamp bildeten eine derſelben. „Das arme junge Mädchen!“ ſagte Dobray, wie Jeder, faſt dum eil 8 gegen ſeinen Willen, dieſem traurigen Ereigniſſe ſeinen Tribut "mein zollend,—„das arme Kind, ſo reich, ſo ſchön! Hätten Sie das b ochen den Contract mit unter⸗ 1313 Eingangsthür, und bewillkommnete eichgiltigen war es eine große Be⸗ — gedacht, Raoul, als wir vor drei W ſen Ge⸗ zeichnen ſollten, der nicht unterzeichnet ward?“ „Meiner Treu, nein!“ ſagte Chateau⸗Renaud. „Kannten Sie Fräulein Valentine, Beauchamp?“ pfangs.„Ich habe einige Male mit ihr geſprochen, unter Anderm auf 2 17 Alles.“dem Balle bei Frau von Morcerf, ſie ſchien mir charmant, obgleich en hatte, etwas melancholiſch. Aber wo iſt ihre Stiefmutter?“ 1 lder zur„Sie bringt, wie ich gehört, den Tag bei der Frau dieſes. 8 würdigen Herrn zu, der uns empfing.“, en, von„Wer iſt das?“ cte als„Wer?“ 1 de ſchon„Der Herr, welcher uns empfing. Ein Deputirter?“ er Welt„Nein,“ ſagte Beauchamp,„dieſen Herrn bin ich verdammt, alle Tage zu ſehen, und kenne ihn nicht.“ hatte r„Haben Sie von d tragene ſprochen?“ „Man hat darüber geſprochen, aber der Artikel iſt nicht von Straße mir, und ich zweifle, daß er Herrn von Villefort angenehm ſein geüll, wird. Ich glaube, man ſagt,— daß, wenn vier einander ſo eiln, ſchnell folgende Todesfälle in einem andern Hauſe als dem des ühlung leucirhen Procurators ſtattgefunden hätten, der Herr Procurator jeſem Todesfalle in Ihrem Journale ge⸗ — Aes Künios gemiß Notiz davon genommen haben und bewegter ge⸗ unſerer weſen ſein würde.“ I V „dn„Uebrigens ſoll er ganz in Verzweiflung ſein; wenigſtens hat 1 ne und Derr von Aprigny, meiner Mutter Arzt, es erzählt. Aber wen eie e ſuchen Sie, Dobray?“ einen„Den Grafen von Monte⸗Chriſto,“ 1„Ich begegnete ihm auf Der Graf von Monte⸗Chriſto. entgegnete dieſer. dem Boulevard, als ich kam, und 83 glaube, er wird bald abreiſen, denn er ging zu ſeinem Banquier,“ ſagte Beauchamp. „Zu ſeinem Banquier? nicht wahr, Dobray, das iſt Danglars?“ fragte Chateau⸗Renaud. „Ich glaube, ja,“ entgegnete der Secretair leicht verwirrt, „aber Herr von Monte⸗Chriſto iſt nicht der Einzige, der hier fehlt, auch Morrel ſehe ich nicht.“ „Morrels iſt der hier bekannt? Ich glaube er war nur Frau von Villefort vorgeſtellt!“ „Thut nichts, er hätte doch kommen ſollen,“ ſagte Dobray, „wovon ſoll er dieſen Abend ſprechen? Dieſe Beerdigung iſt Ta⸗ gesneuigkeit, aber ſtill! da erſcheint der Miniſter der Juſtiz und des Cultus, er glaubt ſich verpflichtet, dem trauernden Vater eine Rede zu halten.“ Und die drei jungen Herren näherten ſich der Thür, um the little speech den Herrn Miniſters zu hören. Beauchamp hatte wahr geſprochen, in das Trauerhaus gehend, war er Monte⸗Chriſto begegnet, der ſeinerſeits nach Danglars Hotel, in der Straße d'Antin eilte. Der Banquier hatte des Grafen Wagen in den Hof fahren ſehen, und er trat ihm traurig, aber dabei freundlich entgegen. „Nun, Graf,“ ſagte er, Monte⸗Chriſto die Hand reichend, „Sie kommen, mir Ihr Beileid zu bezeigen. Ja, wahrhaftig, das Unglück verfolgt mich und als ich Sie ſah, fragte ich mich ſelbſt, ob ich nicht dieſen unglücklichen Morcerf in das Verderben ſtürzend es auf mein Haupt geladen habe, denn das Sprichwort ſagt: Wat Böſes will, dem begegnet Böſes. Aber nein, ich wünſche Morcelf nichts Böſes, er war vielleicht ein wenig zu hochmüthig für en Mann, der aus dem Nichts hervorgegangen war, wie ich, un ſich Alles ſelbſt verdankte wie ich; aber Jeder hat ſeine Fehler Nehmen Sie ſich in Acht, Graf, die Leute unſerer Generation. aber verzeihen Sie, dazu gehören Sie nicht, Sie ſind noch jung .. Die Leute meines Alters haben in dieſem Jahre kein Glück davon liefert auch unſer Puritaner St. Villefort einen Beweis, de auch noch ſeine Tochter verloren hat. Hören Sie: Villefort hut ſeine ganze Familie auf ſonderbare Weiſe verloren, Morcerf war 1314 ſind, we „S theure wird ſ zen R erttag das( 1 nquier,“ glars? verwirrt, ier fehlt, Dobray, iſt Ta⸗ Vater eine Puſtiz und nur Frau te, um the 1 us gehend, lars Hotel, dof fahren ntgegen. haftig, das mich ſelbſt en ſtürzend ſagt: he Morcer jfür eine ich, un ne Fehle eration. noch jun kein Glüc Beweis, 1 llefort ho reerf mn d d 1315 entehrt und ſtarb, und ich bin durch dieſen Böſewicht Benedetto lächerlich gemacht, und...“ „Nun, und was?“ fragte der Graf. „Ach, Sie wiſſen nicht?“ „Welches neue Unglück?“ „Meine Tochter...“ „Fräulein Eugenie?...“ „Hat uns verlaſſen!“ „O, mein Gott, was ſagen Sie?“ „Die Wahrheit, lieber Graf. Mein Gott, was Sie glücklich ſind, weder Frau noch Kind zu haben.“ „Sie finden?“ „Ach, mein Gott ja!“ „Und Sie ſagten, Fräulein Eugenie...“ „Hat die Schmach nicht ertragen können, die uns dieſer Elende zugefügt... ſie bat um Erlaubniß reiſen zu dürfen.“ „Und iſt abgereiſt?“ „Ja.“ „Mit der Frau Baronin?“ „Nein, mit einer Verwandten.... Ach, wir werden dieſes theure Kind verloren haben, denn wie ich ihren Charakter kenne, wird ſie nie einwilligen, nach Frankreich zurückzukehren!“ „Was wollen Sie, lieber Baron,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ſol⸗ cher Kummer mag für einen armen Teufel nagend ſein, deſſen gan⸗ zen Reichthum ſein Kind ausmacht, aber ein Millionair muß das ertragen. Sie, der König der Finanzen, werden doch wiſſen, daß das Geld am beſten tröſtet.“ Danglars blickte den Grafen verſtohlen an, um zu ſehen, ob er ſpotte, oder im Ernſt ſpreche. „Ja,“ ſagte er,„wenn Vermögen tröſtet, muß ich getröſtet ſein, denn ich bin reich.“ „So reich, beſter Baron, daß Ihr Vermögen den Pyramiden gleicht; wollte man ſie zerſtören, man wagte es nicht, wagte man es, man könnte es nicht.“ Danglars lächelte über die vertrauende Treuherzigkeit des Grafen. „Sie erinnern mich,“ ſagte er,„daß ich fünf kleine Bons 83* 1316 machte, zwei hatte ich unterzeichnet, erlauben Sie mir, daß ich auch die drei letzten zeichne?“ „Gern, lieber Baron.“ Einen Augenblick lang herrſchte tiefes Schweigen, man hörte nur die Feder des Banquiers, während Monte⸗Chriſto das vergol⸗ dete Schnitzwerk des Plafond betrachtete. „Spaniſche Bons?“ fragte er,„oder Bons von Haiti oder Neapel?““ „Nein,“ ſagte Danglars ſelbſtgenügſam lächelnd,„Wechſel au porteur, Bons auf die Bank von Frankreich. Sehen Sie, beſter Graf, Sie, der Sie Kaiſer der Finanzen ſind, wie ich König der⸗ ſelben bin, haben Sie viel Papierſtückchen von dieſer Größe geſe⸗ hen, die jedes eine Million gelten?“ Monte⸗Chriſto nahm dieſe ihm ſo hochmüthig gezeigten Pa⸗ piere, und las: „Der Herr Bank⸗Director wolle auf meine Ordre, und auf die von mir bei der Bank niedergelegten Fonds, die Summe von fünf Millionen zahlen— Baron Danglars.“ „Fünf Millionen,“ rief der Graf zählend,„Peſt, wie Sie ins Zeug gehen, mein Herr Cröſus!“ „So mache ich meine Geſchäfte,“ ſprach der Banquier. „Das iſt bewundevungswürdig, wenn, wie ich nicht zweifle, dieſe Summe baar bezahlt wird.“ „Das wird ſie,“ ſagte Danglars. „Ones iſt ſchön, einen ſolchen Credit zu haben, wahrhaftig, dergleichen ſieht man nur in Frankreich; fünf Papierſtreifchen gelten fünf Millionen, man muß es ſehen, um es zu glauben.“ „Sie zweifeln daran?“ „Nein.“ „Sie ſagten das in einem Tone.... Ach, begleiten Sie mei⸗ nen Commis und Sie werden den Erfolg ſehen!“ „Nein,“ ſagte Monte⸗Chriſto, die fünf Scheine faltend,„die Sache iſt ſonderbar, ich muß ſelbſt die Erfahrung machen. Mein Credit bei Ihnen belief ſich auf ſechs Millionen, ich habe neun⸗ hunderttauſend Franken bekommen, alſo bleiden mir noch fünf Millionen hunderttauſend Franken. Ich nehme dieſe fünf Papier⸗ ſtreifſchen, die ich nur auf Ihre Unterſchrift hin für Bons halte, in Dresden. ittel 5 — B ſ B B . + ◻ Q 5 „ d 2 8 * 8 8 8 2 A und hit de unſe muß 3 un V ihn nich Geld? Depot, 9 „* beſtehe eine ar erzähle zu ſein auf de werth geben Hand durch die m „ zuſam N Ruhe len a 8 las m und hier haben Sie eine General⸗Quittung über ſechs Millionen, die unſere Rechnung berichtigt. Ich hatte Sie bei mir, denn ich muß Ihnen ſagen, daß ich das Geld heute ſehr nöthig habe.“ Und Monte Chriſto überreichte dem Banquier die Quittung. Wäre der Blitz zu Danglars Füßen eingeſchlagen, er würde ihn nicht mehr betäubt und vernichtet haben. „Wie?“ ſtotterte er,„wie, Herr Graf, Sie nehmen dieſes Geld? Aber verzeihen Sie, es gehört den Hoſpitälern und iſt ein Depot, das ich noch dieſen Morgen zahlen muß.“ „Ah,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„das iſt etwas ganz anderes, ich beſtehe gerade nicht auf die fünf Billets, bezahlen Sie mich auf eine andere Weiſe, ich nahm ſie nur aus Neugierde, um überall erzählen zu können, daß das Haus Danglars, ohne vorher aviſirt zu ſein, ohne mich auch nur fünf Minuten warten zu laſſen, mir auf der Stelle fünf Millionen gezahlt habe; das wäre bemerkens⸗ werth geweſen! Aber hier ſind Ihre Wechſel, ich wiederhole Ihnen, geben Sie mir andere.“ Und er reichte Danglars die Papiere, der leichenblaß die Hand darnach ausſtreckte, gleich dem Raubthiere, welches die Tatzen durch die Stangen des Käfigs ſteckt, um die Beute zurückzufordern, die man ihm entreißt. Plötzlich beſann er ſich und hielt inne, ſeine Kräfte gewaltſam zuſammenraffend. Nach und nach gab ein Lächeln ſeinen verſtörten Zügen die Ruhe wieder. „Sei es,“ ſagte er,„Ihr Empfangſchein iſt Geld.“ „O, mein Gott ja, und wären Sie in Rom, würde Ihnen das Haus Thomſon und French ohne die geringſte Schwierigkeit die Summe darauf zahlen.“ „Verzeihung, Herr Graf, Verzeihung!“ „Ich kann alſo dieſes Geld behalten?“ „Ja,“ ſagte Danglars, den Schweiß abtrocknend, der in Per⸗ len auf ſeiner Stirne ſtand,„behalten Sie!“ Monte⸗Chriſto ſteckte die Wechſel ein, und in ſeinen Zügen las man: „Wenn Sie bereuen, noch iſt es Zeit!“ „Nein,“ ſagte Danglars beſtimmt,„behalten Sie meine An⸗ 1318 ein Geldmenſch; ich beſtimmte dieſes Geld den Hoſpitälern, und ich glaubte es ihnen zu ſtehlen, wenn ich nicht gerade dieſes Geld den Hoſpitälern wirklich gäbe, weil auch ein Thaler nie dem andern gleicht,— verzeihen Sie!“ Und er lachte gezwungen. „Gern,“ ſagte der Graf. „Aber,“ ſagte Danglars,„nun bleiben noch hundertiuſigß Franken.“ „O Kleinigkeit,“ rief Monte⸗Chriſto,„das Agio muß faſt ſo viel betragen, es iſt das Ihre; wir ſind quitt.“ „Graf,“ ſagte der Banquier,„ſprechen Sie ernſtlich?“ „Ich ſcherze niemals mit einem Banquier,“ entgegnete Monte⸗ Chriſto, faſt impertinent. Und er ging zur Thür, gerade als der Kammerdiener meldete: „Herr von Boville, General⸗Inſpector der Hoſpitäler.“ „Meiner Treu,“ ſprach der Graf,„wie es ſcheint, bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen, um von Ihrer Anweiſung zu profitiren, Einer macht ſie dem Andern ſtreitig.“ Herr Danglars ward nochmals ſehr bleich, und eilte ſich dem Grafen zu empfehlen. Dieſer wechſelte einen ſteifen Gruß mit Herrn von Boville, welcher im Vorzimmer wartete, und dann augenblicklich in Danglars Cabinet geführt ward. Das ſtets ſo ernſte Geſicht Monte⸗Chriſto's ward bei dem An⸗ blicke des Portefeuilles, welches der General⸗Inſpector in der Hand hielt, durch ein flüchtiges Lächeln erhellt. Sein Wagen wartete vor der Thür, der Graf ließ ſich augen⸗ blicklich nach der Bank fahren. Während deſſen hatte Danglars, alle Verlegenheit überwin⸗ dend, den neuen Beſuch begrüßt, und das ihm eigne ſtereotype Lächeln wiedergewonnen. „Guten Tag, mein lieber Gläubiger,“ rief er,„denn ich wette, daß Sie als ſolcher kommen.“ „Sie haben recht gerathen, Herr Baron,“ ſagte Herr von Bo⸗ ville,„die Hoſpitäler ſtellen ſich Ihnen in meiner Perſon vor, die weiſung, aber Sie wiſſen, Niemand iſt ein ſolcher Formaliſt, als ville,„S „J „Hl „M. Paiſen warten, ſehen— Rom e mal fü auf die werden nehm! Million „ſtehe „1 gläubig und m 7 Herr und fi 7 von fi Gefal rückza t, als und ich ed den andern cauſenh 6 faſt ſo Monte⸗ eldete: bin ich ung zu ich dem Boville, inglars em An⸗ er Hand augen⸗ berwin⸗ reotype hwette, von Bo⸗ dor, die 1319 Witwen und Waiſen kommen, Sie durch meine Hand um ein Al⸗ moſen von fünf Millionen zu bitten.“ „ Und die Waiſen ſind zu bedauern,“ ſprach Danglars, den Scherz fortſetzend,„arme Kinder!“ „Sie ſehen mich hier in ihrem Namen,“ ſagte Herr von Bo⸗ ville,„Sie haben meinen Brief geſtern erhalten?“ „Ja.“ „ Hier iſt mein Empfangſchein.“ „Mein lieber Herr,“ ſagte Danglars,„Ihre Witwen und Waiſen werden die Güte haben, noch vierundzwanzig Stunden zu warten, weil Herr von Monte⸗Chriſto, den Sie haben herausgehen ſehen— Sie haben ihn doch geſehen... nicht wahr?“ „Ja, nun?“ „Nun, weil dieſer Herr Ihre fünf Millionen mit ſich nahm.“ „Wie ſo?“, „Der Graf hatte von dem Hauſe Thomſon und French in Rom einen unbegrenzten Credit auf mich, heute kam er, auf ein⸗ mal fünf Millionen von mir zu fordern, ich gab ihm einen Bon auf die Bank, weil meine Fonds dort niedergelegt ſind, und Sie werden begreifen, daß es dem Herrn Bank⸗Director ſehr unange⸗ nehm und ſtörend ſein müßte, wenn ich ihm an einem Tage zehn Millionen entzöge. In zwei Tagen,“ fügte der Banquier hinzu, „ſtehe ich zu Dienſten.“ „Ach,“ rief Herr von Boville im Tone der vollſtändigſten Un⸗ gläubigkeit,„fünf Millionen dieſem Herrn, der Sie eben verließ und mich grüßte, als wären wir Bekannte?“ „Vielleicht kennt er Sie, ohne von Ihnen gekannt zu ſein; Herr von Monte⸗Chriſto kennt die ganze Welt.“ „Fünf Millionen!“ „Hier ſeine Quittung! Machen Sie es wie St. Thomas, ſehen und fühlen Sie.“ Herr von Boville nahm das ihm dargereichte Papier und las: „Empfangen von dem Baron Herrn Danglars die Summe von fünf Millionen hunderttauſend Franken, die derſelbe ſich nach Gefallen durch das Haus Thomſon uud French in Rom zu⸗ rückzahlen laſſen kann.“ 5 „Wahrhaftig, es iſt wahr,“ ſagte Boville. 1320 „Kennen Sie das Haus?“ fragte Danglars. „Ja, ich hatte einſt ein Geſchäft von zweihunderttauſend Franken mit demſelben, ſeitdem habe ich nichts wieder davon gehört.“ „Es iſt eins der beſten Häuſer Europa's,“ ſagte der Banquier, die Quittung nachläſſig auf ſeinen Schreibtiſch legend. „Und er hatte noch fünf Millionen bei Ihnen, aber das muß ja ein Nabob ſein?“ „Meiner Treu, das weiß ich nicht, aber er hatte drei unbe⸗ grenzte Creditbriefe, einen auf mich, den andern auf Rothſchild, den dritten auf Lafitte. Wie Sie ſehen, hat er mich vorgezogen,“ fügte Danglars nachläſſig hinzu,„und mir hunderttauſend Fran⸗ ken als Agio gegeben.“ „Aber das iſt ja bewunderungswürdig,“ rief Herr von Bo⸗ ville,„ich werde zu ihm gehen und ihn um einige fromme Stif⸗ tungen für uns bitten.“ „O, ſeine Almoſen betragen monatlich zwanzigtauſend Franken!“ „Herrlich, um ſo mehr, ich werde ihm das Beiſpiel erzählen, das Frau von Morcerf und ihr Sohn gegeben haben.“ „Welches Beiſpiel?“ „Sie haben ihr ganzes Vermögen den Hoſpitälern vermacht. 7, „Welches Vermögen?“ „Das des unlängſt verſtorbenen Generals von Morcerf.“ „Unter welchem Vorwande?“ d „Weil Sie nichts von einem auf ſo ſchlechte Weiſe erworbenen Vermögen genießen wollten.“ „Aber wovon wollen ſie denn leben?“ „Die Mutter zieht in die Provinz zurück, und der Sohn hat Dienſte genommen.“ „Ei, ei,“ ſagte Danglars,„wie gewiſſenhaft.“ „Geſtern habe ich die Schenkungsacte einregiſtrirt.“ „Und wieviel beſitzen ſie?“ 1 „O nicht viel, dreizehnhunderttauſend Franken. Aber kommen wir auf unſere Millionen zurück.“ „Gern,“ ſagte Danglars ungezwungen,„bedürfen Sie des 9 7 Geldes ſo ſehr?“ „Ach ja, morgen iſt die Unterſuchung unſerer Kaſſen.“ 1 ttauſend e davon anguier, das muß ei unbe⸗ thſchild, ezogen,“ d Fran⸗ on Bo⸗ ie Stif⸗ ranken!“ rzählen, rmacht.“ fe ſorbenen ohn hat kommen Sie des 1321 „Morgen! Aber weßhalb ſagten Sie das nicht gleich? bis morgen iſt ein Jahrhundert, und um welche Zeit?“ „Um zwei Uhr.“. „Schicken Sie um Zwölf,“ ſagte Danglars lächelnd. Herr vo Boville nickte beiſtimmend. „Aber warten Sie,“ rief der Banquier,„Sie können es noch beſſer machen.“ „Und wie denn?“ „Die Quittung des Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto iſt ſo gut als Geld, gehen Sie damit zu Rothſchild oder Lafitte, Beide werden Ihnen das Geld auszahlen.“ „Obgleich der Schein nach Rom lautet?“ „Höchſtens wird es Ihnen ein Diskonto von fünf bis ſech⸗ zehntauſend Franken verurſachen.“ Der Inſpector ſprang einen Schritt zurück. „Meiner Treu, nein, da will ich lieber bis morgen warten! Was Sie auch denken!“ „Verzeihen Sie, ich glaubte einen Augenblick,“ ſprach Danglars ziemlich unverſchämt,„Sie hätten ein kleines Deficit auszufüllen...“ „Ah,“ ſagte Boville. „Ei nun, das paſſirt ja wohl, und dann bringt man gern ein Opfer...“ „Gott ſei Dank, nein,“ rief Herr von Boville. „Alſo morgen denn, nicht wahr, lieber Herr?“ „Ja morgen, aber gewiß?“ „Ei, ei, aber ich ſehe, Sie ſcherzen, morgen um Zwölf ſind Sie ſo gut, zu ſchicken.“ „Ich werde ſelbſt kommen.“ „Deſto beſſer, weil ich dann das Vergnügen haben werde, Sie wiederzuſehen.“ Und ſie drückten einander die Hand. „Apropos,“ ſagte Herr von Boville,„und Sie ſind nicht bei der Beerdigung der armen Fräulein von Villefort? ich begegnete dem Leichenzuge auf dem Boulevard.“ „Nein,“ erwiderte der Banquier,„ich ſchäme mich noch etwas, weil die fatale Geſchichte mit Benedetto mich gar zu lächerlich gemacht hat.“ „Bah, Sie thun Unrecht, iſt das Ihre Schuld?“ „Hören Sie, lieber Herr, wenn man wie ich einen Namen ohne Tadel hat, iſt man etwas empfindlich.“ 3 „Aber ſeien Sie überzeugt, Jeder beklagt Sie, und ganz be⸗ ſonders Ihre Fräulein Tochter.“ „Arme Eugenie!“ ſagte Danglars mit einem tiefen Seufzer. „Sie wiſſen doch, daß ſie ſich der Kirche weiht?“ „Nein.“ „Ach, es iſt leider nur zu wahr! Am andern Tage nach dem Ereigniſſe, iſt ſie mit einer ihrer Freundinnen, einer Nonne abge⸗ reiſt, um ſich nach Italien oder Spanien in ein Kloſter zu flüchten.“ „O, das iſt ja ſchrecklich!“. Und dieſem Beileidsbezeugungen zufügend, empfahl ſich Herr von Boville dem betrübten Vater. Kaum hatte die Thür ſich jedoch hinter ihm geſchloſſen, als Danglars mit einer kräftigen Geberde, welche nur die begreifen können, die Robert Macaire von Friedrich dargeſtellt geſehen haben, —„Einfaltspinſel“ rief. Und Monte⸗Chriſto's Empfangſchein in ſ fuhr er fort: „Komm nur morgen Mittag wieder, o dann werde ich fern ſein.“ Dann ſchloß er ſich ein, leerte ſeine Kaſſe, nahm fünfzigtau⸗ ſend Bankbillets, verbrannte verſchiedene Papiere, legte andere ſorgfältig zuſammen, ſchrieb einen Brief, ſiegelte ihn, und machte folgende Aufſchrift: „An die Frau Baronin Danglars.“ „Ich ſelbſt,“ murmelte er,„werde ihn dieſen Abend auf ihren Toilettentiſch legen.“ Dann nahm er einen Paß aus einem geheimen Fache, rieb ſich vergnügt die Hände, und ſprach: „Gut, er iſt noch für zwei Monate giltig!“ ein Taſchenbuch legend, cilte Wir Palentin Das gelbwerd bohlen2 Als du Pere einer P Wi ſeines( alle Gli Mauſol feort, un der arn N durchſe als fü wagen, dert D chens i Niema I den g errn Namen ganz be⸗ Seufter. ach dem ne abge⸗ lüchten.“ ich Herr en, als begreifen en haben, hlegend, en ſein.“ nfzigtau⸗ andere d machte auf ihren ce, tieb CII. Der Kirchhof du Pere-Lachaise. Wirklich war Herr von Boville dem Trauerzuge begegnet, der Valentine zu ihrer letzten Ruheſtätte geleitete. Das Wetter war finſter und neblig, ein lauter, aber für das gelbwerdende Laub ſchon tödtlicher Wind, trieb die Blätter der faſt kahlen Bäume auf die die Boulevards belebende unendliche Menge. Als echter Pariſer betrachtete Herr von Villefort den Kirchhof du Père-Lachaise als den einzig würdigen, die ſterblichen Ueberreſte einer Pariſer Familie zu empfangen. Wie wir wiſſen, hatte er die Conceſſion zur ſteten Erhaltung ſeines Erbbegräbniſſes erkauft, man las über der Thür dieſes durch alle Glieder der Familie ſeiner erſten Frau ſchon ſehr bevölkerten Mauſoleums: Erbbegräbniß der Familien Saint⸗Méran und Ville⸗ fort, und zwar war dies der letzte Wille von Valentinens Mutter⸗ der armen Renée geweſen. Nachdem alſo das prachtvolle Trauergefolge faſt ganz Paris durchſchnitten, gelangte es endlich an die äußern Boulevards. Mehr als fünfzig herrſchaftliche Equipagen folgten den zwanzig Trauer⸗ wagen, und dann war noch ein Gefolge von mindeſtens fünfhun⸗ dert Perſonen, die zu Fuß gingen. Der Tod dieſes ſchönen, keuſchen, anbetungswürdigen Mäd⸗ chens in ſeiner erſten Blüthe, hatte ſeine poetiſche Wirkung auf Niemand verfehlt, und die jungen Herren aus ihrer proſaiſchen Kälte aufgerüttelt. Als der Zug Paris verließ, nahete, von vier ſuperben Pfer⸗ den gezogen, eine ſchöne Equipage in vollſter Eile, es war die des Herrn von Monte⸗Chriſto. 1324 Der Graf ſprang aus dem Wagen und miſchte ſich unter das Trauergefolge. Chateau⸗Renaud und Beauchamp bemerkten ihn, verließen augenblicklich ihre Coupées und vereinigten ſich mit dem Grafen. Dieſer ſchien unter der Menge aufmerkſam Jemand zu ſuchen. Endlich fragte er: „Wo iſt Morrel, meine Herren, Einer von Ihnen weiß es gewiß?“ „Wir haben uns im Trauerhauſe ſchon dieſelbe Frage ge⸗ than,“ entgegnete Chateau⸗Renaud,„denn Niemand von uns hat ihn bemerkt.“ Der Graf ſchwieg, aber ſein Blick ſuchte weiter. Endlich gelangte man auf den Kirchhof. Monte⸗Chriſto's ſcharfes Auge durchſpähte die Pinien⸗ und Cypreſſenbosquets, und verlor bald alle Unruhe, denn er gewahrte unter einer dunkeln Hagebutte einen Schatten, in dem er den Geſuchten erkannt hatte. Monte⸗Chriſto achtete auf dieſen von den Uebrigen kaum be⸗ merkten Schatten, welcher wankend aber ſchnell auf das Grahge⸗ wölbe zu eilte. Zweimal verließ der Graf die Reihen, um zu ſehen, ob un⸗ ter der Kleidung dieſes Mannes nicht irgend eine Waffe verbor⸗ gen ſei. Als der Zug hielt, erkannten auch die Andern in dieſem Schatten Morrel, der ganz ſchwarzgekleidet und leichenblaß, ſich gegen einen Baum lehnte, um auch nicht das kleinſte Detail dieſer feierlichen Ceremonie zu überſehen. Morrels Ruhe und Unbeweglichkeit bildete ein entſetzliches Schauſpiel für den, welcher, wie der Graf, in dem Herzen des jungen Officiers leſen konnte. „Ach ſehen Sie, Morrel,“ rief Beauchamp Dobray zu,„iſt er da feſtgenagelt?“ Und ſie machten Chateau⸗Renaud gleichfalls aufmerkſam. „Wie bleich er iſt,“ ſagte dieſer zitternd. „Er wird kalt ſein,“ bemerkte Dobray. „O, nicht doch, ich glaube, er iſt bewegt. Maximilian hat ſehr viel Mitgefühl.“ Norrel, Dalr Mo Augen ſteckt, a M. und un Un ſtarr b bereit, 1 zu ſein. einen Knieen 7 mfen au inter das verließen Grafen. u ſuchen. weiß es rage ge⸗ uns hat jen⸗ und gewahrte er den kaum be⸗ Grabge⸗ , ob un⸗ verbor⸗ dieſem laß, ſich ul dieſer ſſetzliches erzen des zu,„iſt um. hat ſehr 1325 „Bah!“ rief Dobray,„wie Sie ſelbſt ſagten, kannte er Fräu⸗ lein von Villefort kaum.“ „Das iſt wahr, indeſſen erinnere ich mich, daß er auf dem Balle der Frau von Morcerf dreimal mit ihr getanzt hat, Sie wiſſen Graf, auf jenem Balle, wo Sie ſo viel Aufſehen erregten.“ „Nein, ich weiß nicht,“ entgegnete Monte⸗Chriſto, nicht wiſ⸗ ſend wem, und auf was er antwortete, denn er war nur beſchäf⸗ tigt, auf Morrel zu achten, deſſen Wangen ſich rötheten. Die Todtenfeier war beendet, die Leidtragenden kehrten nach Paris zurück. Der Graf empfahl ſich den Herren und verſchwand in der Menge. Chateau⸗Renaud folgte ihm mit den Augen, und ſuchte dann Morrel, welcher jedoch ſeinen Platz verlaſſen hatte. Dann kehrten auch die drei jungen Leute nach Paris zurück. Monte⸗Chriſto hatte ſeinen jungen Freund nicht aus den Augen verloren, ſondern achtete durch ein breites Monument ver⸗ ſſeeckt, auf deſſen geringſte Bewegung. Morrel näherte ſich dem verlaſſenen Mauſoleum, blickte raſch und unſicher um ſich, und kniete dann nieder. Ungeſehen ſchlich der Graf näher, den Hals vorgeſtreckt, mit ſarr blickenden weit aufgeriſſenen Augen und gebogenen Knieen, bereit, bei dem erſten beunruhigenden Zeichen an Morrels Seite zu ſein. Dieſer berührte faſt den Stein mit der Stirn, umklammerte das Gitter mit beiden Händen und murmelte: „O Valentine!“ Der Ausdruck, den Maximilian in dieſe beiden Worte legte, war ſo mächtig, daß des Grafen Herz bald brach, er trat noch einen Schritt näher und legte ſeine Hand auf die Schulter des Knieenden.— „Mein Freund, ich ſuche Sie,“ ſagte er. Statt, wie der Graf erwartet, in einen Strom von Vorwür⸗ fen auszubrechen, wandte ſich Morrel um und ſagte ruhig: „Sie ſehen, ich betete!“ Forſchend ſah Monte⸗Chriſto den jungen Mann vom Kopf bis zu den Füßen an und ſprach dann etwas beruhigt: 1326 „Wollen Sie, daß ich Sie nach Paris zurückführe?“ „Nein, danke.“ „Oder wünſchen Sie ſonſt etwas?“ „Laſſen Sie mich beten.“ Der Graf entfernte ſich ohne Widerrede, aber er wählte einen— neuen Poſten, von wo ihm auch nicht die geringſte Bewegung Morrels entging, der ſich endlich erhob, und ohne nur noch einmal 6 den Kopf zu wenden, den Weg nach Paris einſchlug. Der Graf folgte ihm auf fünfzig Schritt. Fünf Minuten nachdem ſich die Thür ſeines Hauſes hinter † Maximilian geſchloſſen hatte, öffnete ſie ſich für Monte⸗Chriſto. Julie war am Eingang des Gartens und beobachtete mit der größten Aufmerkſamkeit Penelon, welcher als eifriger Gärtner Ab⸗ leger von bengaliſchen Roſen machte. „Ach, Herr Graf, willkommen,“ rief ſie mit dem Ausdruck jener unverſtellten Freude, die Monte⸗Chriſto ſtets empfing, wenn er einen Beſuch in der Straße Meslay machte. „Maximilian iſt zurück, nicht wahr?“ fragte der Graf. „Ja, ich glaube, er ging vorbei,“ entgegnete die junge Frau, aber bitte, erlauben Sie, daß ich Emanuel rufe.“ „Verzeihen Sie, aber ich muß Ihren Bruder durchaus gleich ſprechen,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„und zwar in Sachen von der höchſten Wichtigkeit.“ „Das iſt etwas Anderes,“ rief Julie, ihn mit ihrem reizend⸗ ſten Lächeln entlaſſend. Monte⸗Chriſto ſtieg die Treppe herauf, aber je näher er Ma⸗ rimilians Wohnung kam, Alles blieb ſtill. Die Gitterthür war nicht verſchloſſen, aber Maximilians Wohn⸗ zimmer war von innen verriegelt, und es war unmöglich, zu ſehen was darin vorging, denn der rothſeidene Vorhang war vor die innern Scheiben der Thür gezogen. Die Herzensangſt des Grafen gab ſich durch lebhafte Röthe kund, ein bei dieſem unbeweglichen Manne ſeltenes Beichen der Erregung. „Was iſt da zu thun?“ murmelte er. 6 Und er überlegte einen Augenblick. „Klingeln,“ ſagte er,„o nein, das Geräuſch der Klingel kün⸗— di gewö die mit klingel Mo . ſchnell Glasſche ſohreiben in di Verzeiht bogen a ren, ich Un den Ri N entgeg ſperre 44/ bohnen 1327 ddet gewönlich einen Beſuch an, und beſchleunigt den Beſchluß derer, ddie mit Marximilian in Einer Lage ſind, nein, dem Geräuſch der V Klingel antwortet gleich ein anderes Geräuſch.“ Monte⸗Chriſto zitterte heftig, und da bei ihm der Entſchluß ihlte einen de inn ſchnell wie der Blitz war, ſo ſchlug er mit dem Ellnbogen eine dcj annn Glasſcheibe der Thür ein, hob den Vorhang, und ſah Morrel, der ſchreibend vor ſeinem Pulte ſaß, durch das Geräuſch erſchrak, und in die Höhe fuhr. „Es iſt nichts,“ rief der Graf,„ich bitte tauſend Mal um Verzeihung, mein lieber Freund, ich glitt aus, ſtieß mit dem Elln⸗ ſs hinter Ähriſt. te mit der bogen an die Scheibe, und zerbrach ſie. Laſſen Sie ſich nicht ſtö⸗ rtner Ab. ren, ich werde nun ſelbſt aufmachen.“ Und den Arm durch⸗die zerbrochene Scheibe ſteckend, ſchob er rutk jene den Riegel zurück. wenn er Morrel ſtand ſichtlich verlegen auf, und trat Monte⸗Chriſto entgegen, weniger ihn zu empfangen, als ihm den Eingang zu ver⸗ ſperren. „Hm!“ rief dieſer, ſich den Ellnbogen reibend,„Ihre Leute bohnen gut, die Fußböden ſind ja glatt wier Spiegel!“ „Haben Sie ſich verwundet?“ fragte Morrel kalt. „Ich weiß es nicht, aber was machten Sie denn da, Sie af. 1 ſchrieben?“ — 1 1 b nge Frau, aus gleih von der „Ich?“ „Ja, Ihre Finger ſind voll Tinte.“ Ach ja, ich ſchreibe, aber kann ein Officier nicht auch ſchrei⸗ ben?“ Monte⸗Chriſto trat einige Schritte vor, und zwang Maxi⸗ n reizend⸗ er er Ma⸗ ms Wohn⸗ milian ihn durchzulaſſen. „zu ſehen„Sie ſchrieben?“ wiederholte er ihn ſtarr anſehend. vor die„Ja, wie ich ſchon die Ehre hatte Ihnen zu ſagen.“ Der Graf ſah ſich forſchend ringsum. afte Röthe„Ihre Piſtolen neben dem Schreibzeuge?“ rief er, mit dem eichen derr Finger auf Morrels Waffen zeigend. „Ich bereite Alles zu einer Reiſe vor,“ entgegnete dieſer ver⸗ * drießlich. „Mein Freund!“ ſprach Monte⸗Chriſto unendlich ſanft. „Mein Herr?“ ingel kün⸗ 1328 „Mein Freund, mein lieber Marximilian, keinen äußerſten Ent⸗ ſchluß, ich beſchwöre Sie.“ „Mein Gott, wie kommen Sie darauf,“ rief Morrel achſel⸗ zuckend,„und iſt etwa eine Reiſe ein äußerſter Entſchluß?“ „Maximilian,“ ſprach Monte⸗Chriſto weich,„legen wir ge⸗ genſeitig die Masken ab; Sie täuſchen mich nicht durch dieſe ſcheinbare Ruhe, wie ich Sie nicht durch mein unbefangenes Kommen täuſche. Nicht wahr, Sie begreifen wohl, daß ich, um zu thun, was ich gethan, Scheiben zu zerbrechen und die Geheim⸗ niſſe Ihres Zimmers zu ergründen, ſehr ernſtlich unruhig, oder vielmehr ſchrecklich überzeugt geweſen ſein muß? Morrel, Sie wollen 1 ſich tödten?“ „O,“ rief dieſer zitternd,„weßhalb glauben Sie das, Herr Graf?“* Der Graf trat an den Tiſch, ſchob ein Blatt zur Seite, wel⸗ ches der junge Mann über ein angefangenes Schreiben geworfen hatte und las den Brief. Morrel ſtürzte auf ihn zu, und ſuchte ihn denſelben zu ent⸗ veißen. Aber Monte⸗Chriſto, dieſe Bewegung vorherſehend, kam ihm zuvor, ergriff ihm beim Handgelenke und hielt ihm kräftig feſt. „Hier ſteht es, daß Sie ſich tödten wollen, Morrel,“ ſprach er dann, auf den Brief deutend. „Nun wohl,“ ſchrie Morrel, aus ſeiner ſcheinbaren Ruhe zur höchſten Heftigkeit übergehend,„nun wohl, und wenn dem ſo wäre, wer könnte mich hindern, wer hätte den Muth, mich zurückzuhalten, wenn ich ſagte: Alle meine Hoffnungen ſind dahin, mein Herz iſt gebrochen, mein Leben erloſchen, rings um mich her ſehe ich nur Trauer und Trübſal, die Erde iſt zu Aſche geworden, die menſch⸗ liche Stimme zerreißt mein Herz.... Wenn ich ſagte: Es iſt Mitleid, mich ſterben zu laſſen, denn wenn Ihr mich nicht ſterben läßt, verliere ich den Verſtand; ſagen Sie, mein Herr, wenn ich das ſagte, wenn man ſähe, daß ich das aus Todesangſt, und mit den Thränen meines Herzens ſagte, würde man grauſam genug ſein, mir zu antworten: Du haſt Unrecht? Würde man mich hindern können, ferner der Unglücklichſte der Menſchen zu ſein? Sagen Sie mein Herr, würden Sie dieſen Muth haben?“ ohne die i Armen ſte Klugheit ſcheinbar n Nmand nir d funges Mi würden mi „Mor „Ja, nun wohl. als Sie n wortet, de ich Sie ge brauchend folgten, n alle erſchö Vohlthäte Sie befrie Und auf die„ Bleie Graf die R bin der u ſager heute ſti AUn. ſchränkte göttliche „A was h 5 Aaters ge dieſe genes um heim⸗ oder ollen Herr wel⸗ orſen ent⸗ ihm ſt. prach e zur wäre, alten, erz iſt hnur enſch⸗ Fs iſt erben h das it den ſein, indern n Sie 1329 „Ja, Morrel, ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto mit einer Stimme, deren Ruhe ſonderbar gegen die Exaltation des jungen Mannes abſtach. „Sie?“ ſchrie Morrel im Tone des höchſten Zorns und Vor⸗ wurfs,„Sie, der Sie mich durch unſinnige Hoffnungen gelockt und zurückgehalten, durch grundloſe Verſprechungen eingeſchläfert haben, ohne die ich ſie vielleicht hätte retten oder wenigſtens in meinen Armen ſterben laſſen können? Sie, der Sie alle Hilfsquellen der Klugheit, alle Gewalt des Stoffes Ihr eigen nannten, der Sie, ſcheinbar wenigſtens, die Rolle der Vorſehung auf Erden ſpielten, und mir dennoch nicht einmal ein Gegengift für ein vergiftetes junges Mädchen geben konnten! Ach, wahrhaftig, mein Herr, Sie würden mir Mitleid einflößen, wenn ich Sie nicht verabſcheute.“ „Morrel!!!“ „Ja, Sie haben gewünſcht, ich ſoll die Maske fallen laſſen, nun wohl, ſeien Sie befriedigt, ich erfülle Ihren Wunſch. Ja, als Sie mir auf den Kirchhof folgten, habe ich Ihnen noch geant⸗ wortet, denn mein Herz iſt gut... als Sie hier eindrangen, habe ich Sie gewähren laſſen... Aber weil Sie, Ihre Gewalt miß⸗ brauchend, mir ſogar in die Zurückgezogenheit dieſes Zimmers folgten, weil Sie mir eine neue Qual aufbürden, mir, der ich ſie alle erſchöpft glaubte, Graf von Monte⸗Chriſto, mein vorgeblicher Wohlthäter, Graf von Monte⸗Chriſto, der allgemeine Helfer, ſeien Sie befriedigt, Sie werden Ihren Freund ſterben ſehen!!...“ Und mit dem Lächeln des Wahnſinns ſtürzte der Unglückliche auf die Piſtolen zu. Bleich wie ein Geſpenſt, aber mit funkelndem Auge, legte der Graf die Hand auf die Waffen und ſprach: „Ich wiederhole Ihnen, Sie werden ſich nicht tödten!“ „Verhindern Sie mich doch,“ ſchrie Morrel, zum zweiten Male durch den ſtärkern Arm des Grafen zurückgehalten. „Ich werde Sie verhindern!“ „Aber wer ſind Sie denn, um ſich dieſes tyranniſche Recht über freie und denkende Geſchöpfe anmaßen zu dürfen?“ ſchrie Maximilian. „Wer ich bin?“ wiederholte Monte⸗Chriſto.„Hören Sie, ich bin der einzige Menſch auf der Welt, der das Recht hat, Ihnen zu ſagen:„Morrel, ich will nicht, daß Deines Vaters Sohn heute ſtirbt.“ Und majeſtätiſch erhaben, verklärt, trat der Graf mit ver⸗ ſchränkten Armen ſeinem jungen Freunde näher, der vor der faſt göttlichen Macht dieſes Mannes einen Schritt zurückwich. „Weßhalb ſprechen Sie von meinem Vater?“ ſtotterte er, „was hat das Andenken meines Vaters mit dieſer Sache zu thun?“ „Weil ich der bin, welcher eines Tages das Leben Deines Vaters gerettet hat, als er ſich tödten wollte, wie Du Dich heute Der Graf von Monte⸗Chriſtv. 84 —õõ——— 1330 hatte ſich Von em Zimmer nur gewiß ſelbſt den „O Herr Graf, ten Wohlthäter ſpre ehrten, ja vergötterten, erkennen zu geben? O Herr Graf, ich wage faſt zu ſagen, auch gegen Sie ſelbſt?“ „Hören Sie, mein Freund, denn Sie ſind mein Freund ſeit eilf Jahren, die Entdeckung dieſes Geheimniſſes iſt durch eine große ch Ihnen nicht ſagen kann,— Begebenheit herbeigeführt, die i Gott iſt mein Zeuge, daß ich es während meines ganzen Lebens im Grunde meiner Seele zu bewahren gewünſcht hatte, Ihr Maximi⸗ Thräne MWangel Sejiite ich Sie rifen 78 nein, ie laſſen, 4 chelnd, ſo viel dienten A er ſein ich we gie zu dem Schwe⸗ ſchickt, ſeinen ſetäubt, plich, er Füßen. itur zu an die imilian el, Pe⸗ rſtickter iſt der ihn, in⸗ fn, und rn, ein luge, er ner nur lbſt den ung er⸗ Salon ſtallum⸗ in den unter⸗ gekann⸗ ndenken uns zu gen uns, und ſeit e große nn,— hens im Naximi⸗ 1331 lian hat es mir durch ſeine Heftigkeit entriſſen, die er bereut, wie ich überzeugt bin.“ Dann zeigte er auf Morrel, welcher noch immer knieend vor einem Stuhl lag, und ſprach gedämpft, und Emanuels Hand auf bezeichnende Weiſe drückend: „Wachen Sie über ihn!“ „Weßhalb?“ fragte der junge Mann beſtürzt. „Ich kann es Ihnen nicht ſagen, aber wachen Sie über ihn!“ Emanuels Blick ſchweifte im Zimmer umher, er gewahrte die Piſtolen.. Seine Augen hefteten ſich erſchreckt auf die Waffen, die er Monte⸗Chriſto bezeichnete. Dieſer nickte. Emanuel wollte auf die Piſtolen zuſtürzen. „Laſſen Sie,“ ſprach der Graf. Dann trat er zu Morrel, deſſen vorige Heftigkeit einer dumpfen Ruhe gewichen war, er ergriff ſeine Hand. Julie trat wieder ein, die ſeidne Börſe in der Hand, zwei Thränen, funkelnden Thautropfen gleich, rannen über ihre roſigen Wangen. „Hier iſt die Reliquie,“ rief ſie freudeſtrahlend,„glauben Sie zücht. daß ſie mir minder theuer ſein wird, ſeit ich den Retter enne!“ „Mein Kind,“ entgegnete Monte⸗Chriſto erröthend,„erlauben Sie mir dieſe Börſe wiederzunehmen; ſeit Sie die Züge meines Geſichtes kennen, will ich nur durch dieſe und die Zuneigung, die ich Sie bitte mir zu gewähren, in Ihre Erinnerung zurückge⸗ rufen ſein.“ „O,“ rief Julie, die Börſe an ihr Herz drückend,„nein, nein, ich beſchwöre Sie, denn eines Tages können Sie uns ver⸗ laſſen, ach nicht wahr, dieſer unglückliche Tag wird kommen!“ „Sie haben recht gerathen,“ entgegnete Monte⸗Chriſto lä⸗ chelnd,„in acht Tagen werde ich dieſes Land verlaſſen haben, wo ſo viel Leute glücklich lebten, welche die Rache des Himmels ver⸗ dienten, glücklich lebten, während mein Vater vor Hunger ſtarb.“ Während Monte⸗Chriſto ſeine nahe Abreiſe ankündete, heftete er ſeine Augen ſtarr auf Morrel, aber er bemerkte, daß die Worte, ich werde Frankreich verlaſſen, ohne ihn aus ſeiner Lethar⸗ gie zu wecken, an ihm vorübergingen, er ſah alſo ein, daß er mit dem Schmerze ſeines Freundes einen letzten Kampf wagen müſſe, er vereinte alſo Juliens und Emanuels Hände in den ſeinen, und ſprach mit der ſanften Autorität eines Vaters: „Ich bitte, theure Freunde, laßt mich mit Maximilian allein!“ Julie, erfreut, daß der Graf nicht mehr an die Börſe dachte, ſah hierin ein Mittel ſie wieder mitzunehmen und ſprach zu ihrem Gatten: 84* 1332 „Laſſen wir ſie, Emanuel.“ Der Graf blieb mit Morrel allein, der noch immer einer be⸗ wegungsloſen Statue glich. „Maximilian,“ ſprach Monte⸗Chriſto, die Schulter ſeines jun⸗ gen Freundes berührend,„ſind Sie wieder ein Mann?“ „Ja, denn ich fange wieder an zu leiden.“ Die Stirn des Grafen faltete ſich, wie es ſchien unter dem Einfluſſe einer finſtern Eingebung. „Maximilian, Maximilian,“ ſagte er,„die Gedanken, denen Du Dich hingiebſt, ſind eines Chriſten nicht würdig.