Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1, Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 2„ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —;——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 3 W 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„„„ 3 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. .6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 -/ K ——ÿ—ÿ—ÿ—————————· ———— Der Graf von Monte⸗Chriſto. Roman von Alerander Dumas. Mit colorirten Abbildungen. Dritter Theil. ——— Bresden. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. ——————ÿy= XXXVII. Der Carneval in Rom. Als Franz wieder zu ſich kam, ſah er, daß Albert, bleich wie der Tod, ein Glas Waſſer trank und daß der Graf beſchäftigt war, ſein Bajazzo⸗Coſtüm anzulegen. Er warf mechaniſch einen Blick auf den Platz: Alles war verſchwunden, Schaffot, Henker, Opfer; nur das lärmende, fröhliche, geſchäftige Volk war geblieben, die Glocke des Monte-Ciborio, die nur bei dem Tode des Papſtes und der Eröffnung der mascherata gezogen wurde, ertönte in vollen Schwingungen. „Was iſt denn?“ fragte er den Grafen. „Nichts, durchaus nichts, wie Sie ſehen,“ verſetzte dieſer,„als daß der Carneval ſeinen Anfang nimmt. Kleiden Sie ſich nur an.“ „Wirklich,“ erwiderte Franz,„von dieſer ganzen ſchauderhaften Scene bleibt kaum die Spur eines Traumes.“ „Es iſt auch nur ein Traum, ein Alpdrücken, was wir geſehen haben.“ „Ja, wir, aber der Verurtheilte?“ „Für den iſt es ebenfalls ein Traum, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß er im Traume hinüber gegangen iſt, während Sie er⸗ wacht ſind. Und wer kann wiſſen, welcher von Ihnen Beiden der Bevorrechtete iſt?“ „Aber,“ fragte Franz weiter,„was iſt aus Peppino geworden?“ „Peppino iſt ein vernünftiger Burſche, der nicht die mindeſte Eigenliebe hat und der gegen die Gewohnheit der meiſten Menſchen, die wüthend ſind, wenn man ſich nicht um ſie bekümmert, entzückt war, zu bemerken, daß die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſeinen Kameraden gerichtet war und dieſe Zerſtreuung benutzte, um unbe⸗ merkt unter die Menge zu ſchlüpfen, und zu verſchwinden, ohne Der Graf von Monte⸗C briſto. 30 466 nur einmal den würdigen Prieſtern, die ihn unterſtützt hatten, ſeinen Dank abzuſtatten. Gewiß, der Menſch iſt ein ſehr undankbares, eigenſüchtiges Geſchöpf... Aber kleiden Sie ſich an; ſehen Sie, Herr von Morcerf kommt Ihnen zuvor.“ Wirklich zog Albert mechaniſch ſeine ſeidenen Pantalons über ſeine ſchwarzen Beinkleider und lackirten Stiefel. „Nun Albert,“ fragte Franz,„biſt Du recht aufgelegt, Toll⸗ heiten zu begehen? laſſ' ſehen, antworte frei.“ „Nein,“ antwortete er,„aber es iſt mir doch lieb, einmal ſo etwas geſehen zu haben, und ich verſtehe jetzt den Herrn Grafen: wenn man ſich erſt an ein ſolches Schauſpiel gewöhnen konnte, mag es leicht das einzige noch aufregende ſein.“ „Abgeſehen davon, daß man nie beſſer die Charaktere ſtudiren kann, als in ſolchen Momenten,“ ſprach der Graf;„auf der erſten Stufe des Schaffots reißt der Tod die Larve ab, die der Menſch ſein Leben lang getragen hat, und das wahre Geſicht kommt zum Vorſchein. Ich muß es geſtehen, das des Andrea war nicht ſchön anzuſehen... Der abſcheuliche Kerl... Kleiden Sie ſich an, meine Herren, kleiden Sie ſich an; ich muß Larven von Pappe ſehen, um die von Fleiſch zu vergeſſen.“ Franz würde es lächerlich gefunden haben, zimperlich zu thun, und dem Beiſpiele ſeiner Begleiter nicht zu folgen. Er legte alſo auch ſeine Coſtüme an und nahm ſeine Maske vor, die nicht bleicher war, als ſein Geſicht. Nach vollendeter Toilette gingen ſie hinunter. Der Wagen, mit Confetti und Sträußen gefüllt, wartete; ſie ſchloſſen ſich dem Zuge an.— Es iſt ſchwer, ſich eine Vorſtellung von der hier ſo ſchnell be⸗ wirkten Veränderung der Scene zu machen. Statt des düſtern, ſchweigenden Schauſpiel des Todes, bot die piazza del Popolo jetzt den Anblick einer tollen, lärmenden Orgie dar. Eine Menge Masken ſtrömten von allen Seiten herbei, ſtürzten aus allen Thüren, ſtiegen aus den Fenſtern; um alle Straßenecken bogen Wagen mit Pierrots, Arlequins, Domino's, Marquis, Tranſteveriner's, Grotesken, Rittern, Bauern. Alles das ſchrie und lärmte durch einander, warf einander mit Mehl gefüllte Eier, Confettis, Blumenſträuße zu; Alles griff mit Worten und Würfen Fremde, ſowie Bekannte an, ohne daß —————ÿõ—-B—B—B—ꝭ—F————õÿꝛ;— gem Jen einen ih einen fühle was mäch ihr ſ frem Blen anden bedec Thei vollen hinei Händ ſtehen Nun der h um zum 7 467 Jemand das Recht hatte es übel zu nehmen, ohne daß irgend Jemand etwas Anderes that, als lachte. Franz und Albert waren die Männer, die man, um ſie nach einem großen Kummer zu zerſtreuen, zu einem lärmenden Gelage führt, und die, ſowie ſie trinken und ſich berauſchen, immer mehr einen Schleier zwiſchen Vergangenheit und Gegenwart ſich verdichten fühlen. Sie fühlten immer noch den innern Widerhall von dem, was ſie ſoeben erlebt hatten, aber die allgemeine Trunkenheit be⸗ mächtigte ſich auch ihrer nach und nach; es war ihnen, als wollte ihr ſchon ſchwankendes Bewußtſein ſie verlaſſen; ſie empfanden ein fremdartiges Bedürfniß, an dieſem Lärm, dieſer Bewegung, dieſen Blendwerken, Theil zu nehmen. Eine Hand voll Confetti aus einem andern Wagen, die Morcerf traf und die, indem ſie ihn mit Staub bedeckte, ſeinen Hals und jeden, nicht durch die Maske geſchützten Theil ſeines Geſichtes, wie mit hundert Nadeln ſtach, ſtieß ihn vollends in den allgemeinen Kampf aller Masken um ihn her mit hinein. Er ſtand nun auch im Wagen auf; er griff mit beiden Händen in die Beutel und ſchleuderte mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Geſchicklichkeit und Kraft Eier und Confetti um ſich her. Nun war der Kampf allgemein, die Erinnerung an das, was ſie vor kaum einer halben Stunde geſehen, war erloſchen in dem Geiſte der beiden jungen Leute, das bunte, bewegte, närriſche Schauſpiel um ſie her, bemächtigte ſich ihrer ganz. Was den Grafen von Monte⸗Chriſto anbetrifft, der war, wie der Leſer ſich erinnern wird, ganz gleichgiltig geblieben. 1 . Man denke ſich den ſchönen langen Corſo, von einem Ende bis zum andern von Paläſten von vier bis fünf Stockwerken begrenzt, deren Balkons und Fenſter alle mit den ſchönſten Stoffen und Blumen decorirt waren. Auf dieſen Balkonen, in dieſen Fenſtern dreihunderttauſend Zuſchauer, Römer, Italiener, Fremde aus allen vier Welttheilen: alle Ariſtokratieen vereint, die des Geldes, der Geburt, des Genie's. Reizende Frauen, die ſelbſt unter dem Ein⸗ fluſſe dieſes Schauſpiels befangen ſich über die Balkone bogen, ſich aus den Fenſtern neigten und auf die vorüberfahrenden Wagen einen Hagel von Confetti ſendeten, wofür ſie Blumenſträuße zurück erhielten; die Luſt ganz verdunkelt durch Confetti, welche hinunter, Blumen, welche hinauf geworfen wurden; dann auf den Straßen 30* 468 dieſe fluthende, luſtige, tolle Menge, mit den unſinnigſten Coſtümen; rieſige Kohlköpfe, die ſpazieren gehen, Büffelköpfe auf Menſchen⸗ leibern, Hunde, die auf den Vorderbeinen zu gehen ſchienen, Engel und Teufel, Heilige von Sündern verſucht, wie der heilige Antonius in der Wüſte, verſinnlichte Träume; male ſich dieſes Chaos Jeder nach eigener Phantaſie, aber ſo bunt, ſo grell als möglich, und er wird eine ſchwache Vorſtellung des Carnevals von Rom haben. Bei der zweiten Tour ließ der Graf den Wagen halten und bat ſeine Begleiter, ihn zu entlaſſen und den Wagen zu behalten. Franz blickte auf, der Wagen hielt vor dem Palais Ruspoli und an dem mittelſten, weiß mit einem rothen Kreuz decorirten Fenſter ſtand ein blauer Domino, unter dem Franzens Phantaſie ſich die ſchöne Griechin vom Theater Argentina vorſtellte. „Meine Herren,“ ſagte der Graf, ſich vom Wagen ſchwingend, „wenn Sie müde ſind, Acteure dieſes Schauſpiels zu ſein und das⸗ ſelbe lieber als Zuſchauer betrachten wollen, ſo wiſſen Sie, daß Sie Plätze an meinen Fenſtern haben; bis dahin disponiren Sie über meinen Kutſcher und meine Domeſtiken.“ Wir vergaßen zu ſagen, daß der Kutſcher des Grafen in einer ſchwarzen Bärenhaut ſtak, genau wie die des Odry im Bär und Baſſa, und daß die beiden Laquaien, die hinten auf ſtanden, grüne Affen darſtellten. Franz dankte dem Grafen für ſein gütiges Anerbieten. Albert hatte mit einem Wagen voll romaniſcher Bäuerinnen Bekanntſchaft gemacht, welcher, wie der des Grafen, durch einen ſehr häufig vor⸗ kommenden Stillſtand der Wagenreihe aufgehalten war und den er mit Blumenſträußen überſchüttete. Unglücklicherweiſe ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung und während er nach der piazza del Popolo ſich hin bewegte, fuhr der, welcher Alberts Aufmerkſamkeit erregt hatte, nach dem venetianiſchen Palaſte hinauf. „Ach! Franz,“ rief Albert,„haſt Du den Wagen mit romani⸗ ſchen Bäuerinnen geſehen, der eben aus der Reihe biegt?“ „Nein.“ „Achl ich bin überzeugt, daß es reizende Frauen ſind.“ „Welches Unglück, Albert, daß Du maskirt biſt, dies wäre der Augenblick, Dich für Deine bisherigen Mißgeſchicke in Liebesange⸗ legenheiten zu entſchädigen.“ ——— y ,———;—;,,—ꝭ—QOůO—·OęBQ—O—ę—P— 2— den and Bäl duj 1 wur Bäl ſien Vei Urſ zu, loch Abe und geſe ten; hen nel nius eder der und lten. und nſter die hend, das⸗ Sie über einer und rüne lbert ſchaft vor⸗ en er der del mkeit nani⸗ 2 der ange⸗ 469 „O!“ antwortete Albert, halb lachend, halb ernſthaft:„ich denke, der Carneval ſoll nicht ohne Entſchädigung vergehen.“ Ungeachtet dieſer Hoffnung Alberts verging der Tag ohne andere Abenteuer, als noch einige Begegnungen mit den romaniſchen Bäuerinnnen; bei einer dieſer Begegnungen löſete ſich, ſei es aus Zufall oder Abſicht, Alberts Maske. Jetzt nahm er alle noch vor⸗ handenen Sträuße und warf ſie in den Wagen, wahrſcheinlich wurde eine der reizenden Frauen, die Albert unter der Maske der Bäuerinnen vermuthete, von dieſer Galanterie gerührt, denn als ſie dem Wagen der beiden Freunde wieder begegnete, warf ſie einen Veilchenſtrauß hinein. Albert riß ihn an ſich, Franz, der keine Urſache hatte, zu glauben, daß er für ihn beſtimmt ſei, ſah ruhig zu, wie er ſich deſſelben bemächtigte. Albert ſteckte ihn in's Knopf⸗ loch und der Wagen ſetzte ſeinen Triumphzug fort. „Nun!“ meinte Franz,„da iſt ja ſchon der Anfang eines Abenteuers gemacht.“ „Lache ſo viel Du willſt, aber ich glaube, Du haſt Recht und dies Sträußchen laſſe ich nicht wieder von mir.“ „Pardieu! das glaube ich wohl,“ verſetzte Franz lachend,„das geſchieht aus Dankbarkeit.“ Dieſer Scherz nahm übrigens bald ein ganz ernſtliches Anſehen an, denn als die Freunde dem Wagen mit den Bäuerinnen wieder begegneten, klatſchte die, welche den Veilchenſtrauß ihnen zugeworfen hatte, in die Hände, als ſie denſelben in Alberts Knopfloche ſah. „Bravo! mein Lieber! Bravo!“ rief Franz,„das iſt ja köſtlich; ſoll ich Dich verlaſſen? biſt Du vielleicht lieber allein?“ „Nein,“ antwortete er,„nein, laſſen wir der Sache Zeit. Ich will nicht wie ein Thor mich dem erſten Lächeln ergeben, einem rendez-vous unter der Uhr, wie wir bei dem Ball im Opernhauſe ſagen. Wenn die ſchöne Bäuerin Luſt hat, die Sache weiter zu treiben, werden wir ſie morgen wieder finden, oder vielmehr, ſie wird uns wieder finden; dann wird ſie mir ein Lebenszeichen geben, und ich werde thun was nöthig iſt.“ „Wirklich, mein lieber Albert,“ antwortete Franz,„Du biſt weiſe wie Neſtor, und ſchlau wie Ulyſſes, und wenn unſere Circe es darauf anlegt, Dich in irgend ein Thier zu verwandeln, muß ſie es klug anfangen, oder eine mächtige Zauberin ſein.“ —-——— — —y— — 470 Albert hatte Recht; die ſchöne Unbekannte hatte ohne Zweifel auch beſchloſſen, die Intrigue an dieſem Tage nicht weiter zu treiben, denn obgleich die jungen Leute noch einige Male die Runde machten, ſahen ſie den bewußten Wagen nicht wieder; er war wahrſcheinlich durch eine der Nebenſtraßen verſchwunden. Nun kehrten ſie zum Palaſte Rospoli zurück, aber auch der Graf und der blaue Domino waren verſchwunden; die beiden gelb decorirten Fenſter waren übrigens beſetzt, wahrſcheinlich von Perſonen, die er eingeladen hatte. In dieſem Augenblicke gab die Glocke das Zeichen, daß die mascherata für heute zu Ende ſei; augenblicklich wurde der Wagen⸗ zug unterbrochen, und die Wagen verſchwanden in den verſchiedenen Querſtraßen. Franz und Albert waren gerade der Via delle Maratte gegenüber; der Kutſcher fuhr darüber, ohne zu fragen, und an dem Palais Rospoli entlang nach dem ſpaniſchen Platze und hielt vor dem Hotel. Meſſer Paſtrini empfing ſeine Gäſte auf der Schwelle. Franz fragte ſogleich nach dem Grafen und äußerte ſein Be⸗ dauern, nicht zu rechter Zeit gekommen zu ſein; aber Paſtrini be⸗ ruhigte ihn, indem er ihm ſagte, daß der Graf einen zweiten Wagen beſtellt habe, der um vier Uhr nach dem Palais Rospoli gefahren ſei. Er war beauftragt, den beiden Freunden im Namen des Grafen den Schlüſſel zu deſſen Loge im Theater Argentina anzubieten. Franz fragte Albert um ſeine Pläne, dieſer aber hatte viel zu wichtige Dinge im Kopfe, um jetzt ſchon an das Theater zu denken; ſtatt alſo zu antworten, erkundigte er ſich bei Meſſer Paſtrini, ob er ihm einen Schneider verſchaffen könne. „Einen Schneider,“ fragte der Wirth,„und was ſoll der?“ „„Uns bis morgen Anzüge romaniſcher Bauern von der aller⸗ ochſten Eleganz machen.“ Meſſer Paſtrini ſchüttelte den Kopf. „Ihnen von jetzt bis morgen zwei Kleider machen!“ rief er, das iſt, verzeihen Excellenza's, eine Forderung à la Francaise. Anei Aleider! da werden Sie in den nächſten acht Tagen gewiß keinen Schueider in ganz Rom finden, der Ihnen ſechs Knöpfe an eine Weſte näht, und bezahlten Sie ihm für den Knopf einen Thaler.“ 119 Alſo muß ich auf die Ausführung eines hübſchen Einfalls verjichten?- „Nein, denn wir können dieſe Kleider fertig bekommen. Laſſen 9/111 ———ę—C—⸗—:-˖’’O—UD—Q——,2„—-— 471 Sie mich ſorgen, und morgen, wenn Sie aufſtehen, ſollen Sie zwiſchen einer Menge Hüte, Hoſen und Weſten, mit denen Sie zu⸗ frieden ſein werden, die Auswahl haben.“ „Verlaſſ' Dich auf unſern Wirth, mein Lieber,“ ſagte Franz, zer hat ſich ſchon als einen Mann gezeigt, der Rath zu ſchaffen weiß. Laſſ' uns jetzt eſſen und nach dem Eſſen„die Italienerin in Algier“ ſehen.“ „So mag es ſein,“ antwortete Albert,„aber Ihr, Meſſer Paſtrini, bedenkt, daß der Herr Baron und ich die größte Wichtig⸗ keit darauf legen, die uns von Euch verſprochenen Kleider morgen zu haben.“— Der Wirth wiederholte ſeinen Gäſten nochmals, daß ſie durch⸗ aus ſich nicht zu beunruhigen brauchten, und gut bedient werden ſollten. Franz und Albert gingen nun in ihr Zimmer hinauf, um ſich der Bajazzo⸗Coſtüme zu entledigen. Albert bewahrte ſorglich ſeinen Veilchenſtrauß auf, der ihm morgen als Erkennungszeichen dienen ſollte. Die beiden Freunde ſetzten ſich zu Tiſche; aber während des Eſſens konnte Albert ſich nicht enthalten, über den auffallenden Unter ſchied zwiſchen der Geſchicklichkeit des Koches ihres Wirthes und desjenigen des Grafen von Monte⸗Chriſto ſeine Be⸗ merkungen zu machen. Franz ſah ſich ſeines Vorurtheils gegen den Grafen ungeachtet, genöthigt, ſeinem Freunde beizupflichten. Bei dem Deſſert fragte der Laquai nach der Stunde, zu welcher die Herren den Wagen befählen. Sie ſahen einander an, beide befürchtend, unbeſcheiden zu ſein. Der Laquai verſtand ſie. „Seine Excellenz, der Herr Graf von Monte⸗Chriſto,“ ſagte er, „haben beſtimmten Befehl gegeben, daß die Equipage den ganzen Tag zur Dispoſition der gnädigen Herren ſtehen ſolle. Dieſelben können alſo darüber beſtimmen, ohne ſich im Geringſten zu geniren.“ Die Freunde beſchloſſen, die Güte des Grafen nicht zurückzu⸗ weiſen, befahlen anzuſpannen, und machten, während dies geſchah, ihre Abendtoilette. Darauf fuhren ſie nach dem Theater Argentina und nahmen in des Grafen Loge Platz. Während des erſten Aktes erſchien die Comteſſe G.... in der ihrigen; ihr erſter Blick war dahin gerichtet, wo ſie am vorigen Abend den räthſelhaften Unbekannten geſehen hatte; ſie erblickte alſo Franz und Albert in der Loge deſſen, über den ſie vor vierund⸗ —— —— — 472 zwanzig Stunden eine ſo ſonderbare Meinung gegen Franz geäußert hatte. Ihre Lorgnette war mit ſolchem Eifer auf Franz gerichtet, daß derſelbe wohl einſah, wie es Grauſamkeit ſein würde, ihre Neu⸗ gierde länger unbefriedigt zu laſſen. Da es nun in den italieniſchen Theatern allgemein Sitte iſt, dieſelben als Empfangs⸗Salons zu betrachten, ſo begaben ſich unſere beiden Freunde in die Loge der Gräfin, um derſelben ihre Huldigungen darzubringen. Kaum waren ſie eingetreten, als ſie Franz bedeutete, den Ehrenplatz einzunehmen; Albert nahm ſeinen Platz hinter ihr. „Nun!“ fragte ſie, Franz kaum die Zeit ſich zu ſetzen laſſend, „wie es ſcheint, haben Sie nichts Eiligeres zu thun gehabt, und ſind, wie es ſcheint, ſchon die beſten Freunde von der Welt?“ „Ohne ſchon ſo weit als Sie glauben, Frau Gräfin, in einer gegenſeitigen Vertraulichkeit zu ſtehen, kann ich doch nicht läugnen, daß wir den ganzen Tag von ſeiner Gefälligkeit Gebrauch gemacht haben.“ „Wie, den ganzen Tag?“ „Meiner Treu, nichts anders; heute Morgen haben wir bei ihm gefrühſtückt, während der ganzen mascherata ſeinen Wagen benutzt, und ſind jetzt in ſeiner Loge.“ „Sie kennen ihn alſo?“ „Ja und nein.“ „Wie ſo?“ „Das iſt eine lange Geſchichte.“ „Die Sie mir erzählen werden.“ „Sie würde Ihnen zu viel Furcht einflößen.“ „Ein Grund mehr.“ „Warten Sie wenigſtens die Entwickelung dieſer Geſchichte ab.“ „Es ſei, ich liebe die vollſtändigen Erzählungen. Aber vor⸗ läufig: wie kamen Sie mit ihm in Berührung und wer ſtellte Sie einander vor?“. „Niemand; er war es, der ſich geſtern Abend, nachdem ich Sie verlaſſen hatte, uns vorſtellen ließ.“ „Durch wen?“ „Ol durch unſern Wirth.“ „Er wohnt alſo im Hotel von London, wie Sie?“ „Nicht allein in demſelben Hauſe, ſondern in demſelben Stockwerk.“ —————————y:—-——— — 1 473 „Wie heißt er? denn ſeinen Namen werden Sie doch wiſſen?“ „Vollkommen: der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Was bedeutet dieſer Name? die Familie exiſtirt nicht.“ „Nein, es iſt der Name einer Inſel, die er gekauft hat.“ „Und er iſt Graf?“ „Toscaniſcher Graf.“ „Nun wir werden dieſen dulden, wie ſo Manche,“ meinte die Gräfin, die aus einer der älteſten venetianiſchen Familien ſtammte. „Und was iſt er übrigens für ein Mann?“ „Fragen Sie den Vicomte von Morcerf.“ „Sie verſtehen, mein Herr, ich werde an Sie gewieſen,“ ſagte die Gräfin. „Wir würden ihm Unrecht thun, wenn wir ihn nicht charmant fänden, gnädige Frau,“ antwortete Albert;„ein Freund, der uns zehn Jahre kennt, hätte nicht mehr für uns thun können als er gethan hat, und das mit einer Feinheit, einer Zartheit, einer Freund⸗ lichkeit, die den wahren Weltmann charakteriſiren.“ „Nun,“ antwortete die Gräfin lachend,„Sie werden ſehen, daß mein Vampyr irgend ein Emporkömmling iſt, der ſich ſeine Mil⸗ lionen verzeihen laſſen will. Und ſie, haben Sie ſie geſehen?“ „Wer, ſie?“ fragte Fr unz lachend. Griechin von geſtern.“ Lir haben, laube ich, den Ton ihrer guzla gehört, ſie ſelbſt aber blieb vollkommen unſichtbar.“ „Das heißt, meiner lieber Franz,“ verſetzte Albert,„wenn Du ſagſt unſichtbar, thuſt Du es, um die Sache geheimnißvoller zu machen, oder wofür hielteſt Du denn den blauen Domino an dem mit weißem Damaſt decorirten Fenſter des Palais Rospoli?“ „Der Graf he ſo Fenſter im Palais Rospoli?“ „Ja. Sind Sie durch den Corſo gekommen?“ „Gewiß, wer wäre heute nicht durch den Corſo gekommen?“ „Nun wohl! haben Sie zwei Fenſter bemerkt, die mit gelbem Damaſt decorirt waren, und zwiſchen denſelben ein mit weißem Damaſt und einem rothen Kreuze decorirtes? Dieſe Fenſter hatte der Graf.“ „Ah, ſo! dann muß aber ja dieſer Mann ein Nabob ſein? Wiſſen Sie, was drei Fenſter wie dieſe, für acht Tage des Carnevals 474 und im Palais Rospoli, das heißt in der ſchönſten Gegend des Corſo, koſten?“ „Zwei⸗ oder dreihundert römiſche Thaler.“ „Sagen Sie zwei⸗ oder dreitauſend.“ „Ah! Teufel!“ „Hat er dieſe ſchöne Einnahme von ſeiner Inſel?“ „Seine Inſel bringt ihm keinen Bajocco ein.“ „Weshalb hat er ſie denn gekauft?“ „Aus Laune.“ „Er iſt alſo ein Original?“ „Er ſcheint mir ziemlich excentriſch,“ vorſetzte Albert. „Wenn er in Paris wohnte, wenn er unſere Theater beſuchte, würde man ihn für einen Unzufriedenen halten, oder für einen armen Teufel, den die moderne Literatur verdorben hat. Wirklich er that heute Morgen einige Ausfälle, die eines Didier oder Antony würdig waren.“ Jetzt kam ein neuer Beſuch, dem Franz, der Sitte gemäß ſeinen Platz überließ; dadurch wurde der Gegenſtand des Geſprächs verändert. Eine Stunde darauf waren die jungen Leute in ihrem Hotel, und fanden Meſſer Paſtrini ſchon zurückgekehrt von dem Wege, den er in ihrer Angelegenheit gemacht hatte; ſie erhielten die angenehme Verſicherung, vollſtändig befriedigt zu werden. Wirklich trat den andern Morgen um 9 Uhr Meſſer Paſtrini mit einem Schneider in Franzens Zimmer, der mit acht bis zehn romaniſchen Bauer⸗Coſtümen beladen war. Die beiden Freunde wählten zwei möglichſt ähnliche, die ihrem Wuchſe am beſten ent⸗ ſprachen, beauftragten ihren Wirth, ihnen jedem einige vierzig Ellen Band an den Hut nähen zu laſſen und ihnen zwei jener reizenden bunten Seidenſchärpen zu verſchaffen, mit welchen die Männer aus dem Volke ſich an Feſttagen zu umgürten pflegen. Albert konnte die Zeit nicht abwarten, zu ſehen, wie ſein Coſtüm ihn kleide; es war Weſte und Beinkleid von blauem Sammet, Strümpfe mit geſtickten Zwickeln, Schuh mit Schnallen und ein feines Jäckchen. Der junge Mann konnte in dieſem maleriſchen Anzuge nur gewinnen, und als der Gürtel ſeine feine Taille um⸗ ſchloß, als die Bänder des Hutes, der leicht auf einer Seite ſaß, auf die Schultern herabflatterten, mußte Franz geſtehen, daß das —ʒ;ʒ—˖·——C—C⸗—————B—B—B—B— Coſt ſcha ſonſt in i ihre Nlaſ dem betro herei Verg desl Tag unſe ſtehe ſich Geſe habe fand alls; wird den d des ſuchte, einen irllich ntony emäß prächt ihrem n dem hielten aſtrini zehn reunde en ent⸗ Ellen zenden er aus Loſtüm immet, nd ein riſchen le um⸗ te ſaß, aß das 4275 Coſtüm viel zu dem Nationalausdruck, den wir manchen Völker⸗ ſchaften zugeſtehen, beitragen mag. Sind die Türken, in ihrer ſonſt ſo maleriſchen Kleidung ſo majeſtätiſch, nicht abſcheulich jetzt, in ihren blauen, von oben bis unten zugeknöpften Ueberröcken, mit ihren griechiſchen Käppchen, in denen ſie ausſehen wie rothgeſiegelte Flaſchen. Franz machte Albert ſein Compliment, der übrigens vor dem Spiegel ſtehend, mit einem unzweideutigen Wohlgefallen ſich betrachtete. In dieſem Augenblicke trat der Graf v. Monte⸗Chriſto herein. „Meine Herren,“ ſagte er,„ſo angenehm ein Begleiter im Vergnügen iſt, ſo iſt doch die Freiheit noch angenehmer: ich komme deshalb, Ihnen zu fagen, daß ich Ihnen für heute und die folgenden Tage die Equipage, kren Sie ſich geſtern bedient haben, überlaſſe. Unſer Wirth wird Ihnen geſagt haben, daß ich deren vier bei ihm ſtehen habe, Sie mich alſo derſelben nicht berauben; bedienen Sie ſich alſo ihrer ganz nach Gefallen, ſei es zum Vergnügen, ſei es in Geſchäften. Unſere Zuſammenkunft, wenn Sie mir etwas zu ſagen haben, oder des Umherfahrens müde ſind, bleibt im Palais Rospoli.“ Die jungen Leute wollten erſt einige Einwendungen machen, fanden aber eigentlich keinen Grund, ein ſo angenehmes Anerbieten auszuſchlagen, und nahmen es alſo dankbar an. Der Graf blieb etwa eine Viertelſtunde bei ihnen, und unter⸗ hielt ſich über alle Gegenſtände mit ausnehmender Leichtigkeit. Die Literatur aller Länder war ihm, wie man ſchon bemerkt haben wird, ſehr bekannt. Ein Blick auf die Wände ſeines Salons, hatte den jungen Leuten gezeigt, daß er ein Freund und Kenner von Gemälden war. Einige zufällige Worte, die er im Vorbeigehen ſagte, bewieſen ihnen, daß er auch in Viſſeenſchaften nicht fremd war; beſonders ſchien er ſich mit Chemie beſchäftigt zu haben. Die beiden Freunde waren nicht anmaßend genug, dem Grafen ein Frühſtück anzubieten; es wäre eine zu erbärmliche Revanche für Alles, was er ihnen ſchon geleiſtet hatte, geweſen, ihn, der an den köſtlichſten Tiſch gewöhnt war, zu dem ſehr mittelmäßigen Frühſtück des Herrn Paſtrini einzuladen. Sie ſagten ihm dies freimüthig, und er empfing ihre Entſchuldigungen, wie ein Mann, der ihre Delicateſſe zu würdigen wußte. Albert war entzückt von den Manieren des Grafen, den er, 476 ſeine wiſſenſchaftliche Bildung nicht gerechnet, für einen wahren Cavalier erkannte. Beſonders entzückte ihn die Freiheit hinſichtlich des Gebrauchs der Equipage; er hatte es auf die reizenden Bäuerinnen abgeſehen, und da ſie Tags zuvor in einem ſehr eleganten Wagen fuhren, war es ihm ſehr angenehm, ſich ihnen, was dieſen Punkt anbetraf, ferner gleich zeigen zu können. Eine halbe Stunde nach Mittag gingen die jungen Leute hin⸗ unter; der Kutſcher und die Laquaien hatten den Einfall gehabt, ihre Livreen über ihre Affen⸗ und Bären⸗Coſtüme zu ziehen, was noch komiſcher ausſah, als den Tag zuvor, und ihnen viele Com⸗ plimente von Franz und Albert einbrachte. Albert hatte empfind⸗ ſam das Veilchenſträußchen in eins ſeiner Knopflöcher geſteckt. Bei dem erſten Tone der Glocke fuhren ſie ab und ſchloſſen ſich der Wagenreihe des Corſo an. Bei der zweiten Runde wurde aus einem Wagen voll Colombinen') ein friſcher Veilchenſtrauß in ihren Wagen geworfen, und bewies Albert, daß die Bäuerinnen des vorigen Tages, wie er und Franz das Coſtüm gewechſelt hatten, und war es Sympathie oder Zufall, daß ſie das gewählt hatten, was die Freunde geſtern trugen, während dieſe in Beziehung auf ſie es eben ſo gemacht hatten. Albert ſteckte den friſchen Strauß an die Stelle des vertrockneten; doch behielt er letzteren in der Hand, und führte ihn, wenn er den Colombinen begegnete, zärtlich an ſeine Lippen, welches nicht nur die, welche ihm den Strauß zugeworfen hatte, ſondern auch ihre ausgelaſſenen Gefährtinnen ſehr zu beluſtigen ſchien. Der Tag war nicht weniger belebt als der geſtrige; ein aufmerkſamer Beobachter würde ſogar eine Vermehrung des Tumultes und der Luſtigkeit bemerkt haben. Einen Augenblick war auch der Graf an ſeinem Fenſter; als die Freunde aber wieder vorbei fuhren, war er ver⸗ ſchwunden. Es bedarf keiner Verſicherung, daß das Spiel mit den Veilchen⸗ ſträußen zwiſchen Albert und den Colombinen, den ganzen Tag dauerte. Als ſie Abends nach Hauſe kamen, fand Franz einen Brief von der Geſandtſchaft; es wurde ihm angezeigt, daß er am andern Tage die Ehre haben ſollte, von Seiner Heiligkeit empfangen zu *) Weibliche Bajazzo's. ahren dlich innen Lagen Punkt e hin⸗ ehabt, „was Com⸗ uffind⸗ gloſſen wurde uß in tinnen gatten, hatten, ng auf neten; er den ht nur i ihre ig war bachter ſtigkeit ſeinem er ver⸗ eilchen⸗ n Tag Brief andern gen zu — ——— 477 werden. Bei jedem ſeiner bisherigen Beſuche Roms hatte er dieſe Gunſt nachgeſucht und erhalten; und theils aus Religiöſität, theils aus Dankbarkeit, wollte er die Ringmauern der Hauptſtadt der chriſtlichen Welt nicht betreten haben, ohne einem Nachfolger des heiligen Petrus, der das ſeltene Beiſpiel aller Tugenden gegeben hatte, ſeine Huldigungen zu Füßen zu legen. Es war alſo an dieſem Tage für ihn vom Carneval nicht die Rede; denn ungeachtet der Güte, mit der er ſeine Größe umgiebt, naht ſich Niemand ohne tiefe Rührung und Ehrfurcht dem verehrungswürdigen Greiſe, den man Gregor XIV. nennt. Aus dem Vatikan kommend, kehrte Franz geraden Weges nach dem Hotel zurück, und vermied ſogar die Gegend des Corſo. Er brachte einen Schatz frommer Gedanken mit, für welche die Berühr⸗ ung mit den Thorheiten der mascherata eine Profanation geweſen wäre. Zehn Minuten nach Fünf kam Albert nach Hauſe. Er war auf dem Gipfel ſeiner Wünſche; die Colombine hatte ihr ländliches Coſtüm wieder angelegt, und im Vorüberfahren die Maske gelüftet; ſie war reizend. Franz bezeigte Albert ſeine aufrichtige Theilnahme; er empfing ſie als ein Mann, dem ſie zukam. Er behauptete, an gewiſſen Kennzeichen erkannt zu haben, daß ſeine ſchöne Unbekannte der höchſten Ariſtokratie angehören müſſe. Er war entſchloſſen, ihr den folgenden Tag zu ſchreiben. Indem Albert dieſes Alles erzählte, glaubte Franz zu bemerken, daß er ein Anliegen an ihn habe, das er jedoch nicht auszuſprechen wage. Er drang in ihn, es ihm zu ſagen, mit der Verſicherung, daß er für ſein Glück jedes in ſeiner Macht ſtehende Opfer zu bringen bereit ſei. Nachdem Albert ſich noch ein Weilchen hatte bitten laſſen, geſtand er endlich, daß Franz ihn ungemein verpflichten werde, wenn er ihm für den folgenden Tag den Wagen allein überlaſſe. Er ſchrieb nämlich der Abweſenheit ſeines Freundes die aus⸗ nehmende Güte zu, mit welcher die ſchöne Bäuerin ihre Maske gelüftet hatte. Franz war nicht Egoiſt genug, um Albert mitten in ſeiner Intrigue, die ſeiner Eigenliebe ſo ſchmeichelhaft war, und ihm durch ihre Sonderbarkeit ſo viel Vergnügen verſprach, auf⸗ zuhalten. Er kannte die Schwatzhaftigkeit ſeines würdigen Freundes 478 hinreichend, um ſicher zu ſein, die kleinſten Fortſchritte, die er in dieſer Angelegenheit machen würde, zu erfahren. Und da Franz, ſeit drei Jahren in Italien reiſend, noch nie das Glück gehabt hatte, ein ähnliches Abenteuer zu beſtehen, ſo war es ihm nicht unintereſſant, durch Albert zu erfahren, wie ſolche Angelegenheiten ſich hier geſtalten. Er verſprach alſo Albert, daß er ſich den fol⸗ genden Tag begnügen werde, das Schauſpiel aus den Fenſtern des Palais Rospoli anzuſehen. Wirklich ſah er am folgenden Tage Albert vorbeifahren. Er hatte einen rieſigen Blumenſtrauß, der ohne Zweifel ſeine ſchriftliche Liebeserklärung barg. Dieſe Vermuthung wurde zur Gewißheit, als Franz denſelben Strauß, der an einem Kreiſe weißer Kamellien zu erkennen war, in den Händen einer reizenden, in roſa Atlas ge⸗ kleideten Colombine erkannte. Auch ſtrahlte Albert am Abend nicht nur von Freude, ſondern von wahnſinnigem Entzücken. Albert zweifelte nicht, auf demſelben Wege von ſeiner ſchönen Unbekannten Antwort zu erhalten. Franz kam mit der Verſicherung, daß all' dieſer Lärm ihn erſchöpfe und er beſchloſſen habe, den morgenden Tag der Durchſicht ſeines Albums und der Ueberſicht ſeiner Rech⸗ nungen zu widmen, ſeinen Wünſchen entgegen. Uebrigens hatten ſeine Vorausſetzungen Albert nicht betrogen; den folgenden Abend ſprang er mit einem Satze in das Zimmer, triumphirend ein Papier in die Höhe haltend. „Nun!“ rief er,„hatte ich mich getäuſcht?“ „Sie hat geantwortet!“ rief Franz. „Lies.“ Triumphirend wurden dieſe Worte ausgeſprochen. Franz nahm das Papier und las: „Dienſtag Abend um ſieben Uhr, ſteigen Sie der Via dei Pontifici gegenüber aus Ihrem Wagen und folgen der romaniſchen Bäuerin, die Ihnen Ihr moccoletto entreißen wird. Auf der erſten Stufe der Kirche San⸗Giacomo angekommen, knüpfen Sie ein rothes Band auf die Schulter Ihres Bajazzo⸗Coſtüms, woran man Sie erkennen wird. „Von jetzt bis dahin werden Sie mich nicht wieder ſehen. „Beſtändigkeit und Verſchwiegenheit!“ ———jjyjjj ſehr, de gehen RF ladung ganze ſchöne umhin — ſie feſt die mo Mittel nochm mir i Wirkli Albert, ſehe e Herzog Forren ſchön, 36 b. für A es noch Altert ( Sitz i anger er in ranz gehabt nicht heiten n fol⸗ nſtern L. Er ifliche ißbeit, nellien 88 ge⸗ nicht Albert innten s all genden Rech⸗ hatten Abend Lapier a dei niſchen erſten rothes n Sie ehen. — ⁰ y-— 479 „Nun!“ ſagte er zu Franz, als dieſer zu leſen aufhörte,„was denkſt Du davon, theurer Freund?“ „Nun, ich denke,“ erwiderte Franz,„daß die Sache ganz den Gang eines ſehr angenehmen, kleinen Abenteuers nimmt.“ „Das iſt meine Meinung auch,“ ſagte Albert,„und ich fürchte ſehr, daß Du allein auf den Ball des Herzogs von Bracciano wirſt gehen müſſen.“ Franz und Albert hatten nämlich am Morgen Jeder eine Ein⸗ ladung von dem berühmten römiſchen Bankier erhalten. „Ueberlege Dir es wohl, lieber Albert,“ ſagte Franz;„die ganze Ariſtokratie wird bei dem Herzog ſein, und wenn Deine ſchöne Unbekannte wirklich zu der Ariſtokratie gehört, wird ſie nicht umhin können, auch daſelbſt zu erſcheinen.“ „Möge ſie da ſein oder nicht, ich halte meine Meinung über ſie feſt,“ fuhr Albert fort.„Du haſt das Billet geleſen; Du kennſt die mangelhafte Erziehung, welche die Frauen der mezzosito(des Mittelſtandes) in Italien erhalten. Nun wohl! lies das Billet nochmals, unterſuche es genau, ſieh die ſchöne Schrift und finde mir in demſelben einen Fehler des Styls oder der Orthographie.“ Wirklich war die Schrift reizend und die Orthographie tadellos. „Du biſt ein Auserwählter,“ verſicherte Franz. „Lache ſo viel Du willſt, ſpotte nach Herzensluſt,“ erwiderte Albert,„ich bin verliebt.“ „O! mein Gott! Du erſchreckſt mich!“ rief Franz,„und ich ſehe es ſchon kommen, daß ich nicht nur allein auf den Ball des Herzogs von Bracciano gehen werde, ſondern auch allein nach Florenz zurückkehren muß.“ „Das ſage ich Dir: iſt meine Unbekannte ſo liebenswürdig als ſchön, ſo bleibe ich für's Erſte wenigſtens ſechs Wochen in Rom. Ich bete Rom an, und hatte immer einen vorherrſchenden Geſchmack für Alterthumskunde.“ „Nun, noch eine Begegnung wie die heutige, und ich erlebe es noch, in Dir ein Mitglied der Akademie der ſchönen Künſte und Alterthumskunde zu ſehen.“ Gewiß war Albert auf dem beſten Wege, ſeine Rechte an einen Sitz in der Akademie zu erörtern, als ihnen gemeldet wurde, daß angerichtet ſei. Da nun die Liebe Albert keineswegs den Appetit — — 1 V V 480 raubte, ſo eilte er, ſeinen Freund zu Tiſch zu begleiten und die Er⸗ örterung bis nach dem Eſſen zu verſchieben. Nach dem Eſſen wurde der Graf von Monte⸗Chriſto gemeldet. Seit zwei Tagen hatten die Freunde ihn nicpt geſehen. Ein Geſchäſt hatte ihn, wie Meſſer Paſtrini ſagte, nach Civita⸗Vecchia gerufen. Er war am vorgeſtrigen Abende abgereiſ't, und vor einer Stunde zurückgekehrt. Er war außerordentlich liebenswürdig. Sei es, daß er ſich beherrſchte, ſei es, daß die ſchrillenden Saiten, die ſchon einige Male in ſeiner Unterhaltung getönt hatten, durch nichts berührt wurden, er war beinahe wie andere Menſchen. Dieſer Mann war für Franz ein wahres Räthſel. Der Graf konnte nicht zweifeln, daß der junge Reiſende ihn erkannt hatte, und dennoch zeigte ſeit ihrem zweiten Zuſammentreffen kein Wort, keine Miene, daß er ſich erinnere, ihn ſchon geſehen zu haben. So viel Luſt Franz auch hatte, auf ihr früheres Zuſammentreffen anzuſpielen, ſo hielt doch die Furcht, einem Manne, der ihn und ſeinen Freund mit Artigkeiten aller Art überhäuft hatte, unangenehm zu ſein, ihn zurück. Er fuhr alſo fort, die bisherige Zurückhaltung gegen ihn zu beobachten. Da der Graf erfahren hatte, daß die beiden Freunde ſich ver⸗ gebens um eine Loge im Theater Argentina bemüht hatten, kam er, um ihnen den Schlüſſel zu der ſeinigen zu bringen; wenigſtens war dieſes der Vorwand ſeines Beſuchs. Franz und Albert machten einige Schwierigkeiten, wollten ihn ſeines Platzes nicht berauben, und was man bei ſolchen Gelegenheiten mehr zu ſagen pflegt; aber der Graf antwortete ihnen, daß, da er dieſen Abend das Theater Vallé beſuche, ſeine Loge im Theater Argentina, wenn ſie dieſelbe nicht benutzten, leer ſtehen werde. Dieſe Verſicherung beſtimmte die jungen Leute zur Annahme. Franz hatte ſich nach und nach an die Bleichheit des Grafen ge⸗ wöhnt, die ihn im Anfange ſo ſehr frappirt hatte, er konnte nicht umhin, der Schönheit dieſes ernſten, antiken Kopfes, deſſen einziger Fehler(oder vielleicht größte Schönheit), gerade dieſe Bleichheit war, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Lebhafter Verehrer Byrons, konnte Franz dieſe Geſtalt nicht ſehen, ja nicht einmal an ihn denken, ohne ſich dieſes finſtere Geſicht auf die Schultern Manfred's oder unter den Hut Lara's zu träumen. Er hatte die Falte auf der Stirn, er hat leſen; über di daß die 5 gahr, ſi, 8 lic ſch den ſo Bezal ſolchen empfa Ungel werde wenn nicht mache Graf Neue ſtand welch ſpruch mach Albe freul eina Ro Veil näch O die Er. emeldet. Geſchäſt gerufen. Stunde 8, daß e ſchon nichts Dieſer te nicht dennoch Miene el Luſt Aen, ſo Freund an, ihn gen ihn ich ver⸗ n, kam nigſtens machten rauben, zt; aber Theater dieſelbe mahme. afen ge⸗ te nicht einziger leichheit Byrons, denken, 's oder auf der 481 Stirn, die einen immer gegenwärtigen bittern Gedanken andeutet, er hatte jene glühenden Augen, die im tiefſten Grunde der Seele leſen; er hatte jene ſtolze ſpöttiſche Lippe, die den Worten, welche über dieſelbe gleiten, einen ſo beſondern Charakter giebt, und macht, daß dieſelben ſich tief in das Herz desjenigen graben, der ſie anhört. Der Graf war nicht mehr jung, er war wenigſtens vierzig Jahr, und dennoch konnte man nicht bezweifeln, daß er im Stande ſei, es in jeder Art mit den jüngſten Leuten aufzunehmen. Wirk⸗ lich ſchien es, als habe der Graf durch eine entfernte Aehnlichkeit mit den fantaſtiſchen Heroen des engliſchen Dichters, dieſelbe Gabe der Bezauberung. Albert ſprach offen über ſein und Franzens Glück, einem ſolchen Manne begegnet zu ſein. Franz war nüchterner, dennoch empfand er den Einfluß, den jeder ausgezeichnete Mann auf ſeine Umgebungen ausübt. Er dachte an den ſchon einige Mal erwähnten Plan des Grafen, nach Paris zu reiſen, und zweifelte nicht, daß er bei ſeinem excentriſchen Charakter, ſeinem charakteriſtiſchen Ge⸗ ſichte und ſeinem coloſſalen Vermögen, dort eine große Rolle ſpielen werde. Indeſſen wünſchte er, nicht in Paris anweſend zu ſein, wenn der Graf hin käme. Der Abend verging, wie alle Abende im Theater in Italien, nicht mit Anhören der Sänger, ſondern mit Schwatzen und Viſiten⸗ machen. Die Gräfin G.... wollte das Geſpräch wieder auf den Grafen bringen, doch Franz verſicherte, er habe ihr etwas viel Neueres zu erzählen, und machte ſie ungeachtet des ſcheinbaren Wider⸗ ſtandes ſeines Freundes Albert, mit dem größten Ereigniſſe bekannt, welches die beiden jungen Leute ſeit drei Tagen ſo einzig in An⸗ ſpruch genommen hatte. Da ähnliche Liebesabenteuer in Italien nicht ſelten ſind, ſo machte die Comteſſe durchaus nicht die Ungläubige, ſondern wünſchte Albert Glück zu dem Anfange eines Liebeshandels, der ein ſo er⸗ freuliches Ende verſprach. Man trennte ſich mit dem Verſprechen, einander auf dem Balle des Herzogs von Bracciano, zu dem ganz Rom eingeladen war, wieder zu treffen. Die Dame mit dem Veilchenſtrauße blieb ihren Worten getreu, indem ſie in den zwei nächſten Tagen Albert kein Lebenszeichen gab. Endlich kam der Dienſtag, der letzte und lebhafteſte Tag des Der Graf von Monte⸗Chriſta. 31 — — 482 Carnevals. Am Dienſtag öffnen ſich die Theater um zehn Uhr Morgens, denn von acht Uhr Abends geht die Faſtenzeit an. Alles, was aus Mangel an Zeit, Geld oder Neigung an dem Carneval nicht Theil nahm, miſcht ſich wenigſtens den Dienſtag in das Gedränge, läßt ſich von dem Bacchanal fortreißen und giebt ſeinen Theil zu dem Lärm und Geräuſch. Von zwei bis fünf Uhr ſchloſſen Franz und Albert ſich dem Zuge an, den entgegenkommenden Wagen und Fußgängern, welche ſich zwiſchen den Pferden und Rädern durchdrängten, ohne daß in dieſem gefährlichen wüſten Gedränge ein einziger Unglücksfall geſchah, oder auch nur ein Zank oder Kampf ſtattfand, Hände voll Confetli zuwerfend. Die Italiener ſind das vorzüglichſte Volk in dieſer Hinſicht. Die Feſte ſind für ſie wirk⸗ liche Feſte. Der Autor, der ſechs Jahre in Italien gelebt hat, erinnert ſich nicht, je eine Feſtlichkeit durch einen Zank oder eine Schlägerei geſtört geſehen zu haben. Albert paradirte in ſeinem Bajazzo⸗Coſtüme. Er hatte ein rothes Band auf der Schulter, deſſen Enden bis an die Knie reichten, damit er ja nicht mit Franz verwechſelt werden konnte. Dieſer hatte ſeinen Bauern⸗Anzug beibehalten. Je ſpäter es wurde, je größer der Tumult: auf allen dieſen Straßen, in all' dieſen Wagen, an all' dieſen Fenſtern, war nicht ein Mund ſtumm, nicht ein Arm müſſig; es war ein wahres menſch⸗ liches Gewitter, mit einem Donner von Geſchrei und einem Hagel von Confetti, Sträußen, Eiern, Orangen und Blumen. Um drei Uhr kündigt der Lärm der zu gleicher Zeit auf der Piazza del Popolo und vor dem venetianiſchen Palaſte gezogenen Büchſen, der kaum dieſen entſetzlichen Tumult durchdringt, an, daß das Wett⸗ rennen beginnen werde. Das Wettrennen, wie die Moccoli, ſind eine der Hauptepiſoden des letzten Carnevaltages. Bei dem Geräuſche dieſer Büchſen durch⸗ brechen die Wagen augenblicklich die Reihen und flüchten ſich in die nächſten Nebenſtraßen. Alle dieſe Bewegungen werden übrigens mit ausnehmender Geſchicklichkeit und wunderbarer Schnelligkeit gemacht, und zwar ohne daß ſich die Polizei im Mindeſten darum zu bekümmern braucht. Zuweilen drückten die Fußgänger ſich plötz⸗ lich an die Mauern der Paläſte, dann hörte man einen großen Larm von Reitern und Süäbelſcheiden. Auger Corſo vorher Lärm Moce Größ den! ſchlief anzu kennt Gott lich d einen tauſe Löſch Mocc „No Ster Sigr venet hatte ein n die Knie den konnte. allen dieſen „bar nicht des menſch⸗ inem Hagel . Un drei Piazza del Büchſen, der das Wett⸗ uptepiſoden chſen durch⸗ hten ſich in en übrigens Schnelligkeit ſten darum t ſich plötz⸗ nen großen 483 Eine Abtheilung Carabiniers durchſtreifte alle Straßen und Plätze, um den Barbari(Wettrennern) mehr Raum zu verſchaffen. Als die Abtheilung der Carabiniers an den venetianiſchen Palaſt kam, zeigte der Schall einer großen Menge Büchſen an, daß der Platz frei war. 0₰ Plötzlich ſah man aus einem allgemeinen, unendlichen, uner⸗ hörten Schrei, wie Schatten ſieben oder acht, durch das Geſchrei von dreihunderttauſend Perſonen und das Werfen mit Eiſenkaſtanien gereizte Pferde erſcheinen, dann wurden die Kanonen der Engels⸗ burg dreimal hinter einander gelöſ't; dies geſchah, um anzuzeigen, daß Nummer Drei gewonnen hatte. Sogleich ſetzten ohne weiteres Signal die Wagen ſich wieder in Bewegung. Aus allen Straßen kamen ſie wie Ströme, die einen Augenblick gehemmt waren, wieder zurück und wogten nach dem Corſo zu. Und der unermeßliche Strom ergießt ſich ſchneller als vorher zwiſchen ſeinen beiden Granitufern dahin. Eine neue Art Lärm und Geſchrei hat ſich jetzt zu dem bisherigen geſellt: die Moccoliverkäufer ſind angekommen. Die Moccoli oder Moccoletti ſind Wachslichter verſchiedener Größe, von der Wachskerze bis zum Wachsſtocke. Sie erwecken bei den Acteurs der großen Scene, welche den Carneval zu Rom be⸗ ſchließt, zwei Hauptbeſtrebungen. Erſtens das eigene Moccoletto anzuzünden; zweitens: die Moccoletto’s Anderer auszulöſchen. Es iſt mit dem Moccoletto wie mit dem Leben; der Menſch kennt nur ein Mittel, es fortzupflanzen, und dieſes kommt von Gott; aber er hat tauſende, es auszulöſchen; dabei muß ihm frei⸗ lich der Teufel ſehr oft zu Hilfe kommen. Das Moccoletto entzündet ſich auf eine gewiſſe Art, es irgend einem brennenden Gegenſtande zu nähern, aber wer beſchreibt die tauſend Arten, auszulöſchen, die rieſigen Blaſebälge, die ungeheuern Löſchhütchen, die übermenſchlichen Fächer?... Jeder beeilte ſich alſo, Moccoli zu kaufen, Franz und Albert wie die Andern. Die Nacht näherte ſich ſchnell, und bei dem kreiſchenden Schrei: „Moccoli!“ den Tauſende von Verkäufern ausſtießen, fingen die Sterne ſchon an, über der Menge zu glänzen. Dies war wie ein Signal. In zehn Minuten funkelten tauſende von Lichtern vom venetianiſchen Palaſte bis zur Piazza del Popolo hinab und ſtiegen 31* 484 wieder von der Piazza del Popolo zu dem venetianiſchen Palaſte hinauf. Man hätte es das Feſt der Irrlichter nennen mögen. Niemand kann ſich eine Vorſtellung von dieſem Anblicke machen, der ihn nicht gehabt hat. Man denke ſich, daß alle Sterne ſich vom Himmel löſ'ten und ſich auf der Erde in einem unſinnigen Tanz miſchten; das Ganze von Stimmen begleitet, wie nie auf einem andern Theile der Erd⸗ fläche ein menſchliches Ohr ſie vernahm. In dieſem Augenblicke giebt es keinen Unterſchied der Stände mehr. Der Facchino hängt ſich an den Prinzen, der Prinz an den Tranſteverino, der Tranſteverino an den Bürger. Jeder blaſend, auslöſchend, anzündend. Wenn der alte Aeolus in einem ſolchen Augenblicke erſchiene, würde er zum König der Moccoli, und Aquila zum muthmaßlichen Erben ſeiner Krone ausgerufen werden. Dieſer tolle, flammende Wettlauf währte ungefähr zwei Stunden; der Corſo war erleuchtet wie am hellen Tage, man unterſchied die Geſichter der Zuſchauer bis in das dritte und das vierte Stockwerk. Alle fünf Minuten zog Albert ſeine Uhr; endlich zeigte ſie auf ſieben Uhr. Die beiden Freunde befanden ſich gerade auf der Via dei Pontifici; Albert ſprang aus dem Wagen, den Moccoletto in der Hand. Zwei oder drei Masken wollten ſich ihm nähern, um den Moccoletto anzuzünden oder ihm denſelben zu entreißen; aber als geſchickter Boxer ſtieß Albert Jeden, daß er zehn Schritte dahin flog, und ſetzte ſeinen Weg nach der Kirche San⸗Giacomo fort. Die Stufen waren mit Neugierigen und Masken beſetzt, die ſich bemühten, einander die Lichter auszulöſchen oder zu entreißen. Franz verfolgte Albert mit den Augen, und ſah, wie er den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte, in demſelben Augenblicke eine Maske in dem be⸗ kannten ländlichen Coſtüm mit dem Strauß, die den Arm ausſtreckte und ihm, ohne daß er dieſes Mal Widerſtand leiſtete, den Moc⸗ coletto entriß. Franz war zu weit, um die Worte zu hören, die ſie wechſelten, aber gewiß enthielten ſie nichts Feindliches, denn er ſah Albert Arm in Arm mit der Bäuerin ſich entfernen. Eine Strecke folgte er ihnen mit den Augen, aber an der Via Marcello verlor er ſie aus dem Geſichte. nen mäpe löſten und das Ganze lle der Erd⸗ der Stände drinz an den der blaſend, nem ſolchen und Aquila ꝛden. ei Stunden; terſchied die te Stockwerk. ſe auf ſirden der Via dei oletto in der en, um den en; aber als crritte dahin iacomo fort. ſett, die ſich eißen. Franz Fuß auf die ein dem be⸗ eim ausſtreckte te, den Moc⸗ ſie wechſelten, h Albert Arm ecke folgte er or er ſie aus 485 b Beſchluß des lötzlich ertönte die Glocke, die das Zeichen zum Beſch Eurnau J und wie durch Zauberei erloſchen in demſelben Augenblicke alle Moccoli. Es war, als habe ein einziger unend⸗ licher Windſtoß Alles ausgelöſcht. Franz befand ſich in der tiefſten kelheit. Dudn⸗ demſelben Augenblicke ſchwieg alles Geſchrei, als hätte des mächtige Hauch, der die Lichter verlöſchte, auch den Lünia vediaeft Man hörte nur noch das Rollen der Wagen, welche die Mas en nach Hauſe fuhren; man ſah nichts, als die ſpärlichen Lichter, die hinter den Fenſtern ſchimmerten. Der Carneval war zu Ende. XXXVIII. & Die Katakomben von Sau⸗Sebaſtiano. Vielleicht hatte Franz in ſeinem Leben nicht einen ſo ſchnell wechſelnden Eindruck empfunden, nie einen ſo ſchnellen Uebergang von der Fröhlichkeit zum Trübſinn, als in dieſem Augenblicke; es war, als habe Rom unter dem magiſchen Hauche irgend eines Geiſtes der Nacht ſich in ein weites Grab verwandelt. Zufällig war der Mond im Abnehmen und ging alſo erſt gegen elf Uhr Abends auf, wodurch die Finſterniß noch undurchdringlicher wurde; die Straßen, welche der junge Mann zu paſſiren hatte, waren alſo in die tiefſte Dunkelheit ve ſenkt. Uebrigens war der Weg kurz, und nach zehn Minuten hielt der Wagen vor dem Hotel von London. Das Eſſen wartete, und da Albert vorausgeſagt hatte, daß er vielleicht länger ausbleiben werde, ſetzte Franz ſich ohne ihn zu Tiſche. Meſſer Paſtrini, der ſie gewöhnlich beim Eſſen zu beſuchen pflegte, erkundigte ſich nach der Urſache von Alberts Abweſenheit, aber Franz begnügte ſich, ihm zu ſagen, daß er am vorigen Abend eine Einladung erhalten hätte, der er gefolgt ſei. Das ſchnelle Er⸗— löſchen der Moccoletti, die völlige Dunkelheit, die ſo plötzlich der großen Helle, das Schweigen, das dem Lärm folgte, hatten eine gewiſſe Traurigkeit in Franzens Geiſte hervorgerufen, die nicht ohne Unruhe war. Er war alſo beim Eſſen ſehr ſtill, ungeachtet der Aufmerkſamkeit ſeines Wirthes, der mehre Male kam, um ſich zu erkundigen, ob Excellenz nichts zu befehlen habe. Franz hatte beſchloſſen, ſo lange als möglich auf Albert zu warten. Er beſtellte alſo den Wagen um elf Uhr und bat Meſſer Paſtrini, ihn ſogleich zu benachrichtigen, wenn Albert, es möge ge⸗ ſchehen wenn es wolle, im Hotel erſcheine. Um elf Uhr war Albert noch nicht zurückgekehrt. Franz kleidete ſich an und fuhr fort, ſeinen Pirth be Braccian Das nebmſten Colonna, vielmehr Frau Gri Dieſ Heren Ton „Ich antwortete gehen wit „Auq gegnete d die Männ über den denen, die „Ei! zu dieſer „Unſ Verfolgun ſeildem ni „Wie „Du 2 487 Wirth benachrichtigend, daß er die Nacht bei dem Herzog von Bracciano zubringen werde. Das Haus des Herzogs von Bracciano iſt eines der ange⸗ nehmſten in Rom; ſeine Gemahlin, eine der letzten Erbinnen der Colonna, macht die Honneurs deſſelben auf die liebenswürdigſte Art, daher haben die Feſte, die er giebt, einen europäiſchen Ruf. Franz und Albert hatten Empfehlungsbriefe an ihn gehabt, und ſo war ſeine erſte Frage an Franz: was aus ſeinem Reiſegefährten geworden ſei. Franz antmortete ihm, daß er ſich in dem Augenblicke getrennt, als man die Moccoli auslöſchte, und daß er ihn an der Via Marcello aus den Augen verloren habe. „Alſo iſt er nicht nach Hauſe gekommen?“ fragte der Herzog. „Ich habe ihn bis dieſen Augenblick erwartet,“ antwortete Franz. „Und wiſſen Sie, wohin er ging?“ „Nein, nicht mit Gewißheit, indeſſen glaube ich, daß ſo etwas wie eine verliebte Zuſammenkunft im Spiele war.“ „Teufel!“ ſagte der Herzog,„dies iſt ein ſchlimmer Tag, oder vielmehr eine ſchlimme Nacht, um ſich zu verſpäten, nicht wahr, Frau Gräfin?“ Dieſe Frage war an die Comteſſe G...., die am Arme des Herrn Torlonia, Bruders des Herzogs, ſoeben vorüberging, gerichtet. „Ich finde im Gegentheil, daß es eine köſtliche Nacht iſt,“ antwortete die Comteſſe,„und bedauere nur, daß ſie zu ſchnell ver⸗ gehen wird.“ „Auch ſpreche ich nicht von den Perſonen, die hier ſind,“ ent⸗ gegnete der Herzog lächelnd;„ſie laufen keine andere Gefahr, als, die Männer ſich in Sie zu verlieben und die Damen vor Eiferſucht über den Anblick Ihrer Schönheit zu ſterben. Nein, ich rede von denen, die in den Straßen Roms umherſtreifen.“ 1 „Ei! mein Gott! wer durchſtreift denn auch die Straßen Roms zu dieſer Stunde, es ſei denn, um ſich zum Ball zu begeben?“ „Unſer Freund Albert von Morcerf, Frau Gräfin, den ich, in Verfolgung ſeiner Unbekannten begriffen, um ſieben Uhr verließ und ſeitdem nicht wieder geſehen habe.“ „Wie! und Sie wiſſen nicht, wo er iſt?“ „Durchaus nicht.“ „Und hat er Waffen?“ „Er iſt im Bajazzokoſtüm.“ „Sie hätten ihn nicht gehen laſſen ſollen, da Sie Rom beſſer kennen, als er,“ ſagte der Herzog zu Franz. „Ol eher hätte ich verſuchen können, den Berberhengſt Nr. 3, der heute den Preis im Wettrennen gewann, aufzuhalten,“ verſetzte Franz;„und dann, was meinen Sie, das ihm begegnen könnte?“ „Wer weiß? die Nacht iſt ſehr finſter, und die Tiber der Via Marcello ſehr nahe.“ Franz fühlte einen Schauder durch alle ſeine Adern laufen, indem er die Ideen des Herzogs und der Gräfin in ſolcher Ueber⸗ einſtimmung mit ſeinen eigenen Beſorgniſſen fand. „Auch habe ich im Hotel zurückgelaſſen, daß ich die Ehre habe, bei Ihnen, Herr Herzog, die Nacht zuzubringen,“ ſagte er,„und ſeine Rückkehr wird mir ſogleich angezeigt werden.“ „Sehen Sie,“ ſprach der Herzog,„hier iſt einer meiner Leute, 3 der Sie zu ſuchen ſcheint.“ Der Herzog hatte ſich nicht geirrt; als der Laquai Franz er⸗ blickte, näherte er ſich ihm und ſagte: „Excellenz, der Wirth des Hotel von London läßt Ihnen ſagen, daß ein Mann, der Ihnen einen Brief von dem Herrn Vicomte von Morcerf bringt, Sie bei ihm erwartet.“ „Einen Brief von dem Vicomte?“ rief Franz. „Ja.“ „Und was iſt es für ein Mann?“ „Der Bote hat mir keine Auskunft darüber gegeben.“ „Und wo iſt dieſer Bote?“ „Er hat ſich ſogleich wieder entfernt.“ „Ol mein Gott!“ ſagte die Gräfin zu Franz,„eilen Sie; der arme, junge Mann! wahrſcheinlich iſt ihm irgend ein Unfall be⸗ gegnet.“ „Ich eile,“ antwortete Franz. „Werden Sie zurückkehren, um uns Nachricht zu geben?“ fragte die Comteſſe. „Ja, wenn die Sache nicht gefährlich iſt; denn in dem Falle weiß ich nicht, was aus mir ſelbſt werden wird.“ „Auf jeden Fall, Vorſicht!“ warnte die Comteſſe. = S= 6=== C2n SͤSe S S= A 2 ‚ dufen, Ueber⸗ habe, „und Leute, anz er⸗ ſagen, icomte le; der all be⸗ fragte Falle Ʒ- — ₰ 4 ———— 489 „Ol ſeien Sie unbeſorgt.“ Franz nahm ſeinen Hut und eilte davon. Er hatte ſeinen Wagen um zwei Uhr beſtellt, aber zum Glück war der Palaſt Bracciano, deſſen eine Seite an den Corſo und die andere an den Platz der heiligen Apoſtel ſtößt, kaum zehn Minuten vom Hotel von London entfernt. Als Franz ſich dem Hotel näherte, ſah er einen Mann mitten in der Straße ſtehen, in dem er ſogleich den Boten Alberts vermuthete. Er war in einen langen, weiten Mantel ge⸗ hüllt. Franz ging auf ihn zu, aber zu ſeinem größten Erſtaunen redete der Mann ihn zuerſt an. „Was befehlen Sie von mir, Excellenz?“ ſagte er, einen Schritt zurücktretend, wie Jemand, der auf ſeiner Hut iſt. „Seid Ihr's nicht,“ entgegnete Franz,„der mir einen Brief von dem Vicomte von Morcerf gebracht hat?“ „Logirt Excellenz in dem Hotel des Meſſer Paſtrini?“ „Ja.“ „Iſt Excellenz der Reiſegefährte des Herrn Vicomte?“ „Ja.“ „Wie iſt der Name von Excellenza?“ „Baron Franz von Epinay.“ „Dann iſt wirklich der Brief an Excellenz gerichtet.“ „Iſt Antwort darauf?“ „Ja, wenigſtens hofft es der Herr Vicomte.“ „Kommt mit mir herauf, dann will ich ſie Euch geben.“ „Ich will lieber hier draußen warten,“ ſprach der Bote lachend. „Warum?“ „Das wird Excellenz verſtehen, wenn Sie den Brief geleſen.“ „Ich finde Euch alſo hier?“ „Zuverläſſig.“ Franz ging hinein; auf der Treppe traf er Meſſer Paſtrini. „Nun?“ fragte derſelbe. „Nun! was?“ erwiderte Franz. „Sie haben den Mann geſehen, den der Vicomte von Morcerf zu Ihnen geſchickt?“ „Ich habe ihn geſehen,“ antwortete Franz,„und dieſen Brief durch ihn erhalten. Ich bitte Sie, mir Licht zu beſorgen.“ Der Wirth befahl einem Diener, Franzen hinauf zu leuchten. 490 Der junge Mann fand den Wirth ſehr verſtört ausſehend und wünſchte deshalb nur um ſo mehr, Alberts Brief ſogleich zu leſen; er näherte ſich dem Lichte, ſowie es angezündet war und entfaltete das Papier. Der Brief war von Alberts Hand und an ihn adreſſirt; er las ihn zweimal, ſo fern war er, zu erwarten, was er enthielt. Hier iſt er wörtlich: „Lieber Freund, ſobald dieſe Zeilen in Deine Hände gelangen, habe die Güte, aus meiner Brieftaſche, die Du in dem viereckigen Auszuge des Schreibtiſches findeſt, meinen Creditbrief zu nehmen, ihm den Deinigen beizufügen, wenn der meinige nicht hinreicht, zu Torlonia zu eilen und Dir dort ſogleich viertauſend Piaſter geben zu laſſen und dem Ueberbringer einzuhändigen. Es iſt ſehr wichtig, daß ich dieſe Summe unverzüglich erhalte. Ich füge weiter nichts hinzu, ſondern rechne auf Dich, wie Du auf mich rechnen könnteſt. P.-S. I beliewe now to italian bandetti.*) Dein Freund Albert von Morcerf.“ Unter dieſen Zeilen waren von einer fremden Hand folgende italieniſche Worte geſchrieben: „Se alle sei della matina le quattro mile piastri non sone nelle mie mani, alle sette, il conte Alberto avrà cessato di Vivere.**) Luigi Vampa.“ Dieſe letzten Worte und die Unterſchrift erklärten Franz Alles, der nun auch die Abneigung des Boten, ihn zu begleiten, begriff; die Straße ſchien ihm ſicherer als Franzens Zimmer. Albert war in die Hände des berühmten Banditenhauptmanns gefallen, an deſſen Exiſtenz er nicht hatte glauben wollen. Es war keine Zeit zu verlieren. Er lief zum Schreibtiſch, öffnete ihn, fand die Brieftaſche, und in derſelben den Creditbrief; er war im Ganzen auf ſechstauſend Piaſter ausgeſtellt, aber auf dieſe ſechstauſend hatte Albert ſchon dreitauſend aufgenommen. Franz *) Ich glaube jetzt an italieniſche Banditen. **) Wenn um ſechs Uhr Morgens die viertauſend Piaſter nicht in meinen Händen ſind, hat der Graf Albert um ſieben Uhr aufgehört zu leben. zatte gar act bis 9 gyuisd'or 5 rimuuu aſter. 15 Torl lich noch d Eufall an Der den Wirth zu Hauſe „Ja, Hat „Ich „Dan gleich bei Meſſ nach fünf werde. Fran Kabinet, geben wal Und fragte er; mir zu ſol „Nei „In forſchenden „Sir „Vol nach der Fran „Ahl „Ha „Ja nen 491 acht bis vierzehn Tage nach Rom gekommen war, hatte er hundert Louisd'or mitgenommen, von denen er allerhöchſtens noch fünfzig beſaß. Es fehlten alſo ohne die Summe, welche Albert und Franz gemeinſchaftlich zuſammenbringen konnten, noch ſieben⸗ bis achthundert Piaſter. Franz konnte allerdings für einen ſolchen Fall auf das Haus Torlonia rechnen und er war alſo im Begriff, ſich unverzüg⸗ lich nach dem Palaſt Bracciano zu begeben, als ihm ein köſtlicher Einfall ankam. Der Graf von Monte⸗Chriſto fiel ihm ein. Er ließ ſogleich den Wirth rufen und fragte denſelben, ob er glaube, daß der Graf zu Hauſe ſei. „Ja, Excellenz, ſoeben kam er nach Hauſe.“ „Hat er ſich ſchon zu Bette legen können?“ „Ich zweifle daran.“ „Dann bitte ich Euch, mein lieber Herr Wirth, ſelbſt mich ſo⸗ gleich bei ihm zu melden.“ Meſſer Paſtrini beeilte ſich, den Auftrag zu vollziehen und kehrte nach fünf Minuten mit der Nachricht zurück, daß Excellenz erwartet werde. Franz eilte hinüber und fand den Grafen in einem kleinen Kabinet, das er noch nicht kannte und das ganz mit Divans um⸗ geben war. Der Graf kam ihm entgegen. „und welcher gute Wind führt Sie zu dieſer Stunde zu mir?“ fragte er;„ſollten Sie mir zufällig die Freude machen wollen, mit mir zu ſoupiren? das wäre bei Gott ſehr liebenswürdig von Ihnen.“ „Nein, ich komme in einer ſehr ernſten Angelegenheit.“ „In einer Angelegenheit!“ ſprach der Graf mit dem tiefen, forſchenden Blicke, der ihm eigenthümlich war,„und in welcher?“ „Sind wir allein?“ „Vollkommen allein,“ antwortete der Graf, nachdem er ſelbſt nach der Thüre geſehen hatte. Franz zeigte ihm Alberts Brief. Der Graf las. „Ah! ah!“ ſagte er. „Haben Sie die Nachſchrift geleſen?“ „Ja,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„ich ſehe wohl: hatte gar keinen Creditbrief; da er in Florenz wohnte und nur auf 492 „Se alle sei della matina le quattro mile piastri non sono nelle mie mani, alle sette, il conte Alberto avrà cessato di vivere. Luigi Vampa.“ „Was ſagen Sie dazu?“ fragte Franz. „Haben Sie die Summe, die verlangt wird?“ „Ja, bis auf achthundert Piaſter.“ Der Graf ging an ſeinen Secretair, öffnete ihn und zog ein ganz mit Gold gefülltes Fach auf. „Ich hoffe,“ ſagte er zu Franz,„daß Sie mir nicht die Kränkung anthun werden, ſich an Jemand anders als an mich zu wenden?“ „Sie ſehen im Gegentheil, daß ich geraden Weges zu Ihnen komme,“ verſetzte Franz. „Und ich danke Ihnen dafür; nehmen Sie.“ Dabei zeigte er auf das goldgefüllte Fach. „Iſt es denn nothwendig, dem Luigi Vampa dieſe Summe zu ſenden?“ fragte der junge Mann, den Grafen forſchend anſehend. „Tauſend!“ ſagte dieſer,„überzeugen Sie ſich ſelbſt. Die Nachſchrift iſt verſtändlich und entſchieden.“ „Ich ſollte denken, Sie könnten ein Mittel ausfindig machen, welches den Handel ſehr vereinfachen würde,“ erwiderte Franz. „Und welches?“ fragte der Graf erſtaunt. „Zum Beiſpiel, wenn wir Beide zu Luigi Vampa gingen, ſo bin ich ſicher, daß wir die Freilaſſung Alberts von ihm erhielten.“ „Und welchen Einfluß meinen Sie, den ich auf dieſen Banditen haben könnte?“ „Haben Sie ihm nicht einen Dienſt erzeigt, den er ſo leicht nicht pergeſſen wird?“ „Und welchen?“ „Haben Sie nicht dem Peppino das Leben gerettet?“ „Ah! ah!“ ſagte der Graf,„wer hat Ihnen das geſagt?“ „Was iſt daran gelegen! ich weiß es.“ Der Graf blieb einen Augenblick ſtumm, mit zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen. „Und wenn ich zu Vampa ginge, würden Sie mich begleiten?“ „Wenn meine Geſellſchaft Ihnen nicht unangenehm iſt!“ 9 „dl Der Sono d di 493 „Nun wohl! es ſei; das Wetter iſt ſchön, eine Spazierfahrt in der Campagna Romana kann uns nur wohlthun.“ „Müſſen wir Waffen mitnehmen?“ „Wozu?“ „Geld?“ „Nicht nöthig. Wo iſt der Bote?“ „Auf der Straße.“ „Er erwartet Antwort?“ „Ja.“ „Wir müſſen doch wiſſen, wohin wir uns zu wenden haben; ich werde ihn rufen.“ „Vergebens, er wollte nicht mit mir heraufkommen.“ „Zu Ihnen vielleicht nicht; zu mir zu kommen, wird er keine Schwierigkeiten machen.“ Der Graf trat an das Fenſter des Cabinets, welches nach der Straße führte und pfiff auf eine beſondere Art. Der Mann im Mantel kam näher. „Salite!“ ſagte der Graf, wie wenn er einem Diener einen Befehl gäbe. Der Bote gehorchte augenblicklich, mit angelegentlicher Eile ſogar; er ſprang in das Hotel, und ſtand fünf Secunden darauf in der Thür des Cabinets. „Ahl! biſt Du's, Peppino?“ ſprach der Graf. Peppino warf ſich ſtatt zu antworten, dem Grafen zu Füßen und bedeckte deſſen Hände mit Küſſen. „Ah! ah!“ ſprach der Graf,„Du haſt noch nicht vergeſſen, daß ich Dir das Leben gerettet habe! das iſt viel, denn es ſind ja heute ſchon acht Tage.“ „Nein, Excellenza, ich werde es niemals vergeſſen!“ antwortete Peppino mit dem Ausdrucke der tiefſten Dankbarkeit. „Niemals! das iſt lange; indeſſen, es iſt ſchon viel, daß Du es glaubſt. Steh' auf und antworte.“ Peppino warf einen ängſtlichen Blick auf Franz. „O! vor Excellenza kannſt Du dreiſt ſprechen,“ ſagte er,„es iſt einer meiner Freunde.— Sie verzeihen, daß ich Ihnen dieſen Titel gebe,“ ſagte er franzöſiſch zu Franz;„es iſt nothwendig, um ſein Vertrauen zu gewinnen.“ —— — „Ihr könnt vor mir reden was Ihr wollt, ich bin ein Freund des Grafen!“ pflichtete Franz bei. „Dann iſt es gut,“ meinte Peppino, ſich zu dem Grafen wendend,„wollen Excellenza nur fragen, ich werde antworten.“ „Wie iſt der Graf Albert in Luigi's Hände gefallen?“ „Excellenza, der Wagen des Franzoſen hat dem, in welchem Thereſa war, mehrmals begegnet.“ „Die Geliebte des Hauptmanns?“ „Ja; der Franzoſe hat ihr zärtliche Blicke zugeworfen, Thereſe machte ſich das Vergnügen, es zu erwidern; der Franzoſe hatte ihr Blumenſträuße zugeworfen, ſie ihm gleichfalls, Alles, verſteht ſich, mit Erlaubniß des Hauptmanns, der mit im Wagen war.“ „Wiel“ rief Franz,„Luigi Vampa war in dem Wagen der romaniſchen Bäuerinnen?“ „Er machte den Kutſcher,“ antwortete Peppino. „Weiter!“ ſagte der Graf. „Nun! darauf demaskirte ſich der Franzoſe; Thereſe, immer mit Einwilligung des Hauptmannes, that daſſelbe; der Franzoſe bat um ein rendez-vous, Thereſe gewährte es; aber ſtatt Thereſe's fand ſich Beppo auf den Stufen der Kirche San⸗Giacomo ein.“ „Wie!“ unterbrach ihn Franz,„jene Bäuerin, die ihm den Moccoletto entriß?“ „War ein Burſche von fünfzehn Jahren,“ antwortete Peppino, „aber Ihr Freund braucht ſich nicht zu ſchämen, von ihm bezaubert geweſen zu ſein, Beppolhat ſchon mehreregangeführt.“ „Und Beppo hat ihn aus der Stadt geführt?“ fragte der Graf. „Ja;am Enden derz Via Marcello wartete ein Wagen, Beppo ſtieg hinein und bat den Franzoſen, ihm zu folgen, was er ſich nicht zwei Mal ſagen ließ. Erüberließ Beppo galant den Ehrenplatz, ſetzte ſich neben ihn unds Beppo theilte ihmbmit, daß er ihn nach einer Villa, eine Meilen von Rom, führe.* Der Franzoſe verſicherte Beppo, daß er bereitz ſei,ihm bis an das Ende der Welt zu folgen. Sogleich fuhr der Kutſcher die Straße Ripetta hinauf, aus dem Thore San⸗Paolo hinaus und als ſie zweihundert Schritte in der Campagna gefahren waren und der Franzoſe zudringlich wurde, ſetzte Beppo ihm ein paar Piſtolen auf die Bruſt; ſogleich hielt der Kutſcher die Pferde an, drehte ſich auf ſeinem Sitze um und machte vendet, dazu?“ würde, W „d die Sach ſo wird „Mi e Orte ſich „Ne zu beſuch „Nu wollen ſie „Ne ,8A kommende Võ „Ja, irgend ei Der Kiſchien. eaf aus den geweckt zu Gleit der Thür Der lchem hereſe te ihr t ſic, in der mmer e bat fand n den pino, zubert Graf. eppo nicht vlat, nach herte lgen. dem der urde, der ichte 495 es eben ſo. Viere der Unſerigen, die an den Ufern des Almo ver⸗ ſteckt waren, ſtürzten jetzt auf den Wagen zu, der Franzoſe hatte Luſt, ſich zu vertheidigen, er würgte ſogar Beppo etwas, wie ich gehört habe, aber was konnte er gegen fünf bewaffnete Männer machen? er mußte wohl oder übel ſich ergeben, er wurde gezwungen, aus dem Wagen zu ſteigen, an den Ufern des kleinen Fluſſes ent⸗ lang geführt und zu Thereſe und Luigi gebracht, die ihn in den Katakomben von San⸗Sebaſtiano erwarteten.“ „Nun gut!“ ſagte der Graf,„aber,“ fuhr er, zu Franz ge⸗ wendet, fort,„die Geſchichte iſt allerliebſt, was ſagen Sie als Kenner dazu?“ „Ich ſage,“ meinte Franz,„daß ich ſie höchſt beluſtigend finden würde, wenn ſie einem Andern, als meinem Freunde begegnet wäre.“ „Hätten Sie mich nicht gefunden,“ verſetzte der Graf,„ſo würde die Sache Ihrem Freunde etwas theuer zu ſtehen gekommen ſein; ſo wird er mit der Furcht davon kommen.“ „Wir gehen alſo doch hin, ihn abzuholen?“ fragte Franz. „Pardieu!“ um ſo mehr, als er an einem ſehr maleriſchen Orte ſich befindet. Kennen Sie die Katakomben von San⸗Sebaſtian?“ „Nein, noch nicht, doch hatte ich mir vorgenommen, ſie noch zu beſuchen.“ „Nun wohl! die Gelegenheit könnte nicht beſſer ſein und wir wollen ſie benutzen. Haben Sie Ihren Wagen?“ „ Nein.⸗ 4 „Das ſchadet nichts, ich habe es eingeführt, daß wegen vor⸗ kommender Fälle Tag und Nacht einer angeſpannt ſteht.“ „Völlig angeſpannt?“ „Ja, ich bin ſehr eigenſinnig; zuweilen fällt es mir ein, nach irgend einem Theile der Welt abzureiſen und ich reiſe ab.“ erſchien. „caſſ' den Wagen aus der Remiſe fahren und! die Piſtolen aus den Taſchen deſſelbengn nehmen. Der Kutſchers braucht nicht geweckt zu werden. Aliz kann fahren.“ 12es 7 Gleich darauf hörte man das Geräuſch eines Wagens, der vor der Thüre des Hotels hielt. Der Graf ſah nach feiner Uhr. Der Graf zogzeinmal an der Schnur, ſein Kammerdiener „Eine halbe Stunde nach Mitternacht,“ ſagte er,„wir hätten um fünf Uhr Morgens fahren können und wären doch noch zur rechten Zeit gekommen; indeſſen dieſe Verſpätung hätte vielleicht Ihrem Freunde eine ſchlimme Nacht verurſacht, wir wollen ihn alſo lieber den Händen dieſer Treuloſen entreißen. Sind Sie immer noch entſchloſſen, mich zu begleiten?“ „Mehr als je.“ „Nun wohl, dann kommen Sie.“ Franz und der Graf gingen mit Peppino hinunter. An der Thüre wartete der Wagen. Ali ſaß auf dem Bocke; Franz erkannte den ſtummen Sclaven aus der Grotte von Monte⸗Chriſto. Franz und der Graf hatten gerade im Wagen Platz, Peppino ſetzte ſich zu Ali und ſie fuhren im Galopp davon. Ali hatte ſchon zu Hauſe ſeine Befehle erhalten, denn er fuhr über den Corſo, das Campo Vaccino, die Straße San⸗Gregorio hinauf und aus dem Thore San⸗Sebaſtiano. Hier wollte der Thorwächter einige Schwierig⸗ keiten machen, aber der Graf zeigte einen Erlaubnißſchein von dem Gouverneur von Rom vor, nach welchem er das Recht hatte, zu jeder Stunde, bei Tag oder bei Nacht, ein⸗ und auszupaſſiren, das Fallgatter wurde aufgezogen, der Schließer erhielt einen Louisd'or für ſeine Mühe und ſie fuhren weiter. Der Wagen fuhr über die alte Villa Appia, die ganz von Gräbern umgeben iſt. Von Zeit zu Zeit glaubte Franz beim Scheine des Mondes, der ſich nach und nach erhob, eine Wache an einer Ruine vortreten zu ſehen, die jedoch auf ein mit Peppino gewechſeltes Zeichen, ſogleich wieder in den Schatten zurückwich. Nicht weit von dem Circus des Caracalla hielt der Wagen, Peppino öffnete den Schlag und der Graf und Franz ſtiegen aus. „In zehn Minuten,“ ſagte der Graf zu ſeinem Begleiter,„ſind wir an Ort und Stelle.