S K— Leihbiblivtheł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebrtigungen 1 oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 hr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich BBücher: 4 Bücher: Bi Bücher: K— Pf 1F W Pf. Bi 1 1Monat: 1 2 Answärtige Kponhenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bi auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenel, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dic lbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf uſetſue daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben = e* S S B — S —— S —.—— —— ———— Berthold Auerbach. „— Pierter Band. — Stereotypirte Ausgabe. Mannheim, Verlag von Baſſermann 4 Mathy. 1854. Seite 1 Ei ie C Berichtigung. Seite 222, Zeile 8 v. o. lies der Vater. 5 222,„ 9„„„ den Vater. I. Der Lehnhold. Unerbach's Dorfg. 4. Bd. Ab der Landſtraße. Ab der Landſtraße, die durch das rauſchende Waldthal führt, zieht ſich ein Fahrweg bergan durch den Wald und dann zwiſchen lebendigen Buchenhecken nach einem einſamen Gehöfte, einer ſogenannten Einzechte. Die Geleiſe auf dem Wege ſind glle gleich, denn hier bewegen ſich nur Wagen von derſelben Sputweite, wer hier auf und ab⸗ zieht, hat mit dem Bauer von der langen Furche zu thun; denn dieſer Weg gehört dem Furchenbauer zu eigen und führt nur zu ihm; wer von da wieder zurück will zu anderen Menſchen, muß auf demſelben Wege wieder umkehren. So ſtattlich und weit ſich auch Haus und Scheunen dort ausnehmen, die mit ihren grauen Strohdächern faſt felſenartig in's Thal herniederſchauen, ſie haben doch nicht Raum genug für all das reiche Erträgniß des Feldes, denn hüben und drüben in den Feldern ſehen wir die kegelförmig gebauten Garbenhaufen, Feimen genannt, die erſt nach und nach abgedroſchen werden und in den noch herbſtgrünen Bergwieſen ſtehen luftige Scheunen, ſogenannte Stadel, deren Wände und Dach von graugeworde⸗ nen Brettern viel nahrhaftes Heu in ſich bergen. Dort etwas fern vom Hofe, am Rande des Bergvorſprun⸗ ges jenes kleine aus Holz erbaute Häuschen, das mit einer Thurm⸗ ſpitze geſchmückt iſt, das iſt die Kapelle, die dem Hofe zu eigen gehört. An Sommerabenden oder auch am Sonntage wenn man nicht nach der mehr als eine Stunde entfernten Kirche gehen kann, verſammelt der Hausherr ſeine Kinder und ſein Ingeſinde in dem Käppele(wie der Landesausdruck hier das Wort Kapelle umgewandelt hat) und vor den mit Blumen und Bändern ge⸗ ſchmuckten Heiligenbildern wird er ſelber eine Art Prieſter, indem er laut die üblichen Gebete ſpricht und Alles um ihn her kniet. Wir ſind längſt auf Grund und Boden des Furchenbauern, aber der Weg iſt noch lange genug, daß wir uns einſtweilen er⸗ innern können, zu wem wir gehen, bis wir den Mann ſelbſt vor uns haben. Damals als wir mit dem Broſi auf der luſtigen Hochzeit in Endringen waren und den Bändelestanz entſtehen ſahen, damals hatten wir uns vorgeſetzt, die Geſchichte des Fur⸗ chenbauern zu erzählen. Wer damals das glückſelige und reich geſegnete junge Paar erſchaute, konnte nicht ahnen, welch ein ſchweres Geſchick ihm bevorſtand, das ſich mit der Zeit erfüllte. Freilich, ſtolz und eigenmächtig war der junge Furchenbauer ſchon damals, hatte er ja dem armen Broſi einen Taglohn dafür geben wollen, wenn er mit Tanzen und Singen die Hochzeitsgäſte erluſtige; ſchon damals blickte der Furchenbauer mit einer ſtillen innern Verachtung auf Jeden herunter, der ihm nicht gleichſtand und hielt es nur ſelten der Mühe werth, in Wort und M en das auszuſprechen. Aber warum ſoll ein junger Baron in ſchwar⸗ zem rothazsgeſchlagenem Sammtrock, rother Weſte und Leder⸗ hoſen nicht eben ſo ſtolz ſein wie einer mit Cpauletten und gold⸗ geſticktem Halskragen? Der Furchenbauer konnte ſich neben jedem Ritterbürtigen ſehen laſſen. Er war alleiniger Erbe oder wie man es hier zu Lande noch heißt, der Lehnhold des großen Gutes von der langen Furche, das ſich in Wald und Feld weit über Berg und Thal ausbreitet; er hatte acht Roß im Stall, eben ſo viel Ochſen und die Doppelzahl Kühe und Rinder und Alles war ſchuldenfrei, denn er heirathete die Tochter des reichen fetten Gäu⸗ bauern, des Vogts von Siebenhöfen, der den ehrenvollen Un— namen„der Schmalzgraf“ hatte, und von dem Beibringen der Frau konnte die ausbedungene Loſung der einzigen Schweſter, die nachmals den Gipsmüller heirathete, blank ausgezahlt wer⸗ den; der einzige Bruder, der ſich dem geiſtlichen Stande weihte, erhielt nur einen Theil des ihm Zukommenden, das Uebrige ließ er auf dem elterlichen Hofe ſtehen, es war ja ohnedieß das ein⸗ ſtige Erbe der Bruderskinder. —˖ — Mit einem ſtolzen geſättigten Behagen ſah der Chriſtoph, oder wie er jetzt— da ihm ſeine Würde erſt den rechten Namen verlieh— hieß, der Furchenbauer am Morgen nach ſeiner Hoch⸗ zeit zum Fenſter hinaus und ſchaute zu wie der Wind mit den Morgennebeln ſpielte, faſt ſo wie er ſelber die Tabackswolken vor ſich her blies. Der Vater hatte ihm die Zeit lange gemacht, Chri⸗ ſtoph war ledigerweiſe viel älter geworden als die Bauernſöhne ſeinesgleichen, der Vater ſchien das Gut nicht laſſen zu können, bis es ihm der Tod entriß. Chriſtoph zürnte im Stillen oft dar⸗ über, aber er war in Gehorſam und Unterwürfigkeit erzogen und durfte ſich nichts merken laſſen; war es ihm ja übel bekommen, als er einmal ſcherzweiſe zu ſeinem Vater ſagte:„Gebt Euer Sach doch her ſo lang Ihr lebet, dann höret Ihr's auch noch wie man Euch Dank ſagt.“ Chriſtoph hörte die Antwort darauf nicht, aber er fühlte ſie. Nur auf Bedrängen der Gefreundeten und be⸗ ſonders des zweiten Sohnes, der damals Pfarrverweſer in Rei⸗ genbach war, ließ ſich endlich der Vater bewegen, an Chriſtoph abzugeben. Er wählte ſeinem Sohne die ebenbürtige Frau und dieſer willfahrte nach altem Brauche; aber als müßte es doch zur Wahrheit werden, daß der Vater das Gut bei Lebzeiten nicht laſſen könne, ſtarb er vor der Uebergabe und der Hochzeit. Am Morgen nach dieſer letzten dachte Chriſtoph mit einem ge⸗ wiſſen wehmüthigen Danke an den Vater; er hatte Recht ge⸗ than, ihn nicht früher in das Gut einzuſetzen, jetzt erſt war er geeignet, der Furchenbauer zu heißen, und ein ſchönes reichge⸗ ſegnetes Leben lag vor ihm... Die freudige Stimmung jenes erſten Morgens nach der Hochzeit iſt ſchon lange verklungen. Wenn man bald vierzig Jahre im Beſitze einer Macht iſt, denkt man kaum mehr der Stunde, da man damit bekleidet wurde. Der Furchenbauer hat ſeitdem Mancherlei erlebt. Von neun Kindern waren ihm vier verblie⸗ ben, drei Söhne und eine Tochter; er hatte die Freude, den äl⸗ teſten zum Schmalzgrafen erhoben zu ſehen, denn er erbte das Gut des Muttervaters, aber ſchon nach wenigen Jahren ſtarb der rüſtige Schmalzgraf mit Hinterlaſſung einer einzigen Tochter. 6— Dieß war das alleinige Enkelchen des Furchenbauern, denn die anderen Kinder waren unverheirathet und wir werden bald ſehen warum. Wir ſind am Hofe. Dumpfes Bellen und Kettenraſſeln zweier Hofhunde, die in ihrem Bellen ſich bald ablöſen und bald zu⸗ ſammenſtimmen, zeigt an, daß kein Fremder ſich unbemerkt hier nahen darf; über das Bellen hinaus tönt aber der Taktſchlag von ſechs Dreſchern und dazwiſchen vernimmt man das raſche Klappern einer Handmühle, der ſogenannten Putzmühle, die ſtatt des ehedem üblichen Wurfelns das Korn ſäubert. Häuſer, Ställe und Scheuern ſind im Gevierte gebaut, das Thor ſteht offen; halten wir aber noch eine Weile inne, bevor wir eintreten.— Auf der Leiter an einem Zwetſchgenbaum im Hausgarten ſteht eine Frauengeſtalt in üblicher Landestracht, die rothen Strümpfe umſchließen ein mächtiges Wadenpaar. Aus dem offenen Hof⸗ thore kommt ein ſchlanker junger Bauer, drei mächtige Stroh— bündel auf dem Rücken. „Ameile, fall nicht abe“, ruft der junge Mann. „Da unten iſt auch ſchwäbiſch,“ antwortet es in die Zweige hinein und die Strohbündel hüpfen auf und nieder von dem La⸗ chen des jungen Mannes, während die Frauengeſtalt wieder fragt: „Was willſt denn mit dem Stroh?“ „Der Bauer will, daß man die Breitlingäpfel dort dießmal nicht brechen ſoll, man hab' kein' Zeit dazu, ich ſoll ſie ſchütteln und Stroh unterlegen. Steig abe und gieb mir die Leiter.“ „Biſt zu ſteif? Kannſt nicht'naufkrebſeln?“ ſpottet das Mädchen, während der Burſche das Stroh ausbreitet und er— wiedert: „Du ſollſt aufleſen, ich muß gleich wieder ans Dreſchen.“ Behende iſt er auf den Baum geklettert, der ganze Baum wird hin und hergeſchüttelt, es raſſelt in den Zweigen und dumpf praſ⸗ ſelnd auf das kniſternde Stroh und darüber hinaus fallen die rothbackigen Aepfel. Das Mädchen will bald da bald dort anfan⸗ gen aufzuleſen, aber wo es ſich zeigt, wird ein Aſt mächtiger ge⸗ ſchüttelt und manchmal getroffen von einem Apfel grillt es auf und ſchilt auf den tückiſchen Mann auf dem Baume. Dieſer ſteigt ab, ſchaut das Mädchen kurz an und will nach dem Hofe gehen. „Du machſt unſaubere Arbeit!“ ſagt das Mädchen lachend chau, dort hängt noch und fährt auf den Baum deutend fort:„ſ ein Apfel und dort noch einer.“ ꝙ Im Fortgehen erwiedert der Burſche: „Du vergißſt's immer wieder und ich hab dir's ſchon oft ge⸗ ſagt: Wenn man einem Obſtbaum nicht Alles abnimmt, trägt er im nächſten Jahre um ſo gewiſſer.“ Ameile(Amalie) hielt einen Apfel in der Hand und will den Weggehenden damit werfen, aber noch im Ausholen hält ſie an, ein zweifleriſcher Gedanke ſcheint ihr die Hand zu ſenken, ſie ſteckt den Apfel in die Taſche und auf das Stroh kniend rafft ſie die Aepfel zuſammen und ſingt dazu: „Schätzele, Engele, „Laß mi e wengele—, „Schätzele, waſele?“ „Nur mit dir baſele.“ Der Burſche, der eine Soldatenmütze auf dem Kopfe trägt und überhaupt eine ſoldatiſche Haltung verräth, geht wieder nach dem Hofe zurück, nimmt den Dreſchflegel zur Hand und fällt takt⸗ mäßig in die Schläge ein. Im Hofe. Im Hofe, in deſſen Mitte der große mit Stangen eingezäunte Düngerhaufen, daran eine Jauchenpumpe ſich befindet, iſt reiche lebendige Bewegung, da wird Korn auf einen Wagen geladen, dort Stroh und dort Aepfelſäcke getragen, die zahlreichen Hühner und Enten wiſſen geſchickt auszuweichen und überall etwas zu erna⸗ ſchen. Rechts von dem Eingangsthore unter einem breiten Hol⸗ lunderbaume, der jetzt ſchon ſchwarze Beerenbüſchel trägt, ſteht der Röhrbrunnen, der ſeinen hellen, armdicken Strahl in den langen Eichentrog ergießt und rings um den Brunnen iſt der 5 Boden vortrefflich gepflaſtert, ſo daß nicht wie ſonſt oft grade hier Alles unſauber iſt; der Abfluß des Brunnens hat einen ge⸗ pflaſterten Weg nach dem Baumgarten links am Thore und bil⸗ det dort ſogar einen kleinen See. Die Kühe und Rinder werden zur Tränke geführt, denn die Ochſen und Pferde ſind draußen im Felde beim Pflügen und Eggen. Der Kühbub knallt, daß es im Hofe wiederhallt. Eine glänzend ſchwarze Kalbin, die auch nicht ein anderes Häärchen hat und in Schönheit ſtrahlt, tanzt luſtig im Hofe hin und her, ſteht bald ſtill und ſchaut wie neckiſch und verwundert drein und hüpft dann wieder mit gehobenem Schweife auf und ab. Die Dreſcher, die eben eine neue Spreite auflegen, ſtehen unter dem Scheunenthore und betrachten mit lauter Bewunderung das ſchöne Thier und dieſes ſcheint gefall⸗ ſüchtig faſt zu wiſſen, daß es bewundert wird, denn es macht immer freudigere Sprünge, bis endlich ein Mann aus einem dunkeln Schuppen ruft: „Hannesle, gieb acht, daß dem Schwärzle nichts geſchieht, thu's ein.“ Das iſt aber nicht ſo leicht, auch ein Thier läßt ſich in ſeiner Luſtbarkeit nicht gerne unterbrechen, und erſt mit Hülfe der Dre⸗ ſcher, die ſich wie es ſcheint auch gerne ein wenig im Freien um⸗ hertummeln, gelingt es dem Kühbub, das Schwärzle in den Stall zu bringen. Das Schwärzle iſt eine wichtige und beliebte Erſchei⸗ nung auf dem Furchenhofe, dem hohe Ehren bevorſtehen und Jedermann ſpricht nur Gutes von ihm. Wir wollen aber jetzt der Stimme aus dem Dunkel folgen, die vorhin Alles zur Nachachtung rief. Das rollt und quetſcht und platzt in dem dunkeln Schuppen und ein eigener ſüßer Duft dringt uns entgegen. In einem faſt halbrunden Eichentroge wird ein ſteinernes Rad gewälzt, daß die eingeſchütteten rothbackigen und grünen Aepfel zerdrückt und dort hinten rinnt es aus der Preſſe in die Kufe; wir ſind beim Moſten. Ein einäugiger ſchlan⸗ ker junger Burſche treibt die Stange, die mitten im Steinrade ſteckt, vorwärts und ein anderer älterer Mann mit röthlich grauem Haare drückt ſie wiederum zurück, wobei einer dem andern hilft. ——— — — — Ein alter ſchlanker Mann mit enganliegenden ſchwarzen Leder⸗ hoſen und Rohrſtiefeln, die faltenreich niederfallen und blaue Strümpfe ſehen laſſen, hält eine längliche hölzerne Schippe in der Hand, wandelt an der freien Seite des Eichentroges auf und ab und ſchiebt je nach der Wendung die zerdrückten Aepfel zum beſſern Auspreſſen unter das Rad; manchmal bückt er ſich um einen ganzen oder getheilten Apfel, der über den Rand des Eichen⸗ troges gefallen, wieder hineinzulegen. Das iſt der Furchenbauer. Er ſieht langgeſtreckt, dürr und hartknochig aus, und das ganze Weſen hat etwas Zähes, Unbeug⸗ ſames. Die weißen Haare, die den ſpitzen Oberkopf ringsum be⸗ decken, ſind kurz geſchoren, die hohe Stirne iſt runzelvoll, über den grauen Augen ſind die Ausläufer der dicken Brauen in die Höhe gewirbelt, die linke mehr als die rechte, man ſieht offenbar, daß der Mann ſeine Brauen oft mit der Hand bewegen muß, und wenn er auch die Augen ganz aufſchlägt, hängt noch immer die Haut des Augenlides ſchlaff und faſt wie ein Vordach auf den Backenwinkel des Auges, die Backenknochen ſtehen dürr her— vor und tiefe Furchen ziehen ſich zu beiden Seiten der knolligen Naſe herunter; das ſind Furchen, die das Schickſal gepflügt. Die ſchmalen Lippen des Mundes ſind ſo ſehr einwärts gezogen, daß man faſt gar kein Roth ſieht. Dabei hat der Mann in ſeinem Beha⸗ ben noch etwas Bewegliches, wenn dieß auch eckig und herb iſt. Man wird in vielen Bauerngeſichtern etwas Trotziges und Widerſacheriſches finden, es iſt das nicht immer Ausdruck einer innerlichen Gemüthsverfaſſung, ſondern rührt meiſt von der ſchwe⸗ ren Arbeit her, gegen die es oft ein trotziges Anſtemmen, ja ge— wiſſermaßen ein feindſeliges Beſiegen gilt. Wie jetzt der Furchenbauer nach einem großen Sack Aepfel ausgreift, um ihn zu wenden, haben ſeine Mienen etwas Grimmis ges, das ſich noch ſteigert, da er ſeiner Schwäche gewahr werdenb ächzend ausruft: „Helfet doch, ihr faulen Kerle!“ Der ältere Mann gehorſamt raſch dieſem Zurufe, der jüngere Einäugige aber ſagt ruhig ſtehen bleibend: 10— „Vater, ich mein', es wär genug für heut. Ich möcht lieber dreſchen als moſten.“ „Ich weiß was du lieber thäteſt, gar nichts wär dir am lieb⸗ ſten,“ erwiedert der Furchenbauer zornig und ſchüttet mit Hülfe des älteren Mannes die Aepfel in den Trog. Die Aepfel platzen und ziſchen wieder unter dem ſteinernen Rad und erſt als Alles in die Preſſe gebracht war, als die Spindeln der Preſſe krachten und knackten und der Saft nur noch tröpfelnd in die Kufe floß; erſt als der Einäugige ſchon zweimal geſagt hatte, daß die Dreſcher bereits aufgehört hätten, gehen die Drei endlich nach dem Röhr⸗ brunnen, waſchen ſich dort die klebrigen Hände, die ſie nur durch Abſchütteln trocknen, und treten endlich in das Haus. Die Dreſcher und Feldtaglöhner ſchienen ſchon lange auf den Hausherrn zu warten, ſie umſtehen den Sattler, den ſich der Fur⸗ chenbauer ins Haus genommen hat und der auf einem Seiten⸗ tiſche der großen Stube ganze Felle zerſchnitt, um daraus neue Pferdegeſchirre zu machen und die alten in Stand zu ſetzen. Kaum iſt der Hausherr in der Stube und plötzlich Stille eingetreten, als Ameile mit einer kübelartigen Schüſſel eintritt und ſie auf den mit einem Tuch bedeckten Tiſch ſtellt; ihr folgen noch zwei Mädchen, die das Gleiche bringen. Nachdem man gebetet hat, ſetzt man ſich wortlos an den Tiſch. Der Bauer ſitzt oben, links von ihm der Einäugige, rechts der ſchlanke Burſche, den wir heute ſchon beim Eintritte die Aepfel ſchütteln geſehen. Taktmäßig wie beim Dreſchen langt eines nach dem andern mit dem Löffel in die Suppe. Die Mädchen ſitzen am untern Ende des Tiſches, unter ihnen Ameile, und nur leiſe ſagt eines dem andern, ihm mehr Raum zum Sitzen zu geben. Die wahren Seen von Suppe ſind bald verſchlungen, ein großer Laib Brod geht von Hand zu Hand und Jedes ſchneidet ſich mit ſeinem Taſchenmeſſer einen Ranken. Niemand ſpricht ein Wort außer wenn etwa der Bauer einen anredet und die Antworten ſind ſtets knapp und gemeſſen. Nun verlaſſen die Mädchen den Tiſch und kommen raſch wieder mit Bergen von Leberklößen und Felsſtücken von geräuchertem Fleiſch. Das Sprüchwort ſagt nicht umſonſt die könnengeſſen wie gl Dreſcher. Mit einer Ruhe und Nachhaltigkeit, die ſich immer gleich bleibt, werden die Leberklöße vertilgt und erſt als das Fleiſch zum Vertheilen kommt, ſchnipfeln Viele nur an ihrem Theile herum, und kaum hat der Mann, der moſten geholfen hat, das Beiſpiel gegeben und das übrige Fleiſch in ein Tuch gewickelt und in die Taſche geſteckt, als ihm auch viele andere beherzt folgen. Der Bauer ſagt nur noch, daß er morgen nicht daheim ſei und Vinzenz die Aufſicht führe, ein Jeder ſchneidet ſich noch ein Stück Brod, ſteckt es zu ſich und man ſteht vom Tiſche auf. Nach dem Schlußgebete ſagt der Bauer noch zu dem Burſchen, der ihm zur Rechten geſeſſen: „Dominik, wenn du draußen fertig biſt, komm'rein, ich hab dir was zu ſagen.“ Nach einem Gutnacht in verſchiedenen Tonarten verlaſſen die Dreſcher und Taglöhner mit ſchweren Tritten die Stube und erſt draußen vor dem Hauſe hört man ſie unter einander ſprechen und lachen. Mehrere machen ſich bald davon und zerſtreuen ſich in die Häuslerwohnungen, die da und dort im Thale ſtehen und an den Bergen hangen; nur einige, die aus fernen Gegenden ſind, gehen in die Scheunen und legen ſich ins Heu. Die Bäuerin, eine alte wohlbeleibte Frau, kommt jetzt auch aus der Küche, bringt ſich ihr Eſſen mit und verzehrt es neben ihrem Mann. Dieſer ſagt ihr, daß er morgen nach Wellendingen (einem in der Mitte des Bezirks gelegenen Dorfe) fahre, da dort das jährliche landwirthſchaftliche Bezirksfeſt ſei und daß Dominik das Schwärzle hinführen müſſe; Ameile nehme er zu ſich auf das Bernerwägele. „Du ſollteſt den Vinzenz mitnehmen“, ſagt die Frau in etwas ſchüchternem Tone. „Wie ſoll ich ihn denn mitnehmen? Ich kann ihn doch nicht die Kalbin führen laſſen? Und er und der Dominik können nicht miteinander vom Hof weg ſein. Wenn ich was ſag, mußt du dich vorher dreimal beſinnen, eh du was drein redeſt.“ „Ich hab nur gemeint, weil du doch auch für den Vinzenz ein Mädh aus einem rechtſchaffnen Haus finden kannſt—“ „Da brauch ich ihn grad nicht dazu, das kann ich am beſten allein. Zuerſt muß Ich die Sach fertig haben, dann kommt èrſt er.“ Die Bäuerin ſchweigt und der Bauer liest die Zeitung, den Wälderboten, den der Milchbub, wenn er Morgens die Milch nach der Stadt führt, mitbringt, den aber der Bauer täglich ruhig warten läßt und die Weltnachrichten, Vergantungen und Frucht⸗ preiſe jedesmal erſt am Abend wenn alle Arbeit abgethan, liest. Er zwirbelt ſich dabei mit der Hand die linke Augbraue und manchmal fährt er ſich über die Stirne, denn er liest heute zer⸗ ſtreut. Der Gedanke, daß er keinen ebenbürtigen Nachbar habe und darum für ſeine Kinder ſich auswärts umthun müſſe, geht ihm durch den Sinn. In dem Blättchen ſtand, daß in Klurren⸗ bühl wiederum Liegenſchaften verſteigert werden. Der Hofbauer von Klurrenbühl war der einzige ebenbürtige Nachbar geweſen, aber er hat ſchon vor Jahren ſein Gut verkauft und iſt Papierer geworden. Der Hirzenbauer von Nellingen hat die unverzeihliche That begangen, ſein ſchönes von alten Zeiten her unzerſpaltenes Gut unter ſeine Kinder zu zertheilen. Der Furchenbauer ſchüttelt den Kopf und holt tief Athem, er ſchaut nachdenklich ſteif ins Licht, dann ſteht er plötzlich auf und ſtellt ſich feſt hin indem er beide Fäuſte ballt; er mag es fühlen, daß er bald der einzige iſt in der Gegend, der einzige mächtige Stamm, während Alles ringsum abgeholzt iſt. Er iſt feſt genug, ſich von keinem Sturm entwurzeln zu laſſen. Ja, der Furchenbauer gleicht einer mächtigen Tanne, und wie dieſe oft in ihrer Wurzelausbreitung auf ein Felsſtück ſtößt, aber unbehindert ihre Wurzeln darüber hinſtreckt und den Fels in ſich einkrallt und wie dieſes Wurzelgeäſte harzgetränkt lichter⸗ loh brennen kann, ſo iſt auch der Furchenbauer unbewegt, einen Gedanken wie einen Felſen mit den Wurzeln feſthaltend und helle Flammen in ſich bergend. Ein Knecht mit verſchiedenen Anliegen. Nach geraumer Weile tritt der Dominik ein— wir ſehen ſetzt ſchon, daß das der Oberknecht iſt— und ſtellt ſich ruhig wartend an den Tiſch des Sattlers. Der Bauer liest noch ein wenig weiter, dann ſagt er aufſchauend: „Du ſtehſt heut Nacht um zwei auf und giebſt Acht, daß gut gefüttert wird, beſonders das Schwärzle, und vor Tag machſt du dich mit dem Schwärzle Wellendingen zu. Du fahrſt den Hennenweg über Jettingen, der Boden iſt oben linder als auf der Landſtraß und das Schwärzle hat weiche Klauen, du thuſt recht gemach und laßſt dir Zeit. Daß du mir aber ja nicht über Nellingen fahrſt, kannſt deiner Mutter Beſcheid geben laſſen, daß ſie zu dir nach Wellendingen kommt. Du ziehſt dein Sonntags⸗ gewand an und in Wellendingen im Apoſtel warteſt auf mich, wenn ich noch nicht da bin.“ Ohne ein Wort zu ſagen, will Dominik weggehen, da ruft ihm noch der Bauer nach: „Kannſt dich auch freuen, du kriegſt morgen eine Denkmünze, weil du jetzt ſchon bis Martini elf Jahr bei mir dienſt.“ Dominik ſtolpert über einen Stuhl als er die Stube verläßt. „Soll ich dir was mitbringen von Wellendingen?“ fragt Dominik in der Küche beim Pfeifenanzünden das Ameile und dieſe erwiedert: „Ich fahr mit dem Vater. So? Gehſt du auch hin?“ „Ja, und ich krieg ein' Denkmünz und das Schwärzle viel⸗ leicht auch. Menſch und Vieh iſt eins. Es iſt nur ſchad, daß man die Menſchen nicht auch verkaufen und metzgen kann.“ „Der Dominik thät bitter und ſauer ſchmecken“, ſagt die Großmagd, eine ſtämmige und handfeſte Perſon, während ihr verliebter Blick ſagt, daß ihr dieſer grobe Witz keineswegs ernſt war. Ameile aber ſetzt hinzu:„Es muß dich freuen, Dominik, daß du den Ehrenpreis kriegſt. Wenn ich ein Dienſtbote wär'“— „Dann wärſt du nicht des Furchenbauern Ameile“, unter⸗ — 1— bricht ſie Dominik und geht davon, denn er hörte wie die Stu⸗ benthür ſich öffnet. Die Bäuerin ruft Ameile in die Stube. Bald kommt Ameile wieder, nimmt die kupferne Gelte und geht damit zum Brunnen. Die Nacht iſt ſtille und ſternlos, am Himmel jagen ſich die Wolken, aus den Ställen vernimmt man das Kettenraſſeln der Pferde, das Brummen der Kühe und Och⸗ ſen, ein lautes Zwiegeſpräch zwiſchen Knechten oder fremden Tag⸗ löhnern, das oft von Lachen unterbrochen wird, und der Kühbub ſtimmt jetzt auf ſeinem Lager ein einſames Lied an. Die Gelte iſt ſchon lange bis über den Rand gefüllt und lauft über, aber noch ſteht Ameile mit auf der Bruſt über einan⸗ der geſchlagenen Armen träumend davor. Ein plötzlicher Wind⸗ ſtoß macht den Hollunderbuſch rauſchen und ſich beugen, der Brunnenſtrahl wird ſeitwärts gebogen und Tropfen davon ge⸗ riſſen, die Ameile ins Geſicht ſpritzen, ſie wiſcht mit der einen Hand die Tropfen ab und ſteht wieder ſtill. Jetzt vernimmt man ein Geräuſch in der Stallkammer, Ameile ruft den Küh⸗ buben um ihr aufzuhelfen, aber ſtatt des Gerufenen kommt Do⸗ minik. „Holſt noch Waſſer?“ ſagt dieſer die Gelte Ameile aufs Haupt hebend und ſie erwiedert: „Ja, und weil du da biſt, grüß' mir dein' Mutter und ſag' ihr, ich ſchick ihr mit Nächſtem was.“ „Dank, weiß nicht ob ich mein' Mutter ſeh.“ „Ja und wegen dem Ehrenpreis muß ich dir noch einmal ſagen, du mußt dich mit freuen, du verſündigſt dich, wenn du's nicht thuſt. Ich freu mich auch mit. Es iſt ja auch eine Ehre für uns, daß du ſo lang bei uns biſt, und ſei nur recht ſtolz.“ „Freilich, freilich“, erwiedert Dominik„gut Nacht.“ Ameile geht nach dem Hauſe, aber ſchon auf halbem Wege begegnet ihr die Mutter, die nach Dominik ruft und als dieſer bei ihr ſteht ihm ſagt: „Du mußt morgen in Reichenbach anhalten und ſchauen was mein Alban macht. Wir haben ſeit der Heuet nichts von ihm gehört. Des Ragelſchmieds Vreni ſoll jetzt auch in Reichen⸗ bach bei ihrer Schweſter ſein, ſag ihm, er ſoll doch von ihr laſ⸗ ſen, dann wird wieder Alles gut.“ Dominik kommt endlich zu Worte: „Der Bauer hat mir verboten über Reichenbach zu fahren, ich ſoll den Waldweg über Jetlingen.“ „Geh du nur über Reichenbach. Du wirſt ſchon eine Aus— rede finden, und wenn alle Sträng' brechen, nehm' ichs auf mich; thu's mir zu lieb und bring mir Beſcheid.“ Dominik zuckt die Achſeln und erwiedert:„Will ſehen was zu machen iſt.“ In dem Herzen dieſes Knechtes gehen an dieſem Abende ſelt— ſame Kämpfe vor. Er geſteht es ſich ſelbſt nicht und hütet ſich wohl, es irgend eine Menſchenſeele merken zu laſſen, daß er ei⸗ gentlich ſeines Bauern Tochter liebt. Das iſt ein unverzeihlicher wahnſinniger Uebergriff, und ſowohl um ſich ſelbſt zu wahren als auch um als treuer Diener ſeines Herrn zu beſtehen, ſucht er jede Aeußprung dieſer Zuneigung zu bekämpfen. Das hätte aber Alles nichts gefruchtet, wenn er nicht erwogen hätte, daß es ein unnützes und frevleriſches Spiel ſei, das Kind— denn er betrachtete Ameile noch immer als Kind, weil er ſchon ein hochaufgeſchoſſener Bub war als ſie noch nicht nach der Schule ging— das Ameile, das ihn wie einen alten Ohm anſah, mit ſolchen Dingen zu plagen, und wenn ſie auch einſt oder vielleicht morgen an einen Großbauern verheirathot wurde, ſo war's beſ⸗ ſer, ſie hat nichts davon gewußt. Heute Abend in der Küche hat er ſich aber doch etwas verrathen und die Großmagd, die ihm allzeit nachſtellt und auflauert, hat ihn ſo verwunderlich ange ſehen, daß er ſich darob ärgerte. Die morgige Preisbelohnung iſt ihm auch zuwider. Dieſe öffentliche Schauſtellung hat noch nicht die Form gefunden, in der ſie wirklich volksthümlich wäre. Nun kommt noch der Kampf dazu, daß er nicht weiß, ſoll er dem Bauer oder der Bäuerin folgen; erſteres iſt ihm doch e nehmer, denn er hatte ſich vorgenommen trotz des Verbotes nach Nellingen zu eilen und ſeine Mutter zu ſehen, bei der er ſeit Weihnachten nicht geweſen war. Wenn er den Befehl des 16 Herrn übertritt, wär's doch beſſer, das für ſich zu thun als für Andere. Ein Dienſtbote iſt doch allezeit angebunden, ſein Leben und ſeine Tage gehören einem Fremden. Im Zorn über dieſes Gefühl der eigenen Abhängigkeit weckt Dominik mit Schelten und Püffen ſeinen Untergebenen, den Kühbub, der ein Sohn des Nagelſchmieds iſt, und befiehlt ihm die Nacht aufzubleiben, damit er zur Zeit wecke. Auf dem Hofe iſt es jetzt ſtill und dunkel wie ausgeſtorben, der Halbmond blickt bald unter jagenden Wolken hervor und ver⸗ ſchwindet ſchnell wieder, und die Häuſer und Scheunen des Fur⸗ chenhofes mit ihren ſchweren wie Kappenſchilde überhängenden Strohdächern erſcheinen wie unförmliche Felſengebilde. Die Hof⸗ hunde ſind von der Kette gelaſſen und ſchleichen ſtill und frei umher, legen ſich bald da bald dort nieder und richten ſich wieder auf bei jedem Geräuſche. Der Kühbub geht hinab in den Hof⸗ raum und ſpielt mit den Hunden, um ſich wach zu erhalten, der Türkle, ein rother Wolfshund, iſt zuthunlich und leutſelig, der Greif aber, ein ſchwarzer böhmiſcher Schäferhund, knurrt wenn ſich ihm der Kühbub naht und ſelbſt als er ihm ein Stück Brod reicht, iſt dies verſchwendet, er hat es in einem Schluck weg, bleibt aber unwirſch. Er iſt wahrſcheinlich ſtolz, ſei es auf ſeine Wiſſenſchaft, weil er kunſtgerecht auf den Mann dreſſirt iſt, oder auf ſeine Abkunft, denn er ſtammt mütterlicherſeits von edler Raſſe. Mitten in der ſternloſen Nacht, in der Kameradſchaft mit dem einen Hunde, geht dem Kühbuben eine glorreiche Zukunft auf. Er hat gehört, daß der Dominik einſt auch als Kühbub auf den Hof gekommen war und der war jetzt Oberknecht und der nächſte beim Bauer und bekam morgen eine Denkmünze. Solches kann ihm einſtmals auch werden. Der zukünftige Oberknecht er⸗ labt ſich beſonders an dem Gedanken, wie er dann ſeine Unter⸗ gebenen ſtrenge halten wolle, die mußten ihm auf den Pfiff ge⸗ horchen. Das iſt eine Ausſicht, die leicht wach hält. Bei der trüben Stalllaterne betrachtet der Kühbub die doppelgehäuſige Taſchen⸗ uhr des Oberknechts und gedenkt der Zeit, wo er einſt eine ſolche g g d m 2 zu eigen haben werde; ja er wagt es ſogar, die Pfeife des Do⸗ minik in den Mund zu nehmen und kalt daraus zu rauchen. Und mitten in der Nacht ſteigt in dem barhauptigen Kühbuben ein großer Gedanke auf. Ein reicher Bauernſohn zu ſein, das wäre doch noch beſſer als ſich zum Oberknecht aufzuſchwingen; da hat man nichts zu thun als gehörig zu wachſen, und wenn man groß ge⸗ worden, hat man Haus und Vieh und Aecker von ſelbſt. Warum haben's die einen ſo leicht und die anderen ſo ſchwer?... Das iſt ein Räthſel, das der Kühbub noch nicht gelöſt hat, als er den Dominik weckt, und nur das eine hat er davon erobert, er läßt ſich das rauhe Weſen des Oberknechtes leichter gefallen, denn er lacht ihn innerlich aus, er iſt ja doch kein Bauernſohn und hat noch einen über ſich. Nächtige Rückerinnerung. Noch als das Licht gelöſcht war, hatte der Bauer ſeiner Frau geſagt, daß er auch hoffe, morgen für das Ameile einen rechten Bräutigam aufzubringen, die Frau hatte nichts geantwortet, denn ſie betete ſtill für ſich und in ihr Gebet ſchloß ſie einen Na⸗ men ein, den ſie ſchon ſeit bald einem Jahre nicht vor ihrem Manne nennen durfte, es war Alban, ſeit dem Tode des Schmalz⸗ grafen ihr älteſter Sohn.... In dem Hauſe, wo überall nichts als Fülle und vielgeprie⸗ ſener Wohlſtand ſich kundgab, wachte in ſtiller Nacht die Mutter und klagte um ihren Sohn, der in der Fremde als Knecht dient. Sie brach bald ab und ſchlief ein, denn ſie hatte auch eine wun⸗ derbare Macht über ihre Gedanken und konnte ſich zwingen, Stö— rendes und Unruhvolles zu verbannen. Wie zu läſtigen Bettlern konnte ſie jetzt zu Erinnerungen, die mit klagender Stimme an ſie herantraten, barſch und doch wieder wohlwollend ſagen; kann euch heute nicht brauchen, kommet morgen wieder, oder ein an⸗ dermal. Und ſie gingen. Wir aber müſſen die Erinnerungen anhören. Wir müſſen, Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 2 bevor wir die jetzt folgenden Ereigniſſe vor unſeren Augen ſehen, das was hier ſchon vorgegangen, zu erkunden trachten. Das eigene Leben der Bäuerin durfte raſch an ihr vorüber⸗ ziehen. Ohne Neigung, aber auch ohne Widerſtreben hatte ſie als reiche Bauerntochter den gleichbegüterten Furchenbauer ge⸗ heirathet. In den bald vierzig Jahren ihrer Ehe hatte ſie es nicht vergeſſen, daß ihr das herbe und ſchroffe Weſen ihres Man⸗ nes viel Herzeleid gemacht, aber ſie hatte ſich daran gewöhnt. Dennoch blieb ſie dem oberländiſchen Weſen noch vielfach fremd. Auf einem großen einſamen Bauernhofe aufgewachſen, kam ſie als Frau wieder in einen ſolchen, ſie kannte wenig von der Welt, aber hier war doch Alles anders; ſie ſtammte aus dem viel mil⸗ dern geſchmeidigern Unterlande, hier oben war Alles wie mit der Holzaxt zugehauen. Daheim auf Siebenhöfen hatte ſie oft bei der Heuet im Thale die Flözer vom Schwarzwalde auf dem Neckar mit einander ſchreien und fluchen hören, daß man meinte, ſie hätten die gräßlichſten Händel und würden beim Zuſammen⸗ treffen einander erwürgen und mit ihren Aexten das Hirn ſpal⸗ ten, und am Ende war's nichts als ein tapferer Zuruf. So ſah ſie auch bald, daß viele Heftigkeiten in Haus und Hof nicht ſo bös gemeint waren, es gehörte eben zu der lauten herrſcheligen Art und Weiſe der Menſchen. So ſehr ſie aber dieß erkannte, blieb ſie doch dieſem Leben fremd, ſie hatte noch immer die Sit⸗ ten ihres väterlichen Hauſes im Sinne und wenn ſpäter ihre eigenen Kinder unbändig waren, ſagte ſie oft:„So ſind halt des Furchenbauern.“ Dieſes ſtete Rückſchauen nach der Heimath, dieſes Preiſen derſelben als eines allzeit friedſam ſtillen Paradieſes, brachte in der erſten Zeit manches Zerwürfniß zwiſchen den Eheleuten, bis die Bäuerin endlich einſah, daß ihr Mann Recht hatte, wenn er ihr ſagte:„Du glaubſt, bei dir daheim hätten ſie alle Gut⸗ herzigkeit in Beſchlag genommen und des Schmalzgrafen hätter das Beßthaupt kriegt. Wenn's drauf ankommt, wirſt ſchon ſehen daß wir auch ein Herz im Leib haben, grad ſo gut wie i Und das war in der That der Fall. B un⸗ nt. d. ſie elt, mil mit bei dem nte, nen⸗ pal⸗ ſah t igen inte, Sit⸗ ihre halt eiſen te in bis wenn Gut⸗ ehen 1 Der Furchenbauer war offenbar ein rechter Mann, karg an Worten, aber arbeitſam von früh bis ſpät, pünktlich und auf Ehre haltend; er ließ ſeine Frau in ihrem Bereiche gewähren, er wußte was ſich für einen großen Bauernhof und für die Tochter des Schmalzgrafen ſchickte. In ſolchen Verhältniſſen hat man überhaupt nicht lange mit Gemüthsangelegenheiten zu thun, der Tag hat ſeine hundertfältigen Pflichten; in einem ſolchen großen Anweſen gilt es überall zur Stelle zu ſein, anzuordnen und ſelbſt Hand anzulegen, und das ruhige Gefühl, Alles ge⸗ hörig in Stand zu halten und dazu noch ein gewiſſer Stolz der Herrſchaft und des Beſitzes füllt Alles aus. Die beiden Cheleute lebten in Friede und hielten einander in Ehren. Es mag hart klingen, aber es iſt doch wahr und erweiſt ſich bei näherer Betrachtung auch milder: bei den Bauern, beſonders aber bei den Großbauern, iſt die Che vielfach nur ein Vertrags⸗ verhältniß in der ausgedehnteſten Bedeutung des Wortes. Er⸗ kennen die Eheleute, daß die Verſchiedenartigkeit ihrer Naturen ſich nicht zur Einigkeit verſchmelzen läßt, ſo tritt ein gegenſeitiges ſelbſtändiges Gewährenlaſſen ein. Hier wo die Hausfrau gleich⸗ mäßig mit dem Manne für den Beſitzſtand zu arbeiten hat, er⸗ füllt ein Jedes den Kreis ſeiner Pflicht ohne weitere Anforderung. Die Arbeit für Erhaltung und Vermehrung des Beſitzthums iſt die Weſenheit des Lebens, dem die Heilighaltung des geſchloſſenen Bundes noch eine gewiſſe Weihe ertheilt, und kommen Kinder, ſo erblüht die Verträglichkeit auch wiederum oft zur Liebe. Offene Zerwürfniſſe oder gar Trennungen aus Mangel an Liebe kommen darum im Leben der Großbauern faſt nie vor. Nur ſelten, zu einem Jahrmarkt, zu einer Gevatterſchaft oder Hochzeit verließ man den Hof, und die Bäuerin hörte über⸗ all mit Befriedigung wie hochgeprieſen ſie und ihr Mann waren und als eine Zierde der ganzen Gegend galten, ſo daß es immer hieß ſolche Bauersleute ſeien ſchon lange nicht in der Gegenb geweſen. Die Bäuerin hörte ſolchen Lobpreis immer mit ruhigem Behagen an, ſie hatte ſich von ihrem Manne angewöhnt, auch 2 tein übrig Wort zu reden. Nie kam es ihr in den Sinn, von ihrem Reichthum einen andern Genuß haben zu wollen als den, ihn zu erhalten und zu vermehren und wie ſich's gebührt, den armen Leuten der Gegend ihre Gaben zukommen zu laſſen. Die ſchwere Kriegszeit, die in den Anfang ihrer Ehe fiel, verſchonte auch den Furchenhof nicht, ja ſie brachte ihnen Noth und Gefahr. Gegen eine Einquartirung, die ſich unziemlich gegen die ſchöne Bäuerin benahm, fuhr Chriſtoph mit der ganzen Heftigkeit ſeines Weſens auf und nur ein Zufall rettete ihn vom Todtſchlage. Damals fühlte die Bäuerin recht deutlich, welch ein Mann der Furchenbauer war und in dem Gedanken, daß ſie ihn hätte ver⸗ lieren können, wie lieb ſie ihn hatte. Nur das einemal ſagten dies die Eheleute einander und ſonſt nie. Der Furchenbauer lebte ganz für ſich, er ſchloß ſich an Nie⸗ manden an, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten; mit ſeiner Schweſter und mit ſeinem einzigen Schwager, dem Gips⸗ müller, lebte er in oberflächlicher Beziehung, die ſich nachmals durch einen Streit in gegenſeitiges einander Vergeſſen verwan⸗ delte; nicht einmal mit ſeiner Frau beredete er was er vorhatte, er war eine einſame Natur, ohne Anhänglichkeit und ohne Abhängig⸗ keit, man kann faſt ſagen, er ſelber war ein geſchloſſenes Gut. Es kamen mehr Kinder als ſonſt in einem ſolchen Bauern⸗ hofe gewöhnlich iſt. Der Bauer war viel unwirſch; wenn er aber den Neugeborenen auf den Armen hielt, war er ſeltſam weich und liebevoll. Vier Kinder lagen auf dem eine Stunde weit ent⸗ fernten Kirchhofe, drei Söhne und Ameile waren geblieben, der Alban war nach dem Schmalzgrafen der älteſte, Vinzenz der jüngſte. Da wurde abermals ein Sohn geboren, und als zwei Tage darauf Vinzenz mit dem Vater vom Kornmarkte heimfuhr, ſagte der kecke Burſche: „Vater, es iſt ein Schand und Spott und Ihr ſolltet Euch auch ſchämen wie ich, daß ich noch ein kleines Brüderchen be⸗ kommen hab.“ Der Furchenbauer ward ob dieſer Rede ſo wild, daß er ihn niederwarf und ihm mit dem Peitſchenſtiel ſo ins Ge⸗ ſicht hieb, daß er ihm ein Aug ausſchlug. der der wel hr, Das war ein Jammer als der Vater mit dem einäugigen Sohn heimkam und in derſelben Stunde war das kleine Brüder⸗ chen geſtorben, dem die Wehmutter noch die Nothtaufe gab. Es war nun ein ſeltſam zerſtörtes Leben auf dem Furchen⸗ hofe. Der alte Bauer lebte in Unfriede mit ſich und mit der Welt, er ſchlug die Augen nieder wenn er den Vinzenz ſah, den er ſo jämmerlich verletzt hatte und verhätſchelte ihn auf allerlei Weiſe. Der Vinzenz zeigte jetzt ein herriſches und tückiſches We⸗ ſen und lebte in ſtetem Hader mit ſeinem älteren Bruder Alban, der bis jetzt, ſo weit es ging, der natürliche Herrſcher des Hauſes geweſen war, denn er war zu Allem anſtellig und allzeit aufge⸗ weckt und wußte beſonders gut mit den neuen Pflügen, Häckſel⸗ ſchneide⸗ und Säemaſchinen umzugehen, die der Furchenbauer angeſchafft hatte, da er den Ruhm eines aufgeklärten Landwir⸗ thes beſitzen und es gerne ſo weit es ſeinem Vortheil entſprach, den ſtudirten und adeligen Gutsbeſitzern der Gegend gleichthun wollte. Jetzt ſchien Alles auseinanderzufahren, Niemand war mehr recht bei der Arbeit; aber ein feſtgefugtes Anweſen hat ſo viel innere Stetigkeit, daß es auch ohne beſondere Leitung noch eine Weile ſeinen geregelten Gang fortgeht und dazu kam noch, daß Dominik ſich jetzt in ſeiner ganzen Verſtändigkeit und Treue zeigte; er ließ die drinnen im Hauſe zanken und ſchelten und ſorgte unermüdlich dafür, daß Alles in Feld und Stall und Scheunen gehörig vollführt wurde. Der Furchenbauer fand end⸗ lich einen glücklichen Ausweg. Alban hatte ſchon oft gewünſcht, in eine Ackerbauſchule einzutreten, jetzt ward ihm ſolches gewährt. Kam dieſe Gewährung auch für Alban etwas zu ſpät, er ließ ſich doch auf Zureden der Mutter, der Schweſter und des Domi⸗ nik zu deren Annahme bewegen, und nach ſeinem Weggange ſchien auch wieder Friede und Ruhe im Hauſe zu herrſchen. Nur ſah man den Furchenbauer oft heimlich knirſchen, der Vinzenz ſchien ihn in aller Wege zu quälen und ſeine Befehle zu ver⸗ höhnen, und ſo reichlich er ihm auch gegen ſeine Gewohnheit Taſchengeld gab, er war nie damit zufrieden und man mußte bald da bald dort Schulden für ihn bezahlen und allerlei böſe Streiche vertuſchen. Vinzenz hatte es Niemanden geſagt, wie er um ſein eines Auge gekommen war, die Drohung damit gegen den Vater ward eine ergiebige Quelle für allerlei Gewährung. Endlich ſchien auch dieß ſich beizulegen, Vinzenz wurde arbeit⸗ ſamer und häuslicher und der Furchenbauer eröffnete ſeiner Frau, daß er ſich entſchloſſen habe, dem Vinzenz einſtmalen das Gut zu übergeben, der Alban ſei ein aufgeweckter Burſche, der ſich leicht durch die Welt bringen und eine reiche Lehnbeſitzerin*) erobern könne. Die Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, in ihrer Heimath war es ohnedieß Sitte, daß nicht der Aelteſte ſondern der Jüngſtgeborne das väterliche Erbe erhielt und den anderen Geſchwiſtern eine nothdürftige Abfindung ausbezahlte. Sie ahnte wohl, daß dieſe Neuerung hier zu Lande und beſon⸗ ders bei Alban nicht ſo glatt abginge, aber ſie beſchwichtigte ihre Sorge, ja ſie freute ſich vollauf der nun wieder herrſchen⸗ den Eintracht; ſie war eine kluge und behagliche Frau, die die Freude des heutigen Tages nicht mit Kummer um kommende Zeiten verſcheuchte. Der Völlerfrühling und ein flammendes Jünglingsherz. Zu Lichtmeß 48 kehrte Alban wieder auf den väterlichen Hof zurück. Die Mutter hatte ihre Freude an dem ſchönen Bur⸗ ſchen und betrachtete ihn oft als wäre er ein Fremder. Die brau⸗ nen Haare, die nur am vvalen Hinterkopfe ganz glatt geſchoren waren, trug er auf dem breiten Oberhaupte geſcheitelt; wie leuch⸗ tete die weiße Stirne, doppelt hell über dem ſonnverbrannten Antlitze mit dem braunen Schnurr- und Knebelbarte, wie glänz⸗ ten die braunen Augen, die er ſo hoch aufſchlug, daß man unter den tief hereinſtehenden Brauen gar kein Augenlid ſah. Er trug ein nach vorn geöffnetes kurzes graues Burgunderhemd, die ſo⸗ genannte Blouſe, und alle ſeine Bewegungen, jeder Schritt, jede Stellung und Wendung war allzeit geſchloſſen und mit ge⸗ *) Die meiſten großeu Bauerngüter waren oder hießen noch Lehen. ſammelter Kraft, Alles machte den Eindruck der Friſche und ſtraffen Jugendlichkeit. Die Mutter hatte nicht allein ihre Freude an dem ſchönen Sohne, wer auf den Hof kam, konnte ſein nicht Rühmens genug finden und die ganze Gegend war ſtolz auf ihn. Die Mutter hatte es vollkommen getroffen, wenn ſie nach dem landesüblichen Ausdrucke ſagte:„Mein Alban iſt ein waidli⸗ cher Burſch“, denn mit waidlich bezeichnet man das Hurtige wie das Jugendfriſche. Begriff und Wort Jüngling ſterben jetzt allmälig faſt aus, Alban war noch ein Jüngling in der friſchen Bedeutung des Wortes, kindlich hingebend und hell aufflammend. Er war in dem Jahre ſeiner Abweſenheit faſt jünger geworden. Er hatte ein freies Behaben aus der Fremde mitgebracht, das aber hei⸗ mathlich anmuthete. Er hatte fremde Gedanken mitgebracht wie auch fremde Lieder, die man ihm bald auf dem Hofe nachſang, aber zum Ruhme ſeiner Lehrer wie ſeines eignen Naturells muß geſagt werden, er hatte ſich in keinerlei Weiſe der Heimath ent⸗ fremdet, ſein Weſen hatte nur etwas Sonntägliches und das paßte ganz zu dem neuen glorreichen Sonntag, der jetzt über der Welt aufgegangen war. Einſtimmig wurde Alban zum Leitmann gewählt, als man, von dem noch jetzt unerklärten Franzoſenlärm geſchreckt, ſich vorerſt mit geſtreckten Senſen bewaffnete. Auch Dominik war mit unter den Bewaffneten, der Furchenbauer hatte ihm ausdrücklich die Erlaubniß gegeben. Wie oft ſtand die Mutter mit Ameile hinter dem„Käppele“ und ſchaute nach dem Thale, wo ihr Sohn wie ein Feldherr re⸗ gierte, oder ſie ging gegen ihre Gewohnheit am Werktage nach dem Thale, um in der Nähe ihren Sohn commandiren zu ſehen, der mit Hülfe des Dominik und des Nagelſchmieds, eines ehe⸗ maligen Soldaten, der als Häusler und Taglöhner auf dem Hollberge wohnte, militäriſche Ordnung einübte. Wenn er dann mit der ſchwarzrothgoldenen Schärpe angethan mit ihr nach Hauſe ging, ſagte ſie ihm oft:„Du könnteſt Offizier ſein“, und dann erzählte er ihr von der Schweiz, wohin er mit dem Lehrer und den Genoſſen eine landwirthſchaftliche Reiſe gemacht hatte und 24— wo die reichen Bauernſöhne Offiziere ſeien, das ganze Jahr nach Pflicht arbeiteten und nur zu den alljährlichen Uebungen ein⸗ rückten. Die gute Frau ließ oft der freudige Gedanke nicht ſchla⸗ fen, daß ihr Alban Offizier ſei. Der Furchenbauer ſah die Erwählung ſeines Alban doppelt gerne und zog daraus manchen troſtreichen Gedanken, den er aber in ſich verſchließen mußte. Schon die Erwägungen, die bei der Wahl der Führer in Dörfern und Städten zu Tage kamen, zeigten eine gewiſſe Un⸗ entſchiedenheit der Gemüther, die ſich bald im großen Ganzen kenntlich und verderblich darſtellte. Es herrſchte eine allgemeine Stimmung, daß der Nagelſchmied als ehemaliger Soldat und redlicher geſcheiter Mann Führer ſein ſollte; man ſah das wohl ein, aber man wollte doch auch wieder einen Mann von Anſehen, der auch Bedeutung hatte. Die Parteien vereinigten ſich zuletzt und um Allem gerecht zu ſein, wählte man keinen Hofbauern, ſondern den Sohn eines ſolchen und Alban war nach Stellung und Perſönlichkeit dazu am geeignetſten. Auf dem Hofe ſtanden Mägde und Knechte oft bei einander und der Hauptgegenſtand ihres Geſpräches war der Alban, wie der ſo gut und zutraulich gegen Jedermann ſei und ſelbſt der Kühbub wußte Lobendes von ihm zu erzählen, Alban hatte ihm verſprochen, daß er Trommler werden ſolle und er übte ſich einſt⸗ weilen mit zwei Stöcken auf dem Melkkübel. In die Dienſtleute ſchien ein unruhiger Geiſt gefahren; unverſehens ſtanden mehrere bei einander und plauderten von allerlei Abentheuerlichem, von einer ganz neuen Welt, die jetzt anfange. Auf der erſten Volks⸗ verſammlung die man erlebte und die in Wellendingen gehalten ward, hatte ein Advokat öffentlich ausgerufen:„die ganze alte Welt wird jetzt auf den Abbruch verſteigert.“ Dies Wort wurde von einſamen Wanderern über Berg und Thal getragen, man glaubte daran wie an einen Bibeltert und manche Predigt wurde darüber gehalten. Der Furchenbauer zankte oft über dieſe„Stän⸗ derlinge“ aber behutſam, dieſe Unruhe, die in alle Menſchen ge⸗ fahren war, däuchte ihm nicht geheuer. Es war ihm nur lieb, daß ſein Sohn Anführer war, das ſchützte ihn gegen das Räu⸗ bervolk, denn als ſolches betrachtete er jetzt alle Nichtbeſitzenden, die ſich in der That jetzt die keckſten Waldfrevel ungeahndet er⸗ laubten und kein Förſter hatte Muth gegen ſie. Dem Alban folg⸗ ten die Dienſtleute auf einen Augenwink und mit dem größten Eifer. Ohne beſondere offizielle Erklärung wurde der Thronfolger Alban zum Mitregenten und der Dominik, der zum Oberknecht er⸗ nanntwar, erſter Miniſter. Der Furchenbauer mußte bekennen, daß Alles gut von ſtatten ging, wenn ihm gleich die vielen freundlichen Anſprachen an Dienſtleute und Tagelöhner nicht gefielen; aber es war jetzt eine neue Welt. Hätte Alban jetzt das väterliche Gut von ihm verlangt, er hätte es ihm geben müſſen, trotzdem er mit Handſchlag dem Vinzenz verſprochen, ihn einzuſetzen und mit ihm darauf das Abendmahl genommen hatte. Alban dachte an nichts weniger als an derlei Dinge. Er fühlte wohl, daß ſein einäugi⸗ ger Bruder, der nicht gleich ihm in der Fremde geweſen war, ſich bedrückt fühlen und neidiſch gegen ihn ſein mußte; er behan⸗ delte ihn daher trotz ſeines unwirſchen Gebarens mit zuvorkom⸗ mender Liebe und wo er nur konnte, ſtellte er ihn voran und keß ihn Befehle ertheilen. Vinzenz ließ ſich das gefallen, er ver⸗ ſchloß in ſich hinein die Gedanken und Plane, daß wieder andere Zeiten kommen werden, wo der Alban froh ſein werde, wenn er ihn als Verwalter oder Knecht zu ſich nehme. In der Kammer, wo die beiden Brüder ſchliefen, herrſchte Friede und Eintracht. Vinzenz ſprach wenig, deſto mehr aber Alban und wenn der Va⸗ ter nach ſeiner Gewohnheit, von der er nicht laſſen konnte, manch⸗ mal an der Thüre horchte, ging er kopfſchüttelnd weg. Der Alban offenbarte allzeit ein ſo grundklares lauteres Gemüth und war dabei ſo geſchickt und welterfahren, daß es ihm manchmal leid that, ihn nicht in das Gut einſetzen zu können; der würde einen Hof hinſtellen, wie landauf und landab keiner zu ſehen war; er tröſtete ſich aber wieder damit, dem Alban könne es nicht fehlen, ſich eine reiche Lehnbeſitzerin zu holen, die fürnehmſte, die er wolle, der Vinzenz aber war vom Vater verſtümmelt und konnte ſich ohnedieß nicht ſelber helfen. Jenes wonnige Beben, das damals die gedrückten Herzen von ganz Europa durchzitterte, jene freudige Ahnung, daß die Zeit der Noth und der Ehrloſigkeit vorüber ſei, machte ſich damals auf dem Furchenhofe und in der Umgegend in eigenthümlicher Weiſe geltend. In Wald und Feld, mit Art und Pflug in der Hand, ſchaute Jegliches oft plötzlich aus als müßte ein Wunder kommen, ein neues Erlöſungswerk, das auf Einmal Alles richte und ſchlichte. Es war die Zeit der Zeichen und Wunder, alle Sehnſucht und alle Verheißung, die mehr oder minder klar in den Gemü⸗ thern ruhte, ſollte ihre Erfüllung finden, die Erlöſung war da für die hochſtrebenden die ganze Menſchheitentwicklung erfaſſen⸗ den Geiſter wie auch für diejenigen, die in beſchränkte Geſichts⸗ kreiſe eingeſchloſſen waren. Die Hoffnung, daß eine Zeit gekommen ſei, in der man ſei— nes Schweißes froh werde, bildete ſich oft abenteuerlich aus. Oft wenn einer in einer verborgenen Thalſchlucht oder tief im Walde arbeiten mußte, überkam es ihn plötzlich wie ein jäher Schreck, daß er jetzt den Triumphzug verſäume, der die Heerſtraße dahin⸗ zieht und Alles glückſelig macht. Die Taglöhner ſprachen oft wild durcheinander wegen Vertheilung der Allmend und des Gemein⸗ dewaldes, wegen Erhöhung des Taglohnes und Kürzung der Ar⸗ beitszeit, und mancher lang verwundene und halb vergeſſene Schmerz kam an den Tag. Alban ſprach da und dort mit bered⸗ ter Zunge und hatte einen hülfreichen Beiſtand an dem verſtän⸗ digen Nagelſchmied, der mit ſeiner Tochter Vreni auf dem Fur⸗ chenhof als Taglöhner arbeitete. Der Nagelſchmied hieß nur noch ſo, aber er war es nicht mehr. Noch vor wenigen Jahren hatte er im Sommer als Taglöhner auf den benachbarten Höfen gearbeitet und im Winter Nägel verfertigt, wobei ihm ſeine Frau und ſeine Goldfuchſen, wie er ſeine Kinder mit röthlichbraunem Haare nannte, halfen, und beſonders die zweitälteſte Tochter Vreni zeigte eine große Kunſtfertigkeit. Durch ein Verbot der Regierung wurde ihm dies Gewerbe unterſagt, weil es nach dem Buchſtaben des Geſetzes nicht unter die freien Gewerbe gehörte. — 2— Vreni hatte das Strohflechten erlernt und ſo oft ſie zur Feldar⸗ beit ging oder von derſelben heimkehrte, ſah man ſie mit grobem Geflechte beſchäftigt; zu dem feineren waren ihre Hände durch die Feldarbeit und die frühere Thätigkeit in der Werkſtätte ungeſchickt geworden. Jetzt hoffte der Nagelſchmied wieder ſein Gewerbe aufneh⸗ men zu dürfen und Alban verſprach ihm zur Anſchaffung des Handwerkszeuges, das er in Noth verkauft hatte, behülflich zu ſein. Auf dem Furchenhofe wurde allzeit mit doppelter Lebhaftig⸗ keit und unter Lachen und Singen gearbeitet, jeder war luſtig ohne zu wiſſen warum und ohne weiter darnach zu fragen. Im Frühling, wo grade die härteſte Nothzeit iſt, da die Wintervor⸗ räthe aufgebraucht ſind, vertheilte Alban freiwillig Korn als Vor⸗ ſchuß unter die Taglöhner und der alte Furchenbauer mußte ihm trotz der Widerrede Recht geben, denn andere Großbauern wur⸗ den zu dem gezwungen, was er freiwillig gethan hatte und wo⸗ für er nun Dank erhielt. Alban und ſein Vater ritten einſt zu der großen Verſamm⸗ lung in Wellendingen, die der Candidat für die Stelle eines Reichs⸗ tags⸗Abgeordneten anberaumt hatte. Alban war auf dem Heim⸗ wege ganz erfüllt von den feurigen Worten, die er vernommen, er hatte zum erſtenmal unter freiem Himmel befreiende Worte gehört und mit eingeſtimmt in den tauſendſtimmigen Jubel. Als er auf dem Heimwege ſein Herz gegen den Vater ausſchüttete und endlich ſagte, er müſſe dem Volksmann ſeine Stimme geben, ſagte der Vater: „Ja, das thu ich auch. Man muß jetzt mitthun.“ „Und ich mit,“ rief Alban. „Ja ſo,“ fuhr der Vater fort„du ſtimmſt ja auch? Das hab ich faſt vergeſſen. Freilich es iſt ja jetzt Alles gleich, Vater und Kind und wer was hat und wer nichts hat; es iſt All eins. Ich bin froh, daß ich tief in den Sechzig bin, das iſt kein' Welt für mich; die Bettelleut dürfen nicht mitreden, der Nagelſchmied darf nicht mitſtimmen wie ich.“ Alban ſchwieg, er traute ſich's nicht zu, ſeinen Vater zu anderer Ueberzeugung zu bringen; auch war er an die natürliche und Oberherrlichkeit des Vaters gewöhnt und wagte es nicht ihm geradezu zu widerſprechen. Man würde indeß dem Furchenbauer ſchwer Unrecht thun, wenn man einen gewiſſen Freimuth deſſelben in Zweifel zöge. Der Bauer auf Einzechten(wie man die weit auseinander⸗ liegenden geſchloſſenen Güter nennt) iſt ein ganz anderer, als der in den Dörfern lebt. Die Alles in ihr Netz ſpannende neue Regierungskunſt, oder vielmehr Polizeikunſt, hat nur eine loſe Verknüpfung mit ſolchen einſamen Höfen und nur ſelten betritt ein Diener der Obrigkeit die oft einen großen Theil des Jahres unwegſamen Pfade, die dahin führen. Dadurch bildet ſich in dem Hofbauer die eine Seite des freiſtaatlichen Lebens, das Gefühl der Unabhängigkeit und die eiferſüchtige Wahrung deſſelben mäch⸗ tig aus. Die Markſcheide, wo die Unabhängigkeit zu Eigenſucht wird, tritt nur ſelten zu Tage. Hat die Büreaukratie aus den Bürgern in Städten und zuſammenhängenden Dörfern jeden Gemeinſinn, jede Selbſtthätigkeit für's Allgemeine allmälig gründ⸗ lich ausgetrieben, ſo iſt der einſame Bauer draußen oft gar nie dazu gekommen. Unſer Furchenbauer galt von je her als ein Liberaler und er war dieß auch nach dem bisher gewohnten Begriff. So oft er mit den Beamten in Berührung trat, war er ſtolz und zäh. Wenn er aufs Amt kam, ſagte ſein Gang, ſeine Miene:„Was ſeid denn ihr Schreiber gegen mich? Ich bin der Furchenbauer,“ und nur Einmal vertraute er in ſonſt nie vorgekommener Offenher⸗ zigkeit dem Hirzenbaut von Nellingen einen Geheimgedanken mit den Worten:„Die Beamten haben doch weit mehr vor einem, der kein unterthäniger Jamenſch iſt, wenn ſie ihn auch nicht leiden mögen.“ Dazu kam, daß trotz ſeines Stolzes ihm die Vertraulichkeit der angeſehenen Männer aus der organi⸗ ſirten liberalen Partei wohlthat; er duzte ſich mit mehreren Ad⸗ vokaten und ſogar mit dem ausgetretenen Geheimrath, der trotz ſeines Liberalismus doch beharrlich Geheimrath betitelt wurde. Der Furchenbauer hörte ſich gern als freien Mann rühmen, der nach Niemanden was zu fragen habe, er ſprach bei den Wahl⸗ verſammlungen nie öffentlich und kaum mit einem Nachbar, aber bei der Abſtimmung war er feſt und ſicher. Jetzt war eine andere Zeit gekommen. Freilich war es ſchön, daß zwei von den Duzbrüdern des Furchenbauern jetzt Miniſter waren. Damit ſollte aber auch die Welt zufrieden ſein, und un⸗ erträglich war's, daß jetzt Jeder die Keckheit hatte, auch ein Li⸗ beraler ſein zu wollen, das iſt doch etwas, was nur Leuten zu⸗ ſteht, die nach Niemanden was zu fragen haben, wie kommt ſo ein Häusler dazu? Und himmelſchreiend war's, daß jetzt auch ein Kind, das noch keinen Kreuzer eigen Vermögen beſaß, mitſtim⸗ men durfte wie der Vater. Ob dieſer Wahrnehmungen war der Furchenbauer viel un⸗ wirſch, aber er verſchloß ſeinen Widerſtreit in ſich. Nur Einmal gab er ihn kund, indem er Alban befahl und als dieß nichts half, ihn ſogar bat, von ſeinem Stimmrechte keinen Gebrauch zu machen; aber Alban ließ ſich das nicht nehmen, er hatte von der Volks⸗ verſammlung das Schlagwort mitgebracht:„Wehrpflicht, Wahl— recht;“ und was er einmal in ſeinem Herzen aufgenommen, ließ er nicht mehr los. Alban war bei der Volkswehr und ein Jubel⸗ tag war es für ihn, als er zum erſtenmale in ſeinem Leben ſeine Stimme abgab. Vinzenz hatte dem Vater willfahrt und darauf verzichtet. Freies Gut, freies Brod, und ein Blitz vom Himmel. Im Laufe des Sommers kam ein Ereigniß, das auch den alten Furchenbauer plötzlich für die neue Zeit gewann. Der Furchenhof war noch von Altersher ein ſogenanntes Erblehen, auf dem mancherlei Laſten und Abgaben ruhten; jetzt durften dieſe alleſammt abgelöſt werden. Der Hof, den man nahezu auf hunderttauſend Gulden ſchätzen durfte, wurde durch die Ausbe⸗ zahlung von ſechstauſend Gulden freies Eigenthum, an dem Niemand mehr irgend einen Rechtstitel oder einen Antheil hatte. In baarem Gelde brachte der Furchenbauer die Summe auf — das Kameralamt und kam doppelt glückſelig und freudeſtrahlend wieder, denn er hatte in der Stadt gehört, daß fortan auch die adeligen Gutsherren unter dem Schultheiß ſtehen wie jeder andere. Jetzt bin ich ſo viel wie ein Baron und ich ſchaff mir jetzt für unſer Käppele eine Glock an, ich darf's jetzt ſo gut wie ein Baron; ich brauch Niemand darum anfragen,“ ſagte der Fur⸗ chenbauer zu ſeiner Frau und ſeinen Kindern und ſtrich ſich be⸗ haglich mit der breiten Hand über ſeine rothe Bruſtweſte. Er ging lächelnd und behende durch Ställe und Scheunen, auf die Felder und in den Wald und betrachtete Alles neu, als grüßte er's erſt jetzt als ſein rechtes Eigenthum. Vinzenz zuckte mit dem einen Auge als der Vater am Abend zu ihm und Alban ſagte: „Ihr Buben krieget's beſſer als wir's gehabt haben, ihr ſeid Freiherren.“ „Ja, und jetzt darf man mit dem Hof ſchalten und walten wie man will,“ ſetzte Vinzenz hinzu. „Vor der Hand bleib Ich noch ein' Zeitlang Freiherr, Punk⸗ tum,“ ſchloß der Vater und keiner der Söhne wagte mehr ein Wort zu reden; ſie mußten es ſchon als eine Gnade anſehen, daß der Vater ſo viel mit ihnen geſprochen hatte. „Der Profeſſor auf der Volksverſammlung hat Recht ge⸗ habt,“ ſagte Alban halb für ſich,„es darf keine Grundherren mehr geben, nur noch einen Himmelsherrn.“ Der alte Furchenbauer antwortete nichts hierauf.— So lange ſchon dieſer Boden die nährende Frucht hervor⸗ bringt und von Geſchlecht zu Geſchlecht ſättigt, wurde gewiß noch nie freudiger die Sichel gehandhabt als in dieſem Jahre, und der erſte Garbenwagen, den Dominik vierſpännig in den Hof einführte, war bekränzt und ihm nach jauchzten die Schnitter und Schnitterinnen. Alban hätte gerne den erſten Garbenwagen unter dem Geſange aller Arbeitenden in den Hof geleitet, aber das ging jetzt in der hohen Ernte nicht an. Wenn auch das Wetter ſtändig ſchien, durfte man doch keine Minute Zeit ver⸗ lieren; denn nur was man glücklich unter Dach oder in Feime und Stadel hat, darf man erſt recht ſein eigen nennen. Der 3 Vater hätte es nicht geduldet, daß man Zeit damit verlor, einen Kranz zu winden, und darum war es klug von Vreni, daß ſie einen fertigen Kranz mitgebracht hatte. Der alte Furchenbauer ſah ſcheel dazu, aber er ſagte nichts, als Alban an einem Nagel des Scheunenthores ein Papier auf⸗ hängte, die Garben beim Abladen zählen ließ und die Summe auf das Papier verzeichnete; er wollte dem Alban den unſchul⸗ digen Stolz gönnen, die neue Art, die alles Erträgniß buchte, zu zeigen. Noch war der eine Wagen nicht abgeladen als ſchon ein an⸗ derer vor der Scheune hielt und ſo ging es fort bis zum Abend, Menſch und Thier war in raſtloſer Thätigkeit und vor Allem ſchien ſich die Kraft und Behendigkeit Albans zu vervielfältigen. Er war überall. Die Sonne war ſchon hinabgeſunken und nur noch leichte rothe Wolkenſtreifen ſtanden ruhig über den blauen Waldbergen und kündigten für morgen einen gleichen geſegneten Tag, als man für heute den letzten Garbenwagen einführte und hinter ihm ſangen Schnitter und Schnitterinnen helle Lieder und die Lerchen über den Feldern erhoben ſich nochmals zum letzten Abendſange. Alban ging unter den Tagelöhnern und ſang mit, ſeine Stimme tönte rein und hell; er hatte auf der Ackerbauſchule nach Noten ſingen gelernt, war aber den Weiſen ſeiner Heimath in nichts fremd geworden, er ſtimmte mit doppelter Luſt ein in den Ge⸗ ſang, der von Natur ſich vierſtimmig ſetzte. Seine Stimme und die Vreni's begannen ſtets. Jeder der Vreni ſah, mußte geſtehen, daß ſie eine friſche und anmuthende Erſcheinung war, wenn Mancher auch die Zartheit ihrer Geſichtsfarbe auf Rechnung ihres braunen röthlich glänzen⸗ den Haares ſchrieb, das ihr wie allen Kindern des Nagelſchmieds die Bezeichnung der Goldfuchſen gab. Niemand aber erſah Vreni ſo ſchön als Alban. Wenn er ſeinen Blick auf ſie richtete, erglühte ihre Stirne, ſie ſenkte das Auge in Demuth, aber aus ihrem ganzen Angeſichte leuchtete es wie eine Strahlenglorie. Jetzt beim Singen hielt ſie zum erſtenmale ſeinen Blick unverwandt mit 32— offenem Auge aus, aber Alban wendete ſich plötzlich von ihr ab und ward ſtille. Sein Blick war feſt auf den Garbenwagen ge⸗ heftet. Der brachte das erſte Brod des wahrhaft freien Mannes und das Auge Albans leuchtete hell, denn er dachte der Männet, die dort in der alten Reichsſtadt rathen und helſen, daß Freiheit und Wohlſtand allüberall ſei. Noch einmal jauchzte er hellauf als man in den Hof einfuhr. Nach dem Abendeſſen ging es erſt recht luſtig her, denn es kam ein Mann, der mit dem Athem ſeines Mundes Alles tanzen und ſpringen machte. Auf dem Hellberge in der ehemaligen Na— gelſchmiede wohnte das alte Müllerle, genannt„die Obedfüchti“ (Abendfeuchtigkeit) weil es in der Regel in der Dämmerungs⸗ ſtunde vor den Bauernhäuſern erſchien und die Klarinette blies. Die Obedfüchti arbeitete nicht und ſorgte nicht und war doch all⸗ zeit luſtig und wohlauf. Vor Zeiten war das Müllerle ein Kame⸗ rad des Geigerlex geweſen und war auch ein Nachkomme jenes närriſchen Muſikanten, der am Felſen beim Hallberge ſein Leben vergeigte und wovon der Fels noch immer den Namen des Gei⸗ gerles Lotterbett hat. Auf dem Furchenhofe war die Obedfüchti bei Alt und Jung beliebt und ging nie leer aus. „Die Obedfüchti! die Obedfüchti!“ ſchrie Alles als man jetzt Klarinettenton vom Hofe hörte und trotz der Ermüdung von der Arbeit wurde noch in der Tenne getanzt. Alban war auch hier der unermüdlichſte, aber obgleich ſeine hübſchen Baſen, die beiden Töchter des Gipsmüllers, auch dazu gekommen waren, tanzte er doch faſt ausſchließlich mit der Vreni, der Tochter des Nagelſchmieds. Vinzenz hinterbrachte dem Vater, daß Alban im Jubel der Vreni zugerufen habe, ſie müſſe Bäue⸗ rin auf dem Furchenhofe werden. Der Vater hatte ſchon lange bemerkt, daß Alban mit der Vreni etwas habe, er hatte nichts dagegen, daß ſein Sohn mit dem wie er ſelbſt geſtehen mußte „bildſaubern Mädle“ ſeine Luſtbarkeit trieb, das darf ein reicher Bauernſohn; aber was ſoll ein ſolches Geſchwätz? 3 „ Bevor Albdn ſchlafen ging, rief ihn der Vater zu ſich und ſagte ihm: „Ich will dir ein für allemal zu wiſſen thun. Mach mir mit der Vreni keinen ſo Spaß mehr.“ „Was hab ich denn than?“ „Du haſt ihr geſagt, ſie muß Bäuerin auf dem Furchenhof werden. Das geht über den Spaß. Oder willſt's leugnen?“ „Nein, es kann ſein, daß ich's geſagt hab.“ „Du haſt's geſagt. Punktum. Und ſo ein Spaß darf nicht mehr vorkommen.“ „Nein,“ ſchloß Alban und ging tiefathmend die Treppe hin⸗ auf. Hatte er bei der erſten Probe ſeine Liebe verleugnet? Bei aller innigen Hingebung, bei aller leicht beſchwingten Freudigkeit laſtete doch ein geheimer Druck auf dem Herzen Albans, der ſein ſcheinbar ſo entſchloſſenes und feſtes Weſen in ſtillen Stunden zaghaft und zweifleriſch machte. Nicht ſowohl das Hausweſen als die ganze ſtarre Art des Vaters war ihm bei der Heimkehr fremd und unerträglich. Der Lehrer in der Ackerbauſchule hatte ihm beim Abſchiede ans Herz gelegt und die Mutter faſt mit denſelben Worten das Gleiche wiederholt, er möge in Liebe und Demuth die altgewohnte Weiſe des Vaters aufnehmen und ihm dankbar und erkenntlich ſein, auch wo ihm ſeine Art widerſtrebe. Wäre Alban in ruhigen Zeiten wieder in das elterliche Haus eingetre⸗ ten, vielleicht wäre ihm das leichter gelungen, aber auch jetzt wollte er vor Allem ein gehorſamer und ehrerbietiger Sohn ſein. Er ſagte ſich nun, daß die Vreni alles für Scherz nehmen müſſe und es war ja auch nicht mehr, und der Vater hatte Recht ſolch ein Verhältniß taugte nicht für ihn, er mußte einſt eine Frau haben, von deren Vermögen er die Geſchwiſter auszahlen konnte bei Uebernahme des Hofes. Dennoch war Alban am andern Tage unluſtig zur Arbeit und erbat ſich vom Vater die Erlaubniß, nach Wellendingen zu einer Volksverſammlung zu gehen, auf der eines Bauern Sohn, der Lorenz von Röthhauſen, genannt Lenz oder auch die rothe Weſte, durch ſeine körnigen und ſchlagfertigen Worte Alles entzündete. Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 3 Widerwillige und ungläubige Hörer würde man heut zu Tage finden, wenn man die Reden und Schickſale dieſes Bauernjüng⸗ lings erzählen wollte; der Hauch der Zeit hatte ihn mit einem Prophetengeiſte angeweht, wie uns ein Gleiches nur von alten Zeiten berichtet wird und er beſiegelte ſeine Sendung mit dem Märtyrertode. Damals riß er alle Herzen in unwiderſtehlicher Gewalt fort. Alban fühlte bei den Reden des Lenz alles Blut in ſeine Wangen treten und oftmals ergriff es ihn als wurde er von einem Sturme davon getragen, er wollte auch hinauf auf die blumenbekränzte Rednerbühne, er mußte— aber er bezwang ſich doch und vor Allem im Gedanken an ſeinen Vater. Der Lenz mußte in anderen Verhältniſſen ſtehen, der Furchenbauer hätte es ſeinem Sohne nie verziehen, wenn er es gewagt hätte, vor aller Welt hinzutreten und ſich geltend zu machen; er ſagte es oft: die Jungen müſſen ſchweigen und zuwarten in Dingen, in denen nur die Alten mitreden durften. Mitten im Sturm ſeiner Gefühle beugte ſich Alban der gewohnten väterlichen Gewalt, er ſchluckte die Worte hinab, die er auf der Zunge hatte. Es ſchien faſt nicht möglich, daß Alban noch mächtiger er⸗ griffen wurde als von der Rede des Lenz von Röthhauſen, und doch war es ſo. Unter allgemeinem Jubel trat nach dem Lenz von Röthhauſen ein ehemaliger Offizier mit vornehmem Namen auf und die Worte, die er ſprach, glühten von einer höheren Weihe, die Alban faſt kirchlich erſchien; in der That wiederholte der Redner auch oft die Bibelworte: Kain! Wo iſt dein Bruder Abel?“ Er griff die bisherige Erbfolge im Güterbeſitze an und zeigte deren gräßliche Verderbniß und Ungerechtigkeit.„Der Schweiß deines Bruders, den du dir zum Knechte machſt, der Schweiß deines Bruders ſchreit wider dich zum Himmel und die Stimme deines Gewiſſens muß rufen: Kain, wo iſt dein Bruder?“ Jetzt drängte es Alban nicht mehr zum Reden, in ihm ſprach es immer: „Kain, wo iſt dein Bruder?“ Alban war ein Gemüth, das dem empfangenen Eindrucke ſich widerſtandslos hingab und kein Hinderniß und keinen Ein⸗ wand anerkennen mochte, wo es die heilige Pflicht galt, dem Rechten zu gehorſamen. In den feurigen Worten, die er heute vernommen, erwachte es plötzlich in ihm, in welch ſchmählicher Verwahrloſung die ganze Welt ſteht, wie Bruder den Bruder vergißt, ſich gütlich thut im eigenen Wohlſtande und den Neben⸗ menſchen verkommen läßt. Wäre jetzt wie zu jenem reichen Jüng⸗ ling in der Schrift ein Heiland zu ihm getreten und hätte ihm geboten, gieb hin Alles was du dein nennſt, er wäre ihm mit Freude gefolgt. Der Pächter des Sabelsbergiſchen Gutes in Rei⸗ chenbach hat nachmals oft erzählt, wie leuchtend das Antlitz Al⸗ bans war als er eine Strecke mit ihm von der Volksverſamm⸗ lung heimging und plötzlich ſtehen blieb und die Worte ausrief: „Es geht doch nicht anders, man muß Alles hergeben.“ Er wurde ſtill und traurig bei den Einreden, aber noch am andern Morgen ſagte er glühenden Antlitzes dem Vater:„Vater, das iſt feſt und heilig bei mir, wenn ich das Gut übernehm' zahl ich meinen Geſchwiſtern heraus, was das Gut wirklich werth iſt; es iſt bis jetzt viel zu gering angeſchlagen.“ „Wart's ab, du kannſt dich wieder anders beſinnen“, ſagte der Vater, worauf Alban aufflammend entgegnete:„Ich werd' nie ungerechtes Gut haben.“ Alban war erſt ſpät heimgekommen, er behauptete ſo lange in Wellendingen geweſen zu ſein, er hatte ſich aber auf dem Hell⸗ berg bei des Nagelſchmieds Vreni aufgehalten. Von kleinen Leuten und ſchweren Gedanken. Des Menſchen Herz iſt, wie es heißt, trotzig und verzagt und unerforſchlich in ſeinen Widerſprüchen. Weil Alban vor aller Welt der unſichtbaren väterlichen Gewalt ſich gebeugt hatte, ſprach er ſich wiederum davon frei in Dingen, die nur ihn allein an⸗ gingen, und gleichſam als Lohn ſeiner Unterwürfigkeit ſtreifte er dieſelbe ab, folgte dem Drange ſeines Herzens und die Erregung, die noch in ſeinem Gemüthe nachzitterte, ergoß ſich in feuriger Liebe zu Vreni auf dem Hellberge. Dort unter freiem Himmel 3* hatten es heute Tauſende gehört und im Innern nachgeſprochen, daß Arm und Reich, Hoch und Nieder gleich ſei, Alban machte es zu einer Wahrheit. Dennoch war noch Tage und Wochen lang genug Bauernſtolz und Furcht vor dem Vater in ihm, daß er oft innerlich zitternd einherging, er zitterte vor dem, was mit ihm geſchehen war. Wenn Vreni auf dem Hofe als Taglöhnerin arbeitete, ſcherzte er nicht mehr mit ihr; er befolgte in dieſer Weiſe das Verbot des Vaters, aber aus ganz anderen Gründen, ſeine innere Liebe und das demüthige und doch ſo hohe Weſen Vreni's ließen ihm jeden Scherz als eine Entwürdigung und Rohheit er⸗ ſcheinen, zumal da das Mädchen in ſeiner untergeordneten Stel⸗ lung ſich nicht dagegen hätte auflehnen dürfen und nur dem Spotte der Genoſſinnen ausgeſetzt war. Der kecke allzeit wohl⸗ gemuthe und ſingende Alban hatte jetzt oft etwas Scheues und träumeriſch in ſich Verſunkenes; er, der ſonſt allzeit wie gerüſtet und ſchlagfertig war, ſchrack jetzt oft plötzlich zuſammen, wenn man ihn unverſehens anrief. Um dieſe Schwermuth loszuwerden, ging jetzt Alban mehr denn je den Luſtbarkeiten nach, der Vaker gab ihm gegen ſeine Gewohnheit nicht unerkleckliches Handgeld dazu, denn er ſah dadurch allmälig die Herrſchaft wieder in ſeine Hände zurückkehren. Alban bedurfte dieſes Handgeldes nicht, denn er war damit reichlich verſehen, er hatte ſich nicht dazu bringen können, gleich anderen Bauernſöhnen karger Väter Korn zu ſteh⸗ len und zu verkaufen; ſeit Jahren lieh ihm Dominik ſeinen vollen Lohn, und obgleich er es wegen ſeiner Tauglichkeit vollkommen verdiente, war dieß doch ein nicht ungewichtiger Grund, daß Do⸗ minik zum Oberknecht befördert und der vertraute Genoſſe Al⸗ bans wurde. Alban hatte oftmals das aufrichtige Verlangen, ſich Vreni aus dem Kopfe zu ſchlagen, ja er ſah forſchend unter den reichen Töchtern der Gegend um, denn er erkannte die Nothwen⸗ digkeit, den Hof von ſeinen Geſchwiſtern abzulöſen und war dabei feſt entſchloſſen, ihn nur zum vollen Werthe zu übernehmen. Es durfte nur eine Verirrung ſein, daß er je im Ernſte an des Na⸗ gelſchmieds Tochter gedacht. So gewichtige Gründe er aber auch in ſich zu befeſtigen trachtete, und ſo ſehr er ſich auch eifrig unter 37 den ebenbürtigen Töchtern des Landes umſchaute, er konnte ſich trotz mancher Zuvorkommenheiten nie entſchließen, und von allen Luſtbarkeiten blieb die beſte immer die, daß er auf dem Heimwege auf dem Hellberge bei Vreni einkehrte. Der Winter ging ſchnell vorüber, die wunderſamen Schauer, die im Frühlinge alle Herzen ergriffen hatten, waren längſt ver weht. Die Freiheit wurde nicht in Einem Sommer gezeitigt und der Landmann vor Allem iſt nicht geneigt, ſich auf ein längeres Warten einzulaſſen. Man fand ſich allmälig in das altgewohnte Herkommen. Alban war nur noch Einmal auf einer Volksver⸗ ſammlung im Apoſtel zu Wellendingen geweſen, er hatte jene bekannten Herabwürdigungen des Reichstages gehört und nur daraus entnommen, daß Alles aus ſei. Er mußte ſich ſtillſchwei⸗ gend manchen Hohn des Vaters gefallen laſſen, dem er nichts erwiedern konnte, auch wenn ihn die kindliche Unterwürfigkeit nicht daran gehindert hätte. In dieſem Winter vollführte Alban eine Arbeit, auf die er nicht wenig ſtolz war, über die indeß der Vater lächelnd den Kopf ſchüttelte. Alban entwarf nämlich mit verſchiedenen Farben eine Karte des ganzen Hofgutes; Berg und Thal, Feld und Wald und alle Wege waren darauf genau angegeben. Es war aller dings kein Meiſterſtück, aber Alban verdroß es doch, daß der Vater ſagte, das ſei unnütz. Die Mutter lobte ihn indeß dafür um ſo mehr, ſie ließ die Karte einrahmen und hing ſie in der Stube auf und nicht ohne Stolz ſchrieb der Urheber: Alban Peilenhauer gez. darunter. Einſt gegen den Frühling, Alban hatte ſich vorgenommen, daß dieß das letztemal ſein ſolle, war er wieder auf dem Hellberge, da erzählte ihm der Nagelſchmied, daß ſein Großvater es von ſeinem Vater gehört habe, wie vor Zeiten der Hellberg ein großer Bauernhof geweſen ſei, drauf lebte eine Familie, die allzeit feind— ſelig mit denen auf dem Kandelhof war, bis der Urahne Albans die einzige Tochter vom Hellberge heirathete und beide Höfe zu einem machte. Der Ragelſchmied ſetzte noch hinzu, daß auch die Obedfüchti von einer reichen Bauernfamilie abſtamme, der Ahne aber habe Alles, man wiſſe nicht warum, vernachläſſigt und drunten am Felſen den ganzen Tag Geige geſpielt. Als Alban heimwärts ging, war es ihm immer als ſpräche ihm Jemand in's Ohr:„das iſt ein Doppelhof, das waren einſt zwei Höfe, dein Vater will nicht leiden, daß du den Hof bekommſt und die Vreni heiratheſt, gut, ſo zerreiß es wieder, nimm den Hell⸗ berger Hof für dich und die Deinigen, das muß er thun.“ Al⸗ ban war aber doch auch wieder ein ſtolzer Bauernſohn, berechtigt zu dem großen und ganzen Erbe, er warf den Gedanken weit hinter ſich, die Hälfte ſeiner Habe leichtfertig zu opfern und doch kam ihm wieder zu Sinne, daß der Nagelſchmied und die Obedfüchti ja auch von reichen Bauern abſtammten, warum ſollte nicht eines von des Nagelſchmieds Kindern wieder zu reichem Beſitzthume gelangen? Alban ſah weit hinaus in die Zukunft, wie einſt auch erbloſe Nachkommen, die von ihm abſtammten, zu Taglöhnern wur⸗ den, Vreni ſollte glücklich ſein,.... aber die Schwiegereltern, die Schwäger und Schwägerinnen waren eine beſchwerliche Laſt.— Dort, wo eine auf Stützen umgelegte Tanne den Weg ein⸗ hegt, dort wo der Fels jählings in's Thal abſpringt, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wo drunten der Bach rauſcht, den jetzt die Schneewaſſer ſchäumend erfüllen, dort ſtand Alban lange an das Geländer gelehnt und träumte hinein in die dunkle Nacht und in die ferne Zukunft. Die ganze Welt ſtand ſtill und nur der Bach rauſchte und manchmal war's, als pb mitten unter Rauſchen und Brauſen die längſt verſtummten Saiten des Gei⸗ gerle tönten. Das war nur ein dünner Waſſerſtrahl, der kingend aus einer Felſenſchrunde rann. Endlich machte ſich Alban ent⸗ ſchloſſen auf mit dem feſten Vorſatze, dieſen Weg nie mehr in ſol⸗ chen Gedanken zu beſchreiten; er war ein großer Hofbauer und war verpflichtet, eine Neigung in ſich zu bekämpfen. „Wenn ein Großbauer ſich auch noch eine Frau nach reiner bloßer Herzensneigung wählen dürfte; dann hätten ja die Reichen Alles auf der Welt, Gut und Geld und alle Herzensfröhlichkeit auch noch dazu. Das wär zu viel, drum iſt's vertheilt; die einen haben dieß, die andern haben das, und des Vaters Wille muß gelten: — 3 ein Großbauer hat vor Allem daran zu denken, daß die Familie in alten Ehren bleibt.“ Das waren die Gedanken, mit denen Alban ſein ſtürmiſches Herz zu beſchwichtigen ſuchte. Theils durch die Anlage ſeiner Natur, haup ſächlich aber durch ſein Verweilen außer dem elterlichen Hauſe hatte ſich Al⸗ ban Kenntniſſe und Lebensanſchauungen angeeignet, die ihr För⸗ derndes aber auch ihre Zwieſpältigkeiten in ihm und mit ſeiner ge⸗ wohnten Umgebung zu Tage brachten. Schon die ernſtliche Nei⸗ gung zu Vreni und die Erwägungen hierüber waren ein Ergeb— niß davon und der vollbrachte Sieg hätte ihn vielleicht lange in Widerſtreit mit ſich gehalten, wenn nicht ſein Stolz noch mächti⸗ ger geweſen wäre und vor Allem beſchäftigten ihn vielfache Neu⸗ geſtaltungen der ganzen Bewirthſchaftung. Der Vater ließ ihn jetzt aber nicht mehr ſchalten wie er wollte und gab ihm nur in Kleinigkeiten nach, die er als große Gunſt darſtellte. Alban hatte einen dreiſchaarigen Felgpflug angeſchafft und bearbeitete damit eine ſchon im Herbſte abgerodete und umge⸗ pflügte Waldſtrecke, er ſpannte jetzt zwei junge Stiere hinter einem vorausgehenden Pferde an den Pflug. Noch nie hatte man hier zu Lande Stiere an die Feldarbeit gewöhnt, man bediente ſich dazu der zahmen Ochſen. Der Vater lachte Alban über den neuen Verſuch aus, den dieſer in der Schweiz geſehen und hier nachahmen wollte, aber nach viel Mühe und Schweiß gelang es ihm, und die wilden Thiere fügten ſich in die Arbeit. Der alte Furchenbauer war trotz vielen Scheltens doch ſtolz auf ſeinen Alban und auf dem ſamſtägigen Fruchtmarkt in der Stadt wenn er bei dem gräflich Sabelsbergiſchen Pächter in Rei⸗ chenbach ſaß, ſagte er oft:„der Alban braucht gar nichts, der Bauer, dem ich den Alban für ſeine Tochter gebe, der muß mir noch Geld herauszahlen.“ — 00 Die Zügel in fremder Hand. Am Oſterſonntag fuhr der Furchenbauer mit ſeiner Frau, den beiden Söhnen und Ameile nach der über eine Stunde ent⸗ fernten Kirche. Auf dem Heimwege, da wo von der Landſtraße ab der eigene Weg nach dem Hofe beginnt, ſtieg der Vater ab und befahl auch Alban ein Gleiches zu thun und Vinzenz die Zügel zu übergeben. Es giebt ganz gewöhnliche Ereigniſſe, die oft ſo ſeltſam be⸗ rühren, daß man ſich einen Grund dazu gar nicht erklären kann. Alban hat nachmals oft erzählt, daß ihn der Befehl, die Zügel abzugeben, im Innerſten erſchreckt habe, ohne daß er wußte warum. Vinzenz nahm ihm mit einem ſo raſchen Griff die Zügel aus der Hand und der ſonſt ſo gewandte und behende Alban ſtieg ſo ungeſchickt ab und verwirrte ſeine Füße in die Zügel, daß er faſt zu Boden fiel. Kann ſein, daß Alban ſich Alles was dieſem Ereigniß folgt, erſt ſpäter ſo beſtimmt ausdeutete, genug, er ſtand auch jetzt eigenthümlich erſchüttert vor dem Vater, der nach einer Weile begann: „Alban, es iſt Zeit, daß du jetzt für dich ſelber zu bauern anfangſt.“ „Wie Ihr meint, Vater, ich hab glaubt, Ihr wollet warten, bis das Ameile verſorgt iſt.“ „Das iſt mein' Sach'. Es iſt geſcheiter du heiratheſt jung, ich bin ein bisle zu ſpät dazu kommen, ich möcht' aber doch noch mit meinen lebendigen Augen ſehen, wie's meinen Kindern geht.“ „Und ich will auch thun was ich Euch an den Augen ab⸗ ſehen kann,“ betheuerte Alban und hielt vor innerer Bewegung ſtill, der Vater aber ſchritt fürbaß, knurrte etwas vor ſich hin und ſagte endlich: „So iſt's nicht gemeint. Ich geb den Löffel nicht aus der Hand bis ich ſatt bin. Du haſt nichts für mich zu ſorgen. Kurz⸗ um, heut Nachmittag kommt der Kornmeſſer Spitzgäbele, er hat mir auf dem letzten Fruchtmarkt geſagt, daß er dir eine recht⸗ ſchaffene Wittfrau weiß, drüben im Gäu, mit einem Gut ſo groß wie das meinige und die Aecker noch viel beſſer, und ſie hat nur ein einziges Kind und das hat ſein abgetheiltes Vermögen. Du ſpannſt unſre beiden Fuchſen ans Bernerwägele und ſahrſt mit dem Spitzgäbele nüber und beſiehſt dir die Gelegenheit.“ „Aber Vater, warum ſoll ich denn aus dem Haus? Wer kriegt denn unſer Gut?“ „Der dem ich's geb. Das Sach iſt mein.“ „Wer iſt denn der älteſte?“ „Still ſag ich, du haſt nichts zu fragen. Ich kann nicht nur Mulle, ich kann auch Kuz ſagen*). Nein, horch, bleib ein bisle ſtehen und laß mich ausſchnaufen. Guck Alban, ich hab viel auf dich gewendet, du biſt ein Kerle, der ſich ſehen laſſen kann, du biſt mein Augapfel geweſen... Ich brauch dich beim Teufel nicht fragen, du mußt thun was Ich will... Nein, horch, der Vinzenz iſt freilich der jüngere, aber guck, da, da, du haſt deine zwei Augen... Du Heidenbub, guck mich nicht ſo an, du mußt thun was Ich will. Red mir kein Wort. Still ſag ich. Du biſt jetzt freilich der älteſte, aber das Gut iſt jetzt auch frei, ich kann mit thun was ich mag. Ich kann's verlumpen. Alban, ſei geſcheit und folg mir ohne Widerred. Mit Einem Wort. Der Vinzenz kriegt den Hof. Punktum. Alban, jetzt folg mir, ich will dich nicht verkürzen, er muß dir rausbezahlen, daß du dir einen Hof frei machen kannſt. Sei brav und folg mir, das Kind muß dem Vater gehorchen, ſo ſteht's geſchrieben und ſo iſt's von je gehalten worden. Alban, folg mir oder ich renn dir ein Meſſer in Leib und wenn ich ſelber darüber zu Grunde geh. Da, gieb mir die Hand, die Hand her! Du fahrſt mit dem Spitzgäbele nüber und machſt, daß du den Hof kriegſt. Mach mir keine Sprüng! Du kennſt mich och nicht. Ich rück' die paar Jahr an dich, die ich noch zu leben hab, aber komm, du folgſt mir. Punktum.