“— „O beruhigen Sie ſich, Freund,“ ſagte Morrel, den Kopf auf⸗ richtend, und den Grafen ein unendliches trauriges Lächeln zeigend, „ich werde den Tod nicht mehr ſuchen.“ „Alſo keine Waffen, keine Verzweiflung mehr?“ rief Monte⸗ Chriſto. „Nein, denn ich weiß ein beſſeres Mittel, meinen Schmerz zu heilen, als den Lauf einer Piſtole oder die Spitze eines Meſſers.“ „Und das wäre?...“ „Mein Schmerz ſelbſt wird mich tödten!“ „Freund,“ ſagte der Graf ſehr traurig,„hören Sie mich! Einſt, in einer der Deinigen gleichen Verzweiflung wollte ich mich tödten wie Du, einſt wollte auch Dein Vater eben ſo verzweifelnd, ſich tödten! Wenn man Deinem Vater in dem Augenblicke, als er den Lauf des Piſtols gegen ſeine Stirn richtete, wenn man mir in dem Augenblicke als ich das Brod zurückſchob, um Hungers zu ſterben, in einem elenden Kerker Hungers zu ſterben, wenn man uns Beiden in dieſem erhabnen, entſcheidenden Augenblicke geſagt hätte: Lebt, und es wird ein Tag kommen, an dem Ihr glücklich ſein und das Leben ſegnen werdet, o wir würden mit dem Lächeln der Verzweiflung und der Todesangſt des Unglaubens auf dieſe ⸗Stimme gehört haben, und dennoch, wie oft ſegnete Dein Vater das Leben, ja wie oft ſogar ich ſelbſt!...“ „Ach!“ ſchrie Morrel den Grafen unterbrechend,„Sie hatten nur die Freiheit, mein Vater nur ſeinen Reichthum, aber ich— habe Valentine verloren!“ „Betrachte mich,“ ſprach Monte⸗Chriſto mit jenem Ernſt, der ihn in gewiſſen Fällen ſo groß und mächtig machte,„ſieh ich habe weder Thränen im Auge, noch Fiebergluth auf den Wangen, noch ſchlägt mein Herz ungeſtüm, und dennoch ſehe ich Dich leiden, Maximilian, Dich, den ich liebe wie, ich meinen Sohn lieben würde; nun wohl! ſagt Dir das nicht, daß der Schmerz dem Leben gleich iſt, und daß jenſeits ſtets ein Unbekannntes bleibt? Alſo, wenn ich Dich bitte, wenn ich Dir befehle zu leben, Morrel, ſo geſchieht es nur in der Ueberzeugung, daß Du mir einſt danken wirſt, Dir das Leben erhalten zu haben!“ 4 „Mein Gott,“ ſchrie der junge Mann,„mein Gott, was ſagen Herzen. reinſten, grcß, 1 iſ dahit zweiflun / Sie ſud verliere wiederſ D Augen den G. würde gehen, Tochter 1 5 Abgru mir, 6 die de um il ich tl nichts Herzer nicht! Adieu .„ mit u Tager 7 7 ger. alltäg er be⸗ 8 jun⸗ er dem denen f auf⸗ eigend, Monte⸗ chmerz ſſers.“ Einſt, tödten d, ſich er den in dem terben, 1 uns hätte: h ſein In der timme Leben, hatten ich— ſt, der habe „noch eiden, vürde; gleich wenn ſhich 5 „Dir ſagen 1333 Sie mir da, Graf? Hüten Sie ſich, aber vielleicht haben Sie mich niemals geliebt?“ „Kind!“ entgegnete der Graf. „Sehen Sie,“ fuhr Morrel fort,„ich bin Soldat, ſeit ich Mann bin, neunundzwanzig Jahre alt geworden, ohne zu empfinden, was den Namen Liebe verdient; da ſah ich Valentine, ſeit zwei Jahren liebe ich ſie, ſeit zwei Jahren las ich alle Tugenden der Tochter und des Weibes in ihrem, durch die Güte des Herrn mir geöffneten Herzen. Graf, Valentinens Beſitz würde mir eine Quelle des „Morrel, ich ſage Dir, hoffe,“ wiederholte der Graf. „Hüten Sie ſich, wiederhole auch ich,“ rief Maximilian,„denn Sie ſuchen mich zu überreden, und ich werde den Verſtand darüber verlieren, denn Sie laſſen mich faſt glauben, daß ich Valentine wiederſehen könnte.“ Der Graf lächelte. „Mein Freund, mein Vater,“ ſchrie Maximilian aufgeregt, „hüten Sie ſich, ſage ich zum dritten Male, denn Ihre Macht über mich betäubt mich, bedenken Sie den Sinn Ihrer Worte, die meine Augen neu beleben, mein Herz neu entzünden, o hüten Sie ſich, den Glauben an übernatürliche Dinge in mir anzufachen. O ich würde gehorchen, wollten Sie mir befehlen, auf den Wellen zu gehen, ich würde auf Ihren Befehl den Grabſtein heben, der die Tochter Jairus bedeckt, ja ich würde gehorchen.“ „Hoffe, Freund,“ wiederholte der Graf. „Ach,“ ſtöhnte Morrel, von der Höhe ſeiner Exaltation in den Abgrund tiefſter Traurigkeit zurückſinkend,„ach Sie ſpielen mit mir, Sie machen es wie jene guten oder vielmehr egoiſtiſchen Mütter, die den Schmerz ihrer Kinder mit honigſüßen Worten beruhigen, um ihr Geſchrei nicht hören zu müſſen. Nein, mein Freund, nein, ich that Unrecht, zu ſagen, hüten Sie ſich, nein, fürchten Sie nichts, ich werde meinen Schmerz in die geheimſte Tiefe meines Herzens vergraben, und da ſoll er ſo ſtill ruhen, daß Sie ſelbſt nicht mehr den Kummer haben ſollen, mich bemitleiden zu müſſen. Adieu, mein Freund, Adieu!“ „Im Gegentheil, Maximilian,“ ſprach der Graf,„Du wirſt mit und bei mir leben, mich nicht mehr verlaſſen, und in acht Tagen ſagen wir Frankreich zuſammen Lebewohl!“ „Und Sie ſagen noch immer, ich ſoll hoffen?“ „Ja, denn ich weiß ein Mittel, Dich zu heilen!“ „Graf, wenn es möoglich iſt, ſo machen Sie mich noch trauri⸗ ger. Sie halten mein Unglück für alltäglich und wollen mich durch alltägliche Mittel, wie z. B. eine Reiſe heilen.“ 1334 Und Morrel ſenkte traurig und ungläubig den Kopf. „Was ſoll ich Dir ſagen?“ entgegnete Monte⸗Chriſto.„Glaube an meine Verſprechungen, laß mich den Verſuch machen.“ 3 „Graf, Sie verlängern meinen Todeskampf, das iſt Alles.“ „Ach, ſchwaches Herz,“ rief der Graf,„haſt Du nicht die Kraft, Deinem Freunde die wenigen Tage der Probe zu gewähren, die er verlangt? O weißt Du, weſſen der Graf von Monte⸗Chriſto fähig iſt? Kennſt Du die Ausdehnung ſeiner irdiſchen Macht? Weißt Du, daß er genug an Gott glaubt, um ein Wunder deſſen zu erlangen, der da geſagt hat, der Glaube des Menſchen könne Berge verſetzen? Nun wohl, erwarte dieſes Wunder, Morrel „Oder?“ „Oder hüte Dich, ich werde Dich einen Undankbaren nennen?“ „Haben Sie Mitleid mit mir, Graf!“ „Ich habe viel Mitleid mit Dir, daß wenn ich Dich nicht auf Tag und Stunde, in einem Monat geheilt habe, höre auf meine Worte, Morrel, ich Dich ſelbſt Deinen ſcharf geladenen Piſtolen, oder einem Giſte gegenüberſtellen will, das ſicherer tödtet, als das, durch welches Valentine ſtarb.“ „Sie verſprechen es mir?“ „Ja, denn auch ich habe gelitten, habe ſterben wollen wie Du, und oft, ſelbſt ſeit das Unglück mir den Rücken gewandt, von dem Entzücken eines ewigen Schlafes geträumt.“ „Alſo Sie verſprechen es mir wirklich?“ rief Maximilian berauſcht. 4 „ Ich ſchwöre es Dir ſogar,“ ſagte Monte⸗Chriſto die Hand erhebend.. „Alſo auf Ihre Ehre, wenn ich in einem Monat nicht getrö⸗ ſtet bin, geben Sie mich frei und nennen mich keinen Undankbaren, was ich auch thun möge?“ in „In einem Monat, Maximilian, zu dieſer ſelben Stunde, und der Datum iſt mir heilig, ich weiß nicht, ob Du daran gedacht haſt, wir ſchreiben heute den fünften September, heute vor zehn Jahren rettete ich Deinen Vater!“ Morrel küßte leidenſchaftlich des Grafen Hände, 1 „In einem Monat,“ fuhr Monte⸗Chriſto fort,„werden wir einander gegenüberſitzen, auf den Tiſch vor uns gute Waffen, und ein ſanfter Tod, aber verſprich Du mir dagegen auch, zu warten, und ſo lange zu leben.“ „ SO, ich ſchwöre es!“ Monte⸗Chriſto zog den jungen Mann an ſein Herz, und Beide hielten ſich lange ſprachlos umfaßt. 1 „Und jetzt,“ ſagte der Graf,„wirſt Du bei mir wohnen, u erhältſt Haydée's Zimmer, und meine Tochter wird durch meinen Sohn erſetzt werden.“— 4 t getrö⸗ nkbaren, de, und gedacht or zehn den wir in, und warten, d Beide b 1 meinen 1335 „Haydée?“ fragte Morrel,„was iſt aus Ihr geworden?“ „Sie iſt dieſe Nacht abgereiſt.“ „Um Dich zu verlaſſen?“ „um mich zu erwarten. Auf Wiederſehen alſo, Maximilian, in den elyſäiſchen Feldern. Jetzt wünſche ich das Haus ungeſehen zu verlaſſen.“ Meerrel neigte das Haupt, und gehorchte wie ein Kind oder ein Apoſtel. CIII. Die Theilung. In dem von Albert von Morcerf für ſich und ſeine Mutter zur Wohnung gewählten Hotel in der Straße Saint⸗Germain⸗des⸗ Prés, war die erſte Etage von einer ſehr geheimnißvollen Perſon gemiethet. Es war dies ein Mann, deſſen Geſicht ſelbſt der Portier noch nicht geſehen hatte. Im Winter war er bis an den Hals verhüllt, und im Sommer ſchneuzte er ſich regelmäßig, wenn er in die Ge⸗ gend der Portierloge kam, und bedeckte dabei das ganze Geſicht mit dem Tuche. Allgemein hatte ſich das Gerücht verbreitet, dieſer geheimniß⸗ volle Miether ſei eine mächtige, hochſtehende Perſon, und deßhalb wagte Niemand ihm nachzuſpüren oder ihn zu belauſchen. Mit wenigen Ausnahmen kam er Winter und Sommer nach vier Uhr in dieſe Wohnung, woſelbſt er nie eine Nacht hindurch blieb. Eine treue Magd heizte die Zimmer im Winter und lüftete ſie im Sommer, und zwar ſo, daß um vier Uhr Alles zum Empfang des Herrn bereit war. Kurze Zeit nach dem geheimnißvollen Miether erſchien ſtets eine tiefverſchleierte, dunkel gekleidete Frau, ſtieg unhörbaren Schrittes die Treppe herauf, und verſchwand in den Zimmern des Geheimnißvollen. Den Tag nach Monte⸗Chriſto's Beſuche bei Danglars kam der Unbekannte ſchon Morgens um Zehn, ſtatt wie gewöhnlich Nach⸗ mittags um Vier in ſeine Wohnung. Faſt mit ihm zugleich hielt ein Wagen vor dem Hauſe, die verſchleierte Dame ſtieg aus. Sie eilte die Treppe herauf, die Thüre öffnete und ſchloß ſich wie gewöhnlich. 8 Aber noch ehe die Pforte ſich gänzlich ſchloß, rieftdie Dame: „O Lucian, mein Freund!“. 1336 e Rede „Und was giebts, theure Freundin!“ 3 n „Kann ich auf Sie rechnen?“ ägrend „Gewiß: und das wiſſen Sie wohl; aber was giebt es denn? Iſtie z Ihr Billet dieſen Morgen hat mich entſetzlich erſchreckt, die Eile, Afae die flüchtige Schrift, o ſchnell, beruhigen, oder erſchrecken Sie mich llren auf einmal, aber wie geſagt, ſchnell!“ 7 nder „Lucian, ein großes Ereigniß,“ ſprach die Dame, Lucian for⸗ Wu Tar ſchend, anblickend,„Herr Danglars iſt dieſe Nacht abgereiſt.“ dem „Abgereiſt? Herr Danglars abgereiſt, aber wohin denn?“ „Das weiß ich nicht!“ „Wie, das wiſſen Sie nicht? alſo iſt er abgereiſt, um nicht wiederzukehren?“ „Ja, um zehn Uhr Abends iſt er mit ſeinen Pferden an die Barriere von Charenton gefahren, dort hat ihn eine Extrapoſt er⸗ 7 wartet, er iſt mit ſeinem Kammerdiener eingeſtiegen und hat dem ſehr llug Kutſcher geſagt, er ginge nach Fontainebleau.“ wütſe m „Nun und was ſagen Sie?“ dus Glü „O warten Sie, mein Freund, er hat einen Brief für mich 3 zurückgelaſſen.“ gen zu „Einen Brief?“ ſers La „Ja, leſen Sie.“ die Aug UHInd die Baronin, denn das war die verſchleierte Dame, zog ane wi einen Brief aus der Taſche und reichte ihn Dobray. Glücs Dieſer zögerte einen Augenblick, ihn zu erbrechen, wie um Frau 9e erſt einen Entſchluß zu faſſen, möge der Inhalt auch ſein welcher dieſe ge er wolle.. lalb ich Endlich ſchien er mit ſeinen Gedanken im Reinen, öffnete den ih unſe Brief und las wie folgt: dee mir „Gnädige Frau und ſehr getreue Gattin!“ ten,! Ohne etwas dabei zu denken, ſah Dobray die Baronin an, Sie, M welche ſtark erröthete. reicht. „Leſen Sie,“ ſprach ſie. aber w Lucian fuhr fort:„ „Wenn Sie dieſen Brief erhalten, werden Sie keinen Gatten nung mehr haben, wie Sie keine Tochter mehr haben... Frankreich meiner liegt dann hinter mir. 70 „Ich bin Ihnen Erklärungen ſchuldig, die Sie, als kluge Frau, vollkommen verſtehen werden. „Hören Sie alſo: ichen „Dieſen Morgen habe ich eine Zahlung von fünf Millionen gehabt, der faſt unmittelbar eine ſo große folgte, die ich auf mor⸗ ed gen verſchoben habe. Ich reiſe, um dieſem Morgen zu entgehen, A welches mir zu ſchmerzlich iſt.. amn „Nicht wahr, Sie begreifen das, allervortrefflichſte Gattin? „Ich ſage: Sie begreifen das, weil Sie meine Angelegenheiten eben ſo gut, wenn nicht beſſer kennen als ich, wenn nämlich davon 31 gefunden 1337 die Rede iſt, zu ſagen wo die größere Hälfte meines, noch kürzlich ſo ſchönen Vermögens geblieben iſt; ich würde es nicht können, während Sie, das bin ich überzeugt, ſich ganz vortrefflich aus der Affaire ziehen würden. „Denn die Frauen haben einen untrüglichen Inſtinct, ſie er⸗ erklären durch eine von ihnen ſelbſt erfundene Algebra ſogar das Wunderbarſte; ich, der ich nur meine Chiffern kenne, wußte von dem Tage an, wo dieſe mich verließen, nicht mehr. „Haben Sie die Schnelligkeit meines Falles bewundert, Ma⸗ dame? Sind Sie von der weißglühenden Schmelzung meiner Bar⸗ ren nicht etwas geblendet worden? Ach, ich geſtehe, daß ich darin nur Feuer ſah, hoffen wir, daß Sie ein wenig Gold in der Aſche gefunden haben. „Mit diefer beruhigenden Hoffnung entferne ich mich, meine ſehr kluge Gattin, ohne daß mein Gewiſſen mir die mindeſten Vor⸗ würfe macht. Ihnen bleiben Freunde, die beſagte Aſche, und um das Glück ganz groß zu machen, die völligſte Freiheit. „Indeſſen glaube ich, noch ein Wort im Vertrauen hinzufü⸗ gen zu müſſen. So lange ich hoffte, daß Sie für das Wohl un⸗ ſers Hauſes und das Glück unſerer Tochter arbeiteten, habe ich die Augen kluger Weiſe geſchloſſen; aber ſeit Sie aus dem Hauſe eine wüſte Ruine gemacht haben, will ich nicht zur Gründung des Glücks Anderer dienen. Ich habe Sie reich, aber wenig geehrt zur Frau genommen. Verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, aber da dieſe Zeilen nur für Sie beſtimmt ſind, ſehe ich nicht ein, weß⸗ halb ich meine Worte abwägen ſollte. Fünfzehn Jahre lang habe ich unſer Vermögen vermehrt, es iſt ungemein groß geworden, bis die mir unerklärlichen Cataſtrophen es Schlag auf Schlag vernich⸗ teten, und zwar, ich kann es dreiſt ſagen, ohne meine Schuld. Sie, Madame, haben für das Ihre gearbeitet und Ihren Zweck er⸗ reicht.... Ich verlaſſe Sie alſo, wie ich Sie empfing— reich, aber wenig geehrt. „Adieu, ich reiſe noch heute ab, um ferner für eigne Rech⸗ nung zu arbeiten. Seien Sie für das mir gegebene Beiſpiel meiner innigſten Erkenntlichkeit gewiß, ich werde daſſelbe befolgen. „Ihr ergebenſter 3 Baron Danglars.“ Die Baronin hatte Dobray während dieſer langen und pein⸗ lichen Lectüre nicht aus den Augen verloren, und wohl bemerkt, wie er, ungeachtet ſeiner bekannten Herrſchaft über ſich ſelbſt, einige Male die Farbe wechſelte. Als er den Brief beendet hatte, legte er das Papier ſinnend zuſammen. „Nun?“ fragte ſeine Freundin mit leicht begreiflicher Angſt. „Nun, gnädige Frau!“ entgegnete Dobray maſchinenmäßig. „Und was glauben Sie?“ — ————— 8 — 2 2 1338 „O das iſt ſehr einfach, ich glaube, daß Herr Danglars voller Argwohn abgereiſt iſt.“ „Gewiß, aber iſt das Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Dobray eiſig kalt.— „Er iſt abgereiſt, abgereiſt um nie wieder zu kehren.“ „O, glauben Sie das nicht!“ „Ja, ja, ich kenne ihn,“ rief die Baronin,„er kehrt nicht zurück, denn er iſt unerſchütterlich in allen Entſchlüſſen, die ſein Intereſſe betreffen, und würde mich gewiß mitgenommen haben, hätte er geglaubt, ich könne ihn auf irgend eine Art nützlich ſein. Er läßt mich hier.... und ich bin frei für immer,“ fügte ſie bittend hinzu.. Aber Dobray überließ ſie, ſtatt ihr zu antworten, ganz ihrer Angſt. „Wie,“ rief die Baronin endlich,„Sie antworten mir nicht?“ „Aber ich könnte Sie nur fragen,— was iſt Ihre Abſicht?“ „Darum eben wollte ich Sie fragen,“ rief die Baronin klopfen⸗ den Herzens. „Alſo Sie verlangen einen Rath von mir,“ ſagte Dobray. „Ja, ja.“ „Nun gut, dann rathe ich Ihnen zu reiſen,“ entgegnete der junge Mann kühl. „Zu reiſen!“ murmelte die Baronin. „Gewiß. Sie ſind reich, und vollkommen frei, wie Herr Danglars ganz richtig geſagt hat. Eine Abweſenheit von Paris wird durchaus nothwendig ſein, um den doppelten Eclat, der Sie betroffen, in Vergeſſenheit zu bringen. Die ganze Welt muß Sie für verlaſſen und arm halten, denn Ueberfluß würde der Frau des Banquerotiers Niemand verzeihen. Um alſo für verlaſſen zu gel⸗ ten, müſſen Sie durchaus noch vierzehn Tage in Paris bleiben, und Ihren Freunden, die es dann weiter erzählen werden, die Art und Weiſe Ihres Verlaſſenſeins klagen. Nach Erfüllung dieſer Pflicht verlaſſen Sie Ihr Hotel, entſagen all den ſchönen Bijouterieen und dem ganzen Inventarium, und das Lob Ihrer Uneigennützigkeit wird aus Aller Munde widertönen. Jedermann hält Sie dann für verlaſſen und arm, nur ich kenne den Zuſtand Ihrer Finanzen und bin bereit Ihnen Rechnuag abzulegen.“ Bleich und vernichtet, hatte die Baronin dieſe Rede eben ſo verzweifelnd und betäubt angehört als Dobray ſie ruhig und gleich⸗ giltig ausgeſprochen hatte. „Verlaſſen!“ wiederholte ſie,„o ja, verlaſſen.... Sie haben Recht, mein Herr, und Niemand wird an meiner Verlaſſenheit zweifeln.“ Dies waren die einzigen Worte, welche dieſe ſtolze, ſo leiden⸗ ſchaftlich liebende Frau zu antworten im Stande war. jett ſech 4 beſchäſti Thränen 41 nit eine Vereinig gewanne Gewinn voller ſabe n?“ rt nict die ſein haben, ch ſein. lgte ſie „ ganz nicht?“ ſiht?, klopfen⸗ bray. nete der ie Herr Paris der Sie luß Sie rau des zu gel⸗ bleiben, die Art rPflicht een und ützigkeit ann für gen und eben ſo gleich⸗ ehaben ſſenheit leiden⸗ 1339 „Aber reich, ſogar ſehr reich,“ fuhr Dobray fort, einige Pa⸗ piere aus ſeinem Notizbuche nehmend. Die Baronin ließ ihn gewähren, ach, ſie war ganz damit beſchäftigt, die heftigen Schläge ihres Herzens zu erſticken und die Thränen zu zurückzuhalten, die ihren Augen zu entſtürzen drohten. „Gnädige Frau,“ nahm Dobray wieder das Wort,„es ſind jetzt ſechs Monate, daß wir uns verbündeten; Sie verſorgten uns mit einer Einlage von 100,000 Franks. Im April fand unſere Vereinigung ſtatt. Im Mai begannen unſere Operationen. Wir gewannen in dieſem Monate 400,000 Frank. Im Juni betrug der Gewinn 900,000 Frank. Im Juli fügten wir dieſer Summe 1,700,000 Franks hinzu, wiſſen Sie, es war der Monat der ſpa⸗ niſchen Bons. Im Auguſt verloren wir zu Anfang des Monats 300,000 Franks, aber den 15. gewannen wir wieder und am Ende deſſelben Monats nahmen wir vollſtändige Revanche, ſo daß wir jetzt 2,400,000 Franks beſitzen, was alſo für einen Jeden von uns 1,200,000 Franks beträgt.“ „Jetzt,“ fuhr Dobray fort, und ſah ſein Regiſter mit der Ruhe und der Art eines Wechſel⸗Agenten nach,„haben wir 80,000 Franks Intereſſen, von dieſer, ſich in meinen Händen befindlichen Summe.“ „Aber,“ unterbrach ihn die Baronin,„woher dieſe Intereſſen, da Sie dieſes Geld nie umgeſetzt haben?“ „Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau,“ ſagte Dobray kalt,„ich hatte Ihre Vollmacht, dieſe Summe umzuſetzen und habe davon Gebrauch gemacht. Auf Ihren Antheil kommen demnach 40,000 Franks, und dazu noch die Einlage von 100,000 Franks. Ich habe es ſeit vorgeſtern möglich gemacht, Ihre Gelder disponibel zu machen, man könnte ſagen, eine Vorahnung, Ihnen bald Rech⸗ nung ablegen zu müſſen, habe mich dazu getrieben. Hier iſt das Geld halb in Bankbillets, halb in guten Wechſeln.“ Dobray nahm aus einem Fache ſeines Schrankes ein verſie⸗ geltes Käſtchen, öffnete es und ſprach: „Sehen Sie hier, gnädige Frau, bis jetzt habe ich das Ganze verwahrt, da Sie nicht das Recht hatten, außer der ehelichen Ge⸗ meinſchaft Papiere zu kaufen oder zu beſitzen. Von jetzt ab, wie ich es Ihnen übergebe, iſt es ihr alleiniges Vermögen. Hier ſind die Bankbillets, hier die Wechſel, und hier ein Bon auf meinen Banquier, welcher, da mein Banquier glücklicher Weiſe nicht Herr Danglars iſt, bezahlt werden wird, Sie können alſo ganz ruhig ſein.“ Trocknen Auges, aber mit von Seufzern geſchwellter Bruſt legte die Baronin Scheine und Wechſel in ihr Notizbuch, und war⸗ tete dann bleich und ſtumm auf ein ſanftes Wort, das ſie über dieſen großen Reichthum tröſten ſollte. Aber ſie wartete vergebens. „Jetzt, gnädige Frau,“ fuhrt Dobray weiter fort,„haben Sie ungefähr 60,000 Livres jährlicher Einkünfte, ein ungeheures Ver⸗ mögen für eine einzelne Dame, die hier, wenigſtens ein Jahr lang kein Haus machen darf. O, Sie können ſich jeden Wunſch erfüllen, und ſollte Ihr Antheil nicht genügen, ſo bin ich bereit, in Rück⸗ ſicht der Vergangenheit, die Ihnen entgeht, mein ganzes Beſitzthum, d. h. alſo eine Million ſechszigtauſend Franks Ihnen zu leihen.“ „Dank, mein Herr,“ ſprach die Baronin,„Sie werden ein⸗ ſehen, daß dies für eine arme Frau, die lange nicht wieder in die Welt kommen wird, viel zu viel iſt.“ 3 Dobray war erſtaunt, faßte ſich jedoch bald, Bewegung, als wolle er ſagen: „Wie es Ihnen beliebt!“ Bisher hatte die arme Frau noch immer gehofft; dieſe Bewe⸗ gung jedoch und der dieſelbe begleitende Blick, die tiefe Verbengung und das darauffolgende Schweigen ihres ehemaligen Geliebten, gab ihr den Todesſtoß, ſie richtete ſich hoch auf, öffnete die Thür, und entfernte ſich, ohne dem noch einen letzten Blick und Gruß zu ſen⸗ den, der ihre Entfernung auf dieſe Weiſe geſchehen ließ. „Bah!“ ſagte Dobray, als die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, „bah, ſchöne Pläne das, ſie wird in ihrem Hotel bleiben, Romane leſen, und Landsknecht ſpielen, weil ſie nicht mehr an der Börſe ſpielen kann!“ Und er ſchrieb und berechnete die bezahlten Summen mit der größten Sorgfalt. „Ja, ja,“ ſagte er dann,„mir bleibt eine Million ſechszig⸗ tauſend Franks. Wie ſchade, daß Fräulein von Villefort todt 5 Si gefiel mir in jeder Hinſicht, und ich würde ſie geheira⸗ thet haben.“ Und phlegmatiſch wie immer, wartete er noch zwanzig Minu⸗ ten und entfernte ſich dann. Jenes dämoniſche Weſen, welches jede abenteuerliche Phantaſie ſich mit mehr oder minder Glück geſchaffen haben würde, hätte nicht Leſage in einem ſeiner Meiſterwerke Jedem den Vorrang ab⸗ gelaufen,— Asmodi nämlich, der in das Innere der Häuſer ſah, würde ein ſonderbares Schauſpiel gehabt haben, wenn er, gerade als Dobray ſeine Zahlen zuſammenrechnete, in das kleine Hotel Straße Saint⸗Germain⸗des⸗Prés geſchaut hätte. Ueber dem Zimmer, in welchem Dobray zwei und eine halbe Million mit Frau von Danglars theilte, befand ſich ein, auch von Perſonen unſerer Bekanntſchaft beſetztes Zimmer, und zwar haben dieſelben eine zu wichtige Rolle geſpielt, als daß wir ſie nicht mit einigem Intereſſe wiederfinden ſollten. In dieſem Zimmer wohnten Mercedes und Albert. Die arme Gräfin war in dieſen wenigen Tagen ſehr verän⸗ 8 und machte eine 22 „* dert. Sie hatte nie, ſelbſt nicht in den Tagen ihres höchſten Glanzes, jenen brunkenden Hochmuth zur Schau getragen, der oft allein hinreicht, um eine Frau nicht wieder zu erkennen, ſobald ſie ———— gewichſt ainfach aründert ehr lic iittreiche tſl Nicht gel an J ſreiwilig lih Jen inſterniß dütte geſ ſch weden diſch tra wlches it Virk ünnn ſil iin ſie bl war Gral dausbeſtt Nöbel w furz, Al kewöhnt Wie iines Ab di Bewe⸗ dengung len, gab ſir, und zu ſen⸗ ſchloß, Romane Börſe imit der rt todt geheira⸗ Minu⸗ zantaſie hätte ung ab⸗ er ſah, gerade Hotel halbe ch von haben hht mit verän⸗ üchſten eer oft ald ſie 1341 in einfacheren Gewändern erſcheint,— ach, nein, Mercedes war verändert, weil ihr Auge nicht mehr ſtrahlte, weil ihr Mund nicht mehr lächelte, weil endlich eine ſchmerzliche Gedrücktheit das heitere geiſtreiche Wort auf ihren Lippen feſtbannte. Nicht die Armuth hatte Mercedes Geiſt geknickt, nicht Man⸗ gel an Muth machte ihr die Armuth ſo drückend, Mercedes war ja freiwillig von ihrer Höhe in dieſe neue niedere Sphäre herabgeſtiegen, gleich Jemand, der einen glänzend erleuchteten Salon mit dichter Finſterniß vertauſcht, ſie ſchien eine, von ihrem Palaſte in eine Hütte geſtiegene Königin, die, auf das Allernothwendigſte beſchränkt, ich weder bei dem thönernen Geſchirr, welches ſie ſelbſt auf ihren iſch tragen muß, noch in dem ſchlechten Lager nieder erkennt, welches ihrem goldenen Bette gefolgt. Wirklich hatte die ſchöne Catalonierin und edle Gräfin weder ihren ſtolzen Blick, noch ihr reizendes Lächeln mehr, denn ach, wo⸗ hin ſie blickte, begegnete ihrem Auge nur Unſchönes. Das Zimmer war Grau in Grau tapezirt, in jener Farbe, welche ökonomiſche Hausbeſitzer ſtets vorziehen, weil ſie am wenigſten ſchmutzt, die Möbel waren ungleich und ärmlich, der Fußboden ohne Teppich, kurz, Alles ſtörte die für Augen, die an ein elegantes Enſemble gewöhnt waren, ſo nothwendige Harmonie. Wie dem Reiſenden ſchwindelt, wenn er plötzlich am Rande eines Abgrundes ſteht, ſo ſchwindelte Frau von Morcerf der Kopf vor dieſem ewigen Schweigen. Oft ſah Albert ſeine Mutter ver⸗ ſtohlen an, um ſich vom Zuſtande ihres Herzens zu überzeugen, und dann umſpielte ein monotones Lächeln die Lippen der ge⸗ liebten Dulderin, welches, ohne das ſüße Feuer ihrer Augen, nur Klarheit ohne Wärme war. Albert war auch übler Laune und fand ſich ſtets durch einen Reſt ſeiner ſonſtigen Eleganz geſtört. Er wollte ohne Handſchuh ausgehen, ſeine Hände waren zu weiß,— er wollte zu Fuß die Stadt durcheilen,— ſeine Stiefel waren zu fein und zu glänzend gewichſt. Dieſe beiden, durch das Band kindlicher und mütterlicher Liebe ſo unauflöslich vereinigten edlen Weſen, verſtanden ſich ohne zu ſprechen, ſparten alle jene unter Freunden ſonſt ſo gebräuchlichen Vorbereitungen. Ja, Mercedes würde kaum erbleicht ſein, hätte Albert ihr geſagt: „Nutter, wir haben kein Geld mehr.“ Nie hatte die Gräfin wirklichen Mangel gekannt, in ihrer Jugend hatte ſie ſo oft von ihrer Armuth geſprochen, aber das iſt nicht daſſelbe, Bedürfniß und Nothwendigkeit ſind zwei gleichlau⸗ tende Begriffe, zwiſchen denen jedoch eine Welt von Verſc ieden⸗ heiten liegt. In den Catalons entbehrte Mercedes Manches, aber es fehlte ihr nie an gewiſſen andern Sachen. Waren die Netze gut, ſo fing man 1342 Fiſche, verkaufte man die Fiſche, ſo ward für den Erlös Garn zu Netzen angeſchafft. 2 Und dann war ſie ganz iſolirt, hatte nur für ſich zu ſorgen, und jetzt hatte ſie für Zwei zu ſorgen,— und mit nichts. Der Winter nahte, das Zimmer war feucht und kalt, und Mercedes, deren Hotel ſonſt von den Vorzimmern an, bis zu den Boudoirs behaglich erwärmt war, hatte kein Feuer, ſie, deren Zim⸗ mer ſonſt ein blühendes Treibhaus waren, hatte nicht eine noch ſo kleine Blume! Aber ſie hatte ihren Sohn!... 3 In den höhern Sphären hatte der Enthuſiasmus ihr zur Seite geſtanden, jetzt ſtieg ſie nach und nach aus dem Lande der Träu⸗ merei in die Welt der öden Wirklichkeit zurück. 4 ¹ Das Poſitive mußte an die Reihe kommen, nachdem alle Ideale erſchöpft waren.—* „Mutter,“ ſagte Albert, gerade als Frau von Danglars die Treppe herabſtieg,„wir wollen unſere Reichthümer berechnen, wenn es Ihnen recht iſt, ich muß meine Pläne darnach bilden.“ „Aber Kind, wir haben ja nichts,“ entgegnete Mercedes ſchmerzlich. „Aber bedenken Sie, Mama, zuerſt die dreitauſend Franks, welche uns, wie ich hoffe, ein herrliches Leben ſichern werden.“ „Kind!“ ſeufzte Mercedes. „Ach, gute Mutter,“ rief der junge Mann,„Sie glauben mir nicht, weil ich bisher den Werth nicht kennend, zu viel Geld aus⸗ gab. Aber jetzt... o dieſe Summe iſt enorm und ich baue dar⸗ auf wunderbare Pläne.“. „Mein Freund,“ ſprach die arme Mutter erröthend,„nehmen wir dieſe dreitauſend Franks denn überhaupt an?“ „Verſteht ſich,“ rief Albert beſtimmt,„aber um dies zu kön⸗ nen, müſſen wir nach Marſeille reiſen, woſelbſt das Geld in dem Garten des kleinen Hauſes in den Alleen von Meillan vergraben iſt. Mit zweihundert Franks beſtreiten wir die Reiſe.“ „Mit zweihundert Franks! wo denkſt. Du hin?“ „O wir bedienen uns der Poſten und des Dampfſchiffes, ich habe Alles berechnet. Bis Chalons nehmen Sie einen Wagen, Sie ſehen theure Mutter, daß ich Sie wie eine Königin behandle, das macht....“ Albert nahm eine Feder und ſchrieb: „Bis Chalons.......... 25 Franks Von da nach Lyon mit dem Dampfſchiff Bis Avignon..... Bis Marſeille.... Zehrungskoſten..........550„ Summa 114 Franks. „Nehmen wir hundertzwanzig,“ fügte Albert lächelnd hinzu, „ich bin großmüthig, wie Sie ſehen, nicht wahr, Mama 9 e geſehe L andelt lange i vwiſſen; währen ſentend glaubte Ie ſooch lng,, aaemüch / „Hie „ in ihren . 1 92 8 machen RN C 7/3 bben mir eAd aus⸗ nue dar⸗ nehmen zu kön⸗ in dem rgraben es, ich n, Sie le, das 1 1343 „Aber Du, armes Kind!“ „Ich? Mein Gott, haben Sie nicht bemerkt, daß ich achtzig Franken für mich behielt? Ein junger Mann bedarf keiner Be⸗ quemlichkeiten, und ich weiß, was es heißt, zu reiſen.“ „Gut, ſei es, aber dieſe zweihundert Franks?“ „Hier ſind ſie, und auch noch zweihundert andere. Für hun⸗ ddert Franken habe ich meine Uhr verkauft und die Berloques für dreihundert. Wie lächerlich, Anhängſel, die dreimal mehr werth ſind, als die Uhr ſelbſt; ſtets dieſer Ueberfluß! Sie ſind alſo reich!“ „Aber müſſen wir in dieſem Hauſe etwas bezahlen?“ „Dreißig Franks; verſteht ſich, bezahle ich dieſe Summe von meinem Antheile, Sie ſehen, daß ich dennoch Ueberfluß habe. Das iſt jedoch noch nicht Alles, was ſagen Sie hierzu, Mama?“ Und Albert zog aus einem kleinen Notizbuche mit goldenem Schloß, einem Uieberbleibſel ſeiner ehemaligen Phantaſien und vielleicht irgend ein theures, zärtliches Andenken— ein Tauſend⸗ frankenbillet. „Aber was iſt das?“ fragte Mercedes. „Tauſend Franks, Mama!“ „Aber woher?“ „Das will ich Ihnen ſagen, aber bitte, regen Sie ſich nicht zu ſehr auf.“ Albert umarmte ſeine Mutter, küßte ſie zärtlich und rief mit tiefem, reinem Gefühl inniger kindlicher Liebe:. „Ach, ich kann nicht beſchreiben, wie ſchön ich Sie finde! Wirk⸗ lich, Mama, Sie ſind die ſchönſte und edelſte der Frauen, die ich je geſehen!“ „Liebes Kind,“ flüſterte Mercedes, und verſuchte umſonſt, eine in ihrem Auge perlende Thräne zurückzuhalten. wenMahrhaftig, Ihr Unglück hat meine Liebe in Anbetung ver⸗ wandelt!“ lange ich meinen Sohn habe,“ ſprach Mercedes. „Ach, theuerſte Mutter, da eben fängt die Probe an... Sie wiſſen was ausgemacht war?“ 4„Haben wir etwas ausgemacht, Albert?“ „Ja, es iſt ausgemacht, daß Sie in Marſeille wohnen ſollen, während ich nach Afrika gehe, um meinem neuen Namen Ehre zu machen.“ Mercedes ſeußzte tief. „Ich bin nicht unglücklich und werde nicht unglücklich ſein, ſo „Ja, Mama,“ fuhr der junge Mann, die Augen faſt beſchämt ſenkend, fort,„geſtern bin ich unter die Spahi's gegangen, ich gllaubte frei über meinen Körper verfügen zu können, und... er ſtockte wieder, denn er wußte ſelbſt das Erhabene ſeiner Hand⸗ lung,„ſeit geſtern habe ich ihn verkauft, und bin als Stellvertreter 1344 für Jemand eingetreten. O,“ fuhr er fort und verſuchte zu lächeln, „ich bin theurer als ich glaubte, denn ich gelte zweitauſend Franks.“ 5 „Alſo dieſe tauſend Franks....“ ſagte Mercedes zitternd. „Sind die Hälfte der Summe, Mama, die andere erhalte ich in einem Jahre.“ Mercedes blickte gen Himmel mit nicht wiederzugebendem Aus⸗ druck. Zwei lang verhaltene Thränen rannen ſchweigend ihre Wangen herab. „Der Preis ſeines Blutes!“ murmelte ſie. „Ja, wenn ich getödtet werde,“ rief Albert lachend.„Aber ich verſichere Dich, gute Mama, daß ich meine Haut tapfer ver⸗ theidigen werde, und nie ſo ſehr gewünſcht habe zu leben, als jetzt.“ „Mein Gott, mein Gott!“ hauchte Mercedes. „Weshalb ſollte ich auch gerade getödtet werden? Iſt Lamo⸗ ricière, dieſer Ney des Südens, Changarnier und Bedeau getödtet? Iſt endlich Morrel, den wir kennen, getödtet? O denke, Mama, wenn ich in meiner ſchön geſtickten Uniform zurückkehre! Ich erkläre, ſie wird mir prächtig ſtehen und ich habe dieſes Regiment aus Koketterie gewählt!“ Mercedes verſuchte vergeblich zu lächeln, dieſe edle Mutter be⸗ griff, daß ihr Sohn unmöglich die ganze Schwere des Opfers tra⸗ gen könne. 3„Sie ſehen, Madame,“ fuhr Albert fort,„daß viertauſend Franks ganz ſicher ſind, wovon Sie, wie ich hoffe, zwei Jahre gut werden leben können.“ „Glaubſt Du?“ Dieſe im tiefſten, nagendſten Schmerze geſprochenen Worte waren der Gräfin entſchlüpft, ihr wahrer Sinn entging Albert nicht, ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, er drückte ſeiner Mutter Hand zärtlich zwiſchen der ſeinen und rief: „Ja, Mutter, ja, Du wirſt leben!“ „Ich werde leben,“ rief Mercedes,„aber nicht wahr, mein einziges liebes Kind, Du wirſt nicht abreiſen?“— „Mutter, ich werde reiſen,“ ſprach Albert ruhig und feſt, „Sie lieben mich zu ſehr, um mich müßig und nichts nützend ſehen zu können, übrigens habe ich mich ja auch verpflichtet!“ „Handle nach Deinem Willen, mein Sohn, ich werde nach dem des Herrn handeln!“ „Nicht nach meinem Willen, Mutter, aber der Vernunft ge⸗ mäß, und weil die Nothwendigkeit gebietet. Wir ſind Beide ganz verzweifelt; nicht wahr? Was iſt das Leben heute für Sie! nichts! Und was iſt es für mich? Ach, ohne Sie, theure Mutter, ſehr wenig. Ach, glauben Sie mir, ohne Sie, theure liebe Mutter, würde ich an dem Tage aufgehört haben zu leben, an dem ich an meinen Vater zweifeln und ſeinem Namen entſagen mußte. lebe nur Sie mit Kufe erien u Belle ihn bitt ſehten! Monate ſal geſ und no⸗ den, der theure; leben un Ende er Mann, ſtens einfach ich rei Verſue entgeg ../ in ein der ie Mutt das lächeln, tauſend ternd. alte ich in Aus⸗ d ihre „Aber eer ver⸗ s jetzt.“ Lamo⸗ ttödtet? Mama, ſeerkläre, int aus tter be⸗ ers tra⸗ tauſend ahre gut Worte Albert ſeiner , mein i feſt, d ſehen ach dem nft ge⸗ de ganz nichts! r, ſehr Nutter, ich an e. Ich 1345 lebe nur, wenn Sie mir verſprechen, noch zu hoffen, und wenn Sie mir die Sorge für Ihre Zukunft überlaſſen, werden Sie meine Kräfte verdoppeln. Ich werde mich bei dem Gouverneur von Al⸗ gerien melden, er iſt ein edler Mann, und vorzüglich mit Leib und Seele Soldat, ich werde ihm eine traurige Geſchichte erzählen, und ihn bitten, ſeine Augen zuweilen nach der Seite zu richten, wo ich fehten werde, er wird mir Wort halten, und dann bin ich in ſechs Monaten entweder Officier oder todt! Bin ich Officier, ſo iſt Ihr Schick⸗ ſal geſichert, denn ich werde Geld für uns Beide haben, Mutter, ja und noch mehr, einen neuen Namen, auf den wir ſtolz ſein wer⸗ den, denn es iſt Ihr wahrer Name. Werde ich getödtet... nun, theure Mutter... ſo werden auch Sie vielleicht nicht lange mehr leben und unſer Unglück fällt in ſich ſelbſt zuſammen und hat ſein Ende erreicht.“ „Gut,“ entgegnete Mercedes mit ihrem edlen beredten Blicke, „Du haſt Recht, mein Sohn, zeigen wir gewiſſen Leuten, die uns beobachten, um uns nach unſern Handlungen zu richten, zeigen wir ihnen wenigſtens, daß wir werth ſind, beklagt zu werden.“ „Aber keine finſtern Gedanken, theure Mutter,“ rief der junge Mann,„ich ſchwöre Ihnen, daß wir glücklich ſind, oder es wenig⸗ ſtens werden. Sie ſind ſo geiſtreich und ergeben, ich aber bin einfach und ohne Leidenſchaft, ich hoffe! Einmal im Dienſt, werde ich reich ſein, wie Sie in Herrn Dantes Hauſe ruhig ſein werden. Verſuchen wir es wenigſtens, theure Mutter.“ „Ja, mein Sohn, denn Du mußt leben und glücklich ſein,“ entgegnete Mercedes. „Alſo wäre unſere Theilung geſchehen,“ entgegnete Albert, große Luſtigkeit erkünſtelnd,„und wir können noch heute abreiſen, denn Ihr Platz iſt beſtellt.“ „Aber der Deine, mein Kind?“ „Ich muß noch zwei bis drei Tage hier bleiben, es iſt ein Anfang der Trennung, Mutter, an die wir uns Beide durchaus gewöhnen müſſen. Ich bedarf noch einiger Empfehlungen und Rathſchläge für Afrika, und werde Ihnen dann nach NMarſeille nachkommen.“ „Gut, wir wollen reiſen,“ ſprach Mercedes, und wickelte ſich in einen großen ſchwarzen, ſehr werthvollen Cachemir, den einzigen, der ihr geblieben war. Albert nahm ſeine Papiere, bezahlte ſeine Rechnung, bot ſeiner Mutter den Arm, und Beide ſtiegen die Treppe hinab. Ein Herr, der vor ihnen gleichfalls die Treppe hinabſtieg, hörte das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes und ſah ſich um. „Dobray!“ murmelte Albert. „Siere, Morcerf,“ entgegnete der Secretair des Miniſters und blieb auf der Treppenſtufe ſtehen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 85 ——— ———— „ 4—— A——„ ——— 1346 Die Neugierde ſiegte bei Dobray über den Wunſch, ſein In⸗ cognito zu bewahren, um ſo mehr, da er ſchon erkannt war.— Es ſchien in der That piquant, in dieſem unbekannten Hotel den jungen Mann zu finden, deſſen trauriges Schickſal in ganz Paris ſo viel Aufſehen gemacht hatte. „Morcerf!“ wiederholte Dobray. Dann den ſchwarzen Schleier und die noch jugendliche Geſtalt der Frau von Morcerf gewahrend, fügte er lächelnd hinzu: „O Verzeihung, Albert, ich laſſe Sie allein.“ Albert verſtand Dobray's Gedanken. „Mutter,“ ſprach er, ſich zu Mercedes wendend,„dies iſt Herr Dobray, Secretair des Herrn Miniſters des Innern, einer mei⸗ ner ehemaligen Freunde.“ „Wie ehemalig,“ ſtotterte Dobray,„was wollen Sie ſagen?“ „Ich ſage ſo, Herr Dobray,“ entgegnete Albert,„weil ich heute keine Freunde mehr habe und nicht mehr haben darf, ich dane Ihnen herzlich, mein Herr, daß Sie mich wieder erkannt aben.“ — SDöbray eilte auf Morcerf zu und drückte ihm kräftig die and. „Albert,“ ſprach er, ſo bewegt er nur ſein konnte,„mein lieber Albert, glauben Sie mir, daß ich den tiefſten Antheil an Ihrem Unglück genommen habe, und ich ſtelle mich in jeder Hin⸗ ſicht zu ihrer Verfügung.“ „Dank, mein Herr,“ entgegnete Albert lächelnd,„aber unge⸗ achtet dieſes Unglücks ſind wir dennoch reich genug, um Niemandes Hilfe zu bedürfen; wir verlaſſen Paris, und nachdem unſere Reiſe bezahlt iſt, bleiben uns dennoch fünf tauſend Franken.