— — 2 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von⸗ Morgeng 7 Uhr bis Abends 8 ÜUhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: fuͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— 50- Monte⸗Chriſto Der Graf von Roman von Alerander Dumas. Mit colorirten Abbildungen. Fünfter Theil. — * 4 Dresden Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. LXXIII. Frau von Saint⸗Méran. Ein finſteres Ereigniß war in Herrn von Villefort's Hauſe vorgegangen.— Nachdem die beiden Damen auf den Ball gefahren waren, wohin ſie Herr von Villefort, trotz der inſtändigſten Bitten ſeiner Gemahlin nicht hatte begleiten wollen, ſchloß der königliche Pro⸗ curator ſich in ſein Kabinet ein. Der gewöhnliche Actenſtoß lag vor ihm, und war ſo groß, daß er Jeden, der nicht wie er, Zeit ſeines Lebens an viel Arbeit gewöhnt war, erſchreckt haben würde. Heute jedoch war dieſer Actenſtoß nur der Form wegen da. Villefort hatte ſich nicht der vielen Geſchäfte halber eingeſchloſſen, ſondern um nachzudenken. Nachdem er nochmals den ſtrengſten Befehl ertheilt hatte, ihn nur um Sachen von der höchſten Wich⸗ tigkeit zu ſtören, ſetzte er ſich in ſeinen bequemen Lehnſtuhl und rief alles das in ſein Gedächtniß zurück, was ſeit acht Tagen mit neuer Stärke die Quelle ſeiner finſterſten Sorgen und bitterſten Erinnerungen war. Dann öffnete er ein geheimes, nur ihm bekanntes Fach ſeines Schreibtiſches, und nahm daraus ein Packet mit Privat⸗Notizen und koſtbaren Manuſcripten, die er mit Zahlen bezeichnet hatte, und welche Bemerkungen über ſeine politiſche Laufbahn und ſeine Geld⸗Ange⸗ legenheiten enthielten und in denen er die aufgezeichnet hatte, welche auf irgend eine Art ſeine Feinde geworden waren. Er fand ihre Zahl beträchtlich, jetzt wo er zu zittern begann. Und dennoch, alle dieſe Namen, ſo mächtig und bedeutend ſie auch waren, entlockten ihm ein Lächeln, dem eines Reiſenden zu vergleichen, welcher, mit den unſäglichſten Mühen einen ſteilen Berg erklimmend, oben angelangt nur ſpitze Zacken, ungangbare Wege 59* —— 932 und ſchroffe Abgründe vor ſich ſehend, verzweifelte, deshalb ſo ent⸗ ſetzliche Qualen überſtanden zu haben. Als er nun alle dieſe Namen in ſein Gedächtniß zurückgerufen, ſie von Neuem geordnet und mit friſchen Erläuterungen verſehen hatte, ſchüttelte er den Kopf. „Nein,“ flüſterte er dann,„keiner dieſer Feinde würde geduldig und ſchweigend bis jetzt gewartet haben, um mich nun erſt durch dieſes Geheimniß zu vernichten. Zuweilen, wie Hamlet ſagt, entſteigt tief Verborgenes der Erde, um ſich, gleich dem Phosphor, der Luft mitzutheilen; aber das ſind Flammen, die einen Augenblick leuchten, um irre zu führen. Der Corſe wird die Geſchichte einem Prieſter, dieſer ſie Monte⸗Chriſto mitgetheilt haben und der hat, um ſich aufzuklären...“ „Aber wozu das?“ rief Villefort nach augenblicklichem Nach⸗ denken,„welches Intereſſe konnte Herr Monte⸗Chriſto oder vielmehr Zaccone, der Sohn eines malteſiſchen Rheders dabei haben, ein finſteres, ihm ganz fremdes Geheimniß zu erforſchen, zumal da er früher nie in Frankreich war? Durch dieſe Erkundigungen bei ſeinem Freunde, dem Abbé Buſoni, wie bei ſeinem Feinde, dem Lord Wilmore, die beide nicht vorbereitet ſein konnten, iſt mir nur eins ganz klar geworden, daß nämlich keinenfalls und in keiner Art die mindeſte Berührung zwiſchen uns ſtattfinden kann.“ Aber Villefort glaubte nicht an das, was er ſagte. Die Ent⸗ deckung war ihm noch nicht das Schrecklichſte, denn er konnte leugnen, oder ſelbſt antworten; er ängſtigte ſich weniger um dieſes Mene Tekel Upharsin, welches plötzlich mit blutigen Zügen an der Mauer ſichtbar ward, als daß es ihn beruhigte, den zu kennen, deſſen Hand ſie dahin gezeichnet hatte. In dieſem Augenblicke, wo er ſich zu beruhigen ſtrebte, und ſtatt der künftigen politiſchen Berühmtheit, von der er in ſeinem Ehrgeize ſaß dſt geträumt, durch die Furcht, dieſen ſo lange ſchlummernd ein Feind zu wecken, nur eine, auf häusliche Freuden beſchränkte Zukunft vor ſich ſah, vernahm er das Geräuſch eines in den Hof fahrenden Wagens, und kurz darnach auf der Treppe die ſchwerfälligen Schritte einer bejahrten Perſon und jenes Schluch⸗ zen und Stöhnen, durch welches Diener ſich oft ſo gern bei einem, ihre Herrſchaft betreffenden Unglücke geltend zu machen ſuchen. 933 Kaum hatte er die Thür entriegelt, als ohne Anmeldung, ihren Shawl im Arme, ihren Hut in der Hand, eine alte Dame eintrat. Ihr weißes Haar legte ſich um eine bleiche Stirn, und ihre Augen, um welche das Alter tiefe Furchen gezogen hatte, verſchwanden in einer Fluth von Thränen. „Ach mein Gott!“ rief ſie,„welch ein Unglück, o, o, ich bin überzeugt, daß auch ich ſterbe, vor Schmerz ſterbe.“ Und ſchluchzend ſank ſie in einen der Thür zunächſt ſtehenden Seſſel. Die Diener ſtanden auf der Schwelle und wagten nicht, näher zu treten. Sie ſahen nur den Diener des alten Herrn von Noirtier an, der, das Geräuſch hörend, auch herbeigeeilt war. Villefort erhob ſich und eilte auf ſeine Schwiegermutter zu, denn ſie war es ſelbſt. „O mein Gott, gnädige Frau, was iſt Ihnen begegnet,“ rief er,„welches Unglück kann ſie ſo erſchüttern und warum begleitet Herr von Saint⸗Méran Sie nicht?“ „O, weil er todt iſt!“ rief die Marquiſe gänzlich betäubt und außer ſich. Villefort wankte und rief, ſeine Hände faltend: „Todt... todt.. ſo plötzlich?“ „Vor acht Tagen,“ erzählte ſeine Schwiegermutter,„ſteigen wir nach Tiſch zuſammen in den Wagen. Mein Gemahl war ſeit einigen Tagen leidend, aber der Gedanke, ſeine geliebte Valentine wieder zu ſehen, machte ihn muthig genug, ungeachtet ſeiner Schmerzen zu reiſen. Ungefähr ſechs Stunden hinter Marſeille aß er ſeine gewöhnlichen Paſtillen und fiel darauf in einen langen Schlaf, der mir nicht natürlich ſchien; indeſſen zögerte ich noch immer, ihn zu wecken. Da ſchien es mir, als werde ſein Geſicht immer röther, als klopften ſeine Pulſe heftiger als gewöhnlich. Es wurde dunkel, ich gewahrte nichts mehr. Plötzlich ſtieß er einen dumpfen, herzzerreißenden Schrei aus, wie Jemand, der im Traume leidet, und ließ den Kopf heftig nach hintenüber fallen. Ich rief beſtürzt den Kammerdiener, ließ den Poſtillon anhalten, rief meinen Gemahl, ließ ihn flüchtige Salze athmen, aher umſonſt... er war todt und mit ſeinem Leichnam langte ich in Aix an.“ Villefort war ſprachlos, endlich ſagte er: — ——ͤn— 934 „Sie zogen ohne Zweifel ſogleich einen Arzt zu Rathe.“ „Sogleich, aber wie ſchon geſagt, es war zu ſpät.“ „Aber der Arzt konnte doch erkennen, welcher Krankheit der arme Marquis erlegen war?“ „Mein Gott ja, er ſagte mir, es ſcheine ein plötzlicher Schlagfluß.“ „Und was thaten ſie dann?“ „Herr von Saint⸗Märan hatte ſtets den Wunſch geäußert, wenn er fern von Paris ſterbe, in die Familiengruft gebracht zu werden. Die Leiche wird bald anlangen.“ „Arme Mutter!“ rief Villefort,„ſolche Sorgen nach einem ſolchen Schlag und in Ihrem Alter!“ „Gott hat mir Kraft verliehen, das Alles zu tragen, ach ich weiß, daß der liebe Marquis gewiß für mich gethan haben würde, was ich leider für ihn thun muß. Aber nun iſt meine Kraft zu Ende... ich kann nicht weinen... die Thränen ſollen im Alter immer verſiechen, aber ich denke, jemehr man leidet, jemehr müſſe man leiden können. Wo iſt unſere liebe Valentine? Ihretwegen bin ich hier.“ Villefort fand es grauſam, ſeiner Schwiegermutter zu erzählen, daß ihre Enkelin auf einem Balle ſei, er ſagte alſo nur, ſie ſei mit ihrer Stiefmutter ausgegangen, und er wolle ſie ſogleich rufen laſſen. „Ach ja, ſogleich, ich beſchwöre Sie, gleich,“ rief die alte Dame flehend. Villefort bot der Marquiſe ſeinen Arm und führte ſie in ihre Gemächer. „Ruhen Sie, liebe Mutter,“ ſagte er. Bei dieſem Namen blickte Frau von Saint⸗Méran auf und den Mann vor ſich ſehend, welcher ſie an die ſo ſehr betrauerte Tochter erinnerte, die ihr in Valentine wieder auflebte, fühlte ſie ſich von dem Namen Mutter wehmüthig getroffen, ſank vor einem Seſſel in die Kniee, ſchluchzte bitterlich und verbarg ihr ehrwürdiges Haupt in dem Kiſſen. Der Procurator empfahl ſie der Sorgfalt der Kammerfrauen, während der alte Barrois ganz betäubt wieder zu ſeinem Herrn eilte, denn nichts erſchreckt Greiſe ſo ſehr, als wenn der Tod ſie in einem Augenblicke verläßt, um ſich noch vorher einen andern zum Opfer auszuerſehen.* aus um daf den Vq 935 Dann, während ſeine Schwiegermutter, noch immer knieend, aus dem Grunde ihres Herzens betete, beſtellte er ſeinen Wagen, um Frau und Tochter ſelbſt von Frau von Morcerf abzuholen. Als er in der Thür des Ballaales erſchien, war er ſo bleich, daß Valentine ihm entgegeneilte und rief: „O mein Vater, es iſt ein Unglück geſchehen.“. „Deine gute Großmutter iſt angekommen, Valentine.“ „Und mein Großvater?“ fragte zitternd das junge Mädchen. Herr von Villefort antwortete nicht und bot ſeiner Tochter den Arm. Es war Zeit, Valentine ſchwankte, ihre Stiefmutter eilte, ſie zu unterſtützen, und Beide führten ſie in den Wagen. „Wie ſonderbar,“ rief Frau von Villefort,„wer hätte das gedacht!“ Und die Traurigkeit dieſer Familie legte ſich wie ein ſchwarzer Schleier über den noch übrigen Theil des bis dahin ſo glänzenden Feſtes. Barrais erwartete Valentine-an der Treppe. „Herr Noirtier wünſcht Sie noch dieſen Abend zu ſprechen,“ ſagte er ganz leiſe. „Sagen Sie ihm, daß ich ſeinen Wünſchen nachkommen werde, ſobald ich meine gute Großmutter verlaſſen habe,“ erwiderte ihm Valentine. Dieſes zarte, tief fühlende Mädchen begriff, daß ihre erſte Sorg⸗ falt jetzt der Frau von Saint⸗Méran gewidmet ſein mußte. Sie fand ihre arme Großmutter im Bett. Stumme Umarm⸗ ungen, ſchmerzliches Schluchzen, unterbrochene Seufzer, brennende Thränen, ſind das einzige Erzählungswerthe dieſer Zuſammenkunft, bei welcher, auf ihres Mannes Arm geſtützt, Frau von Villefort, anſcheinend wenigſtens, die tiefſte Theilnahme für die arme gebeugte Wittwe an den Tag legte. Plötzlich flüſterte ſie ihrem Manne zu: „Mit Ihrer Erlaubniß entfernte ich mich, denn meine Gegen⸗ wart ſcheint den Schmerz Ihrer Großmutter noch zu vermehren.“ Frau von Saint⸗Méran vernahm dieſe Worte und ſagte zu Valentine:„Ja, ja, laß ſie gehen, aber bleibe Du.“ Frau von Villefort verließ das Zimmer, und da auch der 1 —j 4 9 6 h — — —— 936 Procurator ihr beſtürzt folgte, blieb das junge Mädchen allein an dem Bette ihrer Großmutter. Wie ſchon geſagt, hatte der alte Herr von Noirtier das ge⸗ wöhnliche Geräuſch im Hauſe vernommen und ſeinen Diener aus⸗ geſandt, um zu ſehen, was es gäbe. Fragend richtete er ſein lebhaftes Auge auf den alten Barrois, als dieſer wieder eintrat. „Ach, gnädiger Herr, welch' ein großes Unglüc, Frau von Saint⸗Méran iſt angelangt, und der gnädige Herr Marquis iſt todt.“ Obgleich nun der Verſtorbene nie ein intimer Freund des Herrn Noirtier geweſen war, machte dieſe unerwartete Todesnachricht dennoch einen tiefen Eindruck auf den Greis. ein Kopf ſank auf die Bruſt, dann ſchloß der alte Herr das eine Auge. „Fräulein Valentine?“ fragte Barrois. Noirtier machte ein bejahendes Zeichen. „Der gnädige Herr wiſſen, daß ſie auf dem Balle iſt, weil ſie 8 Ihnen in vollem Ballſtaate gute Nacht ſagte.“ Noirtier ſchloß das linke Auge. M „Der gnädige Herr wünſchen das Fräulein heute noch zu ſehen?“ Der Greis machte eine bejahende Bewegung. „Nun gut, da das Fränulein jedenfalls geholt wird, werde ich ſie erwarten, und ſie bitten, noch einmal heraufzukommen. Soll ich das?“ „Ja,“ nickte der Gichtbrüchige. Barrois theilte alſo, wie wir geſehen haben, Valentine den Wunſch ihres Großvaters mit. Als nun Valentine's Großmutter, ihrer gänzlichen Erſchöpfung unterliegend, in einen unruhigen Schlummer verfiel, eilte Fräulein von Villefort zu ihrem Großvater, nachdem ſie zuvor ein Tiſchchen mit einer Karaffe, in der Pomeranzen⸗Limonade, das gewöhnliche Getränk der Frau von Saint⸗Méran, ſich befand, an das Bett ge⸗ rückt hatte. Valentine umarmte den Greis, der ſie ſo zärtlich anſah, daß ihre Augen ſich von Neuem mit Thränen füllten, deren Quell ſie ſchon verſiecht glaubte. 937 A8 „Ja, ja,“ rief ſie,„Du willſt ſagen, daß ich immer einen guten Großvater habe, nicht wahr?“ Der Greis machte ein Zeichen, daß ſein Blick in der That dies habe ſagen wollen.— „Ach glücklicherweiſe,“ rief Valentine.„O mein Gott, was ſollte ſonſt aus mir werden.“ 7 Es war ein Uhr Morgens. Barrois, der wohl ſelbſt Neigung zum Schlaf verſpüren mochte, machte die Bemerkung, daß wohl ein Jeder der Ruhe bedürfen werde. Der Greis wollte nicht ſagen, daß ſeine Ruhe darin beſtand, das geliebte Kind zu ſehen, und verabſchiedete Valentine, die durch Schmerz und Ermüdung wirklich leidend ausſah. Als ſie den andern Morgen ihre Großmutter begrüßt, fand ſie die alte Marquiſe durchaus nicht wohler, ein fremdartiges Feuer glühte in ihren Augen, der ganze Körper ſchien einer heftigen Ner⸗ venerſchütterung zu unterliegen. „, mein Gott, theure Großmama, leiden Sie ſehr?“ rief Valentine ängſtlich. „Nein, mein liebes Kind, nein, aber ich habe Dich mit Un⸗ geduld erwartet, damit Du Deinen Vater rufen mögeſt.“ „Meinen Vater?“ fragte Valentine unruhig. „Ja, ich will ihn ſprechen.“ Valentine wagte ſich dem Wunſche ihrer Großmutter nicht zu widerſetzen, zumal da ſie die Urſachen deſſelben nicht kannte. Wenige Minuten ſpäter trat Villefort ein. „Herr Sohn,“ ſagte Frau von Saint Méran ohne weitere Um⸗ ſchweife, und als hätte ſie befürchtet, zu viel Zeit zu verlieren, „haben Sie mir nicht von einem Heirathsproject für unſer liebes Kind geſchrieben?“ „Ja, gnädige Frau, und es iſt nicht nur Project, ſondern feſt beſchloſſen.“ „Ihr Schwiegerſohn heißt Herr Franz von Epinay?“ „So iſt es.“ „Iſt das der Sohn des Generals Epinay, der zu den Unſrigen gehörte, und einige Tage vor der Zurückkunft des Uſurpators von Elba getödtet wurde?“ „Ja. 4 938 „Und widerſtrebt er der Verbindung mit der Enkelin eines Jacobiners nicht?“ „Unſere bürgerlichen Spaltungen ſind glücklicherweiſe erloſchen, liebe Mutter,“ entgegnete Villefort;„bei dem Tode ſeines Vaters war Herr von Epinay faſt noch Kind, er kennt meinen Vater kaum, und wird ihn, wenn nicht mit Vergnügen, doch mit Gleichgiltigkeit wiederſehen.“ „Iſt es eine vortheilhafte Partie?“ „In jeder Hinſicht.“ „Der junge Mann?“ „Erfreut ſich der allgemeinen Achtung.“ „Er iſt angenehm.“ „Einer der ausgezeichnetſten jungen Männer, die ich kenne.“ Valentine hatte dieſer ganzen Unterredung lautlos beigewohnt. „Nun wohl,“ ſagte Frau von Saint⸗Méran nach einigen Augen⸗ blicken der Ueberlegung,„laſſen Sie uns die Angelegenheit beſchleu⸗ nigen, denn wir haben nur noch kurze Zeit zu leben.“ „Sie gnädige Frau, Sie theure Großmama,“ riefen Villefort und Valentine zugleich. „Ich weiß, was ich ſage,“ entgegnete die Marquiſe,„dieſe Heirath muß beeilt werden, damit das arme, mutterloſe Kind we⸗ nigſtens den Segen ſeiner alten Großmutter nicht entbehrt. Ich bin die Einzige, nur ich blieb ihr von Seiten meiner armen Renee, die Sie, mein Herr, ſo bald vergeſſen haben.“ „Ach, gnädige Frau,“ rief Villefort,„Sie vergeſſen, daß ich dieſem armen, verwaiſ'ten Kinde eine Mutter geben mußte!“ „Eine Stiefmutter iſt niemals eine Mutter, mein Herr. Aber darum handelt ſich's jetzt nicht, laſſen wir die Todten ruhen und ſprechen lieber von Valentine's Zukunft.“ Dies Alles war ſo ſchnell und mit ſo ſonderbarem Ausdruck geſprochen, daß es faſt wie der Anfang von Irrereden ſchien. „Ihre Wünſche ſollen erfüllt werden,“ erwiderte Villefort, um ſo mehr, da ſie ganz mit den meinigen übereinſtimmen, und ſobald Herr von Epinay hier anlangt...“ „Meine gute Großmutter,“ rief Valentine,„ſollte nicht unſere tiefe Trauer einen Aufſchub erfordern... wollen Sie unter ſo trau⸗ rigen Auſpicien eine Heirath ſchließen?“ Grün zu ſo geſch fort i höten liebe bitter mir mit zu ih gered unten mein habe zu l mein ich eine Zim ſage fürc wür chen der ſchr 939 „Mein Kind,“ unterbrach ſie die Großmutter lebhaft,„ſolche Gründe können nur ſchwache Geiſter verhindern, für ihre Zukunft zu ſorgen; auch meine Heirath ward am Todtenbette meiner Mutter geſchloſſen, und iſt gewiß nicht unglücklich deshalb geweſen.“ „Immer noch dieſe Todesgedanken, gnädige Frau,“ rief Ville⸗ fort in dem Tone ſanften Vorwurfs. „Noch immer. Ich ſage Ihnen, daß ich ſterben werde, hören Sie? Und ehe ich ſterbe, will ich den künftigen Gatten meines lieben Kindes ſehen, und es ihm an das Herz legen. Ich will ihn bitten, ſie glücklich zu machen, und in ſeinen Augen leſen, ob er mir gehorchen wird. Ich will ihn kennen, ich,“ fuhr die Marquiſe mit erſchreckendem Tone fort,„um aus der Tiefe meines Grabes zu ihm zurückzukehren, wenn er nicht das iſt, was er ſein ſoll.“ „Gnädige Frau,“ ſagte der Procurator,„man muß dieſe auf⸗ geregten, faſt irren Gedanken entfernen; die Todten, welche einmal unter der kühlen Erde ſchlummern, erwachen nie wieder.“ „O ja, ja, gute Großmama, beruhige Dich,“ bat Valentine. „ Und ich, Herr Sohn, ſage Ihnen, daß Ihr Glaube falſch iſt, mein Schlaf in dieſer Nacht war entſetzlich, denn es ſchien mir, als habe die Seele den Körper ſchon verlaſſen; ich verſuchte meine Augen zu öffnen, aber ſie ſchloſſen ſich wider meinen Willen, und doch, mein Herr, weiß ich, daß es Ihnen unglaublich ſcheinen wird, ja, ich ſah mit meinen geſchloſſenen Augen, an dem Orte wo Sie ſtehen, eine weiße Geſtalt in jener Thür erſcheinen, welche in das Toiletten⸗ Zimmer der Frau von Killefort führt.“ Valentine ſtieß einen Schrei aus. „Sie hatten Fieber,“ ſagte Villefort. „Zweifeln Sie, wenn Sie wollen, ich bin von dem, was ich ſage, überzeugt, ich ſah eine weiße Geſtalt und, als ob Gott ge⸗ fürchtet hätte, daß ich das Zeugniß eines meiner Sinne verwerfen würde, hörte ich mein Glas klirren, jenes, was hier auf dem Tiſch⸗ chen ſteht.“ „O gute Mutter, das war ein Traum.“ „Das war ſo wenig ein Traum, als daß ich die Hand nach der Klingel ſtreckte, und bei dieſer Bewegung der Schatten ver⸗ ſchwand. Dann trat die Kammerfrau mit Licht ein.“ „Aber Sie haben Niemand geſehen.“ 940 „Erſcheinungen zeigen ſich nur denen, die ſie ſehen können, es war der Geiſt meines Gemahls. Nun gut, da er zurückkommen kann, um mich zu rufen, weshalb ſoll nun mein Geiſt nicht wieder⸗ kommen, meine Enkelin zu vertheidigen? Dieſes Band iſt noch viel directer, ſollte ich meinen.“ „O gnädige Frau,“ rief Villefort erſchüttert,„geben Sie keinen ſo finſteren Gedanken Raum, Sie werden mit uns leben, lange, glücklich, geliebt, verehrt, und wir werden Sie vergeſſen machen...“ „Niemals, o niemals,“ rief die Marquiſe.„Wann kommt Herr von Epinay?“ „Wir erwarten ihn ſtündlich.“ „Gut, ſobald er angekommen iſt, führen Sie ihn zu mir. Wir müſſen eilen, ich wiederhole es. Dann wünſche ich auch einen Notar zu haben, denn ich muß jetzt überzeugt ſein, daß Valentine das Unſrige bekommt.“ „O liebe Großmama,“ flüſterte das junge Mädchen mit ihren friſchen Lippen die brennende Stirn der Marquiſe kühlend,„willſt Du, daß ich ſterbe? Mein Gott, Du haſt Fieber und wir müſſen nicht den Notar, ſondern den Arzt rufen.“ „Einen Arzt?“ wiederholte ſie achſelzuckend,„ich leide nicht... ich habe Durſt, das iſt Alles.“ „Was trinken Sie?“ „Wie immer, meine Pomeranzen⸗Limonade. Reiche mir mein Glas, Valentine, eines dort am Tiſche.“ Mit einem gewiſſen Schauder goß Valentine etwas Limonade aus der Karaffe in das Glas und reichte es der Marquiſe, denn es war daſſelbe Glas, welches der Schatten berührt haben ſollte. Frau von Saint⸗Méran leerte es auf einen Zug, lehnte ſich dann in die Kiſſen zurück und wiederholte: „Der Notar, der Notar!“ Herr von Villefort verließ das Zimmer, Valentine nahm neben dem Bette ihrer Großmutter Platz. Das arme Kind ſchien ſelbſt der Arznei zu bedürfen, die ſie vorhin ſo dringend der Marquiſe anempfohlen hatte. Eine glühende Hitze überflog ihr Geſicht, ihr Athem war kurz und ſtockend, und ihre Pulſe ſchlugen, als hätte ſie Fieber. Das kam daher, weil ſie ſich Maximilian's Verzweiflung dachte, wenn mutte — Alles haben Raouu aus müthi Adel Lippe geflü ſein df ſchlie ſich! Herr verli daß und er ihrer er ij Avr wie lich — —— 941 wenn er hörte, daß dieſe, als gehoffte Verbündete erſehnte Groß⸗ mutter, ohne ihn zu kennen, faſt wie eine Feindin handelte. Mehr als einmal hatte ſie daran gedacht, ihrer Großmutter Alles zu geſtehen, und ſie würde nicht einen Augenblick gezögert haben, wenn Maximilian Morrel vielleicht Albert von Morcerf oder Raoul de Chateau⸗Renaud geheißen hätte. Aber Morrel ſtammte aus dem Volke, und Valentine kannte die Verachtung der hoch⸗ müthigen Marquiſe von Saint⸗Méran gegen Jeden, der nicht von Adel war. So hatte ſich ihr Geheimniß ſtets, wenn es ihren Lippen entſchlüpfen wollte, in die geheimſten Tiefen ihres Herzens geflüchtet. Die traurige Gewißheit, daß die Entdeckung unnütz ſein würde, hatte ſich ihr aufgedrungen, und ſie wußte, daß jede Hoffnung verloren ſei, ſobald Vater und Stiefmutter es erfuhren. So vergingen faſt zwei Stunden. Frau von Saint⸗Méran ſchlief, als man den Notar meldete. Obgleich dieſe Meldung ſehr leiſe gemacht worden war, erhob ſich Frau von Saint⸗Méran dennoch augenblicklich. „Der Notar?“ rief ſie,„o er ſoll ſogleich kommen.“ Er trat ein. „Geh, Valentine,“ ſagte die Marquiſe,„und laß mich mit dem Herrn allein.“ „Aber, liebe Großmama...“ „Geh, Kind.“ Das junge Mädchen küßte ihrer Großmutter die Hand und verließ weinend das Zimmer. An der Thür traf ſie den Kammerdiener, der ſie benachrichtigte, daß der Arzt im Saale warte. Schnell eilte ſie ihm entgegen, er war ein Freund des Hauſes und zugleich ſehr berühmt. Er liebte Valentine ganz beſonders, er kannte ſie, ſo lange ſie lebte. Auch er hatte eine Tochter in ihrem Alter, aber, von einer bruſtkranken Mutter geboren, ſchwebte er in unausgeſetzter Furcht um dieſes angebetete Kind. „O,“ rief Valentine,„willkommen, mein lieber Herr von Avrigny, wir erwarten Sie mit Ungeduld; aber vor allen Dingen, wie geht es Madeleine und Antoinette?“ Madeleine war Herrn von Avrigny's Tochter, Antoinette ſeine Nichte. 942 Der Arzt lächelte trübe. „Antoinette ſehr gut, Madeleine ziemlich. Aber Sie haben mich rufen laſſen, liebes Kind,“ ſagte er,„weder Ihr Vater, noch Frau von Villefort ſind krank? Obgleich Sie die Nerven nicht ab⸗ leugnen können, ſo ſetze ich doch voraus, daß Sie meiner nicht anders bedürfen, als ich Ihnen empfehle, Ihrer Einbildung nicht zu freien Spielraum zu laſſen.“ Valentine erröthete, Herr von Avrigny trieb die Divinations⸗ gabe faſt bis zum Wunderbaren, er war einer jener Aerzte, die das Phyſiſche nach dem Moraliſchen beurtheilen. „Nein,“ ſagte ſie,„wir haben meiner armen Großmutter halber um Ihren Beſuch bitten laſſen. Kennen Sie das große Unglück noch nicht, das uns betroffen hat?“ „Ich weiß von Nichts.“ „Ach,“ rief Valentine, von Neuem heftig ſchluchzend,„mein Großvater iſt todt.“ „Herr von Saint⸗Méran?“ „Ja.“ „Plötzlich?“ „Am Schlagfluß.“ „Am Schlagfluß?“ wiederholte der Arzt. „Ja, und meine gute Großmutter, die ihn nie verlaſſen hat, behauptet nun, er ſei ihr erſchienen, um ſie zu rufen. O Herr von Avrigny, ich empfehle Ihnen meine Großmutter ſehr.“ „Wo iſt ſie?“ „Mit dem Notar in ihrem Zimmer.“ „Und der Herr von Noirtier?“ „Ganz wie immer dieſelbe Klarheit des Geiſtes, aber noch dieſelbe Unbeweglichkeit und Stummheit.“ „Und dieſelbe Liebe für Sie, mein liebes Kind, nicht wahr?“ „Ja,“ rief Valentine ſeufzend,„er liebt mich.“ „Wer ſollte Sie nicht lieben?“ Das arme Kind lächelte ſchmerzlich. „Und in was äußert ſich das Unwohlſein Ihrer Großmutter?“ „In einer außerordentlichen Nerven⸗Gereiztheit, einem un⸗ ruhigen, ſonderbaren Schlafe, während deſſen, wie ſie behauptet, die Seele den Körper verlaſſen habe. Es ſchien faſt, als rede ſie irre, 943 ſie verſicherte nämlich, dieſe Nacht eine Erſcheinung in ihr Zimmer treten geſehen und gehört zu haben, wie dieſe Erſcheinung ihr Glas berührt habe.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte der Arzt,„ich kannte dieſen Zu⸗ ſtand bis jetzt nicht an Frau von Saint⸗Méran.“ „Ich habe ſie heute zum erſten Male ſo geſehen, dieſen Morgen hatte ich Furcht vor der armen Großmutter und glaubte, ſie würde den Verſtand verlieren. Sogar auf meinen Vater, den Sie, Herr von Avrigny, doch als einen ſtarken Geiſt kennen, ſchien es tiefen Eindruck zu machen.“ „Wir werden ja ſehen,“ ſagte der Arzt;„was Sie mir da ſagen, klingt ſehr ſonderbar.“ Der Notar trat ein und erinnerte Valentine, daß die Mar⸗ quiſe allein ſei. „Gehen Sie zu ihr, Herr Doctor,“ ſagte ſie. „Und Sie?“ „O ich wage nicht, Sie zu begleiten, ſie hat mir verboten, Sie rufen zu laſſen, und da ich nun, wie Sie ſelbſt ſagen, fieberhaft aufgeregt bin, will ich mich im Garten etwas erfriſchen.“ Der Arzt drückte Valentine's Hand und während er zu der Großmutter hinaufging, eilte ſien in den Garten. Wir haben wohl nicht nöthig, erſt zu ſagen, welcher Theil des Gartens ihr Lieblings⸗Spaziergang war. Nachdem ſie in den näch⸗ ſten Umgebungen des Hauſes eine Roſe gepflückt hatte, um ſie im Haar zu befeſtigen, eilte ſie den finſtern Baumgang entlang, auf die Bank und von da an das Gitter. Ihrer Gewohnheit treu, eilte Valentine zu ihren Blumen, je⸗ doch heute ohne auch nur eine zu pflücken. Die Trauer ihres Herzens, welche ſich noch nicht bis auf ihre Perſon erſtreckt hatte, verweigerte die einfache Zierde. Je weiter ſie ging, je deutlicher ſchien es ihr, als riefe Jemand ihren Namen. Ueberraſcht blieb ſie ſtehen. Immer klarer war die Stimme und ſie erkannte ſie endlich für die ihres Maximilian. LXXIV. Die Zuſage. Wirklich war es Morrel, der ſeit dem vergangenen Tage kaum mehr lebte; mit jenem nur den Müttern und den Liebenden eigenen Inſtinkte hatte er errathen, daß die Ankunft der Frau von Saint⸗ Méran, ſowie der Tod ihres Gemahls, irgend etwas bei Villefort herbeiführen würde, was ihn und Valentine intereſſiren mußte. Wie man ſieht, war ſein Vorgefühl richtig geweſen, und es war nicht nur Unruhe, die ihn ſo erſchreckt und zitternd an das Gitter führte. Valentine hatte nicht geglaubt, ihn hier zu finden, es war nicht die Zeit, in der Morrel gewöhnlich zu kommen pflegte, und nur ein reiner Zufall oder vielmehr eine glückliche Sympathie hatte ſie in den Garten geführt. Als Morrel ſie kommen ſah, rief er ſie und eilte an das Gitter. „Sie zu dieſer Stunde?“ fragte ſie. „Ja, arme Freundin,“ entgegnete Morrel,„ich komme, um ſchlimme Neuigkeiten zu hören und zu bringen.“ „O es iſt ein Haus des Unglücks,“ rief Valentine;„ſprechen Sie, Maximilian, aber wirklich, die Summe unſers Kummers iſt ſchon ſo groß....“ 1 „Theure Valentine,“ ſagte Morrel, bemüht, ſeine eigene Be⸗ wegung zu verbergen und ruhig zu ſprechen—„hören Sie mich wohl, ich bitte Sie, denn Alles, was ich Ihnen ſagen werde, iſt ernſthaft. Wann denkt man Sie zu verheirathen?“. „Maximilian,“ ſagte Valentine,„ich mag Ihnen nichts ver⸗ hehlen. Dieſen Morgen wurde von meiner Heirath geſprochen und meine Großmutter, auf welche ich gerechnet hatte als auf einen Schut füt d Herr der O er be dies In l Wide von Mon fuhr betro brf Vorb dieſe Schr nicht die; mich jung 945 Schutz, der uns nicht fehlen könnte, hat ſich nicht nur entſchieden für die Heirath erklärt, ſondern wünſcht auch noch dringend, daß Herr von Epinay ankommen möge, damit gleich den folgenden Tag der Contract vollzogen werden kann.“ Ein ſchmerzlicher Seufzer entquoll der Bruſt des armen Morrel, er betrachtete das junge Mädchen lange und traurig. „Ach,“ ſagte er mit ſeiner tiefen Stimme,„es iſt entſetzlich, dies ſo ruhig aus dem Munde der Frau zu hören, die man liebt. In wenigen Stunden iſt Alles überſtanden. Ach, ich werde keinen Widerſtand leiſten. Sagten Sie nicht, man erwarte nur noch Herrn von Epinay, um den Contract aufzuſetzen? Nun gut, er iſt dieſen Morgen in Paris angekommen.“ Valentine ſtieß einen Schrei aus. „Vor einer Stunde war ich bei dem Grafen von Monte⸗Chriſto,“ fuhr Morrel fort,„wir ſprachen über das Unglück, das Ihr Haus betroffen hatte, ich über das Ihrige, als plötzlich ein Wagen in den Hof rollt. Hören Sie, Valentine, bis dahin glaubte ich an keine Vorbedeutungen, jetzt muß ich wohl daran glauben; beim Geräuſch dieſes Wagens überlief mich ein Schauder. Bald darauf hörte ich Schritte auf der Treppe, die des Commandeurs können Don Juan nicht mehr erſchreckt haben, als mich dieſe erſchreckten. Endlich ward die Thür geöffnet, Albert von Morcerf trat ein; ich glaubte ſchon, mich geirrt zu haben, als plötzlich hinter ihm noch ein anderer junger Mann erſchien, den der Graf mit den Worten begrüßte: „„Ach, Sie da, Herr Baron Franz von Epinay!““ „Ich nahm alle meine Kräfte und meinen Muth zuſammen, um mich aufrecht zu erhalten, vielleicht erbleichte ich, vielleicht zitterte ich, jedoch mein Geſicht behielt den gewöhnlichen Ausdruck. Fünf Minuten ſpäter mußte ich mich empfehlen, ich hatte nichts gehört, ich war vernichtet...“ „Armer Maximilian!“ murmelte Valentine. „Nun bin ich hier. Antworten Sie mir jetzt und bedenken Sie wohl, daß Ihre Antwort Leben oder Tod für mich enthält; was denken Sie zu thun?“ Valentine ſenkte ſchweigend den Kopf. „Hören Sie,“ fuhr Morrel fort,„Sie denken nicht zum erſten Male an die Lage, in der wir uns jetzt befinden; ſie iſt ernſt, Der Graf von Monte⸗Chriſto. 60 946 dringend, erhaben; ich denke nicht, daß dies der Augenblick ſei, ſich einem fruchtloſen Schmerze zu überlaſſen; das iſt gut für Solche, die aus Bequemlichkeit und Schlaffheit leiden und ſich dabei wohl fühlen. O, es giebt ſolche Leute, und Gott wird ſie ihrer Ergebung halber einſt zur Rechenſchaft ziehen; aber wer ſich zum Kampfe ſtark genug fühlt, verliert keinen der koſtbaren Augenblicke und giebt dem Geſchicke den Schlag unmittelbar wieder zurück, den er von ihm erhalten hat. Iſt es nun Ihr Wille, gegen das Mißgeſchick zu kämpfen, Valentine? O ſagen Sie, denn nur Sie darum zu fragen, bin ich hier.“ Das junge Mädchen zitterte und ſah Morrel mit großen, er⸗ ſchreckten Augen an. Dieſer Gedanke, ihrem Vater, ihrer Groß⸗ mutter, ihrer Familie Widerſtand zu leiſten, war ihr ganz neu. „Was ſagen Sie da, Maximilian,“ ſagte ſie endlich,„und was nennen Sie einen Kampf? O, ſagen Sie, eine Entweichung... Wies ich ſollte gegen den Willen meines Vaters, gegen die Wünſche meiner ſterbenden Großmutter mich auflehnen? Ach, das iſt ja unmöglich!“ Morrel machte eine Bewegung. „Sie haben ein zu edles Herz, um mich nicht zu verſtehen, lieber Maximilian, und Sie verſtehen mich ſo gut, daß Sie mir nichts einwenden können. Ich kämpfen! Gott bewahre mich davor! Nein, nein, ich bedarf aller Kräfte, um gegen mich ſelbſt zu kämpfen und meine Thränen zu trinken, wie Sie ſagen; denn meinen Vater betrüben, die letzten Augenblicke meiner Großmutter erſchweren, nimmermehr!“ „Sie haben Recht,“ ſagte Morrel ſehr ruhig. „Mein Gott, wie Sie mir das ſagen,“ rief Valentine ver⸗ wundert. „Ich ſage Ihnen das, wie ein Mann, der Sie bewundert, mein Fräulein,“ entgegnete Morrel. „Fräulein!“ rief Valentine,„mein Fräulein!— O der Egoiſt!... Er ſieht, daß ich in Verzweiflung bin, und thut, als verſtände er mich nicht.“ „Sie irren ſich, ich verſtehe Sie im Gegentheil vollkommen. Sie wollen Herrn von Villefort nicht zuwider handeln, der Mar⸗ ſi quiſe nicht ungehorſam ſein, und werden deshalb morgen Ihren Ehecontract unterzeichnen.“ „Aber mein Gott! kann ich denn anders?“ „Sie müſſen mich nicht fragen, mein Fräulein, ich bin in dieſer Angelegenheit ein ſchlechter Richter, und mein Egoismus macht mich blind,“ ſagte Morrel dumpf, und ſeine feſt geſchloſſenen Daumen verkündeten ſeine wachſende Erbitterung. „Was würden Sie mir denn vorgeſchlagen haben, Morrel, wenn Sie mich bereit gefunden hätten, Ihren Vorſchlag anzunehmen? Laſſen Sie ſehen, antworten Sie mir. Es handelt ſich nicht darum, zu ſagen: Sie thun Unrecht, man muß einen Rath geben.“ „Iſt das Ihr Ernſt, Valentine? O ſagen Sie, darf ich Ihnen wirklich einen Rath geben?“ „Gewiß, lieber Maximilian, denn wenn er gut iſt, werde ich ihn befolgen; Sie wiſſen wohl, wie treu ich in meinen Neig⸗ ungen bin.“ „Valentine,“ ſagte Morrel, einen loſen Stab losbrechend, „reichen Sie mir Ihre Hand, zum Zeichen, daß Sie mir meine Heftigkeit verzeihen; ich war meiner ſelbſt nicht mächtig, denn ſeit einer Stunde ſtreiten ſich die widerſinnigſten Gedanken in meinem Geiſte. O, wenn Sie meinen Rath von ſich wieſen!“ „Nun und dieſer Rath?“ „Hören Sie ihn, Valentine!“ Das junge Mädchen blickte ſeufzend gen Himmel. „Ich bin unabhängig,“ begann Maximilian,„und reich genug für uns Beide, und ich ſchwöre Ihnen vor Gott, daß Sie meine Frau ſein werden, ehe meine Lippen Ihre Stirn berührt haben.“ „Sie machen mich zittern,“ rief Valentine. „Folgen Sie mir,“ fuhr Morrel fort,„ich führe Sie zu meiner Schweſter, die verdient auch die Ihrige zu ſein, wir ſchiffen uns nach Algier, England oder Amerika ein, wenn Sie es nicht lieber ſehen, daß wir uns in irgend eine Provinz zurückziehen, um dort zu warten, bis unſere Freunde den Widerſtand Ihrer Familie be⸗ ſiegt haben und wir nach Paris zurückkehren können.“ Valentine ſchüttelte den Kopf. „Ich dachte es wohl, Maximilian,“ ſagte ſie,„das iſt ein un⸗ finniger Rath, und ich würde noch viel unſinniger ſein, wenn ich 948 ihn befolgen und nicht augenblicklich ſagen wollte: Unmöglich, Morrel, unmöglich.“ „Sie werden alſo ohne weiteren Widerſtand Ihrem Glücke folgen, das das Schickſal Ihnen bieten wird,“ ſagte Morrel düſter. „Ja, und ſollte ich daran ſterben.“ „Nun wohl, Valentine, ich wiederhole nochmals, daß Sie Recht thun; ach, in der That, ich war ein Narr, und Sie beweiſen mir, daß Leidenſchaft die Gerechteſten blind macht. Dank Ihnen, die Sie ſo ruhig und leidenſchaftlos ſind. Gut, es iſt alſo abgemacht, morgen ſind Sie unwiderruflich Herrn Franz von Epinay's Ver⸗ lobte, aus freiem Willen ſeine Verlobte.“ „Noch einmal, Sie tödten mich, Morrel, und ſtoßen den Dolch immer tiefer in die Wunde... Was würden Sie thun, wenn Ihre Schweſter einem ähnlichen Rathe Gehör gäbe?“ Fräulein,“ erwiderte der junge Mann bitter lächelnd,„ich bin Egoiſt und denke nicht daran, was Andere in meiner Lage thun würden, ſondern an das, was ich thun will. Ich denke daran, daß ich Sie jetzt ein Jahr kenne; daß von dieſem Tage an ich nur durch Ihre Liebe glücklich zu werden glaubte; daß ein Tag kam, an dem ich erfuhr, daß auch Sie mich liebten; daß von dieſem Tage an ich nur durch Ihren Beſitz glücklich werden konnte. Jetzt denke ich nichts mehr, ſondern ſage nur, daß ſich Alles geändert hat, daß ich geglaubt habe, den Himmel zu gewinnen und ihn verloren habe. Das geſchieht alle Tage, daß ein Spieler nicht nur das verliert, was er hat, ſondern auch das, was er nicht hat.“ * Morrel ſprach dies Alles vollſtändig ruhig, Valentine blickte ihn mit ihren großen Augen prüfend an, bemüht, die Morrel's nicht bis auf den Grund ihres Herzens dringen zu laſſen, wo die heftigſte Unruhe wogte. „Aber,“ fragte ſie dann,„was werden Sie thun?“ „Ich werde die Ehre habe, mich zu empfehlen, mein Fräulein, Gott beſchwörend, daß er Ihnen das Glück und die Ruhe gebe, die ich Ihnen von Herzen wünſche. Ja, möge Ihr zukünftiges Glück ſo vollkommen ſein, daß Sie ſogar meiner vergeſſen!“ „O!“ murmelte Valentine. „Leben Sie wohl, Valentine, leben Sie wohl,“ ſagte Morrel, ſich verbeugend. 4. — F — ———— 949 „Mein Gott, wohin gehen Sie?“ rief das arme Kind ganz außer ſich, ihre Hand durch das Gitter ſtreckend und Morrel er⸗ greifend, denn ſie begriff nur zu gut, daß dieſe Ruhe erkünſtelt war. „Ich will darauf bedacht ſein, keine neue Unruhe in ihrer Familie zu veranlaſſen, und ein Beiſpiel geben, dem alle rechtlichen Männer, die ſich in meiner Lage befinden, nachfolgen mögen.“ „O Maximilian, bevor Sie mich verlaſſen, wohin gehen Sie? Was werden Sie thun?“ Der junge Mann lächelte traurig. „O ſprechen Sie, ſprechen Sie,“ rief Valentine,„ich be⸗ ſchwöre Sie!“ „Hat ſich Ihr Entſchluß geändert?“ „Ich kann ihn nicht ändern, Unglücklicher, Sie wiſſen es nur zu gut!“ rief Valentine ganz außer ſich. „Dann... leben Sie wohl, Valentine.“ Als Morrel ſich entfernte, ſchüttelte ſie das Gitter mit über⸗ menſchlicher Kraft, ſtreckte beide Hände ihm nach und rief, ſie faltend: „Was wollen Sie thun? Ich will, ich muß es wiſſen.“ „O ſeien Sie ruhig,“ ſprach Maximilian, drei Schritt von der Thür ſtehen bleibend,„ich will mich an keinem anderen Manne wegen meines unglücklichen Schickſals rächen. Ein Anderer würde Sie vielleicht durch die Drohungen geängſtigt haben, nun Herrn Franz von Epinay zu fordern, ſich mit ihm zu ſchlagen. Alles das iſt unſinnig. Was kann er dafür? Er hat mich dieſen Morgen zum erſten Male geſehen, und vielleicht jetzt ſchon vergeſſen, daß er mich geſehen hat; ja, als der Vertrag zwiſchen Ihren beiden Häu⸗ ſern geſchloſſen ward, wußte er nicht, daß ich exiſtire.— Ich habe nichts mit Herrn von Epinay zu thun, das ſchwöre ich Ihnen, und werde mich deshalb auch nicht an ihn halten.“ „Aber an wen ſonſt? an mich?“ „An Sie, Valentine? O, Gott bewahre mich davor! Die Frau iſt geweiht, die Frau, die man liebt, iſt geheiligt.“ „Und Sie, Unglücklicher, Sie?“— „Ich bin der Schuldige, nicht wahr?“ „Maximilian,“ rief Valentine,„kommen Sie zurück, ich will es!“ Maximilian nahte ſich mit ſeinem ſanften Lächeln, und wäre 950 er nicht ſo außerordentlich blaß geweſen, hätte man keine Veränder⸗ ung an ihm bemerkt. „Hören Sie mich, meine liebe, meine angebetete Valentine,“ ſprach er mit ſeiner tiefen, klangvollen Stimme,„Menſchen wie wir, die niemals einen Gedanken hegten, weswegen ſie vor Gott oder den Menſchen hätten erröthen müſſen, ſolche Leute können Einer in des Anderen Herzen, wie in einem offenen Buche leſen. Ich habe niemals einen Roman geſpielt, ich bin kein melancholiſcher Held, ich neige mich weder zu Manfred, noch Antony, aber ohne Worte, ohne Zögern, ohne Schwur habe ich Ihnen mein Leben ge⸗ weiht. Sie geben mich auf und Sie handeln recht ſo, ich wieder⸗ hole es nochmals, aber ohne Sie iſt mir das Leben nichts werth; und von dem Augenblicke an, in welchem Sie ſich von mir ent⸗ fernen, Valentine, bleibe ich allein in der Welt. Meine Schweſter iſt glücklich in ihrem Gatten, dieſer iſt mein Schwager, das heißt, mir nur durch äußere Bande verknüpft, Niemand bedarf meiner, mein Leben iſt alſo unnütz geworden... Nun kennen Sie mein Vorhaben, Valentine... Doch werde ich bis zum letzten Augenblicke warten, der zum Tode Verdammte hofft auch noch, daß eine glück⸗ liche, unvorhergeſehene Wendung eintreten könne... Ich warte, bis Sie wirklich verheirathet ſind, denn kann Herr von Epinay nicht noch im letzten Augenblicke ſterben? Kann der Blitz ihn nicht noch am Altare von Ihrer Seite reißen? Alles iſt glaublich; kann nicht ein Wunder geſchehen, wenn es ſich um zwei arme, treue Herzen handelt? Ich werde alſo warten, aber wenn mein Unglück gewiß, unwiderruflich gewiß iſt, werde ich einen vertrauten Brief an meinen Schwager, einen andern an den Polizei Präfekten ſchreiben und Beide von meinem Entſchluſſe benachrichtigen. Dann werde ich ſchon irgend einen tauglichen Platz finden, um mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen, und das geſchieht, ſo gewiß ich der Sohn des rechtlichſten Mannes bin, der in Frankreich lebte.“ Ein convulſiviſches Zittern durchbebte Valentine's zarten Körper, ſie lehnte ſich erſchöpft an das Gitter, ihre Arme ſanken kraftlos herab und zwei große Thränen rollten über ihre bleichen Wangen. Der junge Mann blieb finſter und entſchloſſen vor ihr ſtehen. „Aus Mitleiden,“ flüſterte ſie,„o aus Muleiden werden Sie leben, nicht wahr?“ 951 „Nein, bei meiner Ehre“ rief Maximilian,„aber was wollen Sie? Ihr Gewiſſen bleibt rein, denn Sie haben Ihre Pflicht gethan.“ Valentine ſank auf die Kniee, ihr Herz drohte zu brechen. „Maximilian,“ ächzte ſie,„mein Freund, auf dieſer Erde mein Bruder, dort oben mein Gemahl, ich bitte Dich, mache es wie ich, lebe mit Deinen Leiden, ein Tag vielleicht kann Alles ändern.“ „Lebe wohl,“ entgegnete Morrel. „Mein Gott,“ rief das junge Mädchen, ihre Arme mit einem erhabenen Ausdrucke erhebend,„Sie ſehen, ich habe Alles gethan, was ich als unterwürfige Tochter thun konnte; ich habe gebeten, ihn beſchworen, geweint... er hat meine Bitte nicht erhört und mein Flehen und Weinen hat ihn nicht gerührt. Nun gut,“ ſagte ſie feſter und ihre Tyränen trocknend,„ich will lieber vor Scham, als vor Gewiſſensbiſſen ſterben. Sie werden leben, Maximilian, und ich werde die Ihre ſein. Wann? Sogleich? Sprechen Sie, befehlen Sie, ich bin bereit.“ „Valentine, geliebte Freundin,“ rief er,„ſprich nicht ſo mit mir, laß mich dann lieber ſterben. Weshalb ſoll ich Sie der Ge⸗ walt zu verdanken haben, wenn Sie mich ſo lieben, wie ich Sie liebe? Zwingen Sie mich aus Menſchlichkeit zu leben?... o dann lieber ſterben!...“ „Uebrigens,“ murmelte Valentine,„wer liebt mich in der Welt? Er.— Wer hat mich in meinen Leiden getröſtet? Er.— Auf wem ruhen alle meine Hoffnungen, auf wen wendet ſich mein trüber Blick? Auf ihn.— Bei wem ſchweigt mein blutendes Herz? Bei ihm, bei ihm und immer bei ihm O Du haſt Recht, Maximilian, ich werde Dir folgen, ich werde das elterliche Haus verlaſſen, Alles. O wie undankbar bin ich,“ ſchrie ſie dann ſchluchzend,„Alle, ſelbſt meinen guten Großoater verlaß ich.“ „Nein,“ ſagte Morrel,„Du wirſt ihn nicht verlaſſen! Du haſt mir geſagt, er ſcheine Zuneigung für mich zu empfinden; nun gut, von unſerer Flucht ſage ihm Alles, und ſeine Einwilligung wird unſeren Bund ſegnen, und wenn wir verheirathet ſind, wird er uns folgen und ſtatt eines Kindes, deren zwei beſitzen. Du haſt mir erzählt, auf melche Weiſe Du Dich mit ihm verſtäadigſt, o ich werde bald auch dieſe rührende Sprache lernen. O ich ſchwöre Dir, 952 Valentine, ſtatt der gefürchteten Verzweiflung erwartet uns Glück, reines, himmliſches Glück.“ „O ſieh', mein Maximilian, wie groß Deine Macht über mich iſt; ich glaube faſt das, was Du mir ſagſt, und doch iſt es undenk⸗ bar. Denn mein Vater wird mir fluchen, ich kenne ſeinen unbeug⸗ ſamen Sinn, er wird mir nie verzeihen. Hören Sie mich, Morrel, wenn nun durch Zufall, oder Gott weiß wodurch, kurz, durch irgend ein Mittel die Vermählung aufgeſchoben würde, nicht wahr, dann warteten Sie?“ „Ja, ich ſchwöre es, wenn Sie mir ſchwören, daß dieſe ent⸗ ſetzliche Heirath nie vollzogen werden ſoll, und daß Sie Nein ſagen wollen, wenn man Sie vor die Mairie und den Prieſter ſchleppt. Wollen Sie?“. „Ja, ich ſchwöre es Dir, Maximilian, bei dem Heiligſten, was ich auf der Welt habe, bei dem Namen meiner Mutter.“ „Warten wir alſo,“ ſagte Morrel. „Ja, warten wir,“ ſagte Valentine leichter athmend,„es giebt ja ſo Vielerlei, was Unglückliche, wie wir es ſind, retten kann.“ „Ich verlaſſe mich alſo auf Sie,“ rief Morrel,„Alles, was Sie thun, wird gut ſein, und wenn Ihre Angehörigen dennoch auff dieſer Verbindung mit Herrn von Epinay beſtehen?...“ „Dann haben Sie mein Wort, Morrel.“ „Statt zu unterzeichnen...“ „Komme ich zu Ihnen und wir fliehen zuſammen. Aber nun fort, wir wollen nicht Gott verſuchen und uns bis dahin nicht mehr ſprechen; denn es iſt faſt ein Wunder, daß wir hier noch nicht über⸗ raſcht wurden; ach, und wüßte man, wie wir uns ſehen, ſo ginge ja unſere einzige Hilfsquelle verloren.“ „Sie haben Recht, Valentine, aber wie ſoll ich erfahren...“ „Durch den Notar, Herrn Deschamps.“ „Ich kenne ihn.“ „und durch mich ſelbſt. Glauben Sie denn nicht, daß ich Ihnen ſchreiben werde? Mein Gott, dieſe Heirath iſt mir eben ſo verhaßt, als Ihnen, Morrel.“ „O Dank, meine angebetete Valentine,“ rief Morrel.„Es ſei, kommt es alſo, wie wir fürchten, ſo erwarte ich Sie hier, Sie fliegen in meine Arme, ein Wagen erwartet uns an der Umzäunung, genä preßte liche entre —— 953 Sie ſteigen ein, ich führe Sie zu meiner Schweſter, und wir zeigen dann, daß wir uns nicht gleich dem Lamme wehrlos würgen laſſen.“ „So ſei es, und auch ich werde ſagen: was Sie auch thun, Maximilian, es wird gut ſein.“ „Oh!“ „Nun gut, ſind Sie mit Ihrer Frau zufrieden?“ ſagte das junge Mädchen traurig. „Meine Valentine, mein Engel, Ja iſt viel zu wenig geſagt!“ „Sagen Sie immer ſo.“ Valentine hatte ſich, oder vielmehr ihre Lippen, dem Gitter genähert, und Morrel fühlte den ſüßen Hauch ihres Mundes und preßte von der anderen Seite ſeine Lippen an die kalte, unerbitt⸗ liche Umzäunung. „Auf Wiederſehen,“ flüſterte ſie, ſich gewaltſam dieſem Glücke entreißend. „ Und ich werde einen Brief von Dir erhalten?“ „Ja.“ „Dank, Du innig Geliebte, auf Wiederſehen.“ Das Geräuſch eines Kuſſes, unſchuldig und verloren, ließ ſich hören und Valentine war verſchwunden. Morrel hörte das Rauſchen ihres Gewandes, den Ton ihrer Schritte auf dem Sande, hob die Augen mit einem unausſprechlich ſeligen Blick gen Himmel, dankte Gott für ſo viel Liebe und ent⸗ fernte ſich gleichfalls. Der junge Mann kehrte in ſeine Wohnung zurück und wartete ſowohl dieſen als auch den anderen Tag vergebens. Am zweiten Morgen, als er eben im Begriffe war, ſich zu dem Notar, Herrn Deschamps zu begeben, erhielt er durch die Poſt einen Brief, und ahnte ſogleich, daß er von Valentine ſei, obgleich er ihre Schrift⸗ züge noch nie geſehen hatte. Er enthielt folgende Zeilen: „Thränen, Beſchwörungen, Bitten, nichts hat gefruchtet. Geſtern war ich zwei Stunden in der Kirche Saint⸗Philippe⸗du⸗Roule, und während dieſer zwei Stunden habe ich von Grund meiner Seele zu Gott gebetet... Gott iſt unerbittlich wie die Menſchen, und dieſen Abend um Neun ſoll der Contract unterzeichnet werden. ————ͤͤͤ— 8— 954 Ich habe nur Ein Wort, gleichwie ich nur Ein Herz habe, Morrel; dieſes Wort habe ich Ihnen gegeben, gleichwie mein Herz das Ihrige iſt. 3 Alſo dieſen Abend, ein Viertel vor Neun, am Gitter. Ihre Gattin Valentine von Villefort.“ „Nachſchrift. Meine arme Großmutter wird immer kränker, geſtern ging ihre Aufregung in Phantaſieen über, heute grenzen ihre faſt an Tollheit. O nicht wahr, Morrel, Sie werden mich ſehr lieben? damit ich vergeſſe, daß ich ſie in dieſem Zuſtande verlaſſen konnte. Ich glaube, daß man dem Großpapa Noirtier verheimlichen will, daß der Contract dieſen Abend unterzeichnet werden ſoll.“ Morrel ließ ſich nicht an den, ihm durch Valentine gewordenen Nachrichten genügen, ſondern ging zu dem Notar, der ihm Alles beſtätigte. 7 Dann machte er Monte⸗Chriſto einen Beſuch und dort erfuhr er noch das Meiſte. Franz hatte den Grafen von der dieſen Abend ſtattfinden ſollenden Feierlichkeit benachrichtigt, Frau von Villefort ſchriftlich um Verzeihung gebeten, ihn nicht bei ſich ſehen zu können, weil ſie es nicht verantworten wolle, daß ein Schatten der Traurig⸗ keit, welchen Herrn von Saint⸗Méran's Tod und die Krankheit ſeiner Gemahlin in ihrem Hauſe hervorgebracht, des Grafen Stirn ver⸗ düſtere, dem ſie alles mögliche Glück wünſche. Den vorhergehenden Abend war Franz der Marquiſe vorgeſtellt worden, die deshalb das Bett verlaſſen, ſich jedoch gleich nachher wieder niedergelegt hatte. Wie leicht begreiflich, war der arme Morrel im höchſten Grade aufgeregt, was Monte⸗Chriſto's ſcharfen Augen nicht entgehen konnte. Er war aufmerkſamer und zärtlicher als ſonſt gegen ſeinen jungen Freund, und Maximilian erinnerte ſich eben noch zu rechter Zeit an ſein Valentine gegebenes Verſprechen, um dem Grafen nicht ſein ganzes Herz zu öffnen. Zwanzig Mal las Morrel Valentine's Brief, es waren die erſten Zeilen, die er von ihr empfing, ſie berauſchten ihn mehr und mehr und erinnerten ihn, daß er ihr gelobt, ſie glücklich zu machen. Und wirklich, welches Schutzes bedarf ein junges Mädchen, das einen ſ 0 mut der Se lich m. betung nahte. einfa würde ſein; und legen laſſer ſechs den erſt punk reiſef acht — 95⁵ ſo muthigen Entſchluß faßt, welche Ergebenheit verdient ſie von der Seite deſſen, dem ſie Alles opfert! Wie einzig und ausſchließ⸗ lich muß ſie der Gegenſtand ſeiner wärmſten und heiligſten An⸗ betung ſein! Sie iſt zugleich Herrſcherin und Weib, und ich möchte ſagen, man bedürfe mehr als eine Seele, um ihr würdig zu danken, ſie genug zu lieben. Morrel dachte mit unbeſchreiblicher Bewegung an den Augen⸗ blick, in welchem Valentine ihm ſagen würde: „Da bin ich, Maximilian, nimm mich hin!“ Alles war ſorgſam zur Flucht vorbereitet, zwei Strickleitern waren in der Luzerne des Geheges verſteckt, ein Cabriolet, welches er ſelbſt führen wollte, ſtand bereit. Keine Diener, kein Licht. Die Laternen wollte er anzünden, aber erſt, nachdem ſie die erſte Straße paſſirt haben würden, damit ſie nicht durch zu große Vor⸗ ſicht entdeckt würden. Von Zeit zu Zeit durchflog heftiges Zittern Morrel's Körper, er dachte des Augenblicks, wenn er Valentine bei ihrer Flucht über die Mauer behilflich ſein wollte, wo er ſie zitternd in ſeinen Armen, an ſeinem Herzen halten würde, deren äußerſte Fingerſpitzen er bis jetzt kaum zu küſſen gewagt hatte. Aber als der Nachmittag kam, als die verhängnißvolle Stunde nahte, fühlte er das Bedürfniß, allein zu ſein, ſein Herz klopfte, die einfachſten Fragen, ja die bloße Stimme eines ſeiner Freunde würde ihn geſtört haben, er ſchloß ſich ein, verſuchte zu leſen, aber ſein Blick glitt über die Zeilen, ohne die Buchſtaben zu verſtehen, und er warf das Buch weg, um zum hundertſten Male zu über⸗ legen, ob auch die Flucht gut eingeleitet ſei. Die Stunde kam näher und näher. Niemals haben Verliebte ihre Uhren ruhig ihren Gang gehen laſſen... Morrel hatte ſo viel an den ſeinigen gerückt, daß ſie um ſechs halb neun ſchlugen. Er fand alſo, daß es Zeit ſei, ſich auf den Weg zu machen, indem er ſich ſagte, daß der Contract zwar erſt um neun Uhr unterzeichnet werden ſolle, Valentine dieſen Zeit⸗ punkt jedoch vielleicht nicht abwarten werde. Er machte ſich alſo reiſefertig und war im Gehege, als es in Saint⸗Philippe⸗du⸗Roule acht Uhr ſchlug. 1 Wagen und Pferd verbarg er hinter einem halb verfallenen Gemäuer. Der Tag neigte ſich und die Bäume des Gartens glichen dunkeln, ſchweigenden Schatten. Morrel verließ ſein Verſteck, nahte ſich dem Gitter, ſah hinburch, gewahrte jedoch Niemand. Es ſchlug halb neun. Sein Herz klopfte heftig, er ging wartend auf und ab und kehrte in immer kürzeren Zwiſchenräumen zum Gitter zurück. Der Garten verfinſterte ſich mehr und mehr, aber kein weißes Kleid ſchimmerte durch dieſes Dunkel, kein Geräuſch nahender Schritte unterbrach dieſes tiefe Schweigen. Das Haus, deſſen Umriſſe man zwiſchen den Gebüſchen durch noch gewahren konnte, blieb dunkel und glich in nichts einem Hauſe, in welchem ein Heirathscontract unterzeichnet werden ſoll. Morrel ſah nach der Uhr, ſie wies auf zehn, aber unglücklicher Weiſe ſchlug die ſchon einmal gehörte Thurmuhr zu gleicher Zeit neun. Dies war der entſetzlichſte Augenblick für das Herz des armen, jungen Mannes, auf dem jede Secunde mit bleierner Schwere laſtete. Es ſchlug halb zehn. Eine halbe Stunde über die von Valentine ſelbſt feſtgeſetzte Zeit war alſo im nutzloſen, qualvollen Warten vergangen. Das geringſte Geräuſch der Blätter, der ſchwächſte Hauch des Windes übergoß ſeine Stirn mit kaltem Schweiße. Zitternd be⸗ feſtigte er die Leiter und ſetzte, um keine Zeit zu verlieren, den Fuß auf die unterſte Sproſſe. Inmitten dieſes Schwankens zwiſchen Furcht und Hoffnung, inmitten dieſer grenzenloſen Herzensqual, ſchlug es zehn Uhr an der Kirche. „O,“ murmelte Maximilian,„ich habe Alles berechnet, und es iſt unmöglich, daß dieſe Feierlichkeit ſo lange dauern kann, es muß alſo irgend etwas paſſirt ſein.“ Und er ging immer aufgeregter vor dem Gitter auf und ab und kühlte dann und wann ſeine glühende Stirn an dem kalten Eiſen. War Valentine in Folge der übergroßen Anſtrengung ohn⸗ mächtig geworden, oder hatte man ihre Flucht verhindert? Nur verließ lauf u ſuchten den ei wagte eine u G zu ma faſt e⸗ war obgle Zeit und ſein gem ſo mut Fenſ von hän nie geda B eKR KEERNRNE AEEEEAMn 957 dies Beides konnte unſer Freund denken, und Beides war gleich troſtlos für ihn. Plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke, die Angſt könne ſeine Valentine während der Flucht ihrer Kräfte beraubt haben und ſie liege ohnmächtig in einer der Alleen des Gartens. „O wenn es ſo wäre,“ ſchrie er, mit der Schnelligkeit des d Zllitzes die Leiter erklimmend,—„o Gott, und ich zögerte...“ Der Dämon, welcher ihm dieſen Gedanken zugeflüſtert hatte, eid verließ ihn nicht, ſondern machte, daß ſeine Zweifel ſich nach Ver⸗ tte lauf weniger Minuten in Gewißheit verwandelten. Seine Augen ſuchten die ſchwarze Nacht zu durchdringen, um unter den Bäumen 4 4 * ſe, b wagte endlich, fogar zu rufen, und es ſchien ihm, als trüge der Wind 6 den einzigen Gegenſtand zu entdecken, den ſie ſuchten. Morrel eine unarticulirte Klage bis zu ihm herüber. her Endlich konnte er nicht länger warten, ſeine Gedanken waren n. zu mannigfach, ſeine Schläfe klopften fieberiſch, ſeine Augen waren 1 faſt erloſchen vom angeſtrengten Suchen. Ein Sprung— und er 5 war im Garten. 1 So war er faſt wie ein Dieb bei Villefort eingedrungen, aber t obgleich er alle möglichen Folgen bedachte, war doch jetzt nicht die Zeit zu beben und zu wanken. 6 Er ging langſam und vorſichtig vorwärts, die Allee entlang, eS und ſtand bald vor dem Hauſe, deſſen Mauern ſein einziges Gut, r ſein Alles umſchloſſn. k Nun überzeugte ſich Morrel von der Richtigkeit ſeiner vorher gemachten Bemerkung, daß das Gebäude trübe vor ihm lag, ſtatt . ſo glänzend erleuchtet zu ſein, als es eine große Feierlichkeit ver⸗ muthen läßt. Ein verlorenes Licht erhellte von Zeit zu Zeit ſchwach die d1 Fenſter des erſten Stockwerks. Dort lagen die Gemächer der Frau 8 von Saint⸗Méran. Ein anderes Licht blieb unbeweglich hinter den rothen Vor⸗ bhbheängen; es war Frau von Villefort's Schlafzimmkr. m Morrel errieth das Alles. Er kannte die Einrichtung dieſes n⸗ nie geſehenen Hauſes, weil er ſich Valentine zu jeder Tageszeit i gedacht hatte,— ſo groß iſt der Inſtinkt der Liebe. 8 958 4 Dieſes gänzliche Dunkel, dieſe Grabesſtille erſchreckten ihn mehr, als daß ſeine Geliebte nicht gekommen war. Ganz in Verzweiflung und feſt entſchloſſen, dieſes Unglück zu erforſchen, ſei es, was es ſei, betrat er die das Haus begrenzenden Blumenanlagen, als der Ton ferner Stimmen ſein Ohr erreichte. Schon aus dem Gebüſch hervorgetreten, ſprang Morrel ſchnell wieder dahin zurück, verbarg ſich gänzlich und ſtand nun ſtumm und unbeweglich in der ihn rings umgebenden, dichten Finſterniß. Sein Entſchluß ſtand feſt: war es Valentine allein, ſo wollte er ſie im Vorbeigehen durch irgend einen Laut von ſeiner Nähe be⸗ nachrichtigen; war ſie begleitet, ſo ſah er ſie wenigſtens und ver⸗ ſicherte ſich, daß ihr kein Unglück begegnet ſei; waren es jedoch Fremde, ſo machten ihm vielleicht einige Worte ihrer Unterhaltung dieſes unbegreifliche Geheimniß klar. Plötzlich theilte der Mond das finſtere Gewölk und Morrel ſah Villefort in der Hausthür erſcheinen, dem ein ſchwarz gekleideter Mann folgte. Sie ſtiegen die Stufen herab und traten in den freien Platz. Sie hatten noch nicht vier Schritt gemacht, als der Wartende in Villefort's Begleiter den Herrn von Avrigny erkannte. Unwillkürlich ging Morrel noch einige Schritte mehr zurück, bis ein Maulbeerbaum ihn aufhielt. Er blieb alſo ſtehen und bald kamen die Spaziergänger näher. „Ach beſter Doctor,“ rief der königliche Procurator,„der Himmel erklärt ſich entſchieden gegen unſer Haus! Welch entſetz⸗ licher Tod! Welcher Donnerſchlag! Verſuchen Sie nicht, mich zu tröſten, ach, es giebt keinen Troſt für ſolch ein Unglück, die Wunde iſt zu tief und zu friſch. Todt! o Gott, todt!“ Kalter Schweiß bedeckte Morrel's Stirn, ſeine Zähne ſchlugen aneinander.... Wer war denn todt in dieſem Hauſe, das Villefort ſelbſt verflucht nannte? „Mein lieber Herr von Villefort,“ antwortete der Arzt in einem Tone, der Morrel's Schreck vermehrte,„ich habe Sie nicht hierher geführt, um Sie zu tröſten, im Gegentheil.“ „Was wollen Sie damit ſagen,“ entgegnete der königliche Pro⸗ curator entſetzt. „Ich will damit ſagen, daß dieſem letzten, Sie betroffenen Unglücke vielleicht ein noch weit größeres folgen wird.“ Aorigr ſeines 9 er ſei 959 „O mein Gott,“ murmelte Villefort, die Hände faltend,„was werde ich noch hören müſſen!“ „Sind wir hier auch allein, mein Freund?“ „O Gott ja, ganz allein! Aber was bedeutet dieſe große Vorſicht?“ „Sie bedeutet, daß ich Ihnen ein entſetzliches Geheimniß mit⸗ zutheilen habe,“ ſagte der Doctor,„ſetzen wir uns.“ Villefort fiel mehr auf die Bank, als daß er ſich darauf ſetzte, Avrigny blieb vor ihm ſtehen und legte eine Hand auf die Schulter ſeines Freundes. Morrel war vor Schreck erſtarrt, mit der einen Hand kühlte er ſeine brennende Stirn, mit der andern bedeckte er das unruhige Herz, damit deſſen heftige Schläge nicht gehört würden. „Todt! todt!“ wiederholte er in Gedanken, mit der Stimme ſeines Herzens. Und er ſelbſt war dem Tode nahe. „Sprechen Sie, Doctor, ich höre,“ rief Villefort,„ſchlagen Sie zu, ich bin auf Alles vorbereitet.“ „Frau von Saint⸗Méran war ſehr alt, das iſt wahr, aber ſie erfreute ſich ſtets einer ausgezeichneten Geſundheit.“ Morrel athmete zum erſten Male ſeit zehn Minuten wieder freier. „Der Kummer hat ſie getödtet,“ rief Villefort, ja der Kummer, Doctor. Die Gewohnheit, ſeit dreißig Jahren mit dem Marquis zuſammen zu leben...“ „Nicht der Kummer, mein Freund,“ ſagte der Arzt feſt.„Kummer kann tödten, obgleich dieſe Fälle ſelten ſind, aber er tödtet nicht in einem Tage, nicht in einer Stunde, nicht in zehn Minuten....“ Villefort antwortete nicht, er hob nur ſeinen bis dahin geſenkten Kopf und ſah den Doctor entſetzt an. „Sie wohnten dem Todeskampfe bei?“ fragte Herr von Avrigny. „Gewiß, denn Sie ſagten mir ja ganz leiſe, ich ſollte mich nicht entfernen.“ „Haben Sie genau auf die Symptome geachtet, denen Frau von Saint⸗Méran erlag?“ „Genau! Die Marquiſe hatte drei Anfälle, einen nach dem andern und jedes Mal ſchneller hinter einander folgend. Als Sie kamen, war die Marquiſe ſchon lange ſehr aufgeregt geweſen und 960 bekam dann jene Kriſe, die ich für einen Nerven⸗Zufall hielt und die mich erſt dann ernſtlich erſchreckte, als ſie ſich im Bette erhob und ſo ſonderbar dehnte und ſtreckte. An Ihrem Geſichte ſah ich, daß die Sache noch ernſter war, als ich vermuthet hatte. Die Kriſe ging vorüber, ich ſuchte Ihre Augen, begegnete ihnen jedoch nicht. Sie fühlten den Puls, zählten deſſen Schläge, und die zweite Kriſe trat ein, noch bevor Sie ſich entfernten. Dieſer Anfall war noch weit heftiger als der erſte, dieſelben Zuckungen wiederholten ſich, doch in weit höherem Grade, der Mund verzog ſich und färbte ſich blau. „Bei der dritten Wiederholung gab ſie ihren Geiſt auf... Schon vorher glaubte ich in ihrem Zuſtande den Starrkrampf zu erkennen und Sie befeſtigten mich in dieſer Meinung.“ „Ja, vor der Welt,“ rief der Doctor,„aber jetzt ſind wir allein.“ „Mein Gott, was bedeutet das?“ „Daß die Symptome der Starrſucht mit denen einer Vergiftung durch vegetabiliſche Stoffe ganz gleich ſind.“ Herr von Villefort ſprang auf, ſah den Arzt ſtarr an und fiel dann kraftlos auf die Bank zurück. 3 „O mein Gott, Doctor,“ murmelte er,„bedenken Sie wohl, was Sie mir da ſagen?“ Morrel wußte nicht, ob er träume oder wache. „Hören Sie,“ ſagte Herr von Aprigny,„ich kenne die Wichtig⸗ keit meiner Erklärung, ſowie den Charakter des Mannes, dem ich ſie mache.“ „Und ſprechen Sie zu dem Beamten oder dem Freunde?“ „Dem Freunde, jetzt nur zu dem Freunde. Die Gleichheit der Symptome zwiſchen Starrſucht und einer Vergiftung durch vege⸗ tabiliſche Stoffe iſt ſo bedeutend, daß ich mit dem, was ich Ihnen geſagt, ſehr zögern würde, wenn ich es beweiſen müßte. Auch wiederhole ich Ihnen, daß ich mich nicht an den königlichen Pro⸗ curator, ſondern an den Freund wende; ich bin dem Todeskampfe der Frau Marquiſe während der dreiviertel Stunden ſeiner Dauer genau gefolgt und behaupte nicht nur, daß Frau von Saint⸗Méran überhaupt vergiftet ward, ſondern ich kenne auch das Gift, welches ihr den Tod gab.“ „Mein Herr, mein Herr!“ 961 „Es war eine, durch nervöſe Zufälle unterbrochene Schlafſucht, Ueberreiztheit des Gehirns, Betäubung der inneren Theile. Frau von Saint⸗Méran iſt jedenfalls einer bedeutenden Doſis Brucine oder Strychnin unterlegen, die zufällig oder durch Verſehen ihren Speiſen beigemiſcht war.“ Villefort ergriff ſeines Freundes Hand. „O, das iſt unmöglich,“ rief er,„ich träume, mein Gott, ich träume! Das iſt entſetzlich, von einem Manne wie Sie ſolche Sachen hören zu müſſen. Im Namen des Himmels, theurer Doctor, be⸗ ſchwöre ich Sie, mir zu ſagen, daß Sie ſich irren können.“ „Gemiß, das kann ich, aber...“ „Aber?“ „Aber ich glaube es nicht.“ „Doctor, o haben Sie Mitleid mit mir, ſeit einigen Tagen begegnet mir ſo Unerhörtes, daß ich an die Möglichkeit glaube, toll werden zu können.“ „Hat noch Jemand außer mir Frau von Saint⸗Méran geſehen?“ „Niemand.“ „Hat man in der Apotheke irgend ein Mittel bereiten laſſen, von dem ich nichts weiß?“ „Keines.“ „Hatte Frau von Saint⸗Méran Feinde?“ „Daß ich nicht wüßte.“ „Konnte irgend Jemand bei ihrem Tode intereſſirt ſein?“ „Nein, ach Gott nein, meine Tochter iſt ihre einzige Erbin; Valentine... o könnte ich nur flüchtig den Gedanken hegen, ich würde mich erdolchen, zur Strafe, daß mein Herz ſo ſchrecklichen Regungen Raum geben konnte.“ „Mein Freund,“ rief nun ſeinerſeits Herr von Avrigny,„nur Gott gebührt die Anklage, ich ſpreche nur von einem Zufall, hören Sie wohl? von einem Irrthum! Aber, Zufall oder Irrthum, der Fall iſt da, und mein Gewiſſen mahnt mich ganz leiſe, Ihnen ganz laut zu ſagen: Forſchen Sie nach.“ „Bei wem, und wonach?“ „Könnte ſich Barrois nicht geirrt haben? Er iſt alt, und hat Frau von Saint⸗Méran vielleicht etwas von dem für Herrn von Noirtier bereiteten Tranke gegeben.“ Der Graf von Monte⸗EChriſto. 61 „Für meinen Vater?“ „Ja.“ „Aber wie kann ein für ihn bereiteter Trank der Marquiſe Gift geweſen ſein, ſie getödtet haben?“ „Nichts einfacher als das: Sie wiſſen, daß Gifte bei gewiſſen Krankheiten Heilmittel ſind; zu dieſen Krankheiten gehört der Schlag⸗ fluß. Nach drei Monaten, z. B., und nachdem ich Alles angewandt, Herrn von Noirtier Sprache und Bewegung wiederzugeben, bin ich zu einem letzten Mittel geſchritten, und behandle ihn durch Brucine d. h. ſo, daß ich ihm in dem letzten für ihn zubereiteten Tranke, ſechs Hunderttheile eines Gramm gab, ganz ohne Schaden für die gelähmten Organe des Herrn von Noirtier, um ſo mehr, da ich ihn durch allmähliges Steigen daran gewöhnt habe; aber dieſe kleine Quantität genügt, jede andere Perſon ſogleich zu tödten.“ „Mein lieber Doctor, die Zimmer meines Vaters und der Marquiſe ſtehen durchaus in gar keiner Verbindung, und Barrois iſt nie bei meiner Schwiegermutter geweſen. Und dann muß ich Ihnen wiederholen, obgleich ich Sie als den klügſten, geſchickteſten und beſonders als den gewiſſenhafteſten Mann von der Welt kenne, obgleich Ihr Wort mir unter allen Umſtänden eine Fackel iſt, die mich wie das Sonnenlicht leitet, dennoch, Doctor, dennoch iſt es mir bei dieſer Gelegenheit Bedürfniß, mich an das Wort:„Irren iſt menſchlich“ zu halten.