“ Alban hatte die Hand dargereicht, ſein Vater hielt ſie feſt umklammert wie eine Zange, ſei es daß er der Betheuerung * Mune iſt ein Ansdruck beim Schmeicheln, Knz beim Verſcheuchen einer Kaße. 42— Nachdruck geben oder ſeine Kraft noch beweiſen wollte. Der Va⸗ ter ſah ſchauerlich aus. Seine Lippen zogen ſich völlig einwärts und ſeine Augen quollen weit heraus. Alban ſah ihn ſo mitlei⸗ dig und unterwürfig an, daß der Vater jetzt mit dem Kopfe ſchüttelte und die Augen niederſchlug. Alban war in dieſem Au⸗ genblicke ſo von Kindesliebe und gewohntem Gehorſam überwäl⸗ tigt, daß er trotz des Sturmes, der in ihm vorging, dem Vater noch aufrichtig verſprach, ihm willfährig zu ſein. Er hatte ihm Anfangs nur zum Scheine und um ihn zu begütigen gehorchen wollen, jetzt war es ſein aufrichtiger Wille. Schweigend gingen Vater und Sohn bis zu dem Hofe, der Alte hatte auf einmal einen raſchen feſten Schritt. Alban hatte etwas von der Mutter geerbt im ſtillen Bewältigen ſtörender Gedanken, er ließ es nicht in ſich aufkommen, daß er ausgeſtoßen würde vom väterlichen Hauſe, ſo weit war es ja nicht; er war nicht umſonſt in der Welt geweſen, er wußte, daß man auch anderswo leben kann, und es war ſeine Pflicht, einen Verſuch zu machen, dem Bruder, der einem ſo traurigen Geſchicke verfallen war, das Gut zu über⸗ laſſen und ſo ihm zu helfen; ja er dachte daran, daß der Schmalz⸗ graf noch leben und ledig ſein könnte und dann hätte er al jüngerer Bruder ja ohne Widerrede auf den Beſitz des Hofe verzichten müſſen. Als man in den Hof eintrat, ſtand Vinzenz an die Stall⸗ thüre gelehnt und pfiff luſtig. Alban glaubte in ſeinem Geſichte eine Siegesmiene zu finden, ja er bemerkte, daß Vinzenz den Vater fragend anſah und dieſer mit dem Kopfe nickte. So war alſo was jetzt geſchehen ſollte, längſt beſchloſſen, der Vater hatte das dem Einäugigen verſprochen und während Alban emſig und friedfertig daheim war, war er ſchon längſt ausgeſtoßen? Grim⸗ mige Wuth erfüllte Alban, er wollte widerrufen, daß er dem Va⸗ ter zu lieb nur einen Schritt aus dem Hauſe thue. Schon zwei⸗ mal hatte man ihn zum Eſſen gerufen, er ſtand wie feſtgewurzelt auf dem väterlichen Boden, den Blick zur Erde geheftet und die Fäuſte geballt. Als endlich die Mutter kam und ihn lobte, daß er ſich wieder als guter Sohn beweiſe, ſchaute er wie höhniſch 2 — 2 auf, er verſchloß aber ſeine Gedanken; man hatte ihn betrogen, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten; er faßte den Vorſatz, dem Vater zum Scheine zu willfahren, er kannte die unerſchüt⸗ terliche Oberherrlichkeit ſeines Vaters und wollte ihn nun auch überliſten und auf ſeinem Rechte beſtehen. Bei Tiſche war Alles wohlgemuth und noch während dem Eſſen kam der Kornmeſſer Spitzgäbele. Er drängte zur Eile und Vinzenz half ſelbſt die bei⸗ den Fuchſen einſpannen und der Vater gab Alban noch ſeinen eigenen neuen Mantel mit und befahl ihm wiederholt, etwas draufgehen zu laſſen und ſich als Sohn des Furchenbauern zu zeigen. Nur die Mutter ſagte noch leiſe zu Alban: „Vergieb dich nicht, du biſt uns noch nicht unwerth und haſt nichts zu eilen. In keinem Fall mach's feſt, eh ich ſie auch geſehen hab; ich kenn die Familie wohl, aber das Weib kenne ich nicht. Fahr auf dem Heimweg über Siebenhöfen und ſieh was dein Bruderskind macht, kauf unterwegs was und bring's ihm.“ Luſtig knallend fuhr Alban davon und der Furchenbauer, der ihm nachſah, ſagte zu ſeiner Frau: „Wenn ich ein'einzige Tochter hätt' und wüßt einen Bur⸗ ſchen wie den Alban, ich thät nicht ruhen bis er mein Schwieger⸗ ſohn wär'.“ Die Brautfahrt. Alban fuhr indeß mit dem Spitzgäbele, einem luſtigen alten Männchen mit lauter Falten im Geſichte, ruhig die Pferde lenkend den abſchüſſigen Weg hinab, dabei hörte er die Lobeserhebungen des Kupplers über den Eichenhof. „Und wie iſt denn die Bäuerin?“ fragte Alban keck. Es iſt ſchade, daß die Perſonalbeſchreihung, die Spitzgäbele jetzt aus⸗ hülſte, nicht mitzutheilen iſt; er ſchilderte mit einem ſchmelzenden Behagen, daß ihm das Waſſer davon im Munde zuſammen lief. Alban lachte darob aus vollem Halſe und that überaus luſtig, und als er nach der Gemüthsart der Bäuerin fragte, gab Spitgäbele ſeinen Beſcheid wieder mit einem ſo ſaftigen Scherze, daß Alban abermals laut auflachte. Vor einer geſchmückten ſe die am Wege ging, ſtanden die Pferde plötzlich ſtill, Alban wollte ſchon mit er Peitſche ausholen, da rief Spitgäbele:„Halt!“ und zu der äb⸗ gekehrten Frauengeſtalt gewendet: „Mädle wohin?“ „Gen Reichenbach, Gevatter ſtehen“. „Willſt mitfahren?“ „Dank ſchön“. „Komm nur'rauf, halt doch Alban; Mädle, du kannſt auf meinen Schooß ſitzen.“ Das Mädchen war Niemand anders als Vreni, ſie ſtieg nach wiederholter Ermahnung, wobei Alban beharrlich ſchwieg, auf, und ſetzte ſich auf den Haberſack hinter dem Sitze, wobei Spitzgäbele Mancherlei zu rühmen hatte. Alban fuhr wildraſend dahin, er fuhr zur Freiet und hinter ihm ſaß Vreni. Er fuhr doppelt raſch, damit Spitzgäbele nicht mit ſeinen Scherzen fortfahren konnte. Vor Reichenbach bat Vreni, daß er anhalte, und behend war ſie vom Wagen geſprungen. Jetzt erſt ſprach Alban das erſte Wort mit ihr indem er ſie fragte: „Bei wem ſtehſt Gevatter?“ „Bei meiner Schweſter.“ „Nit wem?“ „Mit meinem Vater. Mein Schwager hat Niemand anders finden können, es iſt das ſiebente Kind.“ „Da, bring das als Gevatterſchenk von mir,“ ſagte Alban, langte in die Taſche und holte ein groß Stück Geld. Vreni wollte es nicht annehmen, Alban aber warf es hin, daß es zu Boden fiel und fuhr raſch davon. Spitgäe konnte ſich nicht enthalten zu fragen: „Ich hab gemeint, du kennſt das Mädlz gar nicht. Wem gehörts denn?“ 4 „Es iſt des Nagelſchmieds Tochter, ihr Vater taglöhnert bei uns und ihr Bruder iſt unſer Kühbub,“ ſagte Alban und es war ihm als brennten ihm die Lippen, da er dieſe Worte ſprach. „So?“ ſpottete Spitzgäbele,„vielleicht gar ein heimlicher Schatz von dir? Das hat gar nichts zu ſagen. Die Bäuerin hat mir ſelber beſtanden, ſie ſei gar nicht eiferſüchtig, aber natürlich geſcheit mußt ſein. Das verſteht ſich.“ Alban fuhr immer mehr ſeinem Ziele zu und bei jedem Schritte wäre er gerne umgekehrt. Nur Einmal ſagte er zu Spitzgäbele: „Ihr müſſet mir vor meinem Vater bezeugen, daß nicht ich die Vreni auf den Wagen genommen hab, aber ihr.“ „Ich thät noch was anderes auf mich nehmen. Ich weiß mehr als das von den Großbauern. Ich könnt' ſieben Wochen lang davon erzählen.“ Einſtweilen begann Spitzgäbele allerlei luſtige Geſchichten zum Beſten zu geben. Alban hörte ihn kaum, er rückte ſeinem Ziele immer näher und war in Gedanken doch nur in Reichen— bach bei Vreni und ihrer Schweſter; er dachte darüber nach, ob ſie wohl ſein Gevatterſchenk hergebe, gewiß, ſie iſt ja geſcheit und wird ſich mit den ihrigen davon einen luſtigen Tag machen. Tief in die Seele ſchnitt es ihm, wenn er darüber nachdachte, welch ein ſchreckliches Lvos das ſei, daß man nicht einmal mehr einen Gevatter für ein Kind finde und des Nagelſchmieds ſtamm⸗ ten doch auch von reichen Hofbauern. Der genehme Schluß dieſer Betrachtung aber war doch: darum muß man dafür ſorgen, daß man nie in Armuth geräth. Im Dorfe vor dem Eichhofe, wo man mit einbrechender Nacht einkehrte, hörte Alban aus dem dunkeln Stalle heraus einen Knecht zu einem andern ſagen: „Das iſt gewiß wieder ein Freier für die Eichbäuerin, ich bin froh, daß ich ein Knecht bin und mich nicht verkaufen brauch.“ Der Spitzgäbele verſtand den Alban gar nicht, als er jetzt am Ziele angelangk wieder umkehren und gar nicht auf den Eichhof gehen wollte. Nur die Erwähnung des Vaters brachte Alban dahin, daß er ſich endlich bewegen ließ, wenigſtens auf den Eichhof zu gehen. Auf dem Wege bedauerte Spitzgäbele, daß es Nacht ſei und Alban die ſchönen fetten Aecker nicht ſehen könne; das ſei ein Boden, der gar keinen Dünger brauche. Der Weg war grundlos und eben das wurde als Zeugniß des fetten Bodens gedeutet. Alban ſchwieg, er fühlte ſein Herz klopfen. Man näherte ſich dem Hofe, da rief eine Stimme durch die Nacht: Vreni! Vreni! Gerade dieſer Ruf erſchütterte jetzt Alban, daß es ihm war, als müßte er in den Boden ſinken. Eine Stimme antwortete auf den Ruf:„Ich komm' gleich.“ Auch die Stimme war ähnlich. Als wäre er verzaubert, faſt taumelnd trat Alban in den Hof und als er in die Stube trat fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne. Es war ja wieder als ob Vreni hier wäre, nur war dieſe hier wohlbeleibter und ſah trotziger drein. Spitzgäbele machte die Vorſtellung leicht und ſprach, da noch mehr Leute da waren, von einem Roßhandel. Die Frau, die Vreni ſo ähnlich ſah, hatte denſelben Namen und war die Bäuerin. Alban ließ ſich nicht lange zum Sitzen nöthigen, die Kniee prachen ihm faſt. Er ſchaute ſich in der Stube um, Alles war ſtattlich und anheimelnd und in ihm war es wie ein Ausſpruch der Gewißheit, daß er hier ſein Lebensziel gefunden habe. Sehr häufig machen die Menſchen gerade die verzwickteſten Geſichter, wenn dieſe von einem betrachtenden Auge aufgenom⸗ men oder gar abgemalt werden ſollen. Der Gedanke, daß jetzt dieſe Formen ſelbſtändig und dauernd feſtgehalten werden, prägt eine Erſchlaffung oder eine unnatürliche Spannung in ihnen aus. In ähnlicher Lage war jetzt Alban, er wußte nicht, ſollte er unter dem Forſcherblicke der Bäuerin die Augen niederſchla⸗ gen oder erheben. Zu großem Glücke ſchmiegte ſich ein großer ſchwarzer Schäferhund, der in der Stube war, an ihn, und Al⸗ ban hatte nun etwas womit er ſich beſchäftigen, wobei er auf und niederwärts blicken konnte. Die Bäuerin bemerkte nicht un⸗ geſchickt, daß Alban ein guter Menſch ſein müſſe, da der fremde Hund ſo zutraulich gegen ihn ſei. Alban ſchwieg und dabei blieb er, ſelbſt als die Dienſtleute ſich aus der Stube entfernt hatten und zuletzt auch Spitzgäbele wegging und ihn mit der Bäuerin allein ließ. Dieſe fragte ihn nun, ob er das Kind ſeines verſtor⸗ benen Bruders in Siebenhöfen beſuchen werde und als Alban ohne einen weiteren Zuſatz antwortete:„Ich hab's im Sinn“, zeigte ſich plötzlich eine ſeltſame Bewegung in der Bäuerin; ſie ſtand alf, ſetzte ſich aber gleich wieder und fuhr fort, Kartoffeln zu ſchälen für die morgige Frühſuppe. Sie ſprach noch Manches mit Alban, beſonders über ſein elterliches Haus und über ſeine Hieherreiſe und abermals— Alban wußte nicht warum— kam ſie auf ſeinen Beſuch bei ſeinem Bruderskinde zu ſprechen. In allen ihren Reden offenbarte ſich ein verſtändiges und gutes Herz, Alban war damit zufrieden, und heiterer als er ſichs ge⸗ dacht hatte, kehrte er mit Spitzgäbele wieder in das Wirthshaus zurück. Er durchforſchte mit unbefangenem Blick die große Wirths⸗ ſtube und ſaß noch lange bei dem Wirthe, er ſah ſich ſchon im Geiſte an manchen Abenden vom Eichhofe hieherwandern, um wieder fremde Menſchen zu ſprechen und unter ihnen zu ſein. Am Morgen war es Alban wiederum etwas bange, er fühlte ſich wieder wie in die Fremde verſtoßen, er ſollte ſein Leben in ferner Einſamkeit verbringen; hier kannte er Niemanden und daheim hatte Jedes ein freundliches Wort für ihn. Spitzgäbele lachte ihn aus, da er offen klagte, er ſei ſo voll Heimweh und banger Beſorgniß, daß er weinen möchte wie ein Kind. Spitz⸗ gäbele erklärte dieß als das natürliche Beben vor einer großen Freude, und wußte das Glück Albans wieder ſo hoch zu preiſen, daß dieſer ſelber es nicht mehr verkennen konnte. Alban hatte aus Trotz gegen ſeinen Vater und eigentlich um ihn zu täuſchen, ſich zu dieſer Brautfahrt entſchloſſen, und jetzt ſah er ſich davon gefeſſelt. Als er aber im hellen Morgen mit ſeinem Gefährten den nächtlich beſchrittenen Weg dahinging, als die Lerchen ſo jubelnd ſangen über den grünen Feldbreiten, die Spitzgäbele als ſein künftiges Eigenthum pries, und beſonders auf das Winterfeld zeigte, das ſo gut angeblümt war und hie und da ſchon buſchig zu werden begann, da wurde es Alban faſt bräutlich jubelvoll zu Muthe. Wenn die Eichbäuerin am Tage ſo ſchön war wie ſie am Abend erſchien, ſo konnte ſich nicht leicht eine mit ihr vergleichen. Nochmals ſtellte ſich des Nagelſchmieds Vreni vor die Erinnerung Albans, aber er ſagte ſich, daß er ſie nicht hätte heirathen können, auch wenn er Bauer auf dem Fur⸗ chenhofe geworden wäre, der Vater hatte Recht; und abermals lebte die Kindesliebe und der Gehorſam in Alban auf und er fühlte ſich im Tiefſten erquickt im Gedenken an die Freude, die ſein Vater an der Verlobung haben müſſe, und es war wohlge⸗ than, daß Vinzenz, der beſchädigt genug war, den väterlichen Hof erhielt. Die Lerchen ſangen nicht luſtiger in der blauen Luft als die Freude über alle dieſe Gedanken im Herzen Albans jauchzte. Heiter glänzenden Antlitzes trat er in den Eichhof und aus dem Grunde ſeines Herzens ſagte er mit heller Stimme der Bäuerin„Guten Morgen“ und ſtreckte ihr die Hand entgegen; ſie reichte ihm nur die Linke, ſie trug ein wol kaum zweijähriges Kind auf dem Arme, das ſich vor den Männern erſchreckt und ſchreiend umwandte und ſein Geſicht am Halſe der Mutter ver⸗ barg. Dieſe hieß die beiden Männer ſich ſetzen und ſuchte das Kind zu beſchwichtigen, Alban tief anſchauend ſagte ſie zu dem Kinde:„Peterle, wenn du umguckſt und eine Patſchhand giebſt, ſchenkt dir der Vetter da ein Gutle, das er dir mitbracht hat.“ Alban ſchaute verduzt drein, er hatte es ganz vergeſſen und es fiel ihm jetzt ſchwer aufs Herz, daß er Vater eines fremden Kindes ſein ſollte; er war jedoch willigen Herzens genug, um dem Kinde jede Liebe zu erweiſen. Jetzt wurde ihm auf Einmal klar, warum die Bäuerin am Abend ſo oft von dem Kinde ſeines verſtorbenen Bruders geſprochen hatte. Während er aber ſchwei⸗ gend darüber nachſann, ſah ihn die Bäuerin nochmals mit gro⸗ ßen Augen an, dann verließ ſie mit dem Kinde die Stube und ging in die Kammer. Nach einer Weile, in der man hörte, wie ſie das Kind abküßte, rief ſie Spitzgäbele zu ſich und ſagte ihm: „Ich komm nimmehr in die Stub, ich will euch ſo Ade ſagen.“ „Warum? Was iſt? „Der Furchenbauer ſoll ſich eine andere ſuchen. Ich hab ge⸗ meint, er wird von ſeinem Bruderskind her wiſſen, was ein ver⸗ laſſenes Kind iſt. Es iſt nicht ſo. Sitzt er geſtern den ganzen — Abend da und fragt nicht nach meinem Kind, und heut hat er ihm nicht für ein Kreuzers werth mitbracht. Eh ich ſo einen nehm', bleib ich lieber allein.“ Spitzgäbele bemühte ſich mit allen möglichen Einreden, aber die Bäuerin blieb dabei:„Er kann brav ſein, ich hab nichts ge⸗ gen ihn, aber wir paſſen nicht zu einander.“ Zweimal mußte Spitzgäbele ſeine Worte wiederholen als er bei Alban eintretend ihm ſagte, er möchte mit fort gehen, die Sache ſei aus. Wie taumelnd ging Alban davon, er hörte im Hofe Knechte und Mägde lachen, das konnte nur ihm gelten. Die Lerchen auf dem Wege ſangen im gleichen Jubel, aber Alban hörte ſie nicht, ſein Athem ging raſch, er ballte die Fäuſte und erhob kaum den Blick, er ſchämte ſich vor ſeinem Begleiter, der die Abſageworte der Bäuerin wiederholte und dann gegen ſeine Gewohnheit ſchweig⸗ ſam neben ihm ging. Ohne nochmals in die Wirthsſtube einzutreten, ſpannte Al⸗ ban an, aber er mußte innerlich fluchend mit dem Leitſeile in der Hand lange auf Spitzgäbele warten. Man war nüchtern nach dem Eichhofe gegangen, man wollte bei der Braut ſich gütlich thun; Spitzgäbele brachte ſein verſpätetes Frühſtück auf fremde Koſten ſattſam ein. Mitten im Zorn und Ingrimm ſpürte auch Alban einen Hunger, daß er meinte, er freſſe ihm das Herz ab, aber in ſolchen Momenten tritt leicht zu dem vorhandenen Schmerze noch eine Selbſtquälerei; Alban freute ſich faſt an dem körperli— chen Ermatten, das er fühlte, ſeine Wangen glühten und er trãp⸗ pelte hin und her wie die Fuchſen, die muthig ſcharrten. End— lich kam Spitzgäbele noch ſchmatzend, und wie aus dem Rohre geſchoſſen flog der Wagen davon. Aban fuhr nicht, wie er ſich Anfangs vorgenommen, über Siebenhöfen, um nach ſeinem Bru⸗ derskinde zu ſchauen, ja er war dieſem faſt böſe, denn es war Schuld an ſeiner Schande; er fuhr geradewegs wieder heimwärts. Im nächſten Dorfe kehrte er ein und der Wein ſchien ihm ſehr zu munden, ja er wurde ganz luſtig, und jetzt offenbarte ſich eine eigenthümliche Folge ſeiner Abweiſung. Vor Allem war er voll Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 4 Zorn gegen ſeinen Vater. Er gedachte nicht mehr, wie er ihn hatte täuſchen wollen, ſondern nur wie er auf dem Morgengange nach dem Eichhofe ihm zu liebe ſich hatte in die Heirath fügen wollen, und laut auflachend kam ihm plötzlich ein kluger Gedanke: er war nicht abgewieſen, er hatte das Nichtzuſtandekommen be⸗ abſichtigt und darum vorſätzlich gethan als ob gar kein Kind da wäre; der Furchenhof gehöre ihm, er ſei der älteſte, er laſſe ſich nicht davon vertreiben. Als er ſolches gegen Spitzgäbele herauspolterte und dieſer ſein Geſicht in noch mehr Falten zog, wurde Alban plötzlich ge⸗ wahr, daß er ſich verrathen und ſeine beſten Handhaben abge⸗ brochen habe; es war ja viel beſſer, wenn er ſich als gehorſamen Sohn, der tief gekränkt war, hinſtellte. Er ſuchte daher einzulen⸗ ken, aber Spitzgäbele hielt ihn feſt und Alban mußte ſich alle Mühe geben, etwas zu zerſtören, was im Voraus unwahr ge⸗ weſen und nur ein toller Uebermuth ausgeheckt hatte. Er mußte dem Spitzgäbele, der ihm ein Abſcheu war, alle guten Worte geben und jetzt ſelber wieder darauf dringen und hoch und heilig betheu⸗ ern, wie ſehr er durch die Abweiſung beſchimpft und verunehrt ſei. Zuletzt mußte er ſogar noch bekennen, daß ihm Recht geſchehe, daß die Eichbäuerin eine rechtſchaffene Frau und Mutter ſei, er aber ſich hartherzig und unklug benommen habe und alle Schuld, die auch Spitzgäbele hatte, weil er ihn nicht daran erinnerte, nahm er gerne auf ſich. Er ſchenkte von dem mitgenommenen Gelde ein Namhaftes dem Spitzgäbele, nur um ihn ganz für ſich zu gewinnen. Lautlos dahinfahrend dachte Alban nur immer an ſeine Be⸗ ſchimpfung, und wenn auch in ſeiner Natur überhaupt und in ſeinem jetzigen Zuſtande nur halb, erkannte er doch in gewiſſer Weiſe eine Entweihung, die mit ihm vorgegangen war: er hatte ſein ganzes jugendliches Leben hingegeben und war damit zurück⸗ gewieſen. Er, der Alban, der jedem Menſchen frei ins Geſicht ſah, mußte fortan vor manchem Worte den Blick zur Erde ſchlagen. Es half nichts, daß Spitzgäbele oft wiederholte: „Ein junger Burſch macht ſich aus ſo was nichts, er ſetzt — den Hut auf die linke Seite und freit um eine andere ſchönere.“ Alban wurde ſeine ſchmerzlichen Gedanken nicht los. In Reichenbach ſtieg Spitzgäbele ab und wanderte über die Berge zu Fuß nach der Stadt. Aban kam unerwartet früh nach Hauſe und begegnete überall fragenden Blicken. „Wie iſt dir's gangen?“ fragte die Mutter noch vor dem Abſteigen und Alban erwiederte trotzig: „Wie unſerm Fuchſen auf dem Wellendinger Markt.“ „Was haſt? Was redeſt?“ „Deutſch. Man verkauft nicht jedes Stückle Vieh, das man zu Markt bringt.“ Er blieb im Stall bei Dominik, bis die Mutter ihn holte, gegen die er kurz den Schwur ausſprach, nie mehr eine ſolche Fahrt zu machen; er habe als gehorſamer Sohn gehandelt und jetzt ſei's genug. Der Vater redete gar nichts mit ihm von der Sache. Er fragte nur, wo der Spitzgäbele abgeſtiegen ſei, denn von dieſem wollte er ſich den ordnungsmäßigen Beſcheid holen; eine mit Betheuerungen und allerlei Zubehör untermiſchte Auskunft war nicht nach ſeinem Geſchmack. Er blieb beim Ordnungsmäßigen. Nachrede und Lärm in der Welt. Ein von der Reiſe Ankommender iſt ſo zu ſagen körperlich und geiſtig eine Zeitlang ungelenk in Mitte derer, die in der Gewohnheit des häuslichen Lebens verharrten, und der Ange⸗ kommene kann noch eine geraume Zeit eine gewiſſe Unruhe nicht los werden. Dies war nun heute bei Alban doppelt der Fall. Er kam mitten im Tage und wußte nichts mehr anzufangen; dazu der Aerger über ſeine Schmach und die Ungewohnheit ſeiner heutigen Lebensweiſe. Nachdem er das Schelten der Mutter ge⸗ hört, weil er nicht über Siebenhöfen gefahren war, ging er faſt unwillkürlich nach dem Hellberg zu Vreni. Kaum war er auf dem Hellberge angekommen und noch hatte er Vreni nicht geſehen, die, von dem Montagsrechte Ge⸗ 4* brauch machend, im Walde war, um Holz zu holen, als Dominik ankam und ihm im Namen des Vaters den Befehl brachte, nach Hauſe zurückzukehren. Alban willfahrte nur langſam und als er heimkam, that ſein Vater als ob er gar nicht da wäre und erſt durch die Mutter erfuhr er, daß ſie es war, die nach ihm geſchickt hatte, weil ſie das Zornesmurmeln des Vaters verſtanden hatte und ihm zuvorkommen wollte, daß ſie aber Dominik verboten hatte, Alban ſolches zu ſagen. Dieſer ſah in dem ganzen Vor⸗ gange nur das Eine, daß die einzigen Menſchen, die er ſich treu und anhänglich glaubte, die Mutter und Dominik, auch hinter⸗ hältig gegen ihn waren und ſich vor der Vergewaltigung des Vaters fürchteten. Er ging im Hofe hin und her als müſſe er irgendwo räuberiſch einbrechen und den ſchlummernden Streit freiwillig wecken; er blieb aber doch nicht lang in dieſer Stim— mung, und ſei es im Angedenken an die heute erlebte Schmach, ſei es das Verlangen, doch vielleicht noch Alles gütlich auszu⸗ gleichen, oder die altgewohnte Arbeitsluſt— im Hof ſtand ein leerer Wagen, auf dem Kornſpeicher hörte man ſchaufeln, Alban erinnerte ſich, daß morgen ein außergewöhnlicher Kornmarkt in der Stadt ſei, er ging auch auf den Speicher und ſah den Vin⸗ zenz mit Beihülfe zweier Knechte große Säcke füllen, der Vater ſtand daneben und ohne nach Alban umzuſchauen, ſpöttelte er, daß man dieſes Jahr nicht ſein gutes Korn für halben Preis an die Taglöhner als Vorſchuß verſchleudere, jetzt brauche man dem Lumpenpack nicht mehr ſchön thun, jetzt müſſe es wieder unter⸗ ducken, aber ſein Lebenlang werde er es nicht vergeſſen, daß er mehrere Hundert Gulden durch Verſchleuderung ſeines Korns zum Fenſter hinausgeworfen habe. Alban merkte wohl, daß dieſe Worte nach ihm zielten, aber er ſchwieg, theils aus Gehorſam, theils aber auch, weil er ſchon bedachte, daß er unnöthigen Widerſpruch vermeiden und um ſo feſter auf dem einen beharren müſſe. Als indeß einer der mitbeſchäftigten Taglöhner ſagte: „Es war doch eine luſtige Zeit, alle Menſchen waren Brü⸗ der, wie wir das Korn da eingethan haben,“ da konnte Alban nicht umhin mit rothglühendem Antlitze hinzu zu ſetzen: — 53— „Und jetzt ſind's doch wieder Sklaven, die das Brod von dem ferndigen“) Korn eſſen.“ Dabei ließ er ſich nicht aufhelfen, ſon⸗ dern ſchwang mit leichter Mühe einen Malter Spelz auf die Schul⸗ ter, trug ihn die knarrende Stiege hinab und lud ihn auf den Wagen. Der Vater preßte die Lippen zuſammen und ſchaute ihm mit weit aufgeriſſenen Augen nach. Noch neben dem geladenen Wa⸗ gen ſchaute er Alban mehrmals von Kopf bis Fuß an, er öff⸗ nete mehrmals den Mund als wollte er etwas ſagen, aber er ſchwieg. Das galt doch noch mehr als die heftigſten Worte. Noch in der Nacht fuhr Dominik mit dem Fruchtwagen nach der Stadt. Am Morgen fuhr der Vater mit Vinzenz auf den Kornmarkt und Alban ackerte wieder auf dem Neubruche am Ku⸗ gelberger Felde. Es war ein regneriſcher Frühlingstag, die Luft war knospenfriſch, der freie Athem und die Arbeit war doppelt erquickend nach einem verſtürmten Tage. Ein Hagelſchauer kam wie im Zorne dahergeſtürmt, aber der Hagel zerging raſch wieder in den offenen Schollen und auf den grünenden Wieſen, und nur noch feine Tropfen ſäuſelten im nahen Walde, ſonſt vernahm man nichts als bisweilen den verſtohlenen Pfiff eines Vogels aus dem Neſte oder das Krächzen eines Raben, der ſeinen Gefährten an⸗ rief, trotz des Wetters mit ihm ins Weite zu ziehen. Alban zählte die Stunden ab, wann der Vater in der Stadt ſein und wann Spitzgäbele ihm den geſtrigen Vorgang erzählen könne, er war voll Unruhe, denn auf den Schelm war doch kein Verlaß, und heute zum erſtenmale wurde ſeine Schande ruchbar und Vinzenz war dabei. Im Angeſichte Albans prägte ſich die giftige Schaden⸗ freude aus, die er ſich in Vinzenz dachte, und jetzt fühlte es Al⸗ ban wie einen Stich mitten durch's Herz, denn zum erſtenmale lebte ganz deutlich der Haß gegen den Bruder in ihm auf. Die Thiere waren heute gar nicht zu bändigen, es gelang den Treib⸗ buben ſchwer, ſie in der Linie zu halten, Alban wollte ſich nicht bekennen, daß er ſie mit in ſeine Unruhe hineingeriſſen und er *) ferndig— vorjährig. — 54— fuhr nun auf dem weiten Felde mit ihnen kreuz und quer, er wollte ſie ermüden um ſie dann beſſer in der Gewalt zu haben, ſeine beiden Hände hielten die Pfluggabel feſt und oft war es ihm als riſſen ihm die Thiere die Arme vom Leibe; von Schweiß und Regen dampfend ging er hinter den Thieren drein, die auch wie in einer Wolke dahinſchritten, aber er war ſtark genug und ſetzte ſich immer mehr darauf, ihrer Meiſter zu werden. Dennoch mußte er ausſpannen, bevor es Mittag war. Im nahen Walde unter einer breitäſtigen Kiefer ruhte er mit dem Treibbuben aus und war ſo müde, daß er gar nichts denken konnte, bis der Küh⸗ bub ihm das Mittageſſen brachte. Lächelnd ſchaute er ihn an, denn er wollte ihm„Schwager“ zurufen, aber er ſagte ihm nur, daß er ihn bei ſich behalte, um die zuchtloſen Thiere auch lenken zu helfen. Während er hier im Walde unter ſäuſelndem Regen ſein gewohntes Mittagsmahl verzehrte, gedachte er nach der Stadt, wo jetzt der Vater und Vinzenz in der Roſe beim ſchäumenden Biere ſich auftiſchen ließen und wie da hin und her die Rede ſchoß und er war hier im Walde bei dem Treibbuben. Alban wollte ſich hineindenken, was man von ihm rede und wie Alles herginge, er errieth wol Manches, aber doch nicht das Ganze. Der Vater war am Morgen mit Vinzenz ausgefahren und dieſer triumphirte innerlich über den zurückgeſetzten Bruder, er ſprach aber ſeine Siegesfreude nur dadurch aus, daß er luſtig mit der Peitſche knallte und den Kragen des Mantels, den er über hatte, oftmals zurückwarf. Als man im Thale dahinfuhr, wo man oben in einer Baumwieſe des Nagelſchmieds Behauſung zum Hellberge ſah, ſagte er indem er eine neue Schmitze mit den Zähnen aufknüpfte: „Er iſt geſtern noch da oben geweſen.“ „Wer?“ fragte der Vater. „Ha der Alban, die Mutter hat ihm aber gleich nachgeſchickt und ihn holen laſſen, damit Ihr's nicht erfahret.“ Der Vater ſchaute nur kurz nach ſeinem Sohne um, aber ſein Blick fiel gerade auf das geſpenſtiſch leere Auge, er hielt ſich die Hand vor ſeine beiden Augen und erwiederte nichts. — 55— Man fuhr durch Reichenbach. Am Hauſe des Schultheißen ſtand deſſen älteſte Tochter und hielt einen grauen Mantel auf dem Arm, ſie rief Vinzenz, er möge anhalten und übergab ihm den Mantel, den der Vater vergeſſen hatte und den er in der Stadt abliefern ſollte. „Ich nähm' dich auch noch mit“, ſcherzte Vinzenz. „Ich wills gut behalten für ein andermal. Schön Dank“, ſagte das Mädchen lachend und ſtolz fuhr Vinzenz davon. Als es bergan ging, ſägte der Vater:„Das iſt ein ſaubers Mädle“, und ſchnell fügte Vinzenz hinzu: „Und Ihr müſſet ſelber ſagen, eine rechtſchaffenere Familie als des Schultheißen giebt es nicht.“ „Ho ho, es giebt noch mehr.“ „Freilich, freilich, aber das wär eine Söhnerin, die den Schwiegereltern die Händ' unter die Füße legen thät.“ „Haſt denn ſchon was angezettelt und biſt denn ſchon ſo weit?“ „Nein, nein, Ihr wiſſet, ich thu nichts als was Ihr wollet, aber ſo viel weiß ich ſchon, daß des Schultheißen Tochter mich nimmt; ſie muß freilich auch ein Aug zudrücken, daß ſie nicht mehr hat wie ich“, ſagte Vinzenz und ſchaute dem Vater ſtarr ins Geſicht,„aber wie geſagt, ich thu keinen Schritt als was Ihr wollet, aber ſchön wär's wenn man heut die Sach noch ins Reine brächt', auf dem Markt wär's grad geſchickt—“ „Du haſt ſchon noch Zeit,“ erwiederte der Vater und mit unterwürfigem Tone fuhr Vinzenz fort: „Wie geſagt, wie Ihr wollet, ich wünſch' Euch noch ein lang's Leben und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich's immer Kindeskindern ſagen, was Ihr für ein Mann geweſen ſeid und wie Ihr Alles ſo zuſammengehalten habt und kein Hängenlaſſen duldet—“ „Brauch dein Lob nicht,“ unterbrach ihn der Vatet.„Wie kommſt Du dazu mich zu loben? Wenn ich mich unterſtanden hätt' ſo was zu meinem Vater zu ſagen, er hätt' mir die Zähn' in den Rachen geſchlagen.“ 56 „Ja, Ihr habts beim Vetter Dekan auch anders vor Euch geſehen; Ich muß mir's vorſagen, was Ihr für ein Mann ſeid, damit ich nicht auch lern.. Ich will aber lieber nichts ſagen.“ „Was? Was? Was ſollſt lernen? Gleich ſag's. Was?“ „Ich ſags nicht gern, aber jeder Knecht und jeder Taglöhner giebt dem Alban Recht, wenn er ſich berühmt, er habe den Hof erſt zu etwas gemacht und das ſoll erſt noch einmal ganz anders werden, wenn er ihn erſt ganz in der Hand hat... wenn mein Alter, wie er kie anders ſagt—“ „Still, kein Wort mehr,“ rief der Vater zornig,„ſag kein Wort mehr gegen deinen leiblichen Bruder, du machſt's grad ver⸗ kehrt damit; ſag kein Wort mehr oder du wirſt ſehen—“ „Mit Einem Aug, wenn Ihr mir nicht das auch noch aus⸗ ſchlaget,“ erwiederte Vinzenz wieder und der Vater begann nach einer Weile in ruhigem Tone: „Guck, Vinzenz, ich halt dir mein Wort.“ „Aber Ihr fürchtet Euch doch vor dem Alban das ins Reine zu bringen?“ „Nein, das nicht, aber es ſoll nicht heißen und ſoll auch nicht ſein, daß du mich gegen deinen Bruder verhetzeſt. Was ich thu, das thu ich weil ich mein eigener Herr bin und weiß was ich thu und der Alban iſt mein Kind ſo gut wie du, und er hat ſein Lebenlang noch kein böſes Wort auf dich zu mir geſagt und auf mich zu anderen gewiß auch nicht, ich glaub's nicht; ich weiß die Leute ſind ſchmeichleriſch und verdrehen einem das Wort auf der Zunge. Mein Alban iſt ein folgſames, ehrerbietiges Kind.“ „Ich kann Euch alle Dienſtleute bis auf den Dominik und ſeinen Schwiegervater den Nagelſchmied zu Zeugen ſtellen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.“ „Ich will nichts davon. Das wär mir ſchön, die Dienſtleute abzuhören. Red jetzt nichts mehr. Ich will gar nichts wiſſen!“ Vinzenz fuhr ſchweigend dahin. Er ſetzte ſich's als eine kluge Regel vor, nichts mehr gegen Alban zu ſagen, aber darum nicht minder auf baldige Erledigung der ſchwebenden Sache hinzuar⸗ beiten.— Die armen Kleinbauern und Häusler, die heute zu Markte gingen und ihre zuſammengeſchnurrten Kornſäcke bald wie einen Zopf gedreht am Stocke auf der Achſel oder wie eine Schärpe um Schulter und Hüfte gebunden trugen, grüßten heute den Furchenbauer nur halb und lächelten. Was geht denn vor in der Welt?.... Das ſollte ſich bald zeigen. Auf dem Kornmarkte war heute eine ſeltſame Bewegung. Mitten unter dem aufgewirbelten Staub, unter Feilſchen um den Preis und Abmeſſen des Korns, ſprach man von nichts als von der Revolution im Nachbarlande und es hieß, daß es auch hier bald losgehe. Der alte Furchenbauer ſtand ruhig an die aufgeſtellten Säcke gelehnt, darauf mit großen Buchſtaben: Chriſtoph Feilenhauer und die Jahreszahl geſchrieben ſtand. Er mußte oftmals die Frage beantworten, ob es wahr, daß ſein Alban unter die Freiſchärler gegangen ſei. Niemand konnte ſagen, woher das Gerücht entſtan⸗ den war, und doch war es da. Unter ſolchen Umſtänden war es natürlich, daß es nach dem hieſigen Landesausdrucke„abgehrte“ d. h. daß die Fruchtpreiſe fielen, und ſelbſt zu niedrigen Preiſen konnte man nicht verkau⸗ fen. Der Furchenbauer, der ſonſt das Unverkaufte in der Stadt lagern ließ, befahl jetzt, daß Alles wieder aufgeladen und heim⸗ geführt werde; er traute der Sicherheit in der Stadt nicht. Spitzgäbele war heute früher als ſonſt in der Roſe; und während um ihn her Alles im wilden Geſpräche über die Zu⸗ ſtände des Rachbarlandes und des eigenen ſchrie und zankte, ließ ſich der Furchenbauer vom Spitzgäbele das Nähere von der Braut⸗ fahrt erzählen. Den Vinzenz hatte er beim Aufladen des Korns gelaſſen, er ſollte dort helfen und auch nicht hören, was hier vorging. Spitzgäbele glaubte dem Gerüchte, daß Alban unter die Frei⸗ ſchärler gegangen ſei, trotz der heftigſten Betheuerungen des Fur⸗ chenbauern; er bewunderte wiederholt die unerſchütterliche Ruhe dieſes Mannes, er glaubte nicht anders, als der Furchenbauer 58 wünſche noch einen weitern Zornesgrund gegen ſeinen Sohn und theils um ihm dieſen zu gewähren, theils auch um ſich ſelber im Glanze zu erweiſen, erzählte er nun, wie Alban alles verkehrt gethan und ſich zuletzt noch berühmte, er habe die Brautfahrt nur gemacht, um ſeinen Vater zu betrügen. Der Furchenbauer verzog bei dieſen Mittheilungen keine Miene, ja er hob das Glas auf um zu trinken, aber kaum brachte er es an die Lippen als er er es wieder abſetzte, es däuchte ihm alles wie Galle. Der Lärm in der Stadt war heute dem Furchenbauer zu toll. Auf den Nachmittag hieß es, kämen hunderte mit Doppel⸗ büchſen bewaffnete Holzhauer von Wellendingen herüber, wo ſie ſich beim Apoſtel unter Anführung des Lenz von Röthhauſen, der ſogenannten rothen Weſte, ſammelten, eine Volksverſamm⸗ lung ſei in der Stadt angeſagt und jetzt müſſe Alles mitthun. Theils um dieſen Fährlichkeiten zu entgehen und in ſolchen Ver⸗ hältniſſen auf ſeinem Hofe zu ſein, theils aber auch aus einer ge⸗ wiſſen Bangigkeit um Alban eilte der Furchenbauer mit Vinzenz vor der Zeit heimwärts. In jedem Dorfe, durch das ſie fuhren, hieß es, daß ſie nicht weiter können, im nächſten Dorfe ſeien Freiſchär⸗ ler und rauben Alles und hätten es beſonders auf die Pferde ab⸗ geſehen. Man hatte ganz genauen Bericht und doch erwies es ſich in jedem Dorfe als unhaltbar und ſeltſamerweiſe glaubte man doch daran und je weiter man kam, ſchob ſich immer Alles zurück. Eine wunderliche Geſpenſterfurcht hatte ſich der Menſchen am hellen Tage bemächtigt. Der Aufſtand, der den letzten Ver⸗ ſuch machen ſollte, die Freiheit zu erobern, erſchien zuerſt als Ge⸗ fährdung von Gut und Blut. Der Furchenbauer hatte den Dominik mit dem Fruchtwagen bald eingeholt, und ſo ſehr war er von der allgemeinen Bangig keit befangen, daß er fürchtete, die Freiſchärler hätten es auf ſeinen Fruchtwagen abgeſehen. Er befahl daher dem Dominik, langſam weiter zu fahren, bis er Gegenbefehl erhalte. Der Tag hatte ſich aufgeklärt, der ganze Himmel war mit — rothen Wolken überzogen, als der Furchenbauer mit Vinzenz von der Straße ab in ſeinen eigenen Weg einlenkte. „Gottlob, da iſt der Alban“, rief Vinzenz und der Vater ſchaute dem neben ihm Sitzenden, der doch ſeinen Bruder lieben mußte, freudig ins Geſicht. Als aber Vinzenz mit der Miene klugen Einverſtändniſſes hinzuſetzte:„Seid nur jetzt auch gut gegen ihn, nurjetzt keine Händel, er iſt unſer Schutz“, da knirſchte der Vater die Zähne zuſammen, gerade weil Vinzenz etwas von ſeinen Gedanken errathen hatte, und haſtig ſtieß er die Worte hervor: „Ich brauch Niemand, ihn nicht und dich nicht; ihr könnet alle beide zum Teufel gehen“, und gleichſam als Zeichen, daß er ſelber noch am Platze ſei, riß er dem Vinzenz Peitſche und Leitſeil aus der Hand und hieb zornig auf die Pferde ein. Dennoch konnte er ſich nicht leugnen, daß er eine gewiſſe Freude hatte, ſeinen Alban dort zu ſehen; er hatte zuletzt faſt ſelbſt an das Gerücht geglaubt und er beklagte ſchon leiſe den verloren geglaubten Sohn, er merkte doch jetzt, wie lieb er ei⸗ gentlich den Alban hatte, er war ſtolz und unbeugſam wie er ſelbſt, nur anders, etwas vornehmer, und ein Vater liebt ſelbſt ſeine Fehler in ſeinen Kindern, zumal wenn dieſe zugleich auch als Tugenden oder mindeſtens als Kraft erſcheinen. Der Fur⸗ chenbauer ſagte ſich, daß er eigentlich keinen Schutz von ſeinem Sohne wolle, aber es war ihm doch lieb, ihn in der Unruhe bei ſich zu haben, wie man bei einem drohenden Gewitter gerne alle Angehörigen wach und um ſich verſammelt hat.* Der Sturm bricht los. Alban mußte gehört haben, daß ſich das Gefährte nahe und der Furchenbauer hob mehrmals die Peitſche hoch, um ihm zu winken, ja er knallte, aber Alban ſchaute nicht um und in dem Vater ſtieg plötzlich wieder der ganze Zorn auf, daß dieſer Sohn, wie Spitzgäbele erzählte, ihn verhöhnt und verſpottet habe und hinterrücks ſein Poſſenſpiel mit ihm trieb. Darum faßte er jetzt den Vorſatz, mitten in aller Unruhe, während jetzt die ganze Welt aus Rand und Band ging, in ſeinem Hauſe den Meiſter zu zeigen. Wie er jetzt die Zügel feſt anhielt und auf die Pferde loshieb, ſo mußte es auch im Hauſe ſein: die Zügel feſt in der Hand und dann drauf losgehauen, bäumt euch, ſchnaubt und ſchlagt aus wie ihr wollt, ihr ſeid feſtgebunden. Alban hatte den Pflug draußen im Felde inmitten der Furche liegen laſſen, um ihn morgenden Tages wieder aufzunehmen; wohlgemuth das Schleswig⸗Holſtein⸗Lied pfeifend war er mit den ledigen Thieren zurückgekehrt, als er plötzlich mitten im Pfei⸗ fen abbrach, er ſah von ferne den Vater mit Vinzenz daherkommen; ſie fuhren müßig in der Welt umher und thaten ſich gütlich, ſie waren die Herren, während er daheim ſich als Knecht abarbeiten mußte. War er der Knecht und nicht der erſte im Erbgang? War er nicht der künftige Hofbauer und hatte er nicht aus übermäßiger Nachgiebigkeit ſich dem Schimpf blosgeſtellt von der Eichbäuerin abgewieſen zu werden? Nicht eine Handbreit von ſeinem Rechte wollte er künftighin preisgeben, und jetzt da der Vater ihm nahe war, drückte er die Thiere an den Zaun und ſtellte ſich neben ſie, damit das Gefährte bequem vorbei könne. Er rief den Ankom⸗ menden keinen Gruß zu, und als der Vater neben ihm war, knallte er mit der Peitſche hart an ſeinem Ohr und höhnte dabei: „Das iſt ein Gruß von Spitzgäbele.“ Alban hatte nicht Zeit auf dieſen Zuruf etwas zu erwiedern, denn im raſchen Trabe fuhr jetzt auf der Hochebene das Gefährte dahin und langſam vor ſich hin knirſchend trieb Alban die Thiere in den Hof. Beim Abendeſſen that er als ob nichts vorgefallen wäre, nach demſelben aber blieb er in der Stube und harrte eine Weile, daß der Vater zu reden anfangen werde. Als dieß aber nicht ge⸗ ſchah fragte er geradezu: „Was hat denn der Lump, der Spitzgäbele von mir ge⸗ ſagt?“ „Weil du ihn ſo heißſt, iſt Alles wahr“, entgegnete der Vater und erzählte nun mit beißendem Spott und mit einer Zuthat nze ter rde der nd ater that — 61— des Ingrimms, wie ſehr ihn Alban verhöhnt habe und wie er überhaupt hinterrücks ſich als Bauer geberde und alle Maßnah— men des Vaters verhöhne. Vinzenz, der dabei in der Stube war und ſeine Saat aufgehen ſah, ſetzte ſich auf die Ofenbank und ſpielte mit ſeinem Lieblingshunde, dem Greif, den er ſich ange⸗ ſchafft hatte und der faſt ausſchließlich nur ihm gehorchte. Der Vater hatte heute wieder ſeine„Flözerſtimme“ wie ſie die Mut⸗ ter bei ſich nannte. Sie wußte zwar ſchon längſt, daß er jedes⸗ mal wenn er vom Kornmarkte heimkam lauter ſprach; er behielt den Ton noch bei, den er dort unter dem Lärm gebrauchte, aber heute war's doch übermäßig. Sie winkte ihm mit den Augen, ja ſie erhob beide Hände flach in der Luft zu begütigenden Zei⸗ chen, aber es half nichts. Der Vater erklärte weiter, daß Alban ganz anders werden müſſe, ganz anders, wenn Friede im Hauſe ſein ſolle. Als Alban hierauf entgegnete, daß er nicht wiſſe, worin er ſich ändern ſolle, er ſei gehorſam, fleißig und ehrerbietig, wie viele ſeinesgleichen jetzt nicht wären, da ſchlug der Vater auf den Tiſch und ſchrie zornig: „Was deinesgleichen? Was weißt du wer du biſt? Mein Knecht biſt du wenn ich will, und ich wills. Ja, es bleibt dabei, du ſuchſt dir einen andern Hof, denn den kriegt der Vinzenz. Still ſag ich! Was deinesgleichen? Meinſt du weil andere Väter jetzt ſich von ihren Buben über's Ohr hauen laſſen, meinſt ich leid's auch? Ich bin Herr und Meiſter, und mit dir mach ich was ich will und mit meinem Hof mach ich was ich will.“ „Das könnet Ihr nicht“, rief Alban feſt auftretend„der Hof gehört im Erbgang mir, es wird ſich zeigen, ob Ihr mir ihn nehmen könnt!“ „Was wird ſich zeigen? Ich bin noch über dich naus ſtudirt. Du meinſt weil du herrelen*) kannſt, du ſeiſt was? Nichts biſt. Ja, reib nur deinen Bocksbart. Wenn du nicht augenblicklich mich um Verzeihung bitteſt und mir verſprichſt, mir in Allem zu fol⸗ gen, ohne Widerrede, da kannſt mein Hand auch noch in deinem Geſicht ſpüren.“ Die Mutter und Ameile ſuchten den heftig Erregten zu be⸗ ruhigen, auch Vinzenz trat auf den Vater zu und ſagte: „Ich bitt Euch, haltet nur jetzt Friede. Wir werden uns als Brüder vergleichen.“ „Du willſt mir auch dreinreden? Wer biſt denn du? Naus ſag ich, oder ihr habt die Wahl ob ihr zu der Thür' oder zum Fenſter nauswollet; naus alle beide, ihr dürfet mir nicht mehr vor die Augen bis ich euch ruf.“ Er riß die Thüre auf und ſchob zuerſt Vinzenz hinaus, der nur geringen Widerſtand lei⸗ ſtete, als er aber auch Alban anfaſſen wollte, ſtreifte dieſer die Hand raſch ab und ſagte in ſcharfem beſtimmtem Tone: „Vater, rühret mich nicht an. Ich geh allein, ich geh von ſelber, und da ſchwör' ich's: nie, nie mehr komm' ich daher vor' Eure Augen, wenn Ihr mich nicht ſelber darum bittet.“ Er nahm ſeinen breitkrämpigen grauen Hut vom Ofen⸗ ſtängele und ging hinaus. Drinnen in der Stube hörte man noch Schelten zwiſchen Mann und Frau und dann lautes Weinen, das erſt aufhörte, als die Thüre zugeſchlagen und dann noch einmal mit dem Fuß darauf getreten wurde. Am Röhrbrunnen ſtand Alban mit ſeinem Bruder und die⸗ ſer ſagte: „Alban, ich bin oft neidiſch auf dich geweſen, aber jetzt mein' ich's gut. Du wirſt ſehen, ich werd' dir Alles geben, was recht „Ich brauch nichts von dir, du eher von mir.“ „Sei jetzt nicht bös, ich kann nichts dafür. Sieh da, ſieh her, ſiehſt das da?“ „Ja, dein blindes Aug'.“ „Und weißt wovon das iſt?“ „Wie du vom Wagen gefallen biſt. Was geht mich das jetzt an?“ „Es geht dich an. Zum erſtenmale in meinem Leben ſag ich das, ich hab's noch nie über meinen Mund bracht, aber jetzt, ⸗ — 6 jetzt muß es raus. Ich bin nicht vom Wagen gefallen. Der Va⸗ ter hat mir im Zorn das Aug ausgeſchlagen.“ Alban faßte zitternd die beiden Hände ſeines Bruders. „Ja,“ fuhr Vinzenz fort, es weiß es ſonſt kein Menſch als er und ich, du biſt der erſte, und ich hab ihm einen Eid geſchwo⸗ ren, es Niemand zu ſagen, aber ich muß ihn jetzt brechen. Und weil mir der Vater das than hat, hat er mir den Hof verſprochen und das Abendmahl drauf genommen.“ Alban ſtand ſtille neben dem Bruder. Man hörte lange nichts als das Rauſchen des Brunnens und ein ſanftes Flüſtern des Hollunderbaumes. Plötzlich raffte ſich Alban zuſammen, reichte dem Bruder die Hand und ſagte: „Behüt' dich Gott. Ich geh fort.“ „Wohin?“ „Ich weiß ſelbſt nicht.“ „Bleib lieber da und geh nur nicht unter die Freiſchärler. Man ſagt, ſie ſammeln ſich jetzt im Thal, und in der Stadt hat's auch geheißen, du ſeiſt ſchon dabei, und deßwegen iſt der Vater auch ſo bös geweſen.“ „So?“ rief Alban gedehnt, rückte den Hut feſter in die Stirne und reckte ſich mit allen Gliedern,„hauſet mit einander wie ihr wollet. Trifft mich ein Kugel, iſt mir's recht, und komm ich wie⸗ der, wollen wir ſchon abrechnen.“ Ohne nochmals die Hand zu reichen, rannte er zum Thore hinaus und den Berg hinab; die Augen brannten ihm und es war ihm als fühlte er an ſich den gräßlichen Jähzorn des Vaters, der ſein eigenes Kind faſt blendete. Als er auf der Landſtraße war, überkam ihn auf einmal mitten im Jammer ein frohes Ge⸗ fühl, er war nun frei, frei von der ganzen Welt. Wie oft hatte ihm ſchon der Ruf nach Freiheit das Herz erfüllt, jetzt endlich konnte er ihm Folge leiſten, er durfte für ſich handeln und brauchte nicht zu fragen, ob dies der Vater genehm finde; es war recht, daß er verſtoßen war, er hatte zu lange ſein eigenes Herz unter⸗ drückt, jetzt war er frei. Er ſtreckte die Arme empor und war be⸗ reit zu ſterben, damit die ganze Welt frei und glücklich ſei. 64 Raſchen Laufes ſchritt er dahin, nur einmal ſtand er ſtill, denn ihn hemmte der Gedanke, ob nicht Vinzenz in ausgefeimter Falſchheit ihm dieſen Weg gezeigt hatte und ihn ſcheinbar ab⸗ hielt um ihn ſo ſicherer drauf zu lenken und ſeiner entle edigt zu werden. Er konnte an ſolche Bosheit nicht glauben. Und war es nicht ſein Bruder? Und zitterte nicht ſeine Stimme ſo kläglich, als er die grauſe That des Vatere Mit neuem Muthe ſchritt Alban dahin. Da begegnete ihm ein Wagen, er kannte den Tritt der Pferde, das Rollen des Wagens und das eigenthümliche Peitſchenknallen des Dominik. Er hatte ſich nicht getäuſcht, Dominik kam mit dem Fruchtwagen. „Wohin noch?“ fragte Dominik erſtaunt. „Gen Reichenbach. „Bleib davon, die Freiſchärler ſind dort, ein paar hun⸗ dert Mann, der Lenz von Röthhauſen führt ſie an. Ich hab auch deinen e nennen hören.“ „So? Da komm ich gewiß,“ entgegnete Alban und erzählte nun alles Vorgegangene. Alban war erſtaunt, als Dominik ohne große Theilnahme ſagte: „Ich weiß ſchon lang, du biſt doch auch kein rechter Freiſinni iger. Hätteſt du den Hof allein bekommen, es wär dir nicht eingefallen, daß deine Geſchwiſter durch das alte Herkommen ver kürzt werden, du wärſt halt ein großer Hofbauer wie andere, wenn auch ein bisle gutmüthiger. „Das verſtehſt du nicht,“ entgegnete Alban zornig. „Freilich, ich bin nur als armer Knecht aufgewachſen. Was kann ſo einer wiſſen.“ Alban ſtand betroffen, aber er wollte jetzt von nichts ande⸗ rem wiſſen und ging faſt zornig davon. Er hatte Dominik um ein Darleihen bitten wollen, aber jetzt that er ihm dieſen Gefal⸗ len nicht. In Richenbach wurde Sh mit großem Jubel bewillkommt. klärte ſich jetzt Alles auf. Der* hatte dem Alban ſchon am Morgen einen Boten geſchict,v Bote hatte die Weiſung angenommen, war aber wehrſheiulih nach einer andern Gegend S 5 —„ entflohen, weil er ſich vor der Verantwortlichkeit fürchtete. Mit⸗ ten im Sturm war Alban für ſich plötzlich hoch erfreut. So war es alſo nicht Lüge und Falſchheit von Vinzenz, daß man in der Stadt geſagt hatte, er ſei bereits unter den Freiſchärlern, er bat dem Bruder in Gedanken jeden Zorn ab, den er gegen ihn ge— hegt hatte... Der Pflug im Kugelberger Felde blieb lange unberührt liegen. Monatelang hörte man nichts von Alban, bis auf den Fur⸗ chenhof plötzlich die Nachricht kam, der Alban habe ſich eine Zeit⸗ lang beim Hirzenbauer in Nellingen aufgehalten und diene jetzt als Knecht auf dem Sabelsbergiſchen Gute in Reichenbach. Die Mutter eilte zu ihm, um ihn nach Haus zu bringen, aber er ging nicht und beharrte auf ſeinem Eide, der Vater müſſe ihn holen. Es war unerhört, daß der Sohn des Furchenbauern bei deſſen Lebzeiten Knecht ſein, an der Schwelle des väterlichen Hofes frem— den Leuten dienen ſollte. Alban war unnachgiebig, als auch Ameile und Dominik nach einander zu ihm kamen, er wiederholte Bei⸗ den: er wolle dem Vater zeigen, daß er Knecht ſein könne, aber nur bei fremden Leuten, nicht auf dem väterlichen Hofe, dazu werde er ſich nie verſtehen; der Vater, der ja für ſeine Nachkom⸗ men ſorgen wolle, könne jetzt bei Lebzeiten an ihm ſehen, wie es ihnen einſt ergehe. Es war ein ſtrenger Befehl des Vaters, daß in ſeinem Bei— ſein Niemand von Alban reden durfte, auch die Mutter nicht; ja ſie hatte es ſo weit gebracht, ſelbſt ihren Gedanken zu wehren, daß ſie zu ihm hingingen. Ueber ihre Träume aber hatte ſie keine Macht.... Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 5 Ein Sohn und ein Knecht. In dieſer Nacht, in der wir jetzt den Hof betreten haben, er⸗ wachte die Mutter plötzlich und rief laut den Namen Albans, von dem ſie ſeit länger als einem Jahre ihre Lippen entwöhnen 1 mußte. Sie horchte ſtill, ob ihr Mann nichts gehört habe, der aber ſchlief ruhig. Die ganze Welt war wieder in ihr altes Geleiſe zurückgekehrt, die gerade geſtreckten Senſen waren wieder umgebogen und ein⸗ zelne, bei denen ſich das nicht mehr thun ließ, waren zum alten Eiſen geworfen, die Gemeinden, die auf allgemeine Koſten Waf⸗ fen angeſchafft, hatten dieſe wieder verkauft und nur hier und dort ſah man noch einen einzelnen Heckerhut mit ſchlaffer Krempe, der allmälig zertragen wurde. Die Jahre der Bewegung, die auch in der entlegenſten Hütte eine Erſchütterung hervorgebracht, ſchie⸗ nen jetzt vergeſſen wie ein Traum. Auf dem Furchenhofe war auch Alles wieder wie ehedem, ja der Furchenbauer war wie⸗ der einer der Liberalen, die man freilich jetzt anders nannte, denn bei der Einführung der Geſchwornengerichte hatte man ihn, der doch auf der Liſte der Höchſtbeſteuerten ſtand, wegen ſeiner chemaligen Geſinnung nicht zum Geſchwornen ernannt und weit Geringere aus der Gemeinde waren dazu berufen. Alles war wieder ins alte Geleiſe zurückgekehrt, nur mit Alban war dieß nicht der Fall. Trotz aller Ruhe und gewohnten Ordnung, die auf dem Furchenhofe herrſchte, war es doch immer als fehlte etwas und könnte eine plötzlich eintretende Erſcheinung Alles ändern. Das ganze Leben, das ſonſt ſo ſtetig erſchien wie das Wachſen von Baum und Pflanze, hatte jetzt etwas Einſtweiliges, morgen rundum zu Verkehrendes. Die Dienſtleute ſtanden oft bei einander und plauderten und wenn der Meiſter zu ihnen trat, verſtummte plötzlich das Geſpräch; es hatte gewiß wieder von Alban gehandelt und wie der mit dem Meiſter entzweit ſei, weil er die Eichbäuerin abgewieſen habe und lieber des Nagelſchmieds Vreni heirathe, und darin geben ſie ihm gewiß alle Recht, denn jeder Knecht und jede Magd fühlte ſich damit erhoben, daß eines ihresgleichen zu hohen Ehren kommen ſollte. Der alte Furchen⸗ bauer ſchien ſich ſeit dem Streit mit ſeinem Alban verjüngt zu haben, er ſtand Allem vor wie der jüngſte Mann; nur die Bäu⸗ erin merkte oft an ſeinem ſtillen Brüten, daß ihm etwas im Ge⸗ müthe ſaß, das er nicht verwinden konnte: ſie durfte aber nicht davon ſprechen, denn er wurde immer heftig gegen ſie und ver⸗ bot ihr zuletzt, je vor ihm den Namen Albans zu nennen. Nur Einmal und das vor wenigen Wochen ſprach er ſelbſt von ihm und mit einer gewiſſen verhaltenen Freude. Er erzählte, wie ihm der Rentamtmann im Vertrauen mitgetheilt habe, Alban habe ſich eigentlich nicht als Knecht verdingt und nicht nur ausdrück⸗ lich bedungen, daß er von Woche zu Woche austreten könne, ſondern auch ſeinen Genoſſen erklärt, er diene nur hier, um die höhere Ackerwirthſchaft noch beſſer zu erlernen. Dieſer Stolz Albans, der zugleich die Ehre ſeines Vaters wahrte, gefiel dieſem; er wi⸗ derſprach nicht als die Mutter hinzuſetzte, der Alban gleiche ganz ihrem eigenen Vater, der habe auch ſo was Adeliges gehabt, darum habe man ihn auch ſpottweiſe den Schmalzgrafen gehei— ßen. Als die Mutter aber weitergehen und eine Verſöhnung da⸗ ran knüpfen wollte, wurde der Furchenbauer plötzlich wieder voll Ingrimm und betheuerte, daß das nie geſchehe, bis Alban bittend vor ihn hintrete. Sprach der alte Furchenbauer nur äußerſt ſelten mit ſeiner Frau von Alban, ſo that er dieß um ſo öfter mit Dominik. Die⸗ ſer war eine treue Stütze des Hauſes, und wenn gleich nur Knecht doch wohl angeſehen. Der Bauer wußte, that aber als ob er nichts davon gemerkt habe, daß ihn die Mutter ſchon mehrmals zu Alban geſchickt hatte; er ſuchte daher von ihm zu erfahren, was denn eigentlich Alban vorhabe, aber Dominik war behut⸗ ſam und klug und gab nur knappe Antworten. Der Vater, der ſeinem Sohne keine unmittelbare Nachricht gab, wollte doch wie man ſagt ſeine Meinung auf die Poſt geben; er that als ob er es nur Dominik mittheilte, daß er den Hof dießmal höher ſchätzen laſſe als es von Alters her bräuchlich ſei, damit die abgefunde⸗ nen Kinder auch ein Erkleckliches hätten, daß er aber Alban ganz 5 enterbe, wenn er nicht von des Nagelſchmieds Vreni laſſe. Do⸗ minik hörte das ruhig an und erwiederte in der Regel nichts, nur manchmal fragte er geradezu, ob er das Gehörte dem Alban im Namen des Vaters mittheilen ſolle, was der Furchenbauer ſtrenge verneinte; er durfte ſich weder vor ſeinem Sohne noch vor dem 1 Knechte eine Blöße geben. Das geſetzte Benehmen des Dominik machte auf den Fur⸗ chenbauer einen bedeutſamen Eindruck. Er ehrte den Dominik damit, daß er ihn mehrmals geradezu fragte, ob er denn nicht Recht habe, ob denn ein Vater nicht ſchalten und walten dürfe wie er wolle, ob ſich ein Kind dagegen auflehnen dürfe und ob nicht Kindeskinder dem danken müſſen, der die Größe und die Ehre der Familie feſt gewahrt habe. Aber auch hierauf gab Do⸗ minik nur wenig entſprechende Antworten, er ſprach davon, daß der kindliche Gehorſam, aber auch daß der Friede über Alles gehe, lehnte indeß jede Selbſtentſcheidung ab, mit dem Bedeuten, daß er dieſe Sachen nicht verſtehe. Der Bauer war mehrmals verſucht, den Dominik für dumm zu halten, aber aus einzelnen Worten entnahm er doch wieder wie klug er war, hatte er ja einmal geäußert: „Es iſt wahrſcheinlich dumm was ich ſag, aber ich weiß nicht, der Pfarrer ſagt doch immer, Gott allein ſei die Vorſehung und ich weiß jetzt nicht: wollet Ihr nicht mit dem was Ihr vor⸗ habet, wie man bei uns in Nellingen ſagt, in Gottes Kanzlei ſteigen und Vorſehung ſpielen? Kann man da nicht auch zu viel thun und muß man nicht unſerm Herrgott die Hauptſach über⸗ laſſen, was er für künftige Zeiten vorhat?“ „Du biſt gar nicht ſo dumm, gar nicht, aber du verſtehſt die Sach nicht“, hatte darauf der Bauer erwiedert und Dominik war mit dieſer Antwort mehr als zufrieden und blieb doppelt beſtärkt bei ſeinem gehaltenen Benehmen. Er miſchte ſich trotz aller geheimen und offenen Aufforderungen nicht eigentlich in die Sache, er verdarb es weder mit dem Bauer noch mit Alban, wenn dieſer einſt doch den Hof bekäme, und ſolche weiſe Zurück⸗ haltung eines Dienſtboten verfehlte nicht, dem Bauer einen ge⸗ hſt nik elt o die an, üd⸗ wiſſen nachhaltigen Reſpekt abzunöthigen. Minder war dies bei Alban der Fall, denn als ihn Dominik einſt im Auftrage der Mutter beſuchte, hatte dieſer einmal geſagt:„Ich bin auch ein Häuslerskind, mein Großvater war auch ein reicher Bauernſohn, den man nebenausgeſetzt hat. Man muß ſich ſi Als jetzt die Furchenbäuerin in der Nacht erwachte und hörte, wie der Dominik das Schwärzle aus dem Stalle zog, däuchte es ihr eine Ahnung, daß ſie erwacht war; jetzt zog ja ihre Bot⸗ ſchaft zu ihrem Alban, denn ſie hoffte, daß Dominik dem Willen des Bauern ungetreu über Reichenbach fahren werde. Ein nächtiger Gang bis daß es tagt. Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt und Dominik war bald zur Abfahrt bereit, er war aber entſchloſſen, mindeſtens auf dem Hinwege dem ausdrücklichen Befehle des Bauern zu gehorchen; wenn er ihm zuwiderhandelte, wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu ſeiner Mutter nach Nellingen gehen. Er war noch nicht mit ſich einig, ob er das thun werde, als er von der Landſtraße ab den Waldweg einſchlug. Das Schwärzle brummte vor ſich hin als man in den mächtig ſäuſelnden Wald eintrat, wo die dunklen Wipfel rauſchten, obgleich man keinen Wind verſpürte; es ſtand oft ſtill und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und ſchritt fürbaß. Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht, daß ſie den Hennenweg eigentlich Hünenweg nennen, ungeheuerlich genug iſt er und die Felsblöcke und ſeltſamen Erdwälle, die hüben und drüben ſind, können wohl für Hünengräber gelten, die Volks⸗ meinung aber bleibt dabei, der Weg gleiche einer Hühnerſteige und darum heißt er der Hennenweg. Das Schwärzle, einmal im friſchen Lauf, konnte klettern wie eine Ziege und das war natürlich; das Schwärzle war von echter Schwyzerraſſe, die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle aufgewachſen und ſo gediehen, daß ihm der Preis nicht fehlen konnte. Wie ein Hund ſeinem Herrn, folgte das Schwärzle dem Dominik, und erſt als man auf der Anhöhe war, hielten beide an, Domi⸗ nik ſtopfte ſich eine Pfeife und das Schwärzle fand in der Nacht ein thaufeuchtes Maulvoll Gras am Wege, das war für den Hunger und für den Durſt.„Vorwärts in Gottes Namen“ ſagte jetzt Dominik und mit einem ſchnell erhaſchten Vorrath für den Weg folgte das Schwärzle. Dominik fürchtete keine Ge⸗ ſpenſter noch lauernde Uebelthäter, aber der Ruf, den er vorhin gethan, erlöſte ihn doch von einem gewiſſen Gefühl der bangen Einſamkeit und dabei ſchlug er ſich an die Hüfte und überzeugte ſich, daß ſein im Hirſchhorngriffe feſtſtehendes Meſſer dort ſicher ruhte. Der Meiſter hatte Recht, der Weg war von jetzt an be⸗ quem und lind, er zog ſich auf einem Walddurchſchlag hin, auf dem bis zum Jahre 48 die gräflich Sabelsbergiſchen Schafe wei⸗ deten, das Gras war jetzt in die Höhe geſchoſſen, denn der Fur⸗ chenbauer hatte ſich nicht entſchließen können, nach dem Rathe Albans ſelber Schafe einzuthun und eine mehrmalige Ausſchrei⸗ bung der Schafweideverpachtung hatte bis jetzt zu keinem Er⸗ folge geführt. Dominik dachte in ſich hinein, wie manches Er⸗ trägniß doch auch auf ſolch einem großen Bauernhofe verloren gehe, er dachte, wie es einem rechtſchaffenen Knechte zukommt, zunächſt an den Vortheil ſeines Meiſters, dann aber auch an ſich ſelber; er verſtand die Schäferei, und hätte er nicht ſein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt, er hätte ſich ſelber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet. Es giebt ja hier zu Lande viele Eigenthümer von Schafheerden, die keinen Grund⸗ beſitz haben. Dominik war in die Jahre getreten, wo er allzeit ausſchaute nach einem ſelbſtändigen Anweſen und ſei es auch noch ſo klein. Er gedachte jetzt, wie Manches von einem großen Hofe doch noch ganz anders ausgenutzt würde, wenn es in fleißige Hand gegeben wäre, die nur das allein hätte. Immer kam Do⸗ minik wieder auf die Ueberlegung zurück, wie es einem noch ſo Fleißigen hier zu Lande nicht möglich ſei, etwas vor ſich zu bringen. Drüben im Gäu, wo es wenig geſchloſſene Güter giebt, die nicht auf ewige Zeiten in Einer Hand bleiben, da iſt es einem ſparſamen Knecht, der von Haus aus nichts hat, doch möglich, mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben, er heirathet noch etwas dazu und wenn die Gemeinde ſieht, daß das junge Paar fleißig und ſparſam, läßt ſie ihm bei einem ſchicklichen Kauf die Vorhand und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein ſchönes Bauerngütle und die Aecker ſind alle das Doppelte werth. Hier zu Land aber iſt Grund und Bo⸗ den in feſter Hand und es bleibt nichts als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben. Das aber wollte Dominik nicht, lieber ledig ſterben; er hatte im elterlichen Hauſe zu bitter erfahren, welch ein elendes Leben das iſt⸗ An einer ſtarken Lichtung, die jetzt am Wege war, erkannte Dominik den Grenzſtein vom Gute ſeines Herrn. Wer wird doch noch Recht behalten? Alban oder der Vater? Wer weiß, es kann noch bös werden, zwei harte Mühlſteine mahlen nicht gut, ſagt das Sprüchwort. Es raſchelte etwas im Walde, das allgemein bewaffnete Jahr muß doch noch nicht alles Wild weggepirſcht haben, das Schwärzle brummte leiſe und drängte ſich näher an Dominik. Gen Morgen zeigte ſich allmälig ein lichteres Grau, die Nebel ſenkten ſich, das Schwärzle begrüßte den jungen Tag durch lautes Schreien. Ein Rabe hockt noch verſchlafen auf einem Baumaſt, er hat den Kopf unter den Flügeln, jetzt erwacht er, ſchüttelt ſträubend ſein Gefieder, öffnet den Schnabel wie gäh⸗ nend und fliegt krächzend waldaus. Ein enges grünes Thal thut ſich auf, über den Waldbergen jagen die Nebel in zerriſſenen Wolken dahin, die Elſtern ſchnattern und fliegen von Baum zu Baum, auf einem blätterloſen Kirſchbaum klagt der Fink regen⸗ verkündend: es gießt! es gießt! und hoch oben ſchwebt ein Raub⸗ vogel, es iſt die Hühnerweihe, ſie ſtößt ihr jauchzendes Geſchrei aus: Gujah! Gujah! Hähne krähen, Hühner gackern, der Takt⸗ ſchlag der Dreſcher tönt herauf, das iſt das von Waldarbeitern bewohnte arme Dorf Klurrenbühl, aber man ſieht nichts davon, Alles iſt in Nebel gehüllt, die Wälder tauchen daraus auf, eine heiſere Morgenglocke ertönt wie weit verloren, jetzt erſcheinen die Häuſer des Dorfes bis zur Dachfirſte hell und darüber die Nebel⸗ wolken, von den Bäumen am Wege tropft es leiſe, die breiten Blätter des Kohls tragen ſchwere Tropfen, die manchmal in der Mitte des Blattes wie von einander angezogen zuſammenrinnen und je näher ſie ſich kommen, immer haſtiger. Da und dort fällt ein einzelner Apfel ſchwer vom Baume. Dominik hatte für Alles Aug und Ohr, denn er wünſchte ſich doch einen hellen Tag dafür, daß er und das Schwärzle an demſelben gekrönt würde. Als er jetzt am erſten Hauſe unter dem Geläute der Glocke, die ſo armſelig und wie beſcheiden bittend ertönte, den Hut abzog, miſchte ſich in ſein Gebet der Dank, daß er nicht dazu beſtimmt ſei, in einer Einöde wie dieſes Dorf war, ſieben Stunden hin⸗ term Elend wie man ſagt, ſein Leben zu verbringen; er war auf dem Furchenhof an Beſſeres gewöhnt. Lieber lebenslang Knecht auf dem Furchenhofe als Bürger in ſo einem armſeligen Neben⸗ ausorte, ſprach es in Dominik. Auf einem„abſcheinigen“ Haus⸗ weſen bauern, wo einen die Schulden morgen wie der Wind wegblaſen können— da iſt Knecht ſein beſſer, und doch, ein eigen Leben geht doch wieder über Alles. Im Dorfe zeigte ſich ſchon frühes Leben, dort ging einer mit der Peitſche knallend, gleichſam ſich und die Thiere erweckend, nach der Stallthüre, dort öffnet ſich eine Stallthüre von innen und die Kühe ſchreien— der hat ſeinen Thieren ſchlecht über Nacht aufgeſteckt; ein Mann, der in dürftigem Kleide über die Straße ging, ſchaute den Do⸗ minik verwundert an und vergaß ſeinem freundlichen Gruße zu danken. Wer weiß, mit welchen böſen oder traurigen Gedanken der ſeinen Tag anfängt. Auf einen Ehrenpreis hofft der wenig⸗ ſtens heute nicht. Dieſe Ausſicht, die geſtern den Dominik noch grimmig machte, ward ihm jetzt im friſchen Morgen zu einer lichten Freude; er fühlte ſich ſo luſtig wie ſeit lange nicht und etwas anderes konnte es doch nicht ſein. Mit friſcher Kraft wan⸗ derte er, das Schwärzle am Seile führend, dahin, und ſelbſt das wohlbekannte Thier erſchien ihm jetzt ſo ſchön wie noch nie. Wie prächtig ſchwarz war die Farbe, die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war; nur wenig überbaut, wie war es ſo feſt und doch fein, der Kopf mit den weißen Hörnern, dem weißen Maul und den hellen Haarbüſcheln in den Ohren— wie verſtändig ſah das Thier aus. Es mag wol von dem ehemaligen Hirtenleben des Dominik herkommen, daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte, um ſo mehr aber für die des Rindviehs, und er erquickte ſich wahrhaft daran. „Du verdienſt auch den Preis“, ſagte Dominik faſt laut, dem Thiere auf den Bug klatſchend„friß jetzt nicht, du kriegſt was beſſeres, ich vergeß dich nicht wenn ich was zu mir nehm.“ Das Schwärzle ſchien aber eine Vertröſtung auf die Zukunft nicht zu verſtehen, es bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege und Dominik mußte es kurz halten. Auf den Wieſen wurde es nun lebhaft. Die Kühe, die den ganzen Sommer im Stalle gehalten wurden, ſprangen jetzt auf der Weide luſtig klingend hin und her und die Hütenden rannten hin und wieder, knalkten und jodelten und ſangen bei dem Feuer, in dem ſie ihre Kartoffeln brieten. Dominik gedachte, wie auch er einſt ein armer Hirtenbub war und jetzt hatte er's doch ſo weit gebracht. Dieſes ſtete unter ſich Schauen, dieſes beſtändige Erwägen was er einſt geweſen und wie weit er's gebracht, machte ihn weniger kühn und muthig und mehr beſcheiden und demüthig als es eigentlich ſeine Natur mit ſich brachte. Jetzt ſang ein Hir⸗ tenbub dasſelbe Lied, das Ameile geſtern ihm nachgeſungen und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude. Jetzt wußte er's, nicht der Ehrenpreis war es, der ihn ſo innerlichſt fröhlich machte, das Lied lag ihm im Sinn und weiter⸗ ſchreitend ſang er: „Schätzele Engele „Laß mi e wengele“ „Schätzele waſele?“ „Nur mit dir baſele.“ Das Lied verließ ihn auf dem ganzen Wege nicht mehr und hob ſeine Schritte und lachte ihn aus mit all ſeinem Denken und gab ihm auf Alles Antwort. Ich bin neun Jahre älter als das Ameile— das iſt ja kein Fehler, das iſt ja grad recht... Das Ameile iſt ein anvertrautes Gut von meinem Herrn, ich darf nicht falſch damit gegen ihn ſein— er muß dir noch Dank ſagen, daß du ihm ſo einen rechten Tochtermann giebſt. Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut? Und das hat ſie... Ich mag mich nicht ſo hoch verſteigen, ich plumps ſonſt ſo arg runter— das iſt Feigheit von dir und du wirſt's bereuen, wenn's zu ſpät iſt.— Es war merkwürdig, wie ſich in Domi⸗ nik alles Red und Antwort gab, als wären zwei Seelen in ihm, und das war wol auch, denn er trug Ameile im Herzen. Schon vor elf Jahren, als der Hirzenbauer von Nellingen, der Klein⸗ Rotteck genannt, dem Dominik den Dienſt auf dem Furchenhof verſchaffte, ſchon damals gewann der hochaufgeſchoſſene Bub das kleine Kind beſonders lieb. Ameile ſtand am erſten Abend an dem Brunnen und ſchaute Dominik zu, der ſich die Hände wuſch, das Kind aß von einem großen Apfel, den es mit beiden Händen hielt, es mochte den zutraulichen Blick des Dominik, der nach ihm um⸗ ſchaute, wol anders deuten, denn es trat auf ihn zu, ſtreckte ihm den Apfel entgegen und ſagte:„Beiß auch ab.“ Dominik war ſelber noch kindiſch genug, um mit dieſem Anerbieten ſo weit Ernſt zu machen, daß das Kind eine Weile verblüfft auf ſeinen ſo ſehr verminderten Apfel ſah, dann aber doch wieder gegen Dominik lachte. Von jenem Abend an hatte Dominik eine be⸗ ſondere Liebe zu dem Kinde und ſuchte ihm auf jede Weiſe Freude zu machen. Im Winter trug er es oft den größten Theil des We⸗ ges auf ſeinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule, und wenn Schneebahn war, führte er es auf einem Handſchlitten. Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Ver⸗ weilen in der Garniſon wieder in ſeinen alten Dienſt zurückkehrte, gewahrte er plötzlich, daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann. Der Abſtand ihrer Lebensverhältniſſe wurde ihm immer klarer und ſelbſt in die Herzen voll Einfalt finden oft verſchlun⸗ gene, ſich ſelbſt verhüllende Gedanken ihren Weg. Dominik war jung genug, daß ihm die unverkennbare Liebe Ameile's die tiefſte 5— Seele erquickte, er lächelte oft ſtill vor ſich hin, aber wenn er Ameile begegnete, ihr etwas zu bringen oder zu ſagen hatte, machte er immer ein finſteres ja faſt zorniges Geſicht und war wortkarg, er bangte vor dieſer Liebe, die ihm nur Unglück brin⸗ gen konnte, er wollte ſie bezwingen, aber es gelang ihm nicht. Da fand ſich eine glückliche Aushülfe: nicht um ſeinetwillen, ſon— dern um Ameile mußte er jede Neigung ausreißen und zerſtören, das gute harmloſe Kind, das durfte nicht ins Elend kommen, es mußte behütet und beſchirmt werden. Dominik erſchien ſich groß in dieſer Entſagung um der Geliebten willen, die ihm jetzt zu gelingen ſchien; er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile, nur um ihr zu zeigen, wie gut er's mit ihr meine und bald ſchien es wieder, daß ſie von Allem nichts wiſſe, ſie war allezeit gleich fröhlich und behend, luſtig wie ein Vogel auf dem Zweige. Do⸗ minik däuchte es, daß er ſich getäuſcht habe; er hatte mit Schmer⸗ zen und Kämpfen eine Liebe ausgerottet, die gar nicht da war, und ſo ſeltſam iſt das Menſchenherz; ſtatt daß Dominik ſich dabei beruhigte und zufrieden war, daß Alles ſich fügte, wie er wün⸗ ſchen mußte, wollte er jetzt mindeſtens eine Erkenntlichkeit für ſeine Aufopferung und er ſagte es einſt Ameile was er für ſie gethan. Ameile ſtand dabei betroffen und redete kein Wort. Wo⸗ chen lang wenn ſie ihm begegnete ſah ſie ihn kaum an und huſchte vorbei, als fliehe ſie vor ihm. Hatte Dominik erſt geweckt was er tödten wollte 2 Es ſchien nicht der Fall. Einſt als ſie ihm nicht mehr ausweichen konnte und er ſie fragte warum ſie ſo trotzig. gegen ihn ſei, ſagte ſie mit keckem Antlitze lächelnd: „Es hat einmal einer einen Bärenpelz verkauft ehe er den Bär geſchoſſen hat.“ „Wie? Was meinſt?“ „Es hat einmal einer ein Mädle aufgeben, bevor er's gehabt hat. So iſt's.“ Der Mädchenſtolz ſchien beleidigt, daß eine Liebe preisgegeben wurde, um die noch gar nicht geworben war. Wollte ſie ihn zurückweiſen, wenn dieß vollbracht war? Ameile ſchien nun ein grauſames Spiel mit Dominik zu treiben, ſie ging alle⸗ zeit trällernd und lachend umher und die Natur ſelber mußte ihr — helfen, denn ſie wurde mit jedem Tage ſchöner und liebreizender. Wo ſie nur konnte, hänſelte ſie den Dominik und die Mutter ſelber ſchalt ſie oft darüber, der Vater aber hatte ſeine heimliche Freude an dem luſtigen Kinde und ſeinen Scherzen und es war nicht uneben, als er einmal ſagte:„Sie iſt grad wie ein Kana⸗ rienvogel, je mehr Lärm und Untereinander im Haus iſt, je luſtiger iſt ſie, grad wie ein Kanarienvogel, der ſchlagt auch im⸗ mer heller, wenn's recht toll hergeht in der Stub.“ Auch Domi⸗ nik hatte nach dem anfänglichen Aerger ſeine Luſt an dem Ueber⸗ muthe Ameile's, es wäre ihm gar nicht lieb geweſen, wenn ſie ihn nicht geneckt hätte, ſie lachte und jauchzte dabei ſo grundmä⸗ ßig; und daß ſie grade immer mit ihm anheftelte, war kein böſes Zeichen. Er gab ſich nun ſelber manchmal zum Beſten und gab Ameile oft Gelegenheit über ihn zu lachen. Auf dem einſamen Furchenhofe war eine Bewegung der Ge⸗ müther wie ſie ſich nur ſelten aufthut, und in Stube un Stall und Scheune ſagte man einander, daß es gewiß nirgends luſtiger hergehe. Man wußte nichts und wollte nichts wiſſen, was denn eigentlich vorging und warum Jedes am Morgen ſo fröhlich aus dem Schlafe ſich erhob, man fragte nicht danach und konnte es nicht ſagen und das iſt die beſte aus innen quillende Freude. So viel aber wußte doch ein Jedes, daß Ameile der Mittelpunkt aller Luſtbarkeit war. Selbſt der alte Furchenbauer, der eine gewiſſe finſtere Miene nie ablegte, konnte ſich des Einfluſſes der„Blitz⸗ here“ wie er Ameile auch bisweilen nannte, nicht erwehren, und es war doppelt zum Lachen, wenn man ſah, welche Mühe er ſich gab, bei den loſen Streichen und Reden Ameile's ſeine ernſte Miene zu bewahren, wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte, als laut auflachen. Oft an Winteraben⸗ den, wenn der Vater im Stüble ſaß und den Wälderboten ſtu⸗ dirte, während Ameile mit dem Geſinde in der großen Stube ſpann und allerlei Kurzweil trieb, hörte man bei einer neckiſchen Rede Ameile's den Vater aus dem Stüble laut lachen. Als Dominik jetzt auf ſeinem Gange an dieſe Zeiten und — —— — 77— beſonders den ſieben und vierziger Winter dachte, leuchtete die damals herrſchende Heiterkeit wieder aus ſeinem Antlitze. Als im Vorfrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte trat plötzlich mit ihm ein anderer Geiſt ein. Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Weſens war auf den Hof gekommen. Man hatte heiter und erfüllt gelebt in ſeiner Abweſenheit und es war als ob jedes gewaltſam Raum ſchaffen müſſe für das Ge⸗ baren des neuen Ankömmlings, der ſo zu ſagen der zweite Mei⸗ ſter war und alsbald überall zugriff. Mit Ameile ging eine beſondere Veränderung vor, ſie be⸗ trachtete den Bruder oft mit ſtaunender Verehrung und glühte vor Entzücken da ihr Alban ſtets mit etwas fremder und ſo zu ſagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete. Bald nach der Ankunft Albans war auch jene Bewegung kund geworden, die ſo wunderbar die ganze Welt umſtellte. Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren ſchönen und ſo vorneh— men Bruder hinab ins Thal zu den Waffenübungen, ſie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppele ſtehen und ſah ihm zu und ihr Herz lachte vor Freude. Hundertmal wünſchte ſie ſich im Scherz und Ernſt, auch ein Burſche zu ſein und klagte, daß bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme. Do⸗ minik war mit unter den Bewaffneten, aber er wußte, daß Ameile nicht für ihn auf der Anhöhe ſtand und unverwandten Blicks herabſchaute; ſie hatte nur ein Auge für ihren Alban. Dominik war innerlichſt eiferſüchtig auf dieſen, aber er durfte ſichs nicht merken laſſen und bald hatte er keinen Grund mehr dazu. Die Hinneigung Albans zu Vreni ward ſichtbar und Dominik ſchöpfte daraus neue, wenn auch keine beſtimmte Hoffnung, aber die Welt war ja jetzt eine andere, alle Menſchen waren Brüder, und noch leichter als Alban die Vreni heimführt, konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen. Ameile ſchloß ſich fortan mit klugem und gutem Herzen der Vreni an, ſie konnte dem Bruder nicht beſſer ihre Liebe erweiſen, und als einſt in militäriſcher Weiſe Alban den Dominik Kamerad nannte, ſagte Ameile: „Dem Dominik gönn' ichs am eheſten, daß er dein Kamerad iſt.“ 78— Dennoch war Ameile äußerſt zurückhaltend, und wollte ſich ihr Dominik nähern, hatte ſie immer eine ſcherzende Abweiſung. Als der Zerfall zwiſchen dem Vater und Alban eingetreten war, wurde Ameile oft ſtill und in ſich gekehrt und einmal ſagte ſie zu Dominik: „Es iſt doch Recht, daß du mich ſchon lang aufgeben haſt, dabei wollen wir auch bleiben.“ Fortan war es zwiſchen Dominik und Ameile als ob nie et⸗ was zwiſchen ihnen vorgegangen wäre. Ameile, die ihren Bru⸗ der ſo ſehr geliebt hatte, wurde wunderbarerweiſe bald wieder ſo heiter wie ehedem, ſie war überzeugt, daß ihr Bruder unbedingt Unrecht habe und ſprach das auch unverholen gegen den Vater aus; es ging ſie nichts an, was er für einen Streit mit dem Vater hatte, es war und blieb jedenfalls unverzeihlich, daß er die Sache aus dem Hauſe trug. Was im Hauſe vorgeht und beſonders zwi⸗ ſchen Vater und Kindern darf nicht über die Schwelle. Der Vater wurde nun noch beſonders liebreich gegen Ameile, da er ſie ſo reden hörte und er ging einmal ſo weit, daß er ihr ſagte:„Du biſt mein einzig Kind an dem ich Freud hab.“ Dominik war wortkarg und ging ſtill ſeiner Arbeit nach. Wenn ihn Ameile auch oft ermahnte:„Bös brauchen wir juſt nicht mit einander ſein; wir dürfen doch mit einander lachen,“ Dominik ging nicht darauf ein. Ein ſtolzer Bauernburſche wie Alban, der kann es wagen, eine neue Regel für ſich aufzuſtellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzuſetzen, ein Knecht, der ſich ſein Leben lang fügen und ducken mußte und allzeit nach ſeiner Herkunft ſchaut, findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht. Es giebt Naturen, die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht. Das Vertrauen, das jetzt bei dem Zerfalle mit Alban der Furchenbauer ſeinem Knechte ſchenkte, erweckte in dieſem den alten Vorſatz, er wollte Ameile nicht ins Unglück ſtürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten. Darum hatte er noch geſtern beim Aepfelſchütteln, ſo herb gegen Ameile gethan und am Abend am Brunnen ſich zu we⸗ nigen Worten herbeigelaſſen. Jetzt aber allein auf dem Wege ſang ſie ihm allezeit ins Ohr:„Schätzele Engele.“ In Jettingen, wo Dominik das Schwärzle einſtellte, daß es ſich an Futter und Ruhe erhole, gönnte er ſich ſelber keine Raſt. Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu ſeiner Mutter nach Nellingen, er hatte ſich nicht darüber berathen und ſich nicht dazu entſchloſſen, es trieb ihn unwiderſtehlich fort. Im armſeligen väterlichen Hauſe, das nun der ältere Bruder beſaß, traf er die Mutter nicht; ſie war, wie die heimgebliebenen Bruderskinder ſagten, beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzenbauern. Dominik kannte das Feld und eilte dorthin. Auf dem Wege ſchlug ihm das Herz gewaltig, da er bedachte, wie grauſam es ſei, daß die alte Frau noch taglöhnern müſſe, er kam ſich als ſchlechter Sohn vor, denn er überdachte, wie oft er ſich gutthue und ſeine Mutter vergeſſe. Im Hinausſchreiten gelobte er ſich, dieß fortan zu ändern. Die Mutter, eine lange dürre Geſtalt, reichte ihrem Sohne die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter ſprechen; der Sohn des Hirzenbauern, der den Dominik freundlich bewillkommte, ſagte ihr aber, ſie ſolle nur mit ihrem Sohne heimgehen, ſie ſolle doch ihren Taglohn erhalten. Dominik dankte und ging langſam neben der Mutter durch das Dorf hinein, die Wangen brannten ihm, denn er hatte Eile, er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl ſeines Herrn dieſen Abweg gemacht, aber er zwang ſich doch zur Ruhe. Er hatte der Mutter nichts mitgebracht als den verheißen⸗ den Gruß den ihm Ameile mitgegeben; ſie bat ihn um Geld, er verſprach ihr ſolches von Wellendingen zu ſchicken, und als eben der Hirzenbauer auf ſeinem Bernerwägelein am Hauſe vorüber— fuhr, ſagte er:„Ich ſchick Euch's mit dem, verlaßt Euch drauf, und ich komme bald wieder.“ Als Dominik ſchon die Thüre in der Hand hatte, fragte ihn noch die Mutter:„Iſt's denn wahr, daß dir dein Bauer ſein' einzige Tochter giebt?“ „Wer hat das geſagt?“ 60 „Ich hab's gehört, die Leut reden davon. Mach nur, daß ich's noch erleb.“ „Da könnt Ihr lang leben bis dahin,“ ſchloß Dominik und machte ſich eilig auf den Rückweg durch den Wald. Das Schwärzle brummte ihm entgegen als er in den Stall trat und ohne Säu⸗ men machte er ſich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel. Draußen vor Jettingen fuhr der Hirzenbauer an ihm vor⸗ über und winkte ihm zu, ſich zu beeilen; Dominik glühte vor Er⸗ regung, es war ſchon ſpät, er konnte die ganze Feierlichkeit ver⸗ ſäumen und mit ſeinem Herrn hart zuſammentreffen; es war unbegreiflich einfältig, daß er nach Nellingen geſprungen war, er hatte ja doch nichts mit ſeiner Mutter reden können und was ſollte er auch? Das Schwärzle mußte in langſamem Gange er⸗ halten werden, damit es nicht erhitzt und abgemattet ankäme, das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt, und heute ſollte er ja wegen ſeiner treuen Dienſte öffentlich gekrönt werden. Dominik wünſchte ſich Rieſenkraft, damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne; er hätte ihm gern ge⸗ holfen, ſeine Schritte fördern, aber er konnte nichts thun als lang⸗ ſam neben ihm hergehen. Dahin war nun all der fröhliche Muth, all das morgenfriſche Leben der vergangenen Stunden, und pft fuhr er ſich über die heiße Stirne, wenn er bedachte, was ſeine Mutter ihm geſagt und was die Leute redeten. Erſt nach geraumer Weile, als aus einzelnen Gehöften Leute kamen, die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbe⸗ werbung nach Wellendingen führten, beruhigte er ſich und ſchalt ſich innerlich über ſeinen unnöthigen Jaſt; es war ja noch früh an der Zeit und in der That war er einer der erſten an dem Wirthshauſe zum Apoſtel in Wellendingen. Feſtgefahren. Der Furchenbauer war noch nicht da. Heitern Sinnes war er am Morgen mit ſeiner Tochter ausgefahren. Er war feſttäg⸗ lich gekleidet, er trug ſeinen ſchwarzſammtnen, roth ausgeſchla⸗ 1 genen kragenloſen Rock, dazu die rothe Weſte mit ſilbernen Ku⸗ gelknöpfen, den breiten ſchwarzen Hut mit nach hinten flatternden Band⸗Enden. Auch Ameile war im vollen Putze. Der ſafrangelbe hohe Strohhut mit ſchmaler nach vier Seiten eingebogener Krämpe, die ſchwarzen um das Kinn gebundenen breiten Sammetbänder hoben noch die friſchen Farben ihres runden Antlitzes, um den Hals war ein ſchwarzblaues ſeidenes Tuch geſchlungen, deſſen rothe Endſtreifen im Nacken flatterten und lange Zöpfe mit ein⸗ geflochtenen rothen Bändern hingen den Rücken hinab; der ſchwarz⸗ ſammtne„Schoben“(die Jacke) nach vorn geöffnet ließ die Sil⸗ berkettchen auf dem rothen Mieder ſehen und war nach einer glück⸗ lichen Neuerung bis auf die Hüfte verlängert, dazu die weiße Schürze, der ſchwarze Rock mit Scharlach- und Goldborden ein⸗ gerändert ſo wie die rothen Strümpfe vollendeten den Feſtanzug. Die beiden Schweißfuchſen gingen ruhig, der alte Mann lenkte ſie leicht und nur manchmal draußen vor den Dörfern über⸗ ließ er der darum bittenden Ameile das Leitſeil und Ameile ſchnalzte mit der Zunge und fuhr luſtig. Auf dem allzeit finſtern Antlitze des Bauern ruhte heute der Abglanz des Triumphes, daß vor aller Welt heute ſein Knecht und ſein Vieh mit dem Preiſe aus⸗ gezeichnet würde; der eigentliche Ruhm davon gehörte doch dem Herrn und Meiſter. Wäre nicht der geheime Kummer um Alban geweſen, in dem Furchenbauern hätte lauter Freude und Wohlbehagen gelebt. Er gedachte jenes Tages, da er mit Sorge um ſeinen Fruchtwa⸗ gen dieſen Weg gefahren war; jetzt war die Welt wieder ruhig, und gehörte er auch nicht gerade ganz zu denen, die dem Recht geben der Recht behalten oder wie der Klein⸗Rotteck von Nellin⸗ gen ſagt, dem andern zuvorgekommen und ihn zuerſt ins Loch geſteckt hat; unſer Furchenbauer dachte nicht mehr viel an ſolcher— lei Dinge; die Hauptſache war auch ihm, daß man jetzt wieder die Erträgniſſe des Ackers gut abſetzt; im Uebrigen mag die Welt regieren wer will und kann. Seit vielen Jahren war der Furchenbauer Mitglied des land⸗ wirthſchaftlichen Vereines; der alte, in dieſem Bezirke ehedem ſo Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 6 ſehr beliebte Oberamtmann Niagarra, deſſen Lachen immer ſo mächtig war und lautete wie wenn ein Klafter Holz zuſammen⸗ fällt, hatte den Furchenbauer zum Eintritte beredet und er blieb dabei, denn er ſah den jährlichen Beitrag als eine Art Ehren⸗ ſteuer an, der ſich ein großer Bauer nicht entziehen dürfe. Von all den vorgeſchlagenen Verbeſſerungen in der Landwirthſchaft, von den vielen empfohlenen Werkzeugen hatte ſich der Furchen⸗ bauer nur wenige angeeignet; er befand ſich wohl bei ſeinem alten Verfahren und hatte nicht Luſt Neues zu verſuchen, das nicht nurfraglich ſondern auch ihm fremd war und dadurch ſeine Meiſterſchaft herabſetzte. Eines aber hatte er gerne befolgt. Mehr aus Stolz als aus Einverſtändniß mit der Sache hatte er ſeinen Alban in die neuerrichtete Ackerbauſchule gegeben, und das hatte böſe Frucht getragen; wenigſtens wälzte der Vater die weſent⸗ liche Schuld auf dieſes Verhältniß. Jetzt zeigte ſich doch auf ein⸗ mal ein ſtrahlender Erfolg und halb vor ſich hin halb in ſich hi⸗ nein murmelte der Furchenbauer: „Die Leute werden alle ſehen, wie gut es meine eigenen Kinder bei mir haben, wenn es mein Knecht ſo gut hat, wie ſich öffentlich ausweiſt.