deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet zur Em Morgens wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 M.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Ver.— Pf. auf 1 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In dem freundlichen Städtchen G. war lebhaftes Marktgewühle und mitten durch das auf und abwogende Menſchengedränge bewegte ſich, von zwei fetten, tief eingekreuzten Rappen gezogen, ein Bernerwägelein, auf deſſen niedergelaſſener Halbkutſche ein breitſchulteriger Mann ſaß; der breitkrempige ſchwarze Hut mit hand⸗ hoher Silberſchnalle im Sammtbande, der kragenloſe einreihige ſchwarze Sammtrock mit den nahe zuſam⸗ mengerückten flachen ſilbernen Knöpfen, die rothe Schar⸗ lachweſte mit den kugelförmigen ſilbernen Knöpfen zeigten den reichen oberländiſchen Bauern. Er hielt mit bei⸗ den Händen die Pferde ſtraff im Zügel, die Peitſche ſteckte neben ihm und er rief nur manchmal den zögernd Ausweichenden ein Aufg'ſchaut! oder das einfache Hoho! zu. Die Pferde trugen die Köpfe mit dem meſſingbe⸗ ſchlagenen Riemenzeug ſo ſtolz, als wüßten ſie, welch' ein Aufſehen ſie erregten. Neben dem Manne ſaß ein junges Mädchen, ebenfalls in oberländiſcher Tracht, die ſich aber mehr im Schnitte als im Stoffe zeigte, denn der braune Spenzer und die ſchwarze Schürze war von Seide, nur die Haube war noch in der üb⸗ 1* lichen Weiſe und aus den ſchwarzen am Kinn geknüpften Bändern ſah ein blaſſes längliches Geſicht mit dunkeln Augen. Die Leute im Gedränge gafften Alle nach dem Gefährte und den überaus ſtattlichen Inſaſſen. Manche vergaßen darüber auszuweichen und mußten von Nach⸗ barn angerufen werden, und bald da bald dort gab es ein heftigeres Gedränge, aber die Rappen ſtanden jedesmal auf einen Pfiff ihres Herrn ſtille. Oftmals auch grüßte dieſer einen Bekannten und rief ihm zu: „Weißt ſchon im Hirſch.“ In dem Marktgewühle ſtachen beſonders die Schäfer hervor in ihren weißen rothausgeſchlagenen und mit rothen Einnähten verſehe⸗ nen Zuwillichröcken, auf denen noch über die rechte Schulter gelegt ſchärpenartig der lederne Gurt mit glänzenden Meſſingringen prangte, ihre Hunde liefen hart neben ihnen, denn ſie hatten ſie an die vielgelenkige Kette angekoppelt. Ueber das bartloſe runde Antlitz des Fahrenden zuckte oft ein Lächeln, denn er hörte die Staunenden am Wege fragen:„Wer iſt das?“ worauf die Antwortenden immer ihre Verwunderung ausdrückten, daß man den nicht kenne:„Das iſt der Diethelm von Buchenberg,“ hieß es dann,„der hat mehr Kronthaler, als die zwei Gäul' ziehen können,“ und ein anderer ſagte wieder:„Ich wollt', du und ich, wir hätten das mit einander im Vermögen, was der heut für Woll' und Schafe einnimmt.“„Wenn der Diethelm da iſt, geht der Markt erſt an,“ ſagte ein Dritter,„die Engelländer warten Alle auf ihn,“ rief ein Vierter. Ein Mann, der mit mehreren anderen eine gute Strecke neben dem Wagen herging, berich⸗ 5 tete:„Ich bin von Letzweiler und der Diethelm iſt auch von da gebürtig. Er hat einen grauſam mächtigen Familienanhang. Vor zwanzig Jahren ſind das lauter Krattenmacher*) und Bettelleut geweſen, und der Diethelm hat ſie hingeſtellt, daß ſie capitelfeſt ſind. So ein Mann in der Freundſchaft und ſie iſt glücklich.“ Der Fahrende ſtieß manchmal die neben ihm Sitzende an, daß ſie auch hinhorche auf das, was man ſage, die üble Nachrede im eigentlichſten Sinne des Wortes ſchien der Fahrende nicht zu vernehmen, denn es gab auch Manche, die über die Ungebühr ſchimpften, mit Roß und Wagen mitten durch das Menſchengedränge zu fahren, Andere machten darob Witze und einige ge⸗ hobene Heldenſeelen fluchten hinter dem Wagen drein und ſchalten auf die Polizei, die ſo etwas dulde. Ein Bretzelverkäufer, der ſeinen Kram auf einem langen Stocke aufgereiht trug, ſagte geradezu, es ſei' nichts ſchlimmer, als wenn der Bauer auf den Gaul käme, der mache es ärger als die Herren. Der Vielberufene fuhr aber ſtrahlenden Antlitzes wie ein Triumphirender dahin, und endlich war man beim Wirthshaus zum Hirſch angelangt, das eine ganze Wagenburg umſtellte. Eine mächtige Glocke erſchallte im Hausflur, die Frau Hirſchwirthin oder wie ſie lieber genannt war, die Frau Poſtmeiſterin erſchien ſelber, reichte Diethelm die Hand, hieß die„Jungfer Tochter,“ die als ſchlanke, biegſame Geſtalt auf dem Wagen ſtand, willkommen, half ihr abſteigen und nahm ihr eine *) Kratten= Korb. bunt geſtickte Reiſetaſche ab, der Hausknecht, der heute ſeinen großen Tag hatte, war doch bei der Hand, und während er die Aufhaltketten der Pferde löste, half ihm ein Schäfer dieſelben ausſträngen. „Iſt Alles in Ordnung, Medard?“ fragte Diethelm den Schäfer, indem er ſich neben die Pferde ſtellte, der Schäfer bejahte und eilte dem Mädchen nach und raunte ihm ſchnell zu: „Mein Munde(Raimund) iſt auf Urlaub auch hier.“ Das Mädchen erröthete und antwortete nichts, es band ſich die Haube feſter, indem es in das Wirths⸗ haus trat. Der Schäfer Medard eilte zu ſeinem Herrn zurück und ſagte, daß er ſchon beim Einfahren von einem Händler angehalten worden ſei, wie theuer er ver⸗ kaufe. „Wie ich dir geſagt habe,“ erwiederte Diethelm ruhig,„ſiebzehn Gulden das Paar und keinen rothen Heller weniger. Sag nur, dein Herr ſei der Diethelm und der laß' nicht mit ſich handeln. Wir nehmen unſer Vieh wieder heim, es iſt mir ſo lieb wie baar Geld.“ Der Schäfer nickte, in ſeinem gerötheten Antlitze, das von einem langen zottigen Backenbarte eingefaßt war, zuckte es; er ging davon, wobei man ein Hinken am rechten Fuße bemerkte. Diethelm ſtreichelte die Rappen und lobte ſie, daß ihnen trotz des ſcharfen Fahrens kein Haar krumm geworden ſei, er ließ ſie deshalb nicht ſogleich nach dem Stalle bringen, ſondern hielt ſie noch auf, bis ſich 5 immer mehr Bekannte ſammelten, die ſein„Baronen⸗ Fuhrwerk“ lobten und theils geradezu, theils auf Um⸗ wegen ſeinen Reichthum hervorhoben. Diethelm hielt die Hand auf den Sattelgaul gelegt, er war im Stehen kleiner als er auf dem Wagen erſchienen war, er maß kaum etwas mehr als ſechszehn Fauſt, wie die Rappen, und war auch ſo wohlgenährt und breit wie ſie. Er vernahm nun, wie das immer geht, von ſchlechten Marktausſichten, das Ausgebot ſei groß und die Nach⸗ frage gering, da Händler und Fabrikanten den Preis ſehr drückten und überhaupt baar Geld knapp ſei, da Alles auf Zeit kaufen wolle. „Dann verkauf' ich gar nicht, und kauf' ſelber,“ erwiederte Diethelm und ſchlug ſich dabei auf den Bauch, um den er eine umfangreiche leere Geldgurt geſchnallt hatte. Mehrere boten ihm nun ſogleich Wolle und Schafe an, aber er lehnte für jetzt noch ab und als man ihn aufforderte mit in die Stube zu gehen, ſchien er ſich ſchwer von ſeinem Gefährte zu trennen und aus ſeinen Mienen ſprach nur halb der ihn bewegende Gedanke:„So wie man geht und ſteht herumlaufen, das hat kein Anſehen, da iſt man wie jeder Hergelaufene, ich wollt' ich könnt' mit meinen Rappen und meinem Kütſchle in den Stuben herum fahren, da zeigt ſich doch auch gleich wer man i Es war ein ſeltſames Lächeln mit deni endlich Diet⸗ helm die Rappen in den Stall ſchickte. Die ſtattliche Rotte, die ihn umgab, konnte er mit Fug als ſein Geleite betrachten und waren auch verkommene Leute darun⸗ ter, ehemalige Schafhalter, die jetzt als Unterhändler dienten, Schmarotzer, deren ganzes Marktgeſchäft im Erhaſchen eines Freitrunkes beſtand, bah! große Männer haben immer auch ſolche in ihrem Geleite und Diet⸗ helm ſchritt an der Spitze ſeines Troſſes breitſpurig einher. Der Reppenberger, ein hagerer Bauer im zertra⸗ genen blauen Kittel, mit einem ſchmutzigen Wochen⸗ barte auf dem liſtigen Geſichte, war ehemals ſelbſt wohlhabend geweſen, hatte ſich im Schafhandel„ver⸗ ſpekulirt“ und war jetzt der gewandteſte Unterhändler, dieſer wollte ſich an die Seite Diethelms drängen; er bot ihm eine Priſe aus ſeiner großen birkenrindenen Doſe und wollte ihm allerlei mittheilen, aber Diethelm vertröſtete ihn mit herriſcher Miene auf ſpäter und zog den Schultheiß von Rettinghauſen, einen mehr eben⸗ bürtigen Genoſſen an ſich und ſo trat er in die Wirths⸗ ſtube, wo jetzt im halben Morgen ſchon voller Mittag gehalten wurde, denn an langer Tafel und an Seiten⸗ tiſchen ſaßen Männer und Frauen und erlabten ſich an Sauerkraut und Speck und gedeihlichem Unterländer Wein, und was ſie nicht aufſpeisten, wickelten ſie in ein daneben gelegtes Papier und ſteckten es zu ſich. Da und dort war auch der Tiſch zu einer Rechentafel geworden und mit Kreide wurde der Erlös zuſammen⸗ gerechnet, denn es war ſchon Mehreres verkauft. Man⸗ cher vollgeſtopfte Mund nickte Diethelm zu und manche Hand legte die Gabel weg und ſtreckte ſich ihm entgegen. „Je ſpäter der Markt, je ſchöner die Leut,“ rief ein Weißkopf Diethelm zu. „Kommſt ſpät.“ . 9 „Biſt alleine oder haſt die Frau bei dir 2) „Iſt das zimpfere Mädle dein' Fränz2*) Solche und viele andere Anreden beſtürmten Diet⸗ helm von allen Seiten und manche Gabel deutete nach ihm und mancher Kopf drehte ſich um, denn die, die ihn kannten, zeigten ihn den Fremden und eine Weile war alle Aufmerkſamkeit nach ihm gerichtet. Erregte der Duft der Speiſen einen ungeahnten Hunger, ſo gab dieſes allgemeine Anſehen eine andere Sättigung. Eine Kellnerin fragte Diethelm nach altem Brauche, was er befehle, aber die Wirthin, die eben durch die Stube ging, ſchnitt ihr das Wort ab, und ſagte: „Der Herr Diethelm ſitzt in die Herrenſtube, der Advokat Rothmann ſind auch ſchon drüben und unter⸗ halten ſich mit der Fränz.“ „Die Fränz ſoll da herein kommen,“ entgegnete Diethelm und ſo laut, daß es Alle hören konnten,„wenn der Advokat Rothmann was von mir will, kann er zu mir kommen, ich lauf ihm nicht nach, ich hab' Gott⸗ lob nichts mit ihm. Ich bleib da unter Meines⸗ gleichen.“. Man ſprach davon, daß es einen harten Wahl⸗ kampf geben werde, wenn Diethelm gegen den Roth⸗ mann als Mitwerber um die Abgeordnetenſtelle auftrete; Diethelm lehnte mit halber Miene jede Bewerbung ab, und ſtimmte ſelber in das Lob Rothmanns ein, der als„fadengrader“ Ehrenmann geprieſen und oft bei ſeinem Beinamen„der Schweizertell“ genannt wurde, *) Fränz= Franziska. denn er hatte nicht nur zweimal auf dem eidgenöſſiſchen Freiſchießen den Preis gewonnen, ſondern ſtand über⸗ haupt in vielfachem Verkehr mit dem benachbarten Freiſtaate und war ſelber ein Charakter als wäre er in der Republik aufgewachſen, ſchlicht, derb und unver⸗ bogen bei aller gelehrten Bildung. Als er jetzt in die äußere Stube trat und ſeine hagere hohe Figur Alle überragte, ging ihm Diethelm zuerſt entgegen und reichte ihm die Hand, worauf faſt alle Anweſenden nacheinander ihm zutranken. Der Reppenberger kam haſtig, klopfte Diethelm auf die Schulter und ſagte ihm in's Ohr, man rede ſchon überall davon, daß der Diethelm einkaufen wolle und juſt heute ließe ſich ein gutes Geſchäft machen, der Krebsſteinbauer da hinten aus dem Lenninger Thal, der dort an der Ecke ſitze, den müſſe man zuerſt ein⸗ fangen, er mache die andern kopfſcheu und ſprenge aus, der Diethelm thäte nur ſo als wenn er einkaufen wolle, der habe gewiß ſchon verkauft und ſtecke mit den Händlern unter Einer Decke, und man könne überhaupt nicht wiſſen was der vorhabe; der Steinbauer werde aber ſchon einen geringeren Preis angeben als man ihm abgekauft habe, wenn er nur baar Geld kriege, dafür wolle er ſchon als Unterhändler ſorgen. Diethelm ſah dem Reppenberger ſteif in's Geſicht, als müßte er herausgraben, was er von ihm denke, ſchnell ſagte er aber ganz laut: „Es iſt nur Spaß, daß ich einkaufen will, das Futter iſt klein und ich brauch Geld, ich hab's nicht in Säcken ſtehen wie ihr meint.“ Alles widerſprach und ſchalt zutraulich auf ihn, daß ſo ein Mann ſage, er brauche Geld, man wiſſe ja, daß er Kapitale ausſtehen habe mehr als ſeinen Schuldnern lieb ſei. Zweites Kapitel. Diethelm ging lächelnd die Stube auf und ab, ſein Kleinthun hatte mehr genützt als alle Prahlerei, er blieb bei dem Steinbauer ſtehen, gab ihm einen derben Schlag auf den Buckel und ſagte: „Wie, Steinbauer, kennſt mich noch?“ „Freilich, Grüß Gott. Ich hab nur warten wol⸗ len, bis ich geſſen hab.“ „Ruck ein bisle zuſammen, ich will mich zu dir ſetzen. Fränz, da komm her.“ „Iſt das die Tochter?“ fragte der Steinbauer, etwas verwirrt an die Seite rückend, er erinnerte ſich nicht, daß er ſich mit Diethelm duzte. „Wenn du nicht ſo altbacken wärſt, könnteſt ſie heirathen,“ entgegnete Diethelm. Der Krebsſteinbauer grinste nun gar ſeltſam und ſchwieg, er war überhaupt kein Freund vom vielen Reden und vorab beim Eſſen. Nur einmal wendete er ſich um und auf das Haupt Diethelms deutend, ſagte er:„Auch grau geworden ſeit dem letzten Jahr.“ „Ja, der Eſel kommt heraus,“ ſagte Diethelm lächelnd, aber der Steinbauer ließ ſich nicht zu der * 13 doch rechtmäßig erwarteten höflichen Entgegnung her⸗ bei, er aß ruhig weiter als hätte er nichts geſagt und nichts gehört. Diethelm kannte die hinterhältige und ſelbſt mit Worten karge Weiſe dieſes Mannes wohl und doch klammerte er ſich an ihn und that gar zutraulich. Der Steinbauer ließ ſich das gefallen aber mit einer Miene, in der die Worte lagen: Mein Geldbeutel iſt feſt zu, mir ſchwäzt Keiner einen Kreuzer heraus, wenn ich nicht mag. Als Diethelm ſich einen Schoppen Batzenwein beſtellte, ſchaute der Steinbauer nur flüch⸗ tig nach ihm um, aber er ſprach kein Wort der Ver⸗ wunderung und des Lobes über die Sparſamkeit Diet⸗ helms und dieſem erſchien ſolch ein Benehmen noch ſaurer als der ungewohnte Halskratzer. Dieſe in ſich vermauerte Natur des Steinbauern, der über Thun und Laſſen Anderer kein Wort verlor und ſelber that was ihm gutdünkte, ohne umzuſchauen, was man dazu denke oder ſage, dieſe verſchloſſene Sicherheit, die ihr Benehmen nicht änderte und von hundert Augen be⸗ merkt dieſelbe blieb wie daheim auf dem einödigen Hofe,— Alles das erkannte Diethelm als Gegenſatz und reizte nothwendig ſein herausforderndes Gebaren zum Kampfe; er mochte aber den Steinbauern anzapfen wie er wollte, höchſtens ein Freilich, ein Jawohl oder ein kopfſchüttelndes Verneinen war aus ihm heraus zu bringen. Als Diethelm fragte, ob er auf des Steinbauern Stimme zählen könne, wenn er ſich um die Abgeordnetenſtelle bewerbe, ließ ſich der Steinbauer endlich zu den vielen Worten herbei:„Ich wüßt' nicht warum nicht.“ Nun lachte Diethelm über das ausgeſprengte Gerücht, daß er Landſtand werden wolle, er denke nicht daran, bei dieſen ſchlechten Zeiten könne man ein großes Anweſen nicht verlaſſen, da müſſe man jede Stunde und jeden Kreuzer ſparen, wenn man der rechte Mann bleiben wolle, es mögen andere Leute den Staat regieren, das gehe ihn nichts an. Der Steinbauer wickelte gelaſſen das übrig geblie⸗ bene Fleiſch in ein Papier und ſteckte es zu ſich, er hob und ſenkte nun mehrmals ſeine geſchloſſenen Lip⸗ pen, ſei es zum Nachkoſten des Genoſſenen oder dem Gehörten beiſtimmend. Diethelm ſetzte nun noch weiter auseinander, daß er ſich nichts um die öffentlichen Angelegenheiten küm⸗ mern möge, und das gilt jetzt wieder unter vielen Menſchen beſonders aber bei den Bauern als großer Ruhm. Als er aber darauf hinwies, daß er in ſeinem Hausweſen vielerlei zu ſorgen habe, ſagte der Schult⸗ heiß von Rettinghauſen:„Die Kläger haben kein' Noth und die Prahler kein Brod.“ Der Steinbauer erhielt ſich noch immer in ſeiner unerſchütterlichen Theilnahmloſigkeit, methodiſch und langſam ſtopfte er ſeine Pfeife, ſchlug Feuer, öffnete den Deckel und verſchloß den Zündſchwamm und wollte nun aufſtehen. Diethelm aber hielt ihn noch feſt und fragte zuerſt, ob er nicht ſeinen Hof verkaufen wolle, ſein Schwager, der Schäuflerdavid ſuche einen ſo her⸗ renmäßig gelegenen für einen Ausländer. Der Stein⸗ bauer ſagte, daß er zwar nicht verkaufen wolle, aber wenn er ein rechtes Anbot bekäme, ließe ſich davon 15 reden. Nun hatte ihn Diethelm doch flüſſiger, und indem er noch mehrmals von ſeinem Schwager, dem Schäuflerdavid und ihren gemeinſamen Geſchäften ſprach, kam er endlich an's Ziel zu erklären, daß er allerdings Willens ſei, wenn die fremden Händler nicht höher hinaufgehen, ſelber einzukaufen. Der Steinbauer, dem es erſichtlich Mühe machte, ſein ſaures Dreinſehen auf⸗ zugeben, ward plötzlich freundlicher, nahm ohne Wider⸗ rede das Glas an, das ihm Diethelm einſchenkte, und erklärte nun mit erſtaunlicher Redſeligkeit, welch einen Ausbund von Wolle und Schafen er habe, wie die alle ſo wolltreu ſeien, ein Haar dem andern gleiche und der Stapel vom beſten Fluß und gleich rund ſei, wie„viel Leib“ ſeine Schafe hätten, daß er aber doch um einen annehmbaren Preis Alles verkaufe, weil er kein Glück in der Schafhalterei habe, er legte das Zeugniß ſeines Schultheißen vor, darin nach einem Formular beurkundet war, wo ſeine Schafe geweidet und daß keine Krankheit dort und auch keine kranken darunter waren, und ſchloß endlich: „Neun und neunzig Schäfer hundert Betrüger ſagt man im Sprüchwort und es iſt noch mehr als wahr. Drum will ich nichts mehr davon.