Schriften von Eduard Boas. Erſter Band. Leipzig, Verlag von Bernh. Tauchnitz jun. 1846. Eduard Boas. Leipzig, Verlag von Bernh. Tauchnitz jun. 1846. Inhalt. Seite 1 bs Snenleben e Ein Buchbinder. Handwerkernovelle. 2 Erſtes Capitel. Nach der Stadt Seebrück führt von der Reſidenz eine bequeme, mit Kirſch- und Aepfelbäumen geſäumte Chauſſee⸗ ſtraße, welche ſich um ſo beſſer erhalten zeigt, als ſie im Ganzen nur wenig befahren wird. Jene Allee war nun mit Blüthenſchnee und roſigen Knöspchen überſchüttet, die Sonne lachte wie ein frohes Götterauge herab, und aus dem grünen Moos des Grabens am Wege ſtreckten ſich rothe und blaue Blumenhäupter empor. Die Erde hatte einmal wieder völlig ihre Auferſtehung gefeiert, und das Pfingſtfeſt war nahe. Zur Rechten lag ein glatter See, von Rohr und Schilf eingefaßt; dort ließen wilde Enten ihr Quaken vernehmen, und zur Linken, im Laubholz der Hügelkette, ſangen die Vögel ihre ſchallenden Lieder. Auf dieſer Straße wanderte ein Handwerksburſche ver⸗ gnügt ſeines Weges, oft ſtill ſtehend, um ſich die Baum⸗ blüthen zu betrachten, oder um dem Waldgeſange zu lau⸗ ſchen. Er war klein und ſtämmig gewachſen, und ſein fei⸗ ſtes Geſicht hatte die Farbe kirſchrother Geſundheit. Das weißblonde Haar kräuſelte ſich in ſolcher Dicke um ſein Haupt, daß es wie das Haupt eines völlig ergrauten Ne⸗ gers ausſah; halbmondförmig zog ſich ein wo möglich noch 1* S Le 3 4 hellerer Backenbart ihm über die Wangen, ſeine grauen Augen hatten einen Ausdruck, der zwiſchen Beſchränktheit und Wißbegierde die Mitte hielt, und um den breiten Mund glänzte ein Zug von Selbſtgefälligkeit. Der Geſell ging übrigens mit größerer Sorgfalt gekleidet, als das ſonſt der Fall zu ſein pflegt. Eine grüne Kappe von Wachs⸗ tuch überzog ſeinen Hut, ein lilafarbenes Staubhemde mit Friſuren und rothen Schnurbeſätzen paßte gut dazu; er trug ſchwarzblaue Handſchuhe und hatte ein Rohrſtöckchen in der rechten Hand. Kein ſchweres Bündel belaſtete ſei— nen Rücken, ſondern das zierliche Seehundfelleiſen war mit kleinen Rädern und mit einer Deichſel verſehen, welche der Wanderer in der Linken hielt, und ſein Gepäck nach⸗ rollen ließ. Es iſt etwas eigen Poetiſches um das freie, einſame Durchdieweltziehen der Handwerksburſchen, die niemals zu verſäumen haben, ſich nirgends einen Umweg machen, überall fremd und doch überall heimiſch ſind. Kein Baum, kein Thurm, kein Haus, kein Stein entgeht ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit; jeden Reiſenden, der ihnen begegnet, grüßen ſie zutraulich; mit jedem Fußgänger laſſen ſie ſich in Geſpräche ein. Die Kundſchaft in ihrer Brieftaſche iſt das allgemein gültige Accreditiv, das ſie bei ſich führen, und in jeder Stadt erhalten ſie darauf freies Nachtlager in der Herberge und einen Zehrpfennig zum Weitergehen. Kommt der Spätherbſt mit ſeinem kalten Wind und Regen, dann ſuchen ſie ſich, wie die Schwalben, ein warmes Winterplätzchen, und kommen mit dem Frühjahr wieder auf die Landſtraßen heraus. Sie ſind immer aufgeräumt, ſpaßhaft, neugierig und geſund. — Unſer Wanderer hatte in der Zeit von einer Viertel— ſtunde ſich die Inſchrift eines Denkſteins, der die Stelle bezeichnete, wo einſt Jemand von einem umſchlagenden Wagen getödtet worden war, in das Reiſebuch notirt, mit einer friſchen Bauerdirne getändelt und mit einem Fracht⸗ fuhrmanne darüber geſprochen, wie lange das ſchöne Wet⸗ ter wohl noch anhalten würde. Dann ſah er eine ſtattliche Ertrapoſt vorüberrollen, in der ein einzelner Mann ſchla⸗ fend ſaß, und der Geſell wunderte ſich, wie man auf der Reiſe in einer ſo ſchönen Gegend nur ſchlafen könne. Er ſetzte ſich, um ein wenig auszuruhen, auf eine willkommene Raſenbank, und hörte aus der Ferne Geſang ertönen, der ihm verkündete, daß noch andere Handwerksburſchen her⸗ annahten. Die Strophen, die er vernahm, lauteten: Preßburg in der Ungern Hat mich ganz bezwungern; 5½ Breslau in der Schleſing Bin ich auch geweſing, Das gefällt mir wohl. Moskau in der Rußland, Viele Leder ſind mir da bekannt: Juchten und Korduan; Zucker und Marzipan Ißt man allda zum Frühſtück, Haben einen weiten Gang! * Fort in's Tiro— olerland! Frankreich, in Paris, Wo ich meine Stiefeln ließ, ¹ Iſt allda ein Lazareth. Nun adje, Heidelberg, Biſt'ne rechte Staatsherberg; 6 ——————— Iſt ganz ſtill, Wenn man will Singen die ganze Nacht. Nun adje, du werthe Stadt! Weil es ausgeregnet hat, Mit dem Parapleh Geh ich nach der See, Wenn ich komm' vom großen Faß. Die luſtige Melodie des neckiſchen Reiſeliedchens ſchallte hell durch die blaue Luft, und drei kräftige Geſellen, mit Ränzeln und Knotenſtöcken, ſchritten heran. Als ſie des Kameraden auf der weichen Bank anſichtig wurden, grüß⸗ ten ſie ihn durch Anfaſſen ihrer Wachstuchhüte, und der Eine ſprach: — Guten Tag, Landsmann! Rück ä Biſſel zu, und mach' uns auch Platz. — Mit Vergnügen! ſagte der Angeredete. Das Früh⸗ jahrswetter iſt ſchön und hold, aber es ermüdet leicht. — Element, Menſch! biſt Du ein Bönhaſe? rief der Andere, als er und ſeine Gefährten ſich niedergelaſſen hatten. Du redeſt ja wie ein Schreiber, aber nicht wie ein ehrlicher Wanderburſch.— Alle Wetter! und Du biſt wohl beim ſchweren Gepäck angeſtellt, denn ſtatt, wie ein anderes Mutterkind, ſein Bündel auf dem Rücken zu tragen, fährſt Du es auf einer Karoſſe mit in der Welt herum. Wo haſt Du denn die Pferde dazu? fragte er, ſich umſchauend, und ſeine beiden Kameraden brachen ob des Witzes in ein lautes Gelächter aus. Der Verſpottete ſchien gekränkt und ſagte mit gewiſſem Stolze: Ich bin ein Buchbinder! 7 — Ja ſo! fiel der Andere ein, dem es leid zu chun ſchien, daß er einen Geſellen beſchämt hatte. Ja ſo! Na, dann nimm's nicht übel. Sieh einmal, wir geſchloſſenen Zünfte haben unſere beſtimmten Regeln und Anordnungen, wie wir unſer Ränzel packen, ſchnüren und tragen müſſen; ob es viereckig oder rund ſei, ob es in ein ledernes Felleiſen oder in eine gefärbte Zeugkappe eingeſchloſſen, ob es auf dem Rücken, oder auf einer Achſel, oder von der Schulter zur Hüfte hin getragen werde. Alte, ehrbare Sitten dür⸗ fen nicht in Verfall kommen, und Ordnung iſt zu allen Dingen gut. So erkennen wir zünftige Geſellen uns im erſten Augenblick, und ſehen, ob es ein Maurer, ein Schloſ⸗ ſer, ein Gerber oder ein Müller iſt, der an uns vorüber⸗ wandert. Wenn Du aber blos ein Buchbinder biſt, ſo wirſt Du wohl von keinerlei Urkunden und Geſetzen etwas zu wiſſen brauchen, und ich bitte alſo um Verzeihung, wenn ich Dich vorhin beleidigt habe. Ich werde Dir nun ſagen, wer wir ſind: Ich bin der ehrbare Maurergeſell Peter Balling aus Regenſpurg.. das hier iſt der ehr⸗ bare Maurergeſell Fritz Leeſe aus Chemnitz, und jen's iſt der ehrbare Zimmergeſell Edeward Niehnke aus Cöpe⸗ nick.— So!— Nun berichte uns auch, wie Du heißeſt und wo Du her biſt? — Ich heiße Zebedäus Bims, erwiederte der Buch⸗ binder, dem die Geſellſchaft der handfeſten Männer durchaus nicht zu behagen ſchien, der aber doch nicht den Muth beſaß, ſie abzulehnen. Ich heiße Zebedäus Bims und bin aus Parchwitz in Schleſien gebürtig. — Es freit mich, Se kennen zu lernen! ſagte der Chem⸗ nitzer. Was is'n des Wahrzeechen von Ihre Faterſtadt? 8 — Ein Wahrzeichen?— Was verſtehen Sie darunter? erkundigte ſich Bims. — Aber, Jutſter! Se weren doch wiſſen, was en Wahr⸗ zeechen is! meinte Fritz Leeſe. — Nein! entgegnete der Andere. Ich bin damit nicht bekannt. Die drei Geſellen ſchauten einander an, ſchnitten ganz ſonderbare Geſichter, und platzten auf einmal mit donnern— dem Gelächter los⸗ — Komm' her, Bruder! begann endlich der Regens⸗ burger, nachdem er ſich mit dem Rockärmel die Thränen des Lachens aus den Augen gewiſcht hatte. Komm' her, ich will Dir's aus einander ſetzen. Sieh' mal, wenn man in eine Stadt kommt, dann will man ſich doch gern etwas Abſonderliches merken. Große Häuſer, Thürme, Schlöſſer und Mauern taugen dazu nicht recht, denn die findet man dort ſo gut als hier, alſo merkt man ſich das Wahrzeichen. Das Wahrzeichen aber iſt eine Merkwürdigkeit... oder auch keine Merkwürdigkeit... ein gewiſſes Ding— ein Bild.. oder auch kein Bild... ich weiß nicht recht, wie ich ſagen ſoll... kurz! Etwas, woran unbedachtſame Men⸗ ſchen tagtäglich vorübergehen, ohne ſich darum zu beküm⸗ mern, das aber ein Jeder, der vom Handwerk iſt, genau weiß und kennt. Verſteh'ſt Du nun, Bruder Parchwitzer, was ein Wahrzeichen iſt? — Nein! ſagte der Buchbinder. — Wie, Du verſtehſt es noch immer nich? fragte der Cöpnicker im zornigen Ton. — Ich kann mir noch keinen Begriff davon machen, geſtand Bims. — 9 — Heeren Se, begann der Sachſe jetzt, einer großen Faſſungsgabe ſcheinen Se ſich eben nich zu erfreien, Barch⸗ witzer, aber ich will Se's erkleeren. Sind Se in Dreeſen jeweſen? — Ja, ich reiſ'te durch! — Na, denn haben Se doch jewiß des Brckenmänn⸗ chen jeſeh'n? — Nein!* — Herr Jeeſes! Sagen Se mer nur, Barchwitzer, wenn Se in Dreeſen des Prückenmännchen nich jeſeh'n haben, was haben Se da denn jeſehn?— De große Prücke über de Elbe kennen Se doch? Na jut! An dem fierten Veiler, nach Abend zu, is en kleenes zuſammenjeducktes Männechen in den Steen jehauen, was den Paumeiſter von dieſer Prücke vorſtellen ſoll, und das is's Dreeſener Wahrzeechen! — Ja woll! rief Edeward Niehnke. Det Brückenmän⸗ neken is alljemein bekannt. In Berlin is det Wahrzee⸗ chen der jroße Kurfürſcht uf de lange Brücke. Wie manch ſcheenet Mal bin ick an ihm vorüber jejangen, als ick bei de Nehfſchandeller ſtund. Aberſcht der jroße Kurfürſcht is et eijentlich nich, ſondern det Hufeiſen von den ufjehobenen Vorderfuß an ſein Pferd. Und dieſes Hufeiſen is nich dran, ſondern et is janz und jar verjeſſen worden, weshalb ſich och der Bildhauer eijenhändig in de Spree jeſtirzt und eene betrübte Witwe mit mehrere Kinder hinterlaſſen 5 ſoll. — Das Wahrzeichen von Wien habe ich mir auch in Augenſchein genommen, ſprach der Regensburger. Nahe beim Stephansthurm, an der linken Ecke der Kärntnerſtraße, ————fd— —— ſteht ein uralter Baumſtamm, der aus jener grauen Zeit herrührt, wo der Wiener Wald bis hierher reichte. Ein Schloſ— ſergeſell, ein ganz gottsgrammer Menſch, konnte ſein Mei⸗ ſterſtück nicht fertig kriegen, und all' ſeine Kameraden ver⸗ ſpotteten ihn. Da verſchrieb er ſeine Seele dem Böſen, und mit deſſen Hilfe machte er nun ein großes eiſernes Schloß, welches den Baum an die Mauer eines Hauſes befeſtigt, und das weder durch Schlüſſel noch durch Dietriche jemals aufgeſprengt werden kann. Früher ſchlug jeder wandernde Handwerksburſch, um ſeinen Abſcheu wider die läſterliche That zu beweiſen, einen Nagel in den Stamm, wodurch derſelbe nach und nach ſo bedeckt wurde, daß nicht ein ein— zig leeres Fleckchen dran zu finden iſt. Hiervon bekam das Ding und der ganze Platz, auf dem es ſteht, den Na⸗ men„Stock im Eiſen“, und er iſt das Wahrzeichen Wiens. — Na, Parchwitzer Filoſof, fragte der Cöpenicker, nu wirſte doch hoffentlich bejriffen haben, wat en Wahrzee⸗ chen is? — Ja wohl! verſetzte Bims verlegen. — Sonſt hätt' ich es Dir voch können noch deutlicher machen, ſprach der Erſtere, aufſtehend und ſein Torniſter wiedernehmend. Die Andern folgten ſeinem Beiſpiel, und man ſchritt rüſtig vorwärts, ſich den Weg mit heitern Geſchichten und Liedern kürzend. Zebedäus zog ſein Wäglein hinter ſich her, und ſowohl der Chemnitzer, als der Cöpenicker kamen einige Male damit in Colliſion, wobei jener dann den Buchbinder um Entſchuldigung bat, dieſer aber ſtets einen lauten Fluch ausſtieß. So erreichten ſie gegen Mittag ein Wirthshaus an der Heerſtraße, deſſen buntes Aushänge⸗ — 11 ſchild in etwas mißlungener Danſtellung zeigte, wie eben ein Frachtwagen, ein Einſpänner und mehrere Wander⸗ burſche dort einkehrten. Unten in der großen Stube be⸗ fand ſich aber nur die dicke, ſchläfrige Wirthin, die unſeren Bekannten mit elaſſiſcher Ruhe einen rothen Napf voll kal⸗ ter Milch, ein halbes Schwarzbrod und etwas Butter vor⸗ ſetzte, während ihre ſchweren Holzpantoffeln im langſam⸗ ſten Takt über die Dielen klapperten. Man ſtreckte ſich lang auf die Bänke, legte die Ränzel unter den Kopf und ſprach kein Wort. Als man ſich ſo ein Viertelſtündchen gedehnt hatte, erhoben ſich die vier Geſellen, aßen mit großer Behaglichkeit und ließen ſich auch die Reiſeflaſchen füllen. Dann machte die Wirthin ihre Rechnung, unſere Bekannten zogen die Lederbeutelchen hervor, an welche ein Petſchaft und ein Schlüſſel angebun⸗ den waren, bezahlten die billige Zeche und marſchirten ab. Zweites Capitel. Während ſie weiter gingen, gab es einen eifrigen Streit zwiſchen dem Maurergeſellen Balling und dem Zimmerge⸗ ſellen Niehnke, welcher darüber entſcheiden ſollte, ob das Maurer⸗ oder Zimmerhandwerk älter und ehrwürdiger ſei. Beide Theile hatten Vertheidiger voll Dialektik und Be⸗ geiſterung gefunden, denn ſowohl der Regensburger als der Cöpenicker würden ſich eher gegenſeitig todtgeſchlagen, als den geringſten Schatten auf ihren Handwerken haben ruhen laſſen. Wären auch nicht die vielen Förmlichkeiten, Geſetze und Vorſchriften als Beweiſe da, daß die Innungen recht aus dem Herzen des Mittelalters ſtammen, ſo wür⸗ den uns doch der Fachſtolz und die Kampfluſt, die ſich in ihnen erhielten, deutlich davon überzeugen, denn ſie ſind echt mittelalterliche Tugenden. Es giebt keinen größeren Kaſten⸗ geiſt, als den unter den deutſchen Handwerksgeſellen; jeder hält ſeine Profeſſion für die achtbarſte, ehrenvollſte und— was beſonders bezeichnend iſt— für die älteſte. — Ein Kind weiß es— ſprach Peter Balling, Mau⸗ rergeſelle aus Regensburg— ein Kind weiß es, daß es keine würdigere und keine ſo von allen Kaiſern und Köni⸗ gen verbriefte Zunft giebt, als das Gewerk der Maurer und Steinhauer. Es iſt das urſprüngliche Fach; ohne uns könnten die Menſchen nicht in feſten Häuſern wohnen, könnten nicht in die Kirche beten gehen, und könnten ihre Städte nicht durch ſtarke Mauern wider die Feinde ſchützen. Ohne uns würde Ordnung, Friede und Sicherheit aufhö⸗ ren, denn alle andere Profeſſioniſten ſind nur unſere Hel— fershelfer; ſie halten ſich an das, was wir gegründet ha⸗ ben. Wer meinen Worten nicht glauben will, der braucht nur daran zu denken, daß die tüchtigſten und höchſten Leute in ganz Europia unſere Brüder ſind; daß Prinzen, Fürſten und Grafen ſich's zu einer Ehre rechnen, wenn ſie ſich Maurer nennen dürfen— — Wie meenſt Du'n des? fragte der Zimmergeſell. — Ich meine die Freimaurer! entgegnete Balling. — Jotte doch! rief Niehnke. Des is ja janz was anders! — Nein! ſprach der Regensburger, indem er mit ſei— nem knorrigen Wanderſtock hart auf den Boden ſtieß. Nein, es iſt Eins, denn alle Maurer halten zuſammen und ſtehen Alle für Einen, und Einer für Alle. Nennen ſich unſere edelen Zunftgenoſſen nicht ſelbſt: die uralte und — 13 ehrwürdige Brüderſchaft der freien und angenommenen Maurer? Führen ſie nicht Hammer, Kelle und Schurz, wie wir? Und wenn ſie auch nicht auf die Gerüſte ſteigen, mauern ſie nicht, wie männiglich weiß, in ihrer geſchloſſe⸗ nen Loge? Ja, ja! Es giebt kein älteres und achtbareres Handwerk in der Welt, und man muß ſtolz ſein, wenn man dazu gehört, denn auch König Salomon, der in Jeruſalem den Tempel baute, war ein Maurer. — König Salomon? meinte der Cöpenicker verwun⸗ dert und verletzt. Na, Regensburjer, da ſitzte denn doch uf'n Irrthum. König Salomon ſchmeichelte ſich nie een Maurer zu ſind, ſondern een Zimmermann war er, wie es in unſerm alten Spruche heeßt: Es ſaß der König Salomon Auf ſeines Vaters David's Thron, Und ließe bauen zu der Zeit Den Tempel Jottes ſchön und weit. König Hiram thät dazu jeben Cedern- und Tannenholz gar eben; Denn es hatte auf Libanon Achtzigtauſend Zimmerleut Salomon, Die zimmerten das Holz durchaus Zum Tempel, wie zum Königshaus. So hoch, wie Ihr jetzt habt jehört, Hat Jott das Zimmerhandwerk jeehrt. War nicht auch der heilige Joſeph en Zimmermann, und hatte er nicht die Krippe jezimmert, in der unſer Herr Jeſus Chriſtus lag?— Kann düſes irgend Eener beſtrei⸗ ten?— Nee!— Aber noch ville höher ruf reicht unſer Stammbvom. Vater Noah is een rechter, echter Zimmer⸗ mann jeweſen: 14 Jott red't den frommen Noah an, Und ſprach: das menſchlich Jeſchlecht muß dran; 3 Ob ſeiner Laſter muß es ſein Leben Durch alljemeine Sündfluth herjeben. 1 Drum baue, ohne lang zu raſten, Von Tannenholz dir einen Kaſten: Hoch dreißig Ellen, fünfzig weit, Und lang dreihundert; zur Sicherheit Für dich und die Deinen wohl zujericht't, Von innen und außen mit Pech verpicht. Von allen Erdthieren jroß und klein, Muß auch ein Männlein und Fräulein hinein, Auch Speis und Futter— drum ſind drei Böden Und Kammern in dem Kaſten vonnöthen, 3 Auch bring auf der Seite ein Fenſter an, Und mach in der Mitt' eine Thür daran.— Weil er nun ſolches hat vollend't, p So wird er Zimmermann jenennt. Doch das is ebenfalls noch nich das Heechſte— fuhr Niehnke fort, ohne ſich durch die Maurer unterbrechen zu laſſen— denn unſer alter Spruch erzählt, daß ſojar Adam, nachdem ihn der Herrjott aus'm Paradieſe jeſtoßen hatte, ſich auf's Zimmerhandwerk legte. Heert man zu: Adam ſtund elend und troſtlos, Bedeckt mit Feigenblättern blos; Da baute er ſich jar jeſchwind Eine Hütte vor Rejen und Wind. An vier Ort' thät' er Zwieſelbäum' ſtecken, Legt Riejel drein und thut's bedecken Mit Leimen, Erd und Kalk vermiſcht, Damit hinein kein Rejen fließt, Und wohnte da mit ſeinem Weibe, Einer Ripp' aus ſeinem Leibe, Wie dies im Buche Geneſis 15 Beſchrieben ſteht als janz jewiß. Darum mit Fug man ſagen kann, Schon Adam war ein Zimmermann.— Jetzt ging dem Eifernden, der in ſeiner Aufregung ſo haſtige Schritte machte, daß Bims völlig galoppiren mußte, um nur mitzukommen, vor allem Sprechen und Deeclamiren doch endlich der Athem aus. Die eintretende augenblickliche Pauſe benutzte Peter Balling, um ihm ſo⸗ gleich in's Wort zu fallen, und er begann: — Nun mach' ein Ende mit Deinen Reimereien und Salbadereien, Cöpnicker, ſonſt reißt mir die Geduld aus. Es iſt ja doch keine Vernunft darin, ſondern lauter klap⸗ pernder und klimpernder Unſinn. — Bruder Regensburjer! rief der Zimmergeſell. Un⸗ ſere juten alten Sprüche willſt Du verachten? Heer' mal, Bruder! Bei Jott, wenn wir nich zuſammen achtzig Mei⸗ len verjniejt und verdräjlich durch die Welt jelvofen wä⸗ ren, ick ſchlüje Dir reene zu Appelmuß.— Unſere juten, alten Sprüche willſt Du verachten, die keen anderes Hand⸗ werk ufweiſen kann, die alle ſo luſtig, un doch ſo fromm und moraliſch ſind? Das is nich Recht von Dir, Bru⸗ der!— Und Niehnke's Stimme war zuletzt ganz betrübt geworden. Dem Regensburger aber that es leid, daß er den treuen Gefährten ſo tief gekränkt hatte, und er ſprach begü⸗ tigend: Na, na! Böſe war es nicht gemeint, Kamerad! Es iſt immer eine ſchöne Sache um einen fidelen und got⸗ tesfürchtigen Handwerksſpruch, aber man hört ja nicht ein Sterbenswort von Euren Reden. Da ſteht Ihr oben auf dem Giebel des gerichteten Hauſes, und ſchreit, daß Ihr ſo 16 rothbraun im Geſichte werdet, wie mein Stock, und Ihr vergeßt dabei ganz, daß Ihr nur für die Wolken und für die Schwalben predigt, denn unten auf der Straße kann Euch Keiner verſtehn. — Nee, werklich, Keebnicker! ſagte Fritz Leeſe aus Chemnitz. Es iſt mer noch niemals meechlich jeweſen, eene eenzige Silpe von Euren Bredigten loszukriejen. Se kennen recht ſcheene ſind, alleene aber mir jefällt en Fefferkuchenverſch, den ich verſtehe, zehnmal beſſer, als de greeßte Peredtſamkeit, die ich nich heere. Dies Argument war nicht leicht niederzuſchlagen, und Niehnke verſank in Gedanken. Endlich ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben; er erhob ſein ſinnendes Auge und ſprach: Zwarſch is et jejen alle Sitte un Ordnung, daß en orntlicher Zimmerjeſelle ſeine Rede, ſtatt uf en fer⸗ tiget Jebeide, uf de offne Landſtraße hält, aberſch Noth tennt kein Jebot. Eh' ick unſre Sprüche von Eire rohen Gemiether antaſten laſſe, lieberſch will ick Eich eene Baurede halten, daß Eich ſämmtliche Haare zu Berge ſteijen ſollen. Niehnke pflückte ſich nun im Chauſſeegraben einen mächtigen Blumenſtrauß, und fragte den Buchbinder, ob er ihm ſeine Reiſeflaſche leihen wolle. Hierauf legte er Stock und Ränzel ab, und erkletterte einen hohen Haufen zerſchlagener Steine. Als er dort feſten Fuß gefaßt hatte, nahm er den Strauß in die linke, die entkorkte Flaſche aber in die rechte Hand, und rief ſeinen Gefährten, die erwartungs⸗ voll mitten im Wege ſtanden, noch ein: Na nu, ufiepaßt! zu. Sich ein gar würdiges Anſehen gebend, begann er endlich den langen Sermon, der aus Scherz und Frömmigkeit 17 recht naiv zuſammengeſetzt war. Am Schluſſe deſſe ben ließ er den Bauherrn ſammt ſeinem Ehegeſpiel, alle künfti⸗ gen Beſitzer des Hauſes und alle Diejenigen leben, die darin ein⸗ und ausgehen würden. Dann brachte er dem Meiſter, der ganzen Zunft, ſämmtlichen ſchönen Jungfern und den Zuhörern ein kräftiges Hoch! wobei Niehnke nie⸗ mals verfehlte, die Flaſche an den Mund zu führen und ihren Inhalt über die Lippen gluckſen zu laſſen. Staunend ſahen ihm die Andern zu, und Peter Balling rief: — Verflirte Kerls ſind's, die Zimmergeſellen! Sie bringen nur darum ſo viele Geſundheiten aus, um öfter einen Schluck nehmen zu können. — Sehre wahr, Rejenſchburjer! ſtimmte der Sachſe bei. Doch wund'r ich mich nur, daß ſe ſich nich krank trinken bei den vielen Geſundheeten. Schallendes Gelächter folgte dieſem Witz, indeß Niehnke ließ ſich durchaus nicht ſtören. Er brachte die Strohflaſche zum Schluß noch einmal an den Mund, allein— ob er das Haupt auch immer tiefer in den Nacken überbog— kein Tropfen benetzte ihm die Lippen... der ſchöne Quell war verſiegt. Nachdem er, um ganz ſicher zu ſein, das Gefäß tüchtig geſchüttelt hatte, gab er es dem Buchbinder zurück, und ſtieg vom Steinhaufen herunter. Der Regens⸗ burger reichte ihm ſogleich die Hand. Er geſtand ſein Un⸗ recht, lobte den Spruch des Geſellen, und ſprach: Maurer und Zimmerleute gehören zuſammen, als die beiden erſten Zünfte, und es gebührt ſich, daß ſie gute Freundſchaft halten. Peter Balling und der Cöpenicker umarmten ſich; ſie küßten ſich rechts und links den Mund. Nächſtdem geſchah 2 — 18 ———— daſſelbe zwiſchen dem Letztern und Fritz Leeſe, und endlich mußte auch der Parchwitzer daran, der ſich nur ungern dem brüderlichen Druck des Erhitzten zu überlaſſen ſchien. Drittes Capitel. Im Glanz der Abendſonne ſahen unſere Wanderer, als ſie den Gipfel eines Berges erreicht hatten, die Stadt Seebrück unten im Thale liegen, und ſie nahm ſich bei die⸗ ſer Beleuchtung ſehr gut aus. Die vier Thürme des Or⸗ tes ſchwammen im Dufte; die Scheiben der Kirchen, des Schloſſes und des gothiſchen Rathhauſes flammten wie Feuer, und der Strom, der drüben mit vielfachen Krüm⸗ mungen eine ſaftgrüne Bruchgegend durchſchnitt und unter einer Brücke an der Stadt vorüberfloß, ſchien aus der feuerrothen Maſſe eines geſchmolzenen Metalls zu beſtehen. Der Anblick war freundlich lockend, und die Geſellen ver⸗ doppelten ihre Schritte. Wie nahe aber Seebrück auch ausgeſehen hatte, ſo mußten ſie doch noch ein gutes Stück zuſchreiten, und als ſie die Vorſtadt erreichten, lag ſchon Abenddunkel zwiſchen den Bäumen und Häuſern. Der Cöpenicker trennte ſich hier von ſeinen Reiſegefährten, und die Maurer gingen, wie der Handwerksgebrauch es forderte, nicht ſeitwärts auf dem Fußſteige, ſondern mitten in der Straße, zogen die Hand⸗ ſchuhe aus, drückten den Hut feſt in die Stirn und knöpf⸗ ten drei Knöpfe an ihren Ueberröcken zu. Als ſie ans Thor kamen, löſten ſie den rechten Riemen des Ränzels auf, und nahmen ihn auf die linke Schulter, ſo daß das Fell⸗ eiſen auf dieſer Seite hing. Beim Thorſchreiber erkundig⸗ ten ſie ſich, wo die Maurerherberge ſei, und verfolgten dann geradewegs die beſchriebenen Straßen, ohne ſich irgendwo zu verweilen. ⸗ — Wo wirſt Du denn bleiben, Buchbinder? fragte Balling. — Ich weiß es nicht, denn ich bin hier ganz unbe⸗ kannt, entgegnete der Angeredete zaghaft. — So komm nur mit, beruhigte ihn der gutmüthige Regensburger, und warte vor der Thür, bis unſere Auf⸗ wanderung vorüber iſt. In den Handwerksſaal darfſt Du freilich nicht eintreten, aber der Herbergsvater wird ſich wohl willig finden laſſen, Dir für die Nacht ein Lager auf⸗ zumachen. Man hatte jetzt das Haus erreicht, an welchem ein ſchwebendes Schild, mit vergoldeter Kelle und Hammer, verrieth, daß hier die Einkehr der Maurer ſei, und dieſe traten alſo in den dunklen Flur. Obgleich die Fenſterläden des Erdgeſchoſſes verſchloſſen waren, ſo konnte man durch die Spalten doch bemerken, daß es erleuchtet war, und innen hörte man lautes Stimmengewirr. Dreimal klopfte der Regensburger mit ſeinem Stöck an die Stubenthür, worauf die Herbergsmutter, eine muntere alte Frau, her— austrat. — Iſt der fremden Maurergeſellen Herberge hier? fragte er, obgleich er es wußte. Die Wirthin nickte ihm freundlich zu. — Sind ehrbare fremde Maurergeſellen hier, die hier in Arbeit ſtehen? fuhr unſer Bekannter fort, und als ihm auch dieſe Frage bejaht wurde, fügte er hinzu: Wir wün⸗ ſchen gerne einen zu ſprechen. 2* 20 Die Frau ging nun zurück; bald kam ein Geſell auf den Flur heraus, und die drei Maurer begrüßten ſich da⸗ durch, daß ſie mit der rechten Hand an die Hüte griffen. Am linken Handgelenk der Ankömmlinge ſchwebten vor⸗ ſchriftsmäßig die Stöcke, und ſie trugen ihr Gepäck noch auf dem Rücken. Balling ſprach zu dem Kameraden: — Sind Sie ein ehrbarer Maurergeſell, der hier in Arbeit ſteht? — Ja! ſagte der Einheimiſche, und in demſelben Mo⸗ ment flogen die Felleiſen der Fremden bis in die Ellen⸗ bogen hinab. — Wir hätten Sie gerne auf ein paar Worte allein geſprochen, fuhr Balling fort. Der Geſell entgegnete: Kann recht gerne geſchehn, Geſellſchaft! worauf er mit dem Regensburger bei Seite trat, und dieſer ſeinen Hand⸗ werksgruß begann: — Alſo mit Gunſt und Erlaubniß, Geſellſchaft! Ich habe einen freundlichen Gruß abzuſtatten von einem ehr⸗ baren und hochlöblichen Handwerk aus der Reichs⸗, Kauf⸗ und Handelsſtadt Nürnberg, von den ehrbaren Alt- und Ladenmeiſtern, ſämmtlichen Mitmeiſtern, ehrbaren Altgeſellen, einheimiſchen und fremden Geſellen, wie ich ſie dort ver⸗ laſſen habe und allhier in der Stadt Seebrück antreffe, an die ehrbaren Alt⸗ und Ladenmeiſter, ſämmtliche Mitmeiſter, ehrbare Altgeſellen, einheimiſche und fremde Geſellen, wie ich ſie hier antreffe, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit, alſo mit Gunſt. In gleicher ſchwerfälliger Weiſe dankte der Geſell, an den dieſer Spruch gerichtet war, und dann wiederholte der Chemnitzer die Formalität. Nachdem die Reiſenden nun 21 das Gepäck abgelegt hatten, wurden ſie in die Bierſtube eingeführt, wo mehrere Junggeſellen ſaßen, die noch nicht in den Handwerksſaal kommen durften. Der letztere ſtieß ans Trinkzimmer, und da dort eben Verſammlung war, ſo vernahm man einen rechten Heidenlärm hinter der Thür. Ohne die Wachstuchhüte zu lüften, nahmen unſere Bekannten die ihnen angewieſenen Plätze am Tiſche ein, und der Geſell, der ſie empfangen, ein Koblenzer, ſetzte ſich ihnen gegenüber. Jetzt brachte der Herbergsvater das üb⸗ liche Geſchenk, nämlich ein Glas Bier und ein Glas Branntewein für jeden der Eingewanderten. Der Koblen⸗ zer ergriff das überſchäumende Bierglas, drückte dabei ſei⸗ nen Zeigefinger auf den Tiſch, und trank den Anderen zu. Sie erwiederten den Trunk, und nachdem das einige Male geſchehen war, ſtand der Gaſtgeber auf, neigte ſich über den Tiſch und ſprach, die rechte Hand an den Hut legend, zu den Fremden, die ſich ihm in derſelben Weiſe entgegenbogen: — Alſo mit Gunſt! Geſellſchaft, das Geſchenk iſt ſo weit verfloſſen, bis auf das, was in Krügen und Gläſern iſt. Wenn Sie wollen weiter trinken, müſſen Sie für Ihr eigen Geld weiter klingen, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit. Alſo mit Gunſt! Vorſchriftsmäßig erfolgte hierauf die Antwort: — Alſo mit Gunſt und Ehrbarkeit, Geſellſchaft! Sie ſollen vielmal bedankt ſein für das ehrbare Geſchenk, das Sie uns gehalten haben. Sollte es ſein, daß ich heute oder morgen Sie mal wieder treffe, ſo werde ich Ihnen das ehrbare Geſchenk ſo halten, wie Sie es mir halten, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksgebrauch und Ge⸗ wohnheit, alſo mit Gunſt! —— 22 Nun erſt reichten die Fremden und der Einheimiſche einander die Hände, bewillkommten ſich und nannten ein⸗ ander ihre Namen. Der Koblenzer ging, um ihren Ein⸗ tritt in den Handwerksſaal zu beantragen, und Balling ſprach mit dem Herbergsvater wegen des Buchbinders. Der gefällige Wirth, auf deſſen feiſtem Antlitz ein ganzes Bierkönigthum mit Rubinen, Granaten und Carneolen prangte, wogegen die weiße baumwollene Schlafmütze ſehr gut abſtach, war gern bereit, und wackelte hinaus, um ihn zu rufen. Er führte den Parchwitzer in ein Hinterſtüb⸗ chen, wo mehrere Streulager aufgeſchlagen waren, brachte ihm Abendeſſen und einen Trunk, und ließ ihn dann allein. Bims ſchätzte ſich glücklich, ein ſo gutes Quartier bekom⸗ men zu haben, er ſtillte ſeine Eßluſt, machte ſich's dann bequem, und ſtreckte ſich auf dem Lager aus. Allein, wie müde er auch ſein mochte, es kam kein Schlaf in ſeine Augen, denn das Kämmerchen ſtieß an den Handwerksſaal, und in dieſem tobte, ſchrie und rumorte man ohne Unter⸗ laß. Der Buchbinder konnte bei den dazwiſchen eintreten⸗ den Verhandlungen, während welcher der Lärm verſtummte, jedes Wort vernehmen, und da ihm alles neu war, ſo' lauſchte er aufmerkſam auf die ſeltſamen Reden und Ge⸗ bräuche. Schon nach den wenigen kurzen Grüßen, die ich mitge⸗ theilt habe, werden meine Leſer ſich vorſtellen können, in welchen geſchraubten Phraſen unſere jungen Handwerker mit einander verkehren. Aber das iſt nur eine leiſe Andeu⸗ tung, denn müßte ich nicht befürchten, daß es zu ſehr ermü⸗ den würde, ſo wollte ich ihre langen, ernſthaften Geſpräche hier wiedergeben, wie ſie, aus lauter wohlſtudirten Floskeln ——— 23 zuſammengeſetzt, einmal wie das andere Mal in der Ver⸗ ſammlung gehalten werden. Dagegen iſt das Hofceremo⸗ niel eine wahre Schrankenloſigkeit, der deutſche Kanzleiſtyl, mit all ſeinen Formen und Normen, ein leichtſinniges Ge⸗ tändel. Jedes geſprochene Wort, jede Bewegung, wo man den Hut hinſtellt, ob man ihn mit der rechten oder linken Hand anfaßt, wie man das Trinkglas ergreift und die Tabackspfeife hält, das Alles wird genau geprüft, gerügt und unerbittlich beſtraft, wenn es nicht nach der Regel war. Das ganze Geſellenleben iſt eine geſchloſſene Loge, die ſich hundert kleine Riegel und Schranken aus dem Mittelalter bewahrt hat, und dadurch das Eindringen der Uneinge⸗ weihten verhindert. Längſt hatte drinnen die Verſammlung begonnen, welche ſtets auf folgende Weiſe eröffnet wird. Der erwählte Wort⸗ führer ergreift das Reglement, ein mit Bändern verziertes hölzernes Seepter, welches als Zeichen ſeiner Würde dient, und klopft damit in der Bierſtube dreimal in gleichen Ab⸗ ſätzen auf den Tiſch. Jeder Anweſende hebt die Hand an den Hut, und Jener ſpricht: — Alſo mit Gunſt und Erlaubniß! Die ganze ehrbare Geſellſchaft wird ein wenig Gehör geben und ſo gut ſein, ihren ehrbaren Eintritt zu nehmen in den ehrbaren Hand⸗ werksſaal, nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit, alſo mit Gunſt. Alſo mit Gunſt und Erlaubniß, die ganze ehrbare Geſellſchaft ſoll vielmal bedankt und bedeckt ſein, alſo mit Gunſt. Hierauf erwiedern die Geſellen unisono: Wir bedan⸗ ken uns! Jetzt geht zuerſt der Wortführer, vom Deputirten beglei⸗ 24 tet, in den Saal, ſtellen ein Licht auf die Tafel, ſetzen die Handwerkskanne daneben und legen auch zwei Stücke Kreide hin, um vorkommende Fehler damit vermerken zu können. Abermals läßt der Wortführer drei Schläge ertönen, und die an der Thüre wartenden Geſellen treten ein, indem ſie mit dumpfem Gemurmel ſagen: — Alſo mit Gunſt und Erlaubniß, daß ich meinen Ein⸗ tritt nehme in den ehrbaren Handwerksſaal, nach Hand⸗ werksgebrauch und Gewohnheit, alſo mit Gunſt. Es geht nun noch lange ſo weiter, dann werden Klagen angebracht und Briefe verleſen. Mitten in dieſen Verhand⸗ lungen war man begriffen, als Bims ſich auf ſeinem Lager hin⸗und herwarf, und man ſchritt darauf zur Eramination eini⸗ ger Junggeſellen, die ſich die Brüderſchaft erwandern wollten. Nachdem dieſelbe abgehalten worden, ohne daß man von ihren endloſen Förmlichkeiten nur ein Jota ausgelaſſen hätte, trat derjenige Geſell vor, der dem Neophyten Unterricht ertheilt, und begann folgenden Brüderſchaftsſpruch zu ſeinem Eleven: — Jetzt will ich es Dir bringen aus Luſt und lieblichen Dingen. Feſte Dinge dieſer Erde müſſen unverändert ſein; willſt Du jetzt mein Bruder werden, ſo geſchieht es bei einem Glaſe Bier oder Wein. So mußt Du mit Mund und Hand— hier reichten ſich beide die Hände— ewig halten Bruderſtand. Sonne, Mond und Sterne ſtehen ewiglich, ſind auch jederzeit beweglich; ſo mußt Du auch ſein und bleiben ewig treuer Bruder mein, gleich wie wir Maurer verarbeiten harte Felſen, Kalk und Stein, das we⸗ der Feuer noch Waſſer verzehren kann, alſo iſt unſere Brü⸗ derſchaft ein feſter Schluß, und das iſt was, gleich wie es heißt: durch Hitze und Schweiß, durch Regen, Schnee und 35 kaltes Eis bin ich gereiſt.— Lieber Bruder, willſt Du auch wiſſen, woher ich bin und wie ich heiß'? Mit Gunſt, Friedrich Kuſchke werde ich genannt, Deutſchland iſt mein Vaterland, in Hamburg darin bin ich erzogen und geboren und zu einem rechtſchaffenen Maurergeſellen auserkoren.— Lieber Bruder, willſt Du auch wiſſen, wie mein ehrbarer Lehrmeiſter hat geheißen? Mit Gunſt, Möbus wird er genannt.— Lieber Bruder, willſt Du auch wiſſen, wie meine beiden Schenkgeſellen haben geheißen? Runge und Häberlein werden ſie genannt. Lieber Bruder, ſo Du höreſt mein, Dein oder die drei eben genannten Namen ſchimpfen oder ſchmähen, es mag ſein beim Tiſch, Bank, Bier oder Wein, oder wo ſonſt noch rechtſchaffene Maurergeſellen beiſammen ſein, ſo bitte ich Dich, ſuche ſie zu verdeffendiren, ſo es ſein kann; kann es aber nicht ſein, ſo bitte ich Dich, ſetze Dich nieder, ſchreibe ein kleines Briefelein, gieb es auf, laß es wandern von einer Stadt zur andern, von einer Beförderung zu der andern, es mag dann gehen zu Waſſer und zu Land, endlich kommt es doch in meine Hand; ſo werde ich mich aufmachen und ſuchen in acht oder vierzehn Tagen bei Dir zu ſein, und ſuchen mein, Dein und die drei genannten Namen ſelbſt zu verdeffendiren, wie es einem rechtſchaffenen Maurergeſellen thut gebühren. Deſſelben⸗ gleichen will ich an Dir vollbringen, aus Luſt und lieblichen Dingen, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksge⸗ brauch und Gewohnheit, alſo mit Gunſt. Alſo mit Gunſt und Erlaubniß, daß ich die ehrbare Handwerkskanne von der ehrbaren Handwerkstafel auf und zu mir nehmen mag, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit, alſo mit Gunſt. 4 Proſ't, Bruder! auf du und du! Aus dieſem trink' ich Dir eins zu! Es geſchieht nicht aus Hunger und Durſt, Sondern aus brüderlicher Liebe und Luſt; Es geſchieht nicht aus Haß und Neid, Sondern aus brüderlicher Liebe und Einigkeit. Jetzt trink' ich mein, Dein und aller rechtſchaffenen Maurergeſellen ihre Geſundheit: Alle, die hier um uns ſtehen Und auf grüner Haide gehen, In guter Arbeit ſtehen und nach guter Arbeit trachten, Und das ehrbare Handwerk der Maurer und Steinhauer hochachten! Vivant hoch! Es wurde nun getrunken, dann legte der Junggeſell gegen jeden der Anweſenden die Brüderſchaft auf gleiche Weiſe ab, es wurde dabei wieder getrunken, und man merkte ſcharf auf alle Fehler, die der Neuling machte. Er mußte ſich mit einer Geldſtrafe auslöſen, und dafür wurde aber⸗ mals getrunken. Endlich verſiegte dieſe Quelle, aber die Kehlen unſerer Verſammlung waren trocken vom Rauchen und Sprechen, und es mußte alſo ein neuer Brunnen eröff⸗ net werden, deshalb nahm man Klageſachen vor. Da hatte der Eine neulich ſein Halstuch bei der Arbeit abgeknüpft und es fortgelegt, ſtatt es gleich einem Gürtel um den Leib zu binden, ein Andrer hatte Handwerksgeräth über die Straße getragen, ohne ein Tuch darum zu wickeln, und ein Dritter war gar vom Bau einige Schritte in die Straße hingetreten, um den Meiſter auf etwas aufmerkſam zu machen, und hatte vergeſſen, zu dieſem Zweck ſeine Pantof⸗ feln aus⸗ und dafuͤr Stiefeln anzuziehen. Jedes dieſer Capitalvergehen wurde mit der üblichen Strafe belegt, und der Betrag dann ſogleich flüſſig gemacht. Weigerte ſich aber ein Angeklagter, die Buße zu erlegen, ſo mußte er ſeinen polniſchen Austritt nehmen, wie es genannt wird. Die Geſellen bilden dabei zwei Reihen, und dieſe muß er paſſiren, wie beim Spießruthenlaufen. Ein wildes Hurrah! ertönt, der Ruf: Hinaus mit ihm! ſchallt hindurch, und der Sparſame oder Geldentblößte bekommt furchtbare Fauſtſchläge auf Kopf und Rücken und Geſicht. So erreicht er endlich, bluttriefend, den Hausflur, und ſein Hut kommt ihm nachgeflogen. Als nun Keiner mehr eine Klage anzubringen hatte, rief man von allen Seiten: Caſſe überſchießen! Ich weiß viel Geld, darf es nur nicht holen! — Iſt die Geſellſchaft damit zufrieden— fragte der Wortführer— wenn wir die Caſſe überſchießen? — Es iſt löblich! donnerte die Verſammlung, und die eingegangenen Strafgelder wurden durchgezählt. Hierauf begann der Sprecher: — Alſo mit Gunſt: die Geſellſchaft hat dreiundzwanzig Thaler zu verzehren. In was iſt die Geſellſchaft Willens, es zu verzehren? — In Bier und warmem Punſch! ſcholl die erwartete Antwort zurück. Nach Handwerksgebrauch und Gewohnheit, oder in Fried und Einigkeit? fragte jener. — Nach Handwerksgebrauch! ſchrie jubelnd die Ge⸗ ſellſchaft. — Die Geſellſchaft ſoll vielmal bedankt und bedeckt ſein! ſagte der Wortführer. 28 Wir bedanken uns! erwiederten Alle, ihre Hüte nehmend. Der Zwang hatte nun ein Ende, und wild johlte das Lied durch die niedrigen Räume: Victoria! Victoria! Wir Maurer beiſammen u. ſ. w. Die beſtellten Getränke wurden aufgetragen, und man lud die Zugereiſten in den Handwerksſaal, die, wenn ſie auch noch ſo erſchöpft, oder vom Regen durchnäßt geweſen wären, es ſich doch nicht hätten bequem machen dürfen. Als Balling und Leeſe eintraten, reichte man ihnen die Hände, ſchüttelte ſie kräftig zum Willkommen, und brachte ihnen weiße Gypspfeifen. Der Regensburger, ein alter, vielgewanderter Geſell, traf manchen Bekannten hier, und ſie erzählten ſich gegenſeitig von ihren Reiſen und Schickſalen, wobei den Gläſern und Krügen tüchtig zugeſprochen und weder das Bier noch der Punſch verſchmäht wurde. Immer lauter, imnker ſeliger ward die Verſammlung. Blauer Tabacksqualm und Dunſt erfüllte das Gemach ſo dicht, daß die Lichter nur trübe durchſchimmern konnten, und ſtürmiſche Geſänge erbrauſten. Die Geſellen tranken und johlten, ſo lange ihre Kehlen es aushielten, was juſt bis zu dem Augenblick dauerte, wo der letzte Krug geleert war. Dann gingen oder taumelten ſie aus der Herberge, und Bims, der unglückſelige Buchbinder, konnte nun end⸗ lich ſchlafen.— Viertes Capitel. Am andern Morgen machte unſer Parchwitzer ſehr ſorg⸗ fältig Toilette. Er verbrauchte viel Waſſer, um ſeinen blonden Haaren einige Glätte beizubringen, der grüne 29 Wachstaffethut wurde ſauber abgewiſcht und keck auf's Haupt gedruckt. Nun ſteckte Bims die ſaffianene Brief⸗ taſche ein, und ſchritt zuerſt nach der Polizei, dann aber that er ſich nach einem Meiſter um. Schon hatte er ver⸗ geblich an mehrere Thüren geklopft, als er in das Haus des Buchbinders Trappe eintrat. Dies ſtand, mit ſeiner niedrigen und ſchmalen Front, in einer breiten und belebten Straße, recht demüthig zwiſchen fünfſtöckigen ſtolzen Ge⸗ bäuden. Trappe hätte zwar ſeiner Wohnung auch noch etliche Stockwerke aufſetzen können, aber er leiſtete lieber auf den Miethzins Verzicht, und ließ das liebe Häuschen ganz ſo, wie er es von ſeinen Eltern ererbt hatte. Dem zugewanderten Geſellen gefiel es hier, und mit größerer Freundlichkeit, als ihm ſonſt eigen war, da er es vorzog, ſich ſtets einen gewiſſen verdrießlichen Ernſt zu bewahren, bat er den Meiſter um Arbeit. — Ei nun! antwortete Trappe, indem er höflich ſein grünes Sammetkäppchen auf dem Haupte rückte. An Arbeit fehlt es, Gott ſei Dank! nicht, und mein Geſell hat ſich vor acht Tagen aus Unvorſichtigkeit ſo in die Hand geſchnitten, daß er jetzt im Lazareth liegen muß. Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Papiere! Bims holte die Brieftaſche heraus, gab Kundſchaft und Zeugniſſe dem Meiſter, und da dieſer darin nur Löbliches fand, ſo waren die Bedingungen bald geſchloſſen. Der Parchwitzer holte ſeine Felleiſen⸗Equipage aus der Her⸗ berge ab, bezahlte die kleine Zeche, und nach einer Stunde ſaß er bereits, mit blauer Leinwandſchürze angethan, an der Heftlade in Trappe's Werkſtätte. Er mußte ſich wohl behaglich fühlen in der neuen Um⸗ — mm—— *— 30 gebung, denn in dem Hauſe des Buchbinders war es ſtill, hell und ſauber, wie in einem Kirchlein. Betrat man den kühlen Hausflur, ſo lag zur rechten Hand die Arbeitsſtube mit ihren Schränken und Preſſen, mit dem eigen aufge⸗ ſchichteten Vorrath von Pappen, mit den blanken Meſſing⸗ ſtempeln zum Vergolden und den Leim- und Kleiſtertiegeln. Nirgends ſah man Lederſtreifen oder Papierſchnitzel unor— dentlich umherliegen, ſondern das Alles wurde gleich ſorg⸗ ſam unter den großen Tiſch gefegt, und die Sonnenſtrahlen fielen angenehm durch grüne Leinwandrouleaur herein. Gegenüber befand ſich das Wohn⸗, Putz⸗ und Speiſezim⸗ mer der Familie Trappe, und hier blitzten Möbel und Scheiben, Gardinen und Tiſchdecken voll Reinlichkeit. Eine Hauptzierde des Gemaches war der blankpolirte Glas⸗ ſchrank, in dem die fertig gebundenen Bibeln und Bücher mit ihrer ſchimmernden Vergoldung ſtanden, und dazwiſchen waren hin und wieder buntgemalte Porzellantaſſen ange— bracht, in denen dunkelrothe, guterhaltene Aepfel lagen. Dies Zimmer war aber auch die Freude der Frau Trappe, eines kleinen, blonden Weibchens von etwa vier⸗ zig Jahren. Ihre Haube, ihre faltige Schürze zeigten ſich immer weiß, wie friſchgefallener Schnee, und ihr lächelndes, geſundes Antlitz konnte über nichts ſo mürriſch werden, als wenn Jemand Schmutzflecke in die gute Stube brachte. Sie ließ den ganzen Tag ſcheuern, putzen und waſchen, half ſelbſt dabei, und ihre Gardinen hinter den ſpiegelklaren Scheiben ſahen gewöhnlich ſauberer und zierlicher aus, als es bei manchen vornehm ſtolzen Nachbarsleuten der Fall war. Frau Trappe fand Wohlgefallen an dem neuen Ge⸗ ſellen, denn man merkte wohl, daß er ordentlicher Leute 4½ 31 Kind ſei. Er machte niemals Kleiſterflecke, und ehe er Mittags zu Tiſche kam, wuſch er ſich und zog den Sonn⸗ tagsrock an. Dafür begrüßte ihn aber auch ein recht freund⸗ liches: Guten Tag, Mosjöh Bims! Wollen Sie ſich nicht ſetzen? und er bekam ſtets ein braunes, ſaftiges Stückchen, wenn es Braten gab. Es gefiel der Meiſterin ebenfalls, daß der Geſell ſich nicht ſo viel auf der Herberge umhertrieb, ſondern ſich beſſere Geſellſchaft ſuchte. Die Buchbinder haben nämlich ihre Herbergen und Handwerksgebräuche wie andere Innungen, aber Zebedäus wußte beinahe nichts davon. In Parchwitz wohnte nur ein einziger Buchbinder, und ſeit mehrern Menſchenaltern hatte ſich dieſes Fach in der Bims'ſchen Familie fortgeerbt. Die jungen Bimſe wanderten nicht, ſondern lernten das Handwerk bei ihrem Vater, und unter⸗ ſtützten ihn, bis er ihnen ſpäter die Buchbinderei übergab. Unſer Held war der Erſte ſeines Stammes, der den Reiſe⸗ ſtab ergriffen, weil ihn ein innerer poetiſcher Drang trieb, ſich außerhalb Parchwitz die Welt zu beſchauen. Sein Ein⸗ tritt in Seebrück, wo er bei den Maurern übernachtete, hatte ihm Abneigung gegen das Herbergsleben beigebracht, und er berührte jenes Haus, wo die Buchbinder einwander⸗ ten, mit keinem Fuße. Dagegen führte ihn ſein Weg jeden Abend nach einer Gartentabagie, wo ſich eine ſehr anſtändige Geſellſchaft ver⸗ ſammelte, um Bier zu trinken und Kegel zu ſchieben. Bims ſchloß ſich namentlich an zwei Perſonen an, die dort zu den Stammgäſten gehörten. Der eine war Schreiber bei einem Advokaten, doch ließ er ſich von den Kellnerinnen„Herr Actuarius!“ tituliren, und der andere war ein Chirurgus 32 dritter Claſſe. Hatte nun dieſer auch das Malheur gehabt, wegen Mangels aller anatomiſchen Kenntniſſe im Examen durchzufallen, ſo mußte das wohl mehr Malice vom Erxa⸗ minator geweſen ſein, denn kaum ließ Jemand in der Ta⸗ bagie ſich ein Beefſteak oder eine Hammelkarbonade geben, ſo nannte der Chirurg augenblicklich die lateiniſchen Namen der Muskeln, woraus jene Stücke geſchnitten waren. Der Schreiber wußte bei allen Veranlaſſungen die bezüglichen Paragraphen des Landrechts anzuführen, wogegen Bims ohne Unterlaß klaſſiſche Stellen aus Dichtern und Proſai⸗ kern citirte. Der Geſell beſaß nämlich ein gutes Gedächtniß, und da er es nicht laſſen konnte, beim Glätten Heften und Be⸗ ſchneiden in die Bogen hineinzugucken, ſo hatte er ſich nach und nach eine wahrhaft univerſelle Beleſenheit verſchafft. Ueber das einzelne Bruchſtück, das ihm juſt in die Augen gefallen, ging ſeine Bekanntſchaft mit dem Werke freilich nicht, doch darauf kam es auch nicht an. Er brachte fort⸗ während Citate vor, ſie mochten paſſen, wie ſie wollten, und das iſt etwas, wodurch ſich heut zu Tage noch ganz andere Leute ein Anſehen verſchaffen, als unſer Bims. Eben ſo wenig ſtörte es ihn, daß er niemals den rechten Namen des Autors behielt, und ſo geſchah es denn, daß er jedesmal die Phraſen falſchen Verfaſſern unterſchob, wo⸗ durch zuweilen recht komiſche Zuſammenfügungen entſtan⸗ den. Seine Freunde waren indeß von aller Kleinigkeits⸗ krämerei entfernt, ſie erſtaunten über des Buchbinders viel⸗ ſeitige Bildung, und ehrten ihn hoch. Auch bei ſeinem Meiſter fand Bims die größte Aner⸗ kennung, denn alle Arbeiten, die aus ſeinen Händen her⸗ vorgingen, waren ſauber und gut. Der neue Geſell be⸗ handelte die Leute artig, und Trappe's Kundſchaft nahm mit iedem Tage zu. Zebedäus mußte ſich wacker rühren, wollte er alles zur gehörigen Zeit fertig ſchaffen, und vom Leſen in den Büchern war jetzt nicht ſehr die Rede, ſogar die Abendſpaziergänge fielen zuweilen aus. So willig und eifrig der Parchwitzer ſonſt aber auch ſein mochte, der Meiſter bemerkte doch, daß er oft Viertelſtunden müßig vor der Heftlade ſaß, während ſein Auge träumeriſch durch's Fenſter ſchaute. Trappe verfolgte einmal des Geſellen Blick, und fand, daß derſelbe geradewegs nach der Beletage des gegenüberliegenden Hauſes hineilte, wo ſich ein blaſſes Mädchengeſicht hinter den Scheiben zeigte. Kein Wort ließ der Alte davon merken, denn Bims brachte die verlorne Zeit reichlich wieder ein. Trappe ent⸗ ſann ſich, daß er's in ſeinen Junggeſellenjahren auch nicht anders gemacht, und er freute ſich nur über ſeine große Menſchenkenntniß. Hatte er doch des Parchwitzers innerſte Gedanken errathen, und es waltete dabei keine Täu⸗ ſchung ob, denn wenige Tage nach der Entdeckung entſpann ſich beim Mittagseſſen folgendes Geſpräch zwiſchen Bims und der Meiſterin. — Wiſſen Sie nicht, wer da drüben im erſten Stocke wohnt, Frau Meiſterin? fragte der Geſell. — Im gelben Hauſe, das dem Kupferſchmied gehört?.. Ja wohl, Mosjöh Bims— entgegnete die geſprächige Frau, den Löffel aus der Hand legend— da wohnt die“ Majorin von Milbenrüſſel. Herr Gott, iſt das eine ſtolze Madam! Wenn Sie ausgeht, verfehle ich nicht, ihr einen höflichen Knir zu machen, denn man weiß doch auch, 3 34 was Lebensart iſt, aber kaum daß ſie Einem dankt. Wenn die Hutfedern nicht ein Bischen nickten, man merkte gar nicht, daß ſie ſich verbeugt hätte. Das thut gerade, als ob ihnen ein Stock im Rücken angewachſen wär', und als ob's der liebe Gott aus beſſerm Fleiſch und Blut gemacht habe. Nun, ich wünſche ihr gewiß nichts Böſes, aber Hochmuth kommt vor dem Fall! Wir ſind doch auch ehrliche Leute, und es thät' ihr gewiß keine Schande an, wenn ſie mir höflich dankte, denn ein gutes altes Sprüchwort heißt: „wie Einer grüßt, ſo dankt man.“ Frau Trappe hätte den Fluß ihrer Rede gewiß noch lange nicht unterbrochen, aber das Dienſtmädchen brachte ſpiegelblanke Zinnteller, und ſetzte dann eine große Schüſſel voll dampfender Milchhirſe auf den Tiſch. Die Wirthin legte nun den beiden Andern mächtige Portionen vor, und nöthigte ſie zum Eſſen. Der Geſell hatte ihrer Erzählung ſehr aufmerkſam zugehört, doch trotzdem aß er ſich erſt ge— hörig ſatt, ehe er die Unterhaltung fortſetzte. — Hat die Majorin denn auch Kinder? begann er das Ge⸗ ſpräch wieder, nachdem er den letzten Biſſen Hirſe verzehrt. Eine Tochter hat ſie, ſagte die Meiſterin. Ich dächte, Sie müßten die ältliche Mamſell kennen, weil ſie den gan⸗ zen Tag am Fenſter ſitzt. Das heißt, von eilf Uhr an, denn um halb zehn Uhr ſteht Fräulein Athanaſia erſt auf, und über eine Stunde bringt ſie vor dem Spiegel zu. Ach, lieber Gott, iſt das eine Kindererziehung! Na, man ſieht ja aber auch, was dabei heraus kommt. Die Scheiben ſind ſo blind, daß man kaum noch bemerkt, was für ſchwarze Gardinen dahinter hängen. Und die Wäſche.. ach, die Wäſche!'s iſt'ne ordentliche Schande, das zu ſehn! Riß 35 an Riß und Flick an Flick; wenn der Schuſter die Löcher ausgebeſſert hätte, ſchlechter hätt' er's auch nicht machen können. In die Seele hinein ſollten ſie ſich ſchämen, aber das zieht ſeidne Kleider darüber, und thut dann, als wär's zu viel, die Leute freundlich zu grüßen. — Alte, Alte! drohte der Meiſter lächelnd. Wer wird ſo bös auf ſeine Nebenmenſchen reden! Iſt's denn nicht die Wahrheit, was ich ſage? rief Frau Trappe. Da ſitzt die Mamſell Athanaſia, und liest Tag ein, Tag aus unnütze Romanbücher, die ihr den Kopf noch mehr verdrehen. Darum iſt ſie auch nur krank und nimmt immerfort Medicin ein. Hätte ſie ſich von Jugend auf um die Wirthſchaft gekümmert, hätte den Staub, der finger⸗ dick auf den ſchönen Möbeln liegt, ſelber abgewiſcht, ſo würde ſie geſund geblieben ſein und würde einen Mann bekommen haben. Nun aber hat ſie bereits ihre fünf und zwanzig auf dem Rücken... — Das merkt man ihr gar nicht an! ſchaltete Zebe⸗ däus ein. — Und Keiner denkt dran, ſie zu freien— fuhr die Meiſterin fort, ohne ſich ſtören zu laſſen— denn die Män⸗ ner ſind vernünftiger; ſie wiſſen wohl, daß bei all' dem Zeichnen und Malen und überſtudirten Weſen nichts her⸗ auskommt, daß davon keine Ehe glücklich wird. Sie neh⸗ men ſich, wenn ſie auch noch ſo vornehm ſind, lieber ein gutgezognes Mädchen, das die Wirthſchaft verſteht; ſolch hochnäſige, untaugliche Fräuleins aber, wie die Athanaſia, laſſen ſie ſitzen. Meiſter Trappe ſtand auf, eine geſegnete Mahlzeit wünſchend, Bims folgte ihm, und beide gingen an die Ar⸗ 3* 36 beit. Auf den letzteren hatten die Worte der Meiſterin einen ganz anderen Eindruck gemacht, als zu erwarten war. Für alles Vornehme, Aetheriſche, Romantiſche trug er eine gewiſſe angeborne Vorliebe im Herzen. Das Bild des blaſſen Mädchens ſchwebte ihm Tag und Nacht vor Augen. Er verachtete die proſaiſchen Jünglinge der Gegenwart, welche, wie Frau Trappe geſagt hatte, nur auf häusliche Tugenden ſehen und das Höhere nicht zu ſchätzen wiſſen. Bims wünſchte ſich, ein reicher Graf zu ſein, um dann vor die Verlaſſene hinzutreten, um ihr zu entdecken, daß er ihre Vorzüge begreife, daß er ſie liebe und als Gattin heimfüh⸗ ren wolle. Weil das dermalen indeß noch nicht anging, ſo legte unſer Parchwitzer ſich auf die Schwärmerei; er mied jetzt die Tabagie und die Kegelbahn, wo ihn der Chirur⸗ gus ſammt dem Actuar ſehnſüchtig erwarteten. Statt deſſen ſuchte er einſame Spaziergänge auf, und wenn der Mond hoch über den Pappeln ſtand, wenn der Flieder duftete und die Nachtigall ſchlug, dann ſeufzte Bims aus tiefer Seele: „Athanaſia!“ Fünftes Capitel. Trappe und ſeine Frau hatten öfters von ihrer Tochter geſprochen, und als Bims etwa vier Wochen im Hauſe war, wurden zur Heimkehr des Mädchens Vorbereitungen getroffen. Die Meiſterin hatte einen Bruder, der Theologe war und ſeit ſechs Jahren die Predigerſtelle im Dorfe Wilhelmsruh bekleidete. Bei dieſem befand ſich Georgine, um von ihm erzogen und ausgebildet zu werden. Wenn die Eltern ihrer erwähnten, geſchah es immer, als ob es 37 ſich um ein kleines Kind handle, und der Geſell hatte des⸗ halb geringe Rückſicht darauf genommen. Jetzt wunderte er ſich wohl, als man im erſten Stockwerk des Häuschens ein Zimmer, welches bisher leer geſtanden, für das Mäd⸗ chen einrichtete, und eine große Sorgfalt verwendete, es geſchmackvoll, wenn auch einfach, zu verzieren, doch Bims ſchlug ſich das bald aus dem Sinne, und hielt die überflüſ⸗ ſige Zärtlichkeit den beiden Alten zu gut. Die Meiſterin reiſte ab, und ſollte an einem beſtimmten Tage mit ihrer Tochter zurückkommen. Trappe, ſonſt ein ruhiger, arbeitſamer Mann, hatte heut keine Ausdauer an der Heftlade, er kramte in der Werkſtatt umher, ohne zu wiſſen, was er eigentlich ſuche, und ſobald ein Wagen durch die Straße rollte, flog er an's Fenſter. Aber es war ihm nicht zu verdenken, denn er erwartete ja Georgi⸗ nen, ſein einziges Kind, für das allein er geſpart und ge⸗ arbeitet hatte. Nachmittags ließ ſich von neuem Geraſſel vernehmen, der Meiſter ſchaute durch die Scheiben und lief eilig vor die Thüre hinaus. Da hielt auch der Kutſcher bereits die Pferde an, und aus dem grünen Korbwagen warf Georgine ſich in ihres Vaters Arme. Mosjöh Bims hatte bisher gar nicht vom Werktiſche aufgeſehn, denn die Bogen, welche bereits mit Leim beſtri⸗ chen waren, mußten aufgeklebt werden, ehe ſie trockneten. Außerdem fühlte er ſich auch wenig entzückt durch die Aus⸗ ſicht, eine neue Hausgenoſſin zu empfangen, und er dachte ſich die letztere als ein kleines, vielleicht recht ungezogenes Kind. Jetzt war die unaufſchiebbare Arbeit vollendet, und Bims ſetzte viel zu hohen Werth auf ſeine geſellſchaftliche Bildung, als daß er hätte verſäumen mögen, die Thür zu 38 öffnen, welche nach dem Hausflur führte, um der kleinen Mamſell ſeinen Willkommengruß zu bieten. Aber wie ein Steinbild blieb unſer Parchwitzer auf der Schwelle ſtehn, während er Georginen erblickte, die, kein Kind, ſondern eine liebreizende Jungfrau, ihm entgegen⸗ trat. Unter der zierlichen Reiſehaube lachte das ſüße, längliche Antlitz in voller Friſche hervor. Geſcheitelt legte ſich ihr dunkelblondes Haar an die Schläfe, und die blauen Augen waren ſo klar und hell, wie ein Stück vom ſchön⸗ ſten Frühlingshimmel. Ein feines Näschen, das in faſt gerader Linie von der Stirn herniederging, gab dem Ant⸗ litz etwas ſittig Beſcheidenes, wie man es gewöhnlich nur bei deutſchen Mädchen ſieht, und der kleine, ganz kleine Mund darunter glühte wie eine eben aufſpringende Nelken⸗ knospe. Der Teint Georginens und das milde Roth ihrer freudebeleuchteten Wangen konnten nur mit einer duftigen Apfelblüthe verglichen werden, und die ſchlanken, elaſtiſchen Formen ihres Wuchſes zeigten ſich um ſo einnehmender, da ſie nur vom ſchmuckloſen Kattunkleid umſchloſſen wurden. Bims war ſo ſehr durch den unverhofften Anblick überraſcht, daß er, der ſonſt immer in wohlgeſetzten und langgedehnten Floskeln zu ſprechen pflegte, diesmal nur einige kaum verſtändliche Worte an das Mädchen richten konnte. Georgine begrüßte ihn freundlich, und man ging zuſammen in die Putzſtube, wo der Kaffeetiſch ſchon bereit ſtand, auf dem ein friſcher Napfkuchen ſeinen nahrhaften Duft aushauchte. Die Neuangekommene ließ es ſich nicht nehmen, aus der großen Kanne ſelbſt den Kaffee einzugie⸗ ßen und die Taſſen herumzureichen. Dabei entfaltete ſie ſo viel Reiz und Anmuth, daß ſie ihre Umgebung völlig — 39 bezauberte, und namentlich wendete Trappe kein Auge von dem lieblichen Kinde fort. Der Meiſter erſchien heute ganz verjüngt; alle Furchen, welche die Zeit in ſein Antlitz ge⸗ graben, waren verſchwunden, und aus den gutmüthigen Zügen ſtrahlte das reinſte Glück. Georgine zählte jetzt faſt ſiebenzehn Jahre, und ſie hatte ſich wirklich wunderbar verändert, ſeit ſie vom Elternhauſe entfernt geweſen. Schwach und kränkelnd in ihrer Kind⸗ heit, mußte ſie vor aller Anſtrengung gehütet werden, und war wenig in die Schule geſchickt worden. Als vor drei Jahren der Prediger Schwarz ſeine Schweſter beſuchte, fand er in deren Tochter ein bleiches, bloͤdes Kind, gleich unentwickelt an Geiſt und Körper. Er ſtellte dem Trappe'⸗ ſchen Ehepaar vor, das Mädchen müſſe durchaus eine an⸗ dere Erziehung erhalten; friſche Luft und Bewegung müſſe ihren Leib, freundliche Belehrung ihre Seelenkräfte aufrich⸗ ten, wenn nicht beide mit einander dahinwelken ſollten, ehe ſie noch zur Blüthe gekommen. Zwar ſträubten ſich die Eltern anfangs heftig gegen das Anſinnen, ihr einziges Kind von ſich zu laſſen, aber die Vernunftgründe des Pa⸗ ſtors, unterſtützt von dem Anſehn, welches er in der ganzen Familie genoß, ſiegten endlich, und Trappe's willigten in den Vorſchlag ein. Schwarz, der an eine ſehr liebenswürdige junge Frau verheirathet war, nahm die beinahe vierzehnjährige Geor⸗ gine ſogleich mit, und ſie hatte ſeitdem Seebrück nicht wie⸗ dergeſehn. Aus ihren Briefen erfuhren die beſorgten El⸗ tern, daß ihr das Landleben trefflich bekomme, und der Prediger verſicherte jedesmal, er habe noch nie eine ſo flei⸗ ßige und gelehrige Schülerin gehabt. Das Mädchen er⸗ 40 holte ſich, ſie blühte gleich einer Mairoſe empor; jedes Wort, das ſie ſprach, zeigte den fruchtbaren Boden, in den das Samenkorn der Bildung gelegt worden, und ein ange⸗ bornes Feingefühl hauchte die bezauberndſte Grazie über all' ihre Bewegungen. Bald war Georgine der Liebling des Predigers und ſeiner Frau. Die letztere, deren reicher Geiſt in der ganzen Gegend anerkannt wurde, verwandelte ſich aus der Erzieherin in die innigſte Freundin des Mäd⸗ chens. Das gaſtliche Pfarrhaus, ſchon früher ein Sam⸗ melplatz vieler trefflichen Familien der Umgegend, gewann noch höhern Reiz durch die holde Elfe, die jetzt in ſeinen Räumen waltete, und Georgine fand Anregung, den ſelt⸗ nen Farbenſchimmer ihrer geſelligen Talente eben ſo ent⸗ zückend als anſpruchslos glänzen zu laſſen. Die Eltern hatten ſie ſeit der Trennung nicht wieder⸗ geſehn, denn ſolche gerade, kunſtloſe Bürgersleute ſind keine Freunde vom unnützen Reiſen, und Trappe's fühlten ſich glücklich, wenn alle drei Wochen ein Brief von der gelieb⸗ ten Tochter kam. Endlich war aber die Sehnſucht des Alten überwiegend geworden, er hatte den Termin zur Heimkehr feſtgeſetzt, und ſeine Frau geſendet, um das Kind abzuholen. Georgine trennte ſich zwar mit Wehmuth von ihren Verwandten und von der ganzen liebgewonnenen Umgebung, aber ſie war viel zu gut geartet, als daß die Freude, nun wieder bei ihren Eltern ſein zu können, nicht einen großen Theil der Trennungsſchmerzen aufgewo⸗ gen hätte. Sie wurde ſehr ſchnell heimiſch in dem Hauſe, das die Tage ihrer Kindheit geſehn, und wirthſchaftete mit ſo viel Luſt und Eifer durch die Zimmer, daß ein völlig neues Le⸗ — =—— ² 41 ben in dieſelben einzog. Den Vater und die Mutter hät⸗ ſchelte ſie, als ob es Kinder wären, und las ihnen jeden Wunſch aus den Augen, wenn ſie ihn kaum gedacht. Sie hatte eine friſche, metallreiche Stimme, und da Trappe ihre Lieder gar zu gern hörte, ſang ſie, wie ein luſtiges Vög⸗ lein, den ganzen Tag. Auch zu Bims ſtand das Mädchen im beſten Verhältniß. Aufmerkſam gab ſie Acht, wie die Eltern ihn behandelten, und zeigte dann dieſelbe Freundlich⸗ keit gegen ihn. Er benahm ſich ſeinerſeits nicht minder voll Courtoiſie, und da er die Bücher, welche ſie mitge⸗ bracht, niemals ohne ein mitleidiges Achſelzucken betrachten konnte, ſo machte er ſich an den Sonntagen darüber, und band ſie ihr prächtig in Maroquin und Gold. Es war nicht zu verkennen, daß er zu den Anbetern des Mäd⸗ chens gehörte. Einige Monate floſſen auf dieſe Weiſe hin, und an einem Sonntagsnachmittag, als der Meiſter ſein Schläfchen gehalten, ſaß er in der Putzſtube wohlgefällig neben ſeiner Frau auf dem Sopha. Alte! begann er, ihr freundlich das Kinn ſtreichelnd, die Georgine iſt Dein ganzes Eben⸗ bild. Juſtement ſo ſah'ſt Du aus, als ich um Dich freite. — Nun, nun! erwiederte die Geſchmeichelte. Häßlich war ich wohl auch nicht, aber mir ging das feine Weſen ab, das unſer Ginchen bei Schwarzens gelernt hat. — Weißt Du, Mutter! fuhr Trappe fort. Ich habe ihr bereits einen Mann ausgeſucht, einen guten, fleißigen Mann, und da denke ich denn, wir zögern nicht unnütz, ſondern verloben das Kind und machen ihre Hochzeit, ehe noch ein Jahr vorüber iſt. Recht glücklich lebt ſich's doch nur in der Ehe, und alt muß man die Mädel nicht werden 42 laſſen, dann will ſie kein ordentlicher Mann mehr, und man wirft ſie dann dem erſten, beſten an den Hals. — Freilich! ſagte die Meiſterin. Jung gefreit, hat Niemand gereut, und ich war auch nicht älter wie Ginchen, als ich Deine Frau wurde. Aber neugierig bin ich doch, wen Du ihr gewählt haſt? — Den Parchwitzer! ſprach Trappe. Sieh, er ver⸗ ſteht ſein Fach, iſt ein fleißiger, wackerer Geſell und guter Leute Kind. Nun denke ich ſo: er heirathet unſere Geor⸗ gine, und ich übergebe ihm Haus und Werkſtatt, daß er ſein reichlich Auskommen hat. Wir ziehen hinauf in den erſten Stock und ich helfe dann hin und wieder, wenn es viel Arbeit giebt, denn ganz werde ich mich von der gewohn— ten Thätigkeit immer noch nicht trennen können. Die Meiſterin fand den Plan ſehr gut, ſie hatte gar nichts dagegen zu erinnern, und beide beſchloſſen, ihn ſo⸗ gleich der Tochter mitzutheilen. Deshalb öffnete Frau Trappe die Stubenthür, mit lauter Stimme: Ginchen! Ginchen! rufend, und nach wenigen Augenblicken kam das Mädchen fröhlich die Treppe herunter. Als ſie vor den Eltern ſtand, ſagte ihr der Vater ohne Umſchweife und läſtigen Wortſchmuck, was ſeine Meinung ſei. Röthe und Bläſſe wechſelten fieberhaft auf dem Antlitz des lieblichen Weſens, während jener ſprach, und ſie griff unwillkürlich nach der Tiſchplatte, als ob ſie einer Stütze bedürfe. Allein ſie war von Kindheit gewöhnt, den Willen der Eltern für heiligen Befehl anzuſehen, deshalb kam ihr gar kein Wider⸗ ſpruch in den Sinn, und ſie bat nur um Bedenkzeit bis zum Abend. Der Meiſter wußte freilich nicht, wozu erſt 43 die Bedenkzeit ſollte, doch hielt er dieſe für ein Erforderniß moderner Sitte, und gewährte ſie der Tochter gern. Das ſtrahlende Purpurgold der Abendſonne ſchien über die Dächer der Straße, ſeinen lichten Glanz in Trappe's Gemach ſendend, als Georgine wieder eintrat und erklärte, daß ſie ſich dem Wunſch der Eltern fügen wolle. Die letz⸗ teren waren außer ſich vor Freuden, ſie küßten einander und küßten ihr Kind; Trappe aber entfernte ſich ſchnell, um mit dem Geſellen zu reden. Bims war wie vom Donner gerührt; er konnte kaum ein Wort hervorbringen, nachdem ihm der Meiſter den Antrag gemacht hatte. Was er ſich bisher nur in Träumen gewünſcht— das feine, holdſelige Mädchen, und die blühende Nahrung dazu— das wurde ihm jetzt freiwillig angeboten. Ohne Zögern willigte er ein, und noch denſelben Abend feierte die Fa⸗ milie das Verlobungsfeſt. Als Georgine nach zehn Uhr in ihr ſtilles Zimmer zurückkehrte, ſah ſie einen Brief an ihre liebe Ludwiga, die Gattin des Predigers Schwarz, den ſie vor einigen Tagen angefangen hatte, auf dem Sekretär liegen, und las ihn ſich, in einem gewiſſen Drang nach Zerſtreuung, mit leiſer Stimme vor. Derſelbe lautete: „Meine gute, theure Ludwiga! Die Sonne will eben untergehen, die Blumen und der Lindenbaum unſeres kleinen Gärtchens duften durch's geöff⸗ nete Fenſter herauf, und wie müde Vöglein flattern meine Gedanken zu Dir hin, Du Traute, um mit Dir zu plau— dern und zu koſen. Du fragſt mich, Ludwiga, wie ich lebe, wie ich mich fühle. Ich fühle mich glücklich. Sieh, ich bin nun wieder bei den Eltern, kann ſie pflegen, kann ihnen 44 danken, und mich freuen, daß ſie ſich meiner freuen. Darin beſteht mein Glück! Von meinem äußern Daſein werde ich Dir wenig ſagen können. Es verläuft ſtill, klar und unbeachtet, wie ein einſamer Bergquell. Ich war zu jung, als ich vom Hauſe kam, und hatte damals noch keine Freundinnen. Zwar beſuchten mich einige Nachbarstöchter, um mich zu begrü⸗ ßen, oder eigentlich, um mich anzuſtarren, gleich einem ausländiſchen Wunder. Mir war recht leer, recht unheim⸗ lich in ihrer Nähe, und ich wußte gar nicht, was ich mit ihnen beginnen ſollte. Für alles, was ſie mir erzählten, fehlte mir Anknüpfung und Intereſſe; ſprach ich aber in meiner Weiſe zu ihnen, dann lächelten ſie ſich gegenſeitig an und verſpotteten mich. Das ſehe ich wohl, junge Mäd⸗ chen, an die ich mich anſchließen kann, finde ich hier nicht. Doch wozu bedarf ich ihrer? Habe ich nicht meine gelieb⸗ ten Eltern, habe ich nicht Dich, Du Herzige, der ich mein Herz ausſchütten kann, ſo oft es mir Noth thut? Verlaſſe Dich darauf, ich fühle mich glücklich, und wenn mir etwas zur Behaglichkeit mangelt, ſo iſt es ein Klavier. Zuweilen habe ich einen unbeſchreiblichen Drang, die Ta⸗ ſten zu rühren, und alles, was mich mit Luſt und Schmerz bewegt, in Klänge auszuathmen... ein Inſtrument würde mir große Freude machen. Wohl weiß ich, der Vater ſchlüge mir's nicht ab, bäte ich ihn, mir ein ſolches zu kaufen— aber das will ich nicht. Du kennſt mich zu gut, Ludwiga, als daß ich Dir erſt ſagen müßte, weder Trotz, noch Verſchloſſenheit hält mich davon zurück. Meino Eltern hatten niemals dergleichen Bedürfniſſe; ſie würden vielleicht glauben, die Tochter wolle ſich über ihren Stand S 45 erheben, und würden eine Kränkung darin finden... des⸗ halb leiſte ich lieber auf die Erfüllung meines Wunſches Verzicht. Aber ſingen thu' ich faſt den ganzen Tag, Gott im Himmel dankend, daß er uns eine helltönende Stimme geſchenkt hat. Sie iſt das beſte Inſtrument, und ich beklage die Armen recht herzlich, denen die Natur dieſe Gabe verfugte.