—— —jj— — 5 ——, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „„ 7„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Graf von Roman von Alexander Dumas. —— Mit colorirten Abbildungen. Erſter Theil. —— Bresden. Verlagsbuchhandlung von Friedrich Tittel. Monte⸗Chriſto. ——— 4 3 4 9 4 3 5 8 ————xx ———j 2 1 das in die ga gefüll wie d gerüſte füt J gebild durch Segel die an B Seen daſſel ſch geleit Taue ſich von den zeugq I. Marſeille.— Die Ankunft. Am 28. Februar 1815 ſignaliſirte die Wache von Notre Dame de la Garde den Dreimaſter„Pharaon“, welcher von Smyrna, Trieſt und Neapel kam. Wie gewöhnlich verließ ſogleich ein Küſtenlootſe den Hafen, fuhr dicht an dem Schloſſe If vorbei und erreichte dann das Schiff zwiſchen dem Kap Morgion und der Inſel Rion. Wie das immer in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, hatte ſich ſogleich die ganze Plateform des Fort St. Jean dicht mit Neugierigen an⸗ gefüllt, denn die Ankunft eines Schiffes, beſonders wenn daſſelbe, wie der Pharaon, auf den Werfen der alten Phocäa gebaut, aus⸗ gerüſtet und geladen iſt und einem Rheder der Stadt angehört, iſt für Marſeille immer ein wichtiges Ereigniß. Das Schiff hatte glücklich die durch einige vulkaniſche Stöße gebildete Meerenge zwiſchen den Inſeln Calaſervigne und Jaros durchſchnitten, Pomegue umſegelt, und näherte ſich, zwar mit vollen Segeln, aber ſo langſam und mit einem ſo traurigen Anſehen, daß die Neugierigen, Unglück ahnend, einander fragten, welcher Unfall an Bord ſtattgefunden haben möge. Indeſſen erkannten die des Seeweſens Kundigen zugleich, daß, wenn ein Unglück ſtattgefunden, daſſelbe nicht das Schiff ſelbſt betroffen haben könne, denn es näherte ſich zwar langſam, aber nach allen Regeln eines vollkommen gut geleiteten Fahrzeuges. Der Anker war zum Auswerfen bereit, die Taue des Bugſpriets losgewunden, und neben dem Lootſen, der ſich anſchickte, den Pharaon durch die enge Einfahrt in den Hafen von Marſeille zu leiten, ſtand ein junger Mann mit raſchen Geber⸗ den und klugem Auge, der aufmerkſam jede Bewegung des Fahr⸗ zeuges überwachte und jeden Befehl des Lootſen wiederholte. 1* Die ungewiſſe Unruhe, die über der Menge ſchwebte, hatte be⸗ ſonders Einen der Zuſchauer auf dem Plateau St. Jean ergriffen; er konnte den Eintritt des Schiffes in den Hafen nicht erwarten, ſprang in einen kleinen Nachen und befahl dem Pharaon ent⸗ gegen zu rudern, den er Angeſichts des Nothhafens erreichte. Als der junge Seemann dieſen Mann kommen ſah, verließ er ſeinen Poſten neben dem Lootſen und kam, den Hut in der Hand, an den Nand des Fahrzeuges. Der junge Mann war ungefähr zwanzig Jahre alt, groß, ſchlank und hatte ſchöne ſchwarze Augen und glänzend ſchwarzes Haar. Sein ganzes Weſen zeigte jene Ruhe und Entſchloſſenheit, durch welche Männer, die ſeit ihrer Kindheit mit Gefahren zu kämpfen hatten, ſich auszuzeichnen pflegen. „Ach, ſeid Ihr's, Dantes?“ rief der Mann im Nachen;„was iſt denn geſchehen, und woher kommt dieſer Anſtrich von Traurigkeit, der über das ganze Schiff verbreitet iſt?“ „Ein großes Unglück, Herr Morrel,“ antwortete der junge Mann;„ein großes Unglück, beſonders für mich. Auf der Höhe von Civita⸗Vecchia haben wir unſern braven Capitain Leclerc ver⸗ loren.“ 3; „Und die Ladung?“ fragte der Rheder(denn das war Herr Morrel) lebhaft. „Iſt in gutem Stande, Herr Morrel, und ich hoffe, Sie wer⸗ den, was das anbetrifft, zufrieden ſein können. Aber der arme Capitain...“ „Was iſt ihm denn begegnet?“ fragte der Rheder mit ſichtlich beruhigter Miene,„was iſt dem wackern Capitain begegnet?“ „Er iſt todt.“ „Iw's Meer gefallen?“ „Nein, Herr Morrel, er iſt unter ſchrecklichen Leiden an einer Gehirnentzündung geſtorben.“ Dann wandte er ſich zu ſeinen Leuten und befahl: „Holla ho! Jeder an ſeinen Poſten beim Ankerplatz!“ Die Mannſchaft gehorchte. Die acht oder zehn Matroſen, aus denen dieſelbe beſtand, ſtürzten zu gleicher Zeit, Jeder in ſeiner Eigenſchaft, an die Schooten, an die Braſſen, die Hißtaue und an den Fockmaſt, während die Andern ſich der Segeltaue bemächtigten. Der junge Seeoffizier warf einen ſchnellen Blick auf dieſen 8. & Anfang der Vollziehung ſeiner Beſehle, und da er Alles in gehöriger Ordnung fand, kehrte er zu Herrn Morrel zurück. 3„Und wie ging es denn mit dem Tode des Capitains?“ nahm der Rheder das Geſpräch wieder auf, wo der junge Seemann es abgebrochen hatte. 4 AAnuf die unerwartetſte Art von der Welt, Herr Morrel. Nach einer langen Unterredung mit dem Hafen⸗Capitain verließ Leclerc V Neapel ſehr aufgeregt, vierundzwanzig Stunden darauf befiel ihn das Fieber und in drei Tagen war er todt. Wir haben ihn mit dden üblichen Feierlichkeiten beſtattet, und er ruht, anſtändig in eine Hängematte gewickelt, eine Kugel von 36 Pfund an den Füßen und eine am Kopfe, auf der Höhe der Inſel El Gialio. Wir bringen ſeiner Wittwe ſein Ehrenkreuz und ſeinen Degen. Es lohnt ſich der Mühe,“ fuhr der junge Mann mit melancholiſchem Lächeln fort, „zehn Jahre gegen die Engländer zu fechten, um am Ende, wie alle Welt, in ſeinem Bette zu ſterben!“ „Tauſend, was wollt Ihr, Edmond,“ entgegnete der Rheder, ddeer ſich immer mehr zu tröſten ſchien,„wir ſind Alle ſterblich, und es iſt beſſer, daß die Alten den Jungen Platz machen; außerdem gäbe es keine Beförderung, und ſobald Ihr mir verſichert, daß die Ladung..“ „Iſt in gutem Stande, Herr Morrel, dafür ſtehe ich Ihnen. Dieſes iſt eine Reiſe, die ich Ihnen rathe, nicht unter 25,000 Fr. Gewinn zu diskontiren.“ Dann rief der junge Mann, als der runde Thurm umſegelt war:„Die Segel aufgehißt!“ Das Commando wurde faſt mit ebenſo großer Pünktlichkeit vollzogen, als auf einem Kriegsſchiffe. „Alle Segel herab!“ Auf dieſes letzte Commando ſanken alle Segel, und das Schiff glitt, nur durch das Steuerruder in Bewegung geſetzt, faſt unmerklich vorwärts. „Wenn Sie jetzt an Bord kommen wollen, Herr Morrel,“ ſagte Dantes, die Ungeduld des Rheders bemerkend,„hier kommt eben Ihr Rechnungsführer, Herr Danglars, aus ſeiner Cabine, der Ihnen jede Auskunft, die Sie wünſchen, geben wird; was mich anbetrifft, ſo muß ich nun das Schiff in den Hafen bugſiren und es in Trauer ſetzen laſſen.“ Das ließ ſich der Rheder nicht zweimal ſagen, er ergriff ein Tau, welches Dantes ihm zuwarf, und ſchwang ſich mit einer Ge⸗ wandtheit, die einem Seemanne Ehre gemacht haben würde, an Bord, während dieſer, an ſeinem Poſten am Steuerruder zurückkeh⸗ rend, Dem, welchen er ſoeben als Herrn Danglars bezeichnet hatte und der, wirklich ſoeben aus ſeiner Cabine kommend, Herrn Morrel begrüßte, die Unterhaltung abtrat. Der Hinzugekommene war ein Mann von fünf⸗ bis ſechsund⸗ zwanzig Jahren, mit ziemlich finſterem Geſichte, unterwürfig, ja kriechend gegen ſeine Vorgeſetzten, anmaßend gegen die ihm Unter⸗ geordneten; auch war er, abgeſehen von ſeiner Eigenſchaft als Rech⸗ nungsführer, der gewöhnlich nicht beliebt bei der Schiffsmannſchaft iſt, bei derſelben ebenſo verhaßt, als Edmond Dantes beliebt war. „Nun, Herr Morrel,“ ſagte Danglars,„der Unglücksfall iſt Ihnen ſchon bekannt, nicht wahr?“ 3 „Ja, ja, der arme Capitain Leclerc! Er war ein wackerer, rechtſchaffener Mann!“ „Und beſonders ein vorzüglicher Seemann, zwiſchen Himmel und Waſſer alt geworden, wie es einem Manne ziemt, der die In⸗ tereſſen eines ſo bedeutenden Hauſes, als das Haus Morrel und Sehn, wahrzunehmen hat,“ antwortete Danglars. „Aber,“ ſagte Morrel und folgte dem eifrig beſchäftigten Dantes alit den Augen,„es ſcheint mir, daß man nicht ein ſo alter See⸗ nann zu ſein braucht, wie Sie eben ſagen, Danglars, um ſein Fach verſtehen. Und hier unſer Freund Edmond verſteht das ſeinige, ſo ſcheint mir's, wie ein Mann, der Niemand um Rath zu fragen graucht.“ „Ja,“ ſagte Danglars, einen Blick auf Dantes werfend, in welchem ein Blitz des Haſſes leuchtete,„ja, ja, wenn man jung iſt, nimmt man auf Nichts Rückſicht.— Kaum war der Capitain todt, als er das Commando übernahm, ohne irgend Jemand zu fragen, und ließ uns anderthalb Tage auf der Inſel Elba verlieren, ſtatt direct nach Marſeille zurückzukehren.“ „Daß er das Commando übernahm,“ ſagte Herr Morrel,„das war ſeine Pflicht als Steuermann; daß er anderthalb Tage auf der Inſe! Elba zubrachte, iſt Unrecht, wenn nicht etwa es dem Fahr⸗ zeuge an irgend Etwas fehlte.“* — 7 „Das Fahrzeug befand ſich wie ich mich befinde und wie ich wünſche, daß Sie ſich befinden, Herr Morrel; und dieſe anderthalb Tage ſind aus bloßer Laune vertrödelt worden, um an's Land zu gehen— das war's.“ „Dantes,“ ſagte der Rheder, ſich zu dem jungen Manne wen⸗ dend,„kommt doch hierher.“ Verzeihung, Herr Morrel,“ ſagte Dantes,„ich ſtehe augen⸗ blicklich zu Dienſten.“ Dann wendete er ſich wieder zu der Mann⸗ ſchaft und gab ſeine Befehle. Der Anker ſank und die Kette folgte klirrend; Dantes blieb un⸗ geachtet der Gegenwart des Lootſen auf ſeinem Poſten, bis dieſes Manöver vollendet war, dann rief er:„Zieht die Wimpel ein, hißt die Flagge auf, kreuzt die Segelſtangen!“ „Sie ſehen,“ ſagte Danglars,„er glaubt ſchon Capitain zu ſein, meiner Treu!“ „Und er iſt es wirklich,“ ſagte der Schiffseigenthümer. „Ja, durch Ihre Unterſchrift und die Ihres Compagnons, Herr Morrel.“ „Der Tauſend! warum ſollten wir ihm dieſen Poſten nicht laſſen? Er iſt jung, das weiß ich, aber er ſcheint mir mit ganzer Seele Seemann und ſehr erfahren in ſeinem Fache zu ſein.“ Eine Wolke zog über Danglars Stirn. „Verzeihung, Herr Morrel,“ ſagte Dantes, hinzukommend,„jetzt, da das Schiff vor Anker liegt, ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten. Sie haben mich gerufen?“ Danglars trat einen Schritt zurück. „Ich wollte Euch fragen, warum Ihr Euch auf Elba aufge⸗ halten habt?“ „Es iſt mir ſelbſt unbekannt, Herr Morrel. Es geſchah, um einen letzten Befehl des Capitains Leclerc zu erfüllen, der mir ſter⸗ bend ein Papier für den Großmarſchall Bertrend eingehändigt hatle.“ „Ihr habt ihn alſo geſehen, Edmond?“ „Wen?“ „Den Großmarſchall!“ „Ja.“ Morrel ſah ſich um und zog Dantes bei Seite. „Und wie geht es dem Kaiſer?“ fragte er lebhaft. ——, „Gut, ſo viel ich nach dem Augenſchein urtheilen kann.“ „Ihr habt alſo den Kaiſer auch geſehen?“ „Er kam zu dem Marſchall, während ich bei ihm war.“ „Und Ihr habt mit ihm geſprochen?“ „Das heißt, Herr Morrel, er hat mit mir geſprochen,“ ſagte Dantes lächelnd. „Und was ſagte er zu Euch?“ „Er befragte mich über das Schiff, über die Zeit ſeiner Ab⸗ fahrt von Marſeille, über den Weg, den es verfolgt habe, und über ſeine Ladung. Ich glaube, wäre es leer und ich ſein Beſitzer ge⸗ weſen, ſo würde er Luſt gehabt haben, es zu kaufen. Aber ich ſagte ihm, daß ich nur ſimpler Steuermann ſei und daß das Schiff dem Hauſe Morrel und Sohn gehöre. Ah, ſagte er, ich kenne daſſelbe. Die Morrel ſind Alle Rheder ſchon ſeit langer Zeit, und einen Morrel gab es, der mit mir in einem Regimente diente, als ich in Valencia in Garniſon ſtand.“ „Das iſt, bei Gott, wahr!“ rief der Rheder ganz erfreut.„Es war Polycarp Morrel, mein Oheim, der Capitain geworden iſt. Dantes, ſagt meinem Oheim, daß der Kaiſer ſich ſeiner erinnert hat, und Ihr werdet ſehen, daß der alte Murrkopf weint. Gut, brav,“ fuhr der Rheder, den jungen Mann freundſchaftlich auf die Achſel klopfend, fort,„Ihr habt wohl gethan, Dantes, die Aufträge des Capitains Leclerc auszurichten und an der Inſel Elba zu landen, obgleich, wenn es bekannt würde, daß Ihr dem Marſchall ein Packet * abgeliefert und Euch mit dem Kaiſer unterhalten habt, Euch dies ſchlecht bekommen könnte.“ „Wie meinen Sie, Herr Morrel, daß mir das ſchaden könnte?“ ſagte Dantes.„Ich weiß nicht einmal, was ich überbrachte, und der Kaiſer hat mir nur Fragen vorgelegt, wie er ſie Jedem, der nur zuerſt gekommen wäre, vorgelegt haben würde. Aber Verzeih⸗ ung,“ ſagte Dantes jetzt,„hier kommen die Sanitäts⸗ und Douanen⸗ Beamten, die unſere Ankunft erfahren haben. Sie erlauben, nicht wahr?“ „Laßt Euch nicht ſtören, mein lieber Dantes.“ Der junge Mann entfernte ſich, und in dem Maaße, wie er ſich entfernte, näherte ſich Danglars. „Nun,“ fragte er,„er ſcheint Ihnen befriedigende Aufſchlüſſe über ſeine Landung in Porta⸗Ferrajo gegeben zu haben?“ — „Vortreffliche, mein lieber Danglars.“ „Ei, um ſo beſſer,“ antwortete dieſer,„denn es iſt immer be⸗ trübend, einen Kameraden zu ſehen, der ſeine Schuldigkeit nicht thut.“ „Dantes hat die ſeinige gethan,“ antwortete Morrel,„und es iſt Nichts darüber zu ſagen. Der Capitain Leclerc hatte ihm den Auftrag gegeben, deſſen Vollziehung dieſen Aufſchub veranlaßte.“ „Ach, was den Capitain Leclerc anbelangt, hat er Ihnen nicht einen Brief von demſelben eingehändigt?“ 1 „Mir? Nein. Hatte er denn einen für mich?“ „Ich glaubte, daß der Capitain ihm außer jenem Packet noch dieſen Brief anvertraut habe.“ „Welches Packet meinen Sie, Danglars?“ „Nun das, welches Dantes in Porto⸗Ferrajo abgeliefert hat.“ „Woher wiſſen Sie, daß er in Porto⸗Ferrajo ein Packet ab⸗ geliefert hat?“ Danglars erröthete. „Ich ging an der halbgeöffneten Thür des Capitains vorüber und ſah, wie derſelbe Dantes ein Packet und einen Brief einhändigte.“ „Er hat mir Nichts davon geſagt, wenn er aber einen Brief hat, wird er ihn mir ſchon geben,“ ſagte der Rheder. Danglars dachte einen Augenblick nach. „Dann bitte ich Sie, Herr Morrel,“ ſagte er,„Dantes hiervon Nichts zu ſagen; ich werde mich geirrt haben.“ In dieſem Augenblicke kam der junge Mann zurück; Danglars entfernte ſich. „Nun, mein lieber Dantes, ſind Sie frei?“ fragte der Rheder. „Ja, Herr Morrel.“ „Das hat nicht lange gedauert.“ „Nein, ich habe den Douaniern die Liſte unſerer Waaren ge⸗ geben, und die Sanitäts⸗Commiſſion hatte mit dem Küſtenlootſen einen Abgeordneten geſchickt, dem ich unſere Papiere übergeben habe.“ „Ihr habt alſo nun hier nichts mehr zu verrichten?“ Dantes warf einen raſchen Blick um ſich her.„Nein, Alles iſt in Ordnung,“ ſagte er. e„Ihr könnt alſo mit uns kommen und zu Mittag mit uns en?“ „Entſchuldigen Sie mich, Herr Morrel, ich bitte ſehr, aber meinem Vater bin ich den erſten Beſuch ſchuldig; ich weiß die Ehre, Sohn.“ die Sie mir erzeigen, nichts deſto weniger zu erkennen.“ „Es iſt recht ſo, Dantes, es iſt recht, ich kenne Euch als guten „Und,“ fragte Dantes etwas zögernd...„und befindet er ſich wohl, mein Vater? wiſſen Sie es nicht?“ Nun, ich glaube, ja, mein lieber Edmond, obgleich ich ihn nicht geſehen habe.“ „Ja, er lebt ſehr zurackgezogen in ſeiner kleinen Stube.“ „Das beweiſt wenigſtens, daß es ihm in Eurer Abweſenheit an Nichts gefehlt hat.“ Dantes lächelte.„Mein Vater iſt ſtolz, Herr Morrel, und hätte es ihm auch an Allem gefehlt, ſo iſt es noch ſehr die Frage, ob er irgend Einen auf der Welt, Gott ausgenommen, um Etwas gebeten hätte.“ „Nun denn alſo, ſo rechnen wir nach dieſem erſten Beſuche auf Euch.“ „Auch dann muß ich noch um Entſchuldigung bitten, Herr Morrel, denn nach dieſem erſten Beſuche habe ich einen zweiten zu machen, der mir nicht weniger am Herzen liegt.“ „Ach, es iſt wahr, Dantes, ich dachte nicht daran, daß in der cataloniſchen Colonie Jemand wohne, der Euch nicht minder unge⸗ duldig erwarten wird als Euer Vater: die ſchöne Mercedes.“ Dames erröthete. „Ach! ach!“ ſagte Morrel,„nun wundere ich mich nicht mehr, daß ne dreimal gekommen iſt, ſich nach dem Pharaon zu erkundigen. Bli⸗ d! Edmond, Ihr ſeid nicht zu beklagen, Ihr habt ein ſchmuckes Schätchen.“ „Es iſt nicht mein Schätzchen, Herr Morrel, ſagte der junge Seemann ernſthaft,„es iſt meine Braut.“ „Das iſt zuweilen daſſelbe,“ ſagte Morrel lachend. „Für uns nicht, Herr Morrel,“ antwortete Dantes. „Nun, nun, mein lieber Edmond,“ fuhr Morrel fort,„ich will Euch aicht aufhalten. Ihr habt meine Angelegenheiten zu gut be⸗ ₰△ ſorg!, als daß ich Euch nicht Zeit laſſen ſ ſolh⸗ die Eurigen wahrzu⸗ nehmen. Braucht Ihr Geld?“ 11 „Nein, Herr Morrel, ich habe noch meinen ganzen Reiſegehalt, das heißt, beinahe für drei Monate Gage.“ .„Ihr ſeid ein muſterhafter Junge, Edmond!“ „Sagt, daß ich einen armen Vater habe, Herr Morrel.“ „Ja, ja, ich weiß, daß Ihr ein guter Sohn ſeid! Geht alſo zu Eurem Vater. Ich habe auch einen Sohn und würde es Jedem, der ihn mir nach einer Abweſenheit von drei Monaten entzöge, ſehr übel nehmen.“ 3 „Sie erlauben alſo?“ ſagte der junge Mann grüßend. „Ja, wenn Ihr mir nichts mehr zu ſagen habt.“ „Nein.“ „Hat der Capitain Leclere, ehe er ſtarb, Euch keinen Brief an mich gegeben?“ „Er war nicht im Stande zu ſchreiben, Herr Morrel, aber Ihre Frage erinnert mich, daß ich Sie um einen Urlaub von einigen Tagen bitten muß.“ „Um Euch zu verheirathen?“ „Erſt dazu, dann um nach Paris zu reiſen.“ „Gut, gut! Nehmt Euch ſo viel Zeit, als Ihr braucht, Dantes Das Schiff iſt zu entladen, wird wenigſtens eine Arbeit von ſechs Wochen ſein, und es wird mithin unter drei Monaten nicht wieder in See ſtechen können. Wenn Ihr alſo nur in drei Monaten bei der Hand ſeid. Der Pharaon,“ fuhr der Rheder, den jungen Mann auf die Achſel klopfend, fort,„kann nicht ohne ſeinen Capitain ab⸗ ſegeln.“ „ dOhne ſeinen Capitain!“ rief Dantes mit vor Freuden glän⸗ zenden Augen.„Achten Sie wohl auf Das, was Sie mir da ſagen, Herr Morrel, denn Sie haben ſoeben die geheimſten Hoffnungen meines Herzens ausgeſprochen. Sollte es wirklich Ihre Abſicht ſein, mich zum Capitain des Pharaon zu ernennen?“ „Wenn ich allein ſtände, würde ich Euch die Hand reichen. mein lieber Dantes, und ſagen: Es iſt abgemacht. Aber ich habe einen Compagnon, und Ihr kennt das italieniſche Sprichwort: Che a compagno a padrone. Indeſſen iſt die Sache zur Hälſte in Ordnung, denn von zwei Stimmen habt Ihr bereits eine; bezienn Euch alſo auf mich, wenn Ihr Euch um die andere bewerbt, u⸗s ich will das Meinige thun.“ 12 „O, Herr Morrel,“ rief der junge Seemann, mit thränenden l Augen die Hände des Rheders ergreifend,„Herr Morrel, ich danke 1- Shnen in meines Vaters und Mercedes Namen.“ bi Es iſt gut, es iſt gut, Edmond! es iſt ein Gott im Himmel er für die wackeren Leute. Zum Teuſel! geht, beſucht Euren Vater, 1 beſucht Mercedes, und dann kommt auch zu mir.“ 1 „Sie verlangen nicht, daß ich Sie an's Land zurückführe?“ 9 „Nein, ich danke, ich bleibe, um meine Rechnung mit Danglars 1 in Ordnung zu bringen. Waret Ihr zufrieden mit ihm während der Reiſe?“ d „Das kommt auf den Sinn Ihrer Frage an, Herr Morrel. j Als guter Kamerad, nein, denn ich glaube, daß er mich nicht leiden kann ſeit dem Tage, wo ich die Thorheit beging, ihm in Folge eines kleinen Streites, den wir gehabt hatten, eine Landung von zehn Minuten auf der Inſel Monte⸗Chriſto vorzuſchlagen, um jenen 1 Streit auszufechten. Ich hatte Unrecht, dieſen Vorſchlag zu machen, und er hatte Recht, ihn abzulehnen. Wenn Sie mich fragen, wie er als Rechnungsführer war, ſo glaube ich, daß Nichts an ihm aus⸗ zuſetzen iſt, und daß Sie mit ſeiner Geſchäftsführung zufrieden ſein werden.“ „Aber,“ ſagte der Rheder,„laßt ſehen, Dantes, wenn Ihr Ca⸗ pitain des Pharaon wäret, würdet Ihr Danglars gern behalten?“ „Als Capitain oder Steuermann, Herr Morrel,“ antwortete Dantes,„werde ich jederzeit die größten Rückſichten auf Diejenigen nehmen, welche das Vertrauen meiner Schiffseigenthümer beſitzen.“. „Gut, gut, Dantes, ich ſehe, daß Ihr in jeder Hinſicht ein wackerer Junge ſeid. Ich halte Euch nicht mhr zurück; geht, denn ich ſehe, Ihr ſteht auf Kohlen.“. „Auf Wiederſehen, Herr Morrel, habt tauſend Dankl“ „Auf Wiederſehen, lieber Edmond, gute Verrichtung!“ Der junge Seemann ſprang in den Nachen, ſetzte ſich an das Steuer und befahl, an der Cannebiere anzulegen. Zwei Matroſen n beugten ſich augenblicklich auf ihre Ruder, und das leichte Fahrzeug glitt ſo ſchnell, als die Schwierigkeiten es zuließen, zwiſchen den tauſend größeren und kleineren Booten und Gondeln, die eine Art engen Paß bilden, in den Hafen und den Quai d'Orleans entlang. Der Rheder folgte ihm lächelnd mit den Augen bis an das „ 1 . 13 Ufer, ſah ihn auf die Quadern des Quai ſoringen und ſich augen⸗ blicklich in die bunte Menge verlieren, die von fünf Uhr Morgens bis neun Uhr Abends die merkwürdige Straße de la Cannebiere erfüllt, auf welche die moderne Phocäa ſo ſtolz iſt, daß iore Be⸗ wohner mit dem größten Ernſt von der Welt und mit jenem eigen⸗ thümlichen Accent, der Dem, was ſie ſogen, ſo viel Charakteriſtiſches giebt, behaupten:„Wenn Paris die Cannebiere hätte, würde es ein kleines Marſeille ſein.“ Indem Herr Morrel ſich unddrehte, erblickte er Herrn Danglars, der ſeine Befehle zu erwarten ſchien, eigentlich aber, wie er dem jungen Manne mit ſeinen Blicken folgte. Jedoch fand eine große Verſchiedenheit in dem Ausdrucke dieſes Doppelblickes ſtatt, der einem und demſelben Menſchen galt. II. Vater und Sohn. „Laſſen wir Danglars, von dem Dämon des Haſſes beherrſcht ſich bemühen, einige boshafte Anſichten über ſeinen Gefährten dem Rheder in die Ohren zu blaſen, und folgen wir lieber Dantes, der, nachdem er die Straße de la Cannebiere ihrer ganzen Länge nach gemeſſen hat, in die Noailles einbiegt, in ein kleines Haus an der rechten Seite des Weges von Meillan eintritt, ſchnell die vier ſteilen ſchmalen Treppen erſteigt, und endlich, die eine Hand am Treppen⸗ Geländer, die andere auf das hochklopfende Herz gedrückt, vor einer angelehnten Thüre, durch welche er bis in das Innere einer kleinen Stube ſehen kann, athemlos ſtehen bleibt. Es war dieſes die Stube, die Dantes Vater bewohnte. Die Nachricht von der Ankunft des Pharaon war noch nicht bis zu dem Greiſe gedrungen, welcher ſich, auf einem Stuhle ſtehend, beſchäftigte, einige Schlingpflanzen, die ſich an dem Fenſter in die Höhe rankten, an demſelben zu befeſtigen. Plötzlich fühlte er ſich umfaßt und hörte eine wohlbekannte Stimme hinter ſich rufen:„Mein Vater, mein guter Vater!“ Der Greis ſtieß einen Schrei aus, drehte ſich um und ſank bleich und zitternd ſeinem Sohne in die Arme. „Was haſt Du denn, Vater?“ rief der junge Mann beſorgt, „Du wirſt doch nicht krank ſein?“ „Nein, nein, mein lieber Edmond, mein Sohn, mein Kind, nein; aber ich erwartete Dich nicht, und die Freude, die Aufregung, Dich ſo unerwartet zu ſehen... Ach, mein Gott, ich glaube, ich ſterbe... „Ach, erhole Dich doch, Vater. Ich bin's— ich bin's wirklich. Man ſagt immer, die Freude ſchade nicht, und darum bin ich un⸗ —.— 7 ——,— — — 15 vorbereitet gekommen. Sieh' mich an, lächle mir zu, ſatt mich, wie Du thuſt, mit irren Blicken anzuſehen. Ich bin zurückgekehrt und bringe Glück mit.“ „Ach, deſto beſſer,“ entgegnete der Greis.„Aber auf welche Weiſe werden wir glücklich ſein? Wirſt Du von jetzt an bei mir bleiben? Laß hören, erzähle mir Dein Glück.“ „Gott mag mir vergeben,“ ſagte der junge Mann,„daß ich mich über ein Glück freue, welches eine Familie in Trauer verſetzt; aber Gott weiß, daß ich dieſes Glück nicht gewünſcht hatte! Es kommt, und ich habe nicht die Kraft, mich darüber zu betrüben. Der brave Capitain Leclerc iſt todt, und es iſt wahrſcheinlich, daß ich durch Herrn Morrels Verwendung ſeine Stelle bekomme.. Capi⸗ tain mit zwanzig Jahren, mit 100 Louis Gehalt und einen Antheil an dem Gewinne! Iſt das nicht mehr, als ein armer Matroſe, wie ich, nur hoffen und erwarten durfte?“ „Ja, mein Sohn, ja wirklich,“ ſagte der Greis,„es iſt ein großes Glück.“ „Auch will ich von dem erſten Gelde, welches ich in dieſem Poſten bekomme, Dir ein kleines Haus kaufen mit einem Garten, worin Du Deine Clematis, Deine Capuzinerblumen und Deine Je⸗ längerjelieber pflanzen kannſt. Aber was iſt Dir, mein Vater, Du ſcheinſt krank zu ſein?“ Fe. „Geduld, Geduld, es wird vorübergehen.“ Die Kräſte verließen indeſſen den Greis und er ſank zurück. „Schnell, ſchnell,“ ſagte der junge Mann,„ein Glas Wein, mein Vater, das wird Dich ſtärken. Wo bewahrſt Du Deinen Wein auf?“ „MNein, danke, ſuche ihn nicht, ich bedarf keinen,“ ſagte der Greis und verſuchte ſeinen Sohn zurückzuhalten. „Nein, mein Vater, zeige mir den Ort.“ Und er öffnete mehrere Schränke. „Vergebliche Mühe,“ ſagte der Greis,„es iſt kein Wein da.“ „Wie, es iſt kein Wein da!“ ſagte Dantes, nun erbleichend, indem er abwechſelnd auf die bleichen, hohlen Wangen des Greiſes und die leeren Schränke ſah.„Wie, es iſt kein Wein mehr da? Sollte es Dir, mein Vater, an Geld gefehlt haben?“ „Es fehlt mir nichts, denn Du biſt da,“ ſagte der Greis. 16 „Indeſſen,“ ſtammelte Dantes und trocknete den Angſtſchweiß, der von ſeiner Stirne tropfte,„indeſſen hatte ich Dir doch, als ich vor drei Monaten abreiſte, 200 Francs gelaſſen.“ „Ja, ja, Edmond, es iſt wahr, aber Du hatteſt eine kleine Schuld bei dem Nachbar Carderouſſe zu berichtigen vergeſſen; er erinnerte mich daran mit dem Bemerken, daß er ſich, wenn ich ihn nicht bezahlen könne, von Herrn Morrel bezahlen laſſen werde.— Nun wirſt Du begreifen, daß ich aus Furcht, daß Dir das Schaden thun könne... Nun gut!... nun gut, ich habe ihn bezahlt.“ „Aber,“ rief Dantes,„es waren 140 Francs, die ich Carderouſſe ſchuldete! Und Du haſt ſie von den 200 Francs, die ich Dir ge⸗ laſſen hatte, bezahlt?“ Der Greis nickte mit dem Kopfe. „So haſt Du alſo die drei letzten Monate von 60 Francs gelebt...“ murmelte der junge Mann. „Du weißt, wie wenig ich bedarf,“ ſagte der Greis. „O, mein Gott, mein Gott! Mein Vater, vergieb mir!“ rief Edmond, und warf ſich ſeinem Vater zu Füßen. „Was iſt Dir, was machſt Du?“ „Ach, Du haſt mir das Herz zerriſſen!“ „Pah, Du biſt hier,“ ſagte der Greis lächelnd;„jetzt iſt Alles vergeſſen und Alles gut.“ „Ja, ich bin da,“ ſagte der junge Mann;„ich bin da mit einer ſchönen Hoffnung und mit etwas Geld. Nimm, Vater,“ ſagte er,„nimm, nimm, und laß ſchnell Etwas holen.“ Und er ſchüttelte den Inhalt ſeiner Taſchen auf den Tiſch aus — ein Dutzend Goldſtücke, fünf oder ſechs Fünffrankenſtücke und eine ganze Menge kleine Münze. Das Geſicht des alten Dantes erheiterte ſich.„Wozu das?“ fragte er. „Nun, für mich, für Dich, für uns. Nimm, kaufe Vorräthe, ſei glücklich; morgen giebt's mehr.“ 4 „Sachte, ſachte,“ ſagte der Greis lächelnd.„Mit Deiner Er⸗ laubniß werde ich einen ſehr mäßigen Gebrauch von Deiner Börſe machen; wenn man mich ſo viele Sachen auf einmal kaufen ſähe, würde man glauben, ich hätte auf Dich warten müſſen, um ſie an⸗ zuſaffen.“ — 17 „Mache es, wie Du willſt, aber vor allem Anderen miethe eine Magd, Vater. Ich kann nicht zugeben, daß Du allein bleibſt. Ich habe contrebanden Kaffee und herrlichen Tabak mitgebracht. Du ſollſt ihn morgen haben. Aber pſt, da iſt Jemand.“ „Es iſt Caderouſſe, der Deine Ankunft erfahren haben wird, und ohne Zweifel kommt, um Dir ſeine Freude über Deine Rück⸗ kehr zu bezeigen.“ „Gut, das iſt auch Einer, der Honig auf den Lippen und Galle im Herzen hat,“ murmelte Edmond.„Aber es ſchadet nichts, es iſt ein Nachbar, der uns Dienſte erwieſen hat. Er möge willkom⸗ kommen ſein.“ Wirklich erſchien, während Edmond dieſes leiſe ſagte, das ſchwarze, bärtige Geſicht des Nachbars Caderouſſe in der Thür. Er war ein Mann von fünf⸗ bis ſechsundzwanzig Jahren und hielt ein Stück Tuch in der Hand, von welchem er in ſeiner Eigenſchaft als Schneider ſoeben den Aufſchlag eines Rockes zuſchneiden wollte. „Ei, glücklich zurückgekehrt, Edmond?“ ſagte er mit entſchie⸗ denem Marſeiller Accent und einem rohen Lächeln, welches ſeine elfenbeinweißen Zähne zeigte. „Wie Ihr ſeht, Nachbar Caderouſſe, und bereit, Euch zu dienen, auf welche Art es auch ſei,“ antwortete Dantes, ſeine Kälte unter dieſem Dienſtanerbieten nur ſchlecht verhehlend. „Danke, danke, glücklicher Weiſe bedarf ich Eure Gefälligkeit nicht, und kann mich rühmen, daß Andere jetzt meiner bedürfen.“ — Dantes machte eine Bewegung.—„Ich ſage das nicht zu Dir, Junge, ich habe Dir Geld geborgt, Du haſt es mir wieder gegeben, das kann unter guten Nachbarn paſſiren, und wir ſind quitt.“ „Man iſt niemals quitt gegen die, welche uns gefällig geweſen ſind,“ ſagte Dantes,„denn wenn man ihnen kein Geld mehr ſchuldig iſt, ſo iſt man ihnen doch Dankbarkeit ſchuldig.“ „Wozu davon ſprechen? Was vergangen iſt, iſt vergangen; laß uns von Deiner glücklichen Rückkehr reden, Junge. Ich war alſo nach dem Hafen gegangen, um mich mit eingeſchmuggeltem Tuche zu verſehen, als ich Freund Danglars gewahr wurde.— Du in Marſeille?“ 3 „Ei ja, ganz und gar,“ antwortete er. „Ich glaubte Dich in Smyrna.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. d0 18 „Ich komme eben von daher.“ „Und wo iſt Edmond, der gute Junge?“ „Nun, wo anders als bei ſeinem Vater,“ antwortete Danglars. „Ich eilte nun hierher, um die Freude zu haben, einem Freunde die Hand zu drücken.“ „Der gute Caderouſſe,“ ſagte der Greis,„er hält ſo viel auf uns.“ „Gewiß liebe ich Euch und achte Euch auch, denn die recht⸗ ſchaffenen Leute ſind ſelten... Aber es ſcheint, Junge, daß Du reich zurückgekommen biſt,“ fuhr der Schneider fort, einen verdäch⸗ tigen Blick auf den Haufen Geld, den Edmond auf den Tiſch gelegt hatte, werfend.. Der junge Mann bemerkte den Zlitz der Lüſternheit, der die ſchwarzen Augen ſeines Nachbars erleuchtete. „Ei, du lieber Gott,“ ſagte er nachläſſig,„dieſes Geld gehört nicht mir. Ich äußerte gegen meinen Vater die Sorge, daß es ihm während meiner Abweſenheit an Etwas gefehlt haben möchte, und um mich zu beruhigen, ſchüttete er ſeine Börſe auf den Tiſch aus. Komm, Vater, thue das Geld wieder in Deine Börſe, wenn nicht etwa der Nachbar Caderouſſe Gebrauch davon machen kann, in wel⸗ chem Falle es ihm zu Dienſten ſteht.“ „Nein, nein, Junge,“ ſagte Caderouſſe,„ich bedarf nichts, Gott ſei Dank, der Stand nährt ſeinen Mann; behalte Dein Geld, behalte, man hat deſſen nie zu viel; doch bin ich Dir darum nicht minder dankbar für Dein Anerbieten und betrachte daſſelbe, als hätte ich's benutzt.“ „Es geſchah aus gutem Herzen,“ ſagte Dantes. „Ich zweifle nicht daran. Nun, Du Schelm, Du ſiehſt Dich alſo aufs Beſte mit Herrn Morrel?“ „Herr Morrel iſt immer ſehr gütig gegen mich geweſen,“ ant⸗ wortete Dantes. „Dann thuſt Du Unrecht, ſeine Einladung auszuſchlagen.“ „Wiel ſeine Einladung auszuſchlagen?“ ſagte der alte Dantes, er hat Dich alſo eingeladen?“ „Ja, mein Vater,“ entgegnete Edmond, über das Erſtaunen ſeines Vaters lächelnd, welches die ihm erzeigte große Ehre dem⸗ ſelben abnöthigte. 3 19 „Und warum haſt Du die Einladung ausgeſchlagen, mein Sohn?“ fragte der Greis. „Um ſo viel eher zu Dir zu kommen, mein Vater, es trieb mich, Dich zu ſehen,“ antwortete der gute Sohn. „Das wird aber den guten Herrn Morrel beleidigt haben,“ entgegnete Caderouſſe;„und wenn man darauf ausgeht, Capitain zu werden, ſo thut man Unrecht, ſeinen Rheder zu beleidigen.“ „Ich habe ihm die Urſache, warum ich mich zurückzog, erklärt,“ entgegnete Dantes,„und er hat mich hoffentlich verſtanden.“ „Aber wenn man Capitain werden will, muß man ſeinem Patrone ein wenig ſchmeicheln.“ „Ich hoffe, auch ohne das, Capitain zu werden,“ antwortete Dantes. „Um ſo beſſer, um ſo beſſer, alle alten Freunde werden ſich darüber freuen, und ich weiß Jemand da unten, hinter der Citadelle St. Nicolas, die auch nicht unzufrieden damit ſein wird.“ „Mercedes?“ fragte der Greis. „Ja, mein Vater,“ entgegnete Dantes;„und wenn Du nichts dawider haſt, mache ich nun, da ich Dich geſehen habe und weiß, daß es Dir an Nichts fehlt, einen Beſuch in den Catalons. „Geh, Kind, geh!“ ſagte der alte Dantes,„und Gott ſegne Dich in Deiner Frau, wie er mich in meinem Sohne geſegnet hat.“ „Seine Frau!“ ſagte Caderouſſe.„Wie Ihr Euch übereilt, Vater Dantes; ſie iſt es noch nicht, wie mich dünkt.“ Nein,“ antwortete Edmond,„aber ich hoffe, daß ſie es bald ſein wird.“. „Gut, gut,“ ſagte Caderouſſe,„Du thuſt Recht, Junge, Dich zu beeilen.“ „Warum das?“ „Weil Mercedes ein ſchönes Mädchen iſt, und es den ſchönen Mädchen nicht an Liebhabern fehlt, beſonders dieſer— ſie hat ſie dutzendweiſe.“ „Wirklich!“ ſagte Edmond mit einem Lächeln, welches eine leichte Unruhe nicht ganz verbergen konnte. „O ja! und gute Partieen zum Theil,“ entgegnete Caderouſſe, aber fürchte nichts, Du wirſt Capitain und wirſt gewiß den Vor⸗ zug haben.“ 2* 20 „Das heißt alſo,“ entgegnete Dantes, immer unruhiger lächelnd, „daß, wenn ich nicht Capitain wäre...“ „Nun! nun!“ ſagte Caderouſſe. „Nein, nein,“ ſagte der junge Mann,„ich habe eine beſſere Meinung von den Frauen im Allgemeinen, als Ihr, und von Mer⸗ cedes insbeſondere bin ich überzeugt, daß ſie mir treu bleibt, ich mag Capitain werden oder nicht.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer,“ ſagte Caderouſſe;„es iſt immer eine ſchöne Sache um das Zutrauen, wenn man ſich verheirathet. Aber laß es ſein! glaube mir, Junge, verliere keine Zeit, melde ihr Deine Ankunft und theile ihr Deine Hoffnungen mit.“ „Das will ich ſoeben thun,“ ſagte Edmond, umarmte ſeinen Vater, winkte Caderouſſe Lebewohl zu und eilte fort. Caderouſſe blieb noch einige Minuten und verließ dann auch den alten Dantes, um wieder zu Danglars zu gehen, der ihn an der Ecke der Straße Senac erwartete. „Nun?“ ſagte Danglars,„haſt Du ihn geſehen?“ „Ich komme von ihm,“ ſagte Caderouſſe. „Und er hat Dir erzählt, daß er Capitain zu werden hofft?“ „Er ſpricht davon, als wäre er's ſchon.“ „Geduld! Geduld!“ ſagte Danglars;„er ſcheint mir ſeiner Sache zu gewiß zu ſein.“ „Der Tauſend! es ſcheint doch, als ſei ihm der Poſten von Herrn Morrel zugeſagt.“ „Und iſt er ſehr erfreut?“ „Nicht nur erfreut, ſondern eingebildet. Er hat mir ſchon ſeine Dienſte angeboten, als wenn er ein großer Herr wäre; er bot mir Geld zu leihen an, als wäre er ein Banquier. „Und Ihr habt es abgelehnt?“ „Entſchieden, obgleich ich es immerhin hätte annehmen können, denn ich bin es ja, aus deſſen Händen er das erſte Geld empfangen, mit dem er ſo gute Geſchäfte gemacht hat; aber jetzt hat Herr Dantes Niemand mehr nöthig, er wird Capitain!“ „Pah!“ ſagte Danglars,„er iſt es noch nicht.“ „Meiner Treu, es wäre nicht übel, wenn er's nicht würde,“ ſagte Caderouſſe,„denn ſonſt wird er unſer Einen bald nicht mehr kennen.“ —] 21 „Wenn wir es nicht wollen,“ ſagte Danglars,„wird er bleiben, was er iſt, oder wird vielleicht ſogar noch weniger.“ „Was ſagſt Du?“ „Nichts; ich rede mit mir ſelbſt. Und iſt er immer noch ver⸗ liebt in die Catalonierin?“ „Sehr verliebt; er iſt eben hingegangen. Aber wenn ich mich nicht irre, wird er von dieſer Seite Verdruß haben.“ „Erkläre Dich deutlicher.“ „Wozu?“ „Es iſt wichtiger als Du denkſt.“ Du liebſt Dantes nicht, he?“ „Ich liebe die Anmaßenden nicht.“ „Nun wohl denn, ſage mir Alles, was Du von der Catalo⸗ nierin weißt.“ „Ich weiß nichts Gewiſſes, glaube aber vermuthen zu können, daß der zukünftige Capitain in der Gegend des alten Krankenhauſes Unannehmlichkeiten haben könnte.“ „Was haſt Du geſehen? erzähle doch!“ „Nun gut, ich habe geſehen, daß Mercedes, ſo oft ſie in die Stadt kommt, von einem großen cataloniſchen Schlingel begleitet iſt, der ſchwarze Augen, rothe Backen und ganz braune Geſichts⸗ farbe hat, ſehr glühend iſt und„mein Vetter“ von ihr genannt wird.“ „Ei, wirklich? und glaubſt Du, daß dieſer Vetter ihr Lieb⸗ haber iſt?“ „Ich vermuthe es. Was zum Teufel iſt von einem großen Jungen von einundzwanzig und einem ſchönen Mädchen von ſiebzehn Jahren anders zu erwarten?“ „Und Du ſagſt, daß Dantes nach den Catalons gegangen iſt?“ „Er iſt vor mir aus dem Hauſe gegangen.“ „Wie wäre es, wenn wir denſelben Weg gingen, bei dem Hölzchen anhielten und bei dem Vater Pamphile ein Glas Wein von Lamalgue tränken, da könnten wir Nachrichten erhalten.“ „Und wer wird uns welche geben?“ „Wir wären auf dem Wege, den er nehmen muß, und würden ſchon auf Dantes Geſicht ſehen, wie die Sachen ſtehen.“ „Ich bin dabei,“ ſagte Caderouſſe,„aber Du bezahlſt.“ „Gewiß,“ verſicherte Danglars. 22 Und Beide gingen mit raſchen Schritten dem bezeichneten Orte zu. Daſelbſt angekommen, forderten ſie Wein und Gläſer. Der Vater Pamphile hatte vor kaum zehn Minuten Dantes vorbeikommen ſehen. Ueberzeugt, daß derſelbe nach den Catalons gegangen war, ſetzten ſie ſich unter das ſprießende Laub der Platanen und Syco⸗ moren, in deren Zweigen ein Chor fröhlicher Vögel einen der erſten ſchönen Frühlingstage ſingend bewillkommnete. Tittel in Dresden. g von F erla Druck und V. st Du da Fernand 2 ——— —— 8—— 3 8——————-—— ————————————————ÿõÿÿ —————————————— —————=————— .——— III. die Catalons. Hundert Schritte von dem Orte, wo die beiden Freunde die Blicke nach dem Horizonte, das Ohr nach dem Strande gerichtet, den perlenden Wein von Lamalgue ſchlürften, erhob ſich hinter einem nackten und von der Sonne und dem Gerichtsdirector ausgeſogenen Hügel die kleine Colonie der Catalonier. »Einſt ſegelte eine geheimnißvolle Colonie von Spanien ab und landete an der Erdzunge, wo ſie noch heute ſich befindet; ſie kam, man wußte nicht woher, und redete in fremder Mundart. Einer ihrer Anführer, der die provencaliſche Sprache verſtand, erbat von dem Magiſtrat von Marſeille die Vergünſtigung, ſich mit ſeinen Ge⸗ fährten auf dem kahlen, unfruchtbaren Vorgebirge, auf welches ſie, wie die Seefahrer der Alten, ihre Fahrzeuge gezogen hatten, an⸗ bauen zu dürfen. Seine Bitte wurde ihm gewährt, und drei Mo⸗ nate ſpäter war um die zwölf bis ſünfzehn Fahrzeuge, welche dieſes Völkchen von Zigeunern des Meeres herbeigeführt hatten, ein kleines Dorf erbaut. Dieſes bizarr und maleriſch, halb mauriſch, halb ſpaniſch er⸗ baute Dorf iſt noch jetzt von den Nachkommen jener Männer, welche die Sprache ihrer Väter reden, bewohnt. Drei oder vier Jahr⸗ hunderte ſind ſie treue Bewohner dieſes Vorgebirges geblieben, auf welchem ſie wie eine Schaar Seevögel ſich angebaut hatten, ohne ſich im Geringſten mit der Bevölkerung von Marſeille zu vereinigen; ſie verheiratheten ſich nur unter ſich, und hatten Tracht und Sitten, wie auch die Sprache ihres Mutterlandes beibehalten. Wir bitten unſere Leſer, uns in die einzige Gaſſe dieſes kleinen Dorfes zu folgen und mit uns in eines der Häuſer einzutreten, deren Aeußerem die Sonne jene ſchöne braungelbe Farbe gegeben 24 hat, die den Denkmälern dieſes Landes eigenthümlich iſt, und deren Inneres durch einen Anwurf von Mörtel eine blendende Weiße, den einzigen Schmuck der ſpaniſchen Poſſadas, erhielt. Ein ſchönes, junges Mädchen, mit glänzend ſchwarzem Haar und ſammetartigen Gazellenaugen, ſtand an eine Wand gelehnt und rieb mit ihren zarten, antik geformten Fingern eine unſchuldige Haide⸗Blüthe, deren einzelne Blumen ſie ausrupfte, ſo daß ſie ſchon den Boden bedeckten; übrigens zitterten ihre bis zum Ellbogen bloßen Arme, die braun, aber in ihrer Bildung der Venus von Arles gleich waren, in einer Art fieberhaften Ungeduld, und ſie ſtampfte mit ihrem gebogenen, geſchmeidigen Fuße den Boden, ſo daß man die reine, kühne und ſtolze Form ihres in einem rothen baumwollenen Strumpf mit grauen und blauen Zwickeln gehüllten Beines ſehen konnte. Drei Schritte von ihr ſaß auf einem Stuhle, den er ſtoßweiſe rüttelte, und ſich dabei auf einen alten, wurmſtichigen Tiſch ſtützte, ein großer Burſche von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, der ſie mit einer zwiſchen Unruhe und Verdruß kämpfenden Miene be⸗ trachtete. Seine Augen ruhten forſchend auf ihr; aber der feſte, ſtarre Blick des jungen Mädchens beherrſchte ihn. „Nun, Mercedes,“ ſagte der junge Mann,„Oſtern iſt vor der Thür, es iſt Zeit, wo man Hochzeit zu machen pflegt, was meinſt Du dazu?“ „Ich habe Dir hundert Mal auf dieſe Frage geantwortet, Fernand, und Du mußt wirklich Dir ſelbſt Feind ſein, daß Du mich immer von Neuem fragſt.“ „Nun denn, wiederhole es noch einmal, ich bitte Dich flehent⸗ lich darum; wiederhole es noch einmal, auf daß ich es endlich glaube; ſage es mir zum hundertſten Male, daß Du meine Liebe, die Deine Mutter gebilligt hat, verſchmähſt, präge es mir recht ein, daß mein Glück Dir gleichgültig, daß mein Leben oder Tod Dir nichts iſt. Ach mein Gott! mein Gott! zehn Jahre träumte ich, Dein Gatte zu werden, Mercedes, und nun ſoll ich dieſe Hoffnung verlieren, die der einzige Zweck meines Lebens war!“ „Ich bin es wenigſtens nicht, Fernand, die je dieſe Hoffnung in Dir erweckte,“ antwortete Mercedes;„Du lannſt mir nicht vor⸗ werfen, daß ich einmal gegen Dich kokett geweſen wäre; ich habe dir i nie A gehört „ja, über. ſich n wohnt Gewo Ferna ſicht, wenn Waiſe Hütte theil, hinter daß weile den an, biſt, 68 D wohl einne daß gefä Toch Mar und ſchaf ſchler Chei Deg 25 Dir immer geſagt: Ich liebe Dich wie einen Bruder; aber verlange nie Anderes von mir, als dieſe ſchweſterliche Liebe, denn mein Herz gehört einem Anderen. Ich habe Dir das immer geſagt, Fernand.“ „Ja, ich weiß es wohl, Mercedes,“ antwortete der junge Mann; „ja, Du haſt das grauſame Verdienſt der Aufrichtigkeit mir gegen⸗ über. Aber vergißt Du denn das geheiligte Geſetz der Catalonier, ſich nur unter ſich zu verheirathen? „Du irrſt Dich, Fernand, es iſt kein Geſetz, es iſt eine Ge⸗ wohnheit, das iſt Alles; und folge mir, berufe Dich nicht auf dieſe Gewohnheit zu Deinen Gunſten. Du ſtehſt unter der Conſcription, Fernand; die Freiheit, die man Dir gelaſſen hat, iſt bloße Nach⸗ ſicht; Du kannſt jeden Augenblick der Fahne folgen müſſen; und wenn Du Soldat wärſt, was würde dann aus mir, der armen Waiſe, die einſam und verlaſſen, nichts als eine beinahe zerfallene Hütte beſitzt, an der einige mürbe Netze hängen, das einzige Erb⸗ theil, welches mein Vater meiner Mutter, und meine Mutter mir hinterlaſſen hat? Bedenke doch, Fernand, daß ich ſeit dem Jahre, daß ſie todt iſt, faſt nur von dem allgemeinen Mitleiden lebe. Zu⸗ weilen thuſt Du, als wäre ich Dir nützlich, um das Recht zu haben, den Ertrag Deiner Fiſcherei mit mir zu theilen; und ich nehme es an, Fernand, weil Du der Sohn von dem Bruder meines Vaters biſt, weil wir zuſammen erzogen worden ſind, und beſonders, weil es Dich betrüben würde, wenn ich es nicht annähme. Aber ich fühle wohl, daß der Fiſch, den ich verkaufe und für den ich das Geld einnehme, wofür ich den Hanf, den ich ſpinne, kaufe, ich fühle wohl, daß das eine Wohlthat iſt.“ „Ei, was ſchadet das, Mercedes? ſo arm und verlaſſen Du biſt, gefällſt Du mir beſſer und ſchickſt Du Dich beſſer für mich, als die Tochter des reichſten Rheders oder des ſtolzeſten Banquiers von Marſeille. Was bedürfen wir einfachen Leute? eine brave Frau und eine gute Wirthin. Und bei wem fände ich dieſe beiden Eigen⸗ ſchaften beſſer als bei Dir?“ „Fernand,“ antwortete Mercedes kopfſchüttelnd,„man wird eine ſchlechte Wirthin, und man kann nicht dafür ſtehen, eine rechtſchaffene Ehefrau zu bleiben, wenn man einen Anderen als ſeinen Mann liebt. Begnüge Dich mit meiner Freundſchaft, denn, ich wiederhole es Dir, 26 ſie iſt Alles, was ich Dir verſprechen kann, und ich verſpreche nichts, was ich nicht ſicher bin, halten zu können.“ „Ja, ich verſtehe,“ erwiderte Fernand,„Du erträgſt Dein eigenes Elend geduldig, fürchteſt aber das meinige. Nun wohl, Mercedes, von Dir geliebt, werde ich das Schickſal herausfordern, Du wirſt mir Glück bringen und ich werde reich werden. Ich kann mein Gewerbe als Fiſcher erweitern, ich kann als Commis in ein Comptoir eintreten, kann ſogar ſelbſt Kaufmann werden.“ „Du kannſt von dem Allen nichts unternehmen, Fernand, Du biſt Soldat, und wenn Du in den Catalons bleibſt, ſo geſchieht es, weil hier kein Krieg iſt; bleibe alſo Fiſcher, ſpinne keine Träume aus, nach denen Dir die Wirklichkeit noch kläglicher als zuvor er⸗ ſcheinen würde, und begnüge Dich mit meiner Freundſchaft, weil ich Dir nichts Anderes bieten kann.“ „Nun wohl, Du haſt Recht, Mercedes, ich werde Seemann ſein; ich werde, ſtatt der Tracht unſerer Väter, die Du verachteſt, einen lackirten Hut, ein geſtreiftes Hemd und eine blaue Weſte mit Ankern auf den Köpfen tragen. Iſt dieſes nicht der Anzug, den man haben muß, um Dir zu gefallen?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Mercedes, ihm einen erzürnten Blick zuwerfend,„was meinſt Du damit? ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich meine, Mercedes, daß Du gegen mich nur ſo hart und grauſam biſt, weil Du Jemand erwarteſt, der ſo gekleidet iſt; aber der, welchen Du erwarteſt, iſt vielleicht unbeſtändig, oder wenn er es nicht iſt, wird das Meer es für ihn ſein.“ „Fernand!“ rief Mercedes,„ich hielt Dich für gut, aber ich täuſche mich; Fernand, Du haſt ein böſes Herz, daß Du den Zorn des Himmels zur Unterſtützung Deiner Eiferſucht aufrufſt. Nun ja! ja, ich will es nicht verhehlen, ich erwarte und liebe ihn, den Du meinſt, und wenn er nicht wiederkehrt, werde ich, ſtatt ihn, wie Du, der Unbeſtändigkeit zu beſchuldigen, ſagen, daß er, mich liebend, ge⸗ ſtorben iſt.“ Der junge Catalonier machte eine Bewegung vor Wuth. „Ich verſtehe Dich, Fernand, Du wirſt es ihm entgelten laſſen, daß ich Dich nicht liebe; Du wirſt Dein cataloniſches Meſſer mit ſeinem Dolche kreuzen. Aber was wird Dir das helfen? meine braund in daß nit ein die die nicht ſ mich n zur Fr u higen nand, ſchon Stürm 5 cedes? jede di Ander) wieder It es 8 der ei ſannane ein; inen kern aben einen ſtehe und aber n er r ich Zorn nja! Du Du, , ge⸗ iſſen, mit reine 27 Freundſchaft zu verlieren, wenn Du beſiegt, meine Freundſchaft ſich in Haß verwandelt zu ſehen, wenn Du Sieger biſt. Glaube mir, mit einem Manne Streit ſuchen, iſt ein ſchlechtes Mittel, der Frau, die dieſen Mann liebt, zu gefallen. Nein, Fernand, Du wirſt Dich nicht ſo von Deinen böſen Gedanken hinreißen laſſen; wenn Du mich nicht zur Frau haben kannſt, wirſt Du Dich begnügen, mich zur Freundin und Schweſter zu haben. Uebrigens,“ fügte ſie mit ruhigen, von Thränen benetzten Augen hinzu,„warte, warte, Fer⸗ nand, Du haſt es eben geſagt, das Meer iſt treulos, und es ſind ſchon vier Monate, daß er fort iſt; ſeit vier Monaten habe ich viel Stürme gezählt.“ Fernand blieb unbeweglich, er ſuchte die Thränen, die an Mer⸗ cedes Wangen hinunter rollten, nicht zu trocknen, und hätte doch für jede dieſer Thränen ſein Blnt hingegeben; aber ſie floſſen für einen Andern. Er ſtand auf, ging in der Hütte umher, und blieb dann wieder mit finſtern Blicken und geballten Fäuſten vor Mercedes ſtehen. „Sage, Mercedes,“ ſagte er,„antworte mir noch einmal... Iſt es feſt beſchloſſen?“ „Ich liebe Edmond Dantes,“ ſagte das junge Mädchen kalt, „und kein Anderer wird mein Mann!“— „Und Du wirſt ihn immer lieben?“ „So lange ich lebe!“ Fernand ſenkte muthlos den Kopf und ſtieß einen Seufzer aus, der einem Aechzen glich; dann erhob er plötzlich den Kopf mit zu⸗ ſammengepiſſenen Zähnen und erweiterten Naſenlöchern. „Aber wenn er todt iſt?“ ſagte er. „Wenn er todt iſt, werde ich ſterben.“ „Aber wenn er Dich vergißt?“ „Mercedes!“ rief eine fröhliche Stimme außer der Hütte; „Mercedes!“ „Ach!“ rief das junge Mädchen, vor Freude und Liebe er⸗ röthend,„Du ſiehſt, daß er mich nicht vergeſſen hat, denn da iſt er!...“ und ſie ſtürzte nach der Thür und riß ſie auf mit den Worten:„Zu mir: Edmond! hier bin ich!“ Fernand wankte bleich und ſchaudernd zurück, wie ein Wanderer bei dem Anblick einer Schlange, und als er an ſeinen Stuhl ſtieß, ſank er hinein. Edmond und Mercedes hielten einander umfaßt. Die glühende Sonne von Marſellle, die durch die geöffnete Thür eindrang, über⸗ fluthete ſie mit Licht und Glanz. Anfangs ſahen ſie nicht, was ſie umgab; ein unendliches Glück ſchied ſie von der Welt, und ſie redeten nur in abgebrochenen Worten, welche die Ausbrüche einer ſo leb⸗ haften Freude ſind, daß ſie Ausdrücke des Schmerzes zu ſein ſcheinen. Plötzlich entdeckte Edmond das finſtere Geſicht Fernand's, das ſich bleich und drohend im Schatten abzeichnete; durch eine innere Bewegung, von der er ſich vielleicht ſelbſt keine Rechenſchaft gab, bewogen, hielt der junge Catalonier die Hand an dem Griffe des Meſſers, das in ſeinem Gürtel ſteckte.— „Ach! Verzeihung!“ ſagte Dantes, der nun auch die Augen⸗ brauen zuſammenzog;„ich wußte nicht, daß ein Dritter hier war.“ Dann, ſich zu Mercedes wendend, fragte er:„Wer iſt der Herr?“ „Der Herr wird Dein beſter Freund ſein, Dantes, denn er iſt der meinige, iſt mein Vetter, mein Bruder; es iſt Fernand, das heißt der Mann, den ich nach Dir, Edmond, auf der Welt am meiſten liebe.“ Ohne Mercedes, deren Hände er in einer der ſeinigen hielt, loszulaſſen, reichte Edmond ſeine andere Hand dem Catalonier. Aber Fernand, weit entfernt, dieſer freundſchaftlichen Geberde zu ent⸗ ſprechen, blieb ſtumm und unbeweglich wie eine Statue. Da wendete Edmond ſeine forſchenden Blicke von der bewegten, zitternden Mer⸗ cedes auf den finſtern, trotzenden Fernand. Dieſer einzige Blick ſagte ihm Alles. Der Zorn röthete ſeine Stirn. „Ich glaube nicht, mit ſolcher Eile zu Dir gekommen zu ſein, Mercedes, um einen Feind hier zu finden.“ „Einen Feind!“ rief Mercedes, mit einem zornigen Blick auf ihren Vetter,„einen Feind, bei mir, ſagſt Du, Edmond! Wenn ich das glaubte, würde ich Deinen Arm faſſen, nach Marſeille gehen und dies Haus verlaſſen, um es nie wieder zu betreten.“ Fernand's Auge ſchleuderte Blitze. „Und wenn Dir, mein Edmond, ein Unglück zuſtieße,“ fuhr ſie 3 mit dem unerſchütterlichen Gleichmuth fort, welcher Fernand bewies, daß ſie bis in die innerſte Tiefe ihrer Gedanken gedrungen war, —— Hände Menſc Stim deckte es der Tag ſich ſte Männ rouiſe gegen fragte wie Stirn Kühle ſchüp fil jeden hende über⸗ as ſie deten d leb⸗ ſein „das nnere gab, e des ugen⸗ war.“ err?“ er iſt , das lt am hielt, Aber tent⸗ endete Mer⸗ Blcck ſein, ck auf nn ich gehen ihr ſie ewies, war, . 29 „wenn Dir ein Unglück begegnete, ſo würde ich auf das Cap Mor⸗ gion ſteigen und mich, mit dem Kopfe zuerſt, auf die Felſen ſtürzen.“ Fernand wurde entſetzlich bleich. „Aber, Du haſt Dich geirrt, Edmond,“ fuhr ſie fort,„Du haſt hier keinen Feind, nur Fernand, mein Bruder, iſt hier, der Dir, wie ſeinem innigſten Freunde, jetzt die Hand drücken wird.“ Bei dieſen Worten heftete das junge Mädchen ihren gebieten⸗ den Blick auf den Catalonier, der, wie bezaubert durch denſelben, ſich Edmond langſam näherte und ihm die Hand reichte. Sein Haß brach ſich wie eine ohnmächtige, aber wüthende Welle an dem Einfluſſe, den dieſes Mädchen über ihn übte. Aber kaum hatte er Edmond's Hand berührt, als er fühlte, daß er gethan habe, was er nur irgend zu thun im Stande war, und aus dem Hauſe ſtürzte. „O!“ rief er, wie ein Wahnſinniger umherrennend und mit den Händen in den Haaren wühlend,„ol wer wird mich von dieſem Menſchen befreien? Ich Unglücklicher! ich Unglücklicher!“ „He! Catalonier! He, Fernand! wohin läufſt Du?“ ſagte eine Stimme. Der junge Mann ſtand ſtill, ſah um ſich her und ent⸗ deckte Caderouſſe, mit Danglars unter der Laube ſitzend. „Ei!“ ſprach Caderouſſe,„warum kommſt Du nicht? Haſt Du es denn ſo eilig, daß Du nicht einmal zu guten Freunden guten Tag ſagen kannſt? die noch dazu eine ziemlich volle Flaſche vor ſich ſtehen haben?“ fügte Danglars hinzu. Fernand ſah die beiden Männer mit dummer Miene an und antwortete nicht. „Er ſcheint ganz verblüfft,“ ſagte Danglars, und ſtieß Cade⸗ rouſſe mit dem Knie;„ſollten wir uns geirrt haben, und Dantes gegen unſere Vermuthung triumphiren?“— „Teufel, das müſſen wir erfahren,“ entgegnete Caderouſſe, und fragte, zu dem jungen Manne gewendet:„Nun, Freund Catalonier, wie weit biſt Du?“ Fernand trocknete den Schweiß, der von ſeiner Stirn rann, und trat langſam in die Laube, deren Schatten und Kühle ſeine aufgeregten Sinne etwas zu beruhigen und ſeinen er⸗ ſchöpften Körper zu erquicken ſchien. „Guten Tag,“ ſagte er,„Ihr rieft mich ja wohl?“ Damit fiel er mehr, als er ſich ſetzte, auf einen Stuhl. „Ich rief Dich, weil Du wie ein Wahnſinniger liefſt, und ich jeden Augenblick fürchten mußte, daß Du Dich in's Meer ſtürzen 30 würdeſt,“ antwortetete Caderouſſe behend.„Was Teufel! man bietet ſeinen Freunden nicht nur ein Glas Wein, ſondern verhindert ſie auch, drei oder vier Pinten Waſſer zu trinken.“ 8 Fernand ſtieß ein wehklagendes Schluchzen aus und ſtemmte den Kopf auf ſeine geballten, auf dem Tiſche gekreuzten Fäuſte. „Höre, Fernand!“ fuhr Caderouſſe mit jener plumpen Gleich⸗ giltigkeit ungebildeter Leute, die über der Neugierde alle Schonung vergeſſen, fort:„Du ſiehſt aus, wie ein abgewieſener Liebhaber.“ Und er begleitete dieſen Scherz mit rohem Gelöächter. „Pah!“ entgegnete Danglars,„ein Junge, wie dieſer, hat kein Unglück in der Liebe zu fürchten; Du ſcherzeſt, Caderouſſe.“ „Nein, nein,“ antwortete dieſer,„höre nur, wie er ſeufzt. Auf, auf, Fernand, nimm Dich zuſammen und antworte uns. Es iſt nicht hübſch, theilnehmenden Freunden, die ſich nach unſerm Wohl⸗ befinden erkundigen, nicht zu antworten.“ „Mein Befinden iſt gut,“ ſagte Fernand mit krampfhaften Bewegungen, ohne aufzuſtehen. „Ah! ſiehſt Du, Danglars,“ ſagte Caderouſſe, ſeinem Freunde mit den Augen winkend,„ſo ſteht die Sache: Fernand, der ein guter, braver Catalonier, einer der beſten Fiſcher von Marſeille iſt, liebt ein ſchönes Mädchen, Namens Mercedes; aber unglücklicher Weiſe ſcheint das ſchöne Mädchen ihrerſeits in den Steuermann des Pha⸗ raon verliebt zu ſein, und da der Pharaon eben heute in den Hafen eingelaufen iſt, ſo verſtehſt Du?“... „Nein, ich verſtehe Dich nicht,“ entgegnete Danglars. „Der arme Fernand wird ſeinen Abſchied bekommen haben.“ „Nun? und was weiter?“ ſagte Fernand, den Kopf gegen Ca⸗ derouſſe aufrichtend wie ein Mann, der Jemand ſucht, an dem er ſeinen Zorn auslaſſen kann,„Mercedes hängt von Niemand ab und kann lieben, wen ſie will. Meint Ihr nicht?“ „Ah! wenn Du es ſo nimmſt,“ meinte Caderouſſe,„das iſt eine andere Sache; ich hielt Dich für einen Catalonier, und man hatte mir geſagt, die Catalonier wären nicht Männer, die ſich ſo leicht von einem Nebenbuhler verdrängen ließen, und Fernand be⸗ ſonders wäre fürchterlich in ſeiner Rache.“ „Fernand lächelte bitter.„Ein Verliebter iſt niemals fürchter⸗ lich,“ antwortete er. — aben.“ en Ca⸗ em er d ab as iſt man ich ſo a be⸗ rchter⸗ 31 „Armer Junge!“ ſagte Danglars, mit dem Tone des herzlich⸗ ſten Bedauerns.„Was willſt Du, Caderouſſe; er war nicht darauf vorbereitet, Dantes ſo plötzlich zurückkehren zu ſehen, er hielt ihn vielleicht für todt, treulos, für Gott weiß was! So Etwas iſt um ſo empfindlicher, wenn es uns unvorbereitet trifft.“ „Ja! auf alle Fälle, meiner Treu,“ verſetzte Caderouſſe, der immer zwiſchen durch trank, und auf den der feurige Wein von La⸗ malgue ſchon ſeinen Einfluß auszuüben anfing.„Auf alle Fälle iſt Fernand nicht der Einzige, dem Dantes glückliche Rückkehr un⸗ gelegen iſt; nicht wahr, Danglars?“ „Ja, und ich möchte behaupten, daß es ihm ſchlecht bekommen kann.“ „Aber, was thut's,“ fügte Caderouſſe hinzu, indem er Fernand ein Glas Wein einſchenkte und das ſeinige zum achten oder zehnten Male füllte, während Danglars kaum genippt hatte;„was thut's! er heirathet Mercedes, die ſchöne Mercedes, denn darum iſt er zu⸗ rückgekehrt.“ Während dieſer Reden durchbohrte Danglars mit ſeinen for⸗ ſchenden Blicken den jungen Mann, dem die Reden Caderouſſe's wie glühendes Blei auf das Herz ſielen. „Und wann wird die Hochzeit ſein?“ fragte er. „O, ſie iſt noch nicht geweſen,“ murmelte Fernand. „Nein, aber ſie wird ſein,“ ſagte Caderouſſe,„ſo gewiß, wie Dantes Capitain des Pharaon wird; nicht wahr, Danglars?“ Danglars zitterte bei dieſem unerwarteten Ausfall und ſah Caderouſſe an, um zu beurtheilen, ob der Stich abſichtlich ſei; aber er las nichts als Neid auf dieſem durch die Trunkenheit ſchon ganz abgeſtumpftem Geſichte. „Nun wohl,“ ſagte er, die Gläſer auf's Neue füllend,„laßt uns die Geſundheit des Capitain Edmond Dante und ſeiner Frau, der ſchönen Catalonierin, trinken.“ Caderouſſe führte mit ſchwerer Hand ſein Glas zum Munde und leerte es in einem Zuge. Fernand warf das ſeinige zur Erde, daß es in Stücken zerſplitterte. „Eil! ei! ei! ſagte Caderouſſe,„was ſeh' ich denn da unten am Hügel, nach den Catalons zu. Sieh' doch zu, Fernand, Du ſiehſt ſchärfer als ich; ich glaube, ich ſehe ſchon zu viel, und Du weißt, der Wein iſt ein Verräther... Sonſt möchte ich behaupten, 32 es wäre ein Liebespärchen, welches traulich Hand in Hand ginge.. Gott verzeihe mir! Sie ahnen nicht, daß ſie beobachtet werden, und⸗ umarmen ſich.“ 8 Danglars beobachtete jede Veränderung auf Fernand's Geſicht, der Todesqualen erduldete. „Kennt Ihr ſie, Herr Fernand?“ fragte er. „Ja,“ antwortete dieſer dumpf,„s iſt Herr Edmond und Mamſell Mercedes.“ „Ah! ſeht doch!“ ſagte Caderouſſe;„und ich erkannte ſie nicht! Ohe! Dantes! ohel! ſchönes Kind! kommt doch her zu uns und ſagt uns, wenn die Hochzeit iſt; denn hier Freund Fernand iſt ſo eigen⸗ ſinnig, daß er es uns nicht ſagen will.“ „Wirſt Du ſchweigen,“ fiel Danglars ein, ſich ſtellend, als halte er Caderouſſe zurück, der mit der Hartnäckigkeit der Trunkenen ſich aus der Laube bog.„Suche Dich aufrecht zu erhalten und ſtöre die Liebenden nicht. Nimm Dir ein Beiſpiel an Herrn Fer⸗ nand, ſieh, wie ruhig, wie vernünftig er iſt.“ Vielleicht hätte Fernand, durch Danglars geſtachelt, wie der Stier durch die Bandilleros, irgend einen heftigen Ausfall gemacht, denn er war ſchon aufgeſtanden und ſah aus, als ſei er im Begriff, einen Satz auf ſeinen Nebenbuhler zu machen; aber Mercedes erhob heiter und furchtlos ihr ſchönes Haupt und ſah ihn mit ihrem ruhi⸗ gen, ſtrahlenden Blicke an. Da rief Fernand ſich im Geiſte ihre Drohungen zurück, für den Fall, daß Edmond ſtürbe, und fiel völlig entmuthigt in ſeinen Stuhl zurück. Danglars beobachtete abwechſelnd die beiden Männer, deren Einer durch die Trunkenheit ſinnlos, der Andere gänzlich von ſeiner Liebe beherrſcht war. „Ich werde bei dieſen Dummköpfen nichts erreichen,“ murmelte er,„und wollte, ich wäre ſonſt wo, als zwiſchen einem Trunkenbold und einem Feigling. Hier iſt ein Neidiſcher, der ſich in Wein über⸗ nimmt, ſtatt ſich in Galle zu berauſchen; und ein großer Dummkopf, der ſich die Geliebte vor der Naſe wegnehmen läßt und ſich begnügt, darüber zu weinen und wie ein Kind zu klagen; und doch hat er ein paar Augen, welche funkeln, wie die der Spanier, Sicilianer und Calabreſen, die ſich ſo gut zu rächen verſtehen; und hat Fäuſte, mit denen er einen Ochſen eben ſo gut zerſchmettern könne, wie der und icht! ſagt gen⸗ als enen und Fer⸗ der acht, grif, rhob uhi ihre öllig deren einer melte bold iber⸗ kopf, nügt, at er laner zuſte, ſe der 33 Solüchter mit ſeinem Beile! Gewiß, Edmonds Glücksſtern wird ſiegen; er wird das ſchöne Mädchen heirathen, er wird Capitain werden und uns auslachen, wenn ich mich...(ein häßliches Lächeln verzog hierbei Danglars Lippen) wenn ich mich nicht in's Mittel ſchlage“, fügte er hinzu. „Holla!“ fuhr Caderouſſe, halb aufgeſtanden und mit den Fäu⸗ ſten auf den Tiſch geſtützt, fort zu ſchreien,„holla! Edmond, Du ſiehſt alſo die Freunde nicht, oder biſt Du ſchon zu ſtolz, um mit ihnen zu reden?“ „Nein, mein lieber Caderouſſe,“ antwortete Dantes,„ich bin nicht ſtolz, ich bin glücklich, und das Glück macht blind, ich glaube noch mehr wie der Stolz.“ „Ahl ſo iſt es recht, die Erklärung laſſe ich gelten,“ entgeg⸗ nete Caderouſſe.„Ei, guten Tag, Madame Dantes.“ Mercedes grüßte ernſthaft.„Das iſt mein Mann noch nicht,“ ſagte ſie,„und bei uns zu Lande glaubt man, es bringe Unglück. wenn man ein Mädchen mit dem Namen ihres Bräutigans nennt, ehe derſelbe ihr Mann iſt. Nennt mich alſo Mercedes, ich bitte Euch⸗ „Du mußt dem guten Caderouſſe verzeihen, ſein Irrthum iſt ja unbedeutend,“ fügte Dantes hinzu. „Alſo wird die Hochzeit recht bald ſein, Kerr Dantes,“ fragte Danglars, die beiden jungen Leute begrüßend. „Sobald als nur immer möglich, Herr Danglars, heute beſorge ich alles Nöthige mit meinem Vater, und morgen, ſpaleſtens über⸗ morgen, iſt der Verlobungsſchmaus hier in dieſem Hauſe; die Freunde werden denſelben hoffentlich verherrlichen; Sie, Herr Danglars, ſo⸗ wie Du, Caderouſſe, ſind hiermit eingeladen.“ „Fernand,“ ſagte Caderouſſe, boshaft lachend,„FTernand iſt doch auch dabei?“ „Der Bruder meiner Frau iſt mein Bruder,“ antwortenn Ed⸗ mond,„und es würde uns, Mercedes und mich, tief betrüben, ihn bei einer ſo fröhlichen Gelegenheit nicht an unſerer Seite zu ſehen.“ Fernand öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Stinme oerſagte ihm und er konnte kein Wort hervorbringen. „Heute den Contract, morgen oder übermorgen den Verlobungs⸗ ſchmaus! Teufel! Sie ſind ſehr eilig, Capitain!“ „ Danglars,“ entgegnete Edmond lächelnd,„ich muß zu Ihnen Der Graf von Monte⸗Chriſto. 3 34 ſagen, wie Mercedes eben zu Caderouſſe ſagte: Geben Sie mir nicht den Titel, der mir noch nicht zukommt, das könnte mir Unglück bringen.“ „Verzeihung,“ antwortete Danglars.„Was Teufel, wir haben ja Zeit, der Pharaon ſticht unter drei Monaten nicht wieder in See.“ „Man iſt immer eilig, um glücklich zu werden, Herr Danglars; denn wenn man lange gelitten hat, glaubt man ſchwer an das Glück. Aber es nicht Eigenſucht allein, weshalb ich eile, ich muß nach Paris reiſen.“ „Eil wirklich! nach Paris? und es iſt das erſte Mal, daß Sie nach Paris reiſen, Dantes?“ „a. „Sie gehen in Geſchäften hin?“ „Nicht in eigenen, ſondern um einen letzten Auftrag unſeres armen Capitain Leclerc zu beſorgen; Sie begreifen, Danglars, das it heilig. Uebrigens ſeien Sie unbeſorgt, ich werde mir nur die Zeil nehnem, die ich gebrauche, um hin und zurück zu reiſen.“ „Ja, ja, ich begreife,“ ſagte Danglars ganz laut, dann leiſe: „Nach Paris, gewiß um den Brief zu beſorgen, den der Capitain ihm gegeben hat. Ach! Teufel! dieſer Brief bringt mich auf einen koſtlichen Einfall, Teufel! Ach! Dantes, mein Freund, Du ſtehſt noch nicht unter Nummer 1 in der Liſte des Pharaon.“ Dann rief er Edmond, der ſich ſchon entfernte:„Glückliche Reiſe!’“ „Danke!“ autwortete Edmond, ſich umdrehend und freundſchaft⸗ lich grüßend. Die beiden Liebenden ſetzten heiter und ruhig, wie zwei Auser⸗ wählte, die zum Himmel ſteigen, ihren Weg mit einander fort.. —— ſie dann den ſtam iſt ſie —————— 4 IV. Das Complott. Danglars folgte Edmond und Mercedes mit den Augen, bis ſie um die Ecke des Hafens St. Nicolas verſchwanden; als er ſich dann umdrehte, entdeckte er Fernand, der bleich und zitternd auf den Stuhl zurückgeſunken war, während Caderouſſe ein Trinklied ſtammelte. „Ja, ja, mein lieber Herr,“ ſagte Danglars zu Fernand,„das iſt eine Heirath, die mir nicht Jeden glücklich zu machen ſcheint.“ „Mich bringt ſie zur Verzweiflung,“ ſagte Fernand. „Ihr liebt alſo Mercedes?“ „Seit wir uns kennen; ich habe ſie immer geliebt.“ „Und Ihr ſeid hier und reißt Euch die Haare aus, ſtatt ein Gegenmittel zu erſinnen? Was Teufel, ich glaubte, die Leute von Eurer Nation wären gewohnt anders zu handeln!“ „Was kann, was ſoll ich thun?“ fragte Fernand. „Was weiß ich davon, iſt es meine Sache? Ich dächte, ich wäre nicht der Anbeter von Mademoiſelle Mercedes, ſondern Ihr. Suchet, ſagt das Evangelium, ſo werdet Ihr finden.“ „Ich habe ſchon gefunden.“ „Was?“ „Ich wallte den Mann tödten, aber das Weib hat mir ge⸗ ſagt, daß, wenn ihrem Bräutigam Unglück zuſtieße, ſie ſich tödten würde.“ „Pah! man ſagt ſo etwas, aber thut es nicht.“ „Ihr kennt Mercedes nicht, Herr; was ſie gedroht hat, würde ſie ausführen.“ „Einfaltspinſel!“ murmelte Danglars;„möge ſie ſich tödten oder nicht, was liegt daran, wenn Dantes nur nicht Capito’ wird.“ 2 8 —, ͦ— 8 36 „Und ehe Mercedes ſtirbt,“ fuhr Fernand mit dem Ausdrucke unerſchütterlichen Entſchluſſes fort,„ſterbe ich ſelbſt.“ „Das nenne ich Liebe!“ lallte Caderouſſe mit immer ſchwerer werdender Stimme;„das iſt Liebe, oder ich verſtehe mich Richt darauf.“ „Hört,“ ſagte Danglars,„Ihr ſcheint mir ein wackerer Burſche, und ich möchte, der Teufel hole mich! Euch aus der Patſche helfen, aber...“ „Ja,“ ſagte Caderouſſe,„laßt uns überlegen...“ „Mein Lieber,“ fiel ihm Danglars in's Wort,„Du biſt drei Viertel betrunken, trink die Flaſche aus und Du wirſt es ganz ſein. Trink und miſche Dich nicht in unſere Geſpräche. Zu dem, was wir vorhaben, gehört ein freier Kopf.“ „Ich betrunken,“ ſagte Caderouſſe,„das wollen wir ſehen! Ich trinke noch vier von dieſen Flaſchen, die nicht größer ſind als Eau⸗ de⸗Cologne⸗Gläſer... Vater Pamphile! Wein!“ Und um den Be⸗ weis zu führen, ſtampfte Caderouſſe ſein Glas auf den Tiſch. „Ihr ſagtet alſo, Herr?“ fragte Fernand, begierig den Verfolg der unterbrochenen Rede erwartend. „Was ſagte ich denn? ich erinnere mich nicht mehr. Dieſer Trunkenbold von Caderouſſe hat mich den Faden meiner Gedanken verlieren laſſen.“ „Trunkenbold, ſo viel Du willſt. Deſto ſchlimmer für die, welche den Wein fürchten; ſie haben ſchlimme Gedanken und fürch⸗ ten, daß der Wein ſie ihnen aus dem Herzen lockt.“ Und Caderouſſe ſang die beiden letzten Strophen eines damals ſehr beliebten Trinkliedes: Alle Böſe ſind Waſſertrinker, Das beweiſt die Sündfluth ſchon. „Ihr ſagtet, Herr,“ fuhr Fernand fort,„daß Ihr mich aus der Patſche ziehen wolltet; aber... fügtet Ihr hinzu...“ „Ja; aber,“ fügte ich hinzu,„um Euern Kummer zu enden, iſt es hinreichend, daß Dantes Eure Geliebte nicht heirathet, und das kann, dünkt mich, hintertrieben werden ohne daß Dantes ſterben muß.“ „Der Tod allein kann ſie trennen,“ ſagte Fernand. „Du raiſonnirſt wie eine Elſter, mein Freund,“ ſagte Caderouſſe, beweif geſagt übrig ih li rückho Unredh denkt, Gefän den E mit d tung und( ———— „und hier Danglars, der ein malitiöſer Pfiffikus iſt, der wird Dir 37 beweiſen, daß Du Unrecht haſt. Beweiſe Danglars, ich habe es geſagt; ſage ihm, daß Dantes nicht zu ſterben braucht; es wäre übrigens ſehr traurig, wenn er ſtürbe, Dantes iſt ein guter Junge; ich liebe ihn, dieſen Dantes; ſollſt leben, Dantes!“ Fernand ſtand voll Ungeduld auf. „Laßt ihn reden,“ entgegnete Danglars, den jungen Mann zu⸗ rückhaltend,„und übrigens, ſo betrunken wie er iſt, hat, er doch ſo Unrecht nicht; die Abweſenheit thut eben ſo viel wie der Tod, und denkt, es wären zwiſchen Edmond und Mercedes die Mauern eines Gefängniſſes, ſo ſind ſie dadurch eben ſo wohl getrennt, als durch den Stein eines Grabes.“ „Ja, aber von wegen des Gefängniſſes,“ ſagte Caderouſſe, der mit den letzten Ueberreſten ſeines Verſtandes ſich an die Unterhal⸗ tung anklammerte,„wenn man aus dem Gefängniſſe gekommen iſt und Edmond Dantes heißt, dann rächt man ſich.“ „Was ſchadet das!“ murmelte Fernand. „Uebrigens,“ fuhr Caderouſſe fort,„warum ſollte Dantes in's Gefängniß kommen? er hat weder geſtohlen noch getödtet.“ „Schweige!“ ſagte Danglars. „Ich will nicht ſchweigen, ich,“ ſagte Caderouſſe,„ich will wiſſen, warum Dantes in's Gefängniß kommen ſoll. Ich habe Dantes lieb; ſollſt leben, Dantes!“ Damit trank er ein neues Glas Wein. Danglars verfolgte in den gläſernen Augen des Schneiders das Zunehmen der Trunkenheit, und ſagte dann, ſich zu Fernand wendend: „Nun alſo, begreift Ihr, daß ſo ein Tod nicht nöthig iſt?“ „Nein, gewiß nicht, wenn es wie Ihr ſagtet, ein Mittel gäbe, Dantes in's Gefängniß zu bringen. Aber dieſes Mittel, wißt Ihr es?“ „Wenn man recht ſucht, könnte man es finden,“ antwortete Danglars.„Aber mit was befaſſe ich mich da? Es geht mich ja gar nichts an.“ „Ich weiß nicht ob es Euch angeht,“ ſagte Fernand, ſeinen Arm heftig ergreifend;„aber was ich weiß, iſt, daß Ihr irgend eine Urſache zu perſönlichem Haß gegen Dantes habt. Wer ſelbſt haßt, täuſcht ſich nicht in den Empfindungen Anderer.“ 38 „Ich! Urſachen, Dantes zu haſſen? Keine, auf mein Wort! gay Ich ſah Euch ſo unglücklich und Euer Unglück ging mir zu Herzen! als das iſt Alles. Aber von dem Augenblicke an, wo Ihr glaubt, daß mot ich aus eigenem Intereſſe handle... Adieu, mein Freund, ſeht allein⸗ geit zu, wie Ihr fertig werdet.“ 6 Und Danglars that, als wollte er ſich entfernen.. ſu „Nein, nein,“ rief Fernand, ihn zurückhaltend,„bleibt! Mir kann es am Ende gleichgiltig ſein, ob Ihr Dantes haßt oder liebt; duh ich haſſe ihn, das geſtehe ich laut. Sagt mir das Mittel, und ich b Glo wende es an, vorausgeſetzt, daß es nicht ſein Tod iſt; denn Mer⸗ dut cedes will ſich tödten, wenn Dantes ſtirbt.“ aiſ Caderouſſe, deſſen Kopf auf den Tiſch geſunken war, erhob 1 denſelben und ſagte, Fernand und Danglars mit ſchweren, gläſernen Augen anſehend: 8 „Dantes tödten!... Wer ſpricht hier davon? Ich will nicht, A daß er ſtirbt, er iſt mein Freund... Er hat mir dieſen Morgen— angeboten, ſein Geld mit mir zu theilen, wie ich das meinige mit Si ihm getheilt habe... Ich will nicht, daß er getödtet werde!...“ ai und wer ſpricht denn davon, ihn zu tödten, Dummkopf,“ ent⸗ hr gegnete Danglars.„Es handelt ſich um einen einfachen Scherz. Trink auf ſein Wohl,“ fügte er, Caderouſſe's Glas füllend, hinzu, „und laſſ' uns zufrieden.“. wer „Ja, ja, auf Dantes Geſundheit,“ ſagte Caderouſſe, ſein Glas Euc hinunterſtürzend,„er lebe... er lebe.. le.. be!“ Da „Aber das Mittel?... das Mittel?“ fragte Fernand.. xa ccs iſt Euch alſo noch keins eingefallen?“ de „Nein; Ihr habt es übernommen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Danglars,„die Franzoſen haben den Er⸗ E ſindungsgeiſt vor den Spaniern voraus.“ 1 n „Erfindet alſo,“ ſagte Fernand ungeduldig.“.— ihre Kellner,“ ſagte Danglars,„Feder, Papier und Dinte ſind meine Inſtrumente, und ohne meine Inſtrumente kann ich nichts machen.“— a „Eine Feder, Papier und Dinte!“ ſchrie Fernand nun überlaut. die Der Kellner brachte das Verlangte. die LLEEEEN— 39 „Wenn man bedenkt,“ ſagte Caderouſſe, ſeine Hände auf das Papier legend,„daß man hiermit einen Mann ſicherer tödten kann, als wenn man ihm im dichteſten Gehölz auflauerte, um ihn zu er⸗ morden! Ich habe mich immer mehr vor Feder, Papier und Dinte gefürchtet, als vor Degen oder Piſtolen.