“ Dann nahm er Peppino bei Seite, gab ihm ganz leiſe einen Befehl und Peppino ging voraus, nachdem er ſich mit einer Fackel verſehen hatte. Fünf Minuten lang ſah Franz den Hirten auf einem ſchmalen Fußſteige, den Krümmungen des Weges folgend, hinabgehen, und dann in dem röthlichen, hohen Graſe, welches wie die ſich ſträubende Mähne eines rieſigen Löwen ausſah, verſchwinden. „Jetzt,“ ſagte der Graf,„folgen wir ihm.“ Fral noch hun führte. ſchwahſe K müſſen m 1 Ko unterrich Wir auf Wac ſich der 1 „* Grafen, E. Oeffnun Peppinc Schritte zundete ihm fo De krochen. Schritte As ſie durch d mitten leuchten „ ſagte d der Er ihren⸗ Treppe befande ſternför ſetze) woraus befand Der 6 hätten h zur Aleicht 1 alſo immer n der kannts Tranz öte ſich Hauſe Tampo Thore wierig⸗ i dem tte, zu en, das zuisd'or nz von Scheine m einer echſeltes veit von tete den t,„ſind ſe einen r Fackel tten auf folgend, ches wie hwinden. 497 Franz und der Graf ſchlugen denſelben Fußpfad ein, der ſie nach hundert Schritten einen Abhang hinunter, in ein kleines Thal führte. Bald entdeckten ſie zwei Männer, die im Schatten zuſammen⸗ ſchwatzten. „Können wir weiter gehen?“ fragte Franz den Grafen,„oder müſſen wir warten?“ „Kommen Sie; Peppino wird Idie Wachen von unſerer Ankunft unterrichtet haben.“ Wirklich war einer dieſer beiden Männer Peppino, der andere ein auf Wache ausgeſtellter Bandit. Franz und ſein Begleiter näherten ſich; der Bandit grüßte. „Wenn Excellenza mir folgen wollen,“ ſagte Peppino zu dem Grafen,„der Eingang in die Katakomben iſt zwei Schritte von hier.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Graf,„geh' voraus.“ Wirklich fanden ſie zwiſchen Felſen und dichtem Gebüſch eine Oeffnung, durch welche kaum ein Mann hindurch kriechen konnte. Peppino ſchlüpfte zuerſt in dieſe Spalte; aber kaum hatte er einige Schritte vorwärts gethan, als der Raum ſich erweiterte. Nun zündete er ſeine Fackel an und drehte ſich um, erwartend, daß man ihm folge. Der Graf war zuerſt, hinter ihm Franz, in die Oeffnung ge⸗ krochen. Der Weg ging leiſe bergab und erweiterte ſich bei jedem Schritte; doch waren ſie immer noch genöthigt, gebückt zu gehen. Als ſie ſo noch etwa fünfzig Schritte gegangen waren, wurden ſie durch den Ruf:„Wer da?“ angehalten. Zu gleicher Zeit ſahen ſie mitten in der Dunkelheit auf einem Flintenlaufe ihre eigene Fackel leuchten. „Gut Freund!“ antwortete Peppino, ging allein weiter, und ſagte dieſem zweiten Poſten einige leiſe Worte, worauf derſelbe wie der Erſte grüßte, und den nächtlichen Beſuchern andeutete, daß ſie ihren Weg fortſetzen könnten. Hinter der Wache befand ſich eine Treppe von etwa zwanzig Stufen; ſie ſtiegen dieſelbe hinab und befanden ſich in einer Art Todtengewölbe. Fünf Wege liefen ſternförmig von demſelben aus, und in den Wänden waren über⸗ ſetzte Niſchen, welche die Geſtalt und Größe von Särgen hatten, woraus es ſich ergab, daß ſie ſich jetzt wirklich in den Katakomben befanden. Durch eine Höhlung, deren Ausdehnung in der herr⸗ Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 32 3 8 G 498 ſchenden Dunkelheit nicht zu beurtheilen war, drang das matte Licht des Mondes ein. Der Graf legte Franz die Hand auf die Schulter. „Wollen Sie ein Banditenlager ſehen?“ fragte er. „Gewiß!“ antwortete Franz. „Nun wohl! ſo kommen Sie mit mir.. Peppino löſche die Fackel aus.“ Peppino gehorchte und ſie befanden ſich in der tiefſten Dunkel⸗ heit; aber etwa fünfzehn Schritte weiter hin ſahen ſie röthliche Lichter an den Wänden umherhüpfen, die, ſeit Peppino die Fackel gelöſcht hatte, erſt recht ſichtbar geworden waren. Sie gingen ſchweigend weiter, der Graf führte Franz mit einer Sicherheit, als beſäße er die ſeltene Fähigkeit, im Dunkeln zu ſehen. Uebrigens konnte Franz ſeinen Weg ſelbſt immer beſſer unterſcheiden, je näher ſie jenen, ihnen zu Führern dienenden Licht⸗Reflexen kamen. Drei Bogen, deren mittelſter als Thür diente, lagen vor ihnen, jenſeits dieſer Bogen war ein viereckiges Gemach, welches ganz mit Niſchen, wie die, welche ſie in dem ſternförmigen Gewölbe geſehen hatten, umgeben war. In der Mitte dieſes Raumes befanden ſich vier Steine, die früher als Altäre gedient haben mochten, wie das über ihnen noch befindliche Kreuz bewies. Eine einzige, auf einem Säulenſchaft ſtehende Lampe, verbreitete ein trübes, flackerndes Licht über die fremdartige Scene, welche ſich den beiden in Schatten verſteckten Beſuchern darbot. Ein Mann ſaß, mit dem Ellbogen auf dieſe Säule geſtützt, und las, dem Bogen, durch welchen die Neuangekommenen ihn be⸗ trachteten, den Rücken zudrehend. Es war der Hauptmann der Bande, Luigi Vampa. Um ihn her lagen, in ihre Mäntel gehüllt, oder an eine Art Steinbank gelehnt, die um den ganzen innern Raum lief, etwa zwanzig Räuber, jeder ſeine Büchſe im Arm. Im Hintergrunde ging ſchweigend, einem Schatten gleich, eine Wache vor einer Oeffnung auf und ab, die man nur daran erkannte, daß ſie noch ſchwärzer war, als die allgemeine Dunkelheit dieſes Ortes. Als der Graf glaubte, daß Franz ſich nun genugſam an dieſem maleriſchen Anblicke ergötzt haben möge, legte er die Finger an die Lippen, um ihm Schweigen zu empfehlen, trat, die drei Stufen, die vom Gange in die Halle führten, hinauf ſteigend, durch den mittelſten Vogen hi w ie 7 Siheined Hauplma und zog neen dl den Graſ „Nu und Mie Empfang „Di bieteriſche Geſichter dingunge „Un fragte de gangen! „J meine„ ſollte?“ „Un Excellenz „3t führt un einem To zu meine mir, die den Cor gebracht hinzu, „W Licht he die unkel⸗ hliche hace lungen , als igens näher hnen, z mit ſehen in ſich e das einem Licht atten ſtüßt, n be⸗ 499 Bogen hinein und näherte ſich Vampa, der ſo in ſeine Lectüre ver⸗ ſunken war, daß er ſeine Annäherung nicht bemerkte. „Wer da?“ rief die nicht ſo beſchäftigte Wache, die bei dem Scheine der Lampe einen ſich vergrößernden Schatten hinter ihrem Hauptmann erblickte. Bei dieſem Rufe erhob ſich Vampa lebhaft und zog ein Piſtol aus ſeinem Gürtel. In demſelben Augenblicke waren alle Banditen auf den Beinen und zwanzig Flintenläufe auf den Grafen gerichtet. „Nun!“ ſagte dieſer gelaſſen, mit vollkommen ruhiger Stimme und Miene:„nun! mein lieber Vampa, das iſt ja ein ſonderbarer Empfang eines Freundes!“ „Die Waffen in Ruh!“ rief der Hauptmann, mit einer ge⸗ bieteriſchen Handbewegung, während er mit der andern Hand ehr⸗ furchtsvoll ſeinen Hut abnahm. Dann ſich zu dem ſonderbaren Manne, der dieſe ganze Scene beherrſchte, wendend, ſagte er: „Verzeihung, Herr Graf, aber ich war ſo weit entfernt, die Ehre Ihres Beſuches zu erwarten, daß ich Sie nicht erkannte.“ „Es ſcheint, Vampa, daß Ihr in mancher Hinſicht ein kurzes Gedächtniß habt,“ verſetzte der Graf,„und daß Ihr nicht nur die Geſichter der Leute, ſondern ſogar die mit ihnen eingegangenen Be⸗ dingungen vergeßt.“ „Und welche Bedingung habe ich denn vergeſſen, Herr Graf?“ fragte der Bandit, wie ein Mann, der, wenn er ein Verſehen be⸗ gangen hat, bereit iſt, daſſelbe wieder gut zu machen. „Iſt es nicht ausgemacht,“ ſprach der Graf,„daß nicht nur meine Perſon, ſondern auch die meiner Freunde Euch heilig ſein ſollte?“ „Und in wiefern habe ich dieſem Vertrage zuwider gehandelt, Excellenza?“ „Ihr habt den Vicomte Albert von Morcerf heute Abend ent⸗ führt und hierher gebracht; nun wohl,“ fuhr der Graf fort, mit einem Tone, der Franz ſchaudern machte,„dieſer junge Mann gehört zu meinen Freunden, dieſer junge Mann wohnt in einem Hotel mit mir, dieſer junge Mann hat acht Tage in meinem eigenen Wagen den Corſo mitgemacht, und dennoch habt Ihr ihn entführt, hierher gebracht und,“ fügte der Graf, den Brief aus der Taſche ziehend, hinzu,„Löſegeld für ihn verlangt, wie für den erſten Beſten.“ „Warum habt Ihr mich darauf nicht aufmerkſam gemacht, Ihr 32* —— —— 500 Andern?“ ſprach der Hauptmann, ſich zu den Männern wendend, die Alle vor ſeinem Blicke zurückwichen;„warum habt Ihr mich der Schande ausgeſetzt, auf dieſe Weiſe dem Herrn Grafen, von dem unſer Aller Leben abhängt, mein Wort zu brechen? Bei dem Blute des Erlöſers! wenn ich glauben müßte, daß Einer von Euch gewußt hätte, daß der junge Mann Excellenza's Freund war, ich würde ihm auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Sehen Sie!“ ſagte der Graf zu Franz,„ich ſagte Ihnen ja, daß hier ein Irrthum zum Grunde liegen müſſe.“ „Sind Excellenza nicht allein!“ fragte Vampa beunruhigt. „Der Herr, an den dieſer Brief gerichtet war, iſt bei mir, weil ich ihm zeigen wollte, daß Luigi Vampa ein Mann von Wort iſt. Kommen Sie, Herr Baron,“ ſagte er zu Franz,„Luigi Vampa wird Ihnen ſelbſt ſagen, daß er untröſtlich über das Verſehen iſt, welches er begangen hat.“ Franz und der Hauptmann traten einander einige Schritte ent⸗ gegen. „Seien Sie willkommen unter uns, Excellenza,“ ſagte er;„Sie haben gehört, was der Graf ſagte und was ich geantwortet habe: ich füge noch hinzu, daß ich mit mehr als den viertauſend Piaſtern, welche ich zum Löſegeld für den Herrn Vicomte beſtimmt hatte, das was geſchehen iſt, ungeſchehen machen zu können wünſchte.“ „Aber,“ fragte Franz, unruhig um ſich her ſehend,„wo iſt der Gefangene? ich ſehe ihn nicht.“ „Es wird ihm doch hoffentlich nichts zugeſtoßen ſein?“ fragte der Graf, die Augenbrauen zuſammenziehend. „Der Gefangene iſt dort,“ antwortete Vampa nach der Oeff⸗ nung deutend, vor welcher die Wache auf⸗ und abging,„und ich werde ihm ſelbſt ſeine Befreiung ankündigen.“ Der Hauptmann ging dem Orte zu, welchen er als Alberts Gefängniß bezeichnet hatte, und Franz und der Graf folgten ihm. „Was macht der Gefangene?“ fragte Vampa die Wache. „Meiner Treu, Hauptmann,“ antwortete dieſelbe,„ich weiß es nicht; ſeit länger als einer Stunde habt ich keine Bewegung von ihm gehört.“ „Kommen Sie, Excellenza's!“ bat Vampa. Der Graf und Franz folgten dem Hauptmanne ſieben bis acht der W Großen richten meinen dankbar „) „) fr,„Sie et habe: giaſtern, t hatte, hte.“ iſ der 0 fragte er Oeff⸗ und ich Alberts en ihm. he. weiß es ung von bis aht — —— 501 riegelte und öffnete. Sie ſahen beim Schein einer Lampe, wie die, welche in der Halle brannte, Albert in einen Mantel gehüllt, den ihm einer der Banditen geborgt hatte, ſanft und tief ſchlafend in einer Ecke liegen. „Ei!“ ſagte der Graf mit ſeinem ganz eigenthümlichen Lächeln, „nicht übel von einem Manne, der um ſieben Uhr Morgens erſchoſſen werden ſoll.“ Vampa betrachtete den ſchlafenden Albert mit einer gewiſſen Verwunderung; man ſah, daß dieſer Beweis von Furchtloſigkeit ihm imponirte. „Sie haben Recht, Herr Graf,“ ſprach er,„dieſer Mann muß Ihr Freund ſein.“ Dann näherte er ſich Albert, berührte ſeine Schulter und ſagte: „Wollen Excellenza gefälligſt aufwachen?“ Albert breitete die Arme aus, rieb ſich die Augen und erwachte endlich. „Ah,“ ſagte er,„ſeid Ihr's Hauptmann? Pardieu! Ihr hättet mich ſchlafen laſſen ſollen; ich hatte einen köſtlichen Traum: ich tanzte Galopp mit der Comteſſe G... bei Torlonia.“ Er zog ſeine Uhr, die man ihm gelaſſen hatte, um ſelbſt ſehen zu können, welche Zeit es ſei. „Halb zwei Uhr,“ ſagte er,„aber warum, zum Teufel, weckt Ihr mich jetzt ſchon?“ „Um Ihnen zu ſagen, daß Sie frei ſind, Excellenza.“ „Mein Lieber,“ erwiderte Albert mit der heiterſten Miene von der Welt,„beobachten Sie künftig den Grundſatz Napoleon des Großen, welcher geſagt hat:„Weckt mich nur um unangenehmer Nach⸗ richten willen.“ Wenn Ihr mich hättet ſchlafen laſſen, hätte ich meinen Galopp beendigt und wäre Euch darüber lebenslänglich dankbar geweſen.... Mein Löſegeld iſt alſo bezahlt worden?“ „Nein, Excellenz.“ „Nun! auf welche Art bin ich denn frei geworden?“ „Jemand, der ganz über mich zu verfügen hat, iſt gekommen, Sie zurückzufordern.“ „Hierher?“ „Hierher.“ Stufen hinauf, die zu einer Treppe führten, welche Vampa ent⸗ 502 „Ah! Potztauſend! der Jemand iſt ſehr liebenswürdig.“ Albert ſah ſich um und entdeckte Franz. „Wie!“ ſagte er zu ihm,„Du biſt es, mein lieber Franz, der die Aufopferung ſo weit treibt?“ „Nicht ich,“ antwortete Franz,„ſondern unſer Nachbar, der Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Ah! Pardieu! Herr Graf,“ ſagte Albert fröhlich, indem er ſeine Cravatte und Manſchetten in Ordnung brachte,„Sie ſind ein wahrhaft köſtlicher Mann und ich hoffe, daß Sie mich als Ihren ewigen Schuldner betrachten werden, erſtlich wegen Ihrer früheren Gefälligkeiten, beſonders aber wegen dieſer;“ dabei reichte er dem Grafen die Hand, den bei der Berührung derſelben ein Schauer überlief, was er ſich indeſſen nicht merken ließ. Der Bandit beobachtete dieſe ganze Scene mit Beſtürzung; er war gewohnt, ſeine Gefangenen vor ihm zittern zu ſehen, und hier ſah er einen, deſſen ſpöttiſche Laune auf keine Weiſe getrübt war: Franz war entzückt, daß Albert, ſelbſt einem Banditen gegenüber, die Ehre der Nation aufrecht erhielt. „Mein lieber Albert,“ ſagte er zu ihm,„wenn Du Dich beeilſt, können wir wohl noch dem Schluſſe des Balles bei Torlonia bei⸗ wohnen. Du kannſt den geträumten Galopp verwirklichen und brauchſt alsdann keinen Groll gegen Signor Luigi zu hegen, der ſich wirklich in dieſer ganzen Sache wie ein feiner Mann benommen hat.“ „Ach! wirklich,“ entgegnete er,„Du haſt Recht, in zwei Stunden können wir dort ſein. Signor Luigi, bedarf es noch irgend einer Formalität, um ſich Excellenz zu empfehlen?“ „Keine, mein Herr,“ antwortete der Bandit,„Sie ſind frei wie ein Vogel in der Luft.“ „ Nun denn alſo: Leben Sie wohl und glücklich. Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie.“ Sie gingen alle Vier die Stufen hinab, und in den großen viereckigen Saal zurück. Alle Banditen ſtanden mit den Hüten in der Hand. 3 „Peppino,“ ſprach der Hauptmann,„gieb mir die Fackel.“ „Nun! was wollt Ihr machen?“ fragte der Graf. „Ich ſelbſt will Sie zurückführen,“ antwortete der Hauptmann, „das iſt die geringſte Ehre, die ich Excellenz erzeigen kann.“ ————y Freund aber ic Sie jen Sie mie br noch ih G auch. die Eb bei die viel do S ſagte wie al beiden ſehen, Alber 1 — Er nahm die brennende Fackel aus den Händen des Hirten, und ging vor ſeinen Gäſten her, nicht wie ein Diener, der eine Plflicht ſeines Standes erfüllt, ſondern wie ein König, der Geſandte begleitet. An der Thüre angekommen, verbeugte er ſich. „Und jetzt, Herr Graf,“ ſprach er,„wiederhole ich Ihnen meine Entſchuldigungen und hoffe, daß Sie mir das, was geſchehen iſt, nicht nachtragen werden?“ „Nein, mein lieber Vampa,“ erwiderte der Graf;„übrigens macht Ihr Euer Verſehen auf eine ſo feine Art wieder gut, daß man faſt verſucht wird, Euch Dank für dieſelben zu wiſſen.“ „Meine Herren,“ ſagte der Hauptmann jetzt zu den beiden Freunden:„das Anerbieten hat vielleicht nichts Anziehendes für Sie, aber ich kann nicht umhin, Ihnen zu verſichern, daß Sie, ſollten Sie jemals wieder geneigt ſein, mich zu beſuchen, mir überall, wo Sie mich auch finden, willkommen ſein werden.“ Franz und Albert grüßten. Der Graf entfernte ſich zuerſt, nach ihm Albert, Franz blieb zurück. „Excellenz beſiehlt etwas?“ ſagte Vampa lächelnd. „Ja, ich geſtehe es, ich möchte wiſſen, in welchem Buche Ihr ſo aufmerkſam laſet, als wir kamen.“ „Es ſind Cäſars Commentare, mein Lieblingsbuch,“ antwortete der Bandit. „Wo bleibſt Du, Franz?“ rief Albert. „Ich komme ſchon,“ rief er, und verließ die Katakomben nun auch. „Verzeihung,“ ſprach Albert, als ſie ſchon einige Schritte in die Ebene gemacht hatten.„Erlaubt Ihr, Hauptmann?“ Er zündete bei dieſen Worten ſeine Cigarre an der Fackel des Hauptmanns an. „Jetzt, Herr Graf, laſſen Sie uns eilen, es liegt mir unendlich viel daran, die Nacht bei dem Herzoge von Bracciano zu beſchließen.“ Sie fanden den Wagen, wo ſie ihn gelaſſen hatten. Der Graf ſagte ein einziges arabiſches Wort zu Ali, und die Pferde flogen wie auf Windes Flügeln dahin. Genau zwei Uhr war es, als die beiden Freunde auf den Tanzſaal traten. Ihr Kommen machte Auf⸗ ſehen, aber, da ſie zuſammenkamen, hörte alle Unruhe, die man Alberts wegen gehabt hatte, ſogleich auf. „Gnädige Frau,“ ſagte der Vicomte von Morcerf, ſich der 5⁰03³ 504 Gräfin nähernd,„Sie hatten geſtern die Gnade, mir einen Galopp zu verſprechen, ich komme ein wenig zu ſpät, an dieſe Gunſt zu er⸗ innern, aber hier mein Freund, deſſen Wahrheitsliebe Sie kennen, wird Ihnen die Verſicherung geben, daß es nicht meine Schuld iſt.“ In dieſem Augenblicke ertönte die Muſik eines Walzers, Albert ſchlang ſeinen Arm um die Taille der Gräfin, und verſchwand mit ihr in dem Strudel der Tanzenden. Franz dachte unterdeſſen an das ſonderbare Schaudern, welches bei der Berührung von Alberts Hand den ganzen Körper des Grafen durchbebt hatte und von ihm, der den Grafen unabläſſig beobachtete, wohl bemerkt war. — ᷣ———— - — Sol er ſeinen hatte el Dienſt, doppelte Hang zu ſie denn mir, Ih nämlich, mir zu wenigſter „A ſchlagen hoch an⸗ auf Ihr der Rede Sie wa „2 ich hätt und ich ſlägt lachend. und ich nicht an von M XXXIX. Das Rendez⸗-vous. Sobald Albert am andern Morgen aufgeſtanden war, ſchlug er ſeinem Freunde vor, dem Grafen einen Beſuch zu machen. Zwar hatte er ihm am Abend zuvor ſchon gedankt, aber ein ſo wichtiger Dienſt, als der ihm von dem Grafen erwieſene, verdiente wohl doppelte Dankſagung. Franz, den ein mit Entſetzen vermiſchter Hang zu den Grafen zog, war bereit, ihn zu begleiten, und ſo ſtanden ſie denn Beide in zehn Minuten dem Grafen gegenüber. „Herr Graf,“ ſprach Albert, ihm näher tretend,„erlauben Sie mir, Ihnen heute zu wiederholen, was ich Ihnen geſtern ſchon ſagte: nämlich, daß ich nie vergeſſen werde, unter welchen Umſtänden Sie mir zu Hilfe gekommen ſind, und daß ich Ihnen das Leben oder wenigſtens die Freiheit verdanke.“ „Mein lieber Nachbar,“ erwiderte der Graf lachend,„Sie ſchlagen das, was ich für Sie thun zu können ſo glücklich war, zu hoch an; Sie danken mir die Erſparung von zwanzigtauſend Franken auf Ihren Reiſewechſel, das iſt Alles. Sie ſehen wohl, daß es nicht der Rede werth iſt. Empfangen Sie dagegen alle meine Complimente, Sie waren bewunderungswürdig unbefangen und furchtlos.“ „Was wollen Sie, Graf?“ antwortete Albert,„ich dachte mir, ich hätte einen Streit gehabt, der mit einem Duell endigen werde, und ich wollte dieſen Banditen Folgendes begreiflich machen: Man ſchlägt ſich in allen Ländern, aber nur die Franzoſen ſchlagen ſich lachend. Indeſſen, meine Verpflichtung gegen Sie bleibt dieſelbe und ich komme, Sie zu fragen, ob ich oder die Meinigen Ihnen nicht auf irgend eine Weiſe dienen können? Mein Vater, der Graf von Morcerf, ein Spanier von Geburt, hat eine hohe Stellung in 506 Frankreich und iſt nicht ohne Einfluß in Spanien; ich komme, mich und Alle, die mich lieben, zu Ihrer Dispoſition zu ſtellen.“ „Nun wohl!“ ſagte der Graf;„ich geſtehe Ihnen, Herr von Morcerf, daß ich Ihr Anerbieten erwartete und es von Herzen an⸗ nehme. Ich hatte ſchon mein Augenmerk auf Sie gerichtet, um eine große Gefälligkeit von Ihnen zu erbitten.“ „Und die wäre?“ „Ich war noch nie in Paris, kenne Paris gar nicht.“ „Wirklich!“ rief Albert,„Sie konnten es bis jetzt aufſchieben, Paris zu ſehen? Das iſt unglaublich.“ „Dennoch iſt es ſo. Aber ich fühle mit Ihnen, daß eine längere Unbekanntſchaft mit der Hauptſtadt der feinen Welt eine unmögliche Sache iſt. Was noch mehr ſagen will: vielleicht hätte ich dieſe unerläßliche Reiſe ſchon eher gemacht, wenn ich irgend Jemand gekannt hätte, der mich in dieſe Welt, wo ich gänzlich fremd bin, einführen könnte.“ „O! ein Mann wie Sie!“ rief Albert. „Sie ſind ſehr freundlich. Aber da ich mich keines andern Verdienſtes rühmen kann, als deſſen, es hinſichtlich der Millionen mit Ihren reichſten Banquiers aufnehmen zu können und ich nicht nach Paris gehe, um auf der Börſe zu ſpeculiren, ſo hat dieſe Be⸗ denklichkeit mich zurückgehalten. Jetzt hat Ihr Anerbieten mich be⸗ ſtimmt. Machen Sie ſich anheiſchig, mein lieber Herr von Morcerf“ (der Graf begleitete dieſe Worte mit einem ſonderbaren Lächeln), „machen Sie ſich anheiſchig, mir, wenn ich nach Frankreich komme, die Pforten dieſer Welt zu öffnen, in der ich ſo fremd ſein werde, wie ein Hurone oder ein Cochinchineſe.“ „O! was das betrifft, Herr Graf, gern und von Herzen,“ ant⸗ wortete Albert,„und das um ſo lieber(lache mich nicht zu ſehr aus, mein lieber Franz), als ich heute Morgen einen Brief erhalten habe, der mich zurückruft, um einer ſehr wichtigen Angelegenheit willen, nämlich wegen einer Verbindung mit einem ſehr angenehmen Hauſe, welches in den vortheilhafteſten Verhältniſſen zu der Pariſer Welt ſteht.“ „Verbindung durch Heirath?“ fragte Franz lachend. „O! mein Gott, ja. Wenn Du nach Paris zurückkehrſt, wirſt Du mich als geſetzten Mann und vielleicht als Familienvater finden. —————— Q⏑ę⏑̈⏑——— ſchloß, Paris ¹ — 7] Sie ſe „1 mir an „2 gegnete pünktlie ,3 9 aus, d Uhr), erſten 7ℳ 1 ieben, 4 eine elt eine ſt hätte irgend hänzlich andern illionen h nicht ſe Be⸗ ich be⸗ oreerf“ icheln), komme, werde, ¹ ant⸗ ſehr halten enheit ehmen ariſer vwirſt nden. 507 Das wird ſich gut mit meinem natürlichen Ernſt vereinigen, nicht wahr? In jedem Falle wiederhole ich Ihnen, Graf: ich und die Meinigen ſind die Ihrigen mit Leib und Seele.“ „Ich nehme es an,“ verſetzte der Graf,„denn ich ſchwöre Ihnen, daß mir zu Ausführung lange mit mir umher getragener Pläne nur dieſes Ihr Verſprechen fehlte.“ Franz zweifelte nicht einen Augenblick, daß dieſe Pläne dieſelben wären, von denen der Graf auf Monte⸗Chriſto ein Wort hatte fallen laſſen, und ſah den Grafen, während er ſprach, an, um zu erfahren, was für Pläne ihn nach Paris führen möchten; es war aber ſo ſchwer in die Seele dieſes Mannes zu dringen, beſonders wenn er ſie mit einem Lächeln verſchleierte. „Aber, Graf,“ ſagte Albert, entzückt, einen Mann wie Monte⸗ Chriſto einführen zu können,„iſt Ihr Reiſeplan auch nicht ein Luft⸗ ſchloß, wie es deren ſo viele giebt? ein Kartenhaus, auf Sand ge⸗ baut, welches der erſte Wind verweht?“ „Nein, auf Ehre,“ antwortete der Graf,„ich will, ich muß nach Paris reiſen.“ „Und wann?“ „Nun, wann werden Sie ſelbſt dort ſein?“ „Ich?“ meinte Albert;„o mein Gott! in vierzehn Tagen, drei Wochen ſpäteſtens; die Zeit, die ich zur Rückreiſe bedarf, das iſt Alles.“ „Nun wohl!“ erwiderte der Graf, ‚ich gebe Ihnen drei Monate; Sie ſehen, ich laſſe Ihnen Zeit.“ „Und ingdrei Monaten,“ rief Albert erfreut,„werden Sie bei mir anklopfen?“ „Wollen Sie ein Rendez⸗vous auf Tag und Stunde?“ ent⸗ gegnete der Graf.„Ich ſage Ihnen vorher, daß ich verzweifelt pünktlich bin.“ „Auf Tag und Stunde!“ rief Albert,„das iſt entzückend.“ „Nun wohll es ſei!“ Er ſtreckte die Hand nach einem Kalender aus, der neben dem Spiegel hing. „Wir haben heute den erſten März,“ ſagte er(er zog ſeine Uhr),„es iſt zehn ein halb Uhr Morgens. Wollen Sie mich den erſten Juni dieſes Jahres zehn ein halb Uhr Morgens erwarten?“ „Herrlich!“ ſagte Albert,„das Frühſtück ſoll bereitet ſein.“ 508 „Sie wohnen?“ „Straße du Helder Nr. 27.“ „Sie wohnen für ſich als Garcon, ich genire Sie nicht?“ „Ich wohne in dem Hotel meines Vaters, aber in einem Pavillon auf dem Hofe, ganz von dem übrigen Hauſe abgeſondert.“ „Gut.“ Der Graf nahm ſeine Schreibtafel und notirte:„Rue du Helder Nr. 27, 1. Juni, zehn ein halb Uhr, Morgens.“ „Und nun,“ ſagte der Graf, ſeine Schreibtafel wieder einſteckend, „ſeien Sie verſichert, der Zeiger Ihrer Uhr wird nicht pünktlicher ſein als ich.“ „Werde ich Sie vor meiner Abreiſe noch ſehen?“ fragte Albert. „Wie es ſich fügt; wann reiſen Sie?“ „Morgen Abend um fünf Uhr.“ In dieſem Falle muß ich Ihnen jetzt Lebewohl ſagen; ich habe Geſchäfte in Neapel und werde erſt Sonnabend Abend oder Sonn⸗ tag Morgen zurückkehren können.“ „Und Sie, Herr Baron,“ fragte der Graf Franz,„reiſen Sie auch ab?“ G 77 „Ja. „Nach Frankreich?“ „Nein, nach Venedig. Ich bleibe noch ein oder zwei Jahre in Italien.“ „Wir werden einander alſo in Paris nicht ſehen?“ „Ich fürchte, nicht die Ehre zu haben.“ „Nun denn, meine Herren, glückliche Reiſe;“ ſagte der Graf zu den Freunden, Jedem eine Hand reichend. Es war das erſte Mal, daß Franz die Hand dieſes Mannes berührte; er zitterte, denn ſie war kalt wie die eines Todten. „Nochmals,“ ſprach Albert,„es iſt alſo auf Ehrenwort be⸗ ſchloſſen, nicht wahr? Straße du Helder Nr. 27, den 1. Juni, zehn ein halb Uhr Morgens.“ „Den 1. Juni, zehn ein halb Uhr Morgens, Straße du Helder Nr. 27 in Paris,“ erwiderte der Graf. Darauf empfahlen ſich die jungen Leute dem Grafen und verließen ihn. „Was haſt Du denn?“ ſagte Albert zu Franz, als ſie zuſammen in ihr Zimmer traten;„Du ſiehſt ganz bedenklich aus?“ ———᷑— Q— Höhle ſtände Statu wacher Horizc über, redun auf„ gnadi nſere Verl Piaſ 509 „Ja,“ antwortete Franz,„ich geſtehe es Dir, der Graf iſt ein 1 räthſelhafter Mann und ich denke mit Unruhe an ſeine Zuſammen⸗ ſeinem kunft mit Dir in Paris.“ dert⸗„Dieſe Zuſammenkunft?... mit Unruhe? Ach! biſt Du toll, 1 mein lieber Franz!“ rief Albert. elder„Wie Du willſt,“ antwortete Franz„toll oder nicht, es iſt ſo.“ „Höre!“ entgegnete Albert,„und es iſt mir lieb, daß ich Ge⸗ dend, legenheit habe, Dir dies zu ſagen. Ich habe Dich immer ziemlich llicher kalt gegen den Grafen, ihn hingegen immer vollkommen artig und zuvorkommend gegen uns gefunden. Haſt Du etwas Beſonderes lllbert, gegen ihn?“ „Vielleicht.“ „Sollteſt Du ihn, ehe wir ihm hier begegneten, ſchon irgendwo habe getroffen haben?“ onn⸗„So iſt es!“ „Und wo?“ Sie„Verſprichſt Du mir, nie Jemandem ein Wort von dem zu ſagen, was ich Dir erzählen werde?“ „Ich verſpreche es.“ .„Nun wohl! Dann höre.“ re in Franz erzählte nun Albert ſeinen Ausflug nach der Inſel V Monte⸗Chriſto, wie er daſelbſt eine Geſellſchaft Schmuggler und bei denſelben zwei corſiſche Banditen gefunden habe. Er hob beſonders alle auf die feenhafte Gaſtfreundſchaft, die der Graf ihm in ſeiner Höhle aus Tauſend und einer Nacht erzeigt hatte, bezügliche Um⸗ V 1 n ſtände hervor. Er beſchrieb ihm das Souper, das Hatchis, die Inngs Statuen, die Wirklichkeit und den Traum, und wie bei ſeinem Er⸗ wachen von dieſem Allen nichts blieb, als die kleine Nacht am be⸗ Horizont, die nach Porto Vecchio ſegelte. Dann ging er nach Rom G Juni über, beſchrieb das Zuſammentreffen im Colyſeum und die Unter⸗ 1 redung des Grafen mit Vampa, die er unfreiwillig behorcht, welche Ader auf Peppino Bezug hatte, und in welcher der Graf Letzterem Be⸗ ſih gnadigung auszuwirken verſprach. Ein Verſprechen, welches er, wie unſere Leſer wiſſen, ſo wohl gehalten hatte. 4 Endlich kam er auf die Ereigniſſe der letzten Nacht, auf ſeine Verlegenheit, als er gewahr wurde, daß ihm ſechs⸗ bis ſiebenhundert Piaſter fehlten, um die verlangte Summe aufzubringen, und wie nmen 510 machen er endlich auf den Einfall gekommen ſei, ſich an den Grafen zu Wuweiig wenden. Ein Einfall, der ein ſo intereſſantes und befriedigendes givres in Reſultat gehabt hatte. aan nich Albert horchte mit offenen Ohren. fügt Albe „Nun,“ ſagte er endlich,„was iſt Dir denn bei alle dieſem ſo geuchtt 9 bedenklich? Der Graf iſt Reiſender, er hat ein eigenes Schiff, weil„Nur er reich iſt. Geh' nach Portsmouth und Southampton, Du wirſt Welche 8 die Häfen mit Nachten bedeckt ſehen, die reichen Privatleuten ange⸗ unermeßli hören.— Um eine Heimath zu haben, wo er ſich ausruhen kann, volen, ¹ um nicht zu dieſer ſchrecklichen Küche verdammt zu ſein, die mich düſtere, n ſeit vier Monaten, Dich ſeit vier Jahren vergiftet, um nicht auf Stelle wi dieſe abſcheulichen Betten angewieſen zu ſein, in denen man nicht„Me ſchlafen kann, hat er ſich ein Abſteigequartier iu Monte⸗Chriſto ein⸗ ahalend richten laſſen. Als ſein Abſteigequartier fertig war, fürchtete er, nnte, g daß die toskaniſche Regierung ihm Verdrüßlichkeiten machen könnte, Porcerf, und kaufte, um dieſes zu vermeiden, die Inſel und nahm den Namen frien. an. Durchgehe Deine Erinnerungen, mein Lieber, und ſage mir, Ja ob Du nicht viele Leute kennſt, die den Namen von Beſitzungen„Ha angenommen haben, die ſie niemals ihr eigen nannten?“ Pbrceff „Aber,“ wendete Franz ein,„dieſe corſiſchen Banditen in ſeinem lebt er⸗ Gefolge?“... dic un „Nun, was iſt dabei ſo ſehr zu verwundern? Du weißt ſo Re gut als ich, daß die corſiſchen Banditen keine Diebe ſind, ſondern r ganz einfache Flüchtlinge, die irgend eine Vendetta gezwungen hat,. ig g ihr Heimathsland zu meiden; man kann alſo, ohne ſich zu compro⸗ achig mittiren, mit ihnen verkehren. Ich erkläre, daß ich, ſollte ich jemals den Du nach Corſika kommen, mich erſt dem Banditenhauptmann Colomba, ilſo mei und dann erſt dem Gouverneur und Präfekten vorſtellen laſſen werde. nand⸗ Ich finde ſie entzückend.“ odet in „Aber Vampa und ſeine Bande,“ wendete Franz ein,„das ihn in d ſind Leute, die anfallen, um zu ſtehlen und zu rauben, das wirſt das oüſt Du, denke ich, am wenigſten ableugnen? Was ſagſt Du zu dem 63 Einfluſſe des Grafen auf ſolche Männer?“ zuj Alb „Ich ſage, mein Lieber, daß, da ich aller Wahrſcheinlichkeit N nach dieſem Einfluſſe mein Leben verdanke, es mir nicht zukommt, Alles d denſelben zu ſcharf zu beurtheilen. Alſo mußt Du mir ſchon er⸗ noch iſ lauben, daß ich, ſtatt ihm, wie Du, ein Kapitalverbrechen daraus hriſt 511 zu machen, ihn entſchuldige, mir, wo nicht das Leben gerettet(was ein wenig übertrieben iſt), doch viertauſend Piaſter, macht achtzigtauſend Livres in unſerm Gelde, erſpart zu haben, eine Summe, auf die man mich in Frankreich ſchwerlich taxirt haben würde, was beweiſ't,“ fügte Albert hinzu,„daß der Prophet in ſeinem Vaterlande nicht geachtet wird.“ „Nun, das iſt es eben! Aus welchem Lande ſtammt der Graf? Welche Sprache redet er? Wovon lebt er? Woher hat er ſein unermeßliches Vermögen? Wie war der erſte Theil ſeines geheimniß⸗ vollen, unbekannten Lebens? Wer hat über den zweiten dieſes düſtere, menſchenfeindliche Licht verbreitet? Das möchte ich an Deiner Stelle wiſſen.“ „Mein lieber Franz,“ verſetzte Albert,„als Du, meinen Brief erhaltend, fandeſt, daß uns der Einfluß des Grafen nützlich ſein konnte, gingſt Du zu ihm und ſagteſt: Mein Freund, Albert von Morcerf, iſt in Gefahr, helfen Sie mir, ihn aus derſelben zu be⸗ freien.— Nicht wahr?“ „Ja.“ „Hat er Dich da gefragt: Wer iſt dieſer Herr Albert von Morcerf? Woher hat er ſeinen Namen, ſein Vermögen? Wovon lebt er? Woher kommt er? Wo iſt er geboren?— Sage, hat er Dich um dieſes Alles gefragt?“ „Nein, ich geſtehe es.“ „Er kam, er zog mich aus der Gewalt Vampa's, wo ich, auf⸗ richtig zu geſtehen, ungeachtet des Anſcheins von Unerſchütterlichkeit, den Du an mir rühmteſt, mich herzlich unbehaglich befand. Nun alſo mein Lieber, wenn er als Gegendienſt nichts weiter von mir verlangt, als was man jeden Tag für den erſten beſten ruſſiſchen oder italieniſchen Prinzen thut, der durch Paris reiſ't, das heißt, ihn in die Salons einführt, kannſt Du ernſtlich wollen, daß ich ihm das abſchlage? Geh, Franz, Du biſt toll!“ Es iſt nicht abzuſtreiten, daß alle Vernunftgründe dies Mal auf Alberts Seite waren. „Mache es wie Du willſt,“ ſprach Franz endlich ſeufzend,„denn Alles was Du da ſagſt, iſt ſehr richtig, das geſtehe ich; aber den⸗ noch iſt es darum nicht weniger wahr, daß der Graf von Monte⸗ Chriſto ein räthſelhafter, mir unheimlicher Mann iſt.“ 512 „Der Graf von Monte⸗Chriſto iſt ein Philanthrop, er hat Dir nicht geſagt, in welcher Abſicht er nach Paris kommt, nun wohl! er kommt, um Monthyon den Preis ſtreitig zu machen, und wenn es dazu nur meiner Stimme bedürfte, gewiß, er erhielte ihn. Uebrigens, lieber Franz, reden wir nicht mehr davon, ſetzen wir uns zu Tiſche und machen wir dann einen letzten Beſuch in der Peters⸗ kirche.“ Es geſchah, wie Albert wünſchte, und den andern Tag um fünf Uhr Nachmittags trennten ſich die beiden Freunde. Albert von Morcerf, um nach Paris zurückzukehren, Franz von Epinay, um vierzehn Tage in Venedig zuzubringen. Aber ehe er in den Wagen ſtieg, händigte Albert dem Kellner des Hotels(ſo ſehr fürchtete er, daß ſein neuer Bekannter das Rendez⸗ vous verfehlen möchte) eine Karte für den Grafen von Monte⸗Chriſto ein, auf welche er unter den Namen: „Vicomte Albert von Morcerf,“ mit Bleiſtift geſchrieben hatte: 1. Juni, 10 ½ Uhr Morgens, Straße du Helder Nr. 27. Norcer bejeich rife⸗ junger muß. den kl müſig das m Der ———— XL Die Erwartung. In dem Hauſe der Straße du Helder, welches Albert von Morcerf dem Grafen von Monte⸗Chriſto als Ort des Rendez⸗vous bezeichnet hatte, wurden am erſten Juni alle Vorbereitungen ge⸗ troffen, um der Verabredung des jungen Mannes nachzukommen. Albert von Morcerf bewohnte ein beſonderes kleines Haus, in der Ecke eines großen Hofes, einem Gebäude gegenüber, welches von der Dienerſchaft bewohnt war. Nur zwei Fenſter dieſes Hauſes gingen nach der Straße, drei deſſelben nach dem Hofe und zwei andere nach dem Garten. Zwiſchen dieſem Hofe und dieſem Garten erhob ſich in dem ſchlechten Geſchmack der Baukunſt aus der Kaiſerzeit, die große und prachtvolle Wohnung des Grafen und der Gräfin von Morcerf. Die ganze Vorderfront des Hauſes war nach der Strabe zu, von einer Mauer geſchützt, auf welcher in Zwiſchenräumen Blumen⸗ vaſen ſtanden und welche in der Mitte ein Gitterthor mit ver⸗ goldeten Spitzen für die an⸗ und abfahrenden Equipagen hatte. Eine kleine Thüre, dicht an der Loge des Portiers, war zum Aus⸗ und Eingehen der Dienerſchaft oder auch der Herrſchaft, wenn ſie zu Fuß ausging, beſtimmt. Man konnte in der Wahl des für Albert beſtimmten kleinen Hauſes, die zarte Vorſicht einer Mutter errathen, die ſich nicht gern von ihrem Sohne trennen wollte, aber begriffen hatte, daß ein junger Mann von Alberts Alter ſeine vollkommene Freiheit haben muß. Andererſeits, wir müſſen es geſtehen, erkannte man darin den klugen Egoismus des jungen Mannes, der von jenem freien, müſſigen Leben der jungen Leute hoher Herkunft eingenommen war das man ihm vergoldete, wie dem Vogel ſeinen Käfig. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 33 514 Durch ſeine beiden nach der Straße zu gelegenen Fenſter konnte Albert ſehen, was draußen vorging. Das äußere Leben iſt den jungen Leuten ſo ſehr Bedürfniß, daß ſie die ganze Welt an ihrem Horizonte vorübergehen laſſen möchten, und wäre dieſer Hori⸗ zont nur der der Straße. Wenn Alberts angeſtellte Beobachtungen ihn zu einer genaueren Nachforſchung veranlaßten, konnte er, um dieſelbe anzuſtellen, durch eine kleine, der neben der Loge des Portiers ähnlichen Thüre, über welche wir noch Einiges ſagen müſſen, das Haus verlaſſen. Man hätte von dieſer kleinen Thüre glauben mögen, ſie ſei vergeſſen worden, ſeit dem Tage, wo das Haus fertig geworden war, und ſei für immer zur Vergeſſenheit verdammt, ſo beſtaubt und unſcheinbar ſah ſie aus; doch deutete ihr ſorgfältig geöltes Schloß und Angeln auf häufige und geheime Benutzung. Dieſe kleine, unſcheinbare Thüre concurrirte mit den beiden anderen, und ſpottete des Portiers, deſſen Wachſamkeit und Gerechtſame ſie ent⸗ ging, wenn ſie, wie die bezauberte Pforte von Ali⸗Baba'’s Soſam, in Tauſend und einer Naocht, ſich einigen cabbaliſtiſchen Worten der ſanfteſten Stimmen, oder dem leiſen Kratzen der zarteſten, nied⸗ lichſten Finger der Welt leiſe öffnete. Am Ende eines breiten Corridors, zu welchem die beſagte Thüre führte, und welcher zugleich ein Vorzimmer bildete, befand ſich rechts der Speiſeſaal Alberts, deſſen Fenſter nach dem Hofe, und links ſein kleiner Salon, deſſen Fenſter nach dem Garten gingen. Dichte Baumgruppen und ſächerartig um die Fenſter ge⸗ zogene Schlinggewächſe verbargen dem Hofe und Garten das In⸗ nere dieſer beiden Gemächer, der einzigen des Erdgeſchoſſes, die ſo gelegen waren, daß ebenfalls neugierige Blicke ſie hätten durch⸗ dringen können. Im erſten Stockwerke waren dieſelben Räume noch durch ein drittes über dem Vorzimmer gelegenes vermehrt und bildeten einen Salon, ein Schlafzimmer und ein Boudoir. Der untere Salon war nur eine Art weiter algieriſcher Divan für Raucher. Das Boudoir im erſten Stockwerke ſtand mit dem Schlafzimmer und durch eine geheime Thüre mit der Treppe in Verbindung. Man ſieht, daß es an keiner Vorſichtsmaßregel fehlte. ——— Q—ꝛ—.„.ß.,.ß— Der nahme 0 Pandim, Dahin fl Capricen volſtändit zur Nuſt Staffleie wat die zechthan endlich d endlich v gewidnet Lion der und Schl widmeten Auß aus der japaniſch von Ver Heinrich hatten, d lichſten S prangte, waren a wenigſten dieſen Fo Inſehen Stoffe n gefärbt dornagor war ſchw götzten, e ſchmücker Seiden⸗ An Roller u 515 Der ganze Raum über dem erſten Stockwerke war durch Weg⸗ nahme aller Wände zu einem großen Atelier umgeſchaffen, einem Pandämonium, welches der Künſtler dem Dandy ſtreitig machte. Dahin flüchteten und dort häuften ſich alle auf einander folgenden Capricen Alberts, die Jagdhörner, die Bäſſe, die Flöten, kurz, ein vollſtändiges Orcheſter, denn Albert hatte einmal, nicht die Neigung zur Muſik, aber den Einfall gehabt, Muſik zu treiben. Da gab es Staffeleien, Paletten, Farben, denn der Phantaſie für die Muſik war die für die Malerei gefolgt. Ferner gab es da Rappiere, Fechthandſchuhe, Stoßdegen und Röhre aller Art, denn Albert war endlich dahin gekommen, ſich, wie alle junge Modeherren, mit un⸗ endlich viel mehr Beharrlichkeit, als er der Muſik und der Malerei gewidmet hatte, auf die drei Hauptkünſte zu legen, welche einem Lion der Gegenwart nicht fehlen dürfen, nämlich Fechten, Boxen und Schlagen, und er empfing in dieſem, allen Leibesübungen ge⸗ widmetem Raume, wechſelsweiſe Griſier, Coocks und Charles Lecour. Außerdem enthielt dieſes bevorzugte Gemach noch alte Truhen aus der Zeit Franz I., Schränke voll chineſiſchen Porzellans, japaniſcher Vaſen, Fayencen von Lucca de la Robbia und Schüſſeln von Bernard de Palliſſy; antike Fauteuils, auf denen vielleicht Heinrich der IV. oder Sully, Ludwig XIII. oder Richelieu geſeſſen hatten, denn zwei von dieſen Fauteuils, deren Rücklehne vom künſt⸗ lichſten Schnitzwerke ein Wappen, von der Königskrone überragt, prangte, in deſſen azurnem Felde die drei Lilien Frankreichs glänzten, waren auf jeden Fall aus der Meuble⸗Kammer des Louvre, oder wenigſtens eines der königlichen Schlöſſer hervorgegangen. Auf dieſen Fauteuils, die, mit dunklen Stoffen bezogen, ein ſo ernſtes Anſehen hatten, lagen bunt durch einander geworfen, die reichſten Stoffe mit den lebhafteſten Farben, die unter perſiſchem Himmel gefärbt und unter den Fingern der Frauen von Calcutta und Chan⸗ dornagore hervorgegangen waren. Was dieſe Stoffe hier ſollten, war ſchwer zu beſtimmen; ſie erwarteten, indem ſie das Auge er⸗ götzten, eine, ſelbſt ihrem Eigenthümer unbekannte Beſtimmung, und ſchmückten einſtweilen das Gemach mit dem Widerſcheine ihres Seiden⸗ und goldigen Glanzes. An der in die Augen fallendſten Stelle ſtand ein Piano von Roller und Blanchet, ein Piano von Roſenholz nach dem Zuſchnitte .. 33* 516. jungen Tiſe unſerer lilliputiſchen Salons, welches indeſſen doch in ſeiner engen, der Alb klangreichen Höhlung ein ganzes Orcheſter barg und unter der Laſt zetſelben der Meiſterwerke von Beethoven, Weber, Mozart, Haydn, Gretry, de nit Porpora ſeufzte. und g. An den Wänden, über den Thüren, am Plafond ſogar, be⸗!5 fanden ſich Degen, Dolche, Cricks(malayiſche Dolche), Streit⸗Kolben,— anm Beile, vollſtändige, vergoldete, damascirte, ausgelegte Rüſtungen; Al 90 auf Tiſchen lagen Herbarien, Mineralien, ausgeſtopfte Vögel, die 7L ihre feuerfarbenen Flügel zu einem unbeweglichen Fluge entfaltet ijrar d 4 und ihre Schnäbel geöffnet hatten, um ſie nie wieder zu ſchließen. Man begreift ohne Verſicherung, daß dieſes Gemach der Lieb⸗ ihr ſe lingsaufenthalt Alberts war. mit 3 Am Tage des Rendezous hatte indeſſen der junge Mann in bagn . Demi⸗Toilette ſein Hauptquartier in dem kleinen Salon des Erd⸗ vof, d geſchoſſes aufgeſchlagen. Daſelbſt befanden ſich auf einem, von auud einem weichen, breiten Divane umgebenen Tiſche, alle bekannten— Tabake, von dem gelben Petersburger Tabake an, bis zu dem werde: 4 ſchwarzen Tabake vom Sinai, in den von den Holländern ſehr ver⸗ 8 4 ¹ ehrten bunten Fayence⸗Töpfen glänzten der Maryland, Portoriko„ und Latackie. Daneben waren in Käſtchen von wohlriechendem Holze 3 nach ihrer Größe und Oualität, die Puro's, Regalia's, Havanna's Dobran und Manilla's aufgeſtellt; endlich befand ſich in einem offnen Schranke dann eine Sammlung deutſcher Pfeifen, Chibouquen mit Ambraſpitzen, de ic mit Korallen verziert, und türkiſche Pfeifen mit Gold ausgelegt,’ ſ ho eine mit langen Schläuchen von Maroquin, die ſich wie Schlangen wanden, warteten hier der Laune oder Neigung des Rauchers. nicht, Albert ſelbſt hatte die Anordnung der ſymmetriſchen Unordnung ge⸗„ leitet, welche nach dem Kaffee die Gäſte eines modernen Frühſtücks, 2 durch den Dampf, den ſie von ſich blaſen, und der in langen und Menac gekräuſelten Wellenlinien bis zur Decke ſteigt, zu betrachten lieben. die El Ein Viertel vor zehn Uhr kam der Kammerdiener, welcher machen außer einem kleinen Groom, Namens John, der nur engliſch ſprach, 8 die einzige Bedienung Alberts ausmachte. Es verſteht ſich, daß an Divan gewöhnlichen Tagen der Koch des Hotels ihn mit bediente, und nach d daß bei beſonderen Gelegenheiten der Jäger ſeines Vaters zu ſeiner eine Dispoſition ſtand. Parft Germain, der Kammerdiener, der das ganze Vertrauen ſeines engen, retty, , be⸗ folben, ngen; ſll, die ffaltet bließen. t Lieh⸗ ann in 6 Erd⸗ „ von ſlannten iu dem ir ver⸗ ortoriko n Holze vanna's chranke ſpitzen, Igelegt, hlangen zuchers. ng ge⸗ jſtücks, en und lieben. pelcher ſprach, aß an , und ſeiner ſelnes ☛ 517 jungen Gebieters beſaß, brachte ein Packet Journale, die er auf den Tiſch legte, und ein Päckchen Briefe, die er Albert übergab. Albert betrachtete dieſelben zerſtreut und wählte dann zwei derſelben mit feiner Schrift und duftendem Couvert, die er entſiegelte und mit einer gewiſſen Aufmerkſamkeit durchlas. „Wie ſind dieſe Briefe gekommen?“ fragte er. „Der Eine iſt mit der Poſt gekommen, den Andern brachte ein Kammerdiener von Frau von Danglars.“ „Laſſen Sie Frau von Danglars ſagen, daß ich den Platz in ihrer Loge, den ſie mir anbietet, annehme.... Warten Sie doch ... dann werden Sie im Laufe des Tages zu Roſa gehen, und ihr ſagen, ich würde, ihrer Einladung zu Folge, nach der Oper mit ihr ſoupiren, und bringen Sie ihr ſechs Flaſchen der auser⸗ leſenſten Weine von Cypern, Xeres, Malaga und ein Fäßchen Auſtern von Oſtende... nehmen Sie die Auſtern von Borel, und ſagen Sie ausdrücklich, daß ſie für mich ſind.“ „Zu welcher Zeit befehlen der gnädige Herr, daß angerichtet werde?“ „Welche Uhr iſt es* „Neun drei Viertel.“ „Nun wohl, laſſen Sie genau um halb elf Uhr anrichten. Dobray wird vielleicht nach dem Miniſterium müſſen.... Und dann..(Albert ſah in ſein Notizbuch) das iſt ja die Stunde, die ich dem Grafen beſtimmt habe, den erſten Juni um zehn und ein halb Uhr Morgens, und obgleich ich nicht viel Gewicht auf ſeine Zuſage lege, will ich doch pünktlich ſein. Apropos, wiſſen Sie nicht, ob die Frau Gräfin ſchon aufgeſtanden iſt?“ „Wenn der Herr Vicomte befehlen, werde ich mich erkundigen.“ „Ja... bitten Sie die Frau Gräfin um eine ihrer Liqueur⸗ Menagen, die meine iſt unvollſtändig, und ſagen Sie ihr, daß ich die Ehre haben würde, ihr gegen drei Uhr meine Aufwartung zu machen, und ſie um die Erlaubniß bitte, ihr Jemand vorzuſtellen.“ Der Kammerdiener entfernte ſich. Albert warf ſich auf den Divan, zerriß den Umſchlag von zwei oder drei Journalen, ſah nach den Theateranzeigen, verzog das Geſicht, als er fand, daß nur eine Oper ohne Ballet heute gegeben werde, ſuchte umſonſt in den Parfümerie⸗Anzeigen ein ihm empfohlenes Zahn⸗Opiat und warf 518 nach einander die drei geleſenſten Journale von Paris fort, wobei er endlos gähnend murmelte: „Wahrhaftig, die Journale werden alle Tage langweiliger.“ In dieſem Augenblicke hielt ein leichter Wagen vor der Pforte, und einen Augenblick darauf meldete der Kammerdiener Herrn Lucien Dobray. Ein großer, blonder, blaſſer, junger Mann mit grauem Auge, ſicherm Blick, dünnen, kalten Lippen, einem blauen Kleide mit ciſelirten goldenen Knöpfen, einer weißen Cravatte, der eine Lorgnette von Perlmutter an einer ſeidenen Schnur trug, die er nach der jetzt beliebten Methode zuweilen in die rechte Bugen⸗ höh e klemmte, trat, ohne zu lächeln, ohne ein Wort zu reden, mit einer Geſchäftsmiene ein. „Guten Morgen, Lucien, guten Morgen!“ ſagte Albert.„Ahl! Sie erſchrecken mich, mein Lieber, mit Ihrer Pünktlichkeit! Was ſage ich? Pünktlichkeit! Sie, den ich zuletzt erwartete, Sie kommen fünf Minuten vor zehn Uhr, obgleich das Rendez⸗vous erſt auf halb elf beſtimmt war; das iſt wunderbar! Sollte das Miniſterium zu⸗ fällig aufgelöſ't ſein?“ „Nein, Beſter,“ erwiderte der junge Mann, ſich es in dem Divan bequem machend;„beruhigen Sie ſich, wir wanken immer, aber fallen niemals, und ich fange an zu glauben, daß wir nach und nach zur Unentſetzbarkeit gelangen, nicht gerechnet, daß die An⸗ gelegenheiten der Halbinſel uns vollends conſolidiren werden.“ „Ahl ja, es iſt wahr, Sie verjagen Don Carlos aus Spanien.“ „Nicht ganz, Beſter; verwirren wir uns nicht; wir führen ihn von der andern Seite über die franzöſiſche Grenze und gewähren ihm königliche Gaſtfreundſchaft in Bourges.“ „In Bourges?“ „Ja, er hat ſich nicht zu beklagen, zum Teufel! Bourges iſt die Reſidenzſtadt des Königs Carl VII. Wie, das wußten Sie nicht? Es iſt ſeit geſtern in ganz Paris bekannt, und vorgeſtern verlautete die Sache ſchon auf der Börſe, denn Herr Danglars(ich weiß nicht, durch welche Quelle dieſer Mann die Nachrichten eben ſo früh weiß), Herr Dänglars alſo hat in Fonds ſpeculirt, und zabei eine Million gewonnen.“ „Und Sie ein neues Band, wie es ſcheint; denn ich ſehe einen neuen blauen Streifen auf Ihrem Ordenshalter.“ Aler Türke loſen Bisq Pfort, Herrn n mit blauen te, der 8, die ugen⸗ en, mit „Ahl Was ommen f halb i zu⸗ in dem jmmer, r nach ie An⸗ 4 nien.“ en ihn ähren ſes iſt Sie eſtern (ich eben und einen .*1g „Hml ſie haben mir den Stern Carl III. geſchickt,“ antwortete Dobray leichthin. „Eil ſpielen Sie doch nicht den Gleichgiltigen, ſondern geſtehen Sie, daß es Ihnen Freude machte.“ „Meiner Treu, ja, ein Stern macht ſich als Vervollſtändigung der Toilette nicht übel auf einem feinen, ſchwarzen Rocke; iſt elegant.“ „Urd,“ fügte Morcerf lächelnd hinzu,„man ſieht aus wie der Prinz von Wales, oder der Herzog von Reichſtadt.“ „Darum alſo, Beſter, ſehen Sie mich ſo früh.“ „Weil Sie den Stern Carl III. erhalten haben, und mir dieſe angenehme Neuügkeit mittheilen wollten?“ „Nein; weil ich die ganze Nacht mit Expediren von Briefen zugebracht habe: fünfundzwanzig diplomatiſche Depeſchen. Mit Tagesanbruch nach Hauſe gekommen, wollte ich ſchlafen; aber ich bekam Kopfweh, und ſtand wieder auf, um eine Stunde zu reiten. In Boulogne ergriffen mich Hunger und Langeweile, zwei Feinde, die ſelten vereint kommen, ſich aber diesmal gegen mich verbündet hatten; eine Art carlo⸗republikaniſche Allianz; da fiel mir ein, daß heute früh bei Ihnen geſchmauſ't werden ſoll, und da bin ich: ich bin hungrig, ſättigen Sie mich, ich habe Langeweile, amüſiren Sie mich.“ „Das iſt meine Pflicht als Wirth, lieber Freund,“ antwortete Albert, dem Kammerdiener klingelnd, während Lucien mit dem, mit Türkiſen ausgelegten goldenen Knopfe ſeines Spazierſtöckchens die loſen Journale emporſchnellte;„Germain, ein Glas Xeres und ein Bisquit. Vorläufig, mein lieber Lucien, ſind hier Cigarren, Contre⸗ bande, wohl verſtanden; ich fordere Sie auf, dieſelben zu probiren, und Ihrem Miniſter vorzuſchlagen, uns eben ſolche zu verkaufen, ſtatt der Nußblätter, die zu rauchen er den guten Bürgern zumuthet.“ „Peſt! da werde ich mich wohl hüten, denn von dem Augen⸗ blicke, wo Sie dieſelben von der Regierung auf geſetzmäßigem Wege erhielten, würden ſie Ihnen nicht mehr ſchmecken, ſondern von Ihnen abſcheulich gefunden werden. Uebrigens berührt das nicht das Innere, ſondern die Finanzen. Wenden Sie ſich an Herrn Humann, Section der indirecten Steuern, Corridor A., Nr. 26.“ „Wahrlich,“ ſagte Albert,„Sie ſetzen mich durch Ihr ausge⸗ preitetes Wiſſen in Er ſtaunen. Aber nehmen Sie doch eine Cigarre!“ „Ach! lieber Graf,“ ſagte Lucien, eine Manilla an einem roſen⸗ rothen, in einer Wachsſtockkapſel von Vermeil brennenden Wachsſtock anzündend, und ſich im Divan zurücklehnend,„ach! lieber Graf, wie glücklich ſind Sie, nichts zu thun zu haben! Wirklich, Sie kennen Ihr Glück ſelbſt nicht!“ „Und was würden Sie denn thun, mein lieber Friedensſtifter von Königreichen,“ entgegnete Morcerf mit leichter Ironie,„wenn Sie nichts zu thun hätten? Wie! Geheimſecretair eines Miniſters, zu gleicher Zeit in die große europäiſche Cabale und in die kleinen Intriguen von Paris verwickelt; Beſchützer von Königen, und was mehr ſagen will, von Königinnen, Parteien zu vereinigen und Wahlen zu leiten habend, richten Sie in Ihrem Cabinet mit Ihrer Feder mehr aus, als Napoleon auf ſeinen Schlachtfeldern mit ſeinem Degen und ſeinen Siegen ausrichtete. Sie beſitzen außer dem, was Ihre Stelle einbringt, eine Einnahme von 25,000 Livres Renten, ein Pferd, für welches Chateau⸗Renaud Ihnen vierhundert Louis geboten hat und wofür es Ihnen nicht feil war, Sie haben einen Schneider, der Ihnen nie einen Pantalon verpfuſcht, einen Platz in der Oper, im Jokey⸗Clubb, im Theater des Variétés und das Alles reicht nicht hin, Sie zu zerſtreuen? Nun denn! es ſei, ich will Sie zerſtreuen.“ „Und wie ſo?“ de. „Indem ich Ihnen eine neue Bekanntſchaft verſchaffe.“ iunde⸗ „Mit einem Herrn oder einer Dame?“ de 3 „Mit einem Manne.“ 3 „Ach! deren kenne ich ſchon Viele!“ 19 „Aber Sie kennen noch Keinen wie der iſt, von dem ich e Ihnen ſage.“ hiſ „Woher kommt er denn? vom Ende der Welt?“, „Von noch weiter her vielleicht.“ 1 „Ach! Teufell ich will nicht hoffen, daß er unſer Frühſtück mit⸗ 8 bringt?“ Alert „Nein, ſeien Sie unbeſorgt, unſer Frühſtück kommt aus der See hi mütterlichen Küche. Aber Sie ſind alſo hungrig?“ waiſ „Ja, ich geſtehe es, ſo demüthigend das iſt. Aber ich habe geſtern bei Herrn von Villefort zu Mittag gegeſſen, und, haben Sie ich, i das wohl bemerkt, lieber Freund, man ſpeiſ' ſehr ſchlecht bei allen Morg 521 dieſen Leuten vom Gerichtshofe: es iſt Einem immer, als hätten ſie Gewiſſensbiſſe.“ „Aber der Tauſend! ſetzen Sie die Diners Anderer nicht her⸗ ab, bedenken Sie, wie man bei Ihren Miniſtern ißt.“ „Ja, aber wir laden wenigſtens keine Leute von gutem Tone ein; und wenn wir nicht gezwungen wären, Leuten, die gut denken und beſonders gut ſtimmen, die Honneurs an unſerer Tafel zu machen, ſo würden wir uns wohl hüten, bei uns zu ſpeiſen, das bitte ich Sie zu glauben.“ „Nun, mein Lieber, trinken Sie noch ein Glas Xeres und nehmen Sie noch ein Bisquit.“ „Gern, Ihr ſpaniſcher Wein iſt vortrefflich; da ſehen Sie, wie ſehr wir Recht haben, dieſes Land in Ruhe zu erhalten.“ „Ja, aber Don Carlos?“ „Nein! Don Carlos wird Bordeauxwein trinken, und in zehn Jahren werden wir ſeinen Sohn mit der kleinen Königin vermählen.“ „Was Ihnen das goldene Vließ einbringen wird, wenn Sie dann noch im Miniſterium ſind.“ „Ich glaube, Albert, daß Sie heute die Abſicht haben, mich mit glänzenden Hoffnungen zu bewirthen.“ „Ei! das kitzelt den Magen am beſten, das müſſen Sie zu⸗ geben; aber, ſehen Sie, da höre ich Beauchamps Stimme im Vor⸗ zimmer, Sie werden mit einander disputiren, darüber wird Ihnen die Zeit vergehen.“ „Und worüber würden wir disputiren?“ „Ueber die Journale.“ „Ach! lieber Freund,“ ſagte Lucien mit erhabener Verachtung, „denken Sie, daß ich die Journale leſe?“ „Nun ein Grund mehr zum Disputiren.“ „Herr Beauchamp!“ meldete der Kammerdiener. „Kommen Sie, kommen Siel furchtbarer Scribent!“ ſprach Albert aufſtehend und dem jungen Manne entgegengehend;„ſehen Sie hier Dobray, der Sie verabſcheut, ohne Sie zu leſen, wie er Wenigſtens behauptet.“ „Da hat er Recht,“ erwiderte Beauchamp,„er macht es wie ich, indem ich ihn kritiſire, ohne zu wiſſen, was er thut. Guten Morgen, Commandeur.“ 522 „Ah! Sie wiſſen das ſchon!“ verſetzte der Geheimſecretair, mit dem Journaliſten einen Händedruck und ein Lächeln wechſelnd. „Bei Gott!“ erwiderte Beauchamp. „Und was ſagt man davon in der Welt?“ „In welcher Welt? Wir haben viele Welten im Jahre der Gnade 1838.“ „Eil in der kritico⸗politiſchen, zu deren Lions Sie gehören.“ „Nun, man ſagt, daß es ſehr gerecht iſt und daß Sie genug roth ſäen, als daß nicht etwas blau aufgehen ſollte.*)“ „Ei! nicht üle“,“ meinte Lucien,„warum ſind Sie nicht der Unſere, mein lieber Beauchamp, mit Ihrem Geiſte würden Sie in drei bis vier Jahren Jer Glück gemacht haben.“ „Auch erwarte ich nyr eine Sache, um hrem Rathe zu folgen. Das iſt ein Miniſterim das nur auf ſechs Monate geſichert iſt. Jetzt ein Wort, mein Peber Albert, ich muß ohnehin den armen Lucien zu Athem komenen laſſen. Werden wir frühſtücken oder zu Mittag eſſen? Ich muß in die Kammer. Sie ſehen, auch wir liegen nicht auf Roſen.“ „Wir werden frühſtücken; wir erwarten nur noch zwei Perſonen und ſetzen uns zu Tiſch, ſobald ſie angekommen ſind.“ 1 „Und welche Art Menſchen erwarten Sie noch zum Frühſtück?“ fragte Beauchamp. „Einen Edelmann und einen Diplomaten,“ entgegnete Albert. „Dann iſt es eine Sache von zwei kleinen Stunden für den Edelmann, und von zwei großen Stunden für den Diplomaten. Ich werde zum Nachtiſch wiederkommen. Heben Sie mir Erdbeeren, Kaffee und Cigarren auf. Ich werde eine Cotelette auf der Kammer eſſen.“ „Thun Sie das nicht, Beauchamp, denn, wäre der Edelmann auch ein Montmorency, der Diplomat ein Metternich, wir frühſtücken ſpäteſtens um halb elf Uhr; vorläufig machen Sie es wie Dobray⸗ koſten Sie meinen Xeres und mein Bisquit.“ „So ſei es denn, ich bleibe. Ich muß mich durchaus dieſen Morgen zerſtreuen.“ „Gut, gerade wie Dobray! Ich dächte indeß, wenn das Mini⸗ ſterium traurig iſt, müßte die Oppoſition luſtig ſein!“ *) Beziehung auf die Farbe des Ordensbandes.— daß die Morger Chroni Dangl Beredt zu Sta ihn zun ihm n Degen Mesal ine J Morce 9 oder e „und nicht auf di dir, mit nd. hre der bren, 4 genug ſcht der Sie in folgen. pert iſt armen der zu tliegen erſonen ſück?⸗ Albert. ür den n. Ich beeren, ammer mann tücken bray dieſen Mini⸗ „Ach! ſehen Sie, lieber Freund, Sie wiſſen nicht, was mich bedroht. Ich muß dieſen Morgen in der Deputirtenkammer eine Rede des Herrn Danglars, und dieſen Abend in dem Salon ſeiner Frau die Tragödie eines Pairs von Frankreich anhören. Der Teufel hole die conſtitutionelle Regierung! und da wir die Wahl hatten, wie man ſagt, wie haben wir dieſe wählen können?“ „Ja nun begreife ich, daß Sie Urſache haben, Heiterkeit zu ſammeln.“ „Tadeln Sie doch nicht die Reden des Herrn Danglars, ſprach Lucien:„er ſtimmt für Sie, er iſt von der Oppoſition.“ „Ja, zum Teufel! das iſt eben das Unglück, auch warte ich mit Schmerzen, daß ſie ihn nach dem Luxemburg ſchicken, um ganz nach Herzensluſt über ihn lachen zu können.“ „Mein Lieber,“ ſagte Albert zu Beauchamp,„man ſieht wohl, daß die ſpaniſchen Angelegenheiten in Ordnung ſind, Sie ſind heute Morgen beſonders ſcharf. Erinnern Sie ſich, daß die Pariſer Chronik von einer Heirath zwiſchen mir und Fräulein Eugenie Danglars ſpricht. Ich kann Sie alſo nicht mit gutem Gewiſſen die Beredtſamkeit eines Mannes tadeln laſſen, der eines Tages zu mir ſagen ſoll:„Mein Herr Vicomte, Sie wiſſen, daß ich meiner Tochter zwei Millionen mitgebe.“ „Immerhin!“ ſprach Beauchamp,„dieſe Heirath wird niemals zu Stande kommen, der König kann ihn zum Pair machen, wie er ihn zum Baron gemacht hat, aber nie kann er einen Edelmann aus ihm machen, und der Graf von Morcerf iſt ein zu ariſtokratiſcher Degen, als daß er um zwei lumpiger Millionen willen eine ſolche Mesalliance zugeben könnte. Der Vicomte von Morcerf darf nur eine Marquiſe heirathen.“ „Zwei Millionen! Das iſt indeſſen doch nicht übel,“ meinte Morcerf. „Es iſt das ſociale Capital eines Theaters vom Boulevard, oder einer Eiſenbahn vom jardin des plantes nach der Rapée. „Laſſen Sie ihn reden, Morcerf,“ fiel Dobray nachläſſig ein, „und heirathen Sie. Sie heirathen die Signatur eines Geldſackes, nicht wahr! Nun wohl! was machen Sie ſich daraus! Beſſer, daß auf dieſer Signatur ein Wappen weniger und eine Null mehr ſteht: 523 —— — — —— —-— —— —— — 524 =2=— Sie haben ſieben Merletten*) in Ihrem Wappen, davon geben Sie Ihrer Frau drei, dann behalten Sie deren immer noch vier. Das iſt eine mehr als der Herzog von Guiſe hatte, der beinahe König von Frankreich geworden wäre, und deſſen Vetter römiſcher Kaiſer war.“ „Meiner Treu, ich glaube, Sie haben Recht, Lucien,“ ant⸗ wortete Albert zerſtreut. „Gewiß! übrigens iſt jeder Millionär edel wie ein Baſtard, das heißt er kann es ſein.“ „Pſt! Sagen Sie das nicht, Dobray,“ ſiel Beauchamp lachend ein,„denn hier iſt Chateau⸗Renaud, der, um Sie von Ihrer Manie zu paradoxiren zu heilen, Ihnen das Schwert Renaud von Mon⸗ taubau's, ſeines Ahnherrn, durch den Leib rennen wird.“ „Da würde er ſeines Adels verluſtig gehen,“ wandte Lucien ein,„denn ich bin gemein, und zwar ſehr gemein.“ „Köſtlich!“ rief Beauchamp,„das Miniſterium ſingt Berangers Lieder, o mein Gott, wohin kommt es noch mit uns!“ „Herr von Chateau⸗Nenaud! Herr Maximilian Morrel!“ meldete der Kammerdiener. „Vollſtändig alſo!“ ſagte Beauchamp,„wir werden endlich früh⸗ ſtücken; denn, wenn ich nicht irre, erwarteten Sie nur noch zwei Perſonen, Albert?“ „Morrel!“ murmelte Albert überraſcht;„Morrel! wer iſt das!“ Aber ehe er noch geendigt, hatte Herr von Chateau⸗Renaud, ein ſchöner, junger Mann von dreißig Jahren, Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, das heißt, mit dem Geſicht eines Guiche und dem Geiſte eines Mortemart, ſeine Hand ergriffen. „Erlauben Sie mir, mein Lieber,“ ſagte er,„Ihnen den Herrn Capitain der Spahis, Maximilian Morrel, meinen Freund, ja noch mehr, meinen Retter, vorzuſtellen. Uebrigens empfiehlt der Mann ſich am beſten ſelbſt. Begrüßen Sie meinen Helden, Vicomte.“ Und er trat zur Seite, um der großen und edeln Geſtalt des jungen Mannes Platz zu machen, mit dem durchdringenden Auge und ſchwarzen Schnurrbarte, den unſere Leſer ſich erinnern werden, bei einer ſo dramatiſchen Begebenheit, daß ſie dieſelbe vielleicht nicht vergeſſen haben, in Marſeille geſehen zu haben. Eine reiche, *) In der Heraldik, Vögel ohne Füſe und ohne Schnabel. ſo ein 1* Morre Renau 1 ſterbe zühlen uns zu ezühl über früh⸗ h zwei das!“ enaud, vom Guiche Herrn noch Mann 2 t des Auge den, leicht eiche, — 52⁵ halb franzöſiſche, halb orientaliſche Uniform, die er bewunderungs⸗ würdig trug, hob ſeine breite, mit dem Orden der Ehrenlegion geſchmückte Bruſt und ſeine ganze kräftige Geſtalt hervor. Der junge Offizier verneigte ſich mit der feinſten Höflichkeit, welche durch ein Durchleuchten von Biederkeit unwiderſtehlich wurde; Morrel war kräftig und darum männlich anmuthig in jeder ſeiner Bewegungen. „Mein Herr,“ ſagte Albert mit herzlicher Freundlichkeit,„der Herr Baron von Chateau⸗Renaud wußte vorher, wie ſehr es mich erfreuen würde, Ihre Bekanntſchaft zu machen; ſeien Sie unſer Freund, wie Sie der ſeinige ſind.“ „Sehr ſchön,“ ſprach Chateau⸗Renaud,„und wünſchen Sie, mein lieber Vicomte, daß er im vorkommenden Falle für Sie thun möge, was er für mich gethan hat.“ „Und was hat er denn gethan?“ fragte Albert. „O!“ fiel Morrel ein,„es lohnt nicht der Mühe, davon zu reden, der Herr Baron übertreibt.“ „Wie?“ rief Chateau⸗Renaud,„es lohnt nicht der Mühe, da⸗ von zu reden? Das Leben lohnt nicht der Mühe, daß man davon ſpricht?.... Wahrhaftig, das iſt zu philoſophiſch, was Sie da ſagen, mein lieber Herr Morrel.... Es mag gelten für Sie, der Sie Ihr Leben täglich ausſetzen... aber für mich, der ich es nur ſo einmal aus Zufall ausſetze“.. „Man ſieht aus Allem, was Sie da ſagen, Baron, daß Herr Morrel Ihnen das Leben gerettet hat.“ „Ol mein Gott! ja, und das rechtſchaffen,“ erwiderte Chateau⸗ Renaud. „Und bei welcher Gelegenheit?“ fragte Beauchamp. „Beauchamp, mein Freund, Sie wiſſen, daß ich vor Hunger ſterbe,“ ſagte Dobray,„laſſen Sie nicht gar noch Geſchichten er⸗ zählen.“ „Ei! ich verhindere ja nicht,“ erwiderte Beauchamp,„daß wir uns zu Tiſche ſetzen... Chateau⸗Renaud wird uns das beim Eſſen erzählen.“ „Meine Herren,“ erinnerte Morcerf,„es iſt erſt ein Viertel über zehn Uhr, und Sie wiſſen, daß wir noch einen Gaſt erwarten.“ „Ach! es iſt ja wahr, einen Diplomaten,“ entgegnete Dobray. —— 4 ¹ 526 „Diplomat, oder ſonſt etwas... ich weiß es nicht; was ich weiß, iſt, daß ich für meine Perſon ihn mit einer Bot ſchaft beauftragt habe, die er ſo zu meiner Zufriedenheit ausgerichtet hat, daß ich, wenn ich König geweſen wäre, ihn zum Ri gemacht haben würde, und hätte ich das Hoſenbandorden zugleich zu vergeben gehabt.“ itter aller meiner Orden goldene Vließ und den „Nun, wenn wir uns noch nicht zu Tiſche ſetzen,“ rieth Dobray, „ſo ſchenken Sie ſich ein Glas Xeres ein, und erzählen Sie, Baron.“ „Sie wiſſen Alle, daß ich den Einfall bekam, nach Afrika zu gehen.“ wie wir gethan haben, „Ein Weg, den Ihre Vorfahren Ihnen vorgezeichnet haben,“ antwortete Albert verbindlich. „Ja, aber es geſchah nicht wie ſie, um das Grab Chriſti zu befreien,“ ſpöttelte Beauchamp. „Sie haben Recht, Beauchamp,“ erwiderte der junge Ariſtokrat, „es geſchah nur, um meine Liebhaberei zum Piſtolenſchießen zu be⸗ friedigen. Das Duell widerſte ht mir, wie Sie wiſſen, ſeit zwei Zeugen, die ich gewählt hatte, mich gezwungen haben, einem meiner beſten Freunde den Arm zu zerſchmettern... Ach! Teufel! dem armen Franz von Epinay, den Sie Alle kennen.“ „Ach ja! es iſt wahr,“ ſagte Dobray,„Sie haben ſich damals geſchlagen... worüber?“ „Der Teufel hole mich, wenn ich mich darauf beſinne!⸗ ſagte Chateau⸗Renaud: „weſſen ich mich aber vollkommen erinnere, iſt, daß ich, mich ſchämend, ein Talent, wie das meinige, ruhen zu laſſen, die neuen Piſtolen, die ich geſchenkt erhalten hatte, an den Arabern Folglich ſchiffte ich mich nach Oran ein; von Oran kom ich nach Conſtantine und zwar gerade zu rechter Zeit, um die Belagerung aufheben zu ſehen. Ich begab mich auf den Rückzug Achtundvierzig Stunden lang ertrug ich ſtandhaft am Tage den Regen, in der Nacht den Schnee, endlich, am dritten Morgen ſtarb mein Pferd vor Kälte. Armes Thier! Gewöhnt an die Decken und den Ofen des Stalles... ein arabiſches Pferd, fühlte es ſich in der Fremde, als es in Arabien zehn Grad Kälte verſuchen wollte. wie die Andern. empfand.“ „Darum alſo wollten Sie meinen Engländer kaufen,“ meinte ſch die retten, mal rei Statue „Jc hin der derbar ſteht, di „kurz, i dem er der Käl heilige Hunger, E N Ayetit 3 i Dobran 52 Dobray;„Sie ſetzten voraus, daß er die Kälte beſſer werde ertrager können, als Ihr Araber.“⸗ „Sie irren ſich, denn ich habe das Gelübde gethan, nicht nach Afrika zurückzukehren.“ „Sie fürchten ſich alſo?“ fragte Beauchamp. 4 „Meiner Treu, jal ich geſtehe es,“ antwortete Chateau⸗Renaud, „und ich hatte Urſache dazu! Mein Pferd war alſo todtl ich ſetzte meinen Rückzug zu Fuß fort, ſechs Araber kamen angallopirt, um mir den Kopf abzuſäbeln, zwei davon ſtreckte ich mit meiner Doppel⸗ flinte nieder, zwei mit meinen Piſtolen: aber es blieben noch zwei, und ich war ohne Waffen. Der Eine ergriff mich an den Haaren, darum trage ich ſie jetzt kurz, denn man weiß doch nicht, was einem begegnen kann, der Andere ſchwang mir ſeinen Natagan um den Hals, und ich fühlte ſchon die kalte Spitze des Eiſens, als dieſer Herr hier auf ſie anlegte und den, welcher mich bei den Haaren hielt, durch einen Piſtolenſchuß, und darauf den, der mir den Kopf abſchneiden wollte, mit einem Säbelhiebe tödtete. Der Herr hatte ſich die Aufgabe geſtellt, an jenem Tage Jemandem das Leben zu retten, der Zufall wollte, daß ich der Glückliche war; wenn ich ein⸗ mal reich werde, laſſe ich von Klagmann oder Marochetti eine Statue des Zufalls machen.“ „Ja,“ ſagte Morrel lächelnd,„es war der 5. September, mit⸗ hin der Jahrestag eines Tages, an welchem mein Vater einſt wun⸗ derbar gerettet wurde: auch feire ich, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, dieſen Tag jedes Jahr durch irgend eine“.... „Heldenthat, nicht wahr?“ unterbrach ihn Chateau⸗Renaud; „kurz, ich war der Auserwählte, aber das iſt noch nicht Alles. Nach⸗ dem er mich von dem Eiſen gerettet hatte, rettete er mich von der Kälte, indem er mir, nicht die Hälfte ſeines Mantels wie der heilige Martin, ſondern den ganzen Mantel gab, und von dem Hunger, indem er, rathen Sie was? mit mir theilte?“ „Eine Paſtete von Felix?“ fragte Beauchamp. „Nein, ſein Pferd, wovon wir Jeder ein Stück mit großem Appetit verzehrten; das war hart.“ „Das Pferd?“ fragte Morcerf lachend. „Nein, das Opfer,“ entgegnete Chateau⸗Renaud.„Fragen Sie Dobray, ob er ſeinen Engländer für einen Fremden opfern würde?“ 4 C——— — 528 „Für einen Fremden, nein,“ erwiderte Dobray,„aber für einen Freund vielleicht.“ „Ich errieth, daß Sie der meinige werden würden, Herr Baron,“ ſagte Morrel;„übrigens hatte ich ſchon die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß ich, mochte es Heldenmuth und Aufopferung ſein oder nicht, an dieſem Tage dem böſen Geſchicke eine Gabe bieten mußte, zur Be⸗ lohnung der Gunſt, die uns das gute dereinn gewährt hatte.“ „Dieſe Geſchichte, auf welche Herr Morrel anſpielt, iſt eine höchſt wunderbare,“ fuhr Chateau Renaud fort,„die er Ihnen eines Tages erzählen wird, wenn Sie genauer mit einander bekannt ſein werden; für heute laſſen Sie uns den Magen und nicht das Ge⸗ dächtniß verſorgen. Um welche Stunde frühſtücken wir, Albert?“ „Um halb eilf Uhr.“ „Genau?“ fragte Dobray, ſeine Uhr hervorziehend. „O, die fünf Minuten der Gnade werden Sie mir doch ge⸗ währen,“ ſagte Morcerf,„denn auch ich erwarte einen Retter.“ „Weſſen?“ „Meiner,“ antwortete Albent.„Potztauſend! meinen Sie denn, daß man mich nicht retten könne, wie einen Andern, und daß nur Araber Köpfe abſchneiden? Unſer Frühſtück iſt ein philanthropiſches, und wir werden an unſerm Tiſche, ſo hoffe ich wenigſtens, zwei Wohlthäter der Menſchheit haben.“ „Aber wie helfen wir uns,“ wendete Dobray ein,„wir haben nur einen Preis Monthyon.“ „Nun gut! wir geben ihn Einem, der nichts gethan hat, um ihn zu verdienen,“ antwortete Beauchamp.„So zieht ſich die Academie gewöhnlich aus der Verlegenheit.“ „Und woher kommt er?