“ „Hören Sie, Villefort, haben Sie zu irgend einem meiner Collegen ebenſoviel Zutrauen, als zu mir?“ „Weshalb das? Wozu dieſe Frage?“ „Nennen Sie ihn, ich werde ihm ſagen, was ich geſehen, was ich bemerkt habe, und wir werden die Leiche öffnen.“ß „Und Sie werden die Spuren des Giftes finden?“ „O nein, das ſage ich nicht, aber wir werden den Fall con⸗ ſtatiren und finden, daß ſes keine zufällige Krankheit war. Wir werden dann Ihnen, lieber Villefort, ſagen:— war Nachläſſigkeit im Spiele, ſo wachen Sie über Ihre Diener... war es Haß— ſo haben Sie auf Ihre Feinde Acht.“ „O mein Gott, was ſchlagen Sie mir da vor, Aorigny,“ ent⸗ gegnete Villefort erſchüttert,„von dem Augenblicke an, in welchem außer Ihnen noch ein Anderer um das Geheimniß wüßte, wäre der blick aus Doct viel Sie liche iſt jitte welt Sie kenne „me Sain weſe hein geſch mein bleit Sie Sie Vill Fre der rief Leid mit 963 einen gerichtliche Unterſuchung unumgänglich nothwendig, und eine gerichtliche Unterſuchung bei mir? unmöglich! Und dennoch,“ fuhr der Procurator des Königs, ſich faſſend und den Doctor feſt an⸗ blickend, fort, henneh werde ich mich fügen, wenn Sie es durch⸗ aus verlangen. O ich muß wohl, mein Amt befiehlt es! Aber Doctor, Sie ſehen mich von Traurigkeit durchdrungen, ſoll ich ſo viel Schimpf und Schande in mein tiefgebeugtes Haus bringen? Sie wiſſen es wohl, man kann nicht fünfundzwanzig Jahre könig⸗ licher Procurator ſein, ohne Feinde zu beſitzen; die Zahl der meinigen iſt ſehr groß. O wie würden ſie triumphiren, wie vor Freude zittern, während ich vor Scham verginge. Verzeihen Sie mir dieſe weltlichen Gedanken, die ich Ihnen nicht offenbaren würde, wären Sie Prieſter, aber Sie ſind ein Mann, der das Herz anderer Männer kennt, Doctor, Doctor, Sie haben mir nichts geſagt, nicht wahr?“ „Mein lieber Herr von Villefort,“ ſagte der Arzt erſchüttert, „meine erſte Pflicht iſt Menſchenfreundlichkeit. Ich würde Frau von Saint⸗Méran gerettet haben, wäre es der Wiſſeenſchaft möglich ge⸗ weſen, aber ſie ſtarb— ich lebe... Verbergen wir dieſes Ge⸗ heimniß tief in unſere Herzen, und ich will gern aus Unwiſſenheit geſchwiegen haben, wenn es dennoch entdeckt werden ſollte. Indeſſen, mein Freund, forſchen Sie, immer, unausgeſetzt, denn... vielleicht bleibt es nicht dabei ſtehen... Sollte ich mich nicht irren, ſollten Sie den Schuldigen finden, dann bin ich es, der Ihnen ſagen wird: Sie ſind Beamter, thun Sie Ihre Pflicht!“ „O Dank, tauſendfacher Dank Ihnen, theurer Freund,“ rief Villefort mit unbeſchreiblicher Freude,„ich hatte nie einen beſſeren Freund, als Sie.“ Und ſie entfernten ſich. Morrel ſtreckte ſeinen Kopf aus dem Gebüſch, als bedürfe er der freieren Luft zum athmen, aber er war ſo bleich wie ein Phantom. „Gott bewahre mich vor einer ſo entſetzlichen Bekanntmachung,“ rief er, aber Valentine, Valentine, arme Freundin, wird ſie ſo viel Leiden überſtehen können?“ Bei dieſen Worten betrachtete er aufmerkſam die beiden Fenſter mit den rothen, und die drei Fenſter mit den weißen Vorhängen. In den erſten ſchimmerte nur noch mattes Licht, Frau von 61* 964 Villefort ſchien ihre Lampe ausgelöſcht zu haben und nur des Pacht⸗ lichts ſchwacher Schein erhellte matt die Fenſter. An der entgegengeſetzten Seite des Hauſes öffnete ſich eins der drei weiß verhängten Fenſter. Eine auf dem Kamin ſtehende Wachs⸗ kerze warf einen Strahl ihres bleichen Lichtes nach außen, ein Schatten lehnte ſich gegen die Brüſtung. Morrel zitterte, es ſchien ihm, als hörte er ſchluchzen. Es war nicht zu verwundern, daß dieſe, gewöhnlich ſo ſtarke und muthige Seele jetzt zitterte, aufgeregt, und durch die beiden ſtärkſten menſchlichen Leidenſchaften, Liebe und Furcht ſo ſchwach war, an ein übernatürliches Blendwerk zu glauben. Obgleich es unmöglich war, daß Valentine ihn in ſeinem Ver⸗ ſteck entdeckt haben konnte, ſchien es ihm doch, als riefe ihn der Schatten im Fenſter, ſein verwirrter Geiſt ſagte es ihm, und ſein glühendes Herz wiederholte es. Dieſer doppelte Irrthum ſchuf un⸗ widerſtehliche Gewißheit, und, unvorſichtig und unbedacht, wie die Jugend iſt, verließ er ſein Verſteck und war in zwei Sprüngen, auf die Gefahr hin, geſehen zu werden, Valentine zu erſchrecken und ihr einen Schrei zu entlocken, in die Blumenpartieen, die der Mond bleich und groß machte. Dann durcheilte er die dicht vor dem Hauſe aufgeſtellte Orangerie, und erſtieg eilend die Treppe, und ſtieß die Thür auf, die ſich ihm ohne Widerſtand öffnete. Valentine hatte ihn nicht geſehen, ihre gen Himmel gerichteten Augen folgten einer ſilberweißen, im Azur ſchwimmenden Wolke, deren Geſtalt einem aufſteigenden Schatten glich, und ihr poetiſches und aufgeregtes Gemüth ſagte ihr, es ſei die Seele ihrer verklärten Großmutter. Morrel ſchritt raſch vorwärts, der mit Teppichen belegte Fuß⸗ boden machte ſeine Schritte unhörbar, aber er war ſo unnatürlich aufgeregt, daß es ihn ſelbſt nicht erſchreckt haben würde, hätte Herr von Villefort plötzlich vor ihm geſtanden. Sein Entſchluß war ge⸗ faßt: er würde ſich ihm genähert, ihm Alles geſtanden, um Ver⸗ zeihung gebeten und ſeine und Valentine's Liebe ihm an’s Herz ge⸗ legt haben. Er war faſt toll. Glücklicherweiſe ſah er Niemand. Seine durch Valentine erlangte Kenntniß des Hauſes war ihm ſehr von Nutzen, er erſtieg mehrere Treppen, durchlief einige Gänge und! Lich drang welche noch wiſſer breite Gelie zu C doch ein ſ Kerze gera pfän ſehel ſeuf einen an, Hetz ſie i nam zögen mit nicht komn wart 965 und kam endlich an eine halb offene Thür, aus der ein matter Lichtſchimmer und der Ton einex durch Seufzer erſtickten Stimme drang. Er öffnete die Thür vollends und trat ein. Im Hintergrunde eines Alkovens, unter einem weißen Tuche, welches das Geſicht bedeckte und die Form abzeichnete, lag die Todte, noch entſetzlicher in Morrel's Augen, ſeit der Zufall ihn zum Mit— wiſſer dieſes ſchrecklichen Geheimniſſes gemacht hatte. Zur Seite des Bettes knieend, den Kopf in den Kiſſen einer breiten Bergere verborgen, und heftig ſchluchzend, erblickte er ſeine Geliebte oder vielmehr ihre gefalteten Hände. Das Fenſter war noch offen, das arme Kind hatte ganz laut zu Gott gebetet, mit Worten, die, obgleich unzuſammenhängend, doch aus der Tiefe ihres warmen Gefühls entſproſſen waren und ein ſteinernes Herz gerührt haben würden. Der Mond beleuchtete mit ſeinem Silberſchimmer, der das Kerzenlicht farblos erſcheinen ließ, dieſes Bild wahrer Verzweiflung. Morrel konnte dieſem Schauſpiele nicht widerſtehen, er ſpielte gerade nicht den Frommen, war auch nicht für jeden Eindruck em⸗ pfänglich, aber Valentine weinend, leidend, die Hände ringen zu ſehen, das war mehr als er ſchweigend zu ertragen vermochte. Er ſeufzte, flüſterte einen Namen, und dieſer in Thränen gebadete Kopf einer Magdalene von Correggio, erhob ſich und blickte ihn ſtarr an, aber ohne Erſtaunen zu zeigen. Ein ſo gänzlich vernichtetes Herz wird durch nichts mehr überraſcht. Valentine reichte ihm die Hand, zeigte zur Entſchuldigung, daß ſie ihr ihm gegebenes Wort nicht gehalten, auf den verhüllten Leich⸗ nam und ſchluchzte von Neuem. Keiner von Beiden wagte in dieſem Zimmer zu reden. Jeder zögerte, dieſes Schweigen zu brechen. Der Tod ſchien ihre Lippen mit ſeinem kalten Siegel verſchloſſen zu haben. Endlich faßte das junge Mädchen Muth. „Woher kommen Sie, mein Freund?“ flüſterte ſie.„Ach, hätte nicht der Tod ihnen dies Haus eröffnet, ſo würde ich ſagen: Will⸗ kommen, tauſendmal willkommen!“ „Valentine,“ ſagte Morrel zitternd und die Hände faltend,„ich warte ſchon lange, ich ſah Sie nicht kommen, ward unruhig, erſtieg 966 die Mauer, ſprang in Ihren Garten, und hörte dort Jemand ſich über dieſes traurige Ereigniß unterhalten...“ „Und wer konnte das ſein?“ Morrel ſchauderte, das ganze Geſpräch des Arztes und des Herrn von Villefort ſtand wieder lebhaft vor ſeiner Seele, und er glaubte, durch das weiße Tuch den verwelkten Arm, den ſteifen Hals und die blauen Lippen zu gewahren. 3 „Ich hörte einige Diener,“ ſtotterte er. „Aber bis hierher kommen, das heißt uns verderben, mein Freund,“ ſagte Valentine ohne Schreck und ohne Zorn. „Verzeihung,“ rief Morrel in demſelben Tone,„ich werde wieder gehen.“ „Nein,“ ſagte Valentine,„man könnte Ihnen begegnen, bleiben Sie.“ „Aber wenn Jemand käme?“ Das junge Mädchen ſchüttelte den Kopf. „Seien Sie ruhig, Niemand wird hierher kommen, dort iſt unſer Schutz.“ Und ſie zeigte auf die Leiche ihrer Großmutter. „Aber ich beſchwöre Sie, wie ward es mit Herrn von Epinay?“ fragte Morrel. „Er kam in dem Augenblicke, als meine gute Großmutter den letzten Seufzer aushauchte.“ „Ach!“ rief Morrel, mit einer Aufwallung egoiſtiſcher Freude, denn er dachte erſt jetzt daran, daß dieſer Todesfall die Heirath verzögern mußte. „Aber was meinen Schmerz verdoppelt,“ fuhr Valentine fort, als ob dieſes Gefühl ſogleich beſtraft werden ſollte,„das iſt, daß meine arme, liebe Großmutter ſterbend befohlen hat, die Heirath ſobald als möglich zu vollziehen. Auch ſie, mein Gott, handelte wider mich, indem ſie mich zu beſchützen wähnte.“ „Hören Sie?“ ſagte Morrel. Die beiden jungen Leute ſchwiegen. Man hörte eine Thür öffnen auf dem Gange und der Treppe tönten Schritte. „Das iſt mein Vater, der ſein Cabinet verläßt,“ flüſterte Valentine. 3 a. ———— 967 „Der den Doctor herausbegleitet,“ fügte Morrel hinzu. „Wie können Sie wiſſen, daß es der Doctor iſt?“ fragte das junge Mädchen erſtaunt. „Ich vermuthe es.“ Valentine ſah ihren Geliebten an. Während deſſen wurde die nach der Straße führende Thür verſchloſſen. Herr von Villefort legte einen Riegel vor die Garten⸗ thür, ſtieg die Treppe herauf und blieb dann einen Augenblick ſtehen, unſchlüſſig, ob er in ſein Cabinet zurückkehren, oder in das Zimmer der Frau von Saint⸗Méran eintreten ſollte. Morrel ſprang hinter einen Thürvorhang, Valentine bewegte ſich nicht, ihr tiefer, erhabener Schmerz ſchien ſie über die gewöhnliche Furcht zu erheben. Heerr von Vileefort ging in ſein Cabinet. „Jetzt, ſagte Valentine,„können Sie dieſes Haus nicht mehr verlaſſen, alle Ausgänge ſind verſchloſſen.“ Ueberraſcht blickte Morrel ſeine Geliebte an. „Jetzt,“ ſagte ſie,„giebt es nur einen ſichern, erlaubten Aus⸗ gang, das iſt der aus den Zimmern meines Großvaters.“ Sie erhob ſich. „Kommen Sie.“ „Wohin?“ „Zu meinem Großvater.“ „Ich zu Herrn Noirtier?“ „Ja.“ „Bedenken Sie, Valentine?“ „Alles, und ſchon ſeit langer Zeit. Ich habe nur dieſen Freund auf der Welt, und wir bedürfen ſeiner.... Kommen Sie.. „Nehmen Sie ſich in Acht, Valentine,“ flüſterte er und zögerte, ihr zu gehorchen.„Die Binde iſt von meinen Augen gefallen. Indem ich hierher kam, beging ich einen Act des Wahnſinns, haben Sie ſelbſt auch noch Ihren Verſtand, geliebte Freundin?“ „Ja,“ entgegnete ſie,—„nur ein Zweifel quält mich, und zwar der, ob ich die Ueberreſte meiner armen, theuren Großmutter hier allein laſſen darf, da ich mich doch verpflichtet habe, bei ihr zu wachen.“ „Valentine, ſagte Morrel feierlich,„der Tod iſt durch ſich ſelbſt geheiligt!“ „Ja,“ entgegnete das junge Mädchen,„zumal da ich nicht lange fern ſein werde. Kommen Sie. Sie verließen das Zimmer, Balentine ſtieg die kleine, zu Herrn von Noirtier's Quartier führende Treppe herab, Morrel folgte ihr auf dem Fuße. Im Vorzimmer fanden ſie den alten Diener. „Barrois,“ ſagte Valentine,„ſchließe die Thür und laß Nie⸗ mand ein.“ Sie gingen weiter. Noirtier ſaß noch in ſeinem Lehnſtuhle; achtſam auf das min⸗ deſte Geräuſch, war er durch ſeinen alten Diener von Allem unter⸗ richtet, was ſich begeben hatte. Sein Auge ſtrahlte, als ſein Herzens⸗ kind in der Thüre erſchien. Es lag in dem Gange, den Bewegungen des jungen Mädchens etwas ſo Ernſtes, Feierliches, daß das ſtrahlende Auge des Greiſes ſich fragend auf ſie richtete. „Mein lieber Großpapa,“ ſagte ſie ernſt,„höre mich wohl: Du weißt, daß die gute Großmutter Saint⸗Méran vor einer Stunde geſtorben iſt, und daß mich jetzt, außer Dir, Niemand liebt.“ Ein Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit verklärte die Augen bes Greiſes. „Nicht wahr, ich kann alſo nur Dir meinen Kummer, meine Hoffnungen vertrauen.“ Das Auge des armen Gelähmten beſtätigte ihre Worte. Valentine ergriff Morrel bei der Hand. Dann ſagte ſie:„Sieh' dieſen Herrn an.“ Der Greis ließ ſein Auge forſchend und leicht erſtaunt über Morrel gleiten. „Dies iſt Herr Maximilian Morrel, der Sohn eines ſehr acht⸗ baren Kaufmanns aus Marſeille, von dem Du gewiß gehört haſt.“ Der Greis bejahte. „Es iſt ein vorwurfsfreier, unbeſcholtener Name, den Maximilian berühmt machen wird, denn mit dreißig Jahren iſt er Capitain der Spahi's und Offizier der Ehren⸗Legion.“ Herr von Noirtier ſchien ſich deſſen zu entſinnen. „Nicht wahr, guter Großpapa, Du liebſt Herrn Maximilian,“ fragte das junge Mädchen. „Ja,“ ſagte der unbewegliche Greis. in der ſtatte 969 „Und Du willſt uns, die wir auch Deine Kinder ſind, gegen den Willen meines Vaters beſchützen?“ Noirtier heftete ſeinen klugen Blick auf Morrel, als wolle er ſagen: „Es kommt darauf an.“ Maximilian verſtand ihn. „Mein Fräulein,“ ſagte er,„Sie haben eine heilige Pflicht in dem Zimmer Ihrer Großmutter zu erfüllen, wollen Sie mir ge⸗ ſtatten, einige Augenblicke mit Herrn von Noirtier zu reden?“ „Ja, ja, das wünſche ich,“ las ſie in den Augen ihres Großvaters. Dann ſah er Valentine ruhig an. „Wie er es anfangen wird, Dich zu verſtehen, willſt Du ſagen?“ „Ja.“ „O ſei unbeſorgt, wir haben ſo oft von Dir geſprochen, daß er weiß, wie ich mich mit Dir unterhalte.“ Dann wandte ſie ſich mit einem bewunderungswürdigen, obgleich durch tiefe Traurigkeit verſchleierten Lächeln zu Maximilian. „Er weiß Alles, was ich weiß,“ ſagte ſie. Valentine brachte ihrem Geliebten einen Stuhl, befahl Barrois nochmals, Niemand einzulaſſen, umarmte ihren Großvater zärtlich, und ſagte Morrel traurig Lebewohl. Um Herrn von Noirtier zu zeigen, daß er Valentine's Ver⸗ trauen beſaß und ihre Geheimniſſe kannte, holte Morrel Dictionnaire, Dinte und Feder und ſtellte Alles auf den Tiſch vor die Lampe. „Aber zuerſt,“ ſagte er,„erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, wer ich bin, wie ich Fräulein Valentine liebe, und was meine Abſichten ſind.“ Es war ein rührendes Schauſpiel, welches dieſer Greis ge⸗ währte, dieſe unnütze, ſcheinbare Laſt, der dennoch der einzige Be⸗ ſchützer, die einzige Stütze, der einzige Richter dieſer beiden jungen, ſchönen Liebenden war. Sein edles, ausdrucksvolles Geſicht imponirte Morrel ſo ſehr, daß er ſeine Erzählung zitternd begann. Er erzählte, wie er Valentine kennen und lieben gelernt habe und wie ſie in ihrem Unglück, ihrer Vereinzelung ſeine Neigung getheilt und ihm erlaubt habe, ihr ſeine tiefſte Ergebenheit auszu⸗ 970 ſprechen. Er ſprach über ſeine Verhältniſſe, ſein Vermögen, und als er Noirtier's Blick begegnete, ſchien dieſer zu ſagen: „Es iſt gut, nur weiter!“ „Jetzt,“ fuhr Morrel fort, nachdem er dieſen erſten Theil ſeiner Erzählung beendigt hatte,„jetzt, da ich von meiner Liebe und meinen Hoffnungen geſprochen habe, darf ich nun noch von meinen Abſichten ſprechen?“ Der Greis bejahte. „So hören Sie unſern Entſchluß.“ Und er erzählte Alles,— daß ſein Wagen warte, daß er Valentine zu ſeiner Schweſter führen, ſich dort mit ihr verheirathen und ruhig habe abwarten wollen, bis Herrn von Villefort's Zorn ſich gelegt haben würde. Noirtier's Blick zeigte ihm, daß dies nie geſchehen werde. „Ich ſoll alſo nicht ſo handeln?“ „Nein.“ „Alſo dieſer Entſchluß hat nicht Ihren Beifall?“ „Nein.“ „Nun gut, es giebt noch ein anderes Mittel.“ Der forſchende Blick des Greiſes fragte: Welches? „Ich werde Herrn Franz von Epinay auſſuchen, ich bin glück⸗ lich, Ihnen dies in Fräulein von Villefort's Abweſenheit ſagen zu können, ja ich werde ihn durch mein Benehmen ſchon zwingen, wie ein Edelmann zu handeln.“ Der Blick ſeines Zuhörers ruhte immer noch forſchend auf ihm. „Wie ich das machen werde?“ „Ja. „Hören Sie. Ich werde zu ihm gehen, ihn von meiner und Valentine's gegenſeitiger Liebe in Kenntniß ſetzen und er wird als ein Ehrenmann freiwillig ſeine Anſprüche an Fräulein von Villefort aufgeben. Dann wird ihm meine Freundſchaft, meine Ergebenheit von dieſer Stunde an bis zum Tode geweiht ſein. Bleibt er dabei, ſei es aus Eigennutz, ſei es aus lächerlichem Hochmuth, ſie die Seine zu nennen, nachdem ich ihm geſagt, daß ſie nach mir keinen Andern lieben wird, gut, ſo werde ich mich mit ihm ſchlagen, und entweder getödtet werden, oder ihn tödten. Tödte ich ihn, ſo kann 971 er Valentine nicht heirathen, und falle ich, ſo ſterbe ich in dem feſten Glauben, daß meine Geliebte nie ſeine Gattin werden wird.“ Noirtier beobachtete mit unbeſchreiblichem Vergnügen dieſes edle, ernſte Antlitz, auf dem ſich alle die Gefühle malten, die Morrel ausſprach, durch den Ausdruck ſchöner Züge noch Alles das hinzu⸗ fügend, was die Farbe einer treuen und gediegenen Zeichnung Ver⸗ ſchönendes giebt. Dennoch ſchloß der Greis nach Beendigung dieſer Erzählung mehre Male hintereinander die Augen, was, wie wir wiſſen, Nein hieß. „Nein?“ fragte Morrel beſtürzt,„alſo auch dieſer zweite Plan hat eben ſo wenig als der erſte Ihren Beifall?“ „Ich verwerfe ihn,“ bezeichnete Noirtier. „Aber was ſoll ich denn thun, mein Herr?“ fragte Morrel. „Dem letzten Willen der Frau von Saint⸗Méran zu Folge, wird die Vermählung ſehr bald ſtattfinden; ſoll ich die Sache ihren ruhigen Gang gehen laſſen?“ Der Greis blieb unbeweglich. „O ich verſtehe,“ ſagte der junge Capitain,„ich ſoll warten?“ „Ja.“ „Aber das wird uns verderben! Die arme Valentine allein iſt zu ſchwach, und man wird ſie zwingen wie ein Kind. Wunder⸗ barer Weiſe hier eingetreten, um zu erforſchen, was hier vorging, eben ſo wunderbarer Weiſe zu Ihnen geführt, ſoll ich nun keinen andern Troſt mit mir nehmen als den, auch ferner geduldig zu warten? O ich beſchwöre Sie, beſtimmen Sie ſich für einen meiner Pläne, autoriſiren Sie Ihre Enkelin, ſich meiner Ehre anzuvertrauen.“ „Nein.“ „Ziehen Sie es vor, daß ich mit Herrn von Epinay rede?“ „Nein.“ „Aber mein Gott, von wem ſoll uns Hilfe kommen, die wir vom Himmel erwarteten?“ Der Greis lächelte mit den Augen, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn man mit ihm vom Himmel ſprach. Dieſer alte Jaco⸗ biner war immer noch ein wenig Gottesleugner geblieben. „Vom Zufall?“ fragte Morrel. „Nein.“ „Von Ihnen?“ „Ja.“ „Von Ihnen.“ „Ja,“ wiederholte Noirtier. „Sie verſtehen doch auch meine Frage, lieber Herr? Ver⸗ zeihen Sie meine Beharrlichkeit, aber mein Leben hängt von Ihrer Antwort ab. Ihnen ſollten wir unſer Glück zu verdanken haben?“ „Ja.“ „Sind Sie davon überzeugt?“ „Ja.“ „Sie beſtätigen es?“ „Ja.“ Und es lag ſo feſte Zuverſicht in dem Blicke des Greiſes, daß man weder an ſeinem Willen noch an ſeiner Macht zweifeln konnte. „O Dank, tauſendfachen Dank, mein Herr! Aber wie können Sie, ohne Sprache, ohne Bewegung, an dieſen Stuhl gefeſſelt, ſich ohne ein Wunder dieſer Heirath widerſetzen?“ G Ein Lächeln verklärte Herrn von Noirtier's Geſicht, ſo fremd⸗ artig wie das Lächeln der Augen in einem unbeweglichen Geſichte zu ſein pflegt. „Alſo ſoll ich waͤrten?“ fragte der junge Mann. „Ja.⸗ „Aber der Contract... Daſſelbe Lächeln wiederholte ſich. „Wollen Sie ſagen, daß er nicht unterzeichnet werden wird?“ „Ja.“ „O verzeihen Sie,“ ſchrie Morrel,„es iſt mir wohl erlaubt, ein ſo großes, ſo unerwartetes Glück zu bezweifeln. Alſo der Con⸗ tract ſoll wirklich nicht unterzeichnet werden?“ „Nein.“ Ungeachtet dieſer doppelten Verſicherung, wagte Maximilian dennoch nicht, daran zu glauben. Es kam ihm zu fremdartig vor, daß dieſer alte, ſo ganz ſeiner Kräfte beraubte Mann, ziſes Wunder bewirken könne. 4 Sei es, daß Noirtier unſern Freund durchſchaute, ſei es, daß er nicht recht an die Folgſamkeit des jungen Mannes glaubte, genug, er ſah ihn ſtarr an. 4 er 2„ . = B er⸗ ————— —— 973 „Wollen Sie, daß ich Ihnen mein Verſprechen wiederhole, zu warten?“ Noirtier's Blick blieb feſt auf ihn gerichtet, wie um zu ſagen, ein Verſprechen genüge ihm nicht, dann glitt er von ſeinem Geſichte auf die Hand. „Soll ich ſchwören?“ fragte Morrel. „Ja,“ ſprachen die ernſten Augen des Greiſes,„das will ich.“ Morrel begriff, daß Herr von Noirtier eine große Wichtigkeit auf dieſen Schwur legte. Er hob die Hand. „Bei meiner Ehre,“ rief er,„ſchwöre ich, das abzuwarten, wie Sie gegen Herrn von Epinay zu thun entſchloſſen ſind.“ „Gut,“ ſagten die Augen des Greiſes. „Jetzt, mein Herr,“ fragte Morrel,„wünſchen Sie wohl, daß ich Sie verlaſſe?“ „Ja.“ „Ohne Fräulein Valentine wieder zu ſehen?“ „Ifl.“ Morrel verſicherte ihn ſeines Gehorſams.. „Aber nun erlauben Sie mir,“ bat er,„daß Ihr Sohn Sie umarmen darf, wie Sie es vorhin Ihrer Tochter geſtatteten.“ Der Ausdruck von Noirtier's Augen konnte nicht trügen. Maximilian berührte die Stirn des Greiſes mit ſeinen Lippen,— es war dieſelbe Stelle, auf welcher Valentine’'s Mund geruhet hatte. Im Vorzimmer fand er den alten, durch Valentine vorbereiteten Barrois; dieſer geleitete ihn durch finſtere Gänge zu einer kleinen, in den Garten führenden Thür. Bald ſtand Morrel an dem Gitter, erkletterte eine Hagebuche, ſtieg von dort auf die Mauer und war mit Hilfe ſeiner Strickleiter in wenigen Secunden in der Luzerne, wo Pferd und Wagen ruhig warteten. 2 Er ſtieg in ſein Cabriolet, aufgeregt durch ſo viel Erſchütter⸗ ungen, aber mit erleichtertem Herzen. Um Mitternacht langte er in ſeiner Wohnung an, warf ſich in's Bett und ſchlief, als habe er einen tüchtigen Rauſch zu verſchlafen. N LXXV. Das Grabgewölbe der Familie v. Billefort. Zwei Tage ſpäter hatte ſich gegen zehn Uhr Morgens eine anſehnliche Menſchenmenge vor dem Hauſe des königlichen Procu⸗ rators verſammelt und man gewahrte eine unabſehbare Menge Trauer⸗ und Familienwagen. Zwiſchen dieſen Equipagen bemerkte man ein ſonderbar ge⸗ ſtaltetes Fuhrwerk, welches eine lange Reiſe gemacht zu haben ſchien. Es war eine Art Packwagen, ſchwarz beſchlagen, und einer der erſten, welcher ſich zu dieſer traurigen Feierlichkeit eingefunden hatte. Auf Befragen erfuhr man, daß dieſer Wagen die Ueberreſte des Herrn Marquis von Saint⸗Méran umſchloß, durch ein ſonder⸗ bares Zuſammentreffen eben angelangt war, und daß alſo die Gäſte ſtatt eines Begräbniſſes zweien beiwohnen würden. Das Gefolge war ſehr bedeutend. Herr von Saint⸗Méran, einer der treueſten und eifrigſten Anhänger und Würdenträger Ludwig XVIII. und Karl X., hatte ſehr viel Freunde gehabt, die, vereinigt mit den Perſonen, die Herrn von Villefort's geſellſchaftliche Verhältniſſe verſammelt hatten, ein großes Ganze bildeten. Nachdem der Leichnam des Marquis aus dem Packwagen in einen, gleich dem ſeiner Gemahlin mit großer Pracht geſchmückten Leichenwagen gehoben war, ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Die beiden Leichname kamen nach dem Kirchhofe des Père- Lachaise, wo ſich Herrn von Villefort's Erbbegräbniß befand. In dieſem Grabgewölbe ruhte auch der Körper der armen Renée, um ſich nach zehnjähriger Trennung wieder mit den Eltern zu vereinen. Das ſtets neugierige, ſtets durch ſo prachtvolle Leichenfeierlich⸗ keiten bewegte Paris ſah mit religiöſem Schweigen dieſem glänzen⸗ den Zuge nach, der die Ueberreſte dieſer beiden alten Ariſtokraten —— zur let behaug wandel Wagen. Renaud fand i würde entgeg ſtorben ihres hatte ja wo Ich Conſt aber Selte der A Fräul dieſen glauk Noirt cem ſelbſt Es iſ poleo Vach Vorn —— 975 zur letzten Ruheſtätte geleitete, die Beide, ſtets würdig ihren Adel behauptend, zuverläſſig in geſellſchaftlichen Beziehungen und un⸗ wandelbar treu ihren Grundſätzen geweſen waren. Beauchamp, Dobray und Chateau⸗Renaud folgten in demſelben Wagen dieſem ſo unerwarteten und vorhergeſehenen Trauerzuge. „Als ich voriges Jahr von Algier zurückkam,“ ſagte Chateau⸗ Renaud,„ſah ich Frau von Saint⸗Märan noch in Marſeille, und fand ihre Geſundheit ſo ausgezeichnet, daß ich ſicher glaubte, ſie würde hundert Jahr alt werden. Wie alt war ſie?“ „Sechsundſechzig Jahre, wie mir wenigſtens Franz ſagte,“ entgegnete Albert,„aber ſie iſt auch nicht an Altersſchwäche ge⸗ ſtorben, ſondern der Kummer hat ſie getödtet. Seit dem Tode ihres Gemahls iſt ihre Beſinnung nie vollſtändig wiedergekehrt, er hatte ſie zu tief erſchüttert.“ „Aber ſie iſt alſo doch krank geweſen?“ fragte Dobray. „An einem Schlaganfalle oder einem Gehirnſchlage, das iſt ja wohl daſſelbe.“ „Ziemlich.“ „Schlaganfall?“ fragte Beauchamp,„das iſt kaum glaublich. Ich habe Frau von Saint⸗Méran zwar ſelten geſehen, aber ihre Conſtitution war mehr nervös als ſanguiniſch, ihre Figur war klein, aber ſchlank, und bei ſolchen Perſonen ſind Schlaganfälle eine große Seltenheit.“ „Jedenfalls,“ ſagte Albert,„welches auch die Krankheit oder der Arzt ſei, der ſie getödtet hat, Herr von Villefort, oder vielmehr Fräulein Valentine, oder vielmehr unſer Freund Franz wird durch dieſen doppelten Todesfall Beſitzer einer prächtigen Erbſchaft, ich glaube achtzigtauſend Livres Renten.“ „Und dieſe Erbſchaft wird durch den Tod des alten Jacobiners Noirtier noch um faſt das Doppelte vergrößert werden.“ „O das iſt ein zäher Großvater,“ lachte Beauchamp.„Tena- cem propositi virum. Ich glaube er hat gewettet, ſeine Erben ſelbſt zu beerben. Und meiner Treu', dahin wird's auch kommen. Es iſt der alte Conventsdeputirte von Anno 93, der 1814 zu Na⸗ poleon ſagte:„Sie ſinken, weil Ihr Reich ein junger, durch ſein Wachsthum geſchwächter Stamm iſt, nehmen Sie die Republik zum Vormunde, kehren Sie mit einer guten Conſtitution auf die Schlacht⸗ ——— 4 1 4 976 felder zurück, und ich verſpreche Ihnen fünfhunderttauſend Soldaten, ein anderes Marengo, ein zweites Auſterlitz. Die Gedanken ſterben nicht, Sire, ſie ſchlafen zuweilen, um dann ſtärker als vorher zu erwachen.““ „Es ſcheint,“ ſagte Albert,„als ſeien die Menſchen und Ge⸗ danken ihm gleich, nur Eins beunruhigt mich, und zwar, wie Franz ſich darein fügen wird, dieſen Großvater mit zu übernehmen, der ſich nicht von ſeiner Enkelin trennen kann. Aber wo iſt Epinay?“ „Im erſten Wagen mit Herrn von Villefort, der ihn ſchon ganz als zur Familie gehörig betrachtet.“ In jeder der vielen Equipagen ward faſt dieſelbe Unterhaltung geführt, man wunderte ſich über dieſe beiden, ſo raſch hinter einan⸗ der folgenden Todesfälle, aber nirgends ahnte man das ſchreckliche Geheimniß, deſſen Mitwiſſer Morrel auf ſo ſonderbare Weiſe ge⸗ worden war. Ungefähr nach einer Stunde kam man auf dem Kirchhofe an, — es war ruhiges, aber trübes Wetter, ganz wie zu dieſer ernſten Feierlichkeit gemacht. Unter der ſich der Familiengruft nahenden Menge erkannte Chateau⸗Renaud auch Morrel, der in ſeinem Cabriolet gekommen war, und jetzt ſehr blaß und ernſt, auf dem kleinen, mit Taxusbäumen bepflanzten Wege dahinſchritt. „Sie hier?“ ſagte er, ſeinen Arm in den des jungen Capitains legend,„kennen Sie Herrn von Villefort? Wie kommt es denn, daß ich Sie nie dort geſehen habe?“ „Herrn von Villefort kenne ich nicht,“ ſagte Morrel,„ſondern nur Frau von Saint⸗Méran war mir bekannt.“ In dieſem Augenblicke trat Albert mit Franz zu ihnen. „Der Ort iſt zwar ſchlecht zu einer Vorſtellung gewählt,“ ſagte Albert;„aber das thut nichts, wir ſind nicht abergläubig. Herr Morrel, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Franz von Epinay vorzu⸗ ſtellen, meinen trefflichen Reiſegefährten, mit welchem ich die Tour durch Italien gemacht habe. Mein lieber Franz, Herr Maximilian Morrel, ein trefflicher Freund, mit dem ich in Deiner Abweſenheit bekannt wurde, und deſſen Namen Du ſtets von mir hören wirſt, wenn von Güte, Verſtand und Liebenswürdigkeit die Rede iſt.“ Morrel zögerte. Er fragte ſich, ob es nicht ſtrafbare Verſtell⸗ ung ſei, dieſen Mann faſt freundſchaftlich zu grüßen, gegen den er - 977 agiren wollte. Aber er erinnerte ſich ſeines Schwurs und grüßte anſcheinend ruhig. „Fräulein von Villefort iſt ſehr traurig, nicht wahr?“ ſagte Dobray zu Franz. „Unausſprechlich,“ entgegnete dieſer,„ich fand ſie dieſen Morgen ſo verändert, daß ich ſie kaum erkannte.“ Dieſe einfachen Worte zerriſſen Morrel's Herz. Dieſer Franz hatte ſeine Geliebte alſo geſehen und ſie geſprochen. Nochmals mußte dieſer junge, hitzige Offizier alle ſeine Willens⸗ kraft ſammeln, um ſeinen Schwur nicht zu brechen. Er nahm Chateau⸗Renaud's Arm und führte ihn zu der Gruft. „Herrliche Wohnung,“ ſagte Beauchamp, ſeine Augen auf das Mauſoleum heftend,„Winter⸗ und Sommerpallaſt. Auch Sie, beſter Epinay, werden einſt hier ruhen, da ſie bald zur Familie gehören. Ich bin Philoſoph, und ziehe eine Ruheſtätte unter den Bäumen des Feldes, dieſer Laſt von Steinen auf meinem armen Körper vor. Sterbend werde ich zu meiner Umgebung ſagen, was Voltaire an Piron ſchrieb: Eo rus, und dann wird Alles aus ſein... Aber Muth, Franz, Ihre Frau iſt eine Erbin.“ „Wirklich, Beauchamp,“ rief Franz,„Sie ſind unerträglich. Dieſe politiſchen Affairen haben es Ihnen zur Gewohnheit gemacht, über Alles zu lachen und an Nichts zu glauben. Aber, mein Lieber, wenn Sie die Ehre haben, mit gewöhnlichen Menſchen zuſammen zu ſein, und das Glück, die Politik einen Augenblick zu verlaſſen, ſo bemühen Sie ſich, Ihr in der Deputirten⸗ oder Pairskammer gelaſſenes Herz mitzubringen.“ „Ach, mein Gott,“ rief Beauchamp,„was iſt das Leben? Ein Ruhepunkt im Vorzimmer des Todes.“ „Ich muß Beauchamp wirklich noch ganz gram werden,“ ſagte Albert, und zog ſich einige Schritte mit Franz zurück, den armen Dobray Beauchamps philoſophiſchen Betrachtungen überlaſſend. Die Villefort'ſche Familiengruft war aus weißen Steinen erbaut, bildete ein Viereck und war ungefähr zwanzig Fuß hoch. Im Innern war es in zwei Abtheilungen getheilt, von denen die eine der Familie Villefort, die andere für die Familie Saint⸗Méran beſtimmt war, und zwei Eingangsthüren hatte. Man fand ſich nicht durch jenen Prunk geſtört, den manche Der Graf von Monte⸗Chriſto. —³— —— 978 Erbbegräbniſſe ſo widerlich zur Schau tragen, ſondern man trat durch eine einfache Thüre von Bronze in ein ernſtes, düſteres Vor⸗ gemach, welches durch eine Mauer von der wirklichen Gruſt ge⸗ trennt war. In der Mitte dieſer Mauer öffneten ſich die erwähnten Thüren. Hier konnte der Schmerz ſich frei aushauchen, ohne daß die Spaziergänger und Beſucher des Kirchhofes Pèére-Lachaise, die nicht ſelten verliebten Abenteuern nachgingen, durch ihre Geſänge und ihr Geſchrei die ſtumme Betrachtung oder die Thränen der am Grabe ihrer verſtorbenen Angehörigen Betenden ſtörten. Die beiden Särge wurden in dem rechts gelegenen Raume niedergeſetzt und nur Villefort, Franz und einige andere nahe Ver⸗ wandte wohnten dieſer düſtern Handlung bei. Nachdem nun alle religiöſen Feierlichkeiten beendet waren, zerſtreute ſich das Trauergefolge; Chateau⸗Renaud, Morrel und Albert entfernten ſich von der einen Seite, während Dobray und Beauchamp den entgegengeſetzten Weg einſchlugen. Franz blieb mit Herrn von Villefort an der Thüre des Kirch⸗ hofes ſtehen und Morrel, der unter irgend einem Vorwande zurück⸗ geblieben war, ſah, wie Beide zuſammen in einen Trauerwagen ſtiegen und hatte die trübſeligſten Ahnungen über dieſes Beiſammen⸗ ſein. Er holte ſeine Freunde wieder ein, hörte jedoch kein Wort von ihrer Unterhaltung, obgleich ſie in einem Wagen nach Paris zurückkehrten. Als Franz ſich von dem königlichen Procurator verabſchiedete, ſagte dieſer: „Herr Baron, wann werde ich Sie wiederſehen?“ „Wann Sie befehlen, gnädiger Herr,“ entgegnete dieſer. „Sobald als möglich.“ „Ich ſtehe zu Befehl, wünſchen Sie, daß ich Sie jetzt begleite: 24 „Wenn Sie nichts Anderes vorhaben?“ „Gar nichts.“ So kam es, daß der künftige Schwiegervater mit dem künftigen Schwiegerſohne in demſelben Wagen den Kirchhof verließ, woraus Morrel nicht ohne Grund Wichtiges folgerte. Villefort und Epinay erreichten die Vorſtadt Saint⸗Honoré. Der königliche Procurator trat weder bei ſeiner Frau noch bei feiner 7 und bat ich ſoge er iſt 1 halig ſ Sterbebe kinen A ſind, wi Tochter üne 2 Descha auf dem „H wird je falls ni liebten von die „1 in We Freude, 96 tract u Feierli — u Hauſe Tochter acht T in alle Wunſc Sie k Frau —-——§— —;—ᷣ—ᷣͦ—ᷣ̈̈ᷣↄ 979 ſeiner Tochter ein, ſondern nahm Franz mit ſich in ſein Kabinet, und bat ihn, Platz zu nehmen. „Herr von Epinay,“ ſagte er,„der Augenblick zu dem, was ich ſagen werde, ſcheint Ihnen anfangs vielleicht ſchlecht gewählt, er iſt es jedoch nicht, denn der letzte Wille eines Todten muß uns heilig ſein, und Frau von Saint⸗Mäéran's letzter Wunſch auf ihrem Sterbebette war, daß die Heirath zwiſchen Ihnen und Valentine keinen Aufſchub erleiden ſollte. Die Angelegenheiten der Verſtorbenen ſind, wie Sie wiſſen, vollſtändig geordnet, ihr Teſtament ſetzt meine Tochter zum einzigen Erben ein, und Sie können in den Acten den Ihre Vermählung betreffenden Artikel ſelbſt durchſehen. Herr Deschamps, der Notar, in deſſen Händen ſie ſich befinden, wohnt auf dem Beauveauplatze, in der Vorſtadt Saint⸗Honoré.“ „Herr Procurator,“ ſagte Franz,„ich fürchte, Fräulein Valentine wird jetzt in ihrer tiefen Betrübniß nicht geneigt ſein, an eine Heirath zu denken....“ „Valentine,“ unterbrach ihn Herr von Villefort,„wird jeden⸗ falls nichts ſehnlicher wünſchen, als dem letzten Willen ihrer ge⸗ liebten Großmutter nachzukommen, und ich verſichere Sie, daß uns von dieſer Seite keine Schwierigkeiten kommen werden.“ „Dann, mein Herr,“ entgegnete Franz,„ſteht der Sache nichts im Wege, denn ich erfülle mein gegebenes Wort nicht nur mit Freude, ſondern voll Glück.“ „Charmant,“ rief Villefort,„vor drei Tagen ſollte der Con⸗ tract unterzeichnet werden, Alles war vorbereitet, alſo kann die Feierlichkeit noch heute ſtattfinden.“ „Aber die Trauer?“ wandte Franz zögernd ein. „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete der Procurator,„in meinem Hauſe ſoll die gute Sitte nicht vernachläſſigt werden. Meine Tochter kann ſich auf ihr Beſitzthum Saint⸗Méran zurückziehen, in acht Tagen kann dort, wenn Sie es zufrieden ſind, die Civil⸗Ehe in aller Stille geſchloſſen werden. Es war Frau von Saint⸗Méran's Wunſch, daß ſich ihre Enkelin auf dieſem Gute vermählen ſollte. Sie können dann nach Paris zurückkehren, während Ihre junge Frau die Trauerzeit mit ihrer Stiefmutter dort verlebt.“ „Wie Sie wünſchen,“ entgegnete Franz. „Gut alſo, haben Sie die Güte, eine halbe Stunde zu warten, 62* bis Valentine im Salon erſcheinen wird. Ich werde zu dem Notar ———— 4 980 ſchicken, wir leſen und unterzeichnen den Contract, meine Frau reiſt mit Valentine noch dieſen Abend ab und Sie treffen in acht Tagen dort mit ihr zuſammen.“ „Ich habe nur noch einen Wunſch,“ ſagte Franz. „Und welchen?“ „Ich wünſchte, daß Albert von Morcerf und Raoul von Chateau⸗Renaud, die, wie Sie wiſſen, meine Zeugen ſind, bei der Unterzeichnung des Contractes zugegen ſein könnten.“ „In einer halben Stunde können ſie da ſein. Wollen Sie ſelbſt Ihre Freunde holen, oder ſoll ich ſie rufen laſſen?“ „Ich werde ſelbſt gehen.“ „Gut, lieber Baron, in einer halben Stunde erwarte ich Sie zurück und Valentine wird bereit ſein.“ Franz entfernte ſich. Kaum hatte er das Haus verlaſſen, als Villefort ſeiner Tochter ſagen ließ, ſie möge in einer halben Stunde im Salon erſcheinen, weil dann auch der Notar und Herr von Epinay mit ſeinen Zeugen eintreffen würden. Dieſe unerwartete Nachricht brachte eine große Verwirrung im Hauſe hervor. Frau von Villefort wollte durchaus nicht daran glauben, und Valentine war einer Ohnmacht nahe. Sie ſah ſich überall vergebens nach Hilfe um. Eben im Begriff, bei Herrn von Noirtier Troſt zu ſuchen, begegnete ihr auf der Treppe ihr Vater, ergriff ihre Hand und führte ſie in den Saal. Im Vorzimmer begegnete ihnen Barrois, den Valentine troſt⸗ los anſah. Gleich nach Valentine trat Frau von Villefort mit dem kleinen Eduard in den Saal. Es war augenſcheinlich, daß die junge Frau den Kummer der Familie getheilt hatte; ſie war bleich und ſchien entſetzlich angegriffen. Sie ſetzte ſich, nahm ihren Sohn auf den Schooß und preßte ihn, ihr ganzes Lebensglück, zuweilen krampfhaft an ſich. Bald hörte man zwei Wagen in den Hof rollen. Einige Augenblicke ſpäter trat Franz mit ſeinen beiden Freun⸗ —— Seiten von V von N ſein b jedoch, das R das C zugrei :daß gekom denn den und dem Notar in den Saal, woſelbſt alſo nun Alle ver⸗ Las 981 ſammelt waren, die der Unterzeichnung des Ehecontractes beiwohnen ſollten. Valentine war ſo leichenhaft bleich, daß ihre blauen Adern ſich an den Schläfen und über der Stirn abzeichneten. Auch Franz war lebhaft und ſichtlich bewegt. Chateau⸗Renaud und Albert ſahen einander überraſcht an, die eben beendete Feierlichkeit ſchien mit der eben beginnenden an Traurigkeit gleich. Frau von Villefort ſaß hinter einem Sammtvorhange, und da ſie ſich faſt immer über ihren Sohn gebeugt hatte, war es un⸗ möglich, in ihrem Geſichte zu leſen, was in ihrem Innern vorging. Herr von Villefort war unempfindlich wie immer. Nachdem der Notar ſeine Papiere auf dem Tiſche geordnet, ſich in dem Lehnſtuhle zurechtgeſetzt und ſeine Brille gerückt hatte, fragte er Franz, obgleich er es wußte: „Sind Sie Herr Franz von Quesnel, Baron von Epinay?“ „Ja, mein Herr,“ entgegnete Franz. Der Notar verbeugte ſich. „Ich muß Ihnen alſo mittheilen, mein Herr, und zwar von Seiten des Herrn von Villefort, daß Ihre mit Fräulein Valentine von Villefort beabſichtigte Vermählung die Dispoſition des Herrn von Noirtier zu Gunſten ſeiner Enkelin geändert hat und er ihr ſein bis dahin zugedachtes Vermögen entzieht. Beeilen wir uns jedoch, hinzuzufügen,“ fuhr der Notar fort,„daß der Teſtator nur das Recht hatte, über einen Theil zu verfügen, während er über das Ganze verfügt hat, wir alſo befugt ſind, das Teſtament an⸗ zugreifen und für null und nichtig zu erklären.“ „Ja,“ ſagte Villefort,„nur bitte ich, daß, ſo lange ich lebe, das Teſtament unangerührt bleibt, da meine Stellung mir eine ſo Aufſehen erregende Handlung, wie das Anfechten eines Teſtaments iſt, nicht erlaubt.“ „Es iſt mir ſehr unangenehm, mein Herr,“ entgegnete Franz, 5„daß ſolche Sachen in Fräulein Valentine's Gegenwart zur Sprache gekommen ſind. Ich habe mich nie um ihr Vermögen geängſtet, denn es bleibt jedenfalls noch weit anſehnlicher als das meinige. Was meine Familie beſtimmte, mit Herrn von Villefort in Ver⸗ 982 bindung zu treten, war das Anſehen deſſelben; was mich beſtimmt und was ich zu finden hoffe, iſt Glück.“ Valentine machte ein unmerkliches Zeichen von Dankſagung, während zwei große Thränen über ihre Wangen rollten. „Uebrigens,“ ſagte Villefort zu ſeinem künftigen Schwiegerſohne, „darf dieſes Teſtament Sie durchaus nicht kränken, rechnen Sie dieſe Sache der Schwäche meines Vaters zu. Es kränkt ihn nicht, daß meine Tochter ſich gerade mit Ihnen vermählt, nein, jede andere Verbindung würde ihn eben ſo ſehr betrüben. Das Alter iſt egoiſtiſch, und Valentine war ihrem Großvater ſtets eine ſo treue Gefährtin, als es die Baronin von Epinay keinenfalls ſein kann. Der unglückliche Zuſtand, in dem ſich mein Vater befindet, macht, daß man ſelten mit ihm von ſo ernſten Angelegenheiten ſpricht, da ſein geſchwächter Geiſt doch nicht folgen würde; und ich bin vollkommen überzeugt, daß Herr von Noirtier in dieſer Stunde, ob⸗ gleich wiſſend, daß ſeine Enkelin ſich verheirathet, ſogar den Namen ihres künftigen Gemahls vergeſſen haben wird.“ Kaum hatte der Procurator dieſe Worte geſagt, und Franz durch eine ſtumme Verbeugung geantwortet, als Barrois plötzlich eintrat.. „Meine Herren,“ ſagte er, und ſeine Stimme war, für die eines Dieners, der zu ſeinem Herrn ſpricht, ungewöhnlich feſt,„Herr Noirtier von Villefort wünſcht auf der Stelle Herrn Franz von Quesnel, Baron von Epinay zu ſprechen.“ Auch er gab, gleich dem Notar, dem Verlobten ſeinen ganzen Titel. Villefort zitterte, ſeine Gemahlin ließ ihren Sohn auf die Erde gleiten, Valentine war bleich und ſtumm wie eine Bildſäule. Albert und Chateau⸗Renaud wechſelten einen zweiten Blick, der noch mehr Erſtaunen ausdrückte, als der erſte. Der Notar ſah den königlichen Procurator an. „Das iſt unmöglich,“ ſagte dieſer,„Herr von Epinay kann den Saal jetzt nicht verlaſſen.“ „Und doch wünſcht mein Gebieter den Herrn Baron ſogleich und zwar in Sachen von der höchſten Wichtigkeit zu ſprechen,“ ſagte Barrois. ſeiner E ihres ſort, 1 ierhe 4 Palel neue zurief zu ſt um bezei nach ſih Gele Unr falls ſich brüc Blie 983 „Ach, ſpricht Großvater Noirtier jetzt?“ fragte Eduard mit ſeiner gewöhnlichen Unverſchämtheit. Selbſt ſeine Mutter belächelte nicht wie gewöhnlich die Worte — ihres Lieblings, ihr Geiſt war mit zu ernſten Dingen beſchäftigt. „Sagen Sie Herrn von Noirtier,“ entgegnete Herr von Ville⸗ fort,„daß ſein Wunſch nicht erfüllt werden kann.“ „So wird mein Gebieter den Herren zuvorkommen und ſich hierher in den Salon tragen laſſen.“ Das allgemeine Staunen erreichte den höchſten Gipfel. Eine Art Lächeln glitt über Frau von Villefort's Geſicht. Valentine blickte aufwärts, wie um dem Himmel zu danken. „Valentine,“ ſagte ihr Vater,„bitte, ſieh nach, was dieſer neue Einfall Deines Großvaters zu bedeuten hat.“ Valentine ging raſch nach der Thüre zu, als Villefort ihr zurief: „Warte, ich werde Dich begleiten.“ „Verzeihen Sie,“ ſagte nun Franz,„da Ihr Herr Vater mich zu ſprechen wünſcht, werde ich eilen, ſeinen Wünſchen nachzukommen, um ſo mehr, als ich entzückt ſein werde, ihm meine Ehrfurcht zu bezeigen, indem ich noch nicht Gelegenheit hatte, um dieſe Ehre nachzuſuchen.“ „O mein Gott!“ rief Villefort ſichtlich beunruhigt,„laſſen Sie ſich doch jetzt nicht dadurch ſtören.“ „Verzeihen Sie,“ ſagte Franz beſtimmt;„ich wünſche dieſe Gelegenheit zu benutzen, um Herrn Noirtier zu beweiſen, daß er Unrecht hat, dieſen Widerwillen gegen mich zu faſſen, den ich jeden⸗ falls durch meine tiefſte Ergebenheit zu beſiegen willens bin.“ Und ohne ſich länger von Villefort zurückhalten zu laſſen, erhob ſich Franz und folgte Valentine, die mit der Freude eines Schiff⸗ brüchigen, der ſich an einen Felſen klammert, die Treppe herabſtieg. Herr von Villefort folgte Beiden. Morcerf und Raoul wechſelten einen dritten, noch erſtaunteren Blick, als die beiden erſten. —— LXXVI. Protocoll. Noirtier erwartete ſie, er war ſchwarz gekleidet, und ſaß wie gewöhnlich in ſeinem Lehnſtuhle. 3 Als die drei Perſonen eingetreten waren, ſchloß Barrois die Thür hinter ihnen. „Hüte Dich wohl,“ ſagte Villefort leiſe zu Valentine, die kaum ihre Freude verbergen konnte,„etwas zu ſagen, was Deine Heirath verhindern könnte. Sagt Dein Großvater ſolche Dinge, ſo ver⸗ ſchweige ſie, ich befehle es Dir.“ Valentine erröthete, antwortete jedoch nicht. Villefort näherte ſich Noirtier. „Hier iſt Herr von Epinay, Ihrem Wunſche gemäß,“ ſagte er. „Jedenfalls wünſchten wir dieſe Zuſammenkunft ſchon lange, und ich werde entzückt ſein, wenn ſie Ihnen beweiſt, wie ungegründet Ihr Widerwille gegen Valentine's Heirath war.“ Noirtier antwortete nur durch einen Blick, der ſeinen Sohn erbeben machte. Er gab Valentine ein Zeichen, näher zu treten. Dank ihrer Kenntniß in der Unterhaltung mit ihrem Groß⸗ vater, fand ſie bald das Wort Schlüſſel. Dann folgte ſie dem Blicke des Greiſes und fand, daß er in dem Fache eines kleinen, zwiſchen den Fenſtern ſtehenden Schränk⸗ chens lag. Sie öffnete dieſes Fach und fand in demſelben wirklich einen Schlüſſel. Als Valentine ſich nun überzeugt hatte, den rechten Schlüſſel gefunden zu haben, folgte ſie von Neuem den Augen ihres Groß⸗ — ——————— vaters und fand ſie auf den alten, längſt vergeſſenen Seeretär 6 rechte, 985 gerichtet, der, wie man glaubte, nichts als unbrauchbare Papiere enthielt. „Soll ich dieſen Secretär öffnen?“ fragte ſie. S„Ja.“ „Soll ich die Fächer öffnen?“ 7 „Ja.“ 1 „Die zur Seite?“ „Nein.“ „Die mittlern.“ Valentine öffnete und zog ein Paquet heraus. die„Wünſchteſt Du dies, lieber Großvater?“ fragte ſie. „Nein.“ d—e Sie zog nach und nach alle Papiere heraus, keins war das rechte, endlich war keins mehr in dem Fache. in„Aber es iſt jetzt leer,“ ſagte ſie. th Der Greis ſah auf den Dictionnär. er⸗„Ich verſtehe, Großpapa,“ ſagte das junge Mädchen. Und ſie durchging laut das Alphabet, bis Noirtier am G. anhielt. Sie öffnete den Dictionnär und ſuchte bis zu dem Worte Ge⸗ r. heimniß. nd„Ach, ein Geheimniß?“ fragte Valentine. et 1.„Ja.“ „Und wer kennt dieſes Geheimniß?“ jn Der Greis ſah nach der Thür. „Barrois?“ fragte ſie. „Ja,“ nickte der Greis. f—„Soll ich ihn rufen?“ „Ja.“ n Valentine gehorchte. 3 Franz war ſtumm vor Staunen, während Villefort die größte uUngeduld zeigte. n Der alte Diener erſchien. „Barrois,“ ſagte Valentine,„mein Großvater hat mir be⸗ foohlen, mit einem Schlüſſel, den ich im kleinen Schränkchen fand, den Secretär zu öffnen, und dieſes Fach aufzuziehen, in dem etwas verborgen zu ſein ſcheint, das Ihr kennt; öffnet es alſo.“ 986 Der alte Diener ſah ſeinen Herrn an. Noirtier's Auge ſprach: Gehorche! Barrois trat an den Secretär, zog einen doppelten Boden in die Höhe und nahm daraus ein Packet Papiere, das mit einem ſchwarzen Bande umwickelt war. „Wünſchen Sie das, gnädiger Herr?“ fragte Barrois. „Ja. 4 „Und wem ſoll ich dieſe Papiere geben, Herrn von Villefort?“ „Nein.“ „Fräulein Valentine?“ „Nein.“ „Herrn von Epinay?“ „Ja.“ Ueberraſcht trat Franz einen Schritt näher. „Mir, mein Herre fragte er. „Ja.“ Franz empfing die Schriften aus Barrois Händen und las: „Nach meinem Tode meinem Freunde, dem General Durand zu übergeben, der ſie bei ſeinem Tode ſeinem Sohne mit dem ausdrücklichen Befehle vermachen ſoll, ſie zu bewahren, als ob ſie ein Papier von der höchſten Wichtigkeit verſchlöſſen.“ „Aber was ſoll ich damit?“ fragte Franz. „Verſiegelt, wie es ohne Zweifel iſt, aufbewahren,“ ſagte Herr von Villefort. „Nein, nein,“ ſprach das ängſtlich blickende Auge ſeines Vaters. „Du wünſcheſt vielleicht, daß der Herr ſie lieſt?“ fragte Va⸗ lentine. „Ja.“ „Sie hören, Herr Baron, mein Großpapa bittet Sie, dieſe Papiere zu leſen.“ „Setzen wir uns alſo,“ ſagte der Procurator ärgerlich,„denn das dürfte lange dauern.“ Der Greis ſtimmte bei. Villefort nahm Platz, Valentine lehnte ſich an ihres Groß⸗ vaters Stuhl, Epinay blieb vor ihm ſtehen. Er hielt die Papiere in der Hand. „Leſen Sie,“ bat Noirtier's Auge. 987 Tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer, als Franz, die Papiere entfaltend, folgende Worte las: „ Auszug aus dem Protocoll einer Sitzung des bona⸗ partiſtiſchen Clubbs der Straßt Saint Jacques, gehalten am 5. Februar 1815.“ Franz hielt inne. „Der 5. Februar 1815,“ rief er,„das iſt der Tag, an welchem mein Vater getödtet wurde.“ Valentine und Villefort blieben ſtumm, nur Noirtiors Auge ſprach deutlich: Fahren Sie fort! „Aber mein Vater wurde getödtet, als er dieſen Ctubb ver⸗ ließ,“ rief Franz.— „Leſen Sie!“ bat der Blick des Greiſes. Er fuhr fort: „Die Unterzeichneten, Louis Jacques Beaurepaire, Obriſt⸗ lieutenant der Artillerie; Etienne Duchampy, Brigade⸗General, und Claude Lecharpal, Director der Forſten und Gewäſſer, erklären, daß am 4. Februar 1815 ein Brief von der Inſel Elba anlangte, der den General Flavier von Quesnel dem Wohlwollen und Vertrauen der Mitglieder des bonapartiſtiſchen Clubbs anempfahl. Quesnel hatte dem Kaiſer von 1804 bis 1813 gedient und mußte der napoleo⸗ niſchen Dynaſtie treu ergeben ſein, des ihm nach ſeinem Gute Epinay durch Ludwig XVIII. verliehenen Barontitels ungeachtet. „In Folge dieſes Briefes ward dem General ein Billet ge⸗ ſchrieben, in dem man ihn bat, der zum nächſten Tage anberaumten Sitzung beizuwohnen. Das Billet zeigte weder Straße noch Haus⸗ nummer an, wo die Verſammlung ſtattfinden ſollte, es hatte keine Unterſchrift, aber es meldete dem General, daß man ihn um neun Uhr Abends abholen würde, wenn er bereit ſein wollte. „Die Sitzungen fanden von neun Uhr Abends bis Mitter⸗ nacht ſtatt. „Um neun Uhr fand ſich der Präſident des Clubbs bei dem General ein, dieſer war bereit. Der Präſident ſagte ihm, eine der erſten Bedingungen dieſer Geſellſchaft ſei, den Ort ihrer Zuſammen⸗ künfte nicht zu kennen, er müſſe ſich deshalb die Augen verbinden laſſen und nicht verſuchen, dieſe Binde zu lüften. „Der General von Quesnel unterwarf ſich dieſer Bedingung ——— 988 und verſprach bei ſeiner Ehre, nicht zu erforſchen, wohin man ihn führe. „Der Wagen des Generals ſtand bereit, der Präſident ver⸗ ſicherte ihm jedoch, es ſei unmöglich, ſich deſſelben zu bedienen, weil man nicht die Augen des Herrn zu verbinden nöthig habe, wenn der Kutſcher mit offenen Augen die Straßen erkennen könne, durch die der Weg gehe. „„Was ſollen wir dann machen?“ fragte der General. „„Ich habe meinen Wagen hier,“ entgegnete der Präſident. „„Sind Sie denn Ihres Kutſchers ſo ſicher, daß Sie ihm ein Geheimniß anvertrauen, das der meinige unter keiner Bedingung wiſſen darf?“ „„Unſer Kutſcher iſt ein Mitglied des Clubbs,“ ſagte der Präſident,„ein Staatsrath fährt uns.“ „„Ach,“ rief der General lachend,„dann ſetzen wir uns einer andern Gefahr aus, nämlich der, umgeworfen zu werden.“ „Wir berichten dieſen Scherz zum Beweiſe, daß Niemand den General gezwungen hat, der Sitzung beizuwohnen, ſondern daß er aus freiem Willen da war. „Als die Herren im Wagen ſaßen, erlaubte der General, ſeinem Verſprechen gemäß, daß ihm die Augen verbunden würden. „Während der Fahrt glaubte der Präſident zu bemerken, daß der General die Binde zu lüften verſuche, er erinnerte ihn an ſein Verſprechen. „„Ach, es iſt wahr,“ rief Quesnel. „Der Wagen hielt vor dem bezeichneten Hauſe, der General ſtieg aus und ſtützte ſich auf den Arm des Präſidenten, den er für ein einfaches Mitglied des Clubbs hielt, ſtieg mit ihm die Treppe hinauf und trat in das Verſammlungs⸗Zimmer. „Die Sitzung hatte begonnen, die Mitglieder, von der zu er⸗ wartenden Vorſtellung benachrichtigt, hatten ſich ungemein zahlreich eingefunden. In der Mitte des Zimmers angelangt, bat man den General, die Binde abzunehmen; er that es ſogleich und war ſehr erſtaunt, eine ſo große Anzahl bekannter Geſichter in dieſer Ver⸗ ſammlung zu ſehen, von deren Daſein er bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. „Man ſuchte ſeine Geſinnungen zu erforſchen, er antwortete me möglich, daß für Sie kein König Ludwig XVIII. exiſtirt, ich jedoch 989 jedoch, ſeine Anſichten müßten der Verſammlung durch den Brief aus Elba genugſam bekannt ſein.“ Franz unterbrach ſich. „Mein Vater war Royaliſt,“ ſagte er,„man hatte alſo nicht nöthig, ihn auszuforſchen, ſeine Anſichten waren bekannt genug.“ „Und daher,“ rief Villefort,„ſtammte meine Verbindung mit Ihrem Vater, lieber Baron; Gleichgeſinnte pflegen leicht Freunde zu werden.“ Dem bittenden Blicke Noirtier's gehorchend, las Franz weiter: „Darauf nahm der Präſident das Wort, um den General zu einer beſtimmteren Erklärung zu vermögen, aber Herr von Quesnel antwortete, daß er zu wiſſen wünſche, was man von ihm verlange. „Man las ihm nun den Brief von der Inſel Elba vor, in welchem Quesnel der Verſammlung als ein Mann geſchildert wurde, auf deſſen Hilfe man ſicher bauen könne. Ein ganzer Paragraph handelte von der Möglichkeit einer Rückkehr des Kaiſers von der Inſel Elba, und verſprach einen neuen, genaueren Brief durch den Pharaon, ein dem Rheder Morrel zu Verſaille gehörendes Fahr⸗ zeug, deſſen Kapitän dem Kaiſer ganz ergeben ſei. „Während der Leſung dieſes Briefes gab der General, auf deſſen Hilfe ſo ſicher gerechnet ward, die ſichtlichſten Spuren von Un⸗ zufriedenheit und Abneigung. „Nach Beendigung dieſer Lectüre blieb er ſchweigend und zog die Augenbrauen finſter zuſammen. „„Nun, Herr General,“ redete ihn der Präſident an,„was ſagen Sie zu dieſem Briefe?“ „„Ich ſage, daß wir erſt vor zu kurzer Zeit Ludwig XVIII. den Eid der Treue geleiſtet haben, um ihn ſchon jett zu Gunſten des Ex⸗Kaiſers wieder zu brechen.“ „Dieſes Mal war die Antwort zu klar, als daß man über die Geſinnungen des Generals hätte in Zweifel bleiben können. „„General,“ ſagte der Präſident,„es giebt für uns weder einen König Ludwig XVIII., noch einen Ex⸗Kaiſer.— Wir kennen nur Se. Majeſtät den Kaiſer und König, der ſeit ſechs Monaten aus ſeinem Lande Frankreich durch Gewalt und Verrath entfernt iſt.“ „„Verzeihung, meine Herren,“ entgegnete der General,„es iſt 990 erkenne ihn an und werde nie vergeſſen, daß er mich ſowohl zum Baron als zum Marſchall ernannte.“ „„Mein Herr,“ entgegnete der Präſident, ſich ſehr ernſt er⸗ hebend,„bedenken Sie wohl, was Sie da ſagen; aus Ihren Worten erſehen wir deutlich, daß man ſich auf der Inſel Elba geirrt habe und daß wir betrogen ſind. Im Vertrauen auf ein Gefühl, welches Sie nur ehren könnte, entdecken wir uns Ihnen, wir ſehen jetzt unſern Irrthum ein, Titel und Rang knüpfen Sie an ein Gou⸗ vernement, das wir ſtürzen wollen. Wir können und werden Nie⸗ mand zwingen, gegen ſeine Meinung und ohne ſeinen freien Willen unſerem Bunde beizutreten, aber wir werden Sie zwingen, zu han⸗ deln wie ein Ehrenmann, ſelbſt im Falle Sie nicht dazu geneigt ſein ſollten.“ „„Sie nennen es wie ein Ehrenmann handeln, wenn ich, Ihre Verſchwörung kennend, ſie nicht entdecke? Ich nenne das, Ihr Mit⸗ ſchuldiger ſein; Sie ſehen, ich bin noch freimüthiger als Sie...““ „O mein Vater!“ rief Franz, ſich unterbrechend,„jetzt begreife ich, weshalb ſie ihn getödtet haben.“ Valentine konnte nicht umhin, den jungen Mann zu betrachten, der in ſeiner kindlichen Begeiſterung wirklich außerordentlich ſchön war. Villefort ging unruhig auf und ab. Noirtier's Auge folgte Jedem, während er ſelbſt ſeine ernſte, würdige Haltung beibehielt. Franz faßte ſich und fuhr fort: „„Mein Herr,“ ſagte der Präſident,„man hat Sie gebeten, dieſer Verſammlung beizuwohnen und nicht gewaltſam herbeigeführt, man hat Ihnen vorgeſchlagen, ſich die Augen verbinden zu laſſen, Sie haben es gethan. Als Sie dieſer doppelten Verpflichtung nach⸗ kamen, wußten Sie recht wohl, daß wir uns nicht damit beſchäftigen, den Thron Ludwig XVIII. zu befeſtigen, weil wir dann nicht dieſe Sorgfalt darauf verwendet haben würden, uns vor der Polizei zu verbergen. Jetzt, Sie begreifen, würde es ſehr bequem ſein, die täuſchende Maske fallen zu laſſen, um uns zu verderben, die wir uns Ihnen anvertrauen. Nein, nein, erklären Sie jetzt offen und beſtimmt, ob Sie der Unſrige ſind oder nicht.“ „„Ich bin Royaliſt,“ entgegnete der General,„ich werde meinen dem König Ludwig XVIII. geleiſteten Schwur nicht brechen.“ —ᷓᷓ— ringst den J — unter zu d auch es da Thüre ſah an der Mehrzahl der Verſammelten nur zu deutlich, daß die 991 „Dieſen Worten folgte ein allgemeines Gemurmel und man Rede davon war, Herrn von Epinay ſeine unklugen Worte bereuen zu laſſen. „Der Präſident erhob ſich abermals und gebot Schweigen. „„Mein Herr,“ ſagte er,„Sie ſind ein zu ernſter und erfahrener Mann, um nicht die ganze Wichtigkeit unſerer gegenſeitigen Stellung zu begreifen; und Ihre Freimüthigkeit giebt uns ſelbſt die Maß⸗ regeln an die Hand, wie gegen Sie verfahren werden muß; ſchwören Sie alſo auf Ihre Ehre, nichts von dem zu entdecken, was Sie hier gehört.“ „Der General legte die Hand an den Degen und rief: „„Wenn Sie von Ehre ſprechen, müſſen Sie nicht gegen die Geſetze der Ehre handeln und nichts durch Gewalt erzwingen.“ „„Und Sie, mein Herr,“ entgegnete der Präſident, deſſen Ruhe nonoch ſchrecklicher war, als der Zorn des Generals,„ich gebe Jhuen den guten Rath, Ihren Degen nicht zu berühren.“ „Der General ſah ſich unruhig ringsum. „Dennoch ſagte er ſtolz und kräftig: „„Ich werde nicht ſchwören.“ „„Dann, mein Herr, werden Sie ſterben,“ entgegnete der Präſident ruhig. „Herr von Epinay ward ſehr bleich; wieder ſah er ſich ſchweigend ringsum. Mehre Mitglieder ziſchelten und zogen ihre Waffen unter den Mänteln hervor. „„General,“ ſprach der Präſident,„ſeien Sie ruhig, Sie ſind unter Ehrenmännern, die erſt Alles verſuchen werden, bevor ſie zu dem Aeußerſten ſchreiten; aber Sie ſind, wie Sie ſelbſt geſagt, auch unter Verſchwörern, haben unſer Geheimniß in Händen und es darf nicht ſein.“ „Als der General nicht antwortete, ließ der Präſident die Thüren ſchließen. „Todesſchweigen herrſchte im Zimmer. „Der General erhob ſich und ſprach mit ſichtlichem Kampfe: „„Ich habe einen Sohn und der darf keinen Verſchwörer zum Vater haben.“ „„General,“ ſagte der Präſident mit Würde,„ein einzelner 992 Mann hat ſtets das Recht, fünfzig zu beleidigen, es iſt dies das Vorrecht der Schwäche. Er thut Unrecht, von dieſem Vorrechte Gebrauch zu machen. Schwören Sie, General, und wir ſcheiden in Frieden.“ „Durch dieſe Vorſtellung noch einmal bezwungen, zögerte der General, endlich trat er vor und ſprach:„Wie lautet die Formel?“ „„Sie lautet: „„Ich ſchwöre bei meiner Ehre, Niemand und niemals zu ent⸗ decken, was ich am 5. Februar 1815, in der Abendſtunde zwiſchen neun und zehn, geſehen und gehört habe, und erkläre, den Tod verdient zu haben, wenn ich meinen Schwur breche.“ „Eine heſtige Nerven⸗Aufregung verhinderte den General, ſo⸗ gleich zu antworten, endlich, nach ſchwerem Kampfe ſprach er den Schwur, aber ſo unhörbar, daß mehre Mitglieder eine feſtere, be⸗ ſtimmtere Wiederholung verlangten, was denn auch geſchah. „Jetzt wünſche ich mich entfernen zu können,“ ſagte der General,„bin ich endlich frei?“ „Der Präſident wählte drei Begleiter, verband dem General die Augen und geleitete ihn in den Wagen. 9 u Wohin ſollen wir Sie führen?“ fragte der Präſident. Ueberall hin, wo ich von Ihrer Gegenwart befreit ſein werde,“ antwortete ihm Herr von Epinay. „„Hüten Sie ſich, mein Herr, Sie ſind nicht mehr in der „Verſammlung, ſ ondern haben es mit dem Einzelnen zu thun, be⸗ eidigen Sie nicht, wenn Sie nicht für dieſe Beleidigung verant⸗ wortlich gemacht werden wollen.“ „Aber ſtatt dieſe Warnung zu beachten, rief der General: Sie ſind eben ſo tapfer in Ihrem Wagen als in Ihrem Clubb, mein Herr, denn Sie wiſſen ſehr wohl, daß vier Mann ſtärker ſind als ein einziger.“ „Der Präſident ließ den Wagen halten. „Man war gerade an dem Quai des Ormes, da, wo eine Treppe in den Fluß geht. „ Weshalb laſſen Sie anhalten?“ fragte Herr von Epinay. Weil Sie einen Einzelnen beleidigt haben, mein Herr, und weil dieſer Einzelne keinen Schritt weiter mit Ihnen fährt, ohne auf eine biedere Weiſe Ehrenerklärung von Ihnen zu verlangen.“ Eine andere Art des Mordes,“ ſagte der General achſel⸗ 3 zuckend. den„„Keinen Lärm, mein Herr,“ rief der Präſident,„wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie zu den Menſchen zähle, von denen Sie 5 eben ſprachen, Sie alſo für einen Feigling erkläre, dem ſeine . Schwäche als Schild dient. Sie ſind allein, ein Einzelner wird Ihnen antworten, wir haben Beide Degen, unſere Begleiter werden ent. unſere Zeugen ſein. Jetzt können Sie, wenn es Ihnen gefällig iſt, hen Ihre Binde lüften.“ d”d„Der General riß das Tuch von den Augen. „„Endlich,“ rief er,„will ich wiſſen, mit wem ich zu thun ſo⸗ habe.“ den 1„Man öffnete den Wagen, die Herren ſtiegen aus...“ be⸗ Franz hielt noch einmal inne. Kalter Schweiß rann über ſſeeine Stirn, es war entſetzlich, dieſen bleichen, zitternden Sohn zu der ſehen, der mit lauter Stimme die ihm bis jetzt unbekannten Details über den Tod ſeines Vaters las. eral Valentine faltete wie bittend die Hände. Noirtier ſah Villefort mit einem faſt erhabenen Ausdrucke von Verachtung und Stolz an. ſein Franz las weiter: „Seit drei Tagen fror es, die Treppe war bereift und glatt, der der General war groß und ſtark, der Präſident ließ ihn an der „be⸗ Seite der Rampe ausſteigen. rant⸗„Die zwei Zeugen folgten. „Es war eine finſtere Nacht, die Fußtreppe war feucht von 1 Schnee und Glatteis, unten ſah man das Waſſer ſchwarz, tief, und hrem Eisſtücke mit ſich fortreißend. „Einer der Zeugen verſchaffte ſich eine Laterne, bei ihrem Scheine unterſuchte man die Waffen. .„Der Degen des Präſidenten war weit kürzer und einfacher eine als der ſeines Widerſachers, und hatte kein Stichblatt. „Der General ſchlug vor, die Waffen durch das Loos zu wählen, der Präſident, als Herausforderer, ſtimmte entſchieden für — — — — — j. und die ſeinige. ühne 35„Die Zeugen verſuchten, zum Guten zu ſprechen, der Präſident gebot ihnen Stillſchweigen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 63 993 „Man ſetzte die Laterne an die Erde, die Gegner nahmen ihre Plätze ein, der Kampf begann. „Im Scheine der Laterne glichen die beiden Waffen zwei Blitzen. Die Menſchen waren in der düſteren Nacht kaum zu er⸗ kennen. „Der General von Epinay galt für einen der beſten Fechter in der Armee. Aber er ward bei den erſten Ausfällen ſo gedrängt, daß ſein Degen brach und er dabei fiel. „Die Zeugen glaubten, er ſei todt, aber ſein Gegner, wiſſend, daß er ihn nicht getroffen hatte, bot ihm die Hand, um ihm zu helfen. Dieſer Umſtand erbitterte den General, ſtatt ihn zu be⸗ ruhigen, er ſtürzte auf ſeinen Gegner. „Aber dieſer wich nicht, ſondern empfing ihn mit ſeinem Degen, ſo daß der General das Gleichgewicht nicht wieder gewann und bei dem dritten Schlage fiel. „Man glaubte, er ſei wie das erſte Mal ausgeglitten; als die Zeugen jedoch ſahen, daß er ſich nicht wieder erhob, eilten ſie, ihm wieder auf die Beine zu helfen, fühlten jedoch eine warme Feuchtig⸗ keit ihre Hand überquellen. 4 „Es war Blut. „Der General erholte ſich von ſeiner Ohnmacht. „„O,“ murmelte er,„man hat mir einen Raufbold oder Fecht⸗ meiſter über den Hals geſchickt, um mich aus der Welt zu bringen.““ „Schweigend nahte ſich der Präſident der Laterne, ſtreifte einen Aermel auf, zeigte ſeinen zweimal durchſtochenen Arm, öffnete dann ſeine Weſte und zeigte eine dritte entzündete Wunde. „Und dennoch hatte er keinen Seufzer ausgeſtoßen. „Der General verſchied fünf Minuten darnach.“ Franz las dieſe letzten Worte ſo tief erſchüttert, daß man ihn kaum verſtehen konnte, er bedeckte ſeine Augen mit der Hand, wie um eine Wolke zu verwiſchen.. Nachdem er ſich etwas geſammelt, fuhr er fort: „Nachdem der Präſident ſeinen Degen in die Scheide geſteckt hatte, ging er einige Mal auf und ab, blutige Spuren auf dem Schnee zurücklaſſend. Plötzlich hörte er ein dumpfes Geräuſch, es war der Körper des Generals, den die Zeugen, nachdem ſie ſich von ſeinem Tode überzeugt hatten, in das Waſſer warfen. — ͦ——— 995 „Der General Quesnel, Baron von Epinay, erlag alſo in einem offenen Zweikampfe und nicht in einem Hinterhalte, wie man irrig glaubte. „Zur Beglaubigung haben wir das hier Geſagte, der Wahrheit gemäß aufgeſetzt. Aus Furcht, daß ein Augenblick kommen könnte, in welchem man einen der Theilnehmer dieſer entſetzlichen Scene, des vorbedachten Mordes oder der Verletzung der Ehrengeſetze an⸗ klagen könne. „Gezeichnet Beaurepaire, Duchampy und Lecharpal.