“ Zum Schlafen hatte Georgine keine Raſt; es trieb ſie, das Vorgefallene ohne Zögern in die Bruſt der Freundin niederzulegen. Sie nahm die Feder, und vollendete den angefangenen Brief: „Vierundzwanzig Stunden ſpäter.“ „Ich könnte unmöglich Ruhe finden, wenn ich Dir nicht zuvor geſagt hätte, was ich heute erlebt. Jetzt fühle ich erſt klar, daß Du meine einzig liebe Freundin biſt, und wie ſchmerzlich ich Deine traute Gegenwart auch vermiſſe, ſo giebt es mir doch einen ſüßen Troſt, Dir brieflich mit⸗ theilen zu können, was in mir vorgeht. Ludwiga, ich bin Braut!— Mein Verlobter heißt Bims, er iſt aus Schleſien, arbeitet beim Vater, und hat ſich die Liebe der Eltern erworben. Zwar kann mich niemals eine Neigung an ihn feſſeln, doch bin ich überzeugt: Pflichtge— fühl und Gewohnheit werden dafür ſorgen, daß ich ihm ſtets eine brave, ergebne Hausfrau ſei. Nein! konnte ich nicht ſagen, denn ich ſah, es galt, einen Lieblingswunſch der Eltern zu erfüllen. Fehlt dem Manne, der mir beſtimmt worden, auch jener Bildungsgrad, welcher über die Fläche des Gewöhnlichen erhebt, ſo ſoll es mir dennoch nie aus der Erinnerung ſchwinden, daß ich ihm freiwillig die Hand gereicht, und daß ich keine höheren Anſprüche zu machen 46 habe. Die roſigen Träume, auf deren Blüthenranken ſich Andre wiegen dürfen, ſind mir verſchloſſen, und ich glaube Kraft genug zu beſitzen, ſelbſt die Sehnſucht nach ihnen unterdrücken zu können. Sei unbeſorgt um mich, meine Freundin! Das Jawort, welches ich gab, wurde nicht ohne Ruhe und Bewußtſein ausgeſprochen. Soll ich mein Leben mit ungeregelten Phantaſien erfüllen, mit Wünſchen und Hoffnungen, die mir nicht zuſtehn? Soll ich den Eltern zur Qual und Laſt daheim bleiben, eine alte Jungfrau, die bösartig und bigott wird, die des ganzen Hauſes Freude ſtört? Nein, nein, Ludwiga! Du haſt mich zu einem ſtarken Mädchen erzogen, und heute will ich es zeigen, daß ich Deiner Mühe werth war. Ich will werden, wie meine Mutter iſt!— Seid Ihr mit mir zufrieden? Meine Augen ſchmerzen mich, denn ich ſchreibe ohne Licht, darum ſchließe ich jetzt. Gute Nacht, Ludwiga! Gute Nacht!“ Sechstes Capitel. Am nächſten Sonntage ging es im Hauſe des Buch⸗ binders Trappe recht hoch her, denn die ganze Verwandt⸗ ſchaft war eingeladen, damit man derſelben das Brautpaar feierlich vorſtellen konnte. Bims hatte ſich anfangs etwas beengt und muthlos gefühlt, wenn ihm die reizende Georgine gegenüber ſtand, allein täglich erſchienen ihm ſeine perſön⸗ lichen Vorzüge im helleren Licht, und am Ende zweifelte er ſogar, wer ein größeres Glück mache, er ſelbſt, oder ſeine Braut. Als er ſich die neuen Verhältniſſe ſo mit größter 47 Eigenliebe zurecht gelegt, nahm er alles für einen wohler— worbenen Lohn ſeiner Verdienſte, und empfing nun die Glückwünſche der Muhmen und Vettern voll vornehmer Sicherheit. Während im Trappe'ſchen Hauſe bereits die ſilbernen Löffel in den Kaffeetaſſen klirrten, während noch immer buntgeputzte Gäſte dort ankamen, fuhr gegenüber ein leich⸗ ter Reiſewagen vor. Ein ſchöner, hoch und ſchlank gewach⸗ ſener Mann ſprang heraus, und als er ſich nach dem Poſtillon umwendete, zeigte er ein feines, offenes Geſicht, zu deſſen blühenden Farben das dunkle Haar und der ſchwarze Bart vortrefflich paßten. Der Fremde mochte etwa ſechs und zwanzig Jahr alt ſein, er trug einen grünen Jagdrock, hohe Lederſtiefeln und einen leichten Hut. Wenige Worte richtete er an den Roſſelenker, ging dann in's Haus und die Treppe hinauf. Sein Herz klopfte laut, ſeine Wangen brannten, als er oben im Vorzimmer ſtand und die Thür öffnen wollte. Man wußte nicht, ob ihn der ſchnelle Lauf ſo erhitzt hatte, oder ob eine ungeſtüme Erwar⸗ tung ſein Blut in Wallung brachte. Noch zögerte ſeine Hand einen Moment, das Schloß aufzudrücken, da trat hinter ihm eine ältliche Kammerzofe ein, und fragte ihn mit dem Hochmuth, welcher Dienerinnen adelsſtolzer Familien oftmals eigen iſt, nach ſeinem Begehr. — Iſt die Frau Majorin von Milbenrüſſel zu Hauſe? erkundigte der Ankömmling ſich. — Ich werde Sie der Frau Majorin ſogleich melden, wenn Sie nur die Güte haben wollen, mir Ihren Namen zu nennen. — Helmuth Stahl. 48 Das Kammermädchen ging an ihm vorüber, kehrte dann bald zurück, und brachte die Nachricht: ihre gnädige Frau ſei eben mit der Toilette beſchäftigt, deshalb möge Herr Stahl die Güte haben, ein wenig zu verziehen. Helmuth war überraſcht; einen ſolchen Empfang hatte er hier nicht erwartet. Er ſchüttelte den Kopf, er ging im ſchmalen Vorſaal auf und nieder, er ſah die beſtäubten Porzellanvaſen an, die auf den Simſen ſtanden. Minuten floſſen dahin, ſie wuchſen für ihn zu Jahren, und noch im⸗ mer ließ man ihn allein. Um ſeine Unruhe begreifen zu können, müſſen wir ſchon einige Capitel aus dem Buch ſeines Lebens aufſchlagen. Helmuth's Vater war Oberförſter; er hatte gerade ſo viel, dem Sohn eine tüchtige Erziehung geben zu laſſen, und ihn zum Landwirth auszubilden. Helmuth war bereits in den praktiſchen Dienſt eingetreten, als ſein Vater ſtarb. Derſelbe hinterließ zwei Geſchwiſter, die Majorin von Mil⸗ benrüſſel nämlich, und einen Bruder, welcher ein prächtiges, ſchuldenfreies Landgut beſaß. Dieſer letztere nahm ſich des verwaisten Neffen an, gab ihm reichliches Jahrgeld, und nachdem Helmuth ſeine Lehrzeit überſtanden hatte, ſchickte ihm jener vollgültige Wechſel, wofür er eine zweijährige Rundreiſe durch die Länder Europa's machen ſollte. Der Onkel war ein Mann vom beſten Herzen, aber— wie alle Hageſtolzen— ein Sonderling, was er auch bei der Abfaſ⸗ ſung ſeines Teſtamentes deutlich genug kundgab. Helmuth empfing eine vidimirte Abſchrift deſſelben in Paris; der Brief, welcher es umſchloß, war mit großem Gerichtsſiegel verſehen, und enthielt die Mittheilung, daß ſein Herr Oheim in Gott verſchieden ſei. 49 Das Teſtament aber lautete folgendermaßen:„Ich ſetze meinen Neffen Helmuth Stahl zum Univerſalerben ein, und vermache ihm das Rittergut Birkenwerder mit allen Wieſen, Feldern, Bergen, Seen, Wäldern und Gefällen, mit allem lebenden und todten Inventario zum unbeſchränkten Eigen⸗ thum. Dagegen ſoll er verpflichtet ſein, meine Nichte Atha⸗ naſia von Milbenrüſſel zu ehelichen. Weigert er ſich, dieſen meinen Wunſch zu erfüllen, dann geht Birkenwerder an Fräulein Athanaſia über, und Helmuth bekommt nur eine Abfindungsſumme von dreitauſend Thalern. Schlägt jedoch Athanaſia die Hand ihres Vetters aus, ſo erhält ſie gar nichts, und das Gut bleibt ihm. Ich gebe dem letzteren von heute an, falls ich während dieſer Zeit ſterben ſollte, drei Jahre Zeit, bis zu deren Ablauf er ſich erklären muß, welche Wahl er getroffen hat. An dem Tage, wo er ſeine Entſcheidung ausſpricht, ſoll auch das verſiegelte Codicill geöffnet werden, das ich dieſem meinem letzten Willen beigefügt habe.“ Nun, ein romanhafteres Teſtament hatte Helmuth in ſeinem Leben nicht geſehn, doch fand er ſich bald mit den Anmuthungen zurecht, die ihm darin gemacht waren. Von Jugend auf beſaß er ein reiches, empfängliches Gemüth, und wurde damit zu jener Zeit, wo die Pulſe des Jüng⸗ lings heißer klopfen, wo die Träume ſtürmiſcher werden, in eine grüne Feld⸗ und Waldeinſamkeit verſetzt. Dies mußte ſeine Phantaſie aufregen, und ſo war ſie denn eine poetiſche Malerin geworden, die alles Entfernte, alles Künftige mit prachtvollen Farben ſchmückte. Auch Athanaſia's Bild zauberte ſie ſo wunderlieblich herbei, daß Helmuth's Glück keine Grenzen kannte, und daß ſeine Sehnſucht nach der 4 ————— 50 ſüßen Braut immer ſtärker wuchs und ſchwoll. Endlich brach ſie die letzten Dämme durch, er kürzte ſeine Reiſe um ein Bedeutendes ab, und jetzt ſtand er hier, die Lebensgefährtin zu erblicken, die der gute Onkel ihm erwählt hatte. Ach, wie oft war dieſe Stunde, in weiter Ferne, durch Helmuth's Träume gezogen! Wie innig hatte er ſich den Empfang gedacht, wie lieblich das Erröthen der Jungfrau, die es wußte, daß ſie zu ſeiner Braut erkoren. Und nun ließ man ihn draußen im Antichambre ſtehn, ließ ihn war⸗ ten, wie einen Menſchen, der dem Miniſter Bittſchriften überreichen will. Helmuth ſtampfte vor Aerger mit dem Fuße, daß die Scheiben dröhnten, und rannte von neuem im Gemache auf und ab. Endlich erſchien die Zofe; ſie öffnete ihm die Thür, Helmuth eilte hinein, und befand ſich vor ſeiner Tante, die ihm vom Fenſtertritt herab drei Schritte entgegenkam. Sie war eine große, unvergleichlich magere Dame, und hatte ſich, um den Empfang des Neffen feier⸗ licher zu machen, mit einem himmelblauen Shawl bekleidet. Leider ging es demſelben wie der Sonne, denn er zeigte Flecken, und zwar in ſolcher Fülle, daß der Profeſſor Gruithuiſen daraus alles Mögliche hätte prophezeihen kön⸗ nen. Hierzu ſchwebte eine kirſchbraune Sammettoque auf dem Haupte der Majorin, und trug einen Paradiesvogel, welcher ſich jedoch eben mauſerte, denn er ſah bedeutend ſtruppig aus. — Willkommen, theurer Neffe! ſprach Frau von Mil⸗ benrüſſel mit größter Förmlichkeit, und reichte Helmuth ihre Hand zum Kuſſe. Sie ſehen geſund und blühend aus; das freut mich. Nehmen Sie gefälligſt Platz, und entſchuldigen 51 Sie Ihre Couſine, welche noch mit dem Wechſel der Toilette beſchäftigt iſt. So war denn für Helmuth der Faden aller traulichen Begrüßung abgeſchnitten, er ließ ſich ſtumm auf einen Seſ⸗ ſel nieder, und ihn fröſtelte im Innern. Aber ſeine Tante hatte zu viel Weltmanieren, als daß in ihrer Gegenwart ein Geſpräch ganz aufhören konnte, und bald knüpfte ſie die Unterhaltung wieder an. Für Helmuth war es freilich gleichgiltig, was ſie ihm erzählte; er ſaß wie auf Kohlen, und harrte nur, Athanaſia ſolle eintreten, um der peinlichen Spannung ein Ende zu machen. Nun knarrte die Glasthür eines Seitenzimmers— das Mädchen kam. Sie war ſchlank und ebenmäßig gewachſen, aber eine allzu große Magerkeit entſtellte ihren Bau; ſie trug ſich ungemein gerade, und in den blaſſen Zügen ihres ſonſt hübſchen Angeſichts ſtörte eine Falte von Hochmuth und Eigendünkel, welche um die Mundwinkel zuckte. Seriös verneigte das Fräulein ſich, als die Mama ihr den ange⸗ kommenen Vetter vorſtellte, und nach wenigen Höflichkeits⸗ fragen ſchien die ganze Begrüßung abgethan. Abermals wollte die Quelle gegenſeitiger Mittheilung verſiegen, da nahm Frau von Milbenrüſſel wieder das Wort, und ſagte zu Helmuth: — Sie ſind in Ihren Reiſekleidern zu uns gekommen, lieber Neffe! Nun, nun, das thut nichts! Ich habe Sie ſchon ſelbſt entſchuldigt, denn es zeigt von Ihrem Drange, uns die Antrittsviſite zu machen. Sie ſind weit herum⸗ geweſen in der Welt! — Ja wohl, liebe Tante! 4* —— 52 — Ach, das Reiſen muß ſchön ſein! begann Athanaſia. Ich leſe kein Buch ſo gern, als die herrlichen Schilderungen der Gräfin Hahn⸗Hahn, denn ſie betrachtet alle Länder und Städte, alle Völker und Sitten aus wahrhaft vornehmen Geſichtspunkten. — Gewiß! ſprach die Majorin. Unſere Gräfin gehört zu den erhabenſten Geiſtern der Gegenwart. Wen halten Sie für größer, Herr Stahl— fragte Athanaſia— Walter Scott, oder Ida Hahn⸗Hahn? — Ich weiß wirklich nicht, meine gnädigſte Coufine..! — Nun, ich ſtimme unbedingt für die Hahn! meinte Frau von Milbenrüſſel, Helmuth aus ſeiner Verlegenheit erlöſend. Bei ihr iſt alles nobel, alles adelig. Das Tri⸗ vialſte weiß ſie in eine feine Romantik, das Widrigſte in duftiges Parfüm zu hüllen, und man liest ihre Werke, mit was für niedrigen Dingen ſie ſich auch zuweilen befaſſen mögen, ſtets ohne Degout. — Haben Sie auch Seereiſen gemacht? wendete ſich das Fräulein wieder an den Vetter. — Zu Befehl! Mir wurde ſogar die Luſt, einige recht muntere Stuͤrme auf dem Meere zu erleben. — Eugen Sue und Capitain Marryat ſchildern das Seeleben ſo wahr, ſo anziehend. Aber ein Waſſerpan⸗ talon haben Sie wohl nie erblickt? — Was, meine verehrte Cvuſine? — Ein Waſſerpantalon. — Ich muß bekennen... Ach!— fuhr Helmuth, ſich beſinnend, fort— Sie meinen wohl eine Waſſerhoſe? Athanaſia wurde purpurroth bei dieſem entſetzlichen Worte, die Stirn der Majorin legte ſich in Falten, und ihr „ — 53 mauſernder Paradiesvogel ſchwankte ſehr. Plötzlich rückte ſie den Stuhl, erhob ſich und ſprach: Herr Stahl, Sie ſind wahrſcheinlich noch von den Fatiguen der Reiſe angegriffen. Ich danke Ihnen für den frühen Beſuch, und bitte Sie, mein Haus fortan als das Ihrige zu betrachten. Sie werden mir ſtets willkommen ſein! Helmuth empfahl ſich, eilte haſtig die Treppe hinab, und ſchöpfte erſt wieder freien Athem, als ihn unten auf der Straße die friſche Gottesluft anwehte. Oben hatte er ge⸗ glaubt, die Natur ſei geſtorben, es gebe keinen blauen Him⸗ mel, keine goldne Sonne mehr. Der Jüngling war recht innerlich verletzt; eine bittere Täuſchung ſenkte ſich mit Centnerlaſten auf ſein Herz, und es trieb ihn zum Thor, auf die Berge hinaus. Dort ſaß er ſtundenlang ſtill und traurig, ſah in das blühende Thal hinab, lauſchte dem Geſang der Waldvögel, und kehrte erſt nach dem Gaſthofe zurück, als die Nacht ihre blauſchwarzen Phalänenſchwingen entfaltete. — Naſia! ſprach Frau von Milbenrüſſel, als der Neffe ihr Zimmer verlaſſen hatte. Naſia! Unſer Verwandter gefällt mir durchaus nicht. Es fehlt ihm eben ſo ſehr an feiner Sitte, als an Geiſt, und er ſcheint außerdem ein höchſt unmoraliſcher Menſch zu ſein. — Ja, liebe Mutter! Er hat mein Zartgefühl auf eine rohe Weiſe beleidigt. — Nun, mein Kind, wir wollen unſere Maßregeln danach nehmen! Das Teſtament meines Bruders, deſſen Verſtand niemals ſonderlich feſt ſtand, iſt Dir bekannt. Du weißt auch, daß die plumpen Mahnungen unſerer Gläu⸗ ———————— 54 biger ſehr beläſtigend ſind, und Du wirſt im nächſten Sep⸗ tember fünf und zwanzig Jahre alt. Athanaſia wendete bei dieſen Worten den Kopf etwas von der Seite, als wolle ſie ſich überzeugen, daß auch kein Lauſcher der Mutter unvorſichtige Rede hören könne. — Verweigerſt Du— fuhr die Majorin fort— dieſem Helmuth die Hand zu reichen, ſo hat er die ganze Erbſchaft für ſich. Wir müſſen deshalb behutſam zu Werke gehn, wir müſſen ihn ſtets nur herablaſſend behandeln, und ihn empfinden laſſen, welches Opfer Du bringſt, wenn Du Dich an einen Bürgerlichen vermählſt. Vielleicht kränkt das ſein Ehrgefühl, vielleicht tritt er freiwillig zurück. Dann gehört die ganze Erbſchaft Dir, dann brauchen wir uns keinen Zwang mehr aufzulegen, und können einen ſtandesgemäßen Gatten für Dich wählen. Nachdem Frau von Milbenrüſſel das Licht ihrer Beredt⸗ ſamkeit ſo hell hatte ſtrahlen laſſen, warf ſie ſtolz das Haupt zurück, und blickte w hlgefällig in den Trumeau, deſſen Glas die Fliegen etwas gekrübt hatten. Triumphirend wackelte der Paradiesvogel, und Athanaſia lehnte ſich zufrieden an die Bruſt der Mama, deren echtes Kind ſie war. Helmuth hatte ſich eigentlich vorgenommen, die Schwelle der Tante nie mehr zu betreten, aber guter Rath kommt über Nacht. Kaum floß ſein erregtes Blut ruhiger durch die Adern, da ſtellte ſich ihm Manches in anderem Lichte dar. Sein ſeliger Onkel, der immer gut und lieb gegen ihn geweſen, hatte ihm Athanaſien zur Gemahlin ausgeſucht, und gewiß würde der wackere Mann das nicht gethan haben, ohne von dem innern Werth des Mädchens überzeugt zu ſein. Helmuth machte ſich ordentlich Vorwürfe, die Couſine 55 ſo hart beurtheilt zu haben; er beſchloß, ſeine Beſuche fort⸗ zuſetzen, und alles anzuwenden, ihr Herz und Gemüth gründlich zu prüfen. Am nächſten Morgen war er auch bereits wieder bei Frau von Milbenrüſſel; er benahm ſich gegen die Tante ehrerbietig, gegen Athanaſia freundlich zuvorkommend, und ſelten verging ein Tag, ohne daß Helmuth die Verwandten begrüßt hätte. Allein ſein Herz fühlte ſich nur noch beklom⸗ mener, denn je näher er ſeine zukünftige Braut kennen lernte, um ſo beſtimmter ſah er ein, daß ihn kein flüchtiges Vor⸗ urtheil getäuſcht. Das Mädchen war, durch eine verkehrte Erziehung irregeleitet, völlig verſchroben, und einer geſun⸗ den, natürlichen Empfindung unfähig. Der Bettelſtolz und die Prüderie bildeten hervorſtechende Züge in ihrem Charak⸗ ter, und kein jugendlich friſcher Uebermuth blühte aus ihrer Seele; überall waren die Grenzen ihres Benehmens durch die Eirkel der Convenienzen abgeſteckt. Helmuth wurde immer niedergeſchlagener, als kein harmoniſcher Ton ihm entgegenſchallen wollte; er verzweifelte an ſeinem Glücke, an ſich ſelbſt und an der ganzen Welt. Wenn er ſo mit recht traurigem Herzen auf den Fen⸗ ſtertritt ſtieg, wenn er den Kopf gegen die Scheiben preßte, dann zeigte ſich ihm drüben im Trappeſchen Hauſe Geor⸗ ginens wunderliebliches Bild. Konnte es einen ſchärfern Contraſt geben, als den zwiſchen den beiden Mädchen? Während Athanaſia mürriſch am Flügel oder am Stickrah⸗ men ſaß, mit der Zofe ſchalt oder über Migraine klagte, tanzte Georgine Trepp auf, Trepp ab. Ueberall hatte ſie zu ſchaffen, zu ordnen; helle Roſen ſtrahlten auf ihren Wangen, ein ſchönes Lied ſchmetterte oft kryſtallrein aus 56 —— — ihrer Bruſt hervor, und die Töne zeugten von einem inni⸗ gen Gemüth. Tauſend kleine häusliche Geſchäfte nahm ſie der Mutter, ja ſogar dem Dienſtmädchen ab; ſie ſchämte ſich nicht, aus dem nahen Brunnen einen Krug friſchen Waſſers zu ſchöpfen, und dabei blieb ſie ſtets munter und froh. Athanaſia gab der Mama oft bittere, ſchnippiſche Antworten, aber Georgine ſtreichelte die Wangen der Eltern, wo ſie ihnen nur begegnete, lehnte ſich voll Zärtlichkeit an ſie, und gab ihnen einen ſo herzlichen Kuß, daß die Alten ganz verklärt vor Frelde waren. Mit jedem Tage fühlte Helmuth lebhafteres Intereſſe für das bezaubernde Kind, und er kam eigentlich nur noch zur Tante, um Georginens holdes Regen und Treiben be⸗ lauſchen zu können. So ſtand er wieder einmal am Fenſter, ihres Erſcheinens harrend, allein ſie kam heute noch immer nicht hervor, und Stahl bemerkte drüben einen fremden Mann. Lange ſaß derſelbe mit dem Rücken zum Fenſter gekehrt, doch endlich wendete er ſich um, und Helmuth that einen lauten Freudenruf. Tante und Couſine machten höhniſche, befremdete Geſichter, aber der Jüngling kümmerte ſich wenig darum, ſondern ſtürmte zur Thür hinaus. Auch der Fremde drüben— es war der Prediger Schwarz— hatte ſeinen lieben Schulkameraden erkannt, auch er war ſchnell die Treppe hinabgeeilt, und auf offener Straße trafgn die Freunde ſich, auf offener Straße drückten ſie ſich an's Herz. Wie ſehr die beiden Damen darüber auch ſpötteln moch⸗ ten, Helmuth ging nun oft zu Trappe's hinüber, und ver⸗ lebte dort, an der Seite ſeines langentbehrten Jugendge⸗ noſſen, die koſtbarſten Stunden. Je näher er Georginen kennen lernte, je länger er in ihrer unmittelbaren Nähe ver⸗ —————— 57 weilte, um ſo glücklicher fühlte ſich Helmuth, um ſo mehr bewunderte und ehrte er ſie. Sie war lieb und zutraulich gegen den Freund ihres faſt angebeteten Lehrers, und im Zuſammenſein mit dieſen beiden Männern ging ihr eine ſchöne, geiſtige Welt wieder auf, die ſie ſchmerzlich vermißt hatte. Nur ein einziger Umſtand trübte Helmuth's heitre Stimmung, und dies war, die ſüße Georgine als verlobte Braut des Geſellen Bims betrachten zu müſſen. Auf einer ſehr niedrigen Culturſtufe ſtehend, erkannte dieſer Menſch die Vorzüge ſeiner Braut nicht an, und wenn Andere ihren ſeltenen Gaben huldigten, behandelte er ſie, um ſein Vor⸗ recht darzuthun, kurz und plump. Zwar ertrug Georgine das widerwärtige Benehmen mit Sanftmuth und Geduld, doch zuweilen ſah Helmuth, daß ihr lichtes Blumenauge von einem Schleier ſtillen Kummers umwölkt wurde, wie ſehr ſie es auch zu verbergen ſtrebte. Zu der feſten Ueberzeugung gelangt, das Mädchen könne durch eine ſo unpaſſende Verbindung nur unglücklich wer⸗ den, ſprach Helmuth dieſe Beſorgniß gegen den Prediger aus. Aber Schwarz, ein Mann vom feſteſten Gottver⸗ trauen, erwiederte ihm, Georgine ſei anſpruchlos und fromm erzogen, ihre Eltern wünſchten die Heirath, und das Wei⸗ tere müſſe der Himmel fügen. In Eheſachen— meinte er— dürfe niemand mit dienſtfertiger Hand eingreifen, denn das ſei wie Spinngewebe, und es zerreiße noch mehr, wenn man es ausbeſſern wolle. Gott wache über die Bündniſſe der Menſchen, und nur ſeine Macht könne die Fäden löſen, ſobald ſie untauglich ſeien. Wohl erkannte Helmuth die Wahrheit dieſer Worte, doch ſie beruhigten ihn nicht. Eine unerklärbare Angſt 58 —— laſtete auf ihm, es war ihm zuweilen, als ob er ein ſchwe⸗ res Verbrechen begangen habe. Der Prediger reiſ'te end⸗ lich ab, er hatte keinen Grund, Trappe's Haus noch ferner zu beſuchen, und nun hielt er es nicht länger aus in der Stadt. Er gab vor, daß wichtige Geſchäfte ihn auf die Güter riefen, nahm von Frau von Milbenrüſſel und Atha⸗ naſia Abſchied, und ein leichter Wagen trug ihn nach Bir⸗ kenwerder hin. Siebentes Capitel. Eines nebligen Morgens lief Herr Putzke, der mit Materialwaaren und Lotterielooſen handelte, athemlos durch die Straßen von Seebrück, und kam vor lauter Haſt in Trappe's Werkſtätte hineingefallen. Dabei faßte er mit der rechten Hand an den heißen Leimtiegel, verbrannte ſich und ſchrie vor Schmerz. — Ei, du mein Himmel, was giebt es denn? fragte Bims verwundert. — Ach, lieber Herr Bims.. der infame Leimtiegel!... Erſchrecken Sie ſich nur nicht!... Ich habe mir die ganze Hand verbrannt!— So rief Putzke, während er ſich vom Boden emporarbeitete. — Nun, daraus werde der Teufel klug! rief der Geſell, und fing wieder an zu heften. — Der Teufel? ſagte jener. Nein, Sie ſelbſt werden klug, denn Glück giebt Verſtand, heißt es im Sprichwort. Ach, das ungeheure Glück! Erſchrecken Sie nur nicht, Herr Bims... Sie haben das große Lvos gewonnen! 59 Und es war wirklich ſo. Fortuna, die launiſche Göttin, die nicht blos blind, ſondern überhaupt ſchwachſinnig iſt, hatte ihr volles Füllhorn auf den Buchbinder ausgeſchüttet. Wonach Tauſende vergeblich ringen, das fiel ihm unerwar⸗ tet in den Schooß, und er nahm es eben ſo ruhig hin, wie die Verlobung mit Georginen. Bims machte nämlich eine Miene dazu, als ob alles der nothwendige Erfolg ſeiner ſeltenen Eigenſchaften ſei. Unbeſchreiblicher Duͤnkel ſchwellte ſeine Bruſt, und jeder unangenehme Charakterzug, der Em⸗ porkömmlinge zu bezeichnen pflegt, war bei ihm ſcharf aus⸗ gedrückt. Es wurde in der Nähe von Seebrück ſo eben ein ſchönes Landgut zum Verkauf geſtellt. Charlottenthal hatte eine reizende Lage zwiſchen Bergen und grünem Wald; ein weitläufiger Park umſchloß das Herrenhaus, und die ural⸗ ten Stämme deſſelben ſpiegelten ſich in einem ſilberklaren See. Bims erſtand das Gut, er ſchaffte ſich Equipage an, und ein Bedienter folgte ſeinen Schritten überall. Allein, es gehört zum noblen Auftreten, daß man von Jugend auf in luxuriöſen Verhältniſſen gelebt hat, oder doch einen an⸗ gebornen Takt dafür beſitzt, ſonſt ſieht man, ſtatt vornehm, nur abenteuerlich aus, und macht keinen impoſanten, ſon⸗ dern einen lächerlichen Eindruck. Gerade ſo erging es unſerm Bims. Die neuen Kleider, vom beſten Kleidermacher gearbeitet, ſaßen ihm unbequem, Arm und Knie waren ihm beengt, er konnte ſich niemals frei bewegen. Goldene Ketten glänzten ſchwerfällig auf ſeiner Bruſt, und die großen Hände ſahen noch plumper aus, ſeit ſie in enganſchließenden, buttergelben Handſchuhen ſteckten. Jean, der Kgmmerdiener, war ſein Schatten, er 60 ————————— verließ ihn nicht. Derſelbe trug keine Livree, denn Bims hatte einmal geleſen, ganz gentile Leute ſtellten es ihren Dienern frei, ſich bürgerlich, nach ihrem eignen Geſchmack, zu kleiden. Nun beſaß Jean jedoch zufällig gar keinen Geſchmack, und, als eine komiſche Parodie ſeines Herrn, ging er mit einem weißen Hut, ſtrohgelber Cravatte, rother Weſte, grünem Leibrock und blauen Hoſen einher. Bims glich einem modernen Don Quirote, dem der treue Sancho Panſa folgt. Der Hochmuth des reich gewordenen Buchbinders kannte wirklich keine Grenzen; Jeder ſollte ihm beſondere Ehre er⸗ weiſen, und einige Schmarotzerpflanzen, die ſich an ihn feſtklammerten, ſorgten dafür, daß er immer überſpannter werden mußte. Er war jetzt ein Mann von Geiſt und Witz, denn die abgedroſchenſte Anekdote, welche er beim ſelbſtbezahlten Champagner vorbrachte, wurde von den Mit⸗ trinkern ſtürmiſch belacht. Seine Bildung hatte in der kurzen Zeit, ſeitdem er das große Loos gewonnen, rieſige Fortſchritte gemachtz nur die verdammte Mode, beim Sprechen bald den Dativ und bald den Accuſativ zu ſetzen, unterbrach den Strom ſeiner unvergleichbaren Rede oft als ſtörendes Hinderniß. Allein Bims war nicht der Mann, ſich durch ſolche Kleinigkeiten überwinden zu laſſen; ein kühnes Er⸗ findungstalent kam ihm zu Hülfe, und er ging als Sieger aus dem ſprachlichen Kampf hervor. Der Kunſtgriff, den er anwendete, beſtand nämlich darin, daß er, wo's ihm zweifelhaft blieb, ob„ſie“ oder„ihnen“, ob„mir“ oder „mich“ geſagt werden müſſe, ein dumpfes„ſiehnen“ und „mirch“ auszuſprechen pflegte, wodurch er beiden Fällen Genüge that. 61 Nun mangelte ihm nur noch Eins, um vollſtändig der vornehmen Geſellſchaft anzugehören— ein Adelsdiplom. Die Landesregierung war in dieſer Beziehung durchaus nicht engherzig, ſobald der Antragſteller nur einen nam⸗ haften Grundbeſitz nachweiſen konnte, denn für die Ausfer⸗ tigung des Adelsbriefes floſſen bedeutende Sporteln in die ziemlich leeren Kaſſen. Unter den Heraldikern der Reſi⸗ denz fand ſich auch bald ein kenntnißreicher Mann, der, gegen ein Dutzend Goldſtücke, den Stammbaum des Buch⸗ binders herzuſtellen übernahm. Derſelbe entwickelte ſonnen⸗ klar, daß unſer Held eigentlich Bims von Bimſtein heiße, und daß ſein Geſchlecht beinahe achtzehnhundert Jahre alt ſei, da es, wie hinreichend bekannt, bei der Verſchüttung Pompeji's ſchon Bimſteine gegeben habe. Die Nachweiſung war gründlich, man konnte nichts dagegen einwenden, und etliche Monate ſpäter trug Bims das Diplom in der Taſche und das Wörtchen„von“ vor ſeinem Namen. Während wir uns mit Bims beſchäftigten, iſt uns die Trappe'ſche Familie aus den Augen gekommen, und es wird hohe Zeit ſein, zu erzählen, welchen Eindruck die letz⸗ ten Ereigniſſe dort hervorgebracht hatten. Der Meiſter war im Anfang hocherfreut über das Glück des Schwieger⸗ ſohnes, und that ſich nicht wenig darauf zu gut, eine ſo ausgezeichnete Wahl getroffen zu haben. Von einem neuen Hauſe am Markte träumte er und von einer großen, be⸗ quem eingerichteten Werkſtätte, doch als er nun ſah, Bims kehre dem ehrbaren Handwerk ganz den Rücken, er ver— achte es, und wolle ein Graf werden— da ließ der brave Mann den Kopf hängen. Noch mehr mußte Georgine von dem Benehmen ihres Bräutigams leiden. Er behan⸗ 62 delte ſie jetzt mit einer wahren Nichtachtung, er gab ihr deutlich zu verſtehen, daß er ſie glücklich mache, daß er ſich unter ſeinem Rang vermähle. Das Mädchen weinte ſich oft im Stillen aus, denn ach! wem ſollte ſie ihren Kummer, ihre Kränkung anvertrauen; Alle, die das tiefe Leid ver⸗ ſtanden hätten, waren ja fern: Ludwiga, der Paſtor Schwarz und— mit glühendem Erröthen nannte ſie ſich dieſen Namen— und Helmuth. Sie würde ſich vielleicht an die Mutter gewendet haben, aber die gute Frau ſchien ſo entzückt durch den reichen, vornehmen Schwiegerſohn, daß Georgine ſie nicht ängſtigen und ihre ſchimmernde Täuſchung zerſtören mochte. So flohen die eiſigen Flocken des Winters vorüber, die erſtarrte Erde thaute wieder auf, und in die engſten Straßen der Stadt blitzten, von hohen Dächern herab, goldhelle Sonnenſtrahlen. Nun war der Frühling da; Bims ließ auf ſeinem Gute einige Bauten beginnen, denn alles ſollte dort modern und glänzend ſein, und munter regten ſich Maurer und Zimmerleute auf ihren Gerüſten. Der junge Edelmann hatte einen Abſtecher nach der Reſi⸗ denz gemacht; er kam jetzt zurück, und fuhr ſogleich nach Charlottenthal, um das Fortſchreiten des Baues zu beſich⸗ tigen. Mit dem Baron Lieven, einem ſogenannten Freunde, der ihn aus der Hauptſtadt begleitet hatte, ſtund Bims vor dem Schloſſe, und ſuchte jenem ſeinen Plan zu demonſtriren. Da bemerkte ihn, von oben herab, Peter Balling, der Regensburger, welcher beim Bau beſchäftigt war, ohne zu wiſſen, daß derſelbe für Bims beſtimmt ſei, von deſſen veränderten Glücksumſtänden er überhaupt keine Ahnung hatte. —— 63 — J, guten Morgen, Parchwitzer! rief er ihm freund⸗ lich zu. Wie geht's Dir denn? Du haſt Dich ja recht herausſtaffirt! — Was will der Menſch von mirch? fragte Herr von Bimſtein ziemlich laut. — Du kennſt mich nicht mehr— das heißt: Du willſt mich nicht mehr kennen! ſagte Balling, indem er eine Kelle voll friſchen Kalkes auf die Steine warf. Nu, meinetwe⸗ gen! Die tombackne Brille, die Du vor die Augen hältſt, ſcheint Dich mehr blind als ſehend zu machen. — Ich werde dem Baumeiſter ſagen, daß er dem Ge⸗ ſindel gehörigen Reſpekt einſchärfen ſoll! ſprach Bims, und wollte weiter gehn, aber Edeward Niehnke, der eben an der Balkenlage arbeitete, hatte alles vernommen, und rief nun zornig: — Wat? Jeſindel? J, ſo'n dreimal verfädelter Buch⸗ binderjeſelle will uns Jeſindel nennen?.. Na, laß mir runter kommen! Ick ſchlage Dir die Knochen kurz un kleene; denn kannſte den Kleiſtertiegel nehmen, un kannſt ſe Dir widder zuſammen kleben. — Jetzt bitt' ich mirch ernſthaft Ruhe aus! ſchrie Bims, vor Ingrimm ſchäumend. Denn, damit Ihr's nur wißt, ich bin der Gutsherr hier. — Ne, heere mal, Barchwitzer— miſchte ſich jetzt Fritz Leeſe aus Chemnitz in's Geſpräch— ne heere mal, deß mußte eenen Dummen vorreden! Ich jloobe werklich, der Kleeſtergeruch is Der zu Koppe jeſtiegen, un hat Dich ein pischen teemlich jemacht. Du piſt en Jutsherr? Nee, heere mal, Barchwitzer, an Dir is Dein Leptaje niſcht Guts jeweſen. 3 ² † ——————— ——————— 64 Ein dröhnendes Gelächter folgte dem Witz des Chem⸗ nitzers von allen ſeinen Kameraden, und für Bims, den Zürnenden, blieb kein Mittel übrig, als den Rückzug anzu⸗ treten. Er beſchwerte ſich beim Baumeiſter über die Ge⸗ ſellen, und dieſer beſtellte die Bezeichneten zum Feierabend, um ihnen ihr Betragen vorzuhalten. Sie kamen, dunkel⸗ blaue Tuchröcke über den Schurzfellen tragend und den Hut ehrerbietig in der Hand haltend. Als des Meiſters Strafpredigt zu Ende war, trat Balling, dem nun Bims' Schickſale bekannt geworden, aus der Mitte ſeiner Gefähr⸗ ten, und ſprach: — Mit Gunſt, Herr Meiſter! Der Bauherr hat uns Geſindel genannt. Aber wir ſind kein Geſindel, ſondern ehrbare Handwerksgeſellen. Wenn der Buchbinder das große Loos gewonnen hat, ſo iſt es gut für ihn— darum laſſen wir uns noch nicht ſchimpfen. Er braucht ein Haus, und wir brauchen Taglohn, Einer hat den Andern nöthig. Ein vornehmer Mann giebt allen Leuten die gebührende Ehre, aber ſo Einer, der erſt vornehm werden will, behan⸗ delt ordentliche Handwerker grob und ſchlecht. Darum iſt es dem Parchwitzer Baron ganz geſund, wenn er eine Lek⸗ tion abbekommen hat... vielleicht beſſert ſie ihn. Nehmen Sie's mir nicht für ungut, Herr Meiſter, daß ich ſo zu Ihnen geſprochen habe, doch Sie waren ja auch mal Ge⸗ ſell, und wiſſen ganz gut, daß es weh thut, wird man von den Menſchen, für die man ſaure Arbeit verrichtet, noch an der Ehre gekränkt. Gute Nacht, Herr Meiſter! Damit war die Sache abgethan. Auf Herrn v. Bim⸗ ſtein hatte ſie aber einen ſehr verſtimmenden Einfluß geübt, und es lagerten den ganzen Nachmittag Wolken des Un⸗ K 65 muths auf ſeiner Stirn. Bald nachher kam Georgine mit der Mutter herausgefahren, für welche Bims den Wagen zurückgeſendet, und nun fand er Gelegenheit, ſeinen Aerger auslaſſen zu können. Der Baron von Lieven war ein Mann in den Vierzigern, ſein mageres Antlitz trug eine krankhaft gelbe Farbe, und das Laſter hatte alle Brandmale darauf gedrückt. Voll widerlicher Zutraulichkeit näherte er ſich Georginen ſogleich, ſie aber zuckte ſcheu vor ihm zurück, als wäre ihr plötzlich eine Eidechſe über den Fuß gerannt, und dies Benehmen des Mädchens mißbilligte Bims auf ſchonungsloſe Art. Um ſie allein zu ſprechen, machte er mit ihr einen Spaziergang durch die Partien des Parkes, und als ſie ein Stück vom Schloſſe entfernt waren, ſagte er zu Georginen: Du haſt meinen Freund, den Baron, ſehr unhöflich empfangen. Dergleichen Plumpheiten verbitte ich mir in Zukunft! — Verzeihe mir, wenn ich Dich dadurch beleidigt habe! erwiederte ſie. Mich erſchreckte die Erſcheinung des Frem⸗ den ſo innerlich; ich weiß mir keine Rechenſchaft zu geben über mein Gefühl, aber um keinen Preis hätte ich freund⸗ lich gegen ihn ſein können. — Und doch ſollſt Du es ſein! Ich will's, ich beſehle es Pirch! Du darfſt nie vergeſſen, daß Du durch mirch aus niedrigem Stande emporgehoben wirſt, und mußt ſolche dumme Manieren, welche ſtets die Handwerkerstochter verrathen, endlich einmal ablegen. Georgine ſchwieg, und wiſchte nur eine ſtille Thräne aus ihrem Auge. — Du antworteſt nicht! Du trotzeſt mirch! O, ſei Deiner Sache nicht zu gewiß.. ſchon lange iſt es mirch läſtig, 66 gemeine, ungebührliche Leute, wie Deine Eltern ſind, als meine Verwandten präſentiren zu müſſen, während mirch der Eintritt in die erſten Familien des Landes offen ſteht. Benimm Dirch alſo künftig, wie es ſich für die Braut des Herrn von Bimſtein geziemt, ſonſt ſtehe ich für nichts. Haſtigen Schrittes verließ der Parvenü ſeine Braut nach dieſen kränkenden Worten, und ſie ſuchte des Parkes einſamſte Gänge, denn ſie mußte allein ſein mit ihrem Schmerz. Während derſelben Zeit eilte auch Helmuth durch das Gartengebüſch. Als er erfahren, was ſich, ſeitdem er See⸗ brück verlaſſen, dort ereignet hatte, war der letzte Schimmer einer Hoffnung aus ſeiner Bruſt entflohn. Aber er mußte das ſüße Mädchen einmal wiederſehn; flammende Liebe und Sehnſucht trieben ihn zu ihr hin— Helmuth wollte ſich Kraft holen, die Trennung noch länger zu ertragen. Sein Weg führte ihn an der Beſitzung des ehemaligen Buchbin⸗ ders vorbei, und er bemerkte aus der Ferne, daß Georgine ſo eben dort ankam. Schnell ſprang er aus dem Wagen, ließ dieſen nach der Stadt fahren, und ſchlich ſich in den laubigen Park. Lange hatte er, die offnen Partien vermeidend, darin umhergeſtöbert, ohne ein lebendes Weſen zu entdecken, und jetzt ſtand er an der Rückwand einer dichtbewachſenen Flie⸗ derlaube. Es regte ſich etwas zwiſchen dem Buſchwerk. Helmuth lauſchte, und bog die Zweige leiſe zurück. Da zeigte ſich ihm ein trauriges, aber doch ſo ſchönes Bild. Georgine ſaß, im weißen Gewande, auf der Bank und ihre feine Geſtalt hob ſich herrlich ab auf dem dunkelgrünen Hintergrund. Die Züge des Mädchens waren blaß, ſehr blaß, und große Thränen rollten über ihre Wangen. Un⸗ 67 ſägliches Glück und tiefe Wehmuth ergriffen den Lauſcher; er hätte hervorſtürmen und durch heiße Küſſe die Perlen des Kummers trocknen mögen. Helmuth bezwang ſich je⸗ doch, um die Liebliche nicht zu verſcheuchen, die mit dem Stock ihres Sonnenſchirmes einzelne Buchſtaben in den Sand des Bodens ſchrieb. Ein H, ein E und ein Lent⸗ ſtanden zuerſt... des Jünglings Herz klopfte beinahe hör⸗ bar.. ein M und ein U folgten dann... Ha! Geor⸗ gine hatte ſeinen Namen gezeichnet, und lächelte die Schrift⸗ züge ſo freundlich an, als ob ſie den Entfernten grüßen möchte. Jetzt hätte Helmuth nicht mehr die Gewalt gehabt, ſich zurückzuhalten, doch eben kamen Fußtritte den Gang herauf. Man ſollte ihn hier nicht ſehen, deshalb trat er vorſichtig ſeinen Rückzug an, und eine hohe Freudigkeit erfüllte die Seele des Jünglings, denn ein herrlicher Plan für die Zu⸗ kunft war in ihm zur Reife gediehen. Achtes Capitel. Am andern Morgen beim Frühſtück ſagte Georgine den Eltern, daß ſie Bims nicht heirathen könne. Er habe ſie im Innerſten verletzt, habe ſie wie eine Magd behandelt und mit Nichtachtung von denen geſprochen, die ſie herzinnig liebe und verehre. Jetzt fühle ſie klar, daß ſie ſehr unglücklich ſein würde, wenn ſie ſeine Gattin werden müßte. Das Mädchen ſprach dies ohne ſichtbare Erregung aus, denn es war das Reſul⸗ tat kräftiger Entſchlüſſe. Zwar hatte die Mutter ſich nicht wenig auf den adligen Schwiegerſohn eingebildet, doch kaum erfuhr ſie, derſelbe habe ihrem Kinde wehe gethan, ſo wollte ſie auch kein Wort mehr von hi hören. 5* 68 Am liebſten aber ſah Trappe die Umgeſtaltung der Dinge, denn in ſeinen Augen war Bims ein Abtrünniger, und er dachte, wer ſein Handwerk, das ihn geehrt und ge⸗ nährt, ſchmählich verläßt, der iſt gewiß ein ſchlechter Kerl. Gern hätte er dem modiſchen Stutzer ſchon längſt die Thür gewieſen, und nur der Reſpekt vor Georginens höherer Bil— dung hielt ihn zurück. Kann ſie den Menſchen als Bräu⸗ tigam ertragen— ſagte er zu ſich ſelbſt— nun, dann iſt er gewiß ſo übel nicht, und du haſt Unrecht mit deinem Widerwillen. Um ſo eifriger und freudiger zog er ſich aber heute den Leibrock und die weißen waſchledernen Handſchuh an, ſetzte den Hut auf, nahm das ſpaniſche Rohr mit dem großen Elfenbeinknopfe in die Hand, und ging nach der noblen Behauſung des Herrn von Bimſtein. Was dort verhandelt wurde, kam niemals heraus, allein ein wenig heftig war das Geſpräch, und ein Dienſt⸗ mädchen behauptete, der Meiſter habe zornig geſagt: Laſſen Sie ſich noch ein einziges Mal in meinem ehrlichen Hauſe ſehen, dann werden Sie hinausgeſchmiſſen! Verſtanden, Mosjöh? und dabei habe er mit dem Stocke ſcharf auf die Diele geſtampft. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſo viel ſteht feſt, daß Trappe ſehr erhitzt aus dem Zimmer kam, und daß Bims, furchtſam blaß ausſehend, ihn voll Höflich⸗ keit bis an die Thür begleitete. Schnell flog das Gerücht durch die Stadt, der reiche Herr von Bimſtein habe ſeine Verbindung mit der Buch— binderstochter abgebrochen, und dies Gerücht machte ihm jene ariſtokratiſchen Familien günſtiger geſinnt, die ſonſt nur mit ſtolzem Naſerümpfen von ihm geſprochen hatten. Namentlich, wo erwachſene Fräulein im Hauſe waren, & würdigte man denſelben einiger Aufmerkſamkeit, und mehrere Vollblut⸗Cirkel öffneten ſich für ihn. Bims gewann immer größeres Selbſtvertrauen; Athanaſia war ihm ein Gegenſtand zärtlicher Sehnſucht, und er ſtrebte jetzt danach, in das Haus der Majorin von Milbenrüſſel eingeführt zu werden. Sein Freund, der Baron Lieven, übernahm es, für die Er⸗ füllung dieſes Wunſches zu ſorgen. Der Letztere wohnte bei Bims, er aß, er trank mit ihm, und geſtattete ihm ſogar, ſeine Schneiderrechnungen zu bezahlen, weil— wie er zu dem ehemaligen Buchbinder ſagte— es unter Cavalieren nicht darauf ankäme. Bei der nächſten Gelegenheit fragte Lieven die Majo⸗ rin: Meine Allergnädigſte, geſtatten Sie wohl, daß ich Ihnen einen intereſſanten jungen Mann zuführen darf? — Wer iſt es, lieber Baron? meinte Frau von Mil⸗ benrüſſel. — Herr von Bimſtein! — Wie, Baron? Dieſer Emporkömmling aus der Populace.... — Gnädigſte Frau, er iſt... — Falſch plattirt... ich weiß es. — Verzeihung, Gnädigſte! Echt, ganz echt! Vollkommen renovirt, und der Stammbaum in Ordnung. Können Sie glauben, ich würde ſonſt ſo liirt mit ihm ſein? — Wirflich echt?... Nun, wenn Sie es ſagen!... Ueber die Vorſtellung ſprechen wir nächſtens, Baron. Ihr Protégé hat als Geſell bei mir vis à vis gearbeitet. Das iſt unangenehm! Ich fürchte, meine Zofe wird ihn erkennen. Hiermit endete das Geſpräch, welches vielleicht noch vortheilhafter für Bims ausgefallen wäre, hätte die Majo⸗ 70 rin nicht ſo glänzende Ausſichten auf großen Reichthum gehabt. Seit Georginens Verlobung gelöſ't worden, be⸗ ſuchte Helmuth nämlich jeden Tag wieder des Buchbinders Haus, und Frau von Milbenrüſſel dachte:„Ils sont tous deux de méme farine! Mein ungehobelter Neffe hat ſich in die plumpe Buchbinderdirne vernarrt. Er entſagt nun der Athanaſia, ſie erbt des Onkels unermeßliches Vermö⸗ gen, unb ich wähle ihr dann einen Gatten nach meinem Geſchmack. Gott ſei Dank, ſo brauche ich doch nicht den horreur zu erleben, daß meine Tochter eine mésalliance ſchließen muß!“ Während die würdige Dame ſolch goldene Träume ſpann, ſaß Helmuth, wie ein Gott vergnügt, an Georgi⸗ nens Seite, und die Tage floſſen ihm dahin, gleich einem reinen Quell, worin der lachend blaue Himmel ſich ſpie— gelt. In jeder Stunde entfaltete ſich vor ſeinen Augen eine neue ſchöne Blüthe ihres Geiſtes oder Gemüths; die Sonne der Liebe brachte dieſen ſchwellenden Frühling her⸗ vor, denn ſie liebte Helmuth, liebte ihn mit unausſprech⸗ licher Innigkeit. Der Jüngling wußte das; dieſe Liebe gab ihm einen edlen Stolz. Seine ganze Geſtalt erſchien größer, ſein Auge ſtrahlte kühner als ſonſt, und er hätte alle Menſchen glücklich machen mögen im eignen Glück. Eines Tages, Frau Trappe hatte eben das Zimmer verlaſſen, trat er zu Georginen, ergriff ihre Hand und ſagte: Wollen Sie mein Weib werden, liebes Mädchen? Nicht Glanz und Pracht kann ich Ihnen bieten, ſondern nur ein treues Herz. Mein Onkel hat mir ſeinen ganzen Reichthum vermacht, wenn ich Athanaſia von Milbenrüſſel zur Gattin nehme. Aber ich wollte lieber beim ärmſten ———— õ 71 Manne als Knecht dienen, ehe ich durch ſolches Bündniß mein Leben vergiftete. Nun bleibt mir nur eine geringe Summe, eben hinreichend, ein Bauerngut dafür zu kaufen.. ich muß Bauer werden. Gottlob, ich habe Kraft zum Ar⸗ beiten! Wer ſein Feld ackert, nimmt den Ehrenplatz im Staate ein, und dies Bewußtſein wird mir die Hütte zum Palaſt verwandeln. Georgine, wollen Sie mit mir in die Hütte ziehen? Sie ſank ihm ſprachlos an die Bruſt; ihr holdeſter Traum, ihr ſchüchternſter Wunſch ſollte Wahrheit werden. Die Eltern kamen hinzu; ſie ſegneten den Bund, und freu⸗ ten ſich der herzlichen Liebe ihrer Kinder. Helmuth theilte ſogleich dem Advokaten Kreller, dem executor testamenti, ſchriftlich mit, daß er am andern Tage ſeine erforderliche Erklärung abgeben wolle, denn es drängte ihn, alles Andere von ſich abwälzen, um nur für die Geliebte leben zu können. Der Termin wurde nun angeſetzt, und den Parteien, in Folge einer Teſtaments⸗ klauſel, ihr perſönliches Erſcheinen zur Pflicht gemacht. Frau von Milbenrüſſel ſchalt wacker auf unſere unehrerbie⸗ tige Zeit, welche ſich nicht entblödet, adelige Damen vor das Gericht zu citiren, allein, dem Drang der Umſtände nachgebend, ließ ſie einen Miethswagen kommen, und ſtieg mit Naſia hinein. Es gab ein komiſches Bild, als die Majorin, welche heute wieder den Paradiesvogel trug, und ihre nicht minder aufgeputzte Tochter vor dem Landgerichts⸗ hauſe aus der ſchäbigen Equipage kletterten. Einige Exe⸗ eutoren ſtanden in der Thür, ſie ſchauten lachend einander an, und waren unhöflich genug, den beiden Damen nicht einmal die Wagentritte herunterzuſchlagen. 72 Oben führte man ſie in einen weiten, leeren Saal, deſſen ausgeweißte Wände nur mit dem lebensgroßen Bild⸗ niß des Landesfürſten geſchmückt waren. Es herrſchte hier ein dunſtiger, plebejiſcher Odeur, und unſere Ariſtokratinnen ſahen ſich genöthigt, die Flacons zu öffnen. An einem grünbe⸗ deckten Tiſche, mit Akten und hölzernen Tintenfäſſern ver⸗ ſehen, ſaß eine Gerichtsperſon, daneben Helmuth und der Advokat Kreller. Nachdem die Damen Platz genommen, las der Aſſeſſor die betreffende Stelle des Teſtamentes, und Helmuth gab nun die Erklärung ab, daß er auf die Ver⸗ bindung mit Fräulein Athanaſta von Milbenrüſſel und zu⸗ gleich auf die Erbſchaft Verzicht leiſte. Tiefe Stille herrſchte im Gemach, nur vom Kritzeln der Feder unterbrochen, und die Majorin warf ihrer Tochter triumphirende Blicke zu. Das Protokoll war beendigt, alle Parteien unterzeichneten es. Jetzt wurde vom Codiecill das Siegel gelöſ't, und der Aſſeſſor trug den Inhalt deſſelben folgendermaßen vor: „Mein lieber Helmuth! Beim Leſen meines Teſta⸗ ments haſt Du wahrſcheinlich gedacht: der Onkel iſt ſein Lebtage nicht recht klug geweſen. Obgleich ſolche Meinung etwas reſpektwidrig ſcheint, will ich doch nicht dagegen ſtrei⸗ ten, aber dieſes Mal war es kein dummer Streich, den ich gemacht. Ich wollte Dich nämlich auf die Probe ſeellen, und hoffe, mein alter Junge! Dein geſunder, natürlicher Sinn wird Dich glücklich aus dem Labyrinth herausge⸗ wickelt haben. In der ganzen Welt iſt mir kein ſo verzim⸗ pertes, fades und unangenehmes Frauenzimmer vorgekomn⸗ men, als meine Nichte Athanaſia— ihre Frau Mutter, die Majorin, allenfalls ausgenommen. Nun calculirte ich ſo: nimmſt Du, blos um des leidigen Geldes willen, die När⸗ ———— ter ſogar einzuſchlagen. 73 rin zur Frau, dann iſt es eine gerechte Strafe für Dich, daß Du Dich Dein Leben lang mit ihr herumquälen mußt. Biſt Du aber, wie ich erwarte, ein braver, tüchtiger Kerl geworden, der keinen Geldbeutel ſtatt des Herzens im Leibe trägt, ſo giebſt Du der adelſtolzen Mamſell einen Korb und läß'ſt ſie laufen. In dieſem Falle beſtimme ich: mein früheres Teſtament iſt ungiltig; Helmuth Stahl wird zu meinem Univerſalerben eingeſetzt, und er ſoll an Fräulein Athanaſia von Milbenrüſſel nur fünftauſend Thaler— aber nicht mehr— herauszahlen.“ Hiermit ſchloß das Codicill. Der Aſſeſſor ſprach: Sie⸗ gel und Unterſchriften ſind in Ordnung!... Haben Sie irgend eine Einwendung dagegen zu machen? fragte er die Damen, aber dieſe konnten nicht antworten, weil beide in Ohnmacht gefallen waren. Man führte ſie zum Wagen, und als ſie zu Hauſe ankamen, wandelte ſich ihre Schwäche plötzlich in laute Zornausbrüche um. Zuerſt mußte die Zofe für die Sottiſen büßen, welche der ſelige Herr ihnen geſagt hatte; dieſelbe konnte nichts recht machen, ſie wurde gejagt, ge⸗ ſchimpft und geſtoßen, das arme Mädchen hätte blutige Thränen weinen mögen. Auf die Länge aber genügte die⸗ ſer Blitzableiter nicht; die beiden Gewitter ſtießen an einan⸗ der und entluden ſich fürchterlich. Frau von Milbenrüſſel und Athanaſia machten ſich gegenſeitig den bittern Vor⸗ wurf, die Andere habe durch ungeſchicktes Betragen die Gunſt des verſtorbenen Onkels verſcherzt, und ſei Schuld, daß die Erbſchaft verloren gehe. Das gab denn eine ſtür⸗ miſche Familienſeene; die Lüfte brausten im wilden Aufruhr, flammende Blitze zuckten, und einige Male drohte das Wet⸗ Gegen Abend legte ſich indeß das Toben der Elemente, und ruhige Ueberlegung trat an die Stelle ungeſtümer Leidenſchaft. Als das Conſilium zu Ende war, ſprach die Majorin: Les mariages sont faits au ciel, avant que de se faire sur la terre! Dann ſchrieb ſie ein Billet an„Se. Hochgeboren, den Herrn Reichsbaron Hans Kurt von Lie⸗ ven,“ worin ſie denſelben an ſein gegebenes Wort erinnerte, ihr recht bald einmal die Bekanntſchaft ſeines Freundes, des Herrn von Bimſtein, verſchaffen zu wollen. Darauf bat ſie ihn, die Erfüllung dieſer Zuſage doch ja nicht länger aufzuſchieben, und fügte hinzu, daß ſie am nächſten Vor⸗ mittag gewiß zu Hauſe ſein werde. Zur gehörigen Stunde kam denn auch der Baron, und brachte ſeinen Schützling mit, der eine beſonders prächtige Figur bildete. Seine Toilette hatte heute ſehr lange ge⸗ dauert, allein ſie war auch ein Meiſterſtück von Eleganz geworden. Schimmernd azurblau hob ſich die Cravatte von ſeinem kirſchrothen Antlitz ab, und ein großer Brillant war in ihre Schleife geſteckt; untadelhaft ſaß ihm der pen⸗ ſéefarbene Frack mit den Goldknöpfen; die Scharlachnelke im Knopfloch gemahnte von fern an das Band der Ehren⸗ legion, und die bunte perſiſche Weſte war ein koſtbares Erzeugniß unſrer Kunſtweberei. Silbergraue Pantalons ſtanden ſehr gut zu dieſem Ajüſtement, und den engen Stiefeln von Glanzleder ſah man es an, daß Bims auf Freiersfüßen ging, denn ſie ſchienen ihn ganz entſetzlich zu drücken. Voll ſüßer Freundlichkeit empfing Frau von Milben⸗ rüſſel den Gaſt, und Athanaſia lächelte wie eine welke Blume. Bald war das Geſpräch im Trott, und wurde 75 immer lebhafter, einem ſteifen Roſſe gleich, das ſich ebenfalls beſſer rührt, je mehr es in Schweiß kommt. — Was halten Sie vom Somnambulismus, Herr von Bimſtein? fragte die Majorin, welche eine Anhängerin alles Myſtiſchen war. — Meine Gnädigſte, darüber kann ich mirch nicht ſo⸗ gleich auslaſſen. Ich habe darüber mal ein Buch einge.. — Eingeſteckt! unterbrach ihn Lieven, befürchtend, daß der ehemalige Buchbinder ſich eine Blöße geben möchte. — Ja, ja, eingeſteckt! beſtätigte Bims. Allein mirch mangelt noch immer die Zeit zum Leſen. — Sie haben ſich wohl viel mit der deutſchen Literatur beſchäftigt? wendete ſich Athanaſia, die jugendliche Aſter, an ihn. — Wie meinen Sie das, mein gnädigſtes Fräulein? erwiederte er, ein wenig pikirt, denn er glaubte, die Dame wolle auf ſein früheres Metier ſticheln. — Ihre zarte, blumenreine Ausdrucksweiſe ſcheint zu verrathen, daß Sie ſich recht in die Claſſiker verſenkt haben, ſagte Naſia. — Ja, ich habe mirch in ſiehnen verſenkt! Ich bin, ſo zu ſagen, ſelbſt ein Claſſiker geworden! rief Bims begeiſtert. — Welches ſind denn Ihre Lieblingsbücher? fuhr das Fräulein in ihren Erkundigungen fort. Für das Wiſſenſchaftliche: Raff's Naturgeſchichte, und für das Poetiſche: Clauren. — Was halten Sie von Klopſtock? — O, auch Klopſtock iſt groß, ſehr groß! Wenn ich Siehnen anblicke, mein gnädigſtes Fräulein, dann kommt mirch immer eine ſehr ſchöne Stelle dieſes Schriftſtellers in den Sinn: Hände haſt Du von Pallas, die Stirn und die Augen von Juno; Buſen hat Cyprie dirch—— Athanaſia erröthete, und mit Recht. Bims bemerkte es, und ſetzte verlegen hinzu: Thetis die Füße geſchenkt. Als die beiden Herren ſich endlich verabſchiedeten, waren Mutter und Tochter darüber einverſtanden, Herr von Bim⸗ ſtein ſei ein recht intereſſanter Mann. Er beſitze eine hübſche Bildung, und ſeinem ganzen Weſen nach laſſe ſich gar nicht bezweifeln, daß er aus einer altadeligen Familie ſtamme. Zwei Monate waren ſeitdem verfloſſen, die Roſenzeit hatte eben die nordiſchen Gärten zu einem glühenden Schi⸗ ras umgewandelt, als in Seebrück zwei Hochzeiten gefeiert wurden. Schimmernde Equipagen rollten vor das Haus, welches Frau von Milbenrüſſel bewohnte; die höchſte No⸗ bleſſe der Stadt und Umgegend ſtieg graziös heraus, um der Vermählung Athanaſia's mit dem Herrn Bims von Bim— ſtein beizuwohnen. Gegenüber, im Trappe'ſchen Hauſe, langten dagegen nur wenige Gäſte an, und kamen beſchei⸗ dentlich zu Fuße. Dort traute heute der Paſtor Schwarz Georgine und Helmuth mit einander. Die Hochzeit wurde ganz ſtill vollzogen, aber Alle fühlten ſich ſo recht froh und glücklich; die friſche Braut ſah im Myrthenkranze wie ein Engel aus, und ſie hatte gar nicht nöthig, ihr erröthendes Antlitz an Ludwiga's Buſen zu verbergen. Spät Abends ſtieg ſie mit ihrem jungen Gatten in den Landauer, und zwei muthige Rappen flogen mit dem ſeligen Paar durch die duftige Sommernacht nach Birkenwerder hin. —.—— Benno's Jugendleben. Erzählung. Erſtes Capitel. Wie drei Sekundaner eine Verſchwörung ſchmieden. Im Vorhof der Kloſterſchule lag tiefe Stille, und ernſt ragte das winklige Gebäude empor, in welchem vormals die Mönche, jetzt die Schulknaben von aller Außenwelt abgeſchieden waren. Sonnenlichter ſpielten um ſeine regel⸗ loſen Dächer, ſie ſprangen zwiſchen den ſpitzen Erkern her⸗ vor und glitzerten auf den runden Scheiben der Fenſter. Drinnen im Hauſe ſchlug es zehn Uhr; die Thüren öffne⸗ ten ſich, und in dichten Haufen ſtürmten die Knaben her⸗ aus. Kaum hatten ſie den Hof erreicht, ſo hallte der öde Raum von ihrem Lachen, Jubeln, Zanken und Toben wieder. Lärmende Spiele wurden vorgenommen, hier ver⸗ zehrten Einige in ſtummer Gefräßigkeit die mitgebrachten Semmeln und Aepfel, während dort ſich Andere in den Haaren lagen. Drei erwachſene Schüler nahmen jedoch an all dieſen Vergnügungen keinen Theil, ſondern ſchlichen wie verabredet nach einer ſchattigen Ecke, und man las in ihren Mienen, es müſſe etwas Entſetzliches vorgefallen ſein. Als ſie ſcheu umhergeblickt hatten, ob auch Niemand ſie belauſche, rief Hermann mit haſtigem Ton:„Vor allen Dingen, Arwed, erzähle uns ausführlich das ganze Be⸗ nehmen des Tyrannen!“ 80 — Freunde! begann Arwed, ein blonder Burſch von ſanfter Geſichtsbildung, und ſeine Stimme zitterte dabei vor Zorn. Ihr wißt, ich liebe Maria, die Tochter des Subrektors, bei dem ich in Penſion bin. Ja ich liebe ſie mit der wärmſten, ewigſten Gluth. Zwar ſagen die Leute, welche eingebildet auf ihr Alter ſind, weil ſie nichts weiter beſitzen, worauf ſie ſtolz ſein könnten: uns funfzehnjährigen Jünglingen käme die Liebe noch nicht zu. Doch wer mag den allmächtigen Trieben widerſtehn, wenn ſie ihren Triumph⸗ zug in unſtem Buſen halten? Kann man die Pforte ver⸗ ſchließen und zu ihnen ſprechen: Kehrt wieder, wenn ich älter und kälter geworden bin, jetzt darf ich euch nicht hören, ich muß mich mit griechiſchen Exercitien und algebraiſchen Gleichungen beſchäftigen.— Genug, Ihr verſteht mich, meine Brüder! — Wir verſtehen Dich! entgegnete Benno, der Dritte des Bundes, und drückte ſeinem Kameraden feurig die Hand. — Wer kann Marien auch täglich ſehen, fuhr Arwed fort, wer kann unter Einem Dache mit ihr leben, an Einem Tiſche mit ihr eſſen, ohne den Engel anzubeten? Mit unermüdlichem Eifer rang ich, mir des Mädchens Neigung zu gewinnen. Wenn ſie erwachte, duftete ein friſcher Kranz vor ihrem Fenſter; ihr zu Liebe trug ich meine Sonntagskleider an Wochentagen, und kräuſelte mein Has“ in Locken, wie ich wußte, daß ſie es gern ſieht.— Schon kam es mir vor, als habe ſie die ſtillen Huldigungen be⸗ merkt; ſchon baute ich in meinen Träumen goldene Schlöſſer auf, als die alte Subrektorin mein Geheimniß erſpähte und zerſtörend in die blühenden Phantaſien griff. 81 — Eiferſucht! Nichts als ſchändliche Eiferſucht! unter⸗ brach Hermann den Erzähler. Die gelbe Eidechſe will nicht dulden, daß man ihr die junge Roſenknospe vor⸗ ziehen ſoll. — Sie mußte ihre Entdeckungen wohl dem pantoffel— gedrückten Manne mitgetheilt haben— begann Arwed wieder— welche Art von Eröffnungen in dieſer Ehe ge⸗ wöhnlich durch eine Moralpredigt über ſchlechte Aufſicht, Tabagienvorliebe und dergleichen unterſtützt werden. Heute Morgen nun wurde ich in's Zimmer des Subrektors ge⸗ rufen, und er empfing mich mit finſter drohendem Antlitz. — Erſt goß er eine Fluth von Verweiſen und Ermahnungen über mich aus, dann kündigte er mir an, mein Sonntags⸗ ſtaat würde fortan eingeſchloſſen bleiben, und ich müſſe die alten Kleider tragen. Endlich hieß er mich auf einen Stuhl, nahe beim Fenſter, niederſitzen, und es trat ein Mann hervor, der bisher im Nebenzimmer gewartet hatte. Der Barbier war es, und ſeine Scheere fuhr mir durch's Haar, während mich der Schrecken zu einem regungsloſen Friſir⸗ kopf verſteinerte. In ganzen Büſchen rollten die blonden Ringeln, die Marie immer ſo freundlich angeſchaut, mir zu Füßen, und nach einer Minute, als die teufliſche Execution vorüber war, warf mir der Spiegel ein entſtelltes Men⸗ ſchenbild zurück, in welchem ich mich kaum wieder erkannte. Und bei dieſen Worten nahm Arwed plötzlich ein blaues Sammtkäppchen, das er bisher aufbehalten, von ſeinem Haupt. Entblößt vom Schmuck der ſonnenhellen Locken, auf die er ſo ſtolz geweſen, die er ſo ſorglich gepflegt und geringelt, ſtand er vor den Gefährten. Kaum in Zolles⸗ länge bedeckte das Haar ſeinen Scheitel noch, die Scheere 6 82 des Barbiers hatte ſchonungslos gewüthet. Arwed's Freun⸗ den verſagte die Macht der Worte, und es dauerte lange, bis ſie ſich zu einzelnen Ausrufungen ermannen konnten. — O, der Tyrann! donnerte Hermann endlich. Der ſchmachbedeckte Thrann! Eingriffe in die heiligſten Rechte der Menſchen erlaubt er ſich; nichts iſt mehr ſicher vor ſeiner zerſtörenden Hand, und ſelbſt die Zierden, welche die Natur uns gab, will er uns rauben. Mit blutiger Schrift gräbt Clio ſeinen Namen in die ehernen Tafeln, und eine freiere, glücklichere Jugend wird einſt ſich entſetzen, wenn ſie ihn liest, und wird den Himmel preiſen, daß ſie nicht unter dem Geißel⸗Scepter dieſes Despoten geboren wurde. — Ja es iſt ſchändlich, ſprach Benno, als Hermann zu Ende war.