“ Dobray ward glühend roth, er hatte mehr als eine Million in ſeinem Taſchenbuche, und ſo wenig poetiſch ſein Geiſt auch war, dachte er doch unwillkürlich daran, daß in demſelben Hauſe zwei Frauen geweſen waren, von denen die Eine, wie ſie es verdiente, entehrt, mit anderthalb Millionen dennoch arm wegging, während die Andere ungerecht vom Schickſal behandelt, erhaben in ihrem Unglücke, im Beſitze ſo wenigen Geldes ſich reich fühlte. Dieſe Parallele machte ihn ganz verwirrt, dieſes Beiſpiel zerſchmetterte ihn, er ſtotterte einige Worte allgemeiner Höflichkeit und entfernte ſich raſch. An dieſem Tage hatten Dobray's Untergebene viel von ſeiner ärgerlichen Stimmung zu leiden, am Abend jedoch war er Eigen⸗ thümer eines ſehr ſchönen fünfzigtauſend Livres einbringenden Hauſes am Boulevard de la Madelaine. Gerade als er den Kaufcontract unterzeichnete, d. h. gegen fünf Uhr Abends geleitete Albert ſeine Mutter, nachdem ſie zärt⸗ lich von einander Abſchied genommen hatten, an den Wagen, der ſich hinter ihr ſchloß. Eine die gefähr der Hof Die ſdoch die ier Eing Lichter Dies pelt ſo d värter di aalten du dd ſe ührer Kre Die inigen moraliſch irren vo 1 laufende nannte ui die OII iönen et S und gan en In⸗ Hotel ganz Geſtalt t Herr er mei⸗ agen?“ ſeil ich rf, ich erkannt ig die „mein heil an er Hin runge⸗ mandes e Reiſe Million h war, ſe zwei diente, ährend ihrem eiſpiel lichkeit ſeiner Eigen⸗ genden gegen zärt⸗ , der — 1347 In einem der vergitterten Fenſter des Entreſols, in dem großen Hofe des weiten Poſtgebäudes, ſtand ein Mann, der Mercedes ein⸗ ſteigen und fortfahren, Albert ſich entfernen ſah. Mit der Hand über die Stirn ſtreichend, rief dieſer Mann: „Ach, durch welches Mittel kann ich dieſen beiden Unſchuldi⸗ gen das Glück wiedergeben, welches ich ihnen nahm?“ „Gott wird mir helfen.“ CIV. 2 Die Löwengrube. Eine der Abtheilungen des Gefängniſſes la Force, die, welche die gefährlichſten und verſchmitzteſten Verbrecher einſchließt, heißt der Hof Saint⸗Bernard. Die Gefangenen in ihrer energiſchen Sprache, nannten ihn jedoch die Löwengrube, wahrſcheinlich, weil die ſcharfen Zähne der hier Eingeſperrten zuweilen die Gitter und noch öfter ſogar ihre Wächter beißen. Dies iſt ein Gefängniß im Gefängniß, die Mauern ſind dop⸗ pelt ſo dick als die andern, jeden Tag unterſucht ein Gefängniß⸗ wärter die Gitterſtangen, und an der herkuliſchen Geſtalt und dem kalten durchdringenden Blick dieſer Wächter konnte man leicht ſehen, daß ſie gewählt waren, um dieſes wüſte Volk durch Schrecken vor ihrer Kraft und Umſicht zu beherrſchen. Dieſer Hof iſt mit dicken Mauern umgeben, welche zuweilen einigen ſchrägen Strahlen der Sonne einen Blick in dieſen Abgrund moraliſcher und phyſiſcher Häßlichkeit geſtatten. In dieſem Raume irren von Anbruch des Tages an die bleichen, gierigen, ſcheußlichen Geſtalten derer gleich Schatten umher, die die menſchliche Gerech⸗ tigkeit hier unſchädlich gemacht hat. 5 Sie lehnen ſich an die Mauer, welche die meiſte Wärme ent⸗ hält, mit einander ſchwatzend oder auch allein, ſtarren Blicks nach der Thür ſchauend, die ſich zuweilen öffnet, um einen dieſer finſtern Bewohner den Austritt zu geſtatten, oder dieſem Auswurf der Ge⸗ ſellſchaft ein neues Mitglied beizugeſellen. Der Hof Saint⸗Bernard iſt durch eiſerne, nebeneinander hin⸗ laufende Gitter, die drei Fuß von einander getrennt ſind, in ſoge⸗ nannte Sprachzimmer abgetheilt, doch iſt die Einrichtung der Art, daß die Beſucher den Gefangenen weder die Hand drücken, noch ihnen etwas zuſtecken können. Dieſer Aufenthalt iſt finſter, feucht und ganz beſonders ſchrecklich, wenn man bedenkt, wie viel entſetzliche 85⁵* 1348 Gepeindüſſe ſich durch die Gitter dieſer eiſernen Zellen gedrängt aben. h Und dennoh iſt dieſer ſchreckliche Ort ein Paradies ſich darin zu ergehen, für die, deren Tage gezählt ſind, denn nur höchſt ſelten kommt Jemand aus der Löwengrube anders wohin, als nach der Barrierre Saint⸗Jaques, dem Bagno oder den Zellengefängniſſen. In dieſem naßkalten, eben beſchriebenen Hofe ſpazierte, die Hände in den Taſchen ein junger Mann auf und ab, den die Uebrigen mit großer Neugierde betrachteten. Er hätte für einen Elegant gelten können, wäre ſeine Kleidung, die jedoch noch gar nicht abgenutzt war, an einzelnen Stellen nicht zerfetzt geweſen, was der Träger jedoch gewandt zu ver⸗ decken ſuchte. angenommen, und ſeinen eleganten Stiefeln ſuchte er den Glanz zu erhalten, indem er mit einem reichgeſtickten Taſchentuche darüber hinfuhr in deſſen Ecken eine Krone zu ſehen war. Einige der Gefangenen folgten mit ſichtbarer Spannung den 1 Demühungen des jungen Mannes, ſeine Toilette in Ordnung zu ringen.. 3 ¹ „Sieh, wie der Prinz ſich ſchön macht,“ ſagte der Eine. „Ja, wahrhaftig,“ rief ein Anderer,„und hätte er Kamm und Pommade, ſo würde er alle die Herren in weißen Handſchuhen ausſtechen.“ „Sein Anzug muß ſehr ſchön geweſen ſein, und wie ſeine Stiefeln blitzen, o, es iſt ſchmeichelhaft für uns, ſo elegante Ge⸗ fährten zu haben! Pfui über die neidiſchen, ſchurkiſchen Gensdar⸗ men, eine ſo noble Toilette zu zerſtören....“ 1 „Er ſcheint ſehr gerieben,“ nahm wieder ein Anderer das Wort,„er hat Alles verſucht und auf großartige Weiſe .. er kommt, ſo jung, ſchon von— da unten— o, das iſt prächtig!“ Und der Gegenſtand dieſer ſcheußlichen Bewunderung, ſchien das Geräuſch dieſer Lobeserhebungen einzuſaugen, denn die Worte verſtand er nicht. Mit ſeiner Toilette fertig, trat er an das Schubfenſterchen des Wärterhäuschens und ſprach zu dem Aufſeher: „Mein Herr, borgen Sie mir zwanzig Franks, ſie werden Ihnen wiedererſtattet werden, bei mir haben Sie nichts zu fürch⸗ ten. Bedenken Sie, daß meine Verwandten mehr Millionen be⸗ ſitzen, als Sie Pfennige haben Alſo bitte, zwanzig Franks, damit ich mir einen Hausanzug beſorgen kann, ich leide entſetzlich, ſtets gleich gekleidet ſein zu müſſen, ja, und welcher Anzug für einen Prinzen Cavalcanti!“ Der Wärter drehte ihm achſelzuckend den Rücken,s er lachte ch, un 1nig, d Sein feines Batiſt⸗Hemd hatte eine gewiſſe unkenntliche Farbe ichl einma iünicer ge wbeh ei di inſhalen Sämm ,30 unſelige S d verſchff Vrne ſtütz uuhl für e „5 7 folz„bel „Sie fandelt S Die herausfor Sturm ern fangenen. Der ſuchte ſich Die „Die Say ſo unglüc hen, ſo vaten, ſ Ande kbiit, die ſe die ha iner Fl egießen. gedrängt ſich darin ſchſt ſelten nach der ingniſſen. zierte, die den die Kleidung, Stellen zu ver⸗ liche Farbe den Glang he darüber ennung den adnung zu Eine. er Kamm dandſchuhen wie ſeine egante Ge⸗ Gensdar⸗ nderer dos rtige Weiſe „o, das iſt ung, ſcien 3 die Worte pfenſterchen ſie werdnn z zu fürc⸗ illionen 4 ig Fran, entſeblit, Anzug für zer lache 1349 nicht einmal mehr über dieſe Worte, ſo ſehr war er dieſer und ähnicher gewohnt. „Gehen Sie,“ fuhr Andrea fort,„Sie ſind ein herzloſer Menſch, und ich werde ſorgen, daß Sie Ihre Stelle verlieren.“ Bei dieſen Worten drehte ſich der Wärter um und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Sämmtliche Gefangene traten näher und bildeten einen Kreis. „Ich ſage Ihnen,“ nahm Andrea wieder das Wort,„dieſe armſelige Summe reichte hin, mir einen Anzug und ein Zimmer zu verſchaffen, damit ich den erlauchten Beſuch würdig empfangen kann, dem ich von Tag zu Tage entgegenſehe.“ „Er hat Recht! er hat Recht!“ riefen die Gefangenen.„Wahr⸗ haftig, man ſieht, es iſt ein Mann von Welt!“ „Nun gut,“ ſagte der Wärter, ſich auf einen ſeiner koloſſalen Arme ſtützend,„ſo leihen Sie ihm dieſe Summe, das können Sie wohl für einen Kameraden thun.“ „Ich bin kein Kamerad dieſer Leute,“ ſprach der junge Mann ſtolz,„beleidigen Sie mich nicht, dazu haben Sie kein Recht!“ „Sie hören es,“ ſagte der Wärter höhniſch lächelnd,„er be⸗ handelt Sie ganz nett, leihen Sie ihm doch zwanzig Franks, he?“ Die Diebe ſahen einander murmelnd an, mehr noch dieſe Herausforderung als Andrea's Worte reizten ihren Zorn, ein Sturm erhob ſich, grollend blickten Alle auf den ariſtokratiſchen Ge⸗ fangenen. 9 Der Wärter zog ſich klüglich zurück, ließ ſie gewähren und ſuchte ſich während deſſen eine ſtärkende Erquickung zu verſchaffen. Die Gefangenen umringten Andrea und murmelten: „Die Savate! die Savate!“ Savate iſt ein abgetragener Schuh; iſt nun ein Gefangener ſo unglücklich geweſen, ſich die Ungnade ſeiner Gefährten zuzuzie⸗ hen, ſo ſchlagen ſie ihn braun und blau, und zwar nicht mit Sa⸗ waten, ſondern mit eiſenbeſchlagenen Schuhen. Andere ſchlugen die Ang uil le vor, eine andere Art von Ergötzlich⸗ keit, die darin beſtand, Tücher mit Sand, Kieſelſteinen und wenn ſie die hatten, mit Kupfermünzen zu füllen, und dies Alles gleich ner. Fluth über den Kopf und Schultern der Bedrohten zu ergießen. 3„Peitſchen wir ihn,“ ſchrieen Andere. Aber Andrea wandte ſich zu ihnen, blinzelte mit den Augen, blies die Backe mit der Zunge auf, und ließ jenes Klappern der Lippen hören, welches tauſend Zeichen des Einverſtändniſſes unter den zum Schweigen verpflichteten Banditen gleich gilt. Es war ein ganz allgemein bekanntes und verſtandenes Zei⸗ chen, was ihm Carderouſſe beigebracht hatte. Sie erkannten einen der Ihren. Sogleich ſanken die Tücher, der Eiſenſchuh fand wieder am 13⁵0 Fuße Platz, das Murren ſchwieg, beifällige Worte wurden laut, die Emeute zog ſich zurück. Der Wächter war ſo überraſcht, daß er augenblicklich Andrea ergriff, um ihn zu durchſuchen, denn er war überzeugt, irgend einen wichtigen Beweis der Bezauberung ſämmtlicher Gefangenen in der Löwengrube zu finden.. Nicht ohne Widerſtand ließ Andrea dies geſchehen. Plötzlich ertönte vom Gitter her die Stimme eines Aufſehers: „Benedetto!“ Der Wächter ließ ſeine Beute fahren. „Man ruft mich!“ ſprach Andrea. 4 „In das Sprachzimmer!“ ſagte die Stimme. ahm eir „Sehen Sie, man ſtattet mir einen Beſuch ab.... O, mein„Le lieber Herr, Sie werden ſehen, daß man einen Cavalcanti nicht. wie jeden andern gewöhnlichen Menſchen behandelt!“ Andrea eilte durch den Hof und entſchwand den Blicken ſeiner erſtaunten Gefährten und des eben ſo erſtaunten Wächters. Der pfiffige junge Böſewicht hatte keine der gewönlichen Liſten und Kunſtgriffe anderer Gefangener angewandt, auch an Niemand geſchrieben, ſondern ein ſtoiſches Stillſchweigen beobachtet. 1 Er ſagte ſich: Augenſcheinlich protegirt mich eine ſehr mächtige Perſon, dieſes plötzliche Vermögen, dieſe Leichtigkeit, mit der ich jedes Hinderniß beſiegte, dieſe improviſirte Familie, dieſer mir zu- getheilte edle Name, der Geldüberfluß, dieſe hohen Verbindungen, Alles liefert den Beweis dafür. Eine unglückliche Abweſenheit meines Beſchützers hat mich, Gott ſei Dank jedoch nicht für immer, geſtürzt. Die beſchützende Freundeshand, die ſich zufällig einen Augenblick zurückzog, wird nicht fehlen, wenn ich am Rande eines wirklichen Abgrundes ſtehe. Weßhalb ſoll ich einen unvorſichtigen Schritt thun? Dadurch würde ich mich vielleicht meines Beſchützers berauben. Er kann michl auf zweierlei Weiſe aus der Affaire ziehen: durch geheimnißvolle Entführung oder Beſtechung der Richter; mit Geld iſt Beides mög⸗ lich. Ja, ja, erſt will ich warten, ob man mich ganz vergeſſen hat, und dann... al Andrea hatte einen geſchickten Plan entworfen, dieſer Nieder⸗ trächtige war unerſchrocken im Angriff und roh in der Vertheidi⸗ gung. Er war nahe daran allen Muth zu verlieren, als er in das Sprachzimmer gerufen ward. Sein Herz hüpfte vor Freude, es war zu früh, als daß es der Inſtructionsrichter hätte ſein können, und zu ſpät für den Arzt, es war alſo ein Beſuch. Seine neugierigen, weit aufgeriſſenen Augen gewahrten hinter dem Gitter die finſter, gleichgiltige Geſtalt Meſſer Bertuccio's, der ihn ſeinerſeits mit ſchmerzlichem Staunen betrachtete. 3 Alles drehte ſich vor Andrea's getäuſchten Augen. O, mein nti nicht ken ſeiner 6 ben Liſten Niemand mächtige it der ich mir zu⸗ indungen, weſenheit ür immer, ig einen unde eines Dadurch kann mich mnnißvolle des mög⸗ eſſen hat, Nieder⸗ ertheidi⸗ r in das s daß es den Arzt, —n hinter ios, der 1351 „Guten Tag, Benedetto,“ ſagte Bertuccio mit ſeiner tiefen Stimme. „ Ihr! Ihr!“ ſagte der junge Mann, erſchreckt um ſich ſehend. „Erkennſt Du mich nicht, unglückliches Kind?“ „Still doch, ſtill,“ ſagte Andrea, der das feine Gehör dieſer Mauern kannte,„mein Gott, ſprecht doch nicht ſo laut!“ „ Nicht wahr,“ fuhr Bertuccio fort,„Du möchteſt mit mir allein ſprechen?“ „Ja, ja!“ „Gut.“ Und Bertuccio winkte einem in der Nähe ſtehenden Wärter, nahm ein Papier aus der Taſche, reichte es ihm, und ſprach: „Leſen Sie!“ „Was iſt das?“ fragte Andrea. „Der Befehl, Dir ein eignes Zimmer anzuweiſen und mich mit Dir verkehren zu laſſen.“ „Oh!“ rief Andrea freudig. Und dann dachte er: „Man vergißt mich nicht, ſtets dieſer unbekannte Beſchützer, man wünſcht mir mein Geheimniß zu entlocken.... Bertuccio iſt deßhalb abgeſchickt, aber ich werde es bewahren.“ „Wenige Augenblicke danach führte man Beide in ein auf den Hof gehendes Zimmer der erſten Etage, welches ganz freundlich ausſah. Es hatte einen Ofen, ein Bett, einen Stuhl, einen Tiſch und war weiß angeſtrichen, wie das Brauch in den Gefängniſſen iſt. Bertuccio ſetzte ſich auf einen Stuhl, Andrea nahm auf dem Bette Platz, der Wächter zog ſich zurück. „Laß ſehen,“ ſprach der Haushofmeiſter,„was haſt Du mir zu agen?“ 5 3„Und Ihr?“ fragte Andrea. „Sprich Du nur zuerſt....“ „O nein, Ihr habt mir gewiß Manches mitzutheilen, denn Ihr habt mich aufgeſucht.“ „Nun wohl, ſei es! Du biſt, wie ich ſehe, immer ſchlechter geworden, erſt haſt Du geſtohlen, dann gemordet.“ „Ach, habt Ihr nur deßhalb ein beſonderes Zimmer verlangt, mir ſolche Dinge zu ſagen? Ich weiß das Alles, und ziehe vor, etwas zu erfahren, was ich noch nicht weiß. Sprechen wir alſo gefälligſt davon. Wer hat Euch geſchickt?“ „O, o, Sie haben Eile, mein Herr Benedetto.“ „ Nicht wahr? und weßhalb nicht? Wir wollen alle unnützen Worte ſparen, alſo— wer hat Euch geſchickt?“ „Niemand.“ „Ei, woher wißt Ihr, daß ich im Gefängniſſe bin?“ „Ach, es iſt ſchon lange, daß ich in dem faſhionablen unbe⸗ 135⁵2 ritt, Benedetto erkannte.“”“ „Elyſäiſche Felder, aha, wir rücken etwas näher, und fühlen auf den Zahn, wie man zu ſagen pflegt.... Wollen wir ein wenig von meinem Vater ſprechen?“... „Was bin ich denn?“ „Ihr, ſehr werther Herr, ſeid mein Adoptiv⸗Vater, und ich glaube gerade nicht, daß Ihr zu meinem Beſten hunderttauſend Franks hingegeben habt, die ich in vier bis fünf Monaten verſchlang. ... Nicht Ihr habt mir einen edlen italieniſchen Vater verſchafft, nicht Ihr habt mich in die Welt eingeführt und zu einem gewiſſen Diner eingeladen, das mir noch jetzt die Zunge kitzelt. Ja, ja, das war in Auteuil mit der beſten Geſellſchaft in Paris, auch der Pro⸗ curator des Königs war dabei, und ich habe ſehr unrecht gethan, namentlich dieſe Bekanntſchaft nicht fortzuſetzen, wie nützlich würde mir das jetzt ſein.... Aber ſprecht, edler Corſe, ſprecht.“... „Was ſoll ich denn ſagen?“ „Ich werde Dir helfen. So eben ſprachſt Du von den Ely⸗ ſäiſchen Feldern, mein würdiger Pflegevater.“ „Nun!“ „Nun, da wohnt ein ſehr, ſehr reicher Herr.“— „Bei dem Du geſtohlen und gemordet haſt, nicht wahr?“ „Ich glaube, ja.“ „Der Herr Graf von Monte⸗Chriſto.“ „ Ihr habt ihn genannt, nun wohl, ſoll ich mich in ſeine Arme ſtürzen, ihn an mein Herz drücken, und— mein Vater, o mein Vater ſchreien?“ „Halt da,“ ſprach Bertuccio gravitätiſch,„kein ſolcher Scherz in Verbindung mit dieſem Namen, wenn ich bitten darf.“ „Bah,“ ſagte Andrea, etwas verlegen über Bertuccio's Ernſt, „weshalb denn nicht?“ „Weil der, welcher dieſen Namen trägt, vom Himmel zu ſehr begünſtigt iſt, um der Vater eines ſolchen Schuftes zu ſein.“ „O, große Worte....“ „Und große Wirkungen, wenn Du Dich nicht in Acht nimmſt.“ „Drohungen? die fürchte ich nicht... ich werde ſagen....“ „Glaubſt Du, es mit Jemand Deines Gleichen zu thun zu haben?“ fragte Bertuccio ſo ruhig und ſo feſten Blicks, daß An⸗ drea bis in das Innerſte ſeines Herzens dadurch erſchüttert ward. ....„Benedetto, Dein Geſchick liegt in furchtbarer, mächtiger Hand, dieſe Hand will ſich für Dich öffnen, benutze das! Hüte Dich, und ſpiele nicht mit der Gefahr, die drohender denn je über Dich her⸗ einbrechen kann.“ 4 „Mein Vater.... ich will wiſſen, wer mein Vater iſt....“ rief der Starrkopf,„er wird mich vielleicht verderben, aber ich will es und werde es wiſſen. Ihr habt, ungeachtet Eures Geldes, ſtets ſorgten jungen Herrn, der ſo grazieus durch die Elyſäiſchen Felder ſeinige i ſeinige . Bertucci „5 vergitter werden M M Noirtie der Pr Vi leicht ſ Greſſe ſproche gen Re nnige richt w ſichtern ℳ e3. llefor Arme mein Scherz Ernſt, u ſehr 7 unſt.“ 7 mn zu 3 An⸗ ward. Hand, „ und her⸗ uil ſtets 1353 etwas zu verlieren, aber ich.... was frage ich nach Aufſehen? was kümmere ich mich um Ruf und Ehre? bah.. ich will wiſſen, wer mein Vater iſt?...“ „Ich bin gekommen, um es Dir zu ſagen.“ Benedetto's Augen funkelten vor Freude. 33 In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, der Wächter er⸗ ſchien, wandte ſich an Bertuccio und ſprach: „Verzeihung, mein Herr, aber der Inſtructionsrichter erwartet den Gefangenen.“ „ Das iſt die Stunde meines Verhörs,“ ſagte Andrea zu dem Haushofmeiſter.....„Zum Teufel mit dem Ueberläſtigen!“ „ Ich werde morgen wiederkommen,“ ſagte Bertuccio. „Gut,“ entgegnete Andrea.„Meine Herren Gensdarmen, ich ſtehe zu Dienſten... Ach, lieber Herr, laſſen Sie mir doch etwa zehn Thaler hier, damit man mir giebt, weſſen ich bedarf.“ „Es ſoll geſchehen,“ entgegnete Bertuccio. Andrea reichte ihm die Hand, der Haushofmeiſter behielt die ſeinige in der Taſche und klimperte mit Geld.. „Ja, ja, ſo meinte ich es,“ ſagte Andrea grinſend und durch Bertuccio's Ruhe beherrſcht. „Sollte ich mich geirrt haben?“ ſagte er, in den länglichen vergitterten Wagen ſteigend, den man Salatkorb nannte.„Wir werden ſehen! Alſo morgen,“ rief er dann Bertuccio zu. „Morgen!“ entgegnete dieſer. 4 CV. Der Michter. Man wird ſich erinnern, daß der Abbé Buſoni allein mit Noirtier in dem Sterbezimmer geblieben war, und daß der Greis und der Prieſter den Körper des jungen Mädchens bewachten. Vielleicht hatten die chriſtlichen Ermahnungen des Abbé, viel⸗ leicht ſeine Milde, vielleicht auch ſein überredendes Wort dem Greiſe ſo viel Muth verliehen, denn ſeit er mit dem Prieſter ge⸗ ſprochen hatte, war Noirtiers furchtbare Verzweiflung einer ruhi⸗ gen Reſignation gewichen, die Jeden überraſchte, der ſeine warme, innige Neigung für Valentine kannte. Seit der Sterbeſtunde hatte Herr von Villefort ſeinen Vater nicht wieder geſehen, im ganzen Hauſe begegnete man neuen Ge⸗ ſichtern, denn dit ganze Dienerſchaft hatte erneut werden müſſen. In zwei bis drei Tagen ſollten die Aſſiſen eröffnet werden, Villefort war in ſein Cabinet eingeſchloſſen und verfolgte in fie⸗ 1354 berhafter Thätigkeit den Proceß gegen Caderouſſe's Mörder. Dieſe Angelegenheit hatte, wie jede in die der Graf von Monte⸗Chriſto verwickelt war, großes Aufſehen in der Pariſer Welt gemacht. Die Beweiſe waren nicht hinlänglich überzeugend, weil ſie auf einigen, von der Hand eines ſterbenden Sträflings geſchriebenen Worten be⸗ ruhten, der ſeinen Gefährten anklagte. Konnte nicht Haß oder Rache im Spiele ſein? Aber der Procurator des Königs hatte die ſchreckliche Ueberzeuguug, daß Benedetto ſchuldig ſei, und dieſe gab ſeiner Eigenliebe noch die einzige Befriedigung, die die Fibern ſei⸗ nes erſtarrten Herzens noch einigermaßen zu beleben vermochten. Der Proceß war alſo eingeleitet, Dank Villeforts unausgeſetz⸗ ter Arbeit, der die Aſſiſen damit eröffnen wollte. Auch war er genöthigt, ſich noch mehr als gewöhnlich zurückzuziehen, um der Menge von Anfragen auszuweichen, die an ihn um Einlaßkarten ergingen. Uebrigens war ſeit dem Tode der armen Valentine erſt ſo kurze Zeit vergangen, daß Niemand ſich über den Schmerz des Vaters, und ſeine Art, ſich durch Arbeit von dieſem Schmerze ab⸗ ziehen zu laſſen, wunderte. Ein einziges Mal, und zwar den Tag nach Bertuccio's zwei⸗ tem Beſuche bei Andrea, an einem Sonntage, hatte Villefort ſeinen Vater geſehen, and zwar als der Procurator, von der Arbeit ganz erſchöpft in den Garten gegangen war und finſtern Gedanken nach⸗ hängend, mit ſeinem Spazierſtöckchen die Köpfe der hervorſtehen⸗ den Pflanzen abſchlug, und die verſpäteten Roſen knickte, die mit ihren üppigen farbenreichen Blumen an den entſchwundenen Lenz erinnerten. Schon mehr als zweimal war er ein und dieſelbe Allee auf⸗ und abgegangen, als ſeine Augen ſich mechaniſch auf das Haus richteten, mo er ſeinen Sohn lärmend ſpielen hörte, der ſtets den Sonntag und Montag bei ſeiner Mutter zubrachte. Da ſah Villefort an einem der offenen Fenſter ſeinen Vater, der, von den noch warmen Strahlen der ſcheidenden Sonne gelockt, ſeinen Armſtuhl an das offene Fenſter hatte rücken laſſen. Die letzten Herbſtblumen hauchten ihre erſten Düfte aus, wilder Wein rankte ſich um die Fenſter und der Balcon war mit ſchon rothwerdenden Schlinggewächſen bezogen. 3 Des Greiſes Auge war ſtarr auf einen Punkt geheftet, den der Procurator nur unvollkommen ſehen konnte. Noirtiers Blick war ſo gehäſſig, ſo glühend und wild, daß ſein Sohn, den Aus⸗ druck dieſes gewaltigen Auges kennend, ſich beeilte, zu ſehen, wem dieſer ſchreckliche Blick galt. Unter einem ſchönen, ſchon mit gelben Blättern geſchmückten, ———— ja theilweiſe ſchon entblätterten Lindenbaum, ſah er Frau v. Ville⸗ fort leſend ruhen. Von Zeit zu Zeit unterbrach ſie ihre Lectüre ¹ um iht uzuwen Ju 8 wolle. d aber Ball g kleine keit ſch Mühe, Bosket vor Lu Stirn, Sohn eine N T feſſelt, auf da und g in das ſem B Drohu ſeinen legte der in T ſchlif er pfle dem ſi nochma eine de vervoll zwei⸗ einen ganz nach⸗ ehen⸗ mit Lenz auf⸗ Haus den gater, llock, etzten ankte enden den Blic Aus⸗ wem ckten, Ville⸗ ctüre 1355 um ihrem Sohne zuzulächeln und ihm ſeinen elaſtiſchen Ball wieder zuzuwerfen, den er ſtets aus dem Salon in den Garten warf. Lilefort erbleichte, denn er wußte, was der Greis ſagen wollte. Dieſer blickte von ſeiner Schwiegertochter zu ſeinem Sohne, aber ſein Auge verlor den drohenden finſtern Ausdruck nicht. Frau v. Villefort ahnte nichts von alle dem, ſie hatte Eduards Ball gefangen, den dieſer mit einem Kuſſe auslöſen ſollte, aber der kleine Taugenichts ließ ſich lange bitten, die mütterliche Zärtlich⸗ keit ſchien ihm wahrſcheinlich keine genügende Belohnung für ſeine Mühe; endlich entſchloß er ſich, ſprang aus dem Fenſter in ein Bosket von Heliotropen und Tauſendſchönchen, und lief, glühend vor Luſt und Anſtrengung, zu ſeiner Mutter. Dieſe trocknete ſeine Stirn, drückte einen Kuß auf dieſes feuchte Elfenbein und ließ ihren Sohn dann wieder frei, den wiedererrungenen Ball in der einen, eine Menge Bonbons in der andern Hand. Villefort war durch eine unüberwindliche Anziehungskraft ge⸗ feſſelt, gleich dem von der Schlange bezauberten Vogel eilte er auf das Haus zu, aber je näher er demſelben kam, je unheimlicher und glühender verfolgte ihm Noirtiers Blick, von dem er ſich bis in das Innere des Herzens verzehrt füllte. Wirklich las er in die⸗ ſem Blicke zugleich einen blutigen Vorwurf und eine furchtbare Drohung. Noirtiers Augen blickten gen Himmel, als wolle er ſeinen Sohn an den vergeſſenen Schwur mahnen. „Ja, ja,“ ſprach Villefort,„Geduld, mein Herr, nur noch einen Tag Geduld, was ich geſagt habe, das iſt geſagt.“ Durch dieſe Worte ſchien Noirtier beruhigt, denn ſeine Augen ſahen gleichgiltig nach der andern Seite. Villefort riß heftig ſeinen Rock auf, der ihn zu erſticken drohte, legte ſeine leichenblaſſe Hand an ſeine feuchte Stirn und trat wie⸗ der in ſein Cabinet. Die Nacht verging kalt und ſtill, Jeder in dieſem Hauſe ſchlief wie immer, nur der Procurator wachte wie gewöhnlich, denn er pflegte ſtets noch zu arbeiten, während Andere ſich ſchon längſt dem ſüßen Schlummer überließen. Er hatte die Zeugen⸗Ausſagen nochmals nachgeleſen und geprüft, und dadurch ſeine Anklageſchrift, eine der geſchickteſten und gewandteſten, die er je bearbeitet, noch vervollſtändigt. Der Morgen des Montags, an dem die Aſſiſen eröffnet wer⸗ den ſollten, brach herein. Ein bleiches düſtres Licht drang durch die Vorhänge in das Zimmer und beleuchtete das Papier mit ſei⸗ nen feurigen Schriftzügen. Die Lampe des Procurators glimmte düſter und flackernd auf, und erloſch.... Villefort taumelte auf und öffnete das Fenſter, die Orangerie hauchte ſüßen Duft aus, aus unſerm bekannten Luzernfelde wir⸗ 1356 belte eine Lerche auf, dem Herrn der Welt ihren klaren Morgen⸗ geſang darbringend.. Die feuchte Luft der Morgendämmerung erquickte Villeforts heiße Stirn und rief ſeine Erinnerung wach.. „ Alſo heute,“ murmelte er,„heute, heute,“ fuhr er matt fort, „wird der Richter den Schuldigen treffen, wo er ihn findet!“ Unwillkürlich blickte er nach Noirtiers Fenſter. Die Vorhänge waren herabgelaſſen. UHUnvd doch ſtand das Bild des Greiſes ſo lebhaft vor ihm, daß es ihm war, als ſehe er dſſen drohendes Antlitz durch die geſchloſſe⸗ nen Fenſter. 1 „Ja,“ flüſterte er,„ja, ſei ruhig!“ Sein Kopf ſank ſchwer auf die Bruſt, er ging einige Mal in dem Cabinet auf und ab, dann ſank er auf ein Ruhebett, weniger zum Schlafen als zur Erholung ſeiner durch Kälte und Arbeit bis in das Mark der Knochen ſteif gewordenen Glieder. Nach und nach ward Alles im Hauſe wach: Villefort vernahm das immer reger werdende Dreiben, Thüren wurden geöffnet und geſchloſſen, Frau von Villeforts Klingel ertönte, Eduard kam, freu⸗ dig jauchzend aus ſeinem Zimmer geſprungen, wie das Kindern ſeines Alters eigen zu ſein pflegt. Nun ſchellte auch der Procurator. Sein neuer Kammerdiener trat ein und brachte die Tagesblätter und eine Taſſe Chocolade. „Was bringſt Du?“ fragte Villefort. „Eine Taſſe Chocolade.“ „Ich habe ja nichts verlangt, wer ſorgt denn ſo für mich?“ „Die gnädige Frau hat gemeint der gnädige Herr hätte heute piel zu ſprechen und bedürfe der Stärkung.“ Und der Kammerdiener ſetzte die goldne Taſſe auf einen kleinen, mit Papieren bedeckten Tiſch, neben dem Sopha, und ent⸗ fernte ſich. Einen Augenblick ſah Villefort die Taſſe düſter zweifelnd an, dann ergriff er ſie heftig und leerte ſie in einem Zuge, ohne ein⸗ zuhalten. Es war faſt, als hoffte er, das Getränk werde tödtlich ſein und ihn alſo von der Erfüllung einer Pflicht befreien, die ihm weit ſchwerer war, als der Tod. Dann ging er wieder auf und ab, auf eine Weiſe lächelnd, die Jeden erſchreckt haben würde, der es hätte ſehen können. Die Chocolade war unſchädlich geweſen. 5 Die Frühſtückſtunde ſchlug, der Procurator nahm keine Notiz davon.. Der Kammerdiener trat wieder ein. „Die gnädige Frau läßt den gnädigen Herrn benachrichti⸗ gen, daß es Eilf geſchlagen hat, und daß die Sitzung um Zwölf beginnt.“ „Nun?“ dann z und d der kle bevor lagen 1 Sie weßhe mitne 8 Antwo eine E „ſpil ſehl e ſe bleiern ſcrect 1357 Die gnädige Frau hat Toilette gemacht, iſt ganz bereit, und fragt, ob ſie den gnädigen Herrn begleiten ſoll?“ „Wohin?“ „In den Palaſt.“ „Aber weßhalb?“ „Die gnädige Frau wünſcht dieſer Sitzung beizuwohnen.“ „Ach,“ ſagte Villefort faſt erſchreckt,„das wünſcht ſie?“ Der Diener trat beſtürzt einen Schritt zurück und entgegnete: „Wenn der gnädige Herr allein gehen will, werde ich es der gnädigen Frau ſagen.“ Villefort ſtrich ſinmm mit den Nägeln über ſeine bleiche, durch einen ebenholzſchwarzen Bart eingefaßte Wange. „Sage der gnädigen Frau,“ ſprach er endlich,„daß ich ſie zu ſprechen wünſche, und ich bitte, mich in ihrem Zimmer zu er⸗ warten.“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Dann kehre gleich zurück, um mich zu raſiren und anzu⸗ kleiden.“ „Sehr wohl.“ Nachdem Alles beſorgt, und der Procurator ſehr ſorgfältig ſchwarz gekleidet war, ging er, ſeine Acten unter dem Arm, den Hut in der Hand, nach dem Zimmer ſeiner Frau. An der Thür ihres Boudoirs blieb er einen Augenblick ſtehen, um mit dem Tuche ſeine in Schweiß gebadete Stirn zu trocknen, dann— trat er ein. 4 Frau von Villefort ruhte, halb liegend, auf einer Ottomane und durchblätterte ungeduldig einige Journale und Brochüren, die der kleine Eduard ſich das Vergnügen machte zu zerreißen, noch bevor ſeine Mutter ihre Lectüre geendet hatte. Sie hatte vollſtändig Toilette gemacht, Hut und Handſchuhe lagen neben ihr. „Ach, da ſind Sie ja,“ rief ſie ruhig,„mein Gott, wie bleich Sie ſind! Sie haben gewiß die ganze Nacht hindurch gearbeitet, weßhalb frühſtückten Sie nicht mit uns? Nun, wollen Sie mich mitnehmen, oder ſoll ich mit Eduard allein gehen?“ Frau von Villefort hatte auf dieſe vielen Fragen gewiß viele Antworten erwartet, aber ihr Gemahl blieb kalt und ſtumm wie eine Statue. „Eduard,“ ſagte er endlich, das Kind herriſch anblickend, „ſpiele im Salon, ich muß mit Deiner Mutter allein ſprechen.“ Frau von Villefort zitterte. Eduard hatte ſeine Mutter angeſehen, und da dieſe den Be⸗ fehl ſeines Vaters nicht beſtätigte, fuhr er ungeſtört fort, einigen bleiernen Soldaten die Köpfe umzudrehen. „Eduard?“ ſchrie der Procurator ſo barſch, daß das Kind er⸗ ſchreckt von dem Teppich aufſprang,„hörſt Du nicht? geh!“ 1358 Solcher Behandlung gar nicht gewohnt, war der Knabe ganz blaß, vielleicht noch mehr aus Zorn, als aus Furcht. Sein Vater eilte auf ihn zu, küßte des Knaben Stirn, und ſprach milder:„Geh, mein Kind, geh.“ Cduard verließ das Zimmer.— ere von Villefort verſchloß und verriegelte die Thüre hin⸗ ter ihm. „O mein Gott,“ ſagte die junge Frau beſtürzt, und ihren Mann forſchend anblickend,„was giebt es denn?“ „Madame, wo verwahren Sie das Gift, deſſen Sie ſich ge⸗ wöhnlich bedienen,“ ſprach der Procurator ſcharf, indem er ſich zwiſchen ſeine Frau und die Thür ſtellte. Frau von Villefort empfand ohne Zweifel, was die Lerche empfindet, wenn ſie die Weihe in immer engern Kreiſen um ihren Kopf ſchweben ſieht. Ein heiſerer, dumpfer Ton, der weder Schrei noch Seufzer war, entrann ſich ihrer Bruſt, ſie ward leichenhaft blaß. „Mein Herr,“ ſtotterte ſie,„ich... ich begreife nicht!“ Und ſie ſank betäubt in ein Sopha. „Ich fragte,“ fuhr Villefort fort, und zwar jetzt vollkommen ruhig,„wo Sie gewöhnlich das Gift zu verwahren pflegen, mit dem Sie meinen Schwiegervater, meine Schwiegermutter, den armen Barrois und Valentine getödtet haben.“ „O mein Herr,“ ſchrie Frau von Villefort, die Hände faltend, „o was ſagen Sie?“ 5 3 „Sie ſollen nicht fragen, ſondern antworten.“ „Wem? dem Richter oder dem Gemahl?“ ſtotterte Frau von Villefort. „Dem Richter, Madame, dem Richter!“ Der Anblick dieſer bleichen, verſtörten, zitternden Frau bot ein ſchreckliches Schauſpiel dar. „Ach mein Herr... ach mein Herr...“ waren die einzigen Worte, deren ſie fähig war. „Sie antworten nicht?“ ſchrie der ſchreckliche Frager. Dann fuhr er mit noch ſchrecklicherem Lächeln fort:„Es iſt wahr, Sie leugnen nicht.“ 1 Sie machte eine Bewegung. „Und Sie können nicht leugnen,“ ſagte der Procurator die Hand gegen ſeine Frau ausſtreckend, wie um ſie im Namen der Gerechtigkeit zu ergreifen,„Sie haben dieſe verſchiedenen Verbre⸗ chen mit der ſchamloſeſten Geſchicklichkeit vollbracht, durch welche ſich jedoch nur die täuſchen ließen, welche Sie liebten; ſeid dem Tode der Frau von Saint⸗Méran wußte ich, daß ein Vergifter in mei⸗ nem Hauſe lebe, Herr von Avrigny hat es mir mitgetheilt. Nach Barrois Tode, Gott verzeihe mir, hatte ich auf Jemand Verdacht, — auf einen Engel! Ach, nach Valentinens Tode, leider zu ſpät, Auen ſte dies Wo nie ich inn.39 „ wahrhafti Sollten a nnben, zm Mei oh derbarer eine ſo ve u berech den könne mveel ſanft „Die auicht ſo ſe Gift 1 von ——ÿ†enn — 1359 konnte ich und mit mir viele Andere, keinen Zweifel mehr hegen. .... Zwei Perſonen kennen Ihre Verbrechen, Viele vermuthen in Ihnen die Uebelthäterin, und es wird öffentlich bekannt werden, Madame, das ſage ich Ihnen, nicht als Gemahl, ſondern als Richter!“ Die junge Frau verbarg ihr Geſicht in beiden Händen. „O mein Herr,“ ſtöhnte ſie,„ich beſchwöre Sie, glauben Sie nicht dem Schein!“ „Sollten Sie feig ſein?“ ſchrie Villefort verächtlich,„ja wahrhaftig, ich habe ſtets bemerkt, daß die Vergifter feig ſind. Sollten auch Sie feig ſein, die Sie den entſetzlichen Muth gehabt haben, zwei Greiſe und ein ſchönes junges Mädchen vor Ihren Augen ſterben zu ſehen?“ „Mein Herr, mein Herr!“ „Sollten Sie feig ſein,“ fuhr Villefort in der entſetzlichſten Aufregung fort,„Sie, die Sie ſo vielen Todeskämpfen beiwohnten, ſo hölliſche Pläne ſchmiedeten, und ſo tödtende Getränke mit wun⸗ derbarer Geſchicklichkeit und Wirkſamkeit bereiteten? Sollten Sie, eine ſo vollendete Rechnerin, einen Umſtand ganz vergeſſen haben zu berechnen, nämlich den, daß Ihre Verbrechen einſt entdeckt wer⸗ den können? O das iſt unmöglich, und Sie haben gewiß noch ein viel ſanfter, aber ſchneller tödtendes Gift für ſich reſervirt, um der Strafe zu entgehen, die Sie erwarten mußte. O, nicht wahr, das haben Sie gethan, ich hoffe es wenigſtens.“ Frau von Villefort rang die Hände und ſank in die Kniee. „Ich weiß wohl,“ ſagte der Procurator,„Sie geſtehen, aber ein Geſtändniß, welches der Richter im letzten Augenblicke, und wenn man nicht mehr leugnen kann, geben wird, mildert die Strafe des Verbrechens durchaus nicht.“ „Die Strafe! die Strafe, mein Herr, o Gott Sie ſprechen dies Wort ſchon zum zweiten Male aus.“ „Gewiß; und glauben Sie, viermal Schuldige, derſelben zu entrinnen? glauben Sie vielleicht, der Strafe deshalb zu entgehen, weil Sie die Frau deſſen ſind, der die Strafe beſtimmt? Nein, Madame, nein, das Blutgerüſt erwartet jeden Vergifter, wer und was er auch ſei, wenn, wie ich Ihnen eben ſagte, der Giftmiſcher nicht ſo klug geweſen iſt, auch für ſich einige Tropfen ſeines ſicher⸗ ſten Giftes zu reſerviren.“ Frau von Billefort ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, entſetz⸗ licher Schrecken entſtellte ihre Züge. „O, fürchten Sie das Blutgerüſt nicht, Madame,“ ſprach der ſteinerne Beamte,„ich will Sie nicht entehren, denn das hieße zu⸗ gleich, mich entehren, nein, im Gegentheil, wenn Sie mich verſtan⸗ den haben, müſſen Sie nur zu gut wiſſen, daß Sie nicht auf dem Blutgerüſte ſterben ſollen.“ 1360 „Nein, ich habe nicht verſtanden, was wollen Sie ſagen?“ ſtotterte die unglückliche Frau ganz verwirrt. „Ich will ſagen, daß die Frau des erſten Beamten der Haupt⸗ ſtadt nicht einen, bis jetzt tadelloſen Namen mit Schmach behaften, und Mann und Kind zugleich entehren ſoll!“ „Nein... o neinl.... „Nun wohl, Madame, Sie werden alſo eine gute Handlung begehen, und ich danke Ihnen dafür!“ „Sie danken mir... und wofür?“ iedet, ſo „Für das, was Sie eben geſagt haben.“ 1 mwie Ftuu „Was habe ich geſagt? ich habe den Kopf verloren.... ich aͤtet auf verſtehe nichts mehr! o mein Gott, mein Gott!“ uich der Und ſie ſtand auf, ihre Locken umflatterten wild ihr verſtör⸗ füllen tes, todtenbleiches Geſicht. Au fühlen, „Sie haben auf die Frage geantwortet:—— Wo pflegen u ih⸗ be Sie Ihr Gift zu verbergen?“ ziſe Frau von Villefort rang verzweifelnd die Hände, die krampf⸗ die haft aneinander ſchlugen. ſeiner Gen „Nein, nein,“ ſchrie ſie,„nein, das wollen Sie nicht!“ Sie t deppelt hi „Was ich nicht will, Madame, das iſt, daß Sie auf ee derr Blutgerüſt enden, hören Sie?“ „O mein Herr, Gnade!“ „Ich will, daß Gerechtigkeit ausgeübt werde. Ich bin auf der Erde, um zu ſtrafen, Madame,“ fügte er flammenden Blicks hinzu, „und würde jede Frau, und wäre es auch eine Königin, dem Hen⸗ ker überliefern; gegen Sie jedoch bin ich mitleidig, und ſage: Nicht wahr, Madame, Sie haben einige Tropfen Ihres ſtärkſten und ſicherſten Giftes für ſich aufbewahrt?“ 5 „O Barmherzigkeit, laſſen Sie mich leben!“.* „Sie iſt feig,“ ſogte Villefort. Die „Bedenken Sie, daß ich Ihre Frau bin!“ malaſte un „Sie ſind eine Giftmiſcherin!“ da der f „Im Namen des Himmels!“ mes Glan „Nein.“ mteſten Dr „Im Namen der Liebe, die Sie für mich gehegt...“ 1 ſchaften e „Nein, nein!“ „Im Namen unſres Kindes! Ach für unſer Kind laſſen Sie mich leben!“ „Nein, nein, nein, ſage ich! Ließe ich Sie leben, ſo würde vielleicht ein Tag kommen, an welchem Sie ihn gleich den Andern tödteten.“ „Ich!... meinen Sohn tödten?“ ſchrie die wilde Mutter, ſich gegen Villefort ſtürzend,„ich meinen Eduard tödten? Ah! ah! ah!“ Und ein furchtbares dämoniſches Lachen des Wahnſinns folgte dieſen Worten, und verlor ſich in röchelndem Schluchzen. Frau von Villefort ſank zu ihres Gatten Füßen. b. dixe Jtali Dn G ſagen?⸗ er Haupt⸗ behaften Handlung rverſtör⸗ o pllegen e kramyf⸗ t“ en auf der ics hinzu, dem Hen⸗ gge: Nicht kſten und laſſen Sie ſo würde en Andern. Mutter, ſich 1 ahl ahl“ inns folgte 1. auf den reaee—— 1361 Der Procurator trat dicht zu ihr. „Vergeſſen Sie nicht, Madame,“ ſagte er,„daß wenn bei meiner Rückkehr nicht geſchehen iſt, was geſchehen muß, ich Sie mit eigenem Munde anzeige, und mit eigenen Händen arretire!“ Keuchend, erſchöpft, vernichtet, hörte ſie dieſe Worte, nur ihr Auge lebte und glühte noch in furchtbarem Feuer. „Sie hören alſo,“ fuhr Villefort fort,„ich gehe, um die To⸗ desſtrafe gegen einen Mörder zu verhängen.... Finde ich Sie lebend wieder, ſo ſchlafen Sie dieſen Abend in der Conciergerie!“ Frau von Villefort ſtieß einen Seufzer aus, und ſank ver⸗ nichtet auf den Teppich. Der Procurator des Königs ſchien einen Augenblick Mitleid zu ſibren. er betrachtete ſie minder ernſt, und neigte ſich leiſe zu ihr: „Leben Sie wohl,“ ſagte er langſam,„leben Sie wohl!