“ Er ſchien dieſer Rechtfertigung vor ſich und der Welt zu be⸗ dürfen. Ameile, die dieſe Worte wohl hörte, erwiederte nichts da⸗ rauf und der Vater ſah ſie darob ſcharf an; er ärgerte ſich aber nicht nur über das Schweigen des Kindes, ſondern auch über ſeine eigene Redſeligkeit; es war nicht wohlgethan und ganz ge⸗ gen alle ſtrenge Familienzucht, ſich ſo vor dem Kinde auszu⸗ laſſen. Unmittelbar vor dem Dorfe Reichenbach wäre den Fahren⸗ den beinahe ein Ungluck geſchehen. Alban kam gerade mit einem großen Düngerwagen aus dem Dorfe heraus als der Furchen⸗ bauer in daſſelbe einfuhr; ſei es nun, daß der Vater die Zügel in zitternder Hand lenkte oder daß die Pferde Alban erkennend auf ihn zueilten, die beiden Fuhrwerke hingen unverſehens in einander und konnten nicht vom Fleck und um ein Kleines wäre Alban dazwiſchen zerquetſcht worden. Ameile riß raſch dem Vater 5 el d in er 88 die Zügel aus der Hand, rief Alban, er möge ſein Geſpann hal— ten, daß es nicht vorwärts gehe und drang in den Vater, daß er abſteige, ſo lange ſie die Pferde halte. Alban ſtand eine Weile an ſeinen Sattelgaul geſtemmt, der ſich hoch bäumte, aber er bändigte ihn, und mit einer geſchickten Wendung löste er raſch die Stränge, ſprang behend über die Deichſel und löste die Stränge dem andern Pferde gleichfalls. Nun konnte ſein Fuhr⸗ werk nicht mehr vom Fleck und keinen Schaden mehr anrichten. Er eilte nun, dem Vater beim Abſteigen zu helfen. Dieſer hatte den einen Fuß über der Leiter und wagte trotz der Ermahnun⸗ gen Ameile's nicht, den andern Fuß nachzuziehen; das Unge⸗ mach und das Zuſammentreffen mit Alban hatte ihn ganz blöde und wirr gemacht; ſo ſtand er noch mit hülfeſuchendem Blicke umherſchauend als ſchwebte er am Rande eines Abgrundes, da kam Alban, faßte ihn mit ſtarken Armen, hielt ihn hoch empor und ſtellte ihn dann ſanft auf den Boden. Er befahl Ameile, ruhig ſitzen zu bleiben, hob wie ſpielend die Hinterräder ihres Wagens in die Höhe und zur Seite, ſprang vor an den Kopf der Thiere, lenkte ſie etwas zurück und dann wieder vorwärts und flott war das Fuhrwerk. Der Vater ſtieg behende wieder auf, die Beihülfe Albans abwehrend, und dieſer ſtand noch eine Weile ruhig, die Hand auf die Wagenleiter gelegt und ſchaute dem Vater ins Antlitz, dann ſagte er: „Es hat ſchon ſo ſein müſſen, Vater, daß wir einander auf— fahren.“ „Fahr' zu!“ herrſchte der Furchenbauer gegen Ameile als Antwort, und an die Schweſter gewendet mit zornig wehmüthi⸗ gem Tone ſagte Alban wieder: „Wohin gehts?“ „Gen Wellendingen zum landwirthſchaftlichen Bezirksfeſt, unſer Dominik kriegt heut einen Preis und vielleicht das Schwärzle auch. Kehr um und führ' uns, wir können ſo beide nicht fahren, haſt geſehen“, entgegnete Ameile und der Vater befahl noch⸗ mals:„Fahr zu!“ „Ich kann nicht mit“, ſagte Alban vor ſich niederſchauend, 6* „ich bin hier Knecht.“ Er reichte der Schweſter die Hand und ſchloß:„b'hüt dich Gott.“ Auch dem Vater ſtreckte er die Hand entgegen und ſagte:„bhüt's Gott Vater.“ Er zog die dargereichte Hand aber leer zurück, denn der Vater riß Zügel und Peitſche an ſich und fuhr davon. Ameile ſchaute noch einmal zurück und winkte dem Alban, dieſer aber ſah ſie nicht, denn er ſträngte die Pferde wiederum ein, ſtieg auf den Sattelgaul, unterſuchte die Treibſchnur und fuhr hell knallend die Straße hinauf und dann querfeldein. Draußen vor dem Dorfe ſagte der Furchenbauer: „Der Malefizbub iſt mir überall im Weg. Wenn ihm der Dominik Beſcheid gegeben hat, geht's ihm ſchlecht. Der Malefiz⸗ bub hat's gewiß erfahren, wann ich komm, und hat mir zeigen wollen wie er Knecht iſt, und aufgefahren iſt er auch mit Fleiß, es kann ja kein Hofkutſcher beſſer fahren wie er.“ „Nein Vater, da thuet Ihr ihm Unrecht, er hat halt die Beſinnung verloren, wie er uns geſehen hat, wie wir beide auch.“ „Ich nicht.“ Man ſieht ihm aber nichts mehr von ſeiner Krankheit an“, begann Ameile nach einer Pauſe und der Vater fragte: „Iſt er denn krank geweſen? Woher weißt du's?“ „Ich hab des Jörgpeters Maranne von hier Setzling(zu Kohl) verkauft und die hat mir geſagt, daß er's auf der Bruſt hab.“ „Das iſt nichts. In unſerer Familie iſt Alles geſund auf der Bruſt und der Alban hat eine Bruſt wie ein Faß.“ „Er ſieht doch aber aus wie ein Graf.“ „Viel zu wenig, zum Geringſten wie ein Prinz. Red mir heut kein Wort mehr. Punktum. Ich werd's heut wieder von fremden Leuten ſchon genug hören müſſen.“ Trotz dieſer Mahnung ſagte Ameile doch nochmals: „Ihr hättet ihm wohl ein' Hand geben dürfen, er hat ſo herzgetreu Behüts Gott geſagt. Das Waſſer iſt ihm in den Au⸗ gen geſtanden.“ „Ich will aber keine Hand und kein Wort von ihm. Still 85. jebt, du darfſt mir heut ſeinen Namen nimmer gedenken, oder ich zeig dir, daß ich über dein Schneppebberle auch Meiſter bin. Punktum ſag ich zum letztenmal.“ Der Furchenbauer konnte den Seinigen verbieten, daß Nie⸗ mand um ihn her von Alban ſprach, daß aber in ihm ſein An— denken nicht laut wurde, deſſen war er nicht Herr. Er hatte ſeit anderthalb Jahren die Stimme ſeines Kindes zum erſtenmale wieder gehört, das Auge des Kindes hatte lange auf dieſem ſtarren Antlitze geruht und die Mienen wurden nur noch finſte⸗ rer und die ſchmalen Lippen wurden oft zwiſchen die Zähne ge⸗ kniffen. Erſt als man ſich Wellendingen näherte und man den Leu⸗ ten begegnete, die ihr Vieh zur Preisbewerbung führten, lächelte der Furchenbauer vor ſich hin. Als am Apoſtel Dominik auf ihn zukam, rief er dieſem barſch zu: „Biſt doch über Reichenbach gefahren und haſt dem Alban geſagt, daß ich auch komm?“ „Nein, ich bin wie Ihr geſagt, über Jettingen gefahren; der Hirzenbauer kann mir's bezeugen.“ „Schon recht. Iſt das Schwärzle gut gelaufen?“ „Ja, wie ein Hirſch.“ Der Furchenbauer ging mit Ameile nach der Wirthsſtube, wo ihn alsbald Spitzgäbele bewillkommte. Ein officielles Volksfeſt, eine exotiſche und eine wilde Blüthe. Seitdem wieder jede freie und natürliche Strömung des Volkslebens gebunden iſt, ſeitdem die Verzweiflung an der Macht des rein ſittlichen Gedankens immer allgemeiner zu werden droht, ſeitdem man Eidbruch und Verhöhnung des Rechts- und Ehr⸗ gefühls als nicht zu erörternde Thatſachen hinſtellt, iſt von dem ſtolzerhabenen Fahnenrufe der vergangenen Jahre Alles verlöſcht worden und nur das eine Wort: Wohlſtand ſtehen geblieben. Die oͤffentlichen Stimmen rufen es allein aus und jeder Einzelne dünkt ſich weiſe und gewitzigt und berühmt ſich deſſen, daß der günſtige Geſchäftsbetrieb, der Wohlſtand, doch das einzige Wün⸗ ſchenswerthe ſei. Höheren Ortes— wie man es nennt— wird dieſe Richtung ſorglich gepflegt und ihr allenfalls noch durch Er⸗ weckung eines kirchlichen Sabbathſinnes ein Gegengewicht zu ge⸗ ben verſucht; jede Bürgerehre, jede ſittliche Verbindung der Staats⸗ und Nationalgenoſſenſchaft wird als entbehrlich ja viel⸗ fach als ſtrafwürdig betrachtet. Wenn ſich hierdurch die bürger⸗ lich⸗ſittliche Gemeinſchaft immer mehr aufzulöſen droht, ſo wird der einſichtige Kenner der Menſchengeſchichte nicht troſtlos ver⸗ zweifeln, vielmehr die Zuverſicht ſchöpfen, daß trotz aller eigen⸗ ſüchtigen Zerfahrenheit, doch am Ende wieder Ehre und Freiheit ſich entwickeln muß, wenn auch zunächſt nur als die höchſten Güter des Genuſſes oder des Wohlſtandes, wenn man es ſo nen⸗ nen will. Und auch jetzt ſchon, ſo wenig man es auch Wort haben will, der Staat zeigt, daß er dieſſeits der Markſcheide der jüngſt vergangenen Jahre, andere Ziele haben muß: die ehemalige ver⸗ neinende Polizeikunſt möchte ſich zu einer poſitiven Förderung des Gemeinwohls entwickeln; von oben herab beglücken, ohne das doch je zu vermögen. Die vergangenen Jahre haben es oft wiederholt, daß der Bauernſtand die Pfahlwurzel alles geſunden Staats- und Natio⸗ nallebens ſei, und ihm wendet ſich nun die höchſte und aller⸗ höchſte Fürſorge zu. Während man jede Volksſitte, die frecher⸗ weiſe ohne höhere Genehmigung aufgewachſen iſt, auszutilgen ſucht, während man das öffentliche Singen der Volkslieder in den Dörfern verbietet, während man die Spinnſtuben in Acht und Bann erklärt und ſogar polizeilich ſprengt, während man die Kirchweihen alle auf Einen Sonntag verlegt und ſo Nach⸗ bardorf von Nachbardorf abſperrt, will man in den landwirth⸗ ſchaftlichen Vereinen und Feſten ein mit Kanzleidinte verſchriebe⸗ nes Surrogat dafür ſetzen. Da ſollen die politiſchen Schreier ein⸗ mal zeigen, ob ſie wirklich etwas wiſſen zur Hebung des Noth⸗ ſtandes und zur beſſeren Ausnutzung der Arbeits⸗ und Naturkräfte! Jeder Hinweis auf die große Strömung des Nationalbeſitzthums —— und ſeine Erforderniſſe erſcheint natürlich alsbald als Flauſen⸗ macherei, es handelt ſich hier nur darum, wie die Cultur, natür— lich der Gewächſe, zu fördern, wo man ruſſiſchen Weizen und Luzerne pflanze, wie der bel giſche Pflug zu handhaben, wie der Dünger zu behandeln und welche Vortheile beſtimmte Kreuzun⸗ gen und Veredlungen, natürlich der Hausthiere, bringen. Zeigt ſich dann auch beim Schmauſe eine gewiſſe Lebendigkeit und Lu⸗ ſtigkeit, ſie iſt doch immer gedämpft und in Schranken gehalten, oder will einmal gar wildes Waſſer einbrechen, es ſind Dämme genug da, durch die Anweſenheit der Angeſtellten, die hier frei⸗ lich nur einfache Mitglieder ſind, aber doch ihre Amtstitel be⸗ halten und ſogar in entſprechenden Uniformen darſtellen. Eine gewiſſe Humanität, die auch den niederen und niederſten bedenkt, iſt dabei jedoch nicht vergeſſen, wie wir bald ſehen werden. Eine mit Eichenlaubgewinden, mit Aſtern und mannichfa⸗ chen beſonders ausgezeichneten Jahreserzeugniſſen geſchmückte Tribüne erhob ſich am Gartenzaune des Apoſtelwirths, ſo daß die Verſammlung auf der Straße zwiſchen dem Wirthshauſe und der breiten Tribüne ſich aufſtellen konnte. Fuhrwerke, die des Weges kamen, mußten um das Apoſtelwirthshaus herum weiter⸗ fahren. Hier war noch vor wenigen Jahren eine faſt beſtändige Tribüne für Volksverſammlungen geweſen; hier wurde der Reichs⸗ tagsabgeordnete gewählt und Proteſt gegen ihn erlaſſen, der L Lenz von Röthhauſen hatte hier ſeine glänzendſten Triumphe gefeiert. Der Ort war vortrefflich in der Mitte des Bezirkes gelegen und der Wirth war einer der eifervollſten Freiſinnigen und rauchte beſtändig aus einer Heckerpfeife. Seitdem hat er ſich anders be⸗ ſonnen, hat ſich das Rauchen abgewöhnt, ſchnupft nur noch ech— ten Pariſer und iſt ſogar fromm geworden. Eine Muſikbande war im obern Stocke des Wirthshauſes an den Fenſtern aufgeſtellt, ein Trompetenſtoß und darauf fol⸗ gender Marſch verkündete, daß jetzt die Viehmuſterung beginne. Natürlich hatten zwei mit Ober⸗ und Untergewehr Si Landjäger den Zug angeordnet und hielten Wache. Die Preis⸗ richter waren fünf. Obenan ſtand der derzeitige räſtent des landwirthſchaftlichen Vereins, ein reſignirter Cameralverwalter, der jetzt als Pächter mehrerer Domänen den Titel Domänenrath hatte, ein behäbiges und luſtiges Männchen mit ſpärlichen grauen Haaren auf dem Haupte, die jetzt ſichtbar wurden, da er beim Austreten aus dem Apoſtel fortwährend alle Anweſenden grüßte, die entblösten Hauptes vor ihm ſtanden. Dominik war der erſte, der ſeinen Hut wieder aufſetzte, denn das Schwärzle war unbe— greiflich wild. Dem Domänenrath folgte eine hagere ſelbſtbewußte Erſcheinung, die den Schnurrbart zwirbelte; es war der Ritter⸗ gutsbeſitzer v. R., ehemaliger Leutenant. Nun kam eine vollbär⸗ tige unterſetzte Geſtalt, ebenfalls ein ſtudirter Oekonom, ehemals Pfarrkandidat und jetzt Pächter auf dem Sabelsbergiſchen Gute in Reichenbach, im Rufe gelinder Freiſinnigkeit ſtehend. Der Hir⸗ zenbauer, Klein⸗Rottek genannt, eine unterſetzte, gedrungene Figur und der ewig lächelnde halb ſtädtiſch gekleidete Schultheiß des Ortes beſchloſſen die Reihe der Auserwählten. Die Thiere wurden vorgeführt und von allen Seiten ge⸗ muſtert, der Domänenrath riß ihnen das Maul auf, um das Alter zu erkunden, ſeine Hände trieften von Schaum; er gab ſeine Stimme ab erſter oder zweiter Preis, worauf die Andern in der Regel laut beiſtimmten, nur der ehemalige Theolog und der Klein-Rottek wichen manchmal ab. Als Dominik mit dem Schwärzle vorfuhr und ſich mächtig anſtemmen mußte, da das ſonſt ſo geduldige Thier in der Menſchenmenge unter der Mu⸗ ſik ſchnaubte, und hin und herriß, lächelte eine Frauengeſtalt aus dem untern Fenſter des Apoſtels. Die Oberamtmännin ſtand dort neben Ameile und ſagte:„das iſt ein prächtiger Burſch, und wie er ſich gegen den Kopf des Thieres anſtemmt, ſteht er zum Malen da.“ Der Domänenrath prüfte das Schwärzle und einſtimmig wurde ihm der erſte Preis zuerkannt. Der Landjäger verwies Dominik mit dem Thiere nach der rechten Seite, das Thier ſchleifte ihn faſt und er mußte mit aller Kraft hemmen. Nun beſtiegen die Preisrichter die Tribüne. Der Oberamt⸗ mann in ſeiner Uniform mit der gelben Schärpe und dem De⸗ gen an der Seite ſtellte ſich auch dort auf. Ihm folgte die Ober⸗ 5 amtmännin, die nicht abließ, bis auch Ameile mitging; ſie ſtellte ſich aber immer hinter die Oberamtmännin, ſo daß ſie kaum ge⸗ ſehen werden konnte. Der Domänenrath hielt nun einen Vor⸗ trag über den Flurzwang und die Vortheile des Zuſammenlegens der Grundſtücke, den er mit manchen anſchaulichen Bildern und Scherzen zu würzen wußte, ſo daß oft ein verhaltenes Lachen durch M ſ. die Verſammlung ſauſte. Auf ſeinen Wink ertönte dann ein Trompetenſtoß und die Austheilung der Dienſtbotenpreiſe begann, wobei noch ausdrück⸗ lich bemerkt wurde, daß nur ſolche belohnt würden, die ohne nahe Verwandtſchaft viele Jahre in Einem Hauſe vorwurfsfrei gedient haben. Auf der Tribüne lagen rothe Käſtchen mit den Namen der Belohnten bezeichnet und die Denkmünze enthaltend. So oft ein Name ausgerufen wurde, reichte die Oberamtmännin dem Domänenrath das Käſtchen, dieſer reichte es hinab und jedesmal ertönte ein dreimaliger Trompetentuſch. Dominik war erſt der vorletzte unter den Preiswürdigen, weil ſeine Dienſtzeit durch die Militärpflicht unterbrochen war. Als endlich ſein Namen aus⸗ gerufen wurde, faßte Ameile unwillkürlich das Käſtchen und ohne es durch die Hand des Domänenrathes gehen zu laſſen, reichte ſie es Dominik unmittelbar hinab. Ein heller Trompetentuſch er⸗ tönte, in den ſich freudiges Zujauchzen der Verſammelten miſchte. Wer könnte ermeſſen, was in dieſem Augenblicke in Ameile und Dominik vorging? Der Domänenrath ſtreichelte ihr die glühende Wange und ſprach etwas von Ritterfräulein und Turnieren, Ameile verſtand ihn nicht, ſie ſchwebte wie auf den Tönen der Muſik in Jubel und Bangen. Dominik ſteckte das Empfangene ruhig in die Taſche, ſchaute nur flüchtig auf und ſich ungeſchickt verbeugend und ſtolpernd kehrte er zu ſeinem Thiere zurück. Dort erſt öffnete er das Käſt⸗ chen und es enthielt ihm jetzt in der That einen hohen Ehren⸗ preis. Der Furchenbauer brachte nun dem Dominik eine mächtige Kuhſchelle mit neuem rothem Riemen, die er vorſorglich im Wa⸗ genſitze mitgenommen. Das Schwärzle ließ ſich nicht ohne Un⸗ ruhe die Schelle umhängen und vom Apoſtelwirth den Kranz auf's Haupt ſetzen. Der Apoſtelwirth war ein kluger, politi⸗ ſcher Kopf, er hatte Kränze bereit gehalten für alle, die gekrönt worden waren, und er behauptete, ganz genau vorher gewußt zu haben, welches Thier preiswürdig befunden würde. Der Domänenrath hielt hierauf noch eine ſehr ins Salbungs⸗ volle übergehende Anrede über die Tugenden eines wackeren Dienſt⸗ boten; ein aufmerkſamer Zuhörer hätte es ihm deutlich angehört, daß er auf einen Uebergang zu der nun erfolgenden Handlung ſpekulirte und in ſeiner Rede hin und hertappte; er fand aber den richtigen Ausweg nicht und half ſich endlich damit, daß er wieder einen Marſch aufſpielen ließ. Der Rodelbauer von Klee⸗ bronn— der ſogenannte Scheckennarr, weil er nur ſcheckiges Vieh hielt und es oft theuer bezahlte— erhielt den erſten Preis für einen ſelbſtgezogenen hochbeinigen holländiſchen Zuchtſtier, den vier Mann führen mußten. Unmittelbar darauf wurde das Schwärzle vorgeführt, unter dem Kranze hervor ſchaute ſein Auge keck hinauf zu den Preisrichtern, während der Furchenbauer den Hut abzog, da er ſeinen Namen ausrufen hörte und wieder Trom⸗ petentuſch erſchallte. Er geleitete den Dominik noch aus der Reihe hinaus und befahl ihm, jetzt nur der Straße nach heimzufahren. Durch alle Dörfer ſollte nun ſein Ruhm erklingen, der noch ver⸗ ewigt wurde im Wochenblättle. Dominik wartete indeß noch auf den Hirzenbauer, und als er ihn ſah, übergab er ihm das Käſtchen ſammt der Denkmünze und bat ihn, ſolches ſeiner Mutter in Nellingen zu zeigen und ihr drei Gulden darauf zu leihen. Der Hirzenbauer entgegnete, daß er von Dominik kein Pfand brauche, er nahm aber doch die Denkmünze mit, um ſolche, wie er ſagte, der Mutter zu zeigen und für ſie aufzubewahren. Gerne hätte Dominik noch einmal Ameile geſehen, er konnte ſie aber mit keinem Blicke erſpähen, und mit verlangendem Her⸗ zen machte er ſich auf den Heimweg. Das Feſt, vor dem er ſich geſtern noch faſt gefürchtet hatte, war nun doch ein freudiges ge⸗ worden, aber freilich nicht durch die von oben geſetzte Anordnung. Kaum war Dominik eine halbe Stunde von Wellendingen als ihm ein wilder Reiter auf ſchnaubendem Roſſe begegnete und zu ſeinem Staunen erkannte er den Alban; er hielt an und fragte: „Wohin des Weges?“ „Wo du herkommſt,“ erwiederte Alban. „Dein Vater iſt drin.“ „Das weiß ich und eben deßwegen komm ich. Ich bin's ſatt zu warten bis er mich ruft; heim komm' ich nicht, aber wo er ſich in der Welt ſehen läßt, muß er mir Rede ſtehen. Ich bin lang genug das verſtoßene Kind geweſen. Heut auf einmal iſt mir's eingefallen, daß ich keinen Tag mehr verſäumen darf.“ „Wenn du mir folgſt,“ belehrte Dominik ruhig,„kehrſt wie⸗ der mit mir um; vor allen Leuten machſt die Sache nur ärger, da kann dir dein Vater nicht nachgeben, wenn er auch wollt', und glaub' mir, er möcht und weiß nur nicht wie. Kehr mit mir um. Ich hab dir einen Gruß von deiner Mutter. Du machſt einen Unſchick, wenn du weiter rennſt.“ „Was Unſchick?“ rief Alban,„ich bin kein Knecht, ich wills nicht ſein; des Furchenbauern Großer darf auch ſchon einmal einen Unſchick machen.“ Er ritt in wildem Galopp davon. Dominik rief ihm noch nach das Ameile ſei auch da, aber Alban hörte ſchon nicht mehr. Eine neue Freundſchaft geknüpft und eine alte Liebe zerriſſen. Im obern Saale des Apoſtels hielt unterdeß der Domänen⸗ rath eine ſehr geſchickte Rede, er ſagte, es ſei noch ein wichtiger Gegenſtand auf der Tagesordnung zu erledigen, er glaube aber allgemeiner Beiſtimmung ſicher zu ſein, wenn er vorausſetze, daß ein anderer Gegenſtand noch viel dringender und das ſei, daß man vorher eſſe. Alles ſchrie durcheinander„Ja wohl! Bravo!“ und manche riefen vorzeitig:„der Herr Domänenrath ſoll leben hoch und abermals hoch.“ Es war eben eine Verſamm⸗ lung der materiellen Intereſſen und Jeder beeilte ſich einen guten ==———— 92— Platz dafür zu haben. Der Furchenbauer erhielt ſeinen Platz zwiſchen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer. Die Oberamtmännin kam und bat in wohlwollenden Wor⸗ ten, daß Ameile bei ihr ſitzen dürfe. Der Furchenbauer willfahrte mit doppelter Freude, denn das war nicht nur eine hohe Ehre, ſondern auch ein Gegengewicht gegen ſeine vertrauliche Nachbar⸗ ſchaft mit dem Hirzenbauer, der als unbezwinglicher Radikaler bekannt und von den Beamten übel angeſehen war. Die Oberamtmännin hatte ſeit dem Betreten der Tribüne Ameile nicht mehr von ihrer Seite gelaſſen, ſie erkannte bald ein Liebesverhältniß zwiſchen der Bauerntochter und dem Knechte und die überraſchende Preisübergabe beſtätigte dies vollkommen; ſie liebte jetzt Ameile, denn in dem was ſie unwillkürlich gethan hatte, ſah die Oberamtmännin einen unmittelbaren Herzenstakt und ſie bewunderte den ſichern Muth deſſelben, der eine ſchein⸗ bare Demüthigung des Geliebten in eine Erhöhung verwandelte. Die Oberamtmännin war eine Frau von tiefem idealem Streben. Während ihr Mann allezeit über die Rohheit der Menſchen und die Rauheit der Gegend zu klagen hatte, in deren Mitte er verſetzt war, verklärte die Oberamtmännin gerne Alles mit einem idealen Schimmer; ſie erquickte ſich an der Zutraulichkeit in dem Weſen der Menſchen und manche Bergſchlucht, die man bisher nur als eine unwirthliche Stätte gekannt, wo man nicht einmal das Holz fällen und thalwärts bringen könne, entdeckte ſie als ein heimliches Naturheiligthum voll romantiſchen Zaubers, dahin ſie oft wallfahrtete und zum Staunen der Umwohnenden auch andere Städter beredete. Auf ſolchen Wanderungen trat ſie oft in einſame Bauernhöfe und Häuslerhütten ein; ſie hatte das Be⸗ dürfniß, auch den Menſchen nahe zu kommen, aber es gelang ihr nicht. Bei dem landwirthſchaftlichen Feſt leiſtete ſie immer gerne Beiſtand, und doch kehrte ſie jedesmal unbefriedigt von demſel⸗ ben zurück; ſie verkannte die Nothwendigkeit der materiellen De⸗ batten nicht, aber es fehlte doch gar zu ſehr an Schönheit und Innigkeit.„Unſerer Zeit“, klagte ſie einſt ihrem Manne, iſt der weltlich⸗religiöſe Geiſt der öffentlichen Naivetät abhanden gekom⸗ men. Wir können uns kaum mehr denken, daß einſt die Männer in Griechenland Thyrſusſtäbe ſchwangen und ſich das Haupt be⸗ kränzten und daß ſie in Kanaan Palmenzweige ſchwangen; wir ſchämen uns jedes äußern Zeichens der Luſt, höchſtens wagt man es noch Kinder zu bekränzen oder ſtecken Jünglinge einen grünen Zweig auf den Hut.“ Der Oberamtmann, der in ſeinem häuslichen Kreiſe nicht ungerne zarte Empfindungen hegte, hatte ſeine Frau zu über— zeugen geſucht, daß die Gebildeten keine Feſtesattribute für das Volk aufbringen können und die Oberamtmännin hatte trotz ihrer übergreifenden Wünſche innere Kraft genug, d das was ſich nicht äußerlich und allgemein darſtellen ließ, in einer innerl lichen Be⸗ ziehung und bei Einzelnen zu ſuchen und ſich von keiner Herb⸗ heit abſtoßen zu laſſen. Die Oberamtmännin ſtand noch unter dem Einfluſſe der Nachwirkung, daß ſie ſich einſt öffentlich lächerlich gemacht hatte; ſie war aus den oben angeführten Gründen bei dem landwirth⸗ ſchaftlichen Feſte erſchienen, das Haupt mit Blumen und Aehren bekränzt. Sie erfuhr bald den Fehlgriff, den ſie begangen und deſſen Folgen nicht ſo bald ſchwanden, aber ſie war ehrlich und ſtark genug, nicht aus Empfindlichkeit fortan ihren innerſten Be⸗ ſtrebungen untreu zu werden. Heute nun hatte ſie gewonnen, wo— nach ſie ſo lange trachtete: Ameile war ein holdes friſches Natur⸗ kind und dazu verklärt durch eine faſt tragiſche Liebe. Anfangs wurde Ameile faſt erſchreckt durch die übermäßige Zuthunlichkeit und Freundlichkeit; ein Bauernkind kann es nicht faſſen, warum ein Nichtverwandtes und noch dazu ein Höhergeſtelltes ſich ihm vertraulich zuneigen ſoll. Die Oberamtmännin erkannte ſo zu ſagen das Rehſcheue in dieſer Natur und ſ erzählte nun, daß ſie auch einen ledigen Bruder habe, der Landwirth ſei. Ameile lächelte bei dieſer Mittheilung, es lag etwas Schmeichelhaftes darin, wenn ſie es auch innerlich ablehnte; ſie ſagte aber nur: „Er hat gewiß aber auch ſo feine Händ' wie die Frau Ober⸗ amtmännin? Hieran knüpfte ſich nun ein immer weiter gehendes vertrau⸗ liches Geſpräch und die beiden Frauen, ſo verſchieden in Bildungs⸗ ſtufe und Lebensanſchauung wurden immer trauter mit einander. Man wird es immer finden, daß edelſinnige Frauenher⸗ zen wenn ſie durch ſich ſelbſt oder durch äußere Bedingungen über gewiſſe Begränzungen hinausgehoben ſind, ſich bei raſcher Begegnung leicht an einander anſchließen; die ſozialen Unter⸗ ſchiede und Schranken ſowie die ſtarren Conſequenzen von Be⸗ ruf und Geſinnung, die den Mann kennzeichnen, fallen bei Frauen oft leichter weg; der Lebenskreis hat trotz aller Verſchiedenheit doch wieder im Weſentlichen ein Gleichartiges. Die Oberamtmän⸗ nin verſtand das herauszufinden und bald erzählte ihr Ameile mit bewegter Stimme das Leben auf dem väterlichen Hofe und, da es doch ſchon in der Welt bekannt war, den Zerfall mit Alban. „Ihr ſolltet euch an meinen Mann wenden“ ſchloß die Ober⸗ amtmännin,„der würde die Sache gütlich ins Reine bringen.“ „Das geht nicht, Gott behüte, das geht nicht,“ entgegnete Ameile. „Und warum? Mein Mann iſt die beſte Seele.“ „Glaub's wohl, aber das geht nicht, das thät ich nicht leiden, nie. Was für zwei iſt, iſt nicht für drei, hat mein Mutter im Sprüchwort. Es iſt ſchon arg genug, daß unſer Familienſtreit draußen in der Welt herumfährt; das wär' gar noch eine uner⸗ hörte Schand', wenn man mit einander vor Amt ging'.“ Dieſes ſtarre Feſthalten, eine Familienſache nie zum Aus⸗ trag vor das beſtellte Gericht zu bringen, erſchien der Oberamt⸗ männin als jene Feindſeligkeit, von der ſie ſchon oft gehört hatte, indem man die beſtellten Beamten als natürliche Feinde und Widerſacher anſieht. Sie ſeufzte vor ſich hin und betrachtete in ſchweigendem Nachdenken Ameile. Mit welcher Widerſpenſtigkeit und welchem verſchloſſenen Trotze hatte das Mädchen jene Worte geſprochen. Wie iſt das ſonſt ſo offenbar Scheue in dieſem We⸗ ſen mit ſolcher ſchroffen Widerſetzlichkeit vereinbar? Iſt aber das Scheue nicht gerade eine verhüllende Form der Wildheit und Unzähmbarkeit? Als die Oberamtmännin Ameile zu Tiſch führte, war dieſe —=— voll Luſtigkeit und äußerſt geſprächſam; ſie bat die Frau Ober⸗ amtmännin auch einmal auf den Furchenhof zu kommen, damit ſie ihr die Ehre auch in etwas vergelten könne. Die Oberamt⸗ männin ſagte zu, indem ſie beifügte, man habe ihr von einer ſchönen Felſenparthie in der Nähe des Furchenhofes geſagt, die des Geigerles Lotterbett heiße und ſchroff abginge in einen Wald⸗ bach. Ameile beſtätigte und ſagte aber, es ſei ein„wüſter Weg“ dahin und es ſei auch nichts zu ſehen als Felſen und Bäume; ſie berühmte dagegen den Wald am Kugelberg, die ſchönen Wie⸗ ſen und den Kuhſtall, die dürfen ſich ſehen laſſen. Die Oberamtmännin war nun äußerſt heiter und verſprach zum Frühling zu kommen; vorher aber müſſe ſie Ameile in der Stadt beſuchen. Ameile thaute immer mehr auf und manche kluge Rede kam über ihre runden Lippen, die Oberamtmännin machte heute eine ſeltſame Erfahrung, Ameile ſagte ihr einmal zutraulich keck: „Sie ſind ſo geſcheit wie die rechteſte Bauernfrau.“ Dieſes Lob erſchien Anfangs eben ſo wunderlich als über⸗ müthig, bald aber erkannte die Oberamtmännin, daß Ameile ſie nach ihrem Herzen nicht beſſer loben konnte. Der Bauer iſt nichts weniger als beſcheiden, er traut den Gebildeten und Studirten faſt nur verdrehten Verſtand zu, weil er ſie oft über Dinge ent⸗ zückt und über andere mit Abſcheu erfüllt ſieht, die ihm ſolche Em⸗ pfindung gar nicht einflößen. Das höchſte Lob was ein Bauer einem aus dem Herrenſtande zu ſpenden vermag, iſt, daß er ihm den Lebensverſtand zuerkennt; und am Ende kann Niemand an⸗ ders als mit eigenem Maße meſſen, und nur der Freigebildete anerkennt bis zu einem gewiſſen Grade Dinge und Anſchauungen, die ihm nicht genehm ſind. Aus dieſer Erfahrung heraus wurde die Oberamtmännin immer herzlicher gegen Ameile und ihr anfänglich eigentlich nur allgemeines Intereſſe an Ameile wurde zu einem perſönlichen. Während Ameile am obern Tiſche viel lachte, war der Va⸗ ter zwiſchen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer in die Mitte ge⸗ nommen. Der Furchenbauer hätte ſich gerne vom Klein⸗Rotteck zurück gezogen, denn er war ihm innerlich neidiſch, weil er ſehen mußte, wie dieſer zwei Söhne, wovon einer die Eichbäuerin geheirathet hatte, und einen Tochtermann hier bei Tiſche hatte, während er allein ſtand; auch hänſelte ihn der Klein⸗Rotteck wiederholt, in⸗ dem er ſagte:„Es nutzt dich jetzt nichts mehr, daß du ein Ari⸗ ſtokrat ſein möchteſt, du haſt einmal als Altliberaler ein' Bläß und das ſchmiert dir kein Kanzleidinte zu, und du biſt grad ſo übel angeſehen wie ich. Sie haben dich auch nicht zum Geſchwor⸗ nen gewählt wie mich. Drum wärs beſſer, du thäteſt gleich mit uns.“ Wir haben ſchon oft gehört, daß der Hirzenbauer Klein⸗Rot⸗ teck heißt und müſſen nun auch erzählen, woher das kam; es ent⸗ ſtand einfach, daß er in den dreißiger Jahren bei einer Verſamm⸗ lung in Freiburg öffentlich ſprach, worauf ihm der berühmte Rotteck auf die Schulter klopfte und ſagte:„Ihr könnt ſo gut öffentlich ſprechen wie wir.“ Der Klein⸗Rotteck war heute in gereizt übermüthiger Laune und es war nicht abzuſehen, wohin das führt. Der Furchenbauer hörte ihm nicht zu als er giftigen Spott über Uniform, Degen und Schärpe des Oberamtmanns losließ. Jetzt aber horchte er doch auf als er ſagte: „Wenn die Sach nicht in der Kanzlei angeſetzt wär, müßten wenigſtens die Dienſtboten, die den Ehrenpreis bekommen haben, da mit uns am Tiſch ſitzen.“ „Und die Kühe und Ochſen auch,“ ergänzte Spitzgäbele la⸗ chend, der Furchenbauer aber nahm ruhig das Wort und ſagte: „Der Ehrenpreis gehört eigentlich dem Meiſter, weil er's ſo lang mit dem Lumpengeſindel aushält. Es iſt ein wahres Elend, daß man ſo viel Dienſtboten halten muß.“ „Darum zerſchlag dein Gut wie dein Alban will,“ ſchaltete Klein⸗Rotteck ein; der Furchenbauer hörte nicht darauf, ſondern fuhr fort: „Wenn eines von meinen Dienſtboten was verfehlt hat und ich halt's ihm vor, ruhig und ſtreng, darf es ſich nicht entſchul⸗ digen, das leid ich nicht, es muß einfach eingeſtehen: das und das war nicht recht. Es iſt verteufelt, wie ſtockig ſie oft ſind und der Dümmſte findet noch Ausreden, nur um nicht ſagen zu brau⸗ chen: ich hab's dumm gemacht, ich bin dumm geweſen; und wenn man einen Dienſtboten fortſchickt, da ſieht man erſt, wie galgen⸗ falſch ſie geweſen ſind—“ „Das mußt du bald wieder erfahren,“ ſagte Spitzgäbele und zog den Furchenbauer nahe an ſich, damit es der Klein⸗Rotteck nicht höre. Er erzählte nun, wie er es ſo viel als richtig gemacht habe, daß der älteſte Sohn des Scheckennarren das Ameile hei⸗ rathe, aber jetzt ſei Alles wieder auseinander; ein Jedes rede da⸗ von, daß das Ameile mit dem Dominik verbandelt ſei, und es habe ſich ja gezeigt, wie ſie ihm den Preis ſelber übergeben habe. Der Furchenbauer ſuchte zuerſt über das Gerede zu ſpotten, da kein wahres Wort daran ſei; Spitzgäbele erzeigte ihm den Ge⸗ fallen und that als ob er der Verſicherung glaube, empfahl ihm aber dennoch, weil nun einmal die Rede ſei, den Knecht wegzuthun. Der Furchenbauer konnte nicht umhin beizufügen, wie brav der Knecht geweſen ſei, daß er ihn ſehr vermiſſen werde und beſonders jetzt in der Dreſchzeit; dennoch ſchwur er, daß Do⸗ minik ihm noch heute aus dem Haus müſſe und Spitzgäbele em— pfahl ihm nur, es ohne Aufſehen zu thun. Die Beiden ſprachen noch viel mit einander, die Muſik ſpielte luſtig dazu auf und der Klein⸗Rotteck hatte ſich zu ſeinem Nachbar gewendet, dem er er— zählte, daß er fünf Söhne habe, davon ſei der älteſte Advokat, der zweite ſei gut verſorgt, er habe die Eichbäuerin geheirathet und unter die drei jüngſten theile er ſein Gut, es behielte Jedes noch genug, um zwei Knechte zu halten. „Weißt mir Niemand für meinen Vinzenz?“ fragte der Fur⸗ chenbauer heimlich, und Spitzgäbele erwiederte ebenſo: „Das geht nicht, bis du mit deinem Alban abgemacht haſt; das ſagt Jedes.“ Ohne zu wiſſen warum wendete der Furchenbauer plötzlich ſeinen Blick nach dem Empor des Saales, wo die Muſikanten waren. Hatte ihn der Wein benebelt oder was war das? Dort „ Auerbach's Dorfg. 4. Bd.( 5 ſchaute ja Alban mit feſtem Blicke auf ihn herab. Erfragte Spitz⸗ gäbele ob er nichts dort ſähe, aber dieſer ſah nichts, es mußte alſo Täuſchung ſein. Ameile lächelte vom obern Tiſch zu ihrem Vater herunter, dieſer erblickte ſie jetzt, aber er ſah ſie finſter an. „Mit Hunden hetz ich dir deinen Dominik aus dem Haus“ knirſchte er vor ſich hin. Zweckeſſer, Hofmetzger und Rachtiſch. Man hat in den letzten Jahren ſo oft gepredigt, daß Eng⸗ land der Muſterſtaat ſei, die Beamten haben wenigſtens ſo viel davon angenommen, daß ſie das erſte Glas mit Segensſprüchen den Göttern weihen. Der Oberamtmann hatte den erſten Toaſt dem„gekrönten fürſtlichen Landwirthe“ gebracht, der in der That für Hebung des Ackerbaus Erſprießliches gethan. Hierauf ging es an ein gegenſeitiges Beräuchern. Der Verein ließ den Präſi⸗ denten, der Präſident den Verein, das älteſte Mitglied das jüngſte, das jüngſte das älteſte, der Studirte den Unſtudirten, der Dickſte den Dünnſten, der Dünnſte den Dickſten u. ſ. w. leben. Der Ju⸗ bel und glückſelige Untereinander war allgemein, man ſchüttete ſich beim Anſtoßen den Wein über Rock und Hände und lachte dazu, man drückte ſich ans Herz, man reichte ſich die Hände und unter rauſchender Muſik, bei der man kaum ſein eignes Wort hörte, ſagte eines dem andern, wie glückſelig man ſei und welch ein herrlicher unvergeßlicher Tag das geworden. Der Domänen⸗ rath hemmte indeß noch einmal den gemüthlichen Glückſeligkeits⸗ duſel. Wohlweislich vor dem Braten verlas er einen geſchriebenen Aufſatz und während er ſonſt einfach und ſachgemäß zu ſprechen verſtand, erging er ſich hier in gelehrten Darlegungen. Weil er ſich vom Schreiber emporgearbeitet hatte, wollte er wol den anweſen⸗ den Beamten und Studirten zeigen, daß ſein Wiſſen auch nicht von geſtern ſei und verlor ſich in eine Darlegung des römiſchen Familienrechts, in dem der Vater ſouverain war und das jus vitae ac necis(das Recht über Leben und Tod) hatte im Gegen⸗ ſatz zu der germaniſchen Familie, die eine Rechtsgenoſſenſchaft 55 war, und in der die Familienglieder einen ſelbſtändigen Rechts⸗ kreis inne hatten. Hier wurde er unterbrochen. Auf der Tribüne bei den Muſikanten wurde es unruhig, der Oberamtmann befahl Ruhe, oder er werde den Störer mit einem Landjäger abführen laſſen. Der Domänenrath ſprach weiter und mit einem Sprunge, bei de er den getödteten Grundrechten, die die bäuerlichen und adeligen Fideikommiſſe aufgelöst hätten, noch einen Tritt verſetzte, kam er auf die Bedeutung der Familien⸗-Fideikommiſſe; er hielt ſich bei den adeligen Erbgütern nicht lange auf, ſondern wies auf die Bedeutung der großen geſchloſſenen Bauerngüter hin, wie dieſe die Stammhalter des Staates ſeien und wie Alles zu Grunde gehe wenn die Gütercomplexe zerſplittert würden und das ein⸗ trete, was der Martyrer für Deutſchlands Wohlfahrt und Kraft, Friedrich Liſt, die Zwergwirthſchaft genannt. Mit erhobener Stimme pries er die Landſchaft glücklich in der noch nicht der Grundbeſitz, das unbewegliche Gut, ſo ſehr zu einem beweglichen geworden ſei, daß es davon laufe, wo vielmehr noch die Grundfeſte einer mächtigen Bauernſchaft beſtehe und„freudig“ rief er aus „ſehe ich mich auch hier um und ſehe noch Männer im groben Kittel voll Kraft und Bedeutung, die ſich ein Denkmal ſetzen für ewige Zeiten wie ſie es von den Vorvätern überkommen und die es nicht dulden, daß auf ihren großen Ackerbreiten einſt nichts als Markſtein an Markſtein wachſen. Ich ſehe mich um und ſehe nicht Zwergwirthe, ſondern mächtige geſunde Bauernſtämme.“ Ein allgemeines Lächeln unterbrach den Redner und der Furchen⸗ bauer ſah ſtolz umher und ſchien größer und jünger zu werden. Dieſer Tag brachte ihm Preis und Ehre in Fülle. Der Domä⸗ nenrath ging nun auf den eigentlichen Zweck ſeiner Rede über, indem er gegen das in der That vielfach verderbliche Verfahren der Zertheilung großer Güter durch Händler, die ſogenannte Hof⸗ metzgerei, loszog und damit ſchloß daß man eine Petitivn an die Stände unterſchreiben ſolle, damit ein Geſetz erlaſſen würde zum Schutze der geſchloſſenen Güter und gegen die Hofmetzgerei. Be⸗ vorer die formulirte Petition vorlas, ſtellte er den Gegenſtand zur Debatte. 5 — 100 „Will Jemand das Wort ergreifen?“ fragte er. Lautloſe Stille. Da riefeine Stimme vom Empor:Ich, ich will dagegen reden.“ Der Furchenbauer erbleichte. War das nicht die Stimme Albans? Der Oberamtmann ſchickte einen Landjäger auf den Empor um den Ruheſtörer zu entfernen. Noch einmal fragte der Do⸗ mänenrath:„Will Jemand das Wort ergreifen?“ „Ja wohl“, rief jetzt eine Stimme neben dem Furchenbauer, daß dieſer zuſammenfuhr. Ein Lachen und Murmeln zog durch die Verſammlung, aus dem man vielfach das Wort hörte:„Ah der Klein⸗Rotteck.“ Dieſer ſtand auf, hielt das Meſſer in der Hand und ſtemmte deſſen Spitze auf den Tiſch; er ſchaute ge⸗ laſſen hin und her und wartete bis Ruhe eingetreten war, dann begann er: wie er auch meine, daß große Bauern dem Staat nützlich ſeien, weil ſie noch die einzigen ſein könnten, die nicht unterducken, daß dies aber nicht der Fall ſei, wo die Ehre und der Verſtand fehle„und die hat“ ſetzte er mit erhobener Stimme hinzu„ein Taglöhner, der mit dem Handkarren fährt, ein Bettel⸗ mann, der ſeine Schuhe in der Hand trägt, oft grad ſo gut und noch beſſer als einer der vierſpännig fährt. Der Furchenbauer da neben mir“, der Erwähnte fuhr wieder zuſammen,„der Furchen⸗ bauer hat einen Knecht, ihr habt ihm heute einen Preis gegeben, ſein Urgroßvater war ein Bruder von meinem und hat faſt nichts bekommen. Darf man die Enkel zu Bettlern machen, warum denn nicht ſeine Kinder zu Mittelleuten?“ Er erhob ſein Meſſer und fuhr fort:„Da liegt ein Laib Brod, ich will ſagen er iſt mein, ich zertheil' ihn und geb Jedem von meinen Kindern ein gut Stück ſo hab ich's auch mit meinem Hofgut und ſo darf ich's ha⸗ ben und Niemand, kein Geſetz und Niemand ſoll mir's wehren. Das iſt und bleibt ein Grundrecht, ſei's geſchrieben oder nicht. Und weil wir grad davon reden: die große Verfaſſung gilt jetzt nichts mehr, aber in unſerer kleinen in unſerer Landesverfaſſung iſt uns mit deutlichen Worten„Freiheit des Eigenthums“ zuge⸗ — — 101— ſichert. Ich weiß die Worte deutlich und einer von den Herren wird wiſſen welcher Paragraph es iſt—“ Der Klein⸗Rotteck hielt eine Weile inne und eine Stimme rief:„der vier und zwanzigſte“, worauf der Redner fortfuhr: „Alſo im 24. Paragraph haben wir Freiheit des Eigen⸗ thumsrechts. Die Hofmetzgerei iſt ein Elend, ein großes Elend, das iſt wahr; aber iſt nicht ganz Deutſchland auch ein zerſtückel⸗ tes Gut in der Hofmetzgerei geſchlachtet? Und die Zwergwirth⸗ ſchaft—“ Ein allgemeiner Sturm entſtand, der Präſident verwies den Klein⸗Rotteck zur Ordnung und dieſer fuhr ruhig fort aber nur noch mit halbem Nachdrucke das freie Schalten über jegliches Eigenthum zu vertheidigen.„Die niederen Leute“, ſchloß er, „müſſen auch Gelegenheit haben, ein Stück Acker zu erwerben, daß ſie nicht ewig in der Luft ſtehen. Ich bin dafür, man kann ein Ausmaaß ſtellen, bis wie weit ein Gut vertheilt werden darf für die Zukunft; man muß aber auch ein Ausmaaß ſtellen, bis wie weit man Grund und Boden in Einer Hand beſitzen darf. Die Adeligen kaufen von den Ablöſungsgeldern, die ſie von uns bekommen haben, jetzt wieder alle Güter auf. Wie lange wird's dauern, da giebts wieder nur noch Beſtänder?(Pächter). Da⸗ gegen muß auch Vorkehrung getroffen werden. Wenn dieſe beiden Punkte hineinkommen, dann unterſchreib ich.“ Der Klein⸗Rotteck war zweimal unterbrochen worden, denn der Apoſtelwirth hatte das Ameile aus dem Saale abgeholt und bald darauf die Oberamtmännin; ſie waren beide nicht wieder zurückgekehrt. Aus der untern Stube vernahm man jetzt lautes Rufen und Abwehren. Der Klein⸗Rotteck ſetzte ſich lächelnd nieder und zerſchnitt den Laib Brod in Stücke; den Furchenbauer fröſtelte es, er wußte nicht warum, er ſchüttete ein groß Glas Wein in Einem Zuge hinab. Der Domänenrath wollte erwiedern, aber man ſah deutlich in der Ferne, wie ihm der Oberamtmann abwehrte, er wollte dieß ſelbſt üͤbernehmen und bald begann er in gemäßigtem Tone — 102— zuerſt den Klein⸗Rotteck zu loben, daß er frei herausgeſprochen habe, dann aber vertheidigte er, oft vom Beifall unterbrochen, mit hinreißender Beredſamkeit die Bedeutung eines mächtigen Bauernſtandes. Zuletzt wendete er ſich nochmals gegen den Vor⸗ redner und erging ſich in ſcharfem Spotte über„unverzapftes und ſauer gewordenes acht und vierziger Gewächs.“ Er hielt dem Klein⸗Rotteck den Widerſpruch vor, daß er gegen die Zerſtücke⸗ lung Deutſchlands eifere(worauf dieſer einwarf:„Bin deswegen zur Ordnung gerufen, darf nicht erwähnt werden“) und bei Pri⸗ vateigenthum in Grund und Boden doch einer ſolchen das Wort rede. Er ſuchte darzulegen, daß man dieſe Frage„die ſchwierigſte der Volkswirthſchaft“ nicht mit einigen liberalen Redensarten ab⸗ thun könne.„Das iſt eine Sache“, rief er ſpottend,„die ſich nicht mit dem Brodmeſſer ſchneiden läßt, da braucht es die feinſten In⸗ ſtrumente der ſtaatlichen Heilkünſtler. Der Hirzenbauer wird mir erlauben, daß ich ihn auch Klein⸗Rotteck heiße und ihm ſage, daß ſein Pathe der große Rotteck für Untheilbarkeit der Güter ſich ausſprach.“ Ueberhaupt deckte der Oberamtmann mit ſchonungsloſer Schärfe nicht nur die Widerſprüche ſondern auch die Lücken auf, die aus der Darlegung des Klein-Rotteck ſich ergaben. Er lobte ihn wiederholt wegen ſeines ſelbſtändigen Denkens und ſeiner un⸗ umwundenen Ausſprache, zeigte ihm aber, daß ihm die Ueberſicht und der Zuſammenhang fehle und er traf den Hauptpunkt indem er ſagte, daß der Hirzenbauer ſchlagend und oft unwiderleglich ſei, wenn er eine einzelne Bemerkung mache, daß er ſich aber auch immer verhaſpele, wenn er einen zuſammenhängenden Vor⸗ trag halten wolle, ſeine Reden ſeien eben auch keine geſchloſſenen Güter. Zuletzt erwies er mit großem Scharfſinn, daß die Freiheit des Eigenthums auf Grund und Boden angewendet nur darin beſtehe, daß man in keiner Weiſe gehindert ſein dürfe, ſein Grund⸗ eigenthum zu bebauen und auszunutzen, wie man den Verſtand dazu habe; der Staat aber müſſe ein Recht haben, die Zerſtörung ſeines eigenen Beſtandes, ſeines eigenen Bodens, und das ſei die Zerſtückelung des Grundeigenthums, zu verhindern und mit den 35 — 103— Worten Juſtus Möſers ſchloß er:„Der Boden iſt des Staates.“ Der Klein⸗Rotteck verzichtete auf jede Entgegnung und wäh⸗ rend der Domänenrath die Petition vorlas, kam der Apoſtelwirth und rief auch den Furchenbauer ab. Er wurde nach einer hintern Stube geführt, vor deren Thüre ein Landjäger ſtand. Als er eintrat, ſah er zu ſeinem Erſtaunen Alban zwiſchen Ameile und der Oberamtmännin. Er wollte wie⸗ der umkehren, aber die Oberamtmännin faßte ihn bei der Hand und beſchwor ihn hier zu bleiben, wenn nicht ein fürchterliches Unglück geſchehen ſoll. „Was kann geſchehen?“ fragte der Furchenbauer trotzig. „Das iſt ein raſender, ein fürchterlicher Menſch,“ rief die Frau,„Euer Sohn vergreift ſich am Landjäger und kommt ins Zuchthaus, wenn Ihr nicht Friede ſtiftet.“ „Meinetwegen, er iſt nichts Beſſeres werth, er iſt widerſpen⸗ ſtig gegen ſeinen Vater und gegen die ganze Welt,“ entgegnete der Furchenbauer kalt. Die Oberamtmännin ließ die Arme ſinken, im Innern that ſie ihrem Manne Abbitte, weil ſie ihm oft nicht glauben wollte, wie roh die Menſchen ſeien. Der Oberamtmann hatte ſich das Sprüchwort angewöhnt: Elf Ochſen und ein Bauer ſind dreizehn Stück Rindvieh. Zeigt ſich nicht hier eine ſtiere Unbeugſamkeit? Der Furchenbauer wendet ſich wieder nach der Thüre, die Ober⸗ amtmännin hielt ihn feſt und erzählte hochathmend wie es Al⸗ ban geweſen ſei, der vom Empor gerufen habe, wie ihn der Land⸗ jäger verhaftet und er nach Ameile ſchickte, dieſe ſie rufen ließ, wie ſie ſich dafür verbürgt habe, daß Alban frei ausgehen ſolle, und daß dieſer unerwartete Ueberfall zum Frieden und zur Ver⸗ ſöhnung führen müſſe. Der Furchenbauer rieb ſich mit beiden Händen Schläfe und Wange, der Wein ſchlug ihm zum Geſichte heraus, er athmete ſchwer, endlich ſagte er: „Mach' ein Fenſter auf, Ameile, ich erſtick.“ Ameile gehorchte und wieder ſagte der Vater: — 104— „Was will denn der ungerathene Bub da? Red, red ſag ich.“ Alban ſchwieg beharrlich und der Vater fuhr fort:„Da ſehet Ihr's wie er iſt. Recht war's wie der Domänenrath von alten Zeiten erzählt hat, da hat der Vater ſeinen Sohn aufknüpfen dürfen. Er hat ihm das Leben gegeben, er darf's ihm auch neh⸗ men. Darf ein Kind jetzt ſeinen Vater durch Ungehorſam um⸗ bringen?“ Seine Stimme ſtockte und er hielt inne. „Vater, er iſt brav, er will brav ſein,“ beſchwichtigte Ameile. „Still du, mit dir hab ich allein zu reden, dein' Falſchheit iſt am Tag aber wart nur, komm nur heim,“ polterte der Fur⸗ chenbauer gegen Ameile. Die beiden Frauen ſtanden rathlos. Endlich begann Alban: „Ich will auch Friede, nichts als Friede; ich ſchäm' mich in's Herz hinein, daß ich ſo da ſtehen ſoll.“— „Haſt's auch nöthig.“— „Ich kehr wieder heim, aber unter Einer Bedingung.“— „Ha, ha! Er will Bedingung ſtellen.“— „Ich hab's geſchworen und der Vater muß bitten.“— Der Furchenbauer ſchlug ſich auf den Mund und rief: „So lang die Zung da lallen kann, nicht, darauf kannſt du dich verlaſſen. Herr Gott, was iſt das für eine Welt! Mein Va⸗ ter wär' hundert Jahr alt geworden, wenn er ſich nicht Schaden gethan hätt'; ich werd nächſten Montag ſiebzig Jahr alt, ich er⸗ leb's nicht, du kannſt dich rühmen, daß du das zuweg bracht haſt, es wird dir am Vergeltstag angerechnet werden.“ Jetzt mit bebender Stimme ſagte Alban:„Vater! Ich will Euch in Ehren halten, ich will Euch jeden Tag doppelt vergelten, den ich Euch Kummer gemacht hab. Vater! Wenn ich feſt bin in dem was ich geſagt hab, ſo hab ich das von Euch, Ihr habt mich's gelehrt und mich darüber gelobt; Ihr dürfet mich jetzt nicht dafür verſtoßen.“ Er warf ſich vor dem Vater auf die Knie und ſchrietſchluchzend: da bitt ich Euch um Alles in der Welt, ſaget das eine Wort! Draußen ſteht der Landjäger, ich vergreif mich an ihm, ich will zu Grunde gehen, ich will ins Zuchthaus, ————————————— —— Vater! Zum Letztenmal halt' ich Eure Hand, ſaget nur die paar Worte und ich bin wieder am Leben. Vater! lieber Vater! ſa⸗ get's.“ „Könnet Ihr widerſtehen, dann ſeid Ihr ein Unmenſch,“ rief die Oberamtmännin unter Thränen die Fauſt ballend. „Nun meinetwegen, ich bitt dich, komm heim,“ ſagte endlich der Furchenbauer. Die Oberamtmännin faltete die Hände und umarmte Ameile und küßte ſie, während Alban ſchluchzend am Halſe des Vaters hing. Dieſer riß ſich raſch los und ſagte:„Komm rein und trink einen Schoppen.“ Der Landjäger vor der Thüre entfernte ſich auf Geheiß der Oberamtmännin. Alles ſtaunte als Alban mit dem Vater ein⸗ trat. Als Alban nicht trinken wollte, ſagte der Vater: „Mein Wein iſt dir wahrſcheinlich zu gering? So ein Herr wie du muß petſchirten haben? Laß dir nur kommen.“ Alban trank. Der Furchenbauer war der letzte, der die Petition unter⸗ ſchrieb, er konnte vor Zittern die Feder nicht führen und befahl Alban ſeinen Namen für ihn zu ſchreiben. Alban wollte das Ge⸗ ſchriebene zuerſt leſen, aber der Vater befahl ihm unbedingt zu unterſchreiben und Alban willfahrte. „Erſt nächſten Montag ſetzen wir Alles auseinander,“ ſagte der Vater jetzt zu Alban,„bis dahin reden wir kein Wort, und du mußt fleißig ſein, ich thue einen Knecht weg.“ Alban zuckte bei dieſem Worte und ſagte nur: „Ich will den Hirzenbauer zum Schiedsrichter, wenn's einen Streit geben ſollt'.“ „Wirſt keinen brauchen. Es darf Niemand Fremdes ſich d'rein miſchen.“ Spitzgäbele hielt zu guter letzt auch noch eine Rede, die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Er verkündete, daß am Rhein und im Taunus heuer die Aepfel ganz mißgathen ſeien, während man hier zu Lande nicht wiſſe wohin damit, er habe daher von zwei Wirthen in Frankfurt, die„Aeppelwein ſchenken“ — 106— den Auftrag, das Simri Aepfel zu 28 Kreuzer, frei nach der Amtsſtadt an den Neckar geliefert zu kaufen und lege zu dem Be⸗ hufe eine Liſte auf, in die Jeder einſchreiben möge, wie viel er liefere. Allgemeines Gelächter entſtand als der Klein-Rotteck rief: „Wir liefern Reichsäpfel nach Frankfurt.“ Viele unterſchrieben ſogleich. Der Furchenbauer ſagte, er wiſſe nicht wie viel er habe, Spitzgäbele ſolle zu ihm auf den Hof kommen. Bei der Cigarre und Pfeife die jetzt dampften, war Alles erſt recht behaglich. Der Domänenrath kam auf den Klein Rot⸗ teck zu und ſchüttelte ihm die Hand wegen ſeines freimüthigen Ausſpruches; der Klein⸗Rotteck vergalt es durch aufrichtigen Ausſpruch ſeines Reſpekts vor dem Domänenrath, deſſen Eifer und Verdienſt um den Verein und ſeine Zwecke er wohl er⸗ kannte. Der Domänenrath verwand dadurch die betrübende Erfah⸗ rung, daß ſeine Gelehrſamkeit noch nicht allſeitig ſtichhaltig ſei, denn der Oberamtmann hatte ihm ſo eben auseinander geſetzt, wie in England die ungetheilte Vererbung von Grund und Bo⸗ den und die Fideicommiſſe überhaupt nicht als Geſetz, ſondern nur als Sitte beſtehen. Die Oberamtmännin, die eine beſondere Gönnerin des Klein⸗ Rotteck war und es ihm blieb trotz ſeines Radikalismus, ſo daß er ihr jedesmal, wenn er als Schultheiß nach der Stadt kam, ſeine Aufwartung machte, ſcherzte nun in freundlicher Weiſe mit ihm und ſelbſt der Oberamtmann that freundlich und neckte ſeine Frau, daß er eiferfüchtig werde. So ſchien am Ende doch Alles in eine freundliche und verſöhnliche Stimmung auszuklingen, Der Pächter von Reichenbach entließ Alban ſogleich aus dem Dienſt und als Ameile auf den Wagen ſtieg, küßte ſie die Oberamtmännin herzlich, aber Ameile war trotz des wiederher⸗ geſtellten Friedens traurig. Sie ahnte Unheimliches. — 107— Zwei Söhne ſind heim und fremd. Alban hatte das Reitpferd, das er mitgebracht, hinten an den Wagen gehenkt, um es in Reichenbach abzugeben. Jetzt ſaß er vor dem Vater und der Schweſter und lenkte die gewohnten Thiere. Die Pferde, allzeit raſch wenn es der Heimath zugeht, waren dieß heute doppelt; ahnten ſie vielleicht, daß ihr junger Herr ſie lenkte und daß ſie auch ihn wieder heimbrachten? Alban hatte nur immer die Zügel feſt anzuhalten. Die drei Fahrenden ſprachen kein Wort, dieſe Verſöhnung war ſo urplötzlich in ge⸗ waltiger Gemüthsüberwallung gekommen und nichts war mit ihr geſchlichtet und ausgeglichen. Ameile ſchloß ſtill die Augen und dachte in ſich hinein, was nun geſchehen werde, auch mit ihr; der plötzliche unbegreifliche Zorn des Vaters, was war ſein Grund und ſeine Folge? Sie wagte es nicht, jetzt den Vater zu fragen, was er gegen ſie habe, ſie war ein ſeltſam und ſtreng ins Haus gebanntes Weſen, nicht einmal auf offener Straße, wo man allein mit einander war, durfte eine Frörterung der Familienſachen vor ſich gehen, das durften nur die vier Wände des Hauſes in ſich ſchließen; deswegen war ſie ja gegen Alban auf Seite des Vaters geſtanden und hatte dieſer ihr ſo viel Liebe zugewendet. Aus dieſem Denken heraus ſagte ſie nur einmal:„Ich will warten, bis Ihr mir daheim ſaget, was ich verfehlt hab.“ Sie erhielt keine Antwort und im ſtillen nächtigen Dahinfahren erſchien ihr der verfloſſene Tag wie ein Traum: ſie hatte eine vornehme Freundin die ſie küßte, und Alban war wieder mit ihnen vereint. Sie öffnete manchmal die Augen, um ſich deſſen zu vergewiſſern, und unter dem raſchen Hufſchlag der Pferde, bei dem Rollen des Wagens hörte ſie am Ende nichts mehr als den verklungenen Trompetenwirbel, unter dem Dominik den Preis bekommen hatte. Erſt in Reichenbach erwachte ſie, wo Alban das Pferd abgab, ſeine Habſeligkeiten zuſammenraffte und aufpackte. Man erfuhr auch, daß Dominik das Schwärzle hier zurückgelaſſen Wril es zu hinken begann; er war allein heimgeeilt. 108— Nur um das Schwärzle kümmerte ſich jetzt der Furchenbauer mit eifriger Sorgfalt und Beredtſamkeit und empfahl dem Wirthe in Reichenbach gute Pflege und Abwartung. Man fuhr weiter. Der Furchenbauer öffnete den Muud kaum zu den gleichgültigſten Worten. Es war ihm nicht minder unbe⸗ haglich, daß mit Alban nichts entſchieden ausgeglichen war; die Oberamtmännin, die ihm zudringlich erſchien, hatte das verhin⸗ dert; er hoffte aber doch jetzt mit dem mürber gewordenen Burſchen fertig zu werden und was Zufall geweſen war, er⸗ ſchien ihm jetzt als eine kluge That: Alban hatte ja ſelber die Petition unterſchrieben, die gegen jegliche Güterzerſplitterung gerichtet war. Alban war auch unzufrieden mit ſich. Was er in Jahr und Tag ſtill für ſich ausgeſonnen, hatte er gar nicht vorgebracht. Er war von einem Sturme fortgeriſſen, und nur das Eine hatte er richtig feſtgeſtellt, daß der Vater ſeine Unbeugſamkeit anerkennen müſſe, weil er ſie ſelber hatte und in ſeinem Sohne hegte. Alban war indeß noch der Heiterſte von den Dreien, er war wieder mit guter Manier daheim, das war die Hauptſache: mit Fortlaufen iſt nichts geholfen, die Sache muß auf dem Fleck ausgemacht werden. Spät in dunkler Nacht wie Alban einſt aus dem väterlichen Hauſe entflohen war, kehrte er wieder in daſſelbe zurück. Der Kühbub, der trotz des Zerwürfniſſes auf dem Hof ver⸗ blieben war, kam mit der Laterne den Anfahrenden entgegen und leuchtete Alban ins Geſicht, er prallte zurück und ſchien ſei⸗ nen Augen nicht zu trauen. „Ich bins wirklich,“ ſagte Alban lachend indem er abſtieg. „Wo iſt der Dominik?“ fragte der Furchenbauer einen zwei⸗ ten Knecht. „Er ſchläft ſchon.“ „So weck ihn, ich hab ihm was zu ſagen.“ „Vah“ begann Alban,„ich will gern für den Dominik ſchaffen, ſ er heut noch zu thun hat. Laſſet ihn jetzt ſchlafen; er muß grauſam müde ſein; er hat die wilde Kalbin den weiten — 109— Weg hin und her geführt und ich habs geſehen, ſie hat ihm ſchier den Bruſtkaſten von einander geriſſen.“ „So? Fangſt ſchon gleich ſo an?“ ſagte der Vater gedehnt, „biſt kaum über meine Schwelle und willſt mir dreinreden und den Herrn gegen mich ſpielen? So haben wir nicht gewettet Bürſchle, ſo nicht. Merk dir's. Du kannſt morgen ſchon das Ge— ſchäft vom Dominik übernehmen. Jetzt geſchieht was Ich ſag.“ Zum Knechte gewendet fuhr er fort:„ſchick ihn in die Stub' au⸗ genblicklich.“ Er ſchritt voran und Alban ſtand eine Minute wie angewur⸗ zelt. War er darum zurückgekehrt, um die Stelle des Oberknechtes einzunehmen? Die beiden Hofhunde waren wie toll, der Greif bellte grim— mig, er erkannte Alban nicht, das Türkle aber winſelte an der Kette und ſprang hin und her. Alban löste ihm die Kette und das Thier ſprang an ihm empor und leckte ihm die Wangen. Die Mutter lag ſchon im Bette und trotz dem, daß Ameile gehört hatte, daß etwas mit Dominik vorgehen ſolle, vergaß ſie jetzt ihres Kummers, eilte zur Mutter und verkündete ihr, daß Alban wieder da ſei. „Komm rein Alban! komm'rein,“ rief die Mutter aus der Kammer, als Alban in die Stube tratßer kam zu ihr und ſie be⸗ deckte ſein Antlitz mit heißen Küſſen. „Gottlob daß ich dich hab, und ſei nur jetzt auch brav und dank's dem Vater, daß er dich geholt hat. Ach! du riechſt ſo friſch, du bringſt mir wieder neue Luft, mein Huſten iſt weg. Stell die Ampel da vorn hin, noch beſſer, daß ich dich auch ſehen kann; du biſt magerer, gelt, Dienſtbotenbrod iſt doch ein hartes? Nun Gottlob, daß es vorbei iſt. Du haſt mich manche Nacht den Schlaf gekoſtet.“ So rief die Mutter. Der Bauer kam auch herein, reichte ihr die Hand und ſagte: „Er will wieder Alles gut machen, er hat mit verſprochen folgſam zu ſein in Allem.“ Er verließ bald die Kammer wieder und ging die Stube, denn Dominik war eingetreten, faſt noch verſchlafen taumelnd. — 110— Alban trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand; der Knecht rieb ſich die Stirne mit der einen Hand, mit der andern faßte er Alban feſt, er wollte ſicher ſein, daß er nichts träume. „Jetzt freut mich's, daß Ihr mich aus dem Schlaf habt wecken laſſen,“ ſagte er mit heller Stimme. Ohne darauf zu hören, ſagte der Furchenbauer ſich ſetzend und die Beine über einander legend: „Ich hab' was mit dir zu reden. Vom letzten Vierteljahr bin ich dir noch deinen Lohn ſchuldig und ein Vierteljahr vorher muß ich dir aufkündigen. Das iſt's. So, jetzt iſt's geſchehen. „So? Darf ich fragen, warum Ihr mich ſo Knall und Fall fortſchicket?“ „Freilich.“ „So ſaget mir warum?“ „Weil ich will.“ „Das iſt kein Grund.“ „Haufengenug für dich. Einen andern ſag ich dir nicht. Meinſt du, du ſollſt dich berühmen können, wegen dem und dem, ich weiß nicht wegen was, ſeiſt du fortkommen? Und wenn ich hör', daß du eines von meinen Kindern ins Geſchrei bringſt, haſt du's mit mir zu thun. Biſt aber brav, ſo kannſt in einem Jahr oder auch bälder wieder zu mir kommen, heißt das, bei mir nachfragen.“ Der Furchenbauer hatte ſich trotz ſeiner ſchlauen Verdeckt⸗ heit doch verrathen, er ſah das ſchnell und wollte nun die An⸗ hänglichkeit des Dominik an ſein Haus ködern und binden. „Wenn's an dem iſt“, ſagte Dominik,„dann geh ich lieber gleich.“ „Iſt mir auch recht. Lieber heut Nacht als morgen früh. Ich bezahl dir noch den Lohn auf vier Wochen, aus Gutheit, das wirſt einſehen, von Koſt iſt ohnedieß kein Red weil du von ſelber gehen willſt.“ Albanpollte ſich dreinmiſchen, er hatte aber kaum die Worte geſagt:„Aber Vater“, als dieſer ihm ſtreng zurief kein Wort zu reden. Er zählte Dominik das Geld auf den Tiſch und legte — 111— das für die vier Wochen beſonders. Dominik war eine Minute zweifelhaft, ob er dieſes auch nehmen ſolle und Alban zuckte und hielt ſich die Hand vor den Mund als er es wirklich nahm. Er konnte nicht ermeſſen, daß der von Haus aus allzeit arme Burſch ſich nicht das Recht und den Muth zutraute, ſeiner Ehre zu lieb einige Gulden wegzuwerfen und noch dazu ſeinem langjährigen Herrn gegenüber. „B'hüts Gott“, ſagte Dominik und ging mit dem Gelde aus der Stube. Die Mutter in der Kammer und Alban wagten nicht ein Wort zu reden. Ameile hatte in der Küche Alles gehört. Als jetzt Dominik an ihr vorüberging, ſagte ſie ſo laut, daß man es in der Stube hören konnte: „So7 Jetzt gehſt fort? Nun ſo b'hüt dich Gott und ich wünſch dir viel Glück.“ Ganz leiſe aber ſetzte ſie hinzu:„In einer Stunde unterm Breitlingbaum im Garten.“ Sie kam in die Stube, ſagte Gutenacht und ging mit Geräuſch nach ihrer Kammer und ver⸗ ſchloß ſie hinter ſich. Alban war doch dem Dominik nachgegangen und hatte ihm herzlich zugeredet, ſich nicht unnöthigen Kummer zu machen, er ſolle allezeit Bruderhülfe bei ihm finden. Dominik ſchwieg zu Allem und packte ſeine Kleider ein. Erſt als Alban ſagte, daß er ihm wegen Leben und Sterben ein Schriftliches geben wolle über die Darleihen, die er bei ihm gemacht, ſagte er, daß es in guter Hand ſtehe, bis er es brauche um auszuwandern. Dominik wollte noch vor Tage aus dem Hofe fort. Alban kehrte in das Haus zurück. Er ging nach der Kammer wo Vin⸗ zenz ſchon ſchlief und wo ſein Bette noch ſtand von alten Zeiten. Hinter ihm drein war der Vater geſchlichen und lauſchte an der Thüre. — 12 Heimliche Verabredungen. Als Alban ſeinen Bruder Vinzenz aus dem Schlafe weckte, rief dieſer um ſich ſchlagend:„Thu mir nichts, du darfſt mir nichts thun.“ Alban war erſchreckt von dieſem Ausrufe und er⸗ zählte nun dem Bruder, wie er in Friede mit dem Vater heim⸗ gekehrt, wie Alles gütlich ausgeglichen ſei und er dem Vater nachgeben wolle. Vinzenz richtete ſich jetzt im Bette auf und ſagte:„Grüß Gott!“ Gähnend fügte er hinzu:„Ich hab arg geſchlafen.“ Alban ſetzte ſich zu ihm auf das Bette und ſagte, wie ganz ver⸗ ändert, jähzornig und wild der Vater ſei, wie er den Dominik ſo plötzlich und hart fortgeſchickt, und wie ihn die Kinder als krank behandeln und ihm in Allem nachgeben müßten. „Ich mein',“ ſchloß Alban„die Sünde, daß er dir ein Aug ausgeſchlagen hat, läßt ihn nicht ruhen. Wir wollen's ver⸗ tuſchen, ſo gut als wir können.“ Der Horchende erbebte. So war ſeine That Alban bekannt und er konnte ihn der Schande preisgeben! Eine Minute dachte er, daß Alban doch bis jetzt brav geweſen, er hatte dieſe grauſe That doch bis jetzt Niemanden verrathen; ſchnell aber ſprang er wieder in eine andere Stimmung über: der eigenwillige Burſche wußte alſo warum der Vater nicht anders handeln konnte, und war doch unnachgiebig! Neuer Zorn gegen ihn entbrannte, in den ſich nur noch der gegen Vinzenz miſchte, der das Geheimniß verrathen hatte. Wenn er Beide hätte enterben können, er hätte es gethan, und faſt ſchien es beſſer, den muthigen offenen Alban einzuſetzen, als den hinterhältigen Vinzenz, der doch nur ein halber Menſch war. Alban hatte ſich in ſein Bette geſteckt und ſich behaglich ſtreckend rief er: „Ah! Da iſt's doch am beſten. Es iſt mir wie einem Vogel, der in ſein altes Neſt kommen iſt. Man liegt nirgends beſſer als daheim. Jetzt horch auf Vinzenz was ich dir ſag. Wir machen's ſo. Hörſt auch gut zu?“ „Ich widerſprech nicht, wenn der Vater dir das Gut giebt und es abſchätzt wie er will. Ich heirath die Vreni und bleib bei dir als Knecht.“ „So? Das wirſt nicht wollen? Das iſt nicht dein Ernſt.“ „Freilich, aber nur auf die Art, wie ich's mein'. Wir thun dem Vater nur zum Schein ſeinen Willen. Er iſt bald ſiebzig und lebt nicht ewig, und wir wollen ihm den Willen laſſen ſo lang er lebt; er ſoll meinen, das Sach ſei alles Dein und bleib bei einander. Du gibſt mir aber ſchriftlich mit zwei Zeugen unter⸗ ſchrieben, daß du nach des Vaters Tod den Hof abſchätzen läßſt von Unparteiiſchen und zu gleichen Theilen mit mir und dem Ameile theilſt. Auf die Art iſt des Vaters Willen geſchehen und doch auch wieder keines von den Kindern verkürzt, und wir er⸗ halten den Frieden und der Vater kann in Ruhe ſeine Tage ver⸗ leben. Zu Zeugen nehmen wir den Hirzenbauer von Nellingen und unſern Vetter den Gipsmüller, die halten Alles verſchwie⸗ gen und geheim. Iſt das nicht recht? Iſt das nicht ordentlich ge⸗ ſprochen? Haſt du was dagegen? So gib doch Antwort. Schnarch nicht, ich glaub nicht, daß du ſchlafſt. Das iſt falſch von dir, Vinzenz; hab mich nicht zum Narren. Man kann's ja nicht brüderlicher machen als ich geredet hab. Vinzenz, gieb Antwort. Ich reiß' dich an den Haaren aus dem Bett, wenn du mich ſo zum Narren haſt. Vinzenz, willſt du mich auch des Teufels machen?“ Alban ſprang aus dem Bette und ſchüttelte den Bruder, dieſer ſchrie laut auf und that wieder als ob er erwachte. Schon wollte der lauſchende Vater zum Schein die Treppe heraufſpringend zu Hülfe eilen, als er Alban ſagen hörte: „Sei ruhig. Ich thu dir nichts. Haſt denn nicht gehört was ich geſagt hab? Haſt wirklich geſchlafen?“ „Halb und halb.“ „Und was ſagſt dazu? „Ich verſteh die Sach noch nicht recht, aber ſo viel weiß ich, ich bin zum Krüppel geſchlagen und mir gehört was im Voraus. Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 8 — 114— Ich kann aber heut nimmer viel ſchwätzen. Morgen iſt auch ein Tag. Gut Nacht.“ Alban erhob im Bette ſeine Hände und betete:„Herr Gott! Laß mich heut Nacht ſterben, wenn ich was Unrechtes will. Ich weiß nicht anders. Es iſt nicht meine Schuld, daß ich ſo bin, ich muß anfangen, das Unrecht, das von Geſchlecht zu Geſchlecht ge⸗ gangen iſt, umzuſtoßen. Ich wollt' es müßt's ein Anderer thun, aber ich muß. Wenn ich Unrecht hab, nimm mich im Schlaf von der Welt und zu dir—.“ Er murmelte noch unverſtändliche Worte in denen nur deutlich, wie im gewohnten Kindesgebete, Vater und Mutter vorkamen, dann war Alles ſtill... Dem Furchenbauer ſchoß es in die Knie, er mußte ſich auf die Treppe ſetzen. War er vorhin bei dem Plane zu ſeiner Täu⸗ ſchung voll brennenden Ingrimms, ſo traf ihn jedes Wort im Gebete Albans wie ein Blitzſchlag. War das ſein hartherziger Sohn? Welch ein Kind war das! Er hatte ſeine geheimſten Ge⸗ danken hören wollen, er hatte ſie gehört, ſie waren bös und heilig, ſchändlich und rechtſchaffen. Wer hilft da heraus? Lange ſaß der Vater auf der Treppe in dunkler Nacht und konnte ſich nicht er⸗ heben. Wer jetzt in ſein Antlitz hätte ſchauen können, hätte den eiſenharten Furchenbauer nicht erkannt. Während hier der ungelöste Bruderſtreit vom Vater belauſcht ſich kundgegeben hatte, ſtanden unter dem Apfelbaume im Obſt⸗ garten zwei Liebende beiſammen und ſie ſprachen wenig und ihre leiſen Worte verhallten von keinem fremden Ohre belauſcht und zogen hinan zu den Sternen, die in der Herbſtnacht hell glitzer⸗ ten und funkelten. „Was ſoll denn das jetzt noch?“ hatte Dominik zu Ameile geſagt.„Es iſt beſſer, du biſt frei, ich will dir nicht vor dein Glück ſtehen und mit mir hätteſt du nur Elend und glaub mir, ich könnt's nicht ertragen, wenn du nicht mehr leben könnteſt wie du's gewöhnt biſt.“ „Ich bin an nichts gewöhnt als an dich und dabei bleib ich, und wenn ich von Vater und Mutter und von der ganzen Welt fort muß, mit dir geh ich nach Amerika, wie wenn's nach Rei⸗ — 115— chenbach wär'. Ich will froh ſein, wenn ich aus unſerm Haus bin, da iſt ja jedes immer wie eine geladene Piſtol. Ich will Gott danken, wenn ich nur dreimal Kartoffeln des Tages hab und Ruhe und Friede dazu, aber ſie müſſen mir mein Vermö⸗ gentheil geben, im nächſten Jahr werd ich großjährig. Halt nur feſt aus wie ich. Du mußt wegen meiner aus dem Haus. Ich weiß es. Aber da drin in meinem Herzen bleibſt du und da kann dir kein Vater und kein Meiſter aufkündigen. Da haſt mein Hand, dich nehm ich und keinen andern.“ Dominik faßte die dargereichte Hand nicht, er ſagte nur: „Du kannſt auf Einmal reden wie eine Große—“ „Ich bin kein Kind mehr.“ „Freilich, aber deiner Eltern Kind biſt noch und dagegen will ich dich nicht aufſtiften.“ „Weil du kein' Kuraſche haſt“, ſagte Ameile zornig und Do⸗ minik erwiederte: „Ich hab mehr als du glaubſt, ich könnt' für dich durch's Feuer laufen, ich thät' mich nicht beſinnen. O Ameile!“ ſeine Stimme ſtockte und ſich an ſeinen Hals hängend rief das Mädchen: „Was? Wer wird heulen? Rechtſchaffen und luſtig—“ Die Beiden redeten lange kein Wort mehr, der Quell des Wortes war verſiegelt, in ſtiller Nacht hingen ſie Lippe an Lippe. „Sieh den Stern“, rief Ameile nach einer fliegenden Stern⸗ ſchnuppe den Kopf wendend, aber nicht nach ihm deutend, denn es iſt bekannt, daß man mit Hindeuten nach einem Stern einem Engel die Augen ausſticht. In begeiſtertem Tone fuhr Ameile fort:„Weißt noch wie du mir geſagt haſt, ein Sternſchuß iſt ein verirrter Stern, der wieder an ſeinen Ort heimkehrt? So ſind wir zwei jetzt auch. Da, jetzt wollen wir uns Braut und Bräuti⸗ gam heißen. Du mußt mir eine Trau geben. Weißt was? Deine Denkmünze, das iſt mir das liebſte.“ „Ich hab ſie nicht mehr.“ „Wo haſt ſie denn?“ „Ich hab ſie meiner Mutter geſchickt. Ich hab ſie dem Hir⸗ zenbauer verſetzt, daß er meiner Mutter ein paar Gulden geben 8 — 116— ſoll. Ich hätt dir das nicht ſagen ſollen, ich will mich aber nicht berühmen. Ich hab im Gegentheil an meiner Mutter bisher zu wenig gethan.“ „Vor mir darfſt dich berühmen, das iſt mir lieb, daß ich jetzt auch weiß wo du hin gehſt. Ich bin doch dumm. Ich hab gemeint, du mußt in die wilde Welt hinaus. Du haſt ja auch ein' Mutter. Das iſt gut. Grüß ſie von mir und ſag ihr, ſie ſoll mir mein' Trau gut aufheben und ſoll ſich am Leben erhalten, bis ſie auf unſerer Hochzeit luſtig iſt. Und wenn dir was vor⸗ kommt, daß du eine Annahme brauchſt, geh nur zur Oberamt⸗ männin und ſag's ihr nur frei, du ſeiſt heimlich mein Hochzeiter, ſie weiß ſchon ſo was, und die wird dir in Allem helfen und bei⸗ ſtehen, die hat den klaren Verſtand zu Allem und iſt ſo grad wie eine rechtſchaffene Bauernfrau, gar nicht wie eine Herrenfrau. Und noch eins: verding dich nicht in einen andern Platz, du wirſt dir ſchon ſo forthelfen und thu's mir zu lieb und geh heut nicht in der Nacht fort, du haſt nächt(vergangene Nacht) nicht geſchlafen und biſt müd; wart bis Taß iſt.“ Noch Vieles plauderten die Liebenden zuſammen in Scherz und Ernſt, ſie wollten gar nicht von einander laſſen; endlich aber mußten ſie ſich doch trennen. Ameile ging ſtill und gedankenvoll nach dem Hauſe, ſie öff⸗ nete es leiſe. Als ſie die Bühnentreppe hinanſtieg zu ihrer Kam⸗ mer, die der Schlafkammer der Brüder gegenüber war, wurde ſie plötzlich von ſtarken Händen gefaßt und eine Stimme rief: „Wer biſt? Wer iſt da?“ Ameile ſchrie laut auf. Die Mutter kam mit Licht herbei und ſah wie der Vater die Tochter feſt in den Armen hielt. „Du biſt's?“ rief der Vater,„So? Ich weiß wo du gewe⸗ ſen biſt, aber ſtill, ſtill, nicht gemuckſt, daß Niemand im Hauſe etwas erfährt, ſtill ſag ich.“ Er ſchleppte Ameile nach ihrer Kammer ſchloß ſie ein und nahm den Schlüſſel zu ſich. — 117 Ein armes Kind im Elternhaus. Ein gut geſtelltes Hausweſen geht ordnungsmäßig fort, ohne täglich friſch aufgezogen zu werden. Der raſche Taktſchlag der Dreſcher war ſchon laut, als Dominik ärgerlich ob ſeines langen Schlafes erwachte, er beſann ſich aber, daß er ja das Haus ver laſſen müſſe, aus dem er ſo plötzlich gewieſen war. Er ſputete ſich. Verwirrt ſchaute er ſich im Hofe um; wie viel hundertmal hatte er's gehört und ſich ſelbſt geſagt, daß er wie das Kind im Hauſe gehalten ſei und jetzt— abgelohnt, fortgeſchickt, du gehörſt nicht mehr hieher. Da war kein Werkzeug im Hofe, das er nicht gehandhabt, an dem er nicht etwas gerichtet hatte, jedes Thier kannte ihn, ſeinen Tritt und ſeine Stimme, und jetzt— hinaus, fort, das geht dich Alles nichts an.— Aus dem Hauſe ſtieg der morgendliche Rauch auf, dort wird keine Suppe mehr für dich gekocht, du holſt dir dort nicht mehr unter Scherz und Neckerei eine glühende Kohle für deine Pfeife. Wo nur Ameile ſein mag, daß ſie ſich nicht einmal vorübergehend am Fenſter oder unter der Thüre zeigt? Da drinnen lebt Alles weiter als ob du nie dageweſen wäreſt, und wer weiß, ob ſie nicht auch Ameile dazu bringen? Nein das nicht, das wird nie ſein. Wie wird's aus⸗ ſehen, wenn du wieder in die Stube trittſt und die Tochter be⸗ gehrſt? Bis dahin muß die Welt anders werden. Noch nie in ſeinem Leben war Dominik an einem Werkel⸗ tags⸗Morgen ſo lange müßig dageſtanden, heute konnte er nicht vom Fleck und er durfte ja thun und laſſen was er wollte, er war Herr über ſich und ſeine Zeit. Dennoch war's ihm manch⸗ mal wieder, als müſſe er auch zu den Dreſchern; das iſt die ge⸗ wohnte Ordnung, das muß ſein, davon kann ihn Niemand ab— halten. Eine Weile lächelte er vor ſich hin, indem er dachte, wie der Meiſter aufſchauen würde, wenn er ohne ein Wort zu ſagen, mit den Dreſchern zum Morgenimbiß käme. Es wird ihm ſelber Recht ſein, daß ſeine Uebereilung nicht ausgefühet iſt; er iſt alle⸗ zeit ſo hitzig und denkt oft in der nächſten Minute nicht mehr daran. Wenn er dich aber vor allen Leuten aus dem Hauſe jagt? — Was dann? Geſtern vor aller Welt für treue Dienſte mit der Denkmünze belohnt und heute mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt.— Was wird Ameile dazu ſagen? Bis jetzt haſt du ſelber aufgekündigt und kannſt mit Stolz weggehen, und das mußt du wenn der Bauer nicht kommt und dich holt. Sieh, die Thüre öffnet ſich, nein, es iſt die Großmagd, die nach dem Brunnen geht, um Waſſer zu holen, ſie ruft Dominik zu:„So, du biſt noch da? Glück auf den Weg.“ Sie trommelte mit einem Scheit Holz auf dem Kübel zum Aerger des Dominik, denn nach altem Brauche iſt dies Trommeln auf den Kübel ein herkömmliches Zeichen des Spottes und der Mißachtung gegen einen„wandernden“ Dienſtboten. Sie ging nach dem Brunnen und während ſie wartete, bis der Kübel voll war, ſang ſie: Heut iſcht mein Bündelestag Morn*) iſcht mein Ziel, Schickt mi mein Bauer fort Geit“**) mir et viel. Dominik kehrte zurück nach der Stallkammer, ſchnürte ſeine Gewandung noch feſter zuſammen, hob ſie auf die Schulter und verließ den Hof ohne ſich noch einmal umzuſchauen. Er hatte ſchon zu lange gezögert. Als er aber jetzt an das äußere Hofthor kam, wurde ihm doch eine Ehrenbezeugung. Die Knechte kamen mit Peitſchen, an deren ſchwanke Spitzen ſie rothe Bänder geknüpft hatten, und nun begannen ſie alleſammt nach einer beſtimmten Melodie zu knallen, daß es weithin ſchallte. Dominik dankte für dieſes Ehren⸗ geleit, denn wie man einem Soldaten ins Grab ſchießt, ſo gilt es als Ausdruck der Ehre und Liebe der Mitdienenden, daß man einem wandernden Dienſtboten nachknalle. Dominik ging fürbaß. Er trug ſchwer auf der Schulter, aber noch ſchwerer im Herzen. Als er den Hof hinter ſich hatte und an dem Garten vorüber kam, wo der Apfelbaum ſtand, unter dem er noch geſtern Nacht *) Morgen. **) Giebt. — 119— Ameile in den Armen gehalten, da glühten ihm die Wangen, die ganze Liebe des treuen und plötzlich ſo ſtarken und ſelbſtſtän⸗ digen Mädchens lebte wieder in ihm auf; er ſchalt ſich, daß er immer nur an ſein Knechtsleben gedacht hatte, Ameile hatte Recht, ihm fehlte der tapfere Muth, er dachte zu viel daran, daß er ein armer Burſch ſei und wie er barfuß als Kühbub auf den Hof gekommen. Es ſind ſchon Mindere hoch hinauf gekommen, halt' dein Glück feſt und zeig', daß du es werth biſt... An der Hauskapelle, da wo der Weg umbiegt und abwärts in's Thal geht, dort ſtand Dominik noch einmal ſtill ſchaute nach dem Hof zurück, wo jetzt der Taktſchlag der Dreſcher verſtummte, ſie gin⸗ gen zum Eſſen und faſt laut ſagte Dominik vor ſich hin: Als Hausſohn will ich da aus⸗ und eingehen. Es iſt ein tiefdeutiger Spruch: Ein Mädchen, das ein aus⸗ gelöſchtes Licht aus dem glimmenden Dochte wieder anblaſen kann, iſt eine reine Jungfrau. War die Liebe des Dominik nicht ſchon einmal ausgelöſcht? Und wie hellleuchtend hatte ſie der Athem Ameile's wieder angefacht. Die Gedanken des Dominik, noch vor Kurzem ſo betrübt und unverzeihlich weichmüthig, wurden auf Einmal freudig und feſt. Nur über Eines war er noch nicht mit ſich im Reinen: ob er es gradezu aller Welt ſagen ſolle, daß ihn Ameile liebe und daß er darum aus dem Hauſe mußte, oder ob er dieß noch ver— ſchweigen und ſich eine Zeitlang übler Nachrede ausſetzen ſollte. Wieder wollte ihn die gewohnte Demuth noch einmal überkom⸗ men, aber er bewältigte ſie und faßte den unabänderlichen Vor⸗ ſatz, denen, an deren Meinung ihm liege, den Sachverhalt mit⸗ zutheilen, vor Allem dem Hirzenbauer, ob auch der Mutter und den Geſchwiſtern, das wird ſich zeigen. Wohlgemuth zog Dominik ſeines Weges. Heute konnte er welchen Weg er wollte einſchlagen, heute befahl ihm Niemand mehr. Du biſt dein eigner Herr ſagte er ſich, aber doch ſtieg er wieder den Henneweg hinauf. Der Nebel ſtand feſt über Thal und Wald, von den Zweigen floßen Tropfen, aber Dominik wan⸗ delte hin wie in lauter Sonne und lichter Freudigkeit. Als er 120— wieder auf dem begrasten Wege und endlich am Grenzſteine des Furchengutes dort an der Waldeslichtung war, dachte er nicht mehr an die Pachtung der Schafweide: er wollte mit ſeinem Ameile ein gut Stück von dieſem Gute haben, und wenn nicht im Boden ſelbſt, doch in Geld. Noch einmal dachte Dominik, ob es nicht klüger wäre, wieder umzukehren und nach Reichenbach zu gehen, dort war jetzt Albans Stelle offen, das war ein Ehren⸗ platz, und er war näher beim Furchenhof; aber Ameile hat ihn gebeten, nicht in einen neuen Dienſt zu treten... Während des Ueberlegens ſchritt er immer raſch voran, er wollte, wenn er ſich anders entſchließe, keine Zeit verſäumt haben, und wirklich blieb er auch dabei, zu ſeiner Mutter zu gehen. Dorthin hatte ihn auch Ameile gewieſen, dort waren ihre Gedanken bei ihm, und er mußte für Ameile die Trau auslöſen? Jeder Schritt ward ihm leicht und zur Freude, denn er ging ihn für Ameile. In Klurrenbühl im Wirthshauſe hielt er an und traf heute große Bewegung, einer der angeſehenſten des Dorfes wurde heute vergantet und ihm ſeine Liegenſchaften verkauft. Man erinnerte Dominik, wie vor fünf Jahren hier ein großes Hofgut, das er noch gekannt hatte, zerſchlagen wurde; der heut zu Vergantende, ein fleißiger, haushälteriſcher Mittelmann kaufte übermäßig viel ein und nun iſt er ſchon der Dritte, der dadurch vergantet wird, zwei Mißernten und die Kapitalſchulden erdrückten ihn und nun iſt auch ſein früheres Beſitzthum damit verloren und er ein Bet⸗ telmann. Die Leute, die Dominik kannten, ſtaunten, als er fragte, was denn das ganze Anweſen betrage und koſte, und als er auf die Auskunft erwiederte: Das wär mir zu klein. Dominik ſah ſchon vor ſich, wie er ein mittleres Gut kaufte, es durch Fleiß und Bewirthſchaftung höher hob und am Ende doch noch Ameile in ein Glück ſetzte, wie es ihr gehörte. Er war jetzt in der Stim⸗ mung, daß er auf die halbe Welt ein Anbot gethan hätte, ſo friſch ausgerüſtet fühlte er ſich. Faſt vor ſeinem eigenen Muthe fliehend ging er beim Beginn der Verſteigerung davon, und im⸗ mer wehmüthiger ward es ihm jetzt im Herzen, daß er mit jedem 121— Schritt weiter weg von Ameile ſei. Es ſiel der erſte Schnee, der aber alsbald wieder zerging und der abgeriſſene Klang aus dem Liede zog Dominik durch den Sinn: Berg und Thal, kalter Schnee Von Herzlieb ſcheiden und das thut weh. Wann wird er den Weg wieder zurückkehren, freudig ge⸗ trieben von lockender Glückſeligkeit? Wenn nur Ameile nicht gar zu hoch über ihm ſtünde! Freilich, ſie hat ein feſtes Herz, aber ſie weiß doch noch nicht was es heißen will, aus ſolch einem vollen Hauſe fortzugehen: der Milchkeller iſt allzeit voll und es iſt etwas anderes, wenn man jeden Tropfen ſparen muß; daheim iſt die Mehltruhe, der Schmalztopf allzeit gefüllt, da heißt es nur, geh da geh dort hin und ſchöpf; wie aber dann, wenn's klein hergeht und wenn man nach dem was man braucht über⸗ allhin ausſchicken muß? Wir wollen mit Lieb und Freud jeden Biſſen ſalzen und ſchmalzen. Ein guter Kamerad geſellte ſich unverſehens zu Dominik und der wußte die beßten Herzensgedanken, und der Kamerad war das Lied, das er alſo vor ſich hinſang: Es ſteht ein Baum in Oeſterreich Der kriegt Muskatenbluth, Die erſte Blume, die er trug War Königs Töchterlein. Dazu da kam ein junger Knab, Der freit um Königs Tochter; Er freit ſie länger als ſieben Jahr Und kann ſie nicht erfreien. Laß ab, laß ab du junger Knab, Du kannſt mich nicht erfreien; Ich bin viel höcher geboren denn du Von Vater und auch von Mutter. Biſt du viel höcher geboren denn ich, Vom Vater und auch von Mutter, So bin ich dein Vaters gedingter Knecht Und ſchwing dem Rößlein das Futter. Biſt du mein Vaters gedingter Knecht, Und ſchwingſt dem Rößlein das Futter, So giebt dir mein Vater auch guten Lohn Daran laß dir genugen. Der große Lohn und den er giebt, Der wird mir viel zu ſauer; Wenn andre zum Schlafkämmerlein gehn, So muß ich zu der Scheuer. Des Nachts wol um die Mitternacht, Das Mägdlein begunnte zu trauern Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wol zu der Scheuer.. Das war ein braves Lied. Dominik wußte wohl, es hat noch mehr„Gſſätzle“, aber er kannte ſie nicht und erinnerte ſich nur, daß der Knecht des Königs Schwiegerſohn wurde. Und was in alten Zeiten geſchehen iſt, kann auch wieder geſchehen. Und wenn Ameile auch„höcher iſt denn er von Vater und auch von Mutter,“ ſo iſt ſie doch keine Königstochter und hat ihn gewiß mehr lieb als die von alten Zeiten.„Dich nehm ich und keinen andern“ das ſind ihre Worte geweſen. Wenn's nicht wahr wär' hätt man kein Lied darauf geſetzt. Und Dominik ſang die Verſe aber⸗ und abermals mit voller Luſt und heute hörte er nicht auf den Ruf der Gabelweihe, nicht auf das Klingen der Heerden und das Singen der Hütenden, er wußte nichts vom Weg und nichts von allem rings umher, er ging nicht auf der Erde, er ging im Himmel. In Jettingen erwachte er wieder plötzlich wie aus einem Traume, hier wo er geſtern das Schwärzle eingeſtellt hatte, ließ er jetzt ſeine Habſeligkeiten zurück und wanderte ledig nach ſeinem Geburtsorte. Er wollte nicht unterwegs Jedem Red und Antwort ſtehen, weil er ſeine Habe bei ſich trug und jetzt fiel es ihm doch wieder ſchwer aufs Herz, daß er ſo Knall und Fall fortgeſchickt war; er konnte ja nicht Jedem ſagen, wie ganz anders ſich das noch wenden müſſe. Heute ließ er ſich Zeit zu dem Wege nach Nellingen, und war er ihm geſtern unbegreiflich lang erſchienen, ſo däuchte er ihm heute eben ſo unbegreiflich kurz. Er dachte ſich aus, wie ſeine Mutter und Geſchwiſter ſeine Rückkunft aufnehmen würden und wie er ſich dabei ſtellen ſolle, als er ſchon vor dem elterlichen Hauſe ſtand. Glücklicherweiſe war Niemand daheim als zwei kleine Bruderskinder und Dominik ging bald wieder fort und geraden Weges zu dem Hirzenbauer. Nach dem erſten Erſtaunen und nachdem er mit auffallender Haſt die verpfändete Denkmünze ausgelöst, erzählte er dem Hirzenbauer den ganzen Hergang. Der Hirzenbauer wollte nun ſeinem Spott über den Furchenbauer Luft machen, Dominik fiel ihm aber ins Wort indem er ſagte: „Redet nicht ſo von meinem Meiſter, ich darf das nicht mit anhören.“ „Ja ſo,“ lachte der Hirzenbauer,„er wird ja dein Schwäher.“ „Das ſteht noch im weiten Feld.