— Es iſt haarſträubend, wenn man noch Haar hat, das ſich ſträuben kann. Aber warum ließeſt Du Dich, gleich einem geduldigen Lamm, zum Opfer führen? Thateſt Du gar nichts, Dich der Gewalt zu widerſetzen? Tyrannen ſind, wie die Geſchichte uns lehrt, faſt immer Feiglinge, und muthiges Benehmen ſchüchtert ſie ein. — Zu Anfang wußte ich nicht, was geſchehen ſollte, erwiederte der Baarhäuptige. Dann umdüſterte das Gräß⸗ lich⸗ Unerwartete meinen Sinn, und als es geſchehen war, fühlte ich mich ganz entmannt, ganz kraftlos. Wie Sim⸗ ſon ſtand ich da, ſchwach und hülflos; der Muth, die Stärke war mir mit den Locken entriſſen, und nur durch ohnmächtige Zornblicke konnte ich den Söldling, dieſe mo⸗ derne Delila in Geſtalt eines Bartſcheerers, ſtrafen, als er mit hämiſcher Freude auf ſein Henkerwerk hinſah. — Freunde! rief Hermann feierlich. Wir dürfen ſolche Tyrannei nicht ruhig ertragen, wir müſſen zeigen, 83 daß wir freie Menſchen und der Knechtſchaft entwachſen ſind. Dulden wir die Bedrückungen noch länger, dann wird die Gewaltherrſchaft immer tiefere Wurzeln ſchlagen, und ſpäte Nachkommen noch werden unſere Namen ver⸗ fluche Während der junge Parlamentsredner immer kühner, immer wärmer wurde, ſprang ein Haufe von Quintanern vorbei, und ein kleiner Bengel rief, mit dem Finger auf Arwed zeigend: Ach, ſeht mal! der iſt von der Treppe ge⸗ fallen, und hat ſich all ſeine blonden Locken abgebrochen. Ein Beifallsſturm der Buben folgte dieſen Worten. Ha! fuhr Arwed empor. Du hatteſt Recht, Hermann! Schon jetzt trifft uns der Spott des nachwachſenden Ge⸗ ſchlechts. Ja! Rache, furchtbare Rache ſei dem Wütherich geſchworen! Aber wie ſetzen wir ſie in's Werk? Wie fin⸗ den wir den Ort, wo er am tiefſten verwundbar iſt? Das Geſpräch der Verſchwörer ging in ein unvernehm⸗ liches Flüſtern über; man merkte, daß ſie über etwas Schrecklichem brüteten. Von jeder Seite wurden Pläne geſchmiedet voll überlegter Grauſamkeit, allein bei näherer Betrachtung erwieſen ſie ſich als unausführbar. Endlich zuckte es gleich einer Flamme aus Benno's großem brau⸗ nen Auge hervor, und er begann: — Brüder, jetzt hab' ich das Rechte gefunden! Wir wollen ſelbſt durch unſere Rache zeigen, daß wir nicht mehr heißblütige Knaben, ſondern beſonnene Jünglinge ſind. Womit der Subrektor Sauerhäring geſündigt hat, damit ſoll er büßen. Arwed's Haupt entblößte er, und das ſeine muß wieder entblößt werden; erſt dann wird unſer Rache⸗ durſt ſich kühlen. 6* 84⁴ — So wahr ich ein Nachkomme des Cheruskers bin, Du ſprichſt gut! rief Hermann. Entwickle uns nur ſchnell den ganzen Plan. — Der Plan liegt fertig vor meiner Seele! erwiederte Benno, und Ihr ſollt alles hören.— Als er ſo geredet, wollte er dem brennenden Verlangen der Freunde genügen, doch da begann die heiſere Schulglocke zu ſchrillen, und ihre Töne verkündeten, daß die Erholungszeit zu Ende ſei. — Um zwölf Uhr im Buchengange! flüſterte der junge Rädelsführer ſeinen Kameraden zu; dann gingen ſie mit dem ganzen Schwarm nach dem Schulhauſe, und alle drei verſchwanden durch deſſen weite Flügelthüren. Zweites Capitel. Das Attentat auf den Conrektor Sauerhärin g wird ausgeführt. Am Nachmittag deſſelben Tages ſaßen die Sekundaner, und unter ihnen unſer Kleeblatt, im großen Schulzimmer an ſchmalen Tiſchen, welche mit Büchern, Papieren, Din⸗ tenfäſſern und Federn bedeckt waren. Manches Auge lauſchte ſehnſüchtig nach den flüſternden Baumwipfeln, die aus dem Garten bis an die Scheiben heraufragten, und nach den grauen Sperlingen, die dort frei ihr Weſen treiben durften. Die Claſſe hatte noch nicht begonnen; es war Vorbereitungsſtunde. Deshalb ſchnitten Mehrere ihre Na⸗ men mit dem Federmeſſer in die Tiſchplatte ein, Andere ſpielten ein harmloſes Hazardſpiel um Federpoſen, Einer war eingeſchlafen, und ſeine Nachbarn goſſen ihm unterdeß à%G 8 ein wenig Oel in's Dintenfaß. Nur Arwed, Benno und Hermann zeigten ſich auffallend ſtill; ſie ſaßen nahe bei einander und flüſterten heimlich. Eine ängſtliche Erwar⸗ tung lag auf ihren Wangen, blitzte aus ihrem Auge; man ſah deutlich, daß die Verſchwörung im Werke ſei. Da ging die Thür auf, und der Subrektor Sauerhäring trat ein. Scharf muſternd ließ er ſeine Adlerblicke durch den Saal ſchweifen, augenblicklich ward es ruhig, und der Ge⸗ fürchtete ſtieg die Kathedertreppe empor. Wohl nie iſt eine gediegenere Schulmannsfigur geſehen worden, als der Subrektor ſich deren erfreute. Aus blankgewichsten Steif⸗, ſtiefeln hoben ſich die ſchlotternden Beine hervor, blau und weiß melirte Baumwollenſtrümpfe bedeckten ihre Flächen, und mancheſterne Unausſprechliche ſchloſſen ſich daran. Die kattunene Weſte des Mannes mußte wohl von dem⸗ ſelben Stücke Zeug ſein, aus welchem ſeine Gattin früher ein Kleid getragen, denn ſie ſtellte ſich ganz im gleichen großblumigen Muſter dar. Seltſam erſchien es jedoch, daß er erſt, als ſeine Frau das Kleid nicht mehr trug, die Weſte anlegte, und daß dieſelbe gleich anfangs von der Wäſche ſehr gelitten hatte. Sowohl das gekräuſelte Jabot, als das Halstuch des großen Philologen war gebührend mit feuchten Schnupftabackkleckschen punktirt, und die ganze Figur ſteckte in einem weiten, olivengrünen Tuchrock, deſſen Farbe jedoch, beſonders nach den Nähten zu, die angenehm⸗ ſten Schattirungen bis in helles Weiß entwickelte. Welche Muſe aber rufe ich an, daß ſie mir des Sub⸗ rektors Antlitz ſchildern helfe? Hoch und dürr ragte der Hals aus dem Foulard hervor, und ſeine Säule trug ein breites, ſtumpfes Kinn. Wenn es wahr iſt, daß vorzüglich ———— 86 begabte Seelenkräfte auch nach außen hin durch bedeutendere Drgane ſich ausdrücken, dann mußte man ſogleich von der gewaltigen Beredſamkeit des Subrektors überzeugt ſein, denn ſein Mund beſaß eine ungewöhnliche Ausdehnung. Darü⸗ ber ſprang die Naſe hervor, gleich einer Zacke jener treppen⸗ artigen Linie, durch welche unſere Landſchaftsmaler gewöhn⸗ lich den Blitz andeuten, und auch die hechtgrauen Augen ragten weit aus den Höhlen. Von der Stirn konnte da⸗ gegen nicht ſehr die Rede ſein, denn die Perrücke ſaß dem Edlen faſt bis auf die Augenbrauen. Dies Meiſterſtück eines Friſeurs ſchien weniger aus Haaren, als aus gefärb⸗ ten Borſten gemacht; es ſtarrte igelartig um Sauerhärings Kopf, auch war das ehemalige Kaſtanienbraun der Haar⸗ haube, durch Zeit und Sonne, in ein lebhaftes Fuchsroth übergegangen. Es ſtieg nun, wie geſagt, der Subrektor die Stufen des Katheders empor, und ſeine langen Arme ſchlenkerten dabei wie phantaſtiſche Brunnenſchwengel. Nachdem er ſich meh⸗ rere Male geräuspert, begann er zu erzählen von dem Hunnenvolke, von deſſen Beherrſcher Me⸗te, einem Sohne des Teu⸗Man, und von der großen Schutzmauer, welche die Chineſen erbauten, um gegen ſeine Einbrüche ſicher zu ſein. Ein glatter Strom, floſſen die Worte der Weisheit aus Sauerhärings Munde; niemals ſtockte er, niemals drängte ein Hemmniß ſeine Rede zurück, denn bereits ſeit drei und zwanzig Jahren trug er in jedem Sommerſemeſter ſeinen Schülern daſſelbe vor. Leider wurde deren Aufmerk⸗ ſamkeit nur allzuoft durch die ſtarke Schlafluſt der Jugend unterbrochen, und von Zeit zu Zeit ließ ſich lautes Gähnen in der Claſſe vernehmen. Aber den wackern Hiſtoriker 87 ſtörte das nie; unaufhaltſam ſprach er fort, und ahnte nicht, daß ein zweites Damoklesſchwert über ſeinem Haupte hing. Blickte man vom Katheder grade zur Zimmerdecke em⸗ por, dann ſah man dort eine ſtarke Schnur, die ſich in höl⸗ zernen Rollen bewegte und am Ende des Saales angebun⸗ den war, ſo daß ſie, wenn man ſie hier loslöste, ſich dort hinabſenken mußte. Ihre eigentliche Beſtimmung war, im Winter eine Schirmlampe zu tragen, welche die Schulſtube dann erleuchten mußte. Aber jetzt warf der Sommer ſeine Goldſtrahlen herein, man bedurfte keines Oeles, und die Lampe war abgenommen. Statt ihrer ſchwebte nun etwas Anderes an der bezeichneten Stelle, ein runder Feldſtein nämlich, der ſtark mit Vogelleim beſtrichen war, und drohend ſenkte er ſich immer tiefer und tiefer auf den Redner herab. Derſelbe war eben zu den To⸗pa oder So⸗ten, die am Amurfluſſe wohnten, gelangt, als der Stein ſeine Atzel er⸗ reichte, einem Magnete gleich die ſtruppig rothen Haare ergriff, und wie von unſichtbaren Händen dirigirt, mit ſei⸗ ner Beute nach der Decke zurückflog. Eine Bewegung und Kühlung am Kopfe, die der Sub⸗ rektor empfand, riß plötzlich den Faden ſeines geſchichtlichen Vortrags ab, und einſtimmiges wieherndes Lachen der Schüler brachte ihn noch mehr aus ſeiner ruhigen Würde. Er fuhr mit der Hand nach dem Haupte, allein— o Schrecken!— dort ſaß keine Perrücke mehr, ſondern die⸗ ſelbe ſchwang ſich, leicht beflügelt, gen Himmel empor. Verſteinert ſtand Sauerhäring, der fliegenden Haarhaube nachſtarrend, wobei ſeine Augen ſich ſo ſehr verkehrten, daß nur das Weiße ſichtbar blieb, und zugleich öffnete 88 er den Mund, einem Haifiſch gleich, welcher ſich auf die Beute ſtürzen will. Der komiſche Anblick des Lehrers mit dem Kahlkopfe erregte die Sekundaner noch mehr; immer toller und voller ſchallte ihr Gelächter, als der Geſtrenge, Ehrenveſte mit wahren Bockſprüngen auf dem Katheder umhertanzte, und endlich, in ſchäumender Wuth, das Zim⸗ mer verließ. Die Lektionen nahmen nun ihren Fortgang, doch als das Ende der Schulzeit verkündet worden, ſchloß der Pedell die Claſſenthüre ab, und Keiner durfte in's Freie. Die ſolchergeſtalt Eingeſperrten waren überzeugt, daß nun eine ſtrenge Unterſuchung wegen des begangenen Capi⸗ talvergehens folgen werde, und wirklich holte man ſie, nach⸗ dem etwa ein Stündchen verfloſſen, in den großen Schul⸗ ſaal hinauf, der zu Prüfungen, Feierlichkeiten ꝛc. dienen mußte. Die Decke deſſelben war gothiſch gewölbt und mit bun⸗ ten Malereien bekleidet, doch die Wände hatte man längſt überweißen laſſen, und Büſten berühmter Griechen und Römer ſchmückten ſie, welche letzteren, durch Staub und Fliegen, hier beinahe ebenſo unkenntlich, wie in ihren Büchern † durch die Philologen, gemacht waren. Oben im Gemache ſtand ein grünbedeckter Tiſch mit Schreibzeug und einer Glocke, und ihn umſaßen, auf alten rothplüſchenen Lehn⸗ ſeſſeln, die Regenten der Schule, zwiſchen denen, gerade in der Mitte, das feiſtglänzende Antlitz des Rektors hervorſchaute. Kaum hatte ſich die Claſſe, welche den Strafbaren in ihrer Mitte barg, der heiligen Vehme gegenüber poſtirt, da ſtieß der Rektor ſeinen Stuhl ſo heftig zurück, daß es ſchien, 3 3 2 1 ₰ 1 — 89 als wolle er durch deſſen Geräuſch ſich noch mehr entflam⸗ men. Er erhob ſich, und donnerte eine Philippica ab, deren glühende Bilder, herzergreifende Ermahnungen und furcht⸗ bare Drohworte keinen beſondern Eindruck auf die Schüler machten, weil ſie dieſelben ſchon gar zu oft vernommen hatten. Nun ſtand Sauerhäring auf, entwickelte die ganze Wichtig⸗ keit des gegen ihn begangenen Verbrechens, fand darin den Keim zur Demagogie und Empörung, und gab am Schluß dieſer Rede nicht undeutlich zu erkennen, daß er Arwed für den Thäter halte. Als die Verhandlungen ſoweit gediehen waren, begann das eigentliche Inquiriren; die ſchlechteſten Schüler wurden hervorgerufen, weil man von ihnen zuerſt Geſtändniſſe erwarten konnte. Nach einigen Hin- und Herfragen gelang denn auch der Plan; die furchtſamen Zeugen ſagten aus:„ſie hätten bemerkt, daß die verhängniß⸗ volle Schnur, welche des Subrektors Atzel geraubt, in der Gegend angezogen worden, wo Arwed geſeſſen; doch ſei ihnen nicht bekannt, ob es gerade der Angeklagte ſelbſt, oder vielleicht ein Nachbar gethan habe.“— Sogleich rief man den Genannten hervor, redete ihm in's Gewiſſen, und er legte ohne Zittern das Bekenntniß ab, jenes Attentat ſei ſeine Rache für die vom Subrektor erlittene Beſchimpfung geweſen. Nachdem die Ausſage zu Papier gebracht worden, richtete ſich der Prorektor Kupper empor, deſſen Geſtalt durch ihre Länge und Dünne an einen Meilenzeiger erin⸗ nerte. Um das Bild noch ähnlicher zu machen, ſtreckte er den rechten Arm in horizontaler Richtung aus, und ſprach lange und eifrig, obgleich ſein Redefluß durch den Damm des Stotterns oftmals gehemmt wurde. Er ſtellte den Staatsprocurator dieſer Aſſiſen vor, und ſuchte Arwed's 90 That im ſchwärzeſten, gehäſſigſten Lichte darzuſtellen. Nach ſeiner Ueberzeugung gab es kein ſtrafwürdigeres Verbrechen, als eines Mannes Haarwuchs anzutaſten, und er belegte dieſe Behauptung durch viele hiſtoriſche Beiſpiele aus dem Mittelalter, wo es für die ſchrecklichſte Beleidigung galt, wenn man den Bart eines Menſchen nur unſanft antaſtete. „Haar bleibt aber immer Haar,“ ſchloß er die Klageſchrift, „mag es im Barte oder auf dem Kop-p-pepfe wachſen! Wir müſſen alſo die ſt-t-trengſte St-t-trafe über den Frev⸗ ler ausſp-p-p-prechen, damit Anderen ein ſchauderndes Ere-e-rempel ſtatuirt werde, denn wer möchte noch länger des Lehrers ſchwere Mühen und Pepeppflichten tragen, wenn nicht einmal der Schmuck ſeines Hauptes vor den mu-mu-muthwilligen Buben geſichert wäre!“ Kuppers treffliche Rede verfehlte nicht, den wärmſten Eindruck auf ſeine Collegen hervorzubringen, obgleich man wohl anneh⸗ men konnte, daß die Furcht ſein ciceroniſches Talent befeuert habe, denn— glaubte er das auch nicht— ſo wußte doch Jedermann, daß er ſeinen gelbblonden Lockenbau allabend⸗ lich abzunehmen und eine baumwollene Schlafmütze dafür aufzuſetzen pflegte. Nichts deſtoweniger waren die Lehrer zu heftigem Zür⸗ nen entflammt; ſie flüſterten mit einander, und ſahen drohend nach Arwed hin, der ruhig ſtehen blieb, ohne Zit⸗ tern den finſtern Urtheilsſpruch erwartend. Da klopfte hörbar Benno's Herz, der alles angehört hatte, und eine Thräne glomm in ſeinem blitzenden Auge. Sollte er zugeben, daß man eine grauſame Strafe über den Freund ausſpreche, während er wußte, daß dieſer unter einem ſtrengen Vormunde ſtand, der daraus gewiß Veran⸗ ———.———— 91 laſſung nehmen würde, Arwed fortan noch ſchlimmer als bisher zu behandeln. Sein eigener Vater dagegen war immer ſanft und mild; er brauchte nur die Schulſtrafe zu fürchten, und außerdem hatte er ja den Plan des Rache⸗ werks entworfen— Gruͤnde genug, einen ſchnellen Ent— ſchluß in ihm zur Reife zu bringen. Benno trat plötzlich dicht an die Schranken, und ſprach zu dem erſtaunten Rich⸗ terkreis:„Meine Herren, hüten Sie ſich, daß ſie die Strafe nicht über einen Unſchuldigen verhängen. Arwed hat kei⸗ nen Theil an dem, was geſchah, denn ich allein erſann das Ganze und führte es aus. Mich alſo treffe Ihr Zorn; Sie haben die Macht, mich ihn empfinden zu laſſen.“ Die Lehrer waren verſteinert; aufgeſperrten Mundes, wie große Nußknacker, ſaßen ſie da. Und der edelmüthige Streit, der ſich nun zwiſchen beiden Knaben entſpann, und worin jeder der einzig Schuldige ſein wollte, war auch nicht geeignet, ihnen die verlorene Faſſung wiederzugeben. Benno ging endlich als Sieger hervor; ſchluchzend fiel ihm Arwed um den Hals, und trat zurück. Das Vehmgericht war total vor den Kopf geſchlagen; es wußte kaum, was es beginnen ſollte, und Benno ſah ſich genöthigt, die Schwarzröcke zu erinnern, daß er auf ſein Urtheil harre. Gegen Arwed konnte unter ſolchen Umſtänden freilich nichts mehr verfügt werden, und Benno hatte Alle, mit Ausnahme der beiden Atzelträger, durch ſein freies, ehrliches Geſtänd⸗ niß, durch das biedere Betragen gegen den Freund, für ſich eingenommen. Aber ſie fühlten doch wohl, daß ein ſolcher Feuerkopf die verroſteten Geſetze ihrer Schulanſtalt durch⸗ brechen und das ganze, mühſam erhaltene Gebäude um⸗ ſtürzen könne, deshalb ſteckten die Herren noch einmal ihre 92 Häupter zuſammen, flüſterten etliche Momente, und dann verkündete der dicke Rektor, aufſtehend, den Urtheilſpruch. Er lautete auf Verweiſung aus der Anſtalt. Drittes Capitel. Der Leſer macht die Bekanntſchaft eines Mannes, der nicht weiß, wie er ausſieht. Benno verließ die Schule, von ſeinen nächſten Freun— den geleitet und von der ganzen Claſſe gefolgt. Alle trauerten, daß ſie den liebſten Kameraden verlieren ſollten, während er allein ſich heiter und zufrieden fühlte, denn er hatte wirklich das Attentat nicht ausgeführt, und um ſo weniger durfte er fürchten, des Vaters Zorn zu erregen. Als er das große, düſtre Haus, worin dieſer wohnte, erreicht hatte, trennten ſich die Schüler von ihm, und auf ſein Klingeln öffnete ein ſehr alter Jäger, der noch immer den grünen Rock, Hirſchfänger und Kamaſchen trug, das ver⸗ ſchloſſene Thor. Benno ſchritt die Treppe hinauf, durch⸗ maß den ſchweigenden Corridor, in dem ſeine Tritte wie⸗ derhallten, und trat in die Gemächer des Vaters. Die letzteren waren mit Eleganz eingerichtet, allein man ſah, daß die Moden des Tages ohne Einfluß daran vorüber gezogen, und daß die ſchonende Hand einer Hausfrau mangelte. Verbräunt erſchien die Bronze, beſtäubt die Vorhänge, und die Teppiche hatten den größten Theil ihrer Farbenfriſche eingebüßt. Außerdem fiel aber noch etwas den Beſuchern dieſer Zimmer ſtörend auf: es fehlte näm⸗ lich jeder, auch der kleinſte Spiegel darin. Spiegel aber 93 ſind den Gemächern, was das Waſſer der Landſchaft, das Auge dem Antlitze iſt; nur ſie können Durchſichtigkeit und geiſtige Räumlichkeit verleihen. Wo man ſie vermißt, wird man ſich immer beengt und gefangenartig fühlen.— Die Urſache, weshalb Benno's Vater, der Herr van der Hagen, keinen Spiegel in ſeiner Wohnung duldete, iſt ein romanhaft tragiſches Ereigniß, und es darf hier nicht mit Stillſchweigen übergangen werden. Herr van der Hagen war ein gründlicher Techniker, verſtand ſich vortrefflich auf Chemie und Phyſik, und hatte ein Fabrikgeſchäft angelegt, das ihm ſehr bedeutenden Ge⸗ winn abwarf. Er richtete ſich behaglich ein, dachte aber, obgleich faſt vierzig Jahre alt, gar nicht daran, ſich eine Gefährtin für ſein ſorgenloſes Leben zu erwählen. Alle Schlingen, welche die Mütter der mannbaren Töchter ihm legten, alle Angriffe, welche die letzteren ſelbſt auf ſein Herz unternahmen, wollten nicht wirken, und ſo vergaß man ihn endlich; man gewöhnte ſich, ihn als einen unver⸗ beſſerlichen Hageſtolz zu betrachten und zu beſpötteln. Wirklich mußte man glauben, daß Amor mit dem bren⸗ nenden Pfeil unthätig an ihm vorübergegangen ſei, bis Mathilde von TDronka ihren funfzehnten Geburtstag feierte. Ihr Vater, deſſen Bruſt mit Narben und Orden bedeckt geweſen, ruhte lange ſchon im kühlen Erdenſchooß; er hatte die Feldzüge mitgemacht, aber ſeiner Wittwe war nichts als eine kärgliche Penſion geblieben. Nur durch ungemeine Sparſamkeit konnte ſie ſo viel davon erübrigen, um ihrer geliebten Tochter eine treffliche Erziehung geben zu laſſen, und Mathilde war denn auch, körperlich und gei⸗ ſtig, in unbeſchreiblicher Schöne emporgeblüht. 94 Am Morgen des Tages alſo, an welchem ſie ihr funf⸗ zehntes Wiegenfeſt beging, trat Herr van der Hagen in's Zimmer der Majorin von Tronka, und warb um Mathilden. Die Mutter war freudig überraſcht, daß ſich eine ſo glück⸗ liche Zukunft für ihre Tochter eröffnete, und dieſe gab gern ihre Hand dem wackern ſtattlichen Manne, der im ganzen Städtchen, ſeines ſeltenen Charakters wegen, hoch verehrt wurde. Man ſchickte Verlobungskarten aus, und bei allen Kaffee's plauderten die Damen ſtundenlang über die Partie, welche beſonders von den Müttern vier bis ſechs und zwanzigjähriger Töchter als ganz unpaſſend bezeichnet wurde. Trotzdem traf van der Hagen alle Anſtalten, ein Weibchen in ſein Haus einführen zu können, und kaum war ein Jahr verfloſſen, ſo trug Mathilde eine Haube auf dem allerliebſten Lockenkopf. Der Saame des Böſen war jedoch auf fruchtbaren Boden gefallen. Wohl hatte Hagen die Zuflüſterungen gehört: ob er denn wirklich glauben könne, ein vierzigjäh⸗ riger Mann genüge der ſechzehnjährigen Frau, und die letz⸗ tere werde ihm ihre Treue bewahren?— Solche ſchänd⸗ liche Worte hatten ſein Selbſtvertrauen zerſtört, kalte Furcht war ihm in's Herz gezogen, und ſchon während des Braut⸗ ſtandes bewachte er Mathilden, die ſein ganzes Leben, ſeine ganze Seligkeit war, mit dem Adlerblick der Eiferſucht. Das Mädchen, ohne Arg in der jungfräulichen Bruſt, hatte ihn anfangs nur geehrt, allein jemehr ſie ihn kennen lernte, je offener ſich ſeine Geiſteskraft, ſeine Herzensgüte vor ihr entfaltete, deſto wärmer wurde ihre Neigung, und ſie umſchloß ihn bald mit unausſprechlicher Zärtlichkeit. Nach der Hochzeit ſchien es auch, als ob Hagen's finſteres Mißtrauen ſich gelegt habe, und die Flitterwochen gingen in ungetrübter Luſt vorüber, jener bengaliſchen Flamme gleich, die auf den Bühnen Alles mit glühendem Roſen⸗ ſchimmer anhaucht. Aber nicht lange ſtrahlt der bunte Schein, und wenn er verglommen iſt, dann liegt die düſtere Nacht in doppelter Schwärze auf der Umgebung. Eben ſo ereignete es ſich hier, denn bald regte ſich von neuem Ha⸗ gen's Eiferſucht. Wo Mathilde ging oder ſtand, er be⸗ wachte jeden Zug ihrer Mienen, jeden Blick ihres Auges mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Die junge holde Frau, ſtatt ſich beängſtigt zu fühlen, ſah in Allem nur Beweiſe der heißen Liebe ihres Gatten, und als ſie gefunden, daß es ihm wenig Freude mache, ſie auf Spaziergängen und in Geſellſchaften zu wiſſen, lebte ſie faſt wie eine Ein⸗ ſiedlerin. Nun mußte Hagen eine Geſchäftsreiſe unternehmen, und wie viele Garantien für Mathildens treue Liebe er auch beſaß, ihn durchrieſelte doch ein inneres Grauen, wenn er bedachte, daß er ſie ganz ohne Aufſicht laſſen ſollte. Die Reiſe war indeß wichtig und unaufſchiebbar; er ſuchte des⸗ halb nur, ſie möglichſt zu beſchleunigen, und wirklich gelang es ihm, mehrere Tage vor der feſtgeſetzten Zeit heimkehren zu können. Sein Dämon gab ihm den Gedanken ein, dieſe Gelegenheit zu benutzen, und unerwartet das Treiben Ma⸗ thildens zu belauſchen. Heimlich ſchlich er durch eine Gar— tenthür in's Haus, erreichte ſein Zimmer, und wollte ſchon wieder zurückweichen, denn die Thür ſtand offen, die zu den Gemächern der Gattin führte. Da fiel beim Umkehren ſein Blick auf den Trumeau, und in der großen Kryſtalltafel deſſelben ſpiegelte ſich Mathildens Stübchen ab. Hagen 96 „ beſann ſich, ob er auch wache— er fühlte ſich an die Stirn, ob er auch nicht wahnſinnig geworden, und wollte es nicht glauben das Entſetzliche, was er ſah. Aber wie raſtlos er auf den Spiegel hinſtarrte, keine Linie des Schreckbildes entwich daraus. Mathilde hielt mit ihren Armen einen jungen Offizier umfaßt, ſie küßten und herzten ſich, das blühende Weib blickte ihm zärtlich in's Geſicht, ließ ihr Köpfchen auf ſeine Schulter ſinken, und ruhte einen Augenblick, um dann zu neuen Küſſen aufzu⸗ wachen. Der Offizier benahm ſich nicht kälter als ſie, und man konnte der Schäferſtunde wohl anmerken, daß die Bei⸗ den, die ſie feierten, längſt bekannt mit einander waren. Hagen's Auge bohrte ſich lange und unbeweglich in die Phantasmagorie, doch ſein Geiſt blieb nicht müßig während dieſer Zeit, ſondern er hatte ſchon einen Plan erſonnen, einen feſten, unerſchütterlichen Plan. Mit leiſen Schritten ging er nach dem Pulte, nahm ein Päckchen Papiere heraus, und verließ dann Stube und Haus eben ſo unhörbar, wie er gekommen war. Er reiste weit hinweg und zog in's Gebirge. Dort lebte er abgeſchieden, unbekannt, nur von ſeinem Kummer, ſeinem unendlichen Herzeleid begleitet. Niemand wußte, wo er geblieben; alle Nachforſchungen waren fruchtlos, und es gelang der verzweifelnden Gattin nicht, irgend eine Nachricht über ſein unbegreifliches Ver⸗ ſchwinden zu erhalten. Aber auch er erfuhr nicht, wie es daheim geworden, er wollte nichts erfahren, und rang nur danach, ſeinen Gram in tiefe Einſamkeit zu begraben. Da nahm er eines Morgens die Zeitung vor, die ihm aus einem nahen Bergſtädtchen regelmäßig geſendet wurde, und las Folgendes: eb—— t ——— 97 „Ein Gatte hat ſein Haus verlaſſen, undeiſt von der „Geſchäftsreiſe, die er unternommen, nicht zurückgekehrt. „In quälender Ungewißheit, in verzweifelnder Angſt er⸗ „wartet ihn Tag für Tag das unglückliche Weib, das „ſein Kind unter dem Herzen trägt. Bleiernen Schrit⸗ „tes keuchen die Stunden, die Tage, die Wochen vorü⸗ „ber, und kein Lichtſtrahl fällt in die entſetzliche Nacht, „die ſie umgiebt. O, wenn er noch lebt, der Verſchol⸗ „lene, ſo wird er angefleht, zurück zu kommen zu ſeiner „Mathilde, oder ihr Kunde zu geben, wo er weilt. „Gern will ſie Noth und Elend mit ihm dulden, aber „den Gram der Entfernung erträgt ſie nicht, und ſie „wird gewiß bald ſterben, wenn ſie den zärtlich geliebten „Gatten nicht wiederſieht.“ Im erſten Augenblicke ſchien Hagen durch dieſe rühren⸗ den Worte erweicht, und es floß hell, wie eine Thräne, von ſeiner Wange herab. Doch gleich darauf färbte dunkle Röthe ſein Angeſicht, der alte Grimm kehrte zurück, er zer⸗ knitterte krampfig das Zeitungsblatt und warf es in den lodernden Kamin. Etliche Monate ſpäter brachte der Bote wieder die Zei⸗ tung, und als Hagen dieſelbe durchflog, blieben ſeine Blicke angewurzelt auf einer Stelle haften. Dort hieß es: „Geburts⸗ und Todesanzeige. „Am Sten d. M. wurde unſere unglückliche Tochter „und Schweſter, Mathilde van der Hagen, von einem „geſunden Knaben entbunden, doch zwei Stunden ſpä⸗ „ter ſchloß der Tod ihr Auge zu. Sie war erſt ſieb⸗ „zehn Jahre alt; unausſprechliche Leiden riſſen ſie ſo F 98 „früh ins Grab. Wir bitten um ſtille Theilnahme an „unſerm Schmerz. „Camille v. Tronka, geb. v. Feldern. „Kurt v. Dronka, Marineoffizier in „engliſchen Dienſten.“ Hagen weinte nicht, aber er machte ſich ſogleich auf den Weg, um heimzukehren. Unbegreiflich blieb es ihm, wie ein Bruder die Anzeige mit unterzeichnen konnte, denn er wußte, daß Mathilde nur Einen Bruder gehabt, und daß dieſer längſt geſtorben war. So erreichte er ſeinen vorma⸗ ligen Wohnort, umarmte ſein Kind, und kurze Andeutungen der Verwandten genügten, ihm die Nichtigkeit ſeines Ver⸗ dachtes darzuthun, und ihm zu zeigen, daß er Mathildens Mörder ſei. Der Zuſammenhang war folgender: Kurt hatte ſich als Fähndrich eines Subordinations⸗Vergehens gegen ſeinen Obriſten ſchuldig gemacht, hatte ſich der Strafe durch die Flucht entzogen, und war zu einer entehrenden Militairſtrafe in efligie verurtheilt worden. Sein Vater, ſtreng für Gehorſam und Soldatenehre eingenommen, er⸗ klärte allen Gliedern der Familie, er betrachte den Sohn als todt, und befahl, deſſen Namen niemals vor ihm zu nennen. Kurt war indeß auf einem Schiff nach England entkommen, war dort in Dienſte getreten, und bis zum Ober⸗Lieutenant avancirt. Der Kronprinz des Landes, aus dem Kurt ſtammte, hatte auf ſeinen Reiſen auch Groß⸗ britannien beſucht, der Geflohene wurde ihm dort vorgeſtellt und erhielt vollſtändige Verzeihung. Sogleich ſchiffte ſich dieſer nach der Heimath ein, denn er wußte zwar, daß ſein Vater bereits im Grabe ruhe, aber unbezwingliche Sehn⸗ ſucht drängte ihn, die gute Mutter und die Schweſter, welche 99 er nur als Kind gekannt, an's Herz zu preſſen. Der Offi⸗ zier, den Hagen in Mathildens Armen gefunden, war alſo ihr Bruder geweſen, und er hatte den Engel grundlos zu Tode gemartert. Hagen ging auf das Grab ſeines Weibes, betete zu der Verklärten, und verſprach ihr, um ſie auszu⸗ ſöhnen, daß er noch leben wolle füͤr ihr Kind. Beruhigter kam er zurück, und verbrachte ſeine Tage nun ſo ſtill, ſo einſam, daß er im ganzen Orte„der Menſchenfeind“ hieß. Solchen Namen verdiente er aber gewiß nicht, denn er hatte ſich die Aufgabe geſtellt, Nothleidende zu unterſtützen, Gram und Elend zu lindern, wo es ihm irgend möglich war. Sein Charakter zeichnete ſich durch Milde und Sanftheit aus, und nur Eins gab es in der Welt, das er ingrimmig haßte, deſſen Anblick er nicht ertragen konnte. Es waren die Spiegel, denn Hagen vergaß es nie, daß durch einen ſolchen ſein Glͤck vernichtet worden, und in ſeiner Woh⸗ nung duldete er durchaus kein Spiegelglas. Zu andern Leuten kam er nicht, und wenn er ja einmal ſpazieren ging, dann führte ihn ſein Weg entweder auf den Friedhof, oder in eine menſchenleere Gegend, die von allem Waſſer entblößt ſein mußte. Selbſt die blauen Spiegel der Bäche und Seen waren ihm verhaßt, und Hagen, der ſchnell gealtert hatte, wußte am Ende nicht mehr, wie er ausſah. Ein junger Maler, den er Jahre lang unterſtützt, malte ihn, und des Wohlthäters Antlitz lebte in ſo friſchen Farben vor ſeinem Geiſt, daß deſſen Bildniß ſprechend ähnlich wurde. Hochklopfenden Herzens ging der Künſtler damit zu Hagen, ſtellte es vor ihm auf, und fragte ihn, ob er es getroffen fände. Dieſer aber wurde ganz unwillig und ſagte:„Wie kommen Sie darauf, gerade mich zu fragen? 100 Kann ich denn wiſſen, ob das Bildniß eines Menſchen ähnlich iſt, den ich in meinem Leben nicht geſehen habe? Den Mann hier kenne ich gar nicht!“— Unterdeß war Benno aufgewachſen, einem jungen Bäumchen gleich, voll Saft und Kraft. Der Vater hielt den Eid, den er auf Mathildens Grabhügel geſchworen; er hegte und pflegte ihn mit unermüblicher Liebe und Sorgfalt. Nie vernahm der Knabe ein barſches Wort aus ſeinem Munde, er las ihm die Wünſche, unausgeſprochen, im Auge, und während er ſelbſt das einfachſte, ſparſamſte Leben führte, dünkte ihn keine Ausgabe zu groß, wenn es galt, ein Lächeln des Wohlgefallens auf Benno's Lippen hervor⸗ zurufen. Zwar nicht für Jeden würde eine ſolche Er⸗ ziehungsweiſe von guten Folgen geweſen ſein; die Tanne gedeiht nur im rauhen Nordwind hoch und kräftig, während die Magnolia milder Südlüfte bedarf, um ſich zu enffalten. So giebt es Kinder, die gerade unter dem warmen Hauch der Zärtlichkeit am ſchönſten gedeihn, deren Wachsthum durch kalte Strenge geſtört wird. Benno gehörte zu dieſen; ſein Charakter hatte ſich frühe ſchon warm und voll erſchloſ⸗ ſen. Ohne ſonderliches Grübeln, wer nach juriſtiſchen Grundſätzen eigentlich im Rechte ſei, geſellte er ſich immer zur ſchwächern Partei; Hinterliſt, Heuchelei und Feigheit haßte er als widerlichſte Sünden; er war der ehrlichſte Gegner und der treuſte Freund. Als er heute nach Hauſe kam, und dem Vater das ganze Ereigniß erzählte, zürnte dieſer nicht etwa, ſondern belobte den Sohn.—„Es war ſchon ſeit einiger Zeit mein Wille,“ fügte er hinzu,„Dich auf die Schule der Reſidenz zu bringen. Da es ſich nun ſo macht, iſt es am beſten, 10¹ — wenn Du morgen abreiſeſt; ein Bekannter von mir wird Dich ſogleich in einer guten Penſion unterbringen. Du ſcheideſt nun aus dem väterlichen Hauſe, mein Benno!“ ſprach der Alte mit gerührter Stimme, indem er des Kna⸗ ben Hand ergriff.„Du gehſt hinaus in die Welt, wo nicht das Auge der Liebe über Dich wacht, ſondern Blicke der Bosheit und des Neides. Ermahnungen habe ich Dir nicht zu geben, denn Dein Herz iſt gut. Bleibe wie Du biſt; genieße die kurze Frühlingszeit der Jugend, aber ſtrebe und lerne tüchtig dabei, ſonſt werden Dich alle Freuden, alle Zerſtreuungen unbefriedigt laſſen— anekeln werden ſie Dich zuletzt. Willſt Du mir eine Bitte erfüllen, ſo ſuche recht bald den Stand zu ermitteln, für den Du wahren Beruf in Dir fühlſt, behalte ihn dann als feſtes Lebensziel im Auge, und ſtrebe ſtets, Dich tüchtig und gründlich darauf vorzubereiten. Man iſt nur ein halber Menſch, wenn man auf ſchwankender Woge der Wiſſenſchaft zwiſchen allen Fächern umhertaumelt, und ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben weiß, wonach man ringt und was man iſt.— Sonſt möge Dich Gott behüten!“ Viertes Capitel. Wie der Conſiſtorialrath Timpe unſerm Benno eine Grabrede hält. Benno war nun in der Penſion, und führte auch dort ſein ungebundenes Leben fort. Das würdige Ehepaar, bei dem er wohnte, hatte außer ihm noch fünf Penſionaire in den Schooß ſeiner Familie aufgenommen, und wenn dieſelben —— ——— —— . 8 ———————— ———— 10 nur mit der äußerſt frugalen Koſt ohne Murren vorlieb nahmen, konnten ſie übrigens thun, was ihnen beliebte. Nachſicht um Nachſicht! hieß der Wahlſpruch jener treff⸗ lichen Erzieher.„Man muß junge Leute nicht ſo ſehr ein⸗ ſchränken,“ ſagten ſie,„und es trägt viel zur geſelligen Bildung ſbei, wenn jene nicht immer zu Hauſe, ſondern auch an Gaſttafeln und öffentlichen Orten ſpeiſen.“ Jeder Vernünftige muß dieſem Erziehungsgrundſatz beiſtimmen, und es war alſo höchſt lobenswerth, daß es in der Penſion durchaus nicht übel genommen wurde, wenn die Zöglinge zur Eſſenszeit nicht nach Hauſe kamen. Am lebendigſten aber ſtel te die zarte Theilnahme, welche das Ehepaar ihren Pflegebefohlenen widmete, ſich heraus, ſobald Einer der letzteren das leiſeſte Unwohlſein fühlte. Eine ängſtliche Sorgfalt ſah dann das Uebel im vergrößerten Maaßſtab, der Patient mußte ſich ungemein in Acht nehmen, und man verordnete ihm eine Diät, die ſogar Homöopathen für über⸗ trieben erklärt haben würden. Zu den Lehrern ſtand Benno in einem'doppelten Ver⸗ hältniß. Die Friſchen, Thatkräftigen, denen Lernen und Lehren ein hoher Beruf war, deren Worte aus dem Herzen kamen und zum Herzen gingen, liebte er feurig; für ſie wäre er durch's Feuer gegangen. Dagegen war er ein Plagegeiſt der ausgemergelten Seelen, wie ſie noch an jeder Lehranſtalt zu finden ſind, die ihr Fach nur als Broderwerb treiben, die nicht aus dem Becher des ganzen Wiſſens einen begeiſterten Zug gethan, ſondern eine Anzahl von Gegen⸗ ſtänden ſich mühſelig eingeprägt haben, und ſich nun ewig in dieſem engen Kreiſe umherdrehen. Solche Eulen fühlen wohl, daß ihre Würde auf ſchwachen Füßen ſteht, 103 um ſo mehr rufen ſie jede Antaſtung derſelben als Majeſtäts⸗ vergehen aus, und ſie ſind Schuld, daß heitern, ſtrebſamen Knaben die Schule oft wie ein düſtres Gefängniß erſcheint. Alle Lehrer der letztern Gattung hatten an Benno einen offnen Feind, er maltraitirte ſie, wo er konnte, und doch gelang es ihnen ſelten, ihm Strafen zu bereiten, denn der Direktor war ihm zugethan, und ſchützte ihn ſtets. Wußte Benno nur irgend die Stunden zu umgehn, welche jene aſchgrauen Pedanten gaben, ſo that er es für ſein Leben gern, und deshalb kam er, obgleich längſt confirmirt, am Dienſtag und Freitag, wo mehrere andere Schüler den Re⸗ ligionsunterricht beſuchten, ebenfalls nicht in die Claſſe. — Benno! rief ihn eines Sonnabends Vormittags der Profeſſor Malebutz an. Warum haben Sie geſtern wie⸗ der die Stunden verſäumt? — Ich gehe in den Religionsunterricht. — Sind Sie denn noch nicht eingeſegnet? — O ja, Herr Profeſſor! — Und doch. — Und doch beſuche ich den Prediger, weil ich noch manche Lücken in den moraliſchen Schubfächern meines Geiſtes entdecke. — Ich glaube ſtatt deſſen, ſagte der. Profeſſor nach kurzer Pauſe, daß Sie ſich während dieſer Zeit auf Kegel⸗ bahnen, in Billardſtuben und anderen verwerflichen Orten aufhalten, und muß darauf dringen, daß Sie mir eine Be⸗ ſcheinigung desjenigen Seelenhirten vorlegen, von dem Sie ſich unterrichten laſſen. — Schön, Herr Profeſſor! erwiederte Benno, und hatte bereits einen Plan, ſich das geforderte Atteſt zu verſchaffen. 104 Als frömmigſter Mann, unter allen Predigern der Re⸗ ſidenz, war der Conſiſtorialrath Timpe bekannt. Zwar nannte ihn ein Theil des Publikums einen Myſtiker, einen Pietiſten, oder legte ihm gar noch ſchlimmere Namen bei, doch fand der Hochwürdige auch wieder Leute genug, von denen er wahrhaft verehrt wurde. Und dies waren gerade die gläubigſten Bewohner, die eifrigſten Kirchenbeſucher der Stadt, wodurch alſo jeder Beſſerdenkende überzeugt ſein wird, daß die Gegner Timpe's alle Verunglimpfungen ſeines Charakters aus der Luft gegriffen hatten. Dieſen wackern Hirten erſah Benno, um ſich die Beſcheinigung von ihm ertheilen zu laſſen; er kämmte ſein Haar glatt, zog den ſchwarzen Einſegnungsfrack an, und machte ſich ohne Zögern auf den Weg. Als Benno das ſtattliche Haus betrat, in welchem der Conſiſtorialrath wohnte, empfing ihn unten ein Mittelding zwiſchen Studioſus theologiae und Kinderwärter. Derſelbe bekam nämlich von dem edlen Timpe Koſt und Wohnung, das heißt: man gab ihm die trockenen Reſte des Weißbrods vom vorigen Tage, den Kaffeegrund und die Speiſen, welche die über⸗ ſatten Kinder auf den Tellern gelaſſen hatten, und erlaubte ihm, in einer finſtern Bodenkammer auf dem Heuſack zu ſchlafen, wofür der junge Mann jedoch, wie recht und bil⸗ lig, verpflichtet war, das kleinſte Kind ſeines Wohlthäters zu warten, ſo daß man wenigſtens eine Magd erſparte. Er ſah ſehr blaß und ſchlotternd aus, trug das lange Haar geſcheitelt, und ſteckte in einem weiten, fadenſcheinigen Leib⸗ rock, deſſen ehemalige Färbung hauptſächlich dadurch dar⸗ gethan wurde, daß er an mehreren Stellen mit ſchwarzen Tuchflicken ausgebeſſert war. Als er den blöden Blick auf — —————— — Benno geworfen, und von dieſem das Anliegen, Herrn Timpe ſprechen zu wollen, vernommen hatte, ſtotterte er verlegen einige Worte, und führte den Fremden die große Mahagonitreppe empor. In dem eleganten, mit Oelbildern und Kupferſtichen ver⸗ zierten Vorzimmer mußte Benno warten, weil eben Jemand beim Herrn Conſiſtorialrath war. Die Thür ſtand halb offen, und unſer junger Freund konnte deutlich hören, was dort verhandelt wurde. Die ſchwache, wehmüthige Stimme einer Frau klagte dem Seelſorger die Noth ihres kranken Mannes, ihrer fünf hungernden Kinder. Er ließ ſie aus⸗ reden, bedauerte ſie, und that dann nicht wie ein gewöhn⸗ licher Menſch, der durch eine Gabe das Elend der Armen nur für den Augenblick gelindert hätte. Nein, dies ſchien dem Frommen nicht hinreichend. Mit ewiger Nahrung ſpeiste er ihre Seele, ſchilderte ihr in reizenden Farben das Him⸗ melreich, wo ſie für alle Leiden Vergeltung finden würde, und ermahnte ſie, in den Stürmen des Lebens ſtets nach oben zu ſchaun. Segnend entließ er ſie dann, und das Weib ſchwankte hinaus, ein zerlumptes Bild des Jammers, während Thränen über ihre eingefallenen, erdfahlen Wangen rollten. Nun trat Benno in das kleine Studirzimmer des würdigen Prieſters. Weiche Teppiche bedeckten den Boden; zwei ſeidene Divans ſtanden an der Wand. Ein etwas alt⸗ modiſches Schreibepult war offen, und man ſah darin ver⸗ ſchiedene Geldrollen und loſe Münzen liegen. Vorn auf der Klappe zeigte ſich das Frühſtück des Seelenhirten, aus geräuchertem Fleiſchwerk, Wein, Früchten und Konfekt be⸗ ſtehend. Oben trug das Pult die gewählteſte Handbiblio⸗ thet, worunter ſich beſonders ein Werk„zur häuslichen Er⸗ —— ——— ——— ——ů ů ůꝓ, —————— 2 ———— — .—— 2 3 . ———————————————— ů·——— 106 bauung“ durch ſeinen ſchimmernden Einband bemerkbar machte. Vielleicht noch nie hat ein Buch den auf dem Titel ausgeſprochenen Zweck ſo wörtlich erfüllt, als eben dieſes, denn der Verfaſſer hat ſich von den bedeutenden Summen, welche ihm die vielen Auflagen einbrachten, wirklich ein ſtattliches Haus erbaut. Ueber dem Schreib⸗ tiſche hingen zwei Bilder:„Joſeph, von Potiphars Frau gelockt,“ und„Suſanna im Bade.“ Beide waren überaus wollüſtig gemalt, ſollten hier aber nur die Symbole der Keuſchheit und Gerechtigkeit ſein. Zwei holde, wenn auch etwas ſchmutzige Abkömmlinge des Geiſtlichen ſaßen auf dem Fußboden, und machten ſich das unſchuldige Vergnügen, den Fliegen die Füße und Flügel auszureißen. Der Conſiſtorialrath Timpe ſelbſt war ein Mann von etwa funfzig Jahren, nicht groß, aber von ſtarkem Knochen⸗ bau. Sein ſtruppig braunes Haar ſollte geſcheitelt nach den Seiten herabfallen, wogegen es ſich jedoch hartnäckig ſträubte und in einzelnen Wulſten emporſtarrte. Das Ge⸗ ſicht des frommen Mannes war kupfrig roth, und ſeine Lippen lagen aufgeworfen, wie die eines Negers. Um den dicken, braunrothen Hals ſchlang ſich ein feines weißes Tuch, deſſen geſtickte Zipfel lang auf einen himmelblauen Atlasſchlafrock niederhingen. Der letztere umfloß Timpe's Geſtalt bis zu den Knöcheln, und unter ihm ſahen die nicht kleinen Füße hervor, in blanke Lederſchuhe und ſchwarz⸗ wollene Strümpfe gekleidet. Wohlgefällig fielen die grauen Augen des Ehrwürdigen auf Benno's rabendunklen Anzug, auf ſeinen glatten Scheitel, und er begann, ehe dieſer noch eine Entſchuldigung ſtammeln konnte, mit ſüßer Freundlich⸗ keit und mit einer Stimme, die zwiſchen dem Ton alter Dorfkirchorgeln und neuer Stiefeln die Mitte hielt: 107 — Was führt Sie zu mir, mein lieber Jüngling? — Ich wollte Ew. Hochwürden um die Vergünſti⸗ gung bitten, ſagte Benno demüthig, Ihren herrlichen Religionslehrſtunden beiwohnen zu dürfen, wofür ich gern den doppelten Preis zu zahlen bereit bin. — Schon gut, ſchon gut, Theuerſter! fiel Timpe ein. Sind Sie noch nicht confirmirt? — Wohl bin ich es! ſprach Benno pathetiſch. Doch das war mehr ein formeller Akt, als eine wahrhafte Able⸗ gung des Glaubensbekenntniſſes. Zu unreif im Geiſt, lernte ich damals von mehrern hohen Myſterien nur die äußere Schale kennen. Mein Gewiſſen läßt mir deshalb keine Ruhe, und als ich mich entſchloſſen hatte, jetzt, wo meine Seele vor brennendem Durſte lechzt, noch einmal den Worten der Verkündigung zu lauſchen, ſagten Alle, die ich befragte:„Nur zu dem Herrn Conſiſtorialrath Timpe gehe hin! Das iſt der trefflichſte, würdigſte, wohlthätigſte und gelehrteſte Theologe unſerer Stadt!“ — O, ſeltener Jüngling! Koſtbarer Juwel im ſchlech⸗ ten Steinfelde unſerer Zeit! rief der geſchmeichelte Seel⸗ ſorger, Benno in ſeine Arme ſchließend. Kommen Sie zu mir, und trinken Sie von der ſüßen Fluth des Glaubens, welche mein ſchwacher, ſterblicher Mund ausſtrömt. Allen hoffärtigen und anmaßlichen Jünglingen, die ſich reif und überklug dünken in ihrem läſterlichen Sinn, will ich Sie als Muſterbild vorſtellen. Bleiben Sie ja nicht aus! Je⸗ den Dienſtag und Freitag, Nachmittags zwei Uhr, beginnen die Lehren der Seligkeit. — Wohl! erwiederte Benno. Ich danke Ihnen innig für ſolche Erlaubniß, allein—— 108 — Welches Bedenken können Sie noch tragen? fragte der Conſiſtorialrath. — Einer meiner Lehrer, der Profeſſor Malebutz— begann unſer frommer Knabe— iſt grauſam und harther⸗ zig genug, mir die Theilnahme am Religionsunterricht ver⸗ bieten zu wollen, wenn ich nicht eine beſondere Beſcheini⸗ gung darüber vorzuzeigen habe. — Ach, dieſer Ruchloſe! rief Timpe, die Augen ver⸗ kehrend und ſeine ſtarkknochige Hand, vom blauen Schlaf⸗ rockärmel umwallt, gen Himmel ſtreckend. Im tiefſten Höllenpfuhle möge er dafür büßen, daß er einer jungen Seele, die nach Himmels⸗Manna begehrt, dieſe Labung ver⸗ ſagen will.— Allein der Wolf ſoll nicht obſiegen über das Lamm! fuhr er fort, ſetzte ſich an's Pult und ſchrieb einige Zeilen. Dann reichte er das Blatt dem Manna⸗Hungri⸗ gen und ſprach: Hier haben Sie das Atteſt! Benno wollte danken, aber der edle Prieſter unterbrach ihn ſogleich: Nicht Sie ſind mir, ſondern ich bin Ihnen Dank ſchuldig! Kein Wort mehr, mein theurer junger Freund! Umarmen Sie mich, und nehmen Sie dieſen Lie⸗ beskuß als Pfand, daß wir uns bald wiederſehen! Unter tiefen Bücklingen entfernte ſich Benno, wiſchte ſich draußen die Feuchtigkeit des Kuſſes von der Wange, ſteckte die Beſcheinigung ein und ſtrich ſein lockiges Haar wieder empor. Nun hatte er ſich zweimal in der Woche von den Salbadereien des Profeſſor Malebutz befreit, und ver⸗ 8 gnügte ſich während dieſer Zeit draußen auf Bergen und in Gärten. Zu Timpe zu gehen, fiel ihm aber gar nicht ein, und wie ſorglich prüfend derſelbe auch die Reihen ſeiner 109 Schüler durchmuſterte, jener ſeltene Jüngling war nimmer zu erblicken. Eines Tages, als er wieder vergeblich nach ihm geſpäht, richtete er die Frage an die Verſammelten: ob niemand von ihnen den Benno van der Hagen kenne? Hierauf erhob ſich Willibald, ein Freund des Genann⸗ ten, der ihn für ſolchen Fall ſchon inſtruirt hatte, und ſprach: O ja, Herr Conſiſtorialrath, ich kenne ihn. — Was macht der Treffliche? fragte Timpe weiter. Warum folgt er ſeinem heißen Drange nicht und nimmt Theil an unſerem Kreiſe? — Ach, er iſt krank, der gute Benno! Sehr krank! entgegnete Willibald. Wie! rief der Conſiſtorialrath aus. Er leidet, der unvergleichliche Jüngling? Er liegt auf dem Siechbett, und durſtet nach der Friſche des himmliſchen Weinkrugs, und vermag nicht, ſeinen Durſt zu löſchen. Oftmals ge⸗ ſchieht es ſo, daß edle, zarte Pflanzen in ſchwüler, ſündhaf⸗ ter Erdenluft ihre Blätter neigen, aber es wird ein ſüßer Labethau vom Himmel fallen und wird den ſchönen Keim erquicken, gleich der kühlen Fluth, die Moſes einſt aus dürrem Felſen ſchlug, auf daß der Leib nicht verwelke und auch die Seele neuen Balſam erringen könne. Amen! Wochen vergingen; der Patient ließ ſich nicht ſehen, und Timpe fragte wieder einmal, an Willibald gewendet: Wie geht's dem lieben Benno? Warum entzieht er uns noch immer ſeine angenehme Gegenwart? Der Angeredete erhob ſich und ſtotterte verlegen: Ew. Hochwürden, Benno iſt... er iſt... — Doch nicht todt? fiel ihm der Geiſtliche in's Wort. 110 — Ja wohl, er iſt todt! ſagte Willibald haſtig, nahm ſein Schnupftuch heraus und hielt es vor die Augen. Kerzengerade ſtand unſer würdiger Conſiſtorialrath da, fuhr mit dem blauatlaſſenen Schlafrockärmel über ſein Ant⸗ litz und faltete die Hände. Man ſah ihm an, er werde eine Grabrede halten.„So iſt er denn hinübergegangen,“ begann Timpe feierlich, die Stimme noch ſtärker ſchnarren laſſend,„in ſeine eigentliche Heimath, in den Himmel. Kaum trägt die Erde noch einen ſo edlen, reinen und frommen Jüngling, doch er war auch zu gut für dieſe ſün⸗ dige Welt. Nur als Beiſpiel und Muſter für Andere war er herniedergeſendet, und da er die Botſchaft vollführt hatte, wurde er abgerufen. Nach dem Quell des Lichtes ſehnte er ſich, darum ſteht er jetzt in dem ſchimmernden Bronnen, und ging ein zur Herrlichkeit. Schon lange wünſchten die ſüßen Englein, daß er komme und ſpiele mit ihnen. Ihr Verlangen iſt erfüllt; er weilt mit ihnen auf der grünen Himmelsaue, wo die Blüthen klingen und die Lämmlein ſpringen und die Vöglein fingen: Hallelujah! Dort ſpielt er lächelnd mit ſeinen Gefährten, zwei leichte Flü⸗ gel ſind ihm gewachſen— er iſt ſelbſt ein Englein gewor⸗ den. Er wohnt im Frieden, im Lichte, und auch auf uns Unwürdige ſtrahle das Licht herab. Amen!“ Alle Knaben waren gerührt, beſonders aber konnte Willibald lange das Tuch nicht von den Augen bringen, und ſchluchzte laut dahinter. Benno aber war weder krank, noch geſtorben; er lebte und freute ſich ſeines Daſeins, vorzüglich am Dienſtag und Freitage. Dann war er befreit aus dem dumpfigen Schul⸗ hauſe; er beſuchte dann Kegelbahnen, Billardſtuben„und 111 andre verwerfliche Orte,“ wie der Profeſſor Malebutz ſehr richtig bemerkt hatte. Fünftes Capitel. Akademiſche Abenteuer. Benno beſtand vortrefflich im Abiturienten⸗ Examen, wurde immatrikulirt, und fing nun mit Fug und Recht ein fröhliches Studentenleben an. Schon lange hatte er ſich dies mit poetiſchem Schimmer vorgemalt, und ſtolz klopfte ſein Herz, als er ſich eines Abends nach dem„blauen Hecht“ begab, wo ſeine feierliche Aufnahme in die Lands⸗ mannſchaft erfolgen ſollte. Das große Hinterzimmer, wel⸗ ches ihn empfing, war fteilich nicht geeignet, jene wohlge⸗ fällige Stimmung zu erhöhn, denn ein wahrer Kraterdampf von Tabackswolken ſtrömte ihm dort entgegen. Donner⸗ ähnliches Getöſe klang aus dem Dunſtſchleier hervor, der vom trüben Schein der vier Talglichter nur unſicher durch⸗ brochen wurde. An der Wand lagen mehrere Fäſſer, und zwei Dienſtboten waren fortdauernd im Lauf, den Gäſten friſchgefüllte Bierkrüge zu bringen, während ſchon wieder andere Trinker ihre Ungeduld durch klirrendes Aufſchlagen der Deckel verkündeten. Die Geſellſchaft ſaß um einen mächtigen Tiſch vom Holz der deutſchen Eiche, und Jahn, der früher einmal auf der Kneipe geweſen, hielt damals eine Rede über dieſen Tiſch, die beinahe zwei Stunden dauerte. Der Wirth ſtand neben dem Redner, und Jahn fragte ihn am Schluß:„ob er ſich wohl je gedacht, daß unter dem Schatten ſeines jetzigen Tiſches einſt Hermann und Thusnelda geruht ha⸗ 442 ben könnten?“— Ne! erwiederte der Wirth. Gedacht hab' ich mir's nicht, aber möglich kann's ſchon ſein, denn ich habe den Tiſch auf einer Auction gekauft. Um dieſen ehrwürdigen Tiſch alſo, ſaßen etwa zwanzig bis dreißig Muſenſöhne, die in ihren Geſichtern ſo viel Bart⸗ haar trugen, als ihnen irgend wachſen wollte. Sie fluchten, johlten und ſchrieen ſo laut durch einander, daß es anfangs dem Eingetretenen unmöglich ſchien, ſich irgend bemerkbar zu machen. Da erſpähte ihn zufällig der Blick des Se⸗ niors; derſelbe zog ihn heran, ſchlug donnernd mit der Fauſt auf die Tafel, welche einſt vielleicht Hermann und Thusnelda überſchattet, und nannte den Commilitonen Benno's Namen. Es begannen jetzt die eben ſo würde⸗ vollen als tiefſinnigen Ceremonien eines Fuchs⸗Commer⸗ ſches. Unſer Ankömmling mußte die Oberkleider ablegen, zwei Studenten packten ihn, der Eine beim Kopf, der Andre bei den Beinen, und der Senior gab ihm, nach einer kur⸗ zen aber eindringlichen Anſprache, die Taufe, d. h. er goß ihm ein Maaß Bier in's Genick. Hierauf wurde das claſſiſche Lied geſungen: Willkommen, mein Herr Fuchs! Willkommen, mein Herr Fuchs! Willkommen, mein Herr lederner Fuchs! Caca! Lederner Fuchs! Willkommen, mein Herr Fuchs! Benno mußte nun trinken und immẽt wieder trinken. Ein kleiner, ſtämmiger Kerl, Kohlhaſe genannt, umarmte den Aufgenommenen in ſtummer Bierſeligkeit, und rief mit heiſerer Baßſtimme:„Pumphia, du verwerflicher Beſen! Spute Dich, damit wir nicht ſtundenlang vor leeren Krü⸗ 113 gen ſitzen! Und Du, Caliban, bringe eine Friſchge⸗ ſtopfte!“—„Jüh!“ fügte er noch im langgedehnten Ton hinzu, mit dem man die faulen Pferde antreibt, als der ſchläfrige Kellnerburſche davon ſchlich. Bier und Ta⸗ vack kamen, die Pfeife wurde angezündet.„Setze Dich hier an meine grüne Seite, Fuchs!“ ſprach Kohlhaſe zu Benno, doch dieſer zögerte, und konnte ſich nicht ſogleich entſchlie⸗ ßen, der Aufforderung Folge zu leiſten, denn die plumpen Holzſtühle waren ſehr ſchmutzig; vergoſſnes Bier und Ta⸗ backsaſche überzogen ſie gleich einem dunklen Lack. Hinter Benno aber ſtand ein langer, hagerer Menſch mit bleichen Zügen und ſchielenden Augen,„der Schnöker“ genannt. Er hatte ſchon lange höhniſch auf die zierliche Studenten⸗ tracht des neuen Landsmannſchafters hingeblickt, und als er jetzt deſſen Verlegenheit gewahrte, faßte er ihn unverſehens bei den Schultern und drückte ihn nieder auf den klebrigen Stuhl. Benno's Nachbar nöthigte denſelben fortwährend zum Trinken und Rauchen, allein das viele Bier ſtand ihm bald bis an der Kehle; er hätte für alles Gold keinen Schluck mehr hinunterwürgen können. Auch der ſchlechte Taback machte ihm Uebelkeit, und er mußte die Pfeife wegſetzen. Nun praſſelte ein wahres Hagelwetter von ſpöttiſchen Re⸗ densarten auf ihn herab, bis er endlich einen unbewachten Augenblick fand, um ſich aus der Kneipe fortſtehlen zu können. Hätte es Einer bemerkt, er wäre ſicher zurück ge⸗ holt worden, doch man entdeckte ſeine Abweſenheit erſt, als er bereits im Bette lag. Die wackern Commilitonen ſpra⸗ chen nun unverhohlen ihre Meinung über ihn aus, wäh⸗ rend ſie das edle Spiel des Knöchelns trieben, und der Schnöker rief laut über den Tiſch dem Senior zu: 8 11⁴ — Das iſt eine ſaubere Bolle, die wir da zu bekom⸗ men haben. Der Mottenkönig kann ja nicht einmal Ta⸗ back vertragen, und würgt unſer gutes Cerevis hinunter, als ob er Talglichter ſchlucken müßte. Er erzählte eine Geſchichte, worin von„Holze“ die Rede war, drückte ſich aber wie ein Ladenſchwengel aus, und ſagte„Prügel.“ Und die Pumphia hat er gar„Kellnerin“ angeredet, ſtatt, wie jeder vernünftige Menſch,„Beſen“ zu ſagen. Das iſt ein kraſſer, jämmerlicher Fuchs! — Ja! Es iſt ein kraſſer, jämmerlicher Fuchs! ſtimm⸗ ten Alle ein, und knöchelten weiter. Unſer Benno hatte ſich, wie ſchon geſagt, das akade⸗ miſche Leben im vollſten Farbenſchmucke vorgezaubert; er war ſehr enttäuſcht, und hielt ſich nun von den Commerſchen und Kneipereien ganz zurück. Da kehrte er einſt ſpät von einem Balle heim, und hörte in der Nebengaſſe, die er paſ⸗ ſiren mußte, ein lautes Streiten, bei welchem er deutlich die Stimmen Kohlhaſe's und des Schnökers unterſchied. Schnell eilte er zu den Streitenden hin, und fand vier Nachtwächter eben im Begriff, die Studenten nach der Stadtwache abzuführen. Die letzteren waren nämlich im Rauſch, und hatten ſich das ſchuldloſe Vergnügen gemacht, die Nachteulen zu ärgern, ihnen die Hüte über's Geſicht zu ſchlagen u. ſ. w. bis ſie endlich auf eine Uebermacht trafen und von dieſer arretirt wurden. Ohne Benno's Dazwi⸗ ſchenkunft hätten ſie die Nacht unbedingt auf der Pritſche verleben müſſen; er machte den Wächtern jedoch Vorſtellun⸗ gen, und da er, als argumentum ad hominem einige harte Thaler beifügte, ſo nahmen die ſomnambülen Themisdiener Raiſon an und ließen ihre Arreſtanten los. Die Befreiten 115 dachten keineswegs daran, ihm zu danken, ſondern taumel⸗ ten, fluchend und ſchimpfend, die Straße entlang. Am andern Morgen erzählte der Schnöker vor der Uni⸗ verſität ſeinen Kumpanen:„Der Benno iſt ein unverbeſſer⸗ liches Kameel! Denkt Euch, heute Nacht trifft er mich und den Kohlhaſe, wie wir eben von vier Uhu's abgefaßt wer⸗ den. Statt uns nun herauszuholzen, giebt er den nichts⸗ nutzigen Philiſterſeelen noch Geld.— Nein, der Kerl hat weder Comment noch Courage im Leibe!“ Die Zuhörer ſtießen ihre Stöcke klirrend auf das Stra⸗ ßenpflaſter, und ſchrieen einſtimmig: Der Kerl hat weder Comment noch Courage im Leibe! Wo man Benno traf, wurde er über die Achſel ange⸗ ſchaut, oder man foppte ihn, und er war das Stichblatt aller ſchlechten Witze. Zwar hatten ſich ſeine Anſichten über das akademiſche Leben ſo ſehr geändert, daß es ihm gar kein Opfer koſtete, die Orte zu meiden, wo ſeine rüden Landsmannſchafter hinkamen, aber ſogar in den Collegien behandelte man ihn ſo wegwerfend, wie man auf der Univerſität mit Jedem verfährt, der einmal eine Hänſelei geduldig hin⸗ genommen hat. Endlich wurde ihm dies Verhältniß zum Ueberdruß, und er ſah wohl ein, daß, ebenſo leicht, wie es anfangs geweſen wäre, ſich in den Geruch eines flotten Burſchen zu bringen, ihm daſſelbe jetzt ſchwer fallen würde. Trotzdem mußte ein Verſuch gemacht werden, wenn er während ſeiner Studienzeit nur noch Ein Collegium unge⸗ ſtört anhören, nur Eine Stunde ohne Aerger verleben wollte. Benno begann, die halben Tage auf dem Fechtboden zu verbringen, er ließ ſich den Bart wachſen, und tobte Nachts 8 durch die Straßen der Stadt. Namentlich wenn Studen⸗ ten in der Nähe waren, die ihn beobachten konnten, dann verführte er einen ſolchen Höllenſcandal, daß im ganzen Revier niemand daran denken konnte, ein Auge zuzuthun. So geſchah es auch einſtmals; die Lüfte zitterten von Ben⸗ no's Nachtgeſang, ſcheu zogen die Nachtwächter⸗Troglodyten ſich in ihre Höhlen, nämlich in leere Schilderhäuſer und in offen ſtehende Thorwege, zurück, aber ein würdiger Bürger, Bürſtenmacher von Handwerk, that am Ende mürriſch das Fenſter auf, und ermahnte den tobſüchtigen Muſenſohn, ſich ruhig zu verhalten. Benno hatte nun ſchon ſoviel vom Comment weg, daß er ganz gut wußte, was auf ſolch unge⸗ bührliche Ermahnung eines Bürgers erfolgen müſſe. Er ſuchte mehrerer loſen Feldſteine habhaft zu werden, und fing an, dem unberufenen Docenten ſämmtliche Fenſterſchei⸗ ben einzuwerſen. Erſt als man von fern die Schaarwache heranziehen hörte, machte Benno ſich aus dem Staube, und die Zeugen dieſer nächtlichen Heldenthat waren ſo freigebig mit ihren Lobeserhebungen, daß es ſchon am andern Mor⸗ gen vor der Univerſität hieß:„Wißt Ihr, der Fuchs fängt an, manche Pennal⸗Manieren abzulegen.“ Denſelben Tag noch empfing der Bürſtenmacher ein Päckchen mit der Stadtpoſt, das ihm ein artiges Summchen brachte, welches den Mann von einer ihm bevorſtehenden Auspfändung befreite. Der Meiſter riß eilig den dabei befindlichen Brief auf, allein in dieſem ſtanden nur die Worte:„Für demolirte Scheiben.“ Benno hielt ſich jetzt wieder gans zu den Landsmann⸗ ſchaftern, und ſie erwieſen ihm alle Ehre, doch ſchadete es ihm in den Augen der Commilitonen, daß er bisher noch keine 117 einzige Paukerei gehabt hatte. Kaum war indeß die Mög⸗ lichkeit abzuſehn, wie es Benno'n gelingen würde, Scandal zu bekommen, denn ſeit man wußte, daß er reich und frei⸗ gebig ſei, behandelte ihn Jeder mit ungewöhnlicher Rückſicht. Benno nahm ſich aber vor, wie es die Andern ebenfalls thaten, nächſtens eine Veranlaſſung zum Duell vom Zaun zu brechen, und die Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich war⸗ ten. Er ging einſt mit einem Studentenſchwarm nach der Thalſchenke hinaus, und ihm folgte ſein Hund, ein mäch— tiger Bullenbeißer von muſterhafter Häßlichkeit. Benno konnte das ſchauderhafte Beeſt nicht ausſtehen, hielt es aber, weil auf der ganzen Univerſität kein größerer Hund zu fin⸗ den war, und weil das mit zur Renommage gehörte. Dieſer Vierfüßler, Paſcha genannt, bildete bei den Spaziergängen ſtets einen Hauptgegenſtand des Geſprächs, und auch heute wurde er wieder in allen Theilen abgehandelt. Man fand das zottige, ſchmutzige und plumpe Thier außerordentlich prachtvoll, nur der Schnöker machte die Bemerkung:„Es wäre ein ausgezeichneter Hund, wenn er keinen ſo ſcheußlichen Schwanz hätte.“ Zwei andere Studenten ſtimmten ihm bei. Benno legte ſeine Stirn in Falten, und ſprach mit dem gröbſten Tone, den er auftreiben konnte:„Jede Beleidigung meines Hundes werde ich zu rügen wiſſen, als wäre ſie mir ſelber angethan worden. Paſcha hat die ſchönſte Fahne von der Welt, und ich verlange, daß Ihr die ausgeſprochene Schmähung augenblicklich zurücknehmt.“ Die Beleidiger weigerten ſich deſſen, und Benno forderte ſie alſo alle Drei, jeden auf zwölf Gänge mit krummen Säbeln. Am nächſten Morgen gingen die Paukereien vor ſich, und Benno, der ſich ſchon früh durch Gewandtheit ausge⸗ 118 zeichnet und nun auch die gehörige Uebung im Schlagen erlangt hatte, brachte ſeinen Gegnern tüchtige Schmiſſe bei, während er ſelbſt mit einem leichten Fleiſchhieb im Arme davon kam. Die Zeugen lobten ſeine treffliche Haltung auf der Menſur, und als das dritte Duell vorüber war, küßten ihn die drei Beleidiger zärtlich, und erklärten offen: ſie hätten nur auf den Paſcha geſtichelt, um Benno zu rei⸗ zen, denn in Wahrheit tönne es unmöglich einen vollendet ſchönern Hund geben, als den ſeinigen. Unſer Freund war hierdurch ganz befriedigt, umarmte verſöhnt die Bleſſirten, und auf allen Kneipen, in allen Bierkellern hieß es jetzt: „der Benno hat ſich hölliſch herausgebiſſen!“ welches einer der bedeutendſten Lobſprüche iſt. Als nun aber der Belobte noch eine große Sauferei zum Beſten gab, wozu die ganze Landsmannſchaft geladen war; als er dort, trotz aller Abneigung, anhaltend Ta⸗ back rauchte, und mit Gewalt vierzehn Flaſchen bairiſchen Biers hinunterwürgte, da betrachteten ihn die Commilitonen mit ungeheuchelter Ehrfurcht. Sein düſtres, mißvergnügtes Anſehen galt als ein Zeichen von kühnem Muth, und halb⸗ laut ſprach Jeder ſeinem Nachbar in's Ohr: der Benno iſt ein ungeheuer flotter Burſch!