“ Als Franz dieſe für einen Sohn ſo entſetzliche Lectüre beendet hatte, trocknete Valentine, bleich vor Bewegung, eine Thräne, wäh⸗ rend ihr Vater zitternd in einem Winkel kauerte, nachdem er durch flehende Blicke den unerbittlichen Greis umſonſt beſchworen hatte, nun zu ſchweigen. 2 „Mein Herr,“ redete Franz den Herrn von Noirtier an,„da Sie dieſe traurige Geſchichte ſo genau kennen, da Sie Antheil an mir zu nehmen ſcheinen, obgleich dieſer Antheil nur durch den Schmerz hervorgerufen iſt, o ſo verweigern Sie mir eine letzte Ge⸗ nugthuung nicht, ſagen Sie mir den Namen des Präſidenten jenes Clubbs, damit ich endlich den kenne, der meinen armen Vater tödtete.“ Villefort taumelte zur Thür, Valentine, die den Greis wohl verſtanden und auf ſeinem Arme zwei tiefe Narben geſehen hatte, zitterte heftig. „Im Namen des Himmels, mein Fräulein,“ rief Franz, ſich zu ſeiner Verlobten wendend, bitten Sie für mich, damit ich den Namen deſſen erfahre, der mich als zweijähriges Kind zur Waiſe machte.“ Valentine rührte ſich nicht. „O mein lieber Baron,“ rief Villefort,„kommen Sie, ver⸗ längern Sie dieſen entſetzlichen Auftritt nicht. Wozu kann es Ihnen nützen, den Namen zu wiſſen. Mein Vater ſelbſt kennt dieſen Präſidenten nicht, und wenn er ihn auch kennte, würde er ihn nicht nennen können, da Eigennamen nicht im Dictionnär ſtehen.“ „d welch ein Unglück,“ rief Franz,„die einzige Hoffnung, die mir Kraft gab, dieſe ſchreckliche Lectüre bis an's Ende zu verfolgen, ſoll nun ſchwinden? O mein Herr, mein Herr,“ rief er, ſich an Noirtier wendend,„aus Barmherzigkeit, im Namen des Himmels G 63* 996 beſchwöre ich Sie: thun Sie, was Sie können, um ſich mir ver⸗ ſtändlich zu machen...“ „Ja.“ „O Fräulein, Fräulein,“ ſchrie Franz,„haben Sie es geſehen, Ihr Großvater will mich beruhigen... o helfen Sie mir... Sie verſtehen mich... verſagen Sie mir Ihren Beiſtand nicht... haben Sie Mitleid mit mir!“ Noirtier blickte auf den Dictionnär.— Franz nahm das Buch und nannte das Alphabet bis zu dem Buchſtaben J.. Bei dieſem Buchſtaben blickte der Greis bejahend. „J?“ wiederholte Franz. Der Finger des jungen Mannes glitt über die Worte mit dieſem Anfangs⸗Buchſtaben, ohne jedoch das rechte zu finden. Valentine verbarg ihr Geſicht in den Händen. Endlich kam Franz auf das Wort Ich. „Ja,“ nickte der Greis. „Sie waren es?“ ſchrie Franz, deſſen Haare ſich ſträubten, „Sie, Herr von Noirtier, Sie haben meinen Vater getödtet?“ Der Greis blickte den jungen Epinay majeſtätiſch, aber be⸗ jahend an.— Franz ſank kraftlos in einen Seſſel. Villefort ſtürzte aus dem Zimmer, denn ihm kam der Gedanke, den letzten Lebensfunken dieſes entſetzlichen Greiſes zu erſticken, der, obgleich ſein Vater, ihn dennoch ſo namenlos unglücklich machte. — —— ————— — LXXVII. Jortſchritte des jüngeren Cavalcanti. Der Major Cavalcanti war nun wieder abgereiſt, nicht zur Armee, ſondern zu den Spielbanken von Lucca, woſelbſt er nicht fehlen durfte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er mit möglichſt großer Ge⸗ nauigkeit die Summe Geldes eincaſſirt hatte, welche ihm für die Reiſe und für die meiſterhafte Würde, mit der er den Vater ge⸗ ſpielt, verſprochen war. Herr Andrea hatte bei ſeiner Abreiſe alle die Papiere geerbt, welche darthaten, daß er die Ehre hatte, der Sohn des Marquis Bartolomeo und der Marquiſe Leonora Corſinari zu ſein. Er war nun faſt heimiſch in der Pariſer Geſellſchaft, die ſich ſo gern damit beſchäftigt, Fremde bei ſich aufzunehmen, ja, ſie für alles das zu halten, was ſie ſein wollen. Was verlangt man übrigens von einem jungen Manne in Paris? Daß er ziemlich fertig franzöſiſch ſpricht, ſich gut kleidet, guter Spieler iſt und in Gold bezahlt. Andrea war ſchon nach vierzehn Tagen ganz en vogue, man nannte ihn Herr Graf, erzählte ſich, er habe fünfzigtauſend Livres Renten und ſprach von den unermeßlichen Schätzen ſeines Vaters, die in den Steingruben von Saravezza vergraben wären. Und als nun vollends ein Gelehrter erklärte, die fraglichen Steingruben geſehen zu haben, ward jeder Zweifel zur Gewißheit. So ſtanden die Sachen, als eines Abends Monte⸗Chriſto bei Danglars vorfuhr und, als er hörte, der Banquier ſei nicht daheim, ſich bei der Baronin melden ließ. Seit dem Mittageſſen in Auteuil und deſſen Folgen, hörte Frau von Danglars den Namen des Grafen nie ohne ein ge⸗ 998 wiſſes nervöſes Zittern ausſprechen. Dieſes Mal ſchwächte Monte⸗ Chriſto's Erſcheinung den trüben Eindruck; ſein ruhiges Weſen, ſein klarer Blick, die Freundlichkeit, ja ſelbſt Aufmerkſamkeit in ſeinem Betragen gegen ſie verſcheuchten ihre Furcht. Sie hielt es für unmöglich, daß ein Mann mit ſo durchaus liebenswürdigem Weſen ihr Feind ſein könne. Als der Graf in das Boudoir trat, welches unſere Leſer be⸗ reits kennen, durchblätterte die Baronin ziemlich verlegen einige Zeichnungen, die ihre Tochter und Andrea zuvor beſehen hatten. Jetzt begrüßte ſie den Grafen, deſſen Gegenwart wie gewöhnlich wirkte, mit zuvorkommender Freundlichkeit, nachdem ſie noch wenige Secunden zuvor bei ſeinem Namen gezittert hatte. Dieſer ſeinerſeits überſah das Ganze mit einem Zlicke. Auf einem kleinen Sopha neben ihrer Mutter ſaß Eugenie, und Cavalcanti ſtand vor ihr. Der junge Mann war ſchwarz gekleidet, wie ein Goetheſcher Held, mit lackirten Schuhen und blendenden, weißſeidenen Strümpfen. Seine weiße, gut gepflegte Hand wühlte in ſeinen blonden Haaren, zwiſchen denen ein Diamant glänzte, den der eitle Andrea, unge⸗ achtet der Rathſchläge Monte⸗Chriſto's, am kleinen Finger trug. Ab und zu blickte er Fräulein von Danglars ſeufzend und ſchmachtend an. ieſe war ſtets dieſelbe, ſchön, kalt und ſpöttiſch. Keiner dieſer Seufzer oder Blicke entging ihr, aber ſie glitten ab an dem Harniſche der Minerva. Eugenie grüßte den Grafen kalt und benutzte dann einen günſtigen Augenblick, um ſich in ihr Kabinet zurückzuziehen. Bald hörte man von dort zwei laut lachende Stimmen, ſowie die Töne eines Piano, und der Graf merkte wohl, daß Fräulein Eugenie die Geſellſchaft ihrer Geſanglehrerin Louiſe von Armilly der ſeinigen und der des jungen Cavalcanti vorzog. Mit Frau von Danglars ſchwatzend, beobachtete er zugleich Andrea, welcher entzückt an der Thür lauſchte, nicht wagend, das Muſikzimmer zu betreten. Während deſſen war der Banquier eingetreten, ſein erſter Gruß, es iſt wahr, galt dem Grafen, dann wandte er ſich jedoch zum jungen Cavalcanti. ——— Seine Frau grüßte er auf eine Weiſe, wie manche Männer ihre Frauen zu begrüßen pflegen, nämlich nachläſſig und gezwungen. „Haben die jungen Damen Ihnen nicht geſtattet, mit ihnen Muſik zu machen?“ fragte er Andrea. „Ach nein, Herr Baron,“ entgegnete dieſer ſeufzend. Sogleich öffnete Danglars Eugenie's Thür. Die beiden jungen Damen ſaßen auf einem Stuhle vor dem Piano;— ſie ſpielten Beide mit einer Hand, eine Grille, in welcher ſie es bis zu einer großen Fertigkeit gebracht hatten. Beide bildeten eines jener ſchönen, in Deutſchland ſo beliebten lebenden Bilder. Fräulein von Armilly war ſehr hübſch, wenigſtens ausgezeichnet anmuthig. Sie war klein, blond und ſchlank wie eine Fee, ihr ſchönes gelocktes Haar fiel auf einen etwas langen Hals, wie ihn Perugin zuweilen ſeinen Jungfrauen giebt, ihre Augen waren verſchleiert und feucht. Man ſagte, ſie habe eine ſchwache Bruſt und werde, wie Antonia vom Tone der Cremoneſer Geige, eines Tages ſingend ſterben. Monte⸗Chriſto warf einen ſchnellen, neugierigen Blick in dieſes Frauengemach; er ſah heute Fräulein von Armilly, von der er ſo viel hatte ſprechen hören, zum erſten Male. „Ah,“ rief der Banquier,„wir Andern ſind ausgeſchloſſen,“ — und er ſchob Andrea in das Zimmer, die Thür anſchiebend, ſo daß der Graf und die Baronin nichts ſehen konnten, während der Banquier dem jungen Cavalcanti folgte. Seine Gemahlin ſchien nicht darauf zu achten. Einige Minuten ſpäter hörte der Graf Andrea ein corſiſches Lied ſingen, und gedachte lächelnd, nicht Andrea's, ſondern Bene⸗ detto's, während ihm Frau von Danglars die Seelenſtärke ihres Mannes rühmte, der noch dieſen Morgen durch einen mailändiſchen Bankerott drei⸗ bis viermalhunderttauſend Franken verloren habe. Und wirklich, das Lob war verdient, denn das Aeußere, wie das Benehmen des Banquiers zeugte durchaus nicht von dieſem Verluſte. „Gut!“ dachte Monte⸗Chriſto,„ſjetzt verbirgt er ſchon ſeinen Verluſt, noch vor einem Monate rühmte er ſich damit.“ Dann ſagte er laut: „O, gnädige Frau, Ihr Gemahl iſt zu gut auf der Börſe zu 1000 Hauſe. Er wird einerſeits zwiefach gewinnen, was er auf der andern Seite verlor.“ „Ich ſehe, Sie theilen den allgemeinen Irrthum,“ entgegnete ihm dieſe. „Und worin beſteht dieſer Irrthum?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Darin, daß man glaubt, der Banquier ſpielt, während er es im Gegentheil niemals thut.“ 8„Ach ja, es iſt wahr, ich erinnere mich, daß Herr Dobray mir ſagte... Aber à propos, wo ſteckt Dobray? ich habe ihn in vier Tagen nicht geſehen.“ „Ich auch nicht,“ entgegnete die Baronin mit ſonderbarem Ausdrucke.„Aber Sie vollendeten Ihre Rede nicht.“ „Welche?“ „Herr Dobray ſagte mir, begannen Sie...“ „Ach ja, Herr Dobray ſagte mir, Sie hätten ſich dem Dämon des Spiels ergeben.“ „Allerdings war das eine Zeit lang mein Geſchmack, ich gebe es zu, jetzt jedoch gar nicht mehr.“ „O das iſt nicht recht, gnädige Frau. Mein Gott, die Wechſel⸗ fälle des Glücks ſind ungewiß, und wenn ich Frau und zufällig die eines Banquiers wäre, welches Vertrauen könnte ich zu dem Ver⸗ mögen meines Mannes haben? Bei Speculationen, Sie wiſſen, kann man eben ſo leicht unglücklich als glücklich ſein,— ich würde mir alſo ein unabhängiges Vermögen zu gründen ſuchen, und ſollte ich mein Intereſſe ihm unbekannten Händen übergeben.“ Die Baronin erröthete heftig. „Laſſen Sie ſehen,“ fuhr der Graf fort, dieſes Erröthen ſchein⸗ bar überſehend,„man ſpricht von einem guten Profit, der geſtern an den bons von Neapel gemacht ward.“ „Ich habe keine,“ ſagte die Baronin lebhaft,„und habe nie⸗ mals welche gehabt; aber wirklich, laſſen wir das, lieber Graf, wir gleichen ja zwei Wechſel⸗Agenten, laſſen Sie uns lieber von dieſen armen, jetzt ſo von Mißgeſchick heimgeſuchten Villefort's reden!“ „Was iſt ihnen denn begegnet?“ fragte der Graf unbefangen. „Aber mein Gott, Sie wiſſen ja, daß, nachdem Herr von Saint⸗ Méran vor einigen Tagen geſtorben, ihm auch ſeine Gemahlin ge⸗ folgt iſt.“ von Welt, wie Claudio zu Hamlet ſagt; ihre Väter ſtarben vor ihnen, 1001 „Ach ja, ich habe davon gehört, aber das iſt der Lauf der und ſie haben ſie beweint, ſie werden vor ihren Söhnen ſterben, und von ihnen beweint werden.“ „Aber das iſt nicht Alles.“ „Nicht Alles?“ „Nein, Sie wiſſen, daß Valentine Villefort gerade vermählt werden ſollte.“ „Ja, mit dem jungen Epinay... Iſt die Heirath zurück⸗ gegangen?“ „Ja, geſtern Morgen hat Franz ſein Wort zurückgenommen.“ „Ach, wirklich! Und kennt man die Urſache?“ „Nein.“ „Guter Gott, was ſagen Sie mir da! Und wie erträgt Herr von Villefort all dieſes Unglück?““ „Wie immer als Philoſoph.“ In dieſem Augenblicke trat Danglars wieder ein. „Ach,“ rief die Baronin,„Sie laſſen Herrn von Cavalcanti mit Ihrer Tochter allein?“ „Fräulein von Armilly iſt auch noch da, aber für was halten Sie ihn?“ Dann ſagte er, zu Monte⸗Chriſto gewendet: „Ein charmanter junger Mann, lieber Graf, nicht wahr? Iſt er nicht Prinz?“ „Ich ſtehe nicht für ihn. Sein Vater ward mir als Marquis vorgeſtellt, folglich wäre er Graf, aber er ſcheint durchaus keine Anſprüche an dieſen Titel zu machen.“ 3 „Weshalb?“ rief der Banquier,„Jedem das Seine; wenn er Prinz iſt, mag er ſich auch ſo nennen. Ich liebe es nicht, wenn man ſeine Herkunft verleugnet.“ „Ach Sie ſind ein reiner Demokrat,“ ſagte Monte⸗Chriſto lachend. „Aber bedenken Sie wohl,“ rief die Baronin,„welcher Unan⸗ nehmlichkeit Sie ſich ausſetzen, wenn nun Herr von Morcerf zufällig käme, und den jungen Herrn in dem Zimmer ſeiner Braut fände, welches er ſelbſt nie betreten darf?“ 1002 „Zufall, das iſt das rechte Wort,“ rief der Banquier,„denn nur dieſer führt ihn noch zuweilen in unſer Haus.“ „Aber wenn er nun käme, würde er dann nicht unzufrieden ſein?“ „Er? o mein Gott, Sie irren ſich, Herr Albert erzeigt uns ꝛnicht die Ehre, auf ſeine Verlobte eiferſüchtig zu ſein, dazu liebt er ſich nicht genug. Uebrigens, was kümmert's mich, ob er unzufrieden iſt oder nicht!“ „Indeſſen, wie wir zuſammen ſtehen.“ „Ja, wie wir zuſammen ſtehen; wollen Sie wiſſen, wie wir zuſammen ſtehen? Auf dem Balle bei ſeiner Mutter hat er einmal mit Eugenie getanzt, während Cavalcanti, ohne daß er es bemerkte, dreimal mit ihr tanzte.“ „Der Herr Vicomte Albert von Morcerf,“ meldete ein Kammer⸗ diener. Die Baronin erhob ſich raͤſch, um ihre Tochter zu benachrich⸗ tigen. Danglars hielt ſie zurück. „Laſſen Sie das!“ Sie ſah ihn überraſcht an. Monte⸗Chriſto ſtellte ſich, als habe er dieſes kleine Zwiſchenſpiel nicht geſehen. Albert trat ein; er war ſchön und ſehr heiter. Die Baronin grüßte er freundlich, Danglars vertraut und den Grafen herzlich. „Wollen Sie mir erlauben, gnädige Frau,“ ſagte er dann, „Sie nach Fräulein Danglars Befinden zu fragen?“ „Meine Tochter iſt ſehr wohl,“ rief der Banquier lebhaft,„ſie muſicirt gerade in ihrem Zimmer mit Herrn von Cavalcanti.“ Albert blieb ruhig und gleichgiltig, obgleich er innerlich vielleicht etwas gekränkt war, aber er fühlte, daß Monte⸗Chriſto's Auge auf ihm hafte. „Herr Cavalcanti hat einen ſehr ſchönen Tenor,“ ſagte er, „rechnet man nun Fräulein Eugenie's klangreichen Sopran und ihr Spiel dazu, was Thalberg nichts nachgiebt, ſo wird man einſehen, daß dies Concert ſehr ſchön ſein muß.“ „Ja, ja,“ rief Danglars,„ſie ſtimmen vortrefflich zuſammen.“ Albert ſchien dieſe plumpe Zweideutigkeit zu überhören, wäh⸗ rend die Baronin heftig erröthete. „Ich bin auch muſikaliſch,“ fuhr Albert fort,„wenigſtens be⸗ d 0 J ð e= — denn in?“ uns t er eden wir mal elte, mer⸗ rich⸗ 1003 haupten es meine Lehrer, aber ſonderbarer Weiſe hat meine Stimme noch nie mit einer andern, und beſonders nicht mit einer Sopran⸗ ſtimme harmonirt.“ Danglars Lächeln ſchien zu ſagen: „Aber ärgere Dich doch!“ Endlich rief er, und hoffte ſeinen Zweck zu erreichen:„Ja, der Prinz und meine Tochter haben geſtern allgemeine Bewunderung geerntet. Waren Sie geſtern nicht da, Herr von Morcerf?“ „Welcher Prinz?“ fragte Albert. „Der Prinz Cavalcanti,“ entgegnete der Banquier, hartnäckig bei ſeinem Titel bleibend.. „Ah, Verzeihung,“ rief Albert,„ich wußte nicht, daß er Prinz iſt. Alſo der Prinz Cavalcanti hat geſtern mit Fräulein Eugenie geſungen? Das muß in der That entzückend geweſen ſein und ich bedaure nur, es nicht gehört zu haben. Aber ich konnte nicht die Ehre haben, Ihrer Einladung zu folgen, da ich meine Mutter zu der Baronin Chateau⸗Renaud begleiten mußte, bei der die Deutſchen ſangen. Aber,“ fuhr er dann unbefangen fort,„darf ich dem gnä⸗ digen Fräulein meine Huldigungen darbringen?“ D hören Sie, ich beſchwöre Sie,“ rief Danglars, den jungen Mann zurückhaltend,„hören Sie dieſe herrliche Cavatine, la, la, la, li, la, la, la, la,———— das iſt vorzüglich... es wird gleich zu Ende ſein, eine einzige Secunde noch... vortrefflich! Bravo! Bravo! Braviſſimo.“ Und der Banquier applaudirte wüthend. „Das iſt wirklich ausgezeichnet,“ ſagte Albert,„unmöglich kann Jemand die Muſik ſeines Landes beſſer verſtehen als der Prinz Cavalcanti. Sagten Sie nicht Prinz? Uebrigens kann man ihn dazu machen, wenn er es nicht iſt, das iſt in Italien ſehr leicht. Aber, auf unſere liebenswürdigen Sänger zurückzukommen; Sie, Herr Baron, könnten uns einen entzückenden Genuß gewähren, wenn Sie Fräulein Danglars und Herrn Cavalcanti bäten, ein neues Duett zu beginnen, ohne ſie von der Ankunft eines Fremden zu benachrichtigen. Muſik etwas in der Ferne zu hören, ohne zu ſehen, ohne geſehen zu werden, ohne die Muſiker zu geniren, die ſich ganz dem Inſtinkt ihres Genies oder dem Zuge ihres Herzens hingeben können, o, das iſt prächtig.“. 1004 Dieſes Mal brachte Alberts Phlegma den Banquier außer Faſſung. Er nahm Monte⸗Chriſto bei Seite. „Nun,“ flüſterte er,„was ſagen Sie zu unſerem Verliebten?“ „ Teufel! Er ſcheint kalt, das iſt nicht zu leugnen, aber was iſt zu thun? Sie ſind gebunden!“ „Gewiß, das heißt, meiner Tochter einen Mann zu geben, der ſie liebt, nicht einen, dem ſie gleichgiltig iſt. Sehen Sie, Morcerf iſt kalt wie Marmor, hochmüthig wie ſein Vater, und... ja, wäre er wenigſtens reich, ſo reich wie Cavalcanti, ei dann drückte man ein Auge zu. Meiner Treu, ich habe meine Tochter nicht zu Rathe gezogen, aber wenn ſie guten Geſchmack...“ „Nun,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich weiß nicht, ob meine Freund⸗ ſchaft für ihn mich blind macht, aber ich halte Herrn von Morcerf für einen charmanten jungen Mann, der Ihre Tochter glücklich machen und es gewiß früher oder ſpäter zu etwas bringen wird, denn die Stellung ſeines Vaters iſt vortrefflich.“ „Hm!“ ſagte Danglars. 3 „Sie zweifeln?“ „Bedenken Sie die dunkle Vergangenheit des alten Morcerf.“ „Was kümmert die den Sohn?“ „Wenn auch... wenn auch....“ „Ach, Sie ſind ſonderbar, mein Lieber, noch vor wenigen Wochen waren Sie über dieſe Heirath entzückt, und nun... Sie werden begreifen, wie unangenehm es mir ſein muß, da Sie den jungen Cavalcanti bei mir zuerſt geſehen haben, aber ich wieder⸗ hole, daß ich ihn nicht kenne.“ „Aber ich kenne ihn,“ rief Danglars,„und das genügt.“ „Sie?“ rief Monte⸗Chriſto,„haben Sie Erkundigungen über ihn eingezogen?“ „Iſt das nöthig? Sieht man nicht ſogleich, mit wem man zu thun hat? Und dann, er iſt reich!“ „Das behaupte ich nicht.“ „Sie ſtehen aber doch für ihn ein?? „Nur mit einer Lumperei von 50,000 Livres.“ „Er hat eine ausgezeichnete Erziehung.“ „Hm!“ ſagte Monte⸗Chriſto ſeinerſeits. 1005 „Er iſt muſikaliſch.“ „Wie alle Italiener.“ „Ach, gehen Sie, Graf, gegen ihn ſind Sie ungerecht.“ „Nun ja, ich geſtehe es, daß ich mit Betrübniß ſehe, wie ſehr das Vermögen dieſes unbekannten Fremdlings den Morcerf's in Ihren Augen ſchadet.“ Danglars lachte. „Ach was Sie für ein Puritaner ſind! Aber lieber Graf, das kommt in der Welt alle Tage vor.“ „Aber, mein lieber Herr Baron, Sie duͤrfen nicht ſogleich brechen, die Morcerf's rechnen auf dieſe Heirath.“ „Wirklich?“ „Wirklich.“ „Gut, ſo muß man ſich erklären. Sie könnten mir wohl den Gefallen erzeigen, mit dem Vater darüber zu ſprechen, da Sie ſo gut im Hauſe ſtehen.“ „Ich! zum Teufel, wer ſagt das?“ „Nun auf ihrem Balle ſchien mir's ſo. Die Gräfin, die ſtolze Mercedes, die geringſchätzende Catalonierin, welche nur höchſt ſelten ihre älteſten Bekannten eines Wortes würdigt, nahm Ihren Arm und blieb über eine halbe Stunde mit Ihnen im Garten.“ „Aber Baron!“ rief Albert,„Sie, ein Muſikfreund, ſchwatzen, man hört ja nichts vom Geſange, welche Grauſamkeit!“ „Schon gut, ſchon gut, Sie Spötter,“ ſagte Danglars. Dann ſagte er zu Monte⸗Chriſto: „Alſo Sie haben die Güte, es dem Vater zu ſagen?“ „Wenn Sie es wünſchen, gern.“ „Aber dann bitte ich Sie auch, recht beſtimmt zu ſprechen, ob er meine Tochter haben will, wann die Vermählung ſein ſoll, welche Mitgift er geben kann, kurz, ob es dabei bleibt, oder ob man ſich trennt, aber Sie begreifen, ohne Verzug.“ „Gern, ich werde bald Ihren Wunſch erfüllen.“ „Dank, ich erwarte die Antwort mit Begierde, um nicht zu ſagen mit Vergnügen: Sie wiſſen, ein Banquier muß ſich ſtreng aan ſein Wort binden.“ Und Danglars ſeufzte, ähnlich wie vorhin Andrea Cavaleanti. 1006 „Bravo! Bravo! Braviſſimo!“ ſchrie jetzt Morcerf, den Banquier parodirend. Danglars ſah den jungen Mann groß an, als ein Diener ihn herausrief. „Ich komme bald wieder,“ ſagte der Banquier zu Monte⸗ Chriſto,„bitte, erwarten Sie mich, denn ich werde Ihnen vielleicht etwas zu ſagen haben.“ Und er verließ das Zimmer. Die Baronin benutzte die Abweſenheit ihres Mannes, um ſchnell das Muſikzimmer zu öffnen, und Herr Andrea, der neben Fräulein Eugenie auf dem Piano ſaß, ſchnellte wie eine Feder in die Höhe. Albert grüßte ſeine Verlobte lächelnd, und dieſe gab ihm ſeinen Gruß ohne Verlegenheit mit ihrer gewöhnlichen Kälte zurück. Cavalcanti begrüßte den jungen Morcerf höchſt verlegen, und dieſer ihn auf die geringſchätzigſte Weiſe von der Welt. Dann vertiefte ſich Albert in Lobeserhebungen über Fräulein Danglars Stimme, und ſeinen Schmerz, ſie am vorigen Abende nicht gehört zu haben. Cavalcanti nahm den Grafen von Monte⸗Chriſto bei Seite. „Kommen Sie,“ rief die Baronin,„genug der Muſik und Complimente, nehmen wir jetzt Thee ein.“ „Komm, Louiſe,“ ſagte Fräulein Danglars zu ihrer Freundin. Man ging in ein kleines, behaglich eingerichtetes Theezimmer. In dem Augenblicke, als man, nach engliſcher Manier, die Löffel in die Taſſen legte, trat Danglars ſehr erregt wieder ein. Monte⸗Chriſto fragte den Bauquier durch Blicke. „Ah!“ rief dieſer,„mein griechiſcher Courier iſt angekommen!“ „Aha,“ entgegnete der Graf,„deshalb rief man Sie?“ „Ja.“ „Wie befindet ſich König Otto?“ fragte Albert heiter. Danglars ſah ihn ſchweigend von oben bis unten an. Monte⸗ Chriſto bückte ſich, um einen Zug ſchmerzlichen Mitleids zu ver⸗ bergen, der jedoch raſch verſchwand. „Nicht wahr, lieber Graf, wir gehen zuſammen?“ fragte ihn Morcerf. „Ja, wenn Sie wünſchen,“ entgegnete dieſer. geg ſein han ſ2 4 1007 Albert, der ſich den Blick des Banquiers nicht zu deuten ver⸗ mochte, fragte den Grafen, der ihn deſto beſſer verſtanden: „Aber haben Sie bemerkt, wie er mich betrachtete?“ „Mein Gott ja, aber was fanden Sie in dieſem Blicke?“ „Er war ſonderbar, und was wollte er mit ſeinen griechiſchen Nachrichten?“ „Woher ſoll ich das wiſſen?“ „Weil Sie, wie ich vermuthe, mit dem Lande in Verbindung ſtehen!“ Monte⸗Chriſto lachte, wie man gewöhnlich lacht, wenn man nicht antworten mag. „Still,“ ſagte Albert,„da kommt er, ich werde dem Fräulein mein Compliment über ihre Kamee machen, während deſſen er mit Ihnen ſpricht.“ „Aber mein Lieber, wenn Sie ihr Complimente machen wollen, ſo ſagen Sie ihr etwas über ihre Stimme.“ „Nein, denn das thut Jeder.“ „Mein lieber Graf, Sie ſind entſetzlich abgeſchmackt,“ ſagte Monte⸗Chriſto. Lächelnd ging Albert zu Eugenie. Während dem flüſterte der Banquier Monte⸗Chriſto in das Qhr: „Ihr Rath war vortrefflich, und in den beiden Worten: Fer⸗ nand und Janina, liegt eine entſetzliche Geſchichte.“ „Ach nicht doch,“ flüſterte Monte⸗Chriſto. „Ja, ich verſichere Sie, aber thun Sie mir den Gefallen, den jungen Mann zu entfernen, es würde mich entſetzlich in Verlegenheit ſetzen, länger mit ihm zuſammen zu bleiben.“ „Gut, ich werde ihn mitnehmen, ſoll ich Ihnen den Vater ſchicken?“ „Um Gotteswillen nicht.“ „Gut.“ Der Graf gab Albert ein Zeichen. Beide beurlaubten ſich bei den Damen: Albert ganz gleichgiltig gegen die Verachtung des Banquiers, Monte⸗Chriſto, der Baronin ſeine Rathſchläge wiederholend, wie die kluge Frau eines Banquiers handeln müſſe, um ihre Zukunft zu ſichern. Herr Cavalcanti blieb als Sieger zurück. LXXVIII. Haidee. Kaum ſaßen die Herren im Wagen des Grafen, als Albert in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, viel zu laut, um natürlich zu ſein. „Ach,“ rief er endlich,„ich frage Sie, wie Karl IX. Catharine von Medicis nach der Bartholomäus⸗Nacht fragte: Nun, habe ich meine kleine Rolle nicht gut geſpielt?“ „Bei welcher Gelegenheit?“ fragte der Graf. „Nun bei der Einführung meines Nebenbuhlers bei Fräulein von Danglars. 4 „Welches Nebenbuhlers? Ei, zum Kukuk, Ihres Schützlings, Andrea Cavalcanti.“ „O, keine ſchlechten Späße, Graf, ich protegire Herrn Andrea durchaus nicht, und beſonders nicht bei dem Banquier.“ „Ja, bedürfte er der Protection, würde ich Ihnen einen Vor⸗ wurf machen, aber zum Glück für mich, iſt das nicht nöthig.“ „Wie, Sie glauben, er...“ „Benimmt ſich wie ein Verliebter, ſeufzt, verdreht die Augen, kurz, wirbt um die Hand der ſchönen Eugenie! Ja, ja, um die Hand der ſtolzen Eugenie!“ „Was thut das, wenn man nur an Sie denkt?“ „Sagen Sie das nicht, man hat mich von zwei Seiten gekränkt.“ „Wie? von zwei Seiten?“ „Gewiß, Fräulein Eugenie hat mir kaum, und ihre Vertraute, Fräulein Armilly, gar nicht geantwortet.“ „Ja, aber der Vater betet Sie an,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Er? im Gegentheil, er hat meinem Herzen zehn Dolchſtiche beigebracht, die mich allerdings zwar gar nicht rührten, von ihm jedoch ſehr ernſtlich gemeint waren.“ „Eiferſucht iſt ein Zeichen von Liebe.“ „Ich bin nicht eiferſüchtig.“ „Aber er.“ „Auf wen? auf Dobray?“ „Nein, auf Sie.“ „Auf mich? ach bah, ich wette, in acht Tagen verſchließt er mir die Thür vor der Naſe.“ „Sie irren ſich, lieber Graf.“ „Einen Beweis.“ „Wollen Sie?“ „Ja.“ „Ich bin beauftragt, den Herrn Grafen von Morcerf zu bitten, ſich beſtimmt gegen den Baron zu erklären.“ „Wer gab Ihnen den Auftrag?“ „Der Baron ſelbſt.“ „Ach, lieber Graf,“ ſagte Albert ſchmeichelnd,„nicht wahr, das werden Sie nicht thun.“ „Ei gewiß, denn ich gab mein Wort.“ „Ach,“ rief Albert ſeufzend,„wollen Sie mich denn durchaus verheirathen?“ „Ich will gut mit Allen ſein, aber à propos, wo ſteckt Dobray, ich ſah ihn nicht bei der Baronin?“ „Er iſt über den Fuß geſpannt.“ „Mit der Baronin?“ „Nein, mit ihm.“ „Iſt etwas vorgefallen?“ „Ach, wie Sie ſich anſtellen.“ „Glauben Sie, daß er Argwohn geſchöpft hat?“ fragte Monte⸗ Chriſto einzig naiv. „Ach, mein beſter Graf, woher kommen Sie?“ „Von Congo, wenn Sie wollen.“ „Das iſt noch nicht weit genug.“ „Ach, was kenne ich Ihre Pariſer Ehemänner!“ „Aber, lieber Graf, die Männer ſind überall dieſelben, und kennen Sie die Einen, ſo ſind Ihnen auch die Andern bekannt.“ „Aber ich begreife nicht,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Dobray und Danglars ſchienen ſich ſo gut zu verſtehen.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 1010 „Ach, ich kann den Schleier der Iſis nicht lüften, denn ich bin nicht eingeweiht. Fragen Sie Herrn Cavalcanti, wenn er erſt zur Familie gehört.“ Der Wagen hielt. „Da ſind wir,“ rief der Graf,„es iſt erſt wenige Minuten nach Zehn, kommen Sie noch ein wenig mit mir.“ „Ach gern.“ „Später ſteht Ihnen mein Wagen zu Dienſten.“ „Nein, ich danke, mein Cabriolet iſt uns gefolgt.“ „Ach wirklich, da iſt es,“ ſagte Monte⸗Chriſto, auf die Erde ſpringend. Beide traten in das Haus und dann in den hellerleuchteten Salon. „Laß uns Thee bringen, Baptiſtin,“ ſagte der Graf. Schweigend verließ der Diener das Zimmer, um zwei Secunden ſpäter mit der ſilbernen Platte wieder zu erſcheinen, von der den Herren der feinſte Theegeruch entgegenduftete. „Wahrhaftig,“ ſagte Morcerf,„ich bewundere nicht Ihren Reichthum, lieber Graf, denn es kann Menſchen geben, die noch reicher ſind, nicht Ihren Geiſt, denn Beaumarchais war zwar nicht geiſtreicher, ſtand Ihnen jedoch gleich, aber Ihre einzige Art, ſich bedienen zu laſſen; ſchweigend und faſt in derſelben Secunde werden Ihre Befehle ſtets wie durch Zauberei erfüllt, als ob alles das, was Sie wünſchen, ſchon bereit ſtände.“ „Sie haben Recht, aber das kommt daher, weil man meine Gewohnheiten kennt. Laſſen Sie ſehen, möchten Sie nicht gern zu Ihrem Thee etwas rauchen?“ „Wahrhaftig ja, das wünſche ich.“ Monte⸗Chriſto näherte ſich der Glocke und ſchellte einmal. Sogleich erſchien Ali mit zwei koſtbaren Pfeifen. „Das iſt vortrefflich,“ ſagte Morcerf,„wirklich wunderbar.“ „Ach das iſt ganz einfach,“ rief der Graf lachend,„Ali weiß, daß ich bei Thee und Kaffee gewöhnlich rauche, er weiß, daß Sie mit mir gekommen ſind, ich klingle, und er kennt die Urſache. Be⸗ denken Sie, daß die Pfeife in ſeinem Lande eine Hauptbedingung der Gaſtfreundſchaft iſt, ſtatt einer bringt er alſo zwei Pfeifen.“ „Gewiß, das iſt eine einfache Erklärung, wie jede andere, aber es iſt Aber welch einer ſind Guzlc Frau des Ftäul rufen Mari ſchull könnt ſie und 1011 es iſt deſſenungeachtet doch wahr, daß nur Sie ſo etwas durchſetzen. Aber was höre ich da?“ Und Morcerf neigte ſich lauſchend gegen eine Thür, durch welche man die Töne einer weiblichen Stimme, begleitet von denen einer Guzla vernahm. „Meiner Treu, lieber Albert, die Muſik verfolgt Sie heute, Sie ſind Fräulein Danglars Piano nur entronnen, um nun Haidée's Guzla zu hören.“ „Haidée! welch' entzückender Name! Alſo giebt es wirklich Frauen, die dieſen Namen bei ſich führen, außer in den Dichtungen des Lord Byron?“ „Gewiß, Haidée iſt ein in Frankreich ſehr ſeltener Name, ſehr gewöhnlich jedoch in Albanien und Epirus, als ob Sie ſagten, z. B. Keuſchheit, Reinheit, Unſchuld, es iſt ein Taufname, wie Ihr Pariſer ſagt.“ „Ach prächtig,“ rief Albert,„ich möchte wohl unſere Damen, Fräulein Güte, Fräulein Schweigen, oder Fräulein chriſtliche Liebe rufen hören. Denken Sie, wenn Fräulein Danglars, ſtatt Clara Marie Eugenie getauft zu ſein, Fräulein Sittſamkeit, Reinheit, Un⸗ ſchuld Danglars hieße. „Narr!“ rief der Graf,„ſcherzen Sie nicht ſo laut, Haidée könnte es hören.“ „Und ſich erzürnen?“ „O nicht doch,“ rief der Graf verächtlich. „Dann iſt ſie wohl ſehr ſanft?“ fragte Albert. „Pah, Sanſtmuth, Pflicht! ein Sclave darf ſich nicht gegen feinen Herrn erzürnen.“ „Ach wie Sie ſcherzen! Als ob es noch Sclaven gäbe!“ „Gewiß, denn Haidée iſt meine Sclavin.“ „Wirklich, Sie gleichen in keiner Hinſicht andern Leuten! Sclavin des Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto! Einzige Stellung in Frankreich. Nach Ihrer Weiſe mit dem Golde umzugehen, muß dieſe Stellung jährlich hunderttauſend Thaler einbringen.“ „Hunderttauſend Thaler! das arme Kind hat mehr beſeſſen, ſie ward als Herrſcherin geboren, gegen welche die der Tauſend und Einen Nacht verſchwinden.“ „Ach! ſie iſt wohl eine Prinzeſſin?“ 64*⁴ 1012 „Ja, und eine der höchſten ihres Landes.“ „Aber wie konnte eine ſolche Prinzeſſin Sclavin werden?“ „Wie wurde Dionys der Tyrann Schulmeiſter? Kriegsunglück, lieber Graf, Launen des Schickſals.“ „Und ihr Name iſt ein Geheimniß?“ „Gegen Jeden, ja, aber nicht für Sie, lieber Albert, denn Sie gehören zu meinen Freunden, und werden ſchweigen, wenn ich Sie darum bitte, nicht wahr?“ „Mein Ehrenwort!“ „Sie kennen die Geſchichte des Paſcha von Janina?“ „Des Ali Tebelin? Gewiß, denn in ſeinen Dienſten hat mein Vater ſein Vermögen erworben.“ „Ach, es iſt wahr, das hatte ich vergeſſen.“ „Nun, und wie hängt Haidée mit dem Paſcha zuſammen?“ „Ganz einfach, denn ſie iſt ſeine Tochter.“ „Wie, ſeine Tochter? Ali Tebelin's Tochter?“ „Und die der ſchönen Vaſiliki.“ „Und ſie iſt Ihre Sclavin?“ „Mein Gott, ja.“ „Aber wie iſt das möglich?“ „Ich ging eines Tages über den Markt zu Conſtantinopel und kaufte ſie.“ „Sonderbar! Mit Ihnen, lieber Graf, lebt man nicht, man träumt. Aber jetzt möchte ich Ihnen wohl eine ziemlich unbeſcheidene Frage vorlegen.“ „Nun?“ „Aber da Sie mit ihr ausgehen, Sie in die Oper führen....“ „Nun?“ „Wage ich die Bitte kaum....“ „Wagen Sie immer.“ „Nun gut denn, mein lieber Graf, ſtellen Sie mich Ihrer Prinzeſſin vor.“ 1 „Gern, aber unter zwei Bedingungen.“ „Ich genehmige ſie.“ „Erſtens, daß Sie gegen Niemand von dieſer Vorſtellung ſprechen.“ „Gut.(Morcerf hob die Hand.) Ich ſchwöre.“ d ſin 1013 „Zweitens, daß Sie ihr nicht ſagen, daß Ihr Vater dem ihrigen gedient hat.“ „Ich ſchwöre auch dies?“ „Und, nicht wahr, Sie werden ſich dieſer beiden Schwüre ent⸗ ſinnen?“ „O,“— ſagte Albert. „Schön! Ich kenne Sie als Ehrenmann.“ Der Graf ſchellte, Ali erſchien. „Benachrichtige Haidée, daß ich den Kaffee bei ihr trinken werde, und ſage ihr, daß ich ihr einen meiner Freunde vorzuſtellen wünſche.“ Ali verbeugte ſich und verließ das Zimmer. „Alſo keine directen Fragen, lieber Graf; wenn Sie etwas zu wiſſen wünſchen, ſo wenden Sie ſich an mich, ich werde ſie fragen.“ „Zugeſtanden.“ Ali erſchien wieder und hielt den aufgehobenen Vorhang, um den Herren anzuzeigen, daß der Eintritt geſtattet ſei. „Kommen Sie,“ ſagte Monte⸗Chriſto. Albert fuhr durch ſein Haar und glättete ſeinen Schnurrbart, der Graf nahm Hut und Handſchuhe, und führte ihn in die Ge⸗ mächer, vor denen Ali Schildwache ſtand, und welche außerdem noch durch die drei, unter Myrtho's Befehl ſtehenden franzöſiſchen Kammerfrauen bewacht wurden. Haidée erwartete ſie im erſten Zimmer, ganz ſtumm vor Ueberraſchung, denn zum erſten Male kam ein anderer Mann als Monte⸗Chriſto zu ihr. Sie ſaß mit gekreuzten Füßen in der Ecke eines Sopha's, ganz umgeben von den reichſten ſeidenen und ge⸗ ſtickten Stoffen des Orients. Neben ihr lag die Zither, deren Töne Albert ſo ſehr entzückt hatten. Monte Chriſto gewahrend, erhob ſie ſich mit jenem ihr eigen⸗ thümlichen Lächeln der Tochter und Geliebten. Der Graf reichte ihr die Hand, welche ſie, wie gewöhnlich, an ihre Lippen preßte. Albert ſtand an der Thür; dieſe blendende, in Frankreich ſo ungewöhnliche Schönheit, hatte ihn mächtig ergriffen. „Wen führſt Du mir zu?“ fragte das junge Mädchen griechiſch, „einen Bruder, einen Freund, eine einfache Bekanntſchaft, oder einen Feind?“ — 1014 „Einen Freund,“ antwortete Monte⸗Chriſto in derſelben Mundart. „Sein Name?“ „Graf Albert, derſelbe, den ich von den italieniſchen Banditen befreite.“ „In welcher Sprache ſoll ich zu ihm reden?“ Monte⸗Chriſto wandte ſich zu Albert. „Sprechen Sie das moderne Griechiſch?“ fragte er. „Ach, beſter Freund, weder das alte, noch das moderne, Homer und Plato hatten nie einen undankbareren Schüler als mich.“ „Nun,“ ſagte Haidée, welche dieſes Zwiegeſpräch gehört,„ſo werde ich franzöſiſch oder italieniſch mit ihm ſprechen, wenn mein Herr überhaupt will, daß ich ſpreche.“ MonteChriſto ſann nach. „Sprich italieniſch,“ ſagte er dann. Dann wendete er ſich zu Albert. „Es thut mir leid, daß Sie nicht das moderne oder alte Griechiſch aus Haidée's Munde vernehmen können, ſie ſpricht Beides bewunderungswürdig, während ſie jetzt gezwungen ſein wird, die Unterhaltung italieniſch zu führen, was Ihnen vielleicht einen falſchen Begriff von ihr beibringen wird.“ Er machte Haidée ein Zeichen. „Sei willkommen und begrüßt, Freund, der mit meinem Herrn und Meiſter kommt,“ begann das junge Mädchen in vorzüglichem Toskaniſch und mit jenem ſanften romantiſchen Accent, welcher Dante's Sprache eben ſo wohlklingend macht, als die des Homer. „Ali, Kaffee und Pfeifen.“ Und Haidée machte Albert mit der Hand ein Zeichen, näher zu treten, während Ali ſich zurückzog, um den Befehlen ſeiner jungen Gebieterin nachzukommen. Monte⸗Chriſto zeigte dem jungen Manne zwei Feldſtühle, Jeder holte ſich einen davon, und näherte ihn einer Art koſtbarem Gueridon, der mit natürlichen Blumen, Zeichnungen und muſikaliſchen Albums bedeckt war. Ali trat mit dem Verlangten ein, Baptiſtin durfte dieſe Ge⸗ mächer nie betreten. Albert wies die Pfeife zurück, die ihm der Nubier reichte. 1015 „O nehmen Sie,“ bat Monte⸗Chriſto,„Haidée iſt faſt ſo civiliſirt wie eine Pariſerin. Der Havanna iſt ihr unangenehm, weil ſie die ſchlechten Gerüche nicht liebt, aber der Tabak aus dem Drient iſt ein Wohlgeruch, wie Sie wiſſen.“ 1 4 Ali entfernte ſich. Die Taſſen waren gefüllt und zurecht geſetzt, nur bei Albert's Taſſe war eine Zuckerſchaale geſtellt. Monte⸗Chriſto und Haidée genoſſen dieſen arabiſchen Liaueur auch auf arabiſche Weiſe, d. h. ohne Zucker. 4 Haidée ſtreckte ihre Hand aus und ergriff die Taſſe von japaniſchem Porzellan mit den Spitzen ihrer zarten, roſigen Finger, und koſtete daraus mit jenem naiven Vergnügen eines Kindes, welches irgend ein Lieblingsgericht genießt. Zwei Kammerfrauen traten ein, brachten Eis und Sorbet, und ſetzten dieſe Erfriſchungen auf ein eigens dazu beſtimmtes Tiſchchen. „Verzeihen Sie, mein lieber Wirth, und Sie, Signora,“ ſagte Albert italieniſch,„meine Ueberraſchung, ich bin ganz betäubt,— und das iſt ganz natürlich,— hier den Orient zu finden, nicht den, — — . — welchen ich geſehen, nein den, welchen ich geträumt,— den Orient 4 mitten in Paris; ich höre die Omnibus fahren, ich höre die 3 Klingeln der Limonaden⸗Verkäufer. O Signora, warum kann ich in dieſer feenhaften Umgebung nicht griechiſch reden,— dieſer Abend würde mir ſtets unvergeßlich ſein.“ „O mein Herr,“ rief Haidée,„ich kann mich italieniſch mit Ihnen verſtändigen, und wenn Sie den Orient lieben, werde ich mein Möglichſtes thun, damit Sie ihn hier wiederfinden.“ 1„Wovon darf ich mit ihr ſprechen?“ fragte Albert ganz leiſe ſeinen Wirth. „Wovon Sie wollen, von ihrem Lande, ihrer Kindheit, ihren Erinnerungen, oder von Neapel, Rom oder Florenz, wenn Sie das lieher wollen.“ „“ ſagte Albert,„es verlohnt ſich nicht der Mühe, eine Greßd vor ſich zu haben, um mit ihr über Dinge zu ſchwatzen, wie mit jeder Pariſerin; laſſen Sie mich vom Orient ſprechen. 4 „Gern, mein lieber Albert, das iſt auch ihr das Liebſte.“ Albert wandte ſich zu Haidée. 1016 „In welchem Alter verließen Signora Griechenland?“ fragte er. „Als ich fünf Jahre zählte,“ entgegnete ſie. „Und erinnern Sie ſich Ihres Vaterlandes noch?“ „Wenn ich die Augen ſchließe, ſteht Alles deutlich vor mir. Es giebt zwei Blicke: den der Seele und den des Körpers. Der letzte kann zuweilen vergeſſen, der erſte nie.“ „Und was iſt die entfernteſte Zeit, deren Sie ſich entſinnen können?“ „Ich konnte kaum gehen, meine Mutter, die Vaſiliki hieß(das bedeutet Königin,“ ſagte das junge Mädchen, den Kopf erhebend), „nahm mich bei der Hand, verhüllte uns mit einem Schleier, that viel Gold in eine Börſe und hat um Almoſen für die Gefangenen, indem ſie ſprach: „„Wer den Armen giebt, leiht dem Ewigen.“ War unſere Börſe dann gefüllt, ſo kehrten wir in den Palaſt zurück und ſchickten, ohne es dem Vater zu ſagen, dieſe milden Gaben, die man uns gegeben hatte, weil man uns für Hilfsbedürftige hielt, dem Vor⸗ ſteher des Kloſters, der ſie an die Gefangenen vertheilte.“ „Und wie alt waren Sie damals?“ „Drei Jahr.“ „Alſo wiſſen Sie Alles, was in dieſer Zeit um Sie her vorging?“ „Alles.“ „Graf,“ ſagte Morcerf ganz leiſe zu Monte⸗Chriſto,„Sie könnten der Signora erlauben, uns etwas aus ihrer Geſchichte zu erzählen. Sie haben mir verboten, mit ihr von meinem Vater zu ſprechen, aber vielleicht ſpricht ſie von ihm und Sie glauben nicht, wie glücklich es mich machen würde, unſern Namen aus dieſem reizenden Munde zu vernehmen.“ Der Graf wandte ſich zu Haidée, und, die Augenbrauen zuſammenziehend, welches ihr andeutete, die größte Aufmerkſamkeit auf das zu verwenden, was er ihr befehlen werde, ſagte er auf Griechiſch: „Das Schickſal Deines Vaters, aber nicht den Namen des Verräthers, nicht den Verrath erzähle uns.“ Haidée ſeufzte tief, und ein finſterer Schatten glitt über ihre Stirn. er. len —— —,— 1017 „Was ſagten Sie ihr?“ fragte Morcerf leiſe. „Ich wiederholte ihr, daß Sie ein Freund wären, dem ſie nichts zu verbergen habe.“ „Alſo,“ ſagte Albert,„dieſe fromme Pilgerſchaft für die Armen iſt Ihre erſte Erinnerung, und die Andern?“ „Die Andern? Ich ſehe mich noch im Schatten eines großen Feigenbaumes, neben einem See, ich ſehe noch das Land auf dem zitternden Spiegel widerſcheinen,— unter dem älteſten und ſchattigſten dieſer Bäume ſaß mein Vater auf Kiſſen und ich ſchwaches Kind, während meine Mutter zu ſeinen Füßen lag. Ich ſpielte mit ſeinem weißen Barte, der bis auf die Bruſt herabreichte, und mit dem Cangiar, deſſen diamantener Griff im Gürtel ſteckte. Ab und zu kam ein Albaneſe, der ihm einige Worte ſagte, auf welche ich jedoch nicht achtete, und auf welche mein Vater: Tödten! oder Begnadigen! antwortete.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Albert,„ſolche Sachen aus dem Munde eines jungen Mädchens anders als auf dem Theater zu vernehmen,“ und er ſagte zu ſich;„Es iſt keine Dichtung. Aber wie finden Sie,“ fragte er dann,„mit dieſem poetiſchen Horizonte, mit dieſer entzückenden Ferne, wie finden Sie unſer Frankreich?“ „Ich glaube, es iſt ein ſchönes Land,“ ſagte Haidée,„aber ich ſehe Frankreich wie es iſt, denn ich ſehe es mit den Augen einer Frau, während, wie es mir ſcheint, mein Vaterland, welches ich ſtets nur mit den Augen des Kindes ſah, immer in einen leuch⸗ tenden oder finſteren Schleier gehüllt bleibt, je nachdem ich der dort empfundenen ſüßen Freuden, oder bittern Leiden gedenke.“ „So jung, Signora,“ konnte Albert ſich nicht enthalten, direkt zu fragen,„wie konnten Sie ſchon ſo ſehr leiden?“ Haidée ſah Monte⸗Chriſto forſchend an, welcher mit einem unmerklichen Zeichen auf Griechiſch murmelte: „Erzähle!“ „Unſere Seele bewahrt ſehr treu unſere erſten Erinnerungen, die meinigen ſind, wie Sie hören werden, ſehr traurig.“ „O ſprechen Sie, Signora,“ rief Albert,„ich ſchwöre Ihnen, daß es mir das unausſprechlichſte Glück gewährt, Ihnen zu⸗ zuhören.“ —— —— —— 1018 Haidée lächelte traurig. „Sie wollen alſo, daß ich von meinen übrigen Erinnerungen ſprechen ſoll?“ „Ich beſchwöre Sie darum,“ ſagte Albert. „Ich war vier Jahre alt, als mich meine Mutter eines Abends weckte. Wir waren in unſerm Palaſte zu Janina, ſie beugte ſich über mein Bett, und zwei große Thränen bethauten meine Wangen. „Sie trug mich ſchweigend fort. „Als ich ſah, wie ſie weinte, ſchluchzte auch ich. „„Still, mein Kind,“ ſagte ſie. „Oft, ungeachtet der mütterlichen Tröſtungen oder Drohungen, weinte ich, nach Art eigenſinniger Kinder, nur noch mehr; dieſes Mal jedoch lag in der Stimme meiner armen Mutter ein ſolches Entſetzen, daß ich augenblicklich ſchwieg. „Sie ſchritt ſchnell vorwärts. „Wir ſtiegen eine breite Treppe herab, gefolgt von den Frauen meiner Mutter, die viele Koſtbarkeiten trugen. Hinter den Frauen kam eine 20 Mann ſtarke Wache, mit Flinten und Piſtolen be⸗ waffnet und ſo gekleidet, wie Sie die Tracht in Frankreich kennen, ſeit Griechenland wieder Nation geworden iſt. „Dieſer lange Zug hatte etwas ſehr Finſteres,“ ſagte Haidée, bei dem bloßen Gedanken erbleichend und den Kopf ſenkend,— „vielleicht kam auch dazu, daß ich ſo ungewöhnlicher Weiſe aus dem ſüßen Schlummer geweckt worden war und deshalb Alles ſo düſter ſah. „Gigantiſche Schatten vergrößerten meinen Schrecken. „„Beeilt Euch!“— rief eine Stimme vom Ende der Galerie. „Vor dieſer Stimme demüthigte ſich Alles, Jeder beugte ſich vor ihr, gleich wie der Wind ein Aehrenfeld beugt. „Auch ich zitterte. „Es war die Stimme meines Vaters. „Er beſchloß den Zug, war prachtvoll gekleidet und hielt in der Hand den Karabiner, welchen er von Eurem Kaiſer erhalten. Geſtützt auf Selim, trieb er uns vor ſich her, wie ein Hirt ſeine zerſtreute Heerde. jene 1 bei ihnn jun ſper die laf „1 bli eine wat ſei 1019 „Mein Vater,“ ſprach Haidée, den Kopf ſtolz erhebend,„war jener erhabene Mann, den Europa unter dem Namen Ali Tebelin, Paſcha von Aegypten, kannte und vor dem die Türkei zitterte.“ Albert, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu können, zitterte 13 bei dieſen mit Stolz und Würde geſprochenen Worten, es ſchien . 1 ihm, als leuchte etwas Finſteres, Erſchreckendes aus den Blicken des ane„ jungen Mädchens, als ſie, einer Wahrſagerin gleich, die ein Ge⸗ ſpenſt beſchwört, dieſes blutige Schauſpiel heraufrief, welches dieſer ſchreckliche Tod in Europa hatte ſo gigantiſch erſcheinen laſſen. 7 ge 4„Am Fuße des See's hielt der Zug an,“ fuhr Haidée fort. 4 eſe„Meine Mutter drückte mich gegen ihr klopfendes Herz, mein Vater des 1 blickte ſich unruhig ringsum. 1„Vier Marmorſtufen führten in den See, an der letzten hielt. 7 eine Barke. 3 „Inmitten des See's erblickte man eine ſchwarze Maſſe, es 1 duen war der Kiosk, wohin wir wollten. Er ſchien mir ſehr weit zu 8 ſein, was vielleicht Folge der Dunkelheit war. 5.„Wir ſtiegen in die Barke. Zu meinem größten Erſtaunen machten die Ruder kein Geräuſch im Waſſer, ich bog mich über den Rand, ſie waren mit den Gürteln unſerer Schiffer umwickelt. de„Die Sclaven waren nicht mit in der Barke, ſondern lagen dem 1 knieend auf den Marmorſtufen, ſie waren zurückgeblieben, um uns ſ. h vor Verfolgung zu ſchützen. 1 1„Unſere Barke flog wie der Wind. „Weshalb geht die Barke ſo ſchnell? fragte ich die Mutter. erie.„„Still, mein Kind,“ ſagte ſie,„wir fliehen.“ 4 1 vor dem ſonſt Alles floh, und deſſen Wahlſpruch war: „„Sie haſſen mich, alſo fürchten ſie mich!“ ſch„Das begriff ich nicht. Mein Vater fliehen, er, der Mächtige, V„Wirklich war es eine Flucht, die mein Vater über den See tin bewerkſtelligte. Es iſt mir ſeitdem geſagt worden, daß die Gar⸗ teun. niſon des Schloſſes von Janina, durch einen langen Dienſt er⸗ eine I mattet.. Haidée blickte Monte⸗Chriſto ausdrucksvoll an, deſſen Auge 1020 feſt auf ſie gerichtet war. Dann fuhr ſie langſam fort, wie Je⸗ Fub mand, der etwas erdenkt oder verſchweigt: ſch „Signora, Sie ſagten,“ ſprach Albert,„daß die Garniſon von Janina, durch langen Dienſt ermüdet...“ jener „Mit dem Seraskier Kourchid, einem Geſandten des Sultans, r gegen meinen Vater unterhandelt hatte. Damals ſchickte der Vater Terr einen franzöſiſchen Offizier, der ſein ganzes Zutrauen beſaß, an den ichd Sultan, und beſchloß dann, ſich in den, für ſolchen Fall längſt vor⸗ ſch. bereiteten Zufluchtsort zurückzuziehen.“ Fern „Und wiſſen Sie den Namen dieſes Offiziers noch, Signora?“ mein fragte Albert. lehn 4 Monte⸗Chriſto wechſelte, von Morcerf unbemerkt, einen blitz⸗ Entz ſchnellen Blick mit Haidée. mein .„Nein,“ ſagte ſie,„vielleicht fällt mir ſein Name ſpäter wie⸗ der ein.“ die Albert wollte den Namen ſeines Vaters nennen, als der Graf ſetzl ihm mit dem Finger drohte, und der junge Mann, ſeines Schwurs eingedenk, ſchwieg. kom „Wir ruderten auf den Kiosk zu. Jſt „Von dem, mit Arabesken verzierten Erdgeſchoſſe führten Terraſſen an den See, deſſen Fluthen die untern Stufen beſpülten. Dann kam noch eine zweite Etage, weiter war von dem Palaſte nichts ſichtbar. „Aber unter dem Erdgeſchoſſe lagen lange, ſich in die Inſel erſtreckende Räume, dorthin führte man die Mutter, mich und die Frauen. Dort lagen auch ſechzigtauſend Beutel und zweihundert Tonnen, in den Beuteln befanden ſich 25 Millionen in Gold, und in den Fäßchen dreißigtauſend Pfund Schießpulver. „Neben dieſen Fäßchen ſtand Selim, der Treue, Nacht und a Tag wachend, eine Lanze in der Hand, an deren Ende eine trübe Lunte brannte. Bei dem erſten Zeichen des Vaters halte er Befehl, Alles in die Luft zu ſprengen. „Ich entſinne mich, daß unſere Sclavinnen, dieſen ſchreck⸗ lichen Befehl kennend, weinend, ſeufzend und betend auf den Knieen lagen. —— Fun Je⸗ von tans, den vor⸗ dra?“ blit wie⸗ Graf wurs ürten ilten. zlaſte Inſel die ndert und und rübe efehl, hreck⸗ nieen aater — —ää⅛⅓ — — 1021 „Ich ſehe noch immer den jungen Soldaten, mit der bleichen Farbe und dem ſchwarzen Auge, und wenn einſt der Todesengel 4 ſich mir naht, bin ich überzeugt, Selim wiederzuerkennen. „Ich kann nicht ſagen, wie viele Tage wir hier blieben, zu jener Zeit wußte ich noch nicht, was die Zeit ſei, zuweilen, aber nur ſelten erlaubte mein Vater, daß die Mutter und ich auf die Terraſſe gehen durften; das waren ſelige Augenblicke für mich, da ich da unten nur bange Seufzer hörte, und Selim's düſtere Lunte ſah. Mein Vater, vor einer Oeffnung ſitzend, ſah finſter in die Ferne, jeden ſchwarzen Punkt auf dem See unterſuchend, während meine Mutter neben ihm knieete, den Kopf auf ſeine Schulter ge⸗ lehnt. Ich ſpielte zu ſeinen Füßen und bewunderte in kindiſchem Entzücken all' die unermeßlichen Herrlichkeiten der ſchönen, ſich vor meinen Blicken ausbreitenden Gegend. „Eines Morgens ließ der Vater uns holen, die Mutter hatte die ganze Nacht geweint, wir fanden ihn ziemlich ruhig, aber ent⸗ ſetzlich bleich. „„Geduld, Vafiliki,“ ſagte er,„heute endigt ſich Alles, heute kommt der Beſchluß des Herrn und mein Schickaal iſt entſchieden. Iſt er gnädig, kehren wir triumphirend nach Janina zurück, wo nicht, ſo fliehen wir noch in dieſer Nacht.“ „„Aber wenn ſie uns nicht fliehen laſſen?“ fragte meine Mutter. „„d ſei unbeſorgt,“ entgegnete ihr Gemahl lächelnd,„denke an Selim, ſie wollen wohl, daß ich ſterbe, aber nicht unter der Be⸗ dingung, ihren Tod mit mir zu finden.“ „Nur ſeuſzend beantwortete meine Mutter dieſe Tröſtungen, die nicht aus dem Herzen meines Vaters kamen. „Sie bereitete ihm kühlende Getränke, denn ſeit unſerer Flucht in den Kiosk quälte ihn hartnäckiges Fieber, ſie ſalbte ſeinen weißen Bart und zündete ſeine liebe, jetzt oft vernachläſſigte Pfeife an. „Plötzlich machte er eine ſo heftige Bewegung, daß ich vor Furcht zitterte. „Dann verlangte er, ſtarr auf einen Punkt blickend, ein Fernrohr. — 1022 „Zleicher als der Marmor, an den ſie ſich lehnte, reichte ihm meine Mutter das Verlangte. „Ich ſah die Hand meines Vaters zittern. „„Eine Barke! zwei... drei...“ murmelte er,„vier....“ „Und er ſprang auf, griff nach ſeinen Waffen und ſchüttete Pulver auf die Piſtolen. „Vaſiliki,“ ſagte er, ſichtlich bebend,„der entſcheidende Augen⸗ blick naht; in einer halben Stunde kennen wir die Antwort des erhabenen Sultans; ziehe Dich mit Haidée in das unterirdiſche Gewölbe zurück.“ „„ mein Herr und Gebieter, ich verlaſſe Dich nicht,“ rief die Mutter,„ich will mit Dir ſterben.“ „„Geh zu Selim!“ ſchrie mein Vater. „„Adieu, mein Gebieter!“ murmelte ſie gehorſam und ſank kraftlos zuſammen. „Die Palikaren meines Vaters trugen ſie fort. „Mich hatte man vergeſſen, ich ſtürzte auf meinen Vater zu und hob die Hände flehend empor, er neigte ſich zu mir und be⸗ rührte meine Stirn mit ſeinen Lippen. „Ach! es war der letzte Kuß und noch fühle ich ihn auf meiner Stirn. „Herabſteigend, bemerkten wir jetzt ſchon die Boote mit unſern Augen ſich nähernd. „Während deſſen lagen im Kiosk zwanzig Palikaren zu den Füßen meines Vaters, ſtarren Blicks der Ankunft der Fahrzeuge entgegenſehend. Ihre Hände hielten krampfhaft die langen Gewehre umſpannt, der Boden war mit Patronen beſäet,— der Vater ging, die Uhr in der Hand, nur ruhig auf und ab. „Wir ſtiegen in das Souterrain. Selim ſtand, wie immer, auf ſeinem Poſten, er lächelte ſchmerzlich. Treue Herzen finden ſich im Unglück,... ſchweigend ſetzten wir uns zu Sekim, denn ſo ſehr Kind ich auch war, fühlte ich dennoch, daß eine große Gefahr über unſern Häuptern ſchwebe.“ Schon öfter hatte Albert, nicht von ſeinem Vater, der nie davon ſprach, ſondern von Fremden, von den letzten Augenblicken üttete ugen⸗ t des diſche j die ſank er zu d be⸗ auf nſern den euge vehre ging, auf him ſehr über nie ſcken 1023 des Paſcha von Janina erzählen hören, er hatte viel darüber ge⸗ leſen, aber dieſe, durch Haidée's Perſon und Stimme ſo lebhafte Erzählung, die klagende Elegie bei dieſer Friſche, durchdrang ihn zugleich mit ſüßem Zauber und unausſprechlichem Schrecken. Ganz überwältigt von dieſen ſchmerzlichen Erinnerungen, hatte das arme Kind einige Augenblicke innegehalten, ſie neigte ſich, gleich einer vom Sturme geknickten Blume auf ihre Hand, noch den blauen See von Janina mit den ſchwellenden Segeln vor ſich ſehend, den magiſchen Spiegel des finſtern Bildes, deſſen Skizze ſie ent⸗ worfen. Monte⸗Chriſto blickte ſie mit einem nicht wiederzugebenden Aus⸗ druck theilnehmenden Mitleids an. „Fahre fort, meine Tochter,“ ſagte er dann griechiſch. Wie aus einem Traum erweckt durch die klangvolle Stimme des Grafen, hob Haidée den Kopf und ſprach: „Es war erſt vier Uhr Nachmittags, und obgleich dort oben der ſchönſte Tag im hellſten Lichte ſtrahlte, herrſchte da unten bei uns die dichteſte Finſterniß. „Ein einziges Licht glänzte in dem weiten Raume, einem zitternden Sterne am Grunde eines ſchwarzen Himmels vergleichbar; es war Selim's Leuchte. „Meine Mutter war Chriſtin, ſie betete. „Selim wiederholte von Zeit zu Zeit die geheiligten Worte: „„Gott iſt groß!“ „Meine Mutter hegte noch einige Hoffnung. Im Herabſteigen hatte ſie den Franzoſen zu erkennen geglaubt, in den mein Vater ſo viel Vertrauen ſetzte, denn er wußte, daß die franzöſiſchen Soldaten des Sultans in der Regel edel und großmüthig ſind. Sie näherte ſich der Treppe und horchte. „„Sie nahen!“ ſagte ſie,„ach brächten ſie Frieden und Leben!“ „„Was fürchteſt Du, Vaſiliki?“ fragte Selim mit ſeiner zu⸗ gleich ſo weichen und ſo ſtolzen Stimme;„wenn ſie den Frieden nicht bringen, werden wir ihnen den Krieg geben; bringen ſie das Leben nicht, ſo geben wir ihnen den Tod.“ ſſſſ — 1024 „Und er belebte die Flamme mit einer Bewegung ſeiner Lanze, bei der man an den Dionyſius des alten Creta denken mußte. „Aber ich ſchwaches, einfältiges Kind fürchtete mich vor dieſem Muthe, den ich roh und unſinnig nannte, und ich entſetzte mich vor dieſem erſchrecklichen Luft⸗ und Flammentode. „Die Empfindungen meiner Mutter waren dieſelben, denn ſie zitterte heftig. „Mein Gott, o mein Gott, Mama,“ ſchrie ich,„ſollen wir denn ſterben?“ „Und meine Worte verdoppelten die Thränen und Gebete der Sclavinnen. „Kind,“ ſchluchzte die Mutter,„Gott bewahre Dich, daß Du dahin kommen mögeſt, dieſen Tod einſt zu wünſchen, den Du jetzt ſo fürchteſt.“ „Dann ſagte ſie ganz leiſe: „Selim, wie lautet der Befehl Deines Herrn?“ „„Wenn der Gebieter mir ſeinen Dolch ſchickt, ſo verweigert der Sultan ſeine Verzeihung, und ich ſprenge uns Alle in die Luft; ſchickt er mir ſeinen Ring, ſo iſt Alles vergeben und wir ſind frei.“.. „„Freund,“ ſprach die Mutter,„wenn der Befehl des Herrn anlangt, und er ſchickt den Dolch, ſo bitte ich Dich, uns damit zu tödten, ſtatt auf die andere Weiſe, die uns ſo ſehr erſchreckt.“ „„Ja, Vaſiliki,“ entgegnete Selim ruhig. „Plötzlich hörten wir ein großes Geſchrei, es war ein Freuden⸗ geſchrei, der Name des nach Conſtantinopel geſandten Franzoſen hallte von den Lippen unſerer Palikaren wieder, es war erwieſen, daß die Antwort des erhabenen Herrſchers angekommen und er⸗ wünſcht war.“ „Und Sie entſinnen ſich ſeines Namens noch nicht?“ fragte Albert, bereit, wie es ſchien, dem Gedächtniſſe der ſchönen Erzählerin zu Hilfe zu kommen. Monte⸗Chriſto machte ihr ein Zeichen. „Nein,“ ſagte Haidée. eigert in die d wir Herrn nit zu 4 euden⸗ nzoſen ieſen, d er⸗ fragte hlerin 1025 „Das Geräuſch verdoppelte ſich, Schritte kamen näher, man ſtieg die Treppe zum Souterrain herab. „Selim hob die Lunte. „Bald erſchien ein Schatten in der Darunerung des Ein⸗ ganges. „„Wer biſt Du,“ ſchrie Selim,„aber wer Du auch biſt, komm keinen Schritt näher.“ „„Ehre dem Sultan!“ ſprach der Schatten,„vollſtändige Ver⸗ zeihung iſt dem Vezier Ali bewilligt, nicht nur das Leben, nein, auch ſeine Schätze ſind ihm zurückgegeben.“ „Meine Mutter ſtieß einen Schrei aus und drückte mich an ihr Herz. „„Halt,“ ſagte Selim, als wir uns entfernen wollten,„noch iſt es nicht ſo weit.“ „„Du haſt Recht,“ murmelte ſie, ſank auf die Kniee und hob mich gen Himmel, wie um für mich zu Gott zu flehen.“ Und abermals von dieſer Erinnerung überwältigt, hielt Haydée zum zweiten Male inne, kalter Schweiß beperlte ihre bleiche Stirn, ihre zitternde Stimme war zuletzt faſt unverſtändlich. Monte⸗Chriſto reichte ihr Eis, und ſprach ſanft und dabei dennoch befehlend: „Muth, meine Tochter.“ Haydée trocknete Augen und Stirn, und fuhr fort: „Während deſſen hatten unſere an die Dunkelheit gewöhnten Augen den Abgeſandten des Paſcha erkannt, es war ein Freund! „Auch Selim hatte ihn erkannt, aber der Treue kannte und wußte nur das Eine: Gehorche!“ „„In weſſen Namen kommſt Du?“ fragte er. „„Im Namen unſeres Herrn und Gebieters, Ali Tebelin.“ „„Wenn Du in ſeinem Namen kommſt, weißt Du auch, was Du mir mitbringen mußt?“ „„Ja,“ ſagte der Abgeſandte,„ich bringe ſeinen Ring.“ „Und er erhob zugleich die Hand über ſeinen Kopf, aber es war zu weit, und nicht hell genug, als daß Selim den Gegenſtand hätte unterſcheiden und erkennen können, den er uns entgegen⸗ hielt. „„Ich ſehe nicht, was Du da haſt,“ ſagte Selim. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 65 1026 mich.“ „„Keins von Beidem,“ rief der junge Soldat,„lege den Gegenſtand in das Bereich des Lichtes, damit ich ihn erkennen kann, und tritt zurück.“ „„Gut,“ ſagte der Abgeſandte. „Und er that wie ihm geheißen. „Unſer Herz drohte zu ſpringen, der Gegenſtand ſchien wirk⸗ lich ein Ring zu ſein, aber war es der meines Vaters? „Selim, die gefährliche Lunte in der Hand, trat zur Oeffnung, verbeugte ſich dann tief und rief, den Gegenſtand küſſend: „„Der Ring des Gebieters, o, nun iſt es gut!“ „Und die Flamme zur Erde werfend, trat er ſie aus. „Der Abgeſandte ſtieß einen Freudenſchrei aus und ſſchlug feſt in die Hände. Bei dieſem Zeichen ſtürzten vier Soldaten des Seraskiers Kourchid herbei, und Selim fiel, von fünf Dolchſtichen durchbohrt. Jeder hatte den ſeinen gebraucht. „Und, zwar bleich vor Furcht, aber von ihrem Verbrechen berauſcht, ſtürzten ſie in das Gewölbe, ſich auf die Goldſäcke werfend. „Zitternd, betäubt, aber mit der Schnelligkeit des Blitzes nahm mich die Mutter auf den Arm und erſtieg eine geheime, nur uns bekannte Treppe. Oben herrſchte entſetzlicher Tumult. „Wüſtes Geſchrei hallte uns aus den Sälen entgegen, die von unſeren Feinden, d. h. Kourchids Soldaten, belebt waren. „In dem Augenblicke, als die Mutter die kleine Thür auf⸗ ſtieß, hörten wir die furchtbare, drohende Stimme des Paſcha. „Meine Mutter blieb beſtürzt ſtehen, hielt die Thür an und lugte durch eine Spalte. „„Was wollt Ihr?“ fragte mein Vater die Leute, elche, ein Papier mit goldenen Zeichen tragend, ihm nahten. „„Was wir wollen?“ rief der Eine,„den Befehl unſeres glorreichen Herrſchers erfüllen. Siehſt Du den Ferman?“ „„Ich ſehe ihn,“ entgegnete mein Vater. „„Nun denn, lies, er verlangt Deinen Kopf.“ „Mein Vater ſtieß ein entſetzliches Gelächter aus, drückte ſeine Doppelpiſtolen ab, und zwei ſeiner Gegner ſtürzten todt zu Boden. „„Komm näher,“ ſagte der Abgeſandte,„oder ich nihere nähere ge den kennen wirk⸗ fnung, ſchlug n des ſichen rechen dſäcke Blitzes „nur a. nund , ein ſeres ſeine oden. 1027 „Die Palikaren, welche bis dahin mit geſenktem Haupte zu den Füßen meines Vaters gelegen hatten, ſprangen auf und gaben Feuer. Geſchrei, Rauch und Flamme erfüllten das Gemach. „Plötzlich kam das Feuer auch von der andern Seite und die Kugeln umſauſten den Kopf meines Vaters. „O wie ſchön, wie groß war der Vezier Ali Tebelin, mein Vater, inmitten dieſer Kugeln, den Säbel in der Fauſt, das Geſicht ſchwarz von Pulver! Ha, wie ſeine Feinde flohen! „„Selim! Selim!“ ſchrie er,„Wächter des Feuers, thue Deine Pflicht.“ „„Selim iſt todt!“ antwortete eine Stimme, die aus den Tiefen des Kiosks aufzuſteigen ſchien,—„und Du, mein Gebieter Ali, biſt verloren.“ „Zu gleicher Zeit vernahm man ein dumpfes Geräuſch, und rings um meinen Vater flog der Fußboden auf. „Die Soldaten Kourchids ſchoſſen durch das Parquet, drei oder vier Palikaren flogen zerſchmettert in die Höhe. „Mein Vater brüllte, griff in den von Kugeln durchbohrten Fußboden und riß ein ganzes Bret heraus. „Aber ſogleich drangen zwanzig Feuerröhre durch dieſe Oeff⸗ nung, und die Flamme, dem Krater eines Vulkans gleich, ver⸗ ſchlang, was ſie fand. „Inmitten dieſes entſetzlichen Tumultes, inmitten dieſes furcht⸗ baren Geſchreies machten uns zwei toſende Schläge, zwei herz⸗ zerreißende Schreie vor Schrecken ſtarr; dieſe Exploſionen hatten maeinen Vater tödtlich getroffen, er hatte dieſen Schrei ausgeſtoßen. „Aber er ſtand noch, an ein Fenſter gelehnt. Meine Mutter wollte die Thür aufſtoßen, um mit ihm zu ſterben, aber ſie war jetzt von innen verſchloſſen. „Rings um ihn wanden ſich ſeine getreuen Palikaren im Todeskampfe, nur einige leichter verwundete ſtürzten ſich durch das Fenſter. „Zerſchmettert krachte der Boden, mein Vater fiel auf ein Knie, zwanzig Arme, mit Piſtolen, Säbeln und Dolchen bewaffnet, ſtreckten ſich nach ihm aus, zwanzig Schläge trafen dieſen Mann, und er verſchwand unter einem Feuerregen, unter dieſen brüllenden Dämonen, als ob die Hölle ſich unter ſeinen Füßen geöffnet hätte. 65* ö e nn eie —— „Die Hände meiner Mutter ließen mich los, ſie war ohn⸗ mächtig geworden, ich fiel zur Erde.“ Auch Haydée war einer Ohnmacht nahe, ſtöhnend blickte ſie den Grafen an, wie um zu fragen, ob es nun nicht genug ſei. Er erhob ſich, ging zu ihr, faßte ihre Hand und ſprach griechiſch: „Ruhe Dich aus, liebes Kind, und faſſe wieder Muth, bedenke, daß Gott die Verräther ſtraft.“ „Das iſt eine entſetzliche Geſchichte, Graf,“ ſagte Albert, ganz erſchreckt über Haydée's Bläſſe,„und ich bereue jetzt ſchmerzlich, ſo grauſam unbeſcheiden geweſen zu ſein.“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach Monte⸗Chriſto, und legte ſeine Hand auf Haydée's Kopf,„es iſt nichts.“ „Haydée,“ ſagte er dann,„iſt eine muthige Frau, ſchon zu⸗ weilen hat ſie Troſt in der Erzählung ihrer Leiden gefunden.“ „Weil, mein Gebieter,“ rief das junge Mädchen lebhaft, „meine Leiden mir Deine Wohlthaten zurückrufen.“ Albert ſah ſie neugierig an, denn ſie hatte noch nicht erzählt, was er beſonders zu wiſſen wünſchte, wie ſie des Grafen Sclavin geworden war. Da Haydée in Albert und des Grafen Zlicken denſelben Wunſch las, fuhr ſie fort: „Als meine Mutter wieder zu ſich kam, befanden wir uns vor dem Seraskier. „„Tödtet mich,“ ſagte ſie,„aber ſchont die Ehre von Ali's Wittwe.“ „„An mich kannſt Du Dich nicht deshalb wenden,“ ſagte Kourchid. „„Und an wen ſonſt?“ „„An Deinen neuen Herrn.“ „„Und wer iſt das?“ „„Dieſer.“ „Und er zeigte auf einen von denen, die am meiſten bei dem Tode meines Vaters geholfen hatten,“ rief das junge Mädchen mit finſterm Schmerze. „Alſo wurden Sie das Eigenthum dieſes Mannes?“ fragte Albert. 1029 „Nein, er wagte nicht, uns zu behalten, ſondern verkaufte uns an einen Sclavenhändler, der nach Conſtantinopel ging. Wir durchzogen Griechenland und gelangten ſterbend an die Thore der Hauptſtadt des türkiſchen Reichs, von Neugierigen umringt, als plötzlich meine Mutter ihre Blicke erhob, einen gellenden Schrei ausſtieß und zu Boden ſank. „Ich folgte der Richtung ihrer Blicke, ein Kopf war über dem Thore befeſtigt. „Unter dem Kopfe ſtanden die Worte: „„Dies iſt der Kopf Ali Tebelin's, des Paſcha's von Janina.“ „Weinend verſuchte ich die Mutter aufzurichten, ſie war todt... „Ich ward auf den Sclavenmarkt geführt, ein reicher Armenier kaufte mich, ließ mich erziehen und unterrichten, und verkaufte mich, als ich dreizehn Jahre alt war, an den Sultan Mahomed.“ „Dem ich ſie wieder abkaufte, wie ich Ihnen ſchon ſagte, Albert,“ rief Monte⸗Chriſto,„und zwar für jenen Smaragd, das Gegenſtück deſſen, in welchem ich meine Hatchis⸗Paſtillen auf⸗ bewahre. „O wie groß, wie gut iſt mein Herr,“ rief Haydée, Monte⸗ Chriſto’s Hand küſſend,„o ich bin glücklich, ihm anzugehören.“ Albert war ganz betäubt von dem Gehörten. „Aber trinken Sie doch Ihren Kaffee,“ rief der Graf,„die Geſchichte iſt zu Ende.“ ——O—— LXXIX. Man ſchreibt von Janina. Franz hatte Noirtiers Zimmer ſo betäubt und ſchwankend verlaſſen, daß ſogar Valentine Mitleid mit ihm fühlte. Villefort, welcher, einige unzuſammenhängende Worte ſtotternd, in ſein Kabinet entflohen war, erhielt zwei Stunden ſpäter folgen⸗ den Brief: „Nach der Entdeckung dieſes Morgens kann Herr Noirtier von Villefort wohl nicht mehr vorausſetzen, daß eine Verbindung zwiſchen ſeiner Familie und der des Herrn Franz Baron von Epinay Quesnel möglich ſei. Er entſetzt ſich bei der Vorausſetzung, daß Herr von Villefort, der, wie es ſchien, die heute erzählten Erlebniſſe ſchon kannte, nicht ſchon früher denſelben Gedanken gehabt hat.