“ „Nein, nein, was ich dabei thun kann, ſoll mit Freuden geſchehen. Was willſt denn jetzt anfangen?“ „Wenn Ihr mich als Dreſcher brauchen könnet, wär mir's recht.“ „Gut, das kann ſchon ſein, und es mangelt uns grad ein Knecht, da kannſt dieweil aushelfen und biſt auf den Sprung wenn's auf den Furchenhof losgeht, denn da geht's noch durch⸗ einander.“ Als Dominik fortgehen wollte, ſagte der Hirzenbauer: „Wart ein bisle, ich geh mit dir. Ich will's deinen Leuten ſchon zu verſtehen geben, daß du was haſt was du ihnen nicht ſagen kannſt und daß ſie noch Ehr' an dir erleben. Die Schwä⸗ gerin iſt gar anfechtig*), die meint gleich, du trägſt ihr das halb 1 Haus weg. Dein Mädle hat mir geſtern wohl gefallen und die hat ganz das Anſehen dazu, die führt aus was ſie will.“ Wie glückſelig war Dominik als er mit dem Hirzenbauern durch das Dorf ging. Das war doch noch ein Ehrenmann, der d ſich eines Jeden annahm ſei es wer es wolle, und der errieth wo es einem fehlt, und wie brav war's, daß er an die Heirath mit Ameile ſo feſt glaubte, und er wußte doch nicht einmal Alles was ſie ihm heilig verſprochen hatte. Bei den Angehörigen des Dominik, die dieſen nur mit hal⸗ ber Freude willkommen hießen, wußte der Hirzenbauer Alles fein herzuſtellen. Man ſchien zufrieden und ihm zu trauen, aber doch nur halb. Dominik ſollte erſt ſpäter erfahren warum. Das aber ſtand jetzt ſchon feſt, der Hirzenbauer nahm ſich des Dominik an wie ſeines Grundholden, und er wachte über ſein Schickſal und freute ſich über daſſelbe wie ein Menſchenfreund.— Es iſt keine Mutter ſo arm, ſie hält ihr Kindlein warm, ſagt ein gutes Sprüchwort, das zeigte ſich auch an der Mutter des Dominik. Vor dem älteren Sohne und der Schwiegertochter zeigte ſie ihre Liebe nicht, ja ſie that auch wie die Anderen faſt erzürnt über ſeine Rückkehr; als ſie aber mit ihm allein war, öffnete ſich ihr ganzes Mutterherz, das ſich in den Worten ausſprach: „Und wenn du aus dem Zuchthaus kämſt, du wärſt doch mein liebſtes Kind, du biſt von kleinauf die beſte Seele geweſen.“ Die Mutter wußte nicht anders als Dominik habe ſich eines ſchweren Vergehens ſchuldig gemacht, ſonſt wäre er ja nicht ſo plötzlich gekommen und hätte nicht den Hirzenbauer zu ſeinem Fürſprech geholt. Dominik konnte der Mutter nicht ſagen, was vorging, ſie hatte ihm ja geklagt, daß ſie das geſtern erhaltene Geld der Söhnerin gezeigt und ihr habe geben müſſen und er wußte wohl, daß ſie noch weit weniger als Geld ein Geheimniß vor der Schwiegertochter bergen konnte, mit der ſie doch ſchein⸗ bar in ſtetem Unfrieden lebte. Die Mutter war redſelig und da * Empfinblich, reizbar. b e — ſie Niemand anders hatte als die Söhnerin, ſprach ſie mit ihr Alles aus. Jeden Tag war ſie nun glücklich, denn Dominik war ehrerbietig und liebreich gegen ſie, was ſie ſchon lange nicht ge— wohnt war. Auf dem Hirzenhofe unter den Dreſchern erfuhr Dominik die ſeltſame Stimmung ſeines Heimathsdorfes und jetzt wußte er auch, warum die Seinigen nur halb erfreut und befriedigt waren, als der Hirzenbauer ſich ſeiner annahm. Der Hirzenbauer hatte ſeinen Hof zertheilt und das ganze Dorf war darüber er— bost. Ein Jeder, auch der ärmſte Häusler, war ſtolz darauf ge— weſen und rühmte ſich deſſen auswärts, aus einem Dorfe zu ſein, wo ein ſo großer Bauer wie der Klein⸗Rotteck auch daheim war; jetzt war einem Jeden etwas von ſeinem Glanze genommen und man war aufgebracht gegen den Hirzenbauer und hatte nur noch den halben Reſpekt vor ihm. Ein Schneider, der mit unter den Dreſchern war, erzählte: „Es geht uns grad wie den Hechingern. Ich bin vor kurzem wieder dort geweſen. Ihr könnt euch gar nicht denken wie elend das Städtle jetzt dran iſt. Früher hat's doch einen Glanz gehabt und ſeinen Fürſten und Alles, und jetzt können ſie Blut ſchwitzen und haben nichts und ſehen nichts. Der Hirzenbauer iſt unſer Fürſt geweſen und jetzt wird Alles lauter Lumpen und unſer Nellingen das elendeſte Neſt ſo weit man Hoſen flickt.“ Dominik ſtand allein mit ſeinen Entgegnungen, er konnte den Bettelſtolz, der an Härtnäckigkeit keinem andern nachſteht, nicht beſiegen; er wußte aber auch keine Antwort auf das prak⸗ tiſche Vorhalten, wie beim nächſten Geſchlecht, wenn der Hirzen— hof noch einmal verſchnitzelt wäre, jeder Abkömmling Alles allein bewirthſchaften könne, dann hätten die armen Leute im Orte keinen Winterverdienſt mehr und müßten auswärts Arbeit ſuchen und halb verhungern. In der Abendruhe ſaß Dominik jedesmal beim Hirzenbauer. Dieſer hätte wohl ein Menſchenverächter werden können, wenn ſeine Natur dazu angelegt geweſen wärez er kannte genau die Lage in der er ſich befand und wie die Menſchen um ihn her 126— ihm geſinnt waren, er glich einem mediatiſirten Fürſten, deſſen Herablaſſung kaum noch halb als dieſelbe angeſehen wird. Er ließ ſich dadurch nicht abhalten, ſeine Wohlmeinenheit in dop⸗ pelter Macht Jedem kund zu geben, aber einen gewiſſen Spott konnte er manchmal nicht zurückhalten, daß man ihm verargte weil er gethan, was recht und billig iſt, und in dieſem Bewußt⸗ ſein beharrte er. Er erzählte Dominik, wie er ein Teſtament aufgeſetzt habe, daß der Boden nur bis zu einem gewiſſen Grade zertheilt werden ſolle, ſei es ſo weit, ſo ſollten die Uebrigen aus⸗ wandern. Es war eine eigne Erregung, als Dominik einmal hier⸗ auf ſagte: „Jetzt das gefällt mir, ſo thät ich's auch machen und dabei bleib' ich.“ Der Klein⸗Rotteck verhehlte ſich nicht, welch ein Widerſpruch darin lag, daß er für künftige Zeiten eine Beſchränkung heiſchte, die er jetzt aufhob; aber er wußte keinen andern Ausweg.„Man muß thun, was man in ſeiner Zeit für Recht hält, andere Zeiten können's wieder anders machen,“ war ſein Wahlſpruch. Schön iſt der Baum mit ſeinen farbigen Blüthen, ſchön iſt der Baum mit ſeinen farbigen Früchten, aber ſchöner iſt ein Tiſch, daran Vater und Mutter ſitzen und um ſie her die zahl⸗ reichen Kinder, die mit vollen Wangen und hellen Augen die vielfältige Schönheit des Lebens erweiſen, ehrwürdig iſt der Mann, der ſie ſättigt und tränkt, ſelig die Mutter, die ſie unter dem Herzen getragen und mit ſtillem Ernſte unterweiſt. Auf dem Hirzenhofe war ein anderes Leben als beim Fur⸗ chenbauer, ſtattliche Schwiegertöchter, vollwangige Enkel gingen aus und ein und überall war ein ſchön geſättigtes Leben in Ar⸗ beit und Frohmuth. Der Hirzenbauer bewahrte daheim und in ſeinem Werktags⸗ gewande allzeit eine gewiſſe phlegmatiſche Ruhe, eine langſame Stetigkeit in Reden und Mienen und in allem Thun. Das lag nicht nur in ſeiner Natur, ſondern auch bei allem Freimuthe im Bewußtſein ſeiner höheren Stelluug. Kleine Leute, denen kommt es zu, ein aufgeregtes, gehetztes, leidenſchaftliches Leben zu haben; 127 ein Großbauer muß allezeit mit eiſenfeſter Gemeſſenheit zu Werk gehen; das ſchickt ſich nicht anders für ihn, ſo verlangt es ſeine Würde. Wenn hier auf dem Hirzenhofe etwas erörtert wurde, merkte man wohl die natürliche Oberherrlichkeit des Vaters, aber es kam nie zu tyranniſchen Machtſprüchen, es gab nie ein lautes Wort. Unſerm Dominik erquickte das Reden und Thun des Hirzen⸗ bauern das Herz, und dennoch erſchien ihm wieder die Welt oft ganz verwirrt. Dort auf dem Furchenhofe war Zwietracht wegen ungetheilter Vererbung des Gutes, und hier ſchimpften die Leute im Dorfe, weil man das Gut zertheilt habe und der Bruder des Dominik wollte dieſen auch aufhetzen, mit ihm und Anderen ei⸗ nen großen Prozeß anzufangen; ſie waren ja auch Nachkommen eines abgefundenen Sohnes vom Hirzenhof, nur wenn das Gut . beiſammen blieb, hatten ſie keinen Anſpruch, jetzt aber waren ſie auch zu einem Erbtheil berechtigt. Dominik, der ſich der Be⸗ theiligung an dieſem Prozeſſe weigerte, erfuhr nun doppelt, wie t mißachtet er im elterlichen Hauſe beim Bruder war; ehedem, wenn er auf Beſuch kam, war er geehrt und geſchätzt, jetzt gilt ⸗ er nichts mehr, weil er nichts mehr iſt und faſt wird er als ein Eindringling angeſehen, der draußen in der Welt verjagt wieder r ins Neſt zurückkehrt. Die Mutter wagte es nur im Geheimen ihm ihre Liebe zu bezeigen, vor den anderen mußte ſie ſcheinbar zu ihnen halten; ſie mußte ja mit ihrem verheiratheten Sohne und ihrer Schwiegertochter leben, Dominik konnte ihr nichts n helfen. Vom Furchenhofe verbreiteten ſich plötzlich ſeltſame Gerüchte, die Einen ſagten, der Furchenbauer habe den Alban ſo geſchla⸗ gen, daß er am Tode läge, die Anderen ſagten, Alban habe den e Bruder erſtochen. Es duldete Dominik nicht mehr länger in der 9 Ferne. Es war ein wunderlicher Geleitsſpruch, den der Hirzenbauer 1 dem abſchiednehmenden Dominik mit gab, denn er ſagte: „Wenn du auf den Furchenhof kommſt, tritt feſt auf. So — 128— lang man einen für gutmüthig hält, trampelt ein Jedes auf einem herum. Ich hab dich in den Tagen neu kennen gelernt. Glaub mir, die Menſchen kriegen erſt Reſpekt vor einem, wenn man ihnen die Gurgel zuſammenpreßt, daß ſie nimmer ſchreien können. Steh feſt hin und wenn du jetzt nicht Meiſter über den Furchenbauer wirſt, wirſt du's nie.“ Kaum acht Tage waren es ſeit Dominik dieſen Weg beſchrit⸗ ten, als er wieder eilig auf demſelben zurückkehrte. Er hatte nichts mitgenommen, als ſeine Denkmünze. Die Angſt trieb ihn unaufhaltſam vor ſich hin. Es überlief ihn heiß und kalt, wenn er ſich ausdachte, was geſchehen ſein könnte, und einmal ſchlug er ſich heftig auf die Stirne, als träfe er damit leibhaftig den Gedanken, der dort entſprungen war, denn es fuhr ihm durch den Sinn, ob nicht aus dem Unheil der Familie ſein Heil erwach⸗ ſen könne. Er wünſchte einem Jedem Heil und Friede, er wollte ihnen nur in der Wirrniß beiſtehen und machte ſich jetzt Vor⸗ würfe, daß er fortgegangen war, während er doch ſah wie über dem Hauſe, dem er treu angehörte, bös Wetter auf's Neue auf⸗ zog. Es iſt ein alter Glaube, wenn man mit Fingern auf ein Gewitter weiſt, dann ſchlägt es ein. Hatte Dominik das gethan? Mitten in allen Bangen, Sorgen und Selbſtanklagen durch⸗ flammte wieder die Liebe das Herz des Dominik, denn es iſt eine ſattſam bekannte Wahrnehmung, daß gerade mitten in den Er⸗ ſchütterungen des Lebens oft dieſes am meiſten nach Liebe lechzt. Dominik ſchärfte ſich die Lippen und genoß im Voraus die Küſſe, deren Süßigkeit er ſo lange entbehrt hatte. Und heftiger klopften ſeine Pulſe und raſcher gingen ſeine Schritte, er ging zwei Ar⸗ men entgegen, die ſich ſelig ausbreiten, um ihn ans Herz zu ſchließen. Ein reiches Kind im Elternhaus. Am ſelben Morgen, an dem Dominik den Furchenhof verlaſſen, war es im Hauſe wirr hergegangen. Natürlich konnte ſich Ameile nicht am Fenſter und nicht an der Thüre zeigen, — 129— denn ſie ſaß im Stüble bei der Mutter und weinte, daß ihr die Augen ſchwollen, dieſe Augen, die ſonſt nur mit hellem Freuden⸗ glanze in die Welt hinein lachten. Der Vater hatte Ameile ſchon früh aus ihrem Gewahrſam geholt und es war ihm ein Leichtes mit harten Worten und der drohend aufgehobenen Hand das Mädchen zuſammen zu brechen, daß es auf den Boden ſank. Der Vater ließ ſie am Boden liegen und ging, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, die Stube auf und ab; er fuhr fort, ihr Vergehen in heftigen Worten zu züchtigen und mit der Fauſt an die Wand ſchlagend verwünſchte er ſein Mißgeſchick, das ihm lauter widerſpenſtige Kinder gegeben, die ihn in Schande und vor der Zeit unter den Boden bringen; aber er ſchwur, ihrer Meiſter zu werden. Als er aber jetzt gegen Dominik,„den Heuch⸗ ler und Verführer, den meineidigen treuloſen hergelaufenen Lum⸗ penbuben“ loszog, da ſprang Ameile plötzlich auf, ſtellte ſich feſt vor den Vater hin und ſagte: „Vater, Ihr könnet mit mir machen was Ihr wollet, aber das leid' ich nicht; ja, gucket mich nur ſo an, Ihr könnet mich todtſchlagen, aber das leid' ich nicht, er iſt ehrlich und treu und rechtſchaffen und er hat mich nicht verführt und wir können vor Gott und der Welt hinſtehen und frei aufſchauen, und daß er arm iſt, das iſt kein Schand. Mein Dominik—“ „Dein Dominik? Wart ich will dich dein Dominik—“ „Ja, das wird ein' Kunſt ſein, eine arme Tochter, die ſich nicht wehren kann, zu ſchlagen. Die gut' Oberamtmännin die hat's geahnt, die hat nicht umſonſt geſtern aus heiler Haut zu mir geſagt: Mädle, wenn du einmal Beiſtand brauchſt, vergiß nicht wo ich bin.—“ Es dröhnte ein poltérnder Sturz an der Kammerthüre und man hörte kein Wort mehr in der Stube. Die Mutter kam aus der Kammer, ſie ſah ſchnell was geſchehen war, Ameile lag am Boden und der Vater ſaß am Tiſche und hielt die geballte Fauſt auf demſelben. Sie führte Ameile ſchnell in die Kammer und ließ nicht ab, bis ſie ſich auf das Bett ſetzte, dann eilte ſie zu ihrem Manne und redete ihm mit klugen Worten zu, doch kein Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 9 — 130— Aufſehen zu machen, man müſſe die Sache vertuſchen; reize er aber das Kind, ſo mache er's damit ja ärger, das Kind habe nichts mit dem Knechte, es ſei nur eine alte Anhänglichkeit, das Kind ſei geſcheit und werde ſich auch wenn etwas wahr ſei, ſo eine Narrheit bald aus dem Kopf ſchlagen; mache man aber viel Weſens daraus und käme ſo etwas in der Leute Mund, ſo müßte man Ameile mehr als das Doppelte Heirathgut geben, um ſie an den rechten Mann zu bringen. Dieſe Gründe leuchteten alle dem Furchenbauer wohl ein und er ſagte nur noch:„Aber das Teufelsmädle will die Sach ſelber an die große Glock hängen und will Alles der Oberamt⸗ männin berichten.“ „Das iſt nur ſo gered't. Wenn man gehetzt und gejagt wird, da ſagt man Mancherlei was man nachher doch nicht thut. Da laß nur mich dafür ſorgen. Jetzt ſei lind gegen das Mädle und verſcheuch mirs nicht. Hör nur wie es heult, es ſtoßt ihm ja faſt das Herz ab. Jetzt laß mir heut den Freudentag weil unſer Al⸗ ban wieder da iſt und halt' Friede. Meine Kinder ſind ſo brav und noch bräver wie andere, und du mußt ſo gut Alles in Frie⸗ den und Gutheit herſtellen können wie jeder andere Bauer, und wenn's nicht iſt, denk nur, es iſt deine Schuld.“ „Nicht meine, ſag das nicht, es iſt nicht meine.“ „Das wollen wir jetzt nicht ausmachen. Ameile!“ rief ſie laut,„geh' naus und thu Schmalz und Mehl'raus und back Sträuble. Hurtig, mach voran, ſeit wann muß ich dir was zwei⸗ mal ſagen? Waſch dir die Augen ab und laß dich vor den Mäg⸗ den nichts merken. Sei brav und man hält dich brav.“ Der kindliche Gehorſam in der Wirthſchaftlichkeit bewältigte den Kummer in dem ſich Ameile faſt verzehren wollte: ihr Ge⸗ liebter war aus dem Hauſe gejagt und ſie ſelber mißhandelt. Noch als ſie am praſſelnden Feuer ſtand, rann ihr manche Thräne über die Wangen und ſie ſagte der Großmagd, daß ſie heute der Rauch ſo ſehr beiße. Mit Trauer und Klage im Herzen buck ſie den Feſtkuchen. Als ihr die boshafte Großmagd, die Waſſer geholt hatte, erzählte, wie ſie den Dominik verhöhnt habe, der 131— dageſtanden ſei wie der Gott verlaß mich nicht, kam kein Laut der Erwiederung über Ameile's Lippen; ſie war der Großmagd nicht einmal böſe. Warum ſollten fremde Menſchen beſſer ſein als die eigenen Angehörigen? Alban kam mit freudiger Morgenfriſche in die Küche, die Hinterhältigkeit des Bruders war ihm ganz aus dem Sinn ge⸗ kommen. Alban hatte in aller Frühe geordnet und gewirthſchaf⸗ tet und es that ihm wohl, wieder im väterlichen Hauſe zu wal⸗ ten und die Freudenbezeugungen der Taglöhner und Dienſtleute erhellten ihm das Gemüth. An Dominik dachte er kaum mehr, er war ein Knecht, er hatte ihn freilich beſonders lieb und war ihm zu Dank verpflichtet, aber es iſt doch nicht von beſonderer Bedeutung, wenn ein Knecht aus dem Hauſe zieht. Das Herz, das lange der Freude entbehrte, wird oft ſo eigenſüchtig, daß es ſich jedes ſtörende Begegniß gerne ablenkt. Alban hörte den be⸗ trübten Ton nicht, in dem Ameile ſagte, daß ſie zur Feier ſeiner Ankunft Sträuble backe; er freute ſich nur kindiſch ob dieſes Schmauſes. Dem Vater und der Mutter ſagte er im Stüble mit heller Stimme„Guten Morgen“, und ſelbſt der Vater nickte freund⸗ lich; er mochte wol der Erſchütterung gedenken, die er in der Nacht beim Horchen empfunden; auch hatte er heute ſchon Kum⸗ mer genug gehabt, er durfte ſich eine Freude wohl gönnen. Bei dem Morgenſchmauſe waren die Eltern und beiden Söhne äußerſt wohlgemuth. Ameile trug ab und zu. Der Vater wollte ſie jetzt zwingen, fröhlich zu ſein und ſich mit an den Tiſch zu ſetzen, ſie aber ſchützte allerlei Arbeit vor und als der Vater darob zornig werden wollte, ſagte die Mutter nach dem Weg⸗ gehen Ameile's: „Du willſt doch immer die Gedanken gleich umſtellen wie du ſie haben möchteſt. Laß doch in dem Kind die Sach auskochen, dann iſts vorbei; will aber nicht gleich: jetzt geheult und jetzt wieder luſtig.“ Als man auſſtand, bat die Mutter, daß ihr Alban noch ein wenig bei ihr ſitzen bleibe und der Vater befahl ihm ſolches. Er 9 5 machte ſeiner Frau gerne eine Freude und heute beſonders, er fühlte doch, daß ſie ihn von manchem unüberlegten Aufbrauſen abhielt und vielleicht gelingt ihr jetzt bei Alban, wovor ihm noch immer bangte. „Gelt, du biſt jetzt brav und hörſt auf zu widerſpenſten?“ ſagte die Mutter mit freudig herzlichem Blicke. „O Mutter!“ rief Alban erregt.„Es giebt doch kein größere Freud auf der Welt als ſeinen Eltern Freud machen. Wenn ich draußen in der Welt ein Lob bekommen hab über das und jenes, hab ich tauſendmal denken müſſen: Was nützt mich das Alles? Was thu ich mit eurem Lob und eurer Zufriedenheit? Das geht Alles in Wind auf, weil meine Eltern es nicht hören und ſehen können, für die allein möcht' ich der rechtſchaffenſte und aller Orten geprieſene Menſch ſein. Wenn's meine Eltern nicht hören und ſehen, iſt Alles nichts. Es hat den Schein gehabt, als wenn ich ungehorſam wär' aber jetzt erſt ſeh ich's, ich bin nichts gewe⸗ ſen als ein verirrtes Kind im wilden Wald, das jammert und weint, und weint und ruft nach Vater und Mutter. Mir wär am liebſten, ich thät jetzt ſterben, daß Ihr und der Vater mit Freude an mich denken könntet.“ Aus dem Urquell alles Lebens ſtrömten Worte und Gedan⸗ ken Albans heraus und die Mutter ſah ihn ſtaunend und be⸗ wundernd an wie ſich ſein Antlitz verklärte, wie eine Verzückung daraus leuchtete. Mutter und Sohn waren in dieſem Augenblicke hinausgehoben über alle Wirrniß und alle Beſchwerung des All⸗ tagslebens. Die Mutter drückte ihre beiden Hände auf Augen und Wangen ihres Sohnes und hielt ſein Haupt in ihren Hän⸗ den feſt, ſie drückte ihre Zähne übereinander vor innerſtem Jubel, und hier, auf dem einſamen Gehöft unter dem Strohdache leuch⸗ tete jene Glorie auf, darob der Stern den Himmel erglänzt zum Zeugniß, daß ſie ſo ewig iſt wie er... „Lieber Gott, ich hab's ja gar nicht gewußt, was du für ein Kind biſt,“ brachte endlich die Mutter hervor, und helle Freuden⸗ thränen rannen ihr über die Wangen. Eine Weile waren die Beiden ſtill, die heiligſte Regung klang noch in ihnen aus; aber kein Leben, am mindeſten das werkthäti⸗ ger Menſchen duldet eine ſolche ins Höchſte erſetzte Erhebung lange. Die Hände in einander legend und ihren Sohn mit behag⸗ lichem Lächeln betrachtend ſagte die Mutter endlich wieder: „Du biſt doch auch wie dein Vater, nur in anderer Art und biſt beſſer geſchult. Es iſt wunderig! Dein verſtorbener Bruder iſt der einzige geweſen, der meiner Familie nachgeartet iſt, der iſt grad geweſen wie mein Vater ſelig, von dem hat man auch ſein Lebtag kein laut Wörtle gehört. Dein Vater hat ihn oft ausgelacht wegen ſeinem Ochſenſchritt, aber ihr ſeid alle wie die wilden Roſſ, hinten und vorn ausſchlagen, wenn's was giebt, das iſt bei euch daheim. Aber jetzt komm und erzähl mir einmal geruhig: wie iſt dirs denn auch gangen?“ „Wie ich in den Krieg kommen bin—“ „Davon will ich nichts wiſſen. Wie iſt dir's denn als Knecht ergangen?“ „Gut. Nur um Weihnachten war mir's am ärgſten—“ „Kann mir's denken, da haſt rechtſchaffen Jammer(Heimweh) gehabt?“ „Nein, nicht mehr als ſonſt, aber ſchrecklich iſt mir's geweſen, daß ich mich hab müſſen beſchenken laſſen. Ich hätt gern dem Meiſter die Schenkaſche vor die Füß' geworfen und hab's doch nicht dürfen; er hat's gut gemeint. Und fürchterlich iſt's, wie die Dienſtboten gegen einander ſind. Wenn eines dem andern das Lehen recht ſauer machen kann, iſt's ihm ein' Freud'.“ „Ihr Kinder und beſonders du haſt's uns ja nie glauben wollen, was für ein ſchlechtes Corps das iſt, jetzt biſt ſelber drun⸗ ter geweſen, jetzt wirſt uns Recht geben. Freu dich nur jetzt, daß du wieder Hausſohn biſt. Mach nur, daß Alles mit Gutem aus⸗ geht und laß die Kirch im Dorf.“ „Ich thu was ich kann, Mutter! Ich laß mir da die Hand abhacken, eh ich eine Ungerechtigkeit leid'. Wenn nur der Vin⸗ zenz auch brav iſt, redet mit ihm, mit mir brauchet Ihr nicht reden; er ſoll Euch ſagen wie ich's im Vorſchlag hab und was er dazu will. Mir giebt er keinen Beſcheid.“ — 134— Ein unterdrücktes Huſten in der Stube beſtärkte die Mutter in der Vermuthung, daß der Vater wieder nach ſeiner böſen Ge⸗ wohnheit lauſche, ſie brach ab, ſie wollte ſich wo möglich nicht in dieſe Sache miſchen, ſie konnte Alban ohnedieß nicht ernſtlich zu⸗ reden, da es ganz gegen ihre Anſicht war, daß der Erbgang zu Gunſten des Vinzenz geändert wurde; ſie hatte keinen Einwand wenn es ſich gütlich ausglich, aber im Herzen war ſie nicht nur für den herkömmlichen Erbgang ſondern auch noch aus beſonde⸗ rer Liebe für Alban. Als dieſer jetzt ſagte:„Ich muß jetzt an's Geſchäft,“ hörte man draußen die Stubenthüre ins Schloß fallen. Noch als Alban weggegangen war, ruhte ein Freudenglanz auf dem Angeſichte der Mutter als ob ſie ihn noch vor ſich ſähe; in Aug und Mund ruhte ein ſtilles Lächeln, und die Hände fal⸗ tend mit einem Blicke nach oben ging ſie an ihre Arbeit. Auf dem Hofe war Niemand ſo vollauf glückſelig wie die Mutter. In ihrer ruhig thätigen und leidenſchaftsloſen Natur glaubte ſie auch nicht an die Leidenſchaftlichkeit Anderer und die Erfahrung hatte ſie belehrt, daß all das heftige Gethue nichts als verhetzte Sinnesweiſe, unnöthig und übertrieben ſei; und eben dadurch weil ſie nicht an die unbändige Heftigkeit der Men⸗ ſchen glaubte, hatte ſie dieſelbe oft bewältigt. Wenn ihr Mann oft in Wildheit gegen Kinder und Dienſtboten zu raſen begann, konnte ſie ihm ſagen:„Chriſtoph, das mußt nicht leiden, ſo darf dich der Haſſard nicht übermannen,“ und er wurde ſtill und ruhig. Es iſt eine viel zu wenig beachtete Erfahrung, daß mitten in der ungezähmteſten Leidenſchaft dieſelbe zu brechen iſt, wenn es gelingt den Punkt zu berühren, wo der im Sturme Befangene mit ſich ſelbſt ob ſeines Thuns zerfallen iſt. Die Furchenbäuerin traf dieß meiſt bei ihrem Manne mit unfehlbarem Takte. Sie wollte aber jetzt nichts thun, denn er war ſelber zu ſich gekommen. Es war gut, daß er nach ſeiner übeln Gewohnheit gelauſcht hatte. Es wird ſich Alles auf friedlichem Wege ausgleichen. Warum ſollte es denn nicht ſein? Iſt ja daheim in Siebenhöfen allzeit Jegliches gütlich beigelegt worden, warum denn hier nicht auch? Es war wiederum ein neues rühriges Leben auf dem Fur⸗ chenhofe, Alban arbeitete raſtlos vom Morgen bis in die Nacht und pfiff und ſang allzeit. Jede Arbeit machte ihm jetzt doppelte Freude, er that ſie nicht mehr als Knecht, ſondern als freier Sohn des Hauſes. Der Vater ließ ihn gewähren und ſchaute ihn oft mit Zufriedenheit an; er that als ob er es nicht wüßte, wenn Al⸗ ban noch ſpät Abends oft zu Vreni auf den Hellberg ging; die⸗ ſes Verhältniß ſchien ihm jetzt genehm. Je mehr ſich Alban mit Vreni einließ, um ſo weniger konnte er es anſprechen, den Hof zu bekommen; er mußte mit einer erklecklichen Auszahlung zu⸗ frieden ſein und konnte damit nach Amerika auswandern, wenn er ſich hier zu Lande nicht in ein Häuslerleben ſchicken kann. Auf dem Hellberge ging es allzeit luſtig her. In dem Hauſe, wo man die Kartoffeln zählte, ehe man ſie an's Feuer ſtellte, ſah doch ein Jedes wohlgenährt und munter aus. Das machte die Freude, denn hier war Singen und Tanzen, als wäre be⸗ ſtändig Kirchweih. Die Obedfüchti, die den Tag über ganz allein von Gehöft zu Gehöft wandelte und ſich allerlei einhamſterte, ſpielte am Abend die Klarinette und man ſang und tanzte oft dazu. Jetzt wurde bereits an fünf Kunkeln geſponnen, die Er⸗ wachſenen ſpannen den feinen Flachs und die Kinder das Werg. Die Großmutter hatte auch nur Werg an der Kunkel, ſie that es wieder den Kindern gleich, denn ihre Finger waren krumm und ihr Auge ſchwach. Die Spindeln drehten ſich luſtig auf dem Boden. Zwiſchen hinein erzählte die Obedfüchti allerlei luſtige Streiche aus alten Zeiten, wie ſie einſt eine tüchtige Zeche bei einem Wirthe angetrunken und als ſie nicht bezahlen konnte eine Ohrfeige erhielt, worauf ſie ruhig antwortete:„So gut iſt mir's noch nie gangen, hab kein Geld gehabt und doch noch was heraus bekom⸗ men.“ Der Wirth lachte darob ſo ſehr, daß er aufs Neue ein⸗ ſchenkte. Eine Hauptgeſchichte erzählte die Obedfüchti aber ſtets unter neuem Lachen. Sie war einſt im Sommer nach Klurren⸗ bühl auf den dortigen Hof gekommen als eben Sträuble gebacken wurden; ſie bat auch darum und wurde ſchnöde abgewieſen, ſie ging; da ſah ſie ein Kind neben einem Weiher ſitzen, ſchnell tunkt — 136— ſie es ins Waſſer und trägt es als vom Tode gerettet in das Haus. Nun wurde ſie reichlich beſchenkt und ging nie mehr leer aus, ſo oft ſie kam. An längſt genoſſenem Weine und Leckerbiſſen erlabte ſich noch das alte Männchen und ſeine Zuhörer genoſſen mit. In die⸗ ſem Hauſe, wo das tägliche Leben ſo wenig bot, erquickte und er⸗ heiterte man ſich an alten Geſchichten und Späßen und war wohl⸗ gemuth. Die Goldfuchſen lachten mit und ſprachen in Alles hin⸗ ein im Beiſein der Eltern und die ganze Familie war wie Ein Menſch. Wenn Alban jetzt wieder täglich vom elterlichen Hauſe hierher kam, war es ihm ſtets als athmete er jetzt erſt frei auf, hier war er„ausgeſchirrt“, wie er oft ſagte, und bei allem Frei⸗ ſinn genoß er noch das Wohlbehagen eines Höherſtehenden, der ſich in niederen Kreis begiebt, dem man den beſten Stuhl an⸗ weiſt, dem man jede Freundlichkeit doppelt dankt und ſich vor ihm gerne im beßten Lichte zeigt. Alban war hier wieder der rechte Sohn des Furchenbauern und das that ihm wohl und er ſagte ſich nur, daß das überall ſei, wo er eintrete. Der Nagelſchmied ſprach manchmal mit Alban über ſein Zer⸗ würfniß mit dem Vater. Der Nagelſchmied war klug und feſt, er vermied jeden Schein, als ob er Alban aufhetze, Alban war ſtolz und eigenwillig genug, daß dieß gerade das Gegentheil her⸗ vorgebracht hätte. Der Nagelſchmied hatte daher nur allerlei un⸗ haltbare Einwände gegen das Vornehmen Albans vorzubringen und ließ ſich gerne von ihm widerlegen; daneben wußte ewaber ernſte Andeutungen zu geben, daß er mit ſeiner Tochter Vreni nicht ſpielen laſſe und daß er ſein Leben an den wage, der mit der Krone ſeines Hauſes leichtfertigen Scherz treiben wolle oder gar ſie verunehre; er wiederholte ſtets, daß er Alban nicht da⸗ mit meine, daß er zu ihm alles Vertrauen hege, er wußte ihm aber dabei immer deutlich zu machen, daß der arme Mann nichts hat als ſeine Ehre und ſein heiteres Gemüth, und darum um ſo eifriger auf deren Erhaltung bedacht ſein müſſe. 137 Bruder und Enkelkind. Am Montag war der ſiebzigſte Geburtstag des Vaters. Am Samſtag Morgen wurde Alban in aller Frühe mit den beiden Fuchſen nach Siebenhöfen geſchickt, um die kleine Tochter des verſtorbenen Schmalzgrafen zu holen; auf dem Rückwege ſollte er Abends in der Stadt die Ankunft des Eilwagens abwarten, mit dem der Bruder des Furchenbauern, der Dekan im Oberlande war, kommen ſollte. Mit dem einzigen Bruder und dem einzigen Enkel des Vaters ſollte Alban dann zurückkehren. Die letzte Ent⸗ ſcheidung nahte. Der Vater ſchien dazu Alles was ihm angehörte um ſich verſammeln und feierlich mit der Welt abſchließen zu wollen. Alban war es trotz aller innern Entſchiedenheit ſchwer zu Muthe auf dieſer Fahrt. Vinzenz war ihm immerdar ausge— wichen und hatte ihm nie einen richtigen Beſcheid auf ſeinen Vorſchlag in der erſten Nacht gegeben. Alban fand keinen Schlaf mehr neben dem Bruder, der verſtockt und wortlos blieb; theils um doch Schlaf zu finden, theils auch aus innerer Furcht, daß er ſich einmal im Grimme an ſeinem Bruder vergreife, hatte ſich Alban nun in der Stallkammer im Bette des Dominik ſein La⸗ ger gewählt und ſchließlich hatte das auch noch den beſonderen Vortheil, daß man ihm ſeine Ausflüge nach dem Hellberge und ſeine Rückkunft nicht nachrechnen konnte. Der Greif allein ver— rieth ihn am erſten Abend, denn dieſer Hund, den ſich Vinzenz während der Abweſenheit Albans angeſchafft hatte und der in der Nacht von der Kette losgelaſſen war, fiel den Heimkehrenden wie einen räuberiſchen Eindringling an, ſo daß darob das ganze Haus in Allarm kam. Am andern Morgen hatte der Vater zu Alban geſagt: „Das iſt grad nicht nöthig, daß du in der Knechtskammer ſchläfſt, bleib du nur bei deinem Bruder, und wenn er dir was hinterwärts gegen mich einfädeln will, ſag ihm nur: es gilt Alles nichts als was Ich feſtſetz', das allein hat Beſtand.“ Hatte Vinzenz dem Vater die erſte Unterredung verrathen? Alban konnte nicht klug daraus werden. Er blieb aber jetzt um 1 ſo mehr bei ſeinem Nachtlager, und um den Greif nicht zum Lärm zu bringen, ließ er einen Laden im Heuſchuppen nach der Feld⸗ ſeite offen und ſchlupfte allabendlich durch denſelben herein. Im eigenen elterlichen Hauſe hatte er einen verborgenen Ein⸗ gang. Jetzt im Fahren gedachte er, wie er doch eigentlich noch fremd im Elternhauſe war. Als er in der Ferne am Eichhofe vorbeifuhr, wo er vor an⸗ derthalb Jahren um die Wittwe gefreit, erwachte wieder Scham und Trotz von damals in ihm, und doch konnte er ſich des Ge⸗ dankens nicht erwehren, wie ausgeglichen und friedlich Alles wäre, wenn er hier oben bauern würde, vielleicht hielt er jetzt ſchon ein eigen Kind auf dem Arm Alban liebte trotz alle⸗ dem die Vreni vom Hellberge innig und aufrichtig, aber es giebt Stimmungen, wo auch der Starke und Muthige ſehnlichſt wünſcht, daß ihm die Laſt des unaufhörlichen Kampfes abgenommen wäre, daß das Schickſal ihm das Heißerſtrebte durchkreuzt haben möchte, nur um ihm Ruhe zu gönnen. In Siebenhöfen wurde Alban herzlich bewillkommt. Man glückwünſchte ihm zur baldigen Uebernahme des Hofes und em⸗ pfahl ihm reiche Bauerntöchter aus der Nähe zur Auswahl. Al⸗ ban widerſprach in nichts; er wollte den Leuten nicht ſagen, wie es noch ungewiß ſei, ob er in den Erbgang trete; dieß ſchien hier ausgemacht und fraglos. Alban wollte faſt ſelber daran glauben, denn eine Zuverſicht von außen, ſo wenig begründet ſie auch dem Hörer erſcheint, hat doch allezeit etwas ſo Einſchmeichelndes und Anmuthendes, daß ſie ſich unvermuthet in die Seele feſtſetzt und alle Zweifel der eigenen beſſeren Erkenntniß überdeckt. Al⸗ ban genoß harmlos die Ehre des Hoferben. Wer weiß, ob es nicht zum letzten male iſt, daß er ſich ihrer erfreuen darf. Die Mutter hatte Recht, hier im Gäu ging Alles viel be⸗ dachtſamer und ſtetiger her, der Menſchen Thun und Reden war gelaſſener und nicht ſo laut wie daheim. Hätte die Eichbäuerin heute geſehen, wie ſorgſam und innig Alban um ſein Bruderskind bedacht war, ſie hätte ihn nicht mehr der Hartherzigkeit geziehen. Als Alban mit der kaum — 139— elfjährigen Ammrei(Anna Marie) davon fuhr, war er voll Ent⸗ zücken; jedes Wort, das das Kind redete, erquickte ihm das Herz und ein lang nicht gekanntes Lächeln ruhte beſtändig auf ſeinem Antlitze. Wie die Kinder allezeit fühlen, wo ein treues und auf⸗ richtiges Herz ſich ihnen zuneigt, ſo war das Mädchen bald äu— ßerſt zutraulich und anſchmiegend gegen Alban und als es ihn fragte: „Ohm, haſt du daheim auch ein Kind?“ wußte er nichts anderes zu erwiedern als das Kind feſt in die Arme zu ſchließen und es innig zu küſſen. Der ganze Jubel, daß er einſt auch ein eigen Kind haben ſolle, ſtieg in ihm auf und er wünſchte ſich jetzt nur, dieſem Mädchen, das ihn wie eine glückſelige Zukunft an⸗ ſchaute, recht viel Liebe erweiſen zu können. Plötzlich erwachte eine Wehmuth in ſeiner Seele: dieſes Kind hatte nicht eines Va⸗ ters Liebe gekannt, er war dahin gerafft bevor es ſeinen Namen neunen konnte und er ſelber— ihm lebte der Vater und be⸗ drückte ihm das Herz mit Härte und unbeugſamer Herrſchſucht. Das aber iſt die Beſeligung, die die Kindesnatur auf ihre Um⸗ gebung ausſtrömt, daß ſie iſt gleich der ſtetigen unwandelbaren Natur um uns her, die ſich nicht hereinziehen läßt in die Wirr⸗ niſſe des Denkens und Lebens und die doch im Kinde Sprache gefunden hat. Ammrei wußte ſo lieblich zu plaudern und freute ſich ſo ſehr über jede Begegnung, daß Alban keinen ſchweren Gedanken nachhängen konnte; er ward kinderfroh mit dem Kinde. Noch nie war eine Fahrt ſo raſch und fröhlich geweſen als die von Siebenhöfen nach der Stadt. Mit dem Kinde an der Hand ging Alban durch die Stadt und er hüpfte ſelbſt mit dem Kinde als das Poſthorn klang. Der Oheim Dekan war richtig ange⸗ kommen. Es war ein ſtattlicher umfangreicher Mann. Alban hatte ihn ſeit lange nicht geſehen; dennoch wurde er ſogleich von ihm erkannt. Der Dekan reichte ihm etwas ſalbungsvoll die Hand, die andere legte er als er gehört hatte, wer das ſei, auf das Haupt des Kindes. Alban trug das Gepäcke des Oheims nach dem Wirthshauſe, aber das Kind wollte ſich von dem Geiſt⸗ lichen nicht führen laſſen, es hing ſich an den Rockzipfel Albans. — 140— Der Dekan war ein Mann, der nichts übereilte, Alban hielt ſchon die Zügel der angeſpannten Pferde in der Hand als der Dekan noch gemächlich ſeinen Schoppen trank und dazu die mit ihm angekommene Landeszeitung las. Beim Aufſteigen gab es zwei ſaure Geſichter, ein altes und ein junges. Das Kind weinte, weil es allein bei dem Pfarrer ſitzen ſollte, es wollte zu Alban und dieſer mußte ſich nun mit auf den gemeinſchaftlichen Sitz einzwängen; er ſetzte ſich indeß ſo auf die Kante, daß der Oheim Platz genug hatte. Das Kind ſaß zwiſchen ihnen. Im Fahren verſchwindet bald jede anfäng⸗ liche Ungemächlichkeit, man richtet ſich allmälig ein und merkt zuletzt, daß Jedes noch genugſam Raum inne hat. Der Dekan, der ſtets die Hände gefaltet auf der Bruſt hielt, war ein wohl⸗ wollender und behaglicher Mann. Er ſprach mit ſeinem Neffen von deſſen vormaligem Leben in der Ackerbauſchule, er war ſel⸗ ber ein eifriger Landwirth und machte Verſuche mit Tabacksbau und Seidenzucht; dann ließ er ſich von Alban von den Frei⸗ ſchärlerzeiten und dem Leben in Reichenbach erzählen. Erſt nachdem dieſes ordnungsmäßig abgethan war, wobei ſie oft von Anrufun⸗ gen des Kindes unterbrochen wurden, das faſt eiferſüchtig ſchien, weil Alban ſich jetzt weniger mit ihm beſchäftigte, begann der Dekan zu fragen, wie hoch Alban den Hof übernehme, da er jetzt viel mehr werth ſei, weil man die alten Grundlaſten abgelöst habe. Als Alban berichtete, daß er noch immer aus dem Erbgang geſtoßen werden ſolle, als er die ganze Wirrniß auseinander zu haspeln ſuchte und zuletzt damit ſchloß, wie er darauf beſtehe, daß Alles zu gleichen Theilen getheilt werde, ſagte der Dekan ohne eine Miene zu verziehen und ohne die Finger auseinander zu falten: „Dann hab ich auch noch Anſprüche und der Gipsmüller auch; unſere Abfindung beſteht nur darauf, wenn das Gut bei⸗ einander bleibt; wird es getheilt, gehört es gar nicht mehr dei⸗ nem Vater allein.“ „Wie ſoll's denn aber gemacht werden?“ frug Alban, der 141 von dieſer Rede ganz verwirrt wurde, und der Dekan erwiederte lächelnd: Wie's Recht iſt. Kannſt ruhig ſein, ich verlang' in keinem Fall etwas und der Gipsmüller wol auch nicht. Aber ruhig muß Alles gehen. Friede und Duldſamkeit. Mußt nicht gleich glauben, wenn einer was anders will als du, das ſei ſchlecht, es hat ein Jedes ſeinen eigenen Weg. Darum nur Friede.“ „O lieber Gott! Ja, den ſtiftet,“ rief Alban mit Inbrunſt und lauter Stimme aus, und der Dekan befahl ihm, ſich auch in ſeiner Friedensanrufung zu mäßigen, man könne Alles in der Welt viel beſſer mit leiſen Worten beilegen. Das behäbige Weſen des Dekans, der, noch aus der Weſſen⸗ bergiſchen Schule ſtammend, Duldſamkeit und Maßhalten in allen Dingen bewahrte, übte einen eigenthümlich beſchwichtigenden Einfluß auf Alban; er fühlte ſich wie unter einem Zauberbann und doch wand und bäumte ſich noch der Widerſpruchsgeiſt in ihm, der darin einen nicht unwillkommenen Beiſtand erhielt, daß Alban ſich des Gerüchtes erinnerte, wie ſein Oheim in der Be⸗ wegungszeit ein Gegner derſelben geweſen war. Dennoch rief er: „Ich will mein Leben lang für Euch beten wenn Ihr mir beiſtehet.“ „Ich bete ſelber für mich und ich ſtehe nur dem Rechten bei, keiner Perſon,“ entgegnete der Dekan. In Reichenbach hielt man an, hier mußte der Dekan länger einſprechen, er war hier vor Jahren Pfarrer geweſen. Es war ſchon mehrere Stunden Nacht als man nach dem Furchenhofe fuhr, das Kind ſchlief und ſchmiegte ſich traulich an Alban; er hatte Mühe die Pferde zu lenken ohne das Kind zu wecken. Alban und der Dekan ſprachen faſt gar nicht. Als man auf dem Furchenhofe ankam, war große Bewe⸗ gung. Der Vater eilte mit einem Stuhle dem Bruder entgegen ¹ 1 und reichte ihm die Hand, der Gipsmüller ſtand hinter ihm. Die Mutter umhalſte ihr Enkelchen und weckte es mit Küſſen, Ameile trug das noch halb Schlaftrunkene nach dem Hauſe. In der Stube war heute Abend eine feierliche Weiheſtim⸗ — 142— mung, und ſelbſt die Knechte und Mägde im Hofe ſprachen leiſer mit einander, denn der Dekan übernachtete hier. Der Dekan ſah den Gipsmüller jetzt zum erſtenmale ſeit dem Tode der Schweſter. Alte Wunden öffneten ſich blutend, die aber der Dekan mit hei⸗ lenden Worten beſprach. Der Gipsmüller kam ſonſt nie auf den Furchenhof, er hatte ſich mit dem Schwager zertragen. Heute war Alles friedlich und wie mit einer höheren Milde geſalbt. Ein Kirchgang am Morgen und eine Beichte in der Nacht. Am Sonntagmorgen wurde den Pferden das neue Geſchirre angelegt, und die Menſchen zeigten ſich alle in ihren beßten Klei⸗ dern. In zwei Wagen fuhr die ganze Familie nach der über eine Stunde entfernten Kirche; neben Vinzenz ſaß die Mutter, hinter ihnen der Oheim Dekan und der Vater, Alban hatte Ameile und die kleine Amrei bei ſich. Die ganze Familie außer Amrei war noch nüchtern, denn man ging heute zur Communion. Die Häusler, die bald da bald dort den Wieſenweg von einſamen Gehöften herabkamen, grüßten ehrerbietig und der Furchenbauer dankte ernſt dem Gruße, der ſeinem geiſtlichen Bruder galt. Die Fuß⸗ gänger ſchauten der ſtattlichen Auffahrt noch lange verwundert nach und redeten allerlei. In der Kirche verrichtete der Dekan das Meßamt und reichte den Seinen das Abendmahl. Eine feſttäglich gehobene Kirchenſtimmung brachte man noch mit auf den Furchenhof zurück, und den ganzen Tag ging ein Jedes allein und in ſich gekehrt umher. Nur Alban und Ameile ſaßen gegen Abend ſtill beiſammen auf der Bank am Brunnen und Ameile ſah den Bruder ſtaunend an als er plötzlich mit ton⸗ loſer Stimme ſagte: 3 „Ameile, wenn ich ſterbe, ſo will ich dir's geſagt haben, daß ich dem Dominik gegen vierhundert Gulden ſchuldig bin und er hat nichts Schriftliches von mir.“ Ameile wollte den Bruder ob ſolcher Rede auslachen, aber — 143— er wehrte ihr, er ſagte zwar, ſolche Todesgedanken ſeien närriſch, aber es ſei ihm ſo ſchwer im Herzen und er habe ſich nun doch erleichtert, daß noch Jemand von ſeiner Schuld an Dominik wiſſe, er wolle das auch der Mutter mittheilen. Woher kam Alban dieſe Todesahnung? Ein Volksglaube ſagt: Wer ein umwandelndes Geſpenſt, einen Geiſt erlöst, muß bald ſterben. Hat Alban den Geiſt der Gerechtigkeit erlöst und muß er darob ſterben? Iſt es ein nothwendiges Geſetz der Men⸗ ſchengeſchichte im großen wie im kleinen Leben, daß die Vertre⸗ ter eines unterdrückten einſeitigen Rechtsgedankens auch deſſen Märtyrer werden müſſen?... Am Abend wallfahrteten alle Hausbewohner nach dem„Käp⸗ pele,“ der Dekan ſprach dort den üblichen Abendſegen. Der Gipsmüller mit ſeinen Töchtern war auch herbeigekom⸗ men und nun war große Familienzuſammenkunft in der Stube. Ein Jedes lauſchte nur auf die Worte des Dekans, der, dem Scherze nicht abhold, manchmal auch ein kleines Späßchen zum Beſten gab, worüber man beſcheiden zu lachen wagte, in der Re⸗ gel aber führte er ernſte Rede und immer wieder wußte er Bei⸗ ſpiele beizubringen, wie Beſonnenheit und Mäßigung die einzige Tugend ſei, die ewig in Ehren gehalten werden müſſe. Jedes war zufrieden mit dieſen Mahnungen, denn Jedes ſchob dem andern die Bethätigung zu und glaubte ſelbſt deren nicht zu bedürfen. Der Dekan kannte die alte Geſchichte der Familie und wußte beſonders viel zu erzählen von jenem Urahn, der auch Alban hieß und der durch Klugheit und Rachgiebigkeit den Hellberger Hof und den Kandelhof(ſo hieß ehedem das Furchengut) mit einander vereinigte. Dieſer Urahn hatte am Michelstag einen mit zwei Pferden beſpannten Pflug rings um das Gut geführt. und hatte dabei ſtets die Sonne im Angeſicht und ohne zu raſten kam er erſt mit ſinkender Nacht wieder auf der Ausgangsſtelle an. Von jener Zeit hatte das Gut den Beinamen: von der lan⸗ gen Furche. 3 Der Dekan erzählte noch, daß das Geſchlecht der Feilenhauer vor Zeiten Feigenhauer geheißen habe und adelig geweſen ſei. — — 144— Der alte Furchenbauer ſchmunzelte, aber zum Staunen Aller ſagte Alban: „Und die Vorfahren dieſer Adeligen ſind doch auch wieder Bürgerliche geweſen; drum bleiben wir gleich dabei.“ Man ging früh auseinander, denn man wollte morgen mit dem Tage den Feldumgang halten. Der Gipsmüller bezeichnete Abhaltungen, wegen deren er nicht dabei ſein könne, aber am Abend zur Abtheilung verſprach er wiederzukommen. Als Alban dem Oheim Dekan die Hand reichte und ihm eine„ruhſame Nacht“ wünſchte, erſchrack er faſt, da der Geiſt⸗ liche ohne Scheu vor Allen ſagte: „Nun ſchlaf heut noch gut und mach dich recht rein im Ge⸗ wiſſen, denn morgen Nacht gehſt du als Furchenbauer zu Bette.“ War der Ohm Dekan auf ſeiner Seite? Das hatte er nim⸗ mer gedacht. Heute zum erſten Male ging Alban nicht nach dem Hellberge und doch fand er lange keine Ruhe. In ſtiller Nacht kam die Verſuchung über ihn. Er war der Erſtgeborene, er trat in den Erbgang, warum ſollte es ein Unrecht ſein, wenn er den Hof zu geringem Preiſe annahm und ſich erlabte am reichen übermächtigen Beſitze. Er konnte den Geſchwiſtern ſpäter ſchen— ken was er wollte. Er nahm ſich feſt vor, das zu thun, er feilſchte mit ſich ſelber über die Summen, die er dafür feſtſetzen wollte, er konnte nicht einig mit ſich werden und blieb am Ende dabei, Zeit und Maß ſeiner Leiſtungen an die Geſchwiſter nach ſeinem Gutdünken und nach dem Erträgniß guter Jahrgänge zu be⸗ ſtimmen. Dabei wollte er bleiben und ruhig ſchlafen, aber er fand keine Ruhe und plötzlich ſprang er aus dem Bette, faßte das Geſangbuch, das er noch vom Kirchgange bei ſich hatte und es in beiden Händen haltend ſprach er laut:„Vor Gott und meinem eigenen Gewiſſen ſchwör ichs: Ich will kein unrecht Gut. Ich gebe meinen Geſchwiſtern den vollen Theil des Erbes, den ganzen, ohne Vorbehalt und vor aller Welt. Du o Gott allein hörſt mich und mein eigenes Ohr! Höre mich nicht mehr und mein Ohr vernehme meine Stimme nicht mehr, wenn ich dieſem Schwur nur einen Augenblick untreu werde....“ 145 Jetzt erſt fand Alban den Schlaf, der ihn Hoffnung und Qual vergeſſen machte. Während Alban nach dem Selbſtgelöbniß die erſehnte Ruhe fand, war drinnen im Hauſe heftige Zwieſprache und Unruhe. Der Dekan ſchlief im Leibgedingſtüble der verſtorbenen El⸗ tern. Als ihn der Furchenbauer dahin geleitete, ſagte er: „Das verſteh ich nicht. Der Herr Dekan(der Furchenbauer redete mit ſeinem Bruder ſtets in der dritten Perſon) ſpricht von Friede und Verträglichkeit und hetzt das eigene Kind gegen den Vater auf.“ „Wie thu ich denn das?“ „In meinem Verſtand heißt das aufgehetzt, wenn man dem Alban ſagt, er ſei der Lehnhold und er ſei morgen Nacht Fur⸗ chenbauer, und das wird er mit meinem Willen nie, und ich hab dem Herrn Dekan ſchon geſagt, warum ich den Vinzenz ein⸗ ſetzen muß.“ „Eine Sünde an dem einen wird nicht dadurch gut gemacht, daß man eine Sünde an dem andern thut.“ „So ſoll ich alſo meineidig werden?“ „Davor bewahre uns Gott. Für ein ungerechtes Verſpre⸗ chen kann der Buße thun, der es gegeben hat. Der Alban ſoll dann etwas mehr hergeben, daß du dem Vinzenz eine Verſor⸗ gung kaufen kannſt.“ „Nein, nein, nie, der Alban kriegt meinen Hof nicht, der iſt vom Hirzenbauer und denen die nichts als theilen wollen, angeſteckt; der thät' den Hof, den wir von unſern Ureltern her haben, unter ſeinen Kindern theilen.“ „Drum komm ihm zuvor und theil ſelbſt.“ „Das kann der Dekan nicht ernſt meinen, er iſt ja keiner von den Revoluzer, nie geweſen. Das wär' ja gegen alle recht⸗ ſchaffene Ordnung.“ „Setz dich, ich will dir was erzählen“, ſagte der Dekan und ſetzte ſich ſelber nieder.„Hör zu: Vor Jahren iſt ein Mann zu einem Pfarrer in die Beichte gekommen, der nicht aus ſeinem Drt war, die Stimme war kräftig, etwas ſtolz im Ton, und viele 10 Anerbach's Dorfg. 4. Bb. 146 Jahre iſt der Mann immer wieder gekommen und hat immer dasſelbe gebeichtet: Ich leb mit meiner Frau in Fried und Ei⸗ nigkeit, aber wenn ſie mir das glückſeligſte Geheimniß anvertraut, gehen wir immer beide umher wie zwei junge Leute, die ſich ver⸗ fehlt haben und ich wünſche den Tod des Kindes noch bevor es geboren iſt und wenn es geboren iſt und größer geworden, da zerreißt es mir das Herz, weil ich nicht weiß, welches Kind mir am wenigſten wehe thäte wenn es ſtürbe. Mein Weib findet ſich bälder darein, ſie nimmt es als eine Schickung Gottes auf ſich, mich aber verläßt der Gedanke nicht und ich kann nicht ruhen und nicht raſten und ich habe Gott gebeten, er ſoll mir die große Kinderzahl abnehmen und es iſt geſchehen und jetzt iſt doch mein Herz ſchwer ob dieſer Sünde.“„Und warum haſt du einem jun⸗ gen Leben den Tod gewünſcht?“„Damit das Erbe nicht zu klein werde.“ Dreimal kam der Mann in derſelben Zerknirſchung ob derſelben Sünde und dreimal erhielt er die Abſolution. Als er das viertemal kam, wurde ſie ihm verweigert und er kam nicht wieder; er ſuchte ſich wol einen andern Beichtiger. Und dieſe Todesſchuld hat der Mann auf ſich, weil er im Stolze heiſchte, daß ſeine Nachkommen groß und reich ſeien. Und dieſer Mann — biſt du—“ Wie vom Blitze getroffen fuhr der Bauer empor, da der Dekan ſich plötzlich erhoben hatte und ſeine Hand mit ſchwerem Schlage ihm auf die Schulter legte. Schnell aber ermannte er ſich und allen Reſpekt bei Seite ſetzend rief er: „Iſt das recht, daß du ein Beichtgeheimniß ſo verratheſt?“ „Weil du noch in der alten Sünde biſt. Du willſt das eine Kind am Lebensgute tödten, um das andere damit zu bereichern. Folgteſt du dem Zwange des Erbganges, du könnteſt dich viel⸗ leicht freiſprechen, die Schuld liegt hinter dir in alten Zeiten. Jetzt aber willſt du neues Unrecht pflanzen. Das dulde ich nicht. Ich ziehe meine Hand ab von deinem Thun. Entweder ſetzeſt du Alban ein oder du theilſt. Bleibſt du bei deinem Vorhaben, ſo ſchüttle ich den Staub von den Füßen und ziehe wieder dahin, von wannen ich gekommen.“ 147 Der Furchenbauer hatte noch allerlei Einwände und beſon⸗ ders über einen wurde der Dekan aufs Aeußerſte aufgebracht, indem der Bauer erklärte, daß er am Tode der Kinder unſchul⸗ dig ſei und dabei das Sprüchwort anführte:„Man trägt mehr Kälberhäute auf den Markt als Ochſenhäute.“*) Der allzeit ſo milde Dekan gerieth darob in ſolche Heftigkeit und ſtellte dem Bruder ſeine Vergangenheit in ſo greller Weiſe dar, daß er da⸗ durch faſt ganz die erſchütt ternde einbüßte, die 3 i jetzt geübt hatte. Er lernte eine ſeltſame e des Gemüthes kennen, indem der Bauer ſagte:„Und wenn ſo und ſei's meinetwegen, und hab ich meine Seele verdorben und meine Seligkeit in die Höll geworfen, ſo will ichs wenigſtens hier auch nausführen und ſoll wenigſtens nicht Alles umſonſt geweſen ſein.“ Der Dekan faßte nochmals in neu geſammelter Ruhe alle die ſittlichen Bedingungen zuſammen, die hier in Frage ſtehen, dann ging er auf die praktiſchen Bedenken über. bauer beharrte, daß er auch ohne die Beſchädig ung d dieſen doch einſetzen würde, denn Alban ſei von Haus gabter und könne ſich leicht forthelfen. Ueber Ein? ſtutzte der Furchenbauer, da ihm der Bruder erklärte, wie es ge⸗ gen alles Recht und Herkommen ſei, daß ein Beſchädigt er Lehn⸗ hold werde, das geſchehe nie, ſo wenig ein mangelhaſter Me nſch eine Krone erben S Der harte Bauer preßte endlich d ſtändniß hervor, er möchte wol nachgeben und Alban enſ ze aber Vinzenz habe ihn in der Hand und werde ſeine letzten benstage noch der Schande preisgeben. An dieſen Ausſpruch hielt ſich nun der Dekan und redete ihm in mildeſter Weiſe zu. Mitternacht war längſt vorüber, als der Furchenbauer in⸗ nerlich geknickt und zerbrochen ſeiner Schl lafkammer zuwankte, er wußte nicht mehr was er thun ſollte. Als er aber am Morgen erwachte, knirſchte er vor ſich hin:„Und doch muß es bleiben wie Ich will, und wenn unſer Herrgott einen Evangeliſten ſchickt t, *) Es ſterben mehr Kinder als erwachſene Menſchen. 10* 148— der kann das nicht ändern. Das iſt alte Satzung, die gilt in Cwigkeit.“ Wie ganz anders erwachte Alban. Eine innere Beſeligung durchſtrömte ſein ganzes Sein und er trat in die gewohnte Welt mit geweihtem prophetengleich geklärtem Herzen. Feldumgang und Sonnenwende. Der Oheim Dekan war unwohl und erklärte den Markungs⸗ umgang nicht mitmachen zu können; der Vater und Vinzenz ſtanden indeß bereit und gewaffnet dazu, denn jeder trug die übliche Handaxt im linken Arme, auch Alban mußte ſich eine ſolche holen, und als er damit wieder kam, hieß ihn der Vater den Querſack aufnehmen, auf deſſen einer Seite Speiſen auf der andern mehrere gefüllte Weinkrüge waren. Alban wußte nicht, ob das Tragen des Mundvorraths eine Pflicht des Lehn⸗ holden oder des Abgefundenen war. Alles hatte heute wiederum etwas eigenthümlich Feierliches und Ceremonielles. Der Vater reichte der Frau und Ameile die Hand zum Abſchiede, und als er dem Dekan die Hand reichte, ſagte dieſer ſie haltend und die Linke auf die Schulter des Bru⸗ ders legend: „Dein Ausgang ſei in Gerechtigkeit und dein Eingang in Friede.“ Die Zurückgebliebenen ſtanden unter der Thüre und ſchauten den Weggehenden nach; aber ſchon im Hofe gab es einen kleinen Aufhalt. Vinzenz wollte ſeinen Hund, den Greif mitnehmen; der Vater wehrte ihm das ſtrenge und er mußte etwas Verwunder⸗ liches und Herausforderndes im Blicke Albans bemerkt haben, denn er ſagte zu dieſem gewendet: „Wer im Herzen ſpottet über das was heute geſchieht, der iſt ein ſchandbarer Menſch, vor Gott und der Welt verdammt. Unſre Väter und Urahnen haben's ſo gehalten, und das iſt hei⸗ liger Brauch.“ Unter dem Hofthore ſtand der Furchenbauer noch einmal — 149— verſchnaufend ſtill, er mochte denken, daß er zum letzten Male hier als Herr und Meiſter ſtand; wenn er wiederkehrte, gehörte Alles das einem andern. Mit dem grünen Maien auf dem Hut wird am Abend ein Jüngerer als Meiſter hier eintreten. Wer wird es ſein? Man ging von Sonnenaufgang nach Untergang, ſchweigend bis zum erſten Markſteine. Dort hielt der Vater an, nahm ein Brod, zerſchnitt es in drei Stücke, aß zuerſt von dem einen und reichte dann die beiden anderen den Söhnen. Alban erhielt das erſte Stück aus ſeiner Hand. Jetzt füllte der Vater ein Glas, ſchüttete zuerſt ein wenig auf den Markſtein und trank, dann reichte er es zuerſt Vinzenz, dieſer trank, gab das Glas in die Hand Albans, der auf den Wink des Vaters den Reſt austrank. War es ein Zufall unwillkürlicher Regung, daß das erſte Stück des Brodes dem älteſten gereicht wurde, oder war dieſer wirklich der Lehnhold? Alban wußte es wiederum nicht. Der Vater ſchlug mit dem Haus des Beiles(mit dem brei⸗ ten Rücken) dreimal auf den Markſtein, die beiden Söhne mußten das Gleiche thun und der Vater ſprach: „Keine Gnade finde der bei Gott, der dieſen Markſtein ver⸗ rückt.“ Der Vater ſtieß das Meſſer, mit dem er das Brod geſchnit⸗ ten, dreimal in den Boden und ſagte als er es zum letztenmale herauszog halb vor ſich hin: „Rein iſt das Meſſer, rein iſt der Boden und ſchärft den Stahl.“ Man ſchritt weiter. Alban ſchauderte es im Innern. Auf dem zweiten Markſteine ſaß ein Rabe und ſah den An⸗ kommenden ruhig entgegen. Der Vater winkte aufſcheuchend mit der Hand, aber nach Art dieſer kecken Thiere, die alsbald merken, wenn man waffenlos gegen ſie iſt, blieb der Rabe ruhig ſitzen. Vinzenz bückte ſich und hob eine Scholle auf, aber der Vater hielt ihm den Arm indem er ſagte: „Man darf nach einem Raben nicht mit Ackererde werfen.“ Erſt als man ganz nahe war, flog der Rabe kreiſchend da⸗ — 150— von. Dieſelbe Weihehandlung wiederholte ſich hier, nur ſprach der Vater beim Aufſtehen keine Verwünſchung mehr aus, viel⸗ mehr brockelte er Brot rings umher auf den Boden und ſagte dabei: „Das iſt für die hungrigen Vögel in Feld und Wald. Wer da geſegnet iſt mit reichem Beſitze, gedenke allezeit derer, die in Noth und Armuth ſind, denn darum hat ihn Gott geſegnet und es wird ihm doppelt wohl ergehen.“ Der dritte Martſtein war am Waldesſaum. Der Vater ſetzte ſich auf den Stein und befahl den Söhnen:„Holt Wanderſtäbe!“ Sie eilten in das Dickicht und bald hörte man es knacken. Alban war der erſte, der wieder zurückkehrte und im Angeſichte des Va⸗ ters zuckte es ſeltſam, da ihm Alban einen abgezweigten Schwarz⸗ dornſtock übergab und dann wieder in das Dickicht ging, um ſich ſelber einen zu holen. Vinzenz kam mit zwei noch mit den Zwei⸗ gen behangenen Stöcken, der Vater befahl ihm, einen wegzuwer⸗ fen und einen für ſich zu behalten. Als nun auch Alban mit ſeinem Stocke wiederkam, erhob ſich der Vater und rief in gebie⸗ teriſcher Haltung: „Zerbrecht Eure Stöcke!“ Vinzenz ſchaute den Vater ver⸗ wundert an, der Stock Albans knackte und bald darauf auch der des Vinzenz und der Vater rief wieder: „Werft die Splitter weg!“ Es geſchah, und der Vater fuhr fort, ſeinen Stab erhebend:„Seht, ich allein halte den Stab, ich allein habe Macht über euch und ihr müßt mir gehorſam und folgſam und unterthänig ſein in Allem.“ Vinzenz rief laut„Ja,“ und gegen ihn gewendet ſprach der Vater:„Ihr habt nicht zu antworten und ich euch nicht zu fragen. Von Gott eingeſetzt iſt es, daß das Kind nach dem Willen des Vaters thue, ohne Wider⸗ rede; und ſo iſt es treu und fromm von Alters her in unſerer Familie gehalten, und darum ſtehen wir unter den Erſten im Lande.“ Mit erleichtertem Herzen ſchloß er:„So, jetzt hab' ich nach dem alten Brauch gethan, und jetzt können wir ordentlich und frei miteinander reden.“ In der That ſchien ſich der Furchenbauer erſt jetzt leicht und 151 frei zu fühlen, er ſchritt an dem friſch geſchnittenen Stabe behend dahin; der Waldweg war breit, ſeine beider Söhne gingen neben ihm, Vinzenz war zur Linken, ſein blindes Auge ſtets an der Seite des Vaters. Dieſer erzählte abermals die Geſchichte von dem Urahn, der die Furche um ſein Gut gezogen und ihm den Namen gegeben. Im Walde waren viele Menſchen, Männer, Weiber und Kinder, die Dürrholz rafften, denn am Montag hatten ſie dieſe altherkömm liche Gerechtſame. Jedes dem man begegnete, erhielt nach alter Sitte Wein und Brod und die Kinder e jauchzte und jubelte es von Im L ſogar eine kleine Münze. allen Seiten und der hellte ſich auf. Der Vater ſ ſagte inß des Gutes überall beſprochen nun die Kunde von Ueb e werde. Er wendete ſich mit ſeinen Worten jetzt vor herrſchend und beſonders freundlich an Alban und plauderte von allerlei. Es war ſchon gegen Abend, als man am Markſteine unweit des Felſens, den man des Geigerle's Lot terbett nennt, wieder den üblichen Halt m Drunten rauſchte der Waldbach und der Vater fragte jetzt Alban gradezu: „Jetzt ſag ei n. thäteſt du denn das Gut übernehmen? „Zehnfach ſo hoch als es bis jetzt geſchätzt iſt, aber ich will—“ „Schweig, ſtill ſag ich. Du verdienſt nicht, daß man dir einen Fußbreit Boden giebt. Kann ein Menſch, der fünf zählen kann, ein Gut übernehmen, das ſo verſchuldet iſt? Die Zinſen freſſen dich ja auf.“ kann den Wald am Kug So fangen die rechten Lum pen an, der Wald muß 7 lberg ſchlagen und—“ büßen, was der Acker nicht vermag. Was die Voreltern aufge⸗ ſpart haben, kommt unter die Art. Am Wald ſich verſündigen iſt das ſchlechteſte. Du willſt geſcheit ſein und haſt kein Loth Ver⸗ ſtand. Wenn ein Bauer keinen Wald mehr hat, hat er keinen Anhalt mehr. Drum hab ich ihn auch geſchont wie meine Vor⸗ fahren auch. Du thäteſt es dahin bringen, daß du kein' eigene Tanne mehr hätteſt, aus der man dir eine B gahre machen kann. Siehſt jetzt ein, daß ich Recht hab? Siehſt ein 2 — 152— „Wenn meine Geſchwiſter lieber baar Geld wollen,— es iſt ein Käufer für den Hellberger Hof da.“ „So? Haſt ſchon einen? „Ja, der Graf Sabelsberg hat mit mir davon geſprochen—“ „Von meinem Ablöſungsgeld? O du biſt ein vermaledeiter Bub. Ch ich das zugeb', laß ich mir lieber ein Glied vom Leib abhacken. Mein Gut laß ich nicht verreißen, nie, nie. Sag jetzt gradaus. Guck mich nicht ſo an, Vinzenz, ich kann machen, was Ich will, ich hab den Stab in der Hand, da komme her Alban, verſprichſt du mir in die Hand hinein, des Nagelſchmieds Vreni laufen zu laſſen und dir eine rechtſchaffene Frau zu holen, ver⸗ ſprichſt du mir, vor Gott einen Eid zu thun, daß du einem dei⸗ ner Kinder das Gut ungetheilt vererben willſt? Gieb Antwort. Steh nicht da wie ein Stock, laß mich nicht die Zunge lahm reden—“ „Ich mein'“— „Nichts, nichts, kein ander Wort, Ja oder Nein. Willſt du jetzt das Maul aufthun, oder ſoll ich dir alle Zähn' in Rachen ſchlagen?“ „Ich kann nicht, Vater.“ „Gut, dabei bleibts. Du haſt geſehen, ich hab's gut mit dir gemeint, jetzt iſts vorbei, aus und vorbei, oder ich will verdammt ſein auf ewig, hier und dort. Komm her Vinzenz.“ Der Vater ſtand auf, mit zitternder Hand brach er einen Zweig von einer Tanne, nahm dem Vinzenz den Hut ab, ſteckte den Zweig darauf, ſetzte ihm den Hut wieder aufs Haupt, reichte ihm die Hand und ſagte:„Du biſt der Furchenbauer und dabei bleibt's ſo wahr mir Gott helfe. Alban, du ſollſt nicht zu kurz kommen, dafür laß nur mich ſorgen und ſei folgſam. Sei der erſte, der deinem Bru⸗ der Glück und Segen wünſcht und er ſoll allezeit brüderlich an dir handeln.“ Alban ſchaute ſtarr vor ſich nieder, jetzt erhob er ſein Ant⸗ litz, wilde Raſerei flammte daraus. „Ich leid's nicht,“ rief er„ich leid's nicht,“ und riß dem Vinzenz den Zweig vom Hute.„Es giebt noch eine Gerechtigkeit. — 153— Die Gerichte ſollen entſcheiden. Das Gut muß und muß getheilt werden.“ Der Furchenbauer war wunderbar ruhig, ſeine Züge waren eiſenſtarr, er bückte ſich ſelbſt, hob den Hut auf, den Alban zu Boden geworfen hatte und ſetzte ihn Vinzenz wieder aufs Haupt. Dieſer redete noch immer kein Wort. Man hörte nichts als das Rauſchen des Baches und Schreien der Raben im Walde. Der Furchenbauer ſagte endlich: „Kommet heim. Oder Alban willſt du gleich von hier aus zu Amt? Ich ſteh dir nicht im Weg. Ich hab dir nichts zu be⸗ fehlen. Du willſt mein Kind nicht ſein, ich bin dein Vater nicht. Die Gerichte nehmen ſich deiner an, und dort werden wir uns ſehen. Was hat das Geländer gethan, daß du mit dem Beil drauf loshauſt? Hau da zu, da, da iſt mein alter Kopf. Komm Vinzenz.“ Der Vater ging mit Vinzenz davon. Als Alban ſeine Art aus dem Balken zog, der querliegend am Rande des Feldweges als Geländer befeſtigt war, kollerte der Balken krachend und kni⸗ ſternd den jähen Fels hinaus und klatſchte drunten im ſchäumen⸗ den Waldbache auf. Alban ſchaute nur eine Minute hinab in den Tobel und beugte ſich hinaus, er konnte mit der Hand den Wipfel einer hohen Tanne faſſen, die drunten im Thale ſteht, der Bach war bald ſichtbar, bald verſchwand er unter vorſprin⸗ genden Felſen. Alban war's als müſſe er ſich hinab ſtürzen, und wieder als zöge ihn eine Hand zurück, richtete er ſich auf und folgte dem Vater und dem Bruder hintendrein. Er kam ſich ver⸗ laſſen und verloren vor in der weiten Welt, und doch konnte er nicht anders und willenlos folgte er dem Schritte des Vaters; er war an ſeine Macht gebannt. Das Hofgeſinde ſtand am Thore und ſchaute verwundert aus, daß keiner der beiden Söhne mit dem grünen Zweige auf dem Hute zurückkehrte. Alban drängte ſich an die Seite des Vaters und dieſer ſchritt machtvoll und feſt zwiſchen ſeinen beiden Söhnen dem Hauſe zu. Er dankte kaum dem Gruße ſeiner Dienſtleute. — 154— Alles zerſtiebt ins Weite und Einer bleibt in der Enge. Der Furchenbauer hackte ſeine Handaxt in die Thürpfoſte, daß die Wand dröhnte, dann ging er hinein ins Haus. Die Mutter und Ameile ſtanden in der Küche am praſſelnden Feuer, ſie bereiteten das Feſtmahl, das dem heutigen Tage ſich ziemte. Der Vater ging ohne Gruß an ihnen vorüber nach der Stube. Dort ſaß der Gipsmüller mit ſeinen Töchtern beim Dekan, die Mut⸗ ter kam hinter Vinzenz drein, ſie mußte hören was vorging. Sie hörte es nur allzubald, denn der Bauer war raſend ob des wi⸗ derſpenſtigen Sohnes. Niemand wagte zu widerſprechen als der Dekan. Ameile trug das Eſſen auf. Man ſetzte ſich dazu nieder, aber es däuchte Allen eher ein Leichenmahl denn ein Freuden⸗ feſt. Alban war nicht zu Tiſche gekommen, er hatte ſich gleich nach der Stallkammer begeben, die Mutter hatte nach ihm ge⸗ ſchickt, ja ſie war ſelbſt bei ihm geweſen, aber er gab Niemand eine Antwort, ſondern ſaß, das Antlitz mit den Händen bedeckt, auf dem Bette. „Kommt der Bub nicht?“ fragte der Vater. Die Mutter wollte Ameile nach ihm ſchicken, aber der Vater wehrte ab: „Nichts da, keine guten Worte, ich ruf ihn und ich will ſehen, ob er mir folgt oder nicht.“ Er öffnete das Fenſter und rief in den Hof hinab: „Alban, komm gleich rauf, Ich ruf dich!“ Kaum eine Minute verging und Alban trat in die Stube. Das Licht mochte ihn blenden, denn er rieb ſich die Augen, alle Röthe war von ſeinen Wangen gewichen, ſein Antlitz war lei⸗ chenfahl. Der Dekan und der Gipsmüller allein dankten ſeinem Gruße, Niemand wagte es ein Wort an ihn zu richten. Nur die kleine Ammrei rief: „Alban, ſetz dich hurtig her, die Ahne(Großmutter) hat einen ganzen Haufen Schnitz gekocht. Haſt du Schnitz auch gern?“ — 155— „Und Schnitzgeigerle's,“ höhnte der Furchenbauer. Niemand hörte darauf, Alles beſchäftigte ſich nur mit Ammrei und brachte ſie immer mehr zum Reden. Ein Jedes fühlte die Erfriſchung, daß ein harmloſes Gemüth unter ihnen war, das von allem Wirrwarr nichts wußte und wollte. Das Kind fand ſich ſelbſtge⸗ fällig in die Rolle, daß Alles ſich ihm zuwendete und plauderte allerlei kunterbunt durcheinander, Kluges und Albernes, aber Alles wurde belacht. Selbſt der Großvater konnte nicht umhin, ſeine Miene zu einem Lächeln zu verziehen; man ſah es ihm aber an, nur die Oberfläche erheiterte ſich, in der Tiefe grollte und kochte eiſ gewaltiger Zorn. Deſto glückſeliger war aber die Mutter und Ameile mit dem Kinde. Ein Enkelkind am Tiſche der Groß⸗ eltern ſchmückt und erheitert denſelben mehr als die ſchönſten Blumen. Das Kind darf reden was und wann es will und Alles wird mit Freude begrüßt und ein Jedes hat zu erzählen, was das Kind heute geſagt und gethan und wie Alles lieb und ge⸗ ſcheit ſei. Vor Allem ſtrahlen die Großeltern in Freudenglanz und was einſt in dem Kinde aus dämmeriger Jugenderinnerung erſteht, wenn die Großeltern längſt nicht mehr ſind, erblüht jetzt in dieſen als heiteres Ausſchauen in eine zukünftige und eine vergangene Welt. Das Abendeſſen ging durch das Kind ziemlich heiter vor⸗ über. Nur einmal als Ammrei fragte: „Alban, was machſt für ein Geſicht? Biſt bös mit mir?“ ſagte der Vater: „Der? Der iſt viel zu ſanftmüthig, der beleidigt kein Kind.“ Man ſtand auf, Ammrei betete vor, die Stimmen der Männer bildeten den dunklen Grundton zu der hellen Stimme des Kindes. Alban wollte die Stube verlaſſen, da rief ihm der Vater: „Da bleibſt.“ Alban ſetzte ſich auf die Ofenbank, es geſellte ſich Niemand zu ihm, er ſaß da wie ein armer Sünder. Da ſprang Ammreiꝰ vom Schooße der Großmutter und ſchmiegte ſich an die Knie Albans. Der Vater befahl Ameile das Kind zu Bette zu bringen, — 156— es folgte nur mit Weinen und Alban war's als jetzt das Kind von ihm genommen wurde, als wär er nun alles Schutzes be⸗ raubt. In der That ging nun auch der Sturm gegen ihn von allen Seiten los. Der Vater erzählte ziemlich ſachgetreu den ganzen Vorgang, nur übertrieb er etwas ſeine heutige wohl⸗ wollende Stimmung gegen Alban, und dieſem däuchte es nun, daß ſie nie Ernſt geweſen. Das Schelten und Fluchen des Va⸗ ters, das Weinen der Mutter, das Mahnen des Dekans, Alles drang nun auf Alban ein und Alles vergebens, er blieb bei ſeinem ausgeſprochenen Vorhaben. Ein Feuer, das der Blitz entzündete, kann menſchliche Ge⸗ walt nicht löſchen, lehrt der allgemeine Volksglaube. Der Ge⸗ danke der Gerechtigkeit, der in jener bewegten Zeit wie ein feu⸗ riger Funke in die Seele Albäns gefallen, war in ihm unaus⸗ löſchlich. Mitten unter allen Einreden und Ruheſtörungen erhob ſich ſein Herz, nicht in Gier nach Beſitze, ſondern in einer mär⸗ tyrergleichen Hingebung an das Unabänderliche. Sein Herz blu⸗ tete aus tauſend Wunden, die ihm Liebe und Haß ſchlug, und er zagte und zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, er war bereit zu ſterben, aber mit dem Bekenntniſſe der Wahrheit auf den Lippen. Immer wieder aufs Neue toste es an ihn heran, aber er ſtand feſt, unbeweglich wie ein Fels. Zuletzt kam der Vater zit⸗ ternd auf ihn zu und ſchwur, ihm Alles zu verzeihen, wenn er umkehre; er ſchilderte noch einmal wie es ihm das Herz zerfleiſche, daß ſich das Kind nicht beweiſen laſſe, wie es Unrecht habe. „Mein Vater ſelig“ rief er zuletzt„hätt' nicht ſo lang mit einem Kind geredet, er hätt' geſagt: das geſchieht und da hätt' keiner muckſen dürfen. Ich will das nicht, du ſollſt einſehen, daß ich Recht hab, du mußt's einſehen und du kannſt, wenn du dich nur nicht verſtockt machſt. Schau, du willſt gegen die ganze Welt gerecht ſein aber gegen deinen Vater nicht. Du weißt nicht, wer dein Vater iſt. Dein Vater iſt ein Mann, vor dem du den Hut abthun mußt. Ich dürft' für meine Kinder ein glühiges Eiſen 157 tragen*). Gott weiß es, wie ich an ihnen ein Vater bin und ſein will. Ich weiß beſſer als du, und wenn du Tauſend Bücher im Kopf haſt, wie's ſein muß. Ich will nicht, daß die ganze Welt verlumpen ſoll und nichts bleibt als Geiſenwirthſchaft und kurz⸗ um, ich bin tauſendmal geſcheiter und bräver als du, jetzt glaub's oder glaub's nicht.“ Alban verſtänd ſich nur endlich zu dem Nachgeben, daß er ſagte: „Ich thue keinen Schritt, ſo lang Ihr nichts thut, aber dann auch ohne Widerrede.“ „So ſoll alſo auf meinem Grabe mein Gut zerriſſen wer⸗ den?“ fragte der Vater weinend vor Zorn. Alban ſchwieg und die Männer in der Stube mußten abwehren, daß ihn der Vater nicht erdroſſelte. „Red du, red du mit ihm,“ wendete ſich der Bauer an ſeine Frau,„ſo red doch was, du gehörſt auch dazu.“ „Mein' Mutter ſelig hat nie in Mannshändel drein gere⸗ det. In den Krieg trag ich keinen Spieß, hat ſie immer geſagt. Wie ihr's ausmachet muß mir's recht ſein. Nur haltet Friede. Bei uns daheim iſt's der Brauch, daß—“ „Du biſt jetzt nicht in Siebenhöfen, du biſt nicht daheim—“ „Das merk ich an deinem teufelmäßigen Schreien und Toben.“ Wie von einem Blitze durchzuckt ſtanden Mann und Frau plötzlich ſtill, ſie merkten, daß vor den Kindern, vor fremden Menſchen, ein Widerſtreit zwiſchen ihnen zu Tage gekommen war, der tief in ihnen Beiden wurzelte. Die plötzlich eintretende Stille machte die ſcharfe Widerrede noch ſchärfer. Alban wendete ſich nach der Thüre und dieſe Bewegung des Sohnes zeigte den Eltern aufs Neue was geſchehen war und ſprach den härteſten Vorwurf aus. Alban verließ die Stube, die Mutter wollte ihm folgen, aber der Vater hielt ſie zurück und ſo heftig, daß ſie laut ſchrie. * Die Feuerprobe darauf beſtehen. Noch heute gebräuchliches Sprüchwort. 156 Der Dekan erklärte, daß er am Morgen früh wieder abreiſe, der Gipsmüller verließ mit ſeinen Töchtern bald das Haus.— Am Morgen führte ein Knecht den Dekan nach der Stadt, Alban wirthſchaftete im Hauſe umher als wäre gar nichts ge⸗ ſchehen; er ſchien den Plan in der That ausführen zu wollen, bei Lebzeiten des Vaters keinen öffentlichen Widerſtreit anzu⸗ fachen. Der Bauer ſtand in der Stube und ſah, die heiße Stirne an die Scheiben gedrückt, dem widerſpenſtigen Sohne zu. Ein Gedanke durchfuhr ihn und er bäumte ſich hochauf. Er trat zu Alban und befahl ihm einen Sack Kartoffeln aufzuladen und ſie in den Keller zu tragen. Alban gehorchte, der Vater folgte ihm, er befahl ihm den Sack in einem abgeſonderten Verſchlage aus⸗ zuleeren. Kaum war Alban in demſelben als der Vater hinter ihm zuriegelte und ein Schloß vorlegte. „Was ſoll das?“ fragte Alban. „Ich will dich in Schatten ſtellen, daß dich die Sonne nicht verbrennt.“ Mit einem heftigen Griff und noch einem riß Alban das Lattenwerk zuſammen und ſtieg heraus, aber jetzt faßte ihn der Vater und warf ihn zu Boden. „Vater, was iſt das?“ rief Alban,„Vater, es iſt keiner in der ganzen Gegend, der mich zwingen kann, Ihr könnet's, weil ich mich nicht wehren darf. Laſſet los, auf dieſe Art zwinget Ihr mich nicht, ſo nicht.“ „Aber ſo,“ keuchte der Furchenbauer, er hatte ſich ſein Hals⸗ tuch abgeknüpft und band damit Alban die Hände zuſammen, dann ſchwur er, ihn nicht ans Tageslicht zu laſſen bis er nach⸗ gebe. „Du biſt mit dabei geweſen,“ ſchloß er,„wie ich gehört hab: in alten Zeiten hat der Vater über Leben und Tod ſeiner Kinder richten können. Ich bin noch aus der alten Welt. Ich will dir zeigen, daß ichs bin.“ Er ſprang behend die Treppe hinauf und wälzte mit unge⸗ wohnter Kraft ein Faß und mehrere Kartoffelſäcke auf die Fall⸗ thüre. Während dies im Keller geſchah hatte die Bäuerin ihre große Noth im Hauſe. Bettelleute aus allen Himmelsgegenden waren angekommen, denn es war bräuchlich, daß der junge Lehnhold allerlei Geſchenke beim Gutsantritte austheilte. Die Obedfüchti ſpielte luſtige Tänze vor dem Haus. Die Bäuerin fand keinen Glauben, daß ihr Mann noch nicht abgebe und ſie brachte ſich die Leute erſt vom Halſe als ſie Mehl und Schmalz und Brod und Kartoffeln vertheilte. Sie ſeufzte endlich erlöst auf, da trat eine neue Geſtalt ihr vor die Augen. „Dominik, was thuſt denn du da?“ „Ich hab gehört, daß, daß—“ „Daß Untereinander bei uns iſt und da willſt du ihn noch vergrößern?“ „Nein, ich hab eben ſehen wollen, ob man mich nicht brau⸗ chen kann. Wenn ich unwerth bin, kann ich ſchon wieder gehen, aber ich—“ Ich kann dir nichts ſagen, ich weiß ſelber nicht, ob ich noch da hergehöre, ob ich noch auf der Welt bin, und jetzt kommſt du auch noch und jetzt geht die Geſchichte mit dem Mädle noch einmal an.“ „Ich hab mit dem Alban was zu reden.“ „Darf ich's nicht wiſſen?“ Dominik erſtarb die Antwort auf den Lippen, er ſtarrte drein als ſähe er ein Geſpenſt. War das der lebende Furchenbauer oder ſein umwandelnder Geiſt? Wenn er's ſelber war hatte er ſich in den acht Tagen fürchterlich verändert. Der Furchenbauer ſah ihn ſteif an, ſeine Lippen zuckten, aber er ſprach kein Wort, er wuſch ſich die Hände in der Küche und ſagte endlich: „Weißt noch Bäuerin? Wir haben einmal den Türkle an den Apoſtelwirth verkauft gehabt und nach drei Tagen iſt er wieder kommen mit dem abbiſſenen Seil. Der da iſt grad wie der Türkle.“ „Ein Hund bin ich grad nicht,“ knirſchte Dominik. „Gehörſt aber auch nicht hierher. Willſt dir was zu eſſen holen? Siehſt übel aus. Gelt, in Nellingen geht's magerer zu als bei uns?“ — 160— „Ich will zum Alban,“ ſagte Dominik ſtolz. „Such ihn wo er iſt,“ antwortete der Bauer. Ohne eine Erwiederung abzuwarten ging der Bauer nach der Stube. Dominik ging auch davon, er ſchaute um und um, aber er ſah Ameile nicht. Er ſtand wieder draußen vor dem Hofe. In einem Acker am Wege grub ein Mann eine Grube, eine ſo⸗ genannte Miete, um die rings umher aufgehäuften Futterrüben einzukellern. Man ſah von dem Manne nichts als ſeine Mütze und die Schaufeln voll Erde, die er heraufſchleuderte. „Guten Tag!“ rief Dominik. Der Mann dankte und ſtreckte ſeinen Kopf aus der Grube heraus, es war Vinzenz. Er war hoch⸗ erfreut den Dominik zu ſehen und ſchloß damit:„Könnteſt mir wohl helfen.“ Dominik war dazu bereit, ſprang raſch in die Grube und ergriff die Haue. „Wo iſt dein Alban?“ fragte Dominik während des Arbei⸗ tens und Vinzenz erwiederte lachend: „Ich hab ihn nicht im Sack. Weiß wohl, er iſt dir Geld ſchuldig, er kann dir jetzt baar heimzahlen, er kriegt genug. Wie viel iſt er dir ſchuldig? Soll ich's zurückhalten von ſeinem Zu⸗ kommen?“ Dominik verneinte und ſeine Mienen erheiterten ſich. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß das Gerücht in jeder Weiſe gelo⸗ gen hatte, Alban war ſo wenig beſchädigt als der Furchenbauer, und um jenen war ihm doppelt bange geweſen, denn Vater und Mutter thaten ſo verlegen als er ſeiner erwähnte. Der Vinzenz war äußerſt frohgemuth und zutraulich gegen Dominik, ja er ſagte ihm: „Wenn du zu mir hältſt und den Alban zurechtbringſt, da will ich dir was ſagen: Ich hab nichts dagegen, im Gegentheil ich helf dir dazu, wenn dich mein Ameile will, ſie kriegt auch ein ſchönes Vermögen; der Alban heirathet dann ſein' Vreni und du und das Ameile, ihr gehet alle mit einander nach Amerila, da könnet ihr euch mit dem Geld einen Hof kaufen, zehnmal ſo groß als der da, und ihr zwei, ihr ſeid ja Bauern oben raus, ihr könnet den Hof hinſtellen, daß es eine Pracht iſt. Das iſt doch 161 gewiß ehrlich und gutmeinend geſprochen. Kann man aufrichtiger ſein? Wenn Ich nicht ſo in dem Unglück wär', ich thäts gleich, ich thät's um den Frieden zu erhalten. Man muß den Vater vor Allem ehren. Ich hab kein Wort dagegen geſprochen, wie er den Alban zum Lehnhold hat machen wollen, er ſoll ſelber ſagen, ob ich nur Laut geben hab'; aber jetzt bin Ich Lehnhold und jetzt bleib ich's, und was der Vater feſtgeſetzt hat, muß man in Ehren halten.“ Noch nie hatte Dominik eine ſo lange und eindringliche Rede des Vinzenz gehört; der in ſich gekehrte wortkarge Burſche ſchien durch ſeine ausgeſprochene Würde plötzlich viel reifer, viel offe⸗ ner und einſichtiger. Dominik machte der Gedanke, daß er einen Beiſtand im Hauſe habe, um Ameile zu gewinnen, die Wangen glühen; freilich war Vinzenz nicht der eigentlich genehme und war ihm doch noch nicht ganz zu trauen, aber er iſt doch jetzt der eigentliche Herrſcher im Hauſe und an der Seite Ameile's und mit Alban in die weite Welt ziehen, da iſt die Ferne nicht mehr fremd, da hat man gleich den liebſten Anverwandten an der Hand. Es war aber eine ſeltſame und doch natürliche Um⸗ biegung des Gedankens als Dominik jetzt fragte: „Und dir thät's gar nichts ausmachen, wenn deine Geſchwi⸗ ſter in die weite Welt gingen und du weit und breit Niemand mehr hätteſt?“ „Was geht denn das dich an?“ ſagte Vinzenz zornig.„Ich bin zu gutmüthig, daß ich ſo viel mit dir red'. Ich will den Frie— den und ich hab gemeint du auch. Du vermagſt viel beim Alban, mehr als wir Alle, und es wär' dein Glück auch. Ich red' aber nichts mehr. Ich brauch' dich nicht und brauch' keinen Menſchen.“ Während Dominik grub, entdeckte er in ſeiner Seele einen verborgenen ungekannten Schatz: der Hirzenbauer hat Recht, mit der Gutheit allein führt man nichts aus.— Jetzt hatte Do⸗ minik ein Mittel, das ſeinem Verlangen Nachdruck verſchaffte, er mußte ſeinen Einfluß auf Alban verwerthen, er mußte Ver⸗ mittler gewiß vor Allem zum Frommen Albans, aber auch zu ſeinem eigenen ſein. Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 1 — 162— Aus Trübſal heraus und noch mitten in ihr empfand Do⸗ minik eine nie gekannte Glückſeligkeit; denn nicht nur die begei⸗ ſterte mit Hingebung erfüllte That erhebt das Herz mit innerſter Erquickung, auch das Bewußtſein, die Lebensbegegniſſe mit klu⸗ ger Umſicht zu handhaben und auszubeuten, vermag ein Gleiches. Dominik war in dieſer Stunde zum Manne gereift, er ſah, daß er die Augen beſſer aufmachen müſſe, nicht mehr demüthig und mit Kleinem zufrieden nach innen gekehrt, ſondern klug und be⸗ herzt ſich und ſeinen Vortheil geltend machen. Während man die Rüben in die Grube ſchüttete, kam der Bauer auch herbei. Er ſtand verduzt. „Was thuſt du noch da?“ fragte er Dominik und Vinzenz erwiederte: „Ich hab's ihn geheißen und laſſet es dabei, Vater. Laſſet nur uns zwei machen, und Ihr werdet ſehen, es geht Alles gut aus. Der Dominik hat was und damit kann er den Alban um einen Finger wickeln.“ „Was denn?“ Halb aus Verſchlagenheit, halb auch, weil er doch noch nicht recht wußte, was er ſagen ſollte, that Dominik ſehr geheimnißvoll, aber nichts deſto minder zuverſichtlich. Der Bauer ſah ihn ſtarr an und ging ohne ein Wort zu re⸗ den nach dem Hofe zurück. Dominik und Vinzenz vollendeten die Miete, der letztere wollte die Sache nur raſch abthun, aber Dominik ließ ſich von ſeiner Sorgfalt nicht abbringen, er bedeckte zuerſt Boden und Wände der Grube mit Stroh und ſchüttete dann die Rüben hinab. Nach⸗ dem er ſie mit einer Lage Stroh zugedeckt, wollte er für jetzt aufhören, aber ſeine Einwendung, daß man jetzt noch eine Weile bis es gefriere, die Frucht verdunſten laſſen müſſe, half nichts. Vinzenz befahl ihm ſtrenge, ſogleich Erde darauf zu ſchütten und er mußte willfahren, er ließ aber trotz Scheltens übe in Beſ⸗ ſerwiſſen nicht ab, Strohwiſche in die Höhlen zu ſtecken, damit die Frucht nicht erſticke. Mitten in Unruhe und innerer Haſt that Dominik jede Ar⸗ 163 beit, die er zur Hand nahm, vollkommen. Wer über ſolch ein Thun nachdenken mag, wird wiſſen was das zu bedeuten hat. Flüchtig und eingeholt und abermals davon. Als Ameile mit dem Kinde an der Hand in die Stube trat, wie erſtaunte ſie, den Dominik hier zu ſehen; er ſtand neben Vinzenz, grade dort an der Kammerthüre, wo ſie im Ringen um ihn niedergefallen war. Sie wußte ſich jetzt nicht anders zu hel⸗ fen als ſie nahm das Kind auf und umhalſte und küßte es mit Inbrunſt. „Wo iſt der Alban?“ hieß es allgemein. Man ſuchte, man rief im ganzen Hauſe, nirgends eine Antwort, nirgends eine Spur. Man ſetzte ſich zu Tiſche, der Platz Albans blieb leer. Der Bauer aß faſt gar nicht, er ſchärfte ſich immer die Lip⸗ pen mit den Zähnen. Hätte nicht wieder das Kind bei Tiſche ge⸗ ſprochen, man hätte keinen Laut gehört. Als abgegeſſen und gebetet war, ſagte der Bauer zu Do⸗ minik: „Ich muß dir's noch einmal ſagen, deines Bleibens iſt nicht da. Ich brauch dich nicht.“ „Aber der Vinzenz hat geſagt, ich ſoll bleiben und ich geh nicht, bis ich mit dem Alban geſprochen hab“, erwiederte Domi⸗ nik. Der Bauer athmete raſch auf und warf dabei den Kopf zu⸗ rück, aber er hielt an ſich und in dieſem Augenblicke erſchrack Alles im Hauſe: eine Kutſche fuhr in den Hof. Kommen ſchon die Gerichtsleute und wer hat ſie geholt? Spitzgäbele ſtieg aus und nach ihm zwei fremde Männer. Das waren keine vom Gericht. Der Furchenbauer ging ihnen entgegen. Die Welt geht ihren Gang fort in Handel und Wandel, mag Wirr da und dort herrſchen. Spitzgäbele brachte die bei⸗ den Menuer, die Aepfel einkauften. Auf dem landwirthſchaftli⸗ chen Bezirksfeſte hatte der Furchenbauer eine große Maſſe da⸗ von verſprochen, und wie kam jetzt die Erfüllung zur Unzeit! 11* — 164— Der Furchenbauer that freundlich und unbefangen, und doch brannte es ihm im Innern. Er hatte gedacht, ſeinen Alban zu befreien, er hatte ſich doch übereilt, und jetzt konnte er es vor den fremden Menſchen nicht. Wer weiß, was der wilde nun doppelt verhetzte Burſch im erſten Augenblick anfängt? Der Furchenbauer mußte im wahren Sinne des Wortes in einen ſauren Apfel beißen und zwar in mehr als einen; er mußte ſeine Frucht proben und proben laſſen, er mußte die Männer im Garten in den Scheunen geleiten und zuletzt in die Stube führen und Spitzgäbele ließ nicht ab, bis der Furchenbauer den fremden Herren zeigte, was für einen guten Tropfen ein Ober⸗ länder Bauer im Keller hege. Glücklicherweiſe war der Wein⸗ keller ein anderer als der, darin der Gefeſſelte lag. Spitzgäbele war auch eine Art Patriot, er machte ſich ſtolz damit, den frem⸗ den Herren zu zeigen und zu erklären, was hier zu Lande ein Bauer ſei. Wie war es dem Furchenbauer zu Muthe als er jetzt ſeinen übermäßigen Reichthum und den Segen der geſchloſſenen Güter preiſen hörte, und wie bei einem ſolchen Bauer„die Zeinsle ſingen.