“ „Der Schelm iſt noch nicht ſo betrunken, als er ſich ſtellt,“ ſagte Danglars.„Schenkt ihm doch zu trinken ein, Fernand.“ Fernand füllte das Glas Caderouſſe's von neuem, und dieſer hob als erſter Trinker ſeine Hand von dem Papiere und ergriff ſein Glas. Der Catalonier folgte ſeinen Bewegungen, bis Caderouſſe, durch dieſen neuen Angriff faſt überwunden, ſein Glas auf den Tiſch ſetzte, oder vielmehr darauf hinfallen ließ. „Nun wohl!“. begann der Catalonier, indem er bemerkte, daß der letzte Ueberreſt von Caderouſſe's Vernunft nach dieſem letzten Glaſe Wein zu ſchwinden begann. „Nun wohll! ich ſagte alſo,“ entgegnete Danglars,„wenn zum Beiſpiel nach einer Reiſe wie die, welche Dantes zurückgelegt, und auf der er Neapel und die Inſel Elba berührt hat, Jemand ihn dem Procurator des Königs als Agenten der Bonapartiſten anzeigte...“ „Ich, ich werde ihn anzeigen,“ ſagte der junge Mann lebhaft. „Ja, aber alsdann müßt Ihr Eure Anzeige unterſchreiben, Ihr werdet mit dem, den Ihr angeklagt habt, confrontirt. Ich ſchaff⸗ Euch Beweiſe für Eure Anklage, das weiß ich nur zu gewiß, aber Dantes wird nicht immer im Gefängniſſe bleiben. Er wird es eines Tages verlaſſen, und an dieſem Tage, wo er es verläßt, wehe dem, der ihn hineinbrachte!“ „Ol ich wünſche nur eins, nämlich daß er mich aufſucht und Streit mit mir anfängt.“ „Ja, nun Mercedes, Mercedes, die Euch haſſen wird, wenn Ihr ihrem geliebten Edmond nur ein Härchen krümmt.“ „Das iſt gerecht,“ ſagte Fernand. „Nein, nein,“ entgegnete Danglars,„wenn man ſih zu ſo et⸗ was entſchlöſſe, ſo müßte man, ſeht Ihr, ſo wie ich es jetzt mache, die Feder nehmen, ſie eintauchen und mit der linken Hand, damit die Schrift nicht erkannt werde, folgende kleine Anklage ſchreiben.“ 40. 4 Dann nahm Danglars die Feder, wie er geſagt hatte, in die linke Hand, und ſchrieb verkehrt, ſo daß die Schrift durchaus keine Aehnlichkeit mit ſeiner gewöhnlichen hatte, folgende Zeilen, die er, Fernand übergab und die derſelbe halblaut überlas: „Der Herr Procurator des Königs wird von einem Freunde es Thrones und der Religion benachrichtigt, daß der Steuermann des Pharaon, Namens Edmond Dantes, der dieſen Morgen von Smirna zurückgekehrt iſt und auf ſeiner Reiſe Neapel und Porto⸗ Ferrajo berührt hat, von Mürat mit einem Schreiben an den Uſur⸗ pator, und von dem Uſurpator mit einem Schreiben an das bona⸗ partiſtiſche Comité in Paris beauftragt war. „Der Beweis ſeines Verbrechens wird ſich ergeben, wenn er verhaftet wird, denn man wird jenen Brief bei ihm, bei ſeinem Vater oder in ſeiner Kabine an Bord des Pharaon finden.“ „So, mein Freund, wäre Eure Rache vernünftig,“ fuhr Dang⸗ lars ſort;„denn auf dieſe Weiſe könntet Ihr durchaus nicht in Verdacht kommen, und die Sache ginge ganz von ſelbſt! es bliebe nichts übrig, als den Brief zu falten, wie ich es jetzt thue, und darauf zu ſchreiben: „An den Herrn Procurator des Königs.“ Damit wäre es abgemacht.“ Und Danglars machte die Aufſchrift und lachte innerlich in's Fäuſtchen. „Ja, damit wäre es abgemacht,“ ſagte Caderouſſe, der mit einer letzten Anſtrengung ſeines Verſtandes der Vorleſung des Briefes zugehört hatte und inſtinktmäßig Alles begriffen, was eine ſolche An⸗ klage an Unglück herbeiführen könnte:„ja, damit wäre es abgemacht, aber es wäre eine Niederträchtigkeit.“ Und er reichte mit ſeinem Arme nach dem Briefe. „Alles, was ich ſage und thue,“ verſetzte Danglars, ihn aus dem Bereiche ſeiner Hand zurückſtoßend,„geſchieht auch nur im Scherze, und ich würde der Erſte ſein, den es betrübte, wenn Dantes, dieſem guten Dantes, etwas begegnete! Sieh, ſieh...“ Er nahm den Brief, zerknitterte ihn zwiſchen den Händen und warf ihn in einen Winkel der Laube. „Nun, ſo iſt es recht,“ ſagte Caderouſſe,„Dantes iſt mein Freund, und ich gebe nicht zu, daß man ihm etwas zu Leide thut.“ Thore Cillon einſchlagen. 41 „Eil wer, Teufel, hat denn daran gedacht, ihm etwas zu Leide zu thun? weder ich, noch Fernand,“ antwortete Danglars, indem er aufſtand und den jungen Mann betrachtete, welcher ſitzen ge⸗ blieben war und das in den Winkel geſchleuderte Papier mit bos⸗ haftem Blicke bewachte. „Nun, dann laſſ' noch Wein bringen,“ verſetzte Caderouſſe;„ich will auf Edmonds und der ſchönen Mercedes Geſundheit trinken!“ „Du haſt nur zu viel ſchon getrunken, Saufaus!“ ſagte Danglars,„und wenn Du ſo fortführeſt, würdeſt Du gezwungen ſein, hier zu ſchlafen, denn Du kannſt Dich ſchon jetzt kaum mehr auf den Beinen halten!“ „Ich?“ entgegnete Caderouſſe, mit der Albernheit eines Betrun⸗ kenen aufſtehend,„ich könnte mich nicht mehr auf den Beinen halten? Ich wette, daß ich, ohne zu wanken, auf den höchſten Glocken⸗ thurm ſteige!“ „Nun wohll es ſei,“ ſagte Danglars;„ich gehe die Wette ein, aber auf morgen. Heute iſt es Zeit, nach Hauſe zu gehen; gieb mir alſo den Arm und laſſ' uns gehen.“ „ Ja, laſſ' uns gehen,“ ſtimmte Caderouſſe ein;„aber Deines Armes bedarf ich dazu nicht. Kommſt Du mit, Fernand? Gehſt Du mit uns nach Marſeille?“ „Nein,“ antwortete Fernand, ich gehe nach den Catalons zurück.“ „Du ſollteſt mit uns nach Marſeille gehen. Komm!“ „Ich habe in Marſeille nichts zu thun und will nicht hingehen“ „Wie ſagſt Du? Du willſt nicht, mein Junge? Nun, nach Deinem Gefallen, halte es Jeder, wie er will; komm, Danglars, mag Herr Fernand nach den Catalons gehen, weil es ihm ſo beliebt.“ Danglars benützte dieſen Augenblick der Fügſamkeit Caderouſſe's, um ihn auf den Weg nach Marſeille zu ziehen; nur ſchlug er, um Fernand einen leichten und kürzern Weg zu eröffnen, nicht den Weg über den Quai de la Riveneuve, ſondern durch das Thor St. Victor ein. Caderouſſe folgte ihm wankend, an ſeinem Arme hängend. Als ſie etwa zwanzig Schritte gemacht hatten, drehte Danglars ſich uum und ſah Fernand ſich auf das Papier ſtürzen und es in ſeine Taſche ſtecken, dann die Laube verlaſſen und den Weg nach dem 4² „Ei ſieh! was beginnt er denn?“ ſagte Caderouſſe.„Er hat uns belogen, er ſagte, er ginge nach den Catalons und er⸗ geht nach der Stadt zu. Holla! Fernand, Du irrſt Dich, mein Junge!“ „Du biſt es im Gegentheil, der doppelt ſieht,“ ſagte Dang⸗ kars.„Er ſchlägt ganz richtig den Weg nach dem alten Kranken⸗ hauſe ein.“ 3 „Wirklich,“ verſetzte Caderouſſe.„Der Tauſend! ich hätte ge⸗ ſchworen, er ginge rechts. Wahrhaftig, der Wein iſt ein Verräther.“ „Fort, fort,“ ſagte Danglars, und ſetzte leiſe hinzu:„Ich„ glaube, jetzt iſt die Sache im Zuge und ich brauche ihr nun nur 5 ihren Lauf zu laſſen.“ „ lar u mit ih wir ſe einem deren und! gedech ſchon gänge einige Braut verſan würde genwo Chre Indef Nachr und d Pamp I dem 6 einſtin ders unter V. 8 8 4, Deer Verlobungsſchmaus. „ Den folgenden Tag war das Wetter köſtlich; die Sonne ging klar und glänzend auf und ihre erſten purpurrothen Strahten malten ——-————— 4 mit ihrem Rubin die ſchaumigen Spitzen der Wellen. In dem erſten Stockwerke deſſelben Hauſes mit der Laube, die wir ſchon kennen gelernt haben, war die Mahlzeit gerichtet. In einem großen Saale, den fünf oder ſechs Fenſter erhellten, über deren jedem der Name einer der großen Städte Frankreichs prangte, und unter welchem eine hölzerne Galerie hinlief, war der Tiſch gedeckt. Obgleich die Mahlzeit erſt zu Mittag beſtellt war, füllten doch ſchon von Morgens 11 Uhr an eine Menge ungeduldiger Spazier⸗ gaänger die Galerie. Es waren die Matroſen des Pharaon und einige Soldaten, Freunde von Dantes. Sie hatten ſich Alle, das Brautpaar zu ehren, auf das Feſtlichſte gekleidet. Unter dieſen ſchon verſammelten Gäſten ging das Gerede, die Beſitzer des Pharaon würden den Verlobungsſchmaus ihres Steuermanns mit ihrer Ge⸗ genwart beehren. Aber dies war ihrer Meinung nach eine ſo große Ehre für Dantes, daß Niemand eigentlich daran zu glauben wagte. Indeſſen beſtätigte Danglars, als er mit Caderouſſe ankam, dieſe Nachricht. Er hatte Herrn Morrel denſelben Morgen geſprochen und dieſer ihm geſagt, daß er an dem Feſtmahle bei dem Vater Pamphile Theil nehmen werde. 3 Wirklich erſchien wenige Minuten nach ihnen Herr Morrel in dem Saale und wurde von den Matroſen des Pharaon mit einem einſtimmigen, jubelnden Hurrah! begrüßt. Die Gegenwart des Rhe⸗ ders bei dieſem Feſte war für ſie die Beſtätigung des ſich auch ſchon unter ihnen derbreitet habenden Gerüchtes, daß Dantes Capitain 44 werden würde; und da derſelbe ſehr beliebt am Bord, ſo dankten die braven Leute dem Schiffseigenthümer auf dieſe Weiſe, daß zu⸗ fällig einmal die Wahl des Chefs mit den Wünſchen der Unten⸗ gebenen übereinſtimmte. Kaum war Herr Morrel eingetreten, als von allen Seiten Danglars und Caderouſſe abgeſchickt wurden, um den Bräutigam zu holen. Sie hatten den Auftrag, ihn von der An⸗ kunft der wichtigen Perſon zu benachrichtigen, deren Anblick ſolchen Eindruck gemacht hatte, auch ſollten ſie ihn zur Eile ermahnen. Sie eilten fort, hatten aber kaum hundert Schritte zurückgelegt, als ſie auf der Höhe des Pulver⸗Magazins eine kleine Geſellſchaft kommen ſahen. Dieſe Geſellſchaft, die ihnen entgegenkam, beſtand aus vier jungen Mädchen, Freundinnen von Mercedes und Catalonierinnen wie ſie, der Braut ſelbſt, welche ſie begleiteten und die von Edmond geführt wurde; in der Nähe der Braut ging der Vater Edmonds, und Fernand mit ſeinem boshaften Lächeln beſchloß den Zug. Weder Mercedes noch Edmond ſahen das boshafte Lächeln Fernands; die armen Kinder waren ſo glücklich, daß ſie Nichts betrachteten, als ſich und den ſchönen Himmel, der ſie ſegnete. Danglars und Caderouſſe entledigten ſich ihres Auftrages als Abgeſandte, ſchüttelten Edmond kräftig und freundſchaftlich die Hand, dann ſchloß Danglars ſich an Fernand, Caderouſſe an den Vater, Dantes, den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit, an. Der Greis trug ein ſchönes Taffetkleid mit großen, rautenförmig geſchlif⸗ fenen Stahlknöpfen. Seine magern, aber muskulöſen Beine prang⸗ ten in prächtigen, gemuſchelten, baumwollenen Strümpfen, die eine Meile weit nach engliſcher Contrebande rochen. An ſeinem drei⸗ eckigen Hute flatterten blaue und weiße Bänder. Man hätte ihn für einen Stutzer halten können, die 1796 in den neu eröffneten Gärten des Luxembourg und der Tuilerien promenirten. Neben ihm hatte, wie wir ſchon geſagt haben, Caderouſſe ſich eingedrängt; Caderouſſe, den die Hoffnung auf eine gute Mahlzeit heute vollends mit Dantes verſöhnt hatte; Caderouſſe, deſſen Ge⸗ dächtniß eine unbeſtimmte Erinnerung an das, was den Tag zuvor geſchehen war, bewahrte, wie man ſich Morgens beim Erwachen eines confuſen Traumes der verfloſſenen Nacht erinnert. Danglars hatte, indem er ſich Fernand näherte, einen tiefen forſchenden Blick auf! Verl Egoi geſſe eine ſah ſeine zu elr truge das? welche zücken glch einer freien Städt oder Mere Blick hätte ich bi⸗ G hauſe Solda ſchon erneu ließ zu, m Stufe geleite der G bleibe linken war,“ Dolch — 45 auf den unglücklichen Liebhaber geworfen. Fernand ging hinter den Verlobten, von Mercedes, die in dem jugendlichen, bezaubernden Egoismus der Liebe nur Augen für ihren Edmond hatte, ganz ver⸗ geſſen; auf Fernands Geſichte wechſelte Bläſſe und Röthe, doch nahm eine erſchreckende Bläſſe immer mehr überhand. Von Zeit zu Zeit ſah er nach Marſeille hin, wobei ein unwillkürliches nervöſes Zittern ſeinen Körper überſchüttete. Er ſchien irgend ein wichtiges Ereigniß zu erwarten oder vorauszuſehen. 8 Dantes war einfach gekleidet; der Handelsmarine angehörend trug er einen Anzug, der zwiſchen Militär⸗Uniform und Civil⸗Kleidung das Mittel hielt, und dieſer Anzug kleidete ſein hübſches Geſicht, welches von Freude über die Schönheit ſeiner Braut und von Ent⸗ zücken, ſein Ziel erreicht zu haben, ſtrahlte, vortrefflich. Mercedes glich an Schönheit, mit ihren Ebenholz⸗Augen und Korallen⸗Lippen, einer Griechin von Cyrene oder Chios. Sie hatte den leichten, freien, graciöſen Gang der Arleſierinnen und Andaluſierinnen. Eine Städterin hätte vielleicht verſucht, ihre Freude unter einem Schleier oder wenigſtens unter dem Sammet ihrer Augenlider zu verſtecken; Mercedes aber ſah Alle, die ſie umringten, lächelnd an, und ihr Blick und Lächeln ſagten ſo deutlich, wie Worte es nur gekonnt hätten:„Wenn Ihr meine Freunde ſeid, ſo freut Euch mit mir, denn ich bin ſehr glücklich.“ Sobald das Brautpaar mit ſeinen Begleitern von dem Gaſt⸗ hauſe aus geſehen wurde, ging Herr Morrel, von den Matroſen und Soldaten, bei denen er bis jetzt geblieben war und denen er das ſchon Dantes gegebene Verſprechen, daß er Capitain werden ſolle, erneut hatte, gefolgt, ihnen entgegen. Als Edmond ihn kommen ſah, 1 ließ er den Arm ſeiner Braut los und führte dieſelbe Herrn Morrel zu, welcher nun das junge Mädchen allen Andern voran, die Stufen der hölzernen Treppe, die zu dem Feſtſaale führte, hinauf⸗ geleitete und die fuünf Minuten lang unter den gewichtigen Tritten der Gäſte dröhnte. „Mein Vater,“ ſagte Mercedes, an der Mitte der Tafel ſtehen bleibend,„ich bitte Euch, ſetzt Euch zu meiner Rechten; an meiner linken Seite lade ich den zu ſitzen ein, der mir ein treuer Bruder war,“ fügte ſie mit einer liebevollen Sanſtmuth hinzu, die wie ein Dolchſtoß in das Innerſte von Fernands Herzen drang. Seine Lip⸗ I Helz pen entfärbten ſich, und unter der braunen Farbe ſeines männlichen Geſichtes ſah man noch einmal das Blut zurückweichen und ſich zum Herzen zu drängen. Unterdeſſen hatte Dantes Herrn Morrel an ſeine rechte, Danglars an ſeine linke Seite zum Nachbar erwählt und dann mit einem freundlichen Winke die übrige Geſellſchaft ein⸗ geladen, nach Gefallen Platz zu nehmen. Schon machten die braunen geräucherten Saucischen von Arles, die Seekrebſe mit ihren glänzenden Panzern, die köſtlichen Muſchel⸗ Fricaſſees, die in pikantem Teig gebackenen Meerigel, die den Ka⸗ ſtanien gleichen, die Glovis, die den Gourmands des Südens die Auſtern des Nordens erſetzen, kurz alle jene Delicateſſen, welche die Wogen auf den ſandigen Ufern zurücklaſſen, und die von den dank⸗ baren Fiſchern die Früchte des Meeres genannt werden, die Runde um den Tiſch. „Ein ſchönes Schweigen!“ ſagte der Greis, ein Glas Wein, gelb wie Topas, ſchlürfend, aus einer Flaſche, die der Vater Pam⸗ phile in eigener Perſon vor Mercedes hingeſetzt hatte;„ſollte man glauben, daß hier dreißig fröhliche Menſchen zuſammen ſind?“ „Ei! ein Ehrenmann iſt nicht immer heiter,“ fiel Caderouſſe ein. „Ich bin in dieſem Augenblicke zu glücklich, um luſtig zu ſein,“ bemerkte Dantes. „Wenn Du es ſo verſtehſt, Nachbar,“ entgegnete Caderouſſe, „ſo haſt Du Recht, die Freude bringt oft eine ſeltſame Wirkung her⸗ vor; ſie bedrückt das Herz, wie der Schmerz.“ Danglars beobachtete Fernand, deſſen empfängliche Natur jede Bewegung in ſeinen Mienen abſpiegelte. „He, Freund!“ ſagte er,„ſolltet Ihr etwas befürchten? Es ſcheint mir im Gegentheil Alles nach unſern Wünſchen zu gehen.“ „Das erſchreckt mich beinahe,“ antwortete Edmond;„ich denke, der Menſch iſt nicht geſchaffen, um ſo vollkommen glücklich zu ſein. Das Glück iſt wie die Paläſte der bezauberten Inſeln, deren Pforten ron Drachen bewacht werden, die man nicht ohne Kampf beſiegt: und ich begreife wahrlich nicht, womit ich das Glück verdient habe, Mercedes Gatte zu ſein.“. „Der Gatte! der Gattel!“ ſagte Caderouſſe lachend,„noch nicht, mein Capitain; verſuche einmal, den Gatten zu ſpielen und Du wuſſt ſehen, wie Du aufgenommen wirſt. Sieh, wie Mercedes erröthet.“ 6 und! ab, d perlt iſt n mache meine Dante Merce Griff denn des H meiſte wit h erwar ſchon nicht Minu Augen konnte zutück Geſel benun mann ein, leicht heirat lange regte ten 47 Fernand rückte, wie auf Nadeln ſitzend, auf ſeinem Stuhle hin und her, und trocknete ſich von Zeit zu Zeit die dicken Schweißtropfen ab, die wie die erſten Tropfen eines Gewitterregens von ſeiner Stirn perlten. „Meiner Treu, Nachbar Caderouſſe,“ antwortete Dantes,„es iſt nicht der Mühe werth, mir den Namen jetzt noch ſtreitig zu machen, allerdings iſt Mercedes jetzt(er zog ſeine Uhr) noch nicht meine Frau; aber in anderthalb Stunden wird ſie es ſein.“ Alle Gäſte zeigten ihre Verwunderung, mit Ausnahme des alten Dantes, deſſen breites Lächeln ſeine immer noch ſchönen Zähne zeigts, Mercedes erröthete nicht mehr. Fernand berührte unwillkürlich den Griff ſeines Meſſers. „In einer Stunde?“ fragte Danglars erbleichend, und wie denn ſo?“ „Ja, meine Freunde,“ entgegnete Dantes.„Durch das Anſehen des Herrn Morrel, des Mannes, dem ich nach meinem Vater am meiſten auf der Welt verdanke, ſind alle Schwierigkeilen gehoben, wir haben das Aufgebot abgekauft, und um zwei und ein halb Uhr erwartet der Maire von Marſeille uns im Rathhauſe. Da es alſo ſchon ein Viertel nach ein Uhr geſchlagen hat, ſo glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß in einer Stunde und dreißig Minuten Mercedes Frau Dantes heißen wird.“ Fernand ſchloß die Augen, eine feurige Wolke verſengte ſeine Augenlider, er ſtützte ſich auf den Tiſch, um nicht umzuſinken, und konnte aller Anſtrengungen ungeachtet ein dumpfes Aechzen nicht zurückhalten, welches ſich in den Lachen und den Glückwünſchen der Geſellſchaft verlor. „So iſt es recht,“ ſagte Edmonds Vater,„das heißt die Zeit benutzen. Geſtern angekommen, heute verheirathet... man nius See⸗ mann ſein, um ſeine Angelegenheiten mit ſolchem Eifer zu berreiden.⸗ „Aber die andern Formalitäten?“ wandte Danglars furchtſan ein,„der Contract, die Scheine?“. „Der Contract?“ erwiderte Dantes lachend,„der Contract iſt leicht gemacht; Mercedes hat nichts und ich habe nichts, wir ver⸗ heirathen uns unter dem Schutze der Gemeinde, und da giebr's keine langen Schreibereien und keine große Koſten.“ Dieſer Scherz er⸗ regte einen neuen Ausbruch der Freude und ein neues Bravorufen. 1 „Alſo iſt,“ bemerkte Danglars,„was wir für ein Verlobungs⸗ feſt hielten, eine wirkliche Hochzeit?“ „Nein,“ entgegnete Dantes,„ſeid unbeſorgt, Ihr ſollt nichtse verlieren, morgen reiſe ich nach Paris, fünf Tage zur Hinreiſe, fünf Tage zur Rückreiſe, einen Tag, um den Auftrag, der mich hinführt, zu beſorgen, und den 12. März bin ich zurück und be⸗ ſtimme hiermit den 22. März zu dem wirklichen Hochzeitsſchmauſe.“ Die Ausſicht auf ein zweites Feſt erhöhte die Heiterkeit der Gäſte in dem Grade, daß Vater Dantes, der ſich zu Anfang des Mahles über Schweigen beklagte, Mühe hatte, einen Glückwunſch für das Brautpaar auszuſprechen. Edmond errieth die Abſicht ſeines Vaters und erwiderte ſie mit einem liebevollen Lächeln, Mercedes, die ſchon einige Male nach der im Saale befindlichen Kuckuksuhr geſehen hatte, gab Edmond ein Zeichen. Schon herrſchte an der Tafel jene lärmende Freude und jene perſönliche Freiheit, die bei Leuten geringeren Standes mit dem Ende der Mahlzeit einzutreten pflegt. Wem ſein Platz nicht behagte, hatte denſelben verlaſſen und andere Nachbarn aufgeſucht. Alle ſprachen zugleich und Niemand gab ſich mehr die Mühe, die an ihn gerichteten Fragen zu beant⸗ worten. Die Bläſſe Fernands hatte ſich auch den Wangen Danglars mitgetheilt; Fernand ſelbſt fühlte kaum noch, daß er lebe und kam ſich wie ein Verdammter im Pfuhle der Hölle vor. Er war einer der Erſten geweſen, die aufgeſtanden, und ging mit großen, aber ſchwankenden Schritten im Saale umher, und verſuchte mit ſeinem Gehör das Geräuſch und das Klingen der Gläſer zu durchdringen. Caderouſſe näherte ſich ihm in dem Augenblicke, wo Danglars, den er zu fliehen ſchien, ihn in einer Ecke des Saales erreichte. „Wirklich,“ ſagte Caderouſſe, in dem das freundſchaftliche Bee⸗ nehmen Dantes und beſonders der ausgezeichnete Wein des Vaters Pamphile den letzten Reſt des Grolles, den Dantes unerwartetes Glück in ihm geweckt, ausgelöſcht hatte,„wirklich, Dantes iſt ein guter Junge, und wenn ich ihn neben ſeiner Braut ſitzen ſehe, ſo kenke ich, wie ſchade es geweſen wäre, ihm den häßlichen Poſſen zu ſpielen, den Ihr Euch geſtern ausgedacht.“ „Auch haſt Du geſehen,“ erwiderte Danglars,„daß der Spaß keine Folgen gehabt hat. Der arme Herr Fernand war ſo verſtört, vas er mich anfangs dauerte; aber von dem Augenblicke an, wo —— 51 „Durchaus nicht!“ rief Danglars;„Du weißt recht gut, daß ich das Papier zerriſſen habe.“ „Du haſt es nicht zerriſſen,“ entgegnete Caderouſſe,„Du haſt es zerknittert und in einen Winkel geworfen, das war Alles.“ „Schweige, Du haſt nichts geſehen, Du warſt betrunken.“ „Wo iſt Fernand?“ fragte Caderouſſe. „Weiß ich's?“ antwortete Danglars;„zu ſeinen Geſchäften wahrſcheinlich. Aber ſtatt uns dabei außzuhalten, laßt uns dieſem armen Traurigeu zu Hülfe eilen.“ Wirklich hatte während dieſes Geſpräches Dantes ſeinen Freun⸗ den lächelnd die Hand geſchüttelt, Mercedes auf die Stirn geküßt, ſich als Gefangener geſtellt und geſagt:„Seid ruhig, der Irrthum wird ſich aufklären und ich werde wahrſcheinlich nicht einmal bis zum Gefängniſſe kommen.“ „Ol gewiß, ich ſtehe dafür,“ meinte Danglars, der ſich in die⸗ ſem Augenblicke der Gruppe näherte. Dantes ging, von den Soldaten umgeben, hinter dem Commiſſair und dem Corporal die Treppe hinunter. Ein Wagen, deſſen Schlag offen ſtand, hielt an der Thür; er ſtieg hinein, der Commiſſair und zwei Soldaten ſetzten ſich zu ihm. Der Schlag wurde geſchloſſen und der Wagen rollte nach Marſeille zu. „Adieu, Dantes! Adieu, Edmond! rief Mercedes, nach der Galerie ſtürzend. Der Gefangene hörte dieſen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus dem zerriſſenen Herzen ſeiner Geliebten drang; er bog den Kopf aus dem Wagenfenſter und rief: „Auf Wiederſehen, Mercedes!“ und verfchwand um die Ecke des Forts St. Nicolas. „Wartet meiner hier,“ ſagte Herr Morrel;„ich nehme den erſten Wagen, den ich finde, eile nach Marſeille und bringe Euch Nachricht.“ „Gehen Sie,“ riefen Alle,„gehen Sie und kehren Sie bald zurück.“— Nach dieſer doppelten Entſernung trat ein Augenblick entſetz⸗ licher Betäubung unter den Zurückbleibenden ein. Der Greis und Mercedes blieben einige Minuten ihrem Schmerze allein überlaſſen. Aber endlich begegneten ſich ihre Blicke, ſie erkannten ſich als zwei von Einem Stoße getroffene Opfer und fielen einander in die Arme. 4* Unterdeſſen trat Fernand in den Saal, ſchenkte ſich ein Glas Wein ein, das er auf einen Zug austrank und ſich auf einen Stuhl ſetzte. Der Zufall fügte es, daß Mercedes, ſich aus den Armen des Greiſes erhebend, auf einen Stuhl ganz in der Nähe geſunken war. Fer⸗ nand rückte unwillkürlich den Seinigen. „Er iſt es,“ ſagte Caderouſſe, der den Catalonier nicht aus den Augen gelaſſen hatte, zu Danglars. „Ich glaube es nicht,“ antwortete Danglars,„er war zu ver⸗ blüfft. Auf jeden Fall fällt der Schlag auf den zurück, von dem er kommt.“ „Du vergißt den, der ihn gegeben hat,“ ſagte Caderouſſe. „Ach, meiner Treu'! wenn man für Alles, was man in den Wind hinein redet, verantwortlich wäre...“ „Ja, wenn das, was man in den Wind hinein redet, auf den beabſichtigten Punkt zurückfällt.“ Unterdeſſen erklärten die verſchiedenen Gruppen die Verhaftung auf verſchiedene Weiſe. „Und Ihr, Danglars,“ ſagte eine Stimme,„was meint Ihr zu dieſer Begebenheit?“ „Ich,“ ſagte Danglars,„ich glaube, er wird einige Ballen ver⸗ botene Waaren eingeführt haben.“ „Aber, wenn es das wäre, Danglars, dann müßtet Ihr als Rechnungsführer es ja wiſſen?“ „Ja, das iſt wahr, aber der Rechnungsführer kennt nur die Collis, die ihm angegeben werden. Ich weiß, das wir Baumwolle geladen hatten, weiter nichts; daß wir die Ladung in Alexandria bei M. Paſtrol, und in Smyrna bei M. Pascal eingenommen haben; weiter fragt mich nichts.“ w „O, jetzt erinnere ich mich,“ murmelte der arme Vater, ſeine Gedanken zuſammennehmend,„daß er mir geſtern ſagte er habe ein Kiſtchen Kaffee und ein Kiſtchen Tabak für mich.“ „Seht Ihr!“ bemerkte Danglars,„das iſt es; die Douanirs werden in unſerer Abweſenheit einen Beſuch an Bord des Pharaon a bgeſtattet und die verbotenen Früchte entdeckt haben.“ Mercedes glaubte an das Alles nicht, und der bis jetzt unter⸗ drückte Schmerz brach nun in ein lautes Schluchzen aus. — 3” 53 „Nun, Muth gefaßt!“ ſagte, ohne eigentlich zu wiſſen, was er ſprach, der alte Dantes. „Muthl!“ wiederholte Danglars. „Muth! Hoffnung!“ ſuchte Fernand zu ſtammeln; aber dieſes Wort erſtickte ihn, ſeine Lippen bewegten ſich, aber kein Ton ent⸗ floh denſelben. „Meine Herren!“ rief einer der Gäſte, der in der Galerie Wache geſtanden hatte,„meine Herren! ein Wagen... Ach, es iſt Herr Morrel! Muth! Muthl gewiß bringt er gute Nachrichten.“ Mercedes und der alte Vater eilten dem Rheder entgegen, dem ſie an der Thür begegneten; Herr Morrel war außerordentlich bleich. „Nun?“.. riefen Alle einſtimmig. „Ja, meine Freunde,“ antwortete der Rheder kopfſchüttelnd, „die Sache iſt ernſter, als wir dachten...“ „O! Herr,“ rief Mercedes,„er iſt unſchuldig.“ „Ich glaube es,“ entgegnete Herr Morrel„aber er iſt an⸗ geklagt.“ „Weſſen denn?“ fragte der alte Dantes. „Ein Agent der Bonapartiſten zu ſein.“ Diejenigen meiner Leſer, die zu der Zeit gelebt haben, in welcher dieſe Erzählung ſich zutrug, werden ſich erinnern, welche ſchreckliche Anklage für jene Zeit es war, die Herr Morrel ſoeben ausgeſprochen hatte. Mercedes ſtieß einen Schrei aus, der Greis ſank auf einen Stuhl. „Ach!“ murmelte Caderouſſe,„Du haſt mich betrogen, Dang⸗ lars, und der Spaß iſt gelungen. Aber ich will den Greis und das arme junge Mädchen nicht vor Schmerz ſterben laſſen und werde ihnen Alles ſagen.“ „Schweig, Unglücklicher!“ rief Danglars, Caderouſſe's Hand er⸗ greifend, oder ich ſtehe für nichts! Wer ſagt Dir, daß Dantes nicht wirklich ſchuldig iſt. Das Schiff hat an der Inſel Elba angelegt; er iſt an's Land gegangen; er iſt einen ganzen Tag auf Porto⸗Fer⸗ rajo geblieben. Wenn man Briefſchaften, die gegen ihn zeugten, bei ihm fände, würden die, welche ſich ſeiner angenommen, für Mit⸗ ſchuldige gehalten werden.“ Caderouſſe begriff mit dem ſchnellen Inſtinkt des Egoismus die ganze Richtigkeit dieſer Bemerkung. Er ſah Danglars mit vor Furcht und Schmerz irren Augen an, und machte für einen Schritt, den er vorwärts gethan, deren zwei zurück.„Warten wir es alſo ab,“ murmelte er. „Ja, warten wir es ab,“ ſtimmte Danglars ein;„iſt er un⸗ ſchuldig, ſo wird er in Freiheit geſetzt werden; iſt er ſchuldig, ſo thäte man ſehr unklug, ſich für einen Verſchwörer zu verwenden.“ „Komm alſo, ich kann nicht länger bleiben.“ „Ja, komm,“ ſagte Danglars, entzückt, Jemand zu finden, der ſich gleich ihm entfernte;„komm, mögen ſie ſich da heraus helfen, wie ſie können.“ Sie gingen fort. Fernand, nun wieder die Stütze ſeiner Cou⸗ ſine, nahm Mercedes bei der Hand und führte ſie nach den Cata⸗ lons zurück. Die Freunde des alten Dantes geleiteten den faſt ohn⸗ mächtigen Greis durch die Allee von Meillan nach Hauſe. Bald war die Nachricht, daß Dantes als ein Agent der Bonapartiſten arretirt ſei, in der ganzen Stadt verbreitet. „Hätten ſie das wohl gedacht, mein lieber Danglars?“ ſagte Morrel, als er ſeinen Rechnugsführer und Caderouſſe einholte; denn er ſelbſt eilte, ſo ſchnell er konnte, nach der Stadt zurück, um durch den Subſtituten des königlichen Procurators, Herrn Villefort, den er etwas kannte, ſich Nachrichten über Edmond zu verſchaffen:„hätten Sie das gedacht?“ „Der Tauſend, Herr Morrel, ich habe Ihnen ja geſagt, daß Dantes, ohne irgend einen triftigen Grund, ſich auf der Inſel Elba verweilt, und daß dieſer Aufenthalt mir überflüſſig geſchienen habe.“ „Haben Sie vielleicht Ihren Argwohn noch Anderen als mir mitgetheilt?“ „Ich würde mich gehütet haben, mein Herr,“ antwortete Dang⸗ lars ganz leiſe;„Sie wiſſen wohl, daß man wegen Ihres Oheims, Herrn Polycarp Morrel, der unter„dem Andern“ gedient hat und ſeine Meinung nicht verhehlt, Sie für einen Anhänger Napoleon's hält, und alſo würde ich gefürchtet haben, Edmond, und durch den⸗ ſelben Ihnen Schaden zu thun. Es giebt Sachen, die ein Subaltern ſeinem Rheder ſagen, und jedem Andern verſchweigen muß.“ „Gut! Danglars, gut!“ ſagte der Rheder,„Sie ſind ein braver ————6 55 Mann; auch habe ich Ihrer ſchon gedacht für den Fall, daß der arme Dantes Capitain des Pharaon geworden wäre.“ „Wie ſo, Herr Morrel?“ „Ja, ich habe Dantes vorläufig gefragt, was er von Ihnen dächte und ob er einen Widerwillen hätte, Sie auf Ihrem Poſten zu laſſen; denn ich weiß nicht, wie es kam, aber ich glaubte Kälte zwi⸗ ſchen Euch Beiden wahrzunehmen.“ „Und was hat er Ihnen geantwortet?“ „Daß er wirklich glaube, bei einer Veranlaſſung, die er mir nicht mittheilte, etwas gegen Sie gefehlt zu haben, daß aber übri⸗ gens Jeder, dem der Rheder Vertrauen ſchenke, auch des ſeinigen verſichert ſei.“ „Der Heuchler!“ murmelte Danglars. „Armer Junge,“ ſagte Caderouſſe,„es iſt ausgemacht, daß er ein vortrefflicher Menſch war.“ „Ja,“ verſetzte Herr Morrel,„aber indeſſen iſt der Pharaon ohne Capitain.“ „O!“ ſagte Danglars,„wir müſſen hoffen, daß, da wir erſt in drei Monaten wieder in See gehen können, Dantes bis dahin wie⸗ der frei werden wird.“ „Ohne Zweifel; aber bis dahin?“ „Nun wohll bis dahin bin ich ja da, Herr Morrel,“ verſetzte Danglars.„Sie wiſſen, daß ich mich auf die Führung eines Schiffes eben ſo gut verſtehe, als der gewandteſte Capitain. Sie haben, wenn Sie jetzt meine Dienſte annehmen, zugleich den Vortheil, daß Sie ſich, wenn Edmond ſeiner Haft entlaſſen wird, bei Niemand zu bedanken haben; er nimmt ſeinen Platz wieder ein und ich den meinigen, damit iſt es abgemacht.“ „Dank, Danglars,“ antwortete Herr Morrel,„ſo geht es wirk⸗ lich am Beſten.„Uebernehmeu Sie alſo das Commando, ich ermäch⸗ tige Sie dazu, und beaufſichtigen Sie die Ausſchiffung; es mag den einzelnen Perſonen zuſtoßen, was da will, ſo dürfen die Geſchäfte nicht darunter leiden.“ „Seien Sie unbeſorgt, Herr Morrel... Aber wird man den guten Edmond wenigſtens ſehen dürfen?“ „Das werde ich Ihnen bald ſagen können, Danglars. Ich werde Herrn Vileefort zu ſprechen ſuchen und ein Fürwort für den 56 Gefangenen bei ihm einlegen. Ich weiß zwar, daß er ein eifriger Royaliſt iſt; aber zum Teufel, wenn er noch zu ſehr Royaliſt und Pro⸗ curator des Königs iſt, Menſch iſt er auch, und ich glaube, kein böſer.“ „Nein,“ meinte Danglars,„aber er ſoll ſehr ehrgeizig ſein, und das iſt uns vielleicht nachtheilig.“ „Nun,“ ſagte Herr Morrel ſeufzend,„wir müſſen ſehen; gehen Sie an Bord, ich folge Ihnen.“ Und er verließ die beiden Freunde, um nach dem Juſtiz⸗Palaſte zu eilen. „Du ſiehſt,“ ſagte Danglars zu Caderouſſe,„welchen Gang die Sache nimmt; haſt Du noch Luſt, Dich für Dantes zu erklären?“ „Nein, gewiß nicht, aber es iſt doch eine abſcheuliche Sache um einen Scherz, der ſolche Folgen hat.“ „Der Tauſend, wer hat ihn gemacht? Du ſo wenig als ich, nicht wahr? Fernand hat es gethan. Du weißt wohl, daß ich das Papier in einen Winkel geworfen habe. Ich glaubte ſogar es zer⸗ riſſen zu haben.“ „Nein, nein,“ ſagte Caderouſſe;„was das anbetrifft, ſo bin ich meiner Sache gewiß; ich ſehe es noch im Winkel der Laube lie⸗ gen, ganz zerknittert und zuſammengeballt, und ich wollte, es läge jetzt noch da.“ „Was willſt Du? Fernand wird Dir es aufgehoben und ab⸗ geſchrieben haben. Vielleicht hat er ſich nicht einmal dieſe Mühe gegeben, ſondern meinen eigenen Brief eingeſandt. Zum Glück hatte ich meine Handſchrift verſtellt.“ „Aber wußteſt Du denn, daß Dantes ein Verſchwörer war?“ „Ich? Nichts von der Welt wußte ich. Wie ich Dir geſagt habe, ich glaubte, einen Spaß zu machen, nichts weiter. Es ſcheint, daß ich, wie Arlequin, im Scherz die Wahrheit geſagt habe.“ „Das iſt gleich,“ verſetzte Caderouſſe,„ich gäbe viel darum, wenn die ganze Geſchichte nicht paſſirt, oder ich wenigſteus auf keine Weiſe darein verwickelt wäre; Du wirſt ſehen, Danglars, daß ſie uns Unglück bringt.“ „Wenn ſie irgend Jemand Unglück bringen kann, ſo iſt es der wahre Schuldige, und der wahre Schuldige iſt Fernand und nicht wir. Welches Unglück meinſt Du, das uns begegnen ſoll? Wir brauchen uns nur ſtill zu verhalten und uns von dieſem Allen kein 57 Wörtchen merken zu laſſen, und das Gewitter wird vorüber gehen, ohne einzuſchlagen.“ „Amen!“ ſprach Caderouſſe, machte Danglars ein Abſchieds⸗ zeichen und bog in die Allee von Meillan ein, indem er immer noch, den Kopf ſchüttelnd, mit ſich ſelbſt redete, wie es Leute machen, die ſich etwas in den Kopf geſetzt haben. „Gut!“ ſagte Danglars,„die Sachen gehen, wie ich es berech⸗ net hatte; vorläufig bin ich interimiſtiſcher, und wenn dieſer dumme Caderouſſe ſchweigen kann, bald wirklicher Capitain. Ich hätte alſo nur zu befürchten, daß die Juſtiz Dantes frei gäbe... Aber,“ fügte er mit ſeinem boshaften Lächeln hinzu,„die Juſtiz iſt die Juſtiz, auf die kann ich mich verlaſſen.“ Damit ſprang er in einen Nachen und befahl dem Schiffer, ihn an Bord des Pharaon zu rudern, wo der Rheder, wie der Leſer ſich erinnern wird, ihn hin beſtellt hatte. VI. Der Subſtitut des Königlichen Procurators. In der Rue du grand Cours, dem Meduſenbrunnen gegenüber, fand in einem Hauſe von alter, ariſtokratiſcher Bauart(von Puget erbaut) an demſelben Tage und zu derſelben Stunde auch ein Ver⸗ lobungsſchmaus ſtatt, nur mit dem Unterſchiede, daß die Schauſpieler bei dieſer Scene nicht Leute aus dem Volke, Matroſen und Sol⸗ daten waren, ſondern den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft von Mar⸗ ſeille angehörten. Es waren alte Staatsbeamte, die ihre Aemter unter dem Uſurpator niedergelegt hatten; alte Offiziere, die unſere Reihen verlaſſen hatten, um in die der Condé'ſchen Armee überzu⸗ gehen; junge Leute, die von ihren noch über ihre Exiſtenz unſicheren Familien, ungeachtet der vier oder fünf Stellvertreter, die ſie be⸗ zahlt hatten, im Haſſe gegen den Mann erzogen waren, aus dem fünf Jahre der Verbannung ein Märtyrer, und fünfzehn Jahre der Reſtauration einen Gott machen ſollten! Man war bei Tiſche, und die Unterhaltung drehte ſich glühend um alle Leidenſchaften der damaligen Zeit, Leidenſchaften, die im Süden um ſo ſchrecklicher, lebendiger und erbitterter waren, als ſeit fünf Jahrhunderten der Religionshaß dem politiſchen Haß zu Hilfe gekommen iſt. Der Kaiſer, König der Inſel Elba, nachdem er Beherrſcher eines Welttheils geweſen war, über eine Anzahl von 25,000 Seelen regierend, nachdem er gewohnt war, von zweihundert Millionen Unterthanen und in 10 Sprachen:„Es lebe Napoleon!“ rufen zu hören, wurde da wie ein für den Thron und für Frankreich für immer verlorener Mann betrachtet; die Geſchäftsmänner deckten ſeine politiſchen Irrthümer auf; die Offiziere ſprachen von Moskau und Leipzig; die Damen von ſeiner Scheidung von Joſephine. Es ſchien decorirt Pohl der zug mittelne dige A Hähe g deckten entſtand von Sa ariſtokre elegante haben, Biſſen geſteher unſerer antlam deten u würden Ludwig was Pillefo an wa nicht z „ den T und ho junges Perim 1 59 dieſen, nicht über den Fall des Mannes, aber über die Vernichtung der Principien, fröhlichen, triumphirenden Menſchen, als ginge für ſie ein neues Leben an und als wären ſie aus einem ängſtlichen Traume erwacht. Der Marquis von Saint⸗Méran, ein mit dem Ludwigskreuze decorirter Greis, erhob ſich und bat die Gäſte, mit ihm auf das Wohl des Königs Ludwig des Achzehnten zu trinken. Dieſer Toaſt, der zugleich dem Verwieſenen von Hartwell und dem Frieden ver⸗ mittelnden König galt, veranlaßte eine große und allgemeine freu⸗ dige Aufregung. Die Gläſer wurden nach engliſcher Sitte in die Höhe gehoben, die Damen ſteckten ihre Blumenſträuße los und be⸗ deckten den Tiſch damit; es war ein faſt poetiſcher Enthuſiasmus entſtanden. „Wenn dieſe Aufrührer jetzt hier wären,“ ſagte die Marquiſe von Saint⸗Méran, eine Frau mit trockenem Auge, dünnen Lippen, ariſtokratiſcher Haltung, und ungeachtet ihrer fünfzig Jahre noch ſehr eleganter Kleidung und Tournüre,„ſo würden ſie, die uns verjagt haben, und die wir in unſern alten Schlöſſern, die ſie für einen Biſſen Brod gekauft haben, ruhig ſchalten und walten ließen, ein⸗ geſtehen müſſen, daß die wahre Anhänglichkeit und Hingebung auf unſerer Seite war, weil wir uns an die einſtürzende Monarchie anklammerten, wohingegen ſie der aufgehenden Sonne ſich zuwen⸗ deten und ihr Glück machten, während wir das unſerige verloren; ſie würden eingeſtehen müſſen, daß unſer König für uns in der That Ludwig der Vielgeliebte iſt, während der Uſurpator für ſie nie et⸗ was Anderes war, als Napoleon der Verfluchte. Nicht wahr, Villefort?“ „Sie ſagten, Frau Marquiſe?...“ antwortete der junge Mann, an welchem dieſe Frage gerichtet war.. Verzeihen Sie, ich hatte nicht zugehört.“ „Ei! laſſen Sie dieſe Kinder, Marquiſe,“ fiel ihr Gemahl, der den Toaſt ausgebracht hatte, ein;„dieſe Kinder wollen ſich heirathen und haben folglich von anderen Dingen als von Politik zu reden.“ „Ich bitte um Verzeihung, meine Mutter,“ ſagte ein ſchönes, junges Mädchen mit blondem Haar und Sammetaugen, die wie Perlmutter glänzten.„Ich überlaſſe Ihnen Herrn von Villefort, 60 deſſen ich mich für einige Minuten bemächtigt hatte. Herr von Ville⸗ fort, meine Mutter will mit Ihnen reden...“ „Und ich bin bereit, der Frau Marquiſe zu antworten, wenn dieſelbe die Gnade haben will, die von mir überhörte Frage zu wiederholen.“ „Dir iſt verziehen, Renée,“ ſagte die Marquiſe mit einem Lä⸗ cheln der Zärtlichkeit, welches man beinahe mit Erſtaunen auf dieſen vertrockneten Lippen erblühen ſah; aber das Herz einer Frau möge unter dem Einfluſſe von Vorurtheilen und unter den Forderungen der Etiquette noch ſo hart und trocken geworden ſein, ein lachender, fruchtbarer Winkel befindet ſich immer in demſelben, nämlich der, den Gott der Mutterliebe geheiligt hat.“ „Dir iſt vergeben... Jetzt zu Ihnen, Herr von Villefort: ich ſagte, daß dieſe Bonapartiſten weder unſere Ueberzeugung, noch un⸗ ſern Enthuſiasmus, noch unſere Hingebung haben.“ „O! gnädige Frau, ſie haben wenigſtens etwas, das dieſes Alles erſetzt, den Fanatismus. Napoleon iſt der Mohamed des Abendlandes; er iſt für alle Männer von geringer Abſtammung, aber ungemäßigtem Ehrgeize nicht nur ein Geſetzgeber und Herr, ſondern er iſt ihr Vor⸗ bild, das Vorbild der Gleichheit.“ „Der Gleichheit!“ rief die Marquiſe.„Napoleon! das Vor⸗ bild der Gleichheit! und was werden Sie dann aus Robespierre machen? Mir ſcheint es, als nähmen Sie dieſen ſeinen Platz, um ihm den Corſen einzuräumen; doch dächte ich, hätten wir genug an einer Uſurpation.“ „Nein, gädige Frau,“ entgegnete Villefort, ich laſſe Jeden auf ſeinem Piedeſtal: Robespierre auf dem Platze Ludwig des Fünf⸗ zehnten, auf dem Blutgerüſte, Napoleon auf dem Vendome⸗Platze, auf ſeiner Säule; der Eine führte Gleichheit herbei, die erniedrigte, der Andere Gleichheit, die erhebt; der Eine ſetzte die Könige auf den Standpunkt der Guillotine, der Andere erhob das Volk auf den Standpunkt des Thrones. Damit will ich nicht geſagt haben,“ fügte Villefort lächelnd hinzu,„daß ſie nicht Beide infame Aufwiegler und daß der 9. Thermidor und der 14. April 1814 zwei nicht glückliche Tage für Frankreich geweſen wären, werth, von den Freunden der Ordnung und der Monarchie gleich dankbar gefeiert zu werden; aber das erklärt auch, wie Napoleon gefallen, um ſich, wie ich hoffe, nie wieder wollen 1 wat he 71 weit i tints verliere Ei „6 rondiſ Vatet und eẽ hätze! G ihre d gegeng Beweis blieb, verbün „ es au reden.“ 9 Fräule Vergau gänge, Gott erſchü⸗ Schleit ſonder war) bin R alten ſehen ſic ge W Auch 61 wieder zu erheben, dennoch ſeine Anhänger behalten hat. Was wollen Sie, Frau Marquiſe; Cromwell, der lange kein Napoleon war, hatte die ſeinigen auch.“ „Wiſſen Sie, Villefort, daß, was Sie da ſagen, eine Meile weit nach Aufruhr riecht? Aber ich verzeihe Ihnen, der Sohn eines Girondiſten kann unmöglich allen Geſchmack an Terrorismus verlieren.“ Eine lebhafte Röthe überlief Villefort's Stirn. „Es iſt wahr, gnädige Frau,“ ſagte er,„mein Vater war Gi⸗ rondiſt, aber er hat nicht für den Tod des Königs geſtimmt; mein Vater iſt durch daſſelbe Tribunal verwieſen, welches Sie verwies, und es fehlte nicht viel, daß er ſein Haupt auf daſſelbe Schaffot hätte legen müſſen, auf dem das Haupt Ihres Vaters gelaſſen war.“ „Ja,“ ſagte die Marquiſe, ohne daß dieſe blutige Erinnerung ihre Züge im Mindeſten verändert hätte,„es waren nur ganz ent⸗ gegengeſetzte Grundſätze, die ſie Beide dahin führten; davon iſt der Beweis, daß meine garze Familie den verwieſenen Prinzen attachirt blieb, während Ihr Vater ſich beeilte, der neuen Regierung ſich zu verbünden, und nachdem der Bürger Noirtier Senator wurde..“ „Meine Mutter, meine Mutter!“ bat Renée,„Sie wiſſen, daß es ausgemacht iſt, niemals von dieſen peinlichen Erinnerungen zu reden.“ „Gnädige Frau,“ entgegnete Villefort,„ich vereinige mich mit Fräulein von Saint⸗Méran, um Sie unterthänigſt zu bitten, die Vergangenheit vergeſſen zu wollen. Wozu Beſchuldigungen über Vor⸗ gänge, gegen die ſelbſt der heilige Wille Gottes ohnmächtig war? Gott kann die Zukunft beſtimmen, aber die Vergangenheit ſteht un⸗ erſchütterlich feſt. Wir Menſchen können ſie nicht ändern, aber einen Schleier darüber werfen. Ich habe mich nicht nur von der Meinung, ſondern ſogar von dem Namen meines Vaters losgeſagt. Mein Vater war Bonapartiſt, oder iſt es vielleicht noch, und heißt Noirtier; ich bin Royaliſt und nenne mich von Villefort. Laſſen Sie mit dem alten Stamme einen Ueberreſt revolutionären Saftes abſterben und ſehen Sie nur den Sprößling, der ſich vom Stamm entfernt, ohne ſich ganz davon losmachen zu können, ja ich möchte ſagen, zu wollen.“ Bravo, Villefort,“ ſagte der Marquis,„bravo, gut geantwortet! Auch ich predige der Marquiſe beſtändig Vergeſſen der Vergangen⸗ 62 heit, ohne es jemals von ihr erlangen zu können; Sie werden hof⸗ fentlich glücklicher darin ſein.“. „Ja, es ſei,“ ſagte die Marquiſe;„vergeſſen wir, was ver⸗ gangen iſt, ich bin damit zufrieden, und es iſt ſo ausgemacht; aber wenigſtens möge Villefort für die Zukunft unerſchütterlich ſein! Ver⸗ geſſen Sie nicht, Villefort, daß wir uns bei Seiner Majeſtät für Sie verbürgt haben, daß Seine Majeſtät auch auf unſer Fürwort (hier reichte ſie ihm die Hand) vergeſſen will, wie ich auf Ihre Bitte vergeſſe. Aber ſollte Ihnen je ein Aufwiegler vorkommen, ſo bedenken Sie, daß man um ſo ſchärfer auf Sie achtet, als man weiß, daß Sie von einer Familie abſtammen, die vielleicht mit dieſen Aufwieglern in Verbindung ſteht.“ „Ach, gnädige Frau,“ antwortete Villefort,„mein Amt und be⸗ ſonders die Zeit, in der wir leben, befehlen mir, ſtreng zu ſein. Ich werde es alſo ſein. Ich habe ſchon einige politiſche Anklagen zu entſcheiden gehabt, und ſomit mein Probeſtück gemacht. Leider ſind wir noch nicht am Ziele.“ „Sie glauben?“ fiel die Marquiſe ein. „Ich fürchte es. Napoleon iſt auf der Inſel Elba Frankreich ſehr nahe; ſeine Nähe unterhält die Hoffnungen ſeiner Anhänger. Marſeille wimmelt von Offizieren, die auf halbem Sold ſtehen, die alle Tage unter den unbedeutendſten Vorwänden Streit mit den Royaliſten ſuchen; daher die Duelle der höheren Claſſen, daher die Morde unter dem Volke.“ „A propos,“ ſagte der Graf von Servieux, ein alter Freund des Hauſes von Saint⸗Méran und Kammerherr des Grafen Artois, „wiſſen Sie, daß die Alliirten ihn verſetzen wollen?“ „Ja, bei unſerer Abreiſe nach Paris war die Rede davon,“ erwiderte Herr von Saint⸗Méran,„und wohin ſchickt man ihn?“ „Nach St. Helena.“ „Nach St. Helena! was iſt das?“ fragte die Marquiſe. „Eine, zweitauſend Meilen von hier, jenſeits des Aequators gelegene Inſel,“ ſagte der Graf. „Ah, das iſt vernünftig! Denn Villefort ſagt ganz richtig, es iſt eine große Thorheit, daß man einen ſolchen Mann zwiſchen Cor⸗ ſika, ſeinem Vaterlande, zwiſchen Neapel, wo ſein Schwager noch vieup. delte, befteie ſeinen gierun ſt das bekom einen Suhſt Trauü daß! nach legt. dieſer werder ſuchen unbeſe ch J. 7 Renée 63 regiert, und angeſichts von Italien, das er ſeinem Sohne als König⸗ reich geben wollte, gelaſſen hat.“. „Unglücklicherweiſe haben wir den Vertrag von 1814 und kön⸗ nen Napoleon, ohne dieſen Vertrag zu verletzen, nichts anhaben.“ „Nun wohl! Man wird ihn verletzen,“ ſagte Herr von Ser⸗ vieux.„Hat er es ſo genau genommen, als es ſich darum han⸗ delte, den unglücklichen Herzog von Enghien erſchießen zu laſſen.“ „Ja,“ entgegnete die Marquiſe,„es iſt ausgemacht, die Alliirten befreien Europa von Napoleon, und Villefort befreit Marſeille von ſeinen Anhängern. Der König regiere, oder regiere nicht, ſeine Re⸗ gierung muß kräftig und ſeine Beamten unerſchütterlich ſein; das iſt das einzige Mittel, dem Verderben vorzubeugen.“ „Unglücklicherweiſe, gnädige Frau,“ ſagte Villefort lächelnd, „kommt der Subſtitut des königlichen Procurators immer erſt dazu, wenn das Unglück geſchehen iſt.“ „Dann iſt es ſeine Sache, es wieder gut zu machen.“ Darauf könnte ich Ihnen erwidern, gnädige Frau, daß wir das Unglück nicht ungeſchehen machen, ſondern nur rächen können; das iſt Alles.“ „Ach, Herr von Villefort,“ ſagte ein hübſches, junges Mäd⸗ chen, Tochter des Grafen von Servieux und Freundin des Fräulein von Saint⸗Méran,„ſuchen Sie doch einen intereſſanten Prozeß zu bekommen ſo lange wir noch in Marſeille ſind. Ich ſah noch nie einen Aſſiſenhof, und das ſoll ſo merkwürdig ſein.“ „Sehr merkwürdig, in der That, mein Fräulein,“ ſagte der Subſtitut;„denn ſtatt eines künſtlichen Dramas iſt es ein wirkliches Trauerſpiel; ſtatt erfundener Schmerzen ſind es wirkliche. Statt daß der Mann, den man da ſieht, wenn der Vorhang geſunken iſt, nach Hauſe geht und mit ſeiner Familie ruhig ißt und ſich ſchlafen legt, um den folgenden Tag wieder eben ſo ruhig zu verleben, kehrt dieſer in ſein Gefängniß zurück, wo der Henker ſeiner wartet. Sie werden finden, daß es für nervenſtarke Perſonen, die Bewegung ſuchen, kein Schauſpiel giebt, das dieſem gleich käme. Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein, wenn die Umſtände guͤnſtig ſind, werde ich Ihnen dieſes Schauſpiel verſchaff n.“ „Er macht uns ſchaudern, und er kann noch lachen!“ ſagte Renée erbleichend. „Was wollen Sie?...“ entgegnete Villefort;„es iſt ein Duell... vilefe Ich habe ſchon fünf oder ſechs politiſche Verbrecher zum Tode ver⸗ Vater urtheilen müſſen... Nun dennl! wer weiß denn, wie viele Dolche getödt in dieſem Augenblicke im Verborgenen geſchliffen werden, deren Spitzen nach meinem Herzen zielen?..“ Mitle „Ach, mein Gott!“ ſagte Renée, immer ängſtlicher werdend, Menſe „reden Sie im Ernſte, Herr von Villefort?“„ „Man kann nicht ernſtlich genug reden,“ verſicherte, jedoch lä⸗ eel ſe chelnd, der junge Staatsbeamte.„Und durch dieſen ſchönen Prozeß, und d den die Comteſſe wünſcht, um ihre Neugier zu befriedigrn, und den Menſch ich wünſche, um meinem Ehrgeize zu genügen, wird die Sache nur 4 bedenklicher. Glauben Sie, daß alle jene Soldaten Napoleon's, die mir, gewohnt ſind, ſich blindlings auf den Feind zu ſtürzen, lange über⸗ Nachſi legen, ob ſie eine Cartouche abbrennen, oder das Bajonnet fällen„ wollen? Nun denn! werden ſie ſich länger beſinnen, ob ſie einen liebene Mann tödten ſollen, den ſie Urſache haben, für ihren perſönlichen ſchaftl Feind zu halten, als um einen Ruſſen, Oeſterreicher oder Ungar zu b. tödten, den ſie nie geſehen haben? Uebrigens, meine Damen, muß Colibt es ſo ſein, denn ohne dieſe Gefahr hätte unſer Stand keine Ent⸗ nen k ſchuldigung. Ich ſelbſt, wenn ich in einem Angeklagten den feurigen die V Blitz der Wuth ſehe, werde ich ganz von Muth durchglüht, ich er⸗ darübe hitze mich; es iſt kein Prozeß mehr, ſondern ein Kampf; ich kämpfe mit ihm, er wiederſetzt ſich; ich verdopple meine Anſtrengungen, und 1 3 der Kampf endigt wie jeder, mit einem Siege oder einer Niederlage. 4 2 Das heißt plaidiren! das ſind die Gefahren der Beredtſamkeit. Ein fügr Angeklagter, der mir nach meiner Antwort zulächelte, würde mich ſein beſorgt machen, ſchlecht geredet zu haben, und daß das, was ich ge⸗ ſagt, ohne Kraft und Leben geweſen ſei. Denken Sie ſich alſo den Blid⸗ Stolz eines königlichen Procurators, der von der Schuld des An⸗ geklagten überzeugt iſt, wenn derſelbe den Schuldigen unter der Laſt der m ſeiner Beweiſe, unter den Blitzen ſeiner Beredtſamkeit wanken und ur d erbleichen ſieht. Dieſer Kopf beugte ſich, er wird fallen.“ 5 Renée ſtieß einen leichten Schrei aus. u „Das heiße ich reden,“ ſagte einer der Gäſte. „Das iſt ein Mann, wie unſere Zeit ihn verlangt!“ ſagte ein b guiſe Anderer. beln⸗ „Auch in Ihrer letzten Sache machten Sie ſich vortrefflich, lieber wie ich Der ————— —.,——————— ⸗—⁵— 1 65 —r,— Vlillefort,“ ſagte ein Dritter.„Sie wiſſen, jenen Mann, der ſeinen Vater ermordet hatte, nun wohl, den haben Sie mit Worten ſchon getödtet, ehe der Henker ihn berührte.“ „Ol mit einem Vatermörder,“ fiel Renée ein,„habe ich kein Mitleid, es giebt keine Qual, keine Strafe, die für einen ſolchen Menſchen zu groß wäre; aber die armen politiſchen Verbrecher!...“ „Die politiſchen Verbrecher!“ rief die Marquiſe,„das iſt noch viel ſchlimmer, Renée, denn der König iſt der Vater der Nation und den König tödten wollen, heißt den Vater von 32 Millionen Menſchen tödten.“ „O, das iſt gleich,“ ſagte Renée ſömerzlich,„verſprechen Sie mir, Herr von Villefort, mit denen, die ich Ihnen empfehlen werde, Nachſicht zu haben?“ „Seien Sie ruhig,“ antwortete der junge Mann mit ſeinem liebenswürdigſten Lächeln,„wir wollen unſere Steckbriefe gemein⸗ ſchaftlich machen.“ „Mein Kind,“ ſagte die Marquiſe,„befaſſe Dich mit Deinen Colibris, Deinem Schooßhündchen und Deinem Putz, und laſſe Dei⸗ nen künftigen Gemahl ſeine Geſchäfte allein abmachen. Jetzt, wo die Waffen ruhen, iſt das Anſehen der Ruhe geſtiegen, man hat darüber einen lateiniſchen Vers von tiefer Bedeutung.“ „Cedant arma togae,“ ſagte Villefort, ſich verneigend. „Ich wagte nicht, Latein zu reden,“ antwortete die Marquiſe. „Ich glaube, ich würde lieber ſehen, wenn Sie Arzt wären,“ fügte Renée hinzu,„der Engel des Gerichts, ſo ſehr Engel er auch ſein mag, iſt mir von jeher entſetzlich geweſen.“ „Gute Renée,“ flüſterte Villefort, ſeine Braut mit liebevollen Blicken betrachtend. „Meine Tochter,“ ſprach der Marquis,„Herr von Villefort wird der moraliſche und politiſche Arzt dieſer Provinz ſein; glauben Sie mir, das iſt eine ſchöne Rolle.“ „Und auf dieſe Weiſe wird die, welche ſein Vater geſpielt hat, aam Beſten in Vergeſſenheit kommen,“ fiel die unverbeſſerliche Mar⸗ quiſe ein. „Gnädige Frau,“ antwortete Villefort mit ſchwermüthigem Lä⸗ cheln,„ich hatte ſchon die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß mein Vater, wie ich wenigſtens hoffe, die Irrihümer ſeiner Vergangenheit ab⸗ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 3 5 66 geſchworen hat, daß er ein eifriger Freund der Ordnung und Re⸗ ligion, ein beſſerer Royaliſt, als ich vielleicht, geworden iſt, denn er iſt es mit Reue, während ich es nur mit Leidenſchaft bin.“. Und nach dieſem gelungenen Redeſatze ſah Villefort, Um den Eindruck, den derſelbe gemacht habe, zu beurtheilen, die Gäſte an, wie er nach einer kräftigen Rede im Parquet das Auditorium an⸗ geſehen haben würde. „Daſſelbe, mein lieber Villefort,“ ſagte der Graf von Servieux, „habe ich vorgeſtern in den Tuilerien dem Miniſter des königlichen Hauſes geantwortet, der mich um Auskunft über die ſonderbare Hei⸗ rath zwiſchen dem Sohne eines Girondiſten und der Dochter eines Condé'ſchen Offiziers befragte, und der Miniſter verſtand mich ſehr gut. Dieſes Umſchmelzungs⸗Syſtem iſt das Ludwig's des Achtzehnten. Auch unterbrach der König, der, ohne daß wir es bemerkten, unſere Unterredung gehört hatte, uns und ſagte:„Villefort(bemerken Sie, daß der König den Namen Noirtier nicht ausſprach, dagegen aber viel Nachdruck auf den Namen Villefort legte) Villefort,“ ſagte alſo der König,„wird einen guten Weg machen; der junge Mann iſt ſchon gereift und gehört meiner Welt an. Ich habe mit Vergnügen ge⸗ ſehen, daß der Marquis und die Marquiſe von Saint⸗Méran ihn zu ihrem Schwiegerſohne erwählt haben, und ich hätte ihnen dieſe Verbindung vorgeſchlagen, wenn ſie mir nicht mit der Bitte, dieſelbe zu genehmigen, zuvorgekommen wären.“ „Das hat der König geſagt, Herr Graf?“ rief Villefort entzückt. „Ich habe Ihnen ſeine eigenen Worte wiederholt, und wenn der Marquis aufrichtig ſein will, muß er geſtehen, daß das, was ich jetzt erzählt habe, genau mit dem übereinſtimmt, was der König zu ihm ſelbſt ſagte, als er vor ſechs Monaten über einen Heiraths⸗ plan zwiſchen ſeiner Tochter und Ihnen mit ihm ſprach.“ „Es iſt wahr,“ beſtätigte der Marquis. „So ſoll ich alſo dieſem würdigen Fürſten Alles verdanken! O, was will ich nicht Alles thun, um ihm zu dienen!“ „So,“ ſagte die Marquiſe freundlich,„ſo liebe ich Sie; jetzt möge ein Verſchwörer kommen, er ſoll willkommen ſein.“ „Und ich, meine Mutter,“ ſagte Renée,„ich bitte Gott, daß er Sie nicht hört, daß er Herrn von Villefort nur kleine Diebe, ———,. —— qdsasabB—— r————.— :— 7——— — = = = —.. — ₰½ —½ — — — = — dAdt des des z ſchwache Bankerottirer und furchtſame Gauner in den Wurf kommen läßt; unter dieſen Bedingungen will ich ruhig ſchlafen.“ „Das iſt eben ſo,“ ſagte Villefort lächelnd,„als wünſchten Sie dem Doctor Migrainen, Rötheln und Wespenſtiche, Alles Sachen, die nur die Oberfläche berühren. Wenn Sie mich als Procurator des Königs ſehen wollen, ſo wünſchen Sie mir im Gegentheile ſolche ſchreckliche Krankheiten, deren Kur dem Arzte Ehre macht.“ In dieſem Augenblicke kam, als hätte der Zufall nur den Aus⸗ ſpruch des Wunſches erwartet, um denſelben zu befriedigen, ein Kammerdiener und ſagte ihm einige Worte in's Ohr; Villefort ent⸗ ſchuldigte ſich, verließ ſogleich den Saal, und kehrte einige Minuten darauf mit freier Stirn und lächelnden Lippen zurück. Renée betrachtete ihn zärtlich, denn ſo wie er da ſtand, war er mit ſeinen blauen Augen, ſeiner bleichen Geſichtsfarbe und ſeinem ſchwarzen Backenbarte, der ſein Geſicht umſchloß, ein wahrhaft ſchöner und eleganter, junger Mann. Auch ſchien die ganze Seele des jun⸗ gen Mädchens an ſeinen Lippen zu hängen, in Erwartung der Er⸗ klärung ſeines unerwarteten Verſchwindens. „Nun, mein Fräulein, Sie wünſchten ſoeben, einen Arzt zum Manne zu haben. Ich habe mit den Jüngern Aesculaps wenigſtens die Aehnlichkeit, daß ich nie auf die gegenwärtige Stunde rechnen kann, und daß man mich ſelbſt an meinem Verlobungsſchmauſe von Ihrer Seite ruft.“ „Und um welcher Urſache willen ſtört man Sie?“ fragte die ſchöne, junge Braut, mit einer leichten Unruhe. „Ach, wegen eines Kranken, mit dem es, allem Anſcheine nach, nur zu ſchlimm ſteht; dieſes Mal iſt der Fall bedenklich und die Krankheit auf dem Schaffot.“ „Ach! mein Gott!“ rief Renée, zitternd und erblaſſend. „Wirklich!“ ſagte die ganze Geſellſchaft einſtimmig. „Es ſcheint, daß man ein kleines bonapartiſtiſches Complott ent⸗ deckt hat.“ b „Iſt es möglich!“ rief die Marquiſe. „Hier iſt der Anklagebrief.“ Und Villefort las: —„Der Herr Procurator des Königs wird durch einen Freund des Thrones und der Religion benachrichtigt, daß der Steuermann des Pharaon, Namens Edmond Dantes, der dieſen Morgen von 5*½ 68 Smyrna zurückgekehrt iſt, und auf ſeiner Reiſe Porto⸗Ferrajo berührt hat, von Mürat mit einem Schreiben an den Uſurpator und von dem Uſurpator mit einem Schreiben an das bonapartiſtiſche Comité in Paris beauftragt war.*. „Der Beweis ſeines Verbrechens wird ſich ergeben, wenn er verhaftet wird, denn man wird jenen Brief bei ihm, bei ſeinem Vater oder in ſeiner Cabine am Bord des Pharaon finden.“ „Aber,“ ſagte Renée,„dieſer Brief, der noch dazu anonym iſt, iſt an den Herrn Procurator des Königs und nicht an Sie gerichtet.“ „Ja, aber der Procurator des Königs iſt abweſend; in ſeiner Abweſenheit kam der Brief an ſeinen Secretär, der beauftragt war, dieſe Briefe zu öffnen. Er hat alſo dieſen geöffnet, hat mich rufen laſſen, und als man mich fand, die Verhaftung verfügt.“ „Alſo iſt der Schuldige verhaftet?“ fragte die Marquiſe. „Das heißt, der Angeklagte,“ bemerkte Renée. „Ja, gnädige Frau,“ antwortete Villefort,„und wenn man den erwähnten Brief findet, ſo iſt der Kranke, wie ich eben die Ehre hatte, Fräulein Renée zu ſagen, recht ſehr krank.“ „Und wo iſt der Unglückliche?“ fragte Renée. „Er wartet bei mir.“ „Gehen Sie, mein Freund,“ ſagte der Marquis,„ziehen Sie unſere Geſellſchaft nicht der Ausübung Ihrer Pflichten vor, wenn der Dienſt des Königs Sie irgend wo anders erwartet. Gehen Sie alſo, wohin derſelbe Sie ruft.“ „Ach! Herr von Villefort,“ flehte Renée mit gefaltenen Händen, „ſeien Sie nachſichtig, es iſt unſer Verlobungstag.“ Villefort ging um den Tiſch herum, zu dem Stuhle ſeiner Braut, auf deſſen Lehne er ſich ſtützte und zu ihr ſagte: „Um Ihnen, theure Renée, eine Unruhe zu erſparen, werde ich Alles thun, was in meinen Kräften ſteht; aber wenn die Be⸗ ſchuldigungen gegründet ſind, wenn die Anklage richtig iſt, dann wird dieſes böſe bonapartiſtiſche Kraut wohl abgeſchnitten werden müſſen.“ Renée ſchauderte bei dem Worte„abgeſchnitten,“ denn das abzuſchneidende Kraut war der Kopf. —r—— —— — 6 „Pah! pah!“ ſagte die Marquiſe,„hören Sie nicht auf dieſes kleine Mädchen, Villefort; ſie wird ſich zufrieden geben.“ Und ſie reichte Villefort eine trockene Hand, die er küßte, da⸗ bei aber Renée anſah und ihr mit den Augen ſagte: „Es iſt Deine Hand, die ich jetzt küſſe, oder wenigſtens küſſen möchte.“ „Traurige Vorbedeutungen,“ murmelte Renée. „Wirklich, Fräulein,“ ſagte die Marquiſe,„Sie ſind zum Ver⸗ zweifeln kindiſch. Ich frage Sie, was die Beſtimmung des Staates mit ihren Kindereien und Empfindeleien gemein haben kann?“ „O meine Mutter!“ ſtammelte Renée. „Gnade für die ſchlechte Royaliſtin, Frau Marquiſe!“ bat Villefort.„Ich verſpreche Ihnen, mein Amt als Subſtitut des königlichen Procurators gewiſſenhaft zu verwalten, das heißt, ent⸗ ſetzlich ſtreng zu ſein.“ Aber zu derſelben Zeit, als der Staatsbeamte dieſe Worte an die Marquiſe richtete, warf der Bräutigam der Braut einen ver⸗ ſtohlenen Blick zu, welcher ſagte: „Sei ruhig, Renée; um Deiner Liebe willen werde ich nach⸗ ſichtig ſein.“ Renée beantwortete dieſen Blick mit ihrem ſüßeſten Lächeln, und Villefort entfernte ſich mit dem Himmel im Herzen. VII. Das Berhör. Kaum war Villefort aus dem Speiſeſaale getreten, als er ſeine heitere Maske ablegte und die ernſte Miene eines Mannes annahm, der berufen iſt, über Leben und Tod eines Nebenmenſchen zu ent⸗ ſcheiden. Doch war es, ungeachtet der Beweglichkeit ſeiner Phyſiog⸗ nomie und obgleich der Subſtitut des königlichen Procurators, wie ein gewandter Schauſpieler, ſogar bei wichtigen Gelegenheiten vor dem Spiegel ſein Mienenſpiel einzuſtudiren pflegte, dieſes Mal eine ſchwere Aufgabe für ihn, ſeine Augenbrauen zuſammenzuziehen und ſeine Miene zu verdüſtern, denn wirklich war, das Andenken an die politiſche Richtung ſeines Vaters, welche vielleicht ſeine Zukunft noch gefährden konnte, abgerechnet, Gerard von Villefort in dieſem Augenblicke ſo glücklich, wie ein Menſch nur ſein kann. Schon an ſich reich, bekleidete er in einem Alter von ſiebenundzwanzig Jahren ſchon einen hohen Platz unter den Staatsbeamten; er hatte eine ſchöne, junge Braut, die er liebte; übrigens hatte Fräulein von Saint⸗Méran noch außer Schönheit den Vorzug, einer der zu dieſer Zeit am beſten bei Hofe angeſchriebenen Familien anzugehören, und außer dem Einfluſſe ihrer beiden Eltern, den dieſelben, daß ſie nur das einzige Kind hatten, ganz ihrem Schwiegerſohne zuwenden konnten, brachte ſie ihrem Manne eine Ausſtattung von fünfzig⸗ tauſend Thalern zu, die ſich möglicherweiſe einſt noch durch Erbſchaft auf eine halbe Million ſteigern konnte. Alle dieſe einzelnen Umſtände vereinigten ſich alſo für Villefort zu einem ſo blendenden Glücke, daß er Sonnenflecke zu ſehen glaubte, wenn er ſein inneres Leben lange mit dem Blicke der Seele betrachtet hatte. An der Thüre ſtand der Polizei⸗Commiſſair, ſeiner wartend. Der Anblick dieſes ſchwarzen Mannes ſchleuderte ihn augenblicklich ſeine ähm, ent⸗ ſiog⸗ wie vor eine und die kunſt eſem nan hren eine von ieſer und nur enden fzig⸗ ſgaf lände lücke, geben ttend. iclich 71 aus dem dritten Himmel auf unſere proſaiſche Erde zurück; er legte ſein Geſicht in die nöthigen Falten und ſagte zu dem Polizei⸗ beamten: „Mein Herr, hier bin ich; ich habe den Bericht geleſen und bin ganz einverſtanden damit, daß Sie den Mann arretirt haben; geben Sie mir jetzt über ihn und die Verſchwörung, in die er verwickelt iſt, alle die Umſtände an, die Ihnen bekannt ſind.“ „Von einer Verſchwörung, Herr Procurator, wiſſen wir noch nichts,“ antwortete der Commiſſair; alle bei ihm gefundenen Papiere ſind in einen Umſchlag gethan, verſiegelt und auf Ihren Schreib⸗ tiſch gelegt worden. Was den Angeklagten betrifft, ſo haben Sie ihn durch den Anklagebrief kennen gelernt; er heißt Edmond Dantes, iſt Steuermann des Dreimaſters Pharaon, handelt mit Baumwolle in Alexandria und Smyrna und dient dem Hauſe Morrel und Sohn in Marſeille.“ „Hat er, ehe er in die Handels⸗Marine eintrat, in der Militair⸗ Marine gedient?“ fragte Villefort. „O nein, Herr Procurator, er iſt ein ganz junger Mann.“ „Wie alt?“ „Neunzehn, höchſtens zwanzig Jahre.“ In dieſem Augenblicke war Villefort an die Ecke der Rue des Conſuls gekommen und ſah einen Mann auf ſich zukommen, der ihn erwartet zu haben ſchien; es war Herr Morrel. „Ach, Herr von Villefort,“ rief der brave Mann,„wie glücklich bin ich, Sie zu treffen. Denken Sie ſich, daß die merkwürdigſte, die unerhörteſte Verwechslung von der Welt ſtattgefunden hat; man hat den Steuermann meines Schiffes, Edmond Dantes, arretirt.“ „Das weiß ich, mein Herr, und gehe eben nach Hauſe, um ihn zu verhören.“ „O, Herr Procurator,“ fuhr Morrel, durch ſeine Freundſchaft für Edmond hingeriſſen, fort:„Sie kennen den Angeklagten nicht, ich aber kenne ihn. Denken Sie ſich den ſanfteſten, rechtlichſten, jungen Mann, und, wie ich faſt behaupten möchte, einen Mann, der ſich ſo gut auf ſein Fach verſteht, wie nur irgend einer von der ganzen Handels⸗Marine. O, Herr von Villefort, ich empfehle ihn Ihrer Güte von ganzem Herzen und recht angelegentlich.“ Villlefort gehörte, wie der Leſer zu bemerken Gelegenheit gehabt —y— hat, zu dem Adel der Stadt, und Morrel zu der Bürgerſchaft; der Erſtere war Ultra⸗Royaliſt, der Andere im Verdacht, ein Anhänger Napoleon's zu ſein. Villefort ſah Morrel geringſchätzend an und ſagte kalt: „Sie wiſſen, mein Herr, daß man ſonſt im Privatleben rechtlich in Geſchäften, geſchickt in ſeinem Fache, aber nichtsdeſtoweniger in politiſcher Hinſicht ſtrafbar ſein kann; Sie wiſſen das, nicht wahr, mein Herr?“ 3 Der Staatsmann legte einen beſonderen Nachdruck auf dieſe Worte, als ſage er dieſelben in Anwendung auf den Rheder ſelbſt, während ſein Blick in das Innerſte des Herzens dieſes Mannes zu dringen ſuchte, der die Dreiſtigkeit hatte, ſich für einen Andern zu verwenden, während er ſich bewußt ſein mußte, ſelbſt der Nachſicht zu bedürfen. Morrel erröthete, denn allerdings war ſein Gewiſſen in politi⸗ ſcher Hinſicht nicht ganz rein, und zudem beunruhigte die Erzählung Dantes von ſeinem Zuſammentreffen mit dem Großmarſchall und ſeiner Unterredung mit dem Kaiſer ihn etwas, Er fügte indeſſen mit dem Ausdrucke der lebhafteſten Theilnahme hinzu: „Ich bitte Sie inſtändigſt, Herr von Villefort, ſeien Sie gerecht, wie Sie ſein müſſen, und gut, wie Sie immer ſind, und geben Sie uns recht bald den armen Dantes wieder.“ „Dieſes„geben Sie uns“ klang in den Ohren des Sub⸗ ſtituten des königlichen Procurators revolutionär. „Ei! ei!“ dachte er,„geben Sie uns? Sollte dieſer Dantes zu einer Geſellſchaft von Carbonari's gehören, für die ſein Beſchützer ihn zurückverlangt? Der Commiſſair ſagte mir, man habe ihn in einem Wirthshauſe in großer Geſellſchaft gefunden, das wird der Sammelplatz ſein.“ Dann fügte er laut hinzu: „Mein Herr, Sie können vollkommen ruhig ſein und ſollen ſich nicht umſonſt auf meine Gerechtigkeit berufen haben, wenn der Ge⸗ fangene unſchuldig iſt; iſt er aber ſtrafbar, wir leben in einer Zeit, mein Herr, wo es ſehr nachtheilige Folgen haben könnte, ein ſolches Vergehen ungeſtraft zu laſſen; ich werde alſo in dem Falle gezwungen ſein, meine Pflicht zu thun.“ Damit ging er, da er ſoeben an ſeinem, an den Juſtizpalaſt angeft von fl beweg⸗ Seiten cretair zu ihn S er doc los P dem ſi halbge ließen. Yilefo daß m nicht t ſem C fühle, räumte eine A beitsti D ſeinen einem ders fort's, nicht glanzle finſter die. ternd. worden lichen 73 anſtoßenden Hauſe angelangt war, kalt grüßend, majeſtätiſch hinein. Der unglückliche Rheder blieb wie verſteinert auf der Stelle ſtehen, wo Villefort ihn verlaſſen hatte. Das Vorzimmer war mit Gensd'armen und Polizei⸗Beamten angefüllt. Mitten unter ihnen ſtand, ſtreng von ihnen bewacht und von flammenden Blicken politiſchen Haſſes umgeben, ruhig und un⸗ beweglich der Gefangene. Villefort warf im Vorbeigehen einen Seitenblick auf Dantes, nahm ein Papier aus der Hand eines Se⸗ cretairs, ging in ſein Arbeitszimmer und befahl, den Gefangenen zu ihm zu führen. So ſchnell der Blick war, den Villefort auf Dantes warf, hatte er doch hingereicht, ihn vortheilhaft für denſelben einzunehmen. Er las Verſtand und Einſicht auf der breiten, freien Stirn, Muth in dem ſichern Auge mit den kühnen Brauen, Offenheit in den vollen, halbgeöffneten Lippen, die zwei Reihen blendend weiße Zähne ſehen ließen. Der erſte Eindruck war alſo günſtig für Dantes. Aber Villefort hatte als Hauptregel der Politik ſo oft behaupten hören, daß man dem erſten Eindruck, wenn er vortheilhaft ſei, als Richter nicht trauen dürfe, daß er ſein eigenes Gefühl überwand, um die⸗ ſem Grundſatze zu folgen. Er erſtickte alſo die wohlwollenden Ge⸗ fühle, die in ſeinem Herzen die Oberhand gewinnen wollten, und räumte dem Verſtande das Uebergewicht ein, nahm vor dem Spiegel eine Amtsmiene an und nahm, finſter und drohend, an ſeinem Ar⸗ beitstiſche Platz. Einen Augenblick ſpäter trat Dantes ein. Der junge Mann war bleich, aber ruhig und heiter. Er grüßte ſeinen Richter mit gefälliger Höflichkeit und ſah ſich dann nach einem Stuhle um, als befände er ſich in dem Salon ſeines Rhe⸗ ders Morrel. Jetzt begegnete er dem nichtsſagenden Blicke Ville⸗ fort's, dieſem eigenthümlichen Blicke der Herren von der Juſtiz, die nicht wollen, daß man in ihrem Herzen lieſ't, und deren Auge ein glanzloſes Glas iſt. Dieſer Blick belehrte ihn, daß er vor dem finſtern Geſichte der Juſtiz ſtand. „Wer ſeid Ihr, und wie iſt Euer Name?“ fragte Villefort, die Papiere, die der Secretair ihm eingehändigt hatte, durchblät⸗ ternd. Sie waren ſeit einer Stunde ſchon ziemlich umfangreich ge⸗ worden, ſo ſchnell hängt ſich das Spionirſyſtem an einem unglück⸗ lichen Gefangenen. 74 „Ich heiße Edmond Dantes, mein Herr,“ antwortete der junge Mann mit ruhiger, wohlklingender Stimme,„und bin Steuermann auf dem Schiffe Pharaon, welches den Herren Morrel und Sohn angehört.“ „Euer Alter?“ „Neunzehn Jahre.“ „Was thatet Ihr in dem Augenblicke, als Ihr arretirt wurdet?“ „Ich wohnte meinem eigenen Verlobungsſchmauſe bei,“ ant⸗ wortete Dantes mit leicht bewegter Stimme, ſo ſchmerzlich war der Unterſchied zwiſchen jenen Momenten der Freude und der ernſten Formalität, der er jetzt unterworfen war, ſo ſehr ſtach das finſtere Geſicht Villefort's gegen die in ſeiner Erinnerung im hellſten Lichte ſtrahlende Schönheit ſeiner Mercedes ab. „Ihr feiertet Eure Verlobung?“ entgegnete der Subſtitut, un⸗ willkürlich ſchaudernd. „Ja, Herr, ich bin im Begriff ein Mädchen zu heirathen, das ich ſeit drei Jahren liebe.“ „So unerſchütterlich Villefort im Amte gewöhnlich war, ſo wurde er doch von dieſem Umſtande frappirt, und die bewegte Stimme deſſen, der ſo unſanft aus dem vollen Genuſſe des ſüßeſten Glücks geriſſen war, ſchlug eine gleichtönende Saite in ſeiner Seele an. Auch er war im Begriff, ſich zu verheirathen; auch er war glücklich und ſoeben in ſeiner Freude geſtört, um die Freude eines Mannes zu vernichten, der, wie er, an der Schwelle des Glückes ſtand. Dieſe Gleichheit der Verhältniſſe, dachte er, wird großen Effect bei meiner Rückkehr in den Salon des Hauſes Saint⸗Méran machen. Und er arbeitete im Geiſte, während Dantes ſeine weiteren Fragen erwartete, vorläufig eine Erzählung aus, von der er, da er ſie mit allem rhetoriſchen Prunk ausſtattete, eine ſehr vortheilhafte Auf⸗ nahme in dem eleganten Zirkel, der ſeiner wartete, ſich verſprach. Ueber dieſes kleine, innere Intermezzo wohlgefällig lächelnd, wendete er ſich nun zu Dantes zurück. „Fahren Sie fort, mein Herr,“ ſagte er.— „Was befehlen Sie, daß ich zu thun fortfahren ſoll?“ fragte Dantes. „Der Juſtiz Aufklärungen geben.“ „Wenn die Juſtiz mir ſagt, worüber ſie von mir Aufklärungen — 75 verlangt, bin ich bereit, Alles zu ſagen, was ich weiß. Doch bevor⸗ worte ich,“ fügte er lächelnd hinzu,„daß das ſehr wenig iſt, denn ich weiß nicht viel.“ „Haben Sie unter dem Uſurpator gedient?“ „Ich trat bei der Handels⸗Marine ein, als er abdankte.