“ Wer den ganz zu Boden gedrückten Procurator in dieſem Augenblicke geſehen hätte, würde nicht geglaubt haben, daß er dieſen Schlag überleben könne. Nie hatte er geglaubt, daß ſein Vater ſo freimüthig, oder vielmehr ſo roh ſein werde, dieſe Ge⸗ ſchichte zu erzählen. So ſehr Noirtier auch die Richtung ſeines Sohnes verachtete, hatte er dennoch niemals ausführlich mit ihm über den Tod des Generals geſprochen, und auch Villefort hatte geglaubt, Quesnel ſei von Mörderhand und nicht im ehrlichen Zweikampf gefallen.. Dieſer harte, ſcharfe Brief eines bis dahin ſo viel Reſpect zeigenden jungen Mannes verwundete tödtlich den Hochmuth eines Mannes wie Villefort. Kaum war er in ſeinem Kabinet, als feim Frau eintrat. Der von Noirtier gewünſchte Beſuch des Herrn von Epinay, 3 ſein langes Ausbleiben, hatten den Notar und die Zeugen ſehr in Staunen geſetzt, und die Lage der Frau von Villefort war immer ankend ternd, olgen⸗ virtier ndung pinay „ daß ebniſſe hat.“ dieſem aß er ß ſein ſe Ge⸗ ſeines t ihm hatte rlichen leſpect eines nt. pinay, ehr in immer ——— peinlicher geworden. Plötzlich hatte ſie einen Entſchluß gefaßt 1031 und war hinausgegangen, um die Lage der Dinge zu erforſchen. Herr von Villefort begnügte ſich, ihr zu ſagen, daß nach einer zwiſchen ihm, ſeinem Vater und Franz ſtattgefundenen Erklärung des Letzteren Vermählung mit Valentine aufgehoben ſei. Das war ſchwer, den Wartenden wieder zu ſagen, Frau v. Villefort entſchuldigte ſich daher, und ſagte, ein Schlaganfall, der den Herrn von Noirtier plötzlich befallen, habe die Unterzeichnung des Contracts um einige Tage verſchoben. Dieſe Nachricht, ſo falſch ſie war, folgte dennoch ſo ſonderbar den beiden vorhergehenden, in dieſe Angelegenheit eingreifenden Unglücksfällen, daß die Anweſenden ſich verdutzt anſahen und dann ſchweigend entfernten. Während deſſen hatte Valentine, ganz betäubt und glücklich zugleich, ihren Großvater zärtlich umarmt, der ſie von dieſer, wie ſie glaubte, unlösbaren Kette befreit hatte, und ſich dann zurück— gezogen. Statt jedoch nach ihrem Zimmer hinaufzugehen, lenkte ſie ihre Schritte in den Garten. Inmitten all' dieſer, ſich vielfach kreuzenden Begebenheiten hatte ein dumpfer Schrecken ihr Herz ganz beſonders beklemmt. Von einem Augenblicke zum andern fürch⸗ tete ſie, daß Morrel bleich und drohend erſcheinen werde. Und wirklich war es hohe Zeit, daß ſie bei dem Gitter erſchien. Als Maximilian Herrn von Villefort den Kirchhof in Begleitung des Herrn v. Epinay verlaſſen ſah, war er ihnen gefolgt, hatte ſie zuſammen in das Haus gehen, bald darauf Franz daſſelbe verlaſſen, und bald danach mit Chateau⸗Renaud und Albert wiederkommen ſehen. Er zweifelte nicht mehr, war in ſein Verſteck gegangen, und harrte dort, feſt überzeugt, daß Valentine den erſten freien Augenblick benutzen werde, zu ihm zu flüchten. Er hatte ſich nicht geirrt, ſeine Geliebte erſchien. Als er nur ihren ſchwebenden Gang bemerkte, ihr leuchtendes Auge ſah, war er beruhigt. „Gerettet!“ rief Valentine. „Gerettet?“ wiederholte Morrel, kaum an ein ſolches Glück glaubend,„aber durch wen?“ „Durch meinen Großvater! O Morrel, lieben Sie ihn ja!“ ————— 1032 Morrel ſchwur, ihn von ganzem Herzen zu lieben, und es war ihm Ernſt, er begnügte ſich in dieſem Augenblicke nicht damit, ihn wie einen Freund oder Vater zu lieben, er verehrte ihn faſt wie Gott. „Aber wie war es möglich?“ fragte er,„welches ſonderbare Mittel kann er angewendet haben?“ Schon öffnete Valentine den Mund, ihm Alles zu erzählen, aber ſie bedachte, daß es nicht ihr, nicht allein ihres Großvaters Geheimniß ſei, und ſagte nur: „Später ſollen Sie Alles erfahren.“ „Aber wann?“ „Sobald ich Ihre Frau bin.“. Das lenkte die Unterhaltung auf einen Gegenſtand, der Morrel begeiſterte und alles Andere vergeſſen ließ; auch ſchied er von ſeiner Geliebten, doch nur, nachdem ſie verſprochen hatte, ihn morgen wieder zu ſehen. Valentine that es freudig; Alles war in ihren Augen verän⸗ dert und es kam ihm jetzt nicht mehr ſo unmöglich vor, Maximi⸗ lian zu heirathen, als es ihr vor einer Stunde unglaublich ge⸗ weſen war, Franz von Epinay nicht zu heirathen. Während deſſen ging ihre Stiefmutter zu Herrn v. Noirtier. Dieſer blickte ſie finſter und ernſt, wie gewöhnlich, an. „Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu erzählen, daß Valentinens Vermählung nicht ſtattfinden wird,“ begann ſie,„weil Sie es früher wußten als ich.“ Der Greis blieb unbeweglich. „Aber Sie wiſſen nicht,“ fuhr ſie fort,„daß ich ſtets gegen dieſe Heirath war, die wider meinen Willen geſchloſſen ward.“ Noirtier ſah ſeine Schwiegertochter an, wie Jemand, der eine Erklärung wünſcht. „Jetzt, da dieſe Heirath aufgelöſ't iſt, für welche auch Sie ſtets einen Widerwillen hegten, eile ich, einen Schritt zu thun, den weder mein Gemahl, noch Valentine thun dürfen.“ Die Augen ihres Schwiegervaters ſprachen:„Fahren Sie fort.“ „Ich wollte Sie nämlich bitten, denn nur ich habe ein Recht dazu, weil ich die Einzige bin, der nichts davon zu Gute kommen wird, Ihrer Enkelin Ihr Vermögen wieder zu vermachen.“ 1033 „Ja,“ nickte Noirtier. 4 Noirtier ſah ſie ungewiß an, er ſuchte die Motive dieſes iin Schrittes und fand ſie nicht. t wie„Darf ich hoffen,“ forſchte Frau v. Villefort,„daß Ihre Ab⸗ dn. ſichten mit meinen Bitten übereinſtimmen?“ e —„O dann empfehle ich mich Ihnen, dankbar und beglückt zu⸗ 3 ihſe, gleich.“ aters Und ſie verließ das Gemach Ihres Schwiegervaters. 1 Wirklich ließ Herr von Noirtier am folgenden Tage einen 1 er Valentinen, unter der Bedingung, daß man ſie nicht von ihm Notar kommen, und ein zweites Teſtament aufſetzen, in welchem trenne, ſein ganzes Vermögen vermachte. —— orrel So war Fräulein v. Villefort durch die Erbſchaft ihrer beider⸗ einer ſeitigen Großältern, Beſitzerin von faſt dreihunderttauſend Livres orgen Einkünften geworden. Während all' dieſer Ereigniſſe bei Villeforts hatte der Graf erän⸗ v. Monte⸗Chriſto dem Grafen v. Morcerf ſeinen Beſuch abgeſtattet, rimi⸗ und dieſer begab ſich, um Danglars ſeinen Eifer zu bezeigen, in ge⸗ ſeiner, mit allen Orden geſchmückten Staats⸗Uniform als General⸗ 4 Leutnant, und in ſeinem Staatswagen zum Banquier. ttier. Dieſer war, bei Meldung des Grafen, gerade beſchäftigt, ſeinen 1 Monatsabſchluß zu machen, und das war ſeit einiger Zeit nicht nens der Augenblick, wo man hoffen durfte, ihn bei guter Laune zu e es finden. 1 Auch ſeinen alten Freund erblickend, blieb Danglars kalt und b verdrießlich in ſeinem Lehnſtuhl ſitzen, während hingegen der ſonſt egen gewöhnlich ſo ſteife Morcerf ihn freundlich und heiter begrüßte; ſ folglich ſicher, daß ſeine Worte gut aufgenommen werden würden, eine begann er ohne weitere Umſchweife: „Da bin ich, beſter Baron, wir haben lange nicht von— Sie unſern.. zun, Statt daß, wie Morcerf erwartete, der Baron ihm freudig entgegen eilen würde, blieb dieſer kalt, unbeweglich, ja faſt ver⸗ rt.“ ächtlich in ſeiner vorigen Stellung. 7 leht Deshalb ſtockte der Graf mitten in ſeiner Rede. nnen„Wovon reden Sie, General?“ fragte der Banquier, als ob er ſich durchaus nicht beſinnen könnte. 1034 „Ach, verzeihen Sie,“ rief der Graf,„ich ſehe, Sie ſind Formaliſt, und erinnern mich, daß der Beginn meiner Rede nicht feierlich genug war. Meiner Treul ich habe nur den einen Sohn, und es iſt dies mein erſter Verſuch, Verzeihung alſo.“ Und Morcerf machte dem Banquier gezwungen lächelnd eine tiefe Verbeugung und begann: „Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie förmlich um die Hand Ihrer einzigen Tochter, Fräulein Eugenie Danglars, für meinen einzigen Sohn, Albert von Morcerf, zu bitten.“ Aber ohne den Grafen, der noch ſtand, freundlich zum Sitzen einzuladen, ohne ihm freundlich zu antworten, runzelte der Banquier die Stirn und ſprach: „Herr Graf, bevor ich Ihnen antworte, muß ich erſt üüber⸗ legen.“ „Ueberlegen?“ rief Morcerf ganz erſtaunt,„mein Gott, haben Sie ſeit acht Jahren, als zuerſt von dieſer Verbindung die Rede war, nicht Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken?“ „Herr Graf,“ ſprach Danglars kalt,„es paſſirt oft, daß eine Sache, die man hinter ſich glaubt, ganz von Neuem überdacht werden muß.“— „Ich verſtehe Sie nicht, Baron,“ ſprach der Graf. „Ich will ſagen, daß ſeit vierzehn Tagen neue e Verhältniſſe eingetreten ſind. „Verzeihen Sie,“ rief Morcerf,„ſpielen wir hier etwa Comödie?“ „Comödie, wie ſo?“ „Ja, ſprechen wir uns beſtimmt aus.“ „Das iſt eben mein Wnnſch.“. „Sie haben Herrn v. Monte⸗Chriſto geſehen?“ „Ich ſehe ihn ſehr oft,“ ſagte Danglars, ſeine Cravatte zu⸗ rechtzupfend,„er iſt mein Freund.“ „Nun, haben Sie ihn nicht beauftragt, mit mir über dieſe Heirath zu ſprechen?“ „Ja. „Nun alſo, deshalb bin ich hier, Ihrem Wunſche gemäß. 36 bin weder vergeßlich noch unentſchloſſen, und fazame. Sie an Ihr Verſprechen zu mahnen.“ e ſind nicht Sohn, — eine Hand einen Sitzen nquier über⸗ en Sie war, eine rdacht ltniſſe etwa Danglars antwortete nicht. „Haben Sie Ihren Wunſch ſobald geändert,“ rief Morcerf, „oder haben Sie mich nur zu ſich beſchieden, um mich zu de⸗ müthigen?“ Der Banquier begriff, daß die Sache übel für ihn endigen könne, wenn er in dieſem Tone fortführe. „Herr Graf,“ begann er,„ich begreife wohl, daß meine Zu⸗ rückhaltung Sie befremden muß, ſeien Sie überzeugt, daß es mir ſelbſt am peinlichſten iſt, und daß nur ganz beſondere Umſtände...“ „Das ſind aus der Luft gegriffene Vorwände, mein Lieber,“ rief der Graf,„mit denen ſich der Erſte Beſte vielleicht begnügen würde, aber der Graf v. Morcerf iſt nicht der Erſte Beſte, und wenn ein Mann wie er zu einem andern Manne kommt, ihn an ein gegebenes Wort zu mahnen, was dieſer zu vergeſſen ſcheint, hat er das vollſte Recht, eine genügende Erklärung zu verlangen.“ Danglars war feige, wollte es jedoch nicht ſcheinen; der Ton, in dem Morcerf ſprach, reizte ihn. „Auch fehlen mir dieſe Gründe nicht,“ entgegnete er. „Nun alſo?“ „Ach es iſt ſchwierig, ſie anzuführen.“ „Und ich begnüge mich nicht mit dieſen Umſchreibungen, und ſehe nur das Eine klar, daß Sie ſich nämlich von Ihrer Verbind⸗ lichkeit zurückzuziehen wünſchen.“ „Nein, mein Herr,“ rief Danglars, ich ſchiebe meine Ent⸗ ſcheidung noch hinaus, das iſt Alles.“ „ und dennoch wagen Sie zu verlangen, daß ich Ihre Launen geduldig ertragen, und demüthig der Wiederkehr Ihrer Gunſt harren ſoll?“ „Gut, Herr Graf, wenn Sie nicht warten mögen, ſo ſehen Sie unſer Uebereinkommen als nicht geſchloſſen an.“ Der Graf biß ſeine Lippen faſt blutig, ſein ſtolzer, reizbarer Charakter war ſchwer getroffen; indeſſen, bedenkend, daß er ſich lächerlich machen würde, kehrte er, ſchon an der Thür, nochmals in den Salon zurück. — Ein Schatten bepölkte ſeine Stirn, ſtatt des beleidigenden Hochmuths las man jetzt unbeſtimmte Unruhe in ſeinen Zügen. „Wir kennen uns ſehr lange, lieber Danglars,“ ſprach er, ———— — 8— ———— —— ————ꝛꝛ4— 1036 „und ſollten wohl gegenſeitig etwas Rückſicht auf einander nehmen. Sie werden mir erklären, und das iſt wohl das Wenigſte, was ich verlangen kann, welchen unglücklichen Begebenheiten mein Sohn den Verluſt Ihrer freundlichen Geſinnungen gegen ihn zuzuſchreiben hat?“ „Es hängt durchaus nicht mit der Perſon des Vicomte zu⸗ ſammen, mein Herr, und das iſt Alles, was ich ſagen kann,“ rief Danglars, wieder grob werdend, als er ſah, daß der Graf ſich be⸗ ſänftigte. „Und mit weſſen Perſon ſonſt?“ fragte Morcerf zitternd und bleich vor Zorn. Danglars, dem dieſe Aufregung nicht entging, ſah ihn ſicherer an, als gewöhnlich ſeine Art war. „Danken Sie mir, daß ich mich nicht deutlicher ausdrücke,“ ſagte er. Ein nervöſes Zittern, die Folge zurückgehaltenen Zorns, durch⸗ bebte Morcerfs Körper. „Ich habe das Recht,“ rief er, ſich gewaltſam faſſend,„auf genaue Erklärung zu dringen. Haben Sie etwas gegen Frau v. Morcerf? Scheint Ihnen mein Vermögen nicht bedeutend genug? Sind meine Anſichten den Ihrigen entgegen?“ „Nichts von Alle dem, mein Herr, ich kannte das Alles, und ging dennoch die Verbindung gern ein. Forſchen Sie nicht weiter, erſparen Sie ſich dieſes unangenehme Examen, und begnügen Sie ſich mit dieſem Aufſchube, der weder Bruch noch Zuſage iſt. Mein Gott, es eilt ja nicht, meine Tochter iſt ſiebzehn, Ihr Sohn ein und zwanzig Jahr. Warten wir... ein Tag bringt oft viel... klärt oft die grauſamſten Verleumdungen auf.“ „Verleumdungen, ſagten Sie?“ ſchrie Morcerf,„man ver⸗ leumdet mich, mich?“ „Sprechen wir nicht darüber, Herr Graf,“ ſage ich. „Und mit dieſen leeren Worten ſoll ich mich begnügen?“ „Die für mich ſehr peinlich ſind, mein Herr, ja viel peinlicher als Sie denken, denn ich zählte auf die Ehre einer Verbindung mit Ihnen, und bei einer aufgelöſ'ten Verlobung fällt das Unan⸗ genehme der Braut ſtets mehr als dem Bräutigam zu.“ „Genug, mein Herr, ſprechen wir nicht weiter darüber,“ ſchrie der Graf. wen. B ich in den hat?“ ſe zu⸗ rief be⸗ und cherer cee,“ uurch⸗ auf un v. nug? 1 und iter, Sie Mein ein 1037 Und ſeine Handſchuhe vor Wuth faſt zerreißend, verließ er das Zimmer. Danglars bemerkte, das Morcerf nicht ein einziges Mal ge⸗ fragt hatte, ob die Verbindung ſeinetwegen aufgehoben werde. Den Abend hatte er eine lange Berathung mit mehreren Freun⸗ den, und Cavalcanti, der ſtets bei den Damen war, verließ zuletzt das Haus des Banquiers. Den folgenden Morgen verlangte Danglars ſogleich die Jour⸗ nale, man brachte ſie, er blätterte darin und nahm dann den Impartial.— Von dieſem Tageblatte war Beauchamp verantwortlicher Re⸗ dacteur. 4 Er faltete es raſch auseinander, überflog die Zeilen mit nervöſer Aufgeregtheit, und lächelte endlich boshaft, als er an die Worte kam: Man ſchreibt uns von Janina... „Gut,“ ſagte er triumphirend,„das iſt ja ein kleiner Artikel über den Obriſt Fernand, der, aller Wahrſcheinlichkeit nach, mich einer beſtimmteren Erklärung gegen den Grafen v. Morcerf über⸗ heben wird.“ Zu derſelben Zeit, d. h. neun Uhr Morgens, ging Albert v. Morcerf, ſchwarz gekleidet und ſehr bewegt, nach der Wohnung des Grafen von Monte⸗Chriſto. „Der Herr Graf iſt ſchon vor einer halben Stunde ausgegangen,“ ſagte der Portier. „Iſt Baptiſtin mit ihm?“ fragte Morcerf. „Nein, Herr Vicomte.“ „Rufen Sie ihn, ich will ihn ſprechen.“ Der Kammerdiener erſchien auf den Ruf des Portiers. „Verzeih', mein Guter, daß ich Dich rufen ließ, aber ich wünſchte von Dir ſelbſt zu hören, ob der Graf wirklich nicht hier iſt?“ „Er iſt nicht hier, Herr Vicomte.“ „Auch für mich nicht?“ „Ich weiß, wie glücklich mein Gebieter ſtets iſt, den Herrn Vicomte bei ſich zu empfangen, und werde mich wohl hüten, den gnädigen Herrn mit dem allgemeinen Maßſtabe zu meſſen.“ „Du haſt Recht. Aber ich habe dringend mit ihm zu ſprechen, wird er lange ausbleiben?“ 4 1 b 1038 „Nein, denn der Herr hat ſein Frühſtück um Zehn beſtellt.“ „Gut, dann werde ich wieder hier ſein, und hoffe den Grafen dann beſtimmt zu finden.“ „Ich werde nicht ermangeln, den Herrn davon zu benachrich⸗ tigen.“ Albert verabſchiedete ſeine Droſchke, und machte einen kleinen Spaziergang zu Fuß. An der Witwen⸗Allee vorbeigehend, glaubte Albert die Pferde des Grafen zu erkennen, die vor der Thür des Fechtſaales hielten; näher tretend, erkannte er auch den Kutſcher. „Iſt der Herr Graf im Saale?“ fragte Morcerf. „Ja, gnädiger Herr,“ entgegnete der Kutſcher. Wirklich hörte Morcerf mehrere gleichmäßige Schläge aus dem Innern des Saales. Er trat ein. In dem kleinen Garten fand er den Gehilfen des Fechtmeiſters. „Verzeihung,“ ſprach dieſer,„aber der Herr Vicomte werden die Gnade haben, einen Augenblick zu warten.“ „Weßhalb das?“ fragte Albert, der oft hierher kam, und dieſes Hinderniß nicht begriff. „Weil der Herr, welcher ſich hier übt, den Platz für ſich allein gemiethet hat, und nie vor Jemand ſchießt.“ „Selbſt nicht vor Ihnen, Philipp?“ „Sie ſehen, auch ich bin ausgeſchloſſen.“ „Und wer ladet ihm ſeine Piſtole?“ „Sein Diener.“ „Ein Nubier?“ „Ein Neger.“ „Er iſt es.“ „Sie kennen den Herrn?“ „Ich ſuche ihn, es iſt mein Freund.“ „O das iſt etwas Anderes, ich werde Sie melden.“ Und Philipp, von ſeiner eigenen Neugierde getrieben, trat in den Saal. Einen Augenblick ſpäter erſchien Monte⸗Chriſto auf der Schwelle. 1 „Verzeihen Sie, mein lieber Graf, daß ich Sie bis hierher verfolge,“ ſagte Albert,„aber es iſt kein Fehler Ihrer Leute, ich beg und bit tafen rich⸗ einen ferde lten; dem ſters. erden und rlein in auf ther ich ellt. allein bin der Unbeſcheidene. Ich war bei Ihnen, man ſagte mir, Sie würden erſt um Zehn zum Frühſtück zurückerwartet. Ich wollte nun während deſſen ſpazieren gehen und gewahrte Ihre Equipage.“ „Ihre Worte machen mir die Hoffnung, daß wir zuſammen frühſtücken werden.“ „Nein, ich danke, es iſt jetzt nicht von einem Frühſtück die Rede, vielleicht frühſtücken wir ſpäter, aber, zum Teufel, in ſchlechter Geſellſchaft.“ „Was ſagen Sie?“ „Mein Lieber, ich ſchlage mich heute.“ „Sie? und weshalb?“ „Weil ich mich ſchlage, zum Teufel!“ „Ja, das höre ich, aber den Grund weßhalb? Man hat, Sie begreifen, lieber Vicomte, verſchiedene Gründe, ſich zu ſchlagen, und der Ihrige?“ „Ehrenſache.“ „Ach, das iſt alſo ernſthaft.“ „So ernſthaft, daß ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Und die wäre?“ „Daß Sie die Güte hätten, mein Zeuge zu ſein.“ Das wird wirklich ganz ernſthaft, ſprechen wir deßhalb nicht hier, ſondern bei mir weiter darüber. Ali, gieb mir Waſſer.“ Der Graf ſtülpte die Aermel auf und trat in den kleinen Vorſaal, in welchem die Fechter ſich gewöhnlich zu waſchen pflegten. „Treten Sie auch ein, Herr Vicomte,“ flüſterte Philipp, „Sie werden etwas Sonderbares ſehen.“ Morcerf trat ein. An dem Zielpunkte waren Spielkarten geklebt. Von Weitem glaubte er, es ſei ein vollſtändiges Spiel, bald bemerkte er jedoch, daß es nur vom Aß bis zur Zehn ging. „Ach,“ rief er,„ſpielen Sie auf dieſe Weiſe Piquet?“ „Nein,“ ſagte der Graf,„ich machte ein Kartenſpiel.“ „Wie das?“ 1 „Ja, Sie ſehen die Aß und Zwei, meine Kugeln haben die Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun und Zehn gebildet. 77 1039 8 — 1040 Albert trat näher. Wirklich hatten die Kugeln, die fehlenden Zeichen vertretend, die Karten an der Stelle durchbohrt, an welcher die Nummer fehlte und Morcerf ſah, daß die Kugel jedes Mal die richtige Nummer trug. „Der Tauſend,“ rief er. „Was wollen Sie?“ ſprach der Graf, ſich die Hände trocknend, „man muß ſeine Mußeſtunden auszufüllen wiſſen, aber kommen Sie.“ Beide beſtiegen die Equipage des Grafen, und waren bald an ſeiner Wohnung angelangt. Monte⸗Chriſto führte Morcerf in ſein Kabinet, Beide ſetzten ſich. „Jetzt können wir in Ruhe ſprechen.“ „Sie ſehen, daß ich ganz ruhig bin.“ „Mit wem wollen Sie ſich ſchlagen?“ „Mit Beauchamp.“ „Ihrem Freunde?“ „Ei, man ſchlägt ſich ſtets mit Freunden.“ „Aber haben Sie auch Gründe?“ „Ja.“ „Was that er Ihnen?“ „Er hat in ſeinem Journal von geſtern... Aber leſen Sie.“ Albert reichte Monte⸗Chriſto ein Journal, und dieſer las folgende Worte: „Man ſchreibt uns von Janina: „Ein bis jetzt unbekannter, oder wenigſtens unbeſprochener Gegenſtand iſt zu unſerer Kenntniß gelangt; die Schlöſſer, welche die Stadt vertheidigten, ſind den Türken durch einen franzöſiſchen Officier überliefert, in den der Vezir Ali Tebelin ſein ganzes Ver⸗ trauen ſetzte, und der Fernand hieß.“ „Nun,“ fragte Monte⸗Chriſto,„was kann Sie darin ärgern?“ „Und Sie fragen noch?“ „Gewiß. Was kümmert es Sie, daß ein franzöſiſcher Offi⸗ cier Namens Fernand die Schlöſſer von Janina den Türken über⸗ liefert hat?“ „Weil mein Vater, der Graf von Morcerf, mit ſeinem Tauf⸗ namen Fernand heißt.“ 3 „Und diente Ihr Vater Ali Paſcha?“ ſtiend, fehlte ummer knend, unmen bald en ſich. Sie.“ blgende lochener welche iſiſchen es Ver⸗ gern?“ * Offi⸗ über⸗ Tauf⸗ 1041 „Ja, er focht für die Unabhängigkeit der Griechen, nun kennen Sie die Verläumdung.“ „Ach, lieber Vicomte, ſprechen wir vernünftig.“ „Ich wünſche nichts ſehnlicher.“ „Aber zum Teufel, ſagen Sie mir, wer weiß in Frankreich, daß der Graf von Morcerf und der Officier Fernand dieſelbe Per⸗ ſon iſt, wer kümmert ſich jetzt noch um das, was, wie ich glaube, 1822 oder 1823 in Janina geſchah?“ „Das iſt eben die Schändlichkeit: man hat die Zeit darüber vergehen laſſen, und kommt nun heute mit vergeſſenen Begeben⸗ heiten, damit ein Scandal entſtehe, der eine hohe Stelle beeinträch⸗ tigen kann. Ich, der Erbe meines väterlichen Namens, will ſelbſt nicht den leiſeſten Schatten eines Zweifels daran haften laſſen. Ich werde alſo zwei Zeugen an Beauchamp ſchicken, damit er widerruft.“ „Beauchamp wird nichts widerrufen.“ „Gut, ſo ſchlagen wir uns.“ „Nein, Sie werden ſich nicht ſchlagen, denn er wird Ihnen antworten, daß es in der griechiſchen Armee vielleicht fünfzig Offi⸗ ciere Namens Fernand gab.“ „Wir werden uns dennoch ſchlagen. Oh, die Sache muß er⸗ ledigt werden. Mein Vater, ein ſo edler Soldat, eine ſo hohe Carriere... „Dann wird er einrücken: Wir ſind überzeugt, daß der Officier Fernand in keiner Beziehung mit dem Grafen von Morcerf ſteht, deſſen Taufname, wie wir hören, auch Fernand iſt.“ „Damit würde ich mich nicht begnügen; er muß vollſtändig widerrufen.“ „Und Sie wollen ihm Ihre Zeugen ſchicken?“ „Ja.“ „Sie thun Unrecht.“— „Das heißt, Sie ſchlagen meine an Sie gerichtete Bitte ab?“ „Ach, Sie kennen meine Theorie hinſichtlich des Duells, ich ſprach mit Ihnen in Rom darüber, Sie werden ſich erinnern.“ „Und dennoch, lieber Graf, fand ich Sie dieſen Morgen bei einer Beſchäftigung, die wenig mit dieſer Theorie in Einklang ſteht.“ „Mein junger Freund, man muß nichts auf Schrauben ſtellen; Der Graf von Monte⸗Chriſto. 66 1042 wenn man mit Narren lebt, muß man auch ſeine Lehrzeit als ſolcher durchmachen; es kann mir ja jeden Augenblick irgend ein Phantaſt begegnen, der ebenſo wenig Urſache zum Zank hat, als Sie jetzt gegen Beauchamp haben, er wird mir lächerlicher Weiſe ſeine Zeugen ſchicken, mich vielleicht an einem öffentlichen Orte be⸗ leidigen,— nun gut, ich werde dieſen Phantaſten tödten.“ „Alſo geben Sie zu, daß Sie ſelbſt ſich ſchlagen könnten?“ „Gewiß.“ „Und weßhalb wollen Sie denn nicht, daß ich mich ſchlage?“ „Ei, das ſage ich nicht, ſondern nur, daß eine ſo wichtige Sache wie ein Duell überlegt ſein will.“ „Hat er überlegt, ehe er meinen Vater beleidigte?“ „Wenn er überlegt hat und es Ihnen geſteht, haben Sie keine Urſache ihm deshalb zu zürnen.“ „O, beſter Graf, Sie ſind ſtets zu nachſichtig.“ „Und Sie ſtets zu ſtreng. Nehmen wir an.... aber hören Sie wohl, ich nehme an.... Werden Sie nicht böſe über das, was ich ſagen will!“ „Ich höre!“ „Ich nehme an, der Bericht wäre wahr....“ „Ein Sohn darf nie ſo etwas von der Ehre ſeines Vaters denken.“ „Ach mein Gott, wir leben in einem Zeitalter, wo man ſo Manches gelten läßt!“ „ Das iſt eben das Laſter des Zeitalters.“ „Haben Sie die Prätenſion, es umzugeſtalten?“ „Ja, ſoweit wenigſtens, als es mich betrifft.“ „Gott, welch' ein Rigoriſt!“ „Ich bin nun einmal ſo.“ „Sind Sie unzugänglich für jeden guten Rath?“ „Nein, wenn er von einem Freunde kommt.“ „Und halten Sie mich für Ihren Freund?“ „Ja.“ „Nun dann, erkundigen Sie ſich, bevor Sie Beauchamp Ihre Zeugen ſchicken.“ „Ja, bei wem.“ „Bei Haydée zum Beiſpiel.“ als dein als Weiſe e be⸗ 2 e?“ chtige keine hören das, aters an ſo Ihre 1043 „Eine Frau in dieſe Angelegenheit miſchen, was kann ſie da⸗ bei thun?“ „Ihnen erklären, daß Ihr Vater in durchaus keiner Ver⸗ bindung mit dem Tode ihres Vaters Ali Tebelin ſteht, oder Sie über dieſen Gegenſtand aufklären, wenn Ihr Vater zufällig das Unglück gehabt....“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, lieber Graf, daß ich ſo etwas nicht annehmen darf.“ „Sie wollen ſich dieſes Mittels nicht bedienen?“ „Nein.“ „Durchaus nicht?“ „Durchaus nicht.“ „Dann noch einen Vorſchlag.“ „Gut, aber den Letzten.“ „Wollen Sie ihn gar nicht hören?“ „Im Gegentheil, ich bitte darum.“ „Schicken Sie Beauchamp keine Zeugen!“ „Wie?“ „Gehen Sie ſelbſt zu ihm.“ „Das iſt gegen alle Sitte.“ „Ihre Affaire iſt auch ganz außergewöhnlich.“ „Aber weßhalb ſoll ich ſelbſt zu ihm gehen?“ „Weil die Sache dann zwiſchen Ihnen und Beauchamp bleibt.“ „Erklären Sie ſich deutlicher.“ „Wenn Beauchamp wirklich zur Widerrufung geneigt iſt, muß man ihm das Verdienſt des guten Willens laſſen, ohne wel⸗ chen er nicht widerrufen würde. Erſt nach ſeiner Weigerung iſt es Zeit, Fremde in Ihre Angelegenheit zu miſchen. „Das werden keine Fremden, ſondern Freunde ſein.“ „Freunde von heute, ſind die Feinde von morgen.“ „Ah! zum Beiſpiel?“ „Nun, Sie ſehen ſelbſt, Beauchamp....“ „Alſo... „Alſo empfehle ich Ihnen Klugheit.“ „Alſo rathen Sie mir, ſelbſt zu ihm zu gehen?“ „Ja.“ „Allein?“ 66* ö — — „ 1044 „Allein. Wenn man von der Eigenliebe eines Mannes etwas erlangen will, ſo muß man durchaus vermeiden, ſie auch ſcheinbar zu kränken.“ 3 „Ich glaube, Sie haben Recht.“ „Ach Gott Lob.“ „Ich werde allein gehen.“ „Ach es wäre noch weit beſſer, wenn Sie gar nicht gingen.“ „Das iſt unmöglich.“ „Nun, in Gottes Namen denn, Ihr jetziger Entſchluß iſt jeden⸗ falls beſſer als der erſte.“ „Und wenn ich nun ein Duell habe, werden Sie mir den Gefallen erzeugen, mein Zeuge zu ſein?“ „Mein lieber Vicomte,“ ſagte Monte⸗Chriſto ernſt,„Sie haben geſehen, daß ich Ihnen gern in jeder Hinſicht zu Dienſten ſtehe, aber dieſer Dienſt liegt außer dem Kreiſe derer, die ich zu erweiſen im Stande bin.“ „Weßhalb das?“ „Vielleicht ſage ich Ihnen es einſt 41 „Und bis dahin?“ „Nehme ich Ihre Nachſicht für mein Geheimniß in Anſpruch. 5 „Gut, ſo werde ich Franz und Raoul wählen. 1 „Ja, das rathe ich Ihnen auch.“ „Aber wenn ich mich ſchlage, werden Sie, Meiſter, mir dann eine kleine Unterweiſung im Gebrauch des Degens oder der Piſto⸗ len geben?“ „Nein, auch das iſt unmöglich.“ „Sonderbarer Mann! Alſo wollen Sie ſich in gar nichts miſchen?“ „Durchaus in gar nichts.“ „Sprechen wir dann nicht weiter davon. Leben Sie wohl, Graf.“ „Adieu, Vicomte.“ Morcerf nahm ſeinen Hut und empfahl ſich. Vor der Thür fand er ſein Cabriolet, und, ſeinen Zorn ſo als möglich bekämpfend, ließ er ſich zu Beauchamp fahren. Dieſer war in ſeinem Arbeitszimmer. Albert ließ ſich dorthin führen. Beauchamps Arbeitszimmer war finſter und ſtaubig, erſt nach weimaliger Anmeldung rief er barſch: Herein! bar 1045 Albert erſchien. Der Journaliſt konnte einen Laut der Ueberraſchung nicht unterdrücken, als er ſeinen Freund erblickte, welcher dreiſt die Pa⸗ pierballen. und Journale aller Größe bei Seite ſchob, die den Fuß⸗ boden gänzlich bedeckten. „Sie, mein lieber Albert,“ rief er, ſeinem Freunde die Hand reichend,„welcher Teufel führt Sie hierher? Haben Sie ſich ver⸗ irrt, oder ſollen wir zuſammen frühſtücken? Suchen Sie einen leeren Stuhl zu finden, da, neben dem Geranium, welcher allein mich hier erinnert, daß es noch andere Blätter giebt, als die von Papier.“ „Beauchamp,“ ſagte Albert,„ich komme, mit Ihnen über Ihr Journal zu ſprechen.“ „Sie, Morcerf? was wünſchen Sie?“ „Eine Berichtigung.“ „Eine Berichtigung? mein Gott über was? Aber ſetzen Sie ſich doch.“ „Danke,“ ſagte Albert zum zweiten Male und mit einer leichten Neigung des Kopfes. „Erklären Sie ſich denn.“ „Ich wünſche eine Berichtigung über einen Fall, der die Ehre eines Mitgliedes meiner Familie angreift.“ „Aber das begreife ich nicht; wovon reden Sie denn eigentlich.“ „Von dem Artikel über Janina.“ „Ueber Janina?“ „Ja, über Janina! Wahrhaftig, Sie thun als wüßten Sie nicht, was mich zu Ihnen führt.“ „Bei meiner Ehre!.... Baptiſte, das geſtrige Journal,“ ſchrie Beauchamp. „Das iſt nicht nöhtig, ich habe das meinige bei mir.“ Beauchamp las: „Man ſchreibt uns von Janina“ u. ſ. w. u. ſ. w. „Sie begreifen, daß der Fall Ernſt iſt,“ ſagte Albert, nachdem der Journaliſt geleſen. „Alſo dieſer Officier iſt Ihr Verwandter?“ „Ja,“ nickte Albert erröthend. „Aber was ſoll ich thun?“ fragte Beauchamp gütig. „Ich wünſchte, daß Sie dieſen Artikel widerriefen.“ ———— 1046 Beauchamp betrachtete Albert mit einer Aufmerkſamkeit, in die ſich viel Wohlwollen miſchte. „Laſſen Sie ſehen,“ ſprach er,„das wird uns in ein langes Geſpräch verwickeln, denn etwas zu widerrufen, iſt ſtets eine ernſte Angelegenheit. Setzen wir uns, damit ich dieſe drei oder vier Zei⸗ len noch einmal leſe.“ Albert ſetzte ſich, und ſein Freund überlas die bezeichnete Stelle mit großer Aufmerkſamkeit. „Nun, Sie ſehen,“ begann Albert feſt, ja ſogar ſteif,„Jemand von meiner Familie iſt in Ihrem Journal beleidigt, und ich will eine Widerrufung.“ Sie... wollen... „Ja, ich will.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie kein Par⸗ lamentair ſind, lieber Vicomte.“ „Das will ich auch nicht ſein,“ rief Albert aufſpringend,„ich verfolge die Widerrufung dieſes Artikels, und es wird mir gelin⸗ gen. Sie ſind hoffentlich genug mein Freund,“ fuhr er fort, be⸗ merkend, daß Beauchamp verächtlich die Achſeln zuckte,„und als ſolcher kennen Sie mich hoffentlich genug, um meine Hartnäckigkeit in dieſer Sache zu begreifen.“ „Durch ſolche Worte, wie die eben gehörten, werde ich ganz vergeſſen, daß ich Ihr Freund bin, Morcerf..Aber genug, er⸗ zürnen wir uns nicht.... Sie ſind unruhig, aufgeregt, auf⸗ gereizt.. Laſſen Sie ſehen, wer iſt der Verwandte, der Fer⸗ nand heißt?“ „Ganz einfach, mein Vater,“ ſagte Albert,„Herr Fernand Mondego, Graf von Morcerf, ein alter Militair, der zwanzig Schlachtfelder geſehen hat, und deſſen Wunden man mit unreinem Schlamme bedecken will.“ „Ihr Vater?“ rief Beauchamp erſtaunt,„das iſt etwas An⸗ deres, dann begreife ich Ihre Lage...“ Und er nahm das Journal wieder, und las es bedächtig. „Aber woher wiſſen Sie, daß dieſer Fernand Ihr Vater iſt?“ „Ach ich weiß, daß er es nicht iſt, aber werden Andere nicht glauben, er ſei es? Und deßhalb will ich es widerrufen wiſſen. it, in langes ernſte er Zei⸗ ichnete emand c wil Par⸗ d, ſch gelin⸗ tt, be⸗ nd als ſcigkeit h ganz i, er⸗ „ allf⸗ r Fer⸗ ernand wanzig rreinem 1s An⸗ ig. e nicht „. 7 viſſen. r iſt?“ 1047 „Bei dem abermaligen Ich will, ſah der Journaliſt Albert groß an, und ſah dann gedankenvoll vor ſich hin. „Nicht wahr, Beauchamp, Sie werden widerrufen?“ fragte Morcerf mit wachſendem, obgleich noch immer zurückgehaltenem Zorne. „Ja,“ ſagte dieſer. „Gott Lob,“ rief Albert. „Das heißt, wenn ich mich überzeugt habe, daß der Artikel ſalſch war.“ „Wie!“ „Ja, die Sache iſt der Mühe werth, aufgeklärt zu werden, und ich will ſie aufflären.“ „Aber was kann darin aufgeklärt werden!“ rief Albert, alle Mäßigung vergeſſend. Wenn Sie, mein Herr, nicht glauben, daß es mein Vater iſt, ſagen Sie es ſogleich; glauben Sie es jedoch, ſo geben Sie mir Gründe für dieſe Meinung an.“ Beauchamp ſah Albert mit jenem ihm eigenthümlichen Lächeln an, welches die Nüancen aller Leidenſchaften anzunehmen verſtand. „Mein Herr,“ entgegnete er,„wenn es denn einmal mein Herr ſein ſoll, und wenn Sie gekommen ſind, um Streit zu ſuchen, ſo konnten Sie gleich Gründe finden, und brauchten nicht erſt von Freundſchaft und andern unnützen Dingen zu ſprechen, die ich ſeit einer halben Stunde die Geduld gehabt habe, anzuhören. Laſſen Sie ſehen, ſollen wir alſo künftig auf dieſem Fuße ſtehen?“ „Ja, wenn Sie dieſe niederträchtige Verläumdung nicht wider⸗ rufen.“ „Halt, keine Drohungen, wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Herr Fernand Mondego, Vicomte von Morcerf; die leide ich nicht von meinen Feinden, viel weniger von meinen Freunden. Alſo Sie wollen, daß ich den Artikel über General Fernand widerrufe, an dem ich, bei meiner Ehre, keinen Theil habe.“ „Ja, das will ich,“ ſchrie Albert, deſſen Sinne ſich verwirrten. „Wo nicht, ſo ſchlagen wir uns,“ fragte Beauchamp ruhig. „Ja,“ entgegnete Albert gemäßigter. „Nun wohl,“ ſagte Beauchamp,„hier meine Antwort, mein Herr,— dieſen Artikel habe ich nicht einrücken laſſen, ich kannte ihn gar nicht, aber Sie haben durch Ihren Schritt meine Auf⸗ —— —— 1048 merkſamkeit darauf gelenkt, und ich werde ſo lange forſchen, bis ich weiß, ob der Artikel falſch oder gegründet war.“ „Mein Herr,“ ſprach Albert ſich erhebend,„ich werde alſo die Ehre haben, Ihnen meine Zeugen zu ſchicken, damit Sie Ort und Waffen beſtimmen.“ „Wie Sie wünſchen, mein Herr.“ „Aber wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir die Sache bald abmachen.“ „Nicht doch! nicht doch! ich werde auf dem Platze ſein, wenn es ſein muß, aber die Stunde iſt noch nicht beſtimmt, ich habe das Recht die Stunde feſtzuſetzen, weil ich die Herausforderung empfing. Wir ſind einander ſowohl auf Degen als auf Piſtolen ziemlich gleich, und ich weiß deßhalb, daß ein Duell zwiſchen uns ernſthaft wird, weil Sie tapfer ſind und ich...wohl auch. Aber ich will weder tödten noch getödtet ſein, ohne gegründete Urſache. Jetzt richte ich dieſe Frage an Sie und zwar beſtimmt: „Muß ich durchaus widerrufen, damit wir einander nicht töd⸗ ten, obgleich ich Ihnen wiederhole und auf meine Ehre beſchwöre, daß ich den Fall nicht kannte, und Ihnen ernſtlich erkläre, daß es jedem Andern als einem Don Japhet wie Ihnen, unmöglich iſt, den Herrn Grafen von Morcerf unter dem Namen Fernand zu er⸗ rathen. Beſtehen Sie dennoch darauf?“ „Ja.“ „Nun wohl, mein Herr, ich willige ein, mir mit Ihnen den Hals zu brechen, aber ich muß noch drei Wochen haben, dann werde ich Ihnen ſagen: Es iſt nichts an der Sache, ich werde widerrufen, oder: Ja, es iſt richtig,— wählen Sie die Waffen.“ „Drei Wochen?“ ſchrie Albert,„aber das iſt eine Ewigkeit, während der ich entehrt bin.“ „Wären Sie mein Freund geblieben, würde ich Ihnen geſagt haben: Geduld, Freund; aber Sie ſind mein Feind geworden, und ich ſage: Was kümmert mich das, mein Herr?“ „Gut, ſei es, alſo drei Wochen,“ ſagte Albert.„Aber mer⸗ ken Sie wohl, in drei Wochen hilft Ihnen keine Ausflucht...“ „Herr Albert von Morcerf,“ ſagte Beauchamp, ſich nun auch erhebend,„erſt in drei Wochen kann ich Sie aus dem Fenſter wer⸗ fen, und auch Sie haben dann erſt das Recht, mir zu Leibe zu e bald „ wenn ih habe derung biſtolen en uns Aber arſache ift töd⸗ chwöre, daß es ih i zu er⸗ en den werde rufen, vigkeit, geſagt und mer⸗ 7 n auch e wer⸗ ibe zu 1049 gehen. Wir haben heute den 29. Auguſt,— alſo den 21. Sep⸗ tember. Bis dahin, und das iſt der Rath eines Ehrenmannes, bis dahin wollen wir uns nicht wie zwei nicht weit von einander angekettete Doggen anbellen.“ Und Beauchamp grüßte ernſt ſeinen Gegner, der das Gemach verließ. Albert rächte ſich an den Journalen, die im Vorzimmer lagen, und Idie er wüthend mit ſeinem Stöckchen ſchlug. Während er nun gegen ſein Cabriolet peitſchte, wie er vorhin die unſchuldigen geſchwärzten Papiere gepeitſcht hatte, bemerkte er Morrel, der, ſtrahlend vor Freude, bei den chineſiſchen Bädern vor⸗ beiging. „Ach,“ ſagte er ſeufzend,„das iſt ein glücklicher Menſch.“ Und zufällig irrte ſich Albert nicht. 4 b LXXX. Die Limonade. Wirklich war Morrel glücklich. Herr von Noirtier hatte ihn rufen laſſen, und er hatte ſo große Eile, dieſem Rufe zu folgen, daß er nicht einmal ſein Ca⸗ briolet nahm, ſondern, ſeinen Füßen mehr vertrauend, ſich gleich auf den Weg machte. So war er raſch durch die Mesloy⸗Straße nach der Vorſtadt Saint⸗Honoré gelaufen. Der alte Barrois hatte Mühe ſeinen geflügelten Schritten zu folgen, denn Morrel zählte einunddreißig, Barrois aber ſechzig Jahre; Morrel war trunken vor Liebe, Barrois erſchöpft von der großen Hitze. Dieſe Beiden an Alter und Intereſſe ſo verſchiede⸗ nen Menſchen glichen zwei Linien, welche einen Triangel bilden; in ihrer Baſis ganz verſchieden, vereinigten ſie ſich im Gipfel. Dieſer Vereinigungspunkt war Noirtier, welcher Morrel hatte ſ bitten laſſen bald zu kommen. Unſer junger Freund beeilte ſich 88 nun ſehr, zu Barrois größter Verzweiflung. Endlich am Ziele, war Morrel kaum außer Athem, die Liebe hatte ihm Flügel verliehen, während der alte, ſchon lange nicht mehr verliebte Diener ganz in Schweiß gebadet war. Barrois ließ ihn durch die beſondere Thür eintreten, und bald verkündete das Rauſchen ſeidener Gewänder Valentinens Nähe. Sie trat ein, und war in der Trauer entzückend ſchön. Der Traum war ſo ſüß, daß Morrel faſt vergaß, wer ihn her beſchieden, bald jedoch rollte der Lehnſtuhl des Greiſes herbei, er trat ein. In begeiſterten Worten ſprach Maximilian ſeinen Dank ſür die ihm und ſeiner Geliebten gewährte Rettung aus; Noirtier blickte ihn freundlich an. Dann ſprach der junge Mann über das Glück hatte ſo ſein ca ſich glech dy-Strafe ritten zu er ſechzig t von der verſchidee bilden; in I d rrel hatte eeilte ſh die Libe ige nich und bald Nähe. 5 her erbei, er dank ſür er blickte wieder hier ſein zu dürfen. 1051 Valentine lehnte ſich ſchüchtern an ihren Großvater, dieſer blickte ſie an. „Soll ich ſagen, was Du mir aufgetragen haſt?“ fragte ſie. „Ja,“ nickte Noirtier. „Lieber Freund,“ wendete ſie ſich zu Morrel, der ſie faſt mit den Augen verſchlang,„mein guter Großvater hat Ihnen viel zu ſagen; da es ihm nun ſo bequemer iſt, hat er mich damit beauf⸗ tragt, Ihnen ſeine Abſichten getreulich zu berichten.“ „O, ich höre,“ rief Morrel,„ich bitte, reden Sie.“ Valentine ſchlug die Augen nieder, das war eine ſüße Vor⸗ bedeutung für Morrel. Valentine war nur ſchwach im Glück. „Mein Großvater will dieſes Haus verlaſſen,“ ſagte ſie,„Bar⸗ rois iſt bemüht, ihm eine paſſende Wohnung zu ſuchen.“ „Aber wird Herr von Noirtier Ihre ſüße erquickende Nähe entbehren können?“ „Ich, das iſt ſchon ausgemacht, werde meinen Großvater nicht verlaſſen. Meine Zimmer werden neben den ſeinigen ſein. Ver⸗ weigert mein Vater ſeine Einwilligung, nun ſo warte ich bis zu meiner Mündigkeit, das ſind noch zehn Monate, dann hab' ich eig⸗ nes Vermögen, und...“— „Und...“ fragte Morrel. „Und mit Bewilligung des guten Großvaters werde ich mein Ihnen gegebenes Verſprechen halten.“ „Iſt das auch Deine Meinung, guter Großpapa?“ fragte ſie, ſich an Noirtier wendend. 1 „Ja,“ blickte ſein Auge. „Bin ich erſt bei meinem Großvater,“ fuhr ſie fort,„ſo kön⸗ nen wir, mein Freund, uns in Gegenwart dieſes lieben würdigen Beſchützers ſehen, wenn das Band, welches unſere, vielleicht un⸗ wiſſenden oder durch Widerſtand gereizten Herzen zu knüpfen an⸗ gefangen hatten, uns noch werth bleibt und Bürgſchaft künftigen Glücks verheißt. Ach! man ſagt ja, die durch Hinderniſſe entflamm⸗ ten Herzen erkalten oft in der Sicherheit,— alſo werde ich war⸗ teen, ob Morrel mich von mir ſelbſt begehrt.“ „O,“ rief dieſer, vor dem Greiſe und Valentine in wahrer Anbetung niederknieend,„was habe ich denn in meinem Leben Gutes gethan, um ſo viel Glück zu verdienen!“ —— —— ¹— 105² „Bis dahin,“ fuhr ſeine Geliebte mit ihrer reinen, ernſten Stimme fort,„achten wir den Willen meiner Eltern und warten geduldig.“ „Ja,“ rief Maximilian begeiſtert, nicht nur geduldig, o zu⸗ frieden, glücklich will ich warten.“ „Daher,“ ſagte Valentine, ihren Geliebten zärtlich anblickend, „ keine Unüberlegtheit mehr, mein Freund, compromittiren Sie die nicht, welche beſtimmt iſt, einſt Ihren Namen rein und würdig zu tragen.“ Morrel legte die Hand auf's Herz. Noirtier betrachtete ſie zärtlich, der treue Barrois, vor dem nichts verborgen ward, trocknete ſich lächelnd die großen Schweiß⸗ tropfen von der erhitzten Stirn. „Ach mein Gott, wie heiß iſt der gute Barrois!“ rief Valen⸗ tine. „Ach Fräulein, das kommt, weil ich ſo raſch lief, aber Herr Morrel, ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, flog faſt.“ 1 Noirtier ſah nach einem Tiſche, auf welchem eine Caraffe mit Limonade und ein Glas ſtand. Was an der Caraffe fehlte, hatte Noirtier vor einer halben Stunde getrunken. „Trink, Barrois,“ ſprach ſeine junge Gebieterin,„es wird Dir gut thun.“ „Ach ja, Fräulein, ich ſterbe faſt vor Durſt und möchte wohl ein Glas Limonade auf Ihre Geſundheit leeren.“ „Trinke denn, und komme bald wieder.“ Barrois nahm den Teller, und kaum war er im Vorzimmer, als er, ohne die Thür zu ſchließen, das Glas, welches Valentine ihm gereicht, in einem Zuge leerte. Valentine und Morrel ſagten ſich in Noirtiers Gegenwart Lebewohl, als man plötzlich den Ton einer Glocke vernahm. Das war das Zeichen eines Beſuchs. Valentine blickte auf die Uhr. 4 „Es iſt zwölf,“ ſagte ſie,„Großpapa, es iſt Sonnabend, ge⸗ wiß kommt der Doctor, er kommt wohl zu Dir; muß Morrel gehen?“ 1 „Ja,“ antwortete Noirtier's Auge. „Komm, Barrois,“ rief Valentine. „Sogleich, Fräulein.“ geſichtszü dn höchſt Noirt Vart D b habe ich brände d rihrt mi Wir neigte ſic Vale vole er ſee in ſei „90 Ba ſtolperte Sand ſti „M Dur n der T No inter ei MNroxurat dig„0 zu⸗ 1 nblicend, 1. Sie die vürdig zu vor dem Schweiß⸗ ef Valen⸗ uber Herr flog faſt“ graffe mit lte, hatte „es wird cte wohl rzimmer, Valentine egenwart n. dend, ge⸗ gehen?“ n, eriſen warten —— „Er wird Sie an die Thür führen, und jetzt, mein Herr Offi⸗ cier, keinen Schritt mehr, der unſer Glück gefährden könnte.“ „Ich habe verſprochen zu warten,“ entgegnete er,„und werde mein Wort halten.“ In dieſem Augenblicke trat Barrois ein. „Wer klingelte?“ fragte Valentine. „Der Herr Doctor von Avrigny,“ ſagte Barrois ſchwankend. „Was iſt Dir?“ fragte Valentine. Der alte Diener antwortete nicht, er blickte ſeinen Herrn er⸗ ſchreckt an, während ſeine zitternde Hand eine Stütze ſuchte, um ſich aufrecht zu erhalten. „Aber er wird fallen,“ rief Morrel. Wirklich zitterte Barrois ſichtlich am ganzen Körper, ſeine Geſichtszüge verzogen ſich krampfhaft, und verkündeten einen auf den höchſten Grad geſtiegenen Nervenanfall. Noirtier ſah mit Entſetzen auf dieſe traurige Scene. Barrois machte einige Schritte gegen ſeinen Herrn. „O mein Gott, mein Gott, mein Herr!“ ſtöhnte er,„was habe ich denn, ich leide, ich ſehe nicht mehr.... Tauſend Feuer⸗ brände durchglühen mein Gehirn... O, rührt mich nicht an. rührt mich nicht an!“ Wirklich wurden die Augen gläſern und irr, und der Kopf neigte ſich nach hinten, während der übrige Körper ſteif ward. Valentine ſtieß ganz betäubt einen Schrei aus, Morrel, als wolle er ſie gegen irgend eine ungekannte Gefahr ſchützen, nahm ſie in ſeine Arme. „Herr von Avrigny,“ rief Valentine ſchluchzend,„zu Hilfe!...“ Barrois drehte ſich um ſich ſelbſt, that drei Schritte vorwärts, ſtolperte und fiel zu Noirtiers Füßen, auf deſſen Knie er ſeine Hand ſtützte, immer noch ſchreiend: „Mein Herr, o mein guter Herr!“ Durch dieſes Geſchrei herbeigezogen, erſchien Herr von Villefort in der Thür. . Morrel ließ die halb ohnmächtige Geliebte frei, und verſchwand hinter einem Vorhange, im Hintergrunde des Zimmers. Bleich, als hätte er eine giftige Schlange geſehen, heftete der Procurator ſeine Blicke auf den armen Barrois. 1 1054 Noirtier ſtarb faſt vor Angſt und Ungeduld, ſeine Seele flog dieſem armen Greiſe zu Hilfe, der ihm mehr Freund, als Diener war. Man ſah den entſetzlichen Kampf zwiſchen Tod und Leben durch die Anſchwellung der Stirnadern und das Zuſammenziehen einiger Augenmuskeln, die noch Leben hatten. Barrois Augen waren ſtarr und mit Blut unterlaufen, ſein Körper verzerrt, die Hände ſchlugen an den Fußboden, während ſeine Beine ſteif waren. Vor dem Munde ſtand leichter Schaum, er athmete ſchmerzlich. Villefort war ſo ganz betäubt, daß er Morrel nicht bemerkt hatte. Nach einigen Augenblicken ſtummer Betrachtung, während wel⸗ cher ſein Geſicht immer bleicher ward, ſeine Haare ſich mehr und mehr ſträubten, ſtürzte er an die Thür und rief! „Doctor, Doctor, zu Hilfe.“ „Gnädige Frau,“ rief Valentine, an die Treppe eilend und ihre Stiefmutter rufend,„kommen Sie, o kommen Sie ſchnell und bringen Sie Ihr flüchtiges Salz mit.“ „Was giebts?“ rief Frau von Villefort. „O ſchnell, ſchnell!“ „Aber wo iſt der Doctor?“ fragte Villefort. Frau von Villefort ging langſam die Treppe hinab, in einer Hand hielt ſie ihr Taſchentuch, mit dem ſie ſich Kühlung zuwehte, in der andern ein Flacon mit engliſchen Salzen. Ihr erſter Blick fiel auf Noirtier, der in Folge der bei dieſer Gelegenheit ſehr natürlichen Erregung, ganz geſund ausſah, dann erſt ſah ſie den Sterbenden. Sie ward ganz bleich, und blickte bald den Diener, bald den Herrn an. „Aber um des Himmels willen, wo iſt der Doctor? Er ging zu Dir. Du ſiehſt, das iſt ein Schlaganfall; ein Aderlaß kann ihn retten.“ „Hat er vielleicht zu wenig gegeſſen?“ fragte ſeine Gemahlin⸗ die Frage ihres Mannes überhörend. „Gegeſſen hat er gar nicht,“ entgegnete Valentine,„aber da er nach einem langen Gange im Auftrage des Großpapa ſehr durſtig war, hat er ein Glas Limonade getrunken.“ a is Jarrois Fral ſeinend di „Er Vllefor Vil „N gebend, gehen, d Un M engziehen n, ſein ährend merzlich. tt hatte nd wel⸗ hr und nd und ell und n einer uwehte, dieſer dann ld den r ging in ihn aahlin, der da ſehr cheh— 1055 „Ach die Limonade iſt ſchlecht,“ ſagte Frau von Bileefott, „weßhalb trank er nicht lieber Wein?“ „Die Limonade ſtand da, in Großpapa's Caraffe, der arme Barrois war durſtig und trank, was er fand.“ Frau von Villefort zitterte, Noirtier durchbohrte ſie faſt mit ſeinen düſteren Blicken. „Er hat einen ſo kurzen Hals... ein Schlaganfall!“ ſagte ſie. „Aber beim Himmel, ich frage zum dritten Male, wo iſt der Doctor?“ „Er iſt bei Eduard, welcher etwas leidet,“ ſagte Frau von Villefort, die Antwort nicht länger vermeiden könnend. Villefort lief ſelbſt an die Treppe. „Nimm, Valentine,“ ſagte die junge Frau, ihr das Flacon gebend,„jedenfalls wird man ihm zur Ader laſſen, alſo ich werde gehen, denn ich kann kein Blut ſehen.“ Und ſie folgte ihrem Manne. Morrel verließ ſeinen Schlupfwinkel. „Gehen Sie ſchnell, Maximilian,“ bat Valentine. Er drückte Valentinens Hand, grüßte Noirtier und verließ das Zimmer. Kaum war er verſchwunden, als Villefort mit dem Doctor durch die entgegengeſetzte Thür eintrat. Barrois kam wieder zu ſich, die Kriſis war vorbei, ſtöhnend erhob er ſich etwas. Villefort und Avrigny trugen ihn auf ein Sopha. „Was ſoll geſchehen, Doctor?“ fragte der Procurator. „Das man mir Waſſer bringt, und, haben Sie Aether im Hauſe?“ „Sa.“. „Dann muß ich ſchnell Terpentinöl und Brechpulver haben.“ „Schnell,“ rief Villefort. „ und jetzt wünſche ich, daß ſich Alle entfernen.“ „Ich auch?“ fragte Valentine ſchüchtern. „Ja, mein Fräulein, Sie vor Allen,“ ſagte der Doctor barſch. Valentine blickte Herrn von Avrigny überraſcht an, küßte ihren Großvater auf die Stirn, und verließ das Zimmer. Hinter ihr ſchloß der Doctor finſter die Thür. —ꝛ———— — 1056 „Ach er kommt wieder zu ſich, es hatte wohl nicht ſo viel auf ſich.“ Herr von Avrigny lächelte düſter. „Wie iſt Ihnen, Barrois?“ fragte er. „Etwas beſſer.“ 1 „Können Sie wohl dieſes Glas trinken?“ „Ich will es verſuchen, aber berühren Sie mich nicht.“ „Und weßhalb nicht?“ „Weil es mir ſcheint, als ob der Anfall wiederkehren könne, wenn ich nur mit dem kleinen Finger berührt würde.“ und „Trinken Sie!“— Barrois nahm das Glas, näherte es ſeinen bläulichen Lippen leerte es halb. „Wo leiden Sie?“ fragte der Doctor. „Ueberall, es iſt, als hätte ich ſchreckliche Krämpfe.“ „Haben Sie Schwindel?“ „Ja.“ „Ohrenbrauſen?“ „Schrecklich.“ „Wann kam dieſer Anfall?“ „Eben.“ „Plötzlich?“ „Wie der Blitz.“ „Nicht geſtern? nicht vorgeſtern? „Nie.“⸗ „Keine Schlafſucht? Keine Schwere?“ „Nein.“ „Was haben Sie heute gegeſſen?“. „Nichts, nur ein Glas von meines Herrn Limonade getrunken, das iſt Alles.“ Und Barrois blickte ſeinen Herrn an, welcher, unbeweglich in ſeinem Lehnſtuhle dieſer entſetzlichen Scene beiwohnte, ohne daß ihm auch nur eine Bewegung, ein Wort entgangen wäre. „Wo iſt die Limonade?“ fragte der Doctor lebhaft. „In der Caraffe unten.“ „Wo unten?“ „In der Küche.“. „Soll ich ſie holen?“ fragte Villefort. f. könne, Lippen nken, h in daß „Nein, bleiben Sie hier, und verſuchen Sie Reſt dieſes Getränks einzuflößen.“ „Aber die Limonade.... „Ich gehe ſelbſt.“ Und der Arzt öffnete die Thür, eilte die Treppe herab, und hätte faſt Frau von Villefort umgerannt, die auch nach der Küche ging. Sie ſtieß einen Schrei aus. Avrigny achtete nicht darauf, ein einziger Gedanke beherrſchte ihn ganz, er ſprang in einem Satze die letzten vier Stufen herab, ſtürzte in die Küche, und bemerkte die zu drei Theilen geleerte Caraffe. Er packte ſie wie der Adler ſeinen Raub. Dann ging er raſch in Herrn von Noirtiers Zimmer zurück. Frau von Villefort ging langſam die Treppe wieder hinan und kehrte in ihre Gemächer zurück. „Iſt das die rechte Caraffe?“ fragte der Doctor. „Haben Sie von dieſer Limonade getrunken?“ „Ich glaube.“ „Welchen Geſchmack hatte ſie?“ „Sie war bitter.“ Der Doctor goß einige Tropfen in die hohle Hand, koſtete, wie man wohl thut, um Wein zu probiren, und goß dann den Reſt in den Kamin. „Es iſt dieſelbe,“ ſagte er.„Und auch Sie haben davon ge⸗ trunken, Herr Noirtier?“ „Ja.“ „Und ſie auch bitter gefunden?“ 1„a.“ 5 „Ach, Herr Doctor,“ ſchrie Barrois,„es kehrt wieder; o mein Herr und Gott, habe Mitleid mit mir.“ Der Doctor eilte zu dem Kranken. „Sehen Sie nach, Villefort, ob das Brechmittel noch nicht da iſt.“ Villefort eilte an die Thür und rief: Der Graf von Monte⸗Chriſto. 67 1057 dem Kranken den — — 1058 „Das Brechmittel! das Brechmittel! hat man es ſchon gebracht?“ Niemand antwortete. Unheimliche Stille, ängſtliches Schrecken beherrſchte das ganze Haus. „Wenn ich nur ein Mittel hätte, ihm Luft in die Lunge zu ftößen,“ ſprach Avrigny um ſich blickend,„vielleicht gäbe es ein Mittel, der Todesohnmacht vorzubeugen, aber nichts, nichts.“ Ach mein Herr,“ ſchrie Barrois,„laſſen Sie mich ohne Hilfe ſterben? O ich ſterbe! mein Gott, ich ſterbe!“ „Eine Feder! eine Feder!“ rief der Doctor. Er bemerkte eine auf dem Tiſche. Er verſuchte es, die Feder in den Mund des Kranken zu ſtecken, welcher, mitten in ſeinen Convulſionen, ſich vergeblich ab⸗ mühte ſich zu übergeben, aber die Kinnbacken waren ſo zuſammen⸗ gezogen, daß die Feder nicht weiter konnte.. Dieſer zweite Anfall war noch weit heftiger als der erſte; Bar⸗ rois glitt ſteif auf den Fußboden.. Der Doctor ließ ihn liegen, er konnte ihm doch nicht helfen, und trat zu Noirtier. 5 „Wie geht es Ihnen?“ fragte er leiſe,„gut?“ „Ja.“ „Leicht oder ſchwer im Magen? Leicht?“ „Ja.“ „So wie nach den Pillen, die ich Ihnen jeden Sonntag gebe?“ „Ja.“ „Hat Barrois Ihre Limonade bereitet?“ „Ja. „Haben Sie ihn veranlaßt davon zu trinken?“ „Nein.“ „Herr von Villefort?“ „Nein.“ „Die gnädige Frau?“ „Nein. „Alſo Valentine?“ „Ja.“ Ein Gähnen Barrois, von dem ſeine Kinnladen knackten, lenkte Avrigny's Aufmerkſamkeit zu ihm zurück, er verließ Noirtier, und ging zu dem Kranken.. ken zu ich ah⸗ ammen⸗ le, Bar⸗ helfen, gebe? „Barrois, können Sie ſprechen?“ Der Arme ſtotterte einige unverſtändliche Worte. „Strengen Sie ſich einmal an, mein Freund.“ Barrois öffnete die blutunterlaufenen Augen. „Wer hat die Limonade bereitet?“ „Ich.“. „Und haben Sie ſie dann ſogleich Ihrem Herrn gebracht?“ „Nein.“ „Wo ſtand ſie?“ „In der Speiſekammer, ich ward gerufen.“ „Wer brachte ſie hierher?“ „Fräulein Valentine.“ Avrigny ſchlug ſich vor die Stirn. „O mein Gott! mein Gott!“ murmelte er. „Doctor, Doctor,“ ſchrie Barrois, einen dritten Anfall nahen fühlend. 5 „Aber bringt man denn dieſes Brechmittel nicht?“ ſchrie der Doctor. „Hier iſt ein zubereitetes Glas,“ ſprach Villefort, eintretend. „Durch wen?“ „Durch den Apotheker⸗Gehilfen, der mich begleitet.“ „Trinken Sie.“ „Unmöglich... es iſt zu ſpät... ich erſticke, Doctor... o mein Herz... mein Kopf... welche Hölle... Ach, muß ich noch lange leiden?“ „Nein, mein Freund, bald leiden Sie nicht mehr.“ „Ach, ich verſtehe Sie,“ ſchrie der Unglückliche,„o mein Gott, habe Erbarmen!“ Und laut ſchreiend, ſank er, wie vom Blitze getroffen, hinten über. Avrigny legte eine Hand auf ſein Herz, und hielt eine Feder vor ſeinen Mund. „Nun?“ fragte der Procurator. „Sagen Sie in der Küche, man ſolle mir ſchnell etwas Veil⸗ chen ſyrup bringen.“ Villefort eilte hinaus. „Erſchrecken Sie nicht, Herr Noirtier,“ ſagte Avrigny,„ich 67* mn er tite ea —jj 1060 werde den Kranken in ein anderes Zimmer tragen laſſen, ſolche Nervenzufälle ſind entſetzlich für den Zuſchauer.“ Und Barrois in ſeine Arme nehmend, trug er ihn in ein be⸗ nachbartes Zimmer, aber bald trat der Arzt wieder bei Noirtier ein, den Reſt der Limonade zu holen. Noirtier ſchloß das rechte Auge. „Valentine, nicht wahr? Sie wollen Ihre Enkelin ſprechen, ich werde ſie rufen.“ Villefort trat wieder ein. „Nun?“ „Kommen Sie.“ Und er führte ihn in das Krankenzimmer. „Immer noch ohnmächtig?“ fragte der königliche Procurator. „Er iſt todt.“ Villefort wankte, faltete die Hände, und rief ganz außer ſich: „Todt? So plötzlich?“ 1 „Ja, ſehr plötzlich! Aber das darf Sie nicht überraſchen, Herr und Frau von Saint⸗Méran ſtarben auch plötzlich... O, man ſtirbt ſchnell in Ihrem Hauſe, Herr von Villefort.“ „Was?“ ſchrie der Procurator ganz außer Faſſung,„Sie kommen auf jenen entſetzlichen Gedanken zurück?“ „Ja, mein Herr, ja,“ ſagte Avrigny ſehr ernſt,„denn er hat mich nicht einen Augenblick verlaſſen; und damit Sie hören, daß ich mich nicht irre, hören Sie wohl zu, Herr von Villefort.“ Der Procurator zitterte convulſiviſch. „Es giebt ein Gift, welches tödtet, faſt ohne Spuren zu hin⸗ terlaſſen. Dieſes Gift, ich kenne es wohl, denn ich habe es in allen Zufällen beobachtet und ſtudirt, die es mit ſich führt. Dieſes Gift habe ich eben bei dem alten Barrois wieder erkannt, wie ich es bei Frau von Saint⸗Méran erkannt habe. Aber es giebt eine Art, dieſes Gift wieder zu erkennen, es macht die, durch Säure geröthete Lackmustintur wieder blau, und den Veilchenſyrup grün. Da wir nun die Erſtere nicht haben, wollen wir warten, bis man den Veilchenſyrup bringt.“ Man hörte Jemand kommen, der Doctor öffnete die Thür, und nahm einer Kammerfrau eine Phiole ab, in der man einige Löffel voll Syrup bemerkte. fator. r ſich: „Herr „man „Sie er hat n, daß u hin⸗ es in Dieſes vie ich t eine Säure grün. man Thür, einige 1061 Dann ſchloß er die Thür. „Sehen Sie,“ ſagte er nun zu dem königlichen Procurator, deſſen Herz hörbar ſchlug,„ſehen Sie hier in dieſer Taſſe den Veilchenſyrup, und in dieſer Caraffe den Reſt der Limonade, von der Barrois und Herr von Noirtier getrunken. Iſt nichts Verdäch⸗ tiges darin, ſo behält der Syrup ſeine Farbe, iſt ſie aber vergif⸗ tet, ſo wird er grün. Merken Sie auf!“ Langſam goß der Doctor einige Tropfen Limonade in die Taſſe, und augenblicklich erſchien eine Wolke auf dem Grunde der Taſſe, ward blau wie ein Saphir, dann wie ein Opal und nahm endlich die Farbe eines Smaragds an. Bei dieſer Farbe blieb es.... kein Zweifel mehr! „Der unglückliche Barrois iſt mit der falſchen Anguſtura, oder der Ignatiusnuß vergiftet,“ ſagte Avrigny,„jetzt kann ich es vor Gott und Menſchen verantworten.“ Villefort war ſprachlos, aber er hob die Arme gen Himmel, ſah den Doctor entſetzlich an, und ſank vernichtet in einen Arm⸗ ſtuhl. 6 3 V b —— LXXXI. Die Anklage. Herr von Avrigny brachte den Procurator, der einem zweiten — Leihname in dieſem Todtenzimmer glich, bald wieder zu ſich. „ O, der Tod iſt in meinem Hauſe,“ ſchrie Villefort. „Sagen Sie— das Verbrechen,“ antwortete der Arzt. „Herr von Avrigny,“ ſchrie Villefort,„ich kann Ihnen nicht beſchreiben, was mein Inneres durchbebt, iſt es Schrecken, Schmerz oder Wahnſinn.“ „Ja,“ ſprach Herr von Apvrigny mit ſeiner impoſanten Ruhe; „aber ich glaube, es iſt Zeit, daß wir handeln. Ich glaube, daß die Zeit gekommen iſt, daß wir dieſer entſetzlichen Sterb⸗ lichkeit einen Damm ſetzen. Ich kann und darf nicht länger ſchwei⸗ gen, und ſomit gewiſſermaſſen Mitſchuldiger jener Verbrechen werden, die nicht endigen zu wollen ſcheinen.“ Villefort blickte finſter um ſich. „In meinem Hauſe,“ murmelte er,„in meinem Hauſe!“ „Herr Procurator, ſeien Sie ein Mann,“ rief Avrigny,„Dol⸗ metſcher des Geſetzes, ehren Sie ſich ſelbſt durch gänzliche Opferung. 4 „Sie machen mich ſchaudern, Doctor, Opferung ſagen Sie?“ „Ich habe es geſagt. 2 „Haben Sie auf irgend Jemand Verdacht?“ „Das ſage ich nicht. Der Tod klopft an Ihre Thür, tritt ein, geht nicht blind, ſondern geſchickt von Stube zu Stube. Nun wohl, ich bin ihm auf der Spur, ich erkenne ſeinen Gang, ich adoptire die Weisheit der Alten, ich tappe umher, denn meine Freundſchaft für Ihre Familie, meine Achtung vor Ihnen, ſind zwei, über meine Augen gelegte Binden; nun wohl....“ „O ſprechen Sie, ſprechen Sie, Doctor, ich werde Muth haben.“ Brune beit e Menſe Boten noch Blüt 1063 „Nun wohl, Sie haben bei ſich, in Ihrem Hauſe, vielleicht in Ihrer Familie eine jener entſetzlichen Erſcheinungen, wie ſie jedes Jahrhundert hervorbringt. Locuſta und Agrippina zu gleicher Zeit lebend, ſind eine Ausnahme, die den Willen der Vorſehung beweiſtt, das durch ſo viel Verbrechen beſudelte römiſche Reich zu verderben. 8 Brunehault und Frénégonde ſind die Reſultate der mühſamen Ar⸗ 6 beit einer Civiliſation aus der Schöpfungsperiode, in welcher der Menſch anfing, den Geiſt zu beherrſchen, und ſollte es auch durch Boten der Finſterniß ſein. Nun wohl, alle dieſe Frauen waren noch jung und ſchön, man hatte auf ihrer reinen Stirn dieſelbe fiten Blüthe der Unſchuld geſehen, die wir auch auf der Stirn der Schuldigen in Ihrem Hauſe wiederfinden.“ Villefort ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, faltete die Hände und ſah den Doctor flehend an. ——— m — — riiht Aber dieſer fuhr mitleidslos fort: merz„Suche, wem das Verbrechen Vortheil bringt, ſagt ein Satz der Rechtsgelehrſamkeit.“ uhe, 1„Doctor, ach Doctor,“ rief Villefort,„wie oft hat ſich die menſch⸗ —ube, 1 liche Gerechtigkeit durch dieſe entſetzlichen Worte irre führen laſſen!— tet⸗ Ich weiß es nicht, aber es ſcheint mir, daß dieſes Verbrechen.....„* 77 ſbei⸗„ Ach, geſtehen Sie endlich ein, daß von einem Verbrechen den, die Rede ſein muß?“ 1 „Ja, ich ſehe es wohl. Was wollen Sie? ich muß ja wohl. Aber laſſen Sie mich fortfahren. Es ſcheint mir, daß dieſes Ver⸗ brechen auf mich allein und nicht auf die Opfer fällt. Ich ahne —— Dol⸗ unter all' dieſem vielfachen Unglück nur Mißgeſchick für mich.“ ag“„O Menſch,“ murmelte Avrigny,„der größte Egoiſt unter 1 2 allen Thieren, das ſelbſtſüchtigſte aller erſchaffenen Weſen, der ſtets glaubt, daß nur für ihn allein die Erde ſich dreht, die Sonne ſtrahlt, der Tod mäht. Ameiſe, die Gott von der Höhe eines Gras⸗ hälmchens flucht. Und die, welche das Leben verloren, Herr und Frau von Saint⸗Méran, Herr Noirtier, haben die nichts verloren?..“ tire„Wie, mein Vater?“ 1 —— „Nun ja! Glauben Sie denn etwa, daß dieſer unglückliche Diener das Opfer ſein ſollte? Nein, nein, er iſt für einen Andern geſtorben. Noirtier ſollte die Limonade trinken; daß Barrois da⸗ von trank, war Zufall. Ihr Vater ſollte ſterben....“ 1064 „Aber wie kommt es, daß mein Vater nicht auch unterlag?“ „Habe ich Ihnen nicht ſchon geſagt, an jenem Abende im Garten, nach dem Tode der Frau von Saint⸗Méran, daß ſein Körper an dieſes Gift gewöhnt iſt, daß die Doſis, die ihn noch nicht erſchüttert, jeden Andern tödtet? Weil Niemand, auch der Mörder nicht weiß, daß ich Herrn Noirtier ſeit einem Jahre mit Brucine behandle, während der Mörder nur zu gut weiß, daß Brucine ein heftiges Gift iſt.“ „Mein Gott, o mein Gott,“ murmelte der Procurator, die Hände ringend. „Folgen Sie dem Gange des Verbrechens; erſt kam Herr von Saint⸗Méran.“. „O.. Doctor!⸗ „Ich kann darauf ſchwören, daß, den Symptomen nach, auch er vergiftet ward.“ Villefort ſtöhnte dumpf. „Dann folgte Frau von Saint⸗Méran,“ fuhr der Doctor fort, ..„doppelte Erbſchaft!...“ Villefort trocknete den von ſeiner Stirne rinnenden Schweiß. „Hören Sie auch!“ „Ach, leider nur zu gut.“ „Ihr Vater,“ fuhr der erbarmungsloſe Avrigny weiter fort, „hatte längſt ſein Teſtament gemacht, und zwar gegen Sie, gegen Ihre Familie, zu Gunſten der Armen. Jetzt hat er ein zweites, ganz anderes Teſtament gemacht, ich glaube vorgeſtern, vielleicht hatte man Furcht, er möge es nochmals ändern, heute ſucht man ihn zu tödten; Sie ſehen, es ging raſch!“ „O Gnade, Barmherzigkeit, Herr von Avrigny.“ „Keine Gnade, mein Herr! Der Arzt hat eine heilige Miſſion auf der Erde, und um ſie zu erfüllen, ſteigt er bis in die finſtern Geheimniſſe des Todes herab. Wenn das Verbrechen beginnt, und Gott ſeinen Blick von dem Schuldigen wendet, iſt es die Pflicht des Arztes, zu ſagen: Da iſt er!“ „Gnade für meine Tochter!“ murmelte Villefort! „Sie haben ſie genahint, Sie ihr Vater!“ „Gnade für Valentine! O es iſt unmöglich! Ich würde mich lieber ſelbſt anklagen! Valentine... dieſes reine Herz, dieſer Engel der Unſchuld!...“ 3 iſt klar iinge von S. mehr, Leben, “/ „65 G Rückit gange ſo wiͦ einem Hätte Nehm Giftm ſchnel — n Gott Aber dem Sie, nehr Toch zul 1065 lag?, e in ſein nicht „Keine Gnade, Herr Procurator des Königs! Das Verbrechen iſt klar bewieſen. Fräulein von Villefort hat ſelbſt die Medicamente eingepackt, die man Herrn von Saint⸗Méran geſchickt, und Frau nich von Saint⸗Meéran iſt, von ihr gepflegt, geſtorben. Denn auch die ndle STiſanoe, die ſie getrunken, hat Valentine bereitet. tiſt⸗„Fräulein von Villefort hat heute ihrem Großvater die Limo⸗ nade gebracht und Herr Noirtier iſt nur durch ein Wunder gerettet. „Fräulein von Villefort iſt die Schuldige, die Giftmiſcherin! von Herr Procurator des Königs, ich klage Fräulein von Villefort an, thun Sie Ihre Pflicht.“ „Doctor, ich wiederſtehe nicht mehr, ich vertheidige mich nicht auch mehr, ich glaube Ihnen, aber, aus Erbarmen ſchonen Sie mein Leben, meine Ehre!“ „Herr von Villefort,“ rief der Doctor mit zunehmender Stärke, 0 , die —— fort,„es giebt Umſtände, unter denen ich alle thörichten menſchlichen Rückſichten bei Seite ſetze. Wenn Ihre Tochter ein Verbrechen be⸗ wei. gangen hätte und ich merkte, daß ſie über einem zweiten brütete, ſo würde ich ſagen: Beſtrafen Sie, laſſen Sie die Gefallene in einem Kloſter unter Thränen und Gebet ihr Vergehen büßen. ſor, Hätte ſie ein zweites Verbrechen begangen, ſo würde ich ſagen: 4 Nehmen Sie, Herr von Villefort, hier iſt ein Gift, welches die nue Giftmiſcherin nicht kennt, für welches kein Gegengift bekannt iſt, lecht ſchnell wie der Gedanke, wie der Blitz, tödtlich wie der Blitzſtrahl, man— nehmen Sie es, geben Sie es der jungen Sünderin, ihre Seele Gott befehlend, und retten Sie ſo Ihr eignes Leben und Glück. Aber ſie hat drei Mal, drei Mal unbarmherzig getödtet, alſo— ſſon dem Henker die Giftmiſcherin. Sie ſprechen von Ihrer Ehre, thun ſern Sie, wie ich Ihnen geſagt, und die Unſterblichkeit wartet Ihrer!“ und Villefort ſank auf die Kniee. lich„Hören Sie,“ rief er,„ich habe Ihre Stärke nicht, oder viel⸗ mehr die Sie nicht haben würden, wenn hier ſtatt von meiner Tochter Valentine, von Ihrer Tochter Magdalena die Rede wäre.“ 4 Jetzt erbleichte der Doctor. mich„Doctor, jeder vom Weibe geborene Menſch iſt geboren um jeſer zu leiden und zu ſterben; auch ich werde leidend den Tod erwarten.“ „Ach, der Tod wird Ihnen langſam nahen, Sie werden Ihren 1066 Vater, Ihre Gemahlin, vielleicht Ihren Sohn vor ſich ins Grab ſinken ſehen.