“ Die Unſitzenden ſtimmten auch in die Klagen über die Schäfer ein und Jeder hatte zu erzählen, wie man ſeit des Erzvaters Jakobs Zeiten um ihrer ſicher zu ſein, ihnen einige Schafe als Eigenthum bei der Heerde halten muß, wie ſie dieſe aber zu gewöhnen wiſſen, daß ſie den anderen ſtets das beſte Futter wegfreſſen, wie ſie den Hund abrichten, daß er nie ein Schäfer⸗ —— — 16 ſchaf beißt, wie ſie immer die beſten und ſchönſten Lämmer haben und den Mutterſchafen ihre nichtsnutzigen unterſchieben, kommt dann der Herr dazu, ſo heißt es, wie das auch bei der natürlichen Mutter ſein kann: es will noch nicht recht annehmen. Allerlei Schelmen⸗ ſtreiche von Schäfern wurden erzählt und das Geſpräch ſchien ſich faſt ganz hierin zu verlieren, bis es Diet⸗ helm wieder auf den Handel brachte, aber er zuckte zuſammen, als der Steinbauer, nachdem er das einge⸗ ſchenkte Glas ausgetrunken hatte, ruhig ſagte, er handle nur um baar Geld. „Bin ich dir nicht gut?“ fragte Diethelm trotzig. „Du biſt mir gut, und daß du mir's bleibſt, iſt baar Geld das beſte,“ ſagte der Steinbauer und ſchob ſeine Tabakspfeife in den linken Mundwinkel, während er aus dem rechten den Rauch blies. Er ſah dabei nochmal ſo liſtig aus. „Iſt dir mein Schwager, der Schäuflerdavid auch nicht gut?“ fragte Diethelm. „Der Schäuflerdavid? freilich, der iſt auch gut; wenn er ſich verbürgt, kann ich bis Faſtnacht mit dem Geld warten.“ Diethelm hob haſtig beide Achſeln, wie wenn er etwas abſchütteln müſſe, dann lachte er laut und ſagte: „Komm jetzt, wir wollen'naus auf den Markt.“ Der Steinbauer zog einen ledernen Geldbeutel, der dreifach verknüpft war, bezahlte, nahm ſeinen hohen Schwarzdornſtock, der in der Ecke lehnte und ging mit Diethelm. Auf dem Schafmarkte ſtand in einer Doppelreihe 17 Hurde an Hurde darin die Schafe eng zuſammen⸗ gedrängt, theils lagen, theils ſtanden und wieder⸗ kauten, Alle aber waren lautlos und das allezeit blöde Dreinſehen der Schafe hatte faſt noch etwas Geſteigertes. Knaben mit flüſſigem Zinnober in of⸗ fenen Schüſſeln liefen umher und geſellten ſich zu Gruppen, wo mit lautem Geſchrei und heftigen Geberden gehandelt wurde. Händler ſtiegen in die Hurden, zogen den Schafen die Augenlider auf und ſchauten nach den Zähnen, Andere bezeichneten mit einer in Zinnober eingetauchten Schablone die Eingekauften und zählten dabei, dort ſprang eine Heerde luſtig aus der geöffneten Hurde, ſich in der wiedergewonnenen Freiheit überſtürzend, überall war buntes lebendiges Treiben. Der Schäfer Medard kam Diethelm ent⸗ gegen und ſagte, daß er noch nicht verkauft, aber ſichere Hoffnung habe. Nun einigte ſich Diethelm ſchnell mit dem Steinbauer und kaufte ihm ſeine Zeithämmel (jährige) ab und nahm auch die Brackendazu Er eilte mit dem Steinbauer in des Kaufhaus, ihnen vorauf lief das Gerücht, daß Diethelm bereits Schafe eingekauft habe und auch für die Wolle die beſten Preiſe bezahle. Diethelm war aber noch nicht zum Wolleinkauf entſchloſſen, er hatte dieſen Gedanken nur ſo in leichtfertiger Prahlerei hingeworfen um zu verdecken, wie ſehr es ihn zum Verkaufen auf den Nägeln brenne; jetzt wurde ihm das Vorhaben immer genehmer und mit ſeltſamem Blicke betrachtete er ſeinen Genoſſen mit dem mehr als mannsgroßen Stocke, mit dem ſchlichten Anzuge und der ſelbſtzufriedenen Miene; 2 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. —— —— 18 der wünſchte wohl nicht, wie er, mit Wagen und Pferd in den Stuben umherzufahren, wie weit zurück lag ihm jetzt die Zeit, wo auch er ſo ſtolz ſein konnte, ſtatt daß er jetzt, um ſich nicht zu verrathen, ſtolz thun mußte. „Haſt kein Fuhrwerk bei dir?“ fragte Diethelm, worauf der Steinbauer erwiderte: „Nein, ich bin noch gut zuweg, mit dem Fahren hat's Zeit bis ich alt bin.“ Im Kaufhauſe ſah Diethelm, daß die verpflichteten Wollſetzer ſeine Schepper(Vließe) gut aufgeſetzt hatten, ſie ſtanden an guter Stelle, nicht zu hell und nicht zu dunkel, ſeine ſpaniſche und ſeine Baſtardwolle durfte ſich ſehen laſſen. Sein nächſter Nachbar war der Steinbauer, der ſich darüber beklagte, daß er einen ſchlechten Platz habe, gerade neben der Feuerſpritze und dem großen Waſſerfaſſe, die unter der Treppe ſtanden. Diethelm ſtand mit übereinandergeſchlagenen Armen ruhig neben ſeiner Lammwolle, als haſtigen Schrittes der Reppenberger kam. Alles Blut ſchoß Diethelm zu Kopfe, indem er gedachte, daß er vielleicht einſt auch als Unterhändler hier ſich tummeln, ſich ab⸗ weiſen und anfahren laſſen müſſe, während Alles jetzt ſeine Nähe ſuchte und um ſeine Freundſchaft buhlte. Diethelm war entſchloſſen, mindeſtens vom Steinbauern noch die Wolle einzukaufen. Zwar hatte er die Bürg⸗ ſchaft des Schwagers zu leichtfertig verſprochen, aber der Steinbauer muß ihm vor der Hand glauben, und dann will er noch heute all das Mitgebrachte und das Erkaufte in der Stille verſilbern, es ſind dann drei Monate Zeit gewonnen, es gilt Luck auf und Pferd ihm daß ußte. helm, ahren Neten atten, ht zu urfte der einen prite reppe ſenen tigen ſchoß leicht hab⸗ jetzt uhlte. mern ürg⸗ aber und und dann und 19 Luck zu zu machen, bis man den rechten Schick trifft, und der kann doch nicht ewig ausbleiben. Diethelm wurde auch hier ſchnell handelseins mit dem Stein⸗ bauer und als nun Andere ſahen, daß dieſer ihm das Seinige übergab, beſtürmten ſie ihn ebenfalls mit An⸗ erbietungen; er wehrte Anfangs ab, er wollte nicht weiter gehen, aber vielleicht läßt ſich gerade jetzt der rechte Schick machen, man darf ihn nicht aus der Hand laſſen, mit ſo viel Waare läßt ſich was Großes verſuchen— die Hand Diethelms wurde brennend von dem öfteren Handſchlag, er wußte faſt gar nicht mehr, wie viel er eingekauft hatte und der Reppenberger brachte neue und immer beſſere Gelegenheiten mit Zahlungsterminen auf Oſtern und noch weiter hinaus. Wie berauſcht ging Diethelm von Stapel zu Stapel und wiederum hinaus auf den Schafmarkt von Hurde zu Hurde, ihm war's, als hätte alles Beſitzthum der Welt geſagt: ich will dein ſein, du mußt mich nehmen. Das Lärmen und Rennen um ihn her, das ferne verworrene Brauſen des ſtädtiſchen Marktgewühls, aus dem bisweilen einzelne Accorde der Muſik, die jetzt zum Tanze aufſpielte, wie aus dem Stimmengedränge heraus ſchlüpften, Alles das machte einen ſinnverwir⸗ renden Eindruck auf Diethelm; bald lächelte er jedem und ſein Antlitz war hochgeröthet, bald wurde es ſchlaff und verdroſſen und alles Blut wich daraus zurück. Auf einem Wollſacke nicht weit von der großen Feuer⸗ ſpritze, die im Hofe ſtand, ſaß er mit entblöstem Haupte und gekreuzten Beinen und ſein Auge ſtarrte hinein in 3 20 die rothe Schreibtafel, in die er ſich ſeine Einkäufe nach Sorte u. ſ. w. eingezeichnet hatte, um ihn her d lagen in verſchiedenen Papieren Wollproben. Diethelm . fuhr ſich mit der Hand über das Haupt und er meinte, er ſpüre es, wie ihm die Haare jetzt plötzlich grauer werden. Eben kam der Reppenberger wieder und d brachte einen Mann, der eine überaus feine und haar⸗ treue Wolle habe, da ſei jedes Härchen von unten bis oben gleich und Alles im Vließ gewaſchen. Diet⸗ helm nebelte es vor den Augen und er erſuchte den Reppenberger, vor Allem einen guten Trunk Wein her⸗ beizuſchaffen, er fühlte ſich ſo matt, daß er auf keinem Beine mehr ſtehen konnte, und beſonders in den Knieen ſpürte er eine unerhörte Müdigkeit. Er gab den Umſte⸗ henden wenig Beſcheid und ſtarrte hinein in ſeine Schreib⸗ tafel und ſprach mit den Lippen lautlos die Zahlen vor ſich hin. Vom Hauptthurm der Stadtkirche blieſen eben die Stadtzitkeniſten den althergebrachten Mittags⸗ choral, ſie ſtanden eben auf der Weſtſeite der Thurm⸗ galletie und dieſe Poſaunen und Trompeten ſtrömten ihre langgezogenen Töne gerade zu Häupten Diethelms nieder, er zuckte zuſammen und ſchaute auf, als hörte— er die Poſaune des jüngſten Gerichtes vom Himmel herab; er fuhr ſich mit der breiten Hand langſam über das ganze Geſicht, dann ſchaute er hell auf, denn Rep⸗ penberger rief ihm. Der herbeigebrachte Wein richtete ihn bald wieder auf und nun galt es die begonnene Rolle muthig fortzuſetzen. Die Stadtzinkeniſten blieſen eben nach einer andern Himmelsgegend und die Klänge ſchwebten wie verloren über dem lauten Marktgewühle. 21 Einmal ſprach er eifrig und ganz allein mit einem uft fremden Händler und es verbreitete ſich raſch die Sage, her daß er im Auftrage dieſes, der noch gar nichts einge⸗ helm fauft hatte, die Händel abſchließe. Diethelm merkte inte, bald, daß ſein Auftreten dem Markte eine ganz andere auer Wendung gegeben hatte, es kamen ſchon Unterhändler, und die ſich im Auftrage Ungenannter nach dem Wieder⸗ aar⸗ verkaufe erkundigten, eine Weile ſtockte er und gedachte nten mit mäßigem Gewinn darauf einzugehen, aber der iet⸗ Reppenberger hatte Recht, jetzt im hohen Verkehr, wo den Alles im Trab geht, kann man nicht hufen und rück⸗ her⸗ wärts fahren, wenn Alles vorbei iſt, dann läßt ſich inem ein guter Treffer machen, dann hat man die ganze ſieen Geſchichte allein in der Hand, drum jetzt nur muthig nſt⸗ vorwärts. Und immer neue Zahlen ſtellten ſich in die reib⸗ Schreibtafel Diethelms, er hatte ſchon dreimal die hlen Schreibtafel in die Taſche geſteckt und die Hand darauf ieſen gelegt mit der Verſicherung, daß er ſie nicht mehr her⸗ ngs⸗ austhue, und wenn er die Sachen halb geſchenkt be⸗ un⸗ käme, er gehe nicht weiter in's Waſſer, als er Boden mien habe; aber Alles ſchrie über ſeine Beſcheidenheit, ſo ein elms Mann, wie er, könne dreimal den Markt auskaufen türte„ und dieſer Ruhm ſtachelte ihn immer wieder auf's nnel Neue, denn er ſah, wie ſeine prahleriſche Beſcheidenheit iber ihm immer mehr Vertrauen an den Hals warf. Der ſ⸗„Gedanke, wie ſehr er dieſes Zutrauen täuſche und viel⸗ it eicht ganz betrüge, zuckte ihm wieder durch die Seele, 4. aber jetzt fand er eine raſche Aushülfe: Da iſt der Steinbauer, der ſo heilig thut, wie ein friſch vom 3 Himmel geflogener Engel, und ohne Widerrede gibt ihle. 2 er einen geringeren Preis an, als er bekommt und betrügt damit alle Anderen. Aller Handel und Wan⸗ del iſt auf Lug und Trug geſtellt, ein bischen mehr, ein bischen weniger, und es kann ja wohl ſein, es iſt ſo viel als ſicher, daß kein Menſch einen Heller ver⸗ liert. Die Leute zeigten einander, wie zuverſichtlich und froh der Diethelm dreinſah und beneideten ihn um den Haupttreffer, den er heute mache. Drittes Kapitel. Wieder kehrte Diethelm mit großem Geleite in das Wirthshaus zurück. Es waren nun wrirklich ſeine Vaſallen, denn ihn umgaben Alle die, denen er abge⸗ kauft hatte. Unter dem Thore begegnete er ſeiner Tochter, die mit einigen Mädchen dort ſeiner harrte, ſie fragte ihn, ob er nun mitgehe, ihr, wie verſprochen, einen Marktkram zu kaufen. Diethelm ſagte, er habe keine Zeit und gab ihr zwei Kronenthaler, daß ſie ſich ſelber etwas kaufe. Mit dem Steinbauer mußte nun vor Allem glatte Rechnung gemacht werden. Diethelm nahm ihn zuerſt allein vor, aber er mochte reden, was er wollte, der Steinbauer blieb bei ſeiner Ausſage, er verlangte ein Viertheil des Kaufpreiſes als Anzahlung und binnen acht Tagen die Unterſchrift des Schäuflerdavid als Bürge. Diethelm ſuchte das Ungerechte dieſer Bedingungen, die gar nicht feſtgeſtellt waren, darzuthun, der Steinbauer verzog keine Miene und blieb dabei, ſelbſt als Diet⸗ helm laut lachte und die Sache in's Scherzhafte ziehen wollte, blieb ſein Widerpart ohne Theilnahme und war, was man ſo nennt, ein beſtandener Bauer, der ſich nicht ſo leicht aus ſeinem Schritt bringen ließ. 24 Schnell in Zorn überſpringend, ſchalt ihn Diethelm hi einen Betrüger, da er einen geringeren Kaufpreis an⸗ 6 geben habe, um die Anderen zu hintergehen. Der N Steinbauer läugnete dieß und behauptete, er habe zur 9 Angabe Diethelms nur geſchwiegen, er könne aber jetzt ol auch reden und vielleicht mehr als lieb ſei. ke „Was meinſt? was?“ fragte Diethelm haſtig.„ „Ich mein' gar nichts, ich will mein Geld und da u bleibt ein Jeder wer er iſt.“ B „Hältſt mich für ein Schuldenbauerle?“ fragte Diet⸗ helm halbzornig. ſi „Nein, b'hüt Gott, ich könnt' mit dir tauſchen, wenn's z drauf ankäm', aber weißt, zahlen mit baar Geld, das b zwingt die Welt. Du brauchſt ja nur pfeifen, da 9 haſt's, und wenn ich mein Sach wieder an mich zieh, ſ und das thu' ich, wenn du mich nicht baar bezahlſt, 9 ich ließ es aber nicht dabei, ich müßt' vor's Amt da⸗ mit, ſo hart es mich ankommt.“ Diethelm fühlte, was es heißt, ſich in ſchwankender oder gar in verzweifelter Lage zu befinden, da muß man ſich ſo zu ſagen über's Ohr hauen laſſen und thun als ob nichts geſchehen wäre, nur um Aufſehen d und genauere Nachforſchung zu vermeiden. „In einer Stunde haſt all dein Geld,“ rief Diet⸗ helm den ungerecht Bedrängenden überbietend. „So recht,“ ſagte der Steinbauer„wie viel Uhr iſt jetzt? Drei? Um viere bin ich wieder da. B'hüt dich Gott und zürn' nicht.“ Die Uebrigen, die den zähen Steinbauer ſo zufrieden davon gehen ſahen, waren ſchnell befriedigt, und Diet⸗ thelm s an⸗ Der e zur rjett g. d da Diet⸗ venns d, das n, da ieh, zuhlſt, t da⸗ kendet muß n und ufſehen Diet⸗ l Uhr gh ftieden . Diet⸗ helm drang ſelber drauf, daß ſie„wegen Leben und Sterben“ eine Handſchrift von ihm nehmen mußten. Nun eilte er zu dem Advokat Rothmann und verlangte von ihm ein Darleihen für den Steinbauer; der Ad⸗ vokat beglückwünſchte Diethelm zu ſeinen guten Ein⸗ käufen und ſchloß eine eiſerne Geldkiſte, indem er ſagte: „Das ſind Pfleggelder, ihr ſeid ja ſelber Waiſenpfleger und wißt, daß ich ſolches Geld nicht ohne gerichtliche Bürgſchaft verleihen darf.“ Diethelm ging um die Kiſte herum wie die Katze um einen Wurſthäkler und ſah mit Schmerzen das Alles verſchließen, ohne Miau zu machen; er blieb noch eine Weile harmlos plaudernd bei dem Advokaten und that als ob er nie ein Anliegen gehabt hätte, mit dem er abgewieſen war. Er ver⸗ ſicherte Rothmann, daß er weit davon entfernt ſei, ihn aus der Abgeordnetenſtelle verdrängen zu wollen; der Advokat entgegnete, daß er Diethelm Glück wünſche, wenn er als Candidat der ſich ſo nennenden Conſer⸗ vativ⸗Liberalen durchdringe, die Herren möchten dann einmal ihre ſogenannte Möglichkeitspolitik verſuchen, um zu erfahren, daß das Schlechte leichter möglich ſei als das einfach Rechte. Diethelm zeigte ſich eifrig in Darlegung ſeiner Ge⸗ ſinnungen und doch dachte er jetzt an nichts weniger als an dieß. Offen und verſteckt laufen überall und allzeit die verſchiedenſten Intereſſen durcheinander. Als Diethelm das Haus verließ, traf er glücklich den Reppenberger vor demſelben; durch dieſen ließ er nun ein gut Theil des Eingekauften unter der Hand — ————— S — —— 26 zu baar Geld machen, mit der Bedingung, daß nicht t hier unter den Augen der Marktaufſeher, ſondern morgen auf dem eine Stunde entlegenen Dorfe oder noch beſſer in ſeiner eigenen Heimath abgeliefert werde. Bis dieſes Geſchäft abgemacht war, wollte ſich Diet⸗ t helm verborgen halten und dazu gab es kein beſſeres d Verſteck als der Tanzboden im Stern, wo eben die Muſik aufſpielte, dort würde ihn gewiß Niemand ſuchen d und dorthin ſollte Reppenberger mit dem fremden Händler kommen. Es war, als ob doch etwas von dem Wunſche ſ Diethelms, mit ſeinen zwei Rappen in den Stuben herum zu kutſchiren, erfüllt wäre; denn kaum war er auf dem Tanzboden, wo ſich eben in lärmender Pauſe die erhitzten Paare verliefen, als Alles ehrerbietig vor ihm auswich und da und dort hörte er ſeinen Namen piſpern. Einige ältere Leute, die ihm zutranken und ſtolz darauf ſchienen, daß er das Glas annahm, fragte er nach dem Reppenberger, den er zu ſuchen vorgab; ſogleich erboten ſich mehrere Trinkgelds⸗Bedürftige den Reppenberger aufzuſuchen. Diethelm hatte abzuwehren ſo gut er konnte, und glücklicherweiſe erlöste ihn ein junger, modiſch gekleideter Mann, der mit vielen Bück⸗ lingen auf ihn zukam, ſich als älteſten Sohn des Stern⸗ wirths vorſtellte und Diethelm bat in die Herrenſtube zu kommen. Die Welt duldete es gar nicht mehr, auch wenn er es ſelbſt gewollt hätte, daß er in niederem Bereiche verweilte. Diethelm betrachtete ſich ſelbſt, um zu er⸗ kunden, was denn an ihm ſei, daß ihm Jeder unge⸗ — nicht ondern e oder werde. Diet⸗ eſſeres en die ſuchen emden zunſche Stuben var er Pauſe ig vor Namen nund fragte orgab; ge den uhren hn ein Büc⸗ Stern⸗ enſtube wenn zereiche zu bl⸗ unge⸗ fragt eine höhere Stufe anwies. Er folgte dem jungen Manne, der äußerſt ehrerbietig war, die Treppe hinab und als er eben die Klinke zur Herrenſtube in der Hand hatte, hörte er einen Soldaten unter der Haus⸗ thure ſagen:„komm nur.“ Diethelm drehte ſich um, die Stimme war ihm bekannt, und der Soldat fuhr fort: „Tanz' du nur einmal, während der Zeit wird dein Vater um ein paar tauſend Gulden reicher und ich krieg' dich immer weniger.“ „Ich weiß nicht, ob's recht' iſt,“ ſagte eine Mädchen⸗ ſtimme und halb gezogen erſchien Fränz auf der Schwelle mit hochglühendem Antlitze. „Soll ich euch aufſpielen?“ rief Diethelm, ſich um⸗ wendend. Der Soldat und Fränz ließen vor Schreck die Hände los. Der Soldat faßte ſich ſchnell wieder und grüßte Diethelm, dieſer aber ſagte: „Du biſt's? wie kommſt du daher, Munde?