——.— 4* n EMe—— V V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von.. Eduard Otftmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„—„„—„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mie Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. keusernezert. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen er Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — OG ——— ———— ———————:— ——————¼— Der Graf von Monte⸗Chriſto. Roman von Alerander Dumas. Mit colorirten Abbildungen. Vierter Theil. ——— 5 3 Dresden Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. 3 als ei fand. wiede wie Opert g ſeinen er ſie komm G ſeinig 3 ſeinen G Miniſ gebote mit d Baror dieſe; hütete Logen 6 tiſchen ſitions ſcheine LIV. Robert der Teufel. Dieſe Oper war am heutigen Abende um ſo mehr angebracht, als eine Feierlichkeit in der königlichen muſikaliſchen Academie ſtatt⸗ fand. Levaſeur erſchien nach langem Uebelbefinden zum erſten Male wieder als Bertram, und das Werk des Masſtro des Tages hatte, wie gewöhnlich, die glänzendſte Geſellſchaft von Paris nach dem Opernhauſe gezogen. Morcerf hatte, wie die Mehrzahl der reichen, jungen Leute, ſeinen Orcheſterplatz, außerdem zehn Logen von Bekannten, in denen er ſich einen Platz erbitten konnte, ſeinen ihm von Rechtswegen zu⸗ kommenden Platz in der Loge der Lions nicht zu rechnen. Der Orcheſterplatz Chateau⸗Renaud's war dicht neben dem ſeinigen. Beauchamp war als Journaliſt König des Hauſes und hatte ſeinen Platz überall. Lucien Dobray hatte an dieſem Abende über die Loge des Miniſters zu disponiren und hatte dieſelbe dem Grafen Morcerf an⸗ geboten, welcher, da Mercedes ſie nicht annahm, ſie Danglars anbot, mit dem Bemerken, daß er wahrſcheinlich im Laufe des Abends der Baronin und ihrer Tochter ſeine Aufwartung machen werde, wenn dieſe Damen die Loge, die er ihnen anböte, annähmen. Die Damen hüteten ſich wohl, ſie auszuſchlagen. Niemand iſt lüſterner nach Logen, die nichts koſten, als ein Millionair. Was Danglars anbetraf, ſo hatte er erklärt, daß ſeine poli⸗ tiſchen Grundſätze und ſeine Eigenſchaft als Deputirter der Oppo⸗ ſitionspartei ihm nicht erlaubten, in der Loge des Miniſters zu er⸗ ſcheinen. Folglich hatte Frau von Danglars an Lucien Dobray 3 14 geſchrieben, daß er ſie abholen möge, da ſie doch nicht allein mit Eugenie in die Oper gehen könne. Wirklich würde man dies ſehr unpaſſend gefunden haben, während Niemand etwas Anſtößiges darin fand, daß Fräulein von Danglars mit ihrer Mutter und deren Liebhaber hinging, darüber war nichts zu ſagen; man muß die Dinge einmal nehmen, wie ſie ſind. Als der Vorhang aufgezogen wurde, war, wie gewöhnlich, das 65 Haus leer. Es iſt eine der ſchlechten Gewohnheiten der Pariſer ſchönen Welt, in's Theater zu kommen, wenn das Stück ſchon lange begonnen hat: die natürliche Folge davon iſt, daß der erſte Act⸗ damit hingeht, daß die ſchon Angekommenen nicht das Stück ſehen jil und hören, ſondern nur die Ankommenden und das Geräuſch der 1 Logenthüren und der verſchiedenen Unterhaltungen. „Sieh'!“ ſagte Albert plötzlich, nach einer Loge des erſten Ranges ſehend;„ſieh'! da kommt die Comteſſe G...!“ das „Wer iſt die Comteſſe G...?“ fragte Chateau⸗Renaud. der „O! Baron, welche Frage! die kann man Ihnen kaum ver⸗ 7 zeihen; Sie fragen, wer die Comteſſe G... iſt?“ der „Ach! es iſt wahr,“ entgegnete Chateau⸗Renaud;„iſt es nicht d jene intereſſante Venetianerin?“ ih „Dieſelbe.“ In dieſem Augenblicke entdeckte die Comteſſe Albert und miechſelte e einen freundlichen Blick und Gruß mit ihm. „Sie kennen ſie?“ fragte Chateau⸗Renaud. 5 „Ja,“ antwortete Albert,„Franz hat mich in Rom ihr vor⸗ N. geſtellt.“ „Würden Sie mir wohl in Paris denſelben Dienſt leiſten, den Franz Ihnen in Rom erzeigte?“ ich „Sehr gern.“ „Pſt!“ ſchrie das Publikum. Die beiden jungen Leute ſetzten ihre Unterhaltung fort, ohne 1 Le ſich im Geringſten durch den Wunſch des Publikums, die Muſik zu de hören, ſtören zu laſſen. ſu „Sie war beim Rennen auf dem Marsfelde,“ ſagte Chateau⸗ m Renaud. be „Heute?“ ſer ge lct ſen der ten per⸗ ücht elte Por⸗ den „Ja. 74 „Eil alſo war heute Rennen. Hatten Sie gewettet?“ „Ol eine Lumperei, fünfzig Louis.“ „Und wer hat gewonnen?“ „Nautilus; ich wettete für ihn.“ „Aber es waren drei Rennen?“ „Ja. Der Preis des Jockey⸗Clubb war ein goldener Pokal. Es paſſirte eine ſonderbare Geſchichte.“ „Eil! und welche?“ „Still doch!“ ſchrie das Publikum. „Welche?“ wiederholte Albert. „Das Pferd und der Jockey, die dieſen Preis gewannen, waren völlig unbekannt. „Wie ſo?“ „Eil mein Gott! ja! Niemand hatte auf ein Pferd geachtet, das unter dem Namen Vampa, und auf einen Jockey, der unter dem Namen Job eingeſchrieben war, als man plötzlich einen wunder⸗ vollen Fuchs erblickte und einen Jockey, wie einen Daumen hoch, dem man zwanzig Pfund Blei in die Taſchen ſtecken mußte, deſſen unbeſchadet er drei Pferdelängen vor Ariel und Barbaro, die mit ihm rannten, ankam.“. „Und man hat nicht erfahren, wem das Pferd und der Jokey gehörten?“ „Nein.“ „Sie ſagten, das Pferd ſei eingeſchrieben geweſen unter dem Namen...“ „Vampa.“ „Dann,“ ſagte Albert,„habe ich viel vor Ihnen voraus, denn ich weiß, wem ſie angehören.“ „Ruhe endlich!“ rief das Parterre zum dritten Male. Dieſes Mal war der Aufſtand ſo groß, daß die beiden jungen Leute endlich gewahr wurden, daß ſie es waren, denen der Unwille des Publikums galt. Sie drehten ſich einen Augenblick um, und ſuchten unter der Menge einen Mann, den ſie für dieſe Unart, die man gegen ſie beging, verantwortlich machen könnten; aber Niemand bezog dieſe Aufforderung auf ſich, und ſie drehten ſich wieder nach der Bühne. 716 In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Loge des Miniſters, und Frau von Danglars, ihre Tochter und Lucien Dobray nahmen ihre Plätze ein. „Ah! Ah!“ ſagte Chateau⸗Renaud,„da ſind Bekannte von Ihnen, Vicomte. Was Teufel ſehen Sie denn rechts? Man ſucht Sie.“ Albert drehte ſich um, und ſeine Blicke begegneten wirklich denen der Baronin Danglars, die ihm einen kleinen Wink mit dem Fächer gab. Was Fräulein Eugenie anbetraf, ſo konnte man kaum be⸗ merken, ob ihre großen, ſchwarzen Augen das Orcheſter eines Blickes würdigten. „Wirklich, mein Lieber,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„die Mes⸗ alliance abgerechnet, und ich glaube nicht, daß die Ihnen ſehr ſtörend iſt, alſo, die Mesalliance abgerechnet, begreife ich nicht, was Sie gegen Fräulein von Danglars haben können; ſie iſt ja eine wirkliche Schönheit.“ 3 „Sehr ſchön, gewiß,“ erwiderte Albert;„aber ich geſtehe Ihnen, daß, wenn ich zu wählen hätte, ich eine ſanftere, lieblichere, kurz, weiblichere Schönheit vorziehen würde.“ „So ſeid Ihr jungen Leute,“ meinte Chateau⸗Renaud, der als Mann von dreißig Jahren eine Art Vater⸗Air gegen Morcerf an⸗ nahm;„Ihr ſeid nie zu befriedigen. Wie, mein Lieber, man wählt Ihnen eine Braut, die nach dem Modell der Diana ſelbſt geſchaffen zu ſein ſcheint, und Sie ſind nicht zufrieden?“ „Nun eben deshalb! Ich hätte eine Schönheit in der Art der Venus von Milo oder Capua vorgezogen. Dieſe Diana, immer von ihren Nymphen umgeben, erſchreckt mich ein wenig; ich fürchte, es könnte mir gehen wie Actäon.“ Wirklich konnte ein Blick auf das junge Mädchen dieſe Em⸗ pfindung, welche Morcerf ſoeben geſtanden hatte, beinahe erklären. Fräulein von Danglars war ſchön, aber ihre Schönheit hatte, wie Morcerf geſagt hatte, etwas Feſtes, Entſchiedenes; in den Wellen ihres ſchönen, ſchwarzen Haares bemerkte man eine gewiſſe Wider⸗ ſpenſtigkeit gegen die glättende Hand; ihre Augen, ſchwarz wie ihr Haar, waren von prachtvollen Brauen überwölbt, die ſich zuweilen zuſammenzogen und dadurch, vereint mit einem eigenthümlichen Schnitte ihrer Stirn, derſelben einen Ausdruck von Sicherheit gaben, 8 717 den man mit Erſtaunen in einem weiblichen Geſichte bemerkte; ihre Naſe hatte genau die Form, die ein Bildhauer einer Juno gegeben haben würde; ihr Mund war etwas zu groß, aber mit ſchönen Zähnen geſchmückt, und die faſt zu hochrothen, ſchwellenden Lippen ſtachen faſt ſchneidend gegen die Bleichheit ihres Geſichtes ab; end⸗ lich trug noch ein ſchwarzes Maal am Mundwinkel, von ungewöhn⸗ licher Größe, dazu bei, dieſer Phyſiognomie den Charakter der Ent⸗ ſchiedenheit zu geben, der Morcerf zuweilen erſchreckte. Die übrige Perſönlichkeit Eugenien's ſtimmte mit dem Kopfe, den wir zu beſchreiben verſucht haben, überein. Sie war, wie Chateau⸗Renaud geſagt hatte, die Göttin der Jagd, aber mit einer noch feſteren, muskulöſeren Schönheit. Wenn man der Erziehung, die ſie erhalten hatte, einen Vor⸗ wurf machen konnte, war es der, daß ſie zu ſehr die des andern Geſchlechts war. Sie ſprach wirklich mehrere Sprachen, zeichnete leicht und ſicher, machte Verſe und componirte ſie. Beſonders die letztere Kunſt, die Muſik, trieb ſie mit Leidenſchaft und ſtudirte ſie mit einer ihrer Freundinnen aus der Penſion, einem jungen Mäd⸗ chen ohne Vermögen, die aber, nach allgemeiner Verſicherung, alle Anlagen hatte, eine ausgezeichnete Sängerin zu werden. Ein großer Componiſt nahm, wie man verſicherte, einen faſt väterlichen Antheil an ihr und unterrichtete ſie, in der Hoffnung, daß ſie durch ihre Stimme ihr Glück machen werde. Dieſe Möglichkeit, daß Louiſe von Armilly, ſo hieß die junge Virtuoſin, einſt die Bühne betreten werde, bewog Fräulein von Danglars, ſich, ſo oft ſie dieſelbe auch bei ſich ſah, doch nicht öffent⸗ lich mit ihr zu zeigen. Uebrigens nahm Louiſe in dem Hauſe des Banquiers zwar nicht den unabhängigen Platz einer Freundin, aber doch einen weit höheren, als den einer gewöhnlichen Lehrerin ein. Einige Augenblicke nach dem Eintritte der Frau von Danglars in ihre Loge ſank der Vorhang zum erſten Male, und da die Länge der Zwiſchenacte geſtattete, das Foyer zu beſuchen, oder in den Logen Viſiten zu machen, ſo war das Orcheſter bald ganz leer. Morcerf und Chateau⸗Renaud hatten daſſelbe zuerſt verlaſſen. Einen Augenblick hatte Frau von Danglars geglaubt, daß dieſe Eile Albert's Folge ſeiner Abſicht ſei, ihr und ihrer Tochter ſein Compliment zu machen, und hatte, zu dem Ohre ihrer Tochter ge⸗ 718 neigt, derſelben dieſen Beſuch angekündigt; dieſe indeſſen hatte ſich begnügt, lächelnd den Kopf zu ſchütteln, und zu gleicher Zeit erſchien, wie um zu beweiſen, wie gegründet Eugenie's Ableugnung ſei, Morcerf in einer Seitenloge des erſten Ranges, welches die der Comteſſe G... war. „Ah! Sie hier, Herr Reiſender,“ ſagte dieſe, ihm mit aller Herzlichkeit alter Bekanntſchaft die Hand reichend;„es iſt ſehr liebens⸗ würdig von Ihnen, daß Sie mich erkannt haben, und beſonders, daß Sie mich mit Ihrem erſten Beſuche beehren.“ „Seien Sie überzeugt, gnädige Frau,“ antwortete Albert,„daß ich, wenn ich Ihr Hierſein gewußt und Ihre Adreſſe gehabt hätte, nicht bis jetzt gewartet haben würde. Aber erlauben Sie mir, Ihnen meinen Freund, den Baron von Chateau⸗Renaud, vorzuſtellen, einen der wenigen Edelleute, die in Frankreich bleiben, und durch waren.“ Chateau⸗Renaud grüßte. „Ah! Sie waren beim Rennen, Herr Baron?“ ſagte die Comteſſe lebhaft. „Ja, gnädige Frau.“ „Nun dann,“ fuhr die Comteſſe eifrig fort,„können Sie mir ſagen, wem das Pferd gehörte, das den Preis des Jockey⸗Clubbs gewann?“ „Nein, gnädige Frau,“ antwortete Chateau⸗Renaud,„ich fragte Albert ſoeben danach.“ „Iſt Ihnen viel daran gelegen, Frau Gräfin?“ fragte Albert. „Woran?“ „Den Herrn des Pferdes zu kennen.“ „Unendlich viel. Denken Sie ſich... oder ſollten Sie zufällig wiſſen, wer er iſt, Vicomte?“ „Gnädige Frau, Sie wollten etwas erzählen; denken Sie ſich, ſagten Sie.“ „Nun gut! Denken Sie ſich, daß jener prächtige Fuchs und jener allerliebſte Jockey mit der roſenfarbenen Jacke mir beim erſten Anblicke eine ſo lebhafte Sympathie eingeflößt hatten, daß ich Ge⸗ lübde für ſie that, als hätte ich mein halbes Vermögen für ihren Sieg eingeſetzt; auch war ich, als ich ſie den andern Rennern um den ich erfahren habe, daß Sie bei dem Rennen des Marsfeldes Ren e befr r u ſein Ant 2 71¹9 drei Pferdelängen vorauskommen ſah, ſo glücklich, daß ich wie eine Verrückte in die Hände klatſchte. Stellen Sie ſich mein Erſtaunen vor, als ich beim Nachhauſekommen dem kleinen roſenfarbenen Jockey auf der Treppe begegnete! Ich glaubte, daß der Sieger des Ren⸗ ners vielleicht zufällig mit mir in Einem Hauſe wohne, als das Erſte, was ich beim Eintritte in mein Zimmer bemerkte, der goldene Pokal war, eben der Preis des Jockey⸗Clubbs, den das fremde Pferd und der unbekannte Jockey gewonnen hatten. In dem Pokal befand ſich ein Zettelchen mit den Worten:„Der Comteſſe G... Lord Ruthven.“ „Ganz richtig,“ ſagte Morcerf. „Wie ſo? ganz richtig, was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will ſagen, daß es Lord Ruthven ſelbſt iſt.“ „Welcher Lord Ruthven?“ „Der unſrige, der Vampyr, der vom Theater Argentina.“ „Wirklich!“ rief die Comteſſe,„er iſt alſo hier?“ „Ganz gewiß.“ „Und Sie ſehen ſich mit ihm? Sie beſuchen einander?“ „Er iſt mein intimer Freund, und auch der Herr von Chateau⸗ Renaud hat die Ehre, ihn zu kennen.“ „Warum glauben Sie, daß er es iſt, deſſen Pferd gewann?“ „Sein Pferd iſt unter dem Namen Vampa eingeſchrieben.“ „Nun?“ „Nun, erinnern Sie ſich nicht des berühmten Banditen, der mich gefangen genommen hatte?“ „Ach! es iſt wahr.“ „Und aus deſſen Händen der Graf mich wunderbarer Weiſe befreite?“ „Ja, ja!“ „Er hieß Vampa. Sie ſehen, daß es der Graf ſein muß.“ „Aber warum hat er mir dieſen Pokal geſchickt?“ „Erſtlich, gnädige Frau, weil ich ihm, wie Sie denken können, viel von Ihnen erzählt hatte, und dann, weil er entzückt geweſen ſein wird, eine Landsmännin zu finden, und zu ſehen, wie vielen Antheil dieſe Landsmännin an ihm nahm.“ „Ich hoffe, daß Sie ihm die Thorheiten, die wir über ihn ge⸗ ſprochen, nicht erzählt haben werden.“ Ihnen dem Pokal unter dem Namen von Lord Nuthven anzu⸗ bieten. „Aber das iſt abſcheulich, er wird mich tödtlich haſſen!“ „Iſt ſein Benehmen das eines Feindes?“ „Nein, das muß ich eingeſtehen.“ „Nun, alſo!“ „Alſo, er iſt in Paris?“ „Ja.“ „Und welchen Eindruck hat er gemacht?“ „Ei,“ meinte Albert,„man hat acht Tage von ihm geſprochen, dann kam die Krönung der Königin von England und der Diamanten⸗ Diebſtahl der Mademoiſelle Mars, und man ſprach immer noch davon.“ „Man ſieht wohl, mein Lieber,“ fiel Chateau⸗Renaud ein,„daß Sie des Grafen Freund ſind und als ſolcher über ihn urtheilen. Glauben Sie nicht, Frau Gräfin, was Albert Ihnen ſagt; es iſt im Gegentheil in Paris von nichts die Rede, als von dem Grafen von Monte⸗Chriſto. Zuerſt ſchickte er der Frau von Danglars Pferde, die ihm dreißigtauſend Franken gekoſtet hatten; dann rettete er der Frau von Villefort das Leben; dann gewann er, wie es ſcheint, den Preis des Jockey⸗Clubbs. Ich behaupte im Gegentheil, was Morcerf auch ſagen mag, daß man ſich nicht nur jetzt noch mit ihm be⸗ ſchäftigt, ſondern dies noch in einem Monate thun wird, wenn er fortfährt, excentriſch zu ſein, was, beiläufig geſagt, ſeine gewöhnliche Lebensweiſe zu ſein ſcheint.“ „Es iſt möglich,“ ſagte Morcerf,„jetzt aber ſagen Sie mir, wer hat denn die ehemalige Loge des ruſſiſchen Geſandten ge⸗ nommen?“ „Welche denn?“ fragte die Gräfin. „Die zwiſchen den Säulen im erſten Rang; ſie ſcheint mir ganz neu zurecht gemacht zu ſein.“ „Wirklich!“ bemerkte Chateau⸗Renaud; während des erſten Actes?“ „Nein,“ erwiderte die Gräfin,„ich habe Niemand geſehen; „alſo,“ fuhr ſie, auf das erſte Geſpräch zurückkommend, fort,„Sie „war Jemand darin „Meiner Treu', darauf kann ich nicht ſchwören, und dieſe Manier, terre des H ſandte bis Dam Schö gezog Aufm ſes; Kron ſamn dacht 1 nier, nzu⸗ 721 glauben, daß es Ihr Graf von Monte⸗Chriſto iſt, der den Preis gewonnen hat?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Und der mir den Pokal geſchickt hat?“ „Ohne allen Zweifel!“ „Aber ich kenne ihn nicht,“ ſagte die Gräfin,„und habe die größte Luſt, ihm denſelben zurückzuſchicken.“ „O! thun Sie das nicht; er würde Ihnen einen andern ſchicken, der aus einem Saphir geſchnitten, oder aus einem Rubin gehöhlt wäre. Das iſt ſo ſeine Manier; man muß ihn nehmen, wie er iſt.“ Jetzt hörte man die Klingel, die das Zeichen gab, daß der zweite Act beginnen werde. Albert ſtand auf und empfahl ſich. „Werde ich Sie noch ſehen?“ fragte die Comteſſe. „In den Zwiſchenakten, wenn Sie es erlauben. Ich werde mich erkundigen, ob ich Ihnen auf irgend eine Weiſe in Paris dienen kann.“ „Meine Herren,“ ſagte die Gräfin,„ich wohne Straße Rivoli Nr. 22 und bin alle Sonnabend Abend für meine Freunde zu Hauſe; merken Sie ſich dies.“ Die jungen Leute empfahlen ſich und gingen hinaus. Als ſie Alle ihre Plätze wieder einnahmen, ſahen ſie das Par⸗ terre in Bewegung und Aller Augen nach einem einzigen Punkte des Hauſes, und zwar nach der ehemaligen Loge des ruſſiſchen Ge⸗ ſandten gerichtet. Ein ſchwarz gekleideter Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren war ſoeben mit einer orientaliſch gekleideten Dame in derſelben erſchienen. Die Dame war von ausnehmender Schönheit, und ihr Anzug ſo reich, daß ſie Aller Augen auf ſich gezogen hatte. „Ah!“ ſagte Albert,„es iſt Monte⸗Chriſto und ſeine Griechin.“ Es waren wirklich der Graf und Haidee. In einem Augenblicke war die junge Frau der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit, nicht nur des Parterres, ſondern des ganzen Hau⸗ ſes; die Damen bogen ſich aus den Logen, um im Widerſchein des Kronleuchters dieſe Cascaden von Diamanten rieſeln zu ſehen. Der zweite Akt verging unter jener dumpfen Bewegung der ver⸗ ſammelten Maſſe, die ein beſonderes Ereigniß andeutet. Niemand dachte daran,„Still“ zzu rufen. Dieſe junge, ſo ſchöne, ſo blendende Der Graf von Monte⸗Chriſto. 46 722 Erſcheinung war das merkwürdigſte Schauſpiel, das man ſehen konnte. Jetzt erhielt Albert ein nicht in Zweifel zu ziehendes Zeichen, daß die Baronin von Danglars ſeinen Beſuch im nächſten Zwiſchen⸗ akte wünſche. Morcerf hatte zu viel Lebensart, um auf ſich warten zu laſſen, wenn man ihm deutlich zu verſtehen gab, daß er erwartet werde. Sobald der Akt zu Ende war, beeilte er ſich alſo, ſich im Proſcenium einzufinden. Er begrüßte die beiden Damen und reichte Dobray die Hand. Die Baronin empfing ihn mit dem liebenswürdigſten Lächeln, und Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Kälte. „Meiner Treu, mein Lieber,“ ſagte Dobray,„Sie ſehen hier einen Verzweifelnden, der Sie zu Hilfe ruft. Die gnädige Frau vernichtet mich mit Fragen über den Grafen. Ich ſoll wiſſen, wo⸗ her er ſtammt, woher er kommt, wohin er geht; meiner Treul ich bin nicht Caglioſtro, und um mich aus der Affaire zu ziehen, ſagte ich zu der gnädigen Frau: Fragen Sie über das Alles Morcerf, der kennt ſeinen Monte⸗Chriſto durch und durch; darauf wurde Ihnen das Zeichen gegeben.“ „Iſt es nicht unglaublich,“ ſagte die Baronin,„daß wenn man eine halbe Million in geheimen Fonds zu ſeiner Dispoſition hat, man nicht beſſer unterrichtet iſt.“ „Gnädige Frau, ich bitte Sie, zu glauben, daß, wenn ich eine halbe Million zu meiner Dispoſition hätte, ich dieſelbe anders an⸗ wenden würde, als um Erkundigungen über Monte⸗Chriſto einzu⸗ ziehen, der in meinen Augen kein anderes Verdienſt hat, als das, zweimal ſo reich als ein Nabob zu ſein; aber ich habe meinem Freunde Morcerf das Wort überlaſſen, ſehen Sie zu, was Sie von ihm erfahren; ich habe nichts mehr damit zu thun.“ „Ein Nabob würde mir gewiß nicht zwei Pferde für dreißig tauſend Franken mit vier Diamanten an den Ohren, deren jeder fünftauſend Franken werth iſt, geſchickt haben.“ „Ol die Diamanten,“ ſagte Morcerf lachend,„das iſt ſeine Manie. Ich glaube, daß er deren wie Potemkin immer in den Taſchen hat, und ſie verſtreut wie der kleine Däumling die Kieſel⸗ ſteine.“ 7 Baron auf dc kann! ſichtige Miliio Auffor vollen iſt ein was d zu ſeit ſchränk als ich der n Dangl 3 u4 Ball i 723 „Er wird irgend eine Goldgrube entdeckt haben,“ meinte die Baronin;„Sie werden wiſſen, daß er einen unbegrenzten Credit auf das Haus des Barons hat.“ „Nein, das wußte ich nicht,“ antwortete Albert,„aber das kann nicht anders ſein.“ „Und daß er Herrn von Danglars angekündigt hat, er beab⸗ ſichtige ein Jahr in Paris zu bleiben und in dieſer Zeit ſechs Millionen auszugeben?“ „Es iſt der Schach von Perſien, der incognito reiſ't.“ „Und dieſe Dame, Herr Lucian,“ ſagte Eugenie,„haben Sie bemerkt, wie ſchön ſie iſt?“ „Wirklich, Fräulein, ich kenne Niemand, die Perſonen Ihres Geſchlechts ſolche Gerechtigkeit widerfahren läßt, als Sie.“ Lucian hielt ſein Lorgnon vor die Augen. „Reizend!“ ſagte er. „Und weiß Herr von Morcerf, wer dieſe Dame iſt?“ „Mein Fräulein,“ antwortete Albert, auf dieſe faſt befehlende Aufforderung,„ich weiß es ungefähr, wie Alles, was den geheimniß⸗ vollen Mann betrifft, der uns jetzt ſo ſehr beſchäftigt. Dieſe Dame iſt eine Griechin.“ „Das zeigt ihr Anzug, und Sie haben mir da nur geſagt, was das ganze Haus ſchon ſo gut weiß, als wir.“ „Ich bedauere,“ ſagte Morcerf,„ein ſo unwiſſender Cicerone zu ſein; muß indeſſen geſtehen, daß ſich hierauf mein Wiſſen be⸗ ſchränkt. Außerdem weiß ich nur noch, daß ſie muſikaliſch iſt, denn als ich einſt beim Grafen frühſtückte, hörte ich den Ton einer Guzla, der nur von ihr herrühren konnte.“— „Er nimmt alſo Beſuch an, Ihr Graf?“ fragte Frau von Danglars. „Und bewirthet fürſilich, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Ich muß Herrn von Danglars bewegen, ein Diner, einen Ball ihm zu Ehren zu geben, damit er es erwidert.“ „Wie! Sie wollen zu ihm gehen,“ ſagte Dobray lachend. „Warum nicht? mit meinem Manne!“ „Aber er iſt unverheirathet, dieſer geheimnißvolle Graf.“ „Sie ſehen das Gegentheil,“ ſagte die Baronin lächelnd und auf die ſchöne Griechin deutend. 46* 724 „Dieſe Frau iſt eine Sclavin, wie er uns ſelbſt geſagt hat. Erinnern Sie ſich, Morcerf, bei Ihrem Frühſtücke?“, „Geſtehen Sie, mein lieber Lucian,“ meinte die Baronin,„daß ſie viel eher das Anſehen einer Prinzeſſin hat.“ „Aus Tauſend und einer Nacht?“ „Aus Tauſend und einer Nacht will ich gerade nicht ſagen; aber was macht die Prinzeſſinnen, mein Lieber? das ſind die Dia⸗ manten und mit dieſen iſt ſie bedeckt.“ „Sie hat deren ſogar ſchon zu viel an ſich,“ ſagte Eugenie, „ſie würde ohne dieſelben ſchöner ſein, denn man würde ihren Hals und ihre Handgelenke beſſer ſehen, die reizend geformt ſind.“ „Ol über die Künſtlerin!“ ſprach Frau von Danglars,„ſehen Sie, wie ſie ſich enthuſiasmirt!“ „Ich liebe alles Schöne,“ verſicherte Eugenie. „Aber was ſagen Sie dann vom Grafen ſelbſt?“ ſagte Dobray; „er ſcheint mir auch nicht übel.“ „Der Graf?“ entgegnete Eugenie,„als hätte ſie noch nicht daran gedacht, ihn anzuſehen,„der Graf... er iſt ſehr bleich.“ „Das iſt es eben,“ verſetzte Morcerf,„in dieſer Bleichheit liegt das Geheimnißvolle, das wir aufklären möchten. Die Com⸗ teſſe G... behauptet, wie Sie wiſſen, daß er ein Vampyr iſt.“ „Sie iſt alſo wieder hier,die Comteſſe G...2“ fragte die Baronin. „In jener Seitenloge uns faſt gegenüber, liebe Mutter,“ ſagte Eugenie,„dieſe Frau mit dem wundervollen, blonden Haar, das iſt ſie.“ „Ahl ſo,“ ſagte Frau von Danglars,„wiſſen Sie, was Sie thun ſollten, Morcerf?“ „Befehlen Sie, gnädige Frau.“ „Sie ſollten Ihrem Grafen von Monte⸗Chriſto einen Beſuch machen und ihn uns zuführen.“ „Wozu das?“ meinte Eugenie. „Nun, damit wir mit ihm reden; biſt Du denn nicht neugierig, ihn zu ſehen?“ „Durchaus nicht.“ „Sonderbares Mädchen!“ murmelte die Baronin. „O!“ verſicherte Morcerf,„er wird wahrſcheinlich von ſelbſt Cori f bare wie ſi das z nach nirge was dieſes Augen tuſſ das Vollb erig, ſelbſt — 725 kommen. Sehen Sie, gnädige Frau, er hat ſie geſehen, und be⸗ grüßt Sie.“ Die Baronin erwiderte den Gruß des Grafen mit ihrem reizendſten Lächeln. „Nun, es ſei darum, ich entſage dem Glücke länger hier zu ſein; ich verlaſſe Sie, und will verſuchen, ob ich ihn ſprechen kann.“ „Sie gehen in ſeine Loge; das iſt ja ſehr einfach.“ „Aber ich bin nicht vorgeſtellt.“ „Wem?“ „Der ſchönen Griechin?“ „Sie ſagen, es iſt eine Sclavin.“ „Ja, aber Sie, gnädige Frau, behaupten, daß es eine Prin⸗ zeſſin ſei... Nein. Ich hoffe, daß, wenn er mich hier hinaus gehen ſieht, er herauskommen wird.“ „Das iſt möglich. Gehen Sie alſo.“ „Ich eile.“ Morcerf empfahl ſich und ging; wirklich öffnete ſich die Loge des Grafen in dem Augenblicke, wo er an derſelben vorüberging; der Graf ſagte einige Worte arabiſch zu Ali, welcher im Corridor ſtand, und nahm Morcerf's Arm. Ali ſchloß die Thüre und blieb vor derſelben ſtehen; im Corridor war eine Menſchenmenge um den Nubier verſammelt. „Wirklich,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Ihr Paris iſt eine ſonder⸗ bare Stadt und Ihre Pariſer merkwürdige Leute. Sehen Sie doch, wie ſie ſich um meinen armen Ali drängen, der nicht begreift, was das zu bedeuten hat. Ich verſichere Sie, daß, wenn ein Pariſer nach Tunis, Conſtantinopel, Bagdad oder Cairo kommt, daß man nirgends einen Kreis um ihn ſchließen wird.“ „Ihre Orientalen ſind ernſte, ſtille Leute, die nur das beſehen, was ſehenswerth iſt; aber glauben Sie mir lübrigens, Ali macht dieſes Aufſehen nur, weil er Ihnen angehört, und Sie in dieſem Augenblicke der Mann des Tages ſind.“ „Wirklich! und was verſchafft mir dieſe Gunſt?“ Ei, Potztauſend! Sie ſelbſt. Sie verſchenken Geſpanne zu tauſend Louisd'or; Sie retten den Frauen königlicher Procuratoren das Leben; Sie laſſen rennen unter dem Namen Major Black ein Vollblut⸗Pferd und einen Jockey, nicht größer als ein Uistiti; end⸗ ——— —— 726 lich gewinnen Sie goldene Pokale und ſchenken dieſelben hübſchen Frauen.“ „Und wer zum Teufel hat Ihnen alle dieſe meine Thorheiten mitgetheilt?“ „Potz Blitz! die Erſte, Frau von Danglars, die vor Begierde ſtirbt, Sie in ihrer Loge zu ſehen, oder vielmehr Sie in derſelben ſehen zu laſſen; die Zweite, das Journal Beauchamp's; und die Dritte, meine eigene Erfindungsgabe. Warum nennen Sie Ihr Pferd Vampa, wenn Sie incognito bleiben wollen?“ „Ah! das iſt wahr!“ ſagte der Graf,„das war unüberlegt. Aber ſagen Sie mir doch, kommt der Graf nicht zuweilen in die Oper? Ich habe mich nach ihm umgeſehen und ihn nirgends ent⸗ decken können.“ „Er wird heute Abend kommen.“ „Und wohin?“ „In die Loge der Frau Baronin, glaube ich.“. „Iſt dieſe reizende, junge Dame, die bei ihr iſt, ihre Tochter?“ „Ja.“ „Ich mache Ihnen mein Compliment darüber!“ Morcerf lächelte. „Wir ſprechen darüber ein anderes Mal weitläufiger,“ ſagte er.„Wie finden Sie die Muſik?“ „Welche Muſik?“ „Nun! die, welche wir ſoeben gehört haben.“ „Ich finde, daß ſie dafür, daß ein Menſch ſie componirt hat, ſehr ſchön iſt, und geſungen von Vögeln mit zwei Beinen und ohne Federn, wie weiland Diogenes ſagte.“ „Ah! ſo. Aber mein lieber Graf, man ſollte denken, Sie könnten die ſieben Chöre des Paradieſes hören, wenn Sie Luſt hätten.“ „Nun ja, es iſt dem einigermaßen ſo. Wenn ich wundervolle Muſik hören will, Vicomte, Muſik, wie kein ſterbliches Ohr ſie je gehört hat, ſo ſchlafe ich.“ „Ei! dann ſind Sie hier am rechten Orte, ſchlafen Sie, mein beſter Graf, ſchlafen Sie, dazu iſt die Oper eigens erfunden.“ „Nein wahrlich; Ihr Orcheſter macht zu viel Spectakel. Um ſen gte ein 727 den Schlummer zu genießen, den ich meine, bedarf ich Ruhe und Stille, und dann eine gewiſſe Vorbereitung. „Ah! das berühmte Hatchis?“ „Ganz richtig. Wenn Sie Muſik hören wollen, Vicomte, kom⸗ men Sie zum Souper zu mir.“ „Aber, ich hörte ſchon Muſik, als ich zum Frühſtüc zu Ihnen „In Rom?“ 82 „Ach! das war Guzla Haidee's. Ja, die arme Verbannte er⸗ götzt ſich zuweilen damit, mir die Lieder ihrer Heimath zu ſpielen.“ Morcerf fragte nicht weiter; der Graf ſchwieg auch. In dieſem Augenblicke ertönte die Klingel. „Sie entſchuldigen mich!“ ſagte der Graf nach ſeiner Loge. zugehend. „Wie ſo?“ „Beſtellen Sie viel Schönes an die Comteſſe G. von ihrem Vampyr.“ „Und der Baronin?“ „Sagen Sie, daß ich, wenn ſie es erlaubt, ihr noch heute Abend meine Aufwartung machen werde.“ Der dritte Akt begann; während deſſelben kam der Graf von Morcerf, wie er verſprochen hatte, in die Loge von Frau von Danglars. Der Graf war keiner von denen, die Aufſehen durch ihr Kom⸗ men erregten; auch bemerkte ihn Niemand, als die, bei denen er Platz nahm.. Monte⸗Chriſto ſah ihn jedoch, und ein leichtes Lächeln um⸗ ſpielte ſeine Lippen. Was Haidee anbetraf, ſo ſah dieſelbe nichts außer der Bühne, ſobald der Vorhang einmal aufgezogen war; ſie wurde, wie alle ungekünſtelten Naturen, von Allem angezogen, was Gehör und Ge⸗ ſicht anſprach. Der dritte Akt verlief wie gewöhnlich. Der Prinz von Gra⸗ nada wurde von Robert Mario herausgefordert; der majeſtätiſche König hielt, ſeine Tochter an der Hand führend, ſeinen Umgang um die Bühne, um ſeinen prachtvollen Sammetmantel zu zeigen; 728 dann fiel der Vorhang, und das Publikum ergoß ſich in das Foyer und die Corridore. Der Graf verließ ſeine Loge und erſchien wenige Augenblicke darauf in der der Baronin Danglars. Der Baronin entſchlüpfte ein leichter Schrei freudiger Be⸗ wunderung. „Ahl willkommen, Herr Graf,“ rief ſie aus,„ich ſehnte mich wirklich ſchon lange, meinem ſchriftlichen Danke an Sie, den Sie erhalten haben werden, auch den mündlichen hinzuzufügen.“ „O! gnädige Frau,“ ſagte der Graf,„Sie erinnern ſich noch an dieſe Kleinigkeit? Ich hatte ſie wirklich ganz vergeſſen.“ „Wirklich? aber was man nicht vergißt, Herr Graf, iſt, daß Sie den Tag darauf meine gute Freundin, Frau von Villefort, aus der Gefahr erretteten, in welche die nämlichen Pferde dieſelbe verſetzten.“ „Auch in dieſem Falle, gnädige Frau, verdiene ich Ihre Dank⸗ ſagung nicht; es war Ali, mein Nubier, der das Glück hatte, der Frau von Villefort dieſen wichtigen Dienſt zu leiſten.“ „Und war es auch Ali,“ ſagte der Graf von Morcerf,„der meinen Sohn aus den Händen der römiſchen Banditen befreite.“ „Nein, Herr Graf,“ erwiderte Monte⸗Chriſto, die Hand drückend, die der General ihm reichte,„nein, dieſes Mal nehme ich ſelbſt den Dank an, aber Sie haben ihn mir ſchon abgeſtattet, ich habe ihn ſchon empfangen und wahrlich, es macht mich glücklich, Sie noch immer ſo dankbar zu finden. Erzeigen Sie mir doch die Ehre, Frau Baronin, mich Ihrer Fräulein Tochter vorzuſtellen.“ „O! Sie ſind ſchon vorgeſtellt, dem Namen nach wenigſtens, denn ſeit zwei oder drei Tagen ſprechen wir nur von Ihnen. Eugenie, der Herr Graf von Monte⸗Chriſto.“ Der Graf verbeugte ſich; Fräulein Danglars machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe. „Sie haben da eine bewundernswürdige Perſon bei ſich, Herr Graf,“ ſagte Eugenie,„iſt es Ihre Tochter?“. „Nein, gnädiges Fräulein,“ antwortete der Graf, ganz erſtaunt über dieſe außerordentliche Unbefangenheit oder ungewöhnliche Gerad⸗ heit;„es iſt eine arme Griechin, deren Vormund ich bin.“ „Und ſie heißt?...“ „Haidee,“ antwortete Monte⸗Chriſto. „Eine Griechin!“ murmelte der Graf von Morcerf. „Ja, Graf,“ ſagte Frau von Danglars,„und ſagen Sie mir, ob Sie je an dem Hofe Ali⸗Tebelins, dem Sie ſo ruhmvoll gedient haben, ein ſo bewundernswürdiges Coſtüm ſahen, als das, welches wir hier vor Augen haben?“ „Ah!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Sie haben in Janina gedient, Herr Graf?“ „Ich war General⸗Inſtructor der Truppen des Paſcha,“ ant⸗ wortete Morcerf,„und mein weniges Vermögen, ich verhehle es nicht, verdanke ich der Freigebigkeit des berühmten, albaneſiſchen Oberhauptes.“ „Sehen Sie doch!“ ermahnte Frau von Danglars. „Wo denn?“ ſtammelte Morcerf. „Dort!“ ſagte Monte⸗Chriſto. Damit umſchlang er den Grafen mit einem Arme und bog ſich mit ihm über den Rand der Loge. In dieſem Augenblicke entdeckte Haidee, deren Blicke den Grafen ſuchten, den bleichen Kopf deſſelben neben dem von Mor⸗ cerf, den er umfaßt hatte. Dieſer Anblick wirkte auf das junge Mädchen wie der Anblick des Meduſenhauptes; ſie machte eine Bewegung vorwärts, als wollte ſie alle Beide mit ihren Blicken verſchlingen, dann warf ſie ſich, einen ſchwachen Schrei ausſtoßend, der indeſſen von Allen, die in ihrer Nähe waren, gehört wurde, in demſelben Augenblicke überwältigt zurück. Ali hörte den Schrei auch und öffnete ſogleich die Thür. „Sehen Sie doch, Herr Graf, was iſt denn Ihrer Mündel zu⸗ geſtoßen? Sie ſcheint ohnmächtig zu ſein.“ „Ja, es ſcheint ſo,“ antwortete der Graf,„aber erſchrecken Sie nicht, mein Fräulein; Haidee hat ſehr reizbare Nerven und folglich iſt ſie gegen ſtarke Gerüche ſehr empfindlich; ein Geruch, der ihr zuwider iſt, kann ihr eine Ohnmacht zuziehen; aber,“ fügte er hinzu, indem er eine Phiole aus der Taſche zog,„hier habe ich das Mittel dagegen.“ Und nachdem er ſich der Baronin und ihrer Tochter mit einem —— 730 * Hände, und verließ die Loge der Frau von Danglars. Als er in die ſeinige kam, war Haidee noch ſehr bleich, kaum erblickte ſie ihn, als ſie ſeine Hand ergriff. Monte⸗Chriſto bemerkte, daß die Hände des jungen Madchens feucht und eiskalt waren. „Mit wem ſprachſt Du denn da, Herr?“ fragte ſie ihn. „Nun,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„mit dem Grafen von Morcerf, der in Dienſten Deines erlauchten Vaters geſtanden hat und geſteht, daß er demſelben ſein Vermögen verdankt.“ „Ach! der Elende!“ rief Haidee,„er iſt es ja eben, der ihn den Türken verkauft hat; und dieſes Vermögen iſt der Preis ſeiner Verrätherei. Wußteſt Du denn das nicht, mein geliebter Herr?⸗ „Ich hatte wohl etwas von dieſer Geſchichte in Epirus gehört, kenne aber die näheren Umſtände derſelben nicht. Komm, meine Tochter, Du ſollſt ſie mir erzählen, das muß merkwürdig ſein.“ „O! ja, komm, komm; es iſt mir, als müßte ich ſterben, wenn ich länger dieſem Manne gegenüber bliebe.“ 3 Und Haidee ſtand raſch auf, hüllte ſich in ihren mit Perlen und Korallen geſtickten Bournous von weißem Kachemir, und ent⸗ fernte ſich haſtig in dem Augenblicke, wo der Vorhang ſich hob. „Sehen Sie, ob dieſer Mann etwas ſo macht, wie andere Menſchen,“ ſagte die Comteſſe G.... zu Albert, der wieder zu ihr gekommen war; er hört aufmerkſam und andächtig den dritten Akt von Robert an, und entfernt ſich in dem Augenblicke, wo der vierte Akt beginnt.“ Blicke empfohlen hatte, drückte er dem Grafen und Dobray die —— LV. 7 Das Fallen und Steigen der Staatspapiere. Einige Tage nach dieſem Vorfalle kam Albert von Morcerf nach den elyſäiſchen Feldern, um dem Grafen von Monte⸗Chriſto ſeinen Beſuch zu machen. Das Hotel hatte ſchon jenes palaſtartige Anſehen gewonnen, welches der Graf vermittelſt ſeines unermeß⸗ lichen Vermögens allen ſeinen Wohnungen, ſelbſt denen, die er nur auf Augenblicke inne hatte, zu geben wußte. Er ſollte ihm die Dankſagungen der Frau von Danglars wiederholen, welche ihm ſchon ein Brief mit der Unterſchrift: Baronin Danglars, geborene Hermine Gräfin von Servieux, ausgeſprochen hatte. Albert war von Lucian Dobray begleitet, der den Worten ſeines Freundes einige Complimente hinzufügte, deren Quelle der Graf vermöge ſeines Scharfblickes leicht errieth. Es ſchien ihm ſogar, daß Lucian, durch eine doppelte An⸗ wandlung von Neugierde veranlaßt, ihn zu beſuchen kam, und daß die eine Hälfte dieſer Neugierde in dem Hauſe der Chauſſee d'Antin ihren Urſprung hatte. Wirklich konnte er, ohne Beſorgniß, ſich zu irren, vorausſetzen, daß Frau Danglars, da ſie nicht durch eigene Beobachtung den Mann und ſeine Umgebungen näher kennen lernen und durchſchauen konnte, der Pferde zu dreißigtauſend Franken ver⸗ ſchenkte, und in die Oper kam mit einer griechiſchen Sclavin, die wenigſtens für eine Million Diamanten an ſich hatte, ſich anderer Augen bedienen wollte, um auch die näheren Umgebungen, und da⸗ durch das Innere dieſes Mannes kennen zu lernen. Der Graf jedoch ſchien nicht den mindeſten Zuſammenhang zwiſchen dem Beſuch Dobray's und der Neugierde der Baronin zu ahnen. 732 „Sie ſind faſt in beſtändigem Verkehr mit dem Baron Danglars?“ fragte er Albert. „Gewiß, Herr Graf; Sie wiſſen ja, was ich Ihnen ſchon ſagte?“ „Das iſt alſo immer noch im Gange?“ „Mehr als jemals,“ fiel Dobray ein,„das iſt eine abgemachte Sache.“ Und Lucian, ohne Zweifel vorausſetzend, daß dieſes Wort in das Geſpräch geworfen, ihm das Recht gäbe, demſelben fremd zu bleiben, kniff ſeine Perlmutter⸗Lorgnette in's Auge, nahm den gol⸗ denen Knopf ſeines Spazierſtöckchens in den Mund, und ging im Zimmer umher, die Bilder und die Waffen betrachtend. „Ah“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich glaubte Sie verſtanden zu haben, daß die Entſcheidung noch nicht ſo nahe ſei.“ „Ach, lieber Graf, die Sachen gehen vorwärts, ohne daß man es merkt; während Sie nicht daran denken, geſtalten ſie ſich, und Sie ſtaunen, wenn Sie ſie recht in's Auge faſſen, über die Wend⸗ ung, die ſie genommen haben. Mein Vater und Herr Danglars haben in Spanien zuſammen gedient; mein Vater in der Armee, Herr v. Danglars bei den Verpflegungsanſtalten, und da haben eben, mein Vater, der durch die Revolution ruinirt war, und Herr von Danglars, der nie ein Erbgut gehabt hatte, den Grund gelegt, mein Vater zu ſeinem ſchönen Vermögen auf politiſchem und mili⸗ täriſchen Wege, der Herr von Danglars zu ſeinem bewunderungs⸗ würdigen Vermögen auf politiſchem und finanziellen Wege.“ „Ja, wirklich!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich glaube, daß Herr von Danglars, als ich ihn beſuchte, mir davon geſagt hat; und,“ fuhr er, einen Seitenblick auf Lucian, der in einem Album blätterte, werfend, fort,„und iſt ſie hübſch, Fräulein Eugenie? denn ich glaube gehört zu haben, daß ſie Eugenie heißt.“ „Sehr hübſch, oder vielmehr ſehr ſchön,“ antwortete Albert, „aber ihre Schönheit iſt von einer Art, die ich Unwürdiger nicht zu würdigen weiß.“ „Sie ſprechen ſchon, als wären Sie ihr Mann.“ „O!“ meinte Albert, um ſich ſehend, um Lucian zu beobachten. „Wiſſen Sie,“ bemerkte Monte⸗Chriſto leiſe,„daß ich Sie keineswegs entzückt von dieſer Heirath finde.“ do5 Sie ten tauſe ſonde das in d Stel und eines ſcho zum Fräl gebe dern gre wer die ſich ſie läß Ar we rül we Jaron ſchon machte ort in md zu n gol⸗ ng im den zu ß man , und Wend⸗ aglars Armee, haben d Herr gelegt, mili⸗ rungs⸗ Herr und,“ ätterte, glaube Albert, nicht acten. h Sie 73³ „Fräulein Danglars iſt zu reich für mich,“ verſetzte Albert, „das erſchreckt mich.“ „Pah!“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„ein ſchöner Grund: ſind Sie nicht ſelbſt reich?“ „Mein Vater hat allerdings ſeine fünfzigtauſend Livres Ren⸗ ten und wird mir, wenn er mich verheirathet, ein zehn⸗ oder zwölf⸗ 8 tauſend davon geben.“ „Das iſt freilich nicht übermäßig viel,“ ſagte der Graf,„be⸗ ſonders in Paris; aber es kommt ja in dieſer Welt nicht allein auf das Vermögen an, und ein ſchöner Name und eine hohe Stellung in der Geſellſchaft ſind auch Etwas. Ihr Name iſt berühmt, Ihre Stellung vorzüglich, und dann iſt der Graf von Morcerf Soldat, und man liebt es, die Integrität eines Bayard mit der Armuth eines Duguesclin vereinigt zu ſehen; die Uneigennützigkeit iſt der ſchönſte Sonnenſtrahl, der ein edles Schwert vergolden kann. Ich zum Beiſpiel finde dieſe Verbindung ſo paſſend wie nur eine: Fräulein Danglars wird Ihnen Reichthum, Sie werden ihr Adel geben!“ Albert ſchüttelte den Kopf und blieb gedankenvoll. „Es iſt noch ein anderes Bedenken dabei,“ ſagte er. „Ich geſtehe,“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„daß ich dieſen Wi derwillen gegen ein ſchönes und reiches, junges Mädchen nicht be⸗ greifen kann.“ „O! mein Gott!“ antwortete Morcerf,„dieſer Widerwille, wenn ich es ſo nennen darf, geht nicht ganz allein von mir aus“ „Aber von wem denn? Sie ſagen mir ja, Ihr Vater wünſche dieſe Verbindung.“ „Von meiner Mutter, und meine Mutter hat einen klugen ſichern Blick. Nun wohl! Sie ſieht dieſe Verbindung nicht gern, ſie hat, ich weiß nicht, welches Vorurtheil gegen die Danglars.“ „Ah!“ ſagte der Graf in etwas gezwungenem Tone,„das läßt ſich begreifen; die Frau Gräfin Morcerf iſt die perſonificirte Ariſtokratie und von ausgezeichneter Feinheit, deshalb zögert ſie ein wenig, die plumpe und rohe Hand von Emporkömmlingen zu be⸗ rühren, das iſt natürlich.“ „Ich weiß nicht, ob es das iſt,“ meinte Albert;„das aber weiß ich, daß dieſe Heirath, wenn ſie zu Stande kommt, meine 734 Mutter unglücklich machen wird. Schon vor ſechs Wochen ſollte, eine Familienberathung ſtattfinden; aber ich bekam eine ſo heftige Migraine...“ „Eine wirkliche?“ fragte der Graf lächelnd. „Ol ſehr ernſtlich, die Furcht wahrſcheinlich... ſo daß die Zuſammenkunft um zwei Monate weiter hinausgeſchoben wurde. Es eilt ja nicht, das werden Sie einſehen, ich bin noch nicht einmal volle einundzwanzig, und Eugenie erſt ſiebzehn Jahre alt; aber die beiden Monate ſind in einigen Tagen um. Man vird ſich ent⸗ ſchließen müſſen. Sie können ſich nicht denken, mein beſter Graf, in welcher Verlegenheit ich bin. Ach! wie beneidenswerth ſind Sie⸗ frei zu ſein.“ „Nun gut! ſeien Sie auch frei; wer hindert Sie daran, das ſagen Sie mir?“ „O! es wäre eine zu große Fehlſchlagung für meinen Vater wenn ich Fräulein Danglars nicht heirathete.“ „Nun, dann heirathen Sie ſie,“ ſagte der Graf mit einer ſon⸗ derbaren Bewegung der Schultern. „Ja,“ erwiderte Morcerf,„das wird für meine Mutter keine Fehlſchlagung, ſondern Schmerz ſein.“ „Dann heirathen Sie ſie nicht,“ meinte der Graf. 3 „Ich werde ſehen, verſuchen, Sie rathen mir, nicht wahr? und ziehen mich, wenn es möglich iſt, aus dieſer Verlegenheit. O! um meiner vortrefflichen Mutter keinen Kummer zu machen, könnte ich mich, glaube ich, ſogar mit dem Grafen entzweien.“ Monte⸗Chriſto drehte ſich um; er ſchien bewegt. „Ei!“ ſagte er zu Dobray, der am anderen Ende des Salons in einem tiefen Lehnſtuhl ſaß, und in der rechten Hand eine Blei⸗ feder und in der linken ein Notizbuch hielt,„was machen Sie denn? Eine Skizze nach Pouſſin?“ „Ich,“ antwortete Dobray gelaſſen,„o ja! eine Skizze! dafür liebe ich die Malerei zu ſehr! Nein, nein, ich thue ganz das Ge⸗ gentheil als malen, ich ſchreibe Zahlen.“ „Zahlen?“ „Ja, ich rechne, und das geht Sie indirekter Weiſe an, Vicomte; ich berechne, was das Haus Danglars bei dem letzten Steigen von Hayti hat gewinnen müſſen: die Fonds ſind in drei Tagen von 200 ge 73⁵ 206 auf 409 geſtiegen, und der kluge Banquier hat viel zu 206 gekauft. Er muß dreihunderttauſend Livres gewonnen haben?“ „Das iſt noch nicht ſein beſter Schnitt,“ ſagte Morcerf;„hat er nicht dieſes Jahr eine Million in den ſpaniſchen Bons gewonnen?“ „Hören Sie, Lieber,“ ſagte Lucian,„hier der Herr Graf von Monte⸗Chriſto wird Ihnen mit den Italienern ſagen: Danaro e santità Meta della metaà*). Und das iſt noch viel. Auch beantworte ich ſolche Erfahrungen immer nur mit Achſelzucken.“ „Aber Sie ſprachen von Hayti,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Ah! Hayti, das iſt ein ander Ding: Hayti iſt das Ecarté des franzöſiſchen Börſenſpiels. Man kann für Boutllotte ſchwärmen, das Whiſt lieben, in das Boſton vernarrt ſein, und dennoch alles deſſen müde werden; aber auf das Ecarté kommt man immer wieder zurück, das iſt eine Sache für ſich. Alſo, Herr Danglars hat geſtern zu 406 verkauft, und dreimalhunderttauſend Franken eingeſteckt; hätte er bis heute gewartet, wo die Fonds auf 205 ge⸗ fallen ſind, hätte er, ſtatt dreimalhunderttauſend Franken zu gewin⸗ nen, zwanzig⸗ oder fünfundzwanzigtauſend verloren.“ „Und warum ſind die Fonds von 409 wieder auf 206 ge⸗ fallen?“ fragte Monte⸗Chriſto.„Sie müſſen mir verzeihen, ich bin ſehr unwiſſend in allen dieſen Börſen⸗Intriguen.“ „Weil,“ antwortete Albert lachend,„die Nachrichten auf ein⸗ ander folgen, aber einander nicht gleichen.“ „Ach Teufel,“ meinte der Graf,„Herr Danglars ſetzt in einem Tage dreimalhunderttauſend Franken auf's Spiel! Eil er iſt alſo wirklich ungeheuer reich?“ „Er iſt es eigentlich nicht, der dieſes Spiel treibt,“ rief Lucian lebhaft,„es iſt Madame Danglars; ſie iſt wahrhaft uner⸗ ſchrocken.“ „Aber Sie, der Sie vernünftig ſind, Lucian, und die wenige Haltbarkeit der Nachrichten kennen, weil Sie an der Quelle ſind, Sie ſollten ſie zurück halten,“ ſagte Albert lächelnd.. 13*) Geld und Heiligkeit— die Hälfte der Hälfte. ———— — “ —jj4— „Wie ſollte ich das können, wenn es ihrem Manne nicht ein⸗ mal gelingt?“ fragte Lucian.„Sie kennen den Charakter der Baronin; Niemand hat Einfluß auf ſie, und ſie thut immer nur, was ſie ſelbſt will.“ „Ol wenn ich an Ihrer Stelle wäre,“... meinte Albert. „Nun?“ „Ich würde ſie heilen, es wäre ein Dienſt, den man ihrem künftigen Schwiegerſohne leiſtete.“ „Wie ſo?“ „Ei! der Tauſend, das iſt ſehr leicht. Ich würde ihr eine Lehre geben.“ „Eine Lehre?“ „Ja. Ihre Stellung als Secretair des Miniſters giebt den durch Sie verbreiteten Nachrichten große Glaubwürdigkeit; Sie öffnen nicht den Mund, ohne daß die Wechſelagenten jedes Ihrer Worte augenblicklich niederſchreiben; laſſen Sie ſie Schlag auf Schlag einhunderttauſend Franken verlieren; das wird ſie vorſichtig machen.“ „Ich begreife nicht,“ ſtammelte Lucian. „Es iſt indeſſen doch ſehr klar,“ antwortete der junge Mann mit einer Naivetät, die durchaus nichts Erkünſteltes hatte;„kündi⸗ gen Sie eines ſchönen Morgens etwas ganz Unerhörtes an; eine telegraphiſche Nachricht, die nur Sie allein wiſſen können; daß Heinrich IV. z. B. geſtern bei Gabriele war; das wird die Fonds ungeheuer in die Höhe treiben, ſie wird ihr Börſenſpiel darnach richten und unwiederbringlich verlieren, wenn Beauchamp den fol⸗ genden Tag in ſeinem Journale ſagt: „„Es iſt Unrecht, daß gut unterrichtete Leute behaupten wollen, daß der König Heinrich IV. geſtern bei Gabriele war; dieſe That⸗ ſache iſt völlig unwahr; der König Heinrich IV. hat den Pont⸗neuf nicht verlaſſen.““ Lucian lachte gezwungen. Monte⸗Chriſto hatte, anſcheinend ganz gleichgiltig, keine Sylbe von dieſem Geſpräche verloren, und kein durchdringendes, Auge hatte ſogar in der Verlegenheit des vertrauten Secretairs ein Geheimniß zu entdecken geglaubt. In Folge dieſer Verlegenheit, die Albert durchaus nicht bemerkt hatte, kürzte Lucian ſeinen Beſuch ab; er fühlte ſich wirklich unbe⸗ * eine den Sie hrer auf chtig Nann ündi⸗ eine daß ſonds rnach fol⸗ wollen, That⸗ kneuf inend „und tt des emerkt unbe⸗ 737 haglich. Der Graf ſagte ihm, indem er ihn hinaus begleitete, einige leiſe Worte, auf die er erwiderte: „Sehr gern, Herr Graf, ich werde kommen.“ Der Graf kam zu dem jungen Morcerf zurück. „Bedenken Sie nicht bei reiflicher Ueberlegung,“ ſagte er zu ihm,„daß Sie Unrecht thaten, auf die Weiſe gegen Dobray von Ihrer Schwiegermutter zu ſprechen?“ „Bitte, Graf,“ ſagte Morcerf,„bitte, ſagen Sie nicht ſchon im Voraus dieſes Wort.“ „Iſt die Gräfin wirklich und ohne Uebertreibung ſo ſehr gegen dieſe Heirath?“ „,SSo ſehr, daß die Baronin ſelten in unſer Haus kommt, und daß meine Mutter, ich glaube, noch keine zwei Mal bei Danglars geweſen iſt.“ „Dann,“ ſagte der Graf,„fühle ich mich ermuthigt, offen mit Ihnen zu ſprechen. Herr Danglars iſt mein Banquier, Herr von Villefort hat mich mit Höflichkeiten überhäuft, aus Dankbarkeit für den Dienſt, den ein glücklicher Zufall mich in den Stand ſetzte, ihm leiſten zu können. Ich ſehe daher eine Reihenfolge von Diners und Routs voraus. Um nun nicht als Schmarotzer dazuſtehen, ja wenn Sie wollen, auch, um das Verdienſt zu haben, den Andern zuvorgekommen zu ſein, habe ich mir vorgenommen, Herrn und Frau von Danglars, Herrn und Frau von Villefort, nach meinem Land⸗ hauſe in Auteuil einzuladen. Wenn ich nun Sie, ſowie Herrn und Frau Gräfin von Morcerf zu dieſem Diner einlade, wird das nicht wie eine Art Verlobungsfeſt ausſehen, oder wird nicht wenigſtens die Frau Gräfin von Morcerf die Sache aus dieſem Geſichtspunkte betrachten? beſonders wenn der Herr Baron von Danglars mir die Ehre erzeigt, ſeine Tochter mit zu bringen. Dann wird Ihre Frau Mutter einen Groll auf mich werfen, was ich gar nicht, ſon⸗ dern gerade das Gegentheil wünſche, was ich Sie bitte, ihr, ſo oft es die Gelegenheit mit ſich bringt, zu ſagen, damit es beſſer in ihrem Gedächtniſſe bleibt.“ „Meiner Treu, Graf,“ erwiderte Morcerf,„ich danke Ihnen unendlich, daß Sie ſo offen gegen mich ſind, und nehme die Aus⸗ ſchließung, die Sie mir anbieten, an. Sie ſagen, daß Sie wün⸗ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 47 —— — 738 ſchen, bei meiner Mutter gut angeſchrieben zu ſein, und ſind es ſchon vortrefflich.“ „Glauben Sie?“ fragte Monte⸗Chriſto mit Antheil. „Ol ich weiß es gewiß. Als Sie uns neulich verlaſſen hatten, haben wir eine Stunde von Ihnen geplaudert; aber ich komme auf unſer voriges Geſpräch zurück. Alſo! wenn meiner Mutter dieſe Aufmerkſamkeit von Ihnen zu Theil werden könnte, und Sie mir erlaubten, es ihr zu ſagen, ſo bin ich überzeugt, ſie würde Ihnen ſo dankbar ſein, wie man nur immer ſein kann; freilich würde mein Vater wüthend ſein.“ 1 Der Graf lachte. „Nun gut!“ ſagte er zu Albert,„Sie wiſſen alſo Beſcheid. Aber da fällt mir ein, wenn vielleicht auch nur Ihr Herr Vater wüthend wird, ſo werden doch Herr und Frau von Danglars mich als einen Mann von ſehr ſchlechter Lebensart betrachten. Sie wiſſen, daß wir ziemlich ungenirt einander ſehen, daß Sie mein älteſter Pariſer Bekannter ſind, und werden Sie nicht bei mir fin⸗ den; ſie werden mich fragen, warum ich Sie nicht eingeladen habe. Sorgen Sie wenigſtens für ein anderes Engagement, welches Sie mit dem Anſcheine von Wahrſcheinlichkeit vorſchützen können, und wovon Sie mich durch ein Wörtchen benachrichtigen. Sie wiſſen, die Banquiers laſſen nur Schwarz auf Weiß gelten.“ „Mir fällt noch etwas Beſſeres ein als das, Herr Graf,“ ſagte Albert;„meine Mutter will die Seeluft genießen. Auf welchen Tag iſt Ihr Diner feſtgeſetzt?“ „Auf den Sonnabend.“ „Heute iſt Dienſtag, gut, morgen Abend reiſen wir ab, über⸗ morgen bei guter Zeit ſind wir in Treport. Wiſſen Sie wohl, Herr Graf, daß Sie ein köſtlicher Mann ſind, es den Leuten ſo be⸗ quem zu machen?“ „Ich! wirklich, Sie erzeigen mir mehr Ehre, als ich verdiene; ich will Ihnen gefällig ſein, das iſt Alles.“ „Wann haben Sie eingeladen?“ „Heute. „Gut! ich laufe zu Herrn Danglars und kündige ihm an, daß ich morgen mit meiner Mutter Paris verlaſſe. Ich habe Sie nicht geſehen, folglich weiß ich ich nichts von Ihrem Diner.“ ● — mit ſtän Sie mot mei nd es ztten, 3 auf dieſe mir hnen mein heid. gater mich Sie mein fin⸗ jabe. Sie und iſen, agte ſchen über⸗ vohl, Phe⸗ ene; daß icht —— 739 „Thor, der Sie ſind! und Herr Dobray, der Sie ſoeben bei mir geſehen hat!“ „Ach! das iſt wahr.“ „Im Gegentheil, ich habe Sie hier bei mir ganz ohne Um⸗ ſtände eingeladen, und Sie haben mir ganz einfach erwidert, daß Sie den Sonnabend nicht mein Gaſt ſein können, weil Sie ſchon morgen nach Treport abgehen.“ „Nun gut! So iſt es alſo abgemacht; aber werden Sie nicht meine Mutter vor der Abreiſe noch beſuchen?“ „Heute noch, das wird ſchwer halten, und dann würde ich auch bei den Vorbereitungen zur Reiſe ſtören.“ „Nun gut! thun Sie noch etwas Beſſeres; Sie waren nur ein liebenswürdiger Mann, ſeien Sie jetzt ein anbetungswürdiger.“ „Was muß ich thun, um auf dieſen erhabenen Standpunkt zu gelangen?“ „Was Sie thun müſſen?“ „Das frage ich Sie.