“ „Man klagt Sie übertriebener, politiſcher Schwärmerei an,“ entgegnete Villefort, dem hiervon keine Silbe geſagt war, der es aber bequem fand, ſeine Frage in eine Anklage zu kleiden. „Politiſche Schwärmerei! ich? Ach, Herr Procurator! ich ſchäme mich faſt, es zu ſagen, aber ich habe mich niemals um Politik be⸗ kümmert. Ich bin, wie ich ſchon die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen, kaum neunzehn Jahre alt; ich bin nichts und bin auch nicht zu irgend einer Rolle beſtimmt; das Wenige, was ich bin und was ich zu werden hoffe, wenn ich die Stelle erhalte, die meine kühnſten Wünſche befriedigt, werde ich Herrn Morrel zu verdanken haben. Auch beſchränken ſich alle meine, nicht politiſchen, aber Privat⸗ Meinungen auf dieſe drei Empfindungen: Ich liebe meinen Vater, verehre Herrn Morrel und bete Mercedes an. Dies, Herr, iſt Alles, was ich der Juſtiz antworten kann. Sie werden finden, daß es von geringem Intereſſe iſt.“ Während Dantes ſprach und Villefort ſein ſanftes, offenes Ge⸗ ſicht betrachtete, fielen ihm Renée's Worte, die ihn, ohne den Ge⸗ fangenen zu kennen, um Nachſicht für denſelben gebeten hatte, ein. Ungeachtet der Subſtitut ſchon an Verbrechen und Verbrecher ge⸗ wöhnt und gewiſſermaßen abgehärtet gegen dieſelben war, ſah er doch bei jedem Worte, bei jeder Miene des Angeklagten deſſen Un⸗ ſchuld unbezweifelbarer ein. Wirklich übertrug dieſer junge Mann, man möchte ſagen, dieſes Kind, ſo einfach, natürlich, mit jener Be⸗ redtſamkeit des Herzens, der man es anhört, daß ſie ungekünſtelt iſt, und die ſich Niemand, der ſie ſucht, aneignen kann, voll Liebe für alle Menſchen, im Gefühle ſeines Glückes, ſogar auf ſeinen Richter die ſanfte Milde, von der ſein Herz überwallte. Edmond hatte in ſeinem Blicke, ſeiner Stimme und ſeinen Geberden, ſo barſch und ſtreng Villefort gegen ihn geweſen war, nur ſchmei⸗ chelnde Güte gegen den, der ihn verhörte. „Der Tauſend!“ ſagte Villefort zu ſich ſelbſt,„das iſt ja ein herrlicher Junge, und es wird mir hoffentlich nicht ſchwer fallen, 76 mir einen guten Willkommen bei Renée zu verdienen, indem ich denno die erſte Verwendung, die ſie bei mir eingelegt hat, erfülle. Das ſiebe wird mir einen ſchönen Händedruck öffentlich und einen ſüßen Kuß lie im Verborgenen einbringen.“ Und bei dieſer doppelten Hoffnung thun erheiterte ſich Villefort's Miene ſo ſehr, daß Dantes, der alle Ver⸗ Und änderungen des Geſichts und ſeines Richters beobachtet hatte, jetzt durch das Lächeln deſſelben mit dem ſeinigen erwiderte. dieſer „Haben Sie vielleicht Feinde, mein Herr?“ fragte Villefort. „Ich, Feinde?“ entgegnete Dantes;„ich bin glücklicherweiſe zu freimi unbedeutend, um Feinde zu haben. Was meinen noch etwas heftigen Nann Charakter anbetrifft, ſo habe ich mich immer ernſtlich bemüht, den⸗ im y ſelben im Verkehr mit meinen Untergebenen zu beherrſchen. Ich habe zehn bis zwölf Matroſen unter meinem Befehle; laſſen Sie mit2 dieſelben befragen, und Sie werden hören, daß ſie mich, nicht wie„ einen Vater, denn dazu bin ich noch zu jung, aber wie einen ältern auf S Bruder lieben.“ meines „Nun denn,“ fuhr Villefort fort,„wenn Sie keine Feinde ha⸗. ben, ſollte vielleicht Jemand neidiſch oder eiferſüchtig auf Sie ſein? Renée Sie ſollen in einem Alter von neunzehn Jahren zum Capitain er⸗ mich! nannt werden, was für Ihren Stand ein hoher Poſten iſt. Sie. ſind im Begriff, ein ſchönes Mädchen zu heirathen, die Sie liebt, laſſen was in allen Fällen des Lebens ein ſeltenes Glück iſt. Dieſe beiden da wi Begünſtigungen des Glückes können Ihnen Neider erweckt haben.“ der 9 „Ja, Sie haben Recht; Sie müſſen mehr Menſchenkenntniß die K. haben, als ich, und es mag ſich ſo verhalten; aber wenn dieſe Nei⸗ nich g der unter meinen Freunden ſein ſollten, ſo geſtehe ich Ihnen, daß— J ich ſie lieber nicht kennen will, um ſie nicht haſſen zu müſſen.“ Ehre, „Da haben Sie Unrecht, mein Herr; man muß immer ſo viel Wicht als möglich klar um ſich ſehen, und Sie ſcheinen mir wirklich ein N ſo wackerer, junger Mann zu ſein, daß ich zu Ihren Gunſten von Dberh den hergebrachten ſtrengen Regeln der Juſtiz abgehen und Ihnen nehme helfen will, Ihnen Licht in der Sache zu verſchaffen, indem ich Perraj Ihnen die Anklage mittheile, in Folge deren Sie hier vor mir dieſen ſtehen. Hier iſt der Brief: erkennen Sie die Handſchrift?“ Brief Dantes betrachtete und las den ihm von dem Subſtituten dar⸗ g gereichten Brief. Eine Wolke verfinſterte ſeine Stirn und er ſagte: und „Nein, Herr, ich kenne dieſe Schrift nicht; ſie iſt verſtellt, aber rpit —-nidͤp——y—-·— 1— nes— Capitain; aber vielleicht iſt der Zutritt zu dem Großmarſchall nicht 77 dennoch geläufig. Auf jeden Fall war es eine geübte Hand, die ſie verfaßte. Ich ſchätze mich ſehr glücklich,“ fügte er mit dankbarem Blicke auf Villefort hinzu,„mit einem Manne, wie Sie ſind, zu thun zu haben; denn mein Neider muß ein wahrer Feind ſein.“ Und der Blitz, der bei dieſen Worten die Augen des jungen Mannes durchleuchtete, zeigte Villefort die Heftigkeit und Energie, die mit dieſer Sanftmuth und Biederkeit vereint war. 4 „Jetzt, mein Herr,“ ſagte der Subſtitut,„antworten Sie mir freimüthig, nicht wie der Angeklagte dem Richter, ſondern wie ein Mann in einer verwickelten Lage dem antwortet, der Antheil an ihm nimmt: was iſt Wahres an dieſer anonymen Anklage?“ Hiermit warf Villefort den Brief, den Dantes ihm zurückgab, mit Widerwillen auf den Tiſch. „Alles und Nichts, mein Herr, denn die reine Wahrheit iſt, auf Seemanns⸗Ehre, bei meiner Liebe zu Mercedes und dem Leben meines Vaters, Folgendes.“ „Reden Sie,“ ſagte Villefort laut, und fügte leiſe hinzu:„Wenn Renée mich ſähe, würde ſie hoffentlich zufrieden mit mir ſein und mich nicht mehr einen Kopfabſchneider nennen.“ „Hören Sie alſo,“ fuhr Dantes fort:„als wir Neapel ver⸗ laſſen hatten, befiel dem Capitain Leclerc eine Gehirnentzündung; da wir keinen Arzt am Bord hatten, und er, um ſehr eilig nach der Inſel Elba zu gelangen, keinen Aufenthalt geſtatten wollte, ſtieg die Krankheit ſo ſchnell, daß er gegen das Ende des dritten Tages mich an ſein Bett rufen ließ, weil er ſein Ende herannahen fühlte. — Mein lieber Dantes, ſagte er mir, ſchwören Sie mir auf Ihre Ehre, zu thun, was ich Ihnen auftragen will, da es von der höchſten Wichtigkeit iſt.— Ich ſchwöre es Ihnen, Capitain, antwortete ich. — Nun wohll da Ihnen als Steuermann nach meinem Tode der Oberbefehl über das Schiff zukommt, ſo werden Sie denſelben über⸗ nehmen. Sie werden an der Inſel Elba landen, ſich nach Porto⸗ Ferrajo begeben, nach dem Großmarſchall Bertrand fragen und ihm dieſen Brief einhändigen; vielleicht wird derſelbe Ihnen einen anderen Brief übergeben und Ihnen einen Auftrag ertheilen. Dieſen Auf⸗ trag, Dantes, der mir zugedacht war, erfüllen Sie an meiner Statt und alle damit verknüpfte Ehre ſei Ihre.— Ich werde es thun, 78 ſo leicht, als Sie glauben.— Nehmen Sie dieſen Ring, erwiderte Ihr I hierauf der Capitain; derſelbe wird Ihnen, wenn Sie ihn zu Ihrer rnhig! Beglaubigung an den Großmarſchall ſenden, auf jeden Fall Zutritt 7 verſchaffen.— Mit dieſen Worten übergab er mir einen Ring. Es ntyüc war die höchſte Zeit geweſen, denn zwei Stunden darauf fing er 3 an zu fantaſiren, kam nicht wieder zur Beſinnung und war den 3 andern Morgen todt.“ andere „Und was thaten Sie alsdann?“ Schriſt „Was ich thun mußte, Herr Procurator, und was jeder Andere 7 an meiner Stelle gethan haben würde. Die Bitten eines Sterben⸗ Hut un den ſind immer heilig; aber bei den Seeleuten beſonders ſind die 5 Bitten eines Vorgeſetzten unverbrüchliche Befehle. Ich ging alſo antwor unter Segel nach Elba, wo ich den folgenden Tag anlangte; ich A befahl der ganzen Mannſchaft an Bord zu bleiben und ging allein druch n an's Land. Wie ich vorhergeſehen hatte, wurden mir Schwierig⸗ purüd, keiten gemacht, zu dem Großmarſchall zu gelangen, die der Ring welches indeſſen ſogleich hob. Er empfing mich, befragte mich um alle Um⸗ raſch d ſtände bei dem Tode unſers armen Capitain Leclerc und übergab einen mir, wie derſelbe vorausgeſagt hatte, einen Brief, den er mich be⸗ 9 auftragte, ſelbſt nach Paris zu bringen. Ich verſprach es ihm, denn inmer ich erfüllte damit nur mein dem ſterbenden Capitain gegebenes Ver⸗ ſprechen. Ich kehrte ſogleich an Bord zurück und ging nach Mar⸗ ſeille unter Segel, wo ich geſtern anlangte, und ſo ſchnell als möglich alle Angelegenheiten mit der Douane und der Sanitäts⸗Commiſſion erledigte. Nachdem ich nun meiner Kindespflicht genügt und mich von dem Wohlbefinden meines Vaters überzeugt hatte, eilte ich zu ein gre meiner Braut, die ich ſchöner und liebevoller als je wiederfand. err, Dem Anſehen Herrn Morrel's dankten wir es, daß wir die kirchlichen den ich Förmlichkeiten in wenigen Stunden beſeitigen konnten, und feierten wirklich, wie ich Ihnen, Herr Procurator, ſchon geſagt habe, ſoeben deſen unſere Verlobung nicht nur, ſondern wollten uns in einer Stunde verheirathen, als ich gefangen genommen wurde.“ „Ja, ja,“ murmelte Villefort,„das ſcheint mir Alles wahr zu ſein, und wenn Sie ſchuldig ſind, ſo iſt es höchſtens aus Unvor⸗ denelt ſichtigkeit, welche noch dazu durch den Auftrag Ihres Capitains eine gewiſſe Pflichterfüllung war. Liefern Sie uns den Brief aus, der Ihnen auf der Inſel Elba übergeben wurde. Geben Sie mir / kennen 1/ ————————ʒõ——y ·.— 1 79 Ihr Wort, ſich der erſten Forderung zu ſtellen, und gehen Sie jetzt ruhig zu den Ihrigen zurück.“ „Ich bin alſo frei, Herr Procurator?“ rief Dantes im höchſten Entzücken. „Ja, geben Sie mir nur den Brief.“ „Er muß in Ihren Händen ſein, denn er wurde mir mit meinen anderen Papieren abgenommen, von denen ich in dieſem Padet einige Schriften erkenne.“ „Warten Sie,“ ſagte der Subſtitut zu Dantes, der ſchon nach Hut und Handſchuhen griff,„warten Sie; an wen war er adreſſirt?“ „An Herrn Noirtier, Straße Coq⸗Heron in Paris,“ antwortete Dantes. Wenn ein Blitzſtrahl Villefort getroffen hätte, konnte der Ein⸗ druck nicht ſchneller und unvorbereiteter ſein; er ſank in den Stuhl zurück, aus dem er ſich erhoben hatte, um das Päckchen Papiere, welches Dantes betraf, von dem Tiſche zu nehmen, und daſſelbe raſch durchblätternd, zog er den verhängnißvollen Brief, auf den er einen Blick unſäglichen Entſetzens warf, daraus hervor. „Herrn Noirtier, Straße Coq⸗Heron Nr. 13,“ murmelte. er, immer mehr erbleichend. „Ja, mein Herr,“ antwortete Dantes erſtaunt;„kennen Sie ihn?“ „Nein,“ entgegnete Villefort lebhaft,„ein treuer Diener des Königs kennt keine Aufrührer.“ „Es iſt alſo wirklich hier von einer Verſchwörung die Rede?“ fragte Dantes, den jetzt, nachdem er ſich ſchon frei geglaubt hatte, ein größeres Entſetzen als zuvor überkam,„auf jeden Fall, mein Herr, war mir, wie ich Ihnen ſchon ſagte, der Inhalt des Briefes, den ich zu beſtellen übernommen hatte, vollſtändig unbekannt.“ „Ja,“ antwortete Villefort dumpf,„aber Sie wiſſen den Namen deſſen, an den er gerichtet iſt.“ „Um ihm denſelben ſelbſt einzuhändigen, mußte ich ihn natürlich kennen.“ „Und haben Sie dieſen Brief Niemand gezeigt?“ ſagte Villefort, denſelben leſend und dabei immer mehr erbleichend. „Niemand, mein Herr, auf Ehre.“ „Weiß Niemand, daß Sie einen Brief in Elba erhielten, der an Herrn Noirttier gerichtet iſt?“ „Niemand außer dem, der ihn mir gegeben hat.“ „Es iſt zu viel, es iſt wahrlich zu viel,“ murmelte Villefort; ſeine Stirn verdüſterte ſich immer mehr, je näher er dem Ende des Briefes kam, ſeine Lippen entfärbten ſich, ſeine Hände zitterten, ſeine glühenden Augen regten in Dantes geängſtigtem Geiſte die traurig⸗ ſten Ahnungen auf. Nachdem Villefort den Brief bis zu Ende geleſen hatte, ließ er den Kopf in ſeine Hände ſinken und blieb einen Augenblick be⸗ wegungslos. „Mein Gott, Herr Procurator, was iſt Ihnen denn?“ fragte Dantes furchtſam. Villefort antwortete nicht, hob aber nach einigen Augenblicken ſein Geſicht bleich und antſelt empor und las den Brief noch einmal. „Und Sie behaupten, nicht zu wiſſen, was dieſer Brief ent⸗ hält?“ fuhr Villefort fort. „Auf Ehre, ich wiederhole es Ihnen, ich weiß es nicht. Aber was iſt Ihnen? mein Gott, Ihnen wird unwohl? Soll ich ſchellen? ſoll ich rufen?“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Villefort, heftig aufſpringend,„rühren Sie ſich nicht, ſagen Sie kein Wort; nicht Sie, ich habe hier Be⸗ fehle zu geben.“ „Mein Herr,“ ſagte Dantes verletzt,„es war, um Ihnen zu Hilfe zu kommen; entſchuldigen Sie meine Dreiſtigkeit wegen der guten Abſicht, die ihr zu Grunde lag.“ „Ich bedarf Nichts, es war ein vorübergehender Schwindel, weiter Nichts; beſchäftigen Sie ſich mit ſich und nicht mit mir; ant⸗ worten Sie.“ Vergebens erwartete Dantes die Frage, welche dieſe Worte an⸗ zukündigen ſchienen; Villefort ſank in ſich zuſammen, legte ſeine Stirn in ſeine eiskalten Hände und las zum dritten Male den Un⸗ glücksbrief.„Gott, wenn er wüßte, was dieſer Brief enthält, und wenn er dann einſt erführe, daß dieſer Noirtier Villefort's Vater iſt, dann wäre ich verloren, verloren für immer...“ Und von Zeit zu Zeit ſah er Edmond an, als hätte ſein Blick die undurchdringliche Scheidewand brechen können, welche die Geheimniſſe der Herzen, die der Mund verſchweigt, ſichert. 81 „Ol zaudern wir nicht länger,“ rief er plötzlich,„es giebt kein anderes Mittel.“ „Aber um des Himmels willen, Herr Procurator,“ flehte der unglückliche Jüngling,„wenn Sie Argwohn hegen, wenn Sie mir nicht trauen, fragen Sie mich doch nur, ich bin bereit zu antworten.“ Villefort bezwang ſich mit ungeheurer Anſtrengung, und ſagte mit mühſam angenommener Feſtigkeit: „Mein Herr, Ihr Verhör giebt ein ſehr wichtiges, ſehr bedenk⸗ liches Reſultat; ich kann Ihnen alſo nicht, wie ich ſoeben noch hoffte, ſogleich die Freiheit wiedergeben; ich muß, ehe ich mir das erlaube, mit dem Inſtructions⸗Richter Rückſprache nehmen. Uebrigens haben Sie geſehen, wie ich gegen Sie gehandelt habe.“ „O ja, Herr Procurator!“ rief Dantes,„und ich danke Ihnen dafür, denn Sie waren eher ein Freund, als ein Richter gegen mich.“ „Nun alſo! ich muß Sie noch einige Zeit in Haft behalten, ſo kurze Zeit als es mir möglich ſein wird; die größte Beſchwerde, die gegen Sie exiſtirt, iſt dieſer Brief, und ſehen Sie...“ Villefort ging zum Kamin, warf den Brief hinein und blieb dabei, bis derſelbe in Aſche zerfallen war. „Und Sie ſehen,“ fuhr er fort,„ich vernichte ihn.“ „O!“ rief Dantes,„Sie ſind mehr als gerecht, Sie ſind die Güte ſelbſt.“ „Aber hören Sie,“ fuhr Villefort fort,„nach einer ſolchen Hand⸗ lung werden Sie begreifen, daß Sie Zutrauen zu mir haben können, nicht wahr?“ „Ach! Herr, befehlen Sie, was ſoll ich thun?“ „Nein,“ ſagte Villefort, ſich dem jungen Manne nähernd,„ich befehle nicht, ich rathe Ihnen blos.“ „Sagen Sie, und ich werde Ihren Rath befolgen wie einen Befehl.“ „Ich will Sie bis zum Abend hier im Juſtiz⸗Palaſt behalten; vielleicht wird ein Anderer kommen, Sie nochmals zu verhören. Sagen Sie Alles, was Sie mir geſagt haben, aber Keinem, wer es auch ſei, nur eine Sylbe von dieſem Briefe.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ Jetzt war es Villefort, der zu bitten, der Gefangene war es, der dem Richter Muth einzuſprechen ſchien. „Sie begreifen,“ ſagte Villefort,„daß jetzt, wo der Brief, um Der Graf von Monte⸗Chriſto. 6 deſſen Exiſtenz nur wir Beide wußten, vernichtet iſt, Niemand Ihnen denſelben vorhalten kann; läugnen Sie alſo, wenn man Sie darum befragt, läugnen Sie dreiſt, und Sie ſind gerettet.“ „Ich werde läugnen, ſeien Sie unbeſorgt,“ antwortete Dantes. „Gut, gut,“ entgegnete Villefort, die Klingelſchnur faſſend, dann hielt er plötzlich inne und fragte:„War dieſes der einzige Brief, den Sie hatten?“ „Der einzige.“ „Schwören Sie es mir.“ Dantes erhob die Hand und ſagte:„Ich ſchwöre.“ Die Schelle ertönte: der Polizei⸗Commiſſair erſchien. Villefort näherte ſich demſelben und ſagte ihm einige Worte in's Ohr, die er mit einem einfachen Kopfnicken beantwortete. „Folgen Sie dem Herrn,“ ſagte Villefort zu Dantes; dieſer verneigte ſich, warf einen letzten Blick der Dankbarkeit auf Villefort und folgte dem Commiſſair. Kaum war die Thür hinter ihm zu⸗ gefallen, als die Kräfte den Subſtituten verließen und er faſt ohn⸗ mächtig in ſeinen Stuhl ſank,; als er ſich etwas erholt hatte, rief er: „O, mein Gott, woran hängen Leben und Glück! Wenn der Procurator des Königs in Marſeille geweſen wäre, oder man hätte ſtatt meiner den Inſtructions⸗Richter gerufen, ich wäre verloren, und dieſer Brief, dieſer verfluchte Brief ſtürzte mich in den Abgrund. Ach! mein Vater, mein Vater! wirſt Du denn immer ein Hinderniß meines Glückes auf Erden ſein? und ſoll ich ewig mit Deiner Ver⸗ gangenheit zu kämpfen haben? Dann ſchien plötzlich ein unerwar⸗ teter Lichtſtrahl ſeinen Geiſt zu erhellen und erleuchtete ſein Geſicht; ein Lächeln glättete ſeine zuſammengezogenen Lippen, ſeine irren Augen nahmen wieder ihren gewöhnlichen, feſten und entſchloſſenen Ausdruck an, und er dachte ſichtlich beruhigt über Etwas nach.— „So iſt es,“ ſagte er,„ja, dieſer Brief, der mich hätte ſtürzen können, macht vielleicht mein Glück. Auf denn, Villefort, an's Werk!“ Und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß der Gefangene nicht mehr im Vorzimmer war, ging der Subſtitut des königlichen Pro⸗ curators auch hinaus und eilte nach dem Hauſe ſeiner Braut. hnen arum antes. dann Brief, lefort die er dieſer lefort m zu⸗ ohn⸗ jef er: mn der hätte loren, vrund. derniß Ver⸗ erwar⸗ eſicht; irren oſſenen ch.— ſtürzen Lerkl“ enicht Pro⸗ —.ꝛ— —— VIII. Schloß 3f. Indem der Polizei⸗Commiſſair durch das Vorzimmer ging, machte er zwei daſelbſt wartenden Gensd'armen ein Zeichen, worauf dieſelben Dantes in ihre Mitte nahmen und durch eine Thür, welche aus der Wohnung des königlichen Procurators in den Juſtiz⸗Palaſt führte, mit demſelben gingen. So wie Villefort's Zimmer an den Juſtiz⸗Palaſt ſtieß, ſo ſtieß der Juſtiz⸗Palaſt an das Gefängniß, dieſes traurige, dem Palaſte ſich anſchließende Denkmal, welches aus allen ſeinen gähnenden Oeffnungen auf den Glockenthurm des Acoules, der ſich vor ihm erhebt, hinſieht. Nach vielen Um⸗ biegungen des langen Corridors, durch den er geführt wurde, ſah Dantes eine Thür mit einem eiſernen Gitterfenſterchen, welches ſich, nachdem der Polizei⸗Commiſſair mit einem eiſernen Hammer drei Schläge, die in Dantes Herzen widerhallten, daran gethan hatte, für ihn öffnete. Die beiden Gensd'armen drängten ihn, da er zau⸗ derte, ſanft vorwärts, er überſchritt die verhängnißvolle Schwelle, die Thür ſchloß ſich geräuſchvoll hinter ihm. Er athmete eine andere Luft, ſie war mephitiſch und ſchwer, er war im Gefängniſſe. Er wurde in eine ziemlich anſtändige, aber vergitterte und ver⸗ riegelte Stube geführt; daher flößte der Anblick ſeines Aufenthalts⸗ ortes ihm keine große Furcht ein. Uebrigens tönten die Worte des Subſtituten, mit einer ſo ſcheinbar theilnehmenden Stimme und Miene ausgeſprochen, ihm wie eine ſanfte Verheißung der Hoffnung noch in den Ohren. Es war ſchon vier Uhr, als Dantes in ſeine Stube geführt wurde. Es war der erſte März, die Tage nahmen noch ſchnell ab, der Gefangene befand ſich alſo bald in völliger Dunkel⸗ heit. Jetzt ſchärfte ſich bei ihm der Sinn des Gehörs in dem Grade, als der des Geſichts ruhte. Bei dem geringſten Geranich erhob er — — — — 84 ſich, überzeugt, daß man komme, ihn in Freiheit zu ſetzen, raſch, und machte einen Schritt nach der Thür. Aber bald verlor das Geräuſch ſich nach einer anderen Richtung hin und Dantes ſank auf ſeinen Schemel zurück. Endlich, gegen 10 Uhr Abends, als Dantes ſchon alle Hoff⸗ nung aufgegeben hatte, für heute noch berückſichtigt zu werden, hörte er abermals das Geräuſch von Schritten, die ſich ſeiner Stube zu nähern ſchienen, und täuſchte ſich dieſes Mal nicht. Denn wirklich näherten ſich die Schritte immer mehr und hielten vor ſeiner Thüre an; ein Schlüſſel wurde in dem Schloſſe gedreht, die Riegel klirrten, die Thür öffnete ſich und der Schein von zwei Fackeln erhellte das Zimmer. Bei dem Scheine dieſer Fackeln ſah Dantes die gezogenen Säbel und die Bajonnette von vier Gens⸗ d'armen glänzen. Er hatte zwei Schritte vorwärts gethan, jetzt blieb er, da er dieſe verſtärkte Bewachung ſah, unbeweglich und er⸗ ſtarrt auf ſeinem Platze. „Kommt Ihr, mich abzuholen?“ fragte Dantes. „Ja,“ antwortete einer der Gensd'armen. „Im Namen des Herrn Subſtituten?“ „Nun, ich denke es.“ „Gut, ich bin bereit, Euch zu folgen.“ Die Ueberzeugung, daß der Herr von Villefort ihn holen laſſe, benahm dem unglücklichen jungen Mann alle Beſorgniß. Er folgte alſo mit ruhigem Herzen und freiem Gange und ſtellte ſich ſelbſt in die Mitte ſeiner Escorte. Ein Wagen wartete vor der Thür, neben dem Kutſcher ſaß ein Gefreiter. „Iſt denn dieſer Wagen für mich beſtimmt?“ fragte Dantes verwundert. „Für Sie,“ antwortete einer der Gensd'armen;„ſteigen Sie ein.“ Dantes wollte einige Bemerkungen machen; aber die Thüre öff⸗ nete ſich und er fühlte ſich hineingeſtoßen. Er konnte und wollte keinen Widerſtand leiſten. So ſaß er denn nun im Fond des Wa⸗ gens zwiſchen zwei Bewaffneten; die beiden Anderen ſaßen ihm gegenüber, und die ſchwere Maſchine ſetzte ſich mit dumpfem Rollen in Bewegung. Der Gefangene ſah nach den Fenſtern des Wagens, ſie waren vergittert; er hatte nur ein Gefängniß mit dem andern vertauſcht, mit dem Unterſchiede, daß das jetzige ihn vollends einem — 3,·.· unbe Gitte de l Tan durc befa hielt Sold Sche man dacht ſprei einen vom men Dol im fan Hin deſſ des des von inem 8⁵ unbekannten Ziele zuführte. Dantes bemerkte indeß doch durch die Gitter, durch welche er keine Hand ſtecken konnte, daß er die Straße de la Caiſſerie entlang und durch die Straßen St. Laurent und Tamaris nach dem Quai hinabgefahren wurde. Bald bemerkte er durch die Gitter des Wagens und des Monuments, an dem ſie ſich befanden, daß ſie an der Hauptwache angelangt waren. Der Wagen hielt, der Gefreite ſtieg ab und ging in die Wachtſtube; ein Dutzend Soldaten kamen heraus und bildeten ein Spalier. Dantes ſah im Scheine der Laternen des Quai's ihre Bajonnette glänzen.„Sollte man um meinetwillen eine ſolche militairiſche Gewalt anwenden?“ dachte Dantes. Der Gefreite beantwortete dieſe Frage, ohne eine Sylbe zu ſprechen, dadurch, daß er die Thür des Wagens aufſchloß und ihm einen Wink mit der Hand gab, durch die zwei Reihen der Soldaten vom Wagen bis zum Hafen zu gehen. Die vier Gensd'armen nah⸗ men ihn in die Mitte und führten ihn zu einem Nachen, den ein Douanen⸗Schiffer an der Kette hielt. Die Soldaten betrachteten ihn im Vorbeigehen mit einfältiger Neugier. In wenigen Minuten be⸗ fand er ſich, immer noch von den vier Gensd'armen umgeben, im Hintertheile des Nachens, während der Gefreite im Vordertheile deſſelben Platz genommen hatte. Ein kräftiger Stoß entfernte den Nachen vom Ufer; vier Ruderer begannen rüſtig ihr Geſchäft, auf einem Ruck aus dem Nachen löſ'te ſich die Kette und Dantes befand ſich im Fahrwaſſer, wie die Seeleute ſagen. Die erſte Bewegung des Gefangenen, als er ſich in freier Luft und auf dem Waſſer, ſeinem Elemente, fühlte, war Freude. Die Luft iſt beinahe Frei⸗ heit; er athmete alſo mit voller Bruſt dieſe friſche Kühle, welche auf ihren Schwingen alle unbekannten Gefühle der Nacht und des Meeres trägt. Bald indeſſen entlockte ihm der Anblick von dem Gaſthauſe des Vaters Pamphile, an dem ſie ganz nahe vorüberkamen, den erſten Seufzer. Hier war er noch am Morgen deſſelben Tages ſo glücklich geweſen, und aus zwei geöffneten Fenſtern drangen die Töne von Tanzmuſik zu ihm herüber. Er faltete die Hände, erhob die Augen zum Himmel und betete. Der Nachen glitt ungehindert weiter, er hatte die Spitze von More paſſirt und befand ſich jetzt der Bucht des Leuchtthurms gegenüber, jetzt war er im Begriff, die Batterien zu umſegeln, dieſes war Dantes unbegreiflich. „Aber wohin führt Ihr mich denn?“ fragte er. „Ihr werdet es bald erfahren.“ „Aber...“— „Es iſt uns verboten, Euch irgend eine Erklärung zu geben.“ Dantes war ein halber Soldat; er ſah mithin ein, daß es un⸗ gereimt ſein werde, nun weiter zu fragen, und ſchwieg. Die fremdartigſten Gedanken durchkreuzten nun ſeinen Geiſt; da in dieſem Nachen keine lange Fahrt gemacht werden konnte und kein Schiff vor Anker lag, auf dem er etwa hätte abgeſetzt werden kön⸗ nen, ſo glaubte er, daß man die Abſicht habe, ihn an einen ent⸗ fernten Punkt der Küſte zu führen und ihn daſelbſt in Freiheit zu ſetzen; er war nicht gebunden, man hatte keinen Verſuch gemacht, ihm Handſchellen anzulegen, das hielt er für ein gutes Zeichen, und hatte ihm denn zudem der Subſtitut des königlichen Procurators, der ihm ſo wohlwollte, nicht geſagt, daß er, wenn er nur den un⸗ glücklichen Namen Noirtier nicht ausſpreche, nichts zu fürchten habe? Hatte Villefort jenen gefährlichen Brief, den einzigen Beweis gegen ſich, nicht vor ſeinen Augen vernichtet? Er wartete alſo ge⸗ laſſen und verſuchte mit ſeinem Seemanns⸗Auge, das der Dunkelheit und weiter Geſichtspunkte gewohnt war, die nächtliche Finſterniß zu durchforſchen. Die Inſel Ratonneau, auf der ein Leuchtthurm brannte, war rechts geblieben und der Nachen befand ſich jetzt auf der Höhe der Catalons. Hier verdoppelte der Gefangene die Anſtrengungen ſeiner Sehkraft; hier weilte Mercedes, und immer deutlicher glaubte er an der dunkeln Küſte die unbeſtimmte und nebelhafte Form einer weiblichen Geſtalt zu entdecken. Warum ſagte nicht eine Ahnung Mercedes, daß ihr Geliebter nur dreihundert Schritte von ihr ent⸗ fernt war? Ein einziges Licht ſchimmerte in den Catalons. Als er genau nach der Richtung dieſes Lichtes ſpähte, erkannte Dantes, daß es die Hütte ſeiner Braut erhellte. Mercedes war die Einzige in der ganzen Colonie, die noch wachte. Wenn Edmond recht laut ſchrie, konnte ſeine Braut ihn hören. Falſche Scham hielt ihn zurück. Was würden die Männer, die ihn bewachten, ſagen, wenn ſie ihn wie einen Unſinnigen ſchreien hörten? Er blieb alſo ſtumm, die Augen ſtarr auf dieſes Licht gerichtet, ſitzen. Der Nachen glitt weiter, aber der Gefangene dachte an Nichts mehr, als an Mercedes. Ein 87 Vorſprung der Berge verdeckte ihm das Licht. Dantes drehte ſich um und bemerkte, daß ſie in die hohe See gekommen waren. Wäh⸗ rend er, in ſeine Gedanken verloren, nach dem Lichte geſehen hatte, “ uaren die Segel aufgeſpannt, und der Nachen ſegelte, vom Winde m getrieben, jetzt ſchneller. Ungeachtet des Widerſtrebens, welches Dantes empfand, den Gensd'armen nochmals zu befragen, konnte er da doch jetzt nicht umhin, ſich ihm zu nähern, ſeine Hand zu ergreifen iin und zu ſagen: n⸗„Kamerad, bei Ihrer Seligkeit und Ihrer Ehre beſchwöre ich nt⸗ 3 Sie, Mitleiden mit mir zu haben und mir zu antworten. Ich bin u der Capitain Dantes, ein guter und rechtlicher Franzoſe, dennoch ht, aber bin ich, ich weiß nicht welches Vergehens angeklagt; wohin nd führen Sie mich? Sagen Sie es mir, auf Seemanns⸗Ehre! ich ts, werde meine Pflicht thun und mich in mein Schickſal ergeben.“ In⸗ Der Gensd'arm kratzte ſich hinter den Ohren und ſah ſeinen ten Kameraden an; dieſer machte eine Bewegung, die ungefähr zu ſagen eis ſchien: es ſcheint mir, daß man es jetzt wagen kann, und der Gens⸗ ge d'arm wendete ſich zu Dantes mit folgenden Worten: eit—„Sie ſind ein Marſeiller und Seemann und fragen, wohin wir ar Sie bringen?“ te,„Ja, denn auf meine Ehre, ich errathe es nicht.“ öhe„Ahnen Sie es auch nicht?“ en„Durchaus nicht.“ bte„Das iſt nicht möglich.“ ſer„Ich ſchwöre es Ihnen, bei Allem, was mir theuer und heilig ng 4 iſt, alſo antworten Sie mir, ich bitte.“ nt„Aber die Wache?“ „Die Wache verhindert Sie nicht, mir zu ſagen, was ich in an zehn Minuten, oder in einer halben Stunde, oder in einer Stunde 6 vielleicht doch erfahre; Sie erſparen mir aber von jetzt bis dahin de Jahrhunderte der Ungewißheit. Ich bitte Sie, als wären Sie mein 3 Freund, ſehen Sie, ich will weder fliehen noch revoltiren. Wohin , ſühren Sie mich?“ püc.„Nun, wenn Sie nicht eine Binde um die Augen haben, oder un etwa nie den Haſen von Marſeille verlaſſen haben, ſo müſſen Sie G die doch merken, wohin die Reiſe geht?“ bere,„Nein.“ Ein „Nun, ſo ſehen Sie ſich doch um.“ Dantes ſtand auf, folgte aufmerkſam der Richtung des Fahr⸗ zeuges und— hundert Klaftern vor ſich ſah er den ſchwarzen, ſteilen Felſen emporragen, auf welchem, wie ein Haufen Kieſelſteine, das düſtere Schloß If ſich erhebt. Dieſe fremdartige Maſſe, dieſes Ge⸗ fängniß, in deſſem Umkreiſe ein ſo tiefes Entſetzen herrſcht, dieſe Feſtung, die ſeit drei Jahrhunderten in Marſeille den Stoff zu den kläglichſten Sagen giebt, und die Dantes, der gar nicht an ſie dachte, ſo plötzlich in die Augen fiel, machte den Eindruck auf ihn, den der Anblick des Blutgerüſtes auf einen zum Tode Verurtheilten hervorbringt. „Ach! mein Gott!“ rief er,„das Schloß If! und was ſollen wir dort?“ Der Gensd'arm lächelte. „Aber man kann mich doch nicht dort einkerkern wollen?“ fuhr Dantes fort.„Das Schloß If iſt ja ein Staatsgefängniß und nur für wichtige politiſche Verbrecher beſtimmt. Ich habe kein Ver⸗ brechen begangen. Sind denn Richter und Juſtizbeamte auf dem Schloſſe If?“ „Wahrſcheinlich,“ entgegnete der Gensd'arm,„iſt Niemand dort als der Gouverneur, die Gefangenenwärter, eine Garniſon und feſte Mauern. Nun, nun, Freund, machen Sie nicht ſo ſehr den Erſtaunten, damit ich nicht am Ende glauben muß, daß Sie zum Lohn für meine Gefälligkeit mich verſpotten.“ 5 Dantes drückte die Hand des Gensd'armen, als wollte er ſie zerbrechen. „Sie behaupten alſo,“ ſagte er,„daß ich nach dem Schloß If gebracht werde, um dort gefangen zu ſein?“ „Wahrſcheinlich wird es ſo ſein,“ antwortete der Gensd'arm; „aber auf jeden Fall kann es nichts nutzen, mich ſo heftig zu drücken.“ „Ohne weiteres Verhör, ohne weitere Förmlichkeiten?“ fragte der junge Mann. „Das Verhör hatſtattgefunden, die Förmlichkeiten ſind beobachtet.“ „Alſo, ungeachtet des Verſprechens des Herrn von Villefort... „Ich weiß nicht, ob der Herr von Villefort Ihnen Etwas ver⸗ ſprochen hat,“ ſagte der Gensd'arm;„aber das weiß ich, daß wir 89 Sie nach Schloß If bringen. He! was machen Sie denn? Holla, Kameraden, zu Hilfe!“— Durch eine blitzſchnelle Bewegung, die aber dem geübten Auge des Gensd'armen nicht entging, hatte Dantes ſich in das Meer ſtürzen wollen, aber vier kräftige Fäuſte packten ihn in dem Augen⸗ blicke, wo er über Bord ſpringen wollte, und vor Wuth heulend, ſank er auf den Boden des Nachens zurück. „So,“ rief der Gensd'arm, ihm das Knie auf die Bruſt ſetzend, „ſo haltet Ihr Euer Seemannswort? Dachtet Ihr mit einem Ein⸗ faltspinſel zu thun zu haben? Aber jetzt, mein Freund, macht eine Bewegung, eine einzige, und ich jage Euch eine Kugel durch den Kopf. Meinen erſten Befehl habe ich übertreten, aber ich ſtehe Euch dafür, den zweiten erfülle ich.“ Und wirklich legte er ſeinen Kara⸗ biner auf Dantes an, der die Mündung des Gewehrs wie einen Ring von Eis an einem ſeiner Schläfe fühlte. Einen Augenblick hatte er den Einfall, die ihm verbotene Be⸗ wegung zu machen, und ſo gewaltſam die Laſt des unerwarteten Unglückes, das ihn mit Geierkrallen umſchloſſen hielt, abzuſchütteln; aber eben, weil dieſes Unglück ſo unerwartet war, dachte Dantes, daß es nicht dauernd ſein könne; dann rief er ſich die Verſprechungen des Herrn von Villefort zurück, und endlich ſchien ihm der Tod am Boden eines Nachens, von der Hand des Gensd'armen, ſeiner zu unwürdig. Er fiel alſo, vor Wuth heulend, in den Nachen zurück und rang die Hände ſich faſt wund. Faſt in demſelben Augenblicke empfand er einen heftigen Stoß; das Fahrzeug war gelandet. Einer der Ruderer ſprang auf den Felſen, den das Vordertheil des kleinen Nachens berührt hatte, die Winde drehte ſich und Dantes merkte, daß das Ziel erreicht war. Wirklich zwangen ſeine Wächter, die ihn an den Armen und am Kragen hielten, ihn, aufzuſtehen, den Nachen zu verlaſſen und in ihrer Mitte die Treppe, die zur Cita⸗ delle führt, zu erſteigen, während der Gefreite mit einer Muskete, auf der das Bajonnet ſteckte, ihm folgte. Dantes leiſtete keinen unnützen Widerſtand; ſeine Langſamkeit war mehr Betäubung als Widerſetzlichkeit. Er wankte und tau⸗ melte wie ein Trunkener. Wieder ſah er Soldaten, die ſich in zwei Reihen aufgeſtellt hatten, um ihn paſſiren zu laſſen; er fühlte Stufen unter den Füßen, bemerkte, daß er durch eine Thüre ging, 90 und daß dieſe Thüre ſich hinter ihm ſchloß; aber Alles nur mecha⸗ dienen ſe niſch, wie durch einen Nebel, ohne etwas Beſtimmtes zu unter⸗ nommen, ſcheiden. Er ſah nicht einmal das Meer, dieſen unendlichen Schmerz ibenL für die Gefangenen, welche die weite Fläche überblicken, in dem ent⸗ fenden 3 ſetzlichen Bewußtſein, ſie nicht durchſchneiden zu können. Es wurde mar er einen Augenblick Halt gemacht, während dem er ſich bemühte, ſeine die Geu Lebensgeiſter zu ſammeln. Er ſah um ſich her und fand ſich in Siirn einem, durch vier hohe Mauern gebildeten, viereckigen Hofe; man dieſe He hörte den langſamen und regelmäßigen Gang der Schildwachen Nachrich und ſah jedes Mal, wenn ſie vor dem Schein, den die Lichter im Keece Innern des Schloſſes auf die Mauern warfen, vorüberkamen, die erſt ſteh Mündungen ihrer Gewehre glänzen. geſchwo Zehn Minuten ungefähr wurde im Hofe gewartet. Sicher, daß die gan Dantes nun nicht mehr entfliehen konnte, hatten die Gensd'armen ſchafen Y ihn freigelaſſen; ſie warteten auf Befehle; die Befehle erfolgten. ihn het „Wo iſt der Gefangene?“ fragte eine Stimme. auf die ’„Hier,“ antworteten die Gensd'armen. 3 ’„Er kann mir folgen, ich führe ihn in ſeine Wohnung.“. 4„Geht!“ ſagten die Gensd'armen und ſtießen ihn fort.— Der Gefangene folgte ſeinem Führer in einen ziemlich tief⸗ gelegenen Saal, deſſen nackte und feuchte Wände von Thränen ge⸗ näßt zu ſein ſchienen. Eine Art Lampe, die auf einem Schemel 1 ſtand und deren Docht von ſtinkendem Fett genährt wurde, erleuch⸗ 2 1 tete die dumpfen Wände dieſes entſetzlichen Aufenthalts und zeigte 4 D Dantes ſeinen Führer, eine Art von Kerkermeiſter, von ſchlechter ch ihr 4 Kleidung und gemeinen, plumpen Geſichtszügen. aberd „Hier iſt Eure Wohnung für dieſe Nacht,“ ſagte er.„Es iſt 1 Afen ſpät und der Herr Gouverneur ſchon ſchlafen gegangen; morgen, ſchwel wenn er Eure Papiere durchgeſehen und von den Euch betreffenden ſch m Befehlen Kenntniß genommen hat, wird er Euch vielleicht ein an⸗ 4 genes: deres Quartier anweiſen. Bis dahin iſt hier Brod, in jenem Kruge 1 dort iſt Waſſer, dort in der Ecke Stroh; das iſt Alles, was ein Iw bur Gefangener wünſchen kann. Gute Nacht.“— iſen Und ehe Dantes den Mund geöffnet hatte, um ihm zu ant⸗ worten, ehe er bemerkt hatte, wo der Kerkermeiſter das Brod hin⸗ ſeinen gelegt, ehe er wußte, wo er den erwähnten Krug finden werde, ehe uie z0 er den Winkel kannte, in welchem das Stroh, das ihm zum Bett nahe —————— 91 a⸗ in dienen ſollte, ihn erwartete, hatte der Kerkermeiſter die Lampe ge⸗ ner nommen, und die Thüre hinter ſich ſchließend, dem Gefangenen den ent⸗ trüben Lichtſchimmer, der ihm vorübergehend wie ein Blitz die trie⸗ rde fenden Mauern ſeines Gefängniſſes gezeigt hatte, entzogen. Allein eine war er nun in Nacht und Schweigen, ebenſo ſtumm und finſter als in 6 die Gewölbe über ihm, deren eiſiger Froſt ſich auf ſeine glühende nan Stirn ſenkte. Als die erſten Strahlen des Tages etwas Licht in hen dieſe Höhle warfen, brachte der Kerkermeiſter dem Gefangenen die im Nachricht, daß er bleiben könne, wo er ſei. Dantes war nicht vom die Flecke gewichen, eine Eiſenfauſt ſchien ihn an der Stelle, wo er zu⸗ erſt ſtehen geblieben war, feſtgehalten zu haben. Seine von Thränen uß 3 geſchwollenen Augen ſtarrten unbeweglich den Boden an. Er hatte men die ganze Nacht ſtehend, und ohne einen einzigen Augenblick zu ſchlafen, zugebracht. Der Kerkermeiſter nahte ſich ihm und ging um ihn herum, aber Dantes ſchien ihn nicht zu ſehen. Er ſchlug ihn auf die Schulter; Dantes ſchauderte und ſchüttelte den Kopf. „Habt Ihr denn nicht geſchlafen?“ fragte er. „Ich weiß nicht,“ antwortete Dantes. Der Kerkermeiſter ſah ihn verwundert an. „Habt Ihr denn keinen Hunger?“ fuhr er fort. „Ich weiß nicht,“ antwortete Dantes wieder. „Verlangt Ihr Etwas?“ ge⸗ emel tif 3 uch„Ich möchte den Gouverneur ſehen.“ äigte Der Kerkermeiſter zuckte die Achſeln und entfernte ſich, Dantes oier ſah ihm nach und ſtreckte die Arme nach der halb offenen Thür aus; aber die Thür ſchloß ſich. Jetzt ſchien ein langes Schluchzen ſeinen s iſ Buſen ſprengen zu wollen. Seine Thränen, die ſeine Augenlider igen, ſchwellten, rieſelten wie zwei Bäche die Wangen herab; er ſtürzte nden ſich mit der Stirn zur Erde und betete lange, ſein ganzes vergan⸗ al genes Leben ſich zurückrufend und ſich ſelbſt fragend, welches Verbrechen eeuge er in dieſem, noch ſo jungen Leben begangen haben könne, das eine z ein ſo harte Strafe verdiene. So verging der Tag; kaum aß er einige Zliſſen Brod und trank einige Tropfen Waſſer. Bald blieb er in ant ſeinen Gedanken verſunken, bald lief er in ſeinem Gefängniſſe umher hinn gie ein wildes Thier, welches in einen eiſernen Käfig geſperrt iſt. ehee Ein Gedanke beſonders erregte ſeine Wuth: nämlich, daß er Belt während ſeiner Ueberfahrt, in ſeiner Unkenntniß des Ortes, wohin 92 er geführt wurde, ſo ruhig und gelaſſen geblieben war. Er hätte A ſich zehnmal in's Meer ſtürzen können, und einmal im Waſſer, ver⸗ ſelben- möge ſeiner Geſchicklichkeit im Schwimmen, vermöge ſeiner Gewohn⸗ ich Euch heit, durch die er einer der beſten Taucher von Marſeille geworden, war, unter dem Waſſer verſchwinden, ſeinen Wächtern entfliehen, die werde i Küſte erreichen, ſich in einer kleinen, verlaſſenen Bucht verſtecken, De ein genueſiſches oder ſpaniſches Schiff erwarten, Italien oder Spa⸗ Kerkerm nien erreichen und von da aus an Mercedes ſchreiben können, daß Da nun ſie zu ihm kommen möge. läglich Ueber ſein Durchkommen in irgend einem andern Lande konnte Dantes er unbeſorgt ſein; die guten Seeleute ſind überall geſucht, er ſprach Tone f italieniſch wie ein Toskaner, ſpaniſch wie ein Caſtilianer. Er hätte„9 frei und glücklich mit Mercedes und mit ſeinem Vater gelebt, denn nicht m 8 ſein Vater wäre ihm auch nachgefolgt; ſtatt deſſen war er Gefan⸗ neur au 4 gener auf Schloß If, in dieſem unüberſchreitbaren Gefängniſſe, wo ſeid ät er nicht erfahren konnte, was aus ſeinem Vater, was aus Mercedes und es 1 wurde, und das Alles, weil er dem Worte des Herrn von Villefort der Ge 1 getraut hatte. Es war zum Tollwerden. Auch warf Dantes ſich und e wüthend auf dem friſchen Stroh, welches der Kerkermeiſter ihm ge⸗ bracht hatte, umher. Den folgenden Tag erſchien ſein Kerkermeiſter the de zu derſelben Stunde. „Nun!“ fragte derſelbe,„ſeid Ihr heute vernünftiger als geſtern?“ Nonai Dantes antwortete nicht. „Nun, Freund, Ihr müßt Muth faſſen!... Wünſcht Ihr Etwas, in 1 das ich Euch gewähren kann? Redet...“ „Ich wünſche mit dem Gouverneur zu reden.“ erfg „Ei!“ ſagte der Kerkermeiſter ungeduldig,„ich habe Euch ſchon Ihr geſagt, daß das unmöglich iſt...“ „Warum iſt das unmöglich?“ „Weil es nach den Regeln des Gefängniſſes einem Gefangenen nicht erlaubt iſt, ihn zu begehren.“ der l „Und was iſt hier zu verlangen erlaubt?“ fragte Dantes. „Beſſere Nahrung, wenn man ſie bezahlt; ein Spaziergang und zuweilen Bücher.“ „Ich bedarf keine Bücher, habe keine Luſt ſpazieren zu gehen 1 und bin mit meiner Nahrung zufrieden; alſo wünſche ich nur Eins, 2 den Gouverneur zu ſehen...“ 1 ——————————„—=—— — 93 „Wenn Ihr mich ärgert durch beſtändige Wiederholung des⸗ ſelben Verlangens, was ich Euch nicht gewähren kann, ſo werde ich Euch nichts mehr zu eſſen bringen.“ „Gut!“ ſagte Dantes,„wenn Du mir nichts zu eſſen bringſt, werde ich verhungern, damit gut.“ Der Ton, mit dem Dantes dieſe Worte ſprach, bewies dem Kerkermeiſter, daß ſein Gefangener glücklich ſein werde, zu ſterben. Da nun jeder Gefangene ſeinem Kerkermeiſter ungefähr zehn Sous täglich einbringt, ſo berechnete dieſer das Deficit, welches durch Dantes Tod in ſeiner Kaſſe entſtehen würde, und fuhr in ſanfterem Tone fort: „Hört: was Ihr da wünſcht, iſt unmöglich, verlangt es alſo nicht wieder, denn wir haben noch kein Beiſpiel, daß der Gouver⸗ neur auf die Bitte eines Gefangenen in deſſen Stube gekommen wäre; ſeid aber vernünftig, ſo wird man Euch erlauben, ſpazieren zu gehen, und es iſt möglich, daß eines Tages, während Eures Spazierganges, der Gouverneur vorkommt; dann könnt Ihr Euer Anliegen anbringen, und es kommt alsdann auf ihn an, ob er Euch antworten will.“ „Aber,“ ſagte Dontes,„wie lange Zeit kann ich ſo zubringen, ehe der Zufall einmal eintritt?“ „Potz tauſend!“ verſetzte der Kerkermeiſter,„einen, drei, ſechs Monatoe, ein Jahr vielleicht.“ „Das iſt zu lange,“ antwortete Dantes,„ich will gleich mit ihm reden.“ „Ach!“ ſagte der Kerkermeiſter,„erpicht Euch nicht ſo auf einen einzigen Gedanken, deſſen Erfüllung noch dazu unmöglich iſt, oder Ihr ſeid in vierzehn Tagen toll.“ „Ach! Du glaubſt?“ ſagte Dantes. „Ja, toll, denn die Tollheit fängt immer ſo an. Davon haben wir hier ein Beiſpiel. Vor Euch bewohnte dieſe Stube ein Abbé, der bot dem Gouverneur ohne Unterlaß eine Million, wenn er ihn freilaſſen wolle, und wurde durch dieſe fixe Idee immer toller.“ „Und wie lange iſt es her, daß er dieſe Stube verlaſſen hat?“ „Zwei Jahre.“ „Iſt er in Freiheit geſetzt worden?“ „Nein, er iſt in das Loch gekommen.“ „Höre,“ ſagte Dantes,„ich bin weder ein Abbé, noch ein Narr, Letzteres werde ich vielleicht, aber in dieſem Augenblicke bin ich unglücklicher Weiſe noch bei vollem Verſtande; ich will Dir einen andern Vorſchlag machen.“ „Welchen?“ „Ich biete Dir keine Million, denn ich habe keine, aber ich biete Dir hundert Thaler, wenn Du das erſte Mal, wenn Du nach Marſeille gehſt, nach den Catalons hinunter gehen und einem jungen Mädchen, Namens Mercedes, nicht einen Brief, nur zwei Zeilen bringen willſt.“ „Wenn ich dieſe zwei Zeilen ablieferte und entdeckt würde, ſo verlöre ich meinen Dienſt, der mir ohne Trinkgelder und Eſſen jährlich tauſend Livres einbringt. Ihr ſeht alſo, daß ich ein großer Ein⸗ faltspinſel wäre, wenn ich tauſend Livres auf's Spiel ſetzte, um dreihundert zu gewinnen.“ „Nun dann,“ verſetzte Dantes,„höre wohl zu und behalte ge⸗ nau, was ich Dir ſage: wenn Du dem Gounuverneur nicht ſagen willſt, daß ich ihn zu ſprechen wünſche, wenn Du Mercedes nicht zwei Zeilen von mir bringen, oder ihr wenigſtens ſagen willſt, daß ich hier bin, ſo werde ich, hinter meiner Thür verſteckt, Dich eines Tages aufpaſſen und Dir mit dieſem Schemel den Hirnſchädel einſchlagen.“ „Drohungen!“ rief der Kerkermeiſter, einen Schritt zurück⸗ weichend und die Hände vorſtreckend.„Ihr fangt entſchieden an, toll zu werden, mit dem Abbé fing es auch ſo an, und in drei Tagen werdet Ihr toll zum Binden ſein, wie er. Glücklicherweiſe hat man Zellen für ſolche Patienten auf Schloß If.“ Dantes nahm den Schemel und ſchwang ihn um ſeinen Kopf. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte der Kerkermeiſter.„Wenn Ihr es denn durchaus nicht anders haben wollt, ſo ſoll der Gouverneur benachrichtigt werden.“ „Schön!“ ſagte Dantes, ſetzte ſeinen Schemel auf den Boden und ſich darauf, mit geſenktem Kopf und irren Augen, als wäre er wirklich ſchon toll. Der Kerkermeiſter entfernte ſich, kam aber ſogleich mit vier Sol⸗ daten und einem Corporal zurück. „Im Namen des Gouverneurs,“ ſagte er,„führt den Gefangenen eine Treppe tiefer.“ 9⁵5 „In's Loch alſo,“ entgegnete der Corporal. „Ja, in's Loch; man muß die Tollen zu ihres Gleichen bringen.“ Die vier Soldaten ergriffen Dantes, der, in einer Art Be⸗ täubung, ihnen ohne Widerſtand folgte. Er mußte fünfzehn Stufen 3 ic hinabſteigen, dann wurde die Thür eines Loches geöffnet, in welches nacj er mit den Worten eintrat: ungen„Er hat Recht, man muß die Tollen zu ihres Gleichen bringen!“ geilen Die Thür ſchloß ſich hinter ihm, und er tappte mit ausge— b ſtreckten Händen herum, bis er an die Wand kam. Nun ſetzte er de ſ ſſiich in einen Winkel und rührte ſich nicht, während ſeine Augen, irlih ſich nach und nach an die Dunkelheit gewöhnend, die ihn umgeben⸗ En den Gegenſtände zu unterſcheiden anfingen. „m Der Kerkermeiſter hatte Recht, es fehlte nicht viel daran, daß Dantes toll war. te ge⸗ ſagen nicht daß Dich 4 2 chädl urück⸗. n an, kagen man Kopr. in Ihr erneur Boden äre er r Sol⸗ IX. Der Verlobungsabend. Villefort ging, wie ſchon geſagt, nach dem Hauſe ſeiner Schwieger⸗ Eltern zurück und fand, als er daſelbſt ankam, die Gäſte nicht mehr in dem Speiſeſaale, ſondern im Salon beim Kaffee. Renée er⸗ wartete ihn mit einer Ungeduld, die ſich nach und nach der ganzen Geſellſchaft mitgetheilt hatte. Auch wurde er mit einem allgemeinen Ausrufe empfangen. „Nun, Kopfabſchneider, Stütze des Staates, royaliſtiſcher Bru⸗ tus,“ rief der Eine,„erzähle, was gab's?“ „Sind wir mit einer neuen Schreckens⸗Regierung bedroht?“ fragte der Andere. „Sollte der korſiſche Popanz aus ſeiner Höhle entwichen ſein?“ fragte ein Dritter. „Frau Marquiſe,“ ſagte Villefort, ſich ſeiner künftigen Schwieger⸗ mutter ehrerbietig nähernd,„ich muß Sie um Entſchuldigung bitten, daß ich mich entferne.— Herr Marquis, könnte ich die Ehre haben, einige Worte mit Ihnen allein zu reden?“ „Ei, es iſt alſo im Ernſt ein bedenklicher Fall?“ „So bedenklich, daß ich gezwungen bin, auf einige Tage von Ihnen Abſchied zu nehmen. Alſo ſehen Sie jetzt,“ ſagte er, zu Renée gewendet,„ob die Sache ernſtlich iſt?“ „Sie reiſen ab, Herr von Villefort?“ rief Renée, unfähig, ihre Bewegung zu verbergen.— „Ach ja, Fräulein,“ antwortete Villefort;„es muß ſein.“ „Und wohin gehen Sie denn?“ fragte die Marquiſe. „Das iſt das Geheimniß der Juſtiz, gnädige Frau. Indeſſen, wenn irgend Jemand von den Herrſchaften hier etwas nach Paris blickli digen Staat tauſen 1 ſind: daß b keine zu ſpe 1 Agen zu v ſeine und es mit Vergnügen beſorgen wird.“ Alle ſahen ſich betroffen an. „Sie wollen mich allein ſprechen?“ ſagte der Marquis. „Ja, ich bitte darum, laſſen Sie uns in Ihr Kabinet gehen.“ Der Marquis nahm Villeforts Arm und entfernte ſich mit ihm. „Nun!“ fragte der Marquis, als ſie allein waren,„was giebt's denn? reden Sie!“ „Sachen, die mir ſehr wichtig ſcheinen und die meine augen⸗ blickliche Abreiſe nach Paris veranlaſſen. Jetzt, Marquis, entſchul⸗ digen Sie die unbeſcheidene Dreiſtigkeit meiner Frage; haben Sie Staats⸗Renten? Mein ganzes Vermögen, ſechs⸗ bis ſiebenhundert⸗ tauſend Franken, beſteht in Inſcriptionen.“ „Ja,“ antwortete der Marquis. „Nun wohl, verkaufen Sie, Marquis, verkaufen Sie, oder Sie ſind ruinirt.“ „Aber, wie wollen Sie, daß ich hier verkaufen ſoll?“ „Sie haben einen Wechſelagenten, nicht wahr?“ „Ja.“ „Geben Sie mir einen Brief mit an ihn und ſagen Sie ihm, daß er auf der Stelle, ohne eine Minute zu verlieren, verkauft; keine Secunde darf er verlieren, vielleicht komme ich ſogar ſchon zu ſpät!“ „Teufel!“ ſagte der Marquis,„dann iſt keine Zeit zu verlieren.“ Und er ſetzte ſich und ſchrieb einen Brief an ſeinen Wechſel⸗ Agenten, in welchem er ihm auftrug, auf der Stelle um jeden Preis zu verkaufen.“ „Außer dieſem Briefe,“ ſagte Villefort, denſelben ſorgfältig in ſeine Brieftaſche legend,„bedarf ich noch eines andern.“ „An wen?“ „An den König.“ „An den König?“ „Ja.“ „Aber ich wage kaum, ſo ohne Weiteres an Seine Majeſtät zu ſchreiben.“ „Auch bitte ich Sie nicht um den Brief ſelbſt, ſondern nur den Herrn Grafen von Servieux zu bewegen, daß er mir einen Brief Der Graf von Monte⸗Chriſto. 7 97 zu beſtellen hat, ſo habe ich einen Freund, der heute Abend abreiſ't mitgiebt, mit deſſen Hilfe ich ohne jene Formalitäten, durch die ich einen ſo großen Theil der ſo koſtbaren Zeit verlieren würde, bis zu Seiner Majeſtät ſelbſt gelangen kann.“ „Aber haben Sie nicht Ihren Oheim, den Groß⸗Siegel⸗Bewahrer, der zu jeder Zeit Zutritt zu den Tuilerien hat und durch deſſen Vermittelung Sie Tag und Nacht bis zum König gelangen können?“ „Ja, ohne Zweifel; aber ich möchte das Verdienſt der Nach⸗ richt, welche ich überbringe, nicht mit einem Andern theilen, ver⸗ ſtehen Sie? Der Groß⸗Siegel⸗Bewahrer würde mich natürlich in den Hintergrund ſtellen und mir den Lohn meiner Reiſe rauben. Ich ſage Ihnen nur das Eine, Marquis, meine Carriere iſt geſichert, wenn ich der Erſte bin, der dieſe Nachricht in die Tuilerien bringt, denn ich erzeige dem Könige dadurch einen Dienſt, den er nie ver⸗ geſſen darf und wird.“ „Nun, ſo machen Sie Ihre Einrichtungen zur Reiſe, mein Lieber, ich rufe Servieux und laſſe mir den Brief ſchreiben, der Ihnen den Zutritt bewirkt.“ „Gut, verlieren Sie keine Zeit, denn in einer Stunde muß ich im Poſtwagen ſitzen.“ „Laſſen Sie Ihren Wagen vor meinem Hauſe halten.“ „Gewiß werden Sie es gütigſt übernehmen, mich bei der Frau Marquiſe und bei Fräulein von Saint⸗Méran zu entſchuldigen, die ich an einem ſolchen Tage mit der größten Betrübniß verlaſſe.“ „Sie werden ſie alle Beide in meinem Kabinete finden, und können ſelbſt Abſchied nehmen.“ „Tauſend Dank! Sorgen Sie nur für den Brief!“ Villefort entfernte ſich in höchſter Eile, an der Thüre aber fiel ihm ein, daß ein Subſtitut des königlichen Procurators durch ſo ſchnelles Laufen in den Straßen die ganze Stadt in Aufruhr bringen könnte; er nahm alſo ſeinen gewöhnlichen gravitätiſchen Schritt an. An ſeiner Thüre bemerkte er im Schatten ein geſpenſtergleiches weißes Weſen, das ihn, unbeweglich ſtehend, erwartete. Es war das ſchöne cataloniſche Mädchen, welches, keine Nachricht von Edmond erhal⸗ tend, mit Einbruch der Nacht entflohen und nach Marſeille gekommen war, um ſelbſt nach der Urſache der Verhaftung ihres Geliebten zu fragen. Bei Villeforts Annäherung trat ſie von der Mauer, an die ſie ſich gelehnt hatte, ihm entgegen. Dantes hatte gegen den Sub⸗ wollte, ! „damnit wortet U genirt Thür drang ſtoßen behält nem d Seufze tödtlic digen erſchig lobte, in G folgen gewi an ei zum 2 aushö des und d Nichte Angekl S zu ſrer, eſſen en?“ lach⸗ ver⸗ hin ben. hert, ngt, ver⸗ 99 ſtituten ſeiner Braut erwähnt, und Mercedes brauchte ſich nicht zu nennen, um von Villefort erkannt zu werden. Er war überraſcht von der Schönheit und Würde dieſes Mädchens, und als ſie ihn fragte, was aus ihrem Geliebten geworden ſei, war es ihm, als wäre er der Angeklagte und ſie ſein Richter. „Der Mann, nach dem Sie, Mademeiſelle, ſich erkundigen, iſt zu ſehr ſtrafbar und ich kann nichts für ihn thun.“ Mercedes ſchluchzte laut, und als Villefort an ihr vorübergehen wollte, hielt ſie ihn noch einmal feſt. „Aber kann ich nicht wenigſtens erfahren, wo er iſt,“ fragte ſie, „damit ich mich erkundigen kann, ob er lebt oder todt iſt?“ „Ich weiß nicht; ich habe nichts mehr mit ihm zu thun,“ ant⸗ wortete Villefort. Und durch ihren forſchenden Blick und ihre flehende Stellung genirt, ſtieß er Mercedes zurück und ging raſch in das Haus, die Thür hinter ſich ſchließend, wie um dieſen Schmerz, der bis zu ihm drang, auszuſperren. Aber der Schmerz läßt ſich nicht ſo zurück⸗ ſtoßen, wie der tödtliche Stoß, von dem Virgil ſagt, der Verwundete behält ihn. Villefort ſchloß alſo die Thür hinter ſich, aber in ſei⸗ nem Salon angelangt, verließen ihn ſeine Kräfte auch, er ſtieß einen Seufzer aus, der einem Schluchzen glich, und ſank in einen Lehnſtuhl. Jetzt entſtand in dieſem kranken Herzen der erſte Keim einer tödtlichen Wunde; dieſem Manne, der ſeinem Ehrgeize einen Unſchul⸗ digen opferte und ihn für ſeinen eigenen, ſchuldigen Vater büßen ließ, erſchien derſelbe jetzt, bleich und drohend, an ſeiner Hand ſeine Ver⸗ lobte, bleich wie er, und in deren Gefolge die Gewiſſensbiſſe, nicht in Geſtalt der Furien der Alten, die den Schuldigen überallhin ver⸗ folgen, ſondern wie ein dumpfes, ſchmerzliches Ertönen, welches zu gewiſſen Zeiten an das Herz dringt, und daſſelbe mit der Erinnerung an eine begangene That langſam ertödtet, mit Schmerzen, die bis zum Tode täglich zunehmen und die unheilbare Wunde immer tiefer aushöhlen. Jetzt fand in der Seele dieſes Mannes noch ein Augenblick des Wankens, des Bedenkens ſtatt. Schon mehrere Male hatte er, und das ohne andere Bewegung als die des Kampfes, den der Richter mit dem Angeklagten zu beſtehen hat, die Todesſtrafe über Angeklagte erkannt, und die Eeinnerung daran hatte kaum eine 7* 100 Wolke auf ſeiner Stirn hervorgerufen, ſondern der rauſchende Bei⸗ fall, der ſeiner glänzenden Beredtſamkeit wurde, hatte die leiſe Stimme des Mitleids in ſeinem Herzen überſchrieen, denn dieſe Verurtheilten waren ſchuldig, oder wurden wenigſtens von ihm da⸗ für gehalten. Aber dieſes Mal war die Sache ganz anders; er hatte einem Unſchuldigen die Qual ewiger Gefangenſchaft auferlegt, einem Unſchuldigen, der eben im Begriff war, in Beſitz alles deſſen zu gelangen, was ihn beglücken konnte, was der Gegenſtand ſeiner heißen Wünſche war. Er war alſo in dieſem Falle nicht Richter, ſon⸗ dern Henker! Und indem er dieſes bedachte, fühlte er jene dumpfen Schläge des Gewiſſens, die wir beſchrieben haben und die ihm bis dahin unbekannt geweſen waren, im Innern ſeines Herzens ertönen und ſeine Bruſt von den unbeſtimmten Vorgefühlen beklemmt; ſo wird der Verwundete durch heftige Schmerzen gequält, aber in⸗ ſtinktmäßig zurückgehalten, die Wunde zu berühren, ehe ſie ſich ge⸗ ſchloſſen hat. Aber die Wunde in Villeforts Innerem gehörte zu den unheil⸗ baren, die ſich niemals ſchließen, oder nur, um ſich blutender und ſchmerzender als im Anfange wieder zu öffnen. Wenn in dieſem Augenblicke die ſanfte Stimme Renée's für⸗ bittend an ſein Ohr gedrungen wäre, wenn die ſchöne Mercedes vor ihm geſtanden und geſagt hätte:„Im Namen Gottes, der auf uns herabſieht und uns richtet, geben Sie mir meinen Verlobten zurück,“ ja, dieſe Stirn, die ſich ſchon halb unter dem Gewicht der Schuld geneigt hatte, würde ſich völlig gebeugt, und dieſe von tödt⸗ licher Kälte erſtarrte Hand würde ohne Zweifel, ohne Rückſicht auf die Folgen, die es für ihn haben könnte, den Befehl der Freilaſſung Dantes unterzeichnet haben. Aber keine ſüße Stimme durchdrang das Schweigen, und vor ihm ſtand nur ſein Kammerdiener, welcher kam, um ihm zu ſagen, daß die Poſtpferde da wären. Villefort ſtand, oder ſprang vielmehr auf, wie ein Mann, der einen innern Feind beſiegt hatte, eilte zu ſeinem Bureau, ſteckte alles Geld, was er in einem Schubfache deſſelben fand, zu ſich, durchlief das Zimmer ein paar Mal wie verſchüchtert, die Stirn in der Hand und unzuſammenhängende Worte ausſtoßend; dann, als er fühlte, daß ſein Kammerdiener ihm den Mantel umhing, verließ er das Bei⸗ leiſe dieſe 1 da⸗ z er vlegt, eſſen einer ſon⸗ npfen nbis tönen 6 ſo r in⸗ h ge⸗ nheil⸗ und für⸗ cedes r auf obten t der ddt⸗ zft auf aſſung drang elcher —, der alles rchlief Hand fühlte, er dus 2 101 Zimmer, ſtürzte zum Wagen, ſprang hinein und befahl kurz:„Straße Grand⸗Cour zu Herrn von Saint⸗Méran.“. Der unglückliche Dantes war verurtheilt! Villefort fand, wie Herr von Saint⸗Méran verſprochen hatte, die Marquiſe und Renée im Kabinet. Bei Erblickung Renée's zit⸗ terte der junge Mann, denn er glaubte, ſie werde ihn abermals bitten, Dantes zu befreien. Aber ach! wir müſſen es geſtehen, das ſchöne Mädchen dachte jetzt nur an Eines, die Abreiſe ihres Geliebten. Sie liebte ihn wirklich, er ſollte in ganz kurzer Zeit ihr Gemahl werden; und nun mußte er verreiſen, ohne die Zeit der Rückkehr beſtimmen zu können, und Renée, ſtatt Dantes zu bemitleiden, verwünſchte denjenigen, um deſſentwillen ihr Geliebter ſie verlaſſen mußte. Was ſollte denn Mercedes ſagen? Die arme Mercedes war am Ausgange der Straße la Loge auf Fernand geſtoßen, der ihr gefolgt war; ſie war mit ihm nach den Catalons zurückgegangen und hatte ſich ſterbend, verzweifelnd auf ihr Bett geworfen. Vor dieſem Bette kniete Fernand und bedeckte die kalte, erſtarrte Hand, die Mer⸗ cedes ihm bewußtlos überließ, mit glühenden Küſſen, die ſie nicht einmal bemerkte. So brachte ſie die Nacht zu, die Lampe erloſch; ſie ſah nicht, daß es dunkel um ſie her geworden war, und der Tag brach an, ohne daß ſie es gewahr wurde. Der Schmerz hatte eine Binde um ihre Augen gezogen, die ſie nichts ſehen ließ, als im Geiſte ihren Edmond. „Ach! biſt Du hier!“ ſagte ſie endlich, ſich nach der Seite wen⸗ dend, wo Fernand war. „Seit geſtern habe ich Dich nicht verlaſſen,“ antwortete Fernand mit einem ſchmerzlichen Seufzer. Was Herrn Morrel anbetrifft, ſo hatte derſelbe ſich noch nicht gefangen gegeben. Er hatte erfahren, daß Dantes nach dem Verhör in's Gefängniß gebracht war; nun war er zu allen ſeinen Freunden ge⸗ laufen, hatte alle Perſonen von irgend einigem Einfluſſe in Marſeille aufgeſucht; aber ſchon hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß der junge Mann als bonapartiſtiſcher Agent verhaftet ſei; und da ſelbſt die kühnſten Männer zu dieſer Zeit jeden Verſuch Napoleons, den Thron wieder zu beſteigen, als einen unſinnigen Traum betrachteten, ſo fand er überall nur Kälte, Furcht und Verweigerung und kehrte 102 von dieſen vergeblichen Verſuchen troſtlos nach Hauſe zurück, endlich einſehend, daß die Situation bedenklich ſei, und Niemand etwas dazu thun könne. Caderouſſe ſeinerſeits war ſehr unruhig und auf vielfache Weiſe gequält. Statt ſich zu bemühen, wie Herr Morrel, ſtatt etwas zu Gunſten Dantes zu unternehmen, was ihm freilich auch nicht ge⸗ lungen ſein würde, hatte er ſich mit zwei Flaſchen Wein von Caſſis eingeſchloſſen und verſucht, ſeine Unruhe durch Trunkenheit zu be⸗ ſchwichtigen. Aber bei ſeiner Geiſtesbeſchaffenheit reichten zwei Fla⸗ ſchen Wein nicht hin, ſeine Beurtheilungskraft einzuſchläfern. Er war alſo zu betrunken, um andern Wein zu holen, und nicht be⸗ trunken genug, um alles Gedächtniß zu verlieren, vor ſeinen zwei leeren Flaſchen an ſeinem wackligen Tiſche ſitzen geblieben, auf den er bald ſein ſchweres Haupt ſinken ließ, bald im Wiederſchein ſeines lange herabgebrannten Lichtes Geſtalten und Phantome um ſich her tanzen ſah, wie ſie Hoffmann, wie mit ſchwarzem, phantaſtiſchen Staub hingehaucht, auf ſeine von Punſch feuchten Manuſcripte ge⸗ zeichnet hat. Danglars allein war weder vergnügt, noch gequält; er war ſo⸗ gar vergnügt, denn er hatte ſich an einem Feinde gerächt und ſich ſeine Exiſtenz am Bord des Pharaon, die er zu verlieren gefürchtet hatte, geſichert. Danglars war einer von jenen Zahlenmenſchen, die mit einer Feder hinter dem Ohre und einem Dintenfaſſe an der Stelle des Herzens geboren werden; für ihn war Alles im Leben Subtraction oder Multiplication, und eine Zahl war ihm viel mehr werth, als ein Menſch, denn dieſe Zahl konnte die Totalſumme ver⸗ mehren, die der Menſch verminderte. Danglars hatte ſich alſo zu gewohnter Zeit zu Bette gelegt und ſchlief ruhig und ungeſtört. Villefort empfing von dem Grafen von Servieux einen Brief an den Herrn Grafen von Blacas, umarmte Renée, küßte zärtlich ihre beide Wangen, küßte Frau von Saint⸗Märan die Hand, drückte die ihres Gemahls, eilte in den Wagen und flog mit Extrapoſt den Weg nach Aix. Der Vater Dantes wurde von Schmerz und Unruhe tödtlich gequält. Was aus Edmond geworden, weiß der Leſer ſchon. — —— — 88 Das kleine Kabinet in den Tui erieen. Laſſen wir Villefort auf dem Wege von Marſeille nach Paris, den er vermöge des dreifachen Trinkgeldes, das er zahlt, wie im Fluge zurücklegt, und gehen wir durch zwei oder drei Säle, in das kleine Kabinet der Tuilerieen, mit dem Bogenfenſter, welches als das Lieblingskabinet Napoleons und Ludwigs des Achtzehnten be⸗ kannt und auch ſpäter das Kabinet des Königs Louis Philipp war. In dieſem Kabinete nun ſaß an einem Nußbaum⸗Tiſche, den er von Hartwell mitgebracht hatte und den er beſonders liebte, Lud⸗ wig der Achtzehnte, hörte ziemlich unachtſam auf einen Mann von ungefähr fünfzig bis zweiundfünfzig Jahren, mit grauem Haare und ernſtem, edlem Geſichte, und machte dabei Randbemerkungen in die zwar incorrecte, aber geachtete Ausgabe des Horaz von Griphius, die den ſcharfſinnigen philoſophiſchen Noten Seiner Majeſtät ſehr günſtig war. „Sie ſagen alſo, mein Herr?“ ſagte der König. „Daß ich ſo unruhig bin, wie man nur ſein kann, Sire.“ „Wirklich! ſollten Sie im Traume ſieben fette und ſieben ma⸗ gere Kühe geſehen haben?“ „Nein, Sire, denn das würde uns nur ſieben fruchtbare und ſieben theure Jahre bedeuten, und mit einem ſo umſichtigen Könige, wie Eure Majeſtät, iſt die Theuerung nicht zu fürchten.“ „Von welch' anderem Unheile iſt denn alſo die Rede, mein lieber Blacas?“ „Sire, ich glaube... ich habe alle Urſache zu glauben, daß ſich im Süden ein Gewitter zuſammenzieht...“ „Ei! lieber Graf!“ antwortete Ludwig der Achtzehnte,„Sie ſcheinen mir ſchlecht unterrichtet zu ſein, denn ich weiß beſtimmt, 4 uo⸗ daß im Gegentheil, nach dieſer Richtung hin, das Wetter ſehr ſchön iſt.“. So geiſtreich Ludwig der Achtzehnte war, liebte er doch leichten gefälligen Scherz und Neckerei. „Sire,“ ſagte Herr von Blacas,„und ſollte es auch nur ge⸗ ſchehen, um einen treuen Diener zu beruhigen, könnte Ew. Majeſtät nicht nach Languedoc, der Provence und der Dauphiné zuverläſſige Männer ſenden, die Ihnen genauen Bericht über die Stimmung der drei Provinzen abſtatteten?“ „Canimus surdis,“ antwortete der König, immer dabei Noten in ſeinem Horaz machend. „Sire,“ antwortete der Hofmann lachend, um zu zeigen, daß er das Hemiſtichon des Dichters der Venus kannte,„Ew. Majeſtät kann vollkommen Recht haben, auf die gute Stimmung Frankreichs zu rechnen, ich aber fürchte, nicht ganz Unrecht zu haben, wenn ich irgend einen verzweifelten Angriff vorausſehe.“ „Von wem?“ „Von Bonagparte, oder wenigſtens von ſeinen Anhängern.“ „Mein lieber Blacas,“ ſagte der König,„Sie ſtören mich in 7 meiner Arbeit mit Ihren Schreckensahnungen.“ „Sire, ich wünſchte die Sicherheit Ew. Majeſtät theilen zu können.“ „Warten Sie, lieber Graf, warten Sie. Nur noch dieſe ſehr glückliche Note über den Pastor quum traheret; warten Sie, dann können Sie fortfahren.“ Es herrſchte ein kurzes Schweigen, während deſſen Ludwig der Achtzehnte mit möglichſt kleiner Schrift eine Randbemerkung in ſeinen Horaz eintrug, dann ſagte er mit der zufriedenen Miene eines Man⸗ nes, der einen Gedanken gehabt zu haben glaubt, indem er nun den eines Andern erklärt: „Fahren Sie fort, lieber Graf, fahren Sie fort, ich bin ganz Ohr.“ „Sire,“ ſagte Herr von Blacas,„ich bin gezwungen, Ihnen zu ſagen, daß es nicht bloße ungegründete, aus der Luft gegriffene Gerüchte ſind, die mich beunruhigen; ein ſehr treugeſinnter Mann, der mein ganzes Vertrauen verdient, und von mir beauftragt iſt, die ſüdlichen Provinzen zu beobachten(der Graf ſprach dieſe letzten ſehr hten, r ge⸗ jeſtät äſſige nung Noten daß jeſtät teichs nich n zu ſehr dann g der einen Man⸗ n den bin bonen ffene kann, t, die ſetzten —— 105 ’ 1 Worte etwas zögernd aus), iſt ſoeben mit der Poſt angekommen, um mir zu ſagen:„Dem Könige droht große Gefahr.“ Da bin ich hergeeilt, Sire.“ „Mala ducis avi domum,“ fuhr Ludwig der Achtzehnte aber⸗ mals notirend fort. „Befiehlt Ew. Majeſtät mir, dieſen Gegenſtand nicht mehr zu erwähnen?“ „Nein, mein lieber Graf. Aber bücken Sie ſich einmal, da unten, links; da müſſen Sie den Bericht des Polizei⸗Miniſters von geſtern... Aber, ſehen Sie, da iſt er ſelbſt... Nicht wahr, Ihr ſagtet, der Polizei Miniſter?“ fragte Ludwig den Thürſteher.„Kom⸗ men Sie näher, Baron, und erzählen Sie dem Grafen das Neueſte, was Sie von Herrn von Bonaparte wiſſen. Verſchweigen Sie uns nichts von dem Zuſtande der Dinge, ſo bedenklich derſelbe auch ſei. Laſſen Sie ſehen, iſt die Inſel Elba ein Vulkan und werden wir aus demſelben den Krieg glühend und drohend hervorſtürzen ſehen? Bella, horrida bella?“ „Hat Ew. Majeſtät die Gnade gehabt, den geſtrigen Bericht einzuſehen?“ „Ja, ja; aber ſagen Sie dem Grafen, der ihn nicht finden kann, ſelbſt, was dieſer Bericht enthält. Erzählen Sie ihm, was der Uſurpator auf ſeiner Inſel beginnt.“ „Herr Graf,“ ſagte der Baron zu Blacas,„alle treuen Diener Seiner Majeſtät müſſen ſich freuen über die letzten Nachrichten von der Inſel Elba, die uns vorliegen. Bonaparte..... 4 Der Miniſter ſah Ludwig den Achtzehnten an, der, mit dem Einſchreiben ſeiner Noten beſchäftigt, nicht einmal den Kopf emporhob. „Bonaparte,“ fuhr der Baron fort,„hat tödtliche Langeweile; er bringt ganze Tage damit zu, ſeine Mineurs von Porto⸗Longone arbeiten zu ſehen; ja, was noch mehr iſt, wir ſind beinahe ſicher, daß der Uſurpator in kurzer Zeit wahnſinnig ſein wird.“ „Wahnſinnig?“ „Wahnſinnig zum Binden. Sein Kopf wird täglich ſchwächer. Bald weint er heiße Thränen, bald lacht er aus vollem Hauſe; zu⸗ weilen bringt er Stunden am Ufer hin und beluſtigt ſich damit, Kieſelſteine in's Waſſer zu werfen, und wenn ein Stein fünf oder ſechs Mal zurückgeprallt iſt, ſcheint er eben ſo zufrieden, als hätte 106 er ein anderes Marengo oder ein zweites Auſterlitz gewonnen. Das ſind, Sie müſſen es zugeben, Beweiſe von Verrücktheit.“ Gl „Oder von Weisheit, mein Herr Baron, oder von Weisheit,“ ſagte Ludwig lachend.„Die großen Feldherren des Alterthums be⸗ V übe ſchäftigten ſich auch damit, Kieſelſteine in's Meer zu werfen. Seht von Plutarch in dem Leben des Scipio Africanus. Nun! Blacas, was Sie meinen Sie dazu?“ fragte der König, einen Augenblick von dem vor 3 ihm liegenden umfangreichen Scholiaſten aufſehend. „Ich meine, Sire, daß Einer von uns ſich irrt, entweder der Herr Polizei⸗Miniſter, oder ich. Da es aber unmöglich der Herr u Polizei⸗Miniſter ſein kann, der ſich irrt, weil er das Wohl und die im Ehre Ew. Majeſtät wahrzunehmen hat, ſo bin ich wahrſcheinlich der ör Irrende. Indeſſen, Sire, würde ich an Stelle Ew. Majeſtät den eu Mann, von dem ich Ihnen geſagt, doch ſprechen; ich bitte ſogar b dringend, daß Ew. Majeſtät ihm dieſe Ehre erzeigen.“ du „Gern, Graf; auf Ihre Empfehlung ſpreche ich, wen Sie wollen; aber ich werde ihn mit den Waffen in der Hand empfangen. Herr der Miniſter, haben Sie einen noch neueren Bericht, als dieſen hier? un Denn dieſer iſt ſchon vom 20. Februar und wir haben heute den 4. März.“ Ine „Nein, Sire, aber ich erwarte einen von Stunde zu Stunde. Seit früh Morgens war ich von Haus abweſend, und es iſt möglich, daß unterdeſſen...“ „Gehen Sie nach der Präfectur, und wenn einer da iſt, bringen Sie ihn; wenn keiner da iſt... nun auch gut! auch gut!“ fuhr Ludwig der Achtzehnte lachend fort,„dann machen Sie einen. Pflegt es nicht ſo zu geſchehen?“ „O! Sire,“ antwortete der Miniſter,„über dieſen Punkt iſt es, Gott ſei Dank, nicht nöthig, etwas zu erfinden; in unſern Bureaux laufen jeden Tag eine Menge der umſtändlichſten Anklagen ein, von einer Legion armer Schlucker, die einige Dankbarkeit für Dienſte, die ſie nicht geleiſtet haben, aber gern leiſten möchten, erwarten. Sie klagen auf's Ungewiſſe an und hoffen, daß irgend ein unerwartetes 96 Ereigniß ihren Warnungen dereinſt eine Art Wirklichkeit geben werde.“ be „Es iſt gut, Baron,“ ſagte Ludwig der Achtzehnte,„gehen Sie ſe und vergeſſen Sie nicht, daß ich Sie erwarte.“ ————————E611 107 „Ich eile, Sire; in zehn Minuten kehre ich zurück.“ „Und ich, Sire,“ ſagte Herr von Blacas,„werde mit Ihrer Erlaubniß meinen Boten einführen.“ „Warten Sie doch,“ ſagte Ludwig;„ich möchte Ihre Meinung über dieſe Stelle hören: Molli fugies anhelitu. Sie wiſſen, es iſt von dem Hirſche die Rede, der von dem Wolfe verfolgt wird. Sind Sie nicht Jäger und beſonders großer Wolfsjäger? Wie finden Sie in dieſer doppelten Bedeutung das molli anhelitu?“ „Bewunderungswürdig, Sire; aber mein Bote iſt wie der Hirſch, von dem die Rede iſt, denn er hat in kaum drei Tagen zweihundert⸗ zwanzig Meilen mit Extrapoſt gemacht. „Da hat er ſich viel Mühe ohne Noth gemacht, mein guter Graf, da wir doch den Telegraphen haben, der nur drei oder vier Stunden dazu braucht, und das, ohne im Geringſten außer Athem zu kommen.“ „Ach! Sire, Sie belohnen dieſen armen jungen Mann ſehr ſchlecht, der ſo weit herkommt und mit ſo viel Eifer, um Ew. Majeſtät eine wichtige Mittheilung zu machen. Und thäten Sie es nur um Herrn von Servieux willen, der ihn mir empfiehlt, empfangen Sie ihn gnädig, Sire, ich flehe darum.“ „Herr von Servieux, der Kammerherr meines Bruders?“ „Derſelbe.“ „Ja wirklich, er iſt in Marſeille.“ „Von da aus ſchreibt er mir.“ „Sagt er Ihnen auch von dieſer Verſchwörung?“ „Nein, denn er verweiſ't mich an Herrn von Villefort und macht mir zur Pflicht, demſelben unter jeder Bedingung Zutritt bei Ew. Majeſtät zu verſchaffen.“ „Herr von Villefort?“ rief der König,„warum nannten Sie mir ſeinen Namen nicht gleich?“ Dabei ward ein Anflug von Be⸗ ſorgniß in ſeinen Mienen ſichtbar. „Sire, ich glaubte dieſen Namen von Ew. Majeſtät nicht gekannt.“ „Doch! doch! mein beſter Blacas; es iſt ein ernſter, erhabener, beſonders ehrgeiziger Geiſt; ei Potztauſend! Sie kennen den Namen ſeines Vaters, Noirtier.“ „Noirtier! der Girondiſt? Noirtier! der Senator?“ „Ganz richtig.“ „Und Ew. Majeſtät haben den Sohn dieſes Mannes angeſtellt?“ „Mein lieber Graf, ich ſagte Ihnen, daß Villefort ehrgeizig iſt, der opfert, um zu ſteigen, Alles, ſogar ſeinen Vater.“ Alſo darf ich ihn eintreten laſſen, Sire?“ „Im Augenblick, Graf, wo iſt er?“ „Er erwartet mich unten in meinem Wagen.“ Der Graf enteilte mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings, die ernſte Treue ſeines aufrichtigen Royalismus verjüngte ihn um dreißig Jahre. Ludwig der Achtzehnte warf, als er allein war, ſeine Augen wieder auf ſeinen noch geöffneten Horaz und murmelte: Justum et tenacem propositi virum.