“ Villefort faßte krampfhaft den Arm des Doctors. „Hören Sie mich,“ rief er,„bedauern Sie mich...“ „Nein, meine Tochter iſt unſchuldig... Schleppen Sie uns vor ein Tribunal, und ich werde noch ſagen: Nein, meine Tochter iſt nicht ſchuldig... in meinem Hauſe giebt es keine Verbrecher, denn das Verbrechen gleicht dem Tode, es kommt nicht allein! Was hindert es Sie, wenn ich ermordet ſterbe?.... Sind Sie mein Freund.... ein Menſch... haben Sie ein Herz? Nein, Sie ſind Arzt!.... Nun wohl, ich ſage Ihnen nein, nein, meine Tochter ſoll nicht durch mich den Händen des Henkers überliefert werden! Ach, ſchrecklicher, tödtender, wahnſinniger Gedanke! Und wenn Sie ſich irrten, wenn es nicht meine Tochter wäre, wenn ich einſt bleich wie ein Geſpenſt vor Sie träte und ſpräche: Mörder .Du haſt mein unſchuldiges Kind getödtet... Herr, ich bin Chriſt, aber dann... dann... würde ich auch mich tödten!...“ „Gut,“ ſprach der Doctor ernſt,„ich werde warten.“ Villefort blickte ihn bebend an, als traue er dieſen Worten noch nicht. „Aber,“ fuhr er ſehr langſam und ernſt fort,„wenn irgend Je⸗ mand in Ihrer Familie erkrankt, rufen Sie mich nicht, denn ich werde nicht kommen. Ich will dieſes entſetzliche Geheimniß mit Ihnen theilen, aber ich will meine Gewiſſensbiſſe nicht vermehren.“ „Alſo wollen Sie mich verlaſſen, Doctor?“ „Ja, denn wenn ich Ihnen länger folgte, würde ich am Fuße des Blutgerüſtes anhalten. Adieu....“ „O ich beſchwöre Sie.“ „Alle Schrecken, die meine Gedanken beflecken, machen Ihr Haus unheimlich und verhaßt. Leben Sie wohl.“ „Ein Wort, nur ein Wort, Doctor! Sie ziehen ſich zurück, mich dem ganzen Schrecken dieſer entſetzlichen Lage allein überlaſſend, einem Schrecken, den Sie durch Ihre Entdeckung nur vermehrt haben. Aber was wird man von dem plötzlichen Todesfalle des alten Barrois ſagen?“ 1 Achſelzuckend ſprach der Arzt:„Führen Sie mich hinaus...“ 1 Tueypen Beid „9 ei hören kor itendes mer dagege et ſo wi gner kurzet b Da ſorgfält Un gefolgt ſcaſt, t, d We rathung Entlaſſu onnte 8 Gemah Zucken finſter 8 Grab ie uns Tochter brecher, allein! ſid Sie Nein, meine erliefert ¹Und ſeenn ich Mörder ich bin 7 Vorten nnd Je⸗ nn ich ß mit hren.“ JFuße t Ihr 7 1067 Beide Herren verließen das Zimmer. Auf den Gängen und Treppen ſtanden die unruhigen beſtürzten Diener. „Herr Procurator,“ ſagte der Arzt ganz laut, daß es Alle hören konnten,„der arme Barrois hat ſeit ſo langer Zeit ein ſitzendes Leben geführt; wenn man bedenkt, ein wie thätiges Leben er dagegen ſonſt führte, muß man es ganz natürlich finden, daß er ſo wie jetzt, nicht länger exiſtiren konnte. Sein Blut iſt zu ſchwer geworden. Er war zum Schlagfluß geneigt, ſchon wie ſein kurzer Hals beweiſ't,— man hat mich zu ſpät gerufen.“ Dann ſagte er leiſe:„Schütten Sie ja den Inhalt der Taſſe ſorgfältig aus.“ Und der Doctor, ohne Villeforts Hand zu berühren, verließ, gefolgt von den Thränen und dem Schluchzen der ganzen Diener⸗ ſchaft, das Unglückshaus. Wenige Stunde ſpäter kamen ſie Alle, nach mehrſtündiger Be⸗ rathung in der Küche, zu Frau von Villefort, und baten um ihre Entlaſſung. Keine Vorſtellung, kein Verſprechen höheren Lohnes konnte ſie bewegen, von ihrem Entſchluſſe abzugehen, ſie antworte⸗ ten nur: „Wir gehen, weil dies ein Haus des Todes iſt.“ Weinend verließen ſie den guten Dienſt, und beſonders die ſanfte, gütige, von Allen ſo ſehr geliebte Valentine. Villefort ſah ſeine Tochter an. Sie weinte. Sonderbar! Dieſe Thränen bewegten ihn, dann blickte er ſeine Gemahlin an, und es war ihm, als glitte ein flüchtiges finſteres Zucken über ihre feinen Lippen, den Meteoren am Grunde eines finſtern Gewitterhimmels gleich.— „ ——— 3 Atrag beſprece üten? iigentli enügen .5 LXXXII. Er hat, . rech d Das Zimmer des zurückgezogen lebenden Bäckers. nich de falls ie Am Abend deſſelben Tages, an welchem der Graf v. Morcerf ihlun den Banquier außer ſich vor Wuth und Scham über deſſen ab⸗ meiner ſchlägige Antwort verlaſſen hatte, erſchien Herr Andrea Cavalcanti⸗ Vaters in feinſter Toilette, mit glänzend gewichſtem Schnurrbart und 26 blendend weißen Handſchuhen, kurz: als vollſtändiger Modeherr Tochter bei Danglars. ſe itj Nach einer Begrüßung im Salon hatte er den Banquier in„ eine Fenſtervertiefung gewinkt, und ihm, nach einer paſſenden Vor⸗ die Fre rede die Qualen ſeines Herzens ſeit der Abreiſe ſeines theuern vürden Vaters mitgetheilt. Er ſprach von der freundlichen Aufnahme, die Es wit er in dieſem geehrten Hauſe gefunden, und wie die feſte Ueber⸗ ds g zeugung gewonnen habe, nur durch Fräulein Danglars Beſitz wahr⸗ 63, i haft beglückt werden zu können. dinde Der Banquier hatte dieſe Erklärung ſchon ſeit einigen Tagen Hunder erwartet, und hörte nun mit der größten Aufmerkſamkeit zu, ſein Auge ſtrahlte, und ſein Geſicht erheiterte ſich in eben dem Grade, 3 te als es ſich bei Morcerfs Antrage verfinſtert hatte. d Indeſſen konnte und durfte er ſeine Einwilligung doch nicht den G geben, ohne dem jungen Manne einige ernſte Gewiſſensfragen vor⸗ gelegt zu haben. 4 „Herr Andrea,“ begann er,„ſind Sie nicht noch ein wenig 4 penen zu jung, um ſchon jetzt an eine Heirath zu denken?“ Jinn „Ach nein, mein lieber Baron,“ entgegnete Cavalcanti,„ich’ denke nicht. Die vornehmen Italiener vermählen ſich gewöhnlich 8 3 ſehr jung; ach, das Leben iſt voller Wechſelfälle, daß wir das Glück 85 ergreifen müſſen, ehe es uns entſchwindet.“ „Gut,“ ſagte Danglars,„angenommen, Ihr mich ehrender ich Moreerf ſen ab⸗ alcanti, art und NRodeherr fquier in den Vor⸗ theuern hme, die Ueber⸗ it wahr⸗ Tagen zu, ſein Grade, och nicht gen vor⸗ mwenig ti nich wöhnlich 1s Glück ehrender 1069 Antrag ſei meiner Frau und Tochter ebenfalls angenehm, mit wem beſprechen wir das Uebrige? Sie werden einſehen, daß die pecu⸗ niären Angelegenheiten nicht vernachläſſigt werden dürfen, und eigentlich können doch nur die Väter das Verhältniß ihrer Kinder genügend feſtſtellen.“ „Der Meinige iſt ſtets gütig und voll weiſer Fürſorge ſür mich. Er hat, den möglichen Umſtand vorausſehend, daß ich hier in Frank⸗ reich zu bleiben wünſchen möchte, mir bei ſeiner Abreiſe alle die mich legitimirenden Papiere und einen Brief hinterlaſſen, der mir, falls ich eine ihm angenehme Wahl treffe, vom Tage meiner Ver⸗ mählung an hundertfünfzigtauſend Livres Renten ſichert. Dies iſt meiner Berechnung nach, ungefähr der vierte Theil von meines Vaters Einkünften.“ „Ich,“ rief Danglars,„habe ſtets die Abſicht gehabt, meiner Tochter fünfhunderttauſend Franken bei ihrer Vermählung zu geben, ſie iſt ja auch meine einzige Erbin.“ „Nun gut, Sie ſehen, die Sache wird ſich ſchon machen, wenn die Frau Baronin und Fräulein Danglars nicht dagegen ſind. Da würden wir hundertfünfundſiebzigtauſend Livres Renten haben. Es wäre auch möglich, daß mir der Marquis ſtatt der Rente gleich das ganze Capital gäbe, ja, ja, es ließe ſich vielleicht thun, obgleich es, ich weiß wohl, nicht leicht ſein wird. Unter Ihren gewandten Händen würden dieſe zwei bis drei Millionen gewiß Zehn vom Hundert bringen.“ „Ich gebe nie mehr als vier, auch wohl dreieinhalb Procent,“ ſagte der Banquier.„Mein Schwiegerſohn würde natürlich eine Ausnahme machen, ich gäbe ihm fünf und wir theilten uns in den Gewinn.“ „Charmant, vortrefflich, Schwiegerpapa,“ rief Cavalcanti, deſſen gemeine Natur trotz aller Anſtrengung zuweilen den ariſtokratiichen Firniß durchdrang, mit dem er ſich zu umhüllen ſuchte. Bald jedoch nahm er ſich wieder zuſammen. „Verzeihen Sie, Herr Baron,“ bat er,„Sie ſehen, die Hoff⸗ nung allein macht mich ganz närriſch, was würde erſt die Wirklichkeit vermögen?“ „Aber,“ ſagte Danglars, bemüht, auf das alte Thema zu⸗ Aückzukommen,„wenn Ihr Herr Vater Ihnen auch wirklich nicht ——— 1070 das ganze Capital gleich giebt, einen Theil Ihres Vermögens kann er Ihnen ja gar nicht vorenthalten.“ „Und welchen?“ „Ihr mütterliches Erbtheil.“ „Ach ja, Sie haben ganz Recht, was von meiner Mutter Leonora Corſinari herſtammt.“ „Und wie hoch ſchätzen Sie dies?“ „Wie hoch? Ach meiner Treu,, beſter Herr, ich habe mich nie ſo ſehr um dieſe Angelegenheiten gekümmert, aber zwei Millionen ſind es wenigſtens.“ Danglars empfand jene faſt erſtickende Freude, wie ſie ein Geiziger empfindet, der einen verlorenen Schatz zurückerhält, oder ein Ertrinkender, der ſtatt der ungewiſſen Tiefe feſtes Land unter ſeinen Füßen fühlt. „Nun,“ fragte Cavalcanti, ſich ehrerbietig, ja faſt zärtlich ver⸗ neigend,„darf ich hoffen?“ „Herr Andrea,“ ſprach Danglars,„hoffen Sie und glauben Sie feſt, daß, wenn kein Hinderniß von Ihrer Seite den Gang dieſer Sache aufhält, die Angelegenheit hiermit abgeſchloſſen iſt.“ „Ach mein Herr, Sie machen mich zum Glücklichſten der Sterb⸗ lichen!“ „Aber,“ fragte der Banquier nachdenkend,„wie kommt es, daß der Graf von Monte⸗Chriſto, Ihr Beſchützer, Ihnen in dieſer Angelegenheit nicht das Wort geſprochen, oder Sie zu mir be⸗ gleitet hat?“ Andrea erröthete leicht. „Ich komme jetzt vom Grafen, mein Herr,“ ſagte er,„er iſt unleugbar ein charmanter Mann, aber unbegreiflich originell. Er hat mir oft geſagt, er zweifle keinen Augenblick daran, daß mir mein Vater ſtatt der Revenuen das ganze Capital geben werde, ja er hat mir ſogar verſprochen, es bei ihm auszuwirken, aber er hat mir unumwunden erklärt, in meiner Heirathsangelegenheit nichts für mich thun zu können, weil er das überhaupt nicht liebe. Aber ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er hat die Güte ge⸗ habt, hinzuzufügen, daß er bei dieſer Gelegenheit ſeinen Wider⸗ willen gegen ſolche Angelegenheiten beklage, weil er die Ueberzeu⸗ gung habe, daß dieſe Verbindung in jeder Hinſicht vortrefflich ſei. zahlen Monat meiner fällige zunge zweih gefäh Abend in de ganz ens kann Mutter nich nie ſillionen ſie ein d unter lich ver⸗ glauben —n Gang en iſt. Sterb⸗ imt ees, ndieſer mir be⸗ „er iſ el. Er tß mir e, ja er hat nichts Aber üte ge- Wider⸗ berze ich ſei 1071 Uebrigens, obgleich er keinen förmlichen Schritt thun will, behält er ſich doch vor, wie er mir geſagt, Ihnen zu antworten, wenn Sie ihn fragen.“ „Ach, ſehr gut.“ „Jetzt,“ ſagte Andrea mit ſeinem verbindlichſten Lächeln,„habe ich aufgehört, mit dem Schwiegerpapa zu ſchwatzen und wende mich⸗ nun an den Banquier.“ „Und was wünſchen Sie von dem?“ fragte Danglars lächelnd. „In wenigen Tagen würden Sie mir viertauſend Franken zu zahlen haben, aber der Graf, wohl einſehend, daß der kommende Monat vielleicht mehr Ausgaben mit ſich führen könne, als ich von meiner geringen Junggeſellen⸗Einnahme zu beſtreiten im Stande bin, hat mir dieſe, wie Sie ſehen, von ihm eigenhändig unterzeich⸗ nete Anweiſung auf zwanzigtauſend Franken gegeben. Kann ich das Geld bei Ihnen heben?“ „Ach,“ rief der Banquier, den Schein in die Taſche ſteckend, „eine Million, wenn Sie ſonſt wollen! Beſtimmen Sie die Stunde, in der einer meiner Kaſſen⸗Beamten Ihnen morgen die zwanzig⸗ tauſend Franken zuſtellen ſoll, ſo wie auch die viertauſend bald fälligen, von denen Sie zuerſt ſprachen.“ „Wenn es Ihnen um zehn Uhr morgen gefällig iſt, je früher, je beſſer, ich habe eine Landpartie vor.“ „Gut, um Zehn alſo, Hotel des Princes, nicht wahr?“ „Ja.“ Am folgenden Morgen, zur feſtgeſetzten Stunde, hatte der junge Mann das Geld in Händen, und verließ ſogleich das Haus, zweihundert Franken für Caderouſſe zurücklaſſend. Durch dieſe frühe Ausflucht hoffte Andrea dem Beſuche ſeines gefährlichen Freundes auszuweichen; auch kam er erſt ſehr ſpät Abends zurück. Kaum trat er in das Haus, als ihm der Portier, die Mütze in der Hand, entgegen kam. „Gnädiger Herr,“ ſprach er,„der Mann iſt gekommen...“ „Welcher Mann?“ fragte Andrea nachläſſig, als hätte er den ganz vergeſſen, deſſen er nur zu gut gedachte. „Der, dem Ihre Excellenz die kleine Rente geben.“ * ——— — — — —— — ————— — 3 3 1072 „Ach ſo, der alte Diener meines Vaters. Nun, und Sie ha⸗ ben ihm die für ihn beſtimmten zweihundert Franken gegeben?“ „Ja, Euer Excellenz.“ Andrea ließ ſich Excellenz nennen. „Aber,“ fuhr der Portier fort,„er wollte ſie nicht nehmen.“ Andrea erbleichte, aber es war dunkel, Niemand bemerkte es. „Wie,“ fragte er,„er wollte es nicht nehmen?“— und ſeine Stimme zitterte leicht. „Nein, er wollte Euer Excellenz ſprechen. Ich ſagte ihm, Sie wären ausgegangen; er wollte es anfangs nicht glauben, überzeugte ſich jedoch endlich, und gab mir dann dieſen wohlverſiegelten Brief.“ Andrea las den Brief bei dem Scheine der nächſten Laterne. Er lautete: „Du weißt, wo ich wohne, ich erwarte Dich beſtimmt morgen früh um neun Uhr.“ Andrea betrachtete das Siegel, um zu ſehen, ob auch keine neugierigen Hände den Brief näher unterſucht hätten, aber er war ſo ſorgfältig gefaltet, daß dies, ohne das Sidgel zu zerbrechen, durchaus nicht möglich geweſen wäre. „Gut,“ ſagte er dann.„Armer Alter! es iſt ein prächtiger Menſch...“ Der Portier, tief gerührt über dieſe Worte, wußte nicht, wen er mehr bewundern ſollte, den jungen Herrn oder den alten Diener. „Spanne ſchnell ab und komme dann zu mir,“ rief er ſeinem Groom zu. Kaum in ſeinem Zimmer, verbrannte Andrea ſchnell den eben erhaltenen Brief. Der Groom trat ein. „Du haſt ungefähr meine Figur?“ fragte er ihn. „Ich habe die Ehre, Excellenz,“ antwortete der Diener. „Du haſt geſtern eine neue Livrée bekommen?“ „Ja.“ „Ich habe ein Rendez-⸗vous mit einer kleinen Griſette vor, der ich meinen wahren Namen nicht ſagen mag, leihe mir Deine Livrée, und gieb mir Deine Papiere, damit ich, wenn es nöthig iſt, in einem Gaſthofe ſchlafen kann.“ Der Groom gehorchte. kenntli ließ ſi A di Menilt Seit te venc Gewe diſ zwei einer gede Wei pen?“ ſmen.“ ſe es. dd ſeine m, Sie erzeugte Brief“ Laterne. morgen ch keine er war brechen, üchtiger ht, wen Diener. ſeinem en eben 8 te vor, Deine nötf Sie ha⸗ —HHQH—V;—B:—— 1073 Fünf Minuten ſpäter verließ Andrea das Hotel, ganz un⸗ kenntlich durch den Anzug ſeines Dieners, nahm ein Cabriolet und ließ ſich an den Gaſthof zum rothen Roß in Picpus fahren. Am nächſten Morgen verließ er dieſen Gaſthof unerkannt, eilte durch die Vorſtadt Saint⸗Antoine, über den Boulevard bis zur Ménilmontant⸗Straße, woſelbſt er bei dem dritten Hauſe der linken Seite ſtehen blieb und ſich umſah, wer ihn, da kein Portier in dieſem Hauſe war, zurechtweiſen könne. „Wen ſuchen Sie, mein netter Junge?“ fragte ihn eine alte Obſthändlerin. „Herrn Pailletin, Ihnen zu dienen, Mütterchen,“ ſagte Andrea. „Den ehemaligen Bäcker?“ „Ja.“ „Hinten im Hofe, links, drei Treppen hoch.“ Andrea ging weiter, vor der bezeichneten Thür lag ein Rehfell, er trat ſo heftig darauf, daß man wohl bemerkte, wie unangenehm ihm dieſer Beſuch war. Caderouſſe ſah durch ein Fenſter in der Thür. „Ach, Du biſt pünktlich,“ ſagte er. Und er ſchob den Riegel zurück. 1 Andrea trat verdrießlich ein und warf ſeine Mütze vor ſich her, die in Ermangelung eines Stuhls auf den Fußboden fiel und durch die Stube rollte. „O Kleiner,“ ſprach Caderouſſe,„ſei nicht ärgerlich, komm, ich habe an Dich gedacht, ſieh, welch' herrlich Frühſtück uns erwartet, lauter Lieblingsgerichte von Dir.“ Wirklich athmete Andrea verſchiedene, ſeinem ausgehungerten Magen ganz willkommene Gerüche ein: es war ein Gemiſch von friſchem Fett und Knoblauch, Hauptgegenſtände der geringern pro⸗ vençaliſchen Küche, der herbe Geruch der Muskatnuß und das Gewürznägelein fehlte auch nicht, ſo wie man auch den kräftigen Fiſchgeruch unterſchied. Alle dieſe guten Sachen befanden ſich in zwei tiefen glaſirten Schüſſeln, die in einem Ofen ſtanden, und in einer, am Feuer praſſelnden Kaſſerolle. In dem Nebenzimmer ſah Andrea unter Anderm einen ſauber gedeckten Tiſch mit zwei Couverten, zwei gelb und grün verſiegelten Weinflaſchen, einer Karaffe mit gutem Branntwein und verſchiedene Der Graf von Monte⸗Chriſto. 68 —— 1074 Früchte, die ſorgfältig in ein großes Kohlblatt gehüllt, auf einem Porzellanteller lagen. „Nun, Kleiner, was ſagſt Du?“ fragte Caderouſſe.—„He, wie das duftet! Ach Du weißt, ich war ein guter Koch, weißt Du noch, wie man ſich nach meiner Küche die Finger leckte? und Du warſt ſtets der Erſte und verachteteſt, wie ich glaube, meine Ge⸗ richte nicht?!“ Und Caderouſſe putzte mit vielem Behagen noch einige Zwiebeln. „Ach wirklich, das iſt einzig,“ rief Andrea verdrüßlich,„alſo, um mit Dir zu frühſtücken, haſt Du mich ſo geſtört; wahrhaftig, daß Dich der Teufel hole.“ „Mein Sohn,“ ſprach Caderouſſe ſalbungsvoll,„beim Eſſen ſchwatzen wir,— Undankbarer, biſt Du denn gar nicht entzückt, Deinen alten Freund wiederzuſehen, während ich vor Freude weine.“ Wirklich weinte er, aber es war ſchwer zu ſagen, ob Freude oder die Zwiebeln ſo auf die Thränengüſſe des alten Wirthes vom point du Gard einwirkten. „Still, Heuchler,“ ſprach Andrea,„alſo Du liebſt mich?“ „Ja, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Dich nicht liebe, ich weiß wohl, es iſt eine Schwäche, aber ich kann nicht anders.“ „Aber das hat Dich nicht gehindert, mich kommen zu laſſen, um mir irgend eine Falle zu ſtellen.“ „Ach geh,“ ſagte Caderouſſe, ſein breites Meſſer an der Schürze trocknend,„würde ich das elende Leben, das Du mir bieteſt, er⸗ tragen können, wenn ich Dich nicht liebte? Du trägſt den Anzug Deines Dieners, gut, Du haſt alſo einen Diener, ich hingegen habe Niemand, muß mir meine Gemüſe ſelbſt putzen und für Alles ſorgen, Du verachteſt mein Frühſtück, weil Du gewohnt biſt, im Hotel des Princes oder im Café von Paris zu ſpeiſen. Ei, ich könnte auch einen Diener haben, auch in einem Tilbury fahren und ſpeiſen, wo ich wollte! Weshalb beraube ich mich all' dieſer Genüſſe, weshalb? aus Schonung für meinen kleinen Benedetto. Sag' offen, könnte ich es nicht wie Du haben, he?“ Und ein ſehr verſtändlicher Blick Caderouſſes vollendete dieſe Phraſe. „Gut,“ ſprach Andrea,„nehmen wir an, Du liebteſt mich wirllic, rübſtüc J „ J ſchon ſe hunn ment ol nicht w dem 2 bettach den bi Hotel / rüdkgen C „ / der ſie verſtel gegebe ich w Dein Dang Achd Dan Gede er d tauſ Com einem „He, ißt Du nd Du ine Ge⸗ iebeln. nalſo, haftig, h Eſſen untzückt, weine.“ Freude s vom 2 t liebe, nders.“ laſſen, Schürze iſt, er⸗ Anzug ngegen r Alles iſt, im Fi, ich fahren dieſer edetto. e dieſe t mich 1075 wirklich, weshalb verlangſt Du dann, daß ich komme, mit Dir zu frühſtücken.“ „Aber, Kleiner, um Dich zu ſehen.“ „Mich zu ſehen, wozu das? Wir haben ja unſere Bedingungen ſchon feſt geſtellt.“ „Aber, lieber Freund,“ rief Caderouſſe,„giebt es ein Teſta⸗ ment ohne Codicille? Aber vorläufig wollteſt Du mit mir frühſtücken, nicht wahr? Gut, ſetze Dich, hier ſind Sardellen, und dort auf dem Weinblatte, Du Böſewicht, ganz friſche Butter. Ach, Du betrachteſt meine Stube, meine vier Strohſtühle, meine Bilder mit den billigen Rahmen?— Teufel! was willſt Du, es iſt nicht das Hotel des Princes!“ „Ach ſieh, Du, der Du nur den Wunſch hegteſt, wie ein zu⸗ rückgezogener Bäcker leben zu können, biſt Du nicht mehr glücklich?“ Caderouſſe ſeufzte. „Nun, was willſt Du denn? Dein Traum iſt erfüllt.“ „Ja, Benedetto, das iſt's eben, es war ein Traum. Ein Bäcker, der ſich von ſeinen Geſchäften zurückzieht, iſt reich, hat Einkünfte, verſtehſt Du?“ „Zum Teufel, Du haſt auch Einkünfte!“ I⸗ „Ja, Du, bedenke die zweihundert Franken, welche Du monatlich von mir bekommſt.“ Caderouſſe zuckte die Achſeln. „O es iſt demüthigend, Geld zu bekommen, das wider Willen gegeben wird und vielleicht ſchon morgen aufhören kann. Du ſeh⸗ ich muß ſparen, um nicht zu darben, wenn Deine Güte ermüdet. Dein Glück iſt unabſehbar, Du Böſewicht, ich weiß, Du wirſt Danglars Tochter heirathen.“ „Danglars? Wie ſagſt Du?“ „Ja, ja, Danglars. Soll ich etwa ſagen Baron Danglars? Ach das wäre gerade, als wollte ich ſagen— der Graf Benedetto... Danglars war mein Freund... und hätte er nicht ſo ein ſchlechtes Gedächtniß, würde er mich zur Hochzeit einladen... bedenkend, daß er auf der meinigen war! Ja, ja, auf der meinigen! Potz⸗ tauſend, damals war er noch nicht ſo ſtolz, ſondern ein geringer Commis bei dem guten Herrn Morrel. Ich habe mehr als einmal 68* —— — —— —— ————— — mit ihm und dem Grafen von Morcerf zu Mittag gegeſſen... Na, Du ſiehſt, ich habe feine Bekanntſchaften, und wenn ich wollte, könnten wir uns in denſelben Salons begegnen.“ „Ach geh, Deine Eiferſucht ſieht Regenbogen.“ „Mein Benedetto, ich weiß was ich ſage. Wer weiß was geſchieht, es kann ſich Alles ändern... Aber vorläufig laß uns endlich eſſen.“ Sie nahmen Platz; Caderouſſe hatte ſehr großen Appetit und lobte Alles, was er ſeinem Gaſte vorſetzte. Dieſer machte gute Miene zum böſen Spiel und langte tüchtig zu. „Ach Kleiner,“ ſagte Caderouſſe,„he, Du beſinnſt Dich und ſcheinſt mit Deinem alten Wirthe zufrieden?“ „Meiner Treu, ja,“ rief Andrea, bei dem der Appetit in dieſem Augenblicke vorherrſchend war. 5 „Und es ſchmeckt Dir?“ „So gut, daß ich nicht begreife, wie Jemand, der ſo herrliche Gerichte zu bereiten vermag, das Leben ſchwer finden kann.“ „Ach ſieh, das kommt daher, weil mein ganzes Glück durch einen Gedanken vernichtet iſt.“ „Und der wäre?“ „Daß ich, der ich ſtets meinen Unterhalt ſelbſt erwerbe, von den Wohlthaten eines Freundes leben muß.“ „Ach, das laß Dich nicht kümmern, ich habe genug für Zwei, beruhige Dich alſo.“ „Ach das kann ich nicht, am Ende jedes Monats verſpüre ich Gewiſſensbiſſe.“ „Guter Caderouſſe.“ „Deshalb wollte ich geſtern die zweihundert Franken nicht nehmen.“ „Ja, Du wollteſt mich ſprechen, laß hören.“ „Ich hatte einen Gedanken.“ Andrea ſchauderte, es ging ihm ſtets ſo bei Caderouſſes Gedanken. „Es iſt erbärmlich,“ begann dieſer,„ſtets das Ende eines Monats abwarten zu müſſen. „Ach,“ ſagte Andrea philoſophiſch, nicht Willens, ſeinem Ge⸗ fährten entgegen zu kommen,„wartet man nicht das ganze Leben —— —— 1 Vergane 3 ich aber 74 3 mein E nich de „übri Geda deren eſen wollte, eiß was laß uns ſetit und te gute ich und ſpetit in herrliche it durch be, von r Zwei, püre ich en nicht rouſſes eines em Ge⸗ Leben hindurch? Geht es mir z. B. anders? Nun gut, ich warte und habe Geduld.“ „Ja, weil Du, anſtatt auf armſelige zweihundert Franken, auf fünf-, vielleicht zehntauſend zu warten haſt. Und dann haſt Du ein ſo glückliches Temperament und den armen Caderouſſe oft erheitert, aber dieſer gute Freund hat eine feine Naſe, he?“ „Aber mein Gott, weshalb ſprichſt Du denn ſtets von der Vergangenheit, kannſt Du ſie nie vergeſſen?“ „Ach, Du biſt einundzwanzig Jahr und kannſt noch vergeſſen, ich aber bin fünfzig und kann es nicht mehr. Aber laß das gut ſein.“ „Gern.“ „Ich wollte ſagen, wenn ich an Deiner Stelle wäre...“ „Nun.“ „Ich würde...“ „Nun, Du würdeſt...“ „Unter dem Vorwande, mir z. B. ein Gut zu kaufen, mir mein Einkommen auf eine geraume Zeit vorausgeben laſſen, und mich damit aus dem Staube machen.“ „Ach ſieh, das iſt gar kein ſo übler Gedanke.“ „Lieber Freund,“ ſagte Caderouſſe,„nimm mit meiner Koch⸗ kunſt wie mit meinen Rathſchlägen vorlieb, Du wirſt weder phyſiſch noch moraliſch übel dabei fahren.“ „Aber ſag mir, weshalb handelſt Du nicht danach? Weshalb läßt Du Dir nicht irgend eine Summe vorausbezahlen und ziehſt Dich damit nach Brüſſel zurück?“ „Aber zum Teufel, ſoll ich mich mit zwölfhundert Franken etwa zurückziehen?“ „Caderouſſe, Caderouſſe! Du wirſt ſehr anmaßend, noch vor zwei Monaten warſt Du arm wie eine Kirchenmaus und jetzt...“ „Der Appetit kommt, indem man ißt,“ ſprach Caderouſſe, wie ein grinſender Affe oder brummender Tieger ſeine Zähne weiſend. „Uebrigens,“ fügte er hinzu und bearbeitete mit denſelben weißen, und ungeachtet ſeines Alters ſcharfen Zähnen, ein großes Brod, „übrigens habe ich einen Plan.“ Caderouſſes Pläne erſchreckten Andrea noch mehr, als ſeine Gedanken, die Gedanken waren nur der Keim, die Pläne hingegen deren Verwirklichung. 4 — —— ——— — — —— ——— — 1078 „Nun laß hören,“ ſagte er,„das wird was Schönes ſein.“ „Und weshalb nicht? Von wem kam der Plan, nach welchem wir Herrn Choſe's Etabliſſement verließen? he? Von mir, ſollte ich meinen, und er muß wohl nicht ſo ganz ſchlecht geweſen ſein, da wir uns Beide hier befinden.“ „Das ſage ich ja auch nicht,“ eutgegnete Andrea,„Du haſt zuweilen ganz gute Einfälle, aber komme endlich zur Sache.“ „Nun alſo, kannſt Du mir fünfzehntauſend Franken verſchaffen, ohne daß es Dich einen Sou koſtet? Ach und was ſpreche ich, dreißigtauſend Franken bedarf ich, um wieder ein ehrlicher Mann zu werden.“ „Nein,“ entgegnete Andrea trocken,„das kann ich nicht.“ „Ach Du ſcheinſt mich nicht verſtanden zu haben, Kleiner, ohne daß Du etwas auslegſt... „Willſt Du etwa, daß ich ſtehle, und meine wie Deine Sache dadurch ganz verderbe, daß wir wieder dorthin kommen...“ „O ich,“ ſagte Caderouſſe,„mir iſt es ganz gleich, ich bin ſonderbar, Du weißt, ich verlange zuweilen nach meinen Kameraden und bin nicht wie Du, Hartherziger, der ſie nie wiederſehen möchte.“ Jetzt erbleichte Andreaä. 4 „Keine ſchlechten Witze, Caderouſſe,“ ſagte er. „O nein, ſei doch ruhig, mein kleiner Benedetto, aber hilf mir zu dreißigtauſend Franken, Du ſollſt Dich auch gar nicht darein miſchen, laß mich nur machen.“ 2 1 „Gut, ich werde ſehen... mich bemühen..,“ ſtotterte Andrea. „Aber bis dahin erhöhſt Du mein monatliches Einkommen wohl auf fünfhundert Franken, nicht wahr, Kleiner. Ich habe Luſt, eine Haushälterin zu nehmen.“ 1 „Gut, Du ſollſt ſie haben,“ ſagte Andrea,„aber es iſt hart für mich, armer Freund, Du mißbrauchſt...“ „Ach, wenn ich nicht wüßte, daß Du aus Truhen ſchöpfſt, die keinen Grund haben.“ Es ſchien, als hätte Andrea gewünſcht, ſeinen Gefährten bis auf dieſen Punkt zu haben, ſein Auge blitzte feurig auf, ſenkte ſich jedoch dann ſogleich wieder. „Ja, das iſt wahr,“ ſagte er,„und mein Beſchützer iſt ſehr gütig gegen mich.“ 1 ebe c, er Mann 3 cht. Kleiner, ſie Sache 414 ich bin meraden mäche“ ber hilf ſt darein Andrea. ꝛen wohl uſt, eine iſt hart ſhöpfſt tten bis nkte ſich iſt ſehr 1079 . „Dieſer edle Beſchützer, wie viel giebt er Dir doch monatlich?“ „Fünftauſend Franken.“ „Ach ſieh, gerade ſo viel Tauſend, als Du mir Hundert giebſt,“ ſagte Caderouſſe....„Wahrhaftig, man muß Baſtard ſein, um ſolch ein Glüch zu haben. Fünftauſend Franken! was kann man mit all dem Gehde anfangen?“ „Mein Himmel, das iſt raſch ausgegeben, und dann bin ich wie Du und ſpare zu einem Kapital.“ „Kapital... ja... ich begreife... Jeder möchte gern ein Kapital haben...“ „Ja, und ich werde auch eins haben.“ „Und wer wird es Dir verſchaffen, ein Prinz?“ „Ja, mein Prinz. Unglücklicherweiſe muß ich warten.“ „Und worauf?“ fragte Caderouſſe. „Auf ſeinen Tod.“ „Auf den Tod Deines Prinzen?“ „Ja.“ „Warum das?“ „Weil er mich in ſeinem Teſtamente bedacht hat.“ „Wahrhaftig?“ „Auf Ehre.“ „Und mit wie viel?“ „Mit fünfhundert Tauſend.“ „Mehr nicht, ei, danke.“ „Es iſt wie ich ſage.“ „Ach geh, das iſt ja nicht möglich.“ „Caderouſſe, biſt Du mein Freund?“ „Natürlich, im Leben und im Tode.“ „Nun wohl, ich werde Dir ein Geheimniß mittheilen.“ „Sprich!“ „Aber höre auch zu.“ „Ei zum Teufel, ſtumm wie ein Karpfen.“ „Nun wohl, ich glaube...“ Andrea hielt inne und ſah ſich um. „Du glaubſt?... Sei unbeſorgt, wir ſind allein.“ „Ich glaube, daß ich meinen Vater wiedergefunden habe.“ „Deinen wahren Vater?“ —88ö8öhohoſͤſͤſͤſͤn1— —— ——é; — — ——— — 1080 2„Ja.“ „Nicht den Vater Cavalcanti?“ 1 „Nein, denn der iſt abgereiſt; meinen wahren Vater.“ „Und dieſer Vater iſt?“ „Höre wohl zu, Caderouſſe, der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Bah!⸗ „Ja, ja. Er bekennt ſich nicht öffentlich zu mir, aber er giebt Cavalcanti jährlich fünfzigtauſend Franken, damit er mir ſeinen Namen giebt, und Vaterſtelle bei mir vertritt.“ „Fünfzigtauſend Franken! um Vaterſtelle an Dir zu vertreten! Ich hätte es für die Hälfte, für den dritten Theil gethan. Un⸗ dankbarer, warum haſt Du nicht an mich gedacht?“ „Wußte ich es denn? waren wir Beide nicht zuſammen da unten, während dieſer Unterhandlungen?“ „Ach Du haſt Recht. Und Du ſagteſt, er habe Dir in ſeinem Teſtamente...“ „Fünfhunderttauſend Livres zugeſichert.“ „Weißt Du es gewiß?“ „Er hat es mir gezeigt, aber das iſt nicht Alles.“ „Ach ich merke, das Teſtament wird ein Codicill haben?“ „So iſt's.“ „Und in dieſem Codicill...“ „Erkennt er mich an.“ „O der gute Vater, der Ehrenmann⸗ 22 rief Caderouſſe, einen Teller in der Luft ſchwenkend, den er in der Hand hielt. „Nun ſage noch, alter Fuchs, daß ich Geheimniſſe vor Dir habe!“ „Nein, und Dein Vertrauen ehrt Dich in meinen Auun Und iſt Dein vornehmer Vater wirklich reich, ſehr reich?. „Bah. Er kennt ſein Vermögen gar nicht. 37 „Iſt es möglich?“ „Potz tauſend, ja, ich werde es doch wohl wiſſen, ich, der ich zu jeder Stunde Zutritt bei ihm habe. Neulich brachte ihm ein Commis fünfzigtauſend Franken in einer Brieftaſche, geſtern brachte ihm ſein Banquier hunderttauſend Franken in Gold.“ Caderouſſe war ganz betäubt; die Worte ſeines jungen Freun⸗ des verwirrten ihn gänzlich. Garte / es inn 1081 „Und in dieſem Hauſe haſt Du Zutritt?“ rief er ſtaunend. „Gewiß.“ Caderouſſe ſchwieg einen Augenblick. Man ſah deutlich, daß ⸗ er in Gedanken etwas ſehr Wichtiges erwog. Plötzlich rief er: .„Ach wie herrlich muß es ſein, das Alles zu beſitzen!“ rgiebt„Ach ja,“ rief Andrea,„das iſt prächtig.“ 1 ſeinen„Und er wohnt in den Elyſäiſchen Feldern?“ 1 „Nummer dreißig.“ ttreten„Ach, Nummer dreißig?“ 8 1 n⸗„Ja, ein ſchönes, einzeln ſtehendes Haus, zwiſchen Hof und 6 Garten, kennſt Du es nicht?“ 17 een da„Möglich. Aber was kümmert mich die Außenſeite; wie mag 3 es inwendig ausſehen, die ſchönen Sachen, ah!...“ ſeinem„Warſt Du ſchon in den Tuilerien?“ 1 „Nein.“ 1 1 „Bei ihm iſt es viel ſchöner.“ 1 „Höre, Andrea, es verlohnt wohl der Mühe, ſich zu bücken, 1 wenn dieſer gute Graf v. Monte⸗Chriſto die Börſe fallen läßt?“ 26„Ach mein Gott, darauf braucht man nicht zu warten, in dem 6 4 Hauſe liegt das Geld zerſtreut, wie die Früchte in einem Obſt⸗ 17 garten.“ „Sage, Kleiner, könnteſt Du mich nicht einmal mitnehmen?“ einen„Wie wäre das möglich, und unter welchem Vorwande?“ 1 „Du haſt mir den Mund wäßrig gemacht, und ich werde und r drr muß das Alles ſehen.“ „Keine Dummheiten, Caderouſſe.“. 1 V Augen.„Ich werde mich als Frotteur anbieten.“ 6 4„Er hat in allen Zimmern Teppiche.“ „Ach verdammt! ich muß mich alſo damit begnügen, das Alles 1 im Geiſte zu ſehen.“ er ich„Glaube mir, das iſt das Beſte.“— n ein„ Beſchreibe mir das Haus ein wenig.“ rache„Wie iſt das möglich?“ „Nichts leichter. Iſt es groß?“ reun-„Nicht zu groß und nicht zu klein.“ „Aber wie iſt es eingetheilt?“ 1082 „Ach, um einen Plan zu entwerfen, müßte ich Feder und Tinte haben.“ „Da iſt Beides,“ rief Caderouſſe haſtig. Und er ging an einen Secretair, nahm ein Blatt weißes Papier, Feder und Tinte heraus. „Hier,“ ſprach er,„zeichne mir das Alles ein wenig auf, mein Sohn.“ Unmerklich lächelnd nahm Andrea die Feder und begann: „Das Haus ſteht, wie ich Dir ſchon geſagt, zwiſchen Hof und Garten! ſiehſt Du, ſb.“ Und Andrea zeichnete genau die Umriſſe. „Hohe Mauern?“ „Nein, acht bis zehn Fuß höchſtens.“ „Das iſt nicht klug,“ ſagte Caderouſſe. „Im Hofe ſind Grasplätze, Blumenpartien und Orangerie⸗ gruppen.“ „Keine Wolfsfallen?“ „Nein.“ „Die Ställe?“ „Zu beiden Seiten des Gitters, ſieh ſo.“ Und Andrea fuhr in ſeiner Zeichnung fort. „Und das Erdgeſchoß?“ fragte Caderouſſe. „Da iſt ein Eßſaal, zwei Salons, ein Billardzimmer, die Treppe in die Ober⸗Etage und eine kleine heimliche Treppe.“ „Die Fenſter?“ „Die Fenſter ſind prächtig, ſo ſchön und breit, daß... meiner Treu, ja ich glaube, ein Mann von Deiner Vigur könnte durch jede Scheibe.“ „Aber zum Teufel, wozu bei ſolchen Fenſtern noch Treppen?“ „Ei was willſt Du? Luxus!“ „Obere Laden?“ „Ja, aber man bedient ſich ihrer niennals Dieſer Graf von Monte⸗Chriſto iſt ein Original; ſogar des Nachts muß er den Himmel ſehen können.“ „Und wo ſchlafen die Domeſtiken?“ „Ach die haben ihr Haus für ſich. Denke Dir rechts ein kleines Vorhäuschen, in dem man klingelt, über dieſem Häuschen ö—— — --— * t weißes kuf, mein Pann: Lof und rangerie⸗ ner, die ſe. .meiner te durch eppen?⸗ taf von er den hts ein äuschen feder und 1083 ſind die Bedientenſtuben und in jeder derſelben ein Klingelzug aus dem Haupthauſe.“ „Ach zum Teufel! Klingelzüge!“ „Wie ſagſt Du?“ „O nichts, ich meinte nur, es müßte ſehr koſtſpielig ſein, ſo viel Klingeln zu unterhalten, und ich frage Dich, wozu dienen ſie?“ „Sonſt bewachte ein Hund in der Nacht das Haus, jetzt iſt er in dem Hauſe in Auteuil, Du weißt, wo ich Dich traf...“ „Ich ſagte dem Grafen noch geſtern: Sie handeln nicht vor⸗ ſichtig, denn wenn Sie in Auteuil ſind, und Ihre Dienerſchaft bei ſich haben, ſteht das Haus hier ganz allein.“ „Fragte er nicht, was das ſchadete?“ „Gewiß, und ich ſagte ihm, man werde ihn eines ſchönen Tages beſtehlen.“ „Was antwortete er?“ „Was er antwortete?“ „Ja.“ „Er ſagte: ei, was thut das, wenn man mich beſtiehlt?“ „Ach, Andrea, dann hat er irgendwo einen geheimen Mechanis⸗ mus an ſeinem Schreibtiſche.“ „Wie das?“ 1 „Ja, der nimmt den Dieb feſt und ſpielt eine Melodie. Man hat mir geſagt, in der letzten Ausſtellung ſeien ſolche Sachen geweſen.“ „Ach bewahre, er hat einen einfachen Schreibtiſch, in dem ich ſtets einen Schlüſſel geſehen habe.“ 2 „Und man beſtiehlt ihn nie?“ „Nein, ſeine Leute ſind ihm ganz ergeben.“ „Hat er Geld in dieſem Schreibtiſche?“ „Möglich.“ „Und wo ſteht er?“ „Oben.“ „Ach Kleiner, zeichne mir doch auch den Plan der Ober⸗Etage.“ „Das iſt ſehr leicht.“ Und Andrea nahm die Feder wieder. „Erſt kommt ein Vorzimmer, dann der Salon, rechts im ———— — — — —— 1084 Salon die Bibliothek und ein Arbeitszimmer, links ein Salon, ein Schlafzimmer und ein Toilettenzimmer. Und in dieſem ſteht der bewußte Schreibtiſch.“ „Hat dieſes Cabinet ein Fenſter?“ „Zwei, hier und da.“ Und Andrea vervollſtändigte den Plan. Caderouſſe verſank wieder in Nachdenken. „Geht er oft nach Auteuil?“ „Zwei⸗ bis dreimal wöchentlich, morgen z. B. geht er hin und bleibt auch die Nacht dort.“ „Iſt das gewiß?“ „Er hat mich eingeladen, dort mit ihm zu Mittag zu eſſen.“ „Ach das iſt ein Leben,“ murmelte Caderouſſe,„Haus in der Stadt, Haus auf dem Lande.“ „Ha, da ſieht man, was es heißt, reich ſein.“ „Und wirſt Du morgen dort ſein?“ „Wahrſcheinlich.“ „Wirſt Du dann auch dort ſchlafen?“ „Wenn ich gerade dazu aufgelegt bin. Bei dem Grafen bin ich wie zu Hauſe.“ Caderouſſe betrachtete den jungen Mann, als wollte er in ſeinem Herzen leſen, und die Wahrheit ſeiner Worte erforſchen. Aber Andrea zog ein Cigarren⸗Etui hervor, nahm eine Havannah⸗ Cigarre, zündete ſie an und rauchte. „Wann willſt Du Deine fünfhundert Franken haben?“ fragte er dann Caderouſſe. „O bald, wenn Du ſie haſt.“ Andrea nahm fünfundzwanzig Goldſtücke aus der Taſche. „Ach Goldſtücke? Nein, ich danke.“ „Ei, verachteſt Du ſie?“ „Im Gegentheil, aber ich mag keine.“ „Unbeſcheidener, Du haſt noch Vortheil, wenn Du ſie wechſelſt.“ „Kleiner! Kleiner! Traue dem alten Caderouſſe keine Dummheiten zu. Ich und Gold wechſeln, ei, ei, wer ſollte mir Gold gegeben haben? Nein, Silber, einfaches Silber, das kann Jeder erſchwingen.“ „Du begreifſt, daß ich nicht fünfhundert Franken in Silber mit mir ſchleppen kann, dazu hätte ich einen Träger nöthig gehabt.“ dieſen heiter 1085 „Gut, gieb ſie Deinem Portier, das iſt ein prächtiger Mann, ich will ſie dann ſchon abholen.“ „Heute?“ „Nein, morgen, heute habe ich keine Zeit.“ 17 „Wie Du willſt, wenn ich morgen nach Auteuil gehe, werde ich das Geld zurücklaſſen.“ 7 „Kann ich beſtimmt darauf rechnen?“ in„Beſtimmt.“ 17 ſin und„Ich will mir nämlich vorher eine Haushälterin zulegen.“ 6 „Thue das, aber nicht wahr, dann quälſt Du mich nicht mehr?“ efen„Nie wieder.“ 3 n d Caderouſſe war ſo ernſt geworden, daß Andrea fürchtete, ſich dieſen Wechſel merken zu laſſen, und bemühte ſich deshalb, deſto heiterer und ſorgloſer zu erſcheinen. „Wie vergnügt Du biſt, gerade als hätteſt Du Deine Erb⸗ ſchaft ſchon.“ „Leider noch nicht, aber der Tag, an welchem ich.. 22 fen bin„Nun?“ „Nun, ich ſage Dir nur,— ich werde meine Freunde nie er in vergeſen... rſchen„Jg, wenn Du gerade ein gutes Gedächtniß haſt.“ nnah⸗„Ach, willſt Du mich kränken?“ „Ich? ach bewahre. Im Gegentheil, Dir einen guten Rath . geben.“ fragte„Und welchen?“ „Daß Du den Diamant hier läſſeſt, den Du am Finger haſt. Ach geh, durch ſolche Dummheiten willſt Du uns Beide verderben.“ 3„Wie das?“ fragte Andrea. „Unüberlegter, Du ziehſt eine Livree an, und haſt einen Ring b für vier⸗ bis fünftauſend Franken am Finger.“ eſt“„Peſt, richtig geſchätzt, weshalb wirſt Du kein Taxator?“ eiten„Ich will Dir ſagen, ich verſtehe mich auf Diamanten, ich nben? habe auch einen beſeſſen.“ „Ich rathe Dir, Dich deſſen nicht zu rühmen,“ ſagte Andrea, ilber ohne über dieſe neue Erpreſſung aufgebracht zu ſein, wie Caderouſſe abt.“ gefürchtet, und reichte ihm ruhig den Ring. 1086 Caderouſſe betrachtete ihn ſo genau, daß Andrea wohl merkte, er forſchte nach dem Feuer des Steines. „Der Diamant iſt falſch.“ „Ach geh, Du ſcherzeſt.“ „Werde nur nicht ärgerlich, man kann es ſehen.“ Und Caderouſſe trat ans Fenſter und ſchrieb mit dem Stein daran, die Scheibe gab einen Ton von ſich. 1 „Ich irrte mich,“ ſagte er, ihn an ſeinen kleinen Finger ſteckend,„aber die ſpitzbübiſchen Steinſchneider ahmen die Diaman⸗ ten jetzt ſo gut nach, daß man in den Bijouterie⸗Läden nicht mehr zu ſtehlen wagt.“ „Biſt Du nun fertig?“ fragte Andrea,„ſagt Dir meine Weſte zu, oder ſonſt irgend etwas, genire Dich nicht.“ „Nein, Du biſt ein guter Junge und kannſt gehen, ich werde mich bemühen, mich von meinem Ehrgeize zu heilen.“ „Aber hüte Dich, daß Dir beim Verkauf des Diamanten nicht paſſirt, was Du bei dem Golde fürchteteſt.“ „Sei ruhig, ich verkaufe ihn nicht.“ „Ja, vielleicht heute und morgen nicht,“ dachte der junge Mann. Pferde, Equipage, Diener und Braut wieder?“ „Nun ja.“ „Sag', Kleiner, ich hoffe, Du wirſt mir ein gutes Hochzeits⸗ geſchenk machen, wenn Du die Tochter meines Freundes Danglars heiratheſt?“ 1 „Ich habe Dir das ſchon geſagt, daß Du Dir das nur in den Kopf geſetzt haſt.“ „Wie groß iſt die Ausſtattung?“ „Aber ich ſage Dir.. „Eine Million?“ Andrea zuckte die Achſeln.. 8* „Und wenn es mehr wäre,“ ſprach Caderouſſe,„Du wirſt nie ſo viel haben, als ich Dir wünſche.“ „Danke,“ ſprach Andrea. „Ach Du biſt gut,“ rief der alte Fuchs, roh lachend. „Warte; ich werde Dich herausbegleiten.“ „Glücklicher Schelm. ſagte Caderouſſe,„Du findeſt nun 4 t Stein Finger Piaman⸗ it mehr meine h werde ſamanten er junge eſt nun * ochzeits⸗ anglars nur in n wirſt 1 „Ach das iſt nicht nöthig.“ „O ja.⸗ „Weshalb?“ „O, es iſt ein kleines Geheimniß an der Thür, eine Vorſichts⸗ maßregel, die ich für nothwendis hielt. Wenn Du erſt ein Capi⸗ taliſt biſt, werde ich Dir auch eine verfertigen.“ „Du biſt ſehr gütig, ich werde Dich acht Tage vorher davon benachrichtigen.“ Sie trennten ſich. Caderouſſe blieb draußen ſtehen, bis An⸗ drea den Hof verlaſſen hatte, dann ſchloß er ſorgfältig ſeine Thür und ſtudirte den von Andrea gezeichneten Plan. „Dieſer liebe Benedetto,“ ſagte er,„ich glaube, er würde gar nicht böſe ſein, wenn er bald erbte, und den, der ihm recht bald zu ſeiner halben Million verhälfe, gerade nicht unfreundlich anſehen.“ A ¼ ————— —— — LXXXIII. Der gewaltſame Einbruch. Am nächſten Morgen nach dem Tage, an welchem die ebener⸗ zählte Unterredung ſtattfand, war der Graf von Monte⸗Chriſto wirklich nach Auteuil gegangen, und hatte Ali, mehrere Diener und einige Pferde mit ſich, die er⸗verſuchen wollte. Was ihn zu dieſem Ausfluge ganz beſonders beſtimmte, an den er noch den Tag zuvor nicht gedacht hatte, und an den auch Andrea eben ſo wenig dachte als er, war Bertuccio's Ankunft, welcher, aus der Norman⸗ die zurückkehrend, Nachrichten über das Haus und die Corvette brachte. Das Haus war bereit, und die Corvette, ſeit acht Tagen an⸗ gekommen, lag bei einer kleinen Inſel vor Anker, mit ihrer Equi⸗ page von ſechs Mann, und war ganz vorbereitet, jeden Augenblick in See ſtechen zu können. 3 3 Der Graf lobte Bertuccio's Eifer, und ſagte ihm, er möge ſich zu einer baldigen Abreiſe fertig halten, da ſein Aufenthalt in Frankreich nun nicht länger mehr als einen Monat währen könne. „Jetzt,“ ſagte er,„muß ich durchaus in einer Nacht von Paris nach Treport, und will deshalb acht Relais, um dieſe fünfziz Mei⸗ len in zehn Stunden zurücklegen zu können.“ „Excellenza hatten dieſen Wunſch ſchon früher ausgeſprochen,“ entgegnete Bertuccio,„die Pferde ſtehen bereit. Ich ſelbſt habe ſie gekauft und an den paſſendſten Orten, d. h. in den Dörfern, wo gewöhnlich Niemand verweilt, aufgeſtellt.“ „Gut,“ ſagte Monte⸗ Chriſto,„ich werde ein bis zwei Tage hier bleiben, richtet Euch alſo ein.“ Als Bertuccio das Zimmer verließ, um die für dieſen Aufent⸗ ſuchen dieſer Elyſä daß d Polie tiren eine it eute, jedenf raube geilen zu ge lingen G 4 eine aarne ſetzen wiſſ ja, T Dieb müſſe Fiesk daß führt komn Käm Vell Diener ihn n zu den Tag ſo wenig Norman⸗ Corvette jagen an⸗ er Equi⸗ ugenblick er möge nthalt in en könne. on Paris ziz Mei⸗ rochen,“ 'ſt habe Dörfern, vei Tage Aufent⸗ ſe ebener⸗ e⸗Chriſt 8 1089 halt nöthigen Befehle zu ertheilen, öffnete Baptiſtin die Thür, einen vergoldeten Teller, auf dem ein Brief lag, in der Hand. „Was willſt Du hier?“ fragte der Graf, ihn gewahrend und ſehend, daß er ganz mit Staub bedeckt war,„ich glaube doch, Dich nicht herbeſchieden zu haben.“ Baptiſtin verbeugte ſich tief, und überreichte den Brief. „Wichtig und dringend,“ ſagte er. Der Graf öffnete den Brief und las: „Man benachrichtigt den Herrn von Monte⸗Chriſto, daß in dieſer Nacht ein Mann den Verſuch machen wird, in das Haus Elyſäiſche Felder Nr. 30 zu dringen, um die Papiere zu unter⸗ ſuchen, die er in dem Schreibtiſche verborgen glaubt. Man weiß, daß der Herr Graf tapfer genug iſt, um die Dazwiſchenkunft der Polizei nicht nöthig zu haben, was vielleicht ſogar den compromit⸗ tiren dürfte, der dieſen Wink giebt. Der Herr Graf kann, auf eine ihm beliebige Weiſe, ſich ſelbſt Gerechtigkeit verſchaffen. Viel Leute, oder ſonſtige Vorſichtsmaßregeln, würden den Uebelthäter jedenfalls verſcheuchen, und den Herrn Grafen der Gelegenheit be⸗ rauben, einen Feind kennen zu lernen, den der Schreiber dieſer Zeilen zufällig entdeckt hat, der vielleicht jedoch keinen zweiten Wink zu geben im Stande ſein wird, wenn der Uebelthäter nach Miß⸗ lingen dieſes erſten Verſuchs, einen zweiten wagen ſollte.“ Der erſte Gedanke des Grafen war, es ſei dieſes Schreiben eine gewöhnliche Liſt der Diebe, die vor einer geringern Gefahr warnen, um den Betreffenden einer weit größeren Gefahr auszu⸗ ſetzen. Er wollte deshalb den Brief ſogleich einem Polizei⸗Com⸗ miſſair ſchicken, ungeachtet der Warnung des anonymen Freundes, ja, vielleicht eben deshalb, als ihm plötzlich einfiel, es könne der Dieb wirklich ein Feind von ihm ſein, den er allein wiedererkennen müſſe und der ihm vielleicht Vortheil gewähren könne, wie dem Fiesko der Mohr, welcher ihn tödten wollte.— Man kennt den Grafen, es bedarf alſo kaum einer Erwähnung, daß er vor keiner Gefahr zurückbebte. Bei dem Leben, welches er führte, und der Richtung, die er eingeſchlagen, war er dahin ge⸗ kommen, ſich an den ungekannten Genüſſen zu laben, welche er in Kämpfen fand, die er oft gegen die Natur, d. h. Gott oder die Welt— die wohl für den Teufel gelten kann, unternahm. Der Graf von Monte⸗Chriſto.. 69 — ——————— ———*— —— — —— —— — 1090 „Ah,“ ſprach er,„ſie wollten nicht meine Papiere ſtehlen, ſondern mich tödten es ſind keine Diebe, ſondern Mörder. Ich will nicht, daß der Herr Polizei⸗Präfect ſich in meine perſönlichen Angelegenheiten miſcht.“ Der Graf rief Baptiſtin, welcher vor dem Zimmer wartete. „Geh ſogleich nach Paris, und kehre mit der ganzen Diener⸗ ſchaft zurück, ich bedarf ihrer hier in Auteuil.“ „Aber wird Niemand in dem Hauſe bleiben, Herr Graf?“ fragte Baptiſtin. „Der Portier.“ „Aber bedenkt der Herr Graf wohl, wie weit es von deſſen Loge bis zum Hauſe iſt?“ „Nun?“ „Nun man könnte das ganze Logis ausräumen, ohne daß er das geringſte Geräuſch hörte.“ „Wer denn?“ „Diebe.“ „Mein Herr Baptiſtin, Ihr ſeid ein Einfaltspinſel, es würde mich weniger ärgern, wenn das wirklich geſchähe, als es mich är⸗ gert, wenn einer meiner Befehle ſchlecht ausgeführt wird.“ Baptiſtin verbeugte ſich. „Du haſt alſo gehört,“ ſprach der Graf,„bringe alle Deine Kameraden, vom Erſten bis zum Letzten mit, aber Alles bleibt wie immer, nur die Läden der untern Etage werden geſchloſſen, das iſt Alles.“ „Und die Läden der obern Etage?“ „Die werden ja niemals geſchloſſen! Adieu!“ Der Graf ließ ſagen, er werde allein eſſen, und wünſche nur von Ali bedient zu ſein. Er aß mäßig und ruhig wie immer zu Mittag, dann winkte er Ali, ihm zu folgen, ging durch die kleine Thür, kam dann in das Gehölz von Boulogne, als ob er ſpazieren ginge, ſchlug ruhig den Weg nach Paris ein und ſtand bei ſinkender Nacht vor ſeinem Hauſe, Elyſäiſche Felder Nr. 30. Alles war finſter; nur in der Loge des Portiers glimmte ein ſchwaches Licht. Monte⸗Chriſto lehnte ſich an einen Baum, und blickte mit ſeinem und d und l fihr der N ſichig hatte, kutz, ihm geich er g. Secr darin den trat paar auf der ein er zund an ſei ſtu un Na ger ein 22 ſiehlen, ſönlichen lartete.. Diener⸗ Graf?⸗ en deſſen e daß er es würde mich är⸗ 77 le Deine leibt wie ſſen, das nſche nur n winkte dann in ug ruhig ſeinem umte ein ickte mit he Ih 1091 ſeinem ſcharfen, ſo ſelten trügenden Auge in die doppelte Allee und die benachbarten Straßen, die Vorübergehenden beobachtend und lauſchend, ob Niemand irgendwo verſteckt lauere. Nach unge⸗ fähr zehn Minuten hatte er ſich überzeugt, daß kein Lauſcher in der Nähe war. Sogleich näherte er ſich mit Ali der kleinen Thür, trat vor⸗ ſichtig ein, erſtieg eine geheime Treppe, zu welcher er den Schlüſſel hatte, trat in ſein Schlafzimmer, ohne einen Vorhang zu öffnen, kurz, ohne daß der Portier ſelbſt bemerken konnte, daß dieſes von ihm leer geglaubte Haus ſeinen Herrn in ſich berge. In dem Schlafzimmer angelangt, machte der Graf Ali ein Zeichen, hier zu bleiben, während er in das Cabinet ging, welches er genau unterſuchte, jedoch Alles in Ordnung fand, den koſtbaren Secretair an ſeinem gewöhnlichen Platze, den Schlüſſel wie immer darin ſteckend. Sogleich verſchloß er den Secretair doppelt, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, ſchob die Schließkappen der Thüre ab, und trat wieder in das Schlafzimmer. Hier fand er Ali beſchäftigt, einen kurzen Carabiner und ein paar prächtige Doppelpiſtolen mit übereinanderliegenden Läufen auf dem Tiſche auszubreiten. Auf dieſe Weiſe bewaffnet, konnte der Graf es mit fünf Gegnern aufnehmen. Es war faſt halb zehn, der Graf aß haſtig etwas Brotp trank ein Glas ſpaniſchen Wein und gab Ali von Beidem. Dann drehte er ein bewegliches Feld in der Thür, und konnte nun das Neben⸗ zimmer überſchauen. Seine Waffen lagen neben ihm, Ali kniete an ſeiner Seite, eine jener arabiſchen Streitäxte in der Hand, die ſeit den Kreuzzügen ihre Form nicht geändert haben. Durch ein, mit dem Cabinet gleichſtehendes Fenſter der Schlaf⸗ ſtube, konnte der Graf die Straße beobachten. So verſtrichen zwei Stunden, die tiefſte Dunkelheit herrſchte, und dennoch erkannten die Wartenden— Ali vermöge ſeiner wilden Natur, der Graf vermöge einer errungenen Eigenſchaft— den geringſten Gegenſtand. Schon lange war das kleine Licht des Portiers erloſchen.— Es war zu vermuthen, daß der Einbruch, wenn überhaupt einer ſtattfinden ſollte, nicht durch das Fenſter, ſondern durch die Treppe des Erdgeſchoſſes geſchehen werde. Der Graf glaubte, die 69* ———— 7 1092 Uebelthäter trachteten nach ſeinem Leben und nicht nach ſeinem Gelde. Er konnte alſo annehmen, daß ſie auf ſein Schlafzimmer einen Angriff wagen würden. Er ſtellte deshalb Ali vor die Thür der Treppe und fuhr ſelbſt fort, das Cabinet zu überwachen. Die Thurmuhr der Invaliden ſchlug drei Viertel nach Eilf. Der feuchte Weſtwind trug den Schall bis zu dem Ohre des Grafen. Als der letzte Ton erklungen, glaubte er von der Seite des Cabinets her ein leichtes Geräuſch zu vernehmen. Dieſes Geräuſch, oder vielmehr Knirſchen, nahm an Stärke zu, der Graf wußte woran er war, eine geübte Hand löſte mit einem Diamant die Fenſterſcheibe aus. Der Graf fühlte ſein Herz ſchneller ſchlagen. So kaltblütig und auf Gefahr vurlerii ein Menſch auch ſein mag, er wird im entſcheidenden Augenblicke ſtets ſein Herz ſtärker klopfen, ſeinen Körper erſchüttert fühlen und den ungeheuren Unterſchied erkennen, der zwiſchen Traum und Wirklichkeit, zwiſchen Plan und Ausführ⸗ ung liegt. Indeſſen gab Monte⸗Chriſto Ali nur ein Zeichen, und dieſer, bemerkend, daß die Gefahr vom Cabinet ausgehe, näherte ſich un⸗ hörbar der Thür deſſelben. Der Graf war ſehr begierig, mit welchen und mit wie viel Feinden er es zu thun haben werde. Das Fenſter, an welchem man arbeitete, lag gerade der Thür gegenüber, durch die der Graf das Cabinet überſehen konnte. Er blickte unverwandt nach dieſem Fenſter, und gewahrte einen Schat⸗ ten, eine Scheibe ward ganz undurchſichtig, als ob von außen ein Stück Papier angeklebt würde, dann knackte die Scheibe, fiel jedoch nicht. Ein Arm ward ſichtbar, der nach dem Riegel ſuchte, dann drehte ſich das Fenſter in ſeinen Angeln, und ein Mann ſtieg herein. Der Mann war allein. „Ein dreiſter Spitzbube,“ murmelte der Graf. Plötzlich fühlte er All's Hand ſanft auf ſeiner Schulter, er drehte ſich um, Ali zeigte auf das Fenſter nach der Straße zu. Monte⸗Chriſto, die außergewöhnliche Feinheit der Sinne dieſes treuen Dieners kennend, trat an das Fenſter. Durch den Vorhang verdeckt, konnte er, ohne geſehen zu werden, die ganze Straße über⸗ ſchauen um be⸗ vorwa er ve Chriſt Er ir Es w der( glaud Graf ſich dert, Alles Eiſe vorb ioge Na⸗ hal verl ſeinem zimner 1 fuhr ch C Eilf. Grafen ite des ſeräuſch, f vußte fant die ltblütig ſvird in ſeinen kennen, lusführ⸗ dieſer, ſich un⸗ vie viel er Thür te. Er Schat⸗ ßen ein ljedoch , dann n ſtieg er, er zu. dieſes orhang über⸗ ſchauen. 1093 Er gewahrte einen andern Mann, welcher, wahrſcheinlich um beſſer zu ſehen, was in dem Hauſe vorging, auf einen Prall⸗ ſtein ſtieg. „Gut,“ ſagte er,„es ſind alſo ihrer zwei; der Eine handelt, der Andere ſteht Schildwacht.“ Dann machte er Ali ein Zeichen, den Mann auf der Straße nicht aus den Augen zu laſſen, und kehrte an ſeinen Poſten zurück. Der Mann orientirte ſich, indem er mit ausgeſtreckten Armen vorwärts ging. Endlich ſchien er befriedigt, das Cabinet hatte zwei Thüren, er verriegelte alle beide. Als er ſich der Thür des Schlafzimmers nahte, glaubte Monte⸗ Chriſto, er werde eintreten, und hielt ſeine Piſtolen in Bereitſchaft. Er irrte ſich, nur der Riegel krächzte in den kupfernen Ringen. Es war eine Vorſicht; der nächtliche Beſucher, nicht wiſſend, daß der Graf vorher die Schließkappen der Thüren abgedreht hatte, glaubte ſich ganz ſicher. Der Mann zog einige Gegenſtände aus der Taſche, die der Graf nicht unterſcheiden konnte, legte ſie auf ein Tiſchchen, näherte ſich dem Secretair, tappte daran umher und ſchien ſehr verwun⸗ dert, den Schlüſſel nicht ſtecken zu finden. Aber der Fenſterzerbrecher war ein kluger Mann, der auf Alles bedacht geweſen war. Bald hörte der Graf ein Klirren des Eiſens gegen Eiſen, welches das Bund verſchiedener Schlüſſel her⸗ vorbringt, welches die Schloſſer bei ſich zu haben pflegen, wenn ſie irgendwo ein Schloß öffnen müſſen, und welchem die Diebe den Namen Nachtigall gegeben haben, wahrſcheinlich des Vergnügens halber, das ſie empfinden, wenn ſie in ſtiller Nacht dieſen Vortheil verheißenden Ton vernehmen. „Ach,“ murmelte Monte⸗Chriſto mit einem Lächeln getäuſchter Hoffnung,„es iſt nur ein Dieb.“ Aber der Mann konnte im Dunkeln das erwünſchte Inſtrument nicht finden. Er kehrte zu dem Tiſchchen zurück, auf welchem ſeine Sachen lagen, drückte an einer Feder und bald warf ein bleiches, aber dennoch ziemlich lebhaftes Licht ſeinen Schein ſo, daß man Hände und Geſicht des Diebes erkennen konnte. —-———— — ——ÿ=—— ——— ——— ——— 1094 „Bei Gott,“ ſagte Monte⸗Chriſto überraſcht, einen Schritt zurücktretend,„das iſt...“ Ali hob ſeine Axt. „Bewege Dich nicht,“ ſprach ſein Herr,„und laß die Waffen ruhen, wir bedürfen ihrer nicht mehr.“ Dann fügte er, noch leiſer, einige Worte hinzu, denn der erſte Ausruf der Ueberraſchung des Grafen war von dem Diebe ver⸗ nommen, der nun zitternd und lauſchend daſtand. Ali erhob ſich behutſam, ſchlich auf den Zehen an den Alkoven und nahm ein ſchwarzes Kleid nebſt einem großen runden Hut heraus. Der Graf warf während deſſen ſein Oberkleid ab, öffnete die Weſte und man konnte, bei dem zitternden Scheine des Mondes unter ſeinem Hemde eine jener feinen Tunika's von Stahl bemer⸗ ken, deren letzte in Frankreich, wo man keine Dolche fürchtete, vielleicht König Ludwig XVI. trug, welcher ſtets das nach ſeiner Bruſt gerichtete Meſſer fürchtete, und doch vom Beile getroffen ſterben mußte. Dieſe Tunika verſchwand bald unter einem langen geiſtlichen Gewande, ſowie die ſchönen ſchwarzen Haare des Grafen unter einer Tonſur; der darauf geſtürzte Hut verwandelte Monte⸗Chriſto vollſtändig in einen Abbé.— Während deſſen hatte der Dieb, nichts mehr hörend, ſeine Arbeit wieder vorgenommen, und ſchon gab das Schloß den Be⸗ mühungen ſeiner Nachtigall nach. „Gut,“ murmelte der Graf, an ein, dem geſchickten Arbeiter unbekanntes Geheimniß dieſes Schloſſes denkend,„gut, das wird Dich einige Minuten lang beſchäftigen.“ Und er ging an das Fenſter. Der Andere war von dem Prallſtein herabgeſtiegen, ſpazierte in der Straße auf und ab, und ſchien ſonderbarer Weiſe ſtatt auf die zu achten, welche möglicherweiſe von den elyſäiſchen Feldern oder von der Vorſtadt Saint⸗Honoré kommen konnten, nur darauf bedacht, zu ſehen was im Innern des Hauſes vorging. Monte⸗Chriſto ſchlug ſich vor die Stirn, während ein ſchwei⸗ gendes Lächeln über ſeine halbgeöffneten Lippen glitt. Dann ſagte er, ſich Ali nähernd, ganz leiſe: „Bleib hier in der Dunkelheit verſteckt, und was ſich auch zu⸗ ——— trage nicht/ gera war, ſein Aber dem anſt ſon, mein nich faſt Vaffen der erſte be ver⸗ Alkoven den Hut „ öffnete Mondes bemer⸗ ürchtete, h ſeiner etroffen eiſtlichen n unter e⸗Chriſto d, ſeine den Be⸗ Arbeiter as wird ſpazierte tatt auf Feldern darauf ſchwei⸗ nuch zu⸗ Schritt 2 1095 tragen mag, welches Geräuſch Du auch hören wirſt, zeige Dich nicht, bevor ich Dich nicht bei Deinem Namen rufe.“ Ali neigte zum Zeichen des Gehorſams den Kopf. Dann nahm der Graf eine Kerze, zündete ſie an, und trat, gerade als der Dieb am Eifrigſten bei dem Schloſſe beſchäftigt war, leiſe in das Kabinet, die Kerze ſo haltend, daß deren Schein ſein ganzes Geſicht erhellte. Die Thür öffnete ſich ſo leiſe, daß der Dieb es nicht hörte. Aber zu ſeinem größten Erſtaunen ſah er die Stube plötzlich hell werden. Er drehte ſich um. 4 „Ei guten Abend, lieber Herr Caderouſſe,“ ſprach Monte⸗ Chriſto,„der Tauſend, was führt Sie hierher und zu dieſer Stunde?“ „Der Abbé Buſoni!“ ſchrie Caderouſſe. Und nicht wiſſend, wie dieſe Erſcheinung bis zu ihm gedrun⸗ gen ſein konnte, da er alle Thüren verriegelt hatte, ließ er ſein Bund falſcher Schlüſſel fallen, und blieb unbeweglich und wie vom Blitz getroffen ſtehen. Der Graf ſtellte ſich zwiſchen Caderouſſe und das Fenſter, dem Diebe auf dieſe Art jeden Ausgang verſperrend. „Der Abbé Buſoni,“ wiederholte Caderouſſe, ihn erſchreckt anſtarrend. „Nun ja,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„der Abbé Buſoni in Per⸗ ſon, und zwar ſehr erfreut, von Ihnen wieder erkannt zu ſein, mein Lieber, das beweiſt ein gutes Gedächtniß, denn irre ich mich nicht, ſo ſind es nun zehn Jahre, ſeit wir uns nicht geſehen.“ Dieſe ruhige, mächtige Ironie machten den armen Caderouſſe faſt ſchwindlig. „Der Abbé! der Abbé!“ murmelte er, während ſeine Zähne an einander ſchlugen und er unwillkürlich die Hände faltete. „Wir wollen wohl den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto be⸗ ſtehlen?“ fragte der vermeintliche Abbé. „Herr Abbé,“ murmelte Caderouſſe und verſuchte vergeblich das Fenſter zu erreichen,„ich weiß nicht... ich bitte Sie zu glauben... ich ſchwöre Ihnen...“ „Eine eingeſtoßene Fenſterſcheibe,“ fuhr der Graf fort,„eine Blendlaterne, ein Bund Nachtigallen, ein halb erbrochener Se⸗ cretair, dächte ich, wäre klar.“ —————————— — 1096 Caderouſſe hätte ſich mit ſeiner Cravatte erwürgen mögen, er ſuchte einen Winkel, in dem er ſich verbergen, ein Loch, durch welches er verſchwinden konnte.— „Ach, ich ſehe, Sie ſind noch immer derſelbe, Herr Mörder,“ ſprach der Graf. „Herr Abbé, wenn Sie Alles wiſſen, ſo iſt Ihnen auch nicht unbekannt, daß Carconte die Schuldigere war, und das haben die Gerichte auch eingeſehen, da ich nur zu den Galeeren verurtheilt ward.“ „Sie haben alſo Ihre Zeit abgebüßt, da ich Sie hier auf dem beſten Zuge finde, nochmals dahin zurückzukehren.“ „Nein, Herr Abbé, es hat mich Jemand befreit.“ „Dieſer Jemand hat der Geſellſchaft einen herrlichen Dienſt erzeigt.“ „Ach,“ ſagte Caderouſſe,„ich hatte verſprochen...“ „Alſo vogelfrei?“ unterbrach ihn der Graf. „Ach ja,“ ſagte Caderouſſe ſehr unruhig. „Schlechter Rückfall.... Das wird Sie auf den Greveplatz führen. Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer, diavolo, wie die Welt⸗ kinder in meiner Heimath ſagen.“ „Herr Abbé, ich gebe einen unwiderſtehlichem Zuge nach...“ „Das ſagen alle Verbrecher.“ „Die Noth „Ach was da! Noth kann zwingen zu betteln, oder einem Bäcker ein Brod zu ſtehlen, aber nicht, den Secretair in einem unbewohnt geglaubten Hauſe zu erbrechen. Und als der Juwelier Joannés Dir vierzigtauſend Franken für den, durch mich erhalte⸗ nen Diamanten brachte, als Du ihn tödteteſt, um Geld und Dia⸗ mant zu beſitzen, geſchah das auch aus Noth?“ „Verzeihung, Herr Abbé,“ ſagte Caderouſſe,„Sie haben mich ſchon einmal gerettet, o retten Sie mich noch ein zweites Mal. Sie ſind allein,“ rief er, die Hände faltend,„oder ſtehen die Gens⸗ d'armen bereit, mich feſtzunehmen?“ „Ich bin ganz allein,“ entgegnete der Abbé,„und werde noch einmal Mitleid haben, Dich noch einmal gehen laſſen, auf die Ge⸗ fahr hin, daß meine Schwäche ein neues Unglück herbeiführt, wenn Du mir genau die Wahrheit geſtehſt.“ mögen, Nlörder,, ich nicht ben die urtheilt ier auf Dienſt reveplat je Welt⸗ weinem einem zuwelier erhalte⸗ d Dia⸗ en mich 5 Mal. Gens⸗ de noch die Ge⸗ wenn tretend,„ich kann wohl ſagen, daß Sie mein Retter ſind.“ „Du behaupteſt, man habe Dich aus dem Bagno befreit?“ „Ja, ſo wahr ich Caderouſſe bin, Herr Abbé.“ „Und wer?“ „Ein Engländer.“ „Namens?“ „Lord Wilmore.“ „Den kenne ich, und werde alſo genau erfahren, ob Du lügſt.“ „Herr Abbé, ich ſage die reine Wahrheit.“ „Dieſer Engländer beſchützte Dich alſo?“ „Nicht mich, ſondern einen jungen Corſen, der mein Ketten⸗ — gefährte war.“ „Und dieſer hieß?“ „Benedetto.“ „Das iſt ein Taufname?“ „Er hatte keinen andern, er war ein Findelkind.“ „Und er iſt mit Dir entflohen?“ „Ja.“ „Auf welche Weiſe?“ „Wir arbeiteten in Saint⸗Mandrier bei Toulon; kennen Sie Saint⸗Mandrier?“ „Ja.“ „Nun Mittags um Eins, während man ſchlief...“ „Sträflinge, die Mittagsruhe halten! Beklage noch einer dieſe luſtigen Brüder!“ rief der Abbé. „Teufel!“ ſagte Caderouſſe,„man kann nicht ewig arbeiten, man iſt kein Hund.“ „Ein Glück für die Hunde,“ ſprach Monte⸗Chriſto. „Während die Andern ſchliefen, entfernten wir uns, benutzten eine Feile, die uns Lord Wilmore gegeben, und retteten uns dann ſchwimmend.“ „Und was iſt aus Benedetto geworden?“ „Ich weiß nicht.“ „Das iſt nicht wahr.“ „Nein wirklich, wir haben uns in Hyéres getrennt.“ 1097 „Ach Herr Abbé,“ ſchrie Caderouſſe, Monte⸗Chriſto näher ——— —— ——“ ———ggcce- Z8Z—ͤͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤͤͤͤ — Und Caderouſſe trat dem Abbé noch einige Schritte näher, welcher kalt, unbeweglich und forſchend ſtehen blieb. „Du lügſt,“ ſagte er dann mit unerſchütterlicher Ruhe. „Herr Abbe...⸗ „Du lügſt! Dieſer Menſch iſt noch Dein Freund, ja vielleicht Dein Mitſchuldiger.“ „O, Herr Abbé...“ „Wie haſt Du ſeit Deiner Flucht aus Toulon gelebt? Antworte.“ „Wie es gehen wollte.“ „Du lügſt,“ ſagte der Abbé zum dritten Male, und ſehr heftig. Caderouſſe blickte ihn verdutzt an. „Du haſt von dem Gelde gelebt, was er Dir gegeben.“ „Nun ja, es iſt wahr,“ ſprach Caderouſſe,„Benedetto iſt der Sohn eines großen Herrn geworden.“ „Aber wie kann er der Sohn eines großen Herrn ſein?“ „Natürlicher Sohn.“ „Und wie heißt dieſer große Herr?“ „Es iſt der Graf von Monte⸗Chriſto, derſelbe, bei dem wir befinden.“ 4.. „Benedetto der Sohn des Grafen?“ rief Monte⸗Chriſto erſtaunt. „Zum Teufel, es iſt ſehr wahrſcheinlich, denn der Graf hat einen falſchen Vater für ihn aufgefunden, während er ihm doch mo⸗ natlich viertauſend Franken giebt und eine halbe Million in ſeinem Teſtamente vermacht hat.“ „Ah! ah!“ ſagte der falſche Abbé, welcher zu begreifen be⸗ gann,„und wie heißt Benedetto jetzt?“ „Andrea Cavalcanti.“ „Alſo der, welchen mein Freund, der Graf von Monte⸗Chriſto bei ſich empfängt und das Fräulein Danglars heirathen wird?“ „Ja.“. „Und Du duldeſt das, Niederträchtiger! Du, der Du ſein Leben und ſeine Schande kennſt?“ „Ei, weshalb ſoll ich einem Kameraden hinderlich ſein, ſein Glück zu machen?“ fragte Caderouſſe. „Das iſt wahr, nicht Du, ſondern ich muß Herrn Danglars warnen.“ „Thun Sie das nicht, Herr Abbée!.. Bruſt ſ Zu die Bru Zu das Meſ heulend Der daß der Der „Und weshalb?“ „Weil Sie uns das Brod rauben würden.“ „Du glaubſt, ich würde mich, um Euch Elenden das Brod zu erhalten, zum Hehler, nein, zum Mitſchuldigen Eurer Ränke machen?“ „Herr Abbé!“ rief Caderouſſe, noch näher tretend. „Ich werde Alles ſagen.“ „Wem?“ „Herrn Danglars.“ „Verdammt!“ ſchrie der Dieb, mit einem langen Meſſer, das er aus der Weſte zog, auf den Grafen zuſtürzend und ihn vor die Bruſt ſtoßend,„Du wirſt nichts ſagen, Abbé!“ Zu Caderouſſes größtem Staunen prallte das Meſſer, ſtatt die Bruſt Buſoni's zu durchbohren, ſtumpf ab. Zu gleicher Zeit entwand der Graf den Händen des Mörders das Meſſer, und zwar mit ſolcher Kraft, daß dieſer es vor Schmerz heulend fallen ließ. Der Graf kehrte ſich nicht daran, ſondern drückte ſo kräftig, daß der Bandit mit verrenktem Arm zu Boden ſtürzte. Der Graf ſtellte ſeinen Fuß auf Laderaüßſes Kopf, und ſprach: „Ich weiß nicht, was mich abhält, Dir den Schädel zu zer⸗ ſchmettern, Böſepicht!“ „Ach Gnade, Gnade,“ ſchrie Caderouſſe. „Steh auf!“ ſprach er. Caderouſſe gehorchte. „Sapperlot! was für eine Fauſt haben Sie, Herr Abbé!“ ſagte Caderouſſe, ſeinen übel zugerichteten Arm reibend. „Schweig! Gott hat mir die Kraft gegeben, eine wilde Beſtie wie Dich zu bändigen, ich handle im Namen dieſes Gottes, erinnere Dich deſſen, Elender, ich ſchone Dein Leben nur, weil es Gottes Wille iſt.“ „O weh,“ ſtöhnte Caderouſſe ſchmerzlich. „Nimm dieſe Feder, dieſes Papier und ſchreibe, was ich Dir dictiren werde.