“*) Es wurde Nacht bevor Spitzgäbele mit ſei⸗ nen Herren davon fuhr, ſie hatten hier gegen 400 Simri Aepfel eingekauft. Während der Furchenbauer mit den Fremden zu thun hatte, ſtand Ameile wiederum bei Dominik im Garten. „Ich hab's gewußt, daß du kommſt, du haſt müſſen kom⸗ men“, ſagte ſie nach den erſten Begrüßungen.„O Dominik! Wie ſieht's bei uns aus. Ich thät' ſterben vor Gram wenn ich nicht dich hätte. Laß dich nur nicht verſcheuchen, du mußt da bleiben; ich muß einen Beiſtand haben, es kann jeden Augen⸗ blick auch gegen mich losgehen. Du biſt mein Hülf und mein Zuflucht und mein Alles.“ Natürlich war Alban bald der ein⸗ zige Gegenſtand des Geſpräches. Ameile konnte ſich gar nicht er⸗ klären, wohin er verſchwunden war, die Mutter glaube, daß er nach der Stadt vor Amt ſei, ſie aber habe ihr nicht geſagt, wie *) Man nennt Zeiſige und Zinſen Zeinsle. ſie in ſeiner Kammer nachgeſehen, da ſeien all ſeine Kleider und er ſei nicht ein ſolcher, der unordentlich in die Welt hinaus laufe; ſein Geſangbuch ſei aufgeſchlagen, und weinend ſprach ſie die Ahnung aus, daß ſie fürchte, Alban habe ſich ein Leid ange⸗ than, er habe am Sonntag, als ſie allein mit ihm war, ſo viel vom Tode geſprochen. Dominik beruhigte ſie ſo viel er vermochte und die friſche Stärke des Gemüthes, die er heute erſt in ſich er⸗ weckt, ſowie der Umſtand, daß er allein nicht erhitzt von dem Gehetze der vergangenen Tage aus der Ferne eine gewiſſe Ruhe mitbrachte, übte endlich einen beſchwichtigenden Einfluß auf Ameile. Dennoch war es Dominik nicht wohl dabei, und er ſagte, er wolle auf den Hellberg gehen, Alban ſei gewiß dort bei der Vreni. Beruhigt mit dieſer Auskunft ging Ameile nach dem Hauſe und Dominik nach dem Hellberge. Zum Nachteſſen kam Dominik nicht in die Stube, Ameile brachte ihm Speiſe in die Stallkammer und hörte, daß Alban ſeit zwei Tagen nicht auf dem Hellberge geſehen worden. Der Vater war heute voll Unruhe und brummte immer in ſich hinein. Er ſchickte Alles früh zu Bette, aber Ameile konnte nicht ſchlafen und hörte jeden Tritt... Als Alles ſtille im Hauſe war, ſchlich der Vater nach dem Keller. Er verſuchte es, jetzt die Säcke und das Faß von der Fallthüre zu wälzen, aber die Kraft verſagte ihm, er ſetzte ſich ermattet nieder und rief:„Alban!“ Keine Antwort.„Alban, ich bin's, dein Vater ruft.“ Immer noch lautloſe Stille. Dem Vater ſtanden die Haare zu Berge. Hätte ſich Alban ein Leid angethan? Kam er zu ſpät? Mit bebender Stimme rief er:„Al— ban, du biſt mein gutes Kind, Alban, ſei fromm und brav, thu mir das nicht an, es ſtoßt mir das Herz ab. Alban, du biſt ein Schandbub, du biſt nicht werth, daß man dich erwürgt. Alban gieb Antwort, ſei brav, ſei brav, ich will dir ja Alles, Alles thun, gieb Antwort—“ „Was wollt ihr thun?“ rief eine Stimme von unten und der Bauer athmete frei auf. Alban lebte. Er antwortete lange nicht und erſt auf die wiederholte Frage von unten ſagte er: — 166— „Du wirſt jetzt einſehen, daß ich Recht hab, du mußt's ein⸗ ſehen, du haſt dich im Stillen beſonnen. Guck, ich könnt ja war⸗ ten, ich könnt ja gar nicht abgeben ſo lang ich leb und mein Teſtament machen und das muß dann gehalten werden, und das müſſen die Gerichte ſchützen; aber ich will nicht, auch nach mei⸗ nem Tod ſollen die Amtsleut ſich nicht in meine Sach' mengen und ich möcht auch noch meine Kinder verheirathet und auch noch Enkel ſehen. Iſt das ein ſchlechter Vater, der das will? Sag, willſt du Allem folgen was ich thu?“ „Nein.“ „Dann ſiehſt du das Tageslicht nicht bis du anders wirſt.“ Der Bauer erhob ſich und ſchlich wieder langſam die Treppe hinauf und in ſeine Schlafkammer..... Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer. Das Wort aus dem Liede erneuert ſich. Aus dem erſten Schlafe wurde Dominik geweckt. Ameile rief ihm. Sie hatte des Vaters nächtigen Gang belauſcht und kam jetzt, Dominik das Gräßliche zu künden, was ſie vernommen; ſie ſprach ſo verwirrt, daß Dominik ſie nicht recht verſtand, ſie bat ihn, ihr zu helfen die ſchweren Laſten von der Fallthüre wegzunehmen, und ſo viel ſtellte ſich endlich heraus, daß Alban gefangen war. Ameile woilte, daß man ihn insgeheim befreie, aber ſie ſtaunte als Do⸗ minik ſagté: „Nichts geheim! Dein Vater muß wiſſen was wir thun. Er darf uns nicht wehren. Das iſt unmenſchlich! Er muß froh ſein, daß wir nicht unter die Leut bringen was er thut. Jetzt haben wir Ihn in der Hand, jetzt muß er thun was Wir wollen. Komm Ameile.“ Nur wie ein flüchtiger Blitz erkannte Ameile, welch ein kräf⸗ tiger Muth in Dominik erwacht war,„du biſt unſer Aller Heil“, rief ſie und ſeine Hand feſthaltend eilte ſie mit ihm nach dem Hauſe. Dominik weckte Alles mit lauter Stimme als er Alban aus — 167— dem Keller rufen hörte. Der Vater, die Mutter und Vinzenz kamen herbei und Alban ſtieg aus dem Keller empor und ſtarrte ſie an wie ein vom Tode Auferſtandener. Dominik hielt den Alban in ſeinen Armen und ſagte:„Thu nichts was Gott verboten hat, die Hand, die ſich gegen den Va⸗ ter erhebt, wächſt aus dem Grabe.“ Alles war ſtill, der Furchenbauer trommelte mit den Fin⸗ gern auf dem Faß. Die Mutter umhalſte ihren geliebten mißhandelten Sohn und zum erſtenmal in ihrem Leben hörten die Kinder ein böſes Wort aus ihrem Munde gegen den Vater. „Du biſt ein Unthier und kein Menſch“, rief ſie ihm zu. Man ging nach der Stube, die Mutter wuſch dem Alban ſelbſt die Hände und das Antlitz und trug ihm Eſſen auf. Der Vater wollte aus Allem einen Scherz machen, Alban redete kein Wort; er aß ruhig und ging dann mit Dominik ſchlafen. Als ihm Dominik den gutmeinenden Plan des Vinzenz dar⸗ legte, lachte er vor ſich hin. Verhetzt und in den Abgrund geſtürzt. Der Tag graute kaum als Alban einen der Fuchſen geſattelt aus dem Stalle zog, er ſchwang ſich behend auf und ritt im Ne⸗ bel zum Thor hinaus und davon. Ohne Aufhalt wie kin Feuer⸗ bote jagte er im raſchen Galopp dahin und er war in der That ein Feuerbote, er wollte in der Stadt Schutzmittel ſuchen gegen den Brand, der in ſeinem elterlichen Hauſe entflammt war. In der Stadt angekommen und ganz brennend vor Zorn befiel ihn doch noch einmal die Bangigkeit, daß er einen Familienzwiſt vor die Gerichte bringen ſolle; die alte ſtrenge Zucht war doch noch mäch⸗ tiger in ihm als er geahnt hatte. Er glaubte ſein Auge nicht aufſchlagen zu können vor dem Richter, dem er die Sache vor— bringe. Der Kreuzwirth, der ein noch ſtandfeſter Republikaner war, deſſen Wirthſchaft darum auch von Vielen, die es mit dem 68 Amte nicht verderben wollten, gemieden wurde, galt für einen klugen Advokatenkopf, und ihm entdeckte ſich nun Alban zuerſt, ohne ihm jedoch Alles und namentlich die letzte Mißhandlung zu ſagen. Der Kreuzwirth erklärte, daß Alban nichts anfangen könne, ſo lange der Vater lebe; man könne ihn nicht zwingen, ſein Gut abzugeben auf dieſe oder andere Weiſe; er rieth indeß Alban, nach der nächſten Stadt zu reiten, wo der Sohn des Hirzenbau⸗ ern als Rechtsanwalt wohne. Alban ſchien das nicht genehm. Er ging aus und ſtand geraume Zeit vor dem Oberamtsgericht, ohne ſich entſcheiden zu tönnen, hineinzugehen. Da ſah er in der Oberamtei eine Frauengeſtalt am Fenſter, er grüßte hinauf, man dankte freundlich. Alban ging hinauf zur Frau Oberamtmännin. Sie öffnete ſelbſt den Treppenverſchlag und hieß ihn eintreten; ſie fragte ihn nach Ameile, nach dem Vater, nach Dominik und ſei⸗ nem eigenen Befinden. Alban gab Anſangs nur ſtotternde und oberflächliche Auskunft. Sein Blick ſchweifte wie verloren in der Stube umher. Iſt denn dieſes Haus auf derſelben Erde, auf der ſein väterliches ſtand? Wie iſt hier Alles ſo geregelt, ſo fein, wie ſpricht aus Allem eine Ruhe und doch iſt das nur ein Stockwerk höher über den Stuben, wo die gräßlichſten Händel, Mord und Todtſchlag, Raub und Betrug verhandelt werden. Und dazu dieſe begütigende Stimme der Frau. Alban hatte ein ſolches von Bil⸗ dung und zarter Sitte erfülltes Hausweſen ſchon einmal kennen gelernt im Hauſe des Direktors der Ackerbauſchule, aber jetzt erſchien ihm Alles wieder ſo fremd, ſo traumhaft ſchön. Die Oberamtmännin verſtand es, ſeine Gedanken zu ſammeln und mit einer wie elegiſch gebrochenen Stimme erzählte ihr nun Alban Alles. Sie ſtand oft unwillkürlich auf, wenn er ihr eine Herbheit berichtete, ſetzte ſich aber ſchnell wieder und bat Alban fortzufahren. Zuletzt ſagte ſie ihm, daß ihr Mann morgen nach Reichenbach müſſe, ſie werde vielleicht mitkommen und ihn wo möglich bewegen, daß er auf den Furchenhof fahre und dann ſolle Alles rein freundſchaftlich ohne den Amtsweg geſchlichtet werden, denn das ſtehe feſt, Alban könne nicht mehr bei ſeinem Vater bleiben. Während dieſer noch herzlich dankte für die ge⸗ — 169— treue Annahme, kam ein Dienſtmädchen und meldete Dominik. Die Frau Oberamtmännin hieß ihn eintreten. „So? Da treff ich dich?“ ſagte Dominik zu Alban und rich⸗ tete einen Gruß vom Ameile an die Oberamtmännin aus, mit der Bitte, ſie möge ſo bald als möglich auf den Furchenhof kommen, der Vater habe Reſpekt vor ihr und ſie könne viel machen. Die Oberamtmännin gab nun feſte Zuſage, und auf dem Wege nach dem Wirthshauſe ſagte Dominik zu Alban: „Dein Vater hat mich dir nachgeſchickt, du ſollſt ja nicht vor Gericht gehen. Er will Alles thun.“ „Will er theilen?“ „Das glaub ich nicht, aber ſonſt Erkleckliches, und wenn du nachgiebſt, iſt's mein Glück auch.“ „Ich geh nicht um ein haarbreit ab von dem was ich geſagt hab,“ erwiederte Alban, ohne auf das Letzte zu hören und im Zorne rief Dominik: „Es iſt doch ſo. Du biſt grad wie dein Vater, grad ſo un⸗ bändig.“ „Meinetwegen, und es wird ſich zeigen, wer ſtärker iſt.“ Im Kreuz traf man den Klein⸗Rotteck. Alban bat ihn, doch auch morgen früh auf den Furchenhof zu kommen und ihm bei— zuſtehen. Der Klein⸗Rotteck lehnte entſchieden ab, er miſche ſich nicht in fremde Händel, da putze ſich Jedes an einem ab. Auf das Zureden des Dominik und auf ſeinen leiſen Zuſatz, daß er ihm zu lieb kommen möge und er habe es ja verſprochen, ihm beizuſtehen, ſagte endlich der Klein-Rotteck mit einem Hand— ſchlag zu. Der Hirzenbauer war ſehr betrübt, obgleich er heute einen Prozeß gewonnen hatte. Seine Ortseinwohner hatten ihn wirk⸗ lich verklagt, weil er ſein Gut getheilt hatte, kein Advokat aus der Nachbarſchaft hatte ſich dazu hergegeben, den Klägern eine Eingabe zu machen, ſie hattenaber einen Winkeladvokaten, einen ſogenannten Entenmaier gefunden, der ihnen die Sache ſehr be⸗ deutſam und erfolgreich darſtellte; ja er hatte behauptet, die Ad⸗ vokaten hätten nur deßhalb keine Klagſchrift gemacht, weil ſie 170— alle Parteigenoſſen des Klein Rotteck ſeien. Nun hatte der Klein⸗ Rotteck heute in erſter Inſtanz den Prozeß gewonnen, aber das ſah er, er hatte keine Nachbarn mehr, das ſind lauter Feinde, ja, ſie denunzirten jetzt bei Gericht, was er im Jahr 48 geſpro⸗ chen und wäre der Richter nicht doch noch wohlwollend geweſen, er hätte einen neuen Strick drehen können. Alban und Dominik ritten mit einander heimwärts, Alban war wild und voll Jähzorn und Dominik erkannte wieder, daß ſolch ein reicher Bauernſohn ganz anders geartet iſt als ein ar⸗ mer Knecht; ſolch ein Hausſohn iſt nicht ſo leicht zufrieden ge⸗ ſtellt und vergiebt nicht ſo ſchnell. Er erzählte Alban, um ihn zu beruhigen, daß der Vater ihn ja auch dreimal mit Schande aus dem Hauſe gewieſen habe und er ſei doch geblieben, aus Anhäng⸗ lichkeit und um Friede zu ſtiften. Dieſe Mittheilung machte aber die verkehrte Wirkung, denn Alban ſagte: „Das beweiſt eben wieder, daß du kein' Ehr' im Leib haſt.“ Es war ſchon Nacht als man am Hellberge ankam, vom Hauſe ſchimmerte Licht und die Klarinette der Obedfüchti tönte ins Thal. Alban ſtieg ab und befahl Dominik das ledige Pferd an der Hand heim zu führen. Dominik rieth ihm, jetzt zu den Eltern nach Hauſe zu gehen, die ſeiner ſehnſüchtig harrten, aber Alban erwiederte: „Ich bin in drei, ja vier Tage ſind's, nicht dort geweſen. Ich muß wieder hin.“ Raſchen Schrittes ſprang er den Berg hinan. Die Obedfüchti ſpielte ſich allein etwas vor in ihrer zerfallenen Behauſung. Ein Hund ſchlug auf Alban an. Was iſt das? Das iſt ja der Greif. Wie kommt der daher? Alban eilte die Treppe hinan, Vreni kam ihm entgegen. „Geh nicht hinein,“ ſagte ſie. „Warum? Wer iſt da?“ „Dein Vinzenz.“ 1 „Was will er?“ „Nur Gutes. Er hat dem Vater auch vierhundert Gulden verſprochen, daß er mit uns kann, wenn du mit mir auswandern — 171— willſt. Alban, jetzt werden wir ja glücklicher als wir's je gedacht haben. Jetzt leg deinen Stolz ab und es iſt Alles gut.“ „Für deinen Vater ſorg' Ich und nicht mein Bruder. Er hat nicht mehr als ich auch. Ich und die Meinigen wir nehmen nichts geſchenkt. Laß mich.“ Er riß ſich von Vreni los und ſtürmte in die Stube. Vin⸗ zenz zuckte zuſammen als er ihn ſah. „Du haſt nichts da zu ſchaffen. Marſchir dich,“ gebot Alban. „Das Haus iſt mein,“ entgegnete Vinzenz,„und ich kann dich nausjagen.“ Der Ragelſchmied ſtellte ſich vor Alban und Vinzenz verließ die Stube. Der Nagelſchmied redete nun dem Alban gütlich zu und dieſer ſagte endlich, er müſſe ſeinem Bruder nach und noch ein— mal im Guten mit ihm reden. Er eilte von dannen und rief ſeinen Namen. Unweit des Felſens, dort wo ſie geſtern am letzten Markſteine geſeſſen, von dorther hörte Alban das Bellen eines Hundes und eine Stimme rief:„Faſſ' ihn!“ Der Greif ſprang wie ein Tiger an Alban empor, aber dieſer kam ihm zuvor, faßte ihn am Genick und ſchleuderte ihn in die Schlucht. „Du hetzeſt den Hund auf mich!“ ſchrie Alban, rannte nach ſeinem Bruder, faßte ihn und ſtumm rangen die Beiden mit einander; da polterte es, es war kein Geländer da, und feſt ein⸗ ander umklammernd ſtürzten die Beiden den Felſen hinab und der Bach ſpritzte auf. Wo iſt dein Bruder. Dunkle ſtille Nacht als Alban erwachte. Er griff um ſich und ſchaudernd prallte er zurück, er faßte ein Menſchenantlitz. Die Erinnerung tauchte in ihn auf, das war Vinzenz, ſein eines Auge glitzerte ſtarr in ln Nacht. Er rief ihn mit Namen, er wuſch ihm das An„, in Laut, keine Bewegung. Er legte ſein Ohr an das Herz des Bruders. Ach zu ſpät! Dieſes Herz ſchlug nicht mehr. Er rief laut um Hülfe zu Gott und den Men⸗ — 172— ſchen, vergebens, keine Antwort ertönte. Er raffte ſich auf und trug den Bruder in den Armen am Bachesufer fort, er riß ſich blutig an den Felſen aber er ließ nicht los. Jetzt ſchritt er in den Wald, aber er brach zuſammen unter der Laſt und laut wei⸗ nend warf er ſich auf ſie nieder und ſprang dann davon durch die Nacht hin immer: Vinzenz! Vinzenz! rufend. Er ſtand vor dem elterlichen Hauſe, Alles kam ihm entgegen. „Wo iſt dein Bruder?“ fragte der Vater. „Im Walde, todt,“ ſtöhnte Alban und ein Blutſtrom quoll ihm bei dieſen Worten aus dem Munde. Der Vater riß die Axt aus der Thürpfoſte und wollte auf Alban los, Alban kniete nieder wie ein Opferlamm; aber Do⸗ minik fiel dem Vater in den Arm und ſchleuderte ihn zurück mit den Worten: „Habt Ihr nicht genug Elend, wollt Ihr noch mehr?“ „Du legſt Hand an mich?“ ſchrie der Furchenbauer. „Ja ich,“ erwiederte Dominik trotzig. Er hob Alban in die Höhe und fragte ihn, wo Vinzenz liege. Alban bezeichnete die Stelle, dort wo er am Tage vorher im Unmuthe mit dem Beil das Geländer hinabgeſchleudert hatte. Die Knechte, die fremden Dreſcher, die in den Scheunen ſchliefen, wurden aufgeboten und mit Fackeln zog man hinaus: Alban wollte mit, aber beim erſten Schritte brach er zuſammen und mußte in die Stube getragen werden. Durch den nächtigen Wald lief der Furchenbauer mit der Fackel und rief immer: Vinzenz! Vinzenz! ſo daß er zuletzt nur noch mit heiſerer Stimme den Namen lallen konnte. Es wurde Tag, aber das war kein Tag, ein feſter Nebel ſtand über Berg und Thal, man ging in Wolken, man ſah nicht Him⸗ mel nicht Erde, kaum den Schritt breit wo man ſtand. Im Haupt⸗ haar und im Barte des Furchenbauern ſtand der eiſige Reif und nur noch vor ſich hin murmelte er den Namen: Vinzenz. Man fand Vinzenz an der bezeichneten Stelle nicht, Alban mußte nicht recht gewußt haben, wo er ihn abgelegt. Der Tag ſtieg höher, aber der Nebel wich nicht, er war mit Händen zu greifen, als ſechs Mann auf einer Bahre aus Baum⸗ ſtämmen die Leiche des Vinzenz daher brachten. Unter dem Hof⸗ thore drückte ihm der Vater das eine Auge zu, dieſes Auge, das ſo vorwurfsvoll drein ſtarrte. Keine Thräne kam über die Wange des Furchenbauern und ſtarr ſchaute er auf die Frau und Ameile, die bei dem entſetzlichen Unglücke doch weinen konnten. Man hatte einen reitenden Boten nach dem Arzte geſchickt, er kam zugleich mit dem Oberamtmann und deſſen Frau und bald darauf fuhr auch der Hirzenbauer in den Hof. Der Nagelſchmied mit ſeiner Vreni kam auch und durch alle hindurch drang Vreni und Niemand wagte es, ſie abzuhalten, daß ſie zu dem Kranken eilte. Wie war jetzt der Hof ſo voll von fremden Menſchen und von den eigenen war der eine Sohn todt und der Arzt erklärte jeden Belebungsverſuch vergebens und der andere hatte vielleicht eine Todeswunde und raſte mit ſeiner letzten Kraft. Der Oberamtmann ging nach dem Felſen um den Thatbe⸗ ſtand in Augenſchein zu nehmen, er fand die unverzeihliche Fahr— läſſigkeit, den Mangel eines Geländers. Die Oberamtmännin blieb bei den Frauen und erwies ſich in Allem ordnend und hülfreich. Im Leibgedingſtüble lag die Leiche des Vinzenz, der Vater ſaß dabei und noch immer hörte man keinen Laut von ihm; das Wort, das zuerſt über dieſe ſtarren zuſammengepreßten Lippen ging, mußte Zerſchmetterndes bekunden. Als der Hirzenbauer zu dem Trauernden eintrat, wies er ihn mit der Hand hinaus und verhüllte ſein Angeſicht mit beiden Händen. Der Hirzenbauer ging, aber bald nach ihm trat der Gipsmüller ein; auch ihm wurde gewinkt wegzugehen, aber er folgte nicht; er ſetzte ſich ohne ein Wort zu reden, neben ſeinen Schwager und ſo ſaßen die beiden Männer ſtumm neben einander, vor ihnen die Leiche. Im Hofe war es lautlos ſtill, nur bisweilen hörte man den raſchen Hufſchlag eines Pferdes, kein Taktſchlag aus den Scheu⸗ nen ertönte, ſelbſt die fremden Dreſcher, die nicht im Tagelohn ſtanden, feierten, ihre Hände zitterten noch, ſie hatten die Leiche — 174— getragen und auf dem Heu ſaßen ſie bei einander und ſprachen leiſe davon, wie elend doch auch der große Reichthum machen könne. Alban war in Ruhe geſunken, der Arzt verordnete, daß man ihm Schnee aufs Haupt lege. Ein Dreſcher und der Küh⸗ bub wurden mit Kübeln nach dem zwei Stunden entfernten hohen Berge geſchickt, wo es bereits geſchneit haben ſollte. Ein Knecht wurde mit einem der Fuchſen nach der Stadt in die Apotheke geſchickt. Um Mittag begannen die Dreſcher plötzlich zu dreſchen und Alban erwachte laut ſchreiend:„Wo iſt dein Bruder?“ Er klagte, daß ihm jeder Schlag das Hirn träfe. Dominik eilte, den Dre⸗ ſchern Einhalt zu thun. So viele Hände waren zu beſchäftigen und man dachte nicht daran, ſie müßig zu laſſen. Dominik be⸗ fahl ihnen, die Aepfel auf die Wagen zu laden, der Furchenbauer hatte ihm geſagt, daß er ſie heute abliefern wolle und der Na⸗ gelſchmied fand ſich bereit, die Ablieferung zu übernehmen. Man konnte dem großen Leide im Hauſe in nichts beiſtehen, es blieb nichts übrig als die Arbeit, die der Tag verlangte, zu vollführen. Dominik wußte ſelber vft nicht was er thun ſollte und ſtand oft mitten in einem raſchen Gange müſſig und ſelbſtvergeſſen da, bis er deſſen inne wurde und hin und her rannte und immer wieder vergaß was er gewollt hatte. Ameile kam jetzt zu ihm, das Kind hing ſich an ihren Rock und ließ nicht ab von ihr, ſie ſagte, man müſſe das Aepfelaufſchütten aufgeben, Alban klage: das Poltern der Aepfel ſei ihm als ſchütte man die Schollen auf ſein Grab. Jetzt endlich wurden die Arbeiter zum Müſſiggang beordert. Der Oberamtmann ſtand beim Hirzenbauer am Brunnen und ſie wogen miteinander hin und her abermals die Vortheile und Nachtheile der geſchloſſenen Güter. Der Hirzenbauer ſagte: „O Herr Oberamtmann! Ich habe auf der Verſammlung und öffentlich nicht Alles ſagen können und ich mag's noch nicht ſa⸗ gen, was für Schandbarkeiten mit dem geſchloſſenen Erbgang verbunden ſind. Der Furchenbauer da hat das traurige Glück 175— gehabt, daß ihm fünf Kinder als klein geſtorben ſind. Ich weiß wohl, daß mit dem Zertheilen neues Unglück haufengenug kommt, aber kann man's anders machen und darf man?“ Der Ober⸗ amtmann war heute beſonders freundlich mit dem Hirzenbauer, denn er erkannte den wenn auch ſtarren doch reinen Gerechtig⸗ keitsſinn des Mannes. Als der Hirzenbauer und der Oberamtmann mit ſeiner Frau wegfuhren, kam gerade der Kühbub mit einem Kübel voll Schnee, er war vorausgeeilt, der Dreſcher blieb klugerweiſe noch einige Stunden auf dem Berge, um dann mit friſchem Schnee zu kom⸗ men. Bald traf auch der reitende Bote aus der Apotheke ein. Alban duldete Niemand um ſich als Vreni und Dominik, ſelbſt die Mutter und Ameile durften ſich ihm nicht nahen. Einen Tag und eine Nacht ſaß der Furchenbauer bei der Leiche ſeines Sohnes und aß nicht und trank nicht und ſprach kein Wort. Als man am Morgen darauf die Leiche des Vinzenz zu Grabe führte, ſchwankte er am Stabe, den ihm Alban geſchnitten, hinter der Leiche drein. Erſt auf dem Kirchhofe, wo er die eingeſunkenen Kreuze an den Gräbern der Kinder ſah, die Vinzenz vorausge⸗ gangen waren, brach er zum erſtenmale in lautes und heftiges Weinen aus. Auf der Heimfahrt— der Gipsmüller that es nicht anders, er mußte ſich auf den Wagen ſetzen— ſprach der Furchenbauer das erſte Wort zu ſeinem Schwager und die zitternde Hand er⸗ hebend ſagte er: „Gott hat mich hart geſtraft, aber er hat mir doch Recht ge⸗ geben, mein Gut bleibt doch bei einander.“ Gleich nach dem Leichenbegängniß führte der Nagelſchmied Ammrei nach Siebenhöfen. Seit der Zerrüttung des Hauſes weinte das Kind unaufhörlich nach ſeiner Mutter und verging faſt vor Heimweh. Alban hatte nichts davon gemerkt, als man die Leiche ſeines Bruders fortbrachte, jetzt, da man das Kind fortführte, merkte er es auf ſeinem Krankenlager und ſagte vor ſich hin: „B'hüt dich Gott Ammrei.“ Der Vater, der ſich bisher gar nichts um Alban gekümmert, war jetzt ſorglich bedacht um ihn; er hörte ſtill nickend, daß Al⸗ ban ruhig ſei aber keinen Schlaf finde, daß er Alles bis aufs Kleinſte erzählt habe, wie es ihm ergangen und wie er dem Bru⸗ der im Guten nachgeeilt ſei; er nickte ſtill zu dieſen Berichten. Selber durfte er ſich Alban noch am wenigſten nahen, denn die⸗ ſer ſchrie wie raſend auf, als er zu ihm trat, und ſelbſt wenn er ungeſehen in der Stube war, merkte es der Kranke und war voll fieberiſcher Haſt, die er augenſcheinlich zu bezwingen ſuchte. Der Zuſtand Albans war veränderlich, der Arzt wollte trotz alles Drängens keinen ganz tröſtlichen Beſcheid geben. Eines Tages mußte Alles die Stube verlaſſen, nur Domi⸗ nik und Vreni durften zurückbleiben. Die Beiden mußten Alban im Bette aufrichten und er ſprach: „Dominik, es wird Alles dein. Meinem Peiniger vertrau ich's nicht. Gieb mir dein Hand drauf, daß du dem Nagelſchmied und meiner Vreni mein Erbtheil giebſt. Mein Vreni iſt vor Gott mein.“ Dominik reichte die Hand und ſagte: „Du biſt nicht ſo krank, aber du kannſt's gerichtlich machen, wenn du willſt, wenn's dich beruhigt.“ „Ich will nichts mehr vom Gericht. Familienſache... Ich glaub dir... und wenn du Kinder bekommſt, ſei gerecht, Gerechtigkeit... Wo iſt dein Bruder?... Gerechtigkeit...“ Das waren die letzten hellen Worte, die Alban ſprach, er raſte noch mehrere Tage beſinnungslos und befand ſich oft in der großen Volksverſammlung und ſchrie:„Ruhe! Stille! Bravo!“ Mit den Worten:„Wo iſt dein Bruder?“ hauchte er ſeinen letzten Athem aus. Seine Wangen waren roth. Als man dem Furchenbauer den Tod ſeines Sohnes berich⸗ tete, ſtampfte er zornig auf und ſeine Fauſt ballte ſich. „Das iſt ſein letzter—“ ſchrie er, er verſchwieg die anderen Worte. Er mochte es als eine Unthat ſeines Sohnes betrachten, daß er ihm durch den Tod ſeine letzte Hoffnung zerſtörte, ſein Gut kam in fremde Hand. Bald nach Alban begrub man auch die Mutter, ſie hatte ihr Leid Niemanden geklagt und eines Morgens fand man ſie todt im Bette. Der Furchenbauer, der nun Dominik als einzigen Erben vor ſich ſah, redete ihm viel zu, daß er ihm verſpreche, wenn er Kinder bekomme, das Gut nie zu theilen. Dominik weigerte dieß und ſagte zuletzt, er habe dem ſterbenden Alban das Gelöbniß gegeben, gerecht gegen jedes ſeiner Kinder zu ſein. Der Furchenbauer ging ſtarr und ſtumm im Hofe umher, er redete mit Niemanden und ging durch Stall und Scheunen wie ein Geſpenſt. Im Walde ließ er ſich eine alte Tanne hauen, ſie zu Brettern verſägen und brachte ſie ſelbſt auf den Hof. Im Frühling, am ſelben Tage als der Ragelſchmied mit ſeiner Familie auswanderte, fand man den Furchenbauer plötz⸗ lich todt. Dunkle Gerüchte gingen über ſeine Todesart. Man hat nie etwas Beſtimmtes darüber erfahren. Der neue Lehnhold. Aus der zeriſſenen Erde ſprießt die Saat, aus den Gräbern wachſen Blumen. Trübe Schwermuth lagerte auf dem Gemüth des Dominik wie Ameile's. Die Oberamtmännin war eine milde Tröſterin, denn ſie kam jetzt im Frühling auf mehrere Wochen auf den Hof. Sie fand eine Erquickung darin, in die Tiefe der Gemüther zu ſchauen, die ihre Empfindungen nicht in Worten ausdrücken können, ſie aber hatte die Macht des Wortes und wie linder Balſam heilten ſie die Wunden. Was ihr im Großen und Umfaſſenden nicht gelingen wollte, gelang ihr im Einzelnen; das Herz der Höherſtehenden einte ſich mit denen, die im beſchränkten Lebenskreiſe verharren. Es war nicht Gefühlloſigkeit, ſondern un⸗ verwüſtlicher Lebensmuth, daß Ameile ſich faſt bälder in das Un⸗ abänderliche fügte und ſich der Heiterkeit nicht verſchloß wie Do⸗ minik, aber auch dieſem gelang es endlich. Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 12 178 Oft betrachtete Ameile mit Wehmuth die Karte des Hofgutes, die Alban gezeichnet in jenem letzten friedlichen und hoffnungs⸗ vollen Winter. Das war das einzige was von ihm übrig geblie⸗ ben und die Karte hing noch an derſelben Stelle wo ſie die Mutter aufgehängt hatte. An die Mutter und Alban mußte Ameile oft denken und die Beiden waren ja auch immer dem Dominik gut geweſen. Dann aber ſtrich ſie ſich wieder raſch über das Geſicht und alle Wehmuth war daraus weggenommen. Man mag es Eitelkeit nennen, es war aber weit mehr ſtolze Siegesfreude und die Luſt am Wohlthun, was Dominik empfand, als er vierſpännig nach Nellingen fuhr, um ſeine Mutter zur Hochzeit abzuholen. Er hatte jetzt das doppelte Verlangen, ſeiner Mutter noch recht viel Freude zu bereiten, er hatte nichts von ihr empfangen als das nackte Leben und wie gräßlich war es denen ergangen, die ihre Kinder mit Reichthum auszuſtatten ver⸗ mochten. Die Hochzeit wurde ſtill gefeiert, die Oberamtmännin und die Mutter des Dominik gingen an der Seite Ameile's, Domi⸗ nik zwiſchen dem Hirzenbauer und dem Gipsmüller zum Trau⸗ altar. Ameile trug zur Freude ihres Mannes und aller Anweſen⸗ den einen beſonderen Schmuck auf der Bruſt, ſie hatte die Denk⸗ münze des Dominik an einen Henkel faſſen laſſen und trug ſie an der Granatenſchnur.„Das iſt mein ſchönſter Ehrenſchmuck,“ ſagte ſie lächelnd beim Hochzeitmahle. Dominik behielt ſeine Mutter bei ſich auf dem Furchenhof. Sie hatte allezeit über ihre Söhnerin in Rellingen geklagt; ſie hatte jetzt glückſelige Tage; aber ſie hielt es doch nicht lange aus, ſie hatte Heimweh nach der keifenden Söhnerin, nach den Nach⸗ barn und vor Allem nach den Kindern ihres älteſten Sohnes. Dominik brachte ſie wieder nach Nellingen und verſorgte ſie gut. Erſt als auf dem Furchenhof das erſte Kind geboren wurde, kam ſie wieder und blieb dort. Auf dem landwirthſchaftlichen Feſte fehlt Ameile nie und iſt allezeit im Geleite der Oberamtmännin; der Dominik ſitzt jedes⸗ 179— mal neben dem Hirzenbauer und iſt einer der angeſehenſten Groß⸗ bauern. Bei der letzten Heimfahrt vom landwirthſchaftlichen Bezirks⸗ feſte war der neue Furchenbauer gar lluſtig und er ſagte zu ſeiner Frau: „Bäuerin,“(denn ſo redet er ſie jetzt auch nach herkömm⸗ licher Art an),„ich kann dir nicht ſagen, wie wohl mir's iſt und wie glückſelig ich bin. Wenn ich ſo in ein Wirthshaus komm' und ich laſſ' mir geben was der Brauch iſt, und da denk ich bei mir: und du kannſt's bezahlen und es thut dir nichts. Ich mein' oft noch, ich ſei der Kühbub, und dann wird mir's doppelt wohl, daß ich jetzt ſo daſteh' und mir was erlauben darf.“ „Und das ſollſt du recht oft thun und dir auftragen laſſen nach Herzensluſt. Du biſt manchmal noch ein bisle zu genau. Ich denk' auch bei den Armen immer daran, daß wir auch für die Todten ihr Theil Gaben geben müſſen. Aber da iſt's ſchon wie⸗ der, hilf mir, daß ich nicht immer und bei Allem dran denk, wie meine Brüder und meine Eltern aus der Welt gangen ſind.“ „Ich will dir ſchon helfen. Drum denk jetzt nicht dran. Du biſt halt ein Prachtweible. Ein' andere hätt' gewiß geſagt: nimm dich in Acht und laß dich nicht verleiten; man vergißt gar bald wo man herkommen iſt. Du kennſt mich aber und du gunnſt mir was Gutes und du haſt nicht bang, daß ich dir dein' Sach ver⸗ thu.“ „Meine Sach? Es iſt Alles ſo gut dein wie mein. Du weißt was mein Ehrenſchmuck iſt, aber du mußt auch nie vergeſſen, daß du jetzt ein Großbauer biſt.“ „Und meine Kinder ſollen nicht vergeſſen, was ihr Vater geweſen iſt. Und wenn ich zehn Theile machen muß, ich will ſie ſchon ſo herrichten, daß ein Jedes glücklich und zufrieden ſein kann.“ ——— . ————— . F. X X a* — — 180— Am Allerſeelentag brennen auf dem Kirchhofe neun Lichter ganz nahe bei einander, es ſind die für den Furchenbauer, ſeine Frau und ſeine Kinder. Dominik und Ameile knieen mit ihren Kindern betend dabei, und erſt wenn die Lichter verlöſcht ſind, kehren ſie heim in die Behauſung, wo einſt ſo viel Leidenſchaft und Jammer war, und jetzt ein ſtiller Friede waltet. — — — — 8 — S * — = — Sd Warm an des Schlägelbauern Haus Hopfen und Gerſte angemalt ſind? Das iſt eine lange Geſchichte und ich kann ſie euch genau erzählen. Alſo: Der Faullenzer. Auf der Schnitzelbank vor ſeinem Hauſe ſaß rittlings ein junger Burſch und hob von Zeit zu Zeit aus einer großen Schichte zu ſeiner Rechten einen langen Tannenzweig auf, preßte ihn zwiſchen den Kloben und drehte ihn zu leichterer Biegſam⸗ keit, ſchnitzelte das dicke Ende und flocht einen Strohzopf daran; dann legte er das ſo Vollendete ſorgfältig zu ſeiner Linken nie⸗ der, wo bereits mehrere ſolcher Garbenbänder, ſogenannter Wie⸗ den, wohlgeordnet lagen. Trotz des luſtigen Parademarſches, den der Burſche pfiff, hatten ſeine Mienen doch etwas Verdroſſe⸗ nes und er warf oft wie unwillig das Haupt zurück, auſ dem eine Soldatenmütze mit rothem Vorſtoße prangte. Der Dorfſchütze, ein alter Soldat, der ein kupfernes Ehren⸗ zeichen auf ſeinem blauen Rocke trug, kam vom Rathhauſe her⸗ unter; er hielt bei dem Arbeitenden ſtill und ſagte: „Buſchur, Kamerad.“ Der Angeredete dankte ſtumm und der Schütz fuhr fort:„Warum biſt nicht bei der Zehntverſteige⸗ rung geweſen?“ „Ich bin noch nicht Bürger“, erwiederte der junge Soldat, „das Sach gehört noch meiner Mutter und meinen Geſchwiſtern.“ Der Schütz ſetzte ſich auf die fertigen Wieden und berichtete: „Es iſt ein Generalſpaß geweſen. Seit Jahren haben die drei fetten Schwäger den Zehnt gepachtet, ſie mögen's nicht leiden, daß der Zehntknecht auf ihre Aecker kommt und wollen da freie — 184— Herren ſein. Aber dießmal hat der Waſſerſtiefel immer höher ge⸗ boten und zuletzt iſt ihm der Zehntbeſtand zugeſchlagen worden. Dein Schwäher, der Schlägelbauer, der hat ſeinen Koller kriegt vor Zorn und Gift, daß man gemeint hat, er erſtickt, und mit Fluchen und Schelten ſind ſie Alle davon. Das führt noch ein⸗ mal zu böſen Häuſern, du wirſt ſehen Franzſeph.“ Franz Joſeph, oder wie er in der Abkürzung hieß Franz⸗ ſeph, nahm eine neue Wiede auf und entgegnete: „Es iſt und bleibt nicht recht, daß das ganze Dorf und vorab der Schlägelbauer ſo einen hirnwüthigen Haß auf den Faber geworfen hat und weiß kein Menſch recht warum. Der Faber iſt hier fremd, er hat des Lucians Gut um ſein ehrlich Geld gekauft und thut Niemand was zu leid; daß er ſich herriſch kleidet, geht ja Niemand was an und er kann darüber lachen, daß ſie ihn den Waſſerſtiefel heißen. Der Schlägelbauer iſt auch ſchon an mir geweſen, ich ſoll' nichts mit dem Faber reden; aber ich weiß ſelber was ich zu thun hab und ließ' mir von mei⸗ nem eigenen Vater, wenn er noch leben thät', nichts drein reden, mit wem ich Freundſchaft haben darf oder nicht. Und gerade weil ſie ihn Alle den Waſſerſtiefel heißen und Niemand gut ge⸗ gen ihn iſt—“ „Du biſt halt ein guter, guter Kerle, das ſagen alle Leut!“ unterbrach der Schütz. Dem jungen Manne ſchoß bei dieſer Anrede alles Blut zu Kopfe, er würgte eine Wiede ganz ab, warf die Stücke weit weg und rief voll verbiſſenen Ingrimms:„Sag das nicht. Ich bin kein guter Kerl, ich will nicht. Fahnenmalefizdonner! Ich möcht' euch zeigen, daß ich kein guter Tralle bin. Sag das nicht noch einmal oder ich vergreif mich an dir zuerſt.“ Das wär' am unrechteſten Orte angefaßt. Du biſt ja wie ausge⸗ wechſelt. Was haſt denn? Giebt des Schlägelbauern Madlene nach und heirathet das bildſaubere Mädle des Schultheißen Claus?“ „Wenn die Kuh einen Batzen gilt,“ entgegnete Franzſeph plötzlich lachend und über ſein Antlitz zog eine Beſänftigung des⸗ Friedens, daß es zu leuchten ſchien. 185— „Du biſt aber doch ſeit Oſtern,“ fuhr der Schütz fort,„ſeit du mit dem Abſchied vom Regiment heimkommen biſt, wie ver⸗ hert. Was haſt denn? Freilich, kann mir's denken, du kannſt dich nicht wieder ins Bauernleben gewöhnen; mußt den Paradeſchritt verlernen und den Ochſenſchritt einererciren. Hab ich Recht? Iſt's das, warum du immer ſo maßleidig ausſiehſt?“ „Kann ſein,“ erwiederte Franzſeph nach langer Pauſe und fuhr dann ſich aufrichtend fort:„Ja, du biſt mit meinem Vater in Einer Compagnie geſtanden und biſt ſein beſter Kamerad ge⸗ weſen; ich will mich dünken laſſen, ich red' zu meinem Vater. Guck, wie ich mit dem Abſchied heim bin, da hab' ich gemeint, ich könnt' es gar nicht erwarten und das ganze Dorf muß grad ſo ſein wie ich und jedes muß weiter nichts denken und ſagen als wie der Franzſeph iſt da. Ich hab' mir oft denkt, daheim da iſt das helle Paradies und ich hab' mir mit Gewalt wieder vorrechnen müſſen, wie viel Feindſchaft und Haſſard auch da iſt und wie eines ein Auge drum gäb' wenn's andere keins hätt. Ich bin freilich nie gern Soldat geweſen, aber es iſt doch eigent⸗ lich das ſchönſte Leben und jetzt wünſch ich mir des Tags tauſend⸗ mal, daß ich's noch wär'.“ „Ja, es iſt jetzt ſchlimmer hier als je. Denk daran was ich ſag' es thut kein gut, bis die Hopfenſtangen draußen an der Geißhalde noch zu einer Generalsprügelei verwendet ſind.“ „Wegen dem Hopfengarten,“ nahm Franzſeph wieder auf, „haben meine erſten Händel mit dem Schlägelbauer angefangen. Ich hab' mich gefreut, daß der Faber den verrutſchten Berg ſo gut ausnutzt und der Schlägelbauer hat grad darüber losgezogen; er verſteckt ſeinen einfältigen Haß hinter der Gemeindeehre: früher, ſagt er, ſei unſer Dorf berühmt geweſen, daß wir den beſten Spelz bauen, jetzt werde ſich's umkehren und man wird ſagen: die Weißenbacher bauen den ſchlechteſten fuchſigen Hopfen. Und wenn ich meine Aecker krieg, bau ich ſelber auf dem Buckel im Speckfeld auch Hopfen; es iſt dort gerade der rechte warme Lehm⸗ boden und liegt prächtig gegen Mittag. Die alten Bauern, die nie über ihres Vaters Miſte nauskommen ſind, die meinen, ſchaf⸗ — 186— fen wie ein Vieh, damit ſei Alles gethan; man muß ſchaffen wie ein Menſch, mit Verſtand und Bedacht. Ich bin nicht umſonſt beim Regiment geweſen und weiß von der Welt. Der Schlägel⸗ bauer giftet auch darüber, weil ich den Knecht nicht aus dem Haus thue, den meine Mutter für meine Soldatenzeit genommen hat; ich kann ihn nicht ſo von heut auf morgen fortſchicken und ich muß mich auch erſt wieder ins Feldgeſchäft gewöhnen, und ich bin ein Kerl der Ehre im Leibe hat und wenn mich einer zum Schaffen ermahnt, da thu ich grad nichts; ich weiß ſelber, was ich zu thun hab und es ſoll keiner meinen, ich hätt' darauf gewartet, bis er mich richtig anſtellt und das Lob gehört ihm.“ Unter dieſem Geſpräch war die Herrichtung der Wieden voll⸗ endet. Franzſeph rief ſeinem Knechte, der auf der Hausſchwelle die Senſe dengelte, und befahl ihm, die Wieden nach dem Bache zu tragen; er ſelber folgte mit der Hakengabel und die Art wie er dieſe nicht auf die Schulter nahm, ſondern als Spazierſtock gebrauchte, zeigte die ſeltſame Stimmung des ſich ſtolz tragenden ſtattlichen jungen Mannes. Viele Menſchen, wenn ſie zu einem Rechtsanwalt kommen und ihren Streit vortragen, wollen von der Gegenſprache ihrer Widerſacher faſt gar keine Kunde oder doch nur augenſcheinlich unhaltbare mittheilen; ſie meinen dadurch ihren Streit bereits gewonnen zu haben. Aehnlich erging es dem Franzſeph bei ſeinen Mittheilungen an den Dorfſchützen. Aus dem Soldatenleben zurückgekehrt und nicht unter der Botmäßigkeit eines Vaters ſtehend, fand ſich der junge Mann nur ſchwer in die Obliegenheiten der mühſeligen Arbeit. Er ſchloß ſich um ſo lieber an Faber, den ſogenannten Waſſerſtiefel an. Faber war weder ein bloſer Gutsbeſitzer noch ein Bauer und ſchon ſeine Kleidung zeigte ſeine Stellung zwiſchen beiden. In der Acker⸗ bauſchule gebildet, mit mäßigem Vermögen ausgerüſtet, das ſich durch die Heirath einer Wirthstochter aus der Hauptſtadt noch beträchtlich vermehrte, gehörte Faber zu jenen Männern, denen keine ſogenannte niedere Arbeit zu gering iſt, die aber auch mit überſchauendem offenem Geiſte ihre Thätigkeit erweitern und wol — 187— mit der Zeit die Erneuerung des ſtarken in ſich gefeſteten Bauern⸗ thums darſtellen. Faber ſah es gern, daß Franzſeph an ſeinen Verſuchen und Studien zur beſſern Ausnutzung der vorhandenen Bodenkräfte Theil nahm und Franzſeph war gern mit ihm, theils um der beſondern Ehre willen, theils auch weil Faber in einer noch immer fremden Zurückhaltung nie ermahnend in ſeine An⸗ gelegenheiten eingriff, während er ſonſt überall gröbere oder fei— nere Stichelreden über ſeinen halben Müßiggang hören mußte. Läſſige Menſchen— und ein ſolcher war Franzſeph— ſu— chen vornehmlich Umgang mit Halbfremden oder unterthänig Schmeichleriſchen; für Franzſeph gehörte Faber zu den erſteren und der Dorfſchütz zu den letzteren. Darum ſchloß er ſich faſt nur dieſen an und ſchien heiter und wohlgemuth. Dennoch fehlte ihm die rechte Herzensfreudigkeit, Alles war ihm wie mit einem trägen Nebel verdeckt, durch den nur die Liebe zu des Schlägel⸗ bauers Madlene oft wie ein heller Stern hindurch ſchimmerte; manchmal fürchtete er aber faſt die Vereinigung mit Madlene und ſah ſich einer Sklaverei entgegen gehen, in der er über jede Stunde und ihre Arbeitspflicht Rechenſchaft geben müſſe, manch⸗ mal hoffte er auch wieder, wenn er erſt Madlene ganz ſein nen⸗ nen würde, müßte wieder friſche Regſamkeit in ihn kommen und die oft unerklärliche Trübſinnigkeit ſchwinden. Dieſe Hoffnung ſtand nun aufs Neue im weiten Felde, denn der Schlägelbauer wurde von Tag zu Tage unwirſcher, wollte von Verſpruch nichts wiſſen und verlangte vor Allem ein Aufgeben der Kameradſchaft mit Faber. Franzſeph ſah darin nur eine Beſchönigung der Feind⸗ ſeligkeit, da der Schlägelbauer behauptete, ein Bauersmann, der keine Kapitalien habe und von der Ernte leben müſſe, könne ſich nicht in ſolche Sachen einlaſſen wie der Waſſerſtiefel. Franzſeph antwortete hierauf kaum, er wußte es ja beſſer, daß er mit ſei⸗ nem jetzigen ſcheinbaren Nichtsthun mehr gewinne, als wenn er ſich Schwielen an die Hände und Schweiß auf die Stirne arbeite. In läſſigem Trotz ritt und fuhr er um jede Kleinigkeit in die Stadt und machte daheim immer ein ſaures Geſicht als ſuche er etwas oder plage ihn ein geheimes Leiden. In der That hatte — 188— er immer einen ſo rothen Kopf, daß man meinte, das Blut würde ihm zu den Adern herausſpritzen. Die Mutter wollte den Arzt darüber befragen, und als ſie dies einſt ihrem Vetter Schlägel⸗ bauer klagte, hörte Franzſeph, der in der Kammer ſeine Zigarre rauchte, dieſen ſagen: „Schneid ihm die Blutadern aus ſeiner Soldatenmütze her⸗ aus, dann iſt dein Franzſeph geſund. Keid's nicht, daß er Zi⸗ garren raucht, dazu braucht man eine dritte Hand unt kann nichts dabei ſchaffen. Aber da iſt Alles kurz beinander, dein Franzſeph iſt halt ein Faullenzer, der kehrt ſich Morgens ſieben⸗ mal im Bett und wendet dem Teufel den Braten.“ Schnell riß Franzſeph die Kammerthür auf und rief: „Saget mir das noch einmal ins Geſicht hinein, frei heraus.“ „Kannſt's haben; ja, du biſt ein Faullenzer.“ „Wenn Ihr nicht der Vater von der Madlene wäret, läget Ihr jetzt am Boden.“ „Da müßt' ich auch dabei ſein. Freilich, du haſt deine Kräfte geſpart, du biſt ausgeruht; aber wegen meiner Madlene, da thu dir keinen Zwang an, auf die Art iſt's mit euch aus, daß du's nur weißt.“ Der Schlägelbauer bekam wieder ſeinen ſchweren Huſten und die Mutter beſchwichtigte den Streit und hieß Franzſeph wieder in die Kammer gehen; ſie geleitete dann den Vetter bis vor das Haus und Franzſeph hörte noch wie ſie ſagte: „Mein Franzſeph iſt ja der beſte Menſch von der Welt.“ „Das iſt wahr“, erwiederte der Schlägelbauer,„er wär mir eher ein bisle ſchlimm. Ich brauch keinen ſo Gutedel.“ „Ich bin ein Faullenzer!“ rief noch Franzſeph zum Fenſter hinaus und hoffte mit dieſem Selbſtbekenntniſſe einen großen Sieg gewonnen zu haben, die ganze Welt ſollte es hören, welch ein himmelſchreiend Unrecht ihm geſchah und Alles, vorab der Schlägelbauer, ſollte ihm Abbitte thun. Aber der Schlägelbauer ſchaute ſich nicht um und Franzſeph betrat die Schwelle ſeines Vetters nicht mehr; er ſah ſeine Mad⸗ lene nur noch auf verſtohlene Weiſe, die aber meiſt ſchweigſam — 189— und betrübt war. Was ſollte aus der Feindſeligkeit Franzſephs mit dem Vater werden? und wenn ihr jener klagte, daß ihm Alles ſo ſchwarz vorkäme und er keine rechte Luſtbarkeit in ſich ſpüre, mußte ſie die wahre Tröſtung verſchweigen, denn ſie hatte einſt geſagt: „Ich mein' auch, du ſchaffſt nicht genug.“ „Ich bin halt ein Faullenzer“ knirſchte Franzſeph. „Das ſag' ich nicht“, entgegnete Madlene,„aber“— „Genug“, unterbrach Franzſeph,„da drüben wohnt die Vroni, frag deinen Vater, woher ſie Wittwe iſt. Ihr Mann liegt in der Ernte krank im Bett, da geht ſie zu ihrem Vater und ſagt: in der harten Arbeite eit will er jetzt ins Bett liegen. Da will ich ſchon helfen, ſagt der Alte, nimmt ſeine Peitſche und haut auf den kranken Mann los bis er zum Bett herausſpringt — und zwei Tage darauf hat man ihn begraben. Wie meinſt, Madlene, ſollt' ich mir's auch ſo machen laſſen?“ „Du biſt ja aber nicht krank“, entgegnete Madlene „Das iſt All eins, es darf mir Niemand ſagen, ob ich ſchaffen ſoll.“ Von jener Zeit an hatte Madlene hierüber kein Wort mehr geſpeochen und Franzſeph fühlte wol ſelber, wie er ſich anders rühren miſſe, aber er konnte ſich nicht dazu bringen, daß er den Schein au ſich lade, auf fremde Ermahnung arbeitſam zu ſein; faſt nie ging er mit dem Geſchirr ins Feld, trug nie etwas über die Straße, ging immer los und ledig einher und gebarte ſich überhaupt als wäre er nur auf Urlaub daheim und ſei jede Ar⸗ beit, die er verrichte, beſondern Dankes werth. Ein geheimer Segen der Arbeit iſt allerdings durch die Ge⸗ botenheit aus fremder Ermahnung zerſtört, aber Franzſeph konnte nicht über ven kindiſchen Stolz hinauskommen, der ihn eben darum auch gegen ſeine Pflicht widerſpenſtig machte.— Wie er eben jetzt wiederum nicht ſelber die Wieden nach dem Bache trug und mit der Hakengabel ſpazirend daherſchritt, kam ihm der oft unter⸗ drückte Gedanke, geradeswegs zu dem Schlägelbauer zu gehen und ihm zu ſagen: Vetter, Ihr habt Recht und Ihr werdet ſehen, —y —— * 4* ———————— —=.* S= — 00 ich bin fleißig.... Aber ſein Athmen ging ſchneller ſchon vor Zorn über dieſen Gedanken, den er doch nicht bannen konnte und heftig ſchlug er mit der Hakengabel auf, denn es wurde ihm klar, daß ſeine bisherige Läſſigkeit ihn in eine verkehrte Lage ge⸗ bracht: wie er auch künftig ſich tapfer rühren möge, der Schlä⸗ gelbauer wird ihm immer mißtrauiſch aufpaſſen und er geräth dadurch in eine unerträgliche Botmäßigkeit, über die alle Men⸗ ſchen ſpotten müſſen; hätte er nie den Namen eines Müßiggän⸗ gers auf ſich geladen, da ſtünde er ganz anders da. Der Schluß⸗ punkt dieſer Wahrnehmung war folgerecht immer Zorn und Reue über die vergangenen und ſchlaffer Mißmuth ja Verwünſchun⸗ gen über die kommenden Tage, wobei er ſich jedesmal wünſchte, wieder unter den Soldaten zu ſein; da ſteht man doch unter ei⸗ nem feſten Commando, dem folgt man und hat ſich nicht von dem Blicke eines Jeden befehlen zu laſſen. Dießmal aber konnte er nicht hierbei beharren: am Montag begann die Ernte und die verſchloſſene Trutzigkeit, der Hader mit ſich und der Welt mußte auf eine oder andere Weiſe geändert werden. Franzſeph ſchickte den Knecht nach Hauſe und weichte mit der Hakengabel die Wieden im Bache ein. Er hatte ſich hierzu eine recht bequeme Stelle ausgeſucht, da wo auf eingerammtem Balken ein Brett befeſtigt war und eine Art Landungsbrücke bildete. Von hier aus konnte man auch ungeſehen beobachten, wer beim Schlägelbauer aus⸗ und einging. Jetzt ſah Franzſeph Madlene mit dem Vater daher kommen, ſie konnten ihn nicht bemerkt haben, er hatte ſich ſchnell hinter den Weiden verſteckt, dennoch hörte er wie der Schlägelbauer über den Bachſteg gehend oft vom Huſten unterbrochen ſagte: „Ein geſunder Menſch, der faul ſein kann, iſt der lieder⸗ lichſte. So ein lottriger Tagdieb meint wunder wie gut er ſei, weil er Niemand was ſtiehlt, er legt ſich auf die faule Haut und ſchreit immer: ich bin ja ſo gutmüthig, ich bin ja ſo brav.“ Franzſeph ballte beide Fäuſte und wollte ſchreien und flu⸗ chen, aber der Laut erſtickte ihm in der Kehle und drohte ihn faſt zu erwürgen. Er ſtarrte hinein in den Bach und wußte nicht wie 191 ihm geſchehen, ihm war ſo dumpf als hätte plötzlich ein ſchwerer Hammerſchlag ihn aufs Haupt getroffen; endlich raffte er ſich auf und nur der eine Gedanke lebte in ihm, wie er Rache neh— men könne für die erlittene Unbill; er konnte nichts finden, und doch wollte er durch eine gewaltige That zeigen, wie himmel— ſchreiend Unrecht ihm geſchehen ſei. Noch einmal durchblitzte ihn der Gedanke, durch raſtloſe Emſigkeit darzuthun, wie ſehr man ihn verkannt habe; aber ſchnell verwarf er dieſe Demuth wieder. Sollte er Jeden zum Zeugen ſeiner Rührigkeit aufrufen und ſich von ihm den Stempel ſeiner Geltung aufprägen laſſen?— Franzſeph war ein Soldat, dürfen dieſe verſeſſenen Bauertölpel über ſeine Ehre richten? Freilich mußte er unter dieſen Menſchen leben, aber ſie mußten einſehen lernen, daß er etwas beſſeres ſei als ſie. Darum erſchien es zuletzt am genehmſten, in trotziger Ver⸗ achtung den Unverſtand herauszufordern. Mitten in der Ernte, die übermorgen beginnen ſollte, wollte er ſonntäglich geſchmückt müßig und Zigarren rauchend auf den Feldern und im Dorfe um⸗ herſchlendern, bis Alle ihm Abbitte thun, daß ſie das ihm inwoh— nende Streben nach Arbeitſamkeit ſo grauſam verkannt hatten. Aber woher ſollten die Menſchen an eine Tugend glauben, von der ſich ihnen gerade das Gegentheil unter die Augen ſtellte? Sie müſſen es dennoch, denn was iſt eine Achtung und eine Liebe, die erſt die Beweiſe dafür in der Hand haben will? In der Seele dieſes jungen Mannes erhob ſich ein Wider⸗ ſtreit, den er in Worten nicht hätte darlegen können und doch bewegte ſich's in ihm und die Leidenſchaft erſchloß ungeahnte Quellen. Weit hinein ſtieß Franzſeph die Wieden, daß ſie den Bach hinabſchwimmen, als ſtieße er damit jeden Gedanken an Arbeit von ſich und er freute ſich ſeines kommenden Nichtsthuns wie einer Luſtbarkeit. Es liegt in der Trägheit eine eigne Wolluſt, ja man möchte ſagen eine Art Leidenſchaft voll unergründlicher Macht; wie im halbwachen Schlummer überſtürzen ſich in ihr Geſtalten und Em— pfindungen und begraben in ihren Wellen das ſelbſtmörderiſch — 192— hingegebene Leben. Auch von Madlene wollte Franzſeph nichts mehr wiſſen, wie von ſich ſelbſt nichts mehr. Eben wollte er auch die Gabel den davonſchwimmenden Wieden nachwerfen, da rief eine Stimme: „Franzſeph was machſt?“ und Madlene ſtand vor ihm. „Ich faullenze,“ entgegnete der Angeredete trotzig; das Mäd⸗ chen aber faßte ſeine Hand und wehrte ab: „Sag das nicht, du thuſt dir Unrecht.“ „Ich? wer thut mir Unrecht? Ich heiß das Liederlichſte auf Gottes Erdsboden und will's auch ſein. Glaubſt du nicht auch, daß ich faul bin?“ „Nein, Gott iſt mein Zeuge, daß ich das nicht glaube. Laß du die Leut' ſagen, was ſie wollen, ein Wort beißt nicht. Ich weiß beſſer wie du biſt. Du kannſt dich nur vom Soldatenleben her noch nicht in unſer Geſchäft finden. Ich ſeh dir's ſchon ſeit ein paar Tagen an, du willſt jetzt in der Ernt' zeigen, was du vermagſt; aber ich bitt' dich, überſchaff dich nicht, du biſt's un⸗ gewohnt und man hat eine Krankheit weg man weiß nicht wie, thu's mir zu lieb und ſchon' dich.“ Im Innerſten betroffen und erſchreckt ſchaute Franzſeph auf. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er in ſelbſtzerſtörendem Un⸗ muth dieſe Liebe verleugnet und jetzt richtete ihn ihre Zuverſicht ſtraff auf; er blinzelte mehrmals raſch mit den Augen und wie angerufen ſprang er dann plötzlich den davongeſchwommenen Wieden nach, watete in den Bach und holte ſie auch richtig ein. Jetzt konnte er ſich das Angeſicht von den aufgeſpritzten Tropfen abwiſchen und alle Düſterheit war plötzlich davon weggenommen. Madlene hatte dieſem verwunderlichen Thun betroffen zugeſehen; ſie litt unſäglich unter der Feindſeligkeit zwiſchen Franzſeph und ihrem Vater. Sie verkannte das herrſchſüchtige und geizige We⸗ ſen ihres Vaters nicht, aber auch das müßige Gehenlaſſen Franz⸗ ſephs war ihr deutlich, und ſo ſehr auch Feindſchaft zwiſchen den Beiden waltete, ſie wußte doch, daß ſie in Gedanken nicht von einander laſſen, denn Beide waren ſtolz und das verband ſie doch. Der Vater verbot ihr nie ausdrücklich den Umgang mit Franzſeph und that, als ob er von den heimlichen Zuſammen⸗ künften nichts wüßte, und Franzſeph ſuchte trotz alles Tobens doch nur nach einer Gelegenheit, um in Lob und Ehre vor dem Vater dazuſtehen. Lachend ſtand Franzſeph bald wieder bei ſei⸗ ner Madlene, und ſie ſprachen traulich wie in vergangenen Ta⸗ gen mit einander. Sie mußte ihm trotz alles Sträubens jedes harte Wort berichten, das der Vater über ihn geſagt, und dieſe Vorwürfe, die ihn ſonſt zu Toben und Raſen gebracht hätten, hörte er jetzt ſo heiter lächelnd an, als wären es lauter Lobeser⸗ hebungen. Nur als das Mädchen tericht daß ihr Vater nichts von ihm wiſſen wolle, ſo lange er die Soldatenmütze auf dem Kopfe habe, preßte er die Lippen zuſammen, nahm die Mütze ab, betrachtete ſie eine Weile und ſetzte ſie wieder keck auf. Als Mad⸗ lene hierauf erzählte, daß des Schultheißen Claus, der ſie immer von ihm abſpenſtig machen wollte, ſich bei ihrem Vater gut Kind mache, beſonders dadurch, daß er dem Waſſerſtiefel, wo er nur könne, eine Tücke anthue und daß der Vater ſie immer bereden wolle der Werbung des Claus nachzugeben— hörte Franzſeph ſelbſt das mit unveränderter Miene und ſagte endlich, daß er den Schlägelbauer auf Einmal zu ganz anderer Meinung über ihn bringen wolle. Er ließ ſich aber nicht bewegen, zu erklären, wodurch er dies bewirken wolle. „Wohin iſt dein Vater gegangen?“ fragte Franzſeph zuletzt. „Auf das Speckfeld, dort wollen wir am Montag— will's Gott— anfangen Winter⸗Gerſte ſchneiden.“ Die Sonne ſtand eben im Scheiden und ihr rother Wider⸗ ſchein glänzte im Bache und im Antlitze der Liebenden, die Hand in Hand daſtanden. Die Lippen Franzſephs zitterten, es lagen Worte darauf, die er nicht ausſprechen durfte, und ehe er's ge⸗ konnt hätte, ſchied er ſchnell von Madlene, denn ſie ſahen den Schlägelbauer von der Höhe jenſeits herabkommen. Franzſeph nahm die Wieden auf und trug ſie nun ſelbſt nach Hauſe; den⸗ noch machte er einen Umweg, um dem Schlägelbauer nicht zu begegnen. Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 13 — 194— Ein Sommernachtswerk. Zu Hauſe war Franzſeph voll Unruhe, die Mutter über⸗ raſchte ihn, als er ſich eben ein großes Stück Brod abſchnitt und in die Taſche ſteckte; er erwiederte auf ihre Frage, was er damit wolle, daß ihn oft in der Nacht ein Jähhunger plage, dem er vorſorgen müſſe. Die Mutter ſchüttelte den Kopf über das ſo auffällig veränderte Weſen ihres Sohnes und ſprach wie⸗ der vom Arzte, aber Franzſeph hörte nicht darauf und hatte noch allerlei in der Scheune herzurichten, als ob es früher Morgen und nicht einbrechende Nacht wäre. Er wich den Fragen hierüber aus und bat um die Kappe des verſtorbenen Vaters, die er zum Andenken in ſeiner Kammer haben wolle; die Mutter brachte ſie ſchnell, ſetzte ſie ihrem Sohne aufs Haupt und betheuerte, daß ſie ihm viel beſſer ſtehe, als die ſteife Soldatenmütze, der ſie höchſt unehrerbietige Namen gab. Franzſeph riß hierauf raſch die Kappe ab und ſetzte ſeine gewohnte auf, aber er gab die alte doch nicht wieder zurück. Franzſeph ging mehrmals durch das ganze Dorf und es kam ihm wunderlich vor, daß die Leute noch immer zögerten zur Ruhe zu gehen. Wie gern hätte er den Zapfenſtreich ſchlagen laſſen und den Leuten commandirt: Licht aus! ins Bett! Aber hier führte Jeder ſein eigen Regiment und kannte kein allgemeines Gebot. Jedem, der noch eine Weile vor dem Hauſe geſeſſen und ſich dann hinein unter Dach begab, wünſchte Franzſeph in beſonders nachdrücklicher Weiſe eine gute Nacht. Es war, als ob er Jedem beſonders dankte, der nur die Augen ſchloß, um ſein Vorhaben nicht zu ſehen. Endlich war Stille im Dorfe, über dem eine ſternglitzernde Nacht ſtand, der Mond kam heute erſt um Mitternacht herauf. Die Thüre, die an Franzſephs Hauſe nach dem Garten ging, öffnete ſich unhörbar, aber es kam Niemand heraus, nur eine tuchumwickelte Senſe wurde behutſam und geräuſchlos auf den Boden gelegt, erſt nach geraumer Weile kam ein Mann zum Vorſchein, ſchloß die Thüre, ſtand eine Weile ſtill horchend, nahm die Senſe auf und ſchlich durch den Garten hinaus ins — 195— freie Feld. Es war Franzſeph; er hatte aber, wol um ſich nicht ſo raſch kenntlich zu machen, eine andere Kopfbedeckung und zwar die pelzverbrämte Pudelkappe ſeines Vaters. Er athmete laut und hielt auf ſeinem raſchen Gange oft ein, hinaus lauſchend, ob er nicht fremde Schritte höre, aber es ließ ſich nichts erkunden, nur Heimchen und Heuſchrecken in Buſch und Gras hörten in der milden Nacht nicht auf zu zirpen. Gegen Norden ſtand die Nacht⸗ dämmerung, deren lichter Schein von der Mitte Mai bis Mitte Auguſt am Himmel nicht verſchwindet. Franzſeph ging nach dieſer Seite hin und es war ihm als ſchritte er hinein in den Tag, und nur wenn er ſich umkehrte, ſah er die volle Nacht. Franzſeph nahm die Senſe, die er bisher in der Hand tief am Boden gehalten hatte, frei auf die Schulter und ſchritt muthig vorwärts. Wie leiſe flüſternd wiegte ſich das Korn am Weg und ſog den bald letzten Nachtthau ein, der ihm noch beſchieden war; das wächſt und gedeihet ſtill während die Menſchenhände ruhen, die es geſäet und bald wieder einſammeln. Was raſchelt dort in den Halmen und kollert jetzt den Wegrain hinab? Es iſt wol ein Igel, der nächtig auf ſeine Nahrung ausgeht. Dort im Gebüſche winſelt und klagt es, das ſind Stimmen verſcheuchter Vögel, denen ein Marder, ein Wieſel Eier oder Junge geraubt. Das ganze Leben der Thiere iſt Suchen der Nahrung, der Menſch aber bereitet ſie durch die Arbeit. Franzſeph faßte ſeine Senſe feſter. Jetzt ging der Weg eine Strecke über die Landſtraße, wo hüben und drüben reichgeſtützte Obſtbäume ſtanden, und wie von unſichtbarer Hand gepflückt fiel bald da bald dort ein frühreifer oder wurmſtichiger Apfel nieder, kollerte auf der harten Straße oder fiel dumpf in das weiche Gras. Die Obſtbäume, deren feſter Stamm das Menſchenleben überdauert, bedürfen nur Schutz und Stütze von Menſchenhand und erzeugen von ſelbſt die Frucht; das Brod aber, des Menſchen vielbereitete Speiſe, reift nur in mühſam bearbeitetem Boden auf alljährlich ſich erneuendem Stengel. Wie war's jetzt in einſam ſtiller Nacht, als ob alles Ge⸗ wohnte rings umher ſeltſame Worte ſpreche und eine Offenba⸗ 13 196 rung ging aus von Halm und Zweig, die das Herz erbeben machte. Denn des Menſchen Sinn fühlt ein Beben beim Nahen des Allgeiſtes. Worte und Gedanken, die Franzſeph ehedem von Faber wie halb träumend vernommen hatte, erwachten jetzt wie mit heller Stimme und klaren Augen. Franzſeph pfiff nur ihm ſelber hörbar vor ſich hin. Endlich führte der ſchmale Fußweg mitten durch die Kornfelder. Franzſeph kühlte bald die eine bald die andere Hand im Thau, der auf den Halmen lag; er ſah hin— über nach dem Hopfenacker, deſſen lange Stangen wie ein ge⸗ tödteter Wald mitten im Felde ſtanden. Er mußte lächeln bei der Frinnerung an die Prophezeihung des Dorſſchützen, daß dieſe Stangen noch zu einer Generalprügelei verwendet würden— aber plötzlich hielt er an, er hörte in der That Schritte, die hin⸗ ter ihm drein kamen; ſchnell ſprang er in das Kornfeld, kauerte ſich in den hohen Halmen nieder und hielt den Athem an. Die Schritte kamen immer näher und jetzt hielt der unſichtbare Wan⸗ derer an der Stelle, wo Franzſeph verſchwunden war und dieſer überlegte raſch, wie er ſich verhalten müſſe, wenn er entdeckt würde; aber der Suchende ging vorüber und der Verſteckte ath⸗ mete frei. Der Flurſchütz hatte wol noch ſeinen nächtlichen Rund⸗ gang gehalten; es war nun ſicher, daß er in der heutigen Nacht nicht mehr in dieſe Gemarkung käme. Noch eine Weile verharrte Franzſeph in ſeinem Verſteck, dann wendete er ſich ſorglos rechts nach dem Speckfelde. Im Umſchauen däuchte es ihn einmal, als ob ſich die Stangen im Hopfengarten bewegten und ein Kniſtern und Knarren von dorther dringe; aber das war gewiß nur Täu— ſchung, wie ſollten ſich die feſten Pfähle jetzt beugen, da ein leiſer Windhauch kaum die Spitzen der Halme bewegte. Franzſeph ſchritt fürbaß und gelangte endlich zu ſeinem Ziele, er nickte mehrmals, denn er fand die Merkzeichen, daß er am Gerſten⸗ acker des Schlägelbauern war. Er nahm die Einhüllung von der Senſe und ſtrich mit dem Wetzttein ſo leiſe als möglich über die Schneide. Als aber jetzt die Thurmuhr im Dorfe zehn zu ſchlagen begann, wagte er es, gedeckt von dieſem Klange, kecker die Senſe zu wetzen und nun gings friſch ans Mähen, daß die Halme 197— rauſchend zu Boden fielen; dabei war er aber noch ſo haſtig, daß er mehrmals die Spitze der Senſe in den Boden bohrte, er zwang ſich nun zu gemäßigter Thätigkeit und ruhig vorwärts ſchreitend legte er die Halme nieder. Die Schwingung hin und her ging ſo geruhig und faſt mühelos, es war als ob in die Senſe ein eigen Leben gefahren wäre, ſie bewegte ſich wie von ſelbſt in ſeiner Hand, mähte die Halme und zog ihn allmälig nach. Vom Walde herüber hörte man das Krächzen und Winſeln junger Eulen, die ſich wol um eine Beute balgten. Was kümmert ſich der Thätige um all das Geſchrei um ihn her? Nur der Arbeits⸗ ledige horcht überall hin und findet darin willkommene Zerſtreu⸗ ung. Erſt als Franzſeph die volle Ackerlänge durchgemäht hatte, gönnte er ſich ein Aufathmen und die Art, wie er ſich reckte, zeigte jetzt, daß nicht Müdigkeit ihn lähmte, ſondern neue Lebens⸗ kraft ſeine Glieder durchſtrömte. Es duldete kein langes Ausruhen und rückwärts ging's in gleicher Thätigkeit, die ſo gleichmäßig im Takte fortſchritt, daß ſich Franzſeph eine Art Melodie dazu dachte. All das Denken, das am Tage und jetzt in der Nacht durch den Sinn Franzſephs gezogen, ruhte nun im tiefſten Grunde ſeiner Seele wie ein verborgenes Labſal. Wie bald aber ändert ſich wiederum Denken und Thun. Wieder auf dem erſten Ausgangspunkte angekommen, fühlte Franzſeph einen Hunger, wie er ihn ſeit lange nicht gekannt hatte, aber er blieb bei ſeinem Vorſatze, erſt nach drei vollen Mahden ſich eine Erholung zu gönnen, und nun dünkte ihn nicht mehr, daß die Senſe ſich von ſelbſt bewege und pfiff er auch keine Melodie mehr zur Arbeit; als gälte es einen Widerſacher zu erlegen, ſo ernſt und mit angeſpannter Kraft ſchritt er mähend vorwärts. Die Aehren rauſchten nieder und es ſumſte und ſchwirrte gar ſeltſam am Boden. Franzſeph hatte gegen ſeine Mutter mit dem Jähhunger geſpaßt, jetzt ſchien er ihn wirklich zu überkommen, jedes Ausholen mit der Senſe ward zur Beſchwerde, aber er ließ nicht ab und langte endlich von Schweiß triefend zum dritten⸗ male an ſeinem Ziele an. Er ſetzte ſich auf den Markſtein nieder und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Das iſt ein Thau, — 198— der die Menſchenkraft gedeihen macht, und das Brod, das der Einſame jetzt zum Munde führte, war nährenden Segens voll. So hatte noch nie ein Biſſen geſchmeckt. „Fleiß iſt Tugend“ hat Faber einmal geſagt, und jetzt tönte das Wort wie ein Segensſpruch von unſichtbaren Lippen um den jungen Mann, der allein in ſtiller Nacht ſein Brod verzehrte. Wohl giebt es einen Fleiß, der der Habgier und allen ſchlechten Trieben dienen muß, und doch iſt Fleiß, die lebendige Bethätigung der Kraft, Grundlage alles echten Thuenden, aller Tugend. Vom Dorfe herüber ſchlug es zwölf Uhr und der Nachtwächter rief die Stunde. Franzſeph konnte es kaum glauben, daß er ſchon ſo lange gearbeitet habe, er hatte ja keinen Glockenſchlag gehört; aber hört der Emſige denn die Stunde ſchlagen und rinnt ihm die Zeit nicht ungezählt dahin? Franzſeph kam ſich wie verzaubert vor. Das war ein Klin⸗ gen und Singen und Summen in der Luft und auf den Feldern, wie von zahlloſen unſichtbaren Weſen. Franzſeph fühlte eine un⸗ widerſtehliche Schlafſucht, aber er bewältigte ſie doch; umher⸗ ſchauend zwang er ſich, die ganze Umgebung im lichten Sonnen⸗ ſchein zu denken und jetzt kam der Mond rund und groß hinter dem Walde herauf und übergoß Alles mit mildem Scheine. Feld und Wald und Dorf lag im weichen Dämmerlichte ausgebreitet und aus dem Bache blinkte es da und dort hell herauf. Franz⸗ ſeph richtete ſich raſch auf und die Senſe glitzerte im Mondſchein wie er ſie aufhob und unterſuchte, er verbarg das verrätheriſche Blinken ſchnell unter den Halmen und mit neuem Muthe gings an die Vollführung des Werkes. Er gedachte wie der Schlägel⸗ bauer und mit ihm das ganze Dorf ſtaunen würde, wenn es ſich zeigt, daß der Faullenzer, während Alles ruhte, einen Morgen Gerſte niedermähte, und wie freudig Madlene jauchzen müſſe, daß ihre Zuverſicht ſich ſo beſtätigte. Er bedurfte dieſer Aufmun⸗ terung ſehr, denn immer mühſamer wurde ihm dieſe Arbeit und ſolch einſame Verkehrung der Nacht in Tag. Er wetzte die Senſe öfter als ſonſt und nicht mehr ſo behutſam. Der Nachtwächter, dachte er, glaubt freilich nicht mehr an den Dengligeiſt, aber er — 199— wird doch morgen Allen berichten, daß er ganz gewiß in vergan⸗ gener Nacht den verſchollenen Erntegeiſt im Felde habe die Senſe wetzen hören. Er wird dann dem Orte nachforſchen, von wo er den Klang vernommen und dann wird die Sache am ſchnellſten offenbar, denn ſelber kann ich ſie doch nicht verrathen und bis zum Montag warten könnte ich auch nicht. Wieder wetzte Franzſeph die Senſe anhaltender als je und ließ ſie dann noch faſt gefliſſentlich im Mondſchein blinken; er fürchtete nicht mehr von dem Flurſchützen überraſcht und geſtört zu werden, dieß wäre ihm wol eher erwünſcht geweſen. Er hatte ein gut Theil des Ackers gemäht und war ſo überaus müde, aufhören konnte er aber nicht, denn was ſollte die halbe Arbeit? Wurde er aber verſcheucht, ſo war es ja nicht ſeine Schuld, daß noch Rückſtändiges blieb, auch dieſes mußte ihm als vollbracht angerechnet werden, er hätte es ja ohne die Störung gewiß vollendet. So ſehr auch Franzſeph wetzte und endlich ſogar zu dengeln anfing, es ließ ſich Niemand ſehen oder hören, der ihn ſtören wollte und eine Zeit lang mähte er im Zorne fort und horchte auf jede Viertelſtunde, die es im Dorfe ſchlug. Endlich aber wurde er auch über dieſe Mißſtimmung Meiſter, und je mehr es gegen Morgen ging, erfreute er ſich ſeines Thuns. Mit dem erſten lichten Grau, das im Oſten aufdämmerte, belebte ihn immer mehr ein neuer Gedanke: nicht das Staunen und die Be⸗ wunderung des ganzen Dorfes erquickte ihn, er freute ſich über ſich ſelber, er hatte vor ſich bewieſen, daß er einen ſchweren Vorſatz vollführen kann. Jetzt war er auch des Zweifels ledig, ob er in den Tag hinein arbeiten wolle, bis man ihn bemerke, er war entſchloſſen, ſich davon zu machen, ehe man ihn ſah. Die Morgenwolken, die ſich immer mehr lichteten, warfen ihre Strah⸗ len hinein in den Mond und es war als ob zu dieſem Sonntag eine doppelte Sonne über der Welt aufgehe. Hier und da zwit⸗ ſcherte eine Lerche am Boden und ein Rabe flog krächzend wald⸗ aus, als wäre er der Bote der Nacht, der ihren Rückzug verkünde. Jetzt ſchwang ſich dort aus der Ferne eine Lerche keck empor und aus den thaufeuchten Halmen ſchwirrten ihr andere nach, vom — 200— Walde her und in den Hecken begann es zu zwitſchern und zu ſingen, die Sonne ſtieg in voller Pracht empor und mit freudi⸗ gem Siegesgefühle ſchaute Franzſeph zu ihr auf. Er hatte in ſtiller Nacht ein friſches Herz gewonnen. Er mähte noch bis zu Ende des Ackers. Nur noch eine Spreite ſtand. Sollte er ſein Werk im Tageslicht vollenden? Er hob die Senſe hoch hinauf ins Sonnenlicht und in ihm ſprach der Vorſatz, daß die Sonne immerdar ſeine emſige Arbeit erſchauen und ſie ſegnen möge; dann verbarg er die Senſe in einem noch hell grünenden Haber⸗ felde und eilte davon, aber er kehrte nicht ins Dorf zurück, er ſchritt nach dem Walde, er ſuchte nicht lange und hatte nicht den Schlaf anzurufen, bald war er auf dem Mooſe unter einer mäch⸗ tigen Tanne eingeſchlummert. Ein Feldfrevel. Im Hauſe des Landwirthes Emil Faber, genannt der Waſ⸗ ſerſtiefel, war noch Alles in lautloſer Ruhe, nur die Tauben in ihrem Schlage gurrten nach Freiheit und der Hahn krähte aus ſeiner Verborgenheit immer anhaltender. Das Haus war mit Ausnahme des offenen Schuppens noch ganz daſſelbe, wie es Luzian verlaſſen; nur hatte Alles eine friſchere Farbe und hie⸗ ländiſch fremde Pflüge und eine große Häckſelmaſchine zeigten, daß eine junge Kraft hier walte. Das Schlafzimmer der jungen Eheleute war nach dem ruhigen Grasgarten gelegen, wo ein Apfelbaum mit ſeinen rothbackigen Früchten faſt in die Fenſter hineinragte. Der luſtige Pfiff einer Grasmücke hatte von dort aus den jungen Mann geweckt, der eben im Ankleiden begriffen war, als er das Erwachen ſeiner Frau vernahm. „Guten Morgen Pauline“, rief der junge Mann,„es iſt noch früh, ſchlaf noch einmal und freue dich mit mir, heut iſt Sonntag.“ „Ja, guter Emil, und heut gehſt du mit mir in die Kirche?“ Auch, aber ich freue mich auch mit dem Sonntag, weil „— — 201— es an dieſem ſchönen Tage neubackene Bretzeln giebt,“ erwiderte der Mann mit kindiſchem Humor. Die Frau erzählte, daß ſie einen ängſtlichen Traum gehabt: die wegen des Zehntpachtes aufrühriſchen Bauern hätten das Haus angezündet und Niemand hätte retten und löſchen wollen als der Franzſeph, der endlich in den Flammen verſchwunden ſei. „Ach“, ſchloß ſie klagend,„ich habe mir das Landleben doch anders gedacht und du biſt auch ſo unnachgiebig und forderſt noch die Tücke dieſer rohen Menſchen durch den Zehntpacht her⸗ aus. Du wirſt ſehen, ſie bereiten uns irgendwo ein Verderben.“ „Das iſt auch meine Anſicht und eben darum hab ich den Zehnt gepachtet. Man muß den Menſchen einmal Gelegenheit geben, allen verſteckten Groll, den ſie in der Seele hegen, los⸗ zulaſſen. Ich bin der kleinen Plänkeleien, Tücken und Beinſtelle⸗ reien müde, ſie müſſen mir eine offene Schlacht liefern, ich bin darauf gefaßt. Wegen Brandſtifterei ſei ruhig, ſie wagen nichts ſo keckes und wiſſen auch, daß ich gut verſichert habe und gerne neu bauen möchte. Mit dem Franzſeph werde ich aber in dieſen Tagen ein ernſtes Wort reden; er muß ſeinen dummen Solda⸗ tenſtolz abthun.“ Der junge Mann, eine ungewöhnlich große Geſtalt mit flachsblondem Haare, trat an das Bette ſeiner Frau, ſtrich ihr mit der Hand über die Stirne und beruhigte ſie durch trauliches Zureden, dann verließ er das Zimmer, ging hinab nach dem Hofe, wo ihn der große Kettenhund mit Winſeln und Sprüngen begrüßte, er band ihn los und ſah nach dem Treiben der Knechte und Mägde, die ſich mittlerweile auch aufgemacht hatten und ſich zwiſchen den Tauben hin und her bewegten, die gurrend auf und nieder flatterten. Eben ſtand Faber bei einem neu eingetre⸗ tenen Knechte und lehrte ihn die Häckſelmaſchine beſſer hand⸗ haben, als der Dorſſchütze militäriſch grüßend in den Hof trat. „Was giebt's ſchon ſo früh?“ fragte Faber. „Euer Hopfenacker iſt verruinirt. So eben berichtet's der Flurwächter. Es ſteht kein' Stang mehr und alle Ranken ſind zerſchnitten.“ — 202— Trotz ſeiner ausgeſprochenen Gefaßtheit verfinſterten ſich dennoch plötzlich die Mienen des jungen Landwirthes; er hätte vielleicht einen perſönlichen Angriff leichter ertragen, als dieſe ruchloſe Zerſtörung einer mit beſonderer Liebe gehegten Pflan⸗ zung. Der Hund ſchaute bald in das Antlitz ſeines Herrn, bald in das des Botſchafters, gewärtig den Befehl zum Angriff zu vollziehen; brummend und mit aufgeſträubten Rückenhaaren um⸗ kreiſte er den Dorfſchütz, bis ihn ſein Herr zur Ruhe verwies. Nachdem Faber auf die Frage, ob die Sache bereits amtlich an⸗ gezeigt ſei, bejahende Antwort erhalten, kehrte er zu ſeiner Frau ins Haus zurück und bald ſah man ihn, mit den hohen Waſſer⸗ ſtiefeln angethan, der Hund vorauf, hinaus auf das Feld wan⸗ dern. Die Kunde von dem Geſchehenen hatte ſich raſch verbreitet und das Dorf frühzeitig geweckt, denn überall an den Fenſtern und vor den Häuſern machten Männer und Frauen Zeichen des Mitleides und der bedauernden Schuldloſigkeit gegen Faber, der ohne Anhalt mit großen Schritten fürbaß ging. Bald ſammelten ſich Gruppen Lautredender auf den Straßen und Alle ſchimpften auf den Feldfrevler, den man entdecken müſſe, damit er für den Schaden einſtehe und nicht die Gemeinde dafür büßen müſſe. Eine lärmende Gruppe hatte ſich nicht weit von des Franzſephen Haus bei dem Brunnen gebildet und hier hörte man vor Allem die Stimme des Schultheißen, der unnach⸗ ſichtliche Strenge verkündete und Alles aufbieten wollte, um den Miſſethäter zu entdecken. Der Schlägelbauer, der daneben ſtand, ſuchte ihn zu beruhigen und die Sache ins Spaßhafte zu ziehen, indem er ſchadenfroh lächelte; der Schultheiß aber rief: „Und wenn du's ſelber than haſt, laß ich dich gleich ein⸗ ſperren.“ Die Mutter Franzſephs, von dem frühen Lärm erſchreckt, kam herbei, ging auf die heftig Redenden zu und fragte was geſchehen ſei, ob man von ihrem Franzſeph etwas wiſſe, der heute die ganze Nacht nicht heimkommen ſei. Der Schlägelbauer winkte, aber die Mutter verſtand ihn nicht und jetzt ſchrie Alles über den verſteckten Faullenzer, an dem nun das Unglück hinausgehen werde, das er über das ganze Dorf bringen wollte. Während noch ſo Alles unter einander tobte, ſah man den Franzſeph, mit der ungewohnten Pudelkappe auf dem Haupte, vom Berge her⸗ abkommen. Der Schultheiß befahl ſchnell dem Dorfſchützen ihm entgegen zu gehen und ihn gefangen zu nehmen, aber ein Kame⸗ rad Franzſephs war raſcher als der nur langſam ſchlendernde alte Soldat, er ſprang vorauf und rief Franzſeph zu:„Lauf davon, du wirſt eingeſperrt.“ Franzſeph aber ſchien dieſen Zuruf nicht als ihm geltend zu betrachten, er ſchritt ruhig weiter und als ihm der Dorfſchütz, der jetzt bei ihm angelangt war, ſeine Verhaftung verkündete, fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne und lächelte ungläubig. Der Schlägelbauer hatte die Mutter überreden wollen, nach Hauſe zu gehen und ſich auf ihn zu verlaſſen, aber die Mutter ließ nicht von der Rotte, die ſich auf jedem Schritte vergrößerte, den ſie dem Franzſeph entgegen ging. Als ſie ihn endlich vor ſich hatten, wollte der Schultheiß in laute Schmähungen aus⸗ brechen, aber der Schlägelbauer unterbrach ihn, bat ums Wort, ging auf Franzſeph zu, faßte ſeine Hand, daß er in ſich erbebte und ſagte faſt ganz ohne Huſten: „Franzſeph ich hab dir Unrecht than, ich ſchäm mich nichts und ſag's frei vor allen Leuten. Ich hab gemeint, du ſeiſt blos ein ſo guter Tralle, der kein Schneid hat; jetzt haſt du zeigt, daß du die rechte Schneid haſt. Dein Sach' mag jetzt ausgehen wie ſie will, wenn du wiederkommſt, weißt du wo ich wohn! Verſtan⸗ den? Jetzt fürcht' dich nichts und ſei ſtandhaft.“ Die Mutter ſtand weinend neben ihrem Sohne und hielt ihre Hand auf ſeine Schulter gelegt. Franzſeph wußte nicht wie ihm geſchah, ein Fröſteln überkam ihn, daß er am ganzen Leibe zitterte. „Geſtehſt du was du gethan haſt?“ fragte der Schultheiß. „Ich weiß nicht was es euch angeht,“ entgegnete Franzſeph und der Schlägelbauer trat wieder vor und ſagte: „Mein Franzſeph leugnet nichts. Er iſt ein Mann, der Ku⸗ raſche hat und verſteckt ſich nicht hinter der Heck. Geſteh du's nur. 1. 204 Ja, ich ſag's für ihn, ja, mein Franzſeph hat heut Nacht des Waſſerſtiefels Hopfenacker abgeſchnitten und umgeſtürzt und hat rechtſchaffen Recht daran gethan. Wir ſind Manns genug für den Schaden aufzukommen, wir brauchen den Gemeindebettel nicht, und die Paar Wochen Straf bringen ihn auch nicht um. Mein Franzſeph hat Schneid und iſt kein guter Tralle. Jetzt laß ihn frei, Schultheiß, er entlauft dir nicht.“ Die Bruſt Franzſephs hob und ſenkte ſich mit ſchwerem Athem er drückte ſich mit der Hand die Augen zu als müſſe er ſich be⸗ ſinnen, ob er nicht träume. „Du kannſt nicht für ihn reden,“ entgegnete der Schultheiß, „er wird ſelber das Maul bei ſich haben; red du ſelber, Franz⸗ ſeph, du biſt immer ein guter Kerle geweſen, ich kanns noch nicht recht glauben.“ „Er iſt kein guter Kerle,“ unterbrach der Schlägelbauer. „Ins Teufels Namen, laß ihn ſelber reden,“ kreiſchte der Schultheiß,„ich will kein Wort mehr von dir.“ Franzſeph ſchaute jetzt mit zuſammengepreßten Lippen ſtar⸗ ren Blickes auf den Schlägelbauer; offenbar hat dieſer in ſeinem Haß den Feldfrevel begangen und verlangt nun, daß ſein Schwie⸗ gerſohn fur ihn einſtehe. Franzſeph war bereit dazu, obgleich er nicht recht wußte, was daraus werden ſolle und es ihm tief wehe that, daß er, der allein Fabers Freund war, in deſſen Augen als hinterliſtiger Heuchler erſcheinen müſſe. Als aber jetzt auch der Schultheiß auf die Gutmüthigkeit anſpielte, regte ſich ein ſelt⸗ ſamer Stolz in Franzſeph und er rief laut:„Ich bin kein guter Kerle, ja, ja, ich hab Alles than, was der Vetter Schlägelbauer ſagt.“ Alles war ſtumm vor Entſetzen, nur des Schultheißen Claus, der eben mit einem Landjäger herzugetreten war, lachte laut auf. Franzſeph wurde dem Landjäger übergeben und nach der Amtsſtadt abgeführt, der Schlägelbauer geleitete die weinende Mutter tröſtend nach Hauſe. 205 Fremde That. Als der Landwirth Faber nach Hauſe kam, hörte er zu ſei⸗ nem Entſetzen, wer die ruchloſe That vollbracht habe, und die neubacknen Bretzeln, auf die er ſich ſo kindiſch gefreut hatte, woll— ten ihm gar nicht munden. Die Frau, die ſich ihrem tempera— mentvollen Manne gegenüber auf ihre ruhige Menſchenkenntniß viel zu gute that, behauptete, daß ſie ſchon lange etwas Heim— tückiſches und Hinterliſtiges an Franzſeph bemerkt habe, daß ſie aber geſchwiegen hätte, um nicht wiederum für mißtrauiſch zu gelten. Faber beſtritt das Vorhandenſein dieſer Weltklugheit, und wie das ſo leicht geſchieht, eine Unbill von außen erzeugt leicht Mißſtimmung und Streit zwiſchen den Betroffenen; das gekränkte Herz heiſcht oft, ohne es geſtehen zu wollen, eine Tröſtung und jede ungeſchickte oder unerwartete Berührung wird zu einer Diſ— ſonanz. Faber behauptete ſtreng verweiſend, daß Niemand dieß habe von Franzſeph vorausſetzen können und die Frau ſuchte ver⸗ ſöhnend abzuſchließen, indem ſie die Furcht vor neuer nicht ſo leicht zu verſchmerzender Unbill darlegte und ihren Mann bat, die Beſchä⸗ digung ungeſühnt zu erleiden, den Franzſeph frei zu machen und durch dieſe Hochherzigkeit das ganze Dorf zu beſchämen und zur Freundſchaft zu zwingen. Das war aber gerade ein neu aufrei— zender Vorſchlag und Faber ſchwur und betheuerte, daß er un⸗ nachgiebig den ſtrengen Rechtsweg in dieſer Sache verfolge, von dem ihn nichts abbringe. Er ſetzte eilig eine Klagſchrift an das Amt auf, in der er einen genauen Augenſchein forderte. Er ſchrieb noch mit fliegender Feder als Madlene mit verweinten Augen eintrat. Faber kannte das Mädchen wohl, dennochffragte er nach Namen und Begehr und ohne ein Wort zu erwiedern, ſchüttelte er auf die Bitte„Gnade für Recht ergehen zu laſſen“ verneinend den Kopf, ſiegelte die Schrift, verließ die Frau, die Madlene zu tröſten ſuchte, ging nach dem Hof und ſchickte ſogleich einen rei— tenden Boten mit der Schrift nach der Stadt. Bald kehrte er wieder in die Stube zurück und fragte Madlene, ſeit wann der Franzſeph Rägelſchuhe trage. Das Mädchen behauptete, daß er nur Stiefel mit eiſenbeſchlagenen Abſätzen habe und ſprach durch die Mittheilung ermuthigt, daß man die Spuren von Nägel⸗ ſchuhen im Hopfenacker gefunden habe, die Ueberzeugung aus, daß Franzſeph unſchuldig ſei; zwar habe er ſelbſt geſtanden, aber wer wiſſe, was ihn dazu veranlaßt habe. „Dann hat er fremde Schuhe geborgt oder Helfer gehabt, es muß ſich Alles erweiſen“ entgegnete Faber, verließ abermals in Unruhe das Zimmer und ſchickte einen zweiten Knecht als Wache nach dem verwüſteten Hopfengarten, damit Niemand hin— eintrete und die ganz deutlichen Fußtapfen verwiſche. Während er dem Knechte noch ſein Verhalten genau vorſchrieb, ſah er Mad⸗ lene das Haus verlaſſen; ſie ging zu der Mutter Franzſephs, die ob des Geſchehenen ganz untröſtlich war und immer behaup⸗ tete, ihr guter Franzſeph müſſe zu dem Schelmenſtreiche verführt worden ſein, denn ſo etwas käme nicht aus ſeinem braven Her⸗ zen und zu einem ſolchen Streiche könne er nicht des Vaters Pu⸗ delkappe aufgeſetzt haben. Sie hatte die Soldatenmütze ihres Soh⸗ nes auf den Tiſch geſtellt und ſah immer weinend und händerin⸗ gend darauf, als würde ſie nie mehr das Haupt ſehen, das da— mit bedeckt war... Unterdeß ſchritt Franzſeph von dem Landjäger gefolgt, laut⸗ los die Straße dahin. Als ſie an der Anhöhe vorüber kamen, wo das abgemähte Gerſtenfeld war, däuchte es ihn, als müſſe ſich von dort irgend ein Zeichen für ihn erheben; aber wer konnte ſprechen, wer Zeugniß ablegen für ihn? Ueber den Spitzen der Kornfelder wob ſich ſchwebend ein funkelnder Duft und aus dem Thal und von der Höhe klangen die Morgenglocken. Franzſeph ſchritt ruhig weiter und gedachte der hellen Stunde, da er froh begrüßt und geehrt dieſen Weg heimwärts ziehen werde. Mit wachen Augen ging er halb träumend hin und konnte ſich nicht klar machen, was geſchehen war und noch geſchehen ſolle. Als man endlich in der Amtsſtadt angekommen war und alle Leute nach dem jungen Verbrecher umſchauten und der Hausknecht des Greifenwirths, ein ehemaliger Kamerad, ihn mit ſeltſamem Lächeln bei Namen rief und grüßte, da fing es ihm an doch bange zu — 207— werden; aber immer noch däuchte ihn Alles nicht wahr, und erſt als er allein im Gefängniß ſtand, erwachte er plötzlich und er ballte beide Fäuſte und ſchlug gegen die ungerechten Mauern und ſchrie laut auf. Die Mauern wichen nicht und der Schrei verhallte von Niemand gehört.