— Herr von Blacas kam mit derſelben Schnelligkeit wieder her⸗ auf, wie er hinunter geeilt war, aber in dem Vorzimmer mußte er ſich auf die Autoriſation des Königs berufen; das beſtaubte Kleid des Herrn von Villefort, ſein ganzer Reiſeanzug, der durchaus nichts Courfähiges hatte, reizte die Peinlichkeit des Ceremonienmeiſters, der nicht begreifen konnte, daß dieſer junge Mann die Abſicht habe, ſo vor dem Könige ſelbſt erſcheinen zu wollen; aber der Graf hob alle Bedenklichkeiten durch das einzige Wort:„Befehl Seiner Ma⸗ jeſtät,“ und ungeachtet der Bemerkungen, die der Ceremonienmeiſter, auf die Geſetze der Etiquette ſich berufend, noch machte, wurde Villefort eingeführt. Der König ſaß noch, wie der Graf ihn ver⸗ laſſen hatte. Als der junge Staatsbeamte die Thür öffnete, fand er ſich ihm dicht gegenüber; ſeine erſte Bewegung war, einen Schritt zurückzutreten. „Kommen Sie näher, Herr von Villefort,“ ſagte der König, „kommen Sie.“ Villefort grüßte und machte einige Schritte vor⸗ wärts, des Königs Fragen erwartend. „Herr von Villefort,“ fuhr Ludwig der Achtzehnte fort,„hier der Herr Graf von Blacas behauptet, daß Sie mir etwas Wichtiges zu ſagen haben.“ „Sire, der Herr Graf hat Recht und ich hoffe, daß Ew. Ma⸗ jeſtät es ſelbſt anerkennen werden.“* lt⸗ iſ, — 3 109 „Zuerſt, mein Herr, und vor allen Dingen, iſt das Unglück Ihrer Meinung nach ſo groß, als man mich überreden will?“ „Sire, es ſcheint mir bedeutend, aber Dank der Schnelligkeit, mit welcher ich hierher gekommen bin, nicht unabwendbar, wie ich hoffe.“ „Reden Sie, ſagen Sie Alles, was Sie für nöthig halten, mein Herr,“ entgegnete der König, den nach und nach dieſelbe Bewegung ergriff, die auf dem Geſichte des Grafen von Blacas ſichtbar und in der Stimme des Herrn von Villefort hörbar war.„Reden Sie, und beſonders, fangen Sie mit dem Anfange an; ich liebe die Ord⸗ nung in Allem.“ „Sire,“ ſagte Villefort,„ich werde Ew. Majeſtät treuen Be⸗ richt abſtatten, aber ich bitte, mich gnädigſt zu entſchuldigen, wenn die Verwirrung, in der ich bin, meine Worte mitunter unklar macht.“ Ein auf den König geworfener Blick ſicherte Villefort das Wohl⸗ wollen ſeines erhabenen Zuhörers zu, und er fuhr fort:„Sire, ich bin ſo ſchnell als möglich nach Paris gekommen, um Ew. Majeſtät zu benachrichtigen, daß ich auf amtlichem Wege ein Complot, nicht der gewöhnlichen Art, die keine Folgen hat und wie man deren täglich in den niederen Volksklaſſen und unter den gemeinen Sol⸗ daten beobachten kann, ſondern von ernſter Bedeutung, eine wahre Verſchwörung, entdeckt habe, einen Sturm, der nichts Geringeres, als den Thron Ew. Majeſtät bedroht. Sire, der Uſurpator bemannt drei Schiffe, er hat irgend einen Plan, unſinnig vielleicht, aber doch ſchrecklich, entſetzlich, ſo unſinnig er auch iſt. Zu dieſer Stunde muß er ſchon die Inſel Elba verlaſſen haben, um, wo, weiß ich nicht, zu landen. Ob in Neapel, an den toscaniſchen Küſten, oder in Frank⸗ reich ſelbſt? das iſt mir nicht bekannt, gewiß aber iſt, daß er irgend einen Gewaltſtreich beabſichtigUt. Es wird Ew. Majeſtät nicht un⸗ bekannt ſein, daß der Beherrſcher der Inſel Elba Verbindungen mit Italien und Frankreich unterhalten hat.“ „Ja, mein Herr, ich weiß es,“ erwiderte der König ſehr be⸗ wegt,„und erſt ganz kürzlich hat man Nachricht gehabt, daß in der Straße Saint⸗Jacques bonapartiſtiſche Umtriebe ſtattfanden. Aber fahren Sie fort, ich bitte Sie, wie ſind Sie zu dieſen Nachrichten gekommen?“ 110 „Sire, Sie ſind das Reſultat eines Verhörs, dem ich einen Mann in Marſeille unterwerfen mußte, auf den ich ſchon lange ein wachſames Auge hatte. Dieſer Mann, ein ungeſtümer Seemann und des wüthendſten Bonapartismus verdächtig, war heimlich auf der Inſel Elba. Er hat den Groß⸗Marſchall geſprochen und von demſelben einen mündlichen Auftrag an einen Bonapartiſten in Paris erhalten, deſſen Namen ihm zu entlocken mir durch kein Mittel gelungen iſt. Der Auftrag indeſſen war, die Gemüther auf eine nahe Rück⸗ kehr(bemerken Sie, Sire, daß ich mit den Worten des Verhörs rede), die nicht fehlen könne, vorzubereiten.“ „Und wo iſt dieſer Mann?“ fragte Ludwig der Achtzehnte. „Im Gefängniſſe, Sire.“ „Und die Sache erſchien Ihnen wirklich bedenklich?“ „So bedenklich, Sire, daß ich durch dieſes Ereigniß von meinem Verlobungsfeſte, aus dem heiterſten Familienkreiſe weggeriſſen, es für dringend nöthig fand, Alles, Braut, Familie und Freunde zu verlaſſen, Alles aufzuſchieben und hierher zu eilen, um ſowohl meine Befürchtungen, als auch die Verſicherung meiner grenzenloſen Er⸗ gebenheit zu den Füßen Ew. Majeſtät zu legen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Ludwig der Achtzehnte,„war nicht von einer Verbindung mit Ihnen und Fräulein Saint⸗Méran die Rede?“ „Der Tochter eines der treueſten Unterthanen Ew. Majeſtät.“ „Ja, ja; aber kommen wir auf dieſes Complot zurück, Herr von Villefort.“ „Sire, ich fürchte, daß es mehr als ein Complot, daß es eine Verſchwörung ſei.“ „Eine Verſchwörung in dieſer Zrit, entgegnete Ludwig lächelnd, „iſt leicht zu beabſichtigen, aber um ſo ſchwerer auszuführen, als wir erſt ſeit geſtern auf dem Throne unſerer Väter wieder einge⸗ ſetzt, mit offenen Augen über Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ kunft wachen. Seit zehn Monaten verdoppeln meine Miniſter ihre Aufmerkſamkeit, damit das ſüdliche Küſtenland gut bewacht ſei. Wenn Bonaparte nach Neapel hinabginge, würde die ganze Coali⸗ tion auf den Beinen ſein, ehe er nach Piombino käme; wendete er 111 er ſich nach Toskana, ſo käme er in feindliches Land; landete er mit einer Hand voll Menſchen in Frankreich, ſo würden wir, da er von den Einwohnern verabſcheut iſt, bald zum Ziele kommen. Be⸗ ruhigen Sie ſich demnach, mein Herr, aber rechnen Sie nichts deſto weniger auf unſere königliche Dankbarkeit.“ „Ah! da kommt der Herr Polizei⸗Miniſter,“ rief der Graf von Blacas. Jetzt erſchien wirklich der Polizei⸗Miniſter auf der Schwelle, aber bleich und zitternd, und mit einem Blicke, als hätte ihn ein Blitzſtrahl geblendet. Villefort trat einen Schritt zurück, um ſich zu entfernen, wurde aber durch einen kräftigen Händedruck des Grafen von Blacas zu⸗ rückgehalten. XI. Der corſiſche Wehrwolf. Bei Erblickung dieſes beſtürzten Geſichtes ſtieß der König den Tiſch, an dem er ſaß, heftig zurück. „Was iſt Ihnen denn, Herr Baron?“ rief er,„Sie ſcheinen ganz bewegt? Dieſe Verwirrung, dieſes Zögern, ſteht es im Zu⸗ ſammenhange mit dem, was mir Herr von Blacas geſagt und Herr von Villefort ſoeben beſtätigt hat.“ Herr von Blacas ſeinerſeits näherte ſich dem Baron lebhaft, aber das Entſetzen des Hofmannes ließ den Triumph des Staats⸗ mannes nicht zum Ausbruche kommen; wirklich wäre es ihm in dieſem Falle wünſchenswerther geweſen, von dem Polizei⸗Miniſter gedemü⸗ thigt zu werden, als denſelben zu demüthigen. „Sire...“ ſtammelte der Baron. „Nun? laſſen Sie hören!“ ſagte Ludwig XVIII. „O! Sir, welches entſetzliches Unglück! wie bin ich zu beklagen! ich kann mich niemals beruhigen...“ „Mein Herr,“ ſagte der König,„ich befehle Ihnen, zu reden.“ „Nun denn! Sire, der Uſurpator hat am 26. Februar die Inſel Elba verlaſſen und iſt am 1. März gelandet.“ „Wo? in Italien?“ fragte der König lebhaft. „In Frankceich, Sire, in einem kleinen Hafen bei Antibes im Meerbuſen Juan.“ „Am 1. März iſt der Uſurpator in Frankreich, bei Antibes im Meerbuſen Juan, 250 Meilen von Paris, gelandet, und Sie er⸗ fahren dieſes erſt heute, den 4. März!... Eil mein Herr, das iſt unmöglich, was Sie mir da ſagen, Sie werden falſche Beri⸗ 8 erhalten haben.“ „Ach! Sire, was ich Ihnen melde, iſt nur zu wahr. verneie „ Eifer; „Sie ein J Uſurp man könnte 113 — Ludwig XVIII. machte eine unbeſchreibliche Bewegung des Zorns und Schreckens und ſchnellte empor, als habe dieſer unerwartete Schlag ſein Herz und Geſicht zugleich getroffen. „In Frankreich!“ rief er,„der Uſurpator in Frankreich! aber beobachtete man denn dieſen Mann nicht beſſer? Oder, wer weiß? oder war man vielleicht einverſtanden mit ihm?“— b„O! Sire,“ entgegnete der Graf von Blacas,„einen Mann, wie der Herr Miniſter der Polizei, kann man nicht des Verraths beſchuldigen. Sire, wir waren Alle blind, und der Baron hat nur die allgemeine Blindheit getheilt.“ den„Aber...“ erwiderte Villefort. Dann hielt er plötzlich inne, verneigte ſich vor dem Könige und ſagte: nen„Verzeihung, Verzeihung! Ew. Majeſtät entſchuldigen, mein gu⸗ Eifer riß mich hin.“ err„Reden Sie, mein Herr, reden Sie dreiſt,“ antwortete Ludwig; „Sie allein haben uns das Unglück vorhergeſagt, helfen Sie uns nun t. ein Mittel dagegen ſuchen.“ 1.„Sire,“ erwiderte Villefort,„in den ſüdlichen Provinzen iſt der ſem Uſurpator verabſcheut; ich glaube, daß, wenn er ſich dorthin wagte, nü⸗ mman ſehr leicht die Provence und Languedoc gegen ihn aufreizen könnte.“ „Ja, ohne Zweifel,“ entgegnete der Miniſter;„aber er rückt über Gap und Siſteron vor.“ en!„Er rückt vor! er rückt vor!“ ſagte Ludwig,„er geht alſo auf Paris los?“ n.“ Der Polizei⸗Miniſter beobachtete ein Schweigen, welches dem ſſel vollſtändigſten Eingeſtändniſſe gleichkam. „Und die Dauphiné, Herr von Villefort,“ fragte der König, „glauben Sie, daß man auch ſie aufreizen kann, wie die Provence?“ im„Sire, ich bin troſtlos, Ew. Majeſtät eine grauſame Wahrheit ſagen zu müſſen; aber der Geiſt in der Dauphiné iſt weit entfernt im voon dem in Languedoc und in der Provence; die Bergbewohner er⸗ ſiind Bonapartiſten, Sire.“ 8 1„Ha!“ murmelte der König,„er war gut unterrichtet. Und wie viel Mann hat er bei ſich?“ „Sire, ich weiß es nicht,“ ſagte der Polizei⸗Miniſter. „Wie? Sie wiſſen es nicht, Sie haben vergeſſen, ſich nach . Der Graf von Monte⸗Chriſto. 8 ₰ 114 dieſem wichtigen Umſtande zu erkundigen? Er iſt freilich von ge⸗ 1 1 ringer Bedeutung,“ fügte er mit einem niederſchmetternden Lächeern auglüch hinzu.— Nänne „Sire, die Depeſche enthielt nur die Nachricht von der Landung ͤiſter, des Uſurpators und dem Wege, den er eingeſchlagen hat.“ Qhunder „Und auf welchem Wege iſt Ihnen dieſe Depeſche zugegangen?“ MNeilen fragte der König. der He Der Miniſter ſenkte ſeine mit lebhafter Röthe überzogene Stirn. alſo, e „Durch den Telegraphen, Sire.“— mit oh Ludwig XVIII. trat raſch einen Schritt vorwärts und kreuzte er, wie die Arme, wie Napoleon. 8 „Alſo,“ ſagte er, vor Zorn erbleichend,„haben ſieben vereinigte drude Armeen dieſen Mann bezwungen, ein Wunder des Himmels hat S⸗ mich nach 25 Jahren des Exils wieder auf den Thron meiner Väter rünn geſetzt; ich habe dieſe 25 Jahre hindurch die Menſchen und die Zu⸗ 7 ſtände dieſes Frankreichs, das mir verheißen war, ſtudirt und ana⸗ Ludwie lyſirt, damit, nun ich am Ziele aller meiner Wünſche bin, eine haben, Kraft, die ich in meiner Gewalt hatte, ausbricht und mich vernichtet.“ feſtzuh „Sire,“ ſagte der Miniſter leiſe,„es iſt das Fatum.“ des H Er fühlte, daß eine ſolche Laſt(leicht für das Geſchick) einen ehalt Mann zerſchmettern konnte. „Fallen!“ fuhr Ludwig XVIII. fort, der mit dem erſten Blicke lizeie den Abgrund gemeſſen hatte, in welchen die Monarchie zu verſinken Aillefo drohte;„fallen, und ſeinen Sturz durch den Telegraphen erfahren! I vielleic O! ich möchte lieber auf das Blutgerüſt meines Bruders Ludwig XVI. ich a hinan, als ſo im Geleite der Lächerlichkeit die Treppen der Tuile⸗ ooglei rieen hinunterſteigen. Die Lächerlichkeit, mein Herr, wiſſen Sie, konnte was das in Frankreich bedeutet?“ poleo „Sire! Sire!“ ſtammelte der Miniſter,„Mitleid!“ Todes „Kommen Sie näher, Herr von Villefort,“ ſprach der König zu ve zu dem jungen Manne, der, im Hintergrunde ſtehend, dem Gange zu bef dieſer Unterhaltung mit Antheil folgte, auf welches unſicher das Ge⸗ ſchick eines Königreichs ſchwebte;„kommen Sie näher und ſagen Sie Er. J dem Herrn Baron, daß er alles dieſes, was ihm unbekannt blieb, vem früher hätte wiſſen können.“ meine „Sire, es war rein unmöglich, die Pläne, die dieſer Mann vor aller Welt verbarg, zu errathen,“ ſtotterte der Miniſter. euzte ngte hat äter Zu⸗ ana⸗ eine tet.“ inen lice inken ren! VI. uile⸗ Sie, önig ange Ge⸗ Sie lieb, lann ’ 2 3 4 —ℳ-— 115 „Rein unmöglich! Ja, das iſt ein großes Wort, mein Herr; unglücklicherweiſe iſt es mit den großen Worten, wie mit den großen Männern; ich habe ſie kennen gelernt. Rein unmöglich! einem Mi⸗ niſter, der eine Adminiſtration, Bureau's, Agenten und fünfzehn⸗ hunderttauſend Francs geheime Fonds hat, zu wiſſen, was ſechzig Meilen von den Küſten Frankreichs paſſirt! Nun wohll ſehen Sie, der Herr hier, der keine von dieſen Hilfsquellen hatte, dieſer Herr alſo, ein einfacher Criminalbeamter, wußte mehr davon, Jals Sie mit Ihrer ganzen Polizei, und hätte meine Krone gerettet, wenn er, wie Sie, das Recht gehabt hätte, den Telegraphen zu benutzen.“ Der Blick des Polizei⸗Miniſters wendete ſich hier mit dem Aus⸗ drucke tiefen Unmuthes auf Villefort, der mit der Beſcheidenheit des Triumphes den Kopf ſenkte. „Ich ſage dies nicht Ihnen, mein lieber Blacas,“ fuhr Ludwig XVIII. fort;„denn wenngleich Sie Nichts ſelbſt entdeckt haben, ſo hatten Sie wenigſtens den Tact, an Ihrem Argwohne feſtzuhalten. Ein Anderer als Sie hätte vielleicht die Eröffnungen des Herrn von Villefort für Eingebungen verkäuflichen Ehrgeizes gehalten und die Zeichen des Telegraphen abgewartet!...“ Dieſe Worte ſpielten auf die an, welche der Miniſter der Po⸗ lizei eine Stunde zuvor mit ſo vieler Zuverſicht ausgeſprochen hatte. Villefort begriff das Spiel des Königs. Ein Anderer hätte ſich vielleicht der Trunkenheit dieſes Lobes hingegeben; aber er fürchtete, ſich an den Polizei⸗Miniſter einen unverſöhnlichen Feind zu machen, obgleich er fühlte, daß dieſer unwiderruflich verloren war. Wirklich konnte der Miniſter, der mit aller ſeiner Macht das Geheimniß Na⸗ poleons nicht hatte errathen können, in den letzten Zuckungen ſeines Todeskampfes das Villeforts errathen; er brauchte dazu nur Dantes zu verhören. Er kam alſo dem Miniſter zu Hilfe, ſtatt ſeinen Fall zu beſchleunigen. „Sire,“ ſagte Villefort,„die Schnelligkeit des Ereigniſſes kann Ew. Majeſtät beweiſen, daß Gott allein es zu verhindern vermochte, wenn er einen Seeſturm geſandt hätte. Was Ew. Majeſtät von meiner Seite einem beſondern Scharfſinne beimeſſen, war ein ein⸗ facher Zufall. Ich habe als treuer Unterthan dieſen Zufall benutzt, das iſt mein ganzer Verdienſt. Gewähren Sie mir nie mehr, Sire, 8* 116 als ich verdiene, um nie auf die erſte Idee zurückzukommen, die Ew. Majeſtät von mir gehabt haben werden.“ Der Polizei⸗Miniſter dankte dem jungen Manne durch einen beredten Blick, und Villefort erkannte, daß ſein Zweck erreicht war, nämlich, daß er ſich, ohne in des Königs Meinung zu verlieren, einen Freund erworben hatte, auf den er in vorkommenden Fällen rechnen konnte. „Es iſt gut,“ ſagte der König,„und jetzt, meine Herren,“ fuhr er, ſich zu Herrn von Blacas und dem Polizei⸗Miniſter wendend, fort,„bedarf ich Ihrer nicht mehr; Sie können ſich entfernen; was hier nun noch zu thun, iſt Sache des Kriegs⸗Miniſters.“ „Glücklicherweiſe, Sire,“ bemerkte Herr von Blacas,„können wir auf die Armee rechnen; Ew. Majeſtät wiſſen, wie ſehr alle Be⸗ richte ihre Ergebenheit ſchildern.“ „Reden Sie mir nicht von Berichten; jetzt, Graf, weiß ich, wie man denen vertrauen kann. Doch, halt! Apropos von Berichten, Herr Baron, was haben Sie über die Angelegenheit in der Straße St. Jacques Neues erfahren?“ „Ueber die Angelegenheit in der Straße St. Jacques!“ rief Villefort, ſich vergeſſend— doch plötzlich inne haltend, ſagte er: „Verzeihung, Sire, meine Anhänglichkeit an Ew. Majeſtät läßt mich immer wieder vergeſſen, nicht die Ehrfurcht, die ich für Hoch⸗ dieſelben habe, denn ſie iſt zu tief in mein Herz eingegraben, aber die Regeln der Etiquette.“ „Sagen Sie und thun Sie, was Sie wollen, mein Herr,“ ent⸗ gegnete Ludwig XVIII.;„Sie haben heute das Recht erworben, zu fragen.“ „Sire,“ antwortete der Polizei⸗Miniſter,„ich kam eben heute, Ew. Majeſtät die neuen Nachrichten, die ich über dieſe Angelegen⸗ heit geſammelt hatte, zu bringen, als die Aufmerkſamkeit Ew. Ma⸗ jeſtät durch die entſetzliche Cataſtrophe vom Meerbuſen Juan in An⸗ ſpruch genommen wurde. Jetzt haben dieſe Nachrichten für den König kein Intereſſe mehr.“ „Im Gegentheil, mein Herr, im Gegentheil,“ warf der König ein—„dieſe Angelegenheit ſcheint mir in genauem Zuſammen⸗ hange mit der, die uns beſchäftigt, zu ſtehen, und der Tod des orin ate C s gener innere zeiche man! kam, ihn au Jacqu nerals gehör 3 über der nach daß pato eines man ee — —— * 4 * 3 8 117 General Epinay bringt uns vielleicht auf die Spur eines großen inneren Complotes.“ Bei dem Namen des Generals Epinay ſchauderte Villefort. „Wirklich, Sire,“ antwortete der Polizei⸗Miniſter,„alle An⸗ zeichen laſſen vermuthen, daß dieſer Tod nicht ein Selbſtmord, wie man Anfangs glaubte, ſondern ein Meuchelmord war. Der General kam, ſo viel ich bis jetzt habe erfahren können, kurz vor ſeinem Ver⸗ ſchwinden aus einem bonapartiſtiſchen Clubb. Ein Unbekannter hatte ihn an demſelben Morgen aufgeſucht und ihn nach der Straße St. Jacques beſtellt. Unglücklicherweiſe hat der Kammerdiener des Ge⸗ nerals, der denſelben eben friſirte, als der Unbekannte kam, wohl gehört, daß er die Straße St. Jacques bezeichnete, aber die Nummer hat er vergeſſen.“ Je mehr Nachrichten der Miniſter der Polizei dem Könige über die Sache gab, deſto mehr erbleichte und erröthete Villefort, der an ſeinen Lippen hing, wechſelsweiſe. Der König drehte ſich nach ihm um. „Sind Sie nicht, wie ich, der Meinung, Herr von Villefort, daß der General Epinay, den man für einen Anhänger des Uſur⸗ pators hielt, der aber in Wahrheit mir treu ergeben war, als Opfer eines bonapartiſtiſchen Hinterhaltes gefallen iſt?“ „Es iſt wahrſcheinlich, Sire,“ antwortete Villefort,„aber weiß man weiter nichts?“ „Man iſt dem Manne, der die Zuſammenkunft verabredet hatte, auf der Spur.“ „Man iſt ihm auf der Spur?“ wiederholte Villefort. „Ja, der Bediente hat ſein Signalement gegeben; er iſt ein Mann von fünfzig bis zweiundfünfzig Jahren, braun, mit ſchwarzen Augen, dichten, ſchwarzen Augenbrauen und Backenbarte; er trug einen ganz zugeknöpften blauen Ueberrock und im Knopfloche das Band des Ordens der Ehrenlegion. Geſtern hat man Jemand ge⸗ ſehen, deſſen Signalement mit dem gegebenen genau übereinſtimmt, doch hat man an der Ecke der Straßen de la Juſſienne und Coq⸗ Heron ſeine Spur verloren.“ Villefort ſtützte ſich an die Lehne eines Armſtuhles; denn mit jedem Worte, das der Miniſter ſprach, nahm das Zittern ſeiner Beine zu, die ihn zuletzt kaum noch trugen; da er aber erfuhr, daß 118 der Unbekannte den gegen ihn gerichteten Nachſtellungen entgangen war, athmete er wieder freier. „Sie müſſen Alles aufbieten, dieſes Mannes habhaft zu wer⸗ den,“ ſagte der König zu dem Polizei⸗Miniſter;„denn da ich alle Urſache habe, zu glauben, daß der General Epinay, der uns jetzt ſo überaus nützlich ſein würde, ermordet iſt, gleichviel, ob von Bo⸗ napartiſten oder nicht, ſo will ich, daß ſeine Mörder auf das Strengſte beſtraft werden.“ Villefort mußte alle ſeine Herrſchaft über ſich ſelbſt aufbieten, um das Entſetzen, welches dieſer Befehl des Königs ihm einflößte, nicht zu verrathen. „Es iſt ſonderbar,“ fuhr der König mit ſpottender Miene fort, die Polizei glaubt Alles geſagt zu haben, wenn ſie ſagt: Es iſt ein Mord begangen; und Alles gethan zu haben, wenn ſie hinzufügt: man iſt den Thätern auf der Spur.“ „Sire, Ew. Majeſtät wird, wenigſtens was dieſe Angelegenheit anbetrifft, zufrieden geſtellt werden, wie ich hoffe.“ „Gut, wir werden ſehen. Ich will Sie nicht länger aufhalten, Baron.“ „Herr von Villefort, Sie müſſen von Ihrer langen Reiſe er⸗ müdet ſein, gehen Sie, ſich auszuruhen. Sie ſind ohne Zweifel bei Ihrem Vater abgeſtiegen?“ Ein Schwindel nahm Villefort faſt die Beſinnung. „Nein, Sire, ich bin im Hotel de Madrid, Straße Touron, abgeſtiegen.“ „Aber Sie haben doch Herrn Noirtier ſchon geſehen?“ „Sire, ich eilte gleich nach meiner Ankunft zu dem Herrn Grafen von Blacas.“ „Aber Sie werden ihn doch ſehen?“ „Ich habe nicht die Abſicht, Sire.“ „Ach! es iſt wahr,“ ſagte Ludwig XVIII. lächelnd, wie um zu beweiſen, daß er dieſe wiederholten Fragen nicht abſichtslos gethan hatte. Ich vergaß, daß Sie mit Herrn Noirtier geſpannt ſind, und daß dies ein neues Opfer iſt, das Sie dem Royalismus bringen, wofür ich Sie entſchädigen muß.“ „Sir, die Güte, welche Ew. Majeſtät mir beweiſ't, iſt eine Be⸗ 119 lohnung, die meine kühnſten Wünſche ſo weit überſteigt, daß ich 3 nichts mehr zu begehren habe.“ wer⸗„Schadet nichts, mein Herr, wir werden Sie nicht vergeſſen, alle verlaſſen Sie ſich darauf. Indeſſen vorläufig“(hier nahm der König 1 jett ſein Kreuz der Ehrenlegion, das er gewöhnlich auf ſeinem Kleide Ve⸗ 5 dicht neben dem Ludwigskreuze trug, ab, und gab es Villefort) engſe„ nehmen Sie dieſes Kreuz von mir an.“ „Sire“ ſagte Villefort,„Ew. Majeſtät irren ſich, dies iſt ein feten, Offizierskreuz.“ ößte,„Meiner Treu, mein Herr,“ ſagte Ludwig XVIII,„nehmen 4 Sie es, wie es iſt, ich habe nicht Zeit, ein anderes holen zu laſſen. fort, Blacas, Sie ſorgen dafür, daß das Patent für Herrn von Villefort ſteien ausgefertigt wird.“ fügt: Eine Thräne ſtolzer Freude benetzte Villeforts Augen: er küßte 3 das Kreuz. hei„ uUnd jetzt,“ fragte er,„welche Befehle haben Ew. Majeſtät mir zu ertheilen?“ „Genießen Sie zuvörderſt die ihnen ſo nöthige Ruhe und dann alten, 1. bedenken Sie, daß Sie, in Paris ohne Mittel mir zu nützen, mir dagegen in Marſeille Dienſte von der allergrößten Wichtigkeit leiſten ſe er. können“ el bei„Sire,“ erwiderte Villefort, ſich verbeugend,„in einer Stunde werde ich Paris verlaſſen haben.“ 3„Gehen Sie mein Herr,“ ſagte der König,„und ſollte ich Sie je vergeſſen(das Gedächtniß der Könige iſt kurz), ſo unterlaſſen Sie nicht, ſich meinem Gedächtniſſe zurückzurufen...“ „Herr Baron, befehlen Sie, daß der Kriegsminiſter gerufen errn werde. Blacas, bleiben Sie.“ „Ach! mein Herr!“ ſagte der Polizei⸗Miniſter zu Villefort, in⸗ dem ſie die Tuilerieen verließen,„Sie kommen durch die Glücks⸗ thür und Ihre Carriere iſt geſichertl“ nzu 3 1„Wird ſie lang ſein?“ murmelte Villefort, indem er ſich dem han 1 Miniſter empfahl, deſſen Carriéere beendet war, und ſuchte einen und Wagen, um nach Hauſe zu fahren. gen, Er warf ſich in den erſten vorüberfahrenden Fiaker und über⸗ ließ ſich, in eine Ecke deſſelben gedrückt, ſeinen ehrgeizigen Träumen. Be⸗ In zehn Minuten war er zu Hauſe. Er beſtellte Frühſtück und 120 Pferde, um in wenigſtens zwei Stunden abreiſen zu können. Er war eben im Begriffe, ſich an den Tiſch zum Frühſtücke zu ſetzen, als die Glocke von einer feſten, kräftigen Hand gezogen wurde. Der Kammerdiener öffnete und Villefort hörte ſeinen Namen nennen. „Wer kann ſchon wiſſen, daß ich hier bin?“ fragte der junge Mann. In dieſem Augenblicke trat der Kammerdiener ein und meldete einen Fremden, der ſeinen Namen nicht ſagen wolle. „Und welcher Art ſcheint dieſer Fremde zu ſein?“ „Er iſt ein Mann in den Fünfzigen.“ „Klein? groß?“ 3 „Von der Größe des gnädigen Herrn ungefähr, braun, ſehr braun, mit ſchwarzem Haare, ſchwarzen Augen und eben ſolchen Augenbrauen und Backenbart.“ „Und gekleidet?“ fragte Villefort lebhaft,„wie gekleidet?“ „Er hat einen langen, blauen Ueberrock an, der von oben bis unten zugeknöpft iſt, und trägt das Kreuz der Ehrenlegion.“ „Er iſt's,“ murmelte Villefort erbleichend. „Ei Potztauſend!“ ſagte der Mann, deſſen Signalement wir eben gegeben haben, in der Thür erſcheinend,„was ſind das für Umſtände! Iſt das in Marſeille Sitte, daß die Söhne ihre Väter antichambriren laſſen?“ „Mein Vater!“ rief Villefort.„Ich hatte mich alſo nicht ge⸗ irrt, als ich vermuthete, daß Sie es wären.“ „Wenn Du vermutheteſt, daß ich es ſei,“ ſagte der Neuange⸗ kommene, und ſtellte ſein Rohr in eine Ecke und ſeinen Hut auf einen Stuhl,„ſo muß ich Dir ſagen, mein lieber Gerard, daß es durchaus nicht liebenswürdig von Dir iſt, mich warten zu laſſen.“ „Laß uns allein, Germain,“ befahl Villefort. Der Kammerdiener entfernte ſich mit ſichtlichem Erſtaunen. ten, Der XII 7. 1 lnn. Vater und Sohn. bdet 13 Herr Noirtier, denn er war es wirklich, ſah dem Diener nach, bis derſelbe die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, öffnete dann die⸗ 4 ſelbe nochmals, um zu ſehen, ob er auch nicht im Vorzimmer horche, welches auch wirklich der Fall war, denn die Schnelligkeit, mit der Germain von der Thüre fortſprang, bewies, daß er von der Sünde, ſehr die unſere Stammeltern des Paradieſes verluſtig machte, nicht frei cen 1 war. Herr Noirtier verſchloß nun eigenhändig die Thüre des Vor⸗ zimmers, ſowie auch des Schlafzimmers, und reichte Villefort die . Hand, der mit einer Ueberraſchung, von der er ſich noch nicht erholt bdiis hatte, allen Bewegungen ſeines Vaters gefolgt war. „Ach, weißt Du wohl, mein lieber Gerard,“ ſagte er mit einem . 2 ſchwer zu erklärenden Lächeln, zu dem jungen Manne,„daß Du eben vir.. nicht entzückt ſcheinſt, mich zu ſehen.“ fujfr„Gewiß, mein Vater, ich freue mich unendlich, aber ich geſtehe, :r ich war ſo weit entfernt, Ihren Beſuch zu ahnen, daß er mich etwas ſ überraſcht hat.“ ge„Ich kann Dir, mein Freund, daſſelbe ſagen. Wie? Du meldeſt mir, daß Du den 28. Februar in Marſeille Deine Verlobung feiern nge-e wirſt, und den 4. März biſt Du in Paris.“ auf„Beklagen Sie ſich nicht darüber, daß ich hier bin, mein Vater,“ darüber, denn um Ihretwillen bin ich gekommen, und hoffe, daß dieſe Reiſe Sie retten wird.“ „Ei, wirklich!“ erwiderte Herr Noirtier, ſich behaglich in ſeinem Lehnſtuhle ausſtreckend;„wirklich! Erzählen Sie mir doch das, Herr Subſtitut des königlichen Procurators, es muß intereſſant ſein.“ „Mein Vater, haben Sie von einem gewiſſen bonapartiſtiſchen 1 8s ſagte Gerard, ſich Herrn Noirtier nähernd,„beklagen Sie ſich nicht Clubb in der Straße St. Jacques gehört?“ 3„Nr. 53, ja, ich bin der Vice⸗Präſident deſſelben.“ 46„Vater! Ihre Kaltblütigkeit macht mich ſchaudern!“ „Was willſt Du, mein Lieber? Wenn man von dem Berge vertrieben, in einem Heuwagen aus Paris geflüchtet und in dem 1 122 3 Lande von Bordeaux von Robespierre's Spürhunden umſtellt war, dann wird man Manches gewohnt. Fahre alſo fort. Nun! was iſt denn in jenem Clubb in der Straße St. Jacques geſchehen?“ „Man hat den General Epinay dorthin gelockt, und der General Epinay, der Abends neun Uhr ſein Haus verlaſſen hatte, iſt am andern Morgen in der Seine gefunden worden.“ „Und wer hat Dir dieſe Geſchichte erzählt?“ „Der König ſelbſt, mein Herr.“ „Nun gut, ich will Dir zur Belohnung für Deine Geſchichte eine Neuigkeit mittheilen.“ „Mein Vater, ich glaube ſchon zu wiſſen, was Sie mir er⸗ zählen wollen.“ „Ah! Du weißt, daß Seine Majeſtät der Kaiſer gelandet iſt?“ „Still, mein Vater, ich bitte Sie, erſtlich um Ihretwillen und dann auch um meinetwillen; ja, ich wußte dieſe Neuigkeit, wußte ſie ſogar eher als Sie, denn ich bin in drei Tagen von Marſeille hierher geeilt, und habe nichts bedauert, als daß ich nicht ſo ſchnell fliegen konnte, wie meine Gedanken, die mir das Gehirn zu ver⸗ brennen drohten.“ „In drei Tagen! biſt Du toll? vor drei Tagen war der Kaiſer nicht gelandet.“ „Dennoch erfuhr ich ſeinen Plan.“ „Wie erfuhrſt Du ihn?“ „Durch einen Brief an Sie, von der Inſel Elba, den ich in der Brieftaſche des an Sie Beauftragten fand. Wenn dieſer Brief in andere Hände gefallen wäre, ſo wären Sie, mein Vater, jetzt vielleicht ſchon erſchoſſen.“ Der Vater lachte. „Ei, ei! ſagte er,„die Reſtauration ſcheint vom Kaiſerreiche die Manier, ihre Angelegenheiten ſchnell zu erledigen, gelernt zu haben... Erſchoſſen? Ei, mein Sohn, Du nimmſt die Sache ja ſehr ernſt, aber ich gehöre doch auch dazu. Und dieſer Brief, wo iſt er? Ich kenne Dich zu gut, um zu fürchten, daß er in Deiner Hand mir ſchaden könne.“ „Ich habe ihn verbrannt und dabei geſtanden, bis die letzte Spur deſſelben vernichtet war; denn dieſer Brief war Ihr Ver⸗ dammungsurtheil.“ 1 5 —— —— —— — 1 r 8 3 4 5 123 1„Und eine Hemmung Deiner Carrière,“ antwortete Noirtier kalt. 3„Ja, ich begreife das; aber ich habe, von Dir protegirt, Nichts zu befürchten.“— in 1„Ich thue mehr als das, mein Herr, ich rette Sie.“ †„Ah, Teufel! das wird dramatiſch; erkläre Dich näher.“ 3„Mein Herr, ich komme auf den Clubb St. Jacques zurück.“ „Dieſer Clubb ſcheint den Herren von der Polizei ſehr am icht 1 Herzen zu liegen; bei deſſen Nachforſchungen würden ſie ihn auf⸗ gefunden haben.“ 3„Sie haben ihn noch nicht, ſind ihm aber auf der Spur.“ er 4„Das iſt das gewöhnliche Wort, ich kenne es; wenn die Polizei — 1 ſich einer Nachläſſigkeit bewußt iſt, ſagt ſie, ſie ſei auf der Spur, ſis⸗ und die Regierung wartet geduldig, bis die Polizei wie ein be⸗ und goſſener Hund geſteht, die Spur verloren zu haben.“ ußte„Ja, aber man hat einen Leichnam gefunden; der General eile Epinay iſt getödtet und das nennt man in der ganzen Welt einen hnell Mord.“ ver..„Einen Mord! ſagſt Du? Da irrſt Du, Nichts beweiſ't, daß der General ermordet iſt. Man findet täglich Leute in der Seine, niſe die entweder aus Verzweiflung hineingeſprungen oder darin umge⸗ 1 kommen ſind, weil ſie nicht ſchwimmen können.“ ¹„Mein Vater, Sie wiſſen recht gut, daß der General ſich nicht 3 aus Verzweiflung in die Seine geſtürzt hat, und daß man ſich im hin 3 Monat Februar nicht in der Seine badet. Nein, nein, verſtellen rief 4 Sie ſich nicht, an dieſem Morde iſt nicht zu zweifeln.“ jet„Und wer hat ihn dafür erklärt?“ „Der König ſelbſt.“ „Der König! Ich hielt ihn für zu philoſophiſch, als daß er eiche nicht wiſſen ſollte, daß es in der Politik keinen Mord giebt. In t zu der Politik, mein Lieber, Du weißt das ſo gut wie ich, giebt es e ja 1 nicht Menſchen, ſondern Meinungen, nicht Empfindungen, ſondern wo Intereſſen. In der Politik tödtet man nicht den Menſchen: man inr räumt ein Hinderniß aus dem Wege, das iſt Alles. Willſt Du wiſſen, wie dieſe Sache zuſammenhängt? Nun wohl, ich will es Dir er⸗ etzte b zählen. Wir glaubten auf den General rechnen zu können, man Ver⸗ b hatte ihn uns von da unten empfohlen. Einer von uns geht zu ihm und ladet ihn ein, ſich Straße St. Jacques zu einer Verſammlung 124 zu begeben, wo er Freunde finden werde. Er kommt und man ent⸗ wickelt den ganzen Plan vor ihm: die Abreiſe von Elba, die beab⸗ ſichtigte Landung. Dann, als er Alles gehört, Alles begriffen hat, von dem ganzen Plane unterrichtet iſt, giebt er ſich als Royaliſten zu erkennen. Alles ſieht ſich an; man läßt ihn ſchwören, er thut es, aber wahrlich auf eine Weiſe, daß es Gott verſuchen hieß, ſo zu ſchwören! Nun wohl! Ungeachtet deſſen ließ man den General gehen, frei, vollkommen frei. Er iſt nicht nach Hauſe gekommen; was willſt Du, mein Lieber? von uns iſt er fortgegangen; er wird ſich verirrt haben, das iſt die Sache. Ein Mord! Wahrlich, Du überraſcheſt mich, Villefort, Du, Subſtitut des königlichen Procura⸗ tors, auf ſolche unzulängliche Beweiſe eine Anklage zu gründen? Habe ich mir jemals einfallen laſſen, wenn Du als Royaliſtiſcher Einen der Meinigen haſt enthaupten laſſen, zu ſagen: Mein Sohn, Du haſt einen Mord begangen! Nein, ich habe geſagt: Sehr wohl, mein Herr, Sie haben ſiegreich gekämpft; auf morgen die Revanche.“ „Aber mein Vater, ſeien Sie vorſichtig, unſere Revanche wird ſchrecklich ſein.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Sie rechnen auf die Wiedereinſetzung des Uſurpators?“ „Ja, ich läugne es nicht.“ „Da täuſchen Sie ſich, mein Vater; er wird nicht auf zehn Meilen in das Innere von Frankreich vordringen, ohne verfolgt, umſtellt, gefangen zu werden, wie ein wildes Thier.“ „Mein lieber Freund, der Ka iſer iſt in dieſem Augenblicke auf dem Wege von Grenoble; den 10. oder 12. wird er in Lyon, den 20. oder 25. in Paris ſein.“ 1 „Die Bevölkerung wird ſich in Maſſe erheben...“ „Um ihm entgegen zu gehen.“ „Er hat nur einige Mann in ſeinem Gefolge und man wird ihm mit bewaffneter Macht entgegentreten.“ 8 „Die ihn im Triumphe in die Hauptſtadt geleiten wird. Wirklich, mein lieber Gerard, Du biſt noch ein wahres Kind. Du glaubſt Dich ſehr genau unterrichtet, weil ein Telegraph Dir drei oder vier Tage nach der Landung geſagt hat: Der Uſurpator iſt mit einigen Mann in Cannes gelandet, man iſt ihm auf den Ferſen. Aber wo ſt er⸗ dos iſt verfolg ſreigli gunß unter! Eurig Reiſe nachde nur 7 davor willſt aufle wi N m ——nmn —— * 125 iſt er? was thut er? davon wißt Ihr Nichts. Man verfolgt ihn, das iſt Alles, was Ihr wißt; nun wohl! ſo wird man ihn bis Paris verfolgen, ohne ein Gewehr loszuſchießen.“ „Grenoble und Lyon ſind treue Städte, die ihm einen unüber⸗ ſteiglichen Wall entgegenſetzen werden.“ „Grenoble wird ihm mit Enthuſiasmus ſeine Thore öffnen; ganz Lyon wird ihm entgegen gehen. Glaube mir, wir ſind ſo gut unterrichtet als Du, und unſere Polizei iſt beſſer unterrichtet als die Eurige. Willſt Du einen Beweis davon? Du wollteſt mir Deine Reiſe verbergen, aber ich erfuhr Deine Ankunft, eine Viertelſtunde, nachdem Du die Barrieren paſſirt hatteſt. Du hatteſt Deine Adreſſe nur Deinem Poſtillon gegeben, nun wohl, ich kannte ſie; der Beweis davon iſt, daß ich in dem Augenblicke, wo Du Dich zu Tiſche ſetzen willſt, bei Dir ankomme. Schelle alſo und laſſ' noch ein Couvert auflegen, wir ſpeiſen zuſammen.“ „Wirklich,“ antwortete Villefort, ſeinen Vater erſtaunt anſehend, „wirklich, Sie ſcheinen gut unterrichtet.“ „Ei, mein Gott! die Sache iſt ſehr einfach: Ihr, die Ihr jetzt im Beſitze der Gewalt ſeid, Ihr habt nur die Mittel, welche das Geld verſchafft; wir, die wir auf dieſelbe für die Folge rechnen, wir haben die Mittel, welche die Anhänglichkeit, die Hingebung gewährt.“ „Die Hingebung, die Anhänglichkeit?“ ſagte Villefort lachend. „Ja, die Hingebung; ſo nennt man in anſtändigen Ausdrücken den hoffenden Ehrgeiz.“ Und Villeforts Vater erfaßte ſelbſt den Klingelzug, um den Be⸗ dienten herbeizurufen; aber Villefort hielt ihm den Arm. „Hören Sie, mein Vater,“ ſagte der junge Mann,„noch ein Wort...“ „Rede...“ „So ſchlecht es mit der königlichen Polizei auch beſtellt ſein mag, ſo weiß ſie doch eine entſetzliche Thatſache.“ „Welche?“ „Das Signalement des Mannes, der am Morgen des Tages, an welchem der General Epinay verſchwand, bei ihm geweſen iſt.“ „Eil das weiß ſie? dieſe gute Polizei! Und wie iſt dieſes Signalement?“ „Braune Geſichtsfarbe, Haar, Backenbart und Augen ſchwarz; blauer Ueberrock, bis an's Kinn zugeknöpft, Band der Ehrenlegion im Knopfloche, Hut mit Krämpe und ſpaniſches Rohr.“ „Ei, ei! alſo das weiß ſie,“ ſagte Noirtier,„und warum hat ſie, wenn dem ſo iſt, nicht Hand an dieſen Mann gelegt?“ „Weil ſie geſtern oder vorgeſtern an der Ecke der Straße Coq⸗ Heron ſeine Spur verloren hat.“ „Ich ſage Dir, daß Eure Polizei nichts taugt.“ „Dies beſtreite ich nicht, aber ſie kann ihn jeden Augenblick finden.“ „Ja,“ ſagte Noirtier, ſorglos umherblickend,„ja, wenn dieſer Mann nicht gewarnt wäre; aber er iſt es, und wird,“ fügte er lächelnd hinzu,„Geſicht und Kleidung verändern...“ Bei dieſen Worten ſtand er auf, nahm Ueberrock und Halsbinde ab, ging zu einem Tiſche, auf welchem Alles, was ſein Sohn zu ſeiner Toilette bedurfte, ausgebreitet war, nahm ein Raſirmeſſer, ſeifte ſein Geſicht ein und befreite ſich mit feſter Hand von dem ver⸗ fänglichen Backenbarte, welcher der Polizei ein ſo köſtliches Beweis⸗ mittel war. Villefort ſah ſein Beginnen mit einem Entſetzen, das nicht ohne Bewunderung war. Nach dem Abnehmen des Backen⸗ bartes gab Noirtier ſeinem Haare eine andere Lage, nahm ſtatt ſeiner ſchwarzen Halsbinde einen bunten Caſchemir, den er in einem geöffneten Mantelſacke ſeines Sohnes entdeckte, vertauſchte ſeinen ganz zugeknöpften blauen Ueberrock mit einem ausgeſchnittenen, kaſtanienbraunen ſeines Sohnes, probirte vor dem Spiegel deſſen Hut, ſchien mit ſeiner Metamorphoſirung zufrieden, und ſchwang, ſtatt ſeines Rohres, welches er in der Ecke ſtehen ließ, eine kleine, zierliche Badine Villeforts in der Hand, mit welcher der elegante junge Mann ſeinem Gange den leichten Schwung gab, durch den er ſich auszeichnete. „Nun!“ ſagte er, nach dieſer Umkleidung ſich zu ſeinem ganz verblüfften Sohne wendend:„Nun, glaubſt Du, daß Deine Polizei mich jetzt erkennen wird?“ „Nein,“ ſtammelte Villefort,„hoffentlich nicht, mein Vater.“ „Jetzt, mein lieber Gerard,“ fuhr Noirtier fort,„vertraue ich Deiner Umſicht und Klugheit dieſe Gegenſtände an, die ich hier ab⸗ gelegt habe.“ 3 ————— 127 „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Vater,“ erwiderte Villefort. „Ja, ja, ich glaube jetzt ſelbſt, daß Du Recht haſt und mir das Leben gerettet haben kannſt; aber ſei ruhig, ich werde Dir dieſen Dienſt bald vergelten.“ Villefort ſchüttelte den Kopf. „Du biſt noch nicht überzeugt?“ „Ich hoffe wenigſtens, daß Sie ſich irren.“ „Wirſt Du den König wiederſehen?“ „Vielleicht.“ „Willſt Du in ſeinen Augen für einen Propheten gelten?“ „Die Unglückspropheten ſind bei Hofe nicht willkommen, lieber Vater.“ „Ja, aber es kommt eine Zeit, wo man ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt, und, denke Dir eine zweite Reſtauration: dann wirſt Du für einen viel größeren Mann gelten, als der Herr von Talleyrand, von dem wir alle Briefe leſen, und der Nichts ſchreibt als Briefe.“ „Und was ſoll ich dem Könige ſagen?“ „Sag' ihm Folgendes:„Sire, man täuſcht Sie über die Stim⸗ mung Frankreichs, die Meinung der Städte und den Geiſt der Armee. Der, welchen Sie in Paris den Wehrwolf aus Corſika nennen, der noch in Nevers der Uſurpator heißt, wird in Lyon ſchon Bonaparte und in Grenoble der Kaiſer genannt. Sie glauben ihn verfolgt, umſtellt, flüchtig: er dringt vorwärts, raſch und unaufhaltſam, wie der Adler, den er zurückbringt; ſeine Soldaten, von denen Ihnen geſagt iſt, daß ſie erſchöpft, verdrießlich, entweder vor Hunger ſter⸗ ben, oder zu deſertiren verſuchen, nehmen, wie die Schneeflocken um die rollende Lawine, mit jeder Minute an Anzahl zu. Reiſen Sie, überlaſſen Sie Frankreich ſeinem wahren Herrn, dem, der es erobert hat; reiſen Sie, Sire; nicht, daß Sie etwa in Gefahren wären: Ihr Gegner iſt ſtark genug, um Sie zu begnadigen, ſondern weil es für einen Enkel des heiligen Ludwig demüthigend wäre, dem Manne von Arcole, Marengo und Auſterlitz ſein Leben zu verdanken! Sag' ihm das, Gerard; oder aber, geh', ſag' ihm Nichts, verhehle Deine Reiſe, rühme Dich nicht deſſen, was Du gethan haſt und daß Du in Paris geweſen biſt; nimm Extrapoſt, eile wo möglich noch ſchneller nach Marſeille zurück, als Du hierher eilteſt, ſchleiche Dich bei Nacht 128 in die Stadt und durch eine Hinterthür in Dein Haus, und bleibe darin recht ſtill, recht demüthig und verborgen; hüte Dich beſonders vor jeder Gewaltſamkeit; denn dieſes Mal, ich ſchwöre es Dir, wer⸗ den wir nachdrücklich handeln und als Leute, die ihre Feinde kennen. Geh', mein Sohn, geh', mein lieber Gerard, und mit Hilfe dieſes Gehorſams gegen die väterlichen Befehle, oder wenn Du lieber willſt, dieſer Befolgung der Rathſchläge eines Freundes, werden wir Dich in Deiner Stellung erhalten. Das wird Dir,“ fügte Noirtier lächelnd hinzu,„die Mittel ſichern, mich ein zweites Mal zu retten, wenn der politiſche Wechſel Dich einſt wieder erhöht und mich ſtürzt. Adieu, mein lieber Gerard, bei Deiner nächſten Reiſe ſteig' hübſch bei mir ab.“ Bei dieſen Worten ging Noirtier mit der Ruhe, die ihn wäh⸗ rend der Dauer dieſer kitzlichen Unterredung nicht einen Augenblick verlaſſen hatte. Villefort lief bleich und bewegt an das Fenſter, hob den Vorhang etwas auf und ſah ihn ruhig und gelaſſen zwiſchen einigen Männern von ziemlich verdächtigem Anſehen, die an den Eck⸗ ſteinen und Straßenecken lehnten, und vielleicht gekommen waren, um den Mann mit dem ſchwarzen Backenbarte, dem blauen Ueberrocke und dem breitkrämpigen Hute zu arretiren, ſeinen Weg fortſetzen. Er blieb mit lautklopfendem Herzen bewegungslos ſtehen, bis ſein Vater um die Ecke der Straße Büſſy verſchwunden war. Dann ſtürzte er ſich auf die von demſelben zurückgelaſſenen Effecten, legte die ſchwarze Cravatte und den blauen Ueberrock auf den tieſſten Boden ſeines Reiſekoffers, drückte den Hut zu einer formloſen Maſſe zuſammen und ſteckte ihn in den Winkel eines Schrankes, zerbrach den Stock in drei Stücke, die er in das Kamin warf, nahm eine Reiſemütze, rief ſeinen Kammerdiener, den er mit einem Blicke die tauſend Fragen, die auf deſſen Lippen ſchwebten, unterſagte, machte ſeine Rechnung mit dem Wirthe ab, ſprang in den ſchon wartenden Wagen, erfuhr in Lyon, daß Bonagparte in Grenoble eingezogen ſei, legte mit immer mehr ſteigender Bewegung den Weg zurück, und kam in Marſeille an, ein Raub aller Angſt und Bangigkeit die mit dem Ehrgeize und der erſten Befriedigung deſſelben in das Herz des Mannes einziehen. ——-D—— * —— — —— XIII. Die hundert Tage. N Herr Noirtier war ein guter Prophet, und die Sachen gingen raſch, wie er es vorhergeſagt hatte. Jeder kennt die Rückkehr von der Inſel Elba, dieſes fremdartige, wunderbare Unternehmen, das, ohne Beiſpiel in der Vergangenheit, wahrſcheinlich ohne Nachahmung in der Zukunft bleiben wird. Ludwig XVIII. verſuchte nur ſchwach, einem ſo harten Schlage zu begegnen; ſein geringes Vertrauen zu den Menſchen nahm ihm auch das Vertrauen zu den Ereigniſſen. Das Königthum, oder vielmehr die Monarchie, kaum durch ihn wieder hergeſtellt, zitterte auf der unſicheren Grundlage, und eine einzige Bewegung des Kaiſers ſtürzte alle dieſe, aus alten Vorurtheilen und neuen Anſichten zuſammengeſetzten Gebäude um. Villefort hatte alſo von ſeinem Könige nichts, als eine, für den Augenblick nicht nur nutzloſe, ſondern ſogar gefährliche Dankbarkeit und jenes Offizier⸗ kreuz der Ehrenlegion, das er die Vorſicht hatte, nicht zu zeigen, ob⸗ gleich Herr von Blacas, wie es der König beſtimmt hatte, ihm ſorg⸗ fältig das Patent darüber hatte ausfertigen laſſen. Napoleon hätte Villefort gewiß abgeſetzt, ohne Noirtiers Protection, der, theils wegen der Gefahren, deren er getrotzt, theils wegen der Dienſte, die er geleiſtet hatte, an dem Hofe der hundert Tage allmächtig war. So beſchützte, wie er es vorhergeſagt hatte, der Girondiſt von 1793 und der Senator von 1806 den, welcher ihn vor wenigen Tagen beſchützt hatte. Die ganze Macht Villeforts beſchränkte ſich indeſſen während dieſer kurzen Wiederherſtellung des Kaiſerreiches, deſſen bal⸗ diger zweiter Fall leicht vorherzuſehen war, darauf, das Geheimniß, welches Dantes beinahe verrathen hätte, zu erſticken. Der Procu⸗ rator des Königs allein wurde, weil man ihn der Lauheit für den Kaiſer beſchuldigte, abgeſetzt. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 9 130 wußte Indeſſen war die kaiſerliche Macht kaum wiederhergeſtellt, das ſtautg heißt, Napoleon bewohnte kaum jene Tuilerien, die Ludwig XVIII. verlaſſen hatte, und hatte kaum von jenem Cabinette aus, in welches wir mit Villefort unſere Leſer eingeführt haben, und auf welchem nmmd er auf dem Nußbaumtiſchchen, noch offen und halb gefüllt, die Ta⸗ eißt baksdoſe Ludwigs fand, jene zahlreichen und einander widerſprechen⸗ barſt den Befehle ergehen laſſen, als in Marſeille, ungeachtet der vor⸗ dem theilhaften Stellung ſeiner Beamten, der Stoff des ohnehin im Süden aingen nie ganz gedämpften Bürgerkrieges zu gähren anfing. ſehen, Es fehlte damals nicht viel, daß die Wiedervergeltungsregeln u nicht einige Unannehmlichkeiten, welche den in ihren Häuſern ſtill lebenden Royaliſten zugefügt waren, überſtiegen. Die es wagten, an de —— auszugehen, wurden verfolgt und geneckt. In ganz natürlicher Folge 3 der Ereigniſſe fand der würdige Rheder, den wir als der Volks⸗. partei angehörig geſchildert haben, ſich jetzt, wir wollen nicht ſagen i allmächtig, denn Herr Morrel war vorſichtig und von Natur furcht⸗ ſam, wie Alle, welche ihr Vermögen und ihre geſellſchaftliche Stel⸗ 1 lung langſam und mühſam durch Arbeit erworben haben, aber in dem Grade, wie ſein Einfluß, als der eines eifrigen Bonapartiſten, der. ſtieg, erhob er ſeine Stimme zu einem lauten Ausrufe, und dieſer 1 galt, wie der Leſer leicht errathen wird, dem Geſchicke Dantes. Villefort war nicht mit in den Sturz ſeines Vorgeſetzten ver⸗ bin, wickelt, und ſeine Heirath, obgleich beſtimmt, einſtweilen bis auf beſſere Zeiten hinausgeſchoben. Wenn der Kaiſer ſich auf dem Throne erhielt, mußte Villefort ein anderes Bündniß ſchließen, um ſein Glück zu machen, und ſein Vater würde es ſich haben angelegen er ſein laſſen, für ihn zu wählen. Wenn eine zweite Reſtauration Ent Ludwig XVIII. nach Frankreich zurückführte, ſo verdoppelte ſich der ſich Einfluß der Familie von Saint⸗Méran mit dem ſeinigen, und die beka beabſichtigte Verbindung wurde alsdann vortheilhafter als jemals. jung Der Subſtitut des königlichen Procurators war alſo für den Augen⸗ mehr blick der erſte Staatsbeamte in Marſeille, als eines Morgens ſeine Ver Thür geöffnet und Herr Morrel ihm gemeldet wurde. Ein Anderer g würde den Rheder zuvorkommend empfangen und dadurch ſeine Mit Schwäche verrathen haben. Aber Villefort war ein Mann von— tran höherem Geiſte, der inſtinktmäßig gewöhnlich das Rechte zu treffen. Pl das VIII. Aches lchem e Ta⸗ echen⸗ vor⸗ üden tegeln ſtill agten, Folge Lolks⸗ ſagen urcht⸗ Stel⸗ der in tiſten, dieſer 8. ver⸗ 3 auf hrone ſein elegen ration ch der d die mmals. lugen⸗ ſeine derer ſeine von treffen. — — 2 ◻☛☛˙———————— 131 wußte. Er ließ Morrel antichambriren, wie er es unter der Re⸗ ſtauration gethan haben würde. Herr Morrel hatte erwartet, Villefort niedergeſchlagen zu finden, und fand ihn, wie er ihn ſechs Wochen vorher geſehen hatte, das heißt, ruhig, feſt und voll jener kalten Höflichkeit, der unüberſchreit⸗ barſten aller Scheidewände, die den Mann von feiner Bildung von dem Untergeordneten trennt. Er war in das Cabinet Villeforts eingedrungen, überzeugt, denſelben bei ſeinem Anblicke zittern zu ſehen, und nun war er es, der ganz bewegt und zitternd vor dieſem kalten, forſchenden Geſchäftsmanne ſtand, der, den Ellenbogen auf den Tiſch und das Kinn in die Hand geſtützt, ihn anhörte. Er blieb an der Thür ſtehen. Villefort ſah ihn an, als habe er einige Mühe, ihn zu erkennen. Endlich nach einigen Augenblicken forſchenden Schweigens, während der würdige Rheder ſeinen Hut in den Händen hin⸗ und herdrehte, ſagte er: „Herr Morrel, wenn ich nicht irre?“ „Ja, mein Herr, ich ſelbſt,“ antwortete der Rheder. „Kommen Sie doch näher,“ fuhr der Staatsmann fort, mit der Hand ein herablaſſendes Zeichen machend,„und ſagen Sie mir, welchem Umſtande ich die Ehre Ihres Beſuches zu danken habe.“ „Vermuthen Sie es nicht, Herr Procurator?“ erwiderte Morrel. „Nein, nicht im Mindeſten, weshalb ich aber nicht minder bereit bin, Ihnen zu dienen, wenn es in meinen Kräften ſteht.“ „Die Sache hängt allein von Ihnen ab,“ antwortete Morrel. „Erklären Sie ſich alſo.“ „Herr Procurator,“ fuhr der Rheder fort, und wurde, je länger er ſprach, in Berückſichtigung der Gerechtigkeit ſeiner Sache und der Entſcheidung ſeiner Stellung immer ſicherer und feſter,„Sie erinnern ſich, daß einige Tage, ehe die Landung Sr. Majeſtät des Kaiſers bekannt wurde, ich zu Ihnen kam, um Ihre Nachſicht für einen jungen Seemann, den Steuermann meiner Brigg in Anſpruch zu nehmen. Er war, wie Sie ſich erinnern werden, angeklagt worden, Verbindungen mit der Inſel Elba gehabt zu haben; dieſe Verbind⸗ ungen, die in damaliger Zeit ein Verbrechen waren, ſind jetzt ein Mittel zum Glück. Sie haben damals nicht verhehlt, daß Sie ein treuer Diener Ludwigs XVIII. wären, dieſes war damals Ihre Pflicht, Herr Procurator; jetzt, wo Sie Napoleon dienen, iſt es 9* Ihre Pflicht, ſeine Anhänger zu ſchützen, ich komme deshalb jetzt, um Sie zu fragen, was aus ihm geworden iſt?“ Villefort beherrſchte ſich mit übermenſchlicher Anſtrengung. „Der Name dieſes Mannes?“ fragte er,„haben Sie die Güte, ihn mir zu nennen.“ „Edmond Dantes.“ Sicher hätte Villefort lieber in einem Duell der Mündung eines auf ihn gerichteten Piſtols auf fünfundzwanzig Schritt Weite gegen⸗ über geſtanden, als dieſem Manne, indem er dieſen ihm entſetzlichen, alle Qualen ſeines Gewiſſens erweckenden Namen ſo frei vor ihm ausſprach; er zuckte indeſſen nicht.„So wird man,“ dachte er,„mich nicht beſchuldigen können, aus der Gefangennehmung dieſes Mannes eine perſönliche Angelegenheit gemacht zu haben.“ .„Dantes,“ wiederholte er,„Edmond Dantes, ſagen Sie.“ „Ja, mein Herr.“ Villefort nahm jetzt ein großes Regiſter aus einem Repoſitorium, dann ein Packet Akten, legte Beides auf den Tiſch und ſagte zu dem Rheder: „Sind Sie ganz ſicher, ſich nicht zu irren, mein Herr?“ Wenn Morrel ein liſtigerer Mann geweſen wäre, oder von dieſer Angelegenheit mehr gewußt hätte, ſo würde er es ſonderbar gefunden haben, daß der Subſtitut des königlichen Procurators ſich herabließ, ihm über Sachen, die gar nicht vor ſeinen Richterſtuhl gehörten, Rede und Antwort zu geben, und er würde ſich gewun⸗ dert haben, daß Villefort ihn nicht an die Gefangenenregiſter, an die Vorſteher der Gefängniſſe oder den Präfecten des Departements verwies. Aber Morrel, der durchaus keine Furcht an Villefort be⸗ merkte, ſah in dieſer Bereitwilligkeit nur Gefälligkeit. Villefort hatte ſchlau berechnet. „Nein, Herr Procurator,“ ſagte Morel,„ich irre mich nicht; übrigens kenne ich den armen Jungen ſeit zehn Jahren und habe ihn ſeit vier Jahren in meinem Dienſte. Ich kam, vielleicht fällt es Ihnen jetzt ein, vor etwa ſechs Wochen, um Ihre Gnade, wie ich heute komme, um Ihre Gerechtigkeit in Anſpruch zu nehmen; Sie empfingen mich damals ziemlich ſtreng und antworteten mir un⸗ freundlich. Ach, damals waren die Royaliſten hart gegen die Bonapartiſten!“ rium, gie zu r von derbar s ſich erſtuhl ewun⸗ „ an ments et be⸗ hatte nicht; habe illt es ie ich Sie r un⸗ n die unn —————————— 133 „Mein Herr,“ antwortete Villefort mit ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit,„ich war Royaliſt, weil ich die Bourbons nicht allein für die geſetzmäßigen Erben des Thrones, ſondern auch für die vom Volke Erwählten hielt. Aber die an das Wunderbare grenzende Rückkehr hat mir bewieſen, daß ich mich geirrt hatte: Napoleons Genie hat geſiegt; der geſetzmäßige Monarch iſt der geliebte.“ „Ahl ſchön,“ rief Morrel,„Sie machen mir Freude, indem Sie ſo ſprechen, und geben mir dadurch gute Hoffnung in Hinſicht von Dantes Geſchick.“ „Warten Sie doch,“ entgegnete Villefort, in einem andern Regiſter blätternd,„da iſt's... es war ein Seemann, nicht wahr? der eine Catalonierin heirathen wollte? ja, ja, jetzt beſinne ich mich: die Sache war ſehr bedenklich.“ „Wie ſo?“ „Sie wiſſen, daß er von hier aus in das Gefängniß des Juſtiz⸗ palaſtes gebracht wurde?“ „Ja, und dann?“ „Nun, dann machte ich meinen Bericht nach Paris; ich ſchickte die Papiere, die bei ihm gefunden wurden, ein, das war meine Pflicht, ich konnte nicht anders... und acht Tage nach ſeiner Feſt⸗ ſetzung wurde der Gefangene entführt.“ „Entführt?“ rief Morrel;„aber was hat mit dem armen Jungen vorgenommen werden können?“ „O, beruhigen Sie ſich, er wird nach Feneſtrelles oder nach Piquerol oder nach der Inſel St. Marguerite gebracht worden ſein, was man ſo Landes verwieſen nennt, und eines ſchönen Morgens wieder zurückkehren und das Commando auf ſeinem Schiffe wieder übernehmen.“ 5 „Möge er kommen, wenn er will, je eher, je lieber, ſein Poſten iſt ihm geſichert. Aber warum iſt er nicht ſchon gekommen? Ich dächte, die erſte Sorge der kaiſerlichen Regierung hätte ſein müſſen, die, welche unter der königlichen Regierung verhaftet waren, zu befreien.“ „Machen Sie nicht den verwegenen Ankläger, mein lieber Herr Morrel,“ antwortete Villefort,„man muß in allen Fällen geſetzlich verfahren. Der Verhaftsbefehl kam aus Paris; eben daher muß auch der Befehl zur Befreiung kommen. Nun iſt aber Napeleon kaum ſeit vierzehn Tagen erſt wieder im Beſitz des Thrones und der damit verbundenen Gewalt, und die Begnadigungsbriefe können kaum ausgefertigt ſein.“ „Aber,“ fragte Morrel,„giebt es kein Mittel, die Förmlichkeiten abzukürzen? Jetzt, da unſere Partei die Oberhand hat, habe ich einigen Einfluß, ich kann die Aufhebung des Urtheils bewirken.“ „Es kann kein Urtheil ſtattfinden.“ „Nun, des Verhafts alſo.“ „Ueber die politiſchen Gefangenen giebt es keine Liſte. Die Regierung hat zuweilen Gründe, einen Mann ſpurlos verſchwinden zu laſſen; Gefangenenliſten würden den Nachforſchungen förderlich ſein.“ „So mag es unter den Bourbons geweſen ſein, aber jetzk...“ „So iſt es zu allen Zeiten, mein lieber Herr Morrel. Die Regierungen folgen und gleichen einander. Die unter Ludwig XVI. aufgerichtete Guillotine iſt noch im Gange. Der Kaiſer iſt immer, was die Gefängniſſe anbetrifft, ſtrenger geweſen, als der große König ſelbſt, und dennoch iſt die Anzahl der Gefangenen, von denen in den Regiſtern keine Spur iſt, unzählbar.“ So viel Wohlwollen hätte mit Gewißheit verdächtigen können, und Morrel hatte nicht einmal Vermuthungen. „Aber, Herr von Villefort,“ ſagte er nach einigem Nachdenken, „was rathen Sie mir denn, um die Rückkehr des armen Dantes zu bewirken? Was kann ich thun?“ „Nur eins, mein Herr! Machen Sie eine Bittſchrift an den Juſtiz⸗Miniſter.“ „Ach, mein Herr! Wir wiſſen nur zu gut, wie es mit den Bittſchriften geht; der Miniſter erhält deren täglich zweihundert und lieſt keine vier.“ „Ja,“ antwortete Villefort,„das mag ſein, aber eine, die er durch mich erhält, wird er leſen; denn ich werde ſie mit Bemerk⸗ ungen verſehen und eigenhändig adreſſiren.“ „Sie, mein Herr, wollen ſich damit befaſſen, dieſe Bittſchrift zu beſorgen?“ 1 „Mit dem größten Vergnügen. Dantes konnte für die damalige Zeit ſchuldig ſein, jetzt aber iſt er unſchuldig, und jetzt iſt es meine es und können hkeiten abe ich ken.“ . Die winden nerlich .. Die g XVI. immer, große denen können, denken, ites zu an den nit den ert und die er Bemerk⸗ tiſchrift zmalige meine Inrrmma en——,— — — 2 — 135 Pflicht, dem, den ich früher verhaften laſſen mußte, die Freiheit wieder zu verſchaffen.“ So vermied Villefort eine nicht wahrſcheinliche, aber wenn ſie ſtattgefunden hätte, ihm höchſt gefährliche gerichtliche Unterſuchung. „Aber, wie ſchreibt man an den Miniſter?“ „Setzen Sie ſich hierher,“ ſagte Villefort, dem Rheder ſeinen Platz anbietend,„ich werde dictiren; wir dürfen keine Zeit verlieren, denn wir haben ſchon genug verloren.“ „Ja, mein Herr; der arme Junge wartet, leidet und verzweifelt vielleicht.“ „Villefort ſchauderte bei dem Gedanken an dieſen Gefangenen, der ihn in Schweigen und Finſterniß vielleicht verfluchte. Indeſſen er war zu weit gegangen, um nun noch wanken zu können; Dantes war von dem Getriebe ſeines Ehrgeizes zermalmt. Villefort dictirte eine Bittſchrift, an deren Erfolge bei ihrem trefflichen Zwecke nicht zu zweifeln geweſen wäre; er übertrieb den Patriotismus des Gefangenen und ſeine der bonapartiſtiſchen Sache geleiſteten Dienſte. Nach dieſer Bittſchrift war Dantes einer der thätigſten, feurigſten bonabartiſtiſchen Agenten geweſen. Es war unzweifelhaft, daß der Miniſter, wenn er die Schrift las, ihm, wenn es nicht ſchon geſchehen war, augenblicklich Gerechtigkeit widerfahren laſſen mußte. Als die Bittſchrift fertig war, las Villefort ſie laut vor. „Gut ſo,“ ſagte er,„und nun verlaſſen Sie ſich auf mich.“ „Und wird die Bittſchrift bald abgehen, mein Herr?“ „Noch heute.“ „Mit Randbemerkungen von Ihnen?“ „Die beſte Bemerkung, die ich machen kann, iſt, daß ich die Wahrheit alles deſſen, was Sie geſagt haben, atteſtire.“ Und ſo⸗ gleich ſetzte ſich Villefort und ſchrieb in eine Ecke der Bittſchrift das Atteſt. „Was habe ich noch zu thun, Herr Procurator?“ fragte Morrel. „Ruhig den Erfolg abwarten,“ antwortete Villefort;„ich ſtehe für Alles.“ Dieſe Verſicherung erfüllte Morrel mit Hoffnung; er verließ den Subſtituten des königlichen Procurators, entzückt von demſelben, und eilte zu dem alten Dantes, um ihm anzukündigen, daß er ſeinen Sohn bald wiederſehen werde. 136 Villefort hob die Bittſchrift, ſtatt ſie nach Paris zu ſenden, ſorgfältig in dem geheimſten Fache ſeines Bureaus auf, dieſe Bitt⸗ ſchrift, die Dantes jetzt retten, ihn aber im Fall einer zweiten Re⸗ ſtauration, die jetzt ſchon vorauszuſehen, unwiederbringlich verderben mußte. Dantes blieb alſo Gefangener; in der Tiefe ſeines Gefäng⸗ niſſes verſunken, hörte er eben ſo wenig das Getöſe, das den Fall Ludwigs XVIII. begleitete, als das noch entſetzlichere Krachen, wo⸗ mit das Kaiſerreich zuſammenſtürzte. Villefort hingegen hatte Alles mit wachſamem Auge betrachtet und mit aufmerkſamen Ohren gehört. Zwei Mal hatte Morrel, während der kurzen kaiſerlichen Er⸗ ſcheinung, die man die hundert Tage nannte, ſeine Bitte exneuert und war jedes Mal von Villefort mit Verſprechungen und Hoffnungen hingehalten worden. Die Schlacht von Waterloo entſchied gegen Napoleon. Morrel kam nicht wieder zu Villefort. Der Rheder hatte für ſeinen jungen Freund Alles gethan, was menſchlicher Weiſe möglich war. Neue Verſuche unter der zweiten Reſtauration machen, hieß ſich ohne Erfolg compromittiren. Ludwig XVIII. beſtieg den Thron wieder; Villefort, für den Marſeille zu viel Erinnerungen hatte, die ſo gut wie Gewiſſensbiſſe waren, erbat und erhielt die Stelle des königlichen Procurators in Toulouſe. Vierzehn Tage nach dem Antritte ſeines neuen Amtes heirathete er Fräulein Renée von Saint⸗Meran, deren Vater angeſehener als je bei Hofe war; und ſo kam es denn, daß Dantes während der hundert Tage und nach dem Tage von Waterloo, von Gott und Menſchen vergeſſen und verlaſſen, hinter den Riegeln ſeines Gefängniſſes blieb. Danglars ſah erſt, als er die Landung Napoleons in Frank⸗ reich erfuhr, die Bedeutung des Schlages, den er Dantes verſetzt hatte, und er nannte, ſtatt ſich Gewiſſensbiſſe zu machen, wie alle an das Verbrechen gewöhnte und für das gemeine Leben kluge Menſchen, dieſes ſonderbare Zuſammentreffen einen Beſchluß der Vorſehung. Als aber Napoleon wirklich den Thron beſtiegen hatte, und ſeine Stimme befehlend und gewaltig erſchallen ließ, fürchtete er ſich. Jeden Augenblick glaubte er Dantes erſcheinen zu ſehen, Dantes, von Allem unterrichtet und zu aller Rache kräftig und fähig. Da erklärte er Herrn Morrel, daß er den Seedienſt zu verlaſſen wünſche, und ließ ſich von demſelben an ein ſpaniſches enden, Bitt. n Re⸗ derben ffäng⸗ Fall „ wo⸗ achtet en Er⸗ neuert ungen gegen heder Weiſe achen, g den ungen elt die Tage Renée var; e und geſſen Frank⸗ erſetzt e alle kluge der tiegen ließ, en zu räftig nſt zu iſches 137 Handelshaus recommandiren, wo er gegen Ende März als Buch⸗ halter eintrat, alſo ungefähr zehn oder zwölf Tage nach dem Ein⸗ zuge Napoleons in den Tuilerien. Er ging alſo nach Madrid und man hörte nichts mehr von ihm. Fernand bekümmerte ſich um Nichts, und alle jene wichtigen, merkwürdigen Ereigniſſe gingen unbeachtet an ihm vorüber. Dantes war fort, weiter begehrte er nichts. Was aus ihm geworden? Er verlangte nicht, es zu wiſſen. Er benutzte die Friſt, welche die Ab⸗ weſenheit ihm gewährte, um Mercedes über die Veranlaſſung der⸗ ſelben zu täuſchen und über Plänen, mit Mercedes fortzuziehen, oder dieſelbe zu entführen, zu brüten. Zuweilen auch, und das waren die finſteren Stunden ſeines Lebens, ſetzte er ſich auf die Spitze des Cap Pharo, von jenem Punkte aus, wo man zugleich Marſeille und die cataloniſche Colonie ſieht, traurig und unbeweglich, wie ein Raubvogel ſpähend, ob er nicht auf einem dieſer beiden Wegen den jungen Seemann mit ſeinem leichten Gange und ſeinem hochgetra⸗ genen Kopfe daherkommen ſähe, der auch für ihn der Bote ſtrenger Rache geworden war. Für dieſen Fall ſtand Fernand's Entſchluß feſt; er ſchoß erſt Dantes vor den Kopf und tödtete dann ſich ſelbſt, ſo ſagte er zu ſich, um ſeine mörderiſche Abſicht zu beſchönigen. Aber Fernand täuſchte ſich ſelbſt: er würde ſich niemals getödtet haben, denn er hoffte noch immer. In dieſer Zeit, und während ſo ſchmerzlicher Ungewißheit, erging vom Kaiſer ein letzter Aufruf zum Militair, und wer ein Gewehr tragen konnte, folgte der widerhallenden Stimme der Kaiſers über die Grenzen Frankreich hinaus. Fernand ging mit den Andern und verließ Mercedes und ſeine ärmliche Hütte mit dem nagenden, entſetzlichen Gedanken, daß während ſeiner Abweſenheit vielleicht ſein Nebenbuhler zurückkehren und Diejenige heirathen werde, die er liebte. Auf das junge Mädchen hatte das Mitleid mit ſeinen Leiden, ſeine Bemühungen, ihre leiſeſten Wünſche zu erfüllen, die Wirkung ausgeübt, welche Aufopferung und Hingebung immer in großmüthigen Seelen hervorbringt. Mercedes hatte für Fernand immer innige Freundſchaft empfunden, jetzt geſellte ſich dieſer noch die Dankbarkeit hinzu. „Mein Bruder!“ ſagte ſie, indem ſie den Sack des Conſcri⸗ birten auf ſeinen Schultern befeſtigte,„mein Bruder, mein einziger Freund, laß Dich nicht tödten, laß mich nicht allein in dieſer Welt, wo ich jetzt ſchon nur weinen kann, wo ich aber ganz allein bin, wenn Du auch ſie verläſſeſt!“ Dieſe im Augenblicke ſeiner Abreiſe geſprochenen Worte gaben Fernand einige Hoffnung. Wenn Dantes nicht wieder kam, ſo konnte doch vielleicht einſt Mercedes noch die Seine werden. Mercedes blieb allein auf der weiten Erde, deren Horizont das weite Meer war, und die ihr nie ſo leex und wüſte gedäucht hatte. Ganz in Thränen gebadet, wie jene Wahnſinnige, deren traurige Geſchichte wir kennen, ſah man ſie ununterbrochen das kleine Dorf der Cata⸗ lonier umkreiſen, bald ſtumm wie eine Bildſäule und unbeweglich in der glühenden Mittagsſonne ſtehend, nach Marſeille hin ſpähend, bald am Ufer ſitzend, dem Geräuſche des Meeres, ewig, wie ihr Schmerz, lauſchend und ſich ſelbſt fragend, ob es nicht beſſer wäre, ſich in das Meer gleiten und ſich von demſelben verſchlingen zu laſſen, als alle dieſe entſetzlichen Qualen einer beſtändig getäuſchten, hoffnungsloſen Erwartung zu erdulden. Nicht weil ihr der Muth fehlte, unterließ Mercedes die Ausführung dieſes Planes, ſondern, weil die Religion ihr den Selbſtmord verbot. Caderouſſe folgte der Conſcription, wie Fernand, nur wurde er, weil er acht Jahre älter als Fernand und verheirathet war, zum dritten Aufgebot genommen und nach den Küſten geſchickt. Der alte Dantes, den nur noch die Hoffnung aufrecht hielt, verlor dieſelbe nach dem Sturze Napoleons. Fünf Monate nach der Trennung von ſeinem Sohne und faſt in derſelben Stunde, wo derſelbe arretirt wurde, hauchte er in Mercedes Armen ſeinen letzten Seufzer aus. Herr Morrel ſorgte für ſeine Beerdigung und bezahlte die unbedeutenden Schulden, die der Greis während ſeiner Krank⸗ heit hatte machen müſſen. Es war mehr als Wohlthätigkeit in dieſer Handlungsweiſe, es war Muth, denn der Süden ſtand in vollen Flammen und ſelbſt auf dem Sterbebette dem Vater eines ſo gefährlichen Bonapartiſten, als Dantes war, beizuſtehen, war kein kleines Verbrechen. †Wel in bin „ gaben donnte ercedes le Meer Panz in ſchichte Cata⸗ weglich pähend, wie ihr wäre, gen zu ſeiſchten, Muth ondern, wurde et war, ick. t hielt, e nach de, wo letzten bezahlte Krank⸗ eit in and in reines I, war XIV. Ein wüthender und ein verrückter Gefangener. Ungefähr ein Jahr nach der Rückkehr Ludwig XVIII. kam der General⸗Inſpector der Gefängniſſe, Herr von Boville, auf einer Inſpectionsreiſe auch nach Schloß If. Dantes hörte in der Tiefe ſeines kellerartigen, unterirdiſchen Gefängniſſes alle jene Anſtalten rollen und knarren, die über der Erde viel Lärm machen, unten aber für jedes andere Ohr, als das eines Gefangenen, der ſich gewöhnt hat, in dem Schweigen der Nacht die Spinne zu hören, die ihr Netz webt, und den Waſſer⸗ tropfen, der eine Stunde braucht, um ſich an der Decke ſeines Ge⸗ wölbes zu ſammeln, unhörbar ſind. Er errieth, daß ſich bei den Lebenden irgend etwas Ungewöhn⸗ liches zutragen müſſe; er bewohnte ſchon ſo lange ein Grab, daß er ſich wohl zu den Todten zählen konnte. Der Inſpector beſuchte wirklich nach einander Stuben, Zellen und Löcher; mehre Gefangene wurden angeredet, es waren die, welche ſich durch Sanftmuth oder Einfalt dem Wohlwollen der Behörden empfahlen; der Inſpector fragte ſie, wie ſie mit ihrer Koſt zufrieden wären und was ſie etwa für Wünſche oder Geſuche anzubringen hätten? Sie antworteten einſtimmig, daß die Koſt abſcheulich und daß ihr Wunſch die Frei⸗ heit ſei. Darauf fragte der Inſpector, ob ſie ihm nichts Anderes zu ſagen hätten. Sie ſchüttelten die Köpfe. Was können Gefan⸗ ggene Anderes begehren, als Freiheit? Herr von Boville drehte ſich um und ſagte lächelnd zu dem Gouverneur: „Ich begreife nicht, wozu man uns immer noch dieſe Inſpections⸗ reiſen machen läßt; wer ein Gefängniß ſieht, ſieht hundert; wer einen Gefangenen hört, hört tauſend. Es iſt immer daſſelbe Lied. Schlecht geſpeiſt und unſchuldig. Haben Sie noch welche?“ „Ja, wir haben noch gefährliche und tolle Gefangene, die wir in die Löcher geſperrt haben.“ „Laſſen Sie ſehen,“ ſagte der Inſpector ſchlaff,„wir wollen unſere Pflicht vollſtändig thun; ſteigen wir in die Löcher hinab.“ „Warten Sie wenigſtens,“ bemerkte der Gouverneur,„bis ich erſt zwei Mann Escorte habe kommen laſſen. Die Gefangenen begehen zuweilen, und ſei es auch nur aus Lebensüberdruß und um getödtet zu werden, Thaten der Verzweiflung; Sie könnten das Opfer eines ſolchen Verſuchs werden.“ „Treffen Sie alſo Ihre Vorkehrungen,“ entgegnete der Inſpector. Nachdem die beſtellte Schutzwache angelangt war, ſtieg die Commiſſion eine ſo feuchte, ſchadhafte, verſchimmelte Treppe hinab, daß ſchon ehe ſie unten waren, ihre Geſichts⸗, Geruchs⸗ und Gefühls⸗ organe auf gleiche Weiſe beläſtigt wurden. „O!“ rief der Inſpector, auf der Hälfte der Treppe ſtehen bleibend;„wer Teufel kann da wohnen?“ „Einer der gefährlichſten Rebellen, der uns auch als ein Mann, der zu Allem fähig iſt, ganz beſonders empfohlen wurde.“ „Er iſt allein?“ „Gewiß.“ „Seit wann iſt er hier?“ „Ein Jahr ungefähr.“ „Und ſitzt er ſeit ſeiner Ankunft in dieſem Loche.“ „Nein, mein Herr, erſt ſeit er den Schließer, der ihm ſein Eſſen brachte, tödten wollte. Nicht wahr, Antoine?“ „Ja wohl, er hat mich tödten wollen,“ antwortete der Schließer. „Ach! Dieſer Mann iſt alſo wohl verrückt?“ „Schlimmer, als verrückt; er iſt ein Teufel.“ „Wollen Sie, daß Beſchwerde darüber geführt wird?“ fragte der Inſpector. 4 „Unnöthig, Herr, er iſt ſo ſchon genug beſtraft; übrigens iſt er jetzt nahe am Tollwerden, und der Erfahrung nach, die unſer trauriges Amt uns machen läßt, wird er, ehe noch ein Jahr ver⸗ gangen iſt, pöllig toll ſein.“ 3 fe Lied. die wir vollen nab.“ bis ich angenen lnd um Opfer ſpector. ſieg die hinab, ſtehen Mann, ———- — ., 141 „Meiner Treul! deſto beſſer für ihn,“ ſagte der Inſpector,„iſt er erſt toll, ſo leidet er weniger.“ Dieſer Inſpector war, wie der Leſer ſieht, ein ſehr menſchen⸗ freundlicher Mann, der ſehr würdig des Amtes war, welches er verſah. „Sie haben Recht, mein Herr,“ ſagte der Gouverneur,„und Ihre Bemerkung beweiſt, daß Sie Ihr Amt gründlich ſtudirt haben. Wir haben in einem Loche, welches von dem andern nur durch einen Zwiſchenraum von dreißig Fuß getrennt iſt, und zu dem eine andere Treppe führt, einen alten Abbé, ein altes italieniſches Parteihaupt, welcher ſeit 1811 hier iſt, der ungefähr 1813 verrückt wurde und der ſeitdem phyſiſch nicht mehr zu erkennen iſt; er weinte, jetzt lacht er; er war mager, wie ein Skelett, jetzt wird er fett. Wollen Sie ihn eher ſehen, als dieſen? Seine Tollheit iſt beluſtigend und wird Sie nicht traurig machen.“ „Ich werde Einen nach dem Andern ſehen,“ antwortete der Inſpector;„man muß ſein Amt gewiſſenhaft verwalten.“ Es war die erſte amtliche Reiſe des Inſpectors, und er wollte ſich bei den Behörden beliebt machen.„Wir wollen zuerſt zu dieſem gehen,“ ſagte er. „Gern,“ antwortete der Gouverneur und winkte dem Schließer, die Thür zu öffnen. Dantes, der in einem Winkel ſeiner Höhle kauerte, wohin durch ein vergittertes Kellerloch ein Sonnenſtrahl drang, den er mit unſäg⸗ licher Freude auffing, erhob bei dem Raſſeln der maſſiven Schlöſſer und bei dem Knarren der um die Haſpen ſich drehenden verroſteten Thürangeln, den Kopf. Bei dem Anblicke eines von zwei Soldaten begleiteten Unbekannten, dem zwei Schließer mit Fackeln leuchteten, und mit dem der Gouverneur, den Hut in der Hand, ſprach, errieth er, was dieſer Beſuch bedeute, und ſprang, um die Gelegenheit, einer höhern, mächtigeren Behörde ſeine Sache zu empfehlen, nicht zu verſäumen, mit gefalteten Händen in einem Satze den Eintre⸗ tenden entgegen. Sogleich kreuzten die Soldaten ihre Bajonnette, denn ſie glaubten, der Gefangene ſtürze in böſer Abſicht auf den Inſpector los; Herr von Bovllle ſelbſt trat einen Schritt zurück. Dantes ſah, daß man ihn als einen gefährlichen Menſchen geſchildert hatte. Er legte alſo alle Sanftmuth und Demuth, deren er fähig war, in ſeinen Blick, und verſuchte mit ſeiner Beredtſam⸗ keit, welche die Anweſenden in Erſtaunen ſetzte, das Herz des In⸗ ſpectors zu rühren. Derſelbe hörte Dantes bis zu Ende und wendete ſich dann zu dem Gouverneur, dem er halbleiſe ſagte:„Er wird gefügig werden, er zieht ſchon andere Saiten auf. Sehen Sie. die Furcht verfehlt ihren Zweck nicht bei ihm; er wankte ſchon vor den Bajonnetten, und ein Toller, das werden Sie wiſſen, wankt vor Nichts; ich habe in Charenton merkwürdige Beobachtungen über dieſen Punkt gemacht.