“ „Sie ſind heute frei wie der Vogel in der Luft, kommen Sie mit mir zum Diner; wir werden ganz unter uns ſein: Sie, meine Mutter und ich. Sie haben meine Mutter kaum geſehen; heute können Sie ungenirt ihre Bekanntſchaft machen. Sie iſt eine kennenswerthe Frau, und ich bedaure nichts weiter, als daß nicht nooch eine zwanzig Jahr Jüngere wie ſie exiſtirt; dann ſollte es bald, das ſchwöre ich Ihnen, eine alte und junge Gräfin von Morcerf geben. Was meinen Vater anbetrifft, den finden Sie heute nicht, er hat heute Sitzung und dinirt bei dem Herrn Groß, Referendar. Kommen Sie, wir plaudern von unſeren Reiſen: Sie, der Sie die ganze Welt geſehen haben, erzählen uns Ihre Aben⸗ teuer; Sie theilen uns die Geſchichte jener ſchönen Griechin mit, die neulich mit Ihnen in der Oper war, die Sie Ihre Sklavin nennen, und wie eine Prinzeſſin behandeln. Wir wollen italieniſch, ſpaniſch ſprechen, wie Sie wollen; kommen Sie, kommen Sie, meine Mutter wird ſich freuen.“ „Tauſend Dank,“ ſagte der Graf,„für dieſe allerliebſte Ein⸗ ladung, die, nicht annehmen zu können, ich unendlich bedaure. Ich bin nicht frei, wie Sie denken, ſondern habe im Gegentheil ein ſehr wichtiges Rendez⸗vous.“ 47* —— 2 740 „Ach! gehen Sie, Sie haben mich eben gelehrt, wie man, wenn es auf ein unangenehmes Diner ankommt, ſich los machen kann. Ich muß einen Beweis haben. Ich bin glücklicherweiſe nicht Banquier wie Herr Danglars, aber ich bin, das ſage ich Ihnen vorher, eben ſo ungläubig als er.“ „Auch will ich Ihnen den Beweis geben,“ ſagte der Graf. Er klingelte. „Hm!“ meinte Morcerf,„ſchon das zweite Mal, daß Sie es ablehnen, mit meiner Mutter zu diniren. Das iſt ein Vorſatz, Graf.“ Monte⸗Chriſto zitterte. „O! das glauben Sie nicht,“ ſagte er;„übrigens kommt hier mein Beweis.“ Baptiſtin trat ein und blieb erwartend an der Thür ſtehen. „Ich war von Ihrem Beſuche nicht unterrichtet, nicht wahr?“ „Tauſend! Sie ſind ein ſo außerordentlicher Mann, daß ich dafür nicht ſtehen kann.“ „Wenigſtens konnte ich nicht errathen, daß Sie mich zum Diner einladen würden?“ „Ja, was das anbetrifft, ſo haben Sie Recht.“ „Nun wohl! hören Sie: Baptiſtin, was ſagte ich Euch heute Morgen, als ich Euch in mein Arbeits⸗Cabinet rief?“ „Die Thür des Grafen ſchließen zu laſſen, ſobald es fünf ge⸗ ſchlagen haben würde,“ antwortete der Bediente. „Weiter.“ „O! Herr Graf...“ bat Albert. „Nein, nein, ich will mich durchaus von dieſem geheimniß⸗ vollen Schleier, den Sie um mich geworfen haben, mein lieber Vicomte, befreien: es iſt zu ſchwer, ewig den Manfred zu ſpielen. Ich will wie in einem Hauſe von Kryſtall leben. Weiter... fahrt fort, Baptiſtin.“ „Ferner ſoll ich Niemand annehmen, als den Herrn Major Bartolomeo Cavalcanti und ſeinen Sohn.“ „Sie verſtehen, den Herrn Major Bartolomeo Cavalcanti, einen Mann vom älteſten Adel Italiens, deſſen d'Hozier zu ſein, Dante ſich bemüht hat... Sie werden ſich erinnern, oder auch nicht, ber hr jor nen ante icht, —— 3 741 im zehnten Geſange der Hölle; dann ſeinen Sohn, einen jungen Mann ungefähr von Ihrem Alter und Stande wie Sie, Vicomte, der mit den Millionen ſeines Vaters in der Pariſer Welt auftritt. Der Major führt mir heute Abend ſeinen Sohn Andrea zu, den Contino, wie wir in Italien ſtatt Vicomte ſagen. Er vertraut ihn mir an, ich werde ihn pouſſiren, wenn etwas aus ihm zu machen iſt. Sie helfen mir, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel! Es iſt alſo ein alter Freund von Ihnen, dieſer Major„Cavalcanti?“ „Durchaus nicht, er iſt ein würdiger Signor, ſehr höflich, ſehr discret, wie es deren eine Menge in Italien giebt; ſehr herabgekom⸗ mene Nachkommen(descendants trèés-descendus) alter Familien. Ich habe ihn in Bologna, Florenz und Lucca verſchiedene Male geſehen und er hat mir ſeine Ankunft gemeldet. Die Reiſebekannt⸗ ſchaften ſind begehrlich, ſie machen an allen Orten die Freundſchaft geltend, die man ihnen irgend ein Mal zufällig bewieſen hat. Als wenn der gebildete Menſch, der mit jedem, er ſei, wer er wolle, eine Stunde zu leben weiß, nicht immer einen Rückhalt hätte! Dieſer gute Major Cavalcanti will Paris wieder ſehen, das er nur einmal flüchtig geſehen hat, während der Kaiſerzeit, als er hier durch ging, um ſich in Moskan gefrieren zu laſſen. Ich werde ihm ein gutes Diner geben, er wird mir ſeinen Sohn laſſen, ich werde ihm verſprechen, über ihn zu wachen, ich werde ihn alle Thorheiten begehen laſſen, die er zu begehen Luſt hat und damit gut.“ „Vortrefflich!“ ſagte Albert,„ich ſehe, daß Sie ein köſtlicher Mentor ſind. Adieu alſo, Sonntag kommen wir zurück. Apropos, ich habe Briefe von Franz.“ „Ahl wirklich!“ ſagte Monte⸗Chriſto;„und gefällt er ſich noch immer in Italien?“ „Ich glaube, ja, indeſſen vermißt er Sie. Er ſagt, daß Sie die Sonne in Rom geweſen, wo es ohne Sie düſter und farblos ſei. Ich weiß nicht, ob er nicht ſogar ſo weit geht, zu behaupten, daß es, nun Sie fort ſind, dort regnet.“ „Er hat alſo ſeine Meinung von mir jetzt geändert, Ihr Freund Franz?“ „Im Gegentheil, er hält Sie für phantaſtiſch im höchſten Grade, und eben darum vermißt er Sie.“ —— 3 4 9 1 —— 742 „Ein liebenswürdiger junger Mann, für den ich mich auch gleich den erſten Abend, wo ich ihn um ein Abendbrod verlegen ſah, und er freundlich das meinige annahm, lebhaft intereſſixte. Es iſt ja wohl der Sohn des Generals Epingy?“ „Ganz richtig.“ „Deſſelben, der 1815 ſo kläglich ermordet wurde?“ „Von Bonapartiſten.“ „Richtig! Meiner Treu, ich liebe ihn! Iſt für ihn nicht auch eine Heirath im Werke?“ „Ja, er ſoll Fräulein von Villefort heirathen.“ „Eil iſt es möglich!“. „Wie ich Fräulein von Danglars heivathen ſoll,“ verſetzte Albert lachend. „Sie lachen?“ „Ja.“ „Warum lachen Sie?“ „Ich lache, weil ich hinſichtlich dieſer Heirath han ſo viel Neigung bei ihm dafür zu entdecken glaube, wie für die zwiſchen Fräulein Danglars und mir. Aber wirklich, mein beſter Graf, wir ſchwatzen von den Frauen, wie die Frauen von den Männern ſchwatzen; es iſt unverzeihlich!“ Albert ſtand auf. „Sie wollen gehen?“ „Eine ſchöne Frage! ſeit zwei Stunden beläſtige ich Sie und Sie ſind ſo höflich, mich zu fragen, ob ich gehen will? Wirklich, Graf, Sie ſind der feinſte Mann von der Welt! Und Ihre Do⸗ meſtiken, wie ſind die eingelernt! Beſonders Herr Baptiſtin! Ich habe nie einen ſolchen Menſchen bekommen können. Die Meinigen ſcheinen ſich alle nach denen auf der Bühne zu richten, die, eben weil ſie nur ein Wort zu ſagen haben, immer auf die Rampe kommen, um es zu ſagen. Wenn Sie alſo Ihren M. Baptiſtin entlaſſen, ſo bitte ich, mir das Vorrecht zuzugeſtehen.“ „Mein Wort darauf, Vicomte.“ „Das iſt noch nicht Alles, warten Sie; empfehlen Sie mich beſtens Ihrem discreten Major aus Lucca, dem Signor Cavalcante di Soh⸗ ſehr von wolle erzei wenn noch und daß ich nie Herr mir Ihre Abſichten hinſichtlich des Diners mittheilen wollten.“ di Cavalcanti; und wenn er zufällig die Abſicht haben ſollte, ſeinen Sohn zu verheirathen, ſo ſuchen Sie ihm eine Frau, ſehr reich, ſehr adlig, wenigſtens von Seiten ihrer Mutter und ganz Baronin von Seiten ihres Vaters. Ich helfe Ihnen, Graf.“ „O! o!“ antwortete Monte⸗Chriſto,„wirklich, da hinaus wollen Sie?“ „Ja.“ „Meiner Treu, man muß nicht abſchwören.“ „Ach! Graf,“ rief Morcerf,„welchen Dienſt würden Sie mir erzeigen, und wie würde ich Sie noch hundert Mal mehr lieben, wenn ich durch Ihr Vermittelung Gargon bliebe und wäre es nur nooch auf zehn Jahre.“ „Möglich iſt Alles,“ antwortete Monte⸗Chriſto ernſthaft. Und als Albert ihn verlaſſen hatte, ging er in ſein Cabinet und ſchlug dreimal an die Glocke. Bertuccio erſchien. „Meſſer Bertuccio,“ ſagte er,„Ihr werdet ſchon gehört haben, daß ich Sonnabend in Auteuil ein Diner gebe.“ Bertuccio ſchauderte zuſammen. „Gut, gnädiger Herr,“ ſagte er. „Ich rechne auf Euch,“ fuhr der Graf fort,„daß Ihr Alles auf's Schönſte und Angemeſſenſte einrichten werdet. Das Haus iſt ſehr ſchön, oder kann wenigſtens ſehr ſchön werden.“ „Um es dahin zu bringen, müßte alles verändert werden, Herr Graf, denn die Tapezierung iſt veraltet.“ „Nun, dann ändert Alles, mit Ausnahme einer einzigen Piece, des Schlafzimmers mit rothem Damaſt; das ſoll ganz und gar ſo bleiben, wie es iſt.“ Bertuccio verneigte ſich. „Auch an dem Garten ſollt Ihr nichts ändern; aber mit dem Hofe zum Beiſpiel macht was Ihr wollt; es wird mir ſogar lieb ſein, wenn er bis zur Unkenntlichkeit verändert wird.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, um den Herrn Grafen zu⸗ frieden zu ſtellen; doch wäre es mir beruhigend, wenn der gnädige 743 ————;p 1——— — 744 „Wirklich, mein lieber Meſſer Bertuccio,“ antwortete der Graf, „ſeit Ihr in Paris ſeid, finde ich Euch ganz verändert; ſchwankend, träumeriſch; kennt Ihr mich denn gar nicht mehr?“ „Wenn Excellenza mir nur wenigſtens ſagen wollten, wen Sie eingeladen haben?“ 1 „Das weiß ich ſelbſt noch kaum, und Ihr braucht es auch nicht zu wiſſen. Lucullus ſpeiſ't bei Lucullus, das iſt genug.“ Bertuccio verneigte ſich und ging. ¹ LVI. Der Major Cavalcanti. Weder der Graf noch Baptiſtin hatten eine Unwahrheit geſagt, indem ſie Morcerf mit dem Beſuche dieſes Majors aus Lucca be⸗ kannt machten, um deſſentwillen Monte⸗Chriſto Albert's Einladung zum Diner nicht annehmen konnte. Es hatte ſieben geſchlagen und Meſſer Bertuccio hatte ſich, dem erhaltenen Befehle gemäß, ſchon ſeit zwei Stunden nach Auteuil oerfügt, als ein Fiaker vor dem Hotel hielt, der, ſobald er am Gitter einen Mann in dem Alter von ungefähr 52 Jahren abge⸗ ſetzt hatte, wie beſchämt eilig zu entfliehen ſchien. Der an dem Gitter angelangte Mann hatte einen jener altmodiſchen Ueberröcke, oder eigentlich Roquelaure an, grün, mit ſchwarzen Aufſchlägen, deren Art in Europa unvergänglich zu ſein ſcheint. Weite Bein⸗ kleider von blauem Tuch, ziemlich anſtändige Stiefeln, deren Wichſe jedoch etwas unbeſtimmter Art war und die, um fein zu ſein, viel zu dicke Sohlen hatten, Handſchuh von Wildleder, einen Hut, der in ſeiner Form viel Aehnlichkeit mit denen der Gensd'armen hatte, eine ſchwarze Cravatte mit weißem Umſchlag, die, wenn ihr Beſitzer ſie nicht aus eigenem und freien Willen getragen hätte, für ein Halseiſen hätte paſſiren können; dies war der maleriſche Anzug des Manrnes, der jetzt an dem Gitter die Klingel zog. Als Jemand kam, fragte er, ob es richtig ſei, daß hier Nr. 30 am Eingang der elyſäiſchen Felder, wo Graf von Monte⸗Chriſto wohne? und trat auf die bejahende Beantwortung des Pförtners ein, ſchloß die Thür hinter ſich und ging auf die Freitreppe zu. Der kleine eckige Kopf dieſes Mannes, ſein ergrauendes Haar, ſein dichter, grauer Schnurrbart machten ihn Baptiſtin kenntlich, der das genaue Signalement des Fremden hatte, und ihn im Vor⸗ 746 hauſe erwartete. Auch hatte er dem klugen Diener kaum ſeinen Na⸗ men genannt, als Monte⸗Chriſto auch ſchon von ſeiner Ankunft un⸗ terrichtet war. Er wurde in den einfachſten Salon geführt. Der Graf er⸗ wartete ihn daſelbſt, und ging ihm mit lachender Miene entgegen. „Ah, mein lieber Herr,“ ſagte er,„ſeien Sie mir willkommen, ich erwartete Sie.“ „Wirklich!“ ſagte der Italiener,„Excellenza erwarteten mich?“ „Ja, ich wußte, daß Sie heute um ſieben Uhr kommen würden.“ „Sie wußten, daß ich kam? waren alſo unterrichtet?“ „Vollkommen.“ 1 „Ah, um ſo beſſer! ich fürchtete, ich geſtehe es, daß dieſe kleine Vorſichtsmaßregel vergeſſen ſein könnte.“ „Welche?“ „Sie in Kenntniß zu ſetzen.“ „Ol nein, gewiß nicht!“ „Alſo ſind Sie gewiß, ſich nicht zu irren?“ „Ganz gewiß.“ „Mich, mich ſelbſt erwarteten Ew. Excellenz heute Abend um ſieben Uhr?“ „Sie, wirklich, Sie. Uebrigens laſſen Sie uns einander ver⸗ ſtändigen.“ „Ol wenn Sie mich erwarteten,“ ſagte der Baron aus Lucca, „ſo iſt das eine ſehr unnöthige Mühe.“ „Doch! doch! zur Sicherheit,“ meinte Monte⸗Chriſto. Der Baron aus Lucca ſchien leicht beunruhigt. „Laſſen Sie ſehen,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ſind Sie nicht der Herr Marcheſe Bartolomeo Cavalcanti?“ „Bartolomeo Cavalcanti,“ wiederholte der Fremde fröhlich, „ſo iſt es.“ „Geweſener öſterreichiſcher Major?“ „War ich Major?“ fragte der alte Krieger ſchüchtern. „Ja,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„Major waren Sie. Dieſen Titel giebt man in Frankreich dem Grade, den Sie in Italien hatten.“ „Gut,“ ſagte der Mann aus Lucca,„ich verlange nichts Beſſeres, aber, Sie verſtehen...“ ein u Floter von Signe t der ch ieſen alien ichts 747 Sie ſind durch Jemand an mich gewieſen,“ fuhr Monte⸗Chriſto fort. „Ol das iſt nur zu gewiß.“ „Durch den vortrefflichen Abbé Buſoni?“ „Richtig, durch denſelben,“ rief der Major entzückt. „Und Sie haben den Brief?“ „Hier iſt er.“ „Ei der Tauſend! Sehen Sie wohl? Geben Sie doch!“ Und Monte⸗Chriſto nahm den Brief, den er öffnete und las. Der Major betrachtete den Grafen voll Erſtaunen und ſah ſich mit großen Augen im Zimmer um, welche ſich jedoch immer bald wieder neugierig auf den Eigenthümer deſſelben hefteten. „Ja, ſo iſt es... der gute Abbé,„Der Major Cavalcanti, ein würdiger Patrizier von Lucca, der von den Cavaleanti in Florenz abſtammt,“ las Monte⸗Chriſto laut,„und ein Vermögen von einer halben Million jährlicher Renten beſitzt.““ Monte⸗Chriſto hob die Augen von dem Papier und verbeugte ſich. „Eine halbe Million jährlich,“ ſagte er;„Teufel! Mein lieber Signor Cavalcanti.“ „Steht da eine halbe Million?“ fragte der Major. „Schwarz auf Weiß; und nicht zu bezweifeln, denn der Abbé Buſoni kennt, wie nur irgend Einer, alle großen Häuſer in Europa.“ „Mag's ſein, eine halbe Million,“ ſagte der Italiener,„aber auf Ehre, ich glaubte nicht, daß die Sache ſo in's Große ginge.“ „Weil Sie einen Haushofmeiſter haben, der Sie beſtiehlt; was wollen Sie machen, mein lieber Signor Cavalcanti, darein muß man ſich ſchon einmal zu finden wiſſen.“. „Sie helfen mir auf die Sprünge,“ ſagte der Italiener ernſt⸗ haft,„ich werde dem Schlingel den Laufpaß geben.“ Monte⸗Chriſto fuhr fort zu leſen: „„Und dem nur Eins fehlt, um glücklich zu ſein.““ „O! mein Gott ja! nur Eins,“ ſagte der Italiener mit einem Seufzer. „„Einen angebeteten Sohn wieder zu finden.““ „Einen angebeteten Sohn!“ „„Der in ſeiner Kindheit entweder durch einen Feind ſeiner edeln Familie, oder durch Zigeuner entführt iſt.““ „Uebrigens kommen Sie nicht aus eigenem Antriebe hierher, ——————öͤöͤööö—ö 748 „Im Alter von fünf Jahren, Herr Graf!“ ſagte der Italiener mit einem tiefen Seufzer und zum Himmel gerichteten Blicken. „Armer Vater!“ ſagte Monte⸗Chriſto. Dann fuhr er fort: „„Ich gebe ihm die Hoffnung, ja das Leben, Herr Graf, in⸗ dem ich ihm ankündige, daß dieſer Sohn, den er ſeit fünfzehn Jahren vergeblich ſuchte, ihm durch Sie wieder zugeführt werden kann.““ Der Italiener ſah Monte⸗Chriſto mit einem unerklärlichen Aus⸗ druck von Unruhe an. „Ich kann es,“ antwortete Monte⸗Chriſto. Der Major erholte ſich. „Ah! ah!“ ſagte er,„der Brief war alſo durchaus wahr?“ „Zweifeln Sie daran, lieber Signor Bartolomeo?“ „Nein, nein, durchaus nicht! Wie denn! ein ernſter Mann aus dem ehrwürdigen Stande der Geiſtlichkeit, wie der Herr Abbé Bu⸗ ſoni, würde ſich nicht einen ſolchen Scherz erlaubt haben; aber Excellenz haben nicht Alles geleſen!“ „Ach! es iſt wahr,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„es iſt noch eine Nachſchrift da.“. „Ja,“ wiederholte der Italiener...„ja... es... iſt... eine... Nachſchrift da.“ „„Um dem Major Cavalcanti nicht die Verlegenheit zu verur⸗ ſachen, daß er Gelder von ſeinem Banquier entnehmen muß, über⸗ ſende ich ihm einen Wechſel von zweitauſend Franken zu den Reiſe⸗ koſten und weiſe ihn an Sie wegen der Summe von achtund⸗ vierzigtauſend Franken, die Sie an mich zu zahlen haben.““ Der Major folgte dieſer Nachſchrift mit den Augen mit merk⸗ licher Seelenangſt. „Gut,“ begnügte der Graf ſich zu ſagen. „Er ſagt gut,“ murmelte der Italiener. „Alſo... Herr Graf,“ ſagte er. „Alſo?...“ fragte Monte⸗Chriſto. „Alſo, die Nachſchrift...“ 3 „Nun wohll die Nachſchrift...“ „Iſt von Ihnen eben ſo günſtig aufgenommen worden, wie der Brief ſelbſt?“ — eben verur⸗ z über⸗ Reiſe⸗ achtund⸗ 4 it merk⸗ wie der 749 „Gewiß Der Abbé Buſoni und ich ſtehen in Abrechnung zu⸗ ſammen; ich weiß nicht, ob es gerade achtundvierzigtauſend Fran⸗ ken ſind, die ich ihm reſtire; aber es kommt uns gegenſeitig auf ein paar Banknoten nicht an. Ah! Sie legten alſo eine große Wichtigkeit auf die Nachſchrift, mein lieber Signor Cavalcanti?“ „Ich muß Ihnen geſtehen,“ antwortete der Italiener,„daß ich, ooll Vertrauen in die Verſicherung des Abbé Buſoni, mich weiter nicht mit Geld verſehen hatte; ſo daß, wenn dieſe Quelle mir ver⸗ ſiecht wäre, ich mich hier in Paris ſehr in Verlegenheit befunden haben würde.“ „Kann ein Mann wie Sie auf irgend eine Weiſe in Verlegen⸗ heit kommen?“ ſagte Monte⸗Chriſto.„Sie ſcherzen!“ „Teufel! wenn man Niemand kennt,“ ſagte der Major. „Aber man kennt Sie, mein Herr.“ „Ja, man kennt mich ſo, daß...“ „Weiter, lieber Signor Cavalcanti!“ „So, daß Sie mir nicht die achtundvierzigtauſend Franken zuſtellen werden.“ „Auf Ihr erſtes Begehr.“ Der Major ſah den Grafen mit großen Augen zweifelnd an. „Aber ſetzen Sie ſich doch,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„wirklich, ich mache einen ſchönen Wirth, laſſe Sie ſchon ſeit einer Viertelſtunde ſtehen.. „O! beunruhigen Sie ſich darüber nicht.“ Der Major nahm einen Stuhl und ſetzte ſich. „Nun,“ ſagte der Graf,„womit kann ich Ihnen dienen? Wollen Sie ein Glas Xeres, Porto, oder Alicante trinken?“ „Alicante, da Sie es denn nicht anders wollen, es iſt mein Lieblingswein.“ „Ich habe ihn von vorzüglicher Güte. Und ein Bisquit dazu, nicht wahr?“ „Ein Bisquit dazu, weil Sie es ſo befehlen.“ Der Graf klingelte, Baptiſtin kam. Der Graf ging ihm entgegen. „Nun?..“ fragte er leiſe. „Der junge Mann iſt da,“ antwortete der Kammerdiener eben ſo. —= ———yÿ—— 7⁵⁰ „Gut, wo habt Ihr ihn eintreten laſſen?“ „In dem blauen Saal, wie Excellenz befahlen.“ „Vortrefflich. Bringt Alicante⸗Wein und Bisquit.“ Baptiſtin entfernte ſich. „Wirklich,“ ſagte der Italiener,„ich beunruhige mich über die vielen Umſtände, die ich Ihnen mache.“ „Pahl laſſen Sie das!“ ſagte Monte⸗Chriſto. Baptiſtin brachte Gläſer, Wein und Bisquit. Der Graf füllte ein Glas und goß in das andere nur wenige Tropfen von dem flüſſigen Rubin, den die ganz mit Spinnengewebe und allen ſonſtigen Merkmalen, die das Alter des Weines ſicherer anzeigen als bei dem Menſchen die Runzeln, bedeckte Flaſche enthielt. Der Major irrte ſich nicht hinſichtlich der Eintheilung, er nahm das volle Glas nebſt Zubehör. Der Graf befahl Baptiſtin, das Tablett ſo zu ſetzen, daß der Herr Major ſich nach Belieben bedienen könne, welcher das Glas an die Lippen führte, den Wein nach Kennermanier koſtete, und dann mit ſichtlichem Behagen ein Bisquit in das Glas tauchte. „Alſo, mein Herr,“ begann Monte Chriſto wieder,„Sie woh⸗ nen in Lucca, Sie ſind reich, ſind von hoher Familie, genießen all⸗ gemeine Achtung, und beſitzen Alles, was einen Menſchen glücklich machen kann?“ „Alles, Excellenz,“ ſagte der Major, ſein Bisquit aufſaugend, Alles nach Wunſch.“ „Und es fehlt nur Eins.“ „Nur Eins,“ ſagte der Italiener. „Nämlich, Ihren Sohn wiederzufinden?“ „Ah!“ ſagte der Major, ein zweites Bisquit nehmend,„aber das fehlt mir auch ſehr.“ Der würdige Major echob bei dieſen Worten die Augen gen Himmel und verſuchte zu ſeufzen. „Jetzt laſſen Sie ſehen, mein lieber Signor Cavalcanti,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„wie war es doch gleich mit dieſem ſo ſchmerzlich vermißten Sohne? denn man hatte mir früher geſagt, Sie wären nie verheirathet geweſen.“ „Man glaubte es, Herr Graf,“ ſagte der Major,„und ich ſelbſt...“ ——— nehme Mon⸗ kend, verſu drüſe zu be Itali mir; ber die wenige gewebe ſicerer nthielt. ig, er aß der Glas 1 und hte. 3 woh⸗ gen all lüclic ugend, her das en gen ſagte terzlich würen ind ich 751 „Ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„und Sie ſelbſt hatten dieſes Ge⸗ rücht veranlaßt. Eine Jugendſünde, die Sie nicht bekannt werden laſſen wollten.“ Der Italiener nahm eine ernſte Miene an, gab ſich ein Air ruhiger Würde, indem er beſcheiden die Augen niederſchlug, ſei es um mehr Faſſung zu gewinnen, ſei es, um ſeiner Einbildungskraft zu Hilfe zu kommen, wobei er jedoch von Zeit zu Zeit verſtohlen nach dem Grafen ſah, als er indeſſen auf deſſen Lippen nur das bisherige wohlwollende Lächeln fand, ſagte er endlich: „Ja, mein Herr, die ich nicht bekannt werden laſſen wollte.“ „Nicht Ihretwegen,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„denn ein Mann ſetzt ſich über ſolche Dinge weg.“ „Ach nein, um meinetwillen nicht, gewiß nicht,“ ſagte der Major vertraulich lächelnd.. „Aber um ſeiner Mutter willen,“ bemerkte der Graf. „Um ſeiner Mutter willen,“ rief der Major, ein drittes Bisquit nehmend.„Um ſeiner armen Mutter willen.“ „Trinken Sie doch, mein lieber Signor Cavalcanti,“ ſagte Monte⸗Chriſto, dem Italiener ein zweites Glas Alicante einſchen⸗ kend,„die Rührung benimmt Ihnen ganz den Athem.“ „Um ſeiner armen Mutter willen!“ wiederholte der Major, verſuchend, ob die Willenskraft nicht vermöge, auf ſeine Thränen⸗ drüſen wirkend, ſeine Augenwinkel mit einigen erkünſtelten Thränen zu benetzen. „Welche, wenn ich nicht irre, einem der älteſten Häuſer Italiens angehörte?“ „Patriziern von Fieſole, Herr Graf, Patriziern von Fieſole!“ „Und hieß?“ „Sie wünſchen ihren Namen zu wiſſen?“ „Ol mein Gott!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„es iſt überflüſſig, ihn mir zu ſagen, ich weiß ihn.“ „Der Herr Graf weiß Alles,“ ſagte der Italiener, ſich verneigend. „Oliva Corſinari, nicht wahr?“ „Oliva Corſinari!“ „Marcheſa?“ „Marcheſa!“ 1 1n 6 6 ————————— 752 „Und am Ende haben Sie ſie noch geheirathet, ſo ſehr auch die Familie dagegen war.“ „Mein Gott, ja! Am Ende heirathete ich ſie.“ „Und Ihre Papiere,“ fuhr der Graf fort,„haben Sie ſie alle bei ſich?“ „Welche Papiere?“ fragte der Major Cavalcanti. „Nun, Ihren Checontract mit Oliva Corſinari, und den Tauf⸗ ſchein des Kindes?“ „Den Taufſchein des Kindes?“. „Den Taufſchein Ihres Sohnes Andrea Cavalcanti; hieß er nicht Andrea?“ 4 „Ich glaube ja,“ antwortete der Major. „Wie, Sie glauben es?“ „Teufel! ich kann es nicht behaupten, es iſt ſo lange, daß ich ihn verloren.“. „Das iſt richtig,“ verſetzte Monte⸗Chriſto.„Alſo die Papiere haben Sie alle?“ „Herr Graf, ich bedaure, Ihnen geſtehen zu müſſen, daß ich nicht aufmerkſam gemacht, daß ich dieſe Scripturen vielleicht ge⸗ brauchen würde, verſäumt habe, ſie beizuſtecken.“ „Ahl Teufel!“ ſagte der Graf. „Sollten ſie denn unumgänglich nöthig ſein?“ „Unumgänglich.“— Der Italiener rieb ſich die Stirn. „Ahl per Baccho,“ ſagte er,„unerläßlich?“ „Ohne Zweifel; wenn man hier Zweifel erhöbe an der Giltig⸗ keit Ihrer Ehe, an der Legitimität Ihres Kindes!“ „Das iſt wahr,“ meinte der Italiener,„dieſe Zweifel könnte man erheben.“ „Das wäre traurig für den jungen Mann.“ „Es wäre unangenehm.“ „Es könnte ihn um eine unvergleichliche Heirath bringen.“ „O peccatol“ „In Frankreich, müſſen Sie wiſſen, iſt man ſtreng; es iſt nicht hinreichend, wie in Italien, daß man zu einem Prieſter geht und ſagt: Wir lieben uns, gebt uns zuſammen. In Frankreich ſind de e muß Sie ben Itc an ich piere ich ht ge⸗ Bilti⸗ könnte . t nicht ht und ch ſind die Civilehen eingeführt, und um eine Civilehe ſchließen zu können, 753 muß man ſichere, glaubwürdige Scheine und Zeugniſſe haben.“ „Das iſt ein Unglück, ich habe die Papiere nicht.“ „Nun, glücklicherweiſe habe ich ſie,“ ſagte der Graf. „Sie?“ „Sie haben ſie?“ „Ich habe ſie.“ „Ahl welches Glück!“ meinte der Italiener, der den Zweck ſei⸗ ner Reiſe durch das Fehlen dieſer Papiere ſchon verloren geglaubt und zugleich befürchtete, daß dieſes Vergeſſen auch einige Schwie⸗ rigkeit bei Auszahlung der achtundvierzigtauſend Franken haben könne.„Ahl welches Glück, Ja ein Glück,“ fuhr er fort,„denn ich wäre nimmermehr darauf gekommen.“ „Potztauſend, das glaube ich, man denkt nicht an Alles. Aber glücklicherweiſe hat der Abbé Buſoni es für Sie bedacht.“ „Ach dieſer liebe Abbé!“ „Er iſt ein vorſichtiger Mann.“ „Er iſt ein bewundernswürdiger Mann,“ ſagte der Italiener, „und er hat ſie Ihnen zugeſandt?“ „Hier ſind ſie.“ Der Major faltete die Hände voll Bewunderung. „In der Kirche San⸗Paolo di Monte⸗Cattini ſind Sie mit Oliva Corſinari getraut worden; hier das Atteſtat des Prieſters.“ „Ja, meiner Treu, ſo iſt es,“ ſagte der Major, das Papier eniwunt betrachtend. „Und hier der Taufſchein des Andrea Cavalcanti, ausgeſtellt von dem Pfarrer von Sarravezza.“ „Alles in der Ordnung,“ ſagte der Major. „Nun, nehmen Sie dieſe Papiere, die mir nichts nützen können; Sie werden dieſelben Ihrem Sohne geben, der ſie ſorgfältig auf⸗ bewahren wird.“ „Das glaube ich!... denn wenn er ſie verlöre...“ „Nun, wenn er ſie verlöre?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ei!“ antwortete der Italiener,„dann müßte erſt darum nach Italien geſchrieben werden, und es würde umſtändlich ſein, neue anzuſchaffen.“ Der Graf von Monte⸗EChriſto. 48 —-— „Wirklich, es würde ſchwierig ſein,“ meinte der Graf. „Jaſt unmöglich,“ antwortete der Major. „Ich freue mich, daß Sie die Wichtigkeit dieſer Papiere er⸗ kennen.“ „Das heißt, daß ich ſie als unbezahlbar betrachte.“— „Jetzt,“ fuhr der Graf fort,„was die Mutter des jungen Mannes anbetrifft...“— „Was die Mutter des jungen Mannes anbetrifft...“ wieder⸗ holte der Major beunruhigt. „Die Marcheſa di Corſinari.“ „Mein Gott!“ ſagte der Italiener, unter deſſen Tritten die Schwierigkeiten zu ſprießen ſchienen,„ſollte man ihrer bedürfen?“ „Nein, Signor,“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„und übrigens hat ſie ja wohl...“ „Ja, ja,“ fiel der Major ein,„ſie hat.S. „Der Natur ihren Tribut bezahlt.. „Achl ja,“ ſagte der Major ſehr lebhaft. 3 „Ich wußte es,“ ſagte Monte⸗ Chriſto;„ſie iſt vor zehn Jahren geſtorben.“ „und noch beweine ich ihren Tod, Herr Graf,“ ſagte der Major, ein gewürfeltes Tuch aus ſeiner Taſche ziehend und ein Auge nach dem andern damit berührend. „Ei, lieber Major, beruhigen Sie ſich, wir müſſen Alle einmal ſterben. Jetzt, mein lieber Signor Cavalcanti, begreifen Sie, wie unnöthig es iſt, daß man in Frankreich weiß, daß Sie ſeit fünfzehn Jahren von Ihrem Sohne getrennt waren. Dieſe Geſchichten von Kinder raubenden Zigeunern finden hier kein Intereſſe mehr. Sie haben ſihn in einer Penſion in der Provinz ſerziehen laſſen und wollen jetzt, daß er in der Pariſer Welt ſeine Erziehung vollenden ſoll. Darum haben Sie Via⸗Reggio, wo Sie ſeit dem Tode Ihrer Gemahlin wohnen, verlaſſen, das iſt genug.“ „Glauben Sie?“ „Gewiß.“ „Sehr wohl.“ „Sollte man indeſſen zufällig etwas von dieſer Trennung er⸗ fahren.. „Ach ja. Was würde ich ſagen?“ e ei⸗ ien der⸗ die n?“ hat ſren der ein mal wie ehn von und nden 755⁵ „Daß ein treuloſer Hofmeiſter, von den Feinden Ihrer Familie erkauft...“ „Von den Corſinari's?“ „Ganz richtig... das Kind entführt habe, damit Ihr Name ausſterben ſolle.“ „Ganz recht, da er einziger Sohn iſt...“ „Nun wohl! Jetzt, wo Alles in Ordnung iſt, und Ihre neu angefachten Erinnerungen Sie nicht im Stiche laſſen werden, haben Sie ohne Zweifel errathen, daß ich Ihnen eine Ueberraſchung be⸗ reitet habe?“ „Eine angenehme?“ fragte der Mann aus Lucca. „Ah!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich ſehe wohl, daß man ſo wenig das Herz, wie das Auge eines Vaters täuſchen kann.“ „Hm!“ ſagte der Major. „Hat man Sie es unvorſichtiger Weiſe merken laſſen? der haben Sie es errathen, daß er da iſt?“ „Wer, da?“ „Ihr Kind, Ihr Sohn, Ihr Andrea.“ „ Ich habe es errathen,“ ſagte der Major mit möglichſtem Pflegma;„alſo er iſt hier?“ „Im Hauſe,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„der Kammerdiener, der ſoeben hier war, zeigte mir ſeine Ankunft an.“ „Ah! ſehr gut! ſehr gut!“ ſagte der Major, bei jedem Aus⸗ rufe die Schnüre ſeines Rockes zuziehend. „Mein lieber Signor,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich begreife Ihre Rührung, Sie müſſen Zeit haben, ſich zu erholen! Ich will den jungen Mann auch auf dieſe ſo lange erſehnte Zuſammenkunft vorbereiten, denn ich ſehe voraus, daß ſeine Ungeduld der Ihrigen nichts nachgiebt.“ „Das glaube ich,“ meinte Cavalcanti. „Nun wohl! In einer kleinen Viertelſtunde ſind wir bei Ihnen.“ „Sie wollen mir ihn alſo bringen? Sie wollen die Güte ſo weit treiben, mir ihn ſelbſt vorzuſtellen?“ „Nein, ich will mich nicht zwiſchen Vater und Sohn drängen. Sie werden allein ſein, Herr Major; aber ſeien Sie unbeſorgt, ſelbſt wenn die Stimme des Blutes ſchweigen ſollte, können Sie 48⸗ 756 ſich nicht irren: er wird durch dieſe Thüre kommen. Es iſt ein ſchöner, blonder junger Mann, ein wenig zu blond vielleicht, von ſehr einnehmenden Manieren, wie Sie ſehen werden.“ „Apropos,“ ſagte der Major,„Sie wiſſen, daß ich nichts mit⸗ genommen habe, als die zweitauſend Franken, die der gute Abbé Buſoni mir zuſtellen zließ. Davon habe ich die Reiſe beſtritten, und... „Und bedürfen Geld... das iſt in der Ordnung, lieber Signor Capalcanti. Nehmen Sie hier vorläufig acht Banknoten, jede zu tauſend Franken.“ Des Majors Augen glänzten wie Karfunkelſteine. „Nun habe ich Ihnen noch vierzigtauſend Franken zu zahlen,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Verlangt Excellenz einen Empfangſchein?“ fragte der Major, indem er die Banknoten in die Bruſttaſche ſeines Rockes ſteckte. „Wozu?“ fragte der Graf. „Nun, um ſich mit dem Abbé Buſoni ausgleichen zu können.“ „Nun wohl, Sie können mir eine General⸗Quittung geben, wenn Sie die übrigen vierzigtauſend Franken in Empfang nehmen. Unter rechtlichen Leuten ſind ſolche Vorſichtsmaßregeln überflüſſig,“ „Ach ja! es iſt wahr, unter rechtlichen Leuten,“ meinte der Major. „Jetzt, ein letztes Wort, Marcheſe.“ „Sprechen Sie.“ „Sie erlauben mir einen freundlichen Rath, nicht wahr?“ „Wie ſo? ich bitte darum.“ „Es könnte nicht ſchaden, wenn Sie dieſen polniſchen Schnu⸗ renrock ablegten.“ „Wirklich?“ ſagte der Major, ſeinen Anzug mit einem gewiſſen Wohlgefallen betrachtend. „Ja, in Via Reggio mag man ſie noch lange ſo tragen, aber in Paris iſt dieſer Anzug, ſo elegant er auch ſein mag, ſchon lange aus der Mode.“ „Das iſt traurig,“ ſagte der Italiener. „Ol wenn Ihnen ſo viel daran gelegen iſt, ſo können Sie ihn bei der Abreiſe wieder anlegen.“ „Aber was ziehe ich an?“ Uebr Plun vora ſüch pad Bei Verg dari imm allz lieh verſ „Was Sie in Ihrem Reiſegepäck finden werden.“ „Wie, in meinem Reiſegepäck? Ich habe nur einen Mantelſack.“ „Bei ſich, ohne Zweifel. Wozu ſich mit Packereien ſchleppen? Uebrigens liebt ein alter Soldat es auch nicht, ſich mit vielem Plunder zu beſchweren.“ „Das iſt eben der Grund, warum... „Aber Sie ſind ein vorſorglicher Mann und haben Ihr Gepäck vorausgeſchickt. Es iſt geſtern im Hotel des Princes, Straße Richelieu angekommen. Daſelbſt iſt Ihre Wohnung beſtellt worden.“ „Alſo in meinem Gepäck?...“ „Hat gewiß auf Ihr Geheiß Ihr Kammerdiener Alles einge⸗ packt, deſſen Sie hier bedürfen: Geſellſchaftsanzüge, Gala⸗Uniform ꝛc. Bei großen Veranlaſſungen legen Sie Uniform an, das imponirt. Vergeſſen Sie nicht Ihre Orden. Man hält ſich in Frankreich noch darüber auf, trägt ſie aber nur zu gern.“ „Sehr wohl! ſehr wohl! ſehr wohl!“ ſagte der Major mit immer zunehmendem Erſtaunen. „Und jetzt,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„nun Ihr Herz gegen die allzulebhaften Empfindungen geſtählt iſt, bereiten Sie ſich vor, mein lieber Signor Cavalcanti, Ihren Sohn Andrea wiederzuſehen.“ Und mit einem holdſeligen Gruße gegen den überſeligen Italiener verſchwand Monte⸗Chriſto durch eine Tapetenthüre. — — —,—Vö ——— LVII. Andrea Cavalſcanti. Der Graf von Monte⸗Chriſto trat in den benachbarten Salon, den Baptiſtin den blauen Salon genannt hatte, wo ein junger Mann von etwas zu ungezwungenen, faſt freien Manieren, und ziemlich eleganter Toilette, den ein Cabriolet vor etwa einer halben Stunde abgeſetzt hatte, ſeiner wartete. Baptiſtin hatte ihn ohne Mühe erkannt; das war unfehlbar der große junge Mann, mit kurzgeſchnittenem, hochblonden Haar, rothem Barte, ſchwarzen Augen, rothen Wangen und blendend weißer Haut, den ſein Herr ihm bezeichnet hatte. Als der Graf in den Salon trat, fand er den jungen Mann nachläſſig auf einem Sopha ausgeſtreckt, indem er zerſtreut mit einem leichten Stöckchen mit goldenem Knopfe an ſeine Stiefeln ſchlug. Als er Monte⸗Chriſto erblickte, ſtand er raſch auf. „Der Herr Graf von Monte⸗Chriſto?“ fragte er. „Ja, mein Herr,“ antwortete dieſer,„und ich habe, wenn ich nicht irre, die Ehre, den Herrn Grafen Andrea Cavalcanti vor mir zu ſehen?“ „Ja, ich bin der Graf Andrea Cavalcanti,“ antwortete der junge Mann, wobei er ziemlich familiär grüßte.] „ Sie müſſen einen Brief zu Ihrer Beglaubigung an mich haben,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Ich erwähnte denſelben nicht, wegen der Unterſchrift, die mir ſonderbar vorkommt.“ „Sindbad der Seefahrer, nicht wahr?“ „Ganz recht; da ich nun aber keinen andern Sindbad den Seefahrer kenne, als den der Tauſend und einen Nacht...“ lon, nger und lben lbar gar, dend Kann mit efeln nich mir der mich mir den „Nun gut! es iſt einer ſeiner Nachkommen, einer meiner Freunde, ſehr reich, ein mehr als origineller, beinahe verrückter Engländer, deſſen eigentlicher Name Lord Wilmore iſt.“ „Ah! das erklärt mir Alles,“ verſicherte Andrea.„Nun geht Alles ganz vortrefflich. Das iſt derſelbe Engländer, den ich kannte . in... ja, ſehr gut... Mein Herr Graf, ich bin Ihr Diener.“ „Wenn das wahr iſt, was Sie da zu ſagen mich beehren,“ antwortete der Graf lächelnd,„ſo hoffe ich, daß Sie ſo gut ſein werden, mir einige Aufklärungen über ſich und Ihre Familien zu geben.“ „Gern, Herr Graf,“ antwortete der junge Mann mit einer Geläufigkeit, welche ſeinem Gedächtniſſe Ehre machte.„Ich bin, wie Sie ſelbſt ſoeben ſagten, der Graf Andrea Cavalcanti, Sohn des Major Bartolomeo Cavalcanti, der in's goldene Buch von Florenz geſchrieben iſt. Unſere Familie, obgleich noch ſehr reich, indem mein Vater eine Rente von einer halben Million bezieht, hatte viel Unglück, und ich ſelbſt, Herr Graf, wurde in dem Alter von fünf bis ſechs Jahren von einem treuloſen Haushofmeiſter ent⸗ führt, ſo daß ich ſeit fünfzehn Jahren den Urheber meiner Tage nicht geſehen habe. Seit ich in die Jahre der Vernunft getreten, ſeit ich frei und unabhängig bin, ſuche ich ihn, aber vergebens. Endlich kündigt dieſer Brief Ihres Freundes Sindbad mir an, daß er in Paris iſt, und weiſ't mich an Sie, um Nachricht von ihm zu erbitten.“—. „Wirklich, mein Herr, Alles, was Sie mir da erzählen, iſt ſehr intereſſant,“ ſagte der Graf, der mit finſterer Genugthuung dieſe freie Miene, dieſes Geſicht mit der Schönheit des böſen Engels, betrachtete,„und Sie haben ſehr wohl gethan, in allen Stücken der Aufforderung meines Freundes Sindbad nachzukommen, denn Ihr Vater iſt wirklich hier und ſucht Sie.“ Der Graf, der ſeit ſeinem Eintritte in den Salon den jungen Mann nicht eine Secunde aus den Augen gelaſſen hatte, wunderte ſich über die Zuverſichtlichkeit ſeines Blickes und die Sicherheit ſeiner Stimme, aber bei ſeinen ſo natürlichen Worten: „Ihr Vater iſt wirklich hier und ſucht Sie,“ machte der junge Andrea einen Satz und rief: „Mein Vater! mein Vater hier!“ 759 — 760 „Gewiß,“ antwortete Monte Chriſto,„Ihr Vater, der Major Bartolomeo Cavalcanti.“ 3 Der Ausdruck des Entſetzens in den Zügen des jungen Mannes erloſch indeſſen ſehr ſchnell. „Ach ja! es iſt wahr,“ ſagte er,„der Major Bartolomeo Ca⸗ valcanti. Und Sie ſagen, Herr Graf, daß er hier iſt, der liebe Vater?“ „Iv, mein Herr, ja, ich füge noch hinzu, daß ich ſoeben pon ihm komme; daß die Geſchichte von dem verlorenen, geliebten Sohne, die er mir erzählte, mich unendlich gerührt hat; ſeine Schmerzen, ſeine Beſorgniſſe, ſeine Hoffnungen, dieſen Gegenſtand betreffend, würden Stoff zu einem ſehr rührenden Gedichte geben. Endlich erhielt er eines Tages die Nachricht, daß die Räuber ſeines Sohnes bereit wären, ihm denſelben zurückzugeben oder ſeinen Aufent⸗ haltsort anzuzeigen, wenn er eine allerdings anſehnliche Summe zahlen wolle. Aber was iſt die bedeutendſte Summe für einen ſo guten Väter! Die Summe wurde an die Grenze von Piemont ge⸗ ſchickt, mit einem für ganz Italien viſirten Paſſe. Sie waren, wenn ich nicht irre, im ſüdlichen Frankreich?“ „Ja, Herr Graf,“ antwortete Andrea ziemlich verlegen;„ja, ich war im ſüdlichen Frankreich.“ „Ein Wagen ſollte Sie in Nizza erwarten?“ „So war es Herr Graf; er führte mich von Nizza nach Genua, von Genua nach Turin, von Turin nach Chambery, von Chambery nach Pont⸗de⸗Beauvoiſin, und von Pont⸗de⸗Beauvoiſin nach Paris.“ „Vortrefflich; er hoffte ſchon Ihnen unterwegs zu begegnen, denn er machte denſelben Weg, weshalb auch Ihnen Ihre Reiſe⸗ route ſo vorgezeichnet war.“ „Aber,“ ſagte Andrea,„wenn er mir begegnet wäre, der ge⸗ liebte Vater, ſo zweifle ich, daß er mich erkannt haben würde; ich bin etwas verändert, ſeit wir getrennt wurden.“ „O! die Stimme des Bluts,“ meinte Monte⸗Chriſto. „Ach! ja, die Stimme des Bluts, daran dachte ich nicht,“ ent⸗ gegnete der junge Mann. „Jetzt,“ bemerkte Monte⸗Chriſto,„iſt nur noch Eins, was den Marcheſe Cavalcanti beunruhigt, nämlich, wie Sie gelebt haben während Ihrer Entfernung von ihm; wie Sie von Ihren Verfol⸗ gern denen das 1 Nal Fähig geſlat Plat, einneh ein z ſeinen ſo he meir da i⸗ ich da Sie Wel und zune der hatt mei ent⸗ den aben 761 gern behandelt wurden; ob man Ihnen die Rückſichten bewies, zu denen Ihre Geburt Sie berechtigt; und endlich, ob Ihnen durch das moraliſche Leiden, dem Sie ausgeſetzt waren, und das hundert Mal ſchlimmer als phyſiſches Leiden iſt, kein Schaden an den Fähigkeiten geſchehen iſt, mit welchen die Natur Sie ſo reich aus⸗ geſtattet hatte, und ob Sie ſelbſt das Zutrauen zu ſich haben, den Platz, der Ihnen in der Welt zukommt, auf eine würdige Weiſe einnehmen und ausfüllen zu können?“ „Herr Graf,“ ſtammelte der junge Mann beſtürzt,„ich hoffe, daß keine falſchen Nachrichten...“ „Ich, mein Herr, habe zuerſt durch Lord Wilmore, den Phi⸗ lanthropen, von Ihnen gehört. Ich hörte, daß er Sie in einer traurigen Lage fand, doch weiß ich nicht, von welcher Art dieſelbe war, und habe ihn nicht darüber befragt, ich bin nicht, neugierig. Ihr Unglück intereſſirte ihn, folglich waren Sie intereſſant. Er ſagte mir, daß er Ihnen die Ihnen zukommende Stellung in der Welt wieder verſchaffen wolle, daß er Ihren Vater ſuche, daß er ihn finden werde; er hat ihn geſucht, und ſcheint ihn gefunden zu haben, denn er iſt da; endlich hat er mich geſtern von Ihrer An⸗ kunft benachrichtigt, und mir noch einige Verhaltungsregeln, Ihr Vermögen betreffend, gegeben; das iſt Alles. Ich weiß, daß er ein Original iſt, mein Freund Wilmore, da er aber auch zugleich ein zuverläſſiger Mann und reich wie eine Goldgrube iſt, ſich alſo ſeinen Sonderbarkeiten hingeben kann, ohne daß ſie ihn ruiniren, ſo habe ich ihm verſprochen, ſeinen Inſtructionen zu folgen. Jetzt, mein Herr, laſſen Sie ſich durch meine Fragen nicht kränken, denn da ich es übernommen habe, Sie gewiſſermaßen zu leiten, ſo wünſche ich zu wiſſen, ob das Unglück, welches Sie betroffen, und welches, da es nicht von ihrem Willen abhängig war, meine Achtung gegen Sie nicht im Mindeſten verringert, Sie nicht etwas fremd einer Welt gegenüber geſtellt hat, in welcher Sie durch Ihren Namen und Ihr Vermögen berufen ſind, einen ſo ſchönen Platz ein⸗ zunehmen.“ „Herr Graf,“ antwortete der junge Mann, der im Verlaufe der Rede des Grafen ſeine ganze Sicherheit wieder angenommen hatte,„beruhigen Sie ſich über dieſen Punkt: die Räuber, die mich meinem Vater entführten, und wahrſcheinlich gleich die Abſicht hatten, 762 einen mich ihm, wie ſie nun jetzt gethan haben, ſpäter zu verkaufen, haben Nann bedacht, daß ſie, um durch mich zu gewinnen, mir meinen ganzen per⸗ Interef ſönlichen Werth laſſen, ja denſelben wo möglich noch erhöhen müßten; achtung ich habe alſo eine ziemlich gute Erziehung erhalten, und bin von Fäthſel den Kinderräubern ungefahr behandelt worden, wie die Sklaven in An Klein⸗Aſien, die von ihren Herren zu Sprachkundigen, Aerzten und Philoſophen gebildet wurden, um ſie auf dem Markte zu Rom 1 agte theuer zu verkaufen.“ 1 3 Monte⸗Chriſto lächelte befriedigt; er hatte, ſo ſchien es, von Nitro Herrn Cavalcanti nicht ſo viel erwartet. Fules „Uebrigens,“ fuhr der junge Mann fort,„ſollte ich denken, daß, wenn es mir an Bildung, oder vielmehr Weltton fehlen ſollte, man in der Geſellſchaft wohl geneigt ſein wird, in Berückſichtigung des Unglücks, das meine Kindheit begleitet und meine Jugend verfolgt hat, mir Nachſicht angedeihen zu laſſen.“ „Nun gut!“ ſagte Monte⸗Chriſto leichthin,„thun Sie was Sie ſagen, Lord J hat mi wollen, Graf, denn das iſt Ihre Sache und ſteht in Ihrer Macht; 3 aber, auf mein Wort, ich werde von all' dieſen Ereigniſſen nicht 4 Imn ein Wort ſagen: Ihre Geſchichte iſt ein Roman, und die Welt, be 2, welche die Romane auf dem Papiere vergöttert, hat mit denen, bedür die im wirklichen Leben geſpielt werden, nicht gern etwas zu thun, mennd und wären ſie vergoldet, wie Sie es ſein mögen. Das iſt die erfihr Schwierigkeit, auf die ich mir erlaube, Sie aufmerkſam zu machen, Dienſ Herr Graf; kaum werden Sie irgend Jemand Ihre rührende Ge⸗ in A ſchichte erzählt haben, ſo wird ſie auch bald, bis zur Unkenntlich⸗ 4 2 keit entſtellt, in der Welt circuliren. Sie werden nicht mehr ein wiedergefundenes, ſondern ein gefundenes Kind ſein. Vielleich ihm würden Sie in der Folge der Neugierde einen bedeutenden Erfolg 1 haben, aber nicht jeder liebt es, der Gegenſtand der allgemeinen lubel Aufmerkſamkeit und verſchiedener Vermuthungen zu ſein. Auch— Ihnen würde es vielleicht läſtig werden.“ 1 1 „Ich glaube, daß Sie Recht haben, Herr Graf,“ ſagte der 1— junge Mann, unwillkürlich unter dem beharrlichen Blicke des Gra⸗ eerd fen erbleichend;„das iſt eine bedeutende Unannehmlichkeit.“ „Ol Sie müſſen ſich dieſelbe nicht ſchlimmer denken, als ſie die 9 iſt,“ bemerkte Monte⸗Chriſto:„denn ſonſt könnte man, um einen mitau Fehler zu vermeiden, eine Thorheit begehen. Nein, man muß ſich ——— —— 763 einen einfachen Verhaltungsplan feſtſetzen, den ein ſo kluger, junger Mann wie Sie, um ſo leichter befolgen kann, als er ſich Ihren Intereſſen anſchließt. Sie müſſen durch ehrenvolle Zeugniſſe und achtungswerthe Bekanntſchaften Alles, was ihre Vergangenheit Räthſelhaftes haben mag, bekämpfen.“ Andrea verlor ſichtlich ſeine Faſſung. „Ich würde mich Ihnen gern zu dieſem Liebesdienſte anbieten,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„aber ich habe die moraliſche Gewohnheit, ſo⸗ gar gegen meine beſten Freunde mißtrauiſch zu ſein, und dieſes Mißtrauen auch in Andern zu erwecken; alſo würde ich dann eine Rolle ſpielen, die außer meinem Fache wäre, wie die Tragödiſten ſagen, und riskirte ausgepfiffen zu werden, was ich nicht liebe.“ „Indeſſen, Herr Graf,“ ſagte Andrea kühn,„in Rückſicht auf Lord Wilmore, der mich Ihnen empfohlen...“ „Ja, gewiß,“ entgegnete Monte⸗Chriſto;„aber Lord Wilmore hat mir nicht verhehlt, daß Ihre Jugend ein wenig ſtürmiſch war, O!“ ſagte der Graf, als er die Bewegung ſah, die Andrea machte. „ich fordere kein Bekenntniß von Ihnen; übrigens hat man Ihren Herrn Vater von Lucca kommen laſſen, damit Sie weiter Niemand bedürfen. Sie werden ihn ſehen, er iſt ein wenig unbeugſam, ein wenig hochtrabend, aber das gehört zur Uniform, und wenn man erfährt, daß er ſchon ſeit ſeinem achtzehnten Jahre in öſterreichiſchen Dienſten iſt, wird ſich Niemand darüber wundern. Wir verlangen im Allgemeinen nicht viel von den Oeſterreichern. Uebrigens iſt er als Vater ſehr genügend, das glauben Sie mir.“ „Ah! Sie beruhigen mich, Herr Graf; ich war ſo lange von ihm getrennt, daß ich keine Erinnerung mehr von ihm hatte.“ „Und dann, wiſſen Sie, ein großes Vermögen macht manchen Uebelſtand gut.“ „Mein Vater iſt alſo wirklich reich, Herr Graf?“ „Ein Millionair... fünfhunderttauſend Lipres Renten.“ „Alſo,“ ſagte der junge Mann mit ſichtbarer Beklommenheit, „werde ich mich in einer angenehmen... Lage befinden?“ „In der angenehmſten, mein junger Herr; er ſetzt Ihnen für die ganze Zeit, daß Sie in Paris ſind, eine jährliche Rente von fünf⸗ zigtauſend Livres aus.“ „Ei, in dem Falle werde ich immer hier bleiben.“ 764 „Hm! wer kann für die Zukunft ſtehen, mein lieber, junger Mann? Der Menſch denkt, Gott lenkt.“ Andrea ſeufzte. „Aber,“ ſagte er,„ſo lange ich in Paris bleibe... und keine Macht ſoll mich von hier entfernen, iſt mir alſo dies Geld ſicher, von dem Sie mir eben ſagten?“ „Vollkommen!“ „Durch meinen Vater?“ fragte Andrea beſorgt. „Ja, aber garantirt durch Lord Wilmore, der Ihnen auf Verlangen Ihres Vaters einen Credit auf viertauſend Franken monatlich, bei Herr Danglars, einem der ſicherſten Banquiers in Paris, eröffnet hat.“ „Und denkt mein Vater lange in Paris zu bleiben?“ fragte Andrea unruhig. „Nur einige Tage,“ antwortete Monte⸗Chriſto.„Sein Dienſt erlaubt ihm höchſtens eine Abweſenheit von drei Wochen.“ „Ol der liebe Vater!“ ſagte Andrea, ſichtlich entzückt über dieſe ſchnelle Abreiſe. „Nun,“ ſagte Monte⸗Chriſto, ſich anſcheinend über die Bedeu⸗ tung dieſer Worte täuſchend,„ich will den Augenblick Ihrer Ver⸗ einigung auch nicht länger verzögern. Sind Sie bereit, unſern würdigen Herrn Cavalcanti zu umarmen?“ „Sie zweifeln hoffentlich nicht daran?“ „Nun wohl! gehen Sie alſo in jenen Salon, mein junger Freund, dort finden Sie Ihren Vater, der Sie erwartet.“ Andrea machte dem Grafen eine tiefe Verbeugung und ging in den bezeichneten Salon. Der Graf folgte ihm mit den Augen, und als er die Thür hinter ſich zugemacht hatte, ſtieß derſelbe ein Bild zurück, hinter welchem ſich eine unmerkliche Oeffnung befand, durch die man den ganzen Saal überſehen und Alles was darin geſprochen wurde, hören konnte. Andrea ſchloß die Thür hinter ſich und ging auf den Major zu, der aufſtand, ſobald er das Geräuſch herannahender Schritte hörte. „Ah! mein ſo werther und lieber Herr Vater,“ ſagte Andrea —— bettach troſtlos 34 ßen, u es ſich gweife welchen „ ſie di einand 2 Trauſ guten Piecer Blic Freud ſagte 765 mit lauter Stimme, ſo daß der Graf es hinter der verſchloſſenen u nnget Thür vernehmen konnte,„ſind Sie es wirklich?“ „Guten Tag, mein lieber Sohn,“ ſagte der Major feierlich. s„Nach ſo vielen Jahren der Trennung,“ ſagte Andrea immer dteine 105 nach der Thür zurückſehend,„welches Glück, uns wiederzuſehen!“ ſichee,„Wirklich, die Trennung war lang.“ „Umarmen wir uns nicht, mein Herr?“ fragte Andrea. „Wie Du willſt, mein S hn,“ erwiderte der Major. Und die beiden Männer umarmten ſich, wie die Schauſpieler ea auf auf der Bühne einander umarmen, das heißt, Einer legte dem An⸗ ranken dern den Kopf auf die Schulter. ers in„So ſind wir denn alſo nun vereint?“ „,Wir ſind vereint,“ wiederholte der Major. 7 fragte„Um uns nie wieder zu trennen?“ *„Das kommt darauf an; ich glaube, Du, mein lieber Sohn, Dieſt betrachteſt Frankreich jetzt als Dein zweites Vaterland?“ „Die Sache iſt,“ antwortete der junge Mann,„daß es mich r dieſe troſtlos machen würde, Paris verlaſſen zu müſſen.“ „Und ich könnte mich, wie Du begreifen wirſt, nicht entſchlie⸗ 1 Bedeu ßen, wo anders als in Lucca zu leben. Ich werde alſo, ſobald er Ver es ſich thun läßt, nach Italien zurückkehren.“ unſern„Aber ehe Sie abreiſen, lieber Papa, werden Sie mir ohne 4 gweifel jene Papiere zuſtellen, durch die ich beweiſen kann, von 1 welchem Blute ich entſproſſen bin.“ 65 3 „Ohne allen Zweifel, denn darum bin ich ja gekommen, um Junger ſie Dir einzuhändigen, damit wir nicht noch einmal anfangen müſſen, einander zu ſuchen; das würde den letzten Theil meines Leben koſten.“* dng„ und die Papiere?“ .„Hier ſind ſie.“ Thür Andrea bemächtigte ſich begierig ſeines Taufzeugniſſes und des hinte Trauſcheins ſeines Vaters, und nachdem er beide mit dem, einem in den guten Sohne ſehr natürlichen Eifer geöffnet hatte, las er beide wurde, Piecen mit einer Schnelligkeit und Geläufigkeit, die den geübteſten Blick und das höchſte Intereſſe zu gleicher Zeit bewieſen. Major Als er fertig war, ſtrahlte ſeine Stirn von unbeſchreiblicher ſchitte Freude, er ſah den Major mit einem ſonderbaren Lächeln an, und ſagte in vortrefflichem Toskaniſch: 4 Indrea „Ach! es giebt alſo keine Galeeren in Italien?“ Der Major warf ſich in die Bruſt. „Und warum?“ fragte er.. „Daß man dort ungeſtraft ſolche Papiere verfertigen kann. Für die Hälfte von dieſem würde man Sie, mein verehrter Vater, in Frankreich fünf bis ſechs Jahre die Luft von Toulon athmen laſſen.“ „Was beliebt?“ ſagte der Italiener, bemüht, ein majeſtätiſches Weſen anzunehmen. „Wie viel giebt man Ihnen, mein lieber Herr Cavalcanti,“ fragte Andrea, des Majors Arm drückend,„dafür, daß Sie mein Vater ſind?“ Der Major wollte reden. „Pſt!“ ſaate Andrea leiſe,„ich will Ihnen das Beiſpiel der Aufrichtigkeit geben; ich bekomme jährlich fünfzigtauſend Franken dafür, daß ich Ihr Sohn bin; folglich werden Sie einſehen, daß es mir nie einfallen wird, Ihnen die Ehre der Vaterſchaft ſtreitig zu machen.“ Der Major ſah unruhig umher. „Eil ſeien Sie ruhig,“ ſagte Andrea,„wir ſind allein, auch ſprechen wir ja italieniſch.“ „Nun wohl denn!“ ſagte der Mann aus Lucca,„ich bekomme fünfzigtauſend Franken ein⸗ für allemal.“ „Herr Cavalcanti,“ ſagte Andrea,„glauben Sie an Feen⸗ märchen?“ „Nein, ſonſt nicht, aber jetzt möchte ich beinahe daran glauben.“ „Sie haben alſo ſchon Beweiſe.“ Der Major zog eine Hand voll Goldſtücke aus der Taſche. „Handgreifliche, wie Sie ſehen.“ „Sie meinen alſo, daß ich an die mir gemachten Verſprechun⸗ gen glauben kann?“ „Ich glaube es.“ „Und daß der brave Graf dieſelben halten wird.“ „Punkt für Punkt. Aber Sie begreifen, um dieſen Zweck zu erreichen, müſſen wir unſere Rolle ſpielen.“ „Wie ſo?“ „Ich als zärtlicher Vater...“ hab Woll geko ſend; * 7 p„urvd ich als ehrfurchtsvoller Sohn.“ Weil ſie einmal wünſchen, daß Sie von mir abſtammen.“ „wWer? ſie?“ kann.„Teufel, ich weiß nichts davon, die, welche an Sie geſchrieben Vater haben!“ ühmen„Haben Sie keinen Brief erhalten?“ „Ja freilich.“ tiſches in„Von wem?“ „Von einem gewiſſen Abbé Bufoni.“ cant.„Den Sie nicht kennen?“ e men„Den ich niemals geſehen habe.“ „Was ſagt Ihnen dieſer Brief?“ 4 3„Werden Sie mich verrathen?“ nel der 3„Ich werde mich hüten, unſere Intereſſen ſind unzertrennlich.“ Jranken At.„Dann leſen Sie.“— n, daaz Und der Major gab dem jungen Manne einen Brief. reiig Andrea las leiſe: 4„„Sie ſind arm, ein unglückliches Alter ſteht Ihnen bevor. Wollen Sie, wo nicht reich, doch unabhängig werden? in, auch Machen Sie ſich ſogleich auf den Weg nach Paris. Dort an⸗ * gekommen, gehen Sie nach dem Hotel des Grafen von Monte⸗Chriſto, pekonne Einngang der Elyſäiſchen Felder Nr. 30, und Sie werden bei ihm Ihren Sohn von der Marcheſa Corſinari finden, der Ihnen im Feen⸗ Alter von fünf Jahren geraubt wurde. Dieſer Sohn heißt Andrea Cavalcanti. Um Ihnen jeden auben.“ Zweifel an der nur wohlwollenden Abſicht des Unterzeichneten zu benehmen, finden Sie beiliegend: aſch(. 1) Eine Anweiſung auf zweitauſend vierhundert Livres toska⸗ niſchen Geldes, zahlbar bei Herrn Gozzi in Florenz; ſprechun⸗ 81 2) ein Beglaubigungsſchreiben an den Herrn Grafen von Maonte⸗Chriſto, auf welches Sie die Summe von achtundvierzigtau⸗ ſend Franken von demſelben ausgezahlt erhalten werden. Finden Sie ſich den 26. Juni, um ſieben Uhr Abends bei dem —n Zweſ Grafen ein. „unterzeichnet Abbé Buſoni.““ „Das iſt die Sache.