Leihbibliothet 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, 3 39 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ) Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ piahgnahm⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ☛☚— auf 1 Monat: 1 Net.=— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Bei jedem Schritte, den Edmond auf den durchwärmten Granit that, verſcheuchte er die wie Smaragd glänzenden Eidechſen. Auf den flacheren Hügeln der Inſeln ſah er die wilden Ziegen ſpringen, um derentwillen zuweilen Jäger die⸗ ſelben beſuchen; kurz die Inſel war bewohnt, belebt, und dennoch fühlte Edmond ſich auf derſelben nur unter dem Auge und der Hand Gottes. Er empfand eine gewiſſe mit Furcht gemiſchte Rührung. Es war jene Schüchternheit, die ſelbſt in der Wüſte, am hellen Tage ſich des beobachtenden Auges eines höheren, mächtigeren Weſens bewußt iſt. Dieſe Empfindung wurde ſo mächtig in Edmond, daß er in dem Augenblicke, wo er ſein Werk hatte beginnen wollen, anhielt, ſeine Hacke zur Seite legte, ſeine Büchſe nahm, nochmals den höchſten Felſen der Inſel erkletterte und von da einen Blick in die Unermeßlichkeit warf, die ihn umgab. Aber, wir müſſen es geſtehen, was ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte, war nicht das poetiſche Corſika, wovon er ſogar die Häuſer unterſcheiden konnte, nicht das etwas entferntere, ihm noch ziemlich unbekannte Sardinien, nicht die Inſel Elba mit ihren grandioſen Erinnerungen, nicht endlich dieſer unmerkliche Streif, der ſich am Horizont ausdehnte und an welchem das geübte Seemannsauge genau die Stelle entdeckte, wo das prächtige, ſtolze Genua, wo das Handel treibende Livorno ſich erhebt; nein, es war die Brigantine, die bei dem erſten Tagesſtrahl, und die Tartane, 268 die ſo eben abgeſegelt war. Die Erſtere verſchwand ſo eben um die Meerenge von Bonifacio; die Andere hielt ſich, die entgegen⸗ geſetzte Richtung nehmend, an der Küſte, welche ſie im Begriff war zu umſegeln. Dieſer Anblick beruhigte Edmond; er betrachtete ſeine nähere Umgebungen; er befand ſich auf dem höchſten Punkte der kegel⸗ förmigen Inſel, auf der ſchlanken Statue dieſes unermeßlichen Piedeſtals; unter ihm kein Menſch, um ihm her kein Nachen, nichts als das blaue Meer, welches ſich an der Grundfeſte der Inſel brach und von dieſer ewigen Bewegung wie mit einer Silberborde ein⸗ gefaßt wurde. Nun ſtieg er raſch, aber vorſichtig hinab; in einem ſolchen Augenblicke, wie der jetzige war, fürchtete und vermied er einen Zufall, wie den, welchen er vor einigen Stunden ſo geſchickt und glücklich erdichtet hatte. Dantes war, wie wir ſchon geſagt haben, als die in den Felſen gemachten Einſchnitte aufhörten wieder umgekehrt und hatte geſehen, daß dieſelben zu einer Art kleinen, verſteckten Bucht, ungefähr wie ein Nymphenbad der Fabelzeit, führten. Dieſe kleine Bucht war gerade ſo breit und tief, daß ein kleines Fahrzeug von der Art der Speronaras in dieſelbe einlaufen und daſelbſt verſteckt bleiben konnte. Indem er nun dem Faden der Vermuthungen folgte, der den Geiſt des Abbé Faria ſo ſicher in dem Labyrinthe der Möglichkeiten ge⸗ führt hatte, dachte er zunächſt, daß der Cardinal Spada hauptſäch⸗ lich wünſchend, nicht geſehen zu werden, in dieſer Bucht gelandet ſein, das Fahrzeug, das ihn hergebracht, hier verſteckt haben, der durch die Einſchnitte bezeichneten Richtung gefolgt ſein, und am Ende derſelben ſeinen Schatz vergraben haben werde. Dieſe Ver⸗ muthung hatte Dantes zu dem runden Felſen zurückgeführt. Nur ein Umſtand beunruhigte ihn und ſtieß alle ſeine Ideen von der Kenntniß der bewegenden Kräfte um: wie hatte ohne beſondere Kräfte dieſer Felſen gehoben werden können, der vielleicht fünf bis ſechs Centner wog und feſt auf ſeiner Baſis zu ruhen ſchien? Plötzlich fiel ihm ein, daß man, ſtatt ihn zu heben, ihn viel⸗ leicht geſenkt hatte. Und er ſtürzte ſich auf den Felſen, um den Ort, auf dem er früher geruht haben konnte, zu ſuchen. Wirklich entdeckte er bald einen leichten Abhang, der künſtlich gemacht zu ſein ſchien, der Felſen ſchien auf demſelben hinuntergeglitten und auf 1— ————— ————— 269 einem anderen Felſen von der Größe eines gewöhnlichen Quader⸗ ſteins, der ihm zur Unterlage diente, liegen geblieben zu ſein. Fels⸗ ſtücke und Kieſelſteine ſchienen ſorgfältig zuſammengefügt, um jede Spur, daß Menſchenhände hier gewaltet haben, zu verbergen; dieſe Art von Mauerarbeit war mit fruchtbarer Erde bedeckt, auf der Gras und Moos ſich ausgebreitet hatte, einige Samenkörner Myrthen und Maſtix hatten an derſelben gehaftet und der alte Felſen glich ſeinen Nachbarn in allen Stücken. Dantes machte heftig die Erde los, und glaubte das ganze künſtliche Werk deutlich zu erkennen. Nun begann er mit ſeiner Hacke dieſe durch die Zeit gelittene Zwiſchenmauer anzugreifen. Nach zehn Minuten Arbeit wich die Mauer und er hatte ein Loch, durch welches er bequem den Arm ſtecken konnte, hinein⸗ gearbeitet. Dantes fällte, ſo ſchnell er konnte, den ſtärkſten Oliven⸗ baum, den er fand, und befreite ihn von den Zweigen, ſteckte ihn in das Loch und bediente ſich ſeiner als Hebebaum; aber der Felſen war zu ſchwer und durch die Länge der Zeit zu feſt mit der Grund⸗ lage vereinigt, als daß eine menſchliche Kraft, und wäre es die eines Herkules geweſen, ihn hätte von der Stelle bewegen können. Nun ſah Dantes ein, daß er die Grundlage ſelbſt erſchüttern müſſe, um ſich Erfolg verſprechen zu können; aber womit? rathlos und verlegen ſah er um ſich her, als plötzlich das ihm von ſeinem Freunde Jacopo gelaſſene Pulverhorn ihn auf einen Gedanken brachte; er lächelte freudig: die hölliſche Erfindung ſollte ſein Werk vollenden. Mit ſeiner Hacke machte er eine Höhlung zwiſchen den beiden Felſen, füllte dieſelbe mit Schießpulver, zerriß ſein Schnupftuch und machte von demſelben einen Docht, den er in die Höhlung legte. Sobald er denſelben angezündet hatte, entfernte er ſich eilig. Die Exploſion erfolgte; der obere Felſen wurde durch nicht zu be⸗ rechnende Kräfte einen Augenblick gehoben, der untere ſtürzte krachend zuſammen. Durch eine kleine Oeffnung, die Dantes früher gemacht hatte, entflohen Myriaden ſchwirrender Inſecten und eine ungeheure Schlange, Hüterin dieſes geheimnißvollen Ganges, ringelte ſich über ihre bläulichen Windungen und verſchwand. Dantes näherte ſich, der obere Felſen nun ohne Stütze, neigte ſich zur Seite; der unerſchrockene Arbeiter umging ihn, wühlte die 270 Stelle, wohin er ſich neigte, ſtützte ſeinen Hebebaum dagegen, und ſich, einem Erdgeiſte gleich, mit aller Kraft gegen den Felſen; dieſer wankte noch mehr. Dantes, wie einer jener Titanen, welche, dem Herrn der Götter den Krieg erklärend, die Erde entwurzelten, ver⸗ doppelte ſeine Anſtrengungen. Endlich gab der Felſen nach, rollte, ſtürzte und verſchwand, vom Meere verſchlungen, deſſen Wogen haushoch über ihm emporſtiegen, ein Monument des Gefällten, von freilich nur Sekunden langer Dauer. In dem runden Flecke, auf dem der Felſen geruht hatte, zeigte ſich ein als Handhabe an einer viereckigen Steinplatte befindlicher eiſerner Ring. Dantes ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. Konnte ein erſter Verſuch durch glänzenderen Erfolg gekrönt werden? Sein Herz klopfte ſo unbändig, ſeine Beine zitterten ſo heftig, das in Aufruhr gerathene Blut übergoß ſeine Augen mit ſolcher Gluth, daß er gezwungen war, inne zu halten. Doch nur eine Sekunde lang zögerte er; dann ſteckte er ſeinen Hebebaum in den Ring, hob ihn kräftig, und als der Stein entfernt war, zeigte ſich eine Art ſteile Treppe, die in eine, je tiefer, je finſterer werdende Höhle führte. Ein Anderer würde ſich hineingeſtürzt, würde einen Freuden⸗ ſchrei ausgeſtoßen haben. Dantes blieb ſtehen, erbleichte, zweifelte. „Nun gilt's, ein Mann zu ſein,“ ſagte er an Widerwärtigkeiten gewöhnt,„ſich nicht durch Fehlſchlagen außer Faſſung bringen zu laſſen; ſonſt hätte ich ja umſonſt ſo lange gelitten.“ Sein Herz drohte zu brechen. Nachdem es durch Hoffnung übermäßig ausgedehnt war, zog es ſich zuſammen, verſchloß ſich und ſtarrte unter dem Einfluſſe der kalten Wirklichkeit. Faria konnte geträumt haben, dachte er; der Cardinal Spada hatte nichts in dieſer Höhle vergraben; hatte vielleicht nie einen Fuß hinein geſetzt; oder Cäſar Borgia, der unerſchrockene Aben⸗ teurer, war nach ihm gekommen, hatte ſeine Spur entdeckt, ſich nach denſelben Zeichen gerichtet, die auch ihn hierher geleitet hatten, wie er dieſen Stein gehoben, war hinabgeſtiegen und hatte ihm nur das leere Nachſehen gelaſſen. Einen Augenblick blieb er, in dieſe finſtere, tiefe Höhle ſtarrend, ſtehen.„Ja, ja,“ rief er dann,„dies war ein jenes königlichen Banditen würdiges Abenteuer, würdig des Gewebes merkwürdiger ——————————2’ʒ—.— —— 2 ᷣ—= — ———. 271 Begebenheiten oder vielmehr Schlechtigkeiten, die das Drama ſeines Daſeins ausmachten. Ja, Borgia iſt bei Nacht hierher gekommen, eine Fackel in der einen, ein Schwert in der andern Hand; während vielleicht zwanzig Schritte von ihm, am Fuße dieſes Felſens, zwei Häſcher finſter und drohend, Erde, Luft und Meer bewachten, in⸗ deſſen ihr Herr hineinſtieg und mit ſeinem furchtbaren, flammenden Arme die Finſterniß erhellte. Ja, aber was machte er mit den Häſchern, denen er ſein Geheimniß hatte Preis geben müſſen?“ fragte ſich Dantes. „Was man,“ antwortete er lächelnd ſich ſelbſt,„mit den Todten⸗ gräbern Alarichs machte, die man mit dem Verſtorbenen verſcharrte.“ „Jetzt, wo ich auf nichts mehr rechne, wo ich mir geſagt habe, daß es unvernünftig wäre, noch Hoffnung zu hegen, jetzt iſt der weitere Verfolg dieſes Abenteuers nur noch Sache der Neugierde für mich... weiter nichts...“ und noch immer blieb er unbeweg⸗ lich und nachdenkend ſtehen. „Wenn er aber gekommen wäre,“ fuhr Dantes fort,„wenn er dieſen Schatz gefunden und gehoben hätte, ſo kannte Borgia, der Mann, welcher Italien mit einer Artiſchocke verglich, die er Blatt für Blatt verſpeiſ'te, den Werth der Zeit zu gut, um die ſeinige damit zu verlieren, dieſe dann leere Höhle wieder zu ſchließen. Alſo: hinunter!“ Und er ſtieg hinunter, das Lächeln des Zweifels und das letzte Wort der menſchlichen Weisheit:„Vielleicht!“ auf den Lippen. Aber ſtatt der dichten Finſterniß, ſtatt der dumpfen, verdor⸗ benen Luft, in die er ſich zu wagen geglaubt hatte, fand er unten einen matten, bläulichen Schimmer; Luft und Licht drangen nicht allein durch die von ihm gemachte Oeffnung, ſondern durch Felſen⸗ ſpalten, die man von Außen nicht gewahr wurde, in die Höhle, ſo daß er in derſelben die Zweige der grünen Eichen vom Winde bewegt zittern und die dornigen Ranken der überhängenden Sträuche von der Sonne vergoldet ſah. Nachdem er einige Sekunden in dieſer Höhle geweilt hatte, deren Luft mehr lau als feucht, mehr geruch⸗ voll als dumpfig war, und ſich zu der Atmoſphäre der Inſel unge⸗ fähr ſo verhielt, wie die Bläue des Himmels zu der Sonne, konnte das, wie wir wiſſen, ohnehin in der Dunkelheit zu ſehen gewöhnte Auge Dantes bis zu den entfernteſten Winkeln der Höhle dringen, —— 2 72 ſie war von Granit, deren flimmernde Wände wie Diamanten funkelten. „Ach,“ ſagte Edmond lächelnd,„dieſes werden ohne Zweifel alle Schätze ſein, die der Cardinal hinterlaſſen hat, und als der gute Abbé im Traume dieſe glänzenden Wände ſah, glaubte er, an dem Reichthume, den ſie umſchließen ſollten, nicht mehr zweifeln zu dürfen, Doch fielen Edmond die Ausdrücke des Teſtaments, welches er aus⸗ wendig wußte, tröſtend wieder ein.„In dem von der zweiten Oeff⸗ nung entfernteſten Winkel“ ſagte das Teſtament. Da nun Dantes erſt eine Grotte gefunden hatte, ſo mußte er jetzt den Eingang in die zweite ſuchen. Er überlegte. Die zweite Grotte mußte natürlich in das Innere der Inſel hinabführen. Er unterſuchte die Steinſchichten und klopfte hin und wieder an eine der Seitenwände, wo er glaubte, daß der Eingang zu dieſer zweiten Höhle ſein müſſe, die ohne Zweifel mit Vorſicht verſteckt war. Die Hacke entlockte dem Felſen keinen hohl⸗ klingenden Ton, der Schweiß brach auf Dantes Stirn aus. End⸗ lich ſchien es dem beharrlichen Schatzgräber, als entlocke ſeine Hacke einem Theile der Granitmauer ein dumpfes, hohles Echo. Er näherte ſeinen glühenden Blick der widerhallenden Stelle und erkannte mit dem Takte eines Gefangenen, was vielleicht Niemand anders erkannt haben würde, daß hier eine Oeffnung ſein müſſe. Da er, wie Cäſar Borgia, den Werth der Zeit zu ſchätzen verſtand, ſo unter⸗ ſuchte er, um dieſelbe nicht unnütz zu verlieren, erſt nochmals alle Wände, alle Winkel, fand aber nirgends eine hohlklingende Stelle und kehrte nun zu der Erſtentdeckten zurück, welche den tröſtlichen Ton von ſich gab, und in die er nun von Neuem und ſtärker einhieb. Da ſah er etwas Sonderbares, unter den Streichen ſeines Werkzeuges fiel nämlich eine Art Mörtel wie in Schuppen von der Mauer ab, wie man ihn gebraucht, um alte Fresko⸗Gemälde an die Wände zu malen, und unter denſelben zeigte ſich ein weicher, weißlicher Stein, wie die gewöhnlichen Werkſteine. Die Oeffnung im Felſen war mit Steinen anderer Art geſchloſſen, dann der Mörtel⸗ Anwurf auf dieſen Stein gebracht, und dem Anwurf war die Farbe des Felſens gegeben. Dantes klopfte nun mit dem ſpitzen Ende der Hacke, ſie drang einen Daumen breit in die Mauerfugen ein. Hier mußte er weitergraben. ————y,— 273 Durch ein fremdes Geheimniß der menſchlichen Natur wurde Dantes, ſtatt bei jedem Beweiſe, daß Faria ſich nicht geirrt hatte, zuverſichtlicher und freudiger zu werden, immer bedenklicher, ja faſt muthlos. Dieſe neue Entdeckung, die ſeine Kräfte hätte ſtählen müſſen, raubte ihm im Gegentheil dieſelbe; die Hacke fiel ihm beinahe aus der Hand, er lehnte ſie an die Felſenwand, trocknete ſich die Stirne und ſtieg in das Freie empor, ſich ſelbſt ſagend, daß er nur ſehen wolle, ob kein Späher in der Nähe ſei; in Wahrheit aber, weil er der Luft bedurfte, weil er das Herannahen einer Ohnmacht empfand. Die Inſel war öde, die Sonne im Zenith ſtehend, ſchien ſie mit ihrem Feuerauge zu bewachen; in der Entfernung glitten kleine Fiſcherbarken mit ihren blendendweißen Segeln über das ſaphyrblaue Meer. Dantes hatte zwar noch nichts genoſſen, war aber nicht im Stande, in dieſem Augenblicke etwas zu eſſen, er nahm einige Tropfen Rum und kehrte geſtärkt und ermuthigt in die Grotte zu⸗ rück. Die Hacke, die er zuletzt kaum hatte halten können, war ihm wieder leicht; er erhob ſich wie eine Feder und begann das Werk mit neuer Kraft. Nach einigen Schlägen entdeckte er, daß die Steine nicht gekittet, ſondern nur auf und neben einander gefügt, und mit dem vorerwähnten Mörtel beworfen waren; nach einiger Anſtreng⸗ ung gelang es ihm, einen Stein loszumachen, dann mehrere, und bald überzeugte er ſich von dem wirklichen Daſein der zweiten Höhle, und hatte eine Oeffnung, durch die er bequem eintreten konnte; doch ehe er eintrat, ſammelte er erſt nochmals ſeinen ganzen Muth, für den möglichen Fall, daß ſeine Hoffnung dennoch getäuſcht werden könnte. Endlich hatte er Feſtigkeit genug, in die zweite Höhle ein⸗ zutreten. Dieſe zweite Höhle war niedriger, finſterer und abſchreckender als die erſte. Die Luft, welche nur durch die ſoeben gemachte Oeffnung eindrang, hatte jenen mephitiſchen Geruch, den Dantes in der erſten ſchon zu finden erwartet hatte. Er zog ſich zurück und ließ die friſche Luft erſt eindringen und die Atmoſphäre ver⸗ beſſern, ehe er eintrat. Als er es endlich gewagt hatte, ſah er, daß links von der Oeffnung ein tiefer, finſterer Winkel war, aber für Dantes Auge war, wie ſchon geſagt, keine Finſterniß undurch⸗ dringlich. Er ſah in der Höhle umher, ſie war leer wie die erſte; Der Graf von Monte⸗Chriſto. 18 — ——— OQO— 274 der Schatz, wenn er wirklich und hier exiſtirte, war in dieſem dunkeln Winkel vergraben. Die Stunde der Entſcheidung, aber auch der Todesangſt, war gekommen; nur noch zwei Fuß Erde hatte Dantes aufzuwerfen und er empfand die höchſte Freude, oder die äußerſte Verzweiflung. Er ging nach dem Winkel, faßte einen feſten Entſchluß, und begann den Boden kräftig zu bearbeiten. Bei dem fünften bis ſechſten Schlage mit der Hacke kam er auf Eiſen. Keine Sturmglocke, kein Todtengeläute hatte je einen ſolchen Eindruck auf ihn gemacht, als dieſer Ton. Wäre es möglich geweſen, würde er noch bleicher, als er gewöhnlich war, geworden ſein. Er unterſuchte an derſelben Stelle weiter und fand denſelben Widerſtand, aber einen andern Ton... es iſt ein mit Eiſen beſchlagener Koffer, dachte er. In dieſem Augenblicke verdunkelte ein ſchnell vorübergleitender Schatten die Höhle. Dantes ließ die Hacke fallen, ergriff ſeine Büchſe, ging nach der gemachten Oeffnung, durcheilte die erſte Höhle und ſtieg zum Tageslichte empor. Eine wilde Ziege war am Ein⸗ gange der Höhle vorbeigeſprungen und weidete einige Schritte von derſelben. Dies war eine ſchöne Gelegenheit für ſein Mittagseſſen zu ſorgen; aber er fürchtete, durch den Schuß Jemand(herbeizu⸗ ziehen. Er überlegte einen Augenblick, hieb dann einen harzigen Baum ab, zündete ihn an dem noch glimmenden Kohlfeuer der Schmuggler an und kam mit dieſer Fackel in die Höhle zurück. Er wollte nichts von dem verlieren, was er jetzt entdecken würde. Er beleuchtete das ſchon ziemlich große Loch, das er gemacht hatte, mit der Fackel und überzeugte ſich von der Richtigkeit ſeiner Vermuthung, er hatte wirklich Holz und Eiſen mit der Hacke berührt. Nun pflanzte er ſeine Fackel auf und arbeitete fort. Bald war ein Fleck von drei Fuß Länge und zwei Fuß Breite von der Erde ent⸗ blößt und Dantes konnte einen mit ciſelirtem Eiſen beſchlagenen eichenen Koffer erkennen. Mitten auf dem Deckel war eine Silber⸗ platte, der die Erde ihren Glanz nicht geraubt hatte und auf der das Wappen des Hauſes Spada, ein Schwert auf einem ovalen Schilde und über demſelben ein Cardinalshut prangte. Dantes konnte über die Bedeutung dieſer Abzeichen nicht zweifelhaft ſein, Faria hatte ſie ihm nur zu oft beſchrieben. Nun war es keine Frag Mh das ſchlö Alle und als heben den ſeine nach Breu mit war und wenn woll wied glã zwei Bar in d in die Kla Hã mit Das Me bli ch une war 3 275 Frage mehr, der Schatz war wirklich da, wer würde ſich ſolche Mühe gegeben haben, um einen leeren Koffer zu verbergen? Schnell ſchritt die Arbeit nun vor und bald wurde Dantes das Schloß in der Mitte, an deſſen beiden Seiten noch Vorhänge⸗ ſchlöſer angelegt waren, und die Handhaben an den Seiten gewahr. Alles war ciſelirt nach der Sitte jener Zeit, wo durch mühſame und künſtliche Verarbeitung der Werth der geringſten Metalle mehr als verdoppelt wurde. Dantes verſuchte vergebens, den Koffer zu heben oder zu öffnen. Die drei Schlöſſer ſchienen als treue Hüter den Schatz nicht Preis geben zu wollen. Er trieb die ſcharfe Seite ſeiner Hacke zwiſchen die Fugen des Deckels und derſelbe ſprang nach einiger Anſtrengung krachend auf. Eine breite Oeffnung der Breter machte die Schlöſſer überflüſſig, die immer noch den Deckel mit dem Koffer zuſammenhaltend, nutzlos niederfielen. Der Koffer war offen. Ein fieberhafter Schwindel befiel Dantes; er ergriff ſeine Büchſe und ſtellte ſie neben ſich. Erſt ſchloß er die Augen, wie die Kinder, wenn ſie in der belebten Nacht ihrer Phantaſie mehr Sterne ſehen wollen, als der geſtirnte Himmel ihnen zeigt; dann öffnete er ſie wieder und ſtand geblendet. Der Koffer war in drei Abtheilungen getheilt: aus der erſten glänzten in der falben Beleuchtung ihm Goldthaler entgegen; in der zweiten befanden ſich ſchlecht polirte, aber ſorgſam eingepackte Barren, welche nur den Werth und das Gewicht des Goldes hatten; in der dritten endlich, die nur halb gefüllt war, konnte Edmond in Diamanten, Perlen und Rubinen wühlen, die, wenn er ſie durch die Finger laufen ließ, in glänzenden Cascaden niederfallend, einen Klang hervorbrachten, wie wenn Hagel auf Glasſcheiben fällt. Nachdem Edmond lange mit ſeinen zitternden, brennenden Händen in ſeinen Schätzen gewühlt hatte, ſprang er auf und lief mit einer an Wahnſinn grenzenden Aufregung in der Höhle umher. Dann eilte er hinaus und erkletterte einen Felſen, von dem er das Meer bis dicht an das Ufer der Inſel beobachten konnte, doch er er⸗ blickte kein Segel, keine Barke; allein, ganz allein war er mit ſeinen unermeßlichen, unzuberechnenden, märchenhaften Schätzen, die ſein waren. Schlief oder wachte er? War es Traum oder Wirklichkeit? Er fühlte zu gleicher Zeit das Bedürfniß, ſeinen Reichthum 18* 276 wiederzuſehen und die Unmöglichkeit, den Anblick deſſelben zu ertragen; dann flog er hinunter auf die Inſel, ſie, ungebahnt wie ſie war, nach allen Richtungen durchlaufend, verjagte die wilden Ziegen und erſchreckte die Seevögel durch ſeine Geberden und Aus⸗ rufungen. Als er ſich müde getobt hatte, kam er langſam, immer noch an der Wirklichkeit ſeines Glücks zweifelnd, wieder zu der Höhle und flog mehr als er ging zu ſeiner Gold- und Diamantengrube hin. Jetzt fiel er, ſein überwallendes Herz mit beiden Händen zu⸗ rückdrängend, auf die Kniee und ſtammelte ein Gebet, das nur Gott allein verſtand. Nun ſühlte er ſich ruhiger und unendlich viel glücklicher, denn nun erſt begann er an ſein Glück zu glauben. Jetzt fing er an, ſeinen Reichthum zu zählen, es waren tauſend Goldbarren, jede von zwei bis drei Pfund Gewicht. Dann häufelte er fünfundzwanzigtauſend Goldthaler auf, wovon der Werth eines jeden ungefähr achtzig Franken jetzigen Geldes betrug und die alle das Gepräge des Papſtes Alexanders VI. oder eines ſeiner Vor⸗ gänger trugen, und nun war die Abtheilung erſt halb geleert. End⸗ lich fand er an Perlen, Diamanten und Steinen, deren mehrere durch ihre kunſtvolle Faſſung um das Doppelte ihres Werthes er⸗ höht waren, zehn Mal ſo viel, als ſeine beiden geöffneten Hände faſſen konnten. Dantes ſah nach und nach den Tag ſich neigen, und endlich gänzliche Dunkelheit die Höhle erfüllen. Fürchtend, überraſcht zu werden, nahm er ſeine Büchſe und verließ die Höhle. Er ſtärkte ſich durch etwas Wein und Zwieback, legte dann den Stein auf die Oeffnung, ſich darauf und ſchlief ſo, den Eingang zu ſeinen Reich⸗ thümern mit ſeinem Körper ſchützend, kaum einige Stunden. Dieſe Nacht war eine jener köſtlichen und zugleich entſetzlichen, wie dieſer Mann mit ſo heftigen Empfindungen, deren ſchon mehrere in ſeinem Leben gehabt hatte. —— XXVI. Der Anbeſtannte. Endlich brach der Tag an, den Dantes ſchon lange mit offenen Augen erwartet hatte. Mit dem erſten Sonnenſtrahle erhob er ſich, ſtieg, wie am Abend zuvor, auf den höchſten Felſen der Inſel, um ihre Umgebungen zu durchſpähen. Wie am Abend, war ſie öde. Edmond ſtieg hinab, füllte ſeine Taſchen mit Edelſteinen, fügte, ſo gut er konnte, die Breter des Koffers zuſammen, bedeckte ihn mit Erde, trat dieſelbe glatt, ſtreute Sand darüber, um den Ort ſo viel als möglich dem andern Fußboden der Höhle gleich zu machen, verließ die Grotte, bedeckte ſie mit der Steinplatte, auf welche er Steine häufte, deren Zwiſchenräume mit Erde ausfüllte, in dieſelbe Myrthen und Geſträuch pflanzte und daſſelbe begoß, damit es ge⸗ deihen möge; dann verwiſchte er ſo gut als möglich ſeine Fußtapfen an dieſer Stelle und erwartete ungeduldig die Rückkehr ſeiner Kameraden. Es war auch nicht angebracht, jetzt ſeine Zeit mit der Betrachtung ſeiner Reichthümer zu vergeuden und auf Monte⸗Chriſto zu bleiben, um wie ein Drache todte Schätze zu bewachen. In das Leben, unter die Menſchen mußte er jetzt zurückkehren und in der Geſellſchaft den Rang, den Einfluß und die Macht einnehmen, welche der Reichthum, dieſe erſte und größte der Kräfte, über welche der Menſch gebieten kann, verleiht. Am ſechſten Tage kehrten die Schmuggler zurück. Dantes er⸗ kannte die Haltung und den Lauf der jeune Amélie; er ſchleppte ſich an's Ufer, wie der verwundete Philoctet, und kündigte ſeinen Kameraden, als ſie landeten, mit immer noch kläglicher Stimme an, daß es ihm etwas beſſer gehe; dann ließ er ſich ihre Abenteuer er⸗ zählen. Sie hatten Glück gehabt, das war ausgemacht; aber kaum war die Ladung abgeſetzt, als ſie erfuhren, daß eine Inſpections⸗ — —õ—õõ—V—B—B—BV—V— auch der alte Patron, von dem Dantes ſich jetzt trennte, an die 278 Brigg ſo eben den Hafen von Toulon verlaſſen habe und ihnen gerade entgegen kommen werde; ſie mußten alſo eine andere Richtung nehmen und mit Flügelſchnelle entfliehen, und bedauerten ſehr, daß Dantes, der dem Fahrzeuge einen ſo ſchnellen Lauf zu geben wußte, nicht an Bord war. Wirklich wurden ſie bald inne, daß das ver⸗ folgende Fahrzeug auf ihrer Spur ſei; aber mit Hilfe der Nacht und indem ſie das corſikaniſche Vorgebirge umſegelten, entkamen ſie glücklich. Uebrigens war dieſe Reiſe nicht übel geweſen und Alle, beſonders Jacopo, bedauerten, daß Dantes nicht dabei geweſen war, um ſeinen Antheil an den Priſengeldern, die ſich diesmal auf fünfzig Piaſter für Jeden beliefen, zu beziehen. Edmond ließ ſich Nichts merken, er lächelte nicht einmal bei Aufzählung der Vortheile, die er getheilt haben würde, wenn er die Inſel hätte verlaſſen können; und da die jeune Amélie nur nach Monte⸗Chriſto gekommen war, um ihn abzuholen, ſchiffte er ſich am Abend ein und folgte dem Patron nach Livorno. Daſelbſt ange⸗ langt, ging er zu einem Juden und verkaufte die vier kleinſten ſeiner Diamanten für fünfundzwanzigtauſend Franken das Stück. Der Jude hätte ſich erkundigen können, wie ein gewöhnlicher Matroſe in den Beſitz ſolcher Gegenſtände komme, aber er hütete ſich wohl, denn er gewann an jedem tauſend Franken. Am folgenden Tage kaufte er ein ganz neues Fahrzeug, welches er Jacopo ſchenkte und demſelben noch hundert Piaſter hinzufügte, damit er es bemannen konnte; dafür ſollte Jacopo ſeine erſte Reiſe mit demſelben nach Marſeille machen und ſich dort nach einem Greiſe, Namens Dantes, der in der Allee von Meillan, und einem jungen Mädchen, Namens Mercedes, die in der cataloniſchen Colonie wohnte, erkundigen. Jacopo glaubte zu träumen; als ihm aber Edmond erzählte, daß er eigentlich im Zorn Seemann geworden ſei, weil ſeine An⸗ gehörigen ihm das nöthige Geld zu ſeinem Lebensunterhalte ver⸗ weigerten, daß er aber jetzt in Livorno den Nachlaß eines ſeitdem verſtorbenen Onkels, der ihn zum alleinigen Erben eingeſetzt, in Empfang genommen habe, wunderte ſich Jacopo weiter nicht und zweifelte um ſo weniger an der Richtigkeit von Dantes Erzählung, weil deſſen höhere Bildung für einen gewöhnlichen Matroſen ihm immer aufgefallen war. Eben ſo treuherzig, wie Jacopo, glaubte Er —er * 8 4 5 3 * 279 Erzählung von der Erbſchaft. Zwar verſuchte er, obgleich die Zeit, für welche ſich Dantes der jeune Amélie verpflichtet hatte, abge⸗ laufen war, ihn an Bord zurückzuhalten, konnte aber den feſten Entſchluß ſeines bisherigen Matroſen nicht beſtegen, und entließ ihn mit den beſten Segenswünſchen. Am folgenden Tage ging Jacopo nach Marſeille unter Segel; Dantes hatte ihn nach Monte Chriſto beſtellt. Nachdem Dantes noch an demſelben Tage der Mannſchaft der jeune Amélie ein ſplendides Abſchiedsfeſt gegeben und dem Patron verſprochen hatte, ihm Nachricht von ſich zukommen zu laſſen, reiſ'te er ab, ohne das Ziel ſeiner Reiſe zu nennen. Dieſes Ziel war Genua. In dem Augenblicke ſeiner Ankunft wurde eine kleine Jacht probirt, die von einem Engländer beſtellt war, der, die Genueſer für die beſten Schiffserbauer des mittelländiſchen Meeres haltend, nur eine dort erbaute Jacht haben wollte. Der Engländer hatte auf vierzigtauſend Franken accordirt; Dantes bot ſechszigtauſend, unter der Bedingung, daß ihm das Fahrzeug noch an demſelben Tage überliefert werde. Der Engländer, welcher eine Reiſe nach der Schweiz angetreten hatte, wurde erſt in drei Wochen zurück⸗ erwartet, und da der Schiffsbaumeiſter bis dahin eine zweite Jacht von Stapel laufen laſſen zu können hoffte, überließ er dieſe an Dantes, der mit ihm zu einem Juden ging und ihm in deſſen Comptoir ſechszigtauſend Franken auszahlte. Der Schiffsbaumeiſter bot Dantes ſeine Dienſte an, ihm die Equipage zu beſorgen, dieſer aober lehnte dieſes Anerbieten mit der Verſicherung ab, daß er ge⸗ wohnt ſei, allein ſein Schiff zu lenken, und nichts weiter wünſche, als daß in der Kajüte, am Kopfende des Bettes, ein geheimer Schrank angebracht werde, in dem ſich auch drei geheime Abtheil⸗ ungen befänden, er gab die Größe dieſer Abtheilungen an, welche auch bis zum folgenden Tage angefertigt wurden. Sobald Alles fertig war, verließ Dantes den Hafen von Genua, begleitet von den Blicken einer unzähligen Menge von Neugierigen, die den ſpaniſchen Herrn ſehen wollten, der die Gewohnheit hatte, ſein Schiff allein zu lenken. Dantes zog ſich vortrefflich aus der Affaire: mit Hilfe des Steuerruders ließ er, ohne daſſelbe zu ver⸗ laſſen, ſein Schiff alle nur möglichen Evolutionen machen; man hätte es ein mit Vernunft begabtes Weſen nennen mögen, welches —————— 280 bereit war, der geringſten Weiſung zu gehorchen, und Dantes er⸗ klärte bei ſich ſelbſt die Genueſer für die erſten Schiffsbaumeiſter der ganzen Welt. Die Neugierigen verfolgten die Jacht mit den Augen, ſo lange ſie ſichtbar war, um dann ſich in Vermuthungen über das Ziel ihrer Fahrt zu ergießen: Einige ſtimmten für Corſika, Andere für die Inſel Elba; Dieſe wetteten, daß er nach Spanien, Jene, daß er nach Afrika ſegeln werde. An die Inſel Monte⸗Chriſto dachte Keiner. Und doch war es Monte⸗Chriſto, wohin Dantes ſeinen Lauf richtete. Gegen Ende des zweiten Tages kam er an. Das Schiff war ein trefflicher Schnellſegler und hatte den Weg in fünfund⸗ dreißig Stunden gemacht. Dantes hatte ſich genau mit der Lage der Küſte bekannt gemacht und landete, ſtatt in dem gewöhnlichen Hafen, in der kleinen Bucht. Die Inſel war öde; Niemand ſchien ſeit Dantes Abreiſe dieſelbe betreten zu haben. Er ging zu ſeinem Schatze und fand Alles, wie er es verlaſſen hatte. Den andern Abend war der ganze unermeßliche Reichthum an Bord der Jacht und in den drei Abtheilungen des geheimen Schrankes verborgen. Er wartete noch acht Tage, während deren er mit ſeiner Jacht die Inſel umſegelte und ſie prüfte, wie ein Stallmeiſter ſein Pferd zureitet. Nach Ablauf dieſer Zeit kannte er alle ihre Vor⸗ züge und ihre Schwächen, und nahm ſich vor, die erſteren zu ver⸗ mehren und den anderen abzuhelfen. Am achten Tage ſah Dantes ein kleines Fahrzeug mit vollen Segeln auf die Inſel zukommen, und erkannte Jacopo's Barke. Er machte ein Signal, dem Jacopo antwortete, und zwei Stunden darauf hatte die Barke die Jacht erreicht. Er erhielt eine traurige Antwort auf ſeine beiden durch Jacopo angeſtellten Erkundigungen: der alte Dantes war geſtorben; Mercedes war verſchwunden. Edmond hörte dieſe Nachrichten mit ruhiger Miene an; doch ging er ſogleich an's Land und befahl, daß Niemand ihm folge. Zwei Stunden darauf kam er zurück: zwei Männer von Jacopo's Barke gingen auf die Jacht über, um ihm bei deren Leitung behilf⸗ lich zu ſein, und er ließ dieſelbe die Richtung nach Marſeille nehmen. Er ſelbſt war jetzt zum Arbeiten nicht aufgelegt, er hatte zu 281 viel zu denken, zu grübeln. Den Tod ſeines Vaters hatte er vorausſehen können, aber Mercedes! was war aus ihr geworden? Ohne ſein Geheimniß wenigſtens theilweiſe preiszugeben, konnte Edmond keinem Agenten hinreichende Inſtructionen geben; auch hatte , er noch Nachforſchungen anzuſtellen, bei denen er ſich nur auf ſich ſelbſt verlaſſen durfte. Sein Spiegel hatte ihm ſchon in Livorno — geſagt, daß er nicht befürchten konnte, erkannt zu werden; übrigens ſtanden ihm jetzt alle Mittel, ſich zu verkleiden, zu Gebote. Eines f Morgens alſo lief die Jacht, von der Barke gefolgt, dreiſt in den ff Hafen von Marſeille ein und warf ihren Anker gerade dem Orte ⸗ gegenüber aus, von wo man ihn an jenem unvergeßlichen Abende e nach Schloß If eingeſchifft hatte. in Nicht ohne einen gewiſſen Schauder ſah Dantes in dem Boote n der Sanitätsbehörde einen Gensd'armen auf ſich zukommen, doch überreichte er demſelben mit der Sicherheit, die er angenommen hatte, ſeinen in Livorno gekauften engliſchen Paß, und mit dem fremdartigen, nachläſſigen Betragen, das in Frankreich zu imponiren pflegt, ſtieg er ohne Schwierigkeit an's Land. Den erſten Gegen⸗ ſtand, den er, als er den Fuß auf die Kannebidère ſetzte, erblickte, war einer der alten Matroſen des„Pharaon“. Dieſer Mann, der unter ihm gedient hatte, kam ihm hier in den Wurf, als ein untrüg⸗ liches Mittel, ihn über die mit ihm vorgegangene Veränderung zu 3 vergewiſſern. Er ging gerade auf denſelben zu und that mehrere Fragen an ihn, welche er beantwortete, ohne durch Ton oder Miene zu zeigen, daß derjenige, der ihn angeredet, ihm auch nur im Geringſten bekannt erſcheine. Dantes gab dem Matroſen ein Geld⸗ ſtück als Belohnung für die ihm gegebene Auskunft, hatte ſich jedoch kaum einige Schritte entfernt, als er den braven Mann ihm nach⸗ 5 laufen und rufen hörte. Er drehte ſich um. .„Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Matroſe,„aber Sie haben ſich wahrſcheinlich geirrt; Sie wollten mir gewiß ein Vierzig⸗Sous⸗ b Stück ſchenken und haben mir einen doppelten Napoleon gegeben.“ „Wirklich, mein Freund,“ antwortete Dantes,„ich hatte mich b † geirrt, aber Eure Ehrlichkeit verdient eine Belohnung; nehmt des⸗ halb noch dieſen zweiten dazu und trinkt dafür mit Euren Kameraden . auf meine Geſundheit.“ Der Matroſe wurde ſo beſtürzt über das Geſchenk, daß er ſogar 282 8 vergaß dem Geber zu danken, und ihm nachſehend ſagte:„Das muß irgend ein Nabob ſein, der aus Indien kommt.“ Dantes ſetzte ſeinen Weg fort; jeder Schritt, den er that, ver⸗ mehrte ſeine Rührung und die Beklemmung ſeines Herzens; alle jene unauslöſchlichen Erinnerungen aus ſeiner Kindheit, die ſeinem Geiſte ewig gegenwärtig waren, knüpften ſich hier an jeden Platz, an jede Straßenecke, winkten ihm von jedem Kreuzwege zu. Als er an das Ende der Straße Noailles kam und die Alleen von Meillan erblickte, fühlte er ſeine Kniee zittern, und wäre beinahe unter die Räder eines Wagens gerathen. Er erreichte mühſam das Haus, in welchem ſein Vater gewohnt hatte. Die Blumen und Schling⸗ gewächſe waren von dem Manſardenfenſter verſchwunden, an welchem der gute Alte ſie ſonſt ſo ſorgfältig emporrankte. Dantes ſtützte ſich gegen einen Baum und betrachtete lange gedankenvoll die obern Stockwerke dieſes kleinen, ärmlichen Hauſes; endlich näherte er ſich der Thüre, überſchritt die Schwelle, fragte, ob hier keine Wohnung offen ſei, und beſtand darauf, obgleich er hörte, daß ſie bewohnt ſei, die des fünften Stockwerkes zu beſehen, ſo daß der Hausmeiſter mit ihm hinaufſtieg und die beiden Perſonen, die ſie bewohnten, im Namen eines Fremden bat, die zwei Zimmerchen, aus denen ſie beſtand, beſehen zu dürfen. Die Bewohner dieſes kleinen, beſcheidenen Quartiers waren ein junges, erſt ſeit acht Tagen verheirathetes Ehepaar, bei deren An⸗ blick Dantes einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer ausſtieß. Uebrigens erinnerte ihn hier nichts mehr an die Wohnung ſeines Vaters: die Wände waren anders angeſtrichen; alle die alten Möbel, die Edmond lebhaft vor Augen ſtanden, an die ſich die Erinnerungen ſeiner Kindheit knüpften, waren verſchwunden. Er ſah ſich nach dem Bette um: es ſtand an derſelben Stelle, wo das ſeines Vaters geſtanden hatte; ſeine Augen benetzten ſich unwillkürlich: an dieſer Stelle mußte der Greis geſtorben ſein, umſonſt den Namen ſeines Sohnes rufend. 3 Verwundert ſahen die jungen Leute den ernſten Mann an, über deſſen Wangen zwei große Zähren perlten, ohne daß er eine Miene verzog. Aber die jungen Leute ehrten die Heiligkeit des Schmerzes und thaten keine Frage an ihn, ſondern zogen ſich be⸗ ſcheiden in den Hintergrund des Zimmers zurück, um ihn ungeſtört ———ͤͤööe Fn 283 weinen zu laſſen; und als er fortging, begleiteten ſie ihn und boten ihm an, ſo oft wiederzukommen, als er es wünſchen werde, er ſolle ihre arme Wohnung immer gaſtlich geöffnet finden. Bei dem Hinabgehen blieb Edmond vor einer andern Thüre ſtehen und fragte, ob der Schneider Caderouſſe hier immer noch wohne? Aber der Hausmeiſter antwortete ihm, daß der Mann, nach dem er ſich erkundige, ſchlechte Geſchäfte gemacht und jetzt auf dem Wege von Bellegarde nach Beaucaire das Wirthshaus zum Pont⸗du⸗Gard habe. Dantes bat ſich die Adreſſe des Hausbeſitzers aus, ließ ſich unter dem Namen des Lord Wilmore, wie er auch in ſeinem Paſſe genannt war, bei demſelben melden und kaufte ihm das kleine Haus in den Alleen von Meillan für fünfundzwanzigtauſend Franken ab. Es waren wenigſtens zehntauſend Franken mehr, als das Häuschen werth war, aber wenn er Dantes eine halbe Million abgefordert hätte, ſo würde er ſie dafür gegeben haben. Noch an demſelben Tage benachrichtigte der Notar, der den Kaufkontrakt aufgenommen hatte, die jungen Leute, daß der neue Hauseigenthümer ihnen die Wahl unter allen Ouartieren des Hauſes, zu demſelben Miethpreiſe, den ſie bisher gezahlt, überlaſſe, unter der Bedingung, daß ſie ihm die beiden jetzt von ihnen bewohnten Stuben abträten. Dieſes ungewöhnliche, merkwürdige Ereigniß beſchäftigte acht Tage lang alle Bewohner der Allee von Meillan und veranlaßte tauſend Vermuthungen, deren keine richtig war; was aber den guten Leuten noch mehr Kopfzerbrechens machte, war, daß man denſelben Mann, der dieſes Haus gekauft und ſchon ſo ſehr die Aufmerkſam⸗ keit der Bewohner der Allee von Meillan erregt hatte, an dem⸗ ſelben Abende die kleine cataloniſche Colonie durchſtreifen und in eine ärmliche Fiſcherhütte gehen ſah, wo er über eine Stunde blieb, und nicht müde wurde, nach einigen Perſonen zu fragen, die ſeit länger als fünfzehn oder ſechzehn Jahren todt oder verſchwunden waren. Den andern Tag ſchenkte er den Leuten, bei denen er alle dieſe Erkundigungen angeſtellt hatte, eine ganz neue cataloniſche Barke mit allem Zubehör, entzog ſich aber ihrem Danke, indem er ſie ſchnell verließ und, nachdem er einem Matroſen einige Befehle gegeben hatte, zu Pferde ſtieg und aus dem Thore von Aiyx ritt. XXVII. Das Wirthshaus zu Bont⸗-du-Gard. Wer, wie der Erzähler dieſer Begebenheit, den Süden von Frankreich zu Fuß durchwandert hat, wird zwiſchen Bellegarde und Beaucaire, aber näher nach Beaucgaire hin, ein kleines Wirthhaus bemerkt haben, deſſen bei jedem Windſtoße knarrendes Aushänge⸗ ſchild eine plumpe Abbildung des Pont⸗du⸗Gard iſt. Dieſes kleine Wirthshaus liegt auf der linken Seite der Landſtraße, mit dem Rücken nach der Rhone zugekehrt; hinter demſelben befindet ſich ein ſogenannter Garten, das heißt, ein umzäunter Fleck Land, auf welchem einige verkrüppelte Olivenbäume und einige wilde Feigen⸗ bäume ſtehen, deren Blätter von Staub verſilbert ſind; unter ihnen wachſen, damit doch auch das Gemüſe nicht fehle, Lauch, ſpaniſcher Pfeffer und Chalotten, und in einer Ecke ſteht, wie eine vergeſſene Schildwache, eine ſchirmartig gezogene große Fichte, die ihre bieg⸗ ſamen Zweige ſchwermüthig ſenkt, während ihr fächerartig ausge⸗ breiteter Wipfel unter dreißig Grad glühender Sonnenhitze verdorrt. Alle dieſe Bäume, große und kleine, krummen ſich unter dem Ein⸗ fluſſe des Miſtral, eine der drei Landplagen der Provenge. Die beiden andern ſind, wie dem Leſer vielleicht bekannt iſt, die Durance und das Parlament. In der dieſes Haus und Garten umgebenden Fläche, die einem großen Staubmeere gleicht, ſproſſen einige Waizen⸗ halme, welche die Landbewohner wahrſcheinlich der Merkwürdigkeit wegen ziehen, und deren jeder einer Grille zum Aufenthalte dient, die mit ihrem ſcharfen und eintönigen Zirpen den in dieſer Thebaide verirrten Wanderer verfolgt. Seit ungefähr acht Jahren wurde dieſes Wirthshaus von einem Manne und einer Frau verwaltet, die als einzige Bedienung ein Mädchen, Namens Trinette, und einen Stallknecht, Namens Pacaud, 285 hatten, welche indeſſen vollſtändig hinreichend waren, den Dienſt des Hauſes zu verſehen, denn ſeit ein von Beaucaire nach Aigues⸗ Mortes geführter Kanal, durch die zu Waſſer leichtere Paſſage, die Landſtraße verödet hatte, ſah der Wirth des ſo einladenden Hauſes, welches wir zu beſchreiben verſucht haben, ſelten mehr Jemand bei ſich einkehren, und der Hund, der alte Wächter des Hauſes, bellte jetzt bei Tage ſo gut, als bei Nacht, jeden Vorübergehenden an, ſo ſehr war er aus der Uebung gekommen, Reiſende zu ſehen. Der Wirth dieſer kleinen Schänke war ein Mann von vierzig bis zweiundvierzig Jahren, groß, mager und muskulös, ein ächter Südländer, mit ſeinen tiefen, glänzenden Augen, ſeiner Adlernaſe und ſeinen Zähnen, weiß, wie die eines Raubthieres, ſein Haar, welches ungeachtet des erſten Hauches des Alters, ſich nicht zum Ergrauen entſchließen zu können ſchien, war, wie ſein Bart, den er wie einen Ringkragen trug, dicht, kraus und mit einigen grauen Spitzchen gemiſcht; ſeine ohnehin von der Sonne gebräunte Haut hatte durch die Gewohnheit des armen Teufels, beſtändig, aber leider vergebens, nach Gäſten ausſehend, in der Thüre zu ſtehen, eine faſt ſchwarze Farbe bekommen. Dieſer Mann war Niemand anders, als unſer alter Bekannter, Gaspard Caderouſſe. Seine Frau, die als Mädchen Magdalene Radelle hieß, war dagegen bleich, mager und kränklich. Aus der Gegend von Arles gebürtig, hatte ſie, ohne die Spuren der urſprünglichen Schönheit zu verlieren, wegen der ihre Landsmänninnen berühmt ſind, nach und nach unter den Anfällen jenes ſo hartnäckigen, ſchleichenden Fiebers, welches in der Gegend der Tiefe von Aigues⸗Mortes und der Moräſte der Camargue zu Hauſe iſt, ſich bis zur Unkenntlichkeit verändert, ſie ſaß alſo faſt immer vor Froſt zitternd in einem Lehnſtuhle aus⸗ geſtreckt, oder lag auf ihrem Bette, während ihr Mann ſeinen gewöhnlichen Standpunkt behauptete, was der arme Schelm um ſo lieber that, als ſeine verdrießliche Ehehälfte ihn bei jedem Zu⸗ ſammenſein mit ihr mit Klagen über das Geſchick behelligte, welche indeſſen ihr Mann nur mit folgenden philoſophiſchen Worten beant⸗ wortete: „Schweig, Carconte! Es iſt Gottes Wille ſo!“ Dieſen Zunamen hatte Magdalene Radelle dadurch bekommen, daß ſie aus dem Dorfe Carconte, zwiſchen Salon und Lambesc, 286 gebürtig war, und ſo nannte ſie denn ihr Mann, nach der Ge⸗ wohnheit des Landes, die Leute häufiger mit ihrem Zunamen als mit ihrem wirklichen Namen zu nennen, Carconte, ſtatt Magdalene, vielleicht weil ihm dieſer Name zu ſanft und zu wohlklingend für ſeine rauhe Mundart war. Indeſſen möge der Leſer nur glauben, daß der arme Gaſtwirth. ungeachtet ſeiner Ergebung in die Beſchlüſſe der Vorſehung, das Unglück, welches dieſelbe durch den Kanal von Beaucaire über ihn verhängt hatte, ſehr ſchmerzlich empfand, und daß er nicht unver⸗ wundbar gegen die beſtändigen Klagen ſeiner Frau war. Er war, wie alle Südländer, mäßig und hatte wenig Bedürfniſſe; aber eitel, was Aeußerlichkeiten anbetraf, war er. Auch ließ er in beſſeren Zeiten keine Prozeſſion von la Tarrasque vorübergehen, ohne ſich mit der Carconte derſelben anzuſchließen, und es wurde von den Einwohnern der nächſten Orte keine Kirmeß gefeiert, an der ſie nicht Theil nahmen: er in dem pittoresken, halb cataloniſchen, halb andaluſiſchen ſüdlichen Coſtüme, ſie in der reizenden Tracht der Frauen von Arles, welche halb griechiſchen, halb arabiſchen Ur⸗ ſprungs zu ſein ſcheint. Aber ach, die Uhrketten, Halsbänder, bunten Gürtel, geſtickten Mieder, Sammetweſten, Zwickelſtrümpfe, bunten Gamaſchen und Schuhe mit ſilbernen Schnallen und Knöpfen waren ſchon längſt verſchwunden; und da Gaspard Caderouſſe ſich nicht mehr im Glanze geſchmackvoller Eleganz des National⸗Coſtüms zeigen konnte, hatte er für ſich und ſeine Frau all' jenen geiſtlichen und weltlichen Feſtlichkeiten entſagt, deren fröhliche Klänge bis in die ärmliche Schänke drangen, die ihm jetzt mehr zum Aſyl, als zum Subſiſtenzmittel diente. Caderouſſe hatte ſich alſo ſeiner Gewohnheit nach einen Theil des Morgens vor der Thüre aufgehalten, mit ſeinen melancholiſchen Blicken bald einige Hühner, die auf einem Raſenplatze pickten, beob⸗ achtend, bald von einem Ende der Heerſtraße nach dem andern ſehend, als plötzlich die ſcharfe Stimme ſeiner Frau, die ihn zu ſich rief, ihn veranlaßte, ſeinen gewöhnlichen Platz zu verlaſſen. Er ging brummend die Treppe hinauf, ließ aber, für den möglichen Fall, daß etwa Reiſende kämen, die Hausthüre weit offen. In dem Augenblicke, wo Caderouſſe ſeinen Poſten vor der Thür verließ, war die Heerſtraße, die ſeine Blicke hüteten, ſo kahl — — 287 und leer wie eine Wüſte; ſie erſtreckte ſich weiß und ohne Anfang und Ende zwiſchen zwei Reihen von Bäumen, und es war auch, wenn man dieſe trockenen, ausgedorrten Bäume anſah, nicht zu vermuthen, daß ſich in der Mittagshitze irgend ein mit freiem Willen begabter Reiſender in dieſe Sahara wagen werde. Und dennoch würde Caderouſſe, wenn er nur noch einige Minuten auf ſeinem Poſten geblieben wäre, von Bellegarde herab einen Reiter haben kommen ſehen, der mit ſeinem Pferde in dem beſten Ver⸗ nehmen zu ſtehen ſchien; das Pferd, ein ſchöner Wallach, war ein angenehmer Paßgänger; der Reiter ein ſchwarz gekleideter Geiſt⸗ licher mit einem dreieckigen Hute. Ungeachtet der glühenden Mit⸗ tagshitze, gingen ſie einen ſehr mäßigen Trab. Vor dem Wirths⸗ hauſe angekommen, hielten ſie an, es war ſchwer zu unterſcheiden, ob das Pferd den Reiter oder der Reiter das Pferd veranlaßte, ſtillzuhalten; indeſſen der Reiter ſtieg ab, band ſein Pferd an einen Fenſterladen, der nur noch an einer Haspe hing, trocknete ſich dann mit einem rothbaumwollenen Tuche das ſchweißtriefende Geſicht und klopfte mit der eiſenbeſchlagenen Spitze ſeines ſpaniſchen Rohres dreimal auf die Thürſchwelle. Sogleich erhob ſich der große, ſchwarze Hund und zeigte bellend ſeine ſcharfen, weißen Zähne, eine doppelte Kriegserklärung, welche bewies, wie wenig er an Geſellſchaft gewöhnt war. Zu gleicher Zeit erdröhnte die außerhalb des Hauſes an der Wand befindliche hölzerne Treppe unter einem ſchweren Tritte, und ſtaunend und mit gebeugtem Rücken erſchien der Wirth der ärmlichen Schänke vor dem ſeltenen Gaſte. 1 „Hier bin ich,“ ſagte Caderouſſe ganz verwundert,„hier bin ich! Wirſt Du ſchweigen, Margotin! Seien Sie unbeſorgt, mein Herr, er bellt, aber beißt nicht. Sie befehlen Wein, nicht wahr? denn es iſt teufelmäßig heiß. Verzeihung!“ unterbrach ſich Ca⸗ derouſſe, indem er ſah, mit welcher Klaſſe von Reiſenden er es zu thun hatte,„Verzeihung! ich wußte nicht, wen ich die Ehre hatte, bei mir zu ſehen. Was wünſchen Sie? was befehlen Sie, Herr Abbé? Ich ſtehe zu Befehl.“ Der Geiſtliche ſah den Gaſtwirth einige Secunden mit befrem⸗ dender Aufmerkſamkeit an; er ſchien ſogar abſichtlich die Aufmerk⸗ ſamkeit des Gaſtwirthes reizen zu wollen, als er aber ſah, daß 288 Caderouſſe's Züge nur Ueberraſchung ausdrückten, weil er keine Antwort bekam, fand er, daß es Zeit ſei, dieſe Ueberraſchung zu enden, und ſagte mit entſchieden italieniſchem Dialekt: „Seid Ihr nicht Herr Caderouſſe?“ „Ja, mein Herr,“ ſagte der Wirth, der jetzt wo möglich noch erſtaunter über die Frage, als vorher über das Schweigen war; „der bin ich wirklich, Gaspard Caderouſſe, Ihnen zu dienen.“ „Gaspard Caderouſſe?... Ja... ich glaube, ſo waren die Namen. Ihr wohntet ſonſt in der Allee von Meillan, nicht wahr, im vierten Stockwerke?“ „So iſt's.“ „Und Ihr triebt die Schneider⸗Profeſſion?“ „Ja, aber das Glück verließ mich. Es iſt in dem verwünſchten Marſeille jetzt ſo heiß, daß ſich am Ende Niemand mehr wird an⸗ ziehen wollen. Aber, da ich eben von der Hitze rede, wollen Sie ſich nicht erfriſchen, Herr Abbé?“ „Nun ja. Gebt mir eine Flaſche Eures beſten Weines und dann wollen wir fortplaudern, wo wir aufgehört haben.“ „Wie Sie befehlen, Herr Abbé,“ entgegnete Caderouſſe ge⸗ ſchmeichelt. Um nun die Gelegenheit, eine ſeiner letzten Flaſchen Cahors anzubringen, nicht zu verſäumen, beeilte ſich Caderouſſe eine Fall⸗ thüre aufzuheben, die in dem Fußboden des Gemaches im Erd⸗ geſchoſſe, welches zum Salon und zur Küche zugleich diente, ange⸗ bracht war und hinter derſelben zu verſchwinden. Als er nach fünf Minuten wieder erſchien, fand er den Abbé mit auf den Tiſch ge⸗ ſtütztem Arme auf einem Schemmel ſitzen, während Margotin, der Frieden mit ihm geſchloſſen zu haben ſchien, in der Erwartung, daß dieſer ſonderbare Reiſende etwas zu eſſen fordern werde, mit vor⸗ gerecktem Halſe und ſchmachtendem Auge vor ihm ſaß. „Ihr ſeid allein?“ fragte der Geiſtliche, während der Wirth die Flaſche und ein Glas vor ihn hinſtellte. „Ach! mein Gott ja, Herr Abbé, ſo gut wie allein, denn ich habe eine Frau, die mich in nichts unterſtützen kann, denn ſie iſt immer krank, die arme Carconte.“ „Ei! Ihr ſeid alſo verheirathet?“ ſagte der Geiſtliche mit ————— ren— 2 289 mitleidigem Erſtaunen und betrachtete prüfend das ärmliche Mobiliar der kleinen Wirthſchaft. „Ich ſcheine Ihnen nicht reich zu ſein? nicht wahr, Herr Abbé,“ ſagte Caderouſſe ſeufzend;„aber was wollen Sie? iſt es nicht genug, daß man ein rechtſchaffener Mann iſt, um Glück in der Welt zu haben.“ Der Abbé betrachtete ihn mit durchdringenden Blicken. „Ja, ein rechtſchaffener Mann zu ſein, kann ich mich rühmen, mein Herr,“ ſagte der Wirth, den forſchenden Blick des Abbé mit betheuernd auf die Bruſt gelegter Hand ertragend und den Kopf hin und her wiegend,„und das kann in unſern Tagen nicht Jeder von ſich ſagen.“ „Deſto beſſer für Euch,“ antwortete der Abbé,„wenn Ihr die Wahrheit ſagt; denn ich habe die feſte Ueberzeugung, daß früh oder ſpät, doch einſt gewiß, der Rechtſchaffene belohnt und der Böſe be⸗ ſtraft wird.“ „Ja, Herr Abbé, es kommt Ihnen zu, und iſt ſogar Ihre Pflicht, ſo zu reden;“ erwiderte Caderouſſe bitter.„Uebrigens ſteht es Jedem frei, zu glauben was er will.“ „Ihr thut Unrecht, ſo zu ſprechen, mein Freund,“ verſetzte der Abbé,„und vielleicht kann ich Euch in ſehr kurzer Zeit die Wahr⸗ heit meiner Behauptung an Euch ſelbſt beweiſen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Caderouſſe verwundert. „Ich will ſagen, daß ich vor allen Dingen ſicher ſein muß, ob Ihr Derjenige ſeid, den ich gebrauche.“ „Welche Beweiſe verlangen Sie?“ „Habt Ihr 1814 oder 1815 einen Seemann, Namens Dantes, gekannt?“ „Dantes! ob ich ihn gekannt habe, den armen Edmond! das wollte ich meinen; er war ſogar einer meiner beſten Freunde,“ rief Caderouſſe, deſſen ganzes Geſicht Purpurröthe überzog, während das klare, ſichere Auge des Abbé ſich zu erweitern ſchien, um den, welchen er ausfragte, ganz zu umfaſſen. „Ja, wirklich, ich glaube, daß er Edmond hieß.“ „Ja freilich, hieß er Edmond, der Kleine, ſo gewiß wie ich Gaspard Caderouſſe heiße. Und was iſt aus dem armen Edmond Der Graf von Monte⸗Chriſto. 19 290 geworden, Herr Abbé?“ fuhr der Gaſtwirth fort,„haben Sie ihn gekannt? lebt er noch? iſt er frei? iſt er glücklich?“ „Er iſt verzweiflungsvoller und elender als die Galeeren⸗ ſclaven im Lager von Toulon, die ihre Kugeln ſchleppen, im Ge⸗ fängniſſe geſtorben,“ antwortete der Abbé. Eine tödtliche Bläſſe verdrängte die dunkle Röthe auf Ca⸗ derouſſe's Geſicht. Er wendete ſich ab und der Abbé ſah, wie er mit dem Zipfel des rothen Tuches, welches er um den Kopf geknüpft hatte, ſich die Augen trocknete. „Armer Kleiner,“ murmelte Caderouſſe.„Nun wohl! das iſt ja gleich ein Beweis für das, was ich Ihnen ſagte, Herr Abbé, daß der liebe Gott nur für die Böſen iſt. Ach, dieſe Welt wird alle Tage ſchlimmer. Die Menſchen wären werth, daß es überall ſo ginge, wie zu Sodom und Gomorrha!“ „Ihr ſcheint dieſen Burſchen von ganzem Herzen zu lieben, mein Freund!“ ſagte der Abbé. „Ja, ich liebte ihn ſehr,“ antwortete Caderouſſe;„obgleich ich mir den Vorwurf machen muß, einen Augenblick ſein Glück beneidet zu haben. Aber nachher, das ſchwöre ich Ihnen, ſo wahr ich Ca⸗ derouſſe heiße, habe ich ſein Unglück ſchmerzlich bedauert.“ Einen Augenblick ſchwieg der Abbé und betrachtete unverwandt und forſchend die bewegliche Phyſignomie des Wirths. „Sie haben alſo den armen Jungen gekannt?“ fragte Ca⸗ derouſſe nochmals. „Ich wurde an ſein Sterbebett gerufen, um ihm die letzten Tröſtungen der Religion zu ſpenden,“ antwortete der Abbé. „Und woran iſt er geſtorben?“ fragte Caderouſſe mit erſtickter Stimme. „Woran ſtirbt man in einem Alter von dreißig Jahren im Gefängniſſe anders, als eben daran, daß man im Gefängniſſe iſt?“ Caderouſſe wiſchte ſich den Schweiß von Stirn und Wangen. „Was von dem Allen ſonderbar iſt,“ fuhr der Abbé fort,„das iſt, daß Dantes auf ſeinem Todtenbette mir auf das Bild des Ge⸗ kreuzigten, deſſen Füße er küßte, geſchworen hat, die wahre Ürſache ſeiner Gefangenſchaft nicht zu wiſſen.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr,“ murmelte Caderouſſe,„er konnte ſie nicht wiſſen; mein Herr Abbé, er log nicht, der arme Junge.“ ———oööͤͤoͤͤͤͤn & N — 291 „Eben darum hat er mich beauftragt, ſein Geſchick, das ihm ſelbſt hienieden dunkel blieb, aufzuklären und ſein Gedächtniß, wenn daſſelbe etwa befleckt wäre, von allem Makel zu reinigen.