“ Dann ſich zu dem Gefangenen wendend, ſagte er: „Sagt mir kurz, was Ihr verlangt?“ „Ich verlange zu wiſſen, welches Verbrechen man mir Schuld giebt! Ich verlange, daß man mir Richter beſtellt! Ich verlange, daß mein Prozeß eingeleitet werde! Ich verlange endlich, daß man mich tödtet, wenn ich ſchuldig, aber auch, daß man mich befreit, wenn ich unſchuldig bin...“ „Seid Ihr mit Eurer Koſt zufrieden?“ fragte der Inſpector. „Ja, ich glaube es... ich weiß nichts davon... aber darauf kommt ja gar nichts an! Worauf es ankommt, nicht nur für mich unglücklichen Gefangenen, ſondern auch für die, welche die Gerechtig⸗ keitspflege verwalten, für den König, der uns regiert, iſt, daß ein Un⸗ ſchuldiger nicht das Opfer einer ſchändlichen falſchen Anklage werde und nicht, ſeine Henker verfluchend, hinter Schlöſſern und Rieoeln ſtirbt.. „Ihr ſeid heute ſehr demüthig,“ ſagte der Gouverneur; waber Ihr ſeid nicht immer ſo geweſen. Den Tag, als Ihr Euern Wärter tödten wolltet, führtet Ihr eine ganz andere Sprache, mein Freund.“ „Es iſt wahr, Herr,“ antwortete Dantes,„und ich bitte dieſen Mann, der immer gut gegen mich geweſen iſt, ſehr demüthig um Verzeihung; aber war es ein Wunder?.. ich war wüthend, ich war toll...“ „Und ſeid Ihr es nicht mehr?“ „Nein, Herr, denn die Gefangenſchaft hat mich mürbe gemacht, hat mich vernichtet; ich bin ſchon ſo lange hier, da verliert man den Muth...“ fedtſam⸗ ſes In⸗ endete r wird Sie.. don vor wankt n über ndend, Schuld lange, s man befreit, ſpector. darauf ir mich rechtig⸗ ein Un⸗ werde liegeln „aber Euern , mein dieſen ig um d, ich macht, t man 143 „So lange? Und wann wurdet Ihr verhaftet?“ fragte der Inſpector. „Den 1. März 1815, zwei Uhr Nachmittags.“ „Wie?“ ſagte der Inſpector.„Wir haben heute den 30. Juli 1816. Was wollt Ihr? Das ſind ja nur ſiebzehn Monate.“ „Nur ſiebzehn Monate!“ wiederholte Dantes.„Ach Herr, Sie wiſſen nicht, was das heißt, ſiebzehn Monate Gefangener zu ſein, ſiebzehn Jahre, ſiebzehn Jahrhunderte, beſonders für einen Mann, der, wie ich, an der Schwelle des Glückes ſtand; für einen Mann, der, wie ich, im Begriff war, die Geliebte zu heirathen; für einen Mann, den ſich eine ehrenvolle Laufbahn öffnete und dem jetzt Alles fehlt; der aus dem ſchönſten, hellſten Tage in die finſterſte Nacht geſtoßen wurde; der ſeine Laufbahn zerſtört ſieht; der nicht weiß, ob ſeine Braut ihn noch liebt, ob ſein alter Vater noch lebt, oder vor Schreck und Kummer geſtorben iſt! Siebzehn Monate Gefängniß, für einen Mann, der an die Luft des Oceans, an die freie Unabhängigkeit des Seemannes, an den freien Raum, an die Weite, an die Unendlichkeit gewöhnt war! Herr! Herr! Siebzehn Monate Gefängniß iſt mehr, als alle Verbrechen, die alle Sprachen mit den ſchrecklichſten Namen nennen, verdienen! Haben Sie alſo Mitleid mit mir, Herr, und bitten Sie für mich, nicht um Nach⸗ ſicht, ſondern um Strenge, nicht um Gnade, ſondern um ein Urtheil! Um Richter, Herr, bitte ich, nur um Richter! Man kann einem Angeklagten die Richter nicht verſagen.“ „Gut,“ ſagte der Inſpector,„wir wollen ſehen.“ Dann ſich zu dem Gouverneur wendend, ſagte er:„Wirklich, der arme Teufel dauert mich. Wenn wir wieder oben ſind, zeigen Sie mir die ihn betreffenden Papiere, die Sie haben.“ „Gewiß,“ erwiderte der Gouverneur,„aber ich glaube, Sie werden ſchreckliche Bemerkungen über ihn finden.“ „Mein Herr,“ fuhr Dantes fort,„ich weiß, daß Sie mich nicht eigenmächtig hier fortnehmen können; aber Sie können mein Ver⸗ langen der Behörde mittheilen, Sie können ein Fürwort für mich einlegen, Sie können es dahin bringen, daß ich vor Gericht geſtellt werde. Ein Gericht iſt Alles, was ich verlange, daß ich erfahre, welches Verbrechen ich begangen haben ſoll und zu welcher Strafe i— 3 ich verurtheilt bin; denn glauben Sie mir, die Ungewißheit iſt die ſchrecklichſte aller Qualen.“ „Erklären Sie mir..“ ſagte der Inſpector. „Mein Herr,“ rief Dantes,„ich höre an Ihrer Stimme, daß Sie bewegt ſind; ſagen Sie mir, daß ich hoffen ſoll.“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ entgegnete der Inſpector, „aber ich verſpreche Ihnen, Ihre Akten nachzuſehen.“ „O, dann, Herr, dann bin ich frei, dann bin ich gerettet!“ „Wer hat ſie verhaften laſſen?“ „Herr von Villefort! Ich bitte, ſehen Sie ihn und beſprechen Sie ſich mit ihm.“ .„Herr von Villefort iſt ſeit einem Jahre nicht mehr in Mar⸗ ſeille, ſondern in Toulouſe.“ „Ah! Nun wundere ich mich nicht mehr,“ murmelte Dantes, „mein einziger Beſchützer iſt entfernt.“ „Hatte Herr von Villefort irgend eine Veranlaſſung, Sie zu haſſen?“ fragte der Inſpector. „Keine, mein Herr, er bewies mir im Gegentheil viel Wohl⸗ wollen.“ „Ich kann mich alſo auf die Bemerkungen über Sie, die er hinterlaſſen hat, oder mir ertheilen wird, verlaſſen?“ „Ganz, mein Herr.“ „Gut, geduldigen Sie ſich.“ Dantes ſank auf die Kniee, hob beide Hände zum Himmel empor und ſtammelte ein Gebet, in welchem er Gott den Mann empfahl, der in ſeinen Kerker herabgeſtiegen war, wie der Erlöſer zur Hölle, um die Seelen zu erretten. Die Thür ſchloß ſich, Dantes war wieder allein, aber die Hoffnung, die mit Herrn von Boville erſchienen, war in ſeinem Kerker zurückgeblieben. „Wollen Sie die Gefangenenliſte ſogleich ſehen, oder erſt in den Kerker des Abbé hinabſteigen?“ fragte der Gouverneur. „Laſſen Sie uns auch dieſen Kerker erſt noch beſuchen,“ ant⸗ wortete der Inſpector;„wenn ich an das Tageslicht zurückkehrte, hätte ich ſpäter nicht den Muth, mein trauriges Geſchäft vollſtändig zu verrichten.“ „O! dieſer Gefangene iſt nicht wie der Andere, und ſeine Ver⸗ rücktheit iſt weniger berührend, als die Vernunft ſeines Nachbars.“ unerme ließ er Freihe Miliod fangen fünf Iempor myfahl, rHölle, wieder ſchienen, erſt in 1“ ant⸗ ckehrte, lſtändig ine Ver⸗ hbars.“ ArE HAEAA * 145 „Und worin beſteht ſeine Verrücktheit?“ „Ol die iſt ſonderbarer Art: er hält ſich für den Beſitzer eines unermeßlichen Schatzes. In dem erſten Jahre ſeiner Gefangenſchaft ließ er der Regierung die Hälfte deſſelben bieten, wenn ſie ihn in Freiheit ſetzen wolle; das zweite Mal zwei, das dritte Mal drei Millionen, und ſo immer ſteigend. Er iſt jetzt fünfzehn Jahre ge⸗ fangen, er wird verlangen, mit Ihnen allein zu reden, und Ihnen fünf Millionen anbieten.“ „Ei, eil das iſt wirklich ſonderbar,“ ſagte der Inſpector.„Und wie heißt dieſer Millionär?“ „Abbé Faria.“ „Nr. 272“ ſagte der Inſpector, dieſe Zahl an einer Thür leſend. „So iſt es. Oeffnet, Antoine.“ Der Schließer öffnete und der neugierige Blick des Inſpectors drang in die Höhle des verrückten Abbé, wie der Gefangene allgemein benannt wurde. Mitten in dem Kerker, in einem Kreiſe, den er mit einem Stückchen Kalk aus der Mauer gezeichnet hatte, lag ein faſt nackender Mann, denn die Fetzen ſeiner Kleidung hingen nur noch loſe zuſammen. Er zeichnete in dieſem Kreiſe ſehr genaue geometriſche Figuren und ſchien mit der Löſung ſeines Problems eben ſo eifrig beſchäftigt, wie Archimedes es war, als er von einem Soldaten des Marcellus getödtet wurde. Auch rührte er ſich nicht bei dem Geräuſche, als die Thüre des Kerkers geöffnet wurde, und ſchien zu erwachen, als der Schein der Fackeln eine ungewohnte Helle auf die Stelle, wo er arbeitete, warf. Nun drehte er ſich um und ſah mit Erſtaunen die zahlreiche Geſellſchaft, die in ſeinen Kerker herabgeſtiegen war. Sogleich ſprang er auf und hüllte ſich in eine Decke, die auf ſeinem erbärmlichen Bette lag, um vor den Fremden anſtändiger zu erſcheinen. „Was verlangen Sie?“ fragte der Inſpector nach hergebrachter Sitte. „Ich, mein Herr?“ ſagte der Abbé verwundert,„ich verlange Nichts.“ „Sie verſtehen nicht,“ entgegnete der Inſpector,„ich bin Ab⸗ geordneter der Regierung, beauftragt, in die Gefängniſſe hinabzu⸗ ſteigen und die Beſchwerden der Gefangenen zu hören.“ Der Graf von Monte⸗Chriſto. 10 146 „Ah, ſo! das iſt etwas Anderes, mein Herr, und ich hoffe, daß wir einander verſtehen werden.“ „Sehen Sie,“ ſagte der Gouverneur leiſe,„fängt es nicht ſchon an, wie ich Ihnen geſagt hatte?“ „Mein Herr,“ fuhr der Abbé fort,„ich bin der Abbé Faria, 1767 zu Rom geboren, und war zwanzig Jahre Secretär des Grafen Spada, des letzten Sprößlings dieſes fürſtlichen Hauſes. Im An⸗ fange des Jahres 1808 wurde ich verhaftet, ich weiß nicht, warum; ſeitdem habe ich bei den italieniſchen und franzöſiſchen Behörden 3 meine Freiheit vergeblich nachgeſucht.“ „Warum bei den italieniſchen Behörden?“ fragte der Gouverneuk „Weil ich in Piombino verhaftet wurde und vermuthe, daß Piombino, wie Mailand und Florenz, der Hauptort irgend eines franzöſiſchen Departements geworden iſt.“ Der Inſpector und der Gouverneur ſahen einander lachend an. „Teufel! mein Lieber,“ ſagte der Inſpector,„Ihre italieniſchen Nachrichten ſind nicht die neueſten.“ „Sie datiren ſich von dem Tage, an welchem ich von Feneſt⸗ relles aus hierher gebracht wurde,“ ſagte der Abbé Faria,„es war 1811; und da des Kaiſers Majeſtät für den Sohn, den der Himmel ihm geſchenkt, das Königreich Rom geſtiftet hatte, ſo ſetze ich denn voraus, daß er ſeine Eroberungen fortſetzend, den Traum Macchia⸗ vells und Cäſar Borgia's, aus ganz Italien ein einziges Königreich zu machen, verwirklicht haben wird.“ „Mein Herr,“ entgegnete der Inſpector,„die Vorſehung bat glücklicherweiſe dieſem Rieſenplane, der Ihren warmen Beifall zu haben ſcheint, ihre Zuſtimmung verſagt.“ „Es war das einzige Mittel, aus Italien einen ſtarken, unab⸗ hängigen und glücklichen Staat zu machen,“ erwiderte der Abbé. „Das iſt möglich,“ ſagte der Inſpector,„doch bin ich nicht gekommen, um mit Ihnen über ultramontaniſche Politik mich zu unterhalten, ſondern um Sie, wie ich ſchon geſagt habe, zu fragen, ob Sie über die Beſchaffenheit Ihrer Koſt und Wohnung Beſchwerde zu führen haben?“ „Die Koſt,“ antwortete der Abbé,„iſt, wie in allen Gefäng⸗ niſſen, ſehr ſchlecht. Was die Wohnung anbetrifft, ſo ſehen Sie, ſie iſt feucht und ungeſund, aber nichts deſto weniger anſtändig genug dern ic de fort, broche ſyſtem Untert ) 1 dann ſchon Jarig, rafen 1 An⸗ trum, örden rneur. daß eines dan. iſchen feneſt⸗ war immel denn ſchia⸗ greich bat all zu unab⸗ b. nicht ch zu agen, werde fäng⸗ Sie, ändig 147 genug für einen Kerker. Hiervon iſt alſo jetzt nicht die Rede, ſon⸗ dern von höchſt wichtigen und beachtungswerthen Eröffnungen, die ich der Regierung zu machen habe.“ „Da haben wir's,“ ſagte der Gouverneur leiſe zu Herrn v. Boville. „Darum bin ich ſo erfreut, Sie zu ſehen,“ fuhr der Abbé fort,„obgleich Sie mich in einer ſehr wichtigen Berechnung unter⸗ brochen haben, die, wenn ſie gelingt, vielleicht Newtons Planeten⸗ ſyſtem umſtoßen wird. Können Sie mir die Gunſt einer geheimen Unterredung gewähren?“ „He! was ſagte ich?“ bemerkte der Gouverneur. „Sie kennen Ihre Leute,“ erwiderte der Inſpector lachend, dann ſich zu Faria wendend, ſagte er: „Mein Herr, was Sie verlangen, iſt unmöglich.“ „Wenn aber die Rede davon wäre,“ verſetzte der Abbé,„der Regierung eine ungeheure Summe, eine Summe von fünf Millionen zum Beiſpiel nachzuweiſen?“ „Meiner Treu!“ ſagte der Inſpector, zum Gouverneur gewendet, „Sie haben es bis auf die Zahl vorausgeſagt.“ „Hören Sie,“ bat der Abbé, welcher bemerkte, daß der In⸗ ſpector ſich entfernen wollte,„es iſt nicht nöthig, daß wir ganz allein ſind; der Herr Gouverneur kann gegenwärtig bleiben.“ „Mein lieber Herr,“ ſagte der Gouverneur,„unglücklicherweiſe wiſſen wir voraus und auswendig, was Sie uns ſagen wollen. Es handelt ſich um Ihre Schätze, nicht wahr?“ Faria ſah dieſen Spötter mit Augen an, in denen jeder un⸗ parteiiſche Beobachter gewiß den Blitz des Verſtandes und der Wahrheit hätte leuchten ſehen. „Gewiß,“ ſagte er,„wovon ſoll ich ſonſt reden wollen, als davon?“ „Mein Herr Inſpector,“ fuhr der Gouverneur fort,„ich kann Ihnen dieſe Geſchichte eben ſo gut erzählen, wie der Abbé ſelbſt, denn ſeit vier oder fünf Jahren habe ich ſie bis zum Ekel gehört.“ „Das beweiſt, mein Herr Gouverneur,“ bemerkte der Abbé, „daß Sie wie jene Leute ſind, von denen die Schrift ſagt: Sie haben Augen zu ſehen und ſehen nicht; ſie haben Ohren zu hören, und hören nicht.“ 4 10* 148 „Mein lieber Herr,“ bemerkte der Inſpector,„die Regierung iſt reich, und bedarf, Gott ſei Dank! Ihrer Schätze nicht: behalten Sie ſie alſo für die Zeit, wo Sie das Gefängniß verlaſſen werden.“ Das Auge des Abbé trübte ſich, er ergriff die Hand des In⸗ ſpectors. „Aber wenn ich nun nie wieder aus dem Gefängniſſe komme,“ ſagte er,„wenn, gegen alle Gerechtigkeit, ich in der Gefangenſchaft gelaſſen werde, wenn ich darin ſterbe, ohne mein Geheimniß Jemandem hinterlaſſen zu haben, ſoll dieſer Schatz dann verloren ſein? Iſt es nicht beſſer, daß die Regierung den Nutzen davon hat, und ich auch? Ich werde bis auf ſechs Millionen gehen, mein Herr! ja, ich werde ſechs Millionen opfern, und mich mit dem Ueberreſte begnügen, wenn mir die Freiheit geſchenkt wird!“ „Auf mein Wort,“ ſagte der Inſpector leiſe,„wenn man nicht wüßte, daß dieſer Mann toll iſt... er ſpricht ſo ſicher, daß man verſucht wird, daran zu glauben.“. „Ich bin nicht toll, mein Herr, und rede nur zu ſehr die Wahrheit,“ entgegnete Faria, deſſen durch die Gefangenſchaft ge⸗ ſchärftem Gehör nicht ein Wort des Inſpectors entgangen war. „Dieſer Schatz, von dem ich Ihnen ſagte, exiſtirt wirklich, und ich ſchlage Ihnen vor, einen Contract mit mir zu machen, kraft deſſen Sie mich an den von mir bezeichneten Ort begleiten: wir laſſen die Erde in unſerem Beiſein aufwühlen, und wenn ich gelogen habe, wenn nichts gefunden wird, dann bin ich toll, wie Sie ſagten. Nun, dann führen Sie mich in dieſes nämliche Gefängniß zurück, und ich werde ſterben, ohne je wieder, weder von Ihnen noch ſonſt Jemand, etwas zu verlangen.“ Der Gouverneur lachte. „Und iſt der Ort weit von hier, wo Ihr Schatz ſich befindet?“ fragte er. „Hundert Meilen von hier ungefähr.“ „Die Sache iſt nicht übel ausgedacht,“ bemerkte der Gouver⸗ neur;„wenn alle Gefangene ſich den Spaß machen wollten, ihre Bewachung hundert Meilen weit ſpazieren zu führen, und wenn die Bewachung einwilligte, einen ſolchen Spaziergang zu machen, ſo wäre das eine köſtliche Ausſicht, bei erſter Gelegenheit, die ſich darböte, —* ierung chalten erden, d es In⸗ wmme,“ ſchaft eimniß erloren davon , mein it dem nicht 3 man ehr die zaft ge⸗ n war. und ich t deſſen laſſen n habe, ſagten. zurüc, ch ſonſt indet?“ Bouver⸗ n, ihre enn die ſo wäre darböte, — ———— 149 und das könnte bei einer ſo weiten Reiſe nicht ausbleiben, zu ent⸗ fliehen.“ „Unglücklicherweiſe,“ fügte Herr von Boville hinzu,„iſt es ein bekanntes Mittel und der Herr Abbé hat nicht einmal das Verdienſt, es erfunden zu haben.“ Dann wendete er ſich zu dem Abbé: „Ich habe Sie gefragt, mein Herr, ob Sie mit Koſt und Wohn⸗ ung zufrieden ſind?“ „Herr,“ antwortete Faria,„ſchwören Sie mir beim Heiland, mich zu befreien, wenn ich wahr geredet habe, und ich will Ihnen den Ort bezeichnen, wo der Schatz vergraben iſt.“ „Sind Sie mit Ihrer Koſt zufrieden?“ wiederholte Boville. „Herr Inſpector, Sie wagen auf dieſe Weiſe nichts, und ſehen wohl, daß ich nicht darauf ausgehe, zu entfliehen, indem ich, während dieſe Reiſe gemacht wird, im Gefängniſſe bleiben will.“ „Sie beantworten meine Frage nicht,“ erwiderte der Inſpector ungeduldig. „Und Sie nicht meinen Antrag,“ rief der Abbé.„Seien Sie alſo verwünſcht, wie die anderen Unvernünftigen, die mir nicht glauben wollten! Sie wollen mein Gold nicht, ich werde es behalten; Sie verweigern mir die Freiheit, Gott wird ſie mir ſchenken. Gehen Sie, ich habe nichts mehr zu ſagen.“ Und damit warf der Abbé ſeine Decke ab, nahm ſein Stückchen Kalk auf, ſetzte ſich in ſeinen Kreis und fuhr fort, ſeine Linien und Zahlen zu ſchreiben. „Was macht er da?“ fragte der Inſpector im Fortgehen. „Er berechnet ſeine Schätze,“ antwortete der Gouverneur. 1 Faria beantwortete dieſe ſpöttiſche Bemerkung mit einem Blicke der tiefſten Verachtung. Sie gingen. Der Kerkermeiſter ſchloß die Thüre hinter ihnen. „Er mag wirklich Schätze beſeſſen haben,“ ſagte der Inſpector, indem er die Treppe hinaufſtieg. „Oder er hat geträumt, ſie zu beſitzen,“ antwortete der Gou⸗ verneur,„und den andern Morgen iſt er verrückt erwacht.“ So endigte die Begebenheit mit dem Abbé Faria. Er blieb Gefangener, und der Ruf ſeiner Verrücktheit wurde durch dieſen Verſuch noch befeſtigt. 150 Was Dantes anbetraf, ſo hielt der Inſpector ihm Wort. Als er wieder oben bei dem Gouverneur angelangt war, ließ er ſich die Gefangenen⸗Liſte vorlegen. Bei Dantes Namen ſtand folgende Be⸗ merkung: „Edmond Dantes, wüthender Bonagpartiſt, hat thätigen Antheil an der Rückkehr von Elba genommen.— In der größten Verborgenheit und unter der ſtrengſten Aufſicht zu halten.“ Dieſe Bemerkung war von anderer Handſchrift und mit anderer Dinte geſchrieben, als der übrige Theil des Regiſters, welches bewies, daß ſie nach Dantes Verhaftung hinzugefügt war. Die Anklage war zu entſchieden, als daß man hätte verſuchen können, ſie zu beſtreiten. Der Inſpector ſchrieb alſo unter die Bemerkung: „Obige Bemerkung berückſichtigend, iſt nichts zu machen.“ Dieſer Beſuch hatte Dantes ſo zu ſagen neu belebt; ſeit er in das Gefängniß eingetreten war, hatte er vergeſſen, die Tage zu zählen, aber der Inſpector hatte ihm eine Zeitrechnung gegeben, und diesmal vergaß Dantes ſie nicht wieder. Er ſchrieb mit einem Stückchen Kalk, welches an der Decke abgebröckelt war, hinter ſich an die Mauer: 30. Juli 1816; und machte von dieſem Augenblicke an täglich einen Strich, um die Zeitrechnung nicht wieder zu ver⸗ lieren. 3 Tage verfloſſen, dann Wochen, dann Monate; Dantes wartete immer noch geduldig. Im Anfange hatte er ſich bis zu ſeiner Be⸗ freiung einen Termin von vierzehn Tagen geſetzt. Wenn der In⸗ ſpector nur mit der Hälfte der Theilnahme, die ſein Schickſal ihm einzuflößen ſchien, ſeine Sache betrieb, ſo mußte er an vierzehn Tagen genug haben. Als dieſe vierzehn Tage verfloſſen waren, ſagte er ſich, daß es unvernünftig geweſen ſei, zu erwarten, daß der Inſpector, ehe er einmal nach Paris zurückgekehrt ſei, ſeine Sache betreiben werde; ſeine Rückkehr nach Paris konnte aber nicht eher ſtattfinden, als bis ſeine Inſpections⸗Reiſe beendigt war und dieſe konnte noch einen oder zwei Monate währen. Er ſetzte ſich alſo drei Monate Friſt ſtatt der vierzehn Tage; als die drei Monate verfloſſen waren, kam ihm eine andere Berechnung zu Hilfe, in Folge deren er ſeine Friſt auf ſechs Monate beſtimmte; als aber auch die ſechs Monate verfloſſen waren und er immer von Tag zu Tag noch kleine Friſten beſtimmt hatte, fand es ſich endlich, daß er zehn hatte tröſte fragte Sinn dächt blend ſeine in da bishe mehr fängt ſeine merr Zim die ſich Fa Als c die de Be⸗ hätigen gößten inderer delches Die bnnen, tkung: er in ge zu geben, einem er ſich nblicke du ver⸗ vartete er Be⸗ r In⸗ ihm erzehn varen, „daß ſeine nicht r und e ſich onate e, in aber ag zu aß er 151 zehn und einen halben Monat gewartet hatte. Während dieſer Zeit hatte ſich in der Art ſeines Gefängniſſes nichts geändert; keine tröſtende Nachricht war ihm geworden; der Kerkermeiſter, den er fragte, war ſtumm, wie immer. Dantes begann an ſeinen eigenen Sinnen zu zweifeln, zu glauben, daß dieſes Alles, was, ſeinem Ge⸗ dächtniß vorſchwebend, ihn ſo mächtig aufgeregt hatte, nur eine Ver⸗ blendung ſeines Geiſtes geweſen, daß der tröſtende Engel, der in ſeinem Gefängniſſe erſchienen, nur auf den Fittigen eines Traumes in daſſelbe hinabſtiegen ſei. Nach Verlauf eines Jahres kam ein anderer Gouverneur. Der bisherige behielt die Oberaufſicht über die Feſtung Ham; er nahm mehrere ſeiner Subalternen und unter Andern auch Dantes Ge⸗ fängnißwärter mit. Dem neuen Gouverneur war es zu umſtändlich, die Namen ſeiner Gefangenen kennen zu lernen, er ließ ſich alſo nur ihre Num⸗ mern ſagen. Dieſes entſetzliche Hotel garni beſtand aus fünfzig Zimmern; ihre Bewohner wurden nach der Nummer der Zimmer, die ſie bewohnten, genannt, und der unglückliche junge Mann nannte ſich nun weder nach ſeinem Vornamen, Edmond, noch nach ſeinem Familiennamen, Dantes: er hieß Nr. 34. XV. RNr. 34 und Nr. 27. Dantes durchging alle Grade des Unglücks, das vergeſſene Ge⸗ fangene erdulden. Er begann mit der Folge der Hoffnung und des reinen Gewiſſens, dem Stolze; dann bezweifelte er ſelbſt ſeine Un⸗ ſchuld, was die Gedanken des Gouverneurs über ſeine ſtillſchweigende Unterwerfung nicht übel rechtfertigte; endlich brach ſein Stolz zu⸗ ſammen, er bat, noch nicht Gott, aber die Menſchen. Gott iſt die letzte Zuflucht des Unglücklichen, der bei dem Herrn beginnen ſollte: er hofft erſt auf ihn, wenn alle andern Hilfsquellen erſchöpft ſind. Dantes bat um ein anderes Gefängniß, ſei es auch noch tiefer und ſchwärzer; es war doch eine Veränderung und gewährte ihm eine mehrtägige Zerſtreuung. Er bat um die Erlaubniß, friſche Luft ſchöpfen zu dürfen, um Bücher und Inſtrumente. Alles ward ihm verweigert, dennoch hörte er nicht auf, zu bitten. Obgleich ſein neuer Kerkermeiſter wo möglich noch ſtummer als der Vorige war, redete Dantes ihn doch an, es war ein Vergnügen, mit einem Menſchen zu ſprechen, ſollte er auch ein ſtummer ſein. Er ſprach, um den Ton ſeiner eigenen Stimme zu hören: er hatte verſucht, zu ſprechen, wenn er allein war, aber das flößte ihm Furcht ein. Dantes hatte ſich, als er noch frei war, oft ein Schreckbild von den Zimmern der, aus Räubern, Mördern und Herumtreibern zu⸗ ſammengeſetzten Gefangenen entworfen, deren unreine Luſtigkeit ſchauderhafte Orgien und Entſetzen erregende Freundſchaften her⸗ vorruft. Jetzt konnte er ſogar wünſchen, in einen dieſer Räume zu kommen, um doch andere Geſichter zu ſehen, als das ſeines uner⸗ bittlichen, ſtumm bleibenden Kerkermeiſters. Er ſehnte ſich nach dem Bagno; die Galeerenſclaven, mit ihrer ſchändlichen Kleidung, ihrer Kette am Fuß und ihrem Brandmale auf der Schulter, waren ſehr ene Ge⸗ und des ine Un⸗ eigende tolz zu⸗ iſt die ſollte: yſt ſind. ſh tiefer rte ihm ſtiſche es ward Obgleich Vorige einem ſprach, verſucht, rcht ein. ild von bern zu⸗ euſtigkeit ten her⸗ iume zu § uner⸗ ach dem g, ihrer ren ſeht Y — 153 glücklich, denn ſie ſahen den Himmel, athmeten die Luft und waren bei einander. Einſt bat er den Kerkermeiſter, zu vermitteln, daß er einen Gefährten erhielte, wenn es auch der tolle Geiſtliche ſei, von dem er habe ſprechen hören. Mag nun das Aeußere eines Kerkermeiſters auch noch ſo hart und undurchdringlich ſcheinen, ein menſchliches Gefühl bleibt ihm ſtets. Dieſer hatte oft in ſeines Herzens Grunde, obgleich ſein Geſicht nichts davon verrieth, den unglücklichen jungen Mann bedauert, deſſen Gefangenſchaft ſo hart war; er überbrachte alſo dem Gouverneur das Anliegen der Nr. 34, aber dieſer, ein vorſichtiger Politiker, glaubte, Dantes wolle die Gefangenen auf⸗ wiegeln, Complote anſpinnen, oder ſich einen Freund zu Ent⸗ weichungs⸗Verſuchen gewinnen, kurz— er ſchlug die Bitte ab. Dantes hatte alle menſchlichen Hilfsquellen erſchöpft und wandte ſich nun, wie wir ſchon geſagt, daß es kommen muß, zu Gott. Alle in der Welt zerſtreuten frommen Gedanken, welche die gebeugten Unglüͤcklichen tröſten, erfriſchten ſeinen Geiſt; er erinnerte ſich der Gebete, die ihn ſeine fromme Mutter gelehrt und fand darin ein ſonſt von ihm unbeachtetes Gefühl. Dem Glücklichen ſcheint das Gebet eine eintönige leere Redeweiſe, bis der Schmerz den Unglück⸗ lichen dieſe erhabene Sprache lehrt, durch deren Hilfe er zu Gott redet. Er betete alſo, erſt voll Verzweiflung, dann mit Inbrunſt, und laut betend, ſchauderte er nicht mehr vor ſeiner eigenen Stimme. Zuletzt gerieth er in einen Zuſtand der Verzückung, ſah Gott ſtrah⸗ lend bei jedem Worte, welches er ausſprach, unterwarf ſeinem Willen alle Handlungen und Gedanken ſeines demüthigen verlorenen Lebens, und ſtellte ſich Aufgaben, die er zu erfüllen trachtete. Ungeachtet ſeiner inbrünſtigen Gebete, blieb Dantes Gefan⸗ gener. Sein Geiſt umdüſterte ſich, ein dichter Nebel umwölkte ſeine Augen. Er war ein ſchlichter Mann, ohne Erziehung; ſeine Ver⸗ gangenheit war in den dichten Schleier gehüllt geweſen, den erſt die Wiſſenſchaft lüftet. In der Einſamkeit ſeines Kerkers und der Oede ſeiner Gedanken konnte er weder die vergangenen Zeiten wiederherſtellen, noch die ausgeſtorbenen Völker beleben, oder die alten Städte wieder aufbauen, welche die Einbildungskraft ver⸗ größert und idealiſirt, und die klar und groß wie Martins baby⸗ loniſche Gemälde im Feuer des Himmels dem Geiſte vorüberſchweben. 154 Er hatte nichts, als ſeine kurze Vergangenheit, ſeine trübe Gegen⸗ wart, ſeine ſchmerzliche Zukunft: neunzehn helle, friedliche Jahre, über die er vielleicht in ewiger Nacht grübeln mußte. Keine Zer⸗ ſtreuung kam ihm zu Hilfe, ſein kräftiger Geiſt, deſſen reges Streben ſeinen Flug nach allen Seiten hin hätte ausdehnen mögen, war machtlos niedergedrückt und gefangen, wie ein Adler im Käfige. Er klammerte ſich an einen einzigen Gedanken, an den ſeines, ohne klare Urſache, durch unerhörtes Mißgeſchick zerſtörten Glückes; dieſer Gedanke erbitterte ihn, machte ihn raſend, er drehte und wendete ihn von allen Seiten, er verſchlang ihn gleichſam, wie in Dante's Hölle der unerbittliche Ugolino den Hirnſchädel des Erzbiſchofs Roger verſchlingt. Der Frömmigkeit folgte die Wuth; Edmond ſtieß Läſterungen aus, die den Kerkermeiſter vor Entſetzen ſchaudern machten, er ſtieß ſeinen Körper gegen die Mauern ſeines Kerkers und wüthete gegen Alles, was ihn umgab, beſonders gegen ſich ſelbſt; ein Sandkorn, ein Strohhalm, ein Luftzug konnte ihn aufbringen. Der Anklage⸗ brief, den ihm Villefort gezeigt, den er in den Händen gehabt hatte, kam ihm in's Gedächtniß, jeder Buchſtabe deſſelben flammte an der Mauer, wie das Mene Tekel Upharsin des Belſazer; er ſagte ſich, daß es wohl der Haß der Menſchen, nicht die Rache Gottes geweſen ſei, die ihn in dieſen Abgrund des Unglücks ſtürzte. Er wünſchte ſeinen unbekannten Feinden alle Qualen, die ſeine glühende Ein⸗ bildungskraft erfand und die ihm alle, ſelbſt die ſchrecklichſten, zu kurz waren, für die, welche ſeine Leiden verſchuldeten; denn nach den Qualen kam der Tod, und in dem Tode war Ruhe, oder wenigſtens die Unempfindlichkeit, die derſelben gleicht. Bei der Betrachtung, daß im Tode Ruhe ſei, kam ihm der Gedanke des Selbſtmordes; Unglücklicher, den am Abhange des Unglückes dieſer traurige Gedanke aufhält! Dantes Seele war jetzt wie ein todtes Meer, deſſen blaue Wellen ein klarer Waſſerſpiegel ſcheinen; der Schwimmer, der ſich dieſen Fluthen anvertraut, fühlt ſich bald in einer ſchleimigen Maſſe verſinken und von derſelben umhüllt verſchlungen. So hinein gerathen, iſt, wenn Gott nicht Hilfe ſendet, Alles aus, und jeder Verſuch, ſich herauszuarbeiten, läßt ihn nur um ſo tiefer verſinken. Indeſſen iſt dieſer Zuſtand moraliſchen Todeskampfes nicht ſo —ʃ fürchter die ihr uns de Nichts. Troſ mit al Winkel ſchlagen vergane zittern zuſame Flügel verläſ eines Pfeife erſchr klippe ich ſt alle r Gott; Leben Tod, und mich, den iſt e⸗ mache Kind, aus ſiegre gekei harte Gegen⸗ Jahre, ne Zer⸗ Streben n, war ge. Er 6, ohne dieſer wendete Dantels biſchofs erungen et ſtieß ſee gegen hndkorn, Anklage⸗ t hatte, an der gte ſich, geweſen wünſchte de Ein⸗ ten, zu in nach , oder hm der ige des ar jetzt rſpiegel t fühlt erſelben tt nicht rbeiten, nicht ſo ——— 155 fürchterlich, als das Leiden, das ihm vorhergeht, und die Strafe, die ihm vielleicht folgt. Es iſt eine Art wunderbarer Troſt, der uns den Abgrund zeigt; aber auch auf dem Grunde deſſelben das Nichts. In ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung fand Dantes einigen Troſt in dieſem Gedanken; alle ſeine Schmerzen, alle ſeine Leiden, mit allen Geſpenſtern, die dieſelben begleiten, ſchienen aus dem Winkel ſeines Kerkers, in dem der Tod ſeinen friedlichen Sitz auf⸗ ſchlagen ſollte, zu entweichen. Dantes blickte mit Ruhe auf ſein vergangenes, mit Entſetzen auf ſein künftiges Leben, und wählte dieſen Mittelpunkt als tröſtendes Aſyl. Zuweilen dachte er dann: als ich noch ein Mann war, und frei und mächtig andern Männern Befehle ertheilte, die von den⸗ ſelben vollzogen wurden, ſah ich den Himmel ſich bedecken, das Meer zittern und grollen, den Sturm in einem Winkel des Himmels ſich zuſammen ziehen und wie ein rieſiger Adler den Horizont mit ſeinen Flügeln ſchlagen; dann fühlte ich, daß mein Schiff nur ein unzu⸗ verläſſiger Zufluchtsort ſei, denn leicht wie eine Feder in der Hand eines Rieſen zitterte und ächzte es ſelbſt. Bald häuften bei dem Pfeifen der Waſſerwogen ſich Wellenberge über meinem Haupte, der erſchreckliche Lärm der Sturzſeen, der Anblick der dräuenden Fels⸗ klippen, kündigte mir den Tod an; der Tod erſchreckte mich, und ich ſtrengte alle meine Kräfte an, um ihm zu entgehen, vereinigte alle menſchliche Klugheit und alle Künſte des Seemannes, um mit Gott zu kämpfen!... Da mals war ich glücklich, ich wollte von dem Leben, das mir alle ſeine Freuden bot, nicht ſcheiden, ich hatte den Tod, der mich bedräute, nicht gerufen, nicht gewählt, das Meergras und die Muſcheln ſchienen mir hart zur letzten Ruheſtätte; es empörte mich, der ich mich für ein Ebenbild Gott hielt, nach meinem Tode den Seemöven und Geiern zum Fraße dienen zu ſollen. Aber jetzt iſt es anders; ich habe Alles verloren, was mir das Leben lieb machen konnte, heute lächelt der Tod mir, wie die Mutter dem Kinde, welches ſie in den Schlummer wiegen wlll; jetzt ſterbe ich aus Neigung und ſchlummere müde und erſchöpft ein, wie ich nach ſiegreich beſtandenem Kampfe mit den Elementen entſchlummerte. Nachdem dieſe Gedanken in dem Geiſte des jungen Mannes gekeimt waren, wurde er ſanfter, heiterer, er ruhte weicher auf ſeinem harten Lager, ſein ſchwarzes Brod ſchmeckte ihm beſſer, er aß und 156 ſchlief weniger und fand dieſe Exiſtenz, die er aufgeben konnte, wenn er wollte, beinahe erträglich. Er wollte das Leben abſtreifen, wie ein abgetragenes Gewand. Zwei Mittel hatte er, zu ſterben: das Eine war einfach; er brauchte nur ſein Taſchentuch an die Stangen ſeines Fenſters zu knüpfen und ſich zu erhängen; das Andere war: nur ſcheinbar zu eſſen und zu verhungern. Das Erſte wider⸗ ſtand ihm. Er war im Abſcheu gegen die Seeräuber erzogen, die an den Segelſtangen der Schiffe gehängt wurden, wenn man ſie fing. Das Hängen war alſo für ihn eine erniedrigende Strafe, die er ſich nicht ſelbſt auflegen wollte; er entſchied ſich für das Zweite, und fing denſelben Tag an, es in Ausführung zu bringen. Unter den wechſelnden Gemüthszuſtänden, die wir beſchrieben haben, waren beinahe vier Jahre verfloſſen. Mit dem Ende des zweiten hatte Dantes aufgehört, die Tage zu zählen, und war in jene Unkenntniß der Zeitrechnung verfallen, aus der ihn früher der Inſpector geriſſen hatte. Dantes hatte geſagt: ich will ſterben, und ſeine Todesart gewählt; er hatte dieſelbe gut in's Auge gefaßt, und um nicht aus Todesfurcht in der Ausführung ſeines Vorſatzes zu wanken, ſich ſelbſt geſchworen, feſt zu bleiben. Ich werde die Nahr⸗ ungsmittel, die mir gebracht werden, aus dem Fenſter werfen und mich ſtellen, als hätte ich ſie gegeſſen, dachte er. Er führte ſeinen Vorſatz aus. Zwei Mal täglich warf er ſeine Speiſen durch die kleine vergitterte Oeffnung, durch welche er den Himmel erblickte; im Anfang heiter, dann bedenklich, zuletzt ungern; er mußte ſich ſeines, ſich ſelbſt geleiſteten feierlichen Eides erinnern, um ſeinen ſchrecklichen Vorſatz auszuführen. Der Hunger nagte ihn mit ſeinem ſcharfen Zahne, die Speiſen, die ihm früher widerſtanden, waren ſeinem Auge jetzt appetitlich, ſeinem Geruch köſtlich; zuweilen hielt er die Schüſſel, in der ſie ihm gebracht waren, eine Stunde lang in den Händen, das gierige Auge ſtarr auf dieſes Stück ver⸗ dorbenes Fleiſch, auf dieſen verfaulten Fiſch, auf dieſes trockene ver⸗ ſchimmelte Brod gerichtet. Es war der letzte Kampf des Selbſt⸗ erhaltungstriebes mit ſeinem feſten Willen. Sein Kerker ſchien ihm in ſolchen Augenblicken weniger düſter, ſein Zuſtand nicht ſo ver⸗ zweifelt; er war noch jung, er mußte fünfundzwanzig bis ſechsund⸗ zwanzig Jahre alt ſein, es blieben ihm vielleicht noch fünfzig Jahre zu leben, das war noch einmal ſo viel, als er ſchon gelebt hatte. — öö Pelche die Pfo umſtoße freiwil wiliig an ſein fürchte und un hatte, Lager aus de er nich bedenk S verknü nervö hört, ſchloß bei ¹ röthe räuſch deſſen geſuch Gerä laſſe Sin Art tend den das oder taktn durc liche konnte ſtreen, ſterben. an die 3Andere e wider⸗ gen, die man ſie Strafe, für das bringen. ſchrieben inde des war in iher der den, und aöt, und azes zu ie Nahr⸗ ffen und er ſeine eer den ungern; rinnern, agte ihn eſtanden, zuweilen Stunde lück ver⸗ ene ver⸗ Selbſt⸗ ien ihm ſo ver⸗ ſechsund⸗ ig Jahre ͤt hatte. — ☛———ꝑnꝑn 6 157 Welche Begebenheiten konnten in dieſem unermeßlichen Zeitraume die Pforten ſeines Kerkers ſprengen, die Mauern des Schloſſes If umſtoßen und ihm die Freiheit gewähren! Dann näherte er, ein freiwilliger Tantalus, die Speiſen ſeinen Zähnen, um ſogleich un⸗ willig den Mund abzuwenden; dann wieder erhielt ihn der Gedanke an ſeinen Eid ſeinem Vorſatze getreu, und dieſe edle, kräftige Natur fürchtete zu ſehr, ſich ſelbſt zu entwürdigen. Er gab alſo, ſtreng und unerbittlich gegen ſich ſelbſt, das wenige Leben, was er noch hatte, auf, und eines Abends hatte er nicht mehr ſo viel Kraft, ſein Lager zu verlaſſen, um ſein Abendeſſen, das ihm gebracht wurde, aus dem Luftloche ſeines Kerkers zu werfen. Den Tag darauf ſah er nichts mehr, und hörte kaum; der Schließer vermuthete eine bedenkliche Krankheit. Edmond hoffte den nahenden Tod. So verging der Tag; eine, mit einem gewiſſen Wohlbefinden verknüpfte unbeſtimmte Betäubung umhüllte ihn nach und nach; die nervöſen Zuſammenziehungen ſeines Magens hatten allmälig aufge⸗ hört, der glühende Durſt hatte ſich gemildert, wenn er die Augen ſchloß, ſah er eine Menge Flämmchen, die den Irrlichtern, welche bei Nacht aus feuchter Erde hüpfen, glichen: es war die Morgen⸗ röthe eines unbekannten Landes, das man Jenſeits nennt. Plötzlich, Abends gegen neun Uhr, hörte er ein dumpfes Ge⸗ räuſch hinter der Mauer, an welcher ſein Bett ſtand; Edmond, deſſen Gefängniß von ſo vielen häßlichen, ekelhaften Thieren heim⸗ geſucht wurde, war nach und nach dahin gekommen, ſich durch das Geräuſch, welches dieſelben machten, nicht im Schlummer ſtören zu laſſen; aber dieſes Mal war es anders. Hatte die Schwäche ſeine Sinne geſchärft? war das Geräuſch wirklich ſtärker und anderer Art als gewöhnlich? iſt an den Pforten des Todes Alles bedeu⸗ tender? Edmond beunruhigte ſich über dieſes Geräuſch und erhob den Kopf, um es zu hören. Es war ein gleichmäßiges Kratzen, das entweder von einer großen Tatze, von einem mächtigen Zahne, oder von der regelmäßigen Berührung der Steine mit irgend einem taktmäßig gehandhabten Inſtrumente herrührte. Obgleich geſchwächt, wurde der Geiſt des jungen Mannes, durch das Geräuſch veranlaßt, von der den Gefangenen ſo gewöhn⸗ lichen Vorſtellung... der Freiheit, mächtig erregt. Dieſes Geräuſch traf ſein Ohr ſo genau in dem Augenblicke, 158 neben de wo alles Geräuſch für ihn auf immer aufhören ſollte, daß ihm war, allein we als habe Gott endlich Erbarmen mit ſeinen Leiden und ſende ihm rufmerk daſſelbe, um ihm anzudeuten, daß er am Rande des Grabes, den purdej ſein Fuß zu überſchreiten im Begriffe war, ſtehen bleiben möge. vernahn Konnte nicht vielleicht einer ſeiner Freunde, eines jener vielgeliebten dies Ge Weſen, an die er ſo viel gedacht, daß er ſeine Denkkraft faſt auf⸗ 4 unglücl gerieben hatte, ſich in dieſem Augenblicke mit ihm beſchäftigen und O wenm ſich bemühen, einen Weg zu ihm zu bahnen? Aber nein, Edmond über die täuſchte ſich, es war einer jener Träume, die um die Pforten der in dieſer Ewigkeit ſchweben. Indeſſen hörte Edmond immer noch dieſes Ge⸗ inh wie räuſch. Es währte beinahe drei Stunden, da hörte er etwas zu⸗ denn it ſammenſtürzen, worauf die gewöhnliche Stille eintrat. hren, Einige Stunden ſpäter begann es ſtärker und ſchien ſich zu hitten. nähern. Schon erregte dieſe Arbeit, die ihm gewiſſermaßen Geſell⸗ Dc ſchaft leiſtete, Edmonds lebhafteſte Theilnahme; plötzlich erſchien der Frage Kerkermeiſter. Seit den ungefähr acht Tagen, wo er beſchloſſen Beſuche hatte, zu ſterben, hatte Edmond nicht nur kein Wort zu dieſem machte Manne geſagt, ſondern ihm auch nicht geantwortet, wenn er ihn das ni über die Art der Krankheit, von der er ihn befallen glaubte, be⸗ Interef fragte, und ſich nach der Wand gedreht, wenn er dem Lager nahe Fölgen gekommen war. angegii Aber heute konnte der Kerkermeiſter dieſes dumpfe Geräuſch Glocken hören, demſelben näher nachforſchen, ihm dadurch ein Ende machen konnte! und ſo vielleicht den Schimmer von Hoffnung zerſtören, deſſen Ge⸗ iin M danke allein die letzten Augenblicke Dantes erhellte. ſchuß Der Kerkermeiſter brachte das Frühſtück. Dantes erhob ſich danpf auf ſeinem Lager und ſprach, ſo laut es ſeine Mattigkeit erlaubte, ging! über alle möglichen Gegenſtände, über die ſchlechte Beſchaffenheit führte der Lebensmittel, die er erhielt, über die Kälte, die er in dieſem Gejüh Loche ausſtehen mußte, und zeigte ſich um ſo unzufriedener, als er bepen dadurch Veranlaſſung bekam, ſeine Stimme immer mehr zu erheben arsger und ſo den Kerkermeiſter von dem verdächtigen Geräuſche abzuleiten. Td d Der Kerkermeiſter, der aus Mitleid mit Dantes ſcheinbarer Krank⸗ bebei keit um eine gute Fleiſchbrühe und friſches weißes Brod für ihn de 3 gebeten hatte und ihm Beides jetzt brachte, wurde ſeines Tobens— 1 endlich müde und glaubte, er habe Fieberphantaſieen; er ſetzte das 3 Frühſtück wie gewöhnlich auf den ſchlechten wackeligen Tiſch, der m war, de ihm es, den 1 möge. eliebten aſt auf⸗ ſden und dmond ten der ſes Ge⸗ was zu⸗ ſich zu Geſell⸗ ien der ſchloſſen dieſem er ihn bte, be⸗ er nahe Heräuſch machen en Ge⸗ hob ſich rlaubte, afenheit dieſem als er erheben zuleiten. Krank⸗ für ihn Tobens tzte das ſch, der — 159 neben dem Bette ſtand, und entfernte ſich. So wie Edmond wieder allein war, lieh er den ihm ſo hoffnungsreichen Klängen wieder ein aufmerkſames Ohr, und lauſchte ihnen mit Entzücken. Das Geräuſch wurde jetzt ſo deutlich, daß der junge Mann es ohne Anſtrengung vernahm. Es iſt kein Zweifel mehr, ſagte er zu ſich ſelbſt, daß dies Geräuſch, da es mit dem Tage nicht aufhört, von einem unglücklichen Gefangenen herrührt, der an ſeiner Befreiung arbeitet. O! wenn ich bei ihm wäre, wie wollte ich ihm helfen! Dann flog über dieſes Morgenroth der Hoffnung plötzlich eine dunkle Wolke in dieſem ſchon an das Unglück gewöhnten Geiſte, der nur ſchwer ſich wieder zu den Freuden der Menſchen zurückgewöhnen konnte, denn ihm fiel ein, es könne dieſes Geräuſch von Arbeitern her⸗ rühren, die in einem nahe gelegenen Kerker Reparaturen zu machen hätten. Davon konnte er ſich leicht verſichern; aber durfte er eine Frage wagen? Anm ſicherſten war es, wenn er bei dem nächſten Beſuche des Kerkermeiſters dieſen auf das Geräuſch aufmerkſam machte und ihn um die Bedeutung deſſelben befragte; aber hieß das nicht mit der Befriedigung ſeiner Neugier ein viel wichtigeres Intereſſe zerſtören? Unglücklicher Weiſe war Edmonds Kopf in Folge des Hungers ſo ſchwach, daß er durch einen neuen Gedanken angegriffen wurde, und es ihm von der Anſtrengung deſſelben wie Glockengeläute darin ſummte; ſein Geiſt war wie umnebelt und konnte keinen Gedanken feſthalten und ausbilden. Edmond ſah nur ein Mittel, zur Klarheit der Gedanken zu kommen und einen Ent⸗ ſchluß faſſen zu können; er wendete ſeine Augen nach der noch dampfenden Brühe, die der Kerkermeiſter gebracht hatte, ſtand auf, ging wankend die paar Schritte bis zum Tiſche, nahm die Taſſe, führte ſie zum Munde und trank ſie aus mit einem unbeſchreiblichen Gefühle von Wohlbehagen. Doch hatte er den Muth, es dabei bewenden zu laſſen; er hatte gehört, daß unglückliche, durch Hunger ausgemergelte Schiffbrüchige, wenn ſie gerettet waren, häufig ihren Tod durch zu ſchnelles Verſchlingen von feſten Nahrungsmitteln herbeigeführt hatten. Er legte alſo das Brod, welches er ſchon mit den Lippen berührte, wieder auf den Tiſch und ſich wieder zu Bett. Er wollte nicht mehr ſterben. Bald fühlte er ſeinen Geiſt wieder klar werden; alle ſeine 160 unſichern, faſt unerfaßbaren Gedanken, nahmen ihren Platz auf dieſem wunderbaren Schachbrette wieder ein. Er konnte wieder denken und ſeine Gedanken durch Ueberlegung befeſtigen. Nun ſagte er zu ſich ſelbſt: Man muß einen Verſuch machen, aber ohne Jemand in Gefahr zu bringen. Wenn es ein gewöhnlicher Arbeiter iſt, der das Ge⸗ räuſch verurſacht, ſo brauche ich nur an meine Wand zu klopfen, und er wird ſogleich aufhören, um zu erforſchen, wer klopft und weshalb man klopft. Da er aber ein gedungener Arbeiter iſt, ſo wird er bald mit ſeiner Arbeit wieder fortfahren. Iſt es im Gegen⸗ theil ein Gefangener, ſo wird mein Klopfen ihn erſchrecken; er wird fürchten, entdeckt zu ſein; er wird nicht eher wieder arbeiten, als heute Abend, wenn er Alles zur Ruhe und ſchlafend glaubt. So⸗ gleich erhob ſich Edmond abermals. Dieſes Mal wankten ſeine Beine nicht mehr und ſeine Augen waren nicht mehr geblendet. Er machte in einer Ecke ſeines Kerkers einen Stein aus der feuchten Mauer los und klopfte an der Stelle, wo das Geräuſch am hör⸗ barſten war, dreimal an die Wand. Gleich bei dem erſten Klopfen hörte das Geräuſch wie durch einen Zauberſchlag auf. Edmond hörte mit ganzer Seele. Eine Stunde verfloß, zwei Stunden verfloſſen, kein Geräuſch ließ ſich hören, Edmond hatte den Raum jenſeits ſeiner Wand in das tiefſte Schweigen verſetzt. Voll Hoffnung aß Edmond einige Biſſen von ſeinem Brode, trank einige Schlucke Waſſer und befand ſich, ver⸗ möge der kräftigen Körperbeſchaffenheit, mit der die Natur ihn begabt hatte, bald wieder ziemlich ſo wohl, als acht Tage zuvor. Der Tag verging, das Schweigen dauerte fort! Die Nacht kam, das Geräuſch ließ ſich wieder hören. Es iſt ein Gefangener! dachte Edmond mit unſäglicher Freude. — Von jetzt an wurde ſein Kopf frei, ſeine Lebenskraft kehrte mit der Thätigkeit zurück. Edmond ſchloß dieſe Nacht kein Auge. Der Tag kam; der Kerkermeiſter brachte neue Lebensmittel. Edmond hatte die geſtrigen ſchon verzehrt, er verzehrte die neuen, ſeine Gedanken beſtändig auf das Geräuſch gerichtet, das nicht wiederkehrte. Er zitterte, daß es auf immer aufhören möchte, machte zehn bis zwölf Meilen durch Umherlaufen in ſeinem Kerker, rüttelte ganze Stunden an den Eiſenſtangen ſeines Luftloches, ver⸗ ſoffe lange u freier 6 Körper die Are Thätigt über d durch wenigſte ſeinem floſſen, Stunde E Male! an die todten um ſei Kerker G etwas geſehen Durch lichen hinter zurüc anbre mache weden Feſtig überz Alles, freilic ſchobe Schra den obgeb De aß auj wieder Nun Gejahr das Ge⸗ llopfen, pft und iſt, ſo Gegen⸗ er wird ten, als t. So⸗ en ſeine blendet. ſeuchten am hör⸗ de durch e. Eine ließ ſich as tiefſte iſſen von ich, ver⸗ atur ihn ge zuvor. acht kam, r Freude. ehrte mit uge. ensmittel. die neuen, das nicht n wöchte, m Kerker, (ches, ver⸗ 161 ſchaffte ſeinen Gliedern die Kraft und Geſchmeidigkeit wieder durch lange unterlaſſene Uebungen, ſich beſtimmend, ſeinem Geſchicke mit freier Stirn entgegenzutreten, wie, die Arme ausdehnend und den Körper mit Oel einreibend, der Kämpfer der Alten ſich bereitete, in die Arena einzutreten. In den Zwiſchenräumen dieſer fieberhaften Thätigkeit horchte er, ob das Geräuſch nicht wiederkehre, ungeduldig über dieſe Vorſicht dieſes Gefangenen, der nicht errieth, daß er durch einen andern Gefangenen, durch einen Leidensbruder, der wenigſtens eben ſo ſehnlich nach der Freiheit verlangte, als er, in ſeinem Befreiungsgeſchäfte geſtört worden war. Drei Tage ver⸗ floſſen, zweiundzwanzig tödtlich lange, Minute für Minute gezählte Stunden! Endlich, eines Abends, als ſoeben der Kerkermeiſter zum letzten Male dageweſen war, als Dantes zum hundertſten Male ſein Ohr an die Wand hielt, ſchien es ihm, als antworte ſeinem an die todten Steine gelehnten Ohre ein dumpfes Tönen. Dantes wankte, um ſein erſchüttertes Gehirn zu ſammeln, machte einige Schritte im Kerker umher und hielt ſein Oyr wieder an denſelben Ort. Es war kein Zweifel mehr, auf der andern Seite ereignete ſich etwas; der Gefangene hatte die Gefahr ſeiner Verfahrungsart ein⸗ geſehen und irgend eine andere angenommen, die ihm ſicherer ſchien. Durch dieſe Bemerkung ermuthigt, beſchloß Edmond, dem unermüd⸗ lichen Arbeiter zu Hilfe zu kommen. Er begann damit, ſein Bett, hinter welchem die Befreiungsarbeit verrichtet zu werden ſchien, ab⸗ zurücken, und ſuchte einen Gegenſtand, mit welchem er die Mauer anbrechen, den feuchten Kalk abkratzen und endlich einen Stein los⸗ machen könne. Nichts bot ſich den ſuchenden Blicken dar; er hatte weder ein Meſſer noch ſonſtiges ſchneidendes Inſtrument. Von der Feſtigkeit der Eiſenſtangen ſeines Fenſters hatte er ſich ſchon zu oft überzeugt, um auf dieſe noch im Geringſten rechnen zu können. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tiſch, ein Eimer, ein Krug war Alles, was in ſeinem Kerker zu finden war. An ſeinem Bette waren freilich eiſerne Zapfen, aber dieſe Zapfen waren in das Holz ge⸗ ſchoben, und um dieſe Schrauben auszudrehen, hätte es eines Schraubenſchlüſſels bedurft. Am Tiſch und Stuhl war nichts; an dem Eimer war zwar früher eine Handhabe geweſen, aber längſt abgebrochen. Es blieb ihm alſo kein Auskunftsmittel, als ſeinen Der Graf von Monte⸗Chriſto. 11 A Krug zu zerbrechen und ſich ein Stück deſſelben zum Werkzeuge zu⸗ recht zu machen. Er warf alſo den Krug mit aller Gewalt zu Boden, ſo daß er in mehrere Stücke zerbrach, von denen er ſich einige der größten und ſpitzigſten in ſeinen Strohſack verſteckte, und die andern auf der Erde liegen ließ. Das Zerbrechen eines Kruges war ein zu gewöhnliches Ereigniß, als daß darauf geachtet worden wäre. Edmond hatte die ganze Nacht zur Arbeit, aber dieſelbe ging in der Dunkelheit ſchlecht von der Hand, denn er konnte ſich nur mit Taſten behelfen und bemerkte auch bald, daß ſein Werk⸗ zeug mit einer härteren Subſtanz zu thun hatte, als es ſelbſt war. Er fand es alſo gerathen, ſein Bett an ſeinen gewohnten Platz zu ſetzen und den Tag abzuwarten. Mit der Hoffnung war ihm auch die Geduld zurückgekehrt. Er horchte die ganze Nacht und hörte den unbekannten Minirer, der ſein unterirdiſches Werk fortſetzte. Der Tag kam, mit ihm der Kerkermeiſter. Dantes ſagte ihm, daß er beim Trinken am Abend zuvor das Unglück gehabt habe, ſeinen Krug zu zerbrechen. Der Kerkermeiſter ging brummend und holte einen neuen Krug, ohne auch nur die Scherben aufzuleſen. Er empfahl dem Gefangenen mehr Vorſicht und verließ ihn. Mit unſäglicher Freude hörte Dantes das Knarren des Schloſſes, welches ſonſt, bei jedem Auf⸗ und Zuſchließen ihm durch's Herz ging. Er hörte die Schritte ſich entfernen, und als er nichts mehr hörte, war er mit einem Satz an ſeinem Bette, welches er fortzog, und bei dem ſchwachen Tageslichte, das in ſeinen Kerker drang, konnte er ſehen, welche unnütze Mühe er ſich in der Nacht gegeben hatte, indem er ſeine Angriffe gegen den Stein und nicht gegen den Kalk gerichtet hatte, der die Steine verband. Die Feuchtigkeit hatte den Kalk mürbe gemacht. Dantes ſah mit freudigem Herzklopfen, daß dieſer Kalk ſich ſtückweiſe losmachen ließ; die Stücke waren im Anfange freilich kaum zu ſehen; aber nach einer halben Stunde hatte Dantes ſchon eine Hand voll herausgebröckelt. Ein Mathematiker hätte berechnen können, daß nach zwei Jahren fortgeſetzter fleißiger Arbeit, voraus⸗ geſetzt, daß keine Felsſchicht dazwiſchen kam, ein Durchgang von zwei Fuß in's Gevierte und ſiebenundzwanzig Fuß Tiefe ausgehöhlt ſein konnte. Jetzt machte ſich der Gefangene Vorwürfe über die langen Stunden, die er unthätig und in Hoffnung, Gebet und in Rtzweij gahren, ünnen! In ſcht, ſ dringen: denen, war. E entblößt herausz unſonſt. derſelbe gebliche Sollte ſollte er ſeits vi Je feuchte D blechern eines z weder ihm, o Kaſſetc Augen⸗ Pöhn; 5 Teller gegeſſ Am 2 Thür darau 1 allerd dber Füße ge zu⸗ alt zu er ſich e, und Kruges vorden ieſelbe tee ſich Werk⸗ t war. latz zu in auch d hörte etzte. e ihm, t habe, nd und zulefen. . Mit welches g. Er te, war und bei unte er hatte, en Kalt üte den falk ſich freilich 8 ſchon erechnen voraus⸗ ung von gehöhlt ber die und in 163 Verzweiflung verloren hatte. Wie viel Arbeit hätte er in den ſechs Jahren, die er beinahe in dieſem Kerker zugebracht hatte, fördern können! Und dieſer Gedanke war ihm eine neue Anregung. In Zeit von drei Tagen gelang es ihm, mit unerhörter Vor⸗ ſicht, ſämmtlichen Kitt loszuarbeiten und zu dem Steine ſelbſt zu dringen: die Mauer war von Sandſteinen aufgeführt, zwiſchen denen, der Dauerhaftigkeit wegen, zuweilen ein Werkſtück eingefügt war. Eins von dieſen Werkſtücken war es, das er beinahe ganz entblößt hatte, und es galt nur, daſſelbe aus ſeiner Höhlung herauszubringen. Dantes verſuchte es mit ſeinen Nägeln, aber umſonſt. Die Stücken ſeines Kruges zerbrachen, wenn Dantes ſich derſelben als Hebebaum bedienen wollte. Nach einer Stunde ver⸗ geblicher Verſuche erhob er ſich, den Angſtſchweiß auf der Stirn. Sollte er denn ſo, gleich nach dem Beginn, zurückgeſtoßen werden, ſollte er denn träge und unnütz warten, bis ſein Nachbar, der ſeiner⸗ ſeits vielleicht ermattete, Alles vollendet hatte. Jetzt kam ihm eine Gedanke; er blieb lächelnd ſtehen; ſeine feuchte Stirne trocknete von ſelbſt. Der Kerkermeiſter brachte ihm täglich ſeine Suppe in einer blechernen Kaſſerole. Dieſe Kaſſerole enthielt ſeine Suppe und die eines zweiten Gefangenen, denn Dantes hatte bemerkt, daß ſie ent⸗ weder ganz oder halb voll war, je nachdem der Kerkermeiſter bei ihm, oder bei ſeinem Leidensgefährten den Anfang machte. Die Kaſſerole hatte einen eiſernen Stiel; auf dieſen richtete Dantes ſein Augenmerk und hätte ihn, wenn man ſie dafür verlangt hätte, mit zehn Jahren ſeines Lebens bezahlt. Der Kerkermeiſter goß den Inhalt dieſer Kaſſerole in Dantes Teller. Nachdem dieſer mit einem hölzernen Löffel ſeine Suppe gegeſſen hatte, wuſch er den Teller, der ſo alle Tage benutzt wurde. Am Abende dieſes Tages ſetzte er ſeinen Teller zwiſchen Tiſch und Thür auf den Boden; der Kerkermeiſter trat, als er hereinkam, darauf, ſo daß er in tauſend Scherben zerbrach. Dieſes Mal konnte er nichts gegen Dantes ſagen: er hatte allerdings Unrecht gethan, ſeinen Teller am Boden ſtehen zu laſſen, aber auch der Kerkermeiſter hatte Unrecht gethan, nicht vor ſeine Füße zu ſehen. Er begnügte ſich alſo zu brummen und ſich nach 11* —y— — ᷣ—ꝭ—— — 164 etwas umzuſehen, wohin er Dantes Suppe thun könne; Dantes hatte wwiſſe nur das eine Geſchirr gehabt, es gab alſo keine Wahl. 8 leb „Laßt die Kaſſerole hier und holt ſie morgen ab, wenn Ihr dn en mein Frühſtück bringt,“ ſagte Dantes, und dieſer Rath ſchmeichelte 8 der Trägheit des Kerkermeiſters, welcher auf dieſe Weiſe mehrere heum Wege ſparte. Er ließ ihm die Kaſſerole. Grund Dantes zitterte vor Freude. Dieſes Mal aß er eilig die Suppe und das Fleiſch, welches nach Sitte der Gefängniſſe in der I in Er Suppe gebracht wurde. Dann wartete er noch eine Stunde, um 1 t ſicher zu ſein, daß der Kerkermeiſter ſich nicht anders beſinne, dar⸗, m auf rückte er ſein Bett, nahm ſeine Kaſſerole, zwängte den Stiel Lenf derſelben zwiſchen das von Kitt entblößte Werkſtück und die Sand⸗ ſteine, und begann es als Hebebaum zu handhaben. Eine leichte herum Schwingung bewies ihm, daß ſein Werk gelingen werde. Ordmn Wirklich war nach der Arbeit einer Stunde der Stein aus der Stlie Mauer hervorgearbeitet, und in derſelben dadurch eine Lücke von vielmet mehr als ein und einem halben Fuß im Durchmeſſer entſtanden. fangen Mit Sorgfalt ſammelte Dantes allen Kalk, trug denſelben in die wocj 4 Ecken ſeines Kerkers, kratzte die Erde mit einer von den Scherben nich ſeines Kruges auf, that den Kalk darunter und die Erde wieder beſer darauf. Dann fuhr er, um dieſe Nacht, in welcher der Zufall oder 4* vielmehr ſein Erfindungsgeiſt, ihm ein ſo köſtliches Werkzeug ver⸗ virki ſchafft hatte, gehörig zu benutzen, fort, mit hitzigem Eifer die Höhlung ſtil, fortzuführen. Beim Anbruch des Tages ſetzte er den Stein in die Dante Oeffnung, ſchob ſein Bett an ſeinen gewohnten Platz und legte ſich deſſen hinein. durch. Das Frühſtück beſtand in einem Stück Brod, der Kerkermeiſter derniß brachte daſſelbe und legte es auf den Tiſch. Rläch „Nun! Ihr bringt mir keinen andern Teller?“ Händ „Nein, Ihr ſeid ein Unachtſamer; erſt habt Ihr Euern Krug durch zerbrochen, und nun ſeid Ihr ſchuld, daß ich Euern Teller zer⸗ Dant treten habe; wenn alle Gefangenen ſo viel verwüſteten, als Ihr, Veg würde der Herr Gouverneur weit kommen! Ihr ſollt die Kaſſerole Man behalten, dahinein werde ich Euch Eure Suppe gießen, und ſo werdet Ihr Euer Hausgeräth nicht mehr zerbrechen können.“ viel Dantes erhob ſeine Augen gen Himmel und faltete ſeine Hände mit unter der Decke. Dieſes Stück Eiſen, welches auf dieſe Weiſe hiſt⸗ nun⸗ hatte Ihr ichelte ehrere g die in der „ Um „ dar⸗ Stiel Sand⸗ leichte s der te von anden. in die herben wieder Uoder g ver⸗ öhlung in die te ſich meiſter Krug er zer⸗ 5 Ihr, ſſerole und ſo Hände Weiſe gewiſſermaßen ſein Eigenthum wurde, erweckte in ſeinem Herzen ein lebhafteres, entzückteres Dankgefühl, als ihm je in ſeinem ver⸗ gangenen Leben die größten Glücksgüter abgewonnen hatten. Nur hatte er bemerkt, daß ſeit er angefangen zu arbeiten, der andere Gefangene aufgehört hatte. Mochte es darum ſein, dies war kein Grund, ſein Ziel aus den Augen zu laſſen; wenn ſein Nachbar nicht zu ihm kam, ſo wollte er zu ſeinem Nachbar kommen. Er arbeitete den ganzen Tag ohne Unterlaß; am Abend hatte er, mit Hilfe ſeines neuen Inſtrumentes, mehr als zehn Hände voll Sandſteinbröckel, Gypskalk und Kitt losgemacht. Als die Stunde, in welcher der Kerkermeiſter zu kommen pflegte, herannahte, brachte er ſo gut als möglich den verbogenen Stiel in Ordnung und ſchob den verdeckenden Stein vor die Oeffnung. Der Schließer goß die gewöhnliche Portion Suppe und Fleiſch, oder vielmehr Suppe und Fiſch, denn es war ein Faſttag, deren die Ge⸗ fangenen wöchentlich drei hatten, in die Kaſſerole. Dieſes wäre noch ein Mittel geweſen, die Zeit zu berechnen, wenn Dantes dieſes nicht ſchon ſeit langer Zeit aufgegeben gehabt hätte. Nach Ab⸗ lieferung der Suppe entfernte der Schließer ſich wie immer. Jetzt wollte Dantes ſich Gewißheit verſchaffen, ob ſein Nachbar wirklich ernſtlich aufgehört habe zu arbeiten: er horchte. Alles war ſtill, wie in den drei Tagen, ſeit die Arbeit unterbrochen war. Dantes ſeufzte, es war klar, daß ſein Nachbar ihm mißtraue. In⸗ deſſen verlor er den Muth nicht und arbeitete die ganze Nacht durch. Nach zwei oder drei Stunden ſtieß er indeſſen auf ein Hin⸗ derniß: das Eiſen faßte nicht mehr und glitſchte an einer glatten Fläche ab. Er unterſuchte den hinderlichen Gegenſtand mit den Händen und überzeugte ſich, daß es ein Balken war. Dieſer Balken durchſchnitt, oder verſperrte vielmehr gänzlich das Loch, welches Dantes gemacht hatte. Jetzt galt es, darüber oder darunter den Weg fortzuſetzen. Auf dieſes Hinderniß war der unglückliche junge Mann nicht vorbereitet geweſen. „Ol mein Gott, mein Gott!“ rief er,„ich hatte Dich doch ſo viel gebeten, daß ich hoffte, erhört zu ſein. Mein Gott, nachdem mir die Freiheit des Lebens und die Ruhe des Todes geraubt iſt, haſt Du, o mein Gott! mich zum Daſein zurückgerufen, darum habe nun auch Erbarmen mit mir, laß mich nicht verzweifelnd ſterben!“ „Wer ſpricht hier von Gott und Verzweiflung zu gleicher Zeit?“ ſagte eine Stimme, die unter der Erde herauf zu kommen ſchien, und die, durch den Zwiſchenraum gedämpft, dem jungen Manne wie aus einem Grabe ertönte. Er fühlte ſeine Haare ſich emporſträuben und wankte auf ſeinen Knieen. „Ach!“ murmelte er,„ich höre einen Menſchen reden.“ Es war vier oder fünf Jahre her, daß Edmond nur ſeinen Kerkermeiſter hatte reden hören, und für den Gefangenen iſt der Kerkermeiſter kein Menſch: er iſt eine lebende Verdoppelung der eichenen Thür und der eiſernen Riegel. „Im Namen des Himmels!“ ſchrie Dantes,„Ihr, der Ihr geredet habt, redet wahr, obgleich Eure Stimme mich erſchreckt hat; wer ſeid Ihr?“ „Wer ſeid Ihr?“ rief die Stimme zurück. „Ein unglücklicher Gefangener,“ entgegnete Dantes,„der ſeiner⸗ ſeits ohne Bedenklichkeit anwortete.“ „Aus welchem Lande?“ „Aus Frankreich.“ „Euer Name?“ „Edmond Dantes.“ „Euer Stand?“ „Seemann.“ „Seit wie lange ſeid Ihr hier?“ „Seit dem 1. März 1815.“ „Euer Verbrechen?“ „Ich bin unſchuldig.“ „Aber weſſen klagt man Euch an?“ „Zu der Rückkehr des Kaiſers behilflich geweſen zu ſein.“ „Wie! zu der Rückkehr des Kaiſers? Der Kaiſer iſt alſo nicht mehr auf dem Throne?“ „Er hat 1814 zu Fontainebleau abgedankt und war nach der Inſel Elba verbannt. Aber wie lange ſeit Ihr denn hier, daß dieſes Alles Euch unbekannt iſt?“ „Seit 1811.“ Dantes ſchauderte; dieſer Mann war vier Jahre länger ge⸗ fangen, als er. meinen Comp Plane die I 167 „Es iſt gut, grabt nicht weiter,“ ſagte der Unſichtbare ſehr ſchnell;„ſagt mir, in welcher Höhe ſich der Gang, den Ihr aus⸗ Manne gehöhlt habt, befindet?“ „Mit dem Fußboden gleich.“ ſeinen„Wie iſt er verſteckt?“ „Hinter meinem Bette.“ „Iſt Euer Bett ſchon gerückt, ſeit Ihr im Gefängniſſe ſeid?“ ſeinen„Niemals.“ iſt der„Wo mündet Euer Gefängniß aus?“ g der„In einen Corridor.“ „Und der Corridor?“ et Ihr„Auf den Hof.“ kt hat;„Ach!“ ſeufzte der Unbekannte. „O! mein Gott! was giebt es denn?“ rief Dantes. „Daß ich mich betrogen habe, daß die Unvollkommenheit ſeiner⸗ meiner Zeichnungen mich irre geführt hat, daß der Mangel eines Compaſſes mich unglücklich macht, daß eine falſche Linie auf meinem Plane fünfzehn Fuß Unterſchied veranlaßt, und daß ich die Mauer, die Itr aushöhlt, für die der Citadelle gehalten habe!“ „Aber dann wäret Ihr ja über dem Meere herausgekommen.“ „Das wollte ich eben.“ „Und wenn es Euch gelungen wäre?“ „Tann hätte ich mich in's Meer geſtürzt, wäre an eine der das Schloß If umgebenden Inſeln geſchwommen, mwöchte es die Inſel Daume, die Inſel Triboulon, ja ſelbſt die Küſte geweſen ſein, und ich wäre gerettet geweſen.“ „Hättet Ihr denn bis dahin ſchwimmen können?“ „Got würde mir die Kraft dazu gegeben haben; und nun... Alles verleren!“ richt„Alles?“ „Ja. Verbergt Eure Oeffnung vorſichtig, arbeitet nicht, be⸗ ah der kümmert Euh um nichts und erwartet Nachricht von mir.“ daß„Wer ſäd Ihr?... ſagt mir wenigſtens, wer Ihr ſeid.“ „Ich bin... ich bin Nummer 27.“ „Ihr traut mir alſo nicht?“ fragte Dantes. Edmond gaubte ein bitteres Lachen zu vernehmen, das bis zu d ge ihm drang. „Ol ich bin ein guter Chriſt,“ rief er, inſtinktmäßig errathend, daß dieſer Mann die Abſicht habe, ihn zu verlaſſen;„ich ſchwöre Euch bei dem Blute des Erlöſers, daß ich lieber ſterben, als Eueren und meinen Peinigern einen Schein der Wahrheit merken laſſen würde; aber im Namen des Himmels, beraubt mich nicht Eurer Gegenwart, Eurer Stimme; oder, ich ſchwöre es Euch, denn meire Kraft iſt zu Ende, ich ſtoße mir den Kopf an der Mauer ein urd Ihr habt meinen Tod auf dem Gewiſſen.“ „Wie alt ſeid Ihr?“ entgegnete der Unbekannte.„Euter Stimme nach ſeid Ihr noch jung.“ „Mein Alter weiß ich nicht genau, denn ich habe die Zeit, ſeit ich hier bin, nicht berechnet. Was ich weiß, iſt, daß ich bald neun⸗ zehn Jahre alt war, als ich am 1. März 1815 verhaftet wure.“ „Noch nicht ſechsundzwanzig Jahre,“ murmelte die Stinme. „Nun wohl denn! In dieſem Alter iſt man noch kein Verräther.“ „O! nein! nein! ich ſchwöre es Euch,“ wiederholte Dintes. „Ich habe ſchon geſagt, und ſage es noch einmal, daß ickh mich lieber in Stücke zerhauen laſſe, als Euch verrathen werde.“ „Ihr habt wohlgethan, mit mir zu reden, mich zu litten,“ entgegnete die Stimme,„denn ich wollte allerdings einen andern Plan machen und mich von Euch entfernen. Aber Euer Alter beruhigt mich, ich werde wieder kommen, erwartet mich.“ „Wann wird es geſchehen?“ „Ich muß unſere Hilfsmittel berechnen, ich werde Euch das Zeichen geben.“— „Aber werdet Ihr mich auch nicht aufgeben? mich nicht allein laſſen? Werdet Ihr wieder kommen, oder mir erlauben, zu Euch zu kommen? Wir werden zuſammen fliehen und wenn wir nicht fliehen können, uns zuſammen unterhalten— von denen reden, die wir Beide lieben. Ihr liebt doch gewiß Jemand?“ „Ich bin allein in der Welt.“ „Dann werdet Ohr mich lieben... wenn Ihr jung ſeid, wollen wir Gefährten, wenn Ihr alt ſeid, will ich Euer Sohn ſein... Ich habe einen Vater, der ſiebzig Jahre alt ſein nuß, wenn er noch lebt; ich liebte nur ihn und ein junges Mäſchen, Namens Mercedes. Mein Vater, davon bin ich überzeugt, hat mich nicht ——— —————ÿ——ÿy 1 zens mi in Cor man ih ſchon n Verſtat Augen Oeffnu Krug das w Verzwe Geräu auf ſe der u ſich d ſiche, Eurer it, ſeit wun⸗ ude.“ inme. iher. 4 Aites. frich itten, andern Alter 9 das allein Euch Pnicht en, die wollen ein... inn er amens hnicht ——— 169 vergeſſen; aber ſie, Gott weiß ob ſie noch an mich denkt... Ich werde Euch lieben, wie ich meinen Vater liebte.“ „Es iſt gut!“ ſagte der Unbekannte;„auf Morgen denn.“ Der Ton dieſer wenigen Worte überzeugte Dantes, er ver⸗ langte nichts mehr, er ſtand auf, verbarg die Trümmer aus der Mauer mit derſelben Vorſicht wie bisher und rückte ſein Bett an die Wand. Nun überließ Edmond ſich ganz ſeinem Glücke; er ſollte nicht mehr allein, vielleicht ſogar frei ſein; und in dem ſchlimmſten Falle, daß er Gefangener bleiben mußte, hatte er wenigſtens einen Gefährten, denn getheilte Gefangenſchaft iſt nur halbe Gefangen⸗ ſchaft. Gemeinſchaftliche Klagen ſind beinahe Gebete, gemeinſchaft⸗ liche Gebete ſind Tröſtungen. Den ganzen Tag ging Dantes mit vor Freude überfließendem Herzen in ſeinem Kerker umher. Die Freude überwältigte ihn bei⸗ nahe. Er ſetzte ſich auf ſein Bett, den heftigen Schlag ſeines Her⸗ zens mit beiden Händen zurückdrängend. Beim geringſten Geräuſche im Corridor war er mit einem Satz an der Thüre. Die Furcht, daß man ihn von dieſem Manne, den er noch nicht einmal kannte und ſchon wie einen Freund liebte, trennen könnte, verwirrte faſt ſeinen Verſtand. Für dieſen Fall war ſein Entſchluß gefaßt: in demſelben Augenblicke, wo ſein Gefangenwärter ſein Bett rückte, um nach der Oeffnung zu ſehen, wollte er ihm mit dem Steine, auf welchem ſein Krug ſtand, den Kopf einſchlagen. Er wurde zum Tode verurtheilt, das wußte er; aber war er nicht im Begriff, aus Langeweile und Verzweiflung zu ſterben, in dem Augenblicke, wo jenes wunderbare Geräuſch ihn dem Leben zurückgab?“ Am Abend kam wie gewöhnlich der Kerkermeiſter; Dantes lag auf ſeinem Bette; es ſchien ihm, als ſehe derſelbe aufmerkſam nach der unvollendeten Oeffnung unter demſelben; ohne Zweifel malte ſich dieſe Beſorgniß, die Angſt, welche ſie erregte, in ſeinem Ge⸗ ſichte, denn der Kerkermeiſter ſagte zu ihm: „Nun, wollt Ihr etwa wieder toll werden?“ Dantes antwortete nicht, er fürchtete, ſich durch die Bewegung ſeiner Stimme zu verrathen. Der Kerkermeiſter entfernte ſich kopf⸗ ſchüttelnd. Als die Nacht herabſank, hoffte Dantes, ſein Nachbar werde die Stille und Dunkelheit derſelben benutzen und die Unter⸗ haltung mit ihm fortſetzen; aber er täuſchte ſich. Die Nacht ver⸗ 170 ging, ohne daß der leiſeſte Ton ſeiner fieberhaften Erwartung geantwortet hätte. Aber am folgenden Tage, nachdem der Kerker⸗ meiſter ſeine Runde gemacht und Dantes eben ſein Bett von der Mauer abgerückt hatte, hörte er dreimal in gleichen Zwiſchenräumen klopfen; er ſtürzte auf die Kniee. „Seid Ihr’s?“ fragte er;„hier bin ich.“ „Iſt der Kerkermeiſter fort?“ „Ol ja! ja! zögert nicht, kommt, ich bitte Euch!⸗ Sogleich ſchien die Stelle des Fußbodens, auf welche Dantes ſeine Hände ſtützte, unter ihm zu weichen, er ſprang zurück, während eine Menge Erde und losgebröckelte Steine in ein Loch, das ſich unter dem, welches er gemacht, öffnete, ſtürzten. Dann erſchien in dieſem finſtern Loche, deſſen Tiefe er nicht ſehen konnte, erſt ein Kopf, dann Schultern, und endlich ein ganzer Mann, der mit ziem⸗ licher Gewandtheit ſich aus der Oeffnung hervorarbeitete. XVI. Ein italieniſcher Gelehrter. Dante ſchloß den ſo lange und ſo ungeduldig erſehnten Freund in ſeine Arme und zog ihn zum Fenſter hin, um ihn bei dem hellſten Schimmer des Lichtes, welches in ſeinen Kerker drang, zu betrachten. Es war ein Mann von zierlichem Wuchſe, mit Haaren, die mehr vom Denken, als von der Zeit ergraut waren, mit durchdringenden Augen, die von dichten, ergrauenden Brauen faſt verdeckt wurden, und mit einem noch ſchwarzen Barte, der ſihm bis auf die Bruſt reichte; die Magerkeit ſeines von tiefen Runzeln durchfurchten Ge⸗ ſichtes, der kühne Schnitt ſeiner charakteriſtiſchen Züge deuteten an, daß dieſer Mann mehr ſeine moraliſchen, als phyſiſchen Kräfte ent⸗ wickelt hatte. Seine Stirn war mit Schweiß bedeckt. Von ſeinen Kleidungsſtücken war die urſprüngliche Form nicht mehr zu erkennen, denn ſie hingen in Fetzen herab. Er ſchien wenigſtens fünfundſechzig Jahre alt zu ſein, obgleich eine gewiſſe Kühnheit ſeiner Bewegungen anzeigte, daß er jünger ſein und nur in Folge ſeiner langen Gefangenſchaft ſo alt erſcheinen möge. Er nahm mit einer gewiſſen Freude die enthuſiaſtiſche Freund⸗ lichkeit des jungen Mannes auf. Seine erſtarrte Seele ſchien ſich auf Augenblicke in der Berührung dieſer glühenden Seele zu er⸗ wärmen und zu ſchmelzen. Er dankte ihm mit einer gewiſſen Wärme für ſeine Herzlichkeit, obgleich ſein Unmuth groß war, da, wo er Freiheit erwartet hatte, nur ein zweites Gefängniß gefunden zu haben. „Laßt uns zuerſt ſehen,“ ſagte er,„ob wir im Stande ſind, den Augen Eures Kerkermeiſters die Spuren meines Durchganges zu verbergen. Alle unſere künftige Ruhe beruht auf ſeiner völligen Unkenntniß deſſen, was hier geſchehen iſt.“ 1 172 Er neigte ſich nun zu der Oeffnung, hob den Stein, unge⸗ achtet ſeiner Schwere leicht auf und legte ihn vor dieſelbe. „Dieſer Stein iſt ſehr mangelhaft vom Kitte befreit, ſagte er kopfſchüttelnd;„habt Ihr denn kein Handwerkszeug?“ „Und Ihr?“ fragte Dantes erſtaunt,„habt Ihr denn welches?“ „Ich habe mir einige Inſtrumente gemacht. Eine Feile aus⸗ genommen, habe ich Alles, was ich bedarf: Meißel, Zange, Hebe⸗ baum.“ „Ol ich möchte dieſe Erzeugniſſe Eurer Geduld, Geſchicklichkeit und Erfindungsgabe ſehen,“ ſagte Dantes. „Seht, hier iſt zuvörderſt ein Meißel.“ Und er zeigte ihm eine ſtarke, ſcharfe Klinge, die in ein Stück Eichenholz gezwängt war. „Womit habt Ihr das gemacht?“ fragte Dantes. „Mit einem der Pflöcke meines Bettes; mit dieſem Inſtrumente habe ich den ganzen Weg ausgehöhlt, der mich hierher geführt hat: fünfzig Fuß ungefähr.“ „Fünfzig Fuß!“ rief Dantes mit einer Art Entſetzen. „Redet leiſer, junger Mann, redet leiſer,“ ſprach der Unbe⸗ kannte, um ſich ſehend;„es geſchieht zuweilen, daß an den Thüren der Gefängniſſe gehorcht wird.“ 3 „Sie wiſſen, daß ich allein bin.“ „Wenn auch!“ „Und Ihr ſagt, daß Ihr fünfzig Fuß Erdreich durchdringen mußtet, um hierher zu gelangen?“ „Ja, dieſe Entfernung trennt ungefähr unſere beiden Wohn⸗ ungen; ich habe nur leider aus Mangel geometriſcher Inſtrumente die Krümmungen falſch berechnet und den verjüngten Maaßſtab falſch angewendet. So habe ich ſtatt vierzig Fuß Ellipſe fünfzig Fuß durchſchnitten. Ich glaubte, wie ſchon geſagt, bis an die äußere Mauer zu kommen, dieſe Mauer durchzuarbeiten und mich in das Meer zu ſtürzen. Ich bin neben dem Corridor, der an Euren Kerker ſtößt, hingegangen, ſtatt unter ihm hinzugehen. Alle meine Arbeit iſt verloren, denn dieſer Corridor ſtößt an einen Hof, der mit Wachen beſetzt iſt.“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Dantes,„aber dieſer Corridor be⸗ hätte! verſehe hätten unge⸗ agte er lches?“ le aus⸗ „ Hebe⸗ lichkeit te ihm zwängt umente Nt hat: Unbe⸗ Thüren ringen Wohn⸗ umente aaßſtab fünfig äußere in das Euren meine f, der dor be⸗ 1 173 grenzt nur die eine Seite meiner Wohnung und dieſelbe hat vier Seiten.“ „Ja, ohne Zweifel, aber außer der, die an mein Gefängniß, und der, die an den Hof grenzt, ſtößt die dritte an einen Felſen, den zu durchbohren zehn mit allen Werkzeugen, die es zu dieſem Geſchäfte nur geben kann, verſehene Minirer zehn Jahre gebrauchen würden. Die zweite ſteht noch dazu in Verbindung mit der Wohn⸗ ung des Gouverneurs: wir würden in die Keller fallen, die auf jeden Fall verſchloſſen ſind, und würden ertappt. Die letzte Seite führet... wartet doch... wohin führet dieſe Seite?