“ 768 „Wie! das iſt die Sache? Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte der Major. „Ich meine, daß ich einen ziemlich gleichlautenden erhalten habe.“ „Sie.“ „Ja, ich.“ „Von dem Abbé Buſoni?“ „Nein.“ „Von wem denn?“ „Von einem Engländer, einem gewiſſen Lord Wilmore, der ſich Sindbad der Seefahrer zu nennen pflegt.“ „Und den Sie nicht mehr kennen, wie ich den Abbé Buſoni?“ „So iſt's, aber etwas habe ich vor Ihnen voraus.“ „Sie haben ihn geſehen?“ „Ja, einmal.“ „Und wo?“ „Ahl das iſt es eben, was ich Ihnen nicht ſagen kann. Sie wüßten dann eben ſo viel als ich, und wozu das?“ „Und jener Brief ſagt Ihnen?“ „Leſen Sie.“ „Sie ſind arm, eine erbärmliche Zukunft erwartet Sie; wollen Sie einen Namen haben, wollen Sie frei und reich ſein?““ „Potz Blitz!“ ſagte der junge Mann, ſich auf dem Abſatz um⸗ drehend,„als ob man ſich ſo etwas zweimal ſagen ließe.“ „„Setzen Sie ſich in ven Poſtwagen, den Sie vor dem Genuaer Thore von Nizza Ihrer wartend finden werden. Gehen Sie über Turin, Chambery und Pont de⸗Beauvoiſin. Melden Sie ſich den 26. Juni, um ſieben Uhr Abends, bei dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto, Eingang der elyſäiſchen Felder Nr. 30 und fragen Sie nach Ihrem Vater. Sie ſind der Sohn des Marcheſe Bartolomeo Cavalcanti und der Marcheſe Oliva Corſinari, wie die Papiere, welche der Marcheſe Ihnen zuſtellen wird, beweiſen und vermöge deren Sie unter die⸗ ſem Namen in der ſchönen Welt von Paris auftreten können. Eine jährliche Rente von fünfzigtauſend Livres wird Sie in den Stand ſetzen, Ihrem Range gemäß zu leben.— Beiliegend eine Anweiſung von fünftauſend Livres, zahlbar ——— ————.— = == —,ͤeoE SS — ͤ — Sacht „ Partne 3 ber Va „ D treten. ſich eit einen 769 agen?⸗ durch den Herrn Ferrera, Banquier in Nizza, und ein Beglaubigungs⸗ habe.⸗ ſchreiben an den Grafen von Monte⸗Chriſto, in welchem ich ihn beauftragte, für Sie zu ſorgen. Sindbad der Seefahrer.“ „Hm!“ meinte der Major,„das iſt ſehr ſchön!“ „Nicht wahr?“ „Haben Sie den Grafen geſehen?“ de, der„Ich komme eben von ihm.“ „Und er beſtätigte?“ uſoni’-.„Alles.⸗ „Können Sie aus der ganzen Geſchichte klug werden?“ „Meiner Treu, nein.“ 17 4„Einer wird bei dieſer Sache angeführt.“ 1 „Wi ieden Fall iſt es keiner von uns Beiden.“ 7 n. Sie„Nein, gewiß nicht.“ 17 „Nun dann!....“ „Kann es uns gleich ſein. Nicht wahr?“ 1 „Ganz richtig, das eben wollte ich ſagen; laſſen Sie uns die tt Sie. Sache bis zu Ende führen, aber vorſichtig ſein.“ 1 ſein?“„Sei es drum; Sie ſollen ſehen, daß ich würdig bin, Ihr 4 Partner zu ſein.“ 1 pſag„Daran habe ich nicht einen Augenblick gezweifelt, mein lie⸗ ber Vater.“ 1 Genuger b„Sie machen mir Ehre, mein lieber Sohn.“ Pie üͤber Dieſen Augenblick wählte Monte⸗Chriſto, um in den Salon zu ſih den treten. Als ſie ihn kommen hörten, warfen die beiden Menſchen afen von ſich einander in die Arme; ſo fand ſie der Graf. d fragen„Nun, Herr Marcheſe,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Sie ſcheinen eeinen Sohn nach Ihrem Herzen gefunden zu haben?“ anti und„Ach! Herr Graf, ich erſticke vor Freude.“ Marcheſe„Und Sie, junger Mann?“ nter die⸗„Ach! Herr Graf, das Glück betäubt mich.“ nen.„Glücklicher Vater! glücklicher Sohn!“ ſprach der Graf. d Sie iin„Nur ein Umſtand betrübt mich,“ verſicherte der Major; „nämlich, daß ich gezwungen bin, Paris ſo bald ſchon wieder zu zahlber verlaſſen.“. 3„O! lieber Signor Cavalcanti,“ entgegnete der Graf,„Sie Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 49 770 werden hoffentlich nicht eher abreiſen, als bis ich Sie einigen mei⸗ ner Freunde vorgeſtellt habe.“ „Ich ſtehe dem Herrn Grafen zu Befehl,“ antwortete der Major. „Nun junger Mann, nun beichten Sie.“ „Wem?“ „Nun, Ihrem Herrn Vater; ſagen Sie ihm, wie es um Ihre Finanzen ſteht.“ „Ach! Teufel,“ ſagte Andrea,„Sie berühren die empfindlichſte Saite. 4 „Hören Sie, Major?“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Ohne Zweifel höre ich.“ „Aber verſtehen Sie es auch?“— „891 vortrefflich.“ „Er ſagt, daß er Geld bedarf, der liebe Sohn!“ „Was ſoll ich dabei thun?“ „Teufel! ihm welches geben.“ „Ich?“ „Ja, Sie!⸗ Monte⸗Chriſto trat zwiſchen die beiden Subjecte. „Nehmen Sie,“ ſagte er zu Andrea ihm ein Päckchen Bank⸗ noten in die Hand ſteckend. „Was iſt das?“ „Die Antwort ihres Vaters.“ „Meines Vaters?“ „Ja. Haben Sie ihm nicht ſoeben geſagt, daß es Ihnen an Geld fehle?“ „Ja. Nun aber?“ „Nun wohll er beauftragte mich, Sie damit zu verſehen.“ „Auf Abſchlag meiner Rente?“ „Nein, zu Ihrer Einrichtung.“ „O, lieber Vater!“ „Still!“ ermahnte Monte⸗Chriſto,„Sie ſehen ja, er will nicht, daß ich ihn als den Geber nenne.“ „Ich weiß dieſe Zartheit zu ſchätzen,“ erwiderte Andrea, indem er die Banknoten in ſeine Gürteltaſche ſteckte. „Gut,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„jetzt gehen Sie!“ mne Ihre dlichſte n Bank hnen an en.“ l nicht, indem 771 „Und wann werden wir die Ehre haben, den Herrn Grafen wieder zu ſehen?“ fragte Cavalcanti. „Ach! ja, wann werden wir die Ehre haben?“ fragte An⸗ drea auch. „Sonnabend, wenn Sie wollen... ja... merken Sie es ſich ... Sonnabend. Dann habe ich in meinem Landhauſe in Auteuil, Straße la Fontaine Nr. 30 mehre Perſonen zum Diner eingeladen, und unter Andern Herrn Danglars, Ihren Banquier; dem werde ich Sie vorſtellen, er muß Sie ja kennen, um Ihnen Ihr Geld verabfolgen zu laſſen.“ „Im größten Staat?“ fragte der Major leiſe. „Im größten Staat: Uniform, Kreuz, kurze Beinkleider.“ ich?“ fragte Andrea. 8** ſehr einfach; ſchwarze Pantalons, glänzende Stiefeln, we e, ſchwarzer oder blauer Rock, lange Cravatte, nehmen Sie Blin oder Veronique, um ſich zu kleiden. Baptiſtin wird veen en geben, wenn Sie ſie nicht kennen. Je ein⸗ facher I leidung iſt, je vortheilhafter wird der Eindruck ſein, den Sie, als reich bekannt, machen werden. Wenn Sie Pferde kaufen, nehmen Sie ſie von Devedeux und wollen Sie einen Phaë⸗ thon kaufen, gehen ſie zu Baptiſte.“ „Um welche Stunde können wir uns einfinden?“ fragte der junge Mann. „Nun, gegen halb ſieben Uhr.“ „Gut, wir werden nicht verfehlen,“ ſagte der Major den Hut nehmend. Die beiden Cavalcanti grüßten den Grafen und entfernten ſich. Der Graf ging an's Fenſter und ſah ſie Arm in Arm über den Hof gehen. „Wirklich,“ ſagte er,„das ſind zwei Erz⸗Schurken! Wie ſchade, daß es nicht wirklich Vater und Sohn iſt!“ Dann rief er nach einem Augenblicke düſtern Nachdenkens: „Und nun zu Morrels; ich glaube, daß der Ekel mich noch mehr angreift, als der Haß.“ 49* — — — — 3 5 1 2 1 4 4 4 S — 1 1 3 — ——— —— LVIII. Der Luzerne⸗Garten. Unſere Leſer müſſen uns erlauben, ſie wieder nach jenem Platze zu führen, der an die Beſitzung des Herrn von Villefort grenzt, wo wir hinter dem von Kaſtanienbäumen übe it⸗ ter bekannte Perſonen finden werden. Er Dieſes Mal war Maximilian zuerſt gekommen. e⸗ ſes Mal, der ſein Auge an den Verſchlag hält, und 17 in der Tiefe des Gartens einen Schatten erſpäht, und da des Sandes unter einem ſeidenen Schuh zu hören hofft. Endlich läßt das erſehnte Kniſtern ſich wirklich hören, aber ſtatt eines Schattens ſind es zwei, die ſich nähern. Die Ver⸗ ſpätung Valentine's war durch einen Beſuch der Frau von Dang⸗ lars und Eugenie's veranlaßt, der ſich über die Stunde hinaus verlängert hatte, wo Valentine erwartet wurde. Um nun zu zeigen, daß ſie nicht ſchuld an der Verſäumniß ſei, ſchlug das junge Mäd⸗ chen Fräulein Danglars einen Gang durch den Garten vor, um Maximilian ſehen zu laſſen, daß es nicht Nachläſſigkeit von ihrer Seite war, was ſie die Zeit des Rendezvous verſäumen ließ. Der junge Mann begriff Alles mit dem feinen Takt eines Liebenden, und ſein Herz war beruhigt. Uebrigens ging Valentine hin und zurück, ſo, daß er ſie deutlich ſehen konnte, ohne jedoch verſtehen zu können, was ſie ſprach. Ein ihrer Begleiterin un⸗ bemerkbarer, ihm zugeworfener Blick wurde von dem jungen Manne aufgefangen und überſetzt: „Habe nur Geduld, Freund, ich kann nicht dafür.“ Und Maximilian geduldete ſich wirklich, und vertrieb ſich die Zeit damit, den Unterſchied zwiſchen dieſen beiden jungen Mädchen zu bewundern, zwiſchen dieſer Blondine mit dem ſchmachtenden — nem gort ie⸗ der des aber Ver⸗ pang⸗ naus gen, Mäd⸗ um ihrer eines entine ſedoch un⸗ anne h die ſchen enden — 773 Blicke und der gebogenen Haltung, die an eine ſchöne Trauerweide erinnerte, und dieſer Brünette mit dem ſtolzen Auge und dem Wuchs einer Pappel; es verſteht ſich von ſelbſt, daß der junge Mann bei der Vergleichung zweier ſo entgegengeſetzter Naturen, Valentine den Vorzug gab. Nachdem die jungen Mädchen eine halbe Stunde geluſtwandelt hatten, entfernten ſie ſich. Maximilian konnte hoffen, daß der Be⸗ ſuch der Frau von Danglars ſich nun verabſchiedet habe. Wirklich kehrte einen Augenblick darauf Valentine allein zurück. Fürchtend, von neugierigen Blicken verfolgt zu werden, kam ſie lang⸗ ſam, und ſtatt gerade auf das Gitter zuzugehen, ſetzte ſie ſich erſt auf eine Bank und beobachtete anſcheinend unbefangen jede Ba und jede Allee. lles nach ihrem Wunſche, das heißt, einſam fand, eilte an das Gitter. 8 Tag, Valentine,“ ſagte eine Stimme. ten Tag, Maximilian. Ich habe Sie warten laſſen, aber Sie haben die Urſache geſehen?“ „Ja, ich erkannte Fräulein Danglars; ich glaubte Sie nicht ſo befreundet mit dieſer jungen Dame.“ „Wer ſagt Ihnen denn, daß wir befreundet ſind, lieber Maximilian.“ „Niemand, aber es ſchien mir daraus hervorzugehen, daß Sie Arm in Arm und ſo vertraulich plaudernd zuſammen gingen; es war als ſchütteten zwei Penſions⸗Geſpielinnen ihre Herzen gegen einander aus.“ „Das thaten wir auch wirklich,“ ſagte Valentine,„ſie geſtand mir ihre Abneigung gegen die von ihren Eltern beſchloſſene Ver⸗ bindung mit dem Vicomte von Morcerf, und ich geſtand ihr meiner⸗ ſeits, daß ich es als ein Unglück betrachte, Herrn von Epinay heirathen zu müſſen.“ „Liebe Valentine!“ „Daher alſo, mein Freund, dieſe Art von Vertraulichkeit zwiſchen mir und Eugenie; und während ich von dem Manne ſprach, den ich nicht lieben kann, dachte ich an den, welchen ich liebe.“ „Wie gut Sie immer ſind, Valentine, und wie haben Sie ſo etwas, das Fräulein Danglars nie haben wird: es iſt der unerklär⸗ bare Reiz, der bei den Frauen, was bei der Blume der Duft, bei den Früchten das Aroma iſt; denn es iſt nicht hinreichend, daß eine Blume, oder eine Frucht ſchön ausſieht.“ „Es iſt Ihre Liebe, Maximilian, die Ihnen dieſe Anſicht giebt.“ „Nein, Valentine, ich ſchwöre es Ihnen. Sehen Sie, ich ſah Sie eben ſo Beide darauf an, und obgleich ich der Schönheit des Fräulein von Danglars volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen muß, begreife ich doch nicht, wie ein Mann ſich in dieſelbe verlieben kann.“ „Das kam daher, Maximilian, daß ich dabei war, und daß meine Gegenwart Sie ungerecht machte.“ „Nein... aber beantworten Sie mir... eine b rige Frage, die von gewiſſen Wahrnehmungen an Fräule g⸗ lars herrührt.“ „Ol gewiß ungerechte, ohne daß ich ſie weiß. Män⸗ ner uns arme Mädchen beurtheilt, haben wir auf k icht zu rechnen.“ „Um ſo weniger, als ſie ſo gerecht gegen einander ſind!“ „Weil, wenn wir einander beurtheilen, faſt immer Leidenſchaft im Spiele iſt. Aber kommen wir auf Ihre Frage zurück.“ „Iſt es Liebe zu einem Andern, was Fräulein von Danglars dieſen Widerwillen gegen eine Heirath mit dem Vicomte von Mor⸗ cerf einflößt?“ „Maximilian, ich ſagte Ihnen ja, daß ich nicht Eugenie's Freundin bin.“ 3 „Ei mein Gott!“ meinte Morrel,„um einander ihre Geheim⸗ niſſe anzuvertrauen, brauchen die Mädchen keine Freundinnen zu ſein; geſtehen Sie, daß Sie ihr einige Fragen über dieſen Punkt gethan haben? Ah! Sie lächeln.“ „Wenn dem ſo iſt, Maximilian, dann nutzt ja dieſe Scheide⸗ wand von Brettern zwiſchen uns nichts.“ 3 „Nun ſagen Sie, was hat ſie Ihnen geſagt?“ „Sie hat mir geſagt,“ antwortete Valentine,„daß ſie Nie⸗ manden liebe, daß ſie einen Abſcheu vor dem Eheſtande habe, daß ihre größte Freude geweſen ſein würde, ein freies, unabhängiges Leben zu führen, und daß ſie beinahe wünſchen könne, daß ihr Vate wie 775⁵ b bei Vater ſein Vermögen verliere, um Künſtlerin werden zu können, eine wie ihre Freundin Louiſe Darmilly.“ „Ah! Sehen Sie wohl!“ nficht„Nun wohll was beweiſt das?“ fragte Valentine. „Nichts,“ antwortete Maximilian lächelnd. ſah„Aber warum lächeln Sie denn nun auch?“ „Ahl“ antwortete Maximilian,„Sie beobachten ja eben ſo . ſcharf als ich, Valentine.“ lieben„Wollen Sie, daß ich gehe?“ „Ol nein, ja nicht! aber kommen wir auf Sie zurück.“ „Ach ja! es iſt wahr, wir haben ja kaum zehn Minuten mit einander zu plaudern.“ 1 8 eun rief Maximilian beſtürzt. g⸗„Ja, imilian, Sie haben Recht,“ ſagte Valentine melan⸗ choliſch,„Sie haben eine beklagenswerthe Freundin. Wie unglück⸗ MNän. lich mache ich Sie, armer Maximilian, Sie ſo berechtigt, glücklich icht zu 1 zu ſein! Ich mache mir bittere Vorwürfe darüber, glauben Sie es mir. 4„Eil kümmern Sie ſich darum nicht, Valentine, wenn ich mich nſchaft nun ſo glücklich fühle; wenn dieſes lange Warten und Erſehnen mir durch fünf Minuten Ihres Anblicks belohnt wird, durch zwei nglars Worte aus Ihrem Munde, durch dieſe tiefe, ewige Ueberzeugung, — Morr daß Gott nicht zwei Herzen ſo harmoniſch wie die unſrigen geſchaf⸗ fen, und ſie beinahe wunderbar zuſammengeführt hat, um ſie wieder genie'z u trennen.“ 3 5„Gut, danke, Maximilian, hoffen Sie für uns beide, das nimmt ehetm meinem Unglücke die Hälfte von ſeiner Schärfe.“ nen zu 3„Was iſt denn geſchehen, Valentine, daß Sie mich ſo ſchnell Punt verlaſſen müſſen?“ „Ich weiß es nicht; Frau von Villefort hat mich bitten laſſen, cheidt zu ihr zu kommen, wegen einer, einen Theil meines Vermögens 8 ſetreffenden Berathung. Ach! mein Gott, mögen ſie es doch hin⸗ i 4 nehmen, mein Vermögen, ich bin nur zu reich; aber wenn ſie es Nie⸗ genommen haben, mögen ſie mir Freiheit und Ruhe gönnen; Sie e, daß werden mich nicht weniger lieben, wenn ich auch arm bin, nicht ngiges wahr, Morrel?“ dl immer, immer werde ich Sie lieben; was frage ich nach ——— ———— ———— Reichthum oder Armuth, wenn meine Valentine nur bei mir wäre, und ich nur ſicher wäre, daß Niemand ſie mir rauben könnte! Aber dieſe Berathung, Valentine, fürchten Sie nicht, daß ſie Bezug auf Ihre Heirath haben werde?“ „Ich glaube es nicht.“ „Indeſſen, hören Sie, Valentine, und erſchrecken Sie nicht, denn, ſo lange ich lebe, werde ich keiner Anderen angehören.“ „Sie glauben mich zu beruhigen, Maximilian, indem Sie mir das ſagen?“ „Verzeihung! Sie haben Recht. Ich bin ein Raſender. Nun wohl! ich wollte alſo ſagen, daß ich neulich mit Herrn von Mor⸗ cerf bekannt geworden bin.“ „Nun, und?“ „Und Franz iſt ſein Freund, wie Sie wiſſen.“ „Ja, und?“— „Nun denn! er hat einen Brief von Franz, der ihm deſſen nahe Rückkehr meldet.“ Valentine erbleichte und lehnte ſich an das Gitter. „Ach! mein Gott!“ ſagte ſie,„wenn es das wäre! Aber nein, dann würde die Aufforderung nicht von Frau von Villefort kommen.“ „Warum?“ „Warum... ich kann es Ihnen nicht genau ſagen... aber es ſcheint mir, daß Frau von Villefort, ohne ſich dieſer Heirath geradezu zu widerſetzen, derſelben nicht günſtig geſinnt iſt.“ „Ei! Valentine, ich glaube, ich werde noch dahin kommen, Frau von Villefort anzubeten.“ „Ol übereilen Sie ſich damit nicht, Maximilian,“ ſagte Va⸗ lentine traurig lächelnd. „Nun, wenn ſie dieſer Heirath abgeneigt iſt, und es ihr ge⸗ länge, dieſelbe zu hintertreiben, wäre es dann nicht möglich, daß man ſie für einen andern Vorſchlag gewinnen könnte?“ „Glauben Sie das nicht,“ verſetzte Valentine,„nicht die Män⸗ ner ſind Frau von Villefort zuwider, ſondern die Heirath iſt es.“ „Wie, die Heirath? wenn ſie den Eheſtand ſo verabſcheut, warum hat ſie denn ſelbſt geheirathet?“ „Sie verſtehen mich nicht, Maximilian, hören Sie alſo: vor nicht, e mir Nun Mor⸗ deſſen Aber ſillefort .aber heirath mmen, e Va⸗ r ge⸗ „daß Män⸗ es.“ ſcheut, d: vor 777 einem Jahre äußerte ich den Wunſch, mich in ein Kloſter zurück⸗ zuziehen, ſie nahm, ungeachtet der Einwendungen, die ſie Ehren halber machen zu müſſen glaubte, meinen Entſchluß mit Freude an mein Vater ſogar hatte, durch ihren Einfluß, wie ich glaube, dazu, beſtimmt, eingewilligt. Nur mein armer Großrvater hielt mich zu⸗ rück. Sie glauben nicht, Maximilian, welcher Ausdruck in den Augen dieſes armen Greiſes liegt, der nur mich auf der Welt noch liebt, und der, Gott verzeihe mir, wenn es eine Läſterung iſt, von Niemand auf der Welt, als von mir, geliebt wird. Wenn Sie wüßten, wie er mich anſah, als er meinen Entſchluß erfuhr, wel⸗ cher Vorwurf in ſeinem Blicke lag, und in den Thränen, die ohne Klagen, ohne Seußzer, ſeine unbeweglichen Wangen langſam hinab⸗ glitten! Ach! Maximilian, da empfand ich etwas, wie Gewiſſens⸗ biſſe; ich warf mich zu ſeinen Füßen und rief: Verzeihung! Ver⸗ zeihung! mein Vater! möge man mit mir machen, was man will, ich werde Sie nie verlaſſen. Da hob er die Augen zum Himmell Maximilian, ich kann noch viel leiden müſſen... aber dieſer Blick meines armen, alten Großvaters hat mir Alles im Voraus ver⸗ golten.“ „Liebe Valentine! Sie ſind ein Engel, und ich weiß wirklich nicht, womit ich es verdient habe, indem ich links und rechts Be⸗ duinen niederſäbelte, daß Sie mir Ihr ſchönes Herz ſchenkten. Aber ſagen Sie mir doch, Valentine, was für ein Intereſſe hat denn Frau von Villefort dabei, daß Sie ſich nicht verheirathen?“ „Sagte ich Ihnen nicht eben, daß ich reich bin, Maximilian, zu reich? Ich habe von Seiten meiner Mutter beinahe fünfzig⸗ tauſend Livres Renten; meine Großeltern, der Marquis und die Marquiſe von Saint⸗Méran, werden mir eben ſo viel hinterlaſſen. Herr Nortier zeigt ſehr deutlich die Abſicht, mich zu ſeiner einzigen Erbin einzuſetzen. Daraus folgt natürlich, daß mein Bruder Eduard, der von Seiten der Mutter nichts zu erwarten hat, im Vergleich mit mir, arm iſt. Wenn ich nun Nonne würde, ſo käme doch all mein Vermögen an meinen Vater und von dieſem ganz natürlich an dieſen ſo angebeteten Sohn.“ „Ol wie befremdend iſt ſolche Habſucht an einer ſo ſchönen, jungen Frau!“ „Bedenken Sie, Maximilian, daß ſie es nicht für ſich, ſondern 4 4 5 4 1 4 3 — 1 h 2 1 1 778 fur ihren Sohn iſt, folglich, das, was Sie ihr als einen Fehler Sie n vorwerfen, vom Geſichtspunkte der Mutterliebe aus geſehen, beinahe Enyftr eine Tugend iſt.“ mas I „Aber wie wäre es, Valentine, wenn Sie einem Theile dieſes haben Vermögens zu Gunſten des Knaben entſagten?“ ahi „Und wie ſoll ich einer Frau, die beſtändig das Wort Uneigen⸗ 3 nützigkeit im Munde führt, einen ſolchen Vorſchlag zu machen. wagen?“ ſoch, „Valentine, meine Liebe iſt mir von Anfang an heilig ge⸗ 3 weſen, und ich habe ſie, wie jeden geheiligten Gegenſtand, mit dem unndſ Schleier der Ehrfurcht verhüllt, und im tiefſten Grunde meines cb die nicht, hat alſo eine Ahnung von dieſer Liebe. Valentine! erlauben Sie mir, einem Freunde von dieſer Liebe zu ſagen?“ Valentine erzitterte.— „Einem Freunde?“ ſagte ſie.„Ol mein Gott, Maximilian, mich ſchaudert, Sie ſo reden zu hören! Einem Freunde! und wer Brude iſt denn dieſer Freund?“ „Hören Sie, Valentine: haben Sie jemals für irgend Jemand eine jener Sympathieen empfunden, die Sie beim erſten Anblicke zu Herzens eingeſchloſſen. Niemand auf der Welt, auch meine Schweſter habe, demſelben hinziehen, ſo daß Ihnen iſt, als kennten Sie ihn ſchon zu ſe lange, und Sie ſich fragen, wann und wo Sie ihn geſehen haben, und daß Sie, ſich durchaus auf Ort und Zeit nicht beſinnen kön⸗ Inſti nend, am Ende zu dem Glauben kommen, es ſei in einer andern Welt geweſen, und dieſe Sympathie ſei nur eine Erinnerung aus Edue derſelben?“ ſuch „Ja.“ liche „Nun wohl! Das habe ich das erſte Mak empfunden, als ich nem jenen außerordentlichen Mann ſah.“ Idee „Einen außerordentlichen Mann?“ geac „Ja.“ ſoba „Den Sie alſo ſchon lange kennen?“ und „Kaum ſeit acht oder zehn Tagen.“ deru „Und einen Mann, den Sie ſeit acht oder zehn Tagen kennen, ſt nennen Sie ihren Freund? O! Maximilian, ich glaubte Sie hier geiziger mit dem ſchönen Namen Freund.“ „Sie haben, logiſch betrachtet, Recht, Valentine, aber ſagen vie 779 Sie was Sie wollen, nichts wird mich von dieſer inſtinktartigen Empfindung abbringen. Ich glaube, daß dieſer Mann bei Allem, was mir in Zukunft noch Gutes begegnen kann, die Hand im Spiele haben wird, er, deſſen tiefer Blick mein Geſchick zu kennen, deſſen mächtige Hand es zu leiten ſcheint.“ „Er iſt alſo ein Wahrſager!“ ſagte Valentine lächelnd. „Meiner Treu,“ ſagte Maximilian,„ich fühle mich oft ver⸗ ſucht, es zu glauben... ein guter aber.“ „O!“ erwiderte Valentine traurig,„laſſen Sie mich die Be⸗ kanntſchaft dieſes Mannes machen, Maximilian, damit er mir ſage, ob die Liebe mich für Alles, was ich gelitten und noch zu leiden habe, entſchädigen wird.“ „Arme Freundin! aber Sie kennen ihn!“ „Ich?“ „Ja.“ „Es iſt derſelbe, der Ihrer Stiefmutter und Ihrem kleinen Bruder das Leben gerettet hat.“ „Der Graf von Monte⸗Chriſto?“ „Derſelbe.“ „O!“ rief Valentine,„der kann nie mein Freund ſein, er iſt zu ſehr der meiner Stiefmutter.“ „Der Graf, der Freund Ihrer Stiefmutter? So kann mein Inſtinkt nicht trügen, Sie müſſen ſich irren, Valentine.“ „Ol wenn Sie wüßten, Maximilian! Es iſt ja nicht mehr Eduard, der im Hauſe regiert, es iſt der Graf: angelegentlich ge⸗ ſucht von Frau von Villefort, die in ihm den Inbegriff alles menſch⸗ lichen Wiſſens verehrt; bewundert, hören Sie, bewundert von mei⸗ nem Vater, der behauptet, nie mit mehr Beredtſamkeit ſo erhabene Ideen ausſprechen gehört zu haben; vergöttert von Eduard, der un⸗ geachtet ſeiner Furcht vor den großen, ſchwarzen Augen des Grafen, ſobald er ihn kommen ſieht, ihm entgegenläuft, ſich an ihn hängt und ihm die Hand öffnet, in der er immer irgend ein bewun⸗ derungswürdiges Spielzeug findet: Herr Graf von Monte⸗Chriſto iſt hier nicht bei meinem Vater, oder bei meiner Mutter; er iſt hier zu Hauſe, er hat hier zu befehlen.“ „Nun wohl! geliebte Valentine, wenn die Sachen ſo ſtehen, wie Sie ſagen, ſo müſſen Sie die Wirkungen ſeiner Gegenwart 78⁰ ſchon empfunden haben, oder werden dieſelben ſehr bald empfinden. Er begegnet Albert von Morcerf in Italien... und befreit ihn aus der Gewalt der Banditen; er erblickt Frau von Danglars, und macht ihr ein königliches Geſchenk; Ihre Stiefmutter und Ihr Bruder fahren vor ſeiner Thür vorbei, und ſein Nubier rettet ihnen das Leben. Dieſer Mann hat ſichtlich die Macht, einen Einfluß auf Begebenheiten, Sachen und Menſchen auszuüben. Ich ſah nie einen einfacheren Geſchmack mit mehr Aufwand verbunden. Sein Lächeln, wenn er mich anſieht, iſt ſo ſüß, daß ich vergeſſe, wie ſehr die Andern es bitter finden. O! ſagen Sie mir, Valentine, hat er Ihnen ſo zugelächelt? Wenn er's gethan hat, werden ſie glück⸗ lich ſein.“ „Mir!“ ſagte das junge Mädchen,„o! mein Gott, Maximilian, er ſieht mich nicht einmal an; oder wendet vielmehr, wenn ich vor⸗ übergehe, den Blick von mir ab. Ol er iſt nicht großmüthig, gehen Sie! oder er hat nicht, wie Sie glauben, jenen tiefen Blick, der im Grunde des Herzens lieſt; denn wenn er dieſen Blick hätte, würde er geſehen haben, daß ich unglücklich bin; und wenn er groß⸗ müthig wäre, und hätte mich unglücklich und verlaſſen mitten in dieſem Hauſe geſehen, ſo hätte er durch den Einfluß, den er in demſelben ausübt, mich beſchützt, und würde, weil er, wie Sie be⸗ haupten, die Rolle der Sonne ſpielt, mit einem ſeiner Strahlen mein Herz erwärmt haben. Sie glauben, daß er Sie liebt, Maxi⸗ milian? Eil mein Gott, woher wiſſen Sie das? Einem großen Offizier von fünf Fuß acht Zoll, wie Sie, der einen langen Schnurr⸗ bart und einen großen Säbel hat, macht Jeder ein freundliches Geſicht, aber ein weinendes, junges, verlaſſenes Mädchen glaubt Je⸗ der zerſchmettern zu können.“ „O! Valentine! Sie irren, ich ſchwöre es Ihnen!“ „Wenn es anders wäre, Maximilian, ſo würde er, der ſich in unſerm Hauſe einniſten zu wollen ſcheint, mich anders behandelt, mich, und wär' es auch nur ein einziges Mal, mit jenem von Ihnen geprieſenen Lächeln beehrt haben; aber nein, er ſieht mich unglück⸗ lich, unbeachtet, erkennt folglich, daß ich ihm auf keine Weiſe nützen kann, und thut nicht als ſähe er mich. Ja wer weiß, ob er nicht, um ſich Frau von Villefort oder ihrem Sohne angenehm zu machen, mich, ſo viel es in ſeiner Macht ſteht, verfolgen wird? Aufrichtig niſache Achl den ihn ,i bi Daſein leugne er ihn auf ein 1 vir ni Sie. bitten! für ül denn dem Sichtb meine Vernr than⸗ das i gethar Ander Mein mich. dieſer finde gehein werde kenne. gegne gelebt noch, zum die u dfinden. reit ihn rs, und nd Ihr t ihnen Einfluß ſah nie Sein die ſehr ne, hat b glück⸗ Gimilian, ich vor⸗ gehen lic, der — hätte, r groß⸗ itten in en er in Sie be⸗ trahlen Maxi⸗ großen chnurr⸗ ndliches aubt Je⸗ ſich in handelt, Ihnen unglück⸗ enützen er nicht, machen, ufrichtig EEr E 781 geſprochen, Maximilian, ich bin kein Mädchen, die ſo ohne alle Urſache verachtet zu werden verdient; das haben Sie mir geſagt. Ach! verzeihen Sie mir,“ fuhr das junge Mädchen, den Eindruck, den ihre Worte auf Maximilian machten, gewahr werdend, fort, „ich bin ſchlecht, und ſage Ihnen da Dinge über jenen Mann, deren Daſein in meinem Herzen ich ſelbſt nicht kannte. Sehen Sie, ich leugne nicht, daß der Einfluß, von dem Sie ſagen, exiſtirt und daß er ihn ſogar auf mich ausübt, aber wenn er ihn ausübt, ſo iſt es auf eine verderbliche Weiſe, wie Sie ſehen.“ „Es mag ſo ſein, Valentine,“ ſagte Morrel ſeufzend,„reden wir nicht mehr davon; ich werde ihm nichts ſagen.“ „Ach! mein Freund,“ ſagte Valentine,„ich ſehe es, ich betrübe Sie. Ol könnte ich doch Ihre Hand faſſen, und Sie um Verzeihung bitten! Aber am Ende begehre ich ja nichts Beſſeres, als mich für überwunden erklären zu müſſen, ſagen Sie mir alſo, was hat denn dieſer Graf von Monte⸗Chriſto für Sie gethan?“ „Sie ſetzen mich in Verlegenheit, Valentine, ich geſtehe es, in⸗ dem Sie mich fragen, was der Graf für mich gethan hatt nichts Sichtbares, das weiß ich wohl; auch iſt, wie ich Ihnen ſchon ſagte, meine Zuneigung für ihn ganz inſtinktmäßig, und hat keinen auf Vernunft beruhenden Grund. Hat die Sonne etwas für mich ge⸗ than? Nein; ſie wärmt mich, und bei ihrem Lichte ſehe ich Sie, das iſt Alles. Hat dieſer oder jener Wohlgeruch etwas für mich gethan? Nein, er erfreut und erquickt einer meiner Sinne; etwas Anderes kann ich nicht anführen, warum ich dieſen Wohlgeruch liebe. Meine Freundſchaft für ihn iſt geheimnißvoll, wie die ſeinige für mich. Eine geheime Stimme ſagt mir, daß mehr als Zufall in dieſer unvorhergeſehenen und gegenſeitigen Freundſchaft iſt. Ich finde Uebereinſtimmung in ſeinen einfachſten Handlungen, ſeinen geheimſten Gedanken, mit meinen Handlungen und Gedanken. Sie werden über mich lachen, Valentine, aber ſeit ich dieſen Mann kenne, habe ich die abſurde Idee, daß Alles was mir Gutes be⸗ gegnet, von ihm kommt. Sie werden ſagen, ich habe dreißig Jahre gelebt, ohne dieſes Beſchützers zu bedürfen, nicht wahr? und den⸗ noch, hören Sie ein Beiſpiel: Er hat mich auf den Sonnabend zum Diner gebeten, das iſt nichs Beſonderes bei der Freundſchaft, die unter uns obwaltet, nicht wahr? Nun gut! was habe ich nach⸗ 782 her erfahren? Ihre Eltern ſind auch zu dieſem Diner eingeladen. Ich werde ſie kennen lernen, mich mit Ihnen bekannt zu machen ſuchen, und wer weiß, was aus dieſem Zuſammentreffen entſtehen kann? Das ſind dem Anſchein nach ſehr einfache Umſtände. Ich ſehe aber darin etwas, worüber ich erſtaune; ich ſchöpfe ein Ver⸗ trauen daraus, über das ich mich ſelbſt wundre. Ich denke, der Graf, dieſer ſonderbare Mann, der Alles verräth, will mich mit Herrn und Frau von Villefort zuſammen bringen, und zuweilen, ich ſchwöre es Ihnen, habe ich ſchon in ſeinen Augen geforſcht, ob er um meine Liebe weiß.“ „Mein beſter Freund,“ ſagte Valentine,„ich würde Sie für reinen Geiſterſeher halten, und mich wahrhaft vor Ihrem Scharfblicke fürchten, wenn ich nur ſolche Behauptungen von Ihnen hörte. Wie? Sie ſehen mehr als Zufall in dieſem Zuſammentreffen? Ueber⸗ legen Sie doch. Mein Vater, der nie ausgeht, hat zehn Mal we⸗ nigſtens es Frau von Villeſort abgeſchlagen, dieſe Einladung an⸗ zunehmen, die im Gegentheil vor Verlangen brennt, die Einrichtung dieſes außerordentlichen Nabob kennen zu lernen, und denſelben als Wirth zu ſehen, und die es endlich mit großer Mühe erreicht hat, daß er ſie begleiten wird. Nein, nein, glauben Sie mir, Maxi⸗ milian, ich habe, was Sie anbetrifft, in dieſer Welt nur von mei⸗ nem armen Großvater, einem Leichnam, Hilfe, und keine andere Stütze, als von meiner Mutter, einem Schatten, zu erwarten.“ „Ich fühle, daß Sie Recht haben, Valentine, und daß die Vernunft auf Ihrer Seite iſt,“ ſagte Maximilian;„aber Ihre ſanfte Stimme, ſonſt von ſo großem Einfluſſe auf mich, überzeugt mich heute nicht.“ „So wenig als die Ihrige mich,“ entgegnete Valentine,„und ich geſtehe, daß, wenn Sie mir kein anderes Beiſpiel anzuführen haben....... 2 „Ich habe eins,“ erwiderte Maximilan zögernd;„aber wahr⸗ lich, Valentine, ich bin gezwungen es ſelbſt zu geſtehen, es iſt noch unhaltbarer als das Erſte.“ „Um ſo ſchlimmer,“ verſetzte Valentine lächelnd. „Und dennoch iſt es nicht weniger entſcheidend und überzeugend für mich,“ fuhr Morrel fort;„ganz Menſch der Eingebung und des Gefühls, der ich bin, habe ich ſeit den zehn Jahren meines Diel gehe inne vor⸗ vorü einig erken Gott abe woll ſelbſ dort men es n geladen. machen fuſſtehen e. Ich in Ver⸗ de, der ich mit weilen, rſcht, ob Sie für darſölicke in hörte. 3 Ueber⸗ Mal we⸗ ung an⸗ richtung llben als eicht hat, , Maxi⸗ von mei⸗ e andere en.“ daß die re ſanſte ugt mich ne, und zuführen er wahr⸗ iſt noch erzeugend ung und meines 783 Dienſtlebens oft mein Leben einem jener innern Blitze zu danken gehabt, die mir die Stelle bezeichneten, wo ich ſiegen würde, der innern Stimme, die mir ſagte, gerade ſo und nicht anders mich vor⸗ oder rückwärts zu bewegen, damit die tödtliche Kugel an mir vorüberfliege.“ „Lieber Maximilian, warum wollen Sie meinen Gebeten nicht einigen Antheil daran, daß Sie die Kugel verſchont haben, zu⸗ erkennen? Wenn Sie dort unten ſind, bete ich nicht für mich zu Gott und meiner Mutter, ſondern nur für Sie.“ „Ja, ſeit wir einander kennen,“ antwortete Morrel lächelnd; „aber ehe ich Sie kannte, Valentine?“ „Nun, weil Sie böſer Menſch mir denn nichts ſchuldig ſein wollen, kommen Sie auf Ihren zweiten Beweis zurück, den Sie ſelbſt für unhaltbar erklären.“ „Nun dennl! ſehen Sie durch die Spalten und betrachten Sie dort unten an dem Baume das neue Pferd, auf dem ich gekom⸗ men bin.“ „O! das prachtvolle Thier!“ rief Valentine,„warum haben Sie es nicht näher an das Gitter gebracht, ich würde mit ihm ge⸗ ſprochen, und es würde mich verſtanden haben.“ „Es iſt wirklich ein ſehr herrliches und preiswürdiges Thier,“ ſagte Maximilian.„Nun wohl! Sie wiſſen, daß mein Vermögen unbedeutend iſt, Valentine, und daß ich bin, was man einen ver⸗ ſtändigen Mann nennt. Ich hatte bei einem Pferdehändler dieſe prachtvolle Medeah geſehen, wie ich es nenne. Ich fragte nach dem Preiſe; er forderte viertauſendfünfhundert Franken; ich mußte ent⸗ ſagen, wie Sie leicht denken können; mit Betrübniß verließ ich den Pferdehändler, ja ich geſtehe es, mit recht ſchwerem Herzen, denn das Pferd hatte mich zärtlich angeſehen, hatte mich mit ſeinem Kopfe geliebkoſt und unter mir die prächtigſten, koketteſten Sprünge und Cabriolen gemacht. Denſelben Abend hatte ich einige Freunde gebeten, Herrn von Chateau⸗Renaud, Herrn Dobray und noch ein fünf oder ſechs Suitier's, die Sie das Glück haben, nicht einmal dem Namen nach zu kennen. Man ſchlug vor, ein Spielchen zu machen, ich ſpiele niemals, denn ich bin nicht reich genug um ver⸗ lieren zu dürfen, und nicht ſo arm, daß ich wünſchen müßte zu ge⸗ winnen. Aber es war bei mir, und da begreifen Sie, daß mir 784 nichts übrig blieb, als Karten holen zu laſſen, was ich denn auch that. Als wir uns ſetzten, kam der Graf; er nahm Platz, wir ſpielten, und ich gewann, ich wage kaum es Ihnen zu geſtehen, Valentine, ich gewann fünftauſend Franken. Wir trennten uns um Mitternacht. Ich konnte nicht widerſtehen, ich nahm ein Cabriolet und fuhr zu meinem Pferdehändler. Ganz athemlos, ganz fieber⸗ haft klingelte ich; der, welcher die Thür öffnete, muß mich für einen Verrückten gehalten haben. Ich ſtürzte nach der gegenüber⸗ liegenden Hofthür. Ich ging in den Stall, ich ſah nach der Raufe. O Glück! Medeah knupperte ihren Hafer. Ich ergriff einen Sat⸗ tel, legte ihn dem Thiere ſelbſt auf, nehme den Zaum, Medeah läßt ſich auf die graziöſeſte Weiſe von der Welt dieſe Proceduren gefallen. Dann gab ich die viertauſendfünfhundert Franken in die Hände des betäubt daſtehenden Pferdehändlers, beſtiog mein Pferd, flog wie der Blitz davon und ritt die ganze Nacht in den elyſäiſchen Feldern ſpazieren. Nun hören Sie! Ich ſah Licht in den Zim⸗ mern des Grafen; ich glaubte ſogar, ſeinen Schatten hinter den Vorhängen zu erkennen. Jetzt, Valentine, möchte ich ſchwören, der Graf habe gewußt, daß ich dies Pferd zu beſitzen wünſchte, und habe abſichtlich verloren, damit ich es mir kaufen könne.“ „Mein guter Maximilian,“ ſagte Valentine,„Sie ſind zu phantaſtiſch, wirklich.... Sie werden mich nicht lange lieben.... Ein Mann, der ſo poetiſch iſt, kann von einer ſo einförmigen Liebe, wie die unſrige iſt, nicht lange gefeſſelt werden.... Aber, großer Gott! man ruft mich... hören Sie?“ „O! Valentine,“ ſagte Maximilian durch die kleine Spalte des Verſchlags... Ihren allerliebſten Finger, daß ich ihn küſſe!“ „Maximilian, wir hatten ausgemacht, daß wir einander nur zwei Stimmen, zwei Schatten ſein wollten!“ „Wie Sie wollen, Valentine.“ „Wird es Sie glücklich machen, wenn ich thue, was Sie wollen?“ „Ach! ja!“ Valentine ſtieg auf eine Bank und ſteckte, nicht ihren kleinen Fin Pla eine heiß den grif flieh auch „ vir ſtehen, ns um briolet fieber⸗ 8 c für ſnüber⸗ Kaufe. Sat⸗ ſtedeah eduren in die Pferd, äiſchen Sim⸗ er den en, der e, und iind zu n... Liebe, großer Spalte 4ß ich der nur as Sie kleinen 785⁵ Finger durch eine Spalte, ſondern reichte ihre ganze Hand über die Planken. Maximilian ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſtieg ebenfalls auf einen Vorſprung, ergriff dieſe angebetete Hand und preßte ſeine heißen Lippen darauf; aber ſogleich entſchlüpfte die kleine Hand den ſeinigen, und der junge Mann hörte Valentine, vielleicht er⸗ griffen von dem Eindrucke, den ſie eben empfunden, eilig ent⸗ fliehen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 50 LIX. Herr Noirtier von Billefort. Nach der Entfernung der Frau von Danglars hatte ſich wäh⸗ rend der Unterredung, die wir ſoeben beſchrieben, in dem Hauſe des Herrn von Villefort Folgendes zugetragen. Herr von Villefort war mit ſeiner Gemahlin zu ſeinem Vater gekommen; wo Valentine war, iſt dem Leſer bekannt. Nachdem ſie den Kreis begrüßt und Barrois, einen alten Die⸗ ner, der ſchon fünfundzwanzig Jahre in ſeinen Dienſten war, hinaus⸗ geſchickt hatten, ſetzten ſie ſich Jeder an eine Seite deſſelben. Herr Noirtier ſaß in einem großen Rollſtuhle, in den man ihn Morgens ſetzte und Abends heraus hob, und hatte einen großen Spiegel vor ſich, vermöge deſſen er, unbeweglich, wie er war, das ganze Zimmer überſehen und Jeden, der es betrat oder verließ, augenblicklich gewahr werden konnte; ſtarr wie ein Leichnam be⸗ trachtete er mit klugen, lebhaften Augen ſeine Kinder, deren feier⸗ liche Begrüßung ihm irgend eine wichtige und unerwartete Be⸗ handlung ankündigte. Das Gehör und das Geſicht waren noch die einzigen Sinne, die wie zwei Funken dieſe ſchon drei Viertheile dem Grabe ver⸗ fallene Maſſe belebten; auch konnte ein einziger dieſer Sinne das innere Leben dieſer bewegungsloſen Statue nach außen hin kund thun, und der Blick, der daſſelbe offenbarte, glich einem jener ent⸗ fernten Lichtſchimmer, die während der Nacht dem verirrten Reiſen⸗ den anzeigen, daß in dieſem Schweigen, in dieſer Dunkelheit noch ein lebendes Weſen weilt. Auch hatte ſich die ganze Geiſteskraft und Thätigkeit in dieſen von ſchwarzen Augenbrauen überragten dunkeln Augen des Herrn Noirtier, dem übrigens volles ſchneeweißes Haar auf die Schulter ieſen derrn zulter 787 herabhing, concentrirt, wie das immer der Fall iſt, wenn ein Organ des Menſchen auf Koöſten der andern erſtarkt. Die Bewegung des Armes, der Ton der Stimme, die Haltung des Körpers fehlten; aber dieſes gewaltige Auge erſetzte Alles: er befahl mit den Augen, er drohete, er dankte mit denſelben, er war eine Leiche mit leben⸗ den Augen und nichts war mitunter entſetzlicher, als dieſes Mar⸗ morgeſicht, wenn über demſelben ſich ein Zorn entzündete, oder eine Freude glänzte. Nur drei Perſonen verſtanden dieſe Sprache des armen Gelähmten: Villefort, Valentine und der alte Diener, deſſen wir ſbeben erwähnten. Da aber Villefort ſeinen Vater nur ſehr ſelten und gewiſſermaßen nur gezwungen ſah; da, wenn er ihn ſah, er ihm nicht zu gefallen ſuchte, indem er ihn verſtand, ſo beruhte alles Glück des Greiſes auf ſeiner Enkelin, und Hingebung, Liebe und Geduld hatten Valentine dahin gebracht, aus den Blicken des Herrn Noirtier alle ſeine Gedanken und Wünſche errathen zu kön⸗ nen. Dieſe ſtumme und jedem Andern unverſtändliche Sprache beantwortete ſie mit Stimme, Phyſiognomie und Seele, ſo daß lebhafte Unterhaltungen zwiſchen dieſem jungen, blühenden Mädchen und dieſem für nicht viel Beſſeres als einen unbeweglichen Klotz geltenden, alten Manne ſtatt fanden. Dieſe faſt zu Staub zuſam⸗ mengeſunkene Geſtalt barg noch ein unendliches Wiſſen, eine un⸗ erhörte Beurtheilungskraft und einen ſo mächtigen Willen, wie nur je einer eine bewegungsloſe Hülle beſeelte. Valentine hatte die Aufgabe gelöſt, die Gedanken des Greiſes durch Mittheilung der ihrigen an ihn kennen zu lernen, und mit Hilfe dieſes Studiums pflegte ſie, mit höchſt ſeltenen Ausnahmen, ſogleich die Wünſche dieſer lebendigen Seele, oder die Bedürfniſſe dieſes beinah' unempfindlichen Körpers ſehr richtig und genau zu treffen. Der Diener, der, wie ſchon geſagt, ſeinen Herrn ſeit fünfund⸗ zwanzig Jahren bediente, kannte deſſen Wünſche, Bedürfniſſe und Gewohnheiten ſo genau, daß derſelbe höchſt ſelten nöthig hatte, ihm etwas zu befehlen. Da nun Villefort weder die Hilfe Valentine's noch Barrois bedurfte, um ſich mit ſeinem Vater zu unterhalten, indem er voll⸗ ſtändig die Art, ſich mit ihm zu verſtändigen, inne hatte und ſich derſelben nur aus Ueberdruß oder Gleichgiltigkeit nicht öfter be⸗ 50* ——ꝛ—ꝛ——— 788 diente, ſo hatte er, um bei der wichtigen Berathung mit ſeinem Vater, die er beabſichtigte, keine Zeugen zu haben, Valentine im Garten gelaſſen und Barrois entfernt und ſich an der rechten Seite ſeines Vaters niedergelaſſen, während ſeine Gemahlin an deſſen linker Seite Platz nahm. „Mein Herr,“ ſagte er,„wundern Sie ſich nicht, daß Valen⸗ tine uns nicht begleitet, und ich Barrois fortgeſchickt habe, denn die Unterredung, die ich mit Ihnen zu haben wünſche, kann nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens und eines Domeſtiken geführt werden; Frau von Villefort und ich haben Ihnen eine Mittheilung zu machen.“ Das Geſicht des Greiſes blieb unbeweglich während dieſer Einleitung, während dagegen der Blick Villefort's tief in den Grund der Seele des Greiſes dringen zu wollen ſchien. „Dieſe Mittheilung,“ fuhr der Procurator des Königs fort, mit ſeinem eiſigen Tone, der keinen Widerſpruch zu geſtatten ſchien, „wird Sie erfreuen, davon ſind Frau von Villefort und ich über⸗ zeugt.“ Das Auge des Greiſes blieb todt, er hörte zu, weiter nichts. „Mein Herr,“ fuhr Villefort fort,„wir wollen Valentine ver⸗ heirathen.“ Eine Wachsfigur hätte nicht kälter bei dieſer Nachricht bleiben können, als das Geſicht des Greiſes. „Die Vermählung wird in Zeit von drei Monaten vor ſich gehen,“ fuhr Villefort fort. Das Auge des Greiſes blieb unbelebt. Jetzt nahm Frau von Villefort das Wort und beeilte ſich hin⸗ zuzufügen: „Wir waren der Meinung, gnädiger Herr, daß dieſe Nachricht Sie intereſſiren würde; übrigens ſchien es ja immer, als erfreue Valentine ſich Ihrer beſonderen Zuneigung; wir brauchen Ihnen alſo nur noch den Namen des jungen Mannes zu nennen, der ihr beſtimmt iſt. Es iſt eine der ehrenvollſten Partien, die Valentine nur immer machen könnte; er hat Vermögen, einen ehrenreichen Namen und einen tadelloſen Ruf, auch Verſprechen ſeine Art zu ſein und ſeine Manieren Valentinen das ſchönſte Loos an ſeiner Seite. Auch Ihnen wird der Name nicht unbekannt ſein: es iſt ſeinem ine im Seite deſſen Valen⸗ denn nicht geführt heilung dieſer Grund gs font, ſchien, über⸗ nichtz. ine ver⸗ bleiben or ſich ich hin Kachricht erfreue Ihnen der ihr alentine nreichen Art zu ſeiner des iſt 789 Herr Franz von Quesnel Baron Epinay, den wir für ſie er⸗ wählten.“ Während dieſer kurzen Rede ſeiner Frau beobachtete Villefort den Greis aufmerkſamer als gewöhnlich. Als Frau von Villefort den Namen ausſprach, zuckte das Auge, welches Villefort ſo gut kannte, und die Augenlider öffneten ſich wie Lippen, über welche Worte gleiten ſollten, doch ſchoß zwiſchen ihnen ein Blitz hervor. Der Procurator des Königs, der die alten Verhältniſſe po⸗ litiſcher Feindſeligkeit zwiſchen ſeinem und Franze’s Vater kannte, begriff dieſes Feuer und dieſe Bewegung; ſtellte ſich indeſſen, als bemerke er nichts, und fuhr, den Faden der Rede ſeiner Frau auf⸗ nehmend, fort: „Die Sache iſt wichtig, gnädiger Herr, das werden Sie be⸗ greifen! Valentine iſt beinahe neunzehn Jahre alt, folglich iſt es Zeit, ſie zu verheirathen. Wir haben bei unſern Berathungen über dieſen Gegenſtand Ihrer nicht vergeſſen, und haben uns im Vor⸗ aus verſichert, daß Valentine's Gemahl einwilligen wird, nicht bei uns zu leben, was vielleicht ein junges Ehepaar geniren würde, aber daß Sie, der Sie Valentine vorzugsweiſe zu lieben ſcheinen und eben ſo zärtlich von ihr wieder geliebt werden, bei Ihnen leben mögen, ſo daß Sie keiner von Ihren Gewohnheiten und Be⸗ quemlichkeiten entſagen, aber ſtatt eines Kindes künftig deren zwei haben, die Sie liebend pflegen werden.“ Der Blitz in Noirtier's Blicke wurde blutig. Auf jeden Fall ging etwas Fürchterliches in der Seele des Greiſes vor, gewiß erſtickte der Schrei der Wuth und des Zornes, den er nicht ausſtoßen konnte, ſeine Bruſt, denn ſein Geſicht wurde dunkelroth und ſeine Lippen blau. Villefort öffnete gelaſſen ein Fenſter und ſagte: „Es iſt hier ſo heiß, daß Herrn Noirtier unwohl wird.“ Dann kam er zurück, ſetzte ſich jedoch nicht. „Dieſe Verbindung,“ fügte Frau von Villefort hinzu,„hat den Beifall des Herrn Epinay und ſeiner Familie; übrigens beſteht letztere nur aus einem Oheim und einer Baſe, indem ſeine Mutter ſtarb, als ſie ihm das Leben gab, und ſein Vater, als der Knabe zwei Jahre alt war, im Jahre 1815 ermordet wurde; er hängt mithin ganz von ſeinem eigenen Willen ab.“ „Eine geheimnißvolle Ermordung,“ ſagte Villefort,„deren Thä⸗ ter unbekannt geblieben ſind, obgleich der Verdacht, ohne ſich je⸗ doch jemals zu beſtätigen, über den Häuptern vieler Leute ſchwebte.“ Noirtier machte eine ſolche Anſtrengung, daß ſeinen Lippen beinahe ein Lächeln gelang. „Gewiß,“ ſagte Herr von Villefort,„würden die wahren Schuldigen, die da wiſſen, daß ſie das Verbrechen begangen haben, welche die Gerechtigkeit der Menſchen während ihres Lebens treffen kann, die Gerechtigkeit Gottes nach Ihrem Tode treffen wird, ſehr glücklich an unſrer Stelle ſein, daß ſie dem Herrn Franz von Epinay eine Tochter geben könnten, welches eine Art Schadloshaltung ſein und dabei ſelbſt den Schatten eines Argwohns entfernen würde.“ Noirtier hatte ſich beruhigt, mit einer Gewalt, die man dieſer zerrütteten Organiſation nicht hätte zutrauen ſollen. „Ja, ich verſtehe,“ antwortete er ſeinem Sohne mit einem Blicke, der zugleich die tiefſte Verachtung und den höchſten Zorn ausſprach. Villefort ſeinerſeits beantwortete dieſen wohlverſtandenen Blick mit einem leichten Achſelzucken. Dann deutete er ſeiner Frau an, daß ſie aufſtehen möge. „Jetzt, gnädiger Herr,“ ſagte Frau von Villefort,„empfehle ich mich Ihnen gehorſamſt. Wünſchen Sie, daß Eduard Ihnen ſeine Aufwartung machen ſoll?“ Es war ausgemacht worden, daß der Greis ſeine Zuſtimmung durch Schließen der Augen, ſeine Verneinung aber durch mehr⸗ maliges Blinzeln derſelben anzeigen ſolle. Hatte er einen Wunſch, ſo erhob er die Augen gen Himmel. Wenn er Valentine zu ſehen wünſchte, ſchloß er das rechte Auge. Sollte Barrois kommen, ſchloß er das linke Auge. Bei der letzten Frage der Frau von Villefort blinzelte er ſehr heftig mit den Augen. Frau von Villefort biß ſich in die Lippen über dieſe ſo ent⸗ ſchiedene Verweigerung. „Ich werde Ihnen alſo Valentine ſchicken?“ ſagte ſie. „Ja,“ ſagte der Greis durch ein heftiges Schließen der Augen. Herr und Frau von Villefort empfahlen ſich, und beſtellten, indem ſie hinausgingen, daß Valentine gerufen werden ſolle, welche rie al m dhi. ſich je⸗ 4 webte.“ Lippen wahren haben, treffen d, ſehr Epinay ung ſein würde.“ n dieſer t einem ien Zorn en Blich ge. fehle ich en ſeine v mehr⸗ Wunſö, te Auge. er ſehr ſo ent⸗ Augen. ſtellten, velche G 791 Ubrigens ſchon vorbereitet war, daß ſie heute noch etwas bei Hertn Neeirtier zu thun haben würde. Indem ihre Eltern ſich entfernten, trat Valentine, das Geſicht noch von der gehabten Bewegung geröthet, bei dem Greiſe ein. Es bedurfte nur eines Blickes von ihr, um ihr zu zeigen, wie ſehr ihr Großvater litt, und wie viel er ihr zu ſagen hatte. „O! guter Papa!“ rief ſie,„was iſt denn geſchehen. Man hat Dich gekränkt, nicht wahr? Du biſt zornig?“ „Ja,“ ſagte er durch Schließen der Augen. „Gegen wen denn? gegen meinen Vater? nein; gegen Frau von Villefort? nein; gegen mich?“ Der Greis machte das bejahende Zeichen. „Gegen mich!“ wiederholte Valentine erſtaunt. Der Greis wiederholte das bejahende Zeichen. „Und was habe ich denn gethan, liebes, gutes Väterchen?⸗ rief Valentine. Keine Antwort; ſie fuhr fort zu fragen: „Ich habe Dich den ganzen Tag nicht geſehen: man hat Dir alſo etwas von mir hinterbracht?“ „Ja,“ ſagte des Greiſes lebhafter Blick. „Nun, das muß ich überlegen. Mein Gott, ich ſchwöre Dir, Väterchen... Ah!... Herr und Frau von Villefort waren eben hier, nicht wahr?“ „Ja.“ „Und Sie haben Dir das geſagt, was Dich kränkt? Was iſt es denn? Soll ich zu ihnen gehen und es mir von ihnen ſagen laſſen, damit ich mich bei Dir entſchuldigen kann?“ „Nein, nein,“ ſagte der Blick. „O! Du erſchreckſt mich. Was können ſie geſagt haben, mein Gott?“ und ſie dachte nach. 3 „Ol ich hab's,“ rief ſie plötzlich, indem ſie leiſer ſprechend ſich dem Greiſe näherte.„Haben ſie vielleicht von meiner Ver⸗ mählung geſprochen?“ „Ja,“ antwortete der Greis aufgebracht. „Ich verſtehe; Du zürnſt mir über mein Schweigen. Ol ſiehſt Du, ſie hatten mir befohlen, Dir noch nichts davon zu ſagen; ſie hatten eigentlich auch mir ſelbſt nichts davon geſagt, und ich war 792 eigentlich auf eine unerlaubte Weiſe hinter das Geheimniß gekom⸗ men; darum ſchwieg ich gegen Dich. Verzeihe mir, guter Papa Noirtier!“ Der wieder ſtarr und todt gewordene Zlick ſchien zu ſagen: „Es iſt nicht blos Dein Schweigen, was mich kränkt.“ „Was iſt es denn?“ fragte das junge Mädchen,„Du glaubſt vielleicht, ich werde Dich verlaſſen, guter Vater, und meine Heirath werde mich vergeßlich machen?“ „Nein,“ ſagte der Greis. „Sie haben Dir alſo geſagt, daß Herr von Epinay eingewil⸗ ligt, daß wir zuſammen bleiben?“ „Ja.“ „Nun, warum biſt Du denn unzufrieden?“ Die Augen des Greiſes nahmen einen Ausdruck unendlicher Sanftmuth an. „Ahl ich verſtehe,“ ſagte Valentine,„weil Du mich liebſt.“ Der Greis machte das Zeichen der Bejahung. „Und Du fürchteſt, ich möchte unglücklich werden?“ „Ja.“ „Du liebſt den Franz von Epinay nicht?“ „Nein, nein, nein.“ „Alſo biſt Du ſehr betrübt, mein guter Vater?“ „Ja.“ „Nun! höre,“ ſagte Valentine, vor Noirtier niederkniend und ihren Arm um ſeinen Hals ſchlingend,„auch ich bin ſehr betrübt, denn auch ich liebe Herrn von Epinay nicht.“ Ein Blitz der Freude leuchtete in den Augen des Groß⸗ vaters auf. „Erinnerſt Du Dich noch, wie unwillig Du gegen mich warſt, als ich in's Kloſter gehen wollte?“ Eine Thräne netzte die dünne Wimper des Greiſes. „Sieh,“ fuhr Valentine fort,„das wollte ich blos, um dieſer Heirath zu entgehen, die mich zur Verzweißlung bringt.“ Der Athem des Alten wurde heftig. „Alſo macht auch Dir dieſe Heirath viel Kummer, guter Vater. O mein Gott! wenn Du mir helfen könnteſt, wenn wir Beide ihre Pläne hintertreiben könnten. Aber Du biſt zu ſchwach gegen ſie, ———— — 8. Du, deſſen Geiſt ſo lebendig, deſſen Wille ſo feſt iſt, aber wenn es gilt zu kämpfen, biſt Du eben ſo ſchwach, ja ſchwächer als ich. Ach! welcher mächtige Beſchützer wärſt Du mir in den Tagen Deiner Kraft und Geſundheit geweſen; aber jetzt kannſt Du nur noch mich verſtehen, und Dich mit mir freuen, oder betrüben; es iſt das letzte Glück, das Gott vergeſſen hat, mir mit dem andern zu nehmen.“ Bei dieſen Worten nahmen Noirtiers Augen einen ſolchen Aus⸗ druck von Bosheit und Tiefe an, daß das junge Mädchen folgende Worte darin zu leſen glaubte: „Du irrſt Dich, ich kann noch viel für Dich thun.“ „Du kannſt noch etwas für mich thun, Väterchen?“ überſetzte Valentine. „Ja.“ Noirtier erhob die Augen gen Himmel, das ausgemachte Zeichen, das er einen Wunſch habe. „Was willſt Du, guter Vater? Laß ſehen!“ Valentine dachte einen Augenblick nach, ſprach dann ganz laut ihre Gedanken aus und ſagte endlich, als der Greis bei Allem, was ſie ausſprach, wiederholt das verneinende Zeichen machte: „Nun, da müſſen wir zu andern Mitteln unſere Zuflucht neh⸗ men, weil ich ſo einfältig bin!“ Nun nannte ſie von Anfang des Alphabets an alle Buchſtaben, und beobachtete dabei aufmerkſam die Augen des Gelähmten; bei dem N machte Noirtier das bejahende Zeichen. „Ah!“ ſagte Valentine,„die Sache, die Du wünſcheſt, fängt mit dem Buchſtaben N an, alſo mit dem N haben wir's zu thun. Nun, laß ſehen, was ſetzen wir zu dem N hinzu? na— ne— ni— no.“ „Ja, ja, ja,“ deutete der Greis an. „Ah; alſo no.“ .„Ja.“ Valentine holte einen Dictionnär, den ſie vor ihren Großvater auf ein Pult legte; ſie ſchlug ihn auf und als ſie das Auge des Greiſes auf die Blätter gerichtet ſah, glitt ihr Finger an den Spalten hinab. Dieſe Uebung war ihr in den ſechs Jahren, die Noirtier ſchon 794 in dieſem Zuſtande zugebracht hatte, ſo geläufig geworden, daß ſie beinahe eben ſo ſchnell das Wort, welches der Greis im Sinne hatte, fand, als er ſelbſt es im Dietionnär hätte aufſuchen können. Bei dem Worte Notar machte Noirtier ihr das Zeichen, inne zu halten. „Notar,“ ſagte ſie,„Du willſt einen Notar, Väterchen?“ Der Greis beſtätigte, daß er wirklich einen Notar verlange. „Es muß alſo nach einem Notar geſchickt werden?“ fragte Valentine. „Ja,“ antwortete der Gelähmte. „Darf mein Vater es wiſſen?“ „Ja.“ „Willſt Du den Notar ſehr bald haben?“ „Ja.“ „Dann ſoll er gleich geholt werden, guter Papa. Iſt das Alles, was Du verlangſt?“ „Ja.“ 2 Valentine klingelte, um einen Bedienten herbei zu rufen, der Herrn oder Frau von Villefort bitten ſolle, zum Großvater zu kommen. „Biſt Du zufrieden?“ fragte Valentine,„ja... das will ich meinen... es war nicht leicht, das zu finden.