— Man ſandte ihm ſogar eine Deputation, und ließ ihm feierlich das erledigte Senio⸗ rat antragen, doch ſtets wohnt Beſcheidenheit bei dem wah⸗ ren Verdienſt— Benno lehnte in einer trefflichen Anrede dieſe Würde ab, indem er mit unvergleichlicher Dialektik be⸗ wies: daß auf ein ſolches Ehrenamt die älteren Studenten gegründetere Rechte hätten. ———————— 119 Sechstes Capitel. Brief an Arwed. Wie uneigennützig aber Benno auch den ihm darge⸗ brachten Lorbeer verſchmähte, ſo waren ihm dennoch bedeu— tende Vortheile aus ſeinem Sieg erwachſen. Er hatte ſich die ausgedehnteſte Freiheit errungen, und durfte ſich wieder kleiden und raſiren, eſſen und trinken wie ein anderer Menſch, durfte fleißig ſein, in die Collegien gehen, und treiben was er wollte. Benno ſtudirte mit dem vollen Eifer einer ju— gendlichen Seele, die im Wiſſensdurſte glüht, allein er fand wenig Tropfen, ſeinen lechzenden Gaumen zu kühlen. Die Lehrer aller Fakultäten hörte er, und zwanglos wollte er ſich von der Woge der Gelehrſamkeit herüber und hinüber ſtrudeln laſſen, bis ihn dieſelbe endlich an eine fremde, nie⸗ geſehene Küſte tragen würde. Ueppiger, rieſenhoher Pflan⸗ zenwuchs mußte dort die Geſtade ſchmücken; wie Menſchen⸗ hände waren deſſen Blätter geformt, wie rothe plauderluſtige Lippen ſahen die Blüthen daraus hervor, und auf den Zweigen ſaß das bunte Geſchlecht der Aras', Cacadu's und Lori's. Da dachte dann Benno, mit muthiger Hand ſich den Weg in's Innere des Wundereilandes zu bahnen, auf daß ſein durſtiges Verlangen dort geſtillt werde. Aber wie anders war das alles in der Wirklichkeit; wie wich es von dieſen zauberbunten Traumbildern ab. Die Wellen der Collegien gluckten ſo eintönig an dem Jüngling vorbei, daß ihn ein wahres Seekrankheitsgefühl anwandelte, und trieben ſie ihn einem Ufer zu, ſo war es dürrer, ſaft⸗ und kraftloſer Sand, oder ſtagnirender Sumpf⸗ boden. Keine Spur von Friſche, Farben und lebendiger 120 Bewegung, alles grau und todt. Die Profeſſoren, jene Männer, die ihm, bevor er ſie kannte, als moderne Halb⸗ götter, als Herven des Wiſſens erſchienen, wie verändert waren auch ſie. Ueberjährige Almanache mit verblichnem roſa Einband, mit allbekannten Geſchichten und karrikirten Bildern— man begreift gar nicht, wie dieſe Bücher ehe— mals Beifall haben und mit theurem Gelde bezahlt werden konnten. Unſern Benno gähnte ihre auswendige Weisheit, die ſchon hundertmal wiedergekäute Phraſevlogie ihres Vor⸗ trags mit gläſernen Augen und hohlen Wangen anz es wurde ihm unheimlich, beklommen. Von einer Fakultät flüchtete er ſich zur andern, allein überall trieb ihn die ſchaurige Abgeſtorbenheit, die geſpenſtige Oede der Katheder⸗ helden wieder zurück. Benno hatte dabei jede Behaglichkeit verloren; haltlos fühlte er ſich inmitten der Sandwehe, die der akademiſche Samum ſinneabſtumpfend über ihn ausſchüttete. Um den Zuſtand ſeines Innern flarer darzuſtellen, möge hier die Stelle eines Briefes ſtehn, den er ſeinem Jugendfreunde Arwed ſchrieb: „Ja, Freund, ich bin nun ein Mitglied jener Republik mitten in monarchiſchen Staaten, jenes poetiſchen Tha⸗ les in dürrer Haide der Proſa, jenes Stückes blühender Jugend, das im Herzen unſeres alternden Deutſchlands flammt— d. h. ich bin Student. Die Knabenphantaſie hat uns die Glückſeligkeit, dieſem Stande anzugehören, oft mit ihren brennendſten Wachsfarben ausgemalt, aber es iſt doch viel anders in der Wirklichkeit. Die eigenthümliche, bunt und goldene Studentenromantik iſt abgefallen, und es ſind nur herbe 121 Spätlinge, die an den Zweigen des morſchen Baumes ſchweben. Früher mag das ganze Leben und Treiben, mit all ſeinen Rüdheiten, luſtig, vielleicht gar anmuthig geweſen ſein, weil es abſichtslos und natürlich war. Jetzt zwingt man ſich wüſt zu ſein; jetzt ſchraubt man ſich gewaltſam auf eine Schwindelhöhe des Humors, während man doch lieber unten im Bierkeller bliebe. Der frühere Student war ein flotter Burſch mit Leib und Seele; er renommirte gar nicht, ſondern er hatte wirklich den innern Drang, ſeinen gährenden Jugend⸗ muth, ſeine geiſtige Heldenkraft ungezügelt austoben zu laſſen— der jetzige iſt ein ordentlicher, fürſorgender Menſch, der ſchon an das Amt und an die Frau denkt, der um's Himmelswillen nicht mit einem zerriſſenen Stiefel über die Straße ginge, und der eben nur zuwei⸗ len renommirt, um ein Renommiſt genannt zu werden.“ „Nun, mit dieſem Treiben habe ich abgerechnet; es be⸗ läſtigt mich wenigſtens nicht mehr, und das iſt ſchon ein großer Gewinn.“ „Iſt das Gemälde von den Studirenden nicht beſon⸗ ders ausgefallen, ſo würde das von den Profeſſoren noch dunkler und ſtaubiger werden, wenn ich mich überhaupt entſchließen könnte, Dir eine Schilderung derſelben zu geben. Du gehſt ja nun ſelbſt, lieber Arwed, nächſtens zur Univerſität, und da Du immer das Studium der Kryptogamen mit großer Vorliebe betrieben haſt, ſo wirſt Du ohne Zweifel auch bald über die Profeſſoren in's Reine kommen. Willſt Du aber ein vorläufiges Bild von ihnen, dann denke nur an die Comptoir⸗ Kalender, die ohne die geringſte Abänderung bis in alle Ewigkeit ausreichen, indem ſie jedes Jahr dieſelben monotonen Buchſtaben und Zahlen von ihrer Rolle abwickeln.“ „Unſere Profeſſoren ſind wie Zeiger an der Uhr, und kämen in Verzweiflung, wenn ſie einmal dreizehn zei⸗ gen ſollten.— Nur wenige kräftige, feuergeiſtige Män⸗ ner habe ich auf dem Katheder gefunden, und alle dieſe letzteren waren noch ſehr jung, hatten noch keine feſte Anſtellung. Wenn nur erſt der Titel eines„Professor Ordinarius“ ſie ſchmückt, dann werden auch ſie im ſtumpfen Trott die hergebrachten Bahnen wandeln, ohne rechts oder links in die freie, blaue Welt hinaus⸗ zuſchaun.“ „Wie ſchwer mir die Wahl ſein würde, wenn die Um⸗ ſtände mich zwängen, ein Fakultätsſtudium als feſten Stab für's Leben zu ergreifen, kann ich Dir gar nicht ſagen. Die Philologie hat auf den Univerſitäten jene verknöcherten Mumien ſelbſt als Warnungstafeln hin⸗ geſtellt, und mit geiſterhaftem Finger ihr: Mene, mene tckel upharsin! daraufgeſchrieben.— Faſt noch mehr aber ſchreckt mich die Theologie zurück. Es muß ſchauer⸗ lich ſein, entweder in hochtönenden Worten Dinge zu verkünden, die man ſelbſt nicht glaubt, oder Gottes lichter Sonne abzuſchwören für immer, und ſich der tiefen düſtern Nacht, höchſtens dem ungewiſſen, flim⸗ mernden Mondſchein zuzuwenden. „Was körperlich tödtet, das tödtet auch geiſtig, und ich überlebte es gewiß nicht, mit meinem glühenden Herzen in das asketiſche Schneefeld der Gottesgelehrſamkeit hineinzuſpringen.“ ——— — — 123 „Da möchte ich noch lieber Juriſt werden, obgleich ich hierzu ebenfalls nicht den geringſten Trieb verſpüre. Es hat etwas Geſpenſtig⸗Automatiſches, ſeiner eigenen Meinung, ſeiner beſten Ueberzeugung ſich zu entſchlagen, und ein Sclav des Buchſtabens zu werden, der kalt und vernichtend Den verurtheilt, welcher mir vielleicht aus der Seele geſprochen und gehandelt hat. Ich kann ſie nicht anziehn, die claſſiſch-romantiſche Zwangsjacke des römiſchen Rechts, die athemberaubend unſere Bruſt zu⸗ ſammenpreßt, während die Aermel ſo lang ſind, daß uns unmöglich wird, die Hände frei zu bewegen. Das ganze luftige Gebäude der Geſetze kommt mir wie ein Spinnennetz vor, in dem ſich nur die kleinen, ſchwachen Mücken und Fliegen verfangen, während plumpe Hor— niſſen, ſcharfſtechende Bienen, oder dergleichen größeres Ungeziefer, es leicht zerreißt, und ungehindert hin⸗ durchfliegt.“ „Am meiſten ſagt mir noch die Arzneikunſt zu, denn ſie braucht doch nicht den ganzen Menſchen auszudörren und aufzutrocknen. Sie bleibt fortwährend mit der Natur in Berührung, und ein ſolcher Verkehr erhält immerjung, immer friſch. Aber es würde mich ſehr niederdrücken, fühlte ich mein ganzes Lebenlang die Schwäche des Menſchen, der ſeinen Bruder in Schmerzen hinſchmachten ſieht, ohne ihm helfen zu können,— ſchaute mich täglich der Tod mit gläſernem Auge und bleifarbigem Antlitz an. Auch die Anatomie widerſteht mir, und ich kann mich nicht entſchließen, den Leib des Menſchen, den ich ge⸗ wohnt bin wie eine ſchöne Blume zu betrachten, mit kaltem Meſſer zu zerſchneiden.“ 1 „Die vier Fakultäten gewinnen ſich alſo keinen Jünger an mir. Ich bin ein Mann der Thatkraft, des leben⸗ digen Wirkens, ja allenfalls des Zerſtörens— nur des Stagnirens nicht. Dank ſei es meiner völligen Unab⸗ hängigkeit, daß ich der innern Neigung frei die Zügel laſſen darf, und ſo bin ich denn beinahe entſchloſſen, Soldat zu werden. In dieſem Stande liegt das größte Intereſſe, hier iſt die blühende Romantik, beſtimmtes Sollen und muthiges Wollen. Blitzende Waffen ſchmücken den Krieger, und er übt ſich in ihrer Führung, bis er ganz und gar Eins mit ihnen wird, bis er ohne ſie nicht mehr leben kann. Das Volk achtet und ſchätzt ihn, jedem Mädchen iſt der tühne, ſchimmernde Kriegs⸗ mann lieber, als der ſtille, einfarbige Civiliſt. Nun entſteht ein Krieg. Die Schaaren der Feinde nahen; das Vaterland iſt bedroht. Alle zittern, bangen, ſor⸗ gen— nur des Soldaten Wange glüht in erhöhter Freudigkeit. Warm küßt er zum Abſchied des Liebchens rothen Mund, fröhlich nimmt er die gute Büchſe auf die Schulter, füllt die Feldflaſche, und zieht hinaus über Berg und Thal. Wohin er kommt, iſt er ein gernge⸗ ſehener Gaſt, überall gebietet er, und mit Luſt erfüllt man ſeine Befehle. Endlich kommt es zur erſehnten Schlacht. Kanonendonner, Pulverdampf und Feldge⸗ ſchrei umwallen ihn, blutrothe Feuerblumen mit bleier⸗ nen Kugelfrüchten ſauſen heran, aber ohne Zucken, ohne Wanken ſteht der Kämpfer. Der Feind wird ge⸗ ſchlagen, und Abends trocknen holde Mädchen den Tapfern die Schweißperlen vom Angeſicht. Im Sturm⸗ ſchritte fliegen wir nun auf die feindliche Hauptſtadt los; ihre Thore krachen, und jubelnd ziehen wir ein mit klingendem Spiel.“ „Ja, ja! lieber Arwed, ich werde Soldat! Es ſcheint mir, im Meere unſerer grauen Alltäglichkeit, noch die einzige Inſel der Poeſie, auf welche man ſich retten kann. Lebe wohl, und ſchreibe mir bald ein Blättchen!“ Siebentes Capitel. Benno will ein Kriegsheld werden und thut die erſten Schritte dazu. Nachdem Benno drei Jahre auf der Univerſität geweſen, und zum Doctor der Mediecin promovirt worden war, ſchrieb er ſeinem Vater:„die Brotſtudien behagten ihm nicht, und er wolle Soldat werden.“ Der alte Herr, liebevoll und nachſichtig gegen die Launen des Sohns, ſagte„Jja!“ und Benno trat in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger. Er hatte geglaubt, wenn er— ein junger, kampfluſtiger Bru⸗ der Studio— vor den Obriſten hintreten und ſich melden würde, könne dieſer gar nichts Eiligers zu thun haben, als ihn zum Offizier zu ernennen. Der podagriſtiſche Com⸗ mandeur aber ließ ihn faſt zwei Stunden im Vorzimmer warten, empfing ihn dann mißlaunig, und ließ ihn vor allen Dingen unter das Maaß ſtellen, obgleich Jeder auf den erſten Blick ſehen konnte, Benno ſei wenigſtens einen halben Kopf größer als die meiſten andern Soldaten. Hierauf wurde der Freiwillige von einem Militairarzt un⸗ terſucht, mußte den Fahneneid leiſten, und ſtand endlich, nach all dieſen Umſtänden und Beſchwerlichkeiten, als Rekrut einer Jägercompagnie da. Er bekam für den Anfang eine grüne Jacke und eine Mütze von gleicher Farbe, mit bunten Streifen beſetzt, und mußte ſich, es mochte regnen, ſchneien oder hageln, jeden Tag zwei Stunden im Freien von einem grämlichen Unter⸗ offizier exereiren ſäſſen.— Ererciren! Niemand kann dies Wort in ſeiner ganzen Schwere verſtehn, wer nicht ſelbſt exercirt worden iſt. Gans unmögliche Anmuthungen wer⸗ den an den Neuling gemacht, und unſer junger Held wollte jedesmal verzweifeln, wenn ſein Lehrmeiſter mit ſchnarren⸗ der Stimme rief:„Sobald ich ſage:„„Augen rrrechts!““ müſſen die Augen mit einem hörbaren Rrruck rrrechts gehen.“ Benno's kriegeriſche Phantaſien hatten hierdurch ſchon einen gewaltigen Stoß rn der Unterricht bezog ſich keineswegs darauf, wie man den Feind angreifen, wie man ſich in den Kugelregen ſtürzen, wie man das Vater⸗ land erretten ſolle, ſondern blieb noch immer bei der Einlei⸗ tung ſtehn, die ſich hauptſächlich um folgende Punkte drehte: Erſtens: Vom Balanciren. Zweitens: Vom Marſchiren. Drittens: Vom Präſentiren. Viertens: Von der Subordination. Fünftens: Vom Putzen des Lederzeugs. Sechstens: Von den Honneurs, die den Ober- und Unteroffizieren gemacht werden müſſen. Solche Anordnungen waren freilich nicht geeignet, Benno's Waffenluſt, die er hauptſächlich aus dem Homer, aus dem Kenophon und Shakeſpeare geſchöpft hatte, zu 127 befeuern, allein ſtandhaft überwand er die unangenehmen Vorſtudien, und glaubte dem hohen Ziele ſchon bedeutend näher gerückt zu ſein, als er nach ſechs Wochen zum wirk⸗ lichen gemeinen Soldaten ernannt wurde.— Die ärger⸗ lichen Erlebniſſe nahmen nun aber beinahe mehr zu, als ab. Benno, der es in ſeiner kriegeriſchen Unbefangenheit ver⸗ ſchmäht hatte, den Feldwebel, hergebrachter Weiſe, wöchent⸗ lich mit einigen Flaſchen Wein zu regaliren, wurde geſchol⸗ ten und getadelt, wo es irgend möglich war. Und beim Militair fehlt es niemals an Veranlaſſungen hierzu, wenn man ſie ſucht. Bald ſaß das Collet ſchlottrig, bald ſtand der oberſte Haken deſſelben offen, bald war die Büchſe nicht blank genug, bald benahm er ſich ungeſchickt beim Präſen⸗ tiren. Unſer Heldenjüngling hätte aus der Haut fah⸗ ren mögen. ₰ℳ Der würdige Feldwebel, nicht zufrieden mit dieſen klei⸗ nen Malicen, wußte ihn aber auch im Größeren zu chika⸗ niren. Eines Tages gab er an Benno den Befehl, ſein blondes Bärtchen, welches ihm recht gut zum jugendlichen Antlitz ſtand, fortan ſchwarz zu färben. Der Blondin hielt es für einen Eingriff in die Menſchenrechte, daß man ihn gewaltſam brünett machen wollte, und weigerte ſich, der Ordre Folge zu leiſten. Da erzürnte ſich der Bevollmäch⸗ tigte des Mars; er ſprach von„Subordinationsvergehen, Standrecht halten, Feſtungsſtrafe“ u. ſ. w. In die Haupt⸗ wache wäre Benno jedenfalls gekommen, wenn ihm der Capitain nicht diesmal noch, aus ganz beſonderer Gnade, den Arreſt erlaſſen hätte. Allein der Schnurrbart mußte nun rabenſchwarz gewichst werden, und dies hatte die Folge, daß weder Bekannte noch Unbekannte an Benno ——— 1 vorübergehen konnten, ohne die Mienen zum Lächeln zu verziehn. Jetzt kam dem Jüngling ſchon zuweilen der Gedanke: ein Soldat im Frieden ſei doch eigentlich mehr Gegenſtand des Schmucks und Spiels, als des Ernſtes. Er erinnerte ſich an die Ateliers der Bildhauer, wo der Thon ſo lange gedrückt und geknetet wird, bis er ſich in die verlangten Formen und Normen ſchmiegt; aber die Figuren, welche hieraus entſtehen, ſind noch keineswegs eherne oder mar⸗ morne Götter- und Hervengeſtalten, ſondern blos die Mo⸗ delle dazu.— Dieſe Reflerionen zogen namentlich einſt um Nitternacht durch Benno's thatenkühne Seele. Er hatte heute zum erſten Male Schildwachendienſt zu thun, und ſtand„im Nebelgerieſel, im tiefen Schnee,“ draußen am Wall, wo der Wind ſchneidend wehte, zwei Stunden vor einem alten Pulvermagazin. Eiſige Kälte durchſchauerte ihn, die Finger erſtarrten ihm an der Büchſe, und der dünne Tuchmantel, das lecke Schilderhaus konnten ihm auch kei⸗ nen Schutz verleihn. So befand Benno ſich in einer ganz fatalen Lage, welche durch das Bewußtſein keineswegs ver⸗ ſüßt wurde: daß er ein leeres Magazin bewachen müſſe, in dem ſchon ſeit Jahren kein Pulver mehr gelegen habe. Der tapfere Beſchützer kam indeß noch glücklich genug da⸗ von, denn nur Zehen und Ohren erfroren ihm in jener Nacht. Mit dem Frühjahr begannen die größeren Erxercitien, und unſer Benno hoffte, nun die Poeſie des Soldatenle⸗ bens kennen zu lernen. Die Büchſe auf der Schulter, Berg und Thal zu durchziehn, im niedrigen Gebüſch, oder im dichten Forſte zu liegen, überhaupt ein freies Kriegerleben zu improviſiren, das malte ihm ſeine Phantaſie gar lockend 129 vor. Aber ſchon wieder konnte dieſe Schnelläuferin von der trägen Wirklichkeit nicht eingeholt werden, und die letztere blieb matt und keuchend hinter ihr zurück. Von kühnen Schlachtplänen, Angriffen, Kriegsliſten und der⸗ gleichen war entweder gar keine Idee, oder die Herrn Offi⸗ ziere behielten das alles als ein Geheimniß für ſich. Un⸗ bewußt, maſchinenmäßig mußten die Soldaten Märſche, Schwenkungen, Quarri's und Rücküge ausführen, kein „warum?“ wurde ihnen offenbart, und Niemand durfte es wagen, nach den Urſachen zu forſchen. So fiel denn auch das ſehr langweilig aus, und Benno gewann ſich, bei dem anhaltenden Regen, höchſtens Erkältungen und Schnu⸗ pfenfieber. Eines Tages manöverirte das Corps der Schützen wieder ſo auf eigene Hand. Der Feind war eine Chi⸗ mära, eine unſichtbare Geiſtergeſtalt; man wußte kaum, ob er vorn oder hinten ſtand, ob man eben avancirte oder floh. Der Plan des Manövers blieb den Untktgeordneten ver⸗ borgen, und die geiſterhaften Fäden dieſer Phantasmagorie konnte ſelbſt ein Sonntagskind, wenn es nicht Offizier war, nimmer entdecken. Benno, ſeit einiger Zeit zum Flügelmann erhoben, ſchritt luſtig daher; der Morgenwind wehte friſch und kräftigend über die Wieſen, Lerchen ſangen in der Luft, und unſerm jungen Helden erwachte die ganze ſtürmiſche Wanderſehnſucht in der Bruſt. Aber ein unan⸗ genehmes Ereigniß ſollte ihn nur zu bald aufwecken aus den glücklichen Träumen. Die Compagnie, bei welcher er ſtand, befehligte der Hauptmann von Springbock, eine lange Paviansfigur, mit übermäßig langen, herabſchlotternden Armen. Sein 9 ————————— 130 Geſicht war gelblich, und hatte einen eigenthümlichen An⸗ ſtrich, etwa wie gegerbtes Leder. Dazu hing ihm ſchwar— zes Haar um die Schläfen, ſeine Augen ſchielten, und un⸗ terhielten ein Kreuzfeuer nach der Naſenſpitze hin, denn dort durchſchnitten ſich ihre Blicke. Beſagte Naſenſpitze aber hatte eine ziegelrothe Färbung, welche, wenn der Eigenthümer fror, erſt in's Purpurne und dann in's Vio⸗ lette überging; Herr von Springbock fror aber faſt immer. Sein nicht allzukleiner Mund ſtand, in Folge von Eng⸗ brüſtigkeit, fortwährend offen, und ein Schnurrbart über demſelben fehlte ganz. Der Hauptmann hatte ſich indeß gewöhnt, zwei Warzen, die ſich über ſeinen Lippen befan⸗ den, und die mit etlichen Haaren bewachſen waren, dafür gelten zu laſſen, und er ſtrich ſie ſtets, ſo oft er in Eifer oder Zorn gerieth, mit martialiſchem Anſehn. Während Benno alſo, nach dem muntern Schall der Jägerhörner, im Takte daherſchritt, wendete ſich Springbock um, und ſah ihn durchdringend an mit ſeinen zweideutigen Augen. Je⸗ ner bemerkte es nicht, und der Hauptmann rief ihm zu: — In's Teufelsnamen, Herr! Sie gehen ja gerade durch's Waſſer! Benno glaubte wirklich, er marſchire im Waſſer, und hob die Füße mechaniſch in die Höhe, um ſich nicht gar zu naß zu machen. — Herr, können Sie nicht hören! So bleiben Sie doch auf der Brücke! begann der Hauptmann von neuem. Immer höhere Schritte machte Benno, doch als er ſich umſah, bemerkte er nirgends, weder Waſſer noch Brücke, ſondern die ganze Compagnie marſchirte ruhig auf einer breiten Fahrſtraße. — 131 — Herr Hauptmann, wo iſt denn Waſſer? fragte er den Befehlshaber. — Himmeltauſendſchwerebrett! Sage ich Ihnen nicht, daß Sie drin ſtecken, und daß Sie auf der Brücke bleiben ſollen? erwiederte der Angeredete ingrimmig. — Nun, ich kann keine Brücke entdecken! murmelte der Flügelmann, und Springbock ſchrie voll Wuth: — Was! Man raiſonnirt noch gegen! J, ſo muß doch gleich ein Kartätſchenhagel dreinſchlagen!— Feld⸗ webel, notiren Sie ihn zum Arreſt!. Und zwei Stunden ſpäter ſaß Benno in einem ſchwar⸗ zen, ſchmutzigen Loche, in das der blaue Himmel nur ſpär⸗ lich durch ein hohes, mit Eiſenſtäben vergittertes Fenſter hereinblinzeln konnte. Der Arreſtant hatte die ſchönſte Muße, über die Nothwendigkeit militairiſcher Subordina⸗ tion zu philoſophiren, und wenn er auch ein ſchuldloſes Opfer derſelben geworden, ſo geſtand er ſich dennoch, in höchſter Unparteilichkeit, daß ſie der Grundpfeiler aller Waffenmacht ſei, und daß ſie alſo um jeden Preis aufrecht erhalten werden müſſe. Unter ſolchen Erwägungen ſchlich, langſamer als ein Faulthier, der Abend heran, und Benno legte ſich auf die harte Pritſche, um zu ſchlafen. Kaum aber ſchloß er das Auge, ſo jagten Träume ihn wieder empor. Bald war er mitten im Waſſer, und ſchritt, ohne es zu merken, immer tiefer und tiefer hinein, bis endlich die Wellen über ſeinem Haupt zuſammen ſchlugen; bald ging er auf einer myſtiſchen, unſichtbaren Brücke, er fühlte keine Bohlen unter ſeinem Fuß, und ſchwebte fortdauernd in Ge⸗ fahr hinunterzuſtürzen.— 9* 1 5 † . 132 Solche Phantaſien drückten mit Bleigewichten ſeine Bruſt zuſammen, und er war froh, daß ihn jedesmal die ſchnarrende Stimme des Hauptmanns von Springbock durch ein lautes„Himmeltauſendſchwerebrett!“ aufſchreckte. So kam der Morgen und ſchickte ſeine blaſſen Strahlen durch das Gefängnißgitter. Benno wurde entlaſſen, und erfuhr nun auch den Grund, weshalb er beſtraft worden. Die grasreichen Wieſen, durch welche das Manöver ſich hinzog, waren in dem Plan, den der Hauptmann entwor⸗ fen, als Waſſer betrachtet, dem hindurchführenden Fahrweg aber hatte jener große Stratege den Namen einer Brücke verliehen, und Benno hatte, weil das Glied der Soldaten breiter als die Brücke, d. h. die Straße, geweſen war, noth⸗ gedrungen in's Waſſer, d. h. auf's Gras treten müſſen. Als unſer leidenſchaftlicher Kriegsbefliſſener das hörte, zuckte er zwar bedenklich mit den Achſeln, allein er ſagte kein Sterbenswort. Achtes Capitel. Das Garniſonsleben und ſeine Abwechslungen. Im Offizierseramen beſtand Benno glänzend; er trug nun die Eypaulettes, und dachte: jetzt ſoll das friſche, fröhliche Heldenleben endlich angehn. Aber es wollte ſich noch nicht ſo recht voll ſtrahlender Kühnheit, voll an⸗ muthiger Heiterkeit entfalten. Morgens blieb es dem jun⸗ gen Miltiades überlaſſen, welchen von ſeinen Kameraden er zum Muſter nehmen wollte. Der Eine lag im Fen⸗ ſter und rauchte Taback, der Andere lief von Condi— torei zu Conditorei, der Dritte ſchlummerte bis gegen eilf —— Uhr, und ſo fort. Dann ging es zur Wachtparade, die glücklicherweiſe ein Stündchen Zeit wegnahm, nach derſel⸗ ben ſchlenderte man etwas vor's Thor und erwartete die Mittagsglocke. Nach dem Eſſen wurde ein Schläfchen ge⸗ macht, oder Karten geſpielt, denn das Exerciren der Sol⸗ daten blieb den Unteroffizieren überlaſſen, und ſah man auch einmal, der Form wegen, eine Zeitlang zu, ſo war das noch langweiliger, als alles Uebrige. Abends wußte man nichts Beſſeres anzufangen, als in's Theater zu gehn, ob man das beſchränkte Repertoir auch auswendig wußte, und jedes ſeiner Stücke ſich bereits matt und müde geſehen hatte. Der Dienſt brachte durchaus keine Abwechſelung in dies graufarbige Alltagsleben; zwar zog jeder Lieutenant alle vierzehn Tage einmal auf die Wache, allein er ſaß auch hier müßig in der Wachtſtube, und mußte vierund⸗ zwanzig ganze Stunden bei Taback und Leihbibliotheksro⸗ manen hinvegetiren.— Benno war bald abgeſpannt durch das öde Treiben; die blühenden Hoffnungen auf Thä⸗ tigkeit, Umſchwung und Bewegung, welche den Jüngling, in ſeiner innern Unklarheit, zum Soldatenſtande getrieben hatten, verblichen immer mehr, bis ſie ihm endlich ganz ent⸗ ſchwanden. Schon hatte die Blauſäure des Müßiggangs ſo abſtumpfend auf ſeinen Geiſt gewirkt, daß er an den Wiſſen⸗ ſchaften kaum noch Gefallen fand; alles gähnte ihn hohl und abgeſtorben an; nur ein wüſtes, unſicheres Verlangen nach Veränderung und Zerſtreuung peitſchte ihn ruhelos umher. So ſchloß er ſich zuletzt dem Lieutenant von Kunkel, dem größten Libertin des Bataillons, an, und Benno ſtand auf dem Punkte, ein wildes Leben zu beginnen, wenn ihn nicht ſonderbare Ereigniſſe demſelben entzogen hätten. Eines 134 ——— Morgens trat jener edle Kamerad, welchem, trotz ſeiner Jugend, die Ausſchweifung ihre Schriftzüge ſchon tief in's Antlitz geätzt hatte, in Benno's Zimmer, und ſprach, den Czako auf das Sopha werfend: — Es giebt einen koſtbaren Witz, Benno! — So? begann dieſer. Nun, dann ſchieße los, und laß mich nicht lange ſchmachten. — Du kennſt doch den Kaufmann Kehlchen am Salz⸗ markt? fragte Kunkel, und als Benno verneinend den Kopf ſchüttelte, fuhr er fort: Der Kerl iſt eine gemeine Seele, von der ſchlechteſten Herkunft. Anfangs handelte er mit Schnell⸗ feuerzeugen und Spazierſtöcken, dann legte er eine Pfand⸗ leihe an, gründete eine Runkelrübenzuckerfabrik, übernahm Lieferungen nach Amerika, und wurde ein ſteinreicher Mann. Der alte Filz ſoll eine halbe Million zuſammengeſchlagen haben! Bisher bekam Niemand ein Glas Wein bei ihm, doch er hat jetzt eine heirathsfähige Tochter, und, ſpeculativ wie er iſt, will er anfangen, brillante Geſellſchaften zu ge⸗ ben, weil er wohl weiß, man verliebt ſich nicht leichter in eine Tochter, als beim Champagner ihres Vaters.— Er fürchtet, daß ihm ſonſt das Mädchen als zehrendes Grund⸗ ſtück über dem Hals bleiben möchte... — Du hältſt Dich lange bei der Vorrede auf! rief Benno gähnend, indem er ſich eine friſche Havannah anzündete. — Höre nur aus! erwiederte Kunkel. Am nächſten Montag iſt Ball bei Kehlchen, aber man weiß nicht, wen man einladen ſoll, denn exquiſite Leute müſſen es durchaus ſein, und dem jammervollen Krämer fehlt natürlich alle Bekanntſchaft mit ſolchen. 14135 — Woher haſt Du nur ſo ſpecielle Nachrichten? unter⸗ brach unſer Held den Erzähler. — Milieu, mein Friſeur, hat ſie mir im Vertrauen mitgetheilt, ſagte dieſer, und ſprach weiter: Es wäre ein pyramidaliſcher Witz, wenn wir— zu einer Zeit, wo wir beſtimmt wiſſen, daß die Bagage nicht zu Hauſe iſt— Viſitenkarten abgäben, und uns zu dem Schwamm einladen ließen.— Was meinſt Du dazu? — Ich weiß nicht!.. Es widberſteht mir doch! wen⸗ dete Benno ein. — Ach was! Die Idee iſt großgeiſtig und muß ausge⸗ führt werden. Es kommen famoſe Mädchen hin, und wir müſſen dabei ſein. Vergeben wollen wir uns nichts! Wir eſſen, tanzen und trinken ſehr, und behandeln den alten Klippkrämer unter dem Muff. Ich habe mir ſchon einige malitiöſe Redensarten ausgedacht, die ich ihm inſi— nuiren will, dann wird der Jocus vollſtändig. Der Lieutenant von Kunkel ſchwatzte noch lange fort, und er wußte das Ganze in einem ſo heitern Lichte darzu⸗ ſtellen, daß ſein Kamerad endlich verſprach, er werde„die Suite“ mitmachen. Der frühe Decemberabend war ſchon hereingebrochen; draußen jagte der Wind dichte Schneeflocken durch die Straßen, und unſere beiden Freunde ſaßen mit zwei an⸗ dern Waffenbrüdern gemüthlich am Whiſttiſche, neben wel⸗ chem eine große Punſchbowle ihren aromatiſchen Dampf ausſtrömte. Da hörte man plötzlich Schritte im Hausflur, vernahm das Heulen eines geſchlagenen Hundes und den Ausruf:„Rackertöle, willſt du wohl nach Hauſe!“— Hierauf öffnete ſich die Thür, der Huſarenlieutenant von Schna⸗ * 136 beltritz trat ein, ſchüttelte den Schnee von ſeinem Mantel, trappte ſich die Füße ab, und wurde vom lauten Gejauchze der Anweſenden begrüßt. Dieſe, ſämmtlich Schlafröcke tragend, ſtanden auf, ſchüttekten dem Kameraden die Hände, gaben ihm einen Stuhl und ein volles Glas Punſch, und erkundigten ſich: was das Wetter mache?— Der neue Gaſt fing ſogleich an zu ſchwadroniren, wahrſcheinlich, um zu zeigen, daß er Cavaleriſt ſei. Dazwiſchen ſchimpfte, fluchte und betheuerte er in Einem fort, z. B. „Die Fuchsſtute, die ſich der Amtsrath Magog gekauft hat, iſt für den Schinder zu ſchlecht! Eine Roſinante mit Haſenhacken, die franzöſiſch geht wie ein Tanzmeiſter, und gewiß noch einmal mondblind wird. Ich habe es ihm auch geſagt, aber er ſchüttelte lächelnd den Kopf dazu. Der Kerl iſt ein coloſſaliſches Rindvieh, auf Ehre!— Denkt Euch, wie es mir geſtern im Theater ging. Die kleine Ludmilla kokettirte ein Bischen ſtark mit mir, und feuerte mir mit ihren pechſchwarzen Augen ſo auf den Pelz, daß mir ordentlich heiß wurde. Nach dem Theater aber höre ich beim Traiteur, der Aſſeſſor Schuweg habe ſich unterſtanden, im Corridor zu ſagen:„Das Kokettiren der Ludmilla ſei widerlich.“ Ei, dem Kerl muß ja ein Kreuz⸗ millionenmohrenelement auf den Kopf fahren, auf Ehre! Nimmt ſich der Aktenmenſch noch einmal ſo etwas heraus, ſo mach' ich— Gott ſtraf mir!— Fricaſſee aus ihm... Apropos! der kleine Backfiſch vom Salzmarkt wird eine bildhübſche Kröte, auf Ehre! — Wen meinſt Du? unterbrach hier Einer von den Spielern den lungenſtarken Lieutenant. — Die Tochter des reichen Kehlchen! ſagte der Letztere. 137 Ich fand ſie eben mit ihren Alten bei meiner Tante. Die Leute ſtreben danach, ſich zu emancipiren, und es iſt leicht möglich, daß ſie, wenn das Mädchen irgend einen altade⸗ ligen Sproſſen heirathet, von der guten Geſellſchaft gedul⸗ det werden. — Sind Kehlchen's noch bei Ihrer Tante? fragte Kunkel ſehr begierig. — Oh, die ſind um Mitternacht noch nicht weg... auf Ehre! entgegnete Schnabeltritz, und wollte fortfahren in ſeinen Acclamationen, aber Kunkel hatte ſchon eine Kriegsliſt ausgeſonnen, um den ſchwatzhaften Huſaren aus dem Wege zu ſchaffen. — Haben Sie— begann er, zu dieſem gewendet— denn heute noch keinen Beſuch beim Direktor der Kunſt⸗ reitergeſellſchaft abgeſtattet? — Nein!... Wieſo? — Er ſoll einen prachtvollen arabiſchen Roſenſchimmel gekauft und eine entzückende Italienerin engagirt haben. — Was! rief Schnabeltritz, elektriſirt aufſpringend. Und das ſagen Sie mir jetzt erſt, nachdem ich bereits eine halbe Stunde hier ſitze? — Mein Gott! fiel Kunkel ein. Ich wußte ja nicht, daß Ihnen die Nachricht ſo ſehr intereſſant ſein würde, und außerdem kann ich ſie auch nicht verbürgen; ich habe ſie aus dritter Hand. — An ſolchen Gerüchten iſt immer etwas— auf Ehre! ſchrie der Huſar, nahm Mantel und Mütze, und flog, mit einem leichthingeworfenen„guten Abend!“ zur Thüre hin⸗ aus. Während er die Stufen der dunklen Treppe hinunter⸗ ſtolperte, brummte er ärgerlich vor ſich hin:„Ein neues 138 —————— Pferd und ein neues Mädchen!.. Beide famos!.. Sie ein Roſenſchimmel und Er eine Italienerin!... Und das ſagt er mir jetzt erſt!... Man ſieht doch gleich was In⸗ fanterie iſt!“ Kaum aber hatte der Polterer die Hausthür hinter ſich zugeworfen, als Kunkel den beiden Kameraden den Plan mittheilte, den er für ſich und Benno entworfen. Sie nah⸗ men ihn mit ſchallendem Gelächter auf, und erklärten: ein ſolcher Witz ſei noch nicht dageweſen.— Der Geſchmei⸗ chelte fuhr fort: Jetzt iſt der Moment, das Vorpoſtenge⸗ fecht mit Nachdruck zu beginnen. Nimm Dir Mantel, Fe⸗ derhut und Viſitenkarte, Benno, damit wir uns ſchnell auf den Weg machen können. — Ja, wir befinden uns aber gegenwärtig in Schlaf⸗ röcken. Anziehen müſſen wir uns doch erſt! meinte Benno. — Wir denken gar nicht daran! rief der Andre. Viel Mühe darf uns der Herr Runkelrübenzuckerfabrikant nicht machen, ſonſt iſt es Eſſig mit ihm. Außerdem könnte die edle Sippſchaft auch nach Hauſe kommen, während wir uns lange putzen, und der Spaß iſt zehnmal ſo groß, wenn wir die Antrittsviſite in Schlafröcken machen. Die Kameraden ſtimmten bei, Benno mußte nachgeben, und die zwei Abenteurer, in Federhüten und Mänteln, verließen das Haus, vom unauslöſchlichen Lachen ihrer Commilitonen begleitet. Im großen Hausflur beim Kaufmann Kehlchen herrſchte eine wahrhaft ägytiſche Finſterniß, denn ſolche Parvenü's beobachten, wenn ſie auch Sviréen und Bälle geben, doch im gewöhnlichen Leben eine ängſtliche Sparſamkeit. Unſere Lieutenants ſtießen ſich an umherſtehenden Kiſten und Fäſ⸗ 139 ſern, fanden endlich die Treppe, und ſchlurften vorſichtig hinauf. Nachdem ſie oben an der Klingel gezogen, kam eine alte Köchin mit trübebrennender Oellampe herbei, und complimentirte die Herren mit den Federhuͤten ſogleich, voll geſchwätziger Höflichkeit, in ein Zimmer. Die Frem⸗ den fragten ſie, ob die Herrſchaft zu Hauſe ſei. — Ich glaube nicht! erwiederte die Köchin.— Was ſteht zu Ihrem Befehl? — Wir wollten unſere Aufwartung machen, ſagte Kun⸗ kel, und reichte die Viſitenkarten aus dem Mantel hervor. — Verziehen Sie gefälligſt einen Augenblick ſprach die Küchengrazie, nahm die Karten und verließ das Zimmer. Tiefe Finſterniß umgab unſere Stegreifritter nun, und ſie lachten mit einander über den gelungenen Streich. Da gingen plötzlich zur Seite zwei Flügelthüren auf, Lichtglanz fiel herein, und unſere Freunde ſtanden verſteinert, geblen⸗ det, erſtarrt. Voran kam ein ungewaſchener Hausknecht, der in der Eile durch einen langen Treſſenrock zum Lakaien geſtempelt war, und trug zwei ſilberne Girandoles. Ihm folgte Herr Kehlchen ſelbſt, und die Frau Gemahlin, nebſt der älteſten Tochter, ſchloſſen ſich ihm an. Sein Sie mir willkommen, meine Herren! Es freut mich ſehr, die Ehre zu haben! Wollen Sie nicht Platz nehmen?—— Entſchuldigen Sie nur, daß die dumme Carline Sie im Fin⸗ ſtern gelaſſen hat!— So redete der Wirth, mit merkanti⸗ liſcher Gewandtheit, ſeine Gäſte an, und fuhr dann fort: Nun iſt es mir lieb, daß wir den Bitten der Baronin von Knuck widerſtanden, bei der wir eben zum Beſuch waren, und die uns durchaus zum Souper bei ſich behalten wollte.— Es iſt eine einzige Frau, die Baronin! fügte er —0 noch mit jener familiären Freundlichkeit hinzu, welche Leute von ſeiner Stellung ſo gern annehmen, um zu zeigen, daß ſie mit Vornehmern auf einem vertrauten Fuße ſtehn. Kunkel und Benno bejah'ten ſchweigend, und wußten gar nicht, was ſie vor Verlegenheit anfangen ſollten. — Erlauben Sie, daß ich Sie vorſtellen darf, begann Kehlchen wieder. Meine Frau! Meine Tochter Hertha!— Herr Lieutenant van der Hagen! Herr Lieutenant von.. von... Hier mußte der Wirth, ſo bekannt er auch that, doch erſt die Karte noch einmal leſen, weil er den Namen vergeſſen hatte, und ergänzte dann: von Kunkel! Vielfache Verbeugungen erfolgten auf beiden Seiten, namentlich konnte Madame Kehlchen— die eine ſehr be⸗ leibte Dame war, und ſich mit bunten Bändern, goldenen Ketten, Ringen und einer großen Blumenhaube geſchmückt hatte— im Knixen gar kein Ende finden. Abermals drohte eine Pauſe einzutreten, doch der uner— müdliche Runkelrübenzuckerfabrikant knüpfte von neuem den Faden des Geſpräches an, indem er ſagte: Meine Herren, Sie ſind ja noch in Ihren Mänteln!— Friedrich, ſtehſt Du denn immer wie eine Bildſäule da? So thue doch, was ſich für einen Kammerdiener ziemt. Da ſtürzte der betreßte Hausknecht mit wahrer Vehe⸗ menz auf die beiden Offiziere, und wollte ihnen die Män⸗ tel abreißen. Dieſe umhüllten ſich zwar wie ſchüchterne Nonnen, allein der Diener ließ ſich ſo leicht nicht abſchre⸗ cken. Er drang nur heftiger auf die Fremden ein, und ſie mußten vor ihm einen Rückzug, bis gegen die Fenſter, er— greifen. Der Wirth glaubte, das ſei Blödigkeit von den Gäſten, und hielt es nun für ſeine Pflicht, ſelbſt Hand anzulegen. Es gab ein wahres Ringen, eine Art von Gladiatorenſpiel; die fettige Stimme der Frau vom Hauſe fiel laut nöthigend ein. Schon zeigte ſich unter Benno's Mantel ein Zipfel des mit bunten Blumenpalmen überſäe— ten Warſchauers, ſchon kam bei Kunkel ein roth und grün quarrirter Aermel hervor— die Beiden waren in der hoch⸗ ſten Verlegenheit, denn immer näher rückte der Augenblick, wo es den vereinten Bemühungen des Wirths und ſeines Dieners gelingen mußte, ihnen die Mäntel vollſtändig abzureißen. Aber ein unerwartetes Ereigniß befreite ſie von ihrer Angſt. Bei dem fortdauernden Hin- und Herzerren, bei den Verbeugungen und gegenſeitigen Höflichkeitsfloskeln, hatte der Kriegsſchauplatz ſich unvermerkt bis dicht an eine elegante Servante, die hinter ihren Spiegelſcheiben ſehr koſtbare Nippes barg, hingeſpielt. Kehlchen und ſein Alliirter machten juſt einen neuen Angriff auf die Lieute⸗ nants— als ein heller Klang erſcholl, dem lautes Klirren und Klappern folgte— als man ſah, daß eine Scheibe des Schrankes eingeſtoßen, daß hinter derſelben alles zer⸗ trümmert war. Im Schlachtgetümmel konnte unmöglich ergründet werden, wer eigentlich das Unglück angerichtet hatte, allein Jeder entſchuldigte ſich, und die hierauf eintre⸗ tende Pauſe benutzte Fräulein Hertha zu der Bemerkung: Wenn die Herren durchaus in den Mänteln bleiben woll⸗ ten, ſo möchte ſie der Vater doch gewähren laſſen. Die Tochter ſchien, was Bildung und geſellige Form betraf, die höchſte Inſtanz im Hauſe, und ihre Worte ſtell⸗ ten Ruhe und Frieden unverzüglich her. Der Wirth trock⸗ nete ſich den Schweiß von der Stirn; die athemloſen Gäſte 142 wickelten ſich wieder dicht in ihre Togen ein, Alle nahmen Platz, und Friedrich erhielt Befehl, das Gemach zu räumen. Es begann jetzt eine lebhafte Unterhaltung, deren Koſten aber Herr und Madame Kehlchen faſt ganz allein trugen, denn kaum hatte er aufgehört von ſeinen hohen Bekannt⸗ ſchaften und von ſeinem Einfluß bei den Miniſtern zu er⸗ zählen, als ſie im ungehemmten Strome von den Moden, vom Theater und Concert zu ſchwatzen anfing. Endlich fam die erſehnte Zeit, wo die Beſucher ſich empfehlen konnten, und ſie wurden, wie ſehr ſie dagegen auch proteſtirten, durch den Wirth noch die ganze Treppe hin⸗ unterbegleitet. — Charmante Leute! ſagte er, als er zu Frau und Tochter zurückkehrte. — Recht charmante Leute! erwiederte die Gattin. Und wie angenehm ſie ſich gleich zu unterhalten wußten! ſetzte ſie hinzu.— Zwar hatten Benno und Kunkel kaum zehn Worte geredet, aber viele Leute finden das Geſpräch am intereſſanteſten, wobei man ſie ganz ungeſtört erzählen läßt. — Der Adel ſucht unſer Haus jetzt ungemein! begann der Runkelrübenzuckerfabrikant, während er wohlgefällig mit den vier Petſchaften ſeiner ſchwergoldenen Uhrkette ſpielte. Wir gehören, ſo zu ſagen, zum erſten Cirkel. Charmante Leute! wiederholte Madam Kehlchen aber⸗ mals, denn ſie ſchwelgte noch immer in der Erinnerung, daß zwei Offiziere ſie unaufgefordert beſucht hatten, und dachte ſchon an die triumphirende Miene, mit der ſie es ihren Bekannten verkünden wollte.— Charmante Leute, nur ein wenig blöde ſcheinen ſie zu ſein! 143 Verdammte Blödigkeit! murrte der Hausherr, indem er ſich nach der zertrümmerten Servante umſah.— Koſtet mich wenigſtens zehn Thaler! Weißt Du, Albert— begann die Dame, indem ſie ſich ſtöhnend vom Sopha erhob und die Hand auf ihres Gat⸗ ten Schulter legte— weißt Du: ich denke, wir laden die beiden Jünglinge auf Montag zum Balle ein. Das wird ſie aufmuntern und für die Zukunft dreiſter machen. Es war immer mein Grundſatz, jungen Leuten von Stande unſer Haus nicht zu verſchließen. Und dann.. fünf Lieutenants haben wir ſchon... kommen dieſe beiden nun auch noch dazu, ſo kriegt die Commerzienräthin Schnipelski den blaſſen Tod vor Aerger. Wie Du willſt, meine Liebe! entgegnete der zärtliche Albert, und am andern Morgen brachte Friedrich die Ein⸗ ladungsbillets an Benno und Kunkel. Neuntes Capitel. Die nächſten Folgen des Beſuchs im Schlafrocke. Der Montag kam, vierzehn Fenſter in Kehlchens Hauſe ſtrahlten hell, und unabläſſig rollten Equipagen vor. Die Geſellſchaft zeigte ſich aus ſehr heterogenen Beſtand⸗ theilen zuſammengeſetzt. Da waren erſt die Collegen und Geſchäftsfreunde des Wirths nebſt ihren Familien, denn dieſe mußten heute ſchon vollſtändig gebeten werden, ſonſt kam die Maſſe nicht heraus, und es fehlte, ohne ſie, auch das Publikum, welches Kehlchens vornehmen Umgang be⸗ neiden und ſich darüber ärgern konnte. Hieran ſchloſſen 144 ſich die Beamten mit Frauen, Söhnen und Töchtern, denen ihr Gehalt beſſer erlaubt, Gaſtmäler zu beſuchen, als ſelbſt dergleichen zu geben. Die Krone des Ganzen end⸗ lich bildete ein Cirkel von vier bis fünf adligen Fami⸗ lien, wahrſcheinlich ſolche, die von Kehlchen eine Gefällig⸗ keit erhalten hatten, oder, was noch wahrſcheinlicher, die Gefälligkeit erſt erwarteten. Sie hatten ſich dicht zuſam⸗ mengedrängt, s. v. wie die Schafe beim Gewitter, flüſter⸗ ten unter ſich, und nur zuweilen wisperte leiſes Lachen aus dem Kreiſe hervor. Die Tänzer beſtanden größtentheils aus Handlungs⸗ commis' und aus Referendarien. Außerdem waren, wie wir bereits wiſſen, ſieben Lieutenants geladen, von denen aber heute noch zwei abſagen ließen. Ohne Zweifel hatte ſich denſelben die Ausſicht auf eine ebenbürtige Soirée er⸗ öffnet, und ſie brauchten ſich alſo für ein gutes Souper nicht erſt mit der Populace zu meliren. Benno, von ſeinem Leitſtern Kunkel geführt, war zur rechten Zeit erſchienen; ſie tummelten ſich im Saal umher, und jeder ſuchte ſich auf ſeine Weiſe zu beluſtigen. Als die Polonaiſe mit Cimbeln und Pauken vom Orcheſter herabdröhnte, traten ſie in die Reihen, und hörten nicht eher zu tanzen auf, als bis die große Pauſe des Soupi⸗ rens eintrat. Kunkel hatte mit altadligen und adelig alten Damen mediſirt, hatte den jungen Kaufmannstöchtern plumpe Schmeicheleien zugeflüſtert und ihnen die Hände gedrückt, hatte in Glace und Gelée eine wahre Niederlage angerichtet, hatte einen Contretanz commandirt, hatte den Wirth wegwerfend behandelt und ihm„malitiöſe Redens⸗ arten infinuirt,“ wie er ſich's vorgenommen. Er kam M M M jetzt zu Benno, und ſagte dieſem in's Ohr, daß er ſich „gottvoll“ amüſire. Auch Benno fühlte keine Langeweile, nur war es etwas anderes, was ihm die Zeit auf leichten Colibriſchwingen hinwegtrug. Hertha, die Tochter des Kaufmanns Kehl⸗ chen, ſah wirklich reizend aus. Sie ſtand in dem glück⸗ lichen Alter zwiſchen ſiebzehn und achtzehn Jahren, das der Mädchenſchönheit ſo zuträglich iſt, wie Lampenlicht dem Theaterputz. Ihr Teint war vom reinſten Lilienweiß, und heute hatte die Aufregung des Tanzes die ſonſt etwas blaſſen Roſen auf ihren Wangen dunkler angehaucht; im blonden Haare trug ſie ein Bouquet von Cyanen und Goldähren, und das weiße Atlaskleid, welches ihre jugend⸗ lich vollen Formen ſtraff umſpannte, dann aber im reichen Faltenwurfe niederfloß, war mit demſelben Schmuck beſetzt.— Benno hatte noch nie geliebt, allein er trug eine heiße Sehnſucht, ein wahres Bedürfniß nach Liebe im Herzen. Was er bisher begonnen, was er ergriffen hatte, wollte ihn nicht erfüllen; leer und ſchaal kam ihm alles vor. Da glaubte er ſeit einiger Zeit, dieſe Hohlheit der Seele er— gründet zu haben: Liebe war es, was ihm fehlte. Er beſaß weder eine Mutter, noch Geſchwiſter, an denen er mit rechter Innigkeit hängen konnte; ſein Vater war ein edler, trefflicher Mann, Benno ehrte und liebte ihn, ſchwärmte ſogar zuweilen für den vom Unglück Niedergedrückten, aber die ungeſtüm lodernde Gluth ſeines Innern bedurfte eines andern Gegenſtandes, um ihn flammend umſchlingen zu können. Hat ſolche Stimmung ſich einmal im Herzen eines jungen Mannes entfaltet, dann gleicht es der Pulver⸗ 10 146 tonne, welche jeder hineinfallende Liebesfunke zur Erplo⸗ ſion bringt. Nun denke man ſich eine reizende Sylphen⸗ geſtalt mit verlangenden Augen, wie Hertha, und rings umher die Eindrücke glänzenden Wohlbehagens und anmu⸗ thiger Freiheit— die Mine mußte entzündet werden. Denn nichts iſt in heutiger Zeit der Schönheit zuträglicher, um Herzen zu erobern, als jener Schimmer von gediegenem Lurus; er macht ſelbſt auf den eingewurzelten Romantiker ſein Recht geltend. Längſt hat ſich das Rein⸗Idylliſche aus unſerm Leben geflüchtet; Intelligenz und Comfort ha⸗ ben es verjagt. Benno kannte gewiß die niedern Regun⸗ gen des Geizes und der Habſucht nicht, dennoch würde Hertha keinen ſo tiefen Eindruck auf ihn geübt haben, wenn ihr Vater ein armer Schuhmacher geweſen wäre, wenn er ſie in der trüben Werkſtube ſtatt im leuchtenden Ballſaal, im einfachen Cattunkleid ſtatt in der atlaſſenen Robe ge⸗ funden hätte. Der Jüngling konnte ſein Auge nicht fortwenden von dem ſüßen Mädchenbild; das Blut klopfte ihm höher in den Pulſen, wenn er der Holden nahe ſtand, und als das Trompetenſignal zur Tafel rief, eilte er, ihr ſeinen Arm zu bieten. Nun ſaß er neben ihr an dem von Silber und Kryſtall ſtrotzenden Tiſche, er berührte ihr Gewand, und ihm wurde unausſprechlich wohl zu Muth. Noch nie hatte er ſich ſo befriedigt, ſo abgeſchloſſen ruhig gefühlt, als heute, aber zu ſagen wußte er ihr nichts, denn er fürchtete, das in Worte zu kleiden, was ihm auf der Zunge ſchwebte. Voll Verlegenheit begann er endlich, um doch etwas zu ſprechen: — Hertha, die milde, ſanfte Göttin, die fruchtſpendende 147 Erde, hat ſich in ihre ſchönſten Attribute gekleidet. Aehren und Kornblumen ſchmücken ſie, wie es ſich ziemt, denn ſie iſt nicht zufrieden, ihre Kinder, die Menſchen, zu ernähren, auch entzucken will ſie dieſelben durch Pracht und Fülle ihrer Gaben. — Soll ich mir das Compliment aneignen, erwiederte Hertha, das eigentlich meiner Namensſchweſter in Scandi— navien gehört, ſo bedanke ich mich ſchön dafür. Ob ich mich aber freuen darf, mit ihr verglichen zu werden, weiß ich nicht, denn ſie war eine finſtre, unheimliche Dämonin, die Gefallen daran fand, wenn ihr zu Ehren Menſchenblut an den Altären floß. — Das iſt nur eine Allegorie! verbeſſerte Benno, halb ſcherzhaft, halb gefühlvoll. Auch Ihnen würde Jeder ſein Herzblut froh zum Opfer bringen. — Eine heitere Allegorie! fuhr das Mädchen fort. Und ſind jene Geſchichten gleichfalls nur allegoriſch, die in Rügens grauen, ſchauerlichen Wäldern ſpielen? Iſt es allegoriſch, daß die Sclaven den Wagen Hertha's in die Fluthen des heiligen Sees zogen, der dort zwiſchen un⸗ durchdringlichen Eichen ruhte, und daß die Wogen dann über jene Unglücklichen zuſammenſchlugen, welche Niemand mehr erblickte? — Nein, das iſt Wahrheit! ſagte Benno begeiſtert. Die Diener hatten das höchſte Glück genoſſen, ſie hatten die Himmliſche ſchauen dürfen in ihrer ganzen Pracht und Hoheit, und ein ſolches Glück iſt mit dem Tode nicht zu hoch erkauft.— O, ich hätte an ihrer Stelle ſein mögen! fügte der Entzückte leiſe hinzu, daß es nur Hertha hören konnte, und preßte ſtürmiſch ihre Hand unter der Tafel. 10* —————— 148 Die Jungfrau erröthete, aber ſie ſah nicht böſe aus, und ließ die Hand noch einen Moment in der Hand des Jünglings ruhen, bevor ſie ihm dieſelbe entzog. Das Ge⸗ ſpräch, von den Nachbarn angeregt, wurde nun allgemein; Benno ſchwebte im Himmel, und jedesmal, wenn er aus dem Lilienkelche hellperlenden Champagner trank, lispelte er Hertha's Geſundheit dabei. Nach der Tafel tanzte man einen Cotillon, und das Mädchen zeigte deutlich, daß ſeine Worte ſie nicht beleidigt hatten, denn ſie brachte ihm in der Blumentour einen ſchönen Strauß und wählte ihn zum Tanz. Faſt graute der Morgen, als die Gäſte, tief in Mäntel gehüllt, auseinanderflogen. Benno hatte beim Abſchiede Hertha's Hand geküßt, er warf ſich nun, in glücklicher Schlummerloſigkeit, auf ſein Bett, glaubte die Geliebte fortwährend zu erblicken, und nannte ſie mit den ſüßeſten Schmeichelnamen. Am andern Tage, ſo früh es irgend paſſend war, ging er zu Kehlchens, um nachzufragen, wie ihnen der Ball be⸗ kommen ſei, oder eigentlich, um die Geliebte wiederzuſehen. Aber hier kam er etwas ungelegen; man war nicht vorbe⸗ reitet, und Madam ließ bereits alle Zimmer wieder fegen, waſchen und putzen, wobei ihr die Tochter huͤlfreich zur Seite ſtand. Herr Kehlchen ſelbſt war im Comptoir be— ſchäftigt, er mußte erſt gerufen werden, und man empfing Benno in einem Gemach, das alle Merkmale der Ball⸗ nacht an ſich trug. Unordentlich ſtanden Möbel und Leuchter mit herabgebrannten Lichtern umher, während die Tiſch⸗ und Fußteppiche hinausgenommen waren, um ſie auszuklopfen. Aber Benno ſah davon nichts, ſondern 1 ————————————··— 14⁴9 —— 2 hatte nur Augen und Sinn für Hertha, die ihm heute, im einfachen aber zierlichen Hausgewand, nicht weniger an— muthig erſchien, als geſtern im Ballcoſtüm. Er ſagte dem Wirth und der Wirthin die coloſſalſten Schmeicheleien, er konnte gar nicht aufhören, für das Ver⸗ gnügen zu danken, das ſie ihm bereitet hatten. Dieſe, mit den ſonderbaren Gewohnheiten der feinen Welt noch nicht gehörig vertraut, waren anfangs bedeutend erſtaunt über den unzeitigen Beſuch, denn Herr Kehlchen wollte heute ruhig ſeine Geſchäfte beſorgen, deſſen Gattin aber, als ſparſame Hausfrau, unter eigner Aufſicht, die Spuren des Balles verwiſchen laſſen. Das reichgeſpendete Lob ihrer Arrangements machte jedoch beide wieder muntrer, man unterhielt ſich lebhaft, und Benno wurde beim Abſchied ge⸗ beten, ihr Haus als das ſeinige zu betrachten, was der Jüngling mit ſo feurigen Dankſagungen annahm, als ob er ſonſt nirgendwo ein Obdach hatte. Als er fort war, verließ auch Hertha das Gemach, und das Ehepaar blieb allein. Madam Kehlchen ſaß auf dem Sopha, und ſuchte mit dem Schnupftuch einen Wachsfleck aus dem davorſtehenden Mahagonitiſchchen zu vettilgen, während ihr Gemahl knarrenden Schrittes auf und nieder⸗ ging. Plötzlich ſtand er ſtill, ſah ſeine Ehehälfte an, und ſagte: Ich glaube gar, der Lieutenant hat Abſichten auf unſere Hertha. — Es ſcheint mir auch beinahe ſo, entgegnete die Dame, indem ſie ungeſtört zu reiben fortfuhr. — Nun, das wäre mir gerade recht! rief der Run⸗ kelrübenzuckerfabrikant. Auf den Bällen ſind dieſe Her⸗ ven gut— — ů——— —£ — Ach ja! unterbrach ihn die Reiberin, emporblickend und ſelig lächelnd. Ein Ball ohne Offiziere iſt wie eine Haube ohne Blumen... leer und kahl! — Aber ehe ich meine Tochter einem ſolchen Herrn von Habenichts gebe, der es nur auf die Goldſtücke ſeines Schwiegervaters abgeſehen hat, lieber ſoll ſie mein unterſter Commis zur Frau bekommen. — Freilich, lieber Mann! Freilich iſt ein armer Lieutenant keine Partie für unſer Hertchen. Allein ſo ohne Weiteres wollen wir die Sache auch nicht abbrechen, denn es wäre doch möglich, der Hagen könnte ein reicher Lieu⸗ tenant ſein. — Möglich wohl, aber nicht wahrſcheinlich! — Nun gut, ſo erkundige Dich genau nach den Ver⸗ hältniſſen ſeines Vaters, und bis die Antwort kommt, hal⸗ ten wir ihn hin, und ſuchen ihn durch Hoffnungen, die ihm in der Ferne gezeigt werden, zu ködern. Kommt der Brief, und er iſt der Sohn ſo eines invaliden Rittmeiſters, der von den paar Groſchen Penſion lebt, oder eines armen Schluckers von Landedelmann, deſſen Korn ſchon immer aufgegeſſen iſt, ehe es noch blüht, dann will ich ihm den Weg aus unſerm Hauſe zeigen, daß ihm das Wiederkom⸗ men vergehen ſoll. Hat er aber ein Majoratchen fur einige Hunderttauſende zu erwarten, dann kriegt er das Mädchen, und die Commerzienräthin Schnipelski überlebt es gewiß nicht, wenn Hertha eine adlige Dame wird und man ſie öffentlich„meine allergnädigſte Frau!“ anredet.— Nur vorſichtig muß man ſein! Dieſer Rath der„wackern, verſtändigen Hausfrau“ wurde ohne Einwendungen befolgt, und noch denſelben Tag ſchrieb Kehlchen, an Pünktlichkeit gewöhnt, einem Geſchäftsfreunde in jener Stadt, wo Benno's Vater lebte, und erſuchte ihn um zuverläſſige Auskunft über die Ver⸗ mögens⸗Umſtände des letzteren. Der muthmaßliche Frei⸗ werber war unterdeß mehrere Male im Hauſe, und man behandelte ihn weder kalt noch warm, ſo daß er weder an— gefeuert, noch abgeſchreckt wurde. Eines Tages empfing der Runkelrübenzuckerfabrikant das erſehnte Schreiben, und ſein Correſpondent theilte ihm mit— „Herr van der Hagen müſſe, wie man allgemein ſich über⸗ zeugt halte, ein Millionär ſein, denn er habe nicht blos ſeine höchſt einträglichen Fabriken eingehen laſſen und ſich zur Ruhe geſetzt, ſondern in ſolchem Umfange, wie er, Wohlthaten üben, könne auch nur ein Mann, welcher jähr⸗ lich über ganz enorme Summen commandire. Benno aber ſei deſſen einziger Sohn und Erbe.“ — Nun! begann Madam Kehlchen, als ihr der Gatte den Brief unter vier Augen vorgeleſen hatte. Nun, wer hat es geſagt? Ja, ich habe in ſolchen Dingen einen ſchar— fen Blick! Geſchäfte ſind Eure Sache, aber vom Hauswe⸗ ſen und von Familienangelegenheiten verſteht ihr Männer auch gar nichts, und wenn wir Frauen das nicht ordneten, ſo würde Alles drunter und drüber gehn. Die weiſe Frau war plötzlich ganz munter geworden, ſie ſchob ſich in ungewöhnlicher Eile bis zum Klingelzug und ſchellte. Nach einer langen Pauſe kam Friedrich, der heute in ſeiner eigentlichen Stellung als Hausknecht be⸗ ſchäftigt war; Hände und Geſicht zeigten dunkle Rahm⸗ flecke, und die blaue Flanelljacke, die er trug, ſah einer Livree nicht ſehr ähnlich. ——————————————— 152 — Ziehe Dir den guten Rock an, ſprach ſeine Gebieterin, und gehe zum Herrn Lieutenant van der Hagen—— Seine Wohnung kennſt Du doch? — Ja! brummte Friedrich. Ich habe jetzt aber nöthi⸗ gere Dinge zu thun, Madam. — Raiſonnirſt Du ſchon wieder gegen? eiferte dieſe. Friedrich, ich laſſe Dich gewiß laufen, wenn Du Dir das nicht abgewöhnſt.— Gehe nur hin— fuhr ſie, gleich wieder milder werdend, fort— und ſage dem Herrn Lieutenant van der Hagen: wir ließen ihn bitten, uns heute Abend ganz vertraulich zu einer Taſſe Thee zu beſuchen. — Schön! erwiederte Friedrich, halb beſänftigt, und ging hinaus. Auch Kehlchen verließ das Zimmer, und ſeine Gattin rief ihm nach: Hauptſächlich ſollte es mich um die aufge⸗ blaſene Commerzienräthin freuen, wenn etwas aus der Sache würde, denn ſeit ihre triefäugige Minna den Aſſeſſor Polke geheirathet hat, iſt mit dem Weibe wirklich nicht mehr auszukommen. Hierauf ſuchte die Beſorgliche ihre Tochter Hertha auf, und ſprach zu dem Mädchen: Hertchen, der Lieutenant Hagen ſcheint Abſichten auf Dich zu haben. Wir ſind im Beſitz genauer Nachrichten über ihn. Sein Vater iſt ein ſteinreicher Mann, und der hübſche Jägeroffizier erbt ein⸗ mal ſeine Million. Mehr brauche ich Dir nicht zu ſagen, denn Du biſt ein geſcheutes Kind. Heut' Abend kommt er zum Thee; wir werden allein ſein, alſo nimm Dich zuſam⸗ men, und ſei recht freundlich gegen ihn. Benno kam, nichts ahnend, zur Theeſtunde, und wurde in einem traulichen Cabinet empfangen. Die Lauheit war ——————— —— ——— T———————— „ 153 verſchwunden, ſie hatte einer innigen Wärme Raum ge⸗ macht, und man behandelte ihn mit der liebevollſten Auf⸗ merkſamkeit. Hertha ſaß neben ihm auf dem weißen Divan, der die Wände umzog, ſie bereitete ſeinen Thee, und ſah ihn ſo mild, ſo ſeelenvoll mit ihren herrlichen Augen an, daß ihm die Sinne zu ſchwindeln begannen. Er ergriff im Feuer des Geſprächs die Hand der reizenden Hebe; ſie zog dieſelbe nicht zurück. Er drückte ſie ſanft, und fühlte einen Gegendruck, der ihm des Aetna Feuer durch die Adern jagte. Nun war er nicht mehr im Stande, das volle Herz zu beſchwichtigen; es drohte, ihm die Bruſt zu zerſprengen. Benno fragte die Eltern, ob ſie ihm ihre Tochter zur Gat⸗ tin geben wollten, er fragte die Tochter, ob ſie mit ihm durch's Leben gehen möchte, und erhielt, unter der Bedin— gung, daß ſein Vater einwillige, das Jawort. Mitternacht war vorüber, als der glückliche Bräutigam zu Hauſe ankam, und im erſten Wonnetaumel den Brief an ſeinen Va⸗ ter ſchrieb. Bald kehrte eine freudige Antwort von dem alten Herrn zurück; derſelbe hatte für Benno's Bräutchen einen koſtba⸗ ren Diamantſchmuck beigefügt, und die Verlobung wurde nun proklamirt. Zehntes Capitel. Reiſeſehnſucht und Abſchied. Es gehört noch zu den fehlerhafteſten Abkommen in unſerm geſellſchaftlichen Zuſtande, daß ſchon die Verlobung als ein Band betrachtet wird, welches nicht gelöst werden kann, ohne die Parteien zu compromittiren. Eigentlich „ ſpollte ſie nur die Vorrede zum Eheſtand ſein, wobei der Leſer die entſcheidende Frage zu prüfen hat, ob das Werk für ihn paſſe, oder nicht. Fühlen die Verlobten nun, daß ſie ſich nicht verſtehen, daß die Schreibart ihnen zu gelehrt, zu mhſtiſch, oder zu platt ſei, ſo müßten ſie ruhig umkehren können, wie man das Buch zumacht und es aus der Hand legt. Die Bekanntſchaft, welche der Verlobung vorhergeht, iſt doch immer nur mit einem Titelblatte zu vergleichen, und ein ſolches giebt oftmals zu den größten Mißverſtändniſſen Anlaß. Tiefſinnige, herzinnige Bücher tragen zuweilen die matteſten, unſcheinbarſten Aufſchriften, während ſich hinter zarten Blumentiteln oft Flachheit und gemeiner Sinn verſteckt. Hat man ſich aber erſt einmal in das Werk ſelbſt hineingeleſen, dann iſt es immer unangenehm, ſich davon koszumachen, ob es auch eine unbehagliche Stim⸗ mung hervorbringen mag. Benno war nun Bräutigam, und die erſten Wochen vergingen in ſolchem Trouble, daß er vor Glück und Lär⸗ men gar nicht zu ſich kam. Wie ein Paradebild mußte er neben der Braut ſitzen, das unzuzählende Heer der Beſucher empfangend, welche ihre Glückwünſche darbringen und Stoff zu ergötzlichen Bemerkungen über das neue Paar einſam⸗ meln wollten. Da erſchien die Baronin von Knuck, gratulirte, und ſprach ſich ungemein freiſinnig über die Verbindungen zwiſchen Geburts⸗ und Geld- Ariſtokratie aus. Sie hatte einen dickköpfigen, ſchielenden Jungen von etwa ſechszehn Jahren mit ſich, und deutete ziemlich bemerk⸗ bar an, daß ſie gar nichts dagegen habe, wenn auch aus dieſem ihren Söhnlein und aus Kehlchens dreizehnjähriger Hermine einſt ein Pärchen würde. ——. mmm 155 Hierauf ſtürmte die Commerzienräthin Schnipelski herein, umarmte die Braut, weinte einige Thränen der Rührung am Halſe der Mutter, und machte die intereſſante Mittheilung: ſie hätte das Verhältniß ſchon lange gemerkt, und hätte immer geſagt, es gäbe gar keine hübſchere und paſſendere Partie in der Welt, als Kehlchens Hertha und den Lieutenant van der Hagen.— Dieſer theilnehmenden Dame folgte ihr Schwiegerſohn, der ſteife, gezierte Aſſeſſor Polke, ſeine Gattin am Arme führend. Ob die letztere ebenfalls weinte, oder ob ſie das Schnupftuch aus andern Gründen zu den Augen führte, haben wir nicht erfahren können. Uebrigens war die Frau Aſſeſſorin nicht im Stande, nachdem ſie ihren Glückwunſch angebracht hatte, einige ſpitze, empfindliche Bemerkungen zu unterdrücken, denn wie liebenswürdig ſie ſonſt auch ſein mochte, ſo trug ſie doch gegen alle Leute, die keine Triefaugen hatten, einen Groll im Herzen. Ein paar Hundert andere Gratulanten traten ein; je⸗ der ſagte daſſelbe, und Benno mußte jedem daſſelbe ant⸗ worten. Auch ſeine Kameraden erſchienen; der Lieutenant von Kunkel ſpielte auf die gemeinſame Schlafrocksviſite an und machte einige unzweideutige Späße— kurz, der Bräutigam wurde völlig zur Verzweiflung gebracht. Als ſich die Fluth der Glückwünſchenden endlich ver⸗ lief, kamen die Gegenbeſuche, die Familienfeſte und andere läſtige Dinge. Doch ſelbſt an einzelnen ruhigeren Tagen konnte Benno nicht ganz zu dem abgeſchloſſenen Gefühl inniger Befriedigung gelangen, das er ſo ſicher erwartet hatte. In der Wohnung ſeiner Schwiegereltern herrſchte ein Lurus, welcher mehr dazu diente, das Leben unbehag⸗ —— 156 lich, als angenehm zu machen. Ueberall ſtand Porzellan, Glas und Alabaſter umher; man ſchwebte fortdauernd in Gefahr, etwas umzuſtoßen, und fand kaum ein Plätzchen, wo man ſich ſorglos niederlaſſen konnte. Einen ähnlichen Eindruck brachte, ohne daß er ſich's geſtehen wollte, Hertha auf ihren Verlobten hervor. Sie war ſchön und gebildet, aber es mangelte ihr jener tiefe, laſurne Hintergrund, der die Sonne des Geiſtes erſt ſo herrlich macht— ihr fehlte das Gemüth. Wenn Benno, in ſtiller Einſamkeit, ſeine beſten, glühendſten Empfindungen ihr enthüllte, blieb ſie unberührt davon, wurde nicht hingeriſſen von dem ſtür⸗ miſchen Drang, ſondern ſah ihn fragend an; ſie verſtand ihn niemals. Wahre Eisluft wehte oft aus des Mäd⸗ chens wohlberechneten Worten hervor, und ließ die poeti⸗ ſchen Zauberblumen, die in Benno's Seele feurig duftend emporwuchſen, unter ihrem merkantiliſchen Hauch erſtarren. Hertha's Geburtstag kam, und der Bräutigam brachte ihr ein prächtiges Collier, von einem Liede begleitet, das ſeine tiefinnerſte Sehnſucht ausſprach. Lange beſchäftigte ſie ſich mit dem Geſchmeide, nahm dann einen Augenblick das Ge— dicht zur Hand, las es durch, und ſagte:„Ei, wie galant!“ Hierauf ergriff ſie wieder das Halsband, zeigte es im ganzen Hauſe umher, und von den armen Verſen war nicht die Rede. Um Benno's Gemüthsſtimmung darzuſtellen, mögen hier einige Worte aus dem Briefe wiederholt werden, den er damals an Arwed ſchrieb:„Ja, Dir, meinem treuſten Jugendfreunde“— hieß es darin—„darf ich es nicht verhehlen, woraus ich der Welt ein Geheimniß mache: ich bin nicht ſo innerlich freudig, wie es den Anſchein hat. —————— 157 Ein dunkles Verlangen, ein unbewußtes Gefühl, daß mir Etwas, und zwar etwas Bedeutendes, fehle, jagt mich aus Ruhe und Frieden auf. Aber glaube ja nicht, daß meine Braut daran Schuld ſei! Nein, ſie iſt ein gutes, himmels— . ſchönes Weſen. Nur an mir, an mir allein liegt die Schuld, und ich habe wieder meine allzufreie Stellung an⸗ zuklagen. Solche breite, nirgends beſchränkte Unabhängig⸗ keit giebt immer ein gewiſſes Schwanken; der ſichere Halt an einem feſten Punkte mangelt mir ſehr. In jugendlicher Unbeſonnenheit, in der Gewohnheit, alle meine Neigungen befriedigen zu können, glaubte ich, wenn mich die Liebe feſſ'le, würde aller Sturm und Drang geſtillt ſein, und ſo verlobte ich mich mit Hertha. Nun iſt das Toſen und Treiben in mir nur noch ärger geworden, grenzenloſe Sehn— ſucht zieht mich in's Ferne, um Leben und Weben, Welt und Menſchen zu ſchaun. Zwar geb' ich mir Mühe genug, dies Gelüſten zu bekämpfen, und rufe mir wohl täglich Goethe's Worte zu: Sehnſucht in's Ferne, Künftige zu beſchwichtigen, Befleißige dich hier und heut' im Tüchtigen. Aber das hilft mir alles nichts. Mein Stand bietet keine Gelegenheit zur emſigen Thätigkeit, und ich fühle auch, daß ein Mann, der nicht draußen war, der ſich nicht im Leben die Lebenskraft gewonnen und ihm die Erfahrungen abgerungen hat, ein bleiches Zwittergeſchöpf bleiben muß.— Ach Gott! die Wellen der Reiſeluſt werden gewiß über meinem Haupte zuſammenſchlagen, und mich entweder mit ſich fortreißen, oder mich in ihrem Abgrund begraben.“ An einem lauen Märzabend hatte Benno einige Gänge zu machen, die ihn vor's Thor hinausführten. Der letzte 158 ———— ———————— rothe Schein glomm wie geſchmolzenes Gold am Himmel, die Fliederbüſche hatten ſchon Knospen, und aus Weſten fächelte eine drangerweckende Vorfrühlingsluft herüber. An den Bergen wand ſich die helle Chauſſeeſtraße empor, und dort ſchmetterte ein Poſthorn mit luſtig verlockendem Klang. Der Jüngling wurde von Trauer und Sehnſucht übermannt; er hätte beinahe geweint, und konnte heute Abend nicht zu Kehlchens gehen, denn tiefe Wehmuth zer⸗ drückte ihm die Bruſt. Er verſuchte zu ſchlafen, allein das Poſthorn tönte ihm zu laut im Ohre, als daß er den Schlummer finden konnte. Nichts zeitigt Entſchlüſſe ſo ſchnell, als eine ſchlafloſe Nacht, und auch Benno empfand es nun klar, daß er reiſen, weit reiſen müſſe, um ruhig und glücklich zu werden. Da faßte er den Vorſatz, ſich Mor⸗ gens früh beim Commandeur Urlaub zu holen, und auch nicht eine Woche mehr hier müßig zu verweilen. Die Glocke hatte noch nicht acht geſchlagen, als Benno, mit Tzako und Schärpe angethan, im Vorzimmer des Obriſten von Strubbing ſtand und ſich melden ließ. Der letztere war ein tapfrer Mann, hatte ſich im Kriege aus⸗ gezeichnet, trug die ganze Bruſt voll Orden, und Benno hegte beſondere Hochachtung für ihn. Jetzt fand er ihn jedoch in einem ſeltſamen Aufzug. Das Zimmer war eng und düſter; an der Wand hingen etliche Landkarten, die vom Tabacksqualm, der den ganzen Raum erfüllte, ſo ge⸗ bräunt waren, daß man unmöglich einen Buchſtaben dar⸗ auf zu erkennen vermochte. Im eigentlichen Kern der Dampfwolken aber ſaß, auf einem Rollſeſſel, der Obriſt, aus mächtiger Pfeife rauchend, und aus einer im Verhält⸗ niß nicht kleineren Mundtaſſe den Morgenkaffee ſchlürfend. ————— —————. 