“ „Ich kann nicht ſchreiben, Herr Abbé.“ „Du lügſt, nimm dieſe Feder und ſchreibe!“ Caderouſſe gab dieſem Befehle nach, und ſchrieb: „Mein Herr! Der junge Mann, den Sie bei ſich empfangen, 1100 und dem Sie die Hand Ihrer Tochter beſtimmt haben, iſt ein ehe⸗ maliger Galeeren-Sträfling, und mit mir dem Bagno entflohen, er trug die Nummer 59, ich 58.“ 3 „Er nannte ſich Benedetto, wußte jedoch ſeinen wahren Namen nicht, da er ſeine Eltern nie gekannt hat.“ „Unterſchreibe Dich!“ befahl der Graf. „Alſo Sie wollen mich verderben?“ „Unoerſchämter, wenn ich das wollte, würde ich Dich zur nächſten Wache ſchleppen; übrigens iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß Du zu der Zeit, in welcher dieſes Billet abgegeben wird, nichts mehr zu fürchten haſt. Unterſchreibe alſo!“ Caderouſſe gehorchte. „Adreſſe: An Herrn Baron Danglars, Banquier, Chauſſée d'Antin.“ Auch das geſchah. Der Abbé nahm das Billet. „Jetzt,“ ſagte er,„iſt es gut, geh!“ „Auf welche Weiſe.“ „Wie⸗Du gekommen biſt.“ „Durch das Fenſter?“ „Nun ja doch.“ „Ach Herr Abbé, Sie führen etwas gegen mich im Schilde.“ „Unverſchämter, was glaubſt Du?“ „Weshalb öffnen Sie die Thür nicht?“ „Wozu unnütz den Portier wecken?“ „Herr Abbé, ſagen Sie mir, daß Sie meinen Tod nicht wollen.“ „Ich will, was Gott will.“ „Aber ſchwören Sie, mir nichts zu thun, während ich herab⸗ ſteige.“ „Feigling!“ „Was wollen Sie mit mir machen?“ „Das frage ich Dich! Ich verſuchte einen glücklichen Mann aus Dir zu machen, Du wurdeſt ein Mörder.“ „Herr Abbé,“ bat Caderouſſe,„verſuchen Sie eine letzte Probe.“ „Sei es,“ ſprach der Graf,„Du weißt, daß ich ein Mann von Wort bin!“ „Ja.“ fürchten! Der Fenſter, Fenſter „M „wenne Und Abe fuhlte,) Mo ſchnellen zuerſt C ſeine S auf eine getreten Da lichen S llen.“ herab⸗ Mann robe.“ Mann 1101 „Wenn Du friſch und geſund nach Hauſe kommſt-...“ „Was habe ich zu fürchten, wenn Sie mich frei gehen laſſen?“ „Wenn Du friſch und geſund nach Hauſe kommſt, ſo verlaß Paris, verlaß Frankreich, und ſo lange Du ehrlich bleibſt, werde ich Dir eine kleine Penſion auszahlen, denn wenn Du friſch und geſund nach Hauſe kommſt, glaube ich...“ „Nun?“ fragte Caderouſſe zitternd. „Nun wohl! ich glaube dann, daß Gott Dir verziehen hat, und werde auch verzeihen.“ „So wahr ich ein Chriſt bin,“ ſtotterte Caderouſſe bebend, „Sie machen, daß ich vor Furcht ſterbe.“ „Geh,“ ſagte der Graf, auf das Fenſter deutend. Caderouſſe, noch nicht ganz beruhigt, ging zum Fenſter und ſah ſich dann ängſtlich um. „Jetzt ſteige hinab,“ ſagte der Abbé, die Arme kreuzend. Caderouſſe ſah endlich ein, daß er von dieſer Seite nichts zu fürchten habe, und verſchwand. 3 Der Graf näherte ſich, mit der Kerze in der Hand, dem offenen Fenſter, ſo daß Jeder ſehen konnte, wie dieſer Mann aus dem Fenſter ſtieg und wie ein Anderer ihm dazu leuchtete. „Mein Gott, was thun Sie, Herr Abbé,“ rief Caderouſſe, „wenn eine Patrouille vorbei käme...“ Und er blies die Kerze aus. Aber erſt als er den Sand des Gartens unter ſeinen Füßen fühlte, war er ganz beruhigt. Monte⸗Chriſto trat wieder in ſein Schlafzimmer, und einen ſchnellen Blick von dem Garten auf die Straße werfend, ſah er zuerſt Caderouſſe, welcher, einen Umweg durch den Garten machend, ſeine Strickleiter an der entgegengeſetzten Mauer befeſtigte, um auf einem andern Wege wieder hinauszukommen, als wo er ein⸗ getreten war. Dann auf die Straße blickend, ſah Monte⸗Chriſto den nächt⸗ lichen Spaziergänger gerade an dem Winkel ſtehen, bei dem ſich Caderouſſe herabließ. Langſam an der Strickleiter in die Höhe ſteigend, blickte er ſich ſorgfältig um, ob die Straße frei ſei, ehe er an der andern Seite der Mauer herabglitt. Nan ſah Niemand, hörte kein Geräuſch. Die Uhr der Invaliden ſchlug Eins. Caderouſſe glitt hinab und zwar mit einer Geſchicklichkeit, die bewies, daß ihm ſolche Wege nicht fremd waren. Aber einmal im Zuge, konnte er nicht innehalten, obgleich er plötzlich den Schatten eines Mannes gewahrte, obgleich ein Arm ſich gegen ihn ausſtreckte. Noch ehe er die Erde völlig berührte, noch ehe er ſich zur Wehre ſetzen konnte, ward er ſo heftig in den Rücken geſtoßen, daß er zuſammenſank. „Zu Hilfe!“ ſtöhnte er. Ein zweiter Stoß traf ihn in die Seite, er rief: „Mörder!“ Er rollte an die Erde, ſein Gegner packte ihn bei den Haaren und verſetzte ihm einen dritten Stich in die Bruſt. Caderouſſe wollte ſchreien, aber nur dumpfes Stöhnen entwand ſich ſeiner Bruſt, während drei Ströͤme dicken Blutes ſeinen Wun⸗ den entquollen. Der Mörder betrachtete ihn genau, hielt ihn für todt und entfloh eiligſt. Kaum merkte es der Verwundete, als er, ſich auf den Ellnbogen ſtützend, obgleich ſterbend, mit übermenſchlicher Anſtrengung rief: „Mörder... ich ſterbe... zu Hilfe, Herr Abbé, zu Hilfe!“ Dieſer düſtere Ruf durchdrang die Schatten der Nacht. Die geheime Treppenthür öffnete ſich, dann die Gartenpforte, und Ali und ſein Herr erſchienen mit Lichtern. mich ſter Und Al ihn in Chriſto 2 ſich war erſcheint Ali thun he 1 welcher zurück. Arzt h A ohnmäc A Graf! ſich be Haaren litwand Wun⸗ dt und nbogen rief: diffe!“ . Die nd Ali LXXXIV. Der Zinger Gottes. Caderouſſe fuhr fort zu klagen. „Herr Abbé, zu Hilfe! zu Hilfe!...“ „Was giebt es?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Zu Hilfe,“ wiederholte Caderouſſe,„ich bin ermordet!“ „Da ſind wir, Muth!“ „Ach... es iſt vorbei! Sie kommen zu ſpät und nur, um mich ſterben zu ſehen.... Welche Stöße... wie viel Blut...“ Und er ward ohnmächtig. Ali und ſein Herr hoben den Verwundeten auf, und trugen ihn in ein Zimmer. Dort mußte Ali ihn entkleiden, und Monte⸗ Chriſto erblickte die drei furchtbaren Wunden. „Mein Gott,“ ſprach er,„Deine Rache läßt oft lange auf ſich warten, aber ich glaube, daß ſie nur um ſo vollſtändiger endlich erſcheint.“ Ali ſah ſeinen Herrn an, wie um zu fragen, was er nun zu thun habe. „Geh' zu dem Procurator des Königs, Herrn von Villefort, welcher Vorſtadt Saint⸗Honoré wohnt, und kehre mit ihm hierher zurück. Im Vorbeigehen kannſt Du den Portier wecken, der einen Arzt holen mag. Ali gehorchte und ließ den falſchen Abbé mit dem noch immer ohnmächtigen Caderouſſe allein. Als der Unglückliche die Augen wieder öffnete, blickte ihn der Graf mit einer Art finſtern Mitleids an, und ſeine Lippen, die ſich bewegten, ſchienen ein Gebet zu murmeln. „Einen Arzt, Herr Abbé, einen Arzt,“ ſtöhnte der Verwundete. „Er wird bald hier ſein,“ entgegnete der Abbé. 1104 „Ich weiß wohl, daß er mir das Leben nicht wiedergeben kann, vielleicht kann er meine Kräfte jedoch ſo weit wiederherſtellen, daß ich Zeit habe, meine Erklärung abzugeben.“ „Worüber?“ „Ueber meinen Mörder.“ „Du kennſt ihn?“ „Ob ich ihn kenne! Ja, ich kenne ihn, es war Benedetto. 74 „Der junge Corſe?“ „Er ſelbſt.“ „Dein Gefährte?“ „Ja. Nachdem er mir den Plan von dem Hauſe des Grafen gegeben hatte, wahrſcheinlich in der Hoffnung, daß ich den Grafen tödten und er die Erbſchaft bekommen werde, oder daß ich getödtet würde und er von mir befreit ſei, wartete er in der Straße und ermordete mich.“ „Ich habe zugleich zum Arzt und zum Procurator des Königs geſchickt.“ „Er wird zu ſpät kommen, Beide werden zu ſpät kommen,“ murmelte Caderouſſe immer ſchwächer. Monte⸗Chriſto verließ das Zimmer und trat nach fünf Minuten mit einem Flacon in der Hand wieder ein. Die ſtarren Augen des Sterbenden hatten in dieſer Zwiſchen⸗ zeit die Thür nicht verlaſſen, durch welche ihm, wie er inſtinktmäßig hoffte, Hilfe kommen würde. „Beeilen Sie ſich, Herr Abbé, beeilen Sie ſich,“ ſagte er, „ich fühle, daß ich abermals ohnmächtig werde.“ Monte⸗Chriſto trat näher und goß auf die blauen Lippen des Verwundeten drei bis vier Tropfen aus dem Flacon. Caderouſſe holte tief Athem. „Ach, Sie flößen mir Leben ein... noch...“ „Zwei Tropfen mehr würden Dich tödten,“ ſprach der Abbé. „Ach käme doch Jemand, damit ich dieſen Elenden angeben kann.“ „Soll ich etwa Deine Ausſage aufſchreiben? Du kannſt dann unterzeichnen.“ „Ja... ja...“ röchelte Caderouſſe, deſſen Augen bei dem Gedanken an dieſe ungeahnte Rache funkelten. Mon⸗ „3d kettnge „80 zihnan Mon zwjammen nunnält „do ſagen, d princes! nahet!“ Und Der öffnete n Sein macht nie Hauſes würde. bereitet für mei 87 Caderon Herr A mir da 0 AA ganze d veſteckt A „8 8 nach H werde „. Der( Grafen Grafen etödtet e und Königs nen,“ inuten iſchen⸗ tmäßig te er, en des 1105 Monte⸗Chriſto ſchrieb: „Ich ſterbe, getödtet durch den Corſen Benedetto, meinen Kettengefährten zu Toulon, unter der Nummer 59.“ „Schnell... beeilen Sie ſich, ſonſt kann ich nicht mehr unter⸗ zeichnen.“ Monte⸗Chriſto gab ihm die Feder, er nahm all' ſeine Kraft zuſammen, unterſchrieb, ſank dann auf das Lager zurück, und murmelte: „Das Uebrige werden Sie erzählen, Herr Abbé, Sie müſſen ſagen, daß er ſich Andrea Cavalcanti nennt und im Hotel des Princes wohnt, daß... ach mein Gott, mein Gott... der Tod nahet!“ Und Caderouſſe ward zum zweiten Male ohnmächtig. Der Abbé ließ ihn an das Flacon riechen, der Verwundete öffnete nochmals die Augen.. Sein Wunſch nach Nache hatte ihn ſelbſt während der Ohn⸗ macht nicht verlaſſen. „Ach, nicht wahr, Herr Abbé, Sie werden das Alles ſagen?“ „Alles das, und noch weit mehr!“ „Was werden Sie ſagen?“ „Ich werde ſagen, daß er Dir jedenfalls den Plan dieſes Hauſes in der Hoffnung gegeben hat, daß der Graf Dich tödten würde. Ich werde ſagen, daß er den Grafen durch ein Billet vor⸗ bereitet hat und daß ich, da er abweſend, das Billet erbrochen und für meines Freundes Sicherheit gewacht habe.“ „D nicht wahr, dann wird er gouillotinirt werden?“ ſagte Caderouſſe,„er wird guillotinirt werden, Sie verſprechen es mir, Herr Abbé! Ich ſterbe mit dieſer Hoffnung,... Sie erleichtern mir das Sterben.“ „Ich werde ſagen, daß er nach Dir gekommen iſt, Dich die ganze Zeit beobachtet, und ſich dann in einem Winkel der Mauer verſteckt hat, als er Dich herauskommen ſah.“ „Sie haben das Alles geſehen?“ „Erinnere Dich meiner Worte: Wenn Du friſch und geſund nach Hauſe kommſt, glaube ich, daß Dir Gott verziehen hat und werde Dir auch verzeihen.“ „Und Sie haben mich nicht gewarnt!“ ſchrie Caderouſſe und Der Graf von Monte⸗Chriſto. 70 1106 verſuchte ſich aufzurichten,„Sie wußten, daß ich dem Tode entgegen ging und ſagten mir nichts!“ „Nein, denn in Benedetto erkannte ich Gottes Gerechtigkeit, und ich glaubte eine Entweihung zu begehen, wenn ich mich dem Willen der Vorſehung entgegenſetzte.“ „Der Gerechtigkeit Gottes! Ach ſprechen Sie davon nicht mit mir, Herr Abbé; wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gäbe, o Sie wiſſen es beſſer als irgend Jemand, daß dann viele Menſchen ge⸗ ſtraft werden müßten, die es nicht ſind.“ „Geduld,“ ſagte der Abbé in einem Tone, vor dem der Ster⸗ bende bebte,„nur Geduld!“ Caderouſſe ſah ihn erſtaunt an. „Und dann,“ fuhr der Abbé fort,„Gott iſt voller Erbarmen gegen Alle, wie er es gegen Dich auch war,— erſt Vater, dann Richter!“ „Ach, glauben Sie an Gott?“ ſtöhnte Caderouſſe. „Wenn ich ſo unglücklich geweſen wäre, bis jetzt nicht an ſein Daſein zu glauben,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„würde ich glauben, ſeit ich Dich ſehe.“ Der Sterbende hob ſeine gefalteten Hände gen Himmel. „Höre,“ ſagte der Abbé, die Hände befehlend gegen ihn aus⸗ ſtreckend,„höre, was dieſer Gott für Dich gethan, den Du noch im Todeskampfe ableugneſt: er hatte Dir Geſundheit verliehen, Kräfte, eine geſicherte Arbeit, ſelbſt Freunde, kurz, Du hätteſt ein friedliches Leben führen können, wenn Deine Wünſche anſpruchs⸗ los, Dein Gewiſſen rein geblieben wäre. Statt Dich dieſer Seg⸗ nungen des Herrn zu erfreuen, die er ſo ſelten in ihrem Ueber⸗ fluſſe bewilligt, ergabſt Du Dich dem Nichtsthun, der Trunkenheit, und berauſcht, verrietheſt Du einen Deiner beſten Freunde. 8 „Zu Hilfe!“ ſchrie Caderouſſe,„ich bedarf keines Prieſters mehr, ſondern eines Arztes, vielleicht bin ich nicht tödtlich ver⸗ wundet, vielleicht ſoll ich noch nicht ſterben, o vielleicht werde ich noch gerettet!“ „Du biſt ſo tödtlich getroffen, daß Du ohne die drei Tropfen, welche ich Dir gab, Deinen Geiſt ſchon ausgehaucht haben würdeſt; höre alſo!“ verbracht; mit der N lnnw ſennen ein Veri glänzend nügte Di Durch we und Gott kiit überl „Ach „Larconte „Ja mal nic die Herz das Lebe „Ja ſchöne G „Un Dein feig dieſer em Der Bag hatteſt) Englände Schande ſährten, Du fande unter M unter S uum drit Dbeſeſſen en, ſeit 3 n aus⸗ u noch liehen, eſt ein vruchs⸗ rSeg⸗ Ueber⸗ enheit, ieſters ver⸗ ade ich ropfen, ürdeſt, 1107 „Ach,“ murmelte Caderouſſe,„was iſt das für ein ſonder⸗ barer Prieſter, der die Sterbenden entmuthigt, ſtatt ſie zu tröſten.“ „Höre,“ fuhr der Abbé fort,„als Du einen Freund verrathen hatteſt, begann Gott, nicht Dich zu züchtigen, ſondern zu warnen. Du lernteſt das Elend kennen, Du litteſt Hunger.... Du haſt die Hälfte Deines Lebens im Neide, ſtatt im fleißigen Erwerbe verbracht; und Du dachteſt an das Verbrechen, indem Du Dich mit der Nothwendigkeit entſchuldigteſt. Da that Gott ein Wunder, in ſeinem unermeßlichen Erbarmen ſandte er Dir, Unglücklicher, ein Vermögen, welches für Dich, der Du nichts beſeſſen, groß und glänzend war. Aber dieſes unerwartete, ungehoffte Glück, es ge⸗ nügte Dir nicht, ſobald Du es beſaßeſt; Du wollteſt es verdoppeln. Durch welches Mittel? durch einen Mord; Du haſt es verdoppelt, und Gott entriß es Der, indem er Dich der menſchlichen Gerechtig⸗ keit überlieferte.“ „Ach ich wollte den Juwelier nicht tödten,“ ächzte Caderouſſe, „Carconte wollte es.“ „Ja,“ ſagte der Prieſter.„Und Gott in ſeiner, ich will dies⸗ mal nicht ſagen, Gerechtigkeit, ſondern Barmherzigkeit, bewegte die Herzen Deiner Richter, Du rührteſt ſie, und ſie ſchenkten Dir das Leben.“ „Ja, um mich für immer in den Bagno zu ſchicken, eine ſchöne Gnade!“ „Und dennoch, Elender, betrachteteſt Du es wie eine Gnade, Dein feiges, vor dem Tode bangendes Herz hüpfte bei Ankündigung dieſer ewigen Schande, denn Du ſagteſt Dir, wie alle Sträflinge: Der Bagno hat eine Thür, und es iſt nicht das Grab. Und Du hatteſt Recht, denn dieſe Thür öffnete ſich Dir unerwartet, ein Engländer beſuchte Toulon, hatte die Abſicht, zwei Menſchen der Schande zu entreißen, ſeine Wahl fiel auf Dich und Deinen Ge⸗ fährten; ein glücklicher Augenblick entſtieg für Dich dem Himmel, Du fandeſt Ruhe und Geld wieder, Du konnteſt ein neues Leben unter Menſchen beginnen, Du, der Du verdammt geweſen warſt, unter Sträflingen zu leben. Aber Du, Elender, verſuchteſt Gott zum dritten Male,— ich habe nicht genug, ſagteſt Du, der nichts beſeſſen hatte, Du begingſt ein drittes Verbrechen, ohne Urſache, 70* 1108 ohne Entſchuldigung... Du haſt Gottes Huld ermüdet, der Herr ſtraft Dich...“ Caderouſſe ward ſichtlich ſchwächer. „Zu trinken,“ rief er,„ich habe Durſt... ich brenne!“ Monte⸗Chriſto reichte ihm ein Glas Waſſer. „Benedetto... Böſewicht,“ murmelte ſein Gefährte, das Glas zurückgebend,„o er wird entkommen...“. „Niemand entkommt, das ſage ich Dir, Caderouſſe,... Bene⸗ detto wird geſtraft werden!“ „Ach dann werden auch Sie geſtraft werden, denn Sie haben 2 Ihre Pflicht als Prieſter nicht erfüllt... Sie mußten Benedetto verhindern, mich zu tödten.“ „Ich,“ ſagte der Graf mit einem Lächeln, vor welchem der Sterbende erſtarrte,„ich verhindern, daß Benedetto Dich tödtete, in dem Augenblicke als Dein Meſſer auf dieſem Panzerhemde zer⸗ brach, das meine Bruſt ſchützte!... Ja, vielleicht, wenn ich Dich demüthig und bereuend fand, würde ich Benedetto verhindert haben Dich zu tödten; aber Du wareſt hochmüthig und blutdürſtig, und ich ließ den Willen Gottes ſich erfüllen!“ „Ich glaube nicht an Gott!“ heulte Caderouſſe,„auch Du glaubſt nicht an ihn... Du lügſt... Du lügſt!“ „Schweig,“ rief der Abbé,„Du ſtirbſt früher durch Deine eigne Schuld... Ach, Du glaubſt nicht an Gott, und ſtirbſt doch durch ſeine Hand!... Ach, Du glaubſt nicht an Gott, und der Herr verlangt nur ein Gebet, ein Wort, eine Thräne, um zu ver⸗ zeihen... Gott, der den Dolch des Mörders lenken konnte, daß Du ſogleich den letzten Seufzer aushauchen mußteſt... Gott gab Dir eine Viertelſtunde Zeit, um zu bereuen... Geh in Dich, Unglücklicher und bereue!“ „Nein,“ murmelte Caderouſſe,„ich bereue nicht, denn es giebt keinen Gott, keine Vorſehung, ſondern nur einen Zufall.“ „Es giebt einen Gott, es giebt eine Vorſehung,“ ſprach der Graf ernſt,„und der Beweis iſt, daß Du hier ſterbend, verzweifelnd und Gott verleugnend liegſt, während ich vor Dir ſtehe, reich, glücklich, geſund, kräftig, und mich vor dieſem Gott beuge, an den Du verſuchſt nicht zu glauben, und an welchen Du im Grunde Deines Herzens dennoch glaubſt.“ Abe „ den Auge „Bet näher tret „Nux Mont ſhönes ſe lleies C Deinen er Eine die die e „Ach ſchon geſ „c gekannt! „A ben, wel „A den tödt SHerrn s bei d zugeben 33— Bene⸗ enedetto em der tödtete, de zer⸗ c Dich t haben ig, und nch Du Deine bſt doch und der zu ver⸗ te, daß ott gab n Dich, s giebt er Graf veifelnd „reich, an den Grunde haben 11⁰9 „Aber wer ſind Sie denn?“ fragte Caderouſſe, ſeine brechen⸗ den Augen auf den Grafen heftend. „Betrachte mich genau!“ ſprach Monte⸗Chriſto, mit der Kerze näher tretend. „Nun ja, der Abbé... der Abbé Buſoni!“ Monte⸗Chriſto entledigte ſich der entſtellenden Perrücke, ſein ſchönes ſchwarzes Haar fiel herab und umſchloß maleriſch ſein bleiches Geſicht. „Oh!“ ſagte Caderouſſe betäubt,„wäre das Haar nicht ſchwarz, würde ich ſagen, Sie wären der Engländer... der Lord Wilmore!“ „Ich bin weder der Abbé Buſoni, noch der Lord Wilmore,“ ſprach Monte⸗Chriſto;„ſieh mich genauer, länger an, ſuche in Deinen erſten Erinnerungen.“ Eine magnetiſche Schwingung lag in den Worten des Grafen, die die erlöſchenden Kräfte des Sterbenden noch einmal belebten. „Ach wirklich,“ murmelte er,„es iſt mir, als hätte ich Sie ſchon geſehen und früher gekannt.“ „Ja, Caderouſſe, ja, Du haſt mich geſehen, Du haſt mich gekannt!“ „Aber wer ſind Sie denn, und weshalb laſſen Sie mich ſter⸗ ben, wenn Sie mich kennen?“ „Weil nichts Dich retten kann, Caderouſſe, weil Deine Wun⸗ den tödtlich ſind; wäre Rettung möglich geweſen, würde ich, des Herrn Barmherzigkeit erkennend, Dich gerettet, und Dich, ich ſchwöre es bei dem Grabe meines Vaters, dem Leben und der Reue wieder⸗ zugeben verſucht haben.“ „Bei dem Grabe Deines Vaters?“ rief Caderouſſe, wie durch einen erhabenen Funken belebt, und ſich mühſam erhebend, um den Mann beſſer zu ſehen, der dieſen, allen Menſchen heiligen Schwur ausſprach:„Ach, wer biſt Du nur?“ Der Graf ſah wohl ein, daß dieſer Lebensfunke der letzte war, näherte ſich dem Sterbenden und blickte ihn traurig und ernſt zugleich an. „Ich bin...“ ſagte er ihm ins Ohr,„ich bin...“ Und ſeine kaum geöffneten Lippen gaben einem Namen Raum, ſo leiſe geflüſtert, als fürchte der Graf ſelbſt, ihn hören zu müſſen. Caderouſſe, der halb auf den Knieen lag, hob die Arme, machte 1110 eine gewaltige Anſtrengung aufzuſtehen, faltete dann kraftlos die Hände und rief: 8— „O mein Gott, mein Gott! vergieb, daß ich Dich verleugnet, Du biſt, ja Du biſt der Vater der Menſchen im Himmel, und der Richter der Menſchen auf Erden. Mein Gott und Herr, ich habe Dich lange verkannt, mein Gott und Herr, verzeihe mir, mein Gott und Herr, nimm mich zu Gnaden an!“ Und Caderouſſe ſchloß die Augen, fiel auf ſein Lager zurück, und ſtieß einen letzten Schrei, einen letzten Seufzer aus. Das Blut ſtand ſtill in den Oeffnungen ſeiner breiten Wunden. Er war todt. „Einer!“ ſagte der Graf geheimnißvoll, den, ſchon durch dieſen furchtbaren Tod entſtellten Leichnam ſtarr betrachtend. Zehn Minuten ſpäter langten der Arzt und der königliche Procurator, von dem Portier und Ali begleitet, an. Der Abbé Buſoni, welcher bei dem Todten betete, empfing die Herren. V bruche zeichnet die Pol Ca Schlüſ waren! der Me d ſeines durch! Bibliot N Gegen! V die Ur gerich geſtren hätten heit, Fräule bildete ging LXXXV. Beauchamp. Vierzehn Tage lang ſprach man in Paris nur von dem Ein⸗ bruche bei dem Grafen; der Sterbende hatte eine Erklärung unter⸗ zeichnet, welche Benedetto als ſeinen Mörder bekannt machte; und die Polizei verfolgte thätig deſſen Spur. Caderouſſe's Meſſer, die Blendlaterne, das Bund falſcher Schlüſſel und die Kleider, außer der Weſte, die nicht gefunden, waren bei den Gerichten niedergelegt, den Leichnam hatte man nach der Morgue gebracht. Der Graf ſagte Jedem, dieſes Abenteuer habe ſich während ſeines Aufenthalts in Auteuil zugetragen, und er wiſſe es nur durch den Abbé Buſoni, welcher ganz zufällig die Nacht in ſeiner Bibliothek zugebracht habe, die einige koſtbare Bände enthalte. Nur Bertuccio erbleichte, wenn der Name Benedetto in ſeiner Gegenwart ausgeſprochen ward; Niemand bemerkte es jedoch. Villefort war beauftragt, den Fall zu unterſuchen, und führte die Unterſuchung mit dem leidenſchaftlichen Eifer, den er bei allen gerichtlichen Verhandlungen bewies, in denen er das Wort führte. Aber ſchon waren drei Wochen vergangen, ohne daß die an⸗ geſtrengteſten Nachforſchungen zu irgend einem Reſultat geführt hätten, und dieſer Einbruch gerieth in der Welt faſt in Vergeſſen⸗ heit, denn ein neues Ereigniß, die bevorſtehende Vermählung von Fräulein Eugenie Danglars mit dem Grafen Andrea Cavalcanti, bildete jetzt das Tagesgeſpräch. Dieſe Heirath war ſeit Kurzem erklärt und der junge Mann ging als Schwiegerſohn bei dem Banquier ein und aus. Man hatte an Andrea's Vater geſchrieben, der, zugleich mit dem lebhafteſten Bedauern, Parma ſeines Dienſtes halber jetzt ——— — ———; ——— 1112 nicht verlaſſen zu können, ſeine Einwilligung zu dieſer Heirath zu erkennen gegeben und erklärt hatte, ſeinem Sohne ein Kapital von hundertfünfzigtauſend Livres Renten geben zu wollen. Es war ausgemacht, daß dieſe drei Millionen bei Danglars belegt werden ſollten, und obgleich einige Perſonen Andrea warnten, und großen Zweifel gegen den Vermögensſtand ſeines künftigen Schwiegervaters erregten, der ſeit einiger Zeit wiederkehrende, bedeutende Verluſte an der Börſe erlitten hatte, war der junge Mann doch voller Vertrauen und Uneigennützigkeit, verachtete alle Warnungen und war fein genug, ſie dem Banquier zu verſchweigen. Aber dieſer betete auch dafür den Grafen Cavalcanti an. Dem war jedoch nicht ſo mit Fräulein Eugenie Danglars. Bei ihrer Abneigung gegen jede Heirath, hatte ſie Andrea als ein Mittel benutzt, ſie von Morcerf zu befreien; als dies nun geſchehen und Cavalcanti ſich ihr entſchieden näherte, empfand ſie einen ſichtlichen Widerwillen gegen ihn. Vielleicht hatte der Baron dieſen Widerwillen bemerkt, jedoch keine Notiz davon genommen, da er ihn für eine Laune hielt. Unterdeſſen war die von Beauchamp verlangte Friſt beinahe verſtrichen, aber Albert hatte ſehr wohl das Zweckmäßige in des Grafen Rath, die Sache ihren ruhigen Gang gehen zu laſſen, er⸗ kannt. Niemand hatte von dem Artikel über den General geſprochen, Niemand in dem Officier, welcher Janina überliefert, den edlen Grafen und Pair erkannt. Aber deſſenungeachtet war Albert beleidigt, denn irgend ein unbekannter Feind hatte ſeine Familie kränken wollen. Und die Art, wie Beauchamp mit ihm über die Sache geredet, hatte auch einen bittern Stachel in ſeinem Herzen zurückgelaſſen. Er dachte alſo beſtändig an dieſes Duell, deſſen wahren Grund er ſelbſt ſeinen Zeugen zu verheimlichen hoffte. Beauchamp hatte in der ganzen Zeit Niemand geſehen, und Jedem, der nach ihm fragte, ward die Antwort, er ſei auf einige Tage verreiſt. Wo er war, das wußte Niemand. Eines Morgens ward Albert durch ſeinen Kammerdiener geweckt, der ihm Beauchamp meldete. Albert rieb ſich die Augen, befahl, Beauchamp in den kleinen —— Salon de hinunter. Erj ſtehen. de kommen, wollte, Albert, ſprechen: mein Fr gewählt⸗ „Al beſtürzt „Al wir uns „Al die Schn 18 die Fra „2 Fragen, betreffen Graf v. „2 „2 Mühen und der mehr Duell ſagt: 1 ſtehe, d habe, haben, freien das 9. Ales ſath zu aal von nglars einen jedoch t. heinahe in des en, er⸗ oochen, edlen d ein d die eauch dachte ſeinen und einige wweck, ſeinen 1113 Salon des Erdgeſchoſſes zu führen, kleidete ſich raſch an, und ging hinunter. Er fand Beauchamp auf⸗ und abgehend; ihn ſehend, blieb er ſtehen. „Der Schritt, den Sie verſuchen, indem Sie ſelbſt zu mir kommen, ohne den Beſuch abzuwarten, den ich Ihnen abſtatten wollte, ſcheint mir eine gute Vorbedeutung, mein Herr,“ begann Albert,„ſagen Sie ſchnell, darf ich Ihnen die Hand reichen und ſprechen: Beauchamp, geſtehen Sie Ihr Unrecht und bleiben Sie mein Freund? oder ſoll ich nur fragen, welche Waffen haben Sie gewählt?“ „Albert,“ ſagte Beauchamp ſo traurig, daß der junge Mann beſtürzt ward,„ſetzen wir uns zuvor.“ „Aber, mein Herr, ich dächte, Sie antworten mir erſt, bevor wir uns ſetzen.“ „Albert,“ ſagte der Journaliſt,„es giebt Umſtände, bei denen die Schwierigkeit eben in der Antwort liegt.“ „Ich werde es Ihnen leicht machen, mein Herr, indem ich die Frage wiederhole: wollen Sie widerrufen oder nicht?“ „Morcerf, es genügt nicht, Ja und Nein zu antworten auf Fragen, die Ehre, geſellſchaftliche Stellung und Leben eines Mannes betreffen, wie der Herr General⸗Lieutenant und Pair von Frankreich, Graf v. Morcerf.“ „Was muß man thun?“ „Was ich gethan habe, Albert; man ſagt: Geld, Zeit und Mühen kommen nicht in Betracht, wenn es ſich um das Intereſſe und den Ruf einer ganzen Familie handelt; man ſagt: es bedarf mehr als Wahrſcheinlichkeit, es bedarf der Gewißheit, um ein Duell auf Tod und Leben mit einem Freunde anzunehmen; man ſagt: wenn ich mit Degen oder Piſtolen einem Manne gegenüber ſtehe, dem ich drei Jahr hindurch freundſchaftlich die Hand gedrückt habe, muß ich wenigſtens durchaus einen triftigen Grund dazu haben, um auf dem Wahlplatze mit jenem ruhigen Herzen und freien Gewiſſen anzulangen, deſſen man bedarf, wenn der Arm das Leben retten ſoll.“ „Nun, nun?“ fragte Morcerf ungeduldig,„was ſoll das Alles ſagen?“ 1114 „Das ſoll ſagen, daß ich von Janina komme.“ „Von Janina? Sie?“ „Ja. „Unmöglich.“ „Mein lieber Albert, hier iſt mein Paß; ſehen Sie nach, wo er viſirt iſt. Genf, Mailand, Venedig, Trieſt, Delvino, Janina. Glauben Sie der Polizei einer Republik, eines König⸗ und eines Kaiſerreiches?“ Albert durchflog den Paß, und gab ihn Beauchamp ſtaunend zurütk „Alſo waren Sie in Janina?“ „Albert, wären Sie ein Fremder, ein Unbekannter, ein ein⸗ facher Lord wie der Engländer, der mich vor ungefähr drei oder vier Monaten zur Rechenſchaft ziehen wollte und den ich tödten mußte, um ihn nur los zu werden, bei Gott, ich würde mir nicht ſo viel Mühe gegeben haben; aber Ihnen glaubte ich dieſes Zeichen von Hochachtung ſchuldig zu ſein. Ich brauchte acht Tage zur Hin-, acht Tage zur Rückreiſe, vier Tage mußte ich Quarantaine halten, achtundvierzig Stunden war ich dort, das macht drei Wochen. Dieſe Nacht bin ich zurückgekehrt und hier bin ich.“ „Mein Gott, mein Gott, welche Umſtände, Beauchamp, und wie zögern Sie, mir zu ſagen, was ich von Ihnen erwarte.“ „In der That, Albert. „O, dieſes Zögern!“ „Ja, ich habe Furcht.“ „Sie haben Furcht, zu geſtehen, daß Ihr Gorrefpondent Sie betrogen hat? O, keine falſche Scham, Beauchamp, geſtehen Sie, Ihr Muth kann nie bezweifelt werden.“ „O, das iſt es nicht,“ murmelte der Journaliſt,„im Gegentheil. 42 Albert ward entſetzlich bleich, verſuchte zu ſprechen, aber das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen. „Mein Freund,“ ſagte Beauchamp ſehr zärtlich,„glauben Sie mir, ich würde glücklich ſein, mich bei Ihnen entſchuldigen zu müſſen, und würde mich gewiß und von ganzem Herzen gern ent⸗ ſchuldigen, aber ach. „Aber was?“ „Die Nachricht war gegründet, mein Fran 4 „Wie! dieſer franzöſiſche Officier...“ hielt ih — 9 gung u ernand die Feſt quältes der Th B mit tie 3 wollte günſtig jede E ſehr g daß S gleich A ſicht n von ſi ſagen und( luch, wo anina. dH eines dzurück. ein ein⸗ ei oder tödten ir nicht deichen ge zur fantaine ht drei - 9. p, und 7 nt Sie i Sie, ntheil.“ ber das lauben gen zu rn ent⸗ „Ja.“ 7 „Dieſer Fernand?“ „Ja.“ „Dieſer Verräther, der die Schlöſſer des Mannes auslieferte, dem er diente, war...“ „Verzeihen Sie, mein Freund, daß ich es Ihnen ſagen muß, dieſer Mann iſt— Ihr Vater.“ Albert wollte ſich wüthend auf Beauchamp ſtürzen, aber dieſer hielt ihn ſanft zurück, und ergriff ſeine Hand. „Hier haben Sie den Beweis,“ ſagte er, ein Papier aus der Taſche ziehend.. Albert öffnete das dargereichte Papier, es war eine Beſcheini⸗ gung von vier vornehmen Einwohnern Janina's, daß der Obriſt Fernand Mondego, Officier und Vertrauter des Vezier Ali Tebelin, die Feſtung Janina für zweitauſend Beutel verrathen habe. Die Unterſchriften waren durch den Conſul beglaubigt. Albert ſchwankte und ſank zuſammenbrechend in einen Stuhl. Es war kein Zweifel mehr möglich, denn der Familienname war genannt. Nach einer ſtummen, ſchmerzlichen Pauſe machte ſich ſein ge⸗ quältes Herz Luft und ſeinen Augen entſtürzte ein Strom glühen⸗ der Thränen. Beauchamp, der, dieſen Paroxismus vorausſehend, ſeinen Freund mit tiefem Mitleid betrachtet hatte, trat jetzt zu ihm. „Albert,“ ſagte er,„nicht wahr, Sie verſtehen mich jetzt. Ich wollte ſelbſt ſehen, ſelbſt urtheilen, hoffend, die Entſcheidung werde günſtig für Ihren Vater ausfallen, und ich würde ihm dann gern jede Gerechtigkeit haben widerfahren laſſen. Leider habe ich mich ſehr getäuſcht... Nun bin ich zurückgekommen, mich erinnernd, daß Sie mich ſtets Ihrer Freundſchaft würdigten, deshalb eilte ich gleich zu Ihnen.“ Albert, noch immer auf dem Stuhl liegend, bedeckte das Ge⸗ ſicht mit beiden Händen, als ob er die Strahlen des Tages hätte von ſich abwenden wollen. „Ich kam zu Ihnen,“ fuhr Beauchamp fort,„um Ihnen zu ſagen: Albert, die Fehler der Väter in dieſen Zeiten der Wirkung und Gegenwirkung fallen nicht auf die Kinder zurück. Ach, Wenige 1116 haben dieſe revolutionaire Zeit durchlebt, inmitten welcher wir ge⸗ boren ſind, ohne daß ihre Uniform oder ihr richterliches Kleid durch etwas Schmutz oder Blut befleckt worden wäre. Albert, Nie⸗ mand kann mich jetzt, wo ich alle Beweiſe habe, und Herr Ihres Geheimniſſes bin, zu dieſem Kampfe zwingen, den Ihr Geviſſen, ich bin davon überzeugt, Ihnen als ein Verbrechen vorwerfen würde. Aber was Sie nicht mehr verlangen können, biete ich Ihnen an. Dieſe Beweiſe, Entdeckungen und Beſcheinigungen, die ich allein beſitze, wollen Sie, daß ſie verſchwinden? Wollen Sie, daß dieſes entſetzliche Geheimniß unter uns Beiden bleibt? Wollen Sie mir glauben, wenn ich auf mein Ehrenwort verſichere, daß es in meinem Herzen verſchloſſen bleiben ſoll, wollen Sie, Albert, ſo ſprechen Sie, mein Freund?“ Albert ſank in Beauchamp's Arme. „Edles, großes Herz,“ ſchluchzte er. „Da, nehmen Sie,“ rief Beauchamp, ihm die Papiere hin⸗ reichend. Albert griff krampfhaft danach, zerknitterte ſie und wollte ſie zerreißen, aber, zitternd, daß der Wind ihm eines Tages das kleinſte Theilchen davon wieder zuführen könne, eilte er an die, zum An⸗ zünden der Cigarren ſtets brennende Wachskerze, und verbrannte die Papiere bis zum letzten Fragment. „Theurer, herrlicher Freund!“ murmelte er dann. „Alles ſei vergeſſen, wie ein böſer Traum,“ ſprach Beauchamp, „möge der Gedanke daran vergehen wie dieſe letzte, der ſtummen Aſche entſchwindende Rauchwolke!“ „Ja, ja,“ rief Albert,„nur die ewige Freundſchaft bleibe, die ich meinem Retter weihe, eine Freundſchaft, die meine Kinder auf die Ihrigen übertragen ſollen, der ich Alles, Leben, Glück und Ehre verdanke, denn, Beauchamp, wäre es bekannt geworden, bei Gott, ich hätte mir eine Kugel durch den Kopf gejagt; aber, meine arme Mutter, denn ich würde Dich zugleich getödtet haben...“ „Theurer Albert!“ Bald verließ Albert dieſer faſt fieberhafte Freudenrauſch und machte der tiefſten Niedergeſchlagenheit Platz. „Aber, was iſt Ihnen, mein Freund?“ fragte der Journaliſt. „Ach, mein Herz iſt zerriſſen, lieber Beauchamp, man trennt ſch nicht dieſem S begt. 2 gen entg Stirn b die ſeine Menſchen menden „heine 6 Sie den ſch trä der St Freund 9 beſch legen will,) vir ge⸗ BKleid , Ne⸗ Ihres wiſſen, würde. Ihnen die ich 1 8, daß en Sie es in ert, ſo te hin⸗ allte ſie kleinſte im An⸗ rannte ſchamp, ummen bleibe, Kinder ück und en, bei meine 7 ... ſch und jrnaliſt. trennt 1117 ſich nicht ſo ſchnell von dieſer Ehrfurcht, dieſem Vertrauen und dieſem Stolz, den ein Sohn für den tadelloſen Namen ſeines Vaters hegt. Ach, Beauchamp, Beauchamp, wie werde ich jetzt den Meini⸗ gen entgegen treten? Soll ich zurückbeben, wenn ſeine Lippen meine Stirn berühren; ſoll ich ihm die Hand verweigern, wenn er mir die ſeine reicht?... Ach, Freund, ich bin der unglücklichſte der Menſchen, ach Mutter, liebe arme Mutter,“ rief er, mit ſchwim⸗ menden Augen das Bild ſeiner Mutter betrachtend,„hätteſt Du das gewußt, wie würdeſt Du gelitten haben!“ „Muth, Freund,“ ſprach Beauchamp, ihm die Hand drückend. „Aber woher ſtammt denn dieſer Artikel in Ihrem Journal?“ rief Albert,„wer haßt ſo glühend, wer iſt der unſichtbare Feind?“ „Ein Grund mehr, muthig zu ſein,“ entgegnete Beauchamp, „keine Spur der Bewegung auf Ihrem Antlitz, Albert, verſchließen Sie den Schmerz in ſich, wie die Wolke Tod und Verderben in ſich trägt, düſteres Geheimniß, das man erſt kennen lernt, wenn der Sturm ſich Bahn bricht. Ja, für dieſen Augenblick, mein Freund, ſammeln Sie Ihre Kräfte.“ „Alſo glauben Sie, daß wir noch nicht am Ziele ſind?“ fragte Albert beſtürzt. „Ich glaube nichts, aber Alles iſt möglich. Apropos.“ „Was?“ fragte Albert, ſehend das Beauchamp zögerte, „Werden Sie ſich noch mit Fräulein Danglars vermählen?“ „Zu welchem Zwecke fragen Sie mich in dieſem Augenblicke danach?“ „Weil die Auflöſung oder Vollziehung dieſer Heirath genau mit dem Gegenſtande in Verbindung ſteht, der uns jetzt ſo ganz beſchäftigt.“ „Wie?“ rief Albert heftig,„Sie glauben, daß Herr Dang⸗ lars?...“ „Ich frage nur, wie ſteht es mit Ihrer Heirath? Zum Teufel, legen Sie keinen anderen Sinn in meine Worte als ich Ihnen teben will, und geben Sie Ihnen nicht mehr Gewicht als ſie haben.. „Die Verbindung iſt aufgelöſt.“ „Gut,“ ſagte Beauchamp. Und ſehend, daß Albert von Neuem in ſeine Melancholie verfiel, fügte er hinzu: 1118 „Kommen Sie, mein Freund, ein kleiner Ausflug zu Pferde oder zu Wagen wird Sie zerſtreuen, dann frühſtücken wir gemein⸗ ſchaftlich, und gehen dann ein Jeder ſeinen Geſchäften nach.“ „Gern,“ ſagte Albert,„aber wenn es Ihnen gleich iſt, ſo gehen wir, etwas Ermüdung wird mir gut thun.“ „Gut.“ Und die beiden Freunde verließen das Zimmer und gingen über den Boulevard. Bei Madeleine angelangt, ſagte der Jour⸗ naliſt: „Ach, da wir einmal auf dem Wege ſind, könnten wir ein wenig zu Herrn von Monte⸗Chriſto gehen, das wird Sie zerſtreuen. Dieſer Mann verſteht es bewunderungswürdig, den Geiſt anzu⸗ friſchen und zu beruhigen, indem er nie fragt; denn meiner Mein⸗ ung nach ſind die Leute, welche nie fragen, die beſten Troſtſpender.“ Mol I ungenL 1 „Ja Ferfallen niir ihren nicht met „Al das glei der abſe A „ ſcheint.“ „2 herrſch „ champ ich keine „D M dieſen „) ſire Nie „l meiner Sie, li heilbar 4 LXXXVI. Die Reiſe. Monte⸗Chriſto ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er die beiden jungen Leute zuſammen eintreten ſah. „Ach, charmant,“ rief er,„ich hoffe, Alles iſt glücklich beſeitigt.“ „Ja,“ ſagte Beauchamp.„Abſurde Gerüchte, die in ſich ſelbſt zerfallen ſind, und die jetzt, falls ſie wieder auftauchen ſollten, in mir ihren erſten Widerſacher finden würden. Aber, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Albert wird Ihnen ſagen,“ entgegnete der Graf,„daß ich das gleich geſagt. Nehmen Sie Platz, es iſt heute für mich einer der abſcheulichſten Morgen.“ „Wie ſo?“ ſagte Albert,„Sie ordnen Ihre Papiere, wie es ſcheint.“ „Meine Papiere? Gott ſei Dank, nein! In meinen Papieren herrſcht ſtets die bewunderungswürdigſte Ordnung, und zwar, weil ich keine Papiere habe. Aber in denen des Herrn Cavalcanti....“ „Des Herrn Cavalcanti?“ fragte Beauchamp. „Nun ja!“ ſagte Albert,„wiſſen Sie nicht, daß der Graf dieſen jungen Mann pouſſirt?“ „Nicht doch, hören Sie wohl,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich pouſ⸗ ſire Niemand, am allerwenigſten Herrn Cavalcanti.“ „Und der,“ fuhr Albert fort, und verſuchte zu lächeln,„ſtatt meiner ſich mit Fräulein Danglars vermählen wird, was, woran Sie, lieber Beauchamp, nicht zweifeln werden, mich tief und un⸗ heilbar verwundet.“ „Wie, Cavalcanti heirathet Fräulein Danglars?“ rief Beau⸗ champ verwundert.* „Aber mein Lieber, kommen Sie vom Ende der Welt?“ fragte 1120 Monte⸗Chriſto,„Sie, ein Journaliſt, der mit Fama in der innig⸗ ſten Verbindung ſteht, und wiſſen nicht, wovon ganz Paris ſpricht?“ „Und Sie, Graf, haben dieſe Heirath geſtiftet?“ fragte ihn Beauchamp. „Ich? o ſtill, Herr Neuigkeitskrämer, ſprechen Sie nicht ſolche Dinge; ich! guter Gott... ich eine Heirath ſtiften!... Nein, da kennen Sie mich ſchlecht, ich habe mich ihr im Gegentheil aus allen Kräften widerſetzt, und verweigert, ihm das Wort zu reden.“ .„Ach, ich begreife,“ rief Beauchamp,„unſers Freundes Albert halber.“ „Meinetwegen!“ ſagte dieſer,„meiner Treu, nein. Der Graf wird mir hoffentlich beſcheinigen, daß ich ihn ſtets inſtändigſt ge⸗ beten habe, mich von dieſer, nun Gott ſei Dank, gelöſten Verbin⸗ dung zu befreien. Der Graf behauptet, ich hätte ihm nicht zu danken, ich werde den ungekannten Göttern einen Altar errichten.“ „Hören Sie,“ rief Monte⸗Chriſto,„ich habe ſo wenig für die Sache gethan, daß ſowohl Danglars als ſein Schwiegerſohn kühl gegen mich ſind. Nur Fräulein Eugenie, der wenig am Eheſtande gelegen zu ſein ſcheint, hat mir, bemerkend, wie wenig ich geneigt war, ſie ihrer ihr ſo theuern Freiheit zu berauben, ihre Gunſt bewahrt.“ „Und Sie ſagen, die Vermählung ſtehe nahe bevor.“ „O, mein Gott ja, unerachtet aller meiner Gegenvorſtellungen. Ich kenne dieſen jungen Mann nicht, der reich und von guter Fa⸗ milie ſein ſoll, für mich ſind das Alles nichts als Gerüchte. Nur zu oft habe ich Herrn Danglars das Alles wiederholt, aber er iſt von ſeinem Schwiegerſohne ganz eingenommen. Aber etwas mußte ich ihm doch ſagen, was mir wenigſtens ſehr wichtig ſcheint; der junge Mann iſt nämlich entweder von ſeiner Amme vertauſcht, oder von Zigeunern oder ſeinem Hofmeiſter entführt, ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß ſein Vater ihn während ganzer zehn Jahre aus dem Geſicht verloren hat, und daß ſein Sohn während deſſen ein umherſchweifendes Leben geführt hat, Gott weiß welches. Aber der Bangier blieb feſt, beauftragte mich, dem Major zu ſchreiben, er möge die Papiere ſenden, die nun auch angekom⸗ men ſind. Ich habe ſie ihm geſchickt, mir jedoch, wie Pilatus, die Hände gewaſchen.“ nach Ilc briefe fl Director feiten ſch ganz nie in Fräul was iſt „3 „A ein unfe wenigſte ſpannt 11 zerſtren unterne wenn „ würdig ſprunge ihm ſi erinne Der C 1121 1 innig⸗ pricht?, gte ihn „Und wie benimmt ſich Fräulein von Armilly,“ fragte Beau⸗ champ,„der Sie die Schülerin entführen?“ „Ach zum Teufel, daß weiß ich nicht, aber ich glaube, ſie will nach Italien gehen. Fräulein Danglars bat mich um Empfehlungs⸗ b 9 briefe für Ihre Freundin, ich habe ihr ein paar Worte an den eil au⸗ Director des Theaters Valle gegeben, der mir einige Verbindlich⸗ rden 9 keiten ſchuldet. Aber was iſt Ihnen, lieber Albert, Sie ſehen ja Altbet ganz niedergeſchlagen aus, ſollten Sie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, in Fräulein Danglars verliebt ſein?“ er Gu„Nicht, daß ich wüßte,“ ſagte Albert traurig lächelnd. din af Beauchamp beſah die Gemälde.. Prrti„Aber,“ fuhr der Graf fort,„Sie ſind nicht wie ſonſt, bitte, nan was iſt Ihnen?“ l u„Ich habe Migraine,“ ſagte Albert. iihten,—„Ach beſter Vicomte,“ rief Monte⸗Chriſto,„ich habe Ihnen für de ein unfehlbares Mittel vorzuſchlagen, ein Mittel, welches mich n fühl wenigſtens jedes Mal curirt hat, wenn ich mißmüthig und abge⸗ heſtande ſpannt war.“ Heneigt„Und dieſes Mittele“ e Gunſt„ uftveränderung.“ „Wirklich?“ ſagte Albert. s„Ja, und da auch ich gerade jetzt mißmuthig bin, und der lungen. Zerſtreuung bedarf, wollen wir zuſammen einen kleinen Ausflug ter NNa unternehmen?“ e. Nur„Aber was iſt Ihnen, Graf?“ fragte nun Beauchamp. er er ſt„Ach zum Teufel, Sie ſind ſonderbar, mein Herr, ich habe 3 mußte 1 viel Grund, mißmuthig zu ſein, ich möchte Sie wohl einmal ſehen, int, der wenn einer Unterſuchung Sie bis in Ihr Haus verfolgte.“ rtauſcht,„Eine Unterſuchung? und welche?“ weiß s„Nun die, welche Herr von Villefort gegen meinen liebens⸗ ganzer würdigen Mörder! einleitet, jenen Schelm, der dem Bagno ent⸗ n Sohn ſprungen zu ſein ſcheint.⸗ dit weiß 5 ſch es iſt wahr,“ ſagte Beauchamp,„ich habe den Fall in n Majer den IJ zurnaler geleſen. Aber, wer iſt dieſer Caderouſſe?“ angekom⸗ Ein Provencale, wie es ſcheint. Herr von Villefort hat von atus, die ihm hee hören, als er in Marſeille war, und Herr Danglars 3 erinnert ſich, ihn geſehen zu haben. Der königliche Procurator Der Graf von Monte⸗Chriſto. 71 . 1122 nimmt ſich der Sache ſehr an, aber, bei Gott, ich bin ihm eben nicht ſehr dankbar dafür, denn man ſchickt mir ſeit vierzehn Tagen alle Banditen, deren man in Paris und deſſen Umgebung hat habhaft werden können, unter dem Vorwande, einer derſelben könne der Mörder des edlen Herrn Caderouſſe ſein. Das Reſultat davon wird ſein, daß in drei bis vier Monaten ſämmtliche Diebe und Abeert b Mörder dieſes ſchönen Königreichs das Innere meines ganzen Wauchal Hauſes durch und durch kennen werden, ich muß ihnen alſo das⸗ Kummer ſelbe überlaſſen und mich entfernen. Darf ich Sie entführen, lieber Die Vicomte?“ Alles, 1 „Von Herzen gern.“ durften. „Das wäre alſo ausgemacht?“ „Ja, aber wohin gehts?“ „Wo die Luft rein iſt, wohin das Geräuſch der Welt nicht dringt, wo der hochmüthige Charakter mild und demüthig wird.“ „Nun aber, wohin denn?“ „Nach dem Meere, Vicomte, nach dem Meere. Ich bin ein Seemann, die Arme des alten Ocean und der Buſen der ſchönen Meergöttin waren meine Wiege. Ich ſpielte mit dem grünen Mantel des Einen und dem azurblauen Gewande der Andern, ich liebe das Meer wie eine Geliebte, und wenn ich es lange nicht geſehen habe, ſehne ich mich danach.“ „Eilen wir, Herr Graf.“ „Auf das Meer?“ „„Janl „Sie willigen ein?“ „Ich willige ein.“ „Dank, Vicomte. Herr Beauchamp, dieſen Abend wird mein Reiſewagen, mit vier guten Pferden beſpannt, bereit ſein. Er iſt ausgeſucht bequem und hat für vier Perſonen Raum; wollen Sie uns begleiten, es würde mir Freude machen.“ „Ich komme vom Meere.“ „Wie, Sie kommen vom Meere?“ „Ja, wenigſtens beinahe. Ich habe eine kleine Reiſe nach den Borromäiſchen Inſeln gemacht.“ „Ach, was thut das, kommen Sie immer mit,“ bat Albert. „Nein, mein lieber Morcerf, wenn ich dieſe freundliche Ein⸗ 1 3 im eben Tagen ung hat en könne t davon ebe und ganzen lſo das⸗ n, lieber elt nicht j wird.“ bin ein tſchönen grünen dern, ich ge nicht vird mein . Er iſt ollen Sie nach den Albbert. liche Ein⸗ ——— ——— Albert bewegt. Beauchamp, und ſuchen Sie den Feind zu entdecken, der meinen Kummer hervorgerufen hat.“ 1123 ladung ablehne, werden Sie einſehen, daß es mir unmöglich ſein muß. Uebrigens,“ fügte er flüſternd hinzu,„iſt es durchaus noth⸗ wendig, daß ich in Paris bleibe, um die Preſſe der Journale zu überwachen.“ „Ach, Sie ſind ein guter, unvergleichlicher Freund,“ ſprach „Sie haben Recht, wachen Sie, o wachen Sie, Die Beiden trennten ſich, und ihr letzter Händedruck ſagte Alles, was ihre Lippen in Gegenwart eines Dritten nicht ſagen durften. „Dieſer Beauchamp iſt ein prächtiger Menſch,“ ſagte der Graf, nachdem der Journaliſt ſich entfernt,„nicht wahr, lieber Albert?“ „Ja, ein edler Mann, den ich von ganzem Herzen liebe. Aber jetzt, da wir allein ſind, obgleich es mir eigentlich gleich ſein kann, wohin gehen wir?“ „Nach der Normandie.“ „Charmant. Und wir ſind auf dem Lande, ohne Geſellſchaft, ohne Nachbarn?“ „Pferde zum Reiten, Hunde zum Jagen, Barken zum Fiſchen, das iſt Alles.“ „Ich werde meine Mutter benachrichtigen, und ſtehe dann mit Freuden zu Dienſten.“ „Aber,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ſie wird Ihnen doch wohl erlauben...“ „Was?“ „Nach der Normandie zu gehen.“ „Mein Gott, bin ich nicht frei?“ „Ich weiß wohl, daß Sie allein gehen können, wohin Sie wollen, weil ich Sie in Italien traf.“ „Nun alſo?“ „Aber mit dem geheimnißvollen Manne, den man den Grafen von Monte⸗Chriſto nennt...“ „Sie haben ein ſchlechtes Gedächtniß, Graf.“ „Wie ſo?“ ——— ——— — — —— X 1124 „Habe ich Ihnen nicht von der Sympathie meiner Mutter für Sie geſprochen?“ „Frauen ſind oft veränderlich, ſagte Franz der Erſte, die Frau gleicht der Welle, ſagt Shakeſpeare: der Eine war ein großer König, der Andere ein großer Dichter, und Beide kannten die Frauen.“ „Ja, die Frau, aber meine Mutter iſt nicht die Frau, ſondern eine Frau.“ „Verzeihen Sie einem armen Fremden, der die Feinheiten Ihrer Sprache nicht ganz begreift.“ „Ich will ſagen, daß meine Mutter ihre Zuneigung nicht ſo leicht Jemand zuwendet; geſchieht es doch, dann iſt es für immer.“ „Ach wirklich!“ ſagte Monte⸗Chriſto ſeufzend,„und Sie glau⸗ ben wirklich, daß Ihre Frau Mutter anders als mit der voll⸗ kommenſten Gleichgiltigkeit meiner gedenkt?“ „Hören Sie, ich ſagte es Ihnen ſchon, und wiederhole es jetzt,“ rief Morcerf,„Sie müſſen ihr als ein ganz beſonders ausgezeich⸗ neter Mann erſcheinen.“ „Oh.... „Ja, denn meine Mutter verheimlicht das große Intereſſe gar nicht, welches Sie ihr eingeflößt haben. Wenn wir allein ſind, ſchwatzen wir beſtändig von Ihnen.“ „Und ſie ſagt: traue dieſem Manfred nicht?“ „Im Gegentheil, ſie ſagt: Albert, ich glaube, der Graf iſt ein edler Mann, mache Dich ſeiner Zuneigung werth.“ Monte⸗Chriſto wandte ſich ſeufzend ab. „Ach, wirklich?“ ſagte er dann. „Sie werden nun begreifen,“ fuhr Albert fort,„daß ſie ſich dieſer Reiſe nicht nur nicht widerſetzen, ſondern ſie von ganzem Herzen billigen wird, weil ſie ganz ihren Wünſchen entſpricht.“ „Alſo auf dieſen Abend, junger Freund, um fünf Uhr erwarte ich Sie, damit wir eine Stunde nach Mitternacht am Ziele ſind.“ „Wie? in Treport?...“ „Nun ja.“ „Und Sie wollen achtundvierzig Meilen in acht Stunden zurücklegen?“ „Das iſt noch viel,“ ſagte Monte⸗Chriſto. Peg in Frund. nacht 7 „Sie ictt die richt die dern die Bis N „Se reitungen Al 7 reien zu Ber „M morgen, der Nor benachri Uebrige Be geſchickt werde. ſechs S Vo das gi poſition in eine Reiſen und w Recht Nutter rſte, die ſi großer nten die ſondern ſdinheiten nicht ſo immer.“ ie glau⸗ der vol⸗ sö⸗ disgezeich⸗ ereſſe gar ein ſind, Graf iſt ß ſie ſich mn Herzen rerwarte le ſind.“ Stunden 1125 „Sie ſind entſchieden ein Mann der Wunder, Sie werden noch, nicht die Eiſenbahn, denn das iſt in Frankreich nicht ſchwer, ſon⸗ dern die Telegraphen überflügeln.“ „Bis dahin, lieber Vicomte, müſſen wir zufrieden ſein, den Weg in acht Stunden zurückzulegen, ſeien Sie pünktlich, mein Freund.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich habe außer meinen Reiſevorbe⸗ reitungen keine Geſchäfte mehr.“ „Alſo um fünf?“ „Um fünf.“ Albert empfahl ſich. Monte⸗Chriſto nickte ihm lächelnd zu, blieb dann einen Augen⸗ blick unbeweglich und wie in tiefes Nachſinnen verloren. Endlich glitt er mit ſeiner Hand über die Stirn, wie um dieſe Träume⸗ reien zu verjagen, dann klingelte er zwei Mal heftig. Bertuccio trat ein. „Meſſer Bertuccio,“ ſprach der Graf,„ich werde nicht erſt morgen, ſondern ſchon heute, und zwar Nachmittag fünf Uhr, nach der Normandie abreiſen. Laßt die Stallknechte des erſten Relais benachrichtigen, Ihr habt noch überflüſſig Zeit, und richtet alles Uebrige ein, Herr von Morcerf wird mich begleiten.“ Bertuccio gehorchte. Ein Jäger ward ſogleich nach Pontoiſe geſchickt, um zu melden, daß der Reiſewagen punkt ſechs da ſein werde. Von hier aus wurde jede Station benachrichtigt, ſo daß ſechs Stunden ſpäter alle Relais auf dem ganzen Wege bereit waren. Vor der Abreiſe empfahl ſich der Graf Haydée, nannte ihr das Ziel ſeiner Reiſe und ſtellte ſein ganzes Haus zu ihrer Dis⸗ poſition. Albert war pünktlich. Die anfänglich düſtere Reiſe erhellte ſich bald durch den phyſiſchen Einfluß der Schnelligkeit. Morcerf begriff nicht, wie man ſo ſchnell vorwärts kommen könne. „Ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„mit Ihrer Poſt, die zwei Meilen in einer Stuͤnde macht! Dieſes einfältige Geſetz, welches einem Reiſenden verbietet, ohne Erlaubniß bei dem Andern vorbeizufahren, und welches macht, daß ein kranker oder launiſcher Reiſender das Recht hat, fröhliche und geſunde Reiſende an ſeine Seite zu feſſeln, macht kein raſches Fortkommen möglich; deshalb gehe ich dieſer 1126 Unbequemlichkeit aus dem Wege und fahre mit meinen eignen Poſtillons und meinen eignen Pferden, nicht wahr, Ali?“ Und auf einen kleinen Schrei des Grafen flogen die Pferde faſt weiter. Donnernd rollte der Wagen über das königliche Pflaſter, und Jeder blieb ſtaunend ſtehen, und ſah dieſem fliegenden Meteore nach. Ali zeigte lächelnd ſeine weißen Zähne, hielt die ſchäumen⸗ den Zügel in ſeinen kräftigen Händen, und lenkte ſo die muthigen Roſſe, deren ſchöne Mähnen im Winde flatterten. Ali, dieſes Kind der Wüſte, war in ſeinem Elemente, und ſchien mit ſeinem ſchwarzen Geſichte, glühenden Auge und weißen Gewande inmitten dieſes ſich erhebenden Staubes, der Geiſt des Samums und der Gott des Orkans. „Ach,“ ſagte Morcerf,„die Wolluſt, welche eine ſolche Schnellig⸗ keit gewährt, kannte ich noch nicht.“ Und die letzten Wolken verſchwanden von ſeiner Stirn, als habe ſie die Luft mit ſich hinweg geführt. „Aber wo, zum Teufel, finden Sie ſolche Pferde, Graf? Das grenzt ja an Zauberei.“ „Mein junger Freund, das iſt ſehr einfach,“ ſprach der Graf. „Vor ſechs Jahren ſah ich in Ungarn einen herrlichen Zuchthengſt, welcher ſeiner bewunderungswürdigen Schnelligkeit halber berühmt war; ich kaufte ihn, die Summe weiß ich nicht mehr, das iſt Ber⸗ tuccio's Sache. Dieſer Hengſt verſorgte mich mit zweiunddreißig ihm ganz gleichen Pferden, ſie ſind eben ſo ſchnell wie ihr Vater, eben ſo tadellos ſchwarz, und haben nach ihren Müttern, die auch gleich ſchön waren, vor der Stirn einen weißen Streifen.“ „Das iſt merkwürdig. Aber ſagen Sie mir, Graf, was thun Sie mit all' dieſen Pferden?“ „Sie ſehen, ich reiſe mit ihnen.“ „Aber Sie reiſen doch nicht beſtändig?“ „Wenn ich ihrer nicht mehr bedarf, will Bertuccio ſie verkaufen und behauptet, dreißig⸗ bis vierzigtauſend Franken an jedem dabei zu gewinnen.“ „Aber kein europäiſcher König wird reich genug ſein, ſie Ihnen abzukaufen.“ „Dann kauft ſie jeder einfache Vezier, der ſeinen Schatz darum leert, weil er ihn auf bequeme Art wieder zu füllen weiß.“ und fü nicht n kunft Wünſe eine 6 3 die zu Stun das öffne —eignen Pferde Pllaſte, Mereore häumen⸗ uthigen ſes Kind Gwarzen ieſes ſich Gott des nellig⸗ irn, als af? Das der Graf. chthenoſt, berühmt iſt Ber⸗ nadreißig ſr Vater, die auch das thun — erkaufen m dabei ie Ihnen —— tz darum , . „Graf, darf ich Ihnen ſagen, was ich eben denke?“ „Gewiß.“ „Nun, Meſſer Bertuccio muß nach Ihnen der reichſte Privat⸗ mann Europa's ſein.“ „Ach, Vicomte, da ſind Sie ſehr im Irrthum, kehren Sie ſeine Taſchen um, ich bin überzeugt, Sie werden nichts darin finden.“ „Aber wie iſt das möglich? Dann iſt dieſer Bertuccio ein Wunder... Ach, mein lieber Graf, umhüllen Sie mich nicht mit zu viel Wunderbarem, ich kann Ihnen ſonſt nicht mehr glauben.“ „Aber Albert, es iſt wie ich ſage. Ein Intendant ſtiehlt, es iſt wahr, aber weshalb?“ „Teufel! weil das einmal ſo ſeine Natur iſt, glaube ich,“ rief Albert lachend,„er ſtiehlt um zu ſtehlen.“ „Nein, Sie irren ſich, er ſtiehlt, weil er Frau und Kinder, und für ſich und dieſe ehrgeizige Pläne hat; er ſtiehlt, weil er nicht weiß, ob er ſtets bei ſeinem Herrn bleibt, und ſich eine Zu⸗ kunft ſichern will. Bertuccio ſteht allein in der Welt, hat keine Wünſche und weiß, daß er ſtets bei mir bleiben wird.“ „Aber woher?“— „Weil ich nie einen Beſſern finden kann.“ „Das ſind eigentlich ungiltige Gründe, denn ſie beruhen auf Wahrſcheinlichkeiten.“ „O nicht doch, nur Gewißheiten, denn er iſt mein, ſein Leben gehört mir.“ „Bertuccio's Leben?“ fragte Albert. „Ja,“ entgegnete der Graf kalt. Es giebt Worte, die eine Unterhaltung ſchließen, ſicher, wie eine eiſerne Thür. Die Ja des Grafen gehörten zu dieſen Worten. Der übrige Theil der Reiſe verging mit gleicher Schnelligkeit, die zweiunddreißig untergelegten Pferde legten ihren Weg in acht Stunden zurück. Eine Stunde nach Mitternacht gelangten die Reiſenden an das Thor eines ſchönen Parks. Der Portier hielt das Gitter ge⸗ öffnet, er war vom letzten Relais aus benachrichtigt worden. Man geleitete Morcerf in ſeine Zimmer, er fand ein Bad —— 1128 und ein Abendeſſen bereit. Ein Diener, der die Reiſe mitgemacht, ſtand zu ſeiner Verfügung. Baptiſtin bediente den Grafen. Albert nahm ſein Bad, aß und ſchlief dann. Das Geräuſch der hohlen See ſtörte ihn im Schlafe. Als er aufgeſtanden war, ging er ſogleich an das Fenſter, öffnete, und trat auf eine kleine Terraſſe, von wo aus er das Meer ſah; nach der andern Seite zu lag der Park, begrenzt von einem wildreichen Forſte. In einer ziemlich großen Bucht bemerkte Albert eine kleine Corvette mit ſchmalem Kiel und ausgeſpannter Takelage, auf de⸗ ren Vordertheil er ein Schild mit Monte⸗Chriſto's Wappen er⸗ blickte. Es ſtellte einen goldnen, auf einem azurblauen Meere ruhen⸗ den Berg da, mit einem rothen Kreuze an der Spitze. Dies konnte eben ſowohl eine Anſpielung auf ſeinen, an den Berg Gol⸗ gatha erinnernden Namen ſein, den das Leiden unſers Heilands zu einem mehr als goldnen Berge gemacht hat, und an das ſchänd⸗ liche Kreuz, welches durch dieſes göttliche Blut geheiligt ward, als auf ein großes, perſönliches Leiden, das in der Nacht der Ver⸗ gangenheit dieſes geheimnißvollen Mannes vergraben lag. Rings um dieſe Gostlette lagen kleine Kähne, wahrſcheinlich den Fiſchern der benachbarten Dörfer gehörig, die, ſchweigende Werkzeuge, die Befehle ihrer Königin zu erwarten ſchienen. Hier, wie überall wo Monte⸗Chriſto weilte, und ſei es für zwei Tage, herrſchte die ausgeſuchteſte Behaglichkeit. In dem Vorzimmer fand Albert zwei Flinten und alle für einen Jäger nothwendigen Utenſilien; ein höheres, im Erdgeſchoß gelegenes Zimmer war mit allen nur erſinnlichen Fiſchergeräth⸗ ſchaften verſehen, die einem Franzoſen nie fehlen dürfen. Der Tag verging unter dieſen verſchiedenen Beſchäftigungen, in denen allen Monte⸗Chriſto Meiſter war. Man jagte, fiſchte, aß in einem reizenden Kiosk, der die Ausſicht auf das Meer bot, zu Mittag, und nahm den Thee in der Bibliothek ein. Gegen Abend des dritten Tages ſchlief Albert in einem Lehn⸗ ſtuhle, ermattet von alle dem, was Monte⸗Chriſto nur ein Spiel war. Dieſer machte mit ſeinem Architekten den Plan zu einem Treibhauſe, welches er in dem Wohnhauſe anlegen wollte. Plötzlich ward Albert durch das Geräuſch eines im Galopp nahen⸗ den Pfer ſeinem g ſchtlich n läſtigen. Du Nutter k Und Mol erhitten habe den Fit aus, un dieſe, ve —„es Kinder W Geſicht E. Weg „- 2 „. fand i Sie z im Be champ l. Als er tte, und 6; nach dreichen ie kleine auf de⸗ pen er⸗ e ruhen⸗ le. Dies ſerg Gol⸗ Heilands ſchänd⸗ ſard, als her Ver⸗ ſcheinlich weigende . es für ale für deſchoß rgeräth⸗ gungen, ſchte, aß bot, zu Lehn⸗ n Spiel teinem nahen⸗ gemacht, — 1129 den Pferdes geſtört, blickte durch das Fenſter, und erkannte zu ſeinem größten Mißvergnügen ſeinen Kammerdiener, den er ab⸗ ſichtlich nicht mitgenommen hatte, um den Grafen weniger zu be⸗ läſtigen. „Du hier, Florentin,“ rief Albert aufſpringend,„iſt meine Mutter krank?“ Und er ſtürzte aus dem Zimmer. Monte⸗Chriſto folgte ihm mit den Augen, ſah den noch ganz erhitzten Diener abſteigen und ein kleines verſiegeltes Paquet aus der Taſche ziehen. Es enthielt ein Journal und einen Brief. „Von wem iſt dieſer Brief?“ fragte Albert lebhaft. „Von Herrn Beauchamp,“ entgegnete Florentin. „Alſo Herr Beauchamp ſchickt Dich?“ „Ja, gnädiger Herr. Er ließ mich zu ſich kommen, gab mir das nöthige Reiſegeld, ließ mir ein Poſtpferd kommen, und befahl mir, nicht zu ruhen bis ich bei dem gnädigen Herrn ſei,— ich habe den Weg in fünfzehn Stunden zurückgelegt.“ Zitternd öffnete Albert den Brief, las, ſtieß dann einen Schrei aus, und hielt das Blatt convulſiviſch feſt. Seine Augen wurden ſtier, ſeine Füße bebten ſo, daß er ſich G auf Florentin ſtützen mußte, der ſeine Arme, aufhielt. „Albert,“ murmelte der Graf ſo leiſe, daß er ſelbſt kaum dieſe, von ihm ſelbſt ausgeſprochenen Worte des Mitleids vernahm, —„es ſteht geſchrieben, die Sünden, der Väter werden auf die Kinder zurückfallen bis in das dritte und vierte Glied.“ Während deſſen war Albert wieder zu ſich gekommen, ſein Geſicht war bleich und in Schweiß gebadet. Er las weiter..... „Florentin,“ ſagte er dumpf,„kann Dein Pferd wohl den Weg nach Paris noch einmal machen?“ „Gunädiger Herr, es iſt ein erbärmlicher Poſtklepper.“ „O mein Gott, wie war es bei uns, als Du Paris verließeſt?“ „Ziemlich ruhig, aber als ich von Beauchamp zurückkehrte, fand ich die Frau Gräfin in Thränen, ich ſollte Ihr ſagen, wann Sie zurückkehrten. Ich benachrichtigte die gnädige Frau, daß ich im Begriff ſei den Herrn Vicomte im Auftrage des Herrn Beau⸗ champ zurückzurufen. Ihre erſte Bewegung war, die Arme aus⸗ 1130 zubreiten, als wollte ſie mich zurückrufen, dann jedoch ſagte ſie: „Gehen Sie, Florentin, er ſoll ſobald als möglich zurückkehren.“ „Ja, theure Mutter, ja, ich komme, ſei ruhig, und wehe dem Schändlichen!... Aber nun muß ich raſch abreiſen.“ Und er trat in das Zimmer, in welchem der Graf ſich befand. Er war nicht mehr derſelbe Menſch. Dieſe fünf Minuten hatten genügt, Albert auf eine traurige Weiſe zu verändern. Mit ungewiſſen Schritten, fieberhaft gerötheten Wangen, irren Blicks und mit blau aufgeſchwollenen Stirnadern trat er wieder ein. „Graf,“ murmelte er,„Dank für Ihre Gaſtfreundſchaft, deren ich mich länger zu erfreuen hoffte, aber ich muß ſogleich nach Paris zurück.“ „Was iſt denn geſchehen?“ „Ein großes Unglück, aber erlauben Sie, daß ich mich em⸗ pfehle, es handelt ſich um eine köſtlichere Sache als mein Leben. Keine Fragen, ich beſchöre Sie, aber ein Pferd.“ „Vicomte, meine Ställe ſtehen Ihnen zu Dienſten,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„aber nehmen Sie einen Wagen, der Ritt würde Sie zu ſehr angreifen.“ „Ich danke, es würde zu lange dauern, und dieſe Ermüdung, für die Sie fürchten, wird mir gut thun.“ Albert that ſchwankend einige Schritte vorwärts und fiel dann in einen Stuhl neben der Thür. Monte⸗Chriſto ſah es nicht, er ſtand am Fenſter und rief: „Ali, ein Pferd für Herrn von Morcerf, aber ſchnell, es iſt eilig.“ Seine Worte gaben Albert das Leben wieder, er ſtürzte aus dem Zimmer, der Graf folgte ihm. „Dank,“ murmelte der junge Mann, ſich in den Sattel ſchwin⸗ gend.„Du wirſt ſo raſch als möglich nachkommen, Florentin. Bedarf es eines Befehls, damit ich immer neue Pferde bekomme?“ „Keines andern, als das auf dem Sie reiten abzugeben, um denſelben Augenblick ein anderes zu bekommen.“ Albert ſpornte das Pferd an, hielt jedoch nochmals an. „Sie finden meine Abreiſe vielleicht ſonderbar, unſinnig, Sie begreifen nicht, wie wenige Zeilen eines Journals einen Mann außer Faſſung, ja zur Verzweiflung bringen können; nun wohl,“ fügte er hinzu, ihm das Journal zuwerfend,„leſen Sie, aber allein un ſehen. Und gferde d einen Co zu müſſ Mi⸗ der Gre Blcken gendes: „S na, vol der nich überlief ſeinem beigefüg 0 und Pe 6 großmi auferſt nach A die und d kehren. dehe dem befand. Minuten arn. Mit en Blicks ein. eft, deren lach Paris mich em⸗ lin Leben. „ agte itt würde rmüdung, fiel dann rief. itt eilig.“ rzte aus el ſchwin⸗ Klorentin. komme? ben, um m. nig, Sie n Mann 1 wohl,“ ie, aber —— 1131 allein und wenn ich fort bin, damit Sie mein Erröthen nicht mehr ſehen.“ Und während der Graf das Blatt aufhob, drückte Albert dem Pferde die Sporen in die Weichen, welches, erſtaunt daß es noch einen Cavalier gab, der glaubte dieſes Mittel bei ihm anwenden zu müſſen, raſch wie ein Pfeil die Luft durchſchnitt. Mit dem Ausdruck unendlichen Mitleids in den Augen, folgte der Graf dem armen Albert, und erſt, nachdem dieſer ſeinen Blicken ganz entſchwunden, nahm er das Journal und las Fol⸗ gendes: „Der franzöſiſche Officier im Dienſte Ali Paſcha's von Jani⸗ na, von dem vor drei Wochen das Journal l'Impartial ſprach, und der nicht nur Janina, ſondern auch ſeinen Wohlthäter den Türken überlieferte, hieß damals wirklich Fernand, aber ſeitdem hat er ſeinem Taufnamen einen Rang und vornehmen Familien⸗Namen beigefügt. „Er heißt jetzt Graf von Morcerf, und iſt General⸗Lieutenant und Pair von Frankreich.“ So war dieſes entſetzliche Geheimniß, welches Beauchamp ſo großmüthig bewahrte, dennoch wie ein drohendes Geſpenſt wieder auferſtanden. Ein anderes, grauſameres Journal hatte am Tage nach Alberts Abreiſe in die Normandie dieſe Zeilen veröffentlicht, die unſern armen jungen Freund faſt des Verſtandes beraubten. LXXXVII. Das Gericht. Um acht Uhr Morgens ließ ſich Albert bei Beauchamp melden, gerade als dieſer im Begriff war, ein Bad zu nehmen. „Dennoch!“ murmelte Albert. „Dennoch, mein armer Freund,“ ſagte Beauchamp,„ich er⸗ wartete Sie.“ „Da bin ich. Ach Beauchamp, Sie ſind viel zu gut und bieder, um gegen irgend Jemand etwas geſagt zu haben, nein, nein, Ihre Botſchaft iſt mir ein neuer Beweis inniger Freundſchaft. Alſo zur Sache, ahnen Sie den Urheber?“ „Ich wollte eben mit Ihnen darüber ſprechen.“ „Gut, aber zuvor, mein Freund, erzählen Sie mir mit allen Umſtänden die Geſchichte dieſes ſchrecklichen Verraths.“ Und Beauchamp erzählte dem armen, vor Scham und Schmerz faſt zerſchmetterten jungen Manne, was wir ganz einfach wieder⸗ geben werden. 3 Am zweiten Morgen nach Alberts Abreiſe war der Artikel in einem andern Blatte als l'Impartial erſchienen, und zwar, was ihm noch mehr Gewicht verlieh, in einem, wie man wußte, der Regierung gehörigen Tageblatte. Beauchamp frühſtückte gerade, als er das Blatt bekam; augenblicklich ließ er einen Wagen be⸗ ſorgen, und fuhr, ohne ſein Frühſtück zu beenden, nach dem Bureau des Journals. Zufällig war, trotz ihrer verſchiedenen Meinungen, Beauchamp der genaue Freund des Redacteurs. Dieſer hatte, bei Beauchamps Eintritt, ſein Journal in der Hand, und ſchien ganz vertieft in einen Aufſatz über Runkelrüben⸗ Zucker, deſſen Verfaſſer er wahrſcheinlich war. „Ach mein Lieber, da Sie gerade in Ihrem Journale leſen, habe ich wohl nicht nöthig, Ihnen zu ſagen was mich herführt.“ anklage 9 / wir au Herr vd man de würdige „mein worden wir me und wi 8 7 gethan ein Me brachte, ſagte Attikel man k erſt n demſel war, ſamml melden, ich er⸗ Put und 1, nein, ndſchaft. it allen Schmerz wieder⸗ Artikel tr, was te, der gerade, agen be⸗ Bureau duchamp in der elrrüben⸗ le leſen, ihrt 1133 „Wären Sie vielleicht zufällig Anhänger des Rohrzuckers?