“ Und der immer ſtarrer werdende Blick des Abbé verſchlang den faſt verzweiflungsvollen Ausdruck auf Caderouſſe's Geſicht. „Ein reicher Engländer, ſein Unglücksgefährte,“ fuhr der Abbé fort,„der unter der zweiten Reſtauration frei wurde, beſaß einen Diamanten von großem Werthe. Als er das Gefängniß verließ, wollte er dem Dantes, der ihn in einer langwierigen, gefährlichen Krankheit wie einen Bruder mit größter Aufopferung gepflegt hatte, ein Andenken ſchenken und ließ ihm den Diamanten. Dantes, ſtatt denſelben zu benutzen, um ſeine Wächter zu beſtechen, die ihn viel⸗ leicht genommen und Dantes doch verrathen hätten, bewahrte ihn wie ein köſtliches Kleinod, für den Fall, daß er die Freiheit erhielte; denn wenn er je frei wurde, ſo war durch den bloſen Verkauf dieſes Diamanten ſein Glück gemacht.“ „Es war alſo,“ fragte Caderouſſe mit glühenden Augen,„ein Diamant von großem Werthe?“ „Alles hat zwei Seiten,“ antwortete der Abbé;„von großem Werthe für Dantes war er; er war auf fünfzigtauſend Franken geſchätzt.“ „Fünfzigtauſend Franken!“ rief Caderouſſe;„aber dann mußte er ja von der Größe einer Nuß ſein?“ „Nicht ganz,“ entgegnete der Abbé;„aber Ihr könnt ſelbſt darüber urtheilen, denn ich habe ihn bei mir.“ Caderouſſe ſchien den köſtlichen Stein unter den Kleidern des Abbé erſpähen zu wollen. Der Abbé zog ein kleines Käſtchen von ſchwarzem Chagrin aus ſeiner Taſche, und ließ vor Caderouſſe's geblendeten Augen einen, in einen prachtvollen Ring gefaßten Stein nach allen Richtungen hin funkeln. „Und der iſt fünfzigtauſend Franken werth?“ fragte Caderouſſe lüſtern. „Ohne die Faſſung, die auch noch von beträchtlichem Werthe iſt,“ antwortete der Abbé, ſchloß das Käſtchen und ſteckte es wieder in ſeine Taſche. Aber der in derſelben befindliche Diamant funkelte in Caderouſſe's Phantaſie fort. 197 „Aber wie kam dieſer Diamant in Ihren Beſitz, Herr Abbé?“ fragte Caderouſſe.„Hat Edmond Sie zu ſeinem Erben eingeſetzt?“ „Nein, aber zu dem Vollſtrecker ſeines Teſtamentes. Ich hatte drei gute Freunde und eine Braut,“ ſagte er,„alle Viere, davon bin ich überzeugt, werden ſich ſehr um mich härmen; der Eine von dieſen guten Freunden hieß Caderouſſe.“ Caderouſſe zitterte. „Der Andere,“ fuhr der Abbé fort, und ſchien die Bewegung, die ſich Caderouſſe's bemächtigt hatte, nicht zu bemerken,„der Andere hieß Danglars; der Dritte, fügte er hinzu, war zwar mein Neben⸗ buhler, liebte mich aber dennoch.“ Ein teufliſches Lächeln entſtellte die Züge Caderouſſe's, der dem Abbé in's Wort fallen wollte. „Wartet,“ ſagte der Abbé,„laßt mich erſt zu Ende kommen, und ſagt mir nachher, was Ihr zu bemerken habt. Alſo der Dritte, obgleich mein Nebenbuhler, liebte mich auch und hieß Fernand; meine Braut hieß... ich kann mich auf den Namen der Braut nicht beſinnen,“ ſagte der Abbé. „Mercedes,“ fiel Caderouſſe ein. „Ach ja! ſo war's,“ entgegnete der Abbé mit einem unter⸗ drückten Seufzer,„Mercedes.“ „Nun?“ fragte Caderouſſe. „Gebt mir eine Flaſche Waſſer,“ ſagte der Abbé. Caderouſſe beeilte ſich dieſelbe zu holen. Der Abbé füllte ſein Glas und trank. „Wo waren wir?“ fragte er dann ſein Glas auf den Tiſch ſetzend. „Die Braut hieß Mercedes.“ „Ja, da war's. Ihr geht nach Marſeille... Es iſt jetzt Dantes, der ſpricht, verſteht Ihr?“ „Vollkommen.“ 1 „Ihr verkauft dieſen Diamanten, macht fünf Theile von dem, was Ihr dafür bekommt, und theilt es unter jene fünf einzigen Weſen auf der Welt, die mich geliebt haben!“ „Wie, fünf Theile?“ bemerkte Caderouſſe.„Sie haben ja nur vier Perſonen genannt!“ ——ᷣ—P2pyp,·—— ter⸗ 293 „Weil der Fünfte todt iſt, wie man mir geſagt hat... nämlich Dantes Vater.“ „Ach ja!“ ſagte Caderouſſe, durch die verſchiedenartigſten Em⸗ pfindungen, die in ſeinem Innern kämpften, bewegt;„ach! ja der arme Mann, er iſt todt!“ „Dies habe ich in Marſeille gehört,“ ſagte der Abbé, dem es ungeheure Anſtrengung koſtete, gleichgiltig zu ſcheinen;„aber dieſer Todesfall iſt ſchon lange her, daß ich nichts Genaues darüber er⸗ fahren konnte... Solltet Ihr vielleicht etwas Näheres über den Tod dieſes Greiſes wiſſen?“ „Nun!“ entgegnete Caderouſſe,„wer ſollte denn das wohl beſſer wiſſen können, als ich?... ich wohnte ja unter dem guten Manne.. Ach! mein Gott! ja, er ſtarb, kaum ein Jahr nachdem ſein Sohn verſchwunden war, der arme Greis!“— „Aber woran ſtarb er?“ „Die Aerzte, die für jede Krankheit einen Namen haben, nannten die ſeine eine gaſtriſche Darmentzündung, ſeine Bekannten ſagten, er ſei vor Schmerz geſtorben und ich, der ich ihn beinahe habe ſterben ſehen, meine, daß er...“ Caderouſſe hielt inne. „Nun, woran meint Ihr, daß er ſtarb,“ fragte der Geiſtliche mit Seelenqual. „Nun! vor Hunger.“ „Vor Hunger!“ ſchrie der Abbé, hoch auf ſeinem Schemel in die Höhe fahrend;„vor Hunger! Die niedrigſten Thiere haben ihre Nahrung; die Hunde, welche in den Straßen umher irren,— finden eine mitleidige Hand, die ihnen einen Biſſen Brod zuwirft! und ein Mann, ein Chriſt, iſt Hungers geſtorben, umgeben von ſo vielen Menſchen, die ſich Chriſten nannten, wie er! Unmöglich! O! un⸗ möglich!“ „Was ich geſagt habe, habe ich geſagt,“ erwiderte Caderouſſe. „Und Du haſt Unrecht,“ ſagte eine Stimme auf der Treppe; „wozu miſcheſt Du Dich da hinein?“ Die beiden Männer drehten ſich um, und ſahen durch das Treppengeländer das kranke Geſicht der Carconte; ſie war mühſam bis dahin geſchlichen, um die Unterhaltung anzuhören und ſaß, den Kopf auf die Kniee geſtützt, auf der oberſten Stufe. „Was bekümmerſt Du Dich darum, Frau?“ ſagte Caderouſſe; 294 „der Herr verlangt Auskunſt und da erfordert die Höklichkeit, ſie ihm zu geben.“ „Ja, aber die Klugheit verlangt, daß Du ſie ihm verweigerſt. Wer ſagt Dir, Dummkopf! aus welchen Gründen Du ausgefragt wirſt?“ „Aus einem vortrefflichen, liebe Frau, dafür ſtehe ich Euch,“ verſicherte der Abbé;„Euer Mann hat alſo nichts zu befürchten, beſonders wenn er mir frei und offen antwortet.“ „Nichts zu fürchten... ja, mit ſchönen Verſprechungen fängt man an, dann heißt es: Ihr habt nichts zu fürchten, dann geht man, ohne von dem, was man verſprochen, etwas zu halten, und eines ſchönen Tages bricht das Unglück über den Armen herein, ohne daß man weiß, woher es kommt.“ „Seid unbeſorgt, gute Frau,“ antwortete der Abbé,„von meiner Seite kommt Euch kein Unglück, verlaßt Euch darauf.“ Die Carconte brummte einige unverſtändliche Worte, ließ ihren Kopf, den ſie einige Augenblicke erhoben hatte, auf die Kniee zurück⸗ fallen und gab, vom Fieberfroſte geſchüttelt, ihrem Manne volle Freiheit, ſein Geſpräch fortzuſetzen, doch ſetzte ſie ſich ſo, daß ſie jedes Wort hören konnte. Unterdeſſen hatte der Abbé einige Schluck Waſſer getrunken und ſich etwas erholt. „Aber,“ fragte er weiter,„war denn der unglückliche Greis ſo ganz von aller Welt verlaſſen, daß er eines ſolchen Todes ſterben mußte?“ „Ol! mein Herr,“ entgegnete Caderouſſe,„weder die Catalo⸗ nierin Mercedes, noch Herr Morrel haben ihn verlaſſen; aber der arme Greis hatte eine tiefe Abneigung gegen Fernand gefaßt, gegen denſelben,“ fuhr Caderouſſe ironiſch fort,„den Dantes Ihnen als einen ſeiner Freunde bezeichnet hat.“ „War er es denn nicht?“ fragte der Abbé. „Gaspard, Gaspard,“ murmelte die Frau oben auf der Treppe, „bedenke, was Du ſagen willſt!“ Caderouſſe machte eine ungeduldige Miene, und fuhr, ohne auf die Unterbrechung weiter zu achten, fort:—„Kann man der Freund deſſen ſein, nach deſſen Frau man Verlangen trägt? Dantes, deſſen Herz rein wie Gold war, nannte alle dieſe Menſchen ſeine Freunde... —O———————————tr—E.— gü K ——— 4 295 Armer Edmond,.. übrigens iſt es am beſten, daß er es nicht er⸗ fahren hat; es würde ihm zu ſchwer geworden ſein, ihnen im Augen⸗ blicke ſeines Todes zu vergeben,... und man mag ſagen, was man will,“ fuhr Caderouſſe mit einer Art roher Poeſie fort,„ich fürchte viel mehr die Verwünſchungen der Todten, als den Haß der Lebenden.“ „Dummkopf!“ ſagte oben die Carconte. „Wißt Ihr denn,“ fuhr der Abbé zu fragen fort,„was dieſer Fernand eigentlich gegen Dantes verbrochen hat?“ „Ob ich es weiß?... nun ich glaube wohl!“ „Dann redet.“ „Gaspard, thue was Du willſt, ich kann es Dir nicht wehren, aber wenn Du mir folgen wollteſt, ſagſt Du nichts.“ „In dieſem Falle glaube ich, daß Du Recht haſt, Frau,“ ſagte Caderouſſe. „Ihr wollet alſo nichts ſagen?“ entgegnete der Abbé. „Wozu?“ verſetzte Caderouſſe.„Wenn der Junge noch am Leben wäre, und käme zu mir, um alle ſeine Feinde und Freunde kennen zu lernen, dann wäre es etwas Anderes; ſo aber ruht er in der Erde, wie Sie mir geſagt haben, er kann weder haſſen, noch ſich rächen, laſſen wir das.“ „Ihr wollt alſo,“ ſagte der Abbé,„daß ich dieſen Leuten, die Ihr als Unwürdige, als falſche Freunde bezeichnet, geben ſoll, was zur Belohnung der Treue beſtimmt war?“ „Es iſt wahr, Sie haben Necht,“ ſagte Caderouſſe,„übrigens, was würden die ſich jetzt auch aus dem Vermächtniſſe des armen Edmond machen? das wäre ein Waſſertropfen, der in's Meer fiele.“ „Nicht zu rechnen, daß jene Leute Dich mit einem Winke ver⸗ nichten könnten,“ ſagte die Frau. „Wie ſo? ſind denn jene Leute reich und mächtig geworden?“ „Sie wiſſen alſo ihre Geſchichte nicht?“ „Nein, erzählt ſie mir.“ Caderouſſe ſchien ſich einen Augenblick zu bedenken. „Nein,“ ſagte er,„es iſt zu lang.“ „Wie Ihr wollt, Freund,“ ſagte der Abbé mit der gleich⸗ gültigſten Miene von der Welt,„ich ehre Eure Bedenklichkeiten; Ihr handelt übrigens als ein ſehr kluger Mann, reden wir nicht vollziehen kann.“— Große Schweißtropfen rollten von Caderouſſe's Stirn herab; er ſah den Abbé aufſtehen, nach der Thüre gehen, nach ſeinemn E Pferde ſehen und zurückkehren. Mann und Frau ſahen einander mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke an. „Der Diamant würde uns allein zufallen,“ ſagte er. „Meinſt Du?“ antwortete die Frau. 296 mehr davon. Und was war denn auch am Ende mein Auftrag? eine bloße Förmlichkeit. Ich werde alſo dieſen Diamanten ver⸗ d kaufen;“ hierbei zog er denſelben aus ſeiner Taſche, öffnete das* Käſtchen und ließ ihn nochmals vor Caderouſſe's geblendeten Augen ſe funkeln. ihr „Komm doch, Frau,“ ſagte Caderouſſe mit rauher Stimme,„und ſieh die Pracht.“. „Ein Diamant,“ ſagte die Carconte aufſtehend und feſte gin Trittes die Treppe herabkommend.„Was iſt es denn mit dieſem 8 Diamanten?“ hin „Haſt Du denn nicht gehört, Frau,“ ſprach Caderouſſe,„es iſt ein Diamant, den der gute Junge uns vermacht hat; zuerſt ſeinem Vater, dann ſeinen drei Freunden, Danglars und mir und Mercedes,. ſeiner Braut. Dieſer Diamant iſt fünfzig tauſend Franken werth.“ ni „Ach! das ſchöne Farbenſpiel!“ ſagte ſie. ſar „Alſo der fünfte Theil dieſer Summe gehört uns?“ fragte 8 Caderouſſe. „Ja, mein Freund,“ antwortete der Abbé,„ſowie der Antheil des Vater Dantes, den ich mich berechtigt glaube, unter Euch Viere zu vertheilen.“ „Und warum unter uns Viere?“ fragte Carconte. in „Weil Ihr die vier Freunde Edmonds ſeid.“ m „Verräther ſind keine Freunde,“ murmelte die Frau jetzt dumpf ge in ſich hinein. ſe „Ja, ja,“ meinte Caderouſſe,„das ſagte ich ja. Es iſt beinahe d eine Entweihung, beinahe eine Gottesläſterung, den Verrath, ja G vielleicht das Verbrechen zu belohnen.“ in „Ihr habt es ſo gewollt,“ entgegnete der Abbé ruhig und ſteckte al 8 den Diamanten in die Taſche ſeines Ordenskleides:„gebt mir nun o die Adreſſe von Edmonds Freunden, damit ich ſeinen letzten Willen u n .—— ———— ——— 297 „Ein Mann Gottes kann uns nicht betrügen wollen.“ „Thue, was Du willſt,“ ſprach die Frau,„ich ſage nichts dazu.“ UInd ſie ging wieder nach der Treppe zu, der Fieberfroſt ſchüttelte ſie noch immer, ungeachtet der außerordentlichen Hitze klapperten ihre Zähne. Auf der letzten Stufe blieb ſie einen Augenblick ſtehen. nd„Ueberlege wohl, Gaspard,“ ſagte ſie. „Ich bin entſchloſſen,“ antwortete Caderouſſe. Die Carconte ſten ging ſeufzend in ihre Stube, man hörte ihre Tritte, bis ſie ihren eem Lehnſtuhl erreicht haben mochte, in den ſie ſich kraftlos und we hinein warf. iſt„Wozu ſeid Ihr entſchloſſen?“ fragte der Abbé. em„Ihnen Alles zu ſagen,“ antwortete der Wirth. es,„Ich glaube wirklich, das iſt das Beſte, was Ihr thun könnt; . nicht etwa, daß ich neugierig wäre, zu wiſſen, was Ihr mir nicht ſagen wollt, aber weil Ihr mir vielleicht behilflich ſein könnt, das gte Vermächtniß Eures Freundes in ſeinem Sinne zu vertheilen.“ „Ich hoffe es,“ ſagte Caderouſſe, mit von Habſucht und Hoff⸗ heil nung erglühenden Wangen. ſre„Ich höre aufmerkſam zu,“ ſprach der Abbé. „Warten Sie,“ ermahnte Caderouſſe,„wir könnten an der intereſſanteſten Stelle unterbrochen werden, und das wäre doch un⸗ angenehm; übrigens braucht Niemand zu wiſſen, daß Sie hier ein⸗ pf gekehrt ſind.“ Und er ging zu der Thüre ſeines Hauſes, verſchloß 1. ſie, und legte zu größerer Sicherheit die Nachtſtange vor. Unter⸗ ahe deſſen hatte der Abbé ſich einen Platz gewählt, auf welchem er die ja Erzählung ganz nach ſeiner Bequemlichkeit anhören konnte; er ſaß in einem Winkel, wo er im Schatten blieb, während das volle Licht kte auf das Geſicht des Erzählers fiel. Mit geſenktem Kopfe, gefalteten, In oder vielmehr krampfhaft zuſammengezogenen Händen ſaß er da, 5 ten und war bereit, mit größter Aufmerkſamkeit zuzuhören. Caderouſſe 11 holte einen Schemel und ſetzte ſich ihm gegenüber. b;„Bedenke, daß ich Dich nicht überredet habe,“ ſagte die zitternde em Stimme der Carconte, als habe ſie durch die Dielen ſehen können, der 1 was jetzt geſchehen ſollte. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſprach Caderouſſe,„ſei ruhig, ich nehme Alles auf mich.“ Und er begann. XXVIII. Die Erzählung. „Vor Allem,“ ſagte Caderouſſe,„muß ich Sie, Herr Abbé, bitten, mir eins zu verſprechen.“ „Was?“ fragte der Abbé. „Daß niemals, Sie mögen von meiner Erzählung Gebrauch machen oder nicht, Jemand erfahre, daß Sie die Umſtände, welche Sie jetzt erfahren werden, durch mich wiſſen; denn die, von denen ich zu erzählen habe, ſind reich und mächtig, und wenn ſie mich nur mit der Fingerſpitze berührten, würden ſie mich knicken wie Rohr.“ Seid ruhig, mein Freund,“ verſicherte der Abbé,„ich bin Prieſter und das Geheimniß der Beichte ruht ſicher in meiner Bruſt. Erinnert Euch, daß wir keinen andern Zweck haben, als den, den letzten Willen unſeres Freundes würdig zu vollziehen. Redet ohne Zurückhaltung, aber auch ohne Haß; ſagt die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Ich kenne die Perſonen nicht, von denen Ihr reden ſollt, und werde ſie wahrſcheinlich niemals kennen lernen; übrigens bin ich nicht Franzoſe, ſondern Italiener; ich diene Gott und nicht den Menſchen, und werde in mein Kloſter zurückgehen, welches ich nur verlaſſen habe, um die letzten Bitten eines Sterbenden zu er⸗ füllen.“ Dieſes Verſprechen ſchien Caderouſſe eine gewiſſe Sicherheit zu geben. „Nun wohl!“ ſagte er,„dann will ich ſogar mehr thun als Sie verlangen, ich will Sie die Freunde kennen lehren, die der arme Edmond für aufrichtig ergeben hielt.“ „Fangt mit ſeinem Vater an, wenn es Euch gleich iſt,“ ſagte —— ——— ¼—,— ———— 299 der Abbé,„Edmond ſprach oft gegen mich von dem Greiſe, den er unbeſchreiblich liebte.“ „Die Geſchichte iſt traurig,“ antwortete Caderouſſe achſelzuckend. „Den Anfang kennen Sie wahrſcheinlich?“ „Ja, Edmond hat mir Alles erzählt, bis zu dem Augenblicke, wo er in einer kleinen Schänke in Marſeille verhaftet wurde.“ „Ach Gott! ja. Ich ſehe noch Alles, als wäre es heute.“ „War es nicht gerade bei ſeinem Verlobungsfeſte?“ „Ja, und das Feſt, welches ſo fröhlich begonnen hatte, nahm ein trauriges Ende. Ein Polizeicommiſſar mit vier Häſchern kam und holte den Bräutigam fort.“ „Bis hierher kenne ich die Geſchichte, guter Freund,“ fiel der Abbé ein,„Dantes ſelbſt wußte von hier an nichts, als was aus⸗ ſchließlich ſeine Perſon betraf; denn er hat niemals eine der fünf Perſonen, die ich Euch genannt habe, wieder geſehen, noch von ihnen etwas erfahren können.“ „Nun denn! Als Dantes verhaftet war, lief Herr Morrel umher, Erkundigungen einzuziehen; ſie fielen ſehr traurig aus. Der Greis kehrte allein nach Hauſe zurück, legte weinend ſein Hochzeits⸗ kleid zuſammen, ging den ganzen Tag über in ſeiner Stube hin und her und legte ſich auch die Nacht nicht zu Bett, denn ich konnte ihn, da ich unter ihm wohnte, die ganze Nacht gehen hören; ich ſelbſt, das muß ich ſagen, konnte auch nicht ſchlafen: der Schmerz dieſes armen Mannes that mir ſehr wehe, und jeder ſeiner Schritte zermalmte mir das Herz, als hätte er wirklich ſeine Füße auf meine Bruſt geſetzt. Den andern Tag kam Mercedes nach Marſeille, den Herrn v. Villefort um ſeinen Schutz anzuflehen; ſie richtete nichts aus. Zu gleicher Zeit kam ſie auch zu dem Greiſe, ihn zu beſuchen; als ſie ſah, wie ſtumm und niedergeſchlagen er war, und daß er ſeit der traurigen Cataſtrophe nicht geſchlafen und nichts genoſſen hatte, wollte ſie ihn mit zu ſich nehmen, um ihn beſſer pflegen zu können; doch vergebens erſchöpfte ſie ſich in Bitten und Vorſtell⸗ ungen.„Nein,“ ſagte er,„ich werde meine Wohnung nicht ver⸗ laſſen, denn mich liebt mein armer Junge über Alles, und zu mir kommt er zuerſt, wenn er frei wird. Was würde er dann ſagen, wenn ich nicht zu ſeinem Empfange bereit wäre?“ „Ich hörte dieſes auf dem Treppenabſatze, denn ich wünſchte —— —— — — 300 ſehr, daß es Mercedes gelingen möge, ihn zu bewegen, daß er ihr folgte; der unausgeſetzt über meinem Kopfe hin und her hallende Tritt ließ mir keinen Augenblick Ruhe.“ „Aber, ginget Ihr nicht ſelbſt zu dem armen Greiſe hinauf, um ihn zu tröſten?“ „Ach! Herr Abbé, man kann Niemand tröſten, der nicht ge⸗ tröſtet ſein will; und er wollte es nicht ſein. Uebrigens, ich weiß nicht warum, aber es ſchien mir, als ſähe er mich nicht gern. Eine Nacht indeſſen, als ich ihn gar zu laut ſchluchzen hörte, konnte ich nicht widerſtehen; ich ſtieg hinauf; als ich aber an die Thüre kam, ſchluchzte er nicht mehr, ſondern betete. Ich bin nicht im Stande, Herr Abbé, Ihnen die beredten Worte und das klägliche Flehen zu wiederholen: es war mehr als Frömmigkeit, mehr als Schmerz; auch ſagte ich, obgleich ich nicht ſcheinheilig bin und die Jeſuiten nicht liebe, damals zu mir ſelbſt: Gott Lob, daß ich allein bin und keine Kinder habe, denn wäre ich Vater und fühlte einen ähnlichen Schmerz, wie dieſer arme Greis, und fände in meinem Herzen und Gedächtniſſe nicht Alles das, was er zu dem lieben Gotte ſagte, ſo würde ich geraden Weges an das Meer gehen und mich hinein ſtürzen, um nicht länger ſo zu leiden.“ „Armer Vater!“ murmelte der Geiſtliche. „Mit jedem Tage wurde er ſtummer und einſamer; Herr Morrel und Mercedes kamen oft zu ihm, fanden aber ſeine Thüre verſchloſſen, und er öffnete nicht, obgleich er zu Hauſe war. Eines Tages, als er Mercedes gegen ſeine Gewohnheit eingelaſſen hatte, und das arme Kind, ſelbſt verzweifelnd, ihn zu tröſten ſuchte, ſagte er:„Glaube mir, mein Kind, er iſt todt... und erwartet uns, ſtatt daß wir ihn erwarten... Ich bin ſehr glücklich, denn ich bin der Aelteſte von uns und werde ihn folglich zuerſt wiederſehen...“ „Wenn man auch noch ſo gut iſt, man hört bald auf, die⸗ jenigen aufzuſuchen, die einen traurig ſtimmen; der alte Dantes blieb zuletzt ganz allein. Ich ſah nur zuweilen fremde Menſchen zu ihm hinauf gehen, die mit ſchlecht verborgenen Packeten wieder herunter kamen; ſpäter erfuhr ich, was es damit für eine Bewandtniß hatte: er verkaufte nach und nach Alles, was er noch beſaß, um zu leben. Endlich waren die Sachen des guten Mannes Alle fort... Er war drei Termine ſchuldig, er wurde bedroht, aus dem Hauſe 301 geworfen zu werden; er bat noch um acht Tage Friſt, die ihm gewährt wurde. Ich erfuhr dieſe Umſtände von dem Hausbeſitzer, der von ihm kommend, bei mir einſprach. Während der drei erſten Tage hörte ich ihn noch wie gewöhnlich über mir gehen; am vierten Tage hörte ich nichts mehr. Ich wagte es, hinauf zu gehen, die Thüre war verſchloſſen; aber durch das Schlüſſelloch ſehend, fand ich ihn ſo krank und abgefallen, daß ich Herrn Morrel benachrichtigen ließ und Mercedes holte. Beide beeilten ſich zu kommen. Herr Morrel brachte einen Arzt mit; dieſer erkannte eine Darmentzünd⸗ ung und verordnete Diät. Ich war gegenwärtig, Herr Abbé, und werde nie das Lächeln des Greiſes bei dieſer Verordnung vergeſſen. Von da an ſchloß er ſich nicht mehr ein; er hatte eine Entſchuldig⸗ ung, daß er nichts aß, der Arzt hatte ja Diät verordnet.“ Der Abbé ſtieß ein dumpfes Stöhnen aus. „Die Geſchichte erregt Ihre Theilnahme, nicht wahr, Herr Abbé?“ „Ja,“ antwortete der Abbé,„ſie iſt rührend.“ „Mercedes fand ihn jedes Mal, wenn ſie kam, mehr verfallen und beſtand darauf, ihn zu ſich bringen zu laſſen. Auch Herr Morrel war dieſer Meinung und wollte den Umzug beſorgen; aber der Greis war ſo böſe, daß ſie ſich zuletzt fürchteten. Mercedes blieb an ſeinem Bette, Herr Morrel entfernte ſich und zeigte der Catalonierin eine Börſe, die er auf den Sims des Kamins legte. Aber, ſich auf die Anordnung des Arztes berufend, ſchlug der Kranke alle ihm gebotenen Nahrungsmittel aus. Endlich verſchied der Greis, nachdem er noch neun Tage in Faſten und Verzweiflung hingebracht hatte, diejenigen, welche an ſeinem Unglücke ſchuld waren, ver⸗ fluchend, mit den an Mercedes gerichteten Worten: Wenn Du meinen Edmond wiederſiehſt, ſo ſage ihm, daß ich ihn ſegnend ſterbe.“ Der Abbé ſtand auf, ging einige Male in dem Gemache umher, mit zitternder Hand ſeine trockene Kehle berührend. „Und Ihr glaubt, er ſtarb?“ „Vor Hunger... Herr Abbé, vor Hunger,“ ſagte Caderouſſe; „ich ſtehe dafür, ſo gewiß wir Beide Chriſten ſind.“ Mit krampfhaft bebender Hand ergriff der Abbé das noch halb gefüllte Glas Waſſer, leerte es in einem Zuge und ſetzte ſich mit gerötheten Augen und bleichen Wangen wieder in ſeinen Winkel. „Geſtehet, daß dieſes eine ſchreckliche Geſchichte iſt,“ ſagte er mit heiſerer Stimme. „Um ſo ſchrecklicher, als das Unglück nicht von Gott, ſondern nur durch Menſchen kam.“ „Gehen wir alſo zu dieſen Menſchen über,“ ſagte der Abbé; „aber bedenkt,“ fügte er faſt drohend hinzu,„daß Ihr Euch ver⸗ pflichtet habt, mir Alles der Wahrheit gemäß zu ſagen; laßt ſehen, wer ſind diejenigen, durch deren Schuld der Sohn in Verzweiflung, der Vater vor Hunger ſterben mußte?“ „Zwei Männer, die, der Eine aus Liebe, der Andere aus Ehr⸗ geiz, eiferſüchtig auf ihn waren, Fernand und Danglars.“ „Und auf welche Weiſe bethätigte ſich dieſe Eiferſucht?“ „Sie denuncirten Edmond als Agenten der bonagpartiſtiſchen Partei.“ „Aber welcher von Beiden denuncirte? Welcher von Beiden war der wirklich Schuldige?“ „Alle Beide, Herr Abbé; der Eine ſchrieb die Anklage, der Andere trug ſie auf die Poſt.“ „Und wo wurde dieſer Brief geſchrieben?“ „Den Tag vor der Hochzeit, in der Schänke des Vaters Pamphile.“ „Richtig, richtig,“ murmelte der Abbé.„O! Faria! Faria! wie genau kannteſt Du Menſchen und Dinge!“ „Sie ſagten, Herr Abbé?“ fragte Caderouſſe. „Nichts,“ entgegnete der Geiſtliche;„fahrt fort.“ „Danglars ſchrieb die Anklage mit der linken Hand, damit ſeine Handſchrift nicht erkannt werde, und Fernand beförderte ſie.“ „Aber,“ rief plötzlich der Abbé,„Ihr war't dabei, Ihr!“ „Ich,“ ſagte Caderouſſe ſtaunend,„wer hat Ihnen geſagt, daß ich dabei war?“ Der Abbé ſah ein, daß er ſich zu weit hatte hinreißen laſſen. „Niemand,“ ſagte er,„aber ich denke, da Ihr das Alles ſo genau wißt, müßt Ihr wohl dabei geweſen ſein.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Caderouſſe mit erſtickter Stimme; „ich war dabei.“ „Und Ihr wideerſetztet Euch dieſer Niederträchtigkeit nicht! Dann ſeid Ihr ja Mitſchuldiger;“ zürnte der Abbé. ſag 303 „Herr Abbé,“ entgegnete Caderouſſe,„ſie hatten mich Beide ſo zum Trinken genöthigt, daß ich des Gebrauchs meiner Sinne beraubt war. Ich ſah Alles wie durch eine Wolke. Alles, was ein Mann in dieſem Zuſtande ſagen kann, ſagte ich, aber ſie ant⸗ worteten mir Beide, es ſei ein Scherz, den ſie machen wollten, und der keine Folgen haben werde.“ „Aber den andern Tag, Herr, den andern Tag ſahet Ihr doch, daß der Scherz Folgen hatte; und dennoch ſagtet Ihr nichts, und waret dabei, als er verhaftet wurde.“ „Ja, Herr Aobé, ich war dabei, und ich wollte reden, wollte Alles ſagen, aber Danglars hielt mich zurück. Und wenn er nun wirklich ſtrafbar wäre, wenn er wirklich an der Inſel Elba ange⸗ legt und einen Brief an das bonapartiſtiſche Comité in Paris er⸗ halten hätte? Und wenn man dieſen Brief bei ihm findet, werden die, welche ſich ſeiner annehmen, für ſeine Mitſchuldigen gelten. Ich fürchtete die damalige Politik. Ich geſtehe es, ich ſchwieg, das war eine Feigheit, ich gebe es zu, aber kein Verbrechen.“ „Ich verſtehe, Ihr ließet die Sache ihren Gang gehen, das war Alles.“ „Ja, Herr Abbé,“ antwortete Caderouſſe,„und das iſt ein Scorpion, der mich Tag und Nacht quält. Ich bitte Gott oft des⸗ halb um Verzeihung, das ſchwöre ich Ihnen, und bin auch über⸗ zeugt, daß zur Strafe dieſer That, der einzigen ſchlechten in meinem ganzen Leben, mein ganzes Unglück über mich verhängt iſt. Ich büße einen Augenblick, wo der Egoismus mich beherrſchte; auch ſage ich deshalb immer zur Carconte, wenn ſie klagt: Schweig, Frau, es iſt Gottes Wille ſo.“ Und Caderouſſe ſenkte den Kopf mit allen Zeichen wahrer Reue. „Gut, mein Freund,“ ſagte der Abbé,„Ihr habt offen ge⸗ ſprochen; ſich ſelbſt anklagen verdient Vergebung.“ „Unglücklicherweiſe,“ ſprach Caderouſſe,„iſt Edmond geſtorben, ohne mir vergeben zu können.“ „Er wußte es nicht,“ ſagte der Abbé. „Aber jetzt weiß er es vielleicht,“ verſetzte Caderouſſe;„man ſagt ja, die Todten wiſſen Alles.“ Ein augenblickliches Schweigen trat ein, der Abbé war auf⸗ ——— —— 304 geſtanden ging und mit großen Schritten umher; dann kam er zu ſeinem Platze zurück und ſetzte ſich nieder. „Ihr nanntet ſchon einige Mal einen gewiſſen Herrn Morrel,“ ſagte er,„was war dieſer Mann?“ „Es war der Rheder des„Pharaon“, der Patron von Dantes.“ „Und welche Rolle ſpielte dieſer Mann, bei all' dieſen traurigen Ereigniſſen?“ fragte der Abbé. „Die Rolle eines rechtſchaffenen, muthigen Mannes und treuen Freundes, Herr Abbé. Zwanzig Mal hat er ſich für Edmond ver⸗ wendet; als der Kaiſer wieder kam, ſchrieb, bat, drohte er, ſo daß er nachher als Bonapartiſt verfolgt wurde. Zehn Mal war er, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, zum alten Dantes gekommen, um ihn zu ſich zu nehmen, und an dem Abend oder Vorabend ſeines Todes ließ er, wie ich Ihnen ſchon ſagte, eine Börſe auf dem Kamine, mit der die Schulden des guten Mannes getilgt und die Koſten der Beerdigung beſtritten wurden, ſo daß der arme Greis wenigſtens ſterben konnte, wie er gelebt hatte, nämlich ohne Jemand Unrecht zu thun. Die Börſe habe ich noch, es iſt eine lange Börſe von rothem Filet.“ „Und,“ fragte der Abbé,„lebt dieſer Herr Morrel noch?“ „Ja,“ antwortete Caderouſſe. „Dann,“ entgegnete der Abbé,„muß dieſer brave Mann vom Himmel geſegnet, muß reich und glücklich ſein.“ Caderouſſe lächelte bitter. „Ja, glücklich wie ich,“ ſagte er. „Wie? Herr Morrel wäre unglücklich!“ rief der Abbé. „Er iſt dem Mangel und, was noch ſchlimmer iſt, Herr Abbé, der Entehrung nahe.“ „Wie ſo?“ „Ja,“ fuhr Caderouſſe fort,„es iſt ſo; nachdem er fünfund⸗ zwanzig Jahre gearbeitet, nachdem er den ehrenvollſten Platz in dem Handelsſtande von Marſeille errungen hatte, iſt Herr Morrel ohne Rettung zu Grunde gerichtet. Er hat in zwei Jahren fünf Schiffe verloren, hat drei ſchreckliche Bankerotte ertragen, und ſeine letzte Hoffnung beruhte jetzt nur noch auf eben dem„Pharaon“, den der arme Dantes befehligte und der mit einer Ladung von Cochenille 305 und Indigo aus Indien erwartet wird. Wenn dieſes Schiff aus⸗ bleibt, wie die Uebrigen, iſt er verloren.“ „Und,“ ſagte der Abbé,„hat er Frau und Kinder, der Un⸗ glückliche?“ „Ja; er hat eine Frau, die ſich bei dem Allen wie eine Heilige benimmt; er hat eine Tochter, die im Begriff war, einen Mann zu heirathen, den ſie liebte, und den ſeine Familie nun nicht ein ver⸗ armtes Mädchen heirathen laſſen will; er hat auch einen Sohn, der Lieutenant in der Armee iſt. Aber Sie können leicht denken, daß dieſes Alles ſeinen Schmerz verdoppelt, ſtatt ihn zu lindern. Der arme, liebe Mann! Wäre er allein, ſo ſchöſſe er ſich eine Kugel durch den Kopf und Alles wäre vorbei.“ „Es iſt entſetzlich,“ murmelte der Abbé. „Da ſehen Sie wieder, wie Gott die Tugend belohnt, Herr Abbé,“ ſagte Caderouſſe.„Sehen Sie, ich, der ich außer dem, was ich Ihnen geſtanden habe, niemals eine unrechte Handlung beging, bin im Elende; ich werde, wenn ich meine arme Frau, die das Fieber verzehrt, begraben habe, vor Hunger ſterben, wie Dantes Vater, während Fernand und Danglars nicht wiſſen, wo ſie mit dem Gelde hin ſollen.“— „Und wie ſo?“ „Weil ihnen Alles geglückt iſt, während den rechtſchaffenen Leuten Alles mißglückt.“ „Was iſt aus Danglars geworden, der ja wohl der Strafbarſte, der Aufhetzer war?“ „Was aus ihm geworden iſt? Er verließ Marſeille und kam, durch Herrn Morrel, der ſein Verbrechen nicht ahnte, empfohlen, als Buchhalter in das Geſchäft eines ſpaniſchen Bankiers. In der Zeit des ſpaniſchen Krieges hatte er Theil an den Lieferungen für die Armee, und machte dabei ſein Glück; dann legte er dieſen ſeinen erſten Gewinn in den Fonds an, verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte ſein Vermögen, heirathete die Tochter ſeines Prinzipals, und als dieſe geſtorben war, die Wittwe eines Herrn v. Nargonne, Tochter des Grafen v. Servieur, eines Kammerherrn des jetzigen Königs, der in der höchſten Gunſt ſteht. Er war Millionär geworden, und man hat ihn zum Grafen gemacht, ſo daß er jetzt Graf Danglars iſt, ein Hôtel in der Straße Mont⸗ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 20 306 Blanc, zehn Pferde im Stalle, ſechs Laquaien im Vorzimmer, und ich weiß nicht, wie viel Millionen in ſeiner Chatouille hat.“ „Ach,“ ſagte der Abbé mit ſonderbarem Tone:„und iſt er glücklich?“ „Ach! glücklich, wer kann das behaupten? Das Unglück oder das Glück iſt das Geheimniß der vier Wände, dieſe haben Ohren, aber keine Zunge; wenn Reichthum glücklich macht, ſo iſt Danglars glücklich.“ „Und Fernand?“ „Fernand? ah, das iſt eine ganz andere Sache.“ „Aber wie hat ein armer cataloniſcher Fiſcher ohne Bildung, ohne Hilfsmittel, ſein Glück machen können? das geht über meine Begriffe, ich geſtehe es Euch.“ „Und das wundert Jeden; es muß irgend ein fremdartiges Geheimniß in ſeinem Leben ſein, wovon Niemand etwas weiß.“ „Aber auf welcher ſichtbaren Leiter iſt er denn zu dieſem uner⸗ meßlichen Vermögen oder dieſer hohen Stellung emporgeſtiegen?“ „Zu Beiden, Herr Abbé, zu allen Beiden: er hat Reichthum und Rang, Beides zuſammen.“ „Das iſt ein Märchen, was Ihr mir erzählt?“ „Es hat wohl das Anſehen, aber hören Sie, und Sie werden Alles begreifen. Einige Tage vor Dantes Rückkehr war Fernand in die Conſcription gekommen. Die Bourbons ließen ihn ruhig in den Catalons; aber Napoleon kam zurück, es erfolgte ein außer⸗ ordentlicher Aufruf und Fernand wurde gezwungen mitzugehen. Auch ich ging mit, aber da ich älter als Fernand war und ſoeben meine arme Frau geheirathet hatte, wurde ich nur nach den Küſten geſchickt. Fernand kam zu den activen Truppen, wurde mit ſeinem Regimente nach der Grenze beordert, und wohnte der Schlacht von Ligny bei. In der auf die Schlacht folgenden Nacht ſtand er als Schildwache vor der Thüre eines Generals, der geheime Verbind⸗ ungen mit dem Feinde hatte. Eben in dieſer Nacht ſollte der General zu den Engländern übergehen; er ſchlug Fernand vor, ihn zu begleiten; Fernand willigte ein, verließ ſein Poſten und folgte dem General. Was Fernand vor das Kriegsgericht gebracht hätte, wenn Napoleon auf dem Throne geblieben wäre, diente ihm zur Empfehlung bei den Bourbons. Er kehrte mit der Epaulette als — aaöööö—. Sousl hoher war i Dang Span Lande und o unter Gegen ment Schlu Dienſ ernan Titel ſpani lange land freiun es we ſtütze einzel erbat blieb erfuh dem getre⸗ er ſto inden Ferne Lieut iſt, u deſttz 4 1 Souslieutenant nach Frankreich zurück, und da der General, der in hoher Gunſt ſteht, ihm wohl wollte, wurde er 1823 Capitain; dies war in dem ſpaniſchen Kriege, ungefähr zu derſelben Zeit, als Danglars ſeine erſten Spekulationen unternahm. Fernand war Spanier, er wurde nach Madrid geſchickt, um die Stimmung ſeiner Landsleute kennen zu lernen. Dort fand er Danglars, beſprach und verſtändigte ſich mit ihm, verſprach ſeinem General eine Stütze unter den Royaliſten der Hauptſtadt und der Provinzen, erhielt Gegenverſprechungen, knüpfte Verbindungen an, führte ſein Regi⸗ ment auf nur ihm bekannten Wegen durch von Royaliſten bewachte Schluchten und leiſtete überhaupt in dieſem kurzen Feldzuge ſolche Dienſte, daß er nach der Einnahme von Trocadero zum Oberſten ernannt wurde und das Kreuz der Ehrenlegion nebſt dem Barons⸗ Titel erhielt.“ „Beſtimmung! Beſtimmung!“ murmelte der Abbé. „Ja, aber hören Sie weiter, es iſt noch nicht Alles. Als der ſpaniſche Krieg beendet war, ſchien der für ganz Europa zu hoffende lange Frieden Fernands Carriere ein Ziel zu ſetzen. Nur Griechen⸗ land allein hatte ſich gegen die Türkei aufgelehnt und den Be⸗ freiungskrieg begonnen; Aller Augen waren nach Athen gerichtet; es war allgemeine Mode, die Griechen zu bedauern und zu unter⸗ ſtützen. Die franzöſiſche Regierung duldete wie Sie wiſſen werden, einzelne Auswanderungen, ohne ſie offiziell zu beſchützen. Fernand erbat und erhielt die Erlaubniß, in Griechenland zu dienen und blieb demungeachtet in den Liſten der Armee. Einige Zeit darauf erfuhr man, daß der Baron v. Morcerf, dies iſt ſein Name, mit dem Range eines Inſtructions⸗Generals in den Dienſt Ali⸗Paſchas getreten ſei. Ali⸗Paſcha wurde, wie Sie wiſſen, getödtet; doch ehe er ſtarb, belohnte er noch die ihm von Fernand geleiſteten Dienſte, indem er demſelben eine beträchtliche Summe hinterließ, mit welcher Fernand nach Frankreich zurückkehrte, wo ſein Rang als General⸗ Lieutenant anerkannt wurde.“ „So daß er jetzt?...“ „So daß er jetzt,“ fuhr Caderouſſe fort,„Graf und Deputirter i*ſt, und ein prachtvolles Hötel in Paris, Straße du Helder Nr. 27, beſitzt.“ 20* 308 „Der Abbé öffnete den Mund, hielt aber, einen Augenblick zögernd, inne, endlich bezwang er ſich und fragte: „Und Mercedes? man hat mir geſagt, ſie ſei verſchwunden?“ „Verſchwunden,“ ſagte Caderouſſe,„wie die Sonne verſchwindet, um ſich am andern Morgen deſto glänzender wieder zu erheben.“ „Hat ſie etwa auch ihr Glück gemacht?“ fragte der Abbé mit ironiſchem Lächeln. „Mercedes iſt in dieſem Augenblicke eine der erſten Damen von Paris,“ entgegnete Caderouſſe. „Fahrt fort, es iſt mir, als hörte ich einen Traum erzählen,“ ſagte der Abbé;„indeſſen habe ich ſelbſt ſo merkwürdige Dinge erlebt, daß, was Ihr mir erzählt, mich weniger in Erſtaunen ſetzt.“ „Mercedes war anfänglich verzweifelt über den Schlag, der ihr Edmond raubte. Ich habe Ihnen von ihrer Verwendung bei Herrn v. Villefort erzählt, ſowie ihre Treue und Sorgfalt für Dantes Vater. Mitten in ihrer Verzweiflung traf ſie ein neuer Schmerz, nämlich die Abreiſe Fernands, von deſſen Verbrechen ſie keine Ahn⸗ ung hatte und ihn wie einen Bruder betrachtete. Fernand reiſ'te ab, Mercedes blieb allein.“ „Drei Monate vergingen in Thränen; keine Nachricht von Edmond, keine Nachricht von Fernand; nichts vor Augen, als einen vor Schmerz ſterbenden Greis. Eines Abends, nachdem ſie, wie ihre Gewohnheit war, den ganzen Tag an der Ecke des Weges von Marſeille nach den Catalons geſeſſen hatte, kehrte ſie trauriger, als ſie je geweſen war, in ihre Hütte zurück, weder ihr Geliebter noch ihr Freund kehrten auf einem dieſer beiden Wege wieder und ſie hatte von keinem von Beiden Nachricht. Plötzlich glaubte ſie einen bekannten Tritt zu hören; mit Seelenangſt drehte ſie ſich um, die Thüre öffnete ſich, und Fernand in ſeiner Souslieutenants⸗Uniform erſchien in derſelben. Es war nicht die Hälfte deſſen, was ſie be⸗ weinte, aber es war doch ein Theil ihrer Vergangenheit. Sie er⸗ griff Fernands Hände mit einem Entzücken, welches dieſer für Liebe nahm und welches nur die Freude war, nicht mehr allein in der Welt zu ſein und nach den ewig langen Stunden trauriger Ein⸗ ſamkeit endlich ein befreundetes Weſen wiederzuſehen; und dann, Fernand war nie von ihr gehaßt, er war nur nicht geliebt worden; ein Anderer hatte Mercedes ganzes Herz, dieſer Andere war fort... ——————„ — obgl war! danken Schm andere von ſe Edmo zu un Leben eines haben erfuhr erſten dieſes ſechs zu b Abbe Liebh engli heira ſollte dere an Mo ſie ſ in i deſſe den daß beei ſamen len,“ dinge ſett.“ ihr derrn fantes merz, Ahn⸗ eiſ'te von einen wie von „als noch d ſie einen die form be⸗ er⸗ diebe der 309 war verſchwunden... war vielleicht todt. Bei dieſem letzten Ge⸗ danken brach Mercedes in Schluchzen aus und rang die Hände vor Schmerz; aber dieſer Gedanke, den ſie, wie er ihr von Jemand anderes ausgeſprochen wurde, entrüſtet zurückſtieß, kam ihr jetzt oft von ſelbſt; auch wiederholte der alte Dantes ihr unabläſſig:„Unſer Edmond iſt todt, denn wenn er nicht todt wäre, käme er wieder zu uns.“ „Der Greis ſtarb, wie ich Ihnen geſagt habe; wäre er am Leben geblieben, ſo wäre wahrſcheinlich Mercedes niemals die Frau eines Andern geworden; denn er würde ihr ihre Untreue vorgeworfen haben. Fernand ſah das auch ein. Als er den Tod des Greiſes erfuhr, kehrte er zurück. Dieſes Mal als Lieutenant. Bei dem erſten Beſuch hatte er Mercedes nicht ein Wort von Liebe geſagt; dieſes Mal erinnerte er ſie an ſeine Liebe. Mercedes bat ſich noch ſechs Monate Friſt aus, um Edmond erſt zu erwarten und dann zu beweinen.“ „Das macht alſo, Alles in Allem, achtzehn Monate,“ ſagte der Abbé mit bitterem Lächeln.„Was kann am Ende der angebetetſte Liebhaber mehr verlangen?“ Dann murmelte er jene Worte des engliſchen Dichters:„Frailty, ty name is woman!“*) „Nach ſechs Monaten,“ fuhr Caderouſſe fort,„fand die Ver⸗ heirathung in der Kirche des Accouls ſtatt.“ „Es war dieſelbe Kirche, in welcher ſie Edmond heirathen ſollte,“ murmelte der Geiſtliche;„nur der Bräutigam war ein An⸗ derer, das war der ganze Unterſchied.“ „Mercedes verheirathete ſich alſo,“ fuhr Caderouſſe fort;„aber obgleich ſie ganz ruhig ſchien, wurde ſie doch ohnmächtig, als ſie an der Schänke des Vaters Pamphile vorüber kam, wo achtzehn Monate zuvor ihr Verlobungsſchmaus gefeiert wurde, mit dem, den ſie ſo lange, ſo innig geliebt hatte, und deſſen Bild allein ſie noch in ihrem Herzen gefunden haben würde, wenn ſie gewagt hätte, deſſen Tiefen zu ergründen. Fernand, glücklicher, aber nicht ruhiger, denn ich ſah ihn zu jener Zeit und konnte deutlich genug bemerken, daß er unaufhörlich Edmonds Rückkehr fürchtete. Alſo Fernand beeilte ſich, ſeine Frau von ihrem Geburtsorte zu entfernen und *) Schwachheit, dein Name iſt Weib. 310 ſelbſt denſelben zu meiden: er fürchtete zu ſehr die mögliche Rück⸗ kehr Edmonds und den Einfluß der Erinnerungen auf Mercedes, wenn ſie in den Catalons bliebe. Acht Tage nach der Hochzeit reiſ'ten ſie ab.“ „Und ſahet Ihr Mercedes niemals wieder?“ fragte der Abbé. „Ja, während des ſpaniſchen Krieges, zu Perpignan, wo Fernand ſie zurückgelaſſen hatte; ſie beſchäftigte ſich damals mit der Erziehung ihres Sohnes...“ Der Abbé zitterte. „Ihres Sohnes?“ ſagte er. „Ja,“ antwortete Caderouſſe,„des kleinen Albert.“ „Aber hatte ſie denn ſo viel Bildung, um ihren Sohn unter⸗ richten zu können?“ entgegnete der Abbé.„Ich dächte, Edmond hätte mir geſagt, ſie wäre ein ſchönes, gutes, aber einfaches und ungebildetes, armes Fiſchermädchen geweſen.“ „O!“ antwortete Caderouſſe,„kannte er denn ſeine eigene Braut nicht beſſer? Mercedes hätte Königin werden können, wenn die Kronen nur die Häupter der ſchönſten und klügſten Weiber zieren dürften. Ihr Vermögen war ſchon im Zunehmen und ihr Geiſt wuchs mit dem Vermögen. Sie lernte Zeichnen, Muſik und Alles, was feine Damen treiben, und dann glaube ich, unter uns geſagt, ſie that das Alles hauptſächlich, um ſich zu zerſtreuen, zu betäuben, und füllte ihren Kopf mit ſo vielen Dingen an, um darüber zu ver⸗ geſſen, was ihr Herz bewegte. Aber jetzt mag das Alles vorüber ſein; Reichthum und Ehre werden ſie ohne Zweifel getröſtet haben. Sie iſt reich, iſt Gräfin... und dennoch...“ „Dennoch... was?“ fragte der Abbé. „Dennoch bin ich überzeugt, daß ſie nicht glücklich iſt,“ erwiderte Caderouſſe. „Und warum glaubt Ihr dies?“ „Nun, als ich immer unglücklicher wurde und nicht mehr wußte, wo aus noch ein, dachte ich, daß meine alten Freunde mir vielleicht helfen würden. Ich ging zu Danglars und wurde nicht angenommen; ich meldete mich bei Fernand, der ſchickte mir hundert Franken durch ſeinen Kammerdiener.“ „Ihr ſahet alſo weder den Einen noch den Andern.“ „Nein, aber Frau v. Morcerf hatte mich geſehen.“ — wa Kop ſück⸗ ldes, hzeit bbe. nand ung ter⸗ ond und Praut die eren Geiſt les, ſagt, ben, ver⸗ über ben. erte zte, icht en; rch 311 „Wie ſo?“ 3 „Als ich aus dem Hauſe ging, ſiel eine Börſe, die fünfund⸗ zwanzig Louis enthielt, zu meinen Füßen. Ich erhob ſchnell den Kopf und ſah Mercedes, die eben die Ialouſie wieder ſchloß.“ „Und Herr v. Villefort?“ fragte der Abbé unermüdet weiter. „Ol er war nicht mein Freund geweſen, ihn kannte ich nicht, von ihm konnte ich nichts erwarten.“ „Aber wißt Ihr nicht, was aus ihm geworden iſt, und was er vielleicht für Antheil an Edmonds Unglücke hat?“ „Nein; ich weiß nur, daß er einige Zeit nach Edmonds Ver⸗ haftung Fräulein von St. Méran geheirathet und bald darauf Maarſeille verlaſſen hat. Ohne Zweifel wird das Glück ihm auch gelächelt und ihn reich wie Danglars, angeſehen wie Fernand ge⸗ macht haben; ich allein bin, wie Sie ſehen, arm, elend und von Gott vergeſſen geblieben.“ „Ihr irrt Euch, mein Freund,“ ſagte der Abbé;„Gott ſcheint zuweilen zu vergeſſen, wenn ſeine Gerechtigkeit ruht, aber es kommt immer der Augenblick, wo er ſich erinnert, davon ſeht hier den Beweis.“ Bei dieſen Worten zog der Abbé den Diamanten aus der Taſche, reichte ihn Caderouſſe, und ſprach: „Nehmt dieſen Diamanten, er gehört Euch allein.“ „Wie? mir allein?“ rief Caderouſſe;„ach! Herr Abbé, ſpotten Sie auch meiner nicht?“ „Dieſer Diamant ſollte unter die Freunde Edmonds vertheilt werden. Edmond hatte nur einen Freund, Euch; folglich iſt die Theilung überflüſſig. Nehmt dieſen Diamanten und verkauft ihn; er iſt fünfzigtauſend Franken werth und dieſe Summe wird hoffent⸗ lich hinreichend ſein, Eure Noth zu beenden.“ „O! Herr,“ ſagte Caderouſſe, eine Hand furchtſam ausſtreckend, während er mit der andern den Schweiß vom Geſichte trocknete; „o Herr, ſcherzen Sie nicht mit dem Glücke oder der Verzweiflung eines Menſchen!“ „Ich weiß, was Glück und was Verzweiflung iſt, und werde niemals mit dieſen Empfindungen mein Spiel treiben,“ antwortete der Abbé.„Nehmt doch! aber als Tauſch.“ 312 4 Caderouſſe, der ſchon den Diamanten berührt hatte, zog die Hand wieder zurück. Der Abbé lächelte. blaſ „Als Equivalent,“ fuhr er fort,„gebt mir jene rothſeidene Börſe, die Herr Morrel auf dem Kaminſims von Dantes Vater ließ, und die Ihr, wie Ihr mir ſagtet, aufbewahrt habt.“ frag Caderouſſe ging, immer mehr erſtaunt, zu einem großen, eichenen Schranke, den er öffnete und daraus eine lange Börſe von verblaßter rother Seide, mit zwei kupfernen, vergoldet geweſenen Ringen her⸗ vorlangte. Der Abbé nahm ſie und gab dagegen Caderouſſe den dum Diamanten. „O! Sie ſind ein Mann Gottes, Herr Abbé,“ rief Caderouſſe; „denn am Ende, Niemand wußte ja, daß Edmond Ihnen den Diamanten anvertraut hatte, und Sie hätten denſelben alſo dreiſt Nan behalten können.“ „Du würdeſt es ſo gemacht haben, wie es ſcheint,“ dachte der 9 Abbé. aus Er ſtand nun auf, nahm Hut und Handſchuh, und ſagte: „Alles, was Ihr mir geſagt habt, iſt doch wahr und gewiß, ſein und ich kann mich darauf verlaſſen?“ erſc „Hier, Herr Abbé,“ antwortete Caderouſſe,„in dieſer Ecke iſt ein Crucifix von geweihtem Holze; in dieſer Truhe das Evangelienbuch meiner Frau; öffnen Sie das Buch und ich will Ihnen, die Hand wer an das Crucifix legend, bei dem Heile meiner Seele, bei meinem iih Chriſtenglauben, ſchwören, daß ich Ihnen Alles geſagt habe, wie es ſich wirklich zugetragen hat, und wie der Engel des Gerichts es am La jüngſten Tage dem Herrn verkünden wird!“ ge „Es iſt gut,“ ſagte der Abbé, durch Caderouſſe's Blick und Ton von der Wahrheit ſeiner Worte überzeugt,„es iſt gut; möge wa dies Geld Euch Segen bringen! Lebt wohll ich gehe wieder in meine Einſamkeit, fern von den Menſchen, die einander ſo viel Herzeleid anthun.“ Indem er dies ſagte, befreite ſich der Abbé mit vieler Mühe von den begeiſterten Dankbarkeitsbezeugungen Caderouſſe's, hob ſelbſt die Nachtſtange von der Thüre, ging hinaus, beſtieg ſein Pferd, grüßte nochmals den Gaſtwirth, der ſich in lauten und wortreichen Nachrufen und Lobpreiſungen erſchöpfte, und entfernte ſich auf dem⸗ ſelben Wege, den er gekommen war. —————;——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—;—F—X—xx——-——— 313 Als Caderouſſe ſich umdrehte, ſah er hinter ſich die Carconte, blaſſer und zitternder als je. „Iſt es wirklich wahr, was ich gehört habe?“ fragte ſie. „Meinſt Du, daß er uns allein den Diamanten gegeben hat?“ e fragte Caderouſſe, beinahe toll vor Freude. „Ja.“ „Nichts kann wahrer ſein, denn hier iſt er.“ dt Die Frau betrachtete ihn ein Weilchen und ſagte dann mit 4 dumpfer Stimme: „Und wenn er falſch wäre?“ 5 Caderouſſe erbleichte. en„Falſch,“ ſtammelte er,„falſch... Und warum hätte dieſer ſt Mann mir dieſen falſchen Diamanten gegeben?“ „Dummkopf! um Dein Geheimniß umſonſt zu haben?“ er Einen Augenblick ſtand Caderouſſe wie betäubt über dieſe Vor⸗ ausſetzung. „O!“ ſagte er dann, ſeinen Hut nehmend und ihn über das, is, ſeinen Kopf bedeckende rothe Tuch ſtülpend,„das wollen wir bald — erfahren.“ in„Und auf welche Art?“ ich„In Beaucgire iſt Meſſe, da ſind Juweliere aus Paris; ihnen nd werde ich ihn zeigen. Hüte das Haus, Frau; in zwei Stunden bin m ich zurück.“ 8s Hiermit ſtürzte Caderouſſe aus dem Hauſe und ſchlug in vollem im Laufe den entgegengeſetzten Weg ein, als den, welchen der Abbé geritten war. nd„Fünfzigtauſend Franken!“ murmelte die Carconte, als ſie allein war;„das iſt ein hübſches Geld... aber noch kein Reichthum.“ ———- ———ʒ—ÿ—n— — XXIX. Die Gefängniß⸗Regiſter. Den Tag darauf, nachdem die ſo eben beſchriebene Scene auf dem Wege zwiſchen Bellegarde und Beaucgire ſtattgefunden hatte, ließ ein Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, mit einem blauen Frack, Nanking⸗Beinkleidern und einer weißen Weſte, mit engliſcher Ausſprache und Manieren, ſich bei dem Maire von Mar⸗ ſeille melden. „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„ſich bin der erſte Factor des Hauſes Thomſon und French in Rom; wir ſtehen ſeit zehn Jahren in Verbindung mit dem Hauſe Morrel und Sohn zu Marſeille und ſind nicht ohne Beſorgniß, indem wir gehört haben, daß dieſem Hauſe der Untergang droht. Ich bin alſo expreß von Rom hierher⸗ gekommen, Sie mein Herr, um Auskunft über die Lage dieſes Hauſes zu erſuchen.“ „Mein Herr,“ antwortete der Maire,„es iſt mir leider nur zu bekannt, daß das Unglück Herrn Morrel ſeit vier bis fünf Jahren verfolgt; er hat nach und nach vier oder fünf Schiffe verloren und drei oder vier Bankrotte überſtanden; aber es kommt mir, obgleich ich ſelbſt zehntauſend Franken bei ihm ſtehen habe, nicht zu, irgend eine Auskunft über den Zuſtand ſeiner Finanzen zu geben. Fragen Sie mich als Maire, wie ich über Herrn Morrel denke, ſo antworte ich Ihnen, daß er ein Mann von der ſtrengſten Rechtlichkeit iſt und bis auf den heutigen Tag alle ſeine Verpflichtungen mit der allergrößten Pünktlichkeit erfüllt hat. Das iſt Alles, mein Herr, was ich Ihnen ſagen kann; wenn Sie mehr wiſſen wollen, wenden Sie ſich an Herrn von Boville, den Inſpector der Gefängniſſe, Straße Nouailles Nr. 15; er hat, wie ich glaube, zweimalhunderttauſend Franken in dem Geſchäfte ſtehen, und da dieſe Summe bedeutend größer iſt, als die, welche ich zu fordern habe, ſo werden Sie, wenn wirklich etwas zu fürchten iſt, ihn auf jeden Fall genauer unterrichtet finden, als ich es bin.“ Der Engländer ſchien dieſe edle Zartheit zu würdigen, empfahl ſich achtungsvoll und ging mit dem den Söhnen Großbritaniens eigenen Schritte nach der bezeichneten Wohnung. Herr von Boville war in ſeinem Kabinete: indem er ihn erblickte, zuckte der Engländer zuſammen, als erinnerte er ſich, ihn ſchon einmal geſehen zu haben. Was Herrn von Boville anbetraf, ſo war derſelbe in dieſem Augen⸗ blicke in ſolcher Verzweiflung, daß alle ſeine geiſtigen Fähigkeiten durch den Gedanken, der ihn einzig beherrſchte, unterdrückt wurden, und er alſo nicht der Vergangenheit ſich erinnern konnte. Der Engländer richtete mit dem Phlegma ſeiner Nation in denſelben Ausdrücken dieſelben Fragen an ihn, die er an den Maire hatte ergehen laſſen. „Ol mein Herr,“ rief Herr von Boville,„Ihre Befürchtungen ſind leider nur zu gegründet, und Sie ſehen in mir einen eben deswegen verzweifelnden Mann. Ich hatte zweimalhunderttauſend Franken bei dem Hauſe Morrel placirt, ſie waren zur Mitgabe meiner Tochter, die ich in vierzehn Tagen zu verheirathen dachte, beſtimmt; dieſe zweimalhunderttauſend Franken, hunderttauſend den fünfzehnten dieſes, und hunderttauſend den fünfzehnten künftigen Monats zahlbar. Ich hatte Herrn Morrel benachrichtigt, daß ich wünſchte, dieſe Auszahlung möge pünktlich erfolgen, und heute kommt er, vor noch nicht einer halben Stunde, um mir zu ſagen, daß, wenn ſein Schiff, der„Pharaon“, nicht bis zum fünfzehnten eingelaufen, er außer Stand ſei, Zahlung zu leiſten.“ „Aber,“ ſagte der Engländer,„das ſcheint mir auf einen Ruin hinzudeuten.“ „Sagen Sie, mein Herr, daß es auf einen Bankerott hin⸗ deutet!“ rief Herr von Boville außer ſich. Der Engländer ſchien einen Augenblick nachzudenken und ſagte dann:„Alſo beunruhigen Sie ſich wegen dieſer Forderung, mein Herr?“. „Ich halte ſie für verloren.“ „Nun wohl denn, ich kaufe ſie Ihnen ab.“ „Sie?“ 316 „Ja, ich.“ „Aber wahrſcheinlich mit bedeutendem Rabatt?“ „Nein,“ ſagte der Engländer lachend,„wo es auf zweimal⸗ hunderttauſend Franken ankommt, macht unſer Haus nicht die Ver⸗ mittelung auf ſolche Art.“ „Und Sie zahlen?“ „Baar.“ Und damit zog der Engländer ein Packet Banknoten aus der Taſche, welches ungefähr das Doppelte der Summe, um die es ſich handelte, enthielt. Ein Blitz der Freude leuchtete in Herrn von Boville's Augen auf, doch beherrſchte er ſich und ſprach: „Mein Herr, ich muß Sie aufmerkſam machen, daß Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht ſechs Prozent von dieſer Summe er⸗ halten werden.“ „Das iſt nicht meine Sache,“ erwiderte der Engländer,„das iſt Sache des Hauſes Thomſon und French, in deſſen Auftrag ich handle. Vielleicht hat es Intereſſe dabei, den Untergang eines mit ihm rivaliſirenden Hauſes zu beſchleunigen. Aber was ich weiß, mein Herr, iſt, daß ich bereit bin, gegen Abtretung Ihrer Forder⸗ ung, Ihnen den Betrag derſelben baar und unverkürzt auszuzahlen; doch bedinge ich mir Mäklergebühren.“ „Wie, mein Herr! das verſteht ſich,“ rief Herr von Boville. „Der gewöhnliche Satz iſt anderthalb Prozent; wollen Sie zwei, drei, fünf? wollen Sie noch mehr? reden Sie!“ „Mein Herr,“ entgegnete der Engländer lachend,„ich bin wie mein Haus, ich mache keine Geſchäfte der Art; nein, ich verlange als Mäklergebühren etwas ganz Anderes.“ „Reden Sie doch, mein Herr, ich höre zu.“ „Sie ſind Inſpector der Gefängniſſe?“ „Seit länger als vierzehn Jahren.“ „Sie führen Regiſter über Ein⸗ und Austritt?“ „Gewiß.“ „Sind dieſen Regiſtern Bemerkungen, die Gefangenen betreffend, beigeſügt?“ „Jeder Gefangene hat ſeine Rubrik.“ „Nun denn, mein Herr, ich wurde in Rom von einem armen Schelm von Abbé erzogen, der plötzlich verſchwand; ſpäter erfuhr ——— mömWmnmnmnm———— ich ein vl —9, 317 ich, er ſei auf Schloß If gefangen geweſen und ich möchte nun einige Auskunft über ſeinen Tod haben.“ i„Wie hieß er?“ 4„Abbé Faria.“ „Ol deſſen erinnere ich mich vollkommen,“ verſetzte der Herr von Boville,„er war wahnſinnig.“ „Man ſagte es.“ et„Ol er war es nur zu gewiß.“ „s iſt möglich; und von welcher Art war ſein Wahnſinn?“ .„Er behauptete, Kenntniß von einem unermeßlichen Schatze zu haben, und bot der Regierung ungeheure Summen, wenn ſie ihn 8 er in Freiheit ſetzen wolle.“ .„Der arme Schelm! Und iſt er todt?“ „Ja, mein Herr, ſeit ſechs Monaten ungefähr, im vergangenen 4 Februar.“ „Sie haben ein gutes Gedächtniß, Herr Inſpector, ſich ſo der 3 einzelnen Umſtände zu erinnern.“ „Ich erinnere mich dieſes Falles ganz beſonders, weil der Tod des armen Teufels von einem merkwürdigen Ereigniſſe begleitet war.“ „Darf man nach dieſem Ereigniſſe fragen?“ ſprach der Engländer . mit einem Ausdruck von Neugierde auf ſeinem phlegmatiſchen Ge⸗ 1 ſichte, über den ein aufmerkſamer Beobachter ſich gewundert haben würde. je„O, mein Gott, ja! mein Herr: der Kerker des Abbé war e vierzig bis fünfzig Fuß von dem eines alten bonapartiſtiſchen Agenten entfernt, einem Jener, die 1815 am Meiſten zu der Rückkehr des Uſurpators beigetragen hatten, eines ſehr entſchloſſenen und über⸗ aus gefährlichen Mannes.