“ Dieſe Seite war diejenige, in der die Schießſcharte, durch welche das Licht kam, angebracht war. Dieſe Schießſcharte, die ſich nach außen zu ſo verengte, daß das kleinſte Kind dieſelbe nicht hätte durchkriechen können, war außerdem noch mit drei Eiſenſtangen verſehen, die auch dem ängſtlichſten Kerkermeiſter jedes Mißtrauen hätten benehmen können. Dennoch zog der Neuangekommene bei dieſer Frage den Tiſch unter das Fenſter. „Steigt auf den Tiſch,“ ſagte er zu Dantes. Dieſer gehorchte, ſtieg auf den Tiſch, lehnte ſich, die Abſicht ſeines Gefährten errathend, feſt an die Mauer und bot ihm ſeine beiden Hände. Der Unbe⸗ kannte ſtieg nun, flinker als es ſein Anſehen vermuthen ließ, und geſchmeidig wie eine Katze oder Eidechſe, auf den Tiſch, dann auf Dantes Hände, und von dieſen auf deſſen Schultern. So zuſammen⸗ krümmt, denn die Biegung der Schießſcharte erlaubte ihm keine gerade Haltung, zwängte er ſeinen Kopf unter dem unterſten Eiſen durch und konnte mithin von oben hinab ſehen. Einen Augenblick ſpäter zog er lebhaft ſeinen Körper zurück. „Ahl ah!“ ſagte er,„das hatte ich befürchtet.“ Und damit glitt er an Dantes hinunter auf den Tiſch und ſprang von dem Tiſche hinab. „Was hattet Ihr befürchtet?“ fragte der junge Mann, nun auch hinunter ſpringend. Der ältere Gefangene überlegte. „Ja,“ ſagte er,„ſo iſt es; die vierte Seite Eures Kerkers geht auf eine Galerie, eine Art Colonnade, in der die Patrouillen vorbeigehen und die Schildwachen ſtehen.“ „Wißt Ihr das gewiß?“ — — ———y õmʒy-—————— 174 „Ich habe den Czako des Soldaten und die Mündung ſeines Gewehrs geſehen, und habe mich nur ſo ſchnell zurückgezogen, weil ich fürchtete, von ihm geſehen zu werden.“ „Alſo?“ ſagte Dantes. „Alſo ſeht Ihr wohl, daß es eine völlige Unmöglichkeit iſt, aus einem Kerker zu entfliehen.“ „Folglich?“ fuhr Dantes fort zu fragen. „Folglich,“ ſagte der ältere Gefangene,„geſchehe der Wille Gottes.“ Und eine feſte Reſignation malte ſich in ſeinen Zügen. Dantes ſah dieſen Mann, der ſo ruhig mit ſolcher Philoſophie einer lange genährten Hoffnung entſagte, mit bewunderndem Er⸗ ſtaunen an. „Wollt Ihr mir nun ſagen, wer Ihr ſeid?“ fragte er ihn. „Ach! mein Gott! ja, wenn es Euch jetzt noch intereſſiren kann, jetzt, wo ich Euch zu nichts mehr nützen kann?“ „Ihr könnt mich tröſten und aufrecht erhalten, denn Ihr ſcheint mir der Stärkſte unter den Starken zu ſein.“ Der Abbé lächelte traurig. „Ich bin der Abbé Faria,“ ſagte er,„ſeit 1811, wie Ihr wißt, Gefangener auf Schloß If; aber drei Jahre früher war ich ſchon auf der Feſtung Feneſtrelles. Im Jahre 1811 wurde ich aus Piemont nach Frankreich gebracht. Damals erfuhr ich, daß das Geſchick, das damals ihm dienſtbar ſchien, Napoleon einen Sohn gegeben habe, den er ſchon in der Wiege zum Könige von Rom machte. Damals war ich weit entfernt, vorauszuſehen, was Ihr mir erzählt habt: daß vier Jahre ſpäter dieſer Koloß geſtürzt ſein würde. Wer regiert denn in Frankreich? Iſt es Napoleon der Zweite?“ „Nein, es iſt Ludwig XVIII.“ „Ludwig XVIII.? der Bruder Ludwigs XVI.? Wie fremd und geheimnißvoll ſind die Beſchlüſſe der Vorſehung! Was war ihre Abſicht, indem ſie den Mann ſinken ließ, den ſie erhoben hatte, und den erhob, den ſie früher hatte ſinken laſſen?“ Dantes betrachtete ſtaunend dieſen Mann, der auf einen Augen⸗ blick ſein eigenes Geſchick vergaß, um ſich mit dem von Nationen zu beſchäftigen. „Ja, ja,“ fuhr der Abbé fort,„es iſt wie in England; nach Carl! Jakob König Conſtit junger mit A mochten 8 ſehe 0 ℳ 4 Augenb die R. 74 1811 rT kleinen machen wollte; kopf ge mit mi ſeines n, weil 1 1 beit ſ, Vill ügen. dſophie en Er⸗ ihn. kunn, ſcheint r wißt, h ſchon ch aus aß das Sohn m Rom ss Ihr ezt ſein ton der fremd as war hatte, Augen⸗ ationen d, nach 175 Carl I. Cromwell, nach Cromwell Carl II., und vielleicht nach Jakob II. ein Prinz von Oranien, ein Statthalter, der ſich zum König machen wird; dann dem Volke neue Conceſſionen, dann eine Conſtitution, dann die Freiheit geben wird. Ihr werdet das erleben, junger Mann,“ ſagte er, ſich zu Dantes wendend, und ihn anſehend, mit Augen, funkelnd und tief, wie die der Propheten geweſen ſein mochten;„Ihr ſeid noch in dem Alter, es zu erleben; Ihr werdet es ſehen.“ „Ja, wenn ich hier fortkomme.“ „Ach! richtig!“ ſagte Faria,„wir ſind ja Gefangene; es giebt Augenblicke, wo ich es vergeſſe, und mich, weil mein Geiſt durch die Mauern des Kerkers nicht gehemmt wird, frei glaube.“ „Aber aus welchem Grunde ſeid Ihr eingekerkert?“ „Ich, weil ich 1807 den Plan geträumt habe, den Napoleon 1811 realiſiren wollte; weil ich, wie Macchiavell, ſtatt der vielen kleinen Fürſten, die Italien zu einem Neſt voll kleiner Tyrannen machen, einen großen und einzigen, ſtarken und gerechten Herrn wollte; weil ich meinen Cäſar Borgia in einem gekrönten Dumm⸗ kopf gefunden zu haben glaubte, der ſich nur ſtellte, als ſtimmte er mit mir überein, um mich deſto vollſtändiger verrathen zu können. Es war der Plan Alexanders VI. und Clemens VII.; er mißglückte immer, weil ſie ihn erfolglos unternahmen und Napoleon ihn auf⸗ geben mußte, es iſt ausgemacht, daß Italien für immer verflucht iſt.“ Der Greis ſenkte ſchwermüthig den Kopf. Dantes begriff nicht, wie ein Mann um ſolcher Intereſſen willen ſein Leben auf's Spiel ſetzen könne; es iſt wahr, daß er zwar Na⸗ poleon perſönlich kannte, ihn geſehen und mit ihm geſprochen hatte, dagegen aber durchaus nichts von Alexander VI. und Clemens VII. wußte. „Seid Ihr nicht,“ ſagte er, der Erzählung ſeines Kerkermeiſters ſich erinnernd, der die Meinung aller Bewohner des Schloſſes If. daß der Abbé Faria verrückt ſei, theilte,„jener Prieſter, den man für... krank hält?“ „Den man für verrückt hält, wollen Sie ſagen, nicht?“ „Ich wollte es nicht gern ſagen,“ entgegnete Dantes lächelnd. „Ja, ja,“ fuhr Faria bitter lächelnd fort;„ja, ich bin es, den ſie für toll halten, der ſeit ſo langer Zeit ſchon die Bewohner dieſes —— 176 Gefängniſſes beluſtiget, der den kleinen Kindern zum Spott dienen würde, wenn es in dieſem Aufenthalte des hoffnungsloſen Schmerzes Kinder gäbe.“ Dantes blieb einen Augenblick unbeweglich und ſtumm. „Sie entſagen alſo der Flucht?“ fragte er dann. „Ich ſehe ein, daß die Flucht unmöglich iſt; etwas unternehmen, was Gott unmöglich machte, heißt, ſich gegen Gott empören.“ „Warum ſo gänzlich alle Hoffnung aufgeben? es hieße zu viel von der Vorſehung verlangen, wenn man etwa erwartete, daß gleich der erſte Verſuch gelingen müſſe! Kann das Befreiungswerk, das diesmal mißlungen, nicht auf einem andern Wege zum Ziele führen?“ „Aber wißt Ihr, was ich gethan habe, daß Ihr ſo von Wieder⸗ anfangen ſprecht? wißt Ihr, daß ich vier Jahre gebraucht habe, um meine Inſtrumente zu verfertigen? daß ich ſeit länger als zwei Jahren eine Erdmaſſe, die härter als Granit iſt, ausgehöhlt und zerkratzt habe? wißt Ihr, daß ich Steine habe losmachen müſſen, die ich ſonſt kaum bewegen zu können geglaubt haben würde? daß ich über ſolcher Rieſenarbeit ganze Tage verlor und doch am Abende glücklich war, wenn ich einen Quadratzoll von dieſem alten Kitt los⸗ gearbeitet hatte, der mit der Zeit härter geworden iſt, als die Steine ſelbſt? Wißt Ihr, daß ich, um alle die Erde und Steine, die ich herausgearbeitet habe, zu entfernen, eine Wölbung des Treppenſpindels vom ganzen Gebäude durchgraben mußte, wohin ich nach und nach allen Schutt warf, und daß dieſe Wölbung jetzt ſo voll iſt, daß ſie auch nicht ein Sandkörnchen mehr faßt? wißt Ihr endlich, daß ich, mich am Ziele meiner ungeheuren Arbeit wähnend, gerade noch ſo viel Kraft zu haben glaubte, um daſſelbe zu erreichen? Und nun rückt Gott nicht nur dieſes Ziel weiter fort, ſondern ver⸗ ſetzt es, ich weiß nicht wohin? Ach ich ſage und wiederhole es Euch, ich werde von jetzt an nichts mehr thun, um meine Freiheit wieder zu erlangen, weil ich nach dem Willen Gottes dieſelbe auf immer entbehren ſoll.“ Edmond ſenkte den Kopf, um dieſen Mann nicht ſehen zu laſſen, daß ſeine Freude, einen Gefährten zu haben, ſein Mitgefühl mit dem Schmerze deſſelben, ſo viele Arbeit vergeblich verrichtet zu haben, überwog. Der Abbé ſank auf Edmonds Bett, und dieſer blieb neben ihm ſtehen. Er hatte niemals an die Flucht gedacht; 6s gieb nicht di daran graben, an eine Meeref hinabſt itgend Schildm Gefahte Das W. Gefang wir wi Je feſt an hörteſte legen: und be war; war, verfert allein Wenn Faria von h. Jahre alt ur lehrte gefüre Inſel Edmo ſeltene hatte, ganze Meer⸗ Nein de 177 es giebt Dinge, die ſo vollſtändig unmöglich erſchienen, daß man nicht einmal den Einfall hat, ſie zu verſuchen, und den Gedanken 1 daran inſtinktmäßig vermeidet. Fünfzig Fuß in die Erde hinein⸗ graben, dieſer Arbeit drei Jahre widmen, um im günſtigſten Falle an einer Stelle herauszukommen, wo man unmittelbar über dem echa Meere ſchwebt und ſich vielleicht von hundert Fuß Höhe in daſſelbe . hinabſtürzen muß, um ſich vielleicht im Hinabfallen den Kopf an 1 vie irgend einem Felſen zu zerſchellen, wenn Einen die Kugel der glei Schildwache nicht ſchon vorher getödtet hat; wenn man allen dieſen at, das Gefahren entgangen iſt, eine Meile weit ſchwimmen zu müſſen! ſdra⸗ Das war zu viel, um einem ſolchen Befreiungsplane nicht lieber Wieder⸗ GSefangenſchaft oder den Tod vorzuziehen, an deſſen Pforten, wie dabe,unm wir wiſſen, Dantes ſchon angeklopft hatte. als zweti öhltund Jetzt aber, wo der junge Mann ſah, wie ein Greis ſich ſo müſſen, feſt an das Leben geklammert und alle ſeine Kräfte zu den uner⸗ rde! das hörteſten Befreiungsverſuchen aufgeboten hatte, begann er zu über⸗ Abende legen und ſeinen Muth zu ermeſſen. Ein Anderer hatte verſucht Kitt los⸗ und beinahe vollendet, was ihm nicht einmal in den Sinn gekommen als die 5 war; ein Anderer, der älter, ſchwächer und nicht gewandter als er dStein, war, hatte ſich durch Geduld und Geſchicklichkeit alle Inſtrumente dung des verfertigt, deren er zu dieſem ungeheuren Unternehmen, welches vohin ih allein durch einen unglücklichen Irrthum mißglückt war, bedurfte. jetztſo Wenn ein Anderer das Alles gethan hatte, ſo konnte er es auch. vißt ͤr Faria hatte einen Gang von fünfzig Fuß gemacht, er würde einen wähnend, von hundert Fuß machen. Faria hatte in dem Alter von fünfzig erreichen: Jahren dieſer Arbeit drei Jahre gewidmet, er war nicht halb ſo dern ver⸗ alt und wollte ſechs Jahre arbeiten! Faria, ein Prieſter und Ge⸗ erhole es lehrter, der immer nur den Viſeenſchaften gelebt, hatte ſich nicht Freiheit gefürchtet, in's Meer zu ſpringen und vom Schloſſe If bis nach der ſelbe unf Inſel Daume, Ratonneau oder Lemaire zu ſchwimmen; und er, Edmond, der Seemann, Dantes, der dreiſte Taucher, der ſo manchen zu laſen, ſeltenen Korallenzweig aus dem Grunde des Meeres heraufgeholt efühl mit hatte, er ſollte ſich bedenken, eine Meile zu ſchwimmen? Eine richtet zu ganze Stunde! Eil! war er denn nicht oft Stunden lang im nd dieeer Meere geblieben, ohne ein einziges Mal an das Ufer zu gehen? gedacht; Nein, nein, Dantes brauchte nicht das Beiſpiel eines Andern, um Der Graf von Monte⸗Chriſto. 12 dieſes zu unternehmen. Was ein Anderer that oder thun wollte, wird Dantes auch thun. „Ich habe gefunden, was Ihr ſuchtet,“ ſagte er nach einigen Minuten des Nachdenkens zu dem Abbé. Faria zitterte.„Ihr?“ ſagte er, ſich aufrichtend, mit einer Miene, der man es anſehen konnte, daß bei einiger gegründeter Hoffnung ſeine Muthloſigkeit bald ſchwinden werde,„Ihr? laßt ſehen, was habt Ihr gefunden?“ „Hat der Corridor, den Ihr durchſtechen mußtet, um hierher zu kommen, nicht gleiche Richtung mit der äußern Galerie.“ „Ja. „Er kann alſo nur fünfzehn Schritte von der Galerie entfernt ſein?“ „Höchſtens.“ „Nun wohl! in der Mitte des Corridors höhlen wir einen Weg aus, der den Arm eines Kreuzes bildet; Sie machen dieſes Mal Ihre Berechnungen zuverläſſiger; wir kommen in der äußeren Galerie heraus, tödten die Schildwache und entfliehen. Wir be⸗ dürfen, um dieſen Plan zu verwirklichen, nur Muth, den haben wir Beide, Kraft, die fehlt mir nicht; was die Geduld anbetrifft, ſo haben Sie Proben davon abgelegt, ich werde Sie von der meinigen überzeugen.“ „Halt!“ antwortete der Abbé,„Ihr habt nicht gewußt, mein lieber Gefährte, von welcher Art mein Muth iſt und welchen Ge⸗ brauch ich von meiner Kraft zu machen gedenke. Geduld glaube ich hinreichend bewieſen zu baben, indem ich jeden Morgen die Arbeit der Nacht und jeden Abend die Arbeit des Tages fortſetzte; aber hört wohl zu, junger Mann, ich glaubte Gott zu dienen, wenn ich eins ſeiner Geſchöpfe, welches unſchuldig eingekerkert war, befreite.“ „Nun wohl!“ fragte Dantes,„iſt die Sache nicht mehr die⸗ ſelbe? Haltet Ihr Euch etwa, ſeit Ihr, ſtatt der Freiheit mich gefunden habt, nicht mehr für unſchuldig.“ „Ja, aber ich will es auch bleiben; bis jetzt hatte ich nur mit Sachen zu thun, Ihr wollt aber, daß ich mich an Menſchen ver⸗ greifen ſoll. Ich konnte eine Mauer durchſtechen und eine Treppe zerſtören, aber ich werde keine Bruſt durchſtechen und kein Daſein zerſtören.“ ſagte Befrei denn Beine und un einen in der Dinge verme darf n in ſein it ſein ſteht d die na wollte, dinigen it einer ründeter de laßt hierher entfernt ir einen en dieſes äußeren Wir be⸗ en haben mnbetriff, von der ßt, mein chen Ge⸗ ) glaube rgen die ſottſetzte; en, wenn befreite.“ nehr die⸗ heit mich nur mit ſchen ver⸗ e Treppe n Daſein 179 Dantes machte eine leichte Bewegung der Ueberraſchung.„Wie?“ ſagte er,„eine ſolche Bedenklichkeit ſollte Euch abhalten, an Eurer Befreiung zu arbeiten?“ „Nun wohl!“ entgegnete der Abbé,„warum habt Ihr ſelbſt denn nicht eines ſchönen Abends Eurem Kerkermeiſter mit einem Beine Eures Tiſches den Kopf zerſchmettert, ſeine Kleider angezogen und unter ſeiner Geſtalt zu entfliehen verſucht?“ „Weil es mir nicht eingefallen iſt,“ antwortete Dantes. „Das kommt daher, daß Ihr vor einem ſolchen Verbrechen einen ſo inſtinktmäßigen Abſcheu hattet, daß es Euch nicht einmal in den Sinn kam,“ entgegnete der Greis;„denn in natürlichen Dingen lehrt der Geſchmack uns, was wir genießen dürfen und vermeiden müſſen. Der Tiger, der von Natur blutdürſtig iſt, be⸗ darf nur eines Sinnes, ſein Geruch kündigt ihm den Raub an, der in ſeiner Nähe iſt; ſogleich ſpringt er darauf und zerreißt ihn: es iſt ſein Inſtinkt, dem er gehorcht. Dem Menſchen hingegen wider⸗ ſteht das Blut; die ſocialen Geſetze befehlen den Mord nicht und die natürlichen Geſetze ſcheuchen ihn zurück.“ Dantes ſtand beſchämt; dieſe wenigen Worte erklärten wirklich, was in ſeinem Innern vorgegangen war. „Und dann,“ fuhr der Abbé fort,„habe ich in den zwölf Jahren, die ich gefangen bin, alle berühmten merkwürdigen Ent⸗ weichungen meinem Geiſte vergegenwärtiget, und habe gefunden, daß die Heftigen, Herrſchſüchtigen nur ſelten zum Ziele gelangten. Glücklich und mit Erfolg gekrönt wurden nur die Entweichungs⸗ verſuche, die klug überlegt und langſam vorbereitet waren; es ent⸗ kam der Herzog von Beaufort aus dem Schloſſe von Vincennes, der Abbé Dubuquol aus Fort l'Eveque und Latude aus der Baſtille. Es giebt auch Hilfsmittel, welche der Zufall darbietet, die ſind die beſten und ein ſolches laßt uns abwarten, glaubt mir! laßt uns darauf warten, und bietet ſich uns eins dar, es benutzen.“ „Ihr habt warten können,“ antwortete Dantes ſeufzend,„Eure lange Arbeit gewährte Euch beſtändige Beſchäftigung, und wenn Ihr nicht Zerſtreuung durch Eure Arbeit hattet, ſo hattet Ihr Troſt durch Eure Hoffnungen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Abbé lächelnd;„auch hatte ich noch andere Beſchäftigungen.“ 12* „Was thatet Ihr denn?“ „Ich ſchrieb oder ſtudirte.“ „Ihr erhieltet alſo Papier, Federn und Dinte?“ rief Dantes. „Nein, ich machte ſie mir ſelbſt.“ „Ihr macht Euch ſelbſt Papier, Federn und Dinte?“ „Ja.“ Dantes ſah dieſen Mann mit Verwunderung an, konnte aber doch einen leichten Zweifel an der Wahrheit ſeiner Verſicherung nicht unterdrücken. Faria bemerkte dieſen Zweifel in ſeiner Miene. „Wenn Ihr zu mir kommt“, ſagte er zu dem jungen Manne, „werde ich Euch ein ganzes Werk, das Reſultat der Gedanken, Forſchungen und Betrachtungen meines ganzen Lebens, zeigen, welches ich im Schatten des Coloſſeums zu Rom, am Fuße der Markusſäule zu Venedig, an den Ufern des Arno zu Florenz ge⸗ dacht habe, und damals nicht ahnte, daß meine Kerkermeiſter mir hinter den Mauern des Schloſſes If die Muße gönnen würden, es auszuarbeiten. Es iſt eine Abhandlung„über die Möglichkeit einer allgemeinen, alleinigen Monarchie in Italien.“ Es wird einen großen Quartband füllen.“ „Und worauf habt Ihr es geſchrieben?“ „Auf zwei Hemden. Ich habe ein Mittel erfunden, die Lein⸗ wand dicht und glatt wie Pergament zu machen.“ „Ihr ſeid alſo Chemiker?“ „Ein Wenig. Ich kannte Lavoiſier und ſtand in Verbindung mit Cabanis.“ „Aber zu einem ſolchen Werke bedurfte es geſchichtlicher Forſch⸗ ungen. Ihr hattet alſo Bücher?“ „In Rom hatte ich eine Bibliothek von ungefähr fünftauſend Bänden. Durch öfteres Leſen und Durchſtudiren derſelben bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß man mit hundert und fünfzig wohlgewählten Werken, wo nicht den gänzlichen Inhalt alles menſch⸗ lichen Wiſſens, doch Alles, was dem Menſchen zu wiſſen nützlich iſt, haben kann. Ich habe dem Studium dieſer hundertundfünfzig Bände drei Jahre meines Lebens gewidmet, ſo daß ich dieſelben, als ich verhaftet wurde, beinahe auswendig wußte. In meiner Ge⸗ fangenſchaft habe ich mir ihren Inhalt mit geringer Anſtrengung meines Gedächtniſſes vollſtändig zurückgerufen. So könnte ich Euch meine Vergc unabh Gefan Dantes. nte aber icherung Miene. Manne, kdanken, zeigen, zduße der renz ge⸗ ſter mir würden, öglichkeit ird einen die Lein⸗ rbindung r Forſch⸗ nftauſend nbin ich d fünfzig s menſch⸗ ätlich iſt ndfünfzig dieſelben, einer Ge⸗ ſtrengung ich Euch 1 4 1 1 — 181 Alles mittheilen, was Thucydides, Xenophon, Plutarch, Titus Livius, Tacitus, Jornandes, Dante, Montaigne, Shakeſpeare, Spinola, Mac⸗ chiavell und Boſſuet geſchrieben haben. Ich nenne Euch nur die Wichtigſten.“ „Ihr verſteht alſo mehrere Sprachen?“ „Ich ſpreche ſünf lebende Sprachen: deutſch, franzöſiſch, ita⸗ lieniſch, engliſch und ſpaniſch; mit Hilfe des alten griechiſch verſtehe ich auch neugriechiſch, ſo daß ich es, obgleich ich es noch fehlerhaft ſpreche, jetzt ſtudire.“ „Ihr ſtudirt es?“ fragte Dantes verwundert. „Ja, ich habe mir ein Vocabularium von allen Worten, die ich kenne, gemacht, habe ſie geordnet, verglichen und ſo lange hin und her überlegt, bis ſie mir ausreichend ſind, um meine Gedanken auszudrücken. Ich weiß ungefähr tauſend Worte, das iſt für den Nothfall hinreichend, obgleich es deren hunderttauſend giebt. So werde ich zwar kein Redner werden, aber mich vollſtändig verſtänd⸗ lich machen können, und das genügt mir.“ Edmond fand, immer mehr erſtaunt, die Fähigkeiten dieſes merkwürdigen Mannes faſt übernatürlich. Er wollte ihn in die Enge treiben, und fuhr dann fort: „Wenn Ihr keine Federn bekommt, womit habt Ihr denn ge⸗ ſchrieben?“ „Ich habe mir aus den Knorpeln in den Köpfen der großen Seefiſche, die wir an den Faſttagen bekommen, vortreffliche Federn gemacht, die man, wenn ſie bekannt wären, den gewöhnlichen vor⸗ ziehen würde. Auch ſehe ich den Faſttagen aus dieſem Grunde immer mit Freuden entgegen, denn ſo lange ich Fiſche zu eſſen bekomme, kann es mir nie an Federn fehlen, und ich geſtehe, daß meine hiſtoriſchen Arbeiten mein größtes Vergnügen ſind. In die Vergangenheit zurückblickend, vergeſſe ich die Gegenwart; frei und unabhängig in der Geſchichte mich ergehend, vergeſſe ich, daß ich Gefangener bin.“ „Aber die Dinte?“ ſagte Dantes,„wie habt Ihr Dinte gemacht.“ „In meinem Kerker iſt ein Kamin, dieſes iſt zwar ſchon lange, ehe ich in dieſe Wohnung kam, verſtopft, da aber früher Feuer darin gemacht worden, ſo iſt der Rauchfang deſſelben ganz voll Ruß. Ich ſchabe von dieſem Ruß in etwas von dem Wein, der 182 mir alle Sonntage gebracht wird, und gewinne dadurch vortreffliche Dinte. Beſondere Bemerkungen, auf die ich aufmerkſam zu machen wünſche, ſchreibe ich mit meinem Blute, und ſteche mich in die Finger, wenn ich deſſen bedarf.“ „Und wann werde ich dieſes Alles ſehen können?“ „Wann Ihr wollt.“ „Ol gleich, gleich!“ rief der junge Mann. „Folgt mir alſo,“ ſagte der Abbé. Und er ging in den unterirdiſchen Gang zurück, wohin Dantes ihm folgte. den des C der T konnte und hatte bei d er di er ei meiſt dieſe Daſſe in die Dantes XVII. Die Wohnung des Abbé. Nachdem Dantes, gebückt zwar, aber doch ziemlich leicht, durch den unterirdiſchen Gang gekrochen war, kam er am andern Ende des Corridors an, welches in des Abbé Kerker mündete. Da wurde der Durchgang ſo enge, daß nur mühſam ein Mann durchkriechen konnte. Die Stube des Abbé war mit Steinplatten ausgelegt, und einen dieſer Steine in dem dunkelſten Winkel des Gemaches hatte der Abbé aufgenommen, um die mühſame Arbeit zu beginnen, bei deren Vollendung Dantes ihn kennen gelernt hatte. Nachdem er die Steinplatte wieder über die Oeffnung gelegt hatte, breitete er eine alte Matte darüber, wodurch er ſie den Blicken des Kerker⸗ meiſters gänzlich entzog. Kaum angelangt, unterſuchte Edmond dieſes geheimnißvolle Zimmer mit der größten Aufmerkſamkeit. Daſſelbe bot auf den erſten Anblick nichts Beſonderes dar. „Gut,“ ſagte der Abbé,„es iſt erſt ein Viertel über zwölf Uhr, wir haben alſo noch einige Stunden, wo wir ungeſtört ſind.“ Dantes ſah ſich um und ſuchte die Uhr, nach welcher der Abbé die Zeit ſo genau beſtimmen konnte. „Seht dieſen Lichtſtrahl, der durch mein Fenſter dringt,“ ſagte der Abbé,„und die Linien, die ich an der Wand gezogen habe. Mit Hilfe dieſer Linien, die nach der doppelten Bewegung der Erde und ihrem Umkreiſen um die Sonne berechnet ſind, weiß ich die Stunden genauer, als wenn ich eine Uhr hätte, denn eine Uhr kann in Unordnung kommen, aber die Erde und die Sonne niemals.“ Dantes hatte von dieſer Erklärung nichts verſtanden; wenn er die Sonne hinter den Bergen auf⸗ und in dem Meere untergehen ſah, hatte er immer geglaubt, daß ſie ſich bewege und nicht die Erde. Dieſe doppelte Bewegung des Weltkörpers, auf dem er ſich 184 befand, und die er doch nicht bemerkte, ſchien ihm beinahe unmög⸗ lich; in jedem Worte ſeines neuen Freundes fand er geheimnißvolle Tiefen, die ihm eben ſo bewundernswürdig ſchienen, als die Gold⸗ und Diamantgruben von Gugurate und Golkonda, die er, faſt noch ein Kind, auf ſeiner erſten Seereiſe beſucht hatte. „Kommt,“ ſagte er zu dem Abbé,„laßt mich Eure Schätze ſehen.“ Der Abbé ging nach dem Kamine, nahm mit dem Meißel den Stein heraus, der ſonſt zum Heerde gedient hatte, und eine ziem⸗ lich tiefe Höhlung bedeckte, in welcher ſich alle die Gegenſtände be⸗ fanden, von denen er Dantes erzählt hatte. „Was wollt Ihr zuerſt ſehen?“ fragte er. „Zeigt mir Euer großes Werk über die Monarchie Italiens.“ Faria zog aus dem koſtbaren Schranke einige wie Papyrus⸗ blätter aufgewickelte Leinwandrollen hervor; es waren vier Zoll breite und achtzehn Zoll lange Leinwandſtreifen. Dieſe Streifen waren nummerirt und italieniſch geſchrieben, welche Sprache Dantes, als Provencale, vollſtändig verſtand. „Seht,“ ſagte er,„es iſt vollſtändig; ungefähr vor acht Tagen habe ich das Wort Ende unter den hundertachtundſiebzigſten Streifen geſchrieben. Zwei meiner Hemden und alle meine Schnupf⸗ tücher habe ich dazu verbraucht; wenn ich jemals frei werde, und ſich in ganz Italien ein Buchdrucker findet, der mein Werk zu drucken wagt, dann iſt mein Ruf begründet.“ „Ja,“ antwortete Dantes,„das glaube ich; aber nun bitte ich, zeigen Sie mir auch die Federn, mit denen Sie dieſes Werk ge⸗ ſchrieben haben.“ „Sehen Sie,“ ſagte Faria; und er zeigte dem jungen Manne einen ſechs Zoll langen Stock, wie den Griff eines Pinſels, an und um deſſen Spitze mit einem Faden einer jener Knorpeln gebunden war, an dem man noch die Spuren der Dinte ſah; er war ſchnabel⸗ förmig geſpitzt und geſpalten, wie eine gewöhnliche Feder. Dantes unterſuchte ſie, und ſah ſich nach einem Inſtrumente um, vermöge deſſen ſie ſo kunſtgerecht hatte geſchnitten werden können. „Ach ja!“ ſagte Faria,„das Federmeſſer, nicht wahr? Das iſt mei alten, 8 hatted unterſt keit, 1 ſtrumel gebrach S „2 ich ſie ( 9 lang g 3 ſehen? 9 der M mir Li 9 9* w Fett al Sehen öffentl unmög⸗ nißvolle e Gold⸗ aſt noch Schäße ſel den ne ziem⸗ inde be⸗ aliens.“ apyrus⸗ ter Zoll Streifen Dantes, t Tagen ebzigſten Schnupf⸗ de, und Verk zu fitte ich, Verk ge⸗ Manne an und ebunden ſchnabel⸗ rumente werden 2 Das 185 iſt mein Meiſterſtück; ich habe es, wie auch dieſes Meſſer, aus einem alten eiſernen Leuchter gemacht.“ Das Federmeſſer ſchnitt wie ein Raſirmeſſer, und das Meſſer hatte den Vorzug, daß es zugleich als Dolch dienen konnte. Dantes unterſuchte dieſe verſchiedenen Gegenſtände mit derſelben Aufmerk⸗ keit, wie er in den Curioſitätenläden Marſeilles, zuweilen die In⸗ ſtrumente der Wilden, welche von Seefahrern aus der Südſee mit⸗ gebracht waren, betrachtet hatte. „Was die Dinte anbetrifft,“ ſagte Faria,„ſo wiſſen Sie wie ich ſie mir verſchaffe; ich bereite ſie, nachdem ich ihrer bedarf.“ „Jetzt wundere ich mich,“ ſagte Dantes,„daß die Tage Ihnen lang genug geweſen ſind, zu all' dieſen Geſchäften.“ „Ich hatte ja auch die Nächte,“ antwortete Faria. „Die Nächte! können Sie denn wie die Katzen im Dunkeln ſehen?“ „Nein; aber Gott hat dem Menſchen Verſtand gegeben, um der Mangelhaftigkeit ſeiner Sinne zu Hilfe zu kommen; ich habe mir Licht verſchafft.“ „Wie ſo?“. „Von dem Fleiſche, welches mir gebracht wird, ſondere ich das Fett ab, laſſe es ſchmelzen und gewinne eine Art dickes Oel daraus. Sehen Sie...“ hier zeigte er ihm eine Art Licht, wie man es zu öffentlichen Erleuchtungen zu gebrauchen pflegt.. „Aber Feuer?“ „Hier, zwei Kieſelſteine und Zunder.“ „Aber Zündhölzchen?“ „Ich habe mich geſtellt, als habe ich eine Hautkrankheit und um Schwefel gebeten, den ich auch erhalten habe.“ Dantes legte die Sachen alle mit Ehrfurcht auf den Tiſch, und ſenkte, beſchämt, ja faſt erdrückt von der Beharrlichkeit und Kraft dieſes Geiſtes, den Kopf. „Dieſes iſt noch nicht Alles,“ ſagte Faria,„denn man muß nicht alle ſeine Schätze in ein Verſteck thun; wir wollen dieſes wieder ſchließen.“ Sie legten den Stein wieder an ſeinen Platz; der Abbé ſtreute ein wenig Staub darauf, trat darauf, um jede Spur, daß der Stein herausgenommen geweſen, zu vernichten, ging zu ſeinem Bette und rückte daſſelbe ab. Hinter dem Kopfende war ein durch einen Stein faſt hermetiſch verſchloſſenes Loch, in welchem ſich eine Strickleiter von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß Länge befand. Dantes unter⸗ ſuchte dieſelbe und fand ſie ſo feſt als möglich. „Wer hat Ihnen die zu dieſem bewunderungswürdigen Werke erforderlichen Stricke verſchafft?“ fragte Dantes. „Erſtlich einige Hemden, die ich hatte, dann meine Betttücher, die ich während der drei Jahre meiner Gefangenſchaft in Feneſtrelles aufgefaſert habe. Als ich hierher nach Schloß If gebracht wurde, wußte ich es möglich zu machen, dieſe Fäden mitzunehmen; hier habe ich die Arbeit vollendet.“ „Aber wurde es denn nicht entdeckt, daß Ihre Betttücher keine Säume mehr hatten?“ „Ich nähte ſie wieder.“ „Womit?“ „Mit dieſer Nadel.“ Und der Abbé hob einen Lappen ſeiner Kleidung auf und zeigte Dantes eine lange, ſpitze und noch eingefädelte Gräte, die er auf der bloßen Bruſt trug. „Ja,“ fuhr er fort,„ich habe mir im Anfange vorgenommen, dieſe Stangen durchzufeilen und durch dieſes Fenſter, das, wie Sie ſehen, etwas breiter als das Ihrige iſt, und welches ich im Augen⸗ blicke der Entweichung noch erweitert haben würde, zu entfliehen; da ich aber entdeckte, daß dieſes Fenſter nach einem inneren Hofe führt, habe ich dieſem Plane, als zu unſicher, entſagt. Indeſſen habe ich dieſe Leiter für einen unvorhergeſehenen Umſtand aufbe⸗ wahrt, für eine jener Entweichungen, von denen ich Ihnen ſagte, die der Zufall herbeiführt.“ Während Dantes aufmerkſam die Strickleiter zu beobachten ſchien, dachte er an etwas ganz Anderes; es war ihm plötzlich ein⸗ gefallen, daß dieſer ſo erfindungsreiche Mann, deſſen Verſtand ſo durchdringend, deſſen Einſicht ſo tief war, vielleicht leichter wie er, das Dunkel, welches ſein eigenes Unglück umhüllte, werde aufhellen können. „Worüber grübeln Sie?“ fragte der Abbé lächelnd, indem er die Geiſtesabweſenheit für den höchſten Grad von Bewunderung hielt⸗ „Ich denke an Zweierlei,“ antwortete Dantes.„Erſtens, was würder von) Ihrer keiten heimni auszub Gefang einen Raume die El Lichlſt geſchla die Si ſo gele 8 nur ei 1 haben Ereig glück, zu läß die kom ſeen Stein rickleiter 88 unter⸗ n Werke ſetüicher, eſtrelles t wurde, en, hier cher keine auf und fräte, die enommen, wie Sie m Augen⸗ anfliehen; rren Hofe Indeſſen nd aufbe⸗ nen ſagte, beobachten tzich ein⸗ erſtand ſo er wie er, aufhellen indem er ung hielt. tens, was 187 würden Sie, nachdem Sie derſelben dieſen ungeheuren Aufwand von Nachdenken, Mühe und Beharrlichkeit gewidmet hatten, mit Ihrer Freiheit angefangen haben?“ „Nichts; vielleicht würde mein überfülltes Gehirn ſich in Nichtig⸗ keiten verdunſtet haben; man bedarf des Unglücks, um gewiſſe ge⸗ heimnißvolle Schatzgruben des menſchlichen Geiſtes aufzufinden und auszubeuten, es bedarf des Druckes, um den Schuß zu entladen; die Gefangenſchaft hat alle meine bis dahin zerſtreuten Fähigkeiten auf einen Punkt concentrirt: ſie begegneten einander in einem engen Raume; und Sie wiſſen, das Zuſammenſtoßen der Wolken bringt die Electricität hervor, die Electricität den Blitz, der Blitz den Lichtſtrahl.“ „Nein, ich weiß gar nichts,“ unterbrach ihn Dantes, nieder⸗ geſchlagen über ſeine Unwiſſenheit;„der größte Theil der Worte, die Sie ausſprechen, iſt mir unverſtändlich; Sie ſind ſehr glücklich, ſo gelehrig zu ſein!“ Der Abbé lächelte. „Sie ſagten, daß Sie an zwei Sachen dächten, und haben mir nur eine genannt; woran dachten Sie außerdem noch?“ „Ich dachte daran, daß Sie mir Ihre Lebensgeſchichte erzählt haben, aber die meinige noch nicht kennen.“ „Ihr Leben, junger Mann, iſt zu kurz, um ſchon bedeutende Ereigniſſe zu enthalten.“ „Es enthält ein unendliches Unglück,“ ſagte Dantes,„ein Un⸗ glück, welches ich nicht verdient habe; und ich möchte, um Gott nicht zu läſtern, wie ich zu thun ſchon oft in Verſuchung war, mich an die Menſchen deshalb halten können.“ „Sie behaupten alſo, an der Urſache Ihrer Verhaftung voll⸗ kommen unſchuldig zu ſein?“ „Vollkommen unſchuldig, bei dem Leben der beiden Weſen, die ich liebe, meines Vaters und Mercedes.“ „Laſſen Sie hören,“ ſagte der Abbé, indem er die Oeffnung ſchloß und das Bett wieder an ſeine Stelle zog,„erzählen Sie mir Ihre Geſchichte.“ Dantes erzählte nun, was er ſeine Geſchichte nannte: ſeine einfache Erziehung und Kindheit, eine Reiſe nach Indien, drei Reiſen nach der Levante; zuletzt erwähnte er umſtändlicher ſeine letzte See⸗ 188 fahrt, den Tod des Capitain Leclerc, das Packet für den Groß⸗ Marſchall, ſeine Unterhaltung mit demſelben, ſein kurzes Geſpräch mit dem Kaiſer, den Brief an Herrn Noirtier, der ihm zur Be⸗ ſorgung anvertraut wurde; endlich ſeine Ankunft in Marſeille, das Wiederſehen ſeines Vaters und Mercedes, ſeinen Verlobungsſchmauß, ſeine Verhaftung, ſein Verhör, ſeine vorläufige Haft im Juſtiz⸗ Pallaſte und zuletzt ſeine Einkerkerung im Schloſſe If. Von da an wußte Dantes nichts mehr, ſelbſt nicht, wie lange er Gefangener war. Nach beendigter Erzählung verſank der Abbé in tiefes Nach⸗ denken. „Es giebt einen Rechtsgrundſatz von tiefer Bedeutung,“ ſagte er alsdann,„der mit dem, was ich Ihnen vor Kurzem ſagte, über⸗ einſtimmt, nämlich: daß, wenn nicht die Organiſation des Menſchen von Haus aus fehlerhaft iſt, ſeine Natur dem Verbrechen widerſteht. Erſt die Aufklärung, die Verfeinerung hat uns Bedürfniſſe, und in Folge derſelben, Laſter gegeben, künſtliche Neigungen, die zuweilen den Einfluß haben, das Gute in uns zu erſticken und uns zum Böſen zu verlocken. Daher jener Grundſatz: Wenn Sie den Schuldigen wiſſen wollen, erforſchen Sie zuvor, wem das begangene Verbrechen nützlich ſein konnte!“ „Niemand! mein Gott! ich war ſo unbedeutend.“ „Antworten Sie nicht ſo, denn dieſe Antwort iſt weder logiſch noch philoſophiſch; unbedeutend iſt Niemand, vom Könige, der ſeinem Nachfolger, bis auf den Beamten, der dem Supernumerarius im Wege iſt, Jeder iſt dem im Wege, der auf ihn folgt, oder neben ihm ſteht. Wenn der König ſtirbt, erbt ſein Nachfolger eine Kronez wenn der Beamte Platz macht, erhält der Supernumerarius Gehalt, was ihm ſo wichtig und ſo lieb iſt, wie eine Krone. Jedes Weſen auf der großen Stufenleiter der Geſellſchaft, vom kleinſten bis zum größeſten, hat eine kleine Welt von Intereſſen um ſich, die ihre Wirbeln und ihre ſich kräuſelnden Sonnenſtäubchen hat wie Des⸗ cartes Welten. Nur daß dieſe Welten, indem ſie ſteigen, ſich aus⸗ dehnen. Es iſt eine umgekehrte Schneckenlinie, die ſich durch ein equilibriſtiſches Spiel auf der Spitze erhält. Kommen wir nun auf Sie, auf Ihre Welt zurück.“ „Sie ſollten zum Capitain des„Pharaon“ ernannt werden.“ „Ja.“ Capita einige „ tain L Groß⸗ Gpeſpräch zur Be⸗ ſille, das ſchmauß, Juſtif da an er war. 8 Nach⸗ „“ ſagte te, über⸗ Menſchen ſderſteht. und in zuweilen uns zum Sie den egangene er logiſch r ſeinem rius im r neben eKronef Gehalt, s Weſen bis zum die ihre vie Des⸗ ſich aus⸗ urch ein nun auf erden.“ 189 „Sie waren im Begriff ein ſchönes junges Mädchen zu heirathen?⸗ „Ja.“ „War Niemand, dem daran gelegen ſein konnte, daß Sie nicht Capitain des„Pharaon“ wurden? War Niemand, der es ungern ſah, daß Sie Mercedes heiratheten? Beantworten Sie zuerſt die erſte Frage, Ordnung iſt der Schlüſſel zu allen Räthſeln. Ich wiederhole es alſo: Wiſſen Sie Jemand, der wünſchen konnte, daß Sie nicht Capitain des„Pharaon“ werden möchten?“ „Nein. Ich war ſehr beliebt an Bord. Wenn die Matroſen zu wählen gehabt hätten, ſo bin ich überzeugt, daß ſie nur mich gewählt haben würden. Ein einziger Mann hatte einige Urſache mir nicht wohlzuwollen, indem ich einige Male Streit mit ihm gehabt und ihn zum Duell gefordert hatte, welches er aber aus⸗ ſchlug.“ „Nun, da haben wir's!... Wie hieß dieſer Mann?“ „Danglars.“ „Was war er am Bord?“ „Rechnungsführer.“ „Würden Sie ihn in ſeinem Poſten gelaſſen haben, wenn Sie Capitain geworden wären?“ „Wenn es von mir abgehangen hätte, nein; denn ich glaubte einige Unrechtlichkeit in ſeiner Führung entdeckt zu haben.“ „Gut. Hat Jemand Ihrer letzten Unterredung mit dem Capi⸗ tain Leclerc beig ewohnt?“ „Nein, wir waren allein.“ „Hat aber vielleicht Jemand dieſelbe behorchen können?“ „Ja, denn die Thür war nur angelehnt, und ſogar... warten Sie... ja, ja, Danglars ging in demſelben Augenblicke vorüber, als der Capitain mir das für den Groß⸗Marſchall beſtimmte Packet einhändigte.“ „Gut,“ ſagte der Abbé,„wir ſind auf der Spur. Haben Sie Jemand mit an's Land genommen, als Sie an der Inſel Elba anhielten?“ „Niemand.“ „Sie bekamen dort einen Brief?“ „Ja, von dem Groß⸗Marſchall.“ „Was haben Sie mit dieſem Briefe gemacht?“ „Ich hatte ihn in meine Brieftaſche geſteckt.“ „Hatten Sie Ihre Brieftaſche bei ſich? aber wie konnte eine Brieftaſche mit einem amtlichen Briefe in der Taſche eines See⸗ manns Platz haben?“ „Sie haben Recht, meine Brieftaſche war an Bord.“ „Alſo haben Sie den Brief erſt an Bord in Ihre Brieftaſche geſteckt?“ „Ja.“— „Was thaten Sie mit dieſem Briefe von Porto⸗Ferrajo bis an Bord?“ „Ich hielt ihn in der Hand.“ „Als Sie wieder auf den„Pharaon“ ſtiegen, konnte alſo Jeder an Bord und auch Danglar den Brief in Ihrer Hand ſehen?“ „Ja.“ „Jetzt hören Sie wohl zu; ſammeln Sie alle Ihre Erinner⸗ ungen: können Sie ſich beſinnen wie der Anklagebrief abgefaßt war?“ „O ja! ich habe ihn dreimal geleſen und jedes Wort hat ſich meinem Gedächtniſſe eingeprägt.“ „Wiederholen Sie ihn mir.“ „Hier iſt er wörtlich: „Ein Freund des Thrones und der Religion benachrichtigt den Herrn Procurator des Königs, daß ein gewiſſer Edmond Dantes, Steuermann des Schiffes„Pharaon“, der dieſen Morgen von Smyrna zurückgekehrt iſt, nachdem er Neapel und Porto⸗Ferrajo berührt hatte, von Mürat ein Packet an den Uſurpator und von dem Uſurpator einen Brief an das Bonapartiſtiſche Comité in Paris zur Beſorgung erhalten hat. „Wenn man ihn verhaftet, wird man den Beweis ſeines Ver⸗ brechens erhalten, denn man wird jenen Brief entweder bei ihm ſelbſt, bei ſeinem Vater, oder in ſeiner Cabine an Bord des„Pharaon“ finden.“ Der Abbé zuckte die Achſeln. „Das iſt klar wie der Tag,“ ſagte er,„und Sie müſſen ein ſehr vertrauendes, argloſes und ſehr gutes Herz gehabt haben, um die Sache nicht ſogleich zu errathen.“ „Sie glauben!“ rief Dantes;„ach das wäre niederträchtig!“ „Wie war die gewöhnliche Schrift Danglars!“ D. ſie in d präpari Dantes elſchien „L klagebri W „ 3 geſchrie legenhe lene Se einande 1 nichts. trächti „ Aukl nte eine es See⸗ rieftaſche gjo bis ſo Jeder ſen?“ Erinner⸗ t war?“ hat ſich htigt den Dantes, gen von »⸗Ferrajo und von in Paris ines Ver⸗ bei ihm Pharaon“ nüſſen ein aben, um ächtig!“ — ———;-;——— 191 „Eine ſchöne Curſioſchrift.“ „Wie war die Schrift des Anklagebriefes?“ „Verdrehte Buchſtaben.“ Der Abbé lächelte.„Nachgemacht, wahrſcheinlich?“ „Sehr kühn für nachgeahmte Schrift.“ „Warten Sie.“ Der Abbé nahm ſeine Feder, oder was er ſo nannte, tauchte ſie in die Dinte und ſchrieb mit der linken Hand auf ein vorräthiges präparirtes Stück Leinwand die beiden erſten Zeilen der Anklage. Dantes wankte und ſah den Abbé, der ihm faſt wie ein Zauberer erſchien, mit Entſetzen an. „Ol es iſt unerhört,“ rief er,„wie dieſe Schrift der des An⸗ klagebriefs gleicht!“ „Das kommt daher, weil die Anklage mit der linken Hand geſchrieben iſt,“ ſagte der Abbé.„Ich habe es zu beobachten Ge⸗ legenheit gehabt, daß, während alle mit der rechten Hand geſchrie⸗ bene Schrift ſehr verſchieden iſt, die mit der linken Hand geſchriebene einander auffallend gleicht.“ „Haben Sie denn Alles geſehen, Alles beobachtet?“ „Fahren wir fort... gehen wir zur zweiten Frage über. Wiſſen Sie Jemand, dem daran gelegen ſein konnte, daß Sie Mercedes nicht heiratheten?“ „Ja! einem jungen Manne, der ſie liebte...“ „Sein Name!“ „Fernand.“ „Das iſt ein ſpaniſcher Name.“ „Er war ein Catalonier, von der Colonie bei Marſeille.“ „Glauben Sie, daß dieſer den Brief geſchrieben hat?“ „Nein! dieſer hätte mich mit dem Meſſer niedergeſtoßen, weiter nichts.“ „Gut, das iſt echt ſpaniſch, ein Mord, aber keine Nieder⸗ trächtigkeit.“ „Uebrigens,“ ſuhr Dantes fort,„waren ihm auch alle in der Anklage enthaltenen Umſtände ganz unbekannt.“ „Sie hatten ſie alſo Niemand mitgetheilt?“ „Niemand.“ „Selbſt Ihrer Geliebten nicht?“ „Selbſt nicht meiner Braut.“ „Es iſt Danglar!“ „O! davon bin ich jetzt auch überzeugt.“ „Warten Sie... kannte Danglars Fernand?“ „Nein... ja... ich beſinne mich...“ „Auf was?“ 1 „Am Vorabend meiner Hochzeit ſah ich ſie zuſammen in der Laube des Vaters Pamphile am Tiſche ſitzen. Danglars freundlich und neckend, Fernand bleich und verwirrt.“ „Waren ſie allein?“ 4 „Nein, ein dritter Bekannter von mir war mit ihnen, der ſie wahrſcheinlich mit einander bekannt gemacht hatte, ein Schneider Namens Caderouſſe; aber dieſer war ſchon betrunken; doch halt... warten Sie!... Wie konnte ich das bis jetzt vergeſſen? auf dem Tiſche, an dem ſie tranken, ſtand ein Dintefaß nebſt Papier und Federn.“(Dantes rieb ſich die Stirn mit der Hand.)„O! dort, dort wird der Brief geſchrieben ſein. O! die Niederträchtigen! die Niederträchtigen!“ „Wollen Sie noch mehr wiſſen?“ fragte der Abbé lachend. „Ja, ja, weil Sie in Alles eindringen, weil Sie in Allem klar ſehen, ſo ſagen Sie mir, warum man mir keine Richter gegeben und mich ohne Rechtsſpruch verurtheilt hat.“ „Ol was das anbetrifft,“ erwiderte der Abbé,„das iſt etwas ſchwerer aufzuklären; die Juſtiz hat finſtere und geheimnißvolle Schliche, denen ſchwer zu folgen iſt. Ihre beiden Feinde heraus⸗ zubringen, war ein Kinderſpiel, aber über dieſen Punkt müſſen Sie mir genauere Nachrichten geben können.“ „Fragen Sie nur, denn wirklich, Sie ſehen heller in mein Geſchick, als ich ſelbſt.“ „Wer hat Sie verhört? der Procurator des Königs? der Sub⸗ ſtitut, oder der Inſtructionsrichter?“ „Es war der Subſtitut.“ „Jung oder alt?“ „Jung: ſieben⸗ oder achtundzwanzig Jahre.“ „Gut; noch nicht verdorben, aber ſchon ehrgeizig,“ ſagte der Abbé.„Wie benahm er ſich gegen Sie?“ „Mehr ſanft als ſtreng.“ 193 „Haben Sie ihm Alles erzählt?“ „Alles.“ „Und änderte er ſein Betragen gegen Sie während des Verhörs?“ „Einen Augenblick war er ſehr aufgeregt, als er den Brief las, auf den die Anklage begründet war. Er ſchien ganz niedergeſchmet⸗ tert von meinem Unglücke.“ n in der„Von Ihrem Unglücke?“ reundlich„Ja?“ „Und ſind Sie feſt überzeugt, daß eben Ihr Unglück einen ſolchen Eindruck auf ihn machte?“ jder ſie„Er gab mir wenigſtens einen großen Beweis von Theilnahme.“ chneider„Worin beſtand dieſer Beweis?“ halt..„Er verbrannte den einzigen Beweis gegen mich.“ auf den„Welches war dieſer Beweis? die Anklage?“ rvier und„Nein, der Brief.“ (O! dort,„Sind Sie davon überzeugt?“ ligen! die„Es geſchah vor meinen Augen.“ „Das iſt etwas Anderes; dieſer Mann könnte leicht ein ſchlim⸗ achend. mmerer Böſewicht ſein, als ich anfänglich glaubte.“ in Allem 1„Sie machen mich ſchaudern, auf Ehre!“ ſagte Dantes.„Iſt er gegeben denn die Welt voll Tiger und Krokodille?“ „Ja; nur mit dem Unterſchiede, daß die zweibeinigen Tiger iſt etwas und Krokodille gefährlicher ſind, als die wirklichen. Er hat den mnißvolle Brief verbrannt, ſagen Sie?“ e heraus⸗„Ja, und er ſagte mir dabei: Sie ſehen, es exiſtirt weiter üſſen Sie kein Beweis gegen Sie, als dieſer, und ich vernichte ihn.“ „Dieſe Handlung war zu hoch, um natürlich zu ſein.“ in mein„Sie glauben?“ „Ich bin überzeugt. An wen war der Brief?“ der Sub⸗„An Herrn Noirtier, Straße Coq⸗Heron Nr. 13 in Paris.“ „Glauben Sie, daß Ihr Subſtitut einen Vortheil davon haben konnte, daß dieſer Brief vernichtet wurde?“ „Vielleicht, denn ich mußte ihm mehrere Male verſprechen(zu meinem Beſten, ſagte er), gegen Niemand dieſes Briefes zu er⸗ ſagte der wähnen, und ich mußte ſogar ſchwören, den Namen auf der Adreſſe niemals auszuſprechen.“ „Noirtier,“ ſagte der Abbé;„Noirtier! ich kannte einen Noirtier Der Graf von Monte⸗Chriſto. 13 194 am Hofe der alten Königin von Hetrurien, einen Noirtier, welcher Girondiſt geweſen war. Wie heißt Ihr Subſtitut?“ „von Villefort.“ Der Abbé brach in ein lautes Gelächter aus. Dantes ſah ihn verblüfft an. „Was haben Sie?“ „Sehen Sie dieſen Lichtſtrahl!“ fragte der Abbé. „Ja. „Nun wohl! Mir iſt jetzt die ganze Sache klarer, als dieſer helle, glänzende Strahl. Armes Kind! armer junger Mann! Und dieſer Beamte war gut gegen Sie? Er vernichtete, verbrannte den Brief? Er ließ Sie ſchwören, nie den Namen Noirtier auszu⸗ ſprechen?“ „Ja.“ „Dieſer Noirtier, armer Getäuſchter! wiſſen Sie, wer dieſer Noirtier iſt? Dieſer Noirtier war ſein Vater!“ Wenn plötzlich zu Dantes Füßen der Blitz eingeſchlagen und einen Abgrund geöffnet hätte, auf deſſen Grunde die Hölle war, hätte es keinen ſo electriſchen, zerſchmetternden Eindruck machen können, als dieſe unerwarteten Worte. Er ſtand auf und ergriff ſeinen Kopf mit beiden Händen, wie um ihn am Zerſpringen zu verhindern. „Sein Vater! ſein Vater!“ ſchrie er. „Ja, ſein Vater... der Noirtier von Villefort heißt,“ entgegnete der Abbé. Jetzt durchdrang ein blendendes Licht den Geiſt des Gefan⸗ genen; Alles, was ihm bis jetzt dunkel geblieben war, klärte ſich ihm nun auf. Dieſe Winkelzüge Villeforts während des Verhörs, dieſer verbrannte Brief, der geforderte Eid, dieſe faſt flehende Stimme des Subſtituten, der, ſtatt zu drohen, faſt zu bitten ſchien, Alles kam ihm wieder in das Gedächtniß. Er ſtieß einen Schrei aus, wankte einen Augenblick, wie ein Betrunkener, dann ſtürzte er nach der Oeffnung, die von der Zelle des Abbé nach der ſeinigen führte, und ſagte: „Ich muß allein ſein, um an das Alles zu denken.“ Als er in ſeinem Kerker ankam, fiel er auf ſein Bett, wo der Schließ ſtumm Nachde einen ſchwore N auszufü er dieſer agen und ſölle war, ik machen d ergriff ringen zu ntgegnete 8 Gefan⸗ klärte ſich Verhörs, t flehende ten ſchien, nen Schrei ſtürzte er r ſeinigen t, wo der I 195 Schließer ihn am Abend mit ſtarren Augen und entſtellten Zügen ſtumm und unbeweglich ſitzend fand. Während dieſer Stunden des Nachdenkens, die ihm wie Secunden entflohen waren, hatte er einen entſetzlichen Entſchluß gefaßt und einen furchtbaren Eid ge⸗ ſchworen. Nur war es, um dieſen Eid zu halten und dieſen Entſchluß auszuführen, nothwendig, daß er frei wurde. 13* XVIII. Der Lehrer und der Schüler. Der Ton einer Stimme entzog Dantes ſeiner Träumerei, es war die des Abbé, der, nachdem er auch den Beſuch des Kerker⸗ meiſters abgewartet hatte, kam, um Dantes zum Abendeſſen einzu⸗ laden. Seine Eigenſchaft eines anerkannt und zwar beluſtigend Verrückten, verſchaffte dem alten Gefangenen einige Vorrechte, unter andern das, etwas weißeres Brod und Sonntags ein kleines Fläſch⸗ chen Wein zu erhalten. Nun war gerade Sonntag, und der Abbé lud ſeinen jungen Freund ein, Brod und Wein mit ihm zu theilen. Dantes folgte ihm; alle Züge ſeines Geſichtes hatten ſich wieder geglättet und die gewöhnliche Miene angenommen, aber mit einem Ernſt und einer Feſtigkeit, die einen gefaßten Entſchluß anzeigten. Der Abbé ſah ihn forſchend an. „Es thut mir leid, Ihnen bei Ihren Forſchungen behilflich geweſen zu ſein und Ihnen geſagt zu haben, was Sie zu wiſſen wünſchten,“ ſagte er. „Weshalb?“ fragte Dantes. „Weil ich Ihnen ein Gefühl in das Herz geflößt habe, das Sie bis dahin noch nicht kannten: die Rache.“ Dantes lächelte.„Reden wir von andern Dingen,“ ſagte er. Der Abbé ſah ihn noch einen Augenblick an und ſchüttelte traurig den Kopf; dann ſprach er von anderen Dingen, weil ihn Dantes darum gebeten hatte. Der Abbé war einer von den Men⸗ ſchen, deren Unterhaltung, weil ſie viel gelitten haben, ſehr viel Lehrreiches enthält, und in der ſich eine gehaltene Theilnahme aus⸗ ſpricht; aber ſie war nicht egoiſtiſch, und dieſer edle Mann ſprach nie von ſeinem Unglücke. Dantes horchte auf jedes ſeiner Worte mit Bewunderung: die einen! niſſn, deren! Manne Gegend Dantes müſſe, und ſoc⸗ „6 mittheil bei mi einem ziehen. mehr ve Wiſſenſ einen Dantes Jaſſu in den 197 einen harmonirten mit Gedanken, die er ſchon hatte, und mit Kennt⸗ niſſen, die Bezug auf ſeinen Stand als Seemann hatten; die an⸗ deren berührten ihm fremde Gegenſtände und zeigten dem jungen Manne, wie jene Nordlichter, die den Seefahrern leuchten, neue Gegenden und Horizonte mit phantaſtiſchem Lichte überſtrahlen. Dantes begriff, welche Wonne es einem fähigen Geiſte gewähren müſſe, dieſem erhabenen Geiſte auf die moraliſche, philoſophiſche und ſociale Höhe, auf die derſelbe ſich zu ſchwingen pflegte, zu folgen. „Sie ſollten mir ein Wenig von den Schätzen Ihres Wiſſens mittheilen,“ ſagte Dantes,„wäre es auch nur, um nicht Langeweile merei, es bei mir zu haben. Es ſcheint mir, Sie müßten die Einſamkeit es Kerker⸗ einem Gefährten, ohne Erziehung und Bildung, wie ich bin vor⸗ ſeen einzu⸗ ziehen. Wenn Sie meine Bitte erfüllen, verſpreche ich Ihnen, nicht deluſtigend mehr von Flucht zu reden.“ hte, unter Der Abbé lächelte.„Ach! mein Lieber,“ ſagte er,„das menſch⸗ nes Fläſch⸗ liche Wiſſen iſt ſehr beſchränkt, und wenn ich Sie Mathematik, Phyſik, der Abbé Geſchichte und die lebenden Sprachen die ich rede, gelehrt habe, ——— —— zu theilen. werden Sie ſo viel verſtehen, als ich; in zwei Jahren kann ich alle ſich wideer Wiſſenſchaft, die ich beſitze, Ihnen mitgetheilt haben.“ mit einem„Zwei Jahre!“ ſagte Dantes,„Sie glauben, daß ich alle jene anzeigten. Dinge in zwei Jahren lernen kann?“ 1 „In ihrer Anwendung, nein; in ihren Grundſätzen, ja; lernen behilflich iſt nicht wiſſen; es giebt Gelehrte und Weiſe: die Erſten macht das zu wiſſen Gedächtniß, die Andern die Philoſophie.“ „Und kann man die Philoſophie nicht lernen?“ „Die Philoſophie lernt ſich nicht, ſie iſt der Erfolg der An⸗ habe, das wendung und der Vereinigung der Wiſſenſchaften, die das Genie ſſiich angeeignet hat, es iſt die glänzende Wolke, auf welcher Chriſtus „ſagte er. gen Himmel ſchwebte.“ —— d ſchütkelte„Sagen Sie,“ fuhr Dantes fort,„was werden Sie mich zuerſt , weil ihn lehren? ich habe Eile, anzufangen, ich dürſte nach Kenntniſſen.“ den Men⸗„Alles,“ antwortete der Abbé. ſehr viel Wirklich machten die beiden Gefangenen noch denſelben Abend uhme aus einen Studienplan, deſſen Ausführung den folgenden Tag begann. fann ſprach Dantes hatte ein wunderbares Gedächtniß und eine außerordentliche Faſſungskraft: die Anlagen zur Mathematik, die er hatte, ſetzten ihn derung; de in den Stand, Alles zu berechnen, während ſein poetiſcher Geiſt 198 ihn bei dieſen Studien vor zu großer Trockenheit bewahrte. Er konnte übrigens ſchon italieniſch und ein Wenig altrömiſch, das er auf ſeinen Reiſen im Orient gelernt hatte. Durch dieſe beiden Sprachen begriff er ſehr bald die Technik aller andern, und nach Verlauf von ſechs Monaten fing er an ſpaniſch, engliſch und deutſch zu ſprechen. Hatte, wie er zu dem Abbé geſagt hatte, der Unter⸗ richt und das Studium ihm die Freiheit erſetzt, oder war er, wie wir ſchon geſagt haben, ſtreng befliſſen, zu halten, was er ver⸗ ſprochen, genug, er ſprach nicht mehr von Entfliehen, und die Tage vergingen ihm raſch und lehrreich. Nach einem Jahre war er ein anderer Menſch. Was den Abbé Faria anbetraf, ſo merkte Dantes, daß der⸗ ſelbe, ungeachtet der Zerſtreuung, die ſeine Geſellſchaft ihm gewährte, täglich finſterer wurde; ein unabläſſig nagender Gedanke ſchien ſeinen Geiſt zu beherrſchen; er fiel in tiefe Träumereien, ſeufzte unwillkür⸗ lich, oft ſtand er plötzlich auf und ging mit verſchränkten Armen in ſeinem Gefängniſſe umher. Eines Tages ſtand er plötzlich in einem dieſer Kreiſe, die er täglich hundert Mal in ſeinem Gefängniſſe be⸗ ſchrieb, ſtill und rief:„Achl wenn die Schildwache nicht wäre!“ „Sobald Sie es wollen, wird keine Schildwache da ſein,“ ſagte Dantes, der mit ſeinem jetzt geſchärften Geiſte ſeine Gedanken ver⸗ folgt und genau errathen hatte.. „Ach! ich habe Ihnen ſchon geſagt,“ wendete der Abbé ein, „ein Mord widerſteht mir.“. „Und doch wird dieſer Mord, wenn er nicht vermieden werden kann, nur in Folge der Nothwehr und des Selbſterhaltungstriebes begangen werden.“ „Wenn auch... ich könnte nicht...“ „Sie denken jedoch daran?“ „Unaufhörlich, unaufhörlich,“ murmelte der Abbé. „Und haben Sie ein Mittel gefunden?“ fragte Dantes lebhaft. „Ja! wenn man eine blinde und taube Schildwache auf die Galerie ſtellen könnte!“ „Sie ſoll taub und blind ſein,“ antwortete der junge Mann mit einem entſchloſſenen Tone, der den Abbé entſetzte. „Nein, nein,“ rief er,„unmöglich!“ Dantes wollte weiter mit ihm über dieſen Gegenſtand reden, er abe vergin hrte. Er 9, das er ſe beiden und nach nd deuſſch der Unter⸗ ir er, wie 3 er ver⸗ die Tage dar er ein daß der⸗ gewährte, hien ſeinen unwillkür⸗ Armen in hin einem nngniſſe be⸗ wärel“ ſein, ſagte danken ver⸗ Abbé ein, een werden ungstriebes tes lebhaft. iche auf die unge Mann ſtand reden, 199 er aber ſchüttelte den Kopf ſtatt aller Antwort. Drei Monate ver⸗ vergingen. „Sind Sie ſtark?“ fragte der Abbé eines Tages. Dantes nahm, ohne zu antworten, den Meißel, bog ihn wie ein Hufeiſen, und dann wieder gerade. „Würden Sie mir verſprechen, die Schildwache nur im äußerſten Nothfalle zu tödten?“ „Ja, auf Ehre.“ Dann werden wir unſern Wunſch erreichen können. „Und wie lange Zeit werden wir dazu bedürfen?“ „Wenigſtens ein Jahr.“ „Wann können wir beginnen?“ „Sogleich.“ „Ach! ſehen Sie,“ rief Dantes,„ſo haben wir alſo ein Jahr verloren!“ „Finden Sie, daß wir es verloren haben?“ fragte Faria. „O, Verzeihung, Verzeihung!“ rief Edmond erröthend. „Still!“ ſagte der Abbé,„der Menſch bleibt immer ein Menſch, und Sie ſind noch einer der beſten, die ich je gekannt habe. Hören Sie meinen Plan.“ Der Abbé zeigte Dantes nun einen Riß, den er gemacht hatte; es war der Plan von ſeiner und Dantes Stube und dem Corridor, der dieſelben verband. In der Mitte dieſes Ganges ſollte ein ſchmaler Gang, wie man ſie in den Minen hat, angelegt werden; dieſer Gang führte die Gefangenen unter die Galerie, in welcher die Schildwache auf und ab ging. Waren ſie dorthin gelangt, ſo machten ſie eine breite Höhlung und arbeiteten von innen eine der Steinplatten des Fußbodens der Galerie los; zu einer beſtimmten Zeit ſenkte die Steinplatte ſich unter dem Gewichte des Soldaten, welcher in der Höhlung verſchwand. Während er, erſchrocken über den Fall, noch nicht wieder zur Beſinnung gekommen war, ſtürzte ſich Dantes auf ihn, band und knebelte ihn, und dann entflohen ſie Beide durch ein Fenſter der Galerie, mit Hilfe der Strickleiter an der Mauer hinab, und waren frei. Dantes klopfte mit vor Freude funkelnden Augen in die Hände; der Plan war ſo einfach, daß er gelingen mußte. Sie machten ſich an demſelben Tage mit um ſo größerem Eifer ———— 4 1 4 6 4 7 200 an das Werk, als ſie ſich lange ausgeruht hatten, und Jeder von ihnen einen lange im Stillen gehegten Gedanken ausführte. Sie ließen ſich durch Nichts in ihrer Arbeit ſtören, als durch die Stunde, in der ſie dem Beſuche des Kerkermeiſters entgegenſehen mußten. Sie waren gewohnt, das fernſte, leiſeſte Nahen dieſes Mannes zu erkennen, und wurden niemals von ihm überraſcht. Die Erde, welche ſie ausgruben und welche hingereicht haben würde, ihren alten Verbindungsweg vollſtändig zu füllen, warfen ſie mit der unerhörteſten Vorſicht in kleinen Theilchen bald aus dem einen, bald aus dem andern ihrer Fenſter, ſo daß, da dieſelben vorher zu Staub gerieben, der Wind ſie wegführte, und keine Aufmerkſamkeit dadurch erregt werden konnte. So verſtrich über ein Jahr bei dieſer Arbeit, die mit einem Meißel, einem Meſſer und einem hölzernen Hebebaum verrichtet wurde. Während dieſes Jahres fuhr Faria unermüdet fort, bei der Arbeit den jungen Mann zu unterrichten, indem er bald in dieſer, bald in jener Sprache ſich mit demſelben unterhielt, und ihn die Geſchichte der Nationen lehrte, wie der großen Männer, die von Zeit zu Zeit erſchienen, und jene leuchtenden, glänzenden Spuren hinterließen, die man den Ruhm nennt. Der Abbé, ein Mann von Welt, und zwar von der großen Welt, hatte unter andern in ſeinen Manieren eine gewiſſe melan⸗ choliſche Majeſtät, durch welche Dantes, vermöge des ihm von der Natur verliehenen Aſſimilationsgeiſtes, ſich die feine Höflichkeit, die ihm noch fehlte, aneignete, ſo wie jene ariſtokratiſchen Manieren und Gewohnheiten, die man gewöhnlich nur durch Bewegung in den höchſten Klaſſen oder Berührung mit ausgezeichneten Menſchen gewinnt. Nach Verlauf von fünfzehn Monaten war der Gang fertig, die Höhlung unter der Galerie war gemacht; unſere beiden Arbeiter hörten die Schildwache hin und her gehen, und da ſie eine dunkle Nacht abwarten mußten, um des Gelingens ihrer Flucht ſicher zu ſein, ſo befürchteten ſie, daß der losgearbeitete Pflaſterſtein von ſelbſt und zu früh den Tritten des Soldaten weichen möchte. Sie kamen dieſer Unannehmlichkeit dadurch zuvor, daß ſie die Stein⸗ platte mit einem kleinen Balken, den ſie in dem Fundamente ge⸗ funden hatten, ſtützten, wodurch ſie zugleich das Hohlklingen der Uebel, iſt nah wurde gegen Sie k ende ein k bring helfen Stube Anfal war, liche demſ⸗ uu he er in Star einen wich mein eeder von tte. Sie eStunde, mußten. lonnes zu die Erde, de, ihren mit der m einen, vorher zu erkſamkeit bei dieſer hölzernen „bei der in dieſer, d ihn die , die von n Spuren et großen ſſe melan⸗ n von der ſchkeit, die Manieren degung in Menſchen fertig, die in Arbeiter eine dunkle t ſiher zu erſtein von ſchte. Sie die Stein⸗ aamente ge⸗ klingen der 201 ausgehöhlten Stelle verhinderten. Dantes war eben beſchäftigt, dieſe Stütze zu befeſtigen, als er plötzlich einen fremdartigen Ruf des Abbé vernahm, welcher, beſchäftigt, einen Pflock zu ſpitzen, den ſie, um die Strickleiter daran zu befeſtigen, in die Mauer treiben wollten, in Dantes Stube zurückgeblieben war. Er eilte zurück und fand den Abbé bleich, mit Angſtſchweiß auf der Stirn und krampf⸗ haft zuſammen gezogenen Händen, mitten in ſeiner Stube ſtehen. „O, mein Gott!“ rief Dantes,„was giebts? was iſt Ihnen denn?“ „Schnell! ſchnelll hören Sie mich,“ ſprach der Abbé. Dantes ſah das leichenartig verzogene Geſicht, die ſtarren, von blauen Kreiſen umgebenen Augen, die bleichen Lippen, die ſich empor⸗ ſträubenden Haare ſeines alten Freundes, und ließ den Meißel, den er in der Hand hatte, entſetzt zur Erde fallen. „Aber was iſt Ihnen denn?“ rief Edmond nochmals. „Ich bin verloren,“ ſagte der Abbé,„hören Sie: Ein ſchreckliches Uebel, welches diesmal vielleicht tödtlich iſt, drohet mir; der Unfall iſt nahe, ich fühle es. Schon in dem Jahre vor meiner Verhaftung wurde ich von demſelben heimgeſucht. Ich habe nur ein Mittel gegen dieſes Uebel und will es Ihnen ſagen: Eilen Sie, ſo ſchnell Sie können, in meine Stube, heben Sie den rechten Fuß am Kopf⸗ ende meines Bettes auf, er iſt hohl, und Sie finden in demſelben ein kleines Cryſtall⸗Fläſchchen halb voll einer rothen Flüſſigkeit; bringen Sie es... doch nein... ich könnte hier überraſcht werden... helfen Sie mir, ſo lange ich noch einige Kraft habe, nach meiner Stube zu gehen. Wer weiß, wie es kommt, und wie lange der Anfall dauert?“ Dantes, der, obgleich dieſes Unglück, das ihn traf, unermeßlich war, den Kopf nicht verlor, eilte in den Gang, zog ſeinen unglück— lichen Gefährten nach ſich und gelangte mit unendlicher Mühe mit demſelben bis zu ſeiner Stube, worauf er ſich beeilte, das Fläſchchen zu holen und den Abbé dann ſorgſam auf ſein Bett zu legen. „Dank,“ ſagte der Abbé, am ganzen Körper zitternd, als wäre er in eiskaltes Waſſer gefallen;„das Uebel naht, ich werde in eine Starrſucht verfallen. Vielleicht werde ich ohne eine Bewegung, ohne einen Klageton dahinſinken, aber vielleicht auch werde ich ſchäumen, mich zur Wehr ſetzen, ſchreien; alsdann, bitte ich Sie, erſticken Sie mein Geſchrei, daß es Niemand hört, das iſt das Wichtigſte, denn ——-——-————— ͦ————— 202 erführe man, wie krank ich bin, ſo erhielte ich vielleicht eine andere Wohnung und wir wären für immer getrennt. Wenn Sie mich unbeweglich, kalt, ſtarr, und völlig wie todt daliegen ſehen, dann, aber nicht eher, verſtehen Sie wohl? brechen Sie meine Kinnladen mit dem Meſſer auf und flößen mir acht bis zehn Tropfen von dieſer Flüſſigkeit ein, und vielleicht erhole ich mich alsdann.“ „Vielleicht?“ rief Dantes voll Schmerz. „Zu Hilfe! zu Hilfe!“ rief der Abbé, ich... ich.. Der Anfall war ſo heftig und kam ſo plößlich, duß der un⸗ glückliche Gefangene das angefangene Wort nicht vollenden konnte. Schnell und finſter, wie die Stürme des Meeres, zog eine Wolke über ſeine Stirne, ſeine Augen traten weit aus dem Kopfe hervor, ſein Mund verzog ſich krampfhaft, ſeine Wangen rötheten ſich, er krümmte ſich, ſchäumte, ſchlug um ſich; aber ſeinen Bitten folgend, erſtickte Dantes jeden Lärm, den er machte, unter der Decke. Nach zwei Stunden des heftigſten Kampfes ſank er unbeweglich, kalt und wie ein geknicktes Rohr auf das Lager zurück, und glich ſo voll⸗ ſtändig einer Leiche, daß Dantes, ohne ſeine Verhaltungsregeln, in die troſtloſeſte Verzweiflung verſunken ſein würde; ſo aber wartete er nur, bis der Körper vollſtändig erſtarrt und erkaltet war, ver⸗ fuhr alsdann ganz ſo, wie der Abbé ihn gelehrt hatte, und erwartete den Erfolg. Eine Stunde verſtrich, ohne daß der Greis die geringſte Be⸗ wegung gemacht hätte, Dantes fürchtete ſchon, zu lange gezögert zu haben, und betrachtete ihn, vor Verzweiflung in ſeinen Haaren wühlend, als er eine leichte Färbung der Wangen bemerkte, die ſtarren und geöffneten Augen bekamen wieder Leben; ein ſchwacher Seufzer glitt über ſeine Lippen, er bewegte ſich. „Gerettet! gerettet!“ rief Dantes. Der Kranke konnte noch nicht ſprechen, deutete aber mit ſicht⸗ licher Seelenangſt nach der Thüre. Dantes horchte und unterſchied wirklich die nahenden Schritte des Kerkermeiſters. Es war beinahe ſieben Uhr und Dantes hatte nicht an die Zeit gedacht. Er ſtürzte nach der Oeffnung, ſchlüpfte hindurch, legte ſo gut als möglich die Steinplatte über ſeinen Kopf und war kaum in ſeinem Kerker an⸗ gekommen und ſo eben fertig geworden, ſein Bett an ſeinen Platz zu rücken, als auch bei ihm der Schließer eintrat und ihn, wie ——— der un⸗ n konnte. ne Wolke fe hervor, ſich, er folgend, ke. Nach kalt und h ſo voll⸗ regeln, in er wartete war, ver⸗ erwartete ingſte Be⸗ ezögert zu n Haaren tetkte, die ſchwacher mit ſicht⸗ unterſchied ar beinahe Er ſtürzte nöglich die Kerker an⸗ inen Platz ihn, wie 203 gewöhnlich auf ſeinem Bette ſitzend, fand. Kaum hatte der Kerker⸗ meiſter den Rücken gewendet, kaum waren ſeine Schritte im Corridor verhallt, als Dantes, von Unruhe verzehrt, ſein Eſſen im Stiche ließ und dem Freunde wieder zueilte. Der Abbé hatte ſein Bewußtſein wieder erhalten, lag aber immer noch unbeweglich und kraftlos ausgeſtreckt. „Ich hoffte nicht, Sie wiederzuſehen,“ ſagte er. „Warum?“ fragte der junge Mann,„glaubten Sie denn zu ſterben?“ „Nein, aber da Alles zur Flucht bereit iſt, glaubte ich, daß Sie entfliehen würden.“ Die Röthe des Unwillens färbte Edmonds Wangen. „Ohne Sie!“ rief er.„Haben Sie mich wirklich ſolcher Nieder⸗ trächtigkeit fähig gehalten?“ „Ich ſehe jetzt, daß ich mich irrte,“ antwortete der Kranke; „ach! ich bin ſehr ſchwach, ſehr vernichtet.“ „Muth! Ihre Kräfte werden wiederkehren,“ ſagte Dantes, ſich neben Faria's Bett ſetzend und ſeine Hände ergreifend. Dieſer ſchüttelte den Kopf. „Das vorige Mal,“ ſagte er,„dauerte der Anfall eine halbe Stunde, nach welcher ich Hunger hatte und allein aufſtehen konnte. Heute kann ich weder meinen rechten Arm, noch mein rechtes Bein bewegen, und mein Kopf iſt eingenommen, welches eine Affection des Gehirns beweiſ't; bei dem dritten Male bleibe ich entweder ganz gelähmt oder ſterbe auf der Stelle.“ „Nein, nein, faſſen Sie Muth, beruhigen Sie ſich, Sie werden nicht ſterben. Dieſer dritte Anfall, wenn er Sie überhaupt trifft, wird Sie frei finden; wir heilen Sie, wie dieſes Mal, und beſſer, denn es wird uns nicht an den nöthigen Hilfsmitteln fehlen.“ „Mein Freund,“ ſagte der Kranke,„täuſchen Sie ſich nicht, die Kriſis, die ich ſo eben überſtanden habe, hat mich zu ewiger Gefangenſchaft verdammt; um zu fliehen, muß man gehen können.“ „Nun gut! wir warten acht Tage, einen Monat, zwei Monate, wenn's ſein muß; in dieſer Zeit werden Ihre Kräfte wiederkehren; zu unſerer Flucht iſt Alles bereit und es ſteht in unſerer Macht, Zeit und Stunde derſelben zu beſtimmen. An dem Tage, wo Sie 204 ſich ſtark genug fühlen, um ſchwimmen zu können, bringen wir unſern Plan zur Ausführung.“ „Ich werde nie wieder ſchwimmen,“ antwortete Faria,„dieſer Arm iſt gelähmt, nicht auf acht Tage und Monate, ſondern auf immer; heben Sie ihn auf, und fühlen Sie ſeine Schwere.“ Der junge Mann erhob den Arm, welcher todt und unbeweg⸗ lich zurückſank. Er ſeufzte. „Sind Sie jetzt überzeugt, Edmond?“ ſagte Faria;„glauben Sie mir, ich weiß, was ich ſage. Seit dem erſten Anfalle dieſes Uebels, den ich hatte, habe ich nie aufgehört, darüber nachzudenken; ich erwartete die Wiederholung deſſelben, denn das Uebel iſt erblich in unſerer Familie. Mein Vater ſtarb in dem dritten Anfalle, mein Großvater ebenfalls. Der Arzt, der mir dieſe Tropfen bereitet hat und der kein Anderer war, als der berühmte Cabanis, hat mir daſſelbe Schickſal prophezeit.“ „Der Arzt kann ſich irren,“ rief Dantes,„und was Ihre Lähmung anbetrifft, die ſoll uns nicht hindern, ich nehme Sie auf meine Schultern und ſchwimme mit Ihnen.“ „Kind!“ ſagte der Abbé,„Sie ſind Seemann, ſind Schwimmer, und müſſen mithin wiſſen, daß ein Mann mit einer ſolchen Laſt keine fünfzig Klaftern Meereslänge zurücklegen würde. Täuſchen Sie ſich nicht länger mit Hirngeſpinnſten, an die Ihr vortreffliches Herz nicht einmal glaubt. Ich muß nun ſchon hier bleiben, bis die Stunde meiner Befreiung, die keine andere als die meines Todes ſein kann, ſchlägt. Sie aber müſſen fliehen und von mir ſcheiden. Eilen Sie alſo, Sie ſind jung, kräftig und gewandt, beunruhigen Sie ſich meinetwegen nicht, ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück.“ „Ich bleibe,“ ſagte Dantes. Dann ſtand er auf, ſtreckte ſeine Hand feierlich gegen den Greis aus, und ſagte: „Bei dem Blute des Erlöſers ſchwöre ich, Sie erſt nach Ihrem Tode zu verlaſſen!“ Faria betrachtete den ſo einfachen, ſo edlen und erhabenen jungen Mann, und las in ſeinen von der reinſten Hingebung be⸗ lebten Zügen die Aufrichtigkeit ſeiner Zuneigung und dieſes Eides. „Nun wohl!“ ſagte er,„ich nehme es an. Dank.“ Dann reichte er ihm die Hand und ſprach: beloh wolle Galer die L darau in Fo Beſor unter Sie! Ihner C und ſeinen eunſern „dieſer ern auf nnbeweg⸗ glauben e dieſes denken; erblich le, mein eitet hat hat mir as Ihre Sie auf wimmer, chen Laſt Täuſchen treffliches bis die 3 Todes ſcheiden. nruhigen ück.“ egen den c Jlrem erhabenen bung be⸗ es Eides. Dann 205 „Sie werden vielleicht für dieſe uneigennützige Aufopferung belohnt werden; aber da ich nicht entfliehen kann und Sie nicht wollen, ſo iſt es von Wichtigkeit, daß wir die Höhlung unter der Galerie verſtopfen; der Soldat könnte ſonſt, indem er darüber ginge, die Leere der Stelle durch den Schall entdecken, einen Inſpector darauf aufmerkſam machen, der dann weitere Nachforſchung anſtellte, in Folge deren unſere Arbeiten entdeckt und wir getrennt würden. Beſorgen Sie alſo dieſes Geſchäft, bei dem ich Sie leider nicht mehr unterſtützen kann; wenden Sie die ganze Nacht dazu an und kommen Sie morgen erſt nach dem Beſuche des Kerkermeiſters. Ich habe Ihnen Wichtiges zu ſagen.“ Dantes ergriff die Hand des Abbé, der ihm lächelnd zunickte, und entfernte ſich mit dem Gehorſam und der Ehrfurcht, die er ſeinem alten Freunde gewidmet hatte. 8 A 4 1 5 8 8 3 —————— 8 X Edmon jett in nicht ve e3 mir allein 3 wollen, XIX. die Uel mich al Der Schatz. ü 3 Als Dantes am andern Morgen zu ſeinem kranken Freunde dieſer kam, fand er denſelben mit ruhigem Geſichte unter dem Sonnenſtrahle ſagte e ſitzend, der ſich durch das enge Fenſterchen ſeines Kerkers ſtahl. Er wollen hielt in der linken Hand, der einzigen, die er, wie der Leſer ſich wenn erinnern wird, gebrauchen konnte, ein Blatt Papier, welches durch weiiter beſtändiges Aufgerolltſein die Form eines Cylinders angenommen lt e hatte und ſich nicht glätten laſſen wollte. Er zeigte Dantes das„0 Papier, ohne ein Wort zu ſagen. weiß, „Was iſt das?“ fragte dieſer. Bedene „Sehen Sie es wohl an,“ antwortete Faria lächelnd. habe t „Ich ſtrenge meine ganze Sehkraft an,“ ſagte Dantes,„ſehe ſehn d aber nichts, als ein halbverbranntes Papier, auf welchem mit ſonder⸗ verfol barer Dinte gothiſche Schriftzüge verzeichnet ſind.“ in der „Dieſes Papier, mein Freund,“ ſagte der Abbé,„iſt, jetzt kann keit ich es Ihnen anvertrauen, weil ich Sie geprüft habe, dieſes Papier Welt iſt mein Schatz, deſſen Hälfte von heute an Ihr Eigenthum iſt.“ hoffnu Ein kalter Schweiß brach auf Dantes Stirne aus. Bis zu Ihne dieſem Tage, und wie lange war das ſchon, hatte er vermieden, Stund mit dem Abbé von dieſem Schatze, wegen deſſen man den armen Jüngt Mann für verrückt hielt, zu reden. Aus angeborenem Zartgefühle gelan hatte Edmond es vorgezogen, dieſe ſchmerzhaft bebende Saite nicht zu berühren, und da Faria auch über dieſen Punkt ſchwieg, ſo hatte er das Schweigen deſſelben für einen Beweis der Rückkehr ſeiner Vernunft gehalten. Heute ſchienen ihm dieſe Worte, die dem Greiſe nach einem ſo bedeutenden Krankheitsanfalle entſchlüpften, einen ernſten Rückfall jener Geiſteskrankheit anzudeuten. „Ihren Schatz?“ ſtammelte er. Faria lächelte. Freunde enſtrahle ahl. Er geſer ſich es durch enommen ntes das e,„ſehe it ſonder⸗ etzt kann 8 Papier m iſt.“ Bis zu dermieden, een armen artgefühle aite nicht „ſo hatte ehr ſeiner em Greiſe en, einen 207 „Ja,“ ſagte er;„Sie ſind in jeder Hinſicht ein edles Herz, Edmond, und ich errathe an Ihrem Schaudern und Erblaſſen, was jetzt in Ihrem Innern vorgeht. Nein, fürchten Sie nichts, ich bin nicht verückt, dieſer Schatz iſt wirklich vorhanden, Dantes; und wenn es mir nicht beſtimmt iſt, ihn zu beſitzen, ſoll er Ihnen, Ihnen allein gehören. Niemand hat mir glauben, ja mich nur anhören wollen, weil man mich für wahnſinnig hielt; aber Sie müſſen doch die Ueberzeugung vom Gegentheil erlangt haben, alſo, hören Sie mich an und dann werden Sie mir glauben.“ „Ach!“ murmelte Edmond in ſich hinein:„ſo iſt er wieder dieſer fixen Idee verfallen; dieſes Unglück fehlte mir noch.“ Dann ſagte er lauter:„Mein Freund, Ihr Anfall hat Sie angegriffen, wollen Sie ſich nicht erſt etwas Ruhe gönnen? Morgen werde ich, wenn Sie es wünſchen, Ihre Geſchichte hören, aber heute will ich weiter nichts, als Sie pflegen; übrigens,“ fuhr er lächelnd fort, „eilt es denn ſo für uns, mit dem Schatze?“ „Sehr, ſehr eilt es, Edmond,“ entgegnete der Greis;„wer weiß, ob nicht morgen oder übermorgen der letzte Augenblick kommt? Bedenken Sie, daß dann Alles aus iſt... Ja, es iſt wahr, ich habe oft mit bitterer Freude gedacht, daß dieſe Reichthümer, die zehn Familien glücklich machen könnten, für Diejenigen, welche mich verfolgen, verloren ſind: dieſer Gedanke war meine Rache, die ich in der Nacht meines Kerkers und der verzweiflungsvollen Einſam⸗ keit meiner Gefangenſchaft langſam einſog; aber jetzt, wo ich der Welt um Ihretwillen vergeben habe, jetzt, wo ich Sie jung und hoffnungsreich vor mir ſehe, jetzt, wo ich erwäge, welches Glück Ihnen aus dieſer Eröffnung erblühen kann, zittere ich vor jeder Stunde des Aufſchubes und fürchte, einen des Glückes ſo würdigen Jüngling nicht in den Beſitz ſo vieler vergrabener Reichthümer gelangen zu ſehen.