“ „Ich hab' Urlaub genommen und es freut mich, daß ich auch meinen alten Herrn ſeh'.“ „So? Willſt eine Halbe trinken?“ „Freilich.“ „Sieh, da haſt' Geld, trink eine,“ und Diethelm reichte mit dieſen Worten dem über und über erröthenden Soldaten einen Sechsbätzner. Der Soldat, der nicht anders erwartet zu haben ſchien, als Diethelm würde ihn mit zum Wein nehmen, wußte nicht, ſollte er die Hand zum Fauſtſchlag ballen oder zum Empfang der Gabe darreichen. Beides ſchien gleich mißlich, offene Feindſeligkeit wie die beabſichtigte Demüthigung vor den — — — Augen der Geliebten, es fand ſich aber noch ein Aus⸗ weg und lächelnd ſagte der Soldat: „Dank gehorſamſt, ich will warten, bis ich einmal ein' Halbe mit euch trink, vor der Hand hab ich ſchon noch, um von meinem Geld ein Glas auf euer Wohl⸗ ſein zu trinken.“ Mit einem Gemiſch ſeltſamer Empfindungen reichte Diethelm dem Soldaten die Hand und ſtand von dem Vorhaben ab, dem Burſchen auf ſtrenge Weiſe zu zeigen, an welchen Platz er gehöre; dieſe geſchickte, höfliche Wendung und der Stolz, der darin lag, gefiel ihm. Das geſtand ſich Diethelm, nicht aber, daß er ſich in dieſem Augenblicke ſelber zu ſehr gedemüthigt fühlte, um die Unterwürfigkeit Anderer herauszufordern. Er ſagte daher nichts weiter, winkte dem Soldaten einen Abſchied zu und verſchwand mit Fränz hinter der Thüre der Herrenſtube. Der Soldat ging im Hausflur auf und ab wie ein Wachpoſten und ſeine Gedanken gingen mit ihm hin und her: ſollte er auch hinein in die Herrenſtube und ſich auftiſchen laſſen? Aber wer weiß, wozu das führt? Es ſind viele Fälle möglich. Der Schluß blieb jenes letzte Mittel, das Gelehrten und Ungelehrten gleich genehm iſt, nämlich: vor Allem und vor der Hand nichts thun, da macht man nichts gut und nichts böſe und kann getroſten Muthes und ruhigen Gewiſſens die kommenden Ereigniſſe abwarten. Aus⸗ inmal ſchon Wohl⸗ reichte n dem zeigen, höfliche lihm. ſchin fühlte, einen Thüre ur auf gingen in die r weiß, Der en und len und hts gut nhigen Viertes Kapitel. Der Soldat ging nach dem Schafmarkt. Viele Hurden waren bereits leer, die noch zurückgebliebenen Schäfer hatten ihre allzeit bei ſich behaltenen Mäntel bereits loſe zuſammengerollt auf der Schulter hängen. Das Marktgewühl brauste und toste in der Ferne, hier aber war Alles ſo ſtill wie auf einſamer Höhe, an deren Fuß ein wildrauſchender Bach über Felſen braust; nur bisweilen hörte man das klagende Blöcken eines Schafes, dem ein Metzger durch einen Schnitt in's Ohr das Kennzeichen ſeines Eigenthums gab. Die alſo bezeichneten Schafe duckten die Köpfe und ſahen traurig und dumpf nieder, als wüßten ſie, daß die Tage ihres Weidganges gezählt ſind. Von einer Heerde führte ein Metzger eben einen Hammel weg, und das ſonſt ſo geduldige Thier war ſtörrig und mußte mehr gezogen und geſchoben werden als daß es ging, es kümmerte ſich wenig um Bellen und Beißen des Hundes und blöckte nur kläglich. Der Soldat ſchaute dem Allem mit dumpfer Verwunderung zu, er war ſelber Schäfer geweſen und doch war ihm Alles das wieder neu und faſt ſeltſam. Er ſah die Hurde — —— — 30 ſeines Bruders, des Schäfers Medard, den wir ſchon beim Ausſpannen geſehen haben, und ſchon von ferne zerrte der falbe Hund an der Kette, die am Gurte ſeines Herrn befeſtigt war und weckte dieſen aus ſtillem Niederſchauen, ſo daß er aufblickend rief: „Haſt ſie gefunden?“ Der Soldat nickte mit dem Kopfe und erſt als er bei ſeinem Bruder war und den Hund geſtreichelt hatte, erzählte er, wie er die Fränz allein auf dem Markte getroffen, wie ſie miteinander umhergeſchlendert und eben zum Tanze gehen wollten, als Diethelm dazwiſchen kam und ihn ſo ſonderbar davon ſchickte. Der Schäfer dagegen berichtete, wie es ihm ſei, als ob die ganze Welt aus dem Leim ginge, daheim habe der Meiſter ſo nöthlich gethan, wie wenn Alles bei ihm auf Spitz und Knopf ſtehe und kaum auf den Markt gekommen, kaufe er wie beſeſſen ein und thue, wie wenn er fragen möchte, was koſtet das Schwabenländle da? Er habe die Hämmel verkauft und könne den Herrn nirgends finden, um ihm das Geld zu geben. Ueberhaupt erzählte er, ſei der Meiſter ſeit faſt einem Jahr zweierlei Menſchen, bald ſtreichele er einen wie mit Sammtpfoten, bald ſei er ein borſtiger Igel, bald lobe er Alles, bald mache man ihm gar nichts recht. Die Brüder beſprachen ſich noch lange über das ſelt⸗ ſame Weſen des Meiſters, denn auch der Soldat hatte ehemals bei Diethelm als Schäfer gedient. Als der Schäfer äußerte, daß der Diethelm viel⸗ leicht um ſo größer thue, je kleiner er geworden ſei und vielleicht noch einen tüchtigen Raps mache, ſo lang — ſchon ferne Gurte ſtillem als er thatte, Markte rt und wiſchen ſei, als m habe bei ihm Markt le, wie enländle nne den geben. ſt einen nen wie ts recht das ſil⸗ dat hatte lm vil den ſei ſo lang 31 man ihm traue, fuhr der Soldat dagegen los, als ob er ſelber beleidigt wäre, und es war noch mehr als das, denn da gilt ja gar nichts mehr, wenn man gegen ſolch' einen Mann nur ſo was denken darf, worauf der Andere lächelnd erwiederte: „Büble, Büble, du wirſt dein Lebtag nicht geſcheit, du glaubſt den Leuten, was ſie dir vormachen.“ „Laß ſehen, was du für Tubak haſt,“ ſchloß er und nahm dem Soldaten die Pfeife aus dem Mund und rauchte ſie weiter; der Soldat ſagte kein Wort dazu. Es war ein ſeltſames Brüderpaar, das da bei einander ſaß. Medard hätte dem Alter nach der Vater Munde's ſein können, aber ähnlich ſahen ſich die Brüder nicht. Medard hatte ein langes dürres Geſicht, das durch den zottigen Backenbart und die aufgeſträubten röthlichen Augenbrauen Aehnlichkeit mit dem Schäferhunde hatte, während Munde kugelrund ausſah und Angeſicht und Hals von dunkelbrauner Farbe war, er hatte kohlſchwarzes Haar und kleine in fetten Augenlidern verſteckte braune Augen, aus denen ein ſtilles ſanftes Gemüth ſprach. Medard ſah aus, als könnte er nie lachen, und Munde ſah noch jetzt in ſeiner Betrübniß aus, als könnte Schmerz und Zorn keine Heimath in ſeinem Geſichtsausdrucke finden. Medard war gerade um fünf und zwanzig Jahre älter als ſein Bruder, und dieſe beiden und noch eine Schweſter, die dem alten Vater in Buchenberg Haus hielt, waren von neun Kindern am Leben geblieben. Als der kleine Munde ſo verſpätet und plötzlich ge⸗ boren wurde, verließ Medard unter Verwünſchungen das väterliche Haus und betrat ſechs volle Jahre deſſen Schwelle nicht mehr, es war nicht Aerger wegen des Erbes, da war ja nichts zu theilen, aber Medard ſchämte und ärgerte ſich über den nachgebornen Sohn, daß er von ſeinen Eltern gar nichts mehr wiſſen wollte; er verdingte ſich weit weg und kam erſt nach ſechs Jahren wieder, als er aus dem Zuchthauſe entlaſſen wurde, wo er wegen einer Rauferei, in der er einen Nebenbuhler erſchlagen hatte, fünf Jahre gebüßt hatte. Es war ihm nun doch nichts übrig geblieben, als in das elterliche Haus zurück zu kehren. Als er zum erſten Male wieder in des Vaters Stube trat, die Mutter war ſchon ſeit ſechs Jahren geſtorben, und wie der Vater ſagte, an den Folgen der Verheim⸗ lichung ihrer Schwangerſchaft, die ſie vor dem er⸗ wachſenen Sohne verbergen wollte, da war's, als ob der kleine Munde es dem Bruder wie mit Zauber angethan hätte, er umklammerte gleich beim Eintreten ſeine Füße und Medard ließ den ſchon ziemlich großen Bengel oft Stunden lang nicht vom Arm herunter und tollte mit ihm umher wie närriſch, die ganze ver⸗ haltene Bruderliebe ſchien auf Einmal ſich zu entfalten und eine Sühne für ein dem Geſetze nicht erreichbares Verbrechen zu Tage zu fördern. Diethelm that gerade um dieſe Zeit eine großartige Schäferei auf und auf die Bitten des alten Schäferle und die Zureden ſeiner Frau nahm er den Medard in Dienſt, der nun von Georgi bis Michaeli im freien Felde war und ſtets den Munde bei ſich hatte und ungen deſſen ndes edard Sohn, vollte; ſechs tlaſſen einen hatte. als in r zun t, die „und thein⸗ m er⸗ als ob gauber ntreten großen ter und ze vel⸗ ntfalten ichbares oßartige chiful dard in n freien ute und 33 ihn mit einer Sorgfalt ohne Grenzen wartete und pflegte. Der alte Schäferle überließ ihm gerne das Kind; er war mit Allem zufrieden, wenn er nur hin⸗ länglich Tabak hatte, um ſeine Holzpfeife in beſtän⸗ digem Brand zu erhalten. Medard verſorgte ihn jetzt mit Tabak, während er ſonſt oft hatte dürre Nuß⸗ blätter rauchen müſſen. Wenn Medard manchmal dachte, daß ihm das Kind ſterben könnte, fühlte er alle Haare zu Berg ſtehen. Stundenlang konnte er in das braune Antlitz und in die dunkeln Augen des Knaben ſchauen und ſich nur ärgern, daß dieſer ihn gewiß nicht ſo lieb habe, wie er ihn, es wenigſtens nicht darthun konnte; dann konnte er aber auch Stundenlang vor ſich hin lächeln über eine einfaltige oder kluge Bemerkung des Munde. Auf den falben Schäferhund, den Paßauf, war Medard oft eiferſüchtig, denn der Knabe war mit dem Hunde ſo zutraulich und verſchwendete ſo viel Liebe an ihn, die doch ihm gebührte. An Einer Sache hatte aber Medard ſtets ſeine ungetrübte Freude. Munde war nämlich äußerſt gelehrig in der Muſik. Vielleicht iſt es noch ein Ueberbleibſel aus den verklungenen Schal⸗ meienzeiten, daß die Schäfer in der Regel kunſtfertige Pfeifer ſind, und Medard war hierin noch ein beſon⸗ derer Meiſter. Er verſtand nicht nur den nothwen⸗ digen Signalpfiff, der dem Paßauf als Lommando galt, er konnte auch alle Vögel des Waldes nach⸗ ahmen und hatte noch dazu eine unerſchöpfliche Quelle von Lieder⸗ und Tanzweiſen, in denen er trillern konnte wie ein Kanarienvogel. Er lehrte nun den Munde Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band 3 34 dieſe Fertigkeit, und wenn der Knabe dann vor ihm ſtand und den Mund ſpitzte und hellauf pfiff, umfaßte Medard mit beiden Händen ſeine Schäferſchippe und bohrte ſie tief in den Boden vor Freude. Im Herbſte lockte Medard andere Knaben zu ſich auf's Feld, da⸗ mit ſie mit dem Munde ſpielen, denn dieſer kam ihm manchmal ſo traurig und nachſinnend vor, ſo verlaſſen wie ein Schäfchen, das von der Heerde genommen iſt, und das einſam in ſich hinein jammert. Da däuchte es dann Medard, als ob ſein Munde über Alle herrſche, ſie beugten ſich ihm ungeheißen, und alte Sagen kamen ihm in den Sinn, wie ein Schäferknabe plötzlich zu einem König geworden und eine ſchöne Prinzeſſin im diamantenen Palaſte zum Ehegemahl erhielt. Er lächelte wohl über dieſe Sagen, er wußte ja, daß daran kein wahres Wort ſei, aber Munde war gewiß zu etwas Großem geboren, wenn auch juſt nicht zu einem König, und dann wollte ſich Medard in ſeinen alten Tagen das Gnadenbrod bei ihm ausbitten und unter der Stallthür ſtehend glücklich ſein, wenn ſein Bruder in der Kutſche dahinfuhr oder auf einem ſchönen Apfelſchimmel daherritt. Was läßt ſich nicht Alles ausdenken draußen bei den ſtill weidenden Thieren! Medard erſchien ſich oft ganze Wochen wie verzaubert, Alles, was er that, kam ihm ſo vor, als wäre das nur für einſtweilen, nur noch jetzt, in einer Stunde wird's anders, da kommt auf ein Mal ein groß Glück, und manchmal konnte er es gar nicht faſſen, daß der Munde noch ſo klein und jung ſei und noch ſo lange zu wachſen habe, bis er ein großer Mann, mindeſtens rihm nfaßte e und Nrbſte „da⸗ nihm laſſen en iſt, äuchte rrſche, famen ich zu ſin in 6 daf gewiß icht zu ſeinen en und n ſein einem nicht ieren! ubert, e das tunde Glüch ß der lange eſtens 35 ein reicher Graf ſei. Natürlich fehlte es auch nicht an Zeiten, wo ſich Medard vor die Stirne ſchlug und ſich ſelber auslachte über all die Narretheien, die er im Kopfe herumtrage, er war dann froh, daß Nie⸗ mand davon wußte und ſchlug ſich Alles aus dem Sinn, aber innerlich verborgen konnte er doch eine gewiſſe Hoffnung des Unerwarteten nicht ertödten, er wußte nicht was und wie, aber doch blieb's. Als Diethelm ſeine Fränz geboren wurde, hatte Medard dieſer ſchon einen Ehemann beſtimmt, lange bevor ſie ein Wort ſprechen konnte. Munde war acht Jahre alt geworden. Es war im hohen Sommer, im Thale war abgeweidet und der Pferch begann noch nicht, Medard hatte ſeinen ſämmtlichen Schafen Schellen umgehängt, und es ging nun auf den Trieb in's hohe Waldgebirge. Das Schellengeläute währte unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend, denn die Schafe auf der Weide freſſen beſtändig im Gehen und ſtehen meiſt kaum ſo lange ſtill, um das Gras auszuraufen; Medard war immer in wunderſamer Aufregung, und er dachte mit ſchweren Sinnen, daß dieſes der letzte Sommer ſei, wo er den Munde bei ſich hatte, zu Oſtern mußte dieſer bei Strafe endlich in die Schule.„Es iſt vorher ge⸗ gangen, es muß nachher auch gehen,“ tröſtete ſich Medard, wenn er überlegte, wie er dieſe Trennung ertragen werde. An einem Mittag, an dem die Nebel nicht von Berg und Thal wichen, ſaß Medard am Waldrande, an dem ein ſchmaler Holzweg ſich hinzog, und vor ihm, den jähen Berghang hinab, weideten die ℳ 5 — — — ——— 36 Schafe; Munde ſtand weiter unten, juſt in der Biegung des Weges in einer Brombeerhecke und erlabte ſich an der ſaftigen Frucht. Vom Walde oben vernahm man Hacken und Knacken der Holzhauer, und das Schellengeläute war ſo ſummend, daß Medard faſt in Schlaf verſinken wollte, da hörte er über ſich etwas poltern, er ſchaute rückwärts— hat ſich ein Felſen aus ſeiner uralten Ruhe losgelöst? Da kommt es den Weg herab, ein in Schuß gerathener lediger zwei⸗ rädriger Karren, Medard iſt ganz erſtarrt, er ſchaut auf und ſchaut hinab und ruft ſchnell: Munde, geh' bei Seite, Munde, um Gottes Willen lug' auf! Aber das Kind hörte nicht, und der Wagen iſt ſchon ſo nahe, kommt er bei Munde an, ſtürzt er die Halde hinab und zerſchmettert das Kind, es iſt kein Stein am Wege, nichts, damit man einhalten kann. All' dies Denken, Schauen, Rufen, war das Werk eines Augen⸗ blickes, ſchon iſt das zermalmende Rad nahe, Medard kann ſich retten, aber das Kind! Schnell ſtreckt Medard halb träumend, halb wiſſend, was er thut, den rechten Fuß weit vor, es knackt, der Karren ſteht ſtill... Die Leute, denen der Karren entronnen war, kamen mit Geſchrei hinterdrein, ſie fanden Medard mit zerknicktem Fuße leblos, ſie warfen ſchnell das Holz ab und luden Medard auf den Karren, führten ihn nach dem Dorfe, wo er Monate lang eingeſchindelt lag, um ſo luſtiger aber ſprang Munde um ihn her, und das erquickte den Leidenden mehr, als all' die guten Tränkchen, die der alte Schäfer bereitete, und als die ſorgſame Abwartung der Meiſtersfrau. iegung te ſich rnahm d das faſt in Felſen mit es ſchaut geh' Aber hon ſo Hade Stein l dies Augen⸗ Nedard ſtreck thut, n ſteht war, rd mit en ihn hindelt m ihn 5 al reitete, Medard war nicht ſo großmüthig, ſeinem Bruder nie zu ſagen, was er ihm für ein Opfer gebracht; das Kind verſtand deſſen Bedeutung noch nicht, und als ſpäter der Knabe und der Jüngling ſolches erkannte, war die That eine längſt gewohnte, wenig beherzigte, wenn gleich Munde dem ältern Bruder mit kindlicher Hingebung zugethan war, und es ihm nie in den Sinn kam, eine Einſprache dagegen zu erheben, daß ihn Medard ſtets„Büble“ hieß. Medard konnte, wenn auch mit einem lahmen Fuße, ſeinem Geſchäfte nach⸗ gehen, die Ruhe, die es mit ſich brachte, war ihm nun beſonders genehm, Munde war in der Schule und Medard blickte auf die Tage, da es ihm das Kind wie mit einem Zauber angethan hatte, mit verwun⸗ dertem Lächeln zurück und doch war etwas eingetroffen, und wer wußte, was noch daraus wird. Munde lebte, wie von ſelbſt verſtehend, im Hauſe Diethelms, wie das eigene Kind, und es war nicht anders zu ver⸗ muthen, als Diethelm würde dem Munde gerne ſeine Fränz zur Frau geben, denn Diethelm war wegen ſeiner Gutherzigkeit berühmt, die er allerdings zunächſt nur auf ſeine Freundſchaft(Verwandtſchaft) anwen⸗ dete. Munde war und blieb eben der Schäferprinz, wie ihn Medard oft im Stillen nannte. Bei all' ſeiner Zärtlichkeit für das kleine Brüderchen und deſſen große Hoffnungen, verſäumte indeſſen Medard doch ſeinen einſtweiligen Vortheil nicht, er wollte für alle Fälle geborgen ſein, er verſtand es, wie man hier erſt recht ſagen kann, ſein Schäfchen in's Trockene zu bringen und zwar mit ſo verſchlagener Liſt, daß Diethelm das —— — — — —— — — —— 38 unbedingteſte Vertrauen in ihn ſetzte, obgleich er es ihm noch manchmal vorrückte, daß er ein Sträfling ſei. Medard machte ſich nicht im Entfernteſten ein Gewiſſen daraus, das Vertrauen Diethelms zu mißbrauchen, denn das iſt das Unergründliche in des Menſchen Bruſt, daß oft Betrügerei neben Treuherzigkeit, Ver⸗ ſtocktheit neben Zartſinn friedlich zu wohnen vermag. Als Munde confirmirt war, wurde er Schäfer, aber der ältere Bruder gab ſeine Hoffnung noch nicht auf, Munde mußte einſt die Fränz heirathen, und je mehr das Mädchen heranwuchs, um ſo größer wurde auch ſeine Liebe zu dem jungen Schäfer, immer hütete Medard ſeinen Bruder wie ſeinen Augapfel und diente ihm, als wäre er ſein angeborener Herr. Erſt als Munde Soldat werden mußte und der Diethelm ihn nicht loskaufte, faßte Medard einen tiefen Haß gegen ſeinen Meiſter; es genügte ihm nicht mehr an den ge⸗ wohnten kleinen Veruntreuungen, er wünſchte ſich eine gewaltige That, um Zorn und Rache loszulaſſen; nur die Meiſterin that ihm leid dabei, und wenn ſie nicht wäre, ſagte er oft, hätte er den Meiſter ſchon im Stall erwürgt. Als Medard jetzt den Bericht ſeines Bruders hörte, ſagte er nichts, ſondern ſtieß nur den Rauch der Pfeife immer raſcher heraus. „Ich wollt',“ ſchloß der Soldat,„der Diethelm würde über Nacht ein armer Mann, nachher könnt' ich die Fränz heirathen ungefragt.