“ Dieſes Lebewohl ſchnitt wie das tödtende Meſſer in das Herz ſeiner Gemahlin. Sie ward ohnmächtig. Herr von Villefort verließ das Zimmer und ſchloß die Thür doppelt hinter ſich. CVI. Die Aſſiſen. Die Angelegenheit Benedetto's, wie man damals im Juſtiz⸗ dalaſte und im Publicum ſagte, hatte enorme Senſation gemacht. Da der falſche Cavalcanti während der zwei oder drei Monate ſei⸗ nes Glanzes ſich ſtets in eleganter Geſellſchaft und an den beleb⸗ teſten Orten gezeigt hatte, ſo hatte er ſich eine Menge Bekannt⸗ ſchaften erworben. Die Journale hatten die verſchiedenen Lebens⸗ abſchnitte des Abenteurers ſowohl im geſellſchaftlichen Leben, als während ſeines Aufenthaltes im Bagno mitgetheilt, und da⸗ durch die lebhafteſte Neugierde beſonders derer geweckt, die den Prinzen Cavalcanti perſönlich gekannt hatten, und jetzt feſt ent⸗ ſchloſſen waren, unter allen Umſtänden Benedetto den Mörder ſei⸗ nes Kettengefährten auf der Bank der Angeklagten zu ſehen. Für Viele fiel Benedetto, wenn nicht als Opfer, doch als Irr⸗ thum der Juſtiz, man hatte Herrn Cavalcanti, den Vater, in Pa⸗ ris geſehen, und erwartete von Tag zu Tag, daß er wiederkommen werde, ſeinen erlauchten Sprößling zu reclamiren. Viele, die nie von dem fameuſen polniſchen Rocke gehört hatten, in dem der alte wür⸗ dige Italiener ſich dem Grafen von Monte⸗Chriſto vorgeſtellt, ſprachen Der Graf von Monte⸗Chriſto. 86 4 ———— 8 — 1362 noch mit Bewunderung von ſeinem vornehmen Aeußern und ſeiner würdigen Haltung, was ihm allerdings nie abzuſprechen war, ſo⸗ bald er nicht ſprach, oder nicht rechnete. 3 1d Den Angeklagten ſelbſt hatten Viele ſo liebenswerth, ſtrahlend und ſchön geſehen, daß ſie weit eher an Machinationen von Seiten eines Feindes,— wie man das in der Welt ſo oft findet, wo großes Vermögen im Stande iſt, dem Unſchuldigen ſo ſehr zu nützen und 5 ſchaden,— als an Benedetto's Schuld glaubten. Jeder ilte demnache der Sitzung in dem Aſſiſenhofe beizuwoh⸗ nen, wie man ſich natürlich denken kann, aus ſehr verſchiedenen Urſachen. Von ſieben Uhr Morgens an drängte ſich eine große Menſchenmaſſe am Gitter entlang, und eine Stunde vor der Er⸗ öffnung der Sitzung, war der Saal ſchon mit ſolchen gefüllt, die ſich Plätze im Voraus zu verſchaffen gewußt hatten.. Vor, und oft ſelbſt noch nach dem Eintritt der Richter glich der Gerichtsſaal an ſolchen Tagen mehr einem Salon, in dem ſich Dieſer oder Jener erkennt, und ſich oft nur durch Zeichen begrüßt, wenn er fürchtet, auf andere Weiſe ſeinen Platz zu verlieren, und doch durch eine große Anzahl Volks, Gensdarmen und Advocaten t von ſeinen Feinden getrennt iſt. Es war einer jener herrlichen Herbſttage, die uns oft für einen ganzen unfreundlichen Sommer entſchädigen. Die frühen Wolken waren wie durch Zauberei verſchwunden, und die Sonne leuchtete in ihrer vollſten Klarheit einem der letzten Tage des Sep⸗ tembers. Beauchamp, ein König der Preſſe, der folglich ſeinen Thron überall hatte, lorgnirte rechts und links. Er entdeckte Chateau⸗ Renaud und Dobray, die durch die Güte eines Stadt⸗Sergeanten, den ſie vermocht hatten, ſich hinter ſie zu ſtellen, ſtatt ſie zu ver⸗ bergen, einen herrlichen Platz bekommen hatten. Der würdige Mann hatte den Secretair des Miniſters und den Millionair ge⸗ wittert und war ſo rückſichtsvoll gegen ſeine noblen Nachbarn, daß er ihnen ſogar geſtattete Beauchamp einen Beſuch zu machen und ihnen verſprach die Plätze zu reſerviren. „Charmant,“ rief der Journaliſt,„Sie wollen alſo auch unſern Freund ſehen?“ „Ach Gott ja,“ lachte Dobray,„dieſer edle Prinz! Mag der Teufel dieſe italieniſchen Prinzen holen!“ „Ein Mann, der Dante zum Genealogen hatte, und alſo ſeinen 8 Urſprung bis zur göttlichen Comödie herzuleiten wußte.“ „Adel des Stricks,“ warf Chateau⸗Renaud phlegmatiſch hin. „Er wird verurtheilt werden, nicht wahr?“ fragte Dobray. „Ei mein Lieber,“ rief der Journaliſt,„ich ſollte denken, Sie müßten das beſſer wiſſen, haben Sie den Präſidenten in der letzte Soirée Ihres Miniſters geſehen?“ „Ja.“ euübſche finden, a 1 / erkenne, nd ſeiner war, ſo⸗ ſtrahlend Advocaten 3 oft für ie frühen die Sonne des Sep⸗ en Thron Chateau⸗ ergeanten, ie zu ver⸗ r würdige lionair ge⸗ hbarn, daß nachen und nich unſern Mag der alſo ſeinen 71 tiſch hin Dobray. enken, Sie der letzten ——— „Was hat er geſagt?“ „Etwas, was Sie in Erſtaunen ſetzen wird.“ „Ach ſchnell, theurer Freund, ich habe lange ſo nichts in die⸗ ſem Genre erfahren!“ „Nun wohl, er ſagte mir, daß dieſer Benedetto, der allgemein als ein Phönix von Gewandtheit und Verſchlagenheit betrachtet wird, nur ein ſehr untergeordneter, unbedeutender Schelm, und der Experimente ſehr unwerth ſei, die nach ſeinem Tode mit ſeinem Gehirn angeſtellt werden würden.“ „Bah!“ ſagte Beauchamp,„übrigens ſpielte er ganz leidlich den Prinzen.“ „Für Sie, Beauchamp, der Sie die unglücklichen Prinzen verabſcheuen und entzückt ſind, irgend etwas Tadelnswerthes zu finden, aber nicht für mich, der ich den Edelmann inſtinctsmäßig erkenne, und eine ächt ariſtokratiſche Familie wiedererkenne, ſei es wo es ſei.“ „Alſo haben Sie nie an ſeine Fürſtenwürde geglaubt?“ „An ſeine Fürſtenwürde? ſo, ſo... an ſeinen Anſpruch dar⸗ auf? Nein.“ „Nicht übel,“ ſagte Dobray,„ich verſichere Sie übrigens, daß er für jeden Andern paſſiren konnte. Ich habe ihn bei den Mini⸗ ſtern geſehen.“ „Ach ja,“ rief Chateau⸗Renaud,„Ihre Miniſter verſtehen ſich auf Prinzen.“ „Was Sie da ſagen iſt ſehr gut,“ entgegnete Beauchamp, laut lachend,„die Phraſe iſt kurz, aber prächtig. Erlauben Sie mir dieſelbe in einen meiner Artikel anzubringen.“ 1 ◻ „Nehmen Sie, mein Beſter, nehmen Sie, ich gebe Ihnen meine Phraſe für das was ſie werth iſt.“. „Aber,“ ſagte Dobray zu Beauchamp,„da ich den Präſidenten geſprochen habe, müſſen Sie den Procurator des Königs geſpro⸗ chen haben.“ 1 „Unmöglich, ſeit acht Tagen läßt Herr von Villefort ſich vor Niemand ſehen, und es iſt auch natürlich. Dieſe Reihenfolge ſon⸗ derbaren Kummers durch die Domeſtiken, durch den nicht minder ſonderbaren Tod ſeiner Tochter gekrönt....“ „Sonderbarer Tod? Was ſoll das heißen?“ „Ach ſtellen Sie ſich nur unwiſſend, unter dem Vorwande, daß dies Alles bei dem Bürgeradel paſſirt,“ ſagte Beauchamp, ſein Lorgnon auf eine Weiſe in das Auge klemmend, daß er nicht nö⸗ thig hatte, es zu halten. „Mein Lieber,“ rief Chateau⸗Renaud,„erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß in dieſer Art, das Lorgnon zu tragen, hier Dobray Sie übertrifft; geben Sie ihm doch Unterricht, Dobray!“ „Wahrhaftig,“ ſprach Beauchamp,„ich irre mich nicht.“ „Was giebt es denn?“ . 86* 1364 „Sie iſt es.“— „Wer ſie?“ „Man ſagt, ſie ſei abgereiſt!“ „Fräulein Eugenie?“ fragte der Baron;„ſollte ſie ſchon zu⸗ rückgekehrt ſein?“ „Nein, ihre Mutter!“. „Frau von Danglars? Unmöglich,“ rief Chateau⸗Renaud,„be⸗ denken Sie doch, zehn Tage nach der Flucht ihrer Tochter, drei Tage nach dem Bankerott ihres Mannes!“ Dobray erröthete leicht und folgte der Richtung von Beau⸗ champs Blicken.— „Nicht doch,“ ſagte er dann,„es iſt eine unbekannte ver⸗ ſchleierte Dame, vielleicht die Mutter des Prinzen Cavaleanti, aber Sie ſagten uns etwas ſehr Intereſſantes, Beauchamp.“ . Sie ſprachen von Fräulein Valentinens auffallendem Tode.“ „Ach ja, es iſt wahr! Aber weßhalb mag Frau von Villefort nicht hier ſein?“ „Die arme, liebe Frau,“ ſprach Dobray,„gewiß iſt ſie be⸗ ſchäftigt, Meliſſenwaſſer für die Hoſpitale zu deſtilliren, oder Schön⸗ heitsmittel für ſich und ihre Freundinnen zu fabriciren. Sie wiſſen, daß ſie mit dieſem Amüſement dreitauſend Thaler jährlich ver⸗ ſchwendet, wie man ſagt. Uebrigens haben Sie Recht, weßhalb mag ſie nicht hier ſein? Ich würde mich gefreut haben Frau v. Ville⸗ ſort zu ſehen, denn ich liebe ſie ſehr.“ „Und ich verabſcheue ſie,“ ſprach Chateau⸗Renaud. „Weßhalb?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht. Weßhalb liebt, weßhalb haßt man? Ich verabſcheue ſie aus Antipathie.“ „Oder auch aus Inſtinct.“ „Möglich.... Aber kommen wir darauf zurück, was Beau⸗ champ ſagen wollte.“ „Meiner Treu, meine Herren, ſind Sie nicht neugierig, zu wiſſen, woher die zahlreichen Todesfälle in Villeforts Hauſe rühren?“ „Meiner Treu,“ ſagte Dobray,„ich muß geſtehen, daß ich dieſes Haus nicht aus den Augen verloren habe, in dem ſeit drei Monaten Trauer auf Trauer folgt! Noch neulich, bei Fräulein Valentinens Tode, ſprach ich mit Madame X.... davon.“ „Wer iſt dieſe Madame X....?“ fragte Chateau⸗Renaud. „Zum Gukuk, die Frau des Miniſters.“ 4 „Ach, verzeihen Sie,“ entgegnete der Baron,„ich gehe nicht zu den Miniſtern, ich überlaſſe das den Prinzen.“ „O Sie werden warm, Chateau⸗Renaud, haben Sie Mitleid!“ „Ich werde gar nichts mehr ſagen,“ rief der Baron lächelnd4, regſcſie hei Ville dort eiw iih einig un Zeit nmen die alte treu willigen Palentine dennoch a ſter und „Ab Renaud. „Ie Welt, ne —„D .Al winnen. her mor iſt darüb ch on zul⸗ d,„be⸗ er, drei Bea u⸗ te ver⸗ ti, aber lendem Villefort ſie be⸗ t Schön⸗ ewiſſen, ich ver⸗ alb mag v. Vile⸗ zt man? s Beau⸗ erig, zu ühren?“ daß ich ſeit drei Fräulein 1* enaud. ehe nicht Nitleid!“ lächelnd, —— 1365 ſhber cn Teufel, haben Sie Mitleid mit mir, revanchiren Sie ich nicht.“ „Zum Ende alſo, Beauchamp, ich ſage Ihnen, daß Madame 1. mich um Aufklärungen bat; gut, unterrichten Sie mich, Freund, damit auch ich unterrichten kann.“ „So hören Sie denn, die Todesfälle folgen einander bei Ville⸗ forts ſo ſchnell, weil ein Mörder in dem Hauſe iſt.“ Die beiden jungen Leute zitterten, denn ſchon mehr als ein⸗ mal hatten Sie denſelben Gedanken gehegt. „Und wer iſt dieſer Mörder?“ fragten Beide einſtimmig. „Der kleine Eduard.“ Beider ſchallendes Gelächter brachte Beauchamp gar nicht außer Faſſung. „Ja, meine Herren, der kleine Eduard.“ „O, das iſt Scherz.“ „Durchaus nicht, ich habe geſtern einen Diener angenommen, der eben Herrn von Villefort verließ, den ich aber morgen wieder wegſchicken werde, weil er ganz enorm ißt, um ſich von dem Faſten bei Villeforts zu erholen, denn keiner der Diener wagte aus Furcht dort etwas zu genießen. Es ſcheint, als habe der theure Eduard ſich einige giftige Flacons zu verſchaffen gewußt, deren Inhalt er von Zeit zu Zeit gegen die anwendet, die ihm mißfallen. Erſt ka⸗ men die alten Saint⸗Mérans an die Reihe, dann folgte der wackere alte treue Diener Herrn Noirtiers, Barrois, der den kleinen Muth⸗ willigen ab und zu einmal angefahren hat. Obgleich die arme Valentine ihren holden Bruder nun gewiß nie angefahren hat, wurde dennoch auch ſie nicht verſchont, denn Eduard beneidete ſeine Schwe⸗ ſter und war eiferſüchtig auf ſie.“ „Aber zum Teufel, was erzählen Sie da?“ rief Chateau⸗ Renaud. „Ja,“ ſagte Beauchamp,„eine Erzählung aus der andern Welt, nicht?“ „Das iſt abgeſchmackt,“ rief Dobray. „Aha,“ ſagte Beauchamp,„Sie ſuchen ſchon Aufſchub zu ge⸗ winnen. Fragen Sie doch meinen Diener, oder vielmehr den, wel⸗ cher morgen nicht mehr mein Diener ſein wird; im ganzen Hauſe iſt darüber nur eine Stimme.“ „Aber dieſes tödtende Mittel, wo und was iſt es?“ „Der tauſend, das Kind verſteckt es.“ „Aber wo hat es das Mittel gefunden?“ „In dem Laboratorium ſeiner Mama.“ „Hat die denn auch Gifte in ihrem Laboratorium?“ „Weiß ich's? Sie thun da Fragen, wie ſie der Procurator des Königs nicht beſſer thun könnte. Ich wiederhole was mir geſagt iſt, und damit gut, ich nenne Ihnen meinen Gewährsmann, mehr 1366 kann ich nicht thun. Der arme Teufel aß, wie geſagt, aus Angſt nicht mehr.“ „Das iſt unglaublich.“ 1 „d nein, mein Lieber, durchaus nicht. Sie haben vori⸗ ges Jahr das Kind in der Richelieu⸗Straße geſehen, das ſich damit amüſirte ſeine Schweſtern und Brüder zu tödten, indem es ihnen Nachts, wenn ſie ſchliefen, Stecknadeln in die Ohren ſenkte. Die uns folgende Generation iſt ſehr frühreif, mein Lieber.“ „Ich wette,“ rief Chateau⸗Renaud,„daß Sie kein Wort von dem glauben, was Sie uns eben erzählen... Aber ich ſehe ja den Grafen von Monte⸗Chriſto nicht, weßhalb mag er nicht hier ſein?“ „Er iſt blaſirt,“ ſagte Dobray,„und will nicht wieder in der Welt erſcheinen, weil er durch die Cavalcanti's am meiſten düpirt worden iſt. Sie ſind mit falſchen Empfehlungs⸗ und Creditbriefen zu ihm gekommen, und er hat etwa für hunderttauſend Franks Hypotheken auf ihr Fürſtenthum. Sie haben ihm das Geld liſtig genug entlockt.“ 2 „Apropos, Chateau⸗Renaud,“ ſagte Beauchamp,„wie geht es Morrel?“ A. 39 „Meiner Treu,“ ſagte der Edelmann,„ich bin dreimal bei ihm geweſen, aber kein Morrel war da. Uebrigens ſchien ſeine Schweſter nicht ſehr beunruhigt, denn ſie ſagte mir mit dem freund⸗ lichſten Geſichte, daß ſie ihren Bruder zwar in zwei Tagen nicht geſehen habe, jedoch überzeugt ſei, er befinde ſich wohl.“ „Uebrigens,“ ſagte Beauchamp„fällt mir ein, daß der Graf gar nicht in den Saal kommen kann.“ „Weßhalb nicht?“ „Weil er Acteur in dem Drama iſt.“ „Hat er auch Jemand ermordet?“ „Warum nicht gar, im Gegentheil, man hat bei ihm ermor⸗ den wollen. Wiſſen Sie denn nicht, daß Caderouſſe von ſeinem guten Freunde Benedetto getödtet ward, als er das Haus des Grafen verließ? Bei ihm fand man ja auch die famoſe Weſte, in deren Taſche Caderouſſe’s Brief ſteckte, der die Unterzeichnung des Contracts bei Danglars aufhob. Sehen Sie das blutige Kleinod dort auf dem Tiſche, als Beweiszeichen?“ 1 „Ach, richtig, ja, ja.“ „Still, meine Herren, die Richter, an unſere Plätze.“ Wirklich entſtand ein großes Geräuſch in den Vorhallen, der Stadtſergeant rief ſeinen beiden Schützlingen ein lautes Hm! Hm! zu und der Gerichtsbote erſchien auf der Schwelle des Saales, um mit jener kreiſchenden Stimme, die den Gerichtsdienern ſchon zu Beau⸗ marchais Zeiten eigen war, zu ſagen: „Die Richter, meine Herren.“ anausgeſ Liefes⸗ Richter tra ſort war d agen, alh Plat und Jeder diſen Unen den ſchien, auf dieſen, hums gewe enedetto SLald ern iemand⸗ Sie t um Herze Seine Hän läſig an! krampfhaft ſein Auge Mann in und Beiß l i den Nebe (Andrea 1 die er ke I an junge dertmal r dDer I wir viſfe apt wor Wäh I Nie 1 geredet, d lt, das anen vor ³ Angſt ſen vorie das ſich lndem es düpirt ſitbriefen Franks id Güſig geht es imal bei een ſeine freund⸗ en nicht er Graf ermor⸗ n ſeinem aus des 2 Weſte, eichnung Kleinod len, der m! Hm! lees, um u Beal⸗ 1367 * CVII. Die Aufllage. Tiefes Schweigen herrſchte in der ganzen Verſammlung, die Richter traten ein, die Geſchwornen nahmen Platz. Herr v. Ville⸗ fort war der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit, ja man kann ſagen, allgemeiner Bewunderung; er nahm in ſeinem hohen Stuhle Platz und blickte ruhig rings umher. Jeder ſah mit Staunen dieſes ſtrenge ernſthafte Geſicht, auf deſſen Unempfindlichkeit perſönlicher Schmerz keinen Raum zu fin⸗ den ſchien, und blickte mit einer Art ehrfurchtsvollen Schreckens auf dieſen, der menſchlichen Bewegung, wie es ſchien, ſo fremden ann.— , e Sens darmen. ſprach der Präſident,„führt den Angeklagten herbei.“. Bei dieſen Worten ward die Aufmerkſamkeit des ganzen Publi⸗ kums geweckt. Aller Augen richteten ſich auf die Thür, durch welche Benedetto eintreten mußte. Bald öffnete ſich die Thür, der Angeklagte erſchien. Er machte auf die ganze Verſammlung denſelben Eindruck, Niemand täuſchte ſich über den Ausdruck ſeiner Züge. Sie trugen nicht den Stempel jener Aufregung, die das Blut zum Herzen zurückdrängt und Stirn und Wange farblos macht. Seine Hände, deren eine den Hut hielt, während die andere nach⸗ läſſig an der weißen Piquéweſte ſpielte, wurden nicht durch jenes krampfhafte Zittern bewegt, das den Angeklagten ſonſt eigen iſt; ſein Auge war ruhig, ja ſelbſt ſtrahlend. Kaum war der junge Mann in den Saal getreten, als ſein Blick, die Reihen der Richter und Beiſitzer muſternd, lange auf dem Präſidenten, noch länger auf dem Procurator des Königs haftete. Neben Andrea nahm der für ihn gewählte Advokat Platz. (Andrea ſelbſt hatte ſich nicht mit jenen Details befaſſen mögen, auf die er keine Wichtigkeit zu legen ſchien.) Der Sachwalter war ein junger, ſehr blonder Mann, deſſen Geſicht vor Bewegung hun⸗ dertmal röther war, als das des Gefangenen. Der Präſident befahl, die Anklageacte vorzuleſen, die, wie wir wiſſen, von Villeforts gewandter und unerbittlicher Feder ver⸗ faßt worden war. Während dieſer ſehr langen Vorleſung, waren Aller Blicke unausgeſetzt anf Andrea gerichtet, der ſehr ruhig, faſt heiter daſaß. Nie vielleicht hatte Villefort ſo eindringlich und überzeugend geredet, das Verbrechen war unter den lebhafteſten Farben darge⸗ ſtellt, das frühere Leben des Gefangenen, ſeine Verwandlung in einen vornehmen Herrn uund ſein Lebenswandel ſeit ſeiner früheſten 1368 Kindheit, war mit dem ganzen Talent auseinander geſetzt, welches das praktiſche Leben und die Kenntniß des menſchlichen Herzens dinen Manne, wie der Procurator des Königs, zu eigen gemacht atte. Der Meinung des Publikums zufolge, war Benedetto allein durch dieſe Rede verloren, ohne daß ihn, wie Jeder erwartete, das Geſetz noch nachdrücklicher ſtrafen werde. Andrea ſchien auf alle dieſe ihn treffenden Beſchuldigungen nicht im Mindeſten zu achten. Herr v. Villefort beobachtete ihn ſcharf, jedenfalls der pſychologiſchen Studien halber, die er bei den Angeklagten gar oft Gelegenheit hatte zu machen; aber ſo tief und durchdringend auch der Blick des Procurators war, nur einmal fenkte Andrea die Augen. Endlich war die Vorleſung beendet. ZAngeklagter, ſprach der Präſident,„Ihr Name und Vor⸗ name?“ Andrea erhob ſich. „Verzeihen Sie, Herr Präſident,“ ſprach er vollkommen ruhig, „aber ich ſehe, Sie richten Ihre Fragen ſo ein, daß ich nicht antworten kann. Ich glaube, und ich werde mich ſpäter darüber rechtfertigen, eine Ausnahme von den gewöhnlichen Angeklagten zu 1 machen. Ich bitte alſo, mir zu erlauben, daß ich vorläufig, ganz gegen die Gewohnheit, nicht jede Ihrer Fragen beantworte.“ Ueberraſcht ſah der Präſident die Geſchwornen an, die ihrer⸗ ſeits den Procurator des Königs anblickten. Die ganze Verſammlung war geſpannt. Nur Andrea ſchien durchaus nicht aufgeregt zu ſein. „Ihr Alter?“ fragte der Präſident,„werden Sie auf dieſe Frage antworten?“ „Auf dieſe, wie auf jede andere, Herr Präſident, aber wenn die Reihe an ſie kommt.“ 1 „Ihr Alter?“ wiederholte der Präſident. 1 „Ich bin einundzwanzig Jahre, oder werde es wenigſtens bald ſein, denn ich bin in der Nacht vom 27. zum 28. September 1817 geboren.“ Bei dieſen Worten blickte Villefort, der gerade eine Bemerkung ſchrieb, auf. „Wo ſind Sie geboren?“ fragte der Präſident. „In Auteuil bei Paris,“ entgegnete Benedetto. Herr von Villefort blickte zum zweiten Male auf, und ward, als habe er den Kopf der Meduſa geſehen, leichenblaß. Benedetto ſpielte graciös mit einem feingeſtickten Battiſt⸗ 1 taſchentuche. „Ihr Stand?“ fragte der Präſident. „Erſt war ich Fälſcher,“ ſprach Andrea kaltblütig,„dann Dieb und zuletzt Mörder.“ Schmah Die rohe Pen cliſ haben, die lann im dem Hofe der Grun dem Nam Relief ge⸗ —„Es graciös! und ind Das dicee Sch Königs! auch de di lange z! hof the⸗ Herzens gemaht to allein ktete, das digungen dtete ihn t bei den tief und einmal (und Vor⸗ en ruhig, ich nicht t darüber lagten zu de ihrer⸗ auf dieſe ber wenn ſtens bald nber 1817 emerkung ind ward, Vattiſk⸗ dann Dieh 1369 Ein Murmeln oder vielmehr ein Sturm mißbilligenden Stau⸗ nens ward im Saale laut; die Richter und Geſchwornen ſahen einander beſtürzt an. Herr von Villefort ſtützte ſeine erſt ſo bleiche, jetzt glühend rothe Stirn mit der Hand, plötzlich ſtand er ganz verſtört auf und blickte ſich ringsum, ihm fehlte die Luft. „Suchen Sie etwas, Herr Procurator des Königs?“ fragte Benedetto mit ſeinem verbindlichſten Lächeln. Herr von Villefort antwortete nicht, ſondern ſank in ſeinen Stuhl zurück. „Werden Sie jetzt Ihren Namen ſagen?“ fragte der Präſident. „Die rohe Prahlerei, mit welcher Sie ihre verſchiedenen Verbre⸗ chen claſſificirt, und mit der Bezeichnung— Stand— benannt haben, die ſonderbare Art von Ehrgefühl, die Sie daran knüpfen, kann im Namen der Moral und in Abſicht auf die Menſchheit, von dem Hofe nur ſehr ſtreng beſtraft werden, und das iſt vielleicht der Grund, weßhalb Sie zögerten, ſich zu nennen; Sie wollen dem Namen durch vorausgeſchickten Titel wohl noch ein gewiſſes Relief geben?“ „Es iſt unglaublich, Herr Präſident,“ rief Benedetto ſich graciös verneigend,„wie ſehr Sie meine Gedanken errathen haben, und in dieſer Abſicht bat ich die Ordnung der Fragen zu ändern.“ Das Staunen hatte ſeinen Gipfel erreicht, in den Worten des Angeklagten lag keine Prahlerei mehr: die Zuhörer erwarteten bewegt, daß irgend eine finſtere, drohende Wolke ſich entladen werde. „Nun?“ fragte der Präſident,„Ihr Name?“ „Ich kann Ihnen meinen Namen nicht ſagen, denn ich kenne ihn nicht, den meines Vaters kenne ich aber und kann ihn ſagen.“ Ein ſchmerzlicher Schwindel verdunkelte Villeforts Sinne, bie Schweißtropſen fielen auf das Papier, welches er krampfhaft eſſt hielt. hicage Sie den Namen Ihres Vaters,“ ſprach der Präſident. — ſein Hauch war hörbar, Todtenſtille herrſchte im ganzen aale. „Mein Vater iſt Procurator des Königs,“ ſprach Andrea ruhig. hig,Prreurade des Königs?“ ſagte der Präſident, ohne Herrn von Villeforts ſichtliches Zittern zu bemerken,„Procurator des Königs?“ „Ja, und da Sie den Namen wiſſen wollen, kann ich Ihnen auch dienen: er heißt von Villefort.“ Die durch den Reſpect vor der Sitzung und den Richtern ſo lange zurückgehaltene Exploſion brach aus, und ſelbſt der Gerichts⸗ hof theilte die Bewegung der Menge. Die Ausrufungen und Schmähungen gegen Benedetto, der unbeweglich blieb, die energi⸗ 2ESS — 1370 8 ſchen Bewegungen der Gensdarmen, das Grinſen jener kothigen Menge, die bei keiner ſolchen Gelegenheit fehlt, um in dem Au⸗ genblicke der Verwirrung und des Scandals ſich zeigen zu können, dies Alles machte es den Thürſtehern und Gerichtsdienern vor der Hand ganz unmöglich, die Ruhe wieder herzuſtellen. 4 Durch dieſes Geräuſch hindurch ertönte die Stimme des Prä⸗ ſidenten, welcher rief:— „Sie ſpielen mit der Juſtiz, Angeklagter, und wagen Ihren Mitbürgern ein Schauſpiel von Frechheit und Verrücktheit zu geben, das unter ähnlichen Umſtänden wohl noch nie ſeines Gleichen ge⸗ habt hat.“ Zehn Perſonen bemühten ſich, dem Procurator, welcher ganz zuſammengeſunken war, ihre Theilnahme zu bezeigen, und ihm Muth gegen dieſe Unverſchämtheit anzuempfehlen.. Endlich war die Ruhe wieder hergeſtellt, mit Ausnahme eines Punktes, an dem eine flüſternde Menſchenmenge ſich bewegte. Man ſagte eine Frau ſei ohnmächtig geworden, und man ließe ſie flüchtige Salze riechen. Andrea hatte während dieſes ganzen Tumults die Verſamm⸗ lung anmuthig lächelnd angeblickt. „Meine Herren,“ ſagte er,„Gott wolle mich davor bewahren, den Gerichtshof zu inſultiren, und in Gegenwart dieſer geehrten Verſammlung einen unnützen Seandal zu veranlaſſen. Man fragt mich, wie alt ich bin, ich ſage es; man fragt mich, wo ich geboren bin, ich antworte; man fragt nach meinen Namen, ich kann ihn nicht ſagen, weil meine Eltern mich verlaſſen haben. Aber ich kann dennoch den meines Vaters ſagen, und ich wiederhole, daß Herr v. Villefort mein Vater iſt, was zu beweiſen ich bereit bin.“ In dem Tone des jungen Mannes ſprach ſich eine ſolche Ge⸗ wißheit, eine ſolche Ueberzeugung aus, daß das tiefſte Schweigen eintrat. Einen Augenblick lang richteten ſich die Blicke Aller auf den königlichen Procurator, der unbeweglich und wie vom Zlitz getroffen, daſaß. „Meine Herren,“ fuhr Andrea fort,„ich will Ihnen die Rich⸗ tigkeit meiner Worte beweiſen.“ „Aber,“ rief der Präſident,„Sie haben in der Vorunter⸗ ſuchung erklärt, Sie hießen Benedetto, haben geſagt, Sie wären Waiſe und Ihr Vaterland ſei Corſica?“ „Ich habe in der Vorunterſuchung geſagt, was mir damals an⸗ ſtand, denn ich wollte nicht, daß der wichtige Gehalt des eben Ge⸗ ſagten geſchwächt werden ſollte. „Jetzt wiederhole ich, daß ich in der Nacht vom 27. zum 28. September 1817 in Auteuil geboren, und der Sohn des königlichen Procurators Herrn von Villefort bin. Ich werde Ihnen nun die nähern Details mittheilen. „Ich erblickte das Licht der Welt in einem, mit rothem Damaſt —x Präſident. i ein 2 lange nachſ Water etwa noch währen toffen nied gmaben, dur Nann trug Nr. 37 ein Frau die Kind, und „Deß orſica er Es he leer halten „Fah „Gen dieſen bra⸗ aber mein meine Ade „e Zorn erſ Dich der Dich nich „Vo meinem aus dener halb habe ſammlun nich, hat lothigen dem M⸗ können, vor der e5 Prä⸗ — Ihren u geben, chen ge⸗ ſerr ganz ind ihm hte eines te. an ließe erſamm⸗ ewahren, geehrten an fragt geboren ann ihn ich kann Herr v. ſche Ge⸗ hweigen lller auf om Blitz die Rich⸗ orunter⸗ wären nals an⸗ ben Ge⸗ zum WW. niglichen nun die Damaſt 1371 ausgeſchlagenen Zimmer des Hauſes Nr. 28 Straße de la Fontaine. Mein Vater nahm mich auf den Arm, ſagte meiner Mutter, ich ſei todt, wickelte mich in eine, mit einem H. und N. gezeichnete Ser⸗ viette, und trug mich in den Garten, wo er mich lebend ver⸗ ſcharrte.“ Ein Schauder durchlief die Verſammlung, indem ſie die feſte Haltung des Gefangenen mit Villeforts Betäubung verglich. „Aber woher wiſſen Sie das Alles?“ fragte der Präſident. „Ich werde ſogleich die Ehre haben, es Ihnen zu ſagen, Herr Präſident. In dem beſagten Garten, lauerte hinter Büſchen ver⸗ ſteckt, ein Mann, der meinen Vater tödten wollte, und ihm ſchon lange nachſpürte, einer corſiſchen Blutrache halber. Er ſah meinen Vater etwas in die Erde ſenken, ſchlich näher und ſtach nach ihm, noch während mein Vater die Grube mit Erde füllte. Er ſank ge⸗ troffen nieder, und der Corſe, glaubend, ein Schatz ſei dort ver⸗ graben, durchſuchte die Erde und fand mich, noch lebend. Dieſer Mann trug mich in das Hoſpital der Findelkinder, wo ich unter Nr. 37 eingeſchrieben ward. Drei Monate ſpäter machte ſeine Frau die Reiſe von Rogliano nach Paris, erklärte mich für ihr Kind, und nahm mich mit.“ „Deßhalb bin ich, obgleich in Auteuil geboren, dennoch in Corſica erzogen.“ Es herrſchte ein ſo tiefes Schweigen, daß man den Saal für leer halten konnte. „Fahren Sie fort,“ ſagte der Präſident. „Gewiß hätte ich,“ nahm Benedetto wieder das Wort,„bei dieſen braven Leuten, die mich anbeteten, ſehr glücklich ſein können, aber mein verderbtes Herz ſiegte über alle die Tugenden, welche meine Adoptiv⸗Mutter mir einzuflößen ſuchte. Ich wurde immer ſchlechter. Einſt, als ich Gott verfluchte, mich ſo ſchlecht geſchaffen zu haben, ſprach mein Pflegevater: „Verſündige Dich nicht, Unglücklicher, Gott hat Dich nicht im Zorn erſchaffen. Das Verbrechen kommt von Deinem Vater, der Dich der Hölle weihete, wenn Du ſtarbeſt, und dem Elende, wenn Dich nicht ein Wunder gerettet hätte.“ „Von da ab läſterte ich Gott nicht mehr, aber ich fluchte meinem Vater, und deshalb habe ich jetzt die Worte geſprochen, aus denen Sie, Herr Präſident, mir einen Vorwurf machten, des⸗ halb habe ich das Aufſehen veranlaßt, vor dem noch jetzt die Ver⸗ ſammlung ſchaudert. Iſt es ein Verbrechen mehr, ſo ſtrafen Sie mich, habe ich Sie jedoch überzeugt, daß das Mißgeſchick mich vom Tage meiner Geburt an verfolgt hat, ſo beklagen und beweinen Sie mich!“ „Aber Ihre Mutter?“ fragte der Präſident. „Meine Mutter glaubte mich todt, ſie iſt nicht ſchuldig. Ich habe ihren Namen nicht wiſſen wollen, ich kenne meine Mutter nicht.“ ————— ——— — 1372 In dieſem Augenblicke ertönte ein von Schluchzen erſtickter. Schrei aus der Gruppe, die, wie ſchon erwähnt, eine Frau umgabe Dieſe Frau bekam einen heftigen Nervenanfall, daß man ſi⸗ wegführen mußte, ihr Schleier verſchob ſich, man erkannte die Ba ronin Danglars. Uuungeachtet der Betäubung, in die er verfallen war, erkannte ſie auch Herr v. Villefort und ſtand auf. „ Die Beweiſe! die Beweiſe,“ rief der Präſident,„zur Feſt⸗ ſllang dieſer ſchrecklichen Ausſage ſind die eclatanteſten Beweiſe urchaus nothwendig!“ „Die Beweiſe,“ ſagte Benedetto lachend,„Sie wollen Beweiſe.“ „Ja. „Nun wohl, betrachten Sie Herrn v. Villefort und Sie werden keine weitern Beweiſe verlangen.“ Jeder blickte den Procurator des Königs an, der unter den Spitzen dieſer tauſend auf ihn gerichteten Blicke, ſchwankend und verſtört vortrat. Lautes Murmeln ward in der ganzen Verſammlung gehört. „Man verlangt Beweiſe, mein Vater,“ ſagte Benedetto,„wollen Sie, daß ich ſie gebe?“ „Nein, nein,“ ſtotterte Herr v. Villefort kaum verſtändlich, „es iſt unnöthig.“ 3 „Wie unnöthig?“ ſchrie der Präſident,„aber, was wollen Sie ſagen?“ „Ich will ſagen,“ ſchrie der Procurator,„daß ich mich um⸗ ſonſt gegen den tödtenden Pfeil ſträube. Ja, die rächende Hand Gottes hat mich erreicht, meine Herren, keine Beweiſe, es bedarf deren nicht, Alles was dieſer junge Mann ſagt, iſt wahr.“ Ein finſteres, drückendes Schweigen laſtete ſchwer auf der Verſammlung. „Wie, Herr von Villefort,“ rief der Präſident,„Sie laſſen ſich irre führen? Wie? man möchte ſagen, dieſes unerhörte, unbe⸗ greifliche, ſchreckliche Unglück habe Ihren Geiſt verwirrt, kommen Sie wieder zu ſich.“— Der Procurator des Königs ſenkte den Kopf. Seine Zähne ſchlugen heftig an einander, wie Jemand, den das Fieber foltert; dennoch war er leichenblaß. 3 „Ich bin im vollen Beſitz meiner Geiſteskräfte,“ ſprach er, „nur mein Körper leidet. Ich bekenne mich alles Deſſen ſchuldig, was dieſer junge Mann gegen mich ausſagt, und ich ſtelle mich zur Verfügung des königlichen Procurators, meines Nachfolgers.“ Und indem Herr von Villefort dieſe Worte mit dumpfer, faſt erſtickter Stimme ausſprach, ſchritt er auf die Thüre zu, die ihm der dienſthabende Gerichtsdiener mechaniſch öffnete. Die ganze Verſammlung ward über dieſe Eröffnung und dieſes 7/ heitathen, than zu ſte „Die ſident,„ul Sache mu übergeben Hand. Andre Gensdarme den Saal. „Nu Dobray d Es Die Wahre 8 JPeelbſt nich einer grof Geſtändniß conſternirt, welche die verſchiedenen Geſprächsgegenſtände, 1 nen Geſte die algen eute beie wäre er theilung! Vile und Geri⸗ der größt Sie laſſen rte, unbe⸗ kommen ne Hähne rfoltert; dach er, ſchuldig, 3 mich hfolgers. pfer, faſt die ihm und dieſes enſtände, 1373 die die vernehme Pariſer Welt ſeit vierzehn Tagen beſchäftigten, aauf ſo ſchreckliche Weiſe löſten. „Nun,“ ſprach Beauchamp,„ſage noch Jemand, daß es in der Natur kein Drama giebt.“ „Meiner Treu,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„da möchte ich doch lieber enden wie Herr von Morcerf, ein Piſtolenſchuß ſcheint mir faſt ſüß gegen eine ſolche Cataſtrophe.“ „Ja, weil er tödtet,“ ſprach Beauchamp. „Und ich hatte einen Augenblick die Idee, ſeine Tochter zu heirathen,“ rief Dobray,„mein Gott, das arme Kind hat wohlge⸗ than zu ſterben.“ „Die Sitzung iſt aufgehoben, meine Herren,“ ſprach der Prä⸗ ſtdent,„und die Angelegenheit ruht bis zur nächſten Seſſion. Die Sache muß von Neuem eingeleitet und einem andern Beamten übergeben werden.“ Andrea hatte ſeine Ruhe behauptet, er verließ, von den Gensdarmen, die ihm unwillkürlich rückſichtsvoll begegneten, geleitet, den Saal. „Nun mein Guter, was denken Sie von dem Allen,“ fragte 1 Deue den Stadtſoldaten, und drückte ihm ein Goldſtück in die Hand. „Es wird mildernde Umſtände geben,“ entgegnete dieſer. CVIII. Die Buße. Die Menge öffnete ſich ſchweigend vor Herrn von Villefort. Wahre Schmerzen ſind ſtets ehrwürdig, man hat kein Beiſpiel, ſelbſt nicht aus den unglücklichſten Zeiten, daß die erſte Bewegung einer großen verſammelten Volksmenge gegen großes Unglück nicht die allgemeine Sympathie geweſen wäre. Sehr oft werden gehaßte Leute bei einem Aufſtande ermordet, ſelten wird ein Unglücklicher, und wäre er auch Verbrecher, von denen beſchimpft, die ſeiner Verur⸗ theilung beiwohnen. Villefort ging alſo durch die Reihen der Zuſchauer, Garden und Gerichtsdiener, und entfernte ſich, ſchuldig nach ſeinem eige⸗ nen Geſtändniſſe, aber durch ſeinen Schmerz beſchützt. Es giebt Lagen, welche die Menſchen inſtinctmäßig verſtehen, jedoch nicht geiſtig erklären können; der, welcher unter ſolchen Umſtänden den heftigſten, natürlichſten Schrei ausſtößt, iſt der größte Dichter. Die Menge nimmt dieſen Schrei für eine 1374 ganze Geſchichte, und ſie thut recht, ſich damit zu begnügen, und weit mehr noch, wenn der Schrei wahr iſt. 3 Uebrigens würde es ſchwer ſein, den Zuſtand von Betäubung zu ſchildern, in welchem Villefort den Juſtizpalaſt verließ, dieſes Fieber zu malen, welches jede Pulsader ſchlagen läßt, jede Fiber erſtarrt, ſie ſchwebt und ſie zu zerſprengen droht, und jeden Kör⸗ pertheil mit tödtlichen Wunden zerreißt. 6 Villefort durcheilte mechaniſch die Gänge, er entledigte ſich ſeiner amtlichen Robe, nicht ſowohl, weil er glaubte, ſie nicht mehr tragen zu dürfen, ſondern weil ſie eine beſchwerende Laſt für ſeine Schultern war, ein Gewand des Neſſus, welches mit Qualen ge⸗ tränkt war. Schwankend erreichte er den Hof, winkte ſeinem Kutſcher, öff⸗ nete ſelbſt den Schlag, ſchwang ſich in den Wagen und gab mit dem Finger die Richtung nach der Vorſtadt Saint⸗Honoré an. Der Kutſcher fuhr ao. Das ganze Gewicht ſeines zertrümmerten Glücks fiel auf Ville⸗ forts Haupt, und drohte ihn zu zerſchmettern. Noch kannte er nicht die Folgen, er hatte ſie nicht erwogen, aber er fühlte ſie. Er hatte Gott im Herzen. „Gott,“ murmelte er, ohne ſelbſt zu wiſſen was er ſagte, „Gott, Gott!“, Er ſah in dieſem Ereigniſſe nur Gott. Der Wagen rpollte ſchnell vorwärts. Villefort bewegte ſich auf den Kiſſen hin und her, und fühlte etwas ihn Genirendes unter ſich. Er fühlte mit der Hand danach, es war ein Fächer, den Frau von Villefort in den Kiſſen vergeſſen hatte; dieſer Fächer weckte ſeine Erinnerung, die gleich einem Blitze in die Nacht ſeiner Gedanken fiel. Villefort dachte an ſeine Frau. „Oh!“ ſchrie er, als ob ein glühendes Eiſen ihm das Herz durchſchnitte. Wirklich hatte er ſeit einer Stunde nur an ſein Elend gedacht, jetzt erſchien ſeinem Geiſte plötzlich ein anderes, nicht minder ſchreck⸗ liches Bild. Er hatte dieſe Frau mit unerbittlicher Strenge zum Tode verdammt, und ſie, die arme, ſchwache Frau, ohne Vertheidigung gegen ſeinen feſten, mächtigen Willen, von Schreck und Gewiſſens⸗ biſſen betäubt, von der Schande zerſchmettert, die ihr Gemahl ihr mit der Ueberredung vorwurfsfreier Tugend im grellſten Lichte dargeſtellt hatte, ſie ſtarb vielleicht in dieſem Augenblicke. Eine Stunde war ſeit ihrer Verurtheilung vergangen, jeden⸗ falls bat ſie jetzt Gott um Gnade für alle ihre Verbrechen, ſchrieb vielleicht einen Brief, um ihren tugendhaften Gemahl auf den Knieen um Verzeihung zu bitten. 88 1.4 —— —— Yillef 3„Ach verſend, berührt h angeſtect, ich habe und ſterb folgen. weit die, Wir müſ werde ich Verbrechen würdige leben, dar Und „Sch der Kutſe Die „Jo kam,„ ziehen, d ren GreM ihn, für glühend Verbrech der Zeit noch erin nehmen. Frau w ſich hin ihre L laſſenen tert da⸗ un langer Do Vi tem gi „hier i auf Ville⸗ ſtannte er te ſie. er ſagte, wegte ſich Genirendes ächer, den ſer Fächer acht ſeiner das Herz end gedacht, der ſchreck⸗ zum Tode ttheidigung Gewiſſens⸗ — 45 — —4⁴ — — 1375 e gewagt, ihr zu ſagen: Bereuen ich o nein, nein, ſie ſoll leben, mir folgen.. Wir wollen fliehen, Frankreich verlaſſen, gehen, ſo weit die Erde uns trägt. Ich ſprach zu ihr vom Blutgerüſt.... Wir müſſen fliehen, ich werde ihr Alles bekennen, ja, alle Tage werde ich mich vor ihr demüthigen und ſagen, daß auch ich ein Verbrechen beging! O, Verbindung des Tigers und der Schlange, o würdige Frau eines Mannes wie ich!... Sie ſoll und muß leben, damit meine Schlechtigkeit vor der ihrigen erbleiche.“ Und Villefort riß das Fenſter hinunter. „Schnell, ſchneller,“ ſchrie er mit ſo furchtbarer Stimme, daß der Kutſcher auf ſeinem Sitze in die Höhe ſprang. Die Pferde flogen faſt. „Ja, ja,“ wiederholte Villefort, je näher er ſeiner Wohnung kam,„ja, ſie muß leben, ſie muß bereuen und meinen Sohn er⸗ ziehen, das arme Kind, den Einzigen, der außer dem unzerſtörba⸗ ren Greiſe den Untergang der Familie überlebt hat. Sie liebt ihn, für ihn hat ſie geſündigt. Eine Mutter, die ihr Kind ſo glühend liebt, kann nie ganz verzweifeln. Sie wird bereuen, ihre Verbrechen, von denen die Welt ſchon jetzt munkelt, werden mit der Zeit vergeſſen werden, und ſollten einige Feinde ſich ihrer den⸗ noch erinnern, nun gut, ich werde ſie mit auf meine Rechnung nehmen. Eins, zwei, drei Verbrechen mehr, was thut das! Meine Frau wird ſich retten, und Geld und vor Allem ihren Sohn mit ſich hinwegnehmen. O, ſie wird noch glücklich ſein, weil ſich alle ihre Liebe in ihrem Sohne vereinigt, und dieſer ſie nicht ver⸗ laſſen wird. Ich werde eine gute Handlung begehen, das erleich⸗ tert das Herz.