“ Und das junge Mädchen lächelte dem Großvater zu, wie ſie einem Kinde hätte zulächeln können. Herr von Villefort kam, von Barrois gerufen. „Was befehlen Sie, mein Herr?“ fragte er den Gelähmten. „Mein Vater,“ ſagte Valentine,„mein Großvater wünſcht einen Notar.“ Bei dieſem ſonderbaren und hauptſächlich unerwarteten Ver⸗ langen wechſelte Herr von Villefort einen Blick mit dem Gelähmten. „Ja,“ antwortete der Letztere mit einer Feſtigkeit, welche andeutete, daß er mit Hilfe Valentine's und ſeines alten Dieners, der jetzt auch wußte, wovon die Rede war, zum Kampfe bereit ſei. „Sie verlangen einen Notar?“ fragte Villefort. „Ja.“ „Wozu das?“ Noirtier antwortete nicht. ———— ruſen, der koüter zü s will ich „ wie ſie ähmten. er wüſät teten Ver⸗ gelähmten. andeutet, der jetzt „Aber wozu brauchen Sie einen Notar?“ fragte Villefort. Der Blick des Gelähmten blieb unbeweglich, mithin ſtumm, was ſo viel bedeuten ſollte, als:„ich beſtehe auf meinem Willen.“ „Um uns irgend einen Streich zu ſpielen?“ ſagte Villefort; aiſt das der Mühe werth?“ Indeſſen,“ meinte endlich Barrois, mit der hartnäckigen Be⸗ harrlichkeit alter Diener,„wenn der gnädige Herr einen Notar befiehlt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er deſſelben bedarf. Alſo goerde ich gehen und einen Notar holen.“ Barrois erkannte nur Noirtier als ſeinen Herrn an, und gab 8 niemals zu, daß ſeinem Willen auf irgend eine Weiſe zuwider ge⸗ handelt wurde. „Ja, ich will einen Notar,“ ſagte die herausfordernde Miene ddes Greiſes, in deſſen Blicken man deutlich las: R dus „Ich will doch ſehen, ob man wagen wird, mir zu verweigern, was ich verlange.“ „Es ſoll ein Notar gerufen werden, weil Sie ihn durchaus verlangen; aber ich werde mich und auch Sie bei ihm entſchuldigen, denn es wird eine ſehr lächerliche Scene geben.“ „Das ſchadet nichts,“ ſagte Barrois ich werde immer gehen und ihn holen.“ Und triumphirend entfernte ſich der alte Diener. LX. Das Teſtament. In dem Augenblicke, wo Barrois hinaus ging, ſah Noirtier Valentine mit einem boshaften, vielſagenden Blicke an. Das junge Mädchen verſtand dieſen Blick und Villefort auch, denn ſeine Stirn verdunkelte ſich, und er zog die Augenbrauen zuſammen. Er nahm einen Stuhl, und zeigte, daß er bereit ſei, den Notar zu erwarten. Noirtier ſah ihm mit vollkommenſter Gleichgiltigkeit zu; aber mit einem verſtohlenen Blicke hatte er Valentine angedeutet, ſich nicht zu beunruhigen, und auch zu bleiben. Nach drei Viertelſtunden kam der Diener mit dem Notar. „Mein Herr,“ ſagte Villefort nach den erſten Begrüßungen, „Sie ſind zu Herrn Noirtier von Villefort gerufen, den Sie hier vor ſich ſehen; eine allgemeine Lähmung hat ihm den Gebrauch ſeiner Gliedmaßen und ſeiner Stimme geraubt, und nur wir ver⸗ mögen mit Mühe, einige Fetzen ſeiner Gedanken zu erfaſſen.“ Noirtier winkte Valentine mit den Augen zu ſich, verſtändigte ſich auf eine ſo ernſte und gebieteriſche Weiſe mit ihr, daß Sie auf der Stelle zu dem Notar ſagte: „Ich, mein Herr, verſtehe Alles, was mein Großvater ſagen will.“— „Das iſt wahr,“ beſtätigte Barrois,„Alles, durchaus Alles, wie ich dem Herrn Notar ſchon unterwegs ſagte.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, und auch Sie, mein Fräulein,“ ſagte der Notar zu Villefort und zu Valentine:„dies iſt einer jener Fälle, wo der öffentliche Beamte nicht ohne eine gefährliche Verant⸗ wortlichkeit handeln kann. Das erſte Erforderniß zu der Giltigkeit eines Aktes iſt die Ueberzeugung des Notars, den Willen desjenigen, der denſt kann ih Clienten Pünſche llar werd und vütd Det nerllihes rttots Li Noir Lücheln Me Großvate wie ich i gen, daß um mit „Un lein,“ ar oder Mi⸗ Teſtamel machen; „N. wißheit blick im tier, wel die Aug⸗ wenn er Hetrn) „S kelin ſag Noi wieder. „Un angegebe Gedanke , „S 797 der denſelben aufnehmen läßt, richtig aufgefaßt zu haben. Nun kann ich aber der Billigung oder der Mißbilligung eines ſprachloſen Clienten keineswegs ſicher ſein, und da der Gegenſtand ſeiner Wünſche oder ſeiner Abneigung mir wegen ſeiner Stummheit nicht klar werden kann, ſo iſt meine Verrichtung hier mehr als unnöthig, und würde geſetzwidrig ausgeübt werden.“ Der Notar that einen Schritt, um ſich zu entfernen. Ein un⸗ merkliches Lächeln des Triumphes glitt über des königlichen Procu⸗ rators Lippen. Noirtier ſeinerſeits ſah Valentine mit einem ſo ſchmerzvollen Lächeln an, daß ſie dem Notar den Weg vertrat. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„die Sprache, die ich mit meinem Großvater rede, iſt ſo leicht, daß Jeder ſie begreifen kann; und ſo wie ich ihn verſtehe, kann ich Sie in wenigen Minuten dahin brin⸗ gen, daß Sie ihn auch verſtehen. Was bedürfen Sie, mein Herr, um mit gutem Gewiſſen Ihr Amt hier verwalten zu können?“ „Um unſern Verhandlungen Giltigkeit zu geben, mein Fräu⸗ lein,“ antwortete der Notar,„bedarf es vor Allem der Billigung oder Mißbilligung des Kranken. Man kann krank an Körper ſein Teſtament machen, man muß aber geſund am Geiſt ſein, um es machen zu können.“ „Nun wohl, mein Herr, zwei Zeichen können Ihnen die Ge⸗ wißheit geben, daß mein Großvater nie mehr als in dieſem Augen⸗ blicke im vollen Beſitze ſeiner Geiſteskräfte geweſen iſt. Herr Noir⸗ tier, welcher der Stimme, wie der Bewegung beraubt iſt, ſchließt die Augen, wenn er Ja, und blinzelt mehrmals mit denſelben, wenn er Nein ſagen will. Sie wiſſen nun genug, um ſich mit Herrn Noirtier verſtändigen zu können; verſuchen Sie es.“ „Sie haben gehört und verſtanden, mein Herr, was Ihre En⸗ kelin ſagen will?“ fragte der Notar. Noirtier ſchloß ſanft die Augen und öffnete ſie bald darauf wieder. „Und beſtätigen, was ſie geſagt hat, nämlich, daß die von ihr angegebenen Zeichen wirklich diejenigen ſind, durch welche Sie Ihre Gedanken zu erkennen geben?“ „Ja,“ antwortete der Greis auf ſeine Weiſe. „Sie haben verlangt, daß ich gerufen werden ſollte.“ f 1ſ 1 17 1 2 „Ja.“ „Um Ihr Teſtament zu machen?“ „Ja.“ „Und Sie verlangen, daß ich mich nicht eher entferne, als bis ich dieſes Teſtament aufgenommen habe?“ Der Greis machte mehrere Male ſehr lebhaft das Bejahungs⸗ zeichen. „Nun, mein Herr,“ ſagte das junge Mädchen,„verſtehen Sie ihn jetzt, und werden Sie Ihr Geſchäft hier mit Ihrem Gewiſſen vereinigen können?“ Aber ehe der Notar antworten konnte, zog Villefort ihn bei Seite. „Mein Herr,“ ſagte er,„glauben Sie, daß ein Menſch einem ſo heftigen Schlaganfalle, wie der geweſen ſein muß, der Herrn Noirtier von Villefort traf, ſo ganz wie dieſer phyſiſch erliegen kann, ohne daß auch die geiſtigen Fähigkeiten darunter leiden?“ „Das iſt es nicht, was mich beunruhigt, mein Herr,“ antwor⸗ tete der Notar,„ſondern, wie es uns gelingen wird, ſeine Gedan⸗ ken und Abſichten abzufragen.“ „Sie ſehen mithin, daß es unmöglich iſt,“ ſagte Villefort. Valentine und der Greis hörten und verſtanden dieſes Geſpräch und der Greis richtete ſein Auge ſo ſtarr und ſo feſt auf Valen⸗ tine, daß dieſelbe nicht zweifeln konnte, von ihm zum Beiſtande auf⸗ gerufen zu ſein. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„beunruhigen Sie ſich darüber nicht; ſo ſchwer es ſein, oder Ihnen wenigſtens ſcheinen mag, die Abſich⸗ ten des Großvaters zu erfragen, ich werde ſie Ihnen deutlich machen auf eine Weiſe, daß Ihnen kein Zweifel darüber bleiben kann. Es ſind jetzt ſechs Jahre, daß ich bei Herrn Noirtier bin, und er mag Ihnen ſelbſt ſagen, ob in dieſen ſechs Jahren ein einziger ſeiner Wünſche in ſeinem Herzen verſchloſſen geblieben iſt, weil ich ihn nicht errathen konnte.“ „Nein,“ beſtätigte der Greis. „Wir wollen alſo verſuchen,“ entſchied der Notar;„Sie neh⸗ men das Fräulein zu Ihrer Dollmetſcherin an?“ Der Gelähmte bejahte. „Gut⸗ err, und 5 Valenti welches der e augenſcheinl arte Griſf vend Bei te Nun ne Augen des Bei de den Finger „Teſta Herr will „307 „Das ſagte der N Wirll ſes Teſtame Vort für! die erfinder Dlentine wah ſein, um e Willens des „Nein, „Wie dei Ihrem „Nein, „Mein ſen, ſich ſch erzählen;„ mir noch ve ment wird Jor ſiehen; ganz geſetn s kaum lä ls bis hungs. n Sie wiſſen n bei einem Herm liegen 22“ ntwor⸗ Zedan⸗ rt. ſpräch Lalen⸗ e auf⸗ nicht; Abſiche nachen n. Es tmag ſeiner hihn e neh⸗ „Gut, machen wir eine Probe. Was wünſchen Sie von mir, mein Herr, und welche Verhandlung wünſchen Sie, daß ich aufnehme?“ Valentine nannte alle Buchſtaben des Alphabets bis zum T, welches der beredte Blick Noirtiers als das verlangte bezeichnete. „Es iſt der Buchſtabe T, den Herr Noirtier verlangt, das iſt augenſcheinlich;“ ſagte der Notar. „Warten Sie,“ ſagte Valentine und fragte dann, ſich zu dem Greiſe wendend:„Ta—te...“ Bei te gab der Greis ein Zeichen, daß es die rechte Silbe ſei. Nun nahm Valentine den Dictionnär, und ſchlug vor den Augen des aufmerkſamen Notars die Blätter um. Bei dem Worte Teſtament hielt der Blick ihres Großvaters den Finger an. „Teſtament!“ rief der Notar,„es iſt außer allem Zweifel, der Herr will teſtiren.“ „Ja,“ gab Noirtier wiederholentlich zu verſtehen. „Das iſt wunderbar, mein Herr, das müſſen Sie zugeben,“ ſagte der Notar zu Villefort, der wie betäubt daſtand. „Wirklich,“ antwortete er,„aber noch wunderbarer würde die⸗ ſes Teſtament ſelbſt ſein; denn ich glaube nicht, daß die Artikel ſich Wort für Wort auf dem Papiere an einander reihen würden, ohne die erfinderiſche Einwirkung meiner Tochter. Nun wird aber Va⸗ lentine wahrſcheinlich etwas zu ſehr intereſſirt bei dieſem Teſtamente ſein, um eine geeignete Auslegerin des jedem Andern dunkeln Willens des Teſtirenden abgeben zu können.“ „Nein, nein, nein,“ deutete der Gelähmte an. „Wiel“ fragte Herr von Villefort,„Valentine iſt nicht intereſſirt bei Ihrem Teſtamente?“ „Nein,“ antwortete Noirtier. „Mein Herr,“ ſagte der Notar, der entzückt von dieſen Bewei⸗ ſen, ſich ſchon darauf freute, dieſe romantiſche Epiſode überall zu erzählen;„mein Herr, nichts ſcheint mir jetzt leichter, als das, was mir noch vor wenigen Minuten unmöglich erſchien, und dieſes Teſta⸗ ment wird zwar ein ſonderbares, ja merkwürdiges, aber wenn es vor ſieben Zeugen vorgeleſen und von dem Teſtator anerkannt wird, ganz geſetzmäßig giltiges ſein. Was die Zeit anbetrifft, ſo wird es kaum länger aufhalten, als jedes andere. Erſt müſſen die geſetz⸗ 799 800 mäßigen und durch das Geſetz geheiligten Formen, welche immer dieſelben ſind, beobachtet werden, und was die näheren Umſtände betrifft, ſo ergeben ſich dieſelben aus den Vermögenszuſtänden des Teſtators, die Sie, da Sie dieſelben beſorgt haben, kennen müſſen. Uebrigens werden wir, damit dieſes Teſtament unantaſtbar bleibt, demſelben die möglichſte geſetzliche Authenticität geben; einer meiner Collegen wird mir als Beiſtand dienen und gegen die Gewohnheit die Ausſagen beſtätigen. Sind Sie zufrieden, mein Herr?“ fuhr der Notar zu dem Greiſe gewendet fort. „Ja,“ antwortete Noirtier freudeſtrahlend, daß er ſich verſtan⸗ den ſah. „Was mag er wollen?“ fragte ſich Villefort, dem ſeine hohe Stellung ſo viel Vorſicht auferlegte, und der übrigens durchaus die Abſicht ſeines Vaters nicht ergründen konnte. Er drehte ſich alſo um, um nach dem zweiten, von dem erſten bezeichneten Notar zu ſchicken; aber Barrois, der Alles gehört und den Wunſch ſeines Herrn errathen hatte, war ſchon fort. Nun ließ der Procurator des Königs ſeine Frau bitten, herauf zu kommen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde waren Alle in dem Zimmer des Gelähmten verſammelt, und auch der zweite Notar war ge⸗ kommen. Die beiden Gerichtsperſonen verſtändigten ſich mit wenigen Worten. Eine gewöhnliche Teſtaments⸗Formel wurde Herrn Noir⸗ tier vorgeleſen; dann begann der erſte Notar, um ſo zu ſagen den geſunden Geiſteszuſtand des Teſtators, und mithin ſeine Fähigkeit, einen gerichtlichen Act zu vollziehen, feſtzuſtellen, folgendes Geſpräch. „Wenn man ſein Teſtament macht, mein Herr, ſo geſchieht es zu Gunſten oder zum Nachtheil von irgend Jemand.“ „Ja,“ antwortete Nortier auf ſeine Weiſe. „Haben Sie Kenntniß von der Höhe der Summe Ihres Ver⸗ mögens?“ 4„Ja.“ „Ich will Ihnen mehrere Summen von immer ſteigendem Werthe nennen; wollen Sie zu erkennen geben, wenn ich die rich⸗ tige treffe?“ „Ja.“ — Ein er kam je „Erl Man Franken Der Collegen; „Es zweifeln, fange noc Darc „Sie ſie angelen tauſend L Der Graf immer miſtände den des müſſen. bleibt, meiner ohnheit fuhr verſtan⸗ ne hohe haus die n erſten ört und herauf Zimmer war ge⸗ wenigen i Noir⸗ gen den ähigkeit, Geſpräch. ſchieht es res Ver⸗ eigendem die rich⸗ „—ͤͤ—„„ — — 1 —— —— 801 Es lag eine gewiſſe Feierlichkeit in dieſem Verhöre, und der Kampf des Geiſtigen mit dem Materiellen konnte nicht auffallender ſein, als er ſich hier darſtellte, und es war, wenn kein erhabenes, doch ein ſehr merkwürdiges Schauſpiel. Die Geſellſchaft ſchloß einen Kreis um den bewegungsloſen Greis; der zweite Notar ſaß, zum Schreiben bereit, an einem Tiſche, der erſte ſtand vor ihm und fragte. „Ihr Vermögen überſteigt dreimal hunderttauſend Franken, nicht wahr?“ Noirtier machte das bejahende Zeichen. „Beſitzen Sie viermal hunderttauſend Franken?“ Noirtier blieb unbeweglich. „Fünfmal hunderttauſend?“ Dieſelbe Unbeweglichkeit. „Sechs, ſieben—achthunderttauſend?— Neunhunderttauſend?“ „Ja.“ „Sie beſitzen neunmal hunderttauſend Franken?“ „Ja.“ „In unbeweglichen Gütern?“ „Nein.“ „In Obligationen?“ „Ja.“ „Sind die Obligationen in Ihren Händen.“ Ein Blick auf Barrois veranlaßte denſelben ſich zu entfernen, er kam jedoch bald mit einer Chatouille wieder. „Erlauben Sie, daß ich die Chatouille öffne?“ fragte der Notar. Man öffnete die Chatouille und fand neunmal hunderttauſend Franken Inſcriptionen auf das große Buch. Der erſte Notar zeigte dieſelben eine nach der andern ſeinem Collegen; die Sache verhielt ſich, wie Noirtier angegeben hatte. „Es iſt ganz richtig,“ ſagte er,„und mithin nicht mehr zu be⸗ zweifeln, daß der Verſtand in aller ſeiner Kraft und ſeinem Um⸗ fange noch vorhanden iſt.“ Darauf ſagte er zu dem Gelähmten: „Sie beſitzen alſo neunmal hunderttauſend Franken, die ſo wie ſie angelegt ſind, Ihnen eine Einnahme von jährlich ungefähr vierzig⸗ tauſend Livres gewähren müſſen?“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 51 80² Noirtier bejahte. 3 4 „Wem wünſchen Sie dieſes Vermögen zu hinterlaſſen?“ „Ol“ ſagte Frau von Villefort,„das iſt keinem Zweifel unter⸗ worfen; Herr Noirtier liebt einzig ſeine Enkelin, Fräulein Valen⸗ tine von Villefort, ſie pflegt ihn ſeit ſechs Jahren, und hat durch ihre unabläſſige Sorgfalt die Liebe, ja ich möchte ſagen, die Dank⸗ barkeit ihres Großvaters zu gewinnen gewußt; es iſt alſo nicht mehr wie billig, daß ihr der Lohn ihrer Aufopferungen zu Theil wird.“ Das Auge des Gelähmten ſchleuderte Blitze, welche bewieſen, daß er dieſer falſchen Auslegung der Frau von Villefort keinen Glauben beimaß. „Iſt es alſo Fräulein von Villefort, der Sie Ihre neunmal hunderttauſend Franken hinterlaſſen?“ fragte der Notar, der ſelbſt glaubte, dieſe Clauſel nur einſchreiben zu dürfen und dann fertig zu ſein, der aber nichts deſto weniger dieſelbe von Herrn Noirtier an⸗ erkennen und von den Zeugen beſtätigen laſſen wollte. Valentine war weinend und mit niedergeſchlagenen Augen einen Schritt zurückgetreten; der Greis ſah ſie einen Augenblick mit dem Ausdrucke der innigſten Zärtlichkeit an, dann ſich zu dem No⸗ tar wendend, blinzelte er auf's Entſchiedendſte mit den Augen. „Nein?“ ſagte der Notar;„wie, es iſt nicht Fräulein von Villefort, die Sie zu Ihrer Univerſal⸗Erbin einſetzen?“ Noirtier verneinte nochmals. „Iſt es kein Irrthum?“ rief der Notar erſtaunt,„ſagen Sie wirklich Nein?“ „Nein!“ wiederholte Noirtier,„nein!“ Valentine ſah empor; ſie war beſtürzt, nicht wegen der Ent⸗ erbung, aber weil ſie Gegenſtand eines Gefühls zu ſein glaubte, welches gewöhnlich eine ſolche Handlung veranlaßt. Aber Noirtier ſah ſie mit einem ſo unverkennbarem Ausdrucke der innigſten Zärt⸗ lichkeit an, daß ſie ausrief: „Ol mein guter Vater, ich ſehe es deutlich, Du entziehſt mir zwar Dein Vermögen, läſſeſt mir aber Dein Herz?“ „Ja, ja, gewiß,“ ſagten die Augen des Gelähmten, indem ſie ſich auf eine Weiſe ſchloſſen, die keinen Zweifel in Valentine auf⸗ kommen ließ. 8 „Dank! Dankl!“ ſtammelte das junge Mädchen. und ſei V unter⸗ Valen⸗ t durch Dank⸗ t mehr wird.“ wwieſen, keinen ſeunmal er ſelbft ferig i tier an⸗ Augen blick mit dem No⸗ gen. ſein von gen Sie der Ent⸗ glaubte, Mirtier en Zärt⸗ ehſt mir ndem ſie line auf⸗ — —— — 1e e 8⁰³ Indeſſen hatte dieſe Erklärung in dem Herzen der Frau von Villefort eine unerwartete Hoffnung erweckt; ſie näherte ſich dem Greiſe. „Dann iſt es alſo Ihr Enkel Eduard von Villefort, dem Sie Ihr Vermögen hinterlaſſen wollen, lieber Herr Noirtier?“ fragte die Mutter. Das Blinzeln der Augen auf dieſe Frage wurde entſetzlich, es drückte beinahe Haß aus. „Nein,“ ſagte der Notar;„alſo Ihrem hier gegenwärtigen Herrn Sohne?“ „Nein!“ war die abermalige Antwort. Die beiden Notare ſahen ſich einander betroffen an; Villefort und ſeine Frau fühlten ſich erröthen, der Eine vor Schaam, die Andere vor Verdruß. „Aber was haben wir Dir denn gethan, Väterchen? Du liebſt uns nicht mehr.“. Der Blick des Greiſes ſtreifte mit Blitzesſchnelle ſeinen Sohn und ſeine Schwiegertochter, und blieb mit unendlicher Zärtlichkeit auf Valentine haften.. „Nun wohl!“ ſagte ſie,„wenn Du mich liebſt, guter Vater, wie vereint ſich denn das, was Du eben erklärt haſt, mit dieſer Liebe? Du kennſt, Du weißt, daß ich nie auf Dein Vermögen ge⸗ rechnet habe, übrigens ſoll ich ja von Seiten meiner Mutter reich ſein, zu reich ſogar: erkläre Dich doch.“ Noirtiers glühender Blick haftete auf Valentine'’s Hand. „Meine Hand?“ ſagte ſie. „Ja,“ ſagte Noirtier. „Ihre Hand!“ wiederholten alle Anweſenden. „Achl meine Herren, Sie ſehen wohl, daß Alles unnütz und mein armer Vater verrückt iſt,“ ſagte Villefort. „O!“ rief Valentine plötzlich,„ich verſtehe! Meine Vermähl⸗ ung, nicht wahr, guter Vater?“ „Ja, ja, ja,“ wiederholte der Gelähmte dreimal und ſchleuderte bei jedem Aufheben des Augenlides einen Blitz. „Du zürnſt mit uns wegen dieſer Heirath, nicht wahr?“ „Ja.“ „Aber das iſt unſinnig!“ ſagte Villefort. 804 „Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Notar,„das Alles iſt im Gegentheile höchſt logiſch und ſcheint mir ſehr zuſammenhängend zu ſein.“ „Du willſt nicht, daß ich Herrn Franz von Epinay heirathe?“ „Nein, ich will es nicht,“ ſagte das Auge des Greiſes. „Und Sie enterben Ihre Enkelin,“ rief der Notar,„weil ſie eine Ehe ſchließen will, die Ihren Beifall nicht hat!“ Noirtier bejahte. „Würde ſie, wenn ſie dieſe Ehe nicht ſchlöſſe, Ihre Erbin ſein?“ a. Ein tiefes Schweigen waltete jetzt um den Greis. Die beiden Notare beriethen ſich; Valentine ſah ihren Großvater dankbar lächelnd an; Herr Villefort biß ſeine dünnen Lippen zuſammen; Frau von Villefort konnte eine Empfindung nicht unterdrücken, die ſich unwillkürlich auf ihrem Geſichte ausſprach. „Aber,“ ſagte Villefort endlich, zuerſt das Schweigen brechend, „ich glaube der Einzige zu ſein, der über das Paſſende oder Un⸗ paſſende dieſer Heirath zu entſcheiden hat. Als einziger Herr über die Hand meiner Tochter, will ich, daß ſie Herrn von Spinah hei⸗ rathet, und ſie wird ihn heirathen.“ Valentine ſank weinend in einen Lehnſtuhl. „Mein Herr,“ ſagte der Notar, ſich an den Greis wendend, „was beabſichtigen Sie über Ihr Vermögen zu beſtimmen, wenn Fräulein Valentine Herrn von Epinay heirathet?“ Der Greis blieb unbeweglich. „Sie haben aber doch die Abſicht darüber zu beſtimmen?“ „Ja,“ antwortete Noirtier. „Zu Gunſten von irgend Jemand aus Ihrer Familie?“ „Nein.“ „Zu Gunſten der Armen alſo?“ „Ja.“ „Aber,“ ſagte der Notar,„Sie wiſſen, daß das Geſetz nicht geſtattet, daß Sie Ihrem Sohne das Ganze entziehen?“ „Ja.“ „Sie werden alſo nur über den Theil Ihres Vermögens dis⸗ poniren, den das Geſetz Ihnen geſtattet, Ihrem Sohne zu entziehen?“ Noirtier blieb unbeweglich. 1 Forderung Und; die Freihe Tag wurd Greis gab verſiegelt, deponirt. nicht dis⸗ en?“ — 8⁰⁵ „Sie beſtehen darauf, über das Ganze verfügen zu wollen?“ „Ja.“ „Aber nach Ihrem Tode wird man das Teſtament anfechten.“ „Nein.“ „Mein Vater kennt mich, Herr Notar,“ ſagte Villefort,„er weiß, daß mir ſein Wille heilig ſein wird; übrigens weiß er auch, daß ich in meiner Stellung nicht gegen die Armen klagen kann.“ Noirtier's Auge drückte Triumph aus. „Was beſchließen Sie, Herr Procurator?“ fragte der Notar. „Nichts, mein Herr, es iſt ein Beſchluß, den mein Vater ge⸗ faßt hat, und ich weiß, daß mein Vater nie einen Beſchluß ändert. Ich füge mich alſo. Dieſe neunmal hunderttauſend Franken ent⸗ gehen meiner Familie, um die Hoſpitäler zu bereichern; aber ich werde dem Eigenſinne eines Greiſes nicht nachgeben und nach den Forderungen meines Gewiſſens handeln.“ Und Villefort zog ſich mit ſeiner Frau zurück, ſeinem Vater die Freiheit laſſend, zu teſtiren, wie er für gut befand. Denſelben Tag wurde das Teſtament gemacht; es wurden Zeugen geholt, der Greis gab ſeine Anerkennung, das Teſtament wurde in Aller Beiſein verſiegelt, und bei Herrn Dechamps, dem Notar der Familie, deponirt. LXI. Der Felegraph. 1 Als Herr und Frau von Villefort hinunter kamen, wurde ihnen geſagt, daß der Herr Graf von Monte⸗Chriſto ſie im Salon erwarte. Frau von Villefort, zu aufgeregt, um Jemand ſehen zu können, ging erſt in ihr Schlafzimmer, um ſich zu erholen, während der Procurator des Königs, ſeiner Haltung gewiſſer, gerade nach dem Salon ging. Aber ſo ſehr er auch ſeiner Empfindungen Herr war, ſo gut er auch ſeine Geſichtszüge in ſeiner Gewalt hatte, ſo gelang er doch Herrn von Villefort nicht hinreichend, die Wolke von ſeines Stirn zu verſcheuchen, ſo daß der Graf, der ihm heute mit ſeinem ſtrahlenden Lächeln entgegen trat, ihn ſogleich fragte, was dieſe ſeine düſtre, träumeriſche Miene veranlaßt habe? „Mein Gott!“ ſagte er nach den erſten Complimenten,„was haben Sie denn, Herr von Villefort? Sollte ich Sie in dem Augen⸗ blicke geſtört haben, wo Sie irgend eine gar zu ſchwere Anklage verfaſſen mußten??“? Villefort verſuchte zu lächeln. „Nein, Herr Graf,“ ſagte er,„hier iſt diesmal kein anderes QOpfer als ich ſelbſt. Ich bin es, der ſeinen Proceß verliert; und es iſt Zufall, Starrſinn, Wahnſinn, was das Urtheil geſchrie⸗ ben hat.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Monte⸗Chriſto mit gut erkünſtelter Theilnahme.„Iſt Ihnen wirklich irgend ein bedeuten⸗ des Unglück zugeſtoßen?“ „O! Herr Graf,“ ſagte Villefort mit einer bittern Ruhe, „es iſt nicht der Rede werth; faſt nichts, nur ein einfacher Geld⸗ verluſt.“ reden, Vor fü blicke i getrete nmer, 7 Lüche eihnen twarte. können, end der ich dem ſo gut lang er ſeines ſeinem à dieſe „was Augen⸗ Anklage anderes et, und geſchrie⸗ mit gut hdeuten⸗ Ruhe, er Geld⸗ 807 „Wirklich,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„ein Geldverluſt bedeutet wenig, bei einem Vermögen wie das Ihrige, und Ihrem erhabenen, philoſophiſchen Geiſte!“ „Auch iſt es nicht des Geldes wegen, daß ich verſtimmt bin, obgleich, genau betrachtet, neunhunderttauſend Franken mehr oder weniger, keine Kleinigkeit iſt. Aber ich ärgere mich hauptſächlich über dieſe Fügung des Schickſals, des Zufalls, des Fatums, oder wie ich die Macht ſonſt zu nennen habe, welche den Blitz ſchleudert, der mich trifft, und vielleicht, indem es meine Hoffnungen auf ein ſorgenfreies Alter vernichtet, auch die Zukunft meiner Tochter zer⸗ ſtört, und das Alles aus Laune eines eigenſinnigen, kindiſchen Greiſes.“ „Eil mein Gott! wie kommt denn das?“ rief der Graf.„Neun⸗ hunderttauſend Franken ſagten Sie? Ei, wirklich, da haben Sie Recht, das iſt eine Summe, die ſelbſt ein Philoſoph ungern ver⸗ lieren wird. Und wer macht Ihnen dieſen Kummer?“ „Mein Vater, von dem ich Ihnen geſagt habe.“ „Herr Noirtier, ei! Aber Sie ſagten mir ja auch, wenn ich nicht irre, daß derſelbe völlig gelähmt und aller Fähigkeiten be⸗ raubt ſei?“ „Ja, der phyſiſchen Fähigkeiten, denn er iſt keines, auch nicht des geringſten Gebrauchs ſeiner Gliedmaßen mächtig, er kann nicht reden, denkt aber bei alledem, will, und handelt, wie Sie ſehen. Vor fünf Minuten habe ich ihn verlaſſen, und in dieſem Augen⸗ blicke iſt er beſchäftigt, zwei Notaren ſein Teſtament zu diktiren.“ „Aber dann muß er doch geſprochen haben?“ „Er hat mehr gethan, er hat ſeinen Willen deutlich zu er⸗ kennen gegeben.“ „Wie das?“ „Mit Hilfe des Blicks; ſeine Augen haben das Leben behalten, und tödten, wie Sie ſehen.“ „Mein Freund,“ ſagte Frau von Villefort, die indeſſen ein⸗ getreten war,„vielleicht hällſt Du die Lage der Sache für ſchlim⸗ mer, als ſie iſt.“ „Gnädige Frau...“ ſagte der Graf, ſich verneigend. Frau von Villefort erwiderte den Gruß mit ihrem holdſeligſten Lächeln. —— † 1 717 8 9 4 4 1 1 808 „Was erzählt mir da ſoeben Ihr Herr Gemahl?“ wendete Monte⸗Chriſto ſich an Frau von Villefort;„und welches unbegreif⸗ liche Mißgeſchick?...“ „Unbegreiflich, das iſt das rechte Wort!“ fiel Villefort ihm achſelzuckend in die Rede,„Eigenſinn eines Greiſes.“ „Und giebt es kein Mittel, ihn von dieſem Beſchluſſe abzu⸗ bringen?“ „O ja,“ verſicherte Frau von Villefort;„es hängt ſogar von meinem Manne ab, daß dieſes zu Valentine's Nachtheil gemachte Teſtament, im Gegentheil zu ihren Gunſten ſei.“ Als der Graf ſah, daß die beiden Eheleute in verblümten Phraſen zu reden anfingen, nahm er eine zerſtreute Miene an und achtete mit größter Aufmerkſamkeit und Billigung auf Eduard, welcher Tinte in das Saufnäpfchen der Vögel goß. „Meine Liebe,“ antwortete Villefort ſeiner Frau,„Du weißt, daß ich nicht eben darauf halte, bei mir zu Hauſe den Patriarchen zu ſpielen, und das es mir niemals eingefallen iſt, das Geſchick des Weltalls von einem Winke meines Hauptes abhängig zu glauben. Indeſſen halte ich darauf, und finde es wichtig, daß meine Be⸗ ſchlüſſe in meiner Familie geehrt werden, und daß die Thorheit eines Greiſes, und der Eigenſinn eines Kindes, nicht einen Plan umſtoßen, der ſeit vielen Jahren in meinem Geiſte reifte. Der Baron von Epinay war mein Freund, wie Du weißt, und eine Verbindung mit ſeinem Sohne iſt ſo annehmlich und paſſend, wie nur irgend möglich.“ „Du glaubſt,“ ſagte Frau von Villefort,„daß Valentine ein⸗ verſtanden mit ihm iſt?... Wirklich... ſie war immer gegen dieſe Heirath, und es ſollte mich nicht wundern, wenn Alles, was wir jetzt geſehen und gehört haben, zwiſchen ihnen abgekartet ge⸗ weſen wäre.“ „Gnädige Frau,“ ſagte Villefort,„ſo leicht entſagt man nicht einem Vermögen von neunhunderttauſend Franken.“ „Sie entſagte allenfalls der Welt,“ entgegnete Frau von Ville⸗ fort,„vor einem Jahre wollte ſie ja ſchon in's Kloſter gehen.“ „Mag's ſein,“ erwiderte Villefort,„ich ſage, daß dieſe Heirath vollzogen wird, gnädige Frau!“ geiſtige innerung noch aul würde Lippen Ehrfurch klagen, aber ich Welt w Folglich verheire haft un Tochter „S der Pre hatte,, weil ſi meinen 4 durch, mehr n 5 75 Der Gi ne de porheit, Plan Der eine „ wie ſe ein⸗ gegen „ was et ge⸗ nicht Ville⸗ eirath 809 „Gegen den Willen Deines Vaters,“ meinte Frau von Ville⸗ fort, eine andere Saite anſchlagend,„das iſt doch bedenklich!“ Monte⸗Chriſto, der ſich ſtellte, als achte er nicht auf dieſe Unter⸗ redung, verlor keine Sylbe von derſelben. „Gnädige Frau,“ verſetzte Villefort,„ich kann ſagen, daß ich immer meinen Vater verehrt habe, weil ſich bei mir zu dem natür⸗ lichen Kindesgefühl die Ehrfurcht vor der moraliſchen Ueberlegenheit geſellte, weil endlich ein Vater doppelt heilig iſt, als Urheber unſers Lebens und als unſer Herr; aber heute muß ich aufhören, die geiſtige Kraft des Greiſes anzuerkennen, der wegen der bloßen Er⸗ innerung, daß er den Vater einſt gehaßt, auf eine ſolche Weiſe noch aus ſeiner Unbeweglichkeit heraus, den Sohn verfolgt; es würde alſo lächerlich ſein, wenn ich mein Verhalten durch ſeine Lippen beſtimmen laſſen wollte. Ich werde fernerhin die allergrößte Ehrfurcht vor Herrn Noirtier haben; ich werde, ohne mich zu be⸗ klagen, dieſen pecuniären Verluſt, den er mir auferlegt, tragen; aber ich werde unerſchütterlich in meinem Willen bleiben, und die Welt wird entſcheiden, auf weſſen Seite die geſunde Vernunft iſt. Folglich werde ich meine Tochter mit Herrn Franz von Epinay verheirathen, weil dieſe Heirath meiner Ueberzeugung nach vortheil⸗ haft und ehrenvoll iſt, und ich endlich und unwiderruflich meine Tochter verheirathen will, mit wem mir es beliebt.“ „Ei wie?“ ſagte der Graf, deſſen Billigung ſeiner Ausſprüche der Procurator des Königs beſtändig mit ſeinen Blicken aufgerufen hatte;„wie! Herr Noirtier enterbt, ſagen Sie, Fräulein Valentine, weil ſie den Herrn Baron Franz von Epinay heirathen wird?“ „Ei! mein Gott! ja, Herr Graf, das iſt der Grund,“ ſagte Villefort die Achſeln zuckend. „Der ſichtbare Grund wenigſtens,“ fügte Frau von Ville⸗ fort hinzu. „Der wirkliche Grund, liebe Frau. Glaube mir, ich kenne meinen Vater.“ „Wer kann das begreifen?“ antwortete die junge Frau,„wo⸗ durch, frage ich Sie, kann Herr von Epinay dem Herrn Noirtier mehr mißfallen, als jeder Andere?“ „Wirklich,“ ſagte der Graf,„ich habe Herrn Franz von Epinay Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 52 ſͤſͤſſſͤſſͤſͤſͤſͤſ= 8 810 kennen gelernt, er iſt der Sohn des General Quesnel, nicht wahr? den der König Carl X zum Baron von Epinay machte?“ „Ganz richtig,“ erwiderte Villefort. „Nun wohll das iſt ja ein höchſt liebenswürdiger, junger Mann, wie es ſcheint.“ „Es iſt auch nur ein Vorwand, davon bin ich feſt überzeugt,“ ſagte Frau von Villefort,„die Greiſe tyranniſiren die, welche ſie lieben, Herr Noirtier will nicht, daß ſeine Enkelin heirathet.“ „Aber,“ ſagte der Graf,„kennen Sie nicht einen Grund zu dieſem Haſſe?“ „Ach! mein Gott! wer kann wiſſen?“ „Eine politiſche Abneigung vielleicht?“ „Wirklich, mein Vater und der Vater des Herrn von Epinay haben im Strudel jener ſtürmiſchen Zeit gelebt, von der ich nur die letzten Tage geſehen habe,“ antwortete Villefort. „War Ihr Vater nicht Bonapartiſt?“ fragte der Graf.„Ich glaube, Sie haben mir einmal ſo etwas geſagt.“ „Mein Vater war vor allem Anderen Jacobiner,“ ſagte Ville⸗ fort, in ſeiner Aufregung die Grenzen der Vorſicht überſchreitend, „und die Robe des Senators, die Napoleon ihm über die Schultern geworfen hatte, verkleidete nur den Mann von früher, ohne ihn jedoch zu verändern. Als mein Vater ſich in Verſchwörungen ein⸗ ließ, war es nicht für den Kaiſer, es war gegen die Bourbons; denn mein Vater hatte das Furchtbare, daß er nie für Luftſchlöſſer, ſondern immer nur für Möglichkeiten kämpfte, und daß er dem Gelingen ſeiner Möglichkeiten die ſchrecklichen Theorieen des Berges widmete, die vor keinem Mittel zurückbebten.“ „Nun wohl!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ſehen Sie, da haben wir's, Herr Noirtier und Herr von Epinay werden einander auf dem Felde der Politik gegenüber geſtanden haben. Hatte der General von Epinay, obgleich er unter Napoleon gedient, nicht im Herzens⸗ grund royaliſtiſche Geſinnungen bewahrt, und iſt es nicht derſelbe, der eines Abends, als er aus einem napoleoniſtiſchen Clubb kam, ermordet wurde, weil man ſich in der Hoffnung getäuſcht hatte, einen Verbündeten an ihm zu finden?“ Villefort ſah den Grafen faſt entſetzt an. A „Irre ich mich?“ fragte Monte⸗Chriſto. „In es ein g vaters z glaube! zurückſch mit mir, vielleicht erwägen, iſt, um Zärllichf noch das „U wie Va werden Palentin mehr w De gektänkte „A ich bitte will; es wahr Mann, eugt,“ he ſie nd zu pinay h nur „Sch Yill itend, ultern ne ihn n ein⸗ bons; löſſer, dem Zerges wir, f dem eneral rzens⸗ ſelbe, kam, hatte, 8. 811 „Nein, durchaus nicht, Herr Graf, es iſt ganz ſo,“ ſagte Frau von Villefort,„und gerade wegen der ſoeben von Ihnen erwähn⸗ ten Verhältniſſe hatte Herr von Villefort, um den alten Haß aus⸗ zulöſchen, den Gedanken gefaßt, zwei Kinder in Liebe zu vereinigen, deren Väter der Haß getrennt hatte.“ „Erhabener Gedanke!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„Gedanke voll Menſchenliebe, den die ganze Welt verehren ſollte. Wirklich, es müßte ſchön klingen, Fräulein Noirtier von Villefort ſich Frau von Epinay nennen zu hören.“ Villefort zitterte durch und durch, und ſah Monte⸗Chriſto an, als hätte er im Grunde ſeiner Seele leſen wollen, in welcher Ab⸗ ſicht er die ſoeben ausgeſprochenen Worte geſagt habe. Aber das ſtereotype, wohlwollende Lächeln wich nicht von des Grafen Lippen, und auch dieſes Mal ſah der Procurator des Königs, ungeachtet ſeines Scharfblicks, nur die Oberfläche. „Indeſſen glaube ich nicht,“ fuhr Villefort fort,„daß, obgleich es ein großes Unglück für Valentine iſt, das Vermögen ihres Groß⸗ vaters zu verlieren, die Heirath ſich deshalb zerſchlagen wird; ich glaube nicht, daß dieſe pecuniäre Fehlſchlagung Herrn von Epinay zurückſchrecken wird; er wird hoffentlich finden, daß die Verbindung mit mir, der ich dieſe Summe aufgebe, um mein Wort zu halten, vielleicht mehr werth iſt, als die Summe ſelbſt; er wird übrigens erwägen, daß Valentine von Seiten ihrer Mutter immer noch reich iſt, um ſo mehr, als ihre mütterlichen Großeltern, die ſie auf's Zärtlichſte lieben, dieſes Vermögen verwalten, und demſelben einſt noch das ihrige hinzufügen werden.“ „Und die wohl verdienen, daß man ſie liebt, und ſie pflegt, wie Valentine Herrn Noirtier,“ ſagte Frau von Villefort;„übrigens werden ſie in ſpäteſtens einem Monat nach Paris kommen und Valentine wird wohlthun, nach einer ſolchen Beleidigung ſich nicht mehr wie bisher bei Noirtier zu begraben.“ Der Graf hörte mit Behagen dieſe von verletzter Eigenliebe, gekränkter Habſucht vibrirende Stimme. „Aber es ſcheint mir,“ ſagte er nach kurzem Schweigen,„und ich bitte Sie im Voraus um Verzeihung deſſen, was ich ſagen will; es ſcheint mir, daß, wenn Herr Noirtier ſeine Enkelin enterbt, 8¹2 weil ſie im Begriffe iſt, eine mißfällige Heirath zu ſchließen, er dieſem lieben Eduard nicht daſſelbe Unrecht vorzuwerfen hat.“ „Nicht wahr, Herr Graf?“ rief Frau von Villefort mit einem nicht zu beſchreibenden Tone;„iſt es nicht ungerecht, abſcheulich ungerecht? Der arme Eduard iſt eben ſo gut der Enkel des Herrn Noirtier, wie Valentine ſeine Enkelin iſt, und doch wenn Valentine—. nicht Herrn von Epinay hätte heirathen ſollen, würde Herr Noir⸗ tier ihr ſein ganzes Vermögen hinterlaſſen haben; und Eduard trägt doch den Namen der Familie, weſſen ungeachtet aber Valen⸗ tine, auch ohne Herrn Noirtier's Vermögen, dreimal reicher ſein wird, als er.“ Bei dieſer Tirade begnügte ſich der Graf, den ſtummen Zu⸗ hörer zu machen. „Kommen Sie, Herr Graf,“ ſagte Villefort,„kommen Sie, laſſen Sie uns nicht mehr von dieſen Familien⸗Unannehmlichkeiten reden; ja, es iſt wahr, mein Vermögen wird die Einkünfte der Armen vermehren, die in unſern Tagen die wahrhaft Reichen ſind. Ja, mein Vater wird mich um eine rechtmäßige, gegründete Hoff⸗ nung betrogen haben, und das ohne Urſache; aber ich werde da⸗ ſtehen wie ein Mann, der mit Verſtand und Herz gehandelt hat.— Herr von Epinay, dem ich dieſe Summe als Mitgift verſprochen habe, ſoll ſie haben und ſollte ich mir die härteſten Entbehrungen auferlegen.“ „Indeſſen,“ begann Frau von Villefort wieder, auf den einzigen Gedanken zurückkommend, der unaufhörlich das Innere ihres Her⸗ zens aufwühlte,„vielleicht wäre es doch beſſer, wenn man Herrn von Epinay dieſes Mißgeſchick bekannt machte, und er dann viel⸗ leicht ſelbſt ſein Wort zurücknähme.“ 3 „Ol das wäre ein großes Unglück!“ rief Villefort. „Ein großes Unglücke“ wiederholte Monte⸗Chriſto. „Ohne Zweifel,“ erwiderte Villefort etwas beſänftigter,„eine zurückgegangene Heirath, ſelbſt wegen Geldangelegenheiten, wirft ein ungünſtiges Licht auf ein junges Mädchen und dann würden auch alle Geſpräche, denen ich ein Ende machen wollte, wieder neue Wahrſcheinlichkeit gewinnen. Aber nein, das wird nicht ge⸗ ſchehen. Wenn Herr von Epinay ein Ehrenmann iſt, ſo wird er ſich durch Valentine's Enterbung noch für gebundener halten als Beiſtimm Ehriſtod als nicht ändert.“ N wird, da wetden lein vor Familie opferung zu erfüle Mit Begriff 8 5 an Ihr „8 „S hat ſo! „T von Vil ſo viel halten, „A denn ſei en Sie, ichkeiten ifte der en ſind. e Hoff⸗ erde da⸗ hat.— ſprochen hrungen einzigen 8 Her⸗ Herrn un viel⸗ :,„eine , wirſt würden wieder icht ge⸗ witd er lten als 4 — ö 5 813 vorher, ſonſt würde er ja als ein Geizhalz handeln... nein, es iſt nicht möglich.“ „Ich denke wie Herr von Villefort,“ ſagte Monte⸗Chriſto, Frau von Villefort ſtarr anſehend;„und wenn ich ihm nahe genug ſtände, um mir erlauben zu dürfen, ihm einen Rath zu geben, ſo würde ich ihm zureden, da, wie es heißt, Herr von Epinay ſehr bald zu⸗ rückkehren wird, das Band ſo feſt zu knüpfen, daß es nicht wieder aufzulöſen iſt, ich würde endlich eine Sache beenden, deren Aus⸗ gang ſo ehrenvoll für Herrn von Villefort ſein muß.“ Der Letztere ſtand auf und war ſichtlich entzückt, während ſeine Gemahlin leicht erbleichte. „Gut, das iſt es ja, was ich wollte, und ich freue mich der Beiſtimmung eines Rathgebers, wie Sie ſind,“ ſagte er, Monte⸗ Chriſto die Hand reichend.„Wenn mithin Jeder, was heute geſchah, als nicht geſchehen betrachtet, ſo iſt in unſern Plänen nichts ge⸗ ändert.“ „Mein Herr,“ ſagte der Graf,„die Welt, ſo ungerecht ſie iſt, wird, dafür ſtehe ich Ihnen, Ihren Entſchluß loben: Ihre Freunde werden ſtolz darauf ſein, und Herr von Epinay, und ſollte er Fräu⸗ lein von Villefort ohne Mitgift nehmen, wird entzückt ſein in eine Familie zu treten, wo man ſich auf eine ſolche Höhe der Auf⸗ opferung ſchwingen kann, um ſein Wort zu halten und ſeine Pflicht zu erfüllen.“ Mit dieſen Worten hatte der Graf ſich erhoben und war im Begriff ſich zu entfernen. „Sie verlaſſen uns, Herr Graf?“ ſagte Frau von Villefort. „Ich bin dazu gezwungen, gnädige Frau, ich kam nur, um Sie an Ihr Verſprechen für den Sonnabend zu erinnern.“ „Fürchteten Sie, daß wir es vergeſſen würden?“ „Sie ſind zu gütig, gnädige Frau, aber Herr von Villefort hat ſo wichtige und mitunter dringende Geſchäfte...“ „Mein Mann hat ſein Wort gegeben, Herr Graf,“ ſagte Frau von Villefort,„Sie haben geſehen, daß er es hält, und wenn noch ſo viel auf dem Spiele ſteht, um wie viel mehr wird er es nicht halten, wenn er nur dabei gewinnen kann.“ „Wird die Geſellſchaft in Ihrem Hotel in den elyſäiſchen Fel⸗ dern ſein?“ fragte Villefort. „Nein,“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„ſie wird auf dem Lande ſein, wodurch Ihre Aufopferung noch verdienſtlicher wird.“ „Auf dem Lande?“ „Ja.“ „Und wo? nahe bei Paris, nicht wahr?“ „Dicht vor dem Thore, eine halbe Meile von der Barriere, in Auteuil.“ „In Auteuil!“ rief Villefort.„Ach! es iſt wahr, meine Frau hat mir geſagt, daß Sie in Auteuil wohnen, ſie wurde ja in ihr Haus gebracht. Und in welcher Gegend von Auteuil?“ „Straße la Fontaine.“ „Straße la Fontaine!“ wiederholte Villefort mit erſtickter Stimme,„und welche Nummer?“ „Nummer 28.“ „Ach!“ rief Villefort,„alſo Sie ſind es, der das Haus des Herrn von Saint⸗Méran gekauft hat“ „Des Herrn von Saint⸗Méran?“ fragte Monte⸗Chriſto,„alſo dieſes Haus gehörte dem Herrn von Saint⸗Méran?“ „Ja,“ erwiderte Frau von Villefort,„und wollen Sie mir ein's glauben, Herr Graf?“ „Was?“ „Sie finden jenes Haus hübſch, nicht wahr?“ „Reizend.“ „Nun wohl, mein Mann hat es noch niemals bewohnen wollen.“ „Ei!“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„wirklich, mein Herr, das iſt ein Vorurtheil, welches ich nicht begreifen kann.“ „Ich liebe Auteuil nicht, Herr Graf,“ ſagte der Procurator des Königs mit gewaltiger Anſtrengung. „Aber ich werde doch hoffentlich nicht ſo unglücklich ſein,“ ſagte Monte⸗Chriſto beunruhigt,„daß dieſe Antipathie mich des Glückes beraubt, Sie bei mir zu ſehen?“ „Nein, Herr Graf... ich hoffe... ſeien Sie verſichert.. daß ich mein Möglichſtes thun werde,“ ſtammelte Villefort. „O!“ antwortete Monte⸗Chriſto,„ich nehme keine Entſchuldigung an. Sonnabend um ſechs Uhr erwarte ich Sie, und wenn Sie nicht kämen, ſo würde ich wer weiß was glauben; ich würde am —— meinen ſchein heben! ohne in Zeichen hundert breiten einem an ein oder a ſes all Sylphe mals r ſecten Nähe; das kle tich, lingsm Lande rriere, Nrau in ihr ſtickter 8 des „alſo ie mir ohnen das iſt curator ¹ ſagte JLlückes rt... digung i Sie de am 815 Ende denken, es hafte an dieſem ſeit zwanzig Jahren unbewohnten Hauſe irgend eine lichtſcheue Tradition, irgend eine blutige Sage.“ „Ich werde kommen, Herr Graf, ich werde kommen,“ ſagte Villefort haſtig. „Dank,“ ſagte Monte⸗Chriſto.„Jetzt indeſſen muß ich mich Ihnen empfehlen.“ „Ja, wirklich, Sie haben geſagt, Sie wären gezwungen, uns zu verlaſſen,“ bemerkte Frau von Villefort,„und Sie waren, glaube ich, ſogar im Begriff, uns den Grund zu ſagen, als Sie ſich unter⸗ brachen, um über einen andern Gegenſtand zu ſprechen.“ „Wirklich, gnädige Frau, ich weiß es kaum, ob ich wagen darf, Ihnen zu ſagen, wo ich hin gehe.“ „O! ſagen Sie es immerhin.“ „Ich gehe als wahrer Maulaffe, der ich bin, eine Sache zu ſehen, für die ich ſchon ganze Stunden verträumt habe.“ „Und das iſt?“ „Ein Telegraph. Ach! da iſt mir das Wort doch entfahren.“ „Ein Telegraph?“ wiederholte Frau von Villefort. „Ei! mein Gott! ja, ein Telegraph. Wenn ich zuweilen auf meinen Reiſen am Wege auf einem Hügel, bei ſchönem Sonnen⸗ ſchein dieſe ſchwarzen Arme, wie die Beine rieſiger Inſekten ſich heben und ſenken ſah, ſo geſchah es, ich ſchwöre es Ihnen, nie ohne innere Bewegung, denn ich dachte mir, daß dieſe bizarren Zeichen die Luft mit größter Genauigkeit durchſchneiden und drei⸗ hundert Meilen weit den unbekannten Willen eines Mannes ver⸗ breiten, der an einem Tiſche ſitzt und ſich auf dieſe Weiſe mit einem andern Mann am äußerſten Ende der Linie unterhält, der an einem andern Tiſche ſitzt, und ſich auf dem Grau der Wolken oder auf der Bläue des Himmels durch die einzige Willenskraft die⸗ ſes allmächtigen Mannes abzeichnen. Ich glaubte dann an Genien, Sylphen, Gnomen, kurz, an verborgene Mächte, und lachte. Nie⸗ mals wandelte mich indeſſen die Luſt an, dieſe gigantiſchen In⸗ ſecten mit weißen Bäuchen und magern, ſchwarzen Armen in der Nähe zu ſehen, denn ich fürchtete unter ihren ſteinernen Flügeln das kleine menſchliche Genie zu finden, wohl gezügelt, recht pedan⸗ tiſch, recht mit Wiſſenſchaft überfüllt, recht nach Cabale und Höf⸗ lingsmanier riechend. Aber jetzt habe ich kürzlich eines ſchönen 816 Morgens erfahren, daß der Officiant bei jedem Telegraphen ein armer Teufel iſt, der für zwölfhundert Franken jährlich, den ganzen Tag, nicht den Himmel, wie der Aſtronom, nicht das Waſſer, wie der Fiſcher, nicht den grünen Wald, wie der Jäger, auch nicht ein⸗ mal die Landſchaft, wie ein Träumer, ſondern jenes Riefeninſect mit dem weißen Bauche und den ſchwaren Beinen, ſeinen Corre⸗ ſpondenten vier oder fünf Meilen von ihm, beobachten muß. Da hat mich das Verlangen ergriffen, dieſe lebende Chryſalide in der Nähe zu ſehen, und der Comödie beizuwohnen, welche dieſelbe aus dem Innern ihres Gehäuſes ihrer Nachbar⸗Chryſalide ſpielt, indem ſie bald an dieſem bald an jenem Bindfaden zieht.“ „Und dahin gehen Sie?“ „Dahin.“ „Zu welchem Telegraphen? Zu dem des Miniſteriums des Innern, oder zu dem des Obſervatorium?“ „Ol beileibe! da würde ich Menſchen finden, die mich würden zwingen wollen, Sachen zu begreifen, die ich nicht wiſſen will, und die mir, ihrer ſelbſt unbewußt, ein Geheimniß offenbaren würden, das ſie ſelbſt nicht kennen. Peſt! ich will meine Illuſionen, die ich noch über die Inſecten habe, nicht verlieren; es iſt ſchlimm genug, daß ich ſchon die verloren habe, die ich hinſichtlich der Menſchen noch hatte. Ich werde alſo weder zu dem Telegraphen des Mi⸗ niſterium noch zu dem des Obſervatorium gehen. Ich will zu einem Telegraphen im freien Felde, wo ich nur den armen Schelm finde, der in ſeinem Thurm verſteinert.“ „Sie ſind ein ſonderbarer großer Herr,“ bemerkte Villefort. „Welche Linie rathen Sie mir zu ſtudieren?“ „Nun, auf jeden Fall die, welche jetzt am meiſten beſchäf⸗ tigt iſt.“ „Gut! alſo die von Spanien?“ „Richtig.“ „Wollen Sie einen Brief vom Miniſter, damit Ihnen erklärt wird.... „O! nein,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„im Gegentheil, ich will ja nichts verſtehen, wie ich Ihnen ſoeben erſt ſagte. Von dem Augenblicke an, daß ich es verſtände, gäbe es keinen Telegraphen mehr, es gäbe dann nur noch ein Zeichen von Herrn Duchatel, oder Der à des vürden 1, und ürden, die ich genug, enſchen 28 Mi⸗ einem finde, fort. beſchäf⸗ erklärt ich will n dem raphen I, oder 817 1 Herrn Montalivet an den Präfecten von Bayonne, welches in zwei griechiſchen Worten beſtände— rsyoacetv. Ich will das Thier mit den ſchwarzen Beinen, und das erſchreckende Wort in ſeiner ganzen Furchtbarkeit, meinen Reſpect dafür, erhalten.“ „Nun, dann eilen Sie, denn in zwei Stunden iſt es Nacht, und Sie ſehen dann gar nichts mehr.“ „Teufel! Sie erſchrecken mich! Welcher iſt der Nächſte?“ „Der auf dem Wege nach Bayonne!“ „Ja, es bleibt dabei, auf dem Wege nach Bayonne!“ „Das iſt der von Chätillon?“ „Und nach dem von Chätillon?“ „Der des Thurmes von Montlhéry, glaube ich.“ „Danke! auf Wiederſehen! Sonnabend werde ich Ihnen meine 4 Eindrücke mittheilen.“ An der Thüre begegnete der Graf den beiden Notaren, die ſoeben Valentine enterbt hatten, und ſich zu Hauſe begaben, ent zückt, eine Schrift aufgenommen zu haben, die ihnen große Ehre machen mußte. — Der Graf von Monte⸗GCbriſto. 52 b ——— ———ꝛ LXII. Das Mittel, einen Gärtner von Ratten zu befreien, die ſeine Bfirſichen freſſen. Niicht denſelben Abend, wie er geſagt hatte, aber am andern Morgen verließ der Graf von Monte⸗Chriſto Paris durch die Barriere de l'Enfer, ſchlug den Weg nach Orleans ein, paſſirte das Dorf Linas, ohne bei dem Telegraphen anzuhalten, der gerade in dem Augenblicke, als der Graf vorüber kam, ſeine langen, fleiſch⸗ loſen Arme bewegte, und erreichte den Thurm von Montlhety, der, wie Jeder weiß, auf dem höchſten Punkte der Ebene dieſes Na⸗ mens liegt. Am Fuße des Hügels ſtieg der Graf aus und fing an, auf einem kleinen, achtzehn Zoll breiten, gewundenen Fußpfade, den⸗ ſelben zu erſteigen. Auf dem Gipfel angelangt, fand er ſich durch eine Hecke aufgehalten, hinter welcher grüne Früchte den rothen und weißen Blüthen gefolgt waren. Monte⸗Chriſto ſuchte die Thüre des kleinen Geheges und fand ſie bald. Es war ein kleines hölzernes Gitter, das ſich in Angeln von Weidenruthen drehte, und mit einem Nagel und einem Endchen Bindfaden geſchloſſen ward. Der Graf begriff den einfachen Mechanis⸗ mus augenblicklich, und öffnete. Nun befand er ſich in einem kleinen Garten, von zwanzig Fuß Länge und zwölf Fuß Breite; von einer Seite durch die Hecke begrenzt, in welcher ſich die Maſchine, die wir mit dem Namen „Thier“ bezeichnet haben, befand, ſchützte ihn übrigens der alte Thurm, der ganz mit Epheu umzogen, und rings von Levkoyen und Veilchen umgeben war. Wer dieſen alten Thurm voll Riſſe, aber mit Blüthen um⸗ geben, wie eine Großmutter, der ihre Enkelchen zum Geburtstage andern ch die te das ade in ſleiſch „ der, § Na⸗ 1, auf 3 den⸗ durch n und fand Ingeln ndchen chanis⸗ wanzig Hecke lamen ralte boyen n um⸗ tstage — ⸗ ————————— 819 Glück wünſchen, ſo friedlich und zugleich ehrwürdig da ſtehen ſah, hätte nicht denken ſollen, daß derſelbe viele ſchauerliche und fürchter⸗ liche Geſchichten erzählen könnte, wenn er mit den Ohren, die das Sprichwort den Wänden beilegt, auch eine Stimme vereint hätte. Ein mit rothem Sand beſtreuter, und mit einer Einfaſſung von durch das Alter ehrwürdigem Buchsbaum, in verſchiedenen Figuren, deren kühne Formen das Auge Delacroix, des Rubens unſerer Zeit, erfreut haben würden, gezierter Weg, führte nach dem Garten, bis zum Eingange des Thurms. Indeſſen hatte derſelbe die Geſtalt einer 8 und gewährte ſo in einem Raume von zwanzig einen Spaziergang von ſechzig Fuß. Niemals war Flora, die lachende, blühende Göttin der guten Gärtner Latiums, ſorgſamer und zugleich liebevoller verehrt worden, als es hier in dieſem kleinen Gärtchen augenſcheinlich geſchah. Wirklich war an den vielleicht zwanzig wohlgepflegten Roſen⸗ ſtöcken, die das Bosket ausmachten, nicht die Spur einer Fliege, oder gar einer böſen Blattlaus zu entdecken, welche die Pflanzen, die auf feuchtem Boden wachſen, zu zernagen und auszuſaugen pflegen. Indeſſen fehlte die Feuchtigkeit dieſem Garten nicht, die Erde, ſchwarz wie Ruß, das durchſichtige Laubwerk der Bäume, bezeugten dies hinlänglich; übrigens bewies eine Tonne voll faulen⸗ den Waſſers, welche in einer Ecke des Gartens eingegraben war, und in welcher auf einer grünen Fläche ein Froſch und eine Kröte ſich befanden, die, wahrſcheinlich in einem Anfall übler Laune einander beſtändig den Rücken zukehrend, ſich immer an den ent⸗ gegengeſetzten Enden der Tonne aufhielten, daß hier durch künſt⸗ liche Feuchtigkeit, der etwa fehlenden natürlichen ſorgfältig nach⸗ geholfen wurde. Uebrigens kein Grashälmchen in den Wegen, kein Wucher⸗ pflänzchen in den Beeten; eine elegante Dame kann mit nicht größerer Sorgfalt die Pelargonien, Azaleen und Rhododendron ihrer porzellanenen Jardiniere pflegen, als der bis jetzt unſichtbare Herr dieſes kleinen Fleckchens, ſeine in demſelben grünenden und blühenden Schätze hegte und pflegte. Monte⸗Chriſto blieb ſtehen, nachdem er den Bindfaden wieder um den Nagel geſchlungen und ſo das Heiligthum vor unberufenen Eindringlingen geſchützt hatte, und überſah die ganze Beſitzung. 52* 820 „Es ſcheint,“ ſagte er,„daß der Telegraphiſt ſich einen Gärt⸗ ner hält, oder ſelbſt ein leidenſchaftlicher Gärtner iſt.“ Plötzlich ſtieß er an Etwas, das hinter einem dichten Strauche gekauert war; dieſes Etwas erhob ſich mit einem Ausrufe des Er⸗ ſtaunens und ſtellte ſich Monte⸗Chriſto in Geſtalt eines freundlichen Fünfzigers dar, welcher beſchäftigt geweſen war, Erdbeeren zu pflücken und dieſelben ſauber auf glänzende Weinblätter zu legen. Es waren zwölf Weinblätter und faſt eben ſo viel Erdbeeren. Der gute Mann hätte, indem er aufgeſchreckt in die Höhe fuhr, beinahe Erdbeeren, Blätter und Teller fallen laſſen. „Sie ſind bei der Ernte, mein lieber Mann?“ ſagte Monte⸗ Chriſto lächelnd. „Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der gute Mann, die Hand an die Mütze legend,„ich bin nicht dort oben, es iſt wahr, aber ich bin ſoeben erſt heruntergekommen.“ „Laſſen Sie ſich durch mich durchaus nicht ſtören, mein Freund,“ ſagte der Graf,„pflücken Sie Ihre Erdbeeren, wenn Sie ſonſt noch welche haben.“ „Ich habe noch zehn,“ ſagte der Mann,„denn hier ſind elf und einundzwanzig hatte ich, fünf Stück mehr, als im vorigen Jahr. Aber es iſt nicht zu verwundern, wir haben ein warmes Frühjahr gehabt, mein Herr, und die Erdbeeren müſſen Wärme haben. Darum habe ich dieſes Jahr ſtatt ſechzehn wie voriges Jahr, ſehen Sie, elf ſchon gepflückt, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, ſechzehn, ſiebzehn, achtzehn. O! mein Gott! da fehlen mir drei, ſie waren geſtern noch hier, gewiß, gnädiger Herr, ſie waren da, ich weiß es gewiß, ich habe ſie gezählt. Das muß der Sohn der Mutter Simon ſein, der ſie mir ſtibitzt hat; ich habe ihn heute Morgen hier umherſchleichen ſehen. Ahl der kleine Schlingel, in einem Garten zu ſtehlen! Bedenkt er denn nicht, wohin das führen kann?“ „Wirklich,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„es iſt zu arg, aber Sie werden den Delinquenten mit ſeiner Jugend entſchuldigen.