— Was nützte jetzt Alles Beſin⸗ nen und Ueberdenken? Es ließ ſich nichts heraus preſſen. Endlich legte ſich Franzſeph beruhigt nieder, mit der feſten Zuverſicht, daß der Schlägelbauer der Sache bald ein Ende machen werde. Man brachte ihm Eſſen, er ließ es unberührt ſtehen. Die gebro⸗ chene Nachtruhe, die ungewohnte Arbeit, die Gemüthsbewegungen und der Weg, Alles machte ſich geltend um Franzſeph in einen bleiernen Schlaf zu verſenken. Als er erwachte mußte er ſich be⸗ ſinnen wo er war; dunkle Nacht und Einſamkeit umher. Das ganze Leben war verändert, die Nacht war zum Tage, der Tag zur Nacht geworden. Ein zerſchnittener Lichtſtreif des Mondes fiel in ſeinen Kerker und leuchtete Franzſeph beim Verzehren des kalt gewordenen Mahles, über das er ſich zuerſt hermachte. Er fühlte ſich neugeſtärkt und meinte, er müſſe jetzt gleich erlöſt wer⸗ den; es war genug des ſchlimmen Scherzes. An dem hohen Fen⸗ ſtergitter ſich mit beiden Händen anhaltend ſchaute Franzſeph hinein in die Mondnacht. Plötzlich war's ihm, als ob er einen Schlag an den Kopf bekäme, ſo nahe dröhnte die Thurmuhr der Stadt, die in gleicher Höhe mit der Gefängnißzelle war. Es ſchlug eins. Das war ein anderes Warten auf den Tag als in vergan⸗ gener Nacht im freien Felde. Jede Viertelſtunde, die es ſchlug, klopfte mit leibhaftigem Pochen an das Haupt Franzſephs und durchdröhnte ſeinen ganzen Körper und ſelbſt als er ſich wieder auf die Pritſche legte, hörte das nicht auf, und durchbebt von dieſen Klängen mußte er der vielen Stunden gedenken, die er in halb ſtolzer halb feiger Läſſigkeit verträumt und vertrödelt hatte; er ſprang oft auf und ſtreckte die Hände empor voll heißen Ver⸗ langens nach Arbeit. Heute wollte er ja rüſtig ans Werk und nimmer läſſig werden; warum war er gefangen? Ein bläulicher Schimmer zeigte ſich am Himmel, kein Lerchen⸗ ton war vernehmbar, nur der ächzende Pendelſchlag der Thurm⸗ — 208 uhr, hin und her. Ein heller Tag brach an, ein echter geſegneter Erntetag. Je weiter die Stunden vorrückten, um ſo lebhafter dachte ſich Franzſeph, wie jetzt Alles daheim ſich zur Arbeit rüſtet; nur er allein mußte träge ruhen, und als eine Seligkeit erſchien es ihm jetzt die Senſe zu handhaben, er ſehnte ſich nach dem Griff der Senſe wie nach der Hand eines Freundes; weinend vor Zorn und Wehmuth wälzte er ſich auf ſeinem Lager, da öffnete ſich endlich die Thüre und der Gefangenwärter trat mit dem Land⸗ wirth Faber ein. Der erſte Anblick erſchreckte Franzſeph ſo, daß er ſtarr da ſtand, aber raſch ſtreckte er dem Faber die Hand entgegen, die dieſer indeß weigerte und mit ruhigem Ton erklärte: er habe ſich von dem Unterſuchungsrichter eine Unterredung erbeten bevor das Verhör beginne, es ſei ihm noch unfaßlich, daß gerade der einzige, der ſich ihm vertraulich angeſchloſſen, den Frevel ausge⸗ führt habe, Franzſeph ſollte daher bekennen, wer ihn dazu verlei⸗ tet und wer ihm dabei geholfen habe. Franzſeph ſtarrte lautlos drein und ließ ſich trotz alles Drängens zu keiner Antwort herbei. Als indeß Faber auf die Stiefel deutend ſagte: „Solch eine Fußſpur findet ſich gar nicht in meinem Hopfen⸗ acker, Ihr müßt alſo blos Wache geſtanden und Andere Euch ge⸗ holfen haben,“ da zuckte Franzſeph zuſammen und ſagte endlich: „Lieber Herr Faber, wenn ich ſagen könnte, wem die anderen Fußſpuren gehören, verſprecht Ihr mir die Sache aus und vor⸗ bei ſein zu laſſen um eine billige Entſchädigung?“ „Nein, und wenn ich den Menſchen an den Galgen brächte, ich könnte ihn mit Luſt baumeln ſehen.“ „Dann hab Ich's gethan und ſonſt Niemand,“ fiel Franz⸗ ſeph ein. „Das geht nicht mehr, wir haben das Bekenntniß, daß Ihr anders ausſagen könnt, wenn Ihr wollt.“ „Ja, wenn ich will,“ entgegnete Franzſeph halb trotzig halb wehmüthig. Faber ſuchte ihn nun mit aller Güte zu bereden, den wahren Sachverhalt zu bekennen, er werde als Verführter nur eine geringe Strafe bekommen und beſchwor ihn zuletzt aus Ach⸗ — 209— tung vor ihrer ehemaligen Freundſchaft ihm nicht das Leid an⸗ zuthun, daß er nun an keinen guten Menſchen mehr glauben dürfe. Dieſes Wort„gut“ machte aber wieder die verkehrte Wir⸗ kung auf Franzſeph und er verfiel in erzwungenen Trotz und Starrſinn, der ſich nur zu den Worten verſtand, daß er dem Un⸗ terſuchungsrichter allein Antwort ſchuldig ſei. Faber mußte ſich zwingen noch weiter zu ſprechen und in den Mienen Franzſephs zuckte es als er hörte, daß geſtern im Dorfe Jeder dem Andern auf die Schuhe geſehen habe, daß man am Abend an des Schult⸗ heißen Haus einen brenzlichen Geruch wahrgenommen habe, der vielleicht davon herkäme, daß des Schultheißen Claus ſeine Schuhe verbrannt habe. Auch hierauf ſchwieg Franzſeph, lachte aber in ſich hinein. Eben wollte Faber weggehen, als Madlene eintrat, ſie konnte vor Weinen erſt gar nicht reden, dann klagte ſie durcheinander über das Zuchthaus, dem Franzſeph entgegen gehe und dann wieder über ihren Vater, der ſie nun doch noch zwingen wolle des Schultheißen Claus zu heirathen, der ihn ganz umgarnt habe und durch einen Streich, den man nie von ihm geglaubt hätte den Vater ganz gewonnen habe. „Was ſagt denn dein Vater über mich?“ fragte Franzſeph. „Ja, ich ſag dir's frei,“ erwiederte Madlene,„er ſchimpft auf dich und ſagt, du habeſt den Hofenacker nur verwüſtet, da⸗ mit man dich einſperrt und du in der Ernte faullenzen kannſt.“ „Da thut er nur ſo, er weiß beſſer wie's ſteht,“ entgegnete Franzſeph lächelnd, aber dieſe verſteckte Bosheit that ihm doch wehe und war unbegreiflich.„Warum iſt denn der Claus ſo wohl dran? Was hat er denn gethan?“ fragte er dann wieder. „Denk nur, der hat, um zu zeigen was er vermag, Sam⸗ ſtag Nacht einen ganzen Morgen Gerſte im Speckfeld abgemäht.“ „Das hat der Claus gethan?“ „Ja, er hat meinem Vater bewieſen, daß er die ganze Nacht nicht daheim geweſen iſt und jetzt möcht' der ihn auf Händen tragen.“ Franzſeph jauchzte laut auf, die Umſtehenden ſahen ihn be⸗ Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 14 210— troffen an als wäre er plötzlich wahnſinnig geworden, denn Franz⸗ ſeph ſchnalzte mit beiden Händen und tanzte im Gefängniß um⸗ her. Auf die ängſtlichen Bitten Madlene's beruhigte er ſich wie⸗ der und fragte: „Paß auf was ich ſag: war dein Vater Samſtag Nacht da⸗ heim?“ „Ja, er hat ſeinen böſen Huſten gehabt und hat faſt kein Aug zuthan.“ k Wieder jauchzte Franzſeph hell auf und umarmte ſeine Mad⸗ lene und den widerwilligen Faber und erzählte endlich den gan⸗ zen Hergang: wie ſeine Senſe noch im Haberfelde liegen müſſe und wie er die That nur für den Schlägelbauer übernommen habe. Er bat dann vor Allem den Faber ihm wieder gut Freund zu ſein, was dieſer auch gewährte. Franzſeph und Madlene fuhren mit Faber in ſeinem Kütſchle nach dem Dorfe zurück, aber ohnweit des Dorfes beim Speckfeld ſtieg Franzſeph ab und Madlene folgte ihm. Sie fanden bäld die Senſe im Haberfelde und Franzſeph mähte noch ſchnell jetzt un⸗ ter dem Blicke der Geliebten, die noch ſtehende Spreite des Gerſtenfeldes nieder. Mit der Senſe auf der linken Schulter und ſeine Madlene an der rechten Hand führend kehrte Franzſeph wie⸗ der in das Dorf zurück.... Es iſt nicht mehr viel zu erzählen. Die Nägel von den ver⸗ brannten Schuhen des Claus fanden ſich richtig in der Aſche; im Zuchthaus trägt jetzt der Claus Holzſchuhe. Wer weiß ob nicht der tückiſche Schlägelbauer den Franzſeph lieber ins Unglück getrieben hätte, als daß er ihm, wie jetzt ge⸗ ſchah, ſeine Tochter geben mußte. Freilich ein großes Glück war das auch, trotz der Liebe Madlene's, doch nicht. Schwäher und Tochtermann lebten nicht gütlich mit einander. Franzſeph arbei⸗ tete für zwei und doch mußte er faſt täglich von ſeinem Schwä⸗ her hören, daß er ein Faullenzer ſei; jetzt aber lächelte er darüber, es machte ihn nur zornig, ſo lange es eine Wahrheit war, den ungerechten Schimpf hörte er ruhig an und das verdroß den Schlägelbauer ſo ſehr, daß er ſich ein Leibgeding⸗Haus baute, — 211— aber er bezog es nicht mehr und Franzſeph iſt Schlägelbauer. Die Soldatenmütze hängt über dem eingerahmten Abſchiede als Andenken, Franzſeph und ſeine Buben tragen Pudelkappen. Fabers Hopfenacker iſt wieder im beſten Gedeihen und Franz⸗ ſeph hat richtig einen eigenen ergiebigen im Speckfeld angelegt. Kein Weg iſt betretener als der Gartenweg von des Schlä⸗ gelbauern Haus zu dem Fabers, und wenn Pauline Faber von ihrer raſchen Menſchenkenntniß ſpricht, ſagt ihr Mann neckend: denk an Franzſeph.— Das iſt die Geſchichte, warum an des Schlägelbauern Haus Hopfen und Gerſte angemalt ſind. TII. 8 — — 8 — — S — — — — —— Das alte Liebespaar. Woohlgemuther und feiner war kein Mädchen im Dorfe anzuſchauen als des Bäckers Zilge. Nach dem Landesbrauche än⸗ derte man ihren Taufnamen Cäcilie in Zilge, und das konnte wohl paſſen, denn man nennt hier zu Lande auch die Lilie Ilge, und des Bäckers Töchterlein war ſo weiß und fein wie eine Lilie. Man ſah Zilge ſelten auf der Straße und nie im Felde. Sie ſaß jahraus jahrein beim Küfer auf der Winterhalde am Fenſter und fertigte weiße Stickereien für Schweizer Fabriken, die ihre Gewerbthätigkeit immer tiefer in das Grenzland herein ausdeh⸗ nen. Zilge war ſchon früh verwaiſt. Ihr Vater war Bierbrauer und Bäcker im obern Dorfe geweſen, aber als leidenſchaftlicher Prozeßkrämer in Armuth und Noth geſtorben, und Zilge kam in das Haus des ihr verwandten kinderloſen Küfers wo ſie als Kind des Hauſes hätte leben können, wenn ſie einen gewiſſen trotzigen Uebermuth zu bannen vermocht hätte; ſie aber blieb herriſch und verlangte von Jeglichem Unterwürfigkeit, ſo daß ſie am Ende von einer Verwandten der Küferin im Hauſe verdrängt wurde. Sie trug das gleichmüthig, denn ihr Stolz war doch ge⸗ wahrt. Der einzige Bruder Zilge's war ſchon in der Fremde als Bäcker und Bierbrauer. Es gab eine Zeit wo der Maurer⸗Seb viel beneidet wurde, daß die feine Zilge ihn vor Allen auserwählt hatte. Das war aber ſchon lange, denn vierzehn Jahre waren es, ſeitdem die Liebesleute unverbrüchlich einander anhingen. Zilge war beim Beginne ſiebzehn und Seb neunzehn Jahre alt geweſen. Im Frühling, bevor Seb regelmäßig auf die Wanderſchaft zog, und —— — 216— im Herbſte, wenn er heimkehrte, gingen die Beiden miteinander an Sonntag Nachmittagen einſame Pfade, die Gartenwege zwiſchen den Maßholder⸗Zäunen und durch die Felder. Sie führ⸗ ten einander nicht an der Hand, ſie ſchlangen nicht die Arme in einander, und doch hielten ſie feſt zuſammen. Manchmal auch gingen ſie nach dem Nachbardorfe Weitingen, aber ohne dort in ein Wirthshaus einzukehren. Zilge duldete keine unnöthigen Ausgaben, Seb beſuchte nur einen Handwerksgenoſſen, der ſchon einen Hausſtand hatte und oft mit ihm in der Fremde arbeitete. Wenn eine Luſtbarkeit im Dorfe war, zogen ſich die Beiden da⸗ von zurück, auf dem Tanzboden ſpielte jetzt ein junger Nach⸗ wuchs die Hauptrolle, der noch in die Schule gegangen war, als Seb und Zilge ſchon ans Heirathen dachten und ſie hatten nicht Luſt ſich darunter zu miſchen; und zu ihren Altersgenoſſen taug⸗ ten ſie auch nicht, denn dieſe waren faſt Alle verheirathet. Warum aber zögerten ſie ſo lange? Anfangs verweigerte ihnen die Gemeinde wegen ihrer Armuth die Niederlaſſung, und als ſie ſich beide etwas erſpart hatten, muthete das Zilge ſo ſehr an, daß ſie es erſt weiter bringen wollten, ehe ſie einen Haus⸗ ſtand gründeten. Sie wußte viele Beiſpiele anzugeben von Ehe⸗ paaren, die nach kurzem Wohlſtand und Frieden ins Elend ge⸗ rathen waren, und ſie beharrte dabei: vor der Ehe ließe ſich leichter ſorgen, als nach derſelben. Seb war oft unwillig, dieſes Hinhalten Zilge's that ihm tief wehe, er klagte manchmal, daß Zilge ihn eigentlich nicht von Grund des Herzens lieb habe, ſonſt könnte ſie nicht ſo lange zö⸗ gern, ſie aber wußte mit kluger und inniger Rede ihn immer wieder zu beſchwichtigen; und es zeigte ſich ja auch, daß ſie ge⸗ treulich an ihm hielt. Oft gingen ſie ſchweigend große Strecken Weges, bisweilen aber ſprachen ſie auch über das Hauptkapitel, das unglücklich Liebende heutigen Tages ebenſo unweigerlich ver⸗ handeln, wie vor Zeiten Entführung und heimliche Trauung und das Kapitel heißt: Amerika. Seb ſprach davon, daß er auch über's Meer ziehen, ſich umſehen und etwas erwerben wolle, um dann ſeine Braut zu holen oder nachkommen zu laſſen. Der ganze — 1 Charakter Zilge's war darin ausgeſprochen, indem ſie einmal darauf erwiederte: „Wenn ich ein Burſch wär, und ich hätt' ein Mädle, wie ich eins bin, und ich hätt' das Vertrauen zu ihm, daß es mir getreu bleibt, ich thät' nicht viel mit ihm überlegen; ich thät', was ich mein', das recht iſt. Wenn du von ſelber nach Amerika gangen wärſt, und hätteſt mir geſchrieben: Zilge, ich bin da und ich will ſehen, ob ich hier unſer Glück gründen kann, ich hätt' dir wieder geſchrieben: Da thuſt Recht dran, und du darfſt nur winken, da komm' ich. Jetzt aber mit mir überlegen, kannſt du die Sach' nicht, ich verſteh's nicht und will's nicht verſtehen und mit meinem Willen laſſ' ich dich nicht ſo weit über's Meer.“ „So geh gleich mit.“ „Das mag ich auch nicht.“ Die Beiden überzählten oft, wie viel ſie bereits erſpart hat⸗ ten, und ſo beſtand ihr Geſpräch meiſt in Sorgen und Ueber⸗ legen. Zilge trat endlich mit ihrem Entſchluſſe heraus, daß ſie nicht heirathe, bis ſie ihr eigen Haus habe, ſie ſei ihr Lebenlang genug bei fremden Leuten herumgeſtoßen worden, ſie wolle auch einmal wiſſen, wie ſich's unter eigenem Dache lebt, und ſie könne es den Kindern nicht anthun, daß ſie keinen Unterſchlupf hätten, wo ſie hin gehörten, und wo ſie Niemand vertreiben könne. Der Maurerſeb mochte im Gütlichen erklären, daß es viel klüger wäre, wenn ſie ſich von ihrer Erſparniß einen guten Acker kauften für den Kartoffelbrauch, und eine Wieſe um eine Kuh zu halten, Zilge widerſprach und behauptete, daß ſie beim Sticken mehr verdiene, als wenn ſie das Feldgeſchäft verſehe, auch könne man nicht im Felde arbeiten und dann wieder ſticken, man müſſe zu ſolcher Arbeit die Hände fein erhalten. Sie beharrte bei ihrem Entſchluſſe: Ohne eigen Haus kein eigner Heerd. Oft dachte Seb daran ſein Vorhaben auszuführen, ohne Zilge darum zu fragen, und wer weiß, ob ſie ſich nicht darein gefunden hätte; aber ſeine Liebe zu ihr hielt ihn wiederum davon ab, nach eigenem Gut⸗ dünken zu handeln. Wollte er dann irgend ein wohlfeiles Häus⸗ chen von einem Auswanderer kaufen, hatte Zilge wiederum aller⸗ — 218— lei Einwürfe; dieſes war zu finſter für die Stickarbeit, jenes nur ein halbes mit böſen Inwohnern u. dgl. Sie ſagte dann auch oft:„Ich thät' mich ſchämen, wenn ich ein Schneider wär', mir einen alten Rock zu kaufen. Wozu biſt denn Maurer? Bau' dir doch ein Haus. Oder kannſt's nicht? Sag's nur.“ So lebten die Beiden vierzehn Jahre, und Manche bedauer⸗ ten im Stillen den Seb, oder ſagten es ihm auch, daß er an Zilge gebunden ſei, denn dieſe hatte wenig Freundlichgeſinnte im Dorfe. Man war ihr gram, weil ihre Lebensweiſe ſich ſtreng von der im Dorfe abſchied, und weil ihr ſtolzes Weſen es dahin gebracht hatte, daß eine Verwandte der Küferin, die aus Wei⸗ tingen war, an Kindesſtatt angenommen wurde; das hätte Zilge mit ein bischen Klugheit und Nachgiebigkeit für ſich erringen können, und Seb brauchte ſich dann nicht ſo zu plagen; ſchließ⸗ lich aber vereinigte ſich Alles darin, daß Zilge unerhört hoch⸗ müthig ſei und immer unverzeihlich ſauber daherkäme. Endlich im fünfzehnten Frühling ihrer Liebeszeit kam der Seb vom neuen Ziegler herauf, der ſich links im Thale ange⸗ ſiedelt hatte und berichtete freudig, daß er vom Ziegler die An⸗ höhe mit den zwei Tannen grade gegenüber vom Küfer als Bau⸗ platz gekauft habe, und der Ort ſchien wohl gelegen, denn der Blick ging hinaus über die Wieſen nach dem jenſeitigen Wald⸗ berge: „Ich dreh' das Häusle'rum“, ſagte er triumphirend zu Zilge„und richte alle Fenſter ins Freie, daß dir Niemand zu⸗ gucken kann als die Sonn'. Es freut mich, daß ich dir deinen Willen thun kann, und du wirſt ſehen, was ich herſtelle!“ Das luſtige Hüusle. Mit unermüdlicher Emſigkeit arbeitete nun Seb und ſein Vater, den er dafür bezahlte, als ob er für einen Fremden arbei⸗ tete, an ſeinem Hauſe. Sie mußten die Grundmauern tiefer legen als ſie ſich gedacht hatten, denn ſie kamen bald auf eine Schicht von Triebſand; ſie wollten ſie ausheben, aber je tiefer ſie gruben, — 219— je nachhaltiger ſchien die Sandſchichte zu werden, und ſie legten endlich doch die Steine auf dieſelbe. Der Vater warnte wieder⸗ holt, daß dieſer Grund kein Haus trage, und daß es überhaupt unpaſſend ſei, hier an den Bergrücken zu bauen, wo jedes wilde Wetter das Haus an allen vier Ecken packe; er wollte, daß man mindeſtens mehrere Schuh tiefer ins Land hineinrücke und das Haus nicht ſo keck an den Berghang ſtelle. Er lobte die Klugheit der alten Zeit, da man ein Haus lieber geſchützt zu einem andern ſetzte, und überhaupt auch im Häuſerbau geſelliger geweſen ſei. Seb widerſprach alle dem, und um ſo entſchiedener, als er ſich nicht leugnen konnte, daß die Einwände des Vaters nicht unhalt⸗ bar waren. Seb ſtand trotz ſeines vorgerückten Alters doch noch in jener unverſuchten Jugendlichkeit, wo man an die Ausführbarkeit ei⸗ ner jeden Sache mit Zuverſicht glaubt, wenn man ſie unter⸗ nommen hat, und aus keinem andern Grunde, als eben weil man ſie einmal unternommen hat. Um auch noch jeden letzten Einwand zu beſeitigen berief er ſich gegen den Vater nachdrück— lich auf das Urtheil des Bauamtes, das nach Beſichtigung der Oertlichkeit und Erwägung aller Bedingungen die Erlaubniß zum Baue gegeben habe. Er redete ſich dabei aus, daß er ſelber es ja war, der die ganze Sachlage zu ſolchem Endbeſchluſſe ins Licht geſtellt hatte; die Maßnahmen des Bauamtes mußten jetzt als felſenfeſter untrüglicher Hort gelten. Als die Grundmauern aus dem Boden herauswuchſen, war Seb überaus glückſelig; jetzt war Alles gewonnen. Er hatte den Bau größer ausgedehnt, als er ſich anfänglich vorgeſetzt, denn beim erſten Spatenſtich hatte ihm Zilge eine nicht unanſehnliche Erſparniß übergeben, und er hatte in der Wohnung Zilge's die Wahrheit des Sprüchwortes kennen gelernt: ein heruntergekom⸗ mener Reicher hat noch mehr als ein aufkommender Armer. Auch hiegegen warnte der Vater, und er traf zwei Dinge auf einmal, indem er ſagte: Es läßt ſich gar nie berechnen, was ein Neubau und was eine Frau aus einem vormals reichen Hauſe für Auf⸗ wand koſtet. Weil das letzte offenbar griesgrämige Verleumdung — 220— war— denn zufriedener und ſparſamer als Zilge konnte ja Niemand ſein— ſo durfte auch das erſte nichts als Altersängſtlichkeit ſein. Seb war ehrgeizig und ſtolz, wenn auch minder als Zilge, er wollte der Welt und vor Allem in der Welt ſeiner Zilge zeigen, was er vermöge, und welch' ein luſtig Haus er dahinſetze. Er dankte ihr oft im Stillen, und er ſprach es oft am ſpäten Feier⸗ abend gegen ſie aus, daß ſie ihn vermocht habe, neu zu bauen. Wer im Dorfe ein Fuhrwerk hatte, that dem Seb eine oder meh⸗ rere unentgeltliche Baufuhren. Ein Jedes freute ſich, daß die Liebesleute, die ſchon ſo lange treulich zuſammenhielten, doch end⸗ lich vereinigt werden ſollten, und beim Freitrunke, den Seb ein⸗ zig dafür als Lohn gab, zeigte ſich, daß Zilge auch reichlich mit Flaſchen und Gläſern verſehen war. Die Fuhrwerke hatten viel Mühe wieder leer umzuwenden, denn das Haus wurde an das Ende der Gaſſe gebaut, gerade da, wo ſich dieſelbe ſackte. Ein Zaun von kurz gehaltenen knor⸗ rigen Tannen, darein ſich wilde Roſen miſchten, zog ſich querüber zum Schutze der dahinter liegenden Wieſe, deren Waldurſprung noch zwei hohe Tannen bekundeten, die an der Weſtſeite von Seb's Bauplatze ſtanden; ſie hätten wohl ſchöne Bauſtämme gegeben, Seb aber wollte ſie erhalten, theils zum Schutze des Hauſes, theils auch weil ſeinem nicht ungebildeten Schönheitsſinn die Bäume als erwünſchter Schmuck erſchienen; er hatte ſie auf dem Plane gezeichnet, den er mit Hülfe des Zimmermanns von ſei⸗ nem Hauſe entworfen, und den jetzt Zilge über ihrem Stickrahmen hängen hatte. Er nannte dieſe beiden Tannen gerne ſcherzweiſe ſeinen Wald. Den ganzen Sommer war Seb in fieberiſcher Aufregung und ſchlief keine Nacht ruhig. Er hatte, ſeitdem er aus der Schule entlaſſen war, beim Bauen geholfen, er war deſſen ſattſam ge⸗ wöhnt, aber jetzt war's ihm allzeit als ob Steine, Kalk und Mör⸗ tel auf ihn warten und ihm keine Ruhe laſſen. Oft bevor der Tag grauete, hörte man ihn meißeln und hämmern, und in der Mittagsruhe legte er den Kopf auf einen Stein und ſchlief eine Weile. 221— Seb machte die Umfaſſungsmauern des nur einſtöckigen Hau⸗ ſes bis unter das Dach von Stein. Die wilden Roſen am Zaune blühten, als man das Haus richtete und der grüne bebänderte Maien vom Giebel prangte. Von der Wieſe aus, die man jetzt, da das Heu eingeheimſt wurde, betreten konnte, nahm ſich das Häuschen gar freundlich aus und erhielt auch von dort den Namen, denn im ganzen Dorfe verbreitete ſich das Wort, das Seb zu Zilge, die er dorthin ge⸗ führt hatte, ſagte: „Jetzt ſiehſt, daß ich Recht habe, ich bau' dir ein luſtig Häusle.“ So hieß nun das Haus, das gegen allen Ortsbrauch ſein An⸗ geſicht nicht den Menſchen zuwendete, ſondern hinaus ins Freie. Seb war nicht wenig glücklich und ſtolz, daß die Sommer⸗ zeit noch ſo früh war; das Haus konnte bequem ausgebaut wer⸗ den und austrocknen bis zum Herbſt. Nun wurde im Innern gehämmert und gerichtet und Seb war überaus wohlgemuth, daß er nun zum erſtenmale einen Bau hergeſtellt, den er nicht wieder verlaſſen ſollte. Aber eben als er ans Dachdecken gehen wollte, und das verſtand Seb am meiſterlichſten, ſtand er ſchwin⸗ delnd vor dem Hauſe. Es war ihm, als möchte er ſelbſt umfallen: die Oſtſeite des Hauſes hatte ſich ja tief geſenkt.— Seb ſtand lange zitternd da, es verſetzte ihm den Athem, und er biß ſich die Lippen blutig, als er das gewahrte. Seltſamerweiſe bemerkte aber der Vater nichts, ja er beſtritt es dem Seb, als dieſer ihn darauf aufmerkſam machte, und Seb wollte ſelbſt bezweifeln, daß er das Wahre geſehen. Die Zuverſicht auf die bisherige Untrüglichkeit ſeines Au⸗ genmaaßes, und der Wunſch, daß es ihn doch dießmal getäuſcht haben möge, ſtritten ſich in ihm. Um dieſen Streit nicht zu ſchlich⸗ ten, und ſich ſelber in der Schwebe zu halten, warf er den Zoll⸗ ſtab weg, mit dem er eben ſich hatte Gewißheit verſchaffen wollen. Als er nun aber das Dach deckte, drängte ſich ihm auch ohne Zollſtock die Gewißheit auf, daß er das Rechte geſehen. Er nagelte an der Oſtſeite doppelte Latten auf, er legte dop⸗ pelte Ziegel, das glich wol ein wenig aus, aber doch noch nicht — 222— genug, und jetzt tröſtete ihn nur das eine, daß Niemand, ſelbſt der Vater nicht die Senkung merkte. Die Freude vor ſich ſelbſt war dahin, aber die Ehre vor den Menſchen war doch geblieben. Er hatte dem Dorfe und der gan⸗ zen Umgegend zeigen wollen, wie man ein Muſterhaus baue; es ſollte ihnen der Verſtand aufgehen, jetzt war es nur gut, daß er ihnen nicht aufgegangen war. Der einzige, der die Sache recht beurtheilen konnte, leugnete beharrlich, und das war den Vater. Seb hatte ſich ſelber davon abhalten können, aber der Vater nicht, daß er nach allen Seiten ausmaaß, aber noch jetzt, da er doch auf die Linie hin den Fehl kennen mußte, behauptete der Vater, daß Alles in Ordnung ſei. Und das war das Klügſte. Wie ſollten denn fremde Leute zur Baukunſt des Seb Vertrauen haben, wenn er ſein eigen Haus nicht gehörig ſtellen und richten konnte? Das Dach prangte bald in ungewohnter Herrlichkeit. Der neue Ziegler, der ſich im Dorfe angeſiedelt hatte, um als Aus⸗ helfer der Regierung die Stroh- und Schindeldächer verdrängen zu helfen, benutzte das Haus des Seb als Muſterkarte und gab ihm zu dem Preiſe der gewöhnlichen ſeine neuen glaſirten Ziegel. Aus einer doppelten Reihe von grünen und weißen Ziegeln bil⸗ dete nun Seb die Buchſtaben S. und Z. ſammt der Jahreszahl auf dem Dache und Alles betrachtete ſtaunend und bewundernd von der Wieſe das ſchöne„luſtige Häusle.“ Der Baumeiſter. Im Herbſte feierten endlich Zilge und Seb ihre Hochzeit. Ein ſeltſamer Gaſt war dabei, der von ſeinen Angehörigen, wie vom ganzen Dorfe mit ſcheelen Blicken betrachtet wurde.— Es war der einzige Bruder Zilge's, der als Landjäger gekommen war.— Er hatte vom Vater eine Scheu vor regelmäßiger Ar⸗ beit geerbt, und da er militärpflichtig geworden, ließ er ſich nach Umlauf ſeiner Dienſtzeit als Landjäger anwerben. Dieſes Herumſchlendern behagte ihm, er aß lieber das Brod, — 223— das fremde Leute backen und trank noch lieber Bier, das fremde Leute brauten, als daß er ſelber ſolches bereitete. Er beredete ſich dabei, daß er bei ſeiner Vermögensloſigkeit es doch nie zu einem eigenen Hausſtande gebracht hätte, und jetzt war er„ſtaats⸗ mäßig“ verſorgt. Wie das Dorf ihn mit einer gewiſſen Scheu faſt wie einen Abtrünnigen betrachtete, ſo war auch Seb nicht eben ſtolz auf dieſe Schwägerſchaft, und der Bruder Landjäger der das merkte, ſagte am Hochzeitstiſche ſeiner Schweſter:„Zilge, wenn dein Mann einmal gegen dich iſt, wenn er vergeſſen ſollt', wer du eigentlich biſt, da wend' dich nur an mich.“ Durch den Bruder Landjäger und ſeine Großſprechereien war etwas Bedrücktes auf der ganzen Hochzeit. Erſt Tags darauf, als die beiden jungen Eheleute allein in ihrem neuen Hauſe waren, ging ihnen die volle Glückſeligkeit ihres Herzens auf. Der Vater Seb's hatte in jeder Weiſe, außer in Bezug auf Zilge richtig prophezeit. Seb war dem Glaſer, Schreiner und Hafner Geld ſchuldig geblieben, aber ſchon am erſten Tage ſeiner Ehe ergab ſich ein glückliches Ereigniß. Der Ziegler machte mit Seb den Accord zum Bau einer neuen Hütke, und andere ſprachen von Häuſerbauten, die ſie ihm übergeben wollten; das luſtige Häusle, das er allein hingeſtellt hatte, brachte ihm Ehre und Vertrauen, und er redete es ſich ſelbſt als eine Kleinigkeit aus, daß es einen geheimen Schaden hatte. Seb hatte den Gedanken nicht in ſich aufkommen laſſen, aber er war ihm doch manchmal durch den Sinn gefahren, daß Zilge vielleicht durch ihr Bedrängen auf ein eigen Haus ſeine Handwerksehre zu Grunde gerichtet haben könne; jetzt zeigte ſich das Gegentheil, und er ſagte ihr das dankbar ohne ihr den Vor⸗ gedanken mitzutheilen. Zilge war doppelt glücklich, daß ſie mit Erfüllung ihres eigenen Wunſches noch ein weiteres Nachhaltiges bewerkſtelligt hatte, daran ſie kaum gedacht, von dem es ihr aber jetzt erſchien, daß ſie es mit kluger Berechnung beabſichtigt hätte; ſie rühmte ſich deſſen, wenn auch beſcheiden und Seb ligß ihr gerne dieſen Ruhm. Zilge war fleißig und heiter von Morgen bis in die Nacht; — 224— die Hand, die mit dem ſilbernen Trauringe geſchmückt war, ſchien auch flinker und unermüdlicher geworden. Sie wußte das Innere des Hauſes ſo ſchön herzurichten, daß kein zweites im Dorfe ſo freundlich war. Der Winter war mild, man konnte bis nach Neujahr im Freien arbeiten, man konnte die neue Ziegelei unter Dach brin⸗ gen, in der nun Seb für ein anderes Haus die Steine meißelte. Aber auch Ungemach kam in dieſem erſten Winter. Der Vater Seb's ward ſchwer krank. An dem letzten Tage, als viele ſein Bett umſtanden und er kaum mehr die arbeitsmü⸗ den Hände erheben konnte, hieß er alle Anweſenden hinausgehen, nur Seb ſollte bei ihm bleiben. Und als dieſer allein mit ihm war, richtete der Vater ſich auf und ſagte: „Seb, bevor es Nacht wird, komm' ich zum großen Meiſter. Seb, jetzt horch, ich will dir was ſagen: mirſchadet's nichts mehr, aber dir, dir kann's ſchaden; ich will Zeugen hereinrufen und will vor ihnen ſagen, daß wenn deinem Haus was geſchieht, ich daran Schuld bin, du nicht, du nicht. Ruf' die Leut'.“ „Nein Vater, nein, Ihr dürfet nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen, nein, die Sünd' lade ich nicht auf Euch und nicht auf mich,“ rief Seb, und der Alte legte ſeine zitternden harten Hände auf das Geſicht ſeines Sohnes und ſagte:„Haſt Recht, es wär mir doch auch ſchwer geworden, und unſer Herr Gott wird dir's vergelten.“ Bevor der Abend niederſank, der den Handwerksburſchen in die Herberge ruft, hatte der alte Maurer ſeinen Lebensweg vollendet. Auf dem Dorfe iſt es nicht Sitte, daß um den Tod der El⸗ tern, die ſatt an Jahren ſcheiden, ſich ſchwere Klage erhebt; eine ge⸗ wiſſe Dumpfheit des Gefühls, mehr aber noch die natürliche Anſchau⸗ ung, daß die Eltern vor den Kindern aus dem Leben ſcheiden müſſen, und dazu der Mangel der Geſellſchaftspflicht, die da nö⸗ thigt, mit einem Schmerze zu prunken, Alles das läßt ſolche Er⸗ eigniſſe viel ſchneller vorübergehen und man kann den Sohn in den Kleidern des Vaters, die Tochter in denen der Mutter fröh⸗ liche Wege wandern ſehen. Um ſo auffälliger war die ungewöhnliche Trauer Seb's, in die ſich zu dem Gefühl der Verlaſſenheit noch das Bangen und eine drohende Selbſtverantwortlichkeit miſchte. Er wies den Gedanken weit weg, daß er dem Vater die Schuld hätte aufbürden ſollen, und doch kam er bald wieder. Zilge ſuchte ihren Mann mit inniger Tröſtung aufzurichten, aber es gelang ihr nicht, ſie ſagte ihm, es ſei ſo beſchieden, er ſolle nicht mehr haben als ſie auch; ſie ſei ſo auch elternlos. Er konnte und wollte ihr für dieſe guten Worte nicht ſagen, daß ihr Vater ſich nicht mit dem ſeinigen vergleichen könne. Erſt als Zilge ihm ſagte, daß die Leute ſeine Trauer als Reue über ſeine Ehe mit ihr deuten müßten, ſchüttelte er gewaltſam alle Trauer ab, und Frühling und Arbeit halfen ihm darin getreulich als die beſten Tröſter. In dieſem Frühling konnte Seb nicht nur Geſellen anneh— men, es trat auch ein Ereigniß ein, das, ſo klein es erſchien, doch ihm und Zilge große Freude machte: ein Schwalbenpaar niſtete unter ihrer Dachfirſte, gerade über dem Fenſter, wo Zilge ſtickte. Die fröhlichen Verheißungen, die ſeit uralten Zeiten ſich in den Anbau des lieblich behenden Vogels knüpfen, erheiterten Zilge: da ſchlägt kein Blitz ein und Friede und Ruhe iſt im Haufe; der Ausſpruch der ganzen Lebensfreude, die ſie erfüllte, knüpfte ſich an die Ankunft des Vogels. Seb hatte aber noch ſeine beſondere Freude, die er nicht ausſprach. Die Wahrnehmung, daß der Vo⸗ gel unter ſeinem Dache niſtete, gält ihm als eine Gewähr, die alle Meſſungen zu Schanden machte das Haus war wohlgebaut, denn der kluge fromme Vogel baut nicht unter ein Dach, das ſchwankend und unſicher iſt. So waren die jungen Eheleute vom Kleinen aus und im Großen ihres ganzen Hausſtandes heiter und werkthätig. Am Abend desſelben Tages, als das neue Haus gerichtet wurde, das erſte, das Seb als Meiſter für einen Fremden baute, wurde ihm ein Sohn geboren, und Zilge war noch am Mittage beim Bauſpruche geweſen. Die ganze luſtige Baugewerkſchaft kam noch am ſpäten Abend und ſang vor dem Hauſe helle Lieder, die luſtig das Thal hinab Auerbach's Dorfg. 4. Bb. 15 — 226— und von den jenſeitigen Bergen wiederklangen. Zilge war nicht wenig ſtolz, da ſie hörte, daß man ihr als„Frau Baumeiſterin“ ein Hoch und abermals Hoch ausbrachte. Sie lächelte ablehnend, aber ſie hörte es doch gerne, wenn man ſie fortan auch nur ſcherzweiſe Frau Baumeiſterin hieß. Das war ein einträglicher und ehrenvoller Scherz, und einmal ſagte ſie ſogar im Stillen zu ihrem Seb: Ein Mann, der Häuſer bauen könne, brauche nicht mehr Maurermeiſter, er könne wohl Baumeiſter heißen; in dieſer böſen Welt aber hätten die großen Herrn alle ſchönen Titel für ſich allein genommen. Seb gab ſeinem erſtgebornen Sohne den Namen des Schutz⸗ patrons der Baugewerke: Johannes. Die Schwalben vor dem Fenſter zwitſcherten, wenn Zilge ihr Kind in den Schlaf ſang, und ſie, die allezeit ſtill und ſin⸗ nend war, erweckte auf einmal einen ungeahnten Schatz von Lie⸗ dern, die ihr im Gedächtniſſe ſchlummerten; ſie ſang ſie dem Kinde und ſich ſelber zur Luſt. Und wenn Zilge bei der Arbeit ſtille war, ſangen ihr die Schwalben ihre geheimnißvollen Weiſen. Ja, man thut den Schwal⸗ ben Unrecht, wenn man ihnen nur ein Zwitſchern zuerkennt. Wenn ſie ſo ruhig auf der Dachfirſte ſitzen, ſchlingen ſie Töne in ein⸗ ander, ſo innig, ſo aus tiefſter Seele und ſo fein, daß es iſt als ſänge Jemand das ſchönſte Lied, aber nur mit halber Stimme, nur für ſich, nur in ſich hinein. Sängen die Schwalben ſo laut wie Nachtigall und Lerche, man hörte nur noch auf ſie. Wird es einmal einen nie dageweſenen herrlichen Frühling geben, in dem das leiſe halbſtimmige Singen der Schwalben zum ſchmet⸗ ternden Klange wird? Oder können ſie nie aus voller Bruſt laut hinaus jubeln, weil ſie doppelten Frühling doppelte Heimath und eigentlich keines recht und einzig haben?... Es iſt das beßte Zeichen einer von Sorgen befreiten und froh geweckten Seele, wenn ſie ſich hinein verſenken will, in das geheimnißvolle Leben von Pflanze und ſich ſelber drin vergißt. Zilge konnte allerlei denken und grübeln, ohne doch je in ihrer Thätigkeit läſſig zu ſein, ja ſie war emſiger als je, ihr ſtetes — 227— Denken und Arbeiten war darauf gerichtet, die Schulden, die ſie noch vom Hausbau her hatten, abtragen zu helfen, und bevor das Töchterchen angekommen, war dieß gelungen. Das Haus war vollſtändig bezahlt und Vieles in dasſelbe eingeſchafft; wohlgemuther ſah kein Ehepaar drein, und fröhlicher grüßte und dankte keins als Seb und Zilge, wenn ſie Sonntag Morgens mit einander zur Kirche gingen und aus derſelben heimkehrten. Dieſer gemeinſchaftliche Kirchgang iſt oft eine ſelbſtändige heilige Feier, der die eigentliche nicht gleichkömmt. Zilge ſagte einſt auf dieſem Kirchgange zu Seb: „Wenn ich ſo mit dir geh, jetzt vor Gott und der Welt dein und du mein, da iſt mir's gar nicht als ob wir zwei Menſchen wären und Jedes für ſich allein gehen könnt! Und jetzt können wir bald unſern Johannes mit nehmen und da ſind wir dann beide in Einem Stücke. Und unſer Haus hab ich mit der Nadel und du mit dem Hammer aufgebaut. Man könnt' ein Räthſel drauf machen.“ „Ich glaub nicht, daß der Pfarrer mir was beſſeres ſagen kann als du“, erwiederte Seb lächelnd und noch in der Kirche auf ihren getrennten Plätzen ſchauten ſie oft einander an. Der Grund wankt. Es war gegen den vierten Frühling, da regnete es wochen⸗ lang unabläſſig; man ſah die jenſeitigen Waldberge den ganzen Tag nicht, die Tannen an der Weſtſeite des Hauſes ſauſten und brauſten unaufhörlich und ein brauner Strom ſtürzte am Hauſe die Wieſe hinab. Seb grub dem Waſſer einen Graben, etwas entfernt von der Mauer; aber der Ziegler, dem die Wieſe gehörte, that Ein⸗ ſprache: wenn das Waſſer ungeſammelt den Berg hinabrollte, tränkte es die Wieſe, und jetzt riß es eine tiefe Schrunde hinein, und floß unnützlich ab. Die Sache km vor den Schultheiß, und Seb war mit ſeinem beſten Freunde im Widerſtreit. In einer Nacht ſchrie Zilge plötzlich auf, ſie wollte geſpürt 153 — 228— haben, wie das Haus ſich ſenke. Seb geſtand ihr, daß das ſchon längſt der Fall ſei, er behauptete aber, daß nichts Neues ge⸗ ſchehen, und beſchwor nun ſeine Frau, ihre Wahrnehmung ge⸗ heim zu halten, da ſonſt ſein ganzes Anſehen und ſein Erwerb zerſtört wurde. Zilge faßte ihre beiden Kinder in ihre Arme,„O Gott meine Kinder! Wenn das Haus einſtürzt“— jammerte ſie. „Und an mich denkſt du gar nicht?“ fragte Seb erbittert. „Ich denk ja auch nicht an mich“ erwiederte ſie. „Seb ging unter heftigem Regenguſſe hinaus und ſah, daß der Ziegler den Graben zugeſtopft hatte, ſo daß das Waſſer wieder zerſtreut abfloß; das ganze Haus ſtand ringsum wie in einem Bache. Er arbeitete nun aus allen Kräften, und als der Tag anbrach, zeigte ſich, daß das Haus noch um ein Merkliches gewichen war. Seb eilte zum Schultheiß, ſein Ungemach ließ ſich nicht mehr verhehlen, der Ziegler ſollte ihm nun dafür einſtehen, aber noch als er beim Schultheiß war, kam ein Bote und rief: „Seb, geh' heim, dein Haus iſt auseinander.“ Die Sturm⸗ glocke läutete, um unter dem Regenſturze das ganze Dorf wach zu halten. Alles war um das Haus Seb's verſammelt, und ver⸗ zweifelnd ſah dieſer, daß das Haus mitten aus einander in zwei Stücke gefallen, gerade in jenem Zwiſchenraume zwiſchen dem Buchſtaben S und Z war das Dach auseinander geriſſen. Man eilte in das Haus, um die Frau und die Kinder zu retten und vom Regen triefend brachte man ſie heraus. Zilge ſchien ganz verwirrt und beſinnungslos. Sie hatte keinen Verſuch zu ihrer Rettung gemacht, ſie ſprach kein Wort, hielt ihre Kinder feſt in ihren Armen und ließ ſich dieſelben von Niemand abnehmen. Erſt als man ihr ſagte, daß ſie nicht mehr in das Haus zurück⸗ kehren dürfe, erſt als ihr die Nachbarn anboten, daß ſie bei ihnen wohnen möge, ſagte ſie: „Soll ich denn nicht Mehr in meinem eigenen Haus woh⸗ nen? in einem fremden?“. Der Küfer hatte eine hohe thurmartig zugeſpitzte Beuge — 229— Faßbretter neben dem Hauſe Seb's ſtehen, ſie waren nicht zu⸗ ſammengeſtürzt, weil das Waſſer durch die Zwiſchenräume durch⸗ floß. Seb biß auf die Lippen, als der Küfer ihm ſelbſtgefällig ſagte:„Ich kann allem Anſchein nach beſſer bauen als du.“ Während man Zilge und die Kinder nach dem Nachbarhauſe brachte, wurden mächtige Stützen an das Haus angeſtemmt, daß es nicht vollends einſtürze. Dumpf tönte das Schreien und die Artſchläge mitten im Regenſturme.. Der blaue Frühlingshimmel ſpannte ſich über die reichge⸗ tränkte, grünende Erde, die Schwalben kamen wieder, aber Seb riß denen an ſeinem Hauſe das Neſt ein. Dieſe ſcheinheiligen Thiere hatten alſo doch gelogen! Sie ſollten darum auch nicht mehr bei ihm wohnen. Sie umzwitſcherten ihn wie vorwurfsvoll, während er ſein Haus wieder zuſammenrichtete, aber er war jetzt ingrimmig auf Alles in der Welt, was auf der Erde, in der Luft und im Himmel. Es hatte im wahren Sinne des Wortes Unglück auf ihn herabgeregnet. Bei dem Rechtshandel mit dem Ziegler hatte er Nichts gewonnen als einen unverſöhnlichen Feind. Mit knapper Noth hatte er vom Bauamte die Erlaubniß erhal⸗ ten, ſein Haus wieder aufzurichten, und noch ſchwerer ging es, eine Hypothekenſchuld auf dasſelbe aufzunehmen, daß er neu bauen könnte. Die Bauverträge, die er für dieſen Sommer abgeſchloſſen hatte, wurden ihm entzogen, und er wagte es nicht vor Amt deshalb zu klagen; ja die Bauten, die er ſchon ausgeführt hatte, ließen die Beſitzer noch einmal gerichtlich beſichtigen und man⸗ cher Uebelſtand kam dabei zu Tage. Von Geſellenhalten war jetzt keine Rede mehr, er mußte froh ſein, wenn man ihn ſelber als Geſellen annahm. Während er jetzt einſam arbeitete, und nicht mehr wie ehedem mit dem Vater, und doppelt ſchwierig weil er ein verpfuſchtes Werk einzurenken hatte, gingen ihm ſchwere Ge⸗ danken durch die Seele. Er mußte darüber nachdenken, wie es denn wäre wenn er die letzte Handreichung des Vaters nicht ab⸗ gelehnt hätte, und jetzt ſah er auf einmal, daß das Rechtſchaffene auch das Klügſte iſt. Läge auch die ungerechte Schuld auf dem — 230— Vater, er ſelber wäre dadurch doch nicht frei. Darum iſt es dop⸗ pelt gut, daß der Name des Vaters rein geblieben, und ſein Segen wird nicht ausbleiben. Oft wenn Seb der Arbeit über⸗ drüſſig war, warf er ſeinen Hammer weg und nahm den vom Vater ererbten auf, und Alles ging ſo leicht von Statten, als ob ein Anderer für ihn arbeite. Solche Befreiung gelang aber nur in einzelnen Stunden. Jeden Morgen, wenn er auf die Bauſtätte kam, ſeufzte er tief und ließ die Hände hängen. Jetzt mußte er jede Baufuhre bezahlen und fand dabei noch unwillige und höhnende Helfer. Sein ganzer Ruf, ſein Glück und ſein Beſitzthum war dahin, und Alles das, weil er ſich hatte verleiten laſſen, einen ſtolzen und eigenen Bau auszuführen. Ein längſt erſtorbener Keim trieb wieder neue Knoſpen. Er gedachte jetzt, daß ſich Zilge berühmt hatte, ſie habe ihn zu dem Baue gedrängt, um ſeinen Ruf da⸗ durch zu gründen. Er machte ihr nun darob Vorwürfe, daß ſie ihn zum Hausbaue verführt. habe und als ſie erwiederte: „Ich bin unſchuldig. Wenn du kein Haus allein bauen kannſt, hätteſt es ſollen bleiben laſſen“, da war er doppelt grim— mig; auch ſie verletzte ſeine Handwerksehre; ſie ſagte zwar nur, was alle Leute ſagten, aber eben das ſollte ſie nicht, meinte er, ſie ſollte ſein Ungeſchick für ein Unglück anſehen. Als er dies mit Schmerz und Zorn darlegte, ſuchte ſie ihn damit zu beſchwichtigen, daß ſie ſagte: „Vielleicht iſt dein Vater ſelig ſchuld, du haſt ihm immer zu viel gefolgt.“ Das hieß aber ein Feuer mit Oel löſchen wol⸗ len. Seb wurde ob dieſer Rede noch ingrimmiger. Oft war es ihm, als ſollte er alles Handwerksgeſchirr weg⸗ werfen und in die weite Welt laufen; hier zu Lande war ſein Ruf auf ewig vernichtet, und er kam nie mehr zu ſeiner alten Feſtigkeit. Aber er blieb doch. Von allen Bauverträgen, die ihm gekündigt worden, war ihm doch einer geblieben, nämlich das Umdecken des Kirchen⸗ daches und des Thurmes mit neuen glaſirten Ziegeln. Der Stiftungsrath hatte die Uebertragung an Seb aufrecht j — 231— erhalten, obgleich bei ſeinen jetzigen Vermögensverhältniſſen von der ausbedungenen vierjährigen Gewähr füglich nicht mehr die Rede ſein konnte. Kaum war das Haus nothdürftig hergerichtet, und die Fa⸗ milie wieder eingezogen, als Seb ſich an den Kirchenbau machte; er hoffte wieder friſcher zu werden, wenn er nun wieder eine fremde Arbeit ausführte. Aber auch auf dem Kirchendache ver⸗ gaß er ſein Unglück nicht. Die Wege der Eigenſucht ſind tief verſchlungen; Seb wälzte immer wieder die weſentliche Schuld ſeines Ungemaches auf Zilge, ſie hatte ihn als hoffärtige Bierbrauerstochter dazu ver⸗ leitet ein eigen Haus zu bauen. Freilich konnte er ſich immer nicht verhehlen, daß ja Alles gut wäre, wenn er gut zu bauen verſtanden hätte und Zilge hatte keine Schuld daran, daß er ſeiner Unerfahrenheit vertraute und die Warnungen des Vaters überhörte, aber doch ließ ihn der Gedanke nicht los: das ganze Unglück wäre nicht da, wenn er nicht ein eigen Haus gebaut hätte. Wäre er ſeinem Plane gefolgt und hätte er nun ſein Geld in einem Acker ſtecken, könnte man es leichter wieder heraus⸗ kriegen und ſein Glück an einem andern Ort verſuchen, die Welt iſt ja ſo weit... Bei dieſer letzten Wendung ſeines Nachdenkens hielt er oft ſtill, und ihm ſchwindelte nicht vor der ſichtbaren Tiefe unter ihm, aber vor einer andern, die ſich in ihm aufthun wollte. Und zu dieſem innern Sinnen geſellte ſich plötzlich ein äußeres Wahrzeichen. Zu allen Zeiten hat das zweifleriſche und ſorgenvoll bewegte Menſchenherz ſich gern aus dem umgebenden Naturleben, das ſich in ſtetigen Geſetzen hält und bewegt, Rath und Richtung erholt. Als Seb dem Storchenneſte auf dem Giebel nahe kam, ſtarrte er lange darauf. Das Storchenmännchen war ſchon da, es ſäuberte das verlaſſene Neſt und ſetzte es neu in Stand, es hungerte gern bei der Arbeit, und erſt wenn Alles wieder in der Richte, und Nahrung wieder ringsum vollauf, fliegt es zurück und holt das Storchenweibchen. Das Weibchen in der Ferne — 232— klagt nicht und jammert nicht, denn es weiß, der Mann baut und ſorgt in der Ferne und holt es zur Zeit.. Der Speisbub, der für Seb den Mörtel auf das Dach trug, hatte ihn ſchon zweimal angerufen, aber er hörte nicht und ſtarrte auf das Storchenneſt. Endlich machte er ſich wieder an die Arbeit. Er verhöhnte ſich und Zilge oft, indem er am Abend ſagte: „Jetzt haſt doch kein eigen Haus, jetzt hat's die Hypothekenſchuld.“ Selbſt die wiederkehrende heitere Laune der Zilge mißſtimmte ihn. Er ſah darin den thatſächlichen Beweis, daß ſie alle Schuld auf ihn wälze und ſich gar keinen Theil davon zuerkannte. Auf ſchwindelnder Höh'. Am Morgen als das Decken des Thurmes beginnen ſollte that Seb ſeine ſilberne Sackuhr aus der Taſche und hing ſie an den Nagel. „Warum thuſt das? Nimm ſie nur mit,“ ſagte Zilge. „Ich hör' auf dem Thurme ſchon ſchlagen, und.. man weiß nicht, es kann einem was paſſiren, man man kann ſich ſtoßen.“ „Seb, ſei heiter, unſer Herrgott hält doch ſeine Hand über uns—“ „Ja, er kann aber keinen Regen ſchicken, der mir die Hypo⸗ thekenſchuld abwaſcht.“ „Mit Fleiß und Sparſamkeit können wir ſchon manches ab⸗ tragen, bet' nur recht eh' du auf den Thurm ſteigſt, und bet auch, wenn du oben biſt.“ „Bet' du, du haſt's an deiner Stickerei da geſchickter.“ „B'hüt' dich Gott Seb, und geb mir auch ein Hand.“ „Ich bin zu alt zu ſolchen Kinderpoſſen, du haſt mich lang genug warten laſſen.“ Dennoch küßte Seb beim Weggehen die Kinder, und reichte auch Zilge die Hand. Zilge, die ſonſt keine Minute unnöthig von ihrem Stickrahmen aufſtand, nahm das eine Kinduf den Arm und das andere an die Hand, und ſtand lange Zei auf der An⸗ — 233— höhe hinter der Kirche und ſchaute hinauf zu ihrem Manne auf dem Thurme. Aber Seb ſchaute ſich nicht um. Es iſt eine alte weiſe Regel der Dachdecker, daß ſie nicht über ſich und nicht unter ſich ſchauen dürfen; blickt einer nach den ziehenden Wolken ſo zieht es ihn unwillkürlich mit fort, hin⸗ ein, hinauf in das wogende Wolkenmeer, und die Wolken treiben ein falſches Spiel, ſie nehmen ihn nicht auf, die Erde läßt ihn nicht, und zieht ihn zerſchmetternd zu ſich nieder. Das aber thut ſie auch, wenn der in der Höhe ſchwebende hinabſchaut auf die Erde, ſein Fuß gleitet und er ſtürzt und zerſchmettert. Seb mußte immer an jenen grauſenhaften Moment denken, wenn er bald zwiſchen Himmel und Erde ſchweben wird, er greift aus und nirgends ein Halt, nirgends als im Tode.. Den Blick auf das Nächſte geheftet, arbeitete Seb weiter, und das iſt die ſicherſte Gewähr, man ſteht feſt, als ſtände man auf ebenem Boden. Wie der Blick am nächſten haftet, ſo hat auch der ganze Körper eine Ruhe und Sicherheit an ihm. Tagelang war Seb auf dem Kirchthurme, und ſeine unheim⸗ lichen Gedanken verließen ihn nicht. Das alte Uhrwerk im Thurme, das im Innern mit einem Bretterdache gedeckt war, ſchnurrte und ſurrte, und wenn es eine Stunde anſchlug, dröhnte es Seb durch Leib und Seele, aber immer ſah er keinen andern Ausweg als den jähen Tod. Er liebte ſein Weib und ſeine Kinder, aber er ſagte ſich, daß er ihr Elend nicht ertragen könne, und dazu noch die Unmacht ihnen zu helfen; ſtarb er und ſtarb er im Dienſte der Gemeinde, mußten gute Menſchen, ja die Gemeinde mußte ſich der Verlaſſenen annehmen; bei eignen Lebzeiten wäre das nie geſchehen, und er hätte das nie ertragen. Das ſtand feſt. Der Küſter rief eines Mittags Seb in die Glockenſtube, er mußte zu einem Leichenbegängniſſe läuten und fürchtete, daß es dem auf dem Thurme Arbeitenden Schaden thun könne. Seb ſtand in dar Glockenſtube und um und um umdröhnt von den gewaltigen tallenen Klängen rannen ihm die Thränen aus den Augen und er wiſchte ſie mit harter Hand ab. — 234— Als er wieder auf das Dach ſtieg, war es ihm, als müßte er jetzt ſein Schickſal vollenden, aber der über dem Abgrund ſchwebende Geiſt wird oft an unſcheinbar dünnen ſeltſam ver⸗ ſchlungenen Fäden gehalten. Die Leute ſollten nicht ſagen, der Seb habe weder eine Grundmauer legen, noch einen Thurm decken können; ſeine Handwerksehre mußte für ewige Zeiten feſt ſtehen; er wollte nicht von einer halbfertigen Arbeit ſich davon⸗ machen. Er legte jeden Ziegel und ſtrich jede Kelle Mörtel feſt, daß ſie für die Ewigkeit haften. Trauernd ſollten die Menſchen bekennen was der Seb für ein Mann geweſen. Daheim redete Seb faſt gar nichts, es war ihm unheimlich bei Weib und Kindern, er kam ſich wie ein Geſpenſt vor, das hier noch umwandelte, er hatte ſie ja verlaſſen, er verließ ſie ja bald. Am letzten Morgen ließ Seb vom Küſter die Thurmuhr ſtellen, er behauptete, daß er heute das Summen und Surren und gar das Schlagen nicht vertragen könne. Lautloſe Stille lag nun über dem ganzen Dorfe, als Seb auf das Thurmdach heraustrat, und wie heute keine Stunde ſchlug, ſo mußte Alles ſtill daran denken, in welch gefahrvoller Lage heute Seb ſchwebte. Er war noch nicht lange an der Arbeit, als er plötzlich ein Klappern hörte, er ſchaute ſich um— der Storch war mit ſei⸗ nem Weibchen angekommen undzeigte ihm unter ſeltſamem Ver⸗ beugen und in die Bruſt werfen das neu hergerichtete Haus und die ringsum frühlingsgrüne Welt; das war ein Schnattern und Klappern und bedächtig fröhliches Gethue, und jetzt flogen die Wandervögel auf. Halt! faſt wäre unfreiwillig zur Wahrheit geworden, was Seb ſo lange als Vorſatz im Sinne hatte, er war ausgeglitten, er hielt ſich noch am Vorſprunge feſt. Er hatte dem Fliegen des Storchenpaares zugeſehen, wie ſie ſo wohlig in der Luft ſchwimmen und ohne ſich zu ſtoßen und zu ſchwingen ruhig ſchweben und wieder in ſchiefen Bogen ins Reſt ſich ſenken. Als ſich Seb wieder aufrichtete, belebte ihn plötzlich ein neuer Gedanke: er hatte den Tod überwunden, er wollte leben und Zilge und dem Dorfe zeigen, was er vermag; ſie ſollten eine Weile noch ſchlechter von ihm denken, dann aber—— Seb — 2— hielt ſich mit beiden Händen feſt und ſchaute hinaus in die weite mit Blüthenbäumen beſäte Welt, und in den blauen Himmel. Lange ſchweifte ſein Blick in der Landſchaft umher mit neu⸗ geborner Luſt ſie anſchauend: Dort drüben ſteht der Gemeinde⸗ wald auf dem Berge, und hinter dem Berge thürmen ſich andere, und Felder und Dörfer breiten ſich weitaus, und näher. Wie ſtill ſtehen die Bäume im wogenden Korn und als grüne Bänder ziehen ſich die Gartenhecken dorthin, und dort das kleine Ge⸗ ſchöpf, das mit den kleinen Thieren im Brachfeld pflügt, und hier unten der Ameiſenhaufen, den man ein Dorf nennt— Ein Narr iſt, der ſich aus dieſer ſchönen, offenen Welt hinaus⸗ treiben läßt. Seb ſuchte unter dem Häuſergewirre ſein eigen Haus, er fand es bald, er konnte es gar nicht begreifen, daß er ſich da wieder in Noth und Sorgen hineindrängen ſollte. „Ich will ein größer Theil an der Welt haben“, ſagte er vor ſich hin.— Die Arbeit ging raſch von Statten. Der Schloſſer und ſein Geſelle kamen mit dem neu vergoldeten Kreuze, Seb ließ es ſich heraus reichen und ſteckte es auf die Thurmſpitze. Die Schloſſer nieteten das Kreuz im Innern feſt, und als dieß vollendet war, ließ ſich Seb die neuen Strümpfe und Schuhe herausreichen, die nach altem Brauche die Gemeinde dem geben muß, der das Kreuz auf den Thurm ſetzt. Seb ſchwang ſich keck hinauf zu dem Kreuze und abwechſelnd es mit dem einen und dem andern Arme um⸗ klammernd, zog er hier hoch oben die neuen Schuhe und Strümpfe an. Er ſchaute nicht hinab, wo eine große Menſchenmenge ver⸗ ſammelt war, er hörte nur von dort Jauchzen und Wehklagen, es war ihm, als hörte er ſeinen Namen rufen, bald in Angſt bald in Freude. Wie zum Spotte warf er ſeine alten Schuhe hinab auf das Dorf, ſchlüpfte durch die Lucke in die Glockenſtube, füllte die Oeffnung aus und ſtand endlich wieder unten auf dem Boden unter der ſtaunenden Menge. Noch fühlte er ſich wie taumelnd, aber mitten im Taumel — 236— triumphirte ſein Herz, ſie hatten Alle bewundernd einſehen ge⸗ lernt, welch' ein muthvoller, geſchickter Mann er war; und ſie ſollten noch weiteres Unerwartetes kennen lernen. Zilge war nicht unter den Verſammelten. In ſeinen krachneuen Schuhen mit dem ſiegreichen Handwerkszeuge in der Hand ging Seb wie ein Siegesheld durch das Dorf. Aus allen Häuſern glückwünſchte man ihm, als käme er von einer großen Reiſe, er dankte freundlich. Es war ein zweideuti⸗ ges Lob, als ihm ſein Nachbar der Küfer ſagte:„Es ſcheint, du kannſt beſſer in den Himmel als in den Boden bauen.“ Dennoch gab er ihm den Auftrag andern Tages eine eingeſunkene Gar⸗ tenmauer hinter dem Hauſe herzurichten, da ſonſt aller Boden abrutſche. Seb ſagte nicht zu und lehnte nicht ab. Zu Hauſe traf er Zilge am Stickrahmen, ſie beugte ihr An⸗ geſicht tief auf denſelben und redete kein Wort. Er nahm die Taſchenuhr vom Nagel und ſteckte ſie wieder zu ſich. Die ganze Welt hatte ihn triumphirend begrüßt, und nur Zilge ſprach kein Wort. Er wollte eben im Zorn darob die Stube verlaſſen, als er an der Thüre wieder umkehrte und fragte: „Zilge, verdien' ich gar kein Wort?“ Sie antwortete nicht und ſtickte weiter. „Red', verdien' ich gar kein Wort?“ wiederholte er zornig. „Mehr als eins,“ erwiederte ſie endlich, ohne aufzuſchauen. „Und was?“ „Was ich nicht ſagen will.“ „Du mußt aber.“ Laut weinend klagte nun Zilge, wie ſündhaft er mit ſeinem Leben geſpielt habe, das doch ihr und den Kindern gehöre. Seb ſtand einen Augenblick erſchüttert von dieſen Worten, und halb im Scherz erklärte er, daß die Gemeinde ſie und die Kinder hätte erhalten müſſen, wenn er geſtorben wäre. Mit einem eigenthümlichen Trotze entgegnete hierauf Zilge, daß ſie allein ſich und die Kinder erhalten könne, und ſich nie von der Gemeinde erhalten ließe. — Es durchzuckte Seb ſichtbar, als er das hörte, aber er ſprach lange nicht. Endlich erzählte er Zilge lachend, was das für eine Luſtbarkeit, ein Kniren und Klappern und Schwingen geweſen ſei, als heute der Storch mit ſeinem Weibchen ankam. „Die fangen jetzt von Neuem zu hauſen an,“ ſchloß er,„und das Weible iſt ganz glückſelig, weil ſie eine Zeitlang von ihrem Manne fortgeweſen iſt, und er das Haus neu hergerichtet hat.“ „Was geht mich das dumme Zeug an?“ ſchalt Zilge ſchon im ſchwindenden Unmuth, und Seb war froh, daß ſie nicht mehr merkte und nicht mehr ſagte. Drei Tage arbeitete er nun an der Gartenmauer hinter des Küfers Haus, und oft, wenn er aufſchaute nach dem in der Sonne blinkenden Thurmkreuze, dachte er mit Schauder daran, wie er da oben geſchwebt, und welche Gedanken ihm durch die Seele zogen, und doch waren es in Luſt und Leid Uebermüthige geweſen; jetzt aber ſtand er wieder auf ebenem Boden in einem Garten⸗ winkel und führte eine ärmliche Mauer auf. Wie er die Steine wälzte und meißelte, hob und legte, ſo hob und legte er manchen Gedanken hin und her, aber wie ers auch richtete, es blieb bei dem alten Vorſatze, wie bei einem unabänderlichen Bauriſſe. Am dritten Abend war die Mauer fertig und Seb raffte mit einem ſchweren Seufzer ſein Handwerkszeug zuſammen. Er wußte es, das war ſeine letzte Arbeit im Dorfe. Er war jetzt los und ledig. Am Morgen früh zog er ſeine Gemeindeſchuhe an und ſagte Zilge, daß er ſich in der Fremde Arbeit ſuchen wolle, hier zu Lande, wo er Meiſter ſei und Geſellen gehalten habe, könne er nicht mehr als Geſelle arbeiten. Zilge, die ehedem ſeinen Stolz gereizt hatte, daß er Meiſter werden und ſelbſt Bauten auffüh⸗ ren ſolle, wollte jetzt dieſen Stolz beſchwichtigen, aber es gelang ihr nicht mehr und ſie ließ endlich Seb mit bangem Herzen ſchei⸗ den. Er ſagte ihr noch, wie viel ſie von der Gemeinde für den Kirchenbau zu bekommen habe und hing ſeine Uhr, die er ſchon in der Taſche hatte, wieder an den Nagel. Zilge wollte, daß er ſie mitnehme, er aber willfahrte ihr nicht und ſagte, ſie könne ſie verpfänden, wenn ſie kein Geld mehr habe. Wiederum ſtolz ſchwur ſie, daß das nie geſchehen würde, und endlich ging Seb von dannen. Die Kinder ſchliefen noch, das kleine Töchterchen mit ſeinen rothgeſchlafenen Backen zuckte zuſammen als er es küßte, und der Knabe Johannes, der unbewegt fortſchlief, ſchrie noch als Seb die Hausthüre zumachte, plötzlich: „Vater bleib' da!“ Seb reichte noch Zilge die Hand, preßte die Lippen zuſam⸗ men, und fort rannte er, als jagte Jemand hinter ihm drein. Ein Bauer der am frühen Morgen ſeine Wieſen im Thale wäſſerte, ſah den Seb lange, wie er dem Storchenpaare zuſchaute, das gemächlich ſteif und ſtillernſt durch die Wieſen ſtelzte, die Füße hoch hob, und mit Kopf und Hals ſtets rechts und links nickte. Als der Bauer den Seb anrief, ſagte dieſer:„Ich geh auch in die Fremd, und komm vielleicht vor dem Winter oder Frühjahr nicht wieder.“ Der Nachbar Küfer traf Seb in der Stadt, und ihm gab er den ausdrücklichen Auftrag, ſeiner Frau die Botſchaft zu bringen, ſie möge keine Sorgen haben, wenn ſie vielleicht lange nichts von ihm höre. Das waren die letzten Nachrichten, an denen Zilge lange ihr Hoffen und Harren befriedigen mußte. Siebenmal einſam. Schon am erſten Tage nach Seb's Abweſenheit hatte Zilge faſt keine Ruhe mehr am Stickrahmen, ja, was ihr ſeit Jahren nicht geſchehen, traf ein, ſie mußte die Arbeit eines ganzen Ta⸗ ges wieder auftrennen, und da ſie keines Tageslohn's entrathen konnte, mußte die Nacht das Verfehlte wieder einbringen. Sie hatte ſtets einen halben Gulden beſonders gelegt, damit ſie den Brief gleich bezahlen könne, den Seb ihr aus der Fremde ſchicke, und ſagte ſie ſich auch wieder, daß er von ſeinem Ver⸗ dienſte den Brief frei machen könne ſie rührte doch das Geld nicht an. Oft mußte ſie in überwallender Empfindung ſich auf⸗ richten, wenn ſie daran dachte, wie lieb ſie doch ihren Seb hatte, und ſie machte ſich Vorwürfe, daß ſie ihm das nie ſo gezeigt; ſie beruhigte ſich aber bei dem Gedanken, daß ſie bei ſeiner Heim⸗ kehr ihm den Himmel auf Erden ſchaffen wolle. Sie ſah jetzt die Rechtſchaffenheit und den Biederſinn Seb's in vollem Glanze, und wie getreu und ſparſam er war, und wie er ſie hoch hielt. Keine Frau weit und breit hat einen brävern Mann. Ja, ſie ſchalt ſich innerlich, daß ſie nach Vollendung des Kirchendaches ihn nicht gelobt habe, ſie hatte ja ſelber dieſen üͤbermüthigen Ehrgeiz in ihm gepflegt. Während ſie ſonſt den verdienſtloſern, Oel und Holz verzeh⸗ renden Winter fürchtete, freute ſie ſich jetzt darauf; da kehrt Seb heim, und ſie ſah oft ſtaunend auf die Kinder, ſie war jetzt ſehn⸗ ſüchtiger nach ihm, als da ſie Braut war. Ihr Herz pochte ſo heftig, wie an jenem zweiten Abend, nachdem ſie ihn Tags vor⸗ her zum erſtenmale geküßt, alle Küſſe, die ihr Seb je gegeben, entbrannten jetzt wieder auf ihren Lippen, und leiſe und verſtoh⸗ len ſang ſie ſich jetzt am Stickrahmen die Lieder, die ſie einſt mit Seb geſungen. Der kleine Johannes hütete ſein Schweſterchen gut, und Zilge hatte viel ſtille Zeit zum ſtillen Denken und Grübeln. Wenn der kleine Johannes am Abend betete und den Vater in Gottes Schutz befahl, ſprach ſie dem Kinde immer die Worte leiſe nach, und oft in ſtiller Racht ſchaute ſie ſtundenlang zu dem Fenſter hinaus über die Wieſe nach den jenſeitigen Wald⸗ bergen, die waren auch dunkler als die Nacht. Zilge war es oft ſo bange, daß ſie faſt laut aufſchrie, und doch ſchalt ſie ſich wie⸗ der ob dieſes ungerechten Zagens; ſie zwang ſich zur Munterkeit. Als aber der erſte Schnee fiel wurde ſie plötzlich tief traurig, ſie beredete ſich, daß wol in den wärmern Ländern noch heller Herbſt ſei, aber immer mehr ſagte ihr eine innere Stimme: Er kommt nicht, er kommt nie mehr, du biſt einſam und verlaſſen... Sie wollte dieſen Gedanken wieder ausreißen, er ſollte ſie nicht hin⸗ dern ihrem Manne mit voller Liebe entgegen zu kommen, und hundertmal ließ ſie ſich von Johannes die Worte vorſagen, die — 240— ſie ihn gelehrt hatte, daß er den Vater damit bewillkomme, bald ließ ſie auch das und pries im Stillen das Glück des Kindes, dem ein Entfernter ganz aus dem Sinne ſchwindet, wenn man es nicht gefliſſentlich daran erinnert. Die fröhliche Weihnachtszeit kam; nur um den Kindern Wort zu halten, zündete ſie ihnen einen hellen Baum an, und es ſchnitt ihr in die Seele, als das Kind von ſelbſt ſagte:„Gelt Mutter, weil der Vater nicht kommen iſt, darum kriegt er auch nichts?“ Einen Baum voll Liebesflammen hatte ihm Zilge entzünden wol⸗ len, jetzt war Alles dunkel und ausgeſtorben. Auf einmal ſtieg eine freudig traurige Tröſtung in ihr auf: Sebiſt krank, er kann nicht kommen, aber warum ſchreibt er nicht, und läßt nicht ſchrei⸗ ben? Vielleicht hat ihn ein jäher Tod ereilt, er war ja ſo über⸗ müthig keck, und ſeit dem Einſturze des Hauſes doppelt verwegen. Zilge glaubte vor zweifleriſchem Sinnen und Grübeln vergehen zu müſſen. Nicht umſonſt wohnte ſie in einem Hauſe, deſſen Ein⸗ ſturz man allzeit befürchten mußte. Um Faſtnacht hörte Zilge, daß der alte Kamerad Seb's, der Maurer in Weitingen, den Sommer über mit Seb gearbeitet hatte, und Nachricht von ihm geben könne. Sie übergab ihre Kinder dem Nachbar Küfer, und wanderte im Schneegeſtöber nach Weitingen. Sie kam mitten in den Faſchingsjubel, ſie mußte Alles mit traurigem Herzen mit anſehen, denn der Maurer ſpielte ſelber eine Rolle darin. End⸗ lich berichtete er ihr mitten unter dem Wirthshauslärm, daß er allerdings bis zum Herbſt mit ihrem Manne gearbeitet habe, ſie brauche aber nicht traurig ſein, denn ihr Mann ſei überaus luſtig geweſen, und habe geſagt, er gehe noch weiter, viglleicht in die neue Welt, ſeine Frau habe ihn bis zur Hochzeit lange war⸗ ten laſſen, jetzt könne ſie nachher auch ſich daran gewöhnen. Zilge bat und beſchwor ihn, mit ihr keinen Faſchingsſcherz zu trei⸗ ben, darauf ward der Mann böſe, ließ ſie ſtehen und mengte ſich unter das luſtige Lärmen. Auf dem Heimwege war es Zilge einmal, als müſſe ſie auch ſich in die weite Welt ſtürzen. Wa⸗ rum war ſie allein feſtgebannt? Waren denn die Kinder nicht ſo gut die ſeinen wie ihre? Da überlief es ſie plötzlich eiskalt und — 241— bis ins Herz hinein ſchauerte ſie, und ſie ſtieß in die ſchneebedeckte Welt hinein einen gräßlichen Fluch gegen ihren Mann aus. Ein wir⸗ beliges Taumeln, eine Schlafſucht ergriff ſie, daß ſie mit ſtarren Hän⸗ den ſich die Augen rieb, aber der Schlaf wollte ſie überwältigen, ſchon wollte ſie ſich niederlegen, da ſchoß ſie auf, ſchlief ſie hier ein, war ſie des Todes.„Meine Kinder! Meine Kinder!“ rief ſie im Weiterſchreiten, und rannte aus voller Macht dahin, bis ſie endlich ihre Schritte mäßigte. Zwiefach arm kehrte Zilge wieder heim, ſie war verlaſſen und von Haß erfüllt. Und doch als ſie von fern ihr Häuschen wiederum fah, überkam ſie ein gewiſſes Gefühl der Geborgenheit; draußen iſt die Welt ſo kalt und ſtarr, da iſt doch eine warme ſichere Stätte, da biſt du daheim und mit Fleiß und Ergebung wird ſich alles ertragen laſſen.„Gott ſei Lob und Dank, daß ich geſund bin,“ ſprach ſie vor ſich hin und faltete die ſtarrkalten Hände. Als am Abend der kleine Johannes in ſein Nachtgebet ſeinen Vater einſchloß, fuhr ſich Zilge mit der Hand über die ſträubenden Haare: das Kind ſegnete den, dem ſie heute geflucht, der ganze Jammer ihres Lebens ſprach ſich da aus, Segen und Fluch, Liebe und Haß ſtritten mit einander. Welches wird die Oberhand behalten?... Der Morgen nach einem erfahrenen Ungemache erweckt dop⸗ pelte Pein, und doch hat ſich dabei der erſte grelle Schmerz im Schlaf geklärt. Zilge wußte nun, was ſie zu ertragen hatte, und nur eine Weile konnte ſie ſich der ſchmerzgelähmten Mattigkeit hingében, die Alles abſichtlich noch mehr verkommen läßt, und ſich faſt deſſen freut, daß Schlag auf Schlag das Schickſal peinigt. Am erſten Sonntag, nachdem ſie die Gewißheit ihres Un⸗ glücks hatte, durchblätterte ſie das Geſangbuch hin und her, end⸗ lich ſtand ſie auf und ſagte: „Da ſtehen Lieder und Gebete für alle Leiden und Krank⸗ heiten, für meines nicht, das iſt unerhört, das hat noch keine Menſchenſeele erlebt.“ Zilge erinnerte ſich jetzt, daß ihr Mann ihr die Gemeinde⸗ verſorgung in Ausſicht geſtellt, ihr Ehrgefühl und ihr Stolz er⸗ hob ſich, ſie wollte der Welt zeigen, wer ſie ſei, und es erſchien Auerbach's Dorfg. 4. Bb. 16 — 242— ihr als eine erquickende Rache an ihrem Manne, er mußte es doch einſt erfahren, daß ſie ohne ihn das Haus im Stand gehalten, ſein böſer Vorſatz, ſie ins Elend zu ſtürzen, ſollte zur Lüge wer⸗ den. Allem, was Zilge nun unternahm und ſann, lag das Gefühl des Haſſes gegen ihren Mann zu Grunde, ſie verſchloß das aber in ſich vor fremden Menſchen, nur manchmal konnte ſie nicht umhin gegen die Kinder ihrem Herzen Luft zu machen. Der Frühling kam, er brachte keine Waſſerfluthen mehr, die Storchen waren wieder da und ein Schwalbenpaar niſtete wieder über dem Fenſter Zilge's. Zilge lebte ruhig und ſtill. Nur zwei Vorkommniſſe plagten ſie vielfach. Wenn ſie über die Straße ging, fragte ſie Jedermann:„Haſt noch keine Nachricht von deinem Seb?“ Die Menſchen hielten ſie für herzlos, weil ſie nicht Jedem den Gefallen that, mit der ganzen Ausbreitung ihres Kummers darauf zu antwocten, und man glaubte es ihr doch nicht, daß Seb nicht in heftigem Zanke von ihr gegangen ſei. Ja, Manche glaubten ihr Mitleid nicht anders bezeigen zu können, als indem ſie ihr vorhielten:„Wie wird's deinen armen Kindern gehen, wenn du einmal krank wirſt?“ Am erbittertſten war aber Zilge, wenn man ihr vorwarf, wie unklug es von ihr war, daß ſie ſich ehedem nicht beſſer in die Launen der Küferin gefügt hatte, ſie wäre an Kindesſtatt angenommen und Haus und Aecker der Küferin wären nicht verfremdet worden an die Verwandte von Weitingen. Eine zweite viel ſchwerer abzuwehrende Störung brachte der Bruder Zilge's, der nach der nahen Amtsſtadt verſetzt war, er wußte ſeine Schweſter nicht anders zu tröſten, als indem er Feuer und Flammen gegen Seb ſpie und ihm alles Schlechke nachſagte, und dazu hatte er noch Streit mit Zilge, weil ſie das nicht dulden wollte; er ſchwur, Seb„mit Guſto“ krumm zu ſchließen, wenn er ihn fahnde, er prahlte mit der Kenntniß ſeines Amtsſtils, indem er ihr den Steckbrief vorſagte, den er gegen Seb erlaſſen wolle, aber Zilge behauptete, daß Niemand dazu ein Recht habe als ſie, und der Bruder kam mit der Zeit oft ins Dorf, ohne ſie heimzuſuchen. Der Pfarrer kam auch bisweilen zu Zilge und lobte ſie ob ihrer milden Ergebung und ihrer ehren⸗ haften Thätigkeit. Sie nahm das letzte, das ſie verdiente, eben ſo an, wie das erſte, das ſie nicht verdiente. Niemand ſollte wiſſen was in ihr vorging. Die traurigſte Zeit war für Zilge Pfingſten, und die hellen Sommerſonntage. Da ſitzen Nachmittags die Frauen unter einem Nußbaum, oder vor einem Hauſe auf der Bank und plaudern allerlei. Zilge war ſo viel allein, daß ſie an dieſen Tagen ſich auch zu den Menſchen geſellen mußte, aber ſie wußte nicht wo⸗ hin; ſie gehörte nicht zu den Mädchen, nicht zu den Frauen und nicht zu den Wittwen. Das ſtille ewige in ſich Hineinleben hatte ihre Empfindung krankhaft geſchärft, und jetzt gab ihr doch die Welt eine, wenn auch nicht wohlthuende Heilung. Zilge gewahrte bald, daß die Unempfindlichkeit und Theilnahmloſigkeit der Men ſchen doch auch ihr Gutes hat. Die Welt nahm ihr Schickſal viel unbefangener, viel nüchterner: ſie iſt eine verlaſſene Frau, das iſt ſchon oft dageweſen, und wird noch mehr kommen. Dieſe Rüchternheit der Welt hat Anfangs etwas furchtbar Erkältendes, allmälig ſtellt ſich aber die Erkenntniß ein, daß die Welt fremdes Uneemach alsbald ſo nimmt, wie man es im Verlauf der. Zeit doch ſelber auch nehmen kann und muß. Zilge war anfangs er⸗ ſtaunt, daß man ſie darob nicht ſchalt und höhnte, ſondern es natürlich fand, wenn ſie auch einmal unwillkürlich lachte und ſcherzte, und manchmal erſchien es ihr ſelbſt, als ob ihr Ungemach gar kein ſo außerordentliches wäre. Man ſprach von Wiederge lehrten, und wie doppelt glückſelig die Menſchen dann mitein ander wurden. Wenn Zilge das hörte gab es ihr einen Stich durch's Herz, ein heimliches Labſal, der Haß gegen ihren Mann ſollte ihr dadurch entriſſen werden, und doch konnte ſie ſich des Einfluſſes nicht erwehren. Es gab Stunden, wo ihre Wangen glühten, und ſie ſich dachte, daß ſie ihren Mann mit offenen Armen empfangen würde, und wieder andere, wo ſie die Zähne lnirſchte, und ihn erwürgen wollte, wenn fie ihn wiederſah. Von Zeit zu Zeit klopfte Zilge die Sonntags Kleider ihres Mannes aus, die er daheim gelaſſen hatte. Die Leute riethen 16* — 244— ihr, dieſe Kleider zu verkaufen, aber ſie konnte ſich dazu nicht verſtehen. Tief erſchreckt wurde ſie aber einſt, als ſie mit dem Kleiderausklopfen beſchäftigt, den kleinen Johannes ſagen hörte: „Nicht wahr Mutter, wenn der Vater da wär', thäteſt ihn auch ſo ausklopfen, wie den Rock da?“ Zilge ſchauderte vor dem was ſie und vielleicht auch andere in der Kindesſeele gepflanzt hat⸗ ten, aber ſie konnte es nicht mehr ausjäten. Im dritten Herbſte kam ein Brief von Ausgewanderten aus Amerika, worin es hieß, daß Seb auch dort ſei und viel Geld verdiene. Wieder beſtürmten wechſelnde Gefühle das Herz Zilge's, aber der Unmuth behielt die Oberhand. Konnte Seb nicht ſelbſt ſchreiben oder etwas ſchicken? Sie wollte ja gerne ſeiner in Ge— duld harren. So oft nun Jemand kam und von Amerika ſprach, jammerte Zilge viel und es war ein ſeltſamer Treffer, daß der kleine Johannes, wenn man ihn fragte:„Wo iſt dein Vater?“ immer antwortete:„In Jammerika.“ Er ließ ſich nicht dazu brin⸗ gen, das Wort richtig auszuſprechen, und die Leute erluſtigten ſich zuletzt daran, und im Dorfe ſagte man eine Zeitlang nie anders als:„Jammerika.“ In demſelben Winter kam in der That auch ein Brief von Seb aus der neuen Welt. Er traf Zilge am Krankenbette ihres Töchterchens und der Brief enthielt nach einer Schilderung vie⸗ ler Mühſal nichts als die Tröſtung, daß es ihm jetzt beſſer er⸗ gehe und er Zilge bald hole. Das ganze Dorf kam nach und nach um den Brief zu hören und zu leſen, und als der Nachbar Küfer las, daß Seb ſeine Frau daran erinnerte, daß der Storch auch zuerſt allein fortfliege und dann ſein Weibchen nachhole, ſagte er nicht uneben: „Das iſt kein Vergleich, die Storchen geben jedes Jahr ihre Kinder aus, der Menſch aber muß ſie lang ernähren, ehe ſie ſich ſelber forthelfen können.“ Auch der Bruder Landjäger ſtellte ſich wiederum ein, und diesmal konnte ihm Zilge nicht wehren, daß er auf Seb ſchimpfe, weil er nicht für einen Kreuzerswerth geſchickt hatte. Seb gab an, bald wieder zu ſchreiben, worauf man ihm dann antworten könne. — 245— Das Kind genas und Zilge mußte nun die Rächte hindurch arbeiten, ſie ſchüttelte oft den Kopf, wenn ſie des Wiederſehens gedachte.„Du kommſtzu ſpät“, ſprach ſie dann oft vor ſich hin, ſie dachte an ihren Tod, und an die Erkaltung ihres Herzens. Neues Ungemach kam, Zilge konnte nicht mehr ſticken, ihre Augen wurden krank, und dabei klagte ſie dem Arzte, daß ſie ſich oft wie beſeſſen vorkäme, ſie habe ſo ſchwere Gedanken, daß ſie oft aus dem Schlaf laut aufſchreie, und es ihr am hellen Tage manchmal vorkäme, als müßte plötzlich Jemand die Thüre aufreißen, und ihr mit einer Art das Hirn einſchlagen. Der Arzt wußte kein anderes Mittel, als daß ſie die ſitzende Lebensweiſe aufgebe. Zilge verſtand ſich nicht auf die Feldarbeit, eine Fabrik war nicht in der Gegend, ſie faßte aber dennoch einen raſchen Ent⸗ ſchluß. In unſerer wohlregierten allſeitig beſchützten Welt bedarf aber jede aus der Linie gehende Thätigkeit der amtlich geſtempel⸗ ten Erlaubniß. Der Schultheiß, bei dem ſich Zilge ein Leumunds⸗ zeugniß holen mußte, billigte ihren Entſchluß, daß ſie Lumpen⸗ ſammlerin werden wolle, er rieth ihr aber, ihr Häuschen zu ver⸗ kaufen, denn ſo lange ſie das hatte, mußte ſie neben den Zinſen für die Hypothekenſchuld auch noch Gemeinde- und Staatsſteuern bezahlen. Zilge, die nichts hatte als ihrer Hände Arbeit, um ſich und ihre Kinder zu ernähren, mußte Steuern zahlen zur Erhal⸗ tung der Gerichte, der Militärmacht und des ganzen ſogenann⸗ ten Staatsorganismus. Sie konnte aber doch ihr Haus nicht auf⸗ geben, ſchon der Gedanke daran war ihr, als würde ſie mit ihren Kindern auf die Straße geſetzt; ſie hatte ſich ihr Lebenlang nach einem„eigenen Unterſchlupf“ geſehnt, lieber wollte ſie ſich nur halb ſatt eſſen, ehe ſie ſolchen aufgab. Mit knapper Noth kam ſie bei ihrem erſten Schritte in die fremde Welt ſtraflos davon. Als ſie das ausgeſtellte Patent, das ſie zum Lumpenſammeln ermächtigte, bezahlen ſollte, ergoß ſie ſich in heftigen Worten: Warum ſie denn ſeit Jahren Steuern bezahle, daß ſie nun, wenn ſie einmal das Gericht brauche, noch⸗ — 246— mals Blutgeld dafür geben müſſe? Der Amtmann antwortete nicht, er zog an einer Klingel, ein Landjäger trat ein; glücklicher⸗ weiſe war es aber der Bruder Zilge's, deſſen Fürſprache es nun gelang, daß ihr die Strafe des Einſperrens erlaſſen wurde. Zilge hörte zu ihrer Verwunderung zum erſtenmale die Entſchuldigung, daß es ihr nicht ganz geheuer im Kopfe ſei. Zilge freute ſich mit dem Patente, als hätte ſie damit ein großes Glück errungen, denn eine mühſam errungene Möglich— keit muthet oft ſchon an wie eine Erfüllung. In der That war ſie nun auch heiterer als je auf ihren Wanderungen durch die Dörfer, und der Gewinn war raſcher als mit der langſamen Nadel am Stickrahmen. Die Leute waren überall freundlich ge⸗ gen ſie und wenn ſie ſich auch anfangs deſſen ſchämte, fühlte ſie doch bald ihre Kräfte wieder wachſen bei manchem nahrhaften Biſſen, den man ihr ſchenkte. Manche Mitleidige ſagten ihr noch, wie ſchön und ſtolz ſie einſt geweſen ſei, und ſie lächelte ſtill dazu, wobei die Leute immer mit einer gewiſſen unruhigen Scheu ſie betrachteten. Am Abend trug Zilge neben der Laſt auf ihrem Rücken noch immer in einem Handbündel allerlei Eßwaaren heim, und ſie freute ſich mit ihren Kindern, die ſie den Tag über beim Nachbar Küfer gelaſſen. Auf ihren einſamen Gängen mußte Zilge immerdar ihres Mannes gedenken und wenn ſie in ein Haus kam, zuckte ein eigen⸗ thümliches Lächeln über ihr Antlitz, wenn man ſie ſcherzweiſe „Frau Baumeiſterin“ nannte, ſie aber ſagte nie etwas darauf. Man ſprach da und dort davon, daß viele Ausgewanderte in Amerika ſich zu einem Kriege hätten anwerben laſſen, und viele beim Baue der Panama⸗Eiſenbahn geſtorben ſeien. Zilge war es, als ob die Leute wüßten, daß ihr Mann nicht mehr am Leben ſei, obgleich man ihr das ſtets ausredete. Die Leute ſahen ſie aber immerdar ſo wunderlich an. Was hatte das zu bedeuten? Zilge, die ehedem nicht in Sonnenhitze, nicht in Froſt vor das Haus gekommen war, ſcheute jetzt kein Wetter, und mit einer ſich gleichbleibenden Haſt und Unruhe wanderte ſie von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, und ihre Mühe brachte erfreuliches Erträgniß. Im ſtillen Denken über Feld und durch den Wald ſetzte ſie ſich oft auch Termine, indem ſie, ihres Mannes geden⸗ kend, ſagte:„Wenn er bis da und da nicht heimkömmt, ſo ſind wir beide verloren, er und ich, auf ewig geſchieden.“ Er kam nicht und ſie war nur froh, daß ſie dieſen Vorſatz gegen Niemanden ausgeſprochen als zu ſich ſelber, ſie konnte den Termin wieder weiter hinausricken, und ſie that es und malte ſich's glückſelig aus, wie ſie ihm vergebe. Sie legte einmal mehrere Wochen den ſilbernen Trauring ab, den ſie von Seb an der linken Hand trug, aber wenn ſie in ein Haus kam, verdeckte ſie mit ihrer rechten Hand die linke, und da Niemand bemerkt hatte, daß ihr etwas fehle, zog ſie ſtill den Ring wieder an, und nur der kleine Jo⸗ hannes bemerkte dies, denn er fragte:„Haſt deinen Ring wie⸗ der gefunden?“ Als aber Sommer und Winter vergingen und keine Nach⸗ richt, nichts kam, ſetzte ſich wieder eintöniger Haß in ihr feſt. Er war es ja, der ſie ſo in die Welt hinaus trieb. Wie kann er das je wieder entgelten? Im Vorfrühling ſchritt ſie einſt im Regenſturme die Straße am Neckar dahin, der Wind wollte ſie umreißen und machte ihr die regentriefenden Wangen glühen, da ſtand ſie ſtill und plötz⸗ lich überkam es ſie, als müßte ſie ſich hinabſtürzen und den Tod ſuchen in den Wellen; aber ſie jagte raſch' davon, und als ſie heimkam, bat ſie den Lehrer, ihr doch den Johannes auf einige Tage aus der Schule zu entlaſſen, daß er mit ihr gehe; ſie ge⸗ ſtand nur halb, wovor ſie ſich fürchtete, aber der Lehrer willigte doch ein. Im Geleite des Knaben, der ein Bündel trug, erfuhr ſie nun immer mehr, welch eine Häßigkeit gegen den Vater in Ler Bruſt des Kindes waltete; er erzählte ihr, wie der Ziegler ihn geſagt: Seb habe in Jammerika eine Schwarze geheirathet und wole nichts mehr von ſeiner Frau und ſeinen Kindern. Zilge gab ſich viele Mühe, den Vater zu loben, aber es wollte ihr bei n nicht gelingen. Eines Mittags ſuchte ſie im Weitinger Walde unter einem Ahorwhaume mit ihrem Knaben Schutz vor einem Platzregen. — 248— Mutter und Kind ſtanden an dem Stamme gelehnt, die Tropfen fielen ſo ſchwer nieder durch die Zweige, es raſchelt auf den vor⸗ jährigen Blättern am Boden allezeit, als kämen Schritte von allen Seiten; in den Wipfeln ſauſt es, und drunten der Neckar rauſcht, und es läßt ſich nicht mehr unterſcheiden, was iſt Wal⸗ desſauſen, und was iſt Stromesbrauſen. Der Kukuk hat noch kaum vor einer Weile gerufen und dabei ſo ſeltſam gelacht, ja, wer ihn tief im Walde belauſcht, kann ihn hören wie er lacht; jetzt iſt er auch ſtill. „Ich möcht' nur auch den Kukuk einmal ſehen,“ ſagte der kleine Johannes. „Laß ihn, dein Vater iſt auch ein Kukuk.“ „Warum?“ „Ich weiß ſchon warum, du brauchſt nicht Alles wiſſen. Wenn du und dein Schweſterle nicht wär', da hätt' man mich ſchon da unten am Mühlrechen ausgefiſcht.“ „Wie denn?“ „Ich hätt' mich vertränkt.“ Eine Elſter huſchte plötzlich über Zilge tiefer in den Wald hinein, als hätte ſie das böſe Wort verſcheucht; den Vogel ge⸗ wahrend wurde Zilge ſeltſamerweiſe plötzlich inne, was ſie ge⸗ than, ſie pflanzte ja neue unheilvolle Gedanken in die Seele des Kindes; ſie gab ihrem Bruder Recht, der ſie für irrſinnig erklärt hatte, ſie nahm fortan den Knaben nicht mehr mit auf ihren Wanderungen. Jahr an Jahr verlief, man hörte nichts von Seb. Die Stor⸗ chen kamen und gingen, die Menſchen freuten ſich, daß die Bäume blühten und das Ackerfeld grünte, und ſie freuten ſich, als die Saaten dürr und reif wurden, und die Bäume voll Früchte hin gen, und Zilge blieb allezeit ſtill und in ſich gekehrt. Man höſte nichts von Seb. Zilge harrte nicht mehr und dachte nicht meyr. Sie verſuchte es, ihre alte Thätigkeit wieder aufzunehmen, Uber ſie hatte keine Ruhe, und läſſig und ſtill ging ſie nun ihren Er⸗ werbe nach. „Ich bin ſiebenmal einſam,“ klagte ſie am Pfingſtm, als — 249— es ſieben Jahre geworden waren, ſeit dem Seb ſie verlaſſen. Zilge war mit Steuern und Zinſen rückſtändig geblieben, ſie mußte oft auf das Rathhaus, darüber manchen Tag verſäumen und gerieth immer mehr in's Elend. Seb wurde nun doch in den Zeitungen ausgeſchrieben und nach hieländiſchem Geſetzesbrauch aufgefordert, binnen dreißig Tagen ſich zu geſtellen, widrigenfalls ihm wegen des eingeleite⸗ ten Gantverfahrens ein Abweſenheitspfleger geſetzt werde. Zilge ſah dem letzten Schlage, den ſie mit aller Macht abgewehrt hatte, jetzt gleichgültig entgegen. An die große Glocke. Es war ein heller Herbſtabend, die Schwalben ſammelten ſich in Schaaren, und ſtrichen in großen Flügen dahin; vor den Häuſern ſaßen die Bauern und dengelten die Senſen, um das Oehmd zu ſchneiden; das war ein Klingen und Hämmern durch das ganze Dorf, daß man kaum das Abendläuten hörte. Vor dem iathhauſe ſpielte ein Trupp Knaben laut jauch⸗ zend das ſogenannte Habergeisſpiel, des Maurer Seb's Johan⸗ nes war auch unter ihnen. Da tönte eine wohlbekannte Klingel durch das Dorf, die Dengelnden hielten eine Weile an und hör⸗ ten den Ausruf des Dorfſchützen, dann hämmerten ſie wieder weiter. Den Knaben am Rathhauſe mußte zweimal Stille ge⸗ boten werden, bis ſie ruhig waren, daß man hören konnte, wie der Schütz nach dreimaligem Klingeln von einem großen Bogen las:„Aus der Gantmaſſe des Maurermeiſters Euſebius Groler, genannt Maurerſeb, und ſeiner Ehefrau Cäcilia, geborene Künzle, wird deren allhier an der Winterhalde belegenes einſtöckiges Wohnhaus morgen nach der Nachmittagskirche im Aufſtreich zum erſtenmale öffentlich verſteigert.“ Der Schütz ging gravitätiſch weiter und man hörte ihn bald wieder vor einer andern Häuſergruppe ſchellen. Die Knaben ſchauten alle auf Johannes, der mit niederge⸗ — 250— ſchlagenem Blicke daſtand; ſeine Lippen zuckten; bald aber ging das Necken der Kameraden los: „Jetzt wird euch euer Häusle verkauft. Dein Vater hat eine Schwarze geheirathet.“ So zwitſcherten die Jungen, wie die Alten ſungen. Johan⸗ nes ſchlug um ſich auf Jeden, der ihm nahe kam, dann rannte er laut heulend das Dorf hinauf und ſtand nicht ſtill, wenn ihn Manche fragten, warum er weine; er rannte unaufhaltſam fort heim zu ſeiner Mutter. Zilge ſtand in der Küche, und ſchnitt Brod ein für eine Suppe:„Mutter gib mir das Meſſer“, ſchrie Johannes,„gib'smir. Wenn der Vater kommtſtech ich ihn mittodt.“ Zilge entfiel im Schreck ob dieſer Worte das Meſſer aus der Hand, ſie wies den Knaben ſcharf zurecht, in ihrem Innern aber trauerte ſie tief, da ſie nun immer gräßlicher wahrnahm, welch ein Kind ſie mit ihrem Haſſe groß gezogen. Und dennoch wälzte ſie die Hauptſchuld auf Seb. Sollte ein ſo ſchlechter Vater ein braves Kind haben? Mußte ſein Thun das Kind nicht das Gräßlichſte lehren? Welch ein muthiger aufgeweckter Knabe wäre das unter dem Auge des Vaters geworden, und mit welchen Verbrechen wird er nun ſein Leben erfüllen?.. Sie wußte das Kind nicht anders zu beruhigen, als indem ſie ihm ſagte:„Dein Vater kommt nie mehr wieder, und du biſt mein Sohn und mußt brav und meine Stütze im Alter ſein.“ Dieſes letzte allein beſchwichtigte endlich den unnatürlich er⸗ regten Knaben; aber noch als ihn die Mutter ſchlafen legte, wollte er nicht beten, und als er endlich auf ihr Bitten die Worte ſprach:„Lieber Gott behüt meinen Vater—“ da warf ſich Zilge auf ihn nieder und bedeckte ihn mit Küſſen. „Wirſt ſehen ich werd' für dich ſorgen“, betheuerte das Kind und ſchlief endlich ein. Zilge zündete kein Licht an und ſaß am Fenſter, bald vor ſich nieder bald in den ſternglitzernden Himmel ſchauend, wo Sternſchnuppen hin und herflogen; ſie hatte nichts mehr, das ſie ſich dabei wünſchen konnte, als: Gott möge ihre Kinder in ſei⸗ nen Schutz nehmen, und ſie brav werden laſſen. 