“ fragte Dobray;„verzeihen Sie meine Hartnäckigkeit; Sie haben mir, ich weiß es wohl, dieſe Frage ſchon beantwortet, aber ſo unbeſtimmt, daß ich mir erlaube, ſie zu wieder⸗ holen.“ „Wirklich, ich weiß es nicht; als ich ihn vor zwei Monaten einlud, war er in Rom, aber, wer kann wiſſen, welchen Weg er ſeitdem gemacht hat!“ „Und trauen Sie ihm zu, daß er pünktlich ſein wird?“ fragte Dobray. „Ich traue ihm Alles zu,“ antwortete Morcerf. 1 Kammer 7 8 „2 5 genomn „E „3 bewunde funden. Ihr Ko Oſtende der Fra ſetzen w genug, ſo fabe vom⸗A fangen man di u- ergänzt bekam odf Lö ſechsund ich ſel und Nranz einen Phaton,, ſagen, dt, an ur Be⸗ . ſt eine eines funt ſein s Ge⸗ beite” ie denn, daß nur piſches, 8, zwei rhaben ghat, um ſich die e meine ge ſchon wieder⸗ Nonaten Weg er fragte 529 „Bedenken Sie, daß wir mit den fünf Minuten der Gnade nur noch zehn Minuten haben.“ „Gutl ich werde ſie benutzen, um Ihnen ein paar Worte über meinen Gaſt zu ſagen.“ „Verzeihung,“ unterbrach ihn Beauchamp,„giebt das, was Sie uns erzählen wollen, Stoff für ein Feuilleton?“ „Ja, gewiß und zu dem merkoürdigſten,“ antwortete Morcerf. „Nun, dann reden Sie, denn ich ſehe ſchon, ich werde die Kammer verſäumen, und ich muß mich zu entſchädigen ſuchen.“ „Ich war während des letzten Carnevals in Rom.“ „Das wiſſen wir,“ fiel Beauchamp ein. „Ja, aber Sie wiſſen nicht, daß ich von den Räubern gefangen genommen wurde.“ „Es giebt dort keine Räuber,“ meinte Dobray. „Wohl giebt es ihrer, und ſogar recht abſcheuliche, das heißt bewunderungswürdige, denn ich habe ſie furchterregend ſchön ge⸗ funden.“ „Seien Sie aufrichtig, mein lieber Albert, geſtehen Sie, daß Ihr Koch ſich verſpätet hat, daß die Auſtern von Marennes oder Oſtende nicht angekommen ſind, und daß Sie, nach dem Beiſpiele der Frau von Maintenon, die Schüſſel durch eine Erzählung er⸗ ſetzen wollen. Sagen Sie es aufrichtig, mein Lieber, wir ſind billig genug, um es Ihnen zu verzeihen und Ihre Geſchichte anzuhören, ſo fabelhaft ſie auch zu werden verſpricht.“ „Und ich ſage Ihnen: ſo fabelhaft ſie ſcheint, iſt ſie doch wahr vom Anfange bis zum Ende. Die Räuber hatten mich alſo ge⸗ fangen genommen und an einen ſehr traurigen Ort geſchleppt, den man die Katakomben von St. Sebaſtian nennt.“ „Ich kenne das, ich habe mir dort beinahe das Fieber geholt,“ ergänzte Chateau⸗Renaud. „Und ich habe es beſſer gemacht,“ ſagte Morcerf,„denn ich bekam es wirklich. Man hatte mir angekündigt, daß ich Ge angener auf Löſegeld ſei, eine Lumperei von viertauſend römiſchen Thalern, ſechsundzwanzigtauſend Livres Tournois. Unglücklicherweiſe hatte ich ſelbſt nur noch fünfzehnhundert; ich war am Ziele meiner Reiſe, und mein Credit erſchöpft. Ich ſchrieb an Franz. Und bei Gott! Franz war bei der Hand, und Sie können ihn fragen, ob ich ein Der Graf von Monte⸗Chriſto. 34 — ꝗͦ— — — — 530 . iſto Komma zuſetze; ich ſchrieb alſo an Franz, daß, wenn er nicht um in ſechs Uhr Morgens mit den viertauſend Thalern da ſei, ich um indiſch ſechs Uhr zehn Minuten die Zahl der hochgeprieſenen Heiligen und l 9 der glorreichen Märtyrer, in deren Geſellſchaft ich die Ehre hatte, duſ mich zu befinden, vermehren würde, und Herr Luigi Vampa, ſo 8 6 hieß mein Räuberhauptmann, hätte, das bitte ich Sie zu glauben, 5 gewiſſenhaft Wort gehalten.“ 2 6 „Aber Franz kam mit den viertauſend Thalern an,“ ſagte g Chateau⸗Renaud.„Teufel! wer Franz von Epinay, oder Albert 2 von Morcerf heißt, den ſetzen viertauſend Thaler nicht in Ver⸗ 15 1 legenheit!“ u. „Nein, er kam nur einfach in Begleitung des Gaſtes, den ich 44 Ihnen ankündigte und den ich Ihnen vorzuſtellen hoffe.“ 2 „Ah, ſo! er iſt alſo ein Hercules, der Cacus tödtete, oder ein 6 Perſeus, der Andromeda befreite?“ „Nein, er iſt ein Mann von meiner Größe und Stärke un⸗ khune geſähr. üt „Bewaffnet bis an die Zähne?“ Fücher „Er hat nicht einmal eine Stricknadel.“ öffnen 7„Aber er unterhandelte wegen Ihres Löſegeldes?“ finden, 5„Er ſagte dem Hauptmanne zwei Worte in's Ohr und ich 4 war frei.“ 5 „Man machte ihm wahrſcheinlich ſogar noch Entſchuldigungen, Er ha ihn gefangen zu haben,“ ſpottete Beauchamp. Sindl „Ganz richtig,“ antwortete Morcerf.. „Ah! wirklich! es war alſo ein zweiter Arioſt, dieſer Mann!“ „Nein, er war ganz einfach der Graf von Monte⸗Chriſto.“ duff: „Das iſt kein Name, Monte⸗Chriſto,“ ſagte Dobray.. „Ich glaube nicht,“ ſagte Chateau⸗Renaud mit der Kaltblütigkeit geſieg eines Mannes, der ſein europäiſches Adelsregiſter an den Finger⸗ un ſpitzen herſagen konnte;„wer hat je von einem Grafen von Monte⸗ 5 Chriſto gehört?“ nei „Er ſtammt vielleicht aus dem heiligen Lande, wo einer ſeiner di Vorfahren den Berg Calvaria beſeſſen hat, wie die Mortmars das todte Meer,“ bemerkte Beauchamp. „Verzeihung, meine Herren,“ ſagte Maximilian,„aber ich ſage glaube, daß ich Sie aus der Verlegenheit ziehen kann: Monte⸗ dt un ich um den und e hatte pa, ſo lauben, 7 ſagte Albert den Wich der ein irke un⸗ und ich gungen, Mann!“ tiſto.“ lütigkeit g Finger⸗ 1Monte⸗ er ſeiner ars das aber ich Monte⸗ 531 Chriſto iſt eine kleine Inſel, von der ich die Seeleute meines Vaters oft habe reden hören; ein Sandkorn mitten im Mittel⸗ ländiſchen Meere, ein Atom in der Unendlichkeit.“ „Gerade ſo iſt es, mein Herr,“ antwortete Albert.„Nun wohl von dieſem Sandkörnchen, von dieſem Atom iſt der, von dem ich Ihnen erzählte, der König und Herr; den Grafentitel mag er in Toscana gekauft haben.“ „Er iſt alſo reich, dieſer Ihr Graf?“ „Meiner Treul ich glaube es.“ „Aber ich dächte, das müßte man ſehen?“ „Da irren Sie ſich, Dobray.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Haben Sie Tauſend und eine Nacht geleſen?“ „Potztauſend! welche Frage!“ „Nun gut! wiſſen Sie denn, ob die Leute, die darin vor⸗ kommen, reich oder arm ſind? ob ihre Waizen⸗ und Gerſtenkörner nicht Rubinen oder Diamanten ſind? Sie ſehen aus wie arme Fiſcher, nicht wahr? Sie behandeln ſie als ſolche, und plötzlich öffnen ſie Ihnen irgend eine geheimnißvolle Höhle, wo Sie Schätze finden, die ganz Indien aufwiegen.“ „Nun?“ „Nun, mein Graf von Monte⸗Chriſto iſt einer jener Fiſcher. Er hat ſelbſt einen Namen, der darauf hindeutet, er nennt ſich Sindbad, den Seefahrer, und beſitzt eine goldgefüllte Höhle.“ „Haben Sie dieſe Höhle geſehen, Morcerf?“ fragte Beauchamp. „Nein, ich nicht, aber Franz. Doch ſtill! in ſeiner Gegenwart darf man nicht davon reden. Er iſt mit verbundenen Augen hinab⸗ geſtiegen und iſt von Stummen bedient worden und von Frauen, gegen die, wie es ihm ſchien, Cleopatra eine Straßendirne war. Doch iſt er hinſichtlich der Frauen ſeiner Sache nicht recht gewiß, weil die Frauen erſt gekommen ſind, nachdem er Hatchis gegeſſen hatte, ſo daß es ſein kann, daß, was er für lebende Frauen hielt, nur vier Statuen waren, die ſich in der Höhle befanden.“ Die jungen Männer ſahen Morcerf mit Blicken an, die zu ſagen ſchienen: „Ei, Lieber, ſind Sie toll, oder ſpotten Sie unſer?“ 34* ——— — 532 „Wirklich,“ ſagte Morrel ſinnend,„ich habe von einem alten Seemanne, Namens Penelon, Aehnliches erzählen hören.“ „Ach!“ meinte Albert,„das trifft ſich ja ſehr glücklich, daß Herr Morrel mir zu Hilfe kommt. Es iſt Ihnen nicht gelegen, nicht wahr, daß er ſo das leitende Knäuel in mein Labyrinth wirft?“ „Verzeihung, lieber Freund,“ erwiderte Dobray,„Sie erzählen uns da ſo unwahrſcheinliche Dinge...“ „Ach! Potztauſend, unwahrſcheinlich, weil Ihre Geſandten, Ihre Conſuls Ihnen nichts davon berichten! Sie haben nicht Zeit dazu; ſie müſſen ihre reiſenden Landsleute beläſtigen und plagen.“ „Ah! gut, jetzt werden Sie ärgerlich und laſſen Ihren Verdruß an unſern armen Geſchäftsträgern aus. Ei! mein Gott! womit ſollen ſie Ihnen zu Hilfe kommen? Die Kammer ſchmälert täglich ihr Einkommen; bald wird es dahin kommen, daß gar keine mehr exiſtiren. Wollen Sie Geſandter ſein, Albert? Ich will Sie für Conſtantinopel ernennen laſſen.“— „Ol ich danke! daß der Sultan bei der erſten Vorſtellung, die ich zu Gunſten Mehemet⸗Ali's machte, mir die Schnur ſchickte und meine Secretäre mich erdroſſelten.“ „Nun, da ſehen Sie!“ ſprach Dobray. „Ja, aber demungeachtet kann mein Graf von Monte⸗Chriſto exiſtiren!“ „Der Tauſend! die ganze Welt exiſtirt, das iſt noch weiter kein Wunder!“ „Die ganze Welt exiſtirt allerdings, aber nicht unter ſolchen Verhältniſſen. Nicht die ganze Welt hat ſchwarze Sclaven, fürſt⸗ liche Bildergalerien, Waffen à la Caſauba, Pferde zu ſechstauſend Franken das Stück und griechiſche Maitreſſen.“ „Haben Sie die griechiſche Maitreſſe geſehen?“ „Ja, geſehen und gehört. Geſehen im Theater de la Valle, gehört eines Morgens, als ich bei dem Grafen frühſtückte.“ „Er iſt alſo Ihr außerordentlicher Mann?“ „Meiner Treu, wenn er ißt, ſo iſt es ſo wenig, daß es kaum der Rede werth iſt.“ „Sie werden ſehen, daß es ein Vampyr iſt.“ „Lachen Sie immerhin, aber daſſelbe dachte die Comteſſe G. von ihm, die, wie Sie wiſſen, Lord Ruthven gekannt hat.“ ein fel Seele antwo⸗ ſchönen Gehöl wärtic Geſchl alten d, daß elegen, ſwirft?⸗ Nzählen -indten, oht Zeit lagen.“ zerdruß womit täglich ſe mehr ie für uug, die ſtte und Chriſto ter kein ſolchen auſend Valle, kaum ſe G. 3 2 1 53³ „Ahl allerliebſt,“ meinte Beauchamp,„das iſt ja für einen Nicht⸗Journaliſten das vollkommenſte Gegenſtück zu der fameuſen Seeſchlange des Conſtitutionnel; ein Vampyr, das iſt köſtlich!“ „Ein fahles Auge, deſſen Pupille ſich nach Willkür erweitert und zuſammenzieht,“ ſagte Dobray;„ein eckiges Geſicht, prachtvolle Stirn, leichenhafte Geſichtsfarbe, ſchwarzer Bart, weiße, ſpitze Zähne, eben ſolches Benehmen.“ 8 „Nun wohl, Lucien, gerade ſo iſt er,“ entgegnete Morcerf, „das Signalement paßt Zug für Zug. Ja, ſeine Höllichkeit iſt ſcharf und ſchneidend. Oft hat dieſer Mann mich ſchaudern ge⸗ macht, eines Tages unter Anderm, als wir eine Hinrichtung zu⸗ ſammen anſahen, war ich im Begriffe, ohnmächtig zu werden, mehr weil ich ihn ſah und ihn kalt und gleichgiltig über alle auf der Welt gebräuchlichen Tödtungsarten reden hörte, als weil ich den Henker ſein Werk verrichten ſah und das Geſchrei des Delinquen⸗ ten hörte.“ „Hat er Sie nicht in die Ruinen des Colyſeo geführt, um Ihnen das Blut auszuſaugen?“ fragte Beauchamp. „Oder mußten Sie, nachdem er Sie befreit hatte, nicht irgend ein feuerfarbenes Pergament unterzeichnen, auf dem Sie ihm Ihre Seele verſchrieben, wie Eſau ſeiner Erſtgeburt entſagte?“ „Spotten Sie, ſpotten Sie, meine Herren, ſo viel Sie wollen,“ antwortete Morcerf etwas gereizt.„Wenn ich Sie ſo betrachte, Sie ſchöner Pariſer, Bewohner des Boulevard du Gand, Beſucher des Gehölzes von Boulogne, und dann mir dieſen Mann vergegen⸗ wärtige, nun wohl! es ſcheint mir, daß wir von einem andern Geſchlechte ſind.“ „Damit ſchmeichle ich mir!“ erwiderte Beauchamp. „Auf jeden Fall iſt Ihr Graf von Monte⸗Chriſto,“ bemerkte Chateau⸗Renaud,„ſeine kleinen Arrangements mit den italieniſchen Banditen abgerechnet, in ſeinen Mußeſtunden ein liebenswürdiger Mann.“ „Pahl es giebt keine italieniſchen Banditen!“ meinte Dobray. „Keine Vampyre,“ fügte Beauchamp hinzu. „Keinen Grafen von Monte⸗Chriſto,“ fuhr Dobray fort.„Doch lieber Albert, eben ſchlägt es halb elf.“ 534 „Geſtehen Sie, daß der Alp Sie gedrückt hat, und laſſen Sie uns jetzt frühſtücken,“ entſchied Beauchamp. Aber die Schwingung der Uhr hatte noch nicht aufgehört, als die Thür ſich öffnete und Germain meldete: „Seine Excellenz der Graf von Monte⸗Chriſto.“ Alle Anweſenden machten unwillkürlich eine Bewegung, welche das Vorurtheil anzeigte, das durch Albert's Erzählung in ihren Seelen entſtanden war. Albert ſelbſt konnte ſich einer plötzlichen Bewegung nicht erwehren. Man hatte keinen Wagen in der Straße, keine Schritte im Vorzimmer gehört; ſelbſt die Thür hatte ſich ohne das geringſte Geräuſch geöffnet. Der Graf erſchien auf der Schwelle; er war mit der größten Einfachheit gekleidet, aber der anmaßendſte Lion würde an dieſer Toilette nichts auszuſetzen gefunden haben. Alles, Kleidung, Hut, Wäſche war nach dem neueſten und feinſten Geſchmack, man ſah, daß Alles aus den Händen der eleganteſten, geſuchteſten Lieferanten dieſer Gegenſtände kam. Er ſchien kaum fünfunddreißig Jahre alt zu ſein, und Allen fiel die außerordentliche Aehnlichkeit auf, die er mit dem von Dobray entworfenen Bilde hatte. Der Graf ſchritt lächelnd bis in die Mitte des Salons und ging raſch auf Albert zu, der, ihm entgegeneilend, ihm angelegent⸗ lich die Hand bot. „Die Pünktlichkeit,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„iſt die Höflichkeit der Könige, wie, glaube ich, einer Ihrer Herrſcher behauptete. Aber ſie kann bei dem beſten Willen nicht immer die der Reiſenden ſein. Indeſſen hoffe ich, daß Sie, mein lieber Vicomte, meinem guten Willen die zwei oder drei Augenblicke der Verſpätung, die ich mir, glaube ich, hinſichtlich unſers Rendezvous zu Schulden kommen laſſe, zu Gute halten werden. Bei einem Wege von fünfhundert Meilen geht es nicht ohne Hinderniſſe ab, beſonders in Frankreich, wo es, wie ich merke, nicht erlaubt iſt, die Poſtillone zu ſchlagen.“ „Herr Graf,“ antwortete Albert,„ich war eben dabei, Ihren Beſuch einigen meiner Freunde zu verkündigen, die ich in Folge Ihrer Zuſage auf heute eingeladen hatte, und die ich Ihnen vor⸗ zuſtellen mich beehre. Der Herr Baron von Chateau⸗Renaud, deſſen Adel bis in die Zeit der zwölf Pairs reicht, und deſſen Ahnen bravſt 1 Alber verno zum — ſtemd tern bene beſſer ſen Sie welche ihren ülichen traße, d ohne größten 1 dieſer 8, Hut, an ſah, ſeranten d Alen Dobray ¹s und legent⸗ flicheit NAber in ſein. guten h mir, laſſe, Meilen vo es, Ihren Folge vor⸗ deſſen Ahnen 1 53⁵ Mitglieder der Tafelrunde waren;... Herr Lucien Dobray, Ge⸗ heimſecretär des Miniſters des Innern;... Herr Beauchamp, achtbarer Journaliſt, das Entſetzen der franzöſiſchen Regierung, von dem Sie indeſſen, ungeachtet ſeiner nationalen Berühmtheit, vielleicht in Italien niemals haben reden hören, weil ſein Journal nicht dahin kommt;... endlich, Herr Maximilian Morrel, Capitän der Spahis.“ Bei dieſem Namen machte der Graf, der bis dahin höfklich, aber mit einer vollſtändig engliſchen Kälte und Gleichgiltigkeit ge⸗ grüßt hatte, unwillkürlich eine Bewegung vorwärts, und ein leichter Anflug von Röthe zeigte ſich wie ein Blitz auf ſeinen bleichen Wangen. „Der Herr trägt die Uniform der franzöſiſchen Sieger?“ ſagte er,„es iſt eine ſchöne Uniform.“ Es war nicht zu errathen, welche Empfindung der Stimme des Grafen einen ſo tiefen Schwung gab und ſeinem Auge, wie unwillkürlich, einen ſo ſchönen Glanz verlieh, dieſem Auge, welches, wenn er nicht irgend eine Urſache hatte, es zu verſchleiern, ſo klar, ſo ruhig blickte. „Sie haben unſere Afrikaner noch nicht geſehen, Herr Graf?“ fragte Albert. „Niemals,“ antwortete dieſer, der nun wieder völlig Herr ſeiner ſelbſt geworden war. „Nun dann, Herr Graf, unter dieſer Uniform ſchlägt eins der bravſten und edelſten Herzen unſerer Armee.“ „O! Herr Vicomte,“ unterbrach ihn Morrel. „Laſſen Sie mich reden, Capitän... und wir haben,“ fuhr Albert fort,„ſoeben einen ſo heldenmüthigen Zug von dieſem Herrn vernommen, daß ich ihn bitte, ihn Ihnen, obgleich ich ihn heute zum erſten Male geſehen, als meinen Freund vorſtellen zu dürfen.“ Wieder konnte man bei dieſen Worten an Monte⸗Chriſto jenen fremdartigen, ſtarren Blick, jene flüchtige Röthe, jenes leichte Zit⸗ tern der Augenlider, das innere Bewegung bei ihm verkündete, bemerken. „Ah! der Herr iſt ein edles Herz,“ ſagte der Graf,„deſto beſſer!“ 1 A 536 Dieſer Ausruf, der mehr die eigenen Gedanken des Grafen, als das, was Albert geſprochen, beantwortete, überraſchte Alle, und beſonders Morrel, der Monte⸗Chriſto erſtaunt anſah. Aber der Ton derſelben war zugleich ſo ſanft und ſo zu ſagen ſo lieblich, daß er, ſo auffallend die Worte auch waren, doch ſich nicht ver⸗ anlaßt fand, ſich dadurch beleidigt zu fühlen. „Warum ſollte er denn daran zweifeln?“ ſprach Beauchamp zu Chateau⸗Renaud. „Wirklich,“ antwortete dieſer, deſſen Weltgewandtheit und ſicherer ariſtokratiſcher Blick ſchon Alles, was an Monte⸗Chriſto zu erforſchen war, erforſcht hatte,„wirklich, Albert hat uns nicht ge⸗ täuſcht, und es iſt ein ſonderbarer Mann, dieſer Graf; was ſagen Sie dazu, Morrel?“ „Meiner Treu!“ ſagte dieſer,„er hat ein ſo freies Auge, eine ſympathetiſche Stimme, daß er mir gefällt, ungeachtet der ſonder⸗ baren Bemerkung, die er hinſichtlich meiner gemacht hat.“ „Meine Herren,“ ſprach Albert,„Germain zeigt an, daß an⸗ gerichtet iſt. Mein Herr Graf, erlauben Sie mir, Ihnen den Weg zu zeigen.“ Sie gingen ſchweigend in den Eßſaal, wo Jeder ſeinen Platz einnahm. „Meine Herren,“ ſagte der Graf, indem er ſich ſetzte,„er⸗ lauben Sie mir ein Geſtändniß, welches zugleich meine Entſchul⸗ digung ſein wird für alle Inconvenienzen, die ich etwa begehen könnte: ich bin ein Fremder, und zwar in dem Grade, daß ich heute zum erſten Male in Paris bin. Die Art zu leben in Paris iſt mir alſo völlig unbekannt, und ich bin bis jetzt am beſten mit der orientaliſchen Art zu leben bekannt geworden, die wohl die entgegengeſetzteſte von der franzöſiſchen iſt. Ich bitte Sie daher, mich zu entſchuldigen, wenn Sie meine Manieren vielleicht etwas zu türkiſch, zu neapolitaniſch oder arabiſch finden ſollten. Nun, meine Herren, laſſen Sie uns frühſtücken.“ „Wie er das Alles ſagt!“ murmelte Beauchamp;„er iſt ent⸗ ſchieden ein großer Herr.“ „Ein großer Herr aus der Fremde,“ fügte Dobray hinzu. „Ein großer Herr aller Länder, Herr Dobray,“ ſagte Chateau⸗ Renaud. Dde Albert, ſcheine! aber zu Graf lä faſt den den R Valene den S wie ich ich eſſe vorwer geſtern haben Aüſtech Erban weiſe, XLI. Das Frühſtück. Der Graf war, wie man ſich erinnern wird, ein mäßiger Gaſt. Albert, dies bemerkend, äußerte die Beſorgniß, das Pariſer Leben ſcheine dem Reiſenden von vorn herein in ſeinem zwar materiellſten, aber zu gleicher Zeit nothwendigſten Punkte zu mißfallen. „Mein lieber Graf,“ ſagte er,„es ſcheint mir, daß die Küche der Straße du Helder Ihnen weniger zuſagt, als die des ſpaniſchen Platzes. Ich hätte mich nach Ihrem Geſchmacke erkundigen und Ihnen einige Schüſſeln nach demſelben bereiten laſſen ſollen.“ „Wenn Sie mich genauer kennten, mein Herr,“ antwortete der Graf lächelnd,„würden Sie keiner, einen Reiſenden wie ich bin, faſt demüthigenden Beſorgniß Raum geben, da ich abwechſelnd bei den Maccaroni Neapels, der Polenta Mailands, der Olla potrida Valencia's, dem Pillau Conſtantinopels, dem Karrick Indiens und den Schwalbenneſtern China's gelebt habe. Für einen Weltbürger wie ich giebt es keine Küche. Ich eſſe von Allem und überall, aber ich eſſe überhaupt wenig, und heute, wo Sie mir meine Mäßigkeit vorwerfen, bin ich ſogar bei ſehr gutem Appetite, indem ich ſeit geſtern Morgen nichts genoſſen habe.“ „Wie! ſeit geſtern Morgen?“ riefen die Anweſenden;„Sie haben ſeit vierundzwanzig Stunden nichts gegeſſen?“ „Nein,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„ich war gezwungen, einen Abſtecher vom Wege zu machen, um in der Gegend von Nimes Erkundigungen einzuziehen, dadurch verſpätete ich mich nothwendiger⸗ weiſe, und wollte mich daher nicht aufhalten.“ „Da haben Sie alſo im Wagen gegeſſen?“ fragte Morcerf. 1 — 538 „Nein, ich habe geſchlafen, wie ich immer thue, wenn ich Lange⸗ weile habe und keinen Muth, mich zu zerſtreuen, oder wenn mich hungert und mir die Luſt zu eſſen fehlt.“ „Sie können alſo dem Schlafe gebieten, Herr Graf?“ fragte Morrel. „Ziemlich ſicher.“ „Haben Sie ein Mittel dazu?“ „Ein unfehlbares.“ „Das wäre herrlich für uns Afrikaner, die wir oft nichts zu eſſen und ſehr ſelten etwas zu trinken haben,“ bemerkte Morrel. „Ja,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„unglücklicherweiſe würde mein Mittel, ſo paſſend es für einen Mann wie ich iſt, der ein ganz ab⸗ geſchloſſenes Leben führt, ſehr gefährlich ſein, wenn es für eine Armee angewendet würde, die dann, wenn man ihrer plötzlich be⸗ dürfte, nicht zu ermuntern wäre.“ „Und darf man wiſſen, worin dieſes Mittel beſteht?“ fragte Dobray. „O! mein Gott, ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„ich mache kein Geheimniß daraus; es iſt eine Miſchung des trefflichſten Opiums, den ich mir ſelbſt von Canton geholt habe, um gewiß zu ſein, ihn rein zu erhalten, und des beſten Hatchis, den man im Orient, das heißt zwiſchen dem Tigris und Euphrat, erhält; man miſcht dieſe beiden Subſtanzen zu gleichen Theilen und formt Pillen davon, die man nimmt, wenn man ihrer bedarf. In zehn Minuten erfolgt die Wirkung unfehlbar. Fragen Sie den Herrn Baron Franz von Epinay, ich glaube, er hat einſt davon gekoſtet.“ „Ja, antwortete Morcerf,„er hat mir davon geſagt, und die Erinnerung daran iſt ihm ſogar angenehm.“ „Aber,“ forſchte Beauchamp, der in ſeiner Eigenſchaft als Journaliſt ſehr ungläubig war,„tragen Sie denn dieſes Mittel immer bei ſich?“ „Immer,“ antwortete Monte⸗Chriſto. „Würden Sie es für unbeſcheiden finden, wenn ich Sie er⸗ ſuchte, uns dieſe köſtlichen Pillen zu zeigen?“ fuhr Beauchamp fort, in der Hoffnung, den Fremden auf einer Unwahrheit zu ertappen. „Nein, mein Herr,“ entgegnete der Graf und zog eine wunder⸗ volle, aus einem einzigen Smaragd beſtehende und mit einem gol⸗ hobe ich faſſen der ihn Kaiſer ſo vorz ich beh Hälfte gewonn Al daß es oder t nicht o geſchen Leben ſo mä Thron Morce gewen Sie ſch Lange⸗ eun mich 4 fragte ſichts zu ſtorrel. de mein gang ah⸗ für eine blich he⸗ fragte nche kein Opiums, jein, ihn int, das ht dieſe don, die olgt die nz von ſlnd die lfft als Mittel ie er⸗ fort, ſlappen. under⸗ gol⸗ 539 denen Schlößchen verſchloſſene Bonbonniere aus ſeiner Taſche, die er öffnete und den ſtaunenden Gäſten vier oder fünf Kügelchen von der Größe einer Erbſe zeigte, deren etwa zwölf in der Höhlung des Smaragd Platz hatten. Die Pillen waren von grünlicher Farbe und hatten einen ſcharfen, durchdringenden Geruch. Die Bonbonniere machte die Runde um den Tiſch, aber die jungen Leute betrachteten dieſelbe vielmehr, um den unſchätzbaren Smaragd zu bewundern, als um die merkwürdigen Pillen zu unter⸗ ſuchen. „Das iſt ein bewunderungswürdiger Smaragd, und der größeſte, den ich je geſehen habe, obgleich meine Mutter einen be⸗ deutenden Familienſchmuck hatte,“ ſagte Chateau⸗Renaud. „Ich hatte drei ſolche,“ ſagte Monte⸗Chriſto;„einen davon habe ich dem Großherrn gegeben, der ihn in ſeinen Säbel hat faſſen laſſen; den andern ſchenkte ich Seiner Heiligkeit dem Papſte, der ihn in ſeiner Tiara, gegenüber von einem Smaragd, den der Kaiſer Napoleon ſeinem Vorgänger geſchenkt hatte, der aber nicht ſo vorzüglich als dieſer iſt, hat anbringen laſſen; den dritten habe ich behalten und ihn aushöhlen laſſen, er hat dadurch zwar die Hälfte ſeines Werthes verloren, für mich aber an Brauchbarkeit gewonnen.“ Alle ſahen Monte⸗Chriſto erſtaunt an; er ſprach ſo einfach, daß es unzweifelhaft war, daß er entweder die Wahrheit rede, oder toll war; indeſſen ſprach doch der Smaragd, deſſen Daſein nicht abzuſtreiten war, für die Richtigkeit ſeiner Erzählung. „Und was haben Ihnen die beiden Souveräne für ein Gegen⸗ geſchenk für dieſes prachtvolle Präſent gemacht?“ fragte Dobray. „Der Großherr die Freiheit einer Frau; der heilige Vater das Leben eines Mannes. So daß ich doch zwei Mal in meinem Leben ſo mächtig geweſen bin, als hätte mich Gott auf den Stufen eines Thrones geboren werden laſſen.“ „Und das war Peppino, den Sie befreiten, nicht wahr?“ rief Morcerf;„auf ihn haben Sie Ihr Recht, Gnade zu gewähren, an⸗ gewendet?“ „Kann ſein,“ erwiderte Monte⸗Chriſto lächelnd. „Herr Graf, Sie machen ſich keinen Begriff von meiner Freude, Sie ſo reden zu hören,“ ſagte Morcerf.„Ich hatte Sie meinen 540 Freunden ſchon im Voraus als einen fabelhaften Mann, als einen Zauberer aus Tauſend und einer Nacht, als einen Hexenmeiſter des Mittelalters angekündigt; aber dieſe Pariſer ſind ſo ſubtile und paradoxe Leute, daß ſie die entſchiedenſten Wahrheiten für Phantaſie⸗ gebilde halten, wenn ſie nicht in die Gewohnheiten ihres täglichen Lebens paſſen. Hier zum Beiſpiel Dobray, der täglich lieſ't, und Beauchamp, der täglich drucken läßt, daß ein verſpätetes Mitglied des Jockey⸗Clubb auf dem Boulevard verhaftet oder beraubt iſt; daß Straße Saint⸗Denis, oder Faubourg⸗Saint⸗Germain vier Per⸗ ſonen ermordet ſind; daß in einem Café des Boulevards du Temple, oder in den Julianiſchen Bädern zehn, fünfzehn, zwanzig Räuber verhaftet ſind, zweifeln an der Exiſtenz der Räuber in den Ma⸗ remmen, der Campagna⸗Romana, oder den pontiniſchen Sümpfen. Sagen Sie Ihnen doch ſelbſt, Herr Graf, ich bitte Sie, daß ich von den Banditen gefangen genommen war und daß ich ohne Ihre Dazwiſchenkunft, aller Wahrſcheinlichkeit nach, jetzt in den Kata⸗ komben von St. Sebaſtian der Auferſtehung harren würde, ſtatt Sie hier in meiner geringen, kleinen Wohnung der Straße du Helder bewirthen zu können.“ „Pah,“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„Sie hatten mir ja ver⸗ ſprochen, dieſer Lappalie nie wieder zu erwähnen.“ „Ich bin es nicht, Herr Graf, es iſt Jemand anders, dem Sie denſelben Dienſt erwieſen hätten wie mir, und den Sie wie mich beſchämt hätten. Sprechen Sie immer davon, ich bitte ſehr darum; denn wenn Sie ſich entſchließen, von dieſer Begebenheit zu ſprechen, ſagen Sie mir vielleicht außer Manchem, was ich ſchon weiß, auch noch Vieles, was ich noch nicht weiß.“ „Aber ich dächte,“ verſetzte der Graf lächelnd,„Sie hätten in dieſer ganzen Affaire eine Rolle geſpielt, die wichtig genug war, daß Sie eben ſo gut, als ich, alles darauf Bezügliche wiſſen ſollten.“ „Wollen Sie mir verſprechen,“ ſagte Morcerf,„wenn ich Alles ſage, was ich weiß, mir dann auch Alles zu ſagen, was ich nicht weiß?“ „Das iſt nur zu gerecht,“ antwortete Monte⸗Chriſto. „Nun gut,“ begann Morcerf,„möge auch meine Eigenliebe darunter leiden, ſo kann ich doch nicht verſchweigen, daß ich mich drei Tage lang für den Gegenſtand verliebter Auszeichnung einer —— hielt ich e zehe Jaht ſelben Au Kuß auf Naſe hie in die 8 wo ich G denn er zu untel um. ſech ſchüttete der Br ſchrieb 1 Sie dar Sache! ich nich Banditen konnten. davon k nichts Sie in hotte Freund ettaunt Gegen Ich ie 1 al eiter des M und hantaſte⸗ täglichen ſeeſt, und Mütglie bubt iſt ier Per⸗ Temple, Näuber den Ma⸗ ümpfen. daß ich ne Ihre n Kata⸗ ſtatt Sie Helder b 3 Ja ver⸗ — em Sie ie mich darum; prechen, 5, auch tten in P war, pollten.“ 5 Alles nicht enliebe mich einer 8 einen — 541 Maske hielt, in der ich zum Allerwenigſten eine Abkömmlingin der Tullien oder Poppäen zu ſehen glaubte, während ich ganz einfach der Dupe einer Contadine*) war; ich ſage Contadine, um nicht Bäuerin zu ſagen. Als ein Einfaltspinſel über alle Einfaltspinſel hielt ich einen jungen, unbärtigen Banditen von fünfzehn bis acht⸗ zehn Jahren, mit ſchlanker Taille, für dieſe Bäuerin, die in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ich mir die Freiheit nehmen wollte, einen Kuß auf ihre keuſche Schulter zu drücken, mir ein Piſtol unter die Naſe hielt und mich mit Hilfe von ſieben oder acht ihrer Gefährten in die Katakomben von St. Sebaſtian führte, oder vielmehr ſchleppte, wo ich einen, meiner Treu! ſehr beleſenen Räuberhauptmann fand, denn er las Cäſar's Commentare und hatte die Gnade, ſeine Lectüre zu unterbrechen, um mir zu ſagen, daß, wenn ich den andern Morgen um ſechs Uhr nicht viertauſend römiſche Thaler in ſeine Caſſe ſchüttete, ich eine Viertelſtunde ſpäter aufhören würde zu leben. Der Brief iſt vorhanden und in Franz's Händen, den ich ihm ſchrieb und den Luigi Vampa mit einer Nachſchrift verſah. Wenn Sie daran zweifeln, ſchreibe ich an Franz, der die Richtigkeit der Sache beſtätigen wird. Dieſes iſt was ich weiß. Jetzt kommt was ich nicht weiß, nämlich, wie Sie, mein Herr Graf, die römiſchen Banditen, die ſo wenig reſpectiren, ſo ſehr in Reſpect erhalten konnten. Ich geſtehe Ihnen, daß Franz und ich von Bewunderung davon hingeriſſen waren.“ „Nichts iſt einfacher, mein lieber Vicomte,“ verſetzte der Graf; „ich kannte den berüchtigten Vampa ſeit länger als zehn Jahren. Als er noch ganz jung und noch Hirt war, hatte ich ihm eines Tages eine Goldmünze gegeben, weil er mir den Weg gezeigt hatte; ſtolz, wie er damals ſchon war, ſchenkte er mir dagegen, um mir nichts ſchuldig zu ſein, einen von ihm ſelbſt geſchnitzten Dolch, den Sie in meiner Waffenſammlung bemerkt haben müſſen. Später hatte er entweder dieſen kleinen Geſchenk⸗Tauſch, der uns zu Freunden hätte machen müſſen, vergeſſen, oder mich nicht wieder erkannt, kurz, er verſuchte mich anzuhalten; aber ich war es im Gegentheil, der ihn mit einem Dutzend ſeiner Leute gefangen nahm. Ich konnte ihn der römiſchen Juſtiz ausliefern, die kein Federleſens *) Italieniſches Landmädchen. macht und ſich, was ihn anbetraf, noch mehr beeilt haben würde, doch that ich das nicht. Ich ließ ihn mit den Seinigen ziehen.“ „Unter der Bedingung, daß ſie nicht mehr ſündigen würden,“ ſagte der Journaliſt lachend.„Ich ſehe mit Vergnügen, daß ſie gewiſſenhaft Wort gehalten haben.“ „Nein, mein Herr,“ entgegnete der Graf,„unter der ganz ein⸗ fachen Bedingung, daß ſie ſich nie an mir oder einem der Meinigen vergreifen ſollten. Vielleicht wird, was ich Ihnen jetzt ſage, Ihnen ſonderbar dünken, meine Herren Socialiſten, Progreſſiſten und Hu⸗ maniſten, ich aber bekümmere mich niemals um meinen Nächſten, verſuche niemals, die Geſellſchaft zu beſchützen, die mich nicht be⸗ ſchützt, ja, um noch mehr zu ſagen, die nur Notiz von mir nimmt, um mir zu ſchaden, indem ich ſie verachte, und meine Neutralität ihr gegenüber bewahre, iſt die Geſellſchaft ſowohl, als mein Nächſter, mir immer noch Dank ſchuldig.“ „Ah, vortrefflich!“ rief Chateau⸗Renaud,„endlich höre ich ein⸗ mal wieder einen muthigen Mann kühn und bieder den Egoismus predigen: das iſt ſehr ſchön, bravo! Herr Graf.“ „Es iſt wenigſtens freimüthig,“ fügte Morrel hinzu;„indeſſen bin ich überzeugt, daß es der Herr Graf nicht bereut, einmal den Grundſätzen untreu geworden zu ſein, die er eben ſo entſchieden vor uns ausgeſprochen hat.“ „Wie und wann bin ich dieſen Grundſätzen untreu geworden?“ fragte Monte⸗Chriſto, der ſich nicht enthalten konnte, Maximilian von Zeit zu Zeit mit ſolcher Aufmerkſamkeit zu betrachten, daß der kühne junge Mann ſchon zwei oder drei Mal die Augen vor dem klaren, feuchten Blicke des Grafen geſenkt hatte. „Aber ich dächte doch, daß Sie, indem Sie Herrn von Mor⸗ cerf, den Sie nicht kannten, befreiten, Ihrem Nächſten und der Geſellſchaft dienten.“ „Deren ſchönſter Schmuck er iſt,“ ſprach Beauchamp gravi⸗ tätiſch, indem er mit Einem Zuge ein Glas Champagner leerte. „Herr Graf,“ rief Morcerf,„da ſind Sie, einer der ſtrengſten Logiker, die ich kenne, durch das Raiſonnement gefangen, und wir werden noch ſehen, wie Ihnen klar und unbeſtreitbar bewieſen wird, daß Sie, weit entfernt, ein Egoiſt zu ſein, im Gegentheile ein Philanthrop ſind. Ah! Herr Graf, Sie wollen ein Orientale, boraſſo unſere jetzt ei finden. als m kleinſte Frank Stadt ſage m würde diehen.⸗ würden 4 dß ſie gang ein. einigen —, Ihnen und Hu⸗ Nacſſte nicht be⸗ t nimmt, eutralität Nächſter, ich ein⸗ Eodismus mal den ntſchieden vorden?“ arimilian daß der vor dem on Mor⸗ und der p gravi⸗ leerte. trengſten und wir en wird, hiile ein rientale, 543 Levantiner, Malaye, Indianer, Chineſe, Wilder ſein, Sie haben den Familiennamen Monte⸗Chriſto, den Taufnamen Sindbad der Seefahrer, und am erſten Tage, wo Sie Paris betreten, beſitzen Sie ſchon inſtinktmäßig das größte Verdienſt, oder den größten Fehler unſerer excentriſchen Pariſer, nämlich Sie uſurpiren Laſter, die Sie nicht haben, und verbergen Tugenden, die Sie haben!“ „Mein lieber Vicomte,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„in Allem, was ich geſagt oder gethan habe, finde ich nichts, womit ich das Lob verdiente, mit dem Sie und dieſe Herren mich beehren. Sie waren mir kein Fremder, denn ich kannte Sie, ich hatte Ihnen zwei Zimmer abgetreten, Sie hatten bei mir gefrühſtückt, ich hatte Ihnen eine meiner Equipagen geliehen, wir hatten zuſammen auf dem Corſo den Maskenzug geſehen, hatten aus einem Fenſter jene Hinrichtung auf der Piazza del popolo angeſehen, bei der Ihnen ſo unwohl wurde. Nun frage ich alle dieſe Herren, konnte ich meinen Gaſt⸗ freund in den Händen dieſer abſcheulichen Banditen, wie Sie ſie nennen, laſſen? Uebrigens hatte ich, wie Sie ſchon wiſſen, ein be⸗ ſonderes Intereſſe, Sie zu retten, indem ich hoffte, daß Sie mich in die Pariſer Salons einführen würden, wenn ich nach Frankreich käme. Sie haben vielleicht geglaubt, das ſei nur ein vorüber⸗ gehender, flüchtiger Einfall, aber heute ſehen Sie, das iſt reine und wahre Wirklichkeit, in die Sie ſich fügen müſſen, um nicht als wortbrüchig zu erſcheinen.“ „Und ich werde mein Wort halten,“ rief Morcerf,„aber ich fürchte, daß Sie, an zauberiſche Gegenden, maleriſche Begebenheiten, phantaſtiſche Horizonte gewöhnt, ſchon jetzt ſehr entzaubert ſein werden. Bei uns haben Sie keine Epiſode von der Art, an die Ihr Abenteuerleben Sie gewöhnt hat, zu erwarten. Unſer Chim⸗ boraſſo iſt der Montmartre; unſer Himalaya der Mont⸗Valerien; unſere große Wüſte iſt die Ebene von Grenelle, in der man auch jetzt einen arteſiſchen Brunnen gräbt, damit die Caravanen Waſſer finden. Wir haben Räuber, ſogar viele, wenn auch nicht ſo viele als man ſagt, aber dieſe Räuber fürchten unendlich viel mehr den kleinſten Polizeiſpion, als den allerbedeutendſten großen Herrn; kurz, Frankreich iſt ein proſaiſches Land und Paris eine ſo civiliſirte Stadt, daß Sie in allen unſern fünfundachtzig Departements, ich ſage fünfundachtzig, weil ich Corſika nicht mit zu Frankreich rechne, — — —— 544 alſo Sie werden in unſern fünfundachtzig Departements nicht den kleinſten Berg finden, auf dem nicht ein Telegraph angebracht wäre, und keine einigermaßen dunkle Grotte, in welcher nicht ein Polizei⸗ Commiſſair eine Gasröhre hätte anbringen laſſen. Ich kann Ihnen, mein theurer Graf, alſo keinen andern Dienſt erzeigen, und dazu ſtehe ich ganz zu Ihrem Befehl, als daß ich Sie überall vorſtelle, oder durch meine Freunde vorſtellen laſſe, das verſteht ſich von ſelbſt; indeſſen bedürfen Sie dazu eigentlich nicht einmal Jemand: mit Ihrem Namen, Ihrem Vermögen und Ihrem Geiſte(Monte⸗Chriſto verneigte ſich mit einem leichten, ironiſchen Lächeln) führt man ſich überall ſelbſt ein und wird überall gut aufgenommen. Ich kann Ihnen alſo wirklich weſentlich nur in einer Art dienen; wenn nämlich irgend eine Eigenthümlichkeit des Pariſer Lebens, einige Erfahrung und Kenntniß des hieſigen Comforts, einige Bekannt⸗ ſchaft mit unſern Bazars mich Ihnen empfehlen kann, ſo ſtelle ich mich ganz zu Ihrer Dispoſition. Zum Beiſpiel um Ihnen eine paſſende Wohnung zu verſchaffen. Ich wage nicht, Ihnen anzu⸗ bieten, die meinige zu theilen, wie ich die Ihrige in Rom theilte, ich, der ich mich nicht als Egoiſten bekenne, es aber vorzugsweiſe bin; denn bei mir dulde ich nicht einen Schatten, außer dem mei⸗ nigen, es müßte denn ein weiblicher ſein.“ „Ah!“ meinte der Graf,„das iſt ja ein ganz ehemänniſcher Vorbehalt. Sie ſagten mir ja auch in Rom, wenn ich nicht irre, einige Worte von einer projectirten Heirath; darf ich zu Ihrem nahen Glücke gratuliren?“ „Die Sache iſt immer nur noch Plan, Herr Graf.“ „Und wer Plan ſagt,“ ergänzte Dobray,„meint Erfüllung.“ „Noch nicht! noch nicht!“ verſicherte Morcerf;„indeſſen mein Vater iſt dafür, und ich hoffe allerdings, Ihnen in Kurzem, wenn nicht meine Frau, doch meine Braut, Fräulein Eugenie d'Anglars, vorſtellen zu können.“ „Eugenie d'Anglars!“ fragte Monte⸗Chriſto,„warten Sie; iſt ihr Vater nicht Baron d'Anglars?“ „Ja,“ antwortete Morcerf;„aber ein Baron aus neueſter Zeit.“ „O! was macht das aus!“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„wenn er dem Staate Dienſte geleiſtet hat, mit denen er dieſe Auszeich⸗ nung verdiente.“ — Wel ſict den fcht vüre, —n Pol olizei. n Ihnen, nd dagu weſel on ſelbſt and: mit te⸗Chriſ ſto man ſ ſich Jc kann n; wenn „ einige Bek kannt⸗ ſtelle ich snen eine en anzu⸗ theilte ugsweiſe dem mei⸗ änniſcher ſicht itre, u Ihrem üllung.“ ſen mein n, wenn Anglarz, Sie; iſt er Zeit.“ „„wenn Auszeich⸗ 545 8 r hat, obgleich im Außerordeutliche,— zon ſechs Millionen für den f. 1829 eine Anleihe von ſechs M Herzen liberal, 2 le he Herd 84 X. zu Stande gebracht,., König Karl X. zu S 8 Ehr enlegion gemacht hat, ſo daß 1 Baron und Ritter der nlegion g. 1 Treu! zum Baron u die nian † 4 d„ V ent ſo m er das Band nicht in der beſtent aſ 3 WMa dn dern gn ie ſi L's gehört, t, im Knopflock e Ir 5 dern ganz mie ch's ſondern ganz, wie 1 Hp N jner wofür derſelbe ihn, meiner ten Sie das L f 2 champ behalt ten Sie Ach!“ ſagte Morcerf lo achend,„Be auch. 1 meiner Gegenwa 3 A. 3* daber in meiner ege für den Corſaire und den Ehorivari al, 1 4., ſchonen Sie meine ich einen in Rom Und indem er die Graf Re Isſprach, beobachtete letzten Namen ausſpra be 9 ng auf Maximilian 3 lungen: Maximilian ing zar ihm daſſelbe gelungen; Maximilie 2 rr 3 hervorzubring 1 1 31— Morrel als hätte er eine electriſche Ladung erha ten dieſes Seue lietie. as.“ ſagie er,„kennen Sie dieſes Haus, homſon und French,“ ſagie er,„ Thomſon d F Herr Graf?“ zers jn der Haupiſtadt 2 Es ſind meine Banquiers in der He 3 2 nen li0 ig;„kann ich Ihnen Welt,“ verſetzte der Graf ruhig;„fan 9 Ih Welt, eß 8 25 ſoj 2 6 Aarſhrrr. Weiſe nützlich ſeine Sie könnten uns vielleicht in Nachſorichungen „O, Herr Graf, Sie b ken blieben ſindz dieſes Haus hat 1 8 ie bis jetzt erſolglos geblie 1 d; Ha unterſtützen, die bis jetzt erſo enſelben aber, ich weiß unterſtützen, nen großen Dienſt geleiſtet, denſelben aber, ich dem unſern ei 5 rlich„ aagife⸗ m, immer behar„ twortete Monte⸗ nicht dhe 3 1 zu g Ihren Dienſten, mein Herr,“ antwort ch ehe 2 Ehriſto ſich verneigend. f,„wir ſind über den Baron Danglars⸗ orf 11 1 11 22L 4 3 2 4 Abera erinnerte Ma een ſtande unſeres Geſprächs ab⸗ —„ Moiſo anz von dem Gegen unde un 2—.. ſonderbarer A eiſe ganz 4 davon dem Herrn Grafen von Monte gekommen. Es war die Rede dar e 1 4 halhen Eaſſen Eis uu 2 lle*— 8 m en zu b n. C ſſe hriſto ei aſſende Wohnung wählen z 1 Chriſto eine paſſende L 1 S Der Graf von Monte⸗Chriſto. abe aeleu anef. 546 überlegen, meine Herren, tauſchen wir unſere Ideen aus: wo logiren vun wir dieſen neuen Gaſt des großen Paris?“ zu antme „Faubourg Saint⸗Germain,“ ſagte Chateau⸗Renaud.„Der nolen. Herr Graf findet dort reizende kleine Hotels zwiſchen Hof und lben eind Garten.“ u ſeben, „Pah! Chateau⸗Renaud,“ fiel Dobray ein,„Sie kennen nichts. D; als Ihre triſ.e, abgeſchmackte Faubourg Saint⸗Germain; folgen Sie Schweſter ihm nicht, Herr Graf, ziehen Sie nach der Chauſſee d'Antin: das ſnd jung iſt das wahre Centrum von Paris.“ icht gen „Boulevard de['Opera,“ entſchied Beauchamp;„Bel⸗Etage, zu ihnen ein Haus mit Balcon. Der Herr Graf läßt ſich Kiſſen von Drap 1 d'Argent dahin bringen, und ſieht, indem er ſeinen Chibouque raucht, ſich we oder ſeine Pillen verſchluckt, die ganze Hauptſtadt unter ſeinen Augen werden, vorüberſtrömen.“ keins de „Und Sie, Morrel, haben Sie keinen Vorſchlag zu machen?“ ſcoon me ſagte Chateau⸗Renaud,„daß Sie gar nichts ſagen?“„A „O, freilich!“ ſagte der junge Mann lächelnd;„im Gegentheil, ſteigen? ich habe einen, aber ich wollte erſt abwarten, ob der Herr Graf„I ſich durch einen der glänzenden Vorſchläge, die ihm ſoeben gemacht„4 ſind, würde beſtechen laſſen. Jetzt, da er auf keinen derſelben geant⸗ tauſend wortet hat, glaube ich ihm eine Wohnung in einem ganz reizenden au loſſen kleinen Hotel, ganz Pompadour, anbieten zu können, welches meine ſollten, Schweſter ungefähr vor einem Jahre in der Straße Meslay ge⸗ S miethet hat.“ 1ich ha „Sie haben eine Schweſter?“ fragte Monte⸗Chriſto. 1 in Par „Ja, Herr Graf, eine vortreffliche Schweſter.“ voraus, „Verheirathet?“ erſehen „Seit bald neun Jahren.“„ „Glücklich?“ fragte der Graf abermals. Beaue „So glücklich, wie ein menſchliches Weſen zu werden hoffen„S kann,“ antwortete Maximilian;„ſie hat den Mann, den ſie liebte, dumm,“ geheirathet, den, welcher uns im Unglück treu blieb, Emanuel S Herbaut.“ Eilaun Monte⸗Chriſto lächelte unmerklich. 3 „Ich wohne während meines Urlaubs bei ihr, und werde nebſt der 3 meinem Schwager, dem Herrn Grafen, zu jedem möglichen Dienſt zur Dispoſition ſtehen.“ rortef . 547 „Halt,“ rief Morcerf, ehe Monte⸗Chriſto Zeit gewinnen konnte, zu antworten,„bedenken Sie, was Sie thun, Herr Morrel, Sie of und woollen einen Reiſenden, Sindbad den Seefahrer, in das Familien⸗ leben einzwängen; aus einem Manne, der gekommen iſt, um Paris. en nichts zu ſehen, wollen Sie einen Patriarchen machen.“ lgen Sie„O, Gott bewahre,“ antwortete Morrel lächelnd,„meine 1 lin: das Schweſter iſt fünfundzwanzig, mein Bruder dreißig Jahre alt, ſie find jung, fröhlich und glücklich, übrigens wird der Graf durchaus ll Gage nicht genirt ſein, und ſeine Wirthe nur ſehen, wenn es ihm gefällt, un Drup zu ihnen hinunter zu kommen.“ erauct.„Dank, mein Herr, herzlichen Dank,“ ſprach Monte⸗Chriſto, n Augen„ich werde mich begnügen, den Ihrigen durch Sie vorgeſtellt zu 8 werden, wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen; indeſſen kann ich 4 lnachen?⸗ keins der mir ſo gütig gemachten Anerbieten annehmen, weil ich ſchon meine vollſtändig eingerichtete Wohnung habe.“ genthei„Wie!“ rief Albert,„Sie wollen alſo in einem Gaſthofe ab⸗ 3 niei, igen? Das finde ich paſſend für Siel“ err Graf ſteigen? as finde ich ganz unpaſſen für, ie genadh„War ich denn in Rom ſo ſchlecht logirt?“ feagte der Graf. en grant„Potztauſend in Rom,“ ſagte Morcerf,„hatten Sie fünfzig— reienden tauſend Piaſter daran gewendet, um ſich eine Wohnung einrichten zenden 2 4 1 gn 7,, a main. zu laſſen, aber ich üi mir nicht denken, daß Sie geneigt ſein duy ge ſollten, überall wo Sie hinkommen, eine ſolche Ausgabe zu machen.“ „Das hat mich nicht abgehalten,“ entgegnete Monte⸗Chriſto, „ich hatte einmal beſchloſſen, ein Haus für mich, wohl verſtanden, in Paris zu haben, und ſo ſchickte ich denn meinen Kammerdiener voraus, um mir ein Haus zu kaufen und mit allem Nöthigen zu verſehen.“ „Sie haben alſo einen Kammerdiener, der Paris kennt?“ rief l . Beauchamp. 4 boffen„Er kommt zum erſten Male nach Frankreich, iſt ſchwarz und eliebte. ſtumm,“ erwiderte Monte⸗Chriſto. 3 imanuel„So iſt es alſo Ali?“ fragte Albert während des allgemeinen Erſtaunens. „Ja, Herr Vicomte, er ſelbſt, mein Nubier, mein Stummer, dnii den Sie in Rom geſehen haben werden.“ Dienſ „Ja, gewiß,“ antwortete Morcerf,„ich erinnere mich ſeiner vortrefflich.“ 35* „Aber wie haben Sie einen Nubier bea ricrigde können, Ihnen ein Haus in Paris zu kaufen, und einen Stummen, es zu meubliren? S d A haben, der arme Un lückliche.“ omte; ich bin im Gegentheil über⸗ hmacke beſorgt haben wird; iſt nicht der Jedermanns. Er iſt rd die Stadt nach allen Richt 3 5 do der ine d B hag⸗ Uhr a mmen würde, und hat mich ſeit neun Uhr an der Barrière von vartet. Er hat mir dieſes Papier eingehändigt; es iſt meine neue Adreſſe, nehmen Sie, leſen Sie.“ Champs-Elysées,“ las Morcerf. „Ah! das iſt wah haft originell!“ konnte Beauchamp ſich nicht ntainebleau ern enthalten, auszurufen. „Und ſehr fürſtlich,“ fügte Chateau⸗Renaud bis zu. „Wie! Sie kennen Ihr Haus noch nicht?“ fragte Dobray. „Nein,“ entgegnete Monte⸗Chriſto.„ ch vollte, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, die Stunde des Rendez⸗vous nicht verſäumen. Ich habe im Wagen Toilette gemacht und bin an der Thür des Vicomte abgeſtiegen.“ Die jungen Leute ſahen einander an, ſie wußten nicht, ob es eine Comödie war, die Monte⸗Chriſto ſpielte; aber Alles, was dieſer Mann ſagte, hatte ungeachtet ſeiner Originalität einen ſolchen Stempel von Einfachheit und Wahrheit, daß nicht vorauszuſetzen war, daß er lüge. Und warum ſollte er denn überhaupt lügen? „Wir werden uns alſo begnügen müſſen,“ meinte Beauchamp, „dem Grafen alle dieſe kleinen Dienſte zu leiſten, die ſonſt noch in unſerer Macht ſtehen. Ich als Journaliſt öffne ihm zum Beiſpiel alle Theater von Paris.“ „Sehr freundlich, mein Herr, und ich danke Ihnen herzlich,“ ſagte Monte Chriſto lachend;„mein Haushofmeiſter hat aber ſchon Befehl, mir in jedem derſelben eine Loge zu miethen.“ „Und iſt Ihr Haushofmeiſter auch ein Nubier, oder ein Stummer?“ fragte Dobray. — — — vol 7 SZie z 2 - 8 Ja, nt! T Loſm vomm Ihl „ 1 09 ſel 4 9 A G ric He A Gre 4 über⸗ ben wir Er iſt zuszuſetzen lügen? eauchamp, ſt noch in Beiſpiel herzlich,“ ner ſchon - ummer? 2 ℳ wenn kennen wollte ſogar un 19 1 ch 1 — — „=9 ote Albert lächelte, die ſchöne Gri⸗ Grafen Loge im Theater de la geſehen hat der Graf, in der Oper, dem Theater Vaude 6 WMen G 7 4„o uft- har ich habe die Meinige in Conſtantinopel gekauft; das hat Heloie ders ei n Corſe Ihnen jährlics ushofmeiſt r, 549 mein Herr, er iſt Smann von Ihnen, un ſein kann; aber ihn, Herr von zufällig der dnau verſteht, und Sie haben mir Soldat, etwas Schmuggler, kurz Lumpere ehabt hat, Weltbürger haben D cht, Herr Graf?“ ſe Graf,„nicht mehr ‚ auf mein Ehrenwort,“ A er beſorgt meine Unmöglichkeit, und haben Sie alſo,“ ein völli 9 ein⸗ ein Hotel in den elyſäiſchen Feldern, Die 1 SPNA TrofJo“ Ihnen nur noch eine Maitreſſe.“ ihm ein, die er in des und im Theater Argentina te. bin beſſer verſehen t eine Raitreſſe, ich habe eine( Ih „ Urſache h in dieſer Hinſ „Aber Sie eſſen, meinte Dobray lachend,„daß wir, wie König Karl geſagt hat, f zurch Namen und Natur ſind, und daß cl„indem ſi Fuß auf franzöſiſchen Zoden ſetzte ſrei geworden iſt?“ „We ird es ihr ſagen?“ agte te⸗Ch „ Teuf el erſte 8 er ſte ſp 4 3 3 550 „Aber werden wir ſie wenigſtens ſehen?“ fragte Beauchamp,„oder haben Sie nicht blos einen Stummen, ſondern vielleicht auch Eunuchen?“ „Meiner Treu, nein!“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„ſo weit treibe ich den Orientalismus nicht; Alles, was mich umgiebt, hat die Frei⸗ heit, mich zu verlaſſen, und bedarf, wenn das geſchieht, nachher weder mich, noch ſonſt Jemand; das iſt vielleicht der Grund, warum Niemand mich verläßt.“ Man war ſchon lange bei dem Deſſert und den Cigarren. „Mein Lieber,“ ſagte Dobray, aufſtehend,„es iſt halb drei Uhr, Ihr Gaſt iſt charmant, aber man muß die beſte Geſellſchaft verlaſſen können, oft ſogar um ſchlechtere aufzuſuchen; ich muß nach dem Miniſterium zurückkehren. Ich werde dem Miniſter von dem Grafen erzählen, und wir werden erforſchen müſſen, wer er iſt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, dieſes iſt den Klügſten mißlungen.“ „Pahl wir haben drei Millionen für die Polizei, es iſt wahr, daß ſie faſt immer im Voraus verausgabt ſind; aber was thut's! ein fünfzigtauſend Franken werden wir immer noch daran wenden können.“ „Und wenn Sie wiſſen, wer er iſt, ſagen Sie es mir.“ „Das verſpreche ich Ihnen. Auf Wiederſehen, Albert. Er⸗ gebenſter Diener, meine Herren.“ Und indem Dobray hinausging, rief er ganz laut in's Vorzimmer: „Vorfahren!“ „Gut,“ ſagte Beauchamp zu Albert,„ich gehe nicht in die Kammer, aber ich habe meinen Leſern Beſſeres zu bieten, als eine Rede des Herrn Danglars.“ „Bitte, Beauchamp,“ ſagte Albert,„nicht ein Wort, ich beſchwöre Sie; rauben Sie mir nicht das Verdienſt, ihn vorzuſtellen und Aus⸗ kunft über ihn zu geben. Aber iſt er nicht merkwürdig?“ „Er iſt mehr als das,“ fiel Chateau⸗Renaud ein,„er iſt wirklich einer der außerordentlichſten Menſchen, die ich je geſehen habe. Kom⸗ men Sie mit, Morrel?“ „Erlauben Sie mir nur, dem Herrn Grafen, der die Güte hatte, uns ſeinen Beſuch zu verſprechen, meine Karte zu geben: Straße Meslay 14.“ „Seien Sie überzeugt, daß ich nicht verfehlen werde,“ ſagte der Graf, ſich verneigend. Maximilian empfahl ſich mit dem Baron von Chateau⸗Renaud und ließ Monte⸗Chriſto mit Morcerf allein. beginne An die fein, d Pariſet ſottide andere können. D geſchoſſe welches halt we M ſtände, japani Waffen den er land. er wal Curſus Sie g. in den bedech ſchwau den. Dela⸗ können.“ a ert. Er⸗ zimmer: t in die als eine deſchwöre Ind Aus⸗ wirklich de. Kom⸗ atte, uns lay 14.“ agte der Renaud —— XLII. Die Vorſtellung. „Erlauben Sie mir, mein Herr Graf,“ ſprach Albert, als er mit ſeinem Gaſte allein war,„mein Amt als Cicerone damit zu beginnen, daß ich Ihnen die Wohnung eines Pariſer Garcon zeige. An die Paläſte Italiens gewöhnt, wird es ein Studium für Sie ſein, zu berechnen, mit wie viel Quadratfuß Raum ein junger Pariſer ſich begnügen kann, deſſen Wohnung für eine der com⸗ fortabelſten gehalten wird. Wenn wir aus einem Zimmer in das andere gehen, werden wir die Fenſter öffnen, damit Sie Luft ſchöpfen können.“ Da Monte⸗Chriſto den Speiſeſaal und den Salon des Erd⸗ geſchoſſes ſchon kannte, führte Albert ihn zuerſt in ſein Atelier, welches, wie der Leſer ſich erinnern wird, ſein Lieblingsaufent⸗ halt war. Monte⸗Chriſto war ein würdiger Beurtheiler aller der Gegen⸗ ſtände, die Albert in dieſem Raume aufgehäuft hatte: alte Truhen, japaniſches Porzellan, orientaliſche Stoffe, venetianiſche Glaswaaren, Waffen aller Länder der Welt, Alles war ihm bekannt, und auf den erſten Blick erkannte er deſſen Urſprung, Alter und Heimaths⸗ land. Morcerf hatte geglaubt, den Erklärer machen zu müſſen, und er war es im Gegentheil, der unter des Grafen Leitung hier einen Curſus der Archäologie, Mineralogie und Naturgeſchichte machte. Sie gingen in die Bel-⸗Etage hinunter. Albert führte ſeinen Gaſt in den Salon, deſſen ganze Wände mit Werken moderner Maler bedeckt waren. Da gab es Landſchaften von Dupré, mit langem, ſchwankenden Schilf, dünnen, hoch aufgeſchoſſenen Bäumen, brüllen⸗ den Kühen und wundervollem Himmel; es gab arabiſche Reiter von Delacroix, mit langen, weißen Bournous, prachtvollen Gürteln und damascener Säbéln, deren Pferde einander wüthend biſſen, mährend die Männer ſich mit eiſernen Keulen zerfleiſchten; Aquarellen von Boulanger, welche Notre⸗Dame von Paris vorſtellten mit jener Gluth, die den Maler mit dem Dichter wetteifern macht; es gab da Stücke von Dias, deſſen Blumen ſchöner als die der Natur ſind, diin Som glänzender als die am Himmel iſt; Gemälde von colorirt, als die von Salvato Roſa, aber von Giraud und Müller, welche Kinder mir nd Frauen mit Madonnengeſichtern dar Uellien; ferner Skizzen, dem Reiſe⸗Album Dauzats, als er aus dem zurückkehrte, entriſſen, die in wenigen Secunden zuf dem Sattel eines Kameels, oder unter der 3 einer Moſchee ent⸗ worfen waren; kurz Allés, womit die moderne Kunſt für das ent⸗ ſchädigen kann, was Jahrhunderte von der anike ent lführ haben. Mal wenigſtens hoffte Albe rt — S ſuchen, die zum Theil nt erſten Blick d 3 Namen, ſo daß es leicht zu erkennen war, daß er nicht allein jeden Künſtler kannte, ſondern auch ſtudirt und ge ewür⸗ gingen ſie in das Schlafzimmer, welches zu der El eganz und eines ernſten G⸗ ſchmackes war; hier glänzte den etenden ein einz rtrait von Leopold Roberr Dieſe Monte⸗Chriſt demſelben hin, und ſchmachtendes Augenlid verſchleierte; ſie trug das ver cataloniſchen Fiſcherinnen, da⸗ h und ſe ldenen Nadeln im Haare; ſie ſah nach dem gantes Profil zeichnete ſich auf dem doppelten Azur der Fluthen und Halbdunkel des Zimmers orchinderte Albert, die Leichen⸗ In d ſerner g dem 5 8 df dem 2— 2 Sie ſchwiegen Gemälde unverwandt 4 mei gthu Loho— ehen Sie vöſen Schauder zu bemerken, en Augenb kenne 0 bei der Erſcheinung dieſes Bildes den ehelichen Himmel meiner Eltern trübte, die einzige von der Art geweſen, indem ſie, obgleich über zwanzig Jahre verheirathet, noch vereint ſind, wie am erſten Tage.“ Monte⸗Chriſto warf einen raſchen Blick auf Albert, wie um eine in dieſen Worten liegende verſteckte Abſicht zu erforſchen, doch war es augenſcheinlich, daß der junge Mann dieſelben in der vollen Argloſigkeit ſeiner Seele ausgeſprochen hatte. „Jetzt, Herr Graf,“ ſagte Albert,„haben Sie alle meine Schätze geſehen, erlauben Sie mir, dieſelben, ſo unwürdig ſie ſein mögen, zu Ihrer Verfügung zu ſtellen; betrachten Sie ſich hier wie zu Hauſe und, damit es Ihnen noch beſſer bei uns gefallen möge, haben Sie die Güte, mich zu Herrn und Frau von Morcerf zu be⸗ gleiten, denen ich den mir von Ihnen in Rom erwieſenen unſchätz⸗ baren Dienſt erzählt und Ihren nahen Beſuch angekündigt habe, und die den Augenblick, wo es ihnen vergönnt ſein wird, dem Retter ihres Sohnes zu danken, mit Ungeduld erwarten. Sie ſind gegen Sachen des Gefühls etwas abgeſtumpft, Familien⸗Scenen haben nichts Anziehendes für Sindbad den Seefahrer, der ſo viele andere, großartigere Scenen erlebt hat! Indeſſen nehmen Sie, was ich Ihnen biete, an, als Einführung in das Pariſer Leben, das Leben der Höflichkeit, der Viſiten und der Repräſentation.“ Monte⸗Chriſto machte eine ſtumme Verbeugung, er nahm den Vorſchlag ohne Freude, ohne Verdruß an, wie eine jener ſocialen Conventionen, die jeder Mann von Ton als Pflicht betrachter. Albert klingelte ſeinem Kammerdiener und befahl ihm, Herrn und Frau von Morcerf den Beſuch des Grafen von Monte⸗Chriſto anzuſagen. Albert und der Graf folgten dem Diener auf dem Fuße. In dem Vorzimmer des Grafen befand ſich über der nach dem Salon führenden Thür ein Wappenſchild, welches durch ſeine reiche Einfaſſung und deren Uebereinſtimmung mit der Decoration des Zimmers die Wichtigkeit andeutete, welche der Beſitzer des Hotels auf dieſes Wappen legte. Monte⸗Chriſto blieb, es aufmerkſam betrachtend, vor demſelben ſtehen. — „Sit Das it er.„Di deren ic der Heta Comthure mein Ge legen ge nicht im Wagen, und we wühlen geſähr, 3 „⁷ Morcer ganz ve vom S ein an rothen von w. franzö eines d Faſt a oder weder bezeich ſie unr Jhrer voraus Abſtan gar ni O „ von m wird, Hozier nicht: meiner ſ' ohgleich m erſten rie um ſen, doch r vollen meine ſe ſein hier wie eu möge, f zu be⸗ unſchäz t habe, n Retter d gegen n haben andere, was ich s Leben ihm den ſocialen htel. „ Herrn Chriſto ße. ach dem te reiche on des Hotels nſelben 5⁵⁵ „Sieben goldene Merletten in einer Reihe in azurnem Felde., Das iſt ohne Zweifel Ihr Familien⸗Wappen, Herr Vicomte?“ fragte er.„Die Kenntniß der einzelnen Theile dieſes Wappens, vermöge deren ich ſeine Bedeutſamkeit errathen kann, abgerechnet, bin ich in der Heraldik ſehr unwiſſend; ich, der ich durch Vermittelung der Comthurei von St. Sebaſtian, von der toscaniſchen Regierung für mein Geld zum Grafen creirt bin, und dem gar nichts daran ge— legen geweſen wäre, ein großer Herr zu werden, wenn man mir nicht immer und immer wiederholt hätte, daß ein Wappen auf dem Wagen, wenn man viel reiſ't, durchaus etwas Nothwendiges iſt, und wäre es nur, damit die Douaniers die Sachen nicht durch⸗ wühlen. Wundern Sie ſich alſo nicht, daß ich, ein Graf von Un⸗ gefähr, Ihnen, dem geborenen Grafen, eine ſolche Frage thue.“ „Die Frage iſt durchaus nicht indiscret, Herr Graf,“ ſagte Morcerf mit der Einfachheit der Ueberzeugung,„und Sie haben ganz recht gerathen, es iſt unſer Geſchlechts⸗-Wappen, das heißt das vom Stamme meines Vaters; aber dieſes iſt, wie Sie ſehen, an ein anderes Schild angelehnt, welches einen ſilbernen Thurm im rothen Felde führt und das Geſchlechts⸗Wappen meiner Mutter iſt; von weiblicher Seite bin ich Spanier, aber das Haus Morcerf iſt franzöſiſchen Urſprungs und wie ich mir habe ſagen laſſen, ſogar eines der älteſten des ſüdlichen Frankreichs.“ „Ja,“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„das deuten die Merletten an. Faſt alle jene kriegeriſchen Pilger, die das heilige Land eroberten oder erobern wollten, nahmen als Sinnbilder in ihre Schilde ent⸗ weder Kreuze, die ihre Sendung, oder Zugvögel, die die weite Reiſe bezeichneten, welche ſie zu unternehmen im Begriffe waren und die ſie unter den Flügeln des Glaubens zu vollenden hofften. Einer Ihrer Vorfahren wird einen der Kreuzzüge mitgemacht haben, und vorausgeſetzt, daß es der des heiligen Ludwig war, führt das Ihre Abſtammung ſchon bis in das dreizehnte Jahrhundert zurück, was gar nicht zu verachten iſt.“ „Das iſt nicht unmöglich,“ antwortete Albert;„in einer Ecke von meines Vaters Cabinet iſt ein Stammbaum, der uns das lehren wird, und zu dem ich früher Commentare ausgearbeitet habe, die Hozier und Jaucourt ſehr erbaut haben würden. Jetzt denke ich nicht mehr daran, indeſſen muß ich Ihnen ſagen, Herr Graf, denn ——————————. — — 1 1 ſo regieru 1 panier zugleich, daher erklärt ſich auch, wenn Cicerone, daß man u Nae Sio Was Sie echen die Phantaſie 7 Ner 1 Der edeln Cata⸗ die feinſt die feinf Halſe zeigte des endli. Bekau ſeinen weiſe Eben⸗ Marſ Dien ernar mont der Thro — n o⸗ t auf aucch ein reibig reic d 6 do 5 8 O Dienſt — —— er Schritte auf Monte⸗Chriſto zu; eine einzige Bewegung zu machen; ſeine min dem „†; 9 No⸗ 22 ſ, Ten boder zelt, wie ſeine Augen auf dem Geſichte des Grafen von jn Mann 1 abe— . 2⸗Chriſto vorzuſtell in den ſchwi Verhältniſſ das ück hatte.“ 8 He Braf,“ ſpr d 8 neigend,„Sie haben, in S n⸗ ſerem H Hauſe den einzig er n, ſich ein Re 8 nſere ewige D dankba keit erwo Bei Vorte Br af More Mo Chri 10 on mit Ha nd, ſi p n nen Le 9 ſtuh z ſe 6 n, ſelbſt gegenüber Platz nahm. nte Chriſto nahm den ihm vom Grafen bezeichne — Ror Tolz dange 55 Zügen 1 chten Zei gealterten Geſichte aufgedrü leſen konnt Die Gräfin,“ ſagte Morcerf,„war bei der Toilett mein Sohn uns von dem Glücke Ihres Beſuches avert 7 zehn Minuten jedoch wird ſie hier ſein. „Es iſt eine große Ehre für mich,“ an endlich,„gleich am erſten Tage meines Aufentha Bekanntſchaft eines Mannes gewü ſeinem Rufe gleichkommt, und für den das Glück, weiſe gerecht, ſich nicht Leirri hat; hat es Ihnen eß Ebenen der Mitidja oder in den Bergen des Atlas nicht noch einen Marſchallsſtab zu bieten?“ „O!“ antwortete Morcerf, etwas erröthend,„ich habe den Dienſt verlaſſen, Herr Graf. Unter der Reſtauration zum Pair ernannt, machte ich dies erſte Campagne unter dam Marſchall Bour⸗ mont mit; ich konnte daher wohl auf einen höheren Grad rechnen, der mir auch dniede ein würde, wenn die ältere Linie auf dem Throne geblieben wäre. Aber die Juli⸗Revolution war, wie es Monte⸗Chriſto Paris der ——— 4 1 1 4 47 558 ſcheint, glorreich genug, um ſich Undankbarkeit erlauben zu können; ſie war es für jeden Dienſt, der ſich nicht aus der Kaiſerzeit her⸗ ſchrieb. Ich nahm alſo meine Demiſſion, denn wenn man, wie ich, ſeine Epauletten auf dem Schlachtfelde erworben hat, kann man auf dem glatten Parquet des Hofes nicht manövriren; ich habe den Degen verlaſſen und mich in die Politik geworfen, mich der Induſtrie gewidmet, zu der ich während der zwanzig Jahre meines Krieger⸗ Lebens ſchon große Neigung, doch keine Zeit hatte.“ „Solche Ideen ſind es, welche das Uebergewicht Ihrer Nation über alle anderen begründen, mein Herr,“ antwortete Monte⸗Chriſto; „Edelmann von alter Familie, im Beſitze eines ſchönen Vermögens, verſchmähten Sie es nicht, im Militaire von unten auf zu dienen, das findet mam ſelten; denn als General, Pair von Frankleich, Commandeur der Ehrenlegion, achten Sie ſich nicht zu gering, eine neue Lehrzeit zu beginnen, ohne andere Hoffnung und Belohnung, als die, Ihres Gleichen einſt nützlich zu ſein... Ah, mein Herr! das iſt wahrhaft ſchön, das iſt erhaben.“ Albert ſah und hörte Monte⸗Chriſto mit Erſtaunen; er hatte ihn noch nie ſo begeiſtert reden hören. „Ach!“ fuhr der Fremde fort, ohne Zweifel, um die kaum be⸗ merkbare Wolke zu verjagen, die bei ſeinen Worten über Morcerf's Stirn glitt;„ſo machen wir es in Italien nicht, wir ſteigen nach Rang und Geſchlecht und behalten lebenslang dieſelbe Färbung, denſelben Zuſchnitt, ja meiſtentheils dieſelbe Nutzloſigkeit.“ „Aber mein Herr,“ entgegnete der Graf von Morcerf,„für einen Mann von ihren Verdienſten iſt Italien kein Vaterland, und Frankreich nimmt Sie mit offenen Armen auf; folgen Sie dieſem Rufe, Frankreich iſt nicht immer undankbar, es iſt mitunter hart gegen ſeine Kinder, aber gewöhnlich edel gegen Fremde.“ „Ei, lieber Vater!“ ſagte Albert lächelnd,„man ſieht, daß Sie den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto nicht kennen. Seine Be⸗ ſtrebungen gehen über dieſe Welt hinaus, die keine Belohnungen für ihn hat; um äußere Ehre iſt es ihm nicht zu thun und er be⸗ nutzt dieſelbe nur für ſeinen Paß.“ „Das iſt hinſichtlich meiner die richtigſte Beurtheilung, die ich jemals gehört habe,“ antwortete der Fremde. dieſes aber, den ſie hatte ſ ultram hier in von N zueilen ich zur in Th Anſta Leben danke lönnen. rhit her mie t, man auf abe den Induſtrie Krieger⸗ rNation Chriſt, tmögeng, dienen, fankreich ng, eine lohnung, in Herr! er hatte aum be⸗ Norcerfs gen nach ärbung, tf,„für ind, und dieſem ter hart daß Sie ne Be⸗ nungen er be⸗ die ich —— — danke ich Ihnen auch, daß Sie mir die Freude gewähren, Ihnen 559 „Der Herr Graf war der Herr ſeines Geſchickes und wählte einen Blumenpfad,“ ſagte der Graf von Morcerf ſeufzend. „So iſt's, mein Herr,“ antwortete Monte⸗Chriſto mit einem Lächeln, das kein Maler wiederzugeben im Stande ſein möchte, und das einem Pſychologen ſchwer zu erklären werden würde. „Wenn ich nicht fürchtete, den Herrn Grafen zu ermüden,“ ſprach hierauf der General, von Monte⸗Chriſto's Manieren ſichtlich eeingenommen,„ſo würde ich ihn einladen, mich in die Kammer zu begleiten, die heute eine, für Jemand, der unſere modernen Sena⸗ toren nicht kennt, merkwürdige Sitzung hält.“ „Ich werde Ihnen, Herr Graf, ſehr dankbar ſein, wenn Sie dieſes Anerbieten mir ein anderes Mal wiederholen wollen; heute aber, wo ich mir mit der Hoffnung ſchmeichele, der Frau Gräfin vorgeſtellt zu werden, ziehe ich dieſes vor.“ „Ach, da iſt meine Mutter!“ rief der Vicomte. Wirklich ſah Monte⸗Chriſto, als er ſich lebhaft umdrehte, Frau von Morcerf auf der Schwelle der entgegengeſetzten Thüre ſtehen, als die, durch welche ihr Gemahl eingetreten war, bleich und unbe⸗ weglich, ließ ſie, als Monte Chriſto ſich umdrehte, ihren Arm ſinken, den ſie unwillkürlich auf das vergoldete Geſims gelegt hatte; ſie hatte ſchon einige Secunden dageſtanden und die letzten Worte des ultramontaniſchen Gaſtes gehört. Dieſer nahm ſich zuſammen und begrüßte die Gräfin mit einer tiefen Verbeugung, die ſich ebenfalls ſtumm und ceremoniös verneigte. „Ei, mein Gott, Madame, was iſt Ihnen denn? Iſt es Ihnen hier im Saale zu heiß? Sie ſcheinen unwohl?“ fragte der Graf von Morcerf. „Leiden Sie, theuere Mutter?“ rief der Vicomte, auf Mercedes zueilend. Sie dankte Beiden mit einem Lächeln. „Nein,“ ſagte ſie,„aber die Bewegung überwältigte mich, als ich zum erſten Male den ſah, ohne deſſen Dazwiſchenkunft wir jetzt in Thränen und Trauer wären. Herr Graf,“ fuhr ſie, mit dem Anſtande einer Königin ihm nahend, fort,„ich danke Ihnen das Leben meines Sohnes und ſegne Sie für dieſe Wohlthat. Jetzt —————— —— Nal; „Frau Gräfit agte er mich z aroßmüt für eine ganz rT T ¹ belohnen dung. Einen Men⸗ 1„ 2Tr 2 von Morcerf mi M 4 ſoh Fſ N nr. 1 5 74 † 1 1 Mein So iſt ſehr glücklich, Ihre Freun Zſchaft gewonnen zu haben, Herr Graf, und ich danke Gott, der ſo gefügt hat.“ 8 5 N † ab d MerV ihre ſchönen Au mit dem Ausdrucke olichen kbarkeit 2) mel, aß der G af zwei in denſell jrtern ſe 1 5 1 T d Norce nähe Frau Gräfin,“ ſagte er,„ich habe ſchon dem Herrn Grafen meine Entſchuldigungen gemacht, ihn verlaſſen zu müſſen. Die Sitzung wird um zwei Uhr eröffnet, und jetzt iſt es drei Uhr, ich muß reden.“ werde mich beſtreben, unſerem machen,“ ſagte die Gräfin in hr ſie, zu „Gehen Sie, lieber Graf Gaſte Ihre Abweſenheit vergeſſe veichen Tone. zird der Herr Graf,“ ful iſto gewendet, fort,„uns die Ehre erzeigen, den Reſt des demſelben uns zu verleben?“ untsrthänigſten Dank, gnädige Frau; Sie ſehen mich ſo dankbar für Ihre Güte, als man nur ſein kann, aber ich bin heut Morgen vor Ihrer Thüre aus dem Reiſewagen geſtiegen. Wie wohne ich in Paris? es iſt mir unbekannt; wo wohne ich? ich weiß es kaum. Es iſt eine unbedeutende, aber gewiß verzeihliche Beunruhi „— zung.“ o werden wir doch ein anderes Mal das Vergnügen haben. Sie verſprechen es?“ fragte die Gräfin. Monte-Chriſto verneigte ſich, ohne zu antworten, doch konnte ſeine Geberde für einwilligend gelten. wußte, wundert zeugen, gleitete M zimmer der den hatte, n Freittey ſpann, Abend 79 Chriſto ſittes H. Impror Tag ul ich ſiche vetſtoße „¹ ich ſcho ſeigen Jhren Der( — ehen mich rrich bin geſtiegen. ne ich? ich erzeihliche en haben. och konnte 561 „Dann halte ich Sie nicht zurück, Herr Graf,“ ſagte die Gräfin, „denn ich möchte um keinen Preis Ihnen durch meine Dankbarkeit unbeſcheiden erſcheinen, oder gar läſtig werden.“ „Wenn Sie es erlauben, mein theurer Graf, werde ich ver⸗ ſuchen, Ihnen in Paris Ihre mir in Rom erwieſene Freundlichkeit zu vergelten und mithin mein Coupé zu Ihrer Dispoſition ſtellen, bis Sie Zeit gehabt haben werden, für Ihren Stall zu ſorgen.“ „Tauſend Dank für Ihre Freundlichkeit, Vicomte,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„aber ich vermuthe, daß Meſſer Bertuccio die fünfte⸗ halb Stunden Friſt, die ich ihm gelaſſen, benutzt haben und mir ſchon eine vollſtändige Equipage hier vor die Thüre Ihres Hotels geſchickt haben wird.“ Albert war dergleichen von dem Grafen ſchon gewohnt, er wußte, daß derſelbe, wie Nero, keine Unmöglichkeit gelten ließ, und wunderte ſich über nichts mehr, wollte ſich aber doch ſelbſt über⸗ zeugen, wie ſeine Anordnungen ausgeführt ſein möchten, und be⸗ gleitete ihn alſo bis an die Thüre des Hotels. Monte ⸗Chriſto hatte ſich nicht getäuſcht; kaum war er im Vor⸗ zimmer des Grafen von Morcerf erſchienen, als ein Laquai, derſelbe, der den beiden Leuten in Rom die Karte des Grafen überbracht hatte, nach dem Periſtyle zueilte, ſo daß der hohe Reiſende, an der Freitreppe angekommen, wirklich ſeine Equipage ſeiner wartend fand. Es war ein Coupé aus den Ateliers von Keller, und ein Ge⸗ ſpann, welches Dracke, wie alle Lions von Paris wußten, noch am Abend zuvor für achtzehntauſend Franken nicht hatte hingeben wollen. „Ich muthe Ihnen nicht zu, mich zu begleiten,“ ſagte Monte⸗ Chriſto zu Albert,„denn ich könnte Ihnen heute nur ein improvi⸗ ſirtes Haus zeigen, und ich muß, wie Sie wiſſen, hinſichtlich der Improviſationen meinen Ruf ſchonen. Gewähren Sie mir einen Tag und geſtatten Sie mir, Sie dann einzuladen. Dann werde ich ſicherer ſein, nicht gegen die Geſetze der Gaſtfreundſchaft zu verſtoßen.“. „Wenn Sie einen Tag von mir verlangen, Herr Graf, ſo weiß ich ſchon, es wird kein Haus, ſondern ein Palaſt ſein, was Sie mir zeigen werden. Auf jeden Fall haben Sie irgend einen Genius in Ihren Dienſten.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 36 562 „Meiner Treu,, laſſen Sie es dabei,“ antwortete Monte⸗Chriſto, den Fuß auf die mit Sammet beſchlagenen Stufen ſeines pracht⸗ vollen Wagens ſetzend;„das wird mir einigen Vorſchub bei den Damen thun.