“ fragte der Geſchäſtsführer des miniſteriellen Blattes. „Nein,“ entgegnete Beauchamp,„die Frage iſt mir ganz fremd, im komme aus andern Gründen.“ „ und weshalb kommen Sie?“ „Des Artikels über Morcerf halber.“ „Ach, ſo in der That, nicht wahr, das iſt ſonderbar?“ „So ſonderbar, daß Sie, wie mir ſcheint, eine Verläumdungs⸗ anklage und die Folge davon, einen ernſtlichen Proceß riskiren.“ „Nichts von dem Allen, denn zugleich mit dem Artikel haben wir auch die Beweiſe erhalten, und wir ſind feſt überzeugt, daß Herr von Morcerf ſich ruhig verhalten wird. Uebrigens erweiſt man dem Lande einen Dienſt, wenn man ihm zeigt, welcher Un⸗ würdige bis jetzt mit Ehren überhäuft ward.“ Beauchamp ſchwieg. „Aber wer hat Sie denn ſo gut unterrichtet?“ fragte er dann; „mein Journal, welches die erſte Nachricht gab, iſt gezwungen worden davon abzuſtehen, weil die Beweiſe fehlten, und doch ſind wir mehr als Sie dabei intereſſirt, denn Herr von Morcerf iſt Pair und wir gehören zur Oppoſition.“ „O, mein Gott, das iſt ſehr einfach, wir haben keinen Schritt gethan, die Nachrichten ſind uns zugeſchickt worden. Geſtern kam ein Mann aus Janina zu uns, welcher dieſes furchtbare Heft mit⸗ brachte, und, als wir zögerten die Stimme der Anklage aufzunehmen, ſagte er, ein anderes Blatt werde bei unſerer Weigerung den Artikel veröffentlichen. Meiner Treu, Beauchamp, Sie wiſſen, man kann ſolche Neuigkeiten nicht gut Jemand Anderem überlaſſen. Jetzt iſt der Schlag gefallen, er iſt furchtbar und wird durch ganz Europa widerhallen.“ Beauchamp ſah ein, daß nichts zu machen war, empfahl ſich, und ſandte nach Albert. Aber was er ihm nicht hatte ſchreiben können, weil es ſich erſt nach Abgang des Couriers zugetragen hatte, war, daß an demſelben Tage in der Pairs⸗Kammer eine große Bewegung ſichtbar war, und die gewöhnlich ſo ruhigen Gruppen dieſer hohen Ver⸗ ſammlung beherrſchte. Jeder war früher als ſonſt erſchienen, um 1134 ſich über dieſe finſtere Begebenheit zu unterhalten, welche die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit feſſelte, und auf eines der bekannteſten Mitglieder dieſer hohen Verſammlung lenkte. Mit leiſer Stimme ward der Artikel vorgeleſen, und mit ein⸗ zelnen Commentaren begleitet, die, aus der Erinnerung geſchöpft, den Fall nur um ſo mehr feſtſtellten. Der Graf von Morcerf war unter ſeinen Collegen nicht beliebt. Er war, wie alle Emporkömm⸗ linge, um ſeinen jetzigen Rang zu behaupten, zu außerordentlichem Stolze gezwungen. Die hohen Ariſtokraten lachten über ihn, die Talente verſtießen ihn und wahre Ehrenmänner verachteten ihn in⸗ ſtinktmäßig. Der Graf war in den traurigen Zuſtand des erliegenden Schlachtopfers gekommen. Einmal von dem Finger des Herrn als Opfer bezeichnet, verfolgte ihn jeder mit ſeinem Haro'⸗Rufe. Nur der Graf von Morcerf ſelbſt wußte von nichts. Er hielt das Unglücks⸗Journal nicht, und hatte den Morgen dazu verwen⸗ det, Briefe zu ſchreiben, und ein Pferd einzureiten. Er kam zur gewöhnlichen Zeit, ſtieg ſtolz wie gewöhnlich aus dem Wagen, durchſchritt die Corridors und trat in den Saal, ohne die verminderte Ehrfurcht der Gerichtsdiener, und die nachläſſigen Begrüßungen ſeiner Collegen zu bemerken. Als er eintrat, hatte die Sitzung ſchon ſeit mehr als einer halben Stunde begonnen. Obgleich der Graf, wie ſchon geſagt, von nichts wiſſend, we⸗ der Gang noch Ton geändert hatte, ſchien dennoch Beides einigen Pairs ſicherer und hochmüthiger als gewöhnlich, und ſeine Gegen⸗ wart ſchien dieſer, auf ihre Ehre ſo eiferſüchtigen Verſammlung höchſt unpaſſend und von beleidigendem Trotz. Es war nur zu gewiß, daß die Kammer vor Begierde glühte, den Kampf zu beginnen. In allen Händen ſah man das anklagende Blatt, aber, wie immer, zögerte Jeder, die Verantwortlichkeit des Angriffs auf ſich zu nehmen. Endlich beſtieg einer der ehrenwertheſten Pairs, ein entſchiedener Feind Morcerfs, die Tribüne mit einer Feierlichkeit, die nur zu deutlich bewies, daß der entſcheidende Augenblick ge⸗ kommen ſei. Es war ringsum entſetzlich ſtill. Nur Morcerf begriff den Grund dieſes Schweigens nicht, da es doch ſonſt gewöhnlich einem Redner n örern zu Der der Redn jamkeit größten Bei bleichte d ten, und Die verberge⸗ rührung So. murmel; klger l Aufgabe die der vorrief, knüpfte. ſollte di thum zu öffentlich erfreut. Mo wärtigke einige 2 ſo gut konnte, ſind ſte die Gre De ſprach d M gung b A- ſich fü 7/ die al⸗ lannteſten mit ein⸗ ſeſcöft cerf war orkömm⸗ entlichem ihn, die ihn in⸗ liegenden 8 Herrn „Rufe. Er hielt verwen⸗ —ulich aus nal, ohne cläſſigen ls einer ſend, we⸗ z einigen e Gegen⸗ immlung e glühte, ber, wie auf ſich irs, ein erlichkeit, nblick ge⸗ grif de ich einem Redner nicht ſo wohl ward, vollkommene Ruhe unter ſeinen Zu⸗ hörern zu erringen. Der Graf ließ deshalb die Vorrede ziemlich unbeachtet, indem der Redner ſagte, er bäte ſeine Collegen um ungetheilte Aufmerk⸗ ſamkeit, weil der Fall, den er vorzutragen beabſichtige, von der größten Wichtigkeit für die geſammte Kammer ſei. Bei den erſten Worten: Janina und Obriſt Fernand er⸗ bleichte der Graf ſo ſichtlich, daß ſich Aller Blicke auf ihn richte⸗ ten, und ein lautes Murmeln den Saal durchdrang. Die moraliſchen Wunden haben das Eigenthümliche, ſich zu verbergen, aber nicht zu ſchließen, ſtets ſchmerzend, bei jeder Be⸗ rührung bereit, zu bluten, bleiben ſie friſch und offen im Herzen. Sobald der Redner das Wort wiedernahm, ſchwieg das Ge⸗ murmel; wie vorher, herrſchte daſſelbe tiefe Schweigen. Der An⸗ kläger legte ſeine Zweifel dar, und ſetzte das Schwierige ſeiner Aufgabe aus einander. Er mußte die Ehre des Herrn v. Morcerf, die der ganzen Kammer vertheidigen, indem er einen Kampf her⸗ vorrief, der ſich an eine perſönliche, ſtets ſo ſchmerzhafte Frage knüpfte. Endlich entſchied er für eine Unterſuchung, und zwar ſollte dieſelbe bald ſtattfinden, um die Verläumdung noch im Wachs⸗ thum zu vernichten, Herrn von Morcerf zu rächen, und ihm die öffentliche Meinung zu erhalten, deren er ſich ſeit ſo langer Zeit erfreut. Morcerf war von dieſer ungeheuern und unerwarteten Wider⸗ wärtigkeit ſo niedergedrückt, daß er, irr um ſich blickend, kaum einige Worte zu ſtottern vermochte. Dieſe Furchtſamkeit, die eben ſo gut Erſtaunen des Unſchuldigen als Scham des Schuldigen ſein konnte, verſöhnte einige Collegen. Wahrhaft großmüthige Männer ſind ſtets zum Mitleid geneigt, ſobald das Unglück ihres Feindes die Grenze ihres Haſſes überſteigt. Der Präſident ſammelte Stimmen über die Unterſuchung, man ſprach dafür und dawider, endlich ward ſie beſchloſſen. Man fragte den Grafen, in welcher Zeit er ſeine Rechtferti⸗ gung bewerkſtelligen könne. 3 Als Morcerf nach dieſem entſetzlichen Schlage noch Leben in ſich fühlte, war auch ſein Muth wiedergekehrt. „Meine Herren Pairs,“ entgegnete er,„es bedarf der Zeit 1136 nicht, um einen Angriff wie dieſer zurückzuweiſen, den unbekannte Feinde gegen mich unternommen haben, die ohne Zweifel in dem Schatten ihrer Verborgenheit verſteckt geblieben ſind. Auf der Stelle, und gleich dem Donner, werde ich dieſem Blitze antworten, der mich einen Augenblick betäubte. Weshalb kann ich nicht ſtatt einer ſol⸗ chen Rechtfertigung mein Blut vergießen, um meinen edlen Colle⸗ gen zu beweiſen, daß ich es werth bin, Ihnen zur Seite zu ſtehen.“ Dieſe Worte brachten einen günſtigen Eindruck hervor. „Ich verlange alſo,“ fuhr er fort,„daß dieſe Unterſuchung ſobald als möglich ſtattfindet, und ich werde in der Kammer alle Beweiſe niederlegen, die bei dieſer Gelegenheit nöthig ſind.“ „Welchen Tag beſtimmen Sie?“ fragte der Präſident.— „Ich ſtelle mich ganz zu Ihrer Verfügung.“ Der Präſident bewegte die Klingel. „Iſt die Kammer der Meinung,“ fragte er,„daß wir die Unterſuchung zu heute anberaumen?“ „Ja!“ war die einſtimmige Antwort. Man ernannte eine, aus zwölf Mitgliedern beſtehende Com⸗ miſſion, die Abends acht Uhr in dem Bureau der Kammer zuſam⸗ menkommen ſollte. Waren mehrere Sitzungen nöthig, ſo ſollten ſie an den folgenden Tagen zur gleichen Stunde und an demſelben Orte ſtattfinden.* Nachdem dies Alles feſtgeſtellt war, bat Morcerf um die Er⸗ laubniß, ſich zurückziehen zu dürfen, um die zu ſeiner Rechtferti⸗ gung nöthigen Beweiſe zu ordnen. Dieſes Alles erzählte Beauchamp ſeinem armen Freunde ſo mild als möglich. Albert hörte es bald ſchaudernd, bald hoffend, bald zornig, bald beſchämt mit an, und begriff nicht, wie ſein Vater ſeine Un⸗ ſchuld zu beweiſen hoffen konnte, da er durch Beauchamp wußte, daß der General ſchuldig war.—. Nachdem Beauchamp ſo weit gekommen, hielt er inne. „Und dann?“ fragte Albert. „Dann?“ wiederholte Beauchamp. „Ja.“ „Nein Freund, wollen Sie wirklich hören, was folgt?“ reichte Ales M einer m Jemand mich in M ein. I ſehr ru druck ſe Att der „8 Commi gingen Al dennoch er hätte einer 3 von AWc C 71 Der ir die Com⸗ zuſem⸗ ten ſie iſelben die Er⸗ htferti⸗ nde ſo zornig, ne Un⸗ wußte, 7 —— 1137 „Ich muß durchaus Alles wiſſen, mein Freund, und möchte es lieber aus Ihrem Munde hören, als von Fremden.“ „So ſei es denn, ſammeln Sie Ihren Muth, Albert, Sie werden ſeiner nie ſo ſehr bedurft haben.“ Albert ſtrich mit der Hand über die Stirn, wie um ſich ſeiner eignen Stärke zu verſichern. Er glaubte ſich ſtark genug, denn er hielt Fieber für Kraft. „Nun alſo?“ fragte er. „Der Abend kam,“ fuhr Beauchamp fort.„Ganz Paris war in Spannung. Viele glaubten, Ihr Vater habe nur nöthig ſich zu zeigen, um die Anklage zu nichte zu machen. Viele behaupteten, der Graf werde gar nicht erſcheinen, und wollten geſehen haben, wie er nach Brüſſel abgereiſt ſei, und Einige gingen nach der Po⸗ lizei, weil gemunkelt ward, der General habe ſich dort einen Paß geben laſſen.“ „Ich muß Ihnen geſtehen,“ fuhr Beauchamp fort,„daß ich Alles Mögliche that, um der Sitzung beizuwohnen; ein junger Pair, einer meiner Freunde, holte mich um Sieben ab, bevor noch irgend Jemand dort war, und übergab mich einem Gerichtsdiener, der mich in eine Art Loge einſchloß. Ich war ganz verſteckt. „Punkt acht Uhr waren ſämmtliche Mitglieder verſammelt. „Mit dem Schlage der achten Stunde trat Herr von Morcerf ein. In der Hand hielt er einige Papiere, ſeine Haltung ſchien ſehr ruhig, aber ſein Gang war ungewöhnlich einfach, der Aus⸗ druck ſeines Geſichtes geſammelt und ernſt. Sein Rock war, nach Art der alten Militairs, von oben bis unten zugeknöpft. „Seine Erſcheinung machte einen ſehr guten Eindruck, die Commiſſion war dur chaus nicht übelwollend, mehrere der Herren gingen dem Grafen entgegen und reichten ihm die Hand.“ Albert fühlte ſein Herz bei dieſen Einzelnheiten brechen, und dennoch miſchte ſich in ſeinen Schmerz ein Gefühl der Dankbarkeit; er hätte dieſe Männer umarmen mögen, die ſeinem Vater, zu einer Zeit, in der ſeine Ehre angegriffen war, einen ſolchen Beweis von Achtung gegeben hatten. „In dieſem Augenblicke trat ein Gerichtsdiener ein, und über⸗ reichte dem Präſidenten einen Brief. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 72 1138 „„Sie haben das Wort, Herr von Morcerf,“ ſagte der Prä⸗ ſident, den Brief erbrechend.— „Der Graf begann ſeine Vertheidigungsrede, und ich kann Sie verſichern, Albert,“ fuhr Beauchamp fort,„daß ſie außerordentlich gewandt und beredt war. Er legte Beweiſe dar, wie ſehr der Ve⸗ zier ihn bis zu ſeinem letzten Augenblicke mit ſeiner ausſchließlichen Gunſt beehrt, ja ihn mit der Unterhandlung auf Leben und Tod mit dem Kaiſer beauftragt habe. Er zeigte den Ring vor, Zeichen der Macht, mit dem Ali ſeine Briefe zu ſiegeln pflegte, und den er ihm gegeben hatte, damit er bei ſeiner Rückkehr bis zu ihm, und ſei es bis in den Harem, gelangen könne. „„Unglücklicherweiſe,“ fuhr der Graf fort,„mißlang meine Sendung, und als ich zurückkam, meinen Wohlthäter zu vertheidi⸗ gen, war er todt. Aber ſterbend, ſo groß war ſein Vertrauen, hat er mir ſeine Gemahlin und Tochter anvertraut.“ Bei dieſen Worten zitterte Albert heftig, denn er gedachte der Erzählung Haydée's, und erinnerte ſich ihrer Worte über dieſen Ring, und der Art wie ſie mit ihrer Mutter verkauft, und in Sclaverei gerathen war. „Und welchen Eindruck machten die Worte des Grafen?“ fragte Albert ängſtlich. „Ich geſtehe, daß nicht nur ich, ſondern die ganze Verſamm⸗ lung tief gerührt ward,“ ſagte Beauchamp. „Während deſſen hatte der Präſident nachläſſig den Brief ge⸗ öffnet, laß ihn, ward mit jeder Silbe aufmerkſamer, las wieder, und blickte Morcerf dann ſcharf an. „„Herr Graf,“ begann er,„Sie ſagten, der Vezier habe Ihnen Frau und Tochter anvertraut?“ „„Ja mein Herr,“ entgegnete Morcerf,„aber dabei, wie auch im Uebrigen, verfolgte mich das Unglück. Denn bei meiner Rück⸗ kehr waren Vaſiliki und ihre Tochter Haydée verſchwunden.“ Sie kannten ſie?“ „„Dem erhabenen Vertrauen des Paſcha gegen mich zu Folge, hatte ich ſie mehr als zwanzig Mal geſehen.“ „„Und haben Sie gar keine Ahnung, was aus ihnen gewor⸗ den ſein kann?“ „„O doch, mein Herr. Ich hörte, ſie ſeien ihrem Gram unter⸗ 7r7 legen. 3 ſett, ich 4 6 „ Rechfert Sie zur Inn Vezier un ſorben d Beweis ben, und Reblichke „Ei ohne ein rettet. b 7 Alle vor zeugt. ger Zeue oder wü „5 Papiere, n Sie fentlich 1 Ve⸗ plichen Tod eichen d den ihm, meine theidi⸗ rauen, ſte der dieſen und in fragte ſamm⸗ ief ge⸗ vieder, Ihnen e auch Rück⸗ 1139 legen. Ich war nicht reich, mein Leben großen Gefahren ausge⸗ ſetzt, ich konnte ſie alſo, ſo weh es mir that, nicht aufſuchen.“ „Der Präſident runzelte unmerklich die Stirn. „„Meine Herren,“ ſagte er,„Sie haben Herrn v. Morcerfs Rechtfertigung gehört, und ſind ihr gefolgt. Herr Graf, können Sie zur Beglaubigung dieſer Erzählung nicht einige Zeugen ſtellen?“ „„Ach nein, mein Herr,“ entgegnete der Graf,„Alle, die den Vezier umgaben, und mich an ſeinem Hofe gekannt haben, ſind ge⸗ ſtorben oder zerſtreut, ja ich glaube, daß ich allein dieſen entſetz⸗ lichen Krieg überlebt habe. Ich habe nur Ali Tebelin's Briefe, die ich Ihnen ſchon vorgelegt habe, ich habe nur den Ring, Pfand ſeines Willens, hier iſt er; ich habe endlich nur den ſchlagendſten Beweis meiner Unſchuld—— mein fleckenloſes militairiſches Le⸗ ben, und den Mangel jedes Zeugen gegen die Wahrhaftigkeit und Redlichkeit meiner Worte.“ „Ein beifälliges Murmeln durchflog den Saal; ach, Albert, ohne ein neues trübes Ereigniß war die Ehre Ihres Vaters ge⸗ rettet. „„Meine Herren,“ begann der Präſident,„wir ſind gewiß Alle von der Unſchuld unſeres Collegen Morcerf vollſtändig über⸗ zeugt. In dieſem Briefe bietet ſich ein, wie er behauptet, wichti⸗ ger Zeuge an; ſollen wir die Sache nun als abgemacht betrachten, oder wünſchen Sie, daß ich dieſen Brief vorleſe?“ „Herr von Morcerf erbleichte, und legte ſeine Hand auf die Papiere, welche unter ſeinen Fingern zitterten. „Die Commiſſion ſtimmte für die Vorleſung; der Graf ſchwieg. „Der Präſident las folgenden Brief: „Herr Präſident! „Ich bin im Stande, der Unterſuchungs⸗Commiſſion ſehr wich⸗ tige Thatſachen über das Leben des Herrn von Morcerf in Epi⸗ rus und Macedonien mitzutheilen. „Der Präſident machte eine kurze Pauſe. „Der Graf von Morcerf war ſehr bleich. Der Präſident ſah ſich fragend um. 8 „„Fahren Sie fort,“ rief man von allen Seiten. „Der Präſident fuhr fort! „Ich war bei dem Tode Ali⸗Paſcha's zugegen, kenne ſeine 72* 1140 3 letzten Augenblicke, weiß was aus Vaſiliki und Haydée gewor⸗ den iſt, und wünſche, daß die Commiſſion mir die Ehre erzeige, mich zu hören. In dem Augenblicke, wo Sie dieſes Billet er⸗ halten, werde ich in dem Vorſaale der Kammer ſein. „„Und wer iſt dieſer Zeuge, oder vielmehr dieſer Feind?“ fragte der Graf mit einer Stimme, in der die tiefſte Bewegung nicht zu verkennen war. „„Wir werden es bald erfahren, mein Herr,“ entgegnete der Präſident.„Wünſcht die Commiſſion, dieſen Zeugen zu hören?“— „„Ja, ja,“ war die einſtimmige Antwort. „Der Gerichtsdiener ward gerufen. 1 „„Iſt Jemand im Vorzimmer?“ fragte der Präſident. „„Ja, Herr Präſident.“— „„Und wer iſt es?“ „„Eine von einem Diener begleitete Frau.“ „Man ſah einander an. „„Laßt die Frau eintreten,“ ſagte der Präſident. „Aller Augen waren auf die Thür geheftet,“ fuhr Beauchamp fort,„und ich geſtehe, daß auch ich die allgemeine Erwartung und Spannung theilte. „Nach fünf Minuten erſchien eine, gänzlich durch einen dichten großen Schleier verhüllte Frau. An den feinen Bewegungen die⸗ ſer Erſcheinung und an dem Parfüm, der ſich nach ihrem Ein⸗ tritte in dem ganzen Saale verbreitete, errieth man leicht die Ge⸗ genwart einer jungen und eleganten Frau. 8 3 „Der Präſident erſuchte die Unbekannte, ihren Schleier zu lüften; ſie that es, wir erblickten eine griechiſch gekleidete, entzückend ſchöne Frau.“ „Ach,“ ſagte Albert,„ſie war es.“ „Wie? ſie....“ „Ja, Haydée.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ 4 „Ach ich errathe es! Aber, ich bitte, fahren Sie fort, Beau⸗ champ. Sie ſehen, ich bin ruhig und ſtark. Ich denke, die Ent⸗ wicklung kann nicht mehr fern ſein.“ „Ihr Vater,“ fuhr der Erzähler fort,„betrachtete dieſe Frau beſtürzt. Ihm gab dieſer reizende Mund Leben oder Tod, den ſprach Andern Serrn! drängt ge 3 die Füß / 9 der Com und bel ℳ4 der ſau Orienta N bemerke höchſten Gedäch⸗ haben, tiefen 2 Tebelin Vaſilike 6 4 Worten gewor⸗ teige, et er⸗ eind?“ egung te der ae“ uchamp gg und dichten in die⸗ n Ein⸗ die Ge⸗ lier zu zückend Beau⸗ ie Ent⸗ Anddern ſchien dieſes Abenteuer ſo fremdartig und erſtaunlich, daß 1141 Herrn von Morcerfs Angelegenheit dadurch in den Hintergrund gedrängt ward. „Der Präſident bat die junge Dame, Platz zu nehmen, ſie blieb jedoch ſtehen. Der Graf war in ſeinen Stuhl zurückgeſunken, die Füße verſagten ihm augenſcheinlich den Dienſt. „„Madame,“ nahm der Präſident das Wort,„Sie haben der Commiſſion Aufklärung über die Affaire von Janina verſprochen und behaupten ſogar, Augenzeugin geweſen zu ſein?“ „„Ja,“ entgegnete die Unbekannte mit einer Stimme voll der ſanfteſten Traurigkeit, und jenem vollen, reinen, nur den Orientalinnen eigenen Klange. „„Indeſſen,“ fuhr der Präſident fort,„erlauben Sie mir zu bemerken, daß Sie damals noch ſehr jung geweſen ſein müſſen.“ „„Ich war vier Jahr alt; da jedoch die Ereigniſſe von der höchſten Wichtigkeit für mich waren, iſt keine Einzelheit meinem Gedächtniſſe entſchlüpft.“ „„Aber welche Wichtigkeit konnte dieſes Ereigniß für Sie haben, und wer ſind Sie, daß dieſe große Kataſtrophe einen ſo tiefen Eindruck auf Sie gemacht hat?“ „„Es handelte ſich um Leben oder Tod meines Vaters,“ ſprach die junge Dame,„denn ich bin Haydée, die Tochter Alig Tebelins, Paſcha's von Janina und ſeiner vielgeliebten Gemahlin Vaſiliki.“ „Die zugleich beſcheidene und ſtolze Röthe, welche bei dieſen Worten die Wangen der jungen Dame mit Purpur bekleidete, das Feuer ihres Blicks, das Majeſtätiſche ihrer Erklärung, brachten bei der ganzen Verſammlung eine unbeſchreibliche, zauberhafte Wirkung hervor. „Der Graf würde nicht mehr beſtürzt geweſen ſein, wenn ſich ein jäher Abgrund zu ſeinen Füßen geöffnet hätte. „„Madame,“ ſprach der Präſident, ſich ehrfurchtsvoll verneigend, „erlauben Sie mir eine einfache und letzte Frage, die durchaus kein Zweifel ſein ſoll: Können Sie mir die Wahrheit Ihrer Aus⸗ ſage beweiſen?“ „„Ich kann es,“ ſagte Haydée, ein duftendes ſeidenes Beu⸗ telchen unter ihrem Schleier hervorziehend,„hier iſt mein Geburts⸗ ———õÿyq= — ꝛ——-————yjy — 1142 ſchein, von meinem Vater aufgeſetzt und von ſeinen vornehmſten Officieren unterzeichnet. Hier iſt mein Taufſchein, denn mein Vater hat eingewilligt mich in der Religion meiner Mutter erziehen zu laſſen, der große Erzbiſchof von Macedonien und Epirus hat ihn mit ſeinem Siegel verſehen. Hier endlich, und das iſt der wich⸗ tigſte Beweis, das Document über mich und meine Mutter an den armeniſchen Kaufmann El⸗Kobbir, durch den franzöſiſchen Officier, welcher, in ſeiner ſchändlichen Verbindung mit der Pforte, ſich Frau und Tochter ſeines Wohlthäters als Beute ausbedungen hatte. Er verkaufte uns für tauſend Beutel, das iſt ungefähr vierhunderttauſend Franken.“ „Eine grünliche, leichenhafte Bläſſe überzog die Wangen des Grafen von Morcerf, ſeine weit aufgeriſſenen Augen waren mit Blut unterlaufen. In der ganzen Verſammlung herrſchte finſteres Schweigen. „Haydée ſtets ruhig, aber in dieſer Ruhe drohender als eine Andere in ihrem Zorne, überreichte dem Präſidenten die in arabiſcher Sprache aufgeſetzte Verkaufsacte. „Vorherbedenkend, daß vielleicht eine der Schriften ihres Vaters in arabiſcher, türkiſcher oder griechiſcher Sprache abgefaßt worden ſein könne, war der Dolmetſcher der Kammer herbeſchieden worden; man rief ihn. „Einer der edlen Pairs, durch den egyptiſchen Feldzug mit der arabiſchen Sprache bekannt, folgte der Lectüre des Dolmetſchers, welcher mit lauter Stimme las: „„Ich, El⸗Kobbir, Sclavenhändler und Lieferant für den Harem Sr. H., erkenne hierdurch an, daß ich von einem franzöſiſchen Herrn, dem Grafen von Monte⸗Chriſto, für unſern erhabenen Herrn und Kaiſer einen Smaragd im Werthe von zweitauſend Beuteln erhalten habe, als Preis für eine junge eilfjährige Chriſtenſclavin, Tochter des verſtorbenen Ali Tebelin, Paſcha's von Janina, und ſeiner Gemahlin Vaſiliki. Dieſe junge Sclavin, Namens Haydée, war mit ihrer an den Thoren Conſtantinopels ſterbenden Mutter vor ſieben Jahren durch einen franzöſiſchen Obriſt, Namens Fernand Mandego, der im Dienſte des Paſcha geſtanden hatte, verkauft wor⸗ den, und zwar hatte ich, von Sr. H. dem gnädigſten Kaiſer bevoll⸗ leben, Chrif der n welche Obgle glühe in Fr habe ſchütz Einſc auffr Sorg Ich l in de würd hrij meine ehmſten Later hen zu at ihn t wich⸗ an den fficier, ſic dungen ngefähr gen des en mit inſteres ls eine abiſcher Vaters worden vorden; ug mit ſſchers, ür den äſiſchen Herrn Beuteln clavin, 4, und Haydee, Mutter dernand ift wor⸗ bevol⸗ 1143 mächtigt, für deſſen Harem ſie beſtimmt war, tauſend Beutel für dieſes Kind gegeben.““ „„So geſchehen, mit Bewilligung Sr. H., Conſtantinopel, im Jahre 1247 nach Hegira. gez. El⸗Kobbir.“ „„Um dieſer Acte die volle Glaubwürdigkeit zu verleihen, wird das kaiſerliche Siegel beigefügt werden.“ „Wirklich erblickte man neben dem Petſchafte des Kaufmanns das des erhabenen Kaiſers. „Nach dieſer Lectüre herrſchte ringsum entſetzliches Schweigen, das Auge des Grafen ſah, wider ſeinen Willen, ſtarr auf Haydée und ſchien Feuer und Blut. „„Madame,“ ſagte der Präſident,„kann man den Grafen v. Monte⸗Chriſto, der jetzt in Paris iſt und bei dem Sie doch wohl leben, befragen?“ „„Mein Herr,“ entgegnete Haydée,„der Graf von Monte⸗ Chriſto, mein zweiter Vater, iſt ſeit drei Tagen in der Normandie.“ „„Aber wer hat Ihnen dann zu dieſem Schritte gerathen, der nach Ihrer Geburt und ihrem Unglück ſo natürlich iſt und für welchen wir Ihnen tief verpflichtet ſind?“ „„Mein tiefer Schmerz hat mir dieſen Schritt eingegeben. Obgleich Chriſtin, war es dennoch, Gott wird mir verzeihen, mein glühendſter Wunſch, meinen erhabenen Vater zu rächen. Seit ich in Frankreich bin, und weiß, daß der Verräther in Paris lebt, habe ich ihn unausgeſetzt geſucht. In dem Hauſe meines edlen Be⸗ ſchützers lebe ich ganz zurückgezogen, weil ich ſo in Stille und Einſamkeit meinen Gedanken nachhängen, und meine Erinnerungen auffriſchen kann. Aber der Graf umgiebt mich mit väterlicher Sorgfalt, und was in der Welt geſchieht, iſt mir nicht fremd. Ich leſe alle Tageblätter, und erfuhr alſo auch, was heute Morgen in der Pairskammer geſchehen war, und was heute Abend ſein würde.... Da ſchrieb ich.“ „„Alſo,“ ſagte der Präſident,„weiß der Graf von Monte⸗ Chriſto nichts von Ihrem Schritte?“ „„Er weiß durchaus nichts, und ich fürchte ſogar, er wird meinen Schritt mißbilligen; aber der heutige Tag iſt ſchön,“ fuhr 1144 das junge Mädchen, glühend gen Himmel blickend, fort,„denn ich finde endlich Gelegenheit, meinen Vater zu rächen.“ „Der Graf hatte während dieſer ganzen Zeit kein Wort ge⸗ ſprochen, ſeine Collegen ſahen ihn an, und beklagten jedenfalls ſein, durch den duftenden Athem einer Frau zerſchmettertes Glück; ſein Unglück ward nach und nach in immer deutlicheren Zügen auf ſeinem Antlitze ſichtbar. „„Herr von Morcerf,“ ſagte der Präſident,„erkennen Sie Madame als die Tochter Ali Tebelin's, Paſcha's von Janina an?“ „„Nein,“ ſagte Morcerf, ſich gewaltſam erhebend,„es iſt eine, von meinen Feinden angezettelte Verſchwörung. 72 „Haydée, die nach der Thür blickte, als ob ſie Jemand erwarte, wandte ſich raſch um und ſtieß, den Grafen vor ſich ſehend, einen furchtbaren Schrei aus. „„Du erkennſt mich nicht,“ rief ſie,„nun wohl, glücklicher⸗ weiſe erkenne ich Dich. Du biſt Fernand Mondego, der franzöſiſche Officier, welcher die Truppen meines edlen Vaters übte. Du haſt Janina überliefert! Du wurdeſt nach Conſtantinopel geſchickt, um direct mit dem Kaiſer über Leben oder Tod Deines Wohlthäters zu verhandeln, Du überbrachteſt einen falſchen Ferman, der voll⸗ ſtändige Gnade verhieß... Du zeigteſt Selim den Ring des Paſcha, wohl wiſſend, daß der treue Feuerwächter Dir gehorchen werde. Du erdolchteſt den armen Selim, Du verkaufteſt uns, meine Mutter und mich, dem Sclavenhändler El⸗Kobbir. Mörder! Mörder! Mörder, noch befleckt Deine Stirn das Blut Deines Herrn.“ „Haydée hatte dieſe Worte mit ſolchem Enthuſiasmus der Wahrheit geſprochen, daß Aller Augen nach des Grafen Stirn blickten, und er ſelbſt darüber ſtrich, als fühle er noch Ali's warmes Blut. „„Sie erkennen alſo ganz gewiß in dem Grafen von Morcerf den Officier Fernand Mondego?“ „„Ob ich ihn erkenne! O, meine Mutter, Du ſagteſt mir: „Haydée, Du warſt reich, hatteſt einen Vater, der Dich liebte, warſt beſtimmt, faſt eine Königin zu ſein... Betrachte dieſen Mann genau, der Dich zur Sclavin gemacht hat, der das Haupt Deines Vaters auf eine Lanze ſpießte, der uns verkauft, verrathen lat. 5 wenn D wiederer Goldſtü „J verbarg und ſant ſic, und ohne I ich zwei „3 an. M. Es bedt Mannes dem Do 7 fragte d der Sch Sie ſich „0 Tiger g waffnet. fürchten erblicke müſſe e ſchwand bald da 71 Morcer 77 der Un 1145 un ich hat. Sieh genau ſeine rechte Hand an, ſie hat eine tiefe Narbe; n wenn Du ſein Geſicht vergißt, wirſt Du ihn an dieſer Hand de. wiedererkennen, in welche, eins nach dem andern, El⸗Kobbir's ſein, Goldſtücke fielen. O, ob ich ihn erkenne!“ s ſein„Morcerf ward immer bleicher, bei Haydée's letzten Worten nauf poerbarg er ſeine rechte, durch eine tiefe Narbe verſtümmelte Hand, . und ſank vernichtet auf ſeinen Sitz zurück. Sie„„Herr Graf,“ ſagte der Präſident endlich,„ermannen Sie anke ſich, und antworten Sie. Wir werden Sie nicht unterliegen laſſen 6s it ohne Ihre Vertheidigung; wollen Sie neue Unterſuchungen; ſoll hich zwei Mitglieder der Kammer nach Janina ſchicken? Reden Sie!“ warte,„Morcerf antwortete nicht. Anen„Faſt entſetzt ſahen die Mitglieder der Commiſſion einander an. Man kannte den energiſchen, heftigen Charakter des Grafen. klicher⸗ Es bedurfte einer entſetzlichen Erſchütterung, den Muth dieſes dſiſche Mannes zu vernichten, dieſem anſcheinenden Schlafe mußte ein, du haſt dem Donner gleiches Erwachen folgen. t um„Nun,“ fragte der Präſident,„was haben Sie beſchloſſen?“ häters„Der Graf erhob ſich und ſprach dumpf:„„Nichts!“ r vol⸗„„Alſo hat Ali Tebelin's Tochter die Wahrheit geſprochen?“ 9 b9 fragte der Präſident weiter,„alſo iſt ſie der furchtbare Zeuge, dem— der Schuldige nicht ein Nein zu antworten wagt? Alſo bekennen un⸗ Sie ſich wirklich ſchuldig alles Deſſen, weſſen man Sie anklagt?“ „Der Graf ſah mit einem Blicke um ſich, deſſen Verzweiflung Tiger gerührt haben würde, aber ſeine Richter wurden nicht ent⸗ as der waffnet. Dann blickte er gegen die Decke, aber er ſenkte die Augen, Stirn fürchtend, die Decke werde ſich öffnen, und er ein neues Gericht Al“s erblicken, den Himmel und einen mächtigen Richter, Gott. „Plötzlich riß er barſch die Knöpfe ſeines Rockes auf, als oreerf müſſe er ſonſt erſticken, dann ging er auf die Thür zu und ver⸗ ſchwand wie ein Schatten. Wie ſeine Schritte, ſo verhallte auch t wir. bald das Geräuſch des im Galopp davoneilenden Wagens. liebte,„„Meine Herren,“ ſagte der Präſident,„iſt der Graf von dieſen Morcerf der Untreue, des Verraths und der Unwürdigkeit ſchuldig?“ Haupt„„Ja!...“ ſagten langſam und einſtimmig die Mitglieder rathen der Unterſuchungs⸗Commiſſion!. 1146 „Haydée wohnte der Sitzung bis zum Schluß bei, ſie hörte die Worte Morcerfs ohne Freude, ohne Mitleid. „Dann ſich mit dem Schleier verhüllend grüßte ſie majeſtätiſch die Räthe, und verſchwand mit jenen Schritten wie Virgil die Göttinnen gehen ſah.“ „0 champ welcher einer, i nichttt Albert, die Rach von we eines 5 wie Sie nur die ich ihn, ich rech in Vere 5 dieſes nicht m die Söl Blicken das iſt reiner, ſind ju bewegt vier J ie härte jeſtätiſ irgil die LXXXVIII. Die Herausforderung. „Ich benutzte das Schweigen und die Dunkelheit,“ fuhr Beau⸗ champ fort,„mich ungeſehen zu entfernen. Der Gerichtsdiener, welcher mich empfangen, führte mich durch viele Gänge bis zu einer, in die Straße Vaugirard führenden Thür. Ich ging, ver⸗ nichtet und entzückt zugleich; verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, Albert, vernichtet aus Mitgefühl für Sie, entzückt über dieſes edle, die Rache des Vaters verfolgende junge Mädchen. Ja, mein Freund, von wem dieſe Entdeckung auch ausgehen mag, ſie iſt das Werk eines Feindes, aber dieſer Feind wirkt für die Vorſehung!“ Albert blickte auf, ſein Geſicht war glühend vor Scham und in Thränen gebadet, er ergriff Beauchamps Arm: „Freund,“ ſprach er,„mein Leben iſt zu Ende; ich kann nicht, wie Sie, ſagen, die Vorſehung hat dieſen Schlag geführt, ich kann nur dieſen unerbittlichen Feind ſuchen, den ich tödten werde, wenn ich ihn gefunden habe, oder der mich tödten wird. Aber, Beauchamp, ich rechne auf Ihre Hilfe, wenn Ihre Freundſchaft für mich nicht in Verachtung untergegangen iſt.“ „In Verachtung, mein Freund? O, in welcher Hinſicht kann dieſes Unglück Sie berühren? Nein, Gott ſei Dank, wir leben nicht mehr in jenen Zeiten, in denen ein ungerechtes Vorurtheil die Söhne für die Handlungen ihrer Väter verantwortlich machte. AZlicken Sie in Ihr vergangenes Leben, Albert, es iſt noch kurz, das iſt wahr, aber nie war die Morgenröthe eines ſchönen Tages reiner, als Ihr Morgen. Nein, Albert, glauben Sie mir, Sie ſind jung, reich, verlaſſen Sie Frankreich. Alles wird in dieſem bewegten, wechſelreichen Babylon vergeſſen, Sie kehren in drei bis vier Jahren zurück mit einer ruſſiſchen Prinzeſſin vermählt, und 1148 Niemand wird der Vergangenheit gedenken, Jeder wird Sie ehren.“ „Dank, theurer Beauchamp, Dank für Ihre freundliche Ab⸗ ſicht, aber das iſt nicht möglich, ich habe Ihnen meinen Wunſch, ja ich muß ſagen, feſten Willen mitgetheilt. Ich kann die Sache nicht aus demſelben Geſichtspunkte wie Sie anſehen, Sie werden fühlen, wie intereſſirt ich bei dieſer Angelegenheit bin. Was Ihnen einer erhabenen Quelle zu entſpringen ſcheint, iſt, meiner Anſicht nach, minder reinen Urſprungs. Die Vorſehung, ich ge⸗ ſtehe, ſcheint mir dem Allem ſehr fremd, denn ſtatt unſichtbarer, unerreichbarer göttlicher Boten, finde ich glücklicherweiſe ein ſicht⸗ bares, zu erreichendes Weſen, an dem ich mich rächen kann, o ja, ja, das ſchwöre ich, bei Allem, was ich ſeit einem Monate litt. Jetzt, Beauchamp, wenn Sie noch mein Freund ſind, o dann be⸗ ſchwöre ich Sie, helfen Sie mir den Vernichter meines irdiſchen Glücks ſuchen.“ „Wohlan, es ſei,“ ſprach der Journaliſt,„ich werde Ihnen helfen, dieſen Feind zu finden. Und, bei meiner Ehre, ich werde ihn finden und bin dabei faſt ebenſo intereſſirt als Sie.“ „Gut, Beauchamp, Sie werden einſehen, daß wir unſere Nach⸗ forſchungen ſogleich beginnen müſſen. Jede Minute Verzug iſt für mich eine Ewigkeit, der Ankläger iſt noch nicht beſtraft, und hofft vielleicht nie beſtraft zu werden, aber, bei meiner Ehre, er irrt ſich!“ „Hören Sie mich, Morcerf.“ „Ach, Beauchamp, ich merke, Sie wiſſen etwas, o ſchnell, Sie geben mir das Leben wieder!“ „Albert, ich ſage nicht, daß es Gewißheit, aber wenigſtens wirft es einen Lichtſtrahl in die Nacht, der, wenn wir ihm folgen, vielleicht zum Ziele führt.“ „O, ſchnell, Sie wiſſen, ich brenne vor Ungeduld.“ „Gut denn, Sie werden erfahren, was ich Ihnen nach mei⸗ ner Rückkehr von Janina nicht ſagen wollte.“ „Sprechen Sie.“ „So hören Sie denn, Albert: ich war bei dem erſten Bauquier der Stadt, um Erkundigungen einzuziehen; bei dem erſten Worte, welches ich über dieſe Angelegenheiten ſprach, ja, bevor ich den Namen Ihres Vaters nannte, ſagte er: 2 9 „ 9 „t befragt! 6 „ 1 „ „E ſeit lan wollende daß der nur, wi die er f „Er herein he 1I ſoll er! 99 4,3 Familie halb ſch Manne „ Sie klu „ Beauche werden. mehr le haftig? niß bere „ er auge lars? 85 D d Sie iche Ab⸗ Vunſt, e Sache werden Pas meiner ich ge⸗ ütbarer, ein ſich⸗ n, o ja, nte litt. dann be⸗ irdiſchen e Ihnen ch werde ere Nach⸗ Hiſt für ind hofft ſichl“ ell, Sie Pauquier Worte, ich den „„Ach ſehr wohl, ich errathe, was Sie hierher führt.“ „„Wie iſt das möglich?“ „„Weil ich vor vierzehn Tagen in derſelben Angelegenheit befragt ward.“ „„Durch wen?“ „„Durch einen Pariſer Banquier, meinen Correſpondenten.“ „„Und der heißt?“ „„Herr Danglars.“ „Er!“ ſchrie Albert,„ach ja, er verfolgt meinen Vater ſchon ſeit lange mit ſeinem eiferſüchtigen Haſſe, er, der populair ſein wollende Mann, kann dem Grafen von Morcerf nicht verzeihen, daß derſelbe Pair von Frankreich iſt. Ach ja, bedenken Sie doch nur, wie ſo plötzlich und ohne Grund er die Verbindung auflöſte, die er früher ſo ſehr gewünſcht.“ „Erkundigen Sie ſich, Albert(aber werden Sie nicht von vorn⸗ herein heftig), forſchen Sie erſt, ſage ich, ob die Sache ſich ſo ver⸗ hält.... „Ja, ja,“ rief Albert außer ſich,„aber es iſt wahr, dann ſoll er mir meine Leiden bezahlen.“ „Hüten Sie ſich, Morcerf, der Mann iſt nicht mehr jung.“ „Ich werde ſein Alter berückſichtigen, wie er die Ehre meiner Familie berückſichtigt hat. Wenn er meinem Vater zürnte, wes⸗ halb ſchlug er ſich nicht mit ihm? O nein, er fürchtete ſich, einem Manne gegenüber zu ſtehen.“ „Ich tadle Sie nicht, Albert, aber ich bitte Sie nur, ſeien Sie klug und vorſichtig.“ 3 „O ſeien Sie unbeſorgt, zumal da Sie mich begleiten werden, Beauchamp, denn ſo wichtige Sachen müſſen vor Zeugen abgemacht werden. Noch vor Ende dieſes Tages wird Herr Danglars nicht mehr leben, wenn er ſchuldig iſt, oder ich werde todt ſein. Wahr⸗ haftig Beauchamp, ich will meiner Ehre ein ſchönes Leichenbegäng⸗ niß bereiten.“ „Gut, Albert, iſt ein ſolcher Entſchluß einmal gefaßt, ſo muß er augenblicklich ausgeführt werden. Sie wollen zu Herrn Dang⸗ lars? Gehen wir.“ Die Freunde fuhren in einem Fiacre zu dem Banquier, vor ————;—ꝛxx:;nðʒ— 1150 deſſen Thür ſie den Groom und den Phaëéthon des Herrn Andrea Cavalcanti fanden. „Ach, meiner Treu, das iſt gut,“ ſagte Albert düſter.„Will der Banquier ſich nicht mit mir ſchlagen, werde ich ſeinen Schwie⸗ gerſohn tödten. Ein Cavalcanti muß ſich ſchlagen.“ Man meldete die Herren. Bei Alberts Namen wollte der Banquier, die Ereigniſſe der letzten Tage nur zu gut kennend, ihm den Zutritt verweigern. Aber es war zu ſpät, Albert folgte dem Laquai auf dem Fuße, hörte den Befehl, öffnete barſch die Thür, und drang, von Beauchamp gefolgt, bis in Danglars Kabinet. „Aber mein Herr,“ rief dieſer,„hat man nicht mehr das Recht, zu empfangen, wen man will? Es ſcheint mir, daß Sie ſich ganz auffallend vergeſſen.“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Albert kalt,„es giebt Verhältniſſe, und Sie befinden ſich in einem ſolchen, wo man, man müßte denn feig ſein, und das überlaſſe ich Ihnen, für gewiſſe Perſonen zu Hauſe ſein muß.“ „Aber was wollen Sie denn, mein Herr?“ 3 „Ich will,“ entgegnete Morcerf näher tretend, und ohne Ca⸗ valcanti zu beachten, der ſich gegen das Kamin lehnte,„ich will Ihnen ein Rendez⸗vous an einem entlegenen Orte, wo während zehn Minuten uns Niemand ſtören wird, vorſchlagen. Einer wird todt auf dem Platze bleiben, mehr verlange ich nicht.“ Danglars erbleichte, Capalcanti machte eine Bewegung, Al⸗ bert wandte ſich zu ihm. „O, mein Gott,“ ſagte er,„kommen Sie, Herr Graf, wenn Sie wollen, Sie haben ein Recht dabei zu ſein, denn Sie gehören beinahe zur Familie, und ich biete Jedem, der es annehmen will, dieſes Rendez⸗vous an.“ Cavalcanti ſah den Banquier beſtürzt an; dieſer erhob ſich, und trat zwiſchen die beiden jungen Leute. Alberts Angriff gegen Andrea gab der Sache eine andere Wendung. Danglars glaubte ſich in ſeiner erſten Vermuthung geirrt zu haben. „Ach ſo, mein Herr,“ ſagte er zu Albert,„wenn Sie Streit mit dem Herrn Grafen ſuchen, weil er Ihnen vorgezogen ward, ſo ſage ich Ihnen im Voraus, daß ich den Procurator des Königs benachrichtigen laſſen werde.“ Si „ helnd, 7 den Grah Abſicht, Recht.⸗ Hert Da „M. „wenn ic weit dave einen gt Abſicht! Sie ohl entehrt; „3 Danr „M. Weiß ich Länder d zu übert „ glück all aber gle „Id „I „A lehrt: vo All N Vater e „3 nll Ei „3 „N Tochter des kün Andrea „Kil Schwie⸗ lte der d, ihm te dem b Thür, nnet. Recht, c ganz ältniſſe, te denn onen zu hne Ca⸗ ſich will vährend er wird ng, Al⸗ „ wenn gehören en wil,, ob ſich, ff gegen glaubte e Streit an ward, 7 Könige 1151 „Sie irren ſich, mein Herr,“ entgegnete Morcerf düſter lä⸗ chelnd,„an die Heirath dachte ich nicht, und wandte mich nur an den Grafen, weil es mir ſchien, als habe er einen Augenblick die Abſicht, unſere Discuſſion zu unterbrechen. Uebrigens haben Sie Recht. Ich ſuche heute mit Jedem Streit, aber ſeien Sie ruhig, Herr Danglars, der Vorrang gebührt ſtets Ihnen.“ „Mein Herr,“ rief Danglars, bleich vor Zorn und Furcht, „wenn ich einem tollen Hunde begegne, tödte ich ihn, und glaube, weit davon entfernt, mich für ſchuldig zu halten, der Geſellſchaft einen großen Dienſt geleiſtet zu haben. Aber wenn Sie etwa die Abſicht haben mich zu morden, werde ich Ihnen zuvor kommen, und Sie ohne Mitleid tödten. Iſt es meine Schuld, daß Ihr Vater entehrt iſt?“ „Ja, Niederträchtiger,“ ſchrie Morcerf,„es iſt Deine Schuld,“ Danglars trat einen Schritt zurück. „Meine Schuld! meine...“ ſagte er,„aber Sie ſind toll! Weiß ich etwa die griechiſche Geſchichte? Habe ich etwa alle dieſe Länder durchreiſt? Habe ich Ihrem Vater etwa gerathen, Janina zu überliefern, zu verrathen....“ „Still!“ ſagte Albert dumpf.„Direct haben Sie dieſes Un⸗ glück allerdings nicht herbeigeführt und dieſes Aufſehen veranlaßt, aber gleißneriſch verbreitet haben Sie Beides.“ „Ich?“ „Ja Sie. Von wem kommt die Entdeckung?“ „Aber ich ſollte denken, das Journal hätte Sie darüber be⸗ lehrt: von Janina.“ „Und wer hat nach Janina geſchrieben?“ „Nach Janina...“ „Ja. Wer hat geſchrieben, um Erkundigungen über meinen Vater einzuziehen?“ „Ich ſollte denken, Jeder könnte nach Janina ſchreiben.“ „Und dennoch hat nur ein Einziger geſchrieben.“ „Ein Einziger....“ „Ja! und zwar Sie!“ „Nun ja, ich habe geſchrieben, und ich denke, wenn man ſeine Tochter verheirathen will, iſt es Pflicht, ſich nach der Familie des künftigen Eidams zu erkundigen.“ 1152 „Sie haben geſchrieben,“ rief Albert,„obgleich Sie die Ant⸗ wort im Voraus wußten.“ „Ich? Ach ich ſchwöre,“ rief der Banquier mit einem Ver⸗ trauen und einer Sicherheit, die ihm vielleicht weniger noch die Furcht als der Reſt von Theilnahme eingab, die für den armen jungen Mann im Grunde ſeines Herzens lebte,„ich ſchwöre, daß ich nie daran gedacht habe, nach Janina zu ſchreiben. Kannte ich etwa die Begebenheiten mit Ali⸗Paſcha?“ „Alſo hat Sie Jemand dazu veranlaßt?“ „Gewißß 165 „Es hat Sie Jemand dazu veranlaßt? 20 „Ja. 71 „Und wer? vollenden... ſagen Sie...“ „Mein Gott, das iſt ſehr einfach, ich ſprach von Ihres Vaters Vergangenheit und ſagte, daß die Quelle ſeines Reichthums immer dunkel geblieben ſei. Die Perſon fragte mich, wo Ihr Vater ſein Vermögen erworben habe, ich antwortete: in Griechenland. Darauf gab man mir den Rath, nach Janina zu ſchreiben.“ „Und wer gab Ihnen dieſen Rath?“ „Ei, Ihr Freund, der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Der Graf von Monte⸗Chriſto hat Ihnen gerathen nach Janina u ſchreiben? 20 „Ja, und ich habe geſchrieben. Wollen Sie meine Correſpondenz ſehen? Ich werde ſie Ihnen zeigen.“ Albert und Beauchamp ſahen einander an. „Mein Herr,“ nahm Letzterer das Wort, der bis dahin ge⸗ ſchwiegen hatte,„es ſcheint mir als beſchuldigten Sie den Grafen und klagten ihn an, da er von Paris abweſend iſt und ſich nicht zerthediſen kann.“ Mein Herr, ich klage Niemand an,“ entgegnete Danglars, „ich erzählte nur, und werde in des Grafen Gegenwart wieder⸗ holen, was ich hier geſagt.“ „Und weiß der Graf, welche Antwort Sie erhalten haben?“ „Ich habe ſie ihm gezeigt.“ „Wußte er, daß der Taufname meines Vaters Fernand, und Familienname Mondego iſt?“ „Ja, ich hatte es ihm ſchon lange geſagt. Uebrigens habe Gedank ih in d gethen Tage 3 um für habe it Erklärul oder Sc fäll die All war kei ein Ma Theil d Furcht nicht er⸗ er ſucht worten, war err In ſtändei er Ali nach Ja Alberts das Gei zühlung gewiß b um ſo! ſeinen; in die dußte, war ber 1 den ſein Al 4/8 wie im einer Al Der C Vaters immer ter ſein Darauf Janina pondenz hin ge⸗ Grafen iih nicht ſlanglars, wieder⸗ 1153 ich in dieſer Sache gethan, was jeder Andere an meiner Stelle gethan haben würde, ja vielleicht noch weniger. Als am folgenden Tage Ihr Vater, durch den Grafen aufgefordert, bei mir erſchien, um für Sie förmlich um die Hand meiner Tochter anzuhalten, habe ich ihm dieſelbe zwar verweigert, das iſt wahr, aber ohne Erklärung, ohne Aufſehen. Inwiefern kann mich auch die Ehre oder Schande des Herrn v. Morcerf berühren? Davon ſteigt und fällt die Rente nicht.“ Albert fühlte, daß all ſein Blut ihm in die Wangen ſtieg, es war kein Zweifel, Danglars vertheidigte ſich gemein, ja, aber wie ein Mann, der, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, doch einen Theil derſelben ſagt, nicht ſowohl aus Gewiſſenhaftigkeit, als aus Furcht und Schrecken. Uebrigens, was ſuchte Morcerf? Er wollte nicht ergründen, ob Danglars oder Monte⸗Chriſto ſtraffälliger ſei, er ſuchte einen Mann, der auf leichte oder ernſte Beleidigung ant⸗ worten, der ſich ſchlagen konnte, und Danglars ſchlug ſich nie, das war erwieſen. Indeſſen erwachten vergeſſene, oder unbeachtet gelaſſene Um⸗ ſtände immer lebhafter in ihm. Monte⸗Chriſto wußte Alles, weil er Ali's Tochter gekauft hatte, und er hatte Danglars gerathen, nach Janina zu ſchreiben. Dieſe Antwort kennend, hatte er dennoch Alberts Wunſch, Haydée vorgeſtellt zu werden, erfüllt, er hatte das Geſpräch auf den Tod des Paſcha gebracht, ſich Haydée's Er⸗ zählung nicht widerſetzt(aber ihr in den paar griechiſchen Worten gewiß befohlen, den Namen von Morcerfs Vater nicht zu nennen), um ſo mehr da der Graf auch Morcerf gebeten hatte, vor Haydée ſeinen Familien⸗Namen nicht zu nennen. Endlich hatte er Albert in die Normandie mitgenommen, und zwar gerade, als, wie er wußte, der Schlag geſchehen werde. Es ſchien nur zu gewiß, Alles war berechnet, Monte⸗Chriſto verſtand ſich jedenfalls mit den Fein⸗ den ſeines Vaters. Albert nahm Beauchamp bei Seite und theilte ihm ſeine Gedanken mit. „Sie haben Recht,“ ſagte dieſer,„Herr Danglars hat gemein wie immer gehandelt, aber der Graf von Monte⸗Chriſto muß zu einer Erklärung gezwungen werden.“ Albert trat zu Danglars. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 1154 „Mein Herr,“ begann er,„Sie werden begreifen, daß 55 nicht für immer von Ihnen Abſchied nehme, ich muß erſt wiſſen, ob Ihre Rechtfertigung gegründet iſt, und werde mich davon bei dem Grafen v. Monte⸗Chriſto überzeugen.“ Und den Banquier grüßend, verließen die jungen Leute das Zimmer, ohne Cavalcanti zu beachten. Danglars begleitete ſie bis zur Thür, und verſicherte Albert nochmals, durchaus keinen perſönlichen Haß gegen den Grafen von Morcerf zu hegen. ſ ſu Vo Freunde 9 ,A von den 85 „N. „l 5 3 1‿ 11 0 IA Haufen Der ang fürchten „ ſich nich ſchlagen 9 wünſche für mei 1 fahrend tödtet „ „. aß ich wiſſen, on bei te das Albert Jrafen LXXXIX. Die Beſchimpfung. Vor Danglars Thür ergriff Beauchamp die Hand ſeines Freundes. „Hören Sie,“ ſprach er,„ich ſagte Ihnen eben, Sie müßten von dem Grafen v. Monte⸗Chriſto eine Erklärung fordern....“ „Ja, und wir gehen jetzt zu ihm.“ „Noch einen Augenblick, Morcerf, überlegen Sie...“ „Ueberlegen? und was?“ „Die Wichtigkeit des Schrittes.“ „Und iſt er wichtiger als der, zu Danglars zu gehen?“ „Ja, der Bangier iſt ein Finanzmann; dieſe Leute legen Haufen Goldes in die Wagſchale und ſchlagen ſich nicht ſo leicht. Der andere iſt ein Edelmann, dem Anſcheine nach wenigſtens, aber fürchten Sie nicht, in dem Edelmann einen Bravo zu begegnen?“ „Ich fürchte nur eins, und zwar, einen Mann zu finden, der ſich nicht ſchlägt.“ „O ſeien Sie unbeſorgt,“ entgegnete Beauchamp,„dieſer wird ſich ſicher ſchlagen. Aber ich fürchte, er wird ſich nur zu gut ſchlagen, hüten Sie ſich.“ „Freund,“ ſagte Morcerf mit einem ſchönen Lächeln,„das wünſche ich, ach das Glücklichſte was mir begegnen könnte, wäre, für meinen Vater getödtet zu werden, das würde uns Alle retten.“ „Und Ihre Mutter würde ſterben.“ „Arme Mutter!“ rief Albert, mit der Hand über die Augen fahrend,„ja ich weiß es wohl, aber es iſt beſſer, der Kummer tödtet ſie, als die Scham „Sie wollen alſo gehen, Albert?“ „Ja, kommen Sie.“ —x ————— — „Aber glauben Sie, daß wir ihn finden werden?“ „Gewiß, denn er wollte einige Stunden nach mir auch abreiſen.“ Und ſie ließen ſich nach den Elyſäiſchen Feldern Nr. 30 fahren. Beauchamp wollte allein ausſteigen, aber Albert machte ihm bemerklich, daß dieſe ſo ganz außergewöhnliche Angelegenheit die Geſetze und Etikette des Duells beſeitige. Der junge Mann handelte für eine ſo heilige Sache, daß ſich Beauchamp freiwillig ſeinem Willen fügte. Baptiſtin empfing ihn. Der Graf war wirklich zurückgekommen, aber im Bade, und hatte jede Störung verbeten. „Aber nach dem Bade?“ fragte Morcerf. „Wird der Herr diniren.“ „Nach dem Diner?“ 4 „Wird der Herr eine Stunde ſclafen. 44 „Und dann?“ „Dann wird er in die Oper gehen.“ „Iſt das gewiß?“ fragte Albert. „Ganz gewiß, der Herr hat ſeine Pferde punkt acht Uhr beſtellt.“ „Gut, das wollte ich wiſſen.“ Dann ſagte er zu Beauchamp: „Wenn Sie Geſchäfte haben, ſo beſorgen Sie dieſelben gleich, Sie werden begreifen, daß ich auf Sie rechne, um in die Oper zu gehen. Wenn es möglich iſt, ſo bringen Sie Chateau⸗Renaud mit.“ Beauchamp verließ Albert und verſprach um acht Uhr in der Oper zu ſein. Zu Hauſe angelangt, bat Albert Franz, Dobray und Morrel, heute Abend auch in der Oper zu ſein. Dann ging er zu ſeiner Mutter, die ſeit dieſen traurigen Ereigniſſen jeden Beſuch ablehnend, das Zimmer hütete. Er fand ſie im Bett, durch dieſe öffentliche Demüthigung ganz vernichtet. Bei Alberts Anblick brach die arme Frau in ſchmerzliches Schluchzen aus, aber dieſe Thränen erleichterten ihr Herz. Einen Augenblick ſtand Albert ſtumm am Lager ſeiner Mutter. Man ſah an ſeinem bleichen Geſichte und zuſammengezogenen Brauen, zuerſt. dieſen meines 2 unbekann die geſů 1 23 ſind ein // T ☛ Graf vo zit raſch au 25 kann da und die eſſen un „ſ rief R. das geſ der ſtete uns vor banne wenn? 4 weshall vorhin 0 4⁴ eiſen.“ fahren. te ihm heit de aß ſich de, und per zu d mit.“ in der 1157 daß der Entſchluß der Rache mehr und mehr in ſeinem Herzen an Stärke gewann. „Theure Mutter,“ ſprach er endlich,„kennen Sie einige Feinde des Herrn von Morcerf?“ Mercedes zitterte, ſie hatte bemerkt, daß ihr Sohn nicht 5 meines Vaters geſagt hatte. „Mein Kind,“ ſprach ſie,„ſo hochgeſtellte Leute haben ſtets unbekannte Feinde. Ach, die Feinde, welche man kennt, ſind nicht die gefährlichſten.“ „Ja, aber ich appellire an Ihren ganzen Scharfſinn. Sie ſind eine ſo begabte Frau, daß Ihnen gewiß nichts entgeht.“ „Aber weshalb ſagſt Du das?“ „Weil Sie z. B. an unſerm Ballabende bemerkten, daß der Graf von Monte⸗Chriſto hier nichts genoß.“ Zitternd und vor Fieber glühend, richtete die Gräfin ſich raſch auf. „Herr von Monte⸗Chriſto?“ rief ſie,„welchen Zuſammenhang kann das mit Deiner Frage haben?“ „Sie wiſſen, theure Mutter, der Graf iſt faſt ein Orientale, und dieſe, um die vollſtändige Freiheit ihrer Rache zu bewahren, eſſen und trinken nie bei ihren Feinden.“ „Herr von Monte⸗Chriſto unſer Feind, ſagſt Du, Albert?“ rief Mercedes, weißer werdend als ihr Gewand.„Wer hat Dir das geſagt? Ach, Du biſt toll, Albert, Herr von Monte⸗Chriſto, der ſtets ſo fein iſt, der Dir das Leben gerettet hat, den Du ſelbſt uns vorgeſtellt haſt.... Ach, mein Sohn, ich bitte Dich, ver⸗ banne ſolche Gedanken, und wenn ich Dir einen Rath geben darf, wenn Du meine Bitte erhören willſt, bleibe ihm ergeben.“ „Mutter,“ rief der junge Mann düſter,„Sie haben Gründe, weshalb ich dieſen Mann ſchonen ſoll.“ „Ich,“ rief die Gräfin, jetzt eben ſo ſchnell erröthend, als ſie vorhin blaß geworden war, und dann noch bleicher werdend als zuerſt. „Ja, jedenfalls,“ entgegnete Albert,„nicht wahr, Sie halten dieſen Mann nicht für fähig uns Böſes zu thun?“ Die Gräfin zitterte, und ſah ihren Sohn forſchend an. „Du ſprichſt ſonderbar,“ ſagte ſie dann,„und hegſt, wie es 1158 ſcheint, eigenthümliche Vorurtheile. Was that Dir der Graf? Vor drei Tagen warſt Du mit ihm in der Normandie, und ſowohl Du als ich hielten ihn für Deinen beſten Freund?“ Ein ironiſches Lächeln umſpielte Alberts Lippen. Seine Mutter ſah es, und errieth Alles mit dem doppelten Inſtincte des Weibes und der Mutter, aber ſie war klug und ſtark und verbarg ihre Furcht wie ihr Beben. „ Du freagſt mich wie ich mich befinde,“ ſagte ſie;„gar nicht gut, lieber Albert, Du ſollteſt bei mir bleiben, denn ich darf durchaus nicht allein ſein.“ „Sie wiſſen, theure Mutter, wie glücklich ich ſein würde, könnte ich Ihren Wünſchen gehorchen, leider jedoch zwingt mich eine wichtige und dringende Angelegenheit, den ganzen Abend von Ihnen fern zu ſein.“ „Ach gut,“ entgegnete Mercedes ſeufzend,„geh denn, ich will Dich nicht zum Sclaven Deiner kindlichen Liebe machen.“ Albert ſchien dieſe Worte zu überhören, küßte ſeiner Mutter die Hand und verließ das Gemach. Kaum verhallten ſeine Schritte, ſo klingelte die Gräfin einem vertrauten Diener, befahl ihm, dem Vicomte überall zu folgen, wohin er dieſen Abend gehen würde, und ihr ſogleich Bericht ab⸗ zuſtatten. Dann ließ ſie ſich, ſo ſchwach ſie war, von ihrer Kammerfrau ankleiden, um nöthigenfalls bereit zu ſein. Der dem Diener gewordene Befehl war nicht ſchwer aus⸗ zuführen. Albert ging in ſeine Zimmer und kleidete ſich mit Sorgfalt. Kurz vor acht erſchien Beauchamp, auch Chateau⸗Renaud hatte verſprochen, pünktlich im Theater zu ſein. Beide ſtiegen in ein Cabriolet, und Albert, der durchaus keine Urſache hatte ſeinen Gang zu verheimlichen, ſagte ganz laut: „Nach der Oper.“ Sie langten dort an noch bevor der Vorhang aufgezogen war. Chateau⸗Renaud war ſchon da, Beauchamp hatte ihn von Allem unterrichtet, es bedurfte alſo keiner weiteren Erörterungen. Ueber⸗ dem fand Chateau⸗Renaud Alberts Wunſch, ſeinen Vater zu rächen, ſo natürlich, daß er ihn nur herzlich verſicherte, er ſtehe ganz zu ſeiner Verfügung. 3 Oper die O G Uhr Mont äußere folgte, erblic ( mit g ſehr ihn n ſeinen aus d Albert ließen. ſeinige richt ab⸗ umerfrau eer aus⸗ ſich mit Renaud aus keine aut: gen war. ön Allem Ueber⸗ urächen, ganz= 1159 Dobray fehlte noch, aber Albert wußte, daß er ſelten eine Oper verſäumte. Vergebens ſuchte Albert Monte⸗Chriſto, umſonſt, die Oper begann, ſeine Loge blieb leer. Endlich als Albert gewiß zum hundertſten Male nach der Uhr ſah, öffnete ſich beim Beginnen des zweiten Actes die Loge, Monte⸗Chriſto, ganz ſchwarz gekleidet, trat ein und ging an die äußere Brüſtung, um den Saal zu überſehen. Morrel, der ihm folgte, ſuchte mit dem Auge ſeine Schweſter und ihren Mann, erblickte ſie in einer Loge zweiten Ranges und grüßte. Der Graf merkte bei ſeiner Muſterung ein bleiches Geſicht, mit glühenden, ſtarr auf ihn gerichteten Augen. Er erkannte Albert ſehr wohl, ſeine Klugheit gebot ihm jedoch, zu thun, als habe er ihn nicht geſehen. Ganz ruhig nahm er Platz, und lorgnirte mit ſeinem Doppelglaſe die andere Seite. Aber er verlor Albert nicht aus den Augen, und als der Vorhang fiel, ſah der Graf, daß Albert und ſeine beiden Freunde ihre Plätze am Orcheſter ver⸗ ließen. Bald erſchienen ſie in einer Loge erſten Ranges neben der ſeinigen. Obgleich der Graf ſich lächelnd mit Morrel unterhielt, fühlte er dennoch den nahen Sturm und wußte was kommen werde. Als die Thür ſeiner Loge ſich öffnete, war er auf Alles vorbereitet. Er wandte ſich um und begrüßte Albert, der leichenblaß und zitternd mit Beauchamp und Chateau⸗Renaud in ſeine Loge trat. „Willkommen,“ rief er mit der wohlwollenden Höflichkeit, die ſtets ſeinen Gruß von den gewöhnlichen Formen der Welt unter⸗ ſchied.„Alſo endlich ſehen wir uns, guten Abend, Herr von Morcerf.“ Und das Geſicht dieſes Mannes, der ſich ſtets ſo ganz in ſeiner Gewalt hatte, drückte die innigſte Freundlichkeit aus. Morrel erinnerte ſich des am Morgen von Albert erhaltenen Briefes mit der Bitte, im Opernhauſe zu ſein, er ſah ein, daß etwas Schreckliches zu erwarten ſei. „Wir ſind nicht gekommen, um heuchleriſche Höflichkeiten, oder falſche Freundſchaftsbezeigungen zu wechſeln,“ ſprach Albert, „wir kommen, eine Erklärung zu fordern, Herr Graf.“ Die zuſammengepreßten Lippen des jungen Mannes ließen dieſe zitternden Worte kaum verſtehen. —n— — 1160 „Eine Erklärung in der Oper?“ fragte der Graf ſo ruhig und mit ſo durchdringendem Auge, daß man an dieſem doppelten Wahrzeichen wieder erkannte, wie ſehr dieſer Mann Herr über ſich ſelbſt war.„So wenig ich die Pariſer Sitten kenne, habe ich dennoch nicht geglaubt, mein Herr, daß die Oper der Ort zu Er⸗ klärungen ſei.“ „Aber,“ entgegnete Albert,„wenn Jemand ſich verleugnen läßt, wenn man unter dem Vorwande, der Herr ſei im Bade, bei Tiſch, oder zu Bett, nicht vorgelaſſen wird, muß man da die Zeit nicht wahrnehmen, in der man dieſer Perſon begegnet?“ „Ich bin nicht ſchwer zu finden, mein Herr,“ ſagte Monte⸗ Chriſto,„noch geſtern, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, waren Sie bei mir.“ „Geſtern, mein Herr,“ rief der junge Mann, deſſen Gedanken ſich verwirrten,„war ich bei Ihnen, weil ich nicht wußte wer Sie waren.“ Und Albert ſprach dieſe Worte ſo laut, daß die Nächſtſitzenden dieſelben ſehr wohl verſtehen konnten. Auch richteten ſich aller Blicke nach der Loge des Grafen. „Woher kommen Sie, mein Herr?“ fragte dieſer ſcheinbar ganz ruhig.„Sie ſcheinen Ihrer Sinne nicht mächtig.“ „Um Ihre Treuloſigkeit zu verſtehen, und Ihnen begreiflich zu machen, daß ich mich rächen will, bin ich noch immer vernünftig genug,“ ſchrie Albert wüthend. „Mein Herr, ich verſtehe Sie nicht,“ entgegnete Monte⸗Chriſto, „und ſelbſt wenn ich Sie verſtände, ſprechen Sie doch zu laut. Sie ſind hier bei mir, und ich allein habe hier das Recht, meine Stimme vor denen der Andern zu erheben. Entfernen Sie ſich, mein Herr!“ Und Monte⸗Chriſto zeigte ſehr befehlend auf die Thür. „Ach,“ ſchrie Albert,„ich werde ſorgen, daß auch Sie heraus müſſen.“ Und er preßte ſeinen Handſchuh convulſiviſch in der Hand.: Dem Grafen entging dieſe Bewegung nicht. „Ach ich merke, Sie ſuchen Streit,“ ſagte er pflegmatiſch, „aber Vicomte, beherzigen Sie einen Rath, es iſt eine üble Ge⸗ wohnheit, Lärm zu machen, es paßt nicht für Jeden, Herr von Morcerf.“ 1 der V Aller) 9 dem C faßte tend, d ſchreite A knitter dieſen mit ei Marm J ruhig ppelten ber ſic abe ich zu Er⸗ eugnen de, bei M deit ſonte⸗ trügt, edanken wer Sie ſibenden 1161 Bei dieſem Namen ward ein Gemurmel der Ueberraſchung in der Verſammlung gehört; ſeit vorigem Tage war dieſer Name in Aller Munde. Beſſer als Alle begrieff Albert dieſe Anſpielung, und er wollte dem Grafen, ſeinen Handſchuh in das Geſicht werfen, aber Morrel faßte ſeine Hand, während Beauchamp und Chateau⸗Renaud, fürch⸗ tend, der Auftritt möge die Grenzen einer Herausforderung über⸗ ſchreiten, ihn an Rocke zurückzogen. Aber Monte⸗Chriſto ergriff, ohne aufzuſtehen, den feuchten, zer⸗ knitterten Handſchuh. „Mein Herr,“ ſagte er mit furchtbarem Ausdrucke,„ich nehme dieſen Handſchuh für geworfen, und ich werde Ihnen denſelben mit einer Kugel zurückſenden. Jetzt gehen Sie augenblicklich, oder ich laſſe Sie von meinen Bedienten aus der Thür werfen.“ Betäubt, irre und mit von Blut unterlaufenen Augen trat Albert zwei Schritte zurück. Morrel benutzte den Augenblick und ſchloß die Thür. Monte⸗Chriſto nahm ſein Glas und lorgnirte weiter, als ſei nichts vorgefallen. Dieſer Mann hatte ein Herz von Bronze und ein Geſicht von Marmor. Morrel neigte ſich zu ihm und fragte: „Was haben Sie ihm gethan?“ „Ich? Nichts, perſönlich wenigſtens,“ ſagte der Graf. „Aber dieſer ſonderbare Vorfall muß doch eine Urſache haben?“ „Die unſelige Geſchichte ſeines Vaters hat dem Armen den Verſtand geraubt.“ „Sind Sie denn bei der Sache betheiligt?“ „Durch Haydée iſt die Kammer von dem Verrath des Grafen benachrichtigt.“ „In der That,“ ſagte Morrel,„man ſagte mirs, aber ich wollte nicht glauben, daß dieſe Griechin, welche ich hier bei Ihnen in dieſer Lage geſehen habe, die Tochter Ali Paſcha's ſei.“ „Und doch iſt es wahr.“ „Ach mein Gott jetzt begreife ich Alles„“ rief Morrel,„dieſe Scene war im Voraus abgekartet.“ „Wie das?“ — — —— 1162 „Ja. Albert hat mich ſchriftlich gebeten, dieſen Abend in der Oper zu erſcheinen, ich ſollte alſo doch wohl Zeuge der Ihnen zu⸗ gefügten Beleidigung ſein.“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Monte⸗Chriſto mit ſeiner unerſchütter⸗ lichen Ruhe. 0 „Aber was werden Sie mit ihm machen?“ „Mit wem?“ „Mit Albert.“ „Mit Albert?“ entgegnete Monte ⸗Chriſto in demſelben Tone, „was ich mit ihm machen werde, Maximilian? ſo wahr Sie hier ſind und ich Ihnen die Hand drücke, werde ich ihn morgen, bevor es Zehn geſchlagen, tödten.“ Morrel ergriff des Grafen Hand und bebte, indem er dieſe kalte und ruhige Hand fühlte. „Ach Graf,“ ſprach er,„ſein Vater liebt ihn ſo ſehr.“ „Sprechen Sie nicht von dem!“ ſchrie Monte⸗Chriſto, die erſte Regung eines bei ihm ungewöhnlichen Zornes zeigend,„ich will, daß er leidet.“ Beſtürzt ließ Morrel die Hand des Grafen frei. „Graf! Graf!“ ſagte er. „Lieber Maximilian,“ ſagte dieſer,„hören Sie nur, wie ent⸗ zückend Duprez dieſe Stelle ſingt: „O Mathilde, Abgott meiner Seele!“ „Sehen Sie, ich habe zuerſt Duprez's vorzügliches Talent in Neapel erkannt, und war der Erſte, der ihm applaudirte. Bravo! Bravo!“ Morrel ſah ein, daß er jetzt nichts weiter ſagen durfte und ſchwieg. Der Vorhang fiel. Es ward an der Logenthür geklopft. „Herein!“ rief Monte⸗Chriſto mit ſeiner gewöhnlichen ruhigen klangvollen Stimme. Beauchamp erſchien an der Thür. „Guten Abend, mein lieber Beauchamp,“ ſagte Monte⸗Chriſto, als ſähe er den Journaliſten dieſen Abend zum erſten Male, „nehmen Sie doch Platz.“ Beauchamp grüßte, trat näher und ſetzte ſich.* „Mein Herr,“ redete er den Grafen an,„wie Sie geſehen haben werden, begleitete ich vorhin Herrn von Morcerf.“ 1 Sie! freut, als e das! und i bitten mich für Auff legen ich z triſch Lara excen daß Sie legen dem Chri thue das bezal Garg wäht Blut unſe Antr in der nen zu⸗ ſchütter⸗ n Tone, Sie hier bevor er dieſe 7 ſto, die d, nich wie ent⸗ Lhriſto, —1 Male, 4 geſehen 1163 „Daß ſoll heißen,“ entgegnete Monte⸗Chriſto lachend,„daß Sie wahrſcheinlich zuſammen Mittag gegeſſen haben. Ich bin er⸗ freut, Herr Beauchamp, zu ſehen, daß Sie mäßiger geweſen ſind als er.“ „Herr Graf,“ ſagte der Journaliſt,„Albert, ich geſtehe, hat das Unrecht begangen, ſich vom Augenblicke hinreißen zu laſſen, und ich komme auf meine eigene Hand, Sie um Entſchuldigung zu bitten. Nun, da das abgethan iſt, da ich, hören Sie wohl, ich mich entſchuldigt habe, erkläre ich Ihnen, Herr Graf, daß ich Sie für einen viel zu feinen Mann halte, als daß Sie mir einige Aufklärungen über die Beziehung, in welcher Sie in dieſer Ange⸗ legenheit zu Janina ſtehen, verweigern könnten. Dann werde ich zwei Worte über die junge Griechin hinzufügen.“ Monte⸗Chriſto gebot mit Augen und Lippen Stillſchweigen. „Ach,“ rief er lachend,„alle meine Hoffnungen ſind zerſtört.“ „Wie ſo?“ fragte Beauchamp. „Ohne Zweifel; Sie beeilen ſich, mir den Ruf eines excen⸗ triſchen Mannes zu verſchaffen, Ihrer Meinung nach, bin ich ein Lara, ein Manfred, ein Lord Ruthven, nun, der Augenblick, mich excentriſch zu ſehen, iſt vorüber; Sie verderben Ihr Vorbild, wollen, daß ich gewöhnlich, gemein werde, verlangen Erklärungen, kurz— Sie wollen über mich lachen, mein Herr!“ „Indeſſen,“ entgegnete Beauchamp mit Würde,„es giebt Ge⸗ legenheiten, in denen die Rechtlichkeit gebietet „Mein Herr,“ unterbrach ihn der ſonderbare Mann,„wer dem Grafen v. Monte⸗Chriſto gebietet, das iſt der Graf v. Monte⸗ Chriſto. Alſo kein Wort weiter, wenn es Ihnen gefällig iſt. Ich thue ſtets was ich will Herr Beauchamp, und, glauben Sie mir das iſt ſtets das Rechte.“ „Herr Graf,“ entgegnete der Journaliſt,„anſtändige Leute bezahlt man nicht mit ſolcher Münze, die Ehre bedarf einer Garantie.“ „Ich bin eine lebende Garantie,“ ſagte Monte⸗Chriſto kalt, während ſeine Augen drohend Blitzen glichen.„Wir haben Beide Blut in den Adern, das wir zu vergießen wünſchen! Das iſt unſere gegenſeitige Garantie. Bringen Sie dem Vicomte dieſe Antwort, und ſagen Sie ihm, daß ich morgen früh vor zehn Uhr —— 1 1164 die Farbe ſeines Blutes geſehen habe würde.“ „Es iſt alſo weiter nichts nöthig,“ antwortete Beauchamp, „als die Arrangements zu treffen...“ „Das iſt mir Alles ſehr gleichgiltig,“ rief der Graf,„es war ganz unnöthig. In Frankreich ſchlägt man ſich auf Degen oder Piſtolen, in den Colonieen nimmt man den Carabiner, in Arabien nimmt man den Dolch. Sagen Sie dem Vicomte, daß ich, obgleich beleidigt, ihm die Wahl der Waffen ganz überlaſſe, ohne Einſpruch zu thun, hören Sie wohl, Alles, ſelbſt wenn er es dem Zufall überlaſſen ſollte, was zwar immer ſehr albern, mir aber gleichgiltig iſt, da ich gewiß bin, ſtets zu ſiegen.“ „Gewiß, zu ſiegen?“ fragte Beauchamp den Grafen beſtürzt betrachtend. „Nun ja,“ rief Monte⸗Chriſto leicht die Achſeln zuckend,„ohne dieſe Ueberzeugung würde ich mich nicht mit Herrn von Morcerf ſchlagen. Ich werde ihn tödten, es muß, es wird ſein. Benach⸗ richtigen Sie mich bald, welche Waffe gewählt iſt, ich liebe das lange Warten nicht.“ „Gut, Piſtolen denn, um acht Uhr im Gehölz von Vincennes,“ ſagte der junge Mann verwirrt, nicht wiſſend, ob er es mit einem eingebildeten Großſprecher, oder einem übernatürlichen Weſen zu thun habe. „Gut, mein Herr,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„aber jetzt, da Alles abgemacht iſt, laſſen Sie mich die Oper ruhig zu Ende hören, und ſagen Sie Ihrem Freunde Albert, er möge mich nicht weiter ſtören, mag er lieber nach Hauſe gehen und ſchlafen.