“ „Büble, du biſt ein Narr,“ rief Medard,„du mußt ſie haben mitſammt ihrem Geld, und mag ſie noch ſo 39 hoffärtig ſein und ein Nickel iſt und bleibt ſie, aber freilich da drüber darf man mit dir nicht reden. Wenn ich nur wüßt' wie's mit dem Meiſter ſteht, ſauber iſt's nicht, das glaub' mir.“ Und nun beſprachen die Brüder das Leben des Meiſters. Diethelm war ehedem ein wohlhäbiger, ſtill arbeitſamer Bauer geweſen, er war als Knecht nach Buchenberg gekommen und hatte die reiche Wittwe, die Schweſter des Schäuflerdavids gegen den Willen ihres Bruders und ihrer ganzen Familie geheirathet. Stolz war er von je, und ſelbſt ſeine vorherrſchende Tugend, die ihm einen großen Namen machte, ſchien davon nicht frei. Damals, als Diethelm die reiche Wittwe hei⸗ rathete, lebten ſeine Eltern noch, aber ſie wie ihre anderen ſechs Kinder, die theils dienten, theils ſelber Familien gegründet hatten, lebten in äußerſter Dürftig⸗ keit. Das nahm nun ſchnell ein Ende, denn mit reicher Hand ſetzte Diethelm alle ſeine Angehörigen in Wohl⸗ habenheit und Alles was Diethelmiſch hieß, ſtand plötzlich in Ehre und Anſehen. Hatte Diethelm im Allgemeinen eine freigebige Hand, ſo war dieſes noch beſonders für einen auffälligen Zweck. Er kleidete nämlich gerne die Armen und es war ſeine beſondere Luſt, daß Alles ſtattlich daher käme, und wurde er auch oft von ſolchen mißbraucht, die fremder Gabe gar nicht bedurften, immer wieder fand ihn Jeder bereitwillig und hülfreich. Wenn unſer Meiſter nach Letzweiler kam, ſtand Alles ſtill, als erſchiene ein höheres Weſen und die Lippen be⸗ wegten ſich wie zu Segensſprüchen, denn ſolch einen Wohlthäter hatte man noch nie geſehen und Diethelm 40 hatte nur abzuwehren, daß ihm nicht Kinder und Greiſe die Hände küßten. Seine hülfreiche Mild⸗ thätigkeit war aber auch ohne Grenzen und man fabelte allerlei über ſeine unermeßlichen Reichthümer: er habe ein großes Lvos in einer fremden Lotterie gewonnen, er habe einen Schatz gefunden und der⸗ gleichen mehr, und Diethelm gefiel ſich in dem Ruhm ſeines Reichthums und ſeiner Wohlthätigkeit. In den beſten, manneskräftigen Jahren, als er Schultheiß geworden war, fiel es ihm auf einmal ein, daß er genug gearbeitet habe, er verpachtete da⸗ her ſeine Aecker und lief müßig und mit eingebildeten Krankheiten im Dorf umher, aber auch dieß Leben verleidete ihm nach wenigen Jahren, zumal er mit den Pachtbeſtändern vielerlei Quengeleien hatte. Er wollte ändern, mochte aber nicht mehr zurück, verkaufte nun trotz heftigſten Widerſpruchs ſeiner Frau alle ſeine Aecker, nur die Wieſen behielt er und lebte von Zinſen. Bald aber fing er einen kleinen Kornhandel an, der nicht ohne Gewinn war und nun ging er Tag und Nacht auf ſogenannte Spekulationen aus, die ihm auch meiſt glückten. Dieſes Verwenden der ganzen Lebens⸗ arbeit ſeiner Dorfbewohner als bloſen Werthgegen⸗ ſtandes hatte ſchon in ſich etwas Herausforderndes, Feindſeliges. Der ewige Kampf zwiſchen den Hervor⸗ bringenden und denen, die ſolches mühſame Händewerk mit Reden und Schreiben zu eigenem Vortheil ver⸗ wenden, iſt auf dem Lande naturgemäß ein Widerſtreit gegen die Kornhändler, der ſich je nach den Zeitläufen zu ausgeſprochenem Haſſe entwickelt. Das Vorhalten 41 des Gedankens von dem großen Weltverkehre und daß die Thätigkeitsergebniſſe der ganzen Menſchheit ein⸗ ander angehören, will bei dem, deſſen Auge auf der beſchränkten Stätte ſeiner Arbeit haften muß, nicht Eingang finden; in dieſer wie in andern Beziehungen arbeitet die Zeit noch überall an der Erhebung zum Gedanken der großen Weltgehörigkeit. Auch Diethelm erfuhr in ſeinem Thun mancherlei Haß und ſtatt ihn zu verſöhnen, reizte er ihn noch, indem er oft laut ſagte:„ihr arbeitet euch krumm und lahm und ich ſchau zum Fenſter hinaus und hab' meine grünen Saffian⸗ Pantöffele an, und verdien' dabei in einer Stunde mehr, als ihr in drei Monaten.“ Das war aber nicht immer der Fall und in demſelben Jahre, als Diethelm in ſeinem Handel eine große Schlappe er⸗ litt, wurde er auch nicht mehr zum Schultheiß ge⸗ wählt und er begann nun das Schafhalten und den Wollhandel. Die Umgegend von Buchenberg eignete ſich allerdings dazu, die Schafe ihre ſieben Monate auf dem Weidgange zu erhalten, aber auch Seuchen blieben nicht aus, die empfindliche Verluſte mit ſich führten. Medard war gegen ſeinen Herrn voll Zorn und Haß, und wiederum voll ergebener Abhängigkeit. Wenn er nun auch ſchon ſo viele Jahre bei ihm diente, ließ es ihn Diethelm gelegentlich doch noch immer fühlen, daß er ihn als Sträfling zu ſich genommen und be⸗ handelte ihn oft mit thranniſcher Willkür, gegen die auch nicht der leiſeſte Widerſpruch ſich erheben durfte. In der Seele des Schäfers ſetzte ſich daher eine —* —— — 42 Bitterkeit feſt, die ihn wünſchen ließ, daß ſein Herr einmal zu Falle kommen oder in ſeine Hand gerathen möge. Munde dagegen war voll aufrichtiger Liebe gegen Diethelm, der ihm dafür auch mit beſonderer Freund⸗ lichkeit zugethan war. Fünftes Kapitel. Während die beiden Brüder draußen vor dem Thore ſich über das Leben ihres Meiſters beſprachen, ſaß dieſer drinnen beim Sternenwirth im hintern Stübchen vor einer Flaſche vom Beſten, die der Sternen⸗ wirth zu Ehren ſeines Gaſtes auftiſchte und dabei ſeine Familienverhältniſſe darlegte. Halb klagend, halb ruhmredig erzählte er, wie ſich die Zeiten ändern, er ſelber ſei noch Metzger geweſen und habe dabei gewirthet, jetzt aber müſſe ein Wirth alle Sprachen kennen und ein Handwerk daneben treiben ſei gar nicht denkbar, ſein Wilhelm ſei aber auch in Genf und„auf der Univerſität von allen Kellnern, im Schwan in Frankfurt geweſen.“ Diethelm zeigte ſich dieſen Mittheilungen beſonders theilnehmend und aufmerkſam, denn es iſt dem ban⸗ genden Herzen oft nichts erwünſchter als durch Auf⸗ nahme fremden Schickſals ſeines ſelbſt zu vergeſſen. Während der Sternwirth erzählte, hatte ſich eine von deſſen Töchtern und der Sohn angelegentlich mit Fränz beſchäftigt und waren oft in lauten Scherz ausge⸗ brochen; der Sternwirth rückte nun, von der Theil— 44 nahme ſeines Zuhörers ermuthigt, weiter heraus, wie glücklich ein vermögliches Mädchen mit ſeinem Wilhelm werden könne, er wolle den Engel in der obern Stadt kaufen und ausbauen und ſei ohne Rühmens der ge⸗ ſchickteſte Wirth. Diethelm nickte einverſtändlich und bemerkte nur, daß der Wilhelm noch jung ſei und wohl noch ein paar Jährchen warten müſſe, und der Wirth ſtieß eben mit ihm an, als der Reppenberger eintrat. Diethelm nahm ihn bei Seite und vernahm, daß nichts zu verkaufen ſei und höchſtens um's halbe Geld. „Sag nur, ich behalt' den Poſten auch noch,“ rief Diethelm plötzlich laut und ſagte dann, daß es Alle hören konnten leichthin zu dem Wirth: „Kannſt mir nicht auf eine Stunde fünf hundert Gulden geben?“ „Auf eine Stunde kann's ſchon ſein,“ erwiederte der Wirth,„es hat mir ein Händler tauſend Gulden aufzubewahren gegeben. Nicht wahr, du bringſt mir's gleich wieder? Von wegen, wenn's mein wär' könnteſt's behalten ſo lang du willſt, wär' mir ſicherer als im Kaſten. Es iſt halb Silber und halb Papier. Was willſt?“ „Die Thaler, der Steinbauer hört das Geld gern klappern, er traut ihm eher.“ Diethelm empfing ein graues Säckchen mit den Geldrollen, er übergab die kleine Laſt dem Reppenberger zum Tragen, befahl der Fränz ihn hier zu erwarten und ging mit ſeinem Geleite ſtolz durch das Markt⸗ gewühl. In der Poſt brach er alle Rollen auf und 45 zählte und klimperte lange mit dem Gelde, das er dem Steinbauer einhändigte; das graue Säckchen betrachtete er dann eine Weile ſtill und ſteckte es endlich zu ſich, wobei er es an Spottreden auf den Steinbauer nicht fehlen ließ; dieſer aber zählte aber und abermals die Häufchen ab und hörte auf Nichts. Vor dem Hauſe athmete Diethelm tief auf und ſagte dem Reppenberger, daß er tauſend Gulden haben müſſe, und wenn er ſie aus dem Heiligenkaſten ſtehlen ſolle. „In dem Neſt muß Geld ſein, hilf's holen,“ er⸗ mahnte er den Reppenberger. Dieſer wußte auch Rath, der Kaſtenverwalter hatte einen großen Poſten bereit, aber nur auf Hypothek oder Wechſel. Von erſterer konnte bei Diethelm keine Rede mehr ſein, er hatte nichts Unbewegliches als ſein Haus und die Wieſen, und das war die letzte Sicherheit der Frau; und hätte er auch dieſe, wie er wohl wußte, zu einer Unterſchrift bewegen können, er durfte es für ſich ſelbſt nicht thun, denn mit Aufnahme einer Hypotheke wäre all' ſein Anſehen vernichtet; vor dem Wechſel aber hatte Diet⸗ helm eine Höllenſcheu, der Reppenberger mochte das einen albernen Bauernaberglauben ſchelten und darüber ſpötteln wie er wollte. Vor der Thüre des Kaſten⸗ verwalters ſtand Diethelm mit Reppenberger wie an⸗ gewurzelt, er lachte zwar, wenn Reppenberger das „Haus Diethelm“ aufforderte, zu verfahren wie ihm zukam, aber innerlich bebte ihm das Herz; endlich mußte doch ein Entſchluß gefaßt werden, und weil denn einmal das Unvermeidliche zu vollziehen war, entlehnte 46 Diethelm gleich noch ein zweites Tauſend. Dennoch erhielt er nur mit großer Mühe ſechshundert Gulden baar, das Uebrige mußte er in fremden Staatspapieren zu hohen Tagespreiſen übernehmen. Noch nie zitterte die Hand Diethelms ſo ſehr, als da er den Wechſel unterſchrieb. Auf der Straße war's ihm, als ſähe es ihm Jedermann an, daß er ſich dazu verpflichtet hatte, nach drei Monaten in ſchmähliche Gefangenſchaft zu gehen; aber die Leute waren ſo ehrerbietig wie je und im Stern fand man es nicht im Entfernteſten ver⸗ wunderlich, daß Diethelm auf die Minute ſein Wort hielt, und als dieſer dem Wirthe die Staatspapiere aufzubewahren gab, kam ein neuer Stolz über ihn: „Tauſende handeln ja nur mit Credit, warum ſoll ich es nicht auch? Ich kann auch mit einem Federſtrich Summen hin⸗ und herſchieben.“ Die Furcht vor einer Wechſelſchuld war ihm in der That nur ein Aberglaube, und der Wein erfriſchte ihm jetzt das Herz wie noch nie. Auf die Bitten der Wirthsleute und der Fränz verſprach er, über Nacht zu bleiben und den Honoratioren⸗Ball zu beſuchen. „Das Haus Diethelm bleibt,“ ſagte er halb ſelbſt⸗ ſpöttiſch, es wußte Niemand was er damit meinte. Er ging nun hinaus vor das Thor, um ſeinen Schäfern Beſcheid zu ſagen und der Mutter Nachricht zu geben. So traf Diethelm die beiden Brüder mitten im Geſpräche über ihn; er war voll guter Laune, als ihm Medard das Geld für die verkauften ſiebzig Paar Hämmel übergab, händigte ihm ein namhaftes Trink⸗ 47 geld ein und befahl ihm ein Fuhrwerk zu nehmen und raſch nach Buchenberg zu fahren, dort der Meiſterin Beſcheid zu geben und Alles herzurichten zur Aufnahme der neuen Waaren und Schafe. Bald fuhr Medard mit ſeinem Bruder in die linde Nacht hinein, Buchen⸗ berg zu. —— —— — — —— § Sechstes Kapitel. Diethelm wollte nun ſogleich von dem Kaſtenver⸗ walter den Wechſel auslöſen, aber er überlegte, daß er dann ohne baar Geld ſei und noch nie hatte er ſolche Freude an die ſem gehabt wie heute. Das Marktgewühl verlief ſich allmälig, die großen Leiterwagen mit luſtigen Bauern und B Bäuerinnen voll beſetzt, konnten ſchon in ungehemmtem Schritte durch die Straßen heimwärts fahren, in den Krämerbuden wurde bereits eingepackt und gehämmert und die Pferde der Uebernachtenden wurden zur Abendtränke an den Marktbrunnen geführt. Es war Diethelm, der Allem in Gedanken verloren zuſchaute, als bliebe er zum erſtenmal in ſeinem Leben in einem fremden Orte über Nacht und als ſei er fern in der weiten Welt und dieſe Stadt nicht ihm wohlbekannt und heimiſch. Er wartete noch bis auch ſeine Rappen zur Tränke ge⸗ führt wurden, dann ging er abermals nach dem Kauf⸗ hauſe, um die Beförderung der eingekauften Vorräthe nach ſeinem Heimathsorte anzuordnen. Als begänne das eben am Himmel aufflammende Abendroth zu tönen, ſo war's als jetzt die Stadtzinkeniſten den feierlichen 49 Abendchoral vom Thurme erſchallen ließen. Diethelm achtete nicht lange darauf und die Oedigkeit und Kühle, die jetzt in dem vor Stunden ſo menſchenvollen Kaufhauſe herrſchte, machte ihn eine Weile fröſteln, aber er ließ es dennoch nicht an Unmſicht fehlen und der Reppenberger verſah ſein Aufſeheramt meiſterlich. Fünf große Wagen fuhren nach Buchenberg als Diet⸗ helm wieder in den Stern zu ſeiner Fränz zurückkehrte, und zu neuem Aufſehen eine weitere Summe zum Aufbewahren übergab. Das Innere des Hauſes hatte in wenigen Stunden ein ganz anderes Anſehen gewon⸗ nen und ein Mädchen lachte in der Stube Diethelm aus, weil er es lange anſtarrte, und nicht erkennen wollte; es war Fränz, die in dem weißen Kleide der Wirthstochter mit veränderter Haartracht in der That ganz unkenntlich war. Diethelm ſchalt offen über dieſe Vermummung, denn theils regte ſich ſein Bauernſtolz in ihm, theils fühlte er auch wohl wie ungemäß dieſe Erſcheinungsart für die Fränz war. Der Wirth ſuchte ihn zu beſchwichtigen, aber eine Stimme aus der Ecke rief: „Der Herr Diethelm hat ganz recht, die gewohnte Tracht ziert den Bauersmann am beſten, und iſt auch die nützlichſte, weil ſie nicht aus der Mode kommt.“ Zu ſeinem Schrecken erkannte Diethelm den Kaſten⸗ verwalter und doch that er raſch freundlich zu ihm und rühmte ſich beim Glaſe ſehr viel, wie ſtolz er darauf halte, ein echter Bauersmann zu ſein. „Dreieckiger Hut, dreifache Verſicherung, hat ehemals bei uns gegolten,“ ſagte ein hagerer Stammgaſt mit Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 4 ———— ——— 50 langer Pfeife, der neben dem Kaſtenverwalter ſaß und ſich als den Kaufmann Gäbler aus der Stadt zu er⸗ kennen gab. Und wo drei im Vaterlande heutigen Tages beiſammen ſitzen, ſprechen ſie über die fort⸗ ſchreitende Noth und Verarmung des mittlern Bürger⸗ und Bauernſtandes. So auch ging es hier. Leicht aber nehmen ſolche Geſpräche eine ſelbſtiſche Wendung, die mehr oder minder ausdrücklich darauf hinausläuft, ſich am eigenen Wohlgefühle zu erquicken. Diethelm verſtand es dabei meiſterlich, eine beſcheidene Großthuerei an den Tag zu legen und als der Kaſten⸗ verwalter die ſicheren Hypotheken lobte, gab Diethelm zu verſtehen, daß er deren auch manche habe, daß er ſie aber für den Handel nicht angreife,„das wäre ja,“ ſagte er,„wie wenn man einen Balken aus dem Haus nähme, um damit Feuer auf dem Heerd zu ma⸗ chen.“ Der Kaſtenverwalter fand das klug und lobte das Haus Diethelm und dieſer fand ein eigenes Wohlge⸗ fühl darin, mit Prahlereien um ſich zu werfen und es vünkte ihn bald nichts als pure Wahrheit, denn es iſt ja gleich, was man beſitzen mag, wenn nur die Men⸗ ſchen daran glauben, der Glaube macht ſelig und der Glaube macht reich. Endlich rückte der Kaufmann Gäbler mit ſeinem eigentlichen Vorſatz heraus, er war Agent einer Brandverſicherungs⸗Geſellſchaft und Diet⸗ helm ſollte die eingekaufte Waare und all ſeinen Haus⸗ rath verſichern. Mit überlautem Widerſpruche ver⸗ neinte Diethelm dieſe Anmuthung und hatte dafür allerlei unhaltbare Gründe vorzubringen, die der Kaſten⸗ verwalter mit Siegesſtolz widerlegte, wobei er mit beſonderm Nachdrucke wiederholte, daß nicht der Bauer Diethelm, ſondern das Handlungshaus Diethelm ver⸗ ſichern müſſe. Als endlich auch der Sternwirth bei⸗ ſtimmte gab Diethelm nach, aber unweigerlich beharrte er gegen den neuen Vorſchlag auch ſein Leben zu ver⸗ ſichern, ja er wäre vielleicht darob zu einem heftigen Streite mit dem Kaſtenverwalter gekommen, wenn nicht plötzlich ein Zwiſchenfall eingetreten wäre, der Diet⸗ helm im hellſten Glanze ſtrahlen machte. Ein junger Mann trat ein und fragte nach Diethelm, dieſer ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit hoher Freude und zwang ihn mit an den Herrentiſch zu ſitzen. Nach vielem Widerſtreben willfahrte der junge Mann, der ein Zeug⸗ weber aus der Stadt war und ſo viel auch Diethelm abwehrte, bald ſprach Alles am Tiſche nur Lob und Preis über ihn, denn der junge Handwerker, Kübler mit Namen, war Bräutigam mit der Bruderstochter Diethelms aus Letzweiler, und Diethelm war es allein der das Mädchen ausſtattete, ſo daß zu Neujahr die Hochzeit ſein ſollte. Diethelm nickte bejahend als der Kaufmann Gäbler ſagte:„wenn der Vetter Diethelm für euch gut ſagt, Kübler, könnt' ihr bei mir holen, was ihr wollt.