“. Und der Procurator des Königs athmete zum erſten Male ſeit langer Zeit etwas leichter. Der Wagen hielt im Hofe des Hotels. Villefort ſprang heraus, die Diener waren überraſcht ihn ſo ſchnell wiederkehren zu ſehen. Er las keinen andern Ausdruck in ihren Zügen, keiner richtete ein Wort an ihn, man trat wie ge⸗ wöhnlich ſchweigend zur Seite. Er ging vor Noirtiers Zimmer vorbei, und bemerkte durch die halboffene Thür zwei Schatten, aber er achtete nicht darauf, ſeine Unruhe trieb ihn vorwärts. Er ſtieg die kleine Treppe hinauf, die zu Valentinens veröde⸗ tem Zimmer und zu denen ſeiner Frau führte;„ach,“ ſagte er, „hier iſt nichts verändert.“ — — — —— — — 1376 Er verſchloß die Thür der Treppe. „Niemand darf uns ſtören,“ ſprach er,„ich muß ihr fier Alles bekennen, und mein Verbrechen geſtehen....“ Er legte die Hand an den cryſtallnen Drücker, die Thür öff⸗ nete ſich. „Nicht verſchloſſen, o gut, ſehr gut,“ murmelte er. Und er trat in den Salon, wo jeden Abend ein Bett für Eduard bereitet ward, denn obgleich in Penſion, kam der Knabe dennoch alle Abende nach Hauſe, weil ſeine Mutter ſich unter keiner Bedingung hatte von ihm trennen wollen. Er überſah das Zimmer mit einem Zlick. „ Niemand,“ ſagte er,„wahrſcheinlich iſt ſie in ihrem Schlaf⸗ zimmer.“ Er eilte an die Thür. Da war der Riegel vorgeſchoben. Villefort zitterte. „Heloiſe,“ rief er. Es ſchien ſich etwas zu bewegen. „Heloiſe,“ wiederholte er. „Wer iſt da?“ fragte dieſe. Es ſchien ihm, als klänge die Stimme ſchwächer als ge⸗ wöhnlich. „Oeffne, öffne,“ ſchrie Villefort,„ich bin es.“ Aber ungeachtet dieſes Befehls, ungeachtet der Herzensangſt, mit welcher er gegeben, ward nicht geöffnet. Villefort ſtieß die Thür mit dem Fuße ein. Vor dem Zimmer, welches in ihr Boudoir führte, ſtand ſeine Gemahlin, ſie war bleich, ihre Züge ganz verzerrt, ſie blickte ihn mit erſchreckend ſtarren Augen an. „Heloiſe! Heloiſe!“ rief er,„was iſt Dir? ſprich.“ 5 Die junge Frau ſtreckte ihre ſteife, leichenblaſſe Hand gegen ihn aus. „Es iſt geſchehen, mein Herr,“ ſagte ſie röchelnd,„was ver⸗ langen Sie noch mehr?“ Uud ſie ſank auf den Teppich. Villefort ſtürzte auf ſie zu und ergriff ihre Hand. Die Hand hielt convulſiviſch ein cryſtallnes Flacon mit goldnem Stöpſel. Frau von Villefort war todt. 4. Ganz betäubt vor Entſetzen prallte der Procurator bis an die Thür zurück und betrachtete den Leichnam. „Mein Sohn,“ ſchrie er plötzlich,„wo iſt mein Sohn? Eduard!*.. Und er ſtürzte mit dem gellenden Rufe:„Eduard, Eduard,“ aus dem Zimmer. In dieſem Tone lag ſo viel Herzensangſt, daß die Domeſtiken herbeiſtürzten. Grabes „Nei illefort l Der A. gammerdi Er die Trepy In glückichen Um Sarg ve Vill E Das ach wa gekomme Vil — 2 ſpenſter verzehre 1 r das Ki herührte ſeif, er Der Solaf ſensangſt, and ſeine lickte ihn nd gegen was ver⸗ die Hand pſel. is an die 1 Sohn? Eduard,“ vomeſtiken 1377 „Mein Sohn... mein Sohn... wo iſt Eduard?“ fragte Villefort,„er ſoll fort, er muß aus dem Hauſe.“ „Der Junker iſt nicht unten, gnädiger Herr,“ entgegnete der Kammerdiener. „Er ſpielt gewiß im Garten, ſeht nach, ſchnell!“ „Nein, die gnädige Frau hat den Junker ungefähr vor einer halben Stunde zu ſich gerufen, und ſeitdem iſt er noch nicht wie⸗ der unten geweſen.“ Kalter Schweiß bedeckte Villeforts Stirn, ſeine Füße ver⸗ ſagten ihm den Dienſt, ſeine Gedanken fingen an, ſich zu ver⸗ wirren. 3„Bei der gnädigen Frau,“ murmelte er,„bei der gnädigen rau.“ Und er trocknete ſich die Stirn, und ſtieg wankenden Schritts die Treppe hinauf. In das Zimmer tretend, ſah er wieder den Körper der un⸗ glücklichen Frau. Um Eduard zu rufen, mußte er das Echo dieſes in einen Sarg verwandelten Zimmers wecken; ſprechen, hieß die Ruhe dieſes Grabes ſchänden. Villefort fühlte die Stimme in der Bruſt erſiickt. „Eduard! Eduard,“ ächzte er. Das Kind antwortete nicht.... Der Ausſage der Domeſtiken nach war es zu ſeiner Mutter gegangen und nicht wieder heraus⸗ gekommen; wo war es denn? Villefort that einen Schritt vorwärts. Frau von Villeforts Leiche lag vor der Thür des Boudoirs, in dem Eduard durchaus ſein mußte, die Leiche ſchien die Schwelle mit ſtarren, weit offnen Augen zu bewachen, eine geheimnißvolle, erſchreckende Ironie umſpielte ihre Lippen. Die Thür war halb geöffnet, man erblickte ein offenes Piano, und einen Theil eines blauſeidenen Divans. Auf dieſem Divan lag das Kind. Es ſchläft gewiß. Der Unglückliche ſtieß einen Freudenſchrei aus, ein Strahl des reinſten Lichts verklärte die Hölle. Er wollte das Kind nehmen und damit weit, weit fliehen. Villefort glich einem tödtlich verwundeten Tiger, deſſen gebro⸗ chene Zähne in ſeiner letzten Wunde wühlen. Er fürchtete ſich nicht mehr vor Vorzeichen, ſondern vor Ge⸗ ſpenſtern. Er ſprang über den Leichnam, als ob er hätte einen verzehrenden Feuerhaufen überſpringen müſſen. Er nahm das Kind in ſeine Arme, drückte, ſchüttelte, rief es, das Kind antwortete nicht Mit ſeinen glühenden Lippen berührte er Eduards Wangen, er rieb die Händchen, ſie waren ſteif, er befühlte das Herz... es ſchlug nicht mehr!... Der Graf von! Monte⸗Chriſto. 87 1378 Das Kind war todt. 3 Ein vierfach zuſammengelegtes Papier war an das Kleid geheftet. entglitt ſeinen Armen und rollte neben ſeine Mutter. Das Papier lag vor ihm, er erkannte Heloiſens Schriftzüge, und las Folgendes: „Urtheilen Sie, ob ich eine gute Mutter war, denn aus Liebe zu meinem angebeteten Kinde ward ich Verbrecherin! „Eine gute Mutter geht nicht ohne ihr Kind!“ Villefort traute ſeinen Augen nicht, er näherte ſich Eduard, um ihn nochmals mit der Aufmerkſamkeit zu unterſuchen, die eine Löwin bei ihrem todten Jungen anwendet. Dann entwand ſich ein herzzerreißender Schrei ſeiner Bruſt: „Gott,“ murmelte er,„ſtets Gott!“ Bis jetzt hatte ihn die Wuth, dieſe unendliche Eigenſchaft ſtarker Menſchen, die Verzweiflung, dieſe erhabene Tugend des To⸗ deskampfes, aufrecht erhalten, welche die Titanen trieb, den Him⸗ mel zu ſtürmen, und Ajax, den Göttern zu dräuen. Aber nun überkam ihn entſetzliches Grauen, in Geſellſchaft dieſer beiden Leichen. Villeforts Kopf ſchwindelte, er erhob ſich mühſam, ſein von Angſt und Schrecken ganz feuchtes Haar begrenzte ſcharf die bleiche Wange, und dieſer, bis dahin ſo mitleidsloſe Mann, ging zu ſeinem Vater, dem ſchwachen Greiſe, um doch Jemand zu haben, an deſſen Herzen er weinen, dem er ſein Unglück erzählen konnte! Er trat bei Noirtier ein. Dieſer ſchien aufmerkſam und ſo zärtlich als es ſeine Unbe⸗ weglichkeit erlaubte, auf den Abbé Buſoni zu hören, der eben ſo ruhig und kalt wie gewöhnlich war. Als Villefort den Abbé bemerkte, legte er die Hand an die Stirn. Die Vergangenheit kehrte ihm wieder, wie eine jener Wellen, die heftiger ſchäumt und wogt, als die andern. Er gedachte des Beſuchs, den er dem Abbé den Tag nach dem Mittagseſſen in Auteuil gemacht, und der Viſite, die dieſer ihm an Valentinens Todestage abgeſtattet hatte. „Sie hier, mein Herr!“ ſagte er,„auch Sie erſcheinen hier wohl nur im Gefolge des Todes!“ Buſoni wandte ſich um, und des Procurators verſtörtes Ant⸗ litz, den wilden Blick ſeines Auges ſehend, begriff er, was ſich in deu Aſſiſen zugetragen, das Uebrige wußte er nicht. „Ich komme, Ihnen zu ſagen, daß Sie mir Ihre Schuld ge⸗ nügend bezahlt haben, und indem ich gleich abreiſe, bitte ich Gott, ſich zu begnügen, wie ich mich begnüge.“ „Mein Gott,“ rief Villefort zurückprallend,„dieſe Stimme... das iſt nicht die des Abbé Buſoni!“ Villefort war vernichtet, er ſank auf die Kniee, das Kind 3 hle, 1 1 1 Nein Der; ſhwarzes bleiche G, „Vor Werlobung „Sie ſind ein v G Ihnen in „Ja über ſeine Albe Freiheit! „We „Ich Gefängnij eendlich de fen von damit Si „Ad curator „3 D. „‿Qꝗ packend, Und mehr ſa⸗ as Kleid ſas Kind hriftzüge, aus Liebe Eduard, die eine Bruſt. igenſchaft des To⸗ den Him⸗ eſellſchaft ſein von die bleiche zu ſeinem an deſſen ne Unbe⸗ reben ſo id an die eine jener nach dem ieſer ihm einen hier ttes Ant⸗ as ſich in Schuld ge⸗ timme. — —— 1379 „Nein!“ Der Abbé entledigte ſich ſeiner Tonſur, und ſein langes, ſchwarzes Haar wallte feſſellos um ſeine Schulter und rahmte ſein bleiches Geſicht ein.— „Das iſt ja das Geſicht des Grafen von Monte⸗Chriſto,“ ſchrie Villefort verſtört. „ Der iſt es noch nicht, Herr Procurator des Königs, ſuchen Sie beſſer, und mehr in der Vergangenheit.“ „Dieſe Stimme... dieſe Stimme... wo habe ich ſie doch zuerſt gehört?“ „Vor drei und zwanzig Jahren, in Marſeille, am Tage Ihrer Verlobung mit Fräulein von Saint⸗Méran. Denken Sie nach.“ „Sie ſind nicht Buſoni, nicht Monte⸗Chriſto, mein Gott, Sie ſind ein verborgener, unerbittlicher, tödtender Feind... ich habe Ihnen in Marſeille irgendwie wehe gethan, o...“ „Ja Du haſt Recht, ſo iſt es,“ ſprach der Graf, die Arme über ſeiner breiten Bruſt kreuzend,„ſuche! ſuche!“ „Aber was habe ich Dir denn gethan?“ ſchrie Villefort, deſſen Geiſ ſich mehr und mehr verwirrte,„was habe ich Dir gethan? prich!“ „Sie haben mich zu einem langſamen, ſcheußlichen Tode ver⸗ dammt, Sie haben meinen Vater getödtet, und mich der Liebe, der Freiheit und des Glücks beraubt.“ „Wer ſind Sie? mein Gott, wer ſind Sie denn?“ „Ich bin das Geſpenſt eines Unglücklichen, den Sie in die Gefängniſſe des Schloſſes If verſenkt haben. Als dieſes Geſpenſt endlich dem Grabe entſtieg, verlieh ihm Gott die Maske des Gra⸗ fen von Monte⸗Chriſto, und bedeckte ihn mit Diamanten und Gold, damit Sie ihn nicht wiedererkennen ſollten.“ „Ach, ich erkenne Dich... ich erkenne Dich!“ rief der Pro⸗ curator des Königs,„Du biſt...“ „Ich bin Edmond Dantes!“ „Du biſt Edmond Dantes!“ ſchrie Villefort, den Grafen packend,„o komm!“ Und er zog ihn die Treppe herauf. Monte⸗Chriſto folgte ihm erſtaunt, nicht wiſſend, wohin er ihn führte. „Sieh, Edmond Dantes,“ ſprach der Procurator, dem Grafen die beiden Leichname zeigend,„ſieh... ſieh... Du haſt Dich gut gerächt!“ Bei dieſem ſchrecklichen Anblick erbleichte Monte⸗Chriſto, er fühlte, daß er das Recht der Rache überſchritten hatte, daß er nicht mehr ſagen konnte: „Gott iſt für mich, und mit mir!“ Mit einem Gefühle unbeſchreiblicher Herzensangſt ſtürzte er ſich auf den Körper des Kindes, öffnete deſſen Augen, fühlte 87* 1380 ſeinen Puls, und eilte mit ihm in Valentinens Zimmer, das er zweifach hinter ſich verſchloß.— „Mein Kind!“ ſchrie Villefort, ger entführt den Leichnam meines Kindes,— o Fluch, Unglück, Tod über Dich!“ Und er wollte Monte⸗Chriſto nachſtürzen, aber er ſtand wie feſtgebannt, ſeine Augen erweiterten ſich und drohten ihre Höhlen zu ſprengen, ſeine Finger krallten ſich in ſeine Bruſt, Blut färbte die Nägel; er fühlte es nicht, ſeine Adern ſchwollen, ſein Kopf glühte wie Feuer. Dieſe Starrheit dauerte mehrere Minuten, bis die gräßliche Zerrüttung der Vernunft vollſtändig war. Einem gellenden Schrei folgte wildes Gelächter, er ſtürzte mehr als er ging die Treppe herab. 1 Eine Viertelſtunde ſpäter öffnete ſich Valentinens Zimmer, der Graf ven Monte⸗Chriſto erſchien wieder.— Mit beengtem Athem, bleich, ſtarren, düſtern Blickes ſtand er da. ſein ſonſt ſo ruhiges, edles Antlitz war vom tiefſten Schmerz ewegt. wiederzugeben vermocht hatte. Er beugte demüthig das Knie, und legte den kleinen Körper ſtill Kieden den ſeiner Mutter, den Kopf des Kindes an ihre Bruſt lehnend. Dann verließ er das Zimmer. Auf der Treppe begegnete er einem Diener, und fragte ihn: „Wo iſt Herr v. Villefort?“ 3 Dieſer zeigte ſchweigend nach dem Garten. Monte⸗Chriſto eilte nach dem bezeichneten Orte, und ſah, von ſeinen Dienern umgeben, Villefort, der, einen Spaten in der Hand, die Erde mit dem größten Eifer umgrub und dabei die Worte murmelte: „Hier iſt es noch nicht... hier iſt es noch nicht!...“ Und er grub weiter. Monte⸗Chriſto trat zu ihm. „Mein Herr,“ ſprach er ga einen Sohn verloren, aber...“. Villefort unterbrach ihn, er hatte weder gehört noch ver⸗ ſtanden. „O,“ rief er,„ich werde ihn wiederfinden, Sie haben ſchön reden und behaupten, er ſei nicht hier, ich werde ihn wiederfinden, und ſollte ich bis zum Tage des letzten Gerichtes ſuchen.“ Monte⸗Chriſto wich entſetzt zurück. „Gott, er iſt wahnſinnig,“ ſprach er.. Und als ob er gefürchtet hätte, daß die Mauern dieſes ver fluchten Hauſes ihn zerſchmettern könnten, ſtürzte er auf die Straße nz leiſe und demüthig,„Sie haben 8 l celnd a In ſeinem Arm hielt er das Kind, dem keine Hilfe das Leben „Hab en nitklih P bei Noirtit Dieſ Emanuel hem Erſ Pillefort Max zu mache ſeinen G. M daß alle Glücks: der böſe keine Ei dieſes f 4- Morcerf „T deren R art ni . 2 die erhe Leute n hatten l — als 1381 zum erſten Male zweifelnd, daß er berechtigt geweſen ſei, ſo zu handeln wie er gehandelt. „O genug.. genug,“ ſagte er,„retten wir den Letzten.“ Als der Graf in ſein Hotel trat, begegnete er Morrel, wel⸗ chher ſchweigend wie ein Schatten umherirrte, und ſehnlichſt den Augenblick erwartete, in dem es ihm erlaubt war, zu ſterben. „Mache Dich bereit, Maximilian,“ redete er ſeinen Schützling lächelnd an,„morgen verlaſſen wir Paris.“ „Haben Sie nichts mehr hier zu thun?“ fragte dieſer. „Nein,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„Gott mag geben, daß ich nicht ſchon zu viel gethan habe.“ Den folgenden Tag verließen ſie, nur von Baptiſtin begleitet, wirklich Paris. Haydée hatte nur Ali mitgenommen, Bertuccio blieb bei Noirtier zurück. ds en en. en Körper 3 Die Abreiſe. ihre Bruſ Dieſe eben erzählten Ereigniſſe beſchäftigten ganz Paris.— 4 Emanuel und ſeine Frau erzählten ſie ſich einander mit ſehr natür⸗ chem Erſtaunen. Sie ſtellten das, was Morcerf, Danglars und AVillefort begegnet war, einander gegenüber. Maximilian, welcher gekommen war, um ihnen einen Beſuch zu machen, achtete wenig auf ihre Geſpräche, ſondern überließ ſich ſeinen Gedanken. „Wirklich, Emanuel,“ ſagte Julie,„ſollte man nicht ſagen, daß alle dieſe ſo reichen, ſo glücklichen Leute bei Gründung ihres Glücks den böſen Genius vergeſſen hätten, und daß derſelbe gleich der böſen Fee, die zu dieſer oder jener Vermählung oder Taufe keine Einladung bekommen hatte, jetzt plötzlich erſcheint, um ſich für — ddieſes fatale Vergeſſen zu rächen?“ Sie haben„Welch ein Unglück,“ ſprach Emanuel, an Danglars und — Mcoorcerf denkend. noch ver⸗„Welch ein Leiden,“ ſprach Julie, Valentinens gedenkend, deren Namen ſie aus weiblichem Inſtinct in Maximilians Gegen⸗ ben ſchhn wart nicht ausſprechen mochte. ederfinden,„Wenn Gott ſie geſtraft hat,“ ſprach Emanuel,„Gott, der „ ddie erhabene Güte iſt, wenn er in der Vergangenheit all' dieſer Leute nichts fand, was ſie der Verzeihung werth machte, o dann hatten ſie die Strafe gewiß verdient!“ „ urtheilſt Du da nicht zu ſerf Emanuel? Wenn Jemand, dieſes 19, 3 als der Vater,— die Piſtole in der Hand, ſich das Leben ie Strabe, 3 4. gte ihn: ſah, von der Hand, die Worte 7 .. ————— ſ — ſ — — 1382 nehmen wollte, geſagt hätte:— dieſer Mann hat ſeine Strafe verdient, würde er nicht ſehr Unrecht gehabt haben?“ „Ja, aber Gott gab nicht zu, daß unſer Vater unterlag, wie er gleichfalls nicht zugab, daß Abraham ſeinen Sohn opferte; dem Patriarchen wie uns ſandte er einen Engel, der dem Tode auf halbem Wege die Flügel raubte.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als das Geräuſch der Glocke erklang. Der Portier gab damit das Zeichen eines kommenden Beſuches. Faſt in demſelben Augenblicke ward die Thür des Salons geöffnet und der Graf von Monte⸗Chriſto erſchien auf der Schwelle.— Ein doppelter Freudenſchrei der beiden jungen Leute empfing ihn. Maximilian blickte zwar auf, ließ den Kopf jedoch gleich wie⸗ der ſinken. „Maximilian,“ ſprach der Graf, ſcheinbar ohne den zweifachen Eindruck zu bemerken, den ſeine Gegenwart hervorbrachte,„ich ſuche Sie.“ „Mich?“ ſprach dieſer, wie aus einem Traum erwachend. „Ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„haben Sie vergeſſen, daß wir zuſammen reiſen, und ich Sie geſtern bat, ſich bereit zu halten?“ „Das bin ich,“ ſagte Maximilian,„ich wollte meinen Ge⸗ ſchwiſtern nur Lebewohl ſagen.“. „Und wohin gehen Sie, Herr Graf?“ fragte Julie. „Zuerſt nach Marſeille.“ „Nach Marſeille?“ wiederholten Julie und Emanuel. „Ja, und ich nehme Ihren Bruder mit.“ 42, Herr Graf,“ rief Julie,„bringen Sie ihn uns geheilt zurück!“ 1 Morrel wandte ſich ab, um eine lebhafte Röthe zu verbergen. „Alſo ſind Sie überzeugt, daß er leidet?“ fragte der Graf. „Ach ja, und ich fürchte, wir können ihn nicht zerſtreuen.“ „Ich werde ihn aufheitern,“ entgegnete der Graf.“ „Ich bin bereit,“ ſprach Maximilian,„lebt wohl, Ihr Theuern, lebt wohl!“ „Wie, leb' wohl?“ rief Julie,„reiſen Sie denn gleich? ohne Vorbereitung, ohne Paß?“ „Das ſind Verzögerungen, die den Schmerz der Trennung verdoppeln,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„und ich bin überzeugt, daß Maximilian ſeine Vorbereitungen getroffen hat.“ „Ja,“ ſprach Morrel düſter,„hier iſt mein Paß und meine Sachen ſind gepackt.“ „Charmant,“ ſprach der Graf lächelnd,„daran erkennt man einen guten Soldaten.“ können, Kräfte, dige un reiſe ie geſſen wir un „ſagen Böſes, als ſie, ih bin iih verd 3 Sen Straſe klag, wie rte; dem dode auf aäuſch der Beſuches. Salons auf der ffing ihn. leich wie⸗ weifachen te,„ich ceend. ſſen, daß bereit zu inen Ge⸗ & s geheilt verbergen. r Graf. euen.“ Theuern, ih? ohne Trennung überzeugt, nd meine ennt mat 1383 „Und Sie verlaſſen uns augenblicklich,“ rief Julie,„geben nicht einen Tag, nicht eine Stunde zu?“ „Mein Reiſewagen ſteht vor der Thür, ich muß in fünf Ta⸗ gen in Rom ſein.“ „Und gehſt Du auch nach Rom, Maximilian?“ fragte Emanuel. „Ich gehe, wohin es dem Grafen gefallen wird, mich zu ſihrene ſprach dieſer traurig lächelnd,„ich gehöre ihm noch einen onat!“ „O mein Gott, wie er das ſagt, Herr Graf!“ „Maximilian begleitet mich,“ ſprach dieſer mit ſeiner über⸗ zeugenden Freundlichkeit,„beruhigen Sie ſich alſo über Ihren Bruder.“ „Lebe wohl, Schweſter!“ wiederholte Morrel,„lebe wohl Emanuel.“ „O er bricht mir das Herz mit ſeiner Gleichgiltigkeit,“ rief Julie.„O Maximilian, geliebter Bruder, Du verbirgſt uns Etwas?“— „Bah,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Sie werden ihn heiter, glücklich und lachend zurückkehren ſehen.“ Maximilian warf dem Grafen einen faſt verächtlichen Blick zu. „Reiſen wir,“ ſprach dieſer. „Aber vorher,“ rief Julie,„erlauben Sie uns, Herr Graf, Ihnen Alles zu ſagen...“ „Madame,“ ſprach Monte⸗Chriſto, ihre beiden Hände ergrei⸗ fend,„Sie können mir nie das Alles ſagen, was ich in Ihren Augen leſe, was Ihr Herz gedacht, und was in dem meinen nach⸗ klingt. Wie die Wohlthäter in den Romanen hätte ich abreiſen können, ohne ſie wiederzuſehen, aber dieſe Tugend ging über meine Kräfte, weil ich ein ſchwacher Menſch bin, weil der feuchte, freu⸗ dige und zärtliche Blick meiner Nebenmenſchen mir wohl thut. Jetzt reiſe ich und treibe den Egoismus ſo weit, Ihnen zu ſagen: Ver⸗ geſſen Sie mich nicht, meine Freunde, denn wahrſcheinlich ſehen wir uns nicht wieder.“ „Nicht mehr wiederſehen?“ rief Emanuel, während zwei große Thränen über Juliens Wangen rollten,„nicht mehr wiederſehen! O das iſt kein Menſch, es iſt ein Gott, der uns verläßt, um, nachdem er auf der Erde erſchienen war und Gutes gethan hat, dem Himmel wieder zuzueilen!“ „Sprechen Sie nicht ſo,“ entgegnete Monte⸗Chriſto lebhaft, „ſagen Sie niemals das, meine Freunde, die Götter thun nie Böſes, ſie halten inne wo ſie wollen, der Zufall iſt nicht mächtiger als ſie, ſondern ſie beherrſchen im Gegentheil den Zufall. Nein, ich bin ein Menſch, Emanuel, Ihre Worte ſind Entweihung, denn verdiene ihre Anbetung und Bewunderung nicht!...“ Und Juliens Hand an ſeine Lippen preſſend, die ihn tief be⸗ — 1384 wegt umarmte, reichte er Emanuel die andere Hand, und ſchied von dieſem Hauſe reinen, friedlichen Glücks. Morrel folgte ihm, eben ſo ſchweigend und paſſiv, als er die ganze Zeit ſeit Valentinens Tode geweſen war. 4 „Geben Sie meinen Bruder die Freude wieder!“ flüſterte Julie dem Grafen zu. Monte⸗Chriſto drückte ihr die Hand, wie ſchon einmal vor eilf Jahren auf der Treppe, die zu ihres Vaters Kabinet führte. „Vertrauen Sie noch immer Sindbad dem Seefahrer?“ fragte er lächelnd. „O ja!“ „Nun wohl, ſo ſchlummern Sie friedlich und dem Herrn ver⸗ trauend ein.“ Wirklich ſtand der Reiſewagen vor dem Portale, vier muthige Roſſe zerſtampften ungeduldig das Pflaſter. An der Treppe ſtand Ali, ganz in Schweiß gebadet, als habe er einen langen Weg zurückgelegt. „Nun? fragte ihn der Graf endlich,„warſt Du bei dem Greiſe?“ Ali verbeugte ſich. „Und Du haſt den Brief, wie ich befohlen, ſo gehalten, daß er ihn leſen konnte?“ Der Sclave verbeugte ſich abermals ehrfurchtsvoll. „Und was hat er geſagt, oder vielmehr gethan?“ Ali ſtellte ſich in das Licht, ſo das ſein Herr ihn ſehen konnte, ahmte mit ſeinem klugen Geſichte die Phyſiognomie des Greiſes nache und ſchloß die Augen wie Noirtier, wenn er„Ja“ ſagen wollte. „Gut, er nimmt es an,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„vorwärts!“ Kaum hatte er dieſes Wort geſagt, ſo rollte der Wagen davon, und verſchwand in einer Staubwolke.“ Maximilian hatte ſich ſchweigend in eine Ecke gedrückt. So verging eine halbe Stunde; plötzlich hielt der Wagen, der Graf hatte die ſeidene Schnur gezogen. Der Nubier öffnete den Schlag. Es war eine ſchöne, ſternhelle Nacht. Von der Höhe herab lag die Ebene von Paris wie ein großes finſteres Meer da, die Millio⸗ nen Lichter glichen eben ſo vielen phosphoriſchen Wellen, es waren auch Wellen, aber glühendere, leidenſchaftlichere, bewegtere, gierigere Wellen, als die des aufgeregten Oceans, Wellen, die ſtets zuſam menſtoßen, ſtets ſchäumen, ſtets verſchlingeu... Der Graf blieb allein, denn auf ein Zeichen ſeiner Hand, fuhr der Wagen langſam voran. Dann betrachtete er lange mit gekreuzten Armen dieſen großen Schmelzofen, wo alle die Gedanken ſich drehen, ſchmelzen und for⸗ men, um dann, von dieſem verzehrenden Schlunde aus, die Welt 1 Geſicht zu bewegen. Als ſein mächtiger Blick lange auf dieſem Babylon fihrt hat, enmd allein kann ohne Stolz 8/ 8 tel, wül Nur er all Zwecken vo⸗ den. O 9 ich ſucht, entfernen. endet, ſa Schmerz, Noch die weite ſchnell hin „. liere ich „N verloren und Go gleiten. dein 2 in i Gu Iöres; cied von ls er die flüſerte 1 vor eil te “ fragte en konnte, Greiſes “ ſagen wärts!“ n davon, aeen, der erab lag Millio⸗ waren ierigere zuſam nd, fuhr n großen und for⸗ i Welet aönlm Geſicht zu machen.“ ——jjj—— 1385 geruht hatte, von dem die religiöſen Dichter wie die materiellen Spötter träumen, ſprach er, die Hände faltend und das Haupt beugend, als ob er bete: „Große Stadt, es iſt noch nicht gar lange, daß ich Deine Thore durchſchritt. Ich glaube, daß Gottes Geiſt mich dahin ge⸗ führt hat, er führt mich triumphirend zurück. Gott habe ich das Geheimniß meiner Gegenwart in Deinen Mauern vertraut, er allein kann in meinen Herzen leſen, er allein weiß, daß ich mich ohne Stolz und Hochmuth, aber nicht ohne Schmerz zurückziehe. Nur er allein weiß, daß ich weder für mich, noch zu ſchlechten Zwecken von der Macht Gebrauch gemacht habe, die er mir verlie⸗ hen. O große Stadt, in Deinem klopfenden Schooße fand ich was ich ſuchte, ich habe Dein Inneres durchwühlt, um das Böſe zu entfernen Jetzt iſt mein Werk erfüllt, meine Miſſion iſt be⸗ endet, jetzt kannſt Du mir nichts mehr bieten, weder Freude noch Schmerz, lebe wohl, Paris, lebe wohl!“ Noch einmal glitt ſein Blick wie ein nächtlicher Genius über die weite Fläche, dann ſtieg der Graf in den Wagen, der ſich ſchnell hinter ihm ſchloß, und bald hinter der Anhöhe verſchwand. CX. Das Haus in den Alleen von Meiſlan. Die Reiſenden legten zehn Meilen zurück ohne ein einziges Wort zu ſprechen. „Morrel,“ nahm der Graf endlich das Wort,„bereuen Sie, daß Sie mir gefolgt ſind?“ „Nein, Herr Graf, aber Paris verlaſſen...“ „Hätte ich geglaubt, daß Sie in Paris Glück erwartete, Mor⸗ rel, würde ich Sie dort gelaſſen haben.“ „In Paris ruht Valentine, und indem ich es verlaſſe, ver⸗ liere ich ſie zum zweiten Male.“ „Maximilian,“ ſprach der Graf,„die Freunde, welche wir verloren, ruhen nicht in der Erde, ſondern tief in unſerm Herzen, und Gott hat es ſo gewollt, damit ſie uns ſtets und überall be⸗ gleiten. Ich habe zwei Freunde, die mich nie verlaſſen, der Eine iſt mein Vater, der Andere mein Lehrer, Beider Geiſt bleibt in mir. Bin ich zweifelhaft, ſo frage ich um Rath, habe ich irgend etwas Gutes gethan, ſo verdanke ich es ihnen. Fragen Sie die Stimme Ihres Herzens, Morrel, ob Sie fortfahren ſollen, mir ein ſo böſes 1386 „O mein Freund,“ ſprach Morrel,„die Stimme meines Her⸗ zens iſt ſehr traurig und verſpricht mir nichts als Unglück.“ „Das iſt geſchwächten Geiſtern eigen, Alles unter Crepp zu ſehen, die Seele ſelbſt bildet ſich dieſen Horizont. Ihre Seele iſt düſter und läßt Sie einen ſtürmiſchen Himmel ſehen.“ „Das iſt vielleicht wahr,“ ſagte Morrel. Und er verſank von Neuem in Träumerei. Die Reiſe war mit der uns ſchon bekannten, außerordentlichen Schnelligkeit zurückgelegt; die Städte glitten wie Schatten an un⸗ ſern Reiſenden vorbei, die vom erſten Herbſtwinde geſchüttelten Bäume, ſchienen ihnen gleich zerzauſten Rieſen entgegenzukommen, und flohen ſchnell, noch bevor ſie ſie erreicht. Am folgenden Mor⸗ gen kamen ſie nach Chalons, wo das Dampfſchiff des Grafen ſie erwartete; ohne den geringſten Verzug ward der Wagen an Bord gebracht und die Reiſenden ſchifften ſich ein. Das ſchöne Schiff glitt wie ein Vogel dahin, ſogar Morrel empfand die raſende Schnelligkeit, und oft, wenn der Wind ſein dunkles Haar durchflatterte, ſchienen die finſtern Wolken ſeiner Stirn momentan zu verſchwinden. Je mehr der Graf ſich von Paris entfernte, je milder ward ſein Blick, ſtrahlende Heiterkeit verklärte ſein edles Antlitz, er glich einem Verbannten, der ſein Vaterland wieder ſieht. Bald erſchien Marſeille dieſe jüngere Schweſter von Karthago, weiß, jung und lebhaft ihren Augen. Beiden war ſie gleich lieb und theuer, denn Beide hatten als Kinder dort geſpielt. fol Ein gleicher Zug ließ Beider Blicke eine gleiche Richtung ver⸗ olgen. Ein Schiff ging nach Algier ab, Paſſagiere eilten über die Brücke, Gepäck ward aufgeladen, die Verwandten und Freunde rie⸗ fen den Scheidenden ein letztes ſchmerzliches Lebewohl zu, aber ſelbſt dieſes traurige und rührende Schauſpiel konnte Morrel nicht zerſtreuen, der, ſeit er den Fuß auf die beiden Stufen des Quai geſetzt hatte, nur von Einem Gedanken beſeelt ward.. „Sehen Sie,“ ſprach er, Monte⸗Chriſto's Hand drückend,„hier iſt der Ort, wo mein Vater ſtand, als der Pharaon in den Hafen lief, hier warf ſich der brave Mann, den Sie vor Tod und Schande retteten, in meine Arme, und noch fühle ich ſeine Thränen meine Wangen netzen, und er weinte nicht allein, denn Viele, die uns ſahen, weinten mit uns.“ Monte⸗Chriſto lächelte. „Ich war da,“ ſprach er, und zeigte nach der Brücke. 3 Plötzlich hörten Beide ein ſchmerzliches Schluchzen und erblick⸗ ten eine Frau, die einem jungen Paſſagier ein letztes Lebewohl zu⸗ winkte. Sie war verſchleiert, aber Monte⸗Chriſto blickte ihr mit tiefer, ſichtlicher Bewegung nach. „O mein Gott,“ rief Morrel plötzlich,„der junge Mann dort „Gl „Sie „Ja Mor neigte ſi Als Chriſto ſuchen, vielleicht Da Sängern der die, Steine umſchloß gangsthi welche n mende j Ddi reizende d. h. d rade hi ſie kaun 8h kounte! ſen ſeiner ntlitz, er Karthago, gleich lieb tung ver⸗ über die eunde rie⸗ zu, aber rrel nicht des Quai nd,„hier den Hafen Schande en meine die uns 4. d erbli⸗ ewohl zu⸗ ihr mit jzann dort 1387 auf dem Schiffe in der Uniform eines Souslieutenants, der mit dem Hute grüßt, iſt Albert von Morcerf!“ „Ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich habe ihn auch erkannt.“ e„Aber wie iſt das möglich, Sie ſahen nach einer andern eite 2⸗ Gid Graf lächelte, wie immer, wenn er nicht antworten mochte. Und ſeine Augen folgten der verſchleierten Frau, die am Ende der Straße verſchwand. Dann ſagte er zu Morrel: „Haben Sie hier Geſchäfte, lieber Freund?“ „Ich will auf dem Grabe meines Vaters weinen,“ entgegnete dieſer düſter. „Gut, gehen Sie und erwarten Sie mich dort.“ „Sie wollen mich verlaſſen?“ „Ja.... auch ich muß eine fromme Pflicht erfüllen!“ Morrel legte ſeine Hand in die dargereichte Hand des Grafen, neigte ſich unbeſchreiblich traurig und verließ ihn. Als Maximilian ſeinen Augen entſchwunden war, eilte Monte⸗ Chriſto nach den Alleen von Meillan, um das kleine Haus aufzu⸗ ſuchen, deſſen ſich unſere Leſer aus dem Anfange dieſer Geſchichte vielleicht noch entſinnen. Da ſtand es noch in dem Schatten der hohen, von gefiederten Sängern belebten Linden, geſchmückt mit Vorhängen von Wein, der die, durch die glühende Sonne des Mittags gelb gewordenen Steine mit ſeinen, vom Alter geſchwärzten Stämmen und Ranken umſchloß. Zwei abgenutzte ſteinerne Stufen führten zu einer Ein⸗ gangsthür, die aus drei roh zuſammen gefügten Brettern beſtand, welche nie Kitt und Farbe gekannt hatten, und geduldig die koms mende ſie ſtets verbindende Feuchtigkeit erwarteten. Dieſes, ungeachtet ſeines Alters und ärmlichen Aeußern ganz reizende Haus, war daſſelbe, welches ehemals Vater Dantes bewohnte; d. h. der Greis bewohnte nur die Manſarden, und der Graf hatte es gänzlich zu Mercedes Verfügung geſtellt. In dieſes Haus trat die verſchleierte Frau, und ſchloß es ge⸗ rade hinter ſich, als Monte⸗Chriſto, um die Straßenecke biegend, ſie kaum entdeckt hatte. Ihm waren die abgenutzten Stufen alte, liebe Bekannte, er kounte beſſer als irgend Jemand die alte Thür öffnen. So trat er auch heute ohne zu klopfen, ein. Hinter dem Hauſe lag der kleine Garten, in welchem Mercedes die Summe gefunden, die ihr Leben ſichern ſollte. Auf der Schwelle des Gartens angelangt, hörte Monte⸗Chriſto ein ſchmerzliches Schluchzen, dieſes Schluchzen leitete ſeinen Blick, und unter einer Jasminlaube ſah er Mercedes ſitzen. Ihr Schleier war zurückgeſchlagen, ſie hatte mit beiden Hän⸗ — — 1388 den das Geſicht bedeckt und überließ ſich frei dem heftigen Ausbruche eines tiefen, durch die Gegenwart ihres Sohnes ſo lange zurückge⸗ haltenen Schmerzes. Monte⸗Chriſto näherte ſich, der Sand knirſchte unter ſeinen en. Mercedes blickte auf und ſtieß einen Schrei des Schreckens aus, als ſie einen Mann vor ſich ſah. 1 „Es ſteht nicht in meiner Macht, Ihnen Glück zu bringen,“ ſprach der Graf,„aber ich biete Ihnen Troſt, o geſtatten Sie mir, als Freund zu Ihnen zu reden.“ „Ich bin wirklich ſehr unglücklich,“ entgegnete Mercedes,„ſo allein in der Welt.... ich hatte nur meinen Sohn und er hat mich verlaſſen!“ „Er hat wohlgethan,“ ſagte der Graf,„er iſt ein edles Herz. Er hat eingeſehen, daß jeder Mann dem Vaterlande ſeinen Tri⸗ but zahlen muß, die Einen ihre Talente, die Andern ihren Fleiß⸗ die Dritten ihr Blut. Blieb er bei Ihnen, ſo ward ſein Leben unnütz und er hätte ſich nimmer an Ihren Schmerz gewöhnen können. Jetzt, gegen ſein Mißgeſchick kämpfend, wird er groß und ſtark werden, und es in Glück umwandeln. Laſſen Sie ihn für ſich Beide eine neue Zukunft bauen, ich wage Ihnen zu verſprechen, daß ſie in ſichern Händen iſt.“— „O, ſprach die arme Mutter, traurig den Kopf ſchüttelnd, „dieſes Glück, von dem Sie ſprechen, und das ich aus dem Grunde meines Herzens von Gott erflehe, werde ich nicht mehr genießen, zu Vieles iſt in mir und um mich her gebrochen, ich bin dem Grabe mahe! Sie haben wohlgethan, Herr Graf, mich an dieſen Ort zu führen, ach hier war ich glücklich, und wo man glücklich war, muß man ſterben!“ 1 „Ach,“ rief Monte⸗Chriſto,„jedes Ihrer Worte fällt bitter und brennend auf mein Herz; und zwar um ſo bitterer und brennender, Füß als Sie ein Recht haben, mich zu haſſen; ich habe Ihnen Leid zu⸗ gefügt... weßhalb beklagen Sie mich nicht, ſtatt mich anzuklagen? Sie würden mich noch viel unglücklicher machen.“ „Sie haſſen, Sie anklagen, Sie, Edmond.... den Mann haſſen und anklagen, der das Leben meines Sohnes rettete? denn nicht wahr, es war doch Ihre blutige Abſicht, Herrn von Morcerf den Sohn zu tödten, auf den er ſtolz war? O blicken Sie mich an, und forſchen Sie, ob ich beabſichtige, Ihnen Vorwürfe zu machen.“ Der Graf ſah auf, Mercedes hatte ſich halb aufgerichtet und ſtreckte ihm beide Hände entgegen. 1 „O blicken Sie mich an,“ fuhr ſie mit dem Gefühle tiefer Traurigkeit fort,„der Strahl meines Auges iſt jetzt erloſchen... jene Zeiten ſind dahin, als Sie dort oben ſtanden, dort oben am Man⸗ ſardenfenſter, wo Ihr Vater wohnte... als Edmond Dantes mich derſelben Sehen S meine A Ringe d gegen, haben baut, un verzagt, Me Mo fühlte, Lippen „A Geſchick auch ſte um Sie fünßzi mand! gerettet auch n ſterben ſeinem Veracht usbruche zurückge⸗ er ſeinen ens aus, bringen,“ (S.p„“ Ole mir, des,„ſo der hat dles Herz. nen Tri⸗ en Fleiß in Leben Bewöhnen groß und ihn für ſprechen, ſchüttelnd, m Grunde genießen, en Grabe n Ort zu ar, muß bitter und eennender, Leid zu⸗ zuklagen? en Mann ete? denn Morcerf Sie mich würfe zu ichtet und hle tiefer en. am Man⸗ ntes mich 1389 erwartete und ich ihm zulächelte... Seit jener Zeit ſind viele ſchmerz⸗ liche Tage verfloſſen, eine weite, traurige Ferne liegt zwiſchen Sonſt und Jetzt. Sie anklagen, Edmond, Sie haſſen, mein Freund? nein! ich haſſe mich, klage nur mich ſelbſt an. O ich Unglückliche,“ rief ſie, die Hände faltend,—„o ich bin geſtraft! Religion, Unſchuld und Liebe waren mein, dieſe drei Himmelsgaben, und ich Unſelige zweifelte an Gott!“ Monte⸗Chriſto reichte ihr ſchweigend die Hand. „Nein,“ ſagte ſie, die ihrige ſanft zurückziehend,„nein, mein Freund, berühren Sie mich nicht. Mich haben Sie verſchont, und doch war ich die Schuldigſte von Allen, die Sie geſtraft. Alle die Andern haben aus Haß, Habſucht und Egoismus gehandelt, nur ich allein aus Feigheit. Sie Alle hatten etwas zu wünſchen, ich allein hatte Furcht. Nein, drücken Sie meine Hand nicht, Ed⸗ mond, ich fühle, Sie wollen einige herzliche Worte ſagen, ich bin derſelben nicht würdig, ſparen Sie dieſe Worte für eine Andere. Sehen Sie, das Unglück hat mein Haar vor der Zeit gebleicht, meine Augen haben zu viele Thränen vergoſſen, ſie ſind von einem Ringe violetter Adern umgeben, meine Stirn iſt gefurcht! Sie da⸗ gegen, Edmond, ſind noch jung, noch ſchön und ſtolz. Ach Sie haben Glauben und Kraft gehabt, Sie haben auf den Herrn ge⸗ baut, und Gott der Herr hat Sie unterſtützt!... Ich war feige, verzagt, Gott hat mich verlaſſen, und nun...“ Mercedes erlag faſt ihren Erinnerungen, ſie zerfloß in Thränen. Monte⸗Chriſto küßte ehrfurchtsvoll ihre Hand; ach die Arme fühlte, daß dieſer Kuß ohne Gluth war, als ob der Graf ſeine Lippen auf die Marmorhand einer heiligen Statue drückte. „Ach,“ fuhr ſie fort,„ein einziger Fehler kann das ganze Geſchick eines Menſchen vernichten. Ich glaubte Sie todt, ich hätte auch ſterben ſollen, denn wozu hat es genützt, daß mein Herz ſtets um Sie trauerte? aus einer neununddreißigjährigen Frau eine fünfzigjährige zu machen, das iſt Alles. Was nützte es, daß Nie⸗ mand unter ſo Vielen Sie erkannte? ich habe nur meinen Sohn gerettet, mußte ich nicht auch meinen Gatten retten, ſo ſchuldig er auch war, da ich mich ihm vermählt hatte? Und ich habe ihn ſterben laſſen; o mein Gott, was ſage ich? Und ich habe mit zu ſeinem Tode beigetragen, ja, meine feige Unempfindlichkeit, meine Verachtung machte, daß ich nicht bedachte, wie er für mich, meinet⸗ wegen, Verräther geworden war! Wozu nützt es endlich, daß ich ihn allein reiſen laſſe, meinen Sohn bis hieher begleitet habe, da ich ihn hier verlaſſe, ihn der verzehrenden Erde Afrika's überlie⸗ fere? O ich war feig, ich verleugnete meine Liebe, und bringe nun Allen Unglück, die mich umgeben!...“ „Nein, Mercedes,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„nein, nehmen Sie eine beſſere Meinung von ſich ſelbſt an, nein, Sie ſind eine edle, eine heilige Frau, und Sie haben mich durch Ihren Schmerz ent⸗ —— 1390 waffnet. Aber durch mich handelte unſichtbar und unbekannt Gott, der nicht zurückhalten wollte, was ich begonnen! Und ich ſchwöre bei dieſem Gott, zu deſſen Füßen ich ſeit zehn Jahren täglich kniee, daß ich Ihnen mein Leben zum Opfer bringen wollte, und mit dieſem Leben zugleich alle daran geketteten Pläne und Entwürfe. Aber ich ſage es mit Stolz, Mercedes, Gott bedurfte meiner, und ich lebte. Prüfen Sie die Vergangenheit, die Gegenwart, ſuchen Sie die Zukunft zu errathen, und ſehen Sie, ob ich nicht das Werk⸗ zeug des Herrn bin: das ſchrecklichſte Unglück, die grauſamſten Lei⸗ den, das Verlaſſenſein von denen, die mich liebten, das Verfolgt⸗ werden von denen, die mich nicht kannten, das iſt der Erſte Theil meines Lebens. Plötzlich, nach Gefangenſchaft, Einſamkeit und Elend, ward mir Licht, Freiheit und ein ſo glänzendes, ſo wunder⸗ bares Vermögen, daß ich hätte blind ſein müſſen, um nicht zu ſehen, daß Gott mich zu großen Zwecken erhalten habe. Von da an ſchien mir dieſes Vermögen ein Prieſteramt zu ſein, ich hatte keine ruhige Stunde mehr, ich fühlte mich getrieben, gleich der Feuerwolke, welche die verfluchten Städte einäſchert. Wie jene Abenteurer, die ſich zu einer gefährlichen Fahrt einſchiffen und vor⸗ her Alles überlegen, was ſie nöthig haben, ſo ſorgte auch ich für Alles, häufte ich Angriffs⸗ und Vertheidigungsmittel auf, gewöhnte meinen Körper an die anſtrengendſten Uebungen, meine Seele an die ſchrecklichſten Dinge und Vorſtellungen. Ich Lemahnte meinen Arm zu tödten, mein Auge leiden zu ſehen, meinen Mund bei den gräßlichſten Schauſpielen zu lächeln. So gut und vertrauend ich war, ſo rachſüchtig, verſteckt und boshaft ward ich, oder vielmehr theilnahmlos wie das blinde Fatum. Ich verfolgte den Weg, der ſich mir eröffnete, überſchritt die Räume, kam zum Ziele: ich brachte denen Unglück, die ich auf meinem Wege traf!