“ Er ſchwang ſich in den Wagen, der ſich hinter ihm ſchloß, und fuhr in Galopp ab, aber doch nicht ſo ſchnell, um nicht zu bemerken, daß die Vorhänge des Salons, wo er Mercedes gelaſſen hatte, ſich unmerklich bewegten. Als Albert zu ſeiner Mutter zurückkehrze, fand er ſie in ihrem Boudoir in einen großen, ſammetnen Lehnſtuhl geſunken; das ganze Zimmer in Schatten verſenkt, ließ ihn das Geſicht ſeiner Mutter, welches noch dazu durch eine Wolke von Gaze, die ſie wie einen Morgennebel um ihr Haar gewunden hatte, verhüllt war, nicht er⸗ kennen; aber ihre Stimme ſchien ihm wankend; auch unterſchied er zwiſchen dem Dufte der Roſen und Heliotropen des Blumentiſches den ſcharfen, durchdringenden Geruch des Eſſigäthers, und ſah auch wirklich auf einer der ciſelirten Schalen des Kamin⸗Geſimſes das aus ſeinem Chagrinfutterale genommene Flacon der Gräfin, welches Alles den jungen Mann beunruhigte. „Leiden Sie, theuere Mutter? waren Sie unwohl, während ich unten war?“ „Ich? mein Albert; aber Du begreifſt, dieſe Roſen, dieſe Tube⸗ roſen und Orangenblüthen hauchen ihre erſten, feinſten Düfte aus, an die man ſich erſt gewöhnen muß, ſo durchdringender Geruch...“ „Dann, beſte Mutter,“ ſagte Albert, die Klingelſchnur ziehend, „müſſen Sie in Ihr Vorzimmer gebracht werden. Sie ſind wirklich unpäßlich, denn Sie waren ſchon, als Sie in den Saal traten, ſehr blaß.“ „Ich war blaß, ſagſt Du, Albert?“ „So blaß, wie es Sie, beſte Mutter, trefflich kleidet, aber nichts deſto weniger meinen Vater und mich ſehr erſchreckt hat.“ „Hat Dein Vater gegen Dich darüber geſprochen?“ fragte die Gräfin lebhaft. „Nein, Mutter, aber gegen Sie ſelbſt; erinnern Sie ſich nur,“ machte er die Bemerkung. „Ich erinnere mich deſſen nicht,“ antwortete die Gräfin. Ein Diener kam, durch Albert's Klingeln herbeigerufen. nichts. gekauft gegründe durch 8! hheſerord auf Adel ihn in? S lo vi beurthei „8 übertreff Adel Er land, g. Di blick, 3 ihn, ich hriſ pracht⸗ bei den oß, und emnerken, atte, ſich n ihrem us ganze Mütter die einen nicht er⸗ ſchied er entiſches ſah auch nſes das velches hrend ich ſe Tube⸗ üfte aus, ruch.. ziehend, wilklich ltraten, er nichts agte die h nur,“ 563 „Traget dieſe Blumen in das Vorzimmer,“ ſagte der Vicomte, „ſie riechen der Frau Gräfin zu ſtark.“ Der Laquai gehorchte. Während des Transportes der Blumen, der ziemlich lange dauerte, ſchwiegen Mutter und Sohn nachdenkend. „Was iſt denn das für ein Name, Monte⸗Chriſto?“ brach die Mutter das Schweigen, als der Bediente den letzten Topf hinaus trug.„Iſt es ein Familienname, der einer Beſitzung, oder iſt es ein bloſer Titel?“ „Ich glaube, liebe Mutter, es iſt ein bloſer Titel und weiter nichts. Der Graf hat eine kleine Inſel im toskaniſchen Archipelagus gekauft und hat, wie er ſelbſt heute Morgen ſagte, eine Comthurei gegründet. Sie wiſſen, daß ſich das durch St. Stephan von Florenz, durch St. Georg⸗Conſtantin von Parma, ja ſelbſt durch den Mal⸗ theſerorden vermitteln läßt. Uebrigens macht er keinen Anſpruch auf Adel, er nennt ſich einen Grafen von ungefähr, obgleich man ihn in Rom für einen großen Herrn hält.“ „Seine Manieren ſind ausgezeichnet,“ bemerkte die Gräfin, „ſo viel ich wenigſtens nach meiner kurzen Unterhaltung mit ihm beurtheilen kann.“ „Ol vollkommen, beſte Mutter, ſo vollkommen, daß ſie Alles übertreffen, was ich von feinſter Ariſtokratie unter dem ſtolzeſten Adel Europa's, nämlich dem von England, Spanien und Deutſch⸗ land, gefunden habe.“ Die Gräfin dachte einen Augenblick nach und ſagte dann zu ihrem Sohne: „Du haſt, mein lieber Alhert... es iſt die Frage einer Mutter, die ich jetzt an Dich thue, das wirſt Du verſtehen... Du haſt den Grafen Monte⸗Chriſto in ſeiner Häuslichkeit geſehen; Du haſt Scharf⸗ blick, Weltkenntniß, mehr Tact, als man gewöhnlich in Deinem Alter hat; glaubſt Du, daß der Graf wirklich iſt, was er zu ſein ſcheint?“ „Und was ſcheint er Ihnen?“ „Was Du ſelbſt noch ſoeben ſagteſt, ein großer Herr.“ „Wie ich Ihnen geſagt habe, meine Mutter, man hält ihn dafür.“ „Aber was denkſt Du davon, Du, Albert?“ „Ich geſtehe Ihnen, ich habe keine entſchiedene Meinung über ihn, ich halte ihn für einen Maltheſer.“ 3 36* — V 8 564 „Ich frage nicht nach ſeiner Abkunft, ſondern nach ſeiner Perſon.“ „Ach, was ſeine Perſon anbetrifft, das iſt eine andere Sache; und ich habe ſo viel Sonderbares und einander Widerſprechendes von ihm geſehen, daß, wenn Sie mich fragen, was ich von ihm denke, ich Ihnen antworten muß: ich halte ihn für einen jener Männer Byrons, die das Unglück mit ſeinem verhängnißvollen Stempel gezeichnet hat; für ſo eine Art Manfred, Lara, oder Werner, oder für den letzten Sprößling irgend einer alten Familie, der um ſein väterliches Beſitzthum gebracht, ſich durch ſein verwegenes Genie, das ihn über die Geſetze der Geſellſchaft erhob, ein neues und größeres Beſitzthum erwarb.“ „Du ſagſt?“ „Ich ſage, daß Monte⸗Chriſto eine Inſel mitten im mittel⸗ ländiſchen Meere iſt, ohne Bewohner, ohne Beſatzung, ein Schlupf⸗ winkel der Schmuggler aller Nationen, der Seeräuber aller Länder. Wer weiß, ob dieſe Weltbürger ihrem Schutzherrn nicht einen Tribut entrichten?“ „Das iſt möglich,“ verſetzte die Gräfin ſinnend. „Aber was thur's,“ entgegnete der junge Mann,„Schmuggler, oder nicht, Sie müſſen es zugeben, weil Sie ihn geſehen haben, der Herr Graf von Monte⸗Chriſto iſt ein ausgezeichneter Mann und wird Aufſehen in unſeren Salons machen. Denn ſehen Sie, dieſen Morgen bei mir hat er ſeinen Eintritt in die Pariſer Welt ſchon damit begonnen, ſelbſt Chateau⸗Renaud in Erſtaunen zu ſetzen.“ „Und wie alt kann er ſein?“ fragte Mercedes, ſichtlich großes Gewicht auf dieſe Frage legend. „Er kann fünf⸗ bis ſechsunddreißig Jahre alt ſein, liebe Mutter.“ „So jung! es iſt unmöglich,“ ſagte Mercedes, halb zu Albert, halb zu ſich ſelbſt. „Es iſt indeſſen wahr; drei oder vier Mal hat er mir, und gewiß ohne Abſicht, geſagt: zu der Zeit war ich zwölf Jahre alt. Ich, den die Neugierde aufmerkſam auf den kleinſten, ihn betreffen⸗ den Umſtand machte, verglich die Angaben und fand ſie immer übereinſtimmend. Das Alter dieſes ſonderbaren Mannes, der kein Alter hat, iſt alſo, wie ich feſt überzeugt bin, zu fünfunddreißig Jahren anzunehmen. Uebrigens bedenken Sie, liebe Mutter, wie lebhaft ſein Auge, wie ſchwarz ſein Haar und wie glatt ſeine, wenn wenn er das ich „D iſt thöri das Lel pfangen Grafen machen mehr ſo vier feit ſicht, al⸗ kleinen beſten der Ka rſon.“ ache, hendes nr ihm jener vollen eerner, er um Benie, 3 und mittel⸗ ſchlupf⸗ ſinder. ſribut uggler, en, der n und dieſen ſchon en.“ großes utter.“ Albert, t, und re alt. treffen⸗ immer er kein dreißig r, wie wenn auch bleiche Stirn iſt; es iſt eine nicht nur kräftige, ſondern auch jugendliche Natur.“ Die Gräfin ſenkte den Kopf wie unter dem Gewichte zu bitterer Gedanken. „Und dieſer Mann hat Freundſchaft zu Dir gefaßt, Albert?“ fragte ſie mit nervöſem Beben. „Ich glaube es wenigſtens, liebe Mutter.“ „Und Du... liebſt Du ihn auch?“ Er gefällt mir, was auch Franz Epinay dagegen ſagen mag, der ihn mir gern wie einen aus einer andern Welt kommenden Mann darſtellen wollte.“ Die Gräfin machte eine Bewegung des Entſetzens. „Albert,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„ich habe Dich immer gebeten, vor neuen Bekanntſchaften auf Deiner Hut zu ſein. Jetzt biſt Du ein Mann und könnteſt mir rathen; indeſſen wiederhole ich Dir: ſei vorſichtig, Albert.“ „Um dieſen Rath benutzen zu können, theuere Mutter, müßte irgend eine Handhabe vorhanden ſein, bei welcher der Graf mich faſſen könnte. Aber der Graf ſpielt nicht, er trinkt nur Waſſer, welches er mit einigen Tropfen ſpaniſchen Weines färbt; er hat ſich als ſo reich angekündigt, daß ich ihm in's Geſicht lachen müßte, wenn er etwa Geld von mir borgen wollte; was meinen Sie alſo, das ich von Seiten des Grafen zu fürchten haben könnte?“ „Du haſt Recht,“ antwortete die Gräfin,„und meine Furcht iſt thöricht, umſomehr, als ihr Gegenſtand ein Mann iſt, der Dir das Leben gerettet hat. Apropos, hat Dein Vater ihn gut em⸗ pfangen? Es iſt wichtig, daß wir mehr als höflich gegen den Grafen ſind. Dein Vater iſt zuweilen beſchäftigt, ſeine Geſchäfte machen ihn zerſtreut, ſorgenvoll, und es wäre möglich, daß er, ohne es zu wollen...“ „Mein Vater war vollkommen, beſte Mutter, ja, was noch mehr ſagen will, er ſchien wahrhaft geſchmeichelt von den drei oder vier feinen, gewandten Complimenten, die der Graf mit einer Ein⸗ ſicht, als kenne er ihn ſeit dreißig Jahren, ihm machte. Jeder dieſer kleinen Lobespfeile traf meinen Vater ſo ſicher, daß ſie ſich als die beſten Freunde von der Welt trennten, und Papa ihn ſogar mit nach der Kammer nehmen wollte, um ihn ſeine Rede hören zu laſſen.“ Die Gräfin antwortete nicht, ſie war in eine ſo tiefe Träumerei verſunken, daß ihre Augen ſich unwillkürlich geſchloſſen hatten. Der junge Mann ſtand vor ihr und betrachtete ſie mit der faſt leiden⸗ ſchaftlichen, kindlichen Liebe junger Leute, deren Mütter noch ſchön und jugendlich ſind; dann, als er ihre Augen ſich nach und nach ſchließen ſah, horchte er einen Augenblick auf ihre ſanften, regel⸗ mäßigen Athemzüge und entfernte ſich, ſie eingeſchlummert glaubend, auf den Zehenſpitzen, die Thür des Boudoirs ſeiner Mutter vor⸗ ſichtig ſchließend. „Dieſer Teufel von Menſchen,“ murmelte er kopfſchüttelnd;„ich habe ihm wohl unten vorausgeſagt, daß er Aufſehen in der Welt machen werde; ich beurtheile ſeinen Erfolg nach einem ſichern Maß⸗ ſtabe. Er iſt von meiner Mutter bemerkt worden, alſo auf jeden Fall bemerkenswerth. Und er ging in ſeinen Stall, nicht ohne einen geheimen Ver⸗ druß, daß der Graf von Monte⸗Chriſto, ohne es eigentlich ſelbſt zu wiſſen, ein Geſpann acquirirt hatte, das unter Nr. 2 in der Meinung aller Kenner ſtand. „Es iſt ausgemacht,“ ſagte er,„die Menſchen ſind nicht gleich, ich werde meinen Vater bitten, dieſen Lehrſatz in der Pairs⸗Kammer abzuhandeln.“ — Unte Weg in er von n Preis des wohl kan pplendiden halten to Das Wohnſitz rechten S dichte B Fogade, zur recht welche di treppe f Porzella allein ſt Straße Ehe ſchwere kommen Schnelle ſahren das Gitt des We⸗ de Männer XLIII. Meſſer Bertuccio. Unterdeſſen war der Graf zu Hauſe angelangt; er hatte den Weg in ſechs Minuten zurückgelegt. In dieſen ſechs Minuten war er von mindeſtens zwanzig jungen Leuten geſehen worden, die den Preis des Geſpannes, welches ſie nicht hatten kaufen können, ſehr wohl kannten und ihre Pferde in Galopp geſetzt hatten, um dem ſplendiden Herrn zu folgen, der Pferde zu 10,000 Franken das Stück halten konnte. Das Haus, welches Ali gewählt hatte und welches zum ſtädtiſchen Wohnſitz des Grafen von Monte⸗Chriſto beſtimmt war, lag auf der rechten Seite der elyſäiſchen Felder, zwiſchen Hof und Garten; eine dichte Baumgruppe mitten auf dem Hofe verſteckte einen Theil der Facade, von beiden Seiten dieſer Baumgruppe aus erſtreckten ſich zur rechten und linken Seite hin, wie Arme, zwei breite Wege, welche die Wagen von dem Gitter aus bis vor eine doppelte Frei⸗ treppe führten, auf deren jeder Stufe eine mit Blumen gefüllte Porzellan⸗Vaſe ſtand. Dieſes Haus, welches in einem weiten Raume allein ſtand, hatte außer dem Haupt-Eingange noch einen von der Straße Ponthieu. Ehe noch der Kutſcher den Portier angerufen hatte, drehte die ſchwere Gitterthür ſich in ihren Angeln; man hatte den Grafen kommen ſehen, der in Paris wie in Rom und überall mit der Schnelle des Blitzes bedient wurde. Der Kutſcher konnte alſo ein⸗ ſahren und den Halbkreis beſchreiben, ohne anhalten zu müſſen, und das Gitter war ſchon geſchloſſen, als die Räder noch auf dem Kieſe des Weges knirrſchten. Der Wagen hielt an der linken Seite der Freitreppe; zwei Männer traten an den Schlag: der Eine war Ali, der ſeinem Herrn 568 mit unverkennbarer Freude zulächelte und ſich durch einen einfachen Blick Monte⸗Chriſto's dafür belohnt fand. Der Andere grüßte demüthig und bot dem Grafen ſeinen Arm, um aus dem Wagen zu ſteigen. „Danke, Meſſer Bertuecio,“ ſprach der Graf, die drei Stufen des Schlages leicht überſpringend,„und der Notar?“ „Er iſt in dem kleinen Salon, Excellenza,“ antwortete Bertuccio. „Und die Viſitenkarten, die ich Euch, ſobald Ihr die Nummer des Hauſes wüßtet, ſtechen zu laſſen beauftragte?“ „Sind beſorgt, Herr Graf; ich war bei dem beſten Kupferſtecher des Palais Royal, der in meiner Gegenwart die Tafel gravirt hat; die erſte Karte, welche abgezogen wurde, habe ich, erhaltenem Be⸗ fehle zu Folge, ſogleich zu dem Herrn Grafen Danglars, Deputirten, in der Chauſſee d'Antin Nr. 7, geſchickt, die andern liegem auf dem Kamine in dem Zimmer des gnädigen Herrn.“ „Gut. Wie viel ÜUhr iſt es?“ „Vier Uhr.“ „Monte⸗Chriſto gab Handſchuh, Hut und Stock ſeinem fran⸗ zöſiſchen Kammerdiener, demſelben, der in dem Vorzimmer des Grafen von Morcerf gewartet hatte, um den Wagen zu beſtellen, dann ging er, von Bertuccio, der ihm den Weg zeigte, geführt, nach dem Salon. „Das iſt erbärmlicher Marmor in dieſem Vorzimmer,“ bemerkte Monte⸗Chriſto,„ich hoffe, daß ich das nicht lange behalten werde.“ Bertuccio verneigte ſich. Der Notar wartete, wie der Haushofmeiſter geſagt hatte, in dem kleinen Salon.. Er war ein würdiger Repräſentant des Advocatenſtandes von Paris, in der unüberſchreitbaren Gravität eines Gerichtsſchreibers der Stadt erzogen. „Sind Sie der Herr Notar, welcher mit dem Verkaufe des Landhauſes, das ich zu haben wünſche, beauftragt iſt?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ja, Herr Graf,“ antwortete der Notar. „Iſt der Kaufcontract bereit?“ „Ja, Herr Graf.“. „Haben Sie ihn mitgebracht?“ „Hier iſt er.“ reizend, „Sb auf dem dem Tho „Ich „nein, g Haus zu zu beſinn „Ac jetzt, ich den lüge „E cellenza etwas ge tenay⸗au „N. einmal „U lebhaft, fran⸗ Grafen n ging Salon. merkte verde.“ tte, in es von reibers fe des fragte 569 „Vortrefflich. Und wo iſt dieſes Haus, welches ich kaufen will?“ fragte Monte⸗Chriſto nachläſſig, halb zu Bertuccio, halb zu dem Notar gewendet. Der Haushofmeiſter zeigte durch eine Geberde, daß er es nicht wiſſe. Der Notar ſah Monte⸗Chriſto mit Verwunderung an. „Wie?“ ſagte er,„der Herr Graf wiſſen nicht, wo das Haus liegt, das Sie gekauft haben?“ „Meiner Treu, nein,“ antwortete der Graf. „Der Herr Graf kennen es nicht?“ „Und woher, zum Teufel, ſollte ich es kennen? Ich komme dieſen Morgen von Cadix und bin zum erſten Male in Paris, es iſt ſogar das erſte Mal, daß ich nach Frankreich gekommen bin.“ „Das iſt allerdings eine andere Sache,“ verſetzte der Notar; „das Haus, welches der Herr Graf gekauft haben, iſt in Auteuil.“ Bei dieſen Worten erblaßte Bertuccio auffallend. „Und wo liegt Auteuil?“ fragte der Graf. „Zwei Schritte von hier, Herr Graf, gleich nach Paſſy, es liegt reizend, mitten im Gehölze von Boulogne.“ „So nahe?“ wendete Monte⸗Chriſto ein,„aber das iſt ja nicht auf dem Lande. Wie zum Teufel konntet Ihr mir ein Haus vor dem Thore von Paris wählen, Meſſer Bertuccio!“ „Ich!“ rief der Haushofmeiſter mit auffallender Erregtheit, „nein, gewiß nicht; mich haben Excellenza nicht beauftragt, dieſes Haus zu beſorgen; wenn Excellenza die Gnade haben wollten, ſich zu beſinnen, werden Sie finden...“ „Ach, es iſt wahr,“ verſetzte Monte⸗Chriſto;„ich beſinne mich jetzt, ich habe die Anzeige in einem Journal geleſen und mich durch den lügenhaften Ausdruck: Landhaus, verleiten laſſen.“ „Es iſt noch Zeit,“ ſprach Bertuccio lebhaft,„und wenn Ex⸗ cellenza mich beauftragen will, anderweit zu ſuchen, werde ich gewiß etwas ganz Vorzügliches ausfindig machen, ſei es in Enghien, Fon⸗ tenay⸗aux⸗Roſes oder in Bellevue.“ „Nein, nein,“ ſagte Monte⸗Chriſto ſorglos,„da ich dieſes nun einmal habe, will ich es behalten.“ „Und der Herr Graf thun Recht daran,“ ſagte der Notar lebhaft, der ſein Honorar zu verlieren fürchtete;„es iſt eine reizende 570 Beſitzung: klare Gewäſſer, dichte Holzungen, eine comfortable, ob⸗ gleich lange verlaſſene Beſitzung, ohne das Mobiliar zu rechnen, das zwar alt, aber werthvoll iſt, beſonders ſeit das Rococco Mode iſt. Verzeihen Sie, Herr Graf, aber ich glaube, Sie werden auch den Geſchmack des Zeitalters haben.“ „Weiter, weiter,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„es iſt alſo anſtändig?“ „Ahl! gnädiger Herr, mehr als das, es iſt prachtvoll.“ „Teufel! eine ſolche Gelegenheit muß man nicht verſäumen,“ meinte der Graf;„den Contract, wenn es Ihnen gefällig iſt, Herr Notar.“ . Und er unterzeichnete raſch, nachdem er nur einen Blick auf die Stelle geworfen hatte, wo die Lage des Hauſes und der Name des Veſiters angegeben war. „Bertuccio,“ ſagte er, zgehen Sie dem Herrn fünfundfünfzig⸗ taufend Franken.“ Der Haushofmeiſter entfernte ſich mit wankenden Schritten und kam mit einem Packete Banknoten zurück, die der Notar zählte, nach der Gewohnheit eines Mannes, der nicht gewohnt war, ohne genaue Unterſuchung ſein Geld anzunehmen. „Und jetzt,“ fragte der Graf,„ſind alle Formalitäten beſeitigt?“ „Alle, Herr Graf.“ „Haben Sie die Schlüſſel?“ „Sie ſind in den Händen des Caſtellans, dem das Haus an⸗ vertraut iſt; aber hier iſt der Befehl an ihn, den Herrn Grafen in Beſitz Ihres neuen Eigenthums zu ſetzen.“ „Sehr gut.“ Hierbei machte Monte⸗Chriſto dem Notar ein verabſchiedendes Zeichen. „Aber,“ wagte der rechtſchaffene Gerichtsſchreiber zu ſagen, „der Herr Graf haben ſich geirrt, wie es ſcheint; es beträgt nur fünfzigtauſend Franken, Alles in Allem.“ „Und Ihr Honorar?“ „Iſt ſchon in dieſer Summe mit einbegriffen, Herr Graf.“ „Aber ſind Sie nicht von Auteuil hierher gekommen?“ „Allerdings.“ „Nun wohl! Ihre Verſäumniß muß vergütet werden,“ ſagte der Graf und wiederholte ſein verabſchiedendes Zeichen. — Zlättchen, dem auf ſeine Erin „Aut ſagte er Schrecken werde ich „Ber ſamem G hallenden „Bertucci Der „Me mal geſag „An „Ihr „Nei einer Art Gemüthst haften Uu „Es kennt,“ ſe ſitzung in nüßzliche! „Na farbe faſt „Nu geht, ſag hritten zählte, 3 ohne eitigt?“ us an⸗ aſen in dendes ſagen, gt nur — 571 Der Notar entfernte ſich taumelnd und ſich bis zur Erde bückend; es war das erſte Mal ſeit dem Tage, wo er eingeſchrieben war, daß ein ſolcher Client ihm vorkam. „Führen Sie den Herrn,“ ſprach der Graf zu Bertuccio. Und der Haushofmeiſter entfernte ſich mit dem Notar. Kaum war der Graf allein, als er eine verſchloſſene Brieftaſche aus der Taſche zog, die er mit einem Schlüſſel, den er immer am Halſe trug, öffnete. Nachdem er einige Augenblicke geſucht hatte, fand er ein Blättchen, auf dem mehrere Notizen ſtanden, verglich dieſelben mit dem auf dem Tiſche ausgebreiteten Kaufcontracte, und ſammelte ſeine Erinnerungen. „Auteuil, Straße de la Fontaine Nr. 30; es iſt ganz richtig,“ ſagte er;„jetzt muß ich ſuchen, durch religiöſen oder phyſiſchen Schrecken ein Geheimniß zu entreißen.... Nun, in einer Stunde werde ich Alles wiſſen.“ „Bertuccio!“ rief er, mit einer Art kleinem Hammer mit bieg⸗ ſamem Griffe an eine Glocke ſchlagend, die einen ſcharfen, nach⸗ hallenden Ton, gleich dem der türkiſchen Pauke, von ſich gab.— „Bertuccio!“ Der Haushofmeiſter erſchien auf der Thürſchwelle. „Meſſer Bertuccio!“ ſagte der Graf,„habt Ihr mir nicht ein⸗ mal geſagt, Ihr wäret ſchon öfter in Frankreich geweſen?“ „In gewiſſen Theilen Frankreichs, ja, Excellenza.“ „Ihr kennt ohne Zweifel die Umgebungen von Paris?“ „Nein, Excellenza, nein,“ entgegnete der Haushofmeiſter mit einer Art nervöſem Zittern, das Monte⸗Chriſto, nicht unbekannt mit Gemüthsbewegungen der verſchiedenſten Art, mit Recht einer leb⸗ haften Unruhe zuſchrieb. „Es iſt ſchade, daß Ihr die Umgebungen von Paris nicht kennt,“ ſagte er,„denn ich will noch heute Abend meine neue Be⸗ ſitzung in Augenſchein nehmen, und da hättet Ihr mir ohne Zweifel nützliche Aufſchlüſſe geben können.“ „Nach Auteuil!“ rief Bertuccio, deſſen kupferfarbene Geſichts⸗ farbe faſt leichenhaft wurde.„Ich! nach Auteuil gehen!“ „Nun, was iſt denn dabei Abſonderliches, daß Ihr nach Auteuil geht, ſagt mir, Bertuccio? Wenn ich in Auteuil wohne, werdet Ihr —2 —— 572 Euch ſchon bequemen müſſen, auch hinzukommen, weil Ihr zum Hauſe gehört.“ Bertuccio ſchlug vor dem durchdringenden Blicke des Herrn die Augen nieder und ſtand ſtumm und unbeweglich. „Aber was ſicht Euch denn an? Ihr laßt mich alſo zum zweiten Male nach dem Wagen klingeln?“ ſagte Monte⸗Chriſto in dem Tone, mit welchem Ludwig XIV. das berüchtigte:„Ich habe warten müſſen!“ ausſprach. Bertuccio war mit einem Satze im Vorzimmer und rief mit heiſerer Stimme: „Die Pferde Seiner Excellenz!“ Monte⸗Chriſto ſchrieb drei Briefe; als er den letzten ſiegelte, erſchien der Haushofmeiſter wieder. „Der Wagen iſt vor der Thür, Excellenza,“ ſagte er. „Gut, nehmt den Hut und Handſchuh,“ erwiderte der Graf. „Werde ich den Herrn Grafen begleiten?“ rief Bertuccio entſetzt. „Gewiß, Ihr müßt ja Eure Anordnungen machen, indem ich die Abſicht habe, jenes Haus zu bewohnen.“ Es wäre unerhört geweſen, gegen irgend einen Befehl des Grafen etwas einzuwenden; auch folgte der Haushofmeiſter, ohne ein Wort hervorzubringen, dem Grafen, der in den Wagen ſtieg und ihm winkte, daſſelbe zu thun. Der Haushofmeiſter ſetzte ſich ehrfurchtsvoll auf den Rückſitz. — Mong reype hin dekteut h kurzes Ge würde Mi ſicigte„ meiſter a er aber gleitung Die inner Bei dem des Wage dem ſie o „Stt Graf, ſe hofmeiſte Der gehorchte zu: Stra Dief des Weg⸗ mit Elech Dunkelhe Cpiſode. herabzulc „N tuccio? woran d dauſe dern ſo zum riſto in h habe ief mit ſegelt, Graf. entſetz. bem ich ehl des , ohne eg und si — men XILIV. Das Haus in Auteuil. Monte⸗Chriſto hatte bemerkt, daß Bertuccio, indem er die Frei⸗ treppe hinunterging, ſich nach der Sitte der Corſen mit dem Daumen bekreuzt hatte, und daß er, als er in den Wagen geſtiegen war, ein kurzes Gebet murmelte. Jeder Andere, als ein neugieriger Mann, würde Mitleiden mit dem ſonderbaren Widerſtreben gegen die beab⸗ ſichtigte Promenade extra muros, welches der würdige Haushof⸗ meiſter auf ſo unzweifelhafte Weiſe zu erkennen gab, gehabt haben; er aber war, wie es ſchien, zu neugierig, um Bertuccio die Be⸗ gleitung zu erlaſſen. In zwanzig Minuten war Auteuil erreicht. Die innere Bewegung des Hofmeiſters hatte fortwährend zugenommen. Bei dem Einfahren in das Dorf betrachtete Bertuccio, in die Ecke des Wagens geſchmiegt, mit fieberhafter Aufregung jedes Haus, an dem ſie vorüberfuhren. „Straße de la Fontaine Nr. 30 laßt Ihr halten,“ ſagte der Graf, ſeinen Blick bei dieſem Befehle mitleidsvoll auf den Haus⸗ hofmeiſter richtend. Der Angſtſchweiß brach auf Bertuccio's Geſichte aus, indeſſen gehorchte er und rief, ſich aus dem Wagen beugend, dem Kutſcher zu: Straße de la Fontaine Nr. 30. Dieſe Nr. 30 lag am äußerſten Ende des Dorfes. Während des Weges dahin war es Nacht geworden, oder vielmehr, eine ganz mit Electricität geſchwängerte ſchwarze Wolke gab dieſer frühzeitigen Dunkelheit den Anſchein und die Feierlichkeit einer dramatiſchen Epiſode. Der Wagen hielt, der Laquai eilte, den Schlag des Wagens herabzulaſſen. „Nun?“ fragte der Graf,„Ihr ſteigt nicht aus, Meſſer Ber⸗ tuccio? Ihr wollt alſo im Wagen ſitzen bleiben? Aber zum Teufel, woran denkt Ihr denn heute Abend?“ 574 Bertuccio ſchwang ſich aus dem Wagen und bot dem Grafen ſeine Schulter, der ſich dieſes Mal, eine Stufe des Wagentrittes nach der anderen nehmend, feſt auf dieſelbe ſtützte. „Klopft,“ befahl der Graf,„und meldet mich.“ Bertuccio klopfte, der Caſtellan erſchien. „Was giebt's?“ fragte er. „Es iſt Euer neuer Herr, guter Mann,“ ſagte der Laquai und reichte dem Caſtellan das Beglaubigungsſchreiben des Notars hin. „Das Haus iſt alſo verkauft?“ fragte der Caſtellan,„und will der Herr es bewohnen?“ „Ja, mein Freund,“ ſprach der Graf,„und ich werde mich be⸗ mühen, daß Ihr Euern alten Herrn nicht vermiſſen ſollt.“ „O, gnädiger Herr!“ antwortete der Caſtellan,„ich werde ihn nicht zu ſehr vermiſſen, denn wir ſahen ihn ſehr ſelten; es iſt länger als fünf Jahre, daß er nicht hergekommen iſt, und er hat wahrlich wohlgethan, ein Haus zu verkaufen, das ihm ſo wenig nützte.“ „Und wie hieß Euer alter Herr?“ fragte der Graf. „Der Herr Marquis von Saint⸗Méran; ach! er hat das Haus unter dem Werthe verkauft, bin ich überzeugt.“ „Der Marquis von Saint⸗Méran!“ wiederholte Monte⸗Chriſto; „es iſt mir, als wäre dieſer Name mir nicht fremd;... der Mar⸗ quis von Saint⸗Méran...“ Er ſchien nachzudenken. „Ein alter Edelmann,“ fuhr der Caſtellan fort,„ein treuer Anhänger der Bourbons; er hatte eine einzige Tochter, die er mit Herrn von Villefort, der Procurator des Königs in Nimes und ſpäter in Verſailles war, vermählt hatte.“ Monte⸗Chriſto ſah nach Bertuccio und fand denſelben bleicher als die Wand, an welche er ſich lehnte, um nicht zu fallen. „Und iſt die Tochter nicht geſtorben?“ fragte Monte⸗Chriſto; „es iſt mir, als hätte ich davon gehört.“ „Ja, gnädiger Herr, vor einundzwanzig Jahren ſchon, und ſeit⸗ dem haben wir den armen, lieben Herrn Marquis keine drei Mal geſehen.“ „Gut, gut,“ ſagte Monte⸗Chriſto, an der gänzlichen Erſchlaffung des Haushofmeiſters abnehmend, daß er dieſe Saite nicht ſtraffer zittern d was das Zuer erſte Etag Schlafhin einer We „Si ſehr hegl wollen ſe wildumh Vergang keummte wehten N „- „nein, Grafen entrittes ai und is hin. nd will wich be⸗ rde ihn länger vdahrlich 8.* 8 Haus Jhriſt r Mar⸗ treuer er mit es und bleicher Lhriſto; no ſeit⸗ ei Mal laffung ſtraffer —— 575 anziehen dürfe, ohne ſie zu zerreißen;„danke! Gebt mir Licht, guter Mann.“ „Werde ich den gnädigen Herrn begleiten?“ „Nein, das iſt nicht nöthig, Bertuccio wird mir leuchten.“ Monte⸗Chriſto begleitete dieſe Worte mit dem Geſchenke zweier Goldſtücke, die einen Ausbruch von Segnungen und Seufzern her⸗ vorriefen. „Ach, gnädiger Herr!“ ſagte der Caſtellan, nachdem er vergebens auf dem Kamin⸗Sims geſucht hatte,„ich habe keine Wachslichter hier.“ „Nehmt eine der Wagenlaternen, Bertuccio, und zeigt mir die Zimmer,“ ſagte der Graf. Der Haushofmeiſter gehorchte ohne Einwendung, aber an dem Zittern der Hand, welche die Laterne hielt, konnte man leicht ſehen, was das Gehorchen ihm koſtete. Zuerſt wurde das umfangreiche Erdgeſchoß durchgangen: die erſte Etage beſtand aus einem Salon, einem Badegemache und zwei Schlafzimmern. Aus einem dieſer Schlafzimmer kam man nach einer Wendeltreppe, die nach dem Garten führte. „Sieh' da, eine geheime Treppe!“ ſagte der Graf,„das iſt ja ſehr bequem. Leuchtet mir, Meſſer Bertuccio; geht voraus, wir wollen ſehen, wo dieſe Treppe uns hinführt.“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Bertuccio,„ſie führt in den Garten.“ „Aber ich bitte Euch, woher wißt Ihr das?“ „Ich wollte ſagen, ſie muß dahin führen.“ „Nun wohl, wir wollen uns davon überzeugen.“ Bertuccio ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ging voraus. Die Treppe führte wirklich in den Garten. An der äußeren Thüre blieb der Haushofmeiſter ſtehen. „Nun vorwärts, Meſſer Bertuccio!“ ſagte der Graf. Aber der, zu dem er ſprach, war taub, ſtumpf, vernichtet. Seine wildumherſchweifenden Augen ſchienen die Spuren einer entſetzlichen Vergangenheit zu ſuchen, und mit ſeinen krampfhaft zuſammenge⸗ krümmten Händen ſchien er irgend eine ſchreckliche Erinnerung ab⸗ wehren zu wollen. „Nun!“ wiederholte der Graf. „Nein, nein,“ rief Bertuccio, die Laterne in die Ecke ſetzend; „nein, gnädiger Herr, ich gehe nicht weiter, es iſt unmöglich!“ 576 „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Graf mit unwiderſtehlicher Stimme. „Aber Sie ſehen doch, gnädiger Herr,“ rief der Haushofmeiſter, „daß das nicht mit rechten Dingen zugeht, daß Sie, da Sie ein Landhaus bei Paris kaufen wollen, daſſelbe gerade in Auteuil wählen müſſen, und daß, da Sie es in Auteuil kaufen, es gerade Nr. 30 in der Straße de la Fontaine ſein muß. Ach warum habe ich es Ihnen nicht gleich geſagt, gnädiger Herr! Sie hätten gewiß nicht verlangt, daß ich mit käme. Ich hoffte, daß es wenigſtens nicht gerade dieſes Haus ſein würde, was Excellenza gekauft hatten. Als gäbe es kein anderes Haus in Auteuil, als das des Mordes.“ „O! o!“ ſprach Monte⸗Chriſto, plötzlich ſtehen bleibend,„was für ein häßliches Wort habt Ihr geſprochen. Teufel von Menſchen, eingewurzelter Corſe! nichts als Geheimniſſe oder Aberglauben! Kommt, nehmt die Laterne und folgt mir in den Garten; mit mir werdet Ihr Euch hoffentlich nicht fürchten?“ Bertuccio nahm die Laterne und gehorchte. Die Thür wurde geöffnet, der Himmel war neblig und trübe, und vergebens kämpfte der Mond gegen ein Meer von Wolken, das ihn mit ſeinen düſtern Wogen umzog, die er einen Augenblick erhellte und dann wieder verſchwand. Der Haushofmeiſter wollte links gehen. „Nein, mein Herr,“ ſagte der Graf,„warum wollen wir in dunklen Alleen uns vertiefen? Hier iſt ein ſchöner Raſenplatz, den wollen wir zuerſt ſehen.“ Bertuccio trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn, aber gehorchte; indeſſen ging er immer noch nach der linken Seite hin. Monte⸗Chriſto im Gegentheil wendete ſich rechts; bei einer dichten Baumgruppe blieb er ſtehen. Jetzt konnte der Haushofmeiſter ſich nicht mehr halten. „Entfernen Sie ſich, Excellenza,“ rief er,„entfernen Sie ſich, ich beſchwöre Sie, Sie ſind gerade an der Stelle.“ „An welcher Stelle?“ „An der Stelle, wo er fiel.“ „Mein lieber Meſſer Bertuccio,“ ſagte Monte Chriſto lachend, „kommt zu Euch, beſinnt Euch, ich rathe es Euch, wir ſind hier nicht in Sartina oder in Corte. Dieſes iſt kein Hinterhalt, ſondern — beſchwöte ,Jch Graf kalt in irgend die Händ haben w Augenbli Ergießun Unglüc „M die Händ dem der ich häuf Teufel wußte, detta) ſolche S Mord, 6 Gensd'au urtheilen Be obgleich pflichtet M. Auge, dann ſa Adern! „T als er ſchickte, Eigenſc *) Der G licher meiſter, Sie ein wählen Nr. 30 ich es ß nicht nicht . Als „„was enſchen, lauben! nit mir wurde kämpfte düſtern wieder achend, nd hier ſondern 577 ein engliſcher Garten, zwar ein ſchlecht erhaltener, das gebe ich zu, der aber deswegen doch nicht verläumdet werden muß.“ „Excellenza, bleiben Sie nicht da, bleiben Sie nicht da, ich beſchwöre Sie!“ „Ich glaube, Ihr werdet toll, Meſſer Bertuccio,“ ſagte der Graf kalt;„wenn das iſt, ſagt es mir früh genug, damit ich Euch in irgend eine Heilanſtalt ſchicken kann, ehe ein Unglück geſchieht.“ „Ach! Excellenza,“ ſagte Bertuccio den Kopf ſchüttelnd und die Hände faltend, in einer Stellung, über die der Graf gelacht haben würde, wenn Gedanken von Wichtigkeit ihn nicht in dieſem Augenblicke beherrſcht hätten, die ihn ſehr aufmerkſam auf jede Ergießung dieſes wunden Gewiſſens machten,„ach! Excellenza, das Unglück iſt ſchon geſchehen.“ „Meſſer Bertuccio, ich muß Euch ſagen, daß Ihr geſtikulirt, die Hände ringt und die Augen verdreht wie ein Beſoffener, von dem der Teufel nicht weichen will; nun muß ich Euch ſagen, wie ich häufig bemerkt habe, daß der am ſchwerſten auszutreibende Teufel ein Geheimniß iſt. Ich wußte, daß Ihr ein Corſe ſeid, wußte, daß Ihr zuweilen an einer alten Geſchichte von einer Ven⸗ detta*) wiederkäut. In Italien ließ ich das hingehen, weil dort ſolche Sachen angebracht ſind; aber in Frankreich iſt ein Mord ein Mord, er mag eine Urſache haben, welche er wolle; da giebt es Gensd'armen, die ſich darum bekümmern, Richter, die ihn ver⸗ urtheilen, und Blutgerüſte, die ihn beſtrafen.“ Bertuccio faltete die Hände und hielt dabei ſeine Laterne feſt, obgleich er dem, was der Graf ſagte, mit Mienen und Augen bei⸗ pflichtete; das Licht erhellte ſein verſtörtes Geſicht. Monte⸗Chriſto betrachtete ihn einen Augenblick mit demſelben Auge, wie er in Rom die Hinrichtung Andrea's angeſehen hatte; dann ſagte er mit einem Tone, der einen neuen Schauder durch die Adern des armen Haushofmeiſters jagte: „Der Abbé Buſoni hatte mir alſo nicht die Wahrheit geſagt, als er nach ſeiner Reiſe in Frankreich im Jahre 1829 Euch zu mir ſchickte, mit einem Briefe, in welchem er mir Eure vortrefflichen Eigenſchaften anpries. Nun denn, ich werde an den Abbé ſchreiben, *) Blutrache der Corſen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 1 37 ——— 578 ihn für ſeinen Schützling verantwortlich machen, und dann werde ich ohne Zweifel erfahren, was es mit dieſem Morde zu bedeuten hat. Indeſſen mache ich Euch aufmerkſam, Meſſer Bertuccio, daß ich mich immer nach den Geſetzen und Sitten des Landes richte, in welchem ich lebe, und daß ich nicht Luſt habe, um Euretwillen mit der franzöſiſchen Juſtiz in Colliſion zu kommen.“ „Ol thuen Sie das nicht, Excellenza! Ich habe Ihnen treu gedient, nicht wahr?“ rief Bertuccio verzweifelnd;„ich habe immer als rechtſchaffener Mann gehandelt, ja, ich habe ſo viel ich konnte, Gutes gethan.“ „Das kann ich nicht beſtreiten,“ erwiderte der Graf;„aber weshalb zum Teufel ſeid Ihr ſo aufgeregt? Das iſt ein ſchlimmes Zeichen, ein reines Gewiſſen macht die Wangen eines rechtlichen Mannes nicht ſo blaß, läßt ſeine Hände nicht ſo fieberhaft zittern...“ „Aber, Herr Graf,“ ſprach Bertuccio zaudernd,„haben nicht Sie ſelbſt mir geſagt, daß der Abbé Buſoni, der meine Beichte in dem Gefängniſſe zu Nimes gehört hat, Sie vorbereitet hätte, indem er mich zu Ihnen ſchickte, daß ich mir eine ſchwere Sünde vorzu⸗ werfen habe?“ „Ja, aber da er mir ſchrieb, daß Ihr einen vortrefflichen Haushofmeiſter abgeben würdet, glaubte ich nur, Ihr hättet ge⸗ ſtohlen, weiter nichts!“ 8l Herr Graf,“ ſprach Bertuccio verächtlich. „Oder Ihr hättet, da Ihr ein Corſe ſeid, der Neigung nicht widerſtehen können, Euer Meſſer zu gebrauchen.“ „Nun wohl! ja, gnädiger Herr, ja, mein guter Herr, das iſt es,“ rief Bertuccio, ſich dem Grafen zu Füßen werfend;„ja, es war eine Rache, ich ſchwöreſes, eine einfache Rache.“ 3 Ich verſtehe, aber was ich nicht verſtehe, iſt, daß gerade dieſes Haus Euchzin dem Grade galvaniſirt.“ „Aber, gnädiger Herr, iſt das nicht ſehr natürlich?“ entgegnete Bertuccio,„da eben in dieſem Hauſe die Rache vollführt wurde?“ „Wie, in meinem Hauſe?“ „O, gnädiger Herr, damals gehörte es noch nicht Ihnen,“ ver⸗ ſetzte Bertuccio naiv. „Aber zum Teufel, wem gehörte es denn? Dem Herrn Mar⸗ — ommt, wo uanffnabſ „Gnäd Verhängniß, kaufen Sie gerade daßſe in den Gart ſieg; Sie b enpfing; in graben; da grfal Vor MNun es Vorſehum muß man k ſammelt Eu „Ich h dem Abbé: hinzu,„ſag „Dann 6 mir nich iice; Ihr und von E eiem Haus daß meine Aends nie wenig Verlo denn, verſte die Juliz nan ſie nu an einem werde (deuten lo, daß cte, in len mit n treu immer konnte, „aber limmes htlichen rn.. nicht chte in indem vorzu⸗ fflichen tet ge⸗ g nicht das iſt dla, es e dieſes gegnete vurde?“ ,“ ver⸗ n Mar⸗ 579 quis von Saint⸗Méran, hat uns, dächte ich, der Caſtellan geſagt. Was hattet Ihr denn an dem Herrn von Saint⸗Méran zu rächen?“ „Ol nicht an ihm, Excellenza, an einem Anderen.“ „Das iſt ein ſonderbares Zuſammentreffen,“ ſagte Monte⸗ Chriſto, der ſeinen Gedanken nachzuhängen ſchien,„daß Ihr auf dieſe Weiſe durch Zufall und ganz unvorbereitet an einen Ort kommt, wo ein Ereigniß ſtattgefunden hat, das Euch ſo ſchreckliche Gewiſſensbiſſe verurſacht.“ „Gnädiger Herr,“ antwortete der Haushofmeiſter,„es iſt das Verhängniß, das Alles ſo gefügt hat, davon bin ich überzeugt; erſt kaufen Sie ein Haus, gerade in Auteuil; dann iſt dieſes Haus gerade daſſelbe, in welchem ich einen Mord verübt habe; Sie gehen in den Garten hinunter, gerade vermittelſt der Treppe, die er hinab ſtieg; Sie bleiben ſtehen, gerade an der Stelle, wo er den Stoß empfing; zwei Schritte won dieſer Platane hatte er das Kind be⸗ graben; das Alles iſt nicht Zufall, nein, in dieſem Falle iſt der Zufall Vorſehung zu nennen.“ „Nun wohl; laſſen Sie uns annehmen, mein Herr Corſe, daß es Vorſehung ſei; ich nehme immer an, was man wünſcht; auch muß man kranken Gemüthern Zugeſtändniſſe machen. Laßt ſehen, ſammelt Eure Geiſteskräfte und erzählt mir die Geſchichte.“ „Ich habe ſie in meinem Leben nur einmal erzählt und zwar dem Abbé Buſoni. Solche Sachen,“ fügte Bertuccio kopfſchüttelnd hinzu,„ſagen ſich nur unter dem Siegel der Beichte.“ „Dann, mein lieber Bertuccio,“ ſagte der Graf,„werdet Ihr es mir nicht verdenken, daß ich Euch wieder zu Eurem Beichtvater ſchicke; Ihr werdet mit ihm Karthäuſer oder Bernhardiner ſein, und von Euern Geheimniſſen ſchwatzen. Ich aber fürchte mich vor einem Hausgenoſſen, den ſolche Geſpenſter verfolgen; ich liebe nicht, daß meine Leute in meinem Gebiete Orte haben, wohin ſie ſich Abends nicht zu gehen wagen. Auch geſtehe ich Euch, habe ich wenig Verlangen nach dem Beſuche irgend eines Polizei⸗Commiſſars; denn, verſteht mich wohl, Meſſer Bertuccio, in Italien bezahlt man die Juſtiz nur, wenn ſie ſchweigt, in Frankreich hingegen bezahlt man ſie nur, wenn ſie redet. Pſt! ich hielt Euch wohl für etwas von einem Corſen, für einen tüchtigen Schmuggler, für einen ſehr 37 580 geſchickten Haushofmeiſter, aber ich ſehe, daß Ihr auch noch andere Eigenſchaften habt. Ihr paßt nicht mehr für mich, Meſſer Bertuccio.“ „Ol gnädiger Herr!“ rief der Haushofmeiſter, bei dieſer Droh⸗ ung von Entſetzen überwältigt;„o! wenn es nur darauf ankommt, daß ich rede, um in Ihren Dienſten zu bleiben, da werde ich reden, werde Alles ſagen; denn wenn ich Sie verlaſſen muß, nun wohl! dann gehe ich geraden Weges auf's Blutgerüſt!“ 1 „Das iſt eine andere Sache,“ erwiderte Monte⸗Chriſto;„aber daß Ihr nicht lügt, überlegt es Euch: beſſer wäre es alsdann, Ihr ſprächet gar nicht.“ „Nein, Excellenza! ich ſchwöre es Ihnen bei dem Heile meiner Seele, ich werde Ihnen Alles ſagen; ſogar der Abbé Buſoni hat mein Geheimniß nicht ganz erfahren. Zuvörderſt aber flehe ich Sie an, Excellenza, verlaſſen Sie dieſen Platanus; ſehen Sie, der Mond kommt herauf und erhellt das Gewölk, und da, gerade wie Sie daſtehen, ebenſo wie Sie, in den Mantel gehüllt, der dem des Herrn von Villefort gleicht....“ „Wie!“ rief Monte⸗Chriſto,„Herr von Villefort war es....“ „Excellenza kennt ihn?“ 1 „Der ehemalige Procurator des Königs in Nimes?“ „Ja.“ „Der die Tochter des Marquis von Saint Méran gehei⸗ rathet hatte?“ „Ja.“ „Und der den Ruf des rechtſchaffenſten, ernſteſten, ſtrengſten Beamten hatte?“ 3 „Nun wohl, gnädiger Herr,“ rief Bertuccio,„dieſer Mann mit dem makelloſen Rufe.. „Jo.“ „War ein Niederträchtiger.“ „Pah!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„unmöglich.“ „Und doch iſt es ſo, wie ich Ihnen ſage.“ „Ei! wirklich!“ verſetzte Monte⸗Chriſto,„und Ihr habt den Beweis dafür?“ „Ich hatte ihn wenigſtens.“ „Und habt ihn verloren, Ungeſchickter?“ 581 h andere eruccig⸗„Ja; aber bei gehöriger Nachforſchung wird er wieder zu een finden ſein.“ ſet Droh⸗„Wirklich!“ ſagte der Graf,„ erzählt mir das, Meſſer Bertuecio! antonmt, denn es fängt an, mich ernſtlich zu intereſſiren.“ ch deden, Und der Graf ſetzte ſich, eine kleine Arie aus Lucia ſingend, un wohl, auf eine Bank, während Bertuccio, ſeine Gedanken ſammelnd, ihm folgte. d„aber Bertuccio blieb neben dem Grafen ſtehen. ann, Ihr le meiner zuſoni hat he ich Sie der Mond wie Sie des Herrn A8 kan gehei⸗ ſtrengſten ſer Mann XLV. Die Blutrache. „Von wo befehlen der gnädige Herr, daß ich anfange?⸗ „Nun, wo Ihr wollt,“ verſetzte Monte⸗Chriſto,„denn ich weiß ja gar nichts davon.“ „Ich glaubte doch, der Herr Abbé Buſoni hätte Excellenza geſagt.... „Ja, einige Umriſſe, ohne Zweifel, aber das iſt ſieben oder acht Jahre her, und ich habe Alles vergeſſen.“ „Alſo kann ich, ohne Furcht, Excellenza zu langweilen...“ „Immerhin, Meſſer Bertuccio, ich will denken, ich läſe die Abendzeitung.“— „Ich muß bis 1815 zurückgehen.“ „Ah! ah!“ meinte der Graf,„das iſt nicht geſtern, 1815.“ „Nein, gnädiger Herr, und dennoch ſind mir die kleinſten Um⸗ ſtände noch in ſo friſchem Gedächtniſſe, als wäre es geſtern geweſen. Ich hatte einen älteren Bruder, der in Dienſten des Kaiſers ge⸗ ſtanden hatte. Er war Lieutenant in einem Regimente geworden, das aus lauter Corſen beſtand. Dieſer Bruder war mein einziger Freund; wir waren Waiſen geworden; ich von fünf, er von achtzehn Jahren; er hatte mich erzogen, als wäre ich ſein leiblicher Sohn. Im Jahre 1814, unter den Bourbons, hatte er ſich verheirathet; der Kaiſer kam von der Inſel Elba zurück, und mein Bruder nahm ſogleich wieder Dienſte, und bei Waterloo leicht bleſſirt, zog er ſich mit der Armee bis jenſeits der Loire zurück.“ „Aber das iſt ja die Geſchichte der hundert Tage, die Ihr mir da erzählt, Meſſer Bertuccio,“ ſagte der Graf,„und die iſt ſchon aus, wenn ich nicht irre.“ „Verzeihen, Excellenza, aber dieſe erſten Umſtände muß ich an⸗ führen, und Sie haben mir Geduld verſprochen.“ Gut! „Eino 1 ven li düſer Dn vetulſcied le Luh un ätte, es Belanniſch Al es ſelbſt ich Aſunt hundert! zu bewer Meere ſe „Al daß wir konnten. Barke zu Weg na N 5 daß ich war dar ſtattfand Treſtaill Jeden! ten Um⸗ geweſen. ſers ge⸗ eworden, einziger achtzehn r Sohn. eirathet; er nahm ger ſich Ae, Ihr mir iſt ſchon ich an⸗ 583 „Gut! gut! ich werde Wort halten.“ „Eines Tages erhielten wir einen Brief; wir wohnten nämlich in dem kleinen Dorfe Rogliano, am äußerſten Ende des Cap Corſe; dieſer Brief war von meinem Bruder; er fagte uns, die Armee ſei verabſchiedet und er werde über Chateauroux, Clermont⸗Ferrand, le Puy und Nimes zurückkehren; er bat mich, wenn ich einiges Geld hätte, es ihm nach Nimes zu ſchicken, zu einem Gaſtwirthe unſerer Bekanntſchaft, mit dem ich einigen Verkehr hatte.“ „Als Schmuggler,“ bemerkte Monte⸗Chriſto. „Eil mein Gott! Excellenza, man muß doch leben.“ „Gewiß; fahrt nur fort.“ „Da ich meinen Bruder, wie ich Excellenza ſchon geſagt habe, zärtlich liebte, beſchloß ich, ihm das Geld nicht zu ſchicken, ſondern es ſelbſt zu bringen. Ich beſaß etwa tauſend Franken; davon ließ ich Aſſunta, meiner Schwägerin, fünfhundert, mit den andern fünf⸗ hundert machte ich mich auf den Weg nach Nimes. Es war leicht zu bewerkſtelligen, ich hatte meine Barke, zein Geſchäft auf dem Meere fand ſich leicht; Alles begünſtigte meinen Plan. „Aber als die Ladung beſorgt war, änderte ſich der Wind, ſo daß wir gegen fünf Tage zubrachten, ehe wir in die Rhone einlaufen konnten. Endlich gelang es uns, wir kamen bis Arles, ich ließ die Barke zwiſchen Bellegarde und Beaucaire, und machte mich auf den Weg nach Nimes.“ „Nun kommt's, nicht wahr?“ „Ja, gnädiger Herr, verzeihen Sie mir, aber Sie werden ſehen, daß ich Ihnen nur ſage, was durchaus zur Geſchichte gehört. Es war damals gerade die Zeit, wo die berüchtigten Gemetzel im Süden ſtattfanden. Es gab in der Gegend drei Straßenräuber, ſie hießen Treſtaillon, Truphemy und Graffan; die metzelten in den Straßen Jeden nieder, der in dem Verdachte des Bonapartismus ſtand. Ohne Zweifel haben Excellenza von dieſen Metzeleien gehört?“ „Oberflächlich, ich war ſehr weit von Frankreich zu jener Zeit. Fahrt fort.“ „Als ich in Nimes ankam, mußte man buchſtäblich im Blute waten, bei jedem Schritte ſtieß ich auf Leichname; die Mörder, an der Spitze geregelter Banden, tödteten, plünderten und brannten. „Bei dem Anblicke dieſes Blutbades ergriff mich ein ahnungs⸗ 584 voller Schauder, nicht um meinetwillen, ich, ein einfacher, unbedeu⸗ tender, corſiſcher Fiſcher, hatte nichts zu befürchten; im Gegentheil, für uns Schmuggler war jene Zeit ſehr günſtig; aber wegen meines Bruders, der kaiſerlicher Soldat war, mit ſeiner Uniform und ſeinen Epauletten von der Armee der Loire zurückkehrte, und mithin Alles zu fürchten hatte. „Ich lief zu unſerem Gaſtwirthe, meine Befürchtungen hatten mich nicht betrogen, mein Bruder war den Abend zuvor in Nimes angekommen, und an der Thüre deſſen, den er um Aufnahme bitten wollte, ermordet worden. „Ich that Alles, was in meinen Kräften ſtand, um die Mörder auszumitteln, aber Niemand wagte ſie mir zu nennen, ſo waren ſie gefürchtet. Nun dachte ich an die franzöſiſche Juſtiz, von der ich ſo viel hatte rühmen hören, von der man ſagte, daß ſie nichts fürchte, und ich ging zu dem Procurator des Königs.“ „Und dieſer Procurator des Königs hieß Villefort?“ fragte Monte⸗Chriſto nachläſſig. „Ja, Excellenza; er war kürzlich von Marſeille gekommen, wo er Subſtitut geweſen war. Sein Eifer hatte ihm zum Avancement verholfen. Er war einer der Erſten, hieß es, die der Regierung die Einſchiffung des Kaiſers von der Inſel Elba angezeigt hatten.“ „Ihr ſtelltet Euch ihm alſo vor,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Gnädiger Herr,“ ſagte ich zu ihm,„mein Bruder iſt hier in den Straßen von Nimes ermordet worden, ich weiß nicht von wem, aber Ihre Sache iſt es, dies auszumitteln. Sie ſind hier das Oberhaupt der Juſtiz, und die Juſtiz muß Diejenigen rächen, die ſie nicht ſchützen konnte.“ „„Und was war Euer Bruder?““ fragte der Procurator. „Lieutenant im corſiſchen Bataillon.“ „„Mithin ein Soldat des Uſurpators?““ „Ein Soldat der franzöſiſchen Armee.“ „„Nun denn!““ antwortete er,„„er hat den Degen geführt, und iſt durch den Degen umgekommen.““ „Sie irren, gnädiger Herr; er iſt mit dem Dolche ermordet.“ „Und was wollt Ihr, daß ich dazu thue?““ antwortete der Procurator des Königs. „Aber was ich ſchon geſagt habe: ich bitte, daß Sie ihn rächen.“ können; 0l Exeeſſe.“ „Gne meinetwil aber mein iuſteße, meines B eine klein „ von Vill Unglüc, wir Alle während übt habe urtheilt. der Wie „2 eine Ger „2 Pileefort Ihr irrt hätte ich wenn I. „ erneuerte „de „M. Corſen Wort he 1 indedeu⸗ denthei meines ſeinen in Alez hatten Nimes ebitten Närder aren ſie der ich nichts fragte 9 ten, wo neement gierung aatten.“ hier in n wem, ier das en, die vr. gfführt, ordet“ tete der ächen.“ rnmrerrr ner — 58⁵ „„Und an wen?““ „An ſeinen Mördern.“ „Kenne ich die?““ „Laſſen Sie ſie aufſuchen.“ „„Wozu ſollte das dienen? Euer Bruder wird einen Streit gehabt haben und im Duelle gefallen ſein. Alle dieſe alten Sol⸗ daten begehen Exceſſe, die ihnen unter der kaiſerlichen Regierung zu Gute gehalten wurden, aber jetzt nur nachtheilig für ſie ablaufen können; auch lieben unſere Südländer weder die Soldaten, noch die Exceſſe.““ „Gnädiger Herr,“ antwortete ich,„ich bitte Sie nicht um meinetwillen. Ich werde weinen und mich rächen, das iſt Alles; aber mein armer Bruder hatte eine Frau. Wenn mir ein Unglück zuſtieße, würde dieſe arme Perſon verhungern, denn nur die Gage meines Bruders und meine Arbeit erhielt ſie. Verſchaffen Sie ihr eine kleine Penſion von der Regierung.“ „Jede Revolution hat ihre Kataſtrophen,““ entgegnete Herr von Villefort:„Euer Bruder war ein Opfer von dieſer, es iſt ein Unglück, aber die Regierung iſt Euch dafür nicht verſchuldet. Wenn wir Alles zu richten hätten, was die Anhänger des Uſurpators während der Zeit ihrer Macht gegen die Anhänger des Königs ver⸗ übt haben, ſo wäre Euer Bruder vielleicht jetzt zum Tode ver⸗ urtheilt. Es geht Alles ganz natürlich zu, indem nur das Recht der Wiedervergeltung ausgeübt wird.““ „Wie! gnädiger Herr,“ rief ich,„iſt es möglich, daß Sie, als eine Gerichtsperſon, ſo zu mir reden?..... 4 „Alle dieſe Corſen ſind toll, auf Ehre.“ antwortete Herr von Villefort,„„und ſie glauben noch, daß ihr Landsmann Kaiſer iſt. Ihr irrt Euch in der Zeitrechnung, mein Lieber; vor zwei Monaten hätte ich Euch dienen können. Jetzt iſt es zu ſpät; geht alſo, und wenn Ihr nicht von ſelbſt geht, muß ich Euch begleiten laſſen.““ „Ich ſah ihn einen Augenblick an, um zu erforſchen, ob eine erneuerte Bitte von Erfolg ſein werde. „Der Mann war von Stein, ich näherte mich ihm. „Nun gut denn!“ flüſterte ich ihm in's Ohr,„weil Sie die Corſen ſo gut kennen, ſo ſollen Sie erfahren, wie dieſelben ihr Wort halten. Sie finden, daß man wohlgethan hat, meinen Bruder 586 zu tödten, der Bonapartiſt war, weil Sie Royaliſt ſind; nun wohl! ich bin auch Bonapartiſt, und erkläre Ihnen, daß ich Sie tödten werde. Von dieſem Augenblicke an erkläre ich Sie unter der Ven⸗ detta(Blutrache der Corſen), alſo nehmen Sie ſich in Acht und ſeien Sie auf Ihrer Hut; denn das nächſte Mal, daß wir einander gegenüber ſtehen, hat Ihre letzte Stunde geſchlagen. „Darauf, ehe er ſich noch von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, eilte ich zur Thüre und entfloh.“ „Ah! ah!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„mit Eurem ehrlichen Geſichte macht Ihr ſolche Sachen, Meſſer Bertuccio, und noch dazu gegen einen Procurator des Königs! Pfui! und kannte er denn wenigſtens die Bedeutung des Wortes vendetta?“ „Er wußte ſie ſo gut, daß er von dem Augenblicke an nicht mehr allein ausging und ſich zu Hauſe einpferchte, indem er mich überall ſuchen ließ. Glücklicher Weiſe war ich zu gut verſteckt, als daß er mich gefunden hätte. Da bemächtigte die Furcht ſich ſeiner; er zitterte, länger in Nimes zu bleiben; er kam um Verſetzung ein, und da er wirklich ein einflußreicher Mann war, kam er nach Ver⸗ ſailles; aber Sie wiſſen, für einen Corſen, der eine Rache auszu⸗ führen hat, giebt es keine Entfernung, und ſein Wagen, ſo gut er auch beſpannt war, hatte nie mehr als eine halbe Tagereiſe vor mir voraus, der ich ihm doch zu Fuße folgte. „Das Wichtigſte war, nicht ihn zu tödten, das hätte ich hun⸗ dertmal gekonnt, ſondern dabei nicht erkannt und beſonders nicht ergriffen zu werden. Ich gehörte mir nicht ſelbſt mehr an, ich hatte meine Schwägerin zu ernähren und zu beſchützen. Drei Monate lang umſchlich ich Herrn von Villefort; drei Monate lang ging er keinen Schritt, machte er keinen Geſchäftsweg, keinen Spaziergang, daß mein Auge ihm nicht folgte. Endlich entdeckte ich, daß er ver⸗ ſtohlen nach Auteuil kam; ich folgte ihm auch, und ſah ihn in dieſes Haus eintreten; nur mit dem Unterſchiede, daß er, ſtatt wie andere ehrliche Leute, durch die Hauptthüre von der Straße aus in das Haus zu kommen, er mochte zu Pferd oder zu Wagen kommen, Beides im Wirthshauſe ließ, und durch die kleine Gartenthüre ein⸗ paſſirte, die Sie da ſehen.“ Nonte⸗Chriſto machte ein bejahendes Zeichen, als ſähe er wirk⸗ lich in der dichten Finſterniß die ihm von Bertuccio bezeichnete Thüre. quem g Mutter K in den entgegen gingen; L wenn e in ſeine „U nachher N daß ich 1 ſchon de den Ga lich ge käme, t hatte, Geſichte u gegen enigſtens an nicht er mich eckt, als ſeiner; ung ein, ach Ver⸗ auszu⸗ gut er eiſe vor ich hun⸗ es nicht ich hatte Monate ging er iergang, er ver⸗ in dieſes andere in das ommen, üre ein⸗ er wirk⸗ Thüre. —-— 587 „In Verſailles hatte ich nun nichts mehr zu thun, ſondern ich ließ mich in Auteuil nieder und ſtellte Nachforſchungen an. Wenn ich ihn treffen wollte, ſo konnte ich nirgends ſicherer als da meine Schlinge legen. „Das Haus gehörte, wie der Caſtellan Excellenza geſagt hat, dem Herrn von Saint⸗Méran, dem Schwiegervater des Herrn von Villefort. Herr von Saint⸗Méran wohnte in Marſeille, auch war dieſes Haus ihm überflüſſig und man ſagte, er habe daſſelbe an eine junge Wittwe, die man nur unter der Benennung,„die Baro⸗ nin“ kannte, vermiethet. „Wirklich wurde ich auch, als ich eines Abends über die Mauer ſah, ein junges und ſchönes Frauenzimmer gewahr, welches allein in dem Garten, zu dem kein fremdes Fenſter führte, ſpazieren ging; ſie ſah beſtändig nach der kleinen Thüre und ich merkte bald, daß ſie eben an dieſem Abende Herrn von Villefort erwartete. Als ſie mir nahe genug kam, daß ich in der Dunkelheit ihre Züge unter⸗ ſcheiden konnte, ſah ich, daß ſie ſchön, blond, gut gewachſen und höchſtens neunzehn Jahre alt war. Da ſie nur leicht und ſehr be⸗ quem gekleidet war, blieb mir kein Zweifel, daß ſie ſehr bald Mutter werden müſſe. „Kurz darauf wurde die kleine Thüre geöffnet, ein Mann trat in den Garten, die junge Frau eilte, ſo ſchnell ſie konnte, ihm entgegen; ſie fielen einander in die Arme, küßten ſich zärtlich und gingen zuſammen in das Haus. „Dieſer Mann war Herr von Villefort. Ich bedachte, daß, wenn er allein und beſonders bei Nacht ſich entfernte, er den Garten in ſeiner ganzen Länge durchſchneiden mußte.“ „Und,“ fragte der Graf,„habt Ihr den Namen jener Frau nachher erfahren?“ „Nein, Excellenza,“ antwortete Bertuccio,„Sie werden ſehen, daß ich dazu keine Zeit hatte.“ „Weiter.“ „An jenem Abende,“ fuhr Bertuccio fort,„hätte ich vielleicht ſchon den Procurator des Königs tödten können; aber ich kannte den Garten noch nicht genau genug. Ich fürchtete, ihn nicht plötz⸗ lich genug überfallen und, wenn Jemand auf ſein Geſchrei herbei käme, nicht ſchnell genug entfliehen zu können. So verſchob ich 588 ☛ alſo die Ausführung meines Vorſatzes bis zum nächſten Beſuche, und um denſelben auf keine Weiſe zu verſäumen, miethete ich eine kleine Stube in der Straße, der Gartenmauer gegenüber. „Drei Tage darauf, gegen ſieben Uhr Abends, ſah ich einen Diener aus dem Hauſe kommen, der ſich zu Pferde ſetzte, um im Galopp den Weg, der nach Seores führte, einſchlug; ich vermuthete, daß er nach Verſailles geſchickt werde, und hatte mich nicht geirrt. Drei Stunden darauf kam der Mann mit Staub bedeckt zurück; ſeine Botſchaft war ausgerichtet, denn zehn Minuten ſpäter kam, in einen Mantel eingehüllt, ein Mann zu Fuß und öffnete das Garten⸗ pförtchen, welches ſich hinter ihm wieder ſchloß. „Ich eilte ſchnell hinterher; obgleich ich Herrn von Villefort's Geſicht nicht geſehen hatte, erkannte ich ihn doch am Schlage meines Herzens; ich ging quer durch die Straße bis an einen Stein, an der Ecke der Gartenmauer, mit deſſen Hilfe ich das vorige Mal in den Garten hatte ſehen können. „Dieſes Mol begnügte ich mich nicht mit dem Sehen, zog mein Meſſer aus der Taſche, überzeugte mich von ſeiner Schärfe und ſprang über die Mauer. „Meine erſte Sorge war, nach der Thüre zu laufen; er hatte den Schlüſſel inwendig ſtecken laſſen, und nur die Vorſicht gebraucht, denſelben zweimal umzudrehen. „Von dieſer Seite alſo ſtand meiner Flucht kein Hinderniß entgegen. Ich unterſuchte nun ſorgfältig die Lokalität. Der Garten bildete ein langes Viereck, ein feiner, engliſcher Raſen war vor dem Hauſe, zu beiden Seiten dieſes Raſens waren dichte Baum⸗ gruppen, von Herbſtblumen umgeben. „Um in das Haus zu gehen, oder das Haus durch die kleine Pforte zu verlaſſen, mußte Herr von Villefort an einer der Baum⸗ gruppen vorüber. „Es war Ende September; der Wind hatte ſich erhoben und nahm immer zu, das matte, bleiche Mondlicht, alle Augenblicke durch große, dicke Wolken, die ſchnell am Himmel einander jagten, ver⸗ dunkelt, erhellte die Kiesgänge, die nach dem Hauſe führten, konnte aber nicht die dichten Baumgruppen durchdringen, in denen ſehr gut ein Menſch, ohne alle Furcht, entdeckt zu werden, ſich ver⸗ bergen konnte. 3 err v ich dariͦ⸗ meine 5 Sie wif Jemand durch d tete ni drei E was ic 11 von! gruppf beobag erſt, um ba Haſſe, den2 Procuj Zoll h wiede dieſe und Nſuche 4 9 eine einen um im uthete, geirrt. zurück. am, in Darten⸗ leforbz meines in, an Ral in g mein ſe und r hatte raucht, derniß Garten dar vor Baum⸗ kleine Baum⸗ den und te durch n, ver⸗ konnte en ſehr ich ver⸗ „Ich verbarg mich in derjenigen dieſer?Gruppen, an welcher Herr von Villefort am Wohrſcheinlichſten vorüber mußte; kaum war ich darin, als ich, ungeachtet der Windſtöße, welche die Bäume über meine Stirn bogen, ein klägliches Wimmern zu hören glaubte. Aber Sie wiſſen, oder wiſſen es vielmehr wohl nicht, Herr Graf, daß Jemand, der einen Mord begehen will, immer dumpfe Klagetöne durch die Luft ziehen hört. Zwei Stunden vergingen, während welcher Zeit ich periodenweiſe daſſelbe Wimmern und Stöhnen hörte. „Die zwölfte Stunde ſchlug. „Der letzte Ton erzitterte noch in der Luft, als ich die Fenſter der geheimen Treppe ſich ſchwach erhellen ſah. „Die Thüre öffnete ſich, der Mann im Mantel erſchien. „Dies war der ſchreckliche Augenblick: aber ich hatte mich ſchon lange auf denſelben vorbereitet, daß mich keine Schwäche überwältigte; ich zog mein Meſſer, öffnete es und war bereit. „Der Mann im Mantel kam gerade auf mich zu; aber je näher er in dem erhellten Naume mir kam, je genauer glaubte ich zu bemerken, daß er eine Waffe in der rechten Hand habe; ich fürch⸗ tete nicht den Kampf, aber das Mißlingen. Erſt als er nur noch drei Schritte von mir war, erkannte ich ein Grabſcheit in dem, was ich für eine Waffe gehalten hatte. „Noch hatte ich nicht errathen können, zu welchem Zwecke Herr von Villefort ein Grabſcheit trug, als er am Rande der Baum⸗ gruppe ſtehen blieb, um ſich blickte und, als er ſicher war, nicht beobachtet zu werden, eine Grube zu graben anfing. Nun ſah ich erſt, daß er etwas unter dem Mantel gehabt hatte, was er jetzt, um beſſer graben zu können, auf den Raſen ſetzte.. „Nun, ich geſtehe es, geſellte ſich etwas Neugierde zu meinem Haſſe, ich wollte ſehen, was Villefort da machen werde, und ſtand den Athem anhaltend, unbeweglich da. 112 „Dann fiel mir plötzlich etwas ein, das ſich beſtätigte, als der Procurator des Königs ein zwei Fuß langesz und ſieben bis acht Zoll breites Käſtchen unter ſeinem Mantel hervornahm. M „Ich ließ ihn den Kaſten ind die Grubezſetzenund die Erde wieder darauf zuſammenhäufen;s dann trat er zmit] den Füßen auf dieſe friſche Erde, um dieſelbe dem übrigen Boden gleich zu machen, und ſo jede Spur ſeines nächtlichen Geſchäfts zu zerſtören. Nun 590 warf ich mich auf ihn und ſtieß ihm mein Meſſer in die Bruſt, mit den Worten: „Ich bin Giovanni Bertuccio! Dein Leben für das meines Bruders, Dein Schatz für ſeine Wittwe: Du ſiehſt, meine Rache iſt vollſtändiger, als ich hoffte. „Ich weiß nicht, ob er dieſe Worte hörte und verſtand, aber ich glaube es nicht, denn er fiel zur Erde, ohne einen Laut von ſich zu geben; ich fühlte die Wellen ſeines Blutes heiß über meine Hand und mein Geſicht rieſeln; aber ich war berauſcht, ich war wahnſinnig; dieſes Blut erfriſchte mich, ſtatt mich zu verbrennen. In einem Augenblicke hatte ich das Käſtchen der Erde entnommen, das Loch, damit man die Ausgrabung nicht gewahr werde, mit Erde wieder gefüllt und das Grabſcheit über die Mauer geworfen. Ich ſtürzte mit meinem eingebildeten Schatze zur Thüre hinaus, die ich von außen zweimal verſchloß und den Schlüſſel behielt.“ „Gut,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„das war, wie ich ſehe, ein kleiner von Diebſtahl begleiteter Mord.“ „Nein, Excellenza,“ antwortete Bertuccio,„es war eine Ven⸗ detta mit Wiedererſtattung.“ „Und war die Summe bedeutend?“ „Es war kein Geld.“ „Ahl ja, ich beſinne mich,“ ſagte Monte⸗Chriſto;„ſpracht Ihr nicht von einem Kinde?“ „Ganz richtig, Excellenza. Ich lief nach dem Fluſſe, ſetzte mich an das Ufer und ſprengte, voll Verlangen, zu wiſſen, was das Käſtchen enthalte, das Schloß mit meinem Meſſer. „In einer Windel von feinem Battiſt lag ein neugeborenes Kind darin, ſein purpurrothes Geſicht, ſeine blauen Händchen zeigten, daß es einer Erdroſſelung erlegen war; da es noch nicht kalt war, nahm ich Anſtand, es in das zu meinen Füßen dahin gleitende Waſſer zu werfen; in einigen Augenblicken glaubte ich auch wirklich einen leiſen Herzſchlag an dem kleinen Körper zu bemerken: ich machte den um ſeinen Hals geſchlungenen Streif los, und da ich Krankenwärter in Baſtia geweſen war, ſo that ich, was nur ein Arzt in demſelben Falle hätte thun können, das heißt, ich blies ihm muthig Luft in die Lunge, und nach einer viertelſtündigen, uner⸗ 1uh nad hriſo; ⸗ zwungen 9 „E behalten. ſolche klein erklärte ic mich nach von Battiſt nit dem ie machte mi Hoſpital, nachdem i auf jeder wovon ich dere zur Laſt in de ich gekling Vie armen Af „Trl habe ihn „Sie ch erzählt „Gic beingen ſ Wenedetto wom Himt Sta Windel, d Vermögen emich à das renes igten, 59¹ hörten Anſtrengung ſah ich es athmen und hörte den erſten Schrei aus der kleinen, dem Tode geweihten Bruſt. „Jetzt ſtieß auch ich einen Schrei aus, aber einen Schrei der Freude. Gott verwirft mich alſo nicht, rief ich aus, weil er mir erlaubt, einem menſchlichen Weſen das Leben zu retten, in demſelben Augenblicke, wo ich es einem Andern genommen habe.“ „Und was machtet Ihr mit dieſem Kinde?“ fragte Monte⸗ Chriſto;„es war eine läſtige Bagage für einen Mann, der ge⸗ zwungen war zu fliehen.“ „Es fiel mir auch nicht einen einzigen Augenblick ein, es zu behalten. Aber ich wußte, daß in Paris ein Hoſpital iſt, wo man ſolche kleine Geſchöpfe aufnimmt. Als ich an die Barrière kam, erklärte ich, das Kind unterwegs gefunden zu haben, und erkundigte mich nach dem Findelhauſe. Der Kaſten ſprach für mich, die Windel von Battiſt bewies, daß das Kind reiche Angehörige habe, das Blut, mit dem ich bedeckt war, konnte auch von dem Kinde kommen. Man machte mir nicht die geringſte Einwendung und wies mich nach dem Hoſpital, welches ganz am Ende der Straße de l'Enfer war, und nachdem ich die Vorſicht gehabt hatte, die Windel ſo zu theilen, daß auf jeder Hälfte einer der beiden Buchſtaben des Zeichens blieb, wovon ich mit der einen Hälfte das Kind wieder einhüllte, die an⸗ dere zur Erleichterung etwaiger Nachfrage behielt, legte ich meine Laſt in den Drehkaſten vor dem Findelhauſe und entfloh, nachdem ich geklingelt hatte. „Vierzehn Tage darauf war ich in Rogliano und ſagte zu der armen Aſſunta: „Tröſte Dich, meine Schweſter, Iſrael iſt getödtet, aber ich habe ihn gerächt. „Sie fragte mich nun um die Bedeutung dieſer Worte und ich erzählte ihr Alles. „Giovanni, ſagte Aſſunta zu mir, Du hätteſt dieſes Kind mit bringen ſollen, wir würden Elternſtelle bei ihm vertreten, und es Benedetto genannt haben und als Belohnung für dieſe gute That vom Himmel wirklich geſegnet worden ſein. „Statt jeder weitern Antwort behändigte ich ihr die Hälfte der Windel, die ich aufbewahrt hatte, um das Kind einſt, wenn unſere Vermögensumſtände es erlauben würden, zurückfordern zu können.“ „Und wie war dieſe Windel gezeichnet?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Mit einem H. und einem N., über denen die Schnur der Freiherrnkrone angebracht war.“ „Ich glaube, Gott verzeihe mir's, Meſſer Bertuccio, Ihr bedient Euch heraldiſcher Ausdrücke! Wo habt Ihr die Wappenkunde gelernt?“ „In Ihrem Dienſte, Herr Graf, wo man Alles lernt.“ „Fahrt fort, ich bin neugierig auf Zweierlei.“ „Auf was, Excellenza?“ „Was aus dem kleinen Knaben wurde; Ihr ſagtet mir doch, es ſei ein Knabe geweſen, Meſſer Bertuccio?“ „Nein, Excellenza, ich erinnere mich nicht, dies geſagt zu haben.“ „Ah, ich glaube es, ich werde mich geirrt haben.“ „Nein, es iſt dem wirklich ſo, denn es war ein Knabe. Aber Excellenz wünſchte Zweierlei zu wiſſen; welches iſt das Zweite?“ „Welches das Verbrechen war, wegen deſſen Ihr einen Beicht⸗ vater begehrtet und wodurch Ihr mit dem Abbé Buſont, der als ſolcher zu Euch in das Gefängniß von Nimes kam, bekannt wurdet.“ „Dieſe Erzählung kann lang werden, Excellenza.“ „Das thut nichts, es iſt kaum zehn Uhr, Ihr wißt, daß ich nicht ſchlafe, und ich ſetze voraus, daß auch Ihr heute keine beſon⸗ dere Neigung dazu haben werdet.“ Bertuccio verneigte ſich und begann folgende Erzählung: „Theils um die quälenden Erinnerungen deſſen, was ich ge⸗ than hatte, zu verjagen, theils, um für die Bedürfniſſe der armen Wittwe zu ſorgen, warf ich mich mit erneutem Eifer in mein Ge⸗ ſchäft als Contrebandier, welches durch die Schlaffheit der Geſetze, die immer auf Revolutionen zu folgen pflegt, für den Augenblick ſehr erleichtert wurde. Die ſüdlichen Küſten beſonders waren infolge der beſtändigen Unruhen in Avignon, Nimes und Uzes, ſſchlecht be⸗ wacht. Wir benutzten dieſe Art von uns gewährtem Waffenſtillſtand, um in dem ganzen Küſtenlande Verbindungen anzuknüpfen. Seit mein Bruder in den Straßen von Nimes ermordet war, konnte ich mich nicht entſchließen, dieſe Stadt zu betreten. Daher kam es, daß der Gaſtwirth, mit dem wir Geſchäfte machten, als er ſah, daß wir nicht mehr zu ihm kamen, uns aufſuchte und einen kleinen Gaſthof auf dem Wege von Bellegarde nach Beaucaire mit dem Schilde au Pont du Gard anlegte. Wir hatten alſo in der Gegend von Aigues Nortes ſor lagen, wo olhfale fanden. man 6s m läbte in de und Gens ihnen ni vor Gerich irgend enr nauſendme würdige Sorge ſü nehmunge heit und man einn deren M. doppeln, „Al Graf;„ „9. „R wenig ſp richtig f „M. mithin i⸗ und unſ zu einer und wen „Un ſein wer „T in Lucco bewirkte Waaren „A ſichtbarf Der G hriſe Nur der t bedient gelernt“ nir doch, ih dben 7 de. Aber deite?“ Beicht⸗ der als wurdet.“ „daß ich ne beſon⸗ ng: Sich ge⸗ er armen mein Ge⸗ t Geſetze, ugenblick ninfolge hlecht be⸗ gſtillſtand, en. Seit konnte ich 1es, daß „daß wir n Gaſthof Schilde au on Aigues 593 Mortes ſowohl, als in Mariquas und in Bone ein Dutzend Nieder⸗ lagen, wo wir unſere Waaren deponirten, und daſelbſt auch im Nothfalle eine Zuflucht gegen die Douaniers und Gensd'armen fanden. Das Geſchäft des Schmuggelns bringt ſehr viel ein, wenn man es mit Klugheit und Muth betreibt; was mich anbetrifft, ich lebte in den Bergen, indem ich doppelte Urſache hatte, Douaniers und Gensd'armen zu vermeiden, weil ein Zuſammentreffen mit ihnen mich hätte vor Gericht führen können und ich jedes Erſcheinen vor Gericht fürchtete, wie es wohl allen Leuten gehen mag, die irgend etwas auf dem Gewiſſen haben. Auch führte ich, den Tod tauſendmal einer Gefangennehmung vorziehend, bewunderungs⸗ würdige Dinge aus, die mir mehr als einmal bewieſen, daß die Sorge für das eigene Leben oft das größte Hinderniß bei Unter⸗ nehmungen iſt, die, um zu gelingen, hauptſächlich der Entſchloſſen⸗ heit und kühnen Unerſchrockenheit bedürfen. In der That, wenn man einmal ſein Leben auß's Spiel geſetzt hat, ſteht man den an⸗ deren Menſchen nicht mehr gleich, und fühlt ſeine Kräfte ſich ver⸗ doppeln, ſeinen Horizont ſich erweitern.“ „Auch Philoſophie, Meſſer Bertuccio!“ unterbrach ihn der Graf;„Ihr habt Euch alſo in Allem verſucht?“ „O! Verzeihung, Excellenza!“ „Nein, nein! um halb elf Uhr Abends philoſophiren, iſt ein wenig ſpät. Aber ich kann nur bemerken, daß ich Eure Philoſophie richtig finde, was man nicht von jeder Philoſophie behaupten kann.“ „Meine Unternehmungen wurden alſo immer ausgedehnter, mithin immer einträglicher. Aſſunta war eine fleißige, gute Wirthin, und unſer kleines Vermögen nahm ſichtlich zu. Als ich mich einſt zu einer neuen Unternehmung anſchickte, ſagte fie:„Geh' mit Gott! und wenn Du zurückkehrſt, werde ich Dich überraſchen. „Umſonſt fragte ich ſie, von welcher Art die Ueberraſchung ſein werde, ſie ſagte es mir nicht, und ich reiſ'te ab. „Meine Abweſenheit dauerte beinahe ſechs Wochen; wir hatten in Lucca Oel und in Livorno engliſche Baumwolle geladen; wir bewirkten unſere Ausſchiffung wie gewöhnlich, verkauften unſere Waaren ungehindert und kehrten fröhlich heim. „Als ich mein Haus betrat, war das Erſte, was ich an dem ſichtbarſten Platze von Aſſunta’ss Stube gewahr wurde, jene, gegen Der Graf von Monte⸗Chriſto. 38 — V 594 den übrigen Theil des Gemachs prachtvolle Wiege, in welcher ein Kind von ſieben bis acht Monaten ruhig ſchlief. Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus. Ueber die Ermordung des königlichen Procu⸗ rators hatte ich keine Gewiſſensbiſſe empfunden, denn ſie war eine Handlung der Gerechtigkeit, aber das Schickſal des durch mich elternloſen Kindes hatte mir viele Sorge gemacht. „Die arme Aſſunta hatte in meiner Seele geleſen: ſie hatte meine Abweſenheit benutzt und war mit der Hälfte der Windel und genauer Aufzeichnung des Tages und der Stunde, zu welcher das Kind dem Hoſpital übergeben worden, nach Paris gereiſ't, um daſſelbe zurückzufordern. Auch war es ihr ohne die geringſte Ein⸗ wendung überantwortet worden. „Ach! ich geſtehe, Herr Graf, daß, als ich dieſes arme Geſchöpf in der Wiege ſchlummern ſah, mein Herz ſchwoll und Thränen in meine Augen drangen. „Wirklich, Aſſunta,“ rief ich,„Du biſt eine brave Frau, und die Vorſehung wird Dich ſegnen.“ „Dieſes,“ ſprach Monte⸗Chriſto,„iſt weniger zuverläſſig als Eure Philoſophie; es iſt nur Glaube.“ „Ach!“ fuhr Bertuccio fort,„Excellenza haben wohl Recht, und eben dieſes Kind war es, durch welches Gott mich beſtrafte. Nie zeigte ein verkehrtes, verderbtes Gemüth ſich ſo frühzeitig, und doch lag es nicht etwa an der Erziehung, denn meine brave Schweſter behandelte ihn wie den Sohn eines Prinzen; er hatte ein reizendes Geſicht, mit den ſchönſten blauen Augen, die man ſich denken kann; nur ſeine hochblonden Haare gaben dem Ausdrucke ſeines Geſichtes etwas Fremdartiges, welches die Lebhaftigkeit ſeines Blickes und das boshafte Lächeln ſeines Mundes noch auffallender machte. Das Sprichwort ſagt:„der Rothkopf iſt entweder ſehr gut, oder ſehr böſe,“ und es log nicht, was Benedetto anbetraf, der ſich von ſeiner früheſten Kindheit an ganz ſchlecht zeigte. Freilich beſtärkte die Zärtlichkeit ſeiner treuen Pflegemutter, die den in ihm ſteckenden Böſewicht nicht ahnte, ihn in ſeinen kleinen Neigungen und Bos⸗ heiten; das Kind, für welches meine arme Schweſter vier bis fünf Meilen weit nach der Stadt zu Markte ging, um ihm die erſten Früchte und das köſtlichſte Zuckerwerk zu kaufen, zog den Orangen von Palma und dem Confecte von Genua die Kaſtanien des gachbats oder die es über! lieben ſch „Ein ält, bekla unſeres9 denn Er Diebe gi⸗ er habe gewiß zu das Haue zu finden nach ſich gekettet Gedanke wollte, d ſpieler, Thiere gnügen in ihm ders nich ſagte ich verſchaff „B ſelbe m mehr E lachte, i heimniß mochte; Kindes ſank her und die blicke an lcer ein eß einen Procu⸗ war eine dch mich ſie hatte ndel und ſher das äſt, um oöſte Ein⸗ ränen in rau, und läſſig als ſecht, und afte. Nie und doch Schweſter reizendes nken kann; Geſichtes lickes und chte. Das oder ſehr von ſeiner ſtärkte die ſtecknnden und Bos⸗ r bis fünf die erſten a Orangen tanien des 595⁵ Nachbars vor, die es ſtahl, indem es ſich durch die Hecken drängte, oder die getrockneten Aepfel von dem Heuboden deſſelben, während es über unſere eigenen Kaſtanien und Früchte aller Art nach Be⸗ lieben ſchalten konnte. „Eines Tages, Benedetto war zwiſchen fünf und ſechs Jahre alt, beklagte ſich der Nachbar Waſilio, der nach der Gewohnheit unſeres Landes weder ſeine Börſe noch ſeine Koſtbarkeiten verſchloß (denn Excellenza wiſſen, wie Jedermann, daß es in Corſika keine Diebe giebt), daß ein Louis aus ſeiner Börſe fehle; wir glaubten, er habe ſich im Zählen geirrt, er aber behauptete, ſeiner Sache gewiß zu ſein. An demſelben Tage hatte Benedetto früh Morgens das Haus verlaſſen und war zu unſerer größten Beſorgniß nirgends zu finden, als er Abends ankam und einen Affen an der Kette nach ſich zog, den er, ſeiner Verſicherung nach, an einen Baum an⸗ gekettet gefunden hatte. Seit einem Monat war der beſtändige Gedanke des böſen Kindes, das nicht wußte, was es Alles begehren wollte, der Wunſch geweſen, einen Affen zu haben. Ein Taſchen⸗ ſpieler, der durch Rogliano gekommen war und mehrere ſolche Thiere zeigte, deren Künſte dem Knaben außerordentliches Ver⸗ gnügen gewährten, hatte wahrſcheinlich dieſen unglücklichen Wunſch in ihm rege gemacht. In unſeren Forſten ſind keine Affen, beſon⸗ ders nicht angekettet, wie Du dieſen gefunden zu haben behaupteſt, ſagte ich zu ihm; geſtehe mir alſo, auf welche Weiſe Du Dir dieſen verſchafft haſt? „Benedetto blieb bei ſeiner Behauptung und unterſtützte die⸗ ſelbe mit Aufzählung von Umſtänden, die ſeiner Erfindungsgabe mehr Ehre als ſeiner Wahrheitsliebe machten; ich wurde zornig, er lachte; ich drohte ihm, er trat zwei Schritte zurück. „„Du darſſt mich nicht ſchlagen,“ ſagte er,„Du haſt nicht das Recht dazu, Du biſt nicht mein Vater.““ „Wir haben nie erfahren können, wer ihm dieſes fatale Ge⸗ heimniß, das wir ihm ſo ſorgfältig verborgen hatten, entdeckt haben mochte; dem ſei wie ihm wolle, dieſe Antwort, die das Gemüth des Kindes ganz enthüllte, erſchreckte mich beinahe, mein erhobener Arm ſank herab, ohne den Schuldigen zu berühren; das Kind triumphirte, und dieſer Sieg machte den Buben ſo kühn, daß von dieſem Augen⸗ blicke an alles Geld Aſſunta's, deren Liebe zu ihm in dem Maße 38* 596 zuzunehmen ſchien, als er derſelben unwärdig wurde, zur Befrie⸗ digung von Launen, die ſie nicht zu bekämpfen verſtand, und für Thorheiten, die zu verhüten ſie nicht den Muth hatte, darauf ging. Wenn ich in Rogliano war, ging es noch einigermaßen; ſobald ich aber das Haus auf längere Zeit verließ, machte Benedetto ſich zum Herrn deſſelben und Alles ging ſchlecht. Als er kaum elf Jahre alt war, wählte er die kühnſten und zugleich verdorbenſten, jungen Leute von Baſtia und Corte zu Gefährten, und ſchon hatte uns die Juſtiz wegen einiger Schelmenſtreiche, die einen ſchlimmern Namen verdienten, gewarnt. „Ich war voll Entſetzen; jede Nachforſchung konnte gefährliche Folgen haben: ich war gerade zu der Zeit genöthigt, um einer wichtigen Unternehmung willen Corſika zu verlaſſen, und beſchloß, ein Unglück vorausſehend, Benedetto mit mir zu nehmen. Ich hoffte, das thätige und mäßige Leben der Schmuggler und die ſtrenge Disciplin an Bord werde dieſen der Verderbtheit nahen Charakter, wenn es nicht ſchon zu ſpät ſei, heilſam umgeſtalten. „Ich nahm alſo Benedetto bei Seite und machte ihm den Vor⸗ ſchlag, mich zu begleiten, indem ich denſelben mit allen Verſprech⸗ ungen, die ein zwölfjähriges Kind anlocken können, umgab. „Er ließ mich ausreden und brach dann in ein lautes Ge⸗ lächter aus. „„Biſt Du toll, mein Oheim?“ ſagte er(er nannte mich ſo, wenn er guter Laune war),„ich ſollte das Leben, welches ich führe, gegen das, welches Du führſt, umtauſchen? Meine herrliche Faul⸗ heit gegen die ſchreckliche Arbeit, die Du Dir aufgebürdet haſt; der Kälte bei Nacht, der Hitze bei Tage ausgeſetzt; ſich beſtändig ver⸗ bergen, oder wenn man ſich zeigt, geſchoſſen werden, und das Alles, um ein wenig Geld zu gewinnen! Geld, deſſen ich ſo viel habe, als ich bedarf, Mutter Aſſunta giebt mir ſo viel, als ich ihr ab⸗ fordere. Du ſiehſt alſo, Oheim, daß ich ein Narr wäre, wenn ich Deinen Vorſchlag annähme.““ „Dieſe Kühnheit und dieſe dreiſt ausgeſprochene Weigerung machte mich ſo ſprach⸗ als willenlos, Benedetto kehrte zu den Spielen ſeiner Kameraden zurück und ich ſah von Weitem, wie er ſich mit ihnen über mich luſtig machte.“ „Vortreffliches Kind!“ murmelte Monte⸗Chriſto. Ol!! 82 9 mein 7 nſg Bewußtſei K ſlage gh gab mn Unglüdlie ſchläge und Scjates volltändie mal Luſt Andere i vorher da lange e Morgens und ihn von dem gute Bel „No Frankreie „All von Lyor denn wir hergeſtell worden, beginnen „3 Fortgang hatte, un Anzahl bis Arle verboten mit uns wir unſe Gelingen waren, zum Ves jungen uns die n Namen ge ſährliche um einer den Vor⸗ Verſprech b. autes Ge⸗ 2 mich ſo, ich führe, liche Faul⸗ haſt; der ändig ver⸗ das Alles, viel habe, ih ihr ob⸗ „wenn ich Weigerung te zu den m, wie er 597 „Ol wenn er mein geweſen wäre,“ antwortete Bertuccio,„wenn er mein Sohn, oder wenigſtens mein Neffe geweſen wäre, würde ich ihn ſchon auf den rechten Weg zurückgeführt haben, denn das Bewußtſein des Rechtes giebt Kraft; aber der Gedanke, ein Kind zu ſchlagen, deſſen Vater ich getödtet hatte, lähmte meine Arme. Ich gab meiner Schweſter, die in unſeren Berathungen über den Unglücklichen immer ſeine Partie nahm, alle möglichen guten Nath⸗ ſchläge und bezeichnete ihr einen Ort zur Verbergung unſeres kleinen Schatzes. Mein Entſchluß war übrigens gefaßt. Benedetto konnte vollſtändig ſchreiben, leſen und rechnen, denn wenn er zufällig ein⸗ mal Luſt zur Arbeit hatte, lernte er in einem Tage mehr als Andere in einer Woche. Meine Abſicht war alſo, ihn, ohne ihn vorher davon zu benachrichtigen, auf irgend ein Schiff, welches eine lange Seereiſe antrat, als Secretair unterzubringen, ihn eines Morgens am Arme zu nehmen, auf das Schiff bringen zu laſſen, und ihn dem Capitain ganz beſonders zu empfehlen, ſo daß er ganz von demſelben abhing und nur durch gutes Betragen auch auf gute Behandlung und Avancement rechnen konnte. „Nachdem ich dieſen Plan entworfen hatte, reiſtte ich nach Frankreich ab. „Alle unſere Unternehmungen ſollten dieſes Mal im Meerbuſen von Lyon ſtattfinden, und wurden mit jedem Jahre ſchwieriger, denn wir lebten in dem Jahre 1829. Die Ruhe war vollſtändig hergeſtellt und die Küſtenbeaufſichtigung geregelter und ſtrenger ge⸗ worden, als je zuvor. Für den Augenblick war wegen der ſoeben beginnenden Meſſe von Beaucaire die Wachſamkeit noch verdoppelt. „Im Anfange nahm unſer Unternehmen ohne Hinderniß ſeinen Fortgang, wir brachten unſere Barke, die einen doppelten Boden hatte, unter welchem wir die Contrebande verborgen, zwiſchen eine Anzahl Fahrzeuge, welche an den Ufern der Rhone von Beaucaire bis Arles entlang ſegelten. Hier luden wir nächtlicher Weile unſere verbotenen Waaren aus und brachten ſie mit Hilfe der Leute, die mit uns in Verbindung ſtanden, oder der Gaſtwirthe, bei denen wir unſere Niederlagen hatten, in die Stadt. Sei es, daß das Gelingen uns unvorſichtig gemacht hatte, ſei es, daß wir verrathen waren, genug, eines Nachmittags, als wir uns gegen fünf Uhr eben zum Vesperbrod verſammelten, kam unſer kleiner Schiffsjunge plötz⸗ 598 lich ganz außer Athem gelaufen und meldete, daß er eine Abtheil⸗ ung Douaniers in der Richtung nach uns habe anrücken ſehen— zu dieſer Zeit waren die Ufer der Rhone unabläſſig bewacht— aber der Knabe hatte bei dieſer Abtheilung ganz beſondere Vor⸗ ſichtsmaßregeln und unverkennbare Abſichten auf uns bemerkt. In demſelben Augenblicke waren wir Alle auf den Beinen, aber zu ſpät: unſere Barke, augenſcheinlich der Gegenſtand der Nachforſch⸗ ungen, war umringt; unter den Douaniers bemerkte ich einige Gensd'armen; und ſo furchtſam bei dem Anblicke derſelben, als ich gegen jedes andere Militair dreiſt war, ging ich in den unteren Raum und ſchlüpfte durch eine Stückpforte in den Fluß, wo ich unter dem Waſſer fortſchwamm, und den Athem ſo lange als mög⸗ lich an mich hielt, um nicht durch Bewegung des Waſſers mich zu verrathen. So gelang es mir, ohne geſehen zu werden, einen kürzlich angelegten Graben zu erreichen, der die Rhone mit dem Kanal verbindet, welcher von Beaucaire nach Aigues Mortes führt. Hier angelangt, war ich gerettet, indem ich, ohne geſehen zu werden, dieſem Graben folgen konnte, welches ich that und glücklich in den Kanal kam. Nicht zufällig und ohne triftige Gründe hatte ich dieſen Weg gewählt; ich erzählte Excellenza ſchon von dem Gaſtwirthe aus Nimes, der auf der Straße von Bellegarde nach Beaucaire eine kleine Schänke angelegt hatte.“ „Ja,“ erwiderte Monte Chriſto,„ich erinnere mich vollkommen. Dieſer würdige Mann war, wenn ich nicht irre, ſogar Euer Ver⸗ bündeter?“ „So iſt's,“ entgegnete Bertuccio,„aber ſeit ſechs bis ſieben Jahren hatte er dieſes neue Etabliſſement einem ehemaligen Mar⸗ ſeiller Schneider übergeben, der, nachdem es ihm in einem Fache nicht geglückt war, ſein Heil in einem anderen verſuchen wollte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er die, von ſeinem Vorgänger mit uns geſchloſſenen kleinen Verträge mit übernommen hatte; zu dieſem Manne wollte ich alſo meine Zuflucht nehmen.“ „Und wie hieß der Mann?“ fragte der Graf, den Bertuccio's Erzählung jetzt zu intereſſiren ſchien. „Er hieß Gaspard Caderouſſe und war mit einer Frau aus dem Dorfe de la Carconte verheirathet, die wir unter keinem an⸗ dern Namen als dem ihres Geburtsortes kannten; die arme Frau halte 3ſchon Gegenden Mann wa der uns b D „Und „182 „In „Im „u 6s Ach bün ie wir gewöl Thüre ei ganz beſt von der verkrüpp erreichte, Salon d welchem bracht h geſchoſſe nur für halten Nachbar konnte m ſehen. anzeigen fortſetzen die Ufer und der den Häl 2 „ in dem den Sa 0 1 1 Daſtwirthe Beaucaire ltommen. zuer Ver⸗ dis ſieben gen Mar⸗ em Fache allte. Es mit uns u dieſem ertuccios Frau aus inem an⸗ me Frau 599 hatte ſchon Jahre lang das Fieber, welches die Bewohner ſumpfiger Gegenden ſo häufig heimſucht, und ſchmachtete langſam hin. Der Mann war ein kräftiger Kerl von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der uns bei ſchwierigen Verhältniſſen mehr als einmal Beweiſe von Muth und Geiſtesgegenwart gegeben hatte.“ „Und dieſes geſchah,“ fragte Monte⸗Chriſto,„im Jahre....“ „1829, Herr Graf.“ „In welchem Monate?“ „Im Juni.“ „Zu Anfange oder Ende Juni?“ „Es war am dritten, Abends.“ „Ach!“ meinte Monte⸗Chriſto,„den 3. Juni 1829.. Gut, fahrt fort.“ „Bei Caderouſſe alſo beabſichtigte ich Zuflucht zu ſuchen; da wir gewöhnlich nicht durch die von der Straße in das Haus führende Thüre einzukehren pflegten, ſo wollte ich dieſes Mal, wo es mir ſo ganz beſonders um Verborgenheit zu thun war, keine Ausnahme von der Regel machen, theilte die Hecke des Gartens, kroch zwiſchen verkrüppelten Oliven und verdorrten Feigen⸗Bäumen hindurch und erreichte, fürchtend, Caderouſſe möge irgend einen Reiſenden in dem Salon des Erdgeſchoſſes bei ſich haben, eine Art Hängeboden, auf welchem ich ſchon mehr als eine Nacht ſo gut als im Bette zuge⸗ bracht hatte. Dieſer Hängeboden war von dem Saale des Erd⸗ geſchoſſes nur durch einen Breterverſchlag geſchieden, der eigentlich nur für uns eingerichtet war, damit wir uns daſelbſt verborgen halten und von dort den beſten Augenblick abwarten konnten, der Nachbarſchaft unſere Anweſenheit kund zu geben. Von hier aus konnte man, ohne geſehen zu werden, den ganzen untern Saal über⸗ ſehen. Wenn Caderouſſe allein war, wollte ich ihm meine Ankunft anzeigen, mein durch die Douaniers unterbrochenes Mahl bei ihm fortſetzen, und das aufſteigende Gewitter benutzend, mich wieder an die Ufer der Rhone begeben, um zu erforſchen, was aus der Barke und denen die ſie führten, geworden war. Ich ſchlüpfte alſo auf den Hängeboden und mußte wohl oder übel daſelbſt bleiben, denn in demſelben Augenblicke trat Caderouſſe mit einem Fremden in den Saal.. „Ich verhielt mich ſtill und lauſchte, nicht um die Geheimniſſe 600 meines Wirthes zu behorchen, ſondern weil ich nicht anders konnte; übrigens war daſſelbe ſchon mehrmals geſchehen. „Der Mann, der mit Caderouſſe kam, war augenſcheinlich fremd im ſüdlichen Frankreich: er war einer jener fremden Handels⸗ leute, die, um mit Edelſteinen und Geſchmeiden zu handeln, die Meſſe von Beaucaire beziehen, und die während des Monates, den dieſe Meſſe dauert, zu der Käufer und Verkäufer aus allen Ländern Europa's kommen, zuweilen Geſchäfte von hundert⸗ bis hundert⸗ fünfzigtauſend Franken machen. „Caderouſſe trat haſtig und zuerſt ein. „Dann, als er den untern Saal wie gewöhnlich leer und nur von ſeinem Hunde bewacht ſah, rief er ſeine Frau. „„Hel! Carconte,“ ſagte er,„der brave Prieſter hat uns nicht betrogen; der Diamant war gut.““ „Ein freudiger Ausruf ließ ſich vernehmen, und beinahe zu gleicher Zeit knarrte die Treppe unter einem, durch Krankheit und Schwäche ſchweren Schritte. „„Was ſagſt Du?“ fragte die Frau, bleicher als eine Tode. „„Ich ſage, daß der Diamant gut war, daß der Herr hier, einer der erſten Juwelenhändler in Paris, bereit iſt, uns fünfzig⸗ tauſend Franken dafür zu geben. Nur verlangt er, um ſicher zu ſein, daß wir auch das Recht haben, den Diamanten zu verkaufen, daß Du, wie ich es ſchon gethan habe, ihm erzählſt, auf welche wunderbare Weiſe der Diamant in unſere Hände gekommen iſt. Unterdeſſen, mein Herr, ſetzen Sie ſich, wenn es Ihnen gefällig iſt, und da es drückend heiß iſt, will ich etwas zu Ihrer Erfriſchung beſorgen.““ „Der Juwelenhändler betrachtete aufmerkſam das Innere der Schänke und die ſichtliche Armuth derer, die ihm einen Diamanten verkaufen wollten, der aus dem Schmuckkäſtchen eines Fürſten ge⸗ nommen zu ſein ſchien. „„Erzählen Sie, Madame,“ ſagte er, wahrſcheinlich um die Ab⸗ weſenheit des Mannes zu benutzen, damit derſelbe ſeiner Frau nicht etwa irgend ein Zeichen machen könne, und um zu ſehen, ob Beider Erzählungen übereinſtimmten. „„Ach! mein Gott,“ ſagte die Frau geſprächig,„das iſt eine Segnung des Himmels, auf die zu rechnen uns nicht im Traume allen inge eingef 181 Jahren mond Dand chon gand de erbend Abe ℳ ftag „Re mer niſſe hat Engländer wie ſeinen ſeine Jreit er, im G vermachle, der ihn h 7E die Geſch erſten Au zuſtellen. V 7 gekowmen ich dafür „71 Franken „] wir ihn die Faſſu 1 H n„ 1„8 welenhän unter ſal „Co aus ſein ſdeind dandels eln, die tes, den Ländern hundett, ins nicht heit und Tode. err hier, fünfzig⸗ ſicher zu erkaufen, f velche unen iſt. fällig iſt friſchung nere der amanten iſten ge⸗ die Ab⸗ frau nicht Beider iſt eine Traume 601 eingefallen ſein würde. Denken Sie ſich, mein lieber Herr, in den Jahren 1814 und 1815 ſtand mein Mann mit einem gewiſſen Ed⸗ mond Dantes in Verbindung; dieſer arme Schelm, den Caderouſſe ſchon ganz vergeſſen, hatte indeſſen ihn nicht vergeſſen, ſondern ihm ſterbend den Diamanten vermacht, den Sie geſehen haben.““ „„Aber wie war er zu dem Beſitze dieſes Diamanten gekom⸗ men?“ fragte der Juwelenhändler.„Hatte er ihn etwa ſchon, ehe er gefangen genommen wurde?““ „„Nein, mein Herr,“ antwortete die Frau;„aber im Gefäng⸗ niſſe hat er, wie es ſcheint, die Bekanntſchaft eines ſehr reichen Engländers gemacht, und denſelben, als er gefährlich krank wurde, wie ſeinen eigenen Bruder gepflegt. Der Engländer ließ, als er ſeine Freiheit erhielt, dem armen Dantes, der nicht ſo glücklich als er, im Gefängniſſe ſtarb, dieſen Diamanten, den er ſterbend uns vermachte, und mit dieſer Beſorgung den würdigen Abbé beauftragte, der ihn heute Morgen an uns abgeliefert hat.““ „„Es iſt eben ſo,“ murmelte der Juwelier,„und am Ende, die Geſchichte iſt ja nicht unmöglich, ſo unwahrſcheinlich ſie im erſten Augenblicke erſcheint. Es iſt alſo nur der Preis noch feſt⸗ zuſtellen.““ „„Wie! der Preis!“ ſagte Caderouſſe, der indeſſen herbei⸗ gekommen war,„ich dachte, Sie hätten eingewilligt, zu geben was ich dafür forderte?““ „„Das heißt,“ entgegnete der Juwelier,„ich habe vierzigtauſend Franken dafür geboten.““ „„Vierzigtauſend!“ ſchrie Carconte;„für den Preis werden wir ihn gewiß nicht laſſen. Der Abbé hat uns geſagt, daß er ohne die Faſſung fünfzigtauſend Franken werth ſei.““ „„Und wie hieß dieſer Abbé?“ ſprach der unermüdliche Frager. „„Abbé Buſoni,“ antwortete die Frau. „„Es war alſo ein Ausländer?““ „„Ein Italiener aus der Gegend von Mantua, glaube ich.““ „„Zeigen Sie mir den Diamanten noch einmal,“ bat der Ju⸗ welenhändler;„man beurtheilt die Steine auf den erſten Blick mit⸗ unter ſalſch.““ „Caderouſſe zog ein kleines Futteral von ſchwarzem Chagrin aus ſeiner Taſche, öffnete daſſelbe und gab es dem Juwelenhändler. 602 Bei dem Anblicke des Diamanten, der von der Größe einer Haſel⸗ nuß war, ich erinnere mich deſſen, als ſähe ich es noch, funkelten die Augen der Carconte von Habgier.“ „Und was dachtet Ihr, Herr Horcher, zu dem Allem?“ fragte Monte⸗Chriſto,„glaubtet Ihr an dieſes ſchöne Märchen?“ „Ja, Excellenz, ich hielt Caderouſſe für keinen ſchlechten Mann, und hielt ihn für unfähig, ein Verbrechen oder auch nur einen Diebſtahl zu begehen.“ „Das macht Eurem Herzen mehr Ehre, als Eurer Erfahrung, Meſſer Bertuccio. Hattet Ihr jenen Edmond Dantes, von dem die Rede war, gekannt?“ „Nein, Excellenz, ich hatte vorher nie von ihm reden hören, und habe auch nachher nicht wieder von ihm reden hören, außer ein einziges Mal den Abbé Buſoni ſelbſt, als ich ihn in den Ge⸗ fängniſſen von Nimes ſah.“ „Gut! weiter.“ „Der Juwelenhändler nahm den Ring und zog eine kleine, ſtählerne Zange und eine kleine, kupferne Wagſchale aus der Taſche, darauf machte er mit der Zange den Stein aus der Faſſung und wog ihn auſ's Allergenauſte. „„Ich werde bis auf fünfundvierzigtauſend Franken gehen,“ ſagte er,„aber auch nicht einen gebe ich mehr; übrigens habe ich, da der Diamant dieſe Summe werth iſt, nicht mehr als ſo viel zu mir geſteckt.““ „„O! daran wollen wir uns nicht ſtoßen,“ meinte Caderouſſe, „ich gehe mit Ihnen nach Beaucgaire zurück, um die noch fehlenden fünftauſend Franken von Ihnen zu erhalten.““ „„Nein,“ erklärte der Juwelier, Ring und Stein zurückgebend, „nein, mehr iſt er nicht werth, ich bin ſogar unzufrieden, dieſe Summe geboten zu haben, indem in dem Steine ein Fehler iſt, den ich erſt jetzt entdeckt habe; aber wie dem auch ſei, ich habe es einmal geſagt und ich ziehe mich nicht zurück.““ „„Befeſtigen Sie wenigſtens den Diamanten wieder in dem Ringe,“ erinnerte Carconte. „„Das verſteht ſich,“ erwiderte der Juwelier und ſetzte den Stein wieder ein. werden, un oder vier Ring auf Stein, der j wohl ſü Sie einge „Cad R „ nicht, um lier,„ich „Un ſtücke, die ließ, und „In es war welches 6 heuren S ganz recht finden iſt „N Sie den er Haſel⸗ funkelten 9.. fragte Mann ur einen rſahrung, dem die en hören, n, außer den Ge⸗ ne kleine, er Taſche, ſung und gehen,“ habe ich, ſo viel zu gaderouſſe, ſehlenden ückgebend, den, dieſe Fehler iſ, 4 h habe es er in dem ſetzte den 603 „„Gut, gut,“ ſagte Caderouſſe, den Ring wieder in ſeine Taſche ſteckend,„ein Anderer wird ihn kaufen.““ „„Ja,“ entgegnete der Juwelier,„aber ein Anderer wird mehr Schwierigkeiten machen, als ich; ein Anderer wird ſich nicht mit den Nachrichten begnügen, die Sie mir gegeben haben; es iſt nicht natürlich, daß ein Mann wie Sie einen Diamanten von fünfzig⸗ tauſend Franken Werth beſitzt, er wird die Behörden benachrichtigen, der Abbé Buſoni wird aufgeſucht werden, und die Abbés, die Diamanten von zweitauſend Louis verſchenken, ſind ſchwer zu finden; die Juſtiz wird ſich in die Sache miſchen, Sie werden verhaftet werden, und wenn Ihre Unſchuld erkannt wird, wenn Sie in drei oder vier Monaten in Freiheit geſetzt werden, dann hat ſich der Ring auf der Canzlei verloren, oder man giebt Ihnen einen falſchen Stein, der drei Franken werth iſt, für einen, der fünfzigtauſend, ja wohl fünfundfünfzig werth iſt, aber den zu kaufen, das müſſen Sie eingeſtehen, mein guter Mann, nicht ohne Gefahr iſt.““ „Caderouſſe und ſeine Frau ſahen einander an. „„Nein,“ ſprach Caderouſſe endlich,„ſo reich ſind wir noch nicht, um fünftauſend Franken aufgeben zu können.““ „„Wie Sie wollen, mein lieber Freund,“ antwortete der Juwe⸗ lier,„ich hatte indeſſen, wie Sie ſehen, ſchönes Geld mitgebracht.““ „Und er zog aus einer ſeiner Taſchen eine Hand voll Gold⸗ ſtücke, die er vor den geblendeten Augen des Gaſtwirthes glänzen ließ, und aus der andern ein Päckchen Banknoten hervor. „In Caderouſſe's Geiſte fand ſichtlich ein heftiger Kampf ſtatt: es war ausgemacht, daß ihm das kleine Käſtchen von Chagrin, welches er aus einer Hand in die andere warf, nicht der unge⸗ heuren Summe gleich zu kommen ſchien, die ſeine Augen bezauberte. „Er wendete ſich zu ſeiner Frau. „„Was ſagſt Du dazu?“ fragte er leiſe. „„Gieb, gieb,“ antwortete ſie;„wenn er ohne den Diamanten nach Beaucaire zurückkehrt, wird er uns denunciren; und er hat ganz recht, wer weiß, ob der Abbé Buſoni jemals wieder aufzu⸗ finden iſt.““ „„Nun wohll es ſei darum;“ ſagte darauf Caderouſſe,„nehmen Sie denn den Diamanten für fünfundvierzigtauſend Franken; aber 604 meine Frau verlangt eine goldene Kette und ich ein Paar ſilberne Schnallen.““ „Der Juwelier zog ein langes, plattes Käſtchen, in welchem ſich mehrere Schmuckſachen befanden, aus der Taſche. „„Hier,“ ſagte er,„ich bin nicht filzig in Geſchäften. Wählen Sie.““ „Die Frau wählte eine goldene Kette, die ihre fünf Louis gelten konnte, und der Mann ein Paar ſilberne Schnallen für fünf⸗ zehn Franken. „„Ich hoffe, Sie werden zufrieden ſein,“ ſprach der Juwelier. „„Der Abbé verſicherte doch, er ſei fünfzigtauſend Franken werth,“ murmelte Caderouſſe. „„Allons, allons, geben Sie doch! Welcher ſchreckliche Mann,“ fuhr der Juwelier fort, indem er ihm das Etui aus der Hand nahm,„ich zähle ihm fünfundvierzigtauſend Franken, zweitauſend⸗ fünfhundert Livres Renten auf, ein Vermögen, das ich wohl haben möchte, und er iſt noch nicht zuſrieden!““ „„Und wo ſind die fünfundvierzigtauſend Franken?“ fragte Caderouſſe mit rauher Stimme. „„Hier,“ ſprach der Juwelenhändler. „Und er zählte fünfzehntauſend Franken in Gold und dreißig⸗ tauſend in Banknoten auf. „„Laſſen Sie mich erſt die Lampe anzünden,“ ſprach die Car⸗ conte,„es iſt ſchon ziemlich dunkel und man könnte ſich irren.““ „Wirklich war während dieſen eben erzählten Verhandlungen die Nacht und mit ihr das Gewitter angebrochen, welches ſchon ſeit einer halben Stunde gedroht hatte. Man hörte dumpf den fernen Donner rollen; aber weder der Juwelier, noch Caderouſſe und ſeine Frau ſchienen es zu beachten, der Dämon der Gewinnſucht be⸗ herrſchte ſie alle Drei. „Ich ſelbſt empfand eine fremdartige Bezauberung bei dem Anblicke all' dieſes Goldes und dieſer Banknoten. Ich glaubte zu träumen und fühlte mich, wie es im Traume zu ſein pflegt, an meinen Platz gebannt. „Caderouſſe zählte es nochmals, dann gab er Beides ſeiner Frau, die es auch mehr als einmal zählte. Während dem ließ der Juwelier den Diamanten im Scheine der Lampe ſich ſpiegeln, und geben es haben, Monſieuk wenn es „Ei gleitet, d „U gehen?“ 1 NN iſt zur T iſt geſorg „Un an die J iilderne delchem deſcäſten ff Louis für fünf⸗ . Jawelier. Franken e Nann, der dand ſceitauſend⸗ uhl haben fragte d dreißig⸗ die Car⸗ rren. andlungen ſchon ſeit en fernen und ſeine ſucht be⸗ bei dem laubte zu glegt, an es ſeiner ließ der geln, und 605⁵ derſelbe warf Blitze, über denen die des Gewitters, welche die Fenſter von Zeit zu Zeit erhellten, vergeſſen wurden. „„Nunl iſt es richtig?“ fragte endlich der Juwelier. „„Ja,“ ſprach Caderouſſe,„gieb die Brieftaſche her und ſuche einen Beutel, Carconte.““ „Carconte ging zu einem Schranke, aus dem ſie eine alte, lederne Brieftaſche nahm, und einen Beutel, in welchem zwei oder drei Sechslivres⸗Stücke, wahrſcheinlich der ganze Nothpfennig dieſer erbärmlichen Wirthſchaft, ſich befanden. Einige in der Brieſtaſche befindliche alte, fettige Papiere mußten den Banknoten Platz machen und das Geld wurde in den Beutel gethan. „„So!“ ſprach Caderouſſe,„wollen Sie mit uns eſſen? Wir geben es Ihnen gern, obgleich Sie uns um eine ziemliche Summe übervortheilt haben.““ „„Danke,“ antwortete der Juwelier,„es muß ſpät ſein, ich muß eilen, nach Beaucaire zu kommen, damit meine Frau ſich nicht ängſtigt, wenn ich zu lange ausbleibe.“ Er zog ſeine Uhr.„Potz⸗ tauſend!“ rief er,„bald neun Uhr, ich kann vor Mitternacht Beau⸗ caire nicht erreichen. Adieu, Kinderchen, ſollten mehr Abbé Buſoni'’s. zu Euch kommen, ſo denkt meiner.““ „„Künftige Woche geht die Meſſe zu Ende, dann ſind auch Sie nicht mehr in Beaucaire,“ verſetzte Caderouſſe. „„O, das thut nichts; wenn Sie Diamanten zu verkaufen haben, ſo ſchreiben Sie mir nach Paris, meine Adreſſe iſt: an Monſieur Joannéèés, Palais⸗Royal, Steingalerie Nr. 45. Ich werde, wenn es der Mühe werth iſt, expreß darum die Reiſe machen.““ „Ein Donnerſchlag geſchah, von einem ſo ſtarken Blitze be⸗ gleitet, daß das Licht der Lampe verſchwand. „„Ol o!“ warnte Caderouſſe,„in dieſem Wetter wollen Sie gehen?““ „„Ich fürchte den Donner nicht,“ entgegnete der Juwelier. „„und auch die Räuber nicht?“ fragte Carconte.„Der Weg iſt zur Meßzeit immer nicht recht ſicher.““ „„Ol was die Räuber anbetrifft,“ verſetzte Joannès,„dafür iſt geſorgt.““ „Und er zog ein paar kleine Piſtolen aus der Taſche, die bis an die Mündung geladen waren. 606 „„Hier,“ ſagte er,„das ſind Hunde, die bellen und beißen zu gleicher Zeit; das iſt für die zwei Erſten, die zu Eurem Diamanten Luſt haben möchten, Vater Caderouſſe.““ „Caderouſſe und ſeine Frau wechſelten einen düſtern Blick. Sie ſchienen Beide zu gleicher Zeit irgend einen ſchrecklichen Einfall zu haben. „„Nun dann, glückliche Reiſe!“ ſagte Caderouſſe. „„Danke!“ erwiderte der Juwelier. „Er nahm ſein Rohr, das er an eine alte Truhe gelehnt hatte, und ging. In demſelben Augenblicke, wo er die Thüre öffnete, drang ein ſo heftiger Windſtoß in den Saal, daß die Lampe dem Erlöſchen nahe war. „„O!“ meinte er,„das iſt ja ein allerliebſtes Wetter, in wel⸗ chem ich zwei Meilen machen muß!““ „„Bleiben Sie,“ ſagte Caderouſſe,„und übernachten Sie hier.““ „„Ja, bleiben Sie,“ fügte Carconte mit wankender Stimme hinzu;„wir wollen Sie gut pflegen.““ „„Nein, nein, ich muß in Beaucgire übernachten. „Caderouſſe ging langſam bis zur Thür. „„Man ſieht weder Himmel noch Erde,“ ſprach der Juwelier, ſchon draußen.„Muß ich mich rechts oder links halten?““ „„Rechts,“ verſetzte Caderouſſe.„Sie können nicht irren, es iſt eine Allee.““ „„Gut, die habe ich,“ antwortete die Stimme aus der Ent⸗ fernung.“ Adieu.““ „„Mach doch die Thüre zu!“ ſagte Carconte,„ich habe nicht gern offene Thüren, wenn es donnert.““ „„Und wenn Geld im Hauſe iſt, nicht wahr?“ ergänzte Ca⸗ derouſſe und drehte den Schlüſſel zweimal herum. „Er kam herein, ging zum Schranke, nahm den Beutel und die Brieftaſche wieder heraus, und Beide fingen an zu zählen. „Nie habe ich einen ſolchen Ausdruck von Habſucht geſehen, wie auf dieſen beiden von der Lampe matt beleuchteten Geſichtern. Das der Frau beſonders war ſcheußlich; ihr gewöhnliches fieberhaftes Zittern war verdoppelt, ihr bleiches Geſicht leichenhaft, ihre tief⸗ liegenden Augen funkelten. ſchlag, ein erblich la 85 „In welches durch Sch „Cad „ auf dem erregenden libe Got deißen zu lamanten ern Blic pen Einfal ednt hatte, de üffnete, umpe dem d in wel⸗ ie hier." Sümme Adieu,“" Juwelier, irten, es der Ent⸗ habe nicht änzte Ca⸗ Zeutel und ählen. ſehen, wie ern. Das ebethaftes ihre tief⸗ 607 „„Warum,“ fragte ſie mit dumpfem Tone,„boteſt Du ihm denn an, hier zu ſchlafen?““ „„Nun,“ antwortete Caderouſſe zitternd,„weil... weil er dann nicht die Mühe hatte, nach Beaucaire zu gehen.““ „„Ach!“ verſetzte die Frau mit einem nicht zu beſchreibenden Ausdrucke,„ich glaubte, es geſchähe aus einem andern Grunde.““ „„Frau! Frau!“ ſchrie Caderouſſe,„wie kannſt Du ſolche Ge⸗ danken haben, und wenn Du ſie haſt, warum behältſt Du ſie nicht für Dich?““ „„Es iſt einerlei,“ ſagte Carconte nach einigem Beſinnen,„Du biſt kein Mann.““ „„Wie ſo?“ fragte Caderouſſe. „„Wenn Du ein Mann värſt, hätte er den Rückweg nicht an⸗ getreten.““ „„Frau!““ „„Oder er käme nicht bis nach Beaucaire.““ „„Fraul“⸗ „„Der Weg macht einen Bogen, dem er folgen muß, während am Kanal entlang ein gerader Weg geht.““ „„Frau, Du beleidigſt den lieben Gott! Da, hörſt Du?...““ „Wirklich geſchah in demſelben Augenblicke ein heftiger Donner⸗ ſchlag, ein bläulich züngelnder Blitz erhellte den ganzen Raum, und erblich langſam, als verlaſſe er ungern das verfluchte Haus. „„Jeſus!“ ſagte die Carconte, ſich bekreuzend. „In demſelben Augenblicke wurde das entſetzenvolle Schweigen, welches gewöhnlich den heftigen Donnerſchlägen zu folgen pflegt, durch Schläge an die Thüre unterbrochen. „Caderouſſe und ſeine Frau ſahen ſich entſetzt und zitternd an. „„Wer iſt da?“ rief Caderouſſe, während er aufſtand und das auf dem Tiſche umher zerſtreute Geld und Banknoten zuſammen ſchob und mit ſeinen Händen bedeckte. „„Ich!“ war die Antwort. „„Wer ſeid Ihr?““ „„Ei! zum Teufel! Joannéès, der Juwelier!““ „„Nun, was ſagteſt Du?“ bemerkte Carconte mit Schauder erregendem Lachen...„ich beleidigte den lieben Gott?.. Und der liebe Gott ſchickt ihn uns zurück?““ 608 „Caderouſſe ſank bleich und athemlos auf ſeinen Stuhl.“ „Die Carconte hingegen ſtand auf und ging mit feſtem Schritte nach der Thür, die ſie öffnete. „„Kommen Sie herein, lieber Herr Joannès,“ ſagte ſie. „„Meiner Treu!“ ſagte der ganz durchnäßte Juwelier,„es ſcheint, der Teufel will nicht, daß ich nach Beaucaire zurückkehre. Die kürzeſten Thorheiten ſind die beſten, mein lieber Herr Cade⸗ rouſſe; Sie haben mir ein Nachtlager angeboten, ich nehme es an, und komme zurück, um bei Ihnen zu bleiben.““ „Caderouſſe ſtammelte einige Worte und trocknete den Schweiß, der über ſeine Stirn rieſelte. „Die Carconte verſchloß die Thür doppelt hinter dem Juwelier.“ 7 Richigkeit zählt zu! „ die uns i wir noch II annte ſchr Nachtlage ſich auf.“ 5 „„2 „„ „„,8 neben die an Der Graſ XLVI. Der Blutregen. „Indem der Juwelier eintrat, warf er einen forſchenden Blick umher, ſchien aber durch nichts zum Argwohn aufgefordert zu werden. „Caderouſſe bedeckte noch immer ſein Gold und ſeine Banknoten mit beiden Händen. Carconte hatte für ihren Gaſt das angenehmſte Lächeln, deſſen ſie fähig war. „„Ahl!“ ſagte der Juwelier,„Sie ſcheinen immer noch an der Richtigkeit der Summe zu zweifeln, und dieſelbe noch einmal über⸗ zählt zu haben!““ „„Das nicht,“ entgegnete Caderouſſe,„aber die Begebenheit, die uns in den Beſitz derſelben geſetzt hat, war ſo unerwartet, daß wir noch nicht daran glauben können und zu träumen meinen, wenn wir ſie nicht ſehen.““ „Der Juwelier lächelte. „„Sind außer mir noch Reiſende hier?“ fragte er. „„Nein,“ antwortete Caderouſſe,„wir geben eigentlich kein Nachtlager; es iſt zu nahe bei der Stadt, und hier hält Niemand ſich auf.““ „„Dann werde ich Ihnen aber ſehr zur Laſt fallen?““ „„Uns zur Laſt fallen, Sie! mein lieber Herr,“ ſagte die Car⸗ conte ſchmeichelnd,„durchaus nicht, ich ſchwöre es Ihnen.““ „„Laſſen Sie ſehen, wo werden Sie mich unterbringen?““ „„Da oben in der Stube.““ „„Aber iſt das nicht Ihre Stube?““ „„O! was ſchadet das? wir haben noch ein Bett in der Kammer neben dieſem Saale.““ wcVarerouſſe ſah ſeine Frau verwundert an. Deer Graf von Monte⸗Chriſto. — 610 „Der Juwelier trällerte ein Liedchen, während er an einem Reiſigbündel, welches die Carconte, um ihren Gaſt zu trocknen, im Kamin angezündet hatte, ſeinen Rücken wärmte. „Unterdeſſen deckte ſie eine Serviette auf eine Ecke des Tiſches, die ſie mit den ſpärlichen Ueberreſten des Mittageſſens, denen ſie noch einige friſche Eier hinzufügte, beſetzte. „Caderouſſe hatte ſeine Banknoten und ſein Gold abermals verſchloſſen, und ging mit großen Schritten nachdenkend auf und ab, wobei er zuweilen einen Blick auf den Juwelier warf, der rauchend am Heerde ſtand und ſich von allen Seiten trocknete. „„Da!“ ſagte Carconte, eine Flaſche Wein auf den Tiſch ſetzend, „wenn Sie eſſen wollen, es iſt Alles bereit.““ „„Und Sie?“ fragte Joannès. „„Ich werde nicht zu Abend eſſen,“ antwortete Caderouſſe. „„Wir haben ſehr ſpät zu Mittag gegeſſen,“ beeilte ſich Car⸗ conte hinzuzufügen. So werde ich alſo allein eſſen müſſen,“ verſetzte der Juwelier. „„Wir werden Sie bedienen,“ verſicherte Carconte mit einer ihr nicht eigenthümlichen Aufmerkſamkeit, denn ſie pflegte ihre länd⸗ lichen Gäſte ziemlich kurz zu behandeln. „Von Zeit zu Zeit warf Caderouſſe ihr einen ſchnellen Blie wie ein Blitz zu. „Das Gewitter tobte fort. „„Hören Sie, hören Sie?“ ſagte Carconte.„Sie haben wah lich wohlgethan, zurückzukommen.““ „„Das ſoll mich nicht abhalten, mich, wenn während meines Abendeſſens das Gewitter nachlaſſen ſollte, noch auf den Weg zu machen.““ „„Es iſt der Miſtral,“ ſagte Caderouſſe kopfſchüttelnd,„der dauert bis morgen.““ 4 „Dabei ſeufzte er tief.— „„Meiner Treu,“ meinte der Juwelier, ſich zu Tiſch ſetzend, „deſto ſchlimmer für die, welche draußen ſind.““ „„Ja,“ antwortete die Carconte,„ſie werden eine ſchlimme Nacht haben.““ „Der Juwelier fing an zu eſſen, und die Carconte widmete ihm alle kleinen Aufmerkſamkeiten einer ſorgſamen Wirthin, ſie, gewöhn⸗ Gewiitte gewonn waren, hinauf. 6 ſeinen ſind, f zutruge natürli die mi andere verbun dnen, im Tſces, denen ſ ſie abermals fund ab rauchend ſch ſezend, röuſſe ſich Car⸗ Suweller. mit einer ihre länd⸗ ellen Blie den wal end meines n Weg zu And,„der ſh ſetzend, ſchlimme dmete ihm e, gewöhn⸗ 611 lich ſo unfreundlich, war heute ein Muſter von Höflichkeit und Zu⸗ vorkommenheit. Wenn der Juwelier ſie früher gekannt hätte, würde eine ſo große Umänderung ihn gewiß verwundert, ja ihm vielleicht ſogar einigen Argwohn eingeflößt haben. Caderouſſe fuhr fort, ſtumm im Saale auf⸗ und abzugehen, und ſchien die Blicke ſeines Gaſtes zu vermeiden. „Als Joanneès gegeſſen hatte, öffnete Caderouſſe ſelbſt die Thür. „„Ich glaube, das Gewitter läßt nach,“ ſagte er. „Aber in demſelben Augenblicke erſchütterte, wie um ihn Lügen zu ſtrafen, ein furchtbarer Donnerſchlag das ganze Haus, und ein mit Regen gemiſchter Windſtoß drang in das Gemach und löſchte die Lampe aus. „Caderouſſe beeilte ſich, die Thür wieder zu ſchließen, ſeine Frau zündete an den noch glimmenden Bränden des Herdes ein Licht an. „„Hier,“ ſprach ſie zu dem Juwelier,„Sie müſſen erſchöpft ſein, ich habe reine Betttücher aufgelegt, gehen Sie hinauf und ſchlafen Sie wohl.““ „Joannès zögerte noch etwas, um ſich zu überzeugen, ob das „Gewitter auch wirklich nicht nachlaſſe, und als er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß Regen, Donner und Blitz noch im Zunehmen waren, wünſchte er ſeinen Wirthen gute Nacht und ſtieg die Treppe binauf. 4„Er ging über meinem Kopfe und ich hörte jede Stufe unter ſeinen Tritten knarren. „Die Carconte folgte ihm mit gierigen Blicken, während im Gegentheile Caderouſſe ihm den Rücken zukehrte und nicht einmal den Kopf zur Seite wendete. „Alle dieſe Umſtände, die mir ſpäter erſt wieder eingefallen ſind, fielen mir in dem Augenblicke, wo ſie ſich unter meinen Augen zutrugen, nicht beſonders auf; es ging, genau genommen, Alles ganz natürlich zu, und die Geſchichte mit dem Diamanten ausgenommen, die mir etwas märchenhaft vorkam, wunderte ich mich über die anderen Vorgänge durchaus nicht. „Da ich nun im höchſten Grade von der mit meiner Flucht verbundenen Anſtrengung erſchöpft war, und auch das Aufhören des 39* 612 Gewitters zu benutzen dachte, ſo beſchloß ich einige Stunden zu ſchlafen und mich mitten in der Nacht zu entfernen. „Ueber mir hörte ich den Juwelier, der alle mögliche Vor⸗ bereitungen machte, die Nacht ſo ungeſtört wie möglich zuzubringen. Bald krachte ſein Bett unter ihm; er hatte ſich ſchlafen gelegt. „Meine Augen ſchloſſen ſich unwillkürlich, und da ich, wie ſchon geſagt, ganz frei von Argwohn war, ſo ergab ich mich dem Schlum⸗ mer, ohne gegen denſelben anzukämpfen. Ich warf einen letzten Blick auf das Innere der Küche. Caderouſſe ſaß auf einer jener hölzernen Bänke, die in Dorf⸗Wirthshäuſern die Stelle der Stühle vertreten, neben einem langen Tiſche; er drehte mir den Rücken zu, ſo daß ich ſein Geſicht nicht ſehen konnte; hätte er mir aber auch das Geſicht zugewendet, ſo würde ich doch nichts davon geſehen haben, weil er es in beiden Händen verbarg. „Die Carconte ſah ihn ein Weilchen an, zuckte die Achſeln und ſetzte ſich ihm gegenüber. „In dieſem Augenblicke ergriff die ſterbende Flamme einen Ueber⸗ reſt trocknen Holzes, den ſie bis dahin verſchont hatte, und ein etwas helles Licht durchdrang den düſtern Raum. Carconte ſah ihren Mann unausgeſetzt ſtarr an, und da dieſer immer in derſelben Stellung blieb, ſah ich, wie ſie ihre abgemagerte Hand nach ihm ausſtreckte und ſeine Stirn berührte. „Caderouſſe zitterte. Seine Frau bewegte die Lippen, aber, ſprach ſie zu leiſe, oder waren meine Sinne ſchon vom Schlummer umfangen, ich hörte nichts. Ich ſah nur noch wie durch einen Nebel und war in dem, dem feſten Schlafe vorhergehenden Zuſtande, wo man ſchon zu träumen glaubt. Endlich ſchloſſen ſich meine Augen und ich verlor das Bewußtſein alles Deſſen, was um mich her vorging. „Ich war im tiefſten Schlafe, als ich von einem Piſtolenſchuſſe, dem ein entſetzlicher Schrei folgte, erwachte. Einige wankende Schritte hörte ich in der Stube über mir, dann wälzte ſich eine ſchwere Maſſe auf der Treppe, gerade über meinem Kopfe. „Ich war meiner Sinne noch nicht ganz mächtig, und hörte in halbem Taumel Stöhnen, dann erſticktes Geſchrei, wie bei einen Kampfe. ⸗ Etui in war, er ihn in ihn in „T Bankno die We Thür! mir da der wa liche Ii meiner das ich machen. ſchlecht ich ſtec 2 Körper Kehler aus de Blut. linden zu üe Vor⸗ ldringen. legt. vie ſchon Schlum⸗ n letzten dier jener t Stühle ſ(ücken gu, der auch geſehen ſeln und en Ueber⸗ ein etwas ſah ihren derſelben nach ihm en, aber, chlummer rch einen Zuſtande, ne Augen mich her lenſchuſſe, wankende ſich eine . hörte in dei eineni 1 613 „Ein letzter Schrei, der länger als die frühern war und in Stöhnen überging, zog mich vollends aus meiner Betäubung. „Ich hob mich auf einem Arm in die Höhe, ſah um mich her, erblickte aber nichts als dichte Finſterniß; ich faßte an meine Stirn, die ich ganz naß fand von einem warmen Regen, der reichlich durch die Dielen der Treppe auf dieſelbe herabträufelte. „Das tiefſte Schweigen folgte dem ſoeben gehörten entſetzlichen Geräuſche, als ich plötzlich die Treppe unter den Tritten eines Mannes knarren hörte, der in den Saal hinunterſtieg und ſich an dem Kamine ein Licht anzündete. „Es war Caderouſſe, ſein Geſicht war leichenblaß und ſein Hemd ganz blutig. „Mit dem angezündeten Lichte ging er ſchnell wieder hinauf, und abermals hörte ich ſeine raſchen, unſichern Schritte. „Einen Augenblick darauf kam er wieder herunter; er hatte das Etui in der Hand, er überzeugte ſich, ob der Diamant auch darin war, er ſteckte ihn erſt aus einer ſeiner Taſchen in die andere, dann ihn in den Taſchen vielleicht nicht ſicher genug glaubend, wickelte er ihn in ſein rothes Tuch und ſchlang daſſelbe um den Hals. „Dann lief er zum Schranke, entnahm demſelben Gold und Banknoten, ſteckte die letzteren in ſeine Hoſentaſche, das erſtere in die Weſtentaſche, nahm zwei oder drei Hemden, ſtürzte nach der Thür und verſchwand in der Finſterniß der Nacht. Nun wurde mir das Ganze klar; ich warf mir die Folgen vor, als wäre ich der wahre Schuldige. Ich glaubte Aechzen zu hören; der unglück⸗ liche Juwelier konnte nicht ganz getödtet ſein, vielleicht ſtand es in meiner Macht, indem ich ihm Hilfe leiſtete, etwas von dem Uebel, das ich nicht ſelbſt gethan, aber hatte thun laſſen, wieder gut zu machen. Ich ſtemmte meine Schulter gegen eines der Breter des ſchlecht gezimmerten, an den Saal grenzenden Verſchlages, in welchem ich ſteckte. Die Breter wichen und ich befand mich in dem Saale. „Ich eilte, das Licht zu ergreifen, und beſtieg die Treppe; ein Körper verſperrte mir dieſelbe, es war der Leichnam der Carconte. „Der Piſtolenſchuß, den ich gehört, hatte ſie getroffen; ihre Kehle war mitten durchgeſchoſſen, und außer dieſer doppelten Wunde, aus der das Blut ſtromweiſe ſich ergoß, floß auch aus ihrem Munde Blut. ———— „Sie war vollſtändig todt. „Ich ſtieg über ihren Leichnam und ging die Treppe vollends hinauf. „Die Stube bot den Anblick der allergrößten Unordnung dar. Einige Geräthe waren umgeworfen; die Betttücher, an die der un⸗ glückliche Juwelier ſich angeklammert hatte, waren durch die ganze Stube gezogen; er ſelbſt lag mit dem Kopfe gegen die Wand ge⸗ ſtützt, und in einem Meere von Blut ſchwimmend, an der Erde. Er hatte drei tiefe Wunden in der Bruſt, in der vierten ſteckte bis an den Griff ein großes Küchenmeſſer. „Ich trat auf das zweite Piſtol, welches verſagt hatte, weil wahrſcheinlich das Pulver feucht geworden war. „Ich unterſuchte den Juwelier und fand noch Spuren von Leben an ihm, bei dem Geräuſche, das ich machte, beſonders bei der Erſchütterung der Diele, öffnete er ſeine ſchon verglaſ'ten Augen, hielt ſie mit Anſtrengung einige Augenblicke auf mir feſt, bewegte die Lippen, als wolle er reden, und verſchied. „Mich hatte dieſe ſchreckliche Begebenheit beinahe meines Ver⸗ ſtandes beraubt; von dem Augenblicke an, wo ich einſah, daß ich Niemand mehr helfen konnte, empfand ich kein Bedürfniß weiter, als das der Flucht. In meinen Haaren wühlend und vor Wuth und Entſetzen heulend, ſtürzte ich auf die Treppe zu. „In dem Saale befanden ſich ſechs Douaniers und drei Gensd'armen, eine ganze bewaffnete Macht. „Man bemächtigte ſich meiner; ich verſuchte nicht Widerſtand zu leiſten, ich war meiner Sinne nicht mächtig, ich verſuchte zu reden, brachte aber nur unartikulirte Töne hervor. „Ich ſah, daß die Douaniers und Gensd'armen mit Fingern auf mich zeigten; ich betrachtete mich ſelbſt und fand mich ganz mit Blut bedeckt. Jener warme Regen, der durch die Dielen der Treppe auf mich gefallen, war das Blut der Carconte geweſen. „Ich zeigte mit dem Finger nach dem Orte, wo ich verſteckt geweſen war. „„Was will Er ſagen?“ fragte ein Gensd'arm. „Ein Donanier ſah nach. „„Er will ſagen, daß er da durch gekommen iſt,“ antwortete er. rouſſes bezweife ſeine Co angekom ſo vielen einſah, „2 Abbé T die Bit hauſe Caderot exileirte fangen meines welchen Hoffnu⸗ zum ei alſo di Buſon fängni dollends ling dar. der un⸗ le ganze Pand ge⸗ er Erde. tecke bis tte, weil lren von ders bei — Augen, dewegte ines Ver⸗ daß ich weiter, or Wuth und drei diderſtand ſſuchte zu Fingern ganz mit er Treppe verſteckt vortete er. 615 „Und er zeigte das Loch, durch welches ich wirklich gekom⸗ men war. „Jetzt erſt begriff ich, daß man mich für den Mörder hielt. Meine Stimme, meine Kräfte fanden ſich wieder; ich machte mich von den Händen derer, die mich hielten, los, und rief:„Ich war es nicht! ich war es nicht!“ „Zwei Gensd'armen legten ihre Carabiner auf mich an. „„Eine Bewegung,“ ſagten ſie,„und Du biſt todt!““ „„Aber,“ rief ich,„ich ſag' es nochmals, daß ich es nicht war!““ „„Du kannſt Dein Hiſtörchen in Nimes den Richtern erzählen,“ antworteten ſie.„Vorläufig folge uns, und wenn Du unſerm Rathe folgen willſt, leiſte keinen Widerſtand.““ „Das war meine Abſicht nicht, ich war vor Schreck und Ent⸗ ſetzen vernichtet. Man legte mir Handſchellen an, band mich an den Schweif eines Pferdes und führte mich nach Nimes. „Ein Douanier hatte mich verfolgt, in der Gegend von Cade⸗ rouſſe's Hauſe hatte er mich aus den Augen verloren, doch nicht bezweifelt, daß ich in demſelben die Nacht zubringen werde; er hatte ſeine Cameraden benachrichtigt, und ſie waren gerade zu rechter Zeit angekommen, um den Piſtolenſchuß zu hören. Sie fanden mich von ſo vielen Beweiſen des verübten Verbrechens umgeben, daß ich bald einſah, wie ſchwer es mir werden müſſe, meine Unſchuld zu beweiſen. „Auch hatte ich nur eine Hoffnung, und zwar die auf den Abbé Buſoni. Mein erſtes Wort an den Inſtructionsrichter war die Bitte, denſelben, der an dem nämlichen Tage in dem Wirths⸗ hauſe du Pont du gard geweſen war, aufſuchen zu laſſen. Wenn Caderouſſe ſeine Geſchichte erfunden hatte, und dieſer Abbé nicht exiſeirte, ſo war ich jedenfalls verloren, wenn nicht Caderouſſe ge⸗ fangen wurde und Alles geſtand. „Zwei Monate vergingen, während deren, ich muß es zum Lobe meines Richters ſagen, alle mögliche Nachforſchungen nach dem, auf welchen ich mich berief, angeſtellt wurden. Schon hatte ich alle Hoffnung verloren, Caderouſſe war nicht aufgefunden. Ich ſollte zum erſten Male vor den Aſſiſen erſcheinen, als am 8. September, alſo drei Monate und fünf Tage nach der Begebenheit, der Abbé Buſoni, auf den ich nicht mehr gerechnet hatte, ſich in dem Ge⸗ fängniß meldete, weil, wie er gehört habe, ein Gefangener ihn zu 616 ſprechen wünſche. Er hatte, wie er ſagte, die Sache in Marſeille erfahren, und geeilt, meinen Wünſchen zu genügen. „Sie können denken, mit welchem Eifer ich ihn empfing, ich erzählte ihm Alles, wovon ich Zeuge geweſen war, mit Beſorgniß brachte ich die Erzählung von dem Diamanten vor, aber gegen meine Erwartung, maß er auch allem Andern, was ich erzählte, den unbedingteſten Glauben bei. Da ich ihn mit den Sitten meines Vaterlandes ſo genau bekannt ſah, und ſein wohlthätiges Herz, voll von der reinſten Menſchenliebe erfüllt, erkannte, hoffte ich, von ſeinen wohlthätigen Lippen vielleicht Verzeihung des einzigen Verbrechens, welches ich begangen hatte, zu erhalten, und erzählte ihm unter dem Siegel der Beichte die Begebenheit von Auteuil, mit allen Um⸗ ſtänden. Was ich, durch meine Gefühle hingeriſſen, that, war von demſelben Erfolge für mich, als hätte ich es mit Berechnung ge⸗ than; das Geſtändniß jenes erſten Mordes, den ihm zu geſtehen nur mein Herz mich zwang, bewies ihm, daß ich den zweiten nicht be⸗ gangen hatte, und er verließ mich mit dem Befehle, zu hoffen, und mit dem Verſprechen, daß er Alles thun werde, was in ſeiner Macht ſtehe, um meine Richter von meiner Unſchuld zu überzeugen. „Ich bemerkte bald, daß er ſich meiner angenommen hatte, denn meine Haft wurde von Tage zu Tage milder und ich erfuht, daß meine Sache bei den Aſſiſen, die auf die, zu denen man ſich jetzt verſammelte, folgen würden, vorkommen werde. „In der Zwiſchenzeit fügte es die Vorſehung, daß Caderouſſe im Auslande aufgegriffen und nach Frankreich zurückgebracht wurde. Er geſtand Alles und erklärte, daß ſeine Frau zuerſt den Gedanken an die That in ihm erregt und ihn alsdann zur Ausführung der⸗ ſelben angetrieben habe. Er wurde auf Lebenszeit zu den Galeeren verdammt und ich in Freiheit geſetzt.“ „„Und damals war es,“ fügte Monte⸗Chriſto hinzu,„daß Ihr Euch mit einem Briefe des Abbé Buſoni bei mir einfandet.““ „„Ja, Excellenza, er hatte ſichtlich Antheil an mir genommen.— Euer Stand als Schmuggler wird Euch verderben,“ ſagte er,„gebt ihn von jetzt auf.““ „„Aber, mein Vater,“ fragte ich,„wovon ſoll ich leben, und meine arme Schweſter erhalten?““ hat mich be ihm empfeh Eine igrer zu O! n „ Sch „9 u bereuen nach deren zu nehmel über mich „Neit gnügen, 3 Vertrauel „Mi „Ja Pflegeſol „Ac gqihiht können d und zu in Trau getragen Rathe z Benedett ſich in! und bli Aſfunta ſie erwo mit zwe heiten aber ſie mit Zit Dreien M.⸗ Narſäl pfing, ich ſſorgniß er gegen ehäült, meines derz, voll dn ſeinen brechens, unter dem len Um⸗ war von nung ge⸗ ſehen nur nicht be⸗ ffen, und her Macht ſen. ten hatte, h ejult, man ſich Laderouſſe cht wurde. Gedanken rung der⸗ Galeeren daß Ihr el. umen.— er,„gebt den, und 617 „„Einer meiner Beichtſöhne, der große Achtung vor mir hegt, hat mich beauftragt, ihm einen zuverläſſigen Mann zum Geſchäfts⸗ führer zu ſuchen. Wollt Ihr dieſer Mann ſein, ſo werde ich Euch ihm empfehlen.““ „O! mein Vater,“ rief ich,„welche Güte!“ „„Schwört Ihr mir aber auch, daß ich meine Empfehlung nie zu bereuen haben werde?““ „Ich ſtreckte die Hand zum Schwure aus. „„Laſſ't!“ ſagte er,„ich kenne und liebe die Corſen; hier meine Empfehlung.““ 2 „Er ſchrieb die wenigen Zeilen, die ich Ihnen überlieferte, und nach deren Leſung Excellenza die Güte hatten, mich in Ihren Dienſt zu nehmen. Jetzt frage ich mit Stolz: Hat Excellenza ſich jemals über mich zu beklagen gehabt?“ „Nein,“ antwortete der Graf,„und ich geſtehe es mit Ver⸗ gnügen, Ihr ſeid ein guter Diener, Bertuccio, obgleich es Euch an Vertrauen fehlt.“ „Mir, Herr Graf?“ „Ja, Euch. Wie kommt es, daß Ihr eine Schweſter und einen Pflegeſohn habt und Beide noch nie gegen mich erwähntet?“ „Ach! Excellenza, das iſt der traurigſte Theil meiner Lebens⸗ geſchichte, den ich jetzt berichten muß. Ich ging nach Corſika. Sie können denken, daß ich eilte, meine arme Schweſter wieder zu ſehen und zu tröſten; aber als ich in Rogliano ankam, fand ich mein Haus in Trauer; es hatte ſich in demſelben ein ſchrecklicher Vorfall zu⸗ getragen, deſſen die Nachbarn nur ſchaudernd erwähnten. Meinem Rathe zu Folge widerſtand meine arme Schweſter den Forderungen Benedetto's, der immer darauf beſtand, alles Geld zu haben, was ſich im Hauſe befinde. Eines Morgens drohte er ihr, entfernte ſich und blieb den ganzen Tag aus. Sie weinte, denn die gute, liebe Aſſunta hatte ein Mutterherz für den Elenden. Der Abend kam, ſie erwartete ihn und legte ſich nicht ſchlafen. Um elf Uhr kam er mit zwei ſeiner Kameraden, gewöhnlichen Genoſſen aller ſeiner Thor⸗ heiten und Schlechtigkeiten. Sie breitete ihm die Arme entgegen, aber ſie bemächtigten ſich ihrer, und Einer von ihnen, ich vermuthe mit Zittern, es war jenes hölliſche Kind, alſo Einer von den Dreien rief: 618 „„Wir wollen Fragen ſpielen, und ſie wird uns ſchon geſtehen müſſen, wo ſie ihr Geld hat.““ „Der Nachbar Waſilio war gerade in Baſtia; ſeine Frau war allein im Hauſe. Sie allein konnte ſehen und hören, was bei meiner Schweſter geſchah. Ihrer Zwei hielten die arme Aſſunta, die, nicht an die Möglichkeit eines ſolchen Verbrechens glaubend, denen, die ihre Henker werden ſollten, zulächelte; der Dritte verwahrte und verſchloß Fenſter und Thüren, dann kam er zurück. Alle Drei ge⸗ meinſchaftlich zogen die Unglückliche, die jetzt erſt ſah, daß ſie ernſt⸗ lich böſe Abſichten gegen ſie hatten, ihr Angſt⸗ und Hilfsgeſchrei erſtickend, bei den Füßen zu der Gluth des Heerdes hin, und hofften durch Schmerz und Hitze ihr das verlangte Geſtändniß zu entlocken; in dem Kampfe aber ergriff das Feuer ihre Kleidungsſtücke, ſie ent⸗ fernten ſich nun von ihr, um nicht auch zu verbrennen. In vollen Flammen lief ſie nach der Thür, ſie war verſchloſſen; ſie ſtürzte nach den Fenſtern, ſie waren verrammelt. Jetzt hörte die Nachbarin entſetzliches Geſchrei: es war Aſſunta, die um Hilfe rief. Bald war ihre Stimme erſtickt; ihr Geſchrei wurde zum Aechzen, dann wurde Alles ſtill und als die Frau Waſilio's nach einer Nacht des Schreckens und der Seelenangſt am andern Morgen es wagte, die Sache dem Richter anzuzeigen, und dieſer die Thür meines Hauſes öffnen ließ, fand man Aſſunta halb verbrannt, aber noch athmend, die Schränke aufgebrochen, das Geld verſchwunden. Benedetto war entflohen, und iſt nie wieder in Rogliano geſehen worden. Auch ich habe ihn nicht wieder geſehen und auch nichts von ihm gehört.“ „Erſt, nachdem ich dieſe traurigen Nachrichten eingezogen hatte,“ fuhr Bertuccio fort,„kam ich zu Excellenza. Ich konnte Ihnen nicht von Benedetto reden, weil er verſchwunden, nicht von meiner Schweſter, weil ſie todt war.“ „Und was dachtet Ihr über dieſe Begebenheit?“ „Daß ſie die Strafe für das von mir verübte Verbrechen ſei. Ach! dieſe Villeforts, es war ein verfluchtes Geſchlecht.“ „Das glaube ich,“ murmelte der Graf mit düſterm Tone. „Und, nicht wahr,“ fuhr Bertuccio fort,„jetzt begreift Excellenza, daß dieſes Haus, welches ich ſeitdem nicht wiederſah, dieſer Garten, in dem ich mich ſo plötzlich befand, dieſe Stelle, wo ich einen Men⸗ ſchen getödtet habe, die heftige Bewegung in mir hervorbringen nufzuſuchen habe ich n lodt iſt“ „Hof ſterben ni um ſie zu „Ma nur, daß fuhr der Herr Gr oben ſeit ſagen?“ 29 Abbé Bu Pileefort, hatte, un och leb. end ein gfangen. wurf zu Tode en Euer Ve 8 vahre —n geſehen Irau var hei meiner die, nicht enen, die hrte und Drei ge⸗ ſi ernſt ilſsgeſärei und hofften entlocken, de, ſie ent⸗ In vollen ſie ſtürzte Nachbarin Bald war lnn wurde Schreckens Sache dem ffnen ließ, Schränke eniflohen, c habe ihn gen hatte,“ Ihnen nicht Schweſter, brechen ſei. Tone. Excellenza, er Garten, einen Men⸗ vorbringen 619 mußte, deren Veranlaſſung Sie wiſſen wollten, und am Ende iſt es ja möglich, daß hier vor mir, da zu meinen Füßen, in dem Grabe, welches er für ſein Kind gemacht hatte, Herr von Villefort be⸗ graben liegt.“ „Wirklich, möglich iſt Alles,“ ſagte Monte⸗Chriſto, von der Bank, auf der er geſeſſen hatte, aufſtehend,„ſelbſt,“ fügte er leiſe hinzu,„daß der Procurator des Königs nicht todt iſt. Der Abbé Buſoni hat wohl gethan, Euch mir zu empfehlen. Ihr habt auch wohlgethan, mir Eure Geſchichte zu erzählen, die mir alles Räthſel⸗ hafte in Euerm Benehmen erklärt. Was jenen ſo unpaſſend benannten Benedetto anbetrifft, habt Ihr niemals verſucht, ſeine Spur aufzu⸗ finden, nie erfahren, was aus ihm geworden iſt?“ „Niemals. Wenn ich wüßte, wo er wäre, ich würde ſtatt ihn aufzuſuchen, ihn fliehen wie ein Ungeheuer. Nein, glücklicher Weiſe habe ich niemals von ihm wieder etwas gehört, und hoffe, daß er todt iſt.“ „Hofft das nicht, Bertuccio,“ ſprach der Graf,„die Böſewichter ſterben nicht ſo, denn Gott ſcheint ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen, um ſie zu Werkzeugen ſeiner Rache zu machen.“ „Mag's ſein!“ antwortete Bertuccio.„Ich bitte den Himmel nur, daß er mir nie wieder vor die Augen kommen mag. Jetzt,“ fuhr der Haushofmeiſter mit geſenktem Kopfe fort,„wiſſen Sie Alles, Herr Graf; Sie ſind mein Richter hier unten, wie Gott es dort oben ſein wird; wollen Sie mir nicht einige Worte des Troſtes ſagen?“ „Ihr habt Recht, wirklich, und ich kann Euch ſagen, was der Abbé Buſoni Euch ſagen würde: Der, den Ihr getroffen habt, jener Villefort, verdiente eine Züchtigung für das, was er an Euch gethan hatte, und vielleicht noch für manches Andere. Benedetto, wenn er noch lebt, wird, wie ich Euch ſchon geſagt habe, das Werkzeug ir⸗ gend einer göttlichen Rache ſein, und dann auch ſeine Strafe em⸗ pfangen. Was Euch anbetrifft, ſo habt Ihr Euch nur Einen Vor⸗ wurf zu machen, den, daß Ihr dieſes Kind, nachdem Ihr es dem Tode entriſſen, nicht ſeiner Mutter zurückgegeben habt. Das iſt Euer Verbrechen, Bertuccio.“ „Ja, gnädiger Herr, das iſt das Verbrechen, und zwar das wahre Verbrechen, denn es war Feigheit. Hatte ich einmal das —— ———— 620 Kind dem Leben zurückgegeben, ſo blieb mir nur Eins zu thun, es ſeiner Mutter zurückzugeben. Aber um das thun zu können, hätte ich Nachforſchungen anſtellen müſſen, welche die Aufmerkſamkeit erregt, mich in ihren Folgen vielleicht der Juſtiz in die Hände geliefert hätten. Ich wollte nicht ſterben, ich wollte leben für meine Schweſter, ich wollte ſiegreich in meiner Rache ſein, und endlich war es viel⸗ leicht die bloße, einfache Lebensluſt, die mich jede Berührung mit der Juſtiz meiden hieß. Ol ich bin nicht ein braver Mann, wie mein armer Bruder!“ Bertuccio verbarg das Geſicht in ſeine beiden Hände, und Monte⸗ Chriſto heftete einen langen, ſchwer zu erklärenden Blick auf ihn. Nach einem Augenblicke des durch Ort und Stunde noch feier⸗ lichern Schweigens ſagte der Graf mit melancholiſchem Tone:„Zum würdigen Schluſſe dieſer Unterredung, Meſſer Bertuccio, auf die wir nie wieder zurückkommen werden, hört wohl auf dieſe Worte, die ich den Abbé Buſoni oft habe ſagen hören: Es giebt zwei Mittel für jedes Unglück: die Zeit und die Verſchwiegenheit. Jetzt, Ber⸗ tuccio, laßt mich einen Augenblick in dieſem Garten allein. Was für Euch, der Ihr in dieſer ſchrecklichen Scene handelnd auftratet, eine ſchmerzliche Bewegung hervorruft, wird für mich beſänftigend ſein, und den Werth dieſer Beſitzung erhöhen. Die Bäume, Meſſer Bertuccio, gefallen nur, weil ſie Schatten geben, und der Schatten gefällt nur, weil er voll Träume und Viſionen iſt. Da habe ich einen Garten gekauft, an dem ich einfach ein Fleckchen Erde, mit Mauern umgeben, zu haben glaubte; aber keineswegs, plötzlich iſt dieſes eingeſchloſſene Fleckchen Erde ein mit Erſcheinungen bevöl⸗ kerter Garten, von denen nichts im Contracte ſteht. Ich liebe die Erſcheinungen, und bin überzeugt, daß die Todten in ſechstauſend Jahren nicht ſo viel Unheil angerichtet haben, als die Lebenden in einem Tage anſtiften. Geht alſo hinein, Bertuccio, und ſchlaft ruhig. Wenn Euer Beichtvater in dem Augenblicke Euers Todes nicht ſo nachſichtig iſt, als der Abbé Buſoni war, ſo laßt mich rufen, wenn ich noch lebe, und ich werde Worte finden, die Euch ſanft einwiegen in den Schlaf, von dem man erſt in der Ewigkeit erwacht.“ Bertuccio verneigte ſich erfurchtsvoll vor dem Grafen und ent⸗ fernte ſich ſeufzend, —— Monte⸗ „Hier, gind tinein nan in den in das Ed dieſes Alles Auhen, um uis Leben Und d gegangen 1 ſah, nahm Der! Noch den elhſä nur ein ſe nicht einm wählte ei führten, Muſterun ſchönerun Uhr ziehe „Es bleiben. Ali ſtimmten Vorhang konnte, Zimmer dieſem ſeiner li ſlih d „A ihrer dr. Ali „J ſchlafen ihre ſre und Nante ick auf ihn. noch feier⸗ one:, Zum lo, auf die ſeſe Worte, zwei Mittel Jett, Ber⸗ Uein. Was d auftratet, beſänftigend me, Meſſer er Schatten da habe ich Erde, mit nlößlic iſ ngen bevöl⸗ ſch liehe die ſechstauſend lebenden in und ſchlaft zbuers Todes mich rufen, Euch ſanft er Ewigkeit en und ent⸗ 621 Monte⸗Chriſto blieb allein und trat vier Schritte vor: „Hier, bei der Platane,“ murmelte er,„das Grab, wo das Kind hineingelegt wurde; da unten, die kleine Thür, durch welche man in den Garten kam; in dieſer Ecke, die heimliche Treppe, die in das Schlafzimmer führte. Ich glaube nicht nöthig zu haben, dieſes Alles in mein Notizbuch zu ſchreiben, denn hier vor meinen Augen, um mich her, unter meinen Füßen, tritt der Plan von ſelbſt in's Leben.“ Und der Graf ging, nachdem er noch einmal durch den Garten gegangen war, nach ſeinem Wagen. Bertuccio, der ihn nachdenkend ſah, nahm ſchweigend ſeinen Sitz neben dem Kutſcher ein. Der Wagen ſchlug den Weg nach Paris ein. Noch an demſelben Abende beſichtigte der Graf ſein Haus in den elyſäiſchen Feldern, von einem Ende bis zum andern, wie es nur ein ſeit Jahren in demſelben bekannter Mann hätte thun können; nicht einmal öffnete er, obgleich er voraus ging, eine falſche Thür, wählte er eine Treppe oder einen Gang, die nicht gerade dahin führten, wohin er wollte. Ali begleitete ihn bei dieſer nächtlichen Muſterung. Der Graf gab Bertuccio mehre Befehle für die Ver⸗ ſchönerung, oder andere Einrichtung des Hauſes, und ſagte, ſeine Uhr ziehend, zu dem aufmerkſamen Nubier: „Es iſt halb zwölf Uhr, Haidée kann nicht lange mehr aus⸗ bleiben. Sind die franzöſiſchen Frauen benachrichtigt?“ Ali ſtreckte die Hand nach den für die ſchöne Griechin be⸗ ſtimmten Gemächern aus, die ſo verborgen waren, daß, wenn ein Vorhang heruntergelaſſen wurde, man das ganze Haus unterſuchen konnte, ohne zu ahnen, daß hier noch ein Salon und zwei bewohnte Zimmer waren; Ali ſtrockte alſo, wie ſchon geſagt, die Hand nach dieſem Appartement aus, zeigte die Zahl Drei mit den Fingern ſeiner linken Hand, hielt dieſelbe Hand flach, ſeinen Kopf darauf, ſchloß die Augen und machte die Geberde des Schlafens. „Ah!“ meinte Monte⸗Chriſto, dieſe Sprache kennend,„es ſind ihrer drei, die in der Schlafſtube warten, nicht ſo?“ Ali machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. „Madame wird heute Abend angegriffen ſein und ohne Zweifel ſchlafen wollen,“ ſagte der Graf;„daß alſo Niemand ſie anredet; ihre franzöſiſchen Frauen ſollen ihre neue Herrin ſchweigend be⸗ E —ÿ —-— 622 grüßen und ſich dann zurückziehen; Du, ſorge dafür, daß ihre grie⸗ chiſche Dienerin nicht mit den Franzöſinnen ſpricht.“ Ali verneigte ſich. Bald hörte man den Portier anrufen; das Gitter öffnete ſic, ein Wagen rollte in den Hof und hielt an der Rampe. Der Graf ging hinunter; der Schlag war ſchon geöffnet; er reichte einer ganz in einen grünſeidenen, mit Gold geſtickten Mantel, der ihr ſogar den Kopf bedeckte, eingehüllten jungen Frau die Hand. Die junge Frau ergriff dieſe ihr dargereichte Hand, küßte dieſelbe mit einer Art ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit, und ſie wechſelten einige, von der Frau mit Zärtlichkeit, von dem Grafen mit ſanfter Würde aus⸗ geſprochene Worte, in jener wohlklingenden Sprache, die Vater Homer ſeinen Göttern in den Mund legte. Dann ging die junge Frau, der Ali mit einer roſenfarbenen Fackel vorleuchtete, und welche keine andere, als die ſchöne Griechin, Monte⸗Chriſto's Begleiterin in Italien war, in ihre Gemächer, der Graf zog ſich in das Gartenhaus zurück, welches er für ſich ge⸗ wählt hatte. Eine halbe Stunde nach Mitternacht waren alle Lichter im Hauſe erloſchen, und man hätte alle Bewohner deſſelben in tiefen Schlaf verſunken glauben können. Den leicter T Hauſe de Kleide m Weſte, w einem un dich bis füt falſe des Geſt lich, der ſeckte ſe eine Fre Portier Un Unverſe das, w ab⸗ und bendig, dünn, ſeiner Axgliſt die gro machte höchſt wütdig Diama Bander ſenfarbenen ſne Griechin, mächer, der für ſch ge⸗ er im Hauſe ſefen Schlaf XILVII. Der unbegrenzte Credit. Den folgenden Tag, gegen zwei Uhr Nachmittags, hielt ein leichter Wagen mit zwei prachtvollen, engliſchen Pferden vor dem Hauſe des Grafen von Monte⸗Chriſto; ein Mann in einem blauen Kleide mit ſeidenen Knöpfen von derſelben Farbe, einer weißen Weſte, welche durch eine ungeheure goldene Kette getheilt war, und einem nußfarbenen Pantalon, deſſen Haar ſo ſchwarz war und ſo dicht bis auf die Augenbrauen ging, daß man verſucht wurde, es für falſch zu halten, ſo wenig ſtimmte daſſelbe mit den Runzeln des Geſichtes überein, die es nicht verſtecken konnte; ein Man end⸗ lich, der fünfundfünfzig Jahre alt war und vierzig ſcheinen wollte, ſteckte ſeinen Kopf durch das Fenſter eines Wagens, an deſſen Thür eine Freiherrnkrone gemalt war, und ließ durch ſeinen Groom den Portier fragen, ob der Graf von Monte⸗Chriſto zu Hauſe ſei. Unterdeſſen betrachtete dieſer Mann mit einer kleinlichen, an Unverſchämtheit grenzenden Aufmerkſamkeit das Aeußere des Hauſes, das, was man von dem Garten ſehen konnte, und die Livreen einiger ab⸗ und zugehenden Domeſtiken. Das Auge dieſes Mannes war le⸗ bendig, aber mehr liſtig als geiſtreich. Seine Lippen waren ſo dünn, daß ſie ſich ſtatt nach Außen, nach Innen wölbten; die Breite ſeiner hervorſtehenden Backenknochen, das untrügliche Zeichen von Argliſt, die niedergedrückte Stirn, die Dicke des Hinterkopfes, der die großen, nichtsweniger als ariſtokratiſchen Ohren weit überragte, machte die Phyſiognomie dieſes Mannes für jeden Phyſiognomiker höchſt abſchreckend, für den großen Haufen aber höchſt bewunderungs⸗ würdig, wegen ſeiner prachtvollen Pferde, des außerordentlich großen Diamanten, den er als Hemdknopf trug, und wegen des rothen Bandes in ſeinem Knopfloche. „Nlil Der Groom klopfte an das Gitter des Portiers und fragte: gl erſchier „Wohnt nicht hier der Herr Graf von Monte ⸗Chriſto?“ Bertu „Seine Excellenz wohnt hier,“ antwortete der Portier;„aber...“„Exce er fragte Ali mit einem Blicke. Ja, Ali machte ein verneinendes Zeichen. dee „Aber?“ fragte der Groom. ſhen,g „Excellenz iſt nicht zu ſprechen,“ antwortete der Portier. 4. 3 1 Wie „Für dieſen Fall iſt hier die Karte meines Herrn, des Herrn elais Baron Danglars. Stellen Sie dieſelbe dem Grafen von Monte⸗ ſeunens Chriſto zu und ſagen Sie demſelben, mein Herr habe, indem er nach gitt, 3 der Kammer fuhr, einen Umweg gemacht, um die Ehre zu haben, Puri he ihn zu ſehen.“ 34 „Ich ſpreche ſeine Excellenz nicht,“ ſagte der Portier,„der den Tone Kammerdiener wird es beſtellen.“„du Der Groom kehrte zum Wagen zurück. Sanftmut „Nun?“ fragte Danglars. halten hät Der Knabe, beſchämt über die Lehre, die er erhalten hatte, pferde. wiederholte ſeinem Herrn die Antwort des Portiers. Al's „O!“ ſprach dieſer,„es iſt alſo ein Prinz, dieſer Herr, der„Her Excellenz genannt wird, und mit dem nur ſein Kammerdiener ſprechen iſt, warer darf; nun, ſei's, da er einen Creditbrief an mich hat, wird er ſich Mor ſchon zeigen müſſen, wenn er Geld haben will.