“ Immer auf's Neue erhob ſich das Lob Diethelms, der mit fürſtlicher Freigebigkeit ſeinen Verwandten aufhelf' und der Sternwirth nannte ihn ſogar einen Napoleon. Anfangs war Diethelm dieſer Ruhm im Beiſein ſeines Gläubigers peinlich geweſen, als aber auch der Kaſtenverwalter einſtimmte, war es ihm, als wachſe er immer und als endlich der Beginn des Honoratioren⸗Balls in der Poſt angekündigt war, 4* 9 — — —— 62 trat Diethelm ſo breit in den Saal, daß die beiden Flügelthüren nicht vergebens aufgemacht waren. Diethelm fühlte ſich bei all ſeinem Stolze doch bald nicht recht wohl bei dieſer Luſtbarkeit und ſo genehm es ihm auch war, mit Beamteten an Einem Tiſch zu ſizen, er machte ſich doch bald zu dem alten Stern⸗ wirth, der daheim in der unteren Stube geblieben war und hier ging ihm eine neue Hoffnung auf. Der Sternwirth ſagte offen, daß er und Diethelm keine Unterhändler brauchten und erklärte geradezu, daß ſein Wilhelm und die Fränz wohl für einander paßten, er verbreitete ſich ſehr über die wirthliche Tüchtigkeit eines klugen Bauernmädchens und wie wohl angelegt hier eine reiche Mitgift ſei. Diethelm gab nur abgebrochene Antworten und hielt dabei immer der Art inne, daß der Sternwirth etwas einſchieben mußte. Immer wohl⸗ gemutheter und zutraulicher wurden die beiden Genoſſen, denn der Sternwirth bewährte heute an ſich ſeine alte wirthliche Ermahnung:„Der Wein hängt an einan⸗ der.“ Mit dieſem Worte brachte er immer wieder volle Flaſchen auf den Tiſch. Spät in der Nacht, als die Gäſte ſich bereits ent⸗ fernt hatten, ſaß Diethelm und Fränz noch bei den Wirthsleuten und es war ihnen allen ſo vertraut zu Muthe, daß man ſich gar nicht trennen mochte und doch ſprach man nichts von der neuen Familieneini⸗ gung, aber dieſe ſchien allen in der Seele zu leben. Um dieſelbe Zeit ſaß in Buchenberg noch die Frau Diethelms harrend bei der einſamen Lampe. Es war eine Frau von großer hagerer Geſtalt und feinem faſt vogelartigem Geſichte, ſie war erſichtlich älter als Diethelm, und wie ſie jetzt tief Athem holend vom Spinnen aufſchaute und in die Lampe hinein ſtarrte, ſah man, daß ein ſchwerer Kummer ſich in dieſem Antlitze heimiſch angeſiedelt hatte. Sie hatte heute alle heimkehrenden Marktgänger nach ihrem Manne ausgefragt, die einen gaben nur halben Beſcheid, die anderen verkündeten Dinge die unglaublich waren. Freilich hielt Diethelm ſtrenge darauf, daß ſie keine volle Einſicht in ſeine Handelſchaft hatte, ſo viel aber wußte ſie doch, daß er jetzt baar Geld brauchte, er konnte alſo unmöglich eingekauft haben. Mit den heimkehren⸗ den Marktgängern, ihren mitgebrachten Lederſpangen, Gewandſtoffen, Kinderpfeifen und Kindertrompeten, mit der Muſterung der eingekauften Pferde und Kühe, vor Allem aber mit der lärmenden Laune der Angetrun⸗ kenen war etwas von dem geräuſchvollen Marktgewühle in das ſtille Dorf gedrungen und die Heimgebliebenen ſahen dem verwunderlich zu; vor Allen aber betrach⸗ tete die Grobbäuerin— wie Martha Diethelm noch immer nach ihrem verſtorbenen Manne genannt wurde — das Alles als wäre es etwas Unerhörtes. Da zeigten die einen die neuen Schuhe und Stiefel, die ſie in der Hand trugen und ließen um den Preis rathen, oder ſie übergaben den Kindern die für ſie ein⸗ gekauften, die damit davon rannten; andere ließen ihre neuen Hüte muſtern, die ſie auf dem Kopfe trugen, während ſie die alten in der Hand hielten und man⸗ cher Spaßvogel ſtülpte den neuen Hut über den alten auf den Kopf. Der Schmied hatte ſeinen Weißdorn⸗ ſtock quer über den Rücken gelegt und die Arme als Haken darüber geſchlungen, Martha wußte nicht, war es die Weinlaune oder Ernſt als er ihr berichtete, der Diethelm käme zehnmal ſo reich wieder heim. Als es wiederum ſtille im Dorfe wurde, in den Häuſern die Lichter erflammten und ein Jedes im Kreiſe der Seinen erzählte, was ihm an dem heutigen wichtigen Tage begegnet war, ſaß Martha noch immer im Dunkeln in ihrer Stube; ihr war ſo bang, ſie war wie feſtgezau⸗ bert, daß ſie nicht der Magd nach Licht rufen konnte, und als dieſe endlich von ſelbſt damit kam, heiterte ſie ſich wieder auf, es war ja nichts geſchehen, worüber ſie zu bangen ein Recht hatte, und ſie ließ ſich gerne von der Magd berichten, welche neue Kleider u. dgl. in das Dorf gekommen waren. Als endlich Schlafens⸗ zeit und noch immer tein Diethelm und keine ausdrück⸗ liche Nachricht von ihm kommen wollte, ſchickte ſie die Magd zu Bette und ſetzte ſich an ihren Spinnrocken, um ſich wach zu halten. Die Wanduhr ſchlug neun, die an Ketten hängenden Gewichte raſſelten nieder und pochten an den Uhrenkaſten. Martha erhob ſich und zog die Uhr auf, ſie erinnerte ſich, wie in der er⸗ ſten Zeit ihrer Ehe, als Diethelm noch„hauslich“ war, er jeden Abend ſelbſt zur beſtimmten Stunde die Uhr aufgezogen; ſie betrachtete das Zifferblatt, da ſtand mit großer Schrift ihr Name und der Diethelms, ſo wie die Jahreszahl ihrer Hochzeit in einem Blumenkranze; damals als die Uhr zum Erſtenmal hier hing, war große Freude und wie viel ſchwere Stuhden hat ſie ſeitdem geſchlagen und wie iſt ſie ſelbſt ein Erinne⸗ rungszeichen des Zerfalls geworden, denn dieſe einfache Uhr koſtet dreitauſend Gulden; Diethelm hatte für ſeinen Schwager, der ſich mit dem Uhrenhandel beſchäftigte, um dieſe Summe Bürgſchaft geleiſtet, der Schwager war in der Fremde geblieben, und man konnte noch von Glück ſagen, daß er ſeine Familie nachkommen ließ, nachdem man ſie mehrere Jahre ernähren mußte. Ach! An Alles knüpften ſich traurige Erinnerungen. Es war ſtille ringsum, denn das Haus Diethelms lag weitab vom Dorfe auf einer Anhöhe. Martha öffnete das Fenſter, horchte hinab und ſchaute hinein in die ſternglitzernde Nacht, dann ſetzte ſie ſich wieder zur wachhaltenden Arbeit und ihr ganzes Leben zog an ihrem Sinnen vorüber. Jung verheirathet an einen grämlichen, bis zum Hungerleiden geizigen Mann, der nicht umſonſt der Grobbauer hieß, hatte ſie ein ſchwe⸗ res Lvos, ſie gebar drei Kinder, von denen ſie zwei begrub und nur das älteſte, eine Tochter war ihr ge⸗ blieben als auch ihr Mann ſtarb. Sie verfeindete ſich mit ihrer ganzen Familie, beſonders aber mit ihrem Bruder, dem Schäuflerdavid, als ſie ihren überaus ſchmucken Knecht, den Diethelm heirathete. Die Leute ſagten, der Diethelm habe um die Tochter Marthas ge⸗ freit, die Mutter aber habe ihn für ſich behalten. Bald nachdem die Tochter auf den Kohlenhof, zwei Stunden von Buchenberg, verheirathet war, feierte Martha ihre Hochzeit mit Diethelm. Dieſer, obgleich zwölf Jahr jün⸗ ger, ſchien überaus glücklich mit ſeiner rüſtigen wohl⸗ häbigen Frgu, er ehrte und erfreute ſie, wo er es nur immer vermochte und ſchien ſich noch immer faſt als 56 Knecht zu betrachten, denn er verfügte über nichts in Haus und Feld, ohne vorher die Frau darum zu befragen. Buchenberg gehört noch zu jenen Dörfern, wo Alles mit einander verwandt iſt, weil die großen Bauern nur unter ſich heirathen. Um ſo glücklicher durfte ſich Diethelm ſchätzen, vom fremden Knechte zum reich angeſeſſenen Hofbauern erhoben zu ſein. Er ſchien das auch zu erkennen. Bald aber erhielt Martha die dunde, wie er hinter ihrem Rücken über Großes ver⸗ fügte und eine namhafte Summe ſeinen Verwandten ſchenkte. In ſeltſamer und doch ſo häufig vorkommender Verkehrtheit ging ſie Tage ja Wochen lang mit tiefem, immer ſich ſteigerndem Zorn in der Seele umher, und unverſehens bei den geringſten Anläſſen brach ſie in Verwünſchungen, in Schelten und Weinen aus, daß Alles zu Grunde gerichtet werde, und die Erwartung, daß Diethelm endlich ſelber ſeine geheime Schuld be⸗ kennen würde, konnte immer ſchwerer in Erfüllung gehen, denn Diethelm ſah nun auf Einmal in ſeiner Frau ein verändertes zänkiſches Weſen, ſah ſich für ſein ganzes Leben an's Unglück geſchmiedet und freute ſich im Stillen doppelt, daß er in der Aufhülfe ſeiner Familie doch noch eine Freude habe, während ihm ſonſt nur Leid bevorſtand; er wußte doch jetzt, wofür er ſolches zu erdulden habe. Dem allzeit keifenden Weſen ſeiner Frau ſetzte er unverbrüchliches Stillſchweigen gegenüber, und als er dies endlich brach, da die Frau ihn im Beiſein des Metzgers über den eigenmächtigen Verkauf eines Kälbchens hart anließ, erfuhr er endlich die lange verhaltene Urſache vom Zorne ſeiner Frau. Jetzt aber war in ihm der gerechte Grund ihres Un⸗ willens längſt vernichtet und abgebüßt und mit ſchnei⸗ dendem Spott erklärte er ſeiner Frau, daß er nicht, wie ſie, kein Herz für ſeine Familie habe. So verkehrt es auch war, daß Diethelm ſeiner Frau ein Verhältniß zum Vorwurf machte, das doch nur um ſeinetwillen eingetreten war, ſo wirkte dies doch ſo erbitternd auf Martha, daß ſie, ohne ein Wort zu ſagen, mit hervorgequollenen Augen, mit knirſchen⸗ den Zähnen und zitternd gekrallten Fingern auf Diet⸗ helm eindrang, als wollte ſie ihn in Stücke zerreißen. Diethelm ſtand ſtarr und regungslos bei dieſem An⸗ blicke. So hatte er ſich nie gedacht, daß ſeine Frau wer⸗ den könne. Als ſie nun ihm ganz nahe war, verzerrten ſich ihre Mienen zur grimmigſten Fratze, aber ſie legte nicht Hand an ihn, ſondern ſtieß nur einen unartikulirten Schrei höchſter Verachtung aus und verließ die Stube. Von jenem Tage an und gerade aus dem Aus⸗ bruch von ſo mächtigen Zorn- und Haßgedanken war eine ſeltſame und doch wieder ſo leicht erklärliche Ein⸗ kehr in den Gemüthern der beiden Ehegatten vorge⸗ gangen. Diethelm erkannte und ſprach es aus, daß er ſeiner Frau unrecht gethan, da ſie vollberechtigt ſei, in der Verwendung ihres Beſizthums darein zu reden und erklärte nun die Hülfloſigkeit ſeiner Angehörigen, und wie er ſich ſchämen müßte, ſelber im Ueberfluſſe zu leben, während ſeine Nächſten darbten. Auch Martha erkannte dies und daß ſie ungerecht gegen ihren Mann geweſen, aber ausdrücklich bekennen konnte ſie das nicht, obgleich ſie oftmals auf Diethelm's Gutherzigkeit zu ſprechen kam und dabei das zum Verzweifeln karge Weſen ihres verſtorbenen Mannes erwähnte. Sie ſchickte nun ſelbſt, ſo oft ſich Gelegenheit gab, Allerlei nach Letzweiler und Diethelm, nun vollkommen gedeckt, wollte allen ſeinen Angehörigen gründlich aufhelfen. Ein wirklich ungewöhnlich mächtiger Familienſinn, da⸗ bei aber auch die Luſt, frei und offen über ein großes Beſitzthum zu verfügen und vor Allem die Ehre und der Ruhm, der ihm dadurch ward, ließen ihn faſt keine Grenzen mehr kennen. Das Haus des Grobbauern, das ehedem von den Bettlern gemieden war, zeigte ſich ſeit Diethelm's Zeiten als die reichſte Quelle der Wohlthaten, und es wurde viel gerühmt, daß Martha nie einem Armen eine abgerahmte Milch gab. Eine Eigenſchaft zeigte ſich bei Diethelm in Allem, es war eine unerſättliche Ehrbegierde, er hätte lieber das tiefſte häusliche Elend ertragen, ehe er davon etwas in der Welt verlauten und ſo ſeine Ehre blos⸗ ſtellen ließ. Als nun nach fünf Jahren kinderloſer Ehe die kleine Fränz geboren wurde, war er voll ſteten Jubels und an dem Kinde ſchien immerwährend ſein ganzes Leben zu hängen. Aus dem Geſpräche der beiden Schäfer iſt uns noch erinnerlich, welch' eine ſeltſame Lebenswendung Diethelm einſchlug und wie bald keine Spur mehr davon übrig war, daß er einſt das Beſitzthum ſeiner Frau wie ein Dienſtbote be⸗ trachtet hatte. Er ſchien fortan keine Ruhe mehr in ſeinem Hauſe und in ſeinem ganzen Leben zu haben; es kam hierüber zu heftigen Erörterungen, und Diet⸗ 59 helm behauptete ein für allemal, er habe es verſäumt, ſeine jungen Jahre zu genießen und müſſe das jetzt nachholen. Von jener Zeit an ſah Martha, welch' ein Leben ihr geworden war, ſie ließ Alles ohne Wider⸗ rede geſchehen, den Güterverkauf, den Fruchthandel, die Schafhalterei; ſie hatte einen Mann, der ſie des Reichthums wegen geheirathet, und der nun, deſſen ge⸗ wohnt, ihrer kaum mehr achtete und ſeine Freude außer dem Hauſe ſuchte. Das war aber nicht immer der Fall, denn Diethelm hatte Zeiten, da er voll Ehrerbietung gegen ſeine Frau war und ſie ſcherzweiſe Meiſterin nannte, und die Frau hatte bei all' ihrem vergrämten Weſen doch oft Mitleiden mit dem Mann, der vielleicht mit einer jungen minder begüterten Frau glücklicher geworden wäre. So lebten dieſe Leute ſchon zwei und zwanzig Jahre in der Ehe und hatten noch ihre Eini⸗ gung nicht gefunden, und doch ſtrebte eigentlich im Innerſten ein Jedes dem andern zu Gefallen zu leben und war auch viel Streit und Zank zwiſchen ihnen, war das eine vom andern entfernt, gedachten ſie mit inniger Sehnſucht einander und die Frau beſonders war dann beſtrebt, gegen Jedermann ihren Diethelm zu preiſen. An Fränz, wenn ſie zu Haus war und nicht nach ihrer Gewohnheit den Vater überall geleitete, hatte ſie keine Stütze, denn das Mädchen hatte das hoffärtige Weſen ihres Vaters geerbt, Großthun, die Welt in Neid von ſich reden machen, war ihr ewiges Dichten und Trachten, und ſie ſchalt wie Diethelm die Grämlichkeit und das Schwarzſehen der Mutter eine Alterskrankheit, die ſie höchſtens bemitleidete. Martha ſaß jetzt allein, rückwärts ſchauend in die Vergangenheit und vorwärts nach ihrer einzigen Sehn⸗ ſucht, dem Tod. Da hörte ſie einen Wagen die Straße daherfahren, eine Männerſtimme rufen, und mit der Freude eines Mädchens, das den Bräutigam erwartet, rief ſie zum Fenſter hinaus in die Nacht: Willkommen Diethelm! Es antwortete Niemand, ſie ſteckte ſchnell die Ampel in die Laterne, eilte hinab und als ſie die Ankommenden ſah, ſchrie ſie jammernd laut auf. „Was habt ihr Meiſterin?“ fragte der Schäfer, dem ſein Bruder voraufgegangen war. „Was will der Landjäger?“ fragte die Frau. „Das iſt kein Landjäger, das iſt ja mein Munde,“ antwortete der Schäfer, und Munde faßte die Hand der Frau, die zitternd und kalt war. Als Medard in der Stube die Vorgänge in der Stadt erzählte, preßte die Frau die Lippen und ihre vogelartige Naſe wurde kreideweiß, ſie ſprach kein Wort und ſchüttelte nur mehrmals mit dem Kopfe. Als ſie endlich in ihrer Kammer allein war, warf ſie ſich auf die Kiſſen und weinte hinein und ſchrie die Worte: „Ausborger! Vergantet! Letzweiler Lump.“ Dann richtete ſie ſich wieder ſchnell auf, riß die Kiſſen vom Bette und ſchrie wie raſend:„Das Alles wird ver⸗ ſteigert, Alles. Auf's Stroh, auf's Stroh bringſt du mich.“ Und ſie warf ſich auf das Stroh, weinte lange, bis ſie endlich entſchlummerte. Siebentes Kapitel. Von Trompeten⸗ und Poſaunenſchall erweckt ſchlug Diethelm am Morgen die Augen auf, es ſchien ihm faſt, als ob es die Stadtzinkeniſten gerade auf ihn abgeſehen hätten und ihm war jetzt ſo ſchwer, als ob die ganze Laſt des Erkauften leibhaftig auf ihm läge; er überſchaute jetzt nochmals die Zahlen in ſeiner rothen Schreibtafel und erkannte, daß er mehr eingethan als in's Mäß will. Jetzt galt es aber muthig einzuſtehen. Fränz war ſehr mißlauniſch, ſie hatte ſich in den vor⸗ nehmen Kleidern doch ausnehmend gefallen und kam ſich wie erniedrigt vor in der gewohnten Tracht. Sie mußte nun den Vater zu dem Kaufmann Gäbler be⸗ gleiten, wo man feines blaues Tuch zu einem Mantel für die Mutter einkaufte, und von den Zureden Gäblers unterſtützt ließ ſie nicht ab, bis auch für ſie mehrere ſtädtiſche Kleider eingekauft wurden. Gäbler war überaus freundlich und ſagte, daß Diethelm mit Recht den Ruhm habe, daß gut mit ihm handeln ſei und er etwas an ſich verdienen laſſe. Als Diethelm die Waare bezahlen wollte, lehnte dieſes Gäbler mit dem höflichen Beiſatze ab, ſolche Kunden müſſe man feſthalten, denen —— * — ſtelle man Jahresrechnung und Diethelm lächelte in ſich hinein; ſo klein auch dieſe Summe war, es zeigte ſich doch wieder, wie die ganze Welt ihm ihr Beſitzthum aufdrang und Vertrauen in ihn hatte. Warum ſollte er das ſelbſt nicht haben? Gäbler rief Diethelm noch auf der Straße nach, daß er in den nächſten Tagen mit dem Brandſchätzungs⸗Commiſſär nach Buchenberg käme, um Alles aufzunehmen und zu verſichern und er hoffe, daß das Beiſpiel Diethelms ihm mehr Kunden im Oberlande verſchaffen ſolle. Diethelm hatte das eingekaufte Manteltuch im Arm, jetzt ließ er es plötzlich fallen und als er ſich darnach bückte, fiel er nach der ganzen Körperlänge auf den Boden. Fränz und der herzugeeilte Gäbler hoben ihn raſch auf und Diethelm behauptete mit ſchmerzverbiſſenem Ant⸗ litze, daß er über einen Pflaſterſtein geſtrauchelt ſei. Der Abſchied von den Wirthsleuten im Stern hatte etwas erzwungen Heiteres, der Sternwirth ſagte noch bei der letzten Handreichung:„es bleibt alſo wie wir abgeredet.“ Diethelm nickte bejahend. Mit einem beſondern Behagen legte er dann das Mantel⸗ tuch in die Kutſchentruhe, er konnte ſeiner Frau da⸗ mit doch beweiſen, wie er ihrer gedacht, und erſt als er ſchon fuhrfertig oben ſaß, kam Fränz mit hoch⸗ glühenden Wangen und verweinten Augen. Die beiden Wegfahrenden ſprachen kein Wort mit einander, und Diethelm ſchaute immer rechts und links nach den Häuſern, ſein Blick haftete beſonders auf jenen Täfelchen, darauf im ſchwarzen Felde zwei rothe Hände in einander verſchlungen waren. Erſt vor der 63 Stadt nahm Diethelm die Peitſche auf und ſchlug fluchend und im heftigen Zorn auf die beiden Rap⸗ pen, daß ſie im wilden Trab dahin rannten. Es war ein ſchöner heller Auguſtmorgen, die Leute am Wege arbeiteten als wäre nicht geſtern Markttag geweſen und mancher ſchwere Garbenwagen, der langſam des Weges daherkam, hatte kaum Zeit dem pfeilſchnellen Gefährte auszuweichen, und Mancher im Felde drohte mit dem Garbenknebel, mancher Bauer fluchte mit ge⸗ ballter Fauſt hinter Diethelm drein, denn er war beim raſchen Ausweichen in einen aufgeſchichteten Steinhau⸗ fen am Wege oder gar in den Weggraben gefahren und konnte nun lange nicht mehr vom Fleck, während Diethelm raſch aus den Augen verſchwand. An der erſten Anhöhe begegnete Diethelm einem leeren Wagen, er hielt an, und erfuhr auf die Frage: woher? daß dieß der Knecht des Steinbauern war, der ihm Wolle zugeführt hatte. „Haſt ein Trinkgeld bekommen?