“ „Gewiß,“ ſagte der Gärtner,„aber es bleibt nichts deſto weniger doch ſehr unangenehm. Aber nochmals Verzeihung, gnä⸗ diger Herr, doch wohl nicht ein Vorgeſetzter, den ich habe warten laſſen?“ — 2.—— hatte könne Mini Minu Tag die) Mon Freu eſſen, Ratte Gärt⸗ rauche 8 Er⸗ lichen en zu legen. eeren. fuhr, Monte⸗ nd an ber ich eund,“ ſonſt ind elf Jahr. ühjahr haben. ſehen czehn, waren ˖weiß Nuttet Norgen einem führen t Sie deſto gnä⸗ warten „ 821 Und dabei betrachtete er mit furchtſamem, aber forſchenden Blicke den Grafen und ſeinen blauen Rock. „Beruhigen Sie ſich, mein Freund,“ ſagte der Graf mit jenem Lächeln, welches, ganz wie er's wollte, ſo ſchrecklich oder ſo wohl⸗ wollend war, und dieſes Mal nur die einnehmendſte Freundlichkeit ausdrückte,„ich bin kein Vorgeſetzter, der kommt, um Sie zu con⸗ troliren, ſondern ein einfacher Reiſender, den die Neugier hierher führte, und der ſchon anfängt, ſich Vorwürfe über den Beſuch zu machen, weil Sie Ihre Zeit durch denſelben verlieren.“ „Ol meine Zeit iſt nicht koſtbar,“ antwortete der gute Mann mit einem melancholiſchen Lächeln.„Indeſſen iſt es die Zeit, wo der Telegraph arbeitet und die darf ich freilich nicht verlieren, doch hatte ich das Zeichen bekommen, daß ich eine Stunde ausruhen könne(er ſah nach einer Sonnenuhr, denn auch dieſe fehlte in dem Miniatur⸗Garten nicht) und da habe ich, wie Sie ſehen, noch zehn Minuten für mich, zudem waren meine Erdbeeren reif, und einen Tag länger... Uebrigens, ſollten Sie glauben, mein Herr, daß die Ratten ſie mir freſſen?“ „Meiner Treu, nein, das hätte ich nicht geglaubt,“ antwortete Monte Chriſto ernſthaft;„das ſind ja ſchlimme Nachbarn, mein Freund, die Ratten, für uns, die wir ſie nicht in Honig eingekocht eſſen, wie die Römer.“ „Ah! die Römer aßen ſie?“ ſagte der Gärtner,„ſie aßen Ratten?“ „Ich habe es im Petronius geleſen,“ antwortete der Graf. „Wirklich? das muß nicht gut ſchmecken, obgleich man ſagt: fett wie ein Ratz. Und es iſt nicht zu verwundern, daß ſie fett ſind, da ſie den ganzen lieben Tag ſchlafen und nur Nachts wachen und nagen. Sehen Sie, im vorigen Jahre hatte ich vier Apricoſen, davon haben ſie mir eine verzehrt. Ich hatte eine Blutpfrrſiche, eine Einzige nur, es iſt wahr, es iſt eine ſeltene Frucht, nun wohl! mein Herr, an der Seite der Mauer haben ſie ſie mir halb abgefreſſen; eine köſtliche Blutpfirſiche von der ſchönſten Sorte.“ „Sie haben ſie gefreſſen?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ja, die Hälfte, die ſie mir gelaſſen hatten, verſtehen Sie wohl? Sie war auserleſen, gnädiger Herr. Ach Teufel, dieſe Herren wählen nicht das Schlechteſte. Sie machen es wie der Junge ——ᷣ——ℳñ ————— 822 der Mutter Simon, der hat ſich auch nicht mit dem Schlechteſten begnügt. Aber dieſes Jahr,“ ſagte der Gartenfreund,„ſoll mir das nicht wieder paſſiren, und ſollte ich, wenn die Früchte anfangen zu reifen, Nachts bei ihnen wachen.“ Monte⸗Chriſto hatte genug gehört. Jeder Menſch hat ſeine Lieblingsneigung, die ihm keine Ruhe läßt, wie jede Frucht ihren Wurm hat; die des Telegraphiſten war die Gärtnerei. Er brach Weinblätter aus, welche den Trauben die Sonne entzogen hatten, und gewann dadurch das Herz des Gärtners. „Der Herr ſind gekommen, um den Telegraphen zu ſehen?“ fragte er. „Ja, guter Freund, wenn es nicht etwa durch das Reglement verboten iſt?“ „O! durchaus nicht verboten,“ ſagte der Gärtner,„es kann ja keine Gefahr dabei ſein, indem Niemand wiſſen kann, was wir ſagen.“ „Ja, das iſt wahr, ich habe gehört, Sie verſtänden ſelbſt die Zeichen nicht, die Sie machten.“ „Gewiß, mein Herr, und das iſt mir auch ſehr lieb,“ ſagte der Telegraphiſt lachend. „Warum iſt Ihnen das lieb?“ „Weil ich auf dieſe Art keine Verantwortlichkeit habe. Ich bin eine Maſchine, und weiter nichts, und wenn ich kein Zeichen verſäume, ſo habe ich meine Pflicht gethan.“ Monte⸗Chriſto ſah den Telegraphiſten verwundert an, ſollte er an einen Mann ohne Ehrgeiz gerathen ſein? Blitz, das wäre ſchlimm. „Mein Herr,“ ſagte der Gärtner, einen Blick auf den Sonnen⸗ zeiger werfend,„die zehn Minuten ſind verfloſſen, ich gehe an meinen Poſten. Iſt Ihnen gefällig mit mir zu kommen?“ „Ich folge Ihnen.“ Der Telegraphiſt führte den Grafen in den drei Stockwerke enthaltenden Thurm ein. Das untere enthielt einiges Arbeits⸗ geräth, als Hacken, Spaten, Rechen, Gießkannen, welches an die Mauer gelehnt, deſſen einziges Ameublement ausmachte. Das zweite war die gewöhnliche, oder vielmehr nächtliche Woh Gerä Sand trodi Lupir an je des Mand Gar Zeit fünf nit das ggen zu ſeine tihren Sonne 8. ſehen?“ glement 3 kann das wir lbſt die * ſagte 2. Jch Zeichen ſollte er 8 wäre Sonnen⸗ gehe an ockwerke Arbeits⸗ an die ächtliche 82³⁸ Wohnung des Beamten; es enthielt einige ärmliche Wirthſchafts⸗ Geräthe, ein Bett, einen Tiſch, zwei Stühle, ein Waſſergefäß von Sandſtein, dann an den Wänden aufgehängt, einige Büſchel ge⸗ trocknete Kräuter, unter denen der Graf wohlriechenbe Wicken und Lupinen erkannte, die der gute Mann in ihren Hülſen aufbewahrte; an jedem war eine Etiquette mit der Sorgfalt eines Botanikers des Jardin des Plantes angebracht. „Bedarf man viel Zeit um die Telegraphie zu erlernen, guter Mann?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Das Studium iſt nicht lang,“ ſagte der Beamte. „Und wie hoch beläuft ſich der Gehalt?“ „Tauſend Franken, gnädiger Herr.“ „Das iſt nicht viel.“ „Nein, aber man hat eine Wohnung, wie Sie ſehen.“ Monte⸗Chriſto ſah ſich in dem Gemache um. „Die Wohnung wird ihm doch nicht an's Herz gewachſen ſein!“ murmelte er. Sie gingen in das dritte Stockwerk; hier war das Arbeits⸗ zimmer, das heißt, wo die Maſchinerie in Bewegung geſetzt wurde. Monte⸗Chriſto betrachtete die beiden eiſernen Handhaben, vermöge deren der Beamte die Maſchine ſpielen ließ. „Das iſt ſehr intereſſant,“ ſagte er,„muß aber auf die Länge doch ziemlich langweilig ſein.“ „Ja im Anfange bekommt man einen ſteifen Hals von dem angeſtrengten Sehen, aber nach ein oder zwei Jahren iſt man daran gewöhnt; dann haben wir auch unſere Ruheſtunden und unſere Vacanztage.“ „Ihre Vacanztage?“ „Ja, wenn es nebligt iſt.“ „Ach ja, das iſt richtig.“ „Das ſind für mich Feſttage; ich bringe dieſelben ganz im Garten zu; ich pflanze, jäte, beſchneide, raupe, ſo vergeht mir die Zeit nur zu ſchnell.“ „Wie lange ſind Sie ſchon hier?“ „Seit zehn Jahren und fünf Jahre als Supernumerar, alſo fünfzehn Jahre.“ „Wie alt ſind Sie?“ „Fünſzig Jahre.“ „Und wie lange müſſen Sie dienen, um auf Penſion Anſpruch machen zu können?“ „Ach! gnädiger Herr, fünfundzwanzig Jahre.“ „Und wie hoch beläuft ſich die Penſion?“ „Auf hundert Thaler.“ „Arme Menſchheit!“ murmelte Monte⸗Chriſto. „Was beliebt? mein Herr...“ fragte der Beamte. „Ich ſage, daß dies Alles ſehr intereſſant iſt.“ „Was?“ „Alles, was ich hier höre und ſehe.... Und Sie verſtehen wirklich gar nichts von den Zeichen?“ „Durchaus gar nichts.“ „Haben Sie niemals verſucht, ſie kennen zu lernen?“ „Niemals, wozu das?“ „Indeſſen giebt es auch Zeichen für Sie beſonders⸗ 4 „Ohne Zweifel.“ „Und die verſtehen Sie?“ „Es ſind immer dieſelben.“ „Und ſie ſagen?“ „Nichts Neues... Ihr habt eine Stunde frei.. oder auf morgen.“ „Das iſt ja ſehr unſchuldig,“ ſagte der Graf,„aber, ſehen Sie doch, ſetzt ſich nicht Ihr Correſpondent jetzt in Bewegung?“ „Ach! es iſt wahr; Dank, mein Herr.“ „Und was ſagt er? es iſt etwas, das Sie verſtehen?“ „Ja; er fragt mich, ob ich fertig bin.“ „Und Sie antworten ihm?“ „Durch daſſelbe Zeichen, welches zugleich meinem Sarreſpon⸗ denten zur Rechten anzeigt, daß ich fertig bin, während es den zur Linken auffordert, ſich auch bereit zu halten.“ „Das iſt ſehr ſinnreich,“ ſagte der Graf. „Sie ſollen ſehen,“ erwiderte der gute Mann ſtolz,„in fünf Minuten wird er reden.“ „Ich habe alſo noch fünf Minuten mehr Zeit als ich brauche,“ dachte Monte⸗Chriſto.„Mein lieber Herr,“ ſagte er dann laut, „erlauben Sie mir, Ihnen eine Frage vorzulegen?“ rreſpon⸗ den zur in fünf tauche,“ n laut, „Immerhin.“ „Sie lieben die Gärtnerei?“ „Leidenſchaftlich.“ „Und würden ſich glücklich fühlen, wenn Sie ſtatt einer Ter⸗ raſſe von zwanzig Fuß, einen Garten von zwei Morgen hätten?“ „Mein Herr, ich würde ein irdiſches Paradies daraus machen.“ „Mit Ihren tauſend Franken müſſen Sie ſich ſehr einſchränken?“ „Sehr; indeſſen ich kann leben.“ „Ja, aber Sie haben nur ein erbärmliches Gärtchen.“ „O! das iſt nur zu wahr, der Garten iſt nicht groß.“ „Und ſo klein er iſt, ſind noch dazu Ratten darin, die Alles auffreſſen.“ „Ja, das iſt meine Plage.“ „Sagen Sie mir, wenn Sie unglücklicherweiſe nicht hinſähen, während Ihr Correſpondent an zu arbeiten finge?...“ „Dann könnte ich die Zeichen nicht machen.“ „Und was geſchähe dann?“ „Wenn ich ſie aus Nachläſſigkeit verſäumt hätte, würde ich in Strafe genommen.“ „Wie viel betrüge die?“ „Hundert Franken.“ „Der zehnte Theil Ihrer Einnahme; das iſt luſtig!“ „Ach!...“ ſagte der Beamte. „Iſt es Ihnen ſchon begegnet?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Einmal, gnädiger Herr, als ich einen Noiſette⸗Roſenſtock okulirte.“ „Gut. Wenn Sie es ſich nun aber plötzlich einfallen ließen, die Zeichen zu ändern, oder ein ganz anderes Signal zu geben?“ „Das iſt ein anderer Fall, dann würde ich fortgejagt, und verlöre die Penſion.“ 1 „Dreihundert Franken?“ „Hundert Thaler, ja, mein Herr; aber Sie ſehen ein, daß ich niemals ſo etwas thun werde.“ „Auch nicht für eine Summe, die ſo viel ausmachte, wie fünf⸗ zehn Jahre Ihres Gehaltes? Das verdient Ueberlegung, he?“ „Für fünfzehntauſend Franken?“ „Ja.“ „Gnädiger Herr, Sie erſchrecken mich.“ „Pah!“ „Mein Herr, wollen Sie mich in Verſuchung führen?“ „Ja, fünfzehntauſend Franken! Verſtehen Sie wohl?“ „Mein Herr, laſſen Sie mich nach meinem Correſpondenten von der rechten Seite ſehen!“ „Im Gegentheil, ſehen Sie nicht hin, und ſehen Sie dies.“ „Was iſt das?“ „Wiel Sie kennen dieſe kleinen Papierchen nicht?“ „Bankzettel?“ „Ja, einfache; es ſind fünfzehn Stück.“ „Und für wen ſind ſie beſtimmt?“ „Für Sie, wenn Sie wollen.“ „Für mich?“ rief der Telegraphiſt athemlos. „Mein Herr, jetzt fängt mein Correſpondent zur Rechten an zu gehen.“ „Laſſen Sie ihn gehen.“ „Mein Herr, Sie haben mich geſtört, ich werde Strafe geben müſſen.“ „Das wird Ihnen hundert Franken koſten, Sie ſehen alſo wohl, daß Sie alle Urſache haben, meine fünfzehn Banknoten zu nehmen.“ „Gnädiger Herr, mein Correſpondent zur Rechten wird un⸗ geduldig, er verdoppelt ſeine Signale.“ „Laſſen Sie ihn, und nehmen Sie.“ Der Graf gab die Banknoten dem Beamten in die Hand. „Jetzt,“ ſagte er,„es iſt noch nicht Alles: mit Ihren fünfzehn⸗ tauſend Franken können Sie nicht leben.“ „Ich habe ja noch meine Stelle.“ „Nein, die werden Sie verlieren; denn Sie werden andere Zeichen machen, wie Ihr Correſpondent.“ „O! gnädiger Herr, was muthen Sie mir zu?“ „Eine Kinderei.“ „Mein Herr, wenn ich nicht dazu gezwungen werde...“ „Ich beabſichtige wirklich, Sie zu zwingen.“ Und Monte⸗Chriſto zog ein zweites Päckchen aus der Taſche „Hier ſind noch zehntauſend Franken⸗Scheine,“ ſagte er;„das ſechten an aſe geben then alſo iinoten zu wird un⸗ Hand. fünfzehn⸗ den andere 6 . er Tiſche er;„das 827 macht mit den fünfzehn, die Sie ſchon in Ihrer Taſche haben, fünfundzwanzigtauſend Franken. Für fünftauſend Franken kaufen Sie ſich ein hübſches Häuschen und einen Garten von zwei Mor⸗ gen, und die andern zwanzigtauſend ſichern Ihnen tauſend Franken jährliche Renten.“ „Einen Garten von zwei Morgen!“ „Und tauſend Franken jährlich.“ „Mein Gott! mein Gott!“ aber ſo nehmen Sie doch.“ Und Monte⸗Chriſto ſteckte die zehntauſend Franken mit Ge⸗ walt dem Beamten in die Hand. „Was ſoll ich thun?“ „Nichts Schweres.“ „Aber was denn?“ „Dieſes Zeichen nachmachen.“ Monte⸗Chriſto nahm ein Blatt aus ſeiner Taſche, worauf einige Zeichen mit allen dabei zu beobachtenden Formalitäten genau angegeben waren. „Es iſt nicht viel, wie Sie ſehen.“ „Ja, aber... „Es iſt, damit Sie ſich recht viel Blutpfirſiche anlegen, und ſich ſelbſt mit Vertilgung der Ratten befaſſen können.“ Dieſe Bemerkung entſchied, mit fieberhaft glühenden Wangen und großen Schweißtropfen auf der Stirn machte der Telegraphiſt die von dem Grafen ihm gegebenen Zeichen, ungeachtet der drohen⸗ den Stellung des Correſpondenten zur Rechten, der, dieſe Unregel⸗ mäßigkeit nicht begreifen könnend, anfing zu fürchten, daß der Mann mit den Pfirſichen verrückt geworden ſei. Der Correſpondent zur Linken machte gewiſſenhaft dieſelben Zeichen, wodurch ſie dem Miniſterium des Innern zukamen. „Nun ſind Sie alſo reich,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Ja,“ antwortete der Beamte,„aber um welchen Preis?“ „Hören Sie, mein Freund,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich will nicht, daß Ihr Gewiſſen Ihnen Vorwürfe machen ſoll, glauben Sie mir, denn ich ſchwöre Ihnen, Sie haben Niemand Unrecht gethan, ſondern ſind nur ein Werkzeug in der Hand Gottes geweſen.“ Der Beamte betrachtete die Banknoten, befühlte, zählte ſie; 828 er ward bald bleich, bald roth; endlich ſtürzte er nach ſeiner Stube, um ein Glas Waſſer zu trinken, aber er kam nicht bis zu dem Waſſerkruge, ſondern fiel ohnmächtig auf ſeine Wicken und Lupinen. Fünf Minuten nachdem die telegraphiſche Nachricht im Mi⸗ niſterium des Innern angelangt war, ließ Dobray anſpannen, und flog zu Danglars. „Ihr Mann hat Coupons auf die ſpaniſche Anleihe?“ ſagte er zu der Baronin. „Das wollte ich meinen! Er hat für ſechs Millionen.“ „Er muß ſie ſogleich à tout prix verkaufen.“ „Warum das?“ „Weil Don Carlos aus Bourgos entflohen, und wieder in Spanien iſt.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Parbleu!“ ſagte Dobray achſelzuckend;„wie ich alle Nach⸗ richten erfahre.“ Die Baronin ließ es ſich nicht zweimal ſagen, ſie eilte zu ihrem Manne, dieſer eilte zu ſeinem Wechſelagenten, und beauf⸗ tragte um jeden Preis zu verkaufen. Als man ſah, daß Danglars verkaufte, fielen die ſpaniſchen Fonds augenblicklich. Danglars verlor fünfhunderttauſend Franken dabei, aber er entledigte ſich aller ſpaniſchen Coupons. Am Abend las man im Meſeager: Telegraphiſche Depeſche. „Der König Don Carlos iſt, aller Wachſamkeit ungeachtet, von Bourgos entflohen, und an der cataloniſchen Grenze in Spanien eingedrungen. Barcellona iſt für ihn aufgeſtanden.“ Den ganzen Abend war nun von der Vorausſicht Danglars die Rede, der zu rechter Zeit verkauft hatte, und von der Gewandt⸗ heit des Banquiers, der nur fünfhunderttauſend Franken bei einem ſolchen Schlage verlor. Diejenigen, welche ihre Coupons behalten, oder von Danglars gekauft hatten, betrachteten ſich als ruinirt, und hatten eine ſchlechte Nacht. Den folgenden Tag las man im Moniteur: pfiſichen alle Nach— ie eilte zu und beauf⸗ ſpaniſchen d Franken achtet, von n Spanien Danglars Gewandt⸗ bei einem Danglars atten eine „Die geſtern von dem Meſſager angekündigte Flucht des Don Carlos und der Aufſtand von Barcellona iſt völlig unbegründet. Der König Don Carlos hat Bourgos nicht verlaſſen, und die Halbinſel genießt der größten Ruhe. Ein, wegen des Nebels falſch nachgemachtes telegraphiſches Zeichen hat dieſen Irrthum veranlaßt.“ Die Fonds ſtiegen noch einmal ſo hoch als ſie vorher geſtan⸗ den hatten. Das machte durch Verluſt und verſäumten Gewinn eine Dif⸗ ferenz von einer Million für Danglars. „Gut!“ ſagte Monte⸗Chriſto zu Morrel, der in dem Augen⸗ blicke, wo die merkwürdige Börſenumwälzung bekannt wurde, deren Opfer Danglars war, bei ihm war,„ich habe für fünfundzwanzig⸗ tauſend Franken eine Entdeckung gemacht, für die ich hunderttauſend gegeben haben würde.“ „Was haben Sie denn entdeckt?“ fragte Maximilian. „Das Mittel, einen Gärtner von Ratten zu befreien, die ſeine Pfirſichen freſſen.“ nn——ÿ—ÿͦꝛÿ-ꝛʒ-ꝭ˖ꝭ˖§ä˖äyy —— A LXIII. Geſpenſter.. Beim erſten Anblick, und von außen betrachtet, zeichnete das Haus in Auteuil ſich nicht auf die Weiſe aus, wie man es von einer Beſitzung des prachtliebenden Grafen von Monte⸗Chriſto hätte erwarten ſollen; indeſſen dieſe Einfachheit war ausdrücklicher Wille des Beſitzers, welcher befohlen hatte, daß im Aeußern nichts ver⸗ ändert werde; den Nabob fand man dagegen im Innern des Hau⸗ ſes, denn ſowie man die Schwelle überſchritten hatte, veränderte ſich die Scene. Meſſer Bertuccio hatte ſich hinſichtlich des Geſchmacks im Ameublement und der Schnelligkeit der Ausführung, ſelbſt übertroffen. Wie einſt der Herzog von Autin in einer Nacht eine Allee verſchwinden machte, die den Blick Ludwig XIV. hemmte, ſo hatte Bertuccio in Zeit von drei Tagen einen völlig kahlen Hof mit ſchönen Pappeln bepflanzen laſſen, die mit ihren ungeheuren Wur⸗ zeln eingeſetzt die Haupt⸗Façade des Hauſes beſchatteten, vor welcher ſtatt des von Gras überwucherten Pflaſters, ein Raſenplatz ſich aus⸗ dehnte, der erſt friſch gelegt, einen herrlichen grünen Teppich bil⸗ dete, der noch von den Perlen des Waſſers glänzte, mit dem er unaufhörlich begoſſen war. Uebrigens kamen die Anordnungen von dem Grafen, der Ber⸗ tuccio einen Plan gegeben hatte, welcher die Zahl und den Platz der Bäume, ſowie die Form und die Größe des Raſenplatzes be⸗ ſtimmte, der das Pflaſter erſetzen ſollte. So angeſehen, war das Haus unkenntlich geworden; und Ber⸗ tuccio ſelbſt verſicherte, daß er es in ſeiner grünen Umhüllung nicht wieder erkannt haben würde. Der Haushofmeiſter würde es nicht ungern geſehen haben, Alumen vm er örin das All Zwang, Was die tiefe in Ano 1 unbewohn gan dur I dun Ger ſchein de den der Ja otzüglic ſeine Liel Autz de Mngen S Njenen ſo unſerer gezwung alketen nete das lan es don hiſd hütte icher Wille nichts ver⸗ des Hau⸗ veränderte ſmacks im übertroffen. eine Allee e, ſo hatte n Hof mit iren Wur⸗ dor welcher t ſich aus⸗ reppich bil⸗ mit dem er /, der Ber⸗ den Platz platzes be⸗ und Ber⸗ Ulung nicht hen haben, 831 wenn er auch in dem Garten einige Veränderungen hätte machen dürfen; doch hatte der Graf auf das Strengſte verboten, auch nur das Allermindeſte zu ändern. Bertuccio entſchädigte ſich für dieſen Zwang, indem er Vorzimmer, Treppen und Kamingeſimſe mit Blumen überhäufte. Was die ungemeine Geſchicklichkeit des Haushofmeiſters und die tiefe Einſicht des Herrn, des Einen im Ausführen, des Andern im Anordnen, bewies, war, daß dieſes ſeit zwanzig Jahren unbewohnt geweſene, noch vor drei Tagen öde und düſtre Haus, ganz durchdrungen von jenem faden, dumpfigen Geruch, den man den Geruch der Zeit nennen möchte, in zwei Tagen mit dem An⸗ ſchein der Lebendigkeit und Friſche, den Duft angenommen hatte, den der Herr liebte. Ja der Graf fand bei ſeiner Ankunft Waffen, Bücher und die vorzüglichſten Gemälde geordnet, in den Vorzimmern erblickte er ſeine Lieblingshunde und die Vögel, deren Geſang er ſo gern hörte. Kurz, das ganze Haus war wie durch einen Zauberſchlag aus ſeinem langen Schlummer erwacht, und glich lebend, friſch und ſtrahlend, jenen ſo lange geliebten Häuſern, in denen unwillkürlich ein Theil unſerer Seele zurückbleibt, wenn wir ſie, durch irgend ein Unglück gezwungen, verlaſſen müſſen. Die Bedienten belebten fröhlich den ſchönen Hof, einige ar⸗ beiteten ſo heiter in den Küchen, als ſei ihnen Alles längſt bekannt, die andern ordneten die Wagen in den Remiſen, als gingen ſie wiele Jahre ſchon hier ein und aus. Die Stallknechte machten ſich mit den munter wiehernden Pferden zu ſchaffen und gingen ach⸗ tungsvoller mit ihnen um, als viele Diener mit ihren Herren. Die Bibliothek enthielt faſt zweitauſend Bücher, die ſich in ihren ſchönen, roth und goldenen Einbänden präſentirten. Auf der andern Seite des Hauſes befand ſich das Gewächshaus, in welchem die ſeltenſten und theuerſten Pflanzen in ſchönen ja⸗ paniſchen Vaſen prangten, während in der Mitte des Gewächshau⸗ ſes ein vorzügliches Billard die Augen feſſelte, welches erſt vor Kurzem von den Spielern verlaſſen zu ſein ſchien, indem die Kugeln auf dem Teppich zerſtreut waren. Ein einziges Zimmer hatte der vortreffliche Bertuccio reſpec⸗ tirt; vor dieſem, im linken Winkel des erſten Stockwerkes be⸗ 83² legenen Gemache gingen die Bedienten neugierig, Bertuccio ſcheu vorüber. Präcis fünf kam der Graf, von Ali gefolgt, vor dem Hauſe von Auteuil an. Bertuccio hatte ſie halb ungeduldig, halb un⸗ ruhig erwartet, er hoffte einiges Lob von ſeinem Herrn, und fürch⸗ tete deſſen Stirnrunzeln. Monte⸗Chriſto durchſchritt ſchweigend und ohne das mindeſte Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung Hof, Haus und Garten. Nur als er in ſein an der entgegengeſetzten Seite des ver⸗ ſchloſſenen Gemachs gelegenes Schlafzimmer trat, ſtreckte er die Hand gegen das Schiebfach eines kleinen Tiſches von Roſenholz aus, den er ſchon lange beſaß und ſagte: „Das kann nur zum Aufbewahren der Handſchuhe dienen. „Gewiß, Exellenza,“ entgegnete Bertuccio entzückt,„öffnen Sie, und Sie werden Handſchuhe finden.“ Der Graf fand in dem Zimmer Alles, worauf er gerechnet haben könnte: Flacons, Cigarren und Bijoux. „Es iſt gut,“ ſagte er endlich. Und Bertuccio zog ſich ganz glücklich zurück, ſo groß war der mächtige Einfluß dieſes Mannes auf ſeine Umgebung. Punkt ſechs hörte man von der Einlaß⸗Pforte das Getrappel eines Pferdes, es war unſer Capitain der Saphi’s, der auf der Medeah ankam. Monte⸗Chriſto erwartete ihn lächelnd auf der Freitreppe. „Da bin ich,“ rief Morrel,„und gewiß der Erſte, und ich habe geeilt, um noch mit Ihnen allein zu ſein. Julie und Emanuel laſſen Ihnen viel Schönes ſagen. Aber wiſſen Sie, daß es hier entzückend iſt? Ich bitte Sie, Graf, werden Ihre Leute auch für mein Pferd ſorgen?“ „Seien Sie unbeſorgt, beſter Maximilian.“ „Ja, es bedarf der Sorgfalt, kannten Sie ſeinen Gang, faſt dem Winde gleich!“ „Ei, ich glaube es, ein Pferd für fünftauſend Franken!“ ent⸗ gegnete Monte⸗Chriſto in dem Tone eines Vaters gegen ſein Kind. „Iſt es Ihnen leid?“ fragte Morrel mit ſeinem freundlichen Lächeln. N bedauern 9 Renaud, Dobrah, konnte, 3 Baroni 9 Der 6 gerechnet war der Getrappel auf der eppe. , und ich d Emanuel ß es hier te auch für Gang, faſt nken!“ ent⸗ ſein Kind. reundlichen 833 „Mir leid? Davor bewahre mich Gott! Nein, ich würde nur bedauern, wenn das Pferd vielleicht nichts taugte.“ „Ach, es iſt ſo gut, mein theurer Graf, daß Herr von Chateau⸗ Renaud, einer der bedeutendſten Kenner Frankreichs, und Herr Dobray, der die Araber des Miniſters reitet, mich nicht einholen konnte, und noch hinter ihnen folgen die Pferde der Baronin Dang⸗ lars, die doch ſechs Stunden in einer Meile zurückzulegen vermögen.“ „Alſo folgen ſie Ihnen?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ja wohl, da kommen ſie.“ In der That hielt in demſelben Augenblicke ein leichter Wagen mit noch dampfenden Pferden vor dem Gitter, welches ſich vor ihnen öffnete. Die Equipage hielt vor dem Hauſe, zwei Cavaliere folgten dem Wagen. Augenblicklich ſprang Dobray vom Pferde, eilte an den Schlag und bot der Baronin ſeinen Arm, die ihn mit einer, Allen außer Monte⸗Chriſto unbemerkbaren Bewegung annahm. Der Graf ſah, wie ein weißes Billet in die Hand des Herrn Dobray glitt, ob⸗ gleich es kaum das Werk eines Augenblickes war und ſehr geſchickt gemacht wurde. Hinter ſeiner Frau verließ der Banquier den Wagen, bleich. als verließe er ſtatt ſeiner Equipage den Leichenwagen. Frau von Danglars ſah ſich mit einem Blicke ringsum, den nur ein Forſcher wie der Graf, etwas verſtehen konnte. Dann er ſtieg ſie die Treppe, eine Bewegung zurückdrängend, die ſie bleich gemacht haben würde, wenn ſie ihr Geſicht nicht ganz zu beherrſchen gewußt hätte. Dann ſich zu Morrel wendend, ſagte ſie: „Mein Herr, wären Sie einer meiner Freunde, ſo würde ich fragen, ob Ihr Pferd zu verkaufen ſei?“ Morrel'’'s Lächeln glich faſt einer Grimaſſe, bittend wandte er ſich an den Grafen, ihn aus dieſer Verlegenheit zu befreien. Dieſer verſtand ihn. „Ach, gnädige Frau,“ rief er,„weshalb richten Sie Ihre Frage nicht an mich?“ „Von Ihnen etwas zu wünſchen, Herr Graf, iſt unmöglich, man kann zu feſt überzeugt ſein, es zu erhalten,“ entgegnete die Baronin.„Ich wendete mich an Herrn Morrel....“ „Leider!“ rief der Graf,„bin ich Zeuge, daß Herr Morrel Der Graf von Monte⸗Chriſto. 3 53 834 dieſes Pferd Niemand überlaſſen darf, ſeine Ehre hängt davon ab, daß er es behält.“ „Wie iſt das möglich?“ 1 „Er hat gewettet, Medeah in ſechs Monaten zu zähmen. Sie begreifen jetzt wohl, meine gnädige Frau, daß er nicht nur ver⸗ liert, wenn er es vor dieſer Zeit veräußert, ſondern daß man auch glauben würde, er habe Furcht gehabt; und ein Capitain der Sa⸗ phi's darf kein ſolches Gerücht über ſich laut werden laſſen, ſelbſt nicht einer ſchönen Frau zu Gefallen, was, ich gebe es zu, ge⸗ wiß zu den wichtigſten Sachen dieſer Welt gehört.“ „Sie ſehen ſelbſt, Frau Baronin,“ ſagte Morrel, den Grafen dankbar anblickend. „Es ſcheint mir übrigens,“ wandte Danglars grämlich ein, „als ob Sie, Madamo, eine hinlängliche Anzahl Pferde beſäßen.“ Es war Frau von Danglars Art nicht, ſolche Angriffe ohne eine raſche Erwiderung zu laſſen, die jungen Leute waren deshalb ſehr überraſcht, als ſie die Worte ihres Mannes ſchweigend zu überhören ſchien. Monte⸗Chriſto belächelte dieſes Schweigen, das eine ſo un⸗ gewohnte Nachſicht verrieth, und zeigte der Baronin zwei ungemein große Töpfe von chineſiſchem Porzellan, um welche ſich Seepflanzen ſchlangen, welche nur die Natur in ſolcher Herrlichkeit und Größe zu ſchaffen vermocht hatte. Die Baronin war überraſcht. „Aber man könnte einen Kaſtanienbaum aus den Tuilerien in die Töpfe pflanzen,“ ſagte ſie,„und giebt es wohl einen Ofen, in dem ſie gebrannt werden konnten?“ „Ach, gnädige Frau, darnach muß man unſer Einen nicht fragen, dieſe Frage gehört einem andern Zeitalter an, und iſt ein Werk der Erd⸗ und Meergeiſter.“ „Wie ſo, und aus welcher Zeit kann es ſein?“ „Ich weiß es nicht, und habe nur gehört, ein Kaiſer von China habe einen eigenen Ofen bauen laſſen, um zwölf ſolcher Töpfe, einen nach dem andern darin zu brennen. Zwei zerbrachen durch die Gewalt des Feuers, die zehn übrigen verſenkte man 300 Klaf⸗ tern tief in's Meer. Dieſes wiſſend, was man von ihm verlange, umflocht ſie mit ſeinen Lianen und Korallen, und überzog ſie mit einen zweih Opſer ceem des J waren die d Man 3c! gehei ſtarre Myri dieſer hatte berau begin Trau davon ab „ ſen. Eie nur ver⸗ man auch der Sa⸗ en, ſelbſt du, ge⸗ n Grafen nlich ein, beſäßen.“ riffe ohne deshalb igend zu de ſo un⸗ ungemein eepflanzen nd Größe lerien in Ofen, in inen nicht nd iſt ein von China er Töpfe, hen durch 300 Klaf⸗ verlange, g ſie mit 83³3⁵ ſeinen Muſcheln. In den unermeßlichen Tiefen ward das Ganze zweihundert Jahre hindurch feſt verkittet. Der Kaiſer ward das Opfer einer Revolution, und man fand nur ein Protocoll, aus wel⸗ chem man deutlich erſah, daß dieſe Vaſen noch auf dem Grunde des Meeres ruhten. Als nun die zweihundert Jahre vergangen waren, baute man Maſchinen, um den Tauchern behilflich zu ſein, die dieſe Wunderwerke dem Licht des Tages zurückgeben ſollten. Man fand nur noch drei, die Wogen hatten die übrigen zerſchellt. Ich liebe dieſe Vaſen, denn ich denke mir, daß die unförmigen, geheimnißvollen Ungeheuer, welche nur die Taucher ſehen, ihre ſtarren, kalten Blicke mit Erſtaunen darauf gerichtet und daß Myriaden kleiner Fiſche ſich vor den Verfolgungen ihrer Feinde in dieſen Vaſen ſicher gefühlt haben.“ Danglars, der eben kein Freund ſolcher Merkwürdigkeiten war, hatte einige herrliche Orangenbäume maſchinenmäßig ihrer Blüthen beraubt und ging zu einem Cactus, um mit ihm daſſelbe Spiel zu beginnen; dieſer jedoch, weniger ſanft, ſtach ihn heftig. Zitternd rieb er ſich die Augen, als erwachte er aus einem Traume. „Mein Herr,“ ſagte Monte⸗Chriſto lächelnd,„ich darf nicht wagen, Sie auf meine Gemälde aufmerkſam zu machen, da Sie ſelbſt ſo ausgezeichnete beſitzen, aber dieſe zwei Hobbema's, dieſer Paul Potter, dieſer Mieris, zwei Gérard Dow's, ein Raphael, ein van Dyk, ein Zurbaran und zwei oder drei Murillo's ſind viel⸗ leicht Ihres Urtheils würdig.“ „Ach, in der That, ich kenne dieſen Hobbema.“ „Wirklich?“ „Ja, er wurde dem Muſeum angeboten.“ „Welches noch keinen hat,“ warf Monte⸗Chriſto hin. „Nein, aber man hat deſſen ungeachtet den Kauf abgelehnt.“ „Weshalb das?“ fragte Chateau⸗Renaud. „Ach Sie ſind köſtlich, weil das Gouvernement nicht reich genug iſt.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Chateau⸗Renaud,„ich höre ſeit acht Jahren von dieſen Dingen reden, kann mich jedoch noch nicht daran gewöhnen.“ „Das kommt noch,“ tröſtete Dobray. 53* „Ich glaube nicht,“ entgegnete Chateau⸗Renaud. „Der Herr Major Bartolomeo Cavalcanti und der Herr Graf Andrea Cavalcanti,“ meldete Baptiſtin. Eine, eben aus den Händen der Fabrikanten hervorgegangene ſchwarze Atlascravatte, ein gut geſtutzter Bart, ein grauer Schnurr⸗ bart, ein ſicherer Blick, und die, mit fünf Kreuzen und drei Ster⸗ nen geſchmückte Uniform, bezeichneten den tadelloſen, alten Soldaten, den uns bekannten zärtlichen Vater Bartolomeo Cavalcanti. Neben ihm bemerkte man den, uns gleichfalls bekannten auf⸗ merkſamen Sohn Andrea, in ganz neuer Kleidung und mit dem ſüßeſten Lächeln auf den Lippen. Die drei jungen Leute ſchwatzten zuſammen, ihre Blicke haf⸗ teten natürlich länger auf dem Letzteren, den ſie faſt zergliederten. „Cavalcanti!“ ſagte Dobray. „Tauſend, ein ſchöner Name,“ rief Morrel. „O ja,“ entgegnete Chateau⸗Renaud,„dieſe Italiener nennen ſich gut, kleiden ſich jedoch ſchlecht.“ „Bahl! Sie verlangen zu viel, Chateau⸗Renaud,“ lachte Dobray, „ſeine Kleidung iſt aus den Händen eines vorzüglichen Kleiderkünſt⸗ lers hervorgegangen und ganz neu.“ „Das iſt's eben, was ich tadle. Dieſer Herr ſieht gerade aus, als habe er ſich heute zum erſten Male gut gekleidet.“ „Wer ſind dieſe Herren?“ fragte Danglars den Grafen. „Sie haben es ja gehört, die Herren von Cavalcanti.“ „Da weiß ich zwar ihren Namen, weiter jedoch nichts.“ „Ach, es iſt wahr, Sie kennen den italieniſchen Adel nicht, der Name Cavalcanti bezeichnet eine fürſtliche Familie.“ „Ein großes Vermögen?“ fragte der Banquier. „Fabelhaft.“ „Was treiben ſie?“ „Sie verſuchen ihre Gelder zu verzehren, es gelingt ihnen aber nicht. Uebrigens haben ſie Creditbriefe auf Sie, und nur Ihretwegen ſind beide Herren heute hier. Erlauben Sie mir, ſie Ihnen vorzuſtellen.“ „Aber es ſcheint mir, als ſprächen ſie das Franzöſiſch faſt rein,“ entgegnete Danglars. „Ja, der Sohn iſt in einem Inſtitute zu oder bei Marſeille erzogen worden. Sie werden ihn ganz enthuſiasmirt finden.“ „Wovon?“ fragte die Baronin. „Von den Franzoſen, gnädige Frau. Er will durchaus eine Pariſerin heirathen.“ „Ein guter Gedanke!“ rief Danglars achſelzuckend. Seine Frau ſchleuderte ihm einen Blick zu, der in jedem an⸗ dern Augenblicke einen Sturm verkündet haben würde, aber zum zweiten Male ſchwieg ſie. „Der Baron ſcheint heute mißgeſtimmt,“ wandte ſich Monte⸗ Chriſto an Frau von Danglars,„will man ihn vielleicht zum Mi⸗ niſter machen?“ „Nein, noch nicht, glaube ich. Ich denke, er hat auf der Börſe geſpielt und verloren, nun wird er nicht wiſſen, an wen er ſich halten ſoll.“ „Herr und Frau von Villefort,“ rief Baptiſtin. Die Gemeldeten traten ein. Ungeachtet ſeiner großen Herr⸗ ſchaft über ſich ſelbſt, konnte Herr von Villefort eine heftige Be⸗ wegung nicht verbergen. Indem Monte⸗Chriſto ſeine Hand ergriff, fühlte er, daß ſie zitterte. „Nur den Frauen iſt es entſchieden möglich, ſich zu verſtellen,“ dachte der Graf, und beobachtete Frau von Danglars, die den Procurator des Königs lächelnd begrüßte und ſeine Frau umarmte. Nach den erſten Begrüßungen bemerkte Monte⸗Chriſto in dem kleinen Salon ſeinen Haushofmeiſter, der bis jetzt in dem Eßſaale beſchäftigt geweſen war. Er ging zu ihm. Was wollt Ihr, Meſſer Bertuccio?“ „Excellenza haben mir die Zahl der Geladenen nicht genannt.“ „Ach, es iſt wahr.“ „Wie viel Couverts?“ „Zählt ſelbſt.“ „Sind die Herrſchaften verſammelt, Excellenza?“ „Ja.“ Bertuccio ſchielte zwiſchen der angelehnten Thüre Vidung Monte⸗Chriſto folgte ihm mit den Augen. „Ach mein Gott,“ rief Bertuccio. „Mein Lieber, was iſt Euch?“ „Dieſe Frau!... Dieſe Frau!...“ „Welche?“ „Die Blonde, mit dem weißen Kleide und den Diamanten!...“ „Frau von Danglars?“ „Ich weiß es nicht, wie ſie heißt, gnädiger Herr! Aber ſie iſt es! Ha ſie iſt es.“ „Wer iſt es? Wer?“ „Sie, die Frau aus dem Garten, deren Niederkunft bevorſtand, die, welche ſpazieren ging, erwartend... erwartend!...“ Bertuccio ſchwieg mit halb offenem Mundo, bleich und zitternd. „Aber wen erwartete ſie?“ Bertuccio zeigte ſchweigend mit dem Finger auf Villefort, faſt mit derſelben Geberde, mit welcher Macbeth auf Banco zeigte. „O!... O!...“ murmelte er endlich,„ſehen Sie!“ „Was? wen?“ „Ihn!“ „Ihn? den Pro urator des Königs, Herrn von Villefort? Ge⸗ wiß, den ſehe ich.“ „Alſo habe ich ihn nicht getödtet!“ „Ach ſo, aber es ſcheint mir, als würdet Ihr etwas toll, mein wackrer Meſſer Bertuccio,“ ſagte der Graf. „Ach, er iſt alſo nicht todt.“ „Nein, Ihr ſeht, er iſt nicht todt, ſtatt ihn zwiſchen die ſechſte und ſiebente Rippe der linken Seite zu treffen, wie das die Art Eurer Landsleute iſt, habt Ihr zu tief oder zu niedrig zugeſtoßen; dieſe Herren von der Juſtiz haben ein zähes Leben; oder vielleicht iſt das Alles was Ihr mir erzähltet, nicht wahr, ſondern ein Traum Eurer Einbildungskraft, eine Täuſchung Eures Geiſtes. Ihr ſeid, an Eure Nache denkend eingeſchlafen, habt ſchlecht verdaut, das hat auf den Magen gewirkt und Euch Alpdrücken verurſacht, ſeht, das iſt klar, ſeio alſo vernünftig, faßt Euch und zählt. Herr und Frau aon Villefort, zwei, Herr und Frau Baron von Danglars, vier, Chateau⸗Renaud, Herr Dobray, Herr Morrel, ſieben; der Herr Major Bartolomeo Cavalcanti, acht.“ „Acht,“ wiederholte der Haushofmeiſter. „So wartet doch, mein Gott, nicht ſo eilig, zum Teufel, Ihr vergeßt noch einen meiner Gäſte. Bückt Euch etwas nach links, ſo... Herr Andrea Cavalcanti, dieſer junge, ſchwarzgekleidete Mann, der die Jungfrau von Murillo betrachtet, ſo, jetzt könnt Ihr ihn ſehen.“ Des Grafen ernſter Blick erſtickte einen Schrei auf Bertuccio's Lippen. „Benedetto,“ murmelte er,„unglückſeliges Geſchick!“ „Ei, Meſſer Bertuccio, ſchon halb Sieben,“ ſagte ſein Gebieter ernſt,„ich hatte befohlen, daß wir um dieſe Stunde zu Tiſche gehen wollten, Ihr wißt, ich liebe nicht, daß man mich warten läßt.“ Und Monte⸗Chriſto trat zu ſeinen Gäſten in den Saal, wäh⸗ rend Bertuccio ſchwankend und kraftlos den Eßſaal erreichte. Fünf Minuten ſpäter öffneten ſich die hohen Flügelthüren, der Haushofmeiſter erſchien, und, wie Vatel in Chantilly eine letzte, heldenmäßige Anſtrengung machend, ſagte er: „Gnädiger Herr Graf, es iſt angerichtet.“ Monte Chriſto bot der Frau von Villefort ſeinen Arm. „Herr von Villefort,“ rief er,„haben Sie die Güte, den Ca⸗ valier der Frau Baronin Danglars zu machen, ich bitte ſehr.“ Villefort gehorchte und man trat in den Speiſeſaal. ——— — LXIV. Das Diner. Es war augenſcheinlich, daß während des Ganges in den Eß⸗ ſaal, Ein Gefühl die Gäſte erfüllte. Einige fragten ſich, welch' ſonderbarer Einfluß ſie in dieſes Haus geführt habe, während An⸗ dere erſtaunt, ja unruhig waren, ſich hier wieder zu finden, wo ſie nie wieder zu ſein gehofft hatten. Und obgleich die Erfahrungen der neuen Zeit, die ſonderbare und eigenthümliche Stellung, das unbekannte, faſt fabelhafte Ver⸗ mögen des Grafen, den Männern Vorſicht zur Pflicht machen mußte, und den Frauen ein Geſetz, nicht in ein Haus zu gehen, in wel⸗ chem ſie keine Frau willkommen hieß, hatten doch die Einen ihre Vorſicht, die Andern ihre Pflicht vergeſſen. Die Neugierde mit ihrem unwiderſtehlichen, unaufhaltſamen Sporne, hatte den Sieg davongetragen. Alle, ſogar die beiden Cavalcanti's, der Vater ungeachtet ſei⸗ ner Steifheit, der Sohn trotz ſeiner Dreiſtigkeit, waren überraſcht, ſich hier vereint zu finden, hier, bei einem Manne, deſſen Zwecke ſie nicht errathen konnten, mit andern Männern, die ſie zum erſten Male ſahen. Die Baronin Danglars war ſehr bewegt, als ſie Herrn von Villefort ſich auf des Grafen Einladung ihr nähern ſah, um ihr den Arm zu bieten, und Herrn von Villefort's Blick verdunkelte ſich unter ſeiner goldnen Brille, als die Baronin ihren Arm in den ſeinigen legte. Keine dieſer Bewegungen entging dem Grafen; und ſchon in dieſem einfachen Rapport mit den verſchiedenen Anveſenden, lag ein großer Reiz für den Beobachter dieſer Scene. Die zur Lin De Dol und Cho Da Ordnung färmig Pögel lagen, Acchipe Geſchme der erſte Diner f Cleopat trinken 1 Eß⸗ velch' An⸗ do ſie rbare Ver⸗ zaußte, wel⸗ ihre mit Sieg ſei⸗ dſcht, wecke erſten von ihr eſich den n in lag 841 Die Baronin ſaß zur Rechten des Herrn von Villefort, ihm zur Linken Morrel. Der Graf ſaß zwiſchen Frau von Villefort und Danglars. Dobray hatte zwiſchen den beiden Cavalcanti's Platz genommen S und Chateau⸗Renaud ſaß zwiſchen Frau von Villefort und Morrel. Das Eſſen war ausgeſucht. Monte⸗Chriſto hatte, die Pariſer Ordnung umſtoßend, noch mehr gethan, als die Neugierde und Eß⸗ luſt ſeiner Gäſte gereizt, er bewirthete ſie orientaliſch, man konnte wohl ſagen, feenhaft. Alle aromatiſchen und feinen Früchte, welche die vier Welt⸗ theile Europa aus ihrem Füllhorn bieten konnten, waren pyramiden⸗ förmig in den köſtlichen, japaniſchen Vaſen geordnet. Die ſeltenſten Vögel mit ihrem ſtrahlenden Gefieder, die ausgeſuchteſten Fiſche lagen auf ſilbernen Platten ausgebreitet. Weine vom Cap, vom Archipelagus und aus Klein⸗Aſien, in Phiolen, deren Anblick ihren Geſchmack und Werth noch zu erhöhen ſchien, glitten den Blicken der erſtaunten Pariſer vorbei, die nicht begriffen, daß man zu einem Diner für zehn Perſonen tauſend Louisdor ausgeben, daß man wie Cleopatra Perlen eſſen, oder wie Lorenz von Medicis flüſſiges Gold trinken konnte. Der Graf belächelte das allgemeine Staunen und zog ſeine Gäſte unverhohlen auf. „Meine Herren,“ ſagte er,„Sie müſſen mir das ſchon hin⸗ gehen laſſen; wenn man zu einem gewiſſen Vermögensgrade ge⸗ kommen iſt, bedarf man nur noch des Ueberfluſſes, wie dieſe Damen mir zugeſtehen werden, daß, wenn man zu einem gewiſſen Grade der Aufregung gelangt iſt, es nichts Beſtimmteres als das Ideale giebt. Oder, um unſere Betrachtung zu verfolgen, was iſt das Wunderbare? Das, was wir nicht begreifen. Was iſt das wahr⸗ haft Wünſchenswerthe? Ein Gut, das wir nicht haben können. Ja, Dinge zu ſehen, die ich nicht begreifen kann, mir Sachen verſchaffen, die faſt unmöglich zu erlangen ſind, das iſt das Studium meines ganzen Lebens. Mit zwei Mitteln gelange ich dazu, mit Geld und Willenloſigkeit. Der Befriedigung einer Grille widme ich dieſelbe Beharrlichkeit, als Sie, Herr von Danglars, der Erbauung einer Eiſenbahnſtrecke, Sie, Herr von Villefort, um Jemand zum Tode zu verdammen, als Sie, Herr Dobray, dem Königreiche den Frieden 84²2 wiederzugeben, Sie, Herr von Chateau⸗Renaud, einer Dame zu ge⸗ fallen, und Sie, Morrel, ein von Jedermann unbeſiegtes Pferd zu bezwingen. Da ſehen Sie z. B. dieſe beiden Fiſche, der eine iſt fünfzig Stunden von St. Petersburg, der andere fünf Meilen von Neapel zu Hauſe, und iſt es nicht ſonderbar, ſie auf Einem Tiſche zu haben?“ „Wie heißen dieſe beiden Fiſche?“ fragte Danglars. „Der Herr von Chateau⸗Renaud, der in Rußland gelebt hat, wird Ihnen den Namen des einen, und Signor Cavalcanti, als Italiener, den des anderen ſagen.“ „Wie ich glaube, iſt dies ein Sterlet,“ ſagte Chateau⸗Renaud. „Ah, vortrefflich!“ „Und dieſer,“ fuhr Cavalcanti fort,„iſt, wenn ich mich nicht irre, ein Lamprete.“ „So iſt's. Und nun, Herr Baron, laſſen Sie ſich von den Herren ſagen, wie man dieſe Fiſche fängt.“ „Ach,“ rief Chateau⸗Renaud,„man findet die Sterlets nur in der Wolga.“ „Aber,“ ſagte Cavalcanti,„nur im See von Fuſaro giebt es Lampreten von dieſer Größe.“ „Ganz recht, der eine kommt aus der Wolga, der andere aus dem See von Fuſaro.“ „Unmöglich!“ riefen ſämmtliche Gäſte. „Das eben macht mir Freude,“ fuhr Monte⸗Chriſto fort,„ich bin wie Nero cupitor impossibilium; auch Ihnen macht es jetzt Vergnügen, und das macht auch, daß Ihnen dieſes Fleiſch, welches eigentlich dem des Barſch und Lachſes nicht gleich kommt, jetzt ſo ausgezeichnet erſcheint. Nur weil das Unmögliche möglich gemacht iſt, nur daher kommt's.“ „Aber wie war der Transport möglich?“ „O mein Gott, es giebt nichts Einfacheres. Man hat Beide in großen Tonnen hergebracht, deren eine mit Schilf und Fluß⸗ kräutern, die andere mit Rohr und Seepflanzen ausgepolſtert war. Dieſe Tonne ſtand in einem dazu erbauten Packwagen. Der Sterlet iſt vor zwölf, die Lamprete vor acht Tagen verkauft, und beide waren friſch und lebendig, als mein Koch ſich ihrer bemäch⸗ Danglars haupten, ſeine Fra „9 lachend, ließ durch Es war Schauſpi im ſchönf Küche, ih „Ab ſagte Do „ man 18 nicht be Die klug gen „Al Chateau⸗ außerord Graf, da umgeſtalt anders nne iſt von Tiſche hat, als naud. nicht den ur in ebt es e aus eich cht es leiſch, ommt, öglich Beide un olſtert Der „und müch⸗ 843 tigte, um den einen in Milch, den andern in Wein zu tödten. Bah, Herr Danglars, Sie glauben mir nicht?“ „Ich zweifle wenigſtens,“ entgegnete dieſer matt lächelnd. „Baptiſtin,“ rief der Graf,„bringe den anderen Sterlet und die Lamprete, die noch lebend in den Tonnen ſind.“ Danglars ſah überraſcht auf, die Uebrigen ſchlugen in die Hände. Vier Bediente brachten zwei große, mit Seepflanzen verzierte Tonnen, in jeder dieſer Tonnen zappelte luſtig der genannte Fiſch. „Aber weshalb zwei von jeder Sorte?“ fragte Danglars. „Weil der Eine ſterben konnte,“ entgegnete der Graf einfach. „Ach, Sie ſind in der That ein wunderbarer Mann,“ rief Danglars,„und die Philoſophen haben wohl Recht, wenn ſie be⸗ haupten, daß es eine ſchöne Sache iſt, reich zu ſein.“ „Ach und überhaupt ſolche Gedanken zu haben,“ entgegnete ſeine Frau. „O gnädige Frau, der Gedanke iſt nicht mein,“ rief der Graf lachend,„er war bei den Römern ſehr in Gunſt. Schon Plinius ließ durch ſeine Sclaven die Goldfiſche von Oſtia nach Rom tragen. Es war auch ein Luxus, ſie lebend zu haben, und ein ergötzliches Schauſpiel, ſie ſterben zu ſehen, da ſie gleich dem Regenbogen dann im ſchönſten Farbenſpiele ſchillern. Nachher ſchickte man ſie in die Küche, ihr Todeskampf war ſehenswerth, todt, verachtete man ſie.“ „Aber Oſtia war nur ſieben oder acht Stunden von Rom,“ ſagte Dobray. „Wahr,“ rief Monte⸗Chriſto,„aber ich bitte Sie, was hätte man 18 Jahrhunderte ſpäter vor Lucullus voraus, wollte man es nicht beſſer machen als er?“ Die beiden Cavalcanti's öffneten die Augen weit, waren jedoch klug genug, zu ſchweigen. „Alles das, ich geſtehe es, iſt ſehr bewunderungswürdig,“ meinte Chateau⸗Renaud,„was ich jedoch noch mehr bewundere, iſt die außerordentliche Pünktlichkeit ihrer Bedienung. Iſt es wahr, Herr Graf, daß Sie dieſes Haus erſt vor ſechs Tagen gekauft haben?“ „Gewiß.“ „Nun gut, ich bin überzeugt, daß es in acht Tagen völlig umgeſtaltet ſein wird. Irre ich mich nicht, ſo war der Eingang anders und der Hof öde und gepflaſtert, während ſich heute ein 844 vorzüglicher, von hundertjährigen Bäumen begrenzter Raſenplatz zeigt.“ „Was wollen Sie? Ich liebe das Grün und den Schatten,“ rief Monte Chriſto. „In der That,“ ſagte Frau von Villefort,„ſonſt trat man durch eine nach der Straße führende Thür ein, und ich erinnere mich ſehr wohl, daß ich am Tage meiner wunderbaren Rettung durch dieſe Thüre in Ihr Haus trat, Herr Graf.“ „Ja, gnädige Frau, aber ſeitdem habe ich einen Eingang ge⸗ wählt, durch deſſen Gitter man das Boulogner Hölzchen ſehen kann.“ „In vier Tagen,“ rief Morrel,„aber das iſt ein Wunder.“ „Wahrhaftig,“ fuhr Chateau⸗Renaud fort,„ein altes Haus in ein neues zu verwandeln, das iſt wunderbar, denn das Haus war wirklich alt und ſehr traurig. Ich erinnere mich, es vor drei Jahren im Auftrage meiner Mutter beſehen zu haben, als Herr von Saint⸗ Méran es zu verkaufen wünſchte.“ „Herr von Saint⸗Méran?“ fragte Frau von Villefort,„alſo von ihm kauften Sie dieſes Haus, Herr Graf?“ „Es ſcheint, ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto. „Es ſcheint? Mein Gott, wiſſen Sie denn nicht, wer Ihnen dieſes Haus verkauft hat?“ „Meiner Treu, nein, ſolche Geſchäfte beſorgt mein Haushof⸗ meiſter.“ „Es ſchien wenigſtens ſchon 10 Jahre unbewohnt,“ erzählte Chateau⸗Renaud weiter,„und machte einen ſehr traurigen Eindruck mit ſeinen zugezogenen Jalouſieen, ſeinen verſchloſſenen Thüren und dem mit Unkraut bewachſenen Hofe. Wahrhaftig, gehörte es nicht dem Schwiegervater des königlichen Procurators, ſo hätte man es für eines jener übelberüchtigten Häuſer halten mögen, in denen ein großes Verbrechen begangen ward.“ Villefort ſtürzte bei dieſen Worten ein Glas Wein auf Einen Zug hinunter. Monte⸗Chriſto wartete, bis Alle ſchweigend über das eben Ge⸗ hörte nachdachten, dann ſagte er: „Es iſt ſonderbar, Herr Baron, als ich zum erſten Male hier war, hatte ich denſelben Gedanken, und das Haus ſchien mir ſo düſter, daß ich es nimmer gekauft haben würde, hätte mein Haus⸗ herauſbeſ mit dem erinnert oder das Ende, ie Garten d Mor Gäſte. ſämmlli Vil eingewun eiſig auf „90 „M den Arm Vor Hauſe ze gezeigt und der herausge fenxlat atten, 4 t man rrinnere ettung ung ge⸗ kann.“ der.“ Paus in (us war Jahren Saint⸗ „alſo Ihnen aushof⸗ rzählte indruck en und es nicht man es nen ein Einen en Ge⸗ le hier mir ſo Haus⸗ 845 hofmeiſter nicht das Ganze beſorgt. Wahrſcheinlich hatte der Narr einige Trinkgelder vom Gerichtsſchreiber erhalten.“ „Wahrſcheinlich,“ ſtotterte Villefort, indem er zu lächeln ver⸗ ſuchte,„aber glauben Sie mir, daß ich an dieſem Verfall keinen Antheil habe. Herr von Saint⸗Méran wünſchte dieſes Haus zu verkaufen, welches zur Ausſteuer ſeiner Enkelin gehört; es würde, noch einige Jahre unbewohnt, völlig Ruine geworden ſein.“ Dieſes Mal erbleichte Morrel. „Beſonders ein Zimmer,“ fuhr der Graf fort,„ganz einfach, und ſcheinbar wie andere Zimmer, mit... ja, mit rothem Damaſt ausgeſchlagen, ſchien mir, ich weiß nicht weshalb, ganz dramatiſch.“ „Dramatiſch,“ fragte Dobray,„wie das?“ „Giebt man ſich Rechenſchaft von jeder inſtinctmäßigen Ein⸗ gebung?“ ſagte Monte⸗Chriſto,„und giebt es nicht Orte, an denen man die Traurigkeit athmet? Weshalb? Man weiß es nicht, durch eine Ideen⸗Verbindung, die eigenſinnig dieſe oder jene Erinnerung heraufbeſchwört, die vielleicht in durchaus gar keiner Verbindung mit dem Orte ſteht, an dem wir uns befinden. Wunderbarer Weiſe erinnert mich dieſes Zimmer an das der Marquiſe von Ganges oder das der Desdemona. Aber, wahrhaftig, unſer Diner iſt zu Ende, ich muß ihnen das Zimmer zeigen, und trinken wir im Garten den Kaffee. Nach dem Eſſen dann das Schauſpiel.“ Monte⸗Chriſto machte eine einladende Bewegung gegen ſeine Gäſte. Frau von Villefort erhob ſich, der Graf that ein Gleiches, ſämmtliche Gäſte folgten ſeinem Beiſpiele. Villefort und Frau von Danglars blieben einen Augenblick wie eingewurzelt auf ihren Plätzen, ihre kalten, ſtummen Blicke hafteten eiſig auf einander. „Haben Sie gehört?“ fragte die Baronin. „Man muß gehen,“ antwortete Villefort ſich erhebend und ihr den Arm bietend. Von der Neugierde getrieben, waren die Gäſte ſchon in dem Hauſe zerſtreut, hoffend, daß ihnen nicht nur dieſes eine Zimmer gezeigt werden würde. Alle gingen durch die geöffneten Thüren, und der Graf erwartete die beiden Zurückgebliebenen; als auch ſie herausgetreten waren, ſchloß er die Thür mit einem Lächeln, wel⸗ 846 ches, hätten ſeine Gäſte es geſehen, ſie mehr erſchreckt haben würde als das geheimnißvolle Zimmer. Wirklich ward das ganze Haus beſehen, die Zimmer waren mit der ausgeſuchteſten Pracht ſehr geſchmackvoll auf orientaliſche Weiſe decorirt und meublirt, und zwiſchendurch mit Waffen aller Art geſchmückt. Die Säle waren durch werthvolle Gemälde alter Meiſter verziert, die Boudoirs mit chineſiſchen Stoffen von den ſonderbarſten Farben, phantaſtiſchen Muſtern und wunderbarſten Geweben behangen. Endlich gelangte man an das beſprochene Zimmer. Es hatte nichts Eigenthümliches, wenn man es für nichts rech⸗ net, daß es, ungeachtet der einbrechenden Dunkelheit unerleuchtet, und daß keine Hand der Verſchönerung wie bei den andern Gemächern daran gelegt worden war. Dieſe beiden Urſachen reichten wirklich vollkommen hin, ihm ein finſteres Ausſehen zu verleihen. „Hu!“ ſchrie Frau von Villefort,„das iſt wirklich erſchreckend.“ Frau von Danglars murmelte zitternd einige Worte, die Nie⸗ mand verſtand. Man kam endlich allgemein zu der Ueberzeugung, daß das rothe Damaſtzimmer wirklich etwas Schauerliches habe. „Nicht wahr?“ rief Monte⸗Chriſto,„wie wunderlich dieſes Bett geſtellt iſt, welch' finſtere, blutige Tapete, und dieſe beiden, von der Feuchtigkeit ſo bleich gewordenen Paſtell⸗Gemälde, ſcheinen ſie nicht mit ihren bleichen Lippen und erſchreckten Augen zu ſagen:„Ich habe geſehen.““ Villefort ward leichenblaß, die Baronin ſank auf einen neben dem Kamin ſtehenden Seſſel. „Ah,“ rief Frau von Villefort lachend,„haben Sie Muth, ſich auf jenen Stuhl zu ſetzen, auf welchem das Verbrechen vielleicht begangen wurde?“ Frau von Danglars fuhr lebhaft auf. „O, das iſt nicht Alles,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Mein Gott, was giebt es denn noch?“ fragte Dobray, dem die Bewegung der Baronin nicht entgangen war. „Ach ja, was giebt es noch?“ ſagte Danglars,„denn bis jetzt, miſchen wo nich „1 „ überwir as rothe ſes Bett von der ſie nicht „Ich en neben uth, ſich dielleicht w, dem bis jett, 847 ich geſtehe, ſehe ich noch nichts ſo Großes, und Sie, meine Herren von Cavalcanti?“ „Ach, wir haben in Piſa den Thurm des Ugolino, zu Ferrara das Gefängniß Taſſo's, und zu Rimini Franzeska und Paolo's Zimmer.“ „Gut, aber Sie haben dieſe kleine Treppe nicht,“ ſagte Monte⸗ Chriſto, eine verſteckte Tapetenthür öffnend,„betrachten Sie das, und ich bitte, ſagen Sie mir, was denken Sie davon?“ „Welch' finſtere Treppenwindung!“ ſagte Chateau⸗Renaud lachend. „Ich weiß nicht recht,“ rief Dobray,„ob Ihr Chios⸗Wein mich ſo melancholiſch macht, aber gewiß, ich ſehe das Haus ganz ſchwarz.“ Morrel war, ſeit von Valentine's Ausſteuer die Rede geweſen, ſehr traurig, und hatte kein Wort geſprochen. „Sie bilden ſich ein,“ lachte Monte⸗Chriſto,„ein Othello oder ein Abbé von Ganges, ſei es wer es ſei, ſteige langſam in einer ſtür⸗ miſchen Nacht dieſe geheime Treppe hinab, mit einer düſtern Laſt beladen, die er eilig den Blicken der Menſchen entziehen möchte, wo nicht denen Gottes.“ Frau von Danglars ward an Villefort's Arme faſt ohnmächtig, der Procurator hielt ſich an der Wand, um nicht zu ſinken. „Ach mein Gott, gnädige Frau, was iſt Ihnen, wie bleich Sie ſind!“ ſchrie Dobray. „Was ihr iſt,“ entgegnete Frau von Villefort,„das iſt ſehr einfach. Der Herr Graf erzählt uns entſetzliche Geſchichten, wahr⸗ ſcheinlich in der Abſicht, uns vor Furcht ſterben zu ſehen.“ „Es iſt wahr, Graf,“ murmelte Villefort,„Sie erſchrecken dieſe Damen.“ „O was iſt Ihnen?“ fragte Dobray nochmals die Baronin. „Nichts,“ entgegnete ſie angeſtrengt, ich bedarf nur friſche Luft.“ „Befehlen Sie in den Garten zu gehen?“ fragte Dobray, ihr ſeinen Arm bietend, und ſich der heimlichen Treppe nähernd. „Nein,“ ſagte ſie,„ich werde noch bleiben.“ „O gnädige Frau,“ rief der Graf,„iſt Ihr Abſcheu ſo un⸗ überwindlich?