“„Wi Und Danglars warf ſich in ſeinen Wagen zurück, und rief, ſo der esd laut, das man es am andern Ende der Straße hören konnte, dem 6 Kutſcher zu: derr Gr „Nach der Deputirtenkammer!“ N Durch eine Jalouſie ſeines Gartenhauſes hatte Monte⸗Chriſto, guie, frühzeitig benachrichtigt, den Baron geſehen, und denſelben mit Hilfe veddoxye einer vortrefflichen Lorgnette, mit nicht geringerer Aufmerkſamkeit R betrachtet, als die war, welche Danglars angewendet hatte, das Haus, 3 den Garten und die Livreen forſchend zu durchbohren.— No „Es iſt ausgemacht,“ ſagte er mit einer Geberde des Ekels, ene ſol und indem er ſeine Lorgnette ſorgſam in ſein Elfenbein⸗Etui ſteckte, /0 „dieſer Mann iſt ein häßliches Geſchöpf; wie iſt es möglich, daß und wil man nicht gleich bei dem erſten Aublicke, an der flachen Stirn die Vagen Schlange, an dem breiten Kopfe den Geier, und an dem ſcharfen 86 Gebiſſe den Falken in ihm erkennt!“ er ſtehe Der G 1 und f dor⸗ ragte. habet. 5 rtier. des des Herrn vdon Monte⸗ de 5 dem er na e zu haben rtier, der 9 alten hatte, derr, der ner ſprechen dird er ſich und rief, ſo tonnte, dem ote Chriſto, n mit Hilfe merkſamkeit das Haus, des Ekels, Etui ſteckte, öglich, daß Stirn die em ſcharfen 625 „Ali!“ rief er; dann ſchlug er einmal auf die kupferne Glocke. Ali erſchien.„Rufe Bertuccio.“ Bertuccio kam augenblicklich. „Excellenza befahlen?“ ſprach der Haushofmeiſter. „Ja, Herr,“ antwortete der Graf.„Habt Ihr die Pferde ge⸗ ſehen, die ſoeben vor meiner Thür hielten?“ „Gewiß, Excellenza, ſie ſind ausnehmend ſchön.“ „Wie kommt es,“ fragte Monte⸗Chriſto, die Augenbrauen zu⸗ ſammenziehend,„daß es noch zwei beinahe ſchönere Pferde in Paris giebt, als die meinigen, da ich doch die ſchönſten Pferde in ganz Paris haben wollte?“ Bei dem Zuſammenziehen der Augenbrauen und dem drohen⸗ den Tone des Herrn neigte Ali erbleichend den Kopf. „Du kannſt nicht dafür, guter Ali,“ ſagte der Graf mit einer Sanftmuth in Stimme und Geſicht, deren man ihn nicht fähig ge⸗ halten hätte, arabiſch zu ihm,„Du verſtehſt Dich nicht auf engliſche Pferde.“ Ali's Züge erheiterten ſich. „Herr Graf,“ ſagte Bertuccio,„die Pferde, von denen die Rede iſt, waren nicht zu verkaufen.“ Monte⸗Chriſto zuckte die Achſeln. „Wiſſen Sie, Herr Haushofmeiſter,“ ſagte er,„daß für Jemand, der es daran wenden kann, Alles zu haben iſt.“ „Herr Danglars hat ſechszehntauſend Franken dafür gegeben, Herr Graf.“ „Nun wohl, man muß ihm zweiunddreißig bieten; er iſt Ban⸗ quier, und ein Banquier wird keine Gelegenheit, ein Capital zu verdoppeln, unbenutzt laſſen.“ „Redet der Herr Graf im Ernſt?“ fragte Bertuccio. Monte⸗Chriſto ſah den Haushofmeiſter verwundert an, daß er eine ſolche Frage wagte. „Heute Abend,“ antwortete er,„habe ich eine Viſite zu machen und will, daß dieſe Pferde mit einem neuen Geſchirre vor meinen Wagen geſpannt werden.“ Bertuccio verneigte ſich und ging hinaus; an der Thür blieb er ſtehen. Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 40 ————ÿ—ÿ—B————ÿ—ÿ— 626 „Um welche Stunde,“ fragte er,„wollen Excellenza dieſe Viſite machen?“ „Um fünf Uhr,“ erwiderte Monte⸗Chriſto. „Ich mache Excellenza aufmerkſam, daß es ſchon zwei Uhr iſt,“ wagte der Haushofmeiſter zu bemerken. „Ich weiß es,“ antwortete Monte Chriſto gleichgiltig und wen⸗ dete ſich zu Ali. „Laß der gnädigen Frau alle Pferde vorführen, damit ſie ſich das Geſpann ausſuchen möge, was ihr am beſten gefällt, und laß ſie fragen, ob ſie mit mir diniren will; in dieſem Falle ſoll bei ihr ſervirt werden, geh; wenn Du hinunterkommſt, beſorge, daß der Kammerdiener zu mir kommt.“ Ali war kaum verſchwunden, als der Kammerdiener ſchon eintrat. „Herr Baptiſtin,“ ſagte der Graf,„Sie ſind ſeit einem Jahre in meinem Dienſte; das iſt die Probezeit, die ich meinen Leuten zu geben pflege: ich bin mit Ihnen zufrieden.“ Baptiſtin verneigte ſich. „Es kommt nun darauf an, ob Sie mit mir zufrieden ſind.“ „O, Herr Graf!“ fiel Baptiſtin haſtig ein. „Hören Sie mich aus,“ fuhr der Graf fort.„Sie ſtehen ſich jährlich fünfzehnhundert Franken, das iſt das Einkommen eines tapferen Offiziers, der täglich ſein Leben wagt; Sie führen einen guten Tiſch, wie ihn viele Büreau⸗Chefs, unglückliche, unendlich ge⸗ plagtere Diener als Sie wohl haben möchten. Selbſt Domeſtik, haben Sie Ihre Domeſtiken, die Ihre Wäſche und Aufwartung be⸗ ſorgen. Außer Ihren fünfzehnhundert Franken Lohn ſtehlen Sie mir jährlich noch ungefähr eben ſo viel bei den Ankäufen für meine Toilette.“ „O, Excellenz!“ „Ich beklage mich nicht darüber, Herr Baptiſtin, das iſt ſo gebräuchlich; indeſſen wünſche ich, daß es dabei ſein Bewenden hat. Sie werden alſo nirgends einen eben ſo vortheilhaften Poſten finden, als den, welchen ihr gutes Glück Ihnen gegeben hat. Ich ſchlage meine Leute nicht, ich fluche und ſchimpfe nicht, ich werde niemals zornig, ich verzeihe immer einen Irrthum, aber niemals eine Nach⸗ läſſigkeit, oder eine Vergeßlichkeit. Meine Befehle ſind gewöhnlich kurz, aber klar und genau; ich wiederhole ſie lieber zwei oder ga⸗ drei Mal, un Alles neugie:ig/ von mir andlunge Sie auger einmal 6 Bapt nür, der daſſelbe z Dieſ ſellung kin Wor Wirkung Weiſe de 627 dieſe Vüſte drei Mal, als daß ich ſie ſchlecht befolgt ſehe. Ich bin reich genug, um Alles erfahren zu können, was ich wiſſen will; ich bin ſehr e Uhr ſt⸗ neugierig, das ſage ich Ihnen vorher. Erführe ich alſo, daß Sie von mir geſprochen hätten, im Guten oder im Böſen, daß Sie meine und wen⸗ Handlungen beurtheilt, mein Betragen beobachtet hätten, ſo wären Sie augenblicklich von mir entlaſſen. Ich warne meine Leute nur nit ſie ſch einmal, Sie ſind jetzt gewarnt, Sie können gehen!“ „ und laß Baptiſtin verbeugte ſich und machte drei oder vier Schritte nach ſol bei ihr der Thür. , daß der„Apropos,“ fing der Graf wieder zu reden an,„ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ich jedes Jahr eine gewiſſe Summe für jeden hon eintrat. meiner Leute innebehalte. Die, welche ich fortſchicke, verlieren na⸗ nem Jahre türlich dieſes Geld, welches denen zu Gute kommt, die ich behalte, Leuten zu und die es nach meinem Tode bekommen. Sie ſind ein Jahr bei mir, der Grund zu Ihrem Vermögen iſt gelegt, an Ihnen iſt es, daſſelbe zu vermehren.“ eden ſind.“ Dieſe Mittheilung in Gegenwart Ali's, der, von ſeiner Be⸗ ſtellung ſchon wieder zurückgekehrt, unbeweglich dabei ſtand, weil er ſtehen ſich kein Wort franzöſiſch verſtand, brachte auf Herrn Baptiſtin eine men eines Wirkung hervor, die Jeder beurtheilen kann, der mit der Art und hren einen Weiſe der franzöſiſchen Domeſtiken bekannt iſt. endlich ge⸗„Ich werde mich beſtreben, mich in Allem nach den Wünſchen Domeſtik, Ew. Excellenz zu bilden; übrigens werde ich mich ganz nach Mon⸗ artung he⸗ ſieur Ali richten,“ ſagte er. tehlen Sie 4„O, durchaus nicht!“ entgegnete der Graf, kalt wie Marmor. füt meine„Ali verbindet mit ſeinen vorzüglichen Eigenſchaften viele Fehler; nehmen Sie ihn alſo nicht zum Muſter, denn Ali iſt eine Aus⸗ nahme; er bekommt keinen Lohn, er iſt kein Domeſtik, er iſt mein das iſt ſo Sclave, mein Hund; wenn er ſeine Pflicht verſäumte, würde ich enden hat. ihn nicht fortjagen, ich würde ihn tödten.“ ſten finden, Baptiſtin machte große Augen. Ich ſchlage„Zweifeln Sie daran?“ fragte Monte⸗Chriſto. de niemals Und er ſagte Ali arabiſch dieſelben Worte, die er Baptiſtin eine Nahe ſoeben franzöſiſch geſagt hatte. gewöhnlich Ali hörte zu, lächelte, nahte ſich ſeinem Herrn, beugte ein Knie odet ga⸗ eund küßte ihm ehrfurchtsvoll die Hand. 40* 4 † Dieſer kleine Zuſatz zu der Ermahnung, die er ſoeben erhalten, verdoppelte Baptiſtin's Beſtürzung. Der Graf gab ihm ein Zeichen, ihn zu verlaſſen, und ging mit Ali in ſein Cabinet, wo eine lange Unterredung ſtattfand. Um fünf Uhr ſchlug der Graf dreimal an die Glocke. Ein Schlag galt Ali, zwei Schläge Baptiſtin, drei Bertuccio. Der Haushofmeiſter erſchien. „Meine Pferde!“ befahl Monte⸗Chriſto. „Sie ſind angeſpannt, Excellenza,“ antwortete Bertuccio.„Werde ich den Herrn Grafen begleiten?“ „Nein, nur der Kutſcher, Ali und Baptiſtin.“ Der Graf ging hinunter und ſah vor ſeinem Wagen die Pferde, die er denſelben Morgen vor Danglars Wagen bewundert hatte. Indem er an ihnen vorüberging, warf er einen Blick auf ſie. „Wirklich, ſie ſind ſchön,“ ſagte er,„und Ihr habt wohlgethan, ſie zu kaufen, freilich etwas ſpät.“ „Excellenza,“ bemerkte Bertuccio,„ich habe Mühe gehabt, ſie zu bekommen, und ſie ſind ſehr theuer.“ „Sind ſie darum weniger ſchön?“ fragte der Graf achſelzuckend. „Wenn der gnädige Herr zufrieden ſind, iſt Alles gut,“ ſagte Bertuccio.„Wohin befehlen Excellenza?“ „Chauſſee d'Antin, zu dem Herrn Baron Danglars.“ Dieſe Unterredung geſchah oben auf der Freitreppe. Bertuccio trat auf die erſte Stufe, um hinunterzugehen. „Halt, Meſſer Bertuccio,“ ſprach der Graf, ihn zurückhaltend. „Ich muß ein Landgut am Ufer des Meeres haben, in der Nor⸗ mandie etwa, zwiſchen Havre und Boulogne. Ich gebe Euch viel Raum, wie Ihr ſehet. Bei dieſer Beſitzung muß aber ein kleiner Hafen oder Bucht ſein, wo meine Corvette landen und vor Anker liegen kann; ſie geht nur fünfzehn Fuß tief im Waſſer. Das Schiff ſoll immer bereit ſein, in See zu ſtechen, zu welcher Zeit, bei Tage oder bei Nacht, es mir gefallen mag, das Signal zu geben. Er⸗ kundigt Euch bei den Notaren nach einer Beſitzung, wie ich ſie Euch eben beſchrieben; wenn Euch eine vorgeſchlagen wird, ſo nehmt ſie in Augenſchein, und kauft ſie, wenn ſie meinen Wünſchen entſpricht, in Eurem Namen. Die Corvette muß jetzt auf dem Wege nach Fecamp ſein, nicht wahr?“ hinuntet Geſpann ſponder Meiner war uu Grafen er nich dünkt, einer Sein darna ethalten ging mit 1 ocke. Ein *. Werde die Pferde t hatte. ik auf ſee ohlgethan, gehabt, ſe hſelzuckend. ut, ſagte Bertuccio rckhhaltend. n der Nor⸗ Euch viel ein kleiner vor Anker Das Schiff bei Tage geben. Er⸗ ich ſie Euch nehmt ſie entſpricht, Wege nach 629 „Denſelben Abend, als wir Marſeille verließen, ſah ich ſie in See gehen.“ „Und die YNacht?“ „Die Yacht hat Befehl, in Martigues zu bleiben.“ „Gut! Bleibt in Briefwechſel mit den beiden Patrons, die ſie befehligen, damit ſie nicht einſchlafen.“ „Und hinſichtlich des Dampfbootes?“ „Welches in Chalons iſt?“ „Ja.“ „Dieſelben Befehle, wie für die zwei unter Segel befindlichen Fahrzeuge.“ „Gut!“ „Sobald dieſe Beſitzung acquirirt iſt, beſorgt mir von zwei zu zwei Meilen Relais, auf dem nördlichen und auf dem ſüdlichen Wege.“ „Excellenza kann ſich auf mich verlaſſen.“ Der Graf machte ein Zeichen der Zufriedenheit, ging die Treppe hinunter und ſprang in ſeinen Wagen, der, von dem prachtvollen Geſpann gezogen, erſt vor dem Hotel des Banquiers anhielt. Danglars präſidirte eben einer Commiſſion zu Anlegung einer neuen Eiſenbahn, als man ihm den Beſuch des Grafen von Monte⸗ Chriſto meldete. Die Sitzung war übrigens beinahe beendigt. Bei dem Namen des Grafen ſtand er auf. „Meine Herren,“ ſprach er zu ſeinen Collegen, die faſt alle achtbare Glieder einer oder der anderen Kammer waren,„verzeihen Sie mir, daß ich Sie ſo verlaſſe, aber, denken Sie ſich, daß das Haus Thomſon und French in Rom mir einen gewiſſen Grafen von Monte⸗Chriſto empfiehlt, und demſelben einen unbegrenzten Credit bei mir eröffnet. Das iſt der drolligſte Scherz, den meine Corre⸗ ſpondenten des Auslandes ſich noch je gegen mich erlaubt haben. Meiner Treu, Sie werden ſich nicht wundern, daß ich neugierig war und es noch bin; ich fuhr heute Morgen bei dieſem angeblichen Grafen vor. Wenn er wirklich Graf wäre, ſo ſehen Sie ein, wäre er nicht ſo reich. Der gnädige Herr war nicht zu ſprechen. Was dünkt Ihnen davon? Sind das nicht Manieren eines Fürſten, oder einer ſchönen Dame, die ſich dieſer Herr Monte⸗Chriſto erlaubt? Sein Haus in den elyſäiſchen Feldern, welches er(ich habe mich darnach erkundigt) baar bezahlt hat, ſchien mir übrigens exquiſit. 630 Aber ein unbegrenzter Credit,“ fuhr Danglars mit ſeinem häßlichen Lächeln fort,„gründet große Anſprüche an den Banquier, bei dem er eröffnet iſt. Ich habe mithin großes Verlangen, meinen Mann zu ſehen. Mann ſcheint mich zum Beſten haben zu wollen. Aber ſie wiſſen da unten nicht, mit wem ſie es zu thun haben; wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ Bei dieſen Worten, die er mit einem gewiſſen Pathos und weit geöffneten Naſenlöchern ſprach, empfahl der Herr Baron ſich ſeinen Gäſten und verfügte ſich in einen weiß und mit Gold tape⸗ zierten Saal, der viel Aufſehen in der Chauſſee d'Antin machte. Hierhin hatte er befohlen den Gaſt zu führen, um ihm gleich von vornherein zu imponiren. Der Graf betrachtete ſtehend einige Anſichten von Albano und Fattore, die man dem Banquier für Originale verkauft hatte, die aber, obgleich Copieen, ſehr gegen die Verzierungen von Gold aller Art an den Plafonds und Wänden abſtachen. Bei dem Geräuſch, welches Danglars bei ſeinem Eintritte machte, drehte der Graf ſich um. Danglars nickte nachläſſig mit dem Kopfe, und machte dem Grafen ein Zeichen, in einem, mit weißem, golddurchwirkten Atlas überzogenen Lehnſtuhle von vergoldetem Holze Platz zu nehmen. Der Graf ſetzte ſich. „Ich habe die Ehre, Herrn von Monte⸗Chriſto zu ſehen?“ „Und ich,“ antwortete der Graf,„den Herrn Baron Danglars, Ritter der Ehrenlegion, Mitglied der Deputirten⸗Kammer?“ Monte⸗Chriſto wiederholte alle Titel, die er auf der Karte des Barons gefunden hatte. Danglars fühlte den Stich und biß ſich in die Lippen. „Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich Ihnen nicht gleich den Titel beilegte, unter welchem Sie mir angemeldet wurden; aber wir leben, wie Sie wiſſen, unter einer Volksregierung und ich bin ein Repräſentant der Volksintereſſen.“ „In der Art,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„daß Sie ſich zwar Baron, aber Andere nicht Graf nennen.“ „Ah, ich lege für mich keinen Werth darauf, mein Herr,“ ant⸗ wortete Danglars nachläſſig.„Sie haben mich zum Baron gemacht nennen, heit, di etwas freut m präſenti alſo, w düßläcen bei dem nen Mann en. Aber wer dulett dthos und Garon fi Bohd tape⸗ machte. um glei end einige nauier für gegen die ⸗ Wänden Eintritte achte dem ken Allas ehmen. hen?⸗ Danglarz, Karte des en. gleich den den; aber nd ich bin ſich zwar derr,“ ant⸗ —n gemacht 631 und zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, für einige geleiſtete Dienſte. Aber....“ „Aber Sie haben Ihren Titeln entſagt, wie vordem Mont⸗ morency und Lafayette? Ein ſchönes Beiſpiel, mein Herr.“ „Doch nicht ſo ganz,“ entgegnete Danglars verlegen;„zum Beiſpiel wegen den Domeſtiken... Sie verſtehen...“ „Ja, Sie heißen gnädiger Herr für Ihre Leute, Herr Danglars für die Journaliſten, und für Ihre Comittenten Bürger. Das ſind ſehr bequeme Nüancen bei einer conſtitutionellen Regierung. Ich begreife das ſehr wohl.“ Danglars biß die Zähne zuſammen, er ſah, daß er Monte⸗ Chriſto auf dieſem Terrain nicht gewachſen war, verſuchte alſo auf ein Terrain zu kommen, wo er beſſer zu Hauſe war. „Herr Graf,“ ſagte er, ſich verneigend,„ich habe ein Aviſo von dem Hauſe Thomſon und French bekommen.“ „Das freut mich, Herr Baron.(Erlauben Sie mir, Sie zu nennen, wie Sie Ihre Leute nennen; es iſt eine üble Angewohn⸗ heit, die mir noch anklebt von den Ländern, wo die Barone noch etwas gelten, weil man daſelbſt keine neuen mehr macht.) Das freut mich, ſage ich; denn ich habe nun nicht nöthig, mich ſelbſt zu präſentiren, was immer etwas in Verlegenheit ſetzt. Sie haben alſo, wie Sie ſagten, ein Aviſo bekommen?“ „Ja,“ antwortete Danglars,„aber ich geſtehe, daß ich den Sinn deſſelben nicht recht verſtanden habe.“ „Ei!“ „Und ich habe mir ſogar die Ehre gegeben, bei Ihnen vor⸗ zufahren, um mir einige Aufklärungen von Ihnen zu erbitten.“ „Fragen Sie, Herr Baron, hier bin ich, ich höre und bin be⸗ reit, zu antworten.“ „Dieſer Brief,“ erwiderte Danglars,„ich werde ihn bei mir haben(er ſuchte in den Taſchen); ja, da iſt er. Dieſer Brief er⸗ öffnet dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto einen unbegrenzten Credit auf mein Haus.“ „Gut! Herr Baron, was finden Sie dabei dunkel?“ „Nichts, Herr Graf, nur das Wort unbegrenzt..“ „Nun jal iſt das Wort denn nicht franzöſiſch?... Sie begreifen, es ſind Anglo⸗Deutſche, die es ſchreiben.“ 632 „Das iſt's nicht, Herr Graf, von Seiten des Ausdrucks iſt nichts dagegen einzuwenden, aber nicht eben ſo verhält es ſich hin⸗ ſichtlich der Berechnung.“ „Sollte das Haus Thomſon und French,“ fragte der Graf mit der naivſten Miene von der Welt,„Ihrer Meinung nach nicht ganz ſicher ſein, Herr Baron? Teufel, das wäre mir fatal, denn ich habe dort nicht unbedeutende Summen niedergelegt.“ „Achl vollkommen ſicher,“ antwortete Danglars mit faſt ſpotten⸗ dem Lächeln;„aber die Bedeutung des Wortes unbegrenzt iſt in finanzieller Hinſicht ſo ſchwankend....“ „Daß es unbegrenzt iſt, nicht wahr?“ ſagte Monte⸗Chriſto. „So iſt es, Herr Graf, das eben wollte ich ſagen. Nun heißt ſchwanken zweifeln und was Du bezweifelſt, deſſen enthalte Dich, ſagt der Weiſe.“ „Das bedeutet,“ entgegnete Monte Chriſto,„daß, wenn das Haus Thomſon und French geneigt iſt, Thorheiten zu begehen, das Haus Danglars nicht geneigt iſt, ſeinem Beiſpiele zu folgen.“ „Wie ſo, Herr Graf?“ „Nun, das iſt ja ganz einleuchtend: die Herren Thomſon und French machen Geſchäfte ohne Beſchränkung; der Herr Baron Dang⸗ lars hingegen hat den ſeinigen ein Ziel geſetzt; er iſt ein weiſer Mann, wie er ſelbſt ſoeben ſagte.“ „Mein Herr,“ erwiderte der Banquier hochmüthig;„meine Kaſſe hat noch Niemand berechnet.“ „Nun,“ antwortete Monte Chriſto kalt,„dann ſcheint es, als werde ich der Erſte ſein, der es thut.“ „Wer ſagt Ihnen das?“ „Die Erklärungen, Herr Baron, die Sie verlangen und die ganz ſo ausſehen, wie Bedenklichkeiten.“ Danglars biß ſich in die Lippen; zum zweiten Male war er von dieſem Manne aus dem Felde geſchlagen, und dieſes Mal auf ſeinem eigenen Terrain. Seine ſpottende Höflichkeit, die er annahm, grenzte an Unverſchämtheit. Monte⸗Chriſto hingegen lächelte ſo anmuthig als möglich und hatte das ihm zu Gebot ſtehende naive Weſen angenommen, welches ihm große Vortheile gab. „Mein Herr,“ ſagte Danglars nach kurzem Schweigen,„ich und ſagte großthue „Und Guter thun gew unumſchr Gott! di meiner! Un⸗ ſeine Vi uu fünfh kammer. Ein geſchmet der Bar ſarre g „N fott,„S paſſiren ſchäften Biefe, 633 dru 8 we hoffe, Sie werden mich verſtehen, indem ich Sie erſuche, die Summen, 1 die Sie von mir zu erheben denken, ſelbſt zu beſtimmen.“ Grnf mi„Aber, Herr Baron,“ entgegnete Monte⸗Chriſto, entſchloſſen, icht gan keinen Zoll breit Land in dem Streite zu verlieren,„indem ich den inp mir einen unbegrenzten Credit auf ſie eröffnen ließ, that ich es eben, Dich weil ich nicht ſo genau beſtimmen konnte, welche Summen ich ge⸗ . ge age⸗ brauchen würde.“ mn 1 Jetzt glaubte der Banquier den Augenblick gekommen, wo er 1 teln ſein Uebergewicht zeigen könne; er lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück echri und ſagte mit einem plumpen, hochmüthigen Lächeln: unan„O! mein Herr, geniren Sie ſich nicht, Ihre Wünſche auszu⸗ lte 8 ſprechen, Sie werden ſich überzeugen, daß das Haus Danglars, ſich obgleich der Ausdehnung ſeiner Geſchäfte Grenzen ſetzend, im Stande vann de iſt, die ungemeſſenſten Forderungen zu befriedigen, und ſollten Sie — eine Million fordern....“ chen, das„Wie ſagten Sie?“ fragte Monte⸗Chriſto. he.„Ich ſagte eine Million,“ antwortete Danglars, mit alberner Großthuerei auf jedes Wort Gewicht legend. mſon und„Und was ſollte ich mit einer Million?“ entgegnete der Graf. en Dang⸗.„Guter Gott! Herr Baron, wenn es mir nur um eine Million zu in weiſer thun geweſen wäre... um ſolcher Lumperei willen hätte ich keines unumſchränkten Credites bei Ihnen bedurft. Eine Million! mein meine Gott! die habe ich immer bei mir, in meiner Brieftaſche oder in meiner Reiſe⸗Chatouille.“ t es, als Und Monte⸗Chriſto zog ein kleines Täſchchen heraus, worin ſeine Viſitenkarten waren, und entnahm demſelben zwei Bons, jedes zu fünfhunderttauſend Franken, zahlbar au porteur auf die Schatz⸗ und die kammer. Ein Mann wie Danglars mußte nicht blos gereizt, nein nieder⸗ le war er geſchmettert werden. Der Schlag verfehlte ſeine Wirkung nicht, „Mal auf der Banquier wankte und bekam einen Schwindel; er richtete zwei rannahm, ſtarre gläſerne Augen auf Monte⸗Chriſto. „Nun, geſtehen Sie nur,“ fuhr Monte⸗Chriſto unbarmherzig öglich und fort,„Sie trauen Thomſon und French nicht? Mein Gott, das kann n, welches paſſiren! Ich habe mich für den Fall geſichert und obgleich in Ge⸗ ſchäften fremd, doch Vorſicht gebraucht. Hier alſo zwei ähnliche igen, ich Briefe, als der, den Sie erhalten haben; der eine von Arnſtein und 634 Eskeles in Wien an den Herrn Baron von Rothſchild, und der andere von Richard und Blount in London an Herrn Lafitte. Sagen Sie ein Wort, Herr Baron, und ich befreie Sie von aller Unruhe, indem ich mich einem der beiden andern Häuſer vorſtelle.“ Es war um Danglars geſchehen, er war überwunden, er öffnete mit ſichtbarem Zittern den deutſchen, ſowie den engliſchen Brief, die ihm der Graf mit den Fingerſpitzen hinreichte, und überzeugte ſich von der Richtigkeit der Unterſchriften, mit einer Kleinlichkeit, die der Graf von Monte⸗Chriſto beleidigend gefunden haben würde, wenn ſie nicht Folge der gänzlichen Faſſungsloſigkeit des Banquiers ge⸗ weſen wäre. „Ol Herr Graf, das ſind drei Unterſchriften, die wohl Mil⸗ lionen aufwiegen,“ ſagte Danglars aufſtehend, wie um ſich vor der Macht des Goldes, die in dieſem Manne perſonificirt vor ihm ſaß, zu beugen.„Drei unbegrenzte Creditbriefe an unſere drei größten Häuſer! Verzeihen Sie mir, Herr Graf, daß ich, wenn auch im Geringſten nicht mehr mißtrauiſch, um deſto mehr verwundert bin.“ „Ol wie kann ein Haus wie das Ihrige ſich darüber wundern!“ ſagte Monte⸗Chriſto mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Höllichkeit; „Sie können mir alſo einiges Geld ſchicken, nicht wahr?“ „Befehlen Sie, Herr GrafV; ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ „Nun denn!“ erwiderte Monte⸗Chriſto,„jetzt, wo wir uns ver⸗ ſtehen, denn wir verſtehen uns doch, nicht wahr?“ Danglars beugte den Kopf bejahend. „Und Sie haben durchaus kein Mißtrauen mehr?“ fuhr Monte⸗ Chriſto fort. „O! Herr Graf,“ rief der Banquier,„ich hatte nie welches.“ „Nein; Sie wünſchten nur einen Beweis, weiter nichts. Nun wohl!“ erwiderte er,„jetzt, wo wir uns verſtehen, jetzt, wo Sie kein Mißtrauen mehr hegen, wollen wir eine Total⸗Summe für das erſte Jahr feſtſetzen, ſechs Millionen zum Beiſpiel.“ „Sechs Millionen! Gut!“ würgte Danglars hervor. „Wenn ich mehr bedarf,“ fuhr Monte⸗Chriſto gleichgiltig fort, „melde ich mich; aber ich denke nur ein Jahr in Frankreich zu bleiben, und in dieſem einen Jahre denke ich dieſe Summe nicht zu überſchreiten.... doch, wir werden ſehen.... Haben Sie die Güte, mir zum Anfang morgen fünfhunderttauſend Franken zu einigen I ſt ganz n kennen.“ Dieſ bächeln, druck gen „M Danglar wickeln, deſſen, d meine G zu zeiger garantir „S gtoßen; zu werd M Vartolin mir, wi und der en Lafitte von aller dorſtelle.⸗ er offnete Brief⸗ die zeugte ſich chkeit, die ürde, wenn waniets ge⸗ wohl Mil⸗ ch vor der ihm ſaß, ei großten auch im ndert bin.“ wundein!“ do lchkeit iſten.“ r uns ver⸗ ühr Monte⸗ welches.“ chts. Nun do Sie kein ir das erſte giltig fort, mnkreich zu imme nicht Haben Sie Franken zu 63⁵ ſchicken; bis zwölf Uhr werde ich zu Hauſe ſein; und wenn ich etwa früher ausgehen müßte, werde ich meinem Intendanten eine Quittung zurücklaſſen.“ „Morgen Vormittag um zehn Uhr ſoll das Geld bei Ihnen ſein, Herr Graf,“ verficherte Danglars.„Wollen Sie Gold, Bank⸗ noten oder Silber?“ „Gold und Banknoten zu gleichen Theilen, wenn ich bitten darf.“ Der Graf ſtand auf. „Etwas muß ich Ihnen bekennen, Herr Graf,“ ſagte Danglars nun;„ich glaubte genaue Kenntniß aller großen Reichthümer Euro⸗ pa's zu haben, doch der Ihrige, der unermeßlich ſein muß, iſt mir gänzlich fremd, ich geſtehe es; iſt er erſt in neuerer Zeit begründet?“ „Nein, Herr Baron,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„er iſt im Gegentheil ſehr alt; es war eine Art Familienſchatz, der nicht an⸗ gerührt werden durfte und deſſen zu Capital geſchlagene Intereſſen denſelben verdreifacht haben; erſt ſeit einigen Jahren war die von dem Teſtator beſtimmte Friſt abgelaufen, daher bin ich erſt ſeit einigen Jahren im Beſitz, und Ihre Unkenntniß dieſes Gegenſtandes iſt ganz natürlich; übrigens werden Sie ihn in einiger Zeit beſſer kennen.“ Dieſe Worte begleitete der Graf mit jenem geſpenſtiſchen Lächeln, das auf Franz von Epinay einen ſo entſetzensvollen Ein⸗ druck gemacht hatte. „Mit Ihrem Geſchmack und Ihren Abſichten, Herr Graf,“ fuhr Danglars fort,„werden Sie in der Hauptſtadt einen Luxus ent⸗ wickeln, der uns andere kleine Millionaire alle vernichten wird; in⸗ deſſen, da Sie Liebhaber ſind, denn als ich hereinkam, beſahen Sie meine Gemälde, bitte ich Sie um Erlaubniß, Ihnen meine Galerie zu zeigen; lauter alte Gemälde, lauter Originale, die mir als ſolche garantirt ſind; ich liebe die modernen nicht.“ „Sie haben Recht, Herr Baron, denn ſie haben Alle einen großen Fehler, und zwar den, daß ſie noch nicht Zeit hatten, Alte zu werden.“ „Auch werde ich Ihnen einige Statuen von Thorwaldſen, Bartolini und Canova zeigen, lauter fremde Künſtler. Ich mache mir, wie Sie ſehen, nichts aus den franzöſiſchen Künſtlern.“ 636 „Sie haben das Recht, ungerecht gegen dieſelben zu ſein, Herr Baron, ſind es doch nur Ihre Landsleute!“ „Doch das Alles wollen wir für die Folge aufſparen, wenn wir erſt genauer bekannt ſind; heute werde ich, wenn Sie es erlauben, mich begnügen, Sie der Frau Baronin Danglars vorzuſtellen; ent⸗ ſchuldigen Sie meine Eile, Herr Graf, gber ein Client, wie Sie, gehört beinahe zur Familie.“ Monte⸗Chriſto verneigte ſich, zum Zeichen, daß er die von dem Finanzmanne ihm zugedachte Ehre annehme. 2 Danglars klingelte, ein Laquai in einer überladenen, pracht⸗ vollen Livrée erſchien. „Iſt die Frau Baronin zu Hauſe?“ fragte Danglars. „Ja, gnädiger Herr!“ „Allein?“ „Nein, die gnädige Frau hat Beſuch.“ „Werden Sie es nicht indiscret finden, Herr Graf, Sie ein⸗ zuführen, wenn Beſuch da iſt? Sie ſind doch nicht Incognito?“ „Nein, Herr Baron,“ antwortete Monte⸗Chriſto lächelnd,„dazu halte ich mich nicht für berechtigt.“ „Und wer iſt bei der gnädigen Frau, Herr Dobray?“ fragte Danglars mit einer Treuherzigkeit, über die Monte⸗Chriſto, der ſchon einige Nachrichten über die ziemlich bekannten häuslichen Ver⸗ hältniſſe eingezogen hatte, innerlich lachen mußte. „Herr Dobray, ja, Herr Baron,“ antwortete der Laquai. Danglars machte eine Bewegung mit dem Kopfe und ſagte darauf zu Monte⸗Chriſto: „Herr Lucien Dobray iſt ein alter Freund von uns und ver⸗ trauter Secretär des Miniſters des Innern; was meine Frau an⸗ betrifft, ſo hat dieſelbe einen Rückſchritt gemacht, indem ſie mich heirathete, denn ſie iſt aus alter Familie, ein Fräulein Servieux und war Wittwe des Obriſten Marquis von Nargonne.“ „Ich habe noch nicht die Ehre, die Frau Baronin von Dang⸗ lars zu kennen; aber Herrn Lucien Dobray habe ich ſchon getroffen.“ „Ei!“ ſagte Danglars,„und wo denn?“ „Bei Herrn von Morcerf.“ „Ach! Sie kennen den kleinen Vicomte?“ fragte Danglars. „Wir lernten einander während des Carnevals in Rom kennen.“ Sie ein⸗ ognito?⸗ nd,„dazu r?“ fragte hriſto, der lichen Ver⸗ aquai. und ſagte 8 und ver⸗ e Frau an⸗ m ſie mich n Servieux von Dang⸗ getroffen.“ danglars. om kennen.“ 637 „Ach, ja,“ meinte Danglars,„davon habe ich ja wohl ſprechen hören, fand da nicht eine ſonderbare Begebenheit mit Banditen, mit in Ruinen hauſenden Räubern ſtatt? Er wurde bewunderungs⸗ würdiger Weiſe gerettet. Ich glaube, er hat meiner Frau und Tochter bei ſeiner Rückkehr aus Italien davon erzählt.“ „Die Frau Baronin erwartet die gnädigen Herren,“ beſtellte der zurückkehrende Bediente. „Ich gehe voraus, um Ihnen den Weg zu zeigen,“ ſagte Dang⸗ lars grüßend. „Und ich habe die Ehre zu folgen,“ antwortete Monte⸗Chriſto. XLVIII. Die Apfelſchimmel. Der Baron führte den Grafen durch eine Reihe prachtvoll und geſchmackvoll meublirter und ausgeſchmückter Zimmer zu dem Bou⸗ doir der Frau von Danglars, einem kleinen, achteckigen Gemache, welches mit roſenfarbenem und mit weißem Mouſſelin überzogenen Atlas tapezirt war. Die antiken Lehnſtühle deſſelben waren von vergoldetem Holze und mit antiken Stoffen überzogen; die Thür⸗ ſtücke waren ländliche Gemälde in Boucher's Geſchmack; außerdem waren noch zwei Paſtellgemälde en médaillon und die ſämmtlichen übrigen Meubel, dem Geſchmacke des ganz allerliebſten Zimmers angemeſſen, ſo daß dieſes kleine Zimmer das einzige, einigermaßen charakteriſtiſche des ganzen Hotels war. Es war dem Plane, den Herr Danglars mit ſeinem Baumeiſter, einem der erſten und renom⸗ mirteſten des Kaiſerthums, entworfen hatte, entgangen und allein von der Baronin und Lucien Dobray eingerichtet worden. Auch betrachtete Herr Danglars, ein großer Verehrer des Antiken, nach Art des Directoriums, dieſes kleine, niedliche Cabinetchen mit großer Geringſchätzung, wo er übrigens im Allgemeinen nur unter der Bedingung Zutritt hatte, daß er ſein Kommen durch die Einführung eines Anderen entſchuldigte; es war alſo nicht Danglars, der vor⸗ ſtellte, ſondern er war es, der vorgeſtellt und gut oder ſchlecht em⸗ pfangen wurde, je nachdem das Geſicht des Beſuchenden der Frau Baronin angenehm oder unangenehm war. Frau von Danglars, die, ungeachtet ihrer ſechsunddreißig Jahre, noch auffallend ſchön war, ſaß an ihrem Piano, einem Meiſterwerke von eingelegter Arbeit, während Lucien Dobray, an einem Arbeits⸗ tiſche ſitzend, in einem Album blätterte. Dieſes Arrangement mit dem Piano und Album war nur eine jener kleinen Liſten, mit denen man in der großen Welt den größten Verdacht entkräftet. — ſt. Ich br Augenblice er kommt n. in dieſem golgereihe wie ich hoff wir ihn bei Obgle Umſtand, das Vermõ die Frau theil war. „Und Baronin. „Geſt „Und Ende der „Dieſ „9! Paris iſt dtvoll und dem Bou⸗ Genace, derzogenen waren von die Thür⸗ außerdem ämmtlichen Zimmers nigermaßen Plane, den und renom⸗ und allein den. Auch tiken, nach mit großer unter der Einführung 3, der vor⸗ ſchlecht em⸗ der Frau eißig Jahre, Neiſterwerke em Arbeits⸗ gement mit „mit denen 639 Lucien hatte ſchon Zeit gehabt, der Baronin von dem Grafen zu erzählen. Der Leſer weiß, welchen lebhaften Eindruck der Graf bei Albert's Frühſtück auf ſeine Mitgäſte gemacht hatte; dieſer Ein⸗ druck war bei Dobray, ſo wenig empfänglich derſelbe auch war, noch nicht verflogen, davon zeugten die Nachrichten, die er der Baronin über Monte⸗Chriſto gegeben hatte. Durch dieſe neuen Erzählungen war die ſchon durch den Reiſe⸗ bericht Morcerf's erweckte Neugier auf den höchſten Gipfel geſtiegen. Die Baronin empfing alſo ihren Gemahl mit einem Lächeln, deſſen er ſich ſelten zu erfreuen hatte. Dem Grafen vergalt ſie ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß mit einer ceremoniöſen, aber zugleich graziöſen Verbeugung.. Lucien wechſelte mit dem Grafen einen halb bekannten, mit Danglars einen vertraulichen Gruß. „Frau Baronin,“ ſagte Danglars,„erlauben Sie mir, Ihnen den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto vorzuſtellen, der mir von meinen Correſpondenten in Rom auf das Angelegentlichſte empfohlen iſt. Ich brauche nur ein Wort zu ſagen, welches ihn in einem Augenblicke zum Liebling aller unſerer ſchönen Damen machen wird; er kommt nach Paris mit der Abſicht, ein Jahr hier zu bleiben und in dieſem Jahre ſechs Millionen zu verbrauchen; das verſpricht eine Folgereihe von Bällen, Diners, italieniſchen Nächten, bei welchen, wie ich hoffe, der Herr Graf uns ebenſowenig vergeſſen wird, als wir ihn bei unſeren kleinen, unbedeutenden Feſten vergeſſen werden.“ Obgleich dieſe Vorſtellung plump genug war, ſo iſt doch der Umſtand, daß ein Mann nach Paris kommt, der in einem Jahre das Vermögen eines Prinzen auszugeben beabſichtigt, ſo ſelten, daß die Frau Baronin einen Blick auf ihn warf, der nicht ohne An⸗ theil war. „Und Sie ſind hier angekommen, Herr Graf?...“ fragte die Baronin. „Geſtern Morgen, gnädige Frau.“ „Und Sie kamen, Ihrer Gewohnheit nach, wie man ſagt, vom Ende der Welt.“ „Dieſes Mal nur ganz einfach von Cadix, gnädige Frau.“ „O! Sie kommen in einer abſcheulichen Jahreszeit für Paris; Paris iſt im Sommer verabſcheuungswürdig; es giebt jetzt keine 640 Bälle, keine Reunions, keine Féten mehr. Die italieniſche Oper iſt in London, die franzöſiſche Oper iſt überall, nur nicht in Paris, und das Theater Francais iſt nirgends, wie Sie wiſſen werden. Es blieben uns alſo zu aller Zerſtreuung nur einige unglückliche Pferderennen auf dem Marsfelde und in Satory. Werden Sie rennen laſſen, Herr Graf?“ „Ich, gnädige Frau,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„werde Alles thun, was man in Paris thut, wenn ich das Glück habe, Jemand zu finden, der mich mit den franzöſiſchen Sitten und Gebräuchen bekannt macht.“ „Sie ſind Liebhaber von Pferden, Herr Graf?“ „Ich habe einen Theil meines Lebens im Orient zugebracht, Frau Baronin, und die Orientalen achten, wie Sie wiſſen werden, nur zweierlei auf der Welt, den Adel der Pferde und die Schön⸗ heit der Frauen.“ „Ach, Herr Graf!“ bemerkte die Baronin,„Sie hätten ſo galant ſein ſollen, die Frauen zuerſt zu nennen.“ „Sie ſehen, gnädige Frau, daß ich Recht hatte, als ich mir einen Mentor wünſchte, der mich mit den franzöſiſchen Gewohnheiten bekannt machen möchte.“ In dieſem Augenblicke kam die vertraute Kammerfrau der Baronin und ſagte ihrer Gebieterin einige Worte in's Ohr. Frau von Danglars erblaßte. „Unmöglich!“ ſagte ſie. „Es iſt die reine Wahrheit, gnädige Frau,“ antwortete die Kammerfrau. Frau von Danglars wendete ſich zu ihrem Manne. „Iſt es wahr, mein Herr?“ fragte ſie. „Was, gnädige Frau?“ fragte Danglars ſichtlich aufgeregt. „Was dieſes Mädchen mir ſagt....“ „Und was ſagt ſie Ihnen?“ „Sie ſagt mir, daß, als mein Kutſcher meine Pferde vor meinen Wagen ſpannen wollte, er dieſelben im Stalle nicht fand; was bedeutet das? frage ich Sie.“ „Gnädige Frau,“ entgegnete Danglars,„hören Sie.“ „O, ich höre, mein Herr, denn ich bin neugierig, was Sie mir zu ſagen haben werden; ich werde dieſe Herren zu Richtern zwiſchen ſie verkau ſind doch „Gne wöglich iſ nicht ſo v Die Verachtu Dan merken u „Wi Graf; S „Ja „Ich ich ſie faf ſagt habe Pſerde fl „Ich habe dieſ Hier, ſeh Wät ſeiner Fu Der 6 1G zugebracht, ſen werden, die Stän⸗ en ſo galant dls ich mir ewohnheiten eerfrau der Ohr. twortete die zugeregt. Pferde vor enicht fand; ie.“ was Sie mir tern zwiſchen — 641 uns machen und werde damit anfangen, ihnen den Zuſammenhang der Sache zu erklären. Meine Herren,“ fuhr die Baronin fort, „der Herr Baron von Danglars hat zehn Pferde im Stalle, davon zwei mir gehören, herrliche Pferde, die ſchönſten in Paris; Sie kennen ſie, Herr Dobray, meine Apfelſchimmel. Nun wohll! in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo Frau von Villefort meinen Wagen borgt, oder ich ihr ihn verſpreche, um morgen in das Boulogner Wäldchen zu fahren, ſind die Pferde verſchwunden. Herr Danglars wird einige Tauſend Franken daran haben verdienen können und wird ſie verkauft haben. O mein Gott! welche häßliche Sorte Menſchen ſind doch die Speculanten!“ „Gnädige Frau,“ fiel Danglars in's Wort,„die Pferde waren zu muthig, zu wild für Sie, ſie waren kaum vier Jahre alt, ich ängſtigte mich enſetzlich Ihretwegen.“ „Ei, Herr Baron!“ entgegnete Frau von Danglars,„Sie wiſſen recht gut, daß ich ſeit einem Monate den zuverläſſigſten Kutſcher von ganz Paris habe, wenn Sie nicht etwa den Kutſcher mit den Pferden verkauft haben.“ „Liebe Freundin, ich werde ähnliche, ſchönere ſogar, wenn es möglich iſt, für Sie beſorgen, aber ſanfte, ruhige Pferde, die mir nicht ſo viel Angſt um Sie einjagen.“ Die Baronin zuckte die Achſeln mit einer Miene der tiefſten Verachtung. Danglars ſchien dieſe mehr als eheliche Geberde nicht zu be⸗ merken und ſagte zu Monte⸗Chriſto: „Wirklich, ich bedaure, Sie nicht eher gekannt zu haben, Herr Graf; Sie richten Ihr Haus ein?“. „Ja wohl,“ antwortete der Graf. „Ich würde ſie Ihnen angeboten haben. Denken Sie ſich, daß ich ſie faſt umſonſt weggegeben habe; aber wie ich Ihnen ſchon ge⸗ ſagt habe, ſie ängſtigten mich, ich wollte ſie gern los ſein; es ſind Pferde für einen jungen Mann.“ -„ Ich danke Ihnen, Herr Baron,“ antwortete der Graf.„Ich habe dieſen Morgen ſehr gute gekauft und nicht zu theuer bezahlt. Hier, ſehen Sie, Herr Dobray, Sie ſind ja wohl Kenner?“ Während Dobray zum Fenſter ging, näherte Danglars ſich ſeiner Frau. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 41 642 „Denken Sie ſich,“ ſagte er ganz leiſe,„mir iſt ein unerhörtes Geld für dieſe Pferde geboten worden. Ich weiß nicht, wer der Narr iſt, der ſo mit Rieſenſchritten ſeinem Untergange zueilt und dieſen Morgen ſeinen Intendanten zu mir ſchickte; aber die Haupt⸗ ſache iſt, daß ich ſechszehntauſend Franken bei dieſem Handel ge⸗ wonnen habe; ſchmollen Sie nicht mehr mit mir, ich will Ihnen vier⸗ und Eugenien zweitauſend Franken davon geben.“ Frau von Danglars warf einen zerſchmetternden Blick auf ihren Mann. „O, mein Gott!“ rief Dobray. „Was giebt's denn?“ fragte die Baronin. „Ich irre nicht, es ſind Ihre Pferde, Ihre eigenen Pferde, vor dem Wagen des Grafen.“ „Meine Apfelſchimmel!“ rief Frau von Danglars und ſtürzte nach dem Fenſter. „Wirklich, ſie ſind es,“ ſagte ſie. Danglars war niedergedonnert. „Iſt es möglich?“ ſprach Monte⸗Chriſto, den Erſtaunten ſpielend. „Es iſt unglaublich!“ ſtammelte der Banquier. Die Baronin ſagte zwei leiſe Worte zu Dobray, der ſich darauf dem Grafen näherte und ihm in's Ohr ſagte: „Die Baronin läßt Sie fragen, für wie viel ihr Mann Ihnen das Geſpann verkauft hat.“ „Ach, ich weiß es nicht genau,“ antwortete der Graf,„es iſt eine Ueberraſchung von meinem Haushofmeiſter, der meine Lieb⸗ haberei kennt... und die mich, glaube ich, dreißigtauſend Thaler koſtet.“ Dobray theilte der Baronin die Antwort mit. Danglars war ſo bleich und ſo faſſungslos, daß der Graf Mitleid mit ihm zu haben ſchien. „Sehen Sie,“ ſagte er zu ihm,„wie undankbar die Frauen ſind; dieſe Vorſorglichkeit von Ihnen hat Ihre Frau Gemahlin nicht einen Augenblick gerührt; undankbar iſt nicht das rechte Wort, toll, möchte ich ſagen. Aber was wollen Sie, man liebt immer, was gefährlich iſt; und das Kürzeſte iſt immer, das können Sie mir glauben, lieber Baron, daß man ihnen den Willen läßt; brechen ſie dann die würfe me Dan nichz ſch und weiſ es herauſß Ehriſto, d wollte, di entfernte „Gut wünſchte, im Begtif vom Hauſ „bei allede geſtell wo „Nun „ich bin d alſol...“ Mit nach Hauſ Zwei liebſten B ihr erklärt nicht da zweiflung Sie hatte aber in j manten be Auch die Erlau erzeigen z in der Zu Noch Auteuil ah Den Schag a en ſpielend. ſich darauf ann Ihnen raf,„es iſt neine Lieb⸗ end Thaler der Graf die Frauen Gemahlin techte Wort, tebt immer, en Sie mir brechen ſie 643 würfe machen.“ Danglars, der eine unangenehme Scene vorausſah, antwortete nicht; ſchon waren die Brauen der Frau Baronin zuſammengezogen und weiſſagten, wie die des Jupiter, ein Ungewitter; Dobray, der es heraufziehen ſah, gab ein Geſchäft vor, und empfahl ſich. Monte⸗ Chriſto, der ſich durch längeres Bleiben die Stellung nicht verderben wollte, die er zu erringen hoffte, grüßte Frau von Danglars, und entfernte ſich, den Herrn Baron dem Zorne ſeiner Frau überlaſſend. „Gut!“ dachte er im Hinuntergehen,„ich habe erreicht, was ich wünſchte; ich habe den Frieden des Hauſes in meiner Hand und bin im Begriff, mit Einem Zuge das Herz des Herrn und der Frau vom Hauſe zu gewinnen; welches Glück! Aber,“ fügte er hinzu, „bei alledem bin ich Fräulein Eugenie Danglars noch nicht vor⸗ geſtellt worden, die ich doch ſo gern kennen gelernt hätte.“ „Nun,“ fuhr er mit dem ihm eigenthümlichen Lächeln fort, „ich bin doch in Paris, und habe Zeit... auf ein anderes Mal alſo!...“ Mit dieſer Bemerkung ſtieg der Graf in den Wagen und fuhr nach Hauſe. Zwei Stunden darauf erhielt Frau von Danglars einen aller⸗ liebſten Brief von dem Grafen von Monte⸗Chriſto, in welchem er ihr erklärte, daß er um Alles in der Welt ſein Auftreten in Paris nicht damit beginnen möchte, daß er eine ſchöne Frau in Ver⸗ zweiflung brächte, er beſchwöre ſie alſo, ihre Pferde zurückzunehmen. Sie hatten daſſelbe Geſchirr, was er ihnen hatte auflegen laſſen, aber in jeder Roſette an den Ohren hatte der Graf einen Dia⸗ manten befeſtigen laſſen. 4 Auch Danglars erhielt einen Brief. Der Graf bat ihn um die Erlaubniß, der Baronin dieſe Aufmerkſamkeit eines Millionairs erzeigen zu dürfen, und erſuchte ihn, die etwas orientaliſche Manier in der Zurückſendung der Pferde zu verzeihen. Noch an demſelben Abende ging Monte⸗Chriſto mit Ali nach Auteuil ab. Den andern Morgen gegen drei Uhr trat Ali, durch einen Schlag an die Glocke herbeigerufen, in das Cabinet des Grafen. 41* dann die Hälſe, nun dann können ſie wenigſtens nur ſich ſelbſt Vor⸗ 644 „Ali,“ ſagte dieſer,„Du haſt mir oft Deine Geſchicklichkeit im Werfen des Laſſo gerühmt.“ Ali machte ein bejahendes Zeichen, und richtete ſich ſtolz auf. „Gut!... Alſo Du könnteſt einen Ochſen mit dem Laſſo aufhalten?“ Ali machte abermals ein bejahendes Zeichen. „Einen Tiger?“ Ali machte daſſelbe Zeichen. „Einen Löwen?“ Ali machte die Bewegung eines Mannes, der einen Laſſo wirft, und ahmte ein erſticktes Brüllen nach. „Gut! ich verſtehe,“ ſagte Monte⸗Chriſto.„Du haſt Löwen gejagt.“ Ali machte eine ſtolze Siegerbewegung. Aber würdeſt Du zwei flüchtige Pferde in ihrem Lauſe auf⸗ halten.“ Ali lächelte. „Nun wohll ſo höre,“ ſagte Monte⸗Chriſto;„es wird gleich ein Wagen vorbeikommen, vor den zwei Apfelſchimmel geſpannt ſind, dieſelben, die ich geſtern hatte. Und ſollteſt Du Dich zerſchmettern laſſen, Du mußt dieſe Equipage vor meiner Thüre anhalten.“ Ali ging nach der Straße hinunter und zeichnete vor der Thür einen Strich auf das Pflaſter; dann kam er wieder in das Zimmer und zeigte dem Grafen, der ihn nicht aus den Augen gelaſſen hatte, den Strich. Der Graf klopfte ihn ſanft auf die Schulter, das war ſeine Art, ihm zu danken; dann ſtellte der Nubier ſich ruhig an die Straßenecke und rauchte ſeinen Chibouk, während Monte⸗Chriſto auf nichts weiter achtete. Gegen fünf Uhr indeſſen, das war die Stunde, wo der Graf den Wagen erwartete, konnte man faſt unmerkliche Zeichen von Un⸗ geduld an ihm wahrnehmen; er ging in einem Zimmer, deſſen Fenſter nach der Straße gingen, auf und ab, horchte zuweilen und näherte ſich dem Fenſter, durch welches er Ali erblickte, der ſo ruhig den Rauch ſeiner Pfeife von ſich blies, daß er deutlich ſehen konnte, wie ſo ganz der Nubier nur mit dieſer gleichgiltigen Handlung be⸗ ſchäftigt war. Vorderbein Schritte d ſchlug ſich brach, und fortzuſetzen um von ſ feinen Eiſ das Thier ſchon liege Das Kugel ihr Inde welchem d herauseile wo der K der einen ohnmächti (es war N auf ein S „Für gerettet. Die Sohn, mi „ Lickeit in ol auf dem Laſſ Laſſ wirft haſt Lwen Laufe auf⸗ d gleich ein ſpannt ſind, erſchmettern falten.“ er der Thür das Jimmer laſſen hatte, 3 var ſeine hhig an die Chriſto auf vo der Graf hen von Un⸗ mer, deſſen uweilen und der ſo ruhig ſehen konnte, kandlung be⸗ 645 Plötzlich hörte man fernes Rollen, welches ſich aber mit Blitzes⸗ ſchnelle näherte; dann erblickte man einen Wagen, deſſen Pferde der Kutſcher vergebens zu bändigen ſuchte; ſie raſ'ten in wüthenden, Entſetzen erregenden Sätzen ſchäumend daher. In dem Wagen hielt eine junge Frau einen Knaben von ſieben bis acht Jahren umſchlungen, ſie hatten durch das Uebermaß des Entſetzens ſogar die Kraft zu ſchreien verloren, ſie waren ihrer Sinne kaum mehr mächtig. Nur ein Stein hätte unter das Rad kommen, nur ein Baumzweig an den Wagen ſtoßen dürfen, und der Wagen, der ſchon krachte, brach in tauſend Stücke, er war in der Mitte der Straße, und ein allgemeines Entſetzensgeſchrei Derer, die das Ge⸗ ſpann ankommen ſahen, erſcholl. Plötzlich ſetzte Ali ſeinen Chibouk weg, zog die Schlinge aus der Taſche, ſchleuderte ſie, umwickelte auf dieſe Weiſe dreifach die Vorderbeine des Pferdes zur Linken, und ließ ſich drei oder vier Schritte durch die Gewalt des Treibens fortziehen, da aber über⸗ ſchlug ſich das gefeſſelte Pferd, fiel auf die Deichſel, die es zer⸗ brach, und lähmte ſo alle Verſuche des andern Pferdes, ſeinen Lauf fortzuſetzen; der Kutſcher benutzte dieſen Augenblick des Verzuges, um von ſeinem Sitze herabzuſpringen, aber ſchon hatte Ali mit ſeinen Eiſenfingern in die Nüſtern des zweiten Pferdes gefaßt, und das Thier hatte ſich, vor Schmerz wiehernd, convulſiviſch neben dem ſchon liegenden Pferde niedergeworfen. Das Alles war mit der Schnelligkeit geſchehen, mit der eine Kugel ihr Ziel erreicht. Indeſſen hatte es doch hingereicht, daß aus dem Hauſe, vor welchem dieſes Ereigniß ſtattfand, ein Mann mit mehreren Dienern herauseilen und zum Wagen hinſtürzen konnte; in dem Augenblicke, wo der Kutſcher die Wagenthür öffnete, nahm er die Dame, die mit der einen Hand ſich an den Sitz klammerte, mit der andern ihren ohnmächtigen Sohn an ſich drückte, auf ſeine Arme und trug ſie (es war Monte⸗Chriſto) in ſeinen Salon, wo er ſie nebſt dem Knaben auf ein Sopha legte. „Fürchten Sie nichts mehr, gnädige Frau,“ ſagte er,„Sie ſind gerettet.“ Die Frau kam zu ſich und zeigte, ſtatt zu antworten, auf ihren Sohn, mit einem Zlick, der beredter als alle Bitten war. Das Kind war wirklich ohnmächtig. „Ich verſtehe Sie, gnädige Frau,“ ſagte der Graf, das Kind unterſuchend,„aber beruhigen Sie ſich, es iſt ihm nichts zugeſtoßen, nur die Furcht hat es in dieſen Zuſtand verſetzt.“ „Ol mein Herr,“ rief die Mutter,„ſagen Sie das nicht blos, um mich zu beruhigen? Sehen Sie nur, wie bleich er iſt! Mein Sohn! mein Kind! mein Eduard! antworte doch Deiner Mutter! Ach! mein Herr! ſchicken Sie nach einem Arzt; mein ganzes Ver⸗ mögen Dem, der mir meinen Sohn wiedergiebt!“ Monte⸗Chriſto machte eine Bewegung mit der Hand, um die troſtloſe Mutter zu beſchwichtigen, öffnete ein Käſtchen und nahm aus demſelben ein Glas von böhmiſchem Glaſe, welches mit Gold ausgelegt war und eine blutrothe Flüſſigkeit enthielt, von der er einen einzigen Tropfen auf die Lippen des Knaben fallen ließ. Der Knabe, zwar immer noch bleich wie der Tod, öffnete ſo⸗ gleich die Augen. Die Freude der Mutter bei dieſem Anblicke artete faſt in Wahn⸗ ſinn aus. 3 „Wo bin ich?“ rief ſie,„und wem verdanke ich ſo viel Glück nach einem ſolchen fürchterlichen Auftritt?“ „Sie ſind, gnädige Frau,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„bei einem Manne, der ſich unendlich glücklich ſchätzt, daß es ihm gelang, eine Gefahr von Ihnen abzuwenden.“ „Ol verwünſchte Neugier,“ ſagte die Dame,„ganz Paris ſprach von den prachtvollen Pferden der Frau von Danglars, und ich beging die Thorheit, dieſelben probiren zu wollen.“ „Wie,“ rief der Graf mit vortrefflich nachgemachtem Erſtaunen, „die Pferde ſind der Baronin?“ „Ja, mein Herr, kennen Sie ſie?“ „Frau von Danglars?... Ich habe die Ehre und freue mich nun doppelt, die Gefahr von ihnen abgewendet zu haben, welcher dieſe Pferde Sie ausgeſetzt hatten; denn ich bin derjenige, dem Sie eigentlich die Veranlaſſnung derſelben beimeſſen können, ich hatte dieſe Pferde geſtern dem Baron abgekauft; da ich aber zufällig Zeuge wurde, wie ſehr ihr Verluſt der Frau Baronin zu Herzen ging, ſchickte ich ſie ihr zurück mit der Bitte, ſie aus meiner Hand anzunehmen.“ mir Ali n ungen, da Sclave; iſ zu dienen „Abe Vileefort, „Die Monte⸗Ch Fra gleich im machte. Wäh das Kind wurde. rothhaarig Zwange! ſein Geſi ſeiner Au liche Verd worden, Jahren des gind zugeſtoßen, nich hlos iſt! Mein r Mutter! unzes Ver⸗ d, un die und nahm mit Gold er er einen öffnete ſo⸗ in Wahn⸗ diel Glück „bei einem eang, eine garis ſprach à, und ich Erſtaunen, freue mich en, welcher ge, dem Sie , ich hatte ber zufällig zu Herzen ineer Hand 647 „Ei! dann ſind Sie alſo der Graf von Monte⸗Chriſto, von dem Hermine mir geſtern ſo viel erzählte?“ „Ja, gnädige Frau,“ antwortete der Graf. „Ich, mein Herr, bin Frau Heloiſe von Villefort.“ Der Graf verbeugte ſich, wie ein Mann, der einen ihm gänzlich fremden Namen ausſprechen hört. „Ol wie dankbar wird Herr von Villefort ſein!“ fuhr Heloiſe fort,„denn er dankt Ihnen unſer Beider Leben, Sie haben ihm ſeine Frau und ſeinen Sohn erhalten; gewiß, ohne Ihren groß⸗ müthigen Diener würden dieſes geliebte Kind und ich, wir Beide umgekommen ſein.“ „Ach, gnädige Fraul ich zittere noch, wenn ich an die Gefahr denke, welche Sie bedrohte.“ „O, ich hoffe, Sie werden mir erlauben, die Aufopferung des wackern Mannes würdig zu belohnen.“ „Gnädige Frau,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„verderben Sie mir Ali nicht, ich bitte Sie, weder durch Lob, noch durch Belohn⸗ ungen, daran wünſche ich ihn nicht gewöhnt zu ſehen. Ali iſt mein Sclave; indem er Ihnen das Leben rettete, diente er mir, und mir zu dienen iſt ſeine Pflicht.“ „Aber er hat ſein Leben auf's Spiel geſetzt!“ ſagte Frau von Villefort, der dieſer Herrſcherton ſonderbar imponirte. „Dieſes Leben habe ich gerettet, gnädige Frau,“ antwortete Monte⸗Ehriſto,„folglich gehört es mir.“ Frau von Villefort ſchwieg, über den Mann nachdenkend, der gleich im erſten Augenblicke einen ſo tiefen Eindruck auf ihren Geiſt machte. Während dieſes kurzen Schweigens konnte der Graf ungeſtört das Kind beobachten, welches von ſeiner Mutter mit Küſſen bedeckt wurde. Es war klein und mager, und hatte den zarten Teint der rothhaarigen Kinder, während ein Wald dichter, ſchwarzer, jedem Zwange trotzender Locken, die ſeine gewölbte Stirn umſchatteten und ſein Geſicht einfaſſend, auf ſeine Schultern fielen, die Lebhaftigkeit ſeiner Augen verdoppelte, aus denen tückiſche Bosheit und jugend⸗ liche Verderbtheit ſprachen. Sein Mund, der kaum wieder roth ge⸗ worden, war breit, aber flach; die Züge dieſes Kindes von acht Jahren ſchienen einem Knaben von wenigſtens zwölf Jahren anzu⸗ — 3 648 gehören. Seine erſte Bewegung war, ſich durch einen unſanften Ruck den Armen ſeiner Mutter zu entwinden und zu dem Käſtchen zu gehen, aus dem der Graf das Fläſchchen mit dem wohlthätigen Elixir genommen hatte; alsdann begann er, ohne um Erlaubniß zu fragen, wie ein Kind, das gewohnt iſt, alle ſeine Launen zu be⸗ friedigen, ein Fläſchchen nach dem andern zu öffnen. „Rühre das nicht an, mein Freund,“ ſagte der Graf ange⸗ legentlich,„einige dieſer Flüſſigkeiten ſind gefährlich nicht blos zu trinken, ſondern ſogar einzuathmen.“ Frau von Villefort zog ihren Sohn erbleichend wieder zu ſich; als aber ihre Beſorgniß gehoben war, warf ſie einen ſchnellen, aber ausdrucksvollen Blick auf das Käſtchen, den der Graf auffing. In dieſem Augenblicke trat Ali in das Zimmer. Frau von Villefort machte eine freudige Bewegung und ſagte, ihren Sohn noch näher an ſich ziehend: „Eduard, ſiehſt Du dieſen guten Schwarzen, er iſt ſehr muthig geweſen, denn er hat mit eigner Lebensgefahr die wüthenden Pferde aufgehalten, die mit uns durchgingen, und uns vor dem ſchmäh⸗ lichſten Tode bewahrt. Danke ihm doch, denn ohne ihn würden wir Beide jetzt wahrſcheinlich nicht mehr leben.“ Das Kind warf die Lippen auf, drehte verächtlich den Kopf nach der andern Seite und ſagte: „Er iſt zu häßlich.“ Deerr Graf lächelte, als hätte der Knabe eine ſeiner Hoffnungen verwirklicht; Frau von Villefort ſchmählte ihren Sohn mit einer Mäßigung, die gewiß nicht nach dem Geſchmacke Jean Jacques Rouſſeau's geweſen wäre, wenn Eduard Emil geheißen hätte. „Siehſt Du,“ ſagte der Graf arabiſch zu Ali,„dieſe Dame bittet ihren Sohn, Dir zu danken, daß Du ihnen Beiden das Leben gerettet haſt, und das Kind antwortet: Du wäreſt zu häßlich.“ Ali drehte einen Augenblick ſein kluges Geſicht und betrachtete das Kind anſcheinend blos neugierig; aber ein leichtes Erweitern ſeiner Naſenlöcher zeigte dem Grafen von Monte⸗Chriſto, daß der Araber tief im Herzen verwundet war. „Wohnen Sie immer hier, Herr Graf?“ fragte Frau von Villefort, indem ſie aufſtand, um ſich zu entfernen. „Ne gbſteigen der Elhſ wieder he ſolen die vor meine ſagte er Sie nach wendige wird. Se meiner G „Abe Pferden „Ol unter A Wirk Nühe auf mit arom welchem e bedeckten) einige Se Dan der zerbr ſchehen we Wagen d und muß ſtunde die käſtig die er die be todt ware daß Frau Honoré, u Kau Scenen a lats ſchri und ſagte, ehr muthig den Pferde em ſchmäh⸗ hn würden den Kopf Hoffnungen mit einer m Jacques hätte. diſſe Dame das Leben äßlich.“ betrachtete Erweitern 7, daß der Frau von 649 „Nein,“ gnädige Frau,“ antwortete der Graf,„es iſt eine Art Abſteigequartier, welches ich gekauft habe; ich wohne am Eingange der Elyſäiſchen Felder Nr. 30. Aber Sie ſind, wie ich ſehe, völlig wieder hergeſtellt, und wünſchen, nach Hauſe zu fahren. Sogleich ſollen die böſen Pferde, die Ihnen ſo viel Schrecken verurſacht haben, vor meinen Wagen geſpannt werden; und Ali, dieſer häßliche Neger,“ ſagte er lächelnd, zu dem Kinde gewendet,„wird die Ehre haben, Sie nach Hauſe zu fahren, während Ihr Kutſcher die ſehr noth⸗ wendige Reparatur des Wagens hier beſorgen und beaufſichtigen wird. Sobald dieſes geſchehen iſt, werde ich den Wagen durch eines meiner Geſpanne an Frau von Danglars ſenden.“ „Aber,“ wendete Frau von Villefort ein,„mit eben den wilden Pferden ſoll ich fahren? Das wage ich nicht.“ „Ol Sie werden ſehen, gnädige Frau,“ erwiderte Monte⸗Chriſto, „unter Ali's Händen werden ſie wie die Lämmer ſein.“ Wirklich hatte ſich Ali den Pferden genähert, die mit vieler Mühe auf die Beine gebracht worden waren. Er hatte einen kleinen, mit aromatiſchem Eſſig getränkten Schwamm in der Hand, mit welchem er die Nüſtern und Schläfe der mit Schweiß und Schaum bedeckten Pferde rieb, worauf dieſelben ſogleich heftig ſchnoben und einige Secunden lang am ganzen Körper zitterten. Dann ließ Ali, von einer unzählbaren Menge Neugieriger, die der zerbrochene Wagen und die Kunde von dem, was ſoeben ge⸗ ſchehen war, herbeigezogen hatte, umgeben, die Pferde vor den leichten Wagen des Grafen ſpannen, nahm die Zügel, ſtieg auf den Sitz und mußte zum großen Erſtaunen Aller, die vor kaum einer Viertel⸗ ſtunde dieſes Geſpann hatten wüthend daher brauſen, ja raſen ſehen, kräftig die Peitſche gebrauchen, damit ſie nur fortgingen; auch konnte er die berüchtigten Apfelſchimmel, die jetzt ſtumpf, verſteinert, wie todt waren, kaum zu einem ſo unſichern, ſo ſchläfrigen Trabe bringen, daß Frau von Villefort auf dem Wege nach dem Faubourg Saint⸗ Honoré, wo ſie wohnte, beinahe zwei Stunden zubrachte. Kaum war ſie zurückgekehrt und hatte die erſten Familien⸗ Scenen abgemacht, als ſie folgendes Brieſchen an Frau von Dang⸗ lars ſchrieb: „Liebe Hermine! „Soeben bin ich mit meinem Sohne, durch eben den Grafen von Monte⸗Chriſto, von dem wir geſtern Abend ſo viel ſprachen und den heute zu ſehen ich nicht ahnte, bewunderungswürdiger Weiſe gerettet worden. Geſtern erzählten Sie mir von ihm mit einem Enthuſiasmus, den, mit aller mir zu Gebote ſtehenden geiſtigen Macht zu beſpötteln, ich mich nicht enthalten konnte; aber heute finde ich dieſen Enthuſiasmus noch viel zu ſchwach für den Mann, der ihn einflößt. Ihre Pferde gingen im Ranelagh durch, als wären ſie toll geworden, und wir wären wahrſcheinlich zerſchmettert worden, mein lieber Eduard und ich, gegen den erſten Baum des Weges, oder das erſte Haus des Dorfes, als ein Araber, ein Neger, ein Nubier, kurz, ein ſchwarzer Menſch, in Dienſten des Grafen, auf ein Zeichen deſſelben, wie ich glaube, ſich den Pferden entgegenſtürzte und dieſelben mit Gefahr ſeines eigenen Lebens aufhielt; und es iſt wirklich ein Wunder, daß es ihm ſo gelang. Nun lief der Graf herzu, entriß uns dem krachen⸗ den, auseinander fallenden Wagen, trug uns in ſein Haus und brachte meinen Sohn in's Leben zurück. In ſeinem eigenen Wagen bin ich ſoeben zu Hauſe angekommen, den Ihrigen wird er Ihnen morgen wiederſchicken. Sie werden Ihre Pferde nach dieſem Zu⸗ falle ſehr ſchwach finden; ſie ſind abgeſtumpft, man möchte ſagen, ſie können es ſich nicht verzeihen, daß ſie ſich von einem Menſchen haben bändigen laſſen. Der Graf läßt Ihnen ſagen, daß zwei Tage Ruhe auf der Streu, und nur Gerſte zum Futter, ſie in einen eben ſo blühenden, das heißt furchtbaren Zuſtand als ihr geſtriger war, verſetzen werden. „Adieu, Hermine! Ich danke Ihnen nicht für meine Spazier⸗ fahrt; und doch, wenn ich es recht überlege, iſt es eigentlich Un⸗ dankbarkeit, Ihnen zu ſchmollen wegen der Laune Ihrer Pferde, da ich denſelben die Bekanntſchaft des Grafen von Monte⸗Chriſto verdanke, und der merkwürdige Fremde ſcheint mir, die Millionen, über die er gebietet, abgerechnet, ein ſo merkwürdiges und in⸗ tereſſantes Problem zu ſein, daß ich ihn unter jeder Bedingung ſtudiren will und müßte ich auch mit Ihren Pferden eine zweite Spazierfahrt im Boulogner Wäldchen machen. „Eduard hat den Zufall mit bewunderungswürdigem Muthe überſtand nur eine zu vergi vorwerfen eine See „Un Schönes; „M Grafen! durchaus gebeten, widert lo Am A Salons: A Clubb, Do wies dem geilen in widmen, d der Ariſtok Viele um das R zu können romantiſch Herr ſchuhe an, in ſeine G Nr. 30, au den Graſen dl lſprachen 38 zwürdiger nihm nit ſeehenden en konnte. ſchwach für KNan nelagh rſcheinich den erſten 8, als ein Nenſch, in ich glaube, fahr ſeines der, daß es eem krachen⸗ Haus und nen Wagen der Ihnen dieſem Zu⸗ dchte ſagen, a Menſchen „daß zwei tter, ſie in und als ihr ine Spazier⸗ gentlich Un⸗ rer Pferde, onte Chriſto Millionen, ges und in⸗ Bedingung eine zweite igem Muthe 651 überſtanden. Er wurde ohnmächtig, ohne indeſſen vorher auch nur einen Schrei auszuſtoßen, oder hinterher eine einzige Thräne zu vergießen. Sie werden mir wieder meine blinde Mutterliebe vorwerfen; aber wirklich, in dieſem kleinen, zarten Körper wohnt eine Seele von Eiſen. „Unſere gute Valentine ſagt Ihrer lieben Eugenie viel Schönes; ich umarme Sie von ganzem Herzen als die Ihrige Heloiſe von Villefort.“ Nachſchrift. „Machen Sie doch, daß ich auf irgend eine Art mit dem Grafen von Monte⸗Chriſto bei Ihnen zuſammentreffe, ich muß ihn durchaus wiederſehen. Uebrigens habe ich Herrn von Villefort gebeten, ihm eine Viſite zu machen, die er hoffentlich nicht uner⸗ widert laſſen wird.“ Am Abend war die Begebenheit von Auteuil das Geſpräch aller Salons: Albert erzählte ſie ſeiner Mutter, Chateau⸗Renaud im Jokei⸗ Clubb, Dobray in dem Salon des Miniſters, ſogar Beauchamp be⸗ wies dem Grafen die Aufmerkſamkeit, dieſer Begebenheit zwanzig Zeilen in ſeinem Journale unter der Rubrik„Verſchiedenes“ zu widmen, durch die er den edlen Fremden zum Heros aller Damen der Ariſtokratie machte. Viele Menſchen ließen ſich bei Frau von Villefort einſchreiben, um das Recht zu haben, ihren Beſuch zu gelegener Zeit wiederholen zu können und dann aus ihrem eigenen Munde alle Umſtände dieſer romantiſchen Begebenheit zu hören. Herr von Villefort zog ein ſchwarzes Kleid und weiße Hand⸗ ſchuhe an, ließ ſeinen Leuten die Staats⸗Livrée anziehen und ſtieg in ſeine Caroſſe, die noch an demſelben Abend vor dem Hauſe Nr. 30, an dem Eingange der elyſäiſchen Felder hielt. —yw XLIX. Ideologie. Wenn der Graf weniger Neuling in der Pariſer Welt geweſen wäre, hätte er dieſen Schritt, den der Herr von Villefort ihm ent⸗ gegenthat, ſeiner ganzen Bedeutung nach würdigen können. Gut am Hofe angeſchrieben, der regierende König mochte von der älteren und jüngeren Linie, der regierende Miniſter mochte Ge⸗ lehrter, Liberaler oder Conſervativer ſein; im Rufe eines aus⸗ gezeichneten Geſchäftsmannes, der Denjenigen zu Theil zu werden pflegt, die nie einen politiſchen Stoß erlitten; von Vielen gehaßt, von Einigen warm protegirt, von Niemand jedoch geliebt, bekleidete Herr von Villefort eine hohe Stelle am Gerichtshofe und hielt ſich auf ſeiner Höhe wie ein Harlay, oder wie ein Molé. Sein Salon, deſſen Honneurs eine junge Frau und eine kaum achtzehnjährige Tochter aus erſter Ehe machten, war nichtsdeſtoweniger einer jener erſten Salons von Paris, wo der Cultus der Traditionen und die Religion der Etiquette herrſchte. Eine kalte Höflichkeit, eine unbe⸗ grenzte Verehrung der Grundſätze der Regierung, eine tiefe Ver⸗ achtung der Theorien und Theoretiker, ein unerſchütterlicher Haß aller Ideologen, das waren die Elemente des inneren und äußerlich zur Schau geſtellten Lebens des Herrn von Villefort. Herr von Villefort war nicht nur Juſtizbeamter, ſondern faſt Diplomat. Seine Verhältniſſe zu dem alten Hofe, von dem er immer mit Würde und Hochachtung ſprach, ſicherten ihm die Achtung des neuen; er wußte ſo Vieles, daß man ihn nicht nur immer ſchonte, ſondern ſogar zuweilen zu Rathe zog. Vielleicht würde dem nicht alſo geweſen ſein, wenn man ihn hätte entbehren können, aber er behauptete, wie die gegen ihre Lehensherren aufrühreriſchen Va⸗ ſallen der Feudalzeit, eine unbezwingliche Burg: das war ſeine Stellung als Procurator des Königs, die er mit allen ihren Vor⸗ trüber, me Mann, de gerichtet! Herr gierige, a er gab jä das heißt ſeinigen Concerte ſehr ſelten bemüht, i Geſandte verwittwe Das Grafen v Der Augenblig einer Che Der abgemeſſe t geweſen tt ihm ent⸗ en mochte von mochte Ge⸗ eines aus⸗ zu werden len gehaßt, belleidete d hielt ſich dein Salon, gehnjährige einer jener en und die eine unbe⸗ tieſe Ver⸗ rlicher Haß ad äußerlich ondern faſt don dem er die Achtung nur immer würde dem onnen, aber eriſchen Va⸗ war ſeine ihren Vor⸗ 6⁵³ theilen vortrefflich auszubeuten verſtand, und die er nur aufgegeben haben würde, um Deputirter zu werden und die Neutralität mit der Oppoſition zu vertauſchen. Im Allgemeinen machte oder erwiderte Herr von Villefort ſehr wenig Beſuche. Seine Frau verrichtete dieſe Pflicht für ihn; das war in der Geſellſchaft ausgemachte Sache, wo man auf Rechnung der vielen und wichtigen Geſchäfte des Procurators ſchrieb, was wirklich nur eine Berechnung des Hochmuthes, eine Quinteſſenz der Ariſtokratie, kurz, die Anwendung des Grundſatzes war: Achte Dich ſelbſt, und Du wirſt geachtet werden, ein Grundſatz, der in unſeren Tagen viel erſprießlicher iſt, als der der Griechen: Kenne Dich ſelbſt! der jetzt durch die viel leichtere und vortheilhaftere Methode, die Anderen kennen zu lernen, erſetzt wird. Seinen Freunden war Herr von Villefort ein mächtiger Be⸗ ſchützer, ſeinen Feinden dagegen ein ſtummer, aber erbitterter Wider⸗ ſacher; für die Gleichgiltigen war er die Menſch gewordene Statue des Geſetzes. Hochmüthige Haltung, gleichgiltige Phyſiognomie, trüber, matter oder unverſchämt durchdringender Blick, das war der Mann, deſſen Piedeſtal vier klug benutzte Revolutionen erſt auf⸗ gerichtet und dann feſt gekittet hatten. Herr von Villefort ſtand in dem Rufe, der am Wenigſten neu⸗ gierige, am Wenigſten alltägliche Mann von ganz Frankreich zu ſein; er gab jährlich einen Ball, auf dem er ſich nur eine Viertelſtunde, das heißt fünfundvierzig Minuten weniger als der König auf den ſeinigen zeigte; man ſah ihn niemals, weder im Theater, noch in Concerten, noch an irgend einem öffentlichen Orte; zuweilen, aber ſehr ſelten, machte er eine Partie Whiſt, und man war alsdann bemüht, ihm ſeiner würdige Mitſpieler aufzuſuchen, als irgend einen Geſandten, einen Erzbiſchof, irgend einen Präſidenten, oder eine verwittwete Herzogin. Das war der Mann, deſſen Wagen jetzt vor der Thür des Grafen von Monte⸗Chriſto hielt. Der Kammerdiener meldete den Herrn von Villefort in dem Augenblicke, wo der Graf, über einen großen Tiſch gebeugt, auf einer Charte einer Reiſeroute von Petersburg nach China folgte. Der Procurator des Königs trat in demſelben graoitätiſchen, abgemeſſenen Schritte in den Salon des Grafen, wie er im Tri⸗ 654 bunal aufzutreten gewohnt war; es war immer noch derſelbe Mann, oder vielmehr die Fortſetzung des Mannes, den wir als Subſtituten in Marſeille kennen gelernt haben. Die Natur hatte, conſequent in ihren Grundſätzen, nichts im Laufe der Zeit an ihm verändert, als eben das, was die Zeit mit ſich bringt. Sonſt ſchlank und bleich, war er jetzt mager und gelb. Seine ſonſt tiefliegenden Augen waren jetzt hohl, und eine Brille mit goldener Einfaſſung lag ſo dicht auf den Augenhöhlen, daß ſie einen Theil des Geſichts aus⸗ zumachen ſchien; eine weiße Halsbinde ausgenommen, war ſein An⸗ zug ganz ſchwarz, und dieſe traurige Farbe war nur von einem leichten Streiſchen rothen Bandes in einem Knopfloch durchſchnitten, welches wie ein mit dem Pinſel aufgetragener Blutſtreif ausſah. So ſehr Herr ſeiner ſelbſt Monte⸗Chriſto war, konnte er ſich doch nicht enthalten, den Juſtizbeamten, indem er deſſen Gruß er⸗ widerte, mit ſehr ſichtbarer Neugierde zu betrachten. Herr von Villefort ſeinerſeits war, durch Gewohnheit mißtrauiſch und noch dazu, hinſichtlich ſocialer Wunder, nichts weniger als leichtgläubig, wenig geneigt, in dem edlen Fremden, ſo wurde Monte⸗Chriſto ſchon allgemein genannt, etwas Anderes, als einen Glücksritter, der einen neuen Schauplatz gewählt hatte, oder einen geächteten Verbrecher irgend eines anderen Landes, nicht aber einen Prinzen des heiligen Stuhles, oder einen Sultan aus Tauſend und einer Nacht, zu ſehen. „Mein Herr,“ ſagte Villefort mit jenem kreiſchenden Tone, den die Juſtizbeamten bei ihren öffentlichen Reden anzunehmen pflegen und deſſen ſie ſich im Geſpräche nicht enthalten können oder wollen; „mein Herr, der außerordentliche Dienſt, den Sie meiner Frau und meinem Sohne erzeigt haben, macht es mir zur Pflicht, Ihnen zu danken. Ich komme alſo, um mich dieſer Pflicht zu entledigen und Sie meiner vollſten Dankbarkeit zu verſichern.“ Bei Hervorbringung dieſer Worte war die gewöhnliche Arro⸗ ganz der Blicke des Herrn von Villefort nicht im Geringſten ge⸗ mildert. Er hatte die Worte mit ſeiner ſcharf accentuirenden Pro⸗ curator⸗Stimme ausgeſprochen, mit jener Steifheit von Hals und Schultern, die ſeine Schmeſchler darauf gebracht hatte, ihn eine lebende Statue des Geſetzes zu nennen. „Meit ih bin ſ kunnte der ligſte von ih enpfin übung mi ſott mit de de aber nicht aufw Pillef telte, wie der ſchütze Lippen zele nicht für e Er ſo gefallene u könne. Die C den Salon „Sie Studium, geſehen ha „Ja, menſchliche Gliedern glaubte, e als von d algebraiſche Unbekannte Aber ſetze Und 5 der Hand Nühe neh ſeinigen zu trat, gekni⸗ das Fenſte Gegenſtand lle Ma ann Süßtue eanſeguent verändert, — und den Augen ſung lag ſo Nſichs aus⸗ ar ſein An⸗ don einem rhſchnit tten, f ausſah. unte er ſich n Gruß er⸗ derr von und noc echtgläubig, Lhriſt iſto ſchon t, der einen Verbrecher es heiligen ner Nacht, Tone, den men pflegen odder wollen; e Frau und „Ihnen zu Uledigen und uliche Arro⸗ ringſten ge⸗ renden Pro⸗ n Hals und e, ihn eine 65⁵ „Mein Herr,“ antwortete der Graf ſeinerſeits mit eiſiger Kälte, „ich bin ſehr glücklich, daß ich einer Mutter ihren Sohn erhalten konnte, denn man ſagt, das Gefühl der Mutterliebe ſei das mäch⸗ tigſte von allen, wie es das heiligſte iſt, und dieſes Glück, welches ich empfinde, überhebt Sie, mein Herr, einer Pflicht, deren Aus⸗ übung mich ohne Zweifel ehrt, denn ich weiß, daß Herr von Ville⸗ fort mit der Gunſt, die er mir erzeigt, nicht verſchwenderiſch iſt, die aber dennoch, ſo köſtlich ſie auch ſei, meine innere Befriedigung nicht aufwiegt.