“ fragte Diethelm. „Wüͤßt' nicht von wem. Die Frau hat ſich gar nicht ſehen laſſen, ein Schäfer und ein Soldat haben die Ballen abgenommen. In einem Gemiſch von Demuth und Stolz ſagte Diethelm, in die Taſche greifend:„Ich bin der Diet⸗ helm, bin ſelber Knecht geweſen und weiß, was ein Trinkgeld iſt. Mein' Frau iſt krank. Säh,“ und er warf buchſtäblich das Geld auf die Straße und fuhr davon. Diethelm ſchimpfte gegen Fränz über die Mutter, die ihn gewiß wieder„mit ihrem Gruchzen in der 64 ganzen Welt verbrüllt habe“ und Fränz hatte darauf nichts zu erwidern, als daß das Verbleiben in der Stadt ja ſo ſchön geweſen ſei. Trotz der Erwähnung dieſes Säumniſſes dachte keiner von beiden daran, wie es Pflicht geweſen wäre, alsbald ſelbſt heim zu eilen und die Uebernahme und Einräumung ſelbſt anzuordnen, ſtatt ſie der Mutter über den Hals zu ſchicken. Fränz und Diethelm waren wie zwei Menſchen, die, ohne es ſich offen zu geſtehen, daß ſie ein Unrecht begangen und doch deſſen bewußt, gegen den losfahren, deſſen Leiden ihnen den Spiegel ihres Thuns vorhält. Diet⸗ helm ſchwur, daß er nun der Mutter das Manteltuch gar nicht gebe, ſie habe es nicht verdient, und nur hierin beſchwichtigte Fränz und deutete auf die Kränk⸗ lichkeit und daraus folgendes grämliches Weſen der Mutter hin. Nun waren ſie wieder beide wohlgemuth, denn ſie konnten jeden kommenden Vorwurf mit mit⸗ leidigem Achſelzucken von ſich weiſen. Am Waldrande in der Mitte des Weges erhob ſich eine Staubwolke und als die Fahrenden näher kamen, zeigte ſich eine große Heerde Schafe. Der Schäfer kannte Diethelm und ſagte, daß er am Abend in Buchen⸗ berg ſein werde und lobte überaus die eingekaufte Heerde. Diethelm empfahl ihm ruhigen Trieb zu halten und warf auch ihm ein Stück Geld zu. „Das iſt Alles unſer,“ ſagte Diethelm dann mit triumphirender Miene zu Fränz und mit Stolz wies er weiter hinaus, wo wieder eine Heerde in einer Staubwolke ſich zeigte, und es war ihm, als ob nir⸗ gends Raum genug wäre und auf allen Wegen ſich 65 ſein Reichthum ausbreitete, mit dem er Hohes, Unüber⸗ ſehbares erobern wollte. Mit Behagen erzählte er zum hundertſten Male der Fränz, wie er vor dreißig Jahren mit dem Stab in der Hand und neun Kreuzer in der Taſche nach Buchenberg gekommen ſei und wie er jetzt auftrete, und noch höher hinaus müſſe„und Alles nur für dich und für die Meinigen in Letzweiler“ ſchloß er und redete nun Fränz in's Gewiſſen, daß ſie den Schäfer Munde, der jetzt daheim gewiß auf ſie warte, ein⸗ für allemal aufgeben müſſe. Fränz erklärte ſich hiezu bereitwillig, ſie ſpottete über die Liebſchaft mit Munde als über ein Kinderſpiel, nannte ihn ein an Pfennig⸗ wirthſchaft gewöhntes Schäferle und ſagte geradezu, daß ſie nur noch in reichen Verhältniſſen leben und ſich nicht abplagen möge, wie eine Viehmagd. An der ſogenannten kalten Herberge auf der Anhöhe ſtanden noch drei beladene Wollwagen. Diethelm ſtieg ab und hörte, daß dieſe Fuhren für ihn ſeien; er ließ nun den Fuhrleuten auftiſchen nach Herzensluſt, be⸗ ſchenkte die Armen und Wanderburſchen, die ſich wie gerufen eingeſtellt hatten und geberdete ſich überhaupt, als ob er einen großen Schatz gefunden und Geld für ihn gar keinen Werth habe. Er freute ſich des dan⸗ kenden Lobes von den Fuhrleuten und horchte aus dem Verſchlage hinaus nach der großen Stube, denn er wußte wohl, daß die Leute dort den Ruf im Lande machen. Es war aber nicht allein dieſer Ruhm, der ihn erfreute, er hatte ſeine Luſt an der Freigebigkeit ſelbſt; dieſes Aufleben der Beſchenkten durch die Gabe, dieſes Erleuchten des Antlitzes gleich dem glänzenden Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 5 — — *——— ——— ——— ———————.— —— — —5 Aufſproſſen einer Pflanze nach erfriſchendem Regen, das that ihm im Innerſten wohl. Sinnliche Naturen, d. h. ſolche, die mit mächtigen Trieben ausgeſtattet ſind, neigen auch leicht zu Frei⸗ gebigkeit und Wohlthätigkeit, das Mitgefühl iſt raſch erregbar und jener dunkle Zuſammenhang mit der Außenwelt offenbart ſich in Leid und Luſt. Was man die Gutherzigkeit nennt und mit Recht hoch hält, iſt durch ſolchen Urſprung nicht aufgelöst, die Sonne freier Erkenntniß färbt die Frucht, der aus dunklem Grunde der Saft zuſtrömt. Diethelm empfand eine wahre Glückſeligkeit in der Anſchauung und in dem Gedanken, wie Viele er labte und erquickte. Der Wein mundete vortrefflich, und da einmal aus Verſehen ausgeſpannt war und die Frau zu Hauſe gewiß kein Eſſen bereitet hatte, ließ ſich Diethelm ſolches, trotzdem es noch ſo früh am Tage war, trefflich ſchmecken; zankte nun die Frau daheim, ſo hatte er doch vorgeſorgt und der Wein gab Muth zu Allem. Der Wirth außerte in redſeliger Weiſe ſeine Freude über die Einkehr Diethelms und erzählte, wie es ihn ſchon lang verdroſſen habe, daß er immer ohne anzukehren vorüber⸗ gefahren ſei.„Freilich,“ ſetzte er hinzu,„früher hat das Haus kein Anſehen gehabt, aber jetzt, ſeit ich neu gebaut habe, beſuchen mich die Herrſchaften aus der Stadt.“ „Haſt deswegen neugebaut?“ „Nein, ich hab' müſſen, ich bin ja abgebrannt.“ „So?“ ſagte Diethelm und ſtürzte ein volles Glas hinab.„Biſt verſichert geweſen?“ 67 „Darüber könnt' ich nicht klagen, der Kaufmann Gäbler auf dem Markte hat mir den Schemel unterm Tiſch vergütet.“ Diethelm ſchwieg während der weitläufigen Er⸗ zählung von dem Brande und dem Neubau. Er hörte mißtrauiſch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandſtiftung und der vollkommenen Freiſprechung von derſelben, und ſo heiter er in das Wirthshaus einge⸗ treten war, eben ſo mißmuthig verließ er dasſelbe, der Mann und alle ſeine Habe, alle die Tiſche, Stühle, Thüren erſchienen ihm ſo verbrecheriſch, das ganze Haus ſo unheimlich, als ſpräche aus jedem Stein und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben ſollte. Als flöhe er vor einer verzauberten Behauſung, die ihn feſtbannen wolle, machte ſich Diethelm davon und die Leute ſchauten ihm verwundert nach, als er in geſtrecktem Galopp über die Hochebene davon jagte. Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad und die Rappen ſtemmten ſich rechts und links und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen, da krachte es plötzlich, der Sattelgaul ſtürzte und riß Diethelm mit ſich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufſchrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte ſich nicht beſchädigt, nur hinkte er am linken Fuße, die zerbrochene Deichſel wurde zuſammen⸗ gebunden und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine guten Strecke gingen ſie lautlos da⸗ hin, jetzt hielt Diethelm an, nahm ſeufzend den Hut ⸗ 5* — —.——— ñ ——— — — — — —— B— — — — —— —— ab, ſeine Haare ſchienen in der That ſeit zwei Tagen ſehr gebleicht zu haben und an das ſtaubbedeckte Pferd gelehnt, ſagte er mit zitternder Stimme:„Fränz, ich thät ſterben, ich thät mir ſelber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Noth käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt', guck, ich mein', ich geh knietief im Boden, ſo ſchwer wird mir's. Wenn ich ſo weit'runterkäme, nein, es darf nicht ſein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf ſtürzt mit mir. Wenn ich Niemand mehr was ſchenken könnt' — lieber möcht' ich geſtorben ſein.“ Fränz tröſtete ſo gut ſie konnte und nannte dieſe Schwermuth nur eine Folge des Schreckens. In Un⸗ terthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchen⸗ berg, war Diethelm eigentlich ſchon zu Hauſe, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbro⸗ chene Deichſel wieder feſtgenietet und der Wein im Wirthshauſe feſtigte faſt ebenſo das geknickte Gemüth Diethelms, ja er fühlte ſich ſo friſch geſtimmt, als ginge es zu einer beſondern Feſtlichkeit und in ſelt⸗ ſamer Laune ſchickte er nach dem Bader und ließ ſich von ihm mitten in der Woche die Bartſtoppeln abnehmen. Achtes Kapitel. Mit aufſehenerregendem Wagengeraſſel fuhr Diet⸗ helm in Buchenberg ein, aber es ſchaute Niemand nach ihm, denn eben läutete die große Glocke, die ſo⸗ genannte alte Kathrin', die nur bei Sterbfällen und in Feuersgefahr allein angezogen wurde. Diethelm fühlte wie dieſer Klang ihm den Athem ſtellte. Wär's möglich, daß ſeine Frau ſich ein Leid angethan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten laſſen und konnte nicht fragen.„Wer iſt geſtor⸗ ben?“ fragte er beim Wirthshauſe zum Waldhorn anhaltend und erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verſcheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitſche. Es war nicht der Mühe werth, um den alten Mann ſo viel Aufhebens zu machen. Hei⸗ tern Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach ſeinem Gehöfte. Im hellen Mittagsglanze lag Haus und Scheuer und Ställe ſtattlich da. Das Haus, mit der Giebelſeite nach der Straße gekehrt, von den Grund⸗ mauern bis zum Dache um und um mit graugewor⸗ denen Schindeln vertäfelt, die als Wetterpanzer dienten, öffnete ſo zu ſagen jetzt ſeinen Mund und erhielt große 70 Brocken, denn in dem Vorbaue am Dache ſtanden zwei Männer und zogen an der Radwinde die Woll⸗ ballen herein, die von unten hinaufgeſchrotet wurden. Aus dem Schornſtein ſtieg kein mittäglicher Rauch auf und es war nun doppelt gut, daß in der kalten Her⸗ berge vorgeſorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, überlegte Diethelm, wie er dem keifenden Weſen der Frau begegnen ſolle und es blieb ſchließ⸗ lich dabei, daß er zu Allem lächeln und geheimniß⸗ voll thun müſſe, als ob er einen großen Gewinn in der Taſche und noch einen größeren in Ausſicht habe. Als er anhielt und abſtieg, ließ ſich Niemand ſehen. Diethelm führte ſelbſt die Pferde in den Stall und ſchickte mit der Fränz das Manteltuch der Mutter, dann ging er an der Stubenthür vorbei, drinnen er laut weinen hörte, hinauf auf den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil er die verſchiedenen Sorten unter einander gelegt, erwiderte dieſer trotzig, daß das ganze Geſchäft eigentlich nicht ſeine Sache ſei, er ſei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder andern Zeit hätte Diethelm auf ſolche trotzige Art tapfer ausgeſchirrt, heute aber brummte er nur vor ſich hin „wart nur krummer Spitzbub“ und ſprach kein lau⸗ tes Wort. Er wollte es vor Allem vermeiden, vor den vielen ein⸗ und ausgehenden Fremden im Hauſe irgend Zank laut werden zu laſſen, denn es konnte dabei Manches zu Tage kommen, was beſſer verbor⸗ gen blieb, auch wußte er wie große Stücke ſeine Frau auf den Schäfer und ſeine ganze Sippſchaft hielt. Als er wieder die Stiege herab kam, ſtand die Frau am . Heerde und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte: „Warum haſt denn bis jetzt kein Feuer angemacht?“ „Ich hab' warten wollen, bis du's ſelber anzün⸗ deſt,“ erwiderte die Frau in ſchmollendem Tone. Diet⸗ helm ſtand erſtarrt und biß auf die Lippen. Was meinte die Frau mit dieſen Worten? Wie konnte ſie ahnen, daß heute ſchon zum zweitenmale ein ſolcher Gedanke ihm wie ein brennender Funke in die Seele fiel? Die Frau aber ſchien dieſe Worte nur unbe⸗ dacht als ſcharfe Widerrede geſprochen zu haben, denn ohne weiter darauf einzugehen, ſchalt ſie die Fränz: „Was läufſt ſo rum wie ein Schlittengaul? Zieh deine Sonntagskleider aus. Es iſt ja Sünd' und Schad. Wirſt doch nicht ſo daheim'rumlaufen wollen? Bei rechtſchaffenen Bauersleuten iſt's immer ſo gewe⸗ ſen, wenn man heim kommt, zieht man ſeine Werk⸗ tagskleider an und legt die guten ordentlich in den Schrank. Aus dem Weg! Darfſt mir nichts anrühren. Fahr in der Welt herum oder zum Teufel, wohin du magſt.“ Der Zorn gegen den Vater ging wie ſchon ſo oft an dem Kinde aus, denn einerſeits hatte Martha nicht den vollen Muth gegen ihren Mann, andrerſeits wußte ſie, daß eine Kränkung der Fränz ihm doppelt wehe thue. Fränz wollte laut aufweinen, aber Diethelm beſchwichtigte ſie und ſagte: „Die Mutter hat recht, ganz recht hat ſie, aber heut iſt eine Ausnahme, heut kommen noch viele Leut' und da darf man nicht ſo verhudelt'rumlaufen.“ 72 „Und ich? ich kann das Aſchenputtel ſein?“ frug die Mutter. „Du mußt dich auch beſſer anthun. Wie gefällt dir das Manteltuch? Frau, du wirſt dein Freud haben an dem Marktgang,“ ſagte Diethelm mit zutrau⸗ licher Stimme, während er klein Holz häkelte, eine Aufmerkſamkeit, die er ſeit den erſten Jahren der Ehe nicht mehr gehabt hatte. Der Hausfriede war nun nothdürftig hergeſtellt, und Diethelm mußte bei Tiſche thun, als ob er noch nirgends geſpeist habe; er würgte jeden Biſſen mit Mühe hinab und ſein ganzes Heimweſen erſchien ihm auf einmal ſo düſter. Wie war's draußen in der Welt ſo hell und freundlich und Alles ſo zuvorkom⸗ mend, und hier mußte er immer thun, als ob er das Gnadenbrod eſſe; die freie Stimmung, die er aus der Ferne mitbrachte, war plötzlich gefängnißdumpf, und als er wieder hinabkam und ſeine Halbkutſche ſah, meinte er, er müſſe gleich wieder anſpannen und fort, immer weiter, auf der kalten Herberge, im Stern, in der Poſt, überall war's viel beſſer, ſonniger und luftiger. Wagen an Wagen kamen angefahren, Heerden hielten unten am Wege und blöckten ſo kläglich, und Diethelm war's wieder, als ob ihn all das neue Be⸗ ſitzthum erdrückte, er hatte außer Medard noch zwei Schäfer in Dienſt genommen, und noch hatte jeder mehr als die gewohnte Zahl Vierhundert zu hüten. Aber er that freundlich und wohlgemuth, er half ſelber die Ballen oben in der Luke einziehen und einmal ſchrie Alles laut auf, denn Diethelm hatte ſich zu weit hinausgewagt, er hing frei in der Luft am Seile, es war ihm, als ſchwebte er über dem Abgrunde, er wußte nicht, ſollte er feſthalten oder freiwillig hinab⸗ ſtürzen, daß er zerſchmettere und Alles auf ein Mal aus ſei; aber unwillkürlich hielt er feſt, und beſonders der Geiſtesgegenwart und dem entſchiedenen Commando des Schäferſoldaten Munde war es zu danken, daß vor lauter Staunen über den möglichen Unfall der⸗ ſelbe nicht in der That eintraf. Die Männer unten ließen leiſe die Laſt wieder herabgleiten, und Diethelm ſtand ſchwankend auf dem Boden, und er fühlte, wie er aus Noth und Tod plötzlich wieder in's Leben ge⸗ ſtellt war. Die Gefahr, in der Diethelm geſchwebt, hatte plötzlich wieder all' die Liebe Martha's zu ihm geweckt, ſic umhalſte ihn laut weinend und dankte Gott für ſeine Rettung. Vor einer Stunde noch voll Jähzorn und giftiger Verwünſchungen, verfiel ſie jetzt in die ganz entgegengeſetzte Stimmung, daß ſie ihren Diethelm„verkindelte,“ ſo daß dieſer einſt von ſolcher altmütterlichen Behandlungsart geſagt hatte:„es fehle weiter nichts, als daß ihm ſeine Frau noch Kindchens⸗ brei koche.“ Martha duldete es nicht mehr, daß Diethelm irgend Hand anlege, ſie beſorgte ſelber die Empfangnahme alles Eingekauften, Diethelm mußte in der Stube ſitzen, und wie er draußen lärmen und rufen hörte, kam er ſich vor, als wäre er im Fieber gefangen und Alles ſtürmte auf ihn ein, und er konnte ſich nicht wehren und mußte ſtill Alles mit ſich ge⸗ ſchehen laſſen. Endlich waren die leeren Wagen abgefahren, die Heerden in den weitläufigen an das Haus angebauten Ställen untergebracht, es war Abend und Diethelm fühlte ſich ſo wohl daheim, daß ihm die vergangenen Tage und das Hinausſehnen wie ein Traum erſchien. Hier allein war Friede und Glückſeligkeit. Er ließ den Munde in die Stube rufen, dankte ihm für ſeine ent⸗ ſchiedene Hülfe und ſchenkte ihm einen Kronthaler. Munde nahm zaghaft das dargebotene Geld, aber er nahm es doch, und faſt ſtolperte er über Fränz, die am Spinnrocken ſaß und verließ ohne ein Wort die Stube. Diethelm war ſo hingegeben, daß er faſt ge⸗ neigt war, ſeiner Frau die ganze Lage ſeiner Verhält⸗ niſſe zu offenbaren, aber er hielt noch zeitig genug an ſich und erklärte ihr nur, daß er entſchloſſen ſei, nur noch diesmal die Handelſchaft zu treiben, dann wolle er wiederum hier oder anderswo ſich Aecker kaufen und ruhig bauern, wie ehedem. Dieſe tröſtliche Aus⸗ ſicht, die das Antlitz der Frau faſt verjüngte, erfüllte Diethelm ſelbſt mit einer heitern Gemüthsruhe, und in ihm ſprach's: Es muß Alles wieder gut werden, Gott darf eine ſo ſchöne Zukunft nicht zu Schanden werden laſſen. Eine andächtige Stille herrſchte in der Stube, und Diethelm zog die Uhr auf, das war das Zeichen, daß es Zeit zum Schlafengehen ſei. Neuntes Kapitel. Fränz allein war voll Unruhe und Widerſtreit. Es war ein ſeltſam geartetes Kind, wie es in einer Ehe, die ſo oft von Zwietracht zerſtört war, kaum anders erwachſen konnte. In der Kinderzeit ſcheuten ſich Anfangs die Eltern, noch irgend einen Zerfall vor dem Kinde laut werden zu laſſen, nach und nach aber verlor ſich dieſe Zurückhaltung, ja die häſſigen Reden des einen und des andern wurden immer an das Kind gerichtet, da hieß es oft:„Das Vermögen kommt Alles von deinem Vater her, darum darf er's verlumpen“ und andererſeits,„dein' Mutter kann in ihren jungen Tagen nichts als pruchzen und flennen.