251— Auf der Bergwieſe vor ihrem Hauſe war es heute Nacht le⸗ bendig, man mähte das Oehmd und der würzige Thauduft ſtieg zu Zilge empor, aber das Schnittraſcheln der Senſe zuckte ihr durch das Herz. Sie hielt mit der Hand feſt die Fenſterleiſte, als wollte ſie damit ihr Haus feſthalten, und es nicht aus der Hand geben. Kann das Elend noch tiefer gehen? Warum kann man nicht ſterben vor Kummer? Wie lange mußt du warten, bis der Tod dich nieder mäht? Das war ihr einziges Denken. Des Zieglers Hund im Thale bellte, und alle Hunde im Dorfe bellten ihm nach. Wenn ein Hund einen Feind abwehrt oder für ſich klagt, ſtimmen Alle ein, die Menſchen aber... Zilge rieb ſich oft die Augen, aber ſie konnte nicht weinen, und die Augen mit der Hand zugedrückt, legte ſie das Haupt auf das Fenſterſims... Da öffnet ſich die Thüre. „Wer iſts? Wer will was?“ „Ein Bettelmann kommt und bittet.“ Wehe! was iſt das für eine Stimme? „Hülfe! Hülfe!“ ſchrie Zilge zum Fenſter hinaus. „Sei ruhig, liebe gute Zilge, ich bin's, dein Mann—“ „Weg, weg, fort, ich will dich nicht, lebſt du oder biſt du todt, ich will dich nicht, nicht in dieſer Welt und nicht in jener.“ Eine Hand legte ſich auf Zilge, von Fieber geſchüttelt zuckte ſie zuſammen, dann ſchrie ſie laut auf und ſank auf den Boden. Die Mäher, die den Hülferuf gehört, kamen herbei, Seb, denn dieſer war es, hieß ſie wieder gehen, ſeine Frau habe eine Ohnmacht bekommen, ſie ſollten nur den Nachbar Küfer und ſeine Frau holen. Er richtete Zilge auf, und plötzlich fing ſie laut an zu lachen. „Gelt, du biſt der Maurer Seb? Ja der Maurer, du haſt mich lebendig eingemauert. Rühr mich nicht an, nie, nie, und wenn du mit der Krone auf dem Kopfe wiederkommſt, ich will dich nicht mehr, geh' hin, wo du geweſen biſt, geh, geh.“ Sie ſtieß ihn mit großer Macht von ſich, und fing dann an laut zu weinen und zu ſchluchzen. — 252— „Um Gotteswillen Zilge, ſei doch ruhig“, bat Seb,„häng' nicht Alles an die große Glocke, ſchrei nicht ſo.—“ „Du haſt auch Alles an die große Glocke gehängt, mich, die Kinder, und das Haus. Es gibt gar nichts, was du nicht gethan haſt; weg, weg“, rief ſie noch lauter. Die Nachbarn kamen und zündeten Licht an. Als Seb nach ſeinen Kindern ſehen wollte, ſprang Zilge wie raſend auf und duldete es nicht. „Er hat ſieben Jahr nicht nach ihnen geſehen, ſie gehen ihn nichts mehr an“, rief ſie. Seb und die Nachbarn waren ſtarr, da ſie Zilge ſahen, ſie war leichenblaß, ſtrich ſich bald mit beiden Händen über die Stirne, bald ſtreckte ſie die Hände vor ſich hin mit ausgeſpreiz⸗ ten Fingern, ihre Augen lagen weit heraus. So oft Seb nur ein Wort ſagen wollte, ſchrie ſie laut, als ſteche man ſie mit Dolchen. Die Kinder erwachten weinend, Seb rief ihnen zu, aber Zilge gebot ihnen, nicht zu antworten. Vor dem Hauſe war Alles verſammelt, was noch im Dorfe wach war. Der Maurer Seb iſt wieder da, das hatte ſich ſchnell verbreitet, aber Zilge raſte und wüthete immer fort, und Seb mußte ſich endlich aus ſeinem eigenen Hauſe vertreiben laſſen, aus dem er vor Jahren entflohen war. Der Nachbar Küfer be⸗ redete ihn beſchwichtigend dazu, und die Küferin verſprach, dieſe Nacht bei Zilge zu bleiben. Seb reichte den Bewillkommenden kaum die Hand, denn er hörte vom Küfer, daß man an ſeiner Frau ſchon lange Anzeichen von Irrſinn bemerkt habe, ſie habe ſich ihre Verlaſſenheit zu ſehr zu Herzen genommen und nur ſel⸗ ten mit Jemanden davon geſprochen. Am Morgen, als Seb in ſein Haus kam, fand er Zilge noch ſchlafend, er näherte ſich auf den Zehen ihrem ärmlichen Lager. Wie abgehärmt ſah ſie aus! Aber ſie mußte doch ſeinen Blick geſpürt haben, denn ſie ſchlug mit der Hand um ſich und wendete ſich nach der Seite. Die Küferin berichtete leiſe, wie Zilge ihr geſtanden habe, als ſie ihren Mann gehört, geſehen und ſeine Hand geſpürt, habe ſie nicht mehr gewußt, wo ſie ſei, was ſie thue, und was ſie rede, 253 und da ſei ihr auf einmal all das in den Sinn gekommen, was ſie ſeit Jahren einſam für ſich gedacht und geſprochen und heraus ſei es, und es ſei ihr geweſen, als ob etwas in ihrem Kopfe reiße, es habe geſurrt und geſchnellt, wie wenn man einen Seidenfaden beim Nähen ſpannt, mit dem Finger tönen macht und dann reißt, und ſie habe reden müſſen, wie ſie ſich's tauſendmal vorgeſagt. „Ein Teufel,“ das waren ihre Worte,„ein Teufel habe aus ihr gebellt.“ Seb ſchöpfte aus dieſer Mittheilung doch einigen Troſt. Es gelang ihm mit Hülfe der Küferin, die Kinder in das Nach⸗ barhaus zu bringen, das Mädchen war bald zutraulich gegen den Vater, der Knabe aber blieb trotzig und widerſpenſtig, er ſtand immer bei Seite mit niedergeſchlagenen Blicken und nur manch⸗ mal heftete er ſein großes Auge auf den Vater. Welche uner⸗ gründlichen Gedanken ſprachen aus dieſem Auge. Nicht von dem Vater, ſondern nur von dem Küfer ließ ſich der kleine Johannes die neuen ſchönen Kleider anziehen, die der Vater ihm und der Schweſter mitgebracht hatte. Die Kleider waren zu eng und knapp. Seb hatte ſich im Wachsthum ſeiner Kinder verrechnet. Erſchien ſich überhaupt verrechnet zu haben, denn kaum war Johannes ſchön geſchmückt, als er, ohne ein Wort zu ſagen, das Dorf hinein⸗ rannte; er kam aber alsbald wieder im vollen Athem, er hatte offenbar die neuen Kleider ſeinen Kameraden zeigen wollen und war doch wieder von einem Schamgefühl gejagt unaufhaltſam hin und her durch das Dorf gerannt, als brennten die Kleider. Ein ſeltſamer Zwieſpalt ging in dem wilden Knabenherzen vor. Das Mädchen, ſchon viel zu groß dafür, ließ ſich doch von dem Vater auf dem Arme tragen, es war glückſelig in ſeinem neuen Kleide und Seb trug das Kind unter Küſſen rund um das Haus und ſtand lange bei den Tannen, die er ehemals ſei⸗ nen Wald genannt. Die Sonne ſchien ſo hell und warm, der Würzgeruch des friſch gemähten Oehmdes erfüllte die Luft, die Welt wird mit jedem Morgen wieder neu; warum ſollte das ein Menſchenherz nicht auch können? Endlich hörte Seb, daß Zilge aufgeſtanden war, er ging mit den Kindern an der Hand in die Stube, der Knabe wand ſich — 254— unwillig an ſeiner Rechten. Zilge ſaß am Fenſter, blaß mit hoh⸗ len Wangen, ſie blickte unbewegt gläſern darein. Sie ſchüttelte mehrmals nickend den Kopf, als Seb ſie mit liebreichen Worten begrüßte und ſie um Verzeihung bat, daß er ſie am Abend ſo plötzlich überraſcht; er habe gehofft, es damit gut zu machen. Sie ließ ihn ihre Hand faſſen, die leblos und ſtarr in der ſeinen lag, dann ſagte ſie, ſich hin und her wendend: „Er ſieht gut aus wie ein Bierbrauer.“ Es war als ſpräche ſie zu jemand Fremdem, und doch war Niemand außer Seb und den Kindern in der Stube. Jetzt erſt ſchien ſie die Kinder zu bemerken, ſie rief ſie zu ſich und riß ihnen haſtig die Kleider vom Leibe, das Mädchen weinte darob und ſie ſagte: „Er hat euch ſieben Jahr hungrig und nackt gelaſſen; damit fangt man mich nicht. Gieb die Kleider wem du willſt.“ Seb bat ſie, doch vor den Kindern gemäßigter zu ſein, ſie aber ſagte: „Sie haben das Elend bisher mit angeſehen, ſie können's auch noch weiter.“ Seb brachte die Kinder aus dem Hauſe, dann ſetzte er ſich zu ſeiner Frau und erzählte ihr, wie ja Alles wieder gut ſei und beſſer als je, er ſei nach Kalifornien gereiſt, wo man Gold grabe, er habe ſich aber damit nicht abgegeben, ſondern auf ſeinem Handwerke gearbeitet und dabei großen Verdienſt gehabt, er habe mehr als zehn Bauten ausgeführt und keine ſei ihm mißlungen. Zum Beweiſe ſeines Wohlſtandes legte er mehrere Goldrollen auf den Tiſch und brach einige davon auf, daß der Inhalt wie neugierig auf den Tiſch rollte. Zilge aber ſchüttelte den Kopf und erſt auf wiederholtes Bedrängen ſagte ſie:„ Damit fangt man mich nicht, und wenn du tauſend Millionen bringſt, kaufſt du mir nicht ab, was da drin—“ ſie deutete auf ihr Herz, es würgte ſie im Halſe, ſie konnte nicht weiter reden. Man hörte Beſuche vor der Hausthüre, Seb raffte ſchnell das Gold wieder zuſammen, und als viele Männer und Frauen eintraten, ſagte Zilge lachend: 255— „Wenn ein Hund an der Kette liegt, werfen die Buben mit Steinen nachihm, ſie wiſſen wohl warum, wenn er aber los iſt, hui!“ Sie erklärte trotz vieler Fragen beharrlich nicht, was ſie da⸗ mit meinte, und die Leute ſchüttelten den Kopf ob ihres Irrere— dens; ſie hatte aber wol damit ſagen wollen, daß man ſie in ihrem Elend vielfach verhöhnt und verſpottet habe, und aller⸗ dings waren unter den Angekommenen auch Menſchen, die ſich ſolches hatten zu Schulden kommen laſſen. Seb drängte die Be⸗ ſuchenden mit Höflichkeit hinaus und verſchloß die Hausthüre, und jetzt wendete er ſich mit erneutem Eifer an Zilge und betheu⸗ erte ihr, wie er ihr jede Minute ihres Lebens doppelt vergelten wolle für das große Leid, das er ihr angethan. Zilge lächelte freudig, faßte ſeine Hand und drückte ſie, als er aber hinzuſetzte: „So iſt's recht, jede Minute, die wir noch jetzt von unſerm ſchö— nen geſegneten Leben verlieren, iſt eine Sünde an Gott,“ da ſchrie ſie laut auf und ſtieß ihn von ſich, indem ſie ſagte: „So? Eine Sünde an Gott iſt jede verlorne Minute? Wie viel Minuten hat ſieben Jahr? Hol' die Tafel und rechne. Nein, nein, nein, du kannſt gehen, wohin du willſt, ſieben Jahr ver⸗ laſſen ſein iſt ein Scheidegrund, ich will's auf mich nehmen, was du willſt, wie du willſt; ſag mir nur nichts mehr von deinem Geld—“ „Und unſere Kinder?“ ſagte Seb bebend. „Ihnen zu lieb möcht' ich ſchon, aber ich kann nicht, Gott iſt mein Zeug', ich kann nicht;“ ſie ſchlug ſich wie betheuernd mehrmals auf die Bruſt, dann ſagte ſie dumpf: „Wart nur noch eine Weile, dann holt mich der Tod, dann ſoll Alles allein, Alles, ich will nichts davon, gar nichts, man ſoll mich mit meinen Lumpen zudecken.“— Seb legte den Kopf weinend auf den Tiſch, Zilge ſtand auf und fuhr ihm mit der Hand über die Haare, dann ſank ſie plötz⸗ lich nieder. Seb trug ſie in ſeinen Armen auf das Bett, dann eilte er hinaus und ſchickte einen reitenden Boten nach dem Arzte. Als es zum erſtenmale zur Kirche läutete, richtete Zilge ſich auf und ſagte: — 256— „Nimm das Geſangbuch, nimm's, was zitterſt? Sind dir meine Thränen drin zu ſchwer? Lies, ſing's ganz durch, von Anfang bis End, mein Leid und mein Weh ſteht nicht drin, das hat keiner gewußt, das hat kein Schriftgelehrter, kein Heiliger und kein Kirchenvater erlebt.“ Seb ſaß auf einem Schemel zu Füßen ſeiner Frau, die die Augen ſchloß, und wie es ſchien, ruhig ſchlummerte. Die Glocken läuteten zur Morgenkirche, und Seb bedeckte ſich ſein Antlitz mit beiden Händen. Wie ſtolz triumphirend hatte er unter dieſem Ge⸗ läute an der Hand ſeiner Frau vor aller Welt wieder erſcheinen wollen, wie hatte er gehofft, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen, da er nun die Glücksgüter ihr in den Schooß legte, die ihrem feinen ehrliebenden Weſen gebührten. Und jetzt! Zorn und Ingrimm wollten in ihm aufſteigen, er hatte ſich ja keine Ruhe und keinen Genuß gegönnt, nur um dieſe Höhe zu erreichen. Wie aber, wenn ſie unterdeß geſtorben, da ſich ihr Herz ihm verfremdet und im Elend verkümmerte, ſo daß es nicht mehr fähig war, ein heiteres Glück und ihn in ſich aufzunehmen? Wie muß Schmerz und Jammer in dieſer Seele gewühlt haben, bis ſie verwirrt und zerrüttet war! Seb fühlte ſich auf einmal tief gedemüthigt. Er konnte jetzt ein Haus erbauen, wie keines im Dorfe war, aber läßt ſich erſtorbene Liebe wieder auferbauen? Seb wand ſich hin und her und die Geldrollen in ſeiner Bruſttaſche ſchlugen von außen wie ein ſchwerer Hammer an ſein klopfendes Herz. Leibhaftig fühlte er jetzt die ungeahnten Schläge, die ihm nun ſein Reichthum brachte. Und mitten in aller ſchweren Kümmer— niß überkam ihn doch wieder ein troſtreicher Gedanke: Wie mußte ihn dieſe Frau nicht geliebt haben, und ihn allein, keinen Reich⸗ thum und keine Größe, ſie fragte nichts danach, es ſchauderte ſie davor, ſie waren mit ihrem Herzblute erkauft.— Von dem Ge⸗ danken der unergründlichen Liebe ſeines Weibes bewegt, ſchnellte Seb empor und drückte einen Kuß auf die blaſſe, nur leichtge⸗ röthete Wange der Schlafenden. Die Kinder kamen herbei; Seb kleidete ſie wiederum feſtlich an, und ſelbſt Johannes ließ ihn gern gewähren, dann ſtellte ſich — 257— der Knabe zu Haupten des Bettes und betrachtete mehrmals die Mutter, meiſt aber ſtand er, das Kinn auf die Bruſt geſenkt, die Augen zum Vater aufrichtend und feſt auf ihn ſchauend. Ein Kind kann mit einer Dauer und unbewegter Heftigkeit den Blick auf einen Gegenſtand heften, wie das Auge eines Erwachſenen ohne zu blinzeln nicht vermöchte, und dieſer ſtarre Kindesblick ge⸗ winnt eine Durchdringlichkeit und Strenge, der keine Worte gleichkämen. Seb ſenkte oft den Blick, wenn er den dreinſtarren⸗ den Knaben anſah. Er brachte kein Wort aus ihm heraus, nur einmal ſagte der Knabe von ſelbſt:„Gelt, die Mutter wird nicht ſterben?“ Der Knabe hatte gehört, daß Seb einen reitenden Boten nach dem Arzte geſchickt, und daher die eigenthümliche Erweichung ſeines ſtarren Weſens; vielleicht hatten aber auch die neuen Klei⸗ der doch eine Aenderung in ihm hervorgebracht. Als Zilge erwachte und die wieder geſchmückten Kinder ſah, bat Seb, ihnen doch die Kleider zu laſſen.— Sie ſchwieg. Der Arzt kam und fand den Zuſtand Zilge's nur wenig be⸗ unruhigend; als Seelenkundiger empfahl er indeß noch Seb die äußerſte Geduld und Nachgiebigkeit, da Zilge ohnedieß ſchon oft an Anfällen von Schwermuth gelitten habe. Als Seb die Ausſagen der Küferin berichtete, lächelte der Arzt und ſagte, Zilge ſei zwar durch ihr Stubenleben und ein gewiſſes nachdenkliches Grübeln etwas feingeartet, aber doch nicht ſo ſubtil, daß nicht Alles noch zu Gutem ſich wenden könne. Seb verließ keine Minute ſeine Frau, aber er durfte ihr nichts reichen, ſie nahm nichts aus ſeiner Hand, und nur von der Küferin. Als die Nachmittagskirche ausläutete, ſagte ſie: „Jetzt verſteigern ſie unſer Haus, geh' doch auch dazu und kauf's, wenn du kannſt.“ Seb wollte erklären, daß das nun nicht mehr geſchehe, und wäre es auch, er behielte es doch nicht mehr. In bitterem Tone ſagte darauf Zilge: „Nicht einmal das will er mir thun!“ Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 1 — 258— Seb ging und kam bald wieder, indem er freudig rief: „Das Haus iſt wieder dein und blank.“ Zilge ſah ſtarr drein, als ob ſie gar nichts gehört hätte. Mit Seb war auch der Bruder Landjäger gekommen. Er hatte von der Ankunft ſeines Schwagers gehört und hatte ihn beim erſten Ausgange getroffen, er, der ſonſt nicht Schimpfworte genug für den Seb gehabt, war jetzt ſtolz auf ihn, und ſein beßter Freund, zumal, da er ihm eine ſilberne Taſchenuhr mitgebracht hatte. Er zog jetzt heftig gegen Zilge los, daß ſie ſich ſo ziere und ſperre. Seb ſuchte ſeinen Reden Einhalt zu thun, aber mit jener Art von martialiſchem Gleichmuthe, ja von Heiterkeit, die gerne ſolche Leute bei einer Exekution zur Schau ſtellen, ſtrich ſich der Bruder Landjäger den Schnurrbart und ſagte auf umher⸗ ſtehende Süßigkeiten deutend: „Das iſt nichts, der muß man's einmal aus dem Salz ge⸗ ben, dann iſt ſie geheilt; du biſt viel zu zimpfer, Seb.“ Dieſer verbot mit Gemeſſenheit jedes weitere ſolcher Worte, aber der Bruder Landjäger kehrte ſich nicht daran, und Seb wußte endlich keinen andern Ausweg, als daß er den Bruder Landjäger mit ſich fort nach dem Wirthshauſe zog. Zilge ver⸗ riegelte hinter ihnen die Hausthüre, und öffnete ſie nicht mehr. Ein Leidensgang und ſtilles Dulden. Als Seb am andern Morgen die Hausthüre offen fand und nach ſeiner Frau umſchaute, war dieſe verſchwunden; ſie hatte den Kindern noch die Morgenſuppe zurecht geſtellt, die mitge⸗ brachten Sonntagskleider verſchloſſen und das Werktagsgewand hergerichtet und war dann davon gegangen. Der kleine Johannes mußte fühlen, welch eine ahnungsſchwere Unruhe den Vater be⸗ wegte, der im ganzen Hauſe nach ihr rief, er ſagte, die Mutter ſei auf ihre Handelſchaft gegangen, ſie habe ihr Säckchen mitge⸗ nommen. Nun mußte Seb im ganzen Dorfe und auf allen Wegen nachfragen, welchen Weg ſeine Frau eingeſchlagen. Er fürchtete das Gräßlichſte. Endlich erfuhr er von den Oehmdenden 50 an der Windenreuthe, daß ſeine Frau den Waldweg nach Wei⸗ tingen eingeſchlagen; ſie habe ſich noch herabgefallene Zwetſchgen in der Wieſe aufgeleſen. Seb eilte durch den Wald, drunten rauſchte der Reckar und ſein Rauſchen war ihm unheilverkündend; da ſah er plötzlich Zilge auf einem Baumſtumpfe ſitzen, ein kleines Bündel lag neben ihr; ſie aß ruhig Zwetſchgen und warf die Steine weit weg, ſie bewegte ſich nicht bei ſeinem Anblicke und doch mußte ſie ihn ſehen. Als er vor ihr ſtand, ſtarrte ſie ihn an, und als er ſie dringend bat, doch mit ihm umzukehren, ſie brauche dieſes elende Leben nicht mehr zu führen, ſtand ſie raſch auf, nahm ihren zuſammengerollten Sack und ſchritt davon. Seb ließ ſie eine Strecke gehen und rief ihr nach, daß ſie ihn auf ewig von ſich vertreibe, daß er wieder in die weite Welt gehe, wenn ſie nicht umkehre; ſie antwortete nicht, aber kaum war ſie aus ſeinen Augen verſchwunden, als er ihr nachrannte, und da er ſie ſah, hinter ihr dareinſchritt. Seb war doppelt unglücklich und voll Zorn, er hatte eine Drohung ausgeſprochen und gleich darauf gezeigt, daß er ſie nicht auszuführen vermöge. Endlich ging er wieder ſtumm an der Seite Zilge's, und ſie ſagte jetzt von ſelbſt und ganz verſtändig: „Die Müllerin hat mir auf heute einen halben Zentner verſprochen. Wenn ich's nicht hol', dann kommt ein Jud und ſchnappt mir's weg.“ Seb wußte nicht mehr was er thun und denken ſollte, nur das eine wußte er, er durfte ſeine Frau nicht mehr verlaſſen. Zilge ging in die Mühle und kam bald wieder heraus und ſetzte ſich, den Sack auf dem Schooße, auf die Schwelle. Seb ſetzte ſich neben ſie. Die Müllerin kam aus dem Felde. Seb ſchlugen die Flammen aus dem Geſichte, als er hier Vorwürfe über ſeine Entweichung hören mußte, und es war wunderbar, wie klug und auf ihren Vortheil bedacht, Zilge das Verſprochene zu erwerben wußte. Seb ſtand dabei, er wußte nicht mehr wo er war. Zilge lud ſich den ſchweren Sack auf den Rücken und ging damit davon; aber kaum war ſie zwanzig Schritt gegangen, als Seb ihr den Sack abnahm und mit flämmendem Antlitze rief: . — 260— „Zilge, ich will dir Alles thun, was du willſt, ich will mich vor den Leuten hinſtellen und mich ausſchimpfen laſſen. Sag', ſoll ich den Sack den jähen Berg da nauftragen? Ich thu's gleich, wenn du's ſagſt. Nur ſei gut, und ſei wieder mein liebes, gutes Weib und komm'jetzt heim.“ Zilge antwortete nicht, und als Seb ſie bat, doch mit ihm im Wirthshaus einzukehren, ſagte ſie: „Ich hab kein Geld.“ „Aber ich hab.“ „Das geht mich nichts an.“ Seb mußte nun dabei ſtehen wie Zilge von Haus zu Haus in bettelndem Tone um Lumpen bat; er biß ſich die Lippen zwiſchen die Zähne und die Laſt auf ſeinem Rücken ward über⸗ mäßig ſchwer. Endlich machte man ſich auf den Heimweg, Zilge ging ſo raſch, daß Seb neben ihr kaum Schritt halten konnte. Am Neckar auf einem Felſenvorſprunge ſtand ſie plötzlich ſtil und ſagte: „Seb, komm' her, ſchau, da bin ich geſtanden, mehr als Einmal, in Wind und Wetter und hab mir den Tod geben wollen, und wären meine Kinder nicht, ſie hätten mich da drunten am Mühlrechen aufgefiſcht. Seb, ſei zum letztenmale aufrichtig gegen mich. Sag mir ehrlich: Haſt du am erſten Tag, gleich wie dir's gut gangen iſt, wie du mir hätteſt was ſchicken, wie du mich hätteſt holen können, das gleich ausgeführt? Haſt du keinen Tag verſäumt? Sag's, ſag's ehrlich.“ „Das iſt recht, daß du einmal ordentlich wedeſt. Schau, ſo fortlaufen, oder was man hat, gleich aus der Hand geben, das kann man nicht. Ich hab damit weiter Geld gemacht, und ich hab mir denkt: Haſt du's ſo lange ausgehalten, gehts auch noch ein bisle weiter, und ich hab wollen groß—“ „So geh groß zum Teufel,“ ſchrie Zilge, ſtieß heftig nach ihrem Manne, riß ſich krampfhaft windend den Trauring von der Hand und rief dabei:„Aus iſt's mit uns, los und ledig,“ warf den Ring hinab in den Fluß und rannte davon; aber bald — 261— wendete ſie querfeldein, denn ſie ſah einen Landjäger des Wegs daher kommen, der Landjäger ſprang ihr über den Graben nach und ſie ſank vor ihm auf das Stoppelfeld. „Fang mich, bind mich, ich will nichts mehr von ihm, gar nichts, nie mehr, nie,“ rief ſie. Der Landjäger, der Niemand anders war, als der Bruder Zilge's, ſtand wie verwirrt, und als jetzt Seb herbeikam, ſchrie Zilge gellend auf und wühlte ihr Antlitz in den Boden. So wäre alſo doch wahr, was man ſchon lange geahnt hatte, war Zilge irrſinnig? Ein leerer Wagen kam des Weges. Zilge ließ ſich lautlos von den Männern auf denſelben tragen, nur zuckte ſie bei jeder Berührung Seb's elektriſch zuſammen. Ein Theil der Lumpen wurde ihr als Kiſſen untergelegt, mit dem andern deckte man ſie zu, denn es ſchüttelte ſie ein Fieberfroſt. Seb hatte ſchon im Spätherbſt wieder in die neue Welt zu⸗ rückkehren wollen, jetzt war er mit ſchwerem Leid in der Heimath gefangen; ſchrecklich war's, blieb er in derſelben, aber noch ſchreck⸗ licher, zog er mit der zwar nicht Irrſinnigen aber im unbezwing⸗ lichen Widerwillen gegen ihn Gefangenen in die Fremde. Seb hatte den Leuten nicht geglaubt, daß ſeine Frau irr⸗ ſinnig ſei, und man hatte ihm das auch bald wieder ausreden wolleh; jetzt kam abermals Jedes darauf zurück, aber Seb wehrte es ab. Es wäre viel leichter geweſen die unbegreiflichen Launen Zilges zu ertragen, wenn ſie Krankheit und nicht eine Herzens⸗ härtigkeit waren, aber Seb war ehrlich genug, ſich keine un⸗ wahre Erleichterung zu verſchaffen, und in dieſer Aufrichtigkeit fand er wieder einen neuen Troſt; mit Milde und unzerſtörbarer Liebe konnte er eine Herzenshärtigkeit löſen, nicht aber einen Irrſinn. Er übte unſägliche Geduld an Zilge, er warb um jeden Blick, um jedes Wort, jede Handreichung mit einer nachhaltigen Geduld, daß ihn das ganze Dorf darob lobte. Er war glücklich wenn er ihre Hand berühren durfte und als ſie einſt von ſelbſt ſeine Hand faßte, küßte er die ihre. Oftmals ſah ſie ihn lächelnd an, dann aber wendete ſie raſch — 262— kend wie erſchreckt den Blick und unverſehens wurde ſie äußerſt zänkiſch und unwillig bei dem Geringſten, was er unterließ oder in ſeinem Schmerze linkiſch that. Nie durfte Seb vor ihren Augen Geld zeigen, ſie ſchrie dabei laut auf, wenn er dieſe Vorſicht vergaß, nie durfte er vor ihren Augen eines der Kinder liebkoſen, ſie ſagte einmal ganz offen: „Wenn die Kinder nicht wären, wärſt du nie mehr wieder⸗ kommen, mir haſt du mein Leben abgewürgt; aber die Kinder ſind mein, nicht dein, das wird ſich zeigen, und du biſt ganz irr, wenn du glaubſt du kannſt mich ſieben Jahr ins Elend werfen und mich dann wieder holen, weil dir's jetzt recht, weil dirs jetzt geſchickt iſt, ich bin auch mein eigen.“ Keine Einwendung, keine Betheuerung half, es ſchien, daß ſie gar nicht darauf hörte. Wenn Seb ſie manchmal durchdringlich anſah, konnte ſie ausrufen: „Nicht wahr, ich bin alt und verhutzelt? Wie haſt dir denn denkt, daß eine verlaſſene Frau ausſieht nach ſieben Jahr Elend? Ich brauch dir auch gar nicht mehr gefallen, ich will gar nicht mehr.“ Seb konnte ihr der Wahrheit gemäß betheuern, daß ſie nur der Erholung und guter Tage bedürfe, um wieder friſch und munter zu ſein; ſie gab keine Antwort, ſie ſprach was ſis auf dem Herzen hatte, und ſchien nichts erwiedert haben zu wollen. Wenn Seb ihr erklärte, daß der Hausbau ſein Unglück und ſein Glück geworden ſei, rief ſie oft:„Ich bin an keinem von beiden ſchuld und will auch kein Theil an keinem.“ Seb führte ſeine beiden Kinder täglich zweimal an der Hand nach der Schule, und holte ſie zweimal wieder ab. So ſchwer es ihm gelingen wollte, den kleinen Johannes dazu zu bringen, daß er die neue Welt nicht mehr Jammerika nannte, ebenſo ſchwer ging es, ſein verhetztes und verſtocktes Weſen zu ſchmeidigen. Gerade weil der Knabe bemerkte, wie leicht erſichtlich war, daß der Vater um ſeine Liebe warb, ſchien er um ſo verſchloſſener. Mit Geſchenken war er noch weniger als Zilge zu gewinnen, d — 263 denn ein Kind freut ſich der Gabe und vergißt alsbald des G bers. Der trotzköpfige und hinterhältige Knabe erſchien als det. leibhaftige großgezogene Haßgedanke Zilge's, und bald zeigte ſich, daß er noch etwas anderes war. Es war am Neujahrstage, da ſaß Seb bei Zilge und be⸗ theuerte ihr in innigen und feſten Worten, wie er wiſſe, daß er kein Recht mehr auf ſie habe, ſie könne ihn verſchmähen und ver— ſtoßen, ſie ſehe ja aber, daß er um ſie werbe, wie um eine Fremde, er wünſche nur, daß er etwas thun könne, um ihr ſeine Liebe zu beweiſen; wenn es der Pfarrer thäte, er würde ſich noch einmal und mit erneuter Glückſeligkeit mit ihr trauen laſſen. Da ſtreckte Zilge zitternd die Hände aus, aber in demſelben Au⸗ genblicke trat der kleine Johannes ein, und Zilge ſchrie laut auf, rannte nach der Kammer und verſchloß ſie hinter ſich. Hatte Zilge eine Scheu, eine vielleicht erwachende Liebe zu ihrem Manne vor dem Knaben zu zeigen, der ſo oft ganz ande⸗ res von ihr gehört hatte? Aus dem Stromesgrunde. Die Zeit der Abreiſe rückte immer mehr heran und Zilge wollte ſich für nichts entſcheiden, und ſie ſollte es doch allein. Sie war voll Ingrimm, daß Seb nach wiederholten, vergeblichen Verſuchen die natürlichen Folgerungen ihrer Worte aufnahm; ſie hatte ihm ſo oft geſagt, daß er jedes Anrecht auf ſie verwirkt habe, er ſtellte nun jede Entſcheidung ihr anheim und gelobte, ihr nicht mehr dreinzureden und ſich in Jegliches zu fügen. Dieſe unbewegte richterliche Annahme ihrer Ausſprüche empörte ſie, und doch konnte ſie ſich zu nichts entſchließen und beſtimmen; bald wollte ſie mitgehen, bald daheim bleiben, bald durch dieſes Rache und Vergeltung üben an Allen im Dorfe, die ihr je eine Unbill angethan, bald wollte ſie durch die Auswanderung ſie auf ewig vergeſſen und mit Verachtung ſtrafen. Wenn Seb darauf drang, daß man aus dieſer Schwebe heraus müſſe, wenn er mäßig und beſtimmt Alles darlegte, ſo war ſie äußerſt gereizt. Sie er⸗ — 264— kannte wohl, welch ein feſter ruhiger Mann Seb geworden, und ein Bewußtſein der innern Verwahrloſung, in die ſie während der ſieben verlaſſenen Jahre gerathen war, dämmerte in ihr auf. Sie war die ſtolze Zilge, ſollte jetzt Seb mehr ſein als ſie?„Ich will dein Gnad' und Barmherzigkeit nicht“, ſagte ſie einmal zu Seb, ohne zu erklären, woher ſie zu dieſem Gedanken gekommen war. Sie ließ gerne Alles in der Schwebe hängen, ſie war durch die ſieben Jahre an eine ſolche Schwebe gewöhnt, allzeit einer Erwartung hingegeben, und wenn man ſie jetzt zu einem Ent⸗ ſchluſſe drängen wollte, weinte ſie unaufhörlich. Ueberhaupt weinte ſie viel über ihr vergangenes Elend, und war dabei gar nicht zu beſchwichtigen, und es verdroß ſie ſehr, daß Seb ſie leh⸗ ren wollte, das Vergangene als abgethan und todt zu betrachten, ſie weinte dann nochmals ob ſolcher Rede. Der Arzt, der auf den Wunſch Seb's allwöchentlich einmal kam, aber auch von ſelbſt, wenn ihn ſein Weg in's Dorf führte, zu Seb kam und gerne mit ihm über Amerika ſprach, der Arzt war ein verſtändiger Mann und Seb's Tröſter und Helfer. Er erklärte das viele Weinen Zilge's als eine Eigenthümlichkeit der Frauen, die oft mit heldenmüthiger Kraft das Ungemach ertra⸗ gen, ſich aber von der Erinnerung an daſſelbe niederwerfen laſſen; ſie ſpiegeln ſich im Mitleide mit ſich ſelber, und kommen ſchwer drüber hinaus. „Da haben Sie in's Schwarze getroffen,“ ſagte einſt Seb, als ihm der Arzt den ganzen Zuſtand Zilge's daraus erklärte, daß ſie eines Prozeßkrämers Tochter ſei, ſie habe mit ihrem Manne auch einen Prozeß, und wolle ihn auf's Aeußerſte hinausführen, und die Entſcheidung ſei ihr eigentlich nicht recht, auch wenn ſie gewinne, wie ihr Seb gewiß gerne zugebe. Den Bruder Landjäger, der auf Anrathen Seb's gelinder mit ſeiner Schweſter umgehen wollte, duldete ſie gar nicht um ſich, ſie ſagte ſo oft er kam:„Das iſt mein eigen Haus,“ und weiter war kein Wort aus ihr herauszubringen. Das ganze Dorf kam nach und nach und redete Zilge zu, doch ihren Starrſinn zu laſſen. Sie ließ ſich die mancherlei Triumphe nicht entgehen, die — 265— ſie bei dieſen Beſuchen hatte; ſie lächelte frohlockend, wenn Jedes ſagte, wie gut und demüthig Seb gegen ſie ſei und entgalt es dabei Manchem in ſcharfen Worten, was er ihr vormals ange⸗ than. Zur Verwunderung Aller entſchied ſie ſich aber endlich gegen den Pfarrer dahin, daß Seb allein in die weite Welt ziehen ſolle, ſie bleibe im Dorfe und in ihrem eigenen Hauſe, es werde noch aushalten ſo lange ſie lebe. Seb redete von nun an kein Wort mehr über die Hauptſache, und ſie ſah ihn darob oft im verbiſſenen Zorne an. Es handelte ſich jetzt nur noch darum, bei wem die Kinder bleiben ſollten. Seb machte Anſpruch auf eines derſelben, wie er dem Pfarrer ſagte, auch als Unterpfand, daß Zilge vielleicht dadurch andern Sinnes werde und ihm nachkomme. Er überließ es ihr, welches der Kinder ſie hergeben wolle, das Mädchen war ihm anhänglich aber der Knabe bedurfte ſeiner vielleicht mehr. Auch darüber konnte ſich Zilge lange nicht entſcheiden, ſie weinte wiederum viel und ſchalt innerlich über Seb, der ſie gar nicht zu tröſten ſuchte. Auf wiederholtes Bedrängen erklärte ſie ſchließlich im Frühling dem Pfarrer, daß Seb den Knaben mitnehmen möge. Als Zilge aus dem Pfarrhauſe heimkam, umhalſte ſie ihren Johannes weinend und ſagte ihm, daß er ſie nun auf ewig verlaſſe und mit dem Vater in die weite Welt ziehe. Da riß ſich der Knabe aus den Armen der Mutter los, rannte aus der Stube, ſo ſehr ihm auch Seb rief, er rannte durch das Dorf und wendete ſich auf den Zu⸗ ruf des hinter ihm drein folgenden Vaters nicht um. Mit der Behendigkeit eines Reh's ſprang er durch die Felder und hinab den Bergwald nach Weitingen, Seb hinter ihm drein, rufend und ſchreiend, bittend und ſcheltend. Johannes verlor im Rennen ſeine Mütze, er wendete ſich nicht danach um, der Vater hob ſie auf und ſie in der Hand ſchwingend eilte er dem ſtörriſchen Kinde nach. Jetzt ſtand der Knabe an der Stelle, wo Zilge den Trau⸗ ring in den Reckar geworfen; Seb rief nochmals dem Knaben zu, die Haare ſtanden ihm zu Berge, da ſpritzte der Strom hochauf, der Knabe war verſchwunden. Seb rannte ihm nach, ſprang ins Waſſer, ſchrie laut um Hülfe, das Klappern der Mühle verſchlang — 266— ſeinen Hülferuf. Am Mühlrechen erhaſchte er das Haupt des Kna⸗ ben und ſchrie, an die Luft gekommen, mit letzter Kraft um Hülfe; da wurde die Mühle geſtellt, die Mühlknappen kamen mit Stan⸗ gen herbei und halfen Seb und dem Knaben aus dem reißenden Strome. Der Knabe hing leblos in den Armen des Vaters. Da drang ein gellender Schrei wiederhallend durch das Thal, Zilge ſtand händeringend am Ufer. Die Müllerin eilte über den Steg zu ihr und hielt ſie feſt. Eine Viertelſtunde entſetzlichen Jammers war in der Mühle, man rieb den Knaben, der blau geworden, leblos da lag, und als er endlich viel Waſſer ausſpie, die Augen aufſchlug und ſie bald wieder ſchloß, hochauf athmete und den Kopf zurückwarf, fiel Zilge ihrem Manne um den Hals: „Jetzt kannſt du mit mir machen, was du willſt. Verzeih mir nur,“ rief ſie. „Weil ich das Kind aus dem Waſſer gezogen?“ fragte Seb. „Nein, du haſt mich auch aus dem Tod geholt, mich auch. Hätteſt du nur auch meinen Trauring wieder mit heraufgebracht,“ ſagte Zilge. „Laß ihn verſunken ſein, ich hab einen neuen, ſieh, den hab ich dir aus der neuen Welt mitgebracht; jetzt faſſe ich dich in Gold.“ Und als der Knabe zum erſtenmale ſprach: „Vater, ich hab mich nicht in's Waſſer ſtürzen wollen, thu' mir nur nichts,“ zog Seb ſeiner Zilge den neuen Trauring an, und ſie kniete vor ihm nieder und bat Gott und ihren Mann tauſendmal um Verzeihung und Vergebung.... Gerade auf den Jahrestag, an dem der Grundſtein zu dem eigenen Hauſe gelegt worden war, hatte Seb die Abreiſe be⸗ ſtimmt. Am Abend als der Thau ſich auf den Roggen ſenkte, der eben aus den Aehren ſchoß, gingen Seb und Zilge Hand in Hand wieder die alten heimlichen Wege durch die grünen Gartenhecken, die jetzt ſo knospenartig dufteten und von Vogelgeſang erſchallten. — 267— „Ach, ich hab dich ſo lieb,“ rief Seb,„es iſt ein' Schand, daß ich dir's ſag, aber ich mein', du wärſt noch ein jung Mädle und es ſeien noch die Zeiten, wo wir da mit einander gegangen ſind.“ „Und mir iſt's, wie wenn wir nicht ſo große Kinder daheim hätten, und uns erſt jetzt bekämen. O, ich hätte dir oft gern ge⸗ ſagt, wie ich dich im Grund des Herzens ſo gern hab, wie du ſo geduldig und liebreich gegen mich geweſen biſt, aber ich hab nicht können. Es iſt mir geweſen, wie wenn mir Jemand zum Guten den Mund zuhielte. So muß es einem Scheintodten ſein, der reden will und nicht kann. Jetzt bin ich ſelig, glücklich wieder auferſtanden.“ Seb lenkte bald wieder in die männlich ruhige Mittelſtim⸗ mung ſeines Charakters zurück, er war kein Freund von den raſchen Umſtürzen, und Zilge ließ ſich's gefallen. „Haſt du denn drüben auch ein eigen Haus?“ fragte ſie. „Das geht ſchwer, wir ziehen von Stadt zu Stadt und bauen, und hab ich ein eigen Haus, verkauf ich's wieder. Wenn du aber willſt, ſag's nur.“— „Ich will nichts mehr, als was du willſt.“ „Dein Bruder geht auch mit uns,“ ſagte Seb und Zilge erwiederte: „Ich will's ihm vergeben, was er mir angethan hat, man hat mir ja auch viel zu vergeben, aber du ladeſt dir viel auf mit ihm, er will nichts ſchaffen.“ „Er wird's in Amerika ſchon lernen.“ „Ich ſag dir noch einmal, mir zu lieb brauchſt du's nicht thun; du biſt mir genug auf der Welt, mein Alles; ich brauch auch keinen Bruder.“ „Aber ich laſſ' nicht von ihm, von keinem, der einmal mein i Wie Neuvermählte zogen Seb und Zilge fort in die neue Welt. —— — — — — — 8 — — 8 Gottfried von Hollmaringen. „Der Cyprian hat heute das Sonnenwirthshaus in Leu⸗ tershofen gekauft,“ berichtete der Oberknecht des Schultheißen Gottfried von Hollmaringen, als dieſer am Abend mit Kindern und Geſinde bei Tiſche ſaß. „Woher weißt's?“ fragte der Schultheiß. „Bin beim Weinkauf geweſen. Geht luſtig her. Sitzen ge⸗ wiß noch bei einander.“ „Wie theuer hat er gekauft?“ „Haus und Aecker für ſieben tauſend Gulden und zwei hun⸗ dert Gulden Schlüſſelgeld für die Frau. Soll billig ſein, ſagen alle Leut'.“ Weiter wurde bei Tiſche nicht geſprochen. Erſt als der Sohn, die beiden Töchter und das Geſinde die Stube verlaſſen hatten, ſagte die Frau: „Laß dich's nicht zu arg verdrießen, daß dein Schwager dir gar nichts von ſeinem Vorhaben geſagt hat—“ „Iſt ſchon lang mein Schwager nicht mehr. Das Kind iſt todt, die Gevatterſchaft hat ein End.“ „Deiner Schweſter Kind lebt ja noch.“ „Freilich, freilich, das paßt jetzt nicht, aber ich will ihm doch zeigen wer ich bin; bin ich ſein Schwager nicht mehr, ſo bin ich doch noch der Gottfried von Hollmaringen und er ſoll mir nicht mit Unrecht vorgeworfen haben, mir reißt man nichts aus der Hand, ich halt feſt wie eine Beißzang. Ich hab jetzt eine Staats⸗ beißzang und das iſt das Geſetz; das Muttergut von meiner Schweſter Kind darf er nicht mit ins Ausland nehmen, morgen am Tag ſchieb' ich ihm einen Riegel vor.“ — —— — 272— Während Gottfried noch ſprach, rollte ein Wagen mit lär⸗ menden Inſaſſen die Straße herauf, Gottfried ſteckte den Kopf zu dem kleinen Schiebfenſterchen hinaus und erkannte trotz der Nacht an den Pferden und an den lärmenden Stimmen den Cyprian mit ſeinen Schmarotzern, die weiter oben im Dorfe vor einem ſtattlichen Hauſe anhielten, unter Geſchrei und Lachen nach Laternen riefen, und als dieſe und funkelnde Lichter kamen, er⸗ neute ſich der Lärm, der doppelt laut durch das ſtille ſchlafende Dorf drang. „Du haſt einen Rauſch wie ein Haus.“ „Nein, jetzt wie zwei Häuſer,“ hörte man rufen und ein Mann wurde in den erleuchteten Hausflur getragen. „Du ſollteſt noch zu ihm hinaufgehen, er wird ja zum Kin⸗ derſpott wie ers treibt,“ ſagte die Frau als Gottfried tief auf⸗ athmend ſich in die Stube zurück wendete. „Hat bis morgen Zeit,“ erwiederte Gottfried,„ihr Weiber meint immer, der morgige Tag lauft davon.“ „Wenn du dein Schweſterkind in's Haus nehmen willſt, mir iſt's rechtſchaffen recht; das Kind verkommt ſo in dem Durchein⸗ ander und bei der herben Stiefmutter.“ „In Gutem läßt er mir auch das Muttergut nicht und läßt er mir auch das Kind nicht. Mein' Sach iſt jetzt nur, dafür zu ſorgen, daß meiner Schweſter Kind nicht in Armuth kommt; wie es ihm ſonſt geht, dafür muß Gott ſorgen und die Verſtorbene wird über es wachen—“ Der feſte Ton des gelaſſenen Mannes gewann bei dieſen letzten Worten etwas Bebendes, er fuhr ſich mit der Hand über das ganze länglich ſchmale Antlitz, ſtand auf und ging mit ſchwe⸗ ren Schritten nach der dunkeln Kammer, ſich zu Bette zu legen. Cyprian hatte vor Jahren die einzige Schweſter Gottfrieds geheirathet, von der ein einziges Kind üb eblieben war, das den Namen der Verſtorbenen, Erdmuthe, Seit der Wieder⸗ verheirathung Cyprians lebten die Schwäger in einem lauen Ver⸗ hältniß, das noch dadurch fremder wurde, wäl Cyprian ſich einem gewiſſen unruhigen, Zerſtreuung ſuchenden Lben hingab und mit ——— — 273— Menſchen umging, die ſich nicht zur Geſellſchaft eines reichen Bauern ſchickten; ja er kegelte oft ganze Sonntag Nachmittage mit halbwüchſigen Burſchen, wo es noch mehr Schande war, ihnen Geld abzugewinnen, als es an ſie zu verlieren. Wenn Gottfried ſeinem Schwager in dem Marktflecken Leutershofen auf dem Kornmarkte oder im Wirthshauſe begegnete, grüßten ſie einander und wechſelten auch manchmal eine Rede, aber offen⸗ bar mehr der Leute wegen; ſie ſaßen dann an geſonderten Tiſchen, jeder bei ſeiner Kameradſchaft, und daheim im Dorfe wichen ſie einander wie auf eine Verabredung aus. Man ſagte, die Frau Cyprians ſei an dieſer Mißhelligkeit ſchuld, da ſie es nicht dulden wollte, daß Cyprian in der gewohnten Ab⸗ hängigkeit von Gottfried, keinen Pferdekauf, nichts unternahm, ohne die Entſcheidung des Schwagers einzuholen. Cyprian haßte aber ſeinen Schwager von ſelbſt und der Haß wächſt auf dem ver⸗ ſchiedenſten Grund und Boden. Einſt war Cyprian ſtolz darauf geweſen, mit Gottfried verſchwägert zu ſein, jetzt war er voll Aerger, daß immer nur von Gottfried die Rede war, daß Jeder im Dorfe und auswärts nur ſo viel Geltung hatte, als Gottfried ihm zukommen ließ. Der Hauptgrund des Haſſes war aber, daß Gottfried immer reicher wurde, während Cyprian trotz ſeiner Arheitſcmkeit, ſo oft er einen außergewöhnlichen Vortheil zu er⸗ ringen hoffte, faſt immer Schaden erlitt; er wollte in Kauf und Verkauf ſeinen eigenen Weg und nicht Gottfried nachgehen wie die anderen, und meiſt ſchlug das bös aus. Mit der Wohlhaben⸗ heit Gottfrieds wuchs auch der Haß Cyprians gegen denſelben und während man Gottfried äußerſt genau, ja karg nennen konnte, ſchalt ihn Cyprian geizig, habſüchtig und blutſaugeriſch, und es gab gute Leute genug, die dieſe Aeußerungen Cyprians dem Ge⸗ ſcholtenen mit der üblichen Zuthat hinterbrachten. Das ſtille ab⸗ gelegene Dorf, in dem noch nach der reichen Bauern Art, ein Jeder für ſich abgeſchloſſen lebte, ſchien aber auch keine rechte Heimath mehr für Cyprian; er ſaß oft ohne erkennbaren Grund Tagelang in der dieſſeitigen Amtsſtadt oder in dem Marktflecken des Grenzlandes und wenn er in die Wirthsſtuben trat, wußte Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 18 — 274— man bereits, was er zu trinken begehrte und brachte ihm ſolches ungeheißen; beſonders ein rother Unterländer, den der Sonnen⸗ wirth„Weiberzorn“ getauft hatte, ſchien eigens für Cyprian ge⸗ wachſen. Man erzählte, daß er einſt den Erlös von einem ganzen Wagen voll Bretter in der Sonne vertrunken und verſpielt habe und als er Abends heimging, rief er:„Machet das Hofthor auf, es will ein Wagen voll Bretter naus.“ Ein andermal ließ er in gleicher Weiſe den Erlös von einem Kalbe draufgehen, und bei jedem friſchen Schoppen, der kam, blökte er wie ein Kalb: „Mäh, mäh.“ Solche Geſchichten verbreiteten wohl den Ruhm ſeines luſtigen Witzes, Cyprian war aber noch klug genug, um auch zu erkennen, daß Ehre und Ruhm ſich daran hängen. Noch war es von geringer Bedeutung, was er eingebüßt hatte, denn ein wohlbeſtelltes Gut vermag Manches auszutragen. Cyprian legte ſich oft wochenlang jede Entbehrung auf, arbeitete unab⸗ läſſig und ſprach mit Niemanden, aber eben dieſe gewaltſame Zurück⸗ haltung verleitete ihn bei der erſten Veranlaſſung wieder zu einem Rückfall. Endlich hatte er es herausgebracht, daß nur die Ein⸗ ſamkeit und Abgeſchiedenheit des Ortes ihn hinausziehe; hatte er kameradſchaftliche Anſprache in der Nähe, war er in einem Orte, wo er ſelber der erſte war und nicht Alles Gottfriediſche Unterthanen, und hatte er gar ein eigenes Wirthshaus, ſo mußte es von ſelbſt kommen, daß er wieder der Alte war, ja noch höher ſtieg. Darum hatte er die Sonne gekauft, ſich beim Weinkaufe der unbändigen Trinkluſt hingegeben, denn er hatte geſagt:„Das ſoll mein letzter Rauſch ſein. Es thut doch weh, auf ewig Abſchied davon zu nehmen, aber es muß ſein; ein Wirth, der allzeit halb duſelig'rumlauft, der iſt der Garnichts, einen Schluck für den Durſt darf man trinken, aber mehr nicht. Komm her letzter Ueber⸗ durſt, allerletzter und allerallerletzter.“ Am frühen Morgen ſchaute Gottfried zum Fenſter oder viel⸗ mehr zum Eiſengitter hinaus, denn das Haus Gottfrieds war eines der älteſten im Dorfe und alle ſeine Fenſter mit ausgetief⸗ ten ſtarken Eiſengittern verſehen. Man hatte ihm oft gerathen, doch dieſen Ueberreſt der alten unſichern Zeit abzuthun, er ließ — 75— ſich aber nicht dazu bewegen, er fand in dieſer Vergitterung nicht nur eine Zierde des Hauſes, ſie war ihm ſelber auch anſtändig und man kann faſt ſagen ſie hatte ſich ſeinem Charakter aufge⸗ prägt, ſein Ausblick in die Welt hatte etwas feindſeliges, er war allzeit auf räuberiſche Anfälle gefaßt und dagegen geſchützt und in dieſer Sicherung gegen die feindliche Welt war ſein Blick auch ohne das faßbare Gitter ſtets von einer geiſtigen Schutzwehr durchſchnitten. Es konnte ſich nie Jemand rühmen, daß er ihn ganz in der Hand gehabt habe. Jetzt ſah Gottfried den Cyprian ſchon hemdärmelig bei der Arbeit, er richtete ſein Bernerwägelein her, ſpielend hob er es mit der Winde in die Höhe, hängte bald dieſes bald jenes Rad aus, ſalbte die Achſen, brachte mit einem leichten Griffe das Rad in Schwung, daß es noch lange ſich um und um drehte. Man ſah an ſeinem ganzen rüſtigen Gebaren, daß er entſchloſſen ſchien, das Leben von vorn und friſch anzufangen. Cyprian war einer der ſchönſten Männer der Gegend, groß, ſtark gebaut, vollen runden Antlitzes mit dunkeln Augen voll ſtillen Feuers, glatter weißer Stirne und braunen von ſelbſt geringelten Haaren. Wenn er lächelte und die weißen Zähne ſichtbar wurden, lag eine feine Anmuth in ſeinem Ausdrucke, wobei er die„Hundsaugen“ wie ſie der alte Gottfried genannt hatte, halb verdeckte, was ihm etwas Schelwiſches und doch Gutmüthiges gab. „Bläſi,“(Blaſius) rief jetzt der zum Fenſter hinausſchauende Gottfried ſeinem kaum der Schule entwachſenen Sohne, der im Hofe die Ochſen einjochte, zu,„Bläſi, geh hinauf zum Vetter Cyprian und ſag ihm, ich laſſ' ihn fragen, ob er nicht zu mir kommen will.“ Bläſi band den Riemen feſt, ließ das andere Halbjoch leer und ging das Dorf hinauf. Es war ein beſonders ſchlanker Burſch wie er dahin ſchritt und in den ſchwarzen ledernen Hoſen und den hohen Stiefeln ſah er zwar etwas ſteif aber knappenhaft aus. Als er Cyprian die Botſchaft ausrichtete, ſagte dieſer lachend und den Kopf zurück werfend: 18 — 276— „Sag deinem Vater, er hat grad ſo weit zu mir wie ich zu ihm.“ Bläſi ballte die Fauſt und preßte die runden Lippen zuſam⸗ men als er das Dorf herab ſchritt. Er kündigte dem Vater die Antwort und ſagte, indem er den zweiten Ochſen einjochte:„Zu dem laß ich mich nicht mehr boten ſchicken.“ Gottfried befahl nun, daß auch ihm das Bernerwägelein hergerichtet werde; er hatte die Angelegenheit mit Cyprian güt⸗ lich beilegen wollen, jetzt blieb es beim Rechtswege. ſtoch wirbelte der Staub auf der Straße vom raſchen Ber⸗ nerwägelein Cyprians, als Gottfried hinter ihm drein fuhr. Ein Jeder hatte leeren Platz neben ſich, aber unſichtbar ſaß neben Jedem der zum Feinde gewordene Schwager, denn einer hegte Zornesgedanken gegen den andern. Gottfried ſchämte ſich, den Zerfall durch die Dörfer kundzugeben, durch die man fuhr; er ließ Cyprian einen Vorſprung. Erſt auf der Treppe des Amts⸗ gerichtes begegneten ſie einander, Cyprian kam herab, während Gottfried hinauf ſtieg; ſie gingen ſtumm einander vorüber, aber kaum war Gottfried einige Stufen gegangen, als er ſich umkehrte und in ſanftem Tone ſagte: „Cyprian, laß gut mit dir reden.“ „Ich hab nie was Böſes gezeigt.“ „Komm ins Wirthshaus, da wollen wir's ausmachen.“ „Was haſt denn?“ „Gib mir das Kind, laß mir die Erdmuthe.“ „Und weiter willſt nichts?“ „Nichts für mich.“ „Für wen denn?“ „Für das Kind. Thu's denen unterm Boden nicht an, daß ich dich vor Gericht zwingen muß, das Muttergut heraus zu geben.“ „So? Du kannſt mich zwingen?“ „Ich will ja nicht.“ „Will du nur.“ „Thu's in Gutem, es iſt ein' Schand vor Gott und den — 2 Menſchen. Du wanderſt aus, das Kind iſt bei uns heimathbe⸗ rechtigt—“ „Du haſt auch nicht alle Geſetze im Kopf; das Kind iſt des Vaters.“ „Kann ſein, aber das Muttergut muß ſichergeſtellt werden bei uns; thu's freiwillig und ich laß da oben die Thüre zu.“ „Mach du ſie nur auf.“ „Cyprian,“ ſagte Gottfried mit bewegter Stimme,„es iſt das letzte Wort, das ich mit dir red, überleg's zweimal.“ „Du kannſt mir dreimal zum Teufel gehen. Was mein iſt, hältſt du nicht hinter deinem Eiſenkrems,“ höhnte Cyprian. „Und du ſtirbſt noch einmal(als Gefangener) hinter einem andern Eiſenkrems,“ knirſchte Gottfried voll Zorn. Laut lachend ging Cyprian davon. Er ſchaute nicht mehr um und Gottfried öffnete die Thüre der Gerichtsſtube. Der Gottfried von Hollmaringen war der Mann, der das, was er einmal wollte, unabläſſig ausführte. Er brachte es dahin, daß die Auswanderung Cyprians hinterhalten, ſowie die beab⸗ ſichtigte freiwillige Verſteigerung von Cyprians Haus und Hof wieder zurückgenommen wurde. Ueber dieſes letztere war Cyprian beſonders ingrimmig. Et hatte die Felder ſammt dem ſtehenden Erträgniß verkaufen wollen, was allerdings zum beſſeren Erlöſe von nicht geringer Bedeutung war, jetzt mußte er ernten und dreſchen und pflügen und ſäen und wollte doch nichts mehr von allem dieſem und dazu hatte er noch ein Wirthshaus und Güter in Leutershofen, das Haus ſtand leer und um das Erträgniß der Ernte wurde er halb betrogen. Immer mußte er auf dem Wege hin und her ſein und dazu noch vor Amt. Um all das Unge⸗ mach zu vergeſſen, mußte jetzt Cyprian den Wein zu Hülfe nehmen, aber beim Glaſe und am nüchternen Morgen ſchalt er auf Gottfried, der ihn zu Grunde richte. Gottfried grenzte von je her mit ſeinen Aeckern an viele Nachbarn, er durfte ſich rüh⸗ men, daß er nie mit Jemanden einen Streit gehabt; in dieſem Jahre hatte er wo er an Cyprian grenzte, immer die ärgſten Händel, die natürlich auch von den beiderſeitigen Dienſtleuten aufgenommen und gehörig ausgebeutet wurden. So war aus dem anfangs nur abwendigen und ſtörriſchen Cyprian ein grim⸗ miger Feind geworden. Gottfried aber ging ruhig ſeines Weges, er verbot in ſeinem Hauſe, daß man die böfen Nachreden Cyprians erwähne, ja er that nichts dagegen als ihn einmal Cyprian ſelbſt öffentlich beſchimpfte; er wollte ihn nicht weiter in's Unglück bringen, er hatte ſeiner Pflicht genügt und blieb ruhig und ge⸗ laſſen. Die Feindeskinder und der Schweſter Ehrenſchmuck. Es gibt ein altes Kinderſpiel, das überall und zu allen Zeiten unter den verſchiedenſten Namen verbreitet iſt: mit einem flachen Kieſel oder einem Scherben wagrecht über die Oberfläche eines Waſſers werfen, daß der Stein das Waſſer nur berührend oft und oft weiter hüpft, bis er endlich unterſinkt, das nennt man hier zu Land: Bräutle löſen, und man gibt dafür die Deutung, daß es ſinnbildlich die feine, nicht ſo leicht zu erhaſchende, hüpfende und tänzelnde Art der Braut darſtelle, die lange neckiſch ſich verhält, bis ſie doch endlich dem Naturgeſetze folgend vom Strome des Lebens bewältigt wird. Mag dies die entſprechende Deutung ſein oder nicht, gewiß iſt, daß Knaben und Mädchen mancherlei Scherz damit treiben und Bläſi, der am Weiher bei der Hanf⸗ breche mit anderen Kinbern dies Spiel oft trieb, verſtand es, den Stein am meiſten auffliegen zu machen, und Cyprians Erdmuthe, die die Kinder ihm als Braut zutheilten, mußte oft hören, daß ſie lange tanzen müſſe. In der That behandelte Bläſi ſein Ge⸗ ſchwiſterkind mit brüderlicher Aufmerkſamkeit und hatte nichts dagegen, wenn man ſie ſeine Braut nannte.* Jetzt, da die Väter ſo feindſelig geworden, war das anders. Es iſt eine ſeltſame aber vielfach bewährte Erfahrung, daß die Kinder verfeindeter Verwandten den Familienzwiſt in eigen⸗ thümlicher Weiſe aufnehmen und leicht auf die Spielplätze über⸗ tragen. Der kleinen zehnjährigen Erdmuthe, die ein derbes braunes Kind mit den dunkeln Augen des Vaters war, hatte man das Haus des Ohms Gottfried ſtrenge verboten, ſie durfte es nicht mehr betreten und Niemanden aus demſelben grüßen, ja ſie hörte Tag und Nacht die häßlichſten Worte auf den Oheim — 280— und wußte nicht anders, als er wolle ihren Vater an den Galgen bringen. Eine ältere Magd im Hauſe, die noch bei der verſtorbenen Mutter gedient hatte, Traudle(Gertraude) genannt, ſuchte ihr zu erklären, was eigentlich vorging; aber das Kind begriff natür⸗ lich nur die Feindſeligkeit im Allgemeinen und liebte über Alles ſeinen Vater, der jederzeit ſo gut und liebreich gegen daſſelbe war, und jetzt war noch dazu, ohne daß Erdmuthe den Zeitpunkt merkte, auch die Mutter mild und ſanft gegen ſie; ja ſie kleidete ſie immer beſonders ſauber an und hieß ſie manchmal:„liebs Erdele.“ Wenn Erdmuthe an dem Hauſe des Oheims vorüberging, ſchaute ſie zur Erde und ſchüttelte zornig mit dem Kopfe, als wollte ſie damit ſagen: Ich grüße euch doch nicht. Stundenlang ſaß ſie auf der Steinbank vor dem Hauſe mit ihrem Strickzeug und ſchaute nur manchmal hinab nach dem Hauſe des Oheims und dann ſtieß ſie mit der Fauſt vor ſich hin und verzog das Geſicht zu eigenthümlichem Trotze und ihr ganzes Weſen ſprach: Warum ſeid ihr ſo bös? Das ganze Haus erſchien ihr ſo ſtache⸗ lig, ſtarr und finſter wie die Eiſengitter vor den Fenſtern, die auch ſo trotzig auf die Straße ſchauten. Des Nachbars Claus, ein lahmer Knabe, der an Krücken ging, ſaß oft bei Erdmuthe und wußte ihr viel zu erzählen, wie tückiſch der Bläſi ſei, denn ſo klein der Claus war, gab ihm doch ſeine Eiferſucht auf Bläſt manchen großen Gedanken ein. Bläſi ging an Erdmuthe vorüber, als ob ſie nicht da wäre. Er hatte ihr einmal heimlich Kirſchen geſchenkt, ſie aber warf ſie auf die Straße, daß die Gänſe ſie aufſchnabelten. Bei den Spielen zog ſich Bläſi oder Erdmuthe alsbald zurück, wenn eines ſah, daß das andere unter den Verſammelten war. Den Cyprian haßte Bläſi ſo ſehr, daß er einmal wochenlang einen Stein bei ſich trug, damit er ihm ſolchen an den Kopf werfen könne, wenn er ihn ſchlagen wolle. So war der Familienzwiſt bis tief in die Kinder gedrungen. Mit den abfallenden Blättern kam auch ein großer Stem⸗ pelbogen ins Dorf, der das letzte Erkenntniß in dem Rechtsſtreite zwiſchen Cyprian und Gottfried brachte: es lautete zu Gunſten des letztern. Die Verſteigerung wurde nun anberaumt, aber die Hollmaringer ſind ſtolze wohlhäbige Bauern, ſie laſſen es nicht leicht dazu kommen, doß ſich ein Fremder durch Güterankauf bei ihnen anſäſſig mache, ſie ſind froh, wenn einmal ein Acker bei ihnen käuflich wird, um das eigene Gut zu vergrößern oder ein Kind dadurch im Orte zu behalten. Es fehlt daher in Hollmarin⸗ gen meiſt an fremden Käufern und die Helfershelfer, die Cyprian aufgeſtellt hatte, brachten nur wenig zu Stande; man ließ ihnen einige Güter zuſchlagen, vollkommen gewiß, daß ſie ſie bald wie⸗ der verkaufen müßten. Das Haus und den größten Theil der Güter erwarb Gottfried unter dem Namen eines Scheinkäufers, und Cyprian war aufs Neue ergrimmt als er dieß merkte. Ob⸗ gleich er die Sitte des Dorfes kannte und dabei den erklecklichen Kaufpreis erzielte, glaubte er ſich doch übervortheilt und bei dem Weine, der damals noch während der Güterverſteigerung getrun⸗ ken wurde, machte er ſeinem Grolle auf das ganze Dorf und vor Allem auf Gottfried Luft. Man ließ ihn ſchimpfen wie er wollte, er war nicht mehr ebenbürtig und man verzieh ihm leicht ſeinen Unmuth darüber. Ein namhafter Theil des Kaufſchillings blieb als unantaſtbare Hypothek zur Sicherung des Muttergutes für Erdmuthe ſtehen. Um den nicht aus der Faſſung zu bringenden Gottfried zu kränken, kündigte Cyprian an, daß er Tags darauf mit dem Hausrath auch einen vollſtändigen Hochzeitsanzug und zwar den ſeiner verſtorbenen Frau verkaufe. Alles ſah auf Gott⸗ fried und nur die gedungenen Steigerer Cyprians tranken noch von ſeinem Weine, alle anderen gingen ſtille und ohne den übli⸗ chen Johannistrunk davon. Am andern Tage, bei der Verſteigerung des Hausraths, war Gottfried faſt das einzige Mannsbild unter den verſammel⸗ ten Frauen, und erſt gegen das Ende wurde in der That der Ehrenſchmuck der Verſtorbenen zum Verkaufe gebracht. Man ſah und hörte Gottfried nicht an, was in ihm vorging als er ein Stück des Gewandes nach dem andern zu hohem Preiſe erwarb. Er machte ſein Anbot immer mit gleicher ruhiger Stimme. Es war noch ein Gewand aus der ehrenfeſten Bauernzeit, das ſich ſchon auf das zweite Geſchlecht vererbt hatte. Der kleine runde Strohhut mit gewäſſerten ſchwarzen Knüpfbändern mit rothen Wollroſen verziert, die rothen Zopfbänder, die ſchwarzſammtne auf dem Rücken weit ausgeſchnittene Jacke, der ſogenannte Schoben, das Scharlachmieder mit den ſilbernen Neſteln und Kettchen, der aus Silberdraht und Felbelſchnüren gedrehte Gürtel, ein beſon⸗ derer nur an Ehrentagen getragener Schmuck, der blaue faltige Rock mit den verſchiedenfarbigen Einfaſſungen, die feine weiße Schürze, die rothen Strümpfe und Stöckleſchuhe, Alles das er⸗ warb Gottfried eines nach dem andern und legte es wieder mit Andacht in die kenntlichen Falten, da es der Ausrufer auseinan⸗ der geriſſen hatte. Er ſprach kein übriges Wort und nur den jedesmaligen Kaufpreis. Als aber jetzt wieder ein Stück Haus⸗ rath an die Reihe kam, gebot er Stille und fragte den Ausrufer: „Iſt die ſiebenfache Granatenſchnur mit dem Schwedendu⸗ katen nicht auch dabei?“ „Den Halsſchmuck hab ich,“ lachte Cyprian,„ich hab mir ihn durch die Gurgel laufen laſſen.“ Gottfried knüpfte ſtill alles Erworbene in ein weißes Tuch und ging damit fort. Vor dem Hauſe traf er die kleine Erdmuthe, ſie ſaß auf der Steinbank und weinte. „Was iſt? hat dir Jemand was than?“ fragte er, die Hand auf das Haupt des Kindes legend: das Kind antwortete nicht und er fuhr fort. „Kann mir's denken, daß dir in dem Durcheinander bang iſt; es ſieht ſich Niemand nach dir um. Haſt denn was zu Mittag geſſen?“ das Kind nickte bejahend, und abermals ſagte Gott⸗ fried: „Möcht' dir gern noch anders helfen, aber ich kann nicht. Sei nur geduldig und folgſam und halt dich brav, und wenn du groß biſt und ſo brav wie dein'Mutter ſelig, ſchau, da darin iſt ihr ſchönſtes Gewand, aber brav mußt du ſein und denk du haſt noch einen Annehmer in der Welt, du verſtehſt das jetzt noch 283 nicht, aber du wirſt's ſchon kennen lernen. Jetzt heul' nicht mehr und laß dirs nicht verbieten und komm auch noch zu mir eh du fortgehſt. Jetzt heul' nicht mehr.“ Gottfried ermahnte das Kind zur Faſſung und ihm ſelber quollen trotz aller Gegenwehr Thränen aus den Augen und er trocknete ſie mit einem Zipfel der Schürze ab, die aus dem Bün⸗ del hervorhing; das Ehrengewand der Seligen ſaugte ſeine Thränen auf. Er gewann ſchnell wieder ſeinen Halt, denn Traudle kam aus dem Garten herbei, ſie gab Erdmuthe mehrere Zwetſch⸗ gen und hier bewährte ſich wieder, daß Zukunftsverſprechungen bei einem Kinde nichts verſchlagen, die gegenwärtigen Zwetſchgen wirkten mehr als der verſprochene Ehrenſchmuck vom Oheim. Erdmuthe war heiter und Gottfried ſagte Traudle, daß ſie jedes Jahr ein Weihnachtsgeſchenk von ihm zu erhalten habe, ſo lange 6 ſie bei Cyprian bleibe und auf das Kind Acht habe. Traudle ver⸗ ſprach es, ſchon um der Verſtorbenen willen. 6 „Ich habe mein Kind meiner Schweſter in Lichtenhardt geben müſſen,“ ſetzte ſie hinzu„ich will die Erdmuthe für das meinige anſehen.“ Traudle war eigentlich die Schwägerin Cyprians zu nennen, denn ſie war mit ihrem Kinde die Hinterlaſſene ſeines Bruders. Dieſer, ein weit bekannter übermüthiger Geſelle, war bei einer Hochzeit in Iſenburg ertrunken. Der Wirth hatte vier überzäh⸗ lige Gläſer Glühwein an einen Tiſch gebracht, da rief der Bruder Cyprians:„Nur her, ſie ſind alle mein, und als er heimwärts ging, verfehlte er den Weg und ertrank. Als die Schweſter Gott⸗ frieds heirathete, nahm ſie Traudle zu ſich ins Haus und ſo war ſie in demſelben verblieben und hatte ſogar über Cyprian eine gewiſſe Gewalt. Cyprian verbot es ſtrnge, daß Erdmuthe noch im Hauſe des Oheims Ade ſagte, er hatte nichts mehr, womit er Gottfried kränken konnte als dieſes und er wollte es ausnutzen. Gottfried hatte ihm die Freude des Umzuges durch den Rechtsſtreit und durch die Verluſte verdorben, er zwang ſich nun zu übertriebener — 284— Luſtigkeit beim Abſchiede. Als er aber am Hauſe Gottfrieds vor⸗ über fuhr und auf der Fenſterſtange vor den Eiſengittern den Ehrenſchmuck hängen ſah, den man lüftete, wurde er plötzlich ſtill und ſchaute nach den Kindern, die hinter ihm ſaßen, unter ihnen Erdmuthe. Die Sonne geht auf und ſteht im Mittag. In der Sonne zu Leutershofen ſchien Cyprian erſt recht zu blühen und ſich zu entfalten. Er hatte trotz aller Verzögerung doch noch immer einen ſchicklichen Kauf gemacht, die weiten Räume des Hauſes thaten ihm wohl und das allzeit rührige Leben darin noch mehr. Die ganze Art des lebhaften gewerbſamen Ortes ſagte ihm zu und er betheuerte oft, hier wiſſe man doch auch, daß man auf der Welt ſei, in einem Dorf wie Hollmaringen ſei man ſchon bei lebendigem Leib halb geſtorben. Hier bekam man jeden Tag bei mehreren Bäckern friſches Brod. Jeden Abend Schlag acht Uhr und jeden Morgen Punkt halb ſechs rollte der Eilwagen durch den Flecken und an Sommerabenden, beſonders aber am Samſtag Abend blies der Poſtillon jedesmal durch den ganzen Ort, denn die Kinder liefen behende neben ihm her und ließen nicht ab, bis das Poſthorn ertönte und jauchzten und hüpften bei den Klängen, und die Eltern, die vor dem Hauſe ſitzend Feierabend hielten, ſchauten fröhlich auf. Leutershofen war nicht nur ein Marktflecken an der Staatsſtraße mit einer Schranne von nicht geringer Bedeutung, es war auch glücklich zwiſchen zwei Bergen gelegen; kamen die Fuhren vom Thale herauf, ſo mußten ſie hier neuen Vorſpann nehmen, vor dem Hauſe ſtanden faſt allzeit mehrere mit Blahen überzogene Frachtwagen und während die Pferde an den fliegenden Krippen fraßen und die Sperlinge bei ihnen ſchmarotzten, ſaßen die blauhemdigen Fuhr⸗ leute in der Wirthsſtube und labten ſich an Speiſe und Trank, und Cyprian that ihnen Beſcheid; den rothen ſogenannten Weiber⸗ zorn ließ Cyprian nie ausgehen. Die Frau erwies ſich als em⸗ ſige Wirthin und Traudle war bald die beliebteſte und geſpräch⸗ — 286— ſamſte Kellnerin, ſo weit eine dem Fuhrmann beim Eintritte Peitſche und Hut abnimmt und im Aufſagen der vorräthigen Speiſen und Getränke dieſelben lobend ſchmackhaft machen kann. Auch Kutſchen mit vornehmen Reiſenden wurden bisweilen von der Sonne, die Cyprian hatte neu vergolden laſſen, ange⸗ zogen und Cyprian verſtand es die Landeszeitung mit einigen Worten zu bringen, die den Mittheilſamen leicht zu einem Ge— ſpräche anregten. Die Haupternte der Woche war aber immer am Tage des Kornmarktes; da war am Tage ein Lärmen und Rufen in der großen Wirthsſtube, lauter als auf dem Markte ſelber, und waren die Kornpreiſe hoch geſtiegen, hörte das Schlemmen bis tief in die Nacht nicht auf, der einfache Land⸗ Wein galt nichts mehr, warmer Würzwein mußte her und oft ſogar Ueberrheiner und Champagner. Cyprian ließ es natürlich nicht fehlen, ſich auch bisweilen als uneigennützigen Wirth zu zeigen, und kaum ein Jahr war vergangen als ſein Geſicht ſo breit war wie die Sonne in ſeinem Schilde, er lachte viel und beſonders wenn man ihn wegen ſeiner Breite neckte und ſagte dann oft, das käme nicht vom Eſſen und Trinken, ſondern davon, daß er den Mauskopf, dieſen Unnamen hatte Gottfried, nicht mehr vor Augen ſehe. In der That kamen die Hollmaringer wenig und was Gottfriediſch war, gar nicht in die Sonne, ſon⸗ dern hielten ihre Einkehr im Ochſen. Cyprian hatte faſt allezeit ſechs Roß auf der Straße als Vorſpann und drei Jahre über⸗ nahm er die Haberlieferung für die Kavallerie zweier Garniſons⸗ ſtädte er mußte aber ſeine Rechnung nicht dabei gefunden haben, denn er wollte nichts mehr davon wiſſen. Erdmuthe war in dieſer ſteten Fürſorge für Andere wenig beachtet der Schule entwachſen, nur Traudle nahm ſich ihrer an und tröſtete ſie oft, wenn ſie darüber klagte, daß der Ohm Gott⸗ fried und Bläſi ohne Gruß am Hauſe vorüberfuhren und ſich gar nicht um ſie kümmerten; ſie ſelber durfte ſich ihnen nicht nahen, denn der Vater hatte ihr das Härteſte angedroht, wenn er ſolches erführe und der Vater war doch nächſt Traudle ihre einzige Stütze und gab ihr verſtohlen manchmal ein gutes Wort. Sonſt wurde ſie viel geſcholten, denn ſie ſollte jetzt die Gäſte be⸗ dienen helfen, ſie aber war ſchüchtern und verſcheucht, wurde über und über roth bei jedem Worte, das ein Fremder ihr ſagte, und doppelt wenn er dann erklärte, daß dieſes Erröthen ſie noch ſchöner mache als ſie eigentlich ſchon ſei. In der Angſt vor den Fremden und vor den eigenen Angehörigen ließ ſie oft volle Gläſer und Flaſchen aus der Hand fallen und hatte darob böſe Zeit. Traudle tröſtete ſie wohl beim Schlafengehen, indem ſie ihr alte Märchen erzählte von Kindern, die viel hätten leiden müſſen und dann eine Krone errungen. Erdmuthe wußte zwar nicht, woher die Krone kommen ſollte, aber dieſe Geſchichten trö⸗ ſteten, ein unnennbarer Zauber ſtieg aus dieſen Wundermären in das Herz und wie ein kleines Kind bat ſie oft Traudle am Abend ihr noch mehr ſolcher Geſchichten zu erzählen. Der Vater erlöste ſie endlich aus der Wirthsſtube und dem unmittelbaren beſtändigen Verkehr mit der harten Mutter. Eines Sonntags, nachdem Erdmuthe den Weiberzorn zu einer Wahrheit gemacht, da ſie eine Flaſche des rothen Weines einer Dame über das weiße Kleid ſchüttete, ſagte der Vater am Abend im Familienrathe: „Ich ſeh ſchon Erdmuthe, du biſt Gottfriediſch, was denen nach⸗ ſchlagt, paßt nicht unter Menſchen, nur unter Vieh und aufs Feld. Von morgen an haſt du nichts mehr in der Stube zu thun, du verſorgſt mit dem Knecht und der Magd unſer Bauernweſen. Iſt dir's recht?“ Ja. Ich dank Vater.“ Die Frau wollte dieſe neue Anordnung nicht geſtatten, man würde es ihr aufbürden, daß ſie das Kind gegen die ihrigen zu⸗ rückſetze, aber Cyprian blieb feſt. Von nun an war Erdmuthe überaus heiter, der Knecht und die Magd berichteten, man habe gar nicht gewußt, welch ein luſtiger Vogel die Erdmuthe ſei; ſie trällere den ganzen Tag und wiſſe beim Ausruhen gar wunderbare Geſchichten zu erzählen, daß man ſich wie in einer andern Welt vorkäme und jede Arbeit gehe ihr ſo flink von der Hand als hätte ſie ſchon Jahre lang die ſchwerſten Geſchäfte verrichtet. — 288— Erdmuthe wurde ſonnverbrannt aber dabei ſtark und groß, ſie hatte gar nichts vom Vater als die braunen Augen mit dem breiten ſtillen Feuer, im Uebrigen ſchien ſie ganz der Mutter nachzuarten. Am Werktage, wenn's im Hauſe luſtig herging, war Erdmuthe faſt immer betrübt. Es waltete ein eigener Zufall, daß, ſo wie ſie einen Schritt aus dem Hauſe ging, ſie immer Bläſi begegnete, er fuhr, ritt oder ging immer an ihr vorüber als ob es ihm ein Geiſt verrathen hätte, daß ſie kommen würde. Die Beiden gingen raſch einander vorbei ohne zu grüßen; An⸗ fangs war es das ſtrenge Verbot des Vaters was Erdmuthe davon abhielt, bald aber ſetzte ſich eine ſelbſtändige Feindſeligkeit in ihr feſt und ebenſo in Bläſi. In Hollmaringen ſagte dann Bläſi am Abend zu ſeiner Schweſter, die einen Sohn des Rodel⸗ bauern geheirathet hatte und im Hauſe Cyprians wohnte:„Es iſt doch unerhört, die Erdmuthe iſt doch meine einzige Verwandte und geht an mir vorbei wie an einem Stock; ich ſag's ihr aber nächſtens einmal, ſie geht mich gar nichts an, ſie iſt meine Ver⸗ wandte nicht.“ Faſt ganz daſſelbe ſagte dann Erdmuthe am Abend dem Traudle und wenn dieſe dann eine künftige Liebe daraus deuten wolte, wehrte ſie ſich mit aller Macht dagegen und betheuerte, ihr nie mehr von Bläſi zu ſprechen; dennoch konnte ſie ſich nicht enthalten ihr oft und oft zu erzählen, wie grimmig ſie heute den Bläſi angeſehen, daß er die Augen habe niederſchlagen müſſen. Einmal erzählte ſie ſogar, daß Bläſi ihr habe zuſprechen wollen, ſie aber ſei davon gelaufen und habe ſich nicht an ihn gekehrt. Cyprian war viel unwirſch, er mußte mancherlei geheimen Kummer haben und nur einen ſprach er laut aus; es ärgerte ihn, daß er ſein älteſtes Kind, das er innig liebte, aus ſeiner Nähe hatte verdrängen laſſen und manche üble Nachrede ſich da⸗ durch zugezogen hatte. Er wollte Erdmuthe wieder im Hauſe um ſich haben, aber ſie willfahrte ihm nicht. Hinter dem Schenkgitter ſuchte er über Mancherlei Vergeſſenheit zu trinken und brachte dadurch neues Ungemach zu Tage. Das Gelübde, daß der Rauſch beim Weinkaufe des Hauſes der allerletzte ſein ſollte, war ſchon — längſt übertreten und nicht mehr in Erinnerung. Erdmuthe ſah den Zerfall im Hauſe wohl und ſo wehe es ihr that, den Vater ſich allein zu überlaſſen, ſie hielt ſich jetzt doppelt gern in Feld und Stall auf und ſelbſt im Winter ſaß ſie meiſt ſtill in der Stube an der Kunkel. Es kamen manche Freier, die um Erd⸗ muthe anhielten, der Vater wies ſie alle ab und wenn ſich einer dem Mädchen ſelber näherte, wußte der Vater ſo viel Verdor⸗ benheit und Schlechtigkeit von einem Jeden zu ſagen, daß Erd⸗ muthe gerne darein willigte, Jeden von ſich zu entfernen. Auch Traudle half dem Vater dabei, denn ſie nährte unabläſſig die Hoffnung, daß Erdmuthe den Bläſi heirathen und ſie wieder nach Hollmaringen zurückbringen müſſe. — 289— „ Auerbach's Dorfg. 4. Bd. Die Sonne geht nieder. Ein luſtig grünender Baum am Bache, dem plötzlich und auf immer der Bach abgegraben wird, der ſeine Wurzeln tränkte, kann von ſeinem Schmerze nichts kundgeben und verdorret ſtill; der Menſch aber, auch der an die Scholle gebundene, kann doch klagen und ſchelten wenn er verkümmert und einen Verſuch machen, ob er neuen Boden gewinne. Die Eiſenbahn, die durch das Schwabenland gezogen wurde, beſchäftigte alle Gemüther landauf und landab; man ſchalt dar⸗ über, man ſtritt hin und her und die Klügern lachten ob der neuen Mode, die auch wieder aufhören würde wie viele andere. Die Eiſenbahn wurde vollendet, allerlei Fabelhaftes ward erzählt und es zeigte ſich, daß ſie einen guten Theil des Verkehrs auch der weit abgelegenen durch Leutershofen führenden Landſtraße entzog. Der Vorſpann wurde geringer, aber Cyprian fand ein neues Mittel, er kaufte einen im Ort nie geſehenen Stellwagen und ließ ihn regelmäßig jede Woche zweimal nach der Haupt⸗ ſtadt gehen; er ſicherte ſich dadurch einen regelmäßigen Verdienſt und eine nicht unergiebige Einkehr in ſeinem Wirthshauſe; aber kaum ein Jahr war vorüber als ein neues Mißgeſchick ſich an ihn herangrub. Die ganze neue Straßenbaukunſt gewann durch die Erfahrungen bei der Eiſenbahn eine veränderte Wendung; hatte man ehemals die Straßen über Berge geführt, ſo ſcheute man jetzt einen Umweg nicht, wenn man nur die Straße mög⸗ lichſt eben legen konnte. Die neue Welt will im Trabe fahren und nicht mühſelig über Berge kriechen. Die Jahrhunderte alte Heerſtraße wurde dem Thale nahe gelegt und durch Brücken und Dämme geſchützt. Ganz Leutershofen, beſonders aber der Son⸗ — 291— nenwirth, empfand die unausweichliche Brache, und doch mußte man noch Alles in Stand halten, um plötzlich aufzuhören. An den Tagen des Kornmarktes äußerte ſich die neue Geſtaltung der Verhältniſſe beſonders in häſſigen Neckereien mit den Einwohnern von Bieringen, Iſenburg u. ſ. w.; das waren Dörfer, die man ehemals gar nicht oder nur mit Spott über hre Abgelegenheit genannt hatte, aber die neuen Weltmänner ließen es an überhe⸗ benden Anzüglichkeiten gegen die vormals ſtolzen Dörfer an der Landſtraße nicht fehlen. Cyprian ſuchte aus ſeinem Mißgeſchicke den letzten Vortheil zu ziehen, er übernahm mehrere hundert Klaf⸗ ter Steinfuhren in Accord für den Straßenbau und rüſtete dazu Knechte, Roß und Wagen; aber es ſcheint oft, daß ſich eine Tücke des Schickſals, wenn es ſich einmal feindlich geſtellt, in Allem erwieſe, Cyprian erlitt ſo viel Schaden an Pferden, Wagen und Geſchirr, daß er ſich einen namhaften Verluſt zuzog. Nun dachte er daran, ſein Anweſen zu verkaufen und ſich im Thale anzuſie⸗ deln, aber es wollte ſich für beides kein ſogenannter Schickfinden; endlich wollte er wiederum ganz Bauer werden und ging mit Eifer ins Feld, aber er war, wie er ſonſt oft neckend eingeſtanden hatte,„zu maſt“ geworden; bei der kleinſten Handthierung ver⸗ ſetzte es ihm den Athem und rann ihm der Schweiß von der Stirne. Nun ließ er endlich Alles kommen wie es kommen mag. Die Thalſtraße war fertig und in dem Sonnenwirthshauſe mit den weiten zur Aufnahme vieler Menſchen hergerichteten Räumen war es doppelt öde. Das Sprüchwort ſagt, daß man ſich ob der leeren Krippe leicht zankt; das bewährte ſich nun. Der Sonnenwirth hatte aber manchen Tröſter im unterirdiſchen Dun⸗ kel, der ihm die Zeit kürzen und vergeſſen half. Stunden, ja Tage lang lag er im offenen Fenſter, das rothe Taſchentuch als Pol⸗ ſter untergeſchoben und ſchaute träumend hinaus ins Freie, er hoffte, es müſſe endlich ein ſchicklicher Käufer kommen, denn er hatte das Anweſen wiederholt in den Zeitungen ausgeboten, um es aus freier Hand zu verkaufen. Was er dann beginnen wollte, das überließ er der Zukunft. Wie öde und leer war jetzt der große freie Platz vor dem Hauſe, man hörte nichts als das Plätſchern 196 — 202 des allzeit rinnenden großen Röhrbrunnens, die fliegenden Krip⸗ pen, ehedem den Fuhrleuten zur ſchnellen Fütterung bereit, lagen wie müde und mancher Beine beraubt bei zerbrochenen Flaſchen in einem Winkel und das ganze Dorf war ſtill, am hellen Tage wie eingeſchlafen. Jetzt gab es keinen Kornmarkt mehr, jetzt be⸗ kam man nicht mehr täglich friſches Brod, kein Poſthorn ſchallte mehr unter jauchzenden und ſpringenden Kindern durch die Gaſſen. Cyprian ſah dem Zerfalle des ganzen Hausweſens mit einer Gleichgültigkeit entgegen, wie ſie Uebertäubung und das däm⸗ mernde Bewußtſein des unabänderlichen Einſturzes ſo oft erzeugt. Die Mutter, von je her leichtfertigen Sinnes, machte ſich von den guten Tagen noch zu Nutze ſo viel man vermochte, und da Schel⸗ ten und Zanken mit ihrem Manne nichts half, wollte ſie noch mit genießen, ſo lange ſich etwas vorfand; von Fäſſern und Bütten waren die Reifen geſprungen und ſie kochte mit den bequemen Brettern. Zwei Aecker waren verkauft, andere verpfändet, man zehrte ſich auf, ſo lange etwas da war. Cyprian redete ſich noch ein, daß er freiwillig verkaufen wolle, während er täglich mehr dem Schickſale entgegen ging, von Haus und Hof geſetzt zu wer⸗ den. Er gab die Gaſtwirthſchaft nicht auf und bezahlte die Steuern dafür, ohne ſo viel einzunehmen als dieſe betrugen; er glaubte des künftigen Kaufes wegen das Gewerbe, wenn auch nur noth⸗ dürftig aufrecht erhalten zu müſſen. Mitunter bekam er noch ein Fäßchen Branntwein oder halbſauern Wein zu hohen Preiſen ge⸗ borgt, in der Regel aber war der Keller leer und wenn ein Hand⸗ werksburſche, der ab der Straße durch die Dörfer zog, in der Sonne einkehrte, wurde Traudle zu dem Ochſenwirth geſchickt, um von dort unter der Schürze verborgen das Verlangte zu holen und Cyprian ſagte dem Harrenden wie ſich ſelbſt verhöhnend: „Mein Keller iſt ein bisle weit weg.“ Nach und nach ging Cyprian weiter und verkaufte was nicht niet⸗ und nagelfeſt im Hauſe war, geſtern verſpeiſte man einige Stühle, heute einen Tiſch, morgen Gläſer, Pfannen, Pferdege⸗ ſchirre u. ſ. w. Oft mußte Traudle, meiſt aber Erdmuthe, wenn es Nacht war, vom Vater begleitet, kleinere Gegenſtände und — 293— Bettſtücke nach der Stadt tragen. Das waren ſchwere Gänge, der Vater jammerte allezeit und wünſchte ſich den Tod und war er auch auf dem Heimwege nach der Einkehr im Wirthshauſe wohlgemuther, bei der geringſten Anregung konnte er über ſein Schickſal weinen und ließ ſich nur mit Mühe beruhigen. Seltſamerweiſe, aber wie ſich bald erklären wird nicht ohne Grund, hatte Erdmuthe ſeit dem Zerfalle des Hauſes lauter gute Tage, ſelbſt die Mutter ſchalt ſie ſelten und war oft freundlich gegen ſie. Dieſe Frau war immer wieder heiter, wenn zeitweilig Fülle in das Haus einzog. Erdmuthe empfand die ökonomiſche Auszehrung im Hauſe oft ſchwer und es war ihr als müßte die Decke über ihr einſtürzen, aber das Gefühl, daß ſie nun liebreich gehegt und die erſte im Hauſe war, ließ ſie manchmal wiederum Alles vergeſſen. An dem Tage als von Obrigkeitwegen der goldglänzende Schild am Hauſe eingezogen und die Gant verkündet wurde, weinte Alles, Groß und Klein, und ließ ſich den ganzen Tag nicht am Fenſter und nicht auf der Gaſſe ſehen und zum erſten⸗ male hörte Erdmuthe, daß ſie allein die Stütze und Hoffnung des Hauſes ſei. Am Abend erklärte ihr Traudle was das zu be⸗ deuten habe und warnte ſie, ſich auch zu Grunde zu richten, ſie könne doch den anderen nicht helfen. Schon bevor die Ganterklärung eingetreten war, hatte Erd⸗ muthe ſich dazu verſtehen müſſen, zur Nachtzeit viele Habſelig⸗ keiten aus dem Hauſe zu ſchaffen und bei Bekannten unterzubrin⸗ gen; jetzt, nach dem Ganterkenntniß, ging es im Hauſe erſt recht an ein Ausrauben deſſelben als wäre es ein fremdes und feind⸗ liches. Die Behörde hatte zwar aufgeſchrieben was ſich vorfand, aber es gab doch noch Manches bei Seite zu ſchaffen und endlich wurden ſogar auf dem Speicher die Böden ausgehoben und die Bretter verkauft. Cyprian hatte es klug dahin gebracht, daß ſich die Gant in die Länge zog und er ſchien nie glücklicher gelebt zu haben als eben jetzt, ſeine Gläubiger mußten ihn erhalten, er zehrte, wie man es nennt, von der Maſſe, er lebte faſt wie ein Beamter von ſeiner Beſoldung; aber auch dieß nahm ein Ende und — 294— im Frühling, als Erdmuthe zwanzig Jahre alt wurde, mußte ſie mit den Eltern und Geſchwiſtern in eine kleine Leibgedingwoh⸗ nung ziehen. Cyprian wollte Traudle aus dem Dienſte entlaſſen, aber auf die Bitten Erdmuthe's behielt er ſie; er ſprach es aus und zeigte es auch, daß er Erdmuthe zu lieb Alles thue. Man rieth Cyprian, er möge ſich doch mit Gottfried in Holl⸗ maringen ausſöhnen und nachgeben; wenn man Feuer wolle, müſſe man es in der Aſche ſuchen; aber Cyprian wollte davon nichts wiſſen, er ſagte, daß er über's Jahr in die neue Welt aus⸗ wandere. Der Ohm Gottfried von Hollmaringen kam einmal und ließ Erdmuthe zu ſich ins Wirthshaus rufen. Cyprian ſtellte ihr jetzt frei, ob ſie einen Mann beſuchen wollte, der ihren Vater keines Wortes würdige und eigentlich an ſeinem Unglück Schuld ſei, wobei er den Verluſt, den er bei ſeinem Umzuge gehabt, noch ſehr vergrößerte. Erdmuthe verneinte und nun kam Gottfried zu Cyprian in ſeine Stube; er ſchaute ſich hin und her um und ſagte zu Erdmuthe ohne Cyprian zu grüßen, er habe kein Geheimniß vor dem Vater und wolle ſie nur fragen, ob ſie zu ihm ziehen wolle, ſeine zweite Tochter verlaſſe nun auch das Haus. Erdmuthe erklärte, daß ſie bei ihrem Vater bleibe und als Gottfried ſie zur Hochzeit ſeiner jüngſten Tochter einlud, lehnte ſie auch dieß ab; ſie war dem Manne gram, der ihrem Vater kein Wort gönnte, weil er jetzt in Armuth war. Ein geſchmücktes Opfer. Das war ja wie aus den alten glücklichen Märchen als Erdmuthe an ihrem ein und zwanzigſten Geburtstage in ihrer Dachkammer erwachte und ein blinkendes Geſchmeide vor ihren Augen ſchwebte; aber der es ihr darreichte, war kein Zauberer und kein Geiſt, ſondern der Vater, der es ihr ſelber um den Hals neſtelte und ſtumm weinend ſie küßte. „Was iſt denn? was iſt denn?“ fragte Erdmuthe noch halb träumend. Der Vater ſetzte ſich zu ihr auf den Rand des Bettes und tief athmend begann er: „Das iſt das Geſchmeide deiner Mutter ſelig, das hab ich nicht hergeben, in keiner Noth, das iſt ſo beſtimmt geweſen, das ſollſt du heut haben. Heut vor ein und zwanzig Jahren—“ In Erinnerungen verloren konnte der ſtarke Mann nicht mehr weiter reden und weinte laut. „Habt Ihr nicht den Ehrenſchmuck meiner Mutter verkauft? Deswegen iſt Euch ja der Ohm Gottfried ſo feind? fragte Erd— muthe. „Ich hab die Kleider verkauft, um den Mauskopf zu ärgern und ſie wären doch vermodert, aber den echten Ehrenſchmuck hab ich doch behalten. Schau Erdmuthe,“ und Cyprian faßte ihre Hand,„Du biſt mein liebes Kind, du biſt mein einziges Kind, mein einziges, du biſt mir ans Herz gewachſen wie keines ſonſt, du weißt's wenn ich dirs auch nicht oft ſag—“ „Ja, ja, Vater, das weiß ich.“ „Schau, du kannſt aus mir machen was du willſt, einen Bettelmann oder einen Ehrenmann, oder einen, der ſich ſelbſt um's Leben bringt.“ — 296— „Was kann Ich denn thun?“ „Hör ruhig zu, hör nur. Schau, du wirſt heute großjährig und du kannſt dir den Himmel auf Erden verdienen, du ziehſt dein Vermögen an dich, es bleibt dir, ich nehm' dir keinen Groſchen davon als was wir zur Reiſe brauchen, drüben können wir uns ſchon ſelber helfen. Verſtehſt mich? Verſtehſt, was ich mein?“ „Ja, ja, das thu ich von Herzen gern, das Traudle hat das ſchon lang geahnt und hat mich bereden wollen, ich ſoll's nicht thun, aber ich thu's doch, da habt Ihr mein' Hand drauf. Machet nur, daß Niemand was davon erfährt—“ „Nicht ſo, liebes Kind, das geht nicht. Du mußt vor Gericht dein Sach verlangen, du kannſt's jetzt—“ „Könnet Ihr nicht das für mich?“ „Nein, du mußt ſelber und es hat gar kein' Gefahr dabei, du brauchſt kein' Angſt haben. Nur mußt feſt bleiben. Wirſt ſehen, ſie werden Alle kommen und werden ſagen, dein Vater iſt ein Lump und er verputelt dein Vermögen auch noch und ſo und ſo. Da mußt dich nicht abſpenſtig machen laſſen, von Gutem und von Böſem nicht. Kannſt das? Du kannſt wenn du willſt und wenn du daran denkſt, daß du deinen Vater und die Deinigen von Schand und Tod erretteſt—“ „Ja, ich kann's, Ihr werdet ſehen, ich kann's, ich thu den Ehrenſchmuck an und halt ihn in der Hand und da wird mir kein Wort im Hals ſtecken bleiben. Verlaſſet Euch darauf.“ „Schwör mir: ſo wahr wie dir dein' Mutter im Himmel beiſtehen ſoll, daß du feſt bleiben willſt.“ „Ich brauch' nicht ſchwören. Laſſet mich's ſo ausführen, es iſt mir leichter. Trauet Ihr denn Eurem Kinde nicht?“ Cyprian verbarg ſich mit der Hand raſch die Augen und ſagte ſchnell:„Alles, Alles, du liebes gutes Kind.“ Er ſagte ihr noch, daß ſie das Halsgeſchmeide verborgen halten müſſe, da ſonſt Niemand etwas davon wiſſe und er ſeinen Stvlz darein ſetze, für ſchlechter zu gelten als er ſei. Als Cyprian zu ſeiner Frau in die Stube kam, ſagte er zu ihr: 2 „Das iſt ein Kind, das iſt ein wahrer Engel, ich bin's nicht werth, daß ich ſo ein Kind habe.“ Die Frau lachte in ſich hinein. An dieſem Tage ging es feſtlich und vollauf bei Cyprian her, faſt wie in ſeinen beſten Zeiten und Erdmuthe war der ge⸗ feierte Mittelpunkt von Allem, ſelbſt ihre Geſchwiſter, die ſonſt nur Boshaftigkeiten an ihr ausübten, waren heute freundlich und dankbar ob des Kuchens, den ſie durch die Schweſter er⸗ hielten. Tags darauf geleitete der Vater ſelber Erdmuthe bis gen Hollmaringen, er ſprach wenig, nur manchmal ſchärfte er der Tochter noch ein, wie ſie ſich ſeinen abwendig machenden Fein⸗ den gegenüber zu benehmen habe. Er wollte Erdmuthe wieder⸗ holt die Anleitung geben, daß ſie ſagen möge, der ganze Plan ginge von ihr aus und es habe ihr Niemand einen Gedanken davon eingeflößt, aber Erdmuthe ſagte: „Vater, das geht nicht, ich komm' viel beſſer durch wenn ich bei der Wahrheit bleib. Und was brauchen wir denn da leug⸗ nen und verhehlen? Es iſt ja in der Ordnung, daß das Kind dem Vater folgt, da kann kein Menſch was davon los hauen.