“ Villefort, über dieſe ganz unerwartete Aeußerung erſtaunt, zit⸗ terte, wie ein Soldat, der den auf ihn gerichteten Schuß ungeachtet der ſchützenden Rüſtung fühlt, und eine verächtliche Bewegung ſeiner Lippen zeigte, daß er den Grafen von Monte⸗Chriſto von vornherein nicht für einen ſehr feinen Cavalier anerkannte. Er ſah ſich um nach einen Gegenſtand, an welchen er die gefallene und im Fallen abgebrochene Unterhaltung wieder anknüpfen könne. Die Charte, mit welcher Monte⸗Chriſto bei ſeinem Eintritte in den Salon ſich beſchäftigte, fiel ihm auf, und er ſagte: „Sie treiben Geographie, mein Herr? Das iſt ein ergiebiges Studium, beſonders für Sie, der Sie, wie man ſagt, ſo viele Länder geſehen haben, wie dieſer Atlas enthält.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Graf,„ich wollte an dem menſchlichen Geſchlechte im Ganzen verſuchen, was Sie an einzelnen Gliedern deſſelben machen, nämlich phyſiologiſche Studien. Ich glaubte, es werde mir leichter ſein, vom Ganzen zu den Theilen, als von den Theilen zu dem Ganzen überzugehen. Es giebt eine algebraiſche Aufgabe, die verlangt, daß man vom Bekannten zum Unbekannten und nicht vom Unbekannten zum Bekannten procedirt... Aber ſetzen Sie ſich doch, ich bitte inſtändigſt.“ Und Monte Chriſto bezeichnete dem Procurator des Königs mit der Hand einen Lehnſtuhl, den dieſer heranzuziehen ſich ſelbſt die Mühe nehmen mußte, während er ſelbſt nur die hatte, ſich in den ſeinigen zu ſetzen, auf dem er, als der Procurator des Königs ein⸗ trat, geknieet hatte; der Graf befand ſich ſomit, den Rücken gegen das Fenſter und den Ellbogen auf die Charte gelehnt, die den Gegenſtand der Unterhaltung ausmachte, halb gegen ſeinen Gaſt ——— ———— 656 gewendet. Die Unterhaltung nahm, wie bei Morcerf und bei Danglars, eine, wenn auch nicht der Lage, doch den Perſonen ganz angemeſſene Wendung. „Ahl! Sie philoſophiren,“ ſprach Villefort nach kurzem Schwei⸗ gen, während deſſen er, wie ein Athlet, der auf einen kräftigen Gegner ſtößt, Kräfte geſammelt hatte.„Aber, mein Herr, auf Ehre! wenn ich, wie Sie, nichts zu thun hätte, würde ich eine weniger traurige Beſchäftigung wählen.“ „Es iſt wahr, mein Herr,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„der Menſch iſt eine häßliche Raupe für den, der ihn durch das Sonnen⸗ Mikroſkop betrachtet; aber Sie ſagen, wenn ich nicht irre, ſoeben, ich hätte nichts zu thun. Laſſen Sie uns das näher beleuchten, glauben Sie etwas zu thun zu haben, mein Herr? oder, um mich deutlicher auszudrücken, glauben Sie, daß das, was Sie thun, der Erwähnung werth iſt?“ Villeforts Erſtaunen verdoppelte ſich bei dieſem zweiten barſchen Ausfalle ſeines ſonderbaren Gegners; dem Beamten war lange kein ſo ſtarker Widerſpruch entgegengeſetzt worden, oder vielmehr es war das erſte Mal, daß ihm dergleichen begegnete. Der Procurator des Königs bereitete ſich, zu antworten. „Mein Herr,“ erwiderte er,„Sie ſind fremd, und haben, wie Sie, glaube ich, ſelbſt ſagten, einen großen Theil Ihres Lebens in den orientaliſchen Ländern zugebracht. Sie wiſſen alſo nicht, wie die menſchliche Gerechtigkeit, die in jenen barbariſchen Gegenden ſo ſchnell iſt, bei uns weiſe und genau zu Werke geht?“ „ Mag ſein, mein Herr, mag ſein, das iſt das pede claudo der Alten. Ich weiß das Alles, denn eben mit der Gerechtigkeits⸗ pflege aller Länder habe ich mich beſchäftigt, die Criminalprocedur aller Nationen habe ich mit der natürlichen Gerechtigkeit verglichen; und, ich muß es geſtehen, mein Herr, gerade die Geſetze Per primi⸗ tiven Völker, das heißt, die Geſetze des Wiedervergeltungsrechtes, habe ich am Mehrſten nach dem Herzen Gottes befunden.“ „Wenn dieſes Geſetz angenommen wäre, mein Herr,“ ſagte der Procurator des Königs,„würde es unſere Geſetzbücher ſehr verein⸗ fachen und die Gerichtsperſonen würden alsdann allerdings nicht viel zu thun haben, wie Sie ſoeben behaupten.“ wi „ſſiren „eriſſir tikeln, dl den fiä aller dieſt Studiun, langen, worben,! Der v wiſſen in aber nich ſondern a niſchen un zöſiſchen; hältnißmä alſo, daß wenig get habe, Sie „Abe fragte Vil Mon „Wo Jhres Ruf materiellen ten, inden aufhören, men, der „Erk dem Erſta „Jch Organiſati Maſchine, in Beweg nur die Der Graſ und dei onen Lan m Sähwei⸗ haäſtigen auf Ehrel e veniger riſto, 3 S „der Sonnen⸗ dde, ſoeden, deleudte, t, um mich e thun, der den barſchen tlange kein vielmehr es orten. s Lebens in nicht, wie pede claudo erechigkeits inalprocedur t verglichen; de Der primi⸗ tungsrechtes, pen.“ ſagte der ſehr verein⸗ erdings nicht haben, wie Gegenden ſo ————— 1 4— 657 „Dahin kouumt es vielleicht,“ entgegnete Monte⸗Chriſto;„Sie wiſſen, daß die menſchlichen Erfindungen in Allem Vereinfachung bezwecken, weil Einfachheit immer Vollkommenheit iſt.“ „Einſtweilen indeſſen, mein Herr,“ fiel der Juſtizbeamte ein, „exiſtiren unſere Geſetzbücher noch, mit ihren widerſprechenden Ar⸗ tikeln, die den galliſchen Gebräuchen, den römiſchen Geſetzen und den fränkiſchen Sitten entlehnt ſind; nun gewinnt die Kenntniß aller dieſer Geſetze und ihres Urſprunges ſich nicht ohne mühſames Studium, und es bedarf langer Arbeit, um dieſe Kenntniſſe zu er⸗ langen, und eines ſtarken Gedächtniſſes, um dieſelben, einmal er⸗ worben, nicht zu vergeſſen.“ „Der Meinung bin ich auch, mein Herr; aber Alles, was Sie wiſſen in Beziehung auf die franzöſiſchen Geſetzbücher, weiß ich auch; aber nicht allein in Beziehung auf die franzöſiſchen Geſetzbücher, ſondern auf die aller Nationen. Die engliſchen, türkiſchen, japa⸗ niſchen und indiſchen Geſetze ſind mir ebenſo geläufig, als die fran⸗ zöſiſchen; und ich hatte alſo vollkommen Recht, zu ſagen, daß ver⸗ hältnißmäßig(Sie wiſſen, daß Alles verhältnißmäßig iſt, mein Herr), alſo, daß verhältnißmäßig zu Allem, was ich gethan habe, Sie ſehr wenig gethan, und daß verhältnißmäßig zu Allem, was ich gelernt habe, Sie noch ſehr Vieles zu lernen haben.“ „Aber zu welchem Zwecke haben Sie denn das Alles gelernt?“ fragte Villefort erſtaunt. Monte⸗Chriſto lächelte. Wohl, mein Herr,“ ſagte er;„ich ſehe, daß Sie, ungeachtet ſres Rufes eines außerordentlichen Mannes, alle Dinge von dem materiellen und gewöhnlichen Geſichtspunkte der Geſellſchaft betrach⸗ ten, indem Sie bei dem Menſchen anfangen und bei dem Menſchen aufhören, alſo den eingeſchränkteſten und engſten Geſichtspunkt neh⸗ men, der dem menſchlichen Verſtande geſtattet iſt.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr,“ ſagte Villefort mit zunehmen⸗ dem Erſtaunen;„ich verſtehe Sie... nicht ganz.“ „Ich meine, mein Herr, daß Sie, die Augen auf die ſociale Organiſation der Nationen gerichtet, nur die Verrichtungen der Maſchine, nicht aber den erhabenen Werkmeiſter ſehen, der dieſelbe in Bewegung ſetzt; ich meine, daß Sie vor ſich und um ſich her nur die Inhaber der Stellen ſehen, deren Patente Miniſter und Der Graf von Monte⸗EChriſto. 42 ———— — —— —õ———õää — 658 Könige ausgefertigt haben, während die Männer, die Gott über die Inhaber der hohen Stellen, die Miniſter und Könige geſetzt, und ihnen eine Sendung zu erfüllen, ſtatt einen Poſten zu bekleiden ge⸗ geben hat, Ihren beſchränkten Blicken entgehen. Das iſt die Eigen⸗ thümlichkeit der menſchlichen Schwäche und ihrer mangelhaften, un⸗ vollſtändigen Organiſation. Tobias hielt den Engel, der ihm das Geſicht wieder zu verleihen kam, für einen gewöhnlichen Jüngling. Die Nationen hielten Attila, der ſie zu vertilgen gekommen war, für einen Eroberer, wie alle Eroberer, und Beide mußten erſt ihre göttlichen Sendungen erfüllen, um erkannt zu werden; der Eine mußte erſt ſagen:„Ich bin der Engel des Herrn,“ und der Andere: „Ich bin die Geißel Gottes,“ ehe das göttliche Weſen in Beiden erkannt wurde.“— „Dann halten Sie ſich alſo,“ ſprach Villefort immer erſtau⸗ nender und mit einem Schwärmer oder Narren zu reden glaubend, „für eines jener außerordentlichen Weſen, die Sie ſoeben anführten?“ „Warum nicht?“ verſetzte Monte⸗Chriſto kalt. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ entgegnete Villefort beſtürzt, „aber Sie werden mich entſchuldigen, daß ich, indem ich Sie auf, ſuchte, nicht zu einem Manne zu kommen glaubte, deſſen Geiſt und Kenntniſſe die der meiſten Menſchen ſo weit überſteigen. Bei uns unglücklichen, durch die Cioiliſation verdorbenen Menſchen iſt es nicht gewöhnlich, daß Edelleute, die wie Sie Beſitzer eines unge⸗ heuein Vermögens ſind, wie man mich verſichert hat(bemerken Sie⸗ daß ich nicht frage, ſondern nur wiederhole), alſo iſt es nicht ge⸗ wöhnlich, daß ſolche Repräſentanten des Reichthums ihre Zeit in ſocialen Spekulationen und philoſophiſchen Träumen verlieren, die vielmehr für Diejenigen paſſen, denen die Güter der Erde ver⸗ ſagt ſind.“ s„Eil mein Herr,“ erwiderte der Graf,„ſind Sie denn zu dem hohen Poſten, den Sie bekleiden, gekangt, ohne Ausnahmen gemacht, oder auch nur erlebt zu haben? und üben Sie Ihren Blick, der doch der Feinheit und Sicherheit ſo ſehr bedürfte, niemals, um auf den erſten Anblick zu errathen, welcher Mann vor Ihnen ſteht? Sollte ein Mitglied der Obrigkeit, wenn nicht der beſte Ausleger des Geſetzes, wenn nicht der liſtigſte Aufklärer der Dunkelheiten der Chikane, doch eine ſtählerne Sonde ſein, welche die Herzen durch⸗ meiſte Alſo, it ider die eſeßt, und lleiden ge⸗ die Eigen⸗ baften, un⸗ r ihm das Jänglig. amen war, neiſt ihre der Eine der Andere: in Beiden mer erſtau⸗ V glaudend, ſanführten?“ rt beſtürzt, ich Sie auf, n Geiſt und — Bei uns ſchen iſt es eines unge⸗ emerken Sie⸗ es nicht ge ihre Zeit in erlieren, die — rErde ver denn zu dem men gemacht, n Blick, der als, um auf Ihnen ſteht? iſte Ausleger kelheiten der derzen durch⸗ 659 forſcht, oder ein Probirſtein, um das Gold, deſſen jede Seele mehr oder weniger hat, heraus zu finden?“ „Mein Herr,“ ſagte Villefort,„Sie beſchämen mich, ich habe, auf Ehre, noch nie Jemand reden hören, wie Sie.“ „Das kommt daher, daß Sie immer im Kreiſe des Gemeinen geblieben ſind und nie ſich aufzuſchwingen gewagt haben zu jenen Sphären, die Gott mit unſichtbaren und außerordentlichen Weſen bevölkert hat.“ „Und Sie geben zu, mein Herr, daß dieſe Sphären exiſtiren, daß die außerordentlichen, unſichtbaren Weſen ſich uns nahen könnten?“ „Warum nicht? Sehen Sie die Luft, die Sie athmen und ohne welche Sie nicht leben könnten?“ „Alſo ſehen wir die Weſen nicht, die Sie meinen.“ „Nachdem es iſt, Sie ſehen dieſelben, wenn Gott ihnen ex⸗ laubt, ſich zu verkörpern; Sie berühren ſie, vereinigen ſich mit Ihnen, reden mit Ihnen, und ſie antworten.“ „Ach!“ ſagte Villefort lächelnd,„ich geſtehe, daß ich wohl be⸗ nachrichtigt ſein möchte, wenn ein ſo außerordentliches Weſen mit mir in Berührung kommen wird.“ „Ihr Wunſch iſt erfüllt, mein Herr; denn Sie ſind ſoeben auf⸗ merkſam gemacht worden, und ich mache Sie nochmals aufmerkſam.“ „Alſo Sie ſelbſt...... 4 „Ich bin eines jener außergewöhnlichen Weſen, ja mein Herr, und ich glaube, daß ſich noch nie ein Menſch in einer ähnlichen Stellung, wie ich, befunden hat. Die Königreiche ſind begrenzt 2 durch Berge, Flüſſe, Veränderung der Sitten oder der Sprache. Mein Reich iſt ſo groß wie die Welt, denn ich bin weder Italiener, noch Franzoſe, weder Indier, Spanier oder Amerikaner; ich bin Kosmopolit. Kein Land kann ich meine Heimath nennen, Niemand weiß, wo ich geboren bin, Gott allein weiß, wo ich ſterben werde. Ich nehme alle Gebräuche an, ich rede alle Sprachen. Sie halten mich für einen Franzoſen, nicht wahr? denn ich ſpreche ein ſo ge⸗ läuſiges und reines Franzöſiſch, als Sie. Nun wohl! Ali, mein Nubier, hält mich für einen Araber; Bertuccio, mein Haushof⸗ meiſter, für einen Römer; Haydée, meine Sklavin, für einen Griechen. Alſo, Sie begreifen, daß ich keinem Lande angehöre, von keiner 42* —õy——ℳ—ꝛ—— 7—— — — 4 8 — 660 Obrigkeit Schutz verlange, keinen Menſchen als meinen Bruder an⸗ erkenne, ſo kann keines der Hinderniſſe, welches die Mächtigen be⸗ chränkt, oder die Weiſen bedenklich macht, mich lähmen, oder mir Einhalt thun. Ich habe nur zwei Gegner, um nicht zu ſagen, zwei Beſieger, denn mit Beharrlichkeit unterwerfe ich ſie mir auch: das iſt der Raum und die Zeit. Der dritte und furchtbarſte iſt meine Sterblichkeit. Dieſe allein kann meine begonnene Laufbahn ab⸗ kürzen, ehe ich das mir geſteckte Ziel erreicht habe, alles Uebrige habe ich berechnet. Was die Menſchen die Fügungen des Schick⸗ ſals nennen, das heißt: Verarmung, Veränderung und alle ſonſtigen Mäöglicheiten, habe ich voraus bedacht und meine Vorkehrungen dagegen getroffen. So lange ich lebe, werde ich immer derſelbe bleiben; darum ſage ich Ihnen Dinge, die Sie noch nie gehört haben, ſelbſt nicht aus dem Munde von Königen, denn ſelbſt Kö⸗ nige können Ihrer bedürfen und die andern Menſchen fürchten Sie. Wer in einer ſo lächerlichen Verfaſſung als die unſrige, dächte wohl nicht einmal:„Vielleicht bekomme ich es einſt noch mit dem Procu⸗ rator des Königs zu thun!“ „Eil das können Sie ſelbſt denken, mein Herr, denn ſobald Sie in Frankreich wohnen, ſind Sie den franzöſiſchen Geſetzen unter⸗ worfen.“ „Ich weiß es, mein Herr,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„aber ehe ich in ein Land komme, ſtudire ich es. Durch mir eigene Hilfs⸗ mittel lerne ich alle Menſchen kennen, mit denen ich nur irgend in Berührung kommen, von denen ich Etwas zu hoffen oder zu fürchten haben könnte, und ich kenne ſie, ohne ſie je geſehen zu haben, oder ſie vielleicht jemals zu ſehen, genauer vielleicht, als Sie ſich ſelbſt kennen. Folglich würde der Procurator des Königs, er möchte ſein, wer er wollte, mit dem ich jemals zu thun bekommen könnte, mehr in Verlegenheit kommen, als ich ſelbſt.“ „Das heißt,“ entgegnete Villefort zögernd,„daß... da die menſchliche Natur einmal gebrechlich iſt, jeder Menſch, Ihrer Mein⸗ ung nach... Fehler... begangen hat.“ „Fehler oder Verbrechen,“ antwortete Monte⸗Chriſto nachläſſig. „Und daß Sie allein unter den Menſchen, die Sie nicht als Ihre Brüder anerkennen, wie Sie ſelbſt ſagten,“ fuhr Villefort mit leicht bebender Stimme fort,„daß Sie allein vollkommen ſind?“ Streiten, an, daß 3 die theolu ſolchem fo dem Hoch ſteht Gott ſo tiefen? Hochmulh eine Schl überragt, Hochmuth gemacht! „Da jetzt zum Fremden, ariſtokrat wenn Sie durchdrine mögen Si ſich. Ab „Jc „Ung „Auk Leben, S⸗ litkeit de „Siehe T ddald Sie en unter⸗ aber ehe ſe Hilfs⸗ t irgend oder zu ſehen zu als Sie nigs, er ekommen . da die er Mein⸗ acläſſig. nicht als fort mit ſind?“ „ 661 „Nein! nicht vollkommen,“ antwortete der Graf,„undurch⸗ dringlich, das iſt das Ganze. Aber brechen wir davon ab, mein Herr, wenn das Geſpräch Ihnen mißfällt; ich habe ſo wenig von Ihrer Juſtiz zu fürchten, als Sie von meiner Doppeſſchtigkeit.“ „Nein! nein! mein Herr,“ ſagte Villefort lebhaft, der ohne Zweifel nicht den Anſchein haben wollte, das Feld räumen zu müſſen; „nein! durch Ihre glänzende, faſt erhabene Unterhaltung haben Sie mich über den gewöhnlichen Standpunkt erhoben; wir ſchwatzen nicht⸗ wir erörtern. Nun wiſſen Sie, daß die Theologen in den Lehr⸗ ſtühlen der Sorbonne, oder die Philoſophen bei ihren gelehrten Streiten, einander mitunter harte Wahrheiten ſagen; nehmen wir an, daß wir einen gelehrten Streit über die ſociale Theologie und die theologiſche Philoſophie führen, und laſſen Sie mich Ihnen in ſolchem folgende rauhe Wahrheit ſagen: Mein Bruder, Sie fröhnen dem Hochmuth; Sie ſtel der den Andern, aber über Ihnen ſteht Gott.“ „Ueber Allen, mein Herr,“ antwortete Monte⸗Chriſto in einem ſo tiefen Tone, daß Villefort unwillkürlich davor ſchauderte.„Mein Hochmuth iſt gegen die Menſchen gerichtet, und immer bereit, wie eine Schlange ſich gegen den zu bäumen, der ſie mit der Stirn überragt, ohne ſie mit dem Fuße zu zertreten. Aber ich beuge dieſen Hochmuth vor Gott, der mich aus dem Nichts gezogen und zu dem gemacht hat, was ich bin.“ „Dann, mein Herr Graf, bewundere ich Sie,“ ſagte Villefort, jetzt zum erſten Male in dieſer ſonderbaren Unterhaltung, dem Fremden, den er bis dahin nur: mein Herr, angeredet hatte, dieſe ariſtokratiſche Benennung zukommen laſſend.„Ja, ich ſage Ihnen, wenn Sie wirklich ſtark, überlegen, wirklich unantaſtbar, oder un⸗ durchdringlich ſind, was, wie Sie ganz richtig ſagen, Eins iſt, dann mögen Sie immerhin hochmülhig ſein, das bringt die Herrſchaft mit ſich. Aber haben Sie nicht irgend ein Ziel, wonach Sie ſtreben?“ „Ich habe eins, mein Herr.“ „Und welches?“ „Auch mich führte, wie wohl jeden Menſchen einmal in ſeinem Leben, Satan auf den höchſten Berg der Erde, zeigte mir die Herr⸗ lichkeit der ganzen Welt und ſigie zu mir, wie einſt zu Chriſtus: „Siehe Dich um, Menſchenlind, was ſoll ich Dir geben, wenn Du f 662 mich anbeteſt?“ Da überlegte ich lange, denn wirklich beherrſchte ſchon lange der Ehrgeiz mein Herz; dann antwortete ich:„Höre! ich habe immer von der Vorſehung reden hören und doch ſie nie ggeſehen, ſo wenig wie etwas, was ihr gleicht, weshalb ich glaube, daß ſie nur ein Gebilde der Einbildungskraft iſt; ich will die Vor⸗ ſehung ſein, denn das Schönſte, Größte und Erhabenſte, was ich mir denken kann, iſt die Macht, zu belohnen und zu ſtrafen.“ Aber Satan ſenkte ſein Haupt und ſeufzte:„Du irrſt,“ ſagte er,„die Vorſehung exiſtirt wirklich; Du ſiehſt ſie nur nicht, weil ſie, eine Tochter des Herrn, unſichtbar wie ihr Vater iſt. Du haſt nichts geſehen, was ihr gleicht, weil ſie nach verborgenen Grundſätzen waltet und auf unſichtbaren Wegen wandelt; Alles, was ich thun kann, iſt, Dich zu einem Werkzeuge dieſer Vorſehung zu machen.“ Der Vertrag wurde gemacht, er koſtet mich vielleicht meine Seele; aber was ſchadet das, ſtände es in meiner Macht, ihn aufzuheben, ſo würde ich es nicht thun.“ Villefort ſah Monte⸗Chriſto mit dem höchſten Erſtaunen an. „Herr Graf,“ ſagte er,„haben Sie Angehörige?“ „Nein, mein Herr, ich bin allein auf der Welt.“ „Um ſo ſchlimmer!“ „Wie ſo?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Weil Sie dann ein Schauſpiel hätten ſehen können, das im Stande geweſen wäre, Ihren Hochmuth zu brechen. Sie fürchten nur den Tod, ſagen Sie?“ 4 „Ich ſage nicht, daß ich ihn fürchte, ſondern daß nur er allein mich aufhalten kann.“ 7 „Und das Alter?“ „Meine Sendung wird erfüllt ſein, ehe ich alt werde.“ „Und wenn Sie den Verſtand verlören?“ „Ich habe ihn nicht verloren, obgleich ich wohl Urſache dazu gehabt hätte. Sie kennen den Grundſatz: non bis idem; es iſt ein criminaliſtiſcher Grundſatz, folglich ſchlägt er in Ihr Fach.“ „Mein Herr,“ antwortete Villefort,„es giebt noch andere Dinge zu fürchten als der Tod, Alter und Wahnſinn: z. B. den Schlagfluß, dieſen Blitzſtrahl, der Sie trifft, ohne Sie zu zerſtören, und nach welchem indeſſen doch Alles aus iſt; Sie ſind es immer noch und doch ſind Sie es auch nicht, Sie, der Sie wie Ariel dem Stunde, der alte⸗ der der( tier, dem dem Läuf ſobald de Noirtier ein gelät heißt vo ſtummer. aber wie almählig „Ac weder m Medizine den, wie Vorſehu Herzen, Seneca, ſanmenf ic, daß ne Seele; ußzuheben, nen an. „ das im e fürchten er allein d.“ ſache dazu es iſt ein h.“ och andere ³ B. den zerſtören, es immer Ariel dem ——ÿÿäüÿÿꝑ — Engel nahe ſtanden, ſind nur noch eine todte Maſſe, die, wie Ca⸗ liban, dem Thiere gleich iſt; das nennt man ganz einfach, wie ich 663 Ihnen eben ſagte, einen Schlagfluß. Wenn es Ihnen beliebt, un⸗ ſere Unterredung gelegentlich bei mir fortzuſetze Graf, einmal Luſt haben, einen Gegner wieder verſteht, und begierig iſt, Sie zu widerlegen, n, wenn Sie, Herr aufzuſuchen, der Sie ſo kommen Sie zu mir, und Sie ſollen meinen Vater ſehen, Herrn Noirtier von Ville⸗ fort, einen der eifrigſten Jakobiner der franzöſiſchen Revolution, einigte, einen Mann, der, nicht wie Sie, alle der die glänzendſte Kühnheit mit der kräftigſten Organiſation ver⸗ Reiche der Erde ge⸗ ſehen, aber geholfen hatte, eines der bedeutendſten derſelben um⸗ zuſtoßen; einen Mann endlich, der, wie Sie, eines der Werkzeuge nicht Gottes, ſondern des höchſten Weſens, nicht der Vorſehung, ſondern des Geſchicks, zu ſein glaubte. Nun wohl, mein Herr, das Zerſpringen eines Blutgeſäßes in einem Lappen des Gehirns, hat das Alles vernichtet, nicht an einem Tage, Stunde, nein, in einer Secunde. Am Abend auch nicht in einer war Herr Noirtier, der alte Jakobiner, der geweſene Senator, der ehemalige Carbonaro, der der Guillotine, der Kanonen, des Dolches tier, dem ganz Frankreich nur ein ungeheueres ſpottete, Herr Noir⸗ Schachbret war, vor dem Läufer, Springer, Thürme und Königin verſchwinden mußten, „ſobald der König matt wor, noch der gefürchtete und furchtbare Noirtier und den anderen Morgen, dieſer arme Herr Noirtier, ein gelähmter Greis, von dem ſchwächſten Weſen im Hauſe, das heißt von ſeiner Enkelin Valentine, die ihn pflegt, abhängig; ein ſtummer, erſtarrter Leichnam endlich, der nur noch ohne Freude, aber wie ich hoffe, auch ohne Schmerz fortlebt, um dem Stoff zur allmähligen Auflöſung Zeit zu laſſen.“ „Ach! mein Herr,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„dieſes Schauſpiel iſt weder meinen Augen, noch meinem Geiſte fremd; ich bin etwas Mediziner und habe, wie meine Collegen mehr als einmal im leben⸗ den, wie im lebloſen Stoffe die Seele geſucht aber ſie iſt, wie die Vorſehung, meinen Augen verborgen geblieben, obgleich ſie meinem Herzen gegenwärtig war. Hundert Autoren haben ſeit Sokrates, Seneca, St. Auguſtin und Gall, in Proſa und in Verſen die Zu⸗ ſammenſtellung gemacht, die Sie ſoeben mach ich, daß die Leiden eines Vaters großen E ten, indeſſen begreife influß auf den Geiſt 664 eines Sohnes haben können. Ich werde, da Sie, mein Herr, die Eüte haben, mich dazu aufzufordern, kommen, und zu meiner Deh⸗ müthigung dieſes ſchreckliche Schauſpiel ſehen, das Ihr Haus ſehr betrüben muß.“ „Das würde es gewiß, wenn Gott mir nicht reichen Erſatz gegeben hätte. Dem Greiſe gegenüber, der mühſam abwärts geht, um das Leben zu verlaſſen, blühen zwei Kinder auf, die in das Leben eintreten: Valentine, eine Tochter aus erſter Ehe mit Fräu⸗ lein Renée von Saint⸗Méran, und Eduard, der Knabe, dem Sie das Leben gerettet haben.“ „Und was ſchließen Sie aus dieſem Erſatz, mein Herr?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ich ſchließe daraus, mein Herr,“ antwortete Villefort,„daß mein Vater, durch Leidenſchaften hingeriſſen, Fehler begangen hat, die der N ſchhen Gerechtigkeit entgangen ſind, ben vom der göltlichen Gerechtigkeit nicht ungeſtraft bleiben!... und daß Gott, da er nur den Schuldigen ſtrafen wollte, nur ihn allein getroffen hat.“ Monte Chriſto ſtieß, äußerlich lächelnd, im Innerſten ſeines Herzens ein Brüllen aus, vor welchem Villefort, wenn er es hätte hören können, die Flucht ergriffen haben würde. „Leben Sie wohl, mein Herr,“ ſagte der Beamte, der ſchon früher aufgeſtanden war;„ich verlaſſe Sie jetzt mit einem Gefühle von Achtung, das Ihnen hoffentlich angenehm ſein würde, wenn Sie mich beſſer kennten, denn ich bin, was Sie auch von mir den⸗ ken mögen, kein gewöhnlicher Menſch. An Frau von Villefort haben Sie ſich übrigens eine ewige Freundin erworben.“ Der Graf verbeugte ſich und begleitete Villefort bis an die Thür des Zimmers, von wo aus zwei Diener denſelben bis zu ſei⸗ nem Wagen führten, den ſie ihm öffneten. „Nun,“ ſagte Monte Chriſto, tief aufathmend, als der Procu⸗ rator des Königs fort war,„nun für's Erſte Gift genug, und jetzt, wo mein Herz davon überfüllt iſt, will ich Gegengift ſuchen!“ Er ſchlug einmal an die widerhallende Glocke und ſagte zu Ali, der ſogleich erſchien: „Ich gehe zur gnädigen Frau; in einer halben Stunde ſoll der Wagen bereit ſein!“ die glücklichen ichiſtrahl der geben, hatte, reißendſte He dieſes ihm ſehend, hatte zurückgezogen gebieter ſchn Es war die er bei H nicht auf ein und als mü werden, wie müſſen. Die jun dem Grafen liſch eingerich ſchen Teppich hangen und die nach Wi innern Umfan Haydée Bedienung. der ſchon Gefühle de, wenn mir den⸗ fot haben err Procu⸗ und jetzt, en!“ ſegte zu 3 L. Haydée. Der Leſer wird ſich der neuen, oder vielmehr alten Bekannten des Grafen Monte Chriſto erinnern, die in der Straße Meslay wohnen: Maximilian, Julie und Emanuel. Die Hoffnung auf dieſen Beſuch, den er machen wollte, auf 1 die glücklichen Augenblicke, die er dort zuzubringen hoffte, auf dieſen Lichtſtrahl des Paradieſes in die Hölle, in die er ſich freiwillig be⸗ geben, hatte, im Augenblicke, wo Villefort abgefahren war, die hin⸗ reißendſte Heiterkeit über das Geſicht des Grafen ergoſſen, und Ali, dieſes ihm ſo theure Geſicht von einer ſo ſeltenen Freude ſtrahlen ſehend, hatte ſich auf den Zehenſpitzen mit angehaltenem Athem urückgezogen, wie um die wohlthuenden Gedanken, die er um ſeinen Gebieter ſchweben zu ſehen glaubte, nicht zu verſcheuchen. Es war Mittag: der Graf hatte ſich eine Stunde vorbehalten, die er bei Haydée zubringen wollte; es war, als könnte die Freude nicht auf ein Mal von dieſer ſo lange gequälten Seele Beſitz nehmen, mund als müſſe dieſelben auf die ſüßen Empfindungen vorbereitet werden, wie andere Seelen ſich auf heſtige Bewegungen vorbereiten müſſen. Die junge Griechin wohnte, wie wir ſchon geſagt haben, von dem Grafen gänzlich getrennt. Ihre Wohnung war ganz orienta⸗ 4 liſch eingerichtet; das heißt, die Fußböden waren mit dicken türki⸗ ſchen Teppichen bedeckt, die Wände mit den reichſten Brokaten be⸗ hangen und in jedem Zimmer lief ein breiter Divan mit Kiſſen, die nach Willkür weggenommen werden konnten— den ganzen innern Umfang deſſelben entlang. Haydée hatte drei Franzöſinnen und eine Griechin zu ihrer Bedienung. Die drei Franzöſinnen befanden ſich in dem erſten 666 Zimmer, bereit, auf den Ton eines kleinen goldenen Glöckchens hin⸗ zueilen, und das zu thun, was die griechiſche Sclavin, die franzöſiſch genug verſtand, um den drei Zofen den Willen der Gebieterin kund zu thun, ihnen im Namen derſelben befehlen werde. Monte⸗Chriſto hatte den Franzöſinnen befohlen, Haydée mit der Ehrfurcht und Rückſicht zu begegnen, als wäre ſie eine Königin. Das junge Mädchen war in dem entlegenſten Zimmer ihrer Wohnung, nämlich in einem runden Boudoir, welches nur von oben Licht erhielt und in welches der Strahl des Tages nur durch roſen⸗ farbene Scheiben drang. Sie lag am Fußboden, auf Kiſſen von blauem, mit Silber durchwirktem Atlas; mit dem Kopfe hintenüber an dem Divan gelehnt, hatte ſie ihren weichgerundeten rechten Arm über denſelben liegen, während ſie mit der zarten linken Hand ein Rohr von Korallen an ihre Lippen führte, durch das ein biegſamer Cylinder den Dampf, den ihr ſanfter Athem einſog, nur durch Benzoe⸗ Waſſer parfümirt, leitete. Ihre, einer orientaliſchen Frau ſo natürliche Stellung würde einer Franzöſin einen Anſchein von Ziererei oder Coquetterie gegeben haben. Ihr Anzug war der der Frauen von Epirus, nämlich Bein⸗ kleider von weißem, mit rothen Blumen überſäetem Atlas, aus welchem zwei Füßchen hervorſahen, die man für Marmor von Paros gehalten haben würde, wenn ſie nicht mit zwei kleinen Sandalen mit gekrümmten Spitzen, die mit Gold und Perlen geſtickt waren, geſpielt hätten; ein Unterkleid mit langen blau und weißen Streifen, ſilberumſäumten Knopflöchern und Knöpfen von Perlen; endlich eine Art von Mieder, deſſen herzförmiger Ausſchnitt den Hals und den obern Theil des Buſens frei ließ und das unter dem Buſen mit drei Diamanten zugeknöpft war; um die Taille ſchlang ſich ein ſeidener Gürtel von den lebhafteſten Farben mit den langen Fran⸗ ſen, die unſere eleganten Pariſerinnen ſo ſehr lieben. Auf dem Kopfe hatte ſie, etwas nach einer Seite gerückt, eine, mit Gold und Perlen geſtickte griechiſche Calotte, unter der auf der niederhängenden Seite eine purpurrothe natürliche Roſe, mit einer Fülle ſo ſchwarzen Haares, daß es blau ſchimmerte, hervorquellend ſich vermiſchte. Die Schönheit dieſes Geſichtes war die griechiſche, in ihrer hielt, und reic „Warum, ler von Spart biteen, zu mi nicht mehr D Monte C „Haydée „Warum junge Griechi mußt Du mie „Haydée Faankreich ſin „Frei? „Frei, u „Dich ve „Was w 13 wi „Und we Einen fändeſt Ich ha und habe nie „Armes Du faſt nur „Nun w ſe hintenüber n rechten Arm len Hand ein ein biegſamer durch Benzoe⸗ telung wüdde tterie gegeben nämlich Bein⸗ 1 Atlas, aus or von Paroz nen Sandalen gettict waren, ißen Streifen, nz endlich eine Hals und den en Buſen mit hlang ſich ein langen Fran⸗ e gerückt, eine, er der auf der koſe, mit eine hervorquelend ſche, in ihrer 667 höchſten Vollendung, mit ihren großen, ſammetartigen, ſchwarzen Augen, ihrer Marmor⸗Stirn, ihrer geraden Naſe, ihren Korallen⸗ lippen und Perlenzähnen. Ueber dieſes ganz reizende Bild goß die Jugend all' ihren Glanz und Duft aus; Haydée konnte ungefähr achtzehn bis zwanzig Jahre zählen. Monte Chriſto ließ durch die griechiſche Dienerin anfragen, ob ihm der Eintritt geſtattet ſei. Statt der Antwort machte Haydée der Griechin ein Zeichen, den Vorhang der Thüre aufzuheben, deren Geſims das liegende junge Mädchen wie ein reizendes Gemälde einrahmte. Monte Chriſto näherte ſich ihr. Haydée ſtützte ſich auf den Ellbogen des Armes, der das Rohr hielt, und reichte dem Grafen lächelnd die andere Hand. „Warum,“ fragte ſie in der wohlklingenden Sprache der Töch⸗ ter von Sparta oder Athen,„warum läßt Du mich um Erlaubniß bitten, zu mir zu kommen? Biſt Du nicht mehr mein Herr? ich nicht mehr Deine Sclavin?“ Monte⸗Chriſto betrachtete ſie immer noch lächelnd. „Haydée,“ ſagte er,„Sie wiſſen...“ „Warum ſagſt Du nicht Du, wie immer?“ unterbrach ihn die junge Griechin,„habe ich denn einen Fehler begangen? Dann mußt Du mich ſtrafen, aber nicht Sie nennen.“ „Haydée,“ antwortete der Graf,„Du weißt, daß wir in Frankreich ſind und Du mithin frei biſt.“ „Frei? wozu?“ fragte das junge Mädchen. „Frei, um mich zu verlaſſen.“ „Dich verlaſſen!... Und warum ſollte ich Dich verlaſſen?“ „Was weiß ich's? wir werden die Welt ſehen.“ „Ich will Niemand ſehen.“ „Und wenn Du unter den jungen Leuten, die Du ſehen wirſt, Einen fändeſt, der Dir gefiele, würde ich nicht ſo ungerecht ſein...“ „Ich habe nie einen ſchöneren Mann geſehen, als Du biſt, und habe nie Jemand geliebt, als Dich und meinen Vater.“ „Armes Kind!“ ſagte Monte⸗Chriſto,„daß kommt daher, daß Du faſt nur mit Deinem Vater und mir geſprochen haſt.“ „Nun wohl, iſt es denn nothwendig, daß ich mit Anderen 668 ſpreche? Mein Vater nannte mich ſeine Freude, Du nennſt mich Deine Liebe, und alle Beide nanntet Ihr mich Euer Kind.“ „Erinnerſt Du Dich Deines Vaters, Haydée?“ Das junge Mädchen lächelte. „Er iſt hier und hier,“ ſagte ſie, ihre Hand auf Herz und Augen legend. „Und ich, wo bin ich?“ fragte Monte⸗Chriſto lächelnd. „Du,“ ſagte ſie,„Du biſt überall.“ Monte⸗Chriſto ergriff ihre Hand, um ſie zu küſſen, aber das kindliche Mädchen zog die Hand zurück und bot ihm die Stirn. „Jetzt, Haydée,“ ſagte er,„weißt Du, daß Du frei biſt, daß Du Herrin, ja Königin biſt: Du kannſt Deinen Anzug beibehalten, oder ihn verändern, wie es Dir gefällt! Du kannſt hier bleiben, wenn Du willſt, ausgehen, wenn Du willſt; ein Wagen wird immer für Dich angeſpannt ſein; Ali und Myrtho werden Dich überall begleiten und Deine Befehle vollziehen; nur um Eins bitte ich Dich.“ „Sprich.“ 4 „Bewahre das Geheimniß Deiner Geburt, ſage nie und Nie⸗ mandem ein Wort über Deine Vergangenheit; ſprich unter keiner Bedingung den Namen Deiner erlauchten Eltern aus.“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, Herr, ich werde Niemand ſehen.“ „Höre, Haydée, dieſe orientaliſche Abgeſchloſſenheit wird ſich in Paris vielleicht nicht durchführen laſſen; lerne die Lebensweiſe in den nördlichen Ländern kennen, wie Du die von Rom, Forenz, Mailand und Madrid kennen gelernt haſt; das wird Dir immer nützlich ſein, Du magſt hier bleiben, oder nach dem Orient zurück⸗ kehren.“ Das junge Mädchen blickte den Grafen mit ihren großen feuch⸗ ten Augen an und ſagte:“ „Oder wenn wir nach dem Orient zurückkehren, willſt Du ſa⸗ gen, nicht wahr, o Herr?“ „Ja, meine Tochter,“ antwortete Monte⸗Chriſto,„Du weißt wohl, daß ich mich aus eigenem Antriebe nie von Dir trennen werde. Der Baum verläßt nicht die Blume; die Blume verläßt den Baum.“ „Ich werde Dich niemals verlaſſen, Herr,“ ſprach Haydée, „denn ich weiß, daß ich ohne Dich nicht leben kann.“ „Nein, de Du bnmen wi Du gekommen Geinnerungen, t nit dem Pind ih drei Gefühle daaurigkeit, Li „Du biſt und poetiſch, göttinnen abſte auhig, meine: Deine Jugend ſen Vater, ſo „Du irrſt Later nicht, m ſt geſtorben u ſewiß nicht leb Der Graf imigſter Zärtli Aypen darauf. Und der G lumilie vorbere „Die Juge Glüclich der, n Der Wage wie immer mit nie und Nie⸗ hunter keiner emand ſehen.“ heit wird ſich Ledensweiſe Rom, Forenz, dd Dir immer Drient zurück⸗ großen feuch⸗ willſt Du ſa⸗ 0,„Du weißt zDir trennen Blume verläßt 669 „Armes Kind! in zehn Jahren werde ich alt ſein, und Du biſt in zehn Jahren noch ganz jung.“ „Mein Vater hatte einen langen, weißen Bart, das hielt mich nicht ab, ihn zu lieben; mein Vater war ſechzig Jahre alt und ſchien mir ſchöner, als alle junge Leute, die ich ſah.“ „Aber, ſage mir, glaubſt Du, daß Du Dich hier gewöhnen wirſt.“ „Werde ich Dich ſehen?“ „Alle Tage.“ „Nun alſo! warum fragſt Du mich denn, Herr?“ „Ich fürchte, daß Du Dich langweilen wirſt.“ „Nein, Herr, denn des Morgens werde ich daran denken, daß Du kommen wirſt, und des Abends werde ich mich erinnern, daß Du gekommen biſt; übrigens, wenn ich allein bin, habe ich große Erinnerungen, ich ſehe unermeßliche Gemälde, unbeſchränkte Horizonte, mit dem Pindus und dem Olymp in der Ferne, und dann habe ich drei Gefühle im Herzen, mit denen man nie Langeweile hat: Traurigkeit, Liebe und Dankbarkeit.“ „Du biſt eine würdige Tochter von Epirus, Haydée, anmuthig und poetiſch, und man ſieht, daß Du von jener Familie von Göttinnen abſtammſt, deren Heimath Dein Vaterland iſt. Sei alſo ruhig, meine Tochter, ich werde Sorge tragen, daß Du nicht um Deine Jugend betrogen wirſt, denn, wenn Du mich liebſt wie Dei⸗ nen Vater, ſo liebe ich Dich nicht weniger, wie mein Kind.“ „Du irrſt Dich, Herr, ſo wie ich Dich liebe, liebte ich meinen Vater nicht, meine Liebe zu Dir iſt eine andere Liebe: mein Vater iſt geſtorben und ich lebe noch, während, wenn Du ſtürbeſt, ich gewiß nicht leben könnte.“ Der Graf reichte dem jungen Mädchen mit einem Lächeln voll innigſter Zärtlichkeit die Hand, ſie drückte wie gewöhnlich ihre Lippen darauf. Und der Graf, nun zu der Zuſammenkunft mit Morel und ſeiner Familie vorbereitet, verließ ſie mit folgenden Verſen Pindars: „Die Jugend iſt eine Blume, deren Frucht die Liebe iſt... Glücklich der, welcher ſie bricht, nachdem er ſie langſam reifen ſah.“ Der Wagen war bereit, er ſtieg hinein, und der Wagen flog „vie immer mit ihm dahin. vrach Haydee, 3 LI. Die Familie Morrel. Nach einigen Minuten hielt der Graf vor Nr. 7 in der Straße Meslay. Das Haus war weiß, lachend und von einem Hofe umgeben, den zwei kleine Gruppen wunderſchöner Blumen zierten. In dem Pförtner, der ihm die Thür öffnete, erkannte der Graf den alten Cocles. Da dieſer aber, wie der Leſer ſich erinnern wird, nur Ein Auge hatte und daſſelbe in neun Jahren ſehr ſchwach ge⸗ worden war, erkannte Cocles den Grafen nicht. Der Wagen mußte einen Halbkreis beſchreiben, um vorzu⸗ fahren, weil in der Mitte des Hofes aus einem mit Muſcheln aus⸗ gelegten Baſſin ein kleiner Waſſerſtrahl hervorſprudelte, eine Pracht welche ſehr viel Eiferſucht in dem Stadtviertel erregt und der Morrel⸗ ſchen Beſitzung die Benennung Klein⸗Verſailles erworben hatte. Es iſt überflüſſig, zu erwähnen, daß es in dem Baſſin von Gold⸗ und Silberſiſchchen wimmelte. Das Haus, in deſſen Souterrain Küche und Keller waren, hatte außer dem Erdgeſchoſſe zwei ganze Etagen und auch noch unter dem Dache viel bewohnbaren Raum; die jungen Leute hatten es mit allem Zubehör gekauft, welches in einem unermeßlichen Atelier, zwei Gartenhäuſern und dem Garten ſelbſt beſtand. Emanuel hatte auf den erſten Blick geſehen, daß hier eine kleine Spekulation zu machen war; er hatte das ganze Haus und die Hälfte des Gartens für ſich behalten, das Atelier aber, nebſt der anderen Hälfte des Gartens und den beiden Gartenhäuſern, vermiethet, und dieſen Theil ſeines Beſitzthumes von dem, welchen er ſelbſt benutzte, durch eine Mauer getrennt, ſo daß er ziemlich billig und eben ſo abge⸗ ſeine Gigarte vor der Pfot Cocles von ſeinem bault und! Nonte⸗Chriſ „Für d garre forſſc düchte doch, gauſend Dar haben.“ Und d lich, daß! pſanges ko erwartet w „Komr einführen; angemeldet die verwell ſeine beiden Frau Herbe um Herrn polytechniſch Das( fünfundzwa in der Straße doſe umgeben tten. 4 annte der oraf erinnern wird . 7 ehr ſchwach ge⸗ en, um vorzu⸗ Muſcheln aus⸗ te, eine Pracht und der Morrel⸗ erworben hatte. dem Baſſin von dKeleer waren, auch noch unter Leute hatten es eßlichen Atelier, Emanuel hatte 3 Spekulation zu lſte des Gartens deren Häſſte des het, und dieſen t benutte, duch d eben ſo äbge⸗ ſchloſſen wohnte, als der genaunehmendſte Beſitzer eines Hotels in der Faubourg St. Germain. Der Eßſaal war mit Eichenholz getäfelt, der Salon mit Aca⸗ jou und mit blauem Sammet decorirt, das Schlafzimmer mit Citronen⸗ holz und grünem Damaſt; außerdem war noch ein Arbeitszimmer für Emanuel da, der nicht arbeitete, und ein Muſik⸗Salon für Julie, die nicht muſikaliſch war. Die zweite Etage war ganz für Maximilian beſtimmt; ſie war ganz wie die Wohnung ſeiner Schweſter eingerichtet, nur daß für ihn aus dem Eßſaale ein Billardzimmer gemacht war, wohin er ſeine Freunde, die ihn beſuchten, zu führen pflegte. Er beaufſichtigte ſelbſt die Wartung ſeines Pferdes und rauchte ſeine Cigarre am Eingange des Gartens, als der Wagen des Grafen vor der Pforte hielt. Cocles öffnete dieſelbe, wie ſchon geſagt, und Baptiſtin, ſich von ſeinem Sitze ſchwingend, fragte, ob Herr und Madame Her⸗ bault und Herr Maximilian Morrel für den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto ſichtbar ſeien. „Für den Grafen von Monte⸗Chriſto!“ rief Morrel, ſeine Ci⸗ garre fortſchleudernd und dem Angemeldeten entgegeneilend,„ich dächte doch, ich dächte, daß wir für ihn ſichtbar ſind! Ach! Dank, zauſend Dank, Herr Graf, daß Sie Ihr Verſprechen nicht vergeſſen haben.“ Und der junge Offizier drückte die Hand des Grafen ſo herz⸗ lich, daß dieſem kein Zweifel über die Aufrichtigkeit dieſes Em⸗ pfanges kommen konnte, und er wohl ſah, daß er mit Ungeduld erwartet war und mit Freude aufgenommen wurde. „Kommen Sie, kommen Sie,“ ſagte Maximilian,„ich will Sie einführen; ein Mann wie Sie muß nicht durch einen Domeſtiken angemeldet werden; meine Schweſter iſt in ihrem Garten, ſie ſchneidet die verwelkten Roſen aus; mein Bruder lieſ't zehn Schritte von ihr ſeine beiden Journale, die„Preſſe“ und die„Débats“; denn wo Frau Herbault iſt, braucht man nur einige Schritte um ſich zu ſehen, um Herrn Emanuel zn finden, und ſo gegenſeitig, wie ſie in der polytechniſchen Schule ſagen.“ 8 Das Geräuſch der Schritte bewog eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, die ein ſeidenes Morgengewand anhatte ———ZV— . — 672 und mit großer Sorgfalt einen prachtvollen Noi pflückte, den Kopf in die Höhe zu heben. Dieſe Frau war unſere kleine Julie, die, wie es ihr der Be⸗ vollmächtigte des Hauſes Thomſon und French vorhergeſagt hatte, Madame Emanuel Herbault geworden war. Sie ſchrie auf, als ſie einen Fremden ſah. Maximilian lachte. „Laſſ' Dich nicht ſtören, Schweſterchen,“ ſagte er,„der Herr Graf iſt erſt zwei oder drei Tage in Paris, weiß aber doch ſchon, was es mit einer Eigenthümerin im Marais auf ſich hat, und ſollte er's nicht wiſſen, dann wirſt Du ihn es lehren.“ „Ach, mein Herr!“ ſagte Julie,„Sie hierher zu führen, das iſt eine Verrätherei von meinem Bruder, der auch nicht ein bischen eitel in die Seele ſeiner armen Schweſter iſt... Penelon!.. Penelon!... Ein Greis, der eine Hecke von bengaliſchen Roſen behackte, lehnte ſeine Hacke an, und kam näher, die Mütze in der Hand, wobei er den Tabak, den er kauete, vor Verlegenheit aus einer Backe in die andere warf. Sein noch volles Haar fing an ſilber⸗ weiß zu werden, während ſeine bronzene Geſichtsfarbe und ſein kühnes, lebhaftes Auge den alten Seemann ankündigten, den die Sonne des Aequators gebräunt und die Seeſtürme abgehärtet hatten. „Ich glaube, Sie haben mich angerufen*), Mamſell Julie,“ ſagte er,„da bin ich.“ Penelon hatte die Gewohnheit, die Tochter ſeines Patrons Mamſell Julie zu nennen, beibehalten, und konnte ſich noch nicht gewöhnen, ſie Madame Herbault zu nennen. „Penelon,“ ſagte Julie,„ſagt Herrn Emanuel, welchen ange⸗ nehmen Beſuch wir haben, während Maximilian den Herrn in den Salon führt.“ Dann zu Monte⸗Chriſto gewendet, ſagte ſie: „Sie werden mir ſchon erlauben, einen Augenblick zu ent⸗ fliehen, nicht wahr, mein Herr?“ Und ſtatt die Antwort abzuwarten, ſchlüpfte ſie hinter eine Baumgruppe und flog durch eine Seitenallee dem Hauſe zu. ſett⸗Roſenſtock aus⸗ *) héler, mit dem Sprachrohr anrufen, auf Schiffen. ſagte Monte⸗ milian's Her jaber die j auch Millio Arzt. Er w atmen Vate fünfhundert Schweſter Kinder. I. zu beſitzen, und ſeinen Frau. Er gewonnen! rührendes beiden fleif zu dem grü väterlichen um zu bew auch wider heldenmütt Der Graf d dſenſtoch an ihr der geſagt t hatte nilian ladte der derr 4 ſchon, 3 hat, und füdm das t ein bischen entln. ſen behackte der Hand, it aus einer ng an ſilber⸗ de und ſein ten, den die jabgehärtet nſell Julie, nes Patronz c noch nicht zelchen ange⸗ derrn in den lick zu ent⸗ binter eine ſſe zu. ———————— 673 „Ach! mein lieber Herr Morrel,“ ſagte Monte⸗ Chriſto,„ich ſehe mit Betrübniß, daß ich viel Unruhe in Ihrer Familie ver⸗ urſache.“ „Sehen Sie, ſehen Sie,“ ſagte Maximilian lachend,„ſehen Sie dort unten den Mann, der ſeinerſeits eilt, ſeine Jacke gegen einen Ueberrock zu vertauſchen? O! man kennt Sie in der Straße Mes⸗ lay, Sie waren angemeldet, das glauben Sie mir.“ „Sie ſcheinen mir da eine glückliche Familie zu haben, mein Herr,“ ſagte der Graf, mehr ſeine eigenen Gedanken beantwortend. „O ja! dafür ſtehe ich Ihnen, Herr Graf, und warum ſollte es auch nicht ſein, es fehlt ihnen nichts zum Glücke. Sie ſind jung, heiter und lieben ſich, und mit ihren fünfundzwanzigtauſend Livres Renten glauben ſie, die doch ſo vielen unendlichen Reichthum um ſich her ſehen, die Schätze der Rothſchild's zu beſitzen.“ „Das iſt aber wenig, fünfundzwanzigtauſend Livres Renten,“ ſagte Monte⸗Chriſto mit einer ſo weichen Sanftmuth, daß ſie Maxi⸗ milian's Herz durchdrang, wie die Stimme eines zärtlichen Vaters; „aber die jungen Leute werden dabei nicht ſtehen bleiben, ſie werden auch Millionäre werden. Ihr Herr Schwager iſt Advokat... oder Arzt...“ „Er war Kaufmann, Herr Graf, und hatte das Haus meines armen Vaters übernommen. Herr Morrel hinterließ, als er ſtarb, fünfhunderttauſend Franken, wovon ich die eine Hälfte und meine Schweſter die andere bekam, denn wir waren die beiden einzigen Kinder. Ihr Mann, der ſie geheirathet hatte, ohne etwas Anderes zu beſitzen, als ſeine edle Rechtſchaffenheit, ſeine hohe Intelligenz und ſeinen fleckenloſen Ruf, wollte eben ſo viel beſitzen, als ſeine Frau. Er arbeitete, bis er zweihundertundfünfzigtauſend Franken gewonnen hatte; das war in ſechs Jahren geſchehen. Es war ein rührendes Schauſpiel, Herr Graf, das ſchwöre ich Ihnen, dieſe beiden fleißigen Kinder zu ſehen, ſo einig, durch ihre Eigenſchaften zu dem größten Glücke befähigt, und die, in den Gewohnheiten des väterlichen Hauſes nichts ändern wollend, ſechs Jahre brauchten, um zu bewerkſtelligen, was Neuerer in zwei Jahren erreicht hätten; auch widerhallt Marſeille noch von dem Lobe, welches man ſolcher heldenmüthigen Entſagung nicht verſagen kann. Endlich kam Emanuel Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 43 ——— —— — 4 9 ————— 674 eines Tages zu ſeiner Frau, als dieſelbe eben ihre Leute bezahlt und ihre Haushaltungsrechnungen abgeſchloſſen hatte.“ „Julie,“ ſagte er zu ihr,„hier iſt die letzte Hundert⸗Franken⸗ Rolle, die mir Cocles ſoeben eingehändigt hat und die noch an den zweihundertfünfzigtauſend Franken fehlte, die wir als die Summe, mit welcher wir unſere Beſtrebungen des Erwerbs ſchließen wollten, beſtimmt hatten. Wird dieſes Wenige, mit dem wir uns künftig begnügen müſſen, Dich befriedigen? Das Haus macht ein jährliches Geſchäft von einer Million und kann vierzigtauſend Franken reinen Ertrag gewinnen. Wir können, wenn wir wollen, das ganze Ge⸗ ſchäft in Zeit von einer Stunde für dreihunderttauſend Franken ver⸗ kaufen, denn hier dieſer Brief von Herrn Delaunay bietet ſie uns, mit der Bedingung, daß wir unſer Capital in ſeinem Geſchäfte laſſen. Laſſ' ſehen, was Du dazu meinſt.“ „„Mein Freund,“ ſagte meine Schweſter,„das Haus Morrel kann nur durch einen Morrel gehalten werden. Den Namen un⸗ ſeres Vaters auf immer vor allen möglicherweiſe ungünſtigen Con⸗ juncturen geſichert zu haben, wiegt das nicht dreimalhunderttauſend Franken auf?““ „„Das war meine Anſicht,“ antwortete Emanuel,„doch will ich auch die Deinige wiſſen.““ „„Nun denn! Beſter, das iſt ſie. Alles, was wir ausſtehen hatten, iſt eingezogen, Alles, was wir ſchuldig waren, iſt bezahlt. Wir können einen Strich unter unſere Rechnung ziehen und unſere Comptoire ſchließen. Ziehen wir den Strich, ſchließen wir die Comptoire!“ Geſagt, gethan. Es war drei Uhr; um drei ein Viertel kam ein Client, der zwei Schiffe verſichern laſſen wollte; es war ein reiner Gewinn von fünfzehntauſend Franken.“ „„Mein Herr,“ ſagte Emanuel,„wenden Sie ſich gefälligſt wegen dieſer Verſicherung an Herrn Delaunay. Was uns betrifft, wir haben das Geſchäft aufgegeben.““ Und ſeit wann?“ fragte der erſtaunte Client. Seit einer Viertelſtunde.““ 9 „- „Und ſo geht es zu, Herr Graf,“ fuhr Maximilian lächelnd fort,„daß meine Schweſter und ihr Mann nur fünfundzwanzig⸗ tauſend Livres Renten haben.“ Marimil des Grafen Enanuel mi rode eiſcim ſacers kemn artie, dem Der Sal glumen durd Julie, ſaube that in zehn Man h. zweige von von blauem gezwitſcher! rieden. Auch al Haus des F Einfluß aus giſſend, dai erſten Compl Er be entriß ſich Ver „ ze Sie verwu was mich zufriedenhe daß ich ni „Wir „aber wir h ihr Glück ſt Die N ' 4 „DV. l Ihnen neul wohnt ſind ſehen, weni haben wir, letet ſie uns, m Geſchäſte eſtigen Con⸗ inderttauſend ,„doch will ir ausſtehen „iſ bezahlt. und unſere zen wir die um drei ein en wollte; es ich gefälligſ uns betrifft, lian lächelnd fundzwanzig⸗ 675 Maximilian hatte dieſe Erzählung, während welcher das Herz des Grafen ſich immer mehr erweitert hatte, kaum beendet, als Emanuel mit einem Hute in der Hand und in einem feinen Ueber⸗ rocke erſchien; er grüßte, wie ein Mann, der den Werth des Be⸗ ſuchers kennt, dann führte er den Grafen um eine große Blumen⸗ partie, dem Hauſe zu. Der Salon war von dem balſamiſchen Geruche einer Fülle von Blumen durchduftet, die eine japaniſche Vaſe kaum faſſen konnte. Julie, ſauber gekleidet und reizend coiffirt(ſie hatte dieſe Helden⸗ that in zehn Minuten vollbracht) empfing den Grafen an der Thür. Man hörte die Vögel einer nahen Volieére zwitſchern; die Zweige von Platanen und Akazien ſpielten um die blauen Vorhänge von blauem Sammet. Alles in dieſem reizenden Aufenthalte, vom Gezwitſcher der Vögel, bis auf das Lächeln der Beſitzer, athmete Frieden. Auch auf den Grafen hatte, ſeit ſeinem Eintritte in dieſes Haus des Friedens, das Glück der Bewohner deſſelben ſchon ſeinen Einfluß ausgeübt, denn er blieb ſtumm und träumeriſch, ganz ver⸗ geſſend, daß man ihn anſah, und die Fortſetzung der, nach den erſten Complimenten unterbrochenen Unterhaltung von ihm erwartete. Er bemerkte dieſes faſt unſchicklich werdende Schweigen, und entriß ſich mit Anſtrengung ſeiner Träumerei. „Verzeihen Sie mir, Madame,“ ſagte er,„eine Rührung, die Sie verwundern muß, Sie, die Sie an dieſen Frieden, dieſes Glück, was mich hier umfängt, gewöhnt ſind; für mich indeſſen iſt die Zufriedenheit auf einem menſchlichen Geſichte etwas ſo Ungeahntes, daß ich nicht müde werde, Sie alle Drei zu betrachten.“ „Wir ſind wirklich ſehr glücklich, Herr Graf,“ antwortete Julie, „aber wir haben lange gelitten, und gewiß haben wenige Menſchen ihr Glück ſo theuer erkauft, als wir.“ Die Neugier ſprach ſich in den Zügen des Grafen aus. „O! das iſt eine Familiengeſchichte, wie Chateau⸗Renaud Ihnen neulich ſagte; ſie wird für Sie, Herr Graf, der Sie ge⸗ wohnt ſind, berühmtes Unglück und überſchwengliche Freuden zu ſehen, wenig Intereſſe haben,“ ſagte Maximilian.„Auf jeden Fall haben wir, wie meine Schweſter Ihnen geſagt hat, ſehr lebhafte 43* 676 Schmerzen empfunden, obgleich ſie auf einen kleinen Geſichtskreis beſchränkt waren.“ „Und hat Gott Ihnen, wie er immer thut, nach dem Leiden den Troſt gegeben?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Ja, Herr Graf, das können wir wohl ſagen,“ antwortete Julie,„denn er hat für uns gethan, was er nur für ſeine Aus⸗ erwählten thut, er hat uns einen ſeiner Engel geſendet.“ Die Röthe ſtieg in die Wangen des Grafen, und er huſtete, um einen Vorwand zu haben, ſein Tuch an den Mund zu halten, und ſo ſeine Bewegung zu verbergen. „Diejenigen, die in einer Purpurwiege lagen, und nie etwas zu wünſchen hatten, wiſſen nicht was das ſagen will, das Glück, zu leben; ſo wie diejenigen nicht den Werth eines heitern Himmels kennen, die niemals auf vier Bretern, dem ungeſtümen Meere an⸗ vertraut, ihr Leben gewagt haben.“ Monte⸗Chriſto ſtand auf, und da er nicht im Stande war, etwas zu erwidern, weil das Beben ſeiner Stimme die Aufregung ſeines Innern verrathen haben würde, ging er mit großen Schritten in dem Salon umher. „Sie lächeln über unſere Pracht, Herr Graf,“ ſagte Maxi⸗ milian, der Monte⸗Chriſto mit den Augen folgte. „Nein, nein,“ antwortete dieſer, ſehr bleich, und die Schläge ſeines Herzens mit einer Hand unterdrückend, während er mit der andern auf eine Glas⸗Glocke deutete, unter welcher eine ſeidene Börſe ſorgfältig auf einem ſchwarzen Sammet⸗Kiſſen gebettet lag. „Ich wundere mich nur über dieſe Börſe, in der, wie es mir ſcheint, auf einer Seite ein Papier und auf der andern ein ziem⸗ lich ſchöner Diamant ſich befindet.“ Maximilian antwortete mit ernſter Miene und feierlichem Tone: „Dieſes, mein Herr Graf, iſt unſer köſtlichſter Familienſchatz.“ „Wirklich, dieſer Diamant iſt ſchön,“ erwiderte Monte⸗Chriſto. „O! mein Bruder meint nicht den Werth des Steines, ob⸗ gleich er hunderttauſend Franken geſchätzt iſt, Herr Graf; er will nur ſagen, daß die Gegenſtände, welche dieſe Börſe enthält, die Reliquien des Engels ſind, von dem eben die Rede war,“ fiel Julie ein. „Das kann ich nicht verſtehen, und darf doch nicht danach Mad fragen, Ne Sie mit, „Unbeſe u Gtente 3 düſen, G lung,an we wollt ten, 3 möchten die zittern unſ verriethe. Ahl „ hervor. „Herr die Lörſe kü der meinen unſern Nam den wir ar heute unſer milian übe Börſe genon an dem Ta ſchluß gefaß kannte mei Monte unbeſchreib kannte, an zeichnete Bi „Unbe Dienſt leiſt „Ja, wohlthätige wir nicht Maximilia etwas Geh⸗ wie durch O D. gegeben, d Sefchtre 5 dem Leden „ antwottete t ſeine A tt. ls⸗ et huſtete, zu hal Nten, ind nie etwas 1 das Gl lüc, tern dimnels en Meere an⸗ Sinde war, den Schritzen ſagte Nax⸗ d er mit der reine ſeidene gebettet lag. „vie es mir dern ein ziem⸗ rlichem Tone: amilienſchatz.“ Monte Chriſto. Steines, ob⸗ Graf; er will eenthält, die de war,“ fiel nicht danach 677 fragen, Madame,“ ſprach Monte⸗Chriſto, ſich verneigend;„verzeihen Sie mir, ich wollte nicht unbeſcheiden ſein.“ „Unbeſcheiden, ſagen Sie? O! wie glücklich machen Sie uns im Gegentheil, Herr Graf, indem Sie uns Gelegenheit geben, uns über dieſen Gegenſtand auszuſprechen! Wenn wir die ſchöne Hand⸗ lung, an welche dieſe Börſe erinnert, wie ein Geheimniß verbergen wollten, würden wir ſie nicht ſo allen Blicken ausſetzen. O! wir möchten dieſelbe in der ganzen Welt bekannt machen, damit ein Zittern unſeres unbekannten Wohlthäters uns ſeine Gegenwart verriethe.“ „Ah! wirklich,“ brachte Monte⸗Chriſto mit erſtickter Stimme hervor. „Herr Graf,“ ſagte Maximilian, die Glocke aufhebend und die Börſe küſſend,„dieſe Börſe lag einſt in der Hand eines Mannes, der meinen Vater vom Selbſtmorde und vom Banquerott, und unſern Namen von der Schande errettet hat; eines Mannes, durch den wir armen, dem Elend und den Thränen geweihten Kinder heute unſer Glück preiſen hören können. Dieſer Brief,“ Maxi⸗ milian übergab bei dieſen Worten den Brief, den er aus der Börſe genommen hatte,„dieſer Brief wurde von ihm geſchrieben, an dem Tage, wo mein Vater einen ſehr verzweiflungsvollen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, und dieſen Diamant ſchenkte derſelbe Unbe⸗ kannte meiner Schweſter zu ihrer Ausſteuer.“ Monte⸗Chriſto entfaltete den Brief und las ihn mit einem unbeſchreiblich glücklichen Gefühle; es war das unſern Leſern be⸗ kannte, an Julie gerichtete und„Sindbad der Seefahrer“ unter⸗ zeichnete Billet. „Unbekannt ſagen Sie? Alſo iſt der Mann, der Ihnen dieſen Dienſt leiſtete, Ihnen unbekannt geblieben?“ „Ja, mein Herr, niemals haben wir das Glück gehabt, ſeine wohlthätige Hand zu drücken; indeſſen liegt es nicht daran, daß wir nicht täglich um dieſe Gunſt zu Gott gefleht hätten,“ fügte Maximilian hinzu,„aber es waltet über dieſe ganze Begebenheit etwas Geheimnißvolles, das wir nicht begreifen können, ſie wurde wie durch die Hand eines unſichtbaren Zauberers geleitet.“ „O!“ fiel Julie ein,„ich habe noch nicht alle Hoffnung auf⸗ gegeben, dieſe Hand noch eines Tages zu küſſen, wie ich jetzt dieſe 678 Börſe küſſe, welche von derſelben berührt iſt. Vor vier Jahren war Penelon in Trieſt; Penelon, Herr Graf, iſt der wackere alte Seemann, den Sie mit einer Hacke in der Hand geſehen haben und der das Amt eines Bootsmannes jetzt mit dem unſers Gärt⸗ ners vertauſcht hat. Penelon alſo war in Trieſt, und ſah auf dem Quai einen Engländer in einer Nacht unter Segel gehen, in wel⸗ chem er den Mann erkannte, der am fünften Juni 1829 zu meinem Vater kam, und der am fünſten September deſſelben Jahres dieſes Billet an mich ſchrieb. Es war gewiß Derſelbe, wie er verſichert, aber er wagte nicht, ihn anzureden.“ „Ein Engländer!“ fragte träumeriſch Monte⸗Chriſto, den jeder Blick Juliens beunruhigte;„ein Engländer, ſagen Sie?“ „Ja,“ antwortete Maximilian,„ein Engländer, der ſich als Bevollmächtigter des Hauſes Thomſon und French in Rom vor⸗ ſtellte. Darum ſahen Sie mich zuſammenfahren, als Sie neulich bei Herrn von Morcerf ſagten, daß dieſe Herren ihre Banquiers wären. Im Namen des Himmels, Herr Graf, die Begebenheit trug ſich, wie wir Ihnen ſchon geſagt haben, 1829 zu. Haben Sie dieſen Engländer gekannt?“ „Aber haben Sie mir nicht auch geſagt, das Haus Thomſon und French habe fortwährend beharrlich geleugnet, Ihnen dieſen Dienſt erwieſen zu haben?“ „Ja.“ „Sollte dann dieſer Engländer nicht vielleicht ein Mann ge⸗ weſen ſein, der Ihrem Vater für irgend eine gute Handlung, die er vielleicht ſelbſt vergeſſen hatte, Dankbarkeit ſchuldig war und ſich dieſer Gelegenheit bediente, dieſelbe zu beweiſen?“ „In gewiſſen Umſtänden, Herr Graf, iſt Alles vorauszuſetzen, ſelbſt ein Wunder.“ „Wie hieß er?“ fragte Monte⸗Chriſto. „Er hat uns keinen andern Namen hinterlaſſen,“ antwortete Julie, den Grafen mit äußerſter Aufmerkſamkeit anſehend,„als den, womit er dies Billet unterzeichnet hat:„Sindbad der See⸗ fahrer.““ „Was wahrſcheinlich nur ein angenommener Name iſt.“ Dann, als Julie ihn noch aufmerkſamer anſah und ſichtlich daran,“ ſ Sie uns Sage do finden, lehren?“ Mo wieder e unterdrüf fürchte i zwei ode nach de weifle, are Vanguier ie Begebenheit 3o zu. Haben daus Thomnſen. A. Ihnen dieſen ein Mann ge⸗ Handlung, de duldig war und vorauszuſetzen, en,“ antwortete anſehend,„als ndbad der See dame iſt.“ ah ud ſclch 679 angeſtrengt auf jeden Laut ſeiner Stimme horchte, ſagte er ſo kalt als möglich:t „Wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben, iſt es nicht ein Mann ungefähr von meiner Geſtalt, vielleicht etwas größer und ſchlanker, in einer hohen Cravatte ſteckend, von oben bis unten zugeknöpft, geſchnürt, gegürtet, und immer eine Bleifeder in der Hand?“ „O! Sie kennen ihn alſo?“ rief Julie mit vor Freude funkeln⸗ den Augen. „Nein,“ ſagte Monte⸗Chriſto,„es iſt nur eine Vermuthung. Ich kannte einen Lord Willmore, von dem man ſich ſolche Züge der Großmuth erzählte.“ „Und der ſich nicht zu erkennen gab?“ „Er war ein Sonderling, der nicht an Dankbarkeit glaubte.“ „Ol mein Gott!“ rief Julie mit gefalteten Händen und wahr⸗ haft erhabenem Tone,„woran glaubte er denn, der Unglückliche?“ „Zu der Zeit, als ich ihn kannte, glaubte er wenigſtens nicht daran,“ ſagte Monte⸗Chriſto, den dieſe aus Herzensgrunde tönende Stimme bis in die innerſte Fiber aufgeregt hatte;„aber ſeit der Zeit hat er vielleicht irgend einen Beweis erhalten, daß es wirklich Dankbarkeit giebt.“ „Und Sie kennen dieſen Mann, Herr Graf?“ fragte Emanuel. „Ol wenn Sie ihn kennen,“ rief Julie,„ſagen Sie, können Sie uns zu ihm führen, uns ihn zeigen, uns ſagen, wo er iſt? Sage doch, Maximilian, ſage doch, Emanuel, wenn wir ihn jemals finden, wollen wir ihn nicht das Gedächtniß des Herzens kennen lehren?“ Monte⸗Chriſto fühlte zwei Thränen in ſeinen Augen; er machte wieder einen Gang durch den Salon. „Im Namen des Himmels, Herr Graf,“ ſagte Maximilian, „wenn Sie etwas von dieſem Manne wiſſen, ſagen Sie es uns!“ „Ach,“ ſagte Monte⸗Chriſto, die Bewegung ſeiner Stimme unterdrückend,„wenn Lord Willmore Ihr Wohlthäter iſt, dann fürchte ich, werden Sie ihn niemals auffinden. Ich habe ihn vor zwei oder drei Jahren in Palermo geſehen und er war im Begriff, nach den fabelhafteſten Ländern zu reiſen, ſo daß ich ernſtlich zweifle, ob er jemals zurückkehren wird.“ 680 „Ach! mein Herr, Sie ſind grauſam!“ rief Julie mit Schrecken, und die Thränen kamen ihr in die Augen. „Madame,“ ſprach Monte⸗Chriſto würdevoll, die beiden klaren Perlen, welche Juliens Wangen hinabrollten, mit den Augen ver⸗ ſchlingend,„wenn Lord Willmore hätte ſehen können, was ich hier ſehe, würde er das Laben noch lieben, denn die Thränen, welche Sie vergießen, würden ihn mit dem menſchlichen Geſchlechte ver⸗ ſöhnen.“ Und er bot Julien die Hand, die ihm, von ſeinem Ton und Blick hingeriſſen, die ihrige gab. 1 „Aber dieſer Lord Willmore,“ ſagte ſie, ſich an eine letzte Hoffnung anklammernd,„hatte eine Heimath, eine Familie, Ver⸗ wandte, er war gekannt? können wir denn nicht?...“ „O! forſchen Sie nicht, Madame,“ verſetzte der Graf,„bauen Sie nicht ſchöne, glänzende Luftſchlöſſer auf dieſes Wort, das mir entſchlüpfte. Nein, wahrſcheinlich iſt Lord Willmore der Mann nicht, den Sie ſuchen, er war mein Freund, ich kannte alle ſeine Geheimniſſe, er würde mir auch hiervon erzählt haben.“ „Und er hat Ihnen nichts geſagt?“ rief Julie. „Nein.“ „Niemals ein Wort, aus dem Sie hätten ſchließen können?...“ „Niemals.“ „Und doch nannten Sie ihn ſoeben.“ „Ach! Sie wiſſen ja... in ſolchen Fällen, Vermuthungen.“ „Liebe Schweſter,“ ſagte Maximilian, dem Grafen zu Hilfe kommend,„der Herr hat Recht. Erinnere Dich, was unſer guter Vater ſo oft geſagt hat:„es iſt kein Engländer, der uns dieſes Glück bereitete.““ Monte⸗Chriſto zitterte. „Ihr Vater ſagte Ihnen, Herr Morrel?“... fiel er leb⸗ haft ein. „Mein Vater, Herr Graf, ſah in dieſer Handlung ein Wunder. Mein Vater glaubte, unſer Wohlthäter ſei für uns dem Grabe entſtiegen. O! welcher rührende Aberglaube war das, Herr Graf, und obgleich ich ſelbſt nicht daran glaube, war ich doch weit ent⸗ fernt, dieſen Glauben in ſeinem edlen Herzen zerſtören zu wollen! Und wie oft dachte er in wachen Träumen darüber nach, und liebe Ihr! denn dieſes vergeſſen h Und e „Das ſagte Emat ⸗ vottrefflich „Und Herzen wi es nicht d können?.„ muthungen⸗ aſen zu Hilfe unſer guter t uns dieſes fiel er leb⸗ ein Punder. dem Grabe „Herr Graf, och weit ent⸗ zu wollen! nach, und ſprach ganz leiſe den Namen eines ſehr lieben Freundes, eines verlorenen Freundes, aus, und als er ganz nahe am Sterben war, als die Nähe der Ewigkeit ſeinem Geiſte etwas von der Helle jen⸗ ſeits des Grabes mitgetheilt hatte, wurde jener Gedanke, der bis dahin nur Vermuthung geweſen war, zur Ueberzeugung bei ihm, und die letzten Worte, die er ſterbend ausſprach, waren:— „Maximilian, es war Edmond Dantes!““ Die Bleichheit des Grafen, die ſeit einigen Secunden zuge⸗ nommen hatte, wurde bei dieſen Worten erſchreckend. All ſein Blut drängte ſich zum Herzen, er konnte keinen Laut von ſich geben; er zog ſeine Uhr, als habe er die Stunde vergeſſen, nahm ſeinen Hut, machte Madame Herbault ein verlegenes, ungeſtümes Compliment, drückte Emanuel's und Maximilian's Hände, und ſagte: „Madamo, erlauben Sie mir, zuweilen wiederzukommen. Ich liebe Ihr Haus und bin Ihnen ſehr dankbar für ihre Aufnahme, denn dieſes iſt das erſte Mal ſeit vielen Jahren, daß ich mich vergeſſen habe.“ Und er ging mit großen Schritten hinaus. „Das iſt ein ſonderbarer Mann, dieſer Graf Monte⸗Chriſto,“ ſagte Emanuel. „Ja,“ antwortete Maximilian,„aber ich glaube, daß er ein vortreffliches Herz hat, und bin überzeugt, daß er uns liebt.“ „Und ich,“ ſagte Julie,„fühlte ſeine Stimme in meinem Herzen widerhallen, und zwei oder drei Mal war es mir, als ſei es nicht das erſte Mal, daß ich ſie höre.“ LII. Byramus und Thisbe. Im zweiten Drittel der Faubourg Saint⸗Honoré dehnt ſich hinter einem ſchönen Hotel, welches bemerkenswerth iſt zwiſchen den bemerkenswertheſten Beſitzungen dieſes reichen Viertels, ein weiter Garten aus, deſſen dichte, dickbelaubte Kaſtanienbäume die ungeheu⸗ ren, wie die Wälle hohen Mauern überragen und, wenn der Früh⸗ ling kommt, ihre weiß und rothen Blüthen in zwei, auf zwei vier⸗ eckigen Säulen ſtehende Stein⸗Vaſen fallen laſſen, die einer eiſernen Gitterpforte aus der Zeit Ludwig XIII. zur Einfaſſung dienen. Dieſer großartige Eingang iſt ungeachtet der köſtlichen Gera⸗ nien, die in den Vaſen ſprießen, und deren marmorirte Blätter und purpurfarbene Blumen im Winde ſchwanken, ſeit die Beſitzer des Hotels ſich(und das iſt lange her) auf das Hotel, den mit Bäu⸗ men bepflanzten Hof deſſelben und den Blumengarten beſchränkt haben, vernagelt. Ehedem führte dieſe Gitterpforte in einen Küchen⸗ garten von der Größe eines Morgens, der zu der Beſitzung gehörte. Als aber der Dämon der Speculation einen Strich, das heißt eine Straße, an dieſem Garten vorbeigezogen hatte und dieſe Straße, ehe ſie noch exiſtirte, vermöge einer braunen Glastafel ſchon einen Namen hatte, glaubte man dieſen Garten verkaufen zu können, um auf der Straße zu bauen und mit jener großen Hauptader von Paris, die man le Faubourg Saint-Honoré nennt, zu concurriren. Aber in Hinſicht der Speculation heißt es: der Menſch denkt, das Geld lenkt; die ſchon getaufte Straße ſtarb in den Windeln; der Ankäufer des Küchengartens konnte, nachdem er denſelben ganz bezahlt hatte, keine Gelegenheit finden, ihn ohne Schaden wieder zu verkaufen, und die Zeit abwartend, wo er ihn beſſer würde zu Gelde machen können, begnügte er ſich, ihn vorläufig an einen Gemüſegärtner für fünfhundert Franken jährlich zu vermiethen. Das li was frii fünftig † lalionen Nicht hede ſe man e zerfrißt frhen 2 ſechs duß führt.2 daß nich dieſes He In Erbſen un Beweis ¹ niedtige gewährt den ſeine der ſeit bringen, Auf ſagt hab blühende in die laubun bezeichn Zuſamn Zurückg dert Se gebende geheim gegen erquicke fernung Geräuſ G noch d dts dehnt ſ , ein weiter e die ungehen⸗ enn der Fllh⸗ auf zwei vier⸗ einer eiſernen ng dienen. ſtlicen Gera⸗ de Blätter und de Beſizer des den mit Bäu⸗ den deſchränkt einen Küchen⸗ ſitung gehörte das heißt eine dieſe Straße, ſel ſchon einen zu können, um dauptader von u concurriren. Menſch denkt, den Windeln; denſelben ganz ſchaden wieder eſſer würde zu zufig an einen vermiethen. 683 Das heißt ſein Kapital zu einem halben Procent anlegen, was freilich in unſern Tagen, wo ſo viele Leute ihr Kapital zu fünfzig Procent anlegen und noch finden, daß bei Geld⸗Specu⸗ lationen ſehr wenig herauskomme, nicht viel iſt. Nichts deſto weniger iſt das Gitter des Gartens, durch welches man ehedem in den Küchengarten kam, vernagelt, und der Roſt zerfrißt ſeine Angeln; ja, damit gemeine Gemüſegärtner mit ihren frechen Blicken nicht den ariſtokratiſchen Raum entheiligen, iſt ein ſechs Fuß hoher Breterverſchlag vor dem Gitter ſchützend aufge⸗ führt. Allerdings ſind die Breter nicht ſo dicht zuſammengefügt, daß nicht ein verſtohlener Blick hindurch ſchlüpfen könnte; aber dieſes Haus iſt ein ernſtes, was keine Indiscretionen fürchtet. In dem Küchengarten ſprießt ſtatt Kohl, Rüben, Radieschen, Erbſen und Melonen: Luzerne, die alle Beete bedeckt und der einzige Beweis von Bebauung dieſes verlaſſenen Raumes iſt. Eine kleine niedrige Thür, die ſich nach der beabſichtigten Straße zu öffnet, gewährt den Eintritt in dieſen von Mauern umgebenen Raum, den ſeine Miether ſeiner Unfruchtbarkeit wegen verlaſſen haben und der ſeit acht Tagen, ſtatt wie früher ein halbes Procent einzu⸗ bringen, ganz und gar nichts mehr einbringt. Auf der Seite nach dem Hotel zu, krönen, wie wir ſchon ge⸗ ſagt haben, Kaſtanienbäume die Mauer, was aber andere üppig blühende Bäume nicht abhält, auch ihre nach Luft begierigen Zweige in die Zwiſchenräume zu drängen. In einer Ecke, wo die Be⸗ laubung ſo dicht war, daß das Tageslicht ſie kaum durchdrang, bezeichnete eine breite ſteinerne Bank und mehre Gartenſtühle einen Zuſammenkunftsort, oder den Lieblingsaufenthalt irgend eines die Zurückgezogenheit liebenden Familiengliedes. Das Hotel war hun⸗ dert Schritte entfernt, und man ſah es kaum zwiſchen den es um⸗ gebenden Wällen von Laubwerk. Uebrigens war die Wahl dieſes geheimnißvollen Aſyls zu gleicher Zeit durch den Schutz, den es gegen die Sonne verlieh, und durch die hier herrſchende beſtändige erquickende Kühle, durch das Gezwitſcher der Vögel und die Ent⸗ fernung von Haus und Straße, das heißt von Geſchäften und Geräuſch, gerechtfertigt. Gegen den Abend eines der heißeſten Tage, die der Frühling noch den Einwohnern von Paris gewährt hatte, befand ſich auf — — 1 684 der ſteinernen Bank ein Buch, ein Sonnenſchirm und ein Arbeits⸗ körbchen, in welchem ein Battiſttuch mit noch nicht vollendeter Stickerei lag; und nicht weit von dieſer Bank ſtand ein junges Mädchen an dem YVerſchlage, die durch die Spalte deſſelben den wüſten Raum, den wir kennen, überſah. Faſt in demſelben Augenblicke öffnete ſich geräuſchlos die kleine Thür, und ein kräftig gebauter junger Mann, mit einer Blouſe von roher Leinwand und einer Sammetkappe, deſſen Schnurrbart, Bart und Haar ſo ſorgfältig gepflegt waren, daß ſie ſehr gegen dieſes Volks⸗Coſtüm abſtachen, erſchien in derſelben, die er, nach einem raſchen umherſpähenden Blicke, der ihn verſichern ſollte, ob auch Niemand lauſche, leiſe hinter ſich verſchloß und dem Gitter zueilte. Bei dem Anblicke deſſen, den ſie erwartete, aber wahrſcheinlich nicht in dieſem Coſtüme, erſchrak das junge Mädchen, und zog ſich zurück. Indeſſen hatte der junge Mann ſchon mit dem ſcharfen Zlicke, den nur Liebende haben, das weiße Kleid und den blauen Gürtel durch die Thürſpalten ſchimmern ſehen; er ſtürzte auf den Ver⸗ ſchlag zu und ſagte, ſeinen Mund an eine Oeffnung legend: „Fürchten Sie nichts, Valentine, ich bin's.