159 Sein graues Haar bedeckte eine grünwollene Schlafmütze, und darunter ſah das kupfrig rothe Geſicht hervor, deſſen großer Schnurrbart vom Schnupftaback halb braun gefärbt war. Sonſt trug der Obriſt einen gelbſeidenen Schlafrock, auf welchen ihm die eitle Gemahlin einen abgelegten Or⸗ densſtern geheftet hatte, und ſein rechter Fuß war mit einem bunten Pantoffel bekleidet, während das linke Bein, bedeu⸗ tend vom Podagra geplagt, im gewaltigen Seehundsſtiefel ſteckte. Der wackre Krieger war beſchäftigt, einen ſtumpf⸗ nüſtrigen Mops abzurichten, und er ſchien ſich dabei nicht blos der neuern, ſondern auch der ältern Edukationsme⸗ thode zu bedienen, denn ſowohl ein Milchbrod, als ein Kantſchu unterſtützten ihn. Nachdem der Lieutenant ſeinen Gruß dargebracht und Strubbing denſelben jovial erwiedert hatte, begann Benno: — Es wundert mich, Sie ſchon ſo früh aufzufinden, Herr Obrift. — Ja, lieber Lieutenant: Mosis musis micis. — Wie befehlen Sie? — Wir Lateiner ſagen: Mosis musis micis. Verlegen ſtotterte Benno heraus: daß er das nicht verſtehe. — Ich glaube es wohl! ſagte von Strubbing ſelbſtge⸗ fällig, und ſetzte im Lehrertone hinzu: Das heißt: Mosis= die Morgenſtunde, musis= hat Gold, micis= im Munde. Der Jüngling konnte nur mit Mühe ein Lächeln unter⸗ drücken. Er erbat ſich Urlaub auf unbeſtimmte Zeit, um ſich die Welt anſehn zu können. — Wollen Sie reiſen? fragte der Obriſt. — Zu Befehl! entgegnete Benno. 160 — Weit? — Zu Befehl! — Das iſt brav, mein junger Freund! Stubenhocker werden immer ſchlechte Soldaten und ſchlechte Ehemänner. Nur draußen in der Fremde lernt man Umgang und Be⸗ handlung aus dem ff. Sehen Sie mich an, ich bin ein alter Kerl, aber in meinem Hauſe muß Alles pariren, als ob es lauter Soldaten wären. Und das kommt daher, weil ich mich im Felde ſo weit herumgetummelt habe, weil ich mit ſo vielerlei Leuten in Berührung gekommen bin.— Heiliges Donnerwetter! wenn ſich meine Frau unterſtehen wollte, mir zu widerſprechen, da müßte—— Der Obriſt hatte, um dieſen Worten mehr Nachdruck zu geben, den Krückſtock ergriffen, welcher neben ſeinem Stuhle ſtand, und focht durch die Luft. In demſelben Moment vernahm man die keifende Stimme der Frau von Strubbing, draußen am Ende des Corridors; ihr Gatte ſtellte die Waffe bei Seite und fuhr, milderen Tones, fort: Mitunter ſind die Weiber hölliſch borſtig, aber wenn man ſie nur zu nehmen weiß, ſo bezähmt man ſie am Ende doch. Das Toben der Hausfrau rückte näher, und in dem Grade wie es immer lauter tönte, ſank Strubbings Stimme immer leiſer herab. Jedesmal, ſagte er, hilft die Barſch⸗ heit freilich nicht, und man beſänftigt oft eine aufgebrachte Frau durch Nachgiebigkeit viel ſchneller.— Meine Gattin ſcheint mir etwas mittheilen zu wollen! fügte der Obriſt dann flüſternd hinzu, indem er den Hund unter das Sopha jagte.— Reiſen Sie mit Gott, lieber Hagen! Benno empfahl ſich, und entſchwand aus der Thür, mußte aber noch hören, wie die Gemahlin des Kriegshel⸗ 3—————————— ——— *. den, gleich nach ſeinem Abgang, in's Zimmer raste, und den gutmüthigen Hausherrn zu ſchelten begann, während dieſer ſie durch milde Schmeichelworte zu beruhigen ſtrebte. Der Lieutenant legte ſeine preſſende Uniform ab, zog den bequemen Civilrock an, und fühlte ſich nun ſchon freier. Gleich darauf begab er ſich zu Hertha, um ihr und den Eltern ſeinen Entſchluß zu verkünden. Die Eröffnung deſſelben weckte keineswegs den heftigen Widerſpruch, wel⸗ chen Benno erwartet hatte. Der Schwiegervater meinte zwar: er könne nicht begreifen, wie Jemand reiſen möge, ohne entweder Geſchäfte zu haben, oder, ſeiner Geſundheit wegen, in's Bad zu gehn; zu Hauſe ſei alles viel bequemer und nicht halb ſo theuer, als unterweges. Hertha dagegen meinte: es ſei hübſch, wenn der Mann viele Reſidenzſtädte und Naturmerkwürdigkeiten geſehen habe, und ſie freue ſich ſehr auf die Briefe, noch mehr aber auf die Erzählungen nach Benno's Rückkehr. Madam Kehlchen ſtimmte der Tochter vollkommen bei, und ſo war die Sache denn ab⸗ gemacht. Je näher der Tag der Abreiſe kam, deſto beklommener wurde dem Jüngling, und am letzten Abend ſaß er düſter ſchweigſam in Kehlchens Wohngemach. Er blickte der ſchönen Braut in die großen Himmelsblumen ihrer Augen, und küßte ſie, und hätte gern alle Reiſepläne umgeſtürzt, wäre er nicht vom Gefühl der Schaam zurückgehalten wor⸗ den. Man ging zum Abendeſſen. Alle ſaßen einſilbig bei Tiſche, und Benno'n rollten warme Thränen auf jeden Biſſen, den er aß. So erſchien die Stunde, zu welcher die Eltern gewöhnlich ſchlafen gingen, ſie nahmen Abſchied von dem Schwiegerſohn, gaben ihm noch viele Vorſichts⸗ 11 162 und Geſundheitsregeln mit auf den Weg, und ließen die Verlobten allein. Dieſe ſaßen an den beiden Fenſtern des Zimmers, ein⸗ ander gegenüber. Die Flügel ſtanden offen, draußen ſchien der Mond phosphorhell, und beleuchtete die Fronten der ſtolzen Häuſerreihe. Weder Hertha noch Benno ſprachen ein Wort; der Jüngling fühlte ſich ſo trüb, ſo krank im Innern— er glaubte ſterben zu müſſen. Lange, lange verharrten ſie in völliger Regungsloſigkeit, Mitternacht war vorbei, und noch immer konnte ſich Benno nicht aufraffen aus der lähmenden Wehmuth, er fühlte es, daß er nicht fort könne. Aber in die ſchmerzlichſten Stunden fällt oft ein komi⸗ ſcher Klang, gleich einem ſpaßhaften Kobold, hinein; er er⸗ friſcht die gebrochenen Herzen und giebt ihnen neuen Le— bensmuth. So geſchah es auch jetzt. Unten, auf dem mondbeſchienenen Pflaſter, taumelte plötzlich ein Betrunke⸗ ner entlang, und ſang mit lauter Stimme ein lateiniſches Kirchenlied. Dadurch wurde Lorchen, der grüne Papagei, welcher neben Benno im vergoldeten Ringe ſchwebte, aus dem Schlummer geſtört, und ſchrie ein„Dummkopf!“ durch's offene Fenſter hinab. Nun wendete ſich der Mann empor; er glaubte ein Menſch habe ihn geſchimpft, und ſeine lallende Zunge ſtieß eine Fluth von Scheltworten aus. So lange das dauerte, blieb Lorchen ſtill, kaum aber gab ſich der Fremde zufrieden, und begann von neuem den Kirchengeſang, als ihm der Vogel auch wieder einen„Dummkopf!“ zurief, der von unten abermals durch Schelten und Schimpfen vergolten wurde. —— — —— 163 Dieſe närriſch eigenthümliche Scene war die beſte Arz⸗ nei, Benno's Lethargie zu beſiegen. Schon klopften ſeine erſtarrten Pulſe wieder, und all ſeine Entſchloſſenheit kehrte ihm zuruͤck. Er lauſchte nach Hertha hinüber, doch ſie ſaß noch immer ohne Regung, und nur ſchwere Athemzüge ver⸗ nahm er, wie unterdrücktes Weinen. Der Jüngling ſtand auf, näherte ſich leiſe der Geliebten, und wollte den Arm um ſie ſchlingen, wollte ſie mit zärtlichen Worten tröſten, doch— Himmel!— was ſah er! Sein Haar ſträubte ſich, ſeine Augen ſtarrten; Hertha war— eingeſchlafen. Bald faßte ſich Benno, er weckte ſie nicht, ſondern hauchte nur einen ſtillen Kuß auf ihre Roſenlippen, ging dann ohne Abſchied hinweg, und ſaß am nächſten Morgen, als die Sonne heraufſtieg, im rollenden Poſtwagen. Eilftes Capitel. . Briefe aus der Heimath. Sechs Monate dauerte Benno's Reiſe bereits; er hatte Deutſchland und die Schweiz durchzogen, dann aber ſeinen Weg nach Italien gelenkt. Nähere Nachrichten über ſein Leben und Weben mangeln uns, indeß fuͤhrte uns der Zufall in Beſitz eines Briefes, den er, von Florenz aus, an Arwed richtete. Derſelbe enthielt folgende Stellen: „Hier empfand ich's recht, welche Gewalt die Kunſt auf unſere Seele übt. Ich trat in die Tribuna. Wun⸗ dervolle Farbenſchöpfungen milderten mir den innern Sturm, und ruhig ernſte Marmorgeſtalten waren der Stab, an dem ich mich emporhob. Die Kunſt iſt doch Alles! Sie glättet, ſie läutert uns, ſie lehrt uns eine ——— — .———— S 164 edle Ruhe, und ohne ſie fällt unſer Geiſt in wüſtes Chaos zuruck. Fortan will ich mich ihr zuwenden mit Feuer und Kraft, ich will ihre Meiſterwerke ſtudiren, will meinen Sinn an ihrer Formenſchönheit erfri⸗ ſchen. Dann wird ſich mir der Ausweg aus dem La⸗ byrinthe zeigen, in das ich durch eigne Schuld gera⸗ then bin, weil ich bisher ein unkünſtleriſches Daſein führte, weil ich, wie ein Botokude, nur der rohen Stimme des augenblicklichen Dranges gehorchen wollte.“ „Hertha beſitzt ein viel geordneteres Gemüth, als ich; ſie hat jene plaſtiſche Bildung, die mir mangelt. In meiner Blindheit nahm ich das für Kälte, für Herz⸗ loſigkeit, und fürchtete, wir würden nicht glücklich mit einander ſein. Jetzt empfinde ich, daß mir eben ſolch ein Weſen mit klarem und ſchönem Geiſte zur Seite ſtehen muß; ich würde ſonſt haltlos umhertaumeln, wie ein Blatt im Sturm. Freilich hat die Natur eigentlich den Mann zum Stützpunkt beſtimmt; das Weib ſoll ſich an ihn klammern, wenn Zweifel und Zagen ſie be⸗ drängen, er ſoll ſie dann zugleich ſchirmen und auf⸗ richten. Kann ich aber dafür, daß mir der Himmel dieſe kalte granitne Feſtigkeit verſagt hat, daß jedes Frühlingslüftchen mich mit ſich fortreißt? Muß ich nicht ein göttliches Walten darin erkennen, daß mir die ſichre, beſonnene Hertha zur Seite geſtellt wird? Arwedb, ich verdiene die Liebe des holden und klugen Mädchens kaum; nur durch innige Treue kann ich ihr danken für alles, was ſie mir bietet. Ach Gott, mein Reiſen wird nun gewiß bald ein Ende haben, denn unaufhalt⸗ ſames Verlangen zieht mich zu der Geliebten heim.“ FFTꝓ 165 Benno kürzte wirklich den Aufenthalt in Italien bedeu⸗ tend ab. Weder Roms unendlicher Reiz, noch Neapels Wunderküſten vermochten ihn dauernd zu feſſeln. Eine magiſche Gewalt lenkte ihn der deutſchen Heimath zu, und ehe er ſelbſt wußte, wie es geſchehen, fand er ſich am Rhein, und fuhr auf deſſen Wogen hinab, das Ufer erſt in Köln betretend. Theilnahmlos ſah er die tugend⸗ haften altkölniſchen Bilder an, doch ſtand er entzückt vor dem herrlichen Dom, der unvollendet ſchon eine Ruine iſt. Dieſe Unabgeſchloſſenheit giebt ihm jenen poetiſchen Zau⸗ ber, der auch Gvethe's Fauſt umwallte, ſo lange er Frag⸗ ment geweſen; und es iſt lebhaft zu bedauern, daß man den Dom fortſetzen, daß man einen zweiten Theil daran⸗ bauen will. Benno brauchte ſeinen Fuß nur über den Rheinſtrom zu ſetzen, um Frankreich zu ſehen, das er immer ſo voll Liebe und Bewunderung betrachtet hatte. Dort ſteht die Zeitenuhr niemals ſtill, und durch die Pulſe aller Franzoſen wogt der Fortſchritt, weil er tief in's Volksleben gedrungen iſt. Seit früher Jugend war es Benno's ſehnlichſter Wunſch geweſen, Paris, die Metropole unſrer modernen Welt, zu beſuchen, und jetzt, wo die Erfüllung jenes Ver⸗ langens kaum einen leichten Entſchluß erforderte, jetzt zö⸗ gerte er. Er ſchwankte, ob er ſeine Reiſe vollenden, oder zu der ſüßen Braut heimkehren ſolle. Benno, der willen⸗ loſe Selave ſeiner Neigungen, würde auch diesmal, der innern Stimme gehorchend, nach Hertha's Wohnort zurück geeilt ſein, hätte nicht ein unerwartetes Ereigniß in die Speichen ſeines Lebenswagens gefaßt, und demſelben eine neue Richtung gegeben. ——————————————— 166 Eines Abends ſaß er einſam im Gaſthofe; der Mond ſtand ſilbern am leicht bewölkten Himmel, ruhig wallte unter den Fenſtern der Rhein vorbei, drüben in Deutz ſpiegelten ſich erleuchtete Häuſer in den Fluthen, und fern lagen die Felshäupter des Siebengebirges. Durch Benno's Seele wehte ein namenloſes Drängen, aus Glück und Bangigkeit gemiſcht; haſtig ſchritt er im Zimmer auf und ab, als ein Anklopfen hörbar wurde. Der Kellner brachte Briefe, und eilig öffnete Hagen das Couvert des Einen, denn Siegel und Handſchrift verriethen, daß er von der Geliebten komme. Zuerſt hatte Herr Kehlchen geſchrieben, und ſeine Zei— len lauteten: Sehr geehrter Herr Lieutenant! Ihr werthes Schreiben vom 18. v. M., aus Mai⸗ land datirt, iſt mir geworden, und habe ich mich gefreut, daraus Ihr Wohlſein zu erſehen. Inzwiſchen iſt mir aber eine amtliche Zuſchrift aus Ihrem Geburtsorte zugegangen, welche— wir ſind ja Alle hinfällige, ſterbliche Menſchen!— den plötzlich erfolgten Tod Ihres Herrn Vaters meldet. Die ſtattgefundene Ver⸗ ſiegelung und gerichtliche Taration haben dargethan, daß ſich deſſen nachgelaſſenes Vermögen höchſtens auf einige tauſend Thaler beläuft, indem ſich der Selige durch Ausgaben, welche ſeine Kräfte überſtiegen, finan⸗ ziell ruinirt hat. Bei den obwaltenden Verhältniſſen werden ſich Euer Hochwohlgeboren wohl ſelbſt ſagen können, daß ich die Verlobung mit meiner Tochter Hertha als nicht geſchehen betrachten muß. Wir ſchloſſen das Bündniß 167 in der Meinung, beide Theile ſtänden ſich an Vermö⸗ gen gleich, doch da ſich nun erweist, daß wir im Irr⸗ thum waren, ſo löst ſich das Band natürlich wieder auf. Ungleiche Ehen taugen nicht, ſie führen immer zu Vorwürfen von einer oder von der andern Seite, und Sie ſind deshalb gewiß völlig mit mir einverſtanden. Hierbei übermache ich Euer Hochwohlgeboren ſämmt⸗ liche Geſchenke, welche Hertha von Ihnen empfangen hat, und bitte dagegen um möglichſt baldige Ausliefe⸗ rung der Ihnen überreichten Gegenpräſente, damit ich Ihr Conto, das ich einſtweilen für den Kaufpreis jener Sachen belaſtet habe, ebnen und ausgleichen kann. Uebri⸗ „ gens bin ich zu allen angenehmen Dienſten gern bereit, und zeichne, in der beſtimmten Erwartung, daß Sie ſich und uns nicht unnütze Weitläufigkeiten machen werden, achtungsvoll und ergebenſt Martin Gottlieb Kehlchen. — Vertrocknete Seele eines Schwamms! rief Benno, ſich gewaltſam ermannend. Du willſt meine Hertha zwin⸗ gen, ſich um des leidigen Geldes willen von mir abzuwen⸗ den, aber es ſoll dir nicht gelingen!—— O Gott! Mein lieber einziger Vater iſt todt! weinte der Wilderregte, von hundert Meſſern Durchbohrte, indem er an die Zeilen ſeiner Braut gelangte, und ſeine Thränen näßten das Papier. Lange mußte er die Augen trocknen, ehe er dahin kam, Fol⸗ gendes leſen zu können: Werthgeſchätzter Herr! Damit nicht etwa der beunruhigende Glaube in Ihnen aufſteige, als ſei ich durch Zwang oder Ueberre⸗ 168 dung irgend einer Art veranlaßt worden, die Verbin⸗ dung mit Ihnen zu löſen, ſo' ergreife ich ſelbſt die Feder, um ohne Bitterkeit von Ihnen Abſchied zn nehmen. Die Ehe iſt ein ernſter, bindender Schritt für's Leben, und nur wenn eine beſonnene Prüfung aller Verhältniſſe voranging, kann ſie freudig und ſegens⸗ reich werden. Im andern Falle verſchwimmen die er⸗ künſtelten Illuſionen bald; kahle Rüchternheit tritt an die Stelle magiſcher Täuſchung, und beide Theile fühlen ſich unglücklich, denn ihre Erwartungen ſind unerfüllt geblieben. Wir hatten uns gefunden; an geſelliger Stellung und an Bildung waren wir einander gleich, und auch in Hinſicht auf Vermögen ſchien dies der Fall. Der Tod Ihres würdigen Herrn Vaters, den ich tief betraure, hat mich, und wahrſcheinlich auch Sie erſt, hierüber in's Klare gebracht, und ſo eine Feſſel abgewendet, die uns beide e gedrückt haben würde. Ich bin in Fülle und Wohlhabenheit erzogen, und ſollte ich mich nun in beſchränktere Umſtände fügen, dann könnte mich leicht ein Mißmuth erfüllen und auch Ihnen die Tage verdüſtern. Sie gaben ſich mir ſo deutlich als Ehrenmann zu Fitieit daß ich voraus⸗ ſetzen muß: Sie ſelbſt würden eine Verbindung abge⸗ brochen haben, die Sie von dem Vermögen Ihrer Gat⸗ tin abhängig machte, und ſo biete ich Ihnen denn frei⸗ willig die Hand dazu. Sein Sie übrigens verſichert, daß Sie ſtets hoch⸗ ſchätzen wird Ihre ergebenſte Hertha Kehlchen. Die vielen Thurmuhren Kölns hatten längſt Mitter⸗ nacht geſummt, die Lichter auf dem Tiſche waren bis tief in die Leuchter hinabgebrannt, als in den erſtarrten Benno wieder einiges Leben zu kommen ſchien. Er öffnete nun das andere, mit einem ſchwarzen Amtsſiegel verſehene Schreiben, und las die Beſtätigung, daß ſein lieber, guter Vater geſtorben ſei. Derſelbe konnte, wie wir bereits erzählt haben, keinen Spiegel ertragen, und alle Nothleiden⸗ den, die Einzigen, welche er beſuchte, wußten das; ſorg⸗ fältig verhängten ſie ihre kleinen Wandſpiegel, ſobald er kam. Eines Tages ging er zu einer kranken Wittwe; jene Vorſicht war dort verſäumt worden, und Herr van der Hagen ſah, nach mehr als zwanzig Jahren, zum Erſtenmale wieder ſein Bild. Grauſen erfaßte ihn, als er ſich zum Greiſe gealtert, mit weißem Haar, einge⸗ ſunkenen Augen, mit gebeugtem Nacken und tiefgefurchtem Antlitz erblickte. Einen Moment ſtarrte er krampfhaft auf das Glas;„Mathilde!“ ſchrie er dann mit wildem Ton, und ſank zuſammen.— Die Aerzte erklärten: ein Schlag⸗ fluß habe ſein Leben geendet. Drei Tage und drei Nächte lang hielt des Schmerzes verzehrende Hand den verwaisten Benno umfangen. Jetzt empfand er, wie ſtark er den Vater geliebt, jetzt wußte er, was er an ihm verloren habe. Einſam war er nun in der weiten Welt, kein Herz ſchlug zärtlich beſorgt für ihn— ſein Vater lag im Sarge. Benno aß und trank nicht, er ſchloß kein Auge zum Schlaf, er überließ ſich ganz der Ge⸗ walt ſeiner Schmerzen. Endlich beſiegte jedoch das Leben den Tod; er ſank auf's Lager, und ſchlummerte, bis ihm die nächſte Morgenſonne in's Auge ſchien. ——————— * 170 Wie eine weiche Treibhauspflanze war der Jüngling aufgewachſen, kein rauhes Lüftchen hatte ſeine Jugend berührt. Die Mühe, die Sorge, der Ernſt des Lebens wa⸗ ren ihm unbekannt geblieben; jedes Gelüſten hatte der Va⸗ ter ihm erfüllt, jeder Vorliebe hatte er ſich feſſellos hinge⸗ ben dürfen. Weder durch Geldmangel, noch durch Ab⸗ hängigkeit irgend einer Art waren ihm Schranken geſteckt worden, und ein minder edles Gemüth, als das ſeine, würde im Taumel der Genußſucht untergegangen ſein. Als er das Auge aufſchlug, lag die ganze Maſſe der Trauer, deren Flor ihn umhüllte, vor Benno ausgebreitet. Verwaist, einſam, verrathen von der, die er geliebt; arm und ohne tüchtige, nützliche Kenntniſſe— das war die Lage, in der er ſich wiederfand. Aber er, den ein einzelner, leichter Verluſt niedergebeugt, vielleicht für immer zu kräf⸗ tigem Streben untauglich gemacht hätte, er richtete ſich empor unter dieſer zermalmenden Wucht, und fühlte Muth genug, mit den finſtern Mächten zu ringen. Die friſche Waſſerluft ſtärkte ihn, er ließ ſich oft in die Wogen hinausrudern, und geſundete dort. Einen kalten, höflichen Brief ſchrieb er an Hertha, die ihm ſo gleichgül⸗ tig geworden war, wie jene Muſchelſchaalen, die der Rhein an's Ufer warf; er ſchickte ihr die Geſchenke zurück, und betrachtete dies Geſchäft als den Abſchluß eines Capitels aus ſeinem Leben. Doch der bloße Abſchluß reichte nicht hin, ſondern es mußte auch ein neues Capitel begonnen werden. Derſelbe Jüngling, welcher früher, ſo lang des Glückes Roſenlaune ihn umgaukelt hatte, haltlos und ſchwan⸗ kend wie ein Rohr geweſen, war in Drang und Trübſal 171 plötzlich zum Manne erſtarkt, und mit klaren Zügen ent⸗ warf er ſich den Plan zu einem thätigen, ſelbſtſtändigen Daſein. Daß nur eine jugendliche Täuſchung, ein unbeſtimmtes Verlangen nach That und Kampf ihn zum Militair getrie⸗ ben hatte, das ſah er nun deutlich genug, und ſah zugleich, er paſſe ebenſo wenig für's toſende Schlachtfeld, als für's monotone Leben in der Garniſon. Deshalb kam er ſogleich um den Abſchied ein, der ihm nicht verſagt werden konnte, und beſchloß, einen Theil ſeines geringen Vermögens zur Fortſetzung der Reiſe nach Frankreich und England zu ver⸗ wenden, denn er wollte dem Wandertrieb, welcher jeden jungen Mann beſeelt, genugthun, damit er nicht ſpäter, zur ungelegenen Zeit, noch einmal in ihm wach werde. Zum nächſten Frühjahr beabſichtigte Benno wieder in der Heimath zu ſein, um die Studien mit Luſt und Ernſt von neuem aufzunehmen. So wenig ihm ſonſt irgend eine Fachwiſſenſchaft zugeſagt hatte, eben ſo ſchnell war er jetzt für die Mediein entſchloſſen. Hier fand er ja alles, wo⸗ nach er verlangte: eine feſte Verknüpfung mit der Natur, ein ſtetes Belauſchen ihrer Kräfte und die größte perſön⸗ liche Unabhängigkeit. Da er ſchon promovirt war, ſo durfte er hoffen, ein Jahr des eifrigſten Fleißes werde ihn zum Staatseramen hinreichend vorbereiten, und ſchon lachte ihm die freudige Hoffnung, ſich ſeinen Unterhalt dann durch eigene Kraft verdienen zu können. 172 Zwölftes Capitel. Das ſchöne Mädchen in der Penſion. Benno vollführte ſeinen Plan; er reiſte nach Frank⸗ reich, dann nach England, und nahm aus den Haupt⸗ ſtädten dieſer Länder große Eindrücke mit. Dort ſteht der höchſte Lurus prachtvoll dem tieſſten Elend gegenüber, und beide bilden einen ſchneidenden Contraſt. Der Hunger, die Verzweiflung treibt Tauſende zu einem ehr⸗ und rechtloſen Erwerb; ſie betrachten die Reichen als ihre natürlichen Feinde; es iſt ein ſchrecklicher Krieg zwiſchen Armuth und Beſitz. Solche Zuſtände befeſtigten Benno's Vorſätze, und mit niegefühltem Stolz blickte er auf die Kraft zum Wirken und Erwerben, die er in ſich trug, die er bisher aber nie geprüft hatte. Der Frühling erwachte eben, als Benno nach der hei⸗ mathlichen Reſidenz zuruͤckkam, und ſich dort, in ſtiller Ge⸗ gend, ein kleines, wohlfeiles Zimmer miethete. Von ſeinen ehemaligen Bekannten ſich loszumachen, war ſchon früher in ihm beſchloſſen, doch dieſer Mühe wurde er überhoben, denn die Herren wußten bereits, daß er kein Geld mehr habe, und thaten völlig fremd gegen ihn. Hertha war ſeit einigen Monaten mit dem Sohne eines ſteinreichen Banquiers verlobt, und Benno ſah ſie vor ihrer Hochzeit nicht. Nach der Vermählung begegnete er ihr häufig. Sie ſaß dann immer vornehm in ein Cabriolet zurückgelehnt, deſſen Roß der Gatte lenkte; Spitzen, Dia⸗ manten und Marabouts ſchmückten ſie überflüſſig, und von dem verarmten Benno wendete ſie jedesmal die Blicke ab, wenn ſie ihn, in ſeinem beſcheidenen Anzuge, daherſchreiten 173 ſah. Ihr Gemahl hatte die ſicherſte Aehnlichkeit mit einem engliſchen Bulldog. Seine grauen Augen glotzten ſtarr unter der plattgedrückten Stirn hervor, müde ſchlotterten die feiſten Wangen, und die Unterlippe hing breit und ſchlaff herab, wie der Fiſchbehälter eines Pelikans. Abgelebtheit, Bornirtheit und Einbildung lag in jeder Miene; er gab ſich ein ernſtes, nachdenkendes Anſehn, und nur der Gattin lächelte er zuweilen gar ſüß in's Geſicht. Dazu kleidete er ſich, wie man die Anglomanen als Carrikaturen abzu⸗ bilden pflegt: tief im Nacken ſaß ihm der graue Hut, gelbe Glacéhandſchuh bedeckten die plumpen Hände, in denen ihm der Zügel lag, und auf ſeiner Bruſt hingen ſchwere Goldketten, von denen die eine ſeine Uhr, die zweite den Uhrſchlüſſel, die dritte das Lorgnon und die vierte den Zahnſtocher trug. Er bog ſich ganz nach vorn über, Hertha ließ ſich ganz in die Kiſſen zurückſinken; er lächelte, ſie gähnte in gewiſſen Pauſen, und auf dem Bedienten⸗ ſitz ſchwebte ein kleiner Jockei, in zeiſiggrüner Livree mit roſarothen Beſätzen. Alle, welche das Cabriolet vorüber rollen ſahen und die Darinſitzenden kannten, hätten vor Neid zerſpringen mögen. — Das iſt Kehlchens Hertha! ſagte der Eine. — Sie hat eine ſehr gute Partie gemacht! meinte der Andere. — Ihr Mann iſt aber ſchrecklich dumm! wendete ein Dritter ein. — Und ein abgeſtumpfter Wüſtling! murmelte der Vierte. — Eingebildet wie ein Pfau! bemerkte der Fünfte. — Wenn ich ein Engländer wäre, würd' ich ihn als Pasquill verklagen! ſetzte ein Sechſter hinzu. 174⁴ — Sie kann ja kein vernünftiges Wort mit ihm reden! ſprach ein Siebenter. — Aber er bekommt wenigſtens eine halbe Million von ſeinem Vater! berichtete der Achte. — Sie hat doch eine ſehr gute Partie gemacht! rief der Neunte, und alle Uebrigen waren mit ihm einver⸗ ſtanden. Benno wußte von dem ganzen Treiben kaum eine Sylbe, oder kümmerte ſich doch ſo wenig darum, als ob die Scenen hinten in Siam vorgefallen wären. Mit einem wahren Feuereifer warf er ſich auf die Medicin, und als er nur erſt die Anatomie überſtanden hatte, als er zur eigent⸗ lichen Heilkunde kam, da ſpornte ihn nicht blos ſein feſter Wille allein, ſondern auch Liebe für die Wiſſenſchaft. War er nicht im Colleg oder im Krankenhauſe beſchäftigt, ſo ſtudirte er für ſich; er hatte weder Freunde, noch Familien⸗ bekanntſchaften; er beſuchte kein Theater, keinen Vergnü⸗ gungsort, und wenn an lauen Sommerabenden die Spa⸗ ziergänger unter ſeinem Fenſter vorüber ſtrömten, ſaß er bei den Büchern bis ſpät in der Nacht. Benno war zu neunzehn Jahren auf die Univerſität gekommen, hatte drei Jahre ſtudirt, hatte dann ein Jahr als Militair und eins auf Reiſen verlebt, und trotz ſeiner Jugend ſehnte er ſich bereits, einen ſichern Punkt im Leben zu gewinnen; er war der Präludien müde geworden. Auch die kleine Erbſchaft vom Vater ſchmolz zuſammen, doch machte ihm das wenig Sorge, denn er fuühlte nun, nach⸗ dem er mit Kraft und Fleiß einem beſtimmten Streben an⸗ hing, es würde ihm leicht ſein, ſich eine heitere Zukunft zu gewinnen. So verlor er nicht einen Moment das vorge⸗ 175 ſteckte Ziel aus den Augen, und derſelbe Jüngling, der, wenn er reich und unabhängig geblieben wäre, wahrſchein⸗ lich ſeine Jahre in Unentſchloſſenheit, Thatenloſigkeit und Mißbehagen verlebt hätte, war nun zu der Erkenntniß ge⸗ langt, welch belohnendes Gefühl jedes Mühen und Stre⸗ ben mit ſich führt. Außerdem vergoldete ein angenehmes Intereſſe ſein Daſein und erhöhte Benno's Fleiß, ſtatt ihn zu vermindern. Seiner Wohnung gegenüber, befand ſich nämlich eine Pen⸗ ſionsanſtalt für Mädchen, und anfangs gab er nicht weiter Acht darauf, als daß er die armen jungen Vöglein bedauerte, welche man in den engen Zimmerkäfig eingeſperrt hatte. Sie ſahen größtentheils blaß aus, und thaten, wenn das Fräulein nicht anweſend war, recht ſehnſüchtige Blicke auf die Straße hinab, wo ſchön geputzte Leute zu Fuß und zu Wagen vorübereilten. Fräulein Kniephauſen, die Vorſteherin, war eine Dame in dem glücklichen Alter zwiſchen ſiebzehn und acht und funfzig Jahren, dabei war ſie höchſt tugendhaft, und haßte jedes Geſchöpf, das auf den Namen„Mann“ An⸗ ſpruch machen konnte. Conſequenz iſt eine Haupteigen⸗ ſchaft des weiblichen Geſchlechts, deshalb läßt ſich mit Ge⸗ wißheit annehmen, Fräulein Kniephauſen habe ſtets ebenſo gedacht, und habe allen Anbetern, die ihr Huldigungen dargebracht, oder ſich um ihre Hand beworben, unerbittlich einen Korb gegeben. Jetzt brauchte ſie dergleichen Anfech⸗ tungen zwar kaum mehr zu fürchten, denn weder das gelbe, in tauſend kleine Falten gekniffte Geſicht, noch der Wuchs mit dem zierlichen Höcker, noch die Augen, deren Farbe hinter der Hornbrille nicht deutlich erkennbar blieb, noch 176 die ſchwarzen Seidenlocken, die zur Bequemlichkeit ab- und umzubinden waren, mochten beſondere Angelhaken für Män⸗ nerherzen ſein. Allein ſie hatte ſich den alten Widerwillen wohl bewahrt, und predigte ihren Zöglingen täglich: „das ſchändlichſte, gefährlichſte und giftigſte Geſchöpf auf Erden ſei— ein Mann.“ Sie gehörte, wenn auch aus abweichenden Gründen, zur Fahne der Emancipation; die Ehe war ihr ein unwürdiges Inſtitut, und in der ganzen Reſidenz gab es kaum eine einzige, der ſie nichts Böſes nachzuſagen wußte. Die ihr anvertrauten Küchlein wurden ganz nach dieſem Syſtem erzogen; kein männlicher Lehrer durfte die Schwel— len ihres Gynäceums überſchreiten, und alle Unterhaltungen über das erkludirte Geſchlecht, ſelbſt über Brüder, Vettern und dergleichen, waren ſtreng verpönt. Führte Fräulein Kniephauſen die Schaar der Mägdlein aus, was, falls es das Wetter erlaubte, alle Mittwoch und Sonntag Nach⸗ mittag geſchah, dann war der Zug anzuſehen, als ob ein türkiſches Harem ſeinen Spaziergang hielte. Zuerſt raſſelte der Schlüſſel in der ſchweren Hausthür von Eichenholz, dieſelbe that ſich auf, und Mamſell Trudchen, die Klavier⸗ lehrerin, erſchien. Hatte dieſe, durch ſorgfältiges Umher⸗ ſchauen, die Gewißheit erkangt, daß keine Mannsperſon auf der Lauer ſtehe, ſo winkte ſie, und tief verſchleiert traten die Favoritinnen heraus. An ihrer Spitze ging Mamſell Trudchen, die mit dem ſchwarzen Teint, den lebhaften Ra⸗ benäuglein, dem verſchoſſen rothen Seidenkleide, dem giü⸗ nen Bibi und dem großen Sonnenſchirm, welchen ſie wie eine Standarte ſchwenkte, recht gut den Ober⸗Eunuchen vorſtellen konnte. Hierauf folgte die Reihe der Odalisken, 177 in Zwei und Zwei abgebrochen, von den Erwachſenſten bis zu den Kleinſten abſteigend, und Fräulein Kniephauſen, die Wächterin des Harems, beſchloß, ebenfalls in einen Schleier gehüllt, mit aller Würde den Zug. Anfangs war Benno zu ſehr in ſich und ſeine Studien verloren, doch bald feſſelte die Penſionsanſtalt des Jüng⸗ lings Aufmerkſamkeit, denn es befand ſich ein Mädchen darin, ſo hold und ſchön, daß er glaubte, noch nie ein reizenderes Weſen erblickt zu haben. War er früh mit der Sonne auf geweſen und hatte emſig einige Stunden gear— beitet, dann gab es eine Zeit der ſchönſten Erholung für ihn. Drüben, wo zuſammengeſteckte weiße Gardinen das Zimmer jenes Mädchens bezeichneten, erſchien dann näm⸗ lich eine zarte, ſchlanke Hand zwiſchen den Vorhängen, und fütterte den Kanarienvogel, deſſen Bauer draußen ſtand. Etwas ſpãter flogen die Muſſelinwolken auseinander, das Fenſter öffnete ſich, und ein liebes Angeſicht lächelte klar in die klgre Morgenluft hinaus. Zuweilen kam es dem lauſchenden Mediciner vor, als ob auch ihn ein freundlicher Blick begrüße, aber der junge Herr, obgleich er ſchon das ganze blitzende Gewühl der großen Welt durchlebt hatte, wagte nicht, dies ſchuldloſe Mädchenbild keck anzuſchauen, ſondern ſenkte ſein Auge blöde auf das Buch, das vor ihm lag, und in dem er doch keine Sylbe las. Von der Frau des Portiers drüben, erfuhr er endlich den Namen der Kleinen; ſie hieß Coralie, und Benno fühlte bald, daß er ſie feurig liebe. Man kann ſich aber auch mit der friſcheſten Phantaſie kein anmuthigeres Weſen malen, als dies jugendliche Kind, um das noch der ganze Blüthentraum ihrer ſechzehn Jahre ſchwebte. Schwarz, 12 178 wie Ebenholz, ſchmiegte ſich das Haar an die durchſichtig weiße Stirn; gleich kühnen, romantiſchen Brückenbogen wölbten die Brauen ſich über dem blauen, himmelsklaren Spiegel ihrer Augen, und wenn ſie die Lider ſenkte, dann war es, als zögen weiche Abendſchatten auf den azurnen Wellen hin. Im Purpur der Jugend, der ſchöner iſt, als jemals einer der Könige Schultern geſchmückt, glühten ihre Wangen, und fein lächelnd flogen zwei angenehme Linien um den Mund, eben ſo viel Sinnigkeit, als Muthwillen verrathend. Das ſtille Blumenleben, das ſo ein junges Mädchen in der Penſion zu führen gezwungen iſt, übt einen eigenen Reiz. In reicher Fülle zur Jungfrau entfaltet, wird ſie noch wie eine Knospe bewacht, kein Schmetterling darf ſie berühren, das goldene Thor der Welt iſt ihr verſchloſſen, und nur auf den Flügeln der Träume eilt ſie danach hin⸗ aus. Der enge Raum des Fenſters iſt der einzige Ort, von dem man ihr in's Leben zu blicken erlaubt, und wohnt nun gegenüber ein ſchöner, vier und zwanzigjähriger Mann, dann helfen alle Predigten des Fräulein Kniephauſen nicht, er ſtiehlt ſich in ihre Träume und in ihr Herz. Außerdem lag eine gewiſſe intereſſante Bläſſe auf Benno's Wangen, und leichte Schwermuth umdunkelte ſein Strahlenauge. „Was ihm nur fehlen mag?“ dachte Coralie, wenn ſie mit dem Stickrahmen am Fenſter ſaß.„Ob er krank iſt? O nein! dazu hat er ein zu kräftiges Anſehn, und Kranke ſtudiren auch nicht von Sonnenaufgang bis in die ſinkende Nacht. Aber er ſieht ſo blaß und zuweilen ſo trau⸗ rig aus. er beſucht keine Spaziergänge, Niemand kommi zu ihm.. er iſt immer einſam und allein. Fehlen muß 179 ihm etwas!“ fuͤgte ſie im Stillen hinzu, und dachte dar⸗ über nach, was es wohl ſein könnte. „Ach!“ ſeufzte ſie plötzlich, und es ſchien, als ob ſie den Grund enträthſelt habe. Dann fuhr ſie in ihren heim⸗ lichen Reflerionen fort:„Gewiß hat er ein Mädchen lieb, recht lieb gehabt, und dieſe iſt ihm treulos geworden.— O, die Schändliche!“ dachte Coralie, und ſtach recht wild mit der Nadel auf eine unſchuldige Nelke los, an der ſie eben arbeitete.„O, die Schändliche! Er iſt ſo gut, das ſieht man ihm an, und er hat ſo ſchöne, ſo wunderſchöne Augen. Wenn er mich liebte, ich würde ihm ſicher treu bleiben, ganz treu; kein fremder Gedanke ſollte ſein Bild aus meiner Bruſt verdrängen.“ Bei dieſen Träumereien entſank der Faden ihrer Hand, ſie legte die rechte Hand auf's Herz und ſtützte das Köpf⸗ chen in die Linke. Jetzt wurde Fräulein Kniephauſen auf⸗ merkſam, und fragte beſorgt: — Haben Sie Bruſtſchmerzen, ma chère? Das Mädchen fuhr empor, und erwiederte, um ihre Verlegenheit zu bemänteln: Ja, Fräulein, ich hatte... —„Das kommt, weil Sie ſich beim Sticken immer ſo ſehr über den Rahmen biegen,“ unterbrach die Vorſteherin ſie. „Oft genug habe ich Ihnen die Vorzüge einer geraden Hal⸗ tung auseinandergeſetzt, doch man hört mich nicht, man will mich nicht hören. Sehen Sie mich an! ich bin älter als Sie“— hier hätte die gute Dame gewiß Niemand der Lüge zeihen können—„aber noch bewundern Alle meinen Gang. Eine Lilie, eine Narciſſe kann ſich nicht beſſer tragen als ich.“ Um ihren Worten durch die leben⸗ dige Anſchauung mehr Nachdruck zu geben, ging Mamſell 12* 80 ———— Kniephauſen, ſo ſteif aufgerichtet, daß ſie hinten mit dem Haupte den Höcker faſt berührte, einige Male im Zimmer auf und ab. Die Elevinnen, mit Ausnahme von Coralie, kicherten heimlich, und das Fräulein ſprach theilnehmend zu der letzteren: —„Nun, mein Kind! Haben Sie noch Stiche?“ —„Nein!“ ſagte Coralie.„Es iſt ſchon wieder gut!“ Bei dieſen Worten brach das liebe Mädchen in einen Strom von Thränen aus. Ob ſie wegen der Unwahrheit, die ſie vorhin geſagt, oder aus einem andern Grunde weinte, das wußte ſie ſelber nicht, und wie ſollten wir es alſo wiſſen können. Fräulein Kniephauſen war bei erblühenden Jungfrauen an ſolche ſeltſame Gefühls⸗ und Krankheits⸗Aeußerungen gewöhnt, darum fiel ihr Coralie's Bewegung nicht beſon⸗ ders auf, und ſie gab dem Mädchen nur einige Hofmanns⸗ tropfen ein, denn das war ihr gewöhnliches Mittel wider alle Zufälle. Dem armen Mädchen wollten aber für die Dauer dieſe Tropfen nicht nützen; ihre Stiche kamen wieder, und ſtär⸗ ter als das erſte Mal, wenigſtens ließ Coralie die Hand noch länger auf dem Herzen ruhen. Ohne daß wir in die Lehren des Galen und Hippokrates ſonderlich einge⸗ weiht ſind, möchten wir faſt die Behauptung aufſtellen, das Uebel ſei anſteckender Natur geweſen, denn auch Benno ſchien davon ergriffen. Er war zerſtreut, ſaß Stunden lang müßig am Fenſter, und die weiſeſten Abſchnitte der Materia medica ſchienen ihm unerträglich fade. Des Mor⸗ gens grüßte er voll Ehrerbietung hinüber; erröthend dankte ihm Coralie, und es bildete ſich eine Telegraphenlinie, deren Signale nur für die beiden jungen Leute verſtändlich wa⸗ ren. Als ein ſehr glücklicher Umſtand, kam hierbei das ſchwache Geſicht Fräulein Kniephauſen's zu ſtatten, denn trotz ihrer Hornbrille ahnte dieſelbe nicht, daß drüben ein intereſſanter Jüngling ſich angeſiedelt habe. Zur Zeit, wo ſie das Quartier zur Penſionsanſtalt gemiethet— was bereits ſiebzehn Jahre her war— hatte ſie genaue Erkun⸗ digung eingezogen, wer gegenüber wohne, und da ſie in Erfahrung gebracht, ein ältliches Ehepaar bilde ihr Vis- a-vis, ſo fühlte ſie ſich beruhigt und ſicher. Es wurde Herbſt, die Aſtern blühten, rothe und gelbe Blätter fielen von den Bäumen. Unſere Liebenden küm⸗ merten ſich um die Jahreszeit wenig, doch nun kamen auch weiße Nebel, und ließen ihren Vorhang zwiſchen den Fenſtern herabfallen. Das war ſchon eine arge Störung für die Beförderung telegraphiſcher Depeſchen, aber es ſollte noch ſchlimmer werden. Dichte Flocken tanzten wirbelnd aus der grauen Wolkendecke herab, es wurde kälter, und Kryſtallblumen legten ſich undurchſichtig auf die Scheiben. Thaute Benno auch mit Mühe einige Gucklöcher hinein, ſo erblickte er drüben doch nur ein trübes, eiſiges Fenſter, und es blieb ſeiner Phantaſie überlaſſen, ſich aüszumalen, ob Coralie dahinter ſitze, oder nicht. Das mußte ſich ändern; Benno's Ungeduld wuchs mit jedem Tage, die Sehnſucht übermannte ihn, und er beſchloß, alles daranzuſetzen, eine neue Verbindung mit dem geliebten Mädchen zu ermitteln. Nach einigen Tagen gelang es ihm, Mamſell Trudchen, die Klavierlehrerin, unbelauſcht zu ſprechen, und dieſe Gute— die zur Leitung von Intriguen 182 eine gewiſſe Vorliebe hatte— fand ſich bereit, ein Brief⸗ chen an Coralie zu beſorgen. Benno hatte weder Ruhe noch Raſt, denn die Fragen: ob ſie ſeine Gluth erwiedere, ob ſie ihm ein Blättchen der Antwort ſenden werde? folterten ihn Tag und Nacht. Da endlich gab ihm Mamſell Trudchen das verabre⸗ dete Zeichen, und er holte ſich von ihr einen kleinen, feſt⸗ verſiegelten Brief. Mit welcher Haſt erbrach der Entzückte ihn, mit welchem Herzklopfen las er in den halbkindlichen Schriftzügen, daß Coralie ihn liebe, daß ſie an ihm hänge mit blumenreiner Zärtlichkeit. Die Correſpondenz ging nun lebhaft fort, und ſchrieben ſich die verliebten Leutchen auch niemals Thatſächliches, waren ihre Briefe auch nur die Dithyramben zweier jugendlichen Seelen, ſo brach⸗ ten ſie doch ſtets eine Fülle von Glück und Freude mit. Benno war ſelig, Coralie ſang den ganzen Tag, und Manſell Trudchen tanzte vor Luſt, denn ſie wußte ja, daß ſie die Trauer der Liebenden verſcheucht hatte. Dreizehntes Capitel. So bekommt man ein Amt! Als die erſten Lerchen zu ſchmettern begannen, ging Benno im ſchwarzen Frack ſeinem Staatseramen entgegen. Längſt begünſtigten ihn die Profeſſoren, und als ſich nun, ſowohl in der mündlichen, als in der ſchriftlichen Prüfung zu erkennen gab, daß er zu jeder Medicinal-Anſtellung be⸗ fugt ſei, erhielt er die rühmendſte und ſchmeichelhafteſte Cenſur. Der Belobte ſetzte ſich ſogleich an's Pult und ſchrieb lange Briefe für Coralie und für Arwed, worin er ihnen mittheilte, daß er ſein Eramen glücklich überſtanden habe. Der Erſteren malte er noch ein ſchimmerndes Phan⸗ taſiebild aus; das Mädchen wußte ſich nicht zu laſſen vor Glück, als ſie die freudige Epiſtel las; ſie tanzte in den wildeſten Gavotteſprüngen durch's Zimmer, und küßte Trud⸗ chen ſo herzlich, als ob es Benno ſelbſt geweſen wäre. Das Verhältniß der beiden Leutchen war ſtark mit ju⸗ gendlicher Romantik durchwebt, und Benno hatte in ſeiner goldigen Rechnung Mehreres vergeſſen. Erſtens wußte er nicht einmal, wer Coralie's Vater ſei und wo derſelbe wohne; er liebte ja nur ſie, und nicht den Alten. Zwei⸗ tens hatte Benno folgende unerwartete Störung nicht vor⸗ hergeſehen: er durfte nämlich jetzt überall prakticiren, aber es fiel keinem Menſchen ein, ſich dem neugebackenen Arzte anzuvertrauen. Wurde er indeß doch hin und wieder zu Patienten gerufen, dann waren es ganz Arme; der gutmü⸗ thige Benno bezahltg dort noch die verſchriebene Mediein, und gab Geld, damit ſtärkende Nahrungsmittel angeſchafft werden konnten. Hierbei fühlte ſich Hagen froh wie ein Gott; er linderte Noth und Elend, und manche Familie, der er den Vater und Ernährer erhalten hatte, weinte in frommen Freudenthränen des Himmels Segen auf ihn herab. Wäre er noch reich, wie früher, geweſen, er hätte es gewiß ſein Lebenlang ſo getrieben, und ſich nie empor ge— ſehnt in die goldenen Krankenzimmer der Vornehmen, die durch Ausſchweifung, Ueberſättigung und innere Leere, oder durch Mißgunſt, Haß und gekränkten Hochmuth auf's La⸗ ger geworfen werden. Als er jedoch ſein letztes Capital angreifen mußte, da ſtieg endlich die kalte Rieſengeſtalt 184 proſaiſcher Wirklichkeit mahnend und drohend vor ihm auf, und er ſah, daß er ſich um ein Amt bewerben müſſe. Wie ſollte ihm die Bewerbung aber wohl gelingen? Hatte er doch keine Connerionen, keine Empfehlungen, keine Für⸗ ſprache; war es ihm doch unmöglich zu antichambriren, zu kriechen und zu ſchmeicheln. Dennoch beſchloß er, ſeine Schuldigkeit zu thun, daß er ſich ſpäter keine Vorwürfe machen dürfe. Gegenwärtig war nur eine einzige Stelle vacant, näm⸗ lich die eines Kreisarztes in Duſelburg, und auf ſolchen bedeutenden, einträglichen Poſten konnte Benno nicht die geringſten Anſprüche machen. Dieſe Anſtellung hatte das Ober⸗Medicinal-Collegium zu vergeben, und Herr von Pattzke, der Präſident deſſelben, war als ein plumper und grober Menſch bekannt. Jedermann, beſonders aber Diejenigen, welche Anliegen an ihn hatten, ſchnaubte er auf die furchtbarſte Weiſe an, und trotzdem mußte Benno ſich entſchließen, zu ihm hinzugehen. Der junge Arzt begab ſich alſo in's Büreau des Medicinal-Collegiums, traf den Herrn Präſidenten nicht, und erhielt von einem imperti⸗ nenten Sekretair die Weiſung, ſich am andern Vormittage um eilf Uhr wieder einzufinden, weil dann die Stelle ver⸗ geben würde. Dabei lächelte der Menſch ſo höhniſch, als wollte er ſagen:„Nun, du bekommſt ſie ganz gewiß nicht.“ Herr von Pattzke hatte, wie reich Mutter Natur ihn auch mit edler Grobheit ausgeſtattet, dennoch ſeinen Meiſter gefunden. Frau Purzpichler, die wackere Haushälterin, ſchwang ihren Pantoffel mit vielem Nachdruck über ſeinem Haupt, und er durfte ſich niemals widerſetzen, wenn ſie eine Anordnung getroffen hatte. Man wußte in der Reſi⸗ ——— 185 denz auch recht gut, daß eigentlich ſie die Aemter vertheile, deshalb ſtrebte jeder Candidat, ſich in ihre Gunſt zu brin⸗ gen. Diesmal hatte ſie bereits entſchieden, und dem Doctor Luamus die Stelle zugeſagt, denn er war ein Neffe ihrer Frau Gevatterin, der Zolleinnehmerin Cleve. Die letztere legte neulich beim Kaffee ein gutes Wort für ihn ein, und empfing endlich— nachdem Frau Purzpichler ſich erſt eine Zeitlang hatte bitten laſſen, um ſich mehr Würde und Wichtigkeit zu geben— die Zuſicherung, ihr Herr ſolle das Amt bekommen. Am nächſten Morgen, als die Würdige ihrem Herrn, der ganz voll Hypochondrie und voll Rheumatismen ſteckte, das Halstuch band und ihm die Bruſtnadel einhakte, fing ſie an, ihn zu bearbeiten. Wunderſamer Weiſe ging das aber heute nicht ſo leicht, denn der Präſident wollte die Stelle einem braven Arzt ertheilen, der ſchon ſeit zehn Jah⸗ ren einen Poſten beim Lazareth mit größter Tüchtigkeit verwaltete, und von dem ſpärlichen Einkommen ſeine Frau und ſechs Kinder kaum ernähren konnte. Frau Purzpichler ward hitzig, ja ſie weinte zuletzt ſogar, was ſonſt nie ſeinen Zweck verfehlte, allein Pattzke blieb feſt. Da ſchritt ſie denn zu dem gewaltigſten Mittel, und erklärte, wenn er ihr den kleinen Gefallen nicht einmal thun könne, ſo möge er ſich nur eine andere Haushälterin ſuchen. Schon längſt ſei ſie es müde, ihm Thee's zu kochen, ihn zu frottiren und mit unabläſſiger Aufmerkſamkeit über ſeine Geſundheit zu wachen— zu Johannis werde ſie den Dienſt verlaſſen. Jetzt war plötzlich alle Standhaftigkeit des Präſidenten in die Pfanne geſchlagen. Jeder Menſch iſt ſich ſelbſt der Nächſte, und der Doctor mit den ſechs Kindern mochte ———— 186 ſehen wie er durchkomme. Das hypochondriſche Oberhaupt des Medicinal⸗Collegiums redete der Pflegerin, die er gar nicht entbehren zu können glaubte, in ſeiner ſanfteſten Weiſe zu, und fragte nach dem Namen des Begünſtigten. —„Ach was— Namen!“ ſagte Frau Purzpichler, noch etwas ſchmollend.„Ich kenne Ihr ſchlechtes Gedächt⸗ niß, und weiß, was Sie ſchon für Confuſionen angerichtet haben, wenn Ihnen der Name entfallen war.“ — Nun, altes Brummeiſen! Sei Sie nur wieder gut! etwiederte der Präſident, nach Hut und Stock greifend. Hat Sie ſich nicht, wie gewöhnlich, ein Zeichen ausgedacht, woran ich den Rechten erkennen ſoll? —„Er trägt, nach meiner Vorſchrift, eine weiße Roſe als Wahrzeichen, damit keine Irrung geſchieht,“ ließ die Haushälterin ſich vernehmen. — Schön! ſprach Pattzke, und ging nach der Thür. —„Kann ich mich aber auch darauf verlaſſen, daß Sie ihm das Amt geben?“ fragte Jene noch einmal. — Halt' Sie's Maul! Ich habe es verſprochen! rief der Herr, und Frau Purzpichler rieb ſich, vergnügt über ihren Sieg, die Hände, und ſah zu, wie der Beſiegte ſich vom Bedienten in den Wagen helfen ließ. Unterdeß ſtanden im Büreau bereits ſeit längerer Zeit drei Candidaten harrend da. Der Erſte, Doctor Lackmus, war ein Menſch mit ſaftlos glattem Haar, entzündlichen Augen und einer einfältigen Phyſiognomie, auf welcher ſtets ein devotes Lächeln ſchwebte. Er hatte ſich, wie ein Theologe, in Schwarz gekleidet, und im Knopfloche trug er eine weiße Roſe, wodurch er ſich uns als den Schützling — der Frau Purzpichler und als den Neffen der Zolleinneh⸗ merin zu erkennen giebt. Im zweiten Bewerber finden wir den Lazaretharzt Galle, einen ſtillen Mann von etwa funfzig Jahren. Sein früh gebleichtes Haar hängt ihm lang um die mage⸗ ren Wangen, und in den tiefliegenden Augen, in den kum⸗ merbleichen Zügen, zucken Erwartung, Hoffnung und Za⸗ gen hin und her. Ach Gott, er bittet ja nicht aus Stolz, aus Ehrſucht um das Amt; gern würde er ſein ſtilles Plätzchen, das er lieb gewonnen hat, weiter behalten, allein er vermag nicht, die Kinder von dem Ertrage zu ernähren, und die Noth, der Gram haben ſein liebes Weib auf das Siechbett geworfen. Abgetragen, ärmlich ſchlottern die braunen Kleider um ſeinen Körper, und die Hand, in der er den halbkahlen Seidenhut hält, zittert wie Espenlaub. Die dritte Zacke des Candidatur-Kleeblatts bildet der Doctor Benno van der Hagen. Ungeduldig flammt ſein Auge, die Locken wallen frei um ſeine Stirn, und ſein ſchö⸗ ner Wuchs wird durch einen blauen Frack und durch weiße Beinkleider noch mehr gehoben. Der Sekretair hatte ſich gegen die Wartenden nicht etwa höflich benommen, und war oftmals, in anſcheinen— der Geſchäftigkeit, zwiſchen ihnen hindurch geſchritten, wo⸗ bei ihm Lackmus jedesmal ehrerbietig Platz gemacht. Jetzt ſchlürften aber draußen Schritte über den Codidor; die hochmüthige Schreibmaſchine flog ſchnell an's Pult, und gab ſich das Anſehn, als ob ſie tief in der Arbeit ſtecke. Die Thür ging auf, und der Präſident kam. Galle zitterte noch ſtärker, Lackmus legte ſich vor De⸗ muth faſt auf den Boden, und Benno grüßte achtungsvoll. ————— Der Gewalthaber gab ſich kaum die Mühe, ihnen bemerk⸗ bar zu danken, ſondern trat an den Tiſch, las mehrere ein⸗ gegangene Briefe, und that, als ob Niemand im Zimmer ſei. Nach einer Pauſe brummte er jedoch:„Atteſte!“ und die Candidaten reichten ihm ihre Papiere. Flüchtig glitt ſein Auge darüber hin, dann warf er ſie bei Seite, und trat vor die drei Aerzte hin. Er betrachtete ſie mit großer Genauigkeit; Lockmus ſuchte ſeine weiße Roſe recht hervorzuſtellen und lächelte wohlgefällig. Aber im Plane der guten Frau Purzpichler war ein Umſtand unberückſichtigt geblieben, denn wie man ſeine eigenen Mängel am ſchwerſten einſehen lernt, ſo hatte auch ſie keine Ahnung davon, daß ſie den Laut„R“ nicht ausſprechen konnte. Es klang in ihrem Munde dieſer Buchſtabe wie ein gedrücktes„H“, und das war die Klippe, woran die Anſtellung des Neffen ihrer Gevatterin ſcheiterte. Herr von Pattzke hatte nämlich die Wirthſchafterin von einer„weißen Hoſe“ ſprechen hören, und bei der Muſterung blieb ſein Blick denn auch zufrieden auf Benno's leuch⸗ tenden Beinkleidern hangen. Nach einer Pauſe, als er ſich der Sache völlig verſichert hatte, ſah er empor, und es entſpann ſich folgendes Geſpräch zwiſchen ihm und unſerm Freunde: —„Wie iſt Ihr Name?“ — Benno van der Hagen. —„Sie ſind noch junl Herr, können Sie mir keine Antwort geben?— Sie ſind noch jung!“ — Ich denke, dieſer Fehler wird ſich nach und nach verlieren. —„Fühlen Sie Beruf zur Mediein in ſich?“ 189 — Wenigſtens bin ich fleißig geweſen, und löſe Chara⸗ den ſo leicht wie ein Anderer. —„Donnerwetter, Herr! Was unterſtehen Sie ſich? ... Ich bin ſelbſt Arzt.“ — Ich auch, Erxcellenz! —„Fahren Sie zum Teufel, Herr!... doch.. ich habe Ihnen die Stelle in Duſelburg einmal zugedacht— Sie ſollen ſie haben! Gewöhnen Sie ſich aber die Grobheit ab.“ Mit dieſen Worten ging der Präſident zum Sekretair, und ließ in das bereits ausgefertigte Diplom Benno's Namen eintragen. Dieſer wußte nicht, was er ſagen oder denken ſollte, doch ſeine beiden Collegen waren noch weit mehr erſchüttert, als er. Doctor Galle trat vor und ſprach mit wehmüthigem Tone: —„So ſoll ich alſo abermals leer ausgehen, Excellenz?“ — Ja! entgegnete Herr von Pattzke achſelzuckend. Es geht einmal nicht anders... überwiegende Ver⸗ dienſte... hohe Verſprechungen. Das nächſte Mal ſoll fuͤr Sie geſorgt werden. Der Arme, dem wieder eine Hoffnung zerſtört worden war, wiſchte ſich die Augen, empfahl ſich, und verließ das Büreau. Doctor Lackmus aber, durch des Präſidenten mildes Weſen dreiſt gemacht, näherte ſich demſelben, und begann unter tiefen Reverenzen: — Verzeihen, Excellenz! Erxcellenz haben ſich wahr⸗ ſcheinlich geirrt, denn ich—— Er konnte nicht ausreden; ſchon donnerte ihm eine ganze Fluth von Scheltreden aus dem Munde des Präſi⸗ denten entgegen. Der letztere war ſtets mürriſch und rauh, und kam er mal in eine weiche Stimmung, dann 190 ärgerte er ſich über ſich ſelbſt. Dem unglücklichen Galle konnte er nicht hart begegnen, doch Lackmus erſchien ihm jetzt gerade als der geeignetſte Gegenſtand, um ſeine böſe Laune auszulaſſen. Er ſchmetterte ihn dermaßen nieder, daß der aus all ſeinen Himmeln Gefallene eilig die Thür ergriff, und ſich unter ſteten Bücklingen und Entſchuldi⸗ gungen zurückzog. Pattzke legte nun die Beſtallung in Benno's Hände, der freilich nicht ahnen konnte, daß er dieſelbe nie empfan⸗ gen haben würde, wäre ihm zufällig eingefallen, ſich heute dunkle Inerpreſſibles anzuziehn. Der Präſident ſagte ihm noch, daß er nothwendig ſchon am Abend nach Duſelburg abreiſen müſſe, damit der Amtsbezirk nicht länger ohne Medicinalbehörde bliebe; Benno verſprach es, dankte und flog hinweg.— Wie die Excellenz aber bei Dero Heimkehr von der Frau Purzpichler empfangen worden, wiſſen wir nicht, und können Hochdieſelbe nur ihrem Schickſal überlaſſen. Benno's erſter Gedanke war Coralie. Wie wird die Herzige ſich freuen, dachte er, wenn ſie erfährt, daß ich eine Würdeperſon geworden bin? Zwar drängte es ihn, ihr alles mitzutheilen, allein für den Moment war das nicht ausführbar, denn die gute Mamſell Trudchen lag krank, und Coralie mochte wohl pflegend an ihrem Bette ſitzen, denn Benno entdeckte ſie nirgends. In's Haus ein⸗ zudringen, gehörte zu den Unmöglichkeiten, und der Liebende mußte ſich begnügen, der Portiersfrau ſeinen Brief zu übergeben, und ihr einzuſchärfen, daß ſie denſelben, ſobald es ſich thun ließe, an Mamſell Trudchen beſtellen ſolle. Jetzt ſah der Herr Kreisarzt ſich genöthigt, an's Packen zu denken, denn die Sonne neigte ſich bereits, und erfuhr 191 der launiſche Präſident, daß ſeinem Befehl nicht Folge geleiſtet worden, dann war es für Benno gewiß um den Poſten ge⸗ ſchehn. Unſer Held verließ alſo, durch die Umſtände ge⸗ drängt, ohne Abſchied ſeine Coralie, die er nie geſprochen, und von der ihm nur der Vorname bekannt war. Aber er hatte ihr geſchrieben: ſie ſolle ihm treu bleiben, er käme bald zurück, und dann würde ſich das Weitere finden. Jener goldene Leichtſinn, der Verliebten oftmals eigen iſt, malte dem Jüngling die Zukunft mit herrlichen Farben vor, und eine ſchöne Traumwelt umgaukelte ihn, während er in den Reiſewagen ſtieg. Kurz vor der Abfahrt empfing Benno, als Antwort 3 die Anzeige des beſtandenen Eramens, noch einen Brief von Arwed. Er erbrach das Siegel erſt unterweges, und las darin die frohen Glückwünſche des Freundes. Aus dem Schreiben fiel noch ein beſonderes Blatt, das folgen— dermaßen lautete: Lehrbrief für einen jungen Arzt. Motto: Der Geiſt der Mediein iſt leicht zu faſſen; Ihr durchſtudirt die groß' und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu laſſen Wie's Gott gefällt. Goethe. 1. Fahre nie ſchwarze Pferde vor deinem Wagen. Er erin⸗ nert die Leute auch ohnedies an die Leichenfuhre. 2. Abzubürſten brauchſt du dich nur ſelten, denn man verzeiht dem Hausarzt nicht allein die Federn auf den Kleidern, man ſieht ſie ſogar gern, weil ſie ein Zeichen von Praris ſind. —— 192 3. So lang du unverheirathet biſt, trage keinen, oder höchſtens einen ſchweren Siegelring am Finger. Im goldenen Reifchen wittert man leicht die Verlobung, und dann verlierſt du in den Häuſern, wo mannbare Töchter ſind, alles Vertrauen. 4. Bei einer hyſteriſchen Frau kommſt du am leichteſten in Anſehen, wenn du ihr in Gegenwart des Gemahls bezeugſt, daß ſie außerordentlich leidend ſei, denn Jener erklärt ihr Uebel faſt immer für Einbildung. 5. Asa foetida verſchreibe einer Dame nur im Nothfall. Du riechſt ihr noch nach Jahren danach, und ſie bekommt einen unvertilgbaren Widerwillen gegen dich. 6. Gehe viel und vertraulich mit bejahrten Männern um; das ſetzt dich bei Frauen und Mädchen in Reſpect. Dagegen meide den Verkehr mit luſtigen jungen Männern ganz, ſonſt fürchten Jene, du plauderſt Dieſen ihre Geheimniſſe aus. . Sieh ſehr darauf, daß du eine ſchöne Hand bekommſt, aber trage die Nägel nicht lang. Bequeme, weite Handſchuhe kann ich dir weit mehr, als enge, ſtutzeriſche Glacé's empfehlen. 8. Das Tanzen gewöhne dir ab. 9 Streite nie mit einem Collegen über mediciniſche Gegen⸗ ſtände wenn Andere zugegen ſind. 193 10. Beim Arzte iſt, wie beim Beichtvater, Verſchwiegenheit die erſte Tugend. — 11. Klage niemals, daß du krank ſeiſt. Die Leute denken ſonſt: der kann ſich ſelber nicht einmal geſund machen, wie ſollen wir uns ihm anvertrauen. 12. Gehe niemals zu einem Leichenſchmaus. 13 Gewöhne dich, die Recepte deutlich, ja ſogar zierlich zu ſchreiben. Thuſt du das nicht, dann nehmen es die Patienten — wenn auch dem Apotheker alles verſtändlich iſt— für Sorgloſigkeit, und fürchten, ſie könnten einmal vergiftet werden. 14. Spotte nie über eine neue Heilmethode. Sie kann ſpäter doch in Aufnahme kommen, und es iſt leicht möglich, daß du ſie anwenden mußt. 15 Haſt du noch wenig Prarxis, ſo fahre dennoch den ganzen Vormittag in der Stadt umher, leſe und frühſtücke im Wagen, laſſe dich auch von Zeit zu Zeit aus Geſellſchaften abrufen. Es werden dem Publikum zwar dieſe Künſte ſo häufig vorge⸗ macht, daß es dieſelben ſchon kennt, aber es iſt immer beſſer die Leute in Zweifel zu laſſen, als ihnen unverhohlen zu zei⸗ gen, man habe keine Beſchäftigung. 13 16. Im Trinken ſei mäßig wie eine Jungfrau. 17. Schaffe dir ein zierliches Negligee an, und trage des Mor⸗ gens um's Himmelswillen keine Schlafmütze. Du weißt nie⸗ mals, wer zu dir kommen kann. —— 18. Wirſt du aber in der Nacht gerufen, und du biſt zufällig noch angekleidet, ſo binde das Halstuch ab, ziehe die Weſte verkehrt an, und vertauſche einen Stiefel mit dem Pantoffel. Selbſt die vornehmſten Häuſer mußt du dann im allernachläſ⸗ ſigſten Anzug beſuchen. Das zeigt von Eile und Theilnahme. Eine irgend ſorgſame Kleidung würde dir nur Schaden thun. 19. Nervöſen Frauen, die alte Männer haben, verordne Zer⸗ ſtreuungen: Reiſen, Bälle, Theater c.— Bleichſüchtige Mäd⸗ chen ſchicke imws Bad, damit ſie dort einen Mann bekommen. 20. Das Theaterrepertoire mußt du immer auf acht Tage vor⸗ aus wiſſen. 21. Einem kinderloſen Ehepaar erzähle oft von unglücklichen Wochenbetten und graſſirenden Kinderkrankheiten. 22. Schnupfe keinen Taback, und trage immer ſehr weiße Wäſche. 195 Studire neben den Therapien auch einige Kochbücher. Un⸗ diät iſt in unſern Tagen ein Hebel der meiſten Krankheiten. 24. Sprich niemals von den Schwächen der Arzneikunde; die Leute halten doch wenig genug davon. . Wenn du einem Patienten den Puls fühlſt, ſo ſieh da⸗ bei ſtets auf die Secundenuhr, denn mag es auch nicht vonnö⸗ then ſein, er nimmt das Unterlaſſen für Gleichgültigkeit, und glaubt ſich gegen Andere zurückgeſetzt. 26. Verſieh dich wohl mit Mitteln gegen Zahnſchmerzen und Hühneraugen. Die alten Aerzte glauben ihrer Würde etwas zu vergeben, wenn ſie ſich damit befaſſen, deshalb fragt man die jungen um Rath. Wirkt nun zufällig deine Verordnung, ſo fühlt man ſich dir verpflichtet, findet den Hausarzt theil⸗ nahmlos, und läßt ſich auch in wichtigen Fällen von dir be⸗ handeln. 2 Wirſt du von einem ſtreitenden Ehepaar zum Schiedsrichter gewählt, dann gieb beiden Parteien Unrecht. Sie nehmen das viel beſſer auf, als wenn du der Einen Recht gäbeſt. 28. Klagt eine putzſüchtige Dame im Herbſt über Hals⸗ und Kopfweh, ſo kurirſt du ſie am ſicherſten, wenn du ihr einen großen Shawl und einen Sammethut verordneſt. — 13* 29. Um die Leute glauben zu machen, du habeſt viel Praxis, brauchſt du nur Moſchus anzurühren. Du riechſt dann ſtets, als kämſt du aus dem Zimmer eines gefährlichen Kranken. 30. Kannſt du ein Mittel erfinden, wonach die ausgofallenen Haare wieder wachſen, ſo biſt du ein gemachter Mann. Vierzehntes Capitel. Der Kreisarzt van der Hagen kommt in Duſelburg an. Das Poſthorn ſchmetterte, ein Halbwagen rollte über die Chauſſee, und der junge Kreisarzt ſaß darin. Hell ſchimmerte der Frühling weit umher; warme Sonnenſtrahlen glitzerten auf Wieſen und Wäldern. In den kleinen Gär⸗ ten der Dörfer, durch welche Benno kam, tanzten halbnackte Bauerkinder, ſuchten bunte Schmetterlinge zu haſchen, oder pflückten ſich gelbe Schlüſſelblumen, die eben erblühten. Allüberall war Luſt und Geſang, auch Benno's Seele fing an ſich zu lichten, auch dort zog der Frühling ein. Seit einigen Tagen hatte es wild in ihm gewogt; von einem Meere wechſelnder Gefühle beſtürmt, hatte er zu keiner innern Klarheit gelangen konnen. Kaum lagen die Thürme der Reſidenz hinter ihm, ſo war ihm das neue Amt zur Laſt, und es drückte ſeine an Freiheit gewöhnte Bruſt wie ein Alp, wenn er bedachte, daß er nun den unbeſchränkten Willen eingebüßt habe, daß er ein Werkzeug, eine Maſchine geworden ſei. Erfüllte Wünſche und bange Ahnungen 197 durchſchauerten ihn bald mit Freude, bald mit Furcht; er mochte ſich weder der Vergangenheit, noch der Zukunft erinnern, und nur Coralie's ſüßes Bild ſchwebte wie ein Geiſt Gottes über dieſem chaotiſchen Zuſtand ſeiner Seele. Das kurze Reiſeleben rüttelte ihn auf. und nach kehrte ihm der alte Frohſinn, der Drang zum Genuß, zum Schaffen und Zerſtören zurück, er empfand ein Gefuͤhl der Jugend, wie er es ſeit der Verlobung mit Hertha nicht mehr gekannt hatte. Benno lachte mit den blühenden Bäumen und Fluren, er jubelte mit den Lerchen, die aus den Getreidefeldern kerzengrade zum Himmel ſtie⸗ gen, und plauderte mit den Wanderburſchen, die ihm begeg⸗ neten. Ein friſcher Muth und Uebermuth ergriff ihn, er freute ſich deſſen, und rollte ohne Beſorgniß von der Berg⸗ höhe nach Duſelburg hinab. Die Stadt durchfahrend, ſah er ein großes, düſtres Gebäude. Die Mauern waren ge⸗ bräunt, die trüben Fenſter mit eiſernen Gittern verſehen, und das Ganze machte einen ſehr unheimlichen Eindruck. — Schwager! rief er dem Poſtillon zu, das iſt wohl ein Gefängniß? — Nein, Herr! erwiederte der Gefragte. Es iſt das Kreis⸗Lazareth. — So! brummte Benno, und ein Grauſen überrieſelte ihn; doch ſelbſt der Anblick dieſer Schauerſtätte, in der er künftig wirken ſollte, vermochte ſeine gute Laune nicht zu erſchüttern. Es war um die Theaterzeit, als die Extrapoſt über den Markt raſſelte und nach dem Gaſthof„zum grünen Löwen“ hinbog, während der Poſtillon ſeinem Horn ein ſchallendes Signal entlockte. Der„grüne Löwe“ bildete das nobelſte 198 Hötel der Stadt. Alles, was Anſpruch machte, eine Be⸗ rühmtheit zu ſein, mußte dort logiren, und die Mäcene der Kunſt verſammelten ſich täglich mehrere Male in dem ſchat⸗ tigen Raum des Weinzimmers, welches zu ebner Erde lag. Auch jetzt hatten drei Duſelburger daſſelbe juſt verlaſſen, um ſich in's Schauſpiel zu begeben, denn ſie waren die uner⸗ müdlichſten Theaterbeſucher, und verweilten nur noch im Portal, um den Fremden ausſteigen zu ſehn. Dieſe drei Herren ſind zu intereſſant, als daß wir uns nicht beeilen ſollten, ihre nähere Bekanntſchaft zu machen, während ſich eine ſo gute Gelegenheit darbietet. Der Ael⸗ teſte von ihnen, Major von Pommsdorf, war ein Mann in den Funfzigen, hoch und kräftig gewachſen, mit grauem Haar und einem burgunderrothen Geſicht. Obgleich ſeit zwanzig Jahren außer Dienſt, ging er doch nicht anders, als im Militairüberrock, und hatte den Schauplatz ſeiner Thaten in's Parauet verlegt. Da er ſeit zwei Decennien allabendlich das Theater beſuchte, ſo konnte er für deſſen lebendige Chronik gelten, und ſtand mit dem gansen Büh⸗ nenperſonal auf vertrautem Fuß. Morgens wohnte er den Proben bei, dann machte er einigen Schauſpielerinnen den Hof, und Abends ſaß er auf ſeinem beſtimmten Sperrſitz. Ereignete ſich nun aber etwas Beſonderes: ging eine gern⸗ geſehene Aktrice auf Urlaub, feierte eine Andere ihr Jubi⸗ läum, oder gaſtirte eine berühmte Sängerin in Duſelburg, ſo hatte Pommsdorf alle Hände voll zu thun. Er ſorgte für Akroſticha, Blumenkränze und Fackelzüge, und übte einen bedeutenden Einfluß auf die Kritik, denn obgleich Enthuſiaſt im höchſten Grade und in jede Sängerin oder Schauſpielerin verliebt, galt er doch für einen tüchtigen Kunſtkenner. Außerdem iſt es noch charakteriſtiſch, daß der Major aus einer angeblichen Schußwunde am Fuße den Witterungswechſel vorher prophezeihte, mochten ſeine Waf— fenbrüder auch immerhin behaupten, er ſei unverletzt aus dem Feldzuge gekommen. Das mußte durchaus Verläum⸗ dung ſein, da man in Duſelburg bemerkt hatte, daß Pomms⸗ dorf jedesmal, wenn der Landesfürſt die Stadt paſſirte, durch jene Wunde zum Hinken gezwungen war. Im zweiten Beſucher des grünen Löwen lernen wir den Schriftſteller und Theaterrecenſenten Doniges kennen. Er wurde in der Stadt den größten Schöngeiſtern ſeiner Zeit bei⸗ gezählt, war Redacteur des„Wöchentlichen Anzeigers,“ und ſchrieb ſowohl die Kritiken, als die Gedichte zu feierlichen Gelegenheiten ſelbſt. Alle Duſelburger glaubten an ſein Kunſturtheil, wie an's Evangelium, und manchmal hörte man im Theater, bei Gelegenheit eines Gaſtſpiels:„Ei, mir gefällt der Fremde ganz gut, aber es kommt darauf an, was der Doniges von ihm ſagen wird. Wenn er ihn lobt, wollen wir morgen Abend wieder hergehn!