“ 3 „Genug,“ ſprach Mercedes,„genug Edmond. Glauben Sie mir, die Eine, die Sie erkannte, verſtand Sie auch, ach und wenn Sie auch die Eine zerſchmetterten, ſie mußte Sie dennoch bewun⸗ dern, Edmond. Wie es einen Abgrund zwiſchen mir und der Ver⸗ gangenheit giebt, ſo giebt es auch einen Abgrund zwiſchen Ihnen und allen andern Männern, ach, und ich geſtehe, daß es meine ſchmerzlichſte Marter iſt, zu vergleichen, und ich finde Niemand in der Welt, der Sie aufwiegt, Niemand, der Ihnen gleicht. Jetzt ſagen Sie mir Lebewohl, Edmond, wir müſſen uns trennen!“ „Was wünſchen Sie, Mercedes, bevor wir ſcheiden?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Nur eins, Edmond, daß mein Sohn glücklich werde!“ „Bitten Sie den Herrn, daß er über ſein Leben wache, mich laſſen Sie für das Uebrige ſorgen.“ „Dank, Edmond!“ „Aber Sie, Mercedes.“ „O ich bedarf nichts, ich lebe hier zwiſchen zwei Gräbern, beitete, d abet ich! Leben! lebe, aber und mir.“ „Me wurf ma Sie dem durch Ih Ihrige m , 1 Morcerfs mir erla 1391 ant Gott, das eine iſt das Edmond Dantes', meines Geliebten, der ſchon ſchwöte lange todt iſt. Ja ich liebte ihn, dieſes Wort kommt nicht mehr lic kniee, über meine welken Lippen, aber mein Herz erinnert ſich ſeiner und mit uoch und um keinen Preis der Welt möchte ich dieſe Erinnerung ver⸗ Entwürfe. lieren. Das andere iſt das eines Mannes, den Edmond Dantes ner, und getödtet hat, ich kann die Mordthat nicht verdammen, muß aber t, ſuchen für den Gemordeten beten!“ as Werk⸗„Ihr Sohn wird glücklich ſein,“ wiederholte der Graf. iſſten Lei⸗„Dann werde auch ich ſo glücklich ſein als ich werden kann.“ Verfolgt⸗„Aber... wie werden Sie leben?“ ſte Theil Mereedes lächelte bitter. nkeit und„Wenn ich wollte ſagen, ich werde arbeiten, wie ich ſonſt ar⸗ d wunder⸗ beitete, das würden Sie nicht glauben, ich kann nur noch beten, nicht zu aber ich bedarf keiner Arbeit mehr, der kleine Schatz ſichert mein Von da Leben! Man wird forſchen, wer ich bin, was ich thue, wie ich ich hatte lebe, aber was thut das? Das iſt eine Sache zwiſchen Gott, Ihnen leich der und mir.“. Wie jene„Mercedes,“ ſprach der Graf,„ich will Ihnen keinen Vor⸗ und vor⸗ wurf machen, aber Sie haben die Großmuth übertrieben, indem ch ich fr Sie dem ganzen Vermögen des Herrn von Morcerf entſagten, was gewöhnte erhenha Sparſamkeit und Umſicht, mindeſtens zur Hälfte das 8 rige war.“ Seyfint 9,Jch weiß, was Sie mir vorſchlagen wollen, aber ich darf es ad bei den nicht annehmen; Edmond, mein Sohn würde es mir verbieten.“ nuend ih„ Auch werde ich mich wohl hüten, ohne Herrn Albert von vielmeht Morcerfs Genehmigung etwas für Sie zu thun. Aber wenn er Weg, der mir erlaubt, für Sie zu thun, was ich wünſche, werden Sie mir d brachte nicht entgegen ſein?“ „Ach Edmond, Gott hat mich durch viele Stürme ſo ſehr ge⸗ beugt, daß ich keinen Willen mehr habe; ich bin unter ſeinen Hän⸗ den, was der Sperling unter den Klauen des Adlers iſt. Gott will nicht, daß ich ſterbe, denn ich lebe noch. Schickt er mir Hilfe, nuben Sie und wenn bevu ſo iſt es ſein Wille, und ich nehme ſie an.“ ar er-⸗„Ach Mercedes, ſo muß man Gott nicht anbeten! Gott will, den Inen— daß man ihn verſteht und ſeine Macht erörtert, dazu gab er uns es meine den freien Willen!“ jemand in„Unglücklicher,“ rief Mercedes,„ſprechen Sie ſo mit mir; ct.„Jeit woenn ich das glaube, o was bliebe mir dann, um mich vor Ver⸗ uen! zweiflung zu retten?“ fragte Monte⸗Chriſto ward ſehr bleich und ſenkte die Augen vor die⸗ ſem heftigem Schmerze. e„Wollen Sie mir nicht ſagen: auf Wiederſehen?“ fragte er, ace, nih ihr die Hand reichend. 1 (G(Gewiß,“ ſagte Mercedes ernſt und mit der Hand gen Him⸗ maeel zeigend,„auf Wiederſehen, das mag Ihnen beweiſen, daß ich Gräbern, noch hoffe.“ 1392 Und nachdem ſie noch einmal ihre kalte Hand in die des Gra⸗ fen gelegt, ihm noch einmal feſt in das Auge geblickt hatte, ſtieg ſie die Treppe hinauf und verſchwand. Monte⸗Chriſto blickte ihr lange wehmüthig ſinnend nach, dann verließ er langſam das Haus, und ſchlug den Weg nach dem Hafen ein. Aber Mercedes ſah nicht wie er ſich entfernte, obgleich ſie an dem kleinem Fenſter der Manſarde ſtand, die Edmonds Vater be⸗ wohnt hatte. Ihre Augen ſuchten das ferne Fahrzeug, welches ihren Sohn über das weite Meer trug. Es iſt wahr, daß ſie unwillkürlich leiſe und bebend den Na⸗ men ſtammelte: „Edmond! Edmond!...“ CXI. Die Vergangenheit. Zerriſſenen Herzens verließ der Graf das Haus, in dem er Mercedes zurückließ, um ſie, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nie wie⸗ derzuſehen. Seit dem Tode des kleinen Eduard war eine große Verän⸗ derung in Monte⸗Chriſto vorgegangen. 1. Auf dem langſamen und krummen Pfade, den er verfolgte, langſam auf den Gipfel ſeiner Rache angelangt, hatte er auf der andern Seite des Berges den Abgrund des Zweifels geſehen. Seine Unterhaltung mit Mercedes hatte ſo lebhafte Erinner⸗ ungen in ſolcher Macht in ſeinem Herzen geweckt, daß er das Be⸗ dürfniß fühlte, dieſelben zu bekämpfen. Ein Mann wie der Graf, konnte ſich dieſer Schwermuth nicht lange hingeben, welche die gemeinen Geiſter nährt, indem ſie ihnen eine ſcheinbare Originalität giebt, die erhabenen Geiſter jedoch tödtet. Der Graf ſagte ſich, daß, da er dahin gekommen ſei, ſich ſelbſt Vorwürfe zu machen, in ſeinen Berechnungen ein Fehler ſein müſſe. „Ich berückſichige das Vergangene ſchlecht, und kann mich nicht ſo geirrt haben.“ „Wie,“ fuhr er fort,„das Ziel, welches ich mir geſtellt hatte, wäre ein unſinniges geweſen? Wie, ich ſollte ſeit zehn Jahren einen falſchen Weg eingeſchlagen haben? Wie, eine Stunde ſollte genügt haben, um dem Baumeiſter zu beweiſen, daß das Werk all' ſeiner Hoffnungen, wenn nicht eine Unmöglichkeit, doch ein Frevel gegen die göttliche Allmacht war?“ —— wachter blie für bärmliche Mißgeſch die Verz und Gl. der Gra dieſe Di aus; Du Gefanger Und de la Co undzwan worden; damals eingeſchi⸗ der Gr Chriſto D des Gra⸗ tte, ſtieg nach, dann nach dem di ſie an Yater be⸗ 9, welches den Na⸗ in dem er H, nie wie⸗ oße Verän⸗ verfolgte, er auf der ſehen. te Erinner⸗ er das Be⸗ muth nicht n ſie ihnen ſter jedoch en ſei, ſich in Fehler kann mich ſtellt hatte, ahren einen lie genügt all ſeiner tvel gegen 1393 „Ich will mich nicht an dieſen Gedanken gewöhnen, er könnte mich toll machen. Was meinen Rechnungen und Berechnungen heute fehlt, das iſt die genaue Schätzung der Vergangenheit, weil ich dieſe Vergangenheit jetzt in anderm Lichte ſehe. Wirklich, in dem Grade, in dem man vorſchreitet, verwiſcht ſich die Vergangen⸗ heit. Es geht mir wie den Leuten, die ſich im Traum verwun⸗ den; ſie betrachten und befühlen ihre Wunde und erinnern ſich nicht, ſie empfangen zu haben. „Wohlan, wiedergeborener Mann, reicher Ueberſpannter, er⸗ wachter Schläfer, mächtiger Geiſterſeher, unbeſiegbarer Millionär, blicke für einen Augenblick in die Perſpective Deines elenden er⸗ bärmlichen Lebens, denke an die Wege des Leidens, auf die Dein Mißgeſchick Dich getrieben, auf denen Dein Unglück Dich geleitet, die Verzweiflung Dich empfangen hat. Zu viel Diamanten, Gold und Glück umſtrahlen heute das Glas des Spiegels, durch den der Graf von Monte⸗Chriſto Edmond Dantes betrachtet. Verbirg dieſe Diamanten, ſchwärze das Gold und löſche die Strahlen aus; Du Reicher finde den Armen wieder, Du Freier, erblicke den Gefangenen, Du Wiedererſtandener, den Leichnam!...“ Und ſich alles Dies ſagend, ging Monte⸗Chriſto die Straße de la Caiſſerie herab. Es war dieſelbe, durch welche er vor vier⸗ undzwanzig Jahren durch eine ſchweigende nächtliche Wache geführt worden war, dieſe jetzt friſchen, heitern, belebten Häuſer waren damals finſter ſtumm und geſchloſſen. „Und doch ſind es dieſelben,“ murmelte Monte⸗Chriſto,„nur war es damals Nacht, heute iſt es hellen Tag und die Sonne macht Alles ſo hell und ſchön.“ Er durchſchritt den Quai, die Straße Saint Laurent, und ging nach der Conſigne“) dem Punkte am Hafen, von wo aus er eingeſchifft war. Eine Gondel mit Verdeck von Zwillich lag da, der Graf winkte dem Schiffer, dieſer ruderte raſch näher, Monte⸗ Chriſto ſtieg ein. Das Wetter war herrlich, die kleine Reiſe ein wahres Feſt. Die Sonne ſtrahlte in voller Klarheit, der Meeresſpiegel war ruhig und eben, nur zuweilen ward er durch einen hervorſpringenden Fiſch gekräuſelt, der von einem Feinde verfolgt, ſein Heil in einem andern Elemente ſuchte. Am fernen Horizonte ſah man die weißen ſchlanken Fiſcherkähne vorüber gleiten, oder die großen Kaufmanns⸗ ſchiffe die Fluth durchſchneiden. Ungeachtet des ſchönen Himmels, ungeachtet des ſtillen Frie⸗ dens ringsumher, ungeachtet der ruhenden, in Gold getauchten Landſchaft, dachte der Graf, in ſeinem Mantel gehüllt, nur an jene ſchreckliche Fahrt, an das einzige Licht in den Catalons, an den Kampf mit den Gensdarmen, als er ſich in das Meer ſtürzen *) Hauptwache. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 88 1394 wollte, an ſeine Verzweiflung, als er ſich bewältigt fühlte, an die kalte Berührung der Mündung des Karabiners, die wie ein Ring von Eis an ſeine Schläfe gelehnt war. Gleich den Quellen, die der heiße Sommer ausgetrocknet hat, und die ſich erſt wieder befeuchten, wenn die Herbſtwaſſer ſich häu⸗ fen, um ſich dann Tropfen für Tropfen zu ergießen, ſo fühlte auch Monte⸗Chriſto in ſeinem Herzen, Tropfen für Tropfen jener alten bittern Galle erwachen, von der Edmond Dantes Bruſt ſonſt über⸗ geſtrömt war. Für ihn war nichts von alle dem Schönen da, in ſeinen Au⸗ gen war der Himmel mit dichtem, ſchwarzem Crepp bezogen, und als er das Schloß If wie einen großen, ſchwarzen, gewaltigen Rieſen vor ſich ſah, zitterte er, als habe er plötzlich das drohende Geſpenſt eines Feindes erblickt. Man kam an. 3 Inſtinctsmäßig hatte ſich der Graf bis in das Innere der Gondel zurückgezogen. „Wir ſind gelandet, Herr,“ ſprach der Schiffer. Der Graf entſann ſich, daß dies dieſelbe Stelle war, an der er einſt gelandet, dieſelbe Rampe, welche ihn die Soldaten mit ihren Bayonnetten hinauf geſtoßen hatten. Der Weg war Edmond Dantes damals ſehr lang erſchienen, Monte⸗Chriſto hatte ihn ſehr kurz gefunden, jeder Schlag des Ru⸗ ders hatte mit dem feuchten Staube des Meeres Millionen Erin⸗ nerungen in ſeiner Bruſt erweckt. Seit der Juli⸗Revolution waren keine Gefangenen auf Schloß If mehr, ein einziger Poſten belebte die Wachſtube, um die Con⸗ trebandiers abzuhalten, ein einziger Schließer empfing die Neugie⸗ rigen am Eingange, um ihnen dieſes Denkmal des Schreckens zu zeigen. Als der Graf dieſen ihm ſo entſetzlichen Ort betrat, als er die ſchwarzen Treppen hinab ſtieg, als er in die Gefängniſſe geführt ward, die er zu ſehen verlangt hatte, zitterte ſein ganzer Körper, und ſein ſchon farbloſes Geſicht nahm eine leichenhafte Bläſſe an. Der Graf erkundigte ſich, ob noch einige alte Schließer und Wächter aus jener Zeit da wären; alle jedoch waren in Ruheſtand verſetzt, oder in andere Aemter eingetreten. Der Wärter, der ihn führte, war erſt ſeit 1830 da. Er kam in ſein eigenes Gefängniß. Das Tageslicht drang noch wie ſonſt trübe durch die hoch lie⸗ genden ſchmalen Oeffnungen, er ſah den Platz, wo ſonſt das Bett geſtanden, und, zwar vermauert, aber durch die neuen Steine doch noch kenntlich, der Ort, wo Abbé Faria die Oeffnung gehöhlt. Monte⸗Chriſto's Kniee wankten, er ſetzte ſich auf einen Schemmel. 1 1 lange ei derdoh „Erzählt man einige Begebenheiten dieſes Schloſſes noch außer b Mo⸗ er hatte lich ſah die brau⸗ er noch; Del des Gan „S Führer. „3 Un S 7 cher, we ihm if nicht, es mament ein ebe 1n 718 gingen beiden 9 „‿ — „L alt und chen Ge 7 1395 „ anubi der, daß Mirabeau hier in Haft war?“ fragte der Graf,„knüpft ig ſich nichts Intereſſantes an dieſe traurigen Wohnungen, wo man faſt zweifeln muß, daß Menſchen je einen lebenden Menſchen ein⸗ geſchloſſen haben?“ „O ja, mein Herr,“ ſprach der Führer,„und namentlich über dieſes Gefängniß hat mir der Schließer Anton eine ſehr merkwür⸗ dige Geſchichte erzählt.“ Monte⸗Chriſto zitterte, das war ſein Gefängnißwärter geweſen, einen A er hatte faſt ſeinen Namen und ſein Geſicht vergeſſen, aber plötz⸗ gen, und lich ſah er ihn lebhaft vor ſich: das von Bart umgebene Geſicht, ewaltign die braune Jacke und das große Schlüſſelbund, deſſen Geklapper drohende! er noch zu hören glaubte. Der Graf wandte ſich um, denn er glaubte in den Schatten des Ganges Anton zu ſehen. inere der„Soll ich dem Heren die Geſchichte erzählen,“ fragte der FFührer. „Ja,“ ſprach Monte⸗Chriſto. 4 Und er legte die Hand auf ſein heftig klopfendes Herz. .„Dieſes Gefängniß,“ begann der Erzähler,„bewohnte ſehr lange ein ſehr gefährlicher Gefangener, und zwar um ſo gefährli⸗ erſchiennn,—cher, weil er ſehr klug war. Ein andrer war zu gleicher Zeit mit des R⸗ ihm gefangen, ein armer, wahnſinniger, unſchädlicher Prieſter.“ enen Erin⸗„Ach, ja, wahnſinnig,“ wiederholte der Graf,„und worin be⸗ 8* ſtand ſein Wahnſinn?“ uf Schloß„Er bot Millionen, wenn man ihm die Freiheit geben wollte.“ die Con⸗ Monte⸗Chriſto hob die Augen gen Himmel, aber er ſah ihn ſe Neugie⸗ nicht, es war eine Wand von Steinen zwiſchen ihm und dem Fir⸗ weckens zu mament. Er dachte daran, daß zwiſchen den Augen derer, denen der Abbé die Schätze geboten hatte, und zwiſchen dieſen Schätzen ſelbſt, ein eben ſo dichter Schleier gelegen hatte. „Konnten die Gefangenen ſich ſehen?“ fragte er. „O nein, mein Herr, das war ſtreng verboten, aber ſie um⸗ gingen das Verbot, und höhlten einen Verbindungsgang zwiſchen beiden Gefängniſſen aus.“ „Welcher von beiden Gefangenen that das?“ „O, der junge, ſtarke, pfiffige Mann; der arme Abbé war ja alt und ſchwach, auch war ſein Geiſt viel zu zerrüttet, einen ſol⸗ chen Gedanken feſt zu halten.“ „Die Blinden,“ murmelte Monte⸗Chriſto. tdas Bett„Ja,“ fuhr der Führer fort,„der junge Mann höhlte einen Steine doch 1 Verbindungsgang aus, womit, man weiß es nicht, aber es war ſo; egögt. da, Sie ſehen noch die Spur.“ ui einen Und er näherte ſeine Leuchte der Mauer. „Ach ja, wirklich,“ ſprach der Graf kaum verſtändlich. — ———— 2 int hi ſich häu⸗ ühlte au ner alten ſonſt über⸗ —— ——— — r, an der daten mit —-—— als er die ſſe geführt er Körper, Bläſſe an. ließer und Nuheſtand — ———— je hoch lie⸗s ———— noch quffer„ Wie lange die Verbindung der beiden Geinnaeneßß gewährt 1396 hat, weiß man nicht. Einſt ward der Alte krank und ſtarb. Ra⸗ then Sie, was der junge that!“ „Nun?“ „Er holte den Entſeelten in dieſes Gefängniß, legte ihn, das Geſicht der Mauer zugekehrt, in ſein eigenes Bett, ging dann in das leere Gefängniß, verſtopfte das Loch, und kroch in den Sack des Todten. Haben Sie jemals ſo etwas gehört?“ Monte⸗Chriſto ſchloß die Augen, er empfand das grauſige Ge⸗ fühl der eiſigen Kälte dieſer furchtbaren Umhüllung, er fühlte noch die Kälte, welche der Sack des Todten ihm mitgetheilt, und die ſein Geſicht berührt hatte. Der Erzähler fuhr fort: „Hören Sie nur ſeinen Plan: er glaubte, daß man auch auf Schloß If die Todten beerdige und hoffte die Erde mit ſeinen Schultern zu heben; aber unglücklicherweiſe herrſchte die Gewohn⸗ heit nicht auf Schloß If; man begrub die Todten nicht, ſondern ſenkte ſie mit einem ſchweren Gewichte an den Füßen, in das Meer. So ging es auch unſerm Manne; den andern Morgen fand man den wahren Todten im Bette des jungen Mannes, und erklärte ſich Alles. Die Leute, welche den vermeintlichen Todten verfenkt, behaupten einen entſetzlichen Schrei gehört zu haben, den das Waſſer jedoch ſogleich erſtickte.“. Der Graf athmete ſchwer, Schweiß rann von ſeiner Stirn, Todesbeben zog ihm das Herz zuſammen. „Nein,“ murmelte er,„nein, der Zweifel, den ich empfand, war ein Anfang des Vergeſſens, aber hier zieht ein neuer Krampf mein Herz zuſammen und erfüllt es mit Rache.“ „Und der Gefangene?“ fragte er,„hat man nie wieder von ihm gehört?“ ¹ „Nie... er iſt vermöge des 50 Pf.⸗Gewichts, das man an ſeine Füße befeſtigte, auf den Grund geſunken und auf der Stelle getödtet. Der arme, arme Mann!“ „Sie beklagen ihn?“ „Meiner Treu, ja, obgleich er in ſeinem Elemente war.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Man ſagte, der Gefangene ſei ein Seeofficier geweſen, der wegen bonapartiſtiſcher Umtriebe hier gefangen ſaß!“ „Wahrheit!“ murmelte der Graf,„Gott hat Dich gemacht, um über Flammen und Fluthen zu ſchweben. So lebt auch der arme Seemann in der Erinnerung einiger Erzähler, man ſpricht davon am Feuerheerde, und ſchaudert bei dem Gedanken an ſeinen feuchten Tod im Schooße des Meeres.“— „Kannte man ſeinen Namen nicht?“ fragte er dann laut. „Ach man kannte ihn nur unter Nr. 34.“ 1— „Villefort... Villefort!“ murmelte Monte⸗Chriſto,„das haſt 15 andern /— Sekund terſchied Er Spur; gelaſſer mir ein Zahlen Alter! wiederf Berechn 3—V 1 1397 Du Dir unzählige Mal ſelbſt ſagen müſſen, wenn mein unglückli⸗ ceer Schatten Dir erſchien!“ „Will der Herr eine andere Zelle ſehen?“ fragte der Führer. erb. Ra⸗ „Ja, beſonders die des armen Abbé!“ ihn, is„Ach, Nr. 272 dann in„Ja, Nr. 27,“ wiederholte der Graf. den Sack Und es war ihm, als hörte er noch Faria's Stimme:„Ich hbeeiiße Nr. 27“ ſagen. niſige Ge„Kommen Sie.“ ihlte nch„Warten Sie noch einen Augenblick,“ ſprach Monte⸗Chriſto, und de noch mit einem letzten Blicke die Zelle muſternd. „Das trifft ſich gut,“ ſprach der Schließer,„ich habe den andern Schlüſſel vergeſſen.“ „Holen Sie ihn.“ 8„Ich laſſe Ihnen die Fackel.“ Gen ne.„Nein, ich bedarf ihrer nicht.“ 3 uhr.„Aber dann bleiben Sie im Dunkeln?“ in 3„Ich kann doch ſehen!“ 1 n das„Ach, wie er!“ wenfind„Wie er? welcher er?“ deriläle.„Nr. 34. Man ſagt, er habe ſich ſo an die Dunkelheit ge⸗ verfent, woöhnt, daß er im fernſten Winkel ſeines finſtern Gefängniſſes, eine den das Stecknadel gefunden haben würde.“ 2u„Ja, er hat zehn Jahre gebraucht, um dahin zu gelangen,“ eer Stin,I murmelte der Graf. . Der Führer entfernte ſich mit der Leuchte. empfand, Deer Graf hatte wahr geſagt, kaum hatte er ſich wieder einige Krampf, Scekunden an die Dunkelheit gewöhnt, als er jeden Gegenſtand un⸗ eeerſchied, als ſei es heller Tag geweſen.“ eder von Erſt jetzt erkannte er wirklich ſein Gefängniß wieder. 1„Ja,“ ſprach er,„dort der Stein, auf dem ich ſaß, dort die man au Spur meiner Schultern, die ihren Eindruck in der Mauer zurück⸗ der Stele gelaſſen haben. Hier noch einige Tropfen meines Blutes, als ich mir einſt die Stirn an der Mauer zerſchmettern wollte!... O dieſe Zahlen... ich weiß wohl, ich machte ſie eines Tages, als ich das war.“ Alter meines Vaters ausrechnete, um zu wiſſen, ob ich ihn lebend wiederfinden würde!... O ich hoffte einen Augenblick, nach dieſer geſen, der Berecndund Ich hatte nicht an den Hunger und die Untreue edacht!...⸗ gemack, 3 Und ein bitteres Lächeln entſchlüpfte dem Munde des Grafen. t auch der Er ſah wie in einem Traume ſeinen Vater im Grabe, Mer⸗ an ſpriht eedes an den Altar geleitet! an ſeinen Auf der andern Seite der Mauer fiel ihm eine Inſchrift in's Aaugo, ſie zeichnete ſich, noch weiß auf der grünlichen Mauer ab. laut.„Mein Gott—“ las Monte⸗Chriſto,„— Erhalte Mir das Gedächtniß.“ u hah 1398 „Ach ja,“ rief er,„daß iſt das einzige Gebet in der letzten Zeit. Ich bat nicht mehr um Freiheit, nur um Gedächtniß, ich fürchtete den Verſtand zu verlieren und zu vergeſſen,— o mein Gutt; Du haſt mir das Gedächtniß bewahrt, o Dank, Dank, mein ott!“ 3 Der Schließer kam zurück. Monte⸗Chriſto ging ihm entgegen. „Folgen Sie mir,“ ſprach er zu dem von tauſend Gedanken und Erinnerungen beſtürmten Grafen. Er trat in Faria's Zelle. Der erſte Gegenſtand, der ihm ins Auge ſiel, war die Sonnen⸗ uhr an der Wand, mit Hilfe deren Faria die Stunden zählte; dann ſah er die Ueberreſte des Bettes, auf dem der arme Gefan⸗ gene geſtorben war. Ein ſanftes Gefühl inniger Dankbarkeit übermannte den Gra⸗ fen, Wehmuth ſchwellte ſein Herz, zwei große Thränen entſtürzten ſeinen Augen. „Hier,“ ſprach der Führer,„lebte der arme Wahnſinnige, dort⸗ her kam der junge Mann zu ihm,“ und er zeigte auf das in die⸗ ſem Gefängniſſe offen gebliebene Loch;„an der Farbe der Steine,“ fuhr er fort,„hat ein Gelehrter erkannt, daß die beiden Ge⸗ fangenen beinah zehn Jahre mit einander in Verbindung ge⸗ ſtanden haben müſſen; die armen Leute, wie mögen ſie ſich gelang⸗ weilt haben.“ Dantes nahm einige Goldſtücke aus der Taſche und reichte ſie dem Manne, der ihn nun ſchon zum zweiten Male bedauerte, ohne ihn zu kennen. Der Führer nahm das Geld, er mochte wohl glauben, es ſei etwas Silbermünze, aber beim Schein der Fackel erkannte er den Werth der erhaltenen Summe. 8 „Mein Herr,“ ſprach er,„Sie haben ſich geirrt.“ „Wie ſo?“ „Sie gaben mir Gold.“ „Ich weiß es wohl.“ Wis Sie wiſſen es?“— „Ja.“ „Und es war ihre Abſicht, mir dieſes Gold zu geben?“ „Ja. „Und ich kann es ganz ruhig behalten?“ Ga „Ja. Der Schließer ſah Monte⸗Chriſto erſtaunt an.„Mein Herr,“ ſprach 215 ſein Glück nicht faſſen könnend,„ich begreife Ihre Groß⸗ muth nicht!“ 3 „Sie iſt indeſſen leicht zu begreifen, mein Freund,“ ſprach der Graf,„ich war auch Seemann, und Ihre Geſchichte mußte mich alſo mehr als jeden Andern rühren.“ 2 erinnern 2 4/ und unt höheren wenn in bei der wenn Seins litten iwöre teſ un urch i tniß, ih o mein ant, mein Gedanken Sonnen⸗ n zählte; n Gefan⸗ den Gra⸗ ntſtürzten uge, dort⸗ as in die⸗ Steine,“ hn Ge⸗ ndung ge⸗ ich gelang⸗ reichte ſie erte, ohne en, es ſei te er den n?“ ein Herr,“ Ihre Groß⸗ hte mußte 1399 „O mein Herr, da Sie ſo großmüthig ſind, verdienen Sie auch, daß ich Ihnen etwas anbiete.“ „Was haſt Du mir zu bieten, Freund? Muſcheln, Strohar⸗ beiten? danke.“ 5 „Nein, mein Herr, Etwas, das mit der eben erzählten Ge⸗ ſchichte in Verbindung ſteht.“ „Wirklich?“ rief der Graf lebhaft,„was haſt Du denn?“ „Hören Sie,“ ſprach der Schließer,„ich dachte, man findet gewiß immer irgend Etwas in einem Zimmer, welches ein Gefan⸗ gener fünfzehn Jahre bewohnt hat, und ich ſuchte überall.“ „Ach wirklich!“ rief Monte⸗Chriſto, ſich der Verſtecke des Abbé erinnernd. „So entdeckte ich denn, daß es unter dem Kopfende des Betts und unter dem Heerde des Kamins hohl klang.“ „Ja,“ ſagte der Graf,„ja.“ „Ich hob die Steine und fand...“ „Eine Strickleiter... Werkzeuge...“ rief Monte⸗Chriſto. „Aber woher wiſſen Sie das?“ fragte der Schließer überraſcht. „Ich weiß es nicht, ſondern ich dachte nur ſo, gewöhnlich findet man ſolche Sachen in den Verſtecken der Gefangenen.“ „Ja, mein Herr, ich fand eine Strickleiter und Werkzeuge.“ „Und haſt Du ſie noch?“ rief Monte⸗Chriſto. 1 „Nein, mein Herr, ich habe dieſe ſehr ſonderbaren Sachen an Reiſende verkauft, aber ich habe noch etwas Anderes.“ „Was denn?“ fragte der Graf ungeduldig. „Ich habe noch eine Art auf Leinwand geſchriebenes Buch.“ „O, Du haſt dieſes Buch noch?“ „Ja, wenn es wirklich ein Buch iſt...“ „Hole es mir, Freund,“ ſprach der Graf,„und wenn es das iſt, was ich vermuthe, dann freue Dich.“. Der Führer verließ die Zelle. Monte⸗Chriſto war allein, allein in dieſer traurigen Zelle, die ſo verhängnißvoll für ihn geworden war. Still trat er zu den morſchen Ueberreſten des Bettes, aus dem der Tod für ihn einen Altar gemacht hatte. Demüthig kniete er nieder. „O mein zweiter Vater,“ ſprach er,„Du, der Du mir Frei⸗ heit, Wiſſen und Reichthum gegeben haſt, Du, der Du gleich einem höheren, begabteren Weſen, Kenntniß vom Guten und Böſen hatteſt, wenn in der Tiefe des Grabes etwas von uns zurückbleibt, was bei der Stimme der Unſern, die noch auf der Erde weilen, zittert, wenn bei der Verklärung unſers Leichnams ein Theilchen unſeres Seins an dem Orte zurückbleibt, wo wir viel geliebt oder viel ge⸗ litten haben, edles Herz, erhabener Geiſt, große Seele, ich be⸗ ſprah ſchwöre Dich im Namen der väterlichen Liebe, die Du mir zuwand⸗ teſt, und der kindlichen Ehrfurcht, die ich Dir weihte, o nimm mir durch irgend ein Zeichen, durch irgend ein Wort, den Reſt des 1400 *— Zweifels, der zu tödtenden Gewiſſensbiſſen wird, wenn er ſich nicht in Ueberzeugung umgeſtaltet.“ Der Graf ſenkte den Kopf und faltete die Hände. „Nehmen Sie, mein Herr!“ ſprach eine Stimme hinter ihm. „Monte⸗Chriſto blickte ſich zitternd um. Der Schließer hielt zwei auf Leinwand geſchriebene Bände in der Hand, auf welche Abbé Faria alle Schätze ſeines Wiſſens er⸗ goſſen hatte. Es war ſein großes Werk über die Vereinigung Italiens zu einem Königreiche. Der Graf nahm es haſtig, zuerſt fielen ſeine Augen auf die Ueberſchrift, er las: „Du wirſt dem Drachen die Zähne ausreißen und den Löwen unter die Füße treten, ſpricht der Herr.“ 9 72h rief er,„das iſt die Antwort, Dank mein Vater, ank!“ Und er zog ein kleines Taſchenbuch aus der Taſche, welches zehn Bankbillets, jedes zu Tauſend Franks enthielt, reichte es dem Schließer und ſprach: „Nimm, Freund!“ „Sie wollen mir das geben?“ „Ja, aber unter der Bedingung, daß Du es erſt öffneſt, wenn ich nicht mehr hier bin.“ Und die wiedergefundene Reliquie, ihm der größte Schatz, auf ſeiner Bruſt bergend, ſtieg er wieder an das Tageslicht, und in ſeine Gondel. „Nach Marſeille!“ rief er. Se blickte er dann nach dem grauſigen Gefängniſſe und prach: „Unglück über die, welche mich dort einſperrten, wie über die, ſo vergaßen, daß ich in dieſem finſtern Gefängniſſe ſchmachtete!“ Als ſie bei den Catalons vorüberfuhren, wandte der Graf ſich ab, hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel und murmelte den Namen einer Frau. Der Sieg war vollſtändig, zweimal hatte der Graf den Zwei⸗ fel ſchon niedergekämpft. Der Name, den er mit dem Ausdruck ſo inniger Zärtlichkeit flüſterte, war der Haydée's. Sobald Monte⸗Chriſto angelandet war, ſchlug er den Weg vach dem Kirchhofe ein, wo er wieder mit Morrel zuſammentreffen wollte. Auch er hatte zehn Jahre zuvor fromm ein Grab auf dieſem Kirchhofe geſucht, und umſonſt geſucht. Er, der an Millionen reich, nach Frankreich zurückkehrte, hatte nicht das Grab ſeines vor Hunger geſtorbenen Vaters wiederfinden können. Morrel hatte ihm zwar ein Kreuz ſetzen laſſen, aber es war eingeſunt reuze. 8 dde Kind ten letze ſeid zwe⸗ Zw Balluſtre neten B Ma! trachtete Sei „M dern dor Und „D das nich hier in „ Parten 11 es verge „N ein Ehre „A Gut au t, wenn at, auf und in ſe und ber die, tete!“ Jraf ſich Namen en Zwei⸗ rtlichkeit en Weg entreffen fdieſem hiillionen ines vor es war ——— — 1401 eingeſunken und der Todtengräber hatte Feuer damit gemacht, denn ha dient den Todtengräbern gewöhnlich das alte Holz der reuze. Der alte Rheder war glücklicher geweſen; in den Armen ſei⸗ ner Kinder ſterbend, war er von ihnen zu ſeiner ſorgfältig gewähl⸗ ten letzten Ruheſtätte geleitet, und ſchlief nun neben ſeiner ihm ſeid zwei Jahren vorausgegangenen Gattin. Zwei große Marmorſteine, mit ihren Namen, von eiſernen Balluſtraden umgeben und von vier Cypreſſen beſchattet, bezeich⸗ neten Beider Ruheſtatt. Maximilian hatte ſich an einen dieſer Bäume gelehnt und be⸗ trachtete ſtarren Blicks die beiden Gräber. Sein Schmerz war tief, faſt nagend. „Maximilian,“ ſprach der Graf,„man blickt nicht hier⸗, ſon⸗ dern dorthin.“ Und er zeigte gen Himmel. „Die Todten ſind überall,“ ſprach Morrel,„haben Sie mir das nicht ſelbſt geſagt, als wir Paris verließen?“ „Maximilian,“ ſprach der Graf,„Sie wünſchten einige Tage hier in Marſeille zu bleiben, iſt das noch Ihr Wunſch?“ „Ich habe keinen Wunſch, Graf, nur glaube ich, daß mir das Warten hier weniger ſchmerzlich ſein wird, als anderswo!“ „Deſto beſſer, Maximilian, denn ich verlaſſe Sie, und nehme Ihr Wort mit mir, nicht wahr?“— „Ach, ich werde es vergeſſen, Graf,“ rief Morrel,„ich werde es vergeſſen!“ „Nein, Morrel, Sie werden es nicht vergeſſen, denn Sie ſind ein Ehrenmann, und haben geſchworen!“ 1t„Ach Graf, haben Sie Mitleid mit mir, ich bin ſo unglück⸗ ich!... „Ich kannte einen Mann, der noch viel unglücklicher war als Sie.“ „Unmöglich!“ „Ach,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„das iſt einer der größten Be⸗ weiſe, des menſchlichen Hochmuths, daß Jeder am Unglücklichſten zu ſein glaubt.“ „. Aber wer kann unglücklicher ſein, als der, welcher das einzige Gut auf Erden verlor, was er zu beſitzen wünſchte!“ „Hören Sie, Morrel,“ ſprach der Graf,„und achten Sie auf das, was ich Ihnen ſage; ich kannte einen Mann, der gleich Ihnen, ſein ganzes Hoffen, ſein ganzes Lebensglück auf eine Frau geſetzt hatte. Dieſer Mann war jung, hatte einen alten Vater, den er liebte, eine Verlobte, die er anbetete. Er ſtand im Begriffe ſich zu verheirathen, als plötzlich eine jener Launen des Schickſals, die uns oft an der Güte Gottes zweifeln ließen, wenn Gott nicht ſpäter zeigte, daß ihm Alles zum Mittel dient, ſeine gnädigen und 1402 herrlichen Zwecke auszuführen— als alſo eine Laune des Schick⸗ ſals ihm Freiheit und Geliebte und mit beiden die Zukunft raubte, bis 4 ſich geträumt hatte, und ihn in ein finſteres Gefängniß ürzte.“— „Ach,“ ſagte Morrel,„das Gefängniß verläßt man nach ach Tagen, nach einem Monat, oder einem Jahre!“ „Er blieb dort vierzehn Jahre, mein Sohn,“ ſprach der Graf, ſeine Hand auf Maximilians Schulter legend. Dieſer zitterte. „Vierzehn Jahre!“ 3 „Vierzehn Jahr,“ wiederholte der Graf,„auch er hatte wäh⸗ rend dieſer vierzehn Jahre Augenblicke unendlicher Verzweiflung, auch er hielt ſich, wie Sie, für den unglücklichſten Menſchen und wollte ſich tödten.“ „Nun?“ fragte Morrel. „Nun, in dem entſcheidenden Augenblicke erbarmte der Herr ſich ſeiner durch ein menſchliches Mittel, Gott thut keine Wunder mehr. Zuerſt vielleicht(von Thränen geſchwellte Augen bedürfen erſt vieler Zeit, um klar zu ſehen) verſtand er dieſe unendliche Barmherzigkeit des Herrn nicht, aber endlich ward er geduldig und wartete. Eines Tages erſtieg er dem Grabe auf wunderbare Weiſe, verwandelt, reich, mächtig, faſt Gott. Sein erſter Schrei galt ſei⸗ nem Vater— ſein Vater— war todt!“ „Auch mein Vater iſt todt,“ ſprach Morrel. „Ja, aber er ſtarb in Ihren Armen, Freund, glücklich, geehrt, reich; ſein Vater ſtarb arm, troſtlos, an Gott zweifelnd, und als zehn Jahre darnach ſein Sohn ſein Grab ſuchte, war ſelbſt das verſchwunden, und nichts ſagte ihm: Dort ruht in dem Herrn das Herz, welches Dich ſo geliebt.“ „O,“ ſagte Morrel. „Dieſer war alſo als Sohn unglücklicher wie Sie, denn er konnte nicht einmal das Grab ſeines Vaters wiederfinden!“ „Aber,“ ſagte Morrel,„ihm blieb doch wenigſtens die Frau, 4 die er geliebt.“ „Sie irren ſich, Freund, dieſe Frau.. 8 „War ſie todt?“ ſchrie Maximilian. „Schlimmer als das,— ſie war untreu und hatte ſich mit einem der Verfolger ihres Verlobten verheirathet. Sie ſehen alſo, Morrel, daß dieſer Mann auch als Geliebter unglücklicher war wie Sie.“ „ und dieſem Manne ſandte Gott Troſt?“ fragte Morrel. „Wenigſtens Ruhe.“ „Und dieſer Mann wurde wieder glücklich?“ „Er hofft es, Maximilian.“ Der Kopf des jungen Mannes ſank auf die Bruſt. „Sie haben mein Verſprechen,“ ſprach er nach einem Augen⸗ l bu ich blic des innern tragen. ſondern A Morrel? „3 Mo das Fah Dunſt k umwölkt In hinter d Extrapo pendent ſich ver 1403 blick des Schweigens, Monte⸗Chriſto die Hand reichend.„Nur er⸗ innern Sie ſich an...“ „Den fünften October erwarte ich Sie auf der Inſel Monte⸗ Chriſto. Den vierten wird Sie eine NYacht im Hafen von Baſtia erwarten, dieſe Nacht heißt der Eros, Sie nennen ſich dem Patron, und er wird Sie an das Ziel geleiten.“ 4 „Gut, ſo ſei es, aber vergeſſen Sie nicht, daß den fünften October...“ „Kind, weißt Du noch nicht, was das Verſprechen eines Man⸗ nes bedeutet?... Ich habe Ihnen hundert Mal geſagt, daß, wenn Sie dann noch ſterben wollen, ich Ihnen dazu ſogar noch förder⸗ lich ſein will. Adieu, Morrel!“ „Sie verlaſſen mich?“ „Ja, ich habe in Italien zu thun, und laſſe Sie allein mit Ihrem Unglück, allein mit dem Adler mit den mächtigen Flügeln, den Gott ſeinen Auserwählten ſendet, um ſie zu ſeinen Füßen zu tragen. Die Geſchichte Ganymedes iſt keine Fabel, Maximilian, hedürſen ſondern eine Allegorie.“ hendlihe„Wann reiſen Sie?“ ldig und„Augenblicklich, das Dampfſchiff erwartet mich, in einer Stunde —e Weiſe, bin ich fern von Ihnen, begleiten Sie mich an den Hafen, Palt ſi-⸗ Morrel?“ „Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, Graf.“ 1„Umarmen Sie mich.“ geehrt, Morrel geleitete den Grafen bis zum Hafen, bald ging und als das Fahrzeug ab, und eine Stunde ſpäter beſtrahlte dieſer weiße lſt ddns Dunſt kaum noch ſichtbar den durch die erſten Nebel der Nacht ern das umwölkten Himmel. denn er e Frau, Im, CXII. Beppino. ſch mit 1 In demſelben Augenblicke, als das Dampfſchiff des Grafen en alſo, hinter dem Cap Morgion verſchwand, paſſirte ein Mann, der mit er war Ertrapoſt von Florenz nach Rom fuhr, das kleine Städtchen Aqua⸗ ppoendente. Er reiſte ſo ſchnell, als er es für rathſam hielt, ohne rrel. ſſiich verdächtig zu machen. Er war mit einem braunen Reiſe⸗Ueberrock bekleidet, der durch dieſe haſtige Reiſe ſchon ziemlich gelitten hatte, unter dem jedoch, noch friſch und glänzend, ein Band der Ehrenlegion hervorſchim⸗ mmerte. Sowohl hieran, als auch ganz beſonders an dem Accent Augen⸗ dieſes Mannes, wenn er mit dem Poſtillon ſprach, erkannte man 1404 einen Franzoſen in ihm. Ein ganz überzeugender Beweis, daß er aus dem Lande der Univerſal⸗Sprache ſtammte, war, daß ſein hanzes Italieniſch nur in den techniſchen Ausdrücken der Muſik eſtand, die gleich dem Goddam dem Engländers, alle Feinheiten einer beſondern Sprache erſetzen. „Allegro!“ ſagte er, ſo oft es bergauf ging. „Moderato!“ wenn es abwärts ging. Und Gott weiß, daß es auf dem Wege von Florenz nach Rom, über Aquapendente, Berge und Thäler giebt. Uebrigens lachten die wackern Poſtillone oft recht herzlich über dieſe beiden Worte. Als er bei Storta anlangte, dem Punkte, von dem aus die ewige Stadt ſichtbar wird, empfand er nicht das Gefühl der enthu⸗ ſiaſtiſchen Neugierde, die jeden Reiſenden treibt, ſich in dem Wagen aufzurichten, um ſo bald als möglich den berühmten Dom von St. Peter zu ſehen, den man vor allen andern gewahrt. Nein, er zog nur ein Taſchenbuch aus der Taſche, und aus dieſem ein einfach zuſammengefaltetes Papier, welches er betrachtete, las und zufrieden ſprach: „Gut, gut, ich habe es!“ 8 Der Wagen rollte durch die Porta del Popolo, fuhr links und hielt vor dem ſpaniſchen Hotel. Meſſer Paſtrini, unſer alter Bekannter, empfing den Reiſen⸗ den auf der Schwelle der Thür, den Hut in der Hand. Der Reiſende ſtieg aus, verlangte ein gutes Diner und er⸗ kundigte ſich nach der Adreſſe des Hauſes Thomſon und French, welche ihm augenblicklich gegeben ward, da dies Haus eines der bekannteſten in Rom war. Es lag via dei Banchi neben St. Peter. In Rom iſt, wie überall, die Ankunft einer Poſtchaiſe ein Er⸗ eigniß. Zehn junge Abkömmlinge des Marius und der Gracchen, mit nackten Füßen, durchſcheinenden Ellnbogen, aber die eine Fauſt keck auf die Hüfte, und den andern Arm maleriſch über den Kopf gelegt, betrachteten den Reiſenden, den Wagen und die Pferde. Dieſen Straßenjungen der Hauptſtadt der Welt hatten ſich an fünfzig Maulaffen Sr. Heiligkeit zugeſellt. Beide ſind glücklicher als die Pariſer Straßenjungen und Gaffer, denn ſie verſtehen alle Sprachen, beſonders das Fran⸗ zöſiſche, und hörten alſo auch die Beſtellungen und Fragen unſeres Reiſenden. Das Reſultat davon war, daß, als unſer Ankömmling das Hotel in Begleitung ſeines Cicerone verließ, ein Mann ihnen folgte, ohne von ihnen bemerkt zu werden, und ſich mit der Klug⸗ hut und Gewandtheit eines Pariſer Polizeiſpions, in ihrer Nähe ielt. 1.„ ber de Der Franzoſe war ſo eilig dem Hauſe Thomſon und French eine Be pinen b komme ni Man Mit der Fren Schatten Die ſprach d Summe 9 ⁸ der neu J Reiſen⸗ und er⸗ Nrench, ines der ein Er- Jracchen, ne Fauſt den Kopf Pferde. ſich an gen und 3 Fran⸗ unſeres ling dat in ihnen der Klug⸗ er Nähe French 1405 ſeinen Beſuch zu machen, daß er ſich nicht einmal Zeit nahm, zu warten bis der Wagen angeſpannt war, ſondern ſich denſelben nachkommen ließ. Man kam bei dem Banquier an, der Franzoſe trat ein. Mit ihm zugleich trat auch der ſchon erwähnte Mann ein, der Fremde klingelte und gelangte in das erſte Zimmer, ſein Schatten folgte ihm. Die Herren Thomſon und French?“ fragte der Reiſende. Auf das Zeichen eines Commis, der in dieſem erſten Zimmer arbeitete, ſtand ein Laquai auf. „Wem melde ich?“ fragte er, ſich vor dem Fremden ver⸗ neigend. „Den Baron Danglars,“ ſagte dieſer. „Kommen Sie!“ „Beide verſchwanden in einer Thür. Der Mann, welcher hinter Danglars eingetreten war, nahm auf einer Bank Platz. Der Commis ſchrieb weiter, der Mann beobachtete während deſſen das tiefſte Stillſchweigen. Endlich ſchwieg die Feder, der C mmis ſah auf, blickte ſich vorſichtig rings um, ob er auch mit dem Manne allein ſei, und ſſpprach dann: „Ach ſieh da, Peppino?