“ Das junge Mädchen kam näher. „O! mein Herr,“ ſagte ſie,„warum kommen Sie denn heute ſo ſpät? Wiſſen Sie, daß es bald Zeit zum Diner iſt und daß ich viel Diplomatie und viel Pünktlichkeit habe anwenden müſſen, um meiner Mutter zu entwiſchen, die jeden meiner Schritte beob⸗ achtet, meiner Kammerfrau, die mich ausſpionirt, und meinem Bruder, der mich quält, um hier an dieſer Stickerei arbeiten zu können, die, wie ich fürchte, lange noch nicht fertig ſein wird. Wenn Sie ſich wegen Ihres ſpäten Kommens gerechtfertigt haben, dann ſagen Sie mir erſt, was dieſes neue Coſtüm bedeutet, das Sie anzulegen beliebt haben, und das mich beinahe verhindert hätte, Sie zu erkennen.“ „Liebe Valentine,“ verſetzte der junge Mann,„Sie ſtehen zu hoch für meine Liebe, als daß ich wagen dürfte, von derſelben zu reden, und dennoch, ſo oft ich Sie ſehe, kann ich mich nicht ent⸗ halten, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie anbete, damit der Widerhall beſtändig oder ein n zu ſehen, Gewerbe „Ach „Ich meinemL „Erl „Nu geſucht; d ich habe Valentin⸗ laſſen un Freude n Valentine nicht wa Wonne, mich.. 88 Nrbeit dolendeter ein j an pu es eſſelden 39 8 7 die kleine Met Ilouſe dnurthar edr gegen die er, no n ſollte ob dem Gitter ahrſcheinlih und zog ſich arfen Blick, auen Gürtel f den Ver⸗ gend: denn heute iſt und daß den müſſen, hritte beoh⸗ nd meinem orbeiten zu ſein wird. nigt haben, deutet, das e verhindert ie ſtehen zu derſelben zu h nicht ent⸗ r Widerhall 685 meiner eigenen Worte meinem Herzen ſanft ſchmeichelt, wenn ich Sie nicht ſehe. Jetzt danke ich Ihnen erſt für Ihr Schelten, es iſt bezaubernd, denn es beweiſ't mir, ich wage nicht zu ſagen, daß Sie mich erwarteten, aber daß Sie an mich dachten. Sie wollten die Urſache meiner Verſpätung und den Zweck meiner Verkleidung wiſſen; ich will es Ihnen ſagen, und hoffe, daß Sie Beides ent⸗ ſchuldigen werden; ich habe einen Stand gewählt.“ „Einen Stand... was wollen Sie damit ſagen, Maxi⸗ milian? Sind wir denn ſo glücklich, daß Sie von Dingen, die uns ſo wichtig ſind, im Scherz reden können?“ „Ol davor bewahre mich Gott,“ ſagte der junge Mann, in dem unſere Leſer ſchon Maximilian Morrel erkannt haben werden, „daß ich ſcherzen ſollte über das, was mein Leben iſt; aber über⸗ drüſſig, ein Mauern erkletternder Vagabond zu ſein, und ernſtlich erſchreckt von der Idee, die Sie neulich in mir erweckten, daß nämlich Ihr Vater mich eines Tages als Spitzbube gefangen neh⸗ men laſſen könnte, was die Ehre der ganzen franzöſiſchen Armee compromittiren würde, ſo wie nicht weniger erſchreckt von der Möglichkeit, daß man erſtaunen würde, einen Capitain der Saphi's beſtändig um dieſen Garten, wo auch nicht die kleinſte Feſtung oder ein noch kleineres Blockhaus zu vertheidigen iſt, umherſchweifen zu ſehen, bin ich Gemüſegärtner geworden und habe den zu meinem Gewerbe paſſenden Anzug angelegt.“ „Ach! welche Tollheit!“ „Ich halte es im Gegentheil für das Klügſte, was ich in meinem Leben gethan habe, denn es gewährt uns volle Sicherheit.“ „Erklären Sie ſich deutlicher.“ 1 „Nun wohll ich habe den Eigenthümer dieſes Raumes auf⸗ geſucht; der Contract mit den frühern Miethern war zu Ende und ich habe den Garten gemiethet. Alle dieſe Luzerne gehört mir, Valentine, ich kann mir, wenn ich will, hier eine Hütte bauen laſſen und künftig zwanzig Schritte von Ihnen leben. O! meine Freude und mein Glück, ich kann es nicht faſſen; begreifen Sie, Valentine, daß man ſo etwas bezahlen kann? Es iſt unmöglich, nicht wahr? Nun denn, alle dieſe Freude, dieſes Glück, dieſe Wonne, wofür ich zehn Jahre meines Lebens gegeben hätte, koſten mich... rathen Sie wie viel... fünfhundert Franken jährlich, — ——y— 686 in vierteljährlichen Zahlungen. Alſo, wie Sie ſehen, haben wir künftig nichts mehr zu fürchten. Ich bin hier zu Hauſe, ich kann Leitern an die Mauer ſetzen, und hinüber ſehen, und habe, ohne daß ich eine Patrouille zu befürchten brauche, das Recht, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liehe, wenn es Ihren Stolz nicht verletzt, die⸗ ſes von einem armen Gärtner mit einer grauen Blouſe und einer Mütze zu hören.“ Valentine ſtieß einen kleinen Schrei fröhlicher Ueberraſchung aus, dann ſagte ſie aber traurig, und als habe eine neidiſche Wolke plötzlich den in ihr Herz gedrungenen Sonnenſtrahl des Glückes verdunkelt.“. „Ach, Maximilian, wir werden nun zu frei ſein; wir werden Gott verſuchen, wir werden unſere Sicherheit mißbrauchen, und das wird uns unglücklich machen.“ „Können Sie mir das ſagen, meine Freundin, mir, der ich, ſeit ich Sie kenne, Ihnen jeden Tag beweiſe, daß ich meine Ge⸗ danken und meinen Willen Ihrem Willen und Ihren Gedanken untergeordnet habe? Was hat Ihnen Vertrauen zu mir eingeflößt? meine Ehre? nicht wahr? Als Sie mir ſagten, daß ein inſtinkt⸗ mäßiges Gefühl Ihnen ſage, es drohe Ihnen Gefahr, habe ich meine Hingebung Ihrem Dienſte geweiht, ohne weiter zu fragen und ohne andere Belohnung zu verlangen, als das Recht, Ihnen dienen zu dürfen. Habe ich ſeit dieſer Zeit durch ein Wort Ihnen Veranlaſſung gegeben, zu bereuen, daß ich es war, der Sie unter der Zahl derer, die glücklich geweſen wären, für Sie zu ſterben, auszeichneten? Sie armes Kind haben mir geſagt, daß Sie mit Herrn von Epinay verlobt wären, daß Ihr Vater dieſe Verbin⸗ dung beſchloſſen, das heißt ſo viel, daß ſie gewiß iſt, denn Alles was Herr von Villefort will, geſchieht unwiderruflich. Nun wohl! ich bin in der Verborgenheit geblieben, Alles erwartend, nicht von meinem Willen, aber von dem Ihrigen, von der Vorſehung, von Gott, und Sie lieben mich, theure Valentine, und haben es mir geſagt; Dank Ihnen für dieſes ſüße Wort, das ich Sie nur bitte, mir zuweilen zu wiederholen, und das mich Alles vergeſſen machen wird.“ „Und das iſt es eben, was Sie dreiſt gemacht hat, Maxi⸗ milian, das iſt es, was mir das Leben zugleich verſüßt und ver⸗ — die alten! nicht für un „Es i durch die preßte, ⸗ Sie haben milian; S Alles verl Bruders n meiner Mi liebt, als de meine nich deſſen Her Bittre Fü Opfer alle einen Leich Maximilic Sie habe Ihretwille haben wir e, ich kam d ohne derletzt, die⸗ und einer der nuſchung de nadiſhe nſtrahl d wir werden t, der ich, meine Ge⸗ Gedanden eingeflößt; ein inſtinkt⸗ , habe icj zu fragen dt, Ihnen Vort Ihnen Sie unter zu ſterben, aß Sie mit ieſe Verbin⸗ denn Alles Nun wohll h nicht von ſehung, von aben es mir e nur bitte, iſſen machen hat, Maxi⸗ ßt und ver⸗ 687 bittert, ſo daß ich mich oft frage, ob mir nicht der Kummer, den mir meine Stiefmutter verurſacht, indem ſie gegen mich lieblos iſt, während ſie ihr Kind in blinder Zärtlichkeit vergöttert, leichter zu ertragen iſt, als das gefährliche Glück, das ich genieße, wenn ich Sie ſehe.“ „Gefährlich!“ rief Maximilian; können Sie ein ſo hartes, un gerechtes Wort ausſprechen? Haben Sie jemals einen unterwür⸗ figern Sclaven geſehen, als ich bin? Sie haben mir erlaubt zu⸗ weilen mit Ihnen zu reden, Valentine, haben mir aber verboten, Ihnen zu folgen; ich habe Ihnen gehorcht. Seitdem ich nun ein Mittel gefunden habe, in dieſen Raum zu ſchlüpfen, durch die Spalten dieſes Verſchlages mit Ihnen zu reden, kurz, Ihnen nahe zu ſein, ohne Sie zu ſehen, habe ich jemals verlangt, ſagen Sie, nur den Saum Ihres Kleides durch das Gitter zu berühren? Habe ich jemals einen Verſuch gemacht, dieſe Mauer zu überſteigen, was für meine Kraft und Jugend eine Kleinigkeit wäre? Habe ich Ihnen je einen Vorwurf über Ihre Strenge gemacht? je einen Wunſch ausgeſprochen? Ich war ein Sclave meines Wortes, wie die alten Ritter. Geſtehen Sie das wenigſtens, damit ich Sie nicht für ungerecht erklären muß.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Valentine, einen ihrer zarten Finger durch die Spalten drängend, auf den Maximilian ſeine Lippen i preßte,„es iſt wahr, Sie ſind ein rechtſchaffener Freund. Aber Sie haben nur in Ihrem Intereſſe gehandelt, mein lieber Maxi⸗ milian; Sie wußten wohl, daß, wenn Sie Anſprüche machten, Sie Alles verlieren würden. Sie haben mir die Freundſchaft eines Bruders verſprochen, mir, die ich von meinem Vater vergeſſen, von meiner Mutter verfolgt, keinen Freund habe, kein Weſen, das mich liebt, als den ſtummen, unbeweglichen, erſtarrten Greis, deſſen Hand die meine nicht drücken, deſſen Auge allein zu mir reden kann, und deſſen Herz gewiß mit einer Art von Wärme für mich ſchlägt. Bittre Fügung des Geſchickes, das mich zur Feindin oder zum Opfer aller Derer macht, die ſtärker ſind als ich, und mir nur einen Leichnam zur Stütze und zum Freunde giebt! O! wilkklich, Maximilian, ich wiederhole es Ihnen, ich bin ſehr unglücklich und Sie haben Urſache, mich zu lieben um meinet⸗, wenn auch nicht um Ihretwillen.“ 688 „Valentine,“ ſagte der junge Mann tief gerührt,„ich will nicht fagen, daß ich nur Sie auf der Welt liebe, denn ich liebe auch meine Schweſter und meinen Schwager, aber mit einer ſanften und ruhigen Liebe, die in nichts meinem Gefühle für Sie gleicht; wenn ich an Sie denke, wallt mein Blut, meine Bruſt dehnt ſich aus, mein Herz droht mir zu zerſpringen; aber dieſe Kraft, dieſe Gluth, dieſe übermenſchliche Macht will ich nur verwenden, um Sie zu lieben, bis zu dem Tage, wo Sie meiner Dienſte begehren. Herr Franz von Epinay wird, wie man ſagt, noch ein ganzes Jahr reiſen; wie Vieles kann ſich in einem Jahre zu unſern Gunſten wenden, wie viele uns vortheilhafte Begebenheiten können ſich er⸗ eignen! Hoffen wir alſo immer noch, es iſt ſo gut und ſo ſüß, zu hoffen! Aber was ſind Sie, Valentine, die Sie mir meinen Egois⸗ mus vorwerfen, bis jetzt für mich geweſen? Die ſchöne und kalte Statue einer Veſtalin. Was haben Sie für meine Hingebung, meinen Gehorſam, meine Zurückhaltung mir verſprochen? Nichts. Was haben Sie mir gewährt? Sehr wenig. Sie ſprechen von Ihrem Verlobten, Herrn von Epinay, und ſeufzen bei dem Ge⸗ danken, einſt die Seinige zu werden. Iſt das Alles, Valentine, was Ihre Seele verbirgt? Wie! ich widme Ihnen mein Leben, ich gebe Ihnen meine Seele, ich weihe Ihnen den leiſeſten Schlag meines Herzens, und wenn ich ganz der Ihre bin, wenn ich nur leiſe zu mir ſelbſt ſage, daß ich ſterben muß, wenn ich Sie verliere, dann erſchrecken Sie noch nicht einmal bei dem Gedanken, einem Andern anzugehören. O! Valentine! Valentine! wenn ich an Ihrer Stelle wäre, wenn ich mich geliebt fühlte, wie Sie ſicher ſind es von mir zu ſein, ſchon hundert Mal hätte ich meine Hand durch dieſes Gitter gezwängt, die Hand des armen Maximilian gedrückt und zu ihm geſagt:„Dein, Maximilian, Dein allein will ich ſein in dieſer und jener Welt.““ Valentine antwortete nicht, aber der junge Mann hörte ſie ſeufzen und weinen. Dies verfehlte ſeine cchnelle Wirkung auf ihn nicht. „O!“ rief er,„Valentine! Valentine! vergeſſen Sie meine Worte, wenn dieſelben Sie verletzen konnten!“ „Nein,“ ſprach ſie,„Sie haben Recht, aber ſehen Sie denn nicht, daß ich ein armes, verlaſſenes Geſchöpf in einem mir faſt frem⸗ nich mit Sie gegen mi Sohn, me „Nur „Nun vom Gelde nigſtens g kein Verm und mein doppelt w Gott! we kaufen kö leben, ich „Arn „Ja, wie ich: reibenden nicht der kann; er es gegen Vergange Maximili Der Gr. ne und kalte dingedung, en Nichs ſprechen von bei dem Ge⸗ „Valentine, in Leben, ich ſeſten Schlag venn ich nur Sie verliere, anken, einem ich an Ihrer ſicher ſind es e Hand durch ilian gedrüct will ich ſein ann hörte ſe icht. en Sie meine zen Sie denn mir faſt ftem⸗ 689 den Hauſe bin, daß mein Vater mir kein Vater, ſondern ein kalter, ſtrenger Gebieter, daß mein Wille ſeit zehn Jahren Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute unter dem Willen eines eiſernen Joches, das auf mir ruht, gebrochen iſt? Niemand ſieht was ich leide, und Sie ſind der Erſte, dem ich es klage. Dem äußern Anſchein nach lacht mir Alles, liebt mich Alles, in Wirklich⸗ keit aber haßt mich Alles. Die Welt ſagt: Herr von Villefort iſt zu ernſt und ſtreng, um ein zärtlicher Vater gegen ſeine Tochter zu ſein, aber dagegen hat ſie das Glück in Frau von Villefort eine zweite Mutter zu beſitzen. Nun denn! die Welt täuſcht ſich. Meinem Vater bin ich gleichgiltig, und meine Stiefmutter haßt mich mit um ſo größerer Erbitterung, als ihr Haß mit einem ewigen, ſüßen Lächeln verſchleiert iſt.“ „Sie haſſen! Sie, Valentine! wie kann man Sie haſſen?“ „Ach! theurer Freund,“ erwiderte Valentine,„dieſer Haß gegen mich iſt Folge eines ſehr natürlichen Gefühls; ſie betet ihren Sohn, meinen Bruder Eduard, an.“ „Nun?“ „Nun! Es wird Ihnen ſonderbar ſcheinen, dieſe Empfindungen vom Gelde abhängig zu machen, und doch iſt dem ſo. Ich we⸗ nigſtens glaube, daß ihr Haß gegen mich daher kommt. Da ſie kein Vermögen hat, ich aber als Erbin meiner Mutter reich bin und mein Vermögen durch das meiner Großeltern einſt noch ver⸗ doppelt wird, ſo ſcheint es mir, daß ſie mich beneidet. O! mein Gott! wenn ich mit der Hälfte dieſes Vermögens das Glück er⸗ kaufen könnte, als geliebte Tochter in meines Vaters Hauſe zu leben, ich wollte es ihr auf der Stelle mit Freuden geben!“ „Arme Valentine!“ „Ja, ich bin gefeſſelt, und zugleich ſo ſchwach, daß ich fühle, viee ich nicht die Kraft, nicht den Muth habe, dieſe mich wund— reibenden Feſſeln abzuſtreifen. Uebrigens iſt auch mein Vater nicht der Mann, gegen deſſen Anordnungen man ſich auflehnen kann; er iſt mächtig gegen mich, er würde es gegen Sie, er würde es gegen den König ſelbſt ſein, unterſtützt durch eine vorwurfsloſe Vergangenheit und durch eine faſt unantaſtbare Stellung. O! Maximilian! ich ſchwöre es Ihnen, ich unternehme keinen Kampf, Der Graf von Monte⸗Chriſto. 44 690 weil ich Ihnen durch denſelben eben ſo ſehr ſchaden würde, als mir ſelbſt.“ „Aber, theure Valentine, warum ſo hoffnungslos verzweifeln, warum die Zukunft ſo ſchwarz ſehen?“ „Ach, theurer Freund, weil ich dieſelbe nach der Vergangenheit beurtheile.“ „Laſſen Sie uns einmal überlegen: wenn ich auch in ariſto⸗ kratiſcher Hinſicht keine brillante Partie für Sie bin, ſo gehöre ich doch vermöge meiner Stellung in vieler Hinſicht zu den Kreiſen, in denen Sie leben; die Zeit wo es zwei Frankreiche in Frankreich gab, iſt vorüber, die höchſten, älteſten Familien der alten Monar⸗ chie haben ſich mit denen des Kaiſerreichs verſchmolzen; die Ariſto⸗ kratie der Lanze hat ſich mit dem Adel der Kanone vermählt. Nun! ich gehöre dem Letzteren an: mäßiges, aber unabhängiges Vermögen; das Andenken meines Vaters endlich ſteht in unſerm Lande in hohen Ehren, als das eines rechtſchaffenſten Handels⸗ herrn, die je exiſtirt haben. Ich ſage in unſerm Lande, Valentine, denn Sie ſind ja auch aus Marſeille.“ „Ach reden Sie nicht von Marſeille; Maximilian, dieſes ein⸗ zige Wort erinnert mich an meine gute Mutter, an dieſen Engel, den alle Welt betrauerte, und die, nachdem ſie während ihres kurzen Weilens auf der Erde der ſichtbare Schutzgeiſt ihrer Tochter war, jetzt, wie ich gewiß hoffe, der unſichtbare Schutzgeiſt derſelben iſt. O! Maximilian, wenn meine arme Mutter lebte, hätte ich nichts zu befürchten, ich würde ihr ſagen, daß ich Sie liebe, und ſie würde uns beſchützen.“ „Ach! Valentine,“ entgegnete Maximilian,„wenn ſie lebte, würde ich Sie wahrſcheinlich nicht kennen; denn Sie haben geſagt, Sie wären glücklich, wenn ſie lebte, und die glückliche Valentine würde nicht viel auf den armen Maximilian geachtet haben!“ „Ach mein Freund,“ rief Valentine,„wie ungerecht ſind Sie jetzt! Doch, ſagen Sie mir..... 4 „Was ſoll ich Ihnen ſagen?“ fragte Maximilian, Valentine's Zögern bemerkend. „Sagen Sie mir,“ fuhr Valentine fort,„hat in früherer Zeit in Marſeille einmal eine Mißhelligkeit zwiſchen Ihrem Vater und dem meinigen ſtattgefunden?“ Daß denn das der Bourb 0 viel ich ſſ. Aber! ,3ch! denn Sie nennung z macht wur Banquier, Nutter un dem Herin während m deren beab plauderte. und den i Nachricht ſ kam, war i⸗ Ihren Nan Paragraphe mir mein 6 las.“ „Liebe „Sob mir: ich n dieſer Na meinen Va betraf, wa „M brauen zu ſein, eine Unheil zug „ der Sohn „Ni Vater? ſa n dünde, als 98 derz 225 d 8 ſeifelnn, Ver Dergangenheit dud in ariſto⸗ „ ſo Rhöre j u den Keeiſen, in Nrantai alten Monar⸗ zen; die Ariſto⸗ oone vermähl unabhängiges uht in unſerm enſten Handels⸗ nde, Valentine, ian, dieſes ein⸗ dieſen Engel, während ihres d ihrer Tochter tgeiſt derſelben ledte, hätte ich Sie liebe, und wenn ſie lebte, e haben geſagt, lliche Valentine et haben!“ gerecht ſind Sie ian, Valentiness in früherer Zeit hrem Vatet und 691 „Daß ich nicht wüßte,“ antwortete Maximilian,„es müßte denn das ſein, daß Ihr Vater ein mehr als eifriger Anhänger der Bourbons, und der meinige dem Kaiſer ergeben war; das iſt, ſo viel ich weiß, Alles, was je Trennendes zwiſchen ſie getreten iſt. Aber warum dieſe Frage, Valentine?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ verſetzte das junge Mädchen, „denn Sie müſſen Alles wiſſen. An dem Tage, als Ihre Er⸗ nennung zum Offizier der Ehrenlegion im Journal bekannt ge⸗ macht wurde, waren wir Alle und auch Herr Danglars, jener Banquier, deſſen Pferde, wie Sie wiſſen, geſtern beinahe meine Mutter und meinen Bruder getödtet hätten, bei meinem Großvater, dem Herrn Noirtier. Ich las meinem Großvater das Jaurnal vor, während mein Vater mit Herrn Danglars von deſſen Tochter und deren beabſichtigter Verbindung mit dem Vicomte von Morcerf plauderte. Als ich zu dem Paragraphen kam, der Sie betraf, und den ich ſchon geleſen hatte, denn Sie hatten mir die frohe Nachricht ſchon mitgetheilt,... als ich alſo an jenen Paragraphen kam, war ich ſehr glücklich... aber auch ſehr verlegen und zitternd, Ihren Namen ausſprechen zu müſſen, und hätte darum dieſen Paragraphen am Liebſten übergangen; fürchtend jedoch, daß man mir mein Schweigen falſch auslegen könnte, faßte ich Muth und las.“ „Liebe Valentine!“ „Sobald er Ihren Namen hörte, drehte mein Vater ſich nach mir: ich war ſo überzeugt(ſehen Sie, wie thörigt ich bin), daß dieſer Name Jeden wie ein Blitzſtrahl berühren müſſe, daß ich meinen Vater zittern zu ſehen glaubte, und ſelbſt(was den an⸗ betraf, war es jedenfalls Täuſchung) Herrn Danglars.“ „„Morrel!“ ſagte mein Pater,„warte doch!“ er zog die Augen⸗ brauen zuſammen.„Sollte das Einer der Morrel's von Marſeille ſein, einer jener wüthenden Bonapartiſten, die uns 1815 ſo viel Unheil zugefügt haben?““ „„Ja,“ antwortete Herr Danglars;„ich glaube, es iſt ſogar der Sohn des alten Rheders.““ „Wirklich,“ meinte Maximilian;„und was antwortete Ihr Vater? ſagen Sie, Valentine.“ 44* — 3 2 3 E ————— 3 692 „O! etwas Abſcheuliches, ich wage es kaum zu wiederholen.“ „Sagen Sie es immer,“ antwortete Maximilian lächelnd. „Ihr Kaiſer,“ ſagte er mit drohender Stirn,„wußte alle dieſe Schwärmer an ſeinen Platz zu ſtellen; er nannte ſie Kanonen⸗ futter, und das war die einzige Benennung, die ſie verdienten; ich ſehe mit Vergnügen, daß die neue Regierung dieſen heilſamen Grundſatz auch befolgt. Und wenn die Regierung Algerien nur dazu behielte, ſo würde ich ihr Glück wünſchen, obgleich es uns ziemlich viel koſtet.““ „Das iſt wirklich eine ziemlich brutale Politik,“ bemerkte Maxi⸗ milian;„aber erröthen Sie nicht, geliebte Freundin, über dieſe Aeußerungen des Herrn von Villefort; mein wackerer Vater gab dem Ihrigen in dieſem Punkte nichts nach, und wiederholte unauf⸗ hörlich:„Warum errichtet doch der Kaiſer, der ſo viel Vortreffliches thut, nicht ein Regiment von Richtern und Advocaten, und ſchickt dieſelben immer zuerſt in's Feuer?“ Sie ſehen, theure Freundin, die Parteien ſind in Hinſicht der Kraft des Ausdruckes und der wohlwollenden Geſinnung einander gleich. Aber was ſagte Herr Danglars zu dieſer Aeußerung des königlichen Procurators?“ „Ol der lachte mit jenem tückiſchen Lächeln, das ihm eigen⸗ thümlich iſt, und das ich grimmig nennen möchte; dann entfernten ſie ſich Beide zuſammen. Nun erſt ſah ich, daß mein armer Groß⸗ vater ganz aufgeregt war. Ich muß Ihnen ſagen, Maximilian, daß ich allein die geiſtigen Aufblitze des armen Gelähmten bemerkte, und nicht zweifeln konnte, daß die in ſeiner Gegenwart geführte Unterhaltung(denn die andern Alle nahmen auf meinen armen Großvater nicht die mindeſte Rückſicht) ihn ſehr bewegt hatte, wahr⸗ ſcheinlich, weil des Kaiſers nicht auf die freundlichſte Art erwähnt wor⸗ den war, deſſen ſchwärmeriſcher Verehrer er geweſen zu ſein ſcheint.“ „Er iſt wirklich einer der bekannteſten Namen aus der Kaiſer⸗ zeit, er war Senator und nahm, wie Sie wiſſen, Valentine, oder vielleicht auch nicht wiſſen, an allen bonapartiſtiſchen Verſchwörungen während der Reſtauration bedeutenden Antheil.“ „Ja, ich höre zuweilen ganz verblümt von jenen, mir ſonderbar ſcheinenden Verhältniſſen reden; der Großvater Bonapartiſt, der Vater Royaliſt; was ſoll ich davon denken?... doch zu meiner Erzählung zurück. ———— Ich we 'r jeig Was n 'r nick Nid JEt ſoh „Mit de „Er ſch „Alſo, zum Offtie „Eem „Soltt den er gal⸗ 8z iſtvielli itt aber ic Wie älſo haſſen, mit dem H „Pſt!“ Sie ſich; e Marxir die Luzern „Frau vo im Salon „Ein uns dieſe „Ein Monte⸗Ch „Ich Dieſ dem das ·Sa ſtützt,„ſg kennen? ddi derholen. lächelnd. 4„dußte alle 5 ſe Kanonen⸗ derdienten; gen heilſamen Dgerien nu daleich 88 u demerkt Nurxi⸗ din p. Aim, über dieße rer Vatet ga derholte unaufe l Vortrefliches ten, und ſchikt heure Freundin, ruckes und der das ſagte Her curators?“ das ihm eigen⸗ dann entfernten in armer Groß⸗ a, Naxmmilian, ahmten bemeikte, enwart geführte meinen armen egt hatte, waht Irt erwähnt vor⸗ dzu ſein ſcheint“ aus der Kaiſer⸗ Valentine, oder Verſchwörungen Bonapartiſt, der doch zu meiner 1 n, mir ſonderbr ——— 1 Ich wendete mich alſo zu ihm. „Er zeigte mir mit ſeinen Blicken das Journal. „Was meinen Sie, guter Papa? fragte ich, ſind Sie zufrieden? „Er nickte mir bejahend. „Mit dem, was mein Vater ſagte? fragte ich. „Er ſchüttelte. „Mit dem, was Herr Danglars ſagte. „Er ſchüttelte nochmals. „Alſo, daß Herr Morrel(ich wagte nicht Maximilian zu ſagen) Offizier der Ehrenlegion ernannt iſt? „Er machte ein bejahendes Zeichen. „ Sollten Sie es glauben, Maximilian? er freute ſich, daß Sie, den er gar nicht kannte, Offizier der Ehrenlegion geworden waren; es iſt vielleicht Schwäche von ihm, denn man glaubt, daß er kindiſch iſt; aber ich liebe ihn darum nur noch mehr.“ 3. „Wie ſonderbar,“ ſagte Maximilian;„Ihr Vater ſollte mich alſo haſſen, während Ihr Großvater.... Sonderbare Erſcheinungen mit dem Haſſe und der Liebe des Parteigeiſtes!“ „Pſt!“ rief Valentine plötzlich.„Verbergen Sie ſich, retten zum S ie ſich; es kommt Jemand!“ Maximilian ergriff eine Heugabel, und begann höchſt unbefangen die Luzerne zu wenden. „Fräulein! Fräulein!“ rief eine Stimme hinter den Bäumen, „Frau von Villefort ſucht Sie im ganzen Hauſe; es iſt eine Viſite im Salon.“ „Eine Viſite!“ ſagte Valentine ſehr aufgeregt:„und wer macht uns dieſe Viſite?“ „Ein großer Herr, ein Prinz, wie es heißt, der Herr Graf von Monte⸗Chriſto. „Ich komme,“ antwortete Valentine laut. Dieſer Name brachte auf der andern Seite des Gitters den, dem das„ich komme“ jedes Mal als Lebewohl galt, zum Zittern. „Halt!“ dachte Maximilian nachſinnend auf ſeine Heugabel ge⸗ ſtützt,„ſollte der Graf von Monte⸗Chriſto Herrn von Villefort kennen?...... 2 LIII. Toxikologie(Giftlehre). Es war wirklich der Graf von Monte⸗Chriſto, der im Salon der Frau von Villefort erſchienen war, in der Abſicht, dem Procu⸗ rator des Königs eine Gegenviſite zu machen, und bei dieſem Namen kam, wie man denken kann, das ganze Haus in Bewegung. Frau von Villefort, die, als der Graf gemeldet wurde, allein im Salon war, ließ ſogleich ihren Sohn rufen, damit derſelbe dem Grafen nochmals ſeine Dankbarkeit ausſprechen möge, und Eduard, der ſeit zwei Tagen von nichts als dieſem großen Manne hatte reden hören, lief eiligſt herbei, nicht aus Gehorſam, nicht um dem Grafen zu danken, ſondern aus Neugierde, und um Bemerkungen zu machen, in Folge deren er einige ſeiner Lazzi's anbringen zu können hoffte, zu denen ſeine Mutter zu ſagen pflegte: O! das ab⸗ ſcheuliche Kind! aber ich muß ihm ſchon verzeihen, er hat ſo viel Geiſt! Nachdem die erſten gebräuchlichen Höflichkeiten gewechſelt waren, erkundigte der Graf ſich nach Herrn von Villefort. „Mein Mann iſt zum Diner bei dem Herrn Kanzler,“ ant⸗ wortete die junge Frau;„er iſt ſoeben fortgefahren, und wird un⸗ endlich bedauern, daß er das Glück, Sie zu ſehen, verſäumt.“ Zwei Beſucher, die vor dem Grafen gekommen waren und ihn mit den Augen verſchlangen, zogen ſich, ſobald es ihre Neugierde nur irgend zuließ, ſchicklicher Weiſe zurück. „Apropos, was macht denn Deine Schweſter Valentine?“ ſagte Frau von Villefort zu Eduard;„laſſ' ſie benachrichtigen, daß ich ſie im Salon erwarte, um ſie dem Herrn Grafen vorzuſtellen.“ „Sie haben eine Tochter, gnädige Frau?“ fragte der Graf, „das muß noch ein Kind ſein.“ Beobach Va noch nick neunzehr Auge u der ihr Mune hete nicht um dem Bemerkungen anbringen zu e. Ol das ah⸗ dn hat ſo viel wechſelt waren, Kanzle,“ ant⸗ und wird un⸗ erſäumt.“ varen und ihn ihre Naugierde lentine?“ ſagte hen, daß ich ſie ſtellen.“ gte der Graf, „Es iſt die Tochter Herrn von Villeforts aus ſeiner erſten Ehe,“ antwortete die junge Frau,„ein erwachſenes und ſchönes Mädchen.“ „Aber melancholiſch,“ fiel der kleine Eduard ein, indem er, um ſich einen Federbuſch auf den Hut zu machen, einem prachtvollen Ara, der darüber auf ſeiner vergoldeten Stange vor Schmerz ſchrie, die Schwanzfedern ausriß. Frau von Villefort ſagte weiter nichts, als: „Still, Eduard!“ Dann fügte ſie hinzu: „Dieſer kleine Schelm hat beinah' Recht, und wiederholt nur, was er mich hundert Mal mit Schmerz hat ſagen hören; denn Fräulein von Villefort iſt, aller unſerer Bemühungen, ſie zu er⸗ heitern, ungeachtet, von ſehr traurigem Charakter und ſchweigſamer Laune, die oft dem Eindrucke ihrer Schönheit Eintrag thut. Aber wo mag ſie nur bleiben? Eduard, ſieh' doch nach, warum ſie nicht kommt.“ „Weil man ſie ſucht, wo ſie nicht iſt.“ „Wo ſucht man ſie denn?“ „Beim Großpapa Noirtier.“ „Und Du glaubſt, daß ſie da nicht iſt?“ —„Nein, nein, nein, nein, nein, da iſt ſie nicht,“ antwortete Eduard ſingend. „Und wo iſt ſie? ſag' es, wenn Du es weißt.“ „Sie iſt unter der großen Kaſtanie,“ antwortete der unartige Knabe, indem er ungeachtet des Geſchreies ſeiner Mutter dem Pa⸗ pagei lebendige Fliegen hinhielt, der ſehr begierig auf dieſes Wild zu ſein ſchien.B Frau von Vileefort ſtreckte die Hand nach der Klingelſchnur aus, um die Kammerfrau herbeizurufen und derſelben den ſoeben von Eduard bezeichneten Ort zu ſagen, als Valentine ſchon eintrat. Sie ſchien wirklich traurig zu ſein, ja man konnte bei genauer Beobachtung Spuren von Thränen in ihren Augen bemerken. Valentine, die wir in der Eile der Erzählung unſern Leſern noch nicht beſchrieben haben, war eine große, ſchlanke Jungfrau von neunzehn Jahren; glänzend kaſtanienbraunes Haar, ein tiefblaues Auge und eine eigenthümlich ſchmachtende Haltung erinnerten Jeden, der ihre Mutter gekannt hatte, bei ihrem Erblicken an die aus⸗ — ——— —— 696 gezeichnete Perſönlichkeit derſelben; ihre zarten, ſchmalen, weißen Hände, ihr wie Perlenmutter glänzender Hals, ihre marmorgleichen, häufig die Farbe wechſelnden Wangen gaben ihr auf den erſten Anblick das Anſehen jener ſchönen Engländerinnen, die man poetiſch genug mit Schwänen verglichen hat, die ſich im Waſſer ſpiegeln. Sie kam alſo und fand bei ihrer Mutter den Fremden, von dem ſie ſchon ſo viel reden gehört hatte; ſie grüßte ohne mädchen⸗ hafte Ziererei, ohne die Augen verlegen niederzuſchlagen, mit einer anmuthigen Unbefangenheit, welche die Aufmerkſamkeit des Grafen verdoppelte. Er ſtand auf.— „Fräulein von Villefort, meine Stieftochter,“ ſagte Frau von Villefort, nach dem Grafen gewendet und mit dem Finger auf Valentine deutend, indem ſie ſich in ihrem Sopha zurücklehnte. „Und der GEraf von Monte⸗Chriſto, König von China, Kaiſer von Cochinchina,“ ſagte der junge Schlingel, ſeiner Schweſter einen boshaften Blick zuwerfend. Dieſes Mal erbleichte Frau von Villefort, und wollte eben dieſen jungen Flegel, der auf den Namen Eduard hörte, tüchtig ſchelten, als der Graf zu ihrer Verwunderung lächelte und das Kind mit Wohlgefallen zu betrachten ſchien, was die Freude und Begeiſterung der Matter auf den höchſten Grad erhob. „Aber, gnädige Frau,“ ſprach der Graf, die Unterhaltung wieder anknüpfend und Frau von Villefort und Valentine abwechſelnd an⸗ ſehend,„hatte ich nicht ſchon die Ehre, Sie und das Fräulein ſchon irgendwo zu ſehen. Ich dachte ſchon darüber nach, aber als Fräu⸗ lein Villefort eintrat, warf ihr Anblick einen Lichtſtrahl mehr auf eine unbeſtimmte Erinnerung.“ „Das iſt nicht wahrſcheinlich, Herr Graf; Herr von Villefort liebt die Welt nicht ſehr, und wir kommen wenig aus,“ erwiderte die junge Frau. Auch war es richt in Geſellſchaft, wo ich das Fräulein und auch Sie, gnädige Frau, ſowie auch dieſen reizenden, kleinen Taugenichts geſehen habe. Die Pariſer Geſellſchaft iſt mir überdem völlig fremd, denn ich bin, wie ich ſchon die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen, erſt ſeit einigen Tagen und zum erſten Male in Paris. Nein, wenn Sie erlauben, daß ich mich beſinne... warten Sie.“... Der Graf legte die Hand an die Stirn, um ſeine Erinnerungen zu ſammeln. —— Nein, aber ih duch ſonnigen 1 hatte Blum in eiren Go helſen Sie ohnen da „Nein herr Graf, innerung ſchwunden „Der Valentine „Wirk „Sie ware „Ftal Aerzte, füt empfohlen. „Ah, dieſe einfe Perugia, G hat uns d lein, Ihre die Chre „J Poſt⸗He Pileefort; ſchäme, k Gelegenh „Da ihre ſchö „Oh 3 „Es war die wege in die T Vogel ne te Frau von Finger auf cklehnte. hin Ama, Kaiſer Wweſter einen te eben dieſen ſdüig ſchelten, das Kind mit degeſſteung altung wieder wechſelnd an⸗ Fäulein ſchon der als Fräu⸗ ahl mehr auf von Vileefort ⁵, erwiderte llein und auch n Taugenichts derdem völlig nen zu ſagen, Nein, wenn .. Der Graf zu ſammeln. 1 1 697 „Nein, es war außerhalb... es war... ich weiß nicht... aber ich dächte, dieſe Erinnerung wäre untrennbar von einem ſchönen, ſonnigen Tage und einer Art kirchlichem Feſte... Das Fräulein hatte Blumen in der Hand, das Kind verfolgte einen ſchönen Pfau in einem Garten, und Sie, gnädige Frau, ſaßen in einer Laube.... Helfen Sie mir doch, gnädige Frau; erinnert alles dieſes, was ich Ihnen da ſage, Sie an nichts?“ „Nein, wirklich,“ antwortete Frau von Villefort;„ich dächte, Herr Graf, wenn ich Sie irgendwo getroffen hätte, würde die Er⸗ innerung an Sie nicht ſo ganz aus meinem Gedächtniſſe ent⸗ ſchwunden ſein.“ „Der Herr Graf hat uns vielleicht in Italien geſehen,“ ſagte Valentine ſchüchtern. „Wirklich in Italien... das iſt möglich,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „Sie waren in Italien, mein Fräulein?“ „Frau von Villefort und ich waren vor zwei Jahren dort. Die Aerzte, für meine Bruſt fürchtend, hatten mir die Luft von Neapel empfohlen. Wir gingen über Bologna, Perugia und Rom.“ „Ah, es iſt wahr, mein Fräulein,“ rief Monte⸗Chriſto,„wie dieſe einfache Andeutung gleich meine Erinnerungen fixirt. In Perugia, am Frohnleichnamsfeſte, in dem Garten der Poſt⸗Herberge hat uns der Zufall zuſammengeführt, Sie, gnädige Frau, das Fräu⸗ lein, Ihren Sohn und mich, der ich mich erinnere, daß ich damals die Ehre hatte, Sie zu ſehen.“ „Ich erinnere mich vollkommen an Perugia, Herr Graf, an die Poſt⸗Herberge und das Feſt, deſſen Sie erwähnen,“ ſagte Frau von Villefort;„aber ſo ſehr ich mich auch meines treuloſen Gedächtniſſes ſchäme, kann ich mich immer noch nicht erinnern, daß ich bei der Gelegenheit die Ehre gehabt haben ſollte, Sie zu ſehen.“ „Das iſt ſonderbar, mir geht es eben ſo,“ ſagte Valentine, ihre ſchönen Augen zu Monte⸗Chriſto aufhebend. „Oh, ich erinnere mich,“ meinte Eduard. „Ich will Ihnen helfen, gnädige Frau,“ fuhr der Graf fort. „Es war ein glühend heißer Tag geweſen; Sie warteten auf Pferde, die wegen des Feſtes lange ausblieben. Das Fräulein verlor ſich in die Tiefe des Gartens und Ihr Sohn verſchwand, indem er dem Vogel nachlief.“ 412 698 1n „Ich fing ihn, Mama, Du weißt es,“ ſagte Eduard,„ich riß ihm ſogar drei Federn aus dem Schwanze.“ maine ür „Sie, gnädige Frau, blieben unter der Weinlaube; erinnern die Thuin Sie ſich nicht, während Sie allein auf der Bank ſaßen und, wie A die E ich Ihnen ſoeben ſagte, Fräuleil von Villefort und Ihr Söhnchen d nen ſich entfernt hatten, ziemlich lange mit Jemand geplaudert zu haben?“ wit ha n „Ja, wirklich, ja,“ ſagte die junge Frau erröthend,„ich erinnere lact ſhe mich, mit einem Manne, der ganz in einen langen Tuchmantel ein⸗ Stwiegen gehüllt war... mit einem Arzte, dächte ich.“„Ja, „Ganz richtig, gnädige Frau; dieſer Mann war ich; in den nem ich! vierzehn Tagen, die ich in dieſem Wirthshauſe verlebte, hatte ich 2 meinen Diener vom Fieber und den Wirth von der Gelbſucht ge⸗ in dieſer t heilt, ſo daß man mich für einen großen Doctor hielt. Wir ſprachen und wande lange, gnädige Frau, von den verſchiedenſten Dingen, von Perugino, verzeihen von Raphael, den Sitten, den Trachten, von jener berüchtigten unterhalte Aqua⸗Toffana, von der einige Perſonen in Perugia, wie man Ihnen daß Sie geſagt hatte, auch das Geheimniß beſitzen ſollten.“„O, „Ah, es iſt wahr,“ erwiderte Frau von Villeſort lebhaft und lͤchelnd 3 mit einer gewiſſen Unruhe,„nun erinnere ich mich.“ vorzüglich „Ich weiß nicht mehr ſo genau im Einzelnen, gnädige Frau, 81 inge 6 was Sie mir ſagten,“ fuhr der Graf mit vollkommenſter Unbe⸗ 7 n fangenheit fort,„aber ich weiß noch ſehr genau, daß Sie, hinſichtlich 3 dee meiner Perſon den allgemeinen Irrthum theilend, mich über die zum Fru Geſundheit von Fräulein von Villefort um Rath fragten.“.„Ed „Aber, Herr Graf, Sie waren doch wirklich Arzt, denn ſie ſümmelt hatten ja Kranke geheilt,“ entgegnete Frau von Villefort. aei „Molière oder Beaumarchais würden Ihnen antworten, daß un d gerade, weil ich es nicht war, ich die Kranken heilte, oder vielmehr dieſelben geſund wurden; ich werde Ihnen nur ſagen, daß ich ziemlich gründlich Chemie und Naturkunde ſtudirt habe, doch nur zum Ver⸗ gnügen.... Sie werden begreifen...“ Es ſchlug ſechs Uhr. „Schon Sechs?“ ſagte Frau von Pillefort, ſichtlich bewegt, „willſt Du nicht ſehen, Valentine, ob Dein Großvater eſſen will?“„ Valentine ſtand auf und verließ, ſich vor dem Grafen ver⸗ ds K W 7— „3 Je in neigend, ohne ein Wort zu ſagen, den Salon. 1ich behg d. lbe. rinnen 4„ Söhnchen zu haben?“ i erinnen (mantel ein, t id; in den edte, hatt ih Gelhſuch ge Dir ſprahen ron Perugin, derüchtigten de man Iinen ledhaft und mädige Frau tnenſter Unbe⸗ je, dinſäötlich ich über die Pten.“ lrzt, denn ſie tworten, daß oder vielmehr ich ziemlich nur zum Ver⸗ ͤtlich bewegt, eſſen will?“ Grafen ver⸗ nich riß die 699 „Ol mein Gott, gnädige Frau, Sie ſchicken doch nicht um meinetwillen Fräulein von Villefort fort?“ rief der Graf, als ſech die Thür hinter Valentine geſchloſſen hatte. „Durchaus nicht,“ entgegnete die junge Frau lebhaft,„aber es iſt die Stunde, in welcher wir Herrn Noirtier die traurige Mahl⸗ zeit halten laſſen, die ſein klägliches Leben erhält. Sie wiſſen viel⸗ leicht ſchon, Herr Graf, in welchem beklagenswerthen Zuſtande mein Schwiegervater ſich befindet?“ „Ja, gnädige Frau, ich habe davon gehört; ein Schlagfluß, wenn ich nicht irre.“ „Ach ja, der arme Greis iſt völlig gelähmt, nur die Seele lebt in dieſer bewegungsloſen, menſchlichen Geſtalt, und auch die matt und wankend wie ein Lämpchen, das dem Erlöſchen nahe iſt. Aber verzeihen Sie, Herr Graf, daß ich Sie von unſeren häuslichen Leiden unterhalte; ich unterbrach Sie in dem Augenblicke, als Sie erzählten, daß Sie ein geſchickter Chemiker ſind.“ „O, das ſagte ich nicht, gnädige Frau,“ entgegnete der Graf lächelnd;„im Gegentheil, ich habe die Chemie ſtudirt, weil ich, vorzüglich im Orient lebend, dem Beiſpiele des Königs Mithridates zu folgen beabſichtigte.“ „Mithridates, rex Ponticus,“ ſagte der vorlaute Knabe, indem er die Bilder eines prachtvollen Albums zerſchnitt,„der alle Morgen zum Frühſtücke eine Taſſe Creme mit Gift genoß.“ „Eduard! unartiges Kind!“ rief Frau von Villefort, das ver⸗ ſtümmelte Buch den Händen ihres Sohnes entreißend,„Du biſt unerträglich, Du ſtörſt uns. Laß uns und geh' zu Deiner Schweſter und dem guten Papa Noirtier.“ „Das Album!“... ſagte Eduard. „Wie ſo, das Album?“ „Ja, ich will das Album...“ „Warum haſt Du die Zeichnungen zerſchnitten?“ „Weil es mir Spaß macht.“ „Geh' jetzt fort! geh'!“ „Ich gehe nicht, wenn ich nicht das Album bekomme,“ ſagte das Kind, gewohnt, immer ſeinen Willen zu bekommen, und ſetzte ſich behaglich in einem großen Lehnſtuhle zurecht. 428 700 „Da haſt Du es und laß uns zufrieden,“ ſagte Frau von Villefort, gab ihrem Sohne das Album und führte ihn hinaus. Der Graf folgte Frau von Villefort mit den Augen. „Ob ſie wohl die Thür hinter ihm verſchließen wird?“ mur⸗ melte er. Frau von Villefort verſchloß ſorgfältig die Thür hinter dem Kinde, der Graf ſchien es nicht zu bemerken. Dann warf die junge Frau noch einen ſpähenden Zlick um ſich her und ſetzte ſich wieder zu dem Grafen. „Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau,“ meinte der Graf,„daß Sie ſehr ſtreng gegen den reizenden Kleinen ſind.“ „Ich muß es wohl, Herr Graf,“ antwortete Frau von Villefort mit allem Gewichte mütterlicher Würde. „Er citirte ſeinen Cornelius Nepos, indem er vom König Mithridates ſprach,“ bemerkte der Graf,„und Sie unterbrachen ihn in ſeiner Citation, welche bewies, daß ſein Lehrer ſeine Zeit bei ihm nicht verloren hat und daß Ihr Sohn für ſein Alter ſchon weit vorgerückt iſt.“ „Er hat viel Faſſungskraft, Herr Graf, und lernt Alles, was er will,“ entgegnete die Mutter, ſüß geſchmeichelt.„Er hat nur Einen Fehler, nämlich den, zu eigenwillig zu ſein; aber darauf zurück⸗ zukommen, was er anführte, glauben Sie wirklich, Herr Graf, daß Mithridates Gegengift gebrauchte und daß daſſelbe wirkſam ſein kann?“ „Ich glaube ſo ſehr daran, gnädige Frau, daß ich mich in Neapel, Palermo und Smyrna, um nicht vergiftet zu werden, deſſen bedient habe, das heißt bei drei Gelegenheiten, wo ich ohne dieſe Vorſicht hätte um's Leben kommen können.“ „Und das Mittel half?“ „Vollkommen.“ „Ja, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mir ſchon in Perugia etwas Aehnliches erzählten.“ „Wirklich!“ ſprach der Graf mit bewunderungswürdig geſpielter Ueberraſchung;„ich entſinne mich deſſen nicht mehr.“ „Ich fragte Sie, ob die Gifte von gleicher Wirkfamkeit auf die Nordländer wie auf die Südländer wären, und Sie antworteten mir, daß die kalten, lymphatiſchen Temperamente der Nordländer Rrnu dhn dinaus 1. di mur inter dem die junge ſh wieder „ meinte nen ſind.“ n Villfor 'm König terbrachen ſeine Jeit Uler ſcan Ales, was r hat nur auf zurück⸗ Grcj, daß ein kann?“ h mich in den, deſſen ohne dieſe n Perugia Jgeſpielter amkeit auf ntworteten Nordländer nicht dieſelbe Empfänglichkeit hätten, wie die reichen und kräftigen 7⁰¹ Naturen der Südländer.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Monte⸗Chriſto;„ich habe Ruſſen, ohne davon beläſtigt zu werden, vegetabiliſche Subſtanzen in Menge genießen ſehen, von denen eine Kleinigkeit einen Neapolitaner oder Araber getödtet haben würde.“ „Alſo glauben Sie, würde das Reſultat bei uns noch ſicherer ſein, als im Orient, und in unſerer Nebel⸗ und Regen⸗Atmoſphäre würde ein Menſch ſich leichter als in einem heißeren Klima an die progreſſive Einſaugung von Gift gewöhnen?“ „Auf jeden Fall; wohl verſtanden, wenn man nur gegen das Gift verwahrt iſt, an das man gewöhnt iſt.“ „Ja, ich verſtehe; und auf welche Art würden Sie, zum Bei⸗ ſpiel, ſich gewöhnen, oder vielmehr, wie haben Sie ſich gewöhnt?“ „Das iſt ſehr leicht. Setzen Sie den Fall, daß Sie vorher wüßten, welches Gift man Ihnen beibringen wolle.... nehmen Sie an, es ſei.... Brucaea zum Beiſpiel“.... „Die Brucaea wird aus der falſchen Anguſtura gewonnen,*) wie ich glaube,“ ſagte Frau von Villefort. „Ganz richtig, gnädige Frau,“ verſetzte Monte⸗Chriſto,„aber ich ſehe, daß ich Ihnen wenig mehr mitzutheilen habe, und mache Ihnen mein Compliment über Kenntniſſe, die bei Frauen ſehr ſelten ſind.“ „Ol ich geſtehe,“ antwortete Frau von Villefort,„ich habe eine wahre Leidenſchaft für die geheimen Wiſſenſchaften, die wahre Poeſie zu der Einbildungskraft reden und ſich wie eine mathematiſche Auf⸗ gabe in Ziffern auflöſen; aber ich bitte, fahren Sie fort; was Sie mir ſagen, intereſſirt mich im höchſten Grade.“ „Nun alſo!“ fuhr Monte⸗Chriſto fort,„nehmen Sie an, das Gift ſei Brucaea zum Beiſpiel, und Sie nähmen davon den erſten Tag ein Milligramm, den zweiten zwei, und ſo fort, nun wohl! ſo nehmen Sie nach zehn Tagen ein Centigramm, nach zwanzig Tagen nehmen Sie drei Centigramme, das iſt eine Doſis, die Sie dann ſchon ganz gut vertragen können, während ſie einer anderen, nicht vorbereiteten Perſon ſehr gefährlich ſein würde; nach einem Monate *) Brucaea ferruginea. —— 70² können Sie mit einer Perſon, die Sie durch Waſſer vergiften wollen, aus einer Caraffe trinken und dieſelbe tödten, während Sie nur durch ein leichtes Uebelbefinden gewahr werden würden, daß in dem Waſſer eine giftige Subſtanz ſich befunden hatte.“ „Kennen Sie kein anderes Gegengift?“ „Nein, gnädige Frau.“ „Ich habe jene Erzählung von Mithridates oft geleſen,“ ſprach Frau von Villefort,„ſie aber ſür eine Fabel gehalten.“ „Nein, gnädige Frau, gegen die Gewohnheit der Geſchichte iſt ſie Wahrheit; aber was Sie mir da ſagen, gnädige Frau, iſt nicht blos Folge einer augenblicklich erregten Neugierde, es muß dieſer Gegenſtand Sie anhaltend und ernſthaft beſchäftigen, denn Sie thaten mir vor zwei Jahren dieſelben Fragen und ſagten mir da⸗ mals, daß dieſe Geſchichte von Mithridates Sie ſchon lange be⸗ ſchäftigt habe.“ Es iſt wahr, Herr Graf, Botanik und Mineralogie waren ſchon in meiner früheren Jugend meine Lieblingsſtudien, und als ich dann ſpäter erfuhr, daß die Kenntniß der Heilmittel oft die ganze Ge⸗ ſchichte der Völker erklärt, ſowie die ganze Lebensart der Orientalen, wie ein Selam ihre liebeathmende Individualität erklärt, bedauerte ich, kein Mann zu ſein, um ein Flamel, Fontana oder Cabanis werden zu können.“ „Um ſo mehr, gnädige Frau,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„als die Morgenländer ſich nicht, wie Mithridates begnügen, ſich des Giftes als Harniſch zu bedienen, ſondern daſſelbe auch ſtatt des Dolches benutzen; die Wiſſenſchaft wird unter ihren Händen nicht nur eine Vertheidigungs⸗, ſondern auch eine Angriffswaffe; die eine dient ihnen gegen phyſiſche Beſchwerden, die andere gegen ihre Feinde. Mit Opium, mit Belladonna, mit Hatchis verſchaffen ſie ſich einen Traum von Glück, das Gott ihnen in der Wirklichkeit verſagt hat; mit der falſchen Anguſtura, dem Schlangenholze, dem Kirſchlorbeere ſchläfern ſie diejenigen ein, die ihnen im Wege ſind. Nicht eine jener ägyptiſchen, türkiſchen oder griechiſchen Frauen, die hier gute Frauen genannt werden, die nicht im Punkte der Chemie einem Arzte und im Punkte der Pſychologie einem Beichtoater etwas aufzurathen geben könnte.“ — tödtet, außere Adelm phäno vervol ungen dazu, zu erl ſtaff läufig der 9 welch gebeu De ten dal 2 S 7. 4 de nur daß in dem de ſprach ſchichte it u it nict nuß dieſer denn Sie n mir da⸗ lange he⸗ daren ſchon ich dann Janze Ge⸗ Nientalen, bedauerte Cabanis tiſto, als „ſich des ſtatt des den nicht die eine hegen ihre ſchaffen ſie Wirklichkeit holze, dem Lege ſind. rauen, die er Chemie ater etwas . 70⁵ „Wirklie dann müſſen Sie doch das Geheimniß von jener be⸗ dieſer Unterqua⸗Toffana haben, von dem man mir in Perugia ſagte, „Ei, erloren ſei?“ 38 zehg mein Gott! gnädige Frau, glauben Sie denn, daß unter das in enſchen irgend etwas verloren geht? Die Künſte wechſeln Es gi⸗ Sitz und umkreiſen die Welt; die Sachen wechſeln den Namen, und Siſt Alles, und der große Haufe läßt ſich täuſchen. Aber es iſt Natyler daſſelbe Reſultat, das Gift. Manches Gift wirkt beſonders ſein beſtimmtes Organ, das auf den Magen, jenes auf das Ge⸗ dasen, ein drittes auf das Eingeweide. Nun wohll das Gift bringt Binen Huſten hervor, dieſer Huſten eine Bruſtentzündung oder eine andere, ähnliche Krankheit, die in das Buch der Wiſſenſchaften ein⸗ geſchrieben iſt, nichtsdeſtoweniger aber doch tödtlich ſein kann, und, wäre ſie es nicht, Dank ſei es den Mitteln der treuherzigen Aerzte, die in der Regel ſehr ſchlechte Chemiker ſind, es werden würde. Sie werden über die Krankheit hin und her deliberiren, ihr bald mit dieſem, bald mit jenem Arcanum eine andere Wendung geben, und da iſt denn ein Menſch mit Kunſt und nach allen Regeln ge⸗ tödtet, wobei die Juſtiz kein Wörtchen mit zu ſprechen hat, wie ein außerordentlicher Chemiker, mein Freund, der vortreffliche Abbé Adelmonte von Taormina in Sicilien, welcher dieſe National⸗ phänomene gründlich ſtudirt hatte, zu ſagen pflegte.“ „Es iſt entſetzlich, aber bewunderungswürdig,“ ſagte die junge Frau, ſtarr vor Aufmerkſamkeit,„ich hielt, das will ich nicht leugnen alle dieſe Hiſtörchen für Erfindung des Mittelalters.“ „Ja, ganz richtig, nur daß ſie ſich in unſeren Tagen bedeutend vervollkommnet haben. Wozu wäre denn die Zeit, die Aufmunter⸗ ungen, die Medaillen, die Kreuze, die Preiſe Monthyon, wenn nicht dazu, die Wiſſenſchaft auf den höchſten Punkt der Vollkommenheit zu erheben? Da nun der Menſch nur vollkommen wäre, wenn er ſchaffen und zerſtören könnte wie Gott, ſo zerſtört er wenigſtens vor⸗ läufig, und hat ſomit ſchon die Hälfte des Weges zurückgelegt.“ „Alſo waren die Gifte der Borgia, der Medicis, der René, der Ruggieri, und ſpäter wahrſcheinlich des Freiherrn von Trenk, welche von den modernen Dramen und Romanen ſo vielfach aus⸗ gebeutet ſind...“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 45 ——— — 70² können Sie mit einer Perſon, die Sie durch Waſſer vereinem Feinde, aus einer Caraffe trinken und dieſelbe tödten, währer an der ein durch ein leichtes Uebelbefinden gewahr werden würden, vornach das Waſſer eine giftige Subſtanz ſich befunden hatte.“ hir⸗ Stadt⸗ „Kennen Sie kein anderes Gegengift?“ emrama „Nein, gnädige Frau.“ fördert. „Ich habe jene Erzählung von Mithridates oft geleſen,“ h habe Frau von Villefort,„ſie aber ſür eine Fabel gehalten.“ Schul⸗ „Nein, gnädige Frau, gegen die Gewohnheit der Geſchichtewird ſie Wahrheit; aber was Sie mir da ſagen, gnädige Frau, iſt nihrt, blos Folge einer augenblicklich erregten Neugierde, es muß dieſaer Gegenſtand Sie anhaltend und ernſthaft beſchäftigen, denn Sie⸗ thaten mir vor zwei Jahren dieſelben Fragen und ſagten mir da⸗ mals, daß dieſe Geſchichte von Mithridates Sie ſchon lange be⸗ ſchäftigt habe.“ Es iſt wahr, Herr Graf, Botanik und Mineralogie waren ſchon in meiner früheren Jugend meine Lieblingsſtudien, und als ich dann ſpäter erfuhr, daß die Kenntniß der Heilmittel oft die ganze Ge⸗ ſchichte der Völker erklärt, ſowie die ganze Lebensart der Orientalen, wie ein Selam ihre liebeathmende Individualität erklärt, bedauerte ich, kein Mann zu ſein, um ein Flamel, Fontana oder Cabanis werden zu können.“ „Um ſo mehr, gnädige Frau,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„als die Morgenländer ſich nicht, wie Mithridates begnügen, ſich des Giftes als Harniſch zu bedienen, ſondern daſſelbe auch ſtatt des Dolches benutzen; die Wiſſenſchaft wird unter ihren Händen nicht nur eine Vertheidigungs⸗, ſondern auch eine Angriffswaffe; die eine dient ihnen gegen phyſiſche Beſchwerden, die andere gegen ihre Feinde. Mit Opium, mit Belladonna, mit Hatchis verſchaffen ſie ſich einen Traum von Glück, das Gott ihnen in der Wirklichkeit verſagt hat; mit der falſchen Anguſtura, dem Schlangenholze, dem Kirſchlorbeere ſchläfern ſie diejenigen ein, die ihnen im Wege ſind. Nicht eine jener ägyptiſchen, türkiſchen oder griechiſchen Frauen, die hier gute Frauen genannt werden, die nicht im Punkte der Chemie einem Arzte und im Punkte der Pſychologie einem Beichtoater etwas aufzurathen geben könnte.“ rüchti daß e den 2 ihren das iſt immer auf ei hirn, einen andere geſchri wäre die in Sie u mit d und d tödtet, außer! Adelm phäno Frau, alle d vervo ungen dazu, zu er ſchaff läufi der welch geben db nem deinde an der ei vornagh das nee Stadt eideanten net und 1 föder d habe . Scul. eſcictewird u, it nihr, muß dieſder denn Sid⸗ u mir da⸗ lange be⸗ varen ſchon ic dann ganze Ge⸗ Drientalen, bedauerte t Cabanis tiſto,„als ſich des ſtatt des noen nicht 3 die eine gegen ihre ſchaffen ſie Wirklichkeit hohze, dem Wege ſind. rauen, die der Chemie dater etwas 2 70⁵ „Aber dann müſſen Sie doch das Geheimniß von jener be⸗ rüchtigten Aqua⸗Toffana haben, von dem man mir in Perugia ſagte, daß es verloren ſei?“ „Ei, mein Gott! gnädige Frau, glauben Sie denn, daß unter den Menſchen irgend etwas verloren geht? Die Künſte wechſeln ihren Sitz und umkreiſen die Welt; die Sachen wechſeln den Namen, das iſt Alles, und der große Haufe läßt ſich täuſchen. Aber es iſt immer daſſelbe Reſultat, das Gift. Manches Gift wirkt beſonders auf ein beſtimmtes Organ, das auf den Magen, jenes auf das Ge⸗ hirn, ein drittes auf das Eingeweide. Nun wohll das Gift bringt einen Huſten hervor, dieſer Huſten eine Bruſtentzündung oder eine andere, ähnliche Krankheit, die in das Buch der Wiſſenſchaften ein⸗ geſchrieben iſt, nichtsdeſtoweniger aber doch tödtlich ſein kann, und, wäre ſie es nicht, Dank ſei es den Mitteln der treuherzigen Aerzte, die in der Regel ſehr ſchlechte Chemiker ſind, es werden würde. Sie werden über die Krankheit hin und her deliberiren, ihr bald mit dieſem, bald mit jenem Arcanum eine andere Wendung geben, und da iſt denn ein Menſch mit Kunſt und nach allen Regeln ge⸗ tödtet, wobei die Juſtiz kein Wörtchen mit zu ſprechen hat, wie ein außerordentlicher Chemiker, mein Freund, der vortreffliche Abbé Adelmonte von Taormina in Sicilien, welcher dieſe National⸗ phänomene gründlich ſtudirt hatte, zu ſagen pflegte.“ „Es iſt entſetzlich, aber bewunderungswürdig,“ ſagte die junge Frau, ſtarr vor Aufmerkſamkeit,„ich hielt, das will ich nicht leugnen alle dieſe Hiſtörchen für Erfindung des Mittelalters.“ „Ja, ganz richtig, nur daß ſie ſich in unſeren Tagen bedeutend vervollkommnet haben. Wozu wäre denn die Zeit, die Aufmunter⸗ ungen, die Medaillen, die Kreuze, die Preiſe Monthyon, wenn nicht dazu, die Wiſſenſchaft auf den höchſten Punkt der Vollkommenheit zu erheben? Da nun der Menſch nur vollkommen wäre, wenn er ſchaffen und zerſtören könnte wie Gott, ſo zerſtört er wenigſtens vor⸗ läufig, und hat ſomit ſchon die Hälfte des Weges zurückgelegt.“ „Alſo waren die Gifte der Borgia, der Medicis, der René, der Ruggieri, und ſpäter wahrſcheinlich des Freiherrn von Trenk, welche von den modernen Dramen und Romanen ſo vielfach aus⸗ gebeutet ſind...“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 45 ——— 706 „Nur Gegenſtände der Wiſſeenſchaft, nichts Anderes, gnädige Frau,“ fiel der Graf ein.„Glauben Sie, daß der wahre Weiſe ſich gewöhnlicher Weiſe an das zum Opfer beſtimmte Individuum ſelbſt macht? Gewiß nicht. Die Wiſſenſchaft liebt die Prallſchüſſe, die Kraftſtücke, die Phantaſie, wenn man ſo ſagen darf. Jener vortreffliche Abbé Adelmonte zum Beiſpiel, von dem ich Ihnen vor⸗ hin ſagte, machte merkwürdige Experimente in dieſem Genre.“ „Wirklich?“ „Ja, ich will Ihnen eins derſelben beſchreiben. Er hatte einen ſchönen Garten mit Blumen, Früchten und auch Küchengewächſen, er wählte unter den Gemüſen einen großen Kohlkopf zum Beiſpiel, dieſen begoß er drei Tage lang mit einer Auflöſung von Arſenik, am dritten Tage wurde der Kohlkopf gelb und welk, nun war es Zeit, ihn abzuſchneiden, äußerlich ſchien er reif und eßbar, für den Abbé Adelmonte war er giftig. Nun nahm er den Kohl mit nach Hauſe, nahm ein Kaninchen(er hatte ſeiner Experimente wegen eine ganze Sammlung Kaninchen, Katzen und Meerſchweinchen, die ſeiner Sammlung von Blumen, Früchten und Gemüſen nichts nachgab), der Abbé Adelmonte nahm alſo ein Kaninchen und gab demſelben ein Kohlblatt zu freſſen; das Kaninchen ſtarb. Welcher Inſtructions⸗ richter konnte dagegen etwas einwenden, und welcher königliche Pro⸗ curator hat jemals ein Verhör angeordnet gegen die Herren Magendie oder Flourens, wegen der Kaninchen, Katzen und Meerſchweine, die ſie vergiftet haben? Keiner. Das Kaninchen war alſo ge⸗ ſtorben, ohne die Juſtiz zu incommodiren. Das todte Kaninchen ließ der Abbé Adelmonte von ſeiner Köchin ausnehmen und die Eingeweide auf einen Düngerhaufen werfen. Auf dieſen Dünger⸗ haufen kam ein Huhn, pickte an den Eingeweiden, wurde krank und ſtarb den folgenden Tag. In dem Augenblicke ſeines letzten Todes⸗ kampfes flog ein Geier vorüber(in Adelmonte's Lande giebt es ſehr viele Geier), ſtieß auf das Huhn, nahm es mit auf einen Felſen und fraß davon.— Drei Tage darauf fühlte der arme Geier, der ſeit dem Hühnerſchmauſe ſich unwohl befand, plötzlich hoch in den Wolken ſeine Kräfte ſchwinden, er kann ſich nicht länger halten und fällt, und fällt in Ihren Fiſchteich; der Hecht, der Aal und die Muräne ſind, wie Sie wiſſen, ſehr gefräßig, ſie fraßen den Geier an. Nun wohl! denken Sie ſich, daß man zufällig den folgenden 19 d fängt Gegen Gener⸗ Kräm ſatt u eftorbe 1 Sie d andere überfli Orient lernt e F Geſtal lichen zu ſein gemach Arſen colub krank dageg davo ſchied wir ſichtb Nerv war . d. gnädige wahre Weiſe Ann Nididumm ralſhſe arf. . Fener Ihnen vor⸗ Jenre.“ r hate einen dengewächſen, um Beſſpil, don Wrſenik nun war 68 ar, für den ül mit nach d wegen eine en, die ſeiner ts nachgab), ad demſelben Inſtructions⸗ nigliche Pro⸗ en Magendie Reerſchweine, dar alſo ge⸗ te Kaninchen nen und die iſen Dünger⸗ de krank und letzten Todes⸗ giebt es ſehr einen Felſen ne Geier, der hoch in den er halten und Aal und die en den Geier den folgenden 707 Tag den in der vierten Potenz vergifteten Aal, Hecht oder Muräne fängt und auf Ihren Tiſch bringt. Ihr Tiſchgenoſſe, der nicht durch Gegengift geſchützt iſt, und von dem Fiſche ißt, wird in der fünften Generation vergiftet, und ſtirbt nach acht oder zehn Tagen an Krämpfen, Herzweh oder Magendrücken. Die Leicheneröffnung findet ſtatt und die Aerzte ſagen: „Das Individuum iſt an einer Lebergeſchwulſt oder am Typhus geſtorben.“ 1 „Aber,“ ſagte Frau von Villefort,„alle dieſe Umſtände, die Sie da aneinander reihen, können durch den kleinſten Zufall eine andere Richtung erhalten; der Geier kann nicht zu rechter Zeit vor⸗ überfliegen oder hundert Schritte vom Teiche niederfallen.“ „Ahl darin liegt eben die Kunſt; um ein großer Chemiker im Oriente zu ſein, muß man den Zufall zu lenken verſtehen, und man lernt es.“ Frau von Villefort ſaß träumeriſch und horchend. „Aber,“ ſagte ſie,„das Arſenik iſt unvertilgbar, in welcher Geſtalt man es auch genießt, es wird ſich in dem todten menſch⸗ lichen Körper vorfinden, wenn es in ſolcher Quantität, um tödtlich zu ſein, demſelben mitgetheilt iſt.“ „Ha! das war es eben, was ich zu dem wackern Adelmonte ſagte.“ 1 „Er ſann, lächelte und antwortete mir mit einem ſicilianiſchen Sprichworte, das, wenn ich nicht irre, auch ein franzöſiſches iſt: „Mein Sohn, die Welt iſt nicht in einem, ſondern in ſieben Tagen gemacht; runhn Sie Sonntag wieder.“ „Den folgenden Sonntag kam ich wieder; ſtatt ſeinen Kohl mit Arſenik zu begießen, hatte er ihn mit einer Auflöſung von strichnos colubrina begoſſen. Dieſes Mal ſah der Kohl nicht im Geringſten krank aus; auch hatte das Kaninchen nicht den geringſten Verdacht dagegen, war aber nichts deſto weniger fünf Minuten, nachdem es davon gefreſſen hatte, todt; das Huhn fraß vom Kaninchen und ver⸗ ſchied am andern Morgen. Nun ſpielten wir die Rolle des Geiers, wir holten das Huhn und öffneten es. Dieſes Mal waren keine ſichtbaren Kennzeichen an irgend einem Organe; Zerrüttung des Nervenſyſtems und Gehirnentzündung, weiter nichts. Das Huhn war nicht vergiftet, es war am Schlagfluſſe geſtorben. Dieſes iſt 45* 7⁰8 ein ſeltener Fall bei den Hühnern, aber ein deſto gewöhnlicherer bei den Menſchen.“ Frau von Villefort ſchien immer träumeriſcher zu werden. „Es iſt ein Glück,“ ſagte ſie,„daß ſolche Subſtanzen nur von Chemikern verfertigt werden können, denn ſonſt würde wahrſcheinlich die eine Hälfte der Welt die andere vergiften.“ „Von Chemikern oder von Perſonen, die ſich mit Chemie be⸗ ſchäftigen,“ warf Monte⸗Chriſto leicht hin. „Und dann,“ ſagte Frau von Villefort, ſich ihren Gedanken mit Gewalt entreißend,„ſo weiſe und gelehrt es vorbereitet und verſteckt ſein mag, das Verbrechen bleibt immer Verbrechen, und wenn es der menſchlichen Unterſuchung entgeht, ſo iſt es doch Gott bekannt. Die Orientalen haben ein ſtärkeres Gewiſſen als wir, und haben kluger Weiſe die Hölle abgeleugnet, das iſt der Unterſchied.“ „Ei, gnädige Fraul eine ſolche Bedenklichkeit muß natürlich in einer edeln Seele, wie die Ihrige iſt, entſtehen, würde aber dennoch durch Vernunftgründe bald entwurzelt ſein. Die böſe Seite der menſchlichen Gedanken iſt concentrirt in dem Ihnen gewiß bekannten Paradoxon Jean Jacques Rouſſeau's:— Der Mandarin, den man tödtet, hat fünftauſend Meilen über ſich, wenn er die Fingerſpitze in die Höhe hebt.— Das menſchliche Leben beſteht daraus, daß ſolche Sachen geſchehen, und ſein Verſtand erſchöpft ſich darin, ſie zu träumen. Sie werden wenig Leute finden, die barſch und kalt hingehen, um ihrem Nächſten ein Meſſer in's Herz zu ſtoßen, oder ihm, um ihn von der Oberfläche der Erde zu vertilgen, jene Quan⸗ tität Arſenik, die wir vorhin erwähnten, beizubringen. Das wäre wirklich excentriſch oder toll. Um dahin zu kommen, muß das Blut bis zu ſechsunddreißig Grad erhitzt ſein, muß der Puls neunzig Schläge in einer Minute thun und die Seele ihre gewöhnlichen Grenzen überſchreiten; aber wenn Sie, wie das in der Philoſophie ſtattzufinden pflegt, vom Worte zum mildernden Synonym über⸗ gehen, ſo bewirken Sie eine einfache Elimination*), ſtatt einen un⸗ edlen Mord zu begehen, wenn Sie den, der Ihnen im Wege iſt, ganz einfach, ohne Stoß, ohne Gewaltthat, ohne den Anſchein von Feindſeligkeit, ohne jene Zugabe von Schmerzen, die, eine Qual, *) Wegſchaffung— in der Mathematik. aus d im u wenn ttatff Ausft lichen ſczaft phleg junch Villef Gewi energ denn wir n ſeren gerine retten Erſtich dieſe ſchafte müthe engli hätte die, ihre eine ſchul Gew ſätze, aufſt ung Hab I nur von rſcheinlih hemie be⸗ anken mit d veiſtckt wenn es t bekannt ind haben 8.“ ktürlich in e dennoch Seite der bekannten den man ingerſpite aus, daß darin, ſie und kalt zen, oder ene Quan⸗ Das wäre das Blut à neunzig wöhnlichen Whiloſophie nym über⸗ einen un⸗ Wege iſ, ſchein von eine Qual, —F 709 aus dem Opfer einen Märtyrer und aus dem Thäter einen Henker im vollſten Sinne des Wortes machen, aus dem Wege räumen; wenn dabei kein Blutvergießen, kein Geheul, keine Verzerrungen ſtattfinden, wenn beſonders jene augenblickliche und compromittirende Ausführung wegfällt, dann entgehen Sie dem Blitzſtrahle des menſch⸗ lichen Geſetzes, das zu Ihnen ſagt:„Störe die Ruhe der Geſell⸗ ſchaft nicht!“ So handeln und reuſſixen die Orientalen, ernſte, phlegmatiſche Menſchen, die ſich wenig um die Zeitfragen, bei Con⸗ juncturen von einiger Wichtigkeit kümmern.“ „Es bleibt aber immer noch das Gewiſſen,“ ſagte Frau von Villefort mit bewegter Stimme und einem unterdrückten Seufzer. „Ja,“ entgegnete Monte⸗Chriſto,„ja, glücklicherweiſe bleibt das Gewiſſen, ohne welches man ſehr glücklich wäre. Nach jeder etwas energiſchen Handlung iſt es das Gewiſſen, das uns aufrecht hält, denn es gewährt uns tauſend gute Entſchuldigungen, deren Richter wir nur ſelbſt ſind; und dieſe Gründe, ſo köſtlich ſie ſind, um un⸗ ſeren Nächſten den Schlummer zu ſichern, wären vielleicht von ſehr geringem Einfluſſe, um vor einem Tribunale uns das Leben zu retten. Richard III. z. B. bedurfte ſehr ſeines Gewiſſens, nach der Erſtickung der Söhne Eduard IV.; wirklich, er konnte ſich ſagen: dieſe beiden Kinder eines harten Vaters, die gewiß ſeine Eigen⸗ ſchaften geerbt hatten, was ich allein an ihren jugendlichen Ge⸗ müthern erkennen konnte, dieſe beiden Kinder hinderten mich, das engliſche Volk zu beglücken, deſſen Unglück ſie jedenfalls begründet hätten. So auch wurde Lady Macbeth von ihrem Geviſſen bedient, die, was Shakeſpeare auch ſagen mag, nicht ihrem Manne, ſondern ihrem Sohne einen Thron geben wollte. Ach! die Mutterliebe iſt eine ſo große Tugend, ein ſo gewaltiger Hebel, daß ſie Vieles ent⸗ ſchuldiget; auch wäre nach Duncan's Tode Lady Macbeth ohne Gewiſſen eine ſehr unglückliche Frau geweſen.“ Frau von Villefort verſchlang gierig dieſe entſetzlichen Grund⸗ ſätze, die der Graf mit ſeiner eigenthümlichen, unbefangenen Ironie aufſtellte. Dann ſagte ſie nach kurzem Schweigen: „Wiſſen Sie wohl, Herr Graf, daß Sie ſchreckliche Behaupt⸗ ungen aufſtellen und die Welt durch ein ſehr trübes Glas ſehen? Haben Sie denn die Welt in dem Deſtillirkolben und unter der 1 4 71⁰ Retorte gehabt, um dieſe Anſicht von derſelben zu gewinnen? Denn Sie hatten Recht, Sie ſind ein großer Chemiker, und jenes Elixir, wodurch Sie meinen Sohn ſo ſchnell wieder belebten...“ „O! trauen Sie jenem Elixire nicht, gnädige Frau,“ ſagte Monte⸗Chriſto;„ein Tropfen deſſelben belebte das Kind, drei Tropfen hätten ſein Blut ſo ſchnell in Umlauf gebracht, daß es Herzklopfen bekam; ſechs hätten ihm den Athem benommen und eine bedenklichere Ohnmacht veranlaßt, als die, in welcher es lag; zehn endlich hätten es vernichtet. Sie wiſſen, gnädige Frau, wie ſehr ich eilte, den Knaben von jenen Fläſchchen zu entfernen, die er unvor⸗ ſichtiger Weiſe anfaßte.“ „Es iſt alſo ein gefährliches Gift?“ „O! mein Gott, nein! nehmen wir erſt an, daß der Begriff Gift gar nicht exiſtirt, indem man ſich in der Heilkunde der ſtärkſten Gifte bedient, welche durch die Art der Anwendung die wirkſamſten Geneſungsmittel werden.“ „Was war es denn aber?“ „Es war ein von meinem gelehrten Freunde, jenem vortreff⸗ lichen Abbé Adelmonte, erfundenes Arkanum, deſſen ſorgſame An⸗ wendung er mich gelehrt hatte.“ „O!“ ſagte Frau von Villefort,„das muß ein vorzüglich krampf⸗ ſtillendes Mittel ſein.“ „Unvergleichlich, gnädige Frau, wie Sie geſehen haben,“ ant⸗ wortete der Graf,„und ich mache davon ſehr häufig Gebrauch; verſteht ſich, mit aller möglichen Vorſicht,“ fügte er lachend hinzu. „Das glaube ich,“ antwortete Frau von Villefort in demſelben Tone.„Was mich anbetrifft, ſo nervenſchwach und ſehr zu Ohn⸗ machten geneigt, wie ich bin, müßte ich einen Doctor Adelmonte haben, der mir Mittel erfände, um meine Beklemmungen zu heben und mich von der Furcht zu befreien, daß ich eines ſchönen Tages erſticken werde.— Da indeſſen die Sache in Frankreich ſchwer zu erlangen und Ihr Abbé Adelmonte wahrſcheinlich nicht geneigt iſt, um meinetwillen die Reiſe nach Paris zu machen, ſo halte ich mich an die krampfſtillenden Mittel des Herrn Planché, und die Pfeffer⸗ münze und die Hoffmannstropfen ſpielten bei mir eine große Rolle. Hier ſehen Sie dieſe Kügelchen, die ich mir beſonders habe machen laſſen; ſie ſind in verdoppelter Doſis.“ ſegte drei leß es d eine zehn tr ich ſunvor⸗ Pegrif kerkſten emſten rtreff⸗ e An⸗ ampf⸗ 4 ant⸗ rauch; hinzu. ſelben d hn⸗ nonte heben Tages er zu gt iſt mich ſeffer⸗ Rolle. achen üri, Frau ihm reichte, und athmete den Geruch der Pfeffermünzküglein als Kenner. „Sie ſind ausgezeichnet, aber müſſen aufgeſogen werden, was die Ohnmächtigen oft nicht im Stande ſind, darum ziehe ich mein Mittel vor.“ „Ei, das würde ich auch thun, nach den Wirkungen, die ich davon geſehen habe; aber es iſt ohne Zweifel ein Geheimniß, und ich will nicht ſo unbeſcheiden ſein, Sie darum zu bitten.“ „Aber ich, gnädige Frau, werde ſo galant ſein, es Ihnen an⸗ zubieten,“ ſagte Monte⸗Chriſto. „O! Herr Graf!“ „Nur eins vergeſſen Sie nicht, nämlich, daß in kleiner Doſis es ein Heilmittel, in großer ein Gift iſt. Ein Tropfen giebt das Leben zurück, wie Sie geſehen haben, acht bis zehn tödten unaus bleiblich, und das um ſo ſchrecklicher, als dieſe Tropfen, in Wein gegoſſen, den Geſchmack deſſelben durchaus nicht verändern. Aber, verzeihen Sie, gnädige Frau, ich ſcheine faſt, Ihnen Vorſchriften zu machen.“ Es ſchlug ſechs ein halb, und eine Freundin, die zum Eſſen zu Frau von Villefort kam, wurde gemeldet. „Wenn ich die Ehre hätte, Herr Graf, Sie zum dritten oder vierten, ſtatt zum zweiten Male zu ſehen,“ ſagte Frau von Ville⸗ fort;„wenn ich die Ehre hätte, Ihre Freundin zu ſein, ſtatt daß ich nur das Glück habe, Ihre Schuldnerin zu ſein, ſo würde ich Sie zum Eſſen einladen und mich durch keinen erſten Refüs ſchrecken laſſen.“ „Tauſend Dank, gnädige Frau,“ antwortete Monte⸗Chriſto ver⸗ bindlich,„ich habe ein Engagement, dem ich nachkommen muß. Ich habe verſprochen, eine meiner Freundinnen, eine griechiſche Prin⸗ zeſſin, in's Theater zu führen, welche die große Oper noch nicht ſah, und auf mich rechnet, daß ich ſie dort einführen werde.“ „Dann leben Sie wohl, Herr Graf, aber vergeſſen Sie mein Recept nicht.“ „Wie wäre das möglich, gnädige Frau! dann müßte ich erſt die Stunde vergeſſen, die ich ſo glücklich war, in der Unterhaltung mit Ihnen zu verleben. Das iſt ganz unmöglich.“ Monte⸗Chriſto öffnete die Perlmutter⸗Bonbonnière, welche die 712 Monte⸗Chriſto empfahl ſich mit dieſen Worten. Frau von Villefort blieb träumeriſch zurück. „Das iſt ein merkwürdiger Mann, der mir ganz ſo ausſieht, als wäre ſein Taufname Adelmonte,“ ſagte ſie. Was Mante⸗Chriſto anbetraf, ſo hatte das Reſultat ſeines Be⸗ ſuches ſeine Erwartung übertroffen. 1 „Das iſt ſchöner Boden,“ ſagte er, als er wieder im Wagen ſaß,„ich bin überzeugt, daß das Samenkorn, das man in denſelben ſtreut, aufgeht.“ Und am andern Morgen ſchickte er, ſeinem Verſprechen getreu, der Frau von Villefort das erbetene Recept. es Be⸗ d agen ſelben petreu ₰ — rrey Control Chart Green vVellow Hed Magenta — 1