“— Der biedere Recenſent war ſich auch der Macht, welche er auf die Geiſter übte, ſehr wohl bewußt, und daraus erwuchs ſein unbedingtes Selbſtvertrauen, welches übrigens, mehr oder weniger, faſt allen großen Männern eigen iſt. Doniges' Aeußeres diente dazu, die perſönliche Erſchei⸗ nung des Kunſtrichters impoſant zu machen. Groß und ſtark gebaut, trug er die ganze wohlbeleibte Figur ſehr gerade, Bauch und Bruſt traten hervor, wogegen der Kopf ſtets etwas nach hinten geneigt wurde, ſo daß er ſtolz zum Himmel ſchaute. Trotz aller Bemühungen hatte es aber dem Edlen niemals gelingen wollen, die Röthe geſunder 200 Proſa, welche auf ſeinem breiten Antlitz lag, mit jener intereſſanten Bläſſe ſchwärmeriſcher Sentimentalität zu ver⸗ tauſchen, und ſelbſt das tägliche Trinken von Weineſſig war fruchtlos geblieben. Seltſam kontraſtirte mit den dunk⸗ len, harten Zügen, die eher einen Bierbrauer, als einen Schöngeiſt errathen ließen, das weißblonde krauſe Haarz welche Farbe ſeine Augen jedoch eigentlich beſaßen, erkannte man nicht ſogleich, da dieſelben hinter den dunkelblaie Glä⸗ ſern einer Stahlbrille verſteckt waren. Der Kleidung nach gehörte Doniges zwar dem jungen Deutſchland an, allein man muß ihn wohl zum jungen Spanien rechnen. Wenigſtens trug er die ſtolze Ueberzeu⸗ gung in der Bruſt, daß er aus einem edlen kaſtiliſchen Ge⸗ ſchlecht entſproſſen ſei und eigentlich Don Iges heiße. Die Kirchenbücher von Duſelburg behaupteten freilich, ſein Groß⸗ vater wäre Töpfer, ſein Vater Elementarſchullehrer gewe⸗ ſen, doch was gelten ſolche Beweiſe gegen die untrügliche Stimme, die in dem Recenſenten ſprach. Er hing leiden⸗ ſchaftlich an Spanien; er wußte den Mantel wie ein echter Hidalgo umzuwerfen; ſeine Gedichte ſchrieb er größtentheils in Trochäen, und es ſchmeichelte ihn ſehr, wenn Jemand ſpaniſche Züge in ſeinem Antlitz zu entdecken glaubte. Neben dem Don ſtand Benjamin Chriſtian von Hei⸗ mannſohn, ein junger Bankier und Kunſtfreund, der vor einigen Jahren das alte mit dem neuen Teſtament vertauſcht hatte. Dies war indeß Nebenſache; die Hauptſache für ihn blieb das Teſtament ſeines Vaters, worin ihm der letztere eine halbe Million vermacht hatte. Sobald das Comptoir geſchloſſen worden, warf Heimannſohn ſich mit glühender Neigung der dramatiſchen Kunſt in die Arme, — — —————— — 201 und er behielt den unangetaſteten Stolz, jeder reiſenden Sängerin die koſtbarſten Präſente überreicht und die brillan⸗ teſten Feten gegeben zu haben. Der Jüngling war klein und mager, ſein unbedeutendes Antlitz lächelte ſtets, und ſein Ajüſtement ſtrahlte in der höchſten Feinheit. Zu be⸗ merken iſt noch, daß er nie ohne klirrende Silberſporen daherſchritt, obgleich ſich Niemand erinnern W ihn je⸗ mals titen geſehn zu haben. Benno's Wagen hielt, der Reiſende ſtieg aus, grüßte die drei Aufmerkſamen kurz, und ertheilte den herbeieilenden Kellnern ſeine Befehle. In den meiſten Gaſthöfen Deutſch⸗ lands hat ſich der Fremde nur in zwei Momenten des vollen Dienſteifers der Markörs, Hausknechte ꝛc. zu erfreuen, nämlich bei ſeiner Ankunft, und bei der Abreiſe, wo es ſich um die Trinkgelder handelt. Während der Zeit, welche mitten inne liegt, ſieht er mürriſche Geſichter, Nachläſſigkeit und Nichtachtung ſeiner Wünſche. Das gewinnende Aeußere, die hübſche Equipage und das vornehme Weſen unſeres Helden hatte die ſchwerfälli⸗ gen Beine des Dienſtperſonals heute noch beſonders in eine ſchleunige Bewegung geſetzt, und Herr Muſter, der gefällige Wirth, führte ihn ſelbſt die breite Stiege hinauf, ihm ſeine Wohnung anzuweiſen. — Ein ſchöner Wagen! ſagte Heimannſohn zu den Gefährten. Die magern Poſtpferde paſſen gar nicht dazu. Ich möchte wohl wiſſen, wer der Fremde iſt? — Wenn er einen Schnurtbart trüge— bemerkte der Major— ſo würde ich ihn unbedingt für einen Offizier halten, denn er hat etwas Gemeſſenes, Sicheres in ſeinen Be⸗ wegungen, wie man es gewöhnlich nur bei Militairs findet. — ——— ——— ———————— 202 Wos meinen Sie dazu? wendete der Bankier ſich fragend an Doniges. — Ich meine, erwiederte dieſer, und nahm jenes allwiſ⸗ ſende Lächeln an, welches ihm ſtets ein ſo großes Ueberge⸗ wicht gab— ich meine, wir haben einen bedeutenden Künſtler in unſern Mauern. — Künſtler! Wie heißt, Künſtler? Meinen Sie, Schau⸗ ſpieler? rief Heimannſohn mit begeiſterter Geberde. — Näher kann und will ich mich nicht auslaſſen! ſprach der zuverläſſige Recenſent. Aber Sie wiſſen, daß mein Scharfblick ſelten trügt. — Zwei Louisd'or gäb' ich drum, wenn ich wüßte, wer der Fremde iſt! betheuerte Benjamin Chriſtian, und in dem⸗ ſelben Moment kam der Wirth die Treppe herunter. — Herr Muſter! Pſt! rief Pommsdorf dem Eiligen zu, und dieſer kam herbei.— Können Sie uns nicht ſagen, Herr Muſter, weß Standes der Angekommene ſein mag? — Bin ſelbſt neugierig, Verehrteſter! entgegnete der Loöwenwirth. Aber ich will gleich hinaufgehen und ihm den Fremdenzettel vorlegen, da werden wir's ja wohl erfahren. Muſter ließ ſich durch den Ober⸗Kellner einen mit litho⸗ graphirten Linien verſehenen Bogen reichen, und wollte fort. — Ich wette noch, daß es ein Künſtler iſt! ſagte Doniges.—„Sie können Recht haben,“ erwiederte Muſter, „denn ſeine erſte Frage war, ob Theater hier ſei,“ und ſprang mit gewohnter Eilfertigkeit die Treppe empor. Als Muſter, beſcheiden anklopfend, die Zimmerthür öffnete, ſah er, daß ſein Gaſt ſich's bequem gemacht und eine Havannah angezündet hatte. 203 — Verzeihen Sie, wenn ich ſtöre! ſagte der Gaſthofs⸗ beſitzer mit einem tiefen Bückling. — O, durchaus nicht! Wollen Sie nicht Platz neh⸗ men, Herr Wirth? — Danke ergebenſt! Ich will Sie nur bitten, den Fremdenzettel gefälligſt auszufüllen. Unſere Polizei iſt jetzt ſo ſtreng, und... — Schon gut! Geben Sie her! ſprach Benno, und ſchrieb in den Zettel, daß er„Hagen“ heiße,„aus der Re⸗ ſidenz“ komme, und daß die Dauer ſeines Aufenthalts „unbeſtimmt“ ſei. Alle übrigen Rubriken ließ er leer. Begierig ergriff Muſter das Blatt, doch man merkte wohl, daß ihm die Aufklärung nicht genüge, und er begann zu Hagen: Noch um Eins muß ich Sie bitten, verehrter Herr! Um Ihren Charakter. — Mein Charakter— entgegnete der Gaſt, in beſter Laune— mein Charakter iſt ſanft und friedfertig; Mücken, enge Stiefeln und Hunger können mich indeß zuweilen ärgerlich machen. Ich bin nicht geizig, und bedaure nur, daß die Armen ſo wenig bekommen, wenn ich ihnen die Hälfte meines Vermögens gebe. Leichtgläubig bin ich wie ein Kind, und nichts iſt leichter, als mich zu täuſchen, aber trotzddem, Herr Wirth! merke ich's doch, wenn man mir ſtatt Chateau Laroſe einen Grüneberger vorſetzt. — Ha, ha, ha! Euer Gnaden belieben zu ſcherzen! rief Muſter, pflichtſchuldigſt lachend. Unter„Charakter“ verſtehe ich Dero Stand. — So! Nun das iſt nicht auffallend. Man hört heutzutage oft nach dem Charakter fragen, und kommt man —————— —— ———— ————— ———— — der Sache auf den Grund, dann haben die Leute nur den Stand zu erforſchen geſucht. — Darf ich alſo gehorſamſt bitten, Ihren Stand noch hinzufügen zu wollen! — Meinen Stand? Weiß ich es denn, welches der meine eigentlich iſt? Mein ganzes bisheriges Leben war ja nur ein Erperimentiren, um die Antwort auf Ihre Frage zu gewinnen. Und ich fürchte, ich fürchte, wenn ich das Reſultat endlich errungen habe, iſt der Spiritus beim Ver⸗ ſuchen bis auf die Neige verpufft, und es wird dann keine Zeit mehr zu kräftigem Schaffen und Wirken ſein. — Ich verſtehe Euer Gnaden wahrlich nicht! ſagte Muſter. — Verſtehe ich mich doch ſelber kaum! fuhr Benno, vom Champagnerrauſche des Humors ergriffen, fdrt Bald Literat, bald Soldat; bald daheim unter Büchern ſitzend, bald frank und frei durch die Länder ſchweifend; bald ein König in meinen Träumen, bald ein Bettler an Hoffnungen und Wünſchen; bald ein liebeſeliger Bräuti⸗ gam, bald ein verlaſſener Wittwer, ohne je vermählt gewe— ſen zu ſein; bald ein Mann in Amt und Würden, bald ein Mittelding zwiſchen Troubadour und Vagabond— tonnen Sie errathen, was ich bin, Herr Wirth? — Schauſpieler alſo! erwiederte Muſter auf die lei⸗ denſchaftlich ſtürmiſche Frage. — Schauſpieler?! Ja, oder doch wenigſtens„à peice ol himl“ wie Horatio ſagt. Der Wirth nahm die Feder, füllte die Rubrik aus, empfahl ſich dem Gaſte, und tanzte wieder die Treppe hinab. Unten wurde er von den drei Erwartungsvollen in Em⸗ pfang genommen; Heimannſohn griff nach dem Fremden⸗ zettel und las:„Hagen, Schauſpieler. Kommt aus der Reſidenz.“ — Was? rief Pommsdorf. Arminius Hagen, der unvergleichliche Mime, der beim deutſchen Theater in Pe⸗ tersburg engagirt iſt, er weilt in den Mauern von Duſel⸗ burg? Es iſt unmöglich! — Ja, es ſteht doch aber hier ſchwarz auf weiß! be⸗ theuerte der ſporentragende Bankier. Doniges machte ein ſehr ſtolzes Geſicht und ſprach: Meine Herren! Als ich Ihnen beim erſten Anblick ſagte, wir hätten einen großen dramatiſchen Künſtler begrüßt, mußten Sie überzeugt ſein, daß ich näher unterrichtet ſei. Literariſche Freunde hatten mich von der Ankunft des Un⸗ erreichten vorher in Kenntniß geſetzt, allein diplomatiſche Gründe bewogen mich, den Namen noch zu verſchweigen. Jetzt, da Sie denſelben erfahren, kann ich, ohne indiskret zu ſein, beſtätigen, daß es wirklich Arminius Hagen iſt. — Er muß einige Gaſtrollen bei uns geben! Wir wollen ihm einen Fackelzug bringen, und ihm dabei unſere Bitte vortragen! begann der Major. — O Glück für mein Haus, daß es den göttlichen Künſtler beherbergt! rief Muſter, und entfernte ſich eilig, um die Nachricht auch andern Gäſten mitzutheilen. — Ich werde ihm zu Ehren ein Diner veranſtalten, was wahrlich ſublim ſein ſoll! ſprach Heimannſohn, und dann begaben ſich die drei Enthuſiaſten in's Theater. 206 Funfzehntes Capitel. Empfangs⸗ Feierlichkeiten. Der erſte Akt von Norma war bereits vorüber, als ſie dort ankamen. Das begeiſterte Kleeblatt trat in's Parquet, und wie ein Lauffeuer ſtieg, durch den ſtürmiſchen Hauch ihrer Worte angefacht, die Nachricht, daß der berühmte Hagen in Duſelburg ſei, bis zu den Logen und am Ende bis zum hohen Olymp empor. Der Major von Pomms⸗ dorf ſtand neben Frau von Zuckelhauſen im erſten Rang, und es entſpann ſich folgendes Geſpräch zwiſchen beiden: — Arminius Hagen? Est il possible? — eine Gnädigſte! Doniges erkannte ihn ſogleich, doch war er diskret genug, uns ſeinen Namen zu verſchwei⸗ gen, bis der Künſtler ihn ſelbſt in's Fremdenbuch geſchrie⸗ ben hatte. — Alſo Er, der Große, weilt in unſern Mauern?— O, ich bin eine faſt leidenſchaftliche Gönnerin der drama⸗ tiſchen Kunſt! Wie ſchön ſagt Schiller:„Denn wer den Beſten ſeiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.“— Wird der Hagen hier auftreten? — So ſehr ich es wünſche.. ich glaube es kaum, da er in der Reſidenz abgeſchlagen hat, auch nur eine einzige Gaſtrolle zu geben. — Und doch müſſen wir alles daran ſetzen, daß er unſere Bühne betritt. Es wäre ein herrlicher Triumph für Duſelburg! Haben Sie noch gar nichts veranſtaltet, Herr Obriſt⸗Wachtmeiſter, ihm die ſehnſüchtigen Wünſche des Publikums zu ſchildern? — K 207 — Morgen erſcheint im„Wöchentlichen Anzeiger“ ein Gedicht an den Mimen, und Heimannſohn will ihn, damit er nicht fort kann, zum Diner einladen. — Heimannſohn, der getaufte Iſraelit? Der Menſch hat ja nicht den mindeſten Geſchmack! — Bitte um Vergebung, meine Gnädigſte! Ich ver⸗ ſichere Sie, er führt einen Rüdesheimer Domdechant im Keller, wie ich ihn niemals vortrefflicher getrunken. — Nun.. und weiter? — Eigentlich müßte der Director Roth wild dem Fremden ſeine Aufwartung machen, aber er kommt erſt dieſe Nacht von Buchenthal zurück, und deshalb bin ich entſchloſſen, noch heut Abend einen Fackelzug für den gro⸗ ßen Mimen zu arrangiren. — Einen Fackelzug! Ah, der Gedanke iſt originell! — Bei dieſer Gelegenheit, will ich ihm dann ſagen, daß—— Der Vorhang rauſchte empor, Pommsdorf empfahl ſich mit einer ſtummen Verbeugung, und trat an ſeinen Platz. Im Stillen warb er für den bewußten Zweck, es fanden ſich Theilnehmer genug, und da der Major ſtets Fackeln vorräthig hatte, ſo ſtand der Ausführung des Plans nichts mehr im Wege. Das Muſikchor durfte ſich nicht aus dem Theater ent⸗ fernen, die Fackeln wurden geholt, und, als die letzten Töne der Norma verhallt waren, in lodernden Brand geſetzt. Es war ein weicher, angenehmer Abend. Von Weſten zogen ſtahlblaue Gewitterwolken herauf; kein Mondſtrahl erhellte die grauen Steinmaſſen der Stadt, und der Fackel⸗ ſchein fiel recht energiſch auf die Häuſerfronten, als der 208 Zug ſeine Wallfahrt begann. Voran ging das Orcheſter, dann folgte der Major, welcher im wahren Sinne fax et tuba des Unternehmens war, und an ihn ſchloſſen ſich die Reihen der Fackelträger. Ein dichter Menſchenſtrom um⸗ wogte die Prozeſſion, denn die Gruppen der Spaziergänger kannten den Grund der Feierlichkeit nicht, und waren neu⸗ gierig, was es denn eigentlich geben würde. Benno lag im Bette, aber ſein Blut wallte zu unge⸗ ſtüm, als daß er hätte einſchlafen können. Da vernahm er aus der Ferne Stimmengewirr und die Klänge eines wohlbekannten Feſtmarſches. Immer näher rückte der Spek⸗ takel und concentrirte ſich vor dem grünen Löwen. Jubel⸗ ruf miſchte ſich in das Getön der Blaſeinſtrumente, und unſer Held, in der feſten Ueberzeugung, es wohne irgend eine fürſtliche Perſon, welcher das alles gelte, mit ihm unter demſelben Dach, ſtand von den Pfühlen auf. Er zog den Schlafrock über, und näherte ſich dem Fenſter. Unten bildeten die Spielleute einen Kreis, und blieſen ſchmelzende Compoſitionen; mehr als funfzig ſtattliche Männer ſtanden rings um das Orcheſter, jeder trug eine Fackel, und rothe Lichter ſprühten aus dem Dampf hervor. Der unſichre, wechſelnde Glanz beſchien die Häuſer des Marktes, den Thurm einer nahegelegenen Kirche und die Menſchenmaſſe, welche, Kopf an Kopf gedrängt, den brei⸗ ten Platz erfüllte. Der erſtaunte Kreisarzt öffnete den Fenſterflügel, das Schauſpiel beſſer betrachten zu können, aber kaum bemerkte man ihn, ſo rief Jemand:„Der große Hagen lebe!“ und ein tauſendſtimmiges„Hoch!“ vom Schmettern der Trom⸗ peten begleitet, zitterte durch die Lüfte. Kaum war es ver⸗ — —— ——— 2 —————————— ———— — 209 hallt, ſo trat— ehe Benno noch Zeit fand, ſich zu überle⸗ gen, ob er auch nicht träume— der Major von Pomms⸗ dorf hervor. Derſelbe hielt ihm eine pomphafte Anrede, worin er ſagte: ſie Alle trügen Fackeln, gleich dem Genius der Freude, um ihr Entzücken über die Gegenwart eines ſo hochverehrten Gaſtes auszudrücken. Wüßten ſie aber, daß er ſie ohne Aufenthalt wieder verlaſſen, daß er ihnen nicht vergönnen wolle, ſeine hohen Kunſtleiſtungen anzuſtaunen, dann würde ſich ihre Luſt in Trauer verwandeln, und ſie würden betrübt die Fackeln auslöſchen.— Ein bittendes „Hierbleiben!“ beſchloß die wohlgeſetzte Rede, und donnernd ſtimmte die Verſammlung darin ein. Hagen wußte nicht, was er von der ganzen Geſchichte halten ſollte, doch ſo viel ſah er wohl, die Feierlichkeit war ihm zu Ehren veranſtaltet, und er brummte halblaut: die Kerle ſcheinen hier complett verrückt zu ſein! Bei dieſer Gelegenheit kam ihm eine Wolke des übelriechenden Fackel⸗ qualms in Naſe und Mund, ſo daß er hell aufhuſten mußte, und unten glaubte man, er habe etwas erwiedert. Verſtehen konnten ſie freilich in dem Tumulte nichts, doch waren ſie überzeugt, Hagen könne nichts anderes geſagt haben, als: er werde ſich glücklich ſchätzen, die Zeit ſeiner Muße in einer ſo hochgebildeten, kunſtſinnigen Stadt zu verleben. Dieſe Worte, urſprünglich in der Phantaſie des Majors geboren, flogen von Mund zu Mund, und neuer Beifallsſturm, neues Tuſchblaſen folgte darauf. Dann zog ſich Muſik, Fackelzug und Volksmenge zurück, es wurde ſtill, und Benno ſuchte ſein Lager wieder. Kopfſchüttelnd legte er ſich hin, denn der Vorfall blieb ihm unerklärlich, und während er darüber grübelte, ſchlief er endlich ein. 14 Am andern Morgen hatte er die ganze Geſchichte ver— geſſen, und klingelte dem Kellner, um ſich Kaffee zu be⸗ ſtellen. Erſt als ihm das braune Moccagetränk gebracht wurde, tauchten die Bilder des vorigen Abends von neuem in ihm auf, denn alles geſchah mit unbegreiflicher Feierlich⸗ teit. Herr Muſter trat in's Zimmer, und erkundigte ſich „pflichtſchuldigſt,“ wie der allverehrte Gaſt unter ſeinen Penaten geruht habe. Ihm folgte Julchen, die hübſche, ſechszehnjährige Tochter des Wirths, im weißen Kleide, ein blitzendes Kaffeeſervice tragend, das mit einem friſchen Blumenkranz umſchlungen war. Verlegen dankte Benno für die vielen Aufmerkſamkeiten, er lobte das zierliche Ar⸗ rangement des Frühſtücks, fühlte ſich aber doch herzlich froh, als Vater und Tochter Abſchied nahmen. Hagen bemerkte nun wohl, dies ganze Treiben müſſe auf Irrungen beruhen; es verſprach ihm indeß Scherz und Zerſtreuung, drum faßte er den Entſchluß, ſich in alles zu fügen, und mit gutem Humor abzuwarten, was ſich daraus entwickeln werde. Man hielt ihn für irgend einen berühm⸗ ten Mann, ſo viel ſtand feſt, nur hätte Benno auch gern gewußt, welche Rolle er eigentlich zu ſpielen habe. Gott⸗ fried, ſein Lohnbediente, war ein gewandter Burſch, aber dieſen mochte er nicht fragen, weil er ſich dadurch leicht verrathen und den ganzen Spaß verderben konnte. Kaum ſaß er auf dem Sopha und goß ſich eine Taſſe Kaffee ein, ſo tam ein Jockey, der ſich im Namen des Ma⸗ jors von Pommsdorf erkundigte, wie Herr Hagen geruht habe. Der letztere bedankte ſich höflich, ſagte: er befände ſich ſehr wohl, und der Bediente ging. Nun nahm unſer Held ein Stück von dem duftigen Kuchen, der eigens für ihn gebacken war, und wollte frühſtücken— aber ſchon wieder klopfte es. Benno rief„herein!“ und ein kleiner, ſchwächlicher Mann mit blöden Augen ſtolperte über die Schwelle. Voll Unſicherheit näherte er ſich dem Sopha, ſtieß beinahe das Porzellanſervice um, und ſtellte ſich als den Regiſtrator Süßmilch vor. Benno mußte— er mochte wollen, oder nicht— höchſt erfreut ſein, ihn kennen zu lernen; er bat ihn, Platz zu nehmen, und fragte nach ſeinem Begehr. Süßmilch holte ein ziemlich ſtarkes Manuſcript aus der Taſche, ſtotterte eine unabſehbare Reihe von Entſchuldi⸗ gungen, und brachte erſt nach längerer Zeit die Erklärung heraus: es ſei ein Trauerſpiel von ihm. Da er nicht wiſſe, ob er wirklich wagen dürfe, daſſelbe einer Bühnen⸗ Direction anzubieten, habe er ſich ein Herz gefaßt, es dem großen Hagen vorzulegen, und ſich ſein Urtheil zu erbitten. Benno ſchlug das Titelblatt auf und las:„Conradin von Schwaben. Eine Tragödie in fünf Akten, nebſt einem Vorſpiel.“ Der unfreiwillige Kunſtrichter wunderte ſich darüber nicht, denn ſo viel wußte er auch von unſerer dra⸗ matiſchen Literatur, daß unter Deutſchlands Poeten immer der dritte Mann ſeinen„Conradin“ geſchrieben hat. Der letzte unglückliche Hohenſtaufe iſt das Pas, womit junge Dichter gewöhnlich ihre dramatiſchen Tanzübungen begin⸗ nen. Während Benno den zitternden Regiſtrator durch einige ſchmeichelhafte Worte über die vortreffliche Wahl beglückte, ſah er ſeinen Kaffee kalt werden. Er erſuchte den angehenden Shakeſpeare, oder vielmehr Raupach, ihm das Dpus auf einige Tage zu überlaſſen; dieſer willigte hoch⸗ entzückt in den Vorſchlag, und ging, ſich fortwährend ver⸗ 14 beugend, ruͤckwärts zur Thüre hinaus. Seufzend dachte Hagen: es giebt doch kein geplagteres Weſen, als einen beruhmten Mann! und trant den eiskalten Kaffee. Noch ſchlürfte er denſelben, als Herr Heimannſohn, unſer Be⸗ tannter von geſtern, im nobelſten Reitkoſtüm, mit Sporen, Gerte und gelben Glacéhandſchuhen, eintrat — Bin ich ſo glücklich, den Mann vor mir zu ſehn— ſprach der Vankier pathetiſch— deſſen Ruf von den Alpen bis zum Kaukaſus ertönt? — Mein Name iſt Hagen! erwiederte Benno, nicht ohne ein Lächeln, obgleich er bereits anfing, ſich an ſeine Berühmtheit zu gewöhnen.— Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe? — Benjamin Chriſtian von Heimannſohn! ſprach der kunſtſinnige Jüngling, doch brachte er den Namen etwas un⸗ deutlich vor, damit er einen mehr occidentaliſchen Klang bekam. Der Bankier nahm Platz; er lud Benno zum Diner ein, und fügte beiläufig hinzu, daß es demſelben vielleicht nicht unangenehm ſein werde, die Elite von Duſelburgs Bewohnern an ſeinem Tiſche zu finden. Der Held des Tages lehnte alles dankbar ab, doch Heimannſohn drängte und bat ſo unaufhörlich, daß jener am Ende zuſagte, um ihn nur los zu werden. Noch immer erfuhr Benno nichts Näheres, denn Benjamin Chriſtian war eben ſo myſteriös in ſeinen Anſpielungen, als überhaupt undeutlich in der Rhetorik. Es fand offenbar zwiſchen der deutſchen Sprache und ihm eine gewiſſe Spannung, ein veralteter Religionshaß ſtatt, der, trotz aller Bekämpfungen, nicht zu unterdrücken war. Nachdem der Muſenfreund ſich noch über Schiller und Auſtern, über Dramaturgie und Kaſtorhüte, über Ballet et 213 und Reitpferde ausgelaſſen hatte, empfahl er ſich, und Benno athmete wieder frei.— Wenn ich nur errathen könnte, ſagte er zu ſich ſelbſt, was die Menſchen von mir wollen. Für's Erſte iſt mir mit ſolchem Incognito ſehr ge— dient, denn ich gewinne Zeit zum Prüfen, ob ich hier in Duſelburg eine geiſtige Lebensluft finde. Aber wüßte ich wenigſtens, ob man mich für einen Dichter oder Maler, für einen Feldherrn oder eine Ballettänzerin hält, dann wäre mir ein ſchwerer Stein von der Seele gehoben. Es mag leicht ſein, für etwas zu gelten, was man nicht iſt, allein ich weiß ja nicht einmal, wofür ich gelte... Dieſer Monolog wurde durch Klopfen unterbrochen, und eine junge Frau erſchien am Eingange. Sie war ſchlank und reizend gewachſen, doch zeigten die Formien eine gewiſſe Welkheit, wie ſie vom forcirten Lebensgenuß wohl zu entſtehen pflegt. Die Züge ihres Antlitzes waren regelmäßig ſchön, beſonders der Mund hatte viel Anmu⸗ thiges, und die Oberlippe ſträubte ſich ein wenig empor, geſunde Zähne enthüllend. An die Wangen und Schlä⸗ fen legten ſich ſtarke, rabenſchwarze Flechten, und ihre blaugrauen Augen rollten wie lüſterne Sterne umher. Mit den letzteren kontraſtirte jener blöde, zögernde Ausdruck, den die Dame annahm, als ſie auf der Schwelle des Zimmers ſtand, und Benno, die Geſetze der Courtviſie niemals vergeſſend, ihr entgegentrat, ſie höflich zum Näherkommen nöthigend. Nachdem ſie ſich auf dem Divan placirt hatte, merkte unſer Freund wohl, daß ſie ihm etwas ſagen wolle, wobei ihr Gottfried's Gegenwart hinderlich ſei. Ein Wink ent— fernte denſelben, und bald wurde die Fremde dreiſter. Mit einer Schüchternheit der Stimme, welche mehr künſtlich als natürlich ſchien, erzählte ſie Folgendes: Ich bin von guten Eltern, die in einer ſächſiſchen Stadt leben, wo mein Vater Beamter iſt. Ich erhielt eine ſtrenge, faſt kloſterliche Er⸗ ziehung, und ruhig blieb's in mir, bis ich auf der Bühne den Schauſpieler Engelhard ſah. Es entſpann ſich ein Verhältniß zwiſchen uns, wir hatten heimliche Zuſammen⸗ tünfte, und da wir wohl wußten, daß die Eltern nie in unſere Verbindung willigen würden, ſo entführte er mich. Ohne den Segen der Kirche empfangen zu haben, folgte ich ihm als Weib; vor acht Monaten genas ich eines Kin⸗ des, und merkte nun, daß er meiner bereits überdrüſſig war. Bald darauf ging er mit einer verworfenen Aktrice durch, welche die Buhlerinnen ſtets voll frecher Wahrheit geſpielt hatte; er ließ mich und ſein Kind arm, hülflos, der Schande Preis gegeben zurück. Ach Gott! Erſt neunzehn Jahre bin ich alt, bin Mutter, ohne Gattin zu ſein, bin elend und verwaist!... Die Erzählerin nahm ihr Tuch und drückte es an die überfließenden Augen. Benno rückte ein wenig mit dem Stuhl, um die Pauſe abzukürzen, denn Rührung und Un⸗ geduld kämpften in ihm. Die Dame ermannte ſich, und fuhr fort. Zwar ſchrieb ich meinen Eltern flehentliche Briefe, allein ſie antworteten mir nie. Sie haben mich verbannt, verſtoßen! O mein Herr! ſagte ſie, ſich näher zu Benno neigend. Sie ſind auch Schauſpieler.. Hagen horchte hoch auf bei dieſem Wort; es fing an, ſich ihm wie eine Gasbeleuchtung zu entfalten, doch unter⸗ brach er die Rednerin nicht, und dieſe ſprach: Sie werden ſich meiner annehmen! Der Ruf eines trefflichen Charakters — ——— 1 6 13 ſ. 3 3 1 1 1 1 1 1 1 1 215 zieht Ihnen voran! Tröſten, ſtützen, retten Sie mich, und ich will Ihnen dankbar ſein, wie ich es nur kann. Ach, ich bin ja erſt neunzehn Jahre alt! Benno war verlegen; es ſchien durchaus nicht, als ob er Luſt habe, der Bacchus von Engelhard's verlaſſener Ariadne zu werden. Dieſe ſchwieg jetzt, als erwarte ſie den Erfolg ihrer Beredtſamkeit, und da ſie das Schnupftuch hatte fallen laſſen, ſo bückte ſich Benno, es aufzuheben. Er legte aber der Dame mit dem Tuch zwei Goldſtücke in die Hand. Hoch wußte ſie die Diskretion zu ſchätzen, ſie dankte nicht laut für die Gabe, ſondern preßte im Stillen glühend des Wohlthätigen Hand. Dann warf ſie ihm einige Flammenblicke zu, und erſt als alles fruchtlos blieb, verließ ſie, mit einer ſeriöſen Verbeugung, das Zimmer. Das ſcheint mir eine ſaubere Pflanze— ſagte Benno zu ſich ſelbſt, als er allein war— und ich hätte meine zwei Louisd'or wohl auch beſſer anwenden können! Aber ſie hat dieſelben redlich verdient durch die Aufklärung, die ſie mir über meine Perſon verſchaffte.— Alſo Schauſpieler bin ich, und zwar ein berühmter Schauſpieler! Wer hätte das je gedacht?— Nun meinetwegen! Wenn die Maske auch unbequem iſt, ſo ſchützt ſie doch vor dem Erkennen. Jetzt will ich übrigens die Thür verriegeln, damit die Gallerie von Beſuchen, die ich empfangen, und die aus wahren Ca⸗ binetſtücken beſteht, nicht noch vergrößert werde! 216 Sechszehntes Capitel. Der Schauſpieldirertor Rothwild. Es war die höchſte Zeit, daß Benno den Riegel vor⸗ ſchob, denn ſchon wieder kamen Tritte über den Vorſaal, und zwar noble, belletriſtiſche Schritte. Don Iges, der Andaluſier, nahte ſich, welcher, trotz der Frühjahrshitze, ſei⸗ nen Hidalgomantel trug, um das Koſtüm maleriſcher zu machen. Seine Hand hielt ein Blatt des„Wöchentlichen Anzeigers,“ jedoch nicht auf das gewöhnliche aſchgraue Papier, ſondern auf roſa Velin gedruckt. Der Literat hatte nämlich die halbe Nacht am Schreibtiſche zugebracht, den großen Hagen zu verherrlichen; mit Sonnenaufgang war der Druck begonnen worden, und das Blatt enthielt, außer Gedichten und proſaiſchen Aufſätzen an und über den Mimen, nur noch einige Wirthſchaftsregeln, 3. B.„gegen die Blähſucht des Rindviehs,“„neuen Pelzen den übeln Geruch zu entziehen,“„aus den Bettſtellen die Wanzen zu vertreiben“ u. ſ. w. Don Iges erſchien jetzt in eigner Perſon, dem Gefeier⸗ ten die papierne Lorbeerkrone darzubringen, und er memo⸗ rirte auf der Treppe noch einmal die köſtliche Anrede, die er dem Künſtler zu halten gedachte. Darin war zuerſt von Rußland, dann von Deutſchland im Allgemeinen, hierauf von Duſelburg insbeſondere und endlich auch von Spa⸗ nien die Rede, wobei der Don auf ſeine Abkunft hindeutete⸗ Mit einem Worte: Jedermann mußte das Ganze für ein rhetoriſches und geographiſches Meiſterſtück erklären, und man kann ſich die Ueberraſchung des edlen Kritikers denken, als er, eben den Finger zum Anklopfen truͤmmend, drinnen WM 217 den Riegel raſſeln hörte. Verblüfft ſtand er einige Secun⸗ den ſtill, das„Herein!“ erwartend. Allein im Zimmer regte ſich nichts, auch wiederholtes Klopfen blieb ohne Er— folg, und doch wußte Doniges, daß Hagen noch nicht ausge— gangen. Er hielt alſo einen Kriegsrath, was hier anzufan⸗ gen ſei. Wäre ihm daſſelbe bei weniger berühmten Künſt⸗ lern begegnet, er würde es ſehr übel aufgenommen und alle ihre Leiſtungen im„Wöchentlichen Anzeiger“ ſcharf gegeißelt haben. Hier aber ſtand ihm eine hochgefeierte Perſönlichkeit gegenüber; mit Tadel oder Verachtung konnte nichts aus⸗ gerichtet werden, und außerdem hatte er ja den Fremden bereits a priori unmäßig gelobt. All dieſes erwog der Don in ſeinem andaluſiſchen Haupte, faßte dann ſchnell einen Entſchluß, und verließ den grünen Löwen. Schnurgerade richtete er den Schritt zu Salami's Reſtauration, wo immer um dieſe Zeit Offiziere und Civiliſten beim Frühſtück zu ſitzen pflegten. Der Redakteur trat etwas geräuſchvoll in die kühle, mit Weinreben bemalte Trinkſtube, warf den Mantel ab, und laute Begrüßungen ſchollen ihm entgegen. — Guten Morgen, theurer Don! rief der Aſſeſſor Pickel mit Stentorſtimme durch's Getöſe. Setzen Sie ſich zu uns, und erzählen Sie, was es Neues im Städt⸗ chen giebt. — Ja, ſetzen Sie ſich zu uns her, und trinken Sie ein Gläschen Sekt! ſprach Herr von Heimannſohn, indem er Champagner für Doniges eingoß. — Ich muß eigentlich danken! erwiederte der Schön⸗ geiſt. Es möchte zu viel werden, denn ich habe ſo eben mit Arminius Hagen eine Flaſche geleert. 218 —„Sie waren bei dem Künſtler!— Was macht er? Wie lange bleibt er hier?— Wird er auftreten?— Er⸗ zählen Sie geſchwind!“ So dröhnte es durch den Saal. Aber Don Iges, mit jener claſſiſchen Ruhe, die ein Erb⸗ theil ſpaniſcher Granden iſt, trat an den Tiſch, ohne irgend exaltirt zu ſein, oder ſich durch die ſtürmiſchen Fragen hin⸗ reißen zu laſſen. Er nahm einen Stuhl, ſetzte ſich, und ſchlürfte mit prüfender Kennermiene das Glas Jaqueſon⸗ Buzot hinunter. Dann lehnte er ſich zurück, und begann, während er mit dem Handſchuh ſeine Brille putzte: — Heute Morgen empfing ich ein ſehr ſchmeichelhaftes Billet von dem großen Künſtler, worin er mich bat, ihm die Zeit zu beſtimmen, wann mich ſein Beſuch am wenig⸗ ſten ſtören würde. Eingelegt waren die Empfehlungsſchrei⸗ ben zweier berühmten Schriftſteller aus Süddeutſchland, worin mich dieſelben baten, ihm günſtig und förderlich zu ſein, falls er länger in Duſelburg verweilen ſollte. Man ſieht hieraus, daß der ausgezeichnete Mime die Kritik ſchätzt und ehrt, und daß er darnach ſtrebt, mit ihren Wortfüh⸗ rern vertraut zu werden. Sie wiſſen, meine Herren, es iſt mein Grundſatz, dem Stolze ſtolz, der Beſcheidenheit aber beſcheiden entgegen zu treten. Ich kleidete mich deshalb an, und ging zu Hagen. Kaum kann ich Ihnen ſchil⸗ dern, wie froh und herzlich er mich empfing; ich mußte durchaus eine Flaſche Sekt mit ihm trinken, und als wahre Freunde trennten wir uns. — Wird er in Duſelburg auftreten? erkundigte ſich der Lieutenant von Knirps⸗Stablowski. — Mich darüber auszulaſſen, verbietet mir die Pflicht! ſprach Don Iges mit geheimnißvoller Miene. Denn was —„ ² ———— 219 mir Hagen mittheilte, geſchah nur im Vertrauen auf meine Diskretion. — Bei Gott, das iſt ſchön von Ihnen! das gefällt mir! ſagte Heimannſohn. — Ach, er würde gewiß ſpielen— nahm der dicke kentamtmann Bückling das Wort— wenn unſer Thea⸗ terdirektor nicht ſolch ein Einfaltspinſel wäre. — Sie haben Recht, Herr Rentamtmann! rief der Aſſeſſor. Es kann einem Künſtler keine Freude machen, auf der Bühne dieſes Rothwild zu gaſtiren; er iſt die Dummheit in der Blüthe. —„Es liebt der Neid das Strahlende zu ſchwärzen „Und das Erhabne in den Staub zu ziehn!“ recitirte Weichſelmüller, der erſte Heldenſpieler des Du⸗ ſelburger Theaters. — Iſt es denn wirklich wahr, daß der Direktor nicht ſchreiben kann? fragte Herr von Knirps⸗Stablowski, wel⸗ cher erſt vor Kurzem zur hieſigen Garniſon verſetzt worden. — Weder ſchreiben, noch leſen! entgegnete Bück ing. Ich fand ihn einmal im Kaffeehaufe, wo er anſcheinend eifrig die Zeitung las. Verwundert ſah ich ihn an, doch bemerkte ich bald, daß er das Blatt verkehrt hielt, und als ich ihn darauf aufmerkſam machte, antwortete er mir ganz unerſchrocken:„Ja, ſehen Sie, ich bin links!“ Seitdem finde ich, daß er an öffentlichen Orten nur ſolche Blätter nimmt, welche eine Vignette tragen, wodurch jeder Irrthum unmöglich wird. — Der Theaterſeeretair erzählte mir ein Geſchichtchen, das auch nicht übel iſt, ſagte Don Iges. Rothwild bekam einen Brief, und gab ihn dem jungen Manne zum Vor⸗ 220 leſen. Das Billet doux fing mit den Worten an:„Zwar verdienen Sie gemeiner Menſch gar nicht ꝛc.“ Der Direktor mochte wohl ahnen, daß noch andere ähnliche Schmeicheleien folgen würden, deshalb hielt er dem Secre⸗ tair die Ohren zu, damit dieſer nichts hören ſollte, und rief:„So! Nun können Sie weiter leſen.“ — Iſt es denkbar— ſprach der Lieutenant wohl⸗ gefällig— daß ein gebildeter Menſch weder ſchreiben noch leſen kann! — Mir fällt eben der unvergleichliche Spaß ein, den ich mit ihm erlebte, begann Pickel. Einſt hat Rothwild einen Termin; ich nehme ihn zu Protokoll, und reiche ihm nachher die Feder zur Unterſchrift. Neugierig war ich, wie er ſich benehmen würde, aber er ſagte:„Wozu brauchelich eine Feder? das hab' ich mir bequemer eingerichtet!“ Und zu meinem höchſten Erſtaunen zog er eine Schablone, ein Farbentöpfchen und einen Pinſel aus der Taſche hervor. Ein paar Striche machte er, und deutlich, wenn auch etwas dick, ſtand auf dem Papier: Rothwild, Theater⸗ direktor. Weichſelmüller lachte herzlich, und begann darauft Herr Aſſeſſor, ich danke Ihnen für dieſen koſtbaren Beitrag zur Charakteriſtik unſeres Direktors, und werde ſorgen helfen, daß die Hiſtorie gebührend in's Publikum kommt, denn si non e vero, e ben trovato. Ich habe gleichfalls ſchon ſehr hübſche Dinge mit Rothwild vorgehabt. Wir ſind beide in Geſellſchaft, und es werden Schreibſpiele arrangirt. Als man die Zettel öffnet, iſt der Eine leer; ich betrachte ihn genau, und erkläre dann mit Beſtimmtheit:„Dieſe Handſchrift kenne ich; ſie gehört dem Hertn Direktor.“ 22¹ Rothwild nimmt aber den Scherz ſehr übel auf. Er ſtellt mich zur Rede und ſagt:„Warten Sie nur! ich ſchreibe mir das hinter die Ohren.“ Ganz recht— erwiedere ich ihm— dann haben Sie's auf Pergament. —— Die Geſellſchaft wurde immer heitrer und weinlauniger. Wie gewöhnlich, wenn dies Capitel einmal angeſtimmt war, jagte eine Anekdote von Rothwild die andere, und Jeder wollte ſelbſt erlebt haben, was er erzählte. Wirklich 3 war das Stichblatt eine unbegreifliche, beinahe fabelhafte Figur; coloſſale Dummheit, gigantiſche Unwiſſenheit und pyramidale Arroganz vereinigten ſich in der Perſon des Schauſpieldirektors. Von Jugend auf zum Pferdehändler erzogen, hatte er bei dieſem Gewerbe bedeutendes Vermögen erworben und hatte einen großen Theil der Duſelburger 1 Theateraktien an ſich gebracht. So gelangte er zuletzt in Beſitz der Kunſtanſtalt, wurde Direktor, und benahm ſich in dieſer Stellung, wie der Pavian, welcher zufälli ig über die Staffelei eines Malers gekommen iſt. Mögen auch die Geſchichten, die man ihm nacherzählte, theilweis nur Erfindungen geweſen ſein, ſo ſchildern ſie das dramaturgiſche Monſtrum doch, und wir belauſchen des⸗ halb unſere fröhlichen Trinker noch eine kurze Zeit. Don Iges war an der Reihe, und ſprach: Es kön⸗ nen jetzt etwa acht Monate her ſein, als Signora Mal⸗ cheſini, die Nachtigall der Nachtigallen, das Theater der Reſidenz verließ. Ich machte den Direktor auf dieſe Perle aufmerkſam.„Bei Gott,“ rief er,„wenn ſie in Europa bliebe, ſollte ſie keine andere Bühne, als die meinige, be⸗ ſitzen, aber— ſie geht nach Italien!“ 222 — Neulich ging ich zur Auktion, wo die Nachlaſſenſchaft des alten Generals Uhlich verſteigert werden ſollte— er— zählte der Rentamtmann. Rothwild begegnete mir und fragte mich, was heute dort vorkäme.„Zuerſt die Waffen⸗ ſammlung, dann die Ordens⸗Dekorationen,“ antwortete ich ihm. Ich habe leider keine Zeit— ſagte er— doch Sie thun mir wohl den Gefallen, und kaufen für mich eine ſchöne Waldgegend, wenn eine unter den Dekorationen iſt. Auch Pommsdorf, der inzwiſchen angelangt war, wollte ſeinen Beitrag zur Charakteriſtik des Rothwilds geben, wor⸗ auf man hier Jagd machte, und er begann: Als Se. Durch⸗ laucht, unſer gnädigſter Fürſt, das letzte Mal durch Duſel⸗ burg kam— Sie wiſſen meine Herren, wie huldvoll Se. Durchlaucht ſich nach der Fußwunde zu erkundigen geruh⸗ ten, die ich im Feldzuge bekommen habe— beſuchte der Landesherr das Theater. Rothwild führte den Fürſten in die Loge ein, und ſprach mit tiefen Verbeugungen:„Ich halte es für meine Pflicht, Eure Durchlaucht aufmerkſam zu machen, daß Sie geruhen möchten, Hochdero Kopf nicht zu weit vorzuſtecken, denn die Leute im zweiten Rang ha⸗ ben die Gewohnheit, von oben herunterzuſpucken.“ — Vortrefflich! rief der Muſikdirektor Bunkenbach, der dem Direktor beſondere Malice nachtrug, ſeitdem dieſer ihn abgeſetzt, und einen andern Capellmeiſter angeſtellt hatte.— Es klingt wie Uebertreibung, aber gewiß iſt alles buchſtäblich wahr! Was habe ich nicht für tolle Dinge aus ſeinem Munde gehört! Einſt tritt Madam Schlip⸗ peken⸗Füpelhauſen als Donna Anna auf, und ich lobe ihre brillante Stimme.„Das iſt gar kein Wunder, daß ſie ſchön ſingt,“ erwiederte er mir.„Es liegt in — 223 der Familie! Ihr Vater war ein berühmter Kaſtrat in Dresden!“ Während die ganze Verſammlung über die letzte Anek⸗ dote ein rechtes Göttergelächter anſtimmte, ging die Thür des Zimmers auf, und der Wolf aus der Fabel zeigte ſich den erſtaunten Blicken. Herr Direktor Rothwild erſchien. Man hätte in dem unſcheinbaren Menſchen mit dem wollig braunen Haar und den hechtfarbigen Augen gar nicht ſo viel Unterhaltungsſtoff vermuthen ſollen; er ſah ganz pro⸗ ſaiſch dumm aus. Aber kaum zeigte er ſich, da verſtumm⸗ ten die Lacher, denn nur in ſeiner Abweſenheit verſpotteten ſie ihn. Sobald man ihn ſah, war man lauter Artigkeit und Freundſchaft; es hatte Jeder ſo ſeine geheime Urſache, weshalb er es mit Rothwild nicht verderben mochte. Don Iges bekam ein Freibillet; Pommsdorf und der Aſſeſſor wurden oft beim Direktor eingeladen; Heimannſohn hatte freien Eintritt zu den Proben; Bunkenbach hoffte noch immer, die Capellmeiſterſtelle zu gewinnen, und vom Rent⸗ amtmann Bückling beſaß Rothwild mehrere jener kleinen, werthvollen Handſchriften, die man gewöhnlich„Wechſel“ nennt. Solche Gründe brachten unſere Bekannten in Bewe⸗ gung, und ſtürmiſch eilten ſie dem Verhöhnten entgegen, ihn höflich zu begrüßen. — Nun! Wiſſen Sie denn auch die große Neuigkeit ſchon, beſter Freund? redete der Major ihn an. — Nein, ich ſteige dieſen Augenblick vom Wagen. Was giebt es? — Denken Sie nur, Arminius Hagen, die Krone der dramatiſchen Kunſt, befindet ſich in Duſelburg. —— 224 g — Warum wundern Sie ſich darüber? fragte Roth⸗ wild mit unerſchütterlicher Ruhe und Arroganz. Gewiß wird er von mir und meinem Theater gehört haben, und wird hergekommen ſein, ſich ſelbſt von der großen Vortreff⸗ lichkeit meiner Kunſtanſtalt zu überzeugen. Alle waren verblüfft beim Anhören dieſer Worte, aber niemand wagte etwas darauf zu erwiedern. Nur der Lieu⸗ tenant von Knirps⸗Stablowski meinte:„Ob Hagen hier wohl auftreten wird?“ — Wie können Sie nur ſo fragen, Herr Lieutenant? rief der Direktor. Gewiß wird er auftreten! Ich gehe ſo— gleich zu ihm, um ihn einzuladen und das Nöthige zu ver— abreden. Wo logirt er denn? Man ſagte ihm Beſcheid, er verließ die Reſtauration und wollte geradewegs nach dem grünen Löwen hinüber. Allein auf dem Markte ſtand er ſtill, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Halt! Es iſt doch beſſer, wenn ich mir vorher den Orden einmache. Er kann mich dann nicht wie einen ge— wöhnlichen Lump behandeln.“ Nachdem Rothwild dieſen Vorſatz ausgeführt hatte, trat er, das Kreuz im Knopfloch, bei Benno ein. Was zwi— ſchen den Beiden verhandelt wurde, läßt ſich nicht vollſtän⸗ dig ermitteln, nur das Ende der Unterredung iſt uns be⸗ kannt. Herr Muſter, der Wirth zum grünen Löwen, konnte nämlich zuletzt ſeine Neugierde nicht mehr zügeln; er ſchlich leiſe die Treppe empor, lauſchte draußen auf dem Corridor, und vernahm Folgendes: — Sie ſind ein unvergleichlicher Schauſpieldirektor! ſagte Benno lachend. Kennen Sie Schiller? — ———————— ———— — 2 —,————— — Wie werd' ich ihn nicht kennen— erwiederte Roth⸗ wild. Zwei Jahre hatte ich ihn als Paukenſchläger, und ich muß geſtehn, er war ein Künſtler auf ſeinem Inſtru⸗ ment. Aber ich ließ ihn gehen, denn er benahm ſich wider⸗ ſpenſtig, und das darf man nicht dulden bei einer ordent⸗ lichen Kunſtanſtalt. Eines Tages komme ich in die Opern⸗ probe; da ſitzt mein Herr Schiller und rührt ſich nicht. Ich frage ihn, warum er nicht paukt, und, denken Sie, er antwortet mir:„Ich habe nichts zu thun!“ Nun werde ich hitzig.„Sie wollen nur nichts thun!“ rief ich.„Für Nichts⸗zu⸗thun⸗haben bezahl' ich Sie nicht. Den Augen⸗ blick fangen Sie an zu pauken!“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo unterſtand ſich der Menſch, mir gerade in's Geſicht zu lachen; ich lohnte ihn ab, und wir waren geſchiedene Leute. — Vortrefflich! ſprach Hagen. Kennen Sie Tieck? — Aha! ich weiß ſchon, Sie meinen Kritik! äußerte der Direktor. Den kenne ich auch! Der Mann ſchreibt ſehr viel, doch er iſt ſchändlich grob, und ich werde ihm näch⸗ ſtens einen Injurienprozeß machen.“ — Umarmen Sie mich! rief Benno mit unauslöſch⸗ lichem Lachen⸗ Hier haben Sie meine Hand, ich ſpiele auf Ihrer Bühne. — Und was denn? erkundigte ſich Rothwild froh. — Ja, was denn gleich? überlegte der neue Akteur. Nun, meinetwegen... Goethe's Fauſt. 15 Siebzehntes Capitel. Abenteuer auf der Jagd. Nach wenigen Tagen ſah der fürſtliche Kreisarzt Benno van der Hagen ſich ganz vom Strom der Künſtler, Kunſt⸗ richter, Kunſtkenner und Kunſftfreunde Duſelburgs ergriffen. Man ſtreute ihm Weihrauch; alle Damen eilten an's Fen⸗ ſter, wenn er vorüber ging; jedes Wort, das er ſprach, wurde wiederholt und bewundert— er war der Löwe des Tages. Benno fühlte ſich ſehr behaglich in dieſer ange— nehmen Stellung, er that nichts, den allgemeinen Irrthum zu entfernen, und lebte ſich immer mehr in die Rolle des Schauſpielers Hagen ein. Jetzt erſt wurde ihm die ganze Freiheit, der ganze Reichthum eines Künſtlerdaſeins kund, jetzt erſt preßte ihn der Gedanke ſeiner eigenen Gebunden⸗ heit recht ſchwer danieder. Wie anders wäre ſein Auftre⸗ ten hier geweſen, hätte er ſich den Leuten als Beamter vor⸗ geſtellt, die nöthigen Beſuche gemacht und das Kreislaza⸗ reth inſpicirt. Vor den trüben Mauern und Fenſtern deſ⸗ ſelben empfand er ein inneres Grauen, und die Straße, in welcher es lag, vermied er, wo es irgend möglich war. Goethe's Fauſt befand ſich nicht auf dem Repertoire; die Rollen mußten ausgeſchrieben, vertheilt und ſtudirt, es mußten Koſtüͤms und Dekorationen angeſchafft werden. Hierdurch entſtand eine Verzögerung, und Benno konnte ſeine bedeutende Partie auswendig lernen, denn ohne daß er eigentlich täuſchen wollte, zog ihn das Traumleben, in welches er ſich muthwillig geſtürzt, mit fort, und er beſaß nicht Energie genug, es plötzlich wieder abzuſchütteln. Den Fauſt hatte er ſo oft geleſen, entweder für ſich allein, oder 227 in äſthetiſchen Cirkeln, daß er ihn jetzt nur einige Male durchzuſehen brauchte, und bald fehlte ihm, bei ſeinem ſelte⸗ nen Gedächtniß, keine Sylbe mehr.“ Alle Bewohner der Stadt bemühten ſich, unſerm Helden eine Aufmerkſamkeit zu erweiſen, und jedes Haus, das auf guten Ton Anſpruch machte, mußte ihn als Gaſt bei ſich geſehen haben. Mit einem Wort: Benno war das Ideal der Frauen und der Gegenſtand des Neides unter den Männern. Hauptſächlich zeigte Heimannſohn ſich ſtets bemüht, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben, und wenn ihn dabei auch die Selbſtgefälligkeit ſpornte, ſo muß man doch zugeſtehn, daß er wahrhaft ſinnreich auf wechſelnde Zerſtreuungen bedacht war. Für heute hatte er eine Jagd⸗ partie arrangirt, und erſchien in grün ſammetner Pikeſche, mit blitzend neuem Waidgeräth, um Benno abzuholen. „Zwar iſt die Jagdzeit noch nicht eröffnet!“ ſagte der junge Cavalier.„Aber nach Paragraph 7328 des Forſt⸗ geſetzbuches, darf man zu hohen Feſt⸗ und Feiertagen wohl ein Stück Wildpret ſchießen, und auch ein junges Häschen wird uns erlaubt ſein.“ Benno ſtieg mit Pommsdorf, Doniges und Heimann⸗ ſohn in den Wagen, und der letztere war heute beſonders aufgeräumt. Er gerirte ſich völlig als Waidmann, und hatte geſtern eifrig eine Jagdſprache ſtudirt, wodurch ſeine Unterhaltungen eben ſo ſehr an Originalität, als an Un⸗ deutlichkeit gewannen. Zum Don ſagte er:„die Wolle gehe ihm ſchon bedeutend aus,“ und unſer Belletriſt war ſehr verletzt, als er hörte, jener habe ſein Haar gemeint. Den Major aber fragte Herr von Heimannfohn:„Wes⸗ 8 228 halb er ſo nach der Wagentaſche äuge? Ob er etwa Luſt ſpüre, ſich ein wenig zu äſen?“ Unterwegs erzählten die drei Freunde viel von ihren Nimrodsthaten, und namentlich war Pommsdorf unüber⸗ trefflich in Münchhauſiaden. Wenn man ihm zuhörte, mußte man ihn für eine zweite verbeſſerte Auflage des wilden Jägers halten, und doch wußten ſeine Bekannten, daß er nur an der Tafel das Wildpret treffe, daß er es wohl zerlegen, aber nicht erlegen könne. Die Dorſfſchaft, deren Jagdgebiet Heimannſohn gepachtet hatte, lag faſt zwei Meilen von Duſelburg, und der Weg führte durch eine angenehme Bruchgegend, durch grasfriſche Savannen und kühle Elſengebüſche hin. Endlich war das Ziel erreicht, doch niemand kannte die Grenzen genau, und man fürchtete, auf fremdes Gebiet zu kommen. Der Schulze des Dorfs bemerkte von fern, die Fremden befänden ſich in irgend einer Verlegenheit, und dienſtwillig trat er zu ihnen heran. Derſelbe beſaß eine große, markige Figur; ſein Haar bleichte bereits, während ſein Antlitz noch das geſunde Roth eines Jünglings zeigte. Höflich grüßend zog er den breitkrämpi⸗ gen Hut, wodurch das ſchlichte graue Haar, von einem Meſſingkamm gehalten, ſichtbar wurde. Der Schulze wen— dete ſich an Heimannſohn, und fragte:„Was iſt Ihnen gefällig, Excellenz?“ Ercellenz! Wie ein galvaniſcher Schlag wirkte dies Wort auf den ritterlichen Bankier. Er richtete ſich ſtolz empor, ließ das Haupt ein wenig in den Nacken ſinken, ſteckte die rechte Hand vorn in die Weſte, und ſprach mit unnachahmlicher Würde: — Kennt Ihr mich denn, Alter? 229 —„I!“ antwortete der ehrliche Bauer.„J, ich werde doch dem alten Schmul Heimann ſeinen Sohn wohl kennen!“ Heimannſohn erblaßte; einen ſolchen Fall, wie er in dieſem Augenblick, hatte Vulkan kaum gethan, als er zum Himmel hinausgeworfen wurde. Pommsdorf und der An⸗ daluſier lachten einander heimlich zu, doch Benno empfand Mitleid mit der degradirten Excellenz, und gab deshalb dem Geſpräch ſchnell eine andere Richtung. Der harmloſe Dorfſchulze zeigte ihnen die Grenzen des Jagdgebietes an, und unſere vier Stakelberge begannen ihr Waidwerk. Allein, daſſelbe wollte nicht ſo recht gelingen; fortwährend herrſchte Unordnung, und Adolph Schrödter aus Düſſeldorf würde hier vortreffliche Fortſetzungen zu ſeinem Cyklus von Sonn⸗ tagsjägern gefunden haben. Bald ging ein Schuß uner— wartet los, bald verſagten die Flinten, bald jagten die Hunde auf ihre eigene Hand und folgten keinem Ruf. Don Iges ſtand in einer Schonung, den Wechſel des Wildes zu erwarten; neben ihm machte ein junger, furchtloſer Haſe ſeine Männchen, und der kurzſichtige Redakteur ſchoß ihn nicht. Er hielt ihn nämlich für einen Bauerknaben, winkte ihm endlich voll Humanität mit der Hand, und ſagte: „Weg da, Kleiner! Hier wird geſchoſſen.“ So wurde die Jagd für Benno eine Quelle wahrhaften Vergnügens, obgleich er wohl einſah, daß ſie keinen Bra⸗ ten mit nach Hauſe bringen würden. Der Major Pomms⸗ dorf konnte ſehr gut ſchießen; treffen that er freilich nie, doch behauptete er ſtets, das Wild müſſe augenblicklich fallen. So hatte er denn auch auf einen Haſen, der ihn beinahe umrannte, losgedrückt, allein Monſieur Lampe ging mit Siebenmeilenſtiefeln davon. e ——— 230 —„Nun, der iſt krank!“ rief der Major.„Er wird ſicher nicht mehr weit gehen. Diana, hier! Hierher! Wenn die verdammten Hunde nur pariren wollten!“ Indem kam ein Bauer des Weges, den das Häschen eingeſchlagen hatte, und Pommsdorf fragte ihn ſogleich, ob er dem Ausreißer begegnet ſei. Jener bejahte das. —„Haben Sie nicht bemerkt, ob er ſchweißte?“ erkun⸗ digte Pommsdorf ſich. Der einfache Landmann war mit den Feinheiten der Waidmannsſprache völlig unbekannt, doch glaubte er, der Major intereſſire ſich beſonders für die Transpiration des Haſen, und erwiederte höflich: —„Nee, ick habe niſcht bemerkt, aber wenn he noch lange ſo löft, denn wird he wohl ſchweeßen.“ Heimannſohn brauchte indeß durchaus nicht mehr zu laufen; der Schweiß troff ihm bereits in Strömen von der Stirn. Die Sonne brannte wirklich ganz entſetzlich, und es war gut, daß er ein Signal zum Ausruhen geben ließ. Man lagerte ſich unter Weiden und Erlengebüſch, am Rande eines vorüberrauſchenden Baches, und der Wirth hatte für ein ſehr vollſtändiges Mahl geſorgt. Sein Livree⸗ jäger benahm ſich jetzt außerordentlich geſchickt; er legte die Speiſen vor, und brachte den Wein herbei, nachdem er ihn in den Fluthen des Quells abgekühlt hatte. Benno's Ge⸗ fährten wurden, je mehr ſie tranken, immer luſtiger; helle Jagdlieder ſangen ſie, und renommirten wieder, als ob ſie nie einen Fehlſchuß gethan. Er ſelbſt fühlte ſich indeſſen beengt bei dieſer lauten Fröhlichkeit; unnennbares Verlan⸗ gen loderte in ſeiner Bruſt, und war die Urſache, daß er — 231 mitten im Jubel aller Feſte, die man ihm bereitete, gewöhn⸗ lich ſtill und abgeſchloſſen blieb. Geräuſchlos ſtand er von dem Jagdmahl auf; die hei⸗ tern Zecher bemerkten es nicht, und er verſchwand in der ſchattig kühlen Forſt. Je dichter ihn das grüne Holz um— gab, je mehr ſich jeder Fußpfad zwiſchen den Bäumen ver⸗ lor, deſto freier athmete Benno. Endlich hatte er die rechte Waldeinſamkeit gefunden. Uralte Weiß⸗Buchen ſtiegen, wie mächtige Säulen, vom Boden empor; ihre Stämme theilten ſich in ſtarke Aeſte, die Wipfel verflochten ſich zu einer großen, rauſchenden Kuppel, durch welche der blaue Himmel und die Sonnenſtrahlen nur wie einzelne Sapphire und Topaſen herabblitzen konnten. Unten hemmten runen— artig gebogene Baumwurzeln den Schritt, und weiches Moos polſterte ſie, als wären ſie mit grünem Sammet überzogen. Daneben wucherte Farrnkraut in üppiger Fülle; ſeine feingezackten Blätter bildeten einen zweiten kleinern Wald, und die ſanſtröthliche Erika, mit Glockenblumen ver— miſcht, deckte jede leere Stelle zu. Tiefe Ruhe herrſchte rings umher; man konnte das lei⸗ ſeſte Geräuſch vernehmen. Ein Holzheher, mit glänzend azurblauer Schwinge, flog kreiſchend durch die Baumwipfel, ein rothes Eichhörnchen ſprang dicht vor Benno's Füßen auf und rannte eilfertig am Stamm einer ſchräg ſtehenden Tanne empor. Aus der Ferne ſcholl das Hämmern eines Spechts herüber, goldige Käfer ſummten im Graſe, und der prächtige Trauermantel wiegte ſich, dunkel violett, auf einer gelben Blume. Benno ſah das alles, er freute ſich deſſen, allein ſeine Seele konnte es nicht ausfüllen. Dort wohnte ein Bild, ſo rein, ſo lieb und hold— ſelbſt die — ———— ——— ——— ————— 232 volle Waldespracht vermochte nicht deſſen Schönheit zu erreichen. Das Bild hieß... Coralie. Ja! dies lieb⸗ liche Weſen lebte und webte in des Jünglings Bruſt; ſeit er die Reſidenz verlaſſen, war die Sehnſucht nach Coralie in ihm immer mehr erwacht, und hatte ſich mit ſtarken Blüthenranken feſt an ſein Herz geklammert. Nichts ge— nügte ihm, ſeit ſie ihm fehlte, an keiner Arbeit fand er Luſt; er wollte ſich zerſtreuen, wollte ſein glühendes Verlangen übertäuben, doch klang durch allen äußeren Lärm die innere Stimme voll und ſüß, ihm jenen Zaubernamen zurufend. Hagen war an einen klaren Waldbach gelangt. Herr— liche Bäume ſäumten denſelben, und jenſeits ſtieg eine An⸗ höhe empor, auf deren Gipfel wieder ein romantiſches Dickicht von Buchen und Tannen wuchs. Blühende Bin⸗ ſen und Vergißmeinnicht ſchmückten den Rand des Quells, der ſilberhell und eilig vorüberfloß, und ſich oftmals mit brüſelndem Schaum an den Steinen brach, die in ſeinem Bette lagen, eine natürliche Brücke bildend. Einen ange⸗ nehmern Ruheplatz konnte Benno unmöglich finden, denn Waſſerduft und Waldesathem vereinigten ſich hier, und er ſetzte ſich deshalb auf die hervorragenden Wurzeln eines uralten Ahorns. Träumeriſchen Blickes in die flüchtigen Wogen ſtarrend, dachte der Jüngling ſeiner Liebe, und ver⸗ gaß dabei alles andere, was ihn umgab. Es war ihm, als ſtände er noch an ſeinem Fenſter in der Reſidenz, als warte er auf Coralie's bezaubernde Er⸗ ſcheinung. Das weiße Waſſer des Baches wurde die weiße Gardine, und Benno hoffte, nun würde bald ihre Hand kommen, den Muſſelin zurückſchlagend— nun würde ihr Roſenangeſicht ſich zeigen. Wie natürlich, wie warm 233 und lebhaft ſolch ein Traum doch werden kann. Während er immer emſiger niederſchaute auf die rieſelnde Fluth, tauchte in voller Wahrheit des Mädchens Antlitz daraus hervor. Das war die tiefe Nacht ihres Haares, das war der blen⸗ dende. Tag ihrer Stirn, das waren die Cyanen ihrer Augen, die Lilien und Roſen ihrer Wangen, die Purpur⸗ nelke ihres Mundes. Benno erkannte es gleich, dies Blu⸗ menbouquet aus einer andern, ſchönern Welt, und nickte ihm freundlich zu. Die ſüße Phantasmagorie im Waſſer lächelte gleichfalls zu Benno herauf, ihn mit einem leich⸗ ten Bewegen des Hauptes grüßend. „Ob ſie auch ſprechen wird?“ fragte ſich der überglück⸗ liche Jüngling, und zärtlich rief er ihren Namen in die Wogen hinab.„Coralie! Willkommen, liebe Coralie!“ tönte ſein Flüſtern durch die Waldesſtille, und„Willkom⸗ men, lieber Benno!“ tönte es zurück. Aber nicht aus dem Bache ſcholl der füße Klang, ſondern von dem bewaldeten Hügel herab, als ob er oben vom Himmel käme. Wie ein Blitz flog Benno's Auge empor, und jenſeits auf der Anhöhe ſtand Coralie, einer wunderholden Dryade gleich, im grünen Laub. Unwillkürlich ſtreckte ſie die Arme nach dem Geliebten aus, dieſer eilte über den Bach, die einzel⸗ nen Steine benutzend; mit wenigen Sprüngen war er bei Coralie, und die Glücklichen preßten ſich an's Herz. Wie viel hatten ſie einander zu ſagen, und wie wenig ſagten ſie ſich, denn die Worte, kaum halb geſprochen, wan— delten ſich immer wieder in Küſſe um. Stückweis und bei⸗ nahe zufällig erfuhr Benno aus Coralie's Munde, ſie habe die Penſion verlaſſen, wohne jetzt im nahen Forſthauſe bei den Eltern einer Freundin, und komme bald nach Duſel⸗ 234 burg. Mehr wollte er ja nicht; er wußte, daß er die Ge— liebte in kurzer Zeit wiederſehen werde, und nun mochte er die koſtbaren Augenblicke mit Fragen nicht verderben. Er hatte ſo viel zu bewundern, denn Coralie, zur vollen, leuch⸗ tenden Jungfrau geworden, war noch ſchöner als damals, wo er ſie verließ. Das ſagte er ihr, ſie aber meinte, er habe ſich nicht verändert; ſie möge auch gar nicht, daß er anders würde, denn er ſei ihr eben hübſch und lieb genug. So plauderten die Beiden; ein vernünftiger Menſch könnte es albern finden, was ſie ſich erzählten, ach und ſie fühlten ſich dabei doch glückſelig wie Götter.—„Coralie, Coralie!“ rief es plötzlich hinter den Bäumen.„Leb wohl, Benno!“ ſprach das Mädchen.„Man ſucht mich; ich muß fort!“ Ihn herzinnig umfaſſend, küßte ſie ihn, flüſterte: „Auf baldig Wiederſehn!“ küßte ihn noch einmal, und war im Gebüſch verſchwunden, ehe der Ueberraſchte ein Wort hervorzubringen vermochte. Lange ſtand er dort, und blickte ſtarr durch's Laub, als hoffe er, ſein Auge würde ſie noch ereilen. Dann ſtrich er die Locken aus der Stirn, ſtieg hinab und ſuchte die Gefährten. Sie waren ſchon beſorgt um ihn und hatten den Wald nach manchen Richtungen durchſtreift, weil ſie befürchteten, daß er ſich verirrt haben könne. Zur Jagd war es nun zu ſpät, denn die Sonne glühte bereits flammenroth auf Wieſen und Baumwipfeln, deshalb ließ man den Wagen kommen. Heimannſohn wollte aber doch nicht ganz ohne Beute heimkehren; er kaufte alſo im Dorf einige zahme Enten, ließ ſie ſchlachten, und als ſie ſtolz an ſeiner Waid⸗ taſche hingen, fuhr die Jagdgeſellſchaft nach Duſelburg zurück. 