“ 848 „Nein, mein Herr, aber Sie haben eine Art, Sachen voraus⸗ zuſetzen, die der Illuſion den Anſchein von Wirklichkeit geben.“ „O mein Gott ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto lächelnd,„das Alles iſt Spiel der Phantaſie, weshalb können wir uns dieſes Zimmer nicht eben ſo gut als das einer Familienmutter denken? Dieſes Bett mit den Purpurvorhängen, als von der Göttin Lucine beſucht? und dieſe geheimnißvolle Treppe? Können der Arzt der Wöchnerin oder die Amme nicht mit leiſen Schritten ſie erſtiegen haben, den erquickenden Schlaf der jungen Mutter nicht zu ſtören? Oder kann nicht der Vater ſelbſt das ſchlafende Kind forttragen...“ Statt ruhiger zu werden, ſeufzte die Baronin ſchmerzlich, und ward ohnmächtig. „Frau von Danglars ſcheint ſehr unwohl,“ ſtammelte Villefort, „es wäre wohl gut, ihren Wagen kommen zu laſſen.“ „O mein Gott,“ rief der Graf,„und ich habe mein Flacon nicht zur Hand.“ „Ich habe das Meinige,“ ſagte Frau von Villefort. Und ſie gab Monte⸗Chriſto ein mit einer rothen Flüſſigkeit gefülltes Gläschen, dem des Grafen ähnlich, welches einen ſo wohl⸗ thätigen Einfluß auf Eduard gehabt hatte. „Ah!“ rief Monte⸗Chriſto überraſcht. „Ja,“ murmelte ſie,„nach Ihrer Bezeichnung habe ich es verſucht.“ „Und es iſt Ihnen gelungen?“ „Ich glaube.“ Man hatte die Baronin in ein Nebengemach gebracht, der Graf ließ einen Tropfen der rothen Flüſſigkeit auf ihre Lippen fallen, ſie erholte ſich. „Ach,“ ſtöhnte ſie,„welch entſetzlicher Traum!“ Man ſuchte ihren Gemahl; wenig empfänglich für poetiſche Eindrücke, war er in den Garten gegangen und ſchwatzte mit dem alten Cavalcanti über eine Eiſenbahn von Livorno nach Florenz. Monte⸗Chriſto ſchien untröſtlich, er führte die Baronin dem Garten zu, in welchem Danglars und die Cavalcanti's den Kaffee einnahmen. „Habe ich Sie wirklich ſo ſehr erſchreckt, gnädige Frau?“ raus⸗ Alls ſmmer Pieſes ucht? nerin den kann „ und ſlefort, lacon ſigkeit wohl⸗ ich es 849 „Nein, Herr Graf, aber Sie wiſſen, daß die Eindrücke ſich nach unſerer Geiſtesſtimmung richten.“ Villefort verſuchte zu lächeln.—„Eine Chimäre reicht oft hin... „Ja wohl,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„aber, lachen Sie mich aus, ich kann mir den Gedanken eines in dieſem Hauſe begangenen Verbrechens nicht nehmen.“ „Hüten Sie ſich,“ rief Frau von Villefort,„der Procurator des Königs iſt hier.“ „Meiner Treu,“ entgegnete der Graf,„weil ſich das ſo trifft, könnte ich gleich meine Declaration machen.“ „Ihre Declaration?“ fragte Villefort. „Ja, und zwar vor Zeugen.“ „Das iſt ja außerordentlich intereſſant,“ rief Dobray,„und wenn es ſich wirklich um ein Verbrechen handelt, wird die Bewun⸗ derung unſere Verdauung befördern.“ „Es handelt ſich um ein Verbrechen,“ ſprach der Graf ernſt, „folgen Sie mir, meine Herren, kommen Sie, Herr Procurator; um giltig zu ſein, muß die Declaration vor dem competenten Rich⸗ terſtuhle abgegeben werden.“ Während Monte⸗Chriſto den Arm der Frau von Danglars in den ſeinigen legte, zog er den Procurator des Königs bis zu einer Platane, unter welcher dunkle Schatten lagerten. Die übrigen Güäſte folgten. „Hier auf dieſem Platze,“ ſprach der Graf, und bezeichnete die Stelle mit dem Fuße,„um dieſe alten Bäume zu verjüngen, ließ ich graben und Düngererde anlegen. Was glauben Sie, das meine Arbeiter fanden? Einen kleinen Koffer, oder vielmehr die Beſchläge deſſelben, und dabei das Skelet eines neugeborenen Kindes. Das iſt, hoffe ich, keine Geiſtererſcheinung.“ Monte⸗Chriſto fühlte den Arm der Frau von Danglars ſteif werden, und Villefort's Handgelenk zittern. „Ein neugeborenes Kind,“ rief Dobray,„Teufel, das wird ernſthaft.“ „Sehen Sie,“ antwortete Chateau⸗Renaud,„hatte ich nicht Recht, als ich vorhin behauptete, die Häuſer hätten Seele und Ge⸗ ſicht gleich den Menſchen und trügen in ihrer Phyſiognomie den Der Graf von Monte⸗Chriſto. 54 —— 8⁵⁰ Widerſchein ihres Innern zur Schau. Das Haus war traurig, weil es Gewiſſensbiſſe hatte, es hatte Gewiſſensbiſſe, weil es einen Mord verbarg.“s „Wer kann das behaupten?“ entgegnete Villefort, ſeine letzten Kräfte zuſammennehmend. „Wie!“ ſchrie der Graf,„ein lebendes Kind in einem Garten zu vergraben iſt kein Verbrechen? Wie nennen Sie dieſe Handlung denn, Herr Procurator des Königs?“ „Aber wer ſagt, daß das Kind noch lebte?“ „Weshalb hätte man es ſonſt hier vergraben? Dieſer Garten war nie ein Kirchhof.“ „Wie beſtraft man die Kindermörder hier zu Lande?“ fragte der Major Cavalcanti naiv. „O mein Gott,“ rief Danglars,„man gulllotinirt ſie.“ „Ach man gullletinirt ſie.“ „Ja, ich glaube, nicht wahr, Herr von Villefort?“ fragte Monte⸗ Chriſto. „Ja, Herr Graf,“ antwortete dieſer mit einem Ausdrucke, der nichts Menſchliches mehr hatte. Monte⸗Chriſto fühlte, daß die Beiden, um deren Willen er die Scene veranlaßt, ganz erſchöpft waren und ſagte: „Aber, meine Herren, wir vergeſſen den Kaffee.“ bn Und er ging mit ſeinen Gäſten dem Raſenplatze zu, auf wel⸗ chem der Kaffee ſervirt war. „Wirklich, Herr Graf, ich ſchäme mich, meine Schwachheit zu geſtehen,“ ſagte die Baronin,„aber ihre entſetzlichen Geſchichten haben mich ſo angegriffen, daß ich mich ſetzen muß.“ Und ſie ſank auf einen Stuhl. Monte⸗Chriſto verbeugte ſich, und nahte ſich Frau von Villefort. „Ich glaube, Frau von Danglars wird Ihres Flacons bedür⸗ fen,“ ſagte er. Aber noch bevor ſie ſich ihrer Freundin nähern konnte, hatte ihr Mann Zeit gewonnen, derſelben zuzuflüſtern: „Ich muß Sie ſprechen.“ „Wann?“ „Morgen.“ „Wo?“ de, der er die uf wel⸗ heit zu ſchichten illefort. bedür⸗ „hatte 851 „Auf meinem Büreau im Gerichtshofe, da iſt es noch am Sicherſten.“ „Ich werde kommen.“ In dieſem Augenblicke trat Frau von Villefort näher. „Dank, theure Freundin,“ ſagte Frau Danglars und verſuchte zu lächeln,„es war nichts, und ich fühle mich ſchon weit beſſer.“ LXV. Der Bettler. Frau von Villefort hatte den Wunſch ausgeſprochen, nach Paris zurückzukehren, Frau von Danglars, obgleich noch ſehr unwohl, hatte dieſelbe Aeußerung nicht gewagt. Auf den Wuͤnſch ſeiner Frau, gab Herr von Villefort das Zeichen zum Aufbruch. Er bot Frau von Danglars einen Platz in ſeinem Landau an, damit ſeine Frau für ihre kranke Freundin ſorgen könne. Herr von Danglars war ſo vertieft in ein Geſpräch mit Cavalcanti, daß er nichts von dem bemerkte, was um ihn her vorging. 3 Während Monte⸗Chriſto mit Frau von Villefort ſprach, hatte er ſelbſt wohl bemerkt, daß der Procurator ſich Frau von Danglars genähert, und er hatte das Geſpräch ſogar errathen, obgleich es ſo leiſe geführt ward, daß kaum die Betheiligten einander verſtehen konnten. Er widerſetzte ſich keiner der zur Abreiſe beſtimmten Anord⸗ nungen, ließ die Herrenz Dobray, Morrel und Chateau⸗Renaud fort⸗ reiten und half den Damen in den Landau. Danglars, der ganz begeiſtert von dem ältern Cavalcanti ſchien, bot dieſem einen Platz ſchwang ſich mit ſeinen rieſigen Stieſeln auf das ſehr große eiſen⸗ graue Pferd. s Während des Diners hatte Andrea nicht viel geſprochen, er A war zu geſcheidt, um in Gegenwart ſo reicher und mächtiger Gäſte vielleicht etwas Dummes zu ſagen, zumal da ein Procurator des Königs unter ihnen war. ſein, das Engliſche Lauf lächerliche Weiſe nachahmender Groom Augen getreu, See me ohne e ſchloſſe der Ca wahrſch der Br Paris „hatte rt das latz in eundin eipräch n her „hatte unglars es ſo rſtehen Anord⸗ d fort⸗ er ganz n Plat ury zu, Groom eiſen⸗ en, er Güſte tor des 8⁵³ Später hatte Danglars ihn gänzlich in Beſchlag genommen, der des Grafen Gaſtfreundlichkeit gegen die Cavalcanti's bemerkend, in dem Major einen reichen Nabob vermuthete, der vielleicht nur nach Paris gekommen war, um ſeinem noch unerfahrenen Sohne die Welt kennen zu lehren. Mit unbeſchreiblichem Vergnügen hatte er den großen Diamant wahrgenommen, der an dem kleinen Finger des Majors blitzte, denn dieſer kluge, erfahrene Mann hatte ſeine Bankbillets, bei denen doch ein Verluſt möglich war, ſogleich in Sachen verwandelt, die ihren Werth behalten. Immer unter dem Vorwande, ſich zu be⸗ lehren, hatte Danglars nach dem Eſſen Vater und Sohn über ihre Lebensweiſe ausgeforſcht, und Beide, bedenkend, daß der Eine einen Credit von achtundvierzigtauſend Franken, der Andre einen jähr⸗ lichen Credit von fünfzigtauſend Livres bei ihm wünſchte, beant⸗ wortete die Fragen des Banquiers mit der ausgeſuchteſten Zuvor⸗ kommenheit. Ein Umſtand vermehrte das Anſehen Cavalcanti's in Danglars Augen faſt bis zur Verehrung. Horazes Princip: nil admirari, getreu, hatte der Major gleichmüthig zu ſagen gewußt, in welchen See man die beſten Lampreten fängt, und die ſeinigen ruhig und ohne ein Wort des Lobes verſpeiſ't. Danglars hatte daraus ge⸗ ſchloſſen, daß dergleichen Seltenheiten den erlauchten Abkömmlingen der Cavalcanti's etwas ſehr Gewohntes ſeien, und ſie in Lucca wahrſcheinlich Forellen aus der Schweiz und Seeheuſchrecken aus der der Bretagne ſpeiſ'ten, die ſie ſich auf ähnliche Weiſe verſchaffen konnten, als der Graf ſeine Sterlets und Lampreten. Mit vieler Freude hatte er daher Cavalcanti's Worte ver⸗ nommen: „Morgen, mein Herr, werde ich mir die Ehre geben, Ihnen in Geſchäften aufzuwarten;“ und ihm geantwortet: „Ich werde mich glücklich ſchätzen, Sie bei mir zu empfangen.“ Dann ſchlug er ihm vor, wenn es ihm nicht zu ſchmerzlich ſei, ſich ſo lange von ſeinem Sohne zu trennen, ihn in das Hotel des Princes zurückzubegleiten. Der Major antwortete ihm, ſein Sohn führe ſchon lange das —————— 85⁵54 Leben der modernen jungen Herren, er habe ſeine eigene Bedien⸗ ung und Equipage, und ſie ſeien auch nicht zuſammen gekommen. Die beiden Herren fuhren alſo mit einander nach Paris zurück, Danglars mehr und mehr verwundert über dieſen Mann, der ſei⸗ nem Sohne jährlich 50,000 Franken gab, was ein Vermögen von 5⸗ bis 600,000 Livres Renten vorausſetzen ließ. Andrea glaubte ſehr zu imponiren, indem er mit ſeinem Groom grollte, daß er, ſtatt den Tilbury vor die Freitreppe zu bringen, ihn hier an der Ausgangsthür damit erwartet habe, weshalb An⸗ drea nun die dreißig Schritte habe gehen müſſen. Schweigend ertrug der Groom den Verweis ſeines Herrn, hielt mit der linken Hand das ungeduldig ſtampfende Pferd und gab mit der rechten die Zügel ſeinem Gebieter, der ſie ergriff und ſeinen lackirten Stiefel auf den Fußtritt des Wagens ſetzte. In dieſem Augenblicke legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter. In dem Gedanken, es ſei der Graf oder Danglars, wendete ſich der junge Mann raſch um. Es war keiner von Beiden, er gewahrte eine fremdartige Figur, mit von der Sonne verbranntem, ganz in Bart gehüllten Geſicht, in dem die Augen wie Karfunkel glänzten. Ein ſpöttiſches Lächeln zeigte zweiunddreißig weiße, ſcharfe und gierige Zähne, denen eines Wolfs und Schakals gleich. Ein roth carrirtes Tuch war um die grau werdenden Haare geſchlungen, ein ſchmutziger, ganz zerfetzter Ueberrock bedeckte dieſen großen, magern, knochigen Körper, deſſen Knochen wie die eines Skeletts beim Gehen zu klappern ſchienen. Die Hand, welche ſich auf Andrea's Schultern legte, war breit und außerordentlich groß. Erkannte der junge Mann dieſen Fremden im Scheine der Laterne des Tilbury? oder entſetzte er ſich nur vor ſeinem wider⸗ lichen Aeußern? Wir wiſſen es nicht, aber er bebte heftig. „Was wollt Ihr?“ ſtotterte er. „Verzeihung, Bürger! ich ſtöre Sie vielleicht, habe jedoch noth⸗ wendig mit Ihnen zu ſprechen,“ und dabei legte der Mann die Hand an das rothe Tuch. „Man bettelt des Abends nicht,“ rief der Groom, um ſeinen Herrn von dieſem Unverſchämten zu befreien. — ſich ſeine 1 geh⸗ des damit T Der L „O einen ſe Un an eine welche „2 an der werden, oth⸗ die nen 8⁵⁵ „Ich bettle nicht, mein netter Junge,“ rief der Unbekannte ſo ironiſch und mit ſo erſchreckendem Lächeln, daß der Groom ſich ent⸗ fernte.„Ich wünſche nur zwei Worte mit Deinem Herrn zu reden, der mich vor zwei Wochen mit einem Auftrage beehrt hat.“ „Laßt ſehen,“ ſagte Andrea, ſeine Kräfte ſammelnd, um dem Groom ſeine Verwirrung zu verbergen,„laßt ſehen, was wollt Ihr?“ „Ich wünſche,“ antwortete der Mann mit dem rothen Tuche ganz leiſe,„ich wünſchte nicht weiter zu gehen, da ich ſehr ermüdet bin, Du kannſt mir die Mühe ſparen. Ich habe wahrlich nicht ſo gut zu Mittag gegeſſen als Du.“ Der junge Mann zitterte über dieſe fremdartige Vertraulichkeit. „Aber mein Gott, was wollt Ihr denn eigentlich?“ „Nun, gut! Ich will in Deinem ſchönen Wagen und mit Dir nach Paris zurückkehren.“ Andrea erbleichte, antwortete jedoch nicht. „Nun, was iſt?“ fragte der Fremde ziemlich frech, und indem er ſeine Hände herausfordernd bewegte,„es iſt ſo ein Gedanke von mir, hörſt Du, mein kleiner Benedetto?“ Dieſe Worte ſchienen Andrea zu beſtimmen, denn er näherte ſich ſeinem Groom und ſagte: „Dieſer Mann hat mir in der That etwas Wichtiges zu ſagen, geh' deshalb bis an die Barrièren und nimm Dir da ein Cabriolet, damit Du nicht viel ſpäter als ich nach Hauſe kommſt.“ Der überraſchte Diener entfernte ſich. „Laßt mich wenigſtens den Schatten gewinnen,“ ſagte Andrea. „O, was das betrifft, ſo ſei ruhig, komm', ich werde Dich an einen ſchönen Platz führen.“ Und er nahm das Pferd am Zügel und führte den Tildbury an einen Ort, von wo aus es wirklich unmöglich war, zu ſehen, welche Ehre Andrea ihm anthat. „Meiner Treu!“ rief der Fremde lachend,„es liegt mir nichts an der Ehre, in Deinem ſchönen Wagen neben Dir geſehen zu werden, ſondern ich bin wirklich ermüdet, und habe mit Dir zu reden.“ „So ſteigt ein.“ „Es war in der That ſchade, daß es nicht mehr Tag war; es müßte ein ſonderbares Schauſpiel geweſen ſein, dieſen wüſten 85⁵6 Kerl auf den geſtickten Kiſſen des hübſchen Fuhrwerks, neben dem elegant gekleideten Führer deſſelben, ſitzen zu ſehen. Andrea trieb ſein Pferd vorwärts, ohne ein Wort mit ſeinem Nachbar zu reden; auch dieſer ſaß ſchweigend da, während ein Lachen ſeinen Mund noch breiter machte. Außerhalb Auteuil ſah Andrea ſich ringsum, wie um ſich zu verſichern, daß Niemand ſie ſehen oder hören könne, dann die Arme über die Bruſt kreuzend, ſagte er zu dem Manne in dem rothen Tuche: „Weshalb ſtört Ihr meine Ruhe?“ „Ei, mein Junge, weshalb forderſt Du mich heraus?“ „Ich hätte Euch herausgefordert?“ „Gewiß! Wir trennten uns am Pont du Var, Du verſprachſt mir, nach Piemont und Toskana zu gehen, und nun biſt Du hier in Paris.“ „Nun und weshalb genirt Euch das?“ „Mich geniren? Im Gegentheil, ich denke, es ſoll mir Nutzen bringen!“ „Ach! Ihr ſpeculirt auf mich?“ „Richtig, mein Lieber. Das waren die rechten Worte.“ „O Meiſter Caderouſſe, dann ſage ich Euch im Voraus, daß Ihr Euch irrt.“ „Kleiner! ereifre Dich nicht, aber Du mußt wiſſen, daß das Unglück eiferſüchtig macht. Ich glaubte, Du ſeiſt genöthigt, durch Toskana wandernd, den Cicerone oder facchino zu machen, und bedauerte Dich deshalb von Grund meines Herzens, wie ich mein Kind bedauert haben würde. Du weißt, ich nannte Dich ſtets mein Kind!“ „Nun und dann? dann?“ „Geduld, doch Salpetre!“ „Ich werde geduldig ſein, fahrt fort.“ „Plötzlich ſehe ich Dich ganz wie ein großer Herr mit Be⸗ dienung und Zubehör in dieſem ſchönen Tilbury hier in Paris. Haſt Du eine Goldmine entdeckt oder was iſt's mit Dir?“ „Ach ja, Du biſt eiferſüchtig.“ „Ach, Kleiner, ich bin zufrieden, Dir mein Compliment machen zu können, aber weil ich nicht nach der letzten Mode gekleidet bin, habe ich meine Vorkehrungen getroffen, Dich zu compromittiren.“ nicht me ſeinem b „N „O raden, d Die fühlte 6 Er L alten K Marſeil „1 „J bpfig, eine Dr abgemo iſt, wä „5 Sachen ſagte( „ haſt,“ Tuch Du, ich 6 „2 da ich ſein al zurch chen, e ich ſtets 2 857 „Schöne Vorkehrungen!“ ſchrie Andrea,„Ihr nähert Euch mir vor meinem Diener.“ „Ach, was willſt Du, Kind? Ich nähere Dir mich, wenn ich kann. Du haſt ein lebhaftes Pferd und einen ſehr leichten Wagen, kannſt Dich alſo ſehr raſch vorwärts bewegen und biſt ſchwer zu erreichen, ich mußte dieſe Gelegenheit alſo wahrnehmen.“ „Ihr ſeht, daß ich mich nicht verberge.“ „Du biſt ſehr glücklich, ich wollte, ich könnte auch ſo ſagen, aber ich verberge mich und hatte große Furcht, Du würdeſt mich nicht mehr kennen. Nun habe ich geirrt,“ ſagte Caderouſſe mit ſeinem boshaften Lächeln,„Du biſt ſehr gütig.“ „Nun, was wollt Ihr noch?“ fragte Andrea. „O, Du nennſt mich nicht mehr Du, mich, einen alten Kame⸗ raden, das iſt unfreundlich, Benedetto, Du wirſt übermüthig.“ Dieſe Drohung dämpfte den Zorn des jungen Mannes, er fühlte Caderouſſe's Gewalt über ihn. Er ſetzte ſein Pferd in Trab. „Es iſt nicht recht von Dir, Caderouſſe, Dich ſo gegen einen alten Kameraden zu benehmen, wie Du noch eben ſagteſt; Du biſt Marſeiller, ich bin...“ „Du weißt noch, was Du jetzt biſt?“ „Nein, aber ich bin in Corſica erzogen, Du biſt alt und ſtarr⸗ köpfig, ich bin jung und eigenſinnig. Unter Leuten, wie wir, iſt eine Drohung übel angebracht, Alles kann auf dem Wege der Güte abgemacht werden. Iſt es meine Schuld, daß mir das Glück günſtig iſt, während Dich das Unglück verfolgt?“ „Iſt Dir das Glück wirklich günſtig? Sind all' dieſe ſchönen Sachen nicht geliehen, ſondern Dein Eigenthum? Ei, um ſo beſſer!“ ſagte Caderouſſe mit vor Begierde funkelnden Augen. „O Du ſiehſt es und weißt es auch, weil Du mich aufgeſucht haſt,“ rief Andrea wieder muthiger,„hätte ich ein ſolches rothes Tuch um den Kopf, beſchmutzte Kleider und zerfetzte Stiefeln wie Du, ich glaube, Du würdeſt mich nicht wieder erkannt haben.“ „Du verachteſt mich, mein Junge, ei, das iſt nicht hübſch, jetzt, da ich Dich gefunden; was hindert mich, bald eben ſo gekleidet zu ſein als Du? Ich kenne ja Dein gutes Herz! Haſt Du zwei An⸗ ——— 85⁵8 züge, nun gut, ſo bekomme ich den einen; habe ich doch meine Suppe mit Dir getheilt, als Du hungrig warſt. 4 „Das iſt wahr,“ ſagte Andrea. „O wie hungrig Du warſt! Haſt Du noch immer ſo guten Appetit?“ „O ja,“ rief Andrea lachend. „Aber wie kamſt Du dazu, bei dieſem Prinzen zu ſpeiſen, von welchem Du eben kommſt?“ „Es iſt kein Prinz, aber ein Graf.“ „Ein Graf! und wohl reich, he?“ „Ja, aber täuſche Dich nicht, dem iſt nicht ſo leicht beizu⸗ kommen.“ 3 „Nun, mein Gott, ſei doch ruhig! Man hat ja gar keine Ab⸗ ſichten auf Deinen Grafen, und will Dich gern Dir ſelbſt überlaſſen, aber,“ fügte er mit ſeinem ſchrecklichen Lächeln und einer bezeichnen⸗ den Bewegung hinzu,„ich bedarf, Du verſtehſt mich?“ „Laß ſehen, wie viel verlangſt Du?“ „Ich glaube mit hundert Vuten monatlich. „Nun?“ „Könnte ich leben!...“ „Mit hundert Franken?“ „Aber ſchlecht, Du begreifſt; aber mit...“ „Nun mit?...“ „Hundertfünfig Franken würde ich ſehr glücklich ſein.“ „Hier haſt Du zweihundert,“ ſagte Andrea. Und er legte zehn Louisd'or in Caderouſſe's Hand. „Gut,“ ſagte dieſer. „Melde Dich jeden Erſten bei dem Portier, der wird Dir die⸗ ſelbe Summe auszahlen.“ „Mein Gott, wie Du mich demüthigſt!“ „Wie ſo?“ „Indem Du mich mit Deinen Dienern in Verbindung bringſt, nein, ſiehſt Du, ich will nur mit Dir zu thun haben.“ „Nun gut, wende Dich an mich, und ſo lange ich meine Rente beziehe, ſoll Dir auch die Deinige gewiß ſein.“ „Du biſt ein wackerer Burſche und ich ſehe, daß ich mich nicht in Dir geirrt habe; o es iſt eine Segnung, wenn das Glück Men⸗ miethen, Kaffeehä Theater von ſein Frantrei „N. 85⁵59 ſchen wie Dich heimſucht. Laß ſehen, wie ging es zu, wie war dieſer Glückszufall möglich?“ „Weshalb mußt Du das wiſſen?“ fragte Cavalcanti. „Gut, alſo auch noch Mißtrauen!“ „Nein. Wohlan denn, ich habe meinen Vater wiedergefunden.“ „Deinen wahren Vater?“ „Zum Teufel, ſo lange er bezahlt...“ „Glaubſt Du es und ehrſt ihn? Das iſt ganz in der Ord⸗ nung. Wie heißt Dein Vater?“ „Major Cavalcanti.“ „Und er iſt zufrieden mit Dir?“ „Bis jetzt ſcheint es ſo.“ „Und wer hat Dir zu Deinem Vater verholfen?“ „Der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Der, von welchem Du kamſt?“ „Ja.“ „Sag', Kleiner, könnteſt Du nicht auch mich als Verwandten bei ihm anzubringen ſuchen, da er für ſolche ein Büreau zu halten ſcheint?“ „Ich werde mein Möglichſtes thun; womit wirſt Du Dich bis dahin beſchäftigen?“ „Ich?“ „Ja, Du!“ „Du biſt ſehr gütig, für mich beſorgt zu ſein,“ ſagte Caderouſſe. „ Nun,“ entgegnete Andrea,„darf ich nicht auch an Dich denken, da Du ſo regen Antheil an mir nimmſt?“ „Du haſt Recht... Ich werde mir eine anſtändige Wohnung miethen, täglich meinen Bart raſiren, mich gut kleiden und in den Kaffeehäuſern Journale leſen. Abends werde ich dann in das Theater gehen, und man wird mich für einen Bäcker halten, der von ſeinen Renten lebt; das iſt ein Traum.“ „O das iſt ſehr gut, bleibe bei dieſer Lebensweiſe, und es wird Dir gut gehen.“ „Zu gütig! Und was iſt Deine Abſicht, willſt Du Pair von Frankreich werden?“ 1 „Nun, nun,“ ſagte Andrea,„wer weiß?“ 860 „Der Herr Major von Cavalcanti iſt es vielleicht... Unglück⸗ ſebte ih licherweiſe iſt dieſe Würde jedoch jetzt nicht erblich.“ guten 9 „Keine Politik, Caderouſſe... Und nun, da Du haſt, was„ll Du verlangteſt, und wir am Ziele ſind, verlaſſe ich meinen Wagen.“ R „Noch nicht, lieber Freund.“ N. „Noch nicht?“ kommen. „Aber, Kleiner, bedenke doch, ein rothes Tuch um den Kopf,„E ganz ſchlecht gekleidet, keine Legitimations⸗Papiere, zehn Louisd'or, 5 und mit dem, was ſchon darin war, 400 Fr. in der Taſche, würde M man mich nicht an den Barriéren feſthalten? Ich würde gezwungen B6 ſein, zu bekennen, daß ich das Geld von Dir bekommen, das gäbe badero zu dieſer und jener anderen Frage Anlaß; man würde hören, daß ich Toulouſe ohne Abſchied verlaſſen habe, und ich würde von Bri⸗ gade zu Brigade, bis an das mittelländiſche Meer geſchleppt werden erkälte und klar und einfach wieder Nr. 16 werden. Lebe wohl dann, Traum meines in der Zurückgezogenheit lebenden Bäckers. Nun, 7 mein Junge, ich ziehe es vor, ehrenvoll in der Hauptſtadt zu leben.“ Benede Andrea zog die Augenbrauen zuſammen, er war nach ſeinen U eigenen Worten ein ziemlich harter Kopf, dieſer vermeinte Sohn, des Herrn von Cavalcanti. Er ſann einen Augenblick nach, ſah vollkon ſich dann ſchnell ringsum, und als ſein Forſchen günſtig auszufallen ſchien, ließ er ſeine Hand unvermerkt in den Sitz des Kutſchen⸗ ſchlages gleiten und ſpielte an dem Bügel einer Taſchenpiſtole. Während deſſen hatte Caderouſſe jedoch genau auf jede ſeiner Bewegungen geachtet und öffnete ganz behutſam ein langes, ſpani⸗ ſches Meſſer, welches er bei ſich trug. Man ſieht, die beiden Freunde waren Einer des Anderen würdig und verſtanden ſich; Andrea's Hand kam ſogleich wieder zum Vorſchein und ſpielte nun mit ſeinem rothen Barte. „Gut, Caderouſſe, Du wirſt alſo glücklich leben!“ „Ich werde mein Möglichſtes thun,“ entgegnete der Wirth von pont du Gard, ſein Meſſer wieder in den Aermel ſchiebend. „Aber ſprich, wie willſt du dem Argwohn entgehen? Biſt Du im Wagen der Gefahr nicht noch mehr ausgeſetzt?“ „Höre, was mir einfällt.“ Er nahm den Mantel des Grooms, den dieſer im Tilbury hatte liegen laſſen, und hing ihn ſich um, dann Cavalcanti's Hut, 1 (nglüt „ was aagen.“ Kopf, 1 isd'or, würde wungen s gäbe n, daß —n Bri⸗ werden dann, ſeben.“ ſeinen ‚Sohn G, ſah pufallen ſſchen⸗ le. ſeiner ſpani⸗ underen er zun h von Du 2 861 ſetzte ihn auf und glich nun ganz dem verdrießlichen Diener eines guten Hauſes, deſſen Herr ſelbſt das Pferd lenkt. „Und ſoll ich ohne Kopfbedeckung bleiben?“ fragte Andrea. „Pah! es iſt ſo windig, der Hut kann Dir weggeweht ſein.“ „Nun gut,“ ſagte Andrea,„mach', daß wir von der Stelle kommen.“ „Ei, ich bin es doch nicht, der aufhält?“ fragte Caderouſſe. „Bſt!“ ſagte Cavalcanti. Man gelangte ohne Aufenthalt durch die Barrieéren. Bei der erſten Querſtraße hielt Andrea ſein Pferd an und Caderouſſe ſtieg aus. „Nun?“ rief Andrea,„Mantel und Hut?“ „Ach,“ lachte Jener,„Du wirſt doch nicht wollen, daß ich mich erkälte.“ „Aber ich?“ „Du biſt jung, ich fange an alt zu werden, auf Wiederſehen, Benedetto.“ Und er verſchwand in einem Gäßchen. „Ach,“ ſagte Andrea ſeufzend,„es iſt unmöglich, in dieſer Welt vollkommen glücklich zu ſein.“ LXVI. Hänusliche Scenen. Auf dem Platze Ludwig XV. trennten ſich die jungen Leute, Morrel ritt über den Boulevard, Chateau⸗Renaud über die Revo⸗ lutionsbrücke und Dobray den Quai entlang. Morrel und Chateau⸗Renaud erreichten aller Wahrſcheinlichkeit nach bald ihren häuslichen Heerd, wie man noch jetzt in der Tri⸗ büne der Kammern, in den feinen Geſellſchaften, und den gut ge⸗ ſchriebenen Stücken des Theaters der Straße Richelieu ſagt. Mit Dobray war dies nicht der Fall. Vom Louvre aus wandte er ſich links, ritt über den Carouſſelplatz und die Saint⸗Roche⸗Straße, paſſirte die Straße de la Michodiere, und war gerade bei Herrn Danglars Wohnung, als Herrn von Villefort's Landau vorfuhr, in welchem die Baronin ſaß. Dobray, als Hausfreund ſehr bekannt, übergab ſein Pferd einem Stallknechte und eilte dann, die Baronin an ſeinem Arm in ihre Zimmer zu geleiten. Kaum allein, flüſterte Dobray: „Hermine, ich bitte Sie, was iſt Ihnen, und weshalb griff dieſe Geſchichte oder vielmehr Fabel, die uns der Graf erzählte, Sie ſo an?“— „Weil ich dieſen Abend ſchlecht gelaunt war, mein Freund.“ „Nein, nein, Hermine,“ rief Dobray,„das reden Sie mir nicht ein; denn Sie waren im Gegentheil bei brillanter Laune, als wir bei'm Grafen anlangten. Der Baron, es iſt wahr, war etwas mißgeſtimmt, aber ich weiß, das berührt Sie ſonſt nicht. Es ſteckt etwas Anderes dahinter, o erzählen Sie es mir. Sie wiſſen, ich leide nicht, daß man Sie kränkt.“ „Lucian, Sie irren ſich, ich verſichere Sie,“ entgegnete die 4 der läche n Leute, ie Revo⸗ feinlicheit der Tri⸗ gut ge⸗ t. Mit er ſich Straße, ei Herrn fuhr, in mPferd Arm in lb grif erzählte, und.“ die mir ne, als etwas 3 ſteckt en, ich ete die 863 Baronin,„es iſt Alles wie ich geſagt, ich war nur übler Laune, und verlohnt ſich's wohl der Mühe, davon zu reden, mein Freund?“ Es war augenſcheinlich, daß Frau von Danglars unter dem Einfluſſe einer jener Nerven⸗Reizungen ſich befand, von denen die Frauen ſich oft ſelbſt keine Rechenſchaft geben können, oder daß Dobray recht gerathen hatte, und ſie etwas verſchweigen wollte. Geduldig wartete er jedoch einen günſtigen Augenblick ab und drang für jetzt nicht weiter mit Fragen in ſeine Freundin. An der Thür ihres Zimmers fand die Baronin ihre Kam⸗ merfrau. „Was macht meine Tochter?“ fragte ſie. „Sie hat den ganzen Abend ſtudiert,“ antwortete Mademoi⸗ ſelle Cornelia,„jetzt hat ſie ſich zur Ruhe begeben.“ „Es war mir doch, als hörte ich ihren Flügel?“ „Fräulein Luiſe von Armilly ſpielt auf Fräulein Eugenie's Wunſch.“ „Gut, komm und entkleide mich.“ Man trat in das Schlafzimmer der Baronin; dieſe begab ſich mit der Kammerfrau in ihr Toilettenzimmer, während Dobray in einem großen Sopha Platz nahm. „Mein lieber Lucian,“ rief Frau von Danglars,„Sie beklagen ſich ſtets, daß Eugenie nie mit Ihnen ſpricht?“ „Gnädige Frau,“ entgegnete Lucian, mit einem kleinen Schooß⸗ hündchen ſpielend, welches, ſeine Stelle als Hausfreund ahnend, ihm tauſend Zärtlichkeiten erwies,„ich bin nicht der Einzige, der ſich darüber beklagt, ich hörte noch vor Kurzem von Herrn von Morcerf, daß es ihm nicht gelänge, ſeiner Verlobten auch nur ein einziges Wort abzugewinnen.“ „Das iſt wahr, ich bin jedoch überzeugt, daß ſich das bald ändert, und eines Tages Eugenie in Ihr Kabinet treten wird.“ „In mein Kabinet?“ „Das heißt, in das des Miniſters.“ „Und weshalb das?“ „Um Sie um ein Engagement bei der Oper zu bitten. In der That, ich habe nie ſolchen, für eine vornehme junge Dame lächerlichen Enthuſiasmus für Muſik geſehen.“ Dobray lachte. 864 „Charmant! Wenn ſie mit ihrer und mit des Barons Ein⸗ willigung kommt, werden wir ihr dieſes Engagement nicht ver⸗ weigern, obgleich wir gewiß zu arm ſind, ein ſolches Talent wür⸗ dig zu belohnen.“ „Ich bedarf Deiner nicht mehr, Cornelia.“ Die Kammerfrau verließ das Zimmer und Frau von Dang⸗ lars ſetzte ſich in einem reizenden Negligée zu Lucian, und ſtreichelte träumeriſch den kleinen Hund. Lucian betrachtete ſie ſchweigend. „Hermine, ſeien Sie aufrichtig, es drückt Sie irgend etwas.“ „Nichts,“ erwiderte die Baronin. Und ſie erhob ſich, ſchwer athmend, und trat vor einen Spiegel. „Ich ſehe dieſen Abend erſchreckend aus.“ Dobray ſtand lachend auf, um die Baronin über dieſen Punkt zu beruhigen, als ſich plötzlich die Thür öffnete. Danglars erſchien, Dobray ſetzte ſich wieder. 8 Bei dem Geräuſche der geöffneten Thür hatte die Baronin den Kopf gewandt und betrachtete ihren Mann mit dem unver⸗ hohlenſten Erſtaunen. „Guten Abend, Madame,“ ſagte der Banquier,„guten Abend, Herr Dobray.“ Die Baronin war überzeugt, daß dieſer ungewohnte Beſuch alle die bittern Worte wieder gut machen ſollte, die ihrem Manne im Laufe dieſes Tages entfallen waren. Sie nahm eine ernſthafte Miene an und ſagte zu Lucian, ohne ihrem Manne zu antworten: „Leſen Sie mir etwas vor, Herr Dobray.“ Dieſer, durch des Banquiers Eintritt etwas beunruhigt, faßte ſich, als er ſeine Freundin ſo ruhig ſah, nahm ein bezeichnetes Buch und ſchlug es auf. „Verzeihung,“ ſagte der Banquier,„aber die Baronin iſt ſehr ermüdet, es iſt elf Uhr, und Sie, Herr Dobray, wohnen ſehr weit.“ Dobray war ſtarr vor Staunen, der Ton des Banquiers war ruhig und anſtändig, hinter dieſer Ruhe lag jedoch der ungewohnte feſte Wille, ſeiner Frau entgegen zu handeln. Auch die Baronin war überraſcht und maß ihren Gemahl mit * als F Augen aufzuf die d Dobre Umſto zu wi nicht ſich winn gebli mit! ſchien packte kroch wohn Der nt wür— Dang⸗ ſeichelte etwas.“ Spiegel. n Punkt Baronin unver⸗ Abend, Beſuch Manne in, ohne t faßte ichnetes iſt ſehr weit.“ ers war ewohnte ahl mit ns Ein. öͤt ver⸗ 865⁵ einem Blicke, der ihm gewiß nachzudenken gegeben haben würde wenn er nicht eifrig in einem Journale geleſen hätte. So verlor dieſer drohende ſtolze Blick ſeine Kraft. „Herr Lucian,“ ſagte die Baronin,„ich erkläre Ihnen, daß ich nicht die mindeſte Luſt zum Schlafen habe und Ihnen noch Vieles ſagen muß, und ich hoffe, Sie werden mir noch einige Stunden Ihrer Zeit widmen.“ „Ganz zu Ihrem Befehl, gnädige Frau,“ entgegnete Lucian phlegmatiſch. „Mein beſter Herr Dobray,“ ſagte ſeinerſeits der Banquier, „ich bitte, quälen Sie ſich nicht, auch dieſe Nacht die Narrheiten meiner Frau anzuhören, es iſt auch morgen Zeit genug; dieſen Abend habe ich mir vorbehalten, um mit Ihrer Erlaubniß wichtige Gegenſtände mit der Baronin zu beſprechen.“ Dieſes Mal war der Schlag ſo direct, daß er ſowohl Lucian als Frau von Danglars völlig betäubte, Beide ſuchten ſich mit den Augen, wie um ſich zur Hilfe gegen dieſen unerwarteten Angriff aufzufordern, aber die unleugbare Macht des Hausherrn ſiegte über die des Hausfreundes, der Banquier blieb. „Glauben Sie indeſſen nicht, daß ich Sie vertreibe, beſter Dobray,“ fuhr Danglars fort,‚nein, gewiß nicht, ein unvorhergeſehener Umſtand zwingt mich, eine Unterredung mit der Baronin dringend zu wünſchen; das iſt ſo ſelten, daß ich hoffe, man wird deshalb nicht mit mir grollen.“ Dobray ſtammelte einige Worte und empfahl ſich dann eiligſt. „Es iſt unglaublich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als die Thür ſich hinter ihm ſchloß,„welche Gewalt dieſe Männer über uns ge⸗ winnen, die wir doch im Grunde ſo lächerlich finden.“ Der Banquier nahm auf dem Sopha Paatz, ſchloß das offen gebliebene Buch, nahm eine höchſt prätentiöſe Miene an und ſpielte mit dem Hunde, der jedoch für ihn nicht die Zärtlichkeit zu haben ſchien wie für Dobray, ſondern ihn tüchtig biß. Augenblicklich packte er das arme Thier und warf es ungeſtüm auf einen Stuhl. Das Hündchen ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und kroch dann hinter die Kiſſen, wo es, erſchreckt von dieſer unge⸗ wohnten Behandlung liegen blieb. „Wiſſen Sie, mein Herr,“ ſagte die Baronin ruhig,„daß Sie Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 55 7 866 Fortſchritte machen? Gewöhnlich ſind Sie nur ungeſchliffen, heut ſind Sie brutal.“ „Das macht,“ rief Danglars gleichgiltig,„weil ich heute mehr als gewöhnlich übler Laune bin.“ Hermine betrachtete ihren Mann mit vollſtändigſter Verachtung. Gewöhnlich brachten ihre Blicke den hochmüthigen Danglars außer Faſſung, heute ſchienen ſit ihn kalt zu laſſen. „Und was geht mich ihre üble Laune an?“ fragte die Baronin gereizt und ungeduldig,„was habe ich damit zu thun, gießen Sie dieſe Mißſtimmung doch lieber über Ihre bezahlten Commis aus!“ Micht doch, Madame, Sie gerathen auf Abwege mit Ihren Rathſchlägen, auch werde ich Sie nicht befolgen. Meine Commis ſind anſtändige Leute, die mir mein Geld verdienen und lange nicht nach Verdienſt belohnt werden. Wie ſollte ich wohl dazu kommen, gegen ſie meinen Zorn auszulaſſen? Nein, er treffe die, welche mein Haus mißbrauchen, meine Pferde ruiniren und meine Kaſſe erſchöpfen.“— „Und wer ſind dieſe Leute, wenn ich bitten darf? Erklären Sie ſich deutlicher, mein Herr.“ „O beruhigen Sie ſich,“ rief Danglars,„ich werde nicht lange in Räthſeln ſprechen. Die Leute, welche meine Kaſſe erſchöpfen, ſind die, welche daraus ſiebenhunderttauſend Franken in einer Stunde nehmen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr,“ ſagte die Baronin, indem ſie die Unſicherheit ihrer Stimme und ihr Erröthen zu verbergen ſuchte. „Sie verſtehen mich im Gegentheil nur zu wohl,“ rief der Banquier,„aber wenn Sie in Ihrem böſen Willen verharren, ſage ich Ihnen, daß ich bei der ſpaniſchen Anleihe die genannte Summe verloren habe.“ „Ei,“ rief die Baronin hohnlächelnd,„und mich machen Sie für dieſen Verluſt verantwortlich?“ „Und weshalb nicht?“ „Mein Gott, iſt es denn meine Schuld, daß Sie ſiebenhundert⸗ tauſend Franken verloren haben?“ „Die meinige jedenfalls nicht.“ habe zu ſpre Hauſt, Beide Ohren ſ nn Stimn ü9 h lebhaf heut mehr ſtung. laußer ſronin Sie aus!“ Ihren mmis nicht umen, 1 elche Kaſſe tlären lange öpfen, einer ndem ergen ef der „ſage umme Sie neert⸗ 867 „Ein für alle Mal, mein Herr,“ entgagnete die Baronin gereizt, „habe ich Sie gebeten, mit mir nicht von ſolchen Angelagenheiten zu ſprechen, ich habe dieſe Sprache weder in meinem elterlichen Hauſe, noch in dem meines erſten Mannes kennen gelernt.“ „Zum Teufel, das glaube ich gern,“ rief Danglars,„weil Beide keinen Sou beſaßen.“ „Und hier zerreißen mir die kaufmänniſchen Geldgeſpräche die Ohren vom Morgen bis zum Abend, dieſer Klang des Geldzählens iſt mir unerträglich, und ich kenne nichts als den Ton Ihrer Stimme, was mir noch widriger iſt.“ „Wirklich?“ rief der Baron lachend,„ei wie ſonderbar, und ich hatte geglaubt, Sie nähmen an meinen Unternehmungen den lebhafteſten Antheil.“ „Ich? und wie kommen Sie zu dieſer lächerlichen Vermuthung?“ „Durch Sie ſelbſt.“ „Ahl zum Beiſpiel.“ „Ganz gewiß.“ „Nun, darf ich bitten, was Sie zu dieſem albernen Glauben veranlaßt?“— „O mein Gott, ſehr gern! Im letzten Februar ſprachen Sie zum erſten Male mit mir über Haytiſche Fonds, Sie hatten ge⸗ träumt, ein Schiff liefe in den Hafen von Havre ein, und brächte die Nachricht, daß eine Zahlung, welche man auf den Nimmer⸗ mehrstag verwieſen glaubte, ſich realiſirt. Ich kenne Ihren hell⸗ ſehenden Schlaf und kaufte unter der Hand alle Pfandſcheine von Hayti, die zu haben waren, gewann vierhunderttauſend Franken und gab Ihnen hundert davon, womit Sie nach Gefallen ſchalten konnten.“ „Im März handelte es ſich um die Conceſſion zu einer Eiſen⸗ bahn. Drei Geſellſchaften boten gleiche Garantieen. Sie ſagten mir, daß Ihr Inſtinkt— und obgleich Sie ſonſt jede Speculation verachten, traue ich dennoch Ihrem, in gewiſſer Hinſicht vollkommen ausgebildeten Inſtinkt— Sie ſagten mir alſo, daß Ihrem Inſtinkt nach, die ſüdliche Geſellſchaft das Privilegium bekommen werde, und ich beeilte mich, zwei Theile der Actien dieſer Geſellſchaft an mich zu bringen. Es geſchah, wie Sie vorausgeſagt, die Actien ſtiegen bis zu dem dreifachen Werthe und ich gewann eine Million, 55* 868 wovon ich Ihnen unter dom Namen Nadelgeld zweimalhundertfünf⸗ zigtauſend Franken übergab. Was iſt aus dieſem Geld geworden? Mich geht es nichts an.“ „Aber wo ſoll das hinaus, mein Herr?“ rief die Baronin, außer ſich vor Ungeduld und Widerwillen. „Geduld, Madame, Sie werden ja ſehen.“ „Nun alſo?“ „Im April waren Sie zu Tiſch bei dem Miniſter, man ſchwatzte von Spanien, und Sie hörten eine geheime Unterredung, es handelte ſich um Don Carlos' Vertreibung; ich kaufe ſpaniſche Fonds und gewann ſechshunderttauſend Franken den Tag, wo Carl V. wieder über die Bidaſſoa zurückging. Von dieſer Summe haben Sie fünfzigtauſend Thaler erhalten und auch darüber nach Willkür verfügt, ich habe nie Rechenſchaft verlangt, aber Sie haben in dieſem Jahre fünfhunderttauſend Livres erhalten.“ „Nun gut, und dann, mein Herr?“ „Ach ja, dann! von da an datirt ſich der Rückſchritt, wie Sie hören werden.“ „In der That, Sie haben eine Art, ſich auszudrücken, mein Herr... „Ich ſage, was ich denke, das iſt Alles. Dann, es ſind drei Tage... hatten Sie ein politiſches Geſpräch mit Herrn Dobray und glaubten aus deſſen Worten ſchließen zu können, daß Don Carlos wieder in Spanien ſei. Gleich verkaufe ich meine Renten, die Nachricht verbreitet ſich, paniſcher Schrecken, ich verkaufe nicht mehr, ich gebe; den andern Tag weiſt ſich Ihre Nachricht als un⸗ begründet aus und ich habe ſiebenhunderttauſend Franken verloren!“ „Nun?“ „Nun! weil ich Ihnen ein Viertel meines Gewinnes gebe, können Sie auch wohl ein Viertel meines Verluſtes tragen, das macht alſo von der genannten Summe hundertfünfundſiebzigtauſend Franken.“ „Aber das iſt ganz lächerlich und gehört nicht hierher, was ſoll Herrn Dobray's Name in dieſer Geſchichte?“ „Weil, wenn Sie vielleicht die, von mir geforderte Summe nicht mehr beſitzen, einer Ihrer Freunde Sie Ihnen leihen wird, und der Herr Dobray gehört zu Ihren Freunden.“ ———— 869 „Pfui!“ ſchrie die Baronin. „Bitte, Madame, kein Geſchrei, keine Theater⸗Scene, oder Sie zwingen mich, Ihnen zu ſagen, daß ich Herrn Dobray ſehe, wie er hohnlächelt über die fünfhunderttauſend Livres, die Sie ihm gegeben, und ſich ſagt, daß er entdeckt, was den geſchickteſten Spielern noch nicht gelungen, ein Roulett, in welchem man gewinnt ohne zu ſetzen, und nicht verliert, wenn man verliert.“ Die Baronin war außer ſich. „Niederträchtiger,“ rief ſie,„unterſtehen Sie ſich, mir zu ſagen, daß Sie nicht wiſſen, was Sie mir heute vorwerfen.“ „Ich ſage weder daß ich weiß, noch daß ich nicht weiß, ich ſage: Beobachten Sie mein Betragen in den vier Jahren ſeit Sie nicht mehr meine Frau ſind, ich nicht mehr Ihr Mann bin, und Sie werden finden, daß ich conſequent handle.“ „Einige Zeit vor unſerm Bruch wünſchten Sie die Muſik mit dem bewußten Bariton zu ſtudieren, der mit viel Erfolg im ita⸗ lieniſchen Theater gaſtirte; ich wollte mit jener, in London ſo be⸗ rühmt gewordenen Tänzerin den Tanz ſtudieren. Dies hat mir, ſowohl für Sie als für mich, ziemlich hunderttauſend Franken ge⸗ koſtet, ich habe nichts geſagt, weil eine gewiſſe Harmonie im Haus⸗ halte herrſchen muß. Hunderttauſend Franken, damit Mann und Frau gründlich Muſik und Tanz verſtehen, das iſt nicht zu theuer. Dann langweilte Sie die Muſik, und Sie kamen auf den Gedanken, mit einem Secretär des Miniſters Diplomatie zu ſtudieren. Ich laſſe Sie ſtudieren. Sie begreifen, daß mir nichts daran lag, weil Sie dieſe Stunden aus Ihrer Kaſſe bezahlen. Heute merke ich, daß Sie aus meiner Kaſſe bezahlen und daß mich dieſe Lehrzeit ſieben⸗ hunderttauſend Franken monatlich koſtet. Halt, Madame, das geht nicht länger. Giebt der Diplomat den Unterricht unentgeltlich, ſo mag er ferner kommen, wo nicht, darf er keinen Fuß wieder in mein Haus ſetzen, verſtehen Sie, Madame?“ „O das iſt zu arg, mein Herr,“ ſchrie Hermine faſt vergehend, „Sie haben ſchon längſt jede Grenze des Anſtandes überſchritten.“ „Aber,“ fuhr Danglars fort,„ich ſehe mit Vergnügen, daß Sie freiwillig dem Geſetze:„Das Weib ſoll dem Manne gehorchen,“ nachgekommen ſind.“ „Beleidigungen!“ 870 „Sie haben Recht, laſſen Sie uns kalt weiter ſprechen. Ich habe mich ſtets nur zu Ihrem Beſten in Ihre Angelegenheiten ge⸗ mifcht, machen Sie es eben ſo. Meine Kaſſe geht Sie nichts an, ſagten Sie? Gut, verwalten Sie die Ihrige, aber füllen oder leeren Sie die meinige nie. Ueberhaupt, wer ſagt mir denn, daß es nicht vielleicht ein politiſcher Dolchſtoß des Miniſters iſt, welcher, wüthend, mich bei der Oppoſitions⸗Partei zu ſehen, und eiferſüchtig über die Volksgeſinnungen, die ich habe, ſich mit Herrn Dobray verſteht, um mich zu ruiniren?“ „Wie wahrſcheinlich das iſt!“ „Aber ohne Zweifel, wer hat das wohl jemals erlebt?... Eine falſche telegraphiſche Nachricht, das iſt beinah unmöglich... die letzten beiden Telegraphen haben faſt ganz entgegengeſetzte Zeichen gegeben, klingt das nicht in der That wie nur allein für mich gemacht?“... „Mein Herr,“ ſagte die Baronin etwas demüthiger,„ich hoffe, Sie werden ſich erinnern, daß dieſer Beamte ſeines Dienſtes ent⸗ laſſen iſt, ja, daß davon geſprochen ward, ihm den Proceß zu machen, daß Befehl gegeben war, ihn feſtzuſetzen, und daß dieſer Befehl gewiß ausgeführt worden wäre, wenn er ſich nicht durch die Flucht allen Nachforſchungen entzogen, und dadurch ſeine Schuld, oder wenigſtens ſeinen Irrthum eingeſtanden hätte.... Das iſt alſo ein Irrthum.“ „Welcher die Dummen zum Lachen bringt, dem Miniſter eine ſchlafloſe Nacht macht, die Herren Staats⸗Secretäre viel Papier verſchreiben läßt, mich aber um ſiebenhunderttauſend Franken ge⸗ bracht hat.“ „Aber mein Herr,“ ſagte Hermine plötzlich,„wenn Sie Herrn Dobray denn durchaus beſchuldigen, weshalb wenden Sie ſich an mich? Wenn die Anklage dem Manne gilt, weshalb beläſtigen Sie denn die Frau?“ „Kenne ich Herrn Dobray?“ rief Danglars hitzig,„will ich ihn kennen? will ich wiſſen, daß er die Rathſchläge gieht? will ich ſie befolgen? bin ich es der ſpielt? Nein, das Alles geht von Ihnen aus, Madamo, einzig von Ihnen, und nicht von mir!“ „Aber es ſcheint mir, daß Sie dieſen Rath gern benutzt haben.“ Danglars zuckte die Achſeln. SJöh en ge⸗ ſts an, oder „ daß elcher, üchtig obray Eine .. die Heichen — mich hoffe, 8 ent⸗ teß zu dieſer rch die Schuld, ſt alſo reine gapier en ge⸗ Herrn ſch an n Sie il ich il ich Ihnen aben.“ 871 „Tolle Creaturen ſind dieſe Frauen, die ſich für Genies halten, weil ſie dieſe oder jene Intrigue ſo geſchickt durchgeführt haben, daß ſie ganz Paris von ſich haben reden machen,— o Ihr ſolltet doch darauf bedacht ſein, Eure Unordnungen und Abwege vor Euren Ehemännern zu verbergen, was das richtige ABC der Kunſt iſt,— weil Eure Männer meiſtentheils Eure Schwachheiten nicht ſehen wollen, ſeid Ihr nichts als eine matte Copie der Mehrzahl Eurer Freundinnen, der ſogenannten Frauen von der Welt. Mir iſt es nicht ſo, Madame, ich ſehe und habe geſehen, ſeit ſechszehn Jahren iſt es Ihnen vielleicht gelungen, mir einen Ihrer Gedanken, nicht aber, eine Ihrer Handlungen, Schwächen oder Fehler zu ver⸗ bergen. Während Sie ſich, Ihrer Feinheit freuend, mich zu be⸗ trügen wähnten, was geſchah? Dank meiner ungeahnten Vorſicht, hat von Herrn von Villefort bis zu Herrn Dobray, jeder Ihrer Freunde vor mir gezittert. Keiner von Ihnen hat den Herrn des Hauſes in mir überſehen, das war mein Wille, und keiner hat je gewagt, Ihnen das von mir zu ſagen, was ich jetzt ſelbſt ſage. Ich erlaube Ihnen, mich unausſtehlich zu finden, Sie dürfen mich jedoch nicht lächerlich machen, und ich verbiete Ihnen ein für alle Mal ernſtlich, mich zu Grunde zu richten.“ Bis zu dem Augenblicke, in welchem der Banquier den Namen Villefort nannte, war die Baronin ziemlich ruhig geweſen, bei dieſem Namen jedoch erbleichte ſie, ſprang wie durch innere Kraft getrieben, in die Höhe, ſtreckte die Arme aus, als wolle ſie eine Erſcheinung bannen, und ging drei Schritte auf ihren Mann zu, wie, um ihm dieſes entſetzliche Geheimniß zu entreißen, das er nicht kannte, oder vielleicht nach ſeinen, wie gewöhnlich ſchrecklichen Berechnungen, ſeinen Lippen nicht vollſtändig entſchlüpfen laſſen wollte. „Herr von Villefort? was ſoll das bedeuten? was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, Madame, daß Herr von Nargonne, Ihr erſter Mann, weder ein Philoſoph noch ein Banquier, oder vielleicht Beides war, und daß er vielleicht aus Zorn oder Kummer geſtorben iſt, weil er vom Procurator des Königs keinen Theil haben konnte, oder weil er ſich Vaterfreuden bereitet ſah, nachdem er neun Monate verreiſt war. Ich bin brutal, das weiß ich nicht nur, ich rühme mich ſogar damit, das iſt einer meiner Erfolge in 872 meinen kaufmänniſchen Speculationen. Weshalb hat er nicht ge⸗ tödtet, ſtatt ſich ſelbſt zu tödten? Weil er keine Kaſſe zu verwalten hatte, ich aber habe dieſe Verpflichtung. Mein Aſſocié, Herr Dobray, iſt ſchuld an meinem großen Verluſte, möge auch er einen Theil deſſelben tragen, ſo können wir nach wie vor unſere Geſchäfte machen. Läßt er mich jedoch den ganzen Verluſt tragen, gut, ſo giebt es Fünfzig, die mindeſtens ebenſo viel werth ſind als er, denn mein Gott, Dobray iſt ein charmanter Kerl, jedoch nur ſo lange ſeine Nachrichten wahr ſind.“ Die Baronin war ganz vernichtet, dennoch verſuchte ſie, jedoch vergebens, auf dieſe letzte grauſame Beſchuldigung zu antworten. Sie ſank in einen Fauteuil, dachte an Villefort, an die Scene bei Tiſch, an dieſe ſeltſame Verknüpfung ungünſtiger Umſtände, welche ſeit einigen Tagen ihr Haus bedrohten, und den gewohnten Frieden in ſo ſchreckliche Streitigkeiten verwandelten. Danglars beachtete ſie nicht weiter, obgleich er wohl ſah, daß ſie faſt ohnmächtig war. Er verließ lautlos das Zimmer, und als ſeine Frau aus der Betäubung erwachte, ſchien ihr das eben Er⸗ lebte nur ein wüſter Traum. der Aüt Dde welcher kleinen und lief Bi verfinſte Beſuchen Gavalca Banqui N heftiger ſonders Kutſche M quier n W ain, gri Ku T ſehr lau — — ———— zwei Stunden. Da verlangte auch er ſeine Pferde, begab ſich in die Kammer und ließ ſich einſchreiben, um gegen das Budget zu ſprechen. Bis dahin hatte er Papiere entſiegelt und ſich immer mehr verfinſtert, hatte Zahlen auf Zahlen gehäuft, und unter anderen Beſuchen auch den des, wie immer, ſteifen und pünktlichen Major Cavalcanti empfangen, welcher erſchien, um ſein Geſchäft mit dem Banquier abzumachen. Während der Sitzung hatte Danglars die deutlichſten Beweiſe heftiger Aufregung gegeben und war gegen den Miniſter ganz be⸗ ſonders herbe geweſen. Die Kammer verlaſſend, befahl er ſeinem Kutſcher, ihn elyſäiſche Felder Nr. 30 zu fahren. Monte⸗Chriſto war zu Hauſe, jedoch nicht allein und der Ban⸗ quier mußte deshalb einige Augenblicke warten. Während dieſer Zeit öffnete ſich die Thür, ein Prieſter trat ein, grüßte und verſchwand in den inneren Gemächern. Kurze Zeit danach erſchien Monte⸗Chriſto. „Verzeihung, beſter Baron,“ rief er,„aber einer meiner Freunde, der Abbé Buſoni, iſt ſoeben in Paris angekommen, wir hatten uns ſehr lange nicht geſehen und ich konnte ihn unmöglich gleich ver⸗ Heiraths-Pläne. Der Tag nach der eben erzählten Scene, um die Stunde, in welcher Dobray, bevor er in ſein Bureau fuhr, der Baronin einen kleinen Beſuch abſtattete, erſchien ſein Tilbury nicht auf dem Hofe. Zu derſelben Zeit verlangte Frau von Danglars ihren Wagen und fuhr aus. Danglars hatte, hinter einem Vorhange ſitzend, ſehnlichſt darauf gewartet und gab augenblicklich Befehl, ihn ſogleich zu benach⸗ richtigen, wenn ſeine Frau zurückgekehrt ſei; es vergingen jedoch 874 laſſen; ich hoffe, daß Sie zu Gunſten dieſer Urſache mir verzeihen, daß ich Sie warten ließ.“ „Ich bitte,“ rief Danglars,„nichts iſt einfacher, ich habe den Augenblick ſchlecht gewählt und werde mich ſogleich zurückziehen.“ „Durchaus nicht, ſetzen Sie ſich, im Gegentheil, aber guter Gott, was iſt Ihnen? Sie ſehen ſehr ſorgenvoll aus, wahrhaftig, Sie erſchrecken mich: der Kummer eines Kapitaliſten iſt dem Ko⸗ meten zu vergleichen, er ſagt ſtets ein großes Unglück in der Welt voraus.“ „Was mir iſt? Mich verfolgt ſeit einigen Tagen das aller⸗ finſterſte Mißgeſchick.“ „Ach, mein Gott!“ rief Monte⸗-Chriſto,„haben Sie einen Rück⸗ fall an der Börſe gehabt?“ „Nein, ich bin davon geheilt, für einige Tage wenigſtens, es handelt ſich jetzt um einen Bankerott in Trieſt.“ „Wahrhaftig? und heißt Ihr Bankerotteur vielleicht zufällig Jacopo Manfredi?“ „Jawohl! Denken Sie ſich, dieſer Mann hatte, ich weiß nicht ſeit wie viel Jahren, ein Geſchäft von neunhunderttauſend Franken mit mir. Niemals eine Verrechnung, niemals ein Verzug, ein Menſch, der zahlte wie ein Prinz, der zahlte... Ich wage mehr, eine Million von ihm zu fordern, und nun ſtellt der Schurke ſeine Zahlungen ein.“ „In der That?“ „Es iſt ein unerhörtes Mißgeſchick, ſechsmalhunderttauſend Livres erhalt' ich unbezahlt zurück, ja noch mehr, ich habe noch für viermalhunderttauſend Franken von ihm unterzeichnete Wechſel, zahl⸗ bar Ende Monats, bei ſeinem Pariſer Correſpondenten. Heute iſt der dreißigſte, ich gehe hin, ſie zu heben, ach ja, der Correſpondent iſt verſchwunden. Dazu meine ſpaniſche Geſchichte, o das iſt ein luſtiger Monatsabſchluß.“ „Aber bringt dieſe ſpaniſche Angelegenheit Ihnen wirklich Verluſt?“ „Gewiß, ſiebenmalhunderttauſend Franken, nichts weiter.“ „Zum Teufel, wie hat das Ihnen paſſiren können, einem ſolchen alten Luchſe?“ daſſelbe — „⁸‿ J „I Meſſage gegründ Nachrich „ hundert „* empfin tauſend „T denen nenne i hat, G Englan dert M ſolches, eljeihen, habe den eehen.“ er guter rhaftig, dem Ko⸗ er Welt en Küch lens, es zufällig eiß nicht Franken zug, ein ge mehr, rke ſeine ttauſend noch für ſel zahl⸗ Heute iſt ſpondent iſt ein wirklich er 1 ſolchen 875 „Ach, meine Frau iſt ſchuld daran. Sie glaubte an Träume und hatte geträumt, Don Carlos ſei wieder in Spanien. Auf ihre Vorſpiegelungen ſpielte ich, ſie iſt ſonſt ſo ſicher und hat auch ihre eigene Kaſſe. Nun habe zwar nicht ich es verloren, ſondern ſie iſt der verlierende Theil; aber Sie werden einſehen, daß, wenn die Frau ſiebenhunderttauſend Franken verliert, der Mann es ſtets ein wenig fühlt. Alſo wußten Sie es nicht? Aber die Sache hat doch ſehr viel Aufſehen gemacht.“ „Es iſt möglich, daß ich im Allgemeinen davon gehört; mir ſind die Angelegenheiten der Börſe ſehr fremd.“ „Alſo ſpielen Sie nie?“ „Ich? Ach, mein Gott, wie ſollte ich dazu kommen, da mir das Ordnen meiner Angelegenheiten ſchon ſo viel Sorge macht. Ich wäre gezwungen, außer meinem Haushofmeiſter noch einige Commis zu engagiren. Aber apropos, Spanien, es ſcheint mir doch, als habe die Baronin nicht nur geträumt, ſagen die Zeitungen nicht daſſelbe von Don Carlos?“ „Sie glauben an die Zeitungen, Sie?“ „Ich, nicht im Geringſten, aber es ſcheint mir, als mache der Meſſager eine Ausnahme von der Regel, und habe immer ganz gegründete Nachrichten, telegraphiſche nämlich.“ „Ach,“ rief Danglars,„das iſt eben unbegreiflich, die falſche Nachricht war eben eine telegraphiſche!“ „Uebrigens,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„dann haben Sie ſiebzehn⸗ hunderttauſend Franken ungefähr verloren.“ „Nicht ungefähr, denn das iſt gerade die Summe.“ „Teufel, für ein Vermögen dritten Ranges iſt das ein ſehr empfindlicher Schlag,“ ſagte der Graf mitleidig. „Dritten Ranges,“ rief Danglars etwas gedemüthigt,„der tauſend, wie meinen Sie das?