“ Edmond wendete ſeufzend den Kopf ab. „Sie beharren bei Ihrer Ungläubigkeit, Edmond,“ fuhr Faria fort;„meine Stimme hat Sie nicht überzeugt. Ich ſehe, daß Sie Beweiſe haben müſſen. Nun denn! leſen Sie dieſes Papier, welches ich noch keinem Menſchen in die Hände gegeben habe.“ „Morgen, theurer Freund,“ ſagte Edmond, dem es widerſtand, 208 ſich der Thorheit des Greiſes hinzugeben;„ich dachte, wir wären überein gekommen, erſt morgen von dieſer Sache zu ſprechen?“ „Wir wollen erſt morgen davon ſprechen; aber leſen Sie jetzt dieſes Papier.“ „Ich will ihn nicht aufbringen,“ dachte Edmond und nahm das Papier, von dem die Hälfte, wie es ſchien, verbrannt war. Er las... „Nun!“ ſagte Faria, als der junge Mann zu leſen aufgehört hatte. „Aber,“ antwortete Dantes,„ich ſehe da nichts, als verſtümmelte Linien und unzuſammenhängende Worte; die Zeichen ſind durch das Feuer zerſtört und dadurch unverſtändlich.“ „Für Sie, mein Freund, der Sie zum erſten Male lieſ't, aber nicht für mich, der ich viele ganze Nächte darüber gebrütet, der ich jeden Satz vervollſtändigt, jeden Gedanken ergänzt habe.“ „Und Sie glauben dieſen ungewiſſen Sinn richtig aufgefaßt und erklärt zu haben?“ „Ich bin deſſen gewiß; Sie werden ſich davon überzeugen; aber vorher hören Sie die Geſchichte dieſes Papieres.“ „Still!“ rief Dantes;„Schritte... es kommt Jemand.. ich eile fort.. Adieu!“ Und Dantes, erfreut, dieſer Erzählung zu entkommen, die ihm nur die Geiſteszerrüttung ſeines beklagenswerthen Freundes darthun konnte, ſchlüpfte wie eine Schlange durch die ſchmale Oeffnung, während Faria, durch den Schrecken einer Art Thätigkeit zurück⸗ gegeben, die Steinplatte mit dem Fuße feſtſtieß und mit einer Matte bedeckte. 3 Es war der Gouverneur, der, weil ihm der Kerkermeiſter von dem Krankheitsanfalle des Abbé berichtet hatte, kam, um ſich ſelbſt von deſſen Bedeutung zu überzeugen. Faria empfing ihn ſitzend, vermied jede ſeinen Zuſtand verrathende Bewegung oder Geberde und erreichte ſeinen Zweck, dem Gouverneur die Lähmung, von welcher die eine Seite ſeines Körpers ſchon tödtlich getroffen war, zu verbergen. Er fürchtete, der Gouverneur möge, die ganze Be⸗ denklichkeit ſeines Zuſtandes erkennend, ihn in ein geſunderes Zimmer bringen laſſen und ihn ſo von ſeinem jungen Freunde trennen; aber dem war glücklicherweiſe nicht ſo und der Gouverneur entfernte ſich mit der Ueberzeugung, daß ſein armer Verrückter, für den er im —————— 1 Kopf in Fatia! daß er allen betrog Welt ü nicht, z der ihn ſo weit ſchreckl des Ker er, der ſchaude fortzuſe konnte uu zieh Oeffnu „ er mi meiner doch!“ G ſich au Platz. Freu war. dieſe thum Reich Gerüc lichkei ein q und D hen?⸗ . Sie jetzt nahm das Er las.. aufgehört ſtümmelte durch das lieſt, aber et, der ich aufgefaßt berzeugen; md.. ich , die ihm s darthun Oeffnung, eit zurück⸗ mit einer neiſter von ſich ſellſt n ſitzend, er Geberde nung, von offen war, ganze Be⸗ es Zimmer nen; aber fernte ſich den er im 209 Grunde ſeines Herzens eine gewiſſe Zuneigung empfand, nur von einem leichten Unwohlſein befallen ſei. Unterdeſſen verſuchte Edmond, auf ſeinem Bette ſitzend, den Kopf in die Hände geſtützt, ſeine Gedanken zu ſammeln. Alles an Faria war ſo vernünftig, ſo groß und folgerecht, ſeit er ihn kannte, daß er nicht begreifen konnte, wie dieſe ausnehmende Weisheit in allen Punkten ſich mit ſolcher Unvernunft über einen Punkt vertrug: betrog ſich Faria über ſeinen Schatz, oder betrog ſich die ganze Welt über Faria? Dantes blieb den ganzen Tag allein und wagte nicht, zu ſeinem Freunde zurückzukehren. Er wollte den Augenblick, der ihm die Gewißheit geben würde, daß der Abbé wahnſinnig ſei, ſo weit wie möglich hinausrücken: dieſe Ueberzeugung mußte ihm ſchrecklich ſein. Als aber Faria gegen Abend, nach der Anweſenheit des Kerkermeiſters, den jungen Mann vergebens erwartete, verſuchte er, den Zwiſchenraum, der ſie trennte, zu durchſchreiten. Edmond ſchauderte, als er die ſchmerzlichen Verſuche des Greiſes, um ſich fortzuſchleppen, hörte: ſein Bein war gelähmt und mit ſeinem Arme konnte er ſich nicht helfen. Edmond ſah ſich genöthigt, ihn zu ſich zu ziehen, denn er wäre nicht im Stande geweſen, allein die enge Oeffnung, die zu Dantes Stube führte, hinauf zu klimmen. „Hier bin ich, mitleidslos auf Ihre Verfolgung erpicht,“ ſagte er mit einem von Wohlwollen ſtrahlenden Lächeln;„Sie glauben meiner Macht zu entfliehen, aber das wird nicht ſein. Hören Sie doch!“ Edmond ſah, daß nicht zu entkommen war: er ließ den Greis ſich auf ſein Bett ſetzen und nahm auf ſeinem Schemel neben ihm Platz. „Sie wiſſen,“ ſagte der Abbé,„daß ich der Vertraute, der Freund des Cardinal Spada, des letzten der Prinzen dieſes Hauſes war. Ich danke dieſem würdigen Herrn alles Glück, was ich in dieſem Leben genoſſen habe. Er war nicht reich, obgleich der Reich⸗ thum ſeiner Familie ſprichwörtlich war, und ich habe oft ſagen hören: Reich wie ein Spada. Er war alſo nicht reich und hatte von dieſem Gerüchte unermeßlicher Schätze nichts, als die beunruhigende Mög⸗ lichkeit, daß und wo dieſelben exiſtiren könnten. Sein Palaſt war ein Paradies. Ich unterrichtete ſeine Neffen, die vor ihm ſtarben, und als er allein auf der Welt war, vergalt ich ihm durch eine Der Graf von Monte⸗Chriſto. 14 210 grenzenloſe Hingebung Alles, was er ſeit zehn Jahren für mich gethan hatte. „Bald hatte das Haus des Cardinals keine Geheimniſſe mehr für mich; ich hatte Monſignore oft beſchäftigt geſehen, die Familien⸗ papiere zu durchwühlen und den Staub von den alten Urkunden zu wiſchen. Eines Tages, als ich ihm Vorwürfe machte über dieſe unnützen Nachtwachen und angreifenden erfolgloſen Forſchungen, ſah er mich bitter lächend an und öffnete mir ein Buch, welches die Geſchichte der Stadt Rom enthielt. Da fand ich in dem zwanzigſten Kapitel der Lebensgeſchichte des Papſtes Alexanders VI. folgende Zeilen, die ich nie vergeſſen habe. „Die großen Kriege der Romagna waren zu Ende; Cäſar Borgia, der ſeinen Sieg erkauft hatte, bedurfte Geld, um ganz Italien zu kaufen; der Papſt bedurfte Geld, um mit Ludwig dem Zwölften von Frankreich, der in ſeiner letzten Anſtrengung noch fürchterlich war, zu Ende zu kommen. Sie mußten alſo eine gute Speculation machen, was in dieſem armen, ausgeſogenen Italien ſchwer war. „Seine Heiligkeit beſchloß, zwei Cardinäle zu creiren. Indem er zwei der größten, beſonders der reichſten Fürſten Roms erwählte, machte er folgende Berechnung: Erſtlich konnte er nun die wichtigen Chargen und Ehrenämter, welche dieſe beiden Cardinäle bis jetzt begleitet hatten, verkaufen, zweitens war auf einen ſehr bedeutenden Kaufpreis für die beiden Hüte zu rechnen. „Eine dritte Speculation wird ſich bald zeigen. Der Papſt und Cäſar Borgia hatten bald die beiden künftigen Cardinäle auf⸗ gefunden; es waren Giovanni Rospiglioſi, der vier hohe Aemter vom heiligen Stuhle hatte, und Ceſare Spada, einer der edelſten und reichſten Römer. Sie fühlten Beide den Werth dieſer Gunſt des Papſtes. Sie waren ehrgeizig! Als der Papſt über ihre Be⸗ rufung entſchieden hatte, fand er auch bald Abnehmer für ihre bis⸗ herigen Chargen. „Es iſt bekannt, daß Rospiglioſi und Spada, um Cardinäle zu werden, und acht Andere für ihre bisherigen Charagen 800,000 Thlr. in die Kaſſen der beiden feinen Speculanten fließen ließen. „Nun iſt es Zeit, die dritte Speculation zu enthüllen. Da der Papſt Rospiglioſi und Spada mit Ehrenbezeugungen überhäuft und ————— ihnen feit daf genügen gemach ſelben glladen Pater wenden hatte, Leute l dine I ſtehende Sdlloß todt. anſteck biß die undzwe entwed zuſchlie Alexan den v Mirſ fach m Indig nach zur 7 die d hatte mit Man um Ausſ ſage fand für mi niſſe mehr Familien⸗ Urkunden üder dieſe ungen, ſah velches die wanzigſten folgende de; Ciſar um ganz dwig dem gung noch eine gute en Italien n. Indem z erwählte, e wichtigen le bis jetzt edeutenden der Papſt dinäle auf⸗ hhe Aemter der edelſten jeſer Gunſt er ihre Be⸗ r ihre bis⸗ ardinäle zu ,000 Thlr. en. „Da der thäuft und 211 ihnen die Cardinals⸗Hüte gegeben hatte, und ſie um ihre Dankbar⸗ keit dafür zu beweiſen, und ihren hohen Ehrenſtellen vollſtändig zu genügen, ihre meiſten auswärtigen Beſitzthümer vollſtändig zu Gelde gemacht und ſich ganz in Rom niedergelaſſen hatten, wurden die⸗ ſelben eines Tages von dem Papſte und Cäſar Borgia zu Tafel geladen. Dieſes war der ſtreitige Punkt zwiſchen dem heiligen Vater und ſeinem Sohne. Cäſar dachte eines jener Mittel anzu⸗ wenden, die er für ſeine intimen Freunde immer in Bereitſchaft hatte; erſtlich den berüchtigten Schlüſſel, mit welchem man gewiſſe Leute bat, gewiſſe Schränke aufzuſchließen. Dieſer Schlüſſel hatte, eine Nachläſſigkeit des Schloſſers wahrſcheinlich, eine kleine vor⸗ ſtehende Spitze. Dieſe Spitze ſtach den, der mit Anſtrengung dieſes Schloß öffnen wollte, in die Hand und am folgenden Tage war er todt. Auch war da ein Ring mit einem Löwenkopfe, den Cäſar anſteckte, wenn er gewiſſe Händedrücke anbringen wollte. Der Löwe biß die Haut dieſer begünſtigten Hände und der Biß war nach vier⸗ undzwanzig Stunden tödtlich. Cäſar ſchlug alſo ſeinem Vater vor: entweder die Cardinäle zu veranlaſſen, den bewußten Schrank auf⸗ zuſchließen, oder Jedem freundſchaftlich die Hand zu ſchütteln. Aber Alexander VI. antwortete ihm: „Wie kann es uns auf ein Mittagseſſen ankommen, wenn von den vortrefflichen Cardinälen Rospiglioſi und Spada die Rede iſt. Mir ſagt eine Ahnung, daß wir die Koſten deſſelben doppelt und drei⸗ fach wiedergewinnen werden. Uebrigens vergißt Du, Cäſar, daß eine Indigeſtion ſich gleich entſcheidet, während ein Stich oder Biß erſt nach einem oder zwei Tagen zum Ziele führt.“ „Cäſar gab dieſen Argumenten nach, und die Cardinäle wurden zur Tafel eingeladen. Die Tafel wurde in jener reizenden Villa, die der Papſt beſaß, und von der die Cardinäle ſchon viel gehört hatten, ſervirt. Rospiglioſi, ganz entzückt von ſo viel Güte, kam mit Freuden, Spada, ein vorſichtiger und ſchon etwas argwöhniſcher Mann, nahm Papier, Feder und Dinte und machte ſein Teſtament, um ſeinem Neffen, einem jungen Hauptmanne von den ſchönſten Ausſichten, ſeinen Nachlaß zuzuwenden. Dann ließ er dieſem Neffen ſagen, er möge ihn am Eingange der Villa erwarten. Der Diener fand ihn nicht zu Hauſe. „Spada kannte die Einladungen. Seit das Chriſtenthum die 14* — —————— — 212 Civiliſation in Rom geſteigert hatte, kam nicht mehr ein Centurio, um im Namen des Tyrannen zu ſagen:„Cäſar verlangt Deinen Tod,“ ſondern ein Legat a latere kam mit lächelndem Munde, um im Namen des Papſtes zu ſagen:„Seine Heiligkeit ladet Euch zur Tafel ein.“ Spada kam gegen zwei Uhr in der Villa an; der Papſt erwartete ihn ſchon. Das Erſte, was er erblickte, war ſein Neffe, geſchmückt und glücklich, gegen den Cäſar Borgia auf die anmuthigſte Weiſe den Wirth machte. Spada erbleichte und ſah an Cäſars tückiſcher, ſpottender Miene, daß er richtig vor⸗ ausgeſehen hatte, und die Schlinge gut gelegt war. „Man ſpeiſ'te, Spada hatte ſeinen Neffen nur fragen können, ob er ſeine Botſchaft erhalten habe? Der Neffe verneinte und be⸗ griff das Gewicht dieſer Frage vollkommen. Es war zu ſpät, denn der junge Mann hatte ſchon von einem köſtlichen Weine getrunken, den der Kellermeiſter des Papſtes beſonders für ihn zurückgeſetzt hatte. Zugleich ſah Spada eine andere Flaſche bringen, aus welcher er freigebig bedient wurde. Eine Stunde darauf erklärte der Arzt ſie beide für vergiftet durch Morcheln. Spada hauchte ſeinen Geiſt auf der Schwelle der Villa aus, der Neffe verſchied vor ſeinem Hauſe, ein Zeichen machend, welches ſeine Gattin nicht verſtand. „Sogleich beeilten ſich Cäſar und der Papſt, unter dem Vor⸗ wande, die Papiere der Verſtorbenen nachzuſehen, die Erbſchaft in Empfang zu nehmen. Aber es fand ſich nur ein Blättchen Papier, worauf Spada geſchrieben hatte:„Ich hinterlaſſe meinem vielge⸗ liebten Neffen meine Koffer, meine Bücher und unter denſelben mein Gebetbuch mit goldenen Ecken, mit dem Wunſche, daß er das Andenken ſeines ihn herzlich liebenden Oheims in Ehren halten möge.“ Die Erben durchſuchten Alles, bewunderten das Gebetbuch, legten Hand an die Meubels und wunderten ſich, daß Spada, der Reiche, kein beſſerer Oheim war; nirgends Schätze, außer den Schätzen des Wiſſens, die in der Bibliothek und den Laboratorien enthalten waren. Cäſar und ſein Vater ſuchten, ſpähten, wühlten; ſie fanden nichts, oder nur herzlich wenig: für ein⸗ bis zweitauſend Thaler Silbergeſchirr, und ungefähr eben ſo viel gemünztes Gold und Silber; aber der Neffe hatte noch ſterbend zu ſeiner Gattin geſagt:„Suche unter den Papieren meines Oheims, ſie enthalten ein giltiges Teſtament.“ ———— „1 Erben; und ein glter galäſt und ſei ſloſſen; bäſar, Halt, welcher ließ; e heit, w ſchichte Sohnes wieder behaup einer undure der al demſe gewuf keine plünd Sacht eine bitte verfl ſtand Jene vollſt zu de über beklo ar Borgia erbleichte ichtig vor⸗ en können, te und be⸗ ſpät, denn getrunken, jrückgeſetzt us welcher e der Arzt einen Geiſt vor ſeinem erſtand. dem Vor⸗ röſchaft in en Papier, em vielge⸗ denſelben aß er das ten halten Gebetbuch, Spada, der außer den aboratorien „wühlten; weitauſend ztes Gold ner Gatt enthalten 213 „Die Verwandten ſuchten, vielleicht noch eifriger als die erhabenen Erben; es war umſonſt. Die ganze Erbſchaft waren zwei Paläſte und ein Weinberg hinter dem Palatino. Aber die unbeweglichen Güter hatten damals einen nur ſehr mittelmäßigen Werth; die beiden Paläſte und der Weinberg verblieben, als der Raubſucht des Papſtes und ſeines Sohnes zu gering, der Familie. Monate und Jahre ver⸗ floſſen; Alexander VI. ſtarb vergiftet, durch eine Verwechslung; Cäſar, mit ihm zugleich vergiftet, kam mit der Abſtreifung ſeiner Haut, wie die Schlangen, davon und bekam eine neue Hülle, auf welcher das Gift Flecken wie auf dem Felle eines Tigers zurück⸗ ließ; endlich gezwungen, Rom zu verlaſſen, verlor er ſich in Dunkel⸗ heit, wurde in einem nächtlichen Gefechte getödtet und von der Ge⸗ ſchichte beinahe vergeſſen. „Nach dem Tode des Papſtes und der Verbannung ſeines Sohnes erwartete man allgemein, die Familie die fürſtliche Würde wieder annehmen zu ſehen, die ſie zur Zeit des Cardinals Spada behauptet hatte; aber dem war nicht alſo; die Spada's blieben in einer drückenden, ihrem hohen Stande unangemeſſenen Lage, ein undurchdringliches Geheimniß laſtete auf dieſer finſtern Begebenheit; der allgemeinen Meinung nach hatte Cäſar, ſchlauer als ſein Vater, demſelben das Vermögen der beiden Cardinäle zu unterſchlagen gewußt; ich ſage der Beiden, denn der Cardinal Rospiglioſi, der keine Vorſichtsmaßregel getroffen hatte, wurde vollſtändig ausge⸗ plündert. „Bis jetzt,“ unterbrach ſich Faria lächelnd,„ſcheint Ihnen die Sache eben nicht verrückt, nicht wahr?“ „O! mein Freund,“ erwiderte Dantes,„ich glaube vielmehr eine höchſt intereſſante Begebenheit zu leſen. Fahren Sie fort, ich bitte Sie.“ „Die Familie gewöhnte ſich an dieſe Beſchränktheit. Jahre verfloſſen. Einige der Nachkommen widmeten ſich dem Soldaten⸗ ſtande, Andere der Diplomatie; Dieſe widmeten ſich der Kirche, Jene wurden Banquiers; Einige bereicherten ſich, während Andere vollſtändig verarmten. Ich komme jetzt zu dem Letzten der Familie, zu dem Grafen Spada, deſſen Secretair ich war. Oft habe ich ihn über das Mißverhältniß ſeines Vermögens zu ſeinem Range ſich beklagen hören; auch hatte ich ihm den Rath gegeben, das geringe 214 Vermögen, welches er noch beſaß, auf Leibrenten anzulegen; er folgte dieſem Rathe und verdoppelte dadurch ſeine Einnahme. Das merkwürdige Gebetbuch war in der Familie geblieben, alſo zuletzt ein Eigenthum des Grafen Spada; es war vom Vater auf den Sohn vererbt, denn die ſonderbare Clauſel des einzigen aufgefun⸗ denen Teſtaments hatte dieſes Buch zu einer Reliquie gemacht, welche mit faſt abergläubiſcher Verehrung in der Familie aufbe⸗ wahrt wurde. Dieſes Buch enthielt die ſchönſten farbigen, gothiſchen Gemälde und war ſo ſchwer von Gold, daß der Cardinal an großen Feſttagen es von einem Diener vor ſich hertragen ließ. „Angeregt durch das Räthſelhafte, welches über dem Nachlaſſe des vergifteten Cardinals Spada ſchwebte, machte ich mich, wie zwanzig Vertraute, Indentanten und Secretaire ſchon vor mir gethan hatten, darüber her, die vielen Papiere, Pergamente, Beſitztitel und Contracte, kurz die Urkunden und Documente aller Art, die in dem Familienarchiv aufbewahrt wurden, mit der größten Genauigkeit zu durchforſchen, fand aber nichts, ungeachtet der Thätigkeit und Ge⸗ nauigkeit meiner Durchſicht. Indeſſen hatte ich eine genaue, ja faſt tagebuchartige Geſchichte des Hauſes Borgia nicht nur geleſen, ſon⸗ dern ſogar ſelbſt geſchrieben, um mich genau zu unterrichten, ob der Vermögenszuſtand dieſer Prinzen ſich ſeit dem Tode des Cardinal Ceſare Spada verbeſſert habe, doch fand ich nichts, als die Auf⸗ zählung der Güter des Cardinals Rospiglioſi, ſeines Unglücksgefährten. Ich war alſo ziemlich ſicher, daß die Erbſchaft ſo wenig den Borgia's als der Familie zu Gute gekommen und ohne Herrn geblieben war, wie jene Schätze der arabiſchen Märchen, die im Schooße der Erde, von einem Genius bewacht, ſchlummern. Ich rechnete, berechnete und überſchlug tauſend und aber tauſend Mal die Einkünfte und Ausgaben der Familie ſeit dreihundert Jahren; Alles umſonſt, ich verblieb in meiner Unwiſſenheit, der Graf in ſeiner Dürftigkeit. „Mein Gönner ſtarb. Seine Familienpapiere, ſeine aus unge⸗ fähr fünftauſend Bänden beſtehende Bibliothek, nebſt dem bewußten Gebetbuche, hatte er von der Leibrente ausgeſchloſſen, und nebſt etwa tauſend römiſchen Thalern, die in ſeiner Kaſſe waren, mir vermacht, mit der Bedingung, daß ich jährliche Seelenmeſſen leſen laſſen und eine genealogiſche Geſchichte ſeines Hauſes ſchreiben ſolle; welches ich ſehr pünktlich befolgt habe...“ legen; er me. Das alſ zulett t auf den zehn Tage nach dem Ableben des Grafen Spada, am 25. December aufgefun⸗ e gemacht, llie auſbe⸗ gothiſchen an großen Naclaſſe mich, wie wir gethan ittitel und die in dem auigkeit zu t und Ge⸗ ne, ja faſt eleſen, ſon⸗ ten, ob der 3 Cardinal 3 die Auf⸗ sgefährten. Borgia's ieben war, der Erde, berechnete künfte und mſonſt, ich rftigkeit. aus unge⸗ nbewußten und nebſt garen, mir nſen leſen eiben ſolle; V — S— —zZ 215 „Werden Sie nicht ungeduldig, mein lieber Edmond, wir ſind Pald fertig.“ „Anno 1807, einen Monat vor meiner Verhaftung und vier⸗ (Sie werden bald ſehen, wodurch das Datum dieſes Tages mir unvergeßlich geworden iſt) las ich, mit dem Ordnen der Papiere beſchäftigt, weil ich den Palaſt, der nun einem Fremden gehörte, in vierzehn Tagen verlaſſen und mit etwa zwölftauſend Livres, meiner Bibliothek und meinem merkwürdigen Gebetbuche, nach Florenz ziehen wollte, dieſelben zum tauſendſten Male durch und war in Folge mehrer Nachtwachen dabei eingeſchlafen; als ich er⸗ wachte, war die Nacht hereingebrochen und ich befand mich in gänz⸗ licher Dunkelheit. Ich klingelte, um mir Licht zu beſtellen, da aber Niemand kam, beſchloß ich, mich philoſophiſch ſelbſt zu bedienen, woran ich mich ja ohnehin nun gewöhnen mußte, nahm in die eine Hand meinen Wachsſtock, den ich an ſeinem beſtimmten Platze fand, und ſuchte in Ermangelung eines Zündhölzchens, mit der andern Hand umhertaſtend, ein Papier, welches ich an der Gluth im Kamine anzuzünden gedachte; beſorgt, in der Dunkelheit, ſtatt eines leeren Papieres ein wichtiges Document zu verbrennen, zögerte ich, als mir einfiel, daß ich ſchon oft in dem auf dem Tiſche liegen⸗ den Gebetbuche ein vergelbtes, unbeſchriebenes Papier bemerkt hatte, das als Zeichen gedient haben mochte und von der frommen Ehr⸗ furcht der Erben geſchont, Jahrhunderten getrotzt hatte. Taſtend ſuchte und fand ich dieſes unnütze Blatt, ich drehte es zuſammen und zündete es mühſam an der ſchon erlöſchenden Gluth des Kamins an. Aber indem das Feuer ſich verbreitete, erſchienen, wie durch Zauberei, Charaktere auf dem Papiere. Entſetzen ergriff mich, ich dämpfte, das Blatt in der Hand zuſammendrückend, die Flamme und zündete den Wachsſtock ſelbſt an. Mit unbeſchreiblicher Beweg⸗ ung glättete ich das zerknitterte Papier, und überzeugte mich bald, daß es mit geheimnißvoller ſympathetiſcher Dinte beſchrieben war, welche durch die Flamme, die beinahe den dritten Theil des Blattes zerſtört hatte, zum Vorſchein gekommen war.“ „Dieſes Papier iſt es, Dantes, was Sie dieſen Morgen geleſen haben. Leſen Sie es nochmals mit Aufmerkſamkeit, und dann werde ich Ihnen das Fehlende ergänzen.“ Und Faria überreichte dem jungen Manne triumphirend das Papier, welcher diesmal mit beinahe gieriger Aufmerkſamkeit folgende, mit einer röthlichen, faſt roſtähnlichen Dinte geſchriebene Worte las: „Heute, am 25. April, zum Alexander VI. und fürchtend, daß Die den Hut, noch möchte von mir erben wollen, und mir und Bentivoglio, die an Gift ſtarben, zugedacht habe zum Erben aller meiner Güter, die ich ver weil er ihn mit mir beſucht hat. Nämlich in Inſel Monte⸗Chriſto wird er finden Alles was ich beſ Steinen, Diamanten und ſonſtigen Kleinodien; ich allein ungefähr auf zwei Millionen römiſche dem zwanzigſten Felsvorſprunge Bucht aus, finden wird. In die Höh der Schatz iſt befindlich in dem entfernteſten Dieſen Schatz hinterlaſſe und vermache einzigen und rechten Erben. Am 25. April 1498. Ceſ „Jetzt,“ ſagte der Abbé,„leſen Sie dieſes andere Papier.“ Hiermit reichte er Dantes ein zweites Blatt mit auch abgebrochenen Zeilen.„Und jetzt,“ ſagte er, als er ſah, daß Dantes es bis zu Ende geleſen hatte,„jetzt halten Sie die beiden Bruchſtücke zuſammen und urtheilen Sie ſelbſt.“ Dantes gehorchte, die beiden Fragmente gaben vereinigt fol⸗ gendes Ganze: „Heute, am 25. April, zum... Mittagseſſen eingeladen von Seiner Heiligkeit dem Papſte... Alexander VI. und fürchtend, daß Die.. ſelbe, nicht zufrieden mit dem Kaufpreiſe für... den Hut, noch möchte von mir erben wollen und mir.. das Geſchick der Cardinäle Caprera... und Bentivoglio, die an Gift ſtarben, zugedacht habe... ernenne ich meinen Neffen, Guido Spada... zum Erben aller meiner Güter, die ich ver... graben habe, an einem Orte, den er kennt,... weil er ihn mit mir beſucht hat. Nämlich in... den Höhlen der kleinen... Inſel Monte⸗Chriſto wird er finden Alles was ich beſ... aß, an Gold⸗ und Silber⸗ geräth, gemünztem Golde... Steinen, Diamanten und ſonſtigen Kleinodien; ich allein... kenne den Aufenthaltsort dieſes Schatzes, rend dos fulgende, borte lag. Papier.“ ebrochenen es bis zu zuſammen inigt fol⸗ laden von fürchtend, ür.. den s Geſchick ft ſtarben, Spada... habe, an fſucht hat. nteChriſto d Silber⸗ ſonſtigen Schatzee, der ſich... ungefähr auf zwei Millionen römiſche... Thaler be⸗ laufen kann, und den er unter... dem zwanzigſten Felsvorſprunge .. in gerader Linie von der kleinen weſtlichen... Bucht aus, finden wird. In die Höh.. len ſind zwei Oeffnungen gemacht .. der Schatz iſt befindlich in dem entfernteſten... Winkel von der zweiten Oeffnung... Dieſen Schatz hinterlaſſe und vermache .. ich ihm in aller Form Rechtens, als meinem... einzigen und rechten Crben. Am 25. April 1498. Ceſ.. jare Spada.“ „Nunl verſtehen Sie endlich?“ fragte Faria. „Es war die Erklärung des Cardinal Spada und das Teſta⸗ ment, welches man ſeit ſo langer Zeit geſucht hatte,“ antwortete Edmond, noch etwas zweifelnd. „Ja, tauſend Mal, ja!“ „Wer hat es ſo wieder zuſammengeſetzt?“ „Ich, der ich mit Hilfe des vorhandenen Bruchſtückes, und indem ich die Länge der abgebrannten Zeilen berechnete, das Feh⸗ lende errieth und durch das Sichtbare das Unſichtbare auffand, wie man ſich in einem Souterrain mit Hilfe eines Lichtſchimmers von oben zu recht finden lernt.“ „Und was thaten Sie, als Sie dieſe Ueberzeugung gewonnen zu haben glaubten?“ „Ich wollte abreiſen, reiſ'te ſogar gleich ab, den Anfang meines großen Werkes über die Vortheile und die Mittel zur Erreichung einer Monarchie für ganz Italien mit mir nehmend; aber ſchon lange hatte die kaiſerliche Polizei, die in dieſer Zeit im Gegenſatz zu dem, was Napoleon ſpäter wollte, als ihm ein Sohn geboren war, die Zerſplitterung der Provinzen beabſichtigte, ein Auge auf mich gerichtet: meine ſchnelle Abreiſe, deren Grund ſie nicht ahnen konnte, erweckte ihren Argwohn wieder, und im Augenblicke meiner Einſchiffung zu Piombino wurde ich verhaftet.“ „Jetzt,“ fuhr Faria, Dantes mit faſt väterlichem Ausdrucke anſehend, fort,„jetzt, mein Freund, wiſſen Sie davon ſo viel als ich. Wenn wir jemals zuſammen entfliehen, gehört die Hälfte meines Schatzes Ihnen; ſterbe ich hier und Sie entfliehen allein, gehört er Ihnen ganz.“ 217 1 3*½ 1 5 4 1 4 3 R 1 ——ÿ4—— .——„ —y= — —— 218 „Aber,“ fragte Dantes zögernd,„iſt denn in der ganzen Welt Niemand, der nähere Anſprüche an dieſen Schatz hat, als wir?“ „Nein, nein, beruhigen Sie ſich, die Familie iſt ganz ausge⸗ ſtorben. Ueberdem hat der letzte Graf Spada mich zu ſeinem Erben ernannt; indem er mir das bedeutende Gehetbuch vermachte, be⸗ ſtimmte er mir auch den Inhalt deſſelben. Nein, nein, ängſtigen Sie ſich nicht, wenn wir den Schatz heben, ſo können wir uns ſeiner mit gutem Gewiſſen erfreuen.“ „Und Sie ſagten, dieſer Schatz betrüge...“ „Zwei Millionen römiſche Thaler, was ungefähr dreizehn Mil⸗ lionen unſerer Münze beträgt.“ „Unmöglich!“ rief Dantes, von der Größe der Summe erſchreckt. „Unmöglich! und warum?“ entgegnete der Greis.„Die Familie Spada war eine der älteſten und mächtigſten Familien des fünf⸗ zehnten Jahrhunderts. Uebrigens waren in jenen Zeiten, wo alle Speculation und alle Induſtrie darniederlag, die Ankaufungen von Gold und Kleinodien nichts Seltenes; es exiſtiren noch jetzt römiſche Familien, die vor Hunger ſterben, dabei aber Millionen an Dia⸗ manten und Steinen beſitzen, die in Majoraten beſtehen und unan⸗ taſtbar ſind.“ Edmond glaubte zu träumen; er ſchwankte zwiſchen Ungläubig⸗ keit und Freude. „Ich habe nur ſo lange gegen Sie geſchwiegen, um erſtlich Sie zu prüfen und dann Sie zu überraſchen. Wenn wir vor meinem Schlaganfalle entflohen wären, würde ich Sie nach Monte⸗Chriſto geführt haben; jetzt,“ fügte er ſeufzend hinzu,„müſſen Sie mich hin⸗ führen. Nun! Dantes, Sie danken mir nicht einmal?“ „Dieſer Schatz gehört Ihnen, mein Freund,“ ſagte Dantes;„er gehört Ihnen allein, und ich habe kein Recht daran; ich bin nicht Ihr Verwandter.“ „Sie ſind mein Sohn, Dantes!“ rief der Greis.„Sie ſind das Kind meiner Gefangenſchaft. Mein Stand verdammte mich zur Eheloſigkeit, Gott ſchickte mir Sie, um den Mann zu tröſten, der nicht Vater, und den Gefangenen, der nicht frei ſein konnte.“ Und Faria ſtreckte ſeinen einzigen noch geſunden Arm gegen den jungen Mann aus, der ſich weinend an ſeine Bruſt warf. 1ℳ —,——— — 8— ——————Qö- aen Welt 3 wir?⸗ anz ausge⸗ nem Erben achte, be⸗ ingfigen- wir unz zehn Mil⸗ erſcheck. ie Familie des fünf⸗ n, wo alle ungen von üt römiſche n an Dia⸗ und unan⸗ Ungläubig⸗ erſtlich Sie er meinem nte⸗Chriſto wmich hin⸗ antes,„er hbin nicht „Sie ſind te mich zur röſten, der inte.“ warf. Urm gegen XX. Der dritte Anfall. Jetzt, nun dieſer Schatz, der ſo lange das Nachdenken des Abbé beſchäftigt hatte, das Glück desjenigen ſichern konnte, den er wahr⸗ haft väterlich liebte, hatte derſelbe doppelten Werth in ſeinen Augen: täglich ſprach er über den Betrag deſſelben und ſetzte Dantes aus⸗ einander, wie viel Gutes ein Mann in unſeren Tagen ſeinen Freunden mit dreizehn oder gar vierzehn Millionen thun könne; dann verfinſterte ſich Dantes Geſicht, denn der Racheſchwur, den er gethan hatte, fiel ihm ein und er bedachte nun ſeinerſeits, wie viel Böſes auch in unſern Tagen ein Mann, dem dreizehn oder vier⸗ zehn Millionen zu Gebote ſtehen, ſeinen Feinden zufügen könne. Der Abbé kannte die Inſel Monte⸗Chriſto nicht, aber Dantes kannte ſie; ihre Lage, fünfundzwanzig Meilen von Pianoſa, zwiſchen Corſika und der Inſel Elba, hatte ihn oft an ihr vorübergeführt, ja einmal hatte er ſogar daſelbſt angelegt. Dieſe Inſel war immer und iſt noch jetzt völlig unbewohnt; ſie iſt ein faſt kugelförmiger Felſen, der durch irgend eine vulkaniſche Erſchütterung von der Tiefe der Meeres emporgeſchleudert zu ſein ſcheint. Dantes zeichnete Faria den Plan der Inſel, und dieſer gab jenem Rathſchläge über die beſten Mittel, den Schatz aufzufinden. Dantes war indeſſen weit entfernt, eben ſo begeiſtert und eben ſo vertrauensvoll als der Abbé zu ſein; er war jetzt ſehr überzeugt, daß Faria nicht wahnſinnig war, und die Art, wie er zu dieſer Entdeckung, wegen welcher man ihn für verrückt hielt, gekommen war, vermehrte noch ſeine Bewunderung dieſes außerordentlichen Mannes; dennoch aber konnte er nicht glauben, daß der angegebene Schatz, wenn er überhaupt je exiſtirt habe, jetzt, nach mehr als drei Jahrhunderten, noch an dem bezeichneten Orte befindlich ſein werde; 220 und er dachte ſich den Schatz, wo nicht als chimäriſch, aber doch als nicht mehr vorhanden. Unterdeſſen wurde, als hätte das Geſchick den beiden Gefan⸗ genen ihre letzte Hoffnung rauben, und ihnen zeigen wollen, daß ſie zu ewiger Gefangenſchaft beſtimmt ſeien, die Galerie nach dem Meeresufer zu, die ſchon lange ſchadhaft geweſen war, ausgebeſſert; die nach und nach entſtandenen Lücken wurden ausgefüllt und das von Dantes ſchon halb angefüllte Loch mit ungeheuren Felsſtücken vollends unzugänglich gemacht. Ohne jene, wie der Leſer ſich er⸗ innern wird, von dem Abbé nach ſeinem erſten Krankheitsanfalle angeordnete Vorſichtsmaßregel würde ihr Unglück noch größer ge⸗ weſen ſein, indem man bei der Reparatur die Höhlung entdeckt, durch dieſelbe bis zu ihnen gelangt ſein und ſie getrennt haben würde. So hatte ſich nur ein neues, nicht zu beſeitigendes Hinderniß zwiſchen ihnen und der Außenwelt aufgethürmt. „Sie ſehen wohl, Faria,“ ſagte Dantes mit ſanfter Betrübniß, „daß Gott mir ſogar das Verdienſt an dem, was Sie meine Auf⸗ opferung für ſie nennen, rauben will. Ich habe Ihnen verſprochen, Sie nie zu verlaſſen, und jetzt ſteht es nicht einmal mehr in meiner Macht, dieſes Verſprechen freiwillig zu brechen; ich werde ſo wenig den Schatz haben als Sie, und Keiner von uns Beiden wird ent⸗ fliehen. Uebrigens, mein Freund, mein wahrer Schatz, der meiner unter dem düſtern Felſen von Monte Chriſto wartete, iſt Ihre Gegen⸗ wart, iſt unſer Zuſammenſein von fünf bis ſechs Stunden täglich, unſerem Kerkermeiſter zum Trotz. Es ſind die Strahlen des Geiſtes, die Sie über mein Gehirn ergoſſen, die Sprachen, die Sie meinem Gedächtniſſe eingepflanzt haben, wo ſie in allen ihren philologiſchen Verzweigungen keimen und wachſen. Die verſchiedenen Wiſſenſchaften, deren Erlangung Sie mir durch Ihre tiefe und gründliche Kenntniß derſelben ſo leicht und zugänglich gemacht haben. Das iſt mein Schatz, mein verehrungswürdiger Freund, darin haben Sie mich reich und glücklich gemacht. Glauben Sie mir, und tröſten Sie ſich deshalb, das iſt mir mehr werth, als Tonnen Goldes und Kiſten voll Diamanten, wären ſie nicht problematiſch, wie jene Wolken, die man des Morgens auf dem Meere ſchweben ſieht und für feſtes Land hält, und die verdunſten und ſich verflüchtigend entfliehen, je näher man ihnen kommt. Ihnen ſo lange als möglich nahe zu ſein, elsſtücken 1 ſic er⸗ itsanſalle rößer ge⸗ entdeck, int haben dinderniß detrübniß, eine Auf⸗ tſprochen, in meiner ſo wenig wird ent⸗ er meiner re Gegen⸗ täglich, Geiſtes, e meinem ologiſchen enſchaften, Kenntniß iſt mein Sie mich Sie ſich nd Kiſten Wolken, für feſtes liehen, je zu ſein, Ihre beredete Simme hören, meinen Geiſt ſchmücken, meine Seele ſtählen, meine ganze Organiſation für das Großerhabene und ewig Wahre empfänglich machen, für die Zeit, wo ich möglicherweiſe noch einmal frei werde, die Verzweiflung daraus verbannen, die, ehe ich Sie kannte, ſie umnebelte, wenn ich ewig Gefangener zu bleiben beſtimmt bin, das ſind meine Schätze: dieſe ſind nicht chimäriſch, ſondern wirklich vorhanden; ich verdanke ſie Ihnen ganz allein, und alle Herrſcher der Welt, und wären es lauter Cäſar Borgia's, können ſie mir nicht rauben.“ Auch verlebten die beiden Unglücksgefährten, wo nicht glückliche, doch nicht langweilige, ſondern ſogar mit geiſtiger Beſchäftigung reich ausgefüllte Stunden in ihrem Zuſammenſein. Faria, der ſo lange Jahre zum Schweigen über ſeinen Schatz gezwungen geweſen war, ſprach jetzt bei jeder Gelegenheit von demſelben. Wie er vorher⸗ geſagt hatte, blieb ſeine rechte Seite gelähmt, und ſomit hatte er längſt alle Hoffnung aufgegeben, ſeiner jemals ſelbſt theilhaftig zu werden; aber für ſeinen jungen Freund träumte er unausgeſetzt von Befreiung oder Entweichung, und genoß ihn im Geiſte mit ihm. Befürchtend, daß der wichtige Brief auf irgend eine Weiſe verloren gehen könne, hatte er Dantes gezwungen, ihn auswendig zu lernen, der ihn Wort für Wort herſagen konnte; darauf hatte er ſeine Er⸗ gänzung vernichtet, überzeugt, daß ohne dieſe das eigentliche Blatt Niemandem auf die Spur helfen konnte. Ganze Stunden benutzte Faria, um Dantes Verhaltungsmaßregeln für den Fall, daß er frei würde, zu geben. Einmal frei, ſollte er von der Stunde, der Minute ſeiner Befreiung an, keinen andern Gedanken mehr haben, als auf irgend eine Weiſe nach Monte⸗Chriſto zu kommen, unter irgend einem glaubwürdigen Vorwande daſelbſt allein zu bleiben und einmal da und allein, die wunderbaren Höhlen und den in ihnen vergrabenen Schatz aufzuſuchen. Der Ort, wo er ihn zu ſuchen hatte, war der von der zweiten Oeffnung entfernteſte Winkel. So verging die Zeit, wenn nicht ſchnell, doch erträglich; Faria hatte, obgleich für immer gelähmt, die ganze Klarheit ſeines Geiſtes wieder erlangt und ſeinen Freund, außer den bezeichneten Sprachen und Wiſſenſchaften, die erhabene und geduldige Kunſt eines Gefan⸗ genen, aus Nichts Etwas zu machen, gelehrt; Faria vergaß hier⸗ über die Annäherung des Alters; Dantes ſeine faſt in ſeiner Er⸗ 222 innerung erloſchene Vergangenheit, die nur in der Tiefe ſeines Ge⸗ dächtniſſes wie in der Nacht verwirrt, ſchwankte; ſo lebten ſie wie Menſchen, die Nichts fürchten, aber auch wenig hoffen, friedlich unter dem Auge der Vorſehung fort. Aber unter dieſer oberflächlichen Ruhe gab es in dem Herzen des jungen Mannes, wie des Greiſes, ver⸗ borgene Kämpfe, die Jeder dem Andern verhehlte, viele unterdrückte Seufzer, die ſich Luft machten, wenn Faria allein und Edmond in ſeinen Kerker zurückgekehrt war. Einſt wachte Edmond mitten in der Nacht erſchreckend auf, weil es ihm ſchien, als werde er gerufen. Er öffnete die Augen und bemühte ſich die dichte Finſterniß zu durchdringen. Abermals erreichte ſein Name, oder vielmehr der Verſuch einer klagenden Stimme, denſelben auszuſprechen, ſein Ohr. Mit Angſtſchweiß auf der Stirne ſtand er auf und horchte; kein Zweifel mehr, die Klage⸗ töne kamen aus dem Kerker ſeines Freundes. „„Großer Gott!“ rief Dantes;„ſollte er?...“ Und er rückte ſein Bett ab, nahm den Stein von der Oeffnung, eilte in den Gang und war bald am Ende deſſelben; die Steinplatte war aufgehoben. Bei dem Scheine jener unförmigen flackernden Lampe, die der Abbé ſich ſelbſt verfertigt hatte, ſah Edmond den Greis bleich an ſeinem Bette ſtehen, an welches er ſich krampfhaft angeklammert hatte. Seine Züge waren durch ſchreckliche Symptome, die Edmond jetzt ſchon kannte, und die ihn, als er ſie zum erſten Male ſah, ſo ſehr erſchreckt hatten, entſtellt. „Nun, mein Freund“, ſagte Faria ergeben,„Sie ſehen was geſchieht, nicht wahr? und ich habe Ihnen weiter nichts zu erklären?“ Edmond ſtieß einen Schmerzensſchrei aus und ſtürzte, gänzlich den Kopf verlierend, und Hilfe! Hilfe! rufend, nach der Thür. Faria hatte noch die Kraft, ihn am Arme zurückzuhalten. „Still!“ ſagte er,„oder Sie ſind verloren. Denken wir jetzt nur an Sie, mein Freund; wie wir Ihre Gefangenſchaft erträglich, oder Ihre Flucht möglich machen können. Sie bedürften Jahre, um Alles, was ich hier zu Stande gebracht habe, wieder zu machen, und was augenblicklich zerſtört werden würde, wenn einer unſerer Wächter es entdeckte. Uebrigens, mein Lieber, wird mein Kerker nicht lange unbewohnt bleiben: ein anderer Unglücklicher wird bald meine Stelle einnehmen. Dieſem werden Sie wie ein rettender mein 8 ſeine, d durch d „ Mal ſo nahm Tropfen noch vo nes Ge⸗ ſie wie h unter e Ruhe es, ver⸗ rdrückte nond in nd auf, Augen dermals agenden eiß auf Klage⸗ effnung, inplatte kernden ond den mpfhaft nptome, erſten en was lären?“ lich den Faria vir jetzt träglich, hre, um machen, unſerer Kerker td bald ettender 223 Engel erſcheinen. Dieſer wird vielleicht jung, geduldig und ſtark wie Sie, ſein; er wird Ihre Flucht befördern, während ich dieſelbe verhinderte. Sie werden nicht an einen halben Leichnam gebunden ſein, der alle Ihre Thatkraft lähmte. Gewiß thut Gott endlich etwas für Sie: er giebt Ihnen mehr, als er Ihnen nimmt und ich ſterbe zu rechter Zeit.“ Edmond vermochte nur mit gefalteten Händen zu rufen:„O! mein Freund, mein Freund, hören Sie auf!“ Dann ſammelte er ſeine, durch den Schreck und Schmerz erſchütterten Kräfte und ſeinen, durch die Worte des Greiſes gebeugten Muth und ſagte: „Ol ich habe Sie ſchon einmal geheilt, ich werde auch dieſes Mal ſo glücklich ſein.“ Und er hob den Fuß des Bettes auf und nahm das noch zum Dritttheil gefüllte Fläſchchen mit den rothen Tropfen heraus.„Sehen Sie,“ ſagte er,„das rettende Mittel iſt noch vorhanden. Schnell, ſchnell, ſagen Sie mir, was ich zu thun habe. Muß ich dieſes Mal anders verfahren? Reden Sie, mein Freund, ich bitte, ich bin ganz Ohr.“ „Es iſt keine Hoffnung mehr,“ antwortete Faria kopfſchüttelnd; „aber dennoch, Gott will, daß der Menſch, den er geſchaffen und mit ſo unzerſtörbarer Lebensluſt begabt hat, Alles thun ſoll, was er kann, um dieſes oft ſo leidenvolle und doch ſo geliebte Daſein zu erhalten.“ „Ol ja, ja!“ rief Dantes,„und ich ſage Ihnen, ich rette Sie.“ „Nun wohl! verſuchen Sie es, die Kälte nimmt überhand, ich fühle, wie das Blut in das Gehirn ſteigt; dieſes entſetzliche Zittern, wovon meine Zähne klappern und meine Knochen aus den Fugen zu gehen ſcheinen, fängt ſchon an meinen Körper zu erſchüttern; in fünf Minuten wird der Anfall ausbrechen, in einer Viertelſtunde wird nur ein Leichnam von mir übrig ſein.“ „O!“ rief Dantes, dem der Schmerz am Herzen nagte. „Machen Sie es wie das vorige Mal, aber warten Sie nicht ſo lange. Alle Lebensquellen ſind ziemlich erſchöpft und der Tod,“ fuhr er auf ſeine gelähmte Seite zeigend, fort,„wird nur die halbe Mühe haben. Wenn ich, nachdem Sie mir ſtatt zehn, zwölf Tropfen eingeflößt haben, nicht zu mir komme, dann gießen Sie mir noch den Ueberreſt ein. Bringen Sie mich jetzt auf mein Bett, denn ich kann nicht mehr ſtehen.“ 224 Edmond trug den Greis ſanft auf ſein Bett. „Jetzt, Freund,“ ſagte Faria,„einziger Troſt meines jammer⸗ vollen Lebens, Sie, den der Himmel mir zwar ſpät, aber doch end⸗ lich gegeben hat, unſchätzbares Geſchenk, für welches ich ihm in dem Augenblicke, wo wir uns trennen müſſen, mit gerührtem Herzen danke, ich wünſche Ihnen alles Glück, alles Wohlergehen, das Sie verdienen. Mein Sohn, ich ſegne Dich!“ Der junge Mann ſank auf die Kniee und ſtützte ſeinen Kopf auf das Bett des Greiſes. „Aber beſonders hören Sie wohl zu, was ich Ihnen in dieſen meinen letzten Augenblicken ſage: der Schatz der Spada iſt vor⸗ handen, Gott nimmt in dieſem Augenblicke Alles vor meinen Augen weg, was ihn verbirgt. Ich ſehe ihn, im Hintergrunde der zweiten Höhle, meine Augen durchdringen die Tiefen der Erde und ſind geblendet von ſolchen Reichthümern... Wenn es Ihnen gelingt zu entfliehen, ſo bedenken Sie, daß der arme Abbé, den alle Welt für wahnſinnig hielt, es nicht war. Eilen Sie nach Monte⸗Chriſto, genießen, benutzen Sie Ihr Glück, Sie haben genug gelitten.“ Ein heftiger Anfall unterbrach den Greis. Dantes erhob den Kopf, ſah ſeine Augen mit Blut unterlaufen; es war als ſtiege eine Blutwelle aus der Bruſt in den Kopf.— „Lebe wohll lebe wohl!“ lallte der Greis, krampfhaft die Hand des jungen Mannes drückend,„lebe wohl!...“ „O! noch nicht, noch nicht,“ rief dieſer,„verlaſſen Sie mich nicht; o mein Gott! hilf ihm... Hilfe... Rettung...“ „Still! ſtill!“ ſtammelte der Sterbende,„daß man uns nicht trennt, wenn Sie mich retten.“ „Sie haben Recht. O! ja, ja, ſeien Sie ruhig, ich werde Sie retten. Uebrigens leiden Sie zwar ſehr, aber nicht ſo viel, wie das vorige Mal.“ „Ol täuſchen Sie ſich nicht, ich leide weniger, weil ich ſchwächer bin. In Ihrem Alter glaubt man an das Leben, es iſt das Vor⸗ recht der Jugend, zu glauben und zu hoffen; aber der Greis erkennt den Tod. O! da iſt er... er kommt... es iſt aus... mein Auge verdunkelt ſich... meine Beſinnung ſchwindet... Deine Hand, Edmond... Lebe wohl!... lebe wohl!...“ Und mit einer letzten Anſtrengung aller ſeiner Kräfte richtete er ſich auf: Stein Geſicht artigen unerſch keit ein öffnete weniger zwölz; Doppel Minute den An Anblich glih, nach G Edmo des, d zuneh ſelteng daß h verlor Schir d lammer⸗ ich end— ihm in Herzen das Sie en Kopf dieſen iſt vor⸗ rAugen zweiten ud ſind lingt zu VLelt für Chriſto, n.“ hob den ege eine ie Hand die mich ns nicht erde Sie jel, wie hwächer aas Vor⸗ erkennt in Auge Hand, r letzten 225 „Monte⸗Chriſto!“ ſagte er,„vergiß nicht Monte⸗Chriſto!“ Und er ſank auf ſein Lager zurück. Die Kriſis war entſetzlich: die Glieder krümmten ſich, die Augen⸗ lider ſchwollen an, blutiger Schaum drang über die Lippen, endlich lag er unbeweglich da; das war Alles, was auf dieſem Schmerzens⸗ lager zurückblieb, von dem reichbegabten, ausgezeichneten Weſen, welches ſich vor wenigen Minuten auf daſſelbe gelegt hatte. Dantes nahm die Lampe, ſetzte ſie auf einen vorſpringenden Stein am Kopfende des Bettes, von wo aus ſie dieſes entſtellte Geſicht und dieſen gekrümmten, ſteifen Körper mit zitterndem, fremd⸗ artigen Schimmer erleuchtete. So erwartete er mit ſtarren Augen unerſchrocken den Augenblick, wo es Zeit war, die rettende Flüſſig⸗ keit einzuflößen. Als er den rechten Augenblick gekommen glaubte, öffnete er mit ſeinem Meſſer die Kinnladen, welche dieſes Mal weniger Widerſtand leiſteten, als das erſte Mal, zählte langſam zwölz Tropfen und wartete; die Phiole enthielt ungefähr noch das Doppelte von dem, was er ſchon gegeben hatte. Er wartete zehn Minuten, keine Bewegung. Zitternd, mit emporgeſträubtem Haare, den Angſtſchweiß auf der Stirne, zählte er die Secunden nach den Schlägen ſeines Herzens. Nun dachte er, daß es Zeit ſei, den letzten Verſuch zu machen; er hielt die Phiole an Faria's violette Lippen und leerte ſie, ohne nöthig zu haben, die Kinnladen aufzubrechen. Das Mittel brachte eine galvaniſche Wirkung hervor, heftiges Zittern ſchüttelte den Körper des Greiſes, ſeine Augen öffneten ſich, einen erſchreckenden Anblick darbietend; er ſtieß einen Seufzer aus, der einem Schreie glich, donn kehrte der in allen Theilen zitternde Körper nach und nach zu völliger Unbeweglichkeit zurück; ſeine Augen blieben offen. Eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden verfloſſen. Edmond hing in Todesangſt über der lebloſen Geſtalt ſeines Freun⸗ des, die Hand auf deſſen ſtillſtehendes Herz gelegt, und fühlte das zunehmende tödtliche Erkalten, wie er zuvor die immer matteren und ſelteneren Pulsſchläge gefühlt hatte. Endlich mußte er ſich geſtehen, daß hier nichts mehr zu hoffen ſei, daß er ſeinen väterlichen Freund verloren habe. Es war ſechs Uhr Morgens, der Tag brach an und ſein bleicher Schimmer verdunkelte die erlöſchende Lampe. Fremdarlige Strahlen Der Graf von Monte⸗Chriſto. 15 226 glitten über das Geſicht des Leichnams, ihm zuweilen einen Anſchein von Leben gebend. So lange dieſer Kampf zwiſchen Nacht und Tag dauerte, konnte Dantes noch zweifeln; aber ſobald der Tag geſiegt hatte, überzeugte er ſich, daß er allein mit einem Leichname war. Da bemächtigte ſich ſeiner ein tiefes, unüberwindliches Entſetzen, er wagte nicht mehr dieſe über den Rand des Bettes herabhängende, kalte Hand zu drücken; er konnte nicht mehr den Anblick dieſer ſtarren, geöffneten Augen ertragen, die zu ſchließen er ſich vergeblich bemühte. Er löſchte die Lampe aus, verbarg ſie ſorgfältig und entfloh, ſo gut als möglich die Steinplatte über ſeinem Kopfe ein⸗ fügend. Uebrigens war es die höchſte Zeit, der Kerkermeiſter mußte gleich kommen. Er kam heute zuerſt zu Dantes und ging von dieſem zu Faria, dem er außer dem Frühſtücke auch noch Wäſche brachte. Er gab auf keine Weiſe zu erkennen, daß er von dem Zufalle irgend etwas wiſſe, und entfernte ſich. Eine unbeſchreibliche Begierde, zu wiſſen, was jetzt in dem Kerker ſeines unglücklichen Freundes vorgehen werde, beherrſchte Edmond; er ging alſo in den unterirdiſchen Gang und kam zu rechter Zeit, um das Geſchrei des Schließers, der um Hilfe rief, zu vernehmen. Bald kamen die anderen Kerkermeiſter dazu, dann unterſchied er den feſten, taktmäßigen Tritt von Soldaten. Nach den Soldaten kam der Gouverneur. Edmond hörte das Knarren des Bettes, wenn man ſich mit dem Leichname beſchäftigte; er hörte vom Gouverneur den Befehl geben, ihm Waſſer über das Geſicht zu gießen, und nachdem dieſes erfolglos geblieben war, den Arzt zu holen. Der Gouverneur entfernte ſich und Dantes vernahm einige bedauernde, theilnehmende Worte, aber mehr noch ſpottendes, ſcherz⸗ haftes Geſpräch und Lachen. „Ha, ha!“ hieß es,„der Narr iſt zu ſeinen Schätzen gegangen; nun, glückliche Reiſe!“ „Er wird trotz aller ſeiner Millionen ſein Leichentuch nicht be⸗ zahlen können,“ ſagte ein Anderer. „O!“ ſagte eine dritte Stimme,„die Leichentücher auf Schloß Ff ſind nicht theuer.“ „Vielleicht,“ ſagte der Erſte wieder,„weil er Geiſtlicher war, werden etwas mehr Umſtände mit ihm gemacht.“ „Dann wird ihm die Ehre des Sackes zu Theil werden.“ Ed. von den men und Indeſſe als Wa unbeweg Stunde Gouvern gleitet, ¹ Ein den Leic Krankhei Abbé w Gleichgil ganze W den treff „D. klärung höflicher, leicht zu „O ſchließen ſuch zur „ forderlich geringſte meiner daß der Es welcher nochmal „ dafür, d lich d 1 mit der Anſchei Man Edmond horchte angeſtrengt, verlor keine Sylbe, verſtand aber mieg von dem Allen den Sinn nicht recht. Bald verloren ſich die Stim⸗ me war men und er glaubte, die Anweſenden das Gemach verlaſſen zu hören. ſezen t Indeſſen wagte er noch nicht, hinaufzuſteigen, es konnte ein Schließer ingende als Wache bei dem Todten geblieben ſein. Er blieb alſo ſtumm, k dieſe unbeweglich, den Athem anhaltend, auf ſeinem Platze. Nach einer rgeblih Stunde ungefähr unterbrach ein ſchwaches Geräuſch die Stille. Der tig und Gouverneur kehrte, von dem Doctor und mehreren Offizieren be⸗ pfe en. gleitet, zurück. er müßte Eine augenblickliche Stille entſtand, gewiß unterſuchte der Arzt n dieſen den Leichnam. Bald begannen die Fragen des Arztes über den brachte. Krankheitszuſtand des Verſtorbenen, worauf er erklärte, daß der — Abbé wirklich todt ſei. Fragen und Antworten zeugten von einer Gleichgiltigkeit, die Dantes empörte; es war ihm, als müſſe die ganze Welt wenigſtens einen Theil der Verehrung hegen, die er für den trefflichen Abbé empfand. le irgend in dem eherrſchte kam zu„Das thut mir leid,“ antwortete der Gouverneur auf die Er⸗ lfe ie. klärung des Arztes, daß Faria wirklich todt ſei;„er war ein ſanfter, u, dann höflicher, durch ſeine Verrücktheit beluſtigender Gefangener, beſonders 1. Nach leicht zu bewachen.“ Fnarren„O!“ fiel der Schließer ein,„man hätte ihn gar nicht einzu⸗ er hünte ſchließen nöthig gehabt. Ich ſtehe dafür, er wäre, ohne einen Ver⸗ Geſcht ſuch zur Flucht zu machen, fünfzig Jahre geduldig hier geblieben.“ den Arzt„Indeſſen dächte ich,“ fuhr der Gouverneur fort,„es wäre er⸗ m einige forderlich, ungeachtet Ihrer Ueberzeugung, nicht, weil ich etwa den 3, ſcher geringſten Zweifel in die Richtigkeit derſelben ſetze, ſondern wegen meiner eigenen Verantwortlichkeit, uns durch Proben zu überzeugen, daß der Gefangene wirklich todt iſt.“ Es trat wieder eine Stille von wenigen Minuten ein, während welcher Dantes deutlich vernehmen konnte, daß der Arzt den Körper nochmals betaſtete und unterſuchte. „Sie können ruhig ſein,“ ſagte er darauf,„ich ſtehe Ihnen dafür, daß er wirklich todt iſt.“ „Sie wiſſen, Herr Doctor,“ entgegnete der Gouverneur beharr⸗ lich,„daß wir uns bei ſo plötzlichen Todesfällen, wie dieſer, nicht mmit der bloſen Ueberzeugung begnügen; wenden Sie alſo gefälligſt, 1 15* ſegangen, 228 ungeachtet ihrer Ueberzeugung, die üblichen Mittel an, welche das Geſetz vorſchreibt.“ „So laſſen Sie die Eiſen glühend machen,“ verſetzte der Arzt; „doch iſt es im Ernſt eine ſehr unnöthige Vorſichtsmaßregel.“ Der Befehl, Eiſen glühend zu machen, entſetzte Dantes, ihn ſchauderte. Er hörte eilige, ſich entfernende Schritte, die Thüre knarrte, es wurde hin⸗ und hergegangen, und einige Minuten darauf trat ein Diener ein und ſagte: „Hier iſt die Kohlenpfanne mit dem Eiſen.“ Eine abermalige Stille erfolgte; darauf hörte Dantes das Ziſchen des Fleiſches, welches mit dem glühenden Eiſen berührt wurde, und deſſen dicker, übelriechender Dampf die Mauer durch⸗ drang, hinter welcher Dantes, von Entſetzen verſteinert, lauſchte. Bei dieſem Geruche von gebratenem menſchlichen Fleiſche rieſelte Angſtſchweiß von der Stirne des jungen Mannes, und er glaubte ohnmächtig zu werden. „Sie ſehen, mein Herr, daß er nur zu gewiß todt iſt,“ ſagte der Arzt,„dieſes Brennen der Fußſohlen iſt untrüglich; der arme Schelm iſt von ſeiner Narrheit geheilt und von ſeiner Gefangenſchaft erlöſt.“ „Hieß er nicht Faria?“ fragte einer der Offiziere. „Ja, und er behauptete, aus einer ſehr alten Familie zu ſtam⸗ men und hielt ſeinen Namen ſehr hoch; übrigens war er ſehr ge⸗ lehrt und in Allem, was nicht auf ſeinen Schatz Bezug hatte, ganz vernünftig, aber in dieſem Punkte war nichts mit ihm anzufangen, das muß ich geſtehen.“ „Es war jenes Uebel, welches wir die Monomanie nennen,“ ſagte der Arzt. „Ihr hattet Euch alſo niemals über ihn zu beklagen?“ fragte der Gouverneur den Schließer, der das Amt gehabt hatte, den Abbé zu bedienen.“ „Niemals, Herr Gouverneur,“ antwortete der Schließer,„nicht ein einziges Mal, im Gegentheile machte er mir ſonſt oft viel Ver⸗ gnügen, indem er mir Geſchichten erzählte; ja, als einſt meine Frau krank war, gab er mir ſogar ein Recept, welches ſie heilte.“ „Ah, ah!“ ſagte der Arzt,„ich wußte nicht, daß ich mit einem Collegen zu thun hatte; ich hoffe, Herr Gouverneur,“ fügte er lachend hinzu,„daß Sie ihn dem entſprechend behandeln werden.“ ich kann Nel konnte g wieder 5 „ „U hat mich Reiſe, g der arm ſchönſte „† Standes den Sta machen, Ei „ wurde d lche das der Art. 1.“ tes, ihn e Thüre darauf tes das berührt er durch⸗ lauſchte. rieſelte glaubte ſagte der eSchelm t ellöſt. nu ſtam⸗ ſehr ge⸗ tte, ganz ufangen, nennen,“ “ fragte den Abbé er,„nicht viel Ver⸗ ine Frau 1 nit einem r lachend „Ja, ja, ſeien Sie unbeſorgt,“ entgegnete der Gouverneur, „er ſoll ein anſtändiges Leichenbegängniß haben; der neueſte Sack, den wir finden können, ſoll ihn umhüllen; ſind Sie damit zufrieden?“ „Sollen wir dieſe letzte Feierlichkeit in Ihrer Gegenwart voll⸗ ziehen?“ fragte einer der Schließer. „Verſteht ſich!“ antwortete der Gouverneur,„aber beeilt Euch, ich kann nicht den ganzen Tag in dieſem Loche zubringen.“ Neues Gehen und Kommen ließ ſich vernehmen, und Dantes konnte genau hören, daß ſein Freund in den Sack geſteckt und dann wieder auf das Bett gelegt wurde. „Dieſen Abend alſo,“ ſprach der Gouverneur. „Wird eine Todtenmeſſe gehalten?“ fragte einer der Offiziere. „Unmöglich!“ antwortete der Gouverneur.„Der Schloß⸗Caplan hat mich geſtern erſt um Urlaub auf acht Tage, zu einer kleinen Reiſe, gebeten. Ich habe für alle meine Gefangenen gut geſagt; der arme Abbé hätte ſich nicht ſo beeilen ſollen, dann hätte er das ſchönſte Requiem bekommen.“ „Pah!“ ſagte der Arzt mit der den meiſten Leuten ſeines Standes eigenen Gleichgiltigkeit,„er iſt Geiſtlicher, Gott wird auf den Stand Rückſicht nehmen und der Hölle nicht die boshafte Freude machen, ihr einen Prieſter zuzuſenden.“ Ein allgemeines Gelächter folgte dieſem ſchlechten Spaße. Dabei wurde das Geſchäft der Einkleidung des Todten vollendet. „Dieſen Abend!“ ſagte der Gouverneur nochmals. „Um welche Zeit?“ fragte der Kerkermeiſter. „Nun, gegen zehn oder elf Uhr.“ „Soll bei der Leiche gewacht werden?“ „Wozu das? Der Kerker wird verſchloſſen, als lebte er noch, das iſt hinreichend.“ Nun entfernten ſich die Schritte, die Stimmen tönten entfernter, das Knarren der Thüre, des roſtigen Schloſſes, der knirſchenden Riegel drang zu Dantes Ohren. Ein Schweigen, ſchrecklicher als das der Einſamkeit, das Schweigen des Todes umgab die erſtarrte Seele des jungen Mannes. Er ermannte ſich, erhob langſam mit dem Kopfe die Steinplatte und warf einen prüfenden Blick in das Gemach; es war leer. Dantes ſtieg empor. — —— — ——— ——y XXI. Der Kirchhof des Schloſſes Zf. Das Gemach war durch den letzten Schimmer der Abend⸗ dämmerung ſchwach erleuchtet, ſo daß Dantes kaum in dem auf dem Bette liegenden groben Sacke die Umriſſe der Geſtalt des ver⸗ ehrten Freundes erkennen konnte: dies war die letzte Kleidung Faria's, eine Bekleidung, die, wie auch ſchon die Schließer geſagt hatten, ſo wenig koſtete. So war alſo Alles beendet; ſchon fand eine materielle Trennung zwiſchen Dantes und ſeinem alten Freunde ſtatt; er konnte nicht mehr dieſe Augen ſehen, die offen geblieben waren, als wollten ſie über den Tod hinausſehen, nicht mehr konnte er die geſchickte Hand erfaſſen, die ihm den Schleier von ſo Vielem, was ihm verborgen war, gehoben hatte. Faria, der gute, der be⸗ lehrende Geſellſchafter, an welchen er ſich ſo ſehr gewöhnt hatte, der ihm unentbehrlich geworden war, exiſtirte nur noch in ſeiner Er⸗ innerung! Er ſetzte ſich an das Kopfende des Todtenbettes und verſank in tiefe, bittere Schwermuth. Allein! er war wieder allein! Er war wieder zum Schweigen verdammt, befand ſich dem Nichts gegenüber! Allein! ohne den Anblick, ohne die Stimme des einzigen menſchlichen Weſens, das ihm das Leben noch lieb gemacht hatte! War es nicht beſſer, wie Faria hinzugehen, und Gott um die Räthſel des Lebens zu befragen, auf die Gefahr hin, durch die düſtere Pforte der Leiden zu gehen? Der von ſeinem Freunde gemißbilligte, von der Gegenwart unter⸗ drückte Gedanke des Selbſtmordes wachte jetzt an der Leiche des Freundes lebendiger in ihm auf. „O, daß ich ſterben könnte!“ dachte er,„ich würde dahin kommen, wo er iſt, und ihn gewiß wiederfinden. Aber wie dazu gelangen? Nichts leichter als das,“ rief er mit verzweifelndem Lachen.„Ich bleibe hier und ſtürze mich auf den Erſten, der kommt, erwürge ihn und werde gulllotinirt.“ groben pflegt, einem b zweiflun 6 lange 9 Sterben hatte, p meinem kämpfen trogen ſtrafen, zu belo anders laſſen.“ vor ſich treiben, wieder mir die ungehir Abend⸗ dem auf des ver⸗ Kleidung e geſagt on fand Freunde Zeblieben r konnte Vielem, der be⸗ ſatte, der iner Er⸗ ttes und cweigen hne den ns, das iſſer, wie befragen, u gehen? ert unter⸗ eiche des de dahin wie dazu eifelndem rkommt, 231 Aber wie die Seele in großen Schmerzen, gleich der Luft in großen Stürmen, plötzlich zu einer andern Temperatur überzugehen pflegt, ſo ſchreckte Dantes vor einer ſolchen That, wie vor ſolch einem beſchimpfenden Tode plötzlich zurück und ging von dieſer Ver⸗ zweiflung in einen glühenden Durſt nach Leben und Freiheit über. „Sterben? O, nein!“ rief er;„es lohnte nicht der Mühe, ſo lange gelebt, ſo viel gelitten zu haben, um jetzt ſchon zu ſterben. Sterben, das wäre damals, vor vielen Jahren, als ich es beſchloſſen hatte, paſſend geweſen, aber es jetzt noch wollen, hieße, mich zu ſehr meinem kläglichen Geſchicke beugen. Nein, ich will leben, will kämpfen bis an's Ziel; ich will das Glück, um das man mich be⸗ trogen hat, wieder erringen. Habe ich nicht meine Henker zu be⸗ ſtrafen, ehe ich ſterbe? und nicht auch vielleicht... einige Freunde zu belohnen? aber jetzt werde ich hier vergeſſen werden und nicht anders als auf die Art, wie Faria jetzt, dereinſt meinen Kerker ver⸗ laſſen.“ Bei dieſen Worten fuhr Edmond zuſammen und ſtarrte vor ſich hin, rieb ſich die Stirn, wie um ein Blendwerk zu ver⸗ treiben, lief einige Male in dem Gemache umher und blieb dann wieder an dem Bette ſtehen....„O! o!“ murmelte er,„wer ſendet mir dieſen Einfall? Biſt Du es, mein Gott? Weil nur die Todten ungehindert hier fortkommen, nehmen wir die Stelle der Todten ein!“ Und ohne ſich die Zeit zu langer Ueberlegung zu nehmen, wie um ſeinem Geiſte nicht Zeit zu laſſen, den gefaßten Entſchluß zu verwerfen, neigte er ſich zu dem abſcheulichen Sacke, öffnete ihn mit Faria's Meſſer, nahm den Körper heraus, ſchleppte ihn durch den unterirdiſchen Gang in ſeinen Kerker, legte ihn in ſein eigenes Bett, band ihm den leinenen Lappen, mit dem er ſich den Kopf zu be⸗ decken pflegte, um den Kopf, umhüllte ihn mit ſeiner Decke, drückte einen letzten Kuß auf dieſe eiſige Stirn, verſuchte vergebens, die Augen zu ſchließen, und drehte den Kopf nach der Wand, damit der Kerkermeiſter, wenn er käme, um das Abendeſſen zu bringen, ihn ſchlafend glauben möge, wie er ſich ſchon oft geſtellt hatte. Dann ſchlüpfte er in die Galerie, zog mit vieler Mühe das Bett an die Wand, eilte in Faria's Gemach, nahm aus dem Behältniſſe im Kamine die Nadel, die Fäden, warf ſeine Lumpen ab, damit man unter dem Sacke das nackte Fleiſch fühlen möge, kroch in den Sack, nahm die Stellung ein, die der Leichnam gehabt hatte, und ————;;——õx—m——õ—ʒʒ—— —.—.— 2——— 232 nähte den Sack von innen wieder zu. Wenn in dieſem Augenblicke Jemand gekommen väre, hätte er ſein Herz klopfen hören können. Dantes hätte recht gut bis nach dem Abendbeſuche des Kerker⸗ meiſters warten können; aber er fürchtete, daß der Gouverneur ſich vielleicht anders beſinnen und den Leichnam früher beerdigen laſſen möge, als er anfänglich beſtimmt hatte. Dann war ſeine letzte Hoffnung verloren. Jetzt war ſein Plan gemacht, es war folgender: Wenn während des Transportes die Todtengräber entdeckten, daß ſie einen Lebenden trugen, ſo ließ er ihnen keine Zeit ſich zu beſinnen; mit einem kräftigen Schnitt öffnete er den Sack von oben bis unten, benutzte ihren Schrecken und entfloh; wenn ſie wider Erwartung ihn anhielten, benutzte er nothgedrungen das Meſſer. Brachten ſie ihn ungehindert bis zum Kirchhofe und legten ihn in ein Grab, ſo ließ er ſich ruhig mit Erde bedecken; dann, ſobald die Todtengräber ſich entfernt hatten, benutzte er die nächtliche Ein⸗ ſamkeit, bahnte ſich einen Weg durch die lockere Erde und entfloh. Er rechnete darauf, daß die Laſt der auf ihn geworfenen Erde ihm nicht ſo ſchwer ſein würde, daß er ſich ihrer nicht werde entledigen können. Wenn er ſich getäuſcht hatte, wenn im Gegentheil die Erde zu ſchwer war, dann erſtickte er— nun, um ſo beſſer, dann war Alles vorbei! Dantes hatte ſeit dem vorigen Abende Nichts genoſſen, denn er hatte am Morgen nicht an den Hunger gedacht und dachte jetzt auch noch nicht daran. Seine Lage war zu peinlich, um ihm den Ge⸗ danken an irgend etwas Anderes zu geſtatten. Die erſte Gefahr, die ihm möglicherweiſe bevorſtand, war, daß der Kerkermeiſter, wenn er um ſieben Uhr kam, den Tauſch entdeckte. Glücklicherweiſe hatte Dantes oft, theils aus Verſtimmtheit, theils aus Erſchöpfung, den Kerkermeiſter im Bett liegend empfangen und keine ſeiner Fragen beantwortet, und dann pflegte der Mann gewöhnlich das Brod und die Suppe auf den Tiſch zu ſetzen und ohne mit ihm zu reden fort⸗ zugehen. Aber dieſes Mal konnte der Kerkermeiſter eine Ausnahme von ſeiner ſchweigſamen Regel machen, ihn anreden und keine Ant⸗ wort erhaltend, ſich dem Bett nähern und Alles entdecken. Gegen ſieben Uhr gerieth Dantes in einen Zuſtand wirklicher Todesangſt. Er drückte eine Hand auf ſein ängſtlich klopfendes Herz, um die heftigen Schläge deſſelben zu unterdrücken, während ———————— er mit d riſeelte von Zei ſeinen G verfloſſe niederſet in ſeine ſtalten ſi an der nähert den Sa den Ko „¹ Pund " ſleoy genblicke können. Kerker⸗ ſeur ſich nlaſſen ne letzte lgender: tdeckten, ſich zu 'n oben e wider Meſſer. ihn in ſobald cee Ein⸗ entfloh. rde ihm tledigen die Erde inn war denn er etzt auch den Ge⸗ Gefahr, r, wenn iſe hatte ng, den Fagen rod und den fort⸗ snahme ine Ant⸗ irklicher opfendes während 233 er mit der andern den Schweiß, der in Strömen über ſein Geſicht rieſelte und am ganzen Körper ausbrach, zu trocknen bemüht war; von Zeit zu Zeit durchſchauderte ihn tödtliche Kälte und verſetzte ſeinen ganzen Körper in krampfhafte Erſchütterung. Die Stunden verfloſſen, es blieb ſtill im Schloſſe und Dantes ſchöpfte einige Be⸗ ruhigung aus der Ueberzeugung, daß die erſte Gefahr glücklich vor⸗ übergegangen war. Es war ein gutes Vorzeichen. Endlich gegen die von dem Gouverneur beſtimmte Stunde hörte er Schritte im Corridor. Er begriff, daß der entſcheidende Augen⸗ blick gekommen war, nahm all' ſeinen Muth zuſammen und hielt den Athem an, hätte er nur eben ſo das heftige Pulſiren aller ſeiner Arterien unterdrücken können! An der Thür wurde Halt gemacht; Dantes ſchloß aus dem doppelten Schritt, daß zwei Todtengräber kamen, um ihn zu holen. Dieſe Vermuthung wurde Gewißheit, als er hörte, wie ſie die Bahre niederſetzten. Die Thüre wurde geöffnet, ein gedämpftes Licht drang in ſeine Augen durch den Sack in dem er ſteckte, er ſah zwei Ge⸗ ſtalten ſich nähern, eine dritte mit einer Laterne in der Hand, blieb an der Thüre ſtehen. Die beiden Männer, die ſich dem Bette ge⸗ nähert hatten, hoben Einer am Kopf⸗, der Andere am Fuß⸗Ende den Sack auf. „Tauſend, der magere Abbé iſt noch ſchwer,“ ſagte der, welcher den Kopf emporhob. „Man ſagt, daß die Knochen mit jedem Jahre um ein halbes Pfund ſchwerer werden,“ erwiderte der, welcher die Füße ergriff. „Haſt Du ſchon Deinen Knoten gemacht?“ fragte der Erſte. „Das wäre wohl ſehr einfältig, uns mit ſo unnützer Laſt zu ſchleppen; ich werde ihn unten machen.“ „Du haſt Recht, komm alſo.“ „Wozu der Knoten?“ dachte Dantes. Der anſcheinende Leichnam wurde auf die Bahre gelegt. Edmond machte ſich ſteif, um die Rolle eines Todten möglichſt treu zu ſpielen. Er wurde auf der Bahre zurecht gelegt und der Zug bewegte ſich, von dem Laternenträger angeführt, eine Treppe hinab. Plötzlich fühlte Dantes ſich von der friſchen, ſcharfen Nachtluft umgeben. Eine Empfindung von Wonne und Angſt bemächtigte ſich ſeiner 1 1 — 234 Nach ungefähr zwanzig Schritten ſetzten die Träger die Bahre auf den Boden. Einer von ihnen entfernte ſich und Dantes hörte, daß er auf Steinpflaſter ging. „Wo bin ich denn?“ fragte er ſich. „Weißt Du, daß er teufelmäßig ſchwer iſt?“ ſagte der Zurück⸗ gebliebene, ſich auf den Rand der Bahre ſetzend. Die erſte Empfindung Dantes war der Gedanke an Flucht, glücklicherweiſe beherrſchte er ſich. „Leuchte mir doch, Dummkopf,“ ſagte der, welcher fortgegangen war, zu dem mit der Laterne,„ſonſt finde ich nie, was ich ſuche.“ Der Andere erfüllte die Forderung, obgleich ſie, wie der Leſer ſieht, in ziemlich unſchicklichen Ausdrücken ausgeſprochen war. „Was ſucht er denn?“ fragte Dantes ſich wieder,„gewiß ein Grabſcheit.“ Ein Ausdruck von Zufriedenheit deutete an, daß der Todten⸗ gräber das Geſuchte gefunden habe. „Endlich,“ ſagte der Andere,„es iſt ſchwer.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich wieder der Bahre und Edmond hörte, daß er einen ſchweren Körper neben derſelben nieder⸗ ſetzte; in demſelben Augenblicke wurde ihm auf eine heftige und ſchmerzende Weiſe ein Strick um die Füße befeſtigt. „Nunl iſt der Knoten gemacht?“ fragte der bis dahin unthätig gebliebene Todtengräber. „Ja, und das tüchtig, ich ſtehe dafür,“ antwortete der Erſte. „Nun, dann vorwärts!“ Darauf wurde die Bahre aufgehoben und weiter getragen. Nach ungefähr fünfzig Schritten wurde eine Thüre geöffnet, durch die der Zug ging und jenſeits derſelben ſeinen Weg fortſetzte. Je weiter er getragen wurde, je genauer konnte Dantes das Geräuſch von Wellen, die ſich an einem Felſen brachen, unterſcheiden. „Schlechtes Wetter!“ ſagte einer der Träger,„es muß nicht angenehm im Meere ſein, dieſe Nacht.“ „Ja, der gute Abbé wird naß werden,“ erwiderte der Andere, und ſie brachen in lautes Gelächter aus. Obgleich Dantes dieſen Scherz nicht recht begriff, ſträubten ſich doch deſſen ungeachtet in Folge deſſelben ſeine Haare zu Berge. „Gut! da wären wir ja,“ ſagte jetzt der Erſte der beiden Träger. ——————— eine a den G D 23⁵ „Noch etwas weiter,“ entgegnete der Zweite.„Du wirſt Dich einnern, daß der Vorige an den Klippen hängen blieb, am Felſen zerſchellte, und daß der Gouverneur uns den andern Tag Tauge⸗ nichtſe ſchallt.“ Sie machten bergan ſteigend noch einige Schritte, dann fühlte Dantes ſich an Kopf und Füßen ergriffen und hin und her geſchaukelt: „Eins! zwei! drei!“ ſagten bie Todtengräber und ſchleuderten ihn von ſich. Dantes fühlte ſich in einem unermeßlichen Raume durch die Luft fliegen, wie ein verwundeter Vogel unaufhörlich fallen, mit einer Gewalt, die ihm das Herz zuſammenpreßte. Obgleich durch etwas Schweres, das ſeinen jähen Fall beſchleunigte, herabgezogen, ſchien ihm derſelbe doch ein Jahrhundert zu dauern. Endlich ſtürzte er mit entſetzlichem Geräuſche in eine eiſig kalte Waſſerfluth und ſtieß unwillkürlich im Untertauchen einen erſtickten Schrei aus. Dantes war in das Meer geſtürzt worden und wurde durch . eine an ſeinen Füßen befeſtigte ſechsunddreißigpfündige Kugel auf hre und den Grund deſſelben gezogen. 3 Das Meer iſt der Kirchhof des Schloſſes If. ige un Todten⸗ unthätig Erſte. gen. geöffnet, fortſetzte. Geräuſch n. uß nicht Andere, bten ſich erge. Dääger. XXII. Die Inſel Tiboulon. Erſchrocken, betäubt und faſt erſtickt, hatte Dantes doch die Geiſtesgegenwart, den Athem anzuhalten, und da er auf alle Fälle vorbereitet, wie der Leſer weiß, ſein Meſſer geöffnet in der rechten Hand hielt, ſo öffnete er den Sack und kam erſt mit den Armen, dann auch mit dem Kopfe heraus, doch waren alle ſeine Bemüh⸗ ungen vergebens, weil er ſich durch die ſo feſt an ſeinen Füßen hängende Kugel zurückgehalten fühlte; ſo ſollte denn ſo viele Angſt und Anſtrengung vergebens ſein und er Angeſichts der er⸗ ſehnten Freiheit unterliegen? Er bot nochmals alle ſeine Kräfte auf, kauerte ſich zuſammen, und es gelang ihm, den Strick zu durch⸗ ſchneiden, in dem Augenblicke, wo er nahe am Erſticken war. Jetzt tauchte er vermöge eines kräftigen Stoßes mit dem Fuße zur Ober⸗ fläche des Meeres empor, während die Kugel den groben Sack, der ſein Leichengewand hatte ſein ſollen, in deſſen unendliche Tiefen zog. Dantes nahm ſich nur Zeit, Athem zu ſchöpfen, und tauchte wieder unter, denn es war jetzt das erſte Erforderniß, nicht geſehen zu werden. Als er zum zweiten Male auftauchte, war er wenigſtens fünfzig Schritte von dem Orte ſeines Falles entfernt: er ſah einen ſchwarzen, ſturmdrohenden Himmel über ſich, an welchem der Wind ſchnelle Wolken vorüberjagte, durch welche zuweilen ein azurblaues Fleckchen, an dem ein Stern ſchimmerte, ſichtbar wurde. Vor ihm dehnte ſich die finſtere, brauſende Fläche, deren Wogen, wie bei dem Beginne eines Sturmes, zu kochen anfingen; während hinter ihm, ſchwärzer als das Meer und der Himmel, wie ein drohendes Geſpenſt, der Rieſe von Granit emporſtieg, deſſen düſtere Spitze einem ausge⸗ ſtreckten Arme glich, der ſeinen Raub wieder ergreifen wollte. Auf dem hö welche, ten. C gehört, alſo ab Paſſer verſchaf eine M Schwim Al Laterne „Inſeln aber be ſicherſte nannte deſto w ſchwimn ſchwärze ein St dieſen; links; l Aber, der In W niederg nicht d wollen unter getönt gethei habe: Unthä habe, dem e Furcht ob kei Welle doch die lle Fäle trrechten Armen, Bemüh⸗ n Füßen ſo viele der er⸗ e Kräfte zu durch⸗ r. Jetzt ur Ober⸗ Sack, der efen zog. e wieder ſehen zu 3 fünfzig hwarzen, ſchnelle Jlecſchen, ehnte ſich Beginne ſchwärzer inſt, der 1 ausge⸗ te. Auf 237 dem höchſten Felſen war eine Laterne, die zwei Schatten beleuchtete, welche, wie es ihm ſchien, ſich beſorgt nach dem Meere hinabneig⸗ ten. Gewiß hatten dieſe eigenthümlichen Todtengräber den Schrei gehört, den er, indem er in das Waſſer ſtürzte, ausſtieß. Er tauchte alſo abermals unter und ſchwamm eine ziemliche Strecke unter dem Waſſer hin. Dieſes Manöver war ihm ſonſt eigenthümlich und verſchaffte ihm gewöhnlich in der kleinen Bucht des Leuchtthurmes eine Menge bewundernder Zuſchauer, die ihn oft den geſchickteſten Schwimmer von Marſeille genannt hatten. Als er wieder auf die Oberfläche des Meeres kam, war die Laterne verſchwunden. Es galt nun, ſich zu orientiren. Von allen „Inſeln um Schloß If ſind Ratonneau und Pomméque die nächſten aber beide, wie auch die kleine Inſel Daume ſind bewohnt. Die ſicherſte Inſel für ihn war alſo Tiboulon oder Lemaire. Beide ge⸗ nannte Inſeln ſind eine Meile von Schloß If entfernt. Nichts deſto weniger beſchloß Dantes, nach einer dieſer beiden Inſeln zu ſchwimmen; aber wie ſie finden in der ihn umgebenden, immer ſchwärzer werdenden Nacht? In dieſem Augenblicke erſchien ihm wie ein Stern der Leuchtthurm von Planier. Wenn er gerade auf dieſen Leuchtthurm zuſteuerte, blieb die Inſel Tiboulon ein wenig links; hielt er ſich alſo etwas links, ſo mußte er dieſelbe erreichen. Aber, wie ſchon geſagt, es war eine Meile von Schloß If bis nach der Inſel Tiboulon. Wenn Faria im Gefängniſſe den jungen Mann träge und niedergeſchlagen ſah, ſagte er oft zu ihm:„Dantes, geben Sie ſich nicht dieſer Erweichung hin, Sie werden ertrinken, wenn Sie fliehen wollen und Ihre Kräfte nicht geübt haben.