50 1— 235 Achtzehntes Capitel. Hagen's erſte Gaſtrolle. Hagen war wie ein Fieberkranker; ſein Geiſt überſchritt die enge Schranke, er wandelte frei und feſſellos in verklär⸗ ten Regionen. Dabei that unſer Hiſtrione par hazard je⸗ doch, was man in der Wirklichkeit von ihm verlangte; er machte die Proben mit, ließ ſich bewundern und zog täglich durch alle Straßen der Stadt, nach den Fenſtern ſchauend, ob er Coralie irgendwo entdecken könne. Sie ſelbſt ſah er zwar nicht, aber andere Damen ſaßen dort, junge und alte, hübſche und häßliche, magre und ſtarke, Blondinen und Brünetten, von denen jede Einzelne ſchnell die Ueberzeu⸗ gung gewann, der berühmte Künſtler ſei in ſie verliebt, und wandle nur ihretwegen ſo oft vorbei. Endlich kam der Tag heran, wo Goethe's Fauſt über die Bretter von Duſelburg gehen ſollte. Zwar hatte Benno allen Geſchmack an der Comödie verloren, ſeit er Coralie wiedergeſehn, allein er konnte jetzt nicht mehr zu— rück, und willenlos ergab er ſich dem Strom der Begeben⸗ heiten, ſelbſt neugierig, wohin ihn derſelbe führen werde. Lange vor der Vorſtellung waren ſämmtliche Billets ver⸗ kauft, denn Doniges'„Wöchentlicher Anzeiger“ nahm die Backen voll wie ein Poſaunenengel an der großen Orgel, und Duſelburgs kunſtſinnige Bewohner glühten und ſchwitz⸗ ten ordentlich auf dem Roſt der Erwartung. Die Stunde der Kaſſeneröffnung hatte noch nicht getönt, da ſtanden ſie ſchon an der Thür des Schauſpielhauſes, und ſogar ein ſtrömender Platzregen konnte ſie von dem errungenen Poſten nicht verjagen. ———— 236 Im Parterre und Parquet, in den Ranglogen und im Amphitheater wogte das Publikum, von Ungeduld getrie⸗ ben, wie ein erregtes Meer. Kaum gelang es der Ouver⸗ türe, den Sturm einigermaßen zu beſchwichtigen, und erſt als ihre Akkorde verhallt waren, als die Klingel des Souf⸗ fleurs erſcholl, wurde die Zuſchauermaſſe ſtill, recht mäus⸗ chenſtill. Leider blieb auch hier, ungeſchickterweiſe, der „Prolog im Himmel“ fort, wo aus unerreichbaren Höhen das Saamenkorn auf die Erde herabfällt, welches die ganze Tragödie in ſich trägt, die ſich dann, einer prachtvollen Ceder gleich, kühn und ſtolz entwickelt. Als der Vorhang emporrauſchte, ſah man das enge Studirzimmer, mit alten Büchern, Phiolen und Retorten ausgeputzt; in der Luft ſchwebte ein Crocodil, und am Schreibepult ſaß Benno⸗Fauſt. Es war ihm ſeltſam ſpaß— haft zu Muth; er begann mit guter Laune den langen Monolog, und als er die Worte ſprach: „Heiße Magiſter, heiße Doktor gar,“ da fehlte wahrlich nicht viel, daß er laut aufgelacht hätte. Vorn im Parquet, dem Orcheſter zunächſt, finden wir un⸗ ſere drei Enthuſiaſten wieder, und ihre Begeiſterung ſtieg mit jedem Moment. — Was ſagen Sie zu dieſer Sprache, zu dieſem Spiel? fragte Pommsdorf, und ſeine Augen zwinkerten vor Luſt. — Es iſt himmliſch! rief ihm Doniges leiſe zu, wäh⸗ rend er ſeine Rocktaſche glatt legte, daß die Gedichte nicht gedrückt würden, die er darin trug, um ſie beim Schluß auf die Bühne zu werfen. — Wie heißt: himmliſch?! ſprach Benjamin Chriſtian von Heimannſohn, der auch ſchon einen tüchtigen Lorbeer⸗ S„ — 237 kranz in ſeinem Hute vorräthig hatte. Wie heißt: himm⸗ liſch?! Es iſt mehr! Es giebt gar keinen Ausdruck dafür! Alles Gold der Erde reicht nicht hin, dieſen Genuß zu be⸗ zahlen. Die Entzückung des Kleeblatts, dem man in Duſelburg große Kunſtkenntniß zutraute, theilte ſich dem Publikum eilig mit; faſt jede Glanzſtelle wurde applaudirt, und Benno, von dem Beifall erregt, verlor ſich ganz in ſeine Rolle. Mit einem ſchönen Organ und einem wirklichen Darſteller⸗ Talent begabt, gelang es ihm, die ſchwere Partie voll Würde und voll Feuer fortzuſpielen, und er brachte die Zuſchauer in einen ſo ſtürmiſchen Enthuſiasmus, wie er hier ſelten erlebt worden. Während nun faſt alle Theaterbeſucher in Freude und Wonne ſchwebten, fühlte ſich Ein Herz recht krank, recht traurig; es glaubte, brechen zu müſſen. Das arme Herz gehörte der einzigen Tochter des Direktors Rothwild, und dieſe Tochter hieß— Coralie. Wie wir wiſſen, war ſie aus der Penſion abgegangen, hatte eine Freundin beſucht, und Benno zufällig im Walde gefunden. Nun hielt ſie es nicht länger aus, denn ſeit ſie wußte, der Geliebte verweile in ihrer Vaterſtadt, trieb ſie die glühendſte Sehnſucht heim. So kam ſie denn— mehrere Tage ehe man ſie erwartete— heute Abend in Duſelburg an, und zwar zur Zeit, als eben die Theaterſtunde ſchlug. Rothwild liebte das holde Kind wie ſeinen Augapfel, er umarmte Coralie, und ergötzte ſich an ihrer reichentfalteten Schönheit, aber der heutigen Vor⸗ ſtellung mußte er durchaus beiwohnen. Auch ſeine Tochter ſollte den fremden Künſtler ſehn, und da ſie, ſeiner Mei⸗ nung nach, nicht hinreichend brillante Toilette gemacht „— 238 hatte, um ſich öffentlich zeigen zu können, ſo wies er ihr eine kleine Proſceniumsloge an, die nach außen durch bron⸗ zirte Drahtgitter dicht verſchloſſen war. Hier alſo ſaß, im grauen Halbdunkel, die liebliche Co⸗ ralie, dem Schauſpiele harrend, und kaum flog die Courtine empor, ſo hatte ſie erkannt, der Höllenbeſchwörer Fauſt ſei niemand anders als Benno Es zuckte ihr ein ſchmerz⸗ hafter Stich durch's Herz. Nicht etwa, daß ein Vorurtheil gegen den Stand des Künſtlers die Viper geweſen wäre, die, unter Blumen hervorkriechend, ſie ſo erſchreckte— nein! ſie liebte ja nur ihren Benno, und würde ihn gleich geliebt haben, er mochte Fürſt oder Henker geweſen ſein. Aber Benno täuſchte ſie, als er ihr bei ſeiner ſchnellen Abreiſe aus der Reſidenz die Worte ſchrieb, er ſei nun Arzt gewor⸗ den, und wolle ein Amt antreten. Er, den ſie wie die Sonne der Wahrheit angebetet.. er, dem ſie oft in Gedan⸗ ken die leiſeſten Regungen ihrer Seele gebeichtet, er hatte ſie belogen, und folglich liebte er ſie nicht. Seine Augen, ſo hell und ſo treu, waren eine bloße Schauſpielermaske, ſeine Schwüre waren falſch... Coralie weinte, und fühlte ſich ſehr unglücklich in der Heimath, die ſie ſeit ihrer Kindheit nicht wiedergeſehn. Goethe's unvergängliche Schöpfung zog unterdeß in einzelnen Rieſenbildern über die Scene, und es wurde eine beinahe untadelhafte Vorſtellung. Ueberzeugung thut ja alles; die Schauſpieler hatten das Bewußtſein, neben einem hochberühmten Künſtler zu ſtehn, und ſo bemühten ſie ſich, das Beſte zu leiſten. Donnernder Applaus, der gar kein Ende nehmen wollte, belohnte ihr wackeres Streben nach jedem Akt, und als die„Stimme von innen“ verhallt war, da rief man Hagen ſtürmiſch heraus. Jetzt warf Doniges ſeine Gedichte, Heimannſohn ſeinen Kranz, geübten Schwun⸗ ges, über die Theaterlampen, und viele Laubgewinde und Sträuße ſanken zu den Füßen des Bewunderten nieder. Der Regiſſeur Motte, mit ſchwarzem Frack und weißen Glacéhandſchuhen angethan, trat aus der Couliſſe, drückte einen Lorbeer auf Benno's Haupt, und unter dem unend⸗ lichen Jubelruf:„Hierbleiben!“ fiel der Vorhang. Nun ſtürzte Rothwild dem echauffirten Schwarzkünſtler entgegen, umarmte ihn öffentlich, nannte ihn ein Juwel, eine Perle, und lud ihn für den nächſten Morgen zum Frühſtück ein. In trunkener Begeiſterung verließen die Maſſen der Zuſchauer das Haus; nur Coralie war ſehr unglücklich. Sie wiſchte eine Thräne von ihrer Wange, und lehnte ſich ſtill in den Wagen, der ſie abzuholen kam. Eine wüſte, ſchlafloſe Nacht zog folternd an ihr vor⸗ über, und mit öden, kalten Augen ſchaute der Morgen ſie an. Ach, ſie war ja ſo einſam, ſo verlaſſen in der Hei⸗ math! Keine Mutter, keine Freundin, keine Schweſter hatte ſie, um durch Vertrauen die gepreßte Bruſt erleichtern zu können, und ihr Vater, wie ſehr er ſein Kind auch lieben mochte, verſtand ſie nicht. Freundlich trat Rothwild in ihr Gemach, herzte und küßte die holde, roſige Tochter, und ſagte ihr, ſie ſolle ſich nur recht putzen, denn er erwarte große Geſellſchaft zum Dejeuné. Gehorſam that ſie, was von ihr gefordert wurde, und ein lichtblaues Seidenkleid umſpannte bald ihren ſchlanken Wuchs; ſie ſtand in blühen⸗ der Mädchenſchönheit da. Aber der Schmuck freute ſie nicht; ſie ſehnte ſich zurück nach den einfachen Gewändern, die ſie früher getragen, und nach den ruhigen Mauern der — —————— — 240 Penſion. Zahlreich verſammelten ſich die Gäſte: bornirte Theaterenthuſiaſten, vornehme Schmarotzer und Schau⸗ ſpieler. Alle waren durch Coralie's unverhoffte Wunder⸗ erſcheinung elektriſirt; die Männer vor Entzücken, die Da⸗ men vor Neid. Das ſtille, beſcheidne Mädchen hatte eine ſchwere Stunde zu überſtehn, denn zum erſten Male wur⸗ den ihr heute jene bald ſüßen, bald plumpen Schmeicheleien in's Geſicht geſagt, die zur Terminologie unſerer haute volée gehören. Mit purpurner Schaamröthe auf den Wan⸗ gen, hörte ſie das alles an, doch es freute ſie nicht, ſondern ihr jugendlich reiner Sinn war verletzt durch die ſogenann⸗ ten Huldigungen. Und dabei trug ſie das Gefühl der Kränkung im Herzen, dabei zitterte ſie jeden Augenblick, daß der Mann, von dem ſie ſo tief beleidigt worden, nun eintreten könnte. Angſtvoll hing ihr Blick an der Thür. Dieſelbe öffnete ſich, und Benno kam. Aller Augen richte⸗ ten ſich auf den gefeierten Künſtler, nur Coralie wollte die Wimpern ſenken, die ſich indeß von ſelbſt immer wieder erhoben. Er war ja ſo ſchön, ſeine Augen glänzten ja ſo rein und fromm, daß man kaum glauben mochte, es wohne dahinter die Lüge.— Jetzt ſah Hagen plötzlich die Geliebte vor ſich ſtehn, jetzt jubelte ſein Herz vor Wonne und Luſt. Rothwild führte ihn zu der Tochter hin und ſagte feierlich: — Liebe Coralie! Das iſt die Zierde der deutſchen Bühne, das iſt der weltberühmte Hagen, deſſen Namen ganz Europa mit Begeiſterung nennt. Die erröthende Jungfrau verneigte ſich, und Benno, der ſie vor Entzücken hätte an ſich preſſen mögen, ſprach einige unzuſammenhängende Worte von früherer Bekannt⸗ ſchaft und von dem Glück des Wiederſehens. 1 241 — Was? rief der Major von Pommsdorf, welcher dicht neben beiden ſtand. Das gnädige Fräulein kennen unſern einzigen Hagen bereits? — O ja! erwiederte Coralie. Der Zufall verſchaffte mir Gelegenheit, Herrn Hagens großes Schauſpieler⸗ Talent bewundern zu können. Benno wurde ſichtbar betroffen bei dieſen Worten; er ſah wehmüthig bittend in's Auge der Geliebten, doch ſie wendete ſich von ihm, und er trat bleich in eine Fenſter⸗ brüſtung zurück. Doniges und Heimannſohn folgten ihm. — Beim heiligen Jago, das iſt eine andaluſiſche Schönheit! deklamirte der Hispanier, ſich die Brille putzend. — Wie heißt: andaluſiſch? eiferte Benjamin Chriſtian dagegen. Sie iſt mehr als andaluſiſch, ſie iſt complett göttlich! O, welche Seligkeit muß es ſein, von ſolchem Weſen geliebt zu werden! Heimannſohn ſprach es und ſeufzte tief, denn ſen Herz war leicht empfänglich für Frauenſchönheit, aber Don Iges fuhr fort: Ich werde ein begeiſtertes Gedicht auf den Engel machen, ich werde darin ſagen: „Sie verdient zu wohnen in Alhambra, „Denn ihr Haar iſt dunkelſchwarz wie Ambra.“ — Ambra hat aber eine graue Couleur! wendete Hei⸗ mannſohn ein. — Thut nichts! erwiederte unſer Don. Wenn ich ſage„dunkelſchwarz,“ ſo weiß doch Jeder, wie es gemeint iſt.— Hierauf nahm er das Souvenir hervor, um die ſeltenen Reime Alhambra und Ambra zu notiren. — Gott, Sie ſind aber wirklich eine männliche Turan⸗ dot! Sie haben ein Herz von Eis! rief der gefühlvolle 16 ———.— —— 1 1 11 1 242 Bankier Hagen zu, als dieſer anſcheinend theilnahmlos daſtand.— Ich begreife nicht, wie man ungerührt bleiben kann bei ſo viel Schönheit! Sehen Sie nur dieſen Wuchs, dieſe Augen, dieſen Mund, dieſes Füßchen——— Er würde in der Entzückung noch lange fortgeſprochen haben, wäre nicht eben gemeldet worden, daß die Tafel ſer⸗ virt ſei.— Benno empfing den Ehrenplatz neben der Toch⸗ ter des Hauſes, denn ſie beide waren die Gefeierten. Man brachte ihre, man brachte ſeine Geſundheit aus; das lieb⸗ liche Mädchen wurde fortwährend in Anſpruch genommen, und es gelang ihrem Rachbar nicht, ein einziges verſöh⸗ nendes Wort an ſie zu richten. Coralie ſelbſt ſchien jeder Annäherung Benno's auszuweichen, doch endlich kam ein unbelauſchter Moment, wo er ihre Hand ergreifen konnte. — Coralie! flüſterte er. Du biſt böſe auf mich, liebe Coralie! Dem Mädchen trat eine Thräne in's Auge, und hing an der Wimper, gleich dem Thautropfen, der im Kelche einer blauen Blume perlt. Wohl kränkte es ſie, daß der Mann, den ſie ſo innig geliebt, und der ſie ſo ſchwer belei⸗ digt hatte, ſich noch eine Vertraulichkeit gegen ſie erlauben konnte, aber wie es auch wogte und wallte in ihrer Bruſt, ſie gewann die Kraft nicht, ihm ihre Hand zu entziehen. — Vertraue mir nur bis morgen früh, Geliebte— fuhr Benno fort— dann ſollſt Du ſehen, daß ich Deiner würdig bin. Ich habe Alle getäuſcht, aber Dich nicht, und wie ſchuldig ich Dir auch erſcheinen mag, zürne mir nicht, meine einzige Coralie! Er bückte ſich zum Schein, um die Serviette aufzuhe⸗ ben, und berührte dabei mit den Lippen ihre Hand. Mit 243 Luſt und Schmerzen durchſchauerte dieſer Kuß des Mäd⸗ chens liebende Seele. Sie glaubte ihm ja ſo gern, ſie wäre ja ſo ſehr unglücklich geweſen, hätte ſie ihm nicht glauben dürfen, und es fiel wie eine Bergeslaſt von ihrer Bruſt. Nein!— ſagte ſie zu ſich ſelbſt— ſolch treue Augen, ſolch herzige Worte beſitzt die Lüge nicht!— Ge⸗ nug, das Vertrauen kehrte ihr zurück, und ſie ſchaute dem Geliebten mit wundervoller Freundlichkeit in's Geſicht. Neunzehntes Capitel. Wie ſich der Schauſpieler Hagen in einen fürſtlichen Kreisarzt verwandelt. Als die Gäſte von dem Frühſtück nach Hauſe gingen, dunkelte es bereits; Lichter blinkten durch die Scheiben; aus allen Schornſteinen quoll der Rauch zum bewölkten Him⸗ mel empor, und die einfachen Bürger, welche ihre Tage noch geordnet eintheilen in Arbeits⸗ und Ruheſtunden, ſa⸗ ßen mit Weib und Kindern beim Abendbrod. Benno eilte haſtig durch die Straßen, ſuchte ſein Zimmer und ging lange darin auf und ab. Endlich zuͤndete er ſich Licht, legte Papier zurecht, und verbrachte mehrere Stunden am Schreibtiſch. Mitternacht war vorüber, als ſeine Arbeit vollendet ſchien. Fröhlichen Herzens ſtreckte er ſich nun auf dem Lager aus, ſagte:„Gute Nacht, liebe Coralie!“ drückte den Kopf dann in die Kiſſen und ſchlief ruhig ein. Bei Benno's Erwachen leuchtete die Sonne ſchon hell in's Gemach, und vor dem Bette lag die neueſte Nummer des„Wöchentlichen Anzeigers,“ welche der Colporteur ſo 6 244 eben an den Bedienten abgegeben hatte. Sie enthielt einen ausführlichen Kunſtbericht aus der Feder des Redakteurs, und Hagen mußte unwillkürlich lächeln, als ſein Blick dar⸗ auf fiel. Derſelbe begann: „Die Darſtellung des Fauſt auf unſerer Bühne war ein Ereigniß. Wie der Sturm vor dem Gewitter daher⸗ zieht, ſo flog dem berühmten Hagen ſein glänzender Ruf voran, und Duſelburg's kunſtſinnige Bewohner eilten mit edlem Ungeſtüm in's Theater. Wer ſo unglücklich war, kein Billet zu erhalten, der hat den genußreichſten Abend ſeines Lebens eingebüßt. Ueber die Tragödie ſelbſt zu ſprechen, behalten wir uns noch vor, denn Referent iſt mit einem Commentar zu Goethe's Fauſt beſchäftigt, weil ein ſolches Buch zu den fühlbarſten Bedürfniſſen unſerer Litera⸗ tur gehört. Dieſer Aufſatz ſoll allein der großartigen Auf⸗ faſſung des Magiers durch Arminius Hagen gewidmet ſein, und es wird uns auch hierbei an Raum fehlen, all die kleinen, feinen, überraſchenden Nüancen ſeines Spieles zu entwickeln. Wir haben die ganze Reihe ausgezeichneter dramatiſcher Künſtler der Gegenwart kennen gelernt, wir haben ſie bewundert, jetzt aber müſſen wir geſtehen, daß Hagen ſie überragt, wie der Coloß von Rhodus die winzi⸗ gen Gebilde eines Gypsfigurenhändlers.“ In dieſem Style ging es acht Spalten hindurch. Benno warf das Blatt lächelnd bei Seite, ſtieg aus dem Bett, und nachdem er zwei fertige Briefe geſiegelt hatte, gab er ſie ſeinem Gottfried zur Beſorgung. Der eine, an Rothwild adreſſirt, enthielt die Erklärung, daß er nicht der Schau⸗ ſpieler Arminius Hagen, ſondern der Kreisarzt Benno van der Hagen ſei. Er theilte dem Direktor Rothwild mit, wie —— ——— — 245 man ihn wider ſeinen Willen zum Theater gezogen habe; er drückte ſeine Reue wegen der unverſchuldeten Täuſchung aus, und bat am Schluſſe recht herzlich um Verzeihung. Der andere Brief war an den Medieinal-Direktor der Pro⸗ vinz gerichtet; Benno beichtete ihm alles, und legte die Entſcheidung in ſeine Hand: ob man ihm, trotz der jugend⸗ lichen Verirrung, den Poſten noch ferner anvertrauen wolle, oder nicht. In Duſelburg brachte ſeine plötzliche Erklärung eine wahre Emeute hervor. Rothwild ſchäumte vor Zorn; er, der ſo oft betrogen wurde, geberdete ſich ganz wild bei die⸗ ſem öffentlichen Betrug, und ſchwur dem Urheber deſſelben ewigen Haß. Seine Paladine, die unſerm Helden zuvor wie Satelliten gefolgt waren und ihn bis zum Himmel erhoben hatten, wichen ihm ſorgſam aus und verdammten ihn zur Hölle. Der Major wollte ihn fordern, Heimann⸗ ſohn verſicherte laut, daß er ihn nie mehr einladen werde, doch am klügſten benahm ſich Don Iges, der Caſtilier, bei dieſer Angelegenheit. Da er Hagens Ruhm und Preis mit einer wahren Drommetenſtimme verkündet hatte, ſo konnte er ſich jetzt nicht anders helfen, als daß er eine dummpfiffige Miene annahm, wenn ihn Jemand befragte. Er gab ſich das Anſehn, die ganze Myſtification durch⸗ ſchaut und dieſelbe abſichtlich unterſtützt zu haben, damit einmal der unſichere Kunſtgeſchmack des Publikums an den Tag kommen ſolle. Die Duſelburger glaubten ihm umſo⸗ mehr, weil der ungeheure Schwulſt in ſeinen Recenſionen wie Perſiflage klang, und die Sache wahrſcheinlich machte. Benno kümmerte ſich indeß wenig darum, was die Leute ſprachen, denn er hatte ſich nun mit ganzem Eifer 246 ſeinem Berufe zugewendet. Als er ſich dem Kreishaupt⸗ mann vorſtellte und ihm ſein Patent übergab, fiel dieſer freilich aus den Wolken, und es war ihm faſt unglaublich: der Höllenbeſchwörer Fauſt von vorgeſtern ſolle heute fürſt— licher Kreisarzt ſein. Aber er konnte den unwiſſenden, an⸗ maßenden Rothwild nicht leiden; es freute ihn, daß derſelbe ſo coloſſal düpirt worden, und er proteſtirte deshalb nicht gegen Benno's Eintritt in das Amt. Der junge Arzt inſpicirte alſo zuerſt die Lazarethe, fand ſie unordentlich und überfüllt, und widmete den Kranken die äußerſte Sorgfalt, um ſein Verſehen möglichſt wieder gut zu machen. Wo war jetzt ſein glühender Drang nach Freiheit, nach Ungebundenheit geblieben? Er dachte gar nicht mehr daran, und die treue Erfüllung ſeiner Pflicht brachte ihm eine innere Ruhe, ein Genügen, das ihm früher fremd geweſen. Die weiten Säle des Lazareths, deſſen äußerer Eindruck ihn bei der Ankunft ſchon kalt durchſchauert hatte, kamen ihm nun wie ein Luſtſchloß, wie eine ſtille Heimath vor, und unter ſeiner friſchen Thätigkeit gewann das Inſtitut bald eine muſterhafte Ordnung. Freilich wirkte dabei die Liebe zu Coralie das ihrige mit; Benno konnte ſie ſehen, er fonnte ſie ſprechen und von ihren Lippen das holde Geheimniß der Gegenliebe trinken. Da empfand er denn, ſeine Sehn⸗ ſucht in's Ferne, in's Unbeſtimmte ſei nichts anders geweſen, als das heiße Verlangen, ein gleichfühlendes Weſen zu fin⸗ den, und dieſer Drang war durch Coralie erfüllt. Die Gär⸗ ten des Lazareths und des Rothwildſchen Hauſes ſtießen an der Hinterſeite zuſammen, nur durch eine alte Mauer getrennt. In der letzteren hatte Benno eine, von Hollunderbüſchen überwachſene Thür entdeckt, hatte ſich dazu einen Schlüſſel 247 machen laſſen, und nun vereinigte die vergeſſene Pforte unſere Liebenden oft zum traulichen Zwiegeſpräch und zu blühenden Plänen für die künftige Zeit. Coralie ſchwamm in einem Meer von Seligkeit, und ihre Phantaſie entwarf ſich zauberſchöne Palmeninſeln, die bald daraus aufſteigen würden, um ihr, nebſt dem Gelieb⸗ ten, ein Aſyl zu bieten. Wie gern hatte ſie die Nachricht empfangen, daß ſie dem guten Benno Untecht gethan, daß er niemals falſch gegen ſie geweſen ſei. Was ihn bewogen hatte, die andern Leute anzufuͤhren, das kümmerte ſie nicht, denn ſie traute ſich kein Urtheil zu über die Motive ſeiner Handlungen, und bat ihn ſüß ſchmeichelnd um Vergebung wegen ihres Wahns. Zwar hätte die Abneigung ihres Vaters gegen den Erwählten einige Beſorgniſſe in Cora⸗ lies Seele erwecken können, allein das liebe Mädchen dankte Gott recht innig für ihr gegenwärtiges Glück, und war überzeugt, ſeine Huld werde auch die Zukunft über⸗ wachen. Der Direktor Rothwild ſpie wirklich Feuer und Flamme wider Benno, und dieſe Zornesgluth wurde fortdauernd genährt, denn es verging beinahe kein Tag, wo man ihn nicht mit dem„berühmten Arminius Hagen“ foppte, der nun Recepte ſchrieb. Auch die übrigen Duſelburger— namentlich diejenigen, welche zur vornehmen Geſellſchaft gehörten— zeigten ſich ſehr aufgebracht, und man ſprach überall die Meinung aus, der junge Kreisarzt würde, nach dem Vorgefallenen, gewiß ſeines Amtes entſetzt wer⸗ den. Niemand beachtete ihn alſo, keine noblen Cirkel öff⸗ neten ſich ihm, und damit war unſerm Helden ſehr gedient; er lebte nun ganz ſeiner Liebe und ſeiner Pflicht. ——— 2.————.— ——————————— —— F 7 ₰ ——————————————— 1 1 † 1 2 5 1 15 1 k 1 3 7 13 3 1 1½ 1 1 248 Zufällig begab ſich aber das Gegentheil von dem, was man verkündet hatte. Der Medicinal-Direktor, welchem die Kreisärzte der Provinz untergeordnet waren, fand näm⸗ lich in Benno den Sohn eines Jugendfreundes wieder; er mochte deshalb nicht hart mit ihm verfahren, und nahm keine amtliche Notiz von dem Vorfall. Nur einen vertrau⸗ lichen Brief ſchrieb er an Hagen, ſo voll von herzlicher Theilnahme und wohlwollender Ermahnung, daß der letztere dadurch wahrhaft gerührt wurde. Als die Leute endlich ſahen, daß Benno den einträglichen Poſten behielt, da wandelte ſich nach und nach ihr kalter Stolz in lächelnde Höflichkeit um. Jeder hatte andere Gründe, ſich Benno's Freundſchaft zu erwerben, aber bei Allen herrſchte dieſelbe Triebfeder vor— der Eigennutz. Benno merkte das leicht, und waren ihm die Duſelburger Honoratioren in ihrem plumpen Hochmuth ſchon unleidlich geweſen, ſo wurden ſie es ihm noch zehnmal mehr in ihrer fatalen Artigkeit. Bald folgte ein neues Ereigniß, das dazu beitrug, dem Herrn Kreisarzt die allgemeine Gunſt zu erwerben, auf die er einen ſo geringen Werth legte. Trotz der beſchränktern Lage, in welcher er ſich nach ſeines Vaters Tode befunden, hatte Benno nicht über ſich gewinnen können, die Lieblings⸗ ſtücke des Hingeſchiedenen verkaufen zu laſſen. Lieber wollte er darben, ehe ſie in fremde Hände kommen durften. Hierzu gehörten einige Precioſen, eine große Stutzuhr, ein Lehn⸗ ſeſſel und ein Schreibepult von ſchöner Rococoarbeit. Jetzt ließ er die Möbel, an die ſich ſo manche Erinnerung ſeiner Kindheit knüpfte, nach Duſelburg ſchicken, und ſtellte ſie, neu polirt, in ſeinem Wohnzimmer auf. Das Pult aber hatte ein geheimes Fach mit ſehr künſtlich verſperrten Thü⸗ 24⁴9 ren, wozu Hagen keinen Schlüſſel beſaß. Ein geſchickter Schloſſer mußte die Riegel öffnen, und es fanden ſich dort große Summen in Staatspapieren, denn der alte, ſonder⸗ bare Mann verbarg ſeinen Reichthum in dieſem Fach, und bei ſeinem plötzlichen Hinſcheiden konnte er das Geheimniß Niemanden anvertrauen. Deshalb hinterließ er, zum Er⸗ ſtaunen aller Bekannten, beinahe Nichts, und Benno hätte leicht um das ganze Erbtheil kommen können. Wie wenn die Flamme, aus dürrem Haidekraut auf⸗ ſteigend, den erſten Baum erfaßt und dann, vom Sturm⸗ wind gejagt, wie eine fluchtige Schlange durch den Wald eilt, ſo flog das Gerücht durch Duſelburg: Herr van der Hagen ſei ein ſteinreicher Mann. Nach ihrer gewöhnlichen Weiſe, vergrößerte die geſchwätzige Fama ſein Vermögen noch, und Hagen, der Unbeachtete, deſſen man bisher nur mit Achſelzucken Erwähnung gethan, war plötzlich der angenehmſte, liebenswürdigſte Mann in der Stadt, der hei⸗ terſte Geſellſchafter und der vortrefflichſte Arzt. Die beiden Töchter des Juſtizraths von Klebaſter ſtanden bereits in den Jahren, wo Jungfrauen den Uebergang von der Roſe zum Dromedar machen, und ihre Mutter fand es rathſam, Benno als Hausarzt anzunehmen. Kaum erfuhr es die Amtsräthin Schulze, welche daheim auch noch vier hoch⸗ aufgeſchoſſene Mädchenknospen bewahrte, ſo that ſie daſſelbe; die Poſträthin Lampelius, die Steuerräthin Köhler und die Forſträthin von Zimpel mochten ebenfalls nicht zurück bleiben; Hagen bekam unverhofft eine bedeutende Praris, er ſah ſich vorgezogen, geehrt und bewundert. Am wenigſten konnte ſich Coralie freuen, als ihr Ge⸗ liebter faſt im Sturmſchritt die Staffeln des Reichthums 250 und des Anſehens erklomm. Sie hatte Benno in's Herz geſchloſſen, als er arm und unbekannt war, darum ſtörte ſie das laute Geräuſch, das ihn jetzt umtoste, und ſie fürch⸗ tete für ihr ſtilles Glück. Benno aber ſchaute lächelnd, ja beinahe verächtlich auf das Treiben der Menge; es berührte ihn kaum. Er war jetzt reich genug, die Praris niederle⸗ gen und ganz unabhängig ſein zu können, wie er es früher ſo ſehnlich gewünſcht hatte. Doch nun empfand er den un⸗ ſchätzbaren Werth eines feſten Lebensberufes, der das Stre⸗ ben ſteigert, die Kräfte wach erhält, und für keinen Preis hätte er die gewonnene Stellung aufgeben mögen. Wie oft ſteigt der Arzt in die Wohnungen des Elends hinab, wie oft ſteht er dort machtlos am Krankenlager. Die Leiden des Körpers trotzen der Arznei, ſie weichen nicht, wenn nicht zuvor die Leiden der Seele, drückende Nahrungsſorgen oder dergleichen, verbannt ſind. Benno hatte ſonſt ſeine Ohnmacht, jenen Armen nicht helfen zu können, ſchmerzlich gefühlt, jetzt aber trat er rettend und lindernd an die Siechbetten; mancher Kranke richtete ſich auf mit neuem Lebensmuth und neuer Geſundheit; manche beglückte Familie, welche ihm die Erhaltung des Vaters verdankte, legte ihre Hände ſegnend auf ſein Haupt, und er genoß das Glück des Wohlthuns in vollen Zügen. Nur Eins fehlte ihm zur Begründung ſeines Glückes, nämlich, daß Coralie, als treuſorgſames Weib, in ſeinem Hauſe ſchaltete. Dieſe Ausſicht ſchien leider noch ſehr entfernt, denn Roth⸗ wild hatte ſeinen Zorn jung echalten, er blieb unverſöhn⸗ lich, und man mußte auf ein Wunder rechnen, wenn er die Einwilligung geben ſollte. So war der Winter herangekommen, mit einem Gefolge ———————————— * —— 251 von kurzen Tagen und eiſigen Stürmen. Friſcher Schnee bedeckte Dächer und Straßen, Duſelburg glitzerte wie eine kryſtallne Zauberſtadt, und die Bewohner putzten veraltete Schlitten mit Fußteppichen aus, um darin zu ſtolziren. Die kleine Thür der Gartenmauer wurde von den Flocken geſchloſſen, Benno ſah ſein Mädchen nur in Gegenwart läſtiger Zeugen, und die Winterzeit kam ihm recht öde vor. Eines Abends jedoch knarrte die Pforte wieder; der Kreis⸗ arzt, dicht in den Burnus gewickelt, ging hindurch, und bald ſchlüpfte auch auf den weißbeſchneiten Gängen des Rothwildſchen Gartens eine leichte Geſtalt entlang. Benno eilte ihr entgegen, und Coralie's holdes Blu⸗ mengeſichtchen blickte freundlich aus dem Capuchon des weichen Chinchillapelzes hervor. Als die erſten Umar⸗ mungen und Küſſe— welche, nebenbei geſagt, für die Tem⸗ peratur eines Decemberabends ziemlich lange dauerten— vorüber waren, ſprach das Mädchen, ſich feſt an den Ge⸗ liebten ſchmiegend: Nun, mein Herz, worin beſteht denn die große Neuig⸗ keit, die Du mir ſagen wollteſt? — Ach, Coralie, Du mußt meine kleine, putzige Frau werden! Ich halte es nicht länger aus! — Ach, Benno, ich auch nicht!... Aber Du kennſt den Vater! Werden wir jemals ſeine Einwilligung erhalten? Ja, wenn Du keine ſo dumme Streiche gemacht—— — Um's Himmelswillen, ſei ſtill davon! rief Hagen, und ſchloß ihre Lippen durch einen Kuß. Hat man Dumm⸗ heiten begangen, ſo darf man nicht gar zu oft nach ihnen zurückſchauen. Man ärgert ſich nur, und kommt nimmer 252 vom Fleck. Vorwärts muß man blicken und vorwärts gehen, dann wird die Sache vielleicht noch gut. Ich habe ſchriftlich bei Deinem Vater um Dich geworben; morgen früh empfängt er den Brief. — Das iſt herrlich, das iſt prächtig! jubelte Coralie. Dem Papa iſt ſein Sekretair davon gelaufen; ich leſe ihm jetzt die ganze Correſpondenz vor und beantworte ſie. Das Geſuch geht durch meine Hände, und da will ich ſchon ein gutes Wort für deſſen Gewährung einlegen. — Wirklich? Sieh, das hatte ich Dir gar nicht zuge⸗ traut! Ich möchte Dich todtküſſen, Du allerliebſte Schel⸗ min, Du!... So, nun mach' aber, daß Du wieder in's Haus kommſt, ſonſt wachſt Du morgen mit einem„gött⸗ lichen Schnupfen und einem unſterblichen Huſten“ auf.— Gute Nacht, liebe Coralie! — Gute Nacht, lieber Benno! Gute Nacht! — ———— 1 —.————— Zwanzigſtes Capitel. Der Theaterdirektor Rothwild wird correſpondirendes Mitglied einer gelehrten Geſellſchaft. Schluß. Im übertrieben koſtbaren Negligée, ſaß Rothwild am andern Morgen beim Kaffee, und neben ihm lag ein Stoß unentſiegelter Schreiben auf dem Tiſch. Brummend ſetzte der Theaterdirektor eben wieder die volle Taſſe an den Mund, da bog ſich die rothe Damaſtgardine des Cabinets auseinander, Coralie's Engelsköpfchen guckte hervor, und ſie rief: — Guten Morgen, Väterchen! Darf ich kommen? — Ja, ja! Mein Kaffee iſt gleich ausgetrunken. Komm' nur, Kleine! Coralie ſchlüpfte in's Gemach, küßte den Papa, und fing dann an, ihm die Briefe vorzuleſen. Mehrere Enga⸗ gementsgeſuche auswärtiger Schauſpieler und ähnliche Dinge waren ſchnell erledigt. Jetzt kam ein feines, roſenfarbenes Couvert, und das Mädchen empfand lautes Herzklopfen, denn eine Ahnung ſagte ihr, Benno's Brief ſei darin. Die Handſchrift kannte ſie zwar nicht, und es wunderte ſie, daß der ſeltſame Menſch ein ſolches Schreiben ſeinem Sekretair diktirt hatte. Coralie las: „Hochverehrter Herr Direktor! Meine Feder darf Ihnen nicht erſt ſagen, daß ich Ihre holde, engelgleiche Tochter liebe, anbete, vergöttere, denn mein Auge hat es Ihnen ſchon oftmals geſtanden. Seit Coralie heimkehrte, kann mein Herz keine Ruhe finden; der Schlaf flieht mich, und mein ganzes Daſein iſt ein wilder Fiebertraum geworden.“ Coralie ſchüttelte den Kopf— was hatte Benno zu dem Briefe für einen fremdartigen, ſchwülſtigen Styl gewählt. Nach kurzer Pauſe fuhr ſie fort: „Geben Sie mir die Liebreizende zur Gemahlin; ſie iſt die Roſe, ich will der Stock ſein, an den ſie ſich ſchmie⸗ gen kann. Eine große Mitgabe fordere ich nicht, denn es wird Ihnen bekannt ſein, daß ich hinreichendes Ver⸗ mögen beſitze, um ein glänzendes Haus machen zu können.“ Kaum hatte Coralie dieſen Satz geleſen, ſo lachte ſie über ſich ſelbſt, daß ſie nur einen Augenblick geglaubt, der Brief komme von Benno, und neugierig, wer wohl ſonſt 254 noch um ſie werben möchte, wendete ſie das Blatt, nach der Unterſchrift ſuchend. — Wie heißt der Mann, der es wagt, um Deine Hand anzuhalten? fragte Rothwild. — Benjamin Chriſtian von Heimannſohn! entgegnete Coralie. — Heimannſohn? Hm, hm! das wäre doch in Erwä⸗ gung zu ziehen! Der Mann iſt ein gebildeter Menſch, ein Kunſtkenner— von Pferden verſteht er freilich nichts!— und er hat ein ſehr ſolides Vermögen... ſicher angelegt . kein Schwindel... keine Eiſenbahnactien. Nun, Coralie⸗ chen, was meinſt Du zu dieſer Partie? — Ich meine, daß ich den Herrn von Heimannſohn um keinen Preis heirathen werde. — Warum nicht? Er iſt von Adel, und wenn Du Geſchmack an ſo etwas findeſt, läßt er ſich auch noch zum Commerzienrath machen. — Meinetwegen darf er ſich durchaus nicht bemühen! Lieber nehme ich den leibhaftigen Beelzebub zum Ehege⸗ ſpons, als ihn. — So? Wenn ich Dir aber befehle, ihn zu heirathen? — Ach, mein Väterchen wird ſeiner Coralie nie etwas befehlen, was ſie unglücklich machen muß! ſprach Coralie und ſtreichelte dem Alten das Kinn. — Unglücklich? Gott behüte davor, mein Kind!— Nun, lies mir nur die andern Briefe. Das nächſte Schreiben war wirklich von Benno. Er bat mit kurzen, ehrerbietigen Worten um Coralie's Hand, und das Mädchen nahm beim Leſen eine ernſte Profeſſors⸗ — ——— 3 3 1 3 * 113 1 ———— 255 miene an, obgleich ihr Herz vor Luſt und Bangigkeit zit⸗ terte. — Schon wieder ein Freier! rief der Alte verwundert, und ſchob den rothen Fez auf ſeinem Negerhaar ſeitwärts. Da bin ich aber doch neugierig, wie dieſer ſich nennt. — Benno van der Hagen. — Wer? Hagen? Es iſt nicht möglich! — Doch, Papa! der Name ſteht deutlich darunter. — Ei ſo muß gleich das Wetter drein ſchlagen!... Der Schwarzkünſtler, der Windbeutel, der Taugenichts un⸗ terſteht ſich noch——— — Sei nicht mehr böſe auf ihn, Väterchen! Ich liebe ihn ſo herzlich! — Du liebſt ihn? Das wird immer toller!— Undank⸗ bare Tochter! Den ſchlechten Kerl, der Spott mit Deinem Vater trieb, der meine Bühne vor aller Welt lächerlich machte, ihn liebſt Du? — Ach ja! Recht ſehr! Und wenn er nicht mein Mann wird, heirathe ich in meinem Leben nicht. — Willſt Du mich raſend machen, Coralie? — Nein, Papa! Ich will den Benno heirathen! — Jetzt iſt meine Geduld zu Ende!... Kein Wort mehr davon. Nimm den letzten Brief, und leſe ihn vor. Coralie kannte den Vater. Sie wußte einzulenken, wenn er wirklich böſe wurde, und auf eine günſtigere Stunde hoffend, erbrach ſie nun gehorſam das Schreiben, welches noch auf dem Tiſche lag. Ein ſauber lithographirtes Diplom fiel heraus, und ſehr höfliche Zeilen begleiteten es. In Mitteldeutſchland hatte ſich vor kurzem ein dramaturgiſcher Verein gebildet, welcher die hochwichtigen Intereſſen der deutſchen Bühne überall ſchirmen, fördern und vertreten wollte. Aſſociationen dieſer Art können nur dann von einer ſegensreichen Wirkung ſein, wenn ſie nicht engherzig an einzelne Gaue feſthalten, ſondern ſich durch das ganze Deutſchland ausbreiten. Die Gründer der dramaturgiſchen Geſellſchaft empfanden dieſe Nothwendigkeit, ſie ſuchten deshalb alle Vorſteher größerer Theater in ihre Pläne zu ziehen, und ſo hatten ſie auch den Direktor Rothwild— mit den näheren Verhältniſſen wahrſcheinlich unbekannt— zum correſpondirenden Mitglied ernannt. — Alſo correſpondirendes Mitglied bin ich geworden! ſagte Rothwild wohlgefällig, nachdem die Tochter ihm ausführlicher erklärt, was eine ſolche Würde zu bedeuten habe.— Worüber werde ich denn aber mit dem drama⸗ turgiſchen Verein correſpondiren? — Worüber? Ja, Väterchen, das weiß ich nicht! — Coralie, ich habe Dir eine gute Erziehung geben laſſen— Du mußt wiſſen, wie man ſich als correſpondi⸗ rendes Mitglied benimmt. — Nein, lieber Papa! In der Penſion iſt dergleichen niemals vorgekommen. — Na, das wird eine ſchöne Verlegenheit! Der ver— dammte Sekretair davon gelaufen... die Tochter widerſetzt ſich.. und ich bin correſpondirendes Mitglied... Oh! — Ein Mittel wüßte ich wohl, dem ganzen Wirrwarr ein Ende zu machen... — Nun, das wäre? Geſchwind! — Benno van der Hagen verſteht ſich ohne Zweifel darauf—— E—— 257 — Alle Wetter, muß ich ſchon wieder den fatalen Namen hören? Ich mag durchaus mit dieſem Menſchen nichts zu theilen haben. Nenne ihn alſo nie mehr in mei⸗ ner Gegenwart, wenn Du mich nicht ganz aufbringen willſt, und laſſe mich jetzt allein. Geh! Still entfernte ſich Coralie; Rothwild zündete ſich die Pfeife an, und ging, große Dampfwolken vor ſich her⸗ blaſend, im Zimmer auf und ab. Vielfache Rathſchläge wiegten ſich in ſeinem Haupt, aber keiner zeigte ſich an⸗ wendbar. Zuweilen blieb er vor dem Tiſche ſtehen, betrach⸗ tete ſinnend die großen Kanzleibuchſtaben des Diploms, und begann darauf ſeinen Gang von neuem. Endlich ſetzte er ſich, in ſtiller Verzweiflung, auf das Sopha nieder, und hielt folgendes Selbſtgeſpräch: Gerechter Gott! Was iſt das für eine ſchreckliche Lage, wenn man correſpondirendes Mitglied wird und nicht ſchreiben kann. Ach, wo finde ich einen Ausweg aus die⸗ ſer Patſche?— Na ja! dazu hat man nun eine Tochter, dazu läßt man ſie ſich zehn Jahre lang ein Heidengeld koſten, daß ſie am Ende nicht mal weiß, wie ſich ein corre⸗ ſpondirendes Mitglied zu benehmen hat.— Wie wär's, wenn ich mir einen neuen Sekretair anſchaffte, ſo einen recht geſcheuten Kerl?... Nein, das kann auch nichts hel⸗ fen! Dieſe Menſchen beſitzen keine Ahnung von Verſchwie⸗ genheit, und käme es heraus, daß ich mir, als correſpon— direndes Mitglied, die Briefe durch einen Andern ſchreiben ließe, dann wäre ich gar verrathen und verkauft. Schon wieder war ihm die Pfeife erloſchen, er ſteckte ſie abermals in Brand, und fuhr mit milderem Tone fort: Correſpondirendes Mitglied! das Wort klingt ſo ſchön, 17 258 ſo gelehrt. Was wird man in Duſelburg ſagen, wenm es in der Zeitung ſteht, daß mir dieſe Ehre zu Theil geworden. Behauptet nun irgend eine Läſterzunge, ich könne nicht ſchreiben, dann brauche ich nur zu ſagen, daß ich corre⸗ ſpondirendes Mitglied bin.—— Allein, wer correſpondirt für mich?— Hätte mir der Hagen nicht jenen dummen Streich geſpielt, er wäre ein Schwiegerſohn wie gemalt. Vornehm, reich, angeſehn, gebildet—— ach, ich ärgere mich, ſobald ich nur an ihn denke! Freilich, die Correſpon⸗ denz würde er vortrefflich beſorgen; ſeine Briefe würden ein Muſter von Gelehrſamkeit ſein, und kein Menſch brächte heraus, daß ich ſie nicht ſelbſt geſchrieben habe. Auch beim Theater wäre er eine rechte Stütze für mich, denn— das muß ihm der Neid laſſen— er verſteht ſich darauf und ſpielt wie ein Gott. Wenn ich's vollſtändig überlege... die Zeit drängt... Coralie iſt ganz vernarrt in ihn... unglücklich werde ich mein einziges Kind nicht machen.. Baſta! Er ſoll das Mädel haben, und dann iſt alles in Ordnung! Rothwild war eigentlich von Natur gutmüthig, und hatte er eine Beleidigung im Herzen verziehn, ſo dachte er auch nicht mehr an Zorn oder Haß. Schmollend zwar, aber doch voll Innigkeit, empfing er den überraſchten Benno, der ſein Glück kaum begreifen konnte, und als die jubelnde Coralie den Vater küſſend und Freudethränen weinend um⸗ faßte, da war dieſer ganz voll Seligkeit. Gern gab Hagen das Verſprechen, die Correſpondenz mit der dramaturgiſchen Geſellſchaft ſorgſam zu fuͤhren, und die Sache war abge⸗ macht. Wenige Tage ſpäter fuhr ein eleganter Wagen durch Duſelburg, in welchem Benno ſaß, ſein bräutlich „——————— 259 erglühendes Mädchen dicht an ſich preſſend. Vor allen ſtattlichern Häuſern hielt die Equipage, der Bediente ſprang vom Bock, und gab eine Karte ab, worauf in Golddruck zu leſen war:„Coralie Rothwild und Pr. Benno van der Hagen, Verlobte.“ Das gab nun zu Anfang ein großes Gerede unter den Krähwinklern, und ſowohl Coralie, als Benno hatten auf einmal viel von ihrer geprieſenen Liebenswürdigkeit ein⸗ gebüßt. Allein man bedachte, daß der Herr Kreisarzt ohne Zweifel ein brillantes Haus machen würde, und deshalb fanden die Meiſten es gerathener, ihren Aerger zu verber⸗ gen. Rothwild's Gemächer füllten ſich durch die Schaaren der Gratulirenden; der Major von Pommsdorf trug, was er nur an beſonders feſtlichen Tagen pflegte, Federhut und Degen; Heimannſohn ſagte: er freue ſich wie ein Kind über das Glück ſeines lieben, alten Freundes Benno, und Don Iges brachte das Wohl des Brautpaares in Verſen aus, indem er verſicherte, er habe ſich darauf nicht vorbereitet, ſondern der ganze Toaſt ſei improviſirt. Coralie und Benno verlebten die Zeit des Brautſtan⸗ des wie einen kurzen Frühlingstraum, und ihre Hochzeit wurde ganz in der Stille vollzogen. Sie fühlten ſich un⸗ ausſprechlich beglückt, und darum machten ſie es ſich zur Aufgabe, das Unglück zu mildern, wo ſie es fanden. Hatten in traurig enger Wohnung die Noth und das Siechthum ihren leichenſtarren Blick aufgeſchlagen, lag die Mutter oder der Vater krank, wimmerten die blaſſen Kin⸗ der vor Hunger, und es ſaß ein blühender junger Mann am Bette, den Puls des Kranken prüfend— dann war es Benno. Stieg aber einige Stunden ſpäter ein lächeln⸗ 175 — —— —————— — k 260 des, engelſchönes Weib in die Höhle des Elendes hinab, brachte ſie warme Kleidungsſtücke, nahrhafte Speiſen und Geld zu Holz mit, theilte ſie das alles freundlich tröſtend unter die Darbenden aus— dann war es Coralie. Die Armen ſtreckten ihre mageren Hände zu Gott empor, ſie dankten ihm, und beteten, daß er die beiden guten Menſchen behüten und ſchützen möge.— Und Gott erhörte die Bit⸗ ten, denn Benno's und Coralie's Leben wurde eine lange Kette von ungetrübter Liebe und Glück. Hiſtoriſche Novellen. Ein Schwank. I. Die Poeten. In der hochgewölbten Weinhalle einer deutſchen Uni⸗ verſitätsſtadt ſaßen drei Jünglinge— Alfred, Hugo und Wilhelm— beim Schoppen. Ihr Geſpräch war immer lebhafter geworden, da öffnete ſich die Thür, und ein blü⸗ hender, junger Mann, im feinen Reitcoſtüm, betrat das Zimmer. Bruno, ſo hieß der Ankömmling, warf ſeinen grünen Filzhut auf eine Bank, ſteckte die goldbeſchlagene Gerte hinein, und ſetzte ſich zu dem Kleeblatt. — Nun, Poeten! rief er. Was für ein wichtiges Thema handelt Ihr ſchon wieder ab? Ihr ſeht ja ſo be⸗ denklich aus, daß ich glauben würde, Euch ſei ein Schiff untergegangen, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr keins habt. — Wir ſprechen eben darüber, erwiederte Alfred, wie ſehr die Stoffe zu hiſtoriſchen Novellen jetzt vermindert ſind. Es iſt wahrlich ſchwer, noch einen neuen, brauchbaren Stoff aus der Welthiſtorie zu erbeuten, und doch gleitet die Leſewelt flüchtigen Auges über ſolche Erzählungen hin, nicht ahnend, daß ſie ernſthafte Vorſtudien gekoſtet haben. — Iſt das Euer Ernſt? lachte Bruno. Daran erkenne ich Euch, Poeten! Du, Alfred, greifſt in die Saiten der ———— 1 264 Lyra, daß ſie von Liebe, von Frühling und von Unſterb⸗ lichkeit tönen; der ſchwarzköpfige Hugo, der ſich eben ſeinen Schnurrbart ſo vielſagend kräuſelt, dichtet politiſche Lieder voll Sturm und Drang, während mein blonder, tauben⸗ äugiger Wilhelm rührende Tragödien ſchreibt. Ihr ſeid viel zu genial und lebt zuviel in“ Eurem Phantaſienreich, als daß Ihr das Dampfmaſchinenweſen, wodurch die Fa⸗ brikation von hiſtoriſchen Novellen betrieben wird, irgend begreifen könntet. — Was ſprichſt Du da? entgegnete Hugo eifrig. Eine hiſtoriſche Erzählung muß eine abgerundete Epoche aus dem heiligen Buch der Geſchichte umfaſſen, ſie muß dem Auge des Leſers ein Bild jenes Zeitalters, in dem ſie ſpielt, mit friſchen, warmen Farben aufrollen; wir müſſen dort ein Volk erblicken mit ſeinem Ringen und Kämpfen, mit ſeinem Sieg oder Untergang. Lebendurchſtrömte Charaktere ſoll die Novelle uns zeigen, deren Schickſale in die großen Weltbegebenheiten ſo eng verflochten ſind, daß ſie mit ihnen blühen und fallen. — Du haſt Recht, Hugo! begann Wilhelm. Ein ſolches Werk kann nimmer vollendet werden ohne den Beiſtand der Göttin Poeſie. — Zwei Flaſchen Oeil de perdrix, Kellner! rief Bruno. Ich muß mich heute noch todt lachen über Euch, meine guten, poetiſchen Jungen. Ihr ſeid Dichter mit Leib und Seele, und da könnt Ihr's gar nicht denken, daß es Leute giebt, die ſich in Apollo's heiligen Tempel drängen, und an denen auch nicht eine Faſer poetiſch iſt. Ich will Euch ſchildern, wie die gewöhnlichen hiſtoriſchen Erzählungen geſchrieben werden, und die Haare werden Euch darob zu 265 Berge ſtehn. So ein Männchen verſpurt plötzlich den Kitzel, ſeinen Namen gedruckt zu leſen... es ſucht einige alte Folianten und Chroniken, oder auch nur ſeine Ge⸗ ſchichtshefte von der Schule hervor, ſchneidet einen conve⸗ nablen Flick Hiſtorie heraus, und pinſelt nun, als Staffage, diverſe Raubritter, Edelfräulein, Schlachtroſſe, Minneſänger und Burgvögte hinein, wie ein Maler Schafe und Ochſen auf ſeinem Bilde anbringt. An Charakterzeichnung, Eben⸗ maaß, poetiſche Wahrheit und künſtleriſche Entwicklung iſt gar nicht zu denken. Dieſe Mißgeburt wird auf das Velin⸗ papier eines Almanachs gedruckt, darüber ſteht:„Hiſtoriſch⸗ romantiſche Erzählung aus dem ſechszehnten Jahrhundert“, und der Verfaſſer erhält ein ſo vollwichtiges Honorar, wie Ihr es im Leben nicht erblicken werdet. Aber ich bin feſt überzeugt, daß jeder von Euch in zwölf Stunden ſolch eine Novelle zu Stande bringt. — Das iſt nicht möglich! ſagte Alfred, ſein Cham⸗ pagnerglas leerend, welches Bruno eben von neuem gefüllt hatte. — Ich werde wohl nie Novellen ſchreiben! erwiederte Hugo, und trank. — Wozu der innre, heilige Drang nicht treibt, das kann Keiner vollführen! ſagte Wilhelm, und ſog den Trau⸗ benſaft aus Frankreichs Kreidebergen in langen Zügen hin⸗ unter. — Der innre, heilige Drang? Ha, ha, ha! begann Bruno wieder. Charmante Redensart! Iſt denn die Ehr⸗ ſucht nicht auch ein innrer Drang?— Nun gut! Ihr beſtreitet, daß Ihr im Stande ſeid, hiſtoriſche Novellen zu ſchreiben, und ich biete Euch deshalb folgende Wette an. —— 266 Die Einladung, einen Sommer auf meinem Landgut zu verleben, habt Ihr ausgeſchlagen. Gewinne ich, und Ihr ſchreibt, über kurz oder lang, doch noch hiſtoriſche Novellen, ſo erfüllt Ihr meinen Wunſch— verliere ich, dann bezahle ich ein ganzes Jahr hindurch allen Champagner und alle Auſtern für Euch. — Concedo! rief Hugo, in Bruno's dargebotene Rechte einſchlagend. — Concedo! ſtimmten die andern Freunde bei. — Nun laſſet uns aber aufbrechen, ſagte Alfred, denn mein Stiefelputzer, der interimiſtiſch als Nachtwächter fun⸗ girt, hat eben Mitternacht abgerufen, und wir Alle wollen ja morgen, oder eigentlich heute, abreiſen. Die luſtigen Brüder folgten dieſem Rath; ſie verließen die Weinhalle, und gingen ſchweigend durch die Straße, deren Häuſer dieſſeits vom Monde beglänzt waren, wäh⸗ rend ſich drüben ihre dunklen Giebel ſcharf am blauen Nachthimmel abgrenzten. ————— M. Das Abenteuer. Alfred, Hugo und Wilhelm hatten, in leichten Staub⸗ hemden, die Ränzel auf dem Rücken, das Harzgebirge durchwandert. Sie hatten die düſtern Stalaktitengrotten beſucht, und waren, durch herrliche Waldungen, zu den Gipfeln der Felſen emporgeklettert. Sie waren eingefahren in die metallreichen Gruben der Bergwerke, und hatten auf dem Brocken einen Sonnenaufgang erlebt. Kein prächtiges 267 Panorama kann das Gebirge aufweiſen, das ſie nicht ge⸗ ſehn, kein lichter Silberquell durchſprudelt ſeine Thäler, an dem ſie nicht gelagert hätten. Ein ſchöner Septembertag ſenkte ſich dem Abend zu, und fand die Reiſenden auf dem Wege nach Alexisbad. Hohe Eichen und Buchen rauſchten über ihrem Haupt, doch in den Laubkronen zeigten ſich ſchon goldgelbe und purpur⸗ rothe Schattirungen zwiſchen tieferem Grün. — Der Herbſt iſt eine traurige Jahreszeit! begann Alfred nach langer Pauſe. Es rieſelt mir ein Schauer durch die Adern, wenn ich dies Verblühen und Hinwelken ſehen muß. Sonſt immer heiter, kann ich mich doch im Herbſte der trüben Todesgedanken kaum erwehren. — Für mich iſt der Herbſt eine ſchöne, wehmüthig ſüße Zeit! ſagte Wilhelm. Mir wird dann ſtets ſo hoffnungs⸗ voll zu Muth, und mit mächtigem Tone regen ſich Unſterb⸗ lichkeits⸗Gedanken in mir, denn ich trage in der Bruſt die Gewißheit des kommenden Frühlings. — Meiner Anſicht nach, fiel Hugo ein, gleicht der Herbſt einer abgelebten Kokette. Prunkend putzt er ſich mit bunten, duftloſen Aſtern und Malven heraus, und weil es ihm an jugendlicher Friſche fehlt, ſo ſchminkt er ſich die verblichenen Wangen. Daher entſteht die rothe Farbe des herbſtlichen Laubes. Bei ſolchen Geſprächen war die Sonne untergegangen, und nur einzelne Feuerſtrahlen flackerten noch durch den grünen Wald. Die Wanderer bemerkten in ihrem Eifer kaum, daß ſich der Himmel nach und nach mit grauen Wolken umzogen hatte. Nun wurd' es plötzlich raben⸗ finſter, der Regen goß und ſchlug praſſelnd auf die Blätter. 268 Unſere Freunde machten lange Schritte, um bald ein Ob⸗ dach zu erreichen, denn ſchon ſtrömte ihnen das Waſſer aus den Haaren; dabei konnten ſie keine Hand vor Augen ſehn, und rannten oft gegen die Stämme der Bäume. Noch immer wollte ſich der Wald nicht lichten; ſtarke Fich⸗ ten mit ihren knarrenden Nadelzweigen drängten ſich nur dichter zuſammen; der Waldpfad wurde ſchlüpfrig und un⸗ ſicher. Die drei Poeten fühlten ſich ein wenig unheimlich; erkältet und durchnäßt, war es ihr ſehnlichſter Wunſch, recht bald ein gaſtliches Haus mit loderndem Kamin und gutem Abendeſſen anzutreffen. Da ſcholl auf einmal grelles Pfeifen durch den Wald; große, dunkle Geſtalten ſtürzten aus dem Dickicht hervor, die Reiſenden umringend. Alfred und Wilhelm waren ge⸗ feſſelt, ehe ſie ſich von ihrer Ueberraſchung erholen konnten, doch Hugo zog ſchnell einen Degen aus dem Wanderſtock, und wollte deſſen Klinge eben an Einem der Räuber prü⸗ fen, als er von rückwärts durch nervige Arme umfaßt wurde. Man entwaffnete auch ihn, band ihm die Hände auf den Rücken, und etwa ein Dutzend Buſchklepper nah⸗ men ihre drei Gefangnen ſchweigend in die Mitte, ſie auf engen Pfaden durch die Holzung führend. Unaufhörlich floß der Regen, und Sturmwind ſauste in der Forſt. Alfred, Hugo und Wilhelm ſchritten wortlos neben einander hin; ſie machten keinen Verſuch zur Flucht, denn man hatte ſie feſt gebunden, und Büchſenläufe ſchim⸗ merten auf den Schultern der Räuber. Nach halbſtündigem Marſch gelangte man zu einem ziemlich finſteren Bauwerk, von deſſen Fenſtern nur zwei durch trübröthlichen Lichtglanz erleuchtet waren. Hier wurde Halt gemacht, und Einer 269 der Banditen ging in's Haus. Bald kam er wieder, rief ſeinen Spießgeſellen ein rauh klingendes Rothwelſch zu, das die Dichter nicht verſtanden, und darauf wurden die letzteren nach dem Hauſe gebracht. Eine ſchwere Eichen⸗ thür öffnete ſich, man trat in den ſtockdunklen Flur, und gelangte endlich in einen langen, gewölbten Saal. Derſelbe war völlig leer, nur etliche Flinten und Hirſchfänger hin⸗ gen dort, und zwei Kienfackeln, in die Wand geſteckt, er⸗ hellten das Gemach mit unſicherm Schein. Auf alterthüm⸗ lichen Lehnſtühlen ſaßen im Hintergrund ein Mann und eine Frau, wahrſcheinlich der Räuberhauptmann mit ſeinem Weibe. Er hatte ſich das Geſicht angeſchwärzt; ein grüner Jagdrock umſpannte ſeinen ſtarken Gliederbau, und auf dem breitkrämpigen Hute, der ſein Haupt bedeckte, wallte ein rother Federbuſch. Das Antlitz der ſchönen Gefährtin aber war weiß und roſig, wie Pfirſichblüthen; blonde Flechten legten ſich an ihre reine Stirn, und ein faltiges Seidenkleid verhüllte jugendliche Formen⸗ Nach einer tiefen Pauſe erhob der Hauptmann ſeine Stimme und fragte barſch: Wer ſeid Ihr? Das gefeſſelte Kleeblatt nannte Namen und Stand. — Ha, ha, ha! Alſo Poetenvolk! lachte der Räuber⸗ fürſt. Das iſt ja ein erbärmlicher Fang, den die Kerle da eingebracht haben. Dichter und Kirchenmäuſe müſſen ganz gleich abgeſchätzt werden, wenn ſie Vermögenſteuer zahlen ſollen. Ich wette, Ihr habt kaum eine ſilberne Taſchenuhr bei Euch, und es wird am beſten ſein, ich laſſe Euch gleich ein hanfenes Halsband umlegen, ſonſt verrathet Ihr uns wohl gar. 270 Zwar lief unſern Bekannten der Tod eiskalt über den Rücken, aber ſie regten ſich nicht. Da wendete ſich die holde Räuberbraut an ihren Gebieter, ſtreichelte ihm das Kinn und flüſterte fremdartige Laute. Er erwiederte nichts, ſondern nickte nur gewährend mit dem Haupte und ſprach zu den Dreien: — Mein Weib iſt eine Romannärrin! Im letzten Winter hab' ich eine ganze Leihbibliothek geplündert, um ihre Sucht nach ſolchem Zeuge zu befriedigen, doch ſie hat all' die Bücher ſchon ausgeleſen. Sie liebt beſonders hiſto⸗ riſche Novellen, wie ſie den Plunder nennt, und da kann ich ihr wohl den Gefallen thun, Euch Euer erbärmliches Lebenslicht nicht auszublaſen, um ihr einen Spaß zu machen. Ihr werdet Jeder in ein eigenes Zimmer geſteckt, dort ſollt Ihr Eſſen, Wein, Papier und Tinte haben. Den Schlaf müſſet Ihr Euch für dieſe Nacht ſchon vergehen laſſen, denn ich befehle Euch, bis morgen früh eine hiſtoriſche Novelle zu ſchreiben, und will Euch dafür ſogar Eure lumpige Bagage ſchenken.— Baſta! Nicht gemuckst!.. Bedankt Euch bei meinem Liebchen!... Wer aber bis mor⸗ gen Vormittag um acht Uhr die Geſchichte nicht fertig hat, den laſſ' ich, beim Samiel! an die hoöchſte Fichte hängen. Nach dieſen Worten blies er in eine kleine Pfeife, meh⸗ rere Räuber eilten herbei, und als der Hauptmann ihnen auf Rothwelſch etwas geſagt hatte, führten ſie die drei ver⸗ urtheilten Poeten fort. IHI. Alfred's Novelle. Jedem von den Dreien, die man gewaltſam zu hiſtori⸗ ſchen Novelliſten gepreßt hatte, wurde ein beſonderes Ge⸗ mach angewieſen, damit er ſeine Aufgabe ungeſtört voll⸗ enden könne.— Wir beſuchen zuerſt Alfred, und finden deſſen Aufenthalt ganz wohnlich eingerichtet. Das Zimmer hat freilich nur Ein Fenſter, aber es bietet dennoch Raum genug. Stuhl und Tiſch ſind die einzigen Möbel darin, und auf dem letztern brennen zwei Wachslichter. Unruhig geht Alfred auf und ab, die Ereigniſſe der letzten Stunden brauſen wie ein Traum durch ſeinen Kopf, und fieberhaft glühen ihm die Wangen. Jetzt öffnet ſich die Thür; Einer der Banditen tritt herein, mehrere verdeckte Teller, eine Flaſche und Schreibmaterialien tragend. Stumm ſtellt er alles auf den Tiſch, und entfernt ſich wieder. In Alfred erwacht der jugendliche Appetit mit Macht, er ſetzt ſich, und koſtet von dem zarten Rehrücken; er gießt ſich Wein in's Glas, und ſchäumend ziſcht derſelbe daraus empor— es iſt aufrichtiger Sillery. Nun fühlt ſich Alfred warm und wohl, der Kreidegeborene durchwallt ihn mit roſiger Gluth; er möchte dichten, aber nicht, wie ihm befohlen iſt, eine kalte Novelle, ſondern ein heißflammendes Lied. Schon hat er das Papier zurecht gelegt, ſchon ergreift er die Feder, als ihm der Gedanke aufſteigt, daß jener wilde Robin Hood ihn hängen läßt, wenn er ſeine Aufgabe nicht löst. End⸗ lich erſcheinen ihm Bilder aus den Blättern der Geſchichte, doch ſie ſind farblos bleich, und Alfred muß gewaltſam den Widerwillen bannen, der ihn von dieſer Arbeit zurückzieht. Immer lebendiger werden die Geſtalten; halb zum Dichten geneigt, halb mit mechaniſcher Anſtrengung ſucht er ſie feſt zu halten. Ehe er ſich des Plans noch klar bewußt ge⸗ worden, hat er den Anfang gemacht, und als Ueberſchrift ſteht deutlich auf dem Papier: „Die Prinzeſſin von Ahlen. Hiſtoriſche Novelle. . Der Frühling des Jahres 1681 hatte ſeine Schwingen, aus Sonnengold und Blumenſchmelz, entfaltet. Am hohen Spitzfenſter des alten Schloſſes zu Celle ſaß eine funfzehnjährige Jungfrau, und lachend ſtützte ſie das blondlockige Köpfchen in die Hand. Ein weißes Kleid umſpannte prunklos ihren blühend ſchlanken Wuchs; nur eine blaue Lilie hatte ſie in's Haar geſteckt. Vor ihr ſtand ein jugendlicher Ritter, das Barett mit dem Reiherbuſche in der Hand, und ſein dunkles Flammenauge ruhte zärtlich auf dem ſüßen Mädchenbild. — Ihr ſeid heut gar zu ausgelaſſen, Königsmark! ſagte die Prinzeſſin Sophie. Die Augen thränen mir vor Lachen. — Dieſe Schuld will ich ſühnen! entgegnete der Graf, und küßte ſchnell eine Thräne weg, die über ihre Wange, wie ein Thautropfen über den Pfirſich, rollte. — Königsmark, Ihr werdet immer dreiſter! ſprach das Fürſtenkind erglühend. Wenn ich das meinem Vater ſage, möchtet Ihr den Hof zu Celle nicht lange mehr be⸗ ſuchen. 273 — Und das könnte die gute, ſanfte Sophie an ihrem Schulgefährten thun, der ihr die ſchweren lateiniſchen Briefe ſchrieb, welche der langweilige Doktor aufgab, und der ſich geduldig acht Tage bei Waſſer und Brod einſperren ließ, weil ſie dem Wiener Abgeſandten einen Maikäfer an's Barett gebunden hatte?— So fragte der Ritter bittend, und ſchlang ſeinen Arm um die Prinzeſſin. — Nein, Königsmark, ſie thut es nicht! flüſterte Sophie, indem ihre Lippen dem Munde des Grafen begegneten. Draußen auf dem Corridor erſcholl plötzlich ein ſchwe⸗ rer, klirrender Tritt; der lange Kuß mußte ein Ende neh⸗ men, und Königsmark entſchwand durch eine Seitenthür. Sophie ergriff die Stickerei, und als ihr Vater Georg Wilhelm, der brave Herzog von Celle, in's Zimmer trat, fuhr ſie bereits eifrig mit der Nadel durch den Sammet. Er konnte dem Töchterlein nichts anmerken, denn da ihre Wangen ſtets wie Roſen blichten, ſo fiel ihm deren Pur⸗ purfarbe nicht ſonderlich auf. Sie küßte dem Fürſten ehr⸗ furchtsvoll die Hand, rückte ihm einen Lehnſeſſel zurecht, und er nahm darin Platz. — Sophie, begann der Fürſt, Du weißt, daß ich Dich ſchon in Deinem neunten Jahre mit dem Prinzen von Wolfenbüttel verlobt hatte, daß ihn die Vorſehung jedoch von der Erde abrief, eh' Eure Hochzeit ſtattfinden konnte. Die größten Fürſten Deutſchlands bewarben ſich ſeitdem um Deine Hand ich prüfte ſorgſam, denn ich mußte ja zugleich das Glück meiner Sophie und den Vortheil meines Landes überwachen. Heute iſt endlich im Staatsrath un⸗ abänderlich beſchloſſen worden, daß Du die Gemahlin des Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover werden ſollſt, 18 ———— ————— —————— —= —— 274 der einſt den Thron von England erbt. Du biſt alſo Braut, und um Dir dies zu ſagen, kam ich her. Damals war es nicht Brauch, daß die Töchter, und namentlich die Töchter der Fürſten, in ſolchen Angelegen⸗ heiten widerſprechen durften. Sophie verneigte ſich gehor⸗ ſam vor dem Vater; ſie ließ den Schmerz nicht laut wer⸗ den, der ihre Bruſt zermarterte, und keines Menſchen Auge ſah die Thräne, die in den Kelch der Nelke fiel, woran ſie eben geſtickt hatte. 2 Langſam und freudenlos floß der fürſtlichen Jungfrau die Zeit ihres Brautſtandes dahin. Man hatte ihr eine ſtrenge Hofmeiſterin gegeben, die Sophien niemals verließ, und aller trauliche Verkehr mit Königsmark, dem Jugend⸗ geſpielen, dem Geliebten ihrer Seele, hörte auf. Nur im Geräuſch des Hoflebens ſah ſie ihn, wo ſie keine Worte, kaum einen unbelauſchten Blick mit ihm wechſeln durfte. Doch an lauen Sommerabenden blieben ihre Fenſter offen, und es drang dann ein ſüßklagendes Lied, von Cithertönen begleitet, zu ihr empor. Des Morgens fand ſie auch wohl, obgleich die Schloßmauer faſt unerklimmbar ſchien, einen friſchen Blumenſtrauß am Fenſter, und wickelte dann ſchnell den bindenden Pergamentſtreifen ab, der zärtlich grüßende Liebesworte von Königsmark enthielt. Endlich nahte die Vermählung heran, vor der Sophien wie vor ihrem Tode graute; die Prinzeſſin mußte dem theuern Vater Lebewohl ſagen, und mußte, mit gebrochnem Herzen, in den Reiſewagen ſteigen. Ein glänzendes Ge⸗ folge begleitete ſie, und darunter befand ſich, ohne daß die 275 weinende Braut es ahnen konnte, auch der Graf Kö⸗ nigsmark. Im offnen Felde vor Hannover wurde Sophie vom Prinzen Karl, einem Bruder ihres Bräutigams, ein⸗ geholt; Feldſtücke donnerten und luſtige Fanfaren ſchmet⸗ terten, der Stadt zu verkünden, daß die Prinzeſſin erſchie⸗ nen ſei. Am Schloſſe zu Hannover empfing Georg Ludwig ſelbſt ſeine künftige Gattin, und dieſe erblickte nun den Mann, der alle Blüthen ihres Lebens zerbrochen hatte. Sein Wuchs war hoch und ſtark; die goldgeſtickte Tracht paßte gar nicht zu dem ſchweren, plumpen Gliederbau. Schwarze Haare umflatterten ſein braunrothes, bärtiges Geſicht; er bemühte ſich, eine recht freundliche Miene an⸗ zunehmen, doch mißlang ihm das, und die Mundwinkel wurden nur noch häßlicher verzerrt. Die Augen des Für⸗ ſten waren grau, aller Glanz mangelte ihnen, und was daraus hervorblitzte, war eine Miſchung von Rohheit und Sinnlichkeit. Sophie ſtarb faſt unter den Ceremonien des Empfangs, und ſank am ſpäten Abend, zum Tode erſchöpft, verzweifelnd auf ihre Lagerſtatt. In der nächſten Morgenfrühe eilten viele Kammerfrauen geſchäftig herbei, ſchmückten die Braut mit perlenbeſäeten Gewändern, und flochten ihr ein prächtiges Diadem, um das ſich friſche Myrthe ſchlang, in's volle, blonde Haar. Aber ſie lächelte nicht wie ſonſt am Hofe ihres Vaters, wenn ſie ſich zu heitern Feſten putzen ließ, wo ſie mit dem Geliebten ſprechen und tanzen durfte— ach! heute wurde ſie ja auf ewig von ihm getrennt, und mußte einem frem⸗ den, finſtern Manne zum Altare folgen. Manche Thräne aus Sophiens Auge floß auf die Stickereien des Hochzeit⸗ 18* —— —— 1 kleides, und als ſie ihr blaſſes, hochgeſchmücktes Bild im Spiegel ſah, da kam es ihr vor, als ob ſie geſtorben wäre, als ob ſie ſelbſt ihre geſchmückte Leiche im Sarge betrachten müſſe. Man hob Sophien in den goldnen Brautwagen, und ſechs Schimmel flogen mit ihr nach der Schloßkirche, wo der Bräutigam ſie erwartete. Zwei Grafen und zwei Ritter waren auserwählt, die Schleppe der Braut zu tragen, und Sophie gewahrte darunter auch Königsmark, der mit zit⸗ ternder Hand einen Zipfel ihres Kleides hielt. Da ergriff der Kurprinz ihre Hand, zwölf Pagen mit brennenden Kerzen ſchritten voraus, und Sophie glaubte nun wirklich ihr eignes Begräbniß anzuſchaun. So gelangten ſie zum Altar, der Geiſtliche wechſelte die Ringe, und ſie ließ be⸗ wußtlos ihre Hand in die des Bräutigams legen. Erſchreckt fuhr Sophie zuſammen, als draußen die Geſchütze krachten, denn ſie wußte nicht, was geſchehen war, und während ſie ſich darauf beſann, war ſie bereits Kurprinzeſſin von Han⸗ nover. Viele Luſtbarkeiten und glänzende Turniere beſchloſſen das Hochzeitsfeſt. 3 Drei Jahre waren ſeitdem verfloſſen, und in einer Aka⸗ zienlaube des Schloßgartens, den der Herbſt eben zu ent⸗ blättern anfing, ſaß die Prinzeſſin Sophie. Ihr Antlitz erſchien noch immer lieb und ſchön, aber der Gram hatte den heitern Jugendſchmelz davon abgeſtreift, ſo daß es nun einem ſchmerzenreichen Madonnenbilde glich. Neben ihr ſchlief, im zierlichen Kinderwagen, ein ganz kleines Mäd⸗ 277 chen, und einen hübſchen, etwa zweijährigen Knaben ſchau⸗ kelte ſie auf dem Schooß. — Liebſt Du denn Deine Mutter auch? fragte ſie den⸗ ſelben, und als das Kind ſie mit den kleinen Armen jubelnd umfaßte, ſprach ſie gerührt: Nun, ſo biſt Du der Einzige, der es thut, denn Dein Vater kränkt ſie überall und läßt ſie durch ſeine Mätreſſe verhöhnen. Kaum hatte Sophie, beinahe unhörbar, dieſe Worte geſagt, da ſchritt die Dame, welche darin bezeichnet wurde, durch die Lindenallee heran. Ihr Anblick mußte Jeden bezaubern, der ſie zum Erſtenmale ſah. Italienerin von Geburt, beſaß Signora Carlotta ganz den üppig ſchwel⸗ lenden Gliederbau, welcher die Frauen des Südens ſo rei⸗ zend macht. Unter langen Wimpern ſtrahlten ihre großen, liebeheißen Augen, und Rabenlocken ringelten ſich, tauſend lüſternen Schlangen gleich, um ihr wunderſchönes Antlitz, um ihren ſtolzen Hals und Nacken. — So allein, gnädige Prinzeſſin! begann die Ankom⸗ mende, ſich voll ſpöttiſcher Ehrfurcht vor Sophien vernei⸗ gend. Oder hatten Sie einen beſondern Grund, ſogar die Kammerfrauen fortzuſchicken, denen die Obhut über die Kinder anvertraut iſt? — Ich bin niemals allein, wenn meine Kinder bei mir ſind! entgegnete Sophie, zwar verletzt, aber ausweichend. — Das freilich nicht! rief die Signora. Die Unter⸗ haltung mit jenen Sprößlingen mag indeß weder ſehr geiſt⸗ reich, noch vergnüglich ſein. — Von dem Vergnügen einer Mutter, ſprach Sophie, kann ſich eine Jungfrau, wie Ihr, wohl keine Vorſtellung machen. 