“ Ganz verdutzt empfahl ſich Beauchamp. „Und nun,“ ſagte Monte⸗Chriſto, ſich zu Morrel wendend, „rechne ich auf Sie, nicht wahr?“ „Gewiß,“ entgegnete dieſer,„Sie können ganz über mich ver⸗ fügen, Graf, indeſſen...“ „Was?“ „Es würde wichtig ſein, wenn ich die wahre Urſache kennte.“ „Das heißt ſich weigern.....“ „Gewiß nicht.“ „Die wahre Urſache, Maximilian?“ ſagte der Graf.„Dieſer junge Mann ſelbſt tappt im Finſtern und kennt ſie nicht. Nur Gott u hrenn 2 zeuge 7 Paris, glauben / ſchamp, es war n oder lrabien ögleich pruch Jufall giltig beſtürzt „ohne Norcerf ZBenach⸗ ebe das ennes,“ teinem eſen zu etzt, da hören, weiter hendend, nich ver⸗ tennte.“ „Dieſet t. Nur 1165 Gott und ich wiſſen die wahre Urſache, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Gott, der ſie kennt, auf meiner Seite iſt.“ „Das genügt, Graf,“ ſagte Morrel.„Und Ihr zweiter Zeuge?“ „Außer Ihnen, lieber Maximilian, kenne ich Niemand in Paris, den ich dieſer Ehre würdigte, als Ihren Schwager Emanuel; glauben Sie, daß er mir dieſen Dienſt erzeigen wird?“ „Er iſt Ihnen ſo ergeben als ich.“ „Gut, eines Mehrern bedarf ich nicht. Morgen früh um Sieben werden Sie bei mir ſein, nicht wahr?“ „Wir werden pünktlich ſein.“ 3 „Still, der Vorhang wird in die Höhe gezogen, hören wir. Ich habe es nicht gern, wenn mir auch nur eine Note verloren geht, es iſt eine herrliche Muſik in dieſem Wilhelm Tell.“ ——— XD. Die Racht. Erſt nachdem Duprez ſein berühmtes—„Folge mir“ ge⸗ ſungen hatte, verließ der Graf v. Monte⸗Ehriſto ſeine Loge. Beim Abſchiede wiederholte Morrel ſein Verſprechen, den nächſten Morgen zur beſtimmten Zeit mit Emanuel bei ihm zu ſein. Dann ſtieg der Graf, lächelnd und ruhig, in ſeinen Wagen. Fünf Minuten ſpäter war er in ſeinem Hotel. Nur wer den Grafen gar nicht kannte, konnte ſich durch den Ausdruck der Worte täuſchen laſſen: „Ali, meine Piſtolen mit den Elfenbeinkolben.“ Ali brachte das Gewünſchte, und ſein Herr unterſuchte die Waffen mit einer Genauigkeit, die einem Mannd nicht zu verdenken iſt, der ſein Leben einem kleinen Stück Eiſen oder Blei anver⸗ traut. Dieſer Piſtolen bediente ſich der Graf gewöhnlich, wenn er in ſeinen Zimmern nach dem Ziele ſchoß. Eine Kapſel genügte, die Kugel geräuſchlos fortzuſchnellen, und im Nebenzimmer konnte Niemand ahnen, daß der Graf auf dieſe Weiſe beſchäftigt war. Eben legte er die Piſtole auf das Ziel,— ein Eiſenblech in der Wand,— an, als Baptiſtin eintrat. Aber noch ehe er den Mund öffnete, gewahrte der Graf im Halbſchatten der offen gebliebenen Thür eine verſchleierte Frau. Sie hatte die Piſtole in der Hand des Grafen geſehen, glaubte zwei Degen auf dem Tiſche zu bemerken, und ſtürzte vor. Baptiſtin blickte ſeinen Gebieter fragend an. Auf ein Zeichen des Grafen, verließ er das Zimmer, und verſchloß die Thür hinter ſich. „Wer ſind Sie?“ fragte der Graf die verſchleierte Frau. EChriſt Monte uns un U ausgeſt zitterte erriet! 2 Ferna r 7 ge⸗ 6 n, den zu ſein. gagen. ach den hte die erdenken anver⸗ in er in zte, die konnte war. blech in Praf im Frau. glaubte er, und Frau. 1167 Die Unbekannte ſah ſich forſchend um, wie um ſich zu verſichern, boob ſie auch allein wären, dann beugte ſie das Knie, faltete die Hände und rief mit dem Ausdruck höchſter Verzweiflung: „Edmond, Sie werden meinen Sohn nicht tödten.“ Der Graf trat einen Schritt zurück, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und ließ die Waffe fallen, welche er noch in der Hand hielt. „Welchen Namen ſprechen Sie aus, Frau von Mocerf!“ ſagte er.. „Den Ihrigen“, rief ſie, ihren Schleier zurückſchlagend,„den Ihrigen, den ich allein nicht vergeſſen habe. Edmond, nicht Frau v. Morcerf kommt zu Ihnen, ſondern Mercedes.“ „Mereedes iſt todt, gnädige Frau“, ſagte Monte⸗Chriſto,„und ich kenne Niemand dieſes Namens mehr.“ „Mercedes lebt, mein Herr, und hat Sie nie vergeſſen, denn ſie allein erkannte Sie, ſobald ſie Sie geſehen, und noch vorher an Ihrer Stimme, Edmond, bei dem bloßen Klange Ihrer Stimme. O, ſeitdem folgt ſie Ihnen, Schritt für Schritt, ſie überwacht, ſie fürchtet Sie, und hatte nicht nöthig, die Hand zu ſuchen, welche Herrn von Morcerf vernichtend traf.“ „Fernand, wollen Sie ſagen, gnädige Frau“, entgegnete Monte⸗Chriſto mit bitterer Ironie;„da wir einmal dabei ſind, uns unſerer Namen zu erinnern, dürfen wir Niemand vergeſſen.“ Und der Graf hatte den Namen Fernand mit ſolchem Haß ausgeſprochen, daß Mercedes vor Entſetzen am ganzen Körper zitterte. „Sie ſehen, Edmond, daß ich mich nicht irrte,“ ſagte ſie, „und daß ich wohl Urſache hatte, zu ſagen: Schonen Sie meinen Sohn!“ „Und wer ſagte Ihnen, gnädige Frau, daß ich etwas mit ihm vorhabe?“ „Mein Gott, Niemand! aber eine Mutter ſieht für zwei. Ich errieth Alles, folgte ihm in die Oper und ſah unerkannt Alles.“ „O wenn Sie Alles ſahen, haben Sie auch geſehen, daß Fernands Sohn mich öffentlich beſchimpft hat“, ſagte Monte⸗ Chriſto mit fürchterlicher Ruhe. „O Erbarmen! Mitleid!“ 1168 „Sie haben alſo auch geſehen“, fuhr der Graf fort, daß er mir ſeinen Handſchuh in das Geſicht geworfen haben würde, hätte ihn mein Freund, Herr Morrel, nicht daran verhindert.“ „Hören Sie mich. Mein Sohn hat Sie gleichfalls errathen, und er mißt Ihnen das Unglück bei, welches ſeinen Vater getroffen hat.“ 1 „Gnädige Frau“, ſagte Monte⸗Chriſto,„Sie verwechſeln,— es iſt kein Unglück, ſondern eine Strafe. Nicht ich, die Vorſehung ſtraft Herrn von Morcerf.“ „Und weshalb ſubſtituiren Sie die Vorſehung?“ ſchrie Mercedes.„Weshalb erinnern Sie ſich, wenn ſie vergißt? O Edmond, was kümmert Sie Janina und ſein Vezier? Was that Ihnen Fernand Mondego, indem er Ali Tebelin verrieth?“ „Das Alles, gnädige Frau, iſt eine Sache zwiſchen dem fran⸗ zöſiſchen Officier und der Tochter Ali's. Sie haben Recht, das geht mich wenig an. Ich habe geſchworen mich zu rächen, nicht an dem franzöſiſchen Obriſten, nicht an dem Grafen von Morcerf, ſondern an dem Fiſcher Fernand, dem Manne der Catalonierin Mercedes.“ „Ach, mein Herr“, rief die Gräfin,„welche entſetzliche Rache für einen Fehler, welchen das Mißgeſchick mich begehen ließ, denn die Schuldige bin ich, Edmond, und wenn Sie ſich an Jemand rächen wollen und müſſen, ſo bin ich es, die nicht Kraft genug be⸗ ſaß gegen Ihre Abweſenheit und mein Alleinſtehen.“ „Und weshalb“, rief Monte⸗Chriſto,„war ich abweſend? Weshalb ſtanden Sie allein?“ „Weil Sie Gefangener waren, Edmond.“ „Und weshalb nahm man mich feſt?“ „Das weiß ich nicht.“ „Ja, Sie wiſſen es nicht, ich hoffe es wenigſtens. Nun gut, jetzt will ich es Ihnen ſagen. Ich ward Gefangener, weil in der Laube bei dem Vater Pamphile, am Vorabende unſerer Hochzeit, ein Mann Namens Danglars dieſen Brief ſchrieb, welchen der Fiſcher Fernand ſelbſt zur Poſt trug.“ Und Monte⸗Chriſto ging an den Schreibtiſch, nahm aus einem verborgenen Fache ein vergelbtes Papier und gab es Mercedes. Es war Danglars Brief an den Procurator des Königs, welchen datarit die zu Edmon T 3 Procur nant d konunen hat, ve dieſem beauftt / verhaft Vater, „ bedeckte C 7 Monte heute n! „6 neiner Jahre Schloſſe wvierzeht obgleig geheira war.“ 2 „ fängni der to räche! Fernal Der daß er rrathen, getroffen eln,— rſehung “ ſchrie Edmond, Ihnen em fran⸗ ht, das nicht an Moreerf, alonierin che Rache eß, denn Jemand enug be⸗ wweſend? Nun gut, lin der Hochzeit, ichen der zus einem ercedes. GKönigs, hüte 1169 welchen der Graf von Monte⸗Chriſto an dem Tage, wo er als Man⸗ datarius des Hauſes Thomſon und French, dem Herrn von Boville die zweihunderttauſeud Franken bezahlte, aus den Acten über Edmond Dantes genommen hatte. Nercedes las voller Schrecken folgende Zeilen: „Ein Freund des Thrones und der Religion benachrichtigt den Procurator des Königs, daß ein gewiſſer Edmond Dantes, Lieut⸗ nant des Schiffes Pharaon, dieſen Morgen von Smyrna ange⸗ kommen iſt, und auf ſeiner Reiſe Neapel und Porto⸗Ferrajo berührt hat, von Mürat mit einem Schreiben an den Urſurpator, und von dieſem mit einem Schreiben an das bonapartiſtiſche Comité in Paris beauftragt war. „Der Beweis ſeines Verbrechens wird ſich ergeben, wenn er verhaftet wird, denn man wird jenen Brief bei ihm, bei ſeinem Vater, oder in ſeiner Cabine am Bord des Pharaon finden.“ „O mein Gott,“ ſtöhnte Mercedes, die Hand an ihre ſchweiß⸗ bedeckte Stirn legend,„und dieſer Brief...“ „Ich habe ihn für zweihunderttauſend Franks gekauft,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„aber das iſt noch ein guter Kauf, weil er mir heute Gelegenheit giebt, mich in Ihren Augen zu rechtfertigen.“ „Und das Reſultat dieſes Briefes?“ „Sie wiſſen, ich wurde Gefangener, aber Sie kennen die Dauer meiner Gefangenſchaft nicht. Sie wiſſen nicht, daß ich vierzehn Jahre lang eine Viertelſtunde von Ihnen, in einem Kerker des Schloſſes If feſtgehalten ward. Sie wußten nicht, daß ich dieſe vierzehn Jahre hindurch jeden Tag den Racheſchwur erneute,— obgleich ich noch nicht wußte, daß Sie, Fernand, meinen Ankläger geheirathet hatten, daß mein Vater geſtorben, Hungers geſtorben war.“ „Gerechter Gott,“ ächzte Mercedes. „Aber dies erfuhr ich, als ich nach vierzehn Jahren das Ge⸗ fängniß verließ, und bei Mercedes, die lebte und meinem Vater, der todt war, ſchwor ich, mich an Fernand zu rächen, und... ich räche mich!“ „Und Sie ſind feſt davon überzeugt, daß der unglückliche Fernand es wirklich geweſen?“... „Bei meiner Seele, es iſt wie ich geſagt. Uebrigens iſt das Der Graf von Monte⸗Chriſto. 74 1170 gar nichts, wenn man bedenkt, ein Pflegeſohn Frankreichs, ging er zu den Engländern über, Spanier von Geburt, kämpfte er gegen Spanien, von Ali beſoldet, verrieth und mordete er denſelben, was iſt im Vergleich dazu dieſer Brief? Ein Betrug aus Liebe, den, ich geſtehe und begreife es, die Frau verzeihen muß, welche dieſen Mann geheirathet hat, aber den der nicht verzeihen kann, welcher dieſe Frau heirathen wollte. Die Franzoſen haben ſich an dem Ver⸗ räther nicht gerächt, die Spanier haben ihn nicht erſchoſſen, Ali tief im Grabe ruhend, konnte ihn nicht ſtrafen, aber ich, verrathen, getöd⸗ tet, auch in ein Grab geworfen, bin durch Gottes Gnade dieſem Grabe entronnen, Gott ſelbſt will die Rache, durch mich fordert er Rache!“ Die arme Frau brach kraftlos zuſammen, ſie fiel auf die Kniee. „Verzeihung, Edmond,“ flehte ſie,„Verzeihung für mich, die Sie noch liebt. Die Würde der Gattin hemmte den Aufſchwung der Geliebten und Mutter.“ Ihre Stirn berührte faſt den Teppich. Der Graf eilte zu ihr und hob ſie auf. In einem Sopha ruhend, konnte ſie genau das männliche Ge⸗ ſicht des Grafen betrachten, welches durch Schmerz und Haß faſt drohend ward. „Ich ſoll dieſe Verfluchten nicht zerſchmettern, ich ſoll Gott ungehorſam ſein, der mich zum Werkzeuge ſeiner Rache erkoren hat? Unmöglich... unmöglich...“ murmelte er.„Nein, gnädige Frau, es geht nicht!“ „Edmond,“ ſagte die unglückliche Mutter, jedes Mittel ver⸗ ſuchend,„o mein Gott, wenn ich Sie Edmond nenne, weshalb nennen Sie mich nicht Mercedes.“ „Mercedes!“ wiederholte Monte ⸗Chriſto,„Mercedes! ach ja, Sie haben Recht, dieſer Name iſt mir noch immer theuer... ach, und ſeit langer Zeit iſt er nicht ſo klar meinen Lippen entflohen. O Mercedes, ich habe ihren Namen in den Seufßzern tiefſter Traurig⸗ keit geflüſtert, ich habe ihn im tiefſten Schmerze gehaucht, wie in der Wuth der Verzweiflung. Vor Kälte erſtarrt, auf das Stroh meines Lagers gekauert, oder von der Hitze durchglüht auf den Steinplatten meines Kerkers liegend, dachte ich an Sie, Mercedes; o Mercerdes, und ich muß mich rächen, denn vierzehn Jahre lang habe ich geweint, vierzehn b hole ich Und geliebt 1 ſeinem 4 1 nur an! Sohne! 4 „3 Chriſto: Kinder, Prophet als Gott „Al Menſchen Mo⸗ glich, un 4 E ausſtrec angebet Freund dem Sy Gebete lebend glaubte Kerkerm und ich als wei Nacht! fliehen Sack ein der Höh 1 Sie, an loſen H dem 9 flehe,; ich jede 5, ging er eer gegen Alben, vas ſibe, den, lche dieſen n, we lcher demn Ver⸗ n, Ali tief hen, gettd⸗ ſem Grabe Kcache!“ el auf die mich, die ſlufſchwung nnliche Ge⸗ Haß fatt ſoll Gott he erkoren n, gnädige littel ver⸗ , weshalb des! ach ja, er.. ach, entflohen. rTraurig⸗ wie in der roh meines teinplatten cerdes, und c geweint, 47 3 5 * 4 6 48 1171 1 vierzehn Jahre lang habe ich übermenſchlich gelitten und jetzt wieder⸗ hole ich es: Mercedes, ich muß mich rächen.“ Und der Graf, fürchtend, den Bitten der Einen, die er ſo ſehr geliebt, nicht länger widerſtehen zu können, rief ſeine Erinnerungen ſeinem Haſſe zu Hilfe. „Rächen Sie ſich, Edmond,“ rief die gequälte Mutter,„aber nur an dem Schuldigen, an ihm, an mir, aber nicht an meinem Sohne!“ „In der heiligen Schrift ſtehet geſchrieben,“ entgegnete Monte⸗ Chriſto:„Die Sünden der Väter werden zurückfallen auf die Kinder, bis auf das dritte und vierte Glied. Da Gott dem Propheten dieſe ſeine Worte dictirt hat, ſoll ich etwa beſſer ſein als Gott?“ „Aber Gott hat Zeit und Ewigkeit, Beides fehlt den Menſchen.“ Monte Chriſto ſtieß einen Seufzer aus, der faſt einem Gebrüll glich, und faßte mit beiden Händen in ſein ſchönes Haar. *„Edmond,“ fuhr Mercedes fort, ihre Arme gegen den Grafen ausſtreckend.„Edmond, ſeit ich Sie kenne, habe ich Ihren Namen angebetet, iſt mir Ihr Andenken heilig geweſen. Edmond, mein Freund, ſoll dieſes edle Bild getrübt werden, welches ſo rein in dem Spiegel meines Herzens widerſtrahlt? O könnten Sie die Gebete zählen, die ich für Sie zu Gott geſandt, ſo lange ich Sie lebend wußte und ſeit ich Sie todt geglaubt. Ja todt! Ach, ich glaubte Ihren Leichnam in einer jener Tiefen, in welchen die Kerkermeiſter die Körper ihrer Gefangenen zu verſenken pflegen, und ich weinte. Was anders konnte ich für Sie thun, Edmond, als weinen und beten? Hören Sie, zehn Jahre lang habe ich jede Naacht denſelben Traum gehabt. Man hat mir geſagt, Sie hätten fliehen wollen, hätten ſtatt eines andern Gefangenen ſich in den Sack eines Todten gehüllt; man habe dieſen lebenden Leichnam von der Höhe des Schloſſes If herabgelaſſen, und nur der Schrei, den Sie, an den Felſen zerſchmetternd, ausgeſtoßen, habe Ihre ahnungs⸗ loſen Henker aufmerkſam gemacht. Ach, Edmond, ich ſchwöre es bei dem Haupte meines einzigen Sohnes, für den ich Sie um Gnade flehe, zehn Jahre hindurch ſah ich jede Nacht dieſe Scene, hörte ich jede Nacht jenen entſetzlichen Schrei, von dem ich erſtarrt und 74- 1172 bebend erwachte. Ach glauben Sie mir, auch ich, Edmond, ſo ſtraf⸗ bar ich bin, habe entſetzlich gelitten.“ „Starb Ihr Vater, während Sie fern waren?“ rief Monte⸗ Chriſto, ſeine Haare zerraufend,„haben Sie die angebetete Geliebte die Gattin Ihres Nebenbuhlers werden ſehen, während Sie im Kerker ſchmachteten?“ „Nein,“ ſagte Mercedes dumpf,„aber ich habe den Mann, welchen ich liebe, bereit geſehen, der Mörder meines Sohnes zu werden.“ In dieſen Worten der Gräfin lag ein ſo ergreifender Schmerz, eine ſo tiefe Verzweiflung, daß heftiges Schluchzen den Grafen über⸗ mannte. Der Löwe war gebändigt, der Rächer beſiegt!!! „Was verlangen Sie?“ fragte er.„Daß Ihr Sohn lebe? Gut, er wird leben...“ Mercedes ſtieß einen Schrei aus, der zwei Thränen in die Augen des Grafen zauberte, aber dieſe beiden Thränen verſchwanden ſogleich; jedenfalls hatte Gott einen Engel geſandt, ſie hinwegzu⸗ küſſen, denn ſie waren in den Augen des Herrn koſtbarer, als die reichſten Perlen von Guzaretta und Ophir.— „O,“ rief ſie, Monte⸗Chriſto's Hand an ihre Lippen preſſend, „o Dank, Dank, Edmond, o jetzt darf ich es wohl ſagen, das biſt Du, den ich ſtets ſo ſehr geliebt, deſſen ich ſtets gedacht habe! O ich darf es ſagen.“ „Um ſo mehr,“ ſprach der Graf,„als der arme Edmond nicht lange mehr von Ihnen geliebt ſein wird. Der Todte kehrt in das Grab zurück, der Schatten verſchwindet in der Nacht.“ „Was ſagen Sie, Edmond?“ „Ich ſage, daß ich ſterben muß, weil Sie es befehlen, Mercedes.“ „Sterben! Wer hat das geſagt? Wer ſpricht von Sterben? Woher nehmen Sie dieſe Todesgedanken?“ „Sie werden nicht verlangen, daß ich, öffentlich beſchimpft, in Gegenwart ihrer Freunde und derer Ihres Sohnes durch ein Kind beſchimpft, welches ſich meine Verzeihung wie eines Sieges rühmen wird— Sie werden nicht verlangen, ſage ich, daß ich noch einen Augenblick den Wunſch hegen kann, länger zu leben. Nach Ihnen, Nercede das hei macht, dieſelbe „T verzeihen E Blut die ſein wü M. jedoch i „ Sie lel gläubig auf Ihn leben, u 7 welche annahn 1 / auf ihn haben in ihre weder erhaben nachden nfen uſ ohn lebe? en in die ſchwanden hinwegzn⸗ e-, als die en preſſend, „das biſt acht habe! nond nicht att in das befehlen, Sterben? himpft, in ein Kind es rühmen noch einen ach Ihnen, 1173 MNercedes, habe ich mich, das heißt meine Würde, am meiſten geliebt, das heißt, dieſe Kraft, welche mich andern Menſchen überlegen 8 macht, dieſe Kraft war mein Leben. Durch ein Wort haben Sie ddiieſelbe gebrochen, ich ſterbe!“ „Aber dieſes Duell wird nicht ſtattfinden, Edmond, denn Sie verzeihen!“ „Es wird ſein,“ ſagte Momie⸗ Chriſto ernſt,„nur wird mein Blut die Erde tränken, ſtatt daß ſonſt das Ihres Sohnes gefloſſen ſeein würde.“ Mercedes ſchrie laut auf, eilte auf Monte⸗Chriſto zu, blieb jedoch plötzlich ſtehen. „Edmond,“ ſprach ſie feierlich,„über uns lebt ein Gott, weil Sie leben, weil ich Sie wieder geſehen habe, vertraue ich ihm gläubig vom ganzen Herzen. Seinen Schutz erwartend, baue ich auf Ihr Wort. Sie haben geſagt, mein Sohn ſolle leben, er wird leben, nicht wahr?“ „Ja, gnädige Frau“, ſagte Monte⸗Chriſto, beſtürzt, daß die, welche er ſo ſehr geliebt, ruhig und gleichgiltig dieſes heroiſche Opfer annahm. Mercedes reichte dem Grafen die Hand. „Edmond,“ ſagte ſie, ihren in Thränen ſchwimmenden Zlick aͤaauf ihn richtend,„wie herrlich, wie groß handeln Sie! Wie er⸗ haben iſt es, Mitleid mit einer armen Frau zu empfinden, die ſich in ihrem Unglück hoffnungslos, aber dennoch bittend Ihnen nahte. Ach, ich bin noch mehr vom Kummer als vom Alter gebeugt, und weder ein Lächeln noch ein Blick vermag meinem Edmond jene 3„Mercedes zu vergegenwärtigen, die er ſonſt die Seine nannte! Ach, ich wiederhole, daß auch ich viel, viel gelitten habe, es iſt traurig ſein Leben ohne einen einzigen Freudenſchimmer verfließen zu ſehen. 3 Keine Hoffnung blieb mir, aber das beweiſt, daß das Leben nicht hier zu Ende iſt. Nein, nicht Alles iſt zu Ende, ich fühl' es an · dem, was mir im Herzen lebt. O Edmond, ich wiederholte es, zu voerzeihen wie Ste, iſt ſchön, iſt groß und erhaben!“ „Sie ſagen das, Mercedes, aber was würden Sie ſagen, wenn Sie die ganze Größe meines Opfers kennten? Nehmen Sie an, der eerhabene Lenker unſers Geſchicks habe, nachdem die Welt erſchaffen, nachdem das Chaos gelichtet ward, plötzlich inne gehalten, um einem Engel die Thränen zu erſparen, welches ſein unſterbliches Auge einſt über unſere Vergehen geweint haben würde, nehmen Sie an, der Herr habe, nachdem Alles vorbereitet und befruchtet war, ſtatt ſein Werk zu bewundern, die Sonne verlöſcht, und die Erde mit ſeinem Fuße in die ewige Nacht zurückgeſtoßen, dann würden Sie ſich noch einen Gedanken,.. aber nein, nein, auch dann könnten Sie ſich noch keinen Gedanken von dem machen, was ich jetzt ſterbend verliere.“ Mercedes ſah den Grafen mit einem Blicke an, in dem ſich Erſtaunen, Bewunderung und Dankhbarkeit vereinten. Monte⸗Chriſto barg ſein glühendes Geſicht in beiden Händen. „Edmond,“ ſagte Mercedes,„ich habe Ihnen nur noch ein Wort zu ſagen.“ Der Graf lächelte bitter. „Edmond,“ fuhr ſie fort,„Sie werden ſehen, daß, wenn auch meine Wangen gebleicht, wenn das Feuer meiner Augen erloſchen, wenn meine Schönheit vergangen iſt, ja wenn dieſe Mercedes in keiner Hinſicht mehr an jene Mercedes von ſonſt erinnert, ſie den⸗ noch ſtets daſſelbe Herz behielt!... Lebe wohl, Edmond, ich habe nichts mehr von dem Himmel zu bitten, ich habe Dich wiedergeſehen, eben ſo würdig, eben ſo groß als ſonſt... Lebe wohl, Edmond, lebe wohl, und Dank.“ Aber der Graf antwortete nicht. Mercedes öffnete die Thür, und entſchwand noch ehe der Graf aus der ſchmerzlichen und tiefen Traurigkeit erwachte, in welche ihn die aufgegebene Rache geſtürzt hatte. Die Uhr der Invaliden ſchlug Eins, als der Wagen der Frau v. Morcerf über das Pflaſter der elyſäiſchen Felder rollte und den Grafen von Monte⸗Chriſto aus ſeinem Sinnen erweckte. „Unſinniger,“ ſagte er,„warum riß ich mir nicht an dem Tage, an dem ich Rache ſchwur, das Herz aus!“ Wun O da lung ich g ehmen Sie ctet war, die Erde u würden luch dann vns ih dem ſch in Händen. noch ein wenn auch dergeſehen, „Edmond, he der Graf in welche der Frat te und den k. t an den XDI. Das Rencontre. Nachdem Mercedes ihn verlaſſen, ward es rings um den Grafen Nacht. Sein energiſcher Geiſt entſchlief, wie der Körper nach einer übergroßen Ermüdung erſchlafft. „So iſt alſo,“ ſagte er, während Lampe und Kerzen düſter glimmten und die Diener ungeduldig im Vorzimmer harrten,„ſo iſt alſo dieſes langſam vorbereitete, mit ſo viel Mühe und Sorg⸗ falt erhaltene Gebäude durch einen Schlag, ein Wort, einen Hauch zerſtört! Und ich, der auf ſich hielt, der ſo ſtolz war, der ich, troſt⸗ los aus den Kerkern des Schloſſes If hervorgehend, ſo groß und mächtig ward, ich werde morgen ein wenig Staub ſein! Ach, ich beklage nicht den Tod des Körpers, die Zerſtörung des Körpers iſt ja der Ruhepunkt, wohin Alles führt, auf den jeder Unglück⸗ liche hofft, dieſer Friede der Menſchennatur, nach dem ich ſo lange geſeufzt habe, dem ich ſchon auf dem ſchmerzhaften Wege des Hungertodes zueilte, als Faria in meinem Kerker erſchien. Was iſt denn alſo für mich der Tod? Einige Stufen der Ruhe und des Schweigens mehr. Nein, die irdiſche Exiſtenz beklage ich nicht, aber der Verfall meiner ſo lange und ſorgfältig gehegten Pläne thut meinem Herzen weh. Alſo war die Vorſehung wohl wieder Erwmarten gegen ſie? Gott wollte wohl ihre Erfüllung nicht!“ „Dieſe Laſt, die ich bis zum Ende tragen zu können glaubte, überſtieg demnach wohl meine Kräfte, es war mein Wille, mein Wunſch, aber nicht meine Pflicht, mitten im Laufe erlag ich der Bürde. O das Mißgeſchick kehrt alſo nach vierzehn Jahren der Verzweif⸗ lung und zehn Jahren der Hoffnung wieder zu mir zurück!! „Und das Alles, das Alles, mein Gott, weil mein Herz, das ich geſtorben wähnte, nur erſtarrt war, weil es erwacht iſt und —— ÿʒÿʒʒ———— 1176 geſchlagen hat, weil ich dem durch die Stimme einer Frau in der innerſten Tiefe meines Herzens geweckten, ſchmerzlichen Klopfen nachgegeben habe.“ Indeſſen fuhr er fort, ſich mehr und mehr den ſchrecklichen nächſten Morgen vergegenwärtigend:„Es iſt unmöglich, daß dieſe Frau, deren Herz ſo rein war, daß Mercedes aus Egoismus ein⸗ willigen konnte, daß ich, in der vollen Kraft und Friſche meines Lebens, ſterbe! Es iſt unmöglich, daß ſie die Liebe oder vielmehr den mütterlichen Wahnſinn bis zu dieſem Punkte treibt. Es giebt Tugenden, deren Uebertreibung Verbrechen wird. Nein, ſie wird eine rührende Scene aufführen, ſich zwiſchen die Degen ſtürzen und das Ganze wird dadurch nur lächerlich werden.“ Und die Gluth des Zornes röthete des Grafen Stirn. „Lächerlich!“ wiederholte er,„die Lächerlichkeit wird auf mich zurückfallen... Ich lächerlich! Nein, nein, lieber will ich ſterben.“ Indem er ſo im Voraus die ſchlimmen Folgen des nächſten Morgens übertrieb, an dem er ſich für Mercedes Sohn, ſeinem Verſprechen gemäß, opfern wollte, ſagte er: „Thorheit, Thorheit! Was thut man mit der Großmuth, wenn man ſich dadurch zu einer gewiſſen Unthätigkeit verdammt, den Piſtolen dieſes jungen Mannes gegenüber. Nie wird er glauben, daß mein Tod ein Selbſtmord war, und doch erfordert die Ehre meines Gedächtniſſes(o mein Gott, nicht wahr, das iſt nicht Eitel⸗ keit, ſondern nur ein gerechter Stolz), ja, meine Ehre erfordert es, daß die Welt erfahre, ich ſelbſt habe freiwillig meinen ſchon ge⸗ hobenen, ſo mächtigen Arm gegen mich ſelbſt gekehrt. Ja, ſo ſoll es ſein, ich will es!“ Und eine Feder ergreifend, nahm er ein Papier aus ſeinem Schreibtiſche und ſchrieb unter dieſes Papier, welches ſein, bei ſeiner Ankunft in Paris niedergeſchriebenes Teſtament war, eine Art Codicill, in welchem er auch den weniger hellſehenden Menſchen ſeinen Tod zu erkennen gab. „Ich thue das, mein Gott,“ ſagte er, die Augen zum Himmel erhoben,„mehr zu Deiner als zu meiner Ehre. Seit zehn Jahren, Herr, habe ich mich als Werkzeug Deiner Rache betrachtet, und weder Morcerf, Danglars, noch Villefort ſollen ſich einbilden, daß der Zufall ſie von ihrem Feinde befreit hat. Sie mögen im Gegen⸗ ——— —— theil 1 tirt ho jedoch daß ſi Monte Kopf, wieder „ur d zur G . einem Kopf! Wache etwas ihr L vertra ¹ Zeilen Sohn die Julie er ni Glüc auf; Paſch falt Klopfen reclichen aß dieſe ſals ein⸗ meines jelmehr ſEs geebt ſie wird ſtürzen auf mich erben.“ nächſten ſeinem oßmuth, rdammt, glauben, die Ehre ht Eitel⸗ rdert es, ſchon ge⸗ „ſo ſoll 8 ſeinem ſein, bei ar, eine Menſchen Himmel Jahren, htet, und den, daß n Gegen⸗ 411, theil wiſſen, daß die Vorſehung, die ihnen ihre Strafe ſchon decre⸗ tirt hatte, durch die Macht meines Willens aufgehalten ward, daß jedoch die jetzt aufgeſchobene Strafe ſie in jener Welt erwartet, und daß ſie nur die Zeit gegen die Ewigkeit vertauſcht haben.“ Während er in dieſer finſtern Ungewißheit ſchwebte, verklärte ein goldner Tagesſchimmer ſein bleiches Geſicht. Es war Morgens früh fünf Uhr. Plötzlich drang ein leichtes Geräuſch an ſein Ohr, es ſchien Monte⸗Chriſto, als höre er einen erſtickten Seufzer, er wandte den Kopf, blickte rings um ſich, gewahrte jedoch Niemand. Dennoch wiederholte ſich das Geräuſch, und zwar ſo ſtark, daß der Zweiſel zur Gewißheit ward. Sogleich erhob ſich der Graf, öffnete die Thür und ſah in einem Fauteuil, mit herabhängenden Armen, den ſchönen bleichen Kopf hintenüber gebeugt, Haydée, die neben der Thür, vom langen Wachen ermüdet, durch den feſten Schlaf der Jugend beſiegt, dalag. Das Geräuſch der geöffneten Thür weckte ſie nicht. Monte⸗Chriſto blickte ſie mild und traurig an. „Sie erinnerte ſich, daß ſie einen Vater beſitzt, und ich ver⸗ gaß, daß ich eine Tochter habe,“ ſagte er. Dann ſchüttelte er traurig den Kopf und fuhr fort: „Arme Haydée. Sie wollte mich ſehen, mich ſprechen, ſie hat etwas befürchtet oder errathen... Ach, ich kann nicht ſcheiden, ohne ihr Lebewohl geſagt, ich kann nicht ſterben, ohne ſie Jemand an⸗ vertraut zu haben.“ Und er ging behutſam wieder zurück und ſchrieb folgende Zeilen: „Ich beſtimme Maximilian Morrel, Capitain der Spahi's und Sohn meines alten Patrons, Peter Morrel, Rheder zu Marſeille, die Summe von zwanzig Millionen, wovon er ſeiner Schweſter Julie und ſeinem Schwager Emanuel einen Theil geben kann, wenn er nicht etwa glaubt, daß dieſes Uebermaß von Wohlſtand ihrem Glücke fchadet. Dieſe zwanzig Millionen ſind in meiner Grotte auf Monte⸗Chriſto deponirt, deren Geheimniß Bertuccio kennt.“ „Wenn ſein Herz frei iſt, und er Haydée, die Tochter Alit Paſcha's von Janina heirathen will, die ich mit väterlicher Sorg⸗ falt erzog, und welche die Liebe und Zartlichkeit einer Tochter für 1178 mich hegte, wird er, ich will nicht ſagen, meinen letzten Willen, aber meinen letzten Wunſch erfüllen. „Dieſes vorliegende Teſtament hat Haydée ſchon zur Erbin meines übrigen Vermögens beſtimmt, welches in Gütern, engliſchen, öſterreichiſchen und holländiſchen Staatspapieren und dem Mobiliar meiner verſchiedenen Paläſte und Häuſer beſteht. Nachdem die zwanzig Millionen und Legate für meine Dienerſchaft davon ge⸗ nommen ſind, wird das Ganze ungefähr noch ſechzig Millionen be⸗ tragen.“ Als er dieſe letzten Zeilen geſchrieben hatte, hörte er hinter ſich einen Schrei. Die Feder entſank ſeiner Hand. „Haydée,“ rief er,„Du haſt geleſen?“— Wirklich hatte die Morgenröthe den Schlaf von den Augen⸗ lidern des jungen Mädchens geküßt, ſie hatte ſich erhoben und war dem Grafen genaht, ohne daß dieſer ihre leichten Schritte auf dem Teppich gehört hatte. „O, mein Gebieter,“ rief ſie mit gefalteten Händen,„wes⸗ halb ſchreibſt Du ſo und zu dieſer Stunde? Weshalb beſtimmſt Du mir Dein ganzes Vermögen? Willſt Du mich verlaſſen?“ „Ich trete eine Reiſe an, liebes Kind,“ ſagte Monte⸗Chriſto unendlich zärtlich und traurig,„und wenn ich Unglück...“ Der Graf hielt inne. „Nun?“ fragte Haydée in einem Tone, den der Graf an ihr gar nicht kannte und vor dem er zitterte. „Nun, wenn ich Unglück hätte,“ fuhr er fort,„will ich, daß meine Tochter glücklich werde.“ Traurig lächelnd ſchüttelde Haydée den Kopf. „Du denkſt zu ſterben, mein Gebieter?“ ſagte ſie. „Das iſt ein heilſamer Gedanke, mein Kind,“ ſagt Le Sage.“ „Gut, wenn Du ſterben willſt, vermache Deine Güter einem Andern, denn... wenn Du ſtirbſt... bedarf ich nichts mehr.“ Und das Papier nehmend, zerriß ſie es in vier Stücke und warf ſie in die Mitte des Zimmers. Dann ſank ſie, von dieſer ungewohnten Energie erſchöpſt, dies Mal nicht ſchlafend, ſondern ohnmächtig auf den Teppich. 1 5 —ÿÿ —— ich un Si wid ſon mi len, aber ir Erbin gliſchen, Mobiliar dem die won ge⸗ en be⸗ er hinter Augen⸗ und war auf dem n,„wes⸗ beſtimmſt en?“ ⸗Chriſto 7 zf an ihr ich, daß ſagt Le ter einem nehr.“ bücke und von dieſer ſondern Monte⸗Chriſto neigte ſich zu ihr, nahm ſie in ſeine Arme, und bei dem Anblick dieſes ſchönen, jetzt zu bleichen Antlitzes, dieſer herrlichen, geſchloſſenen Augen, dieſes edeln, jetzt ſo lebloſen Körpers, kam ihm zum erſten Male der Gedanke, daß ſie ihn vielleicht anders liebe als die Tochter ihren Vater. „Ach!“ murmelte er mit tiefer Entmuthigung,„ich hätte alſo noch glücklich werden können!“ Dann trug er Handée in ihr Zimmer und übergab ſie, noch immer ohnmächtig, den Händen ihrer Frauen. Dann ging er in ſein Kabinet, verſchloß es ſorgfältig, und ſchrieb das zerriſſene Teſtament von Neuem. Kaum war er damit fertig, als ein Wagen in den Hof fuhr. Monte⸗Chriſto trat an das Fenſter, und ſah Maximilian und Emanuel ausſteigen. „Gut,“ ſagte er,„es war Zeit,“ und er verſchloß das Teſta⸗ ment mit einem dreifachen Siegel. Dann öffnete er die Thür. Morrel erſchien auf der Schwelle. Es war zwanzig Minuten vor der feſtgeſetzten Zeit. „Ich komme vielleicht zu früh, Herr Graf,“ ſagte er;„aber ich geſtehe, daß ich keine Minute ſchlafen konnte, und ſo ging es uns Allen. Ich mußte Sie durchaus ſehen, um an ihrer tapfern Sicherheit meine Kräfte zu ſtärken.“ Dieſer Probe inniger Zuneigung konnte Monte⸗Chriſto nicht widerſtehen, er reichte ſeinem jungen Freunde nicht nur die Hand, ſondern er ging ihm mit offenen Armen entgegen. „Morrel,“ ſprach er ſehr bewegt,„es iſt ein ſchöner Tag für mich, da er mir die Gewißheit giebt, daß ein Mann, wie Sie, mich liebt. Sie begleiten mich alſo?“ „Mein Gott,“ rief der junge Capitäin, zweifelten Sie denn?“ „Aber, wenn ich Unrecht hätte...“ „Hören Sie, ich habe Sie geſtern während dieſes ganzen Auf⸗ tritts beobachtet, ich habe die ganze Nacht an Ihre Zuverſicht ge⸗ dacht und mir geſagt, daß die Gerechtigkeit auf Ihrer Seite ſei, oder man dem Geſichte keines Menſchen mehr trauen dürfe.“ „Aber, Maximilian, Albert iſt Ihr Freund.“ „Eine bloße Bekanntſchaft, Graf.“ 1180 „Sie haben uns Beide an demſelben Tage zum erſten Male geſehen.“. „Ja, das iſt wahr, aber Sie ſehen, daß Sie mich erſt daran erinnern mußten.“ „Dank, Morrel; guten Morgen, Emanuel.“ Ali erſchien. „Trage dies ſogleich zu meinem Notar,“ ſagte ſein Gebieter. „Es iſt mein Teſtament, Morrel, nach meinem Tode werden Sie es kennen lernen.“ „Wie,“ ſchrie Morrel,„Sie todt?“ „Mein Freund, muß man nicht vorher Alles bedenken? Aber was thaten Sie geſtern, nachdem Sie mich verlaſſen hatten?“ „Ich war bei Tortoni und fand dort, wie ich gedacht, Beau⸗ champ und Chateau⸗Renaud. Ich geſtehe Ihnen, daß ich ſie ſuchte.“ „Aber wozu, da Alles beſtimmt war?“ „Hören Sie, Graf, die Sache iſt ernſt, undermeidlicht⸗ „Zweifelten Sie daran?“ „Nein, denn die Beleidigung war öffentlich, und Jeder ſprach davon.“ „Nun alſo?“ „Ich hoffte eine Aenderung der Waffen. Ich wünſchte den ſehen Degen, die Piſtole iſt blind.“ „Und gelang es Ihnen?“ fragte Monte⸗Chriſto, und ein ich ga Hoffnungsſtrahl blitzte in ſeinem Auge auf.„ „Nein, denn man kennt Ihre Geſchicklichkeit, mit dem Degen„ umzugehen. ü ſagen, „Bah! Wer hat das verrathen?“ „Der Waffenmeiſter.“ 3 „Alſo Ihre Pläne mißlangen?“ tödten „Vollſtändig.“, „Morrel,“ ſprach der Graf,„haben Sie mich jemals die dieſer Piſtole handhaben ſehen?“ ganz r „Nie.“ „Gut, wir haben noch Zeit, merken Sie auf.“ Monte⸗Chriſto nahm die Piſtolen, mit denen er bei Mercedes Ankunft beſchäftigt war, und ein Trefle⸗Aß an das Ziel heftend, ſchoß er zu vier Malen nach einander die vier Zweige des Trefle ab. I 1 4— 5 2 daxan ebieter. den Sie Aber ?“ 7 Zeau⸗ ſuchte.“ 2 —r ſprach chte den und ein Degen dercedes heftend, refle ab. —n Nale —öööbhͤhöͤööoͤöoͤöͤſͤſͤſͤſſͤͤ 1181 Bei jedem Schuſſe ward Morrel bleicher. Er unterſuchte die Kugeln, mit denen der Graf dieſes Meiſter⸗ werk vollführt hatte, und er ſah, daß ſie nicht größer waren als Rehſchrot. „Ach ſieh, Emanuel,“ rief er,„das iſt entſetzlich.“ Dann wandte er ſich zu Monte⸗Chriſto. „Graf,“ ſprach er,„in des Himmels Namen, tödten Sie Albert nicht, der Unglückliche hat eine Mutter.“ „Das iſt richtig, und ich habe keine.“ Dieſe Worte waren in einem Tone geſprochen, vor dem Morrel ſchauderte. „Sie ſind der Beleidigte, Graf!“ „Gewiß, was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will ſagen, daß Sie den erſten Schuß haben.“ „Ich habe den erſten Schuß?“ „Ja. Das habe ich endlich errungen.“ „Und auf wie viel Schritte?“ „Auf zwanzig.“ Ein entſetzliches Lächeln glitt über das Antlitz des Grafen. „Morrel,“ ſprach er,„vergeſſen Sie nie, was Sie eben ge⸗ ſehen haben.“ „Ach,“ ſagte der junge Mann,„um Albert zu retten, rechne ich ganz allein auf Ihre Bewegung.“ „Ich bewegt?“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Oder auf Ihre Großmuth, mein Freund; ja, Ihnen kann ich ſagen, was bei jedem Andern lächerlich ſein würde.“ „Nun?“ „Zerſchmettern Sie ihm einen Arm, verwunden Sie ihn, aber tödten Sie ihn nicht.“ „Morrel, hören Sie noch dies,“ ſagte der Graf,„es bedarf dieſer Bitte nicht, Herr von Morcerf wird mit ſeinen beiden Freunden ganz ruhig den Platz verlaſſen, während ich...“ „Nun? während Sie?“ „O, das iſt etwas Anderes, man wird mich forttragen.“ „Mein Gott!“ rief Morrel außer ſich. „Es iſt, wie ich Ihnen ſage, meine Herren, Morcerf wird mich tödten.“ ——. Q.O.n— 1182 Morrel ſah den Grafen, er begriff nicht. „Aber wäs iſt Ihnen denn ſeit geſtern Abend begegnet?“ „Was dem Brutus am Abend vor der Schlacht bei Philippi begegnete, ich habe ein Geſpenſt geſehen.“ „Und dieſes Geſpenſt?“ „Dies Geſpenſt, mein Freund, hat mir geſagt, ich hätte genug gelebt.“ Maximilian und Emanuel ſahen einander beſtürzt an, Monte⸗ Chriſto ſah nach der Uhr. „Gehen wir,“ ſagte er,„es iſt die höchſte Zeit.“ Ein Wagen erwartete ſie! die drei Herren ſtiegen ein. Als ſie durch den Corridor gingen, war der Graf vor einer Thür ſtehen geblieben, während Morrel und ſein Schwager be⸗ ſcheiden weiter gingen. Sie glaubten einen von Schluchzen erſtickten Seufzer zu hören. „Da ſind wir,“ ſagte Morrel, als der Wagen hielt,„und zwar die Erſten.“ „Der Herr wird verzeihen,“ ſprach Baptiſtin, der ſeinem Ge⸗ bieter mit unbeſchreiblichem Schrecken gefolgt war,„aber ich glaube da unten unter den Bäumen einen Wagen zu bemerken.“ Monte⸗Chriſto ſprang leicht aus dem Wagen und reichte Emanuel und Maximilian die Hand, um ihnen behilflich zu ſein. Morrel nahm die Hand des Grafen zwiſchen die ſeine. „Ach, charmant,“ ſagte er,„ſo muß die Hand eines Mannes ſein, deſſen Leben auf der Gerechtigkeit ſeiner Sache beruht.“ „Auch ich,“ ſagte Emanuel,„bemerkte zwei Herren, die, wie es ſcheint, wartend auf und ab gehen.“ Monte⸗Chriſto ging einige Schritte mit Morrel voraus. „Maximilian,“ fragte er,„iſt Ihr Herz frei?“ Der junge Mann ſah den Grafen überraſcht an. „Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, lieber Freund, ich frage nur ganz einfach, und wünſche die einfache Antwort Ja oder Nein.“ „Ich liebe ein junges Mädchen, Graf.“ „Sehr.“ „Mehr als mein Leben.“ würde . bin, 1 beſſer nich d Tod! allein war. nobel! 4/ aprope „ Herrn teau⸗- et?“ Philippi e genug Nonte⸗ or einer ger be⸗ erſtickten „„und nem Ge⸗ glaube reichte ſein. Mannes t. 2 die, wie Freund, vort Ja 118 3 „Ach,“ rief Monte⸗Chriſto ſeufzend,„wieder eine getäuſchte Hoffnung.“ „Arme Haydée!“ murmelte er dann.. „Wahrhaftig, Graf,“ rief Morrel,„kennte ich Sie weniger, würde ich Sie für minder tapfer halten, als Sie wirklich ſind.“ „Weil ich an Jemand denke, den ich zu verlaſſen im Begriff bin, und ſeufze! Ei, Morrel, ſollte ein Soldat den Muth nicht beſſer zu würdigen wiſſen! Bedauere ich etwa das Leben? Kann mich der Tod ängſtigen? Mich, der ich zwanzig Jahre zwiſchen Tod und Leben geſchwebt habe. Beruhigen Sie ſich, Freund, Sie allein haben dieſe Schwäche geſehen, wenn es wirklich eine Schwäche war. Ich weiß, daß die Welt ein Salon iſt, den man fein und nobel verlaſſen muß, d. h. grüßend und ſeine Spielſchulden bezahlend.“ „So iſt es recht,“ rief Morrel,„ſo muß man ſprechen. Aber apropos, haben Sie Ihre Waffen bei ſich?“ „Ich? wozu das? Ich hoffe, die Herren werden die ihrigen bei ſich haben.“ „Ich werde mich darnach erkundigen,“ ſagte Morrel. „Gut, aber keine Unterhandlungen, hören Sie wohl?“ „O, ſeien Sie unbeſorgt.“ Morrel näherte ſich Beauchamp und Chateau⸗Renaud, die ihm ihrerſeits auch entgegen kamen. Die drei jungen Leute grüßten einander, wenn auch nicht herz⸗ lich, doch höflich. „Verzeihung, meine Herren,“ begann Morrel,„aber ich ſehe Herrn von Morcerf nicht?“ „Er hat uns dieſen Morgen wiſſen laſſen,“ antwortete Cha⸗ teau⸗Renaud,„daß wir ihn hier erwarten möchten.“ „Ah!“ ſagte Morrel. Beauchamp ſah nach der Uhr. „Noch iſt keine Zeit verloren, Herr Morrel,“ ſagte er. „O,“ entgegnete Maximilian,„deshalb ſagte ich es nicht.“ „Um ſo beſſer,“ unterbrach ihn Chateau⸗Renaud,„da iſt übrigens ein Wagen.“ Wirklich kam eine Equipage im vollen Galopp näher. „Meine Herren,“ ſagte Morrel,„jedenfalls ſind Sie mit Piſto⸗ len verſehen, Herr von Monte⸗Chriſto hat dem Rechte entſagt — ſich der ſeinigen zu bedienen.“ „Wir haben dieſe Feinheit Seitens des Grafen vorhergeſehen, Herr Capitäin,“ entgegnete Beauchamp,„und ich habe deshalb Piſtolen mitgebracht, die ich vor acht bis zehn Tagen kaufte, weil ich ſie bei einer ähnlichen Gelegenheit nöthig zu haben glaubte. Sie ſind noch vollſtändig neu, wollen Sie dieſelben nachſehen?“ „O, Herr Beauchamp,“ rief Morrel, ſich verbeugend,„Sie werden hoffentlich überzeugt ſein, daß es mir genügt, wenn Sie mich verſichern, daß Herr von Morcerf dieſe Waffen nicht kennt?“ „Meine Herren,“ rief Chateau⸗Renaud,„es war nicht Morcerf, der in dieſem Wagen kam, meiner Treu, es iſt Franz und Dobray.“ Wirklich kamen die Genannten raſchen Schrittes näher. „Sie hier, meine Herren,“ rief Chateau⸗Renaud, ihnen die Hand reichend,„und durch welchen Zufall?“ „Auf Alberts Veranlaſſung, der uns dieſen Morgen darum bitten ließ,“ ſagte Dobray. Beauchamp und Chateau⸗Renaud ſahen einander überraſcht an. „Meine Herren,“ ſprach Morrel,„ich glaube zu verſtehen.“ „Nun? nun?“ „Geſtern Nachmittag erhielt ich einen Brief von Herrn von Morcerf, mit der Bitte, am Abend in der Oper zu ſein.“ „Ich auch,“ ſagte Dobray. „Und ich gleichfalls,“ rief Franz. p 1 „Auch wir,“ ſagten Beauchamp und Chateau⸗Renaud. 1 „Er„wollte alſo, daß wir bei der Herausforderung zugegen wären,“ fuhr Morrel fort,„Rer will auch, daß wir bei dem Kampfe zugegen ſind.“ „Ja, Herr Capitain, ſo wird es ſein,“ riefen die jungen Leute,„aller Wahrſcheinlichkeit nach haben Sie recht gerathen.“ „Aber bei alle dem,“ murmelte Chateau⸗Renaud,„Alberti kommt nicht, ſchon zehn Minuten über die feſtgeſetzte Zeit ſind verfloſſen.“ „Da iſt er,“ rief Beauchamp,„aber zu Pferde, ſein Diener folgt ihm.“ „Welche Unvorſichtigkeit,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„zu Pferde zu kommen, wenn man ſich auf Piſtolen ſchießen will, und ich hatte 4 ihn ſo gut unterrichtet!“ ——— dheſehen, deshalh fte, weil glaubte. hen?" d,„Sie enn Sie kennt?“ Norcer, Dobray.“ er. ihnen die en darum raſcht an. ſtehen.“ derrn von 7 d. j zugegen n Kampfe ie jungen athen.“ „Alberti geit ſind in Diener zu Pferde ich hatte 1185 „Und ſehen Sie,“ rief Beauchamp,„mit einem Hemdkragen über die Cravatte, offnem Rock und einer weißen Weſte, weshalb hat er ſich nicht lieber einen ſchwarzen Punkt auf die Bruſt zeichnen laſſen, das würde noch einfacher geweſen ſein.“. Während deſſen hatte Albert die fünf jungen Lente erreicht, ſprang vom Pferde und warf ſeinem Diener den Zügel zu. Albert trat zu der Gruppe. Er war ſehr bleich, ſeine Augen waren roth und geſchwollen. Man ſah, er hatte in der ganzen Nacht keine Secunde geſchlafen. Der Ausdruck ſeines Geſichts war ſehr ernſt und traurig, ganz gegen ſeine Gewohnheit. „Dank, meine Herren,“ begann er,„daß Sie die Güte gehabt haben, meinen Wünſchen nachzukommen; glauben Sie mir, daß ich Ihnen für dieſen Beweis der Freundſchaft ſehr dankbar bin.“ Morrel war, als Morcerf kam, etwas zur Seite getreten. „Auch Sie hier, Herr Capitain,“ ſagte Albert,„Dank, tau⸗ ſend Dank. Kommen Sie doch näher, ich bitte ſehr.“ „Mein Herr,“ ſprach Maximilian,„Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich der Zeuge des Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto bin?“ „Ich wußte es nicht gewiß, glaubte es jedoch faſt. Deſto beſſer! je mehr Ehrenmänner hier ſind, deſto befriedigter werde ich ſein.“ „Herr Morrel,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„Sie können den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto benachrichtigen, daß Herr von Morcerf angelangt iſt, und daß wir uns zu ſeiner Verfügung ſtellen.“. Morrel machte eine Bewegung, um ſich dieſer Commiſon zu entledigen. Beauchamp holte das Piſtolenkäſtchen aus dem Wagen. „Warten Sie, meine Herren,“ rief Albert,„ich habe dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto zwei Worte zu ſagen.“ „Ihm allein?“ fragte Morrel. „Nein, mein Herr, in Ihrer Aller Gegenwart.“ Alberts Zeugen wechſelten einen beſtürzten Blick, Franz und Dobray ſprachen einige Worte leiſe mit einander, während Morrel, glücklich über dieſen unerwarteten Vorfall, zu dem Grafen eilte, der mit Emanuel in einer Seiten⸗Allee auf und ab ging. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 75 1186 „Was will er?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Das weiß ich nicht, aber verlangt Sie zu ſprechen.“ „O,“ rief der Graf,„möge er Gott nicht durch neue Be⸗ ſchimpfungen verſuchen.“ „Ich glaube nicht, daß dies ſeine Abſicht iſt.“ Von Maximilian und Emanuel begleitet, trat der Graf näher, ſein ruhiges, klares Antlitz ſtand zu Alberts verſtörten Zügen in grellem Widerſpruch. Dieſer trat, von ſeinen vier Freunden gefolgt, gleichfalls näher. Drei Schritte von einander entfernt, blieben Albert und der Graf ſtehen. „Meine Herren,“ ſprach Albert,„treten Sie näher, ich wünſche, daß Ihnen keines der Worte entgehe, die ich die Ehre haben werde, dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto zu ſagen. Denn jedes der⸗ ſelben müſſen Sie Jedem wiederholen können, der es hören will, ſo fremdartig Ihnen meine Worte auch klingen mögen.“ „Ich bin bereit, Sie zu hören,“ ſagte der Graf. „Mein Herr,“ begann Albert, deſſen Stimme anfänglich zit⸗ terte, jedoch bei jedem Worte mehr Feſtigkeit gewann,„ich habe Ihnen geſtern den Vorwurf gemacht, die Handlungen des Herrn von Morcerf in Epirus hier bekannt gemacht zu haben, denn, ſo ſchuldig der Graf von Morcerf war, hatten Sie, meiner Meinung nach, nicht das Recht, ihn zu ſtrafen. Heute, mein Herr, weiß ich, daß dieſes Recht Ihnen zukommt. Nicht der Verrath Fernand Mondego's gegen Ali Paſcha macht mich jedoch ſo bereit, Sie zu entſchuldigen, nein, der Verrath des Fiſchers Fernand gegen Sie, das für Sie daraus entſtandene, unerhörte Unglück treibt mich dazu. Und ſo ſage und erkläre ich laut: Ja, mein Herr, Ihnen ſtand das Recht zu, ſich an meinem Vater zu rächen, und ich, ſein Sohn, danke Ihnen, daß Sie nicht mehr gethan haben.“ Hätte der Blitz mitten zwiſchen die Zuſchauer dieſer uner⸗ warteten Scene eingeſchlagen, es hätte ſie nicht mehr überraſchen können als Alberts Erklärung. Monte⸗Chriſto's Augen hatten ſich mit dem Ausdrnck unend⸗ licher Dankbarkeit gen Himmel gewandt, und er konnte nicht genug bewundern, daß der feurige Albert, deſſen Muth er unter Luigi Bampa's Banditen hinlänglich kennen gelernt hatte, ſich dieſer plätlihe Einfluß, ſhmeige „ Sie find die Han wie das einzugef handelt Gott. dieſer( Freunde aber we Mi Albert d ergriff. M Chriſto gegen il ich habe macht. weil ich Aber je Mann, und Fei ſeiner J „A Chateau traurige jaſſe ich Wa dieſer v c ſi⸗ fhabe Herrn i, ſo inung iß ich, ernand die zu *Sie, dazu. nd das Sohn, uner⸗ raſchen unend⸗ tgenug Luigi dieſer —— 1187 plötzlichen Demüthigung gebeugt hatte. Wohl erkannte er Mercedes Einfluß, und begriff nun, weshalb dies edle Herz das Opfer ſo ſchweigend annahm, ach, ſie wußte im Voraus, daß es unnütz war. „Jetzt, mein Herr,“ nahm Albert wieder das Wort,„wenn Sie finden, daß meine Entſchuldigungen genügen, reichen Sie mir die Hand, ich bitte. Nach dem ſo ſelten unfehlbaren Verdienſte wie das Ihre, iſt meiner Meinung nach das Erſte, ſein Unrecht einzugeſtehen. Aber dieſes Geſtändniß betrifft mich allein. Ich handelte Recht vor den Augen der Menſchen, aber Sie Recht vor Gott. Nur ein Engel konnte einen von uns dem Tode entziehen, dieſer Engel iſt vom Himmel herabgeſtiegen; nicht, um uns zu Freunden zu machen, ach, das Verhängniß macht dies unmöglich, aber wenigſtens zu bewirken, daß wir uns gegenſeitig achten.“ Nit feuchten Augen und tiefathmend reichte Monte⸗Chriſto Albert die Hand, die dieſer mit einer Art ehrfurchtsvollem Schrecken ergriff. „Meine Herren,“ ſagte er,„Sie hören, Herr von Monte— Chriſto nimmt meine Entſchuldigungen an. Ich habe voreilig gegen ihn gehandelt, die Uebereilung iſt eine ſchlechte Rathgeberin, ich habe ſchlecht gehandelt. Jetzt iſt mein Fehler wieder gut ge— macht. Ich hoffe, daß die Welt micht nicht für feige halten wird, weil ich gethan, was mein Gewiſſen mir als das Rechte vorſchreib. Aber jedenfalls, wenn man ſich in mir irrte,“ fügte der junge Mann, den Kopf ſtolz zurückwerfend, hinzu, als ob er ſeine Freunde und Feinde herausfordern wollte,„ich werde Jedem das Irrige ſeiner Meinung zeigen.“ „Was kann dieſe Nacht vorgefallen ſein?“ fragte Beauchamp Chateau⸗Renaud,„es ſcheint mir, als ſpielten wir hier eine ſehr traurige Rolle.“ „In der That, was Albert thut, iſt entweder ganz erbärm⸗ lich, oder ſehr ſchön,“ entgegnete der Baron. „Ach,“ ſagte Dobray zu Franz,„was ſoll das bedeuten? Wie, Herr von Monte⸗Chriſto vernichtet die Ehre des Grafen von Mor⸗ cerf, und deſſen Sohn ſagt, er hat Recht daran gethan? Das faſſe ich nicht.“ Was Monte⸗Chriſto anbelangt, ſo erlag er faſt dem Gewichte dieſer vierundzwanzigjährigen Erinnerungen, er dachte weder an 75* 1188 Albert, noch an ſonſt Jemand von denen, die ihn umſtanden, ſeine Gedanken weilten bei der heldenmüthigen Frau, die das Leben ihres Sohnes von ihm gefordert, der er das ſeinige angeboten hatte, und die ihn durch das Geſtändniß dieſes entſetzlichen Familieneae geheimniſſes rettete, welches vielleicht für immer die kindliche Liebe 5 in dem Herzen des jungen Mannes tödete. 1 „Stets die Vorſehung,“ murmelte er,„heute wird es mir ge⸗ wiſſer denn je, daß ich von dem Herrn der Herren, dem alleinigen Gott geſandt worden bin.“ 7 auf ei dann - blieb 7 ohne eben ſei es Verſt das 1 gene teau ſeine das „9 die Mo „ſeine Leden gedoten aamilien⸗ de Liehe dir ge⸗ wigen XCII. Mutter und Sohn. Der Graf von Monte⸗Chriſto grüßte die fünf jungen Leute auf eine zugleich traurige und würdige Weiſe, und entfernte ſich dann mit Maximilian und Emanuel. Nachdem auch Franz und Dobray den Platz verlaſſen hatten, blieb Albert mit Beauchamp und Chateau⸗Renaud allein. Der junge Mann ſah ſeine Zeugen mit einem Blicke an, der ohne gerade furchtſam zu ſein, ſie doch um ihre Meinung über das eben Vorgefallene zu befragen ſchien. „Meiner Treu, mein lieber Freund,“ ſagte Beauchamp endlich, ſei es, daß er etwas weniger Empfindſamkeit oder etwas mehr Verſtellung beſaß,„erlauben Sie mir, Ihnen Glück zu wünſchen; das war in der That eine unerwartete Entwickelung dieſer unan⸗ genehmen Angelegenheit.“ Albert blieb ſtumm und in ſeine Träumerei verſunken. Cha⸗ teau⸗Renaud begnügte ſich, mit ſeinem biegſamen Stöckchen gegen ſeine Stiefel zu ſchlagen. „Kehren wir nicht in die Stadt zurück?“ unterbrach er endlich das verlegene Schweigen. „Laſſen Sie mir wenigſtens Zeit,“ entgegnete Beauchamp, „Herrn von Morcerf meine Glückwünſche abzuſtatten, er hat heute die Probe einer ſo ritterlichen, ſo ſeltenen Großmuth geliefert...“ O... ja...“ ſagte der Baron. „Es iſt außerordentlich,“ fuhr Beauchamp fort, eine ſo große Macht über ſich ſelbſt zu beſitzen.“ „Gewiß, denn ich wäre deſſen nicht fähig,“ ſagte Chateau⸗ Renaud mit ſehr bezeichneter Kälte. „Meine Herren,“ unterbrach ihn Albert,„ich glaube, Sie ——— 1190 haben nicht begriffen, daß zwiſchen Herrn von Monte ⸗Chriſto und mir etwas ſehr Ernſtes vorgegangen iſt...“ „O ja, ja freilich,“ ſagte Beauchamp ſogleich,„aber keiner unſerer Gaffer würde Ihren Heroismus begreifen, und früher oder ſpäter werden Sie gezwungen ſein, denſelben auf eine energiſche Weiſe zu verſtehen zu geben, daß es nicht Ihre Abſicht war, heute Ihr Leben zu ſchonen. Soll ch Ihnen den Rath eines Freundes geben? Reiſen Sie nach Neapel, Haag oder Petersburg, kurz in ruhigere Länder, wo man im Punkte der Ehre nachſichtiger iſt, als unſere brauſenden Pariſer. Sind Sie einmal da, ſo vernachläſſigen Sie Ihre Piſtolen⸗Studien nicht, und denken Sie fleißig an die Quarte und Terze. Ziemlich vergeſſen, können Sie dann in einigen Jahren nach Frankreich zurückkehren, in den akademiſchen Uebungen fertig genug, um Ihren ſonſtigen Ruhm wieder zu erlangen. Habe ich nicht Recht, Chateau⸗Renaud?“ „Das iſt durchaus auch meine Meinung,“ ſagte der Edelmann, „nichts zieht ſo viel ernſte Händel mit ſich, als ein Duell ohne Reſultat.“ „Dank, meine Herren,“ ſagte Albert kalt lächelnd,„ich werde Ihren Rath befolgen, nicht, weil Sie mir denſelben geben, ſondern weil es ohnehin meine Abſicht war, Frankreich zu verlaſſen. Gleich⸗ falls danke ich Ihnen für den Dienſt, den Sie mir leiſteten, indem Sie mir als Zeugen dienten. Er iſt tief in mein Herz gegraben, weil, nach den Worten, die ich gehört, ich mich nur ſeiner er⸗ innere.“ Chateau⸗Renaud und Beauchamp ſahen einander an, der Ein⸗ druck war auf Beide gleich, und der Ton, in dem Morcerf ſeinen Dank ausſprach, ſo entſchieden, daß ihre Lage immer verlegener ſein würde, hätten ſie die Unterhaltuug länger fortgeſetzt. „Adieu, Albert,“ ſagte Beauchamp plötzlich, dem jungen Manne nachläſſig die Hand reichend, ohne daß dieſer jedoch aus ſeiner Lethargie erwachte.— Wirklich nahm er die Hand nicht. „Adieu“, ſagte nun auch Chateau⸗Renaud, in der linken Hand das Stöckchen haltend, mit der rechten grüßend. Alberts Lippen murmelten mühſam:„Adieu!“ Sein Blick war 2—,4 deutlich, großmüt NoW er ſeine xlibli und legt puunde ſ Als Schlafßi bemerken in ſeine Da Reichthi angeneh⸗ deren Fi gleichſan Da und lief Na kiſchen Porzella zen von ſteckte in ſeines E tauſend unentber zu Ende ſorgfält einen T Be ungeacht 1191 deutlich, man las darin verhaltenen Zorn, ſtolze Verachtung und großmüthige Verzeihung. Noch nachdem Beide in den Wagen geſtiegen waren, behielt er ſeine unbewegliche, traurige Stellung bei, dann richtete er ſich plötzlich hoch auf, rief nach ſeinem Pferde, ſchwang ſich in den Sattel und legte den Weg nach Paris im Galopp zurück. Eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter war er in dem Hotel Straße du Helder. Als er vom Pferde ſtieg, glaubte er hinter dem Vorhange im Schlafzimmer des Grafen das bleiche Geſicht ſeines Vaters zu bemerken. Seufzend blickte Albert nach der andern Seite und trat in ſeinen kleinen Pavillon. Da angekommen, warf er einen letzten Blick auf alle dieſe Reichthümer, die ihm ſeit ſeiner Kindheit das Leben ſo ſüß und angenehm gemacht hatten; noch einmal blickte er die Gemälde an, deren Figuren ihm zuzulächeln ſchienen, und deren Landſchaften ſich gleichſam für ihn belebten. Dann löſ'te er das Porträt ſeiner Mutter aus, rollte es auf und ließ den reichvergoldeten Rahmen leer hängen. Nachdem dies geſchehen war, ordnete er ſeine prächtigen tür⸗ kiſchen Waffen, ſeine ſchönen engliſchen Gewehre, ſeine japaneſiſchen Porzellane, die werthvollen Vaſen und Kelche, die artiſtiſchen Bron⸗ zen von Feuchéres oder Barye; ſah ſeine verſchiedenen Fächer nach, ſteckte in jedes derſelben den Schlüſſel, legte ſie alle in ein Fach ſeines Schreibtiſches, und ließ es offen. All' ſein Geld, alle die tauſend Bijouterien und einem eleganten, modernen jungen Manne unentbehrlichen Kleinigkeiten kamen dann an die Reihe. Hiermit zu Ende, ordnete er ſeine Bücher und Papiere, machte dann ein ſorgfältiges Inventarium von Allem und legte daſſelbe auf einen Tiſch. Beim Beginn dieſer Arbeit trat ſein Diener in das Zimmer, ungeachtet Alberts Befehl, ihn allein zu laſſen. „Was willſt Du?“ fragte Albert mehr traurig als erzürnt. „Verzeihung, gnädiger Herr,“ entgegnete der Kammerdiener, „Sie hatten mir zwar verboten, Sie zu ſtören, aber der Herr Graf Ihr Herr Vater, hat mich rufen laſſen...“ „Nun?“ fragte Albert. 1192 „Ich habe nicht zu dem Herrn Grafen gehen wollen, ohne die Befehle des gnädigen Herrn zu vernehmen.“ 5 „Wozu das?“ „Weil der Herr Graf ohne Zweifel weiß, daß ich den gnädi⸗ Herrn begleitet habe...“ 38 „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte Albert. „Und weil er mich gewiß zu ſich befohlen hat, um mich über den Hergang der Sache zu befragen. Was ſoll ich antworten?“ „Die Wahrheit.“ „Alſo ſoll ich ſagen, daß das Duell nicht ſtattgefunden hat?“ „Du ſollſt ſagen, daß ich mich bei dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto entſchuldigt habe, nun geh'.“ Der Kammerdiener verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Albert nahm ſeine Arbeit wieder vor. Plötzlich hörte er einen Wagen vorfahren, er trat an's Fen⸗ ſter; ſein Vater ſtieg in die Equipage, welche im donnernden Galopp davon rollte. Kaum hatte die Thüre des Hotels ſich hinter dem Grafen ge⸗ ſchloſſen, als Albert nach dem Zimmer ſeiner Mutter ging und, da er Niemand fand, der ihn meldete, bis in ihr Schlafzimmer vor⸗ drang, wo er mit bebendem Herzen, über das, was er ſah und errieth, auf der Schwelle ſtehen blieb. Als ob dieſelbe Seele die beiden Körper belebt hätte, that Mercedes daſſelbe, was Albert eben gethan hatte. Auch ſie war fertig. Spitzen, Schmuck, Wäſche, Geld, Alles lag wohlgeordnet in den verſchiedenen Fächern. Albert ſah dieſe Vorbereitungen, begriff ſie, und ſank:„Mut⸗ ter, theure Mutter!“ rufend, der Gräfin in die Arme. Der Maler, welcher im Stande geweſen wäre, den Ausdruck dieſer beiden Geſtalten wiederzugeben, würde gewiß ein herrliches Gemälde geliefert haben. Obgleich Albert ohne Bangen dieſen Entſchluß gefaßt hatte, erſchreckte ihn derſelbe doch für ſeine Mutter. „Was wollen Sie thun?“ fragte er. „Was thateſt Du?“ entgegnete ſie. „O Mutter,“ ſchluchzte Albert vor Bewegung kaum der Sprache 3 mächtig,„es iſt mit Ihnen nicht daſſelbe wie mit mir, Sie können — — 2 ——— —— 6 —— nimm d zunichte nem Al licht b komme muß g6 begleite 9 Sie das und nal Freund bin. J eine lle 1/ leiden? „A Albert, der Will cher geli auf den verliehen erfahren dem tief lender) triumph an habe ihr, ſelb fühlen, kann, de „A ker, wü loſchene mein St ihnen, zwanzig mein A ber tut⸗ tte, ahe nen nicht beſchloſſen haben, was ich zu thun geſonnen bin, denn ich komme, um dieſem Hauſe und... Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ „Auch ich gehe fort von hier, Albert,“ ſagte Mercedes.„Ich muß geſtehen, daß ich darauf gerechnet hatte, mein Sohn werde mich begleiten; habe ich mich geirrt?“ „Mutter,“ ſagte Albert feſt,„ich kann nicht zugeben, daß Sie das Schickſal theilen, dem ich entgegen gehe, ich werde arm und namenlos leben, ja ich werde mir mein Brod von einem Freunde borgen müſſen, bis ich ſelbſt etwas zu verdienen in Stande bin. Von hier aus, theure Mutter, gehe ich zu Franz, ihn um eine kleine Summe zu bitten, die ich nöthig haben werde.“ „Du arm, mein theures Kind,“ rief Mercedes,„Du Hunger leiden? O ſprich nicht ſo, Du machſt ſonſt alle meine Entſchlüſſe zunichte.“ „Aber nicht die meinigen, geliebte Mutter,“ entgegenete Albert,„ich bin jung, ſtark, habe Muth und weiß ſeit geſtern, was der Wille vermag. Ach Mutter, es gibt Leute, die noch ſchmerzli⸗ cher gelitten haben, und nicht nur nicht geſtorben ſind, ſondern ſich auf den Ruinen aller Ausſichten auf Glück, die der Himmel ihnen verliehen hatte, eine neue Exiſtenz gegründet haben. Ich habe das erfahren, ich habe dieſe Menſchen geſehen, ich weiß, daß ſie aus dem tiefſten Abgrunde, in den ſie ihre Feinde geſtürzt, mit ſtrah⸗ lender Macht und Kraft erſtanden find, daß ſie über ihren Feind triumphirt und ihn geſtürzt haben. Nein, Mutter, nein, von heute an habe ich mit der Vergangenheit abgeſchloſſen, nichts bleibt von ihr, ſelbſt nicht mein Name, denn, theure Mutter, nicht wahr, Sie fühlen, daß Ihr Sohn nicht den Namen eines Mannes tragen kann, der vor einem andern Manne erröthen muß?“ „Albert, mein Kind,“ ſagte Mercedes,„wäre mein Herz ſtär⸗ ker, würde ich Dir denſelben Rath gegeben haben, aber meine er⸗ loſchene Stimme ſchwieg, als Dein Gewiſſen noch ſprach, folge ihm mein Sohn. Du hatteſt Freunde, brich für den Augenblick mit ihnen, aber im Namen Deiner Mutter, verzweifle nicht! In Dei⸗ nem Alter iſt das Leben noch ſchön, Du biſt ja kaum zweiund⸗ zwanzig Jahr, Dein reines Herz verdient auch einen reinen Namen, nimm den meines Vaters an, er hieß Herrera. Ich kenne Dich, mein Albert; welche Laufbahn Du auch wählen wirſt, bald wird 1193 1 1 1 1194 der Name durch Dich berühmt werden. Später wirſt Du, glän⸗ zender durch Dein vergangenes Leiden, in die Welt zurückkehren, und ſollte es wider meine Vermuthung nicht ſein, o mein Kind, ſo nimm mir wenigſtens dieſe Hoffnung nicht. Ach ich werde mich an dieſen Gedanken klammern, denn ich habe keine Zukunft mehr und an der Schwelle dieſes Hauſes öffnet ſich mein Grab.“ „Ja, Mutter,“ rief der junge Mann, ich theile Ihre Hoff⸗ nung, der Zorn des Himmels wird uns nicht weiter verfolgen, Sie ſind ſo rein, ich bin ſo unſchuldig. Aber da wir entſchloſſen ſind, ſo müſſen wir auch handeln. Herr von Morcerf hat das Hotel vor einer halben Stunde verlaſſen, Sie ſehen, die Gelegenheit iſt günſtig, um Erklärungen zu vermeiden.“ „Ich erwarte Dich, mein Sohn,“ ſagte Mercedes. Albert eilte ſogleich nach dem Boulevard und holte einen Fia⸗ ker. Er kannte ein hübſches Haus mit meublirten Wohnungen in der Straße der heiligen Väter, wo ſeine Mutter ein beſcheidenes, aber anſtändiges Quartier bekommen konnte. Als der Fiaker vor dem Hotel hielt und Albert ausſtieg, trat ein Mann zu ihm und gab ihm einen Brief. Albert erkannte den Haushofmeiſter Monte⸗Chriſto's. „Von meinem Gebieter,“ ſagte Bertuccio. Albert nahm den Brief, öffnete und las. Dann ſah er ſich nach Bertuccio um, der ſich jedoch ſchon entfernt hatte. In Thränen ſchwimmend, die Bruſt vor Rührung geſchwellt, eilte Albert zu ſeiner Mutter und gab ihr, keines Wortes fähig, den Brief. Sie las: „Albert! „Indem ich Ihnen beweiſe, daß ich Ihren künftigen Lebensplan durchſchaut habe, möchte ich Ihnen zugleich beweiſen, daß ich Ihr Zartgefühl zu würdigen verſtehe. Sie ſind frei, Sie werden das Hotel des Herrn von Morcerf verlaſſen, Ihre Mutter, gleichfalls frei, wird Sie begleiten, aber bedenken Sie wohl, Sie ſind ihr mehr ſchuldig, als Sie, armes edles Herz, ihr je vergelten können. Bewahren Sie Kampf und Leiden für ſich, aber erſparen Sie ihr das Leiden, das Ihrem Schritte folgen muß. Für dieſes reine — —— Herz heute dige ohne Sie! iſt ge⸗ in me eine 4 die ich ſes G bedenk Hauſe von N Haus. für m ward, unſern ſelben ein ſch gepflan der Fr rigen verſteh Million teiche, geliebte geſſen G Stolz wenn Ihnen ie nd, ötel ies, nat hon ellt, hig, lan Ihr das falls ihr men. ihr reine Herz iſt ſelbſt der Widerſchein des Unglücks zu groß, welches Sie heute betroffen hat. Die Vorſehung will nicht, daß die Unſchul⸗ dige für den Schuldigen leide. „Ich weiß, daß Sie Beide das Hotel, Straße du Helder verlaſſen ohne das Mindeſte daraus mit ſich hinweg zu nehmen. Suchen Sie nicht zu erforſchen, wie ich es erfahren habe, ich weiß es, das iſt genug. „Hören Sie, Albert. „Es ſind jetzt vierundzwanzig Jahre, als ich, glücklich und ſtolz, in mein Vaterland zurückkehrte. Ich hatte eine Verlobte, Albert, eine Heilige, die ich anbetete. Ich brachte ihr hundertfünfzig Louis, die ich mühſam, durch unausgeſetzte Arbeit erworben hatte. Die⸗ ſes Geld war für ſie beſtimmt, und die Treuloſigkeit des Meeres bedenkend, hatte ich unſern Schatz in dem kleinen Garten eines Hauſes vergraben, welches mein Vater zu Marſeille in den Alleen von Meillan bewohnte. „Ihre Mutter, Albert, kennt ſehr wohl dieſes arme, liebe Haus. „Kürzlich war ich in Marſeille. Ich ſah das Haus mit ſeinen für mich ſo ſchmerzlichen Erinnerungen wieder, und als es Abend ward, unterſuchte ich mit dem Spaten den Winkel, in welchen ich unſern Schatz verborgen. Das eiſerne Käſtchen war noch an dem⸗ ſelben Platze, Niemand hatte es berührt. Es iſt leicht zu finden, ein ſchöner Feigenbaum, den mein Vater am Tage meiner Geburt gepflanzt, beſchattet die Stelle. „Albert, dieſes Geld, welches einſt das Leben und die Ruhe der Frau ſichern ſollte, die ich anbetete, hat heute durch einen trau⸗ rigen und unglücklichen Zufall denſelben Zweck wiedergefunden. O verſtehen Sie mich wohl, daß ich, der ich dieſer theuren Frau Millionen bieten könnte, ihr nur das Stück ſchwarzen Brodes reiche, welches, ſeit dem bittern Tage, an dem ich von dieſer viel⸗ geliebten Frau getrennt ward, unter meinem armen Dache ver⸗ geſſen ruht. „Sie ſind ein edler Mann, Albert, vielleicht jedoch macht Sie Stolz oder Empfindlichkeit blind. Ach, es wäre ſehr ungroßmüthig, wenn Sie von einem Andern nähmen, was ich das Recht habe, Ihnen zu geben. Ein Mann bittet Sie, das Leben Ihrer Mutter 1195 1 4 1196 zu erhalten, deſſen Vater durch Ihren Vater, Albert, an den Qualen des Hungers und der Verzweiflung ſtarb.“ Bleich und unbeweglich erwartete Albert den Ausſpruch ſeiner Mutter. Mercedes ſah mit unausſprechlichem Ausdruck in ihren from⸗ men Augen gen Himmel. „Ich nehme es an,“ rief ſie,„er hat das Recht, mein Ein⸗ trittsgeld in ein Kloſter zu bezahlen.“ Und, den Brief an ihrem Herzen bergend, nahm ſie den Arm ihres Sohnes und ging feſtern Schritts als ſie ſich vielleicht ſelbſt zugetraut hatte, durch ihr Zimmer, die Treppe hinab. theure Mutter Mutter, rey Control Chnart ss vVellow Hed Magenta