“ Dieſe Worte hatten unter der ſchweren, bittern Woge in Dantes Ohren widerhallend getönt, eilig war er ſogleich emporgekommen und hatte die Sturzſee getheilt, um zu verſuchen, ob er nichts von ſeinen Kräften verloren habe: mit Freuden überzeugte er ſich, daß ſeine gezwungene, lange Unthätigkeit ihm nichts von ſeiner Kraft und Gewandtheit genommen habe, und fühlte, daß er immer noch Herr des Elementes war, auf dem er ſchon als Kind geſpielt hatte. Ueberdem verdoppelte die Furcht, dieſe ſchnelle Verfolgerin, ſeine Kraft. Er horchte ſchwimmend, ob kein verdächtiger Lärm ſein Ohr erreiche. Jedesmal, wenn eine Welle ihn emporwarf, umfaßte ſein ſchneller, ſicherer Blick den ——— —— 238 Horizont, ſo weit derſelbe ſichtbar war, und verſuchte die dichte Finſterniß zu durchdringen. Jede etwas über die andern empor⸗ ragende Welle ſchien ihm ein zu ſeiner Verfolgung ausgeſendetes Fahrzeug, und alsdann verdoppelte er ſeine Anſtrengung, wodurch er zwar ſeinem Ziele näher kam, aber auch die Kräfte um ſo ſchneller aufrieb. Er ſchwamm indeſſen rüſtig dem Ziele zu und ſchon verlor das fürchterliche Schloß ſich etwas in den nächtlichen Dünſten. Er ſah es nicht mehr, fühlte aber ſeine Nähe noch. Eine Stunde lang theilte Dantes im Gefühle der wiedererlangten Freiheit fröhlich und kräftig die Wellen, und eilte dem Ziele zu, welches er ſich geſetzt hatte. „Laß ſehen,“ ſagte er,„eine Stunde ſchwimme ich ſchon; aber da ich den Wind entgegen habe, muß ich ein Dritttheil meiner Kräfte einbüßen. Indeſſen, wenn ich die Richtung nicht verloren habe, muß ich jetzt nicht weit von Tiboulon ſein. Aber wenn ich mich getäuſcht hätte!“ Ein Schauder ſchüttelte den ganzen Körper des Schwimmenden, er verſuchte einen Augenblick auf dem Rücken zu liegen, um ſich auszuruhen; aber das Meer wurde von Minute zu Minute unge⸗ ſtümer, und er ſah bald ein, daß auf dieſes Erquickungsmittel nicht zu rechnen war, ſondern er es mit einem mächtigen und wüthenden Feinde aufgenommen habe.„Nun wohl!“ ſagte er,„es ſei darum, ich werde ausharren, bis meine Arme erſchlaffen, meine Beine ſteif werden, bis die Kräfte meinen Körper zerreißen und ich unterſinke.“ Und von Neuem begann er mit der Ueberſpannung der Verzweiflung weiter zu ſchwimmen. Plötzlich ſchien der ſchon ſo düſtere Himmel ſich noch mehr zu verfinſtern, eine ſchwere, dichte, conſiſtente Wolke ſenkte ſich auf ihn und zugleich fühlte er einen heftigen Schmerz am Knie. Die Einbildungskraft ſagte ihm mit unberechenbarer Schnelligkeit, daß es eine Kugel ſei, und daß er ſogleich das Knallen des Schuſſes hören werde; aber der Knall blieb aus; Dantes ſtreckte die Hand aus und fühlte einen Widerſtand. Er zog ſein anderes Bein an ſich und berührte die Erde. Jetzt erkannte er den Gegen⸗ ſtand, den er für eine Wolke gehalten hatte. Zwanzig Schritte von ihm erhob ſich eine ſonderbar geſtaltete Felſenmaſſe, welche man für einen ungeheuern Heerd, der in vollem Brande verſteinert war, hätte halten können. Es war die Inſel Tiboulon. Da wärts u blöcken ihm je Windes der Sch deſſen K ſein ein einem u ſchlug d ſchlänge Augenbl Chaos d Se der Inſe war und er, ſobe Meere a und fole ragende er flüch Wuth d zittern, brachen, ſo war von ein unter i zerreiße fiel ih er hatt trank A ſtrahle der Er maire wie ein Weller ie dichte empor⸗ eſendetes nodunc ſcheller erlor das Er ſah de lang hlich und tt hatte. on; aber meiner verloren venn ich menden, um ſich te unge⸗ tel nicht üthenden darum, ine ſteif erſinke.“ veiflung Himmel e Wolke Schmerz henbarer Knallen z ſtreckte anderes Gegen⸗ itte von he man ert war, Dantes ſtieg am Ufer in die Höhe, machte einige Schritte vor⸗ wärts und ſtreckte ſich, Dankgebete ſtammelnd, auf dieſen Granit⸗ blöcken aus, die ihm in dieſem Augenblicke erquickender ſchienen, als ihm je das weichſte Bett geweſen war. Dann ſank, ungeachtet des Windes, der ihn umſauſte, und des Regens, der ihn überrieſelte, der Schlaf auf ihn herab, dieſer köſtliche Schlaf eines Menſchen, deſſen Körper unterliegt, deſſen Geiſt aber wacht, in dem Bewußt⸗ ſein eines ungehofften Glückes. Nach einer Stunde erwachte er von einem ungeheueren Donnerſchlage, der Sturm war entfeſſelt und ſchlug die Luft mit ſeinen kräftigen Flügeln. Von Zeit zu Zeit ſchlängelte ſich ein Blitz durch die Atmoſphäre und erleuchtete auf Augenblicke die Wolken und die Wogen, die wie ein ungeheures Chaos durch einander rollten. Sein Seemanns-⸗Auge hat Dantes nicht getäuſcht; er war auf der Inſel Tiboulon gelandet, er wußte, daß ſie nackt und unbebaut war und keinen einzigen Zufluchtsort darbot. Indeſſen beabſichtigte er, ſobald der Wind nachgelaſſen haben würde, ſich wieder dem Meere anzuvertrauen und nach der auch unfruchtbaren, aber breiteren und folglich bewohnbaren Inſel Lemaire zu ſchwimmen. Ein über⸗ ragender Felſen bot dem jungen Manne ein augenblickliches Obdach; er flüchtete dahin und faſt in demſelben Augenblicke brach die höchſte Wuth des Orkanes aus. Edmond fühlte den Felſen, der ihn ſchützte, zittern; die Wogen, die ſich am Fuße dieſer rieſenhaften Pyramide brachen, ſpritzten ihren Schaum bis zu ihm. So ſicher er auch war, ſo war er doch in dieſem Kampfe und Lärmen der Elemente wie von einem Blendwerke befangen; es war ihm, als zittre die Inſel unter ihm und könne, wie ein vor Anker liegendes Schiff, die Taue zerreißen und ihn mit ſich in den unendlichen Strudel ziehen. Jetzt fiel ihm ein, daß er ſeit vierundzwanzig Stunden nichts genoſſen, er hatte Hunger und Durſt. Er ſtreckte Kopf und Hände aus und trank das Waſſer aus den Höhlungen des Felſens. Als er aufſtand, erhellte ein Blitz, der den Himmel bis zu dem ſtrahlenden Throne Gottes zu ſpalten ſchien, den weiten Raum. Bei der Erleuchtung dieſes Blitzes ſah Dantes zwiſchen der Inſel Le⸗ maire und dem Cap Croiſelles, eine Viertelmeile von ſich entfernt, wie ein Geſpenſt erſcheinend, ein kleines Fiſcherboot, welches die Wellen bald auf ihrem höchſten Gipfel wiegten, bald in den tiefſten 240 Abgrund ſchleuderten und das ſich, des entſetzlichen Wetters unge⸗ achtet, mit reißender Schnelligkeit nahte. Dantes wollte ſchreien, ſuchte irgend einen Lappen, mit dem er in der Luft wehen und ihnen andeuten könne, daß ſie verloren wären. Aber ſie ſahen es ſchon von ſelbſt. Bei dem Scheine eines zweiten Blitzes ſah der junge Mann vier Männer, die ſich an den Maſt und die Segel⸗ ſtangen angeklammert hatten; ein Fünfter hielt ſich an die Stange des zerbrochenen Steuerruders. Dieſe Männer, die er ſah, ſahen ihn ohne Zweifel auch; denn zu ſeinen Ohren drang durch den pfeifenden Sturm verzweiflungsvolles Geſchrei. Ueber dem wie Rohr geknickten Maſte flatterte ein zerlumptes Segel. Plötzlich löſten ſich alle Bande, die das Segel noch hielten, und es verſchwand an dem düſteren Himmel wie einer jener großen, weißen Vögel, die ſich auf den ſchwarzen Wolken abzeichnen. Zugleich hörte Dantes ein entſetzliches Krachen und den Todes⸗ ſchrei der Verzweiflung. Wie ein Sphinx an ſeinen Felſen geklam⸗ mert, an welchem er faſt über der Tiefe hing, ſah er bei einem neuen Blitze das kleine Fahrzeug zerbrochen und zwiſchen deſſen Trümmern verzweifelnde Geſichter, nach Hilfe ausgeſtreckte Arme. Dann ſank Alles in Nacht zurück; das entſetzliche Schauſpiel hatte nur von einem Blitze bis zum andern gewährt.— Dantes eilte auf die Gefahr hin, ſelbſt in das Meer zu ſtürzen, an den glitſchigen Abhang der Felſen. Er ſpähte, er horchte, aber er ſah und hörte nichts mehr, kein Schrei, keine menſchliche An⸗ ſtrengung mehr, nur der Sturm, dieſe mächtige Stimme Gottes, fuhr fort, mit den Winden zu brüllen und mit den Wellen zu ſchäu⸗ men. Nach und nach beſänftigte ſich der Orkan, der Himmel rollte dicke, graue, ſo zu ſagen, vom Sturme entfärbte Wolken nach Weſten zu; die Azurbläue erſchien wieder mit ihren glänzenden als jemals funkelnden Sternen; bald zeichnete ſich am öſtlichen Horizonte ein röthlicher Streif von dem ſchwarzblauen Gewölke ab, die Wellen glätteten ſich, ein plötzliches Leuchten lief über ihre Gipfel und ver⸗ goldete dieſelben. Der Tag brach an. Unbeweglich ſtaunte Dantes dieſes große Schauſpiel an, als ſähe er es zum erſten Male, und wirklich war es ihm durch die langen Jahre, die er auf Schloß If verlebt hatte, etwas Neues geworden. Er wendete ſich nun nach der Feſtung um, mit einem langen, düſtere lihen C aus de gens ſe drei S Kamme ihn erke man da die mich ausſtieß bewaffn weit ſe ganze. irrenden benachre neur do auf dem Hunger ſchwimn mir ſch zwanzig weder Gott! du für J aus ſe vorgin Gebet eckiges wie ei kleines die nc konnte hohe S Weg Der ets unge⸗ ſcreien, ehen und ſahen es ſah der le Segel⸗ e Stange h, ſahen urch den dem wie Pliplich erſchwand Jögel, die en Todes⸗ n geklam⸗ bei einem den deſſen kte Arme. piel hatte zu ſtürzen, ſchte, aber liche An⸗ e Gottes, rzu ſchäu⸗ zmel rollte nch Weſten ls jemals zonte ein ie Wellen lund ver⸗ Uan, als durch die as Neues mit einem — 8 241 langen, prüfenden Blicke Erde und Meer zugleich beobachtend. Das düſtere Gebäude ſtieg mit der impoſanten Majeſtät jener unbeweg⸗ lichen Gegenſtände, die zugleich zu bewachen und zu befehlen ſcheinen, aus dem Schooße der Fluthen empor. Es konnte fünf Uhr Mor⸗ gens ſein; das Meer beruhigte ſich immer mehr.„In zwei bis drei Stunden,“ dachte Edmond,„wird der Schließer in meine Kammer kommen, den Leichnam meines armen Freundes finden, ihn erkennen, mich umſonſt ſuchen und Lärm machen; dann wird man das Loch, die Galerie finden, man wird die Männer verhören, die mich in das Meer geworfen haben und die den Schrei, den ich ausſtieß, gehört haben müſſen. Sogleich werden Fahrzeuge mit bewaffneten Soldaten nach dem armen Flüchtlinge, der noch nicht weit ſein kann, ausgeſendet werden. Die Lärmkanone wird die ganze Küſte benachrichtigen, keinem nackt und verhungert umher irrenden Manne Obdach zu geben. Die Polizei von Marſeille wird benachrichtigt werden und die Küſte durchſtreifen, wie der Gouver⸗ neur das Meer durchſtreifen läßt. Was bleibt mir, eingeſchloſſen auf dem Waſſer, umſtellt auf dem Lande, dann noch zu thun übrig? Hungernd, frierend, ohne Vertheidigungsmittel, denn um beſſer ſchwimmen zu können, mußte ich ſogar das rettende Meſſer von mir ſchleudern, bin ich die leichte Beute des erſten Bauers, der zwanzig Franken verdienen will, indem er mich ausliefert; ich habe weder Kraft, noch Gedanken, noch Entſchloſſenheit mehr. O! mein Gott! mein Gott! ſiehe, ob ich nun genug gelitten habe und thue Du für mich, was ich nicht mehr vermag.“ In dem Augenblicke, wo Edmond in einer Art Wahnſinn, der aus ſeiner Erſchöpfung aller körperlichen und geiſtigen Kräfte her⸗ vorging, angſtvoll nach dem Schloſſe If blickend, dieſes glühende Gebet ausſprach, ſah er an der Spitze der Inſel Pogue ein drei⸗ eckiges Segel, gleich einer Möve, die dicht auf dem Waſſer fliegt, wie einen Schatten am Horizonte erſcheinen und entdeckte bald ein kleines Schiff, in dem nur ein Seemannsauge bei den Schatten, die noch auf dem Meere lagen, eine genueſiſche Tartane erkennen konnte. Sie kam aus dem Hafen von Marſeille und ging in die hohe See, mit ihrem ſpitzen Vordertheile den Flanken einen leichten Weg bahnend und glänzenden Schaum vor ſich her ſpritzend. „O!“ rief Edmond,„in einer halben Stunde könnte ich dies Der Graf von Monte⸗Chriſto. 16 ——— 242 Fahrzeug erreichen! Aber würden ſie mich nicht ausforſchen, als Flüchtling erkennen und nach Marſeille zurückliefern? Was ſoll ich thun? Was ihnen ſagen? Welche Fabel erfinde ich, um ſie zu täuſchen? Dieſe Leute ſind lauter Schmuggler, halbe Seeräuber, die unter dem Vorwande, Küſtenhandel zu treiben, ihre Seeräuberei ausüben; ſie würden mich lieber verkaufen, als eine gute Handlung thun, die ihnen nichts einbrächte. Doch Muth gefaßt und abge⸗ wartet!— Aber Warten iſt eine unmögliche Sache für mich, ich ſterbe vor Hunger, in einigen Stunden werden die wenigen Kräfte, die ich noch habe, geſchwunden ſein; übrigens naht jetzt die Stunde des Beſuchs, die Reveille iſt noch nicht geſchlagen, vielleicht merken ſie nichts, ich kann mich für einen Matroſen des Schiffes ausgeben, welches dieſe Nacht unterging; dieſe Fabel hat Wahrſcheinlichkeit, es wird Niemand kommen, mich Lügen zu ſtrafen, die hat das Meer nur zu gewiß verſchlungen, ich will es wagen. AufW!“ bei dieſen Worten wendete Dantes ſeine Blicke nach der Gegend, wo das kleine Schiff untergegangen war und zitterte. Am Kamme eines Felſens war die phrygiſche Mütze eines der verunglückten Matroſen hängen geblieben, und ganz in der Nähe deſſelben trieben einige Schiffs⸗ trümmer auf dem Meere umher, traurige Ueberreſte, die das Meer gegen die Inſel ſpülte, nachdem es das Ganze unwiderbringlich ver⸗ ſchlungen hatte. Sogleich war Dantes Entſchluß gefaßt; er warf ſich wieder in das Meer, ſchwamm nach der Mütze, bedeckte ſeinen Kopf damit, ergriff eins der Breter und nahm ſeine Richtung ſo, daß er den Lauf des Schiffes durchkreuzen mußte. „Jetzt bin ich gerettet,“ murmelte er; und dieſe Ueberzeugung gab ihm ſeine Kräfte wieder. Bald entdeckte er die Tartane wieder, die, da ſie den Wind gegen ſich hatte, zwiſchen dem Schloſſe If und dem Thurme von Planier an der Küſte hielt. Einen Augenblick fürchtete Dantes, das kleine Fahrzeug könne, ſtatt ſich an der Küſte zu halten, in die hohe See gehen, wie es zum Beiſpiel gethan haben würde, wenn es nach Corſika oder Sardinien beſtimmt ge⸗ weſen wäre; an der Art, wie es manböverirte, erkannte indeſſen der Schwimmer bald, daß es wie alle Schiffe, die nach Italien gehen, zwiſchen der Inſel Jaros und Calaſereigne durchſegeln wollte. Indeſſen näherten das Schiff und der Schwimmer ſich einander immer Viertelm Niemand wurde in Küſte hi fernung werden brechen! ſchwunge Anſtreng ſchwimm ihm vort gleich er Zweifel einer Ar wendete an, um reicht ha Dantes auf dem Geſchrei zu laſſer Die hemmte zu; dug hatte di ihn erre benöthig antgegen früh w Schritt Kräfte! ſeine B beiden ihm„J ſein Ol chen, als as ſoll ich en ſe zu eerüuber, ſeeräuberei dandlung und abge⸗ mich, ich en Kräfte, ie Stunde t merken ausgeben, einlichkeit, das Meer bei dieſen das lleine es Felſens en hängen gde Schiffs⸗ das Meer nglich ver⸗ wieder in pf damit, aß er den berzeugung ne wieder, ſe If und Augenblick der Küſte iel gethan ſtimmt ge⸗ ndeſſen der ien gehen, vollte. einander 243 immer mehr; einmal kam das kleine Fahrzeug Dantes ſchon ein Viertelmeile nahe. Er erhob ſich, winkte mit ſeiner Mütze, aber Niemand auf dem Schiffe wurde ſeiner gewahr, denn das Schiff wurde in demſelben Augenblicke gewendet und ſegelte wieder an der Küſte hin. Dantes wollte rufen, ſah aber bald ein, daß die Ent⸗ fernung zu groß war, als daß auf dem Schiffe ſeine Stimme gehört werden konnte, um ſo mehr, als das Toſen des Meeres dieſelbe brechen mußte. Jetzt wünſchte er ſich Glück, ſich auf ein Bret ge⸗ ſchwungen zu haben, denn, geſchwächt, wie er nach ſo übermäßigen Anſtrengungen war, würde er ſchwerlich, auf dem bloßen Meere ſchwimmend, die Tartane, oder wenn dieſe, ohne ihn zu ſehen, an ihm vorüber geſegelt wäre, die Küſte haben erreichen können. Ob⸗ gleich er über den Weg, den das Schiff nehmen mußte, nicht in Zweifel war, ſo beobachtete er doch jede ſeiner Bewegungen mit einer Art Herzensangſt, bis zu dem Augenblicke, wo es wieder wendete und auf ihn zukam. Da ſtrengte er wieder alle ſeine Kräfte an, um ihm nahe zu kommen, aber als er beinahe das Schiff er⸗ reicht hatte, fing es wieder an ſich zu wenden. Sogleich erhob Dantes durch eine faſt übermenſchliche Anſtrengung ſich faſt ſtehend auf dem Waſſer, winkte mit ſeiner Mütze und ſtieß jenes klägliche Geſchrei aus, welches die Seeleute, wenn ſie in Noth ſind, hören zu laſſen pflegen, und welches der Klage eines Waſſergeiſtes gleicht. Diesmal gelang es ihm, ſich bemerkbar zu machen. Die Tartane hemmte ihren Lauf und richtete den Schiffsſchnabel nach ſeiner Seite zu; zugleich ſetzte ſie eine Schaluppe mit zwei Mann aus. Bald hatte dieſelbe, mit ihren doppelten Rudern das Meer ſchlagend, ihn erreicht; Dantes ließ jetzt das Bret, deſſen er nun nicht mehr benöthigt zu ſein glaubte, los und ſchwamm kräftig ſeinen Rettern entgegen. Indeſſen ſah er bald ein, wie nützlich ihm jenes, faſt zu früh weggeſtoßene Bret geweſen war, welches nun ſchon hundert Schritt von ihm, alſo unerreichbar, auf dem Meere trieb, denn ſeine Kräfte waren gänzlich erſchöpft. Seine Arme und Beine erſtarrten, ſeine Bruſt keuchte. Er ſtieß einen zweiten Schrei aus, der die beiden Ruderer zu größerer Eile anſpornte, der Eine derſelben rief ihm„Muth!“ in italieniſcher Sprache zu. Dieſes Wort erreichte ſein Ohr in demſelben Augenblicke, wo eine Woge, die er nicht mehr 16* 244 zu überwältigen vermochte, über ſeinen Kopf ſtürzte und ihn mit Schaum bedeckte. Er kam mit den ungleichen, unſichern Bewegungen eines Er⸗ trinkenden wieder empor, ſtieß einen dritten Schrei aus und fühlte ſich ſinken, als hätte er noch die tödtliche Kugel an den Füßen. Das Waſſer ging über ſeinen Kopf und er ſah durch daſſelbe den trüben Himmel, mit ſchwarzen Flecken. Nochmals brachte eine heftige Anſtrengung ihn auf die Oberfläche. Er fühlte ſich bei den Haaren ergriffen, dann ſah und hörte er nichts mehr, er war ohn⸗ mächtig. Als er die Augen wieder öffnete, befand er ſich auf dem Verdeck der Tartane, die ihren Lauf fortſetzte; ſein erſter Blick war auf den Weg gerichtet, den ſie nahm: ſie entfernte ſich vom Schloſſe If. Dantes war ſo erſchöpft, daß ſein freudiger Ausruf bei dieſer Bemerkung, wie ein Seufzer des Schmerzes klang. Er lag, wie ſchon geſagt, auf dem Verdeck: ein Matroſe rieb ihm die erſtarrten Glieder mit einer wollenen Decke; ein Anderer, in welchem er den erkannte, der ihm„Muth!“ zugerufen hatte, hielt ihm die Mündung einer Kürbisflaſche an den Mund; ein Dritter, ein alter Seemann, der zugleich Steuermann und Patron des Schiffes war, ſah ihn mit jenem Ausdrucke egoiſtiſchen Mitleids an, welches die Menſchen gewöhnlich einem Unglücke zollen, dem ſie ſelbſt erſt ganz kürzlich entgangen ſind, und welches nur zu bald auch ſie erreichen kann. Einige Tropfen Rum aus der Kürbisflaſche belebten die geſunkenen Lebensgeiſter des jungen Mannes, während das Reiben mit der wollenen Decke, welches der neben ihm knieende Matroſe fortſetzte, ſeinen Gliedern die Geſchmeidigkeit wieder gab. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Patron in ſchlechtem Franzöſiſch. „Ich bin,“ antwortete Dantes in ſchlechtem Italieniſch,„ein malteſiſcher Matroſe; wir kamen von Syrakus und hatten Wein und Südfrüchte geladen. Der Wirbelwind der vergangenen Nacht überraſchte uns am Cap Morgion und ſchleuderte uns gegen jene Felſen, die Ihr da unten ſehet.“ „Woher kommt Ihr?“ „Von jenem Felſen, an den ich ſo glücklich war, mich an⸗ klammern zu können, während unſer braver Capitän ſeinen Kopf an demſelben zerſchellte und meine drei Kameraden ertranken. Ich 6 245 ihn mitt . glaube der einzige zu ſein, der ſich gerettet hat; ich entdeckte Euer ſeines Er⸗ Fahrzeug und fürchtend, auf dieſem kahlen, unwirthbaren Felſen und fühlte lange hauſen zu müſſen, fiſchte ich eine der umhertreibenden Planken en Füßen.. unſeres zertrümmerten Schiffes, um wo möglich mit Hilfe derſelben ſſelbe den. Euch zu erreichen. Dank Euch!“ fuhr Edmond fort,„Ihr habt acte eine mich gerettet; ich war im Begriff machtlos zu verſinken, als einer h bei den Eurer Matroſen mich bei den Haaren ergriff.“ war ohn⸗ 1„Das war ich,“ ſagte ein Matroſe mit freiem, offenen Geſichte, auf den welches ein langer ſchwarzer Backenbart einfaßte,„und es war Zeit; ſter Vlic Ihr ſanket ſchon.“ ſich vom„Ja,“ ſagte Dantes,„ja, mein Freund und ich danke Euch nochmals.“ bei diſſer„Meiner Treu!“ ſagte der Matroſe,„ich beſann mich beinahe; lag, wie mit Eurem ſechs Zoll langen Barte und einem Fuß langen Haar erſtarrten ſahet Ihr eher wie ein Räuber als wie ein rechtlicher Mann aus.“ em er den Dantes beſann ſich jetzt, daß er wirklich, ſeit er auf Schloß If geweſen war, gezwungener Weiſe Haar und Bart hatte wachſen laſſen müſſen. „Ja,“ ſagte er,„das war ein Gelübde, welches ich unſerer Nündung Seemann, „ſah ihn Neſchen lieben Frau von der heiligen Grotte in einem Augenblicke großer Gefahr abgelegt hatte, Haar und Bart zehn Jahre lang unangerührt wachſen zu laſſen. Eben heute ſind die zehn Jahre abgelaufen und beinahe wäre ich an dieſem wichtigen Jahrestage ertrunken.“ „Was machen wir nun mit Dir?“ fragte der Patron. „Ach!“ antwortete Dantes,„die Felucke, auf der ich diente, iſt nicht mehr; der Capitain iſt todt. Ich bin, wie Ihr ſeht, nur mit hanßſſ knapper Noth demſelben Schickſale entgangen, aber durchaus nackt. 3 2* Glücklicherweiſe bin ich ein ganz guter Seemann; ſetzt mich am erſten 1 zen Hafen, wo Ihr Anker werft, an's Land und ich werde ſchon eine tten Wein Annſtellung auf einem Kauffahrteiſchiffe finden.“ nen Nacht„Kennt Ihr das mittelländiſche Meer?“ gegen jene„Ich befahre es ſeit meiner Kindheit.“ „Kennt Ihr die beſten Ankerplätze?“ n kürzlich chen kann. geſunkenen mmit der fortſetzte, .„Es giebt wenige, ſelbſt der ſchwierigſten Häfen, in welche ich nich an⸗ nicht mit geſchloſſenen Augen ein⸗ und auszulaufen mich getraute.“ einen aax 1 MNun, wenn das iſt, Patron,“ ſagte der Matroſe, welcher Dantes nten Ih„Muthl!“ zugerufen hatte,„warum ſollte er dann nicht bei uns bleiben?“ 246 „Ja, wenn er wahr ſpricht,“ entgegnete der Patron etwas zweifelhaft;„aber in dem Zuſtande, wo dieſer arme Teufel iſt, ver⸗ ſpricht man viel und findet ſich ab, wie man kann.“ „Ich werde mehr halten, als ich verſprach,“ ſagte Dantes. „O! o!“ ſagte der Patron lachend,„wir werden ja ſehen.“ „Wie Ihr wollt,“ erwiderte Dantes aufſtehend;„wohin geht Ihr?“ „Nach Livorno.“ „Nun wohll! warum kneift Ihr nicht den Wind ganz einfach, ſtatt ſo viel Zeit damit zu verlieren, daß Ihr an den Küſten ent⸗ lang ſegelt?“ „Weil wir gerade auf die Inſel Rion zukommen würden.“ „Ihr werdet dieſelbe mehr als zwanzig Klafter weit umſegeln.“ „Nun, ſo ſetzt Euch an das Steuerruder und zeigt uns, was Ihr verſteht,“ entſchied der Patron. Der junge Mann ſetzte ſich an das Steuerruder, verſicherte ſich durch einen leichten Druck von der Lenkſamkeit des Fahrzeuges, und als er ſah, daß es, ohne von der feinſten Art zu ſein, nicht verſagte, ſprach er das Commando aus: „An die Braſſen und die Boleine!“ Die vier Matroſen, aus welchen die Schiffsequipage beſtand, eilten an ihren Poſten, während der Patron den ſchweigenden Be⸗ obachter machte. „Holt an!“ fuhr Dantes fort. Die Matroſen gehorchten ziemlich pünktlich. „Und jetzt die Taue befeſtigt; gut.“ Dieſes Commando wurde wie die früheren befolgt und das kleine Schiff begann, ſtatt wie bisher an den Küſten zu halten, die Richtung nach der Inſel Rion zu nehmen, die es, wie Dantes geſagt hatte, in zwanzig Klafter Entfernung umſegelte. „Bravo!“ ſagte der Patron. „Bravo!“ wiederholten die Matroſen. Und Alle ſahen auf dieſen Mann, deſſen Blick ſeine Schärfe und Umſicht, und deſſen Körper eine Kraft wieder erlangt hatte, die man ihm nicht anſah. „Ihr ſeht,“ ſagte Dantes, das Steuerruder verlaſſend,„daß ich Euch von einigem Nutzen ſein könnte, wenigſtens während der Ueberfahrt; wollt ihr mich in Livorno nicht mehr, gut; laßt mich dort, in Beköſtig E einig w billig, Sache Meere „1 Patron, lichen daß ig A iſ, ver. danteg. ſehen.“ vohin geht a einfach, lüſten ent⸗ ürden.“ umſegeln.“ uns, was icherte ſich euges, und tverſagte, ge beſtand, 1 henden Be⸗ t und das halten, die ntes geſagt ſahen auf und deſſen icht anſah. ſend, doh ährend der laßt mich 247 dort, und von meinem erſten Monats⸗Solde werde ich Euch meine Beköſtigung und die Kleider, die Ihr mir borgen werdet, erſtatten.“ „Es iſt gut! es iſt gut!“ ſagte der Patron;„wir werden ſchon einig werden, wenn Ihr vernünftig ſeid.“ „Was Einem recht iſt,“ verſetzte Dantes,„iſt dem Andern billig, Ihr gebt mir, was Ihr den Kameraden gebt, damit iſt die Sache abgemacht.“ „Das geht nicht,“ ſagte der Matroſe, der Dantes aus dem V Meere gezogen hatte,„denn Ihr verſteht mehr als wir.“ „Und was Teufel geht Dich das an, Jacopo?“ verſetzte der Patron,„Jeder hat das Recht, die Summe zu beſtimmen, für die er dienen will.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Jacopo,„es war nur eine Bemerkung von mir.“ „Nun gut! Du thäteſt beſſer, dieſem braven Burſchen, der ganz nackend iſt, eine Hoſe und Jacke zu leihen, wenn Du nämlich Vorrath haſt.“ „ Nein,“ ſagte Jacopo;„aber ich habe ein Hemd und eine Hoſe.“ „Das iſt Alles was ich bedarf, und ich nehme es dankbar an,“ ſprach Dantes. Jacopo glitt durch die Lucke und kam bald mit den beiden Kleidungsſtücken wieder herauf, die Dantes mit unſäg⸗ licher Freude anlegte. „Bedürft Ihr nun irgend noch etwas?“ fragte der Patron. „Einen Biſſen Brod und noch einen Schluck von dem vortreff⸗ lichen Rum, den ich vorhin bekam, denn es iſt ziemlich lange her, daß ich nichts genoſſen habe.“ Es waren wirklich beinahe vierzig Stunden. Sie brachten Dantes Brod und Jacopo bot ihm ſeine Flaſche. „Die Stange an das Backbord,“ ſchrie der Capitain, ſich nach dem Bootsmanne wendend. Dantes warf, indem er die Flaſche zum Munde führte, einen Blick nach derſelben Richtung, aber die Flaſche blieb auf halbem Wege. „Sieh,“ fragte der Patron,„was iſt denn auf dem Schloſſe If los?“ Wirklich umzog eine kleine weiße Wolke, die Dantes Aufmerkſam⸗ keit erregt hatte, die Zinnen der ſüdlichen Baſtion des Schloſſes If. 248 Einen Augenblick darauf verhallte der Knall einer fernen Exploſion am Bord der Tartane. „Was bedeutet das?“ fragte der Patron. „Es wird dieſe Nacht ein Gefangener entflohen ſein und ſie löſen jetzt die Lärmkanone.“ Der Patron warf einen Blick auf den jungen Mann, der, als er dieſe Worte geſagt hatte, die Flaſche ruhig zum Munde führte und den Rum mit ſolchem Wohlbehagen ſchlürfte, daß jeder Arg⸗ wohn, der etwa in ihm hatte auftauchen wollen, ſogleich verſchwand. „Das iſt teufelmäßig ſtarker Rum,“ ſagte Dantes, indem er den von ſeiner Stirn rieſelnden Schweiß mit ſeinem Aermel ab⸗ trocknete. „Für jeden Fall,“ murmelte der Patron ihn anſehend,„wenn er's iſt, deſto beſſer, denn ich habe da einen tüchtigen Mann ge⸗ wonnen.“ Unter dem Vorwande ermüdet zu ſein, ſetzte Dantes ſich an's Steuerruder. Der Bootsmann, erfreut, abgelöſ't zu ſein, fragte mit den Augen den Patron, der ihn eben ſo beſchied, daß er dem neuen Gefährten das Steuerruder überlaſſen könne. So konnte Dantes ungehindert ſeine Aufmerkſamkeit auf Marſeille richten. „Welchen Datum haben wir doch gleich?“ fragte Dantes Ja⸗ copo, der ſich neben ihn geſetzt hatte und nicht mehr nach Schloß I ſah. „Den 28. Februar,“ antwortete dieſer. „Und die Jahreszahl?“ fragte Dantes weiter. „Wiel welche Jahreszahl? Ihr fragt nach der Jahreszahl?“ „Ja,“ erwiderte der junge Mann,„ich frage darnach.“ „Ihr habt die Jahreszahl vergeſſen, die wir ſchreiben?“ „Was wollt Ihr, ich habe dieſe Nacht ſo viel Furcht und Schrecken gehabt,“ ſagte Dantes lächelnd,„daß ich wohl den Ver⸗ ſtand verlieren konnte, und davon iſt mein Gedächtniß noch nicht wieder hergeſtellt; ich frage Euch alſo, von welchem Jahre wir den 28. Februar haben?“ „Vom Jahre 1829,“ ſagte Jacopo. Es war alſo auf den Tag vierzehn Jahre, daß Dantes ver⸗ haftet war. Neunzehn Jahre alt, war er nach Schloß If gekommen, und dreiunddreißig Jahre alt, hatte er es verlaſſen. Ein ſchmerz⸗ Erploſion und ſe der, als de führte der Arg⸗ ſſchwand. indem er rmel ah⸗ d,„wenn Nann ge⸗ antes ſich zu ſein, ied, daß nne. So Marſeill antes It⸗ h Sdhlcß reszahl?“ n4* urcht und den Ver⸗ noch nicht wir den antes ver⸗ ekommen, ſchmer⸗ 1 249 liches Lächeln umzog ſeine Lippen; er fragte ſich, was in dieſer Zeit, wo ſie ihn für todt halten mußte, aus Mercedes geworden ſein möge. Dann entzündete ſich ein Blitz des Haſſes in ſeinen Augen, indem er an jene drei Männer dachte, denen er eine ſo lange und grauſame Gefangenſchaft verdankte, und er erneute den Schwur unerbittlicher und unbeugſamer Rache an Danglars, Fernand und Villefort, den er ſchon im Gefängniſſe ausgeſprochen hatte; und dieſer Schwur war keine leere Drohung mehr, denn in dieſem Augen⸗ blicke wäre der ſchnellſte Segler des mittelländiſchen Meeres ſchon nicht mehr im Stande geweſen, die kleine Tartane einzuholen, die mit vollem Winde Livorno zuſegelte. XXIII. Die Schmuggler. Dantes hatte noch keinen Tag an Bord zugebracht, als er ſchon wußte, mit wem er's zu thun hatte. Ohne ein Schüler des Abbé Faria geweſen zu ſein, kannte der würdige Patron der jeune Amélie(dies war der Name der genueſiſchen Tartane) ziemlich alle Sprachen, die um dieſen großen See her, den man das mittel⸗ ländiſche Meer nennt, geſprochen werden, vom Arabiſchen bis zum Provencaliſchen; das verſchaffte ihm, indem es ihn der Nothwendig⸗ keit überhob ſich mit Dollmetſchern, welche meiſt immer langweilige, mitunter unbeſcheidene Perſonen zu ſein pflegen, zu befaſſen, ſehr große Vortheile, indem es ſeinen Verkehr, theils mit den Schiffen auf dem Meere, theils mit den Barken an der Küſte, theils endlich mit den Leuten ohne Namen, Stand und Vaterland, exleichterte, deren es auf den Hafenquais ſo Viele giebt und die von jenen geheimniß⸗ vollen, verſteckten Hilfsquellen leben, die, wie man glauben muß, ihnen unmittelbar von der Vorſehung kommen, da man gar kein ſichtbares Exiſtenzmittel gewahr wird. Der Leſer wird längſt bemerkt haben, daß Dantes am Bord eines Schmugglerſchiffes war. Auch hatte der Patron im Anfange Dantes mit einem gewiſſen Mißtrauen aufgenommen: er war allen Douaniers der Küſte ſehr bekannt, und da zwiſchen ihm und dieſen Herren ein Ueberbieten von Liſt ſtatt⸗ fand, hatte er anfänglich in Dantes einen Emiſſair der Dame Gabelle*) vermuthet, die dieſes Mittel anwenden wolle, um hinter einige ſeiner Geheimniſſe zu kommen, aber die glänzende Art, wie Dantes die Probe beſtanden, hatte ihn gänzlich von allem Verdachte befreit. Als er den leichten Rauch wie einen Federbuſch um Schloß *) Steuerbehörde. Jj ſchn iinen? gälten, wenigen deſſen bei den Er war, w Seite d forſchen die gel Marſei Logik, Genueſ binter's Kenntn ſprachel die im was ſie Livorn , als er hüler des der jeune mlich alle ss mittel⸗ bis zum thwendig⸗ weilige, ſſen, ſehr Schiffen endlich erte, deren eheimniß⸗ uß, ihnen ſichtbares kt haben, luch hatte Mißtrauen annt, und Liſt ſtatt⸗ der Dame um hinter Art, wie Verdachte im Schloß ——;————————————.———— Ff whmeben ſah und den Knall der Lärmkanone hörte, glaubte er einen Augenblick, Denjenigen, dem alle dieſe Ehrenbezeugungen gälten, an Bord aufgenommen zu haben, doch beunruhigte ihn dieſes weniger, als wäre der Neuangekommene ein Douanier geweſen; in⸗ deſſen auch dieſe zweite Vermuthung verſchwand bald, wie die erſte, bei dem Anblicke der vollkommenen Ruhe ſeines neuen Matroſen. Edmond hatte alſo den Vortheil, zu wiſſen, wer ſein Patron war, während ſein Patron nicht wußte, wer er war. Von welcher Seite der alte Seemann und ſeine neuen Kameraden ihn auch aus⸗ forſchen mochten, er hielt ſich gut und gab keine Blöße, indem er die genaueſte Auskunft über Neapel und Malta gab, die er wie Marſeille kannte, und ſeiner erſten Erzählung treu blieb mit einer Logik, die ſeinem Gedächtniſſe Ehre machte. So ließ ſich alſo der Genueſer mit aller ſeiner Liſt und Verſchlagenheit von Dantes hinter's Licht führen, für den ſeine Freundlichkeit, ſeine nautiſchen Kenntniſſe und beſonders ſeine Kraft, die Jedem Achtung einflößte, ſprachen. Auch war der Genueſer vielleicht wie jene klugen Leute, die immer nur wiſſen, was ſie wiſſen dürfen, und nur glauben, was ſie wünſchen. In dieſer gegenſeitigen Stimmung erreichten ſie Livorno. Dort mußte Edmond eine erſte Probe beſtehen, das war, zu ſehen, ob er ſich ſelbſt erkennen werde, da er ſich in vierzehn Jahren nicht geſehen hatte. Er wußte genau, wie er als Jüngling aus⸗ geſehen hatte, und wollte nun ſehen, wie er als Mann ausſah. Sein Gelübde, welches er gethan haben wollte, war erfüllt; zwanzig Mal war er ſchon in Livorno geweſen und kannte einen Barbier, Straße St. Ferdinand; er ging zu demſelben, um ſich Haare und Bart abnehmen zu laſſen. Der Barbier erſtaunte über dieſen Mann mit langem Haar und dichtem ſchwarzen Bart, der einem jener ſchönen Köpfe Titians glich. Es war damals noch nicht Mode, Bart und Haare ſo lang zu tragen; jetzt würde ein Barbier ſich wundern, daß ein mit ſo großen phyſiſchen Vorzügen begabter Mann freiwillig ſich derſelben berauben ließe. Der Barbier von Livorno verrichtete ſein Geſchäft ohne weitere Bemerkungen. Als die Operation beendigt war, Edmond ſein Kinn völlig glatt fühlte und die Haare zu der üblichen Länge reducirt waren, forderte ter einen Spiegel und bejah ſich. Er war, wie wir ſchon 252 geſagt haben, dreiunddreißig Jahre alt und die vierzehn Jahre ſeiner Gefangenſchaft hatten ſo zu ſagen eine große moraliſche Ver⸗ änderung in ſeinem Geſichte hervorgebracht. Mit dem runden, lachenden, offenen Geſichte eines jungen Mannes, deſſen erſte Schritte in das Leben über Blumen führten und deſſen Hoffnungen für die Zukunft auf die Erfahrungen der Vergangenheit begründet ſind, hatte er ſein Gefängniß betreten. Jetzt war Alles ſehr viel anders. Sein ziemlich rundes, volles Geſicht hatte ſich verlängert, ſein lachender Mund hatte einen Zug von Feſtigkeit und Entſchloſſenheit angenommen, ſeine dichter gewordenen Brauen wölbten ſich unter einer einzigen, aber tiefen Falte des nachdenkenden Grames, ſeine Augen blickten tiefe Traurigkeit und funkelten mitunter in den düſtern Blitzen von Haß und Menſchenfeindlichkeit; ſeine Farbe hatte in der langen Entbehrung von Luft und Sonnenſchein jene matte Bläſſe ange⸗ nommen, die, wenn das Geſicht von einem ſchwarzen Bart einge⸗ faßt iſt, die ariſtokratiſchen Männer des Nordens auszeichnet. Die tiefe und gründliche Gelehrſamkeit, die er dem Abbé verdankte, verbreitete einen Strahl von ſicherer, durchdringender Klugheit über ſein ganzes Geſicht. Zudem hatte ſein ſchon an ſich hoher ſchlanker Wuchs jene Gedrungenheit eines Körpers angenommen, der ſeine Kräfte lange in ſich zu concentriren gezwungen war. Der jugend⸗ lichen Eleganz ſeiner geſchmeidigen Formen war die Muskelſtärke und Fülle des reiferen Alters gefolgt. Seine Stimme hatte durch Flehen, Schluchzen und Beten, eine fremdartige Weichheit bekommen, durch welche aber von Zeit zu Zeit ein rauher, faſt barſcher Ton drang. Uebrigens hatten ſeine Augen, an ein beſtändiges Halb⸗ dunkel gewöhnt, die beſondere, aber ſeltene Fähigkeit gewonnen, im Dunkeln zu ſehen, wie der Wolf und die Hyäne. Edmond lächelte, indem er ſich ſah; ſein beſter Freund, wenn er noch einen hatte, konnte ihn nicht erkennen; kannte er ſelbſt ſich doch kaum wieder. Der Patron der jeune Amélie, dem es ſehr am Herzen lag, einen Mann von Edmonds Tüchtigkeit auf ſeinem Schiffe zu be⸗ halten, hatte ihm einige perſönliche Vortheile zugeſichert, wenn er in ſeinen Dienſten bleiben wolle, und Edmond hatte zugeſagt. Seine erſte Sorge, als er den Barbier, der die Metamorphoſe mit ihm vorgenommen hatte, verließ, war, in einem Kleidermagazine eine vollſtändige Matroſenkleidung zu kaufen. Dieſer Anzug iſt, wie der Leſer 1 einem Anzuge zurückg ſeine 6 feinen Barte, und ſte kennen. demſelb eingede U thätig war, k als der iſche Ver⸗ runden, eSchitte n für die det ſin, anders. lachender nommen, einzigen, n blickten liten von e langen ſſe ange⸗ att einge⸗ net. Die verdankte, heit über ſchlanker der ſeine er jugend⸗ uskelſtärke rtte durch ekommen, cher Ton ees Halb⸗ onnen, im lächelte, nen hatte, wieder. erzen lag, ffe zu be⸗ wenn er t. Seine mit ihm gzine eine „wie der — 253 Leſer wiſſen wird, ſehr einfach: er beſteht aus weißen Pantalons, einem geſtreiften Hemde und einer phrygiſchen Mütze. In dieſem Anzuge erſchien Edmond, nachdem er Jacopo das Geliehene wieder zurückgegeben hatte, vor dem Patron der jeune Amélie, dem er ſeine Geſchichte wiederholen mußte. Der Patron wollte in dieſem feinen eleganten Manne, den armen Teufel mit dichtem, langen Barte, Seegras im Haar und von Meerwaſſer triefend, den er nackt und ſterbend in ſein Schiff aufgenommen hatte, nicht wieder er⸗ kennen. Durch Dantes ſtattliches Ausſehen beſtochen, erneuerte er demſelben ſeine Vorſchläge, ganz bei ihm zu bleiben, die Dantes, eingedenk der Pläne, die er hatte, jedoch nur auf drei Monate einging. Uebrigens war die Schiffsmannſchaft der jeune Amélie ſehr thätig und ſtand unter dem Commando eines Patrons, der gewohnt war, keine Zeit zu verlieren. Kaum war er acht Tage in Livorno, als der Schiffsraum mit gedruckten Mouſſelinen, verbotenen Baum⸗ wollwaaren, allerhand engliſchen Waaren und Tabak, welchen die Regierung zu ſtempeln vergeſſen hatte, angefüllt war. Es kam dar⸗ auf an, dieſes alles aus dem Freihafen von Livorno, in welchem keine Viſitation ſtattfand, herauszubringen und es in Corſika abzu⸗ laden, wo gewiſſe Spekulanten ſich damit befaßten, die Ladung nach Frankreich einzuſchmuggeln. Sie ſegelten ab. Edmond durch⸗ ſchnitt wieder jenes azurblaue Meer, den erſten Schauplatz ſeiner Jugend, das er ſo oft in den Träumen ſeiner Gefangenſchaft ge⸗ ſehen hatte. Er ließ Gorgone rechts und Pianiſa links und näherte ſich dem Vaterlande Paoli's und Napoleons. Als den andern Morgen ſehr frühe der Patron, ſeiner Gewohnheit nach, auf das Verdeck kam, fand er Dantes an die Bruſtwehr des Fahrzeuges gelehnt und mit ſonderbarem Ausdrucke eine Granitmaſſe betrachtend, welche die aufgehende Sonne mit röthlichem Lichte vergoldete: es war die Inſel Monte⸗Chriſto. Die jeune Amélie ſegelte drei Viertelmeilen an ihr vorbei und ſetzte ihren Weg nach Corſika fort. Dantes dachte, indem er an dieſer Inſel hinſegelte, deren Name auf eine ſo eigene Weiſe in ſeiner Seele widerhallte, daß er nur in das Meer zu ſpringen brauchte, um in einer halben Stunde in dem Lande der Verheißung zu ſein. Aber was ſollte er da, ohne Werkzeug, um ſeinen Schatz aufzuſuchen, ohne Waffen, um ihn zu vertheidigen? Und was würde die Schiffsmannſchaft 254 ſagen? Was würde der Patron denken? Er mußte warten. Glück⸗ hsn licherweiſe hatte Dantes warten gelernt: er hatte vierzehn Jahre 1 udin auf ſeine Freiheit gewartet, ſo konnte er auch jetzt, wo er frei war, ſ 1 noch ſechs Monate oder ein Jahr, auf den Reichthum warten. Hätte ber er nicht gern die Freiheit ohne den Reichthum angenommen? und ds) war nicht überdem dieſer Reichthum vielleicht doch nur chimäriſch? Dol War die Vorſtellung von demſelben nicht vielleicht in dem kranken vunde Gehirn des armen Abbé Faria entſtanden und mit demſelben ge⸗ linke ſtorben? Es iſt wahr, dieſer Brief des Cardinal Spada war merk⸗ vunde würdig genau. Dantes wiederholte ſich denſelben, den er aus⸗ 1 wendig wußte, vom erſten Worte bis zum letzten. zufrie Der Abend kam; Edmond ſah die Inſel in allen verſchiedenen gezeig Beleuchtungen, welche die Dämmerung hervorbringt, ſah ſie ſich hatte endlich für alle Menſchen in der Dunkelheit verlieren; er aber mit Philoſ ſeinem durch das Gefängniß gewöhnten Auge, ſah ſie wahrſcheinlich. den noch lange, denn er war der Letzte auf dem Verdeck. Als der Tag mochte anbrach, befand ſich das Schiff auf der Höhe von Aleria. Den keinen ganzen Tag ſegelte es an der Küſte entlang, an welcher Abends ddie La Feuer angezündet wurden; an der Richtung dieſer Feuer erkannte giele man wahrſcheinlich, daß man landen konnte, denn auf der Segel⸗ daran ſtange wurde ſtatt der Flagge eine Laterne befeſtigt und man näherte ſiuhn ſich dem Ufer auf Schuſſes Weite. erfre Dantes hatte bemerkt, daß der Patron, wahrſcheinlich für feſt⸗ liche Veranlaſſungen, als ſie ſich dem Lande näherten, zwei kleine Pang Feldſchlangen hatte aufpflanzen laſſen, die, ohne großen Lärm zu hatte gla machen, eine hübſche vierpfündige Kugel tauſend Schritt weit ſenden konnten. Aber für dieſen Abend war dieſe Vorſichtsmaßregel unnütz und es ging alles ſo friedlich und ruhig als möglich zu. Vier Schaluppen näherten ſich dem Schiffe, welches, ohne Zweifel um dieſe Artigkeit zu erwidern, ſeine eigene Schaluppe ausſetzte; die ſein ung geſch fünf Schaluppen verſtanden ſich ſo gut zuſammen, daß um zwei ber Uhr Morgens die ganze Ladung der jeune Amélie auf dem feſten ihm Lande war. Noch in derſelben Nacht, ſo ſehr hielt der Patron an auf Ordnung, fand die Vertheilung der Priſengelder ſtatt: jeder erhielt zu ſeinem Antheil hundert toskaniſche Livres, das ſind unge⸗ eine fähr achzig Franken. er Dieſes zweite Geſchäft ging eben ſo glücklich von Statten als de ——.——— men? und imärſſh⸗ u kranken ſelben ge⸗ dar merk. mer aus⸗ ſchiedenen h ſie ſich aber mit rſcheinlich der Tag ria. Den er Abends rerkannte der Segel⸗ n näherte für feſt vei kleine Lärm zu eit ſenden gel unnütz zu. Vier vweifel um ſetzte; die um zwei dem feſten r Patron att: jeder ſind unge⸗ tatten als 2⁵⁵ d s erſte: die jeune Amélie war einmal im Glücke. Die neue dung war für das Herzogthum Lucca beſtimmt. Sie beſtand faſt nur aus Havanna⸗Cigarren, Malaga und Revos⸗Wein. Bei der Abreiſe miſchte ſich aber die Steuer ein, dieſe ewige Feindin des Patrons der jeune Amélie. Es kam zum Gefecht. Ein Douanier blieb auf dem Platze und zwei Matroſen wurden ver⸗ wundet; einer dieſer beiden war Dantes, dem eine Kugel durch die linke Schulter gegangen war, doch glücklicherweiſe nur eine Fleiſch⸗ wunde gemacht hatte. Dantes war beinahe glücklich über dieſes Scharmützel, beinahe zufrieden mit dieſer Wunde; ſie hatten(ſtrenge Lehrerinnen) ihm gezeigt, wie er Gefahr anſah und Schmerz ertrug. Die Gefahr hatte er lachend begrüßt und zu dem Schmerze wie der griechiſche Philoſoph geſagt:„Schmerz, du biſt kein Uebel.“ Ueberdies hatte er den Douanier fallen ſehen, und, mochte die Hitze des Kampfes, mochte Erkaltung ſeines Gefühles ſchuld ſein, dieſer Anblick hatte keinen ſehr ſchmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dantes hatte die Laufbahn betreten, die er ſich vorgezeichnet hatte und eilte dem Ziele zu, das ihm am Ende derſelben winkte: ſein Herz war nahe daran, ſich in ſeiner Bruſt zu verſteinern. Jacopo, der ihn fallen ſah und todt glaubte, ſtürzte zu ihm, hob ihn auf und pflegte ihn, erfreut, daß er lebte, als treuer Kamerad. Dieſe Welt war alſo, zwar nicht ſo gut, wie der Doctor Pangloſſe ſie fand, aber auch nicht ſo ſchlimm, als Dantes geglaubt hatte; denn dieſer Mann, der ſo traurig war, als er ihn todt glaubte, hatte von ſeinem Leben keinen Vortheil, während er im Fall ſeines Todes wenigſtens einen Theil ſeiner Priſengelder geerbt hätte. Glücklicherweiſe war, wie wir geſagt haben, Dantes Verwund⸗ ung nicht gefährlich und wurde durch gewiſſe, zu beſtimmten Stunden geſammelte Kräuter, welche die Schmuggler von ſardiniſchen Wei⸗ bern kaufen, ſehr bald geheilt. Um Jacopo zu prüfen, bot Edmond ihm zur Belohnung für die ihm geleiſtete Pflege, ſeinen Antheil an den Priſengeldern an, was aber Jacopo entrüſtet ablehnte. Durch alles, was Jacopo ſchon für ihn gethan, hatte Dantes eine Art Zuneigung für denſelben gefaßt, dieſer begehrte nicht mehr; er erkannte inſtinktmäßig die höhere Natur Dantes an, die derſelbe den Andern mit dem beſten Erfolge verbarg. Der brave Seemann 25⁵6 begnügte ſich mit dem Wenigen, was Dantes ihm widmete. Wenn in den langen Tagen der Seefahrt das Schiff ſicher und ruhig über die klare Fläche glitt und nur der Bemühungen des Boot⸗ mannes bedurfte, unterrichtete Edmond, mit einer Karte in der Hand, Jacopo, wie der arme Abbé Faria ihn unterrichtet hatte. Er zeigte ihm die Lage der Küſten, erklärte ihm die Beſchaffenheit und die Veränderungen des Compaſſes, lehrte ihn leſen in dem großen, aufgeſchlagenen Buche über uns, welches man den Himmel nennt, und deſſen arzurne Wölbung Gott mit diamantnen Buch⸗ ſtaben beſchrieben hat. Und wenn Jacopo ihn fragte:„Was nützt es einem armen Matroſen wie ich bin, alle dieſe ſchönen Sachen zu lernen?“ dann antwortete Edmond:„Wer weiß, ob Du nicht vielleicht einſt Schiffs⸗ Capitain wirſt; iſt doch Dein Landsmann Bonaparte(Jacopo war ein Corſe) Kaiſer geworden. So waren nach und nach über zwei Monate verſtrichen. Edmond war ein eben ſo geſchickter Küſtenfahrer geworden, als er früher kühner Seefahrer geweſen war, er hatte mit allen Schmugglern der Küſte Bekanntſchaft gemacht, hatte alle jene Freimaurer⸗Zeichen, an denen dieſe halben Seeräuber einander erkennen, gelernt. Er war mehr als zwanzig Mal bei ſeiner Inſel Monte⸗Chriſto vorübergeſegelt, hatte aber nicht ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, daſelbſt zu landen. Sein Entſchluß war nun folgender: Sobald ſeine Ver⸗ pflichtung auf der jeune Amélie abgelaufen war, wollte er auf ſeine eigene Rechnung eine kleine Barke miethen(was er konnte, da er bei den verſchiedenen Unternehmungen ſeines Patrons ſchon über hundert Piaſter zu ſeinem Antheile bekommen hatte) und ſich unter irgend einem Vorwande nach der Inſel Monte⸗Chriſto begeben. Dort angelangt und allein, konnte er dann ungehindert ſeine Nach⸗ forſchungen anſtellen. Zwar konnte er möglicherweiſe die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeines bisherigen Patrons und ſeiner Kameraden erregen, indeſſen, ſie hatten ihm ja nichts zu befehlen, konnten ihm nicht ſchaden und:„Wer nicht wagt, der gewinnt nicht,“ dachte Dantes. Die Gefangenſchaft hatte Dantes klug gemacht und er wollte gern ſo vorſichtig als möglich ſein, aber ſo ſehr er auch ſeinen er⸗ findungsreichen Geiſt anſtrengte, ſo fand er doch kein anderes Mittel, als daß er ſich geradezu hinfahren ließ. ——ʒ—— 1 gri halte Sti bedeu legen einige dieſer Meile erlane Wile Unter ſchen auf von d Frage hande zum bewo den; leute in ein er ſta mit arte Vorſ es unter wurd biete müſſ zu li günſ aus 257 ngewißheit ſchwebte er noch, als der Patron, der auen zu ihm hatte und ihn in ſeinem Dienſte zu be⸗ e, ihn eines Abends am Arm nahm und ihn in die üͤtet hatt la Via del Oglio führte, welche ein Sammelplatz aller ſafen 8 tenden Schmuggler Livorno's war. Dort wurden die Ange⸗ n in di geiten der Küſtenſchifferei abgehandelt. Dantes hatte ſchon 2 Enn einige Male dieſe Seemannsbörſe beſucht, und bei Beobachtung ne mel dieſer kühnen Seeräuber, die von dem Küſtenhandel zweitauſend Bug Meilen in der Runde, lebten, ſich gefragt: welche Macht ein Mann erlangen müſſe, der im Stande wäre, dieſe Kräfte nach ſeinem em argen— Willen zu lenken. Dieſes Mal war die Rede von einer bedeutenden ene am Unternehmung, nämlich von einem mit türkiſchen Teppichen, levanti⸗ wi Scif⸗ ſchen Seidenſtoffen und Cachemirs beladenen Schiffe, deſſen Ladung Facopo war auf einem neutralen Terrain in Empfang genommen werden und von da nach den franzöſiſchen Küſten befördert werden mußte. Die Ednond Frage war nun, wie dies am beſten zu bewerkſtelligen ſei, denn es er früher handelte ſich um fünfzig bis ſechszig Piaſter für den Mann. ugglern der Der Patron der jeune Amélie ſchlug die Inſel Monte⸗Chriſto Zeichen, an zum Landungs⸗ und Umladungs⸗Platze vor, weil dieſelbe völlig un⸗ t Er war. bewohnt, alſo auch frei von Soldaten und Douaniers, eigens zu dergeſeget, ¹den Zeiten des Olymps, von Mercur, dieſem Beſchützer der Kauf⸗ en, daſelbſt leute und Diebe, die wir für ſehr zweierlei halten, die Alten aber ſeine Ver⸗ in eine Categorie ſetzten, hier mitten in das Meer geworfen zu ſein ſchien. r auf ſene Bei dem Namen Monte⸗Chriſto zitterte Dantes vor Freude: nte, daer er ſtand auf, um ſeine Bewegung zu verbergen und ging in dem ſchon übder mit Tabaksrauch erfüllten Gemache umher, in welchem die Mund⸗ dſich unter arten aller Erdtheile ſich in der Lingua franca vereinigten. Der to begeben. Vorſchlag auf Monte⸗Chriſto zu landen, fand ungetheilten Beifall, ſeine Nach⸗ es wurde entſchieden, in der folgenden Nacht nach Monte⸗Chriſto ie Aufmert. unter Segel zu gehen. Edmond, der hauptſächlich um Rath gefragt den erreen, wurde, war der Meinung, daß die Inſel alle möglichen Sicherheiten n ihm nicht biete, und daß wichtige Unternehmungen nicht aufgeſchoben werden hte Dantet. müſſen. Es wurde alſo beſchloſſen, die folgende Nacht die Anker d er wolle zu lichten und vorausgeſetzt, daß das Meer ruhig und der Wind h ſeinen er- günſtig blieb, den Abend darauf, an der neutralen Inſel die Anker eres Mitte. auszuwerfen. Der Graf von Monte⸗Chriſto. 17 XXIV. Die Inſel Monte⸗Chriſto. Endlich ſollte alſo nun Dantes durch einen jener unverhofften Glückszufälle, die denen, welche lange unter der Härte des Geſchickes ſeufzten, zuweilen begegnen, ſeinen Zweck auf einem ganz einfachen Wege erreichen und den Fuß auf die Inſel ſetzen, ohne den geringſten Argwohn zu erregen. Nur eine Nacht noch und die erſehnte Abreiſe ging vor ſich. Dieſe Nacht brachte Dantes in fieberhafter Aufregung zu. Alle vor⸗ theilhaften und nachtheiligen Zufälle die ſich ereignen konnten, kamen ihm während derſelben in den Sinn; wenn er die Augen ſchloß, ſah er den Brief des Cardinal Spada mit flammenden Schrift⸗ zügen an der Felſenwand; war er wirklich eingeſchlafen, ſo durch⸗ toſ'ten die tollſten Träume ſein Gehirn; ſie führten ihn in die Höhlen, die mit Smaragden gepflaſtert waren, Wände von Rubinen und ¹ Tropfſteingebilde von Diamanten hatten, von denen Perlen ſtatt des Waſſers herabtropften. Entzückt füllte Edmond ſeine Taſchen mit Edelſteinen, die ſich, wenn er an das Tageslicht kam, in ge⸗ wöhnliche Kieſelſteine verwandelt hatten; dann wollte er in dieſe wunderbaren Höhlen, von denen er kaum den Eingang betreten hatte, zurückkehren, aber der Weg wand ſich in unendlichen Krümm⸗ ungen; der Eingang war unſichtbar geworden; umſonſt ſuchte er in ſeinem erſchöpften Gedächtniſſe das magiſche Wort, welches dem arabiſchen Fiſcher die an unermeßlichen Schätzen reiche Höhle des Ali⸗Baba öffnete. Aber vergebens: der Schatz war verſchwunden, war wieder das Eigenthum der Erdgeiſter geworden, denen ihn zu entreißen er eine Zeitlang gehofft hatte. Der Tag fand ihn eben ſo fieberhaft, als er während de Nacht geweſen war; aber wachend wußte er ſeine Einbildungskraſt — * zunverhoften des Geſchikes ganz einfachen den geringſten ging vor ſih. zu. Alle vor. onnten, kamen Augen ſchloß, enden Schrift. fen, ſo durch⸗ in die Höhlen, Rubinen und Perlen ſtatt ſeine Taſchen t kam, in ge⸗ te er in dieſe gang betreten lichen Krümm⸗ ſt ſuchte er in „welches dem iche Höhle des verſchwunden, „denen ihn zu — während der nbildungzkrat 259 zu beherrſchen und zu benutzen und ſo gelang es ihm, ſeinen bis dahin noch unſichern, ſchwankenden Plan feſtzuſtellen. Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zur Einſchiffung. Dieſe Vor⸗ bereitungen dienten Dantes, ſeine Aufregung zu verbergen, oder vielmehr zu erklären. Er hatte nach und nach das Uebergewicht über ſeine Kameraden bekommen, daß er, ohne ihren Unwillen zu erregen, befahl, als ſei er Patron des Fahrzeuges, und da ſeine Anordnungen immer klar, genau und leicht ausführbar waren, ſo gehorchten ſeine Kameraden ihm nicht nur pünktlich, ſondern auch gern. Der alte Seemann ließ ihn gewähren, auch er erkannte das Uebergewicht Dantes über ſeine Matroſen nicht nur, ſondern auch über ihn; er ſah in dem jungen Manne ſeinen Nachfolger und be⸗ dauerte, daß er keine Tochter hatte, durch die er Edmond hätte an ſich feſſeln können. Um ſieben Uhr Abends war Alles bereit, und zehn Minuten nach ſieben Uhr in dem Augenblicke, als er angezündet wurde, um⸗ ſegelte die jeune Amélie den Leuchtthurm. Das Meer war ruhig, ein friſcher Wind wehte von Süd⸗Oſt. Man ſegelte unter dem arzurblauen Himmel, an dem Gott auch noch ſeine Leuchtthürme an⸗ zündete, deren jeder eine Welt iſt. Dantes erklärte, daß Alle zu Bett gehen könnten, indem er am Steuerruder bleiben wollte. Wenn der Malteſer(ſo wurde Dantes genannt) eine ſolche Erklärung ge⸗ geben hatte, ſo war das hinreichend, folglich legte die ganze Schiffs⸗ mannſchaft ſich ruhig ſchlafen. Es war nicht das erſte Mal. Dantes, aus der Einſamkeit in die Welt zurückgeworfen, empfand zuweilen ein dringendes Bedürfniß allein zu ſein. Und welche Einſamkeit iſt wohl unermeßlicher und zugleich poetiſcher, als die eines Schiffes, welches allein in der Stille und Dunkelheit der Nacht, in dem Schweigen des Weltmeeres und unter dem Auge des Herrn dahin gleitet? Dantes bevölkerte die Einſamkeit mit ſeinen Gedanken, die halbe Nacht mit ſeinen Luftſchlöſſern, das Schweigen um ihn her mit ſeinen Gelübden. Als der Patron erwachte, ging das Schiff mit vollen Segeln: nicht ein Stückchen Segel, das nicht vom Winde geſchwellt war. Man legte mehr als drittehalb Meilen in einer Stunde zurück. Die Inſel Monte⸗Chriſto wurde immer ſichtbarer, immer größer am Horizont. Edmond überließ das Fahrzeug ſeinem Herrn und legte 17* 260 ſich nun auch in ſeine Hängematte; aber ungeachtet der durchwachten Nacht konnte er keinen Schlaf finden. Zwei Stunden darauf kam er wieder auf das Verdeck, das Schiff war im Begriff die Inſel Elba zu umſegeln. Man war auf der Höhe von Maréciono und über der flachen und grünen Inſel la Pianoſa. Man ſah den im Morgenlichte glühenden Gipfel von Monte⸗Chriſto in die Bläue des Himmels emporragen. Dantes befahl dem Bootsmanne die Stange an Backbord zu legen, um la Pianoſa rechts zu laſſen; er hatte berechnet, daß dieſes Manöver den Lauf des Fahrzeuges um zwei bis drei Lieues verkürzen würde. Gegen ſünf Uhr Abends hatte man den vollen Anblick der Inſel; die Luft war ſo klar, wie ſie in jenen Gegenden bei Untergang der Sonne gewöhnlich iſt, daß man jeden Gegenſtand unterſcheiden konnte. Edmond verſchlang mit ſeinen Blicken dieſe Felſenmaſſe, die in allen Tinten der Abenddämmerung, vom lebhafteſten Roth bis zum tiefſten Blau beleuchtet erſchien; von Zeit zu Zeit ſtreifte ein glühender Windſtoß ſein Geſicht, ſeine Stirn färbte ſich dunkelroth, eine Purpurwolke glitt über ſeine Augen. Ein Spieler, deſſen ganze Hoffnung auf dem Umſchlagen eines Blattes beruht, kann nicht die Aufregung empfinden, in welche dieſer Hoffnungsparoxismus Dantes verſetzte. Die Nacht kam. Um zehn Uhr Abends landete man. Die jeune Amélie war die Erſte, die ankam. Dantes konnte ungeachtet ſeiner Selbſtbeherrſchung ſich nicht halten; er war der Erſte, der an das Ufer ſprang und hätte gern, wie Brutus die Erde geküßt. Es war nun völlig Nacht; aber um 11 Uhr ſtieg der Mond aus dem Meere empor, und verſilberte jede zitternde Welle deſſelben; dann ergoſſen, je höher er ſtieg, ſeine bleichen Strahlen ſich wie Lichtſchleier über die Felſenmaſſen dieſes zweiten Pélion. Der Schiffsmannſchaft der jeune Amélie war die Inſel, die eine ihrer gewöhnlichen Stationen war, nicht fremd. Dantes kannte ſie ihrem äußeren Anſehen nach ſehr genau, indem er ſie bei jeder ſeiner Reiſen nach der Levante paſſirt hatte, doch hatte er ſie nie⸗ mals betreten. Er fragte nun Jacopo aus. „Wo werden wir dieſe Nacht zubringen?“ „Nun an Bord.“ „Thäten wir nicht beſſer in die Höhlen zu gehen?“ „In welche Höhlen?“ —-G— ges um zwei Abends hatte klar, wie ſie nlich ilI, daß ſenmaſſe, die ſten Roth his eit ſtreifte in ic dunkelroth, pieler, deſſe beruht, kann gsparoxismus lbends landete Dantes konnte er war der utus die Erde ieg der Mond Celle deſſelben, rahlen ſich wie I lion. die Inſel, die Dantes kannte er ſie bei jeder atte er ſie nie Miun in die Höhlen der Inſel.“ „Ich kenne hier keine Höhlen,“ antwortete der Matroſe. Kalter Schweiß brach auf Dantes Stirn aus. „Es giebt keine Höhlen auf Monte⸗Chriſto?“ „Nein!“ Einen Augenblick blieb Dantes betäubt, dann aber bedachte er, daß dieſe Höhlen ſeitdem durch irgend einen Zufall ausgefüllt, oder von dem Cardinal Spada aus Vorſicht verſtopft ſein könnten. Die Hauptſache war alſo nun, dieſe verlorene Oeffnung aufzufinden. Während der Nacht ſie zu ſuchen, wäre vergebens geweſen; Dantes verſchob alſo die Unterſuchung auf den folgenden Tag. Uebrigens deutete ein Signal vom Meere, dem die jeune Amélie antwortete, an, daß es jetzt Zeit ſei, ſich an's Werk zu machen. Das ſpäter⸗ kommende Fahrzeug, durch das Signal benachrichtigt, daß Alles ſicher ſei, näherte ſich bald weiß und ſchweigend, wie ein Geſpenſt, warf den Anker aus, und die Umladung begann augenblieklich. Dantes dachte in voller Thätigkeit daran, welches Hurrah der Freude er allen dieſen Kehlen entlocken könne, wenn er den einzigen Gedanken, der in ſeinem Herzen pulſirte und in ſeinem Ohre wider⸗ hallte, laut ausſprechend, ſein köſtliches Geheimniß offenbarte. Doch beſann er ſich bald, daß er vielleicht durch dieſe und jene Frage nur zu viel ſchon verrathen und die Aufmerkſamkeit ſeiner Umgeb⸗ ungen erregt habe: dies war indeſſen nicht der Fall, denn ſeine ſchmerzliche Vergangenheit hatte ſeinen Mienen, beſonders ſeinem Auge, einen ſo ſchmerzlichen Ernſt eingeprägt, daß der Schein von Heiterkeit, der zuweilen ſein Geſicht erhellte, nur wie ein Blitz aus ſchwarzen Wolken brach. Es ahnte alſo Niemand etwas, und als Dantes am Morgen eine Büchſe, Pulver und Blei nahm und erklärte, daß er Luſt habe, einige der wilden Ziegen zu erlegen, die man von Fels zu Felſen ſpringen ſah, ſchrieb man dieſe Abſicht Dantes nur ſeiner Neigung zur Jagd, oder ſeinem Wunſche, allein zu ſein, zu. Nur Jacopo bot ſich ihm dringend zum Begleiter an. Dantes wollte ſeine Be⸗ gleitung nicht ablehnen, um keinen Argwohn zu erwecken. Aber als er eine Viertelmeile gemacht und eine Ziege geſchoſſen hatte, ſchickte er Jacopo mit derſelben zurück, damit die Kameraden ſie braten und wenn dieſelbe fertig ſei, ihm ein Zeichen geben möchten, ſich zum Eſſen einzuſtellen. Einige getrocknete Früchte und ein Fäßchen Wein von Montepulciano ſollten die Mahlzeit vollſtändig machen. Dantes ſetzte, ſich zuweilen umdrehend, ſeinen Weg fort. Auf dem Gipfel eines Felſens angekommen, ſah er tauſend Schritt unter ſich ſeine Gefährten, zu denen Jacopo eben gekommen war, und die ſich ſchon mit Zubereitung des ihnen geſendeten Wildes beſchäftigten, welches eine ſo köſtliche Zugabe zu ihrer Mahlzeit war. Edmond betrachtete ſie einen Augenblick mit dem ſanften, traurigen Lächeln eines Mannes von höherer Bildung. In zwei Stunden, dachte er, werden dieſe Leute da unten um 50 Piaſter reicher, abreiſen, und, um andere zu gewinnen, abermals ihr Leben wagen; dann werden ſie im Beſitze von 600 Livres zurückkehren, und dieſen Reichthum mit dem Stolze von Sultanen und der Auf⸗ geblaſenheit von Nabobs in irgend einer Stadt vergeuden. Heute läßt Hoffnung mich ihren Reichthum, der mir erbärmlich ſcheint, verachten; morgen läßt vielleicht Enttäuſchung mich dieſes, was mir jetzt erbärmlich erſcheint, beneiden....„O! nein,“ rief Edmond, „das iſt unmöglich; der weiſe, der unfehlbare Faria ſollte in dieſem einen Punkte geirrt haben? Uebrigens möchte ich lieber ſterben, als noch länger dieſes erbärmliche, untergeordnete Leben führen.“ So hatte alſo Dantes, der vor drei Monaten nur an Freiheit dachte, jetzt ſchon nicht mehr an der Freiheit genug und verlangte nach Reichthum. Dies war jedoch nicht Dantes Schuld, ſondern liegt in der menſchlichen Natur, der die Beſchränkung ihrer Kräfte unendliche Wünſche ſchafft. Indeſſen hatte Dantes auf einem zwiſchen zwei Felſen ſich hin⸗ windenden ſchmalen und mühſamen Wege, den ein Strom aus⸗ gehöhlt und noch nie ein menſchlicher Fuß betreten zu haben ſchien, ſich dem Orte genähert, wo ſeiner Meinung nach die Höhlen ſein mußten. Indem er ſich immer am Meeresufer hielt und die kleinſten Gegenſtände mit ernſter Aufmerkſamkeit unterſuchte, glaubte er an gewiſſen Felſen Einſchnitte, die nur von Menſchen gemacht ſein konnten, zu entdecken. Die Zeit, die über alles Phyſiſche ihren Mantel von Moos, wie über alles Moraliſche ihren Mantel der Vergeſſenheit wirft, ſchien dieſe mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit und nicht ohne Ab⸗ ſicht gemachten Zeichen reſpectirt zu haben. Hin und wieder ver⸗ 263 ſchwanden indeſſen dieſe Zeichen unter Myrthenbüſchen, die ſich zu Ceg ſort. großen blühenden Sträußern ausdehnten, oder unter großen Schrit Schmarotzerpflanzen. Edmond mußte alſo die Zweige zurückbiegen nen war oder die Moosflechten abreißen, um die leitenden Zeichen, die ihm Vildes’ zum Faden in dieſem zweiten Labyrinthe dienten, wieder zu finden. teit war 1 Dieſe Zeichen hatten übrigens ſeine ſinkende Hoffnung neu belebt. ſanſten Gewiß hatte der Cardinal dieſelben eingegraben, oder eingraben In— laſſen, damit ſie für den Fall einer Kataſtrophe, die er befürchten, Paſle aber nicht genau vorherſehen konnte, ſeinem Neffen zum Wegweiſer ihr Leben dienen möchten. Dieſer einſame Ort war ſehr geeignet, einen ückehre Schatz zu vergraben. Sollten dieſe treuloſen Zeichen nicht andere der Auf Augen, als die, für welche ſie gemacht waren, auf ſich gezogen? n. Heute ſollte die Inſel der düſtern Wunder, ihr köſtliches Geheimniß treu hiſchein bewahrt haben?— uns un Indeſſen ſchien es Edmond ungefähr ſechzig Schritte vom Edmond Hafen, als hörten die Zeichen auf; wenigſtens führten ſie zu keiner deen Höhle. Ein großer runder Felſen, der auf einer feſten Grundlage r ferier zu ruhen ſchien, war das einzige Ziel, nach dem ſie zu führen ſchienen. Edmond glaubte, ſtatt am Ende, vielleicht am Anfangs⸗ punkte der Zeichen zu ſein; er drehte alſo um und ging denſelben Weg zurück, den er gekommen war. Unterdeſſen brateten ſeine Ge⸗ führen.“ ¹ n Freiheit verlangte fährten die Ziege, holten Waſſer aus dem Brunnen, Brod und ſondern Früchte aus dem Schiffe, und gerade in dem Augenblicke, wo ſie rer Krifte den Braten vom Spieße nahmen, entdeckten ſie Edmond, der, leicht und kühn wie eine Gemſe von Fels zu Fels ſprang; ſie gaben ihm ſich hin⸗ das verabredete Signal mit einem Büchſenſchuſſe. Sogleich änderte drom and⸗ der Jäger ſeine Richtung und kam im vollen Laufe auf ſie zu. ben ſcien, Aber indem Alle der Art Flug, mit der er ſich ihnen nahete, öhlen ſin ſtaunend zuſahen, und ſeine Geſchicklichkeit Verwegenheit nannten, ie kleinſten glitt, wie um ihnen Recht zu geben, Edmonds Fuß aus; ſie ſahen ubte er an ihn auf dem Gipfel eines Felſen wanken, hörten einen Schrei aus⸗ mach ſein 1 ſtoßen und... verſchwunden war er ihren Zlicken. Alle waren mit einem Satze in die Höhe, und eilte ihm ent⸗ von Moos, gegen, denn ſie liebten ihn Alle, ungeachtet ſeiner Ueberlegenheit; cheit viſt, Jacopo indeſſen war der Erſte, der ihn erreichte. Er fand Edmond tohne Abe blutend und faſt ohne Beſinnung am Boden ausgeſtreckt; er mußte wieder ve⸗ einen Abhang von zwölf bis fünfzehn Fuß hinabgerollt ſein. Man 264 flößte ihm einige Tropfen Rum ein, und dieſes Mittel, welches ſich ſchon früher an ihm ſo wirkſam bewieſen hatte, verfehlte auch dieſes Mal ſeinen Zweck nicht. Edmond öffnete die Augen, klagte über heſtigen Schmerz am Knie, eine große Schwere im Kopfe und Seitenſtiche. Man wollte ihn bis zum Ufer tragen, aber als er angerührt wurde, klagte er, obgleich Jacopo den Transport beaufſichtigte, ächzend und ſtöhnend, daß er nicht die Kraft habe, den Transport zu ertragen. Man begreift, daß von Eſſen keine Rede ſein konnte; doch verlangte er, daß ſeine Kameraden, die nicht dieſelbe Urſache zum Faſten hatten, wie er, auf ihren Poſten zurückkehren ſollten. Was ihn beträfe, er bedürfe nur Ruhe und werde, wenn ſie zurückkehrten, ſich ſchon beſſer befinden. Die Matroſen ließen ſich nicht lange bitten, ſie hatten Hunger, der Geruch des Bratens drang bis zu ihnen und unter Seeleuten werden keine Complimente gemacht. Eine Stunde ſpäter kamen ſie zurück. Edmond hatte ſich müh⸗ ſam nach einem Felſen geſchleppt, an deſſen Mooswand er ſich mit dem Rücken lehnte. Aber ſeine Schmerzen hatten ſich verdoppelt. Der alte Patron, der noch denſelben Morgen wieder unter Segel gehen mußte, um an den Grenzen von Frankreich und Piemont ſeine Waaren unterzubringen, redete Dantes ſehr zu, daß er einen Verſuch aufzuſtehen machen möge. Dantes verſuchte mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung dieſen Rath zu befolgen, ſank aber nach jedem neuen Verſuche ſtöhnend und erbleichend zurück. „Er hat die Rippen zerbrochen,“ ſagte der Patron leiſe;„aber, er iſt ein guter Kamerad und wir dürfen ihn nicht verlaſſen; be⸗ müht Euch alſo, ihn nach der Tartane zu bringen.“ Aber Dantes erklärte, lieber auf dem Flecke wo er war, ſterben, als ſich noch einmal anfaſſen laſſen zu wollen.“ „Nun denn,“ ſagte der Patron,„komme es wie es wolle; es ſoll Niemand ſagen können, daß wir einen braven Kameraden wie Ihr ſeid, ohne Hilfe gelaſſen haben. Wir werden erſt dieſen Abend die Anker lichten.“ Dieſer Vorſchlag verwunderte die Matroſen ſehr, obgleich keiner von ihnen denſelben beſtritt; im Gegentheil erboten ſie ſich zu allen Gefälligkeiten, die ſie ihm erzeigen konnten. Der Patron war ein ſo ſtrenger, kalter Mann, daß er in dieſem Falle zum erſten Male eine Unternehmung aufgab, oder auch nur ————— . welches ehll auch jmetz an an wollte llagte er, ſähnend, n. Man langte er, en hatten, eträfe, er hon beſſer ſie hatten und unter ſich müh⸗ r ſich mit verdoppelt. ſter Segel Piemont er einen mit über⸗ aber nach ſe,„aber, laſſen; be⸗ der Dantes z ſich noch wolle, es eraden wie eſen Abend Matroſen Gegentheil in konnten. in dieſem — auch nur 265 deren Ausführung aufſchob. Auch wollte Dantes nicht zugeben, daß um ſeinetwillen eine ſo bedeutende Ausnahme von der Regel ge⸗ macht werde. „Nein,“ ſagte er zu dem Patron,„ich war ungeſchickt geweſen und verdiene, die Folgen meiner Ungeſchicktheit zu tragen. Laßt mir etwas Zwieback, eine Büchſe, Pulver und Blei, um eine Ziege zu tödten, oder auch mich nöthigenfalls vertheidigen zu können, und eine Hacke, um mir, wenn Ihr noch lange ausbleibet, um mich ab⸗ zuholen, eine Art Wohnung zu machen.“ „Aber Du wirſt vor Hunger ſterben,“ entgegnete der Patron. „So ſchlimm wird es nicht werden, doch ſollte es dahin kommen, ſo will ich das lieber, als die unerhörten Schmerzen er⸗ dulden, die eine einzige Bewegung mir verurſacht.“ Der Patron wendete ſich nach dem Schiffe, welches, bereit unter Segel zu gehen, ſich in dem kleinen natürlichen Hafen ſchaukelte. „Was ſollen wir denn thun, Malteſer?“ ſagte er;„wir können Dich nicht im Stiche laſſen, aber auch nicht länger verweilen.“ „Segelt ab! ſegelt ab!“ rief Dantes. „Wir werden wenigſtens acht Tage ausbleiben, und müſſen dann noch einen Umweg machen, um Dich abzuholen.“— „Hört,“ entgegnete Dantes:„wenn Ihr in zwei oder drei Tagen eine Fiſcherbarke trefft, die in dieſe Gegend kommt, ſo em⸗ pfehlt mich ihr; ich werde fünfundzwanzig Piaſter für meine Ueber⸗ fahrt nach Livorno zahlen. Findet Ihr keine, dann holt mich ſelbſt ab.“... Der Patron ſchüttelte den Kopf. „Hört, Patron Baldi, es giebt ein Mittel, Alles zu vereinigen,“ ſagte Jacopo,„reiſ't ab; ich werde bei dem Verwundeten bleiben und ihn pflegen.“ „Und Du wollteſt auf Deinen Antheil an dem Gewinne dieſer neuen Unternehmung um meinetwillen verzichten?“ ſagte Dantes. „Ja,“ antwortete Jacopo,„von Herzen gern.“ „Du biſt ein wackerer Burſche, Jacopo,“ ſprach Dantes,„und Gott wird Dir Deinen guten Willen belohnen; aber ich danke Dir, ich bedarf Niemand; ein oder zwei Tage Ruhe werden mich wieder herſtellen, und ich hoffe in dieſen Felſen gewiſſe Kräuter zu finden, die Contuſionen heilen.“ Mit einem ſonderbaren Lächeln drückte Dantes Tneopos Hand auf das Herzlichſte; in ſeinem Entſchluſſe allein zurückzubleiben aber blieb er unerſchütierlich. Die Schmuggler ließen Edmond, was er verlangte, und entfernten ſich, nicht ohne ſich häufig mit Geberden der herzlichſten Theilnahme nach ihm umzudrehen, wor⸗ auf er nur mit der Hand antwortete, als könnte er den übrigen Theil des Körpers nicht bewegen. Dann als ſie verſchwunden waren, ſagte Dantes lachend: „Es iſt merkwürdig, daß man unter ſolchen Männern Freund⸗ ſchaft und aufopfernde Hingebung findet.“ Darauf kroch er vor⸗ ſichtig bis zur Spitze eines Felſen, der ihm den Anblick des Meeres geraubt hatte, und ſah von da aus, wie die Tartane ſich vollends ſegelfertig machte, den Anker lichtete, leicht und anmuthig wie eine Möve, die in die Weite fliegen will, ſich hob, und erſt leiſe ſchaukelte, dann pfeilſchnell dahin glitt. Nach Verlauf einer Stunde war ſie ganz verſchwunden; wenigſtens konnte der Verwundete, wo er ge⸗ blieben war, ſie nicht mehr ſehen. Da erhob Dantes ſich leicht und geſchmeidig wie eine Gemſe, aus den Myrthen⸗ und Maſtixgebüſchen der wilden, üppigbewach⸗ ſenen Felſen, nahm ſeine Büchſe in eine Hand, die Hacke in die andere, und lief nach jenem Felſen, wo die Zeichen, die ihn geführt hatten, aufhörten. Und jetzt rief er, ſich an das Märchen von dem arabiſchen Fiſcher erinnernd, welches Faria ihm erzählt hatte: „Seſam, Seſam, thue dich auf.“ 84 3 ey Sortrol Shart HRed Magenta Vellow