“ „Ja,“ entgegnete dieſer lakoniſch. „Du haſt bei dieſem dicken Manne etwas Gutes gewittert?“ 5„Ich habe dabei kein großes Berdienſt, wir ſind benach⸗ richtigt.“ „Du weißt alſo, was er hier will?“ „Nun ja, er will ſich eine Summe auszahlen laſſen, nur weiß ich nicht wie viel!“ „Das wirſt Du bald genug erfahren, Freund!“ „Sehr gut, aber mache es nicht wie neulich, nenne keine falſche Summe!“ „Was meinſt Du? von wem ſprichſt Du, von dem Engländer, der neulich hier drei Tauſend Thaler holte?“ „Nein, das war richtig, und wir haben das Geld gefunden; aber der ruſſiſche Prinz...“ „Nun?“ „Nun, Du hatteſt dreißigtauſend Livres angegeben, und wir haben nur zweiundzwanzig gefunden.“ „Ihr werdet ſchlecht geſucht haben.“ „Luigi Vampa ſelbſt hat in Perſon nachgeſucht.“ „Dann hat er vielleicht Schulden bezahlt.“ „Ein Ruſſe?“ „Oder ſein Geld ſonſt verſchwendet.“ „Möglich!“ — — , —— ———— — 1406 „Aber nun laß mich an mein Obſervatorium gehen, ſonſt beenhe der Franzoſe ſeine Angelegenheit, ohne daß ich die Summe erfahre.“ 4 Peppino machte ein zuſtimmendes Zeichen, zog einen Roſen⸗ kranz aus der Taſche und plapperte einige Gebete her, während der Commis durch dieſelbe Thür verſchwand, durch welche der Ba⸗ ron geführt worden war. Alac ungefähr zehn Minuten kam der Commis freudeſtrahlend zurück. „Nun?“ fragte Peppino ſeinen Freund.— „Luſtig, luſtig,“ entgegnete dieſer,„die Summe iſt rund.“ „Fünf oder ſechs Millionen, nicht wahr?“ „Wie, Du weißt?“— „Auf eine Anweiſung Sr. Excellenz des Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto...“ „Du weißt den Namen?“ 4 „Durch den er auf Rom, Venedig oder Wien creditirt iſt...“ „So iſt es,“ rief der Commis.„Wer hat Dich ſo gut unter⸗ richten können?“ „Ich ſagte Dir ſchon, wir ſind im Voraus benachrichtigt.“ „Weßhalb wendeſt Du Dich dann an mich?“ „Um gewiß zu ſein, daß dies der Mann iſt, mit dem wir zu thun haben.“ „Er iſt es.... Fünf Millionen, eine hübſche Summe, he, Peppino?“ „Ja. „Wir werden nie ſo viel haben.“ „Wenigſtens,“ entgegnete der Bandit philoſophiſch,„werden wir einige Brocken davon haben.“ „Pſt! das iſt unſer Mann!“ Der Commis nahm ſeine Feder, Peppino ſeinen Roſen⸗ kranz, der Eine ſchrieb, der Andere betete, als die Thür ſich wie⸗ der öffnete. Vom Banquier begleitet, erſchien Danglars vor Freude ſtrahlend. Er empfahl ſich, Peppino folgte ihm. Der Wagen hielt vor der Thür, der Cicerone, ein ſehrr gefälliges Weſen, der ſich zu Allem gebrauchen läßt, hielt den chlag. 5 Leicht wie ein junger Mann von zwanzig Jahren, ſchwang ſich Danglars in den Wagen. 3. Der Cicerone ſtieg zum Kutſcher, Peppino ſchwang ſich hin⸗ ten auf. „Wozu?“ fragte der Baron. „Nun, um zu ſehen!“ tröſtete würdigk „Wollen Excellenza den St. Peter ſehen?“ fragte der Eicerone. 7272 Sotel,d der Ban 1 wähnten 1 auf dieſ ainſchlug Da zuſrieden ſeines B Per De und ver Abe unter⸗ igt.“ wir zu me, he, „werden Roſen⸗ ſich wie⸗ Freude jelt den vang ſich ſich hin⸗ Eicerone. 1407 —„Ich bin nicht nach Rom gekommen um zu ſehen, ſondern um,“ und ganz leiſe fügte er hinzu,—„um anderer Urſachen willen!“ Und er ſtreichelte ſein Portefeuille. „Alſo gehen Excellenza?...“ „Nach dem Hotel!“ „Hotel Paſtrini,“ ſprach der Cicerone zum Kutſcher. Zehn Minuten ſpäter hielt der Wagen vor dem bezeichneten Hotel, der Baron trat in ſein Zimmer, Peppino machte ſich's auf der Bank vor dem Hauſe bequem, nachdem er einen der ſchon er⸗ wähnten Abkömmlinge einige Worte in'’s Ohr geflüſtert hatte, wor⸗ auf dieſer ſo ſchnell als möglich den Weg nach dem Capitol einſchlug. Danglars war müde, hatte ſeinen Zweck erreicht und war alſo zuſrieden, er legte ſein koſtbares Portefeuille unter das Kopfkiſſen ſeines Bettes und gab ſeiner Ermüdung nach. Peppino hatte viel Zeit, er ſpielte, verlor drei Thaler und tröſtete ſich durch eine Flaſche Wein von Orvieto. Den folgenden Tag erwachte Danglars ſpät, frühſtückte gut, und verlangte, da ihm, wie geſagt, wenig daran lag, die Sehens⸗ würdigkeiten der Stadt zu ſehen, ſeine Pferde um Mittag. Aber die Pferde erſchienen erſt um zwei, und den Paß, der viſirt worden war, brachte der Cicerone erſt nach drei. Alle dieſe Vorbereitungen hatten eine zahlreiche Verſammlung vor Meſſer Paſtrini's Hotel vereinigt. Die bewußten Abkömmlinge fehlten nicht. Der Baron ging triumphirerd durch die Gruppen, die ihn Ercellenza nannten, um einen Bajocco zu bekommen. Der populäre Mann fühlte ſich durch dieſen Titel geſchmei⸗ chelt, und theilte etwas kleine Münze aus. 1 „Welchen Weg?“ fragte der Poſtillon italieniſch. „Den Weg nach Ancona,“ entgegnete der Baron. Meſſer aſtrini überſetzte Frage und Antwort. Der Wagen fuhr dahin. 9 Danglars wollte erſt nach Venedig gehen, um dort einen Theil ſſeines Vermögens aufzunehmen, und dann nach Wien, wo er den ein ſehr Reſt umſetzen wollte. Da dieſe letzte Stadt, wie man ihm geſagt, eine Stadt des 1 Vergnügens war, hatte er beſchloſſen, ſich daſelbſt niederzulaſſen. Kaum hatte er drei Meilen in der Campagna romana gemacht, als die Nacht hereinbrach, Danglars fragte den Poſtillon ängſtlich, wie weit es bis zur nächſten Stadt ſei? „Non capisco!“ entgegnete dieſer. Der Wagen rollte weiter. „Bei der erſten Station werde ich bleiben,“ murmelte Danglars. Uebrigens ſaß er ganz behaglich in einem guten engliſchen 1408 Reiſewagen, die Pferde waren friſch, und der Banquier ſetzte ſich zur Ruhe zurecht. Erſt dachte er zehn Minuten an ſeine in Paris gebliebene Frau, dann zehn Minuten an ſeine Tochter, die mit Fräulein von Armilly die Welt durchſtreifte, wieder zehn andere Minuten an ſeine Gläubiger und die Art, wie er ſie um ihr Geld geprellt, dann, als er nichts mehr zu denken hatte, ſchloß er die Augen und ſchlief ein. Zuweilen durch einen heftigen Stoß geſchüttelt, öffnete er die Augen wieder, aber er ſah dann, daß es ſtets mit derſelben Schnelligkeit weiter ging, immer noch durch die mit zerbrochnen Waſſerleitungen durchſäete Campagna romana, die ihm, in der Mitte ihres Laufs verſteinerte Rieſen zu ſein ſchienen. Aber die Nacht war kalt, finſter und regnigt und es war viel geſcheidter für Danglars, zu ſchlafen, als den Kopf aus dem Fenſter zu ſtecken, um den Poſtillon nach dem Wege zu fragen, der doch nichts weiter antworten konnte, als: Non capisco!(Verſtehe nicht.) Plötzlich hielt der Wagen. Danglars glaubte am erſehnten Ziele zu ſein, öffnete die Augen und ſah durch die Scheibe, denn er erwartete ſich mitten in einer Stadt oder wenigſtens in einem Dorfe zu befinden, aber er ſah nichts als ein einzeln ſtehendes Ge⸗ mäuer, und drei oder vier Männer, die Schatten gleich, gingen und kamen. Danglars wartete, daß der Poſtillon kommen und ſeine Be⸗ zahlung fordern werde, er hoffte von ſeinem neuen Führer vielleicht zu erfahren, wo er ſei; aber die Pferde wurden abgeſpannt und neue an ihre Stelle gebracht, ohne daß Jemand Geld von dem Reiſenden verlangte. Der Banquier öffnete erſtaunt das Fenſter, aber eine kräftige Hand ſtieß ihn zurück, der Wagen rollte weiter. Der Baron war erſt ſehr beſtürzt, faßte ſich jedoch bald. „He,“ ſagte er zum Poſtillon,„he, mio caro!“ Dieſe beiden Worte hatte er von den Romanzen aufgeſchnappt und behalten, die ſeine Tochter mit dem Prinzen Cavalcanti ſang. Aber mio caro antwortete nicht.... Danglars öffnete das Fenſter. „He, Freund, wo ſind wir?“ rief er, den Kopf durch die Oeffnung ſteckend. „Dentro la testa!“ rief, von einer drohenden Bewegung be⸗ gleitet, eine ernſte befehlende Stimme. Der Baron begriff, daß Dentro la testa ſagen wolle: ziehe den Kopf zurück. Er machte, wie man ſieht, ſchnelle Fortſchritte im Italieniſchen. Er gehorchte, nicht ohne Unruhe, und da dieſelbe ſich von Minute zu Minute vermehrte, war ſein Geiſt nach einigen Minu⸗ ten ſtatt der vorigen Leere, die ihn eingeſchläfert hatte, mit einer Menge von Gedanken erfüllt, die wohl im Stande waren, einen 1409 dte ſich Reiſenden, und ganz beſonders einen Reiſenden in Danglars Lage, wach zu erhalten. liebene Seine Augen nahmen in der Dunkelheit jenen Grad von ein von Schärfe an, den ſtarke Bewegungen im erſten Augenblicke verlei⸗ in ſeine hen, der ſich jedoch bald, in Folge zu ſtarken Gebrauchs abſtumpft. nn, als Ehe man ängſtlich iſt, ſieht man gut, während der Furcht doppelt, def ein. und nachher wie durch einen Schleier. 9 er die Danglars ſah einen in einen Mantel gewickelten Mann zur rſelben Rechten ſeines Wagens reiten. ochnen„Ein Gensdarm,“ murmelte er,„ſollte ich durch die franzö⸗ in der ſiſchen Telegraphen der päpſtlichen Regierung angezeigt worden ſein?“ ber die Er beſchloß dieſer Herzensangſt ein Ende zu machen. dter für„Wohin führen Sie mich?“ fragte er. ſecken„Dentro la testa,“ wiederholte dieſelbe drohende Stimme. weiter Danglars blickte nach der linken Seite des Wagens. Auch da ritt ein Mann nebenher. 3 Danglars Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt. ünie„Ich bin gefangen!“ murmelte er. he, denn Und er warf ſich in den Wagen zurück, dieſes Mal nicht, um ehn zu ſchlafen, ſondern um zu denken. 6 Ge⸗ Einen Augenblick ſpäter ging der Mond auf. Angen Danglars lugte vorſichtig aus dem Wagen. Wieder ſah er die großen Steingeſpenſter, aber ſie waren ihm jetzt zur Linken, line Be⸗ ſtatt vorhin zur Rechten. vielleict Er begriff, daß man den Wagen gewendet habe und ihn nach int und Rom zurückführe. on dem„9 Unglück!“ murmelte er,„man wird mich ausliefern!...“ Fenſter, Der Wagen fuhr mit erſchreckender Schnelligkeit weiter. Eine weiter. Stunde verfloß dem Baron in jreilcher Pein, denn er über⸗ d. zeugte ſich mehr und mehr, daß er wieder nach Rom zu fuhr. Endlich bemerkte er eine ſinſtere Maſſe vor ſich, es war Rom, aber ſchnappt der Wagen nahm ſeine Richtung ſeitwärts. ui ſang.„O,“ murmelte Danglars,„man bringt mich nicht in die Stadt, ich bin alſo nicht in den Händen der Juſtiz..... Guter . Gott, welch ein ſchrecklicher Gedanke.... ſollten es...“ uch die Sein Haar ſträubte ſich. Er erinnerte ſich der intereſſanten Geſchichten über römiſche ung be⸗ Banditen, die in Paris ſo wenig Glauben fanden, und die Albert — von Morcerf der Baronin und Eugenien erzählt hatte, als noch iehe den die Rede davon war, daß der junge Vicomte der Sohn der Erſten ritte im und der Gemahl der Zweiten werden ſollte. ich vnn„Vielleicht Räuber!“ ſähine⸗ Plötzlich rollte der Wagen auf etwas Härterem als bisher. it einer Danglars ſah ſcheu zu beiden Seiten, und entdeckte ſonderbar ge⸗ einen formte Denkmale und Monumente. Jetzt ſtanden alle Einzelnheiten 7 Der Graf von Monte⸗Chriſto. 89 ———— 8 1410 von Morcerfs Erzählung lebhaft vor ſeinem Geiſte, ſein Nachdenken ſagte ihm, daß er auf der via Appiani ſei. Zur Linken des Wagens ſah er in einem Thale eine kreisför⸗ mige Vertiefung. G Das war der Circus der Caracalla! Wagen. Zugleich ward die Thür geöffnet. „Scendi!“ befahl eine Stimme. Danglars ſtieg augenblicklich aus, er ſprach noch nicht italie⸗ niſch, aber wie man ſieht, verſtand er es ſchon. Mehr todt als lebendig ſah er ſich ringsum. Vier Männer umgaben ihn, ohne den Poſtillon zu rechnen. „Di quà,“ ſprach einer der vier Männer, einen kleinen Fuß⸗ pfad herabſteigend, der von der via Appiani mitten in die hügeli⸗ gen Schluchten der Campagna romana führte. Danglars folgte ſeinem Führer ohne Widerrede, hinter ihm gingen die drei andern Männer. Indeſſen ſchien es ihm, als ſeien auf verſchiedenen Stellen andre Männer gleich Schildwachen ausgeſtellt, und zwar immer in ziemlich gleichen Entfernungen. Nach ungefähr zehn Minuten, während welcher Danglars kein Wort mit ſeinem Führer ſprach, befand ſich der kleine Zug zwi⸗ ſchen einem Hügel und hohem Gebüſch, drei ſchweigend daſtehende Maänner bildeten ein Dreieck, von welchem er der Mittelpunkt war. Er wollte ſprechen, es war unmöglich, die Kehle war ihm wie zugeſchnürt. „Avanti!“ rief die ſcharfe, befehlende Stimme. Dieſes Mal begriff Danglars zweifach, nämlich in Wort und That; denn der Mann, welcher hinter ihm ging, ſtieß ihn ſo barſch vorwärts, daß er ſich beeilte, ſeinem Führer zu folgen. Ddieſer war Niemand anders als unſer Freund Peppino, wel⸗ cher in dieſen hohen Gebüſchen durch eine Krümmung ſchlüpfte, die nur Marder und Eidechſen für einen gebahnten Weg erkannt haben würden. 3 Peppino blieb vor einem, mit dichtem Gebüſch bewachſenen Felſen ſtehen, der ſich vor ihm öffnete und in den er ſpurlos ver⸗ ſchwand, wie die Dämonen unſerer Feenmärchen verſchwinden. Stimme und Bewegung deſſen, der Danglars folgte, forderten den Banquier auf, es eben ſo zu machen. Dem unglücklichen fran⸗ zöſiſchen Bankerotteur blieb kein Zweifel, er hatte es mit den rö⸗ miſchen Banditen zu thun.- Danglars benahm ſich wie ein Mann, der zwiſchen zwei ent⸗ ſetzlichen Gefahren ſteht und den die Angſt muthig macht.— Ungeachtet ſeiner Corpulenz, die ihn wenig geeignet machte die Klüfte der Campagna romana zu durchdringen, zog er ſich Auf ein Wort des Mannes, der zur Rechten ritt, ſtand der inter Koden. Als Der geyyin dete eine Zwe Arrierege ihn auf etelpunkt Die gethürmt teſen ſch „Fr Kapitain „Do einer Ar wo aus dors dre nen. n Fuß⸗ hüͤgeli⸗ er ihm Stellen mer in ars kein uug zwi⸗ ſſtehende uft war. hm wie oet und ſo barſch no, wel⸗ clüpfte, erkannt achſenen los ver⸗ en. orderten en fran⸗ den rö⸗ machte er ſich 1411 hinter Peppino zurück und glitt, die Augen ſchließend, zu oden.. 3 4 1 a Als er die Erde berührte, öffnete er die Augen. Der Weg war breit, aber dunkel. Jetzt in Sicherheit, war Peppino wenig bemüht, ſich zu verbergen, er ſchlug Feuer und zün⸗ dete eine Fackel an.. Zwei andere Männer, die Danglars folgten, bildeten die Arrieregarde, ſtießen ihn, wenn er zufällig ſtill ſtand und geleiteten ihn auf dieſe Weiſe einen ſanften Abhang hinab, bis in den Mit⸗ telpunkt eines finſtern Kreuzweges.. Die ausgehöhlten Mauern glichen einer Reihe übereinander gethürmter Särge, und ſchienen inmitten dieſer weißen Steine ihre tiefen ſchwarzen Augen zu öffnen. 1 „Wer da!“ rief eine Schildwache. „Freunde, Freunde,“ entgegnete Peppino.„Wo iſt der Kapilain?“ „Da,“ ſagte die Schildwache, über die Schulter weg nach einer Art großen, in den Felſen gehauenen Saal zeigend, von wo aus das Licht durch große gewölbte Oeffnungen in die Corri⸗ dors drang. „Gute Beute, Kapitain, gute Beute!““ ſagte Peppino italieniſch. Und Danglars bei dem Kragen ſeines Rockes faſſend, führte 8 ihn in den Saal, in welchem der Kapitain ſein Logis zu haben ſien. 23 „Iſt dies der Mann?“ fragte dieſer, gerade eifrig beſchäftigt, Alexanders Leben im Plutarch zu leſen. „Ja, Kapitain, er ſelbſt.“ „Sehr gut, zeige ihn mir.“ Bei dieſem Befehl näherte Peppino die Fackel ſo ſehr Dan⸗ glars Geſicht, daß dieſer erſchreckt zurückprallte. Sein verſtörtes Antlitz trug den Stempel des höchſten Schreckens. „Dieſer Man iſt erſchöpft,“ ſprach der Kapitain,„man führe ihn in ſein Bett.“ 1 „O,“ murmelte Danglars,„dieſes Bett iſt wahrſcheinlich einer der Särge, die ich eben geſehen, dieſer Schlaf iſt der Tod, den einer dieſer Dolche, den ich im Schatten funkeln ſehe, mir brin⸗ gen wird.. Wirklich gewahrte er im Hintergrunde des unermeßlichen Saals, ausgeſtreckt auf ihren Betten von getrockneten Kräutern und Wolfsfellen, die Gefährten dieſes Mannes, den Albert von Mor⸗ cerf bei der Lectüre von Cäſars Commentaren, er in das Leben Alexanders vertieft, gefunden hatte. Der Banquier ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und folgte ſeinem Führer ohne zu bitten oder zu ſchreien. Er hatte weder Kraft, noch Willen, noch Macht oder Stärke, er ging, weil man ihn zog. 89* 1412 Er ſtieß an eine Stufe, und merkend, daß er eine Treppe vor ſich habe, hob er mechaniſch vier oder fünf Mal den Fuß. Eine niedrige Thür ward geöffnet, er bückte ſich inſtinetsmäßig, um ſich nicht den Schädel zu zerſchellen, und trat in eine in Felſen ge⸗ hauene Zelle. Dieſe Zelle war reinlich aber kahl, und, obgleich unendlich tief unter der Erde, dennoch trocken. Ein Bett von getrockneten Kräutern und mit Ziegenfellen be⸗ deckt, ſtand an der einen Wand. Danglars war ganz entzückt, als er es erblickte. „Gott ſei gelobt,“ murmelte er,„es iſt ein wirkliches Bett.“ Es war das zweite Mal in einer Stunde, daß er den Namen Gottes ausſprach, und das war ihm in zehn Jahren nicht paſſirt. „Ecco,“ ſprach der Führer. Und Danglars in die Zelle ſtoßend, verſchloß er die Thür hinter ſich. Der Banquier war Gefangener. Uebrigens müßte er, auch wenn die Thüre nicht verſchloſſen geweſen wäre, der heilige Petrus geweſen ſein, und einen Engel des Himmels zum Führer gehabt haben, hätte er den Catacomben von St. Sebaſtian entrinnen wollen. Wie unſer Leſer, ſo hatte auch Danglars in dem Häuptling der Bande längſt Luigi Vampa erkannt, an den er in Frankreich, nach Alberts Erzählung, nicht hatte glauben wollen. Aber nicht nur ihn hatte er erkannt, ſondern auch die Zelle, in welche Mor⸗ cerf eingeſchloſſen worden war, und die aller Wahrſcheinlichkeit nach das Gemach der Fremden war. Dieſe Erinnerungen, bei denen Danglars mit einer Art Freude verweilte, beruhigten ihn. Da die Banditen ihn nicht augenblick⸗ lich getödtet hatten, wollten ſie ihn gar nicht tödten. Man hatte ihn beſtehlen wollen, und da er nur einige Gold⸗ ſtücke bei ſich hatte, ward jedenfalls Löſegeld gefordert.. Er erinnerte ſich, daß Albert auf viertauſend Thaler geſchätzt worden war, und da er ſich nun für weit wichtiger hielt, nahm er als ſein Löſegeld achttauſend Thaler an. Achttauſend Thaler machten achtundvierzigtauſend Livres. Es blieben ihm alſo noch fünf Millionen und etwas über fünf⸗ zigtauſend Francs.. Danglars ſtreckte ſich alſo auf ſein Bett, warf ſich einige Male hin und her, und ſchlief endlich mit der Ruhe des Helden ein, 1 deſſen Geſchichte Luigi Vampa las. 1 Virtich 5 iberlleid Errachen Traume Als er von; ien Fül „ ten, von Se ſichern, das eri das er! „N tödtet, eppe vor 3. Eine um ſich lſen ge 8 CXIII. dlch if Luigi Bampa's Speiſekarte. * Auf jeden Schlaf, außer dem, den Danglars zuerſt fürchtete, felen be. folgt ein Erwachen 4 Der Banquier erwachte alſo. 4 Für einen Pariſer, der an ſeidne Vorhänge, mit Sammt Bett.⸗“ überkleidete Wände und feine elegante Möbel gewöhnt iſt, muß das Namn Ermachen in einer kahlen Grotte von rohem Stein, einem wüſten paſſitt. Traume gleichen. 1 Als Danglars ſeine Betttücher von Bockhaut fühlte, glaubte die Thur er von Lappland oder den Samojeden zu träumen. Aber in ſol⸗ ceen Fällen genügt eine Secunde, um den gröbſten Zweifel in Miikllichkeit zu verwandeln. rſchloſen.„Ja, ja,“ murmelte er,„ich bin in den Händen der Bandi⸗ en Engll ten, von den Albert von Morcerf ſprach.“ taeomben Seine erſte Bewegung war: tief zu athmen, um ſich zu ver⸗ ſiichern, ob er auch nicht verwundet ſei; es war dies ein Mittel, äupting das er in Don Quichotte gefunden hatte, dem einzigen Buche, rankeich, das er nicht etwa geleſen, aber deſſen er ſich noch entſann. lber niht„Nein,“ ſagte er,„ſie haben mich weder verwundet noch ge⸗ ſche Nor⸗ tödtet, vielleicht beſtohlen.“ einlickeit Und er fuhr ſchnell mit den Händen in die Taſchen. Sie waren unverſehrt, er fand ſowohl die hundert Goldſtücke, die er zu rt Frede ſfnder Reiſe beſtimmt hatte, als auch die Creditbriefe über ſeine . illionen.— aeülik.„Sonderbare Banditen,“ ſagte er,„die mir Börſe und Ta⸗ ige Gold⸗ ſchenbuch gelaſſen haben. Ja, ja, ſie wollen ein Löſegeld er⸗ zreſſen. Ach ſieh, ich habe ja auch meine Uhr, wie ſpät mag t geſcitt. es ſein?“ kuiui Danglars Uhr, ein Meiſterwerk von Breguet, repetirte die fünfte Morgenſtunde. Ohne ſie würde er ganz in Ungewißheit ge⸗ blieben ſein, der Tag drang nicht in ſeine Zelle. 3 Sollte er eine Erklärung der Banditen veranlaſſen? Sollte er ſgeduldig ihre Fragen abwarten? Er fand die letzte Alternative nige Ne am Gerathenſten und wartete. nu ein 3 Danglars wartete bis Mittag. 6 Während dieſer Zeit bewachte eine Schildwache die Thür. Um acht Uhr ward ſie abgelöſt. Danglars war neugierig, den zu ſehen, der ihn bewachte. Er hatte bemerkt, daß durch die Spalten der ſchlecht ineinan⸗ en gefügten Thür einzelne Strahlen, nicht des Tages, ſondern des Lampenlichts drangen, er näherte ſich der Thür gerade in dem Au⸗ ggenblicke, als der Bandit einige Schluck Branntwein trank, welcher, 1 1414 vermöge des ledernen Schlauchs, in dem er enthalten war, einen Geruch aushauchte, der Danglars anwiderte. „Pfui!“ rief er zurückprallend. Mittag ward der Branntwein⸗Mann durch einen andern er⸗ ſetzt. Danglars, neugierig, auch ſeinen zweiten Wächter kennen zu lernen, trat wieder an die Thür. Es war ein athletiſcher Bandit, ein wahrer Goliath, mit großen Augen, dicken Lippen und aufgeſtülpter Naſe; ſein rothes Haar ſiel gleich Schlangen über ſeine Schultern. „O, o,“ murmelte Danglars,„der ſieht einem Menſchenfreſſer ähnlicher als einem menſchlichen Weſen. Gott ſei Dank, daß ich alt, ziemlich zähe und alſo gerade kein Leckerbiſſen bin!“ Wie man ſieht, hatte der Banquier noch Geiſtesgegenwart ge⸗ nug, um zu ſcherzen. Wie um Danglars zu beweiſen, daß er kein Menſchenfreſſer ſei, ſetzte der Bandit ſich gerade vor die Zellenthür, zog ſchwarzes Brod, Zwiebeln und Käſe aus der Taſche, und machte ſich daran, Alles mit der größten Geſchwindigkeit zu verſchlingen. „Zum Teufel,“ murmelte der Banquier,„wie iſt es nur mög⸗ lich, ſolche Sachen zu verzehren!“ Und er ſetzte ſich auf ſein bockledernes Lager, das ihn an den Branntweingeruch der erſten Schildwache erinnerte. Aber die Geheimniſſe der Natur ſind unbegreiflich, auch die gröbſten Subſtanzen ſind für einen leeren Magen oft ſehr beredtſam. Auch Danglars ging es ſo, er fühlte den ſeinen ziemlich hohl, und das Brot des Banditen ſchien ihm nicht ſo ſchwarz, der Käſe friſcher und der Mann ſelbſt nicht ſo häßlich.. Endlich erinnerten ihm die rohen Zwiebeln, die ſcheusliche Nahrung des Wilden, an gewiſſe Roberts⸗Saucen und ſtark ge⸗ würzte Speiſen, die ſein Koch ſo vortrefflich zuzubereiten verſtand, wenn Danglars ihm ſagte:„Herr Deniſeau, machen Sie mir heute eine gute derbe Schüſſel.“ 3— Und der Banquier klopfte an die Thür. Der Bandit blickte auf. Als Danglars ſah, daß er es gehört, klopfte er ſtärker. „Che cosa?“ fragte der Bandit. 1 „Ach ſagt, Freund,“ rief Danglars mit dem Finger gegen die Thür trommelnd,„es ſcheint mir an der Zeit, auch für meine Mahlzeit zu ſorgen, dächte ich.“ 1 Aber, ſei es, daß er nicht verſtand, ſei es, daß er nicht den Befehl hatte, für Herrn Danglars Mittageſſen zu ſorgen, der Rieſe fuhr ungeſtört in ſeinem Schmauſe fort. Danglars fühlte ſich ſehr gedemüthigt, und legte ſich verdrieß⸗ lich auf ſein Lager, um ſich nicht noch mehr gegen dieſen Rohen zu vergeben. ν— , einen ndern er⸗ kkennen zu ſath, mi in rothes chenfreſer „ daß ich enwart g⸗⸗ chenfreſer ſchwarzes ch daran, nur mög⸗ hn an den lich, auch en oft ſehr nlich hohl, der Käſe ſcheuslihe d ſtark g⸗ n verſtand, emir heute r gegen die für meine rnich den der Rieſe 1415 So vergingen vier Stunden, der Rieſe ward durch einen an⸗ dern Banditen erſetzt. Danglars Hunger ward immer nagender, er ſtand auf, näherte ſich leiſe der Thür, legte ſein Auge an die Spalten, und erkannte das kluge Geſicht ſeines Führers. Er ſaß gemüthlich da, und hielt eine dampfende Schüſſel mit Speck gedämpfter Erbſen zwiſchen den Knieen. Neben ihm ſtand ein niedliches Körbchen mit Trauben von Velletri und eine Korbflaſche mit Wein von Orvieto. Man ſieht, Peppino war ein Gourmand. Als Danglars dieſe herrlichen Sachen ſah, lief ihm das Waſſer im Munde zuſammen. 3 „Ach,“ murmelte er,„ich will ſehen, ob dieſer umgängli⸗ cher iſt.“ 3 Und er ging wieder zur Thür und klopfte. „Was wünſchen Sie?“ fragte Peppino, der in Folge ſeiner häufigen Anweſenheit in Meſſer Paſtrini's Hotel, etwas franzöſiſch verſtand. Er öffnete die Thür. Danglars empfing ihn mit der graziöſeſten Miene. „Verzeihen Sie mein Herr,“ ſprach er,„aber ich ſollte den⸗ ken, es ſei Zeit, mir auch ein Mittageſſen zu geben....“ „Wie,“ rief Peppino,„ſollten Excellenza zufällig hungrig ſein?“ „Zufällig,“ murmelte Danglars,„das iſt charmant, es ſind jetzt gerade vierundzwanzig Stunden, daß ich nichts gegeſſen habe.“ „Ja, mein Herr,“ fügte er dann laut hinzu,„ich bin hungrig, ja ſogar ſehr hungrig.“ „Und Excellenza wollen eſſen?“ „Sobald als möglich.“ „Nichts iſt leichter,“ ſprach Peppino,„hier kann man bekommen was man will, verſteht ſich, wenn man bezahlt, wie das überall der Brauch iſt!“ „Gewiß,“ rief Danglars,„obgleich Ihr eigentlich wohl ver⸗ pflichtet wäret Eure Gefangenen zu ernähren.“ „Excellenza verzeihen,“ ſprach Peppino,„das iſt nicht Brauch.“ „Das iſt ein ziemlich ſchlechter Brauch,“ entgegnete Danglars, der ſeinen Wärter ſchmeicheln wollte,„doch ich beſcheide mich. Alſo— ich wünſche zu eſſen.“ „Augenblicklich, Excellenza, was wünſchen Sie?“ Und Peppino ſetzte ſeinen Napf an die Erde, ſo daß der Duft der dampfenden Speiſen in Danglars Naſe ſtieg. „Befehlen Sie,“ ſprach er. „Sie haben alſo Küchen hier?“ fragte der Banquier. „Wie, ob wir Küchen haben? o vorzügliche!“ „Und Köche?“ „Ausgezeichnete.“ 3 1416 *ᷣ „Nun gut, ich wünſche Huhn, Fiſch, Wildpret,— ach was es iſt, wenn ich nur eſſen kann.“ „Wie Excellenza befehlen, alſo ein Huhn, nicht wahr?“ „Ja, ein Huhn.“. Peppino eilte in den Gang und ſchrie: „Ein Huhn für Excellenzal“ Kaum verhallten Peppino's Worte, als ein junger ſchlanker Mann erſchien, der auf ſeinem Kopfe ein gebratnes Huhn in ſil⸗ berner Schüſſel trug. „Man könnte glauben im Cafsé de Paris zu ſein,“ murmelte Danglars. „Hier, Excellenza,“ ſprach Peppino, dem jungen Banditen das Huhn abnehmend und es auf einen alten wurmſtichigen Tiſch ſetzend, der nebſt Bett und Schemmel das Ameublenment der Zelle ausmachte. Danglars fragte nach Meſſer und Gabel. „Hier, Excellenza,“ ſprach Peppino, ihm ein ſtumpfes Meſſer und eine Gabel von Buchsbaum reichend. zerlegen. „Verzeihung, Excellenza,“ ſprach Peppino, die Hand auf des Banquiers Schulter legend,„man zahlt ehe man ißt...“ „Ah, ah,“ rief Danglars,„das iſt nicht wie in Paris, ohne zu bedenken, daß ich wahrſcheinlich übertheuert werde, aber mag's drum ſein. Ich habe immer gehört, wie wohlfeil man in Italien lebt, in Rom wird ein Huhn zwölf Sous gelten. Hier,“ ſagte er dann, und warf Peppino ein Goldſtück hin. Dieſer ſteckte es ein, Danglars legte das Meſſer an. 5„Einen Augenblick, Excellenza,“ bat der Bandit,„das genügt nicht.“. „Ach, wie werde ich geprellt,“ murmelte Danglars.„Nun, wie viel wollt Ihr?“ fuhr er fort.. „Excellenza gaben vorläufig einen Louis auf Abſchlag.“ „Ein Goldſtück auf Abſchlag, für ein Huhn?“ „Gewiß, auf Abſchlag.“ „Ja, es iſt gut.. „Excellenza ſchulden mir alſo noch viertauſendneunhundert⸗ undneunundneunzig Goldſtücke.“— Bei dieſem gigantiſchen Scherze riß Danglars die Augen weit auf. „Ach, ſehr drollig,“ murmelte er,„wahrhaftig, ſehr drollig.“ Und er wollte ſich jetzt ernſtlich an ſeine Mahlzeit machen; aber Peppino hielt ihm die rechte Hand mit der linken feſt, und hielt die andere Hand offen hin. „Nun?“ ſprach er. „Wie... Sie lachen nicht?“ fragte Danglars. 8s zu te Danglars nahm Beides, und ſchickte ſich an, das Geflügel zu neunzig Kaltblüt O 165 niemal Pe 1417 „Wir lachen niemals, Excellenza,“ entgegnete Peppino ernſt⸗ haft wie ein Quäker. „Wie, hunderttauſend Franks für dieſes Huhn?“ „Excellenza, es iſt unglaublich, wie vieler Mühe es bedarf, in dieſen abſcheulichen Grotten Geflügel zu ziehen.“ 1„Ja, ja,“ rief Danglars,„ich finde Euern Scherz wirklich Nanker ganz hübſch und beluſtigend, aber ich habe Hunger und muß eſſen. in ſii Kier iſt noch ein Goldſtück für Sie, mein Freund.“ „Gut, da bleiben alſo noch viertauſendneunhundertachtund⸗ neunzig Goldſtücke,“ ſagte Peppino mit ſtets gleicher Ruhe und ſaltblütigkeit,„und die werden wir auch bekommen.“ „O,“ rief Danglars über dieſes hartnäckige Necken geärgert, nmnniemals! Gehen Sie zum Teufel, Sie wiſſen nicht, mit wem Sie es zu thun haben.“ Peppino pfiff, der junge Mann erſchien wieder, und trug das Huhn fort. Danglars warf ſich auf ſein Bett, Peppino verließ die Zelle, ſchloß hinter ſich zu und fuhr in ſeiner Mahlzeit fort. Danglars ſah nun zwar nicht, was der Bandit that, aber er hörte das Geräuſch des Eſſens. „Der Rohe,“ murmelte der Bangier, denn er merkte wohl, daß er abſichtlich laut aß. Peppino aß gemächlich weiter. Danglars Magen ſchien ihm durchlöchert wie das Faß der tmags Daneiden, er glaubte ihn nie wieder füllen zu können. Nuüen 5 So verging eine halbe Stunde, die ihm ein Jahrhundert ſagte er ſſchien. Endlich klopfte er wieder an die Thür. „Laſſen Sie mich nicht länger ſchmachten,“ rief er,„ſagen genügt 8 Sie mir ſchnell, was man von mir will.“ „Im Gegentheil, Excellenza, haben Sie die Güte, zu ſagen un, wie Sie wollen, Ihre Befehle werden ſogleich ausgeführt werden.“ „Nun gut, öffnen Sie.“ Peppino gehorchte. „Zum Teufel,“ rief Danglars,„ich will eſſen!“ „Sie ſind hungrig?“ „Bah, das wiſſen Sie!“⸗ „Was wünſchen Excellenza zu ſpeiſen?“ „Ein Stück trockenes Brod, weil die Hühner nicht zu bezah⸗ len find.“ „Brod,“ ſagte Peppino,„gut!“ „He, Brod,“ ſchrie er. Der junge Mann brachte ein kleines Brod. „Hier,“ ſagte Peppino. „Der Preis?“ fragte Danglars. „ Viertauſendneunhundertachtundneunzig Goldſtücke, zwei ſind im Voraus bezahlt.“ ———— 8 8 . — 1418 „Wie!l ein Brod hunderttauſend Francs?“ „Hunderttauſend Francs.“ „Aber ſo viel verlangen Sie ja nur für ein Huhn?“ „Bei uns wird nicht nach der Karte geſpeiſt, ſondern zu feſten Preiſen. Ißt man viel, ißt man wenig, verlangt man zehn Schüſ⸗ ſeln, oder eine,— ſtets derſelbe Preis.“ „Stets derſelbe Scherz. Mein Freund, das iſt abgeſchmackt und albern. Sagen Sie mir ſchnell, ob Sie wollen, daß ich vor Hunger ſterben ſoll, dann haben Sie Ihren Zweck bald erreicht.“ „O nein, Excellenza, Sie ſelbſt ſcheinen ſich tödten zu wollen. Bezahlen Sie, und Sie können eſſen.“ „Aber womit ſoll ich denn bezahlen, Du Narr? Denkſt Du etwa, daß man fünftauſend Goldſtücke mit ſich in der Taſche herumführt?“ „Ah, Sie haben fünf Millionen in der Ihren, Excellenza,“ ſagte Peppino,„dafür können Sie fünfzig und ein halbes Huhn verſpeiſen.“ Danglars zitterte, die Binde ſiel ihm von den Augen, er verſtand endlich. „Alſo,“ ſagte er,„würde ich mich wenigſtens nach Gefallen ſatt eſſen können, wenn ich die Summe bezahlte „Gewiß,“ rief Peppino.. „Aber wie kann ich bezahlen?“ fragte Danglars leichter athmend. „Nichts iſt einfacher; Sie haben einen offenen Credit bei den Herren Thomſon und French, via dei Banchi, in Rom, geben Sie mir eine Anweiſung auf viertauſendneunhundertachtundneunzig Goldſtücke an dieſe Herren, und wir ſind bezahlt.“ Danglars that wie ihm geheißen. „Hier,“ ſagte er ſeufzend. „Gut, hier iſt Ihr Huhn.“ Danglars zerlegte es ſeufzend, es ſchien ihm ſehr mager für eine ſo große Summe. Peppino nahm ſchnell das Papier, ſteckte es in die Taſche und beendete nun endlich auch ſeinen Erbſenſchmaus. CXIV. Vergebung. Den folgenden Tag war Danglars noch hungrig, die Luft dieſer Höhle war ſo zehrend wie möglich, der Gefangene glaubte, Lzu feſten in Shüſ⸗ geſchmackt daß ich veck bald u wollen. Denkſt er Taſche cellenza,“ des Huhn lugen, er Gefallen s leichter it bei den geben Sie adneunzig mager für die Taſche die Luft e glaubte, 1419 für dieſen Tag keine Ausgaben machen zu müſſen, denn er hatte ſich, als ſparſamer Mann, die Hälfte ſeines Huhns und Brods aufbewahrt und in einem Winkel der Zelle verſteckt. Aber kaum hatte er gegeſſen, als er heftigen Durſt verſpürte, daran hatte er nicht gedacht⸗ Er kämpfte dagegen, bis ſeine Zunge an dem Gaumen klebte. Endlich konnte er dem verzehrenden Feuer nicht länger wider⸗ ſtehen, er rief. Die Schildwache öffnete die Thür, es war ein neues Geſicht. Danglars hielt mehr von ſeinem alten Bekannten, er rief Peppino. „Da bin ich, Excellenza,“ ſprach dieſer mit einer Eile erſchei⸗ nend, die Danglars ein gutes Zeichen ſchien,„was wünſchen Sie?“ „Zu trinken“ ſagte der Gefangene. „Excellenza,“ ſprach der Bandit,„Sie werden wiſſen, daß der Wein in der Umgegend von Rom außerordentlich theuer iſt.“ „Gut, Waſſer denn,“ ſagte Danglars, aus der Noth eine Tugend machend. „O, Excellenza, Waſſer iſt noch viel ſeltener als Wein, es iſt ſo trocken!“ „Ach,“ ſagte der Banquier ſich zum Lachen zwingend, obgleich vor Aerger zitternd,„ach ich verſtehe! Alſo ich wünſche ein Glas Wein, Freund, werden Sie mir das verweigern?“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, Excellenza,“ entgegnete Peppino ernſt, „daß wir nicht im Detail verkaufen.“ „Alſo eine Flaſche Wein!“ „Welche Sorte?“ „Den mindeſt theuerſten.“ „Sie haben alle denſelben Preis.“ „Und der iſt?“ „Fünfundzwanzigtauſend Francs die Flaſche.“ „Ach,“ ſchrie Danglars mit einer Bitterkeit, wie ſie nur ein Harpagon in den Ton der menſchlichen Stimme legen kann,„ſagen Sie mir lieber gerade heraus, ob Sie mich ausplündern wollen, das wird raſcher abgemacht ſein, als auf dieſe Weiſe, Fetzen für Fetzen.“ „Ja,“ ſagte Peppino,„es iſt möglich, daß das die Abſicht des Herrn iſt.“ „Der Herr, wer iſt das?“ „Der, dem Sie geſtern vorgeſtellt wurden.“ „Wo iſt er?“ „Hier.⸗ „Ich wünſche ihn zu ſehen.“ „Das iſt ſehr leicht.“.. Wenige Augenblicke ſpäter erſchien Luigi Vampa bei Danglars. „Sie haben mich rufen laſſen?“ fragte er. 1420 hab Alſo Sie ſind der Anführer derer, die mich hieher geführt aben?“ 4 „Ja, Excellenza.“ „Welches Löſegeld wünſchen Sie für mich, ſprechen Sie!⸗⸗ „O das iſt ganz einfach, die fünf Millionen, welche Sie bei ſich haben.“ Danglars Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. „Aber,“ ſtotterte er endlich,„das iſt mein ganzes Vermögen, der Reſt eines ungeheuren Reichthums; wenn Sie mir dieſes Geld nehmen ſo tödten Sie mich.“ 4 „Excellenza, es iſt uns verboten, Ihr Blut zu vergießen.“ „Ach, wer hat Ihnen das verboten?“ „Der, dem wir gehorchen.“ „Sie gehorchen Jemand?“— „Ja, einem Oberhaupte.“ „Ich glaubte, Sie wären das Oberhaupt?“ „Ich bin das Oberhaupt dieſer Männer, aber ein Anderer iſt mein Befehlshaber.“. nh gehorcht dieſer Befehlshaber auch Jemand?“ „Ja.“ „Wem?“ „Gott.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“. „Das iſt möglich.“— „Und Ihr Befehlshaber hat Ihnen geheißen, mich ſo zu be⸗ handeln?“ 4 „Ja!“ „Was iſt ſein Zweck?“ „Den kenne ich nicht.“ „Aber meine Börſe wird erſchöpft werden....“ „Sehr wahrſcheinlich.“ „Laſſen Sie ſehen, wollen Sie eine Million?“ „Nein.“ „Zwei?“ „Nein.“ „Drei Millionen? vier.... he, vier Millionen, ich gebe ſie Ihnen unter der Bedingung, daß Sie mich in Freiheit ſetzen!“ „Weßhalb bieten Sie uns für fünf Millionen vier,“ ſprach Vampa,„das iſt Wucherei, mein Herr Banquier, aber ich verſtehe mich nicht darauf.“ „Nehmen Sie Alles, nehmen Sie Alles,“ ſchrie Danglars, „und dann tödten Sie mich.“ „Aber beruhigen Sie ſich, Excellenza, Sie werden ſich auf⸗ regen, und das wird Ihnen ſo viel Appetit machen, daß Sie in einem Tage eine Million verſpeiſen, zum Teufel, ſeien Sie ökono⸗ miſcher!“ terten ihn 8 h gebe ſetzen!“ ſpracj verſtehe anglars, i ufſ⸗e zSie in 8 ie bkono⸗ 3 . 1421 „Aber wenn ich nun kein Geld mehr habe, um bezahlen zu können?“ ſchrie Danglars außer ſich. „Dann werden Sie hungern müſſen.“ „Ich werde hungern müſſen?“ ſtotterte der Banquier. „Wahrſcheinlich,“ entgegnete Vampa phlegmatiſch. Aber Sie ſagten ja, Sie wollten mich nicht tödten?“ „Nein.“ „ und Sie wollen mich Hungers ſterben laſſen?“ „Das iſt nicht daſſelbe.“ „Ach Ihr Niederträchtigen, ich werde Eure ſchändlichen Be⸗ rechnungen zu nichte machen,“ ſchrie Danglars,„Tod für Tod, ich will auch zu Ende kommen, laßt mich leiden, quält mich, tödtet mich, aber ich gebe Euch meine Unterſchrift nicht!“ „Wie es Excellenza gefällt,“ ſprach Vampa. Und er verließ die Zelle. Danglars warf ſich wüthend auf ſein Lager. Wer waren dieſe Menſchen? Wer war der ſichtbare, wer ddeer unſichtbare Befehlshaber? Welche Pläne verfolgten ſie hinſicht⸗ lich ſeiner? Warum konnte er ſich nicht loskaufen, während jeder Andere es gekonnt? O gewiß, ein ſchneller Tod war ein gutes Mittel, ſeine erbit⸗ terten Feinde zu täuſchen, die aus unbegreiflicher Rache ſo gegen ihn zu handeln ſchienen. Ja, aber ſterben!... Zum erſten Male vielleicht, während ſeines langen Lebens, dachte Danglars mit Furcht und Sehnſucht zugleich an den Tod, der Augenblick war gekommen, in dem auch er das unerbittliche Geſpenſt erblicken ſollte, welches im Innern jeder Creatur lebt, und bei jedem Pulsſchlage des Herzens flüſtert: Du mußt ſterben! Danglars glich jenem Rothwild, welches die Jagd belebt, dann zur Verzweiflung bringt, und welches ſich oft eben durch die Stärke dieſer Verzweiflung rettet. Danglars dachte an Flucht. Aber die Mauern waren die Felſen ſelbſt, vor dem einzigen Ausgange dieſer Zelle hielt ein kräftiger Mann Wache und weiter⸗ hin gewahrte er noch viele andere bewaffnete Banditen. Sein Entſchluß, ſeine Unterſchrift nicht zu geben, währte zwei Tage, dann verlangte er Lebensmittel und gab eine Million. Ein ſüperbes Abendeſſen ward ihm ſervirt, er war um eine Million ärmer. 