“ Wenn der Vater den Blick zur Erde geheftet, gramvollen Antlitzes ſo dahin ſchritt, betrachtete ihn Erdmuthe oft mit ſtillem Mitleid und ſie freute ſich wieder, daß es ihr gegeben ſei, Alles wieder gut zu machen und ſie gedachte mitten in ihrem prakti⸗ ſchen Vorhaben der Märchen, wo die Kinder ausziehen, um das Lebenskraut für den kranken Vater zu holen und mit Muth allerlei Fährlichkeiten beſtehen. Als man Hollmaringen auf der breiten Ebene vor ſich ſah und der Weg von der alten Hauptſtraße nach dem Dorfe abbog, ſtand der Vater ſtill und ſagte, daß er wieder umkehre und in Seebrunn im Rößle, das das erſte Haus des Dorfes gegen Holl⸗ maringen war, auf die Rückkehr Erdmuthes warten wolle.„Du weißt Alles,“ ſagte er,„und geh in Gottes Namen.“ Er ſetzte ſich an den Wegrain und preßte die gefalteten Hände auf den Schlehdornſtock zwiſchen ſeinen Knieen. Als er nach geraumer — 298— Zeit wieder aufſchaute, ſah er Erdmuthe dem Dorfe zugehen, ſie wendete ſich nicht mehr um und ſchritt ruhig fürbaß und plöhlich wurde dem Vater ſchwer bange, dort ging ſein Kind und was es unternahm, entſchied für ihn über Leben und Tod; wenn die Verwandten das Mädchen überredeten und gleich zurück behielten, war er verloren— es war jetzt großjährig und konnte über ſich ſchalten wie es wollte. Wankenden Schrittes und oft ſtille ſtehend kehrte Cyprian um, die Welt war frühlingsgrün, voll Sonne und Lerchenſang, aber der von ſchweren Sorgen Bedrückte iſt in ihr wie in einem Kerker, Kummer und Qual durchſchneiden wie Eiſenſtäbe am Kerkerfenſter Ausblick. Erdmuthe ging indeß ihres Weges wie in einer Lericud die Menſchen auf den Feldern und auf dem Wege kannten ſie nicht, aber jeder Baum, jede Hecke, jeder Graben grüßte ſie mit tauſend halb vergeſſenen Kindeserinnerungen und ſie ſelbſt ſchaute umher mit großen verwundert dreinblickenden Augen wie ein Kind das aus dem Schlaf erwacht; die Lerchen jubelten, die Bäume blühten, die Sonne ſchien ſo hell und im Herzen des Mäd⸗ chens lebte ihr ſelbſt unbewußt der beglückende Gedanke, daß ſie einer rechtſchaffenen That entgegen ging und ihr ganzes Sein war von Freude übervoll. Sie ging dahin als würde ſie von einem unſichtbaren Weſen an der Hand geführt und plötzlich ſtand ſie ſtill und eine tiefe Trauer ſchlich ſich in ihr Herz, daß ſie nicht hier bleiben ſollte, wo ſie ſo ganz, wo ſie allein daheim war.„Und du bleibſt ewig da,“ ſagte ſie faſt laut vor ſich hin, ſie wußte nicht woher es kam. Da ſah ſie den von einem Buchen⸗ zaune unfriedeten Gottesacker. Jetzt wußte ſie was hier ſo wun⸗ derbar zu ihr ſprach; ſie ging in den Friedhof, ſie las die In⸗ ſchriften vieler Kreuze und es wurde ihr ganz wirr von dem end⸗ loſen Sterben der Menſchen, das hier von Schritt zu Schritt zu ihr ſprach. Da las ſie im Tiefſten erſchreckt auf einem halb ein⸗ geſunkenen Kreuz ihren eigenen Namen, es war das Grab ihrer Mutter, ſie ſank vor ihm nieder und lag lange das Haupt in das friſche Gras gedrückt. Endlich richtete ſie ſich ſtarren Blickes auf, ſie konnte nicht weinen und doch war ihr ganzes Herz voll tiefer Trauer, ſie legte die Hand auf das Grab als faßte ſie die Hand der Mutter und ſchaute in die weite Welt. Die Lerchen über ihr jubelten, ein Buchfink ſchmetterte ſeinen hellen Sang von einer Trauerweide deren junges Laub im Sonnenſchein glitzerte, ein Säuſeln zog durch die einſamen Fohren, die da und dort ſtanden und Schmetterlinge flogen hin und her.— Sie raufte einige Grashalmen und wilden Thymian vom Grabe, ſteckte ſie in ihren Buſen und ſchritt feſt davon. Durch das Dorf ging ſie ohne unzuſchauen und ohne Jemanden zu grüßen; Mittag war vorüber und die Leute gingen wieder ins Feld; nur vor ihrem elterlichen Hauſe hemmte ſie ihren Schritt und ſah lange an dem Hauſe hinauf und auf die Steinbank, wo ſie als Kind ſo oft geſeſſen. Es war Alles im alten Stande und nur des Nachbars Klaus, der an Krücken ging, war in den zehn Jahren ein großer Burſche geworden und ſtrickte eine wollene Jacke auf der Steinbank und in dem Garten war eine neue Scheune gebaut. Eben als Erdmuthe den Klaus grüßen wollte, trat Bläſi mit einem Pferdekummet auf der Schulter aus der Hausthüre, er erkannte Erdmuthe trotz des großen weißen Tuches, mit dem ſie ihr Geſicht faſt verhüllt hatte und ſagte: „So? Biſt auch hieſig? Willſt jetzt bei uns bleiben?“ „Nein,“ antwortete Erdmuthe und ging weiter, es kränkte ſie, daß Bläſi ihr weder die Hand reichte noch eigentlich ein freundlich Wort ſagte. Als ſie die Treppe im Hauſe des Oheims Gottfried hinan ging, war es ihr als müßten ihr die Kniee brechen, aber ſie faßte ſich, denn es ahnte ihr, daß ſie ſich ihr Vorhaben leichter gedacht als es war. Der Oheim Gottfried, der in Papieren leſend am Tiſche ſaß, ſtand nicht auf, aber er ſtreckte ihr die Hand entgegen zum Willkomm und ſagte: „Das iſt brav, daß du doch zur Einſicht kommen biſt, du biſt bei uns ſo gut und beſſer aufgehoben als bei deinem Vater. Du mußt in dieſen Tagen großjährig werden, halt, heut haben wir den zwölften Mai, geſtern iſts geweſen wo du's geworden biſt, du kannſt jetzt mit dir machen was du willſt. „Ja, deswegen bin ich da und ich hab Euch ſagen wollen—“ — 300— Erdmuthe konnte nicht ausreden, denn die Frau, die eben⸗ falls die Hand gereicht hatte, ſchnitt ihr das Wort ab indem ſie ſagte: „Das kannſt hernach erzählen. Zuerſt mußt was eſſen. Wärſt ein halbe Stund'früher kommen, hätteſts gleich mithalten können. Roſel!“ rief ſie laut, ein ſchlankes Mädchen kam in die Stube, das nach Vorſtellung der Mutter Erdmuthe herzlich bewillkommte, aber auch hier unterbrach die Mutter jedes weitere Reden und ſagte:„Roſel, wärme ſchnell die Leberſpatzen, die von heut Mittag überblieben ſind, thu noch einen Löffel Schmalz daran und ſchlag der Baſe ein paar Eier ein.“ Erdmuthe wollte danken, aber man hörte nicht darauf und trotz der Ermüdung und des unleugbaren Hungers fühlte ſie plötz⸗ lich eine Sättigung und es war ihr als müßte ſie auf und davon rennen. Dieſe zutrauliche herzinnige Weiſe der Menſchen, die ſie bisher für Feinde und Unholde gehalten, dieſes Entgegenkommen von Menſchen, bei denen ſie ſich vergeſſen geglaubt, das Gefühl bei Verwandten zu ſein, die jede Liebe und Güte als ſelbſtver⸗ ſtändliche Sache hinnehmen und dazu der Gedanke, daß ſie mit einem Vorhaben gekommen, das ihnen entgegen war, Alles das preßte ihr die Kehle zuſammen. Der Oheim raffte die Papiere zuſammen und ſagte, daß er in einer Stunde wiederkomme, er müſſe in die Gemeinderaths⸗ ſitzung. Erdmuthe ſtand auf und grüßte demüthig als er weg⸗ ging, reden konnte ſie nicht. Als die Roſel, von der die Mutter erzählte, daß ſie in acht Tagen Hochzeit mache, das Eſſen brachte, wollte Erdmuthe durchaus nichts davon annehmen. Es giebt eine alte Sage, daß man von verführenden Geiſtern nicht Speiſe und Trank genießen darf, ſonſt iſt man in ihrem Banne. Erdmuthe kannte dieſe Sage und ſie kam ſich wie in einem Zauberkreis vor, aber hier waren gute Geiſter und ſie wollte nur nichts annehmen, weil ſie dann bei der ausbrechenden Feindſeligkeit undankbar war; aber die Frau ließ nicht nach und wiederholte ihr, ſie müſſe ihr verſcheuchtes Weſen ablegen, ſie ſei ſ — 301— hier unter Menſchen, die es gut mit ihr meinen und ſtaunend hörte Erdmuthe, daß man hier Alles von ihrem Leben wußte und erröthend hörte ſie ihr Lob, daß ſie eine ſo tüchtige Bäuerin geworden und ſich nicht auch dem der ſchweren Arbeit entwöh⸗ nenden„Wirtheln“ ergeben habe. Jetzt weinte Erdmuthe, die ſonſt nie Thränen vergoß, übermäßig; Alles was ſie heute er⸗ lebt, drängte ſich plötzlich überquellend zuſammen. Die Frau ſuchte ſie mit den beſten Worten zu beruhigen und die Roſel ſagte, ſie müſſe ihre Kranzjungfer bei der Hochzeit ſein. Erdmuthe erklärte, daß ſie nur dem Oheim ſagen könne, was ihr das Herz bedrücke. Als der Oheim Gottfried zurück kam, ðffnete er einen Schrank, nahm mehrere mit Stempeln verſehene Papiere heraus und ſagte:„Du wirſt auch wiſſen wollen, wie es mit deinem Ver⸗ mögen ſteht; das ſind die Hypotheken, dreitauſend vierhundert Gulden iſts geweſen und ſo iſts geblieben, dein Vater hat jedes Jahr, auch wie's ihm gut gangen iſt, die Zinſen erhoben. Wenn du einen rechtſchaffenen Mann kriegſt, der was hat, ſo iſt das ein guter Zuſchuß, daß ihr gut hauſen könnet.“ „Ich denk nicht daran, Vetter.“ „Wird ſchon kommen.“ „Nein, höret mich gut an, Vetter.“ „Ja, ja, red du nur.“ „Schaut Vetter, ich bin... ich ſoll... ich will ja ich ſoll mein Vermögen holen.“ „So2 Das glaub ich, daß das dein Vater will.“ „Und ich auch.“ „Aber Ich nicht.“ „Gottfried that die Papiere wieder in den Schrank, ließ den Riegel zweimal in die Schließe fallen und knüpfte das Lederband, daran der Schlüſſel befeſtigt war, wieder in das Weſtenknopfloch. Erdmuthe ſaß ſtill da. „Was möchteſt denn mit dem Geld machen?“ fragte Gottfried. „Meinem Vater damit aufhelfen.“ „Daß es der Lump auch noch verfreſſen und verſaufen kann?“ — Erdmuthe erhob ſich, ſie hielt das Halsgeſchmeide in der Taſche feſt in der Hand und mit ſtarker Stimme ſagte ſie: „Vetter, das leid ich nicht. Mein Vater iſt ſo gut wie einer und die wo ihn verſchimpfen, die haben's verſchuldet, wenn was nicht recht an ihm iſt.“ „Ich ſeh ſchon, dein Vater hat dich auch verdorben.“ „Und wenn's ſo iſt und wenn's wahr wär', wer iſt dran ſchuld? Mein Vater nicht allein, Ihr, ja Ihr ſeid dran ſchuld. Ihr hättet die Feindſchaft aufgeben und dafür ſorgen müſſen, daß Euer Schweſter Kind nicht verdorben wird, aber mit dem großen Wagen vorbeifahren, wo der Schweſter Kind der Pudel im Haus iſt, da hat man ſich auch nichts zu berühmen.“ Gottfried ſtand ſtarr, er ſah zum erſtenmale in ſeinem Leben ſeine Rechtſchaffenheit angegriffen, er konnte eine gewiſſe innere Stimme nicht verleugnen, die den guten Grund dazu anerkannte, aber doch war er dem gram, der das ausſprach. Er war nahe daran, ſeine Gelaſſenheit aufzugeben, aber ſchnell fand er wieder die Faſſung und ſagte bitter lächelnd:„Das hat dir dein Vater auch eingeblaſen.“ „Nein, nein, was ich red' das ſind meine Gedanken, die ich tauſendmal im Stillen gehabt hab'. Aber ich will Euch keine Vorwürf machen und machet Ihr mir auch keine. Ich hab' heut Gutes in Eurem Haus gehabt, ich möcht' gern wenn ich fortgeh in Gutem an meine Verwandten zurück denken.“ „Wo willſt denn hin?“ „Nach Amerika, mit meinem Vater und meinen Geſchwiſtern. Ihr ſaget, ich hätt' ein ſchönes Vermögen, ich will nicht im Reichthum leben, wenn mein Vater ein Bettelmann iſt—“ „Und noch einmal wird, wenn er das Deinige auch noch verthan hat. Ich ſeh, man kann geſcheit mit dir reden und du haſt ein gutes Herz, du verleugneſt dein' Mutter ſelig nicht, die hat mich für brav gehalten, du denkſt anders, ich will dir nichts darüber ſagen, aber beſinn dich nur, laß dich dünken, es redet ein anderer zu dir: wie ſoll denn ein Mann, der mit einem größeren Vermögen in ſeinen beſten Jahren Alles durchgebracht hat il wer vor ſho ſ En hra nit ern geb ver abe mi ſu — 303— hat und keinen Unglücksfall gehabt hat, er mag ſagen was er will, wie ſoll der jetzt auf Einmal fleißig und haushälteriſch werden? Du biſt noch in jungen Jahren, du haſt das Leben erſt vor dir, du darfſt dich nicht in's Unglück ſtürzen für einen, der ſchon mit fertig iſt. Beſinne dich wenigſtens noch, ein Jahr oder ſo lang du willſt, du kannſt bei mir bleiben oder wo du magſt.“ Es war zum Verwundern mit welcher Feſtigkeit und raſchen Entgegnung Erdmuthe allen Einwänden Stand hielt und endlich brachte Gottfried das Ehrengewand der Verſtorbenen und erklärte mit bebender Stimme wie Cyprian das verkauft und wie er es erworben habe, um es einſt Erdmuthe zu ihrem Ehrentage zu geben und als Erdmuthe beſtritt, daß der Vater den Ehrenſchmuck verkauft, ſtampfte Gottfried auf den Boden ob dieſer Starrheit, aber noch einmal faßte er ſich und beſchwor ſie beim Andenken an die Selige ihm und nicht dem Vater zu Willen zu ſein. Und als Erdmuthe noch immer ſtandhaft blieb, veränderten ſich plötzlich ſeine Mienen, mit heiſerer Stimme ſchrie er: „Gut, ſo geh, ſo geh, aber das ſchwör'ich dir, du verleugneſt mich, ich verleugne dich auch, auf ewig, auf ewig. Du biſt todt für mich, begraben und Gras drüber. Geh—“ Plötzlich brach ſich ſeine Stimme, er konnte nicht weiter reden; die Frau, die mit Bläſi und den beiden Töchtern in der Küche zugehört hatte kam herbei und klagte, daß das Uebel, das Gott⸗ fried ſchon einmal gehabt, wiedergekehrt ſei, aber Gottfried winkte mit der Hand, daß Erdmuthe hinaus ſolle, und ſie verließ das Haus. Niemand grüßte. Niemand geleitete ſie. Als ginge ſie ſchon auf ſchwankendem Schiffe, ſo ſchritt Erdmuthe das Dorf hinaus, ſie ſchaute ſich nicht um und ging unaufhaltſam bis ſie da wo der Weg auf die Hauptſtraße geht unter dem blühenden Apfelbaum am Wegweiſer ſich niederſetzte. Sie ſchaute nicht auf und antwortete nicht dem Gruße der Weiber, die mit Bündeln Unkraut aus den Saatfeldern kamen. Es blüht ein Baum wo der Weg ſich trennt. „Das iſt gut, daß ich dich da noch find'“ ſagte plötzlich eine Stimme, Erdmuthe ſchaute auf, es war Bläſi, der vor ihr ſtand, hochglühenden Antlitzes und mit einem ſeltſamen Ausdrucke in den Mienen. „Schickt dich dein Vater und haſt du mir von ihm was zu ſagen?“ erwiederte Erdmuthe und wollte aufſtehen; es durch⸗ ſchauerte ſie aber als Bläſi jetzt zum erſtenmale ſie berührte, in⸗ dem er ſie am Arm faßte und ſie ſitzen bleiben hieß mit den Worten: „Bleib du nur, es ſchickt mich Niemand, ich komm aus mir allein und hab aus mir allein mit dir zu reden. Willſt du mich ordentlich und geduldig anhören und mich ausreden laſſen?“ „Du haſt noch kein' Prob, daß ich nicht Alles mit Ruhe an⸗ höre, was man mit Ruhe anhören kann.“ „Magſt meinetwegen Recht haben,“ ſagte Bläſi ſich neben ſie ſetzend,„laß jetzt die alten Sachen vorbei ſein, ich hab ande⸗ res mit dir zu reden. Guck, hundertmal hab ich mir gewünſcht, wenn ich nur auch ſo ruhig wie jetzt mit dir reden könnt', hun⸗ dertmal hab ich gedenkt, unſer Herrgott muß barmherzig und übergut ſein, daß er uns nicht dafür ſtraft, weil die nächſten Anverwandten ſo in Feindſchaft mit einander leben, hundertmal wenn ich dir begegnet bin, hab ich dich anhalten wollen, aber du biſt immer ſo trutzig und ſtolz geweſen—“ „Ich? Stolz?“ ſchaltete Erdmuthe mit bitterm Lächeln ein. Bläſi fuhr fort: „Du biſt von Vaters Seite mein' einzige Anverwandte un es hat mir das Herz im Leib herumgedreht, wenn ich dich ih ſ V hät dit vor 6 — — 305— geſehen hab und dich nicht hab anreden dürfen. Und mein Vater auch, er red't nicht viel, aber er iſt grundgut, du kennſt ihn nicht und dein Vater—“ „Sag nichts, es iſt recht, daß du deinen Vater lobſt und ich will dir Alles glauben, aber mein Vater iſt auch mein Vater und ich laß nichts auf ihn kommen—“ „Eben das, wie ich das gehört hab, hab ich noch mehr Re⸗ ſpekt vor dir kriegt. Aber das haben wir jetzt nicht auszumachen. Wir ſitzen jetzt da bei einander wie wenn wir beide keine Eltern hätten und ganz allein auf der Welt wären, ſo iſt mir's, wie's dir iſt—“ Bläſi hielt inne und trocknete ſich den Schweiß von der Stirne; vor ſich niederſchauend fragte Erdmuthe: „Warum haſt mir denn kein gut Wort geben, wie ich ins Dorf kommen bin?“ „Weil ich gemeint hab du bleibſt bei uns und da hätt ſich ſchon ſchickliche Zeit gefunden und ich hab dir auch nichts im Voraus geben wollen. Du haſt mich dein Leben lang geplagt genug, von damals an wo du mir die Kirſchen nachgeworfen haſt, ich hab dir's eintränken wollen—“ Die gekrümmte linke Hand auf Kinn und Unterlippe gedrückt ſchaute Erdmuthe den Bläſi mit flüchtigem Lächeln an, dann fragte ſie: „Warum biſt denn jetzt anders?“ „Weil du jetzt Alles wieder auseinander ſprengſt, weil du in Feindſchaft davon gehen willſt, das iſt nicht recht, das iſt nicht brav, das.. das leid ich nicht. Du gehörſt zu uns und nicht zu denen in Leutershofen und du ſollſt uns nicht nachſagen, wir hätten dich verſtoßen—“ „Das ſag ich nicht, und es wär' ja auch gelogen.“ „Das mein' ich auch nicht, du verwirrſt mir ganz meine Worte, du redeſt mir ſo drein, daß ich nimmer weiß wo ich ſteh—“ „Gut, ich will ganz ſtill ſein, ſo red du allein.“ Sich die Hände reibend und eine gewaltſame Bedächtigkeit erraffend begann Bläſi wieder: Anerbach's Dorfg. 4. Bd. 20 — 306— „Du ſollteſt dich eben an uns halten, ich will nichts gegen die Deinigen ſagen, ſo viel ſiehſt aber doch, daß wir ganz andere Leute ſind und du ſollteſt dich freuen, daß du ſo einen Anhang haſt. Sag, hab ich nicht Recht?“ „Freilich, aber wenn mein Vater im Zuchthaus ſäß', ich möcht doch bei Niemand in Gnade ſein, ich thät dienen und be⸗ hielt' mein' Ehr für mich.“ „Das iſt in Ordnung, den Stolz, den haſt du doch nur von unſerer Familie, du gehörſt doch zu uns, aber du brauchſt nicht dienen, im Gegentheil. Wenn man nur wüßt', ob du... ich hab dich von Herzen lieb und ich laß dich nimmer davon—“ Er umſchlang ihren Hals und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, aber ſie entwand ſich ihm. „Haſt du mich denn nicht auch lieb? Warum weinſt denn jetzt? Warum weinſt?“ fragte Bläſi mit bebender Stimme. „O Bläſi,“ begann Erdmuthe endlich,„das iſt nicht recht, das iſt gefrevelt, wir müſſen ſcheiden, auf ewig ſcheiden, das darf nicht ſein.“ „Was darf nicht ſein?“ „Ich hab mir's nie geſtehen wollen und jetzt darf ich's auch nicht, denk du lieber, ich ſei ſchon lang geſtorben.“ „Das will ich aber nicht. Sag's frei, magſt mich oder nicht?“ „Ach Gott, ich kann dir' nicht ſagen, wie lieb—“ Sie umhalſte ihn und lange hielten ſie ſich feſt in den Armen, die ganze Welt war vergeſſen und ſie hörten nichts als das Klopfen ihrer Herzen und ſahen nichts als das eine in das Auge des andern. Bläſi gewann zuerſt wieder das Wort: „Willſt du jetzt noch einmal heim?“ „Ich muß ja, ich muß.“ „Es iſt auch gut. Mein Vater iſt grimmig gegen dich wie ich ihn noch nie geſehen hab', aber das wird ſich ſchon geben. Haſt denn gar nichts geahnt, wie du zu uns kommen biſt?“ „Ich weiß nicht, wie ich gegen das Dorf kommen bin, iſt mir's geweſen wie wenn mich der Boden feſthalten thät und dann bin ich da drüben geweſen auf dem Grab meiner Mutter, und in di Al mnt nug Juet 0b v5) ſn Vliſ ihrer den ln 6 mit hab in deinem Haus iſt mir's ſo heimelig geweſen und es iſt mir Allerlei durch den Kopf gangen, aber wie ich gehört hab, daß man auf meinen Vater ſchimpft, da iſt mir wieder alle Geluſt vergangen, ich bleib in keinem Haus, wo man ſo über meinen Vater redet, er hat das beſte Herz von der Welt, freilich ſchwach iſt er, aber er muß ſelber am meiſten darunter leiden und es hat keiner das Recht darüber zu ſchimpfen. Jetzt Bläſi, jetzt mußt du mir hel⸗ fen, ich weiß nicht mehr wo ich bin und was ich zu thun hab.“ Mit einem ſtolzen Selbſtgefühle ſeiner Männlichkeit erklärte Bläſi, daß er ſich das ſchon ausgedacht habe. Erdmuthe ſolle ihrem Vater das Geld für die Ueberfahrtskoſten geben und mit dem Uebrigen nach Hollmaringen kommen, dann ſei beiden Thei⸗ len geholfen. Statt dieſen Vorſchlag, wie Bläſi erwartet hatte, als klug zu loben, ſagte Erdmuthe: „Ich möcht' ihm lieber Alles laſſen, ich will gar nichts mehr mit Geld zu thun haben, es grauſt mir davor; andere Mädle haben gar nichts damit zu ſchaffen und ich muß mich ſo viel mit rumplagen.“ Bläſi fand das letztere richtig, wenn er auch nur halb den Widerwillen Erdmuthes anerkannte, er wiederholte ihr, daß ſie großjährig ſei und daß es eine Sünde wäre, das Geld an Cyprian zu verſchleudern. Mitten im ſonnigen Erleuchten der Liebe Erdmuthe's zog plötzlich eine verfinſternde Wolke darüber; ſie hatte zu oft und Jahre lung von dem Geize der Gottfriediſchen reden hören und ſie ſah auch Bläſi davon befangen. Wenn es nicht wäre, warum will er nicht dem Vater Alles geben, um ſie zu retten? Bläſi deutete die Veränderung ihres Antlitzes und ihr Verſtummen anders. Er rieth Erdmuthe, da ſie ſich vor dem Austrage der Sache fürchte, wieder ins Dorf zu ſeiner verheiratheten Schweſter zurückzukehren und ihm allein oder ſeinem Schwager Alles zu überlaſſen. Das wollte und konnte Erdmuthe nicht, ſie mußte mit ihrem Vater allein zurecht kommen, ſie durfte auch ſein Ver⸗ trauen auf ihre Rückkehr nicht getäuſcht haben; mußte er nicht an der Welt verzweifeln, wenn ſie, ſeine letzte Hoffnung, ihn hin⸗ 20* — 308— terliſtig verließ? Oder wollte ſie auch Bläſi beweiſen, daß ſie für ſich allein Kraft genug beſaß? Noch einmal ſiegte die überſtrömende Macht jugendlicher Liebe und mit dem Rufe:„Es giebt gar kein Geld in der Welt, horch wie der Fink da über uns luſtig iſt und hat keinen Kreuzer im Sack,“ umhalſte ſie abermals den Bläſi und tauſend Erinne⸗ rungen und Begegnungen wurden ausgetauſcht und gelacht und gejubelt und ſie erfanden verſchiedene Küſſe, der eine war für den Vetter, der andere war für den Bräutigam, der eine war für die Baſe, der andere für die Braut. Bald mußte Bläſi aufſtehen, des Weges daherkommen, grüßen und ein Geſpräch anknüpfen wie es früher hãtte ſein ſollen, bald mußte Erdmuthe die gleiche Rolle ſpielen und ſie verſtand es noch viel ſcherzhafter und dann ſaßen ſie wieder beiſammen und hielten ſich umſchlungen und dann hieß es:„Jetzt iſt wieder ein Jahr vorbei“ und noch eines wurde ge⸗ ſpielt und immer wieder. Die Sonne ſank nieder als Bläſi ſagte: „Sieben und ſiebenzig Jahr möcht ich ſo leben.“ „Und hernach laß ich mir noch was dreingeben,“ lachte Erd⸗ muthe. Bläſi bedauerte, daß er nichts habe, das er ihr als Liebes⸗ angedenken geben könne, aber er verſprach ihr, wenn ſie zur Hoch⸗ zeit der Roſel komme, ihr einen goldenen Ring zu geben. „Silber oder Gold iſt mir eins,“ ſcherzte Erdmuthe. „Das Wort gilt,“ beſtätigte Bläſi und wie erſchreckt fuhr ſie zuſammen vor dieſem Zuſatze; hatte ſie nicht ihrem Vater auch das Wort gegeben, feſt und ſtandhaft zu bleiben? Durfte ſie auf das Wort eines andern, durfte man auf ihr Wort mehr trauen? Wie das immer nach gewaltigen Erregungen der Fall iſt, hielten ſich Bläſi und Erdmuthe ſtill Hand in Hand. Sie gingen die verödete Landſtraße und Bläſi betrat gerne die ſpitzen zer⸗ ſchlagenen Steine und ließ ihrem Fuß das glatte Geleiſe. Erd⸗ muthe hatte ihm geſagt, daß ihr Vater in Seebronn auf ſie warte. Bläſi wollte mitgehen, er wollte ihr Beiſtand ſein, aber ſie wehrte ab und Bläſi mußte ihr ſogar heilig geloben, ſich nichts drein zu miſchen und nicht nach Leutershofen zu ſenden oder zu kommen; ſie fürchtete durch die Einmiſchung der Gottfriediſchen von ihrem Lu 909 in ſe Li di ha n 9 *— 309—„ gegen mußte ſie Bläſi verſprechen, nicht mehr zu Fuß, ſondern in einem Bernerwägelein, wie es ſich für ſie ſchickte, nach Holl⸗ maringen zu kommen. Erſt vor dem Dorfe ſchieden ſie, es war als könnten ſie ſich nicht trennen und immer auf's Neue ſagten ſie einander Lebewohl und hielten doch die Hand feſt. Es ſchien als ob Bläſi noch etwas zu ſagen hätte, das er nicht auf die Lippen bringen konnte; er wollte Erdmuthe nicht von ſich laſſen, dieſe aber hörte am erſten Hauſe des Dorfes, welches das Wirths⸗ haus war, die laute Stimme ihres Vaters, ſie drängte Bläſi fort und ging hinauf. Bläſi kehrte heim, denn auch er hatte einen Vater zu fürchten. Vater das Härteſte und wollte auch Alles ſelbſt vollenden. Da⸗ Ein Seelenlicht. Tag um Tag verging, man hörte nichts von Erdmuthe. Am Abend vor der Hochzeit ſeiner Schweſter, als die ganze Familie ſich im Hauſe Gottfrieds verſammelte und jene ſtille Luſt alle Herzen belebte, die auf der Schwelle eines freudigen Ereigniſſes ſo ſtill wonnig macht, da war auch Bläſi nicht unter den Ver⸗ ſammelten zu ſehen, er war allein und gedankenvoll den Weg gegen Seebronn hinausgegangen, er ſaß unter dem Apfelbaum am Wegweiſer, von dem jetzt die Blüthenblätter abfielen und die Straße und den Rain wie zum Einzuge einer Freude ſchmück⸗ ten. Bläſi ging weiter bis gegen Seebronn, er hiélt den Ring in der Hand mit dem er Erdmuthe ſchmücken wollte, aber ſie kam nicht und doch hatte er ſie für heute ſo ſicher erwartet; er wollte weiter und immer weiter wandern bis nach Leutershofen, ein unendliches Verlangen trieb ihn und doch kehrte er wieder um, er wollte die Freude im Elternhauſe durch ſein Ausbleiben nicht ſtören. Er fand noch Alles, was anverwandt war, ver⸗ ſammelt, man labte ſich jetzt an der kommenden Freude wie an dem Dufte der friſchen Kuchen, der das ganze Haus durchdrang, der Genuß ſelber gehörte dem morgenden Tage. Bläſi erwiderte kein Wort als ſeine Schweſter ihm ſagte, daß ſie ihm zum letz⸗ tenmal ſein Sonntagsgewand herrichte und er ſie oft vermiſſen werde, denn ſie heirathete einen Holzhändler im Enzthale. Bläſi war ſeiner ganzen Umgebung entrückt, er muſterte die Anweſen⸗ den Alle nach einander nur um aufs Neue zu ſehen, daß Erd⸗ muthe nicht unter ihnen und Niemand ſie vermißte als er allein. Als man ihn damit neckte, daß nun das Heirathen an ihn käme und daß er ſich umſchauen müſſe, antwortete er nichts und man⸗ für jr und Do Pl die A ſein Me ſah na me ihn cher ſtrahlende Mädchenblick der ſich auf ihn heftete, wendete ſich unerwidert wieder ab. Am Morgen als Wagen an Wagen den Bräutigam und ſeine Familie ſowie die auswärtigen Anverwandten des eigenen Hauſes brachte, ging Bläſi wie verloren hin und her und hatte für Niemanden einen rechten Gruß. Er zwang ſich beim Tanze zur Luſtigkeit, aber man ſah, daß es ihm nicht Ernſt damit war und doch ahnte Niemand außer der verheiratheten Schweſter im Dorfe was mit ihm vorging. Beim Abſchiede der Roſel weinte Bläſi am meiſten. Wenn er im Dorfe oder auf dem Felde war und ein Wagen die Straße daherrollte, rannte er ihm aus dem Hauſe oder vom Acker mit pochendem Herzen entgegen, es konnte nicht anders ſein, Erdmuthe mußte kommen, aber immer waren es fremde Menſchen die des Weges kamen und ſtaunend auf den Burſchen ſahen, der bei ihrem Anblicke wieder zurück rannte. Oft und oft nahm ſich Bläſi vor, ſich um kein Wagengeräuſch mehr zu küm⸗ mern, aber ſo oft er wieder ein raſches Rennen hörte, ließ es ihn nicht an der Stelle und nur noch dießmal und dießmalwollte er ſichs geſtatten, bis er auch endlich davon abließ. Da brachte eines Morgens die Landeszeitung, die Gottfried als Schultheiß— oder wie der abgeſchmackte neue Kanzleiſtil heißt, als„Gemeindevorſtand“— halten mußte, eine erſchreckende Kunde ins Haus, denn eine gerichtliche Anzeige forderte alle Gläubiger Cyprians auf, ſich zu melden, da er nach Amerika auswandern wolle, fügte aber ſogleich bei, daß Niemand auf Er⸗ ſatz hoffen dürfe, da Cyprian auf Koſten ſeines Kindes erſter Ehe auswandere. Während Gottfried ſolches in der Stube las, war Traudle zu Bläſi in den Stall gekommen und brachte ihm den letzten Abſchiedsgruß von Erdmuthe, ſie war mit dem Vater nach dem Seehafen vorausgeeilt, die übrige Familie ſollte erſt nach der geſetzlichen Friſt nachkommen. Traudle erzählte viel, wie ſchwer Erdmuthe der Abſchied geworden ſei, und doch wußte ſie, die allzeit die Vertraute geweſen, nicht anzugeben, warum ſich Erdmuthe doch noch zur Auswanderung bewegen ließ. Traudle — 312— war nun auch verlaſſen in der Welt, ſie bat, bei Gottfried bleiben zu dürfen, aber dieſer wollte nichts mehr von Jemanden wiſſen, der ihn an Erdmuthe erinnerte. Traudle ging zu ihrer Tochter nach Lichtenhardt, ſie hatte ſichs nie gedacht, daß ſie wieder nach dem Dorfe zurückkehren müſſe, das ſo arm und abgeſchieden war, daß man ſich überall ſcheute, ſich als von dort gebürtig zu nen⸗ nen. Draußen in der Bauernwelt, die man von Lichtenhardt aus bewundernd anſah galt nun Traudle auch nichts mehr, ſeitdem Erdmuthe verſchwunden war. Cyprian mußte ſeinen Plan ſchon lange vorbereitet haben. Auf eine gerichtlich beſtätigte Vollmacht Erdmuthe's waren die Hypotheken an einen Unterhändler verkauft, der gewiß nicht ohne namhafte Abzüge baares Geld dafür gab. Der Tag an dem Gott⸗ fried die zweimal verſchloſſenen Hypotheken herausgeben mußte, war ein trauriger. Aber nicht nur um den Verluſt des Geldes, ſondern auch um das verlorene Schweſterkind mußte eine tiefe Wehmuth im Herzen Gottfrieds wohnen. Er legte zur Verwun⸗ derung Aller, die es bemerkten, Trauerflor um die Abgeſchiedene an und ſprach wochenlang von Erdmuthe nie anders als von einer Verſtorbenen. Gottfried war ein Mann von zäher Selb⸗ ſtändigkeit, der keinerlei fremden Einfluß kannte; man ſchalt ihn ob dieſer ſeltſamen und ſelbſt auferlegten Trauerzeichen, man warnte ihn, daß er damit Gott verſuche, der um ihn zu ſtrafen Ernſt machen und ihm ein wirkliches Leid, einen Trauerfall zu⸗ ſchicken werde; er beharrte und ließ ſich nur zu der Erklärung herbei: entweder ſei ihm eines todt oder lebendig, er wolle nichts davon, daß noch eines für ihn da ſei, von dem er nichts wiſſe, Erdmuthe ſei für ihn todt, ob ſie auch noch in Amerika lebe, das gehe ihn nichts an, für ihn ſei ſie todt und in ſeinem Hauſe durfte ſie keiner mehr anders nennen. Vielleicht wollte Gottfried mit dieſem eigenartigen Starrſinn doch noch etwas anderes. Nach einigen Wochen legte er den Trauerflor ab, aber eine gedrückte Stimmung im Hauſe blieb und wollte nicht ſchwinden. Roſel, die das Haus erheitert hatte, war nicht mehr da und — 313— Bläſi wurde von Tag zu Tag ſtiller und in ſich gekehrter. Er hatte um Erdmuthe kein äußeres Trauerzeichen angethan und abgelegt, ja er vor Allen war dem Vater über beides am meiſten gram, denn er ahnte, daß dieſe gewaltſame That ihm beſonders galt. Gottfried hatte ſeinem Sohne allmälig das ganze Bauern⸗ weſen in die Hand geben wollen, aber Bläſi fragte ihn jetzt um jedes Vorhaben und wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen. Er war im eigenen elterlichen Hauſe wie ein Knecht, der erſt an dieſem Tage in Dienſt getreten war. Sonſt hatte Bläſi die meiſten Amtsſchreibereien für den Vater gemacht und dieſer war zufrieden mit der runden Faſſung des Sohnes; jetzt mußte er ihm jedes Wort in die Feder diktiren und dabei ſchrieb er oft noch Verkehrtes. Die Eltern ſprachen über das ſo veränderte Weſen ihres Sohnes, der nichts leugnete als man ihm laut vorwarf, daß er bei Erdmuthe am Wegweiſer geſeſſen und ſie geküßt habe. Der Vater drohte ihm das Härteſte, wenn er nur noch mit einem Gedanken an Erdmuthe denke, ja, er ſteigerte ſeinen Haß gegen „die Verſtorbene“ zu den höchſten Verwünſchungen und jetzt zeigte ſich, daß er mehr um Bläſi's willen Trauer um Erdmuthe an⸗ gelegt hatte, ja er ging noch weiter und zündete am Tage Aller⸗ ſeelen zwei Lichter auf dem Grabe ſeiner Schweſter an. Endlich fand er das beſte Mittel, jeden Funken in Bläſi zu tödten, er faßte einen feſten Entſchluß und Bläſi mußte gehorchen; er ver⸗ lobte ihn mit der ſchmucken Tochter des Kirchenguts⸗Verwalters, des ſogenannten Heiligenpflegers von Seebronn. Bläſi hatte ehe⸗ dem eine Neigung zu dem Mädchen gezeigt, das aber für Gott⸗ fried weit unter ſeinen Anforderungen ſtand; jetzt drang er ſelbſt auf die Verlobung und Alles ſagte, der Gottfried habe ſeine alte Art ganz verändert und das Lob, das er jetzt hören mußte, war weit mehr ein Tadel, denn er vernahm, was man ehedem von ihm dachte. Es gab wol nie einen weniger aufgeweckten Bräutigam als Bläſi. Er that Alles was Vater und Mutter ihm ſagten, mehr aber auch nicht. Denſelben Weg, den er mit Erdmuthe gegangen, ging er nun zu ſeiner Braut und wenn er zu ihr kam, mußte er — 314— ſich immer erſt erinnern, was er ſei und was er hier zu thun habe. Als ihn einſt ſeine Braut eine große Strecke Wegs heim geleitete und unter dem Apfelbaum am Wegweiſer ſich niederſetzen wollte, ſchrie er mit entſetztem Angeſichte: „Nicht, nicht, nicht, da ſitzt ein Geiſt,“ und fort rannte er. Andern Tages kam der Heiligenpfleger von Seebronn, brachte die Brautgeſchenke wieder zurück und löste das geſchloſſene Band, da Bläſi irrſinnig ſei. Eine tiefere Kränkung hätte Gottfried nicht erfahren können, als daß man ſeinen Sohn abwies und ihm ſolches nachſagte. Er redete fortan kein übriges Wort mehr mit Bläſi, der die Auflö⸗ ſung ſeines Bräutigamſtandes aufnahm, als ob das ihn gar nichts anginge, er blieb ſtill und ſchaute immer träumend drein. Sein Schwager war der einzige, dem er ſich anſchloß, er arbeitete lieber für ihn als im elterlichen Hauſe und wenn man nach dem Kornmarkte fuht, der jetzt nach der Stadt verlegt war, leiſtete er am liebſten Knechtesdienſte und blieb bei den Pferden. Dabei ſah er in gleicher Weiſe wie vordem friſch und jugendlich aus, nur hatte er die ſeltſame Angewohnheit, daß er auf manche Anrede nichts antwortete, ſondern nur ſtill wehmüthig lächelte. So vergingen drei Jahre. Als einſt in der Zeit der beginnen⸗ den Heuernte Bläſi ſeine Pferde auf dem Marktplatze in der Stadt tränkte, da kam Traudle zu ihm und winkte ihm ſchon von ferne, er ſah ſie kommen, aber er rührte kein Glied und dankte nicht ihrem Gruße. „Gottlob, daß du da biſt,“ rief Traudle. Bläſi ſah, daß ſeine Pferde die triefenden Mäuler aus dem Troge hoben, erpfiff ihnen aber ſie ſoffen nicht mehr und er führte ſie in das Wirthshaus zurück. Traudle konnte vor raſchem Athmen nicht ſprechen, ſie ging neben ihm her und ſagte: „Bläſi, wach auf, Schlafenszeit iſt vorbei.“ Er ſah ſie kaum an und band die Pferde wieder an die Krippe. „Hörſt mich denn gar nicht? Ich hab dir was Gutes zu ſagen, an das kein Menſch denkt. Um Gottes willen, biſt denn wirklich 3 — 315— hinterſinnt?“ fragte Traudle mit ſteigender Angſt und prallte ſcheu zurück als Bläſi ſie durchbohrend anſchaute. „Was willſt von mir? Was haſt?“ fragte er endlich. „Hinter der obern Mühle am Bachſteg wartet ein Mädle auf dich und hat mich zu dir geſchickt. Sag, thut dir's nichts, wenn ich dir ſag wers iſt? Sag's doch. Es iſt ein Mädle, es bringt dir Botſchaft von der Erdmuthe.“ Als ginge plötzlich die Sonne auf, ſo hell wurde das Antlitz Bläſi's, er faßte Traudle am Arme, daß ſie laut aufſchrie. „Wo iſt das Mädle? Wo?“ fragte er. „Komm mit.“ Er ging raſchen Schrittes neben Traudle und als ſie über den Weg kamen, ſah er eine verhüllte Frauengeſtalt mit einem weißen Kopftuche und einem Bündel auf dem Rücken, ähnlich wie ſie aus der Umgegend auf Walffahrten ziehen. Die Geſtalt ſaß unter dem Weidenbaume in ſich zuſammengekauert, jetzt richtete ſie das Haupt empor, ein braunes Auge leuchtete, die Geſtalt richtete ſich auf und Bläſi rief: „Biſt du nicht?. Heiliger Gott im Himmel, du biſt's.“ Ein Freudenſchrei ertönte, den das gewaltige Rauſchen des Stromes nicht verdecken konnte. Erdmuthe und Bläſi lagen ein⸗ ander in den Armen. An den rauſchenden Wellen. „Glaub nicht, daß ich kein rechter Mann bin, ich kann nicht anders, ich muß weinen, du glaubſt nicht wie viel tauſend Thrä⸗ nen mir ins Herz geſunken ſind. Es wird mir ſo leichter. Laß nur.“ So beruhigte Bläſi, da Erdmuthe ſeine ins Unfaßliche gehende Erregung beſchwichtigen wollte,„ich freu mich nur, daß ich dich gleich erkannt habe, du haſt dich ganz verändert, aber deine Augen die ſinds noch. Jetzt ſag, wie iſts denn möglich? Iſts denn wahr, daß du da biſt? Wie hat's denn nur ſein können? Sind's denn ſchon drei Jahr ſeit du fort biſt oder iſt's erſt ſeit geſtern?“ So oft auch Erdmuthe beginnen wollte, ihre Geſchichte zu erzählen, ſie wurde immer wieder unterbrochen von Ausrufungen der Liebe und Verwunderung. Endlich verbot ſie jede Zwiſchen⸗ rede und begann: „Da an dem Platz wo wir jetzt ſind, da hat mein großes Unglück angefangen, da hat ſich mein Vater ins Waſſer ſtürzen wollen, wenn ich nicht mit ihm geh, und wahr bleibt's, wie's auch kommen iſt, ich bin doch ſeine einzige Freud auf der Welt und unterwegs hat er mir all Stund gedankt, daß ich ihn nicht verlaſſen habe. O Bläſi glaub mir und thu mir die Liebe und zweifle nicht daran, ich will dirs zeitlebens vergelten, er iſt an dem was mir geſchehen iſt, ſo unſchuldig wie du; nur das iſt ſein Unrecht: er hat mir die Höll vorgeſtellt wenn ich zu euch komm und wie dein Vater dich zu todt plagt, und dir zu lieb und ich kann's jetzt ſelber nimmer begreifen wie mir's geweſen iſt und ich hab auch gedenkt, du nimmſts vielleicht doch leichter und mein Vater hat ſonſt Niemand, der ihm ein gutes Wort gönntz die Großen und die Kleinen fahren Alle auf ihn hinein, wenn er ein Wort ſagt, und da bin ich halt fort und es iſt mir immer geweſen, wie wenn das doch nicht Ernſt wär und ich käm' mor⸗ gen wieder heim und doch ſind wir immer weiter gefahren, hun⸗ dert und hundert Meil Wegs bis wir an dem großmächtigen Meer Halt gemacht haben, man heißt den Ort Antwerpen. Wir haben lang da bleiben müſſen, bis die anderen nachkommen ſind und mein Vater hat mir jeden Kreuzer verrechnet, den er aus⸗ geben hat, und ich hab unſer Geld immer bei mir tragen müſſen, der Vater hat's nicht zugeben, daß ichs in einen Schrank ver⸗ ſchließ und er ſelber hats auch nicht genommen; da bin ich dir immer herumgelaufen, ſo geplagt und ich hab faſt gar nicht gehen können und mein Herz iſt mir noch viel tauſendmal ſchwerer ge⸗ weſen und ich hab mich oft faſt hinterſinnt und ich hab heraus⸗ bringen wollen, warum gerad ich das Alles durchmachen muß und hab's doch nicht gefunden. Unter dem Durcheinander von den Schiffen und den Menſchen iſt mir ſo ſterbenbang geweſen und wenn's kein Sünd geweſen wär ich wär ins Waſſer geſprun⸗ gen und wenn ich alles Geld von der Welt hätt mit mir nehmen und ins Meer verſenken können, ich wär doch hineingeſprungen. Das Geld iſt doch an allem Unglück in der Welt ſchuld.“ Bläſi ſchüttelte nur abwehrend den Kopf und Erdmuthe fuhr fort: „Wie die Frau mit den Geſchwiſtern kommen iſt, da hab ich mein Geld in meine Truhe thun dürfen und es iſt immer eines als Wache dabei blieben. Einmal komm ich dazu wie der Vater mit der Frau fürchterliche Händel hat, wie ich dazu komm, ſind ſie plötzlich ſtill und der Vater hat mich nachher wie wir allein geweſen ſind, gewiß eine Stunde bei der Hand gehalten und mir alles Liebe und Gute geſagt und geweint. Damals iſt mir das nicht beſonders aufgefallen, aber nachher hab ich dran denken müſſen, was das Alles zu bedeuten gehabt hat. Am Morgen vor der Abfahrt, wie wir Alle auf dem Schiff ſind, ſchickt mich mein Mutter noch einmal in die Stadt, ich ſoll einen Sack Erbſen holen, den wir im Wirthshaus haben liegen laſſen; mein Vater — 318— will gehen, aber ſie leidets nicht. Wie ich vom Schiff abſteig, welſcht einer mit mir aber ich verſteh ihn nicht. Ich geh in die Stadt, ich find den Sack nicht, es will Niemand was davon wiſſen, daß er liegen blieben ſei, ich geh wieder ins Schiff— Bläſi, ich hab ins Waſſer ſpringen wollen, das Schiff iſt fort und ich bin allein da, allein, ausgeſetzt, verlaſſen und verſtoßen, Bläſi, kannſt dir denken wie mir's da geweſen iſt. Die Leute haben gemerkt, was mit mir geſchehen iſt und ſie haben mich vom Boden aufgerichtet wo ich hingefallen bin und da war auch ein Deutſcher und der hat mich getröſtet und hat mir verſprochen, er will mir helfen, daß ich den Meinigen nachreiſen kann. Da bin ich geſeſſen am Boden und hab nicht reden und hab nicht gehen können und die Leute haben mir Silber⸗ und Kupfermün⸗ zen in den Schooß geworfen. Noch einmal Geld und immer Geld, was will denn Ich noch davon? Ich will ſterben. Sie haben mich in die Stadt geführt, wie ich erwacht bin, haben ſie mir geſagt, daß ich lang geſchlafen hätt. Das Traudle hat mir oft Geſchich⸗ ten erzählt von Kindern, die von ihren harten Eltern im wilden Wald im tiefen Schnee ausgeſetzt worden ſind, aber ſchwerer als mir iſts gewiß keinem geworden, und ich bin dir ſo verlaſſen und unbeholfen geweſen wie ein kleines Kind, das kaum ſagen kann, wie ſein Vater heißt. Der Deutſche, es iſt ein Jud geweſen, der ſelber Auswanderer hinüberſchickt, hat mich umſonſt übers Meer bringen wollen, ich hab aber nicht gewollt, ich hab bei ihm im Haus ein Jahr gedient und er und die Frau, ſie iſt auch eine Schwäbin, ſind gut gegen mich geweſen, aber ich bin doch fort und bei Köln bin ich krank worden und da bin ich wieder in Dienſt gangen zu einem Bauer und jetzt bin ich da. Ich hab ge⸗ glaubt, du biſt ſchon lang verheirathet, Bläſi, und ich hab bei dir dienen wollen, und da bin ich zuerſt zum Traudle, das hat auch Trauer, ſein' Tochter iſt ihm geſtorben und wir haben ein⸗ ander getröſtet, ſo gut wir haben können und ſie hat geſagt, du hätteſt dir mein Weggehen ſo arg zu Herzen genommen, daß du hinterſinnt ſeiſt und da hab ich dir helfen wollen—“ A „Und du haſt mir geholfen und ich weiß gewiß, ich wär geſtorben, wenn du nicht kommen wärſt—“ „Jetzt ſag aber Bläſi, was ſoll ich jetzt anfangen?“ „Du gehſt mit in mein Elternhaus.“ „Nein, ſo nicht, das geht nicht.“ „Haſt auch Recht, ich weiß ſchon einen Ausweg, ja, das iſt geſcheiter. Du haſt ja im Feld ſchaffen können. Kannſt's noch ordentlich?“ „Freilich, ich hab mich ja mit dem Traudle über die Som⸗ merszeit verdingen wollen. Ach! ich hab nicht glaubt, daß ich mit dir wieder zuſammen komm, und doch, wenn ich ſagen ſoll—“ „Was? Wos thäteſt du ſagen?“ „Daß das Traudle Recht gehabt hat. Ich bin wieder heimezu und hab doch kein' Heimath und da bin ich zum Traudle und bin grad recht kommen, ihm in ſeiner Noth beizuſtehen, ſeine Tochter iſt ihm geſtorben und da haben wir eines über das an⸗ dere weinen können. Aber davon hat man nicht geſſen, im Gegen⸗ theil, mich macht das Weinen viel hungriger—“ „Haſt denn heut ſchon was geſſen?“ „Ja wohl, ſchau, da hab ich noch Brod im Sack. Du haſt doch ein gutes, gutes Herz, das hab ich immer gewußt und ich hab denkt du wärſt ſchon lang verheirathet; am ſelben Abend, wo ich von dir geſchieden bin, hab ich gehört, daß du mit des Heiligenpflegers Tochter von Seebronn dich verſprechen wirſt—“ „Und warum biſt denn doch wieder kommen?“ „Hundertmal hab ich mir das auch auf dem Weg geſagt: du kannſt auch beide noch unglücklicher machen. Und doch bin ich mit dem Gedanken immer weiter gangen und ich hätt gern dir Gutes gethan und dir gedient und deinem Vater auch, er hat es da auch gut mit mir gemeint—“ „Ja das hat er und er hat Trauerflor um dich angelegt und hat geſagt: du ſeiſt geſtorben und man darf nicht anders von dir reden als von einer Verſtorbenen.“ Erdmuthe weinte laut als ſie dieß hörte, Traudle aber trat herzu und ſchalt Bläſi, daß er der Verlaſſenen das Herz noch *— 320— ſchwerer mache, das Reden ſolle jetzt einmal ein Ende haben, er ſolle ſich als Mann zeigen und feſt auftreten. Mit einer Heiterkeit des Antlitzes, die gar nicht zu ſeinem Vorſchlage paßte, die ihm aber die Freude über ſeinen Einfall aufprägte, erklärte nun Bläſi: „Ich glaub nicht, daß dich Jemand im Ort kennt, Erdmuthe, und ſo mit dem Tuch nun gar nicht und du mußt dich nicht ken⸗ nen laſſen, von keinem. Traudle, wie hat dein'Tochter geheißen.“ „Regele(Regina), antwortete die Gefragte mit einem tie⸗ fen Seußzer. „Gut. Kennt man dein' Tochter in Hollmaringen?“ „Nein, ſie iſt nie in Hollmaringen geweſen, mein Schweſter hat ſie angenommen gehabt, weil ſie ſelber kein Kind hat. Wenn ich die Erdmuthe anſeh' mein' ich noch immer mein Regele lebt und ſie haben's in Lichtenhardt auch geſagt, daß ſie ſich gleich ſehen. Warum ſollen ſie auch nicht? Sie ſind ja Bruderskinder.“ „Um ſo beſſer,“ ſagte Bläſi„Erdmuthe, du heißſt jetzt Re⸗ gele und biſt des Traudle's Tochter.“ „Ja, ich hab' ſie ſo lieb wie mein Kind und ſie iſt's auch mehr als mein eigenes geweſen“, ſagte Traudle ſich die Augen reibend und Bläſi fuhr fort: „Schon recht. Ich nehm' euch alſo als Taglöhner und du Regele machſt, daß ſich mein Vater an dich gewöhnt. Nehmet euch ja in Acht, daß ihr euch in Nichts verrathet, bis es Zeit iſt, bis Ich's euch ſag, es wird ſich ſchon finden.“ „Ja, beim Auskehren findet ſich Alles wieder,“ ſcherzte Erd⸗ muthe und wehmüthig lächelnd ſagte Traudle: „So iſt's recht, wenn du mein Regele ſein willſt, mußt du luſtig ſein, luſtiger iſt kein Geſchöpf auf der Welt geweſen.“ „Ich glaub', daß ich die Kunſt auch kann“, beſtätigte Erd⸗ muthe. Bläſi trug den beiden Frauen noch auf, zu Fuß nach Hollmaringen zu gehen, er könne ſie nicht mit auf den Wagen nehmen, weil er ſich zu verrathen fürchte. Leiſe ins Ohr ſagte er Erdmuthe: — 321— „Grab' ein bisle am Apfelbaum beim Wegweiſer auf der Ackerſeit', du wirſt was finden, nimm es zu dir.“ Ein eigener ſchelmiſcher Zug ſchwebte auf ſeinem Antlitze als er dann laut„Regele“ bat, ihn nicht zu verkennen, wenn er auch manchmal barſch und grob gegen ſie ſei und als eben ein Hollmaringer vorüber ging übte er das ſogleich und wiederholte in polterndem Tone die Bedingungen unter denen er die beiden Taglöhnerinnen in Dienſt nahm und ging davon. —— Auerbach's Dorfg. 4. Br. 21 Der Heimgang der Verhüllten. Erſchien Bläſi ſeinem Schwager, mit dem er heimwärts fuhr, als ein Wunder, ſo erſchien ihm die ganze Welt und er ſelber ſich noch mehr als ein ſolches. War's denn möglich, war's nicht ein Traum, daß Erdmuthe wieder da war? Er ſchrak zuſammen als er dieſen Namen in ſich hineindachte als hätte er ſich verrathen, und leiſe vor ſich hin ſagte er:„Regele.“ Die beiden Frauen gingen barfuß den Weg neben der Straße und trugen ihre Schuhe auf den Rückenbündel geknüpft; Bläſi deutete ſchon von ferne mit der Peitſche nach ihnen und fragte ſeinen Schwager: „Was meinſt, daß mein Vater dazu ſagen wird, daß ich ſie gedingt habe?“ „Der wird ſich freuen, daß du wieder ſo hellauf biſt und dich auch wieder von ſelbſt um etwas annimmſt und Muth haſt.“ Bläſi knallte mit der Peitſche als er an den beiden Frauen vorüber fuhr, die ſtill grüßten, er knallte fort und fort hin und her, das war ja das einzige Freudenzeichen, das er, ihnen allein verſtändlich, kundgeben konnte und Erdmuthe verſtand die innere Muſik, die aus dieſem unmelodiſchen Knallen heraustönte. Sie ging den ſtundenlangen Weg ſtill mit Traudle und nur manch⸗ mal klagte ſie über die Beſchwerlichkeit des Gehens: „Ich bin die halbe Welt ausgewandert, und jetzt iſt als ob mir bei jedem Schritt die Kniee brechen.“ Sie hatte heute ſchon zu viel erlebt, um noch bei n Kraft zu ſein. Traudle wollte auf Bläſi ſchelten, daß er ſie nicht mit auf den Wagen genommen, aber ſie mußte auf die Einreden ihrer Begleiterin bald ſchweigen. — Als man am Wegweiſer beim Apfelbaume anlangte, rannte Erdmuthe ihrer Begleiterin vorauf, grub nach Anweiſung Bläſi's an dem Baume und fand einen ſilbernen Ring von jener Art wie ſie ein Burſche ſeinem Mädchen als Verlobungsring giebt. Sie ſteckte ihn an den Finger und küßte ihn, und Traudle war die erſte, die ihr glückwünſchte: ſie hatte bis jetzt doch noch an Bläſi gezweifelt, nun war auch ſie bekehrt. Erdmuthe erzählte, wie ſie hier einſt mit Bläſi geſeſſen und lichte Freude durchſtrömte ſie; als ſie wieder auſſtand war ſie voll friſcher Kraft, daß ſie fliegen zu können glaubte. Noch einmal mußte ſie von der Wehmuth ſich bewältigen laſſen; ſie ſchaute hinüber nach jener Buchenumhegung, daraus die ſchwarzen Kreuze ſchauen, ſie durfte jetzt nicht dort ſich niederwerfen, ſie war eine andere und ſie war eine Bettlerin, die barfuß und demüthig in ihre Heimath einzog. Sie hatte ſich vor dem Dorfe die Schuhe anziehen wollen, aber Traudle hatte ſie bedeutet, daß ſich das für eine Taglöhnerin nicht ſchicke und ihr übel ausgedeutet würde. Sie ſchaute kaum auf als ſie durch die Gaſſen ging und wendete gewaltſam den Blick ab als ſie zum Elternhauſe kam. Der lahme Klaus ſaß wiederum auf der Steinbank und ſtrickte, er ſtierte ſie an, der Knäuel unter dem Arme entfiel ihm, er erkannte ſie nicht, und doch wäre das Erdmuthe jetzt lieb geweſen, denn ſie zitterte im Herzen vor all der Verſtellung, die ſie üben ſollte; ſie ſollte den Menſchen nahen, die ihr allein auf Erden geblieben waren und keine Hand nach ihnen ausſtrecken, kein Liebeswort ihnen ſagen. Die Schultheißin hieß Traudle und ihre Tochter willkommen und gab ihnen auf der Hausflur zu eſſen, aus der Stube hörte man die laute Stimme Gottfrieds, der den Streit zweier Männer zu ſchlichten ſuchte. Bläſi ging an den beiden Frauen, die aus dem Schvoße aßen, vorüber und ſagte:„Gſegn' es Gott. Traudle, ich glaub' dein' Tochter iſt ein bisle heikel, red ihr zu, daß ſie eſſen ſoll, ihr krie⸗ get nichts mehr bis auf den Abend und ihr könnet gleich mit mir hinausfahren und helfen Heu einthun.“ Erdmuthe aß mit gutem Appetit und die Schultheißin lobte 2 ſie nachher beſonders, weil ſie ſo ſchnell Beſcheid im Hauſe wußte, das Geſchirr ſpülte und an ſeinen Platz ſtellte, ehe man ſich's verſah. Bläſi ſtand aufrecht im Wagen und Traudle und Erdmuthe fuhren mit ihm hinaus auf die Wieſe, er ſchalt Erdmuthe bei der Arbeit ob ihrer Langſamkeit und ſagte:„Du ſollteſt Lahmele heißen, nicht Regele.“ Er fand ſich beſſer in ſeine Rolle als Erd⸗ muthe, er hatte es freilich auch leichter. Man brachte das Heu röſch und unverregnet unter Dach und als plötzlich zwei Mäher krank wurden, hatte Erdmuthe noch einen beſondern Triumph, ſie mähte mit Bläſi und dem Knechte in gleicher Linie und blieb nie zurück. Gottfried, der wie der Schwa⸗ ger voraus geſagt hatte, ſich an der entſchloſſenen Thätigkeit Bläſi's freute, ließ auch einen Theil dieſes Gefühls auf die neuen Taglöhnerinnen übergehen und ermahnte Bläſi, nicht zu ſtrenge gegen ſie zu ſein. Er lachte, da ihm die Mutter ſagte, die Tochter Traudle's ſei Bläſi nicht gleichgiltig, eben weil er ſo viel mit ihr zanke; er kannte ſeinen ſtolzen Sohn viel beſſer. Die ganze Woche und ſelbſt am Sonntage kam man nicht zu Ruhe und Beſinnung, man war immer in Bedrängniß vor dem drohenden Wetter und nur beim Eſſen im Felde wechſelte man einige Worte. Da ſagte der Knecht einmal: „Das Vieh geht doch in Allem voraus, das kriegt das erſte vom Feld und nachher kommen erſt die Menſchen mit ihrem Fut⸗ ter dran.“ „Das gehört ſich auch,“ ſagte Erdmuthe,„wenn man zuerſt für Andere geſorgt hat, dann kommt man erſt an ſich ſelber und die Kühe und Ochſen freſſen das Heu für uns, wir kriegens nach⸗ her als Milch und Butter und Fleiſch.“ „Und die Gäul?“ ſagte Bläſi. „Die ſind unſere Arme, die müſſen für uns Pflug und Wagen ziehen.“ „Dein Maul braucht keinen Wetzſtein,“ lachte der Knecht und Bläſi nickte ſtill zu Erdmuthe. — 325— Am zweiten Sonntage ſprach Gottfried das erſte Wort mit Erdmuthe: „Mädle, ich hab heut dein' Stimm in der Kirche aus Allen heraus gehört, du haſt was beſonderes, ich weiß nicht was.“ Erdmuthe ſah ihn groß an, hatte ſie die Stimme ihrer Mutter und hatte dieſe den Bruder ſo angeſprochen? Wie gerne hätte ſie alle Vermummung abgelegt, aber ſie durfte nicht und immer mußte ſie denken, daß dieſer Mann Trauer um ſie wie um eine Todte angelegt; ſie hatte ſchon einmal durch die Erregung ſeiner Heftigkeit ihn an den Rand des Grabes gebracht, ſie durfte nichts mehr wagen. Am Abend in der Dämmerung ging Erdmuthe mit Traudle durch das Dorf, dieſe kannte Jedermann und hatte überall eine Anſprache und Erdmuthe ſtand dabei ſo verlaſſen und es ſchnitt ihr durch die Seele wenn ſie hören mußte, daß ſie die Tochter Traudle's ſei. Verleugnete ſie ihre Mutter? Sie kam ſich beſtän⸗ dig wie eine Diebin vor und gab nur wenig Antwort und die Spielplätze ihrer Kindheit betrachtete ſie mit verſtohlenem Blicke. Bläſi hatte ihr doch Schweres auferlegt, aber ſie vertraute ihm und wollte ausharren. An ihrem elterlichen Hauſe ſtand ſie lange bei der Schweſter Bläſis und konnte ſich kaum enthalten, ſie nicht als Baſe zu begrüßen. War denn dieſe ganze Mummerei nicht unnöthig und grauſam? Aber Bläſi ſollte ſehen, daß ſie ihm unbedingt gehorchte. Die jungen Burſchen und Mädchen zogen ſingend durch das Dorf, die Schweſter Bläſis verkündete mit Jubel, daß dieſer ſeit Jahren zum erſtenmal wieder unter ihnen war. Erdmuthe ſeufzte ſtill und immer wieder kam die unlösliche Frage, warum gerade ihr allein ein ſo ſchweres Loos beſchieden war. Der Dorſſchütz klingelte und verkündete, daß am morgen⸗ den Tage die Ernte beginne und ein Jeder vor Allem Wege ſchneiden müſſe, daß der Nachbar ſeine Frucht ohne Schaden des andern heimbringen kann. Das Dorf ſchlief bald, denn mit der Morgenſonne mußte Alles wach ſein. „Man ſollte eigentlich gar keinen Menſchen lieb haben,“ ſagte * * —— Erdmuthe beim Schlafengehen zu Traudle,„wenn man ſo ſieht, wie ſie weiter leben wenn man fort iſt und gar nicht mehr an einen denken als wär' man nicht da geweſen.“ „Das kannſt von deinem Bläſi nicht ſagen.“ „Nein, gottlob nicht, aber ſprich nicht ſo laut. Gut Nacht.“ Erdmuthe war die erſte im Hauſe und ſchlich unhörbar wie ein Geiſt umher, Alles ordnend und zurecht legend und hier zum erſtenmal ſeit ſie in das Haus gekommen war, überraſchte ſie Bläſi beim Brunnen als ſie Waſſer holte. Sie klagte ihm leiſe, wie ſchwer ihr die Verleugnung ihres Namens und Lebens ſei, aber Bläſi getröſtete ſie, daß das der einzige Weg ſei, ſeinen Vater zu gewinnen, der ſie auf ewig aus ſeinem Herzen verſtoßen, und wenn auch Alles ſich wieder ausgleichen ließe, nur durch das äußerſte Mittel ihr verzeihen werde, daß ſie ihr Muttergut ver⸗ ſchleudert habe; noch heute könne er in mächtigen Zorn gerathen, wenn er auf einen Acker komme, der Erdmuthe gehören ſollte und der nun in fremdem Beſitze ſei. Erdmuthe wagte es kaum leiſe ein Wort ob dieſer zähen Habſucht zu äußern, da faßte ſie Bläſi mit ſtarker Hand und ſagte, daß er nie an den verſchwenderi⸗ ſchen Leichtſinn ihres Vaters gedenken wolle, daß ſie dafür aber auch ſeinem Vater nichts Böſes nachtragen und ihn ehren und hochhalten müſſe. Erdmuthe verſprach das gerne und bat nur, daß ſie ſich der Mutter oder der Schweſter zu erkennen geben dürfe, es drücke ihr das Herz ab, daß ſie mit Niemanden von ſich ſelber reden könne. Auch hiegegen beſtand Bläſi darauf, daß es ihr genügen ſolle, wenn er allein wiſſe, wer ſie ſei, ſie brauche ſonſt Niemanden, und hingegeben in treuer Liebe ſagte Erdmuthe, daß ſie gerne Buße thue, weil ſie ihn verlaſſen hatte, daß ſie ihm allein angehöre und ihn fortan um nichts mehr bitten wolle, bis er ſelber finde, daß es Zeit ſei. In ſtiller Umarmung hielten ſich die beiden Liebenden bis daß der Morgenſtern am Himmel erblich.. Die neue Ruth. Das ganze Jahr iſt der Feldbau einein gleichmäßigem Schritte gehaltene ſtetige Arbeit. In der Heuet, noch mehr aber in der Ernte wird ſie plötzlich zur Leidenſchaft, es iſt ein gehetztes Trei⸗ ben, jede Stunde, jede Arbeitskraft, jedes Fahrzeug iſt unerſetzlich, man jagt im Galopp die Straße hinaus aufklapperndem Wagen, biegt feldein, wo die Räder ſich ſtille umdrehen, fährt knallend mit geladenem Wagen ins Haus zurück, um dann auf's Neue hinaus zu jagen, wo die gebundenen Garben harren. Selbſt die Eſſenszeit, der ſonſt ſo gewiſſenhaft gehaltene Ruhepunkt, iſt draußen im Felde von Haſt nicht frei, ſo ſehr man ſich auch ge⸗ genſeitig ermahnt, die Haſt nicht aufkommen zu laſſen. Das aber iſt ein ſchönes Kennzeichen der Menſchennatur, daß das Herz ſich um ſo freudiger bewegt inmitten aller Arbeits⸗ mühen, daß ein gutes und heiteres Wort nie erfriſchender in die Seele fällt, daß ein Biſſen nie beſſer mundet, daß man nie zu einer, wenn auch flüchtigen doch innigen Begegnung mit den Nebenmenſchen aufgelegter iſt, als in ſolcher angeſpannten Thã⸗ tigkeit. Alle Tugenden und Lebensfreuden ſprießen frei in ihr auf und jener uralte Fluch iſt zum Segen verwandelt, der Menſch iſt erſt durch die Arbeit zum Menſchen geworden. Wie der Morgenthau erfriſchend auf Buſch und Halm lag, ſo ruhte auch ein erquickliches Gefühl im Herzen Aller, die vom Hauſe Gottfrieds mit den Sicheln hinausſchritten in das Feld. Bläſi ging voran mit den Männern, die Frauen hinter ihnen drein mit Körben und Krügen an der Hand. Man ging eine ge⸗ raume Strecke wortlos, da machte ein Scherz Traudle's Alles lachen, ſie ſagte:„Wann ſind die Bauern am ſtärkſten?“ Nie⸗ — mand wußte eine Antwort und Traudle erklärte:„Vor der Ernt' da können ſie all' ihre(wenige) Frucht auf dem Buckel in die Mühle tragen.“ Es bedurfte nur dieſes leiſen Anſtoßes, um die Allen inwohnende Heiterkeit Schlag auf Schlag zur Offen⸗ barung zu bringen. Andere ſchloſſen ſich der Gruppe eine Strecke Weges an und das Lachen und Necken tönte hell über die ſchnitt⸗ reifen Feldbreiten. Als die Gottfriediſchen in die Nähe des Ger⸗ ſtenackers kamen, der zuerſt angeſchnitten werden ſollte, ſchimpfte der Knecht, daß der Anwänder(Nachbar), es war der Vater des lahmen Klaus, keine Anſtalt getroffen, daß man durch ſeinen Acker auf den eigenen kommen konnte. „Wir machen Luft,“ ſagte Erdmuthe und legte zuerſt ihre Sichel an die Aehren und Bläſi beſtätigte: „Sie hat Recht; zuerſt für einen andern arbeiten, das bringt Segen.“ Es konnte kein beſſeres Liebeswort Bläſi's geben, als daß er das was Erdmuthe früher ausgeſprochen, hier ſogleich anwendete. Faſt nur in langſamerem Schritte weiter ſchreitend, legte man nun einen breiten Weg durch den Acker des Anwänders nieder, bis man zu dem eigenen kam. Die Frauen ſchnitten immer zwiſchen den Männern drein den ſchrägen etwas ſchmäleren Streifen, den ſie zwiſchen einander ſtehen ließen, ſie ſelber mit ihrer ſtärkeren Kraft nahmen größere Breiten oder wie man hier zu Lande den Ausſchnitt nennt, den ein Jeder macht, einen größeren Jaun. Erdmuthe, die zwiſchen Bläſi und dem Knechte war, legte mit einer Leichtigkeit und Behendigkeit die Aehren nieder, daß es ſchien als habe ſie eine Zauberſichel, ſie kam den Anderen vorauf, vollendete zuerſt den Jaun und rief, die Sichel hoch hebend: Juchhe! daß es weithin ſchallte und von anderen Feldern erwiedert wurde. Traudle erhob ſich auch und ſagte: „Duſſ(draußen) iſt's, hat ſeller(jener) Pfarrer geſagt und hat das Amen vergeſſen.“ Alles lachte und nun ging es rückwärts und ſo oft man an das Ende eines Jauns kam ging das Schnei⸗ den viel ſchneller, weil Alles zuſammen rückt und es wurde ge⸗ arbeitet als würde geraubt und das Sprechen der Genoſſen, die — 329— durch keine Scheidewand getrennt waren, nahm einen friſchen Anlauf, bis es allmälig wieder verſtummte und man nichts hörte als das Schneiden der Sichel und manchmal einen Seußzer über Rückenweh. Man ſpottete einmal über Erdmuthe die die Stoppeln etwas höher ſtehen ließ als die Anderen, ſie aber ſagte: „Wenn man dem Acker die Halme nicht zu kurz nimmt, dann iſt er halb gefüttert und trägt das nächſtemal um ſo beſſer.“ Dieſes Wort vernahm der ungehört herbeigekommene Gott⸗ fried und ſah bitter drein. Deutete er dieß vielleicht als Anwen⸗ dung auf ſeine Genauigkeit? Man ſetzte ſich zum Morgenimbiß, den eine Magd herbei⸗ gebracht hatte. Traudle konnte ſich nicht enthalten über das ſchlecht⸗ gebackene Brod die ſpöttiſche Bemerkung zu machen: „Es giebt verſchimmelte Bauern, die verderben die Gottes⸗ gabe und laſſen ſchlechtes Brod backen, damit es einem wie ein Kieſelſtein im Magen liegt.“ Alles ſchwieg, aber Erdmuthe ſchnitt ſich ein gutes Stück ab und ſagte dabei halb ſingend: „Laible, du mußt Rübele heißen, Rübele, du mußt geſſen ſein.“ Gottfried betrachtete genau die Spalten an den Aehren des benachbarten Kornackers, denn es gilt als alte Regel, daß je mehr Spalten da wo der Strohhalm beginnt, taub ſind, um ſo theurer wird das Korn. Er nickte zufrieden. Ein Storch flog über die Schnitter weg und ſich zurück le⸗ gend und in den Himmel ſchauend ſagte Erdmuthe: „Ich möcht' nur wiſſen, wie der Vogel da oben auf uns runterguckt, wie ſich da Alles tummelt; es muß ihm doch ſein, wie wenn wir in einen Ameiſenhaufen ſchauen.“ Gottfried ging brummend davon, er kam wenig aufs Feld, er hatte meiſt mit ſeinen Amtsgeſchäften zu thun und überließ Bläſi gern die Meiſterſchaft und die jungen Leute waren doppelt luſtig, wenn er wegging. Am Mittag kam der wohlausgerüftete Korb. Man ſaß am Raine, die Sonne im Rücken, und Erdmuthe mußte allzeit den Obſtmoſt in den zinnernen Becher einſchenken, der von Hand zu Hand ging. Man kam den ganzen Tag nicht ins Dorf und ſchnitt un⸗ aufhörlich bis der Abendthau auf die Felder ſank und nur noch der Goldammer von den Obſtbäumen pfiff und die Staare in Haufen aufflogen. Der Vollmond kam mit röthlichem Scheine hinter den Bergen hervor und im Heimgehen ſagte Erdmuthe: „Mir iſt's immer wunderig, daß man gar nichts davon hört, wenn der Mond kommt, daß er auf Einmal ſo ſtill da iſt.“ Es lebte ein eigener regſamer Geiſt in dem Mädchen und Bläſi pries im Stillen doppelt ſein Geſchick, daß es ihm ſo wun⸗ derbar wiedergegeben war. Tag um Tag verging und die Heiterkeit blieb ſich gleich wie das ſtändige Wetter. Am Abend hörte man im Dorfe nichts als Futterſchneiden und Dengeln. Erdmuthe half das Vieh ver⸗ ſorgen, auf das man jetzt doppelt Acht haben mußte und war eben ſo behend in der Küche und in der Stube. Gottfried betrach⸗ tete ſie oft mit freundlichem Blick und einmal ſagte er ihr ſogar: „Wenn mein Bläſi geheirathet hat, kannſt du als Magd bei uns bleiben. Du biſt anſtellig.“ Erdmuthe antwortete nichts. Zum Garbeneinführen kam Gottfried immer ins Feld und die Sammelten betrachtend ſchätzte er immer richtig, wie viel Garben es gebe, damit man wiſſe, wie viel Wagen man nehmen ſolle und keine Zeit verliere. Die Mädchen ſammelten den Männern die Aehren in die Wieden, Erdmuthe hatte immer das beſte Augenmaß, ſie durfte nie etwas ab oder zuthun und ihre Garben lagen immer wie nach der Schnur gemeſſen in gradlinigen Gaſſen. Erdmuthe ſah ſchön aus, wenn ſie das Korn in ihren beiden Armen hoch hielt und die Aehren über ihrem Haupte wallten, ihr Kopf war allzeit verhüllt ſie war nur mit dem rothen Leibrocke bekleidet und von den Hüften bis zu dem Hals geſchloſſen bedeckte das Hemd die anmuthigſten Formen, die ſich beim Heben und Beugen leicht und frei ausprägten. Das bemerkte ſogar der alte Gottfried. Trotz ſeiner vorgerückten Jahre hob Gottfried mit Leichtigkeit die Garben auf den Wagen, nur beim Einſtemmen und Aufheben ſah man ihm eine Mühe an; hatte er die Garbe hoch, ſo trug er ſie leicht, wenn aber Bläſi die Garben aufnahm, war es als ob ſie ſich von ſelbſt vor ihm erhöben. Das war ein Leben auf dem Felde! Es war als ob die zahl⸗ loſen Fuhrwerke aus dem Boden wüchſen, die Mädchen glühten, die Burſchen knallten mit den Peitſchen, man lieh einander Wie⸗ den, man rief einander an beim Ein- und Ausfahren, lobte, Gott dankend, die Schwere der Garben und trank einander zu. In ſolcher Zeit iſt eine Weile alles Leid und alle Sorge ver⸗ geſſen und die Menſchen ſind zu einander wie Brüder auf der Mutter Schooß. Der Beſitzer großer Ackerbreiten und der Taglöhner, der nur einen kärglichen Lohn davon trägt, ſind eine Weile gleich, denn die Arbeit macht gleich und das Mahl auf dem Boden und der Trunk aus demſelben Becher wird zum ſelbſtgeheiligten Liebes⸗ mahle. Der alte Gottfried that ſeinen Arbeitern manche Hand⸗ reichung, er ſaß bei ihnen, ſprach mit ihnen und kannte keinen Stolz mehr. Er ſcherzte ſogar mit Traudle von alten Zeiten, da ſie beide noch jung waren und Traudle war mehrmals nahe daran, ihm Alles zu ſagen; aber ſie wollte doch Bläſi nicht vor⸗ greifen und am Abend drängte ſie dieſen oft, daß er dem ge⸗ fährlichen Spiel ein Ende mache, da gerade jetzt die entſprechende Weichheit und ein gewiſſes geſättigtes Wohlwollen in Gottfried war, aber Bläſi war weit entfernt inmitten der Ernte ſolch eine Bewegung zu veranlaſſen und ſo mußte man ſich ſtill gedulden. Bläſi war überhaupt wie einer, der in gewaltiger Anſtren⸗ gung eine Thüre aufgedrückt und nun faſt rathlos daſteht und nicht weiß was und wie er beginnen ſoll. Er wollte ruhig ab⸗ warten und er hatte dabei ein gut Theil von jener Angewöh⸗ nung des Bauernlebens, die in allen Dingen gerne Wachsthum und Reife abwartet und ſich nicht leicht überſtürzt. Es kamen Regentage und man droſch einſtweilen in den Scheunen und die Hühner gackerten dazu und erhaſchten manches aufſpritzende Körnlein. Bläſi droſch immer in dem Trupp mit Erdmuthe. Es kamen ſchwere ſorgenvolle Tage und Nächte, man hörte vdn Hagel im Unterlande und ein ſäuſelnder Regen, der nur manchmal in ſtarkes Platzen überging, wollte nicht enden. Man hatte Vieles geſchnitten draußen liegen, und bangte darum, daß es auswachſe und auch wenn die Sonne wiederkommt, trock⸗ net es nicht ſo leicht als das Stehende. Gottfried ging immer brummend umher und auch Bläſi war betrübt; Erdmuthe wollte ihn durch Scherzen erheitern, aber er verwies ihr das und es ſchnitt ihr tief durch die Seele als er ſagte:„Es ſcheint, du weißt nicht, wie weh es thut, wenn das Sach vor der Thüre zu Grunde geht.“ Hielt ſie Bläſi für nicht haushälteriſch und mußte ſie immer⸗ dar darunter leiden, daß ſie aus einem verkommenen Hauſe kam? Das wollte ſie nicht, lieber wollte ſie Alles wiederum verlaſſen. Schön iſt ein Sommermorgen nach ausgeregneten Tagen, ein leichter ſchwüler Dampf ſteigt auf von der reichgetränkten Erde, die Berge, die lange verhüllt waren, ſteigen in bläulichem Duft hervor, die Vögel ſingen und jubeln, die Sonne zeigt auf's Neue ihre nie verſiegende Kraft und die Menſchen athmen wieder frei auf! Die Kümmerniß war verſchwunden, es ging aufs Neue an die rüſtige fröhliche Arbeit und es zeigte ſich, daß die Sorge über⸗ trieben war. Als Erdmuthe einſt abgeſondert von den übrigen dem Bläſi die Aehren in die Wieden trug, ſagte ſie: „Ich kann nichts lange nachtragen, ich muß dir ſagen, ich bin dir noch bös, weil du mir beim Dreſchen das böſe Wort geſagt.“ „Weiß ſchon, aber du darfſt das nicht übel aufnehmen, du mußt auf Alles bedachter ſein, du haſt ein bisle einen leichten Sinn, du kannſt nichts dafür, du biſt's gewohnt—“ „Aber ſolche Vorwürfe bin ich nicht gewohnt. Ich will's nicht leugnen, ich mach mir vielleicht zu wenig Sorgen, ich will das gern annehmen, aber du übertreibſt's auch, ſiehſt ja jetzt, daß es — — Mm — 333— nicht ſo arg iſt. Ich will gern von dir lernen, aber du mußt auch von mir, glaub mir, das iſt auch nöthig.“ „Gieb noch einen Armvoll her, es geht noch in die Wiede“, endete Bläſi und der Friede war abgeſchloſſen. Im weiteren ſtillen Arbeiten wollte er zwar Anfangs die Mahnung Erdmuthe's ver⸗ werfen, aber er war ehrlich genug, ihr doch Recht zu geben und es war ihm eine Freude, ihr Recht geben zu können. Dieſſeits der Regentage war Emſigkeit und Heiterkeit auf dem Felde noch eine verdoppelte. Selbſt der allzeit finſtere Gott⸗ fried ſagte einmal ſeiner Frau, ſo luſtig ſei noch nie eine Som⸗ merszeit geweſen und er befahl ihr, daß ſie bei der Sichelhenkete auch nicht ſparen ſolle. Mit der hohen Erntezeit hörte das Bedrängen der Arbeit nicht mehr auf. Es ging an's neue Einbauen der kaum befreiten Aecker. Männer und Frauen hielten ſich an verſchiedene Arbeit, dieſe mußten Hanf jäten, den Samen ausklopfen, ſpreiten und im Weiher einweichen und dazwiſchen die Ernte unter dem Boden halten, Kartoffeln und Rüben einthun und der hunderterlei klei⸗ nen Thätigkeit obliegen, die ein ausgebreitetes Feldgeſchäft mit ſich bringt. Bläſi hatte meiſt mit dem Einſäen zu thun und kam müde nach Haus, denn das Säen gehört zu den beſchwerlichſten Arbeiten: ein bis zwei Simri Saatfrucht vor ſich hertragen, in dem ſchweren Boden, wo man kaum die Füße heben kann, ſich in gleichmäßigem Schritte und gerader Linie halten und dabei allzeit einen gleichmäßigen Wurf thun— wenn Bläſi Abends heim kam, ſchlief er bald ein und es war nicht abzuſehen, wann die Angelegenheit mit Erdmuthe enden ſollte. Man ſchnitt eines Tages wieder gemeinſam den Späthaber an dem Hubelberg, die Blätter an den Bäumen fingen ſchon an zu vergilben, an den Vergen hingen Wolkenflocken und ein leiſer Herbſtduft wob über den Feldern; da kam Gottfried mit einem fremden Herrn zu den Schnittern auf das Feld. Erdmuthe mußte ihm auf den Wunſch der Genoſſen nach altem Brauche„ins Weiſch fangen.“ Sie nahm eine Handvoll Aehren, wand ſie dem — 3 Fremden um den Arm, legte ihm die Sichel auf die Schulter und ſprach: Den Weg bin ich gegangen, Den Herrn hab ich gefangen, Das Brod wird ſich geſegnen, Der Herr wird ſich auslöſen. „Wenn du mich in's Weiſch fangſt, kriegſt du auch was,“ ſagte Gottfried in ungewohnter Leutſeligkeit. Als ihm nun Erd⸗ muthe die Hand auf die Schulter legte, bebte er zuſammen. Spürte er vielleicht die Blutsverwandtſchaft? Er war wenigſtens ſo ver⸗ wirrt, daß er dem Theilungscommiſſär— denn dieß war der fremde Herr— nur ordnungsloſe Auskunft geben konnte über die Art wie der Zerſtückelung der Güter ein Ende gemacht und durch Tauſch u. ſ. w. wieder abgerundete Ackerflächen zuſammen gelegt werden ſollten. Auf den Abend war die Sichelhenkete anberaumt und Gott⸗ fried ſagte dem Bläſi, daß er die fremden Taglöhner ablohnen und fortſchicken wolle. Bläſi widerſprach und ſagte, daß man die Lichtenhardter noch behalten müſſe. „Haſt denn was mit dem Mädle?“ fragte der Vater. „Ich geb Euch mein heilig Wort, ich hab nichts mit des Traudle's Tochter,“ erwiederte Bläſi und der Vater willfahrte ihm gern, er hatte ja Freude genug, daß ſein verdüſterter Sohn ihm ſo heiter und friſch wieder erſtanden war. ————— Bräutle löſen und Allerſeelen. Warum zögerte nur Bläſi mit der Offenbarung des Ge⸗ heimniſſes? Er bangte doch davor, denn er kannte die eiſerne Härte des Vaters, er hatte auf irgend einen begünſtigenden Zu⸗ fall gehofft, aber er war nicht eingetreten, und wie das ſo geht, allmälig erwuchs ihm ein neuer Gedanke. Viele Menſchen ſind oft am ſtolzeſten auf Ereigniſſe und Gedanken, die ihnen im Laufe der Zeit erwuchſen und bereden dann ſich und andere, daß dies ihre urſprüngliche genau bexech⸗ nete Abſicht war. So auch beredete ſich Bläſi, daß er die lange Verborgenheit erzielte, um den haushälteriſchen Sinn Erdmuthe's zu prüfen und in ihr zu pflanzen; denn ſo tief und innig auch ſeine Liebe zu Erdmuthe war, er war doch noch Gottfriediſch ge⸗ nug, um jede leichtfertige Vergeudung, ja ſogar die Sorgloſigkeit als das ärgſte Uebel zu fürchten, und man konnte nicht wiſſen, was noch Erdmuthe von der Gewohnheit ihres elterlichen Hauſes anhange. Erdmuthe hatte ihn nur das eine Mal am Morgen vor der Ernte um Löſung des Geheimniſſes gebeten, ſie ſchwieg fortan und harrte geduldig. Um ſo drängender war Traudle. Sie ſchil⸗ derte die Gefahr, daß Jemand von Lichtenhardt komme und ſage, daß ihre Tochter todt ſei, ſie ſchilderte ihre Qual und die Erdmuthe's in den grellſten Farben und wollte keinen Zweck der Zogerung anerkennen, ja ſeit einigen Wochen war die Sorge, daß das Geheimniß auf ungeſchickte Weiſe offenbar würde, das ſich ſo wunderbar lange erhalten hatte; der lahme Klaus mußte Erdmuthe halb erkannt haben, denn er lauerte ihr oft auf und lief ihr an ſeinen Krücken nach und fragte ſie, ob ſie nichts von — 336— Erdmuthe wiſſe; dieſe wieß ihn barſch ab, aber ſie weinte im Stillen darüber. Das Unglück kennt einander, nur Klaus hatte ſie erkannt und ſie wich ihm nun aus und verbarg ſich vor ihm, aber erſt als Traudle ihn bat, ihr Kind in Ruhe zu laſſen, ließ er ab, ſie zu verfolgen. Die Sichelhenkete war in Luſtigkeit vorüber. Gottfried hatte die Taglöhner für die bisherige Arbeit abgelohnt und Erdmuthe als„Weiſchgefangener“ noch ein beſonderes Geſchenk gemacht. Jetzt kam Traudle mit erneuertem Drängen, aber Bläſi ging zu Erdmuthe, die im Keller Kraut einſchnitt und fragte ſie, was ſie mit ihrem Gelde mache. „Ich hab's bis auf zwei Gulden dem Traudle geſchenkt,“ erwiederte ſie und Bläſi gerieth darob in hohen Zorn und ſchalt über Verſchwendungsſucht und böſe Gewohnheiten. Erdmuthe ließ ihn austoben, dann erklärte ſie ihm, daß ſie eben ſo gern arm ſein möchte als in Reichthum kommen, und dieſes ſei ihr nu darum erwünſcht, damit ſie Anderen ohne Schmälerung des Beſitzthumes Gutes thun könne; dürfe ſie das nicht und vertraue ihr Bläſi nicht, daß ſie haushälteriſch ſei, ſo verließe ſie lieber in dieſer Stunde das Haus und zöge wieder in die weite Welt und wolle Niemanden ſagen wer ſie ſei. Nun ging es an ein aber⸗ maliges und gründliches Erörtern der beiderſeitigen Geldſchätzung, und Bläſi, der Erdmuthe hatte bekehren wollen, mußte ſelber bekennen, daß bei der Art, wie man in ſeinem elterlichen Hauſe allzeit in Angſt und Sorge ſei, man kein Vermögen beſitze, ſon⸗ dern davon beſeſſen ſei und daß es ein Taglöhner beſſer habe als ein Reicher, der immer den Geldſchlüſſel ans Herz gebunden habe. Bläſi verſtand dieſe letzte Wendung wohl und er bat nur Erdmuthe, ſeinen Vater nichts merken zu laſſen, daß er und ſie andern Sinnes ſeien. Mit Freude gab ihm Erdmuthe die Hand darauf und verhöhnte ihn zuletzt noch völlig, indem ſie ſagte: „Ich will dirs nur geſtehen, ich hab mein Geld noch, und hab nur zwei Gulden dem Traudle geſchenkt; aber weil du mich ſo mißtrauiſch gefragt haſt, hab ich grad umgekehrt geſagt; du ——— — 337— mußt an mich glauben, ungefragt, wie ich an dich, ich mein' ich hab dirs bewieſen.“ „Ja, und jetzt iſt Alles gut und ſchön und am Allerſeelen⸗ tag kommt's erſt recht. Meiner Schweſter hab ich zur Vorſorge Alles geſagt und du ſollſt wenn's Abend wird zu ihr kommen. Es geht was vor. Sei gefaßt.“ Im eigenen elterlichen Hauſe fand ſich Erdmuthe zuerſt wie⸗ derum daheink und erkannt, und es war das größte Lob, das ein Gottfriediſches ausſprechen konnte, als die Schweſter ſagte: „Mein Bruder macht ein größer Glück an dir als wenn du dein Vermögen doppelt und dreifach noch hätteſt.“ Als andern Tages Erdmuthe mit vielen anderen Frauen beim Hanfbrechen am Weiher war, kam auch Bläſi und bezahlte gerne das übliche Löſegeld, das ein Mann geben muß, der den Frauen bei dieſer Arbeit in den Weg kommt. Viele Knaben ſpran⸗ gen hier umher, die ſich Peitſchen flochten und das Bräutlelöſen am Weiher ſpielten; als wäre er ſelber noch ein Kind nahm auch Bläſi dieſes Spiel auf und Alles ſtaunte und jubelte über ſeine Geſchicklichkeit. Im Uebermuthe ſeines beſeligenden Geheimniſſes und in der kecken Luſt es zu verrathen, rief er: „Das hab ich vor vielen Jahren mit der Erdmuthe geſpielt, ſie hat lang auf dem Waſſer getanzt, endlich iſt ſie doch unter⸗ geplumpſt.“ Niemand verſtand ihn als Erdmuthe und die Schweſter, die anderen ſahen einander ſtaunend an und ihre Blicke ſagten; jetzt hat man gemeint, er wär'geheilt und jetzt iſt er doch wieder nicht recht im Kopf.— Ein ſtiller ſonnenloſer Tag brach an, der Himmel war weiß⸗ lichgrau und die Erde auch, denn ein Winterreif lag auf Gras und Scholle und auf den Spitzen der Winterſaat. In jener Buchenumzäunung vor dem Dorfe brannten hunderte von Lich⸗ tern auf den ſchwarzen Kreuzen, kein Windhauch wehte und die Lichter brannten unbewegt; auf einem Kreuze flammten zwei Lichter und darunter ſtand der Name: Erdmuthe. Die Lebenden gingen zwiſchen den Gräbern der Abgeſchiedenen umher, Niemand ſprach ein lautes Wort, nur leiſe Gebete wurden gemurmelt, die Anerbach's Dorfg. 4. Bd. 22 Lebenden ſelber glichen umwandelnden Geiſtern und Mancher mußte denken, daß er übers Jahr vielleicht auch hier unter dem bereiften Boden liege und ein Licht brennt zu ſeinen Häupten. Auch Gottfried wandelte hin und her, er hatte Gräber von El⸗ tern und Kindern und von der Schweſter hier. Als er ſich dieſem wieder nahte, lag eine Frauengeſtalt auf demſelben ausgeſtreckt und ſchluchzte, daß es ihr den ganzen Körper zuſammenſchütterte. War das nicht die Tochter Traudle's, zum erſtenmale barhäuptig? „Was haſt du da? Was geht dich das Grab an?“ fragte Gottfried. Dringt das Antlitz der Verſtorbenen aus der Erde? Mit bleichen Lippen fragte Gottfried noch einmal: „Du biſt—“ „Ja, ich bin die Erdmuthe, Eurer Schweſter—“ Lautlos ſank Gottfried auf den Boden, Alles ſprang herbei, man trug ihn erſtarrt davon, eine Leiche vom Kirchhofe. Weinend ging Erdmuthe hinter drein, ihr entgegen kam Bläſi mit ſeiner Schweſter und ſie ſahen mit Entſetzen, was ge⸗ ſchehen war. Bläſi hatte heute dem Vater auf dem Kirchhofe Alles ſagen wollen, nur ſo glaubte er ihn erweichen zu können; Erdmuthe arbeitete auf dem Kartoffelfelde beim Wegweiſer und ſollte warten, bis man ſie holt, aber es duldete ſie nicht, ſie lief vorzeitig hin und ſo geſchah, was wir erfahren. Inmitten des Jammers um Gottfried, den jetzt wiederum Alles lobte, erfuhr man, daß die vermeintliche Tochter Traudle's des Cyprians Erdmuthe ſei, an die Niemand mehr gedachte. Man wollte es nicht glauben, daß ſie ſchon einen ganzen Sommer im Dorfe war, das ſchien unmöglich und die Gruppen der Neugie⸗ rigen und Theilnehmenden wechſelten zwiſchen dem Hauſe Gott⸗ frieds und dem Cyprians, wohin die Rodelbäuerin Erdmuthe zu ſich genommen und in die Kammer eingeſchloſſen hatte. Nach einer Stunde, in der Erdmuthe die höchſten Qualen ihres Lebens durchmachte, kam die Rodelbäuerin zu ihr und ver⸗ kündete, daß man den Vater wieder zum Leben gebracht habe, daß ihm aber die Stimme verſage. Bald darauf kam auch Bläſi mit der Nachricht, daß der Vater ſpreche, nur ſage er, er müſſe ſter⸗ ben, weil ſeine Schweſter ihm erſchienen ſei. Erdmuthe war troſt⸗ —— —— — — 339— los, weil ſie nicht aus dem Hauſe durfte und nichts thun konnte zur Abwendung des großen Leids, das ſie über die Familie ge⸗ bracht, aber Bläſi tröſtete ſie und ſagte: „Wir haben's verſchuldet, ich beſonders, es iſt ſündlich ge⸗ weſen, dich ſo lang hinzuhalten. Mach dir nur keine Vorwürfe und Niemand ſoll ſie dir machen.“ Die Rodelbäuerin ging wieder hinab ins Elternhaus und bald kam an ihre Stelle die Schultheißin und umarmte Erdmuthe innig und ſeltſam äußerte ſich ihr Herz, indem ſie Erdmuthe ſchalt, daß ſie ſich nicht ſchon lange zu erkennen gegeben; ſie könne nichts dafür, daß ſie ſie als Taglöhnerin behandelt habe. Das erſte, das wiederum Heiterkeit gewann, die Ohnmacht Gottfrieds für vorübergegangen anſah und ſich an der Wichtigkeit ſeiner Bedeutung freute, war Traudle, und ſie wiederholte oft, ihr wäre jetzt ſo leicht als wenn eine ewige Laſt von ihr genom⸗ men wäre. Der lahme Klaus ſaß auf der Steinbank vor dem Hauſe und rühmte ſich ſeiner Klugheit, daß er allein Erdmuthe erkannt habe. Er beklagte ſich bitter, daß man nie genug aner⸗ kenne, wie er geſcheiter ſei als alle im Dorfe, aber als der erſte Schreck vorüber war, neckte und hänſelteman ihn nur ob ſeiner Weis⸗ heit. Erdmuthe indeß ließ ihn zuerſt vor Allen zu ſich herauf rufen und reichte ihm die Hand und nun hatte er doch noch ſeinen Lohn. Man konnte dem alten Gottfried nur ſchwer begreiflich machen, daß die, die er geſehen, die lebendige Erdmuthe ſei. Erſchüttelte immer mit dem Kopfe, endlich ſchien er es doch zu faſſen, denn er ſagte: „Ich hätt' eher geglaubt, daß die Todte wieder auferſteht als daß die aus Amerika kommt.“ Er verlangte Erdmuthe zu ſehen, aber man willfahrte ihm erſt andern Tages und er ſelber befahl, daß man ihr das alte Ehrenkleid bringe, ſie ſolle in dieſem zu ihm kommen. Das ganze Dorflief zuſammen als Erdmuthemit dem Ehrenkleide angethan und mit dem Halsgeſchmeide geziert, das ſie treulich bewahrt hatte, nach dem Hauſe Gottfrieds ging. Sie küßte die zitternden Hände des Oheims, der lange nichts reden konnte, endlich ſagte er, auf die ſiebenfache Granatenſchnur mit dem Schwedendukaten deutend: „Wer hat dir das geben?“ — 340— „Mein Vater.“ „Haſt du ſonſt noch was von deinem Muttergut gerettet?“ „Nein.“ Gottfried legte die Augen zu und ſchwieg, da trat Bläſi vor und ſagte: „Sie braucht jetzt nichts mehr, ſie hat wieder Vater und Mutter am Leben, es fehlt ihr nichts mehr—“ „Als ein Mann“, ergänzte Traudle. „Und den hatſie auch,“ begann Bläſi wieder,„den Ring da an der Hand trägt ſie von mir, deriſt auch aus dem Grab auferſtanden.“ Die Mutter umarmte Erdmuthe, Gottfried nickte nur ſtill... So bald der Dispens eingetroffen war, noch vor der Faſtenzeit, wurde die Hochzeit Erdmuthe's und Bläſi's gefeiert und Gottfried, der viel daheim ſitzen mußte, hatte es am liebſten, wenn Erdmuthe bei ihm blieb, er ſprach wenig, aber ihre Nähe that ihm wohl. Im Frühling wurde das Haus neu verputzt und wenigſtens ein Eiſengitter abgethan. Gottfried gab Erdmuthe Recht, daß er ſo beſſer auf die Straße ſehen könne. Ein Brief an Gottfried aus der neuen Welt von Cyprian, vollendete noch im zweiten Sommer die Sühne. Cyprian klagte bitterlich um das verlorene Kind, betheuerte ſeine Unſchuld und wie er oft wiederholte im Angeſicht des Todes. Er mußte im Inner⸗ ſten zerbrochen ſein, denn er bat Gottfried um Verzeihung für all die Unbill, die er ihm angethan und immer wieder ſprach er von ſeinem nahen Tode. Gottfried ſchrieb ſelbſt einige Worte zu dem Briefe Erdmuthe's, worin ſie alles Geſchehene erzählte. Es iſt aber nicht bekannt geworden, ob der Brief Cyprian noch am Leben traf. Am Wegweiſer unter dem Apfelbaum errichtete Bläſi eine Steinbank und ließ den Namen Erdmuthe darauf eingraben und an ſommerlichen Sonntagsnachmittagen erſchallt es allzeit hier von Lachen und Singen der jungen fröhlichen Welt. cz.— Stereotypen und Druck von C. Adelmann in Frankfurt a. M. ——— J. 5 —— — rey Control Chart Green Nvellow Red Magenta ——