“ Es fielen aber auch noch unumwundene und viel derbere Reden, und das Kind ſtand dazwiſchen, wie wenn wilde Vögel ihm um's Haupt ſchwirrten und wußte nicht, wie ihm geſchah. Wenn der Zwie⸗ ſpalt auf's Aeußerſte gediehen war, und doch wieder ein Jedes innerlich fühlte, wie ſehr es an das andere gebunden war und nur den Weg zu dieſer Aeußerung nicht finden konnte, dann haſchte ein Jedes nach dem Kinde und ſchwur auf ſein Haupt:„Wenn du nicht 76 wärſt, dann wäre ich ſchon lange in's Waſſer ge⸗ ſprungen, oder ich hätte mich an einen Baum gehängt“ u. dgl. Bei dieſen Reden ſtand das Kind wie ein Opferlamm da, und wie es die großen braunen Augen aufſchlug, ſprachen Worte und Gedanken daraus, die Niemand verſtehen konnte und wollte, bisweilen wurde auch Fränz zum Friedensboten gemacht und wurde von der Mutter nach dem Wirthshaus zum Waldhorn oder in den Stall geſchickt, dem Vater leiſe zu ſagen, wenn er Alles wolle aus ſein laſſen, möge er zum Eſſen kom⸗ men; oder auch umgekehrt, der Vater ſchickte Fränz nach der Mutter, die ſich in der Regel in das Haus des alten Schäferle, zum Vater von Medard und Munde flüchtete. Natürlich konnte hierbei von einer Kinderzucht gar keine Rede ſein, und es war nur dem guten Naturell des Mädchens zu danken, daß es nicht widerſpenſtig und höhniſch gegen die Eltern war. Die Kameradſchaft mit Munde, der ein aufgeweckter und äußerſt zartſinniger Knabe war, trug viel dazu bei, eine gewiſſe Milde in das herriſche und heftige Weſen des Mädchens zu bringen. Als Fränz zur Jungfrau zu reifen begann, war ſie oft unbegreiflich ſchwermüthig und ſtill. In jener Zeit begann aber der Fruchthandel und bald darauf die Schafhalterei Diethelms; er nahm nun das Kind ſo oft als möglich mit auf ſeine Fahrten, und von da an lernte Fränz das Leben außer dem Hauſe als das allein ſchöne kennen und wurde Meiſterin einer weltläufigen Ver⸗ ſtellungskunſt, denn wenn man den Diethelm erinnerte, zu welcher Stellung er, der frühere Knecht, gekommen war, verfehlte er nicht, ſein häusliches Glück zu preiſen. Schon mit ihrem fünfzehnten Jahre merkte Fränz die bald offenen, bald verſteckteren Werbungen um ſie, und ſie verſtand es, ſolche hinzuhalten, während ſie daheim den getreuen Munde am Bändel führte und ihn in der That von Herzen lieb hatte. Denn Fränz war bei alle dem doch kein durchaus verdorbenes Weſen, ſie war gutherzig und arbeitſam, nach Laune oft bis zum Uebermaaß, ſie hatte die Luſt zu ſchenken, wie ihr Vater, nur erſchien ihr das, was man als Liebe pries, oft wie ein Poſſenſpiel, ſie ſah es ja vor ſich bei ihren Eltern; ſie glaubte nicht an einen Frieden, und Alles war nur der Welt wegen, damit die draußen nichts merken. Wenn Zank und Hader zwiſchen den Eltern war, erging es ihr faſt noch am beſten, da wurde ſie von Jedem gehätſchelt und durfte thun, was ſie wollte, und wenn dann eine Verſöhnung ſtattge⸗ funden hatte, in der ſich jedes beſtrebte, dem andern beſonders liebreich zu ſein, hätte ſie gerne vor Ver⸗ achtung die Zunge gegen beide herausgeſtreckt; ſie wußte ja wohl, daß keine Friedſamkeit von Dauer war. Fränz war in der That, wie ſie ſchon Medard auf dem Markte genannt hatte, ein Nückel. Ein Ober⸗ deutſcher weiß gleich, was es heißen will, und es wird ihm doch ſchwer, dies zu erklären, denn damit, daß es ein Weſen voll Tücken und Nücken bezeichnet, iſt noch nicht Alles erſchöpft, iſt ja damit noch nicht dar⸗ gethan, daß man dem Nückel auch gut ſein muß, man mag wollen oder nicht; der Nückel kann bis zu einem gewiſſen Grade aufrichtig treuherzig ſein, er kann es manchen Menſchen anthun, daß ſie ihm zu Willen leben müſſen, und wenn ſie ſich tauſendmal darüber ärgern, und dann hat der Nückel ſeine beſondere Freude mit den Menſchen zu ſpielen, ſie gegen einander zu hetzen, und wenn die Händel ausgebrochen ſind, da⸗ neben zu ſtehen, als ob man kein Wäſſerlein trüben könne. Das einzige Beſtreben der Fränz war nur, recht bald aus dem Hauſe zu kommen und in recht ſchöne reiche Verhältniſſe hinein. Von den ländlichen Bewerbern, die ſie ehedem kaum angeſehen hatte, zeigte ſich auffallenderweiſe ſeit einem Jahre keiner mehr und Fränz, die vielgewanderte, ſagte ſich auch, daß ſie keine Luſt hätte, auf einem einſamen Bauernhofe ihr Leben zu verbringen, wo man froh iſt, wenn eine Samenhändlerin kommt und einem von der Welt berichtet.„Engel⸗ wirthin! das iſt das rechte, aber nur bald, nur fort aus dem Hauſe,“ ſagte ſich Fränz, während ſie ſtill ſpann. So verließ auch jetzt Fränz wieder die Stube und ohne ſich deutlich zu machen, was ſie wollte, ging ſie vor das Haus, um vielleicht noch Munde zu ſehen, der faſt über ſie geſtolpert war, als er den Kronthaler empfing. Die Liebe des ſchönen jungen Burſchen, der ſie mit den Augen verſchlingen wollte, that ihr wohl, ſie zeigte doch, was ſie noch vermöchte, und wie ſie, wenn ſie nur wollte, an jedem Finger einen nach ſich ziehen könnte. Am Stalle hörte ſie drinnen ſprechen, das war die Stimme Munde's, der in Verwünſchun⸗ gen ſeinem Bruder klagte, daß er nicht den Muth ge⸗ habt habe, dem Meiſter das Geldgeſchenk vor die Füße zu werfen; er betrachte ihn noch immer als Meiſter 79 und wolle es auch nicht mit ihm verderben wegen der Fränz. Medard tröſtete ſo gut er konnte und ſchalt über die Meiſtersleute, die zu Grund gehen müßten, und eben zog er über Fränz los und ſagte, daß in ihr keine getreue Ader ſei, als Fränz unter die Stallthüre trat und als hätte ſie nichts gehört, dem Munde ſagte, ſie wolle ihm noch„bhüts Gott“ ſagen, weil er wohl morgen früh abreiſe. Raſch trat Munde heraus und hielt zitternd die Hand der Fränz in ſeinen beiden Händen, er wollte eben ſprechen als man vom Hauſe her Schritte vernahm und halb widerwillig zog er die Fränz mit ſich fort in den Grasgarten hinter den Schafſtall. Richtig kam nochmals Diethelm und ſchärfte dem Medard ein, ja niemals bei Licht Heu vom Boden herabzuholen, es läge jetzt ein ganzes Vermögen auf dem erſten Speicher. Medard mußte ihm noch die Laternen zeigen, damit er wiſſe, daß keine beſchädigt ſei, und er befahl ihm, ſie morgenden Tages mit Draht⸗ gitter überziehen zu laſſen, dann kehrte Diethelm wieder in's Haus zurück. Unterdeſſen war Munde in ſeliger Liebe bei Fränz, ſie neckte ihn damit, daß ſie wahr⸗ ſcheinlich Engelwirthin in G. werde, aber Munde ſchalt ſie über dieſe Neckerei und glaubte nicht daran. Als ſie ihm ſagte, daß ſie ganz gewiß nach der Haupt⸗ ſtadt käme, um dort das Kochen und Nähen zu lernen, war Munde voll Jubels und gab Fränz genau an, wo ſie ihm Nachricht geben könne und Fränz neckte ihn nicht mehr mit der Engelwirthin. Als ſie ihm endlich den letzten Kuß gab und verſchwand, rief ihr noch Munde nach„aber nur für heut.“ — —.———— 80 Fränz kehrte wohlgemuth in's Haus zurück. Wenn alle Stränge brechen, bleibt ihr noch der Munde, deſſen war ſie gewiß. Als Munde neben ſeinem Bruder in der Stall⸗ kammer lag, ſagte dieſer:„Und ich wette meinen Kopf, der Diethelm will das Haus anſtecken um wieder reich zu werden, drum iſt er ſo ein Laternenviſitator, aber mich betrügt er nicht.“ „Sei ſtill, das darfſt nicht reden, oder ich muß dir auf's Maul ſchlagen,“ rief Munde in größter Heftigkeit. „Du mir, Büble, wer biſt denn du?“ rief Me⸗ dard und paff! hatte der Bruder einen Schlag weg, aber er ſteckte ihn ruhig ein und ohne ein Wort zu ſagen, ſtand er auf und machte ſich mitten in der Nacht auf den Weg nach der Garniſon. Zehntes Kapitel. Eine feſte Friedſamkeit lag in dem Weſen Diet⸗ helms, als er am andern Morgen in ſeinen berühmten grünen Saffianpantoffeln im ſonnigen Hofraum umher⸗ ſpazierte. Die Nacht, vor der es ihm ſo ſeltſam bange war, iſt glücklich vorüber und ſo wird auch alles Sorgen und Zagen ein heiteres Ende nehmen, es gilt nur ruhig Stillhalten und die günſtige Gelegenheit erfaſſen. Ein bedeutungsvolles Anzeichen kündigte ſich eben jetzt an. Der Metzger, mit dem Diethelm vorgeſtern nicht handelseins werden konnte, kam gerade den Hügel heran, hatte allerlei Ausreden, wie er zufällig daher komme und begann nochmals einen geringeren Kauf⸗ preis feſtzuſtellen, aber Diethelm war klug genug, die Kaufluſt des Metzgers zu erſeben und ſagte ſtolz und feſt: wenn nichts mehr geredet werde, halte er ſein Wort, und bleibe es bei dem auf dem Markte Be⸗ ſprochenen, wo nicht, wenn er nicht bevor die Heerde den Berg hinab iſt in die Hand einſchlage, verlange er für jeden Hammel einen Gulden mehr. Der Metzger ſchlug ein und Diethelm hatte ſchon am frühen Morgen dreihundert Hämmel verkauft und dabei eine namhafte Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 6 82 Summe gewonnen. Diethelm ging mit dem Metzger in's Feld und übergab ihm die geſondert gehaltene Heerde, die ſogleich nach der Hauptſtadt getrieben wurde, und eben als er noch im Wirthshaus ſaß und dort die baare Bezahlung empfing, kam ein Wagen ange⸗ fahren und in die Stube trat bald darauf der Kauf⸗ mann Gäbler mit noch zwei Männern, die Diethelm als die Oberfeuerſchau vorgeſtellt wurden. Diethelm war ſichtlich betroffen, aber ſchnell ſagte er mit Ent⸗ ſchiedenheit, daß er es mit dem Verſichern nicht ſo ernſt gemeint habe, ſein Haus läge ſo einödig und er könne ſchon ſelber jede Feuersgefahr abwenden und ſei überhaupt entſchloſſen, die erworbenen Vorräthe bald wieder loszuſchlagen. Der Kaufmann Gäbler widerſprach heftig und die Feuerſchaumänner, der Metzger und ſelbſt der Waldhornwirth redeten Diet⸗ helm zu, er möge doch verſichern, da ſei man für alle Gefahren geborgen und der Zins ſei ſo gering. Gäbler faßte ſchnell den Waldhornwirth beim Wort und hatte ihn bald gewonnen. Während nun die Fahrniß im Wirthshaus aufgenommen wurde, eilte Diethelm heim um ſeine Frau gütlich vorzubereiten. Er übergab ihr zuerſt das eingenommene Geld für die Hämmel und zeigte ihr zum Erſtenmal in ſeiner rothen Schreibtafel den Einkaufspreis und ließ ſie den Gewinnſt ſelber ausrechnen. Die Frau nickte zufrieden und verſchloß eben das Geld in ihren Schrank, als Diethelm von der bald ankommenden Feuerſchau und der Fahrniß⸗ verſicherung ſprach. Wie gewaltſam gepackt kehrte ſich Martha um und ſah ihrem Manne, der am Fenſter ſtand, ſtarr in's Geſicht, dann ſetzte ſie ſich raſch auf einen Stuhl, legte die Hände gefaltet in den Schooß und jammerte vor ſich nieder:„Iſt's ſo weit?“ „Was meinſt? Was haſt?“ fragte Diethelm. „Mußt du anzünden?“ fragte Martha ohne auf⸗ zuſchauen, und wild auffahrend erwiderte Diethelm: „Weib, daß du mich für ſo ſchlecht hältſt, hätt' ich doch nie geglaubt. Guck, aber nein, du trauſt mir ja nicht auf's Wort. Guck, mich ſoll die Sonn', wie ſie jetzt am Himmel ſteht, nie mehr beſcheinen, nie mehr warm machen, wenn ich nur einen Gedanken an ſo was hab'.“ Und plötzlich fühlte Diethelm, wie es ihm froſtig den Rücken hinablief, als wären die Sonnenſtrahlen auf Einmal eiskalt, er ſchauté ſich um und verſchloß lächelnd das Fenſter, däs er in der Heftigkeit aufge⸗ ſtoßen hatte, ſo daß durch die offen ſtehende Thüre ein Luftzug ſtrömte. „Verzeih' mir, was ich geſagt hab und glaub mir, ich hab's nie gedacht,“ ſagte die Frau aufſtehend,„ich will nur ein bisle Ordnung machen, daß nicht Alles ſo unters über ſich ausſieht, wenn die Herren kommen.“ Raſch veränderte ſich der leidmüthige Ausdruck ihres Geſichts und es war leicht zu erkennen, daß ſie mit Stolz daran dachte, welche Augen die fremden Herren machen würden, wenn ſie über Kiſten und Kaſten kämen. Feſten Schrittes verließ Martha die Stube. Diethelm ſtand wie gebannt an das Fenſterſims gelehnt, er rieb ſich die plötzlich ſo trocken und kalt gewordenen Hände, und fühlte mit Behagen, wie die *—— — Sonne ihm den Rücken durchwärmte. Durch ſeinen Sinn zog die gräßliche Anmuthung, die ihn auf dem Marktplatze in G. zum Erſtenmale getroffen und nieder⸗ geworfen hatte, dann auf der kalten Herberge ſo ver⸗ lockend und doch widerlich und jetzt daheim ſo vor⸗ wurfsvoll an ihn gekommen war. Wie kann nur ein Menſch daran denken und gar ihm ſolches zumuthen? Und doch, drängt ihn nicht Alles mit Gewalt dazu und iſt das nicht die letzte Rettung, wenn er ſich in ſeinen Ausſichten betrogen und die Waare ihm auf dem Halſe liegen bleibt? Diethelm war's, als ob die Mauer, daran er ſich lehnte, plötzlich morſch würde und zurückwiche und ein Schwindel erfaßte ihn wie geſtern, als er oben in freier Luft zwiſchen Himmel und Erde ſchwebte. Diethelm ſchob die Urſache hievon auf die brennenden Sonnenſtrahlen, die wie zu Zeugen angerufen ihm heiß auf Haupt und Rücken brannten. Wie mit traulichem Gruß an alle ſeine Habe ging er durch Stube und Kammern, durch Ställe und Scheu⸗ nen; er gedachte der Zeiten, wie er als armer Burſch hiehergekommen war und nichts ſein nannte, als was er auf dem Leibe trug, und wie er ſo glücklich war, als das ganze Haus mit allem was darin ſein Beſitzthum genannt wurde; jedes Meſſer, jede Senſe, jedes Feld⸗ geräth bewillkommte er damals mit freudigem Blicke, das war jetzt Alles ſein eigen. Das iſt doch ein ander Leben, in der Welt zu Haus zu ſein, Theil zu haben an ihr. Es war ihm damals, als hätte er an dem Hauſe und dem, was es erfüllte, einen neuen Leib gewonnen. Wer darf daran denken, das Alles in Staub 85 zu verwandeln? Iſt das nicht wie ein Selbſtmord? Freilich ſind das nur lebloſe Dinge, die man neu viel ſchöner und beſſer haben kann, aber es ſind doch nicht die alten treu gewohnten... Und wenn man ſich nicht anders helfen kann und Alles verbrennen muß, dann iſt's noch Zeit genug daran zu denken, dann drückt man die Augen zu und thuts— aber jetzt, jetzt darf man nicht daran denken. So ging Diethelm in Gedanken hin und her und mußte gerufen werden, denn er hatte nichts davon ge⸗ merkt, daß die Feuerbeſchau ſchon in der Wohnſtube verſammelt war. Nochmals lehnte er die Verſicherung ab und ſagte, auch ſeine Frau wünſche ſie nichtz aber Martha widerſprach und nun ging's im Geleite noch⸗ mals treppauf und treppab und Alles wurde aufge⸗ zeichnet und gewerthet. Diethelm that oft Einſprache, daß man ihn zu hoch einſchätze und ließ ſich nur von dem Waldhornwirth beſchwichtigen, der ihm die Nütz⸗ lichkeit hievon immer mehr darlegte; Diethelm ſah ſchnell, daß die Unbefangenheit, mit der er Einſprache erhoben, ihm für jetzt und ſpäter ſehr zu ſtatten käme, und als es nun endlich an die Wollvorräthe und die Zahl der Heerde kam, gab er ſelbſt einen hohen Werth an, der in Betracht ſeines früheren Widerſtrebens ohne Einſprache angenommen wurde. Die Verſicherungs⸗ ſumme belief ſich gegen zwanzig tauſend Gulden und Diethelm ſchmunzelte als die Feuerbeſchauer rühmend ſagten: man ſehe es einem beſcheidenen Bauernhaus gar nicht an, was darin ſtecke, beſonders die Ausſteuer der Fränz dürfe ſich ſehen laſſen. Staunend gab man Diethelm verneinende Antwort, als er zuletzt einen großen Pack Papiere holte, mehrere davon vorzeigte und die prahleriſche Frage ſtellte, ob man auch Staats⸗ papiere und Unterpfandsſcheine nach dem vollen Werthe verſichere. Für ſo reich hatte den Diethelm doch Nie⸗ mand gehalten. Scherzhaft fragte er noch zuletzt:„Wie hoch habt ihr die Wanduhr dort angeſchlagen? die koſtet mich keinen Heller mehr und keinen weniger, als acht tauſend Gulden.“ Er erzählte nun unter Lachen wie ihn ſein Schwager betrogen, und da er die Summe faſt um das Dreifache zu hoch angegeben, vermied er es, dem Blicke ſeiner Frau zu begegnen, der, wie er zu ſpüren glaubte, zu⸗ rechtweiſend auf ihm ruhte. In Ermangelung eines Fenſterladens wurde endlich das Täfelchen mit den zwei rothen Händen auf die Hausthüre genagelt. Martha ſaß daneben auf der ſteinernen Hausbank. Diethelm ſtand bei ihr. Als der erſte Hammerſchlag geführt wurde, ſagte ſie leiſe vor ſich hin: „Mir iſt's, wie wenn ich den Nagel in meinen Sarg ſchlagen hörte.“ Diethelm blickte ſie nur ſcharf an und ob dieſer Rede erzürnt, blieb er nicht zu Hauſe und ging mit den Männern hinab in das Waldhorn und blieb dort den ganzen Tag bis tief in die Nacht. Als die feinwolligen Schafe, die man nicht im Pferch über⸗ nachten ließ, am Abend heimkamen, ſchauten ſie, den Blicken ihres Führers folgend, verwundert nach dem hellfarbigen Täfelchen über der Hausthüre. Heute 87 kam Diethelm nicht zur Laternenviſitation und noch ſpät in der Nacht trug Medard ſeine geringe Habe zu ſeinem Vater in das Dorf und übergab ihm noch ein Päcklein Tabak und einen Theil des Trinkgeldes, das er auf dem Kirchheimer Wollmarkt erhalten hatte. Der alte Schäferle, ein ſchweigſames, dürres Männ⸗ chen nickte froh, er bedurfte zu ſeinem Lebensunterhalte faſt nichts als ein paar Kreuzer zu Tabak und ein Trinkgeld ließ er nicht gern altbacken werden. Vom Waldhorn herab tönte durch das ſtille Dorf Lachen und lautes Hin⸗ und Herreden. Als der alte Schä⸗ ferle in die Wirthsſtube trat, wurde er mit großem Halloh empfangen, und Diethelm ließ ihm ſogleich einen Schoppen einſchenken, denn Alles um ihn her ſollte luſtig ſein, wie er's ſelber war. Er hatte heute wie⸗ der ſeinen Hauptſpaß, er gab dem Lehrer und vielen anderen ſchwere Rechnungsexempel auf, Räthſelrech⸗ nungen, die Niemand herausbrachte, und wenn Alles ringsum ihn lobte und ihm huldigte, rühmte er den alten Kopfrechner in Letzweiler, von dem er das ge⸗ lernt, und die Bewunderung und die Schmeichelreden Aller gingen Diethelm mit dem Weine leicht ein. Als man ſpät in der Nacht nicht eben ſicher auf den Bei⸗ nen aufſtand, machte ein Witzwort des alten Schäferle noch auf der Straße viel Gelächter, denn er hatte ge⸗ ſagt:„Diethelm dir ſchadet ein Brand(Rauſch) nichts, du biſt ja in der Brandverſicherung.