4 Von da an war das Leben des Unglücklichen eine Reihe ſchmerzlicher Erfahrungen. Er hatte ſo viel gelitten, daß er nicht länger mehr leiden mochte, und nach Verlauf von zwei Tagen allen Forderungen nachgab. Eines Nachmittags, als er eben dinirt hatte, wie in den Tagen ſeines höchſten Glücks, überrechnete er ſein Geld, und ach, es blieben ihm nur noch fünfzigtauſend Francs. 1422 Da ging eine ſonderbare Veränderung mit ihm vor, er, der fünf Millionen verloren hatte, verſuchte die ihm bleibenden fünf⸗ zigtauſend Francs zu retten, und beſchloß, lieber die entſetzlichſten Prüfungen zu ertragen, als ſich dieſes letzten Geldes zu berauben. Seine Hoffnungsgedanken ſtreiften faſt an Wahnſinn, er, der ſo lange Gott vergeſſen hatte, dachte jetzt an Gott, um ſich zu ſagen, daß er oft ſchon Wunder gethan habe, daß die Höhle verſinken, oder die Soldaten dieſen verruchten Schlupfwinkel entdecken und ihn befreien könnten. Dann wollte er mit ſeinen fünfzigtauſend Francs fliehen, die Summe war groß genug, einen Menſchen nicht Hun⸗ gers ſterben zu laſſen, er bat Gott ſie ihm zu erhalten, und er weinte. So vergingen drei Tage, während welcher der Name Gottes, wenn auch nicht in ſeinem Herzen, ſo doch beſtändig auf ſeinen Lippen war. Zwiſchendurch hatte er Augenblicke halben Wahn⸗ ſinnes, in denen er ein ärmliches Zimmer und einen auf der Streu im Todeskampfe liegenden Greis zu erblicken glaubte. Auch der Greis ſtarb vor Hunger! Den vierten Tag war er kein Menſch mehr, ſondern ein leben⸗ der Leichnam; er hatte die Ueberbleibſel ſeiner Mahlzeiten bis auf das letzte Krümchen von der Erde aufgeſucht, und kaute nun an der Matte, mit welcher der Boden bedeckt war. Er flehte Peppino an, wie man einen Engel anfleht, ihm einige Nahrung zu geben, und bot ihm tauſend Francs für einen Biſſen Brod. Der Bandit antwortete nicht. Den fünften Tag ſchleppte er ſich an den Eingang des Zelle. „Aber ſind Sie denn ein Chriſt?“ rief er ſich auf den Knieen windend,„wollen Sie denn einen Menſchen tödten, der vor Gott Ihr Bruder iſt?“ „O meine ſonſtigen Freunde, meine ſonſtigen Freunde,“ ſtam⸗ melte er. Und er ſank zu Boden. Plötzlich ſprang er auf. „Der Befehlshaber,“ ſchrie er,„der Befehlshaber!“ „Da bin ich,“ ſprach Vampa, plötzlich erſcheinend,„was wünſchen Sie noch?“ „Nehmen Sie mein letztes Geld,“ ſtotterte der Banquier, ſein Taſchenbuch hinreichend,„laſſen Sie mich hier in dieſer Höhle leben, ich will ja gar nicht frei ſein, nur leben... leben!“— „Sie leiden alſo ſehr?“ fragte Vampa. „Ob ich leide? grauſam!“ — doch giebt es Menſchen, die noch mehr gelitten haben als Sie.“ b „Ich glaube nicht.“* er, der. n ſünf⸗ ache rauben. der ſo uſagen, erſinken, ſen und Francs ht Hun⸗ und er Gottes, f ſeinen Vahn⸗ er Streu m leben⸗ bis auf nun an ht, ihm ür einen Zelle. n Knieen oor Gott e,“ ſtam⸗ d,„was ſnier, ſein er Höhle n!“ 14 23 ſ d79,. bedenken Sie die, welche vor Hunger geſtorben ind.“. Danglars dachte an den ſterbenden Greis, der in einſamen Nächten der letzten Zeit ſeinem geiſtigen Auge erſchienen war. Er ſchlug mit dem Kopfe gegen die Erde und heulte dumpf. „Ja,“ ſagte er,„es iſt wahr, es giebt Perſonen, die noch mehr gelitten haben als ich, aber die waren wenigſtens Märtyrer.“ „Sie bereuen alſo?“ fragte eine finſtere, ernſte Stimme, bei deren Klange Danglars Haar ſich ſträubte. Sein geſchwächter Blick verſuchte die Gegenſtände zu unter⸗ ſcheiden, und er ſah hinter dem Banditen eine hohe in einen Man⸗ tel gehüllte, männliche Figur. „Was ſoll ich bereuen?“ murmelte er. „Das Böſe, was Sie gethan,“ ſprach dieſelbe Stimme. „O ja, ich bereue! ich bereue!“ ſchrie Danglars. Und er zerwühlte ſein Haar mit ſeinen fleiſchloſen Fingern. „Der Graf von Monte⸗Chriſto,“ ſchrie Danglars, noch bleicher vor Schrecken als vorher vor Hunger und Elend. „Sie irren ſich, ich bin nicht der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Wer ſind Sie denn?“ „Ich bin der, den Sie verkauft, verrathen, entehrt haben, ich bin der, dem ſie die Braut abwendig gemacht haben, ich bin der, deſſen Vater Sie dem Hungertode überliefert haben, ich bin der, welcher ſinken mußte, damit Sie ſteigen konnten, und dennoch ver⸗ zeihe ich Ihnen, weil auch ich der Verzeihung bedarf; ich bin Ed⸗ mond Dantes.“ Danglars ſtieß einen lauten Schrei aus, dann ſank er zu⸗ ſammen.— „Erheben Sie ſich,“ ſprach der Graf,„Ihr Leben iſt gerettet, Ihren beiden Mitſchuldigen iſt daſſelbe Glück nicht geworden, der Eine iſt wahnſinnig, der Andere iſt todt! Die Ihnen gebliebenen fünfzigtauſend Francs mögen Sie behalten, die fünf Millionen, die Sie den Hoſpitälern entwendet, ſind denſelben von unbekannter Hand wiedererſtattet.“ „Und jetzt eſſen und trinken Sie, dieſen Abend ſind Sie mein Gaſt.“ „Vampa, ſobald dieſer Mann geſättigt ſein wird, iſt er frei.⸗ Danglars blieb auf der Erde liegen, bis der Graf ſich ent⸗ fernte, dann erhob er ſich und ſah nur noch einen dunkeln Schat⸗ ten durch die Gänge eilen, vor dem alle Banditen ſich tief ver⸗ neigten. Wie der Graf befohlen, ward Danglars von Vampa ſelbſt, und zwar fürſtlich bedient und dann in einem bequemen Wagen auf den Weg gebracht. 1424 Unter einem großen Baume ließ man ihn allein, er wußte nicht, wo er war. Der Tag brach an, Danglars zur Seite ſprudelte eine klare Quelle, er war durſtig und ſchleppte ſich hin. Indem er ſich bückte, um zu trinken, bemerkte er, daß ſein Haar weiß geworden war. CXV. Der fünfte October. Es war beinahe ſechs Uhr Abends, die letzten Strahlen Lüner ſchönen Herbſtſonne vergoldeten die grünlichen Fluthen des eeres. Die Hitze hatte ſich etwas gelegt und man verſpürte jenen leichten Wind, der gleichſam der Athem der aus ihrer glühendeu Mittags⸗Sieſta erwachenden Natur zu ſein ſchien. Dieſer herrliche Hauch erfriſcht die Küſten des Meeres, und trägt von Ufer zu Ufer den Duft der Bäume und den Wohlgeruch des Meeres. Auf der ungeheuern Waſſerfläche, die ſich von Gibraltar nach den Dardanellen, und von Tunis nach Venedig erſtreckt, glitt eine kleine elegant gebaute Yacht durch die erſten Abendnebel. Ihre Bewegungen waren die eines Schwanes, der ſeine Flügel dem Winde öffnet, und über dem Waſſer dahin zu ſchweben ſcheint. Sie glitt ſchnell und graziös zugleich vorwärts, eine leuchtende Furche zurücklaſſend. Nach und nach verſchwand die Sonne, deren letzte Strahlen wir begrüßt, an dem weſtlichen Horizonte, aber wie um den glän⸗ zenden Träumen der Mythologie Recht zu geben, erſchienen ihre unbeſcheidenen Lichter auf dem Gipfel jeder Welle wieder, wie um anzuzeigen, daß der Gott der Flamme ſich in Amphitritens Schoos geflüchtet habe, die umſonſt verſuchte, ihren Geliebten in den Fal⸗ ten ihres azurnen Mantels zu verbergen. Die Nacht flog raſch vorwärts, obgleich der Wind kaum ſtark genug war, die Locken eines jungen Mädchens zu bewegen. Am Vordertheil des Schiffs ſtand ein ſchlanker, junger Mann, mit gebräuntem Teint, der ſtarr nach dem Lande blickte, das gleich einer finſtern Maſſe kegelförmig aus der Mitte der Fluthen aufſtieg. „Iſt das Monte⸗Chriſto?“ fragte der ernſte, traurige Reiſende, deſſen Befehlen die kleine Yacht zu gehorchen ſchien. „Ja, Excellenza,“ ſprach der Patron,„wir ſind bald dort.“ „Wir ſind bald dort,“ murmelte der junge Reiſende, mit dem . —— 1———— 4— 2 1 t wußte ne klare daß ſein Staahlen hen des tte jenen lühendeu herrliche er zu Ufer tar nach glitt eine 2. Ihre gel dem eint. Sie e Furche Strahlen den glän⸗ enen ihre wie um s Schoos den Fal⸗ num ſtark er Mann, das gleich Fluthen Reiſende, mit den Ausdruck der unbeſchreiblichſten Traurigkeit.„Ja,“ fügte er leiſer hinzu,„das wird der Hafen ſein.“ Und er verſank von Neuem in ſeine ſchmerzlichen Träumereien. Einige Minuten ſpäter bemerkte man am Lande den Schein einer ſich ſchnell verbreitenden Flamme, und der Schall eines Feuer⸗ gewehrs gelangte bis zur Nacht.. „Das iſt das Signal, Excellenza,“ ſprach der Patron,„wollen Sie ſelbſt antworten?“ „Welches Signal?“ fragte der Reiſende. Der Patron ſtreckte die Hand gegen die Inſel aus, breiter weißlicher Rauch ſtieg von dort aus in die abendliche Luft. „Ach ſo,“ ſprach der junge Mann,„ja, geben Sie her.“ Und er nahm ein ihm gereichtes, geladenes Gewehr, und feuerte es ab. Zehn Minuten ſpäter wurden die Segel aufgegeit, und die Yacht ging fünfhundert Schritte vor einem kleinen Hafen vor Anker. Ein Boot mit vier Ruderern und dem Lootſen wartete ſchon, der Reiſende ſtieg aus, blieb jedoch, ſtatt ſich auf einen für ihn ausgebreiteten Teppich zu ſetzen, im Vordertheil des Boots mit gekreuzten Armen ſtehen. Mit halb gehobenen Ruderſtangen warteten die Ruderer, wie Vögel, die ihre Flügel trocknen wollen. „Vorwärts!“ ſagte der Reiſende. Die acht Ruder fielen gleichzeitig in das Meer, und ohne daß ein Tropfen Waſſer hervorſpritzte, glitt die Barke über den Waſſerſpiegel. In wenig Augenblicken war man in einer kleinen, durch einen .— natürlichen Einſchnitt gebildeten Bucht, die Barke kam auf feinen Sandboden. „Excellenza,“ ſprach der Lootſe,„ſteigen Sie auf die Schulter von zweien unſerer Leute, ſie werden Sie an das Land tragen.“ Der junge Mann antwortete auf dieſe Einladung durch eine Bewegung der vollſtändigſten Gleichgiltigkeit, und ſprang in das Waſſer, das ihn bis an den Gürtel ging. „Ach, Excellenza,“ murmelte der Lootſe,„das iſt Unrecht und Sie werden uns Verdruß von unſerm Herrn zuziehen.“ Der junge Mann fuhr fort, dem Ufer zuzueilen, woſelbſt er nach ungefähr dreißig Schritten anlangte, ſeine Füße auf trocke⸗ nem Boden ſchüttelte, und mit den Augen den beſten Weg ſuchte, denn es war ganz dunkel geworden. Als er den Kopf wandte, fühlte er eine Hand auf der Schulter, und eine Stimme, die ihn erzittern ließ, ſprach: „Guten Tag, Maximilian, Du biſt pünktlich, Dank!“ „Ach Sie ſind es, Graf,“ rief der junge Mann, Monte⸗ Chriſto freudig die Hand drückend. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 90 1425 — 1426 „Ja, Du ſiehſt, auch ich bin pünktlich, aber Du triefſt vor Näſſe, mein Sohn, komm ſchnell, Deine Wohnung iſt bereit, und Du wirſt in derſelben Kälte und Ermüdung vergeſſen.“ Monte⸗Chriſto bemerkte, daß Morrel ſich umdrehte und wartete. Wirklich ſah der junge Mann mit Erſtaunen, daß ſeine Füh⸗ rer, die er noch nicht bezahlt hatte, ſich ſchweigend entfernt hatten. Die kleine Barke fuhr ſchnell auf die Yacht zu. „Suchen Sie Ihre Matroſen?“ fragte der Graf. „Freilich, ich habe Ihnen noch etwas zu geben...“ „Aengſtigen Sie ſich nicht, Maximilian,“ rief Monte⸗Chriſto lachend,„ich habe einen Vertrag mit der Marine geſchloſſen, damit der Zugang meiner Inſel von jeder Anlandung fremder Fahr⸗ zeuge frei bleibt. Ich bin abonnirt, wie man in den civiliſirten Ländern zu ſagen pflegt.“ Morrel ſah den Grafen erſtaunt an. „Graf,“ ſprach er,„Sie ſind hier nicht derſelbe wie in Paris!“ „Wie ſo?“ „Ja, hier lachen Sie.“ Monte⸗Chriſto's Stirn bewölkte ſich plötzlich. „Sie thun Recht, Maximilian, mich daran zu erinnern,“ ſprach er,„es macht mich ſo glücklich, Sie wieder zu ſehen, und ich vergaß, daß jedes Glück vorübergehend iſt.“ „O nein, nein, Graf,“ rief Morrel, abermals beide Hände ſeines Freundes ergreifend,„o lachen Sie, ſeien Sie glücklich, und zeigen Sie mir, daß das Leben nur denen drückend iſt, welche leiden! O Sie ſind barmherzig, gut und groß, mein Freund, umd nur, um mir Muth zu verleihen, erkünſteln Sie dieſe Hei⸗ terkeit.“. „Sie irren ſich, Morrel,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„ich war wirklich glücklich. „Deſto eer⸗ dann machen Sie, daß ich mich ſelbſt vergeſſe.“ „Wie ſo?“ „ Ja, denn Sie wiſſen, Freund, als der Gladiator in den Circus trat, ſprach er zu dem erhabenen Kaiſer, wie ich zu Ihnen: „Es grüßt Dich der Sterbende!“ „Alſo Sie ſind nicht getröſtet?“ fragte Monte⸗Chriſto mit ſeltſamem Blick. „O,“ rief Morrel bitter,„haben Sie denn wirklich geglaubt, daß ich das je würde?“ „Höre, mein Sohn,“ ſprach der Graf,„nicht wahr, Du ver⸗ ſtehſt den Sinn meiner Worte, und hälſt mich nicht für einen ge⸗ wöhnlichen Mann, für eine Nachtwächterſchnarre, die unbeſtimmt und ſinnloſe Töne von ſich giebt. Wenn ich frage, ob Sie getröſtet ſind, frage ich als ein Mann, der das menſchliche Herz in allen —* meiner mir in mir zu werder mit ſe Sie würde den ſollte finde irten ern,“ und dände lich, velche eund, Hei⸗ war eſſe. n den hnen: )mit laubt, u ver⸗ ien ge⸗ ſtimmt tröſtet allen 1.„ 1427 ſeinen Tiefen ergründet hat. Gut, Morrel, wir wollen Beide auf den Grund des Ihrigen ſteigen und ſondiren. Iſt da noch jene wilde Ungeduld des Schmerzes, vor welcher der Körper erbebt? Iſt da noch ſtets dieſer glühende Durſt, den nur das Grab ſtillt? Iſt da noch immer das idealiſirte Leid, das den Lebenden dem Le⸗ ben entrückt, und ihn bis in den Tod verfolgt? oder iſt es die gänzliche Erſchlaffung des erſchöpften Muthes, der Feind, welcher den glimmenden Hoffnungsſtrahl erſtickt? Iſt es der Verluſt des Gedächtniſſes, der die Thränen nicht mehr fließen läßt? O mein Sohn, wenn es das iſt, wenn Du nicht mehr weinen kannſt, wenn Du Dein betäubtes Herz erſtorben wähnſt, wenn Du Deine Kraft nur in Gott haſt, Deine Blicke ſich nur dem Himmel zuwenden, mein Sohn, legen wir alle dieſe Worte beiſeit, die für den Sinn zu beſchränkt ſind, den unſere Seele ihnen giebt. Maximilian, Du biſt getröſtet, klage nicht mehr!“ „Graf,“ ſagte Morrel mit ſeiner zugleich ſanften und feſten Stimme,„hören Sie mich, wie man einen Mann hört, der mit der Hand nach der Erde und mit dem Auge gen Himmel blickt, ich bin zu Ihnen gekommen, um in den Armen eines Freundes zu ſterben. ich liebe Manchen, ich liebe meine Schweſter Julie und meinen Schwager Emanuel, aber ich ſehnte mich darnach, daß ſich mir in meinen letzten Augenblicken ſtarke Arme öffnen, und man mir zulächelt. Julie würde in Thränen zerfließen und ohnmächtig werden, Emanuel würde mir die Waffe entreißen, und das Haus mit ſeinem Geſchrei erfüllen. Sie, Graf, deſſen Wort ich habe, der Sie mehr als ein Mann ſind— denn wären Sie nicht ſterblich, würde ich Sie einen Gott nennen— Sie, o nicht wahr, Sie wer⸗ den mich ſanft und zärtlich an die Pforten des Todes führen?“ „Freund,“ ſprach der Graf,„es bleibt mir noch ein Zweifel, ſollteſt Du ſo wenig Kraft haben, daß Du Deinen Stolz darin findeſt, Deinen Schmerz zu zeigen?“ „Nein,“ ſprach Morrel,„ich bin wahr, fühlen Sie meinen Puls, er ſchlägt ruhig wie immer. Nein, ich fühle mein Ziel nahe, und gehe nicht weiter. Sie haben mir geſagt, ich ſoll warten und hoffen; wiſſen Sie, was Sie gethan haben, Sie unglücklicher Wei⸗ ſer? Ich habe einen Monat gewartet, das heißt, ich habe einen Monat gelitten! Ich habe gehofft,(der Menſch iſt ein armes er⸗ bärmliches Geſchöpf,) ich habe gehofft, was? ich weiß es nicht... etwas Unbekanntes... Unſinniges, ein Wunder!.. Welches? Gott allein kann es ſagen, der unſrer Vernunft dieſes Theilchen Wahnſinn beigemiſcht hat, das wir Menſchen Hoffnung nennen. Ja, ich habe gewartet, Graf, ja, ich habe gehofft, und ſeit der Viertelſtuude, die wir hier ſprechen, haben Sie, ohne es zu wiſſen, mir hundertmal das Herz gebrochen, mich namenloſen Qualen über⸗ liefert, denn jedes ihrer Worte hat mir bewieſen, daß jede Hoffnung 90 1428 5 dahin iſt. O Graf, wie begeiſtert, wie ſehnſüchtig gehe ich dem Tode entgegen!“ 1 7 1 Morrel ſprach dieſe letzten Worte mit ſolchem Nachdruck, daß der Graf zitterte. „Freund,“ fuhr Morrel ſort,„Sie haben mir den fünften October als den Tag bezeichnet, bis zu dem ich warten ſollte; heute, Graf, iſt der fünfte October.“ „Morrel ſah nach der Uhr. „Es iſt neun Uhr, ich habe noch drei Stunden zu leben.“ „Sei es!“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„komm!“ Maximilian folgte den Grafen mechaniſch, und ſie gelangten ſchweigend in die Grotte.— Teppiche waren auf den Boden gebreitet, eine Thür öffnete ſich, feiner Wohlgeruch und helles Licht drang Beiden entgegen. Morrel blieb ſtehen, er zögerte, näher zu treten, denn er mißtraute den entnervenden Herrlichkeiten und Genüſſen, die ihn umgaben. Monte⸗Chriſto zog ihn ſanft nach ſich. „Sollte es Dir nicht recht ſein,“ ſprach er,„wenn wir die drei letzten Stunden wie die alten Römer verwenden, die durch Nero, ihren Kaiſer und Erben, verurtheilt, ſich an einen ſchön mit Blumen geſchmückten Tiſch ſetzten, und den Tod mit den Düften der Roſe und des Heliotrops einathmeten?“ Morrel lächelte. 3 „Wie Sie wollen,“ ſprach er,„der Tod bleibt doch der Tod, d. h. Vergeſſen, d. h. Ruhe, d. h. Trennung vom Leben, und alſo auch vom Leiden.“ Er ſetzte ſich, Monte⸗Chriſto nahm ihm gegenüber Platz. Sie waren in jenem herrlichen, ſchon früher beſchriebenen Eßſaale und die Marmorſtatuen trugen auf ihren Köpfen Körbe, die mit den auserleſenſten Früchten und Blumen gefüllt waren. Morrel hatte Alles betrachtet, ohne es eigentlich zu ſehen. „Sprechen wir als Männer,“ ſagte er, den Grafen feſt an⸗ blickend. „Sprich,“ ſagte dieſer. „Graf,“ begann Morrel,„wenn ich Sie ſehe, iſt mir's, als kämen Sie aus einer andern Welt, die uns weit voraus iſt, denn Sie ſind der Inbegriff aller menſchlichen Kenntniß!“— „Daran iſt etwas Wahres, Maximilian,“ ſprach der Graf mit jenem melancholiſchen Lächeln, das ihn ſo ſchön machte,„ich komme von einem Planeten, den man Schmerz nennt!“. „Ich glaube Ihnen Alles, Graf, ohne den Sinn Ihrer Worte zu ergründen, der Beweis iſt, daß Sie mir geſagt haben: lebe; daß Sie geſagt haben: hoffe, und ich habe gehorcht. Ich wage alſo Sie zu fragen, als ob Sie ſchon ein Mal todt geweſen wären: Graf, iſt es ſehr unangenehm?“ lih Du brich Dole wirſt Dein als Gehe das Der und und ger, Herr der wird Gelie ſeerb dezvo unten könnt 1429 1 Monte⸗Chriſto blickte ſeinen jungen Freund unendlich zärt⸗ ich an. „Ja,“ ſprach er,„ja gewiß, der Tod iſt ſehr ſchmerzhaft, wenn Du die menſchliche Hülle, die ſo hartnäckig zu leben verlangt, roh zer⸗ brichſt. Wenn Deine Haut unter der unerbittlichen Spitze eines Dolches ſeufzt, wenn eine Kugel Dein Gehirn zerwühlt, o ja, dann wirſt Du leiden, das Leben unter Qualen verlaſſen, und es in Deinem verzweifelten Todeskampfe doch wünſchenswerther finden, als eine ſo theuer erkaufte Ruhe.“ „Ja, das begreife ich,“ ſprach Morrel,„der Tod hat ſeine Geheimniſſe des Schmerzes und der Wolluſt ſo gut als das Leben, das Ganze iſt, ſie zu kennen.“ „Ganz recht, Morrel, da haſt Du ein großes Wort geſagt. Der Tod iſt für uns entweder ein Freund, und leitet uns mild und ſanft, wie eine treue Amme, oder er iſt ein Feind, der barſch und ungeſtüm die Seele dem Körper entreißt. Vielleicht nach lan⸗ ger, langer Zeit, wenn man all der zerſtörenden Kräfte der Natur Herr geworden iſt, und ſich dieſelben dienſtbar macht, wenn dann der Menſch auch die Geheimniſſe des Todes kennen wird, o dann wird der Tod ſo ſüß ſein, wie der Schlaf in den Armen unſerer Geliebten.“ „Und wenn Sie ſterben wollten, Graf, wüßten Sie ſo zu ſterben!“ „Ja.“ Morrel reichte ihm die Hand. „Jetzt begreife ich,“ ſprach er,„weßhalb Sie mir ein Ren⸗ dezvous auf einer einſamen Inſel, inmitten eines Oceans, in einem unterirdiſchen Grabmale, um welches Sie ein Pharao beneiden könnte, gegeben haben, ach nur weil Sie mich lieben, mich genug lieben, um mir jenen Tod ohne Todeskampf zu verſchaffen, wobei ich Valentinens Namen flüſtern, und Ihnen die Hand drücken kann.“ 5 „Ja, Du haſt recht gerathen,“ ſprach der Graf einfach. „Dank, der Gedanke, daß ich morgen nicht mehr leben werde, erquickt mein armes Herz.“ „„Bedauern Sie nichts?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Nein,“ entgegnete Morrel. „Selbſt mich nicht?“ fragte der Graf tief bewegt. Morrel blickte auf, ſein reines Auge bewölkte ſich, dann ſtrahlte es in ungewöhnlichem Glanze, eine große Thräne rollte, einem Silberfaden gleich über ſeine Wange. „Wie?“ ſprach der Graf,„es bindet Sie noch etwas an die Erde, und Sie wollen ſterben?“ „ ich beſchwöre Sie, Graf,“ rief Morrel matt,„kein Wort weiter, Sie verlängern meine Qual.“ Der Graf glaubte, Morrel werde ſchwach. 14³⁰ Bei dieſem flüchtigen Gedanken ward der ſchreckliche Zweifel wieder in ihm wach, der ihm ſchon einmal auf Schloß If nieder⸗ geſchmettert hatte. „Ich beſchäftige mich damit,“ dachte er,„dieſen Mann dem Glücke zurückzugeben, ich betrachte dieſe Bemühung wie ein Ge⸗ wicht, welches ich gegen das was ich übel gemacht, in die Wag⸗ ſchale legen will.... Ach wenn er nicht unglücklich genug wäre, das Glück zu verdienen,... wenn ich mich irrte! Ach was würde aus mir werden, der ich das Ueble nur vergeſſen kann, indem ich mir das Gute zurückrufe!“ „Hören Sie, Morrel,“ ſprach er,„ich ſehe, Ihr Schmerz iſt ſehr groß, aber Sie glauben an Gott und wollen Ihr Seelenheil nicht auf's Spiel ſetzen.“ Morrel lächelte traurig. „Graf,“ ſprach er,„ich ſchwärme, wie Sie wiſſen, nicht bei kaltem Blute, aber ich ſchwöre, meine Seele gehört nicht mehr mir.“ „Höre Morrel,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich habe keinen Ver⸗ wandten auf der Welt, jwie Du weißt. Ich habe mich gewöhnt, Dich wie einen Sohn zu betrachten; nun wohl, um meinen Sohn zu retten, würde ich mein Leben opfern, um wie viel mehr nicht mein Vermögen?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will ſagen, Morrel, daß Sie aus dem(Leben ſcheiden wollen, weil Sie nicht alle Freuden kennen, die ein großer Reichthum gewährt. Mein Sohn, ich beſitze faſt hundert Millionen, ich gebe ſie Dir, damit kannſt Du Alles erreichen. Biſt Du ehrgeizig; jede Laufbahn ſteht Dir offen; wälze die Welt um, gieb Dich unver⸗ nünftigen Entwürfen hin, begehe ſelbſt ein Verbrechen, wenn es ſein muß, aber lebe!“ „Graf, ich habe Ihr Wort,“ entgegnete Morrel kalt,„und“ fügte er, ſeine Uhr herausziehend, hinzu,„es iſt eilf ein halb.“ „Morrel, woran denkſt Du? unter meinen Augen, in meinem Hauſe?“ „O ſo laſſen Sie mich reiſen,“ ſprach Morrel finſter,„oder ich muß glauben, daß Sie mich nicht meinetwegen, ſondern Ihret⸗ wegen lieben.“ Und er ſtand auf. „Gut,“ ſprach Monte⸗Chriſto mit verklärtem Geſicht,„Du willſt es, Morrel, und biſt unerſchütterlich, ja, Du biſt ſehr un⸗ glücklich, und wie Du ſagteſt, nur ein Wunder könnte Dich retten, ſetze Dich und warte.“ Morrel gehorchte, Monte⸗Chriſto trat an einen ſorgfältig ver⸗ ſchloſſenen Schrank, von dem er den Schlüſſel beſtändig an einer Lodenen Kette bei ſich trug. Aus dieſem Schranke nahm er ein leines, außerordentlich kunſtvoll gearbeitetes ſilbernes Käſtchen, chen ſong wol —— 1431 welches mit vier weiblichen Figuren geziert war, Engel, die dem Himmel verwandt ſind. Er ſetzte das Käſtchen auf den Tiſch, öffnete es und nahm eine kleine goldene Schachtel heraus, deren Deckel durch einen ge⸗ heimen Druck aufſprang. Sie enthielt eine halb feſte, halb ölige Subſtanz, deren Farbe durch den Glanz des Goldes und der den Deckel zierenden edlen Steine nicht zu erkennen war. Es war ein Schillern von Azur, Purpur und Gold. Der Graf heftete einen langen Blick auf Morrel, und über⸗ reichte ihm einen kleinen goldenen Löffel, den er mit der Subſtanz gefüllt hatte. Jetzt ſah man, daß ſie grün war. „Hier,“ ſprach er,„was Du verlangteſt, was ich verſprach.“ „Noch lebend,“ rief der junge Mann, und griff mit beiden Händen nach dem Löffel,„danke ich Ihnen vom ganzen Herzen.“ Der Graf nahm einen zweiten Löffel und füllte ihn ebenfalls. „Was wollen Sie thun, Freund?“ rief Morrel, ihm die Hand feſthaltend. „Meiner Treu, mein Sohn,“ rief dieſer lachend,„ich denke, Gott wird mir verzeihen, auch ich bin des Lebens müde, und da ſich die Gelegenheit bietet...“ „Halt“ rief Morrel,„Sie dürfen nicht thun, was ich thue, Sie lieben und werden geliebt, Sie dürfen noch hoffen, o nein, nein, Sie würden ein Verbrechen begehen! Leben Sie wohl, mein großmüthiger Freund, ich gehe zu Valentine, und werde ihr er⸗ zählen, was Sie für mich gethan!...“ Und langſam, ohne jede andere Zögerung, als daß er dem Grafen die Hand reichte, verſchluckte Morrel die ihm von Monte⸗ Chriſto gereichte, unbekannte Subſtanz. Dann ſchwiegen Beide. Unhörbar erſchien Ali, brachte Tabak und Kaffee, und verſchwand. Nach und nach erloſchen die Lampen in den Händen der Marmor⸗Statuen, und der Duft der Räucherpfannen ſchien Morrel weniger ſtark. Mante⸗Chriſto blickte ihn an, er ſah in der Dunkelheit nur das Leuchten ſeiner Augen. Ein unendlicher Schmerz bemächtigte ſich des jungen Mannes, die Gegenſtände verloren Form und Farbe, es ſchien ſeinem trü⸗ ber werdenden Auge, als öffneten ſich Thüre und Vorhänge in der Mauer. „Freund,“ hauchte er,„ich fühle daß ich ſterbe, Dank....“ Er verſuchte, dem Grafen zum letzten Male die Hand zu rei⸗ chen, umſonſt, ſie ſank kraftlos zurück. Dann ſchien es ihm, als lächle Monte⸗Chriſto, aber nicht ſo ſonderbar und erſchreckend als zuweilen, ſondern mit dem Wohl⸗ wollen eines Vaters gegen ſein Kind. — 1432 Zugleich ſchien der Graf noch größer zu werden, ſein majeſtä⸗ tiſcher Schatten zeichnete ſich auf dem rothen Hintergrunde ab, er hatte ſein ſchönes ſchwarzes Haar zurückgeworfen, und glich, ſtolz und erhaben, einem jener Engel, mit denen man die Böſen für den Tag des letzten Gerichts bedroht. Meorrel drehte ſich betäubt und ermattet auf ſeinem Stuhl um, ſanfter Schlaf bemächtigte ſich all' ſeiner Glieder. Ein Wechſel der Gedanken belebte ſeine Stirn, Alles an ihm ruhte, nur die⸗ ſer Traum war wach, es ſchien ihm, als eile er mit vollem Segel jenem ungewiſſen Delirium entgegen, das dem unergründeten Ge⸗ heimniß, dem Tode voran geht. Noch einmal verſuchte er ſeinem Erretter vom Leiden die Hand⸗ zu reichen, Sie war ſchon ſteif, ein letztes erhabenes Lebewohl zu flüſtern, ſeine Stimme ſchwieg. Seine Augen ſchloſſen ſich wider ſeinen Willen, aber hinter den Lidern derſelben erſchien ein Bild, welches er ungeachtet der Finſterniß erkannte, von der er ſich umgeben glaubte. Der Graf öffnete eine Thür. Augenblicklich durchfluthete eine unermeßliche Klarheit, die aus dem prachtolen Nebenzimmer drang, den Saal, in welchem Mor⸗ rel ruhte. Auf den Grenzen beider Zimmer erſchien eine bewunderns⸗ würdig ſchöne Frau. Bleich, aber ſanft lächelnd, ſchien ſie der Engel des Erbar⸗ mens, der den Engel der Rache um Gnade fleht. „Oeffnet ſich mir ſchon der Himmel,“ dachte der Sterbende, „dieſer Engel gleicht dem, den ich verloren...“ 9 Mit gefalteten Händen, und ſelig lächelnd, trat die Erſcheinung näher. 3 „Valentine... Valentine...“ rief Morrel im Grunde ſeines Herzens. 3 Aber ſein Mund vermochte keinen Ton mehr hervorzubringen, und als hätten ſich alle ſeine Kräfte in dieſer innern Bewegung vereinigt, ſtieß er einen Seufzer aus und ſchloß die Augen. Valentine ſtürzte auf ihn zu. Morrels Lippen machten noch eine Bewegung. „Er ruft Sie,“ ſagte der Graf,„er ruft Sie aus der Tiefe ſeines Schlummers... Sie haben ihm Ihr Schickſal anvertraut, der Tod wollte ſie trennen! aber ich war glücklicherweiſe da, und beſiegte den Tod! Valentine, Sie werden ſich nicht mehr trennen, Sie haben ſich wiedergefunden.... Er ſtürzte ſich für Sie in den Tod ....ohne mich ſtarben Sie Beide, ich habe Sie einander wieder⸗ gegeben... möge Gott mir ihr beiderſeitiges Leben anrechnen!“ Valentine ergriff die Hand des Grafen, und führte dieſelbe in einer Aufwallung begeiſterter Freude an ihre Lippen. 4 „O danken Sie mir, danken Sie mir,“ ſprach Monte⸗Chriſto, wirklich die Fre ſchützen des Gr Welt ſ 7/ „und n M D ihren der G einneh verdun und d 1 wie di erſtickt 7 Name 7 Herr, Sul Sie d druck. 1433 no werden Sie nicht müde, mir zu ſagen, das ich Sie glücklich Bemagt habe. Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich dieſer Gewißheit edarf!“ —„O ja, ja, ich danke Ihnen von Grund meiner Seele,“ rief Valentine,„und ſollten Sie an der Aufrichtigkeit meines Dankes zweifeln, o ſo fragen Sie Haydée, fragen Sie meine geliebte Schwe⸗ ſter Haydée, die mich ſeit unſerer Abreiſe von Frankreich, für den ſeligen Tag, der heute erſchienen, geduldig erhalten hat, indem ſie mit mir von Ihnen ſprach.“ „Alſo lieben Sie Haydée?“ fragte Monte⸗Chriſto, und ver⸗ ſuchte umſonſt, ſeine tiefe Bewegung zu verbergen. „8 vom ganzen Herzen!“ „Nun wohl, Valentine, ich richte eine große, heilige Bitte an be„An mich? großer Gott... ſollte ich wirklich ſo glücklich ein?... 4 „Ja, Sie haben Haydée Ihre Schweſter genannt, möge ſie wirklich Ihre Schweſter ſein.... Valentine, beweiſen Sie ihr all die Freundlichkeit, welche Sie mir ſchuldig zu ſein glauben, be⸗ ſchützen Sie und Morrel das arme Kind, denn“(die Stimme des Grafen erloſch faſt)„von nun an wird ſie allein in der Welt ſein.“ „Allein in der Welt?“ wiederholte eine Stimme hinter ihm, „und weßhalb?“ Monte⸗Chriſto wandte ſich um. Da ſtand Handée bleich, verſteinert, tödtlichen Schrecken in ihren Zügen. „ Weil Du morgen frei ſein wirſt, meine Tochter,“ entgegnete der Graf,„weil Du die gebührende Stellung in der Welt wieder einnehmen wirſt, weil ich nicht will, daß mein Geſchick das Deine verdunkelt. Tochter eines Fürſten, ich gebe Dir die Reichthümer und den Namen Deines Vaters zurück.“ 3 Haydée war ſehr bleich, ſie faltete ihre durchſichtigen Hände wie die Jungfrau, die zu Gott betet, und ſprach mit von Thränen erſtickter Stimme: „Alſo, mein Herr, Du verläßt mich?“ „Haydée, Haydée Du biſt jung und ſchön, vergiß meinen Namen und ſei glücklich!“ „Gut,“ ſprach Haydée,„Deine Befehle ſollen erfüllt werden, Herr, o ich werde ſogar Deinen Namen vergeſſen und glücklich ſein.“ Und ſie entfernte ſich. „O mein Gott,“ rief Valentine, die Morrels Kopf an ihre Schulter lehnte,„ſehen Sie denn nicht, wie bleich ſie iſt, begreifen Sie denn nicht, was ſie leidet?“ dHohber blieb ſtehen und ſprach mit herzzerreißendem Aus⸗ Sie dru ——— 1434 „Weßhalb willſt Du, daß er mich begreift, meine Schweſter? Er iſt mein Gebieter, ich bin ſeine Sclavin,... er hat das Recht, nichts zu ſehen.“ Der Graf bebte bei den Tönen dieſer Stimme, die die innig⸗ ſten, geheimſten Fibern ſeines Herzens traf, ſeine Augen begeg⸗ neten denen des jungen Mädchens und konnten ihren Glanz nicht ertragen. „Mein Gott, mein Gott,“ ſprach er,„was Du mich vermu⸗ then ließeſt, wäre alſo wahr? Haydée es macht Dich glücklich, mich nicht verlaſſen zu dürfen?“ „Ich bin jung,“ entgegnete ſie ſanft,„ich liebe das Leben, weil Du es mir ſtets ſo ſüß gemacht,.... ich würde ſo ungern ſterben!“ „Das heißt, daß, wenn ich Dich, verließe, Haydée?...“ „Ich ſterben würde, mein Gebieter, ja!“ „Du liebſt mich alſo?“ „O Valentine, er fragt, ob ich ihn liebe! Valentine, ſage ihm doch, ob Du Maximilian liebſt!“ Des Grafen Bruſt erweiterte ſich, ſein Herz bebte, er öffnete die Arme, Haydée ſank mit einem Freudenſchrei hinein. „O ja, ich liebe Dich,“ rief ſie begeiſtert,„ich liebe Dich wie man ſeinen Vater, ſeinen Bruder, ſeinen Gemahl liebt... ich liebe Dich, wie man das Leben, wie man Gott liebt, denn Du biſt für mich das ſchönſte, beſte, größte aller erſchaffenen Weſen.“ „O ſo ſei es denn, wie Du willſt, mein geliebter Engel,“ ſagte der Graf.„Gott, der mich gegen meine Feinde ſtark gemacht hat, mit deſſen Hilfe ich Sieger geblieben bin, will nicht, daß mein übriges Leben der Reue ob dieſer Siege anheim falle, ich wollte mich ſtrafen, Gott will mir verzeihen. O ſo liebe mich, Haydée! wer weiß, vielleicht läßt mich Deine Liebe vergeſſen was ich durch⸗ aus vegeſſen muß!“ „Aber was ſagſt Du da, mein Gebieter?“ fragte das junge Mädchen. „Ich ſage, daß ein Wort von Dir, mein ſüßes Leben, mich mehr erleuchtet hat als die zwanzig Jahre, die mich klug machten. Ich habe nur Dich auf der Welt, meine Haydée, Du feſſelſt mich an das Leben, Du kannſt mich elend, Du wirſt mich glücklich machen!“. „Hörſt Du, Valentine,“ rief Haydée,„er ſagt, er könnte durch mich leiden, o durch mich, die ich mein Leben für ihn gäbe!“ Der Graf ſammelte ſich einen Augenblick. „Habe ich geträumt?“ rief er dann,„habe ich die Wahrheit gehört? O mein Gott, mag's drum ſein, Vergeltung oder Strafe, ich nehme Dein Geſchenk an, komm, Haydée, komm...“ Und einen Arm um ſeiner Geliebten ſchlanke Taille ſchlingend, drückte er Valentinens Hand und verſchwand.... — — 1435 So war faſt eine Stunde vergangen, während welcher Valen⸗ tine lautlos, bebend und mit ſtarren Augen neben Morrel kniete. Endlich ſchlug ſein Herz, leichter Athem ſäuſelte um ſeine Lippen, und jenes linde Zittern, das ſtets die Wiederkehr des Lebens ver⸗ kündet, durchflog ſeinen ganzen Körper. Endlich öffneten ſich ſeine Augen wieder, zuerſt ſtarr und glanzlos, dann belebte ſich ſein Blick, dieſem folgte die Beſinnung, dieſer der Schmerz. „O mein Gott,“ rief er mit den Tönen der höchſten Ver⸗ zweiflung,„ich lebe noch, der Graf hat mich betrogen!...“ ſun ſeine Hand faßte nach einem auf dem Tiſche liegenden Meſſer. „Freund,“ ſprach Valentine, ſelig lächelnd,„erwache doch, und ſieh mich an.“ Morrel ſtieß einen lauten Schrei aus, und ſank dann, betäubt nd geblendet wie durch eine himmliſche Erſcheinung, auf die niee. Bei den erſten Strahlen des folgenden Tages gingen Valen⸗ tine und Maximilian Arm in Arm am Ufer auf und ab. Die glückliche Valentine erzählte ihrem Geliebten, wie Monte⸗Chriſto in ihrem Zimmer erſchienen ſei, wie er ihr Alles entſchleiert habe, wie ſie, durch ihn, das Verbrechen dann entdeckt, und wie der Graf ſie endlich vom Tode gerettet habe, wunderbarer Weiſe, und wäh⸗ rend Jeder ſie geſtorben glaubte. Sie hatten die Thür der Grotte offen gefunden, und ſie ver⸗ laſſen, an dem reinen Azur des Morgenhimmels glänzten noch die letzten Sterne der Nacht. In den Schatten der Felſen bemerkte Morrel einen Mann, der auf ein Zeichen zu warten ſchien, um näher zu treten, er machte Valentine darauf aufmerkſam. „Das iſt ja Jacopo, der Kapitain der Yacht.“ Und ſie winkte ihm. „Sie haben uns etwas zu ſagen?“ fragte Maximilian. „Ich habe Ihnen dieſen Brief von Seiten des Grafen zu geben.“ „Vom Grafen?“ fragten Beide erſtaunt. „Ja, leſen Sie!“ Morrel öffnete den Brief und las: „Mein lieber Maximilian.“ „Es liegt eine Felucke für Dich vor Anker. Jacopo wird Euch nach Livorno führen, wo Herr Noirtier ſeine geliebte En⸗ kelin erwartet, um ſie zu ſegnen, bevor ſie mit Dir an den Altar tritt. Alles was in dieſer Grotte iſt, mein Freund, mein Haus in den elyſäiſchen Feldern und mein kleines Schloß in Treport 3 1436 1 ſind Edmond Dantes Hochzeitsgeſchenk für den Sohn ſeines ehe⸗ 4 1 nit maligen Patrons, Morrel. Fräulein v. Villefort wird dieſe Seg Schätze mit Dir theilen, denn ich beſchwöre ſie, all ihr Vermö⸗ gen, das von ihrem Vater ſtammt, der wahnſinnig geworden iſt, Fre⸗ ſo wie das ihres Bruders, der am letzten September mit ihrer Stiefmutter zugleich beerdigt wurde, den Armen zu geben! 2 Frei „Bitte den Engel, der über Dein Leben wachen wird, Mor⸗ rel, zuweilen auch für einen Mann zu beten, der ſich, wie Satan, eine einen Augenblick lang Gott gleich geglaubt hat, und nun mit aller Demuth eines Chriſten erkennt, daß allein in den Händen Gottes der die erhabene Macht und unendliche Weisheit iſt. Mögen Valenti⸗ den nens reine Gebete die Gewiſſensbiſſe mildern, die an dem Grunde ſeines Herzens nagen.“ „Höre nun Du, Morrel, das Geheimniß meines Betragens gegen Dich. Es giebt weder Glück noch Unglück in der Welt, ſondern man vergleicht nur einen Zuſtand mit dem andern, das iſt Alles. Nur der, welcher den höchſten Schmerz empfunden, iſt der erhabenſten Glückſeligkeit fähig und werth. Man muß ſterben gewollt haben, Maximilian, um zu wiſſen, wie ſüß das Leben iſt! „Lebt und ſeid glücklich, geliebte Kinder meines Herzens, und vergeßt niemals, daß bis zu dem Tage, an welchem Gott gnädig die Zukunft des Menſchen entſchleiern wird, alle menſch⸗ liche Weisheit in den beiden Worten enthalten iſt: „Warten und Hoffen!“ Dein Freund, —m Edmond Dands— Graf v. Monte⸗Chriſto.“ Während Morrel dieſen Brief las, der Valentine von dem Wahnſinn ihres Vaters, und dem Tode ihres Bruders und ihrer Stiefmutter unterrichtete, erbleichte das arme Mädchen oft, ein ſchmerzlicher Seufzer entwand ſich ihrer Bruſt und Thränen ent⸗ ſtürzten ihren Augen.... Ach ſie hatte ihr Glück ſehr theuer erkauft.— Morrel ſah ſich unruhig ringsum.— 5 „Aber,“ ſprach er,„der Graf übertreibt ſeine Großmuth,. nicht wahr, meine Valentine hätte ſich mit meinem beſcheidenen Vermögen begnügt? Aber wo iſt mein väterlicher Freund, führe t mich zu ihm!“ V Jacopo ſtreckte die Hand nach dem Horizonte aus. p „Wie! was wollen Sie ſagen?“ fragte Valentine,„wo iſt der Graf? wo iſt Haydée?“ „Sehen Sie,“ ſprach Jacopo. Die Augen der beiden Liebenden folgten der bezeichneten b Richtung, und in der dunkelblauen Linie, die den Horizont vom —— ereew — eten vom Segel. 1437 mittelländiſchen Meere trennte, entdeckten Beide ein großes, weißes „Abgereiſt!“ ſchrie Morrel,„abgereiſt... o lebe wohl, mein .o lebe wohl, meine ... „Mein lieber Maximilian,“ ſprach Valentine ernſt,„hat uns der Graf nicht erſt eben geſagt, daß alle meſchliche Weisheit in —;ßy;†— Als Fortſetzung von Alexander Dumas Monte⸗Chriſto: Die Todtenhand, oder: Monte⸗Chriſto's behter s Zum Schluße ein großes colorirtes Prämienblatt gratis. Dres den, Druck und Verlag von Friedrich Tittel. —*