“ „Ohne Zweifel,“ rief der Graf lachend,„ich theile die verſchie⸗ denen großen Vermögen in drei Theile: Vermögen erſten Ranges nenne ich ein ſolches, bei welchem man bedeutende Schätze disponibel hat, Güter, Minen und Scheine auf Frankreich, Oeſterreich und England ſein nennt, vorausgeſetzt, daß das Ganze mindeſtens hun⸗ dert Millionen beträgt. Vermögen zweiten Ranges nenne ich ein ſolches, welches durch großen Manufacturen⸗Beſitz, enorme Handels⸗ 876 Verbindungen, Vicekönigſchaften und Herrſchaften, die ein Einkom⸗ men von fünfzehn Millionen nicht überſteigen, einen Total⸗Beſitz von fünfzig Millionen erwarten läßt. Vermögen dritten Ranges endlich iſt meiner Anſicht nach ein ſolches, bei welchem die Kapitale durch verſchiedene zuſammengeſetzte Intereſſen Frucht bringen, die Gewinne von dem Willen Anderer oder dem Glückszufalle abhängen, welches Bankerott wankend macht, eine telegraphiſche Nachricht er⸗ ſchüttert, kurz, was man, im Vergleich zu der natürlichen Macht, untergeordnet nennen kann. Die Beſitzer dieſes dritten Ranges müſſen ein Kapital von ungefähr fünfzehn Millionen ihr eigen nennen können. Iſt Ihre Stellung nicht ungefähr der Art, Herr Danglars?“ „Zum Teufel, ja,“ entgegnete der Banquier. „Daraus folgt,“ fuhr Monte⸗Chriſto, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, fort,„daß nach ſechs ſolchen Monats⸗Abſchlüſſen ein Haus dritten Vermögens zu Grunde gerichtet iſt.“ „O!“ ſagte Danglars matt lächelnd,„wie Sie eilen.“ „Gut, nehmen wir ſieben Monate,“ ſprach der Graf ungeſtört weiter,„ſagen Sie, haben Sie wohl zuweilen bedacht, daß ſieben mal ſiebzehnhunderttauſend Franken beinahe zwölf Millionen be⸗ tragen?... Nein?... Nun wohl!... Sie haben Recht, denn bei ähnlichen Betrachtungen würde man ſein Kapital nie in dieſer Art auf das Spiel ſetzen; da dem Geſchäftsmann ſein Kapital das iſt, was uns anderen Menſchen die Haut iſt. Wir haben mehr oder minder prächtige Kleidung, das iſt unſer Credit, aber wenn der Menſch ſtirbt, hat er nur ſeine Haut, gleichwie wenn er ſein Ge⸗ ſchäft verläßt, ihm nur ſein wirkliches Eigenthum bleibt, was für Sie alſo fünf bis ſechs Millionen höchſtens beträgt. Aber apropos, von dieſen fünf oder ſechs Millionen, die Ihr wirkliches Eigenthum bilden, werden Sie faſt zwei verlieren, die dann ſowohl Ihr Ver⸗ mögen, als auch Ihren Credit vermindern, d. h., mein beſter Dang⸗ lars, Ihre Haut iſt durch einen Aderlaß geöffnet, der viermal wiederholt den Tod nach ſich ziehen muß. Aber, beſter Freund brauchen Sie Geld? darf ich Ihnen etwas leihen?“ „Was ſind Sie für ein ſchlechter Rechner, beſter Graf,“ ſchrie Danglars, nun auch ſeine Klugheit und die ganze, ihm zu Gebote ſtehende Verſtellungskraft anwendend.„Schon jetzt habe ich das —*——— ſetzte er „ſagen Cavalcc Buſoni begreife Mo „A ſeinen Einkom⸗ al⸗Veſt angez Kapitale gen, die öhängen, „icht er⸗ 1 Macht, Nanges r eigen n, Herr uſung ſſchlüſſen ungeſtört ß ſieben onen be⸗ denn bei eſer Art das iſt ehr oder enn der ſein Ge⸗ was für apropos, genthum hr Ver⸗ rDang⸗ viermal Freund ¹ ſchrie Gebote ich das 877 verlorene Geld durch andere glückliche Speculanten wieder gewonnen. Das durch den Aderlaß verlorene Blut iſt durch friſchen Nahrungs⸗ ſtoff erſetzt. Ich habe eine Schlacht in Spanien verloren und bin in Trieſt geſchlagen, aber meine indiſche Kriegsflotte wird Gallionen gewonnen haben, meine Pioniere in Mexiko mir einige Minen entdeckt haben.“ „Charmant! charmant! Aber die Oeffnung bleibt und wird ſich bei der erſten Gelegenheit wieder öffnen.“ „Nein,“ rief Danglars mit der eitlen Prahlerei eines Charla⸗ tans, der ſeinen Credit herausſtreicht,„nein, mich zu ſtürzen, müßten die Gouvernements völlig zu Grunde gehen.“ „Ach, das iſt ſchon dageweſen.“ „Die Erde müßte aufhören, Frucht zu bringen.“ „Denken Sie an die ſieben fetten und an die ſieben mageren Kühe.“ „Oder das Meer müßte trocknen wie zu Pharao's Zeiten; aber es giebt noch andere Meere, und meine Schiffe könnten ſich ja auch in Karavanen verwandeln.“ „Deſto beſſer, o tauſend Mal deſto beſſer, lieber Herr Dang⸗ lars,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„ich ſehe, daß ich mich geirrt hatte und Sie ſchon in die zweite Rang⸗Ordnung gehören.“ „Ich glaube auf dieſe Ehre Anſpruch machen zu können,“ ſagte der Banquier mit ſeinem ſtechenden Lächeln, welches auf den Grafen den Eindruck eines jener trüben Monde machte, deren die ſchlechten Maler ſich zur Ausſchmückung ihrer Ruinen bedienen.„Aber,“ ſetzte er hinzu, um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, „ſagen Sie mir doch, was kann ich für den Herrn Major von Cavalcanti thun?“ „Aber mein Gott, ihm Geld geben! er hat einen Creditbrief auf Sie, und da derſelbe Ihnen gut ſcheint...“ „Vortrefflich, er hat ihn mir dieſen Morgen präſentirt, mit einem Bon von vierzigtauſend Franken, zahlbar nach Sicht, gezeichnet Buſoni und ihn mir mit Ihrem Indoſſement zurückgeſchickt. Sie begreifen deshalb, daß ich die Summe ſogleich gezahlt habe.“ Monte⸗Chriſto nickte, zum Zeichen ſeiner Zuſtimmung. „Aber das iſt nicht Alles,“ ſagte Danglars,„er hat auch für ſeinen Sohn einen Credit bei mir eröffnet.“ 878 „Wie viel, ohne unbeſcheiden zu ſein, giebt er dem jungen Manne?“ „Fünſtauſend Franken monatlich.“ „Sechzigtauſend Franken jährlich. Das dachte ich mir doch, dieſe Cavalcanti's ſind Lumpe, was kann ein junger eleganter Mann mit dieſer erbärmlichen Summe beginnen?“ „Aber Sie werden einſehen, daß wenn der junge Mann etwa nichts gebrauchen ſollte....“ „Thut nichts, der Vater wird Sie nicht im Stich laſſen, o, Sie kennen dieſe Millionäre jenſeits der Alpen nicht; aber es ſind wahre Geizhälſe. Und durch welches Haus iſt ihm dieſer Credit eröffnet?“ „Durch das Haus Fenii, eins der beſten in Florenz.“ „Ich will nicht ſagen, daß Sie verlieren können, aber halten Sie ſich jedenfalls in den Grenzen des Briefes.“ „Mein Gott, Herr Graf, mißtruena Sie den Cavalcanti's?“ „Ich würde auf ihre Unterſchrift hin zehn Millionen geben, denn Sie gehören in die zweite Rangordnung, werther Freund.“ „Und wie einfach er dabei iſt, ich hätte ihn für nichts als einen gewöhnlichen Major gehalten.“ „ Und Sie hätten ihm große Ehre angethan, denn wahrhaftig, man ſieht ihm ſeine Goldminen nicht an. Als ich ihn das erſte Mal ſah, hielt ich ihn für einen jener alten, unter ihren erſten Epauletten verſchimmelten Lieutenants. Aber die Italiener ſind alle ſo, entweder gleichen ſie alten Juden, oder ſie blenden wie orientaliſche Magier.“ „Der junge Mann ſieht beſſer aus,“ ſagte Danglars. „Ja, ein wenig zu furchtſam vielleicht, aber im Ganzen gefällt er mir. Ich war ſehr beſorgt ſeinetwegen.“ „Weshalb das?“ „Weil Sie ihn neulich bei mir kurze Zeit nach ſeinem Eintritte in die Welt geſehen haben, wie man mir wenigſtens ſagte. Er iſt mit ſeinem ſehr ſtrengen und ſehr ernſten Lehrer gereiſ't, und war noch nie in Paris.“ „Alle dieſe vornehmen Italiener haben ja wohl die Gewohn⸗ heit, wieder in ihre Familien zu heirathen, damit das Vermögen bei einander bleibt,“ fragte Danglars nachläſſig. 11 Einen M 1 T „R. „N. „M dottieri⸗ vinzen g die von werden, den aus durch da 3 Fuß bre „S „A etwas.“ „ währen ja ſchor „ 4 Mal ge Buſoni den Plä müde, unbenut ſeine M ich, obgl lich ſetze h jungen 6 nir doch leganee mn etvwo. ſſen„o, es ſind e Credit er halten anti’?, geben, Freund.“ s einen hrhafti, das erſte n erſten er ſind den wie n gefält Eintritte Er iſt und war Gewohn⸗ ermögen 879 „Gewöhnlich machen ſie es ſo, aber Cavalcanti iſt ein Original, der nicht gern etwas ſo macht wie die Andern. Man glaubt ſo⸗ gar, er habe ſeinen Sohn nach Frankreich geſchickt, um hier eine paſſende Partie zu finden.“ „Sie glauben?“ „Ich bin davon überzeugt!“ „Und Sie haben von ſeinem Vermögen ſprechen hören?“ „Es wird von weiter nichts geſprochen, nur nennen ihn die Einen Millionär, die Andern meinen, er habe gar nichts.“ „Und Ihre Meinung?“ „Richten Sie ſich nicht darnach, ſie iſt ganz perſönlich.“ „Nun abey...“ „Meine Meinung iſt, daß alle dieſe alten Podeſta's und Con⸗ doottieri, denn die Cavalcanti's haben Armeen commandirt und Pro⸗ „vinzen gouvernirt, meine Meinung alſo iſt, daß ſie Millionen haben, woährend er in einem kleinen Häuschen wohnt, o ich habe es Ihnen E 1 die von ihren Ahnen ſtammen, und auf ihre Ahnen übergehen werden, der Beweis iſt, daß ſie Alle gelb und trocken wie ihre Gul⸗ den aus der Zeit der Republik ſind, von denen ſie eine Rückwirkung durch das beſtändige Betrachten bekommen haben.“ „Ja wohl,“ ſagte Danglars,„aber iſt es wahr, daß ſie keinen Fuß breit Landes beſitzen?“ „Sehr wenig, ich kenne nur ihren Pallaſt in Lucca.“ „Ach, ein Pallaſt!“ rief der Banquier lachend, edas iſt ſchon etwas.“ „Ja, und dabei vermiethet er ihn noch an den Finanzminiſter, ¹ „ a ſchon geſagt, der Menſch iſt ein Harpagon.“ „Ei, Sie ſchmeicheln nicht.“ „Hören Sie, ich kenne ihn kaum und habe ihn höchſtens drei Mal geſehen, was ich von ihm weiß, erfuhr ich durch den Abbé Buſoni und ihn ſelbſt. Noch dieſen Morgen ſprach er mit mir von den Plänen, die er für ſeinen Sohn hat, und ſagte mir, er ſei es müde, bedeutende Fonds in Italien, welches ein todtes Land iſt, unnpbenutzt liegen zu laſſen. Er will in England oder Frankreich ſeine Millionen gut angewendet wiſſen, aber merken Sie wohl, daß ich, obgleich ich das höchſte Vertrauen in den Abbé Buſoni perſön⸗ lich ſetze, für nichts verantwortlich bin.“ 880 „Schon gut, ich danke für den Clienten, den Sie, Herr Graf, mir zugewieſen haben, der Name wird ſich ſehr gut in meinen Re⸗ giſtern ausnehmen, und mein Kaſſirer, dem ich von den Caval⸗ canti's erzählt, iſt ſtolz darauf. Aber apropos, geben dieſe Leute ihren Söhnen bei der Verheirathung eine Ausſtattung?“ „Ja, mein Gott, das iſt einzig. Ich habe einen unermeßlich reichen italieniſchen Prinzen mit einem der erſten toscaniſchen Namen gekannt, welcher, als ſeine Söhne ſich nach ſeinem Wunſche ver⸗ heiratheten, ihnen Millionen gab, während er ihnen drei Thaler monatlich verweigerte, wenn ſie ohne ſeine Zuſtimmung wählten. Nehmen wir alſo an, daß Cavalcanti, wenn Andrea ihm folgt, vielleicht einige Millionen geben wird. Wäre es zum Beiſpiel die Tochter eines Banquiers, gut, ſo würde er ſich bei dem Hauſe mit einer namhaften Summe betheiligen; mißfiele ihm jedoch die Wahl ſeines Sohnes, ei, Ihr Diener, dann würde er ſeine Geldkiſte dop⸗ pelt und dreifach verſchließen, und Herr Andrea könnte dann ſehen wie er fertig würde.“ „Ach dem ſteht wohl jedes fürſtliche Haus offen, und keine Prinzeſſin wird ihm ihre Hand verweigern.“ „Nein, alle dieſe großen Herren jenſeits der Berge heirathen gewöhnlich ganz einfache Mädchen. Aber, zum Teufel, haben Sie etwa Abſichten auf Herrn Andrea, daß Sie alle dieſe Fragen thun?“ „Meiner Treu,“ rief Danglars,„das wäre gar keine ſo üble Speculation, und Sie wiſſen, ich ſpeculire gern...“ „Von Ihrer Fräulein Tochter rede ich gar nicht, denn Sie werden nicht wollen, daß Albert den armen Andrea erwürgt!“ „Albert würde ſich wenig darum kümmern,“ ſagte der Banquier achſelzuckend. „Aber ich denke, er iſt der Verlobte Ihrer Tochter?“ „Das heißt, Herr von Morcerf und ich haben zuweilen von dieſer Heirath geſchwatzt, Frau von Morcerf und Albert jedoch...“ „Sagten Sie nicht, es ſei keine beſondere Partie?“ „Nun, allerdings, meine Tochter mag Herrn von Morcerf leicht aufwiegen.“ „Ei, ich bin überzeugt, daß Fräulein von Danglars Ausſtattung nichts zu wünſchen übrig laſſen wird, beſonders wenn der Tele⸗ graph keine dummen Streiche wieder macht.“ nac Die ordnet h „36 Dienſte wiſſen ein alter „U ich Ande „ nichts n Wappe „ und S 881 „O, es bleibt nicht bei einer guten Ausſtattung, aber ſagen Sie mir doch...“ „Was ſteht zu Dienſten?“ „Weshalb hatten Sie Morcerf und ſeine Familie neulich nicht eingeladen?“ „Ich hatte ſie wohl eingeladen, aber ſie hatten eine Reiſe nach Dieppe vor, weil der Arzt Frau von Morcerf die Seeluft ver⸗ ordnet hat.“ „Ja, ja,“ ſagte Danglars lachend,„das wird ihr gewiß gute Dienſte thun.“ „Weshalb das?“ „Weil das die Luft iſt, die ſie in ihrer Jugend geathmet hat.“ Der Graf ſchien dieſe Bemerkung zu überhören. „Wenn Albert nicht reich iſt,“ fuhr er fort,„ſo beſticht Sie wohl ſein ſchöner Name?“ „Ich liebe den meinigen ebenſo,“ entgegnete der Banquier. „Ei ja,“ rief Monte⸗Chriſto,„Ihr Name iſt aus dem Volke und ſchmückte den Titel, mit dem er ſich ſchmücken wollte; aber, lieber Baron, Sie ſind zu klug, um nicht einzuſehen, daß nach ge⸗ wiſſen Vorurtheilen, die zu alt ſind, um ſie umſtoßen zu können, ein alter Adel mehr werth iſt, als ein neuer.“ „Und eben deshalb,“ rief Danglars, höhniſch lächelnd,„ziehe ich Andrea Cavalcanti dem Herrn Albert von Morcerf vor.“ „Ei, ich ſollte denken, die Morcerf's gäben den Cavalcanti's nichts nach?“ „Die Morcerf's?... Nun, ich denke, Sie verſtehen ſich auf Wappen, Herr Graf?“ „Ein wenig.“ „Nun gut, betrachten Sie das Meine und das der Morcerf', und Sie werden finden, daß das Meinige viel ſolider iſt.“ „Weshalb das?“ „Weil ich, wenn auch nicht geborener Baron, doch wenigſtens wirklich Danglars heiße.“ „Nun?“ „Während er nicht Morcerf heißt.“ „Wie, nicht Morcerf?“ „Wirklich, nein.“ Der Graf von Monte⸗EChriſto. „Nun?“ „Ich bin wirklich zum Baron gemacht, während er ſich den Grafentitel ſelbſt beigelegt hat.“ „Unmöglich!“ „Hören Sie, lieber Graf,“ fuhr Danglars fort,„Herr von Morcerf iſt mein Freund, oder ich kenne ihn vielmehr ſeit dreißig Jahren, aber ich vergeſſe in meiner jetzigen glänzenden Stellung nie, was ich früher war.“ „Das beweiſt große Demuth oder großen Hochmuth,“ ſagte der Graf. „Nun wohl, wenn ich einfacher Handlungsgehilfe war, ſo war Morcerf einfacher Fiſcher.“ „Und hieß?“ „Fernand.“ „Und weiter?“ „Fernand Mondego.“ „Wiſſen Sie das ganz gewiß?“ „Wahrhaftig, er hat genug Fiſche an mich verkauft.“ „Aber weshalb wollen Sie dann Ihre Tochter dem Albert geben?“ „Weil wir Beide als reichgewordene Emporkömmlinge uns einander ziemlich gleich ſind, obgleich man von ihm Manches mun⸗ kelt, was von mir nicht geſagt werden kann.“ „Und das wäre?“ „O, nichts.“ „Ach, bei dem Namen Fernand Mondego fällt mir eine längſt vergeſſene Geſchichte ein, ich hörte dieſen Namen in Griechenland ausſprechen.“ „In Verbindung mit der Geſchichte von Ali⸗Paſcha?“ „Ja.“ „Nun, das iſt das ganze Geheimniß,“ rief Danglars,„und ich geſtehe, daß ich gern das Wahre an der Sache unſſen möchte.“ „Das iſt ſehr leicht zu ermitteln.“ „Wie ſo?“ „Gewiß ſtehen Sie in irgend einer Berbindung mit Griechen⸗ land, z. B. mit Janina?“ „O ja wohl.“ 883 „Nun alſo! Schreiben Sie Ihrem Correſpondenten und fragen Sie, welche Rolle ein Franzoſe Namens Fernand in der Geſchichte mit Ali Tebelin geſpielt hat.“ „Sie haben Recht,“ rief Danglars, ſich erhebend,„noch heute werde ich ſchreiben.“ „Thuen Sie das.“ „Ja, ſogleich.“ „Und ſobald Sie die gewünſchte Nachricht empfangen?...“ „Theile ich Ihnen dieſelbe mit.“ „Ich bin Ihnen im Voraus dankbar.“ Danglars empfahl ſich und war mit einem Sprunge im Wagen. X TXVIII. Das Cabinet des königlichen Procurators. Laſſen wir den Banquier raſch weiter fahren und ſehen wir lieber, wie es Frau von Danglars erging. Wie ſchon geſagt, war ſie gegen Mittag ausgefahren. Sie fuhr durch die Vorſtadt Saint⸗Germain, die Mazarin⸗ Straße, und ließ bei Pont⸗neuf halten, woſelbſt ſie ausſtieg. Die Baronin war ſehr einfach, aber mit Geſchmack gekleidet. In der Straße Guéné⸗gaud beſtieg ſie einen Fiaker und be⸗ zeichnete die Harley⸗Straße als das Ziel ihrer Fahrt. Kaum ſaß ſie im Wagen, ſo zog ſie einen ſchwarzen, ſehr dichten Schleier aus der Taſche und befeſtigte denſelben an ihrem Hute, dann betrachtete ſie ſich in einem kleinen Spiegel und fand mit Vergnügen, daß ſie durchaus nicht erkannt werden konnte. Der Fiaker hielt an der bezeichneten Stelle, die Baronin be⸗ zahlte, erſtieg leicht die Treppe und gelangte bald in den Saal des Pas Perdus. 5 Viele geſchäftige Leute waren dieſen Morgen im Palais, Frau von Danglars kam alſo ganz unbeachtet durch den Saal, denn man hielt ſie für eine jener Frauen, die hierher kommen, um ihren Ad⸗ vokaten aufzuſuchen. Vor dem Cabinet des Herrn von Vileefort angelangt, erblickte ſie einen Thürſteher, welcher ſie höflich fragte, ob ſie die Perſon ſei, der der königliche Procurator eine Unterredung bewilligt habe. Auf die bejahende Antwort der Baronin öffnete der Mann die Thür des Vorzimmers. Der Procurator ſaß, mit dem Rücken der Thür zugewendet, ſchreibend in einem großen Lehnſtuhle und bewegte ſich kaum, als er die Thür öffnen und den Thürſteher ſagen hörte:„Treten Sie nur ein, Madame.“ deſſen dieſe S alſo ſe viele Stuhl, Vernu Frau, un de gehöre. wir arin⸗ ee. be⸗ ſehr hrem fand he⸗ des Frau man A⸗ licke erſon habe. Thür undet, als Sie 885 Erſt als der Diener die Thür wieder verſchloſſen hatte und ſeine Schritte verhallt waren, ſprang Villefort auf, unterſuchte ge⸗ nau, ob er auch von Niemandem gehört oder geſehen werden könne, und bot erſt dann der Baronin beruhigt einen Stuhl. „Dank, herzlichen Dank, gnädige Frau,“ begann er,„daß Sie ſo pünktlich ſind.“ Das Herz der Baronin klopfte ſo ſtark, daß ſie keiner Antwort fähig war. „Ach, gnädige Frau,“ fuhr der königliche Procurator fort, ſich Frau von Danglars gerade gegenüber ſetzend,„es iſt lange her, ſeit ich das Glück hatte, mit Ihnen allein ſprechen zu können, und leider wird unſere heutige Unterhaltung für uns Beide gleich pein⸗ lich ſein.“ „Dennoch bin ich gekommen, mein Herr, ſobald Sie es ge⸗ wünſcht, obgleich die Veranlaſſung mir gewiß noch ſchrecklicher war als Ihnen.“ Villefort lächelte bitter. „Ach, es iſt nur zu wahr, murmelte er,„daß alle unſere Hand⸗ lungen Spuren hinterlaſſen; die einen laſſen uns die Vergangenheit im hellſten Lichte ſchauen, während die anderen ſie in das dunkelſte Gewand kleiden.— Es iſt nur zu gewiß, daß alle unſere Schritte in dieſem Leben dem Gange eines kriechenden Gewürmes gleichen, deſſen Spuren auf dem Sande zurückbleiben! Ach, für Viele iſt dieſe Spur die ihrer Thränen.“ —„ Um Gott, mein Herr, Sie müſſen fühlen, was ich empfinde, alſo ſchonen Sie mich, ich bitte Sie. Dieſes Zimmer, welches ſo viele Schuldige zitternd und beſchämt verlaſſen haben... dieſer Stuhl, in dem ich zitternd und beſchämt ſitze... O, ich muß meine Vernunft zuſammennehmen, um mich nicht für eine ſehr ſtrafbare Frau, Sie für einen drohenden Richter zu halten.“ Villefort ſchüttelte ſeufzend den Kopf. Aach nein,“ rief er,„ich fühle nur zu lebhaft, daß ich nicht auf den Stuhl des Richters, ſondern auf die Bank des Angeklagten gehöre.“ „Sie?“ „Ja, ich.“ 886 „Ich glaube, Herr von Villefort, daß Ihr Puritanismus unſere Situation übertreibt,“ ſprach Frau von Danglars, während ihr ſchönes Auge in einem flüchtigen Glanze ſchimmerte.„Dieſe Spuren, von denen Sie noch eben ſprachen, bezeichnen jede feurige Jugend. Jede Leidenſchaft, jedes Vergnügen hinterläßt einen, wenn auch noch ſo kleinen Gewiſſensbiß, und deshalb hat das Evangelium, dieſe unvergängliche Zuflucht der Unglücklichen, uns armen Frauen zum Troſte jenes bewunderungswürdige Gleichniß von dem ſündigen Mädchen und der Ehebrecherin gegeben. Ja, ich will Ihnen geſtehen, daß ich beim Rückblicke auf die Verirrungen meiner Jugend zuweilen glaube, Gott habe mir dieſelben vergeben, wenigſtens habe ich durch meine bitteren Leiden ſchwer gebüßt. Was haben Sie aber zu fürchten? Werden die Männer nicht ſtets entſchuldigt, während man uns Frauen gleichen Vergehens halber verdammt?“ „Gnädige Frau,“ entgegnete Villefort,—„Sie kennen mich, ich bin kein Heuchler, wenigſtens nicht ohne Grund. Wenn meine Stirn düſter zuſammengezogen ſcheint, ſo iſt das in Folge manchen ſchweren Unglücks; wenn mein Herz verſtimmt iſt, ſo trägt mancher nagende Kummer und Verdruß die Schuld davon. In meiner Jugend war ich anders, ich war anders an dem Abende meiner Verlobung, als wir Alle in Marſeille um den Tiſch ſaßen. Ach, ſeit der Zeit bin ich nicht mehr derſelbe. Mein Leben iſt unter Verfolgung ſchwieriger Sachen dahingegangen, ich habe danach ge⸗ ſtrebt, dieſe ſich immer freiwillig oder unfreiwillig entgegenſtellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Es iſt ſelten, daß das, was man glühend wünſcht, nicht eben ſo glühend von denen vertheidigt wird, von welchen man es zu erhalten wünſcht, oder denen man es zu entreißen ſtrebt. So ſind die Mehrzahl unſerer ſchlechten Hand⸗ lungen uns unter der ſcheinbaren Form der Nothwendigkeit erſchie⸗ nen, und eine ſolche, im Augenblicke der Aufregung oder Furcht begangene ſchlechte Handlung erkennt man erſt zu ſpät als eine ſolche, zugleich mit dem Mittel, wie man ihr hätte entrinnen können. Man war blind und achtete nicht darauf, und ſagt ſich zu ſpät: Weshalb habe ich nicht ſo gehandelt? Ach nein, ich glaube, daß die Frauen gerade ſeltener durch Gewiſſensbiſſe gepeinigt werden, denn die Entſcheidung fällt ihnen ſeltener anheim. Ach ja, Hermine, Eure Ver⸗ brechen ſind die Anderer, an Euren Fehlern ſeid Ihr nicht allein ſchuld.“ 3 ärteſte für Ihn liegen, N N Nuth, rief der Grunde Wange A „0 kein Zu „U Chriſto Erde un unglück armes, um we Herz ſ ihm un „ Schleie Ylefo funden, ſunden r zu man mich, ſieine nchen ncher einer einer Ach, unter ge⸗ nden man wird, es zu dand⸗ ſchie⸗ zurcht eine nnen. ſpät: ß die an die Ver⸗ zuld.“ 887 „Jedenfalls habe ich für meinen perſönlichen Fehler geſtern die härteſte Strafe erlitten.“ „Armes Weib!“ rief Villefort, ihr die Hand drückend,„zu hart für Ihre Kräfte, denn zweimal waren Sie nahe daran, zu unter⸗ liegen, und dennoch...“ „Nun?“ „Nun gut, ich muß Ihnen ſagen... ſammeln Sie allen Ihren Muth, gnädige Frau, denn Sie ſind noch nicht am Ziele.“ „Mein Gott,“ rief die Baronin erſchreckt,„was giebt's denn noch?“ „Sie blicken nur in die Vergangenheit, und das iſt wahr, ſie iſt finſter... Ach... denken Sie nun an eine noch düſtrere Zu⸗ kunft... düſter? ach! ſchrecklich... blutig vielleicht!“ Die Baronin war, Villefort's Ruhe kennend, ſo betäubt und, entſetzt über ſeine Aufregung, daß ein Schrei auf ihren Lippen erſtarb. „Wie iſt dieſe entſetzliche Vergangenheit vom Tode erſtanden?“ rief der Procurator,„wer hat ſie gleich einem Geſpenſte aus dem Grunde unſerer Herzen geholt, wo ſie ſchlief, damit noch jetzt unſere Wange erbleicht, unſere Stirn ſich röthet?“ „Ach,“ murmelte Hermine,„kann nicht der Zufall...“ „Der Zufall? Nein, und wieder nein, gnädige Frau, das war kein Zufall!...“ „Und ich ſage dennoch, daß es Zufall war. Der Graf Monte⸗ Chriſto hat zufällig dieſes unglückliche Haus gekauft, zufällig die Erde umgraben laſſen, und war es nicht eben ſo zufällig, daß das unglückliche Kind gerade unter dieſem Baume begraben lag? Ach, armes, unſchuldiges Geſchöpf, dem ich nie einen Kuß geben konnte, um welches ich jedoch viele Thränen geweint habe. Ach, mein ganzes Herz flog dem Grafen entgegen, als er von dieſem theuren, von ihm unter Blumen gefundenen Raube ſprach!“ „Ach, Hermine, faſſen Sie ſich; es iſt entſetzlich, daß ich den Schleier lüften, Ihnen dieſen letzten Troſt nehmen muß,“ entgegnete Villefort beklommen,„er hat nicht die Ueberreſte eines Kindes ge⸗ funden, nein, man darf nicht weinen, nicht ſeufzen, man muß zittern.“ „Was wollen Sie ſagen?“ rief Frau von Danglars ſchaudernd. „Ich will ſagen, daß Herr von Monte⸗Chriſto beim Umgraben weder die Ueberreſte des kleinen Leichnams, noch die des Koffers ge⸗ funden hat, weil nichts von Beiden ſich unter den Bäumen befand.“ „Es befand ſich Beides nicht dort?“ fragte die Baronin ſtarren Blickes, während ihre Augäpfel ſich vor Entſetzen zu erweitern ſchienen.„Beides befand ſich nicht mehr dort?“ wiederholte ſie nochmals, wie Jemand, der alle ſeine Gedanken auf einen Punkt vereinigen möchte. „Nein,“ rief Villefort, ſein Geſicht in den Händen bergend, „nein, und hundertmal nein...“ „Aber ſprechen Sie, alſo haben Sie das arme Kind dort nicht beigeſetzt? Alſo haben Sie mich betrogen? O Gott, zu welchem Zwecke?“ „Hören Sie mich, gnädige Frau, und Sie werden mich bekla⸗ gen, der ich zwanzig Jahre hindurch allein dieſe entſetzliche Qual „trug, von der ich jetzt zum erſten Male ſprechen werde, weil ich muß.“ „Mein Gott, Sie erſchrecken mich, aber ſprechen Sie immerhin, ich höre!“ „Sie erinnern mich jener entſetzlichen Nacht in dem uns nur zu bekannten rothen Zimmer, Ihrer Schmerzen, meiner Todesqual... Das Kind war geboren und mir übergeben ohne Seufzer, ohne Ton, ohne Bewegung... wir hielten es für todt.“ Frau von Danglars machte eine heftige Bewegung, daß ſie faſt vom Stuhle gefallen wäre. Aber Villefort hielt ſie auf, die Hände faltend, wie um ihre Aufmerkſamkeit zu erflehen. „Wir hielten es für todt, ich legte es ſtatt in einen Sarg in ein kleines Köfferchen, ſteige haſtig und verwirrt in den Garten und grabe das kleine Grab. Kaum habe ich das traurige Geſchäft be⸗ endet, als der Arm des Corſen ſich gegen mich erhebt. Ich ſah ſeine Geſtalt wie einen Schatten ſich aufrichten und wie einen Blitz leuchten. Ich fühlte einen heftigen Schmerz, wollte ſchreien, ver⸗ mochte es jedoch nicht. Kraftlos ſank ich um und glaubte zu ſterben. Ich werde nie Ihren erhabenen Muth vergeſſen, als ich, wieder zu mir gekommen, mich bis zur Treppe ſchleppte, Sie ſelbſt, faſt ver⸗ ſcheidend, mir beiſtanden. Es mußte über dem Ganzen Schweigen herrſchen, und Sie hatten die unendliche Kraft, durch Ihre Amme unterſtützt, in Ihr Haus zurückzukehren. Ein Duell gab den Vor⸗ wand zu meiner Verwundung und unſer trübes Geheimniß blieb ein ſolches. Man brachte mich nach Verſailles, drei Monate lang kunpfte gaun, Tagereiſ Wllefort ward ich E5 daue ich wag Ihr Erc lars ver „A Stets 1 aus ſeit das wa ich mich es verle vermiett den Wr höre, n einer machen ihm ze das ſo Auteuil lorren veitern lte ſie Punk rgend, nicht elchem bekla⸗ Qual muß.“ rerhin, à nur nal.. eTon, ſie faſt n ihre arg in en und äft be⸗ ch ſah Blit ver⸗ teerben. der zu ſt ver⸗ weigen Amme Vor⸗ blieb e lang 889 kämpfte ich mit dem Tode; als ich endlich langſam zu geneſen be⸗ gann, verordneten mir die Aerzte eine ſüdlichere Luft. In kurzen Tagereiſen ward ich von Paris nach Chalons gebracht, Frau von Villefort folgte der Sänfte in ihrem Wagen. Von Chalons aus ward ich mit der allergrößten Sorgfalt bis nach Marſeille befördert. Es dauerte zehn Monate, bis ich gänzlich wieder hergeſtellt war, ich wagte nicht nach Ihnen zu fragen, hörte alſo gar nichts über Ihr Ergehen. Bei meiner Zurückkunft nach Paris erfuhr ich, daß die Wittwe des Herrn von Nargonne ſich mit dem Herrn von Dang⸗ lars vermählt habe. „An was dachte ich, ſeit die Beſinnung mir wiedergekehrt war? Stets nur an das Eine, an dieſen kleinen Leichnam, der jede Nacht aus ſeinem kühlen Bette ſich erhob und drohend vor mir ſtand, a, das war mein einziger, ſchauriger Traum. In Paris erkundigte ich mich ſogleich nach dem Schickſale des Hauſes. Es war, ſeit wir es verlaſſen, nicht bewohnt geweſen, jetzt jedoch auf neun Jahre vermiethet. Sogleich machte ich dem Miether meinen Beſuch, ſprach den Wunſch aus, dieſes Haus, welches den Eltern meiner Frau ge⸗ höre, nicht in fremde Hände übergehen zu laſſen, und erbot mich zu einer Entſchädigung, wenn der Miether den Vertrag rückgängig machen wolle. Der Mann forderte ſechstauſend Franken, ich gab ihm zehn, ach, ich hätte ihm zwanzigtauſend gegeben. Ich hatte ja das ſo ſehnlich Gewünſchte erreicht und eilte nun im Galopp nach Auteuil. Niemand hatte das Haus betreten, ſeit ich es verlaſſen. „Es war fünf Uhr Nachmittags, ich begab mich in das rothe Zimmer und erwartete die Nacht. „Da kamen jene düſteren Schreckbilder finſtrer und drohender als je über mich. „Der Corſe, welcher mir von Nimes nach Paris gefolgt, im Garten verſteckt geweſen war, mich dort verwundet hatte, konnte er nicht geſehen haben, wie ich das Grab grub, das Kind hineinlegte; er kannte auch Sie vielleicht... O Gott, und eines Tages konnte er das Geheimniß dieſer ſchrecklichen Nacht entdecken... War das nicht eine weit ſüßere Rache, wenn er ja erfuhr, daß ſein Dolchſtoß mich nicht getödtet hatte? Es war alſo vor Allem dringend, daß die Spuren jener Nacht vertilgt werden mußten; ach, wenn auch 890 die äußeren Ueberbleibſel verſchwanden, in meinem Innern blieb die Erinnerung daran nur zu ſchwach. „Deshalb hatte ich mir ja das Haus wieder verſchafft, deshalb wartete ich ja jetzt. „Die Nacht kam, ich wartete geduldig. Kein Licht erhellte das unheimliche Zimmer, der Wind pfiff klagend durch die öden Räume, hinter jeder der Jalouſieen glaubte ich Spione lauſchen zu ſehen, ach, ich zitterte heftig und wagte nicht, mich zu bewegen; ich dachte Ihrer und glaubte aus dem hinter mir ſtehenden Bette Ihre Klagen zu vernehmen. Mein Herz klopfte ſo ungeſtüm, daß ich glaubte, meine Wunde würde ſich wieder öffnen. Endlich ward es ſtill, tiefes Schweigen herrſchte in der ganzen Gegend, ich entſchloß mich, in den Garten hinabzuſteigen. „Hören Sie, Hermine, ich glaube eben ſo muthig als ein an⸗ derer Mann zu ſein; als ich jedoch jenen kleinen, uns Beiden ſo theuern Schlüſſel aus der Taſche zog, den Sie in einen goldenen Ring hatten befeſtigen laſſen wollen, als ich nun die Treppe öffnete, hinabſtieg und längs der Fenſter einen fahlen Lichtſchein gewahrte, ja, da mußte ich mich an der Mauer halten und hätte faſt ge⸗ ſchrieen,... o, ich glaubte toll zu werden! „Endlich kam ich zu mir ſelbſt zurück, ſtieg die Treppe vollends Stufe für Stufe herab, und das Einzige, über welches ich nicht hatte Herr werden können, war ein ſtarkes Zittern in den Knieen. Aber ich mußte eilen und ſuchte auch dieſe Schwäche zu überwinden. „Ich gelangte an die äußere Thür, außerhalb war ein Spaten gegen die Mauer gelehnt. Ich ergriff ihn und eilte weiter. Eine düſtere Laterne erhellte matt meinen nächtlichen Pfad. „Der November neigte ſich ſeinem Ende zu, alles Laub aus dem Garten war verſchwunden, die Bäume waren nur noch dürre Skeletts mit langen Armen und die dürren Blätter rauſchten unter meinen Tritten. „Der Schrecken nahm mich ganz gefangen, ich zog mein kleines, geladenes Piſtol aus der Taſche, denn ich glaubte überall den Corſen zu ſehen. „Ich leuchtete mit der Laterne umher, der Platz war leer. Ich war ganz allein, kein Geräuſch ſtörte das Schweigen der Nacht, nur dabei ha mir bef den Spa weil me Alles ſe all me nüchts, verwir „ Yilef Nörde und ih Ort ve mal ge Zu die in das 9 blieb eshalb 6 das äume, ſehen, dachte lagen auhte, tiefes h, in n an⸗ en ſo denen ffnete, lahrte, ſt ge⸗ lends nicht nieen. nden. paten Eine aus dürre unter eines, korſen 3c , nur 891 eine Eule ſtimmte ihren grauſigen Klaggeſang an, wie um die Geiſter der Finſterniß herauf zu beſchwören. „Ich befeſtigte meine Laterne an einem gabelförmigen Zweige, den ich ſchon ein Jahr vorher bemerkt hatte. „Das Gras mochte hier überall ſehr dick geſtanden haben und im Herbſte hatte ſich Niemand darum gekümmert. Nur eine kahle Stelle fiel mir auf, ja, dort hatte ich das Erdreich umgekehrt. Ich begann mein Geſchäft. „Ach, nach ſo langem Warten endlich am Ziele!—— Aber ſo ſehr ich auch arbeitete, ſo genau ich auch jeden Fleck unterſuchte, ſo innig ich auch wünſchte, mein Spaten möge endlich Widerſtand finden; es war umſonſt... Und doch machte ich eine zweimal größere Oeffnung, als das Jahr zuvor. Ich glaubte mich im Paatze geirrt zu haben, aber nein, ich erkannte die Bäume wieder, es ſtimmte Alles zu genau. Ein kalter, rauher Wind wehte durch die dürren Bäume und dennoch bedeckte glühender Angſtſchweiß meine Stirn. Ich entſann mich, den Dolchſtoß in dem Augenblicke bekommen zu haben, als ich im Begriffe war, die Erde wieder feſt zu ſtampfen, dabei hatte ich mich gegen einen alten Ebenholz⸗Baum geſtützt, hinter mir befand ſich ein kleiner, künſtlicher Felſen mit einer Bank, die den Spaziergängern als Ruheſitz diente. Ich wußte dies ganz genau, weil meine Hand im Fall den kalten Stein berührt hatte, es hatte Alles ſeine Richtigkeit; ich wäre faſt niedergefallen, doch ich ſammelte all' meine Kräfte und begann die Arbeit von Neuem. Wieder nichts, der Koffer war nicht da...“ „Der Koffer war nicht da!“ murmelte Hermine betäubt und verwirrt. „Glauben Sie nicht, daß ich mich getäuſcht habe,“ entgegnete Villefort,„nein. Ich durchſuchte den ganzen Platz, glaubend, der Mörder habe den Koffer entdeckt, einen Schatz zu finden geglaubt und ihn, als er ſeinen Irrthum gewahr geworden, an einen andern Ort vergraben. Endlich dachte ich, er habe dieſe Vorſicht nicht ein⸗ mal gebraucht, ſondern den Koffer in irgend einen Winkel geworfen. Zu dieſem Zwecke mußte ich den Tag abwarten, ich begab mich alſo in das Haus zurück.“ „O mein Gott! mein Gott!“ 892 „Der Tag kam, ich durchſuchte von Neuem den Platz, die Dunkelheit konnte mich ja getäuſcht haben. Ich hatte die Erde um mehr als zwanzig Fuß im Viereck und mehr als zwei Fuß in der Tiefe umgegraben. Ein ganzer Tag hätte für einen bezahlten Mann kaum hingereicht, um das zu vollbringen, was ich in einer Stunde gethan. Ich ſah nichts, durchaus nichts. „Nun durchſuchte ich den ganzen Garten klopfenden Herzens und mit weit geöffneten Augen. Auch dieſe Mühe war ſo vergeblich als die erſte, und die Bruſt voll banger Sorgen und Zweifel, kehrte ich nach dem Raſenplatze zurkck.“ „O,“ ſchrie die Baronin,„das war um wahnſinnig zu werden.“ „Ich hoffte es auf einen Augenblick,“ fuhr Villefort fort,„aber ich war nicht ſo glücklich; indeſſen, meine Gedanken ſammelnd, fragte ich mich: Welche Beweggründe konnte dieſer Mann haben, den Leich⸗ nam fortzutragen?“ „Ach, Sie ſagen es ja,“ unterbrach ihn Frau von Danglars, „um einen Beweis zu haben.“ „Nein, nein, man hebt keinen Leichnam ein Jahr lang auf, man zeigt es an, und das iſt nicht geſchehen.“ „Nun alſo?...“ ſtotterte Hermine erbleichend. „Es ſteckt etwas für uns viel Beängſtigenderes und Erſchrecken⸗ deres dahinter, das Kind lebt vielleicht und der Corſe hat es gerettet!“ Mit einem entſetzlichen Schrei faßte die Baronin Villefort's beide Hände: „Mein Kind hätte gelebt, Sie hätten mein Kind lebendig be⸗ graben; ach, mein Herr, Sie waren von dem Tode meines Kindes nicht völlig überzeugt, und begruben es, o—— o——“ Hermine war aufgeſtanden und blickte drohend auf den Pro⸗ curator des Königs, mit ihren zarten Händen ſeinen Arm feſt um⸗ klammernd. „Was weiß ich? Ich ſage Ihnen das, ſo gut ich Ihnen An⸗ deres ſagen würde,“ entgegnete Villefort, und ſein ſtarrer Blick bewies, daß dieſer mächtige Mann nahe daran war, den Verſtand zu verlieren. „O mein Kind, mein armes Kind!“ rief die Baronin, in ihren Stuhl zurückſinkend und ihr Schluchzen in dem Tuche erſtickend. Der öntſeben „Sie hebend/ 1 näherte ſig ſind; das Geheimni fundenen wer, ſo i .6o Ville Mutter. 5 kreuzend, rüfen hal habe, un können,! zum hun Male, w Kunde ger derniß in einer feit H geheic „Ac Nargonn mein Ki „N. 6, die rde um in der Mann Stunde erjens geblih kehrte erden.“ „aber ftagte Leich⸗ iglars, uif recken⸗ ettet!“ efortes Kindes 1 Pro⸗ ſt um⸗ n An⸗ Blick erſtand ihren end. 893 Der Procurator kam wieder zu ſich und ſah ein, daß, wenn er dieſen mütterlichen Sturm abwenden wolle, der ſich über ſeinem Haupte zuſammenzuziehen drohte, er Frau von Danglars mit dem Entſetzen bekannt machen mußte, welches er ſelbſt empfand. „Sie begreifen alſo,“ ſagte er, ſich nun ſeinerſeits auch er⸗ hebend,„daß, wenn ſich die Sache wirklich ſo verhält,“ und er näherte ſich Hermine und ſprach immer gedämpfter,„wir verloren ſind; das Kind lebt und Jemand weiß darum, Jemand kennt unſer Geheimniß, und da nun Monte⸗Chriſto geſtern von einem aufge⸗ fundenen Kinderleichnam ſprach und dieſer Leichnam dort nicht mehr war, ſo iſt er es, der unſer Geheimniß kennt.“ „Gott! gerechter, rächender Gott!“ murmelte Frau von Danglars. Villefort antwortete nur durch unheimliches Stöhnen. „Aber dieſes Kind, mein Herr?“ entgegnete die halsſtarrige Mutter. 1 „O wie ich es geſucht habe,“ entgegnete Villefort, die Arme kreuzend,„o wie ich es in meinen langen, ſchlafloſen Nächten ge⸗ rufen habe! O wie oft ich mir ein königliches Vermögen gewünſcht habe, um damit Millionen Menſchen ihre Geheimniſſe abkaufen zu können, um darunter das meine zu finden! Eines Tages nahm ich zum hundertſten Male den Spaten, fragte mich zum hundertſten Male, was der Corſe auf der Flucht mit dem, vielleicht lebenden Kinde gemacht haben konnte, und dachte mir, er könnte es als Hin⸗ derniß in den Fluß geworfen haben.“ „O unmöglich,“ ſchrie Frau von Danglars,„man ermordet einen Mann aus Rache, aber man tödtet kein Kind mit kaltem Blute.“ „Vielleicht brachte er es in das Findelhaus.“ „Ach ja, ja,“ rief die Baronin,„da iſt mein Kind.“ „Ich eilte in das Hoſpital und fragte, ob in der Nacht vom 20. September ein Kind dahin gebracht ſei, welches in die Hälfte einer feinen, abſichtlich zerriſſenen, mit einer Baronskrone und einem H gezeichneten Serviette gewickelt geweſen ſei.“ „Ach, ſo iſt es! Ja, alle meine Wäſche war ſo gezeichnet, Herr Nargonne war Baron und ich heiße Hermine. Dank, mein Gott, mein Kind war nicht todt!“ „Nein, es war nicht todt.“ 894 „Und Sie ſagen mir das, ohne zu fürchten, mich vor Freude— ſterben zu ſehen? O Villefort, um Gottes willen ſchnell, wo iſt unſer Kind?“ Der Procurator zuckte die Achſeln. „Weiß ich es? Und glauben Sie, daß ich Sie, wenn ich es wüßte, wie ein Romanſchreiber durch all' dieſe Grade der Folter geführt haben würde? Nein, bei Gott, ich weiß es nicht. Nach ſechs Monaten war eine Frau mit der andern Hälfte der Serviette erſchienen. Die Frau hatte allen Aufforderungen der Geſetze ge⸗ nügt und man hatte ihr das Kind gegeben.“ „Aber Sie mußten ſich nach dieſer Frau erkundigen, ſie zu entdecken ſuchen.“ „Und womit glauben Sie, daß ich mich beſchäftigt hätte, Her⸗ mine? Ich habe eine gerichtliche Nachforſchung angeſtellt, und es gelang meinen Agenten, die Spuren dieſer Frau bis nach Chalons zu verfolgen, dort verlor man ſie.“ „Verloren?“ „Ja, verloren, für immer verloren!“ Frau von Danglars hatte dieſe Erzählung, abwechſelnd ſchluch⸗ zend, ſchreiend und bebend, angehört. „Und das iſt Alles?“ ſtammelte ſie.„Sie beſchränkten ſich hierauf?“ d nein,“ ſagte Villefort,„ich habe niemals aufgehört zu ſpähen und zu forſchen. Seit zwei oder drei Jahren indeſſen ließ ich etwas nach, heute jedoch werde ich mit mehr Nachdruck und Eifer als je beginnen, denn nicht nur das Gewiſſen treibt mich jetzt, nein, es iſt die Furcht.“ „Aber,“ entgegnete Frau von Danglars,„der Graf von Monte⸗ Chriſto weiß nichts, er würde uns ſonſt nicht in dem Grade auf⸗ ſuchen, wie er es thut.“ „O, die Schlechtigkeit der Menſchen iſt ſehr groß,“ ſagte Ville⸗ fort,„denn ſie iſt größer als die Güte Gottes. Haben Sie die Augen dieſes Menſchen beobachtet, während er mit uns ſprach?“ „Nein.“ „Aber haben Sie zuweilen genau auf ihn geachtet?“ „Nun ja, er iſt bizarr, aber Eins iſt mir aufgefallen, daß er nämlich nichts von all' den ausgeſuchten Leckerbiſſen genoß, die er uns vorſetzte.“ Ja, 40 wenn ich genoſſen Und „Ja, glſtien, — woll Sie mir, auf die W von unſet „Nie „Sie ih ſage ich Niema „Ja, Ihnen, ge „Und Ne „Un „Jd nicht me Die „Es „Nu Yällefort, Monte⸗Ck mit uns: Vill ſchaudern Dal entziehen Frau am Pont Kutſcher Jreude wo ſt ich es Folter Nach erviette ete ge⸗ ſie zu 15 Her⸗ und es Chalons ſchluch⸗ erauf?“ hört zu ſen ließ d Eifer t, nein, Monte⸗ ade auf⸗ te Ville⸗ Sie die ach?“ daß er „die er 895 „Ja, ja,“ ſagte Villefort,„daſſelbe habe ich auch bemerkt, und wenn ich gewußt hätte, was ich jetzt weiß, würde auch ich nichts genoſſen haben, aus Furcht, er könnte uns vergiften.“ „Und Sie hätten ſich geirrt, wie Sie ſehen.“ „Ja, gewiß, aber glauben Sie mir, dieſer Menſch hat andere Abſichten, deshalb habe ich Sie zu ſehen, zu ſprechen gewünſcht, des⸗ halb wollte ich Sie vor Allem beſonders vor ihm warnen. Sagen Sie mir,“ fuhr Villefort fort, ſeine Augen noch feſter als bisher auf die Baronin heftend,„haben Sie auch gewiß gegen Niemand von unſerer Verbindung geſprochen?“ „Niemals und gegen Niemand.“ „Sie verſtehen,“ flüſterte der Procurator faſt zärtlich,„wenn ich ſage Niemand; verzeihen Sie mir dieſe Beharrlichkeit, ſo meine ich Niemand auf der ganzen Welt.“ „Ja, ich verſtehe,“ ſagte Hermine erröthend,„und ſchwöre Ihnen, gegen Niemand auf der ganzen Welt.“ „Und haben Sie nicht die Gewohnheit, ein Tagebuch zu führen?“ „Nein, denn ich möchte mein vergangenes Leben lieber vergeſſen.“ „Und Sie reden nicht im Traume und haben einen feſten Schlaf?“ „Ich habe den Schlaf eines Kindes, entſinnen Sie ſich deſſen nicht mehr?“ Die Baronin war glühend roth und Villefort leichenblaß. „Es iſt wahr,“ ſtammelte er kaum hörbar. „Nun, ich ſehe, was mir zu thun übrig bleibt,“ entgegnete Villefort,„noch ehe acht Tage vergehen, weiß ich, wer der Graf von Monte⸗Chriſto iſt, woher er kommt, wohin er geht und weshalb er mit uns von kleinen, in ſeinem Garten vergrabenen Kindern ſpricht.“ Villefort ſprach dieſe Worte mit einem Tone, der den Grafen ſchaudern gemacht haben würde, falls er ihn gehört hätte. Dann ergriff er die Hand der Baronin, welche dieſe ihm zu entziehen ſtrebte, und geleitete ſie achtungsvoll bis an die Thür. Frau von Danglars nahm einen anderen Fiaker, und als ſie am Pont⸗neuf von einer anderen Seite anlangte, mußte ſie ihren Kutſcher erſt wecken, denn er war während des Wartens eingeſchlafen. LXIX. Ein Ball im Sommer. Denſelben Tag und zu derſelben Stunde, als ſich die Baronin bei dem Procurator befand, fuhr ein Reiſewagen in die Straße du Helder, und zwar in den Hof des Hauſes Nr. 27. Auf den Arm ihres Sohnes geſtützt, ſtieg Frau von Morcerf aus dieſem Wagen. Kaum hatte Albert ſeine Mutter in ihr Zimmer geleitet, als er ein Bad und ſeine Pferde verlangte. Als er nun erfriſcht aus den Händen ſeines Kammerdieners hervorgegangen war, fuhr er nach den elyſäiſchen Feldern, zum Grafen von Monte⸗Chriſto. Der Graf empfing ihn mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln. Es war ſonderbar, daß man mit dieſem Manne ſtets nur auf einen gewiſſen Punkt kam. Die, welche eine wärmere Zuneigung erzwingen wollten, ſtießen auf eine Mauer. 5 Morcerf, der ihm mit ausgebreiteten Arme gegengeeilt war, ließ bei ſeinem Anblicke, und ungeachtet ſ ndſchaftlichen Lächelns, n Arme ſinken und wagte kaum, i Monte⸗Chriſto reichte ſie ihm wie gewd drücken. „Da bin ich, lieber Graf.“ „Seien Sie mir willkommen.“ „Ich bin vor einer Stunde angelangt.“ „Von Dieppe?“ „Von Treport!“ „Ach, das iſt wahr!“ „Und mein erſter Gang iſt zu Ihnen.“ „Das iſt ſehr freundlich von Ihnen,“ ſagte Monte⸗Chriſto, wie wenn er die gewöhnlichſten Dinge geſagt hätte. „Nun, laſſen Sie ſehen, was giebt's für Neuigkeiten?“ aronin Straße loreerf t, als ht aus hr er ö. l. Es einen wingen t war, tlichen ceichen. ſie zu to, wie 897 „Neuigkeiten? Das fragen Sie mich, einen Fremden?“ „Wenn ich nach Neuigkeiten frage, ſo meine ich damit, ob Sie etwas für mich gethan haben?“. „Hatten Sie mich denn mit irgend einem Auftrage beehrt?“ fragte Monte⸗Chriſto, den Aengſtlichen ſpielend. „Ach gehen Sie,“ rief Albert,„ſpielen Sie nicht den Un⸗ wiſſenden, es giebt ſympathetiſche Nachrichten, denen keine Entfernung zu groß iſt. In Treport bekam ich einen ſolchen electriſchen Schlag, und weiß, daß Sie, wenn auch nicht für mich gearbeitet, doch an mich gedacht haben.“ „Das iſt unmöglich,“ ſagte der Graf,„ich habe wirklich an Sie gedacht, aber der magnetiſche Strom, deſſen Leiter ich war, handelte, ich geſtehe es, unabhängig von meinem Willen.“ „Wahrhaftig? O, ich bitte, erzählen Sie mir das.“ „Das iſt ſehr einfach, Herr Danglars hat bei mir zu Mittag gegeſſen.“ „Ich weiß es wohl, denn um ihn zu fliehen, ſind Mutter und ich abgereiſt.“ „Aber er hat mit Herrn Andrea Cavalcanti hier gegeſſen.“ „Ihrem italieniſchen Prinzen.“ „Uebertreiben Sie nicht, Signor Andrea giebt ſich nur den Grafentitel.“ „Giebt ſich, ſagen Sie?“ „Ich ſage: Giebt ſich.“ „Er iſt es alſo nicht?“ „Ach, weiß ich das? Er giebt ihn ſich, ich gebe ihn ihm, iſt das nicht ſo gut, als ob er ihn hätte?“ „Wunderbarer Menſch, der Sie ſind? Nun alſo?“ „Alſo! was?“ „Herr Danglars aß hier zu Mittag?“ „Ja.“ „Mit Ihrem Grafen Andrea Cavalcanti, dem Marcheſe ſeinem Vater, Frau von Danglars, Herrn und Frau von Vileefort, char⸗ mante Leute, Herrn Dobray, Maximilian Morrel, und wer denn noch... ach ja, Herrn von Chateau⸗Renaud.“ „Hat man von mir geſprochen?“ „Kein Wort.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 57 4 898 „Deſto ſchlimmer.“ „Weshalb das? Es ſcheint mir, daß man, Ihrer vergeſſend, nur Ihren Wünſchen zuvorgekommen iſt.“ „Mein lieber Graf, ich bin ganz in Verzweiflung, denn wenn man nicht von mir ſprach, dachte man gewiß deſto mehr an mich.“ „Ach, was thut's? Fräulein Danglars vermehrte wenigſtens die Zahl derer, die hier Ihrer dachten, nicht, aber es iſt wahr, ſie konnte zu Hauſe an Sie denken!“ „Ach, was das anbetrifft, nein, davon bin ich überzeugt, oder wenn ſie an mich dachte, geſchah es ſicherlich nur in derſelben Weiſe, in der ich ihrer gedachte.“ „Rührende Sympathie!“ rief der Graf.„Alſo Ihr verab⸗ ſcheut Euch?“ „Hören Sie,“ ſagte Morcerf,„wenn Fräulein Danglars das Weſen danach wäre, Mitleid mit Leiden zu fühlen, die ich nicht für ſie empfinde, und es mir vergälte, daß ich den zwiſchen unſern Familien feſtgeſtellten Heirathscontract damals nicht vollzog, ſo wäre es beſſer für mich. Teufel, ich glaube, Fräulein Danglars würde eine vortreffliche Geliebte ſein, aber als Frau, bravo. )„Alſo,“ rief Monte⸗Chriſto lachend,„ſo denken Sie über Ihre Zukünftige?“ „O mein Gott, ja, ein wenig brutal, ich gebe es zu, aber genau. Da man nun den Traum nicht in Wirklichkeit verwandeln kann, ſo muß, um zu einem gewiſſen Zwecke zu gelangen, Fräulein⸗ Danglars allerdings meine Frau werden, das heißt, ſie wird mit mir leben, neben mir denken und ſingen, mir zehn Schritt vom Leibe Muſik und Verſe machen und das während meines ganzen Lebens, o ich bin betäubt,— eine Geliebte, mein beſter Graf, das geht vorüber, aber eine Frau! Peſt! das iſt etwas Anderes. Das bleibt,— ach ewig, und Fräulein Danglars ſtets ſehen zu müſſen, o das iſt ſchrecklich!“ „Sie ſind ſchwierig, Graf.“ „Ja, denn oft denke ich an eine Unmöglichkeit.“ „Und an welche?“ „Eine Frau für mich zu finden, wie mein Vater eine für ſich gefunden hat.“ beſchrei wird ſc geſtehen dennoch ſend, wenn nich. 4 gſtens t, ſie oder Deiſe, derab⸗ 3 das nicht inſern wäre würde Ihre aber ndeln äulein. d mit t vom ganzen f das Das üſſen, 899 Monte⸗Chriſto ſah Albert erbleichend an und ſpielte mit zwei koſtbaren Piſtolen, deren Hähne er aufzog. „Alſo, Ihr Vater iſt ſehr glücklich geweſen?“ ſagte er. „Sie kennen meine Meinung über meine Mutter, Herr Graf, ſie iſt ein Engel des Himmels, dazu ſchön, geiſtreich und einzig gut. Ich habe meine Mutter nach Treport begleitet; für tauſend andere Söhne würde das eine ganz außergewöhnliche Aufmerkſamkeit, ein Frohndienſt ſein; ich aber zähle dieſe vier Tage allein mit ihr, zu den genußreichſten, ſie waren poetiſcher und befriedigender, als hätte ich die Königin Mab oder Titania begleitet.“ „Das iſt eine verzweifelte Vollkommenheit und erweckt bei Allen, die das mit anhören, die Neigung, unverheirathet zu bleiben.“ „Und eben, weil ich weiß, daß eine vollkommene Frau in der Welt lebt, mag ich Fräulein Danglars nicht heirathen. Haben Sie wohl zuweilen darauf geachtet, daß unſer Egoismus alles Das un⸗ beſchreiblich verſchönt, was uns gehört? Der ſchillernde Diamant wird ſchöner, wenn er unſer Diamant iſt, aber wenn wir uns dann geſtehen müſſen, daß es noch einen von reinerem Waſſer giebt, und dennoch verdammt ſind, den geringeren zu tragen, kennen Sie die Oual?“ „Gewiß,“ murmelte der Graf. „Nun gut, eben deshalb würde ich vor Freude jauchzen, wenn Fräulein Eugenie endlich einſähe, daß ich ein erbärmlicher Wicht gegen ſie bin, und kaum ſo viel hunderttauſend Franken beſitze, als ſie Millionen.“ Monte⸗Chriſto lachte. „Ich dachte eben an etwas,“ fuhr Albert fort.„Franz liebt das Excentriſche, und ich habe ihn ganz entzückt von Fräulein Danglars geſehen, aber obgleich ich ihm vier Briefe, den einen immer verlockender als den andern, geſchrieben habe, hat er mir unverzeihlicher Weiſe nichts geantwortet, als: „Ich bin excentriſch, daß iſt wahr, aber meine Excentricität geht nicht ſo weit, ein einmal gegebenes Wort zurückzunehmen.“ „Das nenne ich aber auch wahre Freundſchaft, dem Freunde eine Frau zu geben, die man ſelbſt höchſtens als Geliebte haben möchte.“ Albert lachte. „Apropos, der gute Franz kommt, aber das intereſſirt Sie wohl wenig, ich glaube, Sie lieben ihn nicht.“ „Ich?“ rief Monte⸗Chriſto,„aber, liebſter Graf, wie können Sie nur ſo ſprechen! Mein Gott, ich liebe die ganze Welt!“ „Und ich bin in die ganze Welt mit einbegriffen? Danke....“ „O bringen Sie nichts untereinander,“ rief der Graf.„Die ganze Welt liebe ich, weil Gott uns befohlen hat, unſern Nächſten chriſtlich zu lieben, aber ich haſſe nur gewiſſe Perſonen.— Aber, um auf Herrn Franz von Epinay zu kommen, alſo er kehrt zurück?“ „Ja, auf Veranlaſſung des Herrn von Villefort, der eben ſo eifrig zu ſein ſcheint, ihn mit Valentine zu verheirathen, als Herr Danglars eifrig iſt, ſeine Tochter an den Mann zu bringen. Jeden⸗ falls iſt es ein ſchwerer Stand, Vater erwachſener Töchter zu ſein, und ſcheint mit einem Fieber verbunden, das ihren Puls in einer Minute neunzig Mal ſchlagen macht, bis ſie von ihren Töchtern befreit ſind.“ „Aber Herr von Epinay gleicht Ihnen nicht, und fügt ſich, wie es ſcheint, mit Geduld in ſein Unglück.“ „Noch mehr, er nimmt die Sache ernſt, denkt an die weiße Cravatte und ſpricht ſchon von ſeiner Familie. Uebrigens verehrt er die Villeforts ſehr.“ „Was ſie verdienen, nicht wahr?“ „Ich glaube, Herr von Villefort hat ſtets für einen ſtrengen, aber gerechten Mann gegolten.“ „Ach, endlich höre ich doch von Einem, den Sie nicht behandeln, wie den armen Danglars.“ „Das kommt vielleicht daher, weil ich nicht gezwungen bin, ſeine Tochter zu heirathen,“ entgegnete Albert. „Aber, beſter Freund,“ ſagte der Graf,„Sie ſind empörend läppiſch.“ „Ich?“ „Ja, Sie, Befehlen Sie nicht eine Cigarre.“ „Ach gern. Aber weshalb finden Sie mich ſo albern?“ „Weil Sie dieſer Heirath halber ſich ganz unnütz ereifern. Mein Gott, laſſen Sie doch die Sache ruhig ihren Gang gehen; vielleicht ſind Sie nicht einmal der Erſte, der ſein Wort zurücknimmt.“ „Bah!“ ſagte Albert und machte große Augen. allein die, Hätte Cava 901 „Ja, ohne Zweifel, mein Herr Graf,“ ſagte Monte⸗Chriſto, „man wird Ihnen den Stuhl nicht mit Gewalt vor die Thür ſetzen, zum Teufel! Aber ernſthaft,“ ſagte der Graf, den Ton wechſelnd;„haben Sie Luſt zu brechen?“ „Ich würde hunderttauſend Franken darum geben.“ „Nun gut, ſeien Sie glücklich, denn Herr Danglars gäbe gern das Doppelte zur Erreichung deſſelben Zweckes.“ „O mein Gott, iſt dieſes Glück denkbar?“ rief Albert, obgleich eine leichte Wolke ſeine Stirn bei dieſen Worten verfinſterte.„Aber, liebſter Graf, Herr Danglars hat doch Gründe.“ „Ach ſieh da, die hochmüthige und egoiſtiſche Natur! Da finde ich den Menſchen wieder, welcher der Eigenliebe Anderer mit Aexten zu Leibe gehen will, und welcher ſchreit, wenn man der ſeinigen mit einer Nadel zu nahe kommt.“ „Nein! aber es ſcheint mir, daß der Herr Danglars...“ „Von Ihnen entzückt ſein müßte, nicht wahr? Ach, der Ban⸗ quier iſt zugeſtanden ein Mann von ſchlechtem Geſchmack, und iſt noch weit entzückter von einem Andern....“ „Von wem denn?“ „Ich weiß es nicht, ſtudiren, betrachten, ergreifen Sie die An⸗ ſpielungen, und ziehen Sie dann Ihren Nutzen daraus.