“ Diethelm lachte laut und wurde auf Einmal nüch⸗ tern, und auf dem ganzen Heimwege verließ ihn das Wort nicht. —.———.——— — 88 Es war nun ſo hellgemuth daheim, daß Diethelm nur mit Schmerz daran dachte, auf Geſchäftsreiſen in der Ferne ſich tummeln zu müſſen. In der That kamen jetzt auch von Reppenberger und Anderen ange⸗ wieſen mehrere Händler, beſahen die Vorräthe Diet⸗ helms, konnten aber nicht handelseins mit ihm werden und die Mahnung, wie ſehr die Wolle durch langes Lagern an Ausſehen und Gewicht verliere, wies Diet⸗ helm leicht von ſich, es war ihm zur Gewißheit ge⸗ worden, daß der gute Schick, auf den er harrte und hoffte, nicht ausbleibe, er glaubte an ihn wie an eine Verheißung und faſt noch mehr als an eine ſolche; es fiel ihm dabei gar nicht ein, rückwärts dem Urgrunde dieſer Zuverſicht nachzuſpüren und mit einem allgemeinen Troſte beſchwichtigte er das Grübeln, wenn er ſich ausdenken wollte, in welcher Weiſe denn ſein zukünf⸗ tiges Glück eintreten ſolle. Diethelm war jetzt auf⸗ fallend weichmüthig und gutherzig gegen Jedermann und faßte auch immer beſſere Vorſätze für kommende Tage; und ſolch ein Mann, ſagte er ſich dann oft, ſolch ein Mann darf nicht untergehen, wenn noch Ge⸗ rechtigkeit bei Gott und im. Himmel iſt. Ohne es auffällig zu machen, ging Diethelm öfters in die Kirche und im Wirthshaus zum Waldhorn unterhielt er ſich viel mit dem Pfarrer, und dieſer ſagte oft zu den Wirths⸗ leuten und zu Anderen, er habe den Diethelm gar nicht ſo gekannt, unter ſeinem ſtarkthueriſchen Gebaren ruhe ein demuthvolles und gläubiges Gemüth, und dabei ſei er ein guter politiſcher Kopf. Diethelm war tein Liberaler, er war zu ſehr monarchiſcher Natur und dünkte ſich zu erhaben über alle unter ihm, als daß er eine Gleichberechtigung anerkannt hätte, nur in Sachen der Wahlen wich er davon ab, die Ehre von ſo Vielen erwählt zu werden dünkte ihn faſt noch grö⸗ ßer als von der hohen Regierung ernannt zu werden. Manche ſchalten jetzt ſogar auf Martha, die mit ihrem zänkiſchen und ſchwermüthigen Weſen den braven Mann oft aus dem Hauſe treibe; es muß aber zur Ehre Diethelms geſagt werden, daß er immer entſchiedene Einſprache that, wenn er Derartiges merkte; er hielt es für eine Verſündigung, durch Ungerechtigkeit gegen Andere erhoben zu werden, aber ſo ſehr war er bereits in inneren Wirrwarr gerathen, daß er dieſe einfache Ehrlichkeit für ein beſonderes Opfer hielt, wofür ihm der Gotteslohn nicht ausbleiben dürfe. Diethelm hielt ſich überhaupt viel im Waldhorn auf und kartelte. Hier war gewiſſermaßen ſein zweites Heimweſen und ein noch viel willfährigeres als das eigentliche. Diet⸗ helm hatte eine Hypothek auf das Wirthshaus und der ohnedieß geſchmeidige und ſchmeichleriſche Wirth war ſein Neffe, dem er zum Ankauf dieſes Hauſes ver⸗ holfen hatte; wie natürlich, daß Diethelm hier eine unbedingte Botmäßigkeit fand, wie ſonſt nirgends und er ließ ſich dieſe gerne gefallen. Im Waldhorn wartete er nun jedesmal den Poſtboten ab, die Quit⸗ tung für eine drängende Schuld, die er mit der erwor⸗ benen baaren Summe getilgt hatte, blieb nicht aus, aber auch andere Briefe kamen, in die er nur kurze Blicke warf und auf dem Heimwege in kleinen Stück⸗ chen verzettelte, die der Herbſtwind luſtig davon trug. 90 Ganz buchſtäblich ſchlug er alle Sorgen in den Wind, und wenn die Frau, die wohl tiefer ſah, mit ihm Alles beſprechen wollte, hatte er hunderterlei Ausreden und verſicherte Martha, ſie ſolle nur auf ihre Sache ſehen, er werde die ſeinige ſchon auseinander haspeln. Martha war wie alle Frauen vornehmlich auf's Er⸗ halten bedacht und dieſe durch die kleinlichen Hand⸗ thierungen des Lebens bedingte Tugend erſchien Diet⸗ helm in ſeinen weit ausgreifenden erobernden Planen als engherzig. Martha war ſchon zufrieden, daß er ihrem Drängen nachgab, ſich nicht zum Abgeordneten wählen zu laſſen, was er eigentlich nie recht im Sinne hatte und nur jetzt that, als ob er damit ſeinen liebſten Wunſch opfere. Fränz beſtürmte den Vater, ſie, wie er verſprochen, nach der Stadt zu bringen, die Mutter aber wiverſetzte ſich unnachgiebig dieſem Vorhaben. Fränz ſchwieg und that als ob ſie nicht mehr daran dächte, je mehr es aber Herbſt wurde, im Dorfe die Dreſchzeit begann und die Wege ſo grundlos wurden, daß man oft ganze Wochen kaum in's Dorf hinab kam, um ſo mächtiger wurde die Sehnſucht der Fränz nach dem Stadtleben; ſie war wie ein Wandervogel, der gewaltſam zurück⸗ gehalten wird vom Zuge. Trotz des Widerſpruchs der Mutter wußte ſie es dahin zu bringen, daß ſie den Vater auf einer Fahrt nach der Amtsſtadt begleiten durfte, und als Diethelm hier nicht, wie er gehofft hatte, Kaufluſtige für ſeine Vorräthe fand, ward es ihr nicht ſchwer, ihn zu beſtimmen, mit ihr nach der Hauptſtadt zu fahren. Wie ein Vogel, der angſtvoll O von Zweig zu Zweig hüpft, bald ausſchaut, bald ruft, ſo wanderte Diethelm hier hin und her und verſtand ſich endlich zu dem ſchweren Entſchluſſe, ſelber Aner⸗ bietungen zu machen und durch Zwiſchenhändler ver⸗ breiten zu laſſen. Der Erfolg war aber ein geringer. Diethelm brachte nichts mit nach Hauſe als Ausſichten auf den Verkauf der Staatspapiere, die er zu einem ſehr niedrigen Tagespreiſe abgeben ſollte; Fränz aber brachte er nicht wieder, denn ſie blieb im Rautenkranze, in dem Wirthshauſe, wo Diethelm ſtets ſeine Einkehr hatte, um hier die Koch— und größere Wirthſchaftskunſt zu erlernen. In Buchenberg ging es nun gar ſtille her, wenn nicht hie und da Fuhren mit Heu ankamen, von dem immer neue Vorrathe zur Ueberwinterung der Schafe gekauft werden mußten. Diethelm hatte eine wahre Kaufwuth; wo nur irgend etwas zu haben war, eignete er ſich's an, bezahlte Anfangs baar, gerieth aber auch nach und nach in's Borgen und behaftete ſich mit einer Anzahl ſogenannter kleiner Klettenſchulden, ſo daß das einſame Haus von Drängern aller Art überlaufen wurde, die beſonders die bekümmerte Frau peinigten, denn Diethelm blieb jetzt mehr als je und ganz ohne Grund tagelang aus dem Hauſe, nur um der An⸗ ſchauung ſeines hereinbrechenden großen Unglücks und den kleinen Bedrängniſſen zu entgehen. Er ärgerte ſich jetzt über viele Menſchen und ſah erſt jetzt, wie er es hatte geſchehen laſſen, daß er von Jedem aus⸗ geraubt wurde, der etwas an ihn zu fordern hatte. Menſchen, die ihm ſonſt brav und rechtſchaffen erſchienen — waren, erkannte er nun in ihrer offenkundigen Schlech⸗ tigkeit und hatte vielerlei Streit und Gerichtsgänge. Noch böſer hatte es Martha daheim. Leute, die ſie ſonſt nicht lange bei ſich geduldet hätte, ſaßen jetzt oft tagelang auf der Ofenbank, denn ſie ließen ſich nicht damit abweiſen, daß Diethelm nicht zu Hauſe ſei, ſie wollten ſeine Rückkunft abwarten und Martha, die vor Zorn und Kummer faſt vergehen wollte, mußte noch freundlich thun, mußte dieſen Leuten zu eſſen und zu trinken geben und ſich faſt entſchuldigen, wenn ſie etwas für ſich bereitete, denn ſie ſah nicht undeutlich die höhniſch frechen Blicke, als ob ſie vom Eigenthum fremder Menſchen lebte. Sie fürchtete ſich, die Stube zu verlaſſen, denn ſie wußte, wie hinter ihrem Rücken über den Verfall dieſes Hauſes geſprochen wurde und wie bald die Kunde hievon landauf und landab ſich ausbreiten würde. Oft war es Martha als ſollte ſie das ganze Haus mit Allem was darin iſt verlaſſen und davon rennenz es war ja himmelſchreiend, wie ihr einziges Kind ſie ſo heimtückiſch verlaſſen hatte und wie ihr Mann ſie dem Elende und der Schande preisgab, während er luſtig lebte. Dennoch war ſie wie feſtgebannt an das Haus und endlich griff ſie ihren letzten Hort an, es war dieß eine nicht unbe⸗ trächtliche Summe, die ſie verborgen hatte und die man erſt nach ihrem Tode finden ſollte. Mit dieſer erledigte ſie ſich nun der Klettenſchulden und Diet⸗ helm war bei ſeiner Heimkehr überaus wohlgemuth, als er ſolches vernahm. Als ſie ihm den Reſt übergab, ſagte ſie: 93 „Nur um Gotteswillen keine Schulden. Schau, wenn ſo Gläubiger über einen kommen, iſt's grad wie beim Dreſchen. Anfangs, wenn die Dreſchflegel auf die volle Spreite fallen, da geht's langſam, und man hört's nur wenig, je leerer aber das Korn wird, da geht's immer lauter und ſchneller. Verſtehſt mich?“ „Wohl, du biſt geſcheit. Aber haſt nicht noch mehr ſo geheime Bündel?“ Martha verneinte, Diethelm aber glaubte es ihr nicht und war wieder voll Liebe gegen ſie, wie in der erſten Zeit ihrer Ehe, ſo daß ſie gar nicht dazu kam, gegen ihn den Gram und Zorn über ſeine Fahrläſſig⸗ keit auszulaſſen. Er vertröſtete ſie auf den großen Schick, der unfehlbar nächſtens eintreffe und half nun ſelber für die laufenden Ausgaben Leinwandballen ver⸗ kaufen, von denen Martha ſchon mehrere aus Zorn gegen Fränz verſilbert hatte. Einſt kehrte Diethelm wieder nach einer vergeb⸗ lichen Umfahrt von mehreren Tagen heimwärts, da ſah er am Wege im Walde an einem ausgehauenen Baumſtumpf eine große Schichte von Kienholz. Raſch, ohne ſich klar zu machen was er wollte, hielt er an, ſprang ab, raffte einen Arm voll auf, riß den Sitz ab, öffnete das Kutſchentruckle, verſchloß das Kienholz in dasſelbe und fuhr raſch davon; aber bald ſtieg er wieder ab und wuſch ſich die harzigen Hände im Schnee. Seltſam! Als er heute heimkam, fragte ihn Martha: „Haſt nichts im Kutſchentruckle?“ „Warum fragſt?“ erwiderte Diethelm erſchreckt. „Ich weiß nicht warum, ich mein nur ſo.“ „Es iſt nichts darin,“ ſchloß Diethelm feſt. Spät in der Nacht, als Alles im Hauſe ſchlief, ſchlich Diethelm noch einmal hinab, lauſchte, ob Medard in ſeiner Stallkammer ſchlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutſchenſitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heu⸗ boden und verſteckte es unter einem Dachſtuhlbalken; aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieſes Verſteck beſonders gefährlich er— ſchien, er kehrte wieder um und fand am Ende nichts beſſeres, als das Kienholz wieder in den Kutſchenſitz zu verſchließen, er faßte dabei den Vorſatz, bei der nächſten Ausfahrt dieſes willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu ſchleudern. Er ſchauderte vor ſich ſelber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war und die Hand auf das Kienholz gelegt, ſchwur er vor ſich in ſtiller verborgener Nacht, jede Verſuchung von ſich abzuthun, und wie aus einem wüſten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, ſchlief er ruhig und feſt. Am andern Tage, es lag ein leichter Schnee auf dem Felde, fuhr Diethelm in Angelegenheiten ſeines Waiſen⸗ pflegeramtes wieder nach der Stadt. Er wollte unter⸗ wegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutſchenſitz, als jedesmal Leute daher kamen, ſo daß er in ſeinem ſeltſamen Thun geſtört wurde und wieder davon fuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer ſitze, aber bald lachte 95 er über dieſe alberne Furcht und wollte ſich nun ge⸗ rade zwingen ſie zu überwinden, und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, ſollte er beſondere Achtſamkeit empfehlen da er etwas im Kutſchenſitze habe, aber das konnte aufmerkſam machen, er müßte Red und Antwort darüber geben, darum war's beſſer er ſchwieg ganz und ſo blieb's dabei. Als er auf dem Waiſenamte war, fühlte er mitten in den Verhandlungen plötzlich einen jahen heißen Schreck, er glaubte, er habe den Kutſchenſitz nicht recht ver⸗ ſchloſſen, es war ihm faſt ſicher, daß er offen war; wenn nun Jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menſchen aufſteigen. Ohne nachzu⸗ ſehen unterſchrieb Diethelm Alles was man ihm vor⸗ legte und eilte nach dem Wirthshaus; ſeine Vermuthung hatte ihn betrogen, der Kutſchenſitz war wohl ver⸗ ſchloſſen, aber er wagte es nicht ihn jetzt zu öffnen und nach dem verrätheriſchen Inhalte zu ſchauen. Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vorüberkam, rief ihm dieſer zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm verſprach zu Neujahr zu bezahlen und Gäbler ſagte, er verlaſſe ſich darauf. Ueberhaupt ſchien es Diethelm, als ob alle Menſchen ein verändertes Be⸗ nehmen gegen ihn hätten, ſelbſt der Sternwirth war wortkarg und ging ſeinem Geſchäfte nach, während er ſonſt unzertrennlich bei Diethelm ſaß und mit ihm über Allerlei in Gegenwart und Zukunft plauderte. Was ———. — hatten denn die Menſchen, daß ſie auf Einmal ſo ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derſelbe, der er von je geweſen? Damals am Markt⸗ tage erglänzte ihm jedes Angeſicht und ſtreckte ſich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der„den Herrn Vetter und Familien⸗ fürſten“ aufſuchte und ſich ihm zu Beſorgungen erbot, konnte nicht begreifen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer ſagte, der ſei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menſchen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar ſchien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und ſeine Ehre angegriffen ſei, daß etwas wie eine Verſchwörung aller Menſchen gegen ihn in der Luft ſchwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt be⸗ ſonders huldreiche Zuneigung der Welt, und gerade da bleibt ſie aus, und das düſter blickende Auge des Bedrängten ſah Unfreundlichkeit der Menſchen, wo ſonſt gar nichts geſehen wurde. Diethelm beauftragte dann Kübler, eine geweihte Kerze, ein vier und zwanzig Stunden haltiges ſogenanntes Taglicht zu kaufen für den verſtorbenen Vater des Waiſenkindes, in deſſen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kaſtenverwalter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in ſechs Wochen fällig war, bereits anderweit verſagt hätte.„Der hat auch was,“ knirſchte Diethelm, den Brief in die Taſche ſteckend, und hätte er in dieſem Augenblicke ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können, es wäre ihm eine 95 Luſt geweſen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kaſtenverwalters als Kübler kam, aber er brachte ſtatt Einer Kerze ein Gebund, das vier ſolcher ent⸗ hielt. „Ich hab' nur Eine gewollt, aber es iſt ſo auch recht,“ ſagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit ſengen und brennen. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. Elftes Kapitel. Der Schnee wirbelte um ihn her und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, ſeine Wangen glühten und die Schneeflocken, die darauf fielen, konn⸗ ten die Gluth nicht löſchen. Am erſten Berge hielt er an, öffnete den Kutſchenſitz, aber nicht um ſeinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerſtreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kien⸗ holz. Er fühlte einen Stich durch's Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger erfindungsreicher Gedanke: Dieſe Kerzen brennen eine volle Tag⸗ und Nachtlänge, mit ihnen läßt ſich verdachtlos etwas bewirken. Im Schritt den Berg hinanfahrend überdachte Diethelm ſein ganzes vergangenes Leben. Er ſpürte ein Jucken in den Augen, als er der unſäglich vielen Freuden gedachte, die er ſeinen Eltern und allen ſeinen Angehörigen bereitet hatte, und plötzlich ſtand es vor ihm, daß ſein Bruderskind in Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Anſäſſigmachung verhelfe. Alles, was er thue, ſei ja zum Guten. Und jetzt war es, als ſähe er ſeine Fränz, wie ſie unter den Men⸗ ſchen herumgeſtoßen würde, die kein Erbarmen haben 99 und ſich ſelber ſah er ſterbenskrank und in Noth und verlaſſen. Es muß ſein... Heute kehrte Diethelm freiwillig auf der kalten Herberge ein. Es war ihm hier nicht mehr wie in einem verzauberten Hauſe zu Muthe, Alles hatte einen freundlichen Anſchein und das behäbige und wohlge⸗ muthe Weſen des Wirthes ſprach es deutlich aus, daß man nach einer ſolchen That wieder friſchauf leben kann. Diethelm ſuchte ſich immer mehr einzureden, daß der böſe Leumund die Wahrheit verkünde und dieſer Wirth ein Brandſtifter ſei. So ſaß Diethelm in ſich gekehrt und mit glänzenden Augen umſchauend, als ein alter Bekannter, der Reppenberger, eintrat und ſeinen Glücksſtern pries, der ihm einen Weg er⸗ ſparte, den er eben zu Diethelm machen wollte. Er berichtete, wie er endlich einen willigen Käufer gefun⸗ den, der den geſammten Wollvorrath zu einem Preiſe übernehme, bei dem für Diethelm noch ein mäßiger Gewinn ſich ergab. Reppenberger hatte ein ſo leben⸗ diges Mundſtück und wußte es durch Weinzufuhr immer neu zu beleben, daß er gar nicht merkte, wie zer⸗ ſtreut und ſtotternd Diethelm ſtets antwortete, wenn er nicht