8 ————— 2 8 6 Die Italienerin rüſtete ſich zu einer bittern Antwort, doch unterdrückte ſie dieſelbe ſchnell, als ſie den Kurprinzen nahen ſah. Lachend ging ſie ihm entgegen, und empfing ihn mit den Worten: — Gut, daß Sie kommen, Prinz! Eben ſprach ich mit Ihrer Gemahlin von den Kindern, und wir fanden beide, daß ſie ungemein viel Aehnlichkeit mit dem ſchö⸗ nen Grafen Königsmark haben. Freuen Sie ſich darüber nicht? Georg ſtimmte in das unzarte Gelächter Carlotta's ein, und verließ den Garten mit der noch immer lachenden Signora. Thränenlos ſaß Sophie; ſie konnte nicht weinen. End⸗ lich rief ſie den Kammerfrauen, gab ihnen die Kinder und eilte in's Schloß. Kaum aber war ſie in ihren Gemächern angelangt, ſo ſtrömten die Thränen aus dem blauen Him⸗ mel ihrer Augen, und erfriſchten ihr das todmüde Herz, wie ein Gewitterregen die verſengte Flur. Ein muthiger Gedanke durchzuckte ſie; Sophie trocknete die Wimpern, und nahm ihr Kind aus der großen, purpurnen Wiege. Zwar weinte der Knabe, als er im Schlaf geſtört wurde, doch gleich erkannte er die Mutter, und umklammerte ſie mit freundlichem Geſicht. So ſchritt ſie über den Corridor nach den Zimmern ihres Gatten. Derſelbe lehnte auf ſeid⸗ nem Ruhebett, ein ſilberner Weinkrug ſtand vor ihm, und er ſchien überraſcht, die Prinzeſſin eintreten zu ſehn, rührte ſich aber nicht, ſondern erwartete mit höhniſcher Miene Vorwürfe von Sophien. — Verzeiht, mein Prinz, begann die letztere, daß ich es wage, unangemeldet zu erſcheinen, doch ſollt' ich glau⸗ 279 ben, dem Weib und Kinde müſſe ſtets der Eingang offen ſein. Seit uns der Prieſter am Altar verbunden, habt Ihr mich verächtlich behandelt! Geduldig ertrug ich das, und komme heut zum Erſtenmale klagend zu Euch. Ihr laſſet mich in Eurer Gegenwart durch eine Frau beſchimpfen, durch eine Frau, die Euch ſo wenig liebt, als Ihr ſie achten könnt—— — Ha, ha, ha! unterbrach Georg ſeine Gattin. Moral! Sittenlehren! Wenn ich die hören wollte, würde ich ja in die Kirche gehn. Meint Ihr, Prinzeſſin, Euch durch lang⸗ weilige Sentenzen bei mir angenehm zu machen, ſo irrt Ihr, und ich bin in ſchlechter Laune, ſie länger zu er⸗ tragen. — Meine Abſicht iſt nicht, ſagte Sophie mit Ruhe, hier von Moral und Fürſtenwürde zu ſprechen, denn ich kenne den Werth des Getreides zu gut, um es auf harten Fels⸗ boden auszuſtreun. — Weib! knirſchte der Kurprinz, doch furchtlos fuhr ſie fort: — Allzuoft hab' ich erfahren, daß jede Mühe, jedes Samenkorn hier verloren geht, aber wenn ich auch von Euch das Härteſte erdulden mag, ſo fordre ich doch, daß Ihr mich nicht mißhandeln laſſet von einer Metze. — Ha! wüthete Georg. Und das wagt eine Metze mir zu ſagen... die Metze des Grafen Königsmark! Bei dieſen Worten ſprang er empor, erfaßte Sophiens Haarflechten, und zerrte das unglückliche Weib im Zimmer umher. Mit größter Anſtrengung konnte ſie das Kind noch halten, und in der Angſt, es fallen zu laſſen, ſtieß ſie einen lauten Hülferuf aus. Da ging die Thüre aufß Prinz Karl 280 ſtürzte herein, und Fräulein von Molk, die Kammerdame der Fürſtin, folgte ihm. Jener machte den Raſenden von ſeiner Gattin los, und dieſe führte ſie in ihre Gemächer zurück. — ———— —————— 4. Von den Thürmen hallte Mitternacht, und wilde Wol⸗ ken zogen am Monde vorbei. Sophie ſaß noch immer leblos, wie ein ſchönes Steinbild, im Seſſel; aufgelöst hing das Haar in blonden Flechten um ihre Schultern, und einige rothe Blutstropfen perlten ihr auf der weißen Stirn. Vor ihr kniete Amalie von Molk, die einzige Freun⸗ din, welche ſie an dieſem Hofe hatte, und rieb von Zeit zu Zeit die Schläfe der Ohnmächtigen mit belebender Eſſenz. Endlich zuckten die Augenlider der Prinzeſſin, ſie fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſagte leiſe:„Wo bin ich?“— Nun blickte ſie umher; alles Vergangene ſchien wie ein Traum an ihr vorüber zu rauſchen, und ſie brach in helle Thränen aus. Nach einer Pauſe ſprach ſie zu dem gleichfalls weinenden Fräulein: — Sei ruhig, Amalie— mir iſt wohl! Ein Selbſt⸗ bewußtſein, eine Freudigkeit zieht in meine Seele; ſeit Jah⸗ ren war mir nicht ſo leicht um's Herz. Mein Gemahl hat heute die letzten Bande zerriſſen, die mich mit ihm vereinig⸗ ten, er hat mich mißhandelt, und ich betrachte mich als geſchieden von ihm. Nicht länger kann ich an einem Hofe weilen, wo jeder Kammerdiener mit Fingern auf mich zeigen würde. Sobald es angeht, will ich entfliehn! Ich fühle mich dabei frei von aller Schuld, und mich ſchmerzt nur der Abſchied von meinen Kindern und von Dir. 3 281 — Meine liebe, meine angebetete Fürſtin! ſprach das Fräulein, Sophiens Hände küſſend. Was hab' ich Böſes gethan, daß Ihr mich aus Eurer Nähe verbannen wollt? O, nehmt mich mit Euch... ich kann Euch nicht ver— laſſen! — Gern werde ich Dich bei mir behalten, Du Herzige! beruhigte die Prinzeſſin das erregte, ſchluchzende Mädchen. Weil mir, wohin ich gehe, weder Glanz noch Freude folgen, ſo dachte ich, Du würdeſt lieber zurück bleiben. Ich that Dir Unrecht! Verzeihe mir, mein Kind, und ſende ſchnell einen ſichern Boten an Königsmark. Er ſoll noch heute Nacht hierher kommen, daß wir den Plan zur Flucht be⸗ rathen. Amalie richtete ſich empor, und ſchickte ihren Bruder zum Grafen hin. Der Page fand ihn noch wachend am Fenſter, und als derſelbe ſeine Botſchaft überbrachte, glaubte Königsmark, das Ganze ſei ein Traum. Ohne Zögern begab er ſich zu der Fürſtin; er ſah ſie in bleicher, wunderſamer Schönheit, und beugte ehrerbietig das Knie vor ihr. Sie ließ das milde Auge auf ihm ruhn, und ſagte dann mit weicher Stimme: — Stehe auf, Königsmark, und ſchaue mir frei in's Angeſicht! In dieſer feierlichen Stunde erkläre ich Dir, daß ich Dich geliebt habe ſeit der früheſten Zeit, die in meiner Erinnerung lebt— daß ich Dich lieben werde, bis mein Herz ſeinen letzten Pulsſchlag thut. Gott weiß es, wie ich die Pflicht gegen meinen Gatten erfüllt, er weiß es, daß ich, vom Tage meiner Hochzeit an, Dich niemals allein geſehn, und nur gleichgültige Worte mit Dir gewechſelt habe. Aber Gott kennt auch meine Kämpfe und die kum⸗ ——— ————— 1 1 282 mervollen Nächte, die ich durchweint.— Das iſt nun alles vorbei! Ja, Guſtav, ich liebe Dich! Ich will mit Dir fliehen aus dieſer ſchrecklichen Schloßburg, und will ganz, ganz meiner Liebe gehören. Sophie reichte dem Grafen ihre Hand; ſie ließ das ſüße Haupt auf ſeine Schulter ſinken. Königsmark ſchlang den Arm um ſie, zog ſie an ſich und preßte einen Kuß auf ihre Stirn. So vergingen Minuten in ſchweigender Seligkeit, doch dann ermannte ſich die Fürſtin und ſprach von ihrer Flucht. Geheimnißvoll ſollten alle Vorbereitungen getroffen werden; niemand am Hofe durfte eine Ahnung davon haben, und in ſtiller Nacht wollte ſie mit dem Fräulein von Molk und mit Königsmark Hannover verlaſſen. Schon dämmerte der Morgen herauf, als der Graf wieder in ſein Zimmer trat und ſich auf's Lager warf, wo ihn zwar kein Schlaf, aber der Traum einer ſeligen Zukunft umfing. 5. Die Spione des Kurprinzen, welche Sophien ſtets umlauſchten, hatten den Plan zur Flucht erſpäht, und Königsmark gewann nur eben noch Zeit, dem ſichern Verderben zu entrinnen. Er floh nach Polen, und in der freudigen Gewißheit, daß er gerettet ſei, ertrug Sophie alle Schmähungen, die ihr Gemahl jetzt noch verdoppelte, faſt ohne einen Klagelaut. Mehrere Jahre ſpäter glaubte der Graf, das Andenken jenes Vorfalls würde durch die Wellen der Ereigniſſe verlöſcht ſein, welche fortdauernd über einen Hof hinbrauſen, und er kehrte nach Hannover zurück. Ein neuer Frühling erblühte in Sophiens Bruſt, als ſie den Geliebten wiederſah; die lange traurige Zwiſchenzeit — 283 war vergeſſen, und beide fühlten ſich beglückt, einander wie⸗ der nahe zu ſein. Die Mätreſſe des alten Kurfürſten Ernſt Auguſt, die üppig ſchöne Gräfin Platen, fand Wohlgefallen an Kö⸗ nigsmark. Leidenſchaft durchſtrömte ihr Blut, und ſie war nicht die Frau, die eine ſolche Flamme zu erſticken ſuchte. Eines Abends trifft der Graf im Garten einen Pagen, der⸗ ſelbe drückt ihm ein Briefchen in die Hand und entſchwindet dann. Ueberraſcht geht Jener zum Schloßportal, wo eine Lampe brennt, er bricht das Siegel, und liest mühſam die von Damenhand gekritzelten Worte: „Lieber Graf! „Folgt dem Knaben, der Euch dies gebracht; er iſt „mein Vertrauter. Folgt ihm ſchnell— die Ungeduld „der Liebe erwartet Euch!“ Königsmark küßte das Blatt, denn er war überzeugt, es komme von Sophien, und nun ſtand der Page wieder neben ihm. Von goldenen Phantaſien umwogt, geht er mit dem Boten, und merkt nicht eher, nach welchem Schloßflügel ihn derſelbe geleitet, als bis er in einem völlig fremden Zimmer ſteht. Blaubeſchirmte Lampen erleuchten das weiße Marmorcabinet mit einem Laſurglanz; aus prachtvollen Vaſen ſteigen ſinneberauſchende Blumendüfte auf, und ſehn⸗ ſüchtige Citherklänge tönen ihm entgegen. Im Hinter⸗ grunde ſieht er, auf weicher Ottomane, die ſchöne Gräfin Platen in reizend nachläſſiger Stellung ruhn. Aufgelöst rollen ihre ſchwarzen Locken, wie dunkle Lavawellen, um die blendenden Schultern, um die ſchwellende Bruſt, die im glühendſten Verlangen wogt. Vor Ueberraſchung konnte Königsmark weder denken, — ——— 284 noch handeln; er folgte der Aufforderung, näher zu treten, und ließ ſich von der holden Buhlerin auf den Divan nie⸗ derziehn. Sie umſchlang ihn mit den weißen Armen, ihre Lippen ſaugten ſich küſſend feſt an ſeinem Mund, und ein lüſterner Glanz entſtrömte ihren Augen. Flammende Lie⸗ besworte flüſterte ſie dem Grafen zu, doch dieſer riß ſich plötzlich aus der Umſtrickung ihrer Arme los, er ſagte ihr Bitteres, und eilte zur Thür hinaus. Da preßte die Platen voller Wuth ihre Lippen zuſammen, in kalten Haß war ihre heiße Liebe umgewandelt, und fürchterliche Rache ſchwur ſie Dem, der dieſe Liebe verſchmäht hatte. Haſtig ſchüttelte ſie die ſilberne Klingel, und Ebert, ihr vertrauter Diener, trat herein. Sie gebot ihm, Königs— mark's Gemächer zu umſchleichen und alle ſeine Handlun— gen zu erſpähen. Dem Befehl gehorchend, ſieht er einen Pagen aus des Grafen Zimmer kommen, der nach dem Flügel der Prinzeſſin will. Ebert ſucht ihn auszuforſchen, helles Gold verblendet des Knaben Sinn, und er zieht aus ſeinem Wamms ein Blatt hervor, das er Sophien über— bringen ſoll. Jener löst behutſam das Wachsſiegel auf, und entziffert die Worte: „Sophie! „So eben kehre ich von der Platen zurück, deren Pagen „ich unbedachtſam folgte, weil ich glaubte, er führe mich „zu Euch. Ich verſchmähte ihre Gunſt, und ihr bluti— „ger Rachedurſt wird nicht blos mich, ſondern auch „Euch bedrohn. Wir müſſen entfliehen. Morgen Nacht „komme ich zu Euch, um alles zu berathen. Haltet „Euch bereit, Sophie, denn nur die größte Eile kann „uns retten!“ Nun verſchloß Ebert das Briefchen wieder, gab es dem Boten zurück, und ſchärfte ihm ein, es pünktlich an die Prinzeſſin abzugeben. Aber jedes Wort, das er geleſen, theilte er ſeiner Herrin mit, und ingrimmige Freude ver⸗ zerrte der Gräfin ſchönes Angeſicht, als ſie die Nachricht empfing. 6. Die Schloßuhr ſchlug Eilf. Finſterniß lag in den lan⸗ gen Gängen des Gebäudes, denn nur ſelten flackerte dort noch eine Laterne mit unſicherm, verlöſchendem Licht. Tief in den Mantel gehüllt, ſchlich eine hohe Geſtalt durch die Galerien. Es war der Graf Königsmark, der von Nie⸗ mand geſehn zu werden glaubte, aber zwei Perſonen be⸗ lauſchten ihn. Lautlos öffnete er die Thür, welche zum Vorſaal der Prinzeſſin führte; er warf den Mantel ab, und Fräulein von Molk geleitete ihn zu der Fürſtin. Im dun⸗ feln Kleide trat ihm Sophie entgegen, und zeigte ihm ein kleines Päckchen, worin die Pretioſen lagen, die ſie vom Elternhauſe mitgebracht. Dies war der ganze Schatz, den ſie aus Hannover fortnehmen wollte, um im fernen Lande, unerkannt, als ſtille Bürgersfrau, mit ihrem Guſtav leben zu können. Vom Feuer einer ſchönen Hoffnung durchglüht, verabredete ſie den ganzen Plan der Flucht mit Königs⸗ mark; in zwei Stunden ſollte der Reiſewagen am Schloß⸗ garten ſtehn, und alles ſchien gelingen zu wollen. Der Graf hatte noch Mchreres anzuordnen, er verließ Sophiens Gemach, und trat auf den Corridor hinaus. Da drangen vier Gardiſten mit blanken Schwertern ſo plötzlich auf ihn ein, daß er kaum Zeit gewann, ſeinen 286 Degen zu ziehn. Blitzend zuckte der gute Stahl durch die Luft, er fuhr in die Bruſt Eines der gedungenen Mörder, doch nun zerſplitterte die Klinge. Königsmark war ohne Waffen, und viele Stiche durchbohrten ihn. Von Blut überſtrömt, ſank er zu Boden, und rief mit matter Stimme:„Mein Blut mag Eure Rache kühlen, aber, bei Gott! Sophie iſt ſchuldlos!“ Nach dieſen Worten hauchte er den letzten Athem aus. Die ganze Schreckensſcene war mit grauenhafter Stille vollführt worden; alle Bewohner des Schloſſes ſchliefen ruhig fort, nur der alte Kurfürſt und die Gräfin Platen hatten verkleidet dem gräßlichen Schauſpiel beigewohnt. Königsmark's entſtellter Leichnam wurde in eine Kloake geworfen, die man nachher vermauern ließ; die Prinzeſſin Sophie und das Fräulein von Molk aber verhaftete man ſogleich. Während der ehr⸗ und rechtloſe Mord verübt wurde, befand ſich Sophiens Gatte fern von Hannover bei der Armee. Sein Vater berichtete ihm über das Ganze, als wär' es die wohlverdiente Strafe erwieſener Treuloſigkeit, und Jener billigte die fluchwürdige That. Sogar der Her⸗ zog von Celle ſchien, obgleich er ſeine Tochter zärtlich liebte, von ihrem Verbrechen überzeugt, und blieb in gutem Ver⸗ nehmen mit dem Hofe zu Hannover.“ ——— Leuchtend und flammend zog der Morgen bereits her⸗ auf; draußen im Walde ſangen die Vögel ſchmetternde Lieder, und Alfred ſah, daß er ſich beeilen müſſe. Er goß 287 das letzte Glas Champagner aus der Flaſche, leerte den Kelch, und fuhr dann in ſeiner Erzählung fort: 6 „Wo die Aller ihre grünlichen Fluthen durch eine öde, traurige Landſchaft zieht, erhob ſich auf einem Hügel das Schloß Ahlen. Es war ein unregelmäßiges gothiſches Gebäu, mit zahlloſen Ecken, Thürmen und Vorſprüngen, mit weiten Hallen und unheimlichen Gemächern. In den letzteren hauste nun ſchon ſeit Jahren, ſtill und einſam, die junge Fürſtin Sophie, denn an dem Tage, wo Königs⸗ mark gemeuchelmordet worden, hatte man ſie mit Fräulein von Molk gefangen hierher geführt. Oft ſaß ſie am ſpitz⸗ gewölbten Fenſter, ſie ſchaute über die freudloſe Gegend hin, und ihr Blick haftete an den fernen blauen Bergen des Horizonts. Dann dachte ſie des heißgeliebten Man⸗ nes, der für ſie geſtorben war, und eine Thräne fiel auf das Geſims. Himmliſche Milde wohnte in den Blu— men ihrer Augen, alle Untergebenen behandelte ſie voll Freundlichkeit, und jede Woche nahm ſie das Abendmahl. Dann ſchwur ſie ſtets dem Prieſter, die Hoſtie in der Hand, daß ſie ſchuldlos ſei, und daß ſie unverdient dieſe Kerker⸗ ſtrafe erdulde. Als der Kurfürſt Ernſt Auguſt ſtarb, erhielt Sophie etwas größere Freiheit, und durfte auch in den Schloß⸗ garten, den wildes Unkraut überwucherte, hinuntergehn. Georg Ludwig ließ der Gattin ſogar einen Verſöhnungs⸗ antrag machen, aber er hatte ſie zu tief gekränkt, und lieber wollte ſie in dieſen finſtern Mauern verkümmern, als an ſeine Seite zurückkehren.„Iſt das wahr,“ ſprach die Prin⸗ 288 zeſſin,„weſſen man mich beſchuldigt hat, ſo bin ich des fürſtlichen Thrones unwerth; iſt es aber erlogen, dann kann Georg meiner nicht würdig ſein. Ich weiſe ſein Erbieten zurück!“— Die Conſiſtorien von Celle und Hannover, die bei Sophiens vorgeblichem Verbrechen zu Rath gezogen wurden, erkannten auf Eheſcheidung, und im December 1694 kam ein richterlicher Commiſſarius nach Ahlen, wel⸗ cher ihr dieſelbe mit großer Förmlichkeit ankündigte. Seitdem hatte der Herbſt die Erde ſchon oft ihres Blu⸗ men⸗ und Blätterſchmucks beraubt, aber die unglückliche Fürſtin trauerte noch immer im öden Schloßgefängniß, und alle Bewohner der Gegend nannten ſie:„die Prinzeſſin von Ahlen.“ Der Gram ſchnitt Furchen in ihre Wangen, ihr helles Auge wurde trübe, und das Gold ihres Haares verwandelte ſich nach und nach in Silber. Unterdeſſen wuchs Georg, Sophiens Sohn, der ſpäter Großbritan⸗ niens Thron beſtieg, ſchön und kräftig empor; er lernte Roſſe tummeln und die Waffen führen. Mit der ganzen Gluth eines Jünglingsherzens liebte er ſeine gefangene Mutter; rein und heilig lebte ihr Andenken in ihm, und immer trug er ihr Bildniß auf der Bruſt. Endlich konnte er die Sehnſucht, ſie wiederzuſehn und ihr Proſt zu bringen, nicht mehr bewältigen; er ſtieg zu Pferde, ritt nach dem ſtarkbefeſtigten Ahlen, und ſchwamm mit ſeinem Roſſe durch die Fluthen der Aller bis an's Schloß. Aber Herr von Bülow, der dort befehligte, war ein felſenharter Mann, und mochte ſich keiner Verantwortlichkeit ausſetzen. Trotz aller ſtürmiſchen Bitten Georg's verhinderte er deſſen Zu⸗ ſammenkunft mit Sophien, und der liebende Sohn mußte hinweg, ohne die Mutter erblickt zu haben. ——— 289 Am dreizehnten November 1726 entſchlief die Fürſtin im Gefängniß zu Ahlen, und gern verließ ſie dieſe Erde, auf der ſie ſo unſägliches Leid erfahren hatte.“ IV. Wilhelm's Novelle. Regungslos ſaß Wilhelm auf dem kleinen Sopha ſeines Zimmers, und nippte nur ſelten aus dem Champagnerkelch, der vor ihm ſtand. Die Drohung des Banditen hatte all ſeine Kraft gebrochen, und er war nicht im Stande, dieſe Seelenermattung zu bemeiſtern. Da tauchte plötzlich aus den nebelhaften Schreckgeſtalten, die an ihm vorüberzogen, ein liebes, trauliches Bild empor. Das Bild hatte Roſen⸗ wangen, braune Locken, dunkelblaue Augen und ſchmale Purpurlippen; es lehnte hinter einem mit Weinlaub um⸗ rankten Fenſter, und blickte ſehnſüchtig nach Wilhelm aus. Aber dieſer kehrte nimmermehr zurück, denn— man hatte ihn an einer hohen Fichte aufgehängt. Eiſiger Schauder durchfröſtelte den Jüngling, er ſtürzte ſchnell ein Glas Champagner hinab und griff nach der Feder. Eine halb brauchbare Anekdote fällt ihm ein, aus unſicherm Gewirr ringen ſich einzelne Geſtalten los, und eiſerne Nothwendigkeit, die ſtärkſte Triebfeder, hilft ihm ſie ord⸗ nen. Bald formt ſich eine kleine Erzählung daraus; Wilhelm entſchließt ſich, dieſelbe niederzuſchreiben, und er beginnt: 19 —— ——————————— 290 „Der Kronenkampf. Hiſtoriſche Novelle aus dem fünften Jahrhundert. Tiefe Ruhe lag über Perſiens Hauptſtadt ausgebreitet; Freude glänzte auf allen Geſichtern, doch Niemand ſprach ſie aus. Heute war Jezdejerd, der Tyrann, geſtorben; keine Seele in der unermeßlichen Stadt trauerte um ihn, aber auch keine wagte es, laut zu jubeln, denn man fürch⸗ tete ſich beinahe vor dem Todten noch. Die Natur ſtimmte in dies beklommene Schweigen ein. Graue Wolkenmaſſen, ſchwefelgelb geſäumt, hingen am Himmel, eine ängſtliche Schwüle preßte die Luft zuſammen, ohne daß Blitz und Donner das nahe, ſchwere Gewitter verkündete. Mit langen Kaftanen bekleidet, ſchritten die Räthe feier⸗ lich zum Palaſte hin, um das Wohl des Landes abzuwägen. Auf einem Hügel ſtand das rieſige Schloß, und dehnte nach allen Seiten ſeine Mauer⸗umringten Höfe, ſeine blü⸗ henden Gärten aus. Dort oben lag, im weiten, düſtern Gemach, auf ſammetbedeckter Bahre, die Leiche Jezdejerd des Erſten, und matt brannten zwölf ſilberne Lampen um⸗ her. Daneben empfing ein Marmorſaal die Rathsverſamm⸗ lung. Bald war derſelbe mit ernſten Perſern angefüllt, ſie ſaßen im Kreiſe, und Ahmed, der Aelteſte von ihnen, nahm das Wort: — Dank ſei dem höchſten Gotte, daß er das Perſerland von ſeiner böſen Geißel befreit hat, denn Jezdejerd iſt todt, und mit ihm ſoll das Blutbeil begraben werden, das er, ſtatt eines milden Scepters, in Händen trug. Ihr ſeid berufen worden, weiſe Männer, um Euch zu berathen, auf 291 weſſen Haupt die Krone des dreimal geſegneten Landes nun kommen ſoll. Nach alten Satzungen gebührt ſie zwar dem Sohne des Todten, dem Bacharam⸗Gur, doch wer will, wenn die Schlange, deren Biß noch ſchmerzt, geſtor⸗ ben iſt, ſich ihre Brut am eignen Buſen erziehn? Der Sohn wird ſein, wie ſein Vater war, und wenn wir die Baſiliskenſippe unſchädlich machen wollen, ſo dürfen wir nicht zugeben, daß jemals wieder Einer ihrer Sprößlinge den Thron des blühenden Perſiens beſteige. — Nie darf Bacharam⸗Gur unſer König ſein! ſcholl es einſtimmig dumpf aus den Reihen der Räthe. — Nun denn, ſo müſſen wir auf einen Andern ſinnen — begann Ahmed wieder— der des königlichen Stuhles würdiger iſt, der Milde und Strenge in ſeiner Bruſt vereint, damit er das Land gütig, aber weiſe regiere. Nur Einen Mann kenne ich, der dieſe Gaben empfing. Er ſitzt in unſrer Mitte und heißt Keſra! Ein Beifallsmurmeln lief durch die Verſammlung, und dann erſcholl es laut:„Keſra lebe! Er ſoll unſer König ſein!“ Der Gewählte wurde emporgehoben; auf goldnem Baldachin trug man ihn durch die breiten Straßen, und unüberſehbar umwogte die Menſchenmenge den ſtattlichen Zug. Donnerähnlich klang der Ruf zu den Wolken:„Hoch lebe Keſra, unſer neuer König!“ So brachte man ihn im Triumph nach ſeinem Hauſe, und Keſra's Tochter Schirwana, die wunderholde Schir⸗ wana, kam eilig an's Fenſter, um nachzuſehn, was das ſtürmiſche Getöſe zu bedeuten habe. Als ſie aber vernahm, ihr Vater ſei König geworden und Bacharam⸗Gur ſei ent⸗ 19* 292 thront, da rieſelten helle, glühende Thränenperlen über den Blüthenſchmelz ihrer Wangen. 3 4 3 Zu Hirach in Arabien war ein ſchöner Garten. Pal⸗ men, Cedern und blüthenbeſtreute Tulpenbäume ragten zum Himmel; von dichtem Strauchwerk troffen die Blumen⸗ trauben, wie ein würziger Regen, nieder z Agaven und Alve, Lilien und Kaktus miſchten ihre Farbenfülle pracht⸗ voll durcheinander. Die Nacht hatte ſo eben den Silber⸗ ſchleier entfaltet, am violetten Horizont ſtrahlten bereits die heiligen Sterne, und nur im Weſten glomm noch ein Pur⸗ purglanz. Tief im Laube ſang Bülbül ihr klagendes Lied, auf diamantnen Flügeln zogen die Laternenträger durch die Luft, und zeichneten dort goldne Funkenkreiſe mit ihrem Flug. Aus der Ferne tönte das Rauſchen eines Waſſer⸗ falls; es klang wie müde Athemzüge der Natur, die ſich in ihr Nachtgewand, aus Blumendüften und Nachtigallen⸗ liedern gewoben, eingehüllt hatte. Einſam wandelte Bacharam⸗Gur in dieſem Garten, von holden Erinnerungen umgaukelt. Vor ſeinem Geiſte ſchwebte das Bild der reizenden Schirwana, die er mit aller Leidenſchaft liebte, und er umſchlang im Geiſt ihre ſüße Geſtalt. Die ſchwarzen Augen des Mädchens lächelten unter langen Wimpern zu ihm empor, ihre feingeſchnitt⸗ nen Lippen lockten ihn zum Kuß, und ihr neckiſch kleiner Fuß berührte den Boden kaum. So glaubte er Schirwana, eng an ihn geſchmiegt, zwiſchen den Laub⸗ und Blumen⸗ wänden entlang ſchreiten zu ſehn, und er flüͤſterte ihr heiße Liebesworte in's Ohr. Da blitzten plötzlich Fackellichter durch das Laub, viele Stimmen erſchollen und riefen den Prinzen in die Wirk⸗ lichkeit zurück. Es waren Boten aus der Hauptſtadt, welche ihm die faſt unglaubliche Nachricht brachten, daß ſein Vater Jezdejerd geſtorben ſei, und daß Keſra den er⸗ ledigten Thron empfangen habe. Wie wenn ein Schläfer ſorglos im Palmenwalde ruht, wo holde Träume ihn be⸗ ſchleichen, wie wenn er ſich dann beim Erwachen von einer giftigen Schlange umringelt ſieht, ſo traf die Entſetzens⸗ botſchaft den Fürſtenſohn. Keſra war ein edler, aber ungezügelt ſtolzer Mann, und Bacharam-Gur durfte nie erwarten, die Tochter des Perſerkönigs zu gewinnen, ſobald er als ein armer, entthronter Prinz um ſie zu werben kam. Er wollte indeß auch keineswegs der angeſtammten Krone duldſam entſagen, ſondern noch in derſelben Nacht ließ er alle Freunde, die ihm in Hirach lebten, um ſich verſammeln. Unverbrüchliche Treue ſchwuren ſie ihm, und er ſandte ſie nach verſchiedenen Richtungen aus, in größter Eile ein Heer zu werben. Durch Arabiens Gaue raſſelten die Pauken, Bacharam⸗ Gur's Banner wehten überall, und in dichten Schaaren zogen die Söhne des Landes herbei, mit Blut und Leben für den Prinzen zu kämpfen, denn hier kannte man ſeine vortrefflichen Eigenſchaften, hier ehrte man ihn hoch. Bacharam⸗Gur ſtellte ſich an die Spitze der Truppenmacht, und rückte in großen Tagemärſchen gen Perſien vor. Aber auch unter den Bewohnern dieſes Reiches fand er viele Anhänger; die Söhne lieben immer noch den hohen Palmbaum des Fürſtenſtammes, unter deſſen Wipfel ſchon ihre Ureltern geruht haben, ſelbſt wenn er durch einen 294 einzelnen dürren Zweig verunſtaltet wurde. Friedliebende Männer verſuchten es, den Streit zwiſchen dem Prinzen und Keſra ohne Blutvergießen zu ſchlichten, allein das hielt ſchwer, denn der erwählte Fürſt mochte nicht wieder vom Thron herunterſteigen. Bacharam⸗Gur wich ebenſowenig; er forderte die Krone ſeiner Väter zurück, und wollte, wenn ſie ihm verweigert würde, ſie mit dem Schwert erſtreiten. Keſra zog nun auch ein Heer zuſammen, und im wei⸗ ten Thale, nah an der Hauptſtadt, ſtanden ſich die Truppen gegenüber. Wie die Lawine beim Rollen immer gewaltiger wächst, ſo hatte ſich die Schaar des Prinzen beim Vor⸗ dringen in Perſien fortdauernd vergrößert. Mit ſcharfem Blick bemerkte Keſra des Gegners Uebermacht, und faßte den weiſen Entſchluß, die offne Feldſchlacht womöglich zu vermeiden. 96) zn6 Im oberſten Gemach des königlichen Palaſtes ſaß Schirwana, und ſchaute zitternd über die ſonnenhelle Ebene. Sie ſah die beiden Heerhaufen lagern, finſtern Wolkenmaſſen gleich, aus denen die blanken Waffen blitzend hervorleuchteten. Die Jungfrau war bleich vor Angſt, denn Verderben drohte ihrer erſten, ihrer einzigen Liebe. Blieb Keſra König, ſo durfte ſie— das war gewiß— nimmermehr des land⸗ und güterloſen Bacharam⸗Gur's Gattin werden; beſiegte der Prinz ihren Vater, dann war der letztere zu tief gekränkt, als daß er die Tochter jemals ſeinem Ueberwinder verbunden hätte, wäre derſelbe nun auch Perſerfürſt geweſen. Als Schirwana all dieſe Möglichkeiten durchdachte, als ſie nirgends einen Stern erblickte, der die Nacht ihrer Liebe — erhellen wollte, da zog unſägliche Wehmuth in ihr Herz, und unter Thränen ſah ſie noch einmal nach dem Wahl⸗ platze hin. Dort ragte ein Mann empor; ſo groß wie er war Keiner im Heere, weiße Federn wallten auf ſeinem Haupt, und wie ein Halbmond funkelte ſein Säbel. Schir⸗ wana erkannte den Sohn Jezdejerd's, ihren Geliebten. Lange ſtarrte ſie nach ihm hinüber und fühlte die ganze Schwere ihres Unglücks, doch plötzlich blitzte ein freudiger Gedanke aus den weinenden Augen der Jungfrau— noch war Rettung möglich. Sie eilte in den Garten des Pala⸗ ſtes; ihre kleine weiße Hand pflückte Blumen und ordnete ſie zum Strauß, deſſen Deutung Bacharam⸗Gur wohl verſtehen mußte. Sie gab den Selam einem treuen jun⸗ gen Selaven zur Beſorgung, und dieſer, der Schirwana vergötterte, flog wie der Oſtwind mit ſeiner Botſchaft hinweg. Dreimal hatten die Unterhandlungen zwiſchen dem Prinzen und Keſra bereits begonnen, dreimal waren ſie abgebrochen worden, denn alle Vorſchläge ſcheiterten am Starrſinn der beiden Gegner. Jetzt war Bacharam⸗Gur's Geduld erſchöpft, er ließ die Schlachthörner blaſen und wollte eben ſeinen Rappen beſteigen, als Schirwana's Bote, ſich gewandt durch das dichte Gewühl ſchmiegend, ihm den Selam überreichte. Der junge Fürſt küßte die Blüthen, blickte ſinnend darauf nieder, und entzifferte die Worte: „Stern meines Lebens, Sonne meiner Liebe! Gehe „nicht in den blutigen Kampf. Denke an die Geliebte, „die ſich die Augen ausweint um dich. Verſöhne dich „mit ihrem Vater, oder du wirſt ſie ſterben ſehn.“ 296 Die heimlichen Blumenworte drangen tief in Bacharam⸗ Gur's Herz, er war plötzlich viel milder geſtimmt, und ſprach zu dem Herold:„Reite zu Keſra hin, und ſage ihm in meinem Namen: Nicht will ich, daß wegen unſeres Strei⸗ tes das Blut der Landesſöhne vergoſſen werde— wir müſ⸗ ſen den Kampf allein beenden. Zwei Löwen ſollen aus⸗ gehungert und auf einen umgrenzten Platz gelaſſen werden. Zwiſchen ihnen ſtehe die alte Perſerfürſtenkrone, die auf dem Haupte meiner Väter ſaß, und wer von uns ſie dort hinwegnimmt, der iſt ihrer werth; ſein Stamm mag ſie tragen für ewige Zeiten.“ Der Herold ging, um ſeinen Auftrag anzuſagen. Keſra war damit zufrieden, und beide Heere legten die Waffen nieder, weil ihre Führer einen gefährlichern Kampf begin⸗ nen wollten.“ Mit Widerſtreben hatte Wilhelm ſeine Novelle begon⸗ nen, allein nach und nach erregten ihn der Stoff und der Champagner. Als er jetzt das Geſchriebene durchlas, glaubte er kaum, daß er deſſen Verfaſſer ſei; die erzwungene Arbeit war ihm lieb geworden, und ohne Zögern ſetzte er dieſelbe fort. „Ein leichter Nebelflor lag über der Erde, phosphor⸗ bleich ſtand der Mond am Himmel und ſein magiſches Licht wehte in einen marmornen Kiosk hinein. Hier ſaß die liebliche Schirwana auf ſeidnem Polſter; ihr glänzend wei⸗ ßer Arm ruhte auf dem Knie, und ſtützte das wunderholde Köpfchen, deſſen lange ſchwarze Flechten ihn umwallten. 297 Rings ſtanden prächtige Kübel; darin wiegten ſich ſchnee⸗ weiße Blüthenkronen, azurblaue Glockenblumen, ſcharlachne Knospenbüſchel, und hauchten berauſchende Düfte. Schirwana war traurig geſtimmt; ihr Buſen klopfte hörbar in dem ſtillen Gemach. Zwar hatte der Geliebte ihre Blumenbitte gewährt, jedoch ein furchtbarer Kampf war es, den er vorgeſchlagen, und ſie mußte nun für ſein Leben zittern. Plötzlich rauſchte das Jasmingebüſch am offnen Fen⸗ ſter, und Bacharam⸗Gur ſtand im Kiosk, dicht vor der Jungfrau. Er, der ſeit ſeiner Kindheit alle geheimen Wege durch Palaſt und Garten kannte, war trotz der vielen Wachen unbemerkt hierher gelangt, und glühend umfing er das er⸗ ſchreckte Mädchen. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken, freute ſich, daß er gekommen, und küßte ihm den Mund. Als aber der erſte Taumel vorüber war, erwachte Schir⸗ wana's Angſt von neuem, denn ſie hatte den Geliebten ja heute nur deshalb wiedergefunden, um ihn morgen im Streit mit hungrigen Löwen auf immer zu verlieren. Ba⸗ charam⸗Gur tröſtete die bebende Jungfrau; unter ſeinen Liebesworten, unter ſeinen Küſſen brach die Sonne des Lächelns aus ihrem bewölkten Auge hervor. Neue Hoff⸗ nung klammerte ſich mit friſchen Ranken an ihr Herz, und nachdem der Prinz Abſchied genommen, ruhete Schirwana den Reſt der Nacht im kühlen Kiosk, von frohen Traum⸗ bildern umflattert. 3 3* Der länglich runde Löwenhof war zu dem Kronenkampfe vorbereitet. Ueber den Steinmauern, die ihn einſchloſſen, — ——— —————.— 298 zogen ſich Galerien entlang, mit blühenden Teppichen von Kurdiſtan behängt. Viel holder und anmuthiger aber, als die gewebten Blumen dieſer Decken, erſchien die Frauen⸗ blüthe Perſiens, die ſich rings auf den Balkonen entfaltet hatte. Auch die vornehmſten Männer des Landes ſaßen dort, um Demjenigen, der ſich die Krone erringen würde, ſogleich ihre Huldigung darzubringen. An der Abendſeite dieſer Galerien war ein Baldachin von Sammet und Gold errichtet. Noch immer ſtand er leer, doch plötzlich wirbelten die Pauken, die Hörner tönten, und Keſra und Bacharam⸗Gur, die herrliche Schirwana in ihrer Mitte führend, traten dort ein. Den erwählten Fürſten ſchmückten ſtrahlende Prachtgewänder, während der Prinz einen dunkeln Traueranzug trug. Schirwana übte auf alle Anweſende den unwiberſtehlichſten Zauber, und Niemand vermochte die Blicke von dieſem Feenbilde abzuwenden. Nicht ihr meergrünes Kleid, mit Corallen und Perlen geſtickt, nicht ihr funkenſprühendes Geſchmeide, oder der weiße Turban auf dem Rabenhaar bewirkten ſolche Macht, ſondern in ihrem wunderbar ſchönen Angeſicht, das von Liebe und Schmerz verklärt war, lag alle Wunder⸗ kraft. In der Quadermauer des Löwenhofes befanden ſich drei große Thüren. Aus der mittleren bewegte ſich jetzt ein feierlicher Zug in den offnen Raum— die Thronwäch⸗ ter von Perſien, welche des Landes goldne Krone trugen. Nachdem ſie auf einen ſteinernen Pfeiler niedergelegt wor⸗ den, gingen die Männer zurück, und nun bot ſich der Ver⸗ ſammlung ein ſeltſam wildes Schauſpiel dar, Durch ein 299 Räderwerk öffneten ſich die beiden andern Pforten, und zwei Löwen ſtürzten heraus. Tagelang hatte man ſie hun⸗ gern laſſen, um ihre Wuth auf's Aeußerſte zu ſteigern; die Thiere ſahen mager und gräßlich aus. Kaum witterten ſie Menſchen auf den Galerien, ſo verſuchten ſie, ſich mit Katzenſprüngen emporzuſchnellen; die Mauern waren jedoch zu hoch, zu glatt— ihre Krallen hafteten nicht daran. Immer fielen die Löwen wieder hinab, immer furchtbarer wurde ihr Gebrüll, bis ihnen endlich die Zunge aus dem Halſe hing, und ſie ſich einander gegenüber ausſtreckten. Aeußerlich blieben ſie ruhig, aber grün und roth funkelte der Grimm in ihren weithervorquellenden Augen, und ſie lauerten auf den Moment, ſich tödtlich anzugreifen. Es herrſchte eine Stille auf den Balkonen, daß man jeden Athemzug vernehmen konnte. Erwartungsvoll und zitternd lauſchten Alle den Ereigniſſen, die nun kommen ſollten. Am heftigſten war Schirwana ergriffen, denn die ſchreckliche Gewißheit tauchte in ihr auf, daß ſie entweder den Vater, oder den Geliebten verlieren müſſe. Da erhob ſich Bacharam⸗Gur, und ſprach mit lauter Stimme: Nun wohlan, Fürſt Keſra, wenn es Dir nicht an Muth gebricht, ſo gehe in den Löwenhof, und nimm die Krone von ihrem Platz! — Ich bin ja durch die freie Wahl des Volkes ſchon im Beſitz des Throns, erwiederte Keſra ruhig, doch Du willſt Dir Dein väterliches Erbe durch eignen Heldenmuth wiedergewinnen. Darum geziemt es Dir, nicht mir, die Königskrone zu holen, und, beim Ormuzd! ich wünſche Dir Glück zu dem gefahrvollen Gang. 300 Der Prinz zögerte nicht; er verſchwand vom Altan, und erſchien durch die Mittelpforte, welche ſich hinter ihm ſchnell wieder ſchloß, im Löwenzwinger. Mit ſchnaubenden Nüſtern, mit rollenden Augen und fletſchenden Zähnen war⸗ fen ſich die Raubthiere dem Kecken entgegen, der ganz ohne Waffen in ihr Todesreich getreten war. Bacharam⸗Gur ſah nur noch, wie ſeine geliebte Schirwana kraftlos zuſam⸗ menſank, als die wuthheulenden Löwen ihn erreichten, in ſeinem Blut die verſchmachtende Zunge zu kühlen. Da ſchlang er die ſtarken Jünglingsarme, die einzigen Waffen zu Schutz und Trutz, die er bei ſich hatte, um die Hälſe der Beſtien. Mit überirdiſcher Kraft preßte er ihre Kehlen zuſammen, daß ſie nur noch ein ächzendes Brüllen hervor⸗ heulen konnten und dann todt zu Boden fielen. Hoch auf⸗ gerichtet ſtand der Prinz zwiſchen den Leichen, das Raben⸗ haar umflatterte ſeine Stirn, man bemerkte keine Spur der ungeheuren Anſtrengung an ihm, und nur von ſeinem halb⸗ entblößten Nacken rieſelten purpurne Tropfen. Jetzt erſcholl der unendliche Jubel des Volkes, das alle nahen Häuſer und Bäume bis zur höchſten Spitze bedeckte, und die Großen des Landes traten in den Löwenhof. Keſra umarmte den Prinzen, er ſetzte ihm ſelbſt die Krone auf's Haupt, und rief mit gewaltiger Stimme:„Es lebe Bacha⸗ ram⸗Gur, unſer König!“ Viele Tauſende wiederholten den Ruf. Der junge Fürſt drückte dankbar Keſra's Hand, und ſagte zu ihm: Wohl liegt das Scepter des Perſerreiches nun in meiner Hand, und beim Zeruane Akherene gelobe ich, daß ich daſſelbe mit Gerechtigkeit und Milde führen will. Aber mein Glück iſt unvollſtändig, ſo lange mir ————— Deine Tochter, die edle, ſchöne Schirwana, fehlt. O, Keſra, ich bitte Dich, laſſe ſie als Gattin mir zur Seite auf dem Throne ſitzen! Gern gewährte Keſra den Wunſch des tapfern Königs, und beide gingen nach dem Baldachin hinauf. Als Bacha⸗ ram⸗Gur in den Zwinger getreten war, hatte eine ſtarre Ohnmacht Schirwana's Sinne umſtrickt, und an der Bruſt des Geliebten erwachte ſie wieder. Im Jahre 421 wurde Bacharam⸗Gur König von Per⸗ ſien, und herrſchte, unter dem Namen Vararanes V., zwanzig Jahre lang.“ V. Hugo's Novelle. Hugo ſtürmte in ſeinem ſchmalen Gemache auf und ab, die Romantik der letzten Ereigniſſe hatte ihm das Blut in Wallung gebracht, denn er liebte die Romantik. Aber die Forderung des Räubers erfüllte ihn mit Wuth. Er, dem jeder Zwang verhaßt war, er ſollte nun, trotz ſeines innern Widerſtrebens, gezwungen ſein, eine hiſtoriſche Novelle zu ſchreiben, und zwar bis morgen früh um acht Uhr. Nein, lieber wollte er ſterben, als dieſen tyranniſchen Befehl voll⸗ ziehn! Sterben ja wohl! Allein eines kühnen, freien Todes, denn ſich mit einem Hanfſeil aufhängen laſſen, das ſand er gar zu plump und zu proſaiſch. Ein retten⸗ der Gedanke durchzuckte ihn. Hugo eilte an's Fenſter— ein kecker Sprung ſollte ihn retten, doch— teufliſche Vor⸗ 302 — ſicht!— die Scheiben waren mit einem ſichern Eiſengitter verſehn. Rathlos ſetzte Hugo ſich auf einen Seſſel; er blickte düſter vor ſich hin. Da ſprengte die mouſſirende Kraft des Champagners plötzlich die Feſſeln des Korkes, der⸗ ſelbe flog knallend bis zur Decke, und es folgte ihm ein weißer Giſcht. Hugo verehrte den Schaumtrank viel zu ſehr, als daß er, trotz ſeiner melancholiſchen Stimmung, mitanſehen konnte, wie er ungenutzt verrann. Schnell fing er ihn im Glaſe auf, ſchlürfte von dem perlenden Wein, und da er zugleich bemerkte, daß auch ein gutes Abendeſſen bereit ſtand, ſo ſoupirte er mit jugendlichem Appetit. Die Gluth des Champagners erweckte in ſeiner Er⸗ innerung das Bild der ſchönen Räuberbraut, die von dem wilden Banditen das Leben der Gefangenen erfleht hatte. Er malte ſich mit poetiſchen Farben, wie ſie gezwungen werde, unter entmenſchten Horden zu leben, und wie ſie begierig nach jeder Dichtung greife, um ſich auf goldnem Traumwagen in den Kreis geſitteter Menſchen zurückführen zu laſſen. Für dies weiche, unglückliche Weſen ſollte die Novelle ſein, und Hugo kam ſich recht hartherzig vor— er hatte ja nicht einmal die Ruhe einer Nacht opfern wol⸗ len, der Freudloſen einen Wunſch zu erfüllen. Weich ge⸗ ſtimmt von Mitleid und Champagner, griff er entſchloſſen nach der Feder, und da ihm eben ein Thema einfiel, das allenfalls zur geſchichtlichen Erzählung dienen konnte, ſo fing er ohne Zögern an: 303 „Die Liebe im Sacke. Novellette aus dem ſechszehnten Jahrhundert. Das Getön der Hüfthörner ſchmetterte durch den Wiener Wald, und rief die Ritter auf Burg Mödling zuſammen, denn die Jagd war aus. Später Abend lag bereits über den Bergen und Forſten, aber die Waidgenoſſen becherten noch lange, und machten ſich erſt zwei Stunden nach Mit⸗ ternacht zur Heimkehr bereit. Unter fröhlichem Geſpräch ritten ſie nach Wien hinab, ſagten einander Lebewohl, und zerſtreuten ſich durch die Straßen. Auch Baron Rauber, ein jugendlich ſchöner und tapf⸗ rer Ritter, hatte ſich in dem Zuge befunden; er ſtieg jetzt vom Roſſe, nahm ſeine Laute, und ging in den Hof der kaiſerlichen Burg. Schon zog der Morgen mit Goldſchwin⸗ gen herauf, die Giebel des weiten, düſteren Gebäudes mit glühendem Purpur anhauchend. Rauber ſtellte ſich einem abgelegnen Schloßflügel gegenüber, griff in die Saiten der Cither, und ſang mit gedämpfter Stimme ein hübſches Mor⸗ genſtändchen zu den Klängen: „Die Lerche ſchwirrt, Der Tauber girrt, Die Sonne flammt im Oſten; Das braune Reh, Es ſchleicht am See, Den Morgenthau zu koſten. Die ganze Nacht Hab' ich durchwacht In wechſelnden Gefühlen. ——————— ———— ——— 304 Mein Liebchen fein, O komm, erſchein'! Steh auf von deinen Pfühlen! Die Cither ſchweigt, Der Vorhang ſteigt, Es weichen die Gardinen——“ Wirklich knarrte bei dieſer Stelle ein Fenſter im obern Geſchoß, und das lieblichſte Mädchenantlitz wurde dort ſichtbar. Unter den blendenden Spitzen eines weißen Häub⸗ chens ſchimmerten blaue Augen und blühende Wangen, wie Veilchen und Tauſendſchön unter Schneeglocken, hervor. Das holde Kind hieß Helene Scharſegine, und war eine natürliche Tochter Kaiſer Marimilian des Zweiten. Sie lächelte, friſch wie der Morgen, zu dem Sänger nie⸗ der, warf ihm eine ſchelmiſche Kußhand, und legte dann, Schweigen gebietend, den Zeigefinger auf ihren Mund. Rauber war entzückt, ſeine Augen funkelten froh, allein dem ſtummen Befehl gehorchte er nicht. Er ſtellte ſich auf die Zehen, als ob er dadurch ihrem Ohre näher kommen wollte, und flüſterte zu ihr empor:„Helene, heut will ich Deinen Vater bitten, daß er Dich mir zur Gattin giebt!“ — Voll wunderbarer Freundlichkeit gab das Kaiſerkind ſeine Zuſtimmung kund, und ſchloß vorſichtig das Fenſter, um deſſen Klirren zu verhindern. Rauber ſtand, als die holde Erſcheinung ſchon entſchwunden war, noch eine Weile regungslos, dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, alle bangen Zweifel fortzuſcheuchen, und ging in ſein Gemach. 3 3 305 Am Marmortiſche, der ganz mit Urkunden überdeckt war, ſtand Kaiſer Marimilian der Zweite in ſeinem Cabinet, bald leſend, bald durch's Fenſter ſchauend. Er beſaß eine hohe, muskulöſe Rittergeſtalt, friſche Lebensluſt ſtrahlte aus ſeinen muntern Augen, und ein dunkelblonder Bart umlockte ihm das Kinn. Da trat ein Page ein, Don Silvano de Badajoz anmeldend, einen ſpaniſchen Edelmann, der ſeit einiger Zeit am Hofe des Kaiſers verweilte. Marimilian nickte bejahend mit dem Haupt, und nun erſchien der Don, zwar ehr⸗ erbietig, aber immer beſorgt, ſeiner Grandenwürde nichts zu vergeben. Der überflüſſige Putz, den er trug, entſtellte ſeinen Wuchs mehr, als er ihn erhob; aus dem ſcharlach— nen Wamms thürmten ſich rieſige weiße Atlaspuffen auf, und der mächtige Spitzenkragen zog einen faſt unüberſeh⸗ baren Wall um ſein Angeſicht. Ueberall flimmerten ſchwere Diamanten an der geſchmackloſen Kleidung, und goldne Gnadenketten bedeckten ihm die Bruſt. Don Silvano über⸗ gab dem Kaiſer zuerſt einen angelegentlichen Empfehlungs⸗ brief ſeines Monarchen, ſprach dann von den hohen Char⸗ gen, von den Reichthümern, deren er ſich erfreute, und hielt endlich um Scharſeginen an. Marimilian war darüber nicht ſonderlich erſtaunt, denn ſeine Tochter wurde einſtimmig für das ſchönſte Mädchen Deutſchlands erklärt, und von nah und fern kam die Blüthe der Ritterſchaft, um ihre Hand zu erwerben. Eine ganz abweiſende Antwort konnte er Don Silvano nicht geben, ohne den Spanierkönig zu beleidigen, aber zuſagen mochte er ihm Scharſeginen eben ſo wenig, denn er war dem Rau— ber gut, und wußte wohl, daß derſelbe ihr Herz gewonnen 20 306 habe. Deshalb verſprach der Kaiſer dem neuen Freiwerber zwar nichts, ſchlug ſein Geſuch aber auch nicht geradehin ab, und der Eitle nahm das, in ſeiner Selbſtgefälligkeit, für volle Einwilligung. Dankend entfernte er ſich, feſt überzeugt, daß ihm das ſüße Fürſtenkind nicht mehr ent⸗ gehen könne. Noch nicht lange war er fort, ſo trat Rauber, der dazu Erlaubniß hatte, unangemeldet in's Gemach. Ein Elens⸗ koller ſchmiegte ſich um ſeine Glieder, die grüne Feldbinde flatterte ihm von der Schulter, und ein breites Schwert klirrte an ſeiner Seite. Militäriſch grüßte er den Kaiſer, dieſer lächelte freundlich nach ihm hin, und ſprach, während Rauber kerzengerade in ſeiner Stellung verharrte: — Was bringt Ihr, Ritter? Der Angeredete zögerte; er ſchien beklommen und be⸗ wegt. Mit Einemmal aber ſprengte ſein Gefühl alle Schran⸗ ken des Hofceremoniels, er ſtürzte zu Marimilian's Füßen, und rief leidenſchaftlich: — Verzeihung, Majeſtät, bevor ich zu ſprechen wage! — Nun, legt nur endlich los! ſagte der Kaiſer. Ich verzeihe Euch ja gern, denn Ihr habt meine Neugier rege gemacht. — Ich liebe, preßte Rauber hervor, und flehe Euch um Erhörung meiner Bitte an. — Ho, ho! Iſt es das? lachte Marimilian. Nun, mich werdet Ihr doch wohl nicht heirathen wollen? — Eurer Tochter, der engelgleichen Scharſegine, gilt mein Werben, der ſchönſten Blume, die im ganzen Reiche blüht! — Das wußte ich längſt, mein ſchlauer Herr Baron, denn ich habe, Gottlob, keinen Staar auf den Augen. Aber ich hätte nicht gedacht, den tapfern Rauber, deſſen Lanze die beſten Männer in den Sand ſchleudert, ſo kläg⸗ lich äñchzen und ſtöhnen zu hören. Stehet auf! Vor Gott und nicht vor Menſchen ſoll man knien. — Und wollt Ihr mir Scharſeginen zur Gattin geben, mein Kaiſer und Herr? — Nun, nur nicht ſo ungeduldig! Eure Augen fun⸗ keln ja, als möchtet Ihr mich lieber mit dem Schwert in der Hand recht höflich um die Antwort erſuchen. Ich würde mich vielleicht entſchloſſen haben, Euch zum Eidam anzunehmen, obgleich Ihr ein toller Hitzkopf ſeid, wenn Ihr nur ein paar Tage früher gekommen wäret. Heute hat Don Silvano um Scharſeginen geworben, und rund abweiſen kann ich ihn nicht, denn er war gut empfohlen von ſeinem Könige. Die ganze Sache iſt ja wohl auch ſo eilig nicht, und mir wird gewiß noch ein Ausweg einfallen... Erzählt mir doch etwas Neues, Herr Baron! Raumer mußte verweilen und von gleichgültigen Din⸗ gen ſprechen, während ein furchtbarer Sturm ſeine Bruſt durchtobte. Des Kaiſers Worte hatten zugleich Hoffnung und Verzagen in ihm erregt, und dieſe Ungewißheit zerriß ihm die Seele. Er konnte es nicht länger im Zimmer ertragen; kaum bot ſich die erſte ſchickliche Gelegenheit, ſo nahm der Ritter Urlaub, ſchwang ſich auf's Roß, und ſprengte in den nahen Wald hinaus. * 20* 308 Flöten, Zinken und Pauken ſchallten in der kaiſerlichen Hofburg, deren hellerleuchtete Fenſter die Nacht durch⸗ ſtrahlten. Noch viel glänzender funkelte es im Innern des Palaſtes, denn es wurde dort ein fürſtlicher Ge⸗ burtstag gefeiert. Rauſchender Jubel erfüllte alle Ge⸗ mächer, und durch den Ritterſaal zogen ſich die farbigen Ringe des Tanzes, gleich den Windungen einer Schlange. Jeder Herr führte ſeine Dame an der rechten Hand, und ſo ſchritten die Paare zierlich nach dem Takte der Muſik umher. Mitunter hatten ſich zwei Liebende als Tänzer zuſammengefunden; auch Rauber war unzertrennlich von Scharſeginen. Wohl machte Don Silvano de Badajoz mehrere Male den Verſuch, einen Tanz von ihr zu erbitten, doch ihm wurden nur Körbe zu Theil, weil ſie immer vor⸗ gab, bereits mit Rauber verſprochen zu ſein. Den ſtolzen Spanier verdroß das, und ſein Verdruß ſteigerte ſich be⸗ deutend, als er ſah, wie traulich der deutſche Ritter, beim Spaziergange des Tanzes, mit dem holden Fürſtenkind zu plaudern wußte. Scharſegine war heute aber auch gar zu lieblich und zu hübſch. Ein weißer Turban mit blauer Feder ſaß keck auf ihrem blonden Blumenköpfchen, der zarte Silberſtoff des Kleides floß wellenglatt um ihre jugendſchlanken Glieder, während die nachrauſchende Schleppe ihr eine eigene Pracht und Hoheit gab. Schalkhaft lächelten ihre Veilchenaugen den Begleiter an, der ſein Entzücken nicht zu verhehlen im Stande war. Er preßte ihr die kleine Flockenhand, er flü⸗ ſterte ihr zärtliche Worte in's Ohr, und wich nicht einen Moment von ihrer Seite. Immer aufgebrachter wurde Don Silvano. Beim heiligen Jago von Compoſtella 309 ſchwur er, daß Rauber Scharſeginen nie beſitzen ſolle, und verließ endlich den Saal, um in feurigem Tokaier Vergeſ⸗ ſenheit ſeiner Qual zu ſchlürfen. Die zwei glücklichen Menſchen aber blieben noch lange bei einander, und verträumten die Nacht unter Tanz und Liebesgeflüſter. 3 4 3 Kaiſer Marimilian ſaß in ſeinem Cabinet, und die Ent⸗ ſcheidung über Scharſeginens Zukunft machte ihm Sorgen. Den Spanier durfte er nicht zurückſetzen, dem wackern Rauber war er von ganzem Herzen gewogen, und nun wußte er nicht, wie der Wettſtreit zwiſchen beiden zu ſchlich⸗ ten ſei. Nirgends zeigte ſich ein Ausweg; Marimilian ſtand vom Seſſel auf und ſchritt unruhig durch's Gemach, als Herr von Merker, der Oberjägermeiſter, gemeldet wurde. — Gut, daß Ihr da ſeid, Merker! rief ihm der Kaiſer entgegen. Ich habe eine Preisfrage für Euch. Don Sil⸗ vano de Badajoz und unſer Rauber werben um Scharſe⸗ ginens Hand. Rathet mir: wie kann ich ſie dem Einen geben, ohne den Andern zu kränken? — Nichts leichter als das, kaiſerliche Majeſtät! Laſſet eine große Jagd in der Brühl anſtellen, und wer von den Beiden das meiſte Wildpret erlegt, mag die Braut heim⸗ führen, während der Andere mit langer Naſe abziehen muß. — Ganz übel iſt der Vorſchlag nicht!... Aber nein! Rauber kennt unſre Jagden beſſer als der Don, und man ſoll nicht von mir ſagen, ich hätte bei einem Wettkampf den Gegner meines Günſtlings wiſſentlich in Nachtheil ge⸗ bracht. Der Oberjägermeiſter hatte einige amtliche Vorfälle zu berichten, und wurde dann entlaſſen. Marimilian blieb wohl eine Stunde allein, er ſchien in Nachdenken verſunken. Dann ſchickte er den Pagen fort, und ließ Horneier, ſei⸗ nen Kanzler, rufen. Mit ſchwarzem Mantel und Barett trat der kleine, bucklige Mann in's Zimmer. Sein Antlitz lächelte grinſend freundlich, er machte fortdauernd tiefe Verbeugungen, und fragte allerunterthänigſt nach den Befehlen Ihrer kaiſer⸗ lichen Majeſtät. Der Fürſt erzählte ihm den ſchwierigen Fall, und forderte ſeinen Rath. — Da möchte ich mich wohl allergehorſamſt unterfan⸗ gen, eine Auskunft vorzuſchlagen, ſprach Horneier mit ſchnarrender Stimme. Ich habe ein altgriechiſches Manu⸗ ſeript aufgefunden, das kann den Freiern vorgelegt werden, und wer es am beſten zu leſen verſteht, der möge Sieger ſein. — Ihr Federfuchſer denkt nur an Pergamente und Tintenkleckſe! ſagte Marimilian verdrüßlich. Rauber iſt muthig und tapfer wie ein Löwe, aber von den gelehrten Schnörkeln bringt er gewiß nicht eine Sylbe heraus. Ihr ſeid entlaſſen, Kanzler! Während das dürre Männlein ſich demüthig entfernte, ergriff der Kaiſer die Tiſchglocke, ſchellte haſtig, und Dal⸗ berg, der Anführer ſeiner Leibgarde, kam herein. Mit kriegeriſcher Haltung und helmbedecktem Haupte blieb der Ritter ſchweigend am Eingange ſtehn. Marimilian ſtellte auch ihm die Sache vor, und verlangte ſeine Meinung zu hören. 311 Nach kurzem Ueberlegen erwiederte Dalberg: Laſſet ein Turnier zwiſchen Rauber und Don Silvano halten, mit der Bedingung, daß die holde Scharſegine der Preis des Siegers ſein und ihm ihre Hand am Altar reichen ſolle. Das iſt mein Rath, Majeſtät! — Das geht auch nicht, Dalberg! ſprach der Fürſt. Beide ſind jung! Heftig rollt ihnen das Blut durch die Adern; ſie würden auf Leben und Tod mit einander käm⸗ pfen. Aber wir wollen eine Hochzeit haben, und keinen Leichenſchmaus. Jetzt eben kommt mir ein beſſres Mittel in den Sinn— ein luſtiger Streit für die Nebenbuhler, bei dem kein Blutstropfen fließen wird. Jedem der Beiden ſoll, nach der Größe ſeines Körpers, ein Sack angemeſſen werden; ſie mögen dann in der Burghalle ringen, und wer den Andern, ſammt ſeiner glühenden Liebe, in den Sack ſteckt, dem kommt der Kampfpreis zu. Der Einfall iſt gut! Ordnet alles im Ritterſaale an, Hauptmann Dalberg, denn das Turnier kann ſchon morgen früh beginnen. * 4 3 Mitten in der großen, getäfelten Burghalle hatte man einen Kreis mit niedrigen Schranken umzogen. Außerhalb derſelben ſaß Kaiſer Marimilian neben ſeiner roſigen Toch⸗ ter, von vornehmen Damen, Hofchargen und Geheimräthen umringt. Scharſegine war mit bräutlichem Schmucke an⸗ gethan, ſie trug den friſchen Moyrthenkranz im Haar, und ihr Herz pochte ſo ungeſtüm gegen das Mieder, als ob es den klaren Silberſtoff zerſprengen wollte. Nun ſchritten die beiden Ritter in den Kreis, ſie ver⸗ neigten eich vor Maximilian und vor der wunderſchönen S„ 1 8 =— 312 Kaiſerstochter. Dieſe hatte nicht recht den Muth, ihre Augen emporzuſchlagen, doch die Neugier zwang ſie, ein wenig zu blinzeln, und ſie ſah Rauber— während Don Silvano im gold⸗ und perlengeſtickten Sammetgewande prunkte— mit einfachem Wamms und bloßen Armen da⸗ ſtehn, wie einen ſteinernen Athleten. Wenn er den Gegner anblickte, funkelte ſein Auge wild, aber wenn es zu Schar⸗ ſeginen hinüberflog, trug es den Ausdruck der zärtlichſten Liebe. Unausſprechliche Wonne durchſchauerte die Jung⸗ frau bei dem Gedanken, daß ihr Geliebter ſiegen werde, und dann folterte ſie wieder die bange Ahnung, der Grande könne Jenen überwinden. Don Silvano war hoch gewach⸗ ſen, ſein Gliederbau hatte wahre Gigantenformen, und wie Wetterleuchten zuckte über ſein Antlitz der Zorn. Der Herold erſchien; er reichte jedem Streiter einen Sack von ſtarkem Zeuge, der genau die Länge des Gegners hatte, und verließ darauf den Kreis. Jetzt gab Marimilian das Zeichen zum Beginn. Augenblicklich umſchlangen ſich die Kämpfer mit eiſerner Gewalt, und prüften die Stärke der Muskeln an einander. Aber Keiner von ihnen wankte nur um ein Haar. Beide ſchienen zu Bildſäulen erſtarrt, und die Zuſchauer glaubten nicht, daß ſonderliche Anſtren⸗ gung mit dieſer Kraftprobe verbunden ſei, bis ein dunkler Purpur die Stirnen der Ringer färbte. Wohl nie iſt ein ähnlicher Kampf geſehen worden. Im Frühſommer des Lebens ſtanden die Ritter, und flammende Begeiſterung ſtählte ihre Glieder, denn ſie erblickten ja Scharſeginen, den köſtlichen Preis des Sieges, in ihrer Nähe. Wie viel geſchickte Griffe und Biegungen auch verſucht, wie viele ſchlaue Kämpferliſt auch aufgewendet wurde, von — 313 —— der andern Seite trat immer gleiche Stärke, gleiche Tüch⸗ tigkeit entgegen. Die Glieder der beiden Gladiatoren krach— ten, aber ſie rührten ſich nicht von der Stelle; es war, als wenn der gewaltige Sturm mit einer felſenfeſten Eiche ringt. Endlich wurde Raubern das lange Kampfſpiel zum Ueberdruß, er wartete nur auf den günſtigen Moment. Dann ſchlang er ſeine Rieſenarme um den Don, und ſteckte ihn, ſammt aller Grandezza, ſammt aller verliebten Gluth, in den Sack, der nach ſeinem eignen Maaße gemacht wor⸗ den war. Lauter Beifall erſcholl; Rauber hob den ein⸗ geſperrten Spanier vom Boden auf, trug ihn bis vor den Kaiſer, und öffnete nun erſt das Verließ. Stumm vor Schaam und Wuth, kroch Don Silvano de Badajoz aus dem Sacke; er wurde nicht mehr am Hoflager zu Wien erblickt, ſondern reiste eilig nach Andaluſten heim. Der Kaiſer war hocherfreut über den Sieg des deutſchen Ritters, den er im Herzen begünſtigt hatte. Demüthig wie ein Kind, ſtand der Starke jetzt ſeiner Scharſegine gegen⸗ über, und dieſe wagte kaum, die Wimpern aufzuſchlagen. Da trat Marimilian hinzu, ek legte ihre Hände ineinander, und ließ ihnen ein prächtiges Beilager feiern.“ Hugo hatte die Erzählung in ſolcher Eile vollendet, daß der Morgen eben erſt dämmerte, als er damit zu Ende war. Auf ſolche fieberhafte Erregung folgte nun eing h⸗ beſiegbare Mattigkeit; der Kopf brauste ihm, die ungeputz⸗ ten Lichter brannten trübe, und unſer Poet ſchlummerte ein. 20 VI. Auflöſung. Draußen klirrten die Schlöſſer; die Gefangnen fuhren aus ihren Träumen empor. Ein Räuber kam, und for⸗ derte die Novellen, deren Verfaſſer ihm nach einem Saal des Schloſſes folgen mußten. Hier ließ man ſie einen Augenblick allein, doch ſie waren von den abenteuerlichen Ereigniſſen noch zu ſehr erfüllt, und Keiner ſprach ein Wort. Alfred ſtand am Fenſter, es erfriſchte ihn, ſeine brennende Stirn an die kühlen Scheiben zu preſſen. Wie erſtaunt war der Jüngling aber, die Umgebung des Gebäu⸗ des keineswegs ſo wüſt und ſchaurig zu finden, als ſie ihm geſtern in der Dunkelheit erſchienen war. Ein engliſcher Garten mit blühendem Gebüſch, Grasflächen und Laub⸗ holzgruppen breitete ſich aus, ein zahmes Reh wandelte dort, und auf den Zweigen eines Ahorns ſchaukelten ſich etliche Pfauen, deren Argusſchweife, im Strahl der Früh⸗ ſonne, wie Edelſteine ſchimmerten. Eben wollte Alfred ſeinen Gefährten dieſe Entdeckung mittheilen, da rauſchten die Flügelthüren auf, und die Banditenbraut trat herein, geführt vom Fürſten des Waldes... nein, von Bruno! denn er war es— wie meine geübten Leſerinnen ohne Zweifel ſchon längſt errathen haben— der in jener Ver⸗ kleidung ſeine Wette zu gewinnen ſuchte. — Guten Morgen, Freunde! rief er lachend. Seid mir willkommen in den Mauern meines Eigenthums. Ich habe das Vergnügen, Euch meine Braut, Mathilde von Brinken, vorzuſtellen. 315 Er präſentirte die Dame, und unſre drei Poeten mach⸗ ten viel verlegne Bücklinge, ohne ein Wort hervorbringen zu können. — Nun, Ihr ſeid ja ſo ſtill! fuhr Bruno fort. Habt Ihr die Nacht nicht gut geſchlafen?.. Apropos! Iſt es denn wahr, daß eine ganz abſonderliche Sucht über Euch gekommen, hiſtoriſche Novellen zu ſchreiben? Matthieu, mein Kammerdiener, hat mir unlängſt ein Pröbchen von Euren Verſuchen gebracht, und ich will doch ſehen, ob Ihr Eure Sache gut gemacht— wo nicht, ſo laſſ' ich Euch, beim Samiel! an die höchſte Fichte hängen! fügte er mit dem rauhen Räuberton vom vorigen Abend hinzu, und lachte herzlich. Die Freunde, denen die Comödie ſogleich klar geworden, ſtimmten in ſein Gelächter ein, und ſuchten aus dem Ganzen einen Scherz zu machen. — Wir hatten Deine Abſicht wohl durchſchaut, ſprach Wilhelm, aber Deine reizende Braut wünſchte Novellen von uns, und ſchweigend gehorchten wir, weder unſre Ab⸗ neigung, noch die Wette — Ei, wie galant! ſprach Mathilde ſchelmiſch. Und nicht wahr, nun gewähren Sie mir auch noch bie zweite Bitte, uns zum Kaffee zu begleiten? Hugo, Alfred und Wilhelm folgten dem Brautpaar, und kamen nach dem runden Gartenſalon, durch deſſen lichte Glaswand man einen Theil des Parkes überblickte. Hier fanden ſie zwei bejahrte Herren und eine ſtattliche Matrone, der man die ehemalige Schönheit noch aus dem ſtillen, blaſſen Antlitz herausleſen konnte. Sie wurden den Frem— den als Mathildens Mutter, als Bruno's Vater und Oheim vorgeſtellt. — ——————— 2 2—————— 316 — Ich hatte ſchon geſtern Abend die Ehre, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen! ſagte der Letztgenannte zu Hugv. Sie entſinnen ſich vielleicht, daß Sie ſich das harmloſe Vergnügen machen wollten, mich mit Ihrem Stockdegen zu ſpießen. Der Onkel war alſo auch Einer von den Banditen geweſen. Während Hugo verlegen ſchwieg, trat ein Kammer⸗ diener mit dem Kaffee herein. Mathilde ließ den aroma⸗ tiſchen Morgentrank aus der Silbermaſchine in gemalte Taſſen ſtrömen, und reichte dieſelben anmuthig umher. — Das Räthſel iſt nun gelöst, meine Brüder, ſprach Bruno zu den Poeten, und ich bin feſt überzeugt, es thut Euch innerlich leid, daß dies romantiſche Abenteuer zu Waſſer geworden. Es war nichts als ein Luſtſpiel, das ich— unterſtützt durch Mathilde, Onkel Rüdiger, etliches Dienſtperſonal und alte Garderoben von unſerm Liebhaber⸗ theater— mit Euch aufführen konnte. Während der gan⸗ zen Reiſe hatte ich Euch beobachten laſſen; ich wußte, daß Ihr dieſen Weg nehmen würdet, und das dunkle Regen⸗ wetter kam mir zu ſtatten. Weil ich fürchtete, Einer von Euch möchte die Myſtifikation durchſchaun und mir auch mit den Andern den Spaß verderben, ſo ließ ich Jeden in ein beſonderes Zimmer führen. Aber meine beſte Bundes⸗ genoſſin war Eure erhitzte Phantaſie; ſie hielt alles Miß⸗ trauen fern, und gläubig ſchriebet Ihr dieſe Novellen, um deren Vorleſung wir Euch jetzt erſuchen. Er gab ihnen die Manuſeripte; Hugo, Alfred und Wilhelm trugen ihre nächtlichen Produktionen vor, die ſich ——————— —— ——— ——— ——— .. 317 denn auch ſämmtlich des Beifalls der Zuhörer zu erfreuen hatten. — Seht Ihr's nun, meine ſchwärmeriſchen Jungen! begann Bruno. Es geht, wenn die Noth nur da iſt, mit ſolcher Novellenwaare ohne allen künſtleriſchen Beikram ab, von dem Ihr ſonſt immer geträumt habt.—— Poeti⸗ ſcher Drang: völlig veraltetes Mittel, das nur die Schnelligkeit der Produktion beeinträchtigt.— Stoff: jede hiſtoriſche Anekdote erfüllt dieſen Anſpruch. Eure Stoffe z. B. ſind gar nicht übel gewählt, und Wilhelm war ſogar der Einzige, der die unerläßliche Liebesintrigue erſt erfinden mußte; bei den Andern lag ſie ſchon in der Geſchichte.— Studium: bloße Zeitverſchwendung! Weiß man den Namen einer Nebenperſon nicht genau, ſo erfindet man einen für ſie, und ich denke, dieſen Kunſtgriff habt Ihr alle Drei benutzt.— Charaktere: ja Charaktere, das iſt frei⸗ lich ein kitzlicher Punkt. doch, dazu giebt es ja die her⸗ gebrachten Normen. Wenn man nur hübſch im Geleiſe der breiten Straße bleibt, dann finden die lahmen Gäule der Phantaſie ſchon von ſelber den Weg. Edelmüthige Fürſten, intriguante Mätreſſen, tapfre Ritter, liebevolle Jungfrauen, eingebildete Gecken man kann das Zeug mit der Chablone machen! Und das Vergangene, Hiſto⸗ riſche erleichtert dabei ungemein. Wie ein moderner Hand⸗ ſchuhmacher, oder eine Juſtizrathstochter redet, weiß jeder Menſch; einen Ritter, eine fürſtliche Maid aus dem Mittel⸗ alter kann man indeß ſagen laſſen, was man will die Leute müſſen's auf Glauben nehmen. Denkt nur an Eure Novellengeſchöpfe, meine Freunde! Sie unterhalten ſich ganz hübſch, aber ich frage Euch, ob Ihr wohl glaubt, daß 318 die Prinzeſſin von Ahlen, der perſiſche Prinz Bacharam⸗ Gur und Kaiſer Maximilian ſich wirklich ſo ausdrücken konnten? Nicht wahr, Ihr glaubt es nicht?— Koſtüm: nun, da darf ich Euch keine Regeln geben, denn Ihr habt gezeigt, daß Ihr die Sache es fundamento verſteht. Eure Figuren ſind ſo niedlich angeputzt, wie Weihnachtspuppen. Die Beſchreibungen ihrer Anzüge nehmen den gehörigen Raum weg, obgleich Ihr Euch ſicher niemals darum be⸗ fümmert habt, wie die Leute ſich Anno 1681 in Hannover, Anno 421 in Perſien und Anno 1570 in Wien zu kleiden pflegten. — Lieber Sohn! ſprach Mathildens Mutter. Sie ſind ungerecht gegen unſere Gäſte. Ich muß geſtehen, daß mir die Novellen ſehr gut gefallen haben. — Das iſt's ja eben, was ich behaupte! erwiederte der ſtrenge Recenſent. Die Erzählungen ſind um nichts ſchlechter, als hundert andre ihrer Gattung, und würden in einem Almanach, mit Goldſchnitt und Stahlſtichen ver⸗ ſehen, gewiß ihr Publikum finden, und doch mangelt ihnen der vielgeprieſene äſthetiſche Hintergrund, der ſittliche Zweck, und wie die ſchönen Worte alle heißen mögen... — Mir ſind die drei Novellen wie Variationen über das beliebte Thema:„vom Fauſtrecht“ vorgekommen, meinte Onkel Rüdiger. — Das hat der Zufall gethan, dieſer unſichtbare Schutz⸗ geiſt der Poeten, ſagte Bruno. Jedenfalls habe ich meine Wette gewonnen! Hugo, Wilhelm und Alfred müſſen bei uns bleiben, und die Novellen, die in ſo fabelhaft kurzer Zeit entſtanden ſind, laſſe ich drucken. — Das gebe ich niemals zu! erklärte Hugo mit Be⸗ ſtimmtheit. — Ich werde Dich nur nicht fragen, entgegnete Bruno, denn die Manuſeripte ſind mein Eigenthum. Damit Du aber ſiehſt, daß ich mich ſelbſt der Kritik nicht entziehen will, ſo mache ich aus dem ganzen Schwank einen Rahmen dazu, und verſpreche, dieſe Arbeit gleichfalls in einer ein⸗ zigen Nacht zu vollenden. +—. 2—————— —— „ 3 8 8 — 6 8 8 3 8 3 1— 42 3 8 * 8 6 8 6 1 em 6