“ „Gut, ich verſtehe, aber hören Sie, meine Mutter, nein, ich irre mich, mein Vater beabſichtigt einen Ball zu geben.“ „Jetzt, und um dieſe Jahreszeit?“ „Die Sommerbälle ſind jetzt Mode.“ „Und wenn ſie es nicht wären, würde der Gräfin Wunſch allein genügen, ſie Mode zu machen.“ „Nicht übel; Sie begreifen, dies ſind rein ariſtokratiſche Bälle; die, welche im Monat Juli in Paris bleiben, ſind wahre Pariſer. Hätten Sie wohl die Güte, ſich mit einer Einladung für die Herren Cavalcanti zu befaſſen?“ „Wann wird der Ball ſtattfinden?“ „Sonnabend.“ „Der alte Herr von Cavalcanti wird dann nicht hier ſein.“ „Nun dann ſeien Sie ſo gütig, wenigſtens den Sohn Entuladen „Hören Sie, Graf, ich kenne ihn nicht.“ „Wie, Sie kennen ihn nicht?“ 902 „Nein, ich habe ihn vor vier Tagen zum erſten Male geſehen, und ſtehe nicht für ihn.“ „Aber Sie empfangen ihn, nicht wahr?“ „Ich, ja, das iſt etwas Anderes, er iſt mir durch einen guten Abbé empfohlen, der jedoch ſelbſt betrogen ſein kann. Laden Sie ihn ſelbſt ein, aber bitten Sie mich nicht, daß ich ihn vorſtelle; wenn er ſpäter Fräulein Danglars heirathet, würden Sie mich der Schliche zeihen, und wir müßten einander die Hälſe brechen. Uebrigens weiß ich noch nicht, ob ich ſelbſt da ſein werde.“ „Wo?“ „Auf Ihrem Balle.“ „Mein Gott, weshalb nicht?“ „Nun zuerſt, weil ich noch nicht eingeladen bin.“ „Ich komme expreß, um Ihnen ſelbſt die Einladung zu bringen.“ „Ach das iſt zu gütig, aber ich werde verhindert ſein.“ „Wenn ich Ihnen etwas geſagt habe, werden Sie liebenswürdig genug ſein, uns allen Ihre Verhinderungen zu opfern.“ „Nun?“ „Meine Mutter läßt ſie dringend bitten.“ „Die Frau Gräfin von Morcerf?“ rief Monte⸗Chriſto zitternd. „Ach, Graf,“ ſagte Albert,„ich ſagte Ihnen ſchon, daß meine Mutter über Manches mit mir ſpricht; und wenn Sie in ſich dieſe ſympathetiſchen Fibern ſich nicht haben regen gefühlt, von denen ich vorhin ſprach, ſo fehlen ſie Ihnen ganz, denn ſeit vier Tagen redeten wir nur von Ihnen.“ „Von mir? Sie ſind zu gütig.“ „Ja, das iſt das Privilegium aller lebenden Räthſel.“ „Ach! Alſo auch für Ihre Frau Mutter bin ich ein Räthſel? Wahrhaftig, ich hätte ſie für viel zu vernünftig gehalten, als ſich ſolchen Spielen der Einbildung zu überlaſſen.“ „Ja, mein lieber Graf, Räthſel für meine Mutter, wie für uns Alle, anerkanntes, aber nicht errathenes Räthſel. Meine Mutter begreift Ihre Jugend nicht. Ich glaube, während die Gräfin G... Sie für Lord Ruthven hielt, glaubt meine Mutter Caglioſtro oder den Saint⸗Germain in Ihnen zu ſehen. Und Ihr erſter Beſuch be⸗ ſtärkte meine Mutter in ihrer Meinung. Es iſt auch natürlich, denn Sie haben den Stein der Weiſen des Einen und den Geiſt des Andern.“ z übern Mann, von ihr „( Epinay ————— 11* : 1 1 3 4 „Ich danke, daß Sie mich vorbereitet haben,“ ſagte der Graf lachend,„ich werde meine Maßregeln nehmen, dieſen Vorausſetzungen Stand halten zu können.“ „Alſo Sie kommen Sonnabend?“ „Weil Frau von Morcerf es wünſcht.“ „Sie ſind ſehr liebenswürdig.“ „Und Herr Danglars?“ „O der hat eine dreifache Einladung erhalten, mein Vater hat es übernommen. Wir hofften auch Herrn von Villefort, den wichtigen Mann, bei uns zu ſehen, verzweifeln jedoch....“ „Man muß niemals verzweifeln.“ „Tanzen Sie, lieber Graf?“ „Ich?“ „Ja Sie! Mein Gott, wäre denn das ſo ſonderbar?“ „Ach wirklich, wenn man die Vierzig überſchritten hat. Nein, ich tanze nicht, ſehe jedoch gern tanzen. Und tanzt Frau von Morcerf?“ „Niemals, Sie ſcherzen, ſie wünſcht ſich mit Ihnen zu unter⸗ halten.“ „Wahrhaftig?“ „Mein Ehrenwort. Und ich verſichere Sie, daß Sie der erſte Mann ſind, für den meine Mutter dieſe Neugierde an den Tag gelegt hat.“ Albert nahm ſeinen Hut und der Graf geleitete ihn bis zur Thür. „Ich mache mir einen Vorwurf,“ ſagte er plötzlich. „Welchen?“ „Ich war unbeſcheiden, und durfte nicht ſo gegen Sie von Herrn Danglars ſprechen.“ „Im Gegentheil, ſprechen Sie oft, ſprechen Sie immer mit mir von ihm in derſelben Weiſe.“ „Gut, Sie beruhigen mich; aber wann kommt doch Herr von Epinay?“ „Späteſtens in fünf bis ſechs Tagen.“ „Und wann verheirathet er ſich?“ „Gleich nach der Ankunft des Herrn und der Frau von Saint⸗ Mran.“ „Führen Sie iin doch bald zu mir. Obgleich Sie vorausſetzen, 904 ich möchte ihn nicht, erkläre ich Ihnen, daß ich Atzüüdt ſein werde, ihn zu ſehen.“ „Ihre Wünſche ſind mir Geſetz, Herr Graf.“ „Auf Wiederſehen.“ „Sonnabend jedenfalls, nicht wahr?“ „Sie haben mein Wort.“ Mit der Hand grüßend, folgte der Graf Albert mit den Augen. Nachdem der Phaëton des jungen Mannes verſchwunden war, wandte ſich der Graf um, Bertuccio ſtand hinter ihm. „Nun?“ fragte er den Haushofmeiſter. „Sie iſt in das Palais gegangen.“ „Iſt ſie lange dort geblieben?“ „Anderthalb Stunden.“ „Und iſt ſie dann nach Hauſe zurückgekehrt?“ „Graden Wegs.“ „Gut, mein lieber Meſſer Bertuccio,“ ſagte der Graf,„wenn ich Euch jetzt einen Rath geben kann, ſo iſt es der, in die Nor⸗ mandie zu reiſen und jenes kleine Gut zu kaufen, von dem ich neulich geſprochen habe.“ Bertuccio empfahl ſich, und da ſeine Wünſche ganz im Ein⸗ verſtändniſſe mit dem gegebenen Befehle waren, reiſte er noch den⸗ ſelben Abend ab. „ wenn. Nor⸗ em ich n Ein⸗ 9 den⸗ LXX. Erkundigungen. Herr von Villefort hielt Frau von Danglars und ſich ſelbſt Wort, indem er zu erfahren ſtrebte, wie Monte⸗Chriſto zu der Ge⸗ ſchichte des Hauſes von Auteuil gekommen war. Er ſchrieb noch denſelben Tag an einen gewiſſen Herrn von Boville, welcher, früher Inſpector der Gefängniſſe, jetzt eine ziemlich hohe Stelle bei der Sicherheits⸗Polizei bekleidete, um die gewünſchten Aufſchlüſſe zu erhalten, und dieſer verlangte zwei Tage, um genaue Nachrichten geben zu können. Nach Verlauf dieſer Zeit erhielt Herr von Villefort folgende Note: „Die Perſon, welche man den Grafen von Monte⸗Chriſto nennt, iſt beſonders von Lord Wilmore, einem reichen Fremden, der zu⸗ weilen in Paris lebt, und ſich auch jetzt vort aufhält, gekannt. Gleichfalls kennt ihn der Abbé Buſoni, ein ſizilianiſcher Prieſter, welcher einen großen Ruf im Orient hat, woſelbſt er ſehr viel Gutes gethan.“ Herr von Villefort gab ſogleich Befehl, über dieſe beiden Fremden die genaueſten und ſicherſten Erkundigungen einzuziehen, und erhielt folgende Antwort: Der Abbé war nur auf einen Monat in Paris und bewohnte hinter Saint⸗Sulpice ein kleines einſtöckiges Haus von vier Zimmern, deſſen einziger Miether er war. Eines dieſer Zimmer war ein ſehr einfach eingerichteter Eßſaal, eines ein eben ſo einfaches getäfeltes Geſellſchaftszimmer ohne alle Verzierungen. Kurz, man ſah, der Abbé beſchränkte ſich nur auf das Allernothwendigſte. In einem andern Salon befand ſich die aus theologiſchen Schriften und Manuſcripten beſtehende Bibliothek, in der unſer Abbé ſich faſt beſtändig aufzuhalten pflegte. —— ———— 906 Der Diener betrachtete die Beſucher von einem kleinen Schieb⸗ fenſter aus, und wenn ſie ihm nicht gefielen, oder er ſie nicht kannte, ſagte er gewöhnlich: Der Abbé iſt nicht in Paris, ſondern befindet ſich auf Reiſen, was auch ſehr oft wirklich der Fall war. Mochte er nun aber auch in Paris ſein oder nicht, er gab beſtändig, und das kleine Schiebfenſterchen diente dem Bedienten unausgeſetzt zum Vertheilen dieſer milden Gaben. Das vierte, neben der Bibliothek gelegene Zimmer diente dem Abbé zum Schlafgemach, und man ſah darin außer einem einfachen Bett ohne Vorhänge nur ein Betpult, vier Lehnſtühle und ein Sopha mit gelbem Utrechtſammet beſchlagen. Lord Wilmore wohnte Straße Fontaine⸗Saint⸗Georges, und war einer jener Engländer, die ihr Vermögen auf Reiſen verzehren. Er hatte eine meublirte Wohnung gemiethet, in welcher er nur zwei bis drei Stunden täglich ſich aufhielt, und in der er nur ſelten ſchlief. Eine ſeiner Eigenheiten beſtand darin, nie franzöſiſch ſprechen zu wollen, obgleich er, wie man verſicherte, daſſelbe vortrefflich ſchrieb. Den Tag, nach welchem der Procurator des Königs alle dieſe Anſchlüſſe erhalten hatte, ſtieg ein Mann am Ende der Straße Férou aus einem Wagen, klopfte an eine olivengrün gemalte Thür, und fragte nach dem Herrn Abbé Buſoni. „Der Herr Abbé iſt ſchon früh Morgens ausgegangen.“ „Ich kann mich mit dieſer Antwort nicht begnügen,“ ſagte der Fremde,„denn ich komme von Seiten einer Perſon, für die man immer zu Hauſe iſt. Aber wollen Sie ſo gut ſein, mich dem Herrn Abbé zu melden.“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, daß er nicht hier iſt,“ entgegnete der Diener. „Nun gut, ſobald er zurückkehrt, haben Sie die Güte, ihm dieſe Karte und dieſes verſiegelte Papier zu geben. Wird der Abbé dieſen Abend um acht Uhr zu Hauſe ſein?“ „O gewiß, mein Herr, wenn er nämlich nicht arbeitet, denn das iſt ſo gut, als ob er ausgegangen wäre.“ „Ich werde dieſen Abend um die genannte Stunde wieder hier ſein.“ Und er empfahl ſich. Wirklich kam zu der genannten Stunde derſelbe Fremde in j——ü ——— began wiſſen ſie er G it ſo Auſſch hörde Band werde — — 907 demſelben Wagen an das kleine Haus, klopfte an und ward ein⸗ gelaſſen. An dem achtungsvollen Betragen des Bedienten merkte der Fremde, daß ſein Brief die gewünſchte Wirkung gehabt hatte. „Der Herr Abbé Buſoni zu ſprechen?“ fragte er. „Ja, er arbeitet in ſeiner Bibliothek, erwartet jedoch den Herrn,“ entgegnete der Diener. Der Fremde trat ein und fand den Abbé vor einem ſtark er⸗ leuchteten Tiſche ſitzend, während das übrige Zimmer nur matt er⸗ hellt war. Buſoni war in das Gewand eines Geiſttlichen gekleidet, eine Kaputze bedeckte den ganzen Kopf. „Habe ich die Ehre, Herrn Buſoni zu ſprechen?“ fragte der Fremde. „Ja, mein Herr, und Sie ſind es, den mir Herr von Boville, der ehemalige Inſpector der Gefängniſſe, Seitens des Herrn Polizei⸗ Präfecten ſchickt?“ „Ganz recht, mein Herr.“ „Einer der Agenten der Pariſer Sicherheitspolizei?“ „Zu dienen,“ entgegnete der Fremde zögernd und etwas erröthend. Der Abbé rückte ſeine große, nicht nur die Augen, ſondern auch die Schläfe bedeckende Brille, nahm ſeinen Platz wieder ein, und bat auch den Fremden, ſich zu ſetzen. „Ich höre, mein Herr,“ ſagte er dann mit unverkennbar italie⸗ niſchem Accent. „Die Sendung, mit der ich beauftragt worden bin, mein Herr,“ begann der Fremde, und legte auf jedes einzelne Wort einen ge⸗ wiſſen Nachdruck,„iſt eine Sendung des Vertrauens für den, der ſie erfüllt, und für den, bei dem er ſie erfüllt hat.“ Der Abbé verbeugte ſich. „Ja,“ fuhr der Fremde fort,„Ihre Redlichkeit, mein Herr, iſt ſo bekannt, wie der Herr Polizei⸗Präfect ſagt, daß er von Ihnen Aufſchluß über eine Angelegenheit zu haben wünſcht, die dieſe Be⸗ hörde ſehr intereſſirt. Und wir hoffen, Herr Abbé, daß weder die Bande der Freundſchaft noch menſchliche Beweggründe Sie vermögen werden, der Juſtiz die Wahrheit zu verheimlichen.“ „Unter der Bedingung, mein Herr, daß das von Ihnen Ver⸗ 908 langte nicht im Geringſten gegen meine Pflicht und mein Gewiſſen ſpricht. Ich bin Prieſter, mein Herr, und die Geheimniſſe der Beichte zum Beiſpiel, müſſen zwiſchen mir und der Gerechtigkeit Gottes bleiben, und nicht zwiſchen mir und der menſchlichen Gerechtigkeit.“ „O ſeien Sie unbeſorgt, Herr Abbé,“ ſagte der Fremde,„wir werden Ihr Gewiſſen nicht compromittiren.“ Bei dieſen Worten des Fremden drehte der Abbé die Lampe ſo, daß das ganze Licht auf das Geſicht dieſes Mannes fiel, während er ſelbſt im Schatten blieb. „Verzeihung, mein Herr Abbé,“ rief der Agent des Polizei⸗ Präfecten, aber meine Augen vertragen ſo blendendes Licht nicht.“ Sogleich herrſchte die vorige Dämmerung. „Jetzt, mein Herr, höre ich. Sprechen Sie.“ „Kommen wir alſo zur Sache. Kennen Sie den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto. „Ach, ich vermuthe, Sie ſprechen von Herrn Zaccone?“ „Zaccone!... Nennt er ſich nicht Monte⸗Chriſto?“ „Das iſt der Name eines Gutes oder vielmehr Felſens, jedoch kein Familienname.“ „Nun gut, ſei's, ſtreiten wir nicht über Namen, und wenn der Graf von Monte⸗Chriſto und Herr Zaccone ein und dieſelbe Per⸗ ſon iſt...“ „Dieſelbe.“ „So ſprechen wir von Herrn Zaccone.“ „Gut.“ „Ich frage, kennen Sie ihn?“ „Genau.“ „Wer iſt er?“. „Der Sohn eines reichen Rheders auf Malta.“ „Ja, ich weiß, daß man ſo ſagt, aber iſt dem auch ſo? Sie werden begreifen, daß die Polizei ſich nicht mit dem: man ſagt ſo, begnügen kann.“ „Indeſſen,“ ensgegnete der Abbé, freundlich lächelnd,„wenn das: man ſagt ſo, die Wahrheit iſt, muß ein Jeder, alſo auch die Polizei, ſich damit begnügen.“ „Aber ſind Sie von dem, was ſie ſagen, überzeugt?“ „Wie! ob ich davon überzeugt bin?“ eniſen Veichte Gottes igkeit.“ V 81 wir Lamge ährend Polizei 3 909 „Merken Sie wohl, mein Herr, daß ich Ihre Wahrhaftigkeit durchaus nicht in Zweifel ziehe, wenn ich ſage: Sind Sie davon überzeugt?“ „Hören Sie, ich habe Herrn Zaccone den Vater gekannt.“ „Ach ſo?“ „Ja, und als ſein Sohn noch ein kleiner Knabe war, habe ich oft mit ihm auf den Schiffs⸗Zimmerplätzen geſpielt.“ „Aber der Titel eines Grafen?“ „Sie wiſſen, der iſt käuflich.“ „In Italien?“ „Ueberall.“ „Aber dieſe, wie man ſagt, unermeßlichen Schätze?“ „Ach, mein Herr, ja, unermeßlich, das iſt das rechte Wort.“ „Wie viel glauben Sie wohl, daß er beſitzt, da Sie ihn kennen?“ „O mindeſtens hundertfünfzig bis zweimalhunderttauſend Livres Renten.“ „Aber man ſprach von drei bis vier Millionen...“ „Jawohl, mein Herr, zweihunderttauſend Livres Renten ſetzen ein Kapital von vier Millionen voraus.“ „Man ſprach aber von vier Millionen Renten?“ „O das iſt unglaublich.“ „Und Sie kennen ſeine Inſel Monte⸗Chriſto?“ „Gewiß, und Jeder, wer zur See von Palermo, Rom oder Neapel nach Frankreich kommt, kennt ſie, weil man daran vorbei⸗ ſegeln muß.“ „Es iſt ein entzückender Aufenthalt, wie man verſichert?“ „Es iſt ein Felſen.“ „Und weshalb hat der Graf einen Felſen gekauft?“ „Eben um Graf zu ſein. Denn in Italien muß jeder Graf auch eine Grafſchaft haben.“ „Sie haben ohne Zweifel von den Jugend⸗Erlebniſſen des Herrn Zaccone reden hören?“ „Des Vaters?“ „Nein des Sohnes.“ „Darüber kann ich keine Auskunft geben, weil ich meinen jungen Kameraden um dieſe Zeit aus den Augen verloren habe.“ „Er hat den Krieg mitgemacht?“ „Ich glaube, daß er gedient hat.“ „Unter welcher Truppengattung?“ „Er war in Seedienſten.“ „Ah, Sie ſind ſein Beichtvater?“ „O nein, mein Herr, ich glaube, er iſt Lutheraner.“ „Wie, Lutheraner?“ „Ich ſagte, ich glaube es, behaupten kann ich es nicht. Uebrigens denke ich, beſteht Glaubensfreiheit in Frankreich.“ „Gewiß beſchäftigt ſein Glaube uns ganz und gar nicht, ſondern der Herr Polizei⸗Präfect wünſcht nur Auskunft über die Lebensweiſe des Grafen zu haben.“ „Er gilt für einen ſehr wohlthätigen Mann. Unſer heiliger Vater der Papſt hat ihn zum Ritter des Chriſtus⸗Ordens gemacht, eine Gunſt, welche er ſonſt nur Prinzen gewährt. Die außer⸗ ordentlich wohlthätigen Handlungen des Grafen im Orient ſind jedoch ſo anerkannt worden, daß er fünf oder ſechs große Ehren⸗ zeichen dafür erhalten hat.“ „Und er trägt ſie?“ „Nein, aber er iſt ſtolz darauf. Er ſagt, er liebt es mehr, daß man den Wohlthätern der Menſchen Erkenntlichkeit erweiſt, als denen, welche die Menſchen zerſtören.“ „Ach, dann iſt dieſer Graf wohl ein Quäker?“ „Ja, aber ohne den großen Hut und das braune Gewand, wohl verſtanden.“ „Kennt man Freunde von ihm?“ „Ja, denn wer ihn kennt, iſt auch ſein Freund.“ „Aber er hat doch einige Freunde?“ „Nur einen.“ „Und der iſt?“ „Lord Wilmore.“ „Und lebt?“ „Jetzt in Paris.“ „Können Sie mir etwa über dieſen nähere Auskunft geben?“ „Gern. Er war mit Zaccone zugleich in Indien.“ „Wiſſen Sie, wo er wohnt?“ „In der Chauſſee d'Antin, aber ich vergaß Straße und Nummer.“ Piſani 6 u verſteh wieder S Fremde Abbé „ mögen für I ſhmäh daß ie haben 9 ſuchen Reiche vigens ondern weiſe heilger emacht, außer⸗ t ſind Ehren⸗ r, daß denen, wohl „Herr Abbé, glauben Sie, daß der Graf von Monte⸗Chriſto, kehe er nach Paris kam, ſchon in Frankreich war?“ „Das kann ich beſtimmt verneinen. Vor ſechs Monaten wandte er ſich an mich mit der Bitte um eine Auskunft, die ich nun aber nicht geben konnte, weil ich nicht wußte, ob ich bald wieder hier ſein würde, und deshalb wies ich ihn an Herrn Cavalcanti.“ „Andrea?“ „Nein, Bartolomeo, den Vater.“ „Sehr gut, mein Herr; jetzt bleibt mir noch eine Frage, die ich Sie bitte, mir im Namen Gottes und der Religion aufrichtig zu beantworten.“ „Sprechen Sie.“ „Wiſſen Sie, zu welchem Zwecke der Graf ein Haus in Auteuil gekauft hat?“ „Ganz genau, denn er hat es mir geſagt.“ „Nun alſo, mein Herr?“ „Er will ein Hoſpital darin gründen, dem des Baron von Piſani zu Palermo ähnlich. Kennen Sie dieſes Hoſ ſpitalen „Dem Rufe nach, mein Herr.“ „O das iſt eine ſegensreiche Stiftung.“ Und der Abbé grüßte den Fremden auf eine Weiſe, die zu verſtehen gab, daß er ſeine unterbrochene Arbeit nicht gerade ungern wieder aufnehmen würde. Sei es, daß ſeine Abſicht verſtanden wurde, ſei es, daß der Fremde mit ſeinen Fragen zu Ende war, genug, er erhob ſich. Der Abbé geleitete ihn bis an die Thür. „Sie geben große Almoſen, Herr Abbé, und obgleich Sie ver⸗ mögend ſein ſollen, wage ich es dennoch, Ihnen eine kleine Summe für Ihre Armen anzubieten; werden Sie meine Gabe nicht ver⸗ ſchmähen?“ „Dank, mein Herr, aber gerade das iſt meine ſchwache Seite, daß ich das Gute, was ich thue, nur mir allein zu verdanken haben will.“ „Aber ich dächte.. „Verzeihen Sie, das 5 mein unabänderlicher Beſchluß. Aber ſuchen Sie, und Sie werden finden. Ach glauben Sie mir, der Reeiche kann manche Thräne ſtillen, wenn er nur will.“ 912 Die Herren begrüßten ſich nochmals und der Fremde verließ das Haus. Der Wagen fuhr in die Wohnung des königlichen Procurators. Eine Stunde ſpäter ſah man denſelben Wagen die Richtung nach der Straße Fogtaine⸗Saint⸗Georges einſchlagen, bei Nr. 5 hielt er an, dort wohnte Lord Wilmore. Der Fremde hatte den Engländer um eine Unterredung gebeten, und dieſer ſie um 10 Uhr zugeſagt. Als nun der Abgeſandte des Präfecten zehn Minuten vor der beſtimmten Zeit eintraf, ward ihm zur Antwort, daß der Lord noch nicht zurück, jedoch ſo ungemein pünktlich ſei, daß er ſich gewiß nicht verſpäten werde. Dann ward der Fremde in einen Saal geführt, der durchaus nichts beſonders Bemerkenswerthes hatte. Ein Kamin mit zwei feinen Porzellanvaſen, eine Uhr mit einem Amor, ein Spiegel mit zwei Stücken, an jeder Seite des Spiegels ein Kupferſtich, der eine Homer ſeinen Führer tragend, der andere den um Almoſen bittenden Beliſar darſtellend, eine graue Tapete, Meubels mit roth und ſchwarzem Tuche bezogen, ſo war der Saal des Lords. Er war nur matt durch Glocken und Milchglas erleuchtet und ſchien genau für die ſchwachen Augen des Abgeſandten eingerichtet zu ſein. Bei dem fünften Schlage der Uhr öffnete ſich die Thür, der Lord trat ein. Man konnte ihn eher groß als klein nennen, ſein Teint war ſehr weiß, ſein Bart ſpärlich und röthlich, ſeine blonden Haare fingen an ſich grau zu färben. Der Engländer war durchaus nicht zu verkennen. Der Rock des Lords war blau, mit goldenen Knöpfen und hohem geſteppten Kragen, wie man ihn 1811 trug. Die Weſte war von weißem Kaſimir, die Nanking⸗Beinkleider mindeſtens um drei Daumen breit zu kurz, und würden ohne Bügel von demſelben Stoffe ſich bis zu den Knieen hinaufgezogen haben. Sein erſtes Wort war: „Sie wiſſen, mein Herr, daß ich nicht franzöſiſch ſpreche.“ „Ich weiß wenigſtens, daß Sie dieſe Sprache nicht gern reden,“ antwortete der Abgeſandte des Präfecten. — erließ atorz. htung hielt beten, te des d ihm emein rchaus zwei el mit r eine tenden und t und riichtet r, der t war Haare Rock eppten veißem breit bis zu 4 eden,“ 913 „Aber Sie können immerhin franzöſiſch ſprechen,“ fuhr Lord Wilmore fort,„denn wenn ich es auch nicht ſpreche, verſtehe ich es doch.“ „Und ich,“ entgegnete der Fremde engliſch werde mit Ihrer Erlaubniß, mein Lord, unſere Unterhaltung in Ihrer Sprache führen, die ich ſehr liebe.“ „Hao!“ rief der Lord mit jener unverkennbaren, nur den echten Kindern Groß⸗Britanniens eignen Betonung. Der Abgeſandte übereichte nun dem Lord ſeinen Empfehlungs⸗ brief, den dieſer mit echt engliſchem Phlegma bis zu Ende las. „Ich begreife,“ ſagte er dann engliſch,„ich begreife ſehr wohl.“ Nun begannen faſt dieſelben Fragen, wie bei dem Abbé Buſoni, aber da der Lord als Feind des Grafen, nicht dieſelbe Zurückhaltung wie der Abbé beobachtete, erfuhr der Fremde jetzt weit mehr. Nach ſeinen Erzählungen war Monte⸗Chriſto, zehn Jahr alt, in die Dienſte eines jener kleinen indiſchen Fürſten getreten, die gegen England Krieg führen. Hier hatte der Lord ihn zuerſt geſehen, ſie hatten gegen einander gefochten, Zaccone war zum Gefangenen gemacht, und nach England auf die Pontons gebracht worden, von wo er ſich durch Schwimmen gerettet hatte. Dann hatten Reiſen, Duelle und Leidenſchaften begonnen, bis er in griechiſche Dienſte getreten war. Dort hatte er in den Theſſaliſchen Gebirgen eine Goldmine entdeckt, gegen Niemand jedoch von dieſer Entdeckung geſprochen. Nach der Schlacht von Navarin, und nachdem die griechiſche Re⸗ gierung conſtituirt war, hatte er vom König Otto ein Privilegium zur Ausbeutung dieſer Mine erbeten und erhalten. Daher ſtammt das unermeßliche, mindeſtens zwei Millionen Renten gebende Ver⸗ mögen, was jedoch mit dem Verſiegen der Mine plötzlich ein Ende nehmen konnte. aAber,“ ſagte der Fremde,„wiſſen Sie, weshalb er nach Frank⸗ reich gekommen iſt?“ „Er will auf Eiſenbahn⸗Actien ſpeculiren,“ entgegnete der Lord, „und da er eben ſo geſchickter Chemiker als Naturforſcher iſt, hat er einen neuen Telegraphen entdeckt, deſſen Anwendung er jetzt ſtudirt.“ „Und können Sie mir vielleicht ſagen, wie viel er jährlich verbraucht.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 914 „Höchſtens eine halbe Million Franken, denn er iſt geizig.“ Es war klar, daß der Haß aus dem Engländer ſprach, und daß er, nicht wiſſend, welchen Vorwurf er erſinnen ſollte, dem Grafen Geiz vorwarf. „Wiſſen Sie etwas Näheres über ſein Haus in Auteuil?“ „Ja, gewiß.“ 4 „Nun, und was?“ „Sie meinen, weshalb er es gekauft hat?“ „Ja.“ „Der Graf iſt ein Speculant, und wird ſich gewiß dadurch ruiniren, mein Herr. In der Nähe ſeines Hauſes ſoll, nach ſeiner Behauptung, eine mineraliſche Quelle ſein, deren Waſſer dem von Bagnèéres, Luchon und Cauterets nichts nachgeben ſoll. Er will nun dort ein Badehaus gründen, wie die Deutſchen ſagen. Schon dreimal hat er den ganzen Garten umgraben laſſen, um dieſe merk⸗ würdige Quelle zu entdecken, und da dies bis jetzt vergebens war, wird er nächſtens beſtimmt auch die angrenzenden Gebäude kaufen. Und ich hoffe, dieſe Eiſenbahnen, electriſchen Telegraphen und Wunderbäder werden ihn vollſtändig zu Grunde richten.“ „Und weshalb wünſchen Sie das?“ fragte der Unbekannte. „Weil er in England die Frau von einem meiner Freunde verführt hat,“ rief Lord Wilmore. „Mein Gott, weshalb ſchlagen Sie ſich dann nicht lieber mit ihme“ „Das iſt ſchon dreimal geſchehen, das erſte Mal auf Piſtolen, das zweite Mal mit dem Degen und zuletzt mit dem Stoßdegen.“ „Und der Erfolg dieſes Duelles?“ „Das erſte Mal zerſchmetterte er mir den Arm, das zweite Mal durchſtach er mir die Lunge und das dritte Mal brachte er mir dieſe Wunde bei.“ Der Engländer ſchlug den Halskragen zurück und zeigte eine rothe, noch ziemlich friſche, bis an das Ohr gehende Schmarre.— „O Teufel! er wird und ſoll von meiner Hand ſterben,“ ſchrie der Lord. „Aber es ſcheint mir,“ ſagte der Agent des Präfecten,„Sie wählen nicht den rechten Weg, ihn zu tödten.“ „Hao!“ rief der Lord,„ich gehe alle Tage auf den Schießplatz, und alle zwei Tage kommt Griſier zu mir.“ 915 Der Agent erhob ſich, wie es ſchien befriedigt, und nachdem eer dem Lord Wilmore gedankt, der ſeinen Gruß mit engliſcher Steifheit erwiderte, verließ er den Saal. Der Lord trat in ſein Schlafzimmer und mit einer Hand⸗ bewegung verſchwanden die blonden Haare, der rothe Bart, die falſchen Kinnladen mit der Schmarre, um den ſchwarzen Haaren, der bleichen Geſichtsfarbe und den Perlenzähnen des Grafen von Monte⸗Chriſto zu weichen. Es iſt wahr, daß auch der Abgeſandte des Polizei⸗Präfecten ſich in den Herrn von Villefort verwandelte. Dieſer doppelte Beſuch hatte den königlichen Procurator etwas beruhigt, er hatte ihm zwar keine Gewißheit, jedoch auch nichts neues Aengſtigendes gegeben. Seit dem verhängnißvollen Mittageſſen in Auteuil ſchlief er in dieſer Nacht zum erſten Male etwas ruhiger. 1 42 — —— — 18 1 1 1 1 * —— — LXXI. Der VBalſ. Der Sonnabend, an dem, den Geſetzen der feinen Welt zufolge, der Graf von Morcerf einen Ball zu geben beabſichtigte, war einer der heißeſten Tage im Monat Juli. Es war gegen zehn Uhr Abends. Die großen Bäume im Garten des gräflichen Hotels ließen den arzurblauen, mit goldenen Sternen beſäeten Himmel durchſchimmern, deſſen Wolken ſich gegen Abend getheilt hatten, nachdem den Tag hindurch ein heftiges, drohendes Gewitter gegrollt hatte. Aus den Sälen des Erdgeſchoſſes erklang rauſchende Tanzmuſik, unnd glänzendes Licht ſtahl ſich durch die Läden. Der Garten war in dieſem Augenblicke der Bedienung Preis gegeben, der die, durch das immer ſchöner werdende Wetter beruhigte Herrin, die Anordnung der Tafel übertrug. Bisher hatte man noch geſchwankt, ob das Souper im Saale oder unter einem großen Zelte im Freien eingenommen werden ſollte; dieſer ſchöne blaue, mit Gold beſäete Himmel entſchied zu Gunſten des Gartens. Man erleuchtete die Gänge durch farbige Lampen, wie das in Italien der Brauch iſt, und beſetzte die Tafel mit Wachskerzen und Blumen, wie es überall gewöhnlich iſt, wo man es nur im Geringſten verſteht, einen Tiſch zu ordnen. Der größte Luxus, wenn man ihn vollſtändig erſchöpft. In dem Augenblicke, in welchem die Gräfin, nachdem ſie ihre letzten Befehle gegeben hatte, wieder in die Säle trat, füllten ſich dieſe mehr und mehr. Denn noch mehr die entzückende Gaſtfreund⸗ lichkeit Mercedes als der hohe Rang ihres Gemahls, beſtimmten die Eingeladenen, gern zu erſcheinen, um ſo mehr, da man ſicher ſein konnte, dem anerkannt guten Geſchmacke der Gräfin irgend etwas Neues, Nachahmungswürdiges zu verdanken zu haben. Frau von Danglars, bei der die letzterzählten Ereigniſſe eine tiefe Unruhe zurückgelaſſen hatten, war noch unſchlüſſig geweſen, ob ſie den Ball beſuchen ſollte, als am Morgen ihre Equipage ſich mit der des königlichen Procurators kreuzte. Auf ein Zeichen hielten die beiden Kutſcher, und Villefort fragte: 1 „Werden Sie bei der Frau von Morcerf ſein?“ „Nein, ich bin zu unwohl,“ entgegnete die Baronin. „Sie thun Unrecht,“ ſagte Villefort mit einem bezeichnenden Blicke,„es wird von Vortheil ſein, wenn man Sie dort ſieht.“ „Ach, glauben Sie?“ „Zuverläſſig.“ „Dann werde ich dort ſein.“ Und die beiden Wagen hatten ſich nach verſchiedenen Richtungen hin getrennt. Frau von Danglars hatte Wort gehalten, ſie war da, ſchön wie immer und außerdem noch im ausgeſuchteſten Putze trat ſie in die eine Thür, während Mercedes die andere öffnete. Die Gräfin ſchickte Albert ihr entgegen, der ſich der Baronin auch alsbald näherte, ihr die ausgeſuchteſten Complimente über ihre Toilette machte und ſie zu dem von ihr gewählten Platze führte. Albert ſah ſich verwundert um. „Sie ſuchen meine Tochter?“ fragte die Baronin lachend. „Ich geſtehe, gnädige Frau, ſollten Sie ſo grauſam geweſen ſein, ſie nicht mit uns zu bringen?“, „Beruhigen Sie ſich; Eugenie traf Fräulein von Villefort und kommt mit ihr. Ach, ſehen Sie, da kommen unſere jungen Damen, beide weiß, die Eine mit einem Camelien⸗, die Andere mit einem Vergißmeinnicht⸗Bouquet. Aber, ſagen Sie mir doch?“ „Was befehlen Sie?“ fragte Albert lächelnd. „Wird der Graf von Monte⸗Chriſto nicht hier ſein?“ „Siebzehn!“ erwiderte Albert. „Ich verſtehe Sie nicht!“ „Ei gnädige Frau,“ rief der junge Graf,„ich glaube es gern. Sie ſind die ſiebzehnte Perſon, die mir heute Abend dieſelbe Frage vorgelegt hat. Beim Jupiter, der Graf muß eitel werden mache ihm mein Compliment.“ 918 „Und haben Sie den Uebrigen eben ſo geantwortet wie mir?“ „Ach, es iſt wahr, Verzeihung, Frau Baronin. Aber beruhigen Sie ſich, wir ſind ſo glücklich, dieſen Mann, der jetzt ſo ganz in der Mode iſt, bei uns zu ſehen, wir gehören zu den Bevorzugten.“ „Waren Sie geſtern in der Oper?“ 3 „Nein.“ „Er war da!“ 3 „Ach wirklich! Und hat dieſer excentriſche Mann wieder irgend etwas Originelles von ſich gegeben?“ „Kann er ſich ohne das zeigen? Die Elsler tanzte im hinkenden Teufel, die griechiſche Prinzeſſin war entzückt; nach der Cachucha warf der Graf ein Bouquet auf das Theater, welches durch einen koſtbaren Ring zuſammengehalten wurde. Im dritten Act erſchien die charmante Tänzerin, mit dieſem koſtbaren Kleinod am Finger... Und wird ſeine griechiſche Prinzeſſin auch hier ſein?“ „Nein, wir müſſen Sie dieſes Vergnügens berauben, ihre Stellung im Hauſe des Grafen iſt noch nicht beſtimmt genug.“ „Aber eilen Sie Frau von Villefort entgegen, mein lieber Graf, ich ſehe, ſie ſtirbt vor Verlangen, Sie zu ſprechen.“ Albert befolgte die Befehle der Baronin und näherte ſich Frau von Villefort, die ſchon den Mund öffnete, als ſie ihn kommen ſah. „Ich wette,“ rief der junge Graf lachend,„ich weiß, was Sie mir ſagen wollten!“ „Ahl zum Beiſpiel?“ 4 „Werden Sie auch geſtehen, wenn ich recht rathe?“ „Ja.“ „Auf Ehre?“ „Auf Ehre!“ „Sie wollten mich fragen, ob der Graf von Monte⸗Chriſto hier ſein würde?“ „Durchaus nicht. Ich beſchäftige mich augenblicklich nicht mit ihm. Ich wollte Sie nach Nachrichten über Herrn Franz fragen.“ „Ich erhielt geſtern einen Brief von ihm.“ „Und was ſchrieb er?“ „Daß er zugleich mit ſeinem Briefe abreiſen würde.“ „Seien Sie ruhig, er wird kommen.“ ohier t mit gen.“ 919 „Sie wiſſen, daß er einen andern Namen hat, als Monte⸗ Chriſto?“ „Nein, das wußte ich nicht.“ „Monte-Chriſto iſt der Name einer Inſel, er hat einen Familien⸗Namen.“ „Ich habe ihn nie nennen hören.“ „Ahl ich bin unterrichteter als Sie, er heißt Zaccone!“ „Das iſt möglich.“ „Er iſt aus Malta.“ „Wieder möglich.“ „Sohn eines Rheders.“ „In der That? Aber, meine Gnädige, Sie ſollten das Alles laut erzählen, und Sie würden enormen Beifall finden.“ „Er hat in Indien gedient, iſt Beſitzer einer Goldmine in Theſſalien und kommt nach Paris, um Mineralbäder in Auteuil anzulegen.“ „Der Tauſend,“ rief Albert,„was das für Neuigkeiten ſind, erlauben Sie, meine Gnädige, daß ich ſie verbreite?“ „Ja, aber nach und nach, eine nach der andern, und ohne zu ſagen, daß ſie von mir kommen.“ „Weshalb das?“ „Weil er ein zufällig erforſchtes Geheimniß iſt.“ „Durch wen?“ „Alſo die Neuigkeiten wurden bekannt 4 „Geſtern Abend bei dem Präfecten. Sie begreifen, Paris war über dieſen unerhörten Luxus außer ſich, und die Polizei hat Er⸗ kundigungen eingezogen.“— „Charmant! es fehlte nur noch, daß der Graf wie ein Land⸗ ſtreicher feſtgenommen würde, unter dem Vorwande ſeines zu großen Reichthums.“ „O das wäre nicht ſo gar unmöglich geweſen, wenn die Er⸗ kundigungen nicht ſo außerordentlich günſtig ausgefallen wären.“ „Armer Graf! Und ahnet er die Gefahr, in der er ſchwebte?“ „Sch glaube nicht.“. „O dann iſt es Chriſtenpilicht, ihn davon zu benachrichtigen, ich werde alſo nicht ermangeln.. In dieſem Augenblicke näherte ſich ein ſchöner junger Mann 920 mit lebhaften Augen, ſchwarzem Haar und glänzendem Schnurrbart, und grüßte Frau von Villefort ehrfurchtsvoll. Albert reichte ihm die Hand und ſagte:. „Gnädige Frau, ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Maximilian Morrel, Kapitain der Spahis, und überhaupt einen unſerer tapferſten Offiziere vorzuſtellen.“ „Ich habe ſchon das Vergnügen gehabt, den Herrn in Auteuil, beim Grafen Monte⸗Chriſto zu ſehen,“ ſagte Frau von Villefort, ſich auffallend kalt verbeugend. Dieſe Antwort, ſowie der Ton derſelben, zerriſſen das Herz des armen Morrel, aber er ſollte entſchädigt werden, denn indem er ſich umwandte, gewahrte er an der Thür eine zarte, weiße Er⸗ ſcheinung, deren blaue Augen ihn mild anſprachen, während ſie langſam ein Vergißmeinnicht⸗Bouquet an ihre Lippen drückte. Dieſer Gruß war ſo wohl verſtanden, daß Morrel mit dem⸗ ſelben Ausdrucke daſſelbe Manöver mit ſeinem Taſchentuche machte; und dieſe beiden lebenden Statuen, deren Herz unter dem an⸗ ſcheinenden Marmor ihrer Geſichter ſo heftig ſchlug, und welche durch die ganze Länge des Saales von einander getrennt waren, vergaßen einen Augenblick ſich, oder vielmehr die Welt in dieſer ſtummen Betrachtung. So, Einer in das Anſchauen des Andern verloren, hätten ſie lange bleiben können, ohne daß irgend Jemand es bemerkt haben würde, denn der Graf von Monte⸗Chriſto trat ein. Wir haben ſchon geſagt, daß der Graf, ſei es durch künſtliche, ſei es durch natürliche Bezauberungsmittel, überall wo er erſchien, die allgemeine Aufmerkſamkeit entſchieden auf ſich lenkte. Es war nicht ſein, obgleich ganz tadelloſer ſchwarzer Anzug, der jedoch ohne irgend eine Decoration war, nicht ſeine blendend weiße Weſte ohne Stickerei, kurz, nicht ſeine Toilette, nein, es war ſeine bleiche Farbe, ſein ſchwarzes, ſich wellenförmig legendes Haar, ſein ruhiges, klares Geſicht, das tiefe, melancholiſche Auge, dieſer außerordentlich feine Mund, der ſo leicht den Ausdruck höchſter Verachtung annahm, was Aller Blicke auf ihm feſt hielt. Es mochte ſchönere Männer geben, ſicher jedoch keinen ſo aus⸗ drucksvollen, wenn wir ſo ſagen dürfen. Alles an dem Grafen ſchien ſprechend und hatte Bedeutung, denn die Gewohnheit des ſteten feſter hucſt ehs gang celf ſeinen beme ihm gwe aber nicht und Her Not Chr Ge 921 5 ſteten Denkens hatte ſeinem Geſichte den unauslöſchlichen Stempel fefſter Willenskraft verliehen, während ſeine Bewegungen von der höchſten Eleganz und Geſchmeidigkeit waren. Und dennoch würde dieſes Alles ohne den vergoldeten Schleier des Geheimniſſes ſpurlos an den Pariſern vorüberge⸗ gangen ſein. So aber folgten ihm Aller Blicke, als er ſich Frau von Mor⸗ cerf nahete, die, vor einem mit Blumen geſchmückten Kamin ſtehend, ſeinen Eintritt in einem, der Thür gegenüber hängenden Spiegel bemerkt hatte, und ihn erwartete. Sie wandte ſich freundlich nach ihm um, in dem Augenblicke, als er ſich tief vor ihr verneigte. Sicher glaubte ſie, der Graf werde ſie anreden und ohne Zweifel dachte der Graf, ſie würde einige Worte an ihn richten, aber ſie blieben ſtumm, weil Beide eine ſeichte Redensart ihrer nicht für würdig hielten. Monte⸗Chriſto verbeugte ſich nochmals und begrüßte Albert, der ihm beide Hände reichte. „Sie haben meine Mutter geſehen?“ .„Ich hatte die Ehre, ſie zu begrüßen, aber ich bemerke Ihren Herrn Vater nicht?“ „Ach er ſchwatzt dort mit dieſer kleinen Gruppe politiſcher Notabilitäten.“ „Alſo ſind jene Herren politiſche Notabilitäten,“ rief Monte⸗ Chriſto,„ich hätte nicht daran zweifeln ſollen, und von welchem Genre ſind ſie, denn es giebt deren in jeder Art, wie Sie wiſſen.“ „Sehen Sie zuerſt jenen großen, trocknen Herrn dort. Das iſt ein Weiſer, er hat in der römiſchen Campagna eine Eidechſe entdeckt, die einen Rückenwirbel mehr als die übrigen hat, und er iſt zurückgekehrt, um dem Inſtitute dieſe Entdeckung mitzutheilen. Die Sache war lange beſtritten, aber unſer großer Herr ſiegte end⸗ lich. Dieſer Rückenwirbel hat viel Aufſehen gemacht, unſer Mann ward Ritter der Ehrenlegion, man hat ihn zum Offizier befördert.“ „Wirklich,“ rief der Graf,„das Verdienſt iſt würdig belohnt, für einen zweiten Rückenwirbel würde er vielleicht Commandeur werden?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Albert.. „Und dieſer Andere, der die lächerliche Idee gehabt hat, ſich in ein blaues, grüngeſticktes Kleid zu ſtecken, wer kann er ſein?“ 922 „O, er hat dieſen Gedanken nicht gehabt, die Republik, welche, wie ſie wiſſen, nicht aus Künſtlern beſtand, und die ihren Aca⸗ demikern eine Uniform zu geben wünſchte, bat David um eine Zeichnung.“ „Ach, in der That, alſo dieſer Herr Akademiker?“ „Seit acht Tagen iſt er Mitglied dieſer gelehrten Geſellſchaft.“ „Und was iſt ſein ſpecielles Verdienſt?“ „Ich glaube, daß er Kaninchen ſpießt, Hühner vergiftet und den Hunden mit Fiſchbein das Rückenmark ausſtößt.“ „Und deshalb iſt er Mitglied der Akademie der Wiſſenſchaften.“ „Nicht der franzöſiſchen.“ „Ach jedenfalls ſind ſeine Experimente der Wiſſenſchaft von Nutzen?“ „Nein, aber er ſchreibt einen ſehr guten Styl!“ „O,“ rief der Graf,„das muß den geſpießten Kaninchen, ver⸗ gifteten Hühnern und rückenmarkloſen Hunden außerordentlich ſchmei⸗ chelhaft ſein.“ Albert lachte. „Und dieſer Fene „Dieſer Andere?“ „Ja, der Dritte.“ „Das iſt ein College des Grafen, und zwar der, welcher ſich am Wärmſten widerſetzt hat, daß die Pairs⸗Kammer Uniform haben ſollte; und er hat damit großen Erfolg auf der Tribüne gehabt. Sonſt ſtand er ſchlecht mit den liberalen Zeitungen, aber ſeine edle Oppoſition gegen die Wünſche des Hofes ſöhnte ſie mit einander aus; man ſpricht davon, ihn zum Geſandten zu ernennen.“ „Und was hat er für Anſprüche auf die Pairſchaft?“ „Er hat einige komiſche Opern geſchrieben, vier oder fünf Auf⸗ ſätze für das Sidcle geliefert, und fünf oder ſechs Jahre für das Miniſterium votirt.“ „Bravo, Albert,“ rief Monte⸗Chriſto lachend,„Sie ſind ein trefflicher Führer und jetzt thun Sie mir einen Gefallen, nicht wahr?“ „Und welchen?“ „Sie ſtellen mich dieſen Herren nicht vor, und benachrichtigen mich, wenn ſie mir vorgeſtellt zu werden wünſchen.“ 923 Es klopfte den Grafen Jemand vertraulich auf die Schulter, er wandte ſich um und erblickte Danglars. „Ach Sie ſind es, Baron,“ ſagte er. *„Weshalb nennen Sie mich Baron, Sie wiſſen, ich halte nichts auf dieſen Titel, ich bin darin nicht wie Sie, Graf Albert, Sie geben viel auf Ihren Titel, nicht wahr?“ 1„Gewiß,“ entgegnete dieſer,„wäre ich nicht Graf, ſo würde ich nichts ſein, während Sie ohne Ihren Titel immer noch Mil⸗ ten.“ 1 lionär bleiben.“ G„Das ſcheint mir der beſte Titel unter dem Juli⸗Königthum,“ ſt von ſagte Danglars. „Unglücklicherweiſe,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„iſt man nicht für's ganze Leben Millionär, wie man Pair, Baron oder Academiker iſt. ver⸗ 3 Die Millionäre Frank und Poulmann in Frankfurt haben zum hmei⸗ Beiſpiel Bankerott gemacht!“ „Wahrhaftig?“ fragte Danglars erbleichend. „Ich habe die Nachricht dieſen Abend durch einen Courier er⸗ halten, ich hatte ungefähr eine Million bei ihnen, aber bei Zeiten benachrichtigt, forderte ich vor etwä einem Monate die ganze Zahlung.“ r ſch„O mein Gott,“ ſagte Panglars,„ſie haben für zweimal hben hunderttauſend Franks auf mich gezogen.“ 1 habt 1„Nun gut, ſo ſind Sie hiermit vorbereitet, Ihre Unterſchrift 3 gilt fünf für hundert.“ ander„Ja, aber ich erfahre dies zu ſpät, denn ich habe ihre Unter⸗ ſchrift honorirt.“ „Gut,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„alſo noch zweimal hunderttauſend Ju⸗ Franks ſind den andern nachgefolgt.“ lnf„Zum Teufel,“ rief Danglars,„ſprechen Sie doch nicht davon, das und beſonders,“ flüſterte er, Monte⸗Chriſto näher tretend,„nicht ein gegen den jungen Cavalcanti.“ Dieſer erſchien ſoeben, der Ban⸗ quier beeilte ſich, ihn zu begrüßen. nich Morcerf hatte den Grafen verlaſſen, um ſeine Mutter aufzu⸗ ſuchen; dieſer war alſo allein. . Die Wärme ward indeſſen immer drückender, die Diener boten ſign den Gäſten Eis und Früchte an. Monte⸗Chriſto kühlte ſein glühendes von Schweißtropfen be⸗ 924 friſchung. Frau von Morcerf achtete auf jede ſeiner Bewegungen und hatte alſo auch die abwehrende gegen die Diener bemerkt. „Albert,“ ſagte ſie„haſt Du wohl auf etwas geachtet?“ „Und auf was denn, liebſte Mutter?“ „Daß der Graf nie bei Herrn von Morcerf hat eſſen wollen.“ „Ja, aber er hat bei mir gefrühſtückt, denn durch dieſes Früh⸗ ſtück wurde er in die Welt eingeführt.“ „Bei Dir iſt nicht bei Deinem Vater,“ murmelte Mercedes, „und ſeit er hier iſt, beobachtete ich ihn.“ „Nun?“ „Nun, er hat noch nichts angenommen.“ „Der Graf iſt ſehr mäßig.“ Mercedes lächelte ſchmerzlich. „Geh' zu ihm, mein Sohn, und wenn er wieder danken will, ſo gieb es nicht zu!“ „Aber weshalb?“ „O, ich bitte Dich, Albert.“ 1 Der junge Mann küßte die Hand ſeiner Mutter, und eilte wieder zu dem Grafen. MNAndere Erfriſchungen wurden angeboten, Albert präſentirte bem Grafen ſelbſt Eis, er dankte beſtimmt. Albert kehrte zu ſeiner Mutter zurück, die Gräfin war ſehr bleich. „Siehſt Du, er hat wieder nichts genommen!“ „Ja, aber weshalb beſchäftigt Dich das ſo ſehr?“ „Du weißt, mein Sohn, wir Frauen ſind oft ſonderbar. Es würde mir Vergnügen gemacht haben, den Grafen bei mir irgend etwas annehmen zu ſehen, und wäre es noch ſo wenig geweſen. Vielleicht kann er ſich nicht an die franzöſiſche Manier gewöhnen, oder er hat irgend eine Lieblingsſpeiſe.“ „Ach mein Gott nein. Ich habe ihn in Italien von Allem nehmen ſehen, gewiß iſt er heute nicht ganz wohl.“ „Und,“ ſagte die Gräfin,„da er immer in heißen Ländern gewohnt hat, iſt er vielleicht weniger empfindlich als ein Anderer gegen die Hitze.“ decktes Geſicht mit dem Taſchentuche, aber er nahm keine Er⸗ wesh Enthe man teten Freu Entz verli legen Gru ſie erſti 4 weshalb die Fenſter, und nicht auch die Läden geöffnet wären.“ „Wirklich,“ ſagte Mercedes,„das beruhigt mich, wenn dieſe Enthaltſamkeit eine angenommene Gewohnheit iſt.“ Und ſie verließ den Saal. Einige Augenblicke ſpäter wurden alle Läden geöffnet und man erblickte durch die mit Jasmin umrankten Fenſter den erleuch⸗ teten Garten und das unter dem Zelte ſervirte Souper. Tänzer und Tänzerinnen, Spieler und Schwätzer ſtießen einen Freudenſchrei aus, denn alle die erhitzten Lungen athmeten mit Entzücken die reine, friſche Luft ein. Mercedes erſchien wieder, noch bleicher, als da ſie den Saal verließ, aber mit jener ruhigen Feſtigkeit, die ihr bei gewiſſen Ge⸗ legenheiten eigen war. Geraden Schrittes näherte ſie ſich der Gruppe, deren Mittelpunkt ihr Mann bildete. „Halten Sie dieſe Herren nicht hier zurück, Graf, welche, da ſie nicht ſpielen, die friſche Luft des Gartens wohl jedenfalls der erſtickenden Wärme des Saales vorziehen werden.“ „Ach gnädige Frau,“ ſagte ein ſehr alter, galanter General, „wir werden nicht allein in den Garten gehen.“ „Es ſei,“ ſagte Mercedes,„ich werde Ihnen mit gutem Bei⸗ ſpiele vorangehen.“ Und ſie wandte ſich zu Monte⸗Chriſto. „Herr Graf,“ ſagte ſie,„erzeigen Sie mir die Ehre, mir Ihren Arm zu geben.“ Der Graf wankte faſt bei dieſen einfachen Worten, dann ſah er Mercedes einen Augenblick lang an. Dieſer Augenblick glich der Schnelligkeit des Blitzes, und doch ſchien es der Gräfin, als daure er ein Jahrhundert, ſo viel Gedanken hatte Monte Chriſto in dieſen einzigen Blick gelegt. Dann bot er der Gräfin ſeinen Arm, und ſie ſtützte ſich dar⸗ auf, oder vielmehr ſie legte ihre zarte ſchmale Hand darauf, und Beide ſtiegen die mit Rhododendren und Camelien beſetzte Treppe in den Garten hinab. Ihnen folgte lärmend und lachend eine Menge anderer Gäſte. „Ich glaube nicht, Mama, er klagt ſehr darüber, und fragte, LXXII. Brod und Salz. Frau von Morcerf trat mit ihrem Begleiter unter das grüne Gewölbe einer duftenden Lindenallee, die zu einem Treibhauſe führte. „Es war zu heiß in dem Saale, nicht wahr, Herr Graf?“ „Ja, gnädige Frau, und es war ein herrlicher Gedanke von Ihnen, daß Sie Fenſter und Thüren öffnen ließen.“ Bei dieſen Worten fühlte der Graf, daß Mercedes Hand zitterte.. „Aber Sie,“ ſagte er,„in dieſem leichten Gewande, ohne Tuch und nur mit dem leichten Florſhawl, Sie frieren vielleicht??“? „Wiſſen Sie, wohin ich Sie führe?“ fragte die Gräfin, ohne Monte⸗Chriſto's Frage zu beantworten. „Nein, gnädige Frau, aber Sie ſehen, ich leiſte keinen Wider⸗ ſtand.“ „In das Treibhaus, welches Sie dort am Ende der Allee ge⸗ wahren werden. Der Graf ſah Mercedes fragend an, aber ſie ſetzte ihren Weg ſchweigend fort, und auch Monte⸗Chriſto blieb ſtumm. Man trat in das mit den ausgeſuchteſten Gewächſen prangende Haus, denn obgleich erſt im Beginn des Juli, hatte dieſe ſtets be⸗ rechnete, die Sonne erſetzende Wärme, die leider nur zu oft bei uns fehlt, die mannigfachſten Früchte zu gleicher Zeit gereift. Die Gräfin ließ Monte⸗Chriſto's Arm, und pflückte eine herr⸗ liche Muskat⸗Traube. „Nehmen Sie, Herr Graf,“ ſagte Sie mit einem ſo traurigen Lächeln, daß man in der Tiefe ihrer Augen hätte die hervorquellende Thräne gewahren können;„nehmen Sie, unſere Trauben hier ſind allerdings nicht mit Ihren herrlichen Trauben in Sicilien und Cy⸗ pern Son ich Grä 927 pern zu vergleichen, aber Sie werden mit unſerer armen nordiſchen Sonne nachſichtig ſein.“ Der Graf verbeugte ſich und trat einen Schritt zurück. „Sie ſchlagen es mir ab?“ rief die Gräfin zitternd. „Ich bitte unterthänigſt um Verzeihung, gnädige Frau, aber ich eſſe niemals Muskattrauben.“ Mercedes ließ die Traube ſeufzend fallen. 1 Eine herrliche Pfirſiche prangte am nächſten Geländer, die Gräfin pflückte dieſe würzige Frucht und näherte ſich dem Grafen „Nehmen Sie denn dieſe Pfirſiche,“ ſagte ſie bittend. Aber der Graf machte dieſelbe Bewegung wie vorhin. „O, noch!“ ſagte ſie mit ſo ſchmerzlichem Ausdruck, daß man wohl fühlte, ſie unterdrücke ein Schluchzen,„ach, ich habe Unglückl!“ Ein langes Schweigen folgte, und auch die Pfirſiche rollte in den Sand. „Herr Graf,“ ſagte endlich Mercedes, ihn flehend anblickend, „es iſt eine rührende Sitte der Araber, daß die, welche unter einem Dache Brod und Salz getheilt haben, ewige Freunde ſind.“ „Ich kenne es, gnädige Frau,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„aber wir ſind in Frankreich und nicht in Arabien, und in Frankreich giebt es weder ewige Freundſchaften, noch theilt man Brod und Salz.“ „Aber,“ ſagte die Gräfin, Monte⸗Chriſto bebend anblickend und ſeinen Arm mit ihren beiden Händen faſt convulſiviſch drückend, „nicht wahr, wir ſind Freunde?“ Das Blut drang zum Herzen des Grafen, er ward todtenbleich, dann plötzlich glühend roth, ſeine Augen ſtarrten irr, wie wenn ihn ein Schwindel erfaßt hätte. „Gewiß ſind wir Freunde, gnädige Frau,“ ſtammelte er end⸗ ich„und weshalb auch nicht?“ fügte er mit mehr Feſtigkeit hinzu. E SDieſer Ton war ſo weit entfernt von dem, welchen die Gräfin zu hören gewünſcht hatte, daß ſie ſich umwandte, um ihr troſtloſes Schluchzen zu verbergen. „Dank,“ ſagte ſie. Und ſie gingen weiter. So legten ſie Beide ſchweigend den Gang durch den Garten zurück. ——— —y— 1 „Mein Herr,“ ſagte endlich die Gräfin,„iſt es wahr, daß Sie ſo viel gereiſt ſind, ſo viel geſehen, und ſo viel gelitten haben?“ „Ja, gnädige Frau, ich habe viel gelitten,“ entgegnete Monte⸗Chriſto. 3 „Aber Sie ſind jetzt glücklich?“ „Gewiß,“ entgegnete der Graf,„denn Niemand hört mich klagen.“ „Und hat Ihr jetziges Glück Sie milder geſtimmt?“ „Mein jetziges Glück gleicht meinen vergangenen Leiden.“ „Waren Sie nie verheirathet?“ „Ich verheirathet?“ ſagte Monte⸗Chriſto zitternd,„wer hat Ihnen das geſagt?“ „Niemand, aber man hat Sie oft mit einer jungen Dame in der Oper geſehen.“ „Ach, gnädige Frau, das iſt eine Sclavin, die ich in Kon⸗ ſtantinopel gekauft habe. Sie iſt die Tochter eines Fürſten, und ich liebe ſie wie meine Tochter, nicht anders.“ „Sie leben alſo allein?“ „Ganz allein.“ „Haben weder Schweſter, Bruder, noch Vater?“ „Niemand.“ „Aber wie können Sie nur leben, ohne an irgend etwas im Leben zu hängen?“ „Das iſt nicht meine Schuld, gnädige Frau. Ich liebte ein junges Mädchen in Malta, und ſtand im Begriff mich mit ihr zu oerheirathen, als der Krieg ausbrach und mich wie ein Wirbelwind von ihr entfernte. Ach ich glaubte, ſie liebe mich genug, um mich zu erwarten, ja um mir treu zu bleiben, bis über das Grab hinaus. Als ich zurückkam, fand ich ſie verheirathet. Das iſt ſo ge⸗ wöhnlich die Geſchichte eines jeden jungen Mannes, welcher das zwanzigſte Jahr zurückgelegt hat. Ich war k zislliiht chwäͤcher als Andere, aber ich habe entſetzlich gelitten!...“ Die Gräfin hielt einen Augenblick inne, als bedürfe ſie dieſer Ruhe, um zu athmen. „Ja,“ ſagte ſe⸗„und Sie blieben dieſer Liebe treu... O man liebt nur einmal... Und haben Sie dieſe Frau niemals wieder⸗ geſehen?“— — einen Wirk egnete s im e ein hr zu lwind mich naus. ſo ge⸗ das r als dieſer man ieder⸗ 929 „Niemals.“ „Niemals!“ „Ich bin nie wieder in das Land zurückgekehrt, wo ſie wohnte.“ „In Malta.“ „Ja, in Malta.“ „Und iſt ſie noch dort?“ „Ja, ich glaube.“ „Und haben Sie ihr all' das Leiden verziehen, das ſie Ihnen verurſacht?“ „Ihr, ja... „Aber ihr allein, Sie haſſen Alle, die ſie von Ihnen getrennt haben?“ „Ich? Durchaus nicht; weshalb ſollte ich ſie haſſen?“ Die Gräfin ſtellte ſich Monte⸗Chriſto gerade gegenüber, noch hielt ſie einen Theil jener würzigen Traube in der Hand. „Nehmen Sie,“ rief ſie flehend. „Ich eſſe niemals dieſe Trauben, gnädige Frau,“ antwortete der Graf, als ſei von nichts Anderem zwiſchen ihnen die Rede ge⸗ weſen. Und die Gräfin ließ auch dieſe Frucht verzweifelnd in den Sand rollen. „Unerbittlich!“ murmelte ſie. Monte⸗Chriſto blieb ſo gleichgiltig, als gälte dieſer Vorwurf ihm nicht. In dieſem Augenblick näherte ſich Albert Beiden. „O Mama,“ rief er,„ein großes Unglück!“ „Wie? was iſt denn geſchehen?“ fragte ſeine Mutter, wie aus einem Traume zur Wirklichkeit erwachend,„ein Unglück ſagſt Du? Wirklich, ein Unglück konnte nicht fehlen.“ „Herr von Villefort iſt hier.“ „Nun?“ „Er ſucht ſeine Frau und Tochter.“ „Und weshalb?“ „Weil die Frau Marquiſe von Saint⸗Méran ſoeben mit der Nachricht angelangt iſt, daß ihr Gemahl, Marſeille verlaſſend, auf der erſten Station geſtorben iſt. Frau von Villefort, die ſehr hei⸗ ter war, konnte und mochte an dieſes Unglück nicht glauben, aber Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 59 —— 930 Fräulein Valentine errieth Alles bei den erſten vorbereitenden Wor⸗ ten ihres Vaters, und dieſer herbe Verluſt traf ſie ſo unerwartet, daß ſie ohnmächtig wurde.“ „Und in welcher Beziehung ſtand Herr von Saint⸗Méran zu Fräulein Valentine?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Er war ihr Großvater von mütterlicher Seite, und wollte kommen, um die Heirath zwiſchen ihr und Franz zu beſchleunigen.“ „Ach! wahrhaftig!“ „Alſo Franz hat nun Zeit bekommen! O weshalb war Herr von Saint⸗Méran nicht auch der Großvater von Fräulein von Danglars.“ „O Albert,“ ſagte Frau von Morcerf im Tone ſanften Vor⸗ wurfs,„was ſprichſt Du da? O Herr Graf, ſagen Sie, den er ſo hooch verehrt, ihm doch, daß dies nicht hübſch von ihm war.“ Und ſie ging einige Schritte weiter. Monte⸗Chriſto ſah ſie ſo ſonderbar, ſo träumeriſch und; mit einer Art ſo zärtlicher Verwunderung an, daß ſie zurückkam, ſeine Hand ergriff, ſie mit denen ihres Sohnes in der ihrigen vereinigte, den Grafen flehend anblickte und ſprach: „Wir ſind Freunde, nicht wahr?“ „O gnädige Frau, Ihr Freund? ſo anmaßend bin ich nicht,“ rief der Graf,„jedenfalls bin ich doch Ihr unterthänigſter Diener.“ Die Gräfin verließ ihn unendlich traurig und zerriſſenen Herzens, und noch ehe ſie zehn Schritte weit entfernt war, bemerkte er, daß ſie die Augen trocknete. „Waren Sie nicht einig mit meiner Mutter?“ fragte Albert erſtaunt. ſie uns in Ihrer Gegenwart für Freunde erklärte?“ 8 UInd ſie betraten den Saal wieder, als Valentine und Mutter Abſchied nahmen. Nach ihnen verließ auch Morrel den Ball. 22 „Im Gegentheil,“ erwiderte der Graf,„hörten Sie nicht, daß. ——ꝛ 5* — 4 Druek& Verlag von Tr. I11,A L Die Erscheinung. rey Controf Chart Vellow Hed Magenta