“ „Wirklich!“ ſagte der Engländer. „Ja,“ antwortete Herr von Boville,„ich habe 1816 oder 1817 ſelbſt Gelegenheit gehabt, dieſen Mann zu ſehen, man ſtieg nicht ohne ein Piquet Soldaten in ſeinen Kerker hinab; dieſer Mann hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht und ich werde nie ſein Ge⸗ ſicht vergeſſen.“ Der Engländer lächelte unmerklich.„Sie ſagten alſo, mein Herr,“ fuhr er fort,„daß die beiden Kerker...“ „Durch einen Zwiſchenraum von fünfzig Fuß getrennt waren, aber es ſcheint, daß jener Edmond Dantes...“ „Edmond Dantes hieß der gefährliche Mann?“ „Ja, mein Herr. Alſo es ſchien, daß Edmond Dantes ſich Werkzeuge verſchafft oder ſelbſt verfertigt hatte, denn man fand einen unterirdiſchen Gang, durch welchen die beiden Gefangenen zu⸗ ſammengekommen waren.“ „Dieſer Gang war ohne Zweifel in Beabſichtigung einer Flucht gemacht?“ „Ganz richtig; aber zum Unglück für die Verbündeten wurde der Abbé Faria vom Schlage getroffen und ſtarb.“ „Das mußte freilich den Fluchtverſuchen ein Ziel ſetzen.“ „Für den Todten, ja, aber nicht für den Lebenden; im Gegen⸗ theil ſah jener Dantes darin ein Mittel, ſeine Flucht zu beſchleunigen, er glaubte ohne Zweifel, die Gefangenen auf Schloß If würden auf einem gewöhnlichen Kirchhofe beerdigt; er trug den Verſtorbenen in ſeinen Kerker, nahm deſſen Platz in dem Sacke, in den man ihn eingenäht hatte, ein, und erwartete den Augenblick der Beerdigung.“ „Das war ein gewagtes Mittel, welches vielen Muth bewies,“ meinte der Engländer. „Ol dieſer Mann war, wie ich Ihnen ſchon ſagte, höchſt ge⸗ fährlich; zum Glück hat er ſelbſt die Regierung aller Befürchtungen ſeinetwegen überhoben.“ 1b „Wie ſo?“ „Wie, Sie begreifen nicht?“ „Nein.“ „Das Schloß If hat keinen Kirchhof, die Todten werden in einen Sack geſteckt und, mit einer ſechsunddreißigpfündigen Kugel an den Füßen, ganz einfach in das Meer geworfen.“ „Nun?“ ſagte der Engländer, als ſei er ſchwer von Begriffen. „Nun, auch ihm wurde eine ſechsunddreißigpfündige Kugel an die Füße gebunden und er in das Meer geworfen.“ „Wirklich!“ rief der Engländer. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Inſpector.„Nun können Sie ſich den Schrecken des Flüchtlings denken, als er ſich von dem Felſen hinabgeſchleudert fühlte. Ich hätte wohl das Geſicht ſehen mögen, das er machte.“ ſeine gemag in ei lache Ernſt Vurſ dieſe Dan zu w ruhig komn — — 319 „Das ſollte Ihnen ſchwer geworden ſein.“ „Schadet nichts,“ ſagte Herr von Boville, den die Ausſicht, ſeine zweimalhunderttauſend Franken zu retten, ſehr gute Laune gemacht hatte.„Schadet nichts! ich denke es mir;“ dabei brach er in ein lautes Gelächter aus. „Und ich auch,“ ſagte der Engländer und fing auch an zu lachen, aber wie die Engländer lachen, das heißt gezwungen. „Alſo,“ fuhr der Engländer, der zuerſt ſeinen gewöhnlichen Ernſt wieder gewann, fort,„alſo wurde der Flüchtling ertränkt?“ „In beſter Form.“ „So wurde alſo der Gouverneur des Schloſſes mit einem Wurſe von dem Verrückten und dem Gefährlichen befreit?“ „Richtig.“ „Aber es wurde doch gewiß irgend eine Verhandlung über dieſes Ereigniß aufgenommen?“ fragte der Engländer. „Ja, ein Todtenſchein. Sie begreifen, die Verwandten dieſes Dantes, wenn er welche hat, könnten Intereſſe daran haben, genau zu wiſſen, ob und wann er geſtorben iſt.“ „Nun, wenn ſie etwa von ihm erben, ſo können ſie jetzt ganz ruhig ſein. Denn er iſt doch gewiß todt?“ „O, mein Gott, ja, und den Schein darüber können ſie be— kommen, ſobald ſie wollen.“ „Kommen wir nun auf andere Sachen,“ ſagte der Engländer, „ laſſen Sie mich die Regiſter ſehen.“ „Es iſt wahr; dieſe Geſchichte hatte uns davon abgelenkt. Verzeihung!“ „Verzeihung? weshalb? wegen der Geſchichte? durchaus nicht, ſie hat mich intereſſirt.“ „Sie iſt auch intereſſant. Sie wollen alſo, mein Herr, Alles ſehen, was Bezug auf Ihren armen Abbé hat, der wirklich die Sanftmuth ſelbſt war?“ „Ja, das würde mir ſehr lieb ſein.“ „Kommen Sie mit in mein Kabinet, ich will es Ihnen zeigen.“ Und ſie gingen Beide in das Cabinet des Herrn von Boville. Hier war Alles in der vortrefflichſten Ordnung: jedes Regiſter hatte eine Nummer, jeder Aktenſtoß ſein Fach. Der Inſpector ließ den Engländer in ſeinen Lehnſtuhl ſetzen, legte das Regiſter und das 320 Aktenſtück, welches Schloß If betraf, auf den Tiſch vor ihm und ließ ihm volle Muße, beides zu durchblättern, indem er ſich an das Fenſter ſetzte und in einem Journale las. Der Engländer fand leicht das auf den Abbé bezügliche Akten⸗ ſtück, aber die Geſchichte, die der Herr von Boville ihm erzählt hatte, ſchien ihn lebhaft intereſſirt zu haben, denn, nachdem er die erſten Blätter durchgeleſen hatte, fuhr er fort, zu blättern, bis er an die Rubrik, die Edmond Dantes betraf, kam. Da fand er Alles am rechten Orte, Anklage, Verhör, Fürbitte Morrels, Anmerkung des Herrn von Villefort. Er nahm leiſe und vorſichtig die Anklage, ſteckte ſie in ſeine Taſche, las das Verhör, und ſah, daß der Name Noirtier nicht in demſelben vorkam, durchlief die Fürbitte vom 10. April 1815, in welcher Morrel, nach dem Rathe des Sub⸗ ſtituten, in der beſten Abſicht, weil Napoleon damals regierte, die Dienſte übertrieb, welche Dantes der kaiſerlichen Sache geleiſtet haben ſollte, Dienſte, welche das Zeugniß Villeforts beſtätigte. Nun ſah er klar in der ganzen Sache. Dieſe von Villefort zurückbehaltene Bittſchrift an Napoleon war unter der zweiten Reſtauration in den Händen des königlichen Prokurators eine fürchterliche Waffe gegen ihn. Er wunderte ſich alſo nicht im Geringſten, weiter in ſeinen Akten blätternd, folgende Bemerkung zu finden: (Wüthender Bongpartiſt, hat thätigen An⸗ theil an der Rückkehr von der Inſel Elba Edmond Dantes. genommen. 5 Muß ſehr verborgen und unter der ſtreng⸗ ſſten Obhut gehalten werden. Unter dieſer Bemerkung war von einer andern Hand geſchrieben: „Die betreffende Bemerkung geſehen, Nichts zu machen.“ Indem er die Handſchrift des geklammerten Satzes mit dem Zeugniſſe unter Morrel's Brief verglich, ſah er, daß beides von einer, folglich von Villeforts Hand war. Die dabei befindliche Bemerkung konnte nur durch irgend einen Inſpector, der ein flüchtiges Intereſſe an der Lage Dantes genommen hatte, beigefügt ſein, nachdem er ſich aus dem Mitgetheilten über⸗ zeugt hatte, daß es unmöglich ſei, dieſer Theilnahme Wirkſamkeit zu geben. Wie ſchon geſagt, hatte der Inſpector aus Zartgefühl, um den Dang die d aber tauſc habe klapy ſſt es ganz trag tiſch lang deſſe 321 3 Zögling des Abbé Faria in ſeiner Durchſicht der Akten und Regiſter nicht zu ſtören, ſich an das andere Ende des Zimmers geſetzt und ten las ein Journal. Er ſah alſo nicht, wie der Engländer die von rüſt Danglars in der Laube des Vaters Pamphile geſchriebene Anklage, d die das Poſtzeichen von Marſeille trug, zu ſich ſteckte. Hätte er es 8 6 aber auch geſehen, ſo würde er, ungeduldig, ſeine zweimalhundert⸗ tauſend Franken in Empfang zu nehmen, nichts dagegen eingewendet 6 haben, ſo geſetzwidrig es auch war. „Dank!“ ſagte der Engländer, mit Geräuſch das Regiſter zu⸗ klappend,„ich habe nun gefunden, was ich zu wiſſen wünſchte; jetzt iſt es meine Schuldigkeit, mein Verſprechen zu erfüllen: ſetzen Sie ganz einfach Ihre Forderung auf, erkennen Sie darunter, den Be⸗ trag empfangen zu haben, und ich zähle Ihnen die Summe auf.“ Und er räumte Herrn von Boville ſeinen Platz an dem Schreib⸗ tiſche ein, der ſich ohne Umſtände ſetzte und ſich beeilte, die ver⸗ langte Abtretung zu bewerkſtelligen. Der Engländer zählte unter⸗ ltene deeſſen die Banknoten auf den Tiſch. Der Graf von Monte⸗Chriſto. ——— XXX. Das Haus Rorrel. Wer einige Jahre vorher Marſeille verlaſſen hätte und, das Innere des Morrel'ſchen Hauſes näher kennend, jetzt dahin zurück⸗ gekehrt wäre, würde daſſelbe ſehr verändert gefunden haben. Statt jenes Anſehens von Leben, Glück und Wohlſtand, welches ein vom Geſchicke begünſtigtes Haus umgiebt, ſtatt der frohen Geſichter, die man hinter den Vorhängen am Fenſter ſah, ſtatt der geſchäftigen Commis, die mit ihrer Feder hinter dem Ohre in den Corridoren umherliefen, ſtatt des mit Ballen und Kiſten angefüllten Hofes, der von Geſchrei und Lachen der Markthelfer und Aufläder widerhallte, würde er gleich beim erſten Anblicke das Todte und Oede jener leeren Corridore, dieſes wüſten Hofes empfunden haben. Von zahl⸗ reichen Beamten, welche ſonſt die Geſchäftszimmer erfüllten, waren nur noch zwei übrig: der Eine war ein junger Mann von drei⸗ undzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, Namens Emanuel Raymond, der Herrn Morrels Tochter liebte, und ungeachtet aller Bemühungen ſeiner Eltern, ihn dieſem Geſchäfte zu entziehen, in dem Hauſe ge⸗ blieben war. Der Andere war ein alter Junggeſelle, ein wahrer Zahlenmenſch, einäugig wie Cocles, welchen Beinamen ihm auch die jungen Leute, die ſonſt dieſen ſummenden Bienenſtock bevölkerten, gegeben hatten, und der ſo vollſtändig ſeinen wahren Namen erſetzte, daß erzauf Letzteren kaum gehört haben würde, wenn man ihn da⸗ mit gerufen hätte. Cocles war im Dienſte des Herrn Morrel geblieben, und in der Lage dieſes braven Mannes war eine ſonderbare Veränderung eingetreten; er war zu gleicher Zeit zu dem Amte eines Caſſirers empor⸗ und zu dem eines Dieners herabgeſtiegen. Deſſen ungeachtet war und blieb er immer derſelbe Cocles, gut, geduldig, anhänglich, 323 aber unbeugſam im Punkte der Arithmetik, dem einzigen, in Betreff deſſen er der ganzen Welt, ſogar Herrn Morrel, die Stirn geboten hätte. Denn er erkannte keine Autorität an, als ſeine Tabelle des Pythagoras, die er an den Fingerſpitzen herzählen konnte, und ſich durch Nichts an derſelben irre machen ließ. Uebrigens war Cocles der Einzige, der bei der allgemeinen Troſtloſigkeit, die das Haus Morrel ergriffen hatte, ruhig blieb. Doch möge der Leſer nicht etwa glauben, daß dieſe Ruhe aus Gleich⸗ giltigkeit entſprang, ſie war im Gegentheil die Folge unerſchütter⸗ licher Ueberzeugung. Den Ratten gleich, die, wie man erzählt, ein Schiff, welches vom Geſchicke verdammt iſt, unterzugehen, nach und nach verlaſſen, ſo daß dieſe egoiſtiſchen Gäſte alle entfernt ſind, wenn es den Anker lichtet, ſo verſchwanden nach und nach alle jene Commis und Beamten aus den nun verödeten Räumen, in denen das Haus Morrel ihnen ſo lange Beſchäftigung und Gewinn geboten hatte; Comptoir und Magazine ſtanden leer. Cocles hatte ihre Plätze nach und nach leer werden ſehen, ohne ſich nur einmal die Frage vorzulegen, aus welchen Gründen es geſchah; bei Cocles lief, wie wir ſchon geſagt haben, Alles auf Zahlen hinaus, und da er in den zwanzig Jahren, ſeit er dem Hauſe Morrel diente, die Zah⸗ lungen immer mit einer ſolchen Pünktlichkeit und Sicherheit hatte erfolgen ſehen, ſo konnte er ſich das Außenbleiben derſelben eben ſo wenig als möglich denken, wie ein Müller, deſſen Mühle durch einen reichen Strom getrieben wird, zu befürchten hat, daß es ſeiner Mühle einſt an Waſſer fehlen werde. Der letzte Monatsabſchluß war mit ſtrengſter Pünktlichkeit vollzogen worden. Cocles hatte einen Rechnungsfehler von ſiebzig Centimen zum Nachtheil Herrn Morrels gefunden und dieſem denſelben Tag den daher rührenden Ueberſchuß von vierzehn Sous überbracht; Herr Morrel hatte ſie mit ſchwer⸗ müthigem Lächeln genommen, in ein faſt leeres Schubfach gethan und geſagt:„Gut, Cocles, Sie ſind die Perle der Caſſirer⸗ Und Cocles hatte ſich mit einer Zufriedenheit entfernt, als hätte er ſeinem Prinzipale Millionen gerettet, denn ein Lob von Herrn Morrel, dieſer Perle der'rechtſchaffenen Männer Marſeille's, ſchmeichelte Cocles mehr, als eine Gratification von fünfzig Thalern. Aber ſeit dieſem ſo ehren⸗ vollen letzten Monatsabſchluſſe hatte Herr Morrel ſchreckliche Stunden verlebt; um dieſen Monatsabſchluß machen zu können, hatte er, ſelbſt 21* 324 auf die Gefahr hin, daß die Kunde von ſeinem Mißgeſchicke ſich in ganz Marſeille verbreiten möge, alle ſeine Hilfsquellen erſchöpft. Er hatte ſogar eine Reiſe nach der Meſſe von Beaucaire gemacht, um einige Pretioſen ſeiner Frau und Tochter zu verkaufen, und mit Hilfe dieſer Aufopferungen war noch Alles ſehr ehrenvoll für das Haus Morrel abgegangen. Nun war aber auch die Kaſſe vollſtändig leer. Der Credit hatte ſich, erſchreckt durch das Gerücht des das Haus Morrel und Sohn bedrohenden Falles, egoiſtiſch, wie immer, zurückgezogen. Und um die beiden Zahlungstermine des Herrn von Boville inne zu halten, blieb Herrn Morrel wirklich keine andere Hoffnung, als die glückliche Rückkehr des„Pharaon“, deſſen Abfahrt ihm von einem Schiffe, welches mit demſelben zu gleicher Zeit die Anker gelichtet hatte, und ſchon längſt unverſehrt im Hafen von Marſeille vor Anker lag, gemeldet worden war. Vierzehn Tage waren ver⸗ ſtrichen, ſeit das, wie der„Pharaon“, von Calcutta kommende Schiff zurückgekehrt war,— vom„Pharaon“ keine Spur. So ſtanden die Sachen, als den Tag, nachdem er mit Herrn von Boville das erwähnte wichtige Geſchäft abgemacht hatte, der erſte Factor des Hauſes Thomſon und French in Rom, ſich bei Herrn Morrel melden ließ. Emanuel empfing ihn. Der junge Mann, den jedes neue Geſicht erſchreckte, weil er in jedem einen neuen Gläubiger ſah, der ſich nach der Lage der Dinge zu erkundigen kam, wollte ſeinem Principale dieſen quälenden Beſuch erſparen und erbat ſich die Aufträge des Fremden; dieſer aber erklärte, Herrn Emanuel Nichts zu ſagen zu haben, und nur Herrn Morrel ſelbſt ſprechen zu wollen. Emanuel rief Cocles und trug demſelben ſeufzend auf, den Fremden zu Herrn Morrel zu führen. Cocles ging voran, der Fremde folgte ihm; auf der Treppe kam ihnen ein ſchönes Mädchen von ſechszehn bis ſiebzehn Jahren entgegen, die den Fremden ängſtlich betrachtete. Cocles bemerkte dieſe Aeußerung von Beunruhigung nicht, die jedoch dem Fremden nicht entging. „Herr Morrel iſt doch in ſeinem Cabinette, Fräulein Julie?“ fragte der Caſſirer. „Ja; ich glaube es wenigſtens,“ ſagte das junge Mädchen 325 zögernd;„ſehen Sie erſt zu, Cocles, und wenn mein Vater zu Hauſe iſt, melden Sie den Herrn.“ iſr„Mich zu melden wäre unnöthig, mein Fräulein,“ antwortete 35 der Engländer,„Herr Morrel kennt meinen Namen nicht. Dieſer d brave Mann braucht nur zu ſagen, daß ich der erſte Factor der Aà Herren Thomſon und French in Rom bin, mit denen das Haus ige bnel Ihres Herrn Vaters in Verbindung ſteht.“ g. Das junge Mädchen ging erbleichend die Treppe hinunter, einne welche Cocles und der Fremde vollends hinaufſtiegen. Sie ging in als das Comptoir, wo Emanuel war, und Cocles öffnete mit einem von Schlüſſel, der den freien Zutritt, welchen er jederzeit bei dem Herrn nter hatte, bewies; eine Thüre bei dem Treppenabſatze des zweiten Stock⸗ ſiill werkes führte den Fremden in ein Vorzimmer, öffnete eine zweite er Chüro, hinter welcher er verſchwand und nachdem er den Abgeſandten dif des Hauſes Thomſon und French einen Augenblick allein gelaſſen hatte, wieder erſchien und denſelben zum Prinzipal führte. herrn Der Engländer trat ein, er fand Herrn Morrel bleich vor den erſſtfe drohenden Colonnen der Regiſter ſeiner Paſſiva an ſeinem Büreau ſerrn ſitzend. Als Herr Morrel den Fremden ſah, ſchloß er das Regiſter, ann, ſtand auf, bot dem Eintretenden einen Stuhl, und ſetzte ſich ſelbſt. euen Vierzehn Jahre hatten den würdigen Handelsherrn, der bei igen 1 dem Beginn dieſer Erzählung ſechsunddreißig Jahre alt, jetzt alſo und im fünfzigſten war, ſehr verändert. Sein Haar war ergraut, ſeine ertn ESdttinn in ſorgenvolle Falten gelegt; ſein ſonſt ſo feſter, freier Blick ſelbſt endlich, hatte etwas Zaghaftes, Unentſchloſſenes bekommen, und ſchien immer zu fürchten, entweder an einem Menſchen oder einem Ge⸗ dn danken haften zu müſſen. Der Engländer betrachtete ihn mit einer Inde Empfindung theilnehmender Neugierde. „Mein Herr,“ ſagte Morrel, deſſen Unbehagen dieſe ſtumme iig Beobachtung zu ſteigern ſchien,„Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht?“ „Ja, Herr Morrel. Sie wiſſen ohne Zweifel woher ich komme?“ 3„Von Seiten des Hauſes Thomſon und French, wie mein die Caſſirer mir wenigſtens ſagte.“ „So iſt's, mein Herr. Das Haus Thomſon und French hatte ie!“ im Laufe dieſes und des künftigen Monats 400,000 Franken in Frankreich zu zahlen und Ihre ſtrenge Pünktlichkeit kennend, hat chen es alle von Ihnen ausgeſtellte Wechſel an ſich gebracht, und mich 326 beauftragt, dieſelben, je nachdem ſie fällig wurden, von Ihnen ein⸗ zuziehen und Gebrauch davon zu machen.“ Morrel ſtieß einen tiefen Seufzer aus und trocknete den von ſeiner Stirn rinnenden Schweiß ab. „Alſo,“ ſagte Morrel,„haben Sie mir Wechſel, die ich aus⸗ geſtellt, zu präſentiren?“ „Ja, mein Herr, auf eine nicht unbeträchtliche Summe.“ „Wie hoch beläuft ſich dieſelbe?“ fragte Morrel mit einer Stimme, der er ſich umſonſt bemühte, Feſtigkeit zu geben.“ „Nun, hier zuvörderſt,“ ſagte der Engländer, eine Brieftaſche aus ſeiner Taſche ziehend,„eine Ceſſion an unſer Haus von zwei⸗ malhunderttauſend Franken von Herrn von Boville, dem Inſpector der Gefängniſſe. Erkennen Sie dieſe Forderung des Herrn von Boville an?“ „Ja, mein Herr, er hat dieſe Summe vor fünf Jahren zu 4 ½ Prozent bei mir belegt.“ „Und der Zahlungstermin iſt?“ „Für die Hälfte der fünfzehnte dieſes, für den Reſt der fünf⸗ zehnte künftigen Monats.“ „So? Dann ferner für 32,500 Franken von Ihnen ausgeſtellte und durch die dritte Hand an uns übergegangene Wechſel.“ „Ich erkenne ſie an,“ ſagte Morrel, dem die Röthe der Scham das Geſicht überzog, bei dem Gedanken, daß er jetzt zum erſten Mal in ſeinem Leben ſeine Unterſchrift nicht honoriren könne.„Iſt das Alles?“ „Nein, mein Herr, ich habe für Ende künftigen Monats noch dieſe Valuta von dem Hauſe Pascale und dem Hauſe Wild und Turner in Marſeille ungefähr 55,000 Franken, Alles in Allem alſo: 287,500 Franken.“ Was der unglückliche Morrel bei dieſer Aufzählung litt, iſt nicht zu beſchreiben. .287,500 Franken!“ wiederholte er mechaniſch. „Ja, Herr Morrel,“ antwortete der Engländer;„aber,“ fügte er nach kurzem Zögern hinzu,„ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß bei der allergrößten Anerkennung Ihrer bis jetzt fleckenloſen Red⸗ lichkeit, ſich das Gerücht in Marſeille verbreitet hat, daß Sie außer Stand ſeien, Ihren Geſchäften zu genügen.“ ——— 327 Bei dieſer faſt rohen Eröffnung erbleichte Morrel entſetzlich. „Mein Herr,“ ſagte er,„bis jetzt, und es ſind vierundzwanzig Jahre her, daß ich das Geſchäft aus den Händen meines Vaters empfing, der es ſünfunddreißig Jahre verwaltet hatte, iſt noch kein einziger mit„Morrel und Sohn“ unterzeichneter Wechſel an der Kaſſe präſentirt worden, ohne ſogleich honorirt zu werden.“ „Ja, ich weiß es,“ antwortete der Engländer,„aber, antworten Sie offen, als Ehrenmann, einem Ehrenmann, Herr Morrel, werden Sie dieſe mit gleicher Pünktlichkeit bezahlen?“ Morrel zitterte und ſah den an, der mit noch mehr Sicherheit als vorher, ſo zu ihm ſprach. „Fragen, die mit ſolcher Freimüthigkeit ausgeſprochen werden, muß man eben ſo freimüthig beantworten,“ ſagte er.„Ja, mein Herr, ich werde zahlen, wenn, wie ich hoffe, mein Schiff glücklich im Hafen einläuft, denn ſeine Ankunft wird mir den Credit zurück⸗ geben, deſſen auf einander folgende Unglücksfälle, deren Opfer ich war, mich beraubt haben; ſollte aber unglücklicherweiſe der„Pharaon“, dieſe meine letzte Hilfsquelle verſiegen...“ Thränen ſtiegen dem armen Morrel in die Augen. „Nun alſo!“ fragte der Engländer,„wenn dieſe letzte Hilfs⸗ quelle verſiegt?“... „Nun dann!“ ſagte Morrel,„dann, mein Herr, es iſt grauſam, es ausſprechen zu müſſen... aber, ſchon an das Unglück gewöhnt, werde ich mich auch noch an die Schande gewöhnen müſſen... nun dann, glaube ich, daß ich gezwungen ſein werde, meine Zahlungen einzuſtellen.“ „Haben Sie denn keine Freunde, auf die Sie in dieſer Lage rechnen könnten?“ fragte der Fremde. Morrel lächelte traurig.„In Geſchäften, das werden Sie wiſſen, mein Herr, giebt es keine Freunde, ſondern nur Correſpon⸗ denten.“ „Das iſt wahr,“ murmelte der Engländer.„Alſo haben Sie nur noch eine Hoffnung?“ „Eine einzige.“ „Die letzte?“ „Die letzte.“ „Wenn alſo dieſe Hoffnung fehlſchlägt“... 328 „Bin ich verloren, mein Herr, völlig verloren.“ „Als ich zu Ihnen kam, lief ein Schiff in den Hafen ein.“ „Ich weiß es, mein Herr; ein junger Mann, der meinem unglücklichen Hauſe treu geblieben iſt, bringt einen Theil ſeiner Zeit auf einem Belvedere auf dem höchſten Punkte meines Hauſes zu, in der Hoffnung, der Erſte zu ſein, der mir eine gute Nachricht bringen kann. Durch ihn habe ich die Ankunft dieſes Schiffes er⸗ fahren.“ „Und iſt es nicht das Ihrige?“ „Nein, es iſt ein Schiff aus Bordeaux: die„Gironde“; ſie kommt auch von Indien, aber nicht für mich.“ „Vielleicht bringt es Ihnen Kunde von dem„Pharaon“.“ „Muß ich es Ihnen erſt ſagen, mein Herre ich fürchte die Nachrichten von meinem Dreimaſter beinahe eben ſo ſehr, als die verlängerte Ungewißheit. Die Ungewißheit geſtattet noch zu hoffen.“ Dann fügte Herr Morrel mit dumpfer Stimme hinzu: „Dieſe Verzögerung iſt unnatürlich: der„Pharaon“ iſt am fünften Februar von Calcutta abgeſegelt, ſeit länger als einem Monate müßte er hier ſein.“ „Was iſt das,“ ſagte der Engländer aufhorchend,„und was bedeutet dieſer Lärm?“ „O mein Gott! mein Gott!“ rief Morrel erbleichend,„was giebt es denn nun noch?“ Wirklich nahm der Lärm immer zu und kam die Treppe herauf: man hörte gehen und kommen, ja ſogar ein Aufſchrei des Schmerzes wurde hörbar. Morrel ſtand auf, um zur Thüre zu gehen, aber ſeine Kräfte verließen ihn und er ſank in ſeinen Lehnſtuhl zurück. Die beiden Männer blieben einander gegenüber ſitzen, Morrel an allen Gliedern zitternd, der Fremde ihn mit dem Ausdrucke tiefen Mitleids betrachtend. Der Lärm hatte aufgehört, doch hätte man ſagen mögen, daß Morrel etwas erwartete; dieſer Lärm mußte eine Urſache, mithin auch eine Folge haben. Es war dem Fremden, als hörte er Jemand leiſe die Treppe heraufkommen und als blieben mehrere Perſonen auf dem Abſatze der Treppe ſtehen. In die Thüre des Vorzimmers wurde der Schlüſſel geſteckt, die Thüre knarrte in ihren Angeln. ſie 329 „Es ſind nur zwei Perſonen, die den Schlüſſel zu dieſer Thüre haben,“ murmelte Herr Morrel,„Cocles und Julie.“ In demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre und ein bleiches, junges Mädchen mit von Thränen naſſen Wangen trat ein. Morrel ſtand zitternd auf und ſtützte ſich auf die Lehne ſeines Stuhles, denn er konnte ſich nicht aufrecht halten. Er wollte fragen, aber die Stimme verſagte ihm. „O! Vater,“ ſagte das junge Mädchen, die Hände faltend, „verzeihe Deinem Kinde, daß es die Ueberbringerin einer böſen Nachricht iſt.“ Morrel erbleichte tödtlich; Julie warf ſich in ſeine Arme. „Ol mein Vater, mein Vater,“ ſagte ſie,„Muth!“ Alſo iſt der„Pharaon“ untergegangen?“ fragte Morrel mit erſtickter Stimme. Das junge Mädchen antwortete nicht, machte aber, ſich an des Vaters Bruſt ſchmiegend, ein beſtätigendes Zeichen mit dem Kopfe. „Und die Mannſchaft?“ fragte Morrel. „Gerettet,“ ſagte das junge Mädchen,„gerettet durch das Schiff, welches ſoeben in den Hafen eingelaufen iſt.“ Morrel erhob mit dem Ausdrucke erhabener Ergebung und Dankbarkeit beide Hände gen Himmel. „Dank, o Gott! Dank,“ rief er,„Du triffſt nur mich allein.“ So phlegmatiſch der Engländer auch war, netzte doch jetzt eine Thräne ſeine Wimpern. „Kommt herein,“ ſagte Morrel,„kommt herein, denn ich ſetze voraus, daß Ihr alle an der Thüre ſeid.“ Wirklich hatte er auch kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als Madame Morrel, von Emanuel gefolgt, ſchluchzend eintrat; im Hintergrunde des Vorzimmers ſah man die rohen, aber treuherzigen Geſichter von ſieben oder acht halbnackten Matroſen. Bei dem Anblicke dieſer Männer zitterte der Engländer; er that einen Schritt ihnen entgegen, beherrſchte ſich aber und drückte ſich in die dunkelſte und entfernteſte Ecke des Cabinets. Madame Morrel ſetzte ſich in den Lehnſtuhl und nahm eine Hand ihres Mannes in die ihrigen, während Julie an die Bruſt ihres Vaters gelehnt, daneben ſtehen blieb. Emanuel war mitten in der Stube ſtehen geblieben und ſchien den Mittelpunkt 330 zwiſchen der Gruppe der Familie Morrel und den an der Thüre ſtehenden Matroſen zu bilden. „Wie iſt das zugegangen?“ fragte Morrel. „Kommt näher, Penelon,“ ſagte Emanuel,„und erzählt die Begebenheit.“ Ein alter, von der Sonne des Aequators gebräunter Matroſe trat vor, die Fragmente eines Hutes zwiſchen ſeinen Händen drehend. „Guten Tag, Herr Morrel,“ ſagte er, als habe er am Abend vorher Marſeille verlaſſen und komme etwa von Aix oder Toulon. „Guten Tag, mein Freund,“ ſagte der Rheder, und konnte ſich nicht enthalten, unter Thränen zu lächeln;„aber wo iſt der Capitain?“ „Den Capitain, Herr Morrel, haben wir krank in Palma zurücklaſſen müſſen, aber ſo Gott will, wird es nichts zu bedeuten haben, und Sie werden ihn in einigen Tagen ankommen ſehen, ſo geſund wie ich.“ „Das iſt gut.. jetzt berichtet, Penelon,“ ſagte Herr Morrel. Penelon nahm ſeinen Tabak aus der rechten Backe in die linke, hielt die Hand vor den Mund, drehte ſich um, entledigte ſich aus⸗ ſpeiend einer Menge ſchwarzen Speichels, trat dann mit einem Fuße vor, und ſprach, ſich auf den Hüften wiegend: „Herr Morrel, wir waren ungefähr zwiſchen dem Cap Blanc und dem Cap Boyador und ſegelten mit einem allerliebſten Süd⸗ Südweſt, nachdem wir beinahe acht Tage Windſtille gehabt hatten, als der Capitain Gaumard zu mir kam, ich muß Ihnen nämlich ſagen, daß ich am Steuerruder war, und zu mir ſagte:„Vater Penelon, was denkt Ihr von dieſen Wolken, die ſich da unten am Horizonte erheben?“ Ich hatte ſie eben in dem Augenblicke auch betrachtet. Was ich davon denke, Capitain? ich denke, daß ſie etwas ſchneller heraufkommen, als ſie ſollten, und daß ſie ſchwärzer ſind, als es Wolken zukommt, die keine böſe Abſicht haben.„Das iſt meine Meinung auch,“ meinte der Capitain,„und ich will auf alle Fälle meine Maßregeln treffen. Wir haben zu viel Segel für den Wind, der ſich bald aufmachen wird... Holla, hel den Fockmaſt gekappt!“ Es war die höchſte Zeit, denn der Befehl war kaum gegeben und ausgeführt, als der Wind uns faßte und das Schiff auf die Seite legte. „Gut,“ ſagte der Capitain,„wir haben noch zu viel Segel; 4 331 das große Segel eingezogen!“ Fünf Minuten darauf war das große Segel eingezogen, und wir gingen mit dem Fockſegel, den Mars⸗ t di und Bramſegeln.„Nun! Vater Penelon,“ ſagte der Capitain zu mir,„was habt Ihr den Kopf zu ſchütteln?“ Ich meine, daß ich an Eurer Stelle nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben würde.„Ich dnf glaube, Du haſt Recht, Alter,“ ſagte er,„wir werden einen Wind⸗ ldend ſtoß bekommen... *„Ach! zum Beiſpiel Capitain,“ ſagte ich,„wer uns das, was 3 ſi ſich da unten aufthürmt, für einen Windſtoß abkaufte, würde noch ine⸗ etwas in den Kauf bekommen; es wird ein tüchtiger, gehöriger Un Sturm, wenn mich nicht Alles trügt. Nämlich, man ſah den Wind ahma kommen, wie man in Montrodon den Staub kommen ſieht; glück⸗ huten licherweiſe hatte er's mit einem Manne zu thun, der ihn kannte. n, ſo„Die Marsſegel gerefft!“ rief der Capitain,„die Boleine angezogen, gegen den Wind gebraßt, das Hißtau über die Segelſtange gezogen!“ orräl.„Das war in jenem Seeſtriche nicht hinreichend,“ ſagte der li Engländer,„ich hätte vier Mal gerefft und den Fockmaſt gekappt.“ Dieſe feſte, ſonore, ſo plötzlich und unerwartet erklingende Fuße Stimme machte Alle zittern. Penelon legte die Hand über die Augen und ſtaunten den an, der mit ſolcher Sicherheit das Manöver Blänc ſeines Capitains beurtheilte. Süd⸗„Wir thaten noch mehr als das, Herr,“ ſagte der alte See⸗ tten, mann mit einer gewiſſen Ehrfurcht,„denn wir zogen die Geitaue mlich auf, und richteten den Maſt nach dem Winde, um vor dem Sturme Vater zu ſegeln. Zehn Minuten darauf zogen wir die Marsſegel ein, nan und trieben vor Tob und Takel.“ auch Der Engländer ſchüttelte den Kopf.„Das war viel gewagt, twas bei einem ſo alten Fahrzeuge,“ ſagte er. innd,„Ganz richtig! das war es eben, was unſern Untergang her⸗ 3 ſſt beiführte. Nach zwölf Stunden, in denen wir umhergeſchleudert all waren, als hätte der Teufel Ball mit uns geſpielt, erkannten wir, den daß das Schiff leck war.„Penelon,“ ſagte der Capitain,„ich maſt glaube wir ſinken, mein Alter; gieb mir alſo das Steuerruder und aum gehe in den Krahn hinunter.“ shif„Ich gebe ihm das Ruder, und gehe hinunter... Ich fand ſchon drei Fuß hoch Waſſer. Ich ſtieg hinauf und ſchrie: An die Pumpen! an die Pumpen! Ach jal! es war ſchon zu ſpät. Es 332 wurde tüchtig gearbeitet, aber ich glaube, je mehr wir zogen, je mehr kam. Ach! meiner Treu, nach vier Stunden unausgeſetzter Arbeit ſagte ich: wenn wir ſinken, ſo ſinken wir; man ſtirbt nur ein Mal.“ „Ein ſolches Beiſpiel wollteſt Du geben, Vater Penelon?“ ſagte der Capitain;„nun gut! warte, warte!“ Er ging in ſeine Cabine und holte ein Paar Piſtolen.“ „Dem erſten, der die Pumpen verläßt,“ ſagte er,„ſchieße ich eine Kugel durch den Kopf!“ „Recht!“ ſagte der Engländer. „Solche Mittel geben Muth,“ fuhr der Matroſe fort,„dazu kam noch, daß der Himmel ſich aufgehellt und der Wind nachgelaſſen hatte; aber das Waſſer ſtieg nichts deſto weniger, nicht viel über zwei Zoll in jeder Stunde zwar, aber es ſtieg doch. Zwei Fuß zu den dreien, die wir ſchon hatten, das machte fünf. Und wenn ein Schiff fünf Fuß Waſſer im Bauche hat, kann es ſchon für waſſer⸗ ſüchtig gelten.“ „Nun iſt es genug,“ ſagte der Capitain,„wir haben das Unſerige gethan, und Herr Morrel kann nicht mehr verlangen: wir haben die Möglichkeit gethan, um das Schiff zu retten. Die Schaluppe, Kinder! und ſchnell!“... „Hören Sie, Herr Morrel,“ fuhr Penelon fort,„wir liebten den„Pharaon“ ſehr, aber wie ſehr auch der Seemann ſein Schiff liebt, ſo liebt er doch ſeine Haut noch mehr. Alſo ließen wir uns dies nicht zwei Mal ſagen; überdem ſchien das Schiff klagend und ächzend zu uns zu ſagen: Geht doch! aber ſo geht doch! und er log nicht, der arme„Pharaon“, wir fühlten ihn buchſtäblich unter unſern Füßen ſinken. Ehe man eine Hand umwenden konnte, war die Schaluppe auf dem Meere und wir ſprangen alle Acht hinein. Der Capitain kam zuletzt, oder vielmehr, er kam nicht, denn er wollte das Schiff nicht verlaſſen, aber ich faßte ihn um den Leib und warf ihn zu den Kameraden, worauf auch ich hinunter ſprang; und es war Zeit geweſen, denn kaum war ich geſprungen, als das Verdeck krachte, mit einem Knalle wie eine Kanonenſalve eines Kriegs⸗ ſchiffes. Zehn Minuten darauf neigte ſich das Schiff nach vorn, dann nach hinten, dann fing es an, ſich um ſich ſelbſt zu drehen, wie? Brrr oder wer „Gi auf es; und zähl ung Jun der die wie ein Hund, der ſich in den Schwanz beißt; und dann gute Nacht! Brrrrrou!..... Alles warworbei; kein„Pharaon“ mehr!“ 333 „Was nun uns anbetraf, wir blieben drei Tage ohne zu eſſen oder zu trinken und ſprachen ſchon davon, daß wir looſen müßten, wer von uns den Andern das Leben friſten ſollte, als wir die „Gironde“ gewahr wurden. Wir gaben Signale, ſie ſah uns, ſegelte auf uns zu, ſetzte die Schaluppe aus und nahm uns auf. So iſt es zugegangen, Herr Morrel, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin! und auf Seemannswort! Nicht wahr, Ihr Andern?“ Ein allgemeines Murmeln des Beifalls bewies, daß der Er⸗ zähler die Wahrheit der Begebenheit mit der maleriſchen Darſtell⸗ ung der einzelnen Umſtände zu vereinigen gewußt hatte. „Gut, meine Freunde,“ ſagte Herr Morrel,„Ihr ſeid brave Jungen, und ich wußte vorher, daß nur mein ungünſtiges Geſchick an dieſem neuen Schlage, der mich getroffen, Schuld war. Es iſt der Wille Gottes, und nicht die Schuld der Menſchen. Preiſen wir die Fügungen des Herrn! Und jetzt, wie viel habt Ihr an Sold zu fordern?“ „Ach was! reden wir nicht davon, Herr Morrel.“ „Doch, reden wir davon,“ ſagte der Rheder mit trübem Lächeln. „Nun denn, wir haben für drei Monate zu fordern?“ antwortete Penelon. „Cocles, zahlen Sie jedem dieſer braven Männer zweihundert Franken.“ „Unter andern Umſtänden, meine Freunde,“ fuhr Morrel fort, „hätte ich hinzugefügt:„geben Sie Jedem von ihnen noch hundert Franken Gratification,“ aber die Zeiten ſind ſchlimm, meine Freunde, und das wenige Geld, was ich nur noch habe, gehört nicht mehr mir; entſchuldigt mich alſo, und ſeid mir darum nicht böſe.“ Penelon zog ein Geſicht, dem man die Rührung anſah, drehte ſich zu ſeinen Gefährten, wechſelte einige Worte mit ihnen, und kam zurück.„Was das Geld anbetrifft, Herr Morrel,“ ſagte er, indem er ſeinen Tabak aus einer Backe in die andere warf und ein zweites Mal tüchtig ausſpie,„was das Geld anbetrifft...“ „Was? Das Geld.“ „Nun wohl! Nun wohl! Herr Morrel, meine Kameraden ſagen —— ÿ—. 334 daß ſie für den Augenblick nur fünfzig Franken Jeder gebrauchen, und mit dem übrigen warten wollen.“ „Dank! meine Freunde, Dank Euch!“ rief Herr Morrel tief gerührt;„Ihr ſeid wackere Herzen; aber nehmt, nehmt! und wenn Ihr einen guten Dienſt findet, nehmt ihn an. Ihr ſeid frei.“ Dieſe letzten Worte brachten einen wunderbaren Eindruck auf die trefflichen Seeleute hervor; ſie ſahen einander mit verſtörten Blicken an. Penelon, dem der Athem fehlte, hätte beinahe ſeinen Kautabak verſchluckt, glücklicherweiſe hatte er die Hand an der Kehle, und rettete ſich dadurch vor dem Erſticken. „Wie! Herr Morrel?“ rief er mit verſagender Stimme,„wie! Sie ſchicken uns fort? Sie ſind alſo unzufrieden mit uns?“ „Nein, meine Kinder,“ ſagte der Rheder;„nein, ich bin nicht unzufrieden mit Euch, im Gegentheil! ich ſchicke Euch nicht fort. Aber was wollt Ihr? Ich habe keine Schiffe mehr, alſo brauche ich auch keine Matroſen mehr.“ „Wie! Sie haben keine Schiffe mehr?“ ſagte Penelon.„Nun denn! Sie werden andere bauen laſſen; wir warten. Gott ſei Dank! Windſtille und Laviren iſt uns nichts Neues.“ „Ich habe kein Geld mehr, Penelon, um Schiffe bauen zu laſſen,“ ſprach der Rheder mit traurigem Lächeln.„Ich kann alſo Euer Anerbieten, ſo freundlich es iſt, nicht annehmen.“ „Nun wohl! wenn Sie kein Geld haben, ſo brauchen Sie uns auch nicht zu bezahlen; wir werden es machen wie unſer armer „Pharaon“, wir werden vor Top und Takel treiben.“ „Genug, genug, meine Jungen,“ ſagte Morrel, vor Rührung beinahe erſtickend;„genug, ich bitte Euch. Wir werden uns in beſſern Zeiten wieder zuſammenfinden. Begleiten Sie die braven Männer, Emanuel und ſorgen Sie, daß meine Anordnung aus⸗ geführt werde.“ „Alſo doch auf Wiederſehen, Herr Morrel? Ja?“ ſagte Penelon. „Ja, meine Freunde, ich hoffe es wenigſtens. Lebt wohl!“ Er gab Cocles ein Zeichen, welcher ging, die Seeleute folgten ihm, und Emanuel ſchloß ſich ihnen an. „Jetzt,“ ſagte der Rheder zu ſeiner Frau und Tochter,„laßt mich einen Augenblick allein, ich habe mit dem Herrn zu reden.“ Hierbei deutete er auf den Bevollmächtigten des Hauſes Thomſon — und French, der unbeweglich während dieſer ganzen Scene in ſeiner Ecke geſtanden und an derſelben weiter keinen bemerkbaren Antheil genommen hatte, als durch die wenigen Worte, die wir angeführt haben. Die beiden Frauen ſahen den Fremden an, den ſie ganz vergeſſen hatten, und entfernten ſich; im Abgehen aber warf das junge Mädchen dem Manne einen engelhaft flehenden Blick zu, den derſelbe mit einem Lächeln beantwortete, welches auf dieſem er⸗ ſtarrten Geſichte erblühen zu ſehen, der kalte Beobachter ſich ge⸗ wundert haben würde. Die beiden Männer blieben allein. „Nun, mein Herr,“ ſagte Morrel, in ſeinen Lehnſtuhl ſinkend, „Sie haben Alles geſehen, Alles gehört, ich habe Ihnen nichts mehr zu offenbaren.“ „Ich habe geſehen,“ ſagte der Engländer,„daß ein neues, und wie die früheren, unverdientes Unglück Sie betroffen hat, und mein Wunſch, Ihnen nützlich zu ſein, iſt dadurch geſteigert worden.“ „O! mein Herr,“ antwortete Morrel. „Laſſen Sie uns überlegen,“ fuhr der Fremde fort;„ich bin einer Ihrer Hauptgläubiger, nicht wahr?“ „Sie ſind wenigſtens der, deſſen Wechſel am nächſten zahlbar ſind.“ „Wünſchen Sie einen Aufſchub dieſer Zahlungen?“ „Ein Aufſchub könnte meine Ehre und folglich mein Leben retten.“ „Wie lange Aufſchub verlangen Sie?“ Morrel zögerte.„Zwei Monate,“ ſagte er dann. „Gut,“ ſprach der Fremde,„ich gebe Ihnen drei.“ „Aber,“ wandte Morrel ein,„glauben Sie, daß das Haus Thomſon und French...“ „Seien Sie ruhig, Herr Morrel, ich nehme Alles auf mich... Wir haben heute den fünften Juni?“ „Ja.“ „Nun wohl! prolongiren Sie dieſe Wechſel bis zum fünften Sep⸗ tember, und den fünften September, eilf Uhr Morgens,(der Zeiger der Uhr auf Morrels Bureau ſtand gerade auf eilf) werde ich bei Ihnen ſein.“ „Ich werde Sie erwarten und Sie entweder bezahlen, oder todt ſein.“ 336 Die letzten Worte wurden ſo leiſe ausgeſprochen, daß der Fremde ſie nicht hören konnte. Die Wechſel wurden erneuert, die alten zerriſſen und der arme Morrel hatte nun wenigſtens eine Friſt von drei Monaten, um ſeine letzten Mittel zu vereinigen. Der Eng⸗ länder empfing ſeine Dankſagungen mit dem, ſeiner Nation eigen⸗ thümlichen Phlegma, und verabſchiedete ſich von Morrel, der ihn mit Segenswünſchen bis an die Thüre begleitete. Auf der Treppe begegnete er Julie; das junge Mädchen that, als käme ſie von oben, eigentlich aber erwartete ſie ihn. „O! mein Herr,“ ſagte ſie, die Hände faltend. „Mein Fräulein,“ ſagte der Fremde,„Sie werden eines Tages einen Brief mit der Unterſchrift... Sindbad der Seefahrer... erhalten. Befolgen Sie Wort für Wort, was derſelbe Ihnen vor⸗ ſchreibt, ſo ſonderbar es Ihnen auch vorkommen mag.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Julie. „Verſprechen Sie es mir zu thun? „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Gut! leben Sie wohl, Fräulein; bleiben Sie immer die gute, fromme Tochter, die Sie jetzt ſind, und ich hoffe, daß Gott Sie durch Herrn Emanuels Hand belohnen wird.“ Julie ſtieß einen kleinen Schrei aus, wurde roth wie eine Kirſche und hielt ſich an dem Geländer, um nicht zu fallen. Der Fremde winkte ihr noch ein Lebewohl zu und entfernte ſich. In dem Hofe begegnete er Penelon, der in jeder Hand eine Rolle mit hundert Franken hielt, die er fortzutragen ſich nicht entſchließen zu können ſchien. „Kommt, mein Freund,“ ſagte er zu demſelben,„ich habe mit Euch zu reden.“ 8 von d botene und Er e zwiſe Hoffn Aber nicht richti Je r gezeic und Mein drei zu b verli die gan geſte der gewo alſo Entſ Hau Pute, Sie eine Der In mit i zu mit XXXI. Der fünfte September. Dieſer, in dem Augenblicke, wo er ihn am wenigſten erwartete, von dem Bevollmächtigten des Hauſes Thomſon und French ge⸗ botene Aufſchub, ſchien dem armen Rheder eine Rückkehr des Glückes und ein Wink, daß das Unglück ſich endlich von ihm abwendte. Er erzählte gleich ſeiner Frau und Tochter und Emanuel, was zwiſchen ihm und dem Engländer verabredet war, und ein wenig Hoffnung, wenn auch noch nicht Ruhe, ſenkte ſich auf die Familie. Aber unglücklicherweiſe waren die Herren Thomſon und French nicht Morrels einzige Gläubiger. Im Handel giebt es, wie er ganz richtig geſagt hatte, keine Freunde, ſondern nur Correſpondenten. Je mehr er darüber nachdachte, je weniger begriff er die aus⸗ gezeichnete Großmuth des Hauſes Thomſon und French gegen ihn, und konnte ſich dieſelbe nur ſo erklären, daß ſie wahrſcheinlich der Meinung ſein würden, es ſei beſſer einen Mann, der ihnen beinahe drei Mal hunderttauſend Franken ſchulde, zu halten, als ſeinen Fall zu beſchleunigen und das Ganze bis auf ſechs oder acht Prozent zu verlieren. Unglücklicherweiſe dachten, aus Haß, oder aus Verblendung, die andern Correſpondenten Morrels nicht eben ſo, ſondern ſtellten ganz entgegengeſetzte Betrachtungen an. Die von Morrel aus⸗ geſtellten Wechſel wurden alſo mit allerſtrengſter Pünktlichkeit an der Kaſſe präſentirt, und Dank ſei es dem, von dem Engländer gewährten Aufſchub, durch Cocles nach Sicht bezahlt. Cocles blieb alſo in ſeiner thörichten Sicherheit. Herr Morrel allein ſah mit Entſetzen, daß er ungeachtet des großmüthigen Aufſchubes ſeiner Hauptgläubiger, ein verlorener Mann war und blieb. Die Anſicht des ganzen Handelsſtandes von Marſeille war, Der Graf von Monte⸗Chriſto. 22 —y—õ— 338 daß unter den auf einander folgenden Schlägen, die ihn trafen, Morrel ſich unmöglich halten könne. Wie groß war alſo das all⸗ gemeine Erſtaunen, als er am Ende des Monats ſeinen Verpflicht⸗ ungen mit gewohnter Pünktlichkeit genügte. Dennoch kehrte das Vertrauen zu ihm nicht in die Gemüther zurück, und man prophe⸗ zeite einſtimmig die Cataſtrophe für den nächſten Monatsabſchluß. Der ganze Monat verging dem armen Morrel in unerhörten Anſtrengungen, alle ſeine Hilfsquellen zu vereinigen. Sonſt wurden ſeine Wechſel zu jeder Zeit mit Vertrauen angenommen, ja ſogar geſucht. Morrel machte allerhand Verſuche, Papier umzuſetzen, und fand alle Banken verſchloſſen. Glücklicherweiſe hatte Morrel ſelbſt einige Poſten einzukaſſiren, ſie gingen ein und er ſah ſich auch am Ende des Juli im Stande, ſeine Zahlungen zu leiſten. Uebrigens hatte man den Bevollmächtigten des Hauſes Thomſon und French in Marſeille nicht weiter geſehen. Zwei Tage nach ſeinem Beſuche bei Morrel war er verſchwunden, und da er in Marſeille nur mit dem Maire, dem Herrn von Boville und Morrel zu thun gehabt hatte, dachte Niemand mehr an ihn als die ge⸗ nannten drei Perſonen. Was die Matroſen des„Pharaon“ anbe⸗ traf, ſo mußten dieſelben wohl irgend ein Unterkommen gefunden haben, denn ſie waren auch verſchwunden. Der Capitain Gaumard kam, von ſeinem Uebelbefinden her⸗ geſtellt, aus Palma zurück. Er zögerte, zu Herrn Morrel zu gehen; aber dieſer ſuchte, als er ſeine Ankunft erfuhr, ihn ſelbſt auf. Der würdige Rheder kannte, ſchon durch Penelons Erzählung das muthige Betragen des Capitains in dem Mißgeſchick, welches ſie Beide be⸗ troffen hatte, und ſuchte, ſtatt ihm Vorwürfe zu machen, ihn zu tröſten. Er brachte ihm den Betrag ſeiner rückſtändigen Gage, welche der Capitain nicht zu fordern gewagt hatte. Als Herr Morrel die Treppe hinabſtieg, begegnete er Penelon Dieſer hatte, wie es ſchien, ſein Geld gut angewendet, denn er wa ganz neu gekleidet. Indem er ſeinen Rheder erblickte, ſchien der wackere Bootsmann ſehr verlegen zu werden; er drückte ſich in die fernſte Ecke des Treppenabſatzes, warf ſeinen Tabak abwechſelnd aus einer Backe in die andere, rollte ſeine Augen ängſtlich hin und her und beantwortete den herzlichen Händedruck Morrels nur mit einem furchtſamen Drucke. Herr Morrel ſchob die Verlegenheit penelon daß der gewende inent O ſo ausdr hatte. Glück zu Herrn 1 „B ſeinen a wanzig Poſt ge dieſes? gehen bevollm Kaſſe ſi ſchien b mit ge wurden, Pünktli voraus den No klug d Fall de A der wi zurück gang al amten welcher Grund ſite vo Danglo er brau 339 Penelons auf die Eleganz ſeines Anzuges: es war nicht zu erwarten, daß der gute Mann ohne weitere Ausſichten ſo viel an denſelben gewendet haben werde, er war alſo ohne Zweifel ſchon wieder auf einem Schiffe engagirt, und ſchämte ſich, daß er, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, nicht lange genug um den„Pharaon“ getrauert hatte. Vielleicht kam er ſogar, um dem Capitain Gaumard ſein Glück zu melden, und demſelben Anerbietungen von ſeinem neuen Herrn zu machen. „Brave Leute!“ ſagte Morrel fortgehend,„möge Euer neuer Herr Euch lieben, wie ich Euch liebte, und glücklicher ſein, als ich es bin!... Der Auguſt verging in unaufhörlichen Verſuchen Morrels, ſeinen alten Credit wieder herzuſtellen, oder neuen zu eröffnen. Den zwanzigſten Auguſt erfuhr man, daß er einen Platz auf der Malle⸗ Poſt genommen habe, und nun glaubte man, daß er dem am Ende dieſes Monats unvermeidlichen Bruche ſeines Hauſes aus dem Wege gehen wolle, den zu erklären, Cocles und Emanuel ohne Zweifel bevollmächtigt waren. Aber gegen alle Vermuthungen öffnete die Kaſſe ſich am einunddreißigſten Auguſt wie gewöhnlich. Cocles er⸗ ſchien hinter dem Gitter, ruhig, wie der Gerechte des Horaz, prüfte mit gewohnter Aufmerkſamkeit die Papiere, die ihm vorgelegt wurden, und bezahlte ſie vom erſten bis zum letzten mit gewohnter Pünktlichkeit. Selbſt zwei Kündigungen fanden ſtatt, die Herr Morrel vorausgeſehen hatte, und wurden durch Cocles erledigt, wie die auf den Namen ſeines Prinzipals lautenden Wechſel. Man konnte nicht klug daraus werden, verlegte aber, nach Art der Propheten, den Fall des Hauſes Morrel auf den letzten September. Am erſten kam Herr Morrel, von ſeiner ganzen Familie, zu der wir immer Emanuel mitrechnen, mit Seelenangſt erwartet, zurück. Von dieſer Reiſe nach Paris hing ja Rettung oder Unter⸗ gang ab. Morrel hatte nämlich an Danglars, ſeinen früheren Be⸗ amten gedacht, deſſen jetzige außerordentliche Lage er kannte und zu welcher doch eigentlich ſeine Empfehlung an das ſpaniſche Haus den Grund gelegt hatte. Jetzt behauptete man, ſei Danglars im Be⸗ ſitze von ſechs bis acht Millionen und habe unbegrenzten Credit; Danglars konnte, ohne in die Taſche zu greifen, Morrel retten: er brauchte nur für eine Anleihe ſich zu verbürgen und Morrel 22* 340 war gerettet. Schon lange hatte Morrel an Danglars gedacht, aber aus einem unwillkürlich abmahnenden Vorgefühle verſchob er es bis zu dem Augenblicke der höchſten Noth, zu dieſem letzten Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen. Und Morrel hatte Recht gehabt, denn zerknirrſcht durch eine demüthigende Abweiſung kehrte er zurück. Auch ſtieß er bei ſeiner Rückkehr keine Klage, ſprach keinen Vorwurf aus; er umarmte weinend ſeine Frau und Tochter; reichte Emanuel freundſchaftlich die Hand, ſchloß ſich in ſein Cabinet im zweiten Stockwerk ein und ließ Cocles zu ſich beſcheiden. „Jetzt,“ hatten Mutter und Tochter zu Emanuel geſagt,„iſt Alles verloren.“ Dann wurde in dem kleinen Concilium, welches die Drei zuſammen hielten, beſchloſſen, daß Julie an ihren Bruder, der zu Nimes in Garniſon ſtand, ſchreiben und ihn auffordern ſolle, ſogleich zu kommen. Die Armen fühlten, daß ſie aller ihrer Kräfte bedurften, um dem ſie bedrohenden Schlage zu begegnen. Auch hatte Maximilian Morrel, obgleich zweiundzwanzig Jahre alt, ſchon großen Einfluß auf ſeinen Vater. Er war ein gerader und feſter, junger Mann. Als es an der Zeit war, ſich für einen Beruf zu beſtimmen, hatte ſein Vater dieſes nicht thun wollen, ohne die Neigung Maximilians zu berückſichtigen. Dieſer hatte ſchon längſt gewünſcht, ſich dem Soldatenſtande zu widmen, und darauf bezügliche vortreffliche Kenntniſſe geſammelt. Er trat nun in die polytechniſche Schule ein und verließ dieſelbe mit den beſten Zeugniſſen als Unterlieutenant des 53ſten Linien⸗ Regiments. Dieſen Grad hatte er ſeit einem Jahre, nebſt dem Verſprechen, bei dem erſten Avancement zum Premierlieutenant ernannt zu werden. In dem Regimente galt Maximilian Morrel nicht allein für einen vorzüglichen, gewiſſenhaften Soldaten, ſondern auch für einen durch Herz und Geiſt gleich ausgezeichneten Menſchen von ſeltener Pflichttreue und Strenge gegen ſich ſelbſt, und wurde deshalb allgemein der Stoiker genannt. Der Leſer wird gern glauben, daß Viele, die ihm dieſe Benennung beilegten, von deren Bedeutung keine Ahnung hatten. Dieſen jungen Mann nun riefen Mutter und Schweſter für die traurigen Tage, denen ſie entgegenſehen zu müſſen glaubten, zu ihrem Troſte und des Vaters Stütze herbei. —— Sie das, wa nachdem zulie ih wieder fragen; Eile di emporge Unglüc Ein Regiſter kommen das Ge tauſend tauſend womit unterd mit de ſtrophe Die noch; hörten werden und r ed a 6 8 dob er letten dehabt, zurück keinen reichte fnet im „„iſt belches pruder, ſolle, an, um imilian Einfluß an der dieſes htigen. de zu mmelt. dieſelbe Linien⸗ ſt dem utenant Norrel ondern enſchen wurde d gern deren ter für aubten, 341 Sie hatten ſich über die Bedenklichkeit ihrer Lage und über das, was ihnen bevorſtand, nicht betrogen, denn einen Augenblick, nachdem Cocles in das Cabinet ihres Vaters eingetreten war, ſah Julie ihn bleich, zitternd, und mit höchſt beſtürztem Geſichte doſſelbe wieder verlaſſen. Sie wollte, als er an ihr vorübereilte, ihn be⸗ fragen; aber der wackere Mann fuhr fort, mit an ihm ungewohnter Eile die Treppe hinabzuſteigen, und rief nun mit zum Himmel emporgehobenen Armen:„O! Fräulein, Fräulein! welches ſchreckliche Unglück und wer hätte das jemals vorausgeſehen!“ Einen Augenblick ſpäter ſah Julie ihn wieder mit drei großen Regiſtern, einer Brieftaſche und einem Geldſacke die Treppe herauf kommen. Morrel ſah die Regiſter nach, öffnete die Brieftaſche, zählte das Geld. Alle ſeine Hilfsquellen beliefen ſich auf höchſtens acht⸗ tauſend Franken; ſeine Einkünfte bis zum fünften, auf höchſtens fünf⸗ tauſend; ſo betrugen alſo ſeine activa höchſtens 13,000 Franken, womit er einen Wechſel von 287,500 Franken einlöſen ſollte. Es fehlten ihm ſogar die Mittel, auf dieſe Summe eine Abſchlags⸗ zahlung anzubieten. Als Morrel indeſſen zum Mittagseſſen erſchien, war er ziem⸗ lich ruhig. Dieſe Ruhe erſchreckte die beiden Frauen mehr, als es die tiefſte Niedergeſchlagenheit gethan haben würde. Nach dem Eſſen pflegte Morrel in das Café des Phocéens zu gehen und dort den„Sémaphore“ zu leſen. Heute ging er nicht aus, ſondern in ſeine Stube hinauf. Cocles war völlig niedergeſchmettert. Einen Theil des Tages hatte er mit unbedecktem Kopfe bei einer Sonnenhitze von dreißig Grad auf einem Steine in einer Ecke des Hofes geſeſſen. Emanuel verſuchte, die Frauen zu tröſten, aber ſeine Betrübniß unterdrückte ſeine Beredtſamkeit. Der junge Mann war zu vertraut mit den Angelegenheiten des Hauſes, um nicht die bedeutende Cata⸗ ſtrophe, die über der Familie Morrel ſchwebte, voraus zu empfinden. Die Nacht kam, Mutter und Tochter waren hoffend, daß Morrel noch zu ihnen kommen würde, nicht ſchlafen gegangen; aber ſie hörten ihn, mit leiſen Schritten, ohne Zweifel, um nicht gerufen zu werden, vorbei gehen. Sie horchten, er ging in ſein Wohnzimmer und verſchloß die Thüre hinter ſich. Madame Morrel ſchickte ihre Tochter zu Bett; und eine halbe 342 Stunde darauf erhob ſie ſich, zog ihre Schuhe aus und ſchlich in⸗ den Corridor, um durch das Schlüſſelloch nach ihrem Manne zu ſehen. In dem Corridor ſah ſie einen Schatten, der ſich zurückzog. Es war Julie, die eben ſo unruhig, ihrer Mutter zuvorgekommen war. Das junge Mädchen nahte ſich der Mutter. „Er ſchreibt,“ ſagte ſie. Die beiden Frauen verſtanden einander ohne Worte. Madame Morrel bückte ſich zum Schlüſſelloch. Morrel ſchrieb wirklich; aber, was ihre Tochter nicht bemerkt hatte, wurde ſie gewahr; ihr Mann ſchrieb auf geſtempeltem Papier. Ihr kam der ſchreckliche Gedanke, daß ihr Mann oielleicht ſein Teſtament mache; ſie zitterte an allen Gliedern, hatte aber doch die Kraft zu ſchweigen. Den folgenden Tag ſchien Herr Morrel völlig ruhig zu ſein; er blieb in ſeinem Cabinet wie immer, kam zum Frühſtück, wie gewöhnlich; nur ließ er nach dem Mittagseſſen ſeine Tochter neben ſich ſitzen, umſchloß den Kopf des Kindes mit ſeinem Arme, und hielt ſie lange an ſeine Bruſt gedrückt. Julie ſagte Abends zu ihrer Mutter, daß demungeachtet der ſcheinbaren Ruhe ihres Vaters, deſſen Herz heftig geſchlagen habe. Die beiden folgenden Tage ver⸗ ſtrichen ungefähr ebenſo. Den 4. September Abends forderte Morrel von Julien den Schlüſſel zu ſeinem Cabinete zurück. Julie zitterte bei dieſem Verlangen, welches ihr Unglück weiſſagend ſchien. Warum forderte ihr Vater ihr dieſen Schlüſſel ab, den ſie immer gehabt hatte, und der ihr in ihrer Kindheit nur abgenommen wurde, um ſie zu ſtrafen. Sie ſah ihren Vater forſchend an. „Was habe ich denn verſehen, mein Vater,“ ſagte ſie,„daß Du mir dieſen Schlüſſel wegnehmen willſt?“ „Nichts, mein Kind,“ antwortete der unglückliche Mann, dem dieſe einfache Frage die Thränen in die Augen trieb;„Nichts, aber ich muß ihn gebrauchen.“ Julie that als ſuchte ſie denſelben. „Ich muß ihn in meiner Stube gelaſſen haben,“ ſagte ſie und ging hinaus, aber ſtatt in ihre Stube zu gehen, ſuchte ſie Emanuel auf. „Geben Sie ihrem Vater den Schlüſſel nicht,“ ſagte dieſer, „und verlaſſen Sie ihn, wenn es möglich iſt, morgen früh nicht.“ Sie verſuchte, mehr von Emanuel zu erforſchen, aber dieſer wußte nichts Anderes, oder wollte nichts verrathen. —y—— ſchrieb kde ſie m der ſnache; beigen. ſein; t, wie neben , und d zu Paters, ge ver⸗ Morrel zitterte Larum gehabt 2, um „„daß ;, dem aber ſe und el auf. dieſer, nicht.“ dieſer 343 Die ganze Nacht von dem 4. zum 5. September hindurch, hielt Madame Morrel ihr Ohr an das Getäfel der Wand von ihres Mannes Stube; bis drei Uhr Morgens hörte ſie denſelben heftig umhergehen; um drei Uhr erſt warf er ſich auf ſein Bett. Mutter und Tochter brachten die Nacht zuſammen zu. Seit dem vorigen Abende erwarteten ſie Maximilian. Um acht Uhr Morgens kam Herr Morrel zu ihnen; er war vollkommen ruhig, aber ſein bleiches, abgemagertes Geſicht trug die Spuren der unruhigen Nacht. Die Frauen wagten nicht, ihn zu fragen, wie er geſchlafen habe. Morrel war liebevoller gegen ſeine Frau und zärtlicher gegen Julie als er gewöhnlich zu ſein pflegte, er konnte nicht ſatt werden, das arme Kind zu betrachten und zu umarmen. Julie dachte an die Ermahnung Emanuels und wollte ihren Vater begleiten, als er hinausging; dieſer aber ſagte, ſie ſanft zurückweiſend: „Bleibe bei Deiner Mutter.“ Julie flehete, ihn begleiten zu dürfen, doch mit den ſtrengen Worten:„Ich befehle Dir zu bleiben,“ verließ er ſie. Es war das erſte Mal, daß Morrel zu ſeiner Tochter ſagte: ich befehle Dir; aber er ſagte es mit einem ſolchen Tone väterlicher Milde, daß Julie keinen Schritt weiter vor zu thun wagte. Sie blieb ſtumm und unbeweglich an demſelben Flecke ſtehen. Einen Augenblick darauf öffnete ſich die Thüre und ſie fühlte ſich von zwei Armen umſchlungen und zwei Lippen auf ihre Stirn. Sie ſah auf und ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Maximilian! mein Bruder!“ rief ſie. Auf dieſen Ruf eilte Madame Morrel herbei und ſank in die Arme ihres Sohnes. „Meine Mutter!“ ſagte der junge Mann, bald ſie, bald die Schweſter beunruhigt betrachtend;„was giebt es denn? was geht hier vor? Euer Brief hat mich erſchreckt, und ich bin, ſo ſchnell ich konnte, herbeigeeilt!“ „Julie,“ ſagte Madame Morrel, immer noch an der Bruſt ihres Sohnes,„ſage dem Vater, daß Maximilian gekommen iſt.“ Das junge Mädchen flog hinaus; aber auf der erſten Stufe der Treppe fand ſie einen Mann, der einen Brief in der Hand hielt. „Sind Sie Fräulein Julie Morrel?“ fragte der Mann mit entſchieden italieniſchem Accent. 344 „Ja, mein Herr,“ antwortete Julie ſtammelnd;„aber was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht.“ „Leſen Sie dieſen Brief,“ erwiderte der Bote und reichte ihr denſelben. Julie zögerte. „Er betrifft Ihren Vater,“ ſagte der Mann. Das junge Mädchen riß ihm das Blatt aus der Hand, öffnete es haſtig und las: „Gehen Sie augenblicklich nach der Allee von Meillan; treten Sie in das Haus Nr. 15; laſſen Sie ſich vom Hausmeiſter den Schlüſſel zu der Stube im fünften Stockwerke geben; gehen Sie in dieſe Stube, nehmen Sie von der Ecke des Kamin⸗ ſimſes eine Börſe von rothſeidenem Filet und bringen Sie dieſe Börſe Ihrem Vater. Es iſt nothwendig und ſehr wichtig, daß es vor eilf Uhr geſchieht. Sie haben mir blinden Gehorſam verſprochen; ich erinnere Sie an Ihr Verſprechen. Sindbad der Seefahrer.“ Das junge Mädchen ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſah ſich nach dem Boten um, ihn um das Weitere zu befragen; er war ver⸗ ſchwunden. Sie ſah jetzt das Billet nochmals an, um es zum zweiten Male zu leſen, und fand folgende Nachſchrift: „Es iſt ſehr wichtig, daß Sie dieſes Geſchäft ſelbſt und allein abmachen; wenn Sie Jemand bei ſich haben, oder Jemand Anderes ſchicken, würde der Hausmeiſter den Schlüſſel nicht geben.“ Dieſe Nachricht dämpfte die Freude des jungen Mädchens ſehr. Hatte ſie auch nichts zu fürchten? War es nicht eine Schlinge, die ihr gelegt war? Ihre Unſchuld ließ ſie die Gefahren, die ein junges Mädchen auf dieſem Wege bedrohen konnten, nicht ahnen. Aber man braucht die Gefahr nicht zu kennen, um ſie zu fürchten; ja man hat bemerkt, daß gerade die unbekannte Gefahr das meiſte Entſetzen einflößt. Julie ſchwankte; ſie beſchloß, ſich Raths zu er⸗ holen, aber ein fremdartiges Gefühl bewog ſie, ſich weder an ihre Mutter, noch an ihren Bruder, ſondern an Emanuel zu wenden. Sie ſuchte ihn auf, erzählte ihm die Unterredung mit dem Factor des Hauſes Thomſon und French, und was ihr ſoeben be⸗ gegnet war, und zeigte ihm den Brief. „Sie müſſen hingehen, Fräulein Julie.“ ——ꝛ ne—— „Hingehen?“ ſtammelte ſie. „Ja, aber ich werde Sie begleiten.“ „Aber, haben Sie nicht geleſen, daß ich allein kommen ſoll?“ „Sie ſollen auch allein kommen,“ ſagte Emanuel,„aber ich werde Sie bis an die Ecke der Straße du Muſée begleiten und dort erwarten, und ſollten Sie ſo lange ausbleiben, dann eile ich Ihnen nach, und, das ſchwöre ich Ihnen, verloren wären Diejenigen, über die Sie ſich etwa zu beklagen hätten.“ „Alſo Emanuel...“ ſtotterte das junge Mädchen,„meinen Sie, daß ich dieſer Einladung folgen ſoll?“ „Ja. Sagte Ihnen der Bote nicht, daß es Ihren Vater beträfe?“ „Aber, Emanuel, in welcher Gefahr iſt er denn eigentlich?“ fragte das junge Mädchen. Emanuel zögerte einen Augenblick, aber der Wunſch, Julien zum Handeln zu bewegen, entſchied. „Hören Sie,“ ſagte er,„heute iſt der 5. September, nicht wahr?“ „Ja.“ „Heute um elf Uhr hat Ihr Vater eine Zahlung von ungefähr dreimalhunderttauſend Franken zu leiſten.“ „Ja, das wiſſen wir.“ „Nun wohll er hat nicht fünfzehntauſend in Caſſa.“ „Und was kann dann geſchehen?“ „Wenn Ihr Vater heute Morgen vor eilf Uhr nicht Jemand gefunden hat, der ihn aus dieſer Verlegenheit befreit, ſo iſt er noch vor zwölf Uhr gezwungen, ſich bankerott zu erklären.“ „Ol kommen Sie,“ rief Julie, und zog den jungen Mann mit ſich fort. Unterdeſſen hatte Madame Morrel ihrem Sohne Alles geſagt. Der junge Mann wußte wohl, daß in Folge der auf einander fol⸗ genden Unglücksfälle, in den Ausgaben der Familie eine große Um⸗ änderung hatte getroffen werden müſſen; aber daß die Sachen bis auf den Punkt gekommen waren, ahnte er nicht. Er war vernichtet; dann flog er plötzlich aus dem Zimmer und ſtieg ſchnell die Treppe hinauf, denn er glaubte ſeinen Vater in ſeinem Cabinet; aber er klopfte umſonſt. An der Thüre des Cabinets ſtehend, hörte er die von ſeines Vaters Zimmer aufgehen, er drehte ſich um und ſah denſelben. Statt in ſein Cabinet hinabzugehen, war Herr Morrel 346 in ſein Schlafzimmer zurückgegangen und kam jetzt erſt heraus. Er ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, indem er Maximilian erblickte; er hatte gar nichts von der Ankunft ſeines Sohnes gewußt. Unbeweglich blieb er an demſelben Platze ſtehen, mit dem linken Arme einen Gegenſtand, den er unter ſeinem Ueberrocke hatte, an ſich drückend. Maximilian ſtieg eilfertig die Treppe hinab und warf ſich an die Bruſt ſeines Vaters; aber plötzlich wankte er zurück und hielt nur noch ſeine rechte Hand an die Bruſt ſeines Vaters gedrückt. „Mein Vater,“ ſagte er, blaß wie der Tod werdend,„warum haben Sie denn ein paar Piſtolen unter dem Ueberrocke?“ „Ol das fürchtete ich,“ entgegnete Morrel. „Mein Vater... mein Vater! im Namen des Himmels,“ rief der junge Mann,„wozu dieſe Waffen?“ „Maximilian,“ antwortete Morrel, ſeinen Sohn ſtarr anſehend, „Du biſt ein Mann, und ein Ehrenmann; komm, ich will Dir es ſagen.“ Und Morrel ſtieg mit feſtem Schritte die Treppe hinauf, während Maximilian ihm wankend folgte. Morrel öffnete die Thüre und ſchloß ſie hinter ſeinem Sohne wieder, dann ging er durch das Vor⸗ zimmer, näherte ſich dem Bureau, legte ſeine Piſtolen auf die Ecke des Tiſches und zeigte mit der Fingerſpitze ſeinem Sohne das ge⸗ öffnete Handlungsbuch. In dieſem Buche war genau der Zuſtand ſeiner Kaſſe angegeben; Morrel hatte in einer halben Stunde 287,500 Franken zu zahlen, und nur Alles in Allem 15,257 Franken in Kaſſe. „Lies!“ ſagte Morrel. Der junge Mann las und ſtand einen Augenblick wie zerſchmettert. Morrel ſagte kein Wort: was hätte er dem unerbittlichen Ausſpruche dieſer Zahlen noch hinzufügen ſollen? „Und Sie haben Alles gethan, mein Vater,“ ſagte nach einigen Augenblicken ſtummen Entſetzens der junge Mann,„um dem Unglücke Einhalt zu thun?“ „Ja,“ antwortete Morrel. „Sie haben keine ausſtehende Forderung, keinen Credit mehr?“ „Keine und Keinen.“ „Sie haben alle Ihre Hilfsquellen erſchöpft?“ „Alle.“ „Und in einer halben Stunde...“ fügte er dumpf hinzu,„wird unſer Name entehrt ſein?“ ———,·,“— 347 „Blut wäſcht die Schande ab,“ ſagte Morrel. „Sie haben Recht, mein Vater, ich verſtehe Sie,“ ſagte der Jüngling und ſtreckte die Hand nach den Piſtolen aus,„es iſt für Jeden von uns eine, Dank, Vater!“ Morrel hielt ihm die Hand. „Und Deine Mutter... Deine Schweſter... wer wird ſie erhalten?“ Ein Schauer überlief den jungen Mann vom Scheitel bis zur Sohle. „Mein Vater,“ ſagte er,„wollen Sie damit ſagen, daß ich leben ſoll?“ „Ja, das ſage ich Dir,“ entgegnete der Vater,„denn es iſt Deine Pflicht; Du haſt einen ruhigen, ſtarken Geiſt, Maximilian... Maximilian, Du biſt kein gewöhnlicher Mann; ich befehle Dir Nichts, ich rathe Dir Nichts, ich ſage Dir aber: erwäge Deine Lage, als wäreſt Du ein Fremder, und dann beurtheile ſie ſelbſt.“ Der Sohn dachte einen Augenblick nach, dann nahmen ſeine Augen den Ausdruck erhabener Ergebung an; mit einer Bewegung von Traurigkeit indeſſen nahm er langſam ſeine Epauletten, die Zeichen ſeines Ranges, ab. „Es iſt gut,“ ſagte er, Morrel die Hand bietend,„ſterben Sie in Frieden, mein Vater, ich werde leben.“ Morrel wollte ſich ſeinem Sohne zu Füßen werfen, Maximilian verhinderte es und die beiden edlen Herzen ſchlugen einen Augen⸗ blick Eins an dem Andern. „Du weißt, daß ich an unſerem Unglücke unſchuldig bin?“ ſagte Morrel. Maximilian lächelte. „Ich weiß, Vater, daß Sie der rechtſchaffenſte Mann ſind, den ich jemals gekannt habe.“ „Das iſt gut, damit iſt Alles geſagt; gehe jetzt zu Deiner Mutter und Schweſter.“ „Mein Vater,“ ſagte der junge Mann, das Knie beugend, „ſegnen Sie mich!“ Morrel nahm das Haupt ſeines Sohnes in ſeine beiden Hände, näherte ſich demſelben und berührte es mehrmals mit ſeinen Lippen: „O! ja!“ ſagte er,„ich ſegne Dich in meinem Namen und dem der drei Generationen vorwurfsfreier Männer. Höre denn, 348 was ſie Dir durch meinen Mund ſagen: die Vorſehung kann das Gebäude, welches das Unglück zerſtörte, wieder aufbauen. Meinen Tod, den Tod, den ich der Schande vorziehe, erfahrend, werden die Unerbittlichſten mich beneiden, Dir wird man vielleicht die Zeit gönnen, die man mir verſagt; bemühe Dich alsdann, daß das Wort Schande nicht mit unſerem Namen zuſammen ausgeſprochen werde; gehe an's Werk, arbeite, junger Mann, kämpfe eifrig und muthig; lebe mit Deiner Mutter und Schweſter ſo mäßig als irgend möglich, damit von Tag zu Tag die Güter Derer, als deren Schuldner ich aus der Welt gehen muß, unter Deinen Händen ſich verbeſſern und vermehren. Denke daran, daß ein Tag kommen wird, ein ſchöner, ein großer, ein feierlicher Tag, der der Wieder⸗ erſtattung; der Tag, an dem Du an eben dieſem Bureau ſagen kannſt: Mein Vater ſtarb, weil er das nicht thun konnte, was ich heute thue, aber er ſtarb ruhig und heiter, weil er den heutigen Tag voraus ſah.“ „O! mein Vater, mein Vater,“ rief der junge Mann,„wenn Sie dennoch leben könnten?“ „Wenn ich am Leben bleibe, iſt Alles verloren; wenn ich lebe, verwandelt ſich die Theilnahme in Mißtrauen, das Mitleid in Er⸗ bitterung; wenn ich lebe, bin ich nichts, als ein Wortbrüchiger, ein Pflichtvergeſſener; ein Bankerottirer. Wenn ich ſterbe, ſo iſt im Gegentheil, glaube es mir, Maximilian, mein Leichnam der eines rechtſchaffenen Mannes, den das Unglück zu Boden warf. Lebend, werden meine beſten Freunde mein Haus vermeiden; todt, wird ganz Marſeille mich weinend bis zu meiner letzten Ruheſtätte be⸗ gleiten. Lebe ich, mußt Du Dich meines Namens ſchämen, ſterbe ich hingegen, kannſt Du ſtolz Dein Haupt erheben und ſagen: Ich bin der Sohn Deſſen, der ſich tödete, weil er zum erſten Male in ſeinem Leben gezwungen war, ſein Wort zu brechen.“ Der junge Mann ſtieß ein ſchmerzliches Aechzen aus, ſchien aber ergeben. Es war das zweite Mal, daß die Ueberzeugung nicht in ſein Herz, aber in ſeinen Geiſt eindrang. „Und jetzt,“ ſagte Morrel,„laſſ' mich allein und ſuche Mutter und Schweſter zu entfernen.“ Wollen Sie ſie nicht noch einmal ſehen?“ fragte Maximilian. Eine letzte unbeſtimmte Hoffnung knüpfte ſich in dem Herzen 349 des Jünglings an dieſe Zuſammenkunft, deshalb ſchlug er ſie vor. Herr Morrel ſchüttelte den Kopf. „Ich habe ſie dieſen Morgen geſehen,“ antwortete er,„und Ihnen Lebewohl geſagt.“ „Haben Sie mir nicht noch irgend einen beſonderen Auftrag zu geben, mein Vater?“ fragte Maximilian mit zitternder Stimme. „Ja, mein Sohn, eine heilige Pflicht lege ich Dir auf.“ „Sagen Sie, mein Vater.“ „Das Haus Thomſon und French iſt das Einzige, das vielleicht aus Menſchlichkeit, vielleicht aus Eigennutz(aber es iſt nicht meine Sache, in den Herzen der Menſchen zu leſen) Mitleid mit mir ge⸗ habt hat. Sein Bevollmächtigter, derſelbe, der in zehn Minuten erſcheinen wird, um Wechſel über 287,500 Franken zu präſentiren, hat mir einen Aufſchub von drei Monaten nicht nur gewährt, ſondern ſogar angeboten; möge dieſer Forderung zuerſt genügt werden, mein Sohn, möge dieſer Mann Dir heilig ſein.“ „Ja, mein Vater,“ ſprach Maximilian. „Und jetzt, noch einmal, Lebe wohl,“ ſagte Morrel,„geh', geh', ich muß allein ſein; mein Teſtament findeſt Du in dem Secretair in meinem Schlafzimmer.“ Unentſchloſſen und zögernd blieb der junge Mann noch ſtehen, denn er fühlte wohl Kraft zum Wollen, aber nicht zum Handeln. „Höre, Maximilian, denke Dir, ich wäre Soldat wie Du, und hätte den Befehl erhalten, eine Schanze zu erſtürmen, und Du wüßteſt ganz gewiß, daß ich bei dieſer Erſtürmung bleiben müßte, würdeſt Du nicht ſagen, wie noch vor wenigen Augenblicken: Gehen Sie, Vater, denn wenn Sie zurück bleiben, ſind Sie entehrt, und Tod iſt beſſer als Schande!“ „Ja, ja,“ ſagte der junge Mann, ſchloß Morrel krampfhaft in ſeine Arme und rief:„Gehen Sie, mein Vater!“ und ſtürzte fort. Als ſein Sohn hinaus gegangen war, blieb Morrel mit ſtarr auf die Thüre gerichteten Blicken einige Secunden ſtehen, dann ſtreckte er ſeine Hand nach der Klingelſchnur aus und ſchellte. Cocles erſchien. Das war nicht mehr derſelbe Menſch. Dieſe drei Tage der Ueberzeugung, daß das Haus Morrel und Sohn bankerott war, hatten ihn vernichtet. Der Gedanke: das Haus Morrel und Sohn 350 ſtellt ſeine Zahlungen ein, beugte ihn tiefer zur Erde, als die Laſt von achtzig Jahren es nicht vermocht hätten. „Mein guter Cocles,“ ſagte Morrel mit einem unnachahmlichen Tone,„bleibe im Vorzimmer. Wenn der Herr, der heute vor drei Monaten hier war, Du weißt, der Bervollmächtigte des Hauſes Thomſon und French, kommt, ſo melde ihn mir.“ Cocles machte, ſtatt aller Antwort, nur ein Zeichen mit dem Kopfe, ſetzte ſich ſchweigend in das Vorzimmer und wartete. Morrel ſank in ſeinen Stuhl zurück; ſeine Augen hingen an der Uhr: noch ſieben Minuten; der Zeiger ging unglaublich ſchnell; es ſchien ihm, als ſähe er ihn gehen. Was jetzt, in dieſem erhabenen, dem letzten Augenblicke, in der Seele dieſes Mannes vorging, der noch in ſeinem beſten, kräftigſten Alter ſich dem Tode weihete, der vielleicht in Folge unrichtiger, aber doch erhaben ſcheinender Anſichten, ſich von Allem trennen wollte, was er auf Erden liebte, und ein Haus verlaſſen wollte, das ſein ganzes, ſchönes Familienglück umſchloß, das iſt un⸗ möglich zu beſchreiben; man hätte, um einen Begriff davon zu be⸗ kommen, die mit Schweiß bedeckte, und dennoch ergebene Stirne, die mit Thränen benetzten, aber gen Himmel blickenden Augen ſehen müſſen. Der Zeiger ging unaufhaltſam der entſcheidenden Minute ent⸗ gegen, die Piſtolen waren geladen; er ſtreckte die Hand aus, nahm eine, und ſtammelte den Namen ſeiner Tochter; dann legte er die tödtliche Waffe wieder aus der Hand, nahm die Feder und ſchrieb einige Worte. Es ſchien ihm, er habe ſeinem geliebten Kinde, ſeiner treuen Lebensgefährtin nicht genug Lebewohl geſagt; dann wendete er ſich wieder nach der Uhr; er zählte nicht mehr nach Minuten, ſondern nur noch nach Secunden. Er nahm das Piſtol wieder, den Mund halb geöffnet, das Auge auf den Zeiger gerichtet; er zitterte bei dem Geräuſche, das er ſelbſt machte, indem er den Hahn ſpannte. In dieſem Augenblicke brach kälterer Schweiß auf ſeiner Stirne aus, preßte tödtlichere Angſt ſein Herz zuſammen; er hörte die Thüre nach der Treppe zu in ihren Angeln ſich drehen, dann die ſeines Cabinets ſich öffnen; die Uhr war im Begriff elf Uhr zu ſchlagen. Morrel drehte ſich nicht um, er erwartete von Cocles die Worte zu hören:„Der Bevollmächtigte des Hauſes Thomſon und French,“ ———,.————— — Freude ſich in von kl inneru Auf e Frank nuß, Julie 7 In di jeder Borſ des Stoch Morg dem Ecke kam, Ema⸗ 351 und er führte die Waffe zum Munde... plötzlich hörte er einen Schrei... es war die Stimme ſeiner Tochter... Er drehte ſich um und erblickte Julie; das Piſtol glitt ihm aus der Hand. „Mein Vater!“ rief das junge Mädchen, außer Athem und vor Freude faſt ſterbend,„gerettet! Du biſt gerettet!“ Und ſie warf ſich in ſeine Arme und hielt hoch in einer Hand eine Filet⸗Börſe von rother Seide. „Gerettet, mein Kind,“ ſagte Morrel,„wie meinſt Du das?“ „Ja, gerettet! Sieh'! ſieh'!“ ſagte das junge Mädchen. Morrel nahm zitternd die Börſe, denn eine unbeſtimmte Er⸗ innerung ließ ihn ſein früheres Eigenthum in derſelben erkennen. Auf einer Seite derſelben war der quittirte Wechſel über 287,500 Franken. Auf der Anderen ein Diamant von der Größe einer Haſel⸗ nuß, mit den auf ein Pergamentſtückchen geſchriebenen Worten:„Zu Juliens Ausſteuer.“ Morrel legte die Hand an ſeine Stirn: er glaubte zu träumen. In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr elf. Es war ihm, als träfe jeder Schlag des ſtählernen Hammers ſein eigenes Herz. „Sprich, mein Kind, erkläre Dich,“ ſagte er,„wo haſt Du dieſe Börſe gefunden?“ „In dem Hauſe Nr. 15 in der Allee von Meillan, auf der Ecke des Kaminſimſes in einer kleinen, ärmlichen Stube des fünften Stockwerkes.“ „Aber,“ rief Morrel,„dieſe Börſe iſt nicht Dein!“ Julie reichte ihrem Vater den Brief, den ſie an demſelben Morgen halten hatte. „Und Du warſt allein in jenem Hauſe?“ fragte Morrel, nach⸗ dem er geleſen hatte.. „Emanuel begleitete mich, mein Vater, er wollte mich an der Ecke der Straße du Muſée erwarten, aber ſonderbar, als ich dahin kam, fand ich ihn nicht.“ „Herr Morrel!“ rief eine Stimme auf der Treppe,„Herr Morrel!“ „Das iſt ſeine Stimme,“ ſagte Julie. Zu gleicher Zeit trat Emanuel, vor Freude und Rührung außer ſich, in das Zimmer. „Der Pharaon!“ rief er;„der Pharaon!“ 35⁵²2 „Wie? Was? der Pharaon! ſind Sie toll, Emanuel? Sie wiſſen ja, daß er untergegangen iſt.“ „Der Pharaon! Herr, man ſignaliſirt den Pharaon! der Pharaon läuft in den Hafen ein!“ Morrel ſank in ſeinen Stuhl zurück; die Kräfte verließen ihn; ſein Verſtand konnte dieſe Folge von Ereigniſſen nicht faſſen, es war unglaublich, unerhört, fabelhaft. Aber jetzt kam auch ſein Sohn und rief ſchon von Weitem: „Vater, was ſagten Sie denn von dem Pharaon? er ſei unter⸗ gegangen? Die Hafenwache hat ihn ſignaliſirt und er kommt ſoeben in den Hafen.“ „Kinder,“ ſagte Morrel,„wenn das kein Traum iſt, ſo iſt es ein Wunder Gottes! Unmöglich! Unmöglich!“ Was aber wirklich und doch nicht minder unglaublich war, das war die Börſe, die er in der Hand hielt, das war der quittirte Wechſel, das war der köſtliche Diamant. „Ach! Herr Morrel!“ ſagte nun auch Cocles hereinſtürzend, „was rufen Sie denn den Pharaon?“ „Kommt, meine Kinder,“ ſprach Morrel, ſich faſſend,„kommt zum Hafen und Gott ſtehe uns bei, wenn es blinder Lärm war.“ Sie ſtiegen hinab, mitten auf der Treppe ſtand Madame Morrel: die arme Frau hatte nicht gewagt, hinauf zu gehen. Im Fluge waren ſie auf der Cannebière. Der Hafen wogte von Menſchen. Dieſe Menge theilte ſich, als Morrel kam. „Der Pharaon! der Pharaon!“ rief Alles. Wirklich ſah man, wunderbares, unerhörtes Ereigniß, dem Thurme St. Jean gegenüber, ein Schiff daher gleiten, an deſſen Vordertheile mit weißen Buchſtaben ſtand:„Der Pharaon; Morrel und Sohn in Marſeille.“ Bau, Haltung und Gang, ganz wie der alte Pharaon; und wie der alte mit Cochenille und Indigo befrachtet. Das Schiff warf den Anker aus und zog die Segel ein; auf dem Verdeck gab der Capitain Gaumard ſeine Befehle und Meiſter Penelon machte dem Rheder die üblichen Zeichen. Es war nicht mehr zu zweifeln, es war keine Fata Morgana, die im Nebel zerrann, und zehntauſend Menſchen theilten die Ueberzeugung und das Staunen. Als Morrel und ſein Sohn unter dem jubelnden, glück⸗ ——— ÿÿ,. —y— ——— deſſen und warf Norrel wünſchenden Zuruf der ganzen Stadt, die Zeuge dieſes Wunders war, ſich umarmten, murmelte ein Mann, deſſen Geſicht faſt ganz mit einem ſchwarzen Barte bedeckt war und der hinter einem Schilder⸗ hauſe verborgen die Scene mit anſah, folgende Worte: „Sei glücklich, edles Herz, ſei geſegnet für alles Gute, was Du gethan haſt und noch thun wirſt, und möge meine Dankbarkeit verborgen bleiben, wie Deine Wohlthaten.“ Und mit einem Lächeln der Freude und des Glückes verließ er ſeinen Verſteck, und ohne daß Jemand auf ihn achtete, ſo ſehr war Jedermann mit dem Ereigniſſe des Tages beſchäftigt, ſtieg er auf einer jener kleinen Treppen hinab, die zur Ausſchiffung benützt werden, und rief drei Mal: „Jacopo! Jacopo! Jacopo!“ Darauf nahte ſich eine Schaluppe, nahm ihn an Bord und führte ihn zu einer reich verzierten Nacht, auf deren Verdeck er ſich mit der kühnen Gewandtheit eines Seemannes ſchwang; von da aus betrachtete er noch einmal Morrel, der Freudenthränen weinend der ganzen Menge um ihn her herzliche Händedrücke austheilte, und mit umherirrendem Blicke dem unbekannten Wohlthäter dankte, den er im Himmel ſuchen zu müſſen glaubte. „Und jetzt,“ ſagte der Unbekannte,„Adieu Güte, Menſchlich⸗ keit, Dankbarkeit... fort mit allen Empfindungen, welche das Herz erſchlaffen!... Ich habe die Rolle der Vorſehung geſpielt, um die Guten zu belohnen... jetzt möge Gott der Rache mir ſeinen Platz abtreten, um die Böſen zu beſtrafen!“ Bei dieſen Worten gab er ein Signal, und als hätte ſie nur dieſes Signal erwartet, um abzuſegeln, flog die Jacht auf der Meeresfläche dahin. Der Graf von Monte⸗SIhriſto. XXXII. Italien.— Sindbad der Heefahrer. Zu Anfange des Jahres 1838 befanden ſich in Florenz zwei junge Edelleute aus den höchſten Kreiſen von Paris, der Eine der Vicomte Albert von Morcerf, der Andere der Baron Franz von Epinay. Sie hatten beſchloſſen, zuſammen den Carneval deſſelben Jahres in Rom zuzubringen, wo Franz, der ſeit beinahe vier Jahren in Italien lebte, Albert als Cicerone dienen wollte. Da es nun aber keine Kleinigkeit iſt, einen Carneval in Rom mitzumachen, be⸗ ſonders wenn man nicht auf der Piazza del Popolo, oder dem Forum romanum ſchlafen will, ſo ſchrieben ſie an Meſſer Paſtrini, Eigenthümer des Hotel von London auf dem ſpaniſchen Platze, und baten ihn, ein comfortables Appartement für ſie zu reſerviren. Meſſer Paſtrini antwortete, daß er nur noch zwei Zimmer und ein Cabinet im zweiten Stockwerk zu ihrer Dispoſition ſtellen könne, welches er ihnen für den mäßigen Preis von täglich einem Louisd'or überlaſſen wolle. Die jungen Leute nahmen das Anerbieten an; um die Zeit zu benutzen, die ihnen bis zum Beginn des Carnevals noch blieb, reiſ'te Albert nach Neapel. Franz blieb in Florenz. Nachdem er einige Zeit das Leben in der Stadt der Medicäer ge⸗ noſſen, das Eden, welches man die Caſchini nennt, genug durch⸗ wandelt, nachdem er die prachtvollen Salons bei Corſini⸗Montfort und Poniatowsky zur Genüge beſucht hatte, bekam er Luſt, da er Corſika, die Wiege Napoleons, ſchon kannte, nun auch die Inſel 1 Elba, dieſen erſten Verbannungsort des großen Helden, kennen zu lernen. 1 Eines Abends alſo machte er den eiſernen Ring los, mit dem eine kleine Barke an dem Hafen von Livorno befeſtigt war, legte 355 ſich, in ſeinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund derſelben, und ſagte zu den Ruderern nur die Worte: „Nach der Inſel Elba!“ Die Barke verließ den Hafen wie der Seevogel ſein Neſt, und landete den folgenden Tag in Porto⸗Ferrajo. Nachdem Franz die kaiſerliche Inſel nach allen Richtungen durchſtreift, und jede Spur des Giganten, der dort angekettet geweſen war, aufgeſucht hatte, ſchiffte er ſich in Marciana ein. Zwei Stunden nachdem er vom Lande abgeſtoßen war, ſtieg er in la Pianoſa wieder an's Land, um zwiſchen der unendlichen Anzahl Rothhühner, die es, wie ihm geſagt war, hier gab, Verheerungen anzurichten. Die Jagd war ſchlecht; einige magere Hühner machten die ganze Ausbeute aus, und Franz beſtieg, wie jeder Jäger, der ſich umſonſt abgemüht hat, ſehr übler Laune ſeine Barke wieder. „Ah! wenn Excellenz wollten,“ ſagte der Patron der Barke, „könnten Sie eine ſchöne Jagd machen.“ „Und wo wäre das?“ „Sehen Sie jene Inſel?“ fuhr der Patron nach Süden deutend, und auf eine im ſchönſten Indigoblau aus dem Meere hervortretende, kegelförmige Maſſe zeigend, fort. „Und was iſt das für eine Inſel?“ fragte Franz. „Die Inſel Monte⸗Chriſto,“ antwortete der Livorner. „Aber ich habe keine Erlaubniß, auf dieſer Inſel zu jagen.“ „Excellenz hat keine Erlaubniß nöthig, die Inſel iſt unbewohnt.“ „Ei! der Tauſend!“ ſagte der junge Mann,„eine wüſte Inſel mitten im mittelländiſchen Meere, das iſt ſonderbar.“ „Das iſt ſehr natürlich, Excellenz. Dieſe Inſel iſt eine Felſen⸗ maſſe, auf deren ganzem Umfange vielleicht kein Morgen tragbaren Landes iſt.“ „Und wem gehört dieſe Inſel?“ „Sie gehört Toskana.“ „Was für Wild finde ich dort?“ „Tauſende von wilden Ziegen.“ „Die davon leben, die Steine abzulecken?“ ſagte Franz ungläubig. „Nein, ſie weiden die Hecken, die Myrthen, die Maſtixſträuche ab, die in den Spalten der Felſen wachſen.“ „Aber wo werde ich übernachten?“ 23* 356 „Am Lande in den Höhlen, oder am Bord in ihrem Mantel, oder wenn Excellenz will, können wir auch gleich nach der Jagd wieder abfahren; Excellenz weiß, daß uns Tag oder Nacht gleich iſt, und daß wir, da die Segel nicht anwendbar ſind, Ruder haben.“ Da nun Franz noch Zeit genug übrig behielt, mit ſeinem Ge⸗ fährten wieder zuſammen zu treffen, und ſich wegen des Unter⸗ kommens in Rom nicht zu beunruhigen brauchte, nahm er dieſen Vorſchlag, zur Entſchädigung für ſeine ſoeben gehabte ſchlechte Jagd an. Auf ſeine zuſagende Antwort wechſelten die Ruderer einige leiſe Worte. „Nun!“ fragte er,„was giebt's plötzlich? Hat ſich ein Hin⸗ derniß gefunden?“ „Nein,“ antwortete der Patron;„aber wir müſſen Excellenza vorbereiten, daß die Inſel in Contumaz iſt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Wir wollen ſagen, daß, weil Monte⸗Chriſto unbewohnt iſt, und zuweilen von Schmugglern und Seeräubern, die von Corſika, Sardinien oder Afrika kommen, beſucht wird, wir, wenn auf irgend eine Weiſe unſer Aufenthaltsort in Livorno bekannt wird, gezwungen werden, eine Quarantaine von ſechs Tagen zu halten.“ „Teufel! das verändert die Sache! ſechs Tage. Gerade ſo viel wie Gott gebrauchte, um die Welt zu ſchaffen. Das iſt ein wenig lange, meine Kinder.“ „Aber, wer wird denn ſagen, daß Excellenz in Monte⸗Chriſto war?“ „Ol ich nicht!“ rief Franz. „Und wir eben ſo wenig,“ erwiderten die Matroſen. „Nun dann, fort, nach Monte⸗Chriſto.“ Der Patron commandirte die Wendung; man richtete den Schiffsſchnabel nach der Inſel, und die Barle ſetzte ſich dahin in Bewegung. Franz wartete, bis Alles in Ordnung war, doch als der neue Weg eingeſchlagen war, der kühne Wind das Segel ſchwellte, und die vier Matroſen ihre Plätze, Drei am Vordertheil, Einer am Steuerruder, eingenommen hatten, nahm er das Geſpräch wieder auf. „Mein lieber Gaötano,“ ſprach er zu dem Patron,„Ihr ſagtet ja wohl vorhin, daß die Inſel Monte⸗Chriſto Schmugglern und See⸗ —G——““— antel, Jagd ſgleich ben.“ Ge⸗ nter⸗ dieſen Jagd kinige Hin⸗ lenza —nt iſt prſika, —gend ngen viel venig hriſto den in in h als ellte, r am auf. agtet 357 räubern zum Zufluchtsorte diene, das ſcheint mir noch ein ganz anderes Wild zu ſein, als Ziegen.“ „Ja, Excellenz, ſo verhält es ſich.“ „Von den Schmugglern, die auch in dieſer Gegend ihr Weſen treiben, habe ich wohl gehört, aber von den Seeräubern glaubte ich, daß ſie ſeit der Eroberung von Algier und der Zerſtörung von deſſen Macht, nur noch in den Romanen Coopers und des Capitain Marryat exiſtirten.“ „O! da haben ſich Excellenz geirrt, es iſt mit den Seeräubern wie mit den Banditen, die der Papſt Leo XII. ausgerottet zu haben glaubte, die aber deſſen ungeachtet die Reiſenden an den Thoren Roms anfallen. Haben Sie nicht gehört, daß der franzöſiſche Ge⸗ ſandte bei dem heiligen Stuhle, vor kaum ſechs Monaten, fünfhundert Schritte von Velletri ausgeplündert worden iſt?“ „Das wäre!“ „Gewiß! wenn Excellenz in Livorno wohnten, wie wir, ſo würden Sie mitunter erzählen hören, daß ein kleines Waarenſchiff, oder eine kleine hübſche engliſche Jacht, die man in Baſtia, Porto⸗ Ferrajo oder Civita⸗Vecchia erwartete, nicht angekommen iſt, daß man nicht erfahren konnte, was daraus geworden und vermuthen muß, daß es an irgend einem Felſen zerſchellt iſt. Nun denn! der Felſen, an dem dieſes Fahrzeug zerſchellt, iſt eine niedrige, ſchmale Barke, mit ſechs bis acht Mann beſetzt, die es in der Nähe irgend einer wüſten, unbewohnten Inſel in einer finſtern oder ſtürmi⸗ ſchen Nacht überwältigt und geplündert haben, wie die Banditen im dichteſten Walde einen Poſtwagen anfallen und berauben.“ „Aber,“ ſagte Franz, behaglich in ſeinen Mantel gehüllt, in der Barke ausgeſtreckt,„warum beklagen die, denen ein ſolcher Un⸗ fall begegnet, ſich nicht, warum rufen ſie nicht die rächende Gerechtig⸗ keit der franzöſiſchen, ſardiniſchen oder toscaniſchen Regierung über dieſe Seeräuber herab?“ „Warum?“ entgegnete Gastano lächelnd. „Ja, warum?“ 4 „Weil von dem Waarenſchiffe oder der Jacht erſt Alles, was zu gebrauchen und zu benutzen iſt, auf die Barke gebracht wird, man alsdann der Mannſchaft Hände und Füße bindet, jedem Manne eine vierundzwanzigpfündige Kugel am Halſe befeſtigt, ein Loch von 358 der Größe eines Faſſes in den Boden des eroberten Fahrzeuges macht, die Lucken verſtopft und auf die Barke zurückkehrt. Zehn Minuten darauf fängt das Schiff an zu ſtöhnen und zu ächzen. Nach und nach ſenkt es ſich. Erſt neigt ſich eine Seite, dann die andere, dann hebt es ſich wieder, taucht wieder unter und ſinkt immer mehr; plötzlich geſchieht ein Knall, wie ein Kanonenſchlag: es iſt die Luft, die das Verdeck ſprengt. Nun bewegt ſich das Fahr⸗ zeug wie ein Ertrinkender, der ſich helfen will, aber von Minute zu Minute ſchwerer wird. Bald ſtürzt das Waſſer, in den Höhlungen concentrirt, aus allen Oeffnungen wie flüſſige Säulen, die aus den Luftlöchern eines rieſigen Wallfiſches ſteigen. Endlich ſtößt es ein letztes Röcheln aus, dreht ſich noch einmal um ſich ſelbſt, und ſinkt unaufhaltſam, einen ungeheuren Waſſertrichter bildend, der ſich nach und nach füllt, und verſchwindet endlich ganz, ſo daß nach fünf Minuten nur das Auge Gottes im Grunde dieſes ruhigen Meeres das verſchwundene Schiff entdecken kann. Begreifen Sie jetzt,“ fügte der Patron lächelnd hinzu,„warum das Schiff nicht ankommt, und die Mannſchaft ſich nicht beklagt?“ Hätte Gaëtano dieſe Erzählung zum Beſten gegeben, ehe er die Expedition vorſchlug, ſo würde Franz ſich wahrſcheinlich nicht auf dieſelbe eingelaſſen haben; jetzt aber ſegelte die Barke auf die Inſel zu, und jetzt ſich zurückzuziehen, ſchien ihm Feigheit. Er gehörte zu denen, die Gefahren nicht aufſuchen, aber wenn die Gefahr ihnen droht, eine unerſchütterliche Kaltblütigkeit in Bekämpfung derſelben beweiſen; er war einer jener Menſchen, mit feſtem, ruhigen Willen, die eine Gefahr im Leben beobachten und in's Auge faſſen, wie einen Gegner im Duell, deſſen Bewegungen man berechnet, deſſen Stärke man ſtudirt, die anhalten, um Athem zu ſchöpfen und nicht feig zu ſcheinen und endlich zu rechter Zeit ihren Vortheil erkennend, mit einem Stoße tödten. „Pah!“ entgegnete er,„ich habe Sicilien und Calabrien durch⸗ ſtreift, habe zwei Monate im Archipelagus geſchifft, und niemals den Schatten eines Banditen oder eines Freibeuters geſehen.“ „Auch habe ich dies Excellenz nicht geſagt,“ entgegnete Gaëtano, „um dieſelbe von Ihrem Vorhaben abzuſchrecken. Excellenz haben mich gefragt, und ich habe geantwortet, das iſt Alles.“ „Ja, mein lieber Gaëtano, und Euere Erzählung intereſſirt ———— nich laßt der) macht kam, und konnt ander Spal Bäur kennt keit erfor bark Wel die Jlu⸗ Hin ſi — mich ſehr, und um mich noch recht lange mit Euch zu unterhalten, 359 laßt uns nach Monte⸗Chriſto ſegeln.“ Indeſſen näherte man ſich mit großer Schnelligkeit dem Ziele der Reiſe; ein friſcher Wind hatte ſich aufgemacht, und die Barke machte ſechs bis ſieben Meilen in der Stunde. Je näher man kam, je größer trat die Inſel aus dem Schooße des Meeres hervor, und zwiſchen der feuchten Atmoſphäre des letzten Tagesſcheines, konnte man, wie einen Kugelhaufen in einem Arſenale, die aufein⸗ andergehäuften Felſenmaſſen und das Geſträuch zwiſchen deren Spalten, mit ſeinen verſchiedenartigen Blüthen, ſowie das Grün der Bäume erkennen. Was die Ruderer anbetraf, ſo war es unver⸗ kennbar, daß, obgleich ſie vollkommen ruhig ſchienen, ihre Wachſam⸗ keit ſich verdoppelt hatte, und daß ihre Blicke den weiten Spiegel erforſchten, auf dem ſie dahin glitten, und den nur einige Fiſcher⸗ barken, mit ihren weißen Segeln, wie Möven auf der Spitze der Wellen ſich wiegend, bevölkerten. Sie waren kaum noch fünfzehn Meilen von Monte ⸗Chriſto, als die Sonne hinter Corſika, deſſen Berge rechts hervortraten, in die Fluthen ſank, indem ſie die gezackten Spitzen der Berge dunkel am Himmel abſchattete und die äußerſten Gipfel dieſer Steinmaſſe, die ſich wie der Rieſe Adamaſter vor der Barke ausdehnte, vergoldete. Nach und nach entſtiegen die Schatten dem Meere und ſchienen die letzten Strahlen des ſcheidenden Tages vor ſich herzujagen, die zu⸗ letzt einen Augenblick, wie der funkenſprühende Gluthauswurf eines Vulkans auf der Spitze des Kegels ruhten, bis die zunehmende Dunkelheit auch den Gipfel der Berge, wie kurz vorher die Fläche, umhüllte, und die Inſel erſchien nur noch wie ein grauer Berg, der immer mehr in's Braune überging. Eine halbe Stunde dar⸗ auf herrſchte finſtere Nacht. Glücklicherweiſe waren die Seeleute in dieſen Gewäſſern zu Hauſe, und kannten den kleinſten Felſen des toskaniſchen Archipe⸗ lagus; denn in der tiefen Dunkelheit, welche die Barke einhüllte, würde Franz nicht ganz ohne Unruhe geweſen ſein. Corſika war völlig verſchwunden, die Inſel Monte⸗Chriſto ſogar unſichtbar ge⸗ worden, aber die Matroſen ſchienen wie der Luchs die Fähigkeit, im Dunkeln zu ſehen, zu beſitzen, und der Steuermann, der am Steuerruder ſaß, zeigte nicht die mindeſte Unruhe. 360 Eine Stunde etwa war ſeit dem Untergange der Sonne ver⸗ floſſen, als Franz zur Linken eine Viertelmeile entfernt, eine düſtere Maſſe zu bemerken glaubte; aber es war ſo unmöglich zu unter⸗ ſcheiden, was es war, daß er, fürchtend, den Spott der Matroſen dadurch zu reizen, wenn er etwa eine Wolkenſchicht für Land hielt, ſchwieg. Plötzlich erglänzte ein heller Schein; das Land konnte er mit Wolken verwechſeln, aber das Feuer, dem er immer näher kam, war kein Meteor. „Was iſt das für ein Feuer?“ fragte er. „Bſt!“ ſagte der Patron,„es iſt Feuer.“ „Aber Ihr ſagtet, die Inſel ſei unbewohnt!“ „Ich ſagte, daß ſie keine beſtimmten Einwohner habe, erzählte aber zugleich, daß ſie häufig von Schmugglern beſucht werde.“ „So wie von Seeräubern?“ „So wie von Seeräubern,“ fuhr Gaötano fort, genau Franzen's Worte wiederholend,„darum habe ich den Befehl gegeben, weiter zu ſegeln, denn wie Sie ſehen, iſt das Feuer jetzt hinter uns.“ „Aber dieſes Feuer,“ meinte Franz,„ſcheint mir eher ein Grund zur Sicherheit als zur Beſorgniß zu ſein; Leute, die fürchten müßten, geſehen zu werden, würden kein Feuer anzünden.“ „Ol! das beweiſ't nichts,“ antwortete Gaëtano;„wenn Sie, dunkel, wie es iſt, die Lage der Inſel beurtheilen könnten, würden Sie ſich überzeugen, daß dieſes Feuer weder von Corſika, noch von la Pianoſa, ſondern nur vom Meere aus geſehen werden kann.“ „Alſo fürchtet Ihr, daß dieſes Feuer uns ſchlimme Geſellſchaft verkündet?“ „Davon muß man ſich erſt überzeugen,“ antwortete Gaëtano, die Augen beſtändig auf dieſes Feuer gerichtet. „Und wie überzeugt man ſich davon?“ „Das ſollen Sie gleich ſehen.“ Nach dieſen Worten berieth Gastano ſich mit ſeinen Gefährten, und nach fünf Minuten Rückſprache führten ſie ſchweigend ein Manöver aus, mit Hilfe deſſen in einem Augenblicke gewendet war; dann kehrte man auf demſelben Wege, den man gekommen war, zurück, und einige Sekunden nach dieſer Veränderung der Richtung verſchwand das Feuer, durch eine Biegung verſteckt. Nun gab der Steuermann mit Hilfe des Steuerruders dem kleinen Fahrzeuge, das ſich der es nur dos Se Al und es in der geſchlag drei an ihre Ru Augenb heit kei wohnten und ein und hi U ſeine war, h er den ſollten, kleinſte phoriſch ſeine S gelande E kleinen tende Barke innige ſtehen. gedrän irgend n * 361 ſich der Inſel merklich näherte, eine andere Richtung und bald war es nur etwa fünfzig Schritte von derſelben entfernt. Gaötano zog das Segel ein und die Barke ſtand. Alles dies war mit größter Stille und Geſchwi ndigkeit geſchehen und es war überdem ſeit der Veränderung der Richtung kein Wort in der Barke geſprochen worden. Gaötano, der die Expedition vor⸗ geſchlagen hatte, nahm alle Verantwortlichkeit derſelben auf ſich. Die drei andern Matroſen verwendeten kein Auge von ihm, wobei ſie ihre Ruderſtangen in Ordnung brachten und ſich bereit hielten, jeden Augenblick die Flucht ergreifen zu können, was wegen der Dunkel⸗ heit keine Schwierigkeiten haben konnte. Franz unterſuchte mit ge⸗ wohnter Kaltblütigkeit ſeine Waffen; er hatte zwei Doppelflinten und einen Karabiner, dieſe lud er, ſah nach den Pfannendeckeln und hielt ſich bereit. Unterdeſſen hatte der Patron ſeinen Regenmantel abgelegt, ſeine Hoſen feſt um die Hüften geſchnallt, da er in bloßen Füßen war, hatte er weder Schuhe noch Strümpfe abzulegen. Dann legte er den Finger auf den Mund, um anzudeuten, daß Alle ſchweigen ſollten, glitt in das Meer und ſchwamm vorſichtig, um nicht das kleinſte Geräuſch zu machen, bis an das Ufer. Nur an der phos⸗ phoriſchen Furche, die ſeine Bewegungen hervorbrachten, konnte man ſeine Spur verfolgen, bald verſchwand auch dieſe; Gaétano mußte gelandet ſein. Eine halbe Stunde lang herrſchte das tiefe Schweigen auf der kleinen Barke, dann erſchien vom Ufer bis zur Barke hin die leuch⸗ tende Furche wieder. Einige Armſchläge und Gaëtano war in der Barke. „Nun?“ fragten Franz und die drei Matroſen zuſammen. „Nun!“ antwortete er,„es ſind ſpaniſche Schmuggler; ſie haben nur zwei corſiſche Banditen bei ſich.“ „Und was haben dieſe beiden corſiſchen Banditen mit ſpani⸗ ſchen Schmugglern zu thun?“ „Eil mein Gott! Excellenz,“ entgegnete Gaëtano mit dem Tone inniger, chriſtlicher Liebe,„man muß ſich immer unter einander bei⸗ ſtehen. Die Banditen finden ſich auf dem Feſtlande oft ein wenig gedrängt durch Gensd'armen oder Carabiniers; nun wohll ſie finden irgendwo eine Barke und in derſelben gute Jungen, wie wir. Sie bitten 362 uns um Gaſtfreundſchaft in unſerem ſchwimmenden Hauſe. Wer kann einem armen Teufel, der verfolgt wird, Hilfe verſagen? wir nehmen ihn auf und ſtechen, um größerer Sicherheit willen, in See. Das koſtet uns nichts und rettet einem unſerer Mitmenſchen das Leben oder wenigſtens die Freiheit, der bei Gelegenheit den Dienſt, den wir ihm erzeigen, vergilt, indem er uns einen guten Ort an⸗ zeigt, wo wir unſere Waaren abladen können, ohne durch Neugierde geſtört zu werden.“ „Ah! ſo,“ ſagte Franz,„Ihr ſeid alſo ſelbſt ein wenig Schmuggler, mein lieber Gaëtano?“ „Ei! Was wollen Sie, Excellenz?“ erwiderte er mit einem nicht zu beſchreibenden Lächeln,„man muß mit Allem fertig werden können; wovon ſoll man denn leben?“ „Ihr ſeid alſo nicht unbekannt mit den Leuten, die in dieſem Augenblicke auf Monte⸗Chriſto hauſen?“ „Nicht ganz. Wir Seeleute ſind wie die Freimaurer, wir er⸗ kennen einander an gewiſſen Zeichen.“ „Und Ihr glaubt, daß wir nichts zu fürchten haben, wenn wir jetzt in Monte⸗Chriſto an's Land ſteigen?“ „Zuverläſſig nichts! die Schmuggler ſind keine Räuber!“ „Aber die beiden corſiſchen Banditen,“ entgegnete Franz, alle möglichen Fälle berückſichtigend. „Ei! mein Gott!“ antwortete Gaöëtano,„es iſt ja nicht ihre Schuld, daß ſie Banditen ſind, es iſt die Schuld der Regierung.“ „Wie ſo?“ „Nun, das iſt ſehr klar; ſie werden verfolgt, weil ſie in der Blutrache Einen getödtet haben, weiter nichts; als läge es nicht in der Natur der Corſen ſich zu rächen!“ „Haltet Ihr es denn für kein Unrecht,“ fuhr Franz fort,„einen Menſchen zu tödten?“ „Sie haben einen Feind getödtet!“ entgegnete der Patron, „das iſt ein großer Unterſchied.“ „Nun wohl!“ entſchied der junge Mann,„wir wollen die Gaſt⸗ freundſchaft der Schmuggler und Banditen in Anſpruch nehmen. Glaubt Ihr, daß ſie ſie uns gewähren?“ „Ohne allen Zweifel!“ „Wie viel ſind ihrer?“ dichteſte die ihr ſein; d Gürtel Neugien hatten. freilich Schmu einer in Gr hatte, dieſer Gefahr ſein G U den W unterſe Gigan indem mals, Menſe 1 . 1 8 ³₰ 363 „Drei, Excellenz, und die zwei Banditen, das macht fünf.“ „V ortrefflich! das iſt gerade unſere Zahl; wir ſtehen, in dem Falle, daß dieſe Herren böſe Abſichten zeigen ſollten, ihnen gleich, und könnten es alſo mit ihnen aufnehmen. Alſo, zum letzten Male: auf, nach Monte⸗Chriſto!“ „Ja, Excellenz; aber Sie werden uns doch erlauben, einige Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen?“ „Wie ſo, mein Lieber? Seid weiſe wie Neſtor, und vorſichtig wie Ulyſſes. Ich erlaube es Euch nicht nur, ich ermahne Euch ſogar es zu thun.“ „Nun wohl! Alſo vor allen Dingen Schweigen!“ ſprach Gastano. Alles ſchwieg. Für einen Mann, der, wie Franz, jede Sache aus dem richtigen Geſichtspunkte betrachtete, war ſeine jetzige Lage, wenn nicht gefähr⸗ lich, doch zum Mindeſten ſehr bedenklich. Er befand ſich in der dichteſten Finſterniß, allein mitten auf dem Meere unter Seeleuten, die ihn nicht kannten, und keinen Grund hatten, ihm ergeben zu ſein; die überdem wußten, daß er einige Tauſend Franken in ſeinem Gürtel hatte, und die zehnmal, nicht mit Neid, aber doch mit großer Neugierde ſeine Waffen, die ſehr ſchön waren, prüfend betrachtet hatten. Mit dieſen Männern ſollte er an einer Inſel landen, die freilich einen ſehr frommen Namen hatte, aber ihm, Dank den Schmugglern und Banditen, keine andere Gaſtfreundſchaft als die einer Schädelſtätte verſprach. Dazu nun dieſe Erzählung von den in Grund gebohrten Schiffen, die er bei Tage übertrieben gefunden hatte, die aber bei Nacht an Wahrſcheinlichkeit gewann. So zwiſchen dieſer doppelten, vielleicht wirklichen, vielleicht auch nur eingebildeten Gefahr ſchwebend, ließ er die Männer nicht aus den Augen und ſein Gewehr nicht aus der Hand. Unterdeſſen hatten die Schiffer ihre Segel wieder gehißt und den Weg, den ſie ſchon einmal gemacht, wieder eingeſchlagen. Franz unterſchied, nun ſchon etwas an die Dunkelheit gewöhnt, den Giganten von Granit, an welchem die Barke hinſegelte; endlich, indem ſie wieder um eine Felſenecke bogen, ſah er das Feuer aber⸗ mals, welches jetzt noch heller leuchtete, und um das vier oder fünf Menſchen ſaßen. 364 Der Widerſchein des Feuers erſtreckte ſich an hundert Schritte in das Meer. Gaëtano fuhr um das Licht herum, indem er die Barke immer im Dunkeln hielt; dann aber, als ſie dem Feuer gerade gegenüber war, richtete er den Vordertheil nach demſelben und lief herzhaft in den hellen Kreis ein, wobei er ein Fiſcherlied an⸗ ſtimmte, deſſen Refrain ſeine Gefährten im Chor begleiteten. Bei dem erſten Worte des Liedes hatten die um das Feuer ſitzenden Leute ſich erhoben und kamen, die Augen auf die Barke gerichtet, deren Stärke und Abſichten ſie zu erforſchen ſuchten, nach dem Landungsplatze. Bald ſchienen ſie befriedigt und gingen, mit Ausnahme eines von ihnen, der am Ufer ſtehen blieb, nach dem Feuer zurück, an welchem ein ganzes Ziegenlamm gebraten wurde. Als die Barke dem Ufer bis auf zwanzig Schritt nahe ge⸗ kommen war, machte der Mann, der am Ufer ſtehen geblieben war, mechaniſch mit ſeinem Carabiner die Bewegung einer Schildwache, die eine Patrouille erwartet, und rief in ſardiniſchem Dialekt: „Qui vive!“ Franz zog kaltblütig die Hähne ſeine Gewehre auf. Gaötano wechſelte nun mit dieſem Manne einige Worte, die der Reiſende nicht verſtand, die aber ſichtlich ihn betrafen. „Wollen Excellenz,“ fragte der Patron,„ſich nennen, oder incognito bleiben?“ „Mein Name wird dieſen Herren völlig unbekannt ſein,“ ant⸗ wortete Franz;„ſagt ihnen alſo einfach, daß ich ein Franzoſe bin, der zu ſeinem Vergnügen reiſ't.“ Als Gastano dieſe Erklärung mitgetheilt hatte, gab die Wache einem der am Feuer ſitzenden Männer einen Befehl, worauf der⸗ ſelbe ſogleich aufſtand und in den Felſen verſchwand. Ein all⸗ gemeines Schweigen trat ein. Jeder ſchien nur mit ſeinen An⸗ legenheiten beſchäftigt: Franz mit ſeiner Ausſchiffung, die Matroſen mit ihren Segeln, die Schmuggler mit ihrem Braten; aber in dieſer anſcheinenden Sorgloſigkeit beobachtete man einander gegenſeitig. Der Mann, der ſich entfernt hatte, erſchien jetzt auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite wieder; er machte dem Wachtpoſten ein Zeichen, worauf dieſer ſich nach der Barke wendete und nur die Worte ſagte: „S'accommodi!“ Das„s'accommodi!“ der Italiener iſt unüberſetzbar. Es be⸗ deutet z thut, al w0m m0 Edelman nicht a entgege können, nach un ganz ve Schilde licheit fruchtb Fran Aſchen lichkeit Aufent ſein m T ſelbe und do der I hatte Brate britte er die Feuer und d an⸗ Feuer Barke nach mit dem urde. e ge⸗ war, pache, alekt: 365 deutet zu gleicher Zeit:„Kommt; kommt herein; ſeid willkommen; thut, als wäret Ihr zu Hauſe; es ſteht bei Ihnen.“ Das s'ac- commodi iſt wie jene türkiſche Redensart des Molière, über die der Edelmann gewordene Bürger wegen der vielen Bedeutungen, die ſie hatte, ſich ſo ſehr wunderte. Die Matroſen ließen es ſich nicht zwei Mal ſagen; vier Ruder⸗ ſchläge und die Barke war an's Land. Gaötano ſprang an das Ufer, wechſelte leiſe noch einige Worte mit der Wache, dann kamen ſeine Gefährten, Franz war der Letzte. Er hatte eine ſeiner Doppelflinten am Bandelier, Gaëtano trug die andere und einer der Matroſen, den Carabiner. Sein Anzug war halb der eines Künſtlers, halb der eines Dandy, was den Wirthen keinen Argwohn und folglich keine Unruhe erregte. Die Barke wurde am Ufer befeſtigt und die Neuangekommenen ſuchten einen Platz zum Bivouac; aber der Weg, den ſie dazu ein⸗ ſchlugen, mochte dem Schmuggler, welcher den Wachtpoſten verſah, nicht angenehm ſein, denn er rief Gaötano zu: „Nicht in dieſer Richtung, wenn es Euch beliebt!“ Gaötano ſtammelte eine Entſchuldigung und ſchlug ſogleich den entgegengeſetzten Weg ein, während zwei Matroſen, um leuchten zu können, einige Fackeln am Feuer anzündeten. Die Geſellſchaft machte nach ungefähr dreißig Schritten Halt auf einer kleinen Ebene, die ganz von Felſen umgeben war, in welche Sitze wie eine Art kleine Schilderhäuschen eingehauen waren, von denen man mit Bequem⸗ lichkeit die Gegend beobachten konnte; rings umher ſproßten aus fruchtbaren Erdadern einige Zwergeichen und dichte Myrthenbüſchel. Franz leuchtete mit einer Fackel umher und entdeckte an einem Aſchenhaufen, daß ſie nicht die Erſten waren, welchen die Behag⸗ lichkeit dieſes Platzes einleuchtete, und daß hier ein gewöhnlicher Aufenthaltsort der nomadiſchen Beſucher der Inſel Monte⸗Chriſto ſein mochte. Was ſeine Erwartung großer Ereigniſſe anbetraf, ſo hatte die⸗ ſelbe ganz aufgehört. Als er erſt feſten Fuß auf der Inſel gefaßt und das, wenn nicht freundſchaftliche, doch nicht feindliche Benehmen der Wirthe geſehen hatte, war alle Beſorgniß verſchwunden und hatte ſich durch den vom Bivouac der Schmuggler herandringenden Bratengeruch in Appetit verwandelt. Er erwähnte dieſes flüchtig gegen Gaétano, der ihm antwortete, daß ja nichts leichter zu bewerkſtelligen ſei, als ein Nachteſſen, wenn man, wie ſie, Brod, Wein und ſechs Rebhühner in der Barke und hier ein gutes Feuer habe, um letztere zu braten. „Uebrigens,“ fügte er hinzu,„wenn der Geruch der jungen Ziege für Excellenz ſo verführeriſch iſt, ſo kann ich unſern Nachbarn zwei unſerer Vögel für einen Schnitt ihres Wildes anbieten.“ „Thut das, Gastano, thut das,“ ſagte Franz;„Ihr ſeid wirk⸗ lich mit kaufmänniſchem Genie geboren.“ Unterdeſſen hatten die Matroſen das Geſträuch armvollweiſe ausgeriſſen, Bündel von Myrthen und grünen Eichenzweigen gemacht, welche ſie anzündeten, und dadurch ein hübſches Feuer erhalten. Franz, der mit Behagen den Bratengeruch von der wilden Ziege einathmete, wartete mit größter Ungeduld des Patrons, als derſelbe erſchien und ziemlich befangen zu ihm kam. „Nun?“ fragte er,„was bringt Ihr Neues? Weiſen ſie unſer Anerbieten zurück?“ „Im Gegentheil,“ antwortete Gaétano,„der Anführer, dem berichtet iſt, daß Excellenz ein junger franzöſiſcher Edelmann ſind, bittet Sie, ſein Gaſt zum Nachteſſen zu ſein.“ „Nun wohl!“ ſagte Franz,„das iſt ja ein ſehr feiner, höflicher Mann, dieſer Anführer, und ich wüßte nicht, warum ich ſeine Ein⸗ ladung ausſchlagen ſollte, da ich noch dazu einen Theil des Mahles liefere.“ „O! das iſt es nicht; es ſind Speiſen im Ueberfluß vorhanden; aber er knüpft eine ſonderbare Bedingung an Ihre Aufnahme bei ſich.“ „Bei ſich?“ erwiderte der junge Mann;„er hat alſo ein Haus bauen laſſen?“ „Nein, aber er hat doch ein, wie man wenigſtens verſichert, ſehr behagliches und feines bei ſich.*)“ „Ihr kennt alſo dieſen Anführer?“ „Ich habe von ihm gehört.“ „Gutes oder Böſes?“ „Beides.“ *) Bezüglich auf das chez soi(zu Hauſe) der Franzoſen. bewohnt 1 einnehm „ lichkeit. Tages gekomn etwas „2 Vorten 367 ortete„Teufel! Und worin beſteht die Bedingung, die er mir vor⸗ wenn ſchreibt?“ und 4„Darin, daß Sie ſich die Augen verbinden laſſen, und die ABinde nicht eher abnehmen, als bis er ſelbſt Sie dazu auffordert.“ ungen Franz beobachtete forſchend Gaëtano's Geſicht, um wo möglich hbatnn zu errathen, was dieſe Bedingung verbarg. „Ach der Teufel!“ ſagte Gaëtano, Franzen's Gedanken errathend, wirk⸗„ich weiß wohl, die Sache erfordert Ueberlegung.“ *„Was würdet Ihr an meiner Stelle thun?“ fragte der junge weiſe Mann. acht,„Ich, der nichts zu verlieren hat, ich ginge.“ aalten.„Ihr nähmt es an?“ diege„Ja, und wäre es nur aus Neugierde.“ rſebe„Es iſt alſo etwas Bemerkenswerthes bei dieſem Manne zu un ſehen?“ unſet„Hören Sie,“ ſagte Gaötano flüſternd,„ich weiß nicht, ob es woaahr iſt, was man erzählt.“ Er ſah ſich vorſichtig um, ob auch Niemand Fremdes zuhörte. dem.„Und was erzählt man?“ ſind,„Man ſagt, daß dieſer Anführer einen unterirdiſchen Palaſt beerwohnt, gegen den das Palais Pitti gar nichts iſt.“ ſicher 4„Welcher Traum!“ ſagte Franz, den verlaſſenen Sitz wieder Ein einnehmend. ahles„O! es iſt kein Traum“, fuhr der Patron fort,„es iſt Wirk⸗ nien 4 lichkeit. Cama, der Steuermann des„St. Fernand“, iſt eines b SDages darin geweſen und ganz entzückt und verwundert zurück⸗ ſch. gekommen und hat verſichert, daß es nur in den Feenmärchen daus etwas Aehnliches gäbe.“ 4„Ach! ſo! aber wißt Ihr wohl, daß Ihr mich mit ſolchen chert, Worten dahin bringen könntet, in die Höhle Ali⸗Baba's hinunter zu ſteigen?“ 71„Ich erzähle, was man mir geſagt hat,“ Excellenz.“ „Ihr rathet mir alſo, es anzunehmen?“ „O! das ſage ich nicht, Excellenz müſſen thun, was Ihnen gut dünkt. Ich möchte Ihnen bei einer ſolchen Gelegenheit nicht rathen.“ Franz überlegte einige Augenblicke, bedachte, daß ein ſo reicher, Mann gegen ihn, der nur einige tauſend Franken bei ſich hatte, 368 nichts Böſes im Sinne haben könne; und da er bei dem Allen nur die Ausſicht auf ein köſtliches Mahl vorausſah, nahm er es an. Gaötano überbrachte ſeine Antwort. Indeſſen, wie wir ſchon geſagt haben, Franz war vorſichtig; deshalb wollte er möglichſt genaue Nachricht über ſeinen unbekannten geheimnißvollen Wirth haben. Er wendete ſich alſo zu dem Ma⸗ troſen, der während dieſer Unterhaltung mit der Wichtigkeit eines auf ſein Amt ſtolzen Mannes, die Rebhühner gerupft hatte, und fragte ihn, worin dieſe Männer gekommen wären, da weder Barken, noch Speronara's, noch Tartanen zu ſehen ſeien. „Darüber wundere ich mich nicht, ich kenne das Fahrzeug, deſſen ſie ſich bedienen.“ „Iſt es ein hübſches Fahrzeug?“ „Ich wünſche Excellenz ein ähnliches zur Reiſe um die Welt.“ „Wie ſtark iſt es?“ „Nun! hundert Tonnen ungefähr. Es iſt übrigens ein ganz beſonderes Schiff, eine Yacht, wie die Engländer ſagen, aber von ſolcher Beſchaffenheit, daß ſie zu jeder Zeit die See halten kann.“ „Und wo iſt es gebaut?“ „Ich weiß nicht, glaube aber in Genua.“ „Und wie kann ein Schmugglerhaupt,“ fuhr Franz fort,„eine Nacht, die er zu ſeinem Handel benutzen will, im Hafen von Genna bauen laſſen?“ „Ich habe nicht geſagt, daß der Eigenthümer dieſer Yacht das Haupt von Schmugglern ſei,“ verſetzte der Schiffer. „Nein, aber Gastano, glaube ich, hat es geſagt.“ „Gastano hatte die Mannſchaft von Weitem geſehen, aber noch mit Niemand geſprochen.“ „Wenn nun dieſer Mann kein Schmugglerhaupt iſt, was iſt ergdenn?“ „Ein reicher Herr, der zu ſeinem Vergnügen reiſ't.“ „Ha,“ dachte Franz,„der Mann wird immer geheimnißvoller, je verſchiedener die Nachrichten von ihm lauten.“ „Und wie heißt er?“ „Wenn man ihn fragt, ſo nennt er ſich Sindbad der See⸗ fahrer; aber ich zweifle, daß dieſes ſein wahrer Name iſt.“ „Sindbad der Seefahrer?“ 2= — S=Sͤ==SS einen: dringer Mal ſe haben Eingan ſondern „ einem „0 der er 8 der N Tuch redet einer fürchte die Bi N ging, fähr d lichen merkte geführ Der ‿₰ 9. G „Ja.“ Aℳ 27 „Und wo wohnt dieſer Ferr?“ „Auf dem Meere.“ „Aus welchem Landeé iſt er?“ „Ich weiß nicht.“ „Habt Ihr ihn geſehen“ „Zuweilen.“ 3„ „Was iſt es für ceach nug „Excellenz werden ſelbſt urtheilen.“ „Und wo wird er mich empfangen?“ „Ohne Zweifel in ſeinem unterirdiſchen Palaſte, von dem Gastano Ihnen geſagt hät.“ „Und habt Ihr nie, wenn Ihr Euch auf dieſer Inſel aufhieltet, einen neugierigen Verſuch gemacht, in dieſes bezauberte Schloß zu dringen?“ „Ol gewiß, Excellenz,“ entgegnete der Matroſe,„mehr als ein Mal ſogar, aber alle unſere Nachforſchungen waren umſonſt; wir haben die Höhle nach allen Seiten unterſucht, aber nicht den kleinſten Eingang gefunden. Uebrigens ſagt man, daß nicht ein Schlüſſel, ſondern ein magiſches Wort die Thüre öffnet.“ „Ei!“ dachte Franz,„da muß ich hin, da bin ich ja mitten in einem Märchen aus Tauſend und eine Nacht.“ „Excellenz erwartet Sie,“ ſagte hinter ihm eine Stimme, in der er die Schildwache erkannte. Der Neuangekommene war von zwei Mann der Schiffsequipage der Nacht begleitet. Statt aller weiteren Antwort zog Franz ſein Tuch aus der Taſche und hielt es dem hin, der ihn zuerſt ange⸗ redet hatte. Schweigend verband ihm der Mann die Augen, mit einer Sorgfalt, welche bewies, wie ſehr man ſeine Indiscretion fürchtete; zum Ueberfluß mußte er ſchwören, unter keiner Bedingung die Binde zu lüften, bis man ihn dazu auffordern würde. Er ſchwor. Nun nahmen zwei Mann ihn jeder bei einem Arme und er ging, von ihnen geführt und von der Wache gefolgt. Nach unge⸗ fähr dreißig Schritten merkte er an der Hitze und an dem appetit⸗ lichen Bratengeruche, daß ſie an dem Feuer vorüberkamen, dann merkte er, daß er ungefähr fünfzig Schritte nach der Seite hin geführt wurde, wo Gaötano zurückgewieſen worden war, was er Der Graf von Monte⸗Cbriſto. 8 24* — 4 370 ſich jetzt erklärte. Endlich erkannte er an der Veränderung der Luft, daß er ſich in einem unterirdiſchen Gange befand. Nachdem er noch einige Sekunden gegangen war, hörte er ein Krachen und die Luft ſchien ihm verändert, weich und Wohlgeruch duftend; nun fühlte er, daß ſeine Füße einen weichen, dicken Teppich berührten; ſeine Führer entfernten ſich. Nach einem kurzen Schweigen ſagte eine Stimme in gutem Franzöſiſch, aber mit fremdem Accente: „Sie ſind bei mir willkommen, mein Herr, und können ſich Ihrer Binde entledigen.“ Dieſe Einladung ließ ſich Franz, wie man ſich denken kann, nicht zwei Mal wiederholen; er nahm ſein Tuch ab und fand ſich einem Manne von achtunddreißig bis vierzig Jahren gegenüber, der tuneſiſch gekleidet war. Er trug ein rothes Käppchen mit einer langen Troddel von ſchwarzem Tuch, weite, bauſchigte, dunkelrothe Pantalons, Camaſchen von derſelben Farbe, mit Gold geſtickt, wie die Weſte, und gelbe Pantoffeln; ein prachtvoller Cachemir um⸗ ſchloß ſeine Hüfte, und ein kleiner, ſpitzer, gekrümmter Caugiar ſteckte in ſeinem Gürtel. Obgleich dieſer Mann faſt leichenhaft blaß war, hatte er doch ein ausgezeichnet ſchönes Geſicht; ſeine Augen waren lebendig und durchdringend; ſeine Naſe, gerade und faſt mit der Stirn gleich, hatte die reinſte griechiſche Form, und ſeine perlen⸗ weißen Zähne ſtachen wundervoll gegen den ſchwarzen Schnurrbart ab, der ſie einfaßte. Nur dieſe Bleichheit war fremdartig; man hätte ſagen mögen, er ſei lange in einer Gruft eingeſchloſſen geweſen und habe daher die Farbe der Lebenden auf immer verloren. Ohne eben groß zu ſein, war er doch wohlgebaut und hatte, wie faſt alle Südländer, kleine Hände und Füße. Was aber Franz, der die Erzählung Gaöëtano's für einen Traum gehalten hatte, beſonders in Erſtaunen verſetzte, war die prachtvolle Einrichtung dieſer unter⸗ irdiſchen Wohnung. Das ganze Gemach war mit einem rothen, türkiſchen, mit Gold⸗ blumen durchwirkten Stoffe behangen. In einer Vertiefung deſſelben befand ſich eine Art Divan unter einer Trophäe von arabiſchen Waffen, mit Scheiden von Vermeil*), deren Griffe von Diamanten ſtrahlten; von der Decke hing eine Lampe von venetianiſchem Glaſe *) In Feuer vergoldetem Silber. herab, auf eine ſanken; die, wel erleucht ſeiner 1 Mal und unterwo mehrent heimniß meiner vorfind des Ve mich, ziehen nehmlie hier ge leidlich „ brauche leſen, vetbin ich ha mich n Ihres bereiter ſelbe z iſt ber 3 nubiſch einer e Herrn v Luft, in er d die fühlte ſeine eine n ſich kann, ſich der einer lrothe t, wie ab um⸗ tugiar blaß ugen ſt mit erlen⸗ rrbart hätte n und Ohne te faſt er die ers in unter⸗ Gold⸗ ſelben iſchen anten Glaſe 371 herab, deren Form und Farbe reizend war, und die Füße ruhten auf einem türkiſchen Teppiche, in den ſie bis an die Knöchel ein⸗ ſanken; vor den Thüren hingen Vorhänge, und Franz ſah durch die, welche in das folgende Gemach führten, daß daſſelbe glänzend erleuchtet war. Der Wirth überließ Franz einige Minuten ganz ſeiner Ueberraſchung, übrigens betrachtete er ihn mit derſelben Auf⸗ merkſamkeit, wie er und ſeine Umgebung betrachtet wurde, und ließ ihn nicht aus den Augen. „Mein Herr,“ ſagte er endlich zu ihm,„ich bitte Sie tauſend Mal um Verzeihung wegen den Vorſichtsmaßregeln, denen man Sie unterworfen hat, um Sie zu mir zu bringen; da aber dieſe Inſel mehrentheils unbewohnt iſt, würde ich ohne Zweifel, wenn das Ge⸗ heimniß dieſer Wohnung bekannt würde, eines ſchönen Tages bei meiner Rückkehr mein Abſteigequartier in ziemlich ſchlechtem Zuſtande vorfinden, was mir ſehr unangenehm ſein würde, nicht ſowohl wegen des Verluſtes, aber weil ich dann nicht mehr die Gewißheit hätte, mich, ſobald ich wollte, von dem übrigen Theile der Erde zurück⸗ ziehen zu können. Jetzt will ich mich bemühen, dieſe kleine Unan⸗ nehmlichkeit vergeſſen zu machen, indem ich Ihnen biete, was Sie hier gewiß nicht zu finden hofften, nämlich ein gutes Souper und leidlich gute Betten.“ „Meiner Treu, mein lieber Herr Wirth,“ verſetzte Franz,„Sie brauchen ſich deshalb nicht zu entſchuldigen. Ich habe immer ge⸗ leſen, daß man den Leuten, die in Zauberpaläſte gehen, die Augen verbindet; ſehen Sie nur Raoul in den Hugenotten, und wirklich, ich habe mich nicht zu beklagen, denn was ich hier ſehe, verſetzt mich mitten in die Wunder von Tauſend und einer Nacht.“ „Ach! ich muß Ihnen ſagen, wie Lucullus: wenn ich die Ehre Ihres Beſuches vorausgeſehen hätte, würde ich mich darauf vor⸗ bereitet haben. Indeſſen, ſo wie meine Einſiedelei iſt, ſtelle ich die⸗ ſelbe zu Ihrer Dispoſition; und ſo mager es iſt, mein Abendeſſen iſt bereit. Alil iſt angerichtet?“ In demſelben Augenblicke theilten ſich die Vorhänge, und ein nubiſcher Neger, der ſchwarz glänzend wie Ebenholz und nur mit einer einfachen, blendend weißen Tunica bekleidet war, machte ſeinem Herrn das Zeichen, daß er in den Eßſaal gehen könne. „Ich weiß nicht,“ ſagte der Unbekannte zu Franz,„ob Sie 24* 372 meiner Meinung ſind, ich finde nichts läſtiger, als zwei oder drei Stunden beiſammen zu ſein, ohne zu wiſſen, mit welchem Namen oder Titel man einander zu nennen hat. Nun ſchätze ich aber die Geſetze der Gaſtfreundſchaft viel zu hoch, um Sie nach Ihrem wahren Stand und Namen zu fragen, und bitte Sie deshalb nur, einen Namen zu bezeichnen, mit welchem ich Sie anreden kann. Was mich betrifft, ſo pflegt man mich Sindbad der Seefahrer zu nennen.“ „Und ich,“ antwortete Franz,„bitte Sie, da mir zu der Lage Aladdins nur die Wunderlampe fehlt, mich Aladdin zu nennen. Das entſpricht unſern Umgebungen, die mich glauben machen, durch die Macht irgend eines guten Geiſtes in den Orient verſetzt zu ſein.“ „Nun wohl! Herr Aladdin,“ ſprach der neue Amphitryon,„Sie haben gehört, daß angerichtet iſt; bemühen Sie ſich alſo gefälligſt in das Eßzimmer, Ihr unterthäniger Diener wird vorangehen, um Ihnen den Weg zu zeigen.“ Und mit dieſen Worten hob Sindbad den Vorhang und ging wirklich vor Franz in den Eßſaal. Die Bezauberung vermehrte ſich um Franz; die Tafel war reich beſetzt. Dieſes wichtigen Punktes erſt gewiß, ſah er ſich weiter in dem Gemache um. Der Eßſaal war ein längliches Viereck, deſſen Wände von Marmor, mit antiken Basreliefs von hohem Werthe geziert waren. In den vier Ecken ſtanden prachtvolle Statuen, welche Körbe auf ihren Köpfen trugen. Dieſe Körbe enthielten Pyramiden der köſtlichſten Früchte; Sicilien hatte Ananas, Malaga Granatäpfel, die baleariſchen Inſeln Orangen, Frankreich Pfirſiche und Tunis Datteln geliefert. Das Souper beſtand aus einem ge⸗ bratenen Faſan, mit corſicaniſchen Amſeln garnirt, einem Eber⸗Schinken in Gelée, einem Ziegenlammviertel à la tartare, einem prächtigen Steinbutt und einem rieſigen Hummer. Zwiſchen den großen Schüſſeln ſtanden viele kleine, mit Zwiſchengerichten. Die Schüſſeln waren von Silber, und die Teller von japaniſchem Porzellan. Franz rieb ſich die Augen, um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume. Ali allein verrichtete den Dienſt, und auf eine ganz vorzügliche Weiſe. Der Gaſt machte dem Wirthe ein Compliment darüber. „Ja,“ entgegnete dieſer, mit größter Behahlichkeit die Honneurs beim Eſſen machend;„ja, der arme Teufel iſt mir ſehr ergeben und thut ſein Möglichſtes. Er vergißt nie, daß ich ihm das Leben ge⸗ zuvor erließ mir, dürfe. Ferne Schiff bis m nicht ſein Sie o Leben ich n kannt Zeit ausſt drei amen er die lahren einen Was nen.“ Lage nnen. durch ein.“ „Sie ſiligſt „um Indbad war veiter deſſen VLerthe stuen, ielten alaga irſiche m ge⸗ hinken gtigen roßen üſſeln Franz ume. gliche r. neurs und n ge⸗ 373 rettet habe, und da er, wie es ſcheint, großen Werth auf ſeinen Kopf legt, iſt er mir ſehr dankbar, ihm denſelben erhalten zu haben.“ Ali ſah an den Blicken ſeines Herrn, obgleich er nicht fran⸗ zöſiſch verſtand, daß von ihm die Rede war; er näherte ſich alſo dem Tiſche, nahm die Hand ſeines Herrn und küßte ſie. „Und würden Sie es unbeſcheiden finden, Herr Sindbad, wenn ich Sie fragte, bei welcher Gelegenheit Sie die ſchöne That ver⸗ richteten?“ „O! mein Gott! das iſt ſehr einfach,“ erwiderte der Wirth. „Es ſchien, als habe der arme Schelm ſich dem Serail des Bey von Tunis näher gewagt, als es für einen Schlingel von ſeiner Farbe ſchicklich iſt; ſo daß er von dem Bey verurtheilt wurde, den erſten Tag die Zunge, den zweiten die Hand und den dritten den Kopf zu verlieren. Ich hatte mir ſchon immer einen ſtummen Diener gewünſcht; als ich hörte, daß ihm die Zunge ausgeſchnitten ſei, ging ich zum Bey und bat denſelben, mir Ali zu überlaſſen, gegen eine vorzüglich ſchöne und prachtvolle Doppelflinte, welche mir am Abend zuvor die Wünſche ſeiner Hoheit gereizt zu haben ſchien. Der Bey erließ ihm den Verluſt der Hand und des Kopfes und überließ ihn mir, jedoch mit der Bedingung, daß er nie wieder Tunis betreten dürfe. Der Befehl war überflüſſig; ſobald der Ungläubige in weiteſter Ferne die Küſten von Afrika erblickt, flüchtet er ſich in den unterſten Schiffsraum und iſt durch nichts zu bewegen, denſelben zu betreten, bis man außer dem Geſichtskreiſe des dritten Welttheils iſt.“ Franz blieb einen Augenblick ſtumm und gedankenvoll, da er nicht wußte, was er von der grauſamen Gutmüthigkeit, mit welcher ſein Wirth ihm dieſe Begebenheit erzählt hatte, denken ſollte. „Und Sie bringen wie der würdige Seefahrer, deſſen Namen Sie angenommen haben,“ ſagte er, die Unterhaltung wechſelnd,„Ihr Leben mit Reiſen zu?“ „Ja, es iſt ein Gelübde, welches ich in einer Zeit that, wo ich noch nicht glaubte, es je erfüllen zu können,“ ſagte der Unbe⸗ kannte lächelnd,„ich habe deren einige gethan, die ich alle zu ihrer Zeit zu erfüllen hoffe.“ Obgleich Sindbad dieſe Worte mit der größten Kaltblütigkeit ausſprach, funkelten ſeine Augen dabei mit befremdender Wildheit. „Sie haben viel gelitten, Herr?“ bemerkte Franz. — — — — — 374 Sindbad zitterte und ſah ihn ſtarr an. „Woraus ſchließen Sie das?“ fragte er. „Aus Allem,“ entgegnete Franz,„aus Ihrer Stimme, aus Ihrem Blicke, aus Ihrer Bleichheit, und ſelbſt aus dem Leben, welches Sie führen.“ „Ich! ich führe das glücklichſte Leben, das ich kenne, das wahre Leben eines Paſcha; ich bin der König der Schöpfung, gefällt es mir irgendwo, ſo bleibe ich da; langweile ich mich, ſo reiſe ich ab; ich bin frei wie der Vogel, habe Flügel wie er. Die Leute, welche mich umgeben, gehorchen meinen leiſeſten Winken; von Zeit zu Zeit ſpotte ich der menſchlichen Gerechtigkeit, indem ich ihr einen Ban⸗ diten, den ſie ſucht, einen Verbrecher, den ſie verfolgt, entführe. Denn ich habe meine eigene Juſtiz, hohe und niedere, ohne Auf⸗ ſchub und Appellation, welche verurtheilt und begnadigt, und von der Niemand etwas gewahr wird. Ach! wenn Sie meine Lebens⸗ weiſe gekoſtet hätten, würden Sie keine andere mehr mögen, und nie wieder in die Welt zurückkehren, Sie müßten denn einen wichtigen Plan in derſelben auszuführen haben.“ „Eine Rache zum Beiſpiel,“ ſagte Franz. Der Unbekannte warf einen jener Blicke auf den jungen Mann, die in das Innere der Seele dringen. „Und warum eine Rache?“ fragte er. „Weil Sie,“ erwiderte Franz,„mir das Anſehen eines Mannes haben, der von der Geſelſſchaft verfolgt, irgend eine ſchreckliche Rechnung mit derſelben abzumachen hat.“ „Nun wohl!“ ſagte Sindbad mit ſeinem ſonderbaren Lächeln, welches ſeine weißen, ſpitzen Zähne zeigte,„Sie irren ſich; ſo wie Sie mich ſehen, bin ich eine Art von Philanthrop, und komme vielleicht einſt nach Paris, um mit Herrn Appert und dem Manne im kleinen blauen Mantel zu concurriren.“ „Und wird dieſes das erſte Mal ſein, daß Sie dieſe Reiſe machen?“ „Ach! mein Gott ja. Ich erſcheine Ihnen ſehr wenig neu⸗ gierig, nicht wahr? aber ich verſichere Sie, daß ich an dieſer Zöger⸗ ung nicht ſchuld bin; doch wird es noch dazu kommen.“ „Und denken Sie dieſe Reiſe bald zu unternehmen?“ beſtim richten brachte Hände Körbe 6 Neug welche völlig vorher verget Subſt nicht und Tafe Zwei Nam Wie nicht Sind anzu Sin Sie aus kden, ahre lt es b ab, vwelche Zeit Ban⸗ ühre. Auf⸗ d von ebens⸗ 1 und htigen annte nnere annes ſcliche icheln, 0 wie omme Nanne Reiſe neu⸗ öger⸗ —, — 375 „Ich weiß es ſelbſt noch nicht, es hängt von Umſtänden ab, die ich nicht berechnen kann.“ „Ich wünſchte alsdann gerade anweſend zu ſein, um Ihnen, ſo viel es in meinen Kräften ſtände, die Gaſtfreundſchaft, die Sie mir ſo reichlich auf Monte⸗Chriſto gewähren, vergelten zu können.“ „Ich würde Ihr Anerbieten mit größtem Danke annehmen,“ erwiderte der Wirth;„aber unglücklicherweiſe werde ich vielleicht in Incognito bleiben müſſen. Indeſſen hatte das Mahl ſeinen Fortgang, und ſchien für Franz beſtimmt zu ſein, denn der Wirth koſtete kaum von den ſchönen Ge⸗ richten, denen ſein unerwarteter Gaſt ſo viel Ehre erwies. Endlich brachte Ali den Nachtiſch, oder nahm vielmehr die Körbe aus den Händen der Statuen und ſetzte ſie auf den Tiſch. Zwiſchen zwei Körbe ſetzte er einen verdeckten Pokal von Vermeil. Der Reſpekt, mit welchem Ali den Pokal brachte, reizte Franzens Neugier. Er hob den Deckel auf und ſah eine Art grünlichen Teig, welcher der eingemachten Angelica(Engelwurz) ähnlich, ihm aber völlig unbekannt war. Er legte, nach Lüftung des Pokals, als vorher, den Deckel wieder auf und ſah, daß ſein Wirth über ſeine vergebliche Neugierde lächelte. „Sie können nicht errathen,“ ſagte dieſer,„was für eine Art Subſtanz dieſe kleine Vaſe enthält, und das iſt Ihnen unangenehm, nicht wahr?“ „Ich geſtehe es.“ „Nun wohll dieſes ſonderbare grüne Confect iſt nicht mehr und nicht weniger, als die Ambroſia, welche Hebe an Jupiters Tafel darreichte.“ „Aber dieſe Ambroſia,“ entgegnete Franz,„wird doch ohme Zweifel, indem ſie in Menſchenhände überging, ihren himmliſchen Namen verloren und einen irdiſchen Namen angenommen haben? Wie heißt alſo dieſe Subſtanz, zu der ich mich, aufrichtig geſagt, nicht ſehr hingezogen fühle, im gemeinen Leben?“ „Ei, das zeigt eben unſern materiellen Urſprung an,“ rief Sindbad aus;„wir gehen oft ſo an dem Glücke vorbei, ohne es anzuſehen, oder wenn wir es angeſehen haben, ohne es zu erkennen. Sind Sie ein poſitiver Menſch, und iſt das Gold Ihr Gott? koſten Sie hiervon und die Minen von Peru, Guzurade und Golconda 1 376 werden Ihnen offen ſtehen. Sind Sie ein Mann von Phantaſie und Gefühl, ein Dichter? koſten Sie, und die Grenzen der Möglich⸗ keit werden verſchwinden; die Gefilde der Unendlichkeit werden Ihnen geöffnet ſein. Sie werden freien Herzens und Geiſtes, in dem unermeßlichen Gebiete der Träume luſtwandeln. Sind Sie ehrgeizig? tragen Sie Verlangen nach irdiſcher Größe? koſten Sie auch, und in einer Stunde ſind Sie König der ganzen Welt. Ihr Thron ſteht auf dem Berge, wohin Satan den Herrn führte, und ohne ihn anbeten, ohne ſeine Kralle küſſen zu müſſen, werden alle Reiche der Erde Ihnen angehören. Iſt es nicht anziehend, was ich Ihnen biete, ſagen Sie, und iſt es nicht ſehr leicht, da man nur dies zu thun hat? Sehen Sie her.“ Mit dieſen Worten öffnete er nun ſeinerſeits auch den kleinen Pokal, welcher die ſo geprieſene Subſtanz enthielt, nahm einen Theelöffel voll von dem magiſchen Confecte, ſteckte es in den Mund und genoß es ſo langſam, mit halb geſchloſſenen Augen und hinten über gelehntem Kopfe. Franz ließ ihm gehörige Zeit, ſeine Lieblings⸗ ſpeiſe zu genießen; dann als er ihn wieder etwas zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen ſah, fragte er: „Aber was iſt denn nun endlich dieſe köſtliche Speiſe?“ „Haben Sie von dem Alten vom Berge gehört?“ fragte ihn ſein Wirth,„von demſelben, der Philipp Auguſt wollte ermorden laſſen?“ „Gewiß.“ „Nun wohl! Sie wiſſen, daß er über ein reiches Thal regierte, welches der Berg, von dem er den bezeichnenden Namen angenommen hatte, beherrſchte. In dieſem Thale waren prachtvolle, von Haſſan⸗ ben⸗Sabach angelegte Gärten, und in dieſen Gärten abgeſonderte Pavillons. In dieſe Pavillons, ſagt Marco⸗Polo, ließ er ſeine Er⸗ wählten eintreten und daſelbſt von einem gewiſſen Kraut eſſen, welches ſie in das Paradies, zwiſchen lauter immer blühende Blumen, immer reife Früchte und immer reine Jungfrauen, verſetzte. Was nun dieſe überglücklichen Jünglinge für Wirklichkeit hielten, war nur Traum, aber ein ſo ſüßer, ſo berauſchender, ſo ſeliger Traum, daß ſie dem, der ſie in denſelben verſetzt hatte, Seele und Leib ver⸗ kauften, und ſeinen Befehlen, wie denen Gottes gehorchten; ſie folgten dem ihnen bezeichneten Opfer, welches ſie treffen ſollten, bis urtheil Dingel heſtig der N nicht Die be keit m wird welche die T leben, Wenn würde für de Himm koſten 6 wunde ihn in u ich u , in Sie Sie Ihr und alle 8 ich nur einen einen Mund hinten ings⸗ ſt ge⸗ e ihn orden jerte, nmen iſan⸗ derte Er⸗ eſſen, men, Was war num, ver⸗ ſie bis 377 an das Ende der Welt, ſtarben unter Martern, ohne ſich zu be⸗ klagen, bei dem bloßen Gedanken, daß der Tod, der ihnen drohe, nur ein Uebergang zu dem Wonneleben ſei, von dem dieſes heilige Kraut, das hier vor Ihnen ſteht, ihnen einen Vorgeſchmack gegeben hatte.“ „Dann,“ rief Franz,„iſt es Hatchis, ja das kenne ich, wenigſtens dem Namen nach.“ „Sie haben das Rechte getroffen, Herr Aladdin, es iſt Hatchis, das beſte und reinſte Hatchis aus Alexandrien, das Hatchis des Abou⸗ Gor, des großen Verfertigers, des einzigen Mannes, des Mannes, dem man einen Palaſt mit der Inſchrift:„Dem Verkäufer des Glückes die dankbare Welt“ bauen ſollte.“ „Wiſſen Sie,“ ſagte Franz,„daß ich große Luſt habe, mich ſelbſt von der Wahrheit oder Uebertreibung Ihres Lobes zu über⸗ zeugen?“ „Ueberzeugen Sie ſich, mein Gaſt, überzeugen Sie ſich, aber urtheilen Sie nicht nach dem erſten Verſuche. Wie man in allen Dingen ſeine Sinne an einen neuen Eindruck, er ſei ſanft oder heftig, traurig oder heiter, gewöhnen muß, ſo findet auch ein Kampf der Natur gegen dieſe göttliche Subſtanz ſtatt, denn die Natur, nicht für dieſe Wonne gemacht, klammert ſich an den Schmerz.— Die beſiegte Natur muß erſt im Kampfe unterliegen; die Wirklich⸗ keit muß dem Traume weichen, und dann herrſcht der Traum, dann wird der Traum zum Leben, und das Leben zum Traum; aber welcher Unterſchied, wenn man die Schmerzen der Wirklichkeit gegen die Wonnen dieſes Traumes aufwiegt! Sie möchten nicht mehr leben, ſondern immer träumen, wenn Sie dieſen Zuſtand kennten. Wenn Sie Ihre Traumwelt gegen die wirkliche aufgeben müßten, würde Ihnen ſein, als gäben Sie einen neapolitaniſchen Frühling für den lappländiſchen Winter, das Paradies für die Erde, den Himmel für die Hölle hin. Koſten Sie das Hatchis, mein Gaſt, koſten Sie es.“ Statt der Antwort nahm Franz einen Löffel voll von dieſem wunderbaren Teig, wie ſein Amphitryon genommen hatte und ſteckte ihn in den Mund. „Teufel,“ rief er, nachdem er dieſes göttliche Confect genommen, „ich weiß weiß noch nicht, ob das Reſultat ſo angenehm ſein wird, 378 wie Sie ſagen, aber die Sache ſelbſt ſcheint mir nicht ſo köſtlich, wie ſie behaupten.“ „Weil die Muskeln Ihres Gaumens noch nicht für die Fein⸗ heit dieſer Subſtanz empfänglich ſind, welche Ihnen geboten wird. Sagen Sie mir, haben Sie gleich zum erſten Male die Auſtern, den Thee, den Porter, die Trüffeln wohlſchmeckend gefunden? lauter Sachen von denen Sie jetzt entzückt ſind. Begreifen Sie die Römer, welche die Faſanen mit Aſſa foetida würzten, und die Chineſen, welche Schwalbenneſter eſſen?“ „Mein Gott, nein.“ „Nun, ſehen Sie!l daſſelbe iſt es mit dem Hatchis: eſſen Sie nur acht Tage hinter einander davon, und ſchon am neunten Tage wird keine Speiſe von der Welt Ihnen die Feinheit derjenigen zu erreichen ſcheinen, die Ihnen vielleicht heute fade und ekelhaft dünkt. Jetzt laſſen Sie uns aber in das anſtoßende Zimmer, welches das Ihrige iſt, gehen, Ali wird uns mit Kaffee bedienen und uns Pfeifen bringen.“ Sie ſtanden von der Tafel auf, und während der Wirth einige Befehle gab, ging Franz in das bezeichnete Zimmer. Dieſes war einfacher, obgleich nicht minder reich möblirt. Es war rund, und ein großer Divan nahm die ganze Wand ein. Aber Divan, Wand, Decke und Fußboden, war Alles mit den bköbſtlichſten, feinſten und weichſten Fellen bekleidet, die den weichſten Teppichen nichts nachgaben; da waren die Häute der Löwen des Atlas, mit ihren gewaltigen Mähnen, der bengaliſchen Tiger, mit brennenden Streiſen, der Panther vom Cap, gefleckt wie der, welcher dem Dante erſchien; endlich Felle von ſibiriſchen Bären und norwegiſchen Füchſen, und alle die Felle waren ſo reich über einander geworfen, daß man auf dem weichſten Raſen zu gehen, oder in dem zarteſten Bette zu liegen glaubte. Beide ſtreckten ſich auf dem Divan aus; die feinſten Cigarren mit Röhren von Jasmin und Ambrakügelchen waren ſo geſtellt, daß ſie dieſelben mit der Hand erreichen konnten. Sie nahmen Jeder eine. Ali zündete ſie an und ging, den Kaffee zu holen. Ein Schweigen trat ein, während deſſen Sindbad ſich den Ge⸗ danken hingab, die ihn unabläſſig, und während der Unterhaltung, zu beſchäftigen ſchienen, und Franz ſich jener ſtummen Träumerei Morge die zu ſonder „ich g dem O wieder aufſuch „ denn i Schwi umkre 379 üi, überließ, in welche man faſt immer verfällt, wenn man köſtlichen Tabak raucht, der auf ſeinen Wolken allen Kummer der Seele zu e ehe. entführen und dem Raucher dafür die Wonne der Träume zu ge⸗ Fui währen ſcheint. lauter Ali brachte den Kaffee. läner„Wie werden Sie ihn trinken?“ fragte der Unbekannte;„auf neen franzöſiſche oder türkiſche Manier, ſtark oder leicht, mit oder ohne 3 Zucker, filtrirt oder gekocht? Sie haben zu wählen; wir ſind auf alle Zubereitungsarten eingerichtet.“ „Ich wünſche ihn auf türkiſche Manier zu trinken,“ verſetzte nei. Franz. Tage„Und Sie haben Recht,“ rief der Wirth,„das beweiſ't, daß ſen u Sie Anlagen zu der orientaliſchen Lebensweiſe haben. Ach! die dünt. Morgenländer! Glauben Sie mir, das ſind die einzigen Menſchen, 3 3 die zu leben verſtehen. Was mich anbetrifft,“ fügte er mit jenem eiſen ſonderbaren Lächeln hinzu, das dem jungen Manne nicht entging, 2 1„ich gehe, wenn ich meine Geſchäfte in Paris beendigt habe, nach einige dem Orient, um dort mein Leben zu beſchließen, und wenn Sie mich nieederſehen wollen, werden Sie mich in Cairo, Bagdad oder Ispahan G aauſſuchen müſſen.“ Aber„Meiner Treu,“ ſagte Franz,„das wird leicht zu machen ſein, iſten, denn ich fühle mich wie mit Adlerſchwingen gehoben, und mit dieſen pichen Schwingen will ich in Zeit von vierundzwanzig Stunden die Welt , Mit unmnfkreiſen.“ nenden—„Ah; ahl das iſt die Wirkung des Hatchis; nun wohl! entfalten Dante Sie Ihre Schwingen und fliegen Sie in übermenſchliche Regionen; ücſen, fuürchten Sie nichts, man wacht über Sie, und wenn Ihre Flügel, 3 man wie die des Icarus, an der Sonne ſchmelzen, ſo ſind wir hier, um ette zu Sie aufzufangen.“ einſten Darauf ſagte er einige arabiſche Worte zu Ali, der ein Zeichen ten ſo der Folgſamkeit machte und ſich zurückzog, jedoch ohne ſich zu ent⸗ Sie fernen. In Franzens Innerem fand eine ſonderbare Umgeſtaltung fee zZ ſtatt: alle körperliche Anſtrengung des Tages, und alle geiſtige Auf⸗ regung und Beſorgniß, welche die Begebenheiten des Abends ver⸗ n Ge⸗ anlaßt hatten, verſchwanden, wie in einem erſten Augenblicke der ltung, Ruhe, wo man noch wach genug iſt, um die Annäherung des mmerei Schlummers zu empfinden. Sein Körper ſchien eine weſenloſe 380 Leichtigkeit zu gewinnen, ſein Geiſt erhellte ſich auf eine unerhörte Weiſe, die Fähigkeiten ſeiner Sinne verdoppelten ſich. Der Horizont erweiterte ſich, aber es war nicht mehr jener düſtere Horizont, über welchem ein ungewiſſes Entſetzen ſchwebt, welchen er vor ſeinem Traume geſehen hatte, ſondern ein blauer, durchſichtiger, mit allem Azur des Meeres, allem Golde der Sonne, allem Dufte des See⸗ windes; dann ſah er unter dem Geſange der Matroſen, aber einem ſo reinen, klaren Geſange, daß er an den der himmliſchen Heer⸗ ſchaaren erinnerte, die Inſel Monte⸗Chriſto erſcheinen, nicht wie eine aus den Wogen hervor drohende Klippe, ſondern wie eine Oaſe in der Wüſte; die Barke kam näher, der Geſang wurde vielſtimmiger, eine bezaubernde, geheimnißvolle Harmonie ſtieg von der Inſel zu Gott empor. Es war, als wollte eine Fee wie Loreley, oder ein Zauberer wie Amphion, eine Seele nach ſich ziehen, oder eine Stadt⸗ daſelbſt bauen. Endlich ſtieß die Barke an's Ufer, aber leicht, ohne Erſchütter⸗ ung, wie eine Lippe die Lippe berührt, und es war Franz, als träte er unter fortwährender Muſik in die Grotte ein. Er ging, oder glaubte es wenigſtens, einige Stufen hinab, eine kühle, balſamiſche Luft, wie die, welche um die Höhle der Circe geweht haben mochte, umfing ihn, und wiegte den Geiſt in Träume, die Sinne in Gluthen. Und er träumte Alles, was er vor ſeinem Schlummer geſehen hatte, von Sindbad, dem phantaſtiſchen Wirthe, bis auf Ali, den ſtummen Diener; dann ſchien ſich Alles unter ſeinen Augen auszulöſchen und zu verſchmelzen, wie die letzten Schatten einer Zauberlaterne, die man auslöſcht, und er befand ſich in dem Gemache mit den Statuen, welches nur durch eine jener bleichen antiken Lampen erleuchtet war, die mitten in der Nacht den Schimmer der Wolluſt bewachen. Wohl waren es dieſelben Statuen mit üppigen Formen, poetiſchen, anziehenden Stellungen, magnetiſchen Augen, herausforderndem Lächeln, reichem Haarſchmuck. Es waren Phryne, Meſaalina, Cleopatra, jene drei großen Buhlerinnen der Vorzeit. Da glitt zwiſchen dieſe ſchamloſen Geſtalten, wie ein reiner Strahl, wie ein chriſtlicher Engel in dem Olymp, eine jener keuſchen Geſtalten, jener friedlichen Schatten, jener ſüßen Erſcheinungen, die ihre jung⸗ fräuliche Stirn vor allen dieſen unheiligen Marmorgeſtalten zu ver⸗ ſchleiern ſchien. —“.GG— Nu für eine nahten Ihre J ihr Hac mit Ste jenem! Vogel dieſer Es letten I verſchlei öffneten ſieen. die, w ſich ſei ſüßen ſchwand ſeine S atheml 381 Nun ſchien es ihm, als hätten dieſe drei Statuen ihre Liebe für einen einzigen Mann vereinigt, und dieſer Mann war er; ſie nahten ſich dem Lager, auf dem er einen Traum im Traume träumte. Ihre Füße verloren ſich in ihren langen, wallenden Gewändern, ihr Haar löſ'te ſich, und umfloß ſie wie Wellen. Sie nahten ſich mit Stellungen, denen Heilige widerſtehen, aber Götter erliegen, mit jenem unbeweglichen, glühenden Blicke, mit dem die Schlange den Vogel bezaubert, und er erlag unter dem ſchmerzlichſten Zwange dieſer Blicke, die zugleich wonnevoll wie Küſſe waren. 3 Es war Franz, als ſchlöſſe er die Augen und ſähe bei dem letzten Blicke, den er umherwarf, die jungfräuliche Statue ſich völlig verſchleiern, dann, als ſeine Augen ſich der Wirklichkeit ſchloſſen, öffneten ſich ſeine Sinne den Eindrücken der unbeſchränkteſten Phanta⸗ ſieen. Jetzt genoß er eine Wonne, eine Liebe ohne Aufhören, wie die, welche der Prophet ſeinen Auserwählten verſprach. Er war ſich ſeiner immer noch etwas bewußt, er kämpfte einen ſchmerzlich ſüßen Kampf gegen die ihn immer mehr beſiegende Gewalt, endlich ſchwanden ſeine Sinne ganz, nach einem Kampfe, für den Mancher ſeine Seele gegeben hätte, gab er ſich ohne Rückhalt hin, und erlag athemlos, erſchöpft, dem Zauber dieſes unerhörten Traumes. XXXIII. Das Erwachen. Als Franz erwachte, ſchienen ſeine Umgebungen ihm der zweite Theil ſeines Traumes zu ſein, er glaubte ſich in einer Gruft, wohin kaum, wie ein Blick des Mitleids, ein Sonnenſtrahl dringe; er ſtreckte die Hand aus und faßte auf Stein; er richtete ſich auf, und fand, daß er ſich, in ſeinen Bournous gehüllt, auf einem ſehr weichen und wohlriechenden Lager von trockenem Geſträuch befand. Jede Er⸗ ſcheinung war verſchwunden, und die Statuen hatten ſich, als wären ſie nur dem Grabe entſtiegene Schatten ſeines Traumes geweſen, bei ſeinem Erwachen zurückgezogen. Er machte einige Schritte nach der Stelle zu, wo er den Schimmer des Tages ſah, auf den phantaſti⸗ ſchen Traum folgte die Ruhe der Wirklichkeit. Er ſah, daß er in einer Grotte war, näherte ſich der Oeffnung derſelben, und entdeckte jenſeits der gewölbten Thüre den blauen Himmel, das azurne Meer. Luft und Waſſer erglänzten in den Strahlen der Morgenſonne; die Matroſen ſaßen ſchwatzend und lachend am Geſtade, die Barke ſchaukelte ſich zehn Schritt im Meere anmuthig auf ihrem Anker. Er genoß einige Augenblicke die Kühlung des friſchen See⸗ windes, der über ſeine Stirn ſtrich; er hörte das Geräuſch der Wogen, die ſich am Ufer brachen und ihren Silberſchaum an die Felſen warfen; er ließ ſich gehen, ohne zu überlegen, ohne an dieſen göttlichen Zauber, der in allen natürlichen Dingen liegt, beſonders wenn man erſt von einem phantaſtiſchen Traume befangen war, zu denken. Nach und nach rief ihm dieſe Ruhe, dieſe reine, einfache Größe um ihn her, die Unwahrſcheinlichkeiten ſeines Traumes zurück, und die Erinnerung wurde immer klarer in ihm. Er entſann ſich ſeiner Ankunft auf der Inſel, ſeiner Vorſtellung bei. einem Anführer von Schmugglern, eines unterirdiſchen Palaſtes voll Glanz und Ueberfl Hatchis. lickeit getragen Geiſte und wie Barke! geſtrah ftei, ſei theil ein Luft un Sobald ihm en 6 1 ihn Er thue, Ihre 2 Veranl „ Alles u Inſel k „ dieſer; Segeln aller ſchaſt W eines zuſegel geſchrie Hinter zugewe bis au gangen Lebewe In de dem 383 Ueberfluß, eines vortrefflichen Nachteſſens und eines Löffels voll Hatchis. Nur ſchien es ihm, dem hellen Tage und der klaren Wirk⸗ lichkeit gegenüber, faſt ein Jahr zu ſein, daß dieſes Alles ſich zu⸗ getragen hatte, ſo lebhaft und tief der gehabte Traum auch ſeinem Geiſte eingeprägt war. Auch zauberte ſeine Einbildungskraft hin und wieder, zwiſchen die ſchwatzenden Matroſen und in die ſchaukelnde Barke einen jener Schatten, die wie Sterne in ſeine Nacht ihre Blicke geſtrahlt, ihre Küſſe geſenkt hatten. Uebrigens war ſein Kopf völlig frei, ſein Körper erquickt, keine Schwere in ſeinem Gehirn, im Gegen⸗ theil ein allgemeines Wohlbehagen, eine größere Empfänglichkeit für Luft und Sonne als je. Er näherte ſich alſo heiter den Matroſen. Sobald ſie ihn kommen ſahen, ſtanden ſie auf und der Patron kam ihm entgegen. „Der Herr Sindbad,“ ſagte er zu ihm,„hat uns beauftragt, ihn Excellenz zu empfehlen und Ihnen zu ſagen, wie leid es ihm thue, nicht Abſchied von Ihnen nehmen zu können; doch hoffe er Ihre Verzeihung, wenn Sie hören würden, daß eine ſehr dringende Veranlaſſung ihn nach Malagga ruft.“ „Ah ſo! mein lieber Gaëtano,“ ſagte Franz,„das iſt alſo Alles wirklich geſchehen? Es giebt einen Mann, der mich auf dieſer Inſel königlich bewirthet hat, und während ich ſchlief, abgereiſ't iſt?“ „Das iſt ſo gewiß, daß Sie ſo eben ſehen können, wie eben dieſer räthſelhafte Mann in ſeiner kleinen NYacht mit ausgeſpannten Segeln dahin fliegt. Nehmen Sie Ihr Perſpectiv und Sie werden aller Wahrſcheinlichkeit nach Ihren Wirth, umgeben von ſeiner Mann⸗ ſchaft erkennen.“ Bei dieſen Worten ſtreckte Gaétano den Arm in der Richtung eines kleinen Fahrzeuges aus, welches nach der Spitze von Corſika zuſegelte. Franz nahm ſein Perſpectiv und brachte es in die vor⸗ geſchriebene Richtung. Gastano hatte ſich nicht geirrt. Auf dem Hintertheile des Schiffes ſtand der geheimnißvolle Unbekannte, ihm zugewendet, und hielt, wie er, ein Fernglas in der Hand. Er war, bis auf die geringſte Kleinigkeit, ſo gekleidet, wie er ihn am ver⸗ gangenen Abende geſehen hatte, und wehte ihm mit einem Tuche Lebewohl zu. Franz erwiderte ſeinen Gruß auf dieſelbe Weiſe. In demſelben Augenblicke bildete ſich eine leichte Rauchwolke auf dem Hintertheile des Schiffes, erhob ſich gefällig von demſelben, 384 ſtieg langſam in die Höhe, und ein ſchwacher Schall drang in Franzens Ohr. „Hören Sie?“ ſprach Gastano,„er ſagt Ihnen Lebewohl!“ Der junge Mann nahm ſeinen Karabiner und feuerte ihn in die Luft, ohne Hoffnung jedoch, daß der Knall deſſelben den Zwiſchen⸗ raum, der die Nacht ſchon von demſelben ſchied, durchdringen werde. „Was befehlen Excellenz nun?“ fragte Gastano. „Zuerſt, daß Ihr mir eine Fackel anzündet.“ „Ach! ja, ich verſtehe,“ antwortete der Patron,„um den Ein⸗ gang in das Zauberſchloß zu ſuchen. Viel Vergnügen, Excellenz, wenn die Sache Ihnen Spaß macht, an der Fackel ſoll's nicht fehlen; aber auch mich beherrſchte der Gedanke, der Excellenz jetzt beſeelt, und ich habe drei oder vier Mal alles Mögliche aufgeboten, bin aber zuletzt dahin gekommen, meiner Neugierde zu entſagen. Gio⸗ vanni, zünde Excellenz eine Fackel an.“ Giovanni gehorchte; Franz nahm die Fackel und ging, von Gastano begleitet, in die Höhle. Er erkannte die Stelle, wo er erwacht war, aber er mochte mit ſeiner Fackel noch ſo aufmerkſam alle Wände und Winkel der Höhle beleuchten, er ſah nichts als Spuren von Rauch, welche be⸗ wieſen, daß Andere vor ihm ſchon Unterſuchungen hier angeſtellt hatten. Indeſſen ließ er keinen Fuß breit dieſe Granatmauer ununterſucht. Keine Spalte entdeckte er, in welche er nicht die Klinge ſeines Jagdmeſſers prüfend eingezwängt hatte. Keinen vor⸗ ſpringenden Punkt bemerkte er, ohne ſich dagegen zu ſtemmen, in der Hoffnung, daß er weichen werde; aber alle Mühe war vergebens, und er verbrachte zwei Stunden mit erfolgloſem Umherſpähen. Nun endlich gab er ſeine Nachforſchungen auf. Gastano triumphirte. Als Franz zum Ankerplatz zurückkam, erſchien die Nacht nur noch wie ein kleiner weißer Punkt am Horizonte, er bediente ſich ſeines Glaſes, aber ſelbſt mit deſſen Hilfe konnte er nichts mehr unterſcheiden. Gastano erinnerte ihn an die beabſichtigte Ziegen⸗ jagd, die er gänzlich vergeſſen hatte. Er nahm ſein Gewehr und durchſtrich die Inſel, mehr wie ein Mann, der ſeine Pflicht erfüllt, als der dem Vergnügen nachgeht. In einer Viertelſtunde hatte er eine Ziege und zwei Lämmer erlegt. Aber dieſe Ziegen, obgleich ſcheu und flink wie die Gemſen, hatten zu viel Aehnlichkeit mit ————— unſern pret hät Auc war ſei aus„T dieſer H hatte, e erſten, denn al⸗ grühſtů Fra zuvor w von hie zuſegelt „‧ gehe ne Porto⸗2 „ wie ich diten un „7 Franz. Regier zuziehen „2 ung, e Erſtlich würde er ſich überall W Franzen und Bo Der 6 lng in bl“ ihn in biſchen⸗ werde. in Ein⸗ ellenz, ehlen; beſeelt, „bin Gio⸗ 7 von mochte kel der ſhe be⸗ geſtellt tmauer ht die n vor⸗ en, in gebens, Nun irte. ht nur ſte ſich mehr giegen⸗ hr und erfüllt, atte er bgleich it mit 385 unſern gewöhnlichen zahmen Ziegen, als daß Franz ſie als Wild⸗ pret hätte betrachten können. Auch beherrſchten jetzt viel mächtigere Ideen ſeinen Geiſt. Er war ſeit vergangenem Abende wirklich der Held eines Märchens aus„Tauſend und einer Nacht,“ und unwillkürlich fühlte er ſich zu dieſer Höhle zurückgezogen. Er ſing, nachdem er Gaötano befohlen hatte, eins der Lämmer braten zu laſſen, ungeachtet der mißlungenen erſten, eine zweite Nachforſchung an. Sie dauerte ziemlich lange, denn als er zum Feuer kam, war das Lamm gebraten und das Frühſtück bereit. Franz ſetzte ſich an demſelben Orte nieder, wo er den Abend zuvor war, als die Einladung des Unbekannten an ihn erging, und von hier aus ſah er noch die kleine Nacht, die ſchnell nach Corſika zuſegelte, wie eine Möve ſich in der Luft ſchaukelt. „Aber,“ ſagte er zu Gaötano,„Ihr ſagtet mir, Herr Sindbad gehe nach Malaga unter Segel, während mir die Yacht gerade auf Porto⸗Vecchio loszuſteuern ſcheint.“ „Erinnern ſich Excellenz nicht,“ entgegnete der Patron,„daß, wie ich Ihnen ſagte, ſich in dieſem Augenblicke zwei corſiſche Ban⸗ diten unter ſeinen Leuten befinden?“ „Das iſt wahr und er wird ſie an der Küſte abſetzen,“ meinte Franz. „Richtig. Ach das iſt ein Menſch, der weder Gott noch den Teufel fürchtet, und der einen Umweg von fünfzig Meilen machen würde, um einem armen Kerl gefällig zu ſein.“ „Aber dieſe Art Gefälligkeit könnte ihm leicht Verdruß mit der Regierung des Landes, in dem er dieſe Art Philanthropie ausübt, zuziehen?“ entgegnete Franz. „Ach!“ lachte Gaëtano,„was macht der ſich aus der Regier⸗ ung, er ſpottet ihrer! Sie mag nur verſuchen, ihn zu verfolgen! Erſtlich iſt ſeine Yacht nicht ein Schiff, ſondern ein Vogel, und würde ſich von keiner Fregatte einholen laſſen, und dann braucht er ſich nur an der Küſte ſehen zu laſſen, meinen Sie nicht, daß er überall Freunde finden wird?“ Was am Klarſten bei der Sache war, war, daß Herr Sindbad, Franzens gaſtfreier Wirth, die Ehre hatte, mit den Schmugglern und Banditen der Küſten des mittelländiſchen Meeres in Verbindung Der Graf von Monte⸗GChriſto. 25 386 zu ſtehen, was jedenfalls für einen ſolchen Mann eine ſeltſame Stellung war. Was Franz anbetraf, ſo hielt ihn nichts mehr auf Monte⸗Chriſto zurück, er hatte alle Hoffnung aufgeben müſſen, das Geheimniß der Höhle zu entdecken, beeilte ſich alſo, zu frühſtücken und befahl den Matroſen die Barke ſegelfertig zu machen. Eine halbe Stunde ſpäter war er an Bord. Er warf einen letzten Blick auf die Yacht, welche ſoeben in den Hafen von Porto⸗Vecchio einlief. Er gab das Signal zur Abfahrt. In dem Augenblicke, wo die Barke ſich in Bewegung ſetzte, verſchwand die Nacht; mit ihr ver⸗ loſch der letzte ſichtbare Beweis der vergangenen Nacht, und das Mahl, Sindbad ſelbſt, die Statuen, das Hatchis, Alles verwiſchte ſich in Franzens Erinnerung in einen unklaren Traum. Nachdem die Barke den ganzen Tag und die Nacht geſegelt war, erblickte Franz bei Aufgang der Sonne die Inſel Monte Chriſto nicht mehr, und als er einmal wieder an's Land geſtiegen war, ver⸗ gaß er, wenigſtens für den Augenblick, die Abenteuer, die er erlebt hatte, und beſchäftigte ſich nur damit, ſeine Geſchäfte, die ihm theils Höflichkeit, theils Vergnügen auferlegten, in Florenz zu beenden, um ſich mit ſeinem Gefährten, der ihn ihn Rom erwartete, zu ver⸗ einigen. Er reiſ'te alſo bald ab und langte Sonnabend Abend mit der Journaliere an der Douane an. Die Wohnung war, wie der Leſer weiß, voraus beſtellt; er brauchte alſo nur das Hotel des Meſſer Paſtrini aufzuſuchen, was aber nicht ſehr leicht war, denn eine wogende Menge erfüllte die Straßen, und Rom war ſchon ein Raub jenes dumpfen, ſieberhaften Getöſes, welches großen Ereigniſſen vorangeht. Rom hat vier große Begebenheiten im Jahre: das Carneval, die heilige Woche, das Feſt des Herrn und das des heiligen Petrus. Für den übrigen Theil des Jahres fällt die Stadt in ihre ſtumme Apathie zurück, die einem Zuſtande zwiſchen Leben und Tod, einem Aufenthaltsorte zwiſchen dieſem und dem künftigen Leben gleicht, einem Ruhepunkte voll Poeſie und Character, auf dem ſich Franz ſchon mehre Male verweilt, und ihn jedesmal wunderbarer und phantaſtiſcher gefunden hatte. Er drängte ſich alſo durch die immer wachſende Menge und erreichte glücklich das Hotel. Auf ſeine erſte Frage wurde ihm mit der Unverſchämtheit der Gaſtwirthe im Allgemeinen geantwortet: es ſei kein Platz für ihn im Hotel von London. Nun ſchiUkte er ſeine 4 Karte an Exeellenz dem Cicei Hand, un entgegen Die zwei klei gingen n als von! der Etag Nalta be Virth ni „de vor allen für more „A „ſollen „N. aicht, N „ ſtehen, ſprechen „Uu „M „— damit undzwa fünfund fünf Fre reden w .3 bieten, „N er hat z „T 14 Al ſtändlich 387 lſame hr auf das ſlücken Eine Blic einlief. vo die ſr ver⸗ d das te ſich eſegelt hriſto -, ver⸗ erlebt theils eenden, u ver⸗ d mit lt, er was te die haften große s Feſt Theil , die tsorte vdunkte Male unden e und n mit et: es ſeine — Karte an Meſſer Paſtrini ſelbſt herbei, bat um Verzeihung, daß er Excellenz habe warten laſſen, ſchalt ſeine Leute, nahm die Kerze dem Cicerone, der ſich des Reiſenden ſchon bemächtigt hatte, aus der Hand, und wollte ihn eben zu Albert führen, als dieſer ihm ſchon entgegenkam. Die für die beiden Freunde bewahrte Wohnung beſtand aus zwei kleinen Zimmern und einem Kabinet. Die beiden Zimmer gingen nach der Straße hinaus, ein Umſtand, den Meſſer Paſtrini als von unſchätzbaren Vortheilen, ſehr hervorhob. Der übrige Theil der Etage war von einem ſehr reichen Herrn aus Sicilien oder Malta bewohnt; welches von beiden ſeine Heimath war, wußte der Wirth nicht. „Das iſt Alles recht ſchön, Meſſer Paſtrini,“ ſagte Franz,„aber vor allen Dingen müſſen wir heute ein Abendeſſen und einen Wagen für morgen und die folgenden Tage haben.“ „Was das Abendeſſen betrifft,“ antwortete der Gaſtwirth, „ſollen Sie gleich befriedigt werden, aber hinſichtlich des Wagens...“ „Nun! hinſichtlich des Wagens,“ rief Albert,„ſcherzen Sie nicht, Meſſer Paſtrini„einen Wagen müſſen wir haben.“ „Excellenz,“ ſagte der Gaſtwirth,„es ſoll alles Mögliche ge⸗ ſchehen, um Ihnen einen zu verſchaffen; das iſt Alles, was ich ver⸗ ſprechen kann.“ „Und wann können wir Antwort bekommen?“ fragte Franz. „Morgen früh,“ war die Antwort. „Was Teufel!“ ſprach Albert,„man wird ihn doppelt bezahlen, damit baſta... man weiß ja Beſcheid: bei Diacke und Aaron, fünf⸗ undzwanzig Franken für die gewöhnlichen Tage, und dreißig bis fünfunddreißig für die Sonn⸗ und Feſttage; rechnen Sie dazu noch fünf Franken Mäklergebühren den Tag, das macht vierzig, und nun reden wir nicht mehr davon.“ „Ich fürchte ſehr, den Herren, ſelbſt wenn Sie das Doppelte bieten, nicht dienen zu können.“ „Nun, dann laſſen Sie Pferde vor den meinigen ſpannen... er hat zwar etwas durch die Reiſe gelitten... aber was thut das?“ „Man wird keine Pferde auftreiben können.“ „Albert ſah Franz an, wie ein Mann, dem man etwas Unver⸗ ſtändliches geantwortet hat. 25* „Verſtehſt Du das, Franz,“ ſagte er,„keine Pferde? Aber Poſtpferde wird man denn doch bekommen können?“ „Die ſind ſchon ſeit vierzehn Tage alle verſagt, und kaum die zum Dienſt erforderlichen noch übrig.“ „Was ſagſt Du dazu?“ fragte nun Franz ſeinerſeits. „Ich ſage, daß, wenn etwas meine Begriffe überſteigt, ich mich 1 nicht darüber gräme, ſondern zu etwas Anderem übergehe. Iſt das Abendeſſen fertig, Meſſer Paſtrini?“ „Ja, Excellenz.“ „Schön, eſſen wir alſo!“ „Aber der Wagen und die Pferde?“ meinte Franz. „Sei unbeſorgt, Freund, ſie werden uns nicht fehlen; wir brauchen nur den Preis zu erhöhen.“ Und Morcerf aß, legte ſich zu Bette und ſchlief köſtlich und ohne Sorgen und träumte, daß er den Carneval mitmachte in einem köſtlichen Wagen mit ſechs Pferden. Das iſt die bewundernswürdige Philoſophie eines jungen Mannes, der Nichts unmöglich findet, ſo lange ſeine Börſe wohl geſpickt und ſein Mantelſack gefüllt iſt. Am nach de PFaſttini daß Fr ich Ihn und es 1 Ron m „3 dmunumga DSauptſ ſenden Sonnto en; wir ich und achte in jungen ſe wohl — —— kommen können?“ 7 XXXIV. Römiſche Bauditen. Am andern Morgen erwachte Franz zuerſt und klingelte gleich nach dem Erwachen. Der Draht bewegte ſich noch, als Meſſer Paſtrini ſchon in Perſon eintrat. „Nun!“ ſprach der Wirth triumphirend, und ohne zu erwarten, daß Franz ihn fragte,„das wußte ich geſtern gleich, Excellenz, als ich Ihnen nichts verſprechen wollte; Sie haben zu ſpät dazu gethan, und es iſt, verſteht ſich für die letzten drei Tage, kein Wagen in Rom mehr zu vermiethen.“ „Ja,“ entgegnete Franz,„nämlich für die Tage, wo er eben unumgänglich nothwendig iſt.“ „Was giebt's?“ fragte Albert, dazukommend,„keinen Wagen?“ „Richtig, mein Freund, Du haſt es gleich errathen.“ „Nun, das iſt mir eine ſchöne Stadt, Eure ewige Stadt!“ „Das heißt, Excellenz,“ erwiderte Meſſer Paſtrini, der die Hauptſtadt der chriſtlichen Welt gern in den Augen unſerer Rei⸗ ſenden in einem gewiſſen Anſehen erhalten wollte,„das heißt von Sonntag früh bis Dienſtag Abend; aber von hier bis dahin können Sie deren fünfzig haben.“ „Ach! das iſt ſchon etwas,“ ſagte Albert,„heute iſt Donners⸗ tag, wer weiß, was von hier bis Sonntag noch Alles geſchehen kann?“ Zehn⸗ bis zwölftauſend Reiſende werden ankommen und die Schwierigkeiten noch vermehren,“¹ meinte Franz. „Mein Freund, genießen wir die Gegenwart und verdüſtern wir uns den Zlick in die Zukunft nicht,“ antwortete Morcerf. „Wenigſtens,“ fragte Franz,„werden wir doch ein Fenſter be⸗ „Wo?“ „Nun wo anders, als auf dem Corſo!“ „Ach! Der Tauſend! Ein Fenſter!“ rief Meſſer Paſtrini; „unmöglich, völlig unmöglich! es war noch ein einziges übrig im fünften Stock des Palaſtes Doria, aber ein ruſſiſcher Prinz hat es, für zwanzig Zechinen täglich, gemiethet.“ Die beiden jungen Leute ſahen einander beſtürzt an. „Nun! mein Lieber,“ ſprach Franz zu Albert,„was iſt hier zu thun? es wird am Beſten ſein, den Carneval in Venedig zuzu⸗ bringen; dort finden wir, wenn kein Fuhrwerk, doch wenigſtens Gondeln.“ „O meiner Treul nein,“ rief Albert,„ich habe beſchloſſen, den Carneval in Rom mitzumachen, und werde ihn mitmachen und müßte ich auf Stelzen gehen.“ „Ha,“ rief Franz,„der Einfall iſt nicht übel, beſonders um die„Mocoletti“ auszulöſchen; wir werden uns als Fledermäuſe oder Bewohner der Haide verkleiden und der ausgezeichnetſte Erfolg iſt uns gewiß.“ „Wünſchen Excellenz noch einen Wagen bis zum Sonntag?“ „Teufel! glaubt Ihr, wir wollen wie Schreiber eines Advocaten Rom zu Fuße durchſtreifen?“ „Ich werde mich beeilen, Excellenza's Befehle zu vollziehen, aber ich muß darauf anfmerkſam machen, daß der Wagen Ihnen täglich ſechs Piaſter koſten wird.“ „Und ich, mein lieber Meſſer Paſtrini,“ ſagte Franz,„ich, der ich nicht unſer Nachbar, der Millionair bin, ich mache Euch meiner⸗ ſeits darauf aufmerkſam, daß ich, zum vierten Male in Rom, die Preiſe der Wagen für die Wochentage, ſowie für die Sonn⸗ und Feſttage kenne; wir geben Euch zwölf Piaſter für heute, morgen und übermorgen und Ihr habt dann noch einen hübſchen Verdienſt.“ „Aber,“ ſagte Meſſer Paſtrini, der noch verſuchte, ſich zu wider⸗ ſetzen. „Geht! geht! mein lieber Wirth,“ entgegnete Franz,„oder ich mache das Geſchäft ſelbſt ab mit Eurem Afflitatore, der auch der meinige iſt; er iſt ein alter Freund von mir, der mir im Leben ſchon Geld genug geſtohlen hat und mir gewiß in der Hoffnung, mir noch mehr zu ſtehlen, weniger abnehmen wird, als ich Euch liener aber e ſein k das J ſprach Palai hinten 1 Alber — die der Fran Hotel ’ aſtrin, brig im hat es / iſ hier ig zuzu⸗ nigſtens en, den d müßte ders um uſe oder ffolg iſt mntag?“ dvocaten olliehen, Ihnen ich, der meiner⸗ iom, die enn⸗ und morgen rdienſt. 4 u wider⸗ oder ich auch der n Leben offnung, ich Euch nmmmn —y—— 391 geboten habe: Ihr verliert alſo den Vorzug, und das durch Eure Schuld.“ „Machen ſich Excellenz nicht die Mühe,“ ſagte Meſſer Paſtrini mit dem Lächeln eines ſpeculativen Italieners, der ſich überwunden ſieht,„ich werde mein Möglichſtes thun, und hoffe, Sie zufrieden zu ſtellen.“ „Vortrefflich, das war gut geſprochen.“ „Wann befehlen Sie den Wagen?“ „In einer Stunde.“ „In einer Stunde ſoll er vor der Thüre ſtehen.“ Eine Stunde darauf erwartete wirklich der Wagen die jungen Leute; es war ein einfacher Fiaker, den man ſolchen vornehmen jungen Herren nur unter den obwaltenden Umſtänden anzubieten wagen konnte. Aber ſo unſcheinbar er auch war, die beiden Freunde würden ſich ſehr glücklich gefühlt haben, ihn für die drei letzten Tage den ihren nennen zu können. „Excellenz,“ rief der Cicerone, indem er Franz den Kopf aus dem Fenſter ſtecken ſah, ſoll ich die Karoſſe vor das Palais vor⸗ fahren laſſen?“ So bekannt unſerm Freunde auch die Wichtigthuerei der Ita⸗ liener ſchon war, ſo war doch ſeine erſte Bewegung, ſich umzuſehen; aber er fand Niemand als ſich ſelbſt, an den dieſe Worte gerichtet ſein konnten. Die Excellenz war er, die Karoſſe war der Fiaker, das Palais war das Hotel von London. Der Charakter der Nation ſprach ſich in dieſen wenigen Worten aus. Franz und Albert gingen hinunter, die Karoſſe fuhr vor das Palais, die Excellenzen ſtreckte ihre Beine aus, der Cicerone ſprang hinten auf. „Wo befehlen Excellenz hinzufahren?“ „Nun, nach St. Peter zuerſt, dann nach dem Colyſeum,“ ſagte Albert als echter Pariſer. Aber Albert wußte nicht, daß man einen Tag gebraucht, um die Peterskirche zu beſehen, und einen Monat, um ſie zu ſtudiren. Der Tag reichte alſo kaum hin zur Beſichtigung der Peterskirche. Plötzlich bemerkten die beiden Freunde, daß es Abend wurde. Franz zog ſeine Uhr, es war beinahe fünf. Sie eilten nach dem Hotel zurück; dort angelangt, befahl Franz dem Kutſcher, um acht —— ꝓ⸗—— 392 Uhr wieder vorzufahren. Er wollte Albert das Colyſeum vom Monde beleuchtet zeigen, wie er ihm die Peterskirche bei hellem Tage gezeigt hatte. Wenn man einem Freunde eine Stadt zeigt, die man ſchon kennt, thut man es mit derſelben Wichtigkeit, als zeigte man ihm eine Frau, die man geliebt hat. So bezeichnete alſo Franz dem Kutſcher den zu nehmenden Weg; er ſollte zu der Porta del Popolo hinaus, dann außerhalb um die Mauer und in das Thor von San⸗Giovanni wieder hereinfahren. Ohne einige Vor⸗ bereitung erſchien ihnen das Colyſeum nicht halb ſo bedeutend und ſie betrachteten das Kapitol, das Forum, den Bogen des Septimius Severus, den Tempel des Antonin und der Fauſtina und die Via Sacra als Stufen auf dem Wege zu dieſem Ziele. Man ſetzte ſich zu Tiſche, Meſſer Paſtrini hatte ſeinen Gäſten einen köſtlichen Schmaus verſprochen; er gab ihnen ein leidliches Mittagseſſen, es war nichts daran auszuſetzen. Gegen Ende des Diner's erſchien er ſelbſt; Franz, welcher glaubte, daß er komme, um gelobt zu werden, beeilte ſich, ihm Complimente zu machen, als er ihn nach den erſten Worten unterbrach. „Excellenz,“ ſagte er,„Ihre Zufriedenheit iſt mir ſehr ſchmeichel⸗ haft, aber nicht deshalb bin ich zu Ihnen herauf geſtiegen.“ „Wollt Ihr uns etwa ſagen, daß Ihr noch einen Wagen für uns aufgetrieben habt?“ fragte Albert, ſeine Cigarre anzündend. „Noch weniger, Excellenz: ja Sie werden wohlthun, dieſen Ge⸗ danken ganz aufzugeben und zu ſehen, wie Sie ſich auf andere Weiſe helfen. In Rom machen ſich die Sachen, oder machen ſich nicht; wenn man Ihnen einmal geſagt hat, daß ſie ſich nicht machen, ſo iſt es vorbei.“ „Ach! da iſt es in Paris viel bequemer; wenn ſich's da nicht macht, zahlt man doppelt und hat im Augenblick, was man begehrte.“ „Das höre ich von allen Herren Franzoſen,“ ſagte Meſſer Paſtrini, etwas verletzt,„und ich begreife gar nicht, warum ſie nicht in Paris bleiben, wenn dem ſo iſt?“ „Ei,“ antwortete Albert, den Rauch phlegmatiſch zur Decke blaſend, und ſich mit dem Stuhle ſchaukelnd,„das ſind auch nur Thoren und Narren wie wir, welche reiſen; die vernünftigen Leute verlaſſen nicht ihr Hotel in der Straße du Helder, den Boulevard de Gand und das Café de Paris.“ die G 9 Ich ſa von d Punkt l.„ andere hen ſich h nich a nicht hehrte.“ Meſſer um ſie Decke ch nur Leute levard 393 „Wir brauchen weiter nicht zu erklären, daß Albert in der genannten Straße wohnte, täglich ſeinen faſhionablen Spaziergang machte, und täglich in dem einzigen Café dinirte, wo man füglich eſſen kann, vorausgeſetzt, daß man ſich mit den Garcons gut ſteht. Meſſer Paſtrini ſchwieg einige Minuten; augenſcheinlich dachte er über Albert's Antwort nach, die ihm nicht völlig klar zu ſein ſchien. „Aber am Ende,“ unterbrach nun Franz die geographiſchen Betrachtungen ſeines Wirthes,„aus irgend einem Grunde ſeid Ihr doch gekommen; wollt Ihr uns nicht die Veranlaſſung Eures Be⸗ ſuchs mittheilen?“ „Ach! richtig, zu Befehl; Sie haben den Wagen um acht Uhr befohlen?“ „Ganz recht.“ „Sie haben die Abſicht, das Coloſeo zu beſuchen?“ „Das heißt, das Colyſeum.“ „Das iſt ganz das Nämliche.“ „Gut.“ „Sie haben Ihrem Kutſcher befohlen, aus der Porta del Popolo hinaus, dann außerhalb um die Mauer und in das Thor San⸗Giovanni wieder herein zu fahren?“ „Das ſind genau meine Worte.“ „Nun denn! dieſer Weg iſt unmöglich, oder wenigſtens höchſt gefährlich.“ „Gefährlich und warum?“ „Wegen des berüchtigten Luigi Vampa.“ „Zuvörderſt, mein lieber Herr Wirth, wer iſt dieſer berüchtigte Luigi Vampa?“ fragte Albert.„Er kann in Rom ſehr berüchtigt ſein, aber in Paris, verſichere ich Euch, iſt er ſehr unbekannt.“ „Wie! Sie kennen ihn nicht?“ „Ich habe nicht die Ehre.“ „Nun wohll er iſt ein Bandit, gegen den die Deceſari und die Gasparoni Schulknaben ſind.“ „Achtung! Franz,“ rief Albert,„da iſt alſo endlich ein Bandit! Ich ſage Euch vorher, mein lieber Wirth, daß ich nicht ein Wort von dem, was Ihr uns erzählt, glauben werde. Nachdem dieſer Punkt zwiſchen uns feſtgeſtellt iſt, ſprecht nach Herzensluſt, ich höre u.„Es war einmal...“ Nun erzählt doch!“ 394 Meſſer Paſtrini wendete ſich zu Franz, der ihm der vernünftigſte der beiden jungen Leute zu ſein ſchien.„Excellenz,“ ſprach der brave Mann ernſthaft,„wenn Sie mich für einen Lügner halten, ſo iſt es unnöthig, Ihnen das zu ſagen, weshalb ich heraufgekommen bin; ich kann indeß verſichern, daß es nur zum Vortheil der jungen Herren geſchah.“ „Albert ſagt nicht, daß er Euch für einen Lügner hält,“ er⸗ widerte Franz,„er ſagt nur, daß er Euch nicht glauben wird, das iſt Alles. Aber ich werde Euch glauben, ſeid alſo ruhig und redet nur.“ „Indeſſen, Excellenz begreifen, daß, wenn man an meiner Glaubwürdigkeit zweifelt...“ „Mein Lieber,“ entgegnete Franz,„Ihr ſeid reizbarer als Caſſandra, der, obgleich ſie Prophetin war, Niemand zuhörte, während Ihr doch wenigſtens der Aufmerkſamkeit von der Hälfte Eures Auditoriums ſicher ſeid. Alſo ſetzt Euch und ſagt uns, wer dieſer Herr Vampa iſt.“ „Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, Excellenz, ein Bandit, wie wir ſeit dem berüchtigten Maſtrilla keinen geſehen haben.“ „Nun und in welchem Zuſammenhange ſteht dieſer Bandit mit dem Befehle, den ich meinem Kutſcher gegeben habe, aus der Porta del Popolo heraus und zum Thor San⸗Giovanni wieder herein zu fahren?“ „In dem,“ antwortete Meſſer Paſtrini,„daß Excellenza's wohl aus dem einen Thore hinausfahren können, ich aber ſehr zweifele, daß Sie durch das andere wieder herein kommen werden.“ „Warum das?“ fragte Fr anz. „Weil, ſobald die Nacht angebrochen, man fünfzig Schritt außerhalb der Thore nicht mehr ſicher iſt.“ „Auf Ehre?“ rief Albert. „Mein Herr Graf,“ ſprach Meſſer Paſtrini, durch den von Albert ausgeſprochenen Zweifel an ſeiner Wahrhaftigkeit immer noch tief beleidigt,„was ich ſage, iſt nicht für Sie, ſondern für Ihren Herrn Reiſegefährten, welcher Rom kennt und weiß, daß man mit ſolchen Dingen nicht ſcherzt.“ „Mein Lieber,“ ſagte Albert zu Franz,„das iſt ja ein er⸗ wünſchtes, köſtliches Abenteuer; wir verſehen unſern Wagen mit 395 ünftiſte rach der Piſtolen, Knallbüchſen und Doppelflinten. Luigi Vampa fällt uns an, wir nehmen ihn gefangen. Wir bringen ihn nach Rom und nd nedet Während Albert dieſe Rede hielt, machte Meſſer Paſtrini ein Geſicht, das zu beſchreiben man vergebens verſuchen würde. une überliefern ihn Seiner Heiligkeit; dieſe, ganz entzückt, fragt, womit jnn 1 ſie uns ihre Dankbarkeit beweiſen könne. Wir bitten ganz einfach gen nur um einen Wagen und zwei Pferde aus Dero Ställen, ſehen it. 8 den Carneval zu Wagen und werden von dem dankbaren römiſchen ird 8 Volke auf dem Capitol gekrönt und wie Curtius und Horatius das als Retter des Vaterlandes ausgerufen.“ 1 meinet„Zuvörderſt,“ wendete ſich Franz an Albert,„woher wirſt Du die Piſtolen, die Knallbüchſen und die Doppelflinten nehmen, mit ter als denen Du unſern Wagen ausrüſten willſt?“ zuhörte,„Aus meinem Arſenale wenigſtens nicht, denn in Terracina hat — Hälſe man mir alle Waffen, ſogar mein zweiſchneidiges Meſſer abge⸗ ns, ber nommen; und Dir?“ .„Mit mir hat man es in Aaquapendente ebenſo gemacht.“ dit, wie„Ach! mein lieber Herr Wirth,“ ſprach Albert, ſeine zweite p Cigarre an dem Ueberreſte der erſten anzündend,„wißt Ihr, daß ndit mt dieſe Maßregel ſehr bequem für die Diebe iſt, und daß es ganz ſo er Porta ausſieht, als wäre ſie im Einverſtändniſſe mit ihnen getroffen?“ erein 2z Ohne Zweifel fand Meſſer Paſtrini dieſen Scherz beleidigend, denn er beantwortete ihn nur halb und auch nur zu Franz gewendet, is wohll als dem einzigen Vernünftigen, mit dem er es ſchicklich fand, ſich zweiſele, zu unterhalten. „Excellenz weiß, daß es nicht Sitte iſt, ſich zu vertheidigen, wenn man von Banditen angegriffen wird.“ Schritt„Wie!“ rief Albert, deſſen Muth ſich gegen den Gedanken auf⸗ lehnte, ſich widerſtandlos ausplündern zu laſſen;„wie! das iſt nicht Sitte?“ den von„Nein, denn jede Vertheidigung würde nutzlos ſein. Was ier nch wollen Sie machen gegen ein Dutzend Banditen, die aus einem Ihren Graben ſteigen, hinter einem alten Gemäuer, oder aus einer Waſſer⸗ nan mit leitung hervorkommen und Sie plötzlich umzingeln?“ „Ei, Sacrebleul ich will mich tödten laſſen!“ rief Albert. ein er⸗ Der Gaſtwirth wendete ſich zu Franz mit einer Miene, die gen mit ſagen zu wollen ſchien:„Kein Zweifel, Excellenz, Ihr Freund iſt toll.“ 396 „Mein lieber Albert,“ entgegnete Franz,„Deine Antwort iſt erhaben und wiegt das qu'il mourüt des alten Corneille auf, in⸗ deſſen, als Horaz dieſe Antwort gab, galt es das Heil Roms und verlohnte ſich der Mühe. Aber in unſerm Falle handelt es ſich blos um Befriedigung einer Laune, und es würde lächerlich ſein, daran unſer Leben zu wagen.“ „Ach! per bacco!“ rief Meſſer Paſtrini, das lobe ich, Excellenz haben weiſe geſprochen!“ Albert ſchenkte ſich ein Glas Lacrimä⸗Chriſti ein, das er, un⸗ verſtändliche Worte murmelnd, in kleinen Abſätzen austrank. „Nun, Meſſer Paſtrini,“ bat Franz,„jetzt, wo, wie Ihr ſeht, mein Reiſegefährte ſich beruhigt hat und Ihr Euch überzeugt habt, wie friedlich ich geſinnt bin, jetzt laßt uns wiſſen, wer dieſer Herr Luigi Vampa iſt. Iſt er Hirt oder Patrizier? jung oder alt? groß oder klein? beſchreibt ihn uns, damit wir ihn erkennen können, wenn wir ihm wie Johann Sbogard, oder Lara, zufällig im Leben be⸗ gegnen ſollten.“ „Excellenz könnten von Niemand beſſere Auskunft erhalten, als von mir, denn ich habe Luigi Vampa ſchon gekannt, als er noch ein ganz kleines Kind war, und als ich eines Tages, von Ferentino nach Alatri gehend, ſelbſt in ſeine Gewalt gerieth, erinnerte er ſich glücklicherweiſe unſerer alten Bekanntſchaft; er ließ mich nicht nur gehen, ohne Löſegeld zu verlangen, ſondern ſchenkte mir eine ſehr ſchöne Uhr und erzählte mir ſeine Geſchichte.“ „Zeigt uns die Uhr,“ bat Albert. Meſſer Paſtrini zog aus ſeiner Taſche eine prachtvolle Bre⸗ guetiſche Uhr mit dem Namen ihres Verfertigers, dem Stempel Paris und einer Grafenkcone. „Hier,“ ſagte er. „Peſt!“ antwortete Albert,„ich mache Euch mein Compliment. Ich habe faſt dieſelbe(hier zog auch er ſeine Uhr aus der Weſten⸗ taſche) und ſie koſtet mich dreitauſend Franken.“ „Laßt uns nun die Geſchichte hören,“ ermahnte Franz, ſetzte einen Stuhl und lud Meſſer Paſtrini zum Sitzen ein. „Excellenza's erlauben?“ ſprach der Wirth. „Teufel,“ erwiderte Albert,„Ihr ſeid ja kein Prediger, mein Lieber, der ſtehend reden muß.“ Fre Geſ Gra lieg den Agn und verk Van Jah ſelb der 397 Der Gaſtwirth ſetzte ſich, nachdem er ſich vor Jedem ſeiner Zuhörer ehrfurchtsvoll verbeugt hatte, und gab dadurch zu erkennen, daß er bereit ſei, ihnen über Luigi Vampa die gewünſchten Nach⸗ richten zu geben. „Halt,“ ſagte Franz, den Wirth in dem Augenblicke, als er den Mund öffnete, unterbrechend,„Ihr ſagt, daß Ihr Luigi Vampa als ganz kleines Kind kanntet; er iſt alſo noch ein junger Mann?“ „Ein junger Mann! das wollt' ich meinen; er iſt kaum zwei⸗ undzwanzig Jahr alt! O! dieſer Schlingel wird es weit bringen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Was meinſt Du dazu, Albert? iſt das nicht ſchön, im Alter von zweiundzwanzig Jahren ſchon ſich einen Ruf begründet zu haben!“ ſagte Franz. „Sicher, und Alexander, Cäſar und Napoleon, die doch ein gewiſſes Aufſehen in der Welt gemacht haben, waren in ſeinem Alter noch nicht ſo weit.“ „Alſo,“ wendete Franz ſich wieder zum Wirth,„der Held der Geſchichte, die wir hören werden, iſt erſt zweiundzwanzig Jahr alt?“ „Kaum, wie ich ſchon zu ſagen die Ehre hatte.“ „Iſt er groß oder klein?“ „Von mittler Größe, wie Excellenz,“ antwortete der Wirth auf Albert deutend. „Danke für die Vergleichung,“ ſagte dieſer, ſich verbeugend. „Fangt immer an, Meſſer Paſtrini,“ ſagte Franz, ſeines Freundes Empfindlichkeit belächelnd.„Und zu welcher Klaſſe der Geſellſchaft gehört er?“ „Er war ein ſchlichter, kleiner Hirt von der Meierei des Grafen von San⸗Felice, die zwiſchen Paleſtrina und dem See Gabri liegt. Er iſt aus Pampinara gebürtig und kam, fünf Jahr alt, in den Dienſt des Grafen getreten. Sein Vater, auch ein Schäfer in Agnani, hatte eine eigene kleine Heerde und lebte von der Wolle und den Hammeln und dem, was ihm die Milch, die er in Rom verkaufte, einbrachte. Schon in früheſter Kindheit zeigte der kleine Vampa einen beſonderen Charakter. Eines Tages, als er ſieben Jahr alt war, kam er zum Pfarrer von Paleſtrina und bat den⸗ ſelben, ihn leſen zu lehren. Dies war keine leichte Sache, denn der kleine Hirte durfte ſeine Heerde nicht verlaſſen. Aber der gute —(—ͤ111 398 Prediger ging alle Tage nach einem kleinen Dörfchen, welches keinen Prieſter beſolden konnte, und da es nicht einmal einen Namen hatte, il borga genannt wurde, um dort Meſſe zu leſen. Er ſchlug Luigi vor, ſeine Heerde in die Gegend zu treiben, wo er bei ſeiner Rückkehr vorbei kam, hier wolle er ihm Unterricht geben, da ſeine Zeit aber gemeſſen, ſo müſſe Luigi ſehr aufmerkſam ſein, um aus dem kurzen Unterrichte Nutzen zu ziehen. Das Kind ging dieſe Bedingungen freudig ein. Täglich trieb Luigi ſeine Heerde auf den Weg von Paleſtrina nach dem Berge. Täglich um neun Uhr Morgens kam der Prediger hier vorbei; der Prieſter und der Knabe ſetzten ſich auf den Rand eines Grabens und der kleine Hirt lernte leſen aus dem Brevier des Predigers. Nach Verlauf von drei Monaten las er ohne Fehler. Das war nicht genug, er mußte nun auch ſchreiben lernen. Der Prieſter ließ von einem Schreiblehrer in Rom drei Alphabete verfertigen, ein großes, mittleres und ein kleines, und zeigte ihm, wie er, wenn er mit einem Griffel die Buchſtaben auf einer Schiefer⸗ tafel nachmachte, ſchreiben lernen könne. Noch an demſelben Abende lief der kleine Vampa, als er die Heerde heimgetrieben hatte, zu dem Schloſſer von Paleſtrina und nahm einen großen Nagel, den er ſo lange ſchmiedete und hämmerte, bis er eine Art antikes Stilet daraus geformt hatte. Den andern Tag ging er an's Werk, nach⸗ dem er ſich mehre Schiefertafeln verſchafft hatte. Nach drei Monaten konnte er ſchreiben. Der Prediger, erſtaunt über dieſe tiefe Einſicht, und gerührt über ſo viele Anſtelligkeit, ſchenkte ihm mehre Buch Papier, ein Bund Federn und ein Federmeſſer. Dies war ein neues Studium für ihn, welches aber dem erſten an Schwierigkeit lange nicht gleich kam. Nach acht Tagen konnte er mit der Feder umgehen, wie früher mit dem Stilet. Der Prediger erzählte dem Grafen von San⸗Felice dieſe Anecdote, welcher den kleinen Hirten ſehen wollte, ihn vor ſich leſen und ſchreiben ließ, ſeinem Haushofmeiſter befahl, ihn mit ſeinen Leuten eſſen zu laſſen, und ihm monatlich zwei Piaſter zu geben. Für dieſes Geld kaufte er Bleifedern und Bücher. Er wendete bei allen Gegenſtänden die ihm angeborene Nach⸗ ahmungskunſt an, und zeichnete wie Giotto als Kind, die ihn um⸗ gebenden Schafe, Bäume und Häuſer, auf ſeine Schiefertafeln. den g. kamere immer keinen ung, u beher ſtolze. bog, ne C Grade Luigi die er Ohrge darau gebigl der C neben ungen llches ſeinen leſen. „ wo rricht aekſam Kind rina diger Nand evier ohne Nnen. gabete ihm, iefer⸗ bende e, zu den Stilet nach⸗ naten rührt „ein dium gleich wie von ollte, fahl, zwei ſcher. lach⸗ um⸗ feln. 399 Dann fing er an, mit ſeinem Federmeſſer aus Holz zu ſchnitzen und ihm alle möglichen Formen zu geben. Eben ſo hatte Pinelli, der Bildhauer des Volkes, angefangen. Ein junges Mädchen, die vielleicht ein Jahr jünger als Luigi war, hütete die Schafe für eine Meierei, in der Nähe von Paleſtrina; ſie war eine Waiſe aus Valmontone gebürtig, und hieß Thereſa. Die beiden Kinder begegneten ſich, ſetzten ſich neben einander, ließen ihre Heerden traulich zuſammen weiden, ſchwatzten, lachten und ſpielten; Abends wurden die Schafe des Grafen von San⸗Felice von denen des Baron Carvetri geſondert, und die Kinder trennten ſich, indem jedes nach ſeiner Meierei zurückging, mit dem Ver⸗ ſprechen, den folgenden Tag wieder zuſammen zu lommen. Den andern Tag hielten ſie Wort, und wuchſen ſo zuſammen auf. Vampa war ſo zwölf, die kleine Thereſa elf Jahr alt geworden. Indeſſen entwickelten ſich ihre natürlichen Anlagen. Den Sinn für Kunſt hatte Luigi ſo weit ausgebildet, als es in dieſer abge⸗ ſonderten Lebensweiſe möglich war. Er war traurig aus Laune, bald glühend, bald zornig, immer ſpottend. Keiner der Knaben ſeines Alters aus Pampinara, Paleſtrina oder Valmontone, hatte den geringſten Einfluß über ihn erlangen, oder nur ſein Spiel⸗ kamerad werden können. Sein eigenwilliges Temperament, welches immer forderte, ohne jemals zu gewähren, welches ſich keinen Bitten, keinen Vorſtellungen beugte, entfernte jede freundſchaftliche Annäher⸗ ung, unterdrückte jede ſympathetiſche Regung für ihn. Thereſa allein beherrſchte mit einem Worte, einem Blicke, einer Geberde, dieſes ſtolze, unbeugſame Gemüth, das ſich unter der Hand einer Frau bog, aber unter der jedes Mannes eher gebrochen ſein würde. 843u Thereſa war lebhaft, heiter und fröhlich, aber im höchſten Grade kokett; die beiden Piaſter, die der Haushofmeiſter des Grafen Luigi monatlich auszahlte, Alles, was er für kleine Schnitzarbeiten, die er an die Spielwaarenhändler Roms verkaufte, erhielt, ging für Ohrgehänge von Perlen, Halsbänder von Glas und goldene Nadeln darauf; auch war Thereſa, in Folge der verſchwenderiſchen Frei⸗ gebigkeit ihres jungen Freundes, die ſchönſte und geputzteſte Bäuerin der Campagna Romana. So wuchſen die beiden Kinder ungeſtört neben einander auf und überließen ſich ohne Widerſtreben den Neig⸗ ungen ihrer frühreifen Naturen. In ihren Plaudereien, Wünſchen 400 und Träumen, ſah Vampa ſich immer als Kapitän eines Schiffes, General einer Armee, oder Statthalter einer Provinz; Thereſa ſah ſich reich, prachtvoll gekleidet und von Dienern in glänzenden Livréen gefolgt. Wenn ſie dann den ganzen Tag über ihre Zukunft mit dieſen thörichten und glänzenden Luftſchlöſſern ausgeſchmückt hatten, trennten ſie ſich, um ihre Schafe in ihren Stall zu führen, und von der Höhe ihrer Träume zu der Niedrigkeit ihrer wirklichen Stellung zurückzukehren. . Eines Tages ſagte der junge Hirt zu dem Haushofmeiſter, daß er einen Wolf entdeckt habe, der aus den ſardiniſchen Gebirgen kommend, um ſeine Heerde her geſchlichen ſei. Der Haushofmeiſter gab ihm eine Flinte; das war es eben was Luigi wollte. Zufällig war die Flinte ein vortreffliches Gewehr aus Brescia, welches die Kugel trug, wie eine engliſche Büchſe; nur hatte der Graf einſt, indem er einen geſchoſſenen Fuchs damit todt ſchlug, den Kolben zerbrochen und ſie war bei Seite geworfen. Das war für einen Holzſchnitzer wie Vampa keine Schwierigkeit, er unterſuchte das Ge⸗ wehr genau, beachtete, wie er es für ſeine Augen verändern müſſe, und machte ihm einen andern Kolben mit ſo wundervollen Zier⸗ rathen, daß, wenn er denſelben allein hätte verkaufen wollen, er gewiß fünfzehn bis zwanzig Piaſter dafür bekommen hätte. Aber dies ſiel ihm nicht ein; ein Schießgewehr zu haben, war lange der ſtille Wunſch des Jünglings geweſen. In jenem Lande, wo Unab⸗ hängigkeit an die Stelle der Freiheit getreten, iſt das erſte Be⸗ dürfniß jedes ſtarken Herzens, jeder kräftigen Organiſation eine Waffe, die ſowohl zum Angriff als zur Vertheidigung dient, und den, der ſie trägt, furchtbar macht. Jetzt widmete Vampa jeden freien Augenblick der Uebung des Gebrauchs ſeiner Flinte; er kaufte Pulver und Kugeln und benutzte Alles als Ziel; den krummen, vertrockneten Stamm des Olivenbaumes, der in dem flachen Erd⸗ reiche der ſabiniſchen Berge wächſt; den Fuchs, der Abends ſeine Höhle verließ, um die nächtliche Jagd zu beginnen; den Adler, der in der Luft ſchwebte. Bald wurde er ſo geſchickt und ſicher, daß Thereſa die Furcht, welche der Knall anfangs ihr erweckt hatte, überwand, und das größte Vergnügen darin fand, zu ſehen, wie ihr junger Freund das Ziel, welcher Art es auch war, immer mit der größten Sicherheit traf. G neben noch Vamg trug einen Mann um ſ junge tadind noch Sabin Liebe geſag wie der4 ander gewo als ſechs⸗ den weſe es finde Cucl verjo Man Son⸗ müh⸗ tapfe hoffte verſch wuß war De iffes eſa ſah Lirréen uft mit hatten, rund von tellung er, daß ebirgen fmeiſter Pufällig ibes die feinſt, Kolben ir einen das Ge⸗ müſſe, in gier⸗ llen, er Aber nge der Unab⸗ ſte Be⸗ on eine nt, und a jeden kaufte ummen, en Erd⸗ ſeine ler, der r, daß hatte, n, wie ꝛer mit 401 Eines Abends brach wirklich ein Wolf aus dem Tannengehölz, neben welchem die jungen Leute zu ſitzen pflegten; der Wolf hatte noch nicht zehn Schritte in die Ebene gemacht, als er todt war. Vampa, ſtolz über ſeinen Erfolg, lud ihn auf ſeine Schultern, und trug ihn nach der Meierei. Alle dieſe Umſtände verſchafften Luigi einen gewiſſen Ruf in den Umgebungen der Meierei; der ausgezeichnete Mann bildet, wo er ſich auch befindet, ein Gefolge von Bewunderern um ſich her. Man ſprach in der Campagna Romana von dieſem jungen Hirten, als dem geſchickteſten, ſtärkſten und muthigſten Con⸗ tadino zehn Meilen in der Runde; und obgleich Thereſa in einem noch ausgedehnteren Kreiſe für eines der ſchönſten Mädchen des Sabinerlandes galt, fiel es doch Niemand ein, ihr ein Wort von Liebe zu ſagen, denn man wußte, daß Vampa ſie liebte. Indeſſen hatten die beiden jungen Leute einander noch niemals geſagt, daß ſie ſich liebten. Sie waren neben einander aufgewachſen wie zwei Bäume, die ihre Wurzeln in der Erde, ihre Kronen in der Luft und ihren Duft im Himmel vereinigen; der Wunſch, ein⸗ ander zu ſehen, blieb derſelbe, ja es war ihnen zum Bedürfniß geworden, und ſie konnten ſich es eher möglich denken, zu ſterben, als einen Tag getrennt von einander zu verleben. Thereſa war ſechszehn, Luigi ſiebzehn Jahre alt. Um dieſe Zeit wurde viel von einer Räuberbande, die ſich in den lupiniſchen Bergen gebildet hatte, geſprochen. Das Banditen⸗ weſen in der Campagna Romana iſt nie ernſtlich ausgerottet worden, es fehlte zuweilen an Anführern, wenn aber ein Anführer ſich findet, wird es ihm ſelten an einer Bande fehlen. Der berühmte Cucumetto, in den Abruzzen umſtellt, aus dem Königreiche Neapel verjagt, wo er einen förmlichen Krieg geführt hatte, war wie Manfred über den Garigliano gegangen, und hatte ſich zwiſchen Sonnino und Jugerno an die Ufer des Amaſino geflüchtet. Er be⸗ mühte ſich, eine neue Bande zu organiſiren, und trat in die Fuß⸗ tapfen des Deceſari und Gasparone, die er bald zu übertreffen hoffte. Mehre junge Leute aus Paleſtrina, Frascati und Pampinara verſchwanden. Anfänglich beunruhigte man ſich darüber, bald aber wußte man, daß ſie zu Cucumetto's Bande geſtoßen waren. Bald war Cucumetto der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 26 402 Man erzählte Züge von außerordentlicher Kühnheit und empörender Rohheit von dieſem Banditenhauptmanne. Eines Tages entſführte er ein junges Mädchen: es war die Tochter des Feldmeſſers von Froſinone. Die Geſetze der Banditen ſind beſtimmt. Ein Mädchen gehört dem, der ſie entführt, zuerſt, dann looſen die Andern um ſie, und die Unglückliche dient zum Vergnügen der ganzen Bande, bis ſie von derſelben verlaſſen wird, oder ſtirbt. Sind ihre Verwandten reich genug, um ſie loszukaufen, ſo wird ein Bote abgeſchickt, um über das Löſegeld zu unterhandeln; der Kopf der Gefangenen haftet für die Sicherheit der Sendung. Wenn das Löſegeld nicht gezahlt wird, iſt dieſe unwiderruflich ver⸗ urtheilt. Der Liebhaber des jungen Mädchens war bei der Bande des Cucumetto; er hieß Carlini. Als ſie den jungen Mann er⸗ kannte, breitete ſie die Arme gegen ihn aus, und glaubte ſich ge⸗ rettet; aber der arme Carlini ſühlte ſein Herz brechen, als er ſie erkannte, denn er kannte das Geſchick, das ſeine Geliebte erwartete. Indeſſen, da er der Günſtling Cucumetto's war, deſſen Ge⸗ fahren er ſeit drei Jahren muthig getheilt, und ihm, indem er einen Carabinier zu Boden ſtreckte, der ſchon den Säbel über ſeinem Kopfe ſchwang, das Leben gerettet hatte, hoffte er, daß Cucumetto aus Mitleiden mit ihm, zu ſeinen Gunſten eine Ausnahme geſtatten werde. Er zog alſo den Hauptmann bei Seite, während das junge Mädchen an den Stamm einer großen Tanne gelehnt, die mitten in einer Lichtung des Waldes ſtand, ſitzend, ſich des maleriſchen Kopfputzes der römiſchen Bäuerinnen als Schleier bedienend, ihr Geſicht vor den lüſternen Blicken der Banditen verbarg. Da erzählte er ihm Alles, ſeine Liebſchaft mit dem jungen Mädchen, ihre gegen⸗ ſeitigen Treueſchwüre, und wie ſie, ſeit ſie in dieſer Gegend hauſ'ten, einander jede Nacht in einer Ruine getroffen hätten. An dieſem nämlichen Abende hatte Cucumetto Carlini nach einem benachbarten Dorfe geſchickt, er hatte ſich deshalb nicht an dem Orte des Stelldichein einfinden können; aber Cucumetto hatte ſich zufällig, wie er ſagte, dort befunden, und bei dieſer Gelegen⸗ heit das junge Mädchen entführt. Carlini flehte ſeinen Hauptmann an, zu ſeinen Gunſten eine Ausnahme zu machen und Rita zu ehren, deren Vater reich ſei und gewiß gern ein gutes Löſegeld geben werde. Cucumetto gab ſchein⸗ bar de Hirten Vater liebten einen wie es feſtgeſ lich bi A lief ne jungen den T ſeinere Der Stund ſeiner Band die ſi Mahl Mitte Band deckte empor ſende mit! Rita ruf z dem der⸗ Schri metto auf, ſahen dem des borender bar die ſfanditen zuerſt, unt zum wird, kaufen, dendeln; ndung. ch ver⸗ Bande ann er⸗ ſich ge⸗ er ſie wartete. en Ge⸗ —r einen n Kopfe tto aus eſtatten z junge mitten eriſchen nd, ihr erzählte gegen⸗ auſten, ni nach icht an o hatte eelegen⸗ en eine ſei und ſchein⸗ 403 bar den Bitten ſeines Freundes nach und beauftragte ihn, einen Hirten ausfindig zu machen, den man nach Froſinone zu Rita's Vater ſchicken könne. Carlini ging nun ganz freudig zu ſeiner Ge⸗ liebten, verkündete ihr, daß ſie gerettet ſei, und forderte ſie auf, einen Brief an ihren Vater zu ſchreiben, in dem ſie ihm erzählte, wie es ihr ergangen, und daß ihr Löſegeld auf dreihundert Piaſter feſtgeſetzt ſei. Hierzu wurden dem Vater zwölf Stunden Zeit, näm⸗ lich bis den andern Morgen um neun Uhr, bewilligt. Als der Brief geſchrieben war, nahm Carlini ihn gleich und lief nach der Ebene, um einen Boten zu ſuchen. Er fand einen jungen Hirten, der ſeine Heerde hütete. Die Hirten, welche zwiſchen den Bergen und dem flachen Lande, zwiſchen der Wildheit und feineren Bildung leben, ſind die natürlichen Boten der Banditen. Der junge Hirt ging ſogleich ab und verſprach vor Ablauf einer Stunde in Froſinone zu ſein. Carlini kam ganz erfreut zurück, um ſeiner Geliebten dieſe gute Nachricht zu überbringen. Er fand die Bande in der Lichtung gelagert, und fröhlich ein aus den Vorräthen, die ſie als einen Tribut von den Landleuten erhoben, beſtehendes Mahl verzehrend; nur Cucumetto und Rita ſuchte er vergebens in Mitten dieſer fröhlichen Geſellſchaft. Er fragte nach ihnen, die Banditen antworteten mit rohem Gelächter. Kalter Schweiß be⸗ deckte Carlini's Stirn, und er fühlte die Todesangſt ſeine Haare empor ſträuben. Er wiederholte ſeine Frage. Einer der Schmau⸗ ſenden füllte ein Glas mit Wein von Orvieto und reichte es ihm mit den Worten: „Auf die Geſundheit des tapfern Cucumetto und der ſchönen Rita!“ In dieſem Augenblicke glaubte Carlini einen weiblichen Hilfe⸗ ruf zu hören, er errieth Alles, er nahm das Glas, zerbrach es auf dem Geſichte deſſen, der es ihm dargeboten, und ſtürzte dahin, woher der Angſtruf erſchollen war. In einer Entfernung von hundert Schritten fand er hinter einem Gebüſche Rita ohnmächtig in Cucu⸗ metto's Armen. Als Cucumetto Carlini gewahr wurde, ſtand er auf, in jeder Hand eine Piſtole haltend. Die beiden Banditen ſahen ſich einander einen Augenblick ſchweigend an, der Eine mit dem Lächeln der Wolluſt auf den Lippen, der Andere mit der Bläſſe des Todes auf der Stirn. Man mußte glauben, daß zwiſchen dieſen 26* —— 404 beiden Männern etwas Entſetzliches vorgehe, aber nach und nach be⸗ ſänftigten ſich Carlini's Geſichtszüge; ſeine Hand, mit der er die eine Piſtole in ſeinem Gürtel erfaßt hatte, ſank ſchlaff herab; Rita lag zwiſchen den Beiden. Der Mond beleuchtete die Scene. „Nun!“ ſagte Cucumetto zu ihm,„haſt Du den Dir ertheilten Auftrag ausgerichtet?“ „Ja, Hauptmann,“ antwortete Carlini,„und morgen vor neun Uhr wird Rita's Vater mit dem Gelde hier ſein.“ „Vortrefflich. Indeſſen werden wir eine luſtige Nacht haben. Dieſes junge Mädchen iſt entzückend und Du haſt wirklich einen vortrefflichen Geſchmack, Freund Carlini; und da ich durchaus kein Egoiſt bin, wollen wir nun zu den Andern gehen, und looſen, wem ſie nun zuerſt angehören wird.“ „Ihr ſeid alſo entſchloſſen hinſichtlich ihrer das gewöhnliche Geſetz gelten zu laſſen?“ fragte Carlini. „Und warum ſollte ich mit ihr eine Ausnahme machen?“ „Ich dachte meine Bitte...“ „Und biſt Du mehr als die Andern?“ „Nein! Ihr habt Recht.“ „Aber ſei ruhig,“ fuhr Cucumetto lachend fort,„ob früher oder ſpäter, die Reihe kommt an Dich auch.“(Carlini biß die Zähne auf einander, daß ſie hätten zerbrechen mögen.)„Nun munter,“ ſagte Cucumetto, nach den Schmauſenden zugehend, „kommſt Du?“ „Ich folge Euch...“ Cucumetto entfernte ſich, ohne Carlini aus den Augen zu ver⸗ lieren, er fürchtete, im Rücken von ihm getroffen zu werden, doch nichts an dem Banditen verrieth eine feindſelige Abſicht. Er ſtand mit über der Bruſt gekreuzten Armen neben Rita, die immer noch ohnmächtig war. Einen Augenblick glaubte Cucumetto, der junge Mann werde ſie in ſeine Arme nehmen und mit ihr entfliehen; aber was machte er ſich daraus, er hatte ſeinen Zweck bei Rita erreicht, und was das Geld anbetraf, ſo machten dreihundert Piaſter, an die Bande vertheilt, eine ſo kleine Summe aus, daß ihm wenig daran gelegen war. Er ſetzte alſo ſeinen Weg nach der Lichtung fort und zu ſeinem Erſtaunen kam Carlini faſt zu gleicher Zeit mit ihm daſelbſt an. ————˖——— —— gewähte übrigen, zog aus den Na Geſundt das Gl offenen ſtromw begünſt Geſund trinken, auf die 3. zum gr eine F kommen Hand letzten mich h „ heißt d ſich un U volacei C D Gleich, Sie d b; Rita . xtheilten früher biß die „Nun gehend, zu ver⸗ en, doch Er ſtand ner noch er junge tfliehen; bei Rita Piaſter, n wenig Lichtung Zeit mit 40⁵ „Die Ziehung des Looſes! die Ziehung des Looſes!“ riefen alle Banditen dem Hauptmann entgegen. Und Aller Augen glänzten von Trunkenheit und Unzüchtigkeit, während der Schein des Feuers, um das ſie gelagert waren, ein röthliches Licht auf ſie warf, in dem ſie böſen Geiſtern glichen. Was ſie verlangten, war gerecht; auch winkte der Hauptmann gewährend mit dem Kopfe. Aller Namen, der des Carlini mit den übrigen, wurden in einen Hut geworfen, und der jüngſte der Bande zog aus dieſer orginellen Urne ein Loos. Der gezogene Zettel trug den Namen Diavolaccio. Dies war derſelbe, der dem Carlini die Geſundheit zugetrunken hatte, und dem Carlini ſtatt der Antwort das Glas am Geſicht entzwei gebrochen hatte. Aus einer breiten, offenen Wunde von der Schläfe bis zum Munde floß das Blut ſtromweiſe herab. Diavolaccio brach, als er ſich ſo vom Zufall begünſtigt ſah, in ein lautes Gelächter aus. „Hauptmann,“ ſagte er,„Carlini wollte ſoeben nicht auf Eure Geſundheit trinken;„ſchlagt ihm doch vor, jetzt auf die meinige zu trinken, vielleicht nimmt er mehr Rückſicht auf Eure Vorſchläge als auf die meinigen.“ Jeder erwartete einen Ausbruch von Seiten Carlini's, aber zum größten Erſtaunen Aller, nahm er ein Glas in die eine Hand, eine Flaſche in die andere, ſchenkte das Glas voll, ſagte mit voll⸗ kommen ruhiger Stimme: „Auf Deine Geſundheit, Diavolaccio!“ führte, ohne daß ſeine Hand zitterte, das Glas zum Munde, und trank es bis auf den letzten Tropfen aus. Dann ſetzte er ſich zum Feuer. „Meinen Antheil vom Abendbrod,“ ſagte er,„der Weg hat mich hungrig gemacht.“ „Es lebe Carlini!“ riefen die Räuber.„So iſt es recht, das heißt die Sachen aus dem rechten Geſichtspunkte betrachten, wie es ſich unter guten Kameraden gehört!“ Und Alle ſchloſſen einen Kreis um das Feuer, während Dia⸗ volaccio ſich entfernte. Carlini aß und trank, als wäre nichts vorgefallen. Die Banditen ſahen ihn verwundert an, und begriffen ſeine Gleichgiltigkeit nicht, als ſie hinter ſich ſchwere Schritte vernahmen. Sie drehten ſich um, und gewahrten Diavolaccio, der das junge 406 Mädchen in ſeinen Armen trug; ihr Kopf hing herab und ihr langes Haar berührte den Boden. Je näher Beide dem Feuer kamen, deſto deutlicher erkannte man die Bläſſe des jungen Mädchens, wie die des Banditen. Dieſe Erſcheinung hatte etwas ſo Fremdartiges und Feierliches, daß Alle, Carlini ausgenommen, aufſprangen. Carlini fuhr fort zu eſſen und zu trinken, als ginge, was um ihn her ge⸗ ſchah, ihn nichts an. Diavolaccio kam immer näher und legte Rita vor den Füßen des Hauptmanns nieder. Nun konnten Alle die Urſache der tödtlichen Bläſſe des jungen Mädchens und der des Banditen erkennen; in Rita's linker Bruſt ſteckte ein Meſſer bis an das Heft. Aller Augen richteten ſich auf Carlini; die Scheide in ſeinem Gürtel war leer. „Ahl ahl jetzt begreife ich,“ ſagte der Hauptmann,„warum Carlini zurückblieb.“ Jede wilde Natur iſt fähig, eine kühne, kräftige That zu würdigen; obgleich vielleicht keiner der Banditen eben ſo gehandelt haben würde, begriffen ſie ihn doch Alle. „Nun!“ ſprach Carlini, nun auch aufſtehend, und die Hand am Griffe einer ſeiner Piſtolen, ſich dem Leichname nähernd,„iſt hier noch Einer, der mir dieſes Weib ſtreitig macht?“ „Nein!“ antwortete der Hauptmann,„ſie iſt Dein.“ Nun nahm Carlini ſie in ſeine Arme und trug ſie aus dem Scheine, den das Feuer verbreitete. Cucumetto ſtellte wie gewöhnlich Wachtpoſten aus, und die Banditen legten ſich in ihre Mäntel gehüllt um das Feuer zur Ruhe. Um Mitternacht gab ein Poſten das Zeichen und in einem Augenblicke waren der Hauptmann und alle ſeine Gefährten auf den Beinen. Es war der Vater Rita's, der ſelbſt das Löſegeld für ſeine Tochter brachte und ſie abholen wollte. „Nimm,“ ſagte er zu Cucumetto, indem er ihm den Geldſack reichte,„hier ſind dreihundert Piaſter, gieb mir mein Kind zurück.“ Aber der Hauptmann machte ihm, ohne das Geld anzurühren, ein Zeichen, ihm zu folgen. Der Greis gehorchte; ſie gingen unter den Bäumen, durch deren Belaubung die Strahlen des Mondes drangen, dahin. End⸗ lich l Alten er wi fühlte über heiml und d deutlie Kniee der I ſeine und langes kamen 9 8, wie partiges Carlini her ge⸗ ate Rita jungen Bruſt ſeinem warum That zu ehandelt ie Hand nd, iſ us dem und die euer zur n einem ten auf Löſegeld Geldſack zurück. grühren, , durch Erd⸗ 407 lich blieb Cucumetto ſtehen, ſtreckte die Hand aus und zeigte dem Alten zwei Perſonen, die unter einem Baume ſaßen. „Sieh' hin,“ ſprach er,„fordere Deine Tochter von Carlini; er wird Dir Rechenſchaft dafür geben.“ Damit ging er zu ſeinen Gefährten zurück. Der Greis blieb mit ſtarren Augen unbeweglich ſtehen. Er fühlte, daß irgend ein unbekanntes, ungeheures, unerhörtes Unglück über ſeinem Haupte ſchwebe. Endlich näherte er ſich der ihm un⸗ heimlichen Gruppe um einige Schritte. Bei dem Geräuſche ſeiner Annäherung erhob Carlini den Kopf, und die Formen der beiden Geſtalten wurden den Augen des Greiſes deutlicher. Ein Weib lag an der Erde, mit dem Kopfe auf den Knieen eines Mannes ruhend, der ſich zu ihr hinabneigte. Indem der Mann ſeinen Kopf erhob, wurde der des Mädchens, den er an ſeine Bruſt gedrückt hielt, ſichtbar. Der Greis erkannte ſeine Tochter, und Carlini erkannte Rita's Vater. „Ich erwartete Dich,“ redete Carlini den Alten an. „Elender!“ antwortete der Greis,„was haſt Du gethan?“ Und mit Entſetzen ſah er Rita, bleich, unbeweglich, blutend, mit einem Meſſer in der Bruſt. Ein Strahl des Mondes erhellte ſie mit ſeinem trüben, matten Lichte. „Cucumetto hat Deiner Tochter Gewalt angethan,“ ſagte der Bandit,„und da ich ſie liebte, habe ich ſie getödtet, weil ſie nach ihm der ganzen Bande angehören ſollte.“ Der Greis ſprach kein Wort, wurde aber bleich wie ein Schatten. „Jetzt,“ ſagte Carlini,„räche ſie, wenn ich Unrecht gethan habe.“ Damit zog er das Meſſer aus dem Buſen ſeiner Geliebten, ſprang auf und bot daſſelbe mit einer Hand dem unglücklichen Vater, während er mit der andern ſeine Bruſt entblößte. „Du haſt recht gethan, umarme mich, mein Sohn,“ ſprach der Greis mit dumpfer Stimme. Carlini warf ſich ſchluchzend in die Arme des Vaters ſeiner Geliebten. Es waren die erſten Thränen, welche dieſer Mann des Blutes vergoß. „Jetzt,“ ſprach der Greis zu Carlini,„hilf mir meine Tochter begraben.“ — 408 Carlini holte zwei Grabſcheite, und der Vater und der Geliebte gruben das Grab des jungen Mädchens unter einer dicht belaubten Eiche. Als die Grube tief genug war, umarmte erſt der Vater ſeine Tochter, dann der Liebende die Geliebte, und legten ſie dann ſanft hinein. Dann knieeten ſie Jeder an einer Seite des Grabes und ſprachen die Sterbegebete. Dann bedeckten ſie den Leichnam mit Erde bis das Grab angefüllt war. „Ich danke Dir,“ ſagte der Greis nun, Carlini die Hand reichend,„jetzt laſſ' mich allein.“ „Aber...“ ſagte dieſer. „Laſſ' mich allein, ich befehle es Dir.“ Carlini gehorchte, ging zu ſeinen Kameraden, hüllte ſich in ſeinen Mantel, und ſchien bald eben ſo tief zu ſchlafen, als die Andern. Es war den Abend vorher beſchloſſen worden, einen andern Lager⸗ platz zu wählen. Eine Stunde vor Tagesanbruch weckte Cucumetto ſeine Leute und gab den Befehl zum Aufbruch; aber Carlini wollte den Wald nicht verlaſſen, ohne zu ſehen, was aus Rita's Vater geworden war. Er ging nach dem Orte, wo er ihn gelaſſen hatte. Er fand den Greis an den Zweigen der Eiche hängen, die das Grab ſeiner Tochter beſchatteten. Da ſchwur er an der Leiche des Einen, und an dem Grabe des Andern den Eid, ſie Beide zu rächen; doch konnte er dieſen Eid nicht halten; denn zwei Tage dorauf wurde er in einem Scharmützel mit den römiſchen Carabiniers getödtet. Seine Kameraden wunderten ſich nur, daß ihn, der immer dem Feinde die Stirn bot, die tödtende Kugel zwiſchen den Schultern getroffen hatte. Die Verwunderung endete, als einer der Kameraden dem andern erzählte, daß Cucumetto, als Carlini fiel, zehn Schritt hinter ihm ſtand. Am Morgen der Abreiſe aus dem Walde von Froſinone war er Carlini im Dunkeln gefolgt, hatte den Racheſchwur deſſelben ge⸗ hört und war als vorſichtiger Mann ihm zuvorgekommen. Man erzählte ſich über dieſen ſchrecklichen Räuberhauptmann noch hundert andere, nicht weniger unglückliche Geſchichten. Von Fondi bis Perouſe zitterte Jeder bei dem bloſen Namen des Cucumetto. Dieſe Geſchichten waren ſchon immer der Gegenſtand von, Luigi's und Thereſa's Unterhaltung geweſen. Das junge Mädchen zitterte ſehr bei allen ſolchen Erzählungen; aber Vampa beruhigte weit ti hunder nahm troffen die beit Thereſ Beide fragen. Ei die Zul lich ein Leute A ein B Bandi die Er ein W Stein, bedeute ſtech z wieder Pferd Flücht an de Gege pirten „ ſuchen gleich 1 römiſc 409 Peliebte aubten Vater ſie lächelnd, an ſeine gute Flinte ſchlagend, welche die Kugel ſo weit trug; wenn ſie dann noch ängſtlich war, zeigte er ihr einen, hundert Schritt entfernt auf einem trockenen Zweige ſitzenden Raben, ſed Buun nahm ſeine Flinte an die Wange, zielte, und das Thier fiel ge⸗ ichnam troffen am Fuße des Baumes nieder. Indeſſen verging die Zeit; die beiden jungen Leute hatten beſchloſſen, ſich, wenn Vampa zwanzig, dand Tnuhereſe neunzehn Jahr alt ſein würde, zu heirathen. Sie waren 1 Beide Waiſen und hatten nur ihre Herrſchaft um Erlaubniß zu 4 fragen: die Erlaubniß ward nachgeſucht und ertheilt. Eines Tages, als ſie wie gewöhnlich von ihren Plänen für die Zukunft ſchwatzten, hörten ſie mehrere Schüſſe, dann kam plötz⸗ 0 lich ein Mann aus dem Gehölze, in deſſen Nähe die beiden jungen Lager eute ihre Schafe hüteten, geſtürzt, und eilte gerade auf ſie zu. umetto Als ſie ihn verſtehen konnten, rief er ihnen zu: wolle„Ich werde verfolgt, könnt Ihr mich verſtecken?“ Vater Die jungen Leute erkannten bald, daß der Flüchtling irgend hatte. ein Bandit ſein müſſe, aber zwiſchen den römiſchen Bauern und ie das Banditen findet eine angeborene Sympathie ſtatt, vermöge deren hhe des ddie Erſten den Zweiten immer behilflich ſind. Vampa lief, ohne rächen; ein Wort zu ſagen, nach dem Eingange einer Grotte, nahm einen wurde Stein, welcher denſelben ſchloß und zugleich künſtlich verſteckte, fort, tödtet. boedeutete, den Flüchtling, ſich in dieſem, Niemand bekannten Ver⸗ t dem ſteck zu verbergen, das er hinter im ſchloß und ſich unbefangen uleen wieder zu Thereſe ſetzte. eraden Faaſt in demſelben Augenblicke erſchienen vier Carabiniers zu Schritt Pferde am Saume des Gehölzes. Drei von ihnen ſchienen den . Flüchtling zu ſuchen, der Vierte ſchleppte einen gefangenen Banditen e war an der Kehle mit ſich fort. Die drei Carabiniers durchſpähten die en ge Gegend mit den Augen, entdeckten die beiden jungen Leute, galop⸗ Man pirten auf ſie zu und fragten ſie aus. Sie hatten nichts geſehen. undert„Das iſt fatal,“ ſagte der Brigadier,„denn der, welchen wir f bis ſuchen, iſt der Hauptmann.“ b V„Cucumetto?“ konnten Luigi und Thereſa ſich nicht enthalten, hvon gleichzeitig verwundert auszurufen. idchen„Ja,“ antwortete der Brigadier,„und da ein Preis von tauſend römiſchen Thalern auf ſeinen Kopf geſetzt iſt, würde Jeder von 410 Euch fünfhundert erhalten haben, wenn Ihr uns behilflich geweſen wäret, ihn zu fangen.“ Die beiden jungen Leute wechſelten einen Blick. Der Brigadier ſchöpfte einen Augenblick Hoffnung. Fünfhundert römiſche Thaler ſind dreitauſend Franken, und dreitauſend Franken ſind ein Ver⸗ mögen für zwei arme Waiſen, die einander heirathen wollen. „Ja, es iſt ſchade,“ ſagte Vampa;„aber wir haben ihn nicht geſehen.“ Nun durchſtreiften die Carabiniers die Gegend nach allen Richtungen, aber vergebens; endlich verſchwanden ſie. Jetzt zog Vampa den Stein fort und ließ Cucumetto heraus. Dieſer hatte durch die Spalten der Thür von Granit die beiden jungen Leute mit den Carabiniers ſprechen ſehen; er war nicht im Zweifel über den Gegenſtand der Unterhaltung geweſen, er hatte auf Luigi's und Thereſe's Geſicht, den unerſchütterlichen Vorſatz, ihn nicht aus⸗ zuliefern, geleſen; er nahm eine mit Gold angefüllte Börſe aus der Taſche und bot ſie ihnen. Aber Vampa warf ſtolz ſein Haupt; Thereſe's Augen glänzten, indem ſie bedachte, welchen Putz, Schmuck und ſchöne Kleider ſie für den Inhalt dieſer Börſe kaufen könnte. Cucumetto war ein gewandter Satan; er hatte nur die Ge⸗ ſtalt eines Banditen ſtatt der einer Schlange. Er gewahrte dieſen Blick, erkannte in Thereſe eine würdige Tochter Eva's und eilte in den Wald, mehrmals nach ſeinen Befreiern zurückblickend. Mehrere Tage vergingen, ohne daß man Cucumetto ſah, oder von ihm hörte. Die Zeit des Carnevals nahte, der Graf von San⸗Felice kündigte einen großen Maskenball an, zu dem Alles, was in Rom auf Aus⸗ zeichnung und Eleganz Anſpruch machen konnte, eingeladen werden ſollte. Thereſe hatte große Luſt, dieſen Ball zu ſehen. Luigi bat ſeinen Gönner, den Haushofmeiſter, um die Erlaubniß für ſich und Thereſe, unter die Diener des Hauſes gemiſcht, demſelben beiwohnen zu dürfen; dieſe Erlaubniß wurde ihm gewährt. Der Graf gab dieſen Ball beſonders, um ſeiner Tochter Carmela, die er anbetete, ein Vergnügen zu machen. Carmela war genau von dem Alter und der Größe Thereſe's, und Thereſe mindeſtens eben ſo ſchön als ſie. An dem Abende des Balles legte Thereſe ihren ſchönſten Schmuck an, die ſchönſten Nadeln, die bunteſten Perlen. Sie trug das Coſtüm der Frauen von Frascati⸗Luigi, er erſchien in der kleidſamen Tracht der Bauern aus der Campagna Romane Diener D erleuch farbige der Ge Terraſ fand ſi ihre M waren war Roch von in viel a licher Mädc beglei Würd Lande Civite merkt und arrar die 6 dem Ihr geſtü in Begl geweſen rigadier Thaler in Ver⸗ n. in nicht ich allen ſetzt zog er hatte Leute el über Luigi's cht aus⸗ aus der Haupt. Schmud könnte, die Ge⸗ e dieſen eilte in Mehrere mhörte. ündigte uf Aus⸗ werden igi bat ich und wohnen armela, genau deſtens Thereſe nteſten igi, er npagna 411 Romana. Beide miſchten ſich, der Erlaubniß gemäß, unter die Diener des gräflichen Hauſes und die neugierigen Landleute. Das Feſt war prachtvoll. Nicht allein die Villa war glänzend erleuchtet, ſondern auch der Garten war durch Tauſende von bunt⸗ farbigen Laternen erhellt und geſchmückt. Auch ergoß der Schwarm der Gäſte ſich bald aus dem Schloſſe auf die Terraſſen, von den Terraſſen in die Alleen. Auf jedem freien Platze des Gartens be⸗ fand ſich ein Orcheſter und ein Büffet mit Erfriſchungen: die Spazier⸗ gänger nahmen Platz, Quadrillen bildeten ſich, und man tanzte, wo man Luſt hatte. Carmela hatte das Coſtüm einer Bäuerin von Socimo gewählt; ihre Mütze war ganz mit Perlen beſäet, die Nadeln in ihrem Haar waren von Gold und Diamanten, ihr Gürtel von türkiſcher Seide war mit großen Blumen in den ſchönſten Farben durchwirkt; ihr Rock und Ueberkleid waren vom feinſten Cachemir, das Schürzchen von indiſchem Mouſſelin, die Knöpfe ihres Mieders waren eben ſo viel auserleſene Edelſteine. Zwei ihrer Freundinnen waren in ähn⸗ licher Art, die eine als Bäuerin von Nettuno, die andere als Mädchen von Riccia gekleidet. Vier junge Leute aus den reichſten und höchſten Familien Roms begleiteten dieſe drei jungen Damen mit jenem Anſtande, jener mit Würde gepaarten italieniſchen Anmuth, die man in keinem andern Lande der Welt findet; ſie waren als Bauern von Albano, Veletri, Civita⸗Caſtellane und Sora gekleidet. Es braucht wohl kaum be⸗ merkt zu werden, daß der Anzug dieſer Bauern ebenſo von Gold und Diamanten ſtrahlte, wie der der Bäuerinnen. Carmela bekam den Einfall, eine Quadrille im Coſtüm zu arrangiren, leider fehlte die vierte Dame. Carmela durchforſchte die Schaar der weiblichen Masken, nicht eine derſelben hatte ein dem ihrigen und dem ihrer beiden Gefährtinnen ähnliches Coſtüm. Ihr Vater zeigte ihr Thereſen, die in der Nähe, auf Luigi's Arm geſtützt, in maleriſcher Stellung da ſtand. „Erlauben Sie, mein Vater?“ fragte Carmela. „Gern, mein Kind,“ antwortete der Graf,„ſind wir nicht mitten im Carneval?“ Carmela neigte ſich zu einem ihrer dienſtbaren Begleiter, und ſagte ihm, auf Thereſe deutend, einige leiſe Worte. Der junge Mann beeilte ſich, Thereſe zu der Mitwirkung bei 412 bei der Quadrille, welche die Signora Comteſſa aufzuführen wünſchte, aufzufordern. Thereſe fühlte eine Flamme ihr Geſicht entzünden, ſie fragte Luigi mit einem Blicke: es war nicht auszuweichen. Luigi ließ leiſe Thereſe's Arm aus dem ſeinigen gleiten, und Thereſe ging, von ihrem eleganten Cavalier geführt, zitternd nach dem ihr ange⸗ wieſenen Platze in der ariſtokratiſchen Quadrille. In den Augen eines Künſtlers würde das richtig nationale Coſtüm Thereſens vor dem der jungen Gräfin und ihrer Begleiterinnen auf jeden Fall den Vorzug erhalten haben; aber Thereſe war ein eitles, gefall⸗ ſüchtiges, junges Mädchen, die Stickerei des Mouſſelins, die Palmen des Gürtels, die prachtvollen Farben des Cachemirgewebes, blendeten ſie, und der Glanz der bunten Steine und Diamanten machte ſie vollends verwirrt. In Luigi's Seele keimte eine unbekannte Em⸗ pfindung, es war wie ein dumpfer Schmerz, der ihm erſt am Herzen nagte und von da zitternd durch alle Adern ſich verbreitete und den ganzen Körper bewegte. Er verfolgte die geringſte Bewegung Thereſens und ihres Cavaliers; wenn ihre Hände ſich berührten, wurde es ihm ſchwarz vor den Augen, ſein Blut drohte die Adern zu ſprengen und es ſummte wie der Schall einer große Glocke vor ſeinen Ohren. Obgleich Thereſe ſchüchtern und mit niedergeſchlagenen Augen die Reden ihres Cavaliers anhörte, ſagte Luigi doch ſein Inſtinkt, daß es Schmeicheleien und Lobſprüche waren; die Erde drehte ſich mit ihm und alle Stimmen in der Hölle flüſterten ihm von Mord und Todtſchlag in den Ohren. Beſorgt, daß ſeine Tollheit ihn zu weit führen möge, griff er mit einer Hand in die Hecke, an die er ſich gelehnt hatte, während die andere krampfhaft den ſchön ge⸗ ſchnitzten Griff ſeines im Gürtel ſteckenden Dolches feſthielt und ihn unwillkürlich zuweilen faſt ganz aus der Scheide zog. Luigi war eiferſüchtig, er fühlte, daß, hochmüthig und kokett wie ſie war, Thereſe ihm abſpenſtig gemacht werden konnte. Das junge Mädchen, Anfangs erſchreckt und ſchüchtern, hatte ſich bald zurecht gefunden.. Thereſe war, wie ſchon geſagt, ſchön, noch mehr, ſie war graziös, ſie beſaß jene natürliche Anmuth, die bei weitem anziehender iſt, als die gemachte künſtliche Anmuth der höheren Stände. Sie trug beinahe den Sieg davon, und wenn ſie die Cochten wir ni geweſe plimen hatte jedes die ge alſo ſ Arm! 5 der W Carme Bitten Tochte 6 ohne konnte nu fin denen halb Garte 0 4 gnüge dos zeigte Inne gerech ihr un ſie fi blieb Wort heit geſchl Feſte nach Gräf 413 ünſchte, Tochter des Grafen um ihr reiches Coſtüm beneidete, ſo wollen wir nicht behaupten, daß Carmela ganz ohne Ialouſie ihrethalben fragte geweſen wäre. Auch führte ihr Cavalier ſie mit bedeutenden Com⸗ igi ihh plimenten nach dem Platze zurück, wo Luigi ſie erwartete. Sie ſe ging, hatte mehrmals während des Tanzes nach ihm geſehen und ihn t ange. jedes Mal bleicher und finſterer gefunden. Einmal hatte ſie ſogar 0 Augen die gezogene Klinge ſeines Dolches glänzen ſehen, ſie konnte ſich 1 4 ens vorr alſo ſeine Gemüthsſtimmung erklären und legte faſt zitternd ihren en Fall Arm wieder in den ſeinigen. gefal⸗ Die Quadrille hatte ſo ſehr gefallen, daß von allen Seiten almen der Wunſch, dieſelbe wiederholt zu ſehen, ausgeſprochen wurde. 17 ſendeten Carmela zeigte jedoch keine Neigung, die an ſie deshalb gerichteten chte ſie Bitten zu erfüllen, der Graf von San⸗Felice bat indeſſen ſeine te Em⸗ Tochter ſo zärtlich, daß ſie endlich nachgab. 1 Herzen Sogleich ſprang einer der Cavaliere fort, um die ſchöne Bäuerin, kte und ohne deren Mitwirkung der Contre⸗Tanz nicht zu Stande kommen A egung konnte, herbeizuführen; aber das junge Mädchen war nicht mehr ührten, zu finden, denn Luigi fühlte nicht die Kraft, die ſo eben empfun⸗ 3 Adern ddeenen Qualen nochmals zu erdulden, und hatte alſo ſeine Geliebte ſce vor halb mit Güte, halb mit Gewalt, nach dem einſamſten Punkte des Gartens gezogen. Augen Thereſe hatte den Schauplatz ſo vielen Glanzes und Ver⸗ ntinkt, gnügens zwar ſehr ungern verlaſſen, aber das entſtellte Geſicht, hie ſic das Schweigen, das nervöſe, krampfhafte Zittern ihres Verlobten 1 Nord zeigte ihr, daß etwas Fremdartiges in ihm vorging. Auch ihr 1 ihn zu Inneres war ungewöhnlich aufgeregt, und ohne irgend etwas Un⸗ die er gerechtes gethan zu haben, fühlte fie, daß Luigi Urſache habe, mit ön ge⸗ ihr unzufrieden zu ſein: weshalb? das wußte ſie nicht, doch geſtand nd ihn ſie ſich ſelbſt, Schuld an ſeiner Unzufriedenheit zu ſein. Indeſſen blieb Luigi zu Thereſe's größtem Erſtaunen ſtumm und nicht ein kokett Wort ging den ganzen Abend über ſeine Lippen. Als die Dunkel⸗ ⁄ Das heit der Nacht die Gäſte aus dem Garten verſcheuchte, die Thüren 1 bald geſchloſſen und zu dem nun im Innern des Schloſſes fortgeſetzten mehr, Feſte keine Zuſchauer mehr zugelaſſen wurden, führte er Thereſe veſtem nach Hauſe und ſagte, als ſie ſich trennen wollten, zu ihr: dheren„Thereſe, woran dachteſt Du, als Du im Tanze der jungen ſe de Gräfin San Felice gegenüber ſtandeſt?“ 414 „Ich dachte,“ antwortete das junge Mädchen mit aller Frei⸗ müthigkeit ihrer ungekünſtelten Seele,„daß ich die Hälfte meines Lebens geben würde, um ein ſolches Coſtüm, wie ſie trug, zu haben.“ „Und was ſagte Dein Cavalier zu Dir?“ „Er ſagte, daß es nur auf mich ankomme, es zu haben, und daß ich deshalb nur ein Wort zu ſagen brauchte.“ „Er hatte Recht,“ antwortete Luigi:„Wünſcheſt Du es wirk⸗ lich ſo glühend, wie Du ſagſt?“ „Ja.“ „Gut! Du ſollſt es haben.“ Das junge Mädchen ſah ihn erſtaunt und fragend an, aber ſeine Miene war ſo düſter und entſetzlich, daß ihr das Wort auf den Lippen erſtarb. Luigi entfernte ſich ſogleich. Thereſe folgte ihm im Dunkel der Nacht mit den Blicken, ſo lange ſie einen Schatten ſeiner Geſtalt ſah. Dann ging ſie leiſe hinein. Dieſelbe Nacht fand noch, wahrſcheinlich durch die Schuld eines Dieners, der bei dem Auslöſchen der Lichter unvorſichtig zu Werke gegangen war, ein vwichtiges, ſchreckliches Ereigniß ſtatt: in der Villa San⸗Felice entſtand eine Feuersbrunſt, und zwar kam dieſelbe dicht bei der Wohnung der ſchönen Carmela aus. Mitten in der Nacht von den Flammen erweckt, war ſie aus dem Bette geſprungen, hatte ein Morgenkleid übergeworfen und durch die Thür entfliehen wollen; aber der Corridor, den ſie paſſiren mußte, ſtand ſchon in vollen Flammen. Sie kehrte in ihr Zimmer zurück, laut um Hilfe rufend, als plötzlich ihr zwanzig Fuß über der Erde befindliches Fenſter eingeſtoßen wurde, ein junger Bauer durch daſſelbe in's Zimmer ſprang, ſie in ſeine Arme nahm, ſich mit übermenſchlicher Kraft und Gewandtheit mit ihr hinausſchwang und ſie nach dem Raſenplatze des Gartens trug, wo ſie ohnmächtig niederſank. Als ſie wieder zu ſich kam, war ihr Vater bei ihr und ſämmtliche Dome⸗ ſtiken umgaben ſie, ihr allen möglichen Beiſtand leiſtend. Ein ganzer Flügel der prachtvollen Villa war niedergebrannt; aber was war daran gelegen, da Carmela gerettet und friſch und geſund war? Ihr Befreier wurde überall geſucht, aber nicht gefunden; alle Welt wurde gefragt, aber Niemand hatte ihn geſehen. Carmela ſelbſt war ſo verwirrt geweſen, daß ſie ihn weder gekannt hatte, noch ihn beſchreiben konnte. Bei dem unermeßlichen Reichthume des Grafen ſo gute eigentli Luigi l Grotte, etwas daß 7 jungen zeigte beiden Auf de Halsge einem zuges. fragen, in die ſetzte lleinen er Frei⸗ meines haben.“ en, und es wirk⸗ n, aber 2 bort auf e folgte ie einen Id eines u Werke in der dieſelbe in der prungen, uifliehen ſchon in im Hilfe ndliches lbe in's ſchlicher ach dem k. Als ſe Dome⸗ d. Ein ber was d war? le Welt a ſelbſt och ihn Grafen rrreemnnes;— 415 machte ſich derſelbe, da nur Carmela gerettet war, wenig aus dieſem Verluſte, und ſah in dieſer ſo wunderbaren, geheimnißvollen Rett⸗ ung nur eine neue Begünſtigung des Geſchickes. Am folgenden Tage trafen die beiden Liebenden zur gewöhn⸗ lichen Stunde am Saume des Gehölzes zuſammen. Luigi war zu⸗ erſt gekommen. Er kam dem jungen Mädchen ſehr fröhlich ent⸗ gegen; die Vorfälle des geſtrigen Abends ſchien er gänzlich vergeſſen zu haben. Thereſe war ſichtlich nachdenkend, aber da ſie Luigi ſo gut aufgelegt ſah, affectirte ſie die lachende Sorgloſigkeit, die ihr eigentlicher Charakter war, wenn keine Leidenſchaft denſelbe ſtörte. Luigi legte Thereſe’s Arm in den ſeinigen, und führte ſie zu der Grotte, wo er ſtehen blieb. Das junge Mädchen bemerkte, daß etwas Ungewöhnliches im Werke ſei und ſah ihn ſtarr an. „Thereſe,“ ſagte Luigi,„Du haſt mir geſtern Abend geſagt, daß Du Alles hingeben würdeſt, um einen Anzug, wie den der jungen Gräfin, zu haben?“ „Gewiß,“ antwortete Thereſe erſtaunt,„aber es war thöricht von mir, einen ſolchen Wunſch zu äußern.“ „Und ich habe Dir geantwortet: Es iſt gut, Du ſollſt ihn haben.“ „Ja,“ erwiderte Thereſe, deren Erſtaunen mit jedem Worte Luigi's zunahm; aber das haſt Du ohne Zweifel nur geantwortet, um mir Freude zu machen.“ „Ich habe Dir noch nie etwas verſprochen und es Dir nicht gegeben, Thereſe,“ ſagte Luigi ſtolz:„gehe in die Grotte und kleide Dich an.“ Bei dieſen Worten zog er den Stein aus der Oeffnung und zeigte Thereſen die Grotte, welche durch zwei Wachskerzen, die zu beiden Seiten eines prachtvollen Spiegels brannten, erleuchtet war. Auf dem plumpen, von Luigi ſelbſt gezimmerten Tiſche, war das Halsgeſchmeide, die Perlen und Diamantennadeln ausgebreitet; über einem daneben ſtehenden Stuhle hing der übrige Theil des An⸗ zuges. Thereſe ſtieß einen Freudenſchrei aus, und ſtürzte, ohne zu fragen, woher Luigi den Anzug habe, ohne ſich bei ihm zu bedanken, in die Grotte, welche zum Ankleidekabinet umgeſtaltet war. Luigi ſetzte den Stein wieder ein, denn er hatte auf dem Kamme eines kleinen Hügels, der an der Stelle wo Luigi ſtand, die Ausſicht nach 416 Paleſtrina benahm, einen Reiter entdeckt, der in demſelben Augen⸗ blicke, wie des Weges ungewiß, anhielt, und deſſen Schatten ſich mit der den ſüdlichen Ländern eigenthümlichen Schärfe und Genauig⸗ keit an der Bläue des Himmels abzeichnete. Luigi gewahr werdend, ſetzte der Reiſende ſein Pferd in Galopp und kam zu ihm. Luigi hatte ſich nicht geirrt; der Fremde, der von Paleſtrina nach Tivoli wollte, war über den Weg ungewiß. Der junge Mann zeigte ihm denſelben zwar, da er aber eine Viertel⸗ ſtunde weiter ſich in drei Fußpfade theilte, und der Fremde ſich, an dieſer Stelle angelangt, leicht von Neuem irren konnte, bat er Luigi, ihn bis dahin zu begleiten. Luigi warf ſeinen Mantel zur Erde, ſeine Büchſe über die Schulter und ging ſo, von den ſchweren Kleidungsſtücken befreit, mit dem raſchen Schritte der Bewohner, dem ein Pferd kaum folgen kann, vor dem Unbekannten her. In zehn Minuten langten ſie zuſammen an dem von Luigi be⸗ zeichneten Scheidewege an. Hier ſtreckte der junge Mann mit Miene und Stellung eines Kaiſers die Hand nach dem Pfade aus, welchen der Reiſende einſchlagen mußte. „Hier iſt Euer Weg, Excellenz,“ ſagte er,„Ihr könnt jetzt nicht mehr irren.“ „Hier Deine Belohnung,“ ſprach der Reiſende, indem er dem jungen Hirten einige Goldſtücke bot. „Danke,“ erwiderte Luigi,„ich verkaufe meine Gefälligkeit nicht.“ „Aber,“ ſprach der Fremde, dem der Unterſchied zwiſchen dem ſervilen Eigennutz der Städter und der ſtolzen Biederkeit der Land⸗ leute übrigens nichts Neues zu ſein ſchien,„wenn Du den Lohn ausſchlägſt, wirſt Du doch ein Geſchenk annehmen?“ „Ol ja, das iſt eine andere Sache.“ „Nun wohl!“ antwortete der Reiſende,„ſo nimm dieſe beiden venetianiſchen Zechinen und ſchenke ſie Deiner Braut zu ein paar Ohrgehängen.“ „Und Ihr, nehmt dagegen dieſen Dolch,“ ſagte der junge Hirt. „Ihr findet von Albano bis Civita⸗Caſtellane keinen, deſſen Griff beſſer geſchnitzt iſt.“ „Ich nehme ihn an,“ antwortete der Reiſende,„aber dann bin ich immer noch in Deiner Schuld, denn dieſer Dolch iſt mehr als zwei Zechinen werth.“ —— brach; teuer meiner 8 wie d in ih Chriſte und g hunden hören. der J und n auf w Hügel den 9 die ſi Dieſe des 2 überſch zweihr ihn ſtand, Der Luigi be⸗ it Miene , welchen önnt jett n er dem it nicht.“ cen dem der Land⸗ den Lohn ſe beiden ein paar nge birt. ſen Griff ber dann iſt mehr 417 „Für einen Kaufmann vielleicht, für mich aber, der ich ihn ſelbſt geſchnitzt habe, iſt er kaum einen Piaſter werth.“ „Wie iſt Dein Name?“ fragte der Fremde. „Luigi Vampa,“ antwortete der Hirt mit derſelben Miene und Ton, als hätte er zu antworten gehabt:„Alexander, König von Macedonien,— und Ihr?“ „Ich,“ ſagte der Fremde,„nenne mich Sindbad der Seefahrer.“ Franz von Epinay ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. „Sindbad der Seefahrer!“ ſagte er. „Ja,“ erwiderte der Erzähler,„dieſen Namen nannte der Rei⸗ ſende Vampa als den ſeinigen.“ „Und was haſt Du gegen dieſen Namen einzuwenden?“ unter⸗ brach ihn Albert;„es iſt ja ein ſehr ſchöner Name, und die Aben⸗ teuer des wahren Sindbad haben mich, das muß ich geſtehen, in meiner Jugend ſehr intereſſirt.“ Franz ſchwieg. Dieſer Name, Sindbad der Seefahrer, hatte, wie der Leſer leicht begreifen wird, eine Welt von Erinnerungen in ihm erweckt, wie am Abend zuvor der des Grafen von Monte⸗ Chriſto. „Fahrt fort,“ bat er den Wirth. „Vampa ſteckte die beiden Zechinen verächtlich in die Taſche und ging langſam ſeinen Weg zurück. Als er ungefähr noch zwei⸗ hundert Schritte von der Grotte war, glaubte er einen Schrei zu hören. Nach einer Secunde hörte er deutlich ſeinen Namen rufen; der Ruf kam aus der Grotte. Er machte Sätze wie eine Gemſe, lud ſeine Büchſe im Laufen und war in weniger als einer Minute auf dem Gipfel des kleinen, dem, auf welchem er den Reiſenden zuerſt erblickt hatte, gegenüberliegenden Hügels. Hier hörte er den Ruf: zu Hilfe! deutlicher. Er überblickte den Raum, der ihn noch von der Grotte trennte: ein Mann entführte die ſich ſträubende Thereſe, wie der Centaur Neſſus Dejanira. Dieſer Mann, der dem Gehölze zueilte, hatte ſchon drei Viertheile des Weges von der Grotte bis zum Gehölz zurückgelegt. Vampa überſchlug den Zwiſchenraum— der Entführer hatte wenigſtens zweihundert Schritte vor ihm voraus, er konnte nicht darauf rechnen, ihn noch außerhalb des Gehölzes zu erreichen. Der junge Hirt ſtand, als wären ſeine Füße in die Erde gewurzelt. Er ſtützte den Der Graf von Monte⸗GCbriſto. 27 418 Kolben ſeiner Flinte auf ſeine Schulter, richtete langſam den Lauf derſelben auf den Räuber, folgte ihm noch einen Moment mit den Blicken und gab Feuer. Der Entführer blieb plötzlich ſtehen, wankte, fiel und zog Thereſe mit zu Boden. Aber Thereſe ſtand augenblicklich wieder auf, während ihr Entführer liegen blieb, und ſich im Todeskampfe am Boden wand. Vampa ſtürzte zu Thereſe; denn zehn Schritte von dem Sterbenden hatten ihr die Beine den Dienſt verſagt, ſie war auf die Kniee geſunken und den jungen Mann überfiel die ſchreckliche Furcht, daß die Kugel, welche den Feind getroffen, auch ſeine Braut verwundet haben könne. Glücklicher Weiſe war es nicht der Fall, nur der Schreck hatte Thereſens Kraft gelähmt. Als Luigi ſich überzeugt hatte, daß ſie unverletzt war, wendete er ſich zu dem Verwundeten; er war verſchieden— mit geballten Fäuſten, im Todeskampf verzogenem Munde, vom Todesſchweiß emporge⸗ ſträubtem Haar und weit geöffneten ſtarren Augen lag er mit drohender Miene da. Vampa näherte ſich dem Getödteten und erkannte Cucumetto. An dem Tage, wo die beiden jungen Leute ihn gerettet hatten, war er in Liebe für Thereſe entbrannt und hatte geſchworen, das junge Mädchen ſein zu nennen. Unaufhörlich war er auf ihrer Spur ge⸗ weſen, und den Augenblick benutzend, wo ihr Geliebter ſie verließ, um dem Fremden den Weg zu zeigen, hatte er ſie entführt und glaubte ſich ihren Beſitz ſchon geſichert, als Vampa's Kugel, geleitet durch den untrüglichen Blick des jungen Schützen, ſein Herz durch⸗ bohrte. Vampa betrachtete ihn einen Augenblick ohne irgend ein Zeichen von Rührung oder Entſetzen, während Thereſe, noch immer zitternd, ſich dem getödeten Banditen nur langſam zu nähern wagte und über die Schulter ihres Geliebten zögernd nach dem Leichnam blickte. Nach Verlauf eines Augenblickes wendete ſich Vampa zu ſeiner Braut. „Ah! ah!“ ſagte er,„Du biſt angezogen, die Reihe iſt nun an mir, Toilette zu machen.“ Thereſe war wirklich vom Kopf bis zu den Füßen in das Maskencoſtüm der jungen Gräfin von San⸗Felice gekleidet. Vampa nahm den Körper Cucumetto's und trug ihn mit ſtarken Armen in die Grotte. Thereſe blieb draußen. Wenn jetzt wieder ein Reiſender vorbei paſſirt wäre, hätte er etwas S Kleide v von Pet Smarag in Flor gekehrt, biniſchen Na Coſtüm Er hatte eiſelirten vollen, t von rot Samme feſtigt Arabesk allen Fa ein prach Th glich in Schnetz Er ſah ein hocht „3 hheilen, „O „M. „B „D. zeit zu Da⸗ ühne zu ſchien er ſich dem Nier lannte; tinäiger 419 en Lauf wit den etwas Sonderbares geſehen, nämlich ein Mädchen, welches in einem Kleide von Cachemir, prachtvollen Ohrgehängen, einem Halsgeſchmeide und dog von Perlen, Nadeln von Diamanten und Miederknöpfen von Saphiren, wieder Smaragden und Rubinen die Schafe hütete. Gewiß hätte er ſich eskampfe in Florians Zeiten zurückverſetzt geglaubt und, nach Paris zurück⸗ 4* Schite gekehrt, erzählt, daß er„die Hirtin der Alpen“ am Fuße der ſa⸗ ſagt, ſe biniſchen Gebirge ſitzend gefunden habe. rfiel de Nach einer Viertelſtunde kam Vampa aus der Grotte. Sein 1 en, auh Coſtüm war in ſeiner Art nicht minder elegant, als das Thereſens. war es Er hatte eine Jacke von granatfarbenem Sammet, mit goldenen, nt. Als ceiſelirten Knöpfen, eine reich geſtickte, ſeidene Weſte, einen pracht⸗ eer ſich voollen, türkiſchen Shawl um den Hals geknüpft, eine Patrontaſche Fäͤlſten, von rother und grüner Seide mit Gold verziert, himmelblaue empotge⸗ Sammetpantalons, die über den Knieen mit Diamantknöpfen be⸗ er mnit feſtigt waren, Gamaſchen von Dammhirſchleder, die ganz mit Alrabesken bemalt waren und einen Hut, an welchem Bänder von umetto. allen Farben flatterten. An ſeinem Gürtel hingen zwei Uhren und ten, war ein prachtvoller Dolch in der Scheide. as junge Thereſe ſtieß einen Schrei der Bewunderung aus; Vampa pur ge glich in dieſer Kleidung einem Gemälde von Leopold Robert oder verlies, Schnetz. Er hatte das vollſtändige Coſtüm Cucumetto's angelegt. ptt und Er ſah den Einfluß, den ſein Coſtüm auf ſeine Braut hatte und geleittt ein hochmüthiges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. —z durch⸗„Biſt Du bereit,“ ſagte er nun zu Thereſe,„mein Loos zu dend ein theilen, von welcher Art es auch ſei?“ Hinmer„O ja!“ rief das junge Mädchen begeiſtert. nwagte„Mir zu folgen, wohin ich auch gehe?“ ihnem„Bis an das Ende der Welt!“ mpa zu„Dann nimm meinen Arm und komme, denn wir haben keine geit zu verlieren.“ 1 nun an Das junge Mädchen legte ihren Arm in den ihres Geliebten, bis a ohne zu fragen, wohin er ſie führe, denn in dieſem Augenblicke en Felice ſchien er ihr ſchön, ſtolz und mächtig wie ein Gott. Sie näherten 1 iun mit ſich dem Walde, deſſen Saum ſie in einigen Minuten erreichten. 1 Niemand wird bezweifeln, daß Vampa alle Pfade des Gebirges hütte e kannte; er ging alſo ohne Zögern in den Wald hinein, obgleich kein einziger gebahnter Weg durch denſelben führte; er erkannte an der 3 27* 420 Richtung der Bäume und Gebüſche, wohin er ſich zu wenden habe. Sie gingen ungefähr anderthalb Stunden, ohne auszuruhen, fort, und befanden ſich jetzt an dem dichteſten Punkte des Waldes. Ein ausgetrocknetes Flußbett führte in eine tiefe Schlucht. Vampa ſchlug dieſen beſchwerlichen Weg ein, der zwiſchen zwei ſteilen Ufern und durch dichte Schatten von hohen Tannen verdunkelt, dem Pfade nach dem Aternus glich, von dem Virgil redet. Thereſe, in dieſer Wildniß wieder furchtſam geworden, ſchmiegte ſich ſchweigend an ihren Führer; ſein gleichmäßiger Schritt jedoch und ſein von freudiger Ruhe ſtrahlendes Geſicht gaben ihr die Kraft, ihre Angſt zu be⸗ herrſchen. Plötzlich trat zehn Schritte vor ihnen ein Mann hinter einem Baume, der ihn bis dahin verborgen hatte, hervor und legte auf Vampa an. „Keinen Schritt weiter, oder Du biſt des Todes,“ rief er. „Laß doch!“ ſagte Vampa, mit verächtlicher Geberde die Hand emporhebend, während Thereſe, ihr Entſetzen nicht mehr verbergend, ihn umklammerte;„ſeit wann zerreißen die Wölfe einander?“ „Wer biſt Du?“ fragte der Wachtpoſten. „Luigi Vampa, der Hirt der Meierei von San⸗Felice.“ „Was willſt Du?“ „Ich will mit Deinen Kameraden reden, die in der Lichtung von Rocca⸗Bianca ſind.“ „Dann folge mir,“ ſagte die Wache,„oder vielmehr, gehe vor mir her.“ Vampa lächelte verächtlich über dieſe Vorſichtsmaßregel des Banditen, ging mit Thereſe voraus, und ſetzte mit eben ſo feſtem, ruhigen Schritte, als er gekommen war, den Weg fort. Nach fünf Minuten bedeutete der Bandit ſie, ſtill zu ſtehen. Sie gehorchten. Der Bandit ahmte drei Mal das Gekrächz des Raben nach; ein vielſtimmiges Gekrächz antwortete dem dreifachen Rufe. „Es iſt gut, ſagte der Bandit.„Jetzt kannſt Du Deinen Weg fortſetzen.“ Luigi und Thereſe gingen weiter. Aber je weiter ſie kamen, je mehr nahm Thereſens Zittern zu, denn zwiſchen den Bäumen hindurch wurden bärtige, wildausſehende Männer ſichtbar, funkelten — Fünten iines ll det abe Rom zu den Gip von ettt 79 zu ſprec „ Hauptm „3 wortete der jun Di „U machen Anzug von Sa verſchaf Ei metto's „9 Freunde Vumpa .3 eriſtirt „2 „L den habe then, fort, les. Ein npa ſchlug Uſern und Lſade nach in dieſer eigend an freudiger gſt zu be⸗ aeer einem legte auf rief er. die Hand verbergend, der?“ ice.“ r Lichlung :, gehe vor aßregel des ſo feſtem, u ſtehen. hekrächz des deeifachen Du Deinen ſie kamen, en Bäumen u, funkelten 421 Flintenläufe. Die Lichtung von Rocca⸗Bianca war auf dem Gipfel eines kleinen Berges, der ehemals ein Vulkan geweſen ſein mochte, der aber ſchon ehe Romulus und Remus Alba verwüſteten, um Rom zu bauen, ausgebrannt war. Thereſe und Luigi erreichten den Gipfel und befanden ſich in demſelben Augenblicke einer Anzahl von etwa zwanzig Banditen gegenüber. „Hier iſt ein junger Mann, der Euch aufſuchte und mit Euch zu ſprechen wünſcht,“ ſagte der Führer. „Und was will er uns ſagen?“ fragte der Stellvertreter des Hauptmanns. „Ich will ſagen, daß ich es müde bin, Schäfer zu ſein,“ ant⸗ wortete Vampa. „Ach, ich begreife,“ ſprach der Lieutenant,„und Du begehrſt, in unſere Reihen aufgenommen zu werden?“ „Er ſei willkommen!“ riefen mehrere aus Ferruſino, Pampinara und Agnani gebürtige Männer, die Luigi erkannt hatten. „Ja, aber mein Begehr iſt nicht, Euer Kamerad zu werden.“ „Und was verlangſt Du ſonſt von uns?“ fragten die Banditen erſtaunt. „Ich komme, mich Euch zum Hauptmann anzubieten,“ antwortete der junge Hirt. Die Banditen brachen in lautes Gelächter aus. „Und was haſt Du gethan, um auf dieſe Ehre Anſpruch zu machen?“ fragte der Lieutenant. „Ich habe Euern Hauptmann Cucumetto getödtet, wovon mein Anzug Euch den Beweis giebt... und habe die Villa des Grafen von San⸗Felice angezündet, um meiner Braut das Hochzeitskleid zu verſchaffen,“ antwortete Luigi Vampa. Eine Stunde darauf war er einſtimmig zum Nachfolger Cucu⸗ metto's erwählt.“— „Nun! mein lieber Albert,“ ſprach Franz, ſich zu ſeinem Freunde wendend,„was meinſt Du jetzt zu dem Meſſer Luigi Vampa?“ „Ich meine, daß ich eine Mythe gehört habe, und er niemals exiſtirt hat.“ „Was iſt das, eine Mythe?“ fragte Paſtrini. „Euch das zu erklären, mein lieber Wirth, würde zu weitläufig 422 ſein,“ antwortete Franz.„Und Ihr behauptet alſo,“ fuhr er fort, „daß Meſſer Vampa jetzt in der Umgebung von Rom ſein Gewerbe treibt?“ „Und das mit einer Kühnheit und Dreiſtigkeit, die noch kein Bandit vor ihm beſaß.“ „Die Polizei hat umſonſt verſucht, ſeiner habhaft zu werden?“ „Was wollen Sie? er iſt zu gleicher Zeit mit den Hirten der Ebene, den Fiſchern der Tiber und den Schmugglern der Küſte ein⸗ verſtanden. Sucht man ihn in den Bergen, ſo iſt er auf dem Fluſſe; verfolgt man ihn auf dem Fluſſe, ſo gewinnt er die offene See; 2 und wenn man ihn auf der Inſel El⸗Giglio, El⸗Guanouti oder Fr Monte⸗Chriſto glaubt, erſcheint er plötzlich in Albano, Tivoli oder bolhſer Riccia.“ die ſie „Und welches iſt ſeine gewöhnliche Art, mit den Reiſenden, ſchen die in ſeine Hände fallen, zu verfahren?“ konnte. „Ach, mein Gott! das iſt ſehr einfach. Je nach der Entfern⸗ rechten ung von der Stadt giebt er ihnen acht bis zwölf Stunden oder Urbanc einen ganzen Tag, um das Löſegeld herbeizuſchaffen; iſt dieſe Zeit 5 ohne Erfolg abgelaufen, ſchenkt er noch eine Gnadenſtunde. Hat daß F. er, wenn die ſechszigſte Minute dieſer Stunde vorüber iſt, das Geld Erzähl noch nicht, ſo ſchießt er den Gefangenen mit einem Piſtol durch phitrye den Kopf oder ſtößt ihm ſeinen Dolch in's Herz und damit iſt die in eine Sache abgemacht.“ liches „Nun, Albert!“ fragte Franz,„haſt Du immer noch Luſt, um vorlegt die Stadt herum nach dem Colyſeum zu fahren?“ zu find „Gewiß!“ antwortete Albert,„wenn der Weg maleriſcher iſt.“- In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr neun, die Thür öffnete nämliW ſich und der Kutſcher erſchien. und B „Excellenza's, der Wagen wartet,“ ſagte er. auf de „Nun wohl,“ entſchied Franz,„nach dem Colyſeum.“ erinner „Durch die Porta del Popolo, Excellenz, oder durch die Straßen?“ Mann „Durch die Straßen zum Teufel! durch die Straßen!“ rief Franz. weg, „Ach, mein Freund,“ meinte Albert, aufſtehend und die dritte nur un Cigarre anzündend,„wahrhaftig, ich hätte mehr Herzhaftigkeit von T Dir erwartet.“ hatte, Hierauf ſtiegen die jungen Leute die Treppen hinunter, ſetzten bbend ſich in den Wagen und fuhren ab. Xcchi t fort, ewerbe och kein erden?⸗ tten der ſſte ein. Nuſſe te See, ti oder li oder iſenden, Entfern⸗ en oder eſe Zeit » Hat 8 Geld l durch iſt die uſt, um her iſt.“ öffnete raßen?“ [Franz. e dritte eit von „ſetzten XXXV. Erſcheinungen. Franz hatte ein Auskunftsmittel gefunden, Albert nach dem Colyſeum zu führen, ohne daß durch den Anblick von antiken Ruinen, die ſie unterwegs paſſirten, der großartige Eindruck ſeiner giganti⸗ ſchen Verhältniſſe auch nur im Mindeſten beeinträchtigt werden konnte. Sie verfolgten nämlich die Via Siſtina, bogen an der rechten Ecke von Santa⸗Maria⸗Majora ab und kamen durch die Via Urbano und San⸗Pietro⸗in⸗Vincoli gerade auf die Via del Colyſeo. Dieſer Weg bot noch einen andern Vortheil dar, nämlich den, daß Franz durch nichts von der Erinnerung an die ſo eben gehörte Erzählung abgezogen wurde, in welche ſein geheimnißvoller Am⸗ phitryon von Monte⸗Chriſto verwebt war. So hatte er ſich denn in eine Ecke des Wagens zuſammengedrückt und war in ein unend⸗ liches Labyrinth von tauſend Fragen verſunken, die er ſich ſelbſt vorlegte, ohne auf eine einzige derſelben eine befriedigende Antwort zu finden. Noch etwas hatte ihn an ſeinen Freund Sindbad erinnert, nämlich die geheimnißvollen Verbindungen zwiſchen den Schiffern und Banditen. Was Meſſer Paſtrini von dem Aſyl, welches Vampa auf den Barken der Fiſcher und Schmuggler finde, geſagt hatte, erinnerte Franz an die beiden corſiſchen Banditen, die er mit der Mannſchaft der Yacht ſchmauſend gefunden hatte, und an den Um⸗ weg, welchen das nach Malaga beſtimmte Fahrzeug gemacht hatte, nur um dieſelben in Porto⸗Vecchio an's Land zu ſetzen. Der Name, den ſein Wirth auf Monte⸗Chriſto ſich gegeben hatte, von Meſſer Paſtrini ausgeſprochen, bewies ihm, daß derſelbe eben die philanthropiſche Rolle an den Küſten von Piombino, Civita⸗ Vecchia, Oſtia und Gaëta ſpielte wie an denen von Corſika, Toskana, 424 Spanien und ſelbſt an denen von Tunis und Palermo. Ein Beweis, daß der Kreis ſeiner Verbindungen ein ſehr ausgedehnter war. So mächtig aber auch alle dieſe Betrachtungen den Geiſt des jungen Mannes beherrſchten, ſo verſchwanden ſie in dem Augenblicke, wo der düſtere, eiſige Schatten des Colyſeum ſich vor ſeinen Augen erhob, zwiſchen deſſen Oeffnungen der Mond ſeine langen, bleichen Strahlen ſenkte, wie Blicke aus Geiſteraugen. Einige Schritte von la Meta Sudans hielt der Wagen. Der Kutſcher öffnete den Schlag; die beiden jungen Leute ſprangen heraus und fanden ſich einem Cicerone gegenüber, der aus der Erde emporgeſtiegen zu ſein ſchien. Da der des Hotels ihnen gefolgt war, ſo hatten ſie nun alſo zwei Begleiter. Es iſt übrigens in Rom geradezu unmöglich, dieſen Aufwand mit Führern und Bedienung zu vermeiden. Außer dem allgemeinen Cicerone, der ſich Eurer bemächtigt, ſowie Ihr das Hotel betretet, und Euch nicht eher verläßt, als bis Ihr das Thor der Stadt hinter Euch habt, giebt es noch für jedes Monument, ja man möchte ſagen für jedes Bruchſtück eines Monuments, einen beſondern Cicerone. Man urtheile hiernach, ob es im Colyſeum an Cicerone's fehlen kann, bei dieſem vorzüglichſten Monumente, über welches Martial ſagte: „Möge Memphis aufhören, uns die rohen Wunder ſeiner Pyramiden zu preiſen, möge man nicht mehr die Wunder Ba⸗ bylons beſingen, denn nichts kommt der unendlichen Arbeit des Amphitheaters der Cäſaren gleich, und alle Stimmen der Be⸗ wunderung müſſen ſich vereinen, dieſes großartige Werk zu rühmen.“ Franz und Albert verſuchten nicht, ſich der Tyrannei des Cicerone⸗ weſens zu entziehen. Auch würde dies um ſo ſchwieriger geweſen ſein, als nur dieſe privilegirten Führer das Recht haben, dieſes Monument mit Fackeln zu durchſtreifen. Sie ergaben ſich alſo ohne Widerſtand ihren Führern ganz und gar. Franz, der dieſe ſo einzige, mit nichts zu vergleichende Ruine ſchon wenigſtens zehn Mal beſucht und nach allen Richtungen durch⸗ ſorſcht hatte, ſah hier nichts Neues mehr; Albert zum erſten Male in Rom, betrat als Neuling das Monument des Flavius Vespa⸗ ſianus, und wir müſſen zu ſeinem Lobe bekennen, daß er, unge⸗ achtet des Geſchwätzes der Führer, tief ergriffen war. Man hat wirklich, ſätiſchen hättniſe lichtes, doppelt Au Franz als er, leiſten! die Hal machen) regelmä Säule von Gt E Säule ſeinen entgege Begleit ſatz zu lich beſ der Tie der, a geſtieg daß ei grund tritten obgleie nicht h T ſtalt, vortrat währen E trachtu überra 8 dem. & Beweis, ar. iſt des nblike, Augen leichen te von te den en ſich zu ſein le nun ſwand meinen etretet, Stadt a man ondern erone's welches ſeiner er Ba⸗ eit des er Be⸗ hmen.“ lcerone⸗ ſeweſen dieſes ſo ohne Ruine durch⸗ Male Vespa⸗ „unge⸗ an hat —-—— — . 425 wirklich, wenn man ſie noch nicht ſah, keinen Begriff von der maje⸗ ſtätiſchen Erhabenheit dieſer Ruinen, deren ohnehin großartige Ver⸗ hältniſſe noch durch die geheimnißvolle Helle des ſüdlichen Mond⸗ lichtes, welches beinahe der Dämmerung des Orients gleicht, ver⸗ doppelt werden. Auch hatte der in ſeine Gedanken ſchon wieder verſunkene Franz kaum hundert Schritte in den innern Säulengängen gemacht, als er, Albert ſeinen Führern überlaſſend(die nicht Verzicht darauf leiſten wollten, ihn mit Allem, was dazu gehörte, die Löwengrube, die Halle der Gladiatoren, das Podium der Cäſaren, bekannt zu machen) eine halb verfallene Treppe aufſuchte und die Andern ihren regelmäßigen Curſus vollenden laſſend, ſich in den Schatten einer Säule ſetzte, einer Oeffnung gegenüber, die ihm geſtattete, den Koloß von Granit in ſeiner ganzen majeſtätiſchen Ausdehnung zu überſehen. Eine Viertelſtunde ungefähr hatte Franz ſchon im Schatten der Säule verborgen geſeſſen und beobachtete Albert, der ſoeben, von ſeinen beiden Fackelträgern begleitet, aus einem Vomitorium am entgegengeſetzten Ende des Colyſeums hervorkam und mit ſeinen Begleitern gleich den Schatten, die den Irrlichtern folgen, von Ab⸗ ſatz zu Abſatz nach den Plätzen, die für die Veſtalinnen ausſchließ⸗ lich beſtimmt waren, ſich hinarbeitete, als es ihm ſchien, er höre in der Tiefe der Ruine einen Stein hinabrollen von der Treppe, die der, auf welcher er zu dem Sitze, den er jetzt einnahm, empor⸗ geſtiegen war, gegenüberlag. Es iſt ohne Zweifel nichts Seltenes, daß ein von dem Zahne der Zeit ausgebröckelter Stein in den Ab⸗ grund rollt, aber es ſchien ihm, als wäre dieſer Stein den Fuß⸗ tritten eines Menſchen gewichen, deſſen Geräuſch bis zu ihm drang, obgleich der, von dem es herrührte, ſein Möglichſtes that, um es nicht hörbar zu machen. Wirklich erſchien in demſelben Augenblicke eine männliche Ge⸗ ſtalt, die, je höher ſie ſtieg, je erkennbarer aus dem Schatten her⸗ vortrat, indem die obern Stufen der Treppe im hellen Lichte waren, während Dunkelheit die untern umhüllte. Es konnte ein Reiſender wie er ſein, der eine einſame Be⸗ trachtung dem unterrichtenden Geſchwätz der Führer vorzog, folglich⸗ 35 überraſchte ſeine Erſcheinung unſern jungen Freund nicht; aber an dem Zögern, mit dem er die letzten Stofen herauſſtieg, an der 426 Art, wie er, oben angelangt, ſtand und horchte, war deutlich zu erkennen, daß ein beſonderer Zweck ihn hierher geführt hatte, und daß er Jemand erwarte. Franz verbarg ſich inſtinktmäßig, ſo gut es ſich thun ließ, hinter der Säule. Zehn Schritte von dem Orte, wo ſie ſich befanden, war das Gewölbe ſchadhaft und ließ durch eine Oeffnung von der Größe eines Brunnens den geſtirnten Himmel ſehen. Um dieſe Oeffnung, die vielleicht ſchon ſeit Jahrzehnten den Mondſtrahlen den Eingang geſtattete, ſproßte Gebüſch, deſſen zierlicher Baumſchlag gegen das Blau des Himmels abſtach, während große Lianen und kräftige Epheuranken von dieſer überirdiſchen Terraſſe herabhingen und hängendem Tauwerke gleich an der Wölbung der Decke ſchwankten. Der Mann, deſſen geheimnißvolles Kommen Franzens Aufmerk⸗ ſamkeit erregt hatte, ſtand in einem Halbdunkel, welches ſeine Ge⸗ ſichtszüge nicht, wohl aber die Art ſeiner Kleidung erkennen ließ. Er hatte einen großen braunen Mantel um, deſſen einer Zipfel über die linke Schulter geſchlagen war und den untern Theil ſeines Geſichts verſteckte, während ein breitkrämpiger Hut den Obertheil deſſelben verbarg. Das ſchräge Licht, welches durch die Oeffnung drang, fiel gerade auf den untern Theil der Geſtalt und ließ Franz ſchwarze Pantalons erkennen, aus denen feine, ſehr glänzende Stiefeln hervorſahen. Dieſer Mann gehörte augenſcheinlich, wo nicht zur Ariſtokratie, doch auf jeden Fall zur feinſten Geſellſchaft. Er war ſchon einige Minuten da und gab ſichtbare Zeichen von Ungeduld, als ein leichtes Geräuſch auf der überirdiſchen Terraſſe entſtand. Zugleich verdunkelte ſich die Oeffnung, an der Mündung derſelben erſchien ein Mann, ſah lauſchend in den Raum unter ſich und entdeckte den Mann im Mantel; ſogleich ergriff er eine Hand voll Lianen und Epheuranken, ließ ſich an denſelben hinabgleiten, und drei bis vier Fuß vom Boden ſprang er leicht zur Erde. Dieſer war vollſtändig wie ein Tranſteveriner gekleidet. „Entſchuldigen Excellenz,“ ſagte er im römiſchen Dialekt,„ich habe Sie warten laſſen; indeſſen komme ich nur einige Minuten zu ſpät, ſo eben hat es in San⸗Giovanni de Laterano zehn geſchlagen.“ „Ich kam zu früh, Ihr aber nicht zu ſpät,“ antwortete der Fremde im reinſten toskaniſchen Dialekt;„alſo keine Complimente, übrigens, wenn Ihr mich hättet warten laſſen, ſo würde ich mir Jahrg Seiner wie e pflegt Elend getödt wird Regie ſetzen ein a mittel ſeht ſpiele man änder Ungen nicht ich zu e, und o gut ar das Größe faung, ingang en das täftige und nkten. ſwerk⸗ le Ge⸗ ließ. gipfel ſeines ertheil ffnung Franz nzende , wo ſchaft. eeichen erraſſe ndung er ſich Hand leiten, Erde. ich ten zu aen.“ te der mente, h mit 427 wohl gedacht haben, daß irgend ein beſonderer Umſtand Euch ver⸗ hindern müſſe.“ „Und Excellenz hätten Recht gehabt; ich komme von der Engels⸗ burg und habe alle meine Noth gehabt, um mit Beppo ſprechen zu können.“ „Wer iſt Beppo?“ „Beppo iſt ein Beamter des Gefängniſſes, dem ich einen kleinen Jahrgehalt gebe, um zu wiſſen, was im Innern des Palaſtes Seiner Heiligkeit vorgeht.“ „Achl ich ſehe, daß Ihr ein vorſichtiger Mann ſeid, mein Lieber.“ „Was wollen Excellenz, man kann nicht wiſſen, was geſchehen kann; vielleicht komme auch ich einmal in's Garn, wie dieſer arme Peppino, und könnte einer Ratte bedürfen, um einige Maſchen meines Netzes zu zernagen.“ „Kurz! was habt Ihr gehört?“ „Dienſtag um zwei Uhr werden zwei Hinrichtungen ſtattfinden, wie es in Rom bei Eröffnung großer Feſtlichkeiten zu geſchehen pflegt; der Eine der Verurtheilten wird maazzolato, es iſt ein Elender, der gar kein Mitleiden verdient, denn er hat einen Prieſter getödtet, der ihn erzogen und ihm wohlgethan hatte; der Andere wird decapitato und das iſt mein armer Peppino.“ „Was wollt Ihr, mein Lieber, Ihr flößt ſowohl der päpſtlichen Regierung, als auch den benachbarten Königreichen ein ſolches Ent⸗ ſetzen ein, daß man durchaus ein Exempel ſtatuiren will.“ „Aber Peppino gehört nicht einmal zu meiner Bande, er iſt ein armer Hirt, deſſen ganzes Verbrechen war, daß er uns Lebens⸗ mittel brachte.“ „Was ihn vollſtändig zu Eurem Mitſchuldigen macht. Auch ſeht Ihr, daß man Rückſicht auf ihn nimmt. Statt ihm mitzu⸗ ſpielen wie Euch, wenn man Eurer je habhaft werden ſollte, wird man ſich begnügen, ihn zu guillotiniren. Uebrigens wird dieſe Ver⸗ änderung dem Volke Vergnügen machen, welches das Neue und Ungewöhnliche liebt.“ „Das, was ich ihm aufſpare und deſſen es nicht gewärtig iſt, nicht mitgerechnet,“ antwortete der Tranſteveriner. „Mein lieber Freund, erlaubt mir, Euch zu ſagen,“ erwiderte 428 der Mann im Mantel,„daß Ihr mir ganz aufgelegt ſcheint, irgend eine Thorheit zu begehen.“ „Ich bin aufgelegt zu Allem, wodurch ich die Hinrichtung des armen Teufels verhindern kann, der um meinetwillen in's Unglück gerathen iſt; bei der Madonna! ich würde mich als einen Feigen betrachten, wenn ich nicht etwas für dieſen braven Burſchen thäte.“ „Und was werdet Ihr thun?“ „Ich werde einige zwanzig Mann um das Schaffot auſſtellen laſſen und in dem Augenblicke, wo ſie ihn bringen, werden wir uns, auf ein von mir gegebenes Zeichen, mit dem Dolch in der Hand, auf die Bedeckung ſtürzen und ihn befreien.“ „Das ſcheint mir ſehr unſicher und ich halte meinen Plan für ſicherer als den Eurigen.“ „Und wie iſt dieſer Plan, Excellenza?“ „Ich werde irgend Jemand, den ich nicht nenne, zweitauſend Piaſter geben, damit er die Erlaubniß auswirkt, daß Peppino erſt im künftigen Jahre hingerichtet wird; im Laufe des Jahres werde ich dann einem Andern, den ich auch nicht nenne, wieder tauſend Piaſter geben, damit er dem Gefangenen zur Flucht behilflich iſt.“ „Sind Sie des Gelingens gewiß?“ „Pardieu!“ ſagte der Mann im Mantel franzöſiſch. „Was beliebt?“ fragte der Tranſteveriner. „Ich ſagte, mein Lieber, daß ich allein mit meinem Gelde mehr ausrichten werde, als Ihr und alle Eure Leute mit Euren Dolchen, Euren Piſtolen, Büchſen und Meſſern. Laßt mich alſo machen.“ „Vortrefflich! aber für den Fall, daß es Ihnen etwa fehlſchlüge, wollen wir uns doch bereit halten.“ „Haltet Euch bereit, wenn es Euch Vergnügen macht, aber ſeid verſichert, daß ich ſeine Begnadigung erlange.“ „Uebermorgen iſt Dienſtag, das bedenken Sie; Sie haben nur noch den morgenden Tag.“ „Ja, aber ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, jede Stunde ſechszig Minuten, jede Minute ſechszig Secunden, und in ſechsund⸗ achtzigtauſend und vierhundert Secunden kann man viel verrichten.“ „Wie erfahren wir es, wenn es Excellenz geglückt iſt?“ „Das iſt ganz einfach zu machen, ich habe die drei letzten ihm 1 an de fromm dem O Troſt ſtand gema Ihne mehr wart inner Sie End ich! von ſcha man ———— 429 Fenſter des Café Rospoli gemiethet; wenn ich den Aufſchub aus⸗ gewirkt habe, ſoll das mittelſte Fenſter weiß, mit einem rothen Kreuze, die beiden zu jeder Seite mit gelbem Damaſt behangen ſein.“ „Vortrefflich! und durch wen werden Excellenz die Begnadigung überbringen laſſen?“ „Schickt mir einen Eurer Leute in der Kleidung eines Büßenden, ihm werde ich ſie geben. Vermöge ſeines Gewandes kann er bis an den Fuß des Schaffottes gelangen und dem Vorſteher der frommen Brüderſchaft die Schrift einhändigen, der dieſelbe dann dem Scharfrichter vorzeigt. Laßt dies dem Peppino vorläufig zum Troſt mittheilen, damit er nicht aus Furcht ſtirbt, oder den Ver⸗ ſtand verliert, denn alsdann hätte ich eine unnütze Ausgabe für ihn gemacht.“ „Hören Sie, Excellenz,“ ſagte der Bergbewohner,„ich bin Ihnen ſehr ergeben, davon ſind Sie überzeugt, nicht wahr?“ „Ich hoffe es wenigſtens.“ Nun wohl! wenn Sie Peppino retten, ſo werden Sie künftig mehr als Ergebenheit, Sie werden Unterwürfigkeit von mir zu er⸗ warten haben.“. „Hört, mein Freund, ich werde Euch vielleicht einſt daran er⸗ innern, denn ich könnte Eurer vielleicht einſt bedürfen.“ „Nun wohl! Excellenz, dann werden Sie mich finden, wie ich Sie zu dieſer Stunde gefunden habe. Und wären Sie am andern Ende der Welt, Sie brauchen nur zu ſchreiben:„thue das“, und ich werde es thun. Auf das Wort Lu...“ „Pſt!“ ſagte der Mann im Mantel,„ich höre Geräuſch.“ „Es ſind Reiſende, die das Colyſeum mit Fackeln beſuchen.“ Sie brauchen uns nicht beiſammen zu finden. Dieſe Schlingels von Führern könnten Euch erkennen, und ſo ehrenvoll Eure Freund⸗ ſchaft auch iſt, mein Lieber, ſo könnte doch unſere Verbindung, wenn man ſie bemerkte, meinem Credite ſchaden.“ „Alſo, wenn Sie den Aufſchub haben?... „Iſt das mittlere Fenſter weiß, mit rothem Kreuz verhängt.“ „Wenn Sie ihn nicht haben?“ „Alle Fenſter gelb.“ „Und dann?“... „Dann, mein lieber Freund, bedient Euch der Dolche ganz nach Gefallen, ich werde gegenwärtig ſein, um Euch handeln zu ſehen.“ „Adieu, Excellenz; ich verlaſſe mich auf Sie; verlaſſen Sie ſich auf mich.“ Mit dieſen Worten verſchwand der Tranſteveriner über die wackelnde Treppe, während der Unbekannte ſich noch mehr als zuvor das Geſicht verhüllte, dicht an Franz vorüberging und über die äußern Stufen in die Arena hinabſtieg. Eine Secunde darauf hörte Franz ſeinen Namen unter dem Gewölbe widerhallen. Albert rief ihn. Er zögerte etwas mit der Antwort, damit die beiden Männer ſich erſt entfernen und nicht bemerken möchten, daß ſie einen Zeugen bei ihrer Unterredung gehabt hatten, der, wenn er auch ihre Geſichter nicht geſehen, doch kein Wort von ihrer Unterhaltung verloren hatte. Nach zehn Minuten rollte Franz dem Hotel von London auf dem ſpaniſchen Platze zu, mit faſt beleidigender Zerſtreutheit die gelehrte Abhandlung anhörend, die Albert nach Plinius und Cal⸗ purnius ihm hielt, über die mit Eiſenſpitzen verſehenen Netze, welche die wilden Thiere verhinderten, ſich auf die Zuſchauer zu ſtürzen. Er ließ ihn reden, ohne die geringſte Einwendung zu machen; er fühlte das Bedürfniß, allein zu ſein und ungeſtört an das ſoeben Erlebte denken zu können. Der Eine dieſer beiden Männer war ihm auf jeden Fall fremd, er ſah und hörte ihn zum erſten Male, aber nicht eben ſo verhielt es ſich mit dem Andern, und obgleich Franz in der Dunkelheit ſeine und noch dazu von Hut und Mantel verſteckten Geſichtszüge nicht hatte ſehen können, ſo hatte doch dieſe, gerade dieſe Stimme einen zu lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, als daß er ſie je hätte ver⸗ geſſen oder nur verwechſeln können. Sie hatte, beſonders im Spott etwas zu ziſchend Metalliſches, was ihn ſchaudern machte, in den Ruinen des Colyſeum ſowohl, als in der Höhle auf Monte⸗Chriſto; und er war mithin ganz feſt überzeugt, daß dieſer Mann kein Anderer, als Sindbad der Seefahrer war. Unter allen andern Umſtänden würde die Neugierde, welche dieſer Mann ihm eingeflößt hatte, ſo groß geweſen ſein, daß er ſich ihm zu erkennen gegeben hätte; aber die Unterredung, die er ange⸗ hört hatte, war von der Art, daß die ſehr weiſe Furcht, daß ſeine Albert ſorgung Er hat Briefe Wagen U pfehlun und ha Ei hatte er und na⸗ Das S die Sp Ur daran; poniſten hindert ſtrahlen eines müſſen ſeit er⸗ ein ein A war er 431 nach Erſcheinung nur unangenehm ſein werde, ihn davon abhalten mußte. hen.“ Er hatte ihn alſo ſich ungehindert entfernen laſſen, aber nicht ohne ſch den feſten Vorſatz, wenn er ihn nochmals treffen werde, die Ge⸗ llegenheit nicht wie dieſe entſchlüpfen zu laſſen. e di Franz war zu aufgeregt, um gut zu ſchlafen. Er brachte die uvor MNacht damit hin, alle die Umſtände, die mit dem Manne der Höhle e die und dem Unbekannten des Colyſeums zuſammenhingen und ihn über⸗ zeugten, daß Beide eine Perſon ſeien, für und wider abzuwägen. dem Gegen Morgen ſchlief er erſt ein und erwachte folglich ziemlich ſpät. der Albert hatte als echter Pariſer ſchon ſeine Eintheilungen und Be⸗ nicht ſorgungen für den ganzen Tag und beſonders den Abend gemacht. dung Er hatte eine Loge im Theater Argentina beſtellt. Franz hatte 77 uh Briefe nach Frankreich zu ſchreiben und überließ alſo Albert den 1 Wagen für den ganzen Tag. auf Um fünf Uhr kam Albert nach Hauſe; er hatte ſeine Em⸗ t die pfehlungsſchreiben abgegeben, hatte Einladungen für alle Abende Cal⸗ unnd hatte Rom geſehen. dche Ein Tag hatte für Albert zu dem Allen hingereicht und ſogar rjen. hatte er Zeit übrig gehabt, ſich nach dem Stücke was gegeben wurde, 1 und nach den darin auftretenden Acteurs und Actricen zu erkundigen. 11 Das Stück hieß„Pariſina,“ Acteure waren: Coſelli, Morini und die Spech. Unſere jungen Leute waren, wie man ſieht, nicht ſo gar übel end, daran; ſie konnten der Vorſtellung einer der beſten Opern des Com⸗ b hie poniſten von Lucia di Lammermoore beiwohnen und die berühmteſten eine Sänger und Sängerinnen Italiens hören. nich 8 Albert hatte ſich noch nicht an das Theater jenſeits der Alpen finen gewöhnen können und er ſehnte ſich immer nach ſeinem Platz aux ver⸗ Bouffés und in der Loge infernale der Oper zurück. Das ver⸗ kpolt hinderte ihn aber nicht, ſo oft er mit Franz in die Oper ging, den ſtrahlende Toilette zu machen. Vergebliche Mühe; denn zur Schande friſt eines der würdigſten Repräſentanten der haute-volée von Paris eret, mmuüſſen wir es geſtehen, Albert hatte in den ganzen vier Monaten, ſeit er Italien von allen Seiten durchkreuzte und durchforſchte, nicht ein einziges Abenteuer gehabt. Albert verſuchte zuweilen hierüber zu ſcherzen, aber im Grunde war er ernſtlich verſtimmt, er, Albert von Morcerf, einer der 8 „ 3 432 geſuchteſten, gewandteſten Lions von Paris, war vier Monate in Italien und hatte noch keine Liebſchaft gehabt. Die Sache war um ſo verletzender, als Albert nach der beſcheidenen Manier der jungen Franzoſen mit der Ueberzeugung abgereiſ't war, daß er die unerhörteſten Erfolge in Italien haben und die Geſellſchaft des Boulevard de Gand durch die Erzählung derſelben entzücken werde. Ach! noch war nichts paſſirt; die reizenden Comteſſen von Genua, Florenz und Neapel hatten ſich, wenn nicht an ihre Männer, doch an ihre Liebhaber gehalten, und Albert hatte die grauſame Ueber⸗ zeugung erkauft, daß die Italienerinnen wenigſtens den Vorzug vor den Franzöſinnen haben, in der Untreue treu zu ſein. Doch will ich nicht behaupten, daß nicht auch in Italien, wie überall, Aus⸗ nahmen von der Regel gefunden werden. Indeſſen war Albert nicht nur ein vollkommen eleganter Ca⸗ valier, ſondern auch ein wirklich geiſtvoller, junger Mann; dazu war er Vicomte, von neuem Adel zwar, aber was iſt jetzt, wo keine Adelsprobe mehr verlangt wird, daran gelegen, ob das Adelsdiplom von 1399 oder von 1815 datirt iſt? Außerdem hatte er fünfzig⸗ tauſend Liores Renten; das war, wie man ſieht, mehr als nöthig iſt, um in Paris à la mode zu ſein. Es war ihm alſo nicht wenig demüthigend, noch in keiner Stadt, wo er ſich aufgehalten hatte, ernſtlich bemerkt worden zu ſein. In Rom hoffte er, ſich zu entſchädigen, da der Carneval in allen Städten der Welt, wo dieſe achtungswerthe Einrichtung ſtatt⸗ findet, eine Zeit der Freiheit iſt, in der die ernſteſten Menſchen ſich zu irgend einer thörichten Handlung hinreißen laſſen. Da nun der Carneval den folgenden Tag eröffnet wurde, ſo war es ſehr wichtig, daß Albert noch vorher ſich zu orientiren ſuchte. In dieſer Abſicht hatte Albert eine der auffallendſten Logen des Theaters gemiethet und, um ſich dorthin zu begeben, eine vor⸗ wurfsfreie Toilette gemacht. Er war im erſten Range, wo nur der höchſte Adel geſehen wurde. Dieſe Loge, die bequem zwölf Per⸗ ſonen faßte, hatte den beiden Freunden nicht mehr gekoſtet, als eine Loge zu vier Perſonen à l'Ambigu. Albert hatte noch eine andere Hoffnung; wenn es ihm gelang, das Herz irgend einer ſchönen Römerin zu erobern, ſo gewann er dadurch auf die natürlichſte Weiſe einen Platz in ihrem Wagen und ſah oder vo⸗ All geweſen dem ha achtete Lorgnet nur aus Jeder ſeinen darauf auf das in dene Recitat applau unterhe G bis dal der er Albert und fre ate in de war ier der er die äft des werde, Genug, t, doch Ueber⸗ zug vor cch will „Aus⸗ nter Ca⸗ azu war vo keine diplom znöthig ſſo nicht gehallen ſeval in ng ſtatt⸗ ſchen ſich nun der wichtig, n Logen eine vor⸗ nur der öͤlf Per⸗ als eine mgelang, ewann er „Vagan 433 und ſah folglich den Carneval aus einem ariſtokratiſchen Fuhrwerk oder von einem prinzlichen Balkon. Alle dieſe Betrachtungen machten alſo Albert lebendiger als er geweſen war. Er drehte der Bühne den Rücken zu, lehnte ſich mit dem halben Körper über die Brüſtung der Loge hinaus und beob⸗ achtete alle hübſche Damen durch eine ſechs Zoll lange Doppel⸗ Lorgnette, wodurch nicht eine hübſche Dame bewogen wurde, auch nur aus Neugierde die viele Mühe, die ſich Albert gab, zu belohnen. Jeder ſchwatzte von ſeinen Angelegenheiten, ſeinen Liebſchaften, ſeinen Vergnügen, der morgenden Eröffnung des Carnevals, der darauf folgenden heiligen Woche, ohne weder auf die Sänger noch auf das Stück zu achten, mit Ausnahme der beſtimmten Momente, in denen Jeder ſich umdrehte, entweder um einen Theil von Coſelli's Recitativ zu hören, irgend eine brillante Paſſage Moriani's zu applaudiren, oder Spech Bravo zuzurufen; dann gingen die Privat⸗ unterhaltungen ruhig fort. Gegen das Ende des erſten Aktes öffnete ſich die Thüre einer bis dahin leergebliebenen Loge und Franz ſah eine Dame eintreten, der er in Paris vorgeſtellt war und die er noch in Paris glaubte. Albert ſah die Bewegung ſeines Freundes bei dieſer Erſcheinung und fragte ihn: „Kennſt Du dieſe Dame?“ „Ja, wie findeſt Du ſie?“ „Reizend, mein Lieber, und blond. O! dieſes unvergleichliche Haar! Iſt es eine Franzöſin?“ „Es iſt eine Venetianerin.“ „Und ſie heißt?“ „Comteſſe G „O! die kenne ich dem Namen nach,“ rief Albert;„ſie ſoll eben ſo geiſtreich als hübſch ſein. Der Tauſend, wenn ich bedenke, daß ich auf dem letzten Balle der Frau von Villefort, wo ſie war, mich ihr hätte vorſtellen laſſen können, und es verſäumt habe! Welch ein Thor war ich!“ „Soll ich dieſes Verſehen gut machen?“ fragte Franz. „Wie? Du kennſt ſie genug, um mich in ihre Loge zu führen?“ „Ich hatte drei oder vier Mal die Ehre, mit ihr zu ſprechen, Der Graf von Monte⸗Chriſto. 28 434 das iſt, wie Du weißt, genug, um dies ohne Unſchicklichkeit wagen zu können.“ In dieſem Augenblicke wurde die Comteſſe Franz gewahr und grüßte ihn mit einer anmuthigen Handbewegung, die er mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung beantwortete. „Ach! es ſcheint mir, als ſtändeſt Du Dich vortrefflich mit ihr?“ ſagte Albert. „Da irrſt Du Dich, und ſo werden wir Franzoſen immer im Ausland tauſend Verſtöße machen, indem wir alle Dinge aus unſerm Pariſer Geſichtspunkte betrachten. In Spanien und beſonders in Italien, mußt Du nie die Verhältniſſe nach der äußeren Freund⸗ lichkeit beurtheilen. Die Gräfin und ich fanden uns in einiger Sympathie, das iſt Alles.“ „In Sympathie des Herzens?“ fragte Albert lachend. „Nein, des Geiſtes,“ antwortete Franz ernſthaft. „Und bei welcher Gelegenheit?“ „Bei einem Beſuch des Colyſeums, wie der unſerige geſtern.“ „Bei Mondſchein?“ „Ja.“ „Allein?“ „Beinahe.“ „Und wovon ſpracht Ihr?“ „Von den Todten.“ „Ach!“ rief Albert,„das war mirklich ſehr ergötzlich. Ich aber verſpreche Dir, wenn ich einſt das Glück haben ſollte, die ſchöne Gräfin auf einem ähnlichen Wege zu begleiten, nur von den Lebenden mit ihr zu reden.“ „Und Du wirſt daran vielleicht Unrecht thun.“ haſt?“ „Sobald der Vorhang gefallen iſt.“ „Teufel! wie lang iſt dieſer verdammte erſte Akt!“ „Höre das Finale, es iſt ſehr ſchön und Coſelli ſingt bewun⸗ derungswürdig.“ „Ja, aber welcher Anſtand!“ „Der der Spech könnte nicht dramatiſcher ſein.“ „Willſt Du mich ihr vorläufig vorſtellen, wie Du verſprochen gehört 7 I Albert nehmen Stellur leute, Zirkel, fügte Paris, ihn be daß er Gräfin ung ſe 7 und b. geforde A gewähl neinſch 4— V 43⁵5 nogen„Aber, Freund, wenn man die Sonntag und die Malibran r un gehört hat..4. ü 8„Findeſt Du nicht Moriani's Methode vortrefflich?“ ner„Ich liebe nicht die Braunen, die blond ſingen.“ 1.„Ach! mein Lieber,“ ſprach Franz, ſich abwendend, während t ihre Albert fortfuhr, zu lorgniren,„Du biſt wirklich gar zu genau naehmend.“ mer im Endlich fiel der Vorhang zu der größten Freude des Vicomte unſerm de Morcerf, der ſeinen Hut nahm, mit einer ſchnellen Bewegung ders in ſein Haar zurecht ſtrich, ſeine Cravatte und Manchetten zurecht zupfte Freune⸗ und Franz andeutete, daß er bereit ſei. Da die Comteſſe, die Franz einigee mit den Augen gefragt hatte, ihm zu erkennen gab, daß er will⸗ kommen ſein würde, zögerte er nicht, Alberts Ungeduld zu be⸗ friedigen und machte ſich, von ſeinem Freunde, der dieſes Intermezzo benutzte, um die Falten eines Chemiſetts und den Aufſchlag ſeines Rockes glatt zu ſtreichen, begleitet, auf den Weg durch das Hemicyele. ldert⸗ Er klopfte an die Loge Nr. 4, in welcher die Comteſſe ſich befand. Sogleich erhob ſich der neben ihr in der vorderſten Reihe der Loge ſſitzende junge Mann, und überließ nach italieniſcher Sitte ſeinen Platz dem Neuangekommenen, welcher ſeinerſeits weichen mußte, ſobald ein neuer Beſuch erſchien. Franz ſtellte Albert der Comteſſe vor, als einen ſeiner durch Stellung in der Geſellſchaft und Geiſt ausgezeichneten jungen Lands⸗ leute, was übrigens ganz richtig war, denn in Paris und dem h. 7 Zirkel, worin er lebte, war Albert ein untadelhafter Cavalier. Er lle, die fügte hinzu, daß ſein Freund, troſtlos, bei ihrer Anweſenheit in von den Paris, die Gelegenheit, ihr vorgeſtellt zu werden, verſäumt zu haben, ihn beauftragt habe, dieſes Verſehen wieder gut zu machen, und daß er, indem er ſich dieſes ehrenvollen Auftrages entledige, die ſprohen Gräſin, bei der er ſelbſt eines Fürſprechers bedürfe, um Entſchuldig⸗ ung ſeiner Kühnheit bitte. Die Gräfin antwortete mit einem reizenden Gruß an Albert und bot Franz herzlich die Hand. Albert ſetzte ſich, von ihr auf⸗ gefordert, neben ſie und Franz nahm einen Platz hinter ihr ein. Albert hatte einen vortrefflichen Gegenſtand der Unterhaltung gewählt, nämlich Paris; er ſprach mit der Comteſſe von ihren ge⸗ maeeinſchaftlichen Bekannten. Franz ſah, daß er in der richtigen 28* bewun⸗ 436 Sphäre war, ließ ihn gewähren, bat ſich ſeine rieſige Lorgnette aus und muſterte nun ſeinerſeits auch das Haus. In der erſten Reihe einer Loge ihnen gegenüber bemerkte er eine bewunderungswürdig ſchöne Frau in griechiſcher Tracht, in welcher ſie ſich mit ſolcher leichter Behaglichkeit bewegte, daß man nicht einen Augenblick zweifeln konnte, daß dies ihre vaterländiſche Kleidung war. Hinter ihr im Schatten ſaß ein Mann, deſſen Geſicht nicht zu unterſcheiden war. Franz unterbrach das Geſpräch Alberts mit der Gräfin, um dieſelbe zu fragen, ob ſie die ſchöne Albaneſerin kenne, die ſo würdig ſei, nicht nur die Blicke der Männer, ſondern auch die Frauen auf ſich zu ziehen. „Ich weiß nichts von ihr,“ antwortete die Gräfin,„als daß ſie ſeit Beginn der Saiſon in Rom iſt; denn bei Eröffnung des Theaters ſaß ſie an demſelben Platze, den ſie jetzt inne hat, und verſäumte ſeit einem Monate keine Vorſtellung. Zuweilen begleitete ſie der Mann, der jetzt hinter ihr ſitzt, zuweilen nur ein ſchwarzer Diener.“ „Wie ſinden Sie ſie, Gräfin?“ „Ausgezeichnet ſchön. Ich denke mir, daß Medora dieſer Frau gleichen mußte.“ Beide lächelten einverſtanden und die Comteſſe ſetzte ihre Unter⸗ haltung mit Albert fort. Franz fuhr fort, ſeine Albaneſerin zu lorgniren. Das Ballet, und zwar eines der beſſern von dem be⸗ rühmten Henry in Scene geſetzten Ballets, begann. Dieſes Ballet, welches Dorliska heißt, iſt eins von denen, wo alle dabei Beſchäftigten faſt beſtändig in Bewegung ſind, ſo daß hundertundfünfzig Perſonen zu gleicher Zeit dieſelbe Geberde machen, denſelben Arm oder Fuß in die Höhe heben. Franz war zu beſchäftigt mit ſeiner ſchönen Griechin, um an dem Ballet, ſo intereſſant es auch war, den geringſten Antheil zu nehmen. Dieſer dagegen ſchien daſſelbe das lebhafteſte Vergnügen zu gewähren, im Gegenſatz zu der tiefen Gleichgiltigkeit ihres Be⸗ gleiters, der trotz des hölliſchen Spectakels der Blas⸗Inſtrumente des Orcheſters, ſanft und feſt zu ſchlafen ſchien. Endlich war das Ballet zu Ende, der Vorhang ſank, unter dem ſtürmiſchen Applaus eines berauſchten Publikums. In Folge der Gewohnheit, die Oper durch ein Ballet zu unterbrechen, ſind de Jpi während das Coſt Bei den ſtehen u einige? der Log Schatter Del wurde d ſeine A⸗ Der mernde Der ver bis er, Rache vollſten Donizet und ob es doch das An ſchon a auf ſei D an das tte aus Neihe Buütdig ſolcher genblick Hinter ſcheiden fin, um würdig uen auf als daß ung des at, und egleitete hwarzer ſer Frau e Unter⸗ ſerin zu dem be⸗ enen, wo ſo daß machen, um an ntheil zu ergnügen hres Be⸗ lrumente k, unter n Folge en, ſind 437 die Zwiſchenakte in Italien ſehr kurz; die Sänger haben Zeit, ſich während der Pironetten und Entrechats der Tänzer zu erholen und das Coſtüm zu wechſeln. Die Ouvertüre des zweiten Aktes begann. Bei den erſten Bogenſtrichen ſah Franz den Schläfer langſam auf⸗ ſtehen und ſich der Griechin nähern, die ſich zu ihm wendete, ihm einige Worte ſagte, und ſich dann ſogleich wieder auf den Rand der Loge lehnte. Das Geſicht des Begleiters war immer noch im Schatten und Franz konnte keinen ſeiner Züge erkennen. Der Vorhang wurde aufgezogen, Franzens Aufmerkſamkeit wurde durch das Stück ſo lebhaft gefeſſelt, daß er einen Augenblick ſeine Augen von der Griechin ab⸗ und der Scene zuwandte. Der Akbeginnt bekanntlich mit dem Traumduett: Die ſchlum⸗ mernde Pariſina verräth Appo das Geheimniß ihrer Liebe zu Ucho. Der verrathene Gatte verräth alle Grade der wüthendſten Eiferſucht, bis er, von ihrer Untreue überzeugt, ſie erweckt, um ihr die nahende Rache anzukündigen. Dieſes Duett iſt eines der ſchönſten, ausdruck⸗ vollſten und zugleich ſchrecklichſten, die je aus der fruchtbaren Feder Donizetti's hervorgegangen ſind. Franz hörte es zum dritten Male, und obgleich er für keinen wüthenden Muſikliebhaber galt, machte es doch einen tiefen Eindruck auf ihn. Er wollte daher ſoeben in das Applaudiſſement des ganzen Hauſes mit einſtimmen, als ſeine ſchon aufgehobenen Hände wie gelähmt zurückſanken und das Bravo auf ſeinen Lippen erſtarb. Der Mann in der Loge war aufgeſtanden, und ſowie ſein Kopf an das Licht kam, erkannte Franz in ihm den geheimnißvollen Be⸗ wohner von Monte⸗Chriſto, den, deſſen Wuchs und Stimme er am Abend zuvor ſo genau in den Ruinen des Colyſeum wieder erkannt hatte. Es war kein Zweifel mehr, der räthſelhafte Reiſende wohnte in Rom. Ohne Zweifel zeigte Franzens Geſicht die Verwirrung, welche dieſe Erſcheinung in ſeinem Innern hervorbrachte, denn die Comteſſe ſah ihn an, lachte und fragte ihn, was ihm ſei? „Frau Gräfin,“ antwortete Franz,„ich fragte Sie ſo eben, ob Ihnen dieſe Albaneſerin bekannt ſei; jetzt frage ich, ob Sie ihren Mann kennen.“— „Nicht mehr als Sie,“ antwortete die Gräfin. „Haben Sie ihn niemals bemerkt?“ 438 „Das iſt eine echt franzöſiſche Frage! Sie wiſſen wohl, daß für uns Italienerinnen kein Anderer auf der Welt iſt, als der, den wir lieben!“ „Das iſt richtig,“ antwortete Franz. „In jedem Falle,“ ſagte ſie, Alberts Lorgnette benutzend und nach der bezeichneten Loge richtend,„muß es irgend ein lebendig Begrabener, aus dem Grabe Erſtandener ſein, denn er ſcheint mir entſetzlich bleich zu ſein.“ „So iſt er immer,“ verſetzte Franz. „Sie kennen ihn alſo?“ fragte die Comteſſe;„dann kann ich nun Sie fragen, wer er iſt?“ „Ich glaube ihn ſchon geſehen zu haben und ihn jetzt wieder zu erkennen.“ „Wirklich!“ ſagte ſie, mit ihren ſchönen Schultern eine Beweg⸗ ung machend, als liefe ein Schauder durch ihre Adern,„ich begreife, daß man einen ſolchen Mann, ein Mal geſehen, nie wieder vergißt.“ Der Eindruck, den er auf Franz gemacht hatte, war alſo kein perſönlicher geweſen, da eine andere Perſon denſelben gleich ihm empfand. „Nun wohl!“ fragte Franz die Comteſſe, nachdem ſie die Loge gegenüber nochmals lorgnirt hatte,„was denken Sie von dieſem Manne?“ „Daß er mir der leibhaftige Lord Ruthven zu ſein ſcheint.“ Wirklich, dieſe neue Erinnerung an Lord Byron frappirte Franz; wenn er bei einem Menſchen verſucht werden konnte, an die Exiſtenz von Vampyren zu glauben, war es bei dieſem Manne. „Ich muß wiſſen, wer er iſt,“ ſprach er aufſtehend. „O nein!“ rief die Comteſſe;„nein, verlaſſen Sie mich nicht; ich rechne auf Ihre Begleitung und laſſe Sie nicht fort.“ „Wie!“ ſagte Franz leiſe zu ihr,„Sie fürchten ſich?“ „Hören Sie,“ antwortete ſie,„Byron hat mir geſchworen, daß er an die Vampyre glaubte, er hat mir geſagt, daß er welche ge⸗ ſehen habe. Er hat mir ihre Geſichter beſchrieben. Nun! ſehen Sie hinüber, genau ſo: dieſes ſchwarze Haar, dieſe großen, von einem unheimlichen Feuer glänzenden Augen, die tödtliche Bläſſe; dann, bemerken Sie wohl, daß er keine Frau, wie die andern Frauen bei ſich hat; es iſt eine Fremde... eine Griechin... eine anders äie, ge wenn es ich Sie Fro „9 nicht bi⸗ ſollten E der um inſtinkte lich Er hilflich es war machte 5 ſehne ganz a „ ſo zu 1, daß nd und ebendig int mir unn ich wieder Beweg⸗ begreiſe ergißt.“ lſo kein ich ihm ie Loge dieſem eint.“ rappirte inte, an Manne. h nict; ren, daß elche ge⸗ ſehen en, von Bläſſe; andern „ eine et, den 439 aannders Glaubende... gewiß eine Zauberin wie er... Ich bitte Sie, gehen Sie nicht hin. Erkundigen Sie ſich morgen nach ihm, wenn es Ihnen keine Ruhe läßt; aber heute erkläre ich Ihnen, daß ich Sie nicht fort laſſe.“ Franz wollte noch etwas einwenden. „Hören Sie,“ ſagte ſie aufſtehend,„ich muß gehen; ich kann nicht bis zu Ende des Stückes bleiben, ich habe Beſuch zu Hauſe, ſollten Sie ſo wenig galant ſein, mir Ihre Begleitung zu verſagen?“ Es blieb Franz nichts übrig, als ſtatt aller Antwort ſeinen Hut zu nehmen, die Thüre zu öffnen und der Comteſſe den Arm zu bieten. Die Comteſſe war wirklich ſehr bewegt und ſelbſt Franz konnte ſich eines gewiſſen abergläubiſchen Schauders nicht erwehreu, der um ſo natürlicher, als das, was bei der Comteſſe Folge einer inſtinktmäßigen Bewegung, bei ihm Folge einer Erinnerung an wirk⸗ lich Erlebtes war. Als er ihr beim Einſteigen in den Wagen be⸗ hilflich war, fühlte er, daß ſie zitterte. Er begleitete ſie nach Hauſe, es war Niemand da, und ſie war auch durchaus nicht erwartet, er machte ihr Vorwürfe darüber. „Wirklich,“ antwortete ſie,„ich befinde mich nicht wohl und ſehne mich, allein zu ſein; der Anblick dieſes Mannes hat mich ganz außer Faſſung gebracht.“ Franz verſuchte zu lachen. „Lachen Sie nicht,“ ſagte ſie;„übrigens iſt es Ihnen auch nicht ſo zu Muthe. Nun verſprechen Sie mir noch eins.“ „Und das wäre?“ „Verſprechen Sie es mir!“ „Alles, was Sie befehlen, ausgenommen, daß ich es aufgebe, mich nach dieſem Manne zu erkundigen. Ich habe Gründe, die ich Ihnen nicht mittheilen kann, um zu erfahren zu wünſchen, wer er iſt, woher er kommt und wohin er geht.“ „Woher er kommt, weiß ich nicht, aber wohin er geht, das kann ich Ihnen ſagen, er geht in die Hölle, ganz gewiß.“ „Kommen wir auf das Verſprechen zurück, Gräſin, das ich Ihnen geben ſollte,“ ſagte Franz. „ Ahl das war, daß Sie geradewegs in Ihr Hotel zurückkehren unnd heute Abend keinen Verſuch mehr machen, dieſen Mann zu ſehen. Es giebt gewiſſe Verwandtſchaften zwiſchen den Perſonen, die man verläßt, und zu denen man kommt. Seien Sie kein Ver⸗ 3 28 440 bindungsmittel zwiſchen dieſem Manne und mir. Morgen laufen Sie ihm nach, ſo viel Sie wollen, aber ſtellen Sie ihn mir niemals vor, wenn Sie nicht wollen, daß ich vor Furcht ſterben ſoll. Nun, gute Nacht, ſuchen Sie zu ſchlafen, wer nicht ſchlafen wird, weiß ich am Beſten.“ Und mit dieſen Worten verließ die Gräfin Franz und er blieb ungewiß, ob ſie ihn zum Beſten gehabt, oder die Furcht, welche ſie ausgeſprochen, wirklich empfunden habe. Als Franz nach Hauſe kam, fand er Albert im Schlafrock und Pantoffeln behaglich in einem Lehnſtuhl ſeine Cigarre rauchend. „Ah! Du biſt's!“ ſagte er;„meiner Treu, ich erwartete Dich erſt morgen.“ „Mein lieber Albert,“ antwortete Franz,„ich freue mich, daß ich veranlaßt werde, Dir ein für alle Mal zu ſagen, daß Du eine ganz falſche Vorſtellung von den italieniſchen Frauen haſt; ich ſollte doch aber denken, daß Deine Fehlſchlagungen in Liebeshändeln Dich ſchon von denſelben zurückgebracht haben müßten.“ „Was willſt Du? dieſe verteufelten Frauen, es iſt nicht klug aus ihnen zu werden! Sie reichen Dir die Hand, ſie drücken ſie Dir; ſie reden leiſe mit Dir; ſie laſſen ſich von Dir nach Hauſe begleiten; mit dem vierten Theile von allem Dieſen hätte eine Pariſerin ſchon ihren Ruf eingebüßt.“ „Nun! eben weil ſie nichts zu verbergen haben, weil ihr ganzes Leben offen da liegt, machen die Frauen in dieſem ſchönen Lande, wo das si widerhallt, wie Dante ſagt, ſo wenig Umſtände. Uebrigens wirſt Du ja geſehen haben, daß die Comteſſe ſich wirklich fürchtete.“ „Sich fürchtete? wovor?“ „Vor jenem Manne, der mit der ſchönen Griechin uns gegen⸗ über war. Ich wollte mehr von der Sache wiſſen und kam ihnen im Corridor entgegen, als ſie die Loge verließen; aber ich weiß nicht, woher Ihr Alle die Ideen von der andern Welt genommen habt! Er iſt ein ſehr ſchöner und ſehr normal gekleideter Mann, der mir ganz ſo ausſieht, als beſorgten Blie oder Humann in Paris ſeine Toilette. Ein wenig blaß iſt er, das iſt wahr; aber iſt denn die Bläſſe nicht ein Stempel der Auszeichnung?“ Franz lächelte; Albert hielt viel darauf, blaß zu ſein. „Ich bin überzeugt, antwortete er Albert,„daß die Ideen der Comteſf aſt D. h 4 einigen Lieber, „ „ — — — den. neapo Leopo Hauſe tte eine ganzes Lande, brigens rchtete.“ 3 gegen⸗ n ihnen ch weiß nommen Mann, Paris ſt denn deen der 441 Comteſſe über dieſen Mann thöricht ſind. Hat er geſprochen und haſt Du irgend ein Wort von ihm gehört?“ „Er ſprach, aber romaniſch. Ich erkannte die Sprache an einigen entſtellten griechiſchen Worten. Ich muß Dir ſagen, mein Lieber, daß ich auf der Schule ziemlich ſtark im Griechiſchen war.“ „Alſo romaniſch ſprach er?“ „Wahrſcheinlich.“ „Kein Zweifel, er iſt es,“ murmelte Franz. „Was ſagſt Du?“ „Nichts. Was machſt Du denn hier?“ „Ich hatte eine Ueberraſchung für Dich.“ „Welche?“ „Du weißt, daß es unmöglich iſt, einen Wagen zu bekommen?“ „Das muß es wohl, da wir ohne Erfolg Alles aufgeboten haben, was nur möglich war, um einen zu erhalten.“— „Nun wohl!, ich habe einen vortrefflichen Einfall.“* Franz ſah Albert an, als habe er nicht beſonderes Zutrauen zu ſeinem Erfindungsgeiſte. „Mein Lieber,“ ſprach Albert,„Du beehrſt mich da mit einem Blicke, über welchen ich Dich eigentlich zur Verantwortung ſiehen ſollte.“ „Ich bin zu derſelben bereit, mein Freund, wenn der Einfall mir nicht zuſagen ſollte.“ „Höre!“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Wir können keinen Wagen bekommen?“ „Nein.“ „Und Pferde eben ſo wenig?“ „Nein.“ „Aber einen Karren wird man ſich verſchaffen können?“ „Vielleicht.“ „Ein paar Ochſen?“ „Wahrſcheinlich.“ „Nun wohll mein Lieber, höre meinen Vorſchlag: Ich laſſe den Karren als Erntewagen ausſtaffiren, wir kleiden uns wie naeapolitaniſche Schnitter und ſtellen ſo das köſtliche Gemälde von Leopold Robert in Natur dar. Wenn, um es noch ähnlicher zu 442 machen, die Comteſſe in dem Coſtüm einer Bäuerin von Puzzuola oder Sorrento uns begleiten will, wird die Maskerade vollſtändig, und ſie iſt ſicher ſchön genug, um für das Original zu der Frau mit dem Kinde gelten zu können.“ „Pardieu!“ rief Franz,„für dieſes Mal haſt Du Recht, Albert, das iſt wirklich eine köſtliche Idee.“ „Und ganz national, mein Lieber! Ha! meine Herren Römer, Ihr meint, wir ſollen zu Fuß, wie die Lazzaroni durch die Straßen laufen? und das deshalb, weil Ihr nicht Wagen und Pferde genug habt; gut, man wird ſie erſetzen.“ „Und haſt Du dieſen herrlichen Plan ſchon irgend Jemand mitgetheilt?“ „Unſerm Wirth. Als ich nach Hauſe kam, ließ ich ihn herauf kommen und theilte ihm meinen Einfall mit. Er verſicherte mich, daß nichts leichter zu bewerkſtelligen ſei. Ich wollte die Hörner der Ochſen vergolden laſſen, aber er ſagte mir, daß dazu drei Tage erforderlich ſein würden; auf dieſe überflüſſige Ausſchmückungen müſſen wir alſo Verzicht leiſten.“ „Und wo iſt er?“ „Wer?“ „Nun der Wirth.“ „Er erkundigt ſich nach dem, was wir zu unſerem Aufzuge be⸗ dürfen, denn morgen möchte es zu lange aufhalten.“— „Wir bekommen alſo heute Abend noch Beſcheid?“ „Ich hoffe es.“ In dieſem Augenblicke ſteckte Meſſer Paſtrini den Kopf zur Thüre herein. „Permesso?“ rief er. „Gewiß iſt es erlaubt,“ rief Franz. „Nun," fragte Albert,„habt Ihr den gewünſchten Karren und die verlangten Ochſen aufgetrieben?“ „Ich habe Beſſeres als das gefunden,“ antwortete der Wirth mit der zufriedenſten Miene von der Welt. „Ach! mein lieber Wirth,“ rief Albert,„nehmt Euch in Acht, uns nicht zu viel zu verſprechen.“ 8 „Halten Excellenza's ſich an mich,“ antwortete der Warih iüit. ſicherem Tone. ztrola ändig— Frau Albert, NRömer, traben genug emand herauf emich, ner der Tage kungen 443 „Nun, was habt Ihr denn aber für uns ſo Schönes?“ fragte nun auch Franz. „Sie wiſſen,“ entgegnete der Wirth,„daß der Graf von Monte⸗ Chriſto in einer Etage mit Ihnen wohnt?“ „Ja, das merken wir,“ antwortete Albert,„denn um ſeinet⸗ willen müſſen wir uns ja behelfen, wie zwei Studenten der Straße Saint-Nicolas-du-Chardonnel.“ „Nun! dieſer kennt die Verlegenheit, in welcher Excellenza's ſich befinden und läßt Ihnen zwei Plätze in ſeinem Wagen und zwei Plätze an den von ihm gemietheten Fenſtern des Café Rospoli anbieten.. Albert und Franz ſahen ſich an. „Aber,“ meinte Albert,„nehmen wir das Anerbieten dieſes Fremden an? eines Mannes, den wir gar nicht kennen?“ „Was iſt dieſer Graf Monte⸗Chriſto für ein Mann?“ fragte Franz den Wirth. „Ein ſehr reicher Herr aus Malta oder Sicilien, das weiß ich nicht gewiß, aber vornehm iſt er, wie ein Borgheſe, und reich wie Cröſus.“ „Ich dächte,“ ſprach Franz zu Albert,„wenn dieſer Mann von ſo feinen Manieren wäre, wie unſer Wirth ſagt, ſo hätte er uns auf eine andere Art einladen müſſen, entweder ſchriftlich oder...“ In dieſem Augenblicke wurde geklopft.„Herein!“ rief Franz. Ein Laquai in einer äußerſt reichen und feinen Livree erſchien auf der Schwelle.„Von dem Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto, für Herrn Franz von Epinay und für den Herrn Vicomte Albert von Morcerf,“ ſagte er, und übergab dem Wirth zwei Karten, welche dieſer den jungen Leuten einhändigte. „Der Graf von Monte⸗Chriſto,“ fuhr der Laquai fort,„läßt die gnädigen Herren um die Erlaubniß bitten, Ihnen morgen früh ſeine Aufwartung machen zu dürfen, und läßt anfragen, zu welcher Stunde es den gnädigen Herren gelegen ſei, ihn zu empfangen?“ „Meiner Treu!“ flüſterte Albert Franz zu,„da iſt Nichts ein⸗ zuwenden, es iſt ganz in der Ordnung.“ „Sagt dem Grafen,“ antwortete Franz,„daß wir die Ehre —————— 444 haben würden, demſelben unſere Aufwartung zuerſt zu machen.“ Der Laquai entfernte ſich. „Das nenn' ich zuvorkommend ſein,“ ſagte Albert;„Ihr hattet Recht, Meſſer Paſtrini, das iſt ein Mann, der zu leben weiß, Euer Graf von Monte⸗Chriſto.“ „Sie nehmen alſo ſein Anerbieten an?“ „Das verſteht ſich! doch läugne ich nicht, daß es mir leid thut um den Ochſenwagen und die Schnitter; und wenn das Fenſter im Café Rospoli uns nicht für dieſen Spaß entſchädigte, ſo glaube ich, daß ich die Ausführung meiner Idee, die mir gar zu wohl gefiel, vorziehen würde. Was ſagſt Du dazu Franz?“ „Ich ſage, daß mich auch die Fenſter des Café Rospoli be⸗ ſtimmen.“ Das Anerbieten der beiden Plätze in einem Fenſter des Café Rospoli hatte Franz an die Unterhaltung erinnert, die er in den Ruinen des Colyſeum angehört hatte, in welchen der Tranſteveriner von dem Manne im Mantel das Verſprechen erhielt, für den Ver⸗ urtheilten Begnadigung auszuwirken. Da nun, wenn nicht alle ſeine Vermuthungen ihn trogen, der Mann im Mantel derſelbe war, deſſen Erſcheinung im Theater Argentina ſo lebhaften Eindruck auf ihn gemacht hatte, ſo zweifelte er nicht, daß er ihn erkennen würde, und dann beſchloß er, ſeine Neugier um jeden Preis zu be⸗ friedigen. Franz brachte einen Theil der Nacht wieder ſchlaflos zu, indem alle dieſe Ereigniſſe ſeinen Geiſt beſchäftigten und ſeine Phantaſie aufregten. Sehnlich erwartete er den Morgen, an dem er ſo viel Aufſchluß zu bekommen hoffte. Wenn ſein Nachbar, der Graf von Monte⸗Chriſto, nicht den Ring des Gyges beſaß und ſich mit deſſen Hilfe unſichtbar machen konnte, ſo entging er ihm dieſes Mal nicht. Vor acht Uhr ſtand er auf, während Albert, der nicht dieſelben Urſachen hatte, früh aufzuſtehen, noch ſanft und feſt ſchlief. Franz ließ den Wirth rufen, der ſich mit gewohnter Pürktlichkeit einſtellte. „Meſſer Paſtrini,“ ſagte er zu ihm,„giebt es nicht heute eine Hinrichtung?“ „Ja, Excellenza, aber wenn Sie mich fragen, um ein Fenſter zu haben, ſo haben ſie daran viel zu ſpät gedacht.“ „Nein,“ erwiderte Franz;„übrigens, wenn ich dieſes Schau⸗ 445 ſpiel gern ſehen wollte, ſo würde ich ja wohl auf dem Monte Pincio Platz finden.“ „O! Excellenza werden ſich doch nicht in das Volksgedränge miſchen, zwiſchen die Canaille, deren natürliches Amphitheater dort iſt!“ „Wahrſcheinlich werde ich gar nicht hingehen,“ antwortete Franz; „aber einige Nachrichten wünſchte ich zu haben.“ „Worüber?“ „Ich möchte die Anzahl der Verurtheilten wiſſen, ihre Namen und die Art der Hinrichtung.“ „Das trifft ſich herrlich, Excellenza, denn ſo eben ſind die tavo- lette gebracht.“ „Was iſt das, die tavolette?“ „Die tavolette ſind hölzerne Tafeln, die an den Vorabenden von Hinrichtungen an alle Straßenecken befeſtigt werden, und auf welchen die Namen der Verurtheilten, ihre Verbrechen und die Art der Hinrichtung zu leſen ſind. Dieſe Benachrichtigung findet ſtatt, um die Gläubigen aufzufordern, Gott zu bitten, daß er den Schuldigen eine aufrichtige Reue ſchenke.“ „Und Euch werden dieſe tavolette gebracht, damit Ihr Eure Gebete mit denen der Gläubigen vereinigen könnt?“ fragte Franz mit zweifelnder Miene. „Nein, Excellenza, ich habe einen Accord mit dem Manne, der ſie anſchlägt, gemacht, und er bringt ſie mir, wie er mir alle An⸗ ſchlags⸗ und Theaterzettel bringt, um meine werthen Gäſte zu be⸗ nachrichtigen, im Fall ſie etwa der Hinrichtung beizuwohnen die Luſt hätten.“ „Eil das iſt ja eine außerordentlich zarte Aufmerkſamkeit,“ rief Franz. „O!“ ſprach Weſſer Paſtrini lächelnd,„ich kann mich rühmen, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſteht, um die hohen Rei⸗ ſenden, die mich mit ihrem Vertrauen beehren, zufrieden zu ſtellen.“ „Das ſehe ich, mein lieber Herr Wirth und werde es gegen Jeden, der es hören will, zu rühmen wiſſen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Doch jetzt möcht' ich wohl eine tavolette leſen.“ „Das iſt leicht zu machen,“ ſagte der Wirth, die Thüre öffnend, ich habe eine in den Corridor hängen laſſen.“ Er ging hinaus, nahm die tavolette ab und brachte ſie Franz. 446 Hier die wörtliche Ueberſetzung dieſes Anſchlages: „Es wird bekannt gemacht, daß Dienſtag, den 22. Februar, an dem erſten Tage des Carnevals, nach dem Urtheil der Rota, auf dem Platze del Popolo hingerichtet werden ſollen: Andrea Rondolo wegen Ermordung des ſehr ehrwürdigen und ſehr achtbaren Don Cäſar Torlini, Canonicus der Kirche von San Giovanni di Laterano, und Peppino, genannt Rocca Priori, wegen überwieſenen Einver⸗ ſtändniſſes mit dem verabſcheuungswürdigen Banditen Luigi Vampa und den Männern ſeiner Bande. Der Erſtere ſoll mazzolatto, der Andere decapitato enthauptet werden. Die mitleidigen chriſtlichen Seelen werden gebeten, Gott anzurufen um eine aufrichtige Reue dieſer beiden unglücklichen Verurtheilten!“ Dies war ganz daſſelbe, was Franz vorigen Abend in den Ruinen des Colyſeum gehört hatte, die Namen der Verurtheilten, die Urſache und Art ihrer Hinrichtung, Alles traf zu. Alſo war, allem Anſchein nach, der Tranſteveriner Niemand anders als der Bandit Luigi Vampa, und der Mann im Mantel Sindbad der Seefahrer, der in Rom, wo in Porto Vecchio und in Tunis ſeine philanthropiſchen Unternehmungen ausübte. Indeſſen war es neun Uhr geworden und Franz wollte Albert wecken, als dieſer, zu ſeinem größten Erſtaunen, ihm völlig ange⸗ kleidet entgegenkam. Der Carneval hatte ihm im Kopfe geſpukt und ihn früher erweckt, als ſein Freund zu hoffen gewagt hatte. „Nun,“ ſagte Franz zu dem Wirth.“ da wären wir ja alle Beide bereit; glaubt Ihr, mein lieber Meſſer Paſtrini, daß wir jetzt ſchon zu dem Herrn Grafen gehen können?“ „O! gewiß,“ antwortete der Wirth;„der Herr Graf von Monte⸗Chriſto hat die Gewohnheit, ſehr früh aufzuſtehen und ich bin überzeugt, daß er ſchon ſeit zwei Stunden munter iſt.“ „Und glaubt Ihr, daß er es nicht unbeſcheiden finden wird, wenn wir jetzt ſchon zu ihm kommen?“ „Gewiß nicht.“ „Nun dann, Albert, wenn Du fertig biſt...“ „Ganz fertig,“ erwiderte Albert. „Dann komm, unſerm Nachbar für ſeine Zuvorkommenheit zu danken.“ „Gehen wir.“ 3 Virth 3 ſch in S Hotel lich in bedeck ein. wechſe große ſollen fernte ſie de verſch eindr Tepp beim wo 4 5 447 Franz und Albert hatten nur den Corridor zu paſſiren. Der Wirth ging vor ihnen her und zog die Klingel; ein Laquai öffnete. „I signori francesi,“ ſagte der Wirth. Der Diener verbeugte ſich und bat ſie einzutreten. Sie gingen durch zwei ſo prachtvolle Zimmer, wie ſie in dem Hotel von London nicht zu finden erwartet hätten, und kamen end⸗ lich in einen vollkommen eleganten Salon. Ein türkiſcher Teppich bedeckte den Fußboden, die köſtlichſten Divans luden zum Sitzen ein. Prachtvolle Gemälde von den erſten Meiſtern ſchmückten ab⸗ wechſelnd mit Trophäen von koſtbaren Waffen die Wände, und große türkiſche Vorhänge bedeckten alle Eingänge. „Haben Excellenz die Gnade, Platz zu nehmen, der Herr Graf ſollen ſogleich benachrichtigt werden,“ ſagte der Diener und ent⸗ fernte ſich. In dem Augenblicke, als der Laquai die Thüre öffnete, hörten ſie den Ton einer guzla, der ſogleich wieder erſtarb; die gleich wieder verſchloſſene Thür hatte ſo zu ſagen nur einen Hauch von Harmonie eindringen laſſen. Franz und Albert ſahen einander an, dann die Teppiche, Geräthe, Bilder und Waffen, dieſes Alles ſchien ihnen beim zweiten Erblicken noch prachtvoller als in dem Augenblicke, wo ſie das Zimmer betraten. „Nun!“ fragte Franz ſeinen Freund,„was ſagſt Du dazu?“ „Meiner Treu, mein Lieber, ich ſage, daß unſer Nachbar irgend ein Banquier ſein muß, der in ſpaniſchen Fonds gewonnen hat, oder ein Fürſt, der incognito reiſ't.“ „Pſt!“ machte Franz,„wir werden es bald erfahren, denn da iſt er.“ Wirklich hörten die jungen Leute das Geräuſch einer ſich öffnenden Thür, die Vorhänge theilten ſich und der Beſitzer ſo vieler Reichthümer ſtand vor ihnen. Albert trat ihm entgegen, Franz hin⸗ gegen blieb wie angewurzelt an ſeinem Platze. Der Graf von Monte⸗Chriſto war Niemand anderes als der Mann aus der Loge, der Unbekannte aus den Ruinen, der geheimniß⸗ volle Wirth von Monte⸗Chriſto. XXXVI. Mazolatto. „Meine Herren,“ ſagte der Graf näher tretend,„entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie mir zuvorkommen ließ, aber indem ich früher zu Ihnen gekommen wäre, hätte ich zu ſtören fürchten müſſen. Uebrigens hatten Sie mir Ihren Beſuch verſprechen laſſen und ich wollte mich deſſelben nicht berauben.“ „Mein Freund und ich,“ ſprach Albert,„müſſen Ihnen, mein Herr Graf, tauſend Dank ſagen; Sie überheben uns einer großen Verlegenheit, denn wir waren eben im Begriff, das originellſte Fuhr⸗ werk zu erfinden, als Ihre gütige Einladung an uns gelangte.“ „Ei, mein Gott! meine Herren,“ entgegnete der Graf, indem er die jungen Leute mit einer Bewegung der Hand aufforderte, ihre Plätze wieder einzunehmen,„das iſt die Schuld des einfältigen Paſtrini, daß Sie ſo lange in Verlegenheit geblieben ſind; er hatte mir, der ich, allein und abgeſchloſſen wie ich hier lebe, nur eine Gelegenheit wünſchte, um mit meinen Nachbarn Bekanntſchaft zu machen, nicht ein Wort davon geſagt. Sie werden bemerkt haben, daß ich, ſobald ich erfuhr, daß ich Ihnen in irgend einer Art dienen könnte, mit Freuden dieſe Gelegenheit ergriff, Ihnen mein Com⸗ pliment zu machen.“* Unſere jungen Freunde verneigten ſich. Franz hatte noch kein Wort hervorbringen können, er hatte noch keinen Entſchluß gefaßt, und da der Graf auf keine Weiſe die Abſicht zeigte, ihn zu er⸗ kennen, oder den Wunſch, von ihm erkannt zu ſein, war er unſchlüſſig, ob er auf irgend eine Weiſe auf die Vergangenheit anſpielen, oder die Entwickelung der Zukunft überlaſſen ſolle. Uebrigens, ſo gewiß er auch war, daß er es war, den er geſtern Abend in der Loge geſehen hatte, konnte er doch nicht mit gleicher Gewißheit behaupten, daß er derſelbe verhüllte Unbekannte ſei, den er am vorgeſtrigen sßsé☛ä⅜ä☚⅔⅜—i———oa☚☚aia■☚7˖aau 449 Abende in den Ruinen geſehen und unwillkürlich behorcht hatte. Er beſchloß alſo, die Sachen gehen zu laſſen, ohne den Grafen gerade zu fragen. Uebrigens hatte er einen Vortheil über ihn, er war Meiſter ſeines Geheimniſſes, während der Graf durchaus kein Uebergewicht über Franz erlangen konnte, der Nichts zu verbergen hatte. Indeſſen beſchloß er die Unterhaltung ſo zu leiten, daß einige ſeiner Zweifel durch dieſelbe aufgeklärt werden mußten. „Herr Graf,“ ſagte er,„Sie haben die Güte gehabt, uns Plätze in Ihrem Wagen und an Ihren Fenſtern des Café Rospoli anzubieten, könnten Sie uns aber vielleicht ſagen, wie wir uns einen Platz auf der piazza del Popolo verſchaffen können?“ „Ach, ja! es iſt wahr,“ antwortete der Graf zerſtreut und Morcerf unabläſſig aufmerkſam betrachtend,„giebt es nicht auf der piazza del Popolo ſo etwas wie eine Hinrichtung?“ „Ja,“ verſetzte Franz, erfreut, daß er von ſelbſt dahin kam, wo er ihn haben wollte. „Warten Sie, warten Sie, ich glaube meinem Intendanten geſtern einen Auftrag in dieſer Angelegenheit gegeben zu haben, vielleicht kann ich Ihnen auch noch dieſen kleinen Dienſt erzeigen.“ Er zog eine Klingelſchnur. Sogleich erſchien ein Mann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, der dem Schmuggler, der Franz in die Höhle geführt hatte, wie ein Waſſertropfen dem andern glich, ihn aber durchaus nicht zu erkennen ſchien. Er ſah, daß die Looſung gegeben war. „Herr Bertuccio,“ ſagte der Graf,„habt Ihr meinem geſtrigen Auftrage gemäß, Euch bemüht, mir ein Fenſter an der piazza del Popolo zu verſchaffen?“ „Ja, Excellenza,“ antwortete der Haushofmeiſter,„aber es war ſchon ſehr ſpät...“ „Wie!“ ſprach der Graf, die Augenbrauen zuſammenziehend, „habe ich Euch nicht geſagt, daß ich eins haben wollte?“ „Und Excellenza haben auch eins, das, welches für den Fürſten Lobanief gemiethet war, aber ich habe hundert...“ „Es iſt gut, es iſt gut, Herr Bertuccio; erſpart dieſen Herren die Aufzählung aller dieſer Umſtände; Ihr habt das Fenſter, das Der Graf von Monte⸗Chriſto. 29 450 iſt genug. Gebt dem Kutſcher die Adreſſe des Hauſes und ſeit auf der Treppe, um uns zu führen.“ Der Haushofmeiſter empfahl ſich und wollte gehen. „Ach!“ rief der Graf ihm nach,„ſeid ſo gut Paſtrini zu fragen, ob er die tavolette ſchon hat und ſie nebſt dem Programm der Hin⸗ richtung mir zukommen laſſen will.“ „Laſſen Sie,“ fiel Franz ein und zog ſein Notizbuch aus der Taſche;„ich habe die tavolette ſchon gehabt und ſie mir abge⸗ ſchrieben.“ „Schön! Ihr könnt Euch alſo zurückziehen, Herr Bertuccio, für jetzt bedarf ich Eurer nicht. Doch beſtellt, daß es uns ange⸗ zeigt wird, wenn das Frühſtück ſervirt iſt. Sie werden mir doch das Vergnügen machen, mit mir zu frühſtücken, meine Herren?“ „Aber wirklich, Herr Graf,“ ſagte Albert,„das hieße Ihre Güte mißbrauchen.“ „Nein, im Gegentheil, Sie machen mir das größte Vergnügen; in Paris werden Sie mir das Alles zurückgeben, Einer von Ihnen, oder auch vielleicht alle Beide. Herr Bertuccio, laßt drei Couverts auflegen.“ Er nahm nun das Notizbuch aus Franzen's Hand. „Wir ſagen alſo,“ fuhr er mit einem Tone fort, wie man die öffentlichen Bekanntmachungen zu leſen pflegt:„daß heute, den 22. Februar, hingerichtet werden ſollen, Andrea Rondolo, wegen Ermordung des ſehr ehrwürdigen und ſehr achtbaren Don Cäſar Torlini, Canonicus der Kirche von Santo⸗Giovanni di Laterano, und Peppino, genannt Rocca Priori, wegen überwieſenen Einver⸗ ſtändniſſes mit dem verabſcheuungswürdigen Banditen Luigi Vampa und den Männern ſeiner Bande. Hm!... Der Erſte wird mazzolato, der Andere decapitato, enthauptet werden. Ja, wirklich,“ ſagte der Graf,„ſo war es beſtimmt, aber ich glaube, daß die Sache ſeit geſtern ſich geändert hat und daß die Feierlichkeit nicht ganz nach dem Programm vor ſich gehen wird.“ „Pah!“ fiel Franz ein. „Ja, ich brachte den geſtrigen Abend bei dem Cardinal Ros⸗ piglioſi zu und da war die Rede von einem Aufſchub der Hinricht⸗ ung des Einen der beiden Verurtheilten.“ „Des Andrea Rondolo?“ fragte Franz. — — 451 „Nein...“ erwiderte der Graf leichthin,„des Andern...“(er warf einen Blick in das Notizbuch, wie um den Namen zu ſuchen) „des Peppino, genannt Rocca Priori. Das beraubt Sie einer Gulllotinade, aber die mazzolato bleibt Ihnen, die eine ſehr merk⸗ würdige Tödtungsart iſt, beſonders wenn man ſie zum erſten Male ſieht, ja ſogar noch zum zweiten Male, während die andere, die Sie überdem kennen werden, zu einfach iſt. Da iſt nichts Unerwartetes. Die mandaia irrt ſich nicht, ſie zittert nicht, ſchlägt nicht falſch, beſinnt ſich nicht dreißig Schritte vom Ziele, wie der Soldat, der den Grafen von Chalais enthauptete, den ihm Richelieu doch ganz beſonders empfohlen hatte. Ach!“ fügte der Graf verächtlich hinzu, „ſprechen Sie mir nicht von den Hinrichtungen der Europäer, ſie verſtehen nichts davon und ſind wahrhaft noch in der Kindheit oder vielmehr in dem Alter der Grauſamkeit.“ „Wahrlich, mein Herr Graf,“ antwortete Franz,„man ſollte glauben, Sie hätten die Hinrichtungen aller Nationen ſtudirt.“ „Es ſind allerdings wenig Arten derſelben, die ich nicht ge⸗ ſehen hätte,“ antwortete der Graf kühl. „Und hat es Ihnen Vergnügen gemacht, dieſen ſchrecklichen Schauſpielen beizuwohnen?“ „Mein erſtes Gefühl war Widerſtreben, das zweite Gleichgiltig⸗ keit, das dritte Neugier.“ „Neugier? wiſſen Sie, daß das Wort in dieſem Zuſammen⸗ hange ſchrecklich iſt?“ „Warum? Der Menſch fürchtet ſich vor nichts in der Welt ſo ernſtlich, als vor dem Tode; nun wobhll iſt er nicht neugierig zu wiſſen, auf welchen verſchiedenen Wegen die Seele den Körper ver⸗ laſſen kann und wie, je nach den verſchiedenen Charakteren, Bildungs⸗ graden und Nationen, die Menſchen dieſen letzten Schritt von dem Sein zum Nichtſein thun? Was mich anbetrifft, ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß, je mehr Menſchen man hat ſterben ſehen, je leichter man ſelbſt ſtirbt, alſo iſt der Tod meiner Meinung nach vielleicht eine Qual, aber doch nicht die größte, die es giebt.“ „Ich verſtehe Sie nicht recht,“ ſagte Franz,„bitte Sie aber, ſich näher zu erklären, denn Sie glauben nicht, wie ſehr das, was Sie da ſagen, meine Neugier reizt.“ „Hören Sie,“ ſprach der Graf und in ſein Geſicht ſtieg Galle, 29* 452 wie bei andern Menſchen Blut.„Wenn ein Menſch durch unerhörte Martern, durch lange, endloſe Qualen, Ihnen Vater, Mutter, Ge⸗ liebte, kurz eines jener Weſen, die wenn man ſie aus Ihrem Herzen reißt, eine tiefe, immer blutende Wunde und eine unausfüllbare Leere in demſelben zurücklaſſen, getödtet hätte, würden Sie die Genugthuung, die Ihnen das menſchliche Geſetz gewährt, hinreichend finden? Würden Sie die nie endenden Schmerzen Ihrer Seele aufgewogen finden, durch Wochen, ja Monate der Todesangſt und einige Secunden phyſiſchen Schmerzes, indem das Beil der Gull⸗ lotine den Hals Ihres Feindes von ſeinem Rumpfe trennt?“ „Ja, ich weiß es,“ antwortete Franz,„daß die menſchliche Gerechtigkeit weder als Rächerin noch als Tröſterin hinreichend iſt, ſie vergießt das Blut deſſen, der Blut vergoſſen hat, das iſt Alles; man muß nicht mehr von ihr verlangen, als ſie leiſten kann.“ „Ich ſetzte Ihnen da auch einen ſpeciellen Fall, den, wo das Geſetz den Tod eines Gliedes der Geſellſchaft durch den Tod eines Mörders rächt, weil die Grundfeſten der allgemeinen Sicherheit durch jeden Mord erſchüttert werden. Aber giebt es nicht tauſend Schmerzen, die durch Anderer Schuld die Seele, das Gemüth eines Menſchen zerreißen und für immer verdüſtern können, und für die das Geſetz weder Troſt noch Rache hat? Giebt es nicht Verbrechen, für die der Pfahl der Türken, der Trog der Perſer und das Aus⸗ reißen der einzelnen Nerven bei den Irokeſen, noch zu gelinde Strafen ſein würden? und die dennoch das kalte, unerſchütterliche Geſetz ungeahndet läßt?... antworten Sie, giebt es nicht ſolche Verbrechen?“ „Ja,“ antwortete Franz,„und darum wird das Duell geduldet.“ „Ahl das Duell,“ rief der Graf,„leichte Art, bei meiner Seele, ſeinen Zweck zu erreichen, wenn Rache der Zweck iſt! Ein Mann hat Ihnen die Geliebte geraubt, Ihre Frau verführt, Ihre Schweſter entehrt; Ihr ganzes Leben, das Gott jedem Menſchen, den er erſchuf, zum Glücke beſtimmte, iſt dem Elend, dem Kummer, iſt der Schande verfallen und Sie glauben gerächt zu ſein, weil Sie dieſem Manne, der Ihrem Geiſte die Ruhe, Ihrer Bruſt die Hoffnung raubte, ein Schwert in die Bruſt geſtoßen oder eine Kugel durch den Kopf gejagt haben? Abgeſehen davon, daß es oft der Gegner iſt, der in den Augen der Welt gereinigt, vor Gott gewiſſenmaßen entſündet, mein duell ewig ähn! die neh⸗ Leb ver 453 ſiegreich aus dem Kampfe hervorgeht. Nein, nein,“ fuhr der Graf fort,„wenn ich mich jemals zu rächen haben ſollte... nicht auf dieſe Weiſe würde ich es thun.“ „Alſo mißbilligen Sie das Duell und werden nie ein Duell annehmen?“ fragte nun Albert, erſtaunt, ſo fremdartige Grundſätze ausſprechen zu hören.— „Verſtändigen wir uns,“ antwortete der Graf,„ich werde mich duelliren für eine Lumperei, für eine Bagatelle, für ein Schimpf⸗ wort, für eine Ohrfeige, und das um ſo unbeſorgter, als ich ver⸗ möge der Geſchicklichkeit in allen Leibesübungen und meiner Be⸗ kanntſchaft mit allen möglichen Gefahren, ziemlich ſicher ſein werde, meinen Mann zu tödten. Alſo, wegen ſolcher Dinge werde ich mich duelliren, gewiß! Aber für einen langſamen, tiefen, nagenden, ewigen Schmerz würde ich, um mich zu rächen, wo möglich einen ähnlichen Schmerz bereiten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie die Morgenländer ſagen, die wir uns in allen Dingen zum Muſter nehmen ſollten, dieſe Auserwählten der Schöpfung, die ſich ein Leben aus Träumen, und ein Paradies in der Einbildung zu ſchaffen verſtanden.“ „Aber,“ wandte Franz ein,„mit dieſem Grundſatz, der Sie zum Richter und Henker in Ihrer eigenen Sache macht, wird es Ihnen ſchwer werden, das richtige Maß zu halten, wenn Sie ſelbſt ſich nicht gewaffnet den Rechten des Geſetzes gegenüber ſtellen wollen. Der Haß iſt blind, der Zorn unbeſonnen, und wer Rache braut, kann leicht dazu kommen, den bittern Kelch ſelbſt leeren zu müſſen.“ „Ja, wenn er arm und linkiſch, nicht aber, wenn er gewandt und reich iſt. Uebrigens iſt das Schlimmſte, was er zu befürchten hat, die letzte Entſcheidung, von der wir eben ſprachen, das, was die philanthropiſche franzöſiſche Revolution ſtatt des Viertheilens und Räderns eingeführt hat. Und was fragt man nach dieſer Strafe, wenn man ſich gerächt hat? Wirklich, es thut mir faſt leid, daß dieſer einfältige Peppino wahrſcheinlich nicht enthauptet werden wird; Sie ſollten ſehen, wie ſchnell das abgemacht und ob es der Rede werth iſt. Aber auf Ehre, meine Herren, wir haben da eine ſonderbare Unterhaltung für den erſten Tag des Carnevals. Wie iſt das nur gekommen? Achl ich beſinne mich: Sie wünſchten einen Platz an meinem Fenſter, ja! Sie ſollen ihn haben; aber —— — 454 gehen wir erſt zu Tiſche, denn eben wird uns gemeldet, daß ange⸗ 3 richtet iſt.“ 1 Wirklich öffnete in demſelben Augenblicke ein Laquai eine der 1 vier Thüren des Salons und ſprach die wichtigen Worte: 4 1 „Al suo comodo!“— Die beiden jungen Leute folgten dem Grafen in das Speiſe⸗ iberl zimmer. Während des Frühſtücks, welches vortrefflich und mit nih, außerordentlicher Feinheit und Eleganz angerichtet war, beobachtete Rosp Franz Alberts Miene, um in derſelben den Eindruck zu leſen, den, plat wie er nicht zweifelte, die Reden ihres Wirthes auf ihn gemacht haben mußten; aber ſei es, daß er denſelben in ſeiner gewöhnlichen lieren Sorgloſigkeit keine beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet hatte, oder hatte die Erklärung des Grafen über das Duell ihn mit ihm aus⸗ bin; geſöhnt, oder hatte das Vorhergegangene, was nur Franz bekannt Eind war, für dieſen die Wirkung der Anſichten und Grundſätze des habe Grafen verdoppelt, er fand ſeinen Freund nicht im Geringſten gegen und den Grafen eingenommen; im Gegentheil, er aß wie ein Mann, der vier Monate zu der italieniſchen Küche, d. h. einer der ſchlechteſten aber von der Welt, verdammt geweſen war. Der Graf, auf den Albert mein einen ſehr lebhaften, ja gewaltſamen Eindruck zu machen ſchien, koſtete kaum von jeder Schüſſel; es ſchien, als habe er ſich nur aus 4 land Höflichkeit mit ſeinen Gäſten zu Tiſch geſetzt und erwarte ihre Ent⸗ man fernung, um ſich irgend ein ungewöhnliches, beſonderes Gericht b Auf bringen zu laſſen. Dieſes erinnerte Franz unwillkürlich an das Ent⸗ Sie ſetzen, welches der Graf der Comteſſe G.... eingeflößt hatte und ſind an die Ueberzeugung derſelben, daß er ein Vampyr ſei. Franz zog wei ſeine Uhr. lich „Nun!“ ſagte der Graf,„was machen Sie denn?“ non „Sie werden uns entſchuldigen, Herr Graf,“ antwortete Franz, Sie „aber wir haben noch tauſenderlei Geſchäfte.“ wol „Und die wären?“ „Wir haben noch keine Verkleidungen, und die ſind heute uner⸗ Eir läßlich.“ — hun „Bemühen Sie ſich damit nicht. Wir haben auf der Piazza imf del Popolo ein eigenes Zimmer, dahin werde ich die Anzüge, die die Sie mir gefälligſt bezeichnen wollen, bringen laſſen, und wir können uns da gemeinſchaftlich ganz unter uns maskiren.“ — „Nach der Hinrichtung?“ rief Franz. „Gewiß, noch während oder vor derſelben, wie Sie wollen.“ „Angeſichts des Schaffots?“ „Das Schaffot iſt ein Theil des Feſtes.“ „Hören Sie, Herr Graf,“ ſprach Franz;„ich habe es mir überlegt und danke Ihnen ſehr für Ihre Güte, doch begnüge ich mich, einen Platz in Ihrem Wagen und am Fenſter des Café Rospoli anzunehmen, und bitte Sie, den mir angebotenen Fenſter⸗ platz an der piazza del Popolo Jemand Anderem einzuräumen.“ „Aber ich ſage Ihnen vorher,“ entgegnete der Graf,„Sie ver⸗ lieren dadurch einen ſehr merkwürdigen Anblick.“ „Sie werden es mir erzählen,“ antwortete Franz,„und ich bin überzeugt, daß dieſe Erzählung aus Ihrem Munde faſt denſelben Eindruck wie der Anblick ſelbſt auf mich machen wird. Uebrigens habe ich ſchon mehr als einmal einer Hinrichtung beiwohnen wollen und mich doch nie dazu entſchließen können. Und Du, Albert?“ „Ich,“ antwortete Albert,„ich habe Caſtaing hinrichten ſehen; aber ich glaube, ich war den Tag etwas berauſcht, es war der Tag meines Austritts aus dem Collegium.“ „Aber,“ meinte der Graf,„das iſt kein Grund, etwas im Aus⸗ lande nicht zu thun, weil Sie es in Paris nicht thaten. Wenn man reiſ't, thut man es, um ſich zu unterrichten; wenn man den Aufenthalt wechſelt, geſchieht es, um zu ſehen. Bedenken Sie, was Sie für eine Rolle ſpielen werden, wenn Sie gefragt werden: Wie ſind die Hinrichtungen in Rom? und Sie antworten müſſen: Ich weiß nicht. Und dann, man ſagt, daß der Verurtheilte ein abſcheu⸗ licher Kerl iſt, ein Schlingel, der mit dem Beile einen guten Ca⸗ nonicus gemordet hat, der ihn wie einen Sohn erzogen hatte. Wenn Sie in Spanien reiſ'ten, würden Sie gewiß die Stiergefechte ſehen wollen, nicht wahr? Nun wohl, denken Sie, es ſei ein Stiergefecht, was wir ſehen werden; erinnern Sie ſich doch der alten Römer im Circus, der damaligen Jagden, wo dreihundert Löwen und an hundert Menſchen getödtet wurden. Erinnern Sie ſich der achtzig⸗ tauſend Zuſchauer, die in die Hände klatſchten, der weiſen Matronen, die ihre heirathsfähigen Töchter dahin führten, und der reizenden Veſtalinnen mit weißen Händen, die mit dem Daumen ein reizendes kleines Zeichen machten, welches bedeutete: „Auf! nicht faul! macht ein Ende mit dem Manne da, der ſchon drei Viertel todt iſt.“ „Gehſt Du hin, Albert?“ fragte Franz. „Auf Ehre, ja, mein Lieber; ich ſchwankte wie Du, aber die Beredtſamkeit des Herrn Grafen hat mich beſtimmt.“ „So gehen wir denn hin, weil Du es willſt,“ ſagte Franz, „aber indem ich mich nach der piazza del Popolo begebe, möchte ich durch die Straße des Corſo gehen, iſt das möglich, Herr Graf?“ „Zu Fuß, ja; zu Wagen, nein.“ „Nun, dann werde ich zu Fuß gehen.“ „Iſt es nothwendig, daß Sie die Straße des Corſo paſſiren?“ „Ja, ich wünſche etwas daſelbſt zu ſehen.“ „Nun gut! wir wollen durch die Straße des Corſo gehen, wir werden den Wagen durch die Strada del Babuino nach der piazza del Popolo beſtellen, uns zu erwarten; übrigens iſt es mir auch recht lieb durch die Straße des Corſo zu gehen, weil ich da gleich ſehen kann, ob etwas, das ich beſtellt habe, geſchehen iſt.“ „Excellenza,“ ſagte der Laquai, die Thür öffnend,„ein Mann in der Kleidung der Büßenden verlangt Sie zu ſprechen.“ „Ach ja!“ ſagte der Graf,„ich weiß, was es iſt. Meine Herren, wollen Sie in den Salon zurückgehen, Sie finden auf dem Tiſche in der Mitte vortreffliche Havanna⸗Cigarren, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ Die beiden jungen Leute ſtanden auf und gingen durch eine Thür, während der Graf nach nochmaliger Entſchuldigung durch die andere ſich entfernte. Albert, der ein großer Raucher war und es als kein kleines Opfer anſah, ſeit er in Italien war, der Cigarren des Café de Paris beraubt geweſen zu ſein, näherte ſich dem Tiſche und ſtieß einen Ausruf der Freude aus, indem er ächte Puros erblickte. „Nun!“ fragte ihn Franz,„was denkſt Du von dem Grafen von Monte Chriſto?“ „Was ich von ihm denke?“ antwortete Albert, ſichtlich erſtaunt über eine ſolche Frage;„ich denke, daß er ein ganz charmanter Mann iſt, der vortrefflich die Honneurs bei ſich macht, der viel ge⸗ ſehen, viel ſtudirt, viel nachgedacht hat, der, wie Brutus, von der ſtoiſchen Schule iſt, und,“ fügte er, mit Wohlbehagen eine Rauch⸗ 457 wolke in die Höhe blaſend, die ſpiralförmig ſich gegen die Decke kräuſelte, hinzu,„der noch dazu vortreffliche Cigarren beſitzt.“ Dieſes war Alberts Meinung über den Grafen; da nun Franz wußte, daß Albert ſich etwas darauf einbildete, ſowohl Menſchen als Sachen erſt nach reiflicher Prüfung zu beurtheilen, ſo bemühte er ſich weiter nicht, ihm eine andere Anſicht beizubringen. „Aber,“ ſagte er,„haſt Du nicht etwas Sonderbares bemerkt?“ „Und was?“ „Die Aufmerkſamkeit, mit der er Dich betrachtete.“ „Mich?“ „Ja, Dich.“ Albert dachte nach. „Ach!“ ſagte er ſeufzend,„das iſt nicht zu verwundern. Ich bin ſeit beinahe einem Jahre von Paris abweſend, ich muß ihm wie ein Menſch aus einer andern Welt vorkommen. Er wird mich für einen Provinzbewohner halten; enttäuſche ihn, lieber Freund, bei der erſten Gelegenheit, ich bitte Dich, und ſag' ihm den Zu⸗ ſammenhang.“ Franz lächelte; einen Augenblick darauf kam der Graf wieder. „Hier bin ich, meine Herren,“ ſagte er,„und ganz zu Ihren Dienſten, die Befehle ſind gegeben, der Wagen fährt nach der piazza del Popolo, und wir wollen uns durch die Straße del Corſo dahin begeben, wenn es Ihnen recht iſt. Nehmen Sie doch einige von dieſen Cigarren, Herr von Morcerf,“ fügte er hinzu, dieſen Namen, den er zum erſten Male ausſprach, ſtark und fremdartig betonend. „Meiner Treu! mit dem größten Vergnügen,“ erwiderte Albert, „denn die italieniſchen Cigarren ſind noch ſchlechter, als die der Regie. Wenn Sie nach Paris kommen, werde ich mich zu revan⸗ chiren ſuchen.“ „Das lehne ich nicht ab, es könnte ſich fügen, daß ich hinkäme, und dann werde ich, da Sie es erlauben, bei Ihnen anklopfen. Doch jetzt, meine Herren, haben wir keine Zeit zu verlieren, es iſt zwölf ein halb Uhr, laſſen Sie uns gehen.“ „Sie gingen zuſammen hinab. Der Kutſcher erhielt die letzten Befehle von ſeinem Herrn und folgte der Via del Babuino, während die Fußgänger über den ſpaniſchen Platz und durch die Via Frattina gingen, die ganz gerade zwiſchen die Palais Fiano und Rospoli ſührte. Alle Blicke Franzen's waren auf die Fenſter des Letzteren gerichtet; er hatte das Signal, welches der Mann im Mantel in den Ruinen des Colyſeum dem Tranſteverino verſprochen hatte, nicht vergeſſen. „Welches ſind Ihre Fenſter?“ fragte er den Grafen; mit dem unbefangenſten Tone, den er annehmen konnte. „Die drei letzten,“ antwortete er mit einer Gleichgiltigkeit, die durchaus nichts Gezwungenes hatte, denn er konnte den Zweck dieſer Frage nicht errathen. Franz ſah raſch nach den drei bezeichneten Fenſtern; die beiden Seitenfenſter waren mit gelbem Damaſt, das mittelſte, weiß, mit einem rothen Kreuze decorirt. Der Mann im Mantel hatte dem Tranſteverino Wort gehalten und... es war kein Zweifel mehr, er und der Graf waren eine Perſon. Die drei Fenſter waren noch unbeſetzt, übrigens wurden überall Zurüſtungen gemacht, Stühle geſetzt, Gerüſte gemacht, Fenſter decorirt. Die Masken durften ſich nicht zeigen, die Wagen nicht hervorkommen, bis die Glocke erklang; aber man ahnte die Masken hinter allen Fenſtern, die Equipagen hinter allen Pforten. Franz, Albert und der Graf gingen die Straße des Corſo ent⸗ lang. Je näher ſie der piazza del Popolo kamen, je dichter wurde das Volksgedränge, und über den Köpfen dieſer Menge ſah man zweierlei hervorragen: den Obelisk mit dem Kreuz an der Spitze, in der Mitte des Platzes, und vor dem Obelisk, gerade auf dem Punkte, wo man den Blick auf die drei Straßen del Babuino, del Corso und di Ripetta hat, die beiden höchſten Balken des Schaffots, zwiſchen denen das runde Eiſen der mandaia glänzte. An der Ecke der Straße erwartete der Haushofmeiſter des Grafen ſeinen Herrn. Das Fenſter, welches um den gewiß unerhörten Preis, den der Graf ſeinen Gäſten nicht wiſſen laſſen wollte, gemiethet war, befand ſich in der zweiten Etage des großen Palaſtes, zwiſchen der Straße del Babuino und dem monte Pincio; es war eine Art Ankleide⸗Cabinet, von wo aus man in ein Schlafzimmer kam. Wenn die Miether des Cabinets die Thüre zu dieſem Schlafzimmer verſchloſſen, waren ſie ungeſtört; auf den Stühlen lagen die elegante⸗ ſten Bajazzo⸗Anzüge von blau und weißem Atlas. „Da Sie mir die Wahl der Coſtüme überließen,“ ſagte der 459 Graf zu den beiden Freunden,„habe ich Ihnen dieſe beſorgen laſſen. Erſtlich ſind es die, welche dieſes Jahr den Vorzug haben, und dann ſind ſie auch am bequemſten wegen der Confetti, weil man das Mehl nicht darauf ſieht.“ Franz hörte nur ſehr wenig von dem, was der Graf ſprach, und wußte überhaupt dieſe neue Freundlichkeit deſſelben wenig zu würdigen, denn das Schauſpiel, welches die piazza del Popolo jetzt darbot, und das entſetzliche Inſtrument, welches in dieſem Augen⸗ blicke die Hauptverzierung derſelben ausmachte, feſſelte ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Es war das erſte Mal, daß Franz eine Gulllotine ſah; denn die römiſche mandaia iſt ziemlich nach demſelben Zu⸗ ſchnitt, wie die Guillotine gefertigt. Das Meſſer, welches die Ge⸗ ſtalt eines Halbmondes hat, und mit der convexen Seite ſchneidet, iſt nur etwas tiefer angebracht, das iſt der ganze Unterſchied. Zwei Männer, die auf dem Brette ſaßen, auf welches der Hin⸗ gerichtete gelegt werden ſollte, frühſtückten vorläufig und aßen, wie es Franz ſchien, Wurſt und Brot; der Eine von ihnen hob das Brett auf, nahm eine Weinflaſche darunter hervor, trank und gab die Flaſche dem Andern; dieſe beiden Männer waren die Gehilfen des Scharfrichters. Bei dieſem einzigen Anblicke fühlte Franz den Schweiß aus allen ſeinen Poren brechen. Die Verurtheilten, welche am Abend vorher aus ihren Ge⸗ fängniſſen geholt und in die kleine Kirche Santa⸗Maria del Popolo gebracht waren, hatten die ganze Nacht, Jeder von zwei Prieſtern unterſtützt, in einer vergitterten Trauerkapelle zugebracht, vor welcher Wachen auf⸗ und abgingen, die alle Stunden abgelöſ't wurden. Eine von beiden Seiten der Thüre bis nach dem Schaffot führende doppelte Reihe von Carabiniers, bildete ein Spalier, durch welches die Verurtheilten gehen mußten, und ſchloß einen Kreis zehn Fuß breit um das Schaffot. Der ganze übrige Theil des Platzes war ſo gedrängt voll Menſchen, daß man nur die Köpfe ſah; viele Frauen hielten ihre Kinder auf den Schultern; dieſe Kinder, welche das Ganze mit der Hälfte der Körper überragten, hatten die ſchönſten Plätze und boten zugleich einen reizenden Anblick dar. Der Monte Pincio glich einem ungeheuren Amphitheater, deſſen ſämmtliche Stufen mit Zuſchauern beſetzt waren; die Balkons der beiden Kirchen, welche die Ecken der Straßen del Babuino und di Ripetta bilden, waren mit privilegirten Neugierigen überfüllt; die Stufen der Vorhallen glichen aufgeregten, doch eingedämmten Wogen eines bunten Meeres, deren Brandung an den Porticus drang; jede Stelle einer Mauer, wo ein Menſch ſich anklammern und feſthalten konnte, hatte eine lebende Statue. Der Graf hatte alſo Recht, zu behaupten, daß kein Anblick die Neugierde der Lebenden mächtiger anzieht, als der des Todes. Statt des dumpfen Schweigens, welches die Feierlichkeit des zu erwartenden Schauſpiels der Menge hätte auferlegen ſollen, ging lautes Getöſe aus derſelben hervor; Gelächter und frohes Geſchrei, Zank und Verſöhnung, ernſte und ſpöttiſche Betrachtungen ertönten; es war nicht zu läugnen, der Graf hatte Recht, dieſe Hinrichtung war für das Volk nichts Anderes, als der Anfang des Carnevals. Plötzlich endete der Lärm wie durch einen Zauberſchlag; die Thüre der Kirche war geöffnet worden. Die Brüderſchaft der Büßenden, deren jedes Mitglied mit einem grauen Sacke bekleidet war, der nur zwei Löcher für die Augen hatte, erſchien, jeder eine brennende Kerze in der Hand, der Vorſteher an der Spitze. Hinter den Büßenden ging ein großer ſtarker Mann, der bis auf eine leinene, kurze Unterhoſe ganz unbekleidet war und an ſeiner linken Hüfte eine Scheide mit einem großen Meſſer hängen hatte; auf der rechten Schulter trug er eine ſchwere Eiſenmaſſe, an den bloßen Füßen hatte er mit Schnüren befeſtigte Sandalen. Dieſer Mann war der Scharfrichter. Ihm folgten in der Ordnung, wie ſie hin⸗ gerichtet werden ſollten, Peppino und Andrea, Jeder von zwei Prieſtern begleitet. Keinem von Beiden waren die Augen ver⸗ bunden. Peppino ging ziemlich feſten Schrittes; wahrſcheinlich hatte er Nachricht von dem bekommen, was zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſchehen war. Andrea wurde an jeder Seite von einem der Prieſter unterſtützt. Beide Verurtheilte küßten von Zeit zu Zeit ein Crucifix, welches der Beichtiger ihnen vorhielt. Franz fühlte bei dieſem Anblick ſeine Kniee zittern, er ſah Albert an, dieſer war bleich wie ſein Hemd, und warf mechaniſch ſeine Cigarre fort, obgleich er dieſelbe erſt halb ausgeraucht hatte. Der Graf ſchien unempfindlich. Ja, was noch mehr war, eine leichte Röthe ſchien die gewöhnliche Leichenfarbe ſeiner Wangen durchdringen zu wollen, ſeine Naſenlöcher erweiterten ſich, wie die wer „ 461 eines wilden Thieres, welches Blut riecht, und ſeine leicht geſpal⸗ tenen Lippen zeigten wilde, kleine und ſpitze Zähne wie die eines Schakals. Indeſſen hatte bei alledem ſein Geſicht einen Ausdruck ſanfter Freundlichkeit, den Franz noch nie an ihm bemerkt hatte; beſonders waren ſeine ſchwarzen Augen bewunderungswürdig ſammet⸗ artig und milde. Indeſſen ſetzten die beiden Verurtheilten ihren Weg nach dem Schaffot fort; je näher ſie kamen, deſto deutlicher konnte man ihre Geſichtszüge unterſcheiden. Peppino war ein ſchöner Burſche von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, mit von der Sonne verbranntem Geſichte und wildem, freien Blick. Er trug den Kopf hoch und ſchien in der Luft ſpüren zu wollen, woher ihm ein Be⸗ freier kommen werde. Andrea war kurz und dick: ſein gemein grau⸗ ſames Geſicht ließ nicht genau ſein Alter beurtheilen, doch konnte er ungefähr dreißig Jahre alt ſein. Er hatte im Gefängniſſe den Bart wachſen laſſen, ſein Kopf hing auf einer Schulter, ſeine Beine trugen ihn kaum; ſein ganzes Weſen war nur noch mechaniſch und willenlos. „Ich dächte,“ ſprach Franz zum Grafen,„Sie hätten uns nur von einer Hinrichtung geſagt., „Und ich ſagte Ihnen die Wahrheit,“ entgegnete der Graf gleichgiltig. „Es ſind doch aber hier zwei Delinquenten?“ „Ja, aber nur der Eine von Beiden wird ſterben, der Andere hat noch ein langes Leben vor ſich.“ „Doch dünkt mich, daß nicht viel Zeit mehr zu verſäumen iſt⸗ wenn er begnadigt werden ſoll.“ „Auch kommt die Begnadigung in dieſem Augenblicke,“ ent⸗ gegnete der Graf. Wirklich durchbrach in dem Augenblicke, wo Peppino unter der Mandaia ankam, ein Büßender, der ſich verſpätet zu haben ſchien, das von den Carabiniers gebildete Spalier, ohne daß die Soldaten ſeinen Durchgang wehrten, und, dem Vorſteher der Brüder⸗ ſchaft ſich nähernd, gab er demſelben ein vierfach zuſammengelegtes Papier, der forſchende Blick Peppino's hatte dieſes Alles bemerkt, der Aelteſte der Brüderſchaft entfaltete das Papier, las es und winkte mit der Hand. „Der Herr ſei gelobt und Seine Heiligkeit ſei geſegnet,“ ſprach er mit lauter, verſtändlicher Stimme;„Einer der Verurtheilten iſt begnadigt.“ „Gnade,“ rief das Volk einſtimmig;„er iſt begnadigt!“ Bei dem Worte Gnade richtete Andrea ſich wie durch Schnell⸗ kraft in die Höhe. „Für wen Gnade?“ rief er. Peppino blieb unbeweglich, ſtumm und keuchend. „Gnade für Peppino, genannt Rocca Prieri,“ ſagte der Vor⸗ ſteher der Brüderſchaft und gab das Papier dem Anführer der Carabiniers, der es las und ihm zurückgab. „Gnade für Peppino!“ rief Andrea, gänzlich aus dem Stumpf⸗ ſinn, in den er verſunken geweſen war, geriſſen.„Warum Gnade für ihn und nicht für mich? Wir ſollten Beide ſterben, mir war verſprochen, daß er vor mir ſterben ſollte, man hat nicht das Recht, mich allein ſterben zu laſſen; ich will nicht allein ſterben, ich will es nicht!“ Und er hing ſich an die Arme der beiden Prieſter, krümmte ſich, heulte, brüllte und machte wahnſinnige Anſtrengungen, die Stricke, mit denen er gebunden war, zu zerreißen. Der Henker gab ſeinen zwei Gehilfen ein Zeichen, worauf dieſelben zu dem Ver⸗ urtheilten ſprangen und ſich ſeiner bemächtigten. „Was giebt's denn?“ fragte Franz den Grafen, denn da alles Das im römiſchen Volksdialekt geſprochen wurde, hatte er nicht viel davon verſtanden. „Was es giebt?“ ſagte der Graf,„errathen Sie nicht? Dieſer Menſch, der ſterben ſoll, iſt wüthend, daß ſein bisheriger Kamerad nicht mit ihm ſterben ſoll, und wenn man ihn machen ließe, würde er ihn eher mit den Nägeln und Zähnen zerreißen, ehe er ihm das Leben ließe, deſſen er beraubt werden ſoll. O Menſchen, Menſchen! Krokodillgeſchlecht, wie Karl Moor ſagt,“ rief der Graf und ſtreckte ſeine beiden Fäuſte gegen dieſe Menge aus,„wie erkenne ich Euch hier wieder und wie bleibt Ihr einander immer ſo gleich!“ Wirklich rollten Andrea und die beiden Henkersknechte zuſammen im Staube umher, wobei der Verurtheilte beſtändig ſchrie:„Er ſoll ſterben, ich will, daß er ſterben ſoll! Man hat nicht das Recht, mich allein zu tödten.“ junge Seele ergeb das Viſſe was daß zwei mache wird; brülle bilde Geſet eine was Kame Menf entſet haber Henke war gleich aber Fenſte Treu Hund und am C und n haben ſeinen Händ geſäh ch ſt 463 „Sehen Sie, ſehen Sie,“ fuhr der Graf fort, jeden der beiden jungen Leute bei der Hand ergreifend;„ſehen Sie, denn bei meiner Seele, es iſt merkwürdig: da iſt ein Mann, der in ſein Schickſal ergeben war, der willenlos zum Schaffot ging, wie ein Feiger zwar, das iſt wahr, aber doch ohne Widerrede und Widerſetzlichkeit. Wiſſen Sie, was ihm dazu Kraft gab? ihn tröſtete? wiſſen Sie, was ihm Geduld gab? Daß ein Anderer ſeine Todesangſt theilte, daß ein Anderer wie er, ja vor ihm ſterben ſollte. Führen Sie zwei Schafe zur Schlachtbank, zwei Ochſen unter das Beil, und machen Sie einem davon begreiflich, daß ſein Gefährte nicht ſterben wird; das Schaf wird vor Freude blöken, der Ochſe vor Vergnügen brüllen. Aber der Menſch! der Menſch, den Gott zu ſeinem Eben⸗ bilde geſchaffen hat, der Menſch, dem Gott als höchſtes, einziges Geſetz geſagt hat: Liebe Deinen Nächſten, der Menſch, dem Gott eine Stimme gegeben hat, um ſeine Gedanken auszudrücken.... was wird ſein erſtes Wort ſein, wenn er hört, daß einer ſeiner Kameraden in Freiheit geſetzt wird? eine Läſterung. Das iſt der Menſch, das Meiſterſtück der Natur, der König der Schöpfung!“ Und der Graf brach in ein lautes Gelächter aus, aber in ein entſetzliches Gelächter, welches anzeigte, daß er ſchrecklich gelitten haben mußte, um dahin zu kommen. Indeſſen währte der ſcheußliche Kampf fort. Die beiden Henkersknechte trugen Andrea auf das Schaffot; das ganze Volk war gegen ihn erbittert und zwanzigtauſend Stimmen riefen zu gleicher Zeit:„Zum Tode! zum Tode!“ Franz bog ſich zurück, 9 aber der Graf hielt ſeinen Arm feſt und zog ihn wieder zum Fenſter. „Was machen Sie denn?“ ſagte er;„Mitleid! das wäre meiner Treu ſehr übel angebracht! Wenn Sie rufen hörten:„Ein toller Hund!“ würden Sie Ihr Gewehr nehmen, auf die Straße ſtürzen und das arme Thier ohne Mitleid mit ſicherm Schuß tödten, das am Ende keine Schuld weiter hätte, als von einem gebiſſen zu ſein und nun wieder zu thun, wie ihm gethan; und mit dieſem Menſchen haben Sie Mitleid, den kein anderer Menſch gebiſſen, der dagegen ſeinen Wohlthäter ermordet hat und der jetzt, da er mit gebundenen Faänden nicht mehr tödten kann, mit aller Gewalt ſeinen Unglücks⸗ gefährten tödten ſehen will? Nein, nein, ſehen Sie, ſehen Sie.“ Die Aufforderung war beinahe unnöthig, Franz war wie durch Zauber an dieſe Scene gefeſſelt. Die Henkersknechte hatten den Delinquenten auf das Gerüſt getragen und ihn, ungeachtet er biß, ſchrie, bat, gezwungen, nieder zu knieen; der Henker ſtand an ſeiner Seite, die Menſchenmenge vor ihm; nun entfernten ſich die Henker⸗ knechte auf ein Zeichen. Der Verurtheilte wollte aufſtehen, aber ehe er Zeit dazu gewann, traf das ſchwere Eiſen ſeine linke Schläfe; man hörte einen ſchwachen, dumpfen Schrei, der Gerichtete ſiel wie ein Schlachtvieh, mit dem Geſicht nach unten, zur Erde, noch ein Schlag, und er lag auf dem Rücken; nun ließ der Henker das Eiſen fallen, zog das Meſſer aus ſeinem Gürtel, ſchlitzte mit einem Schnitt ihm den Hals auf, ſprang ihm auf den Leib und knetete ihn mit Füßen. Bei jedem Tritt ſchoß eine Blutwelle aus dem Halſe des Gerichteten. Länger konnte Franz es nicht aushalten; er riß ſich los und ſank beinahe ohnmächtig in einen Lehnſtuhl. Albert blieb zwar ſtehen, aber mit geſchloſſenen Augen und an die Fenſtervorhänge geklammerten Händen, widrigenfalls er gewiß gefallen ſein würde. Der Graf ſtand frei und triumphirend, wie der böſe Engel. — — — — — —= ——— — —y— 2 — — 8— .————x 8————ee,Aʒ·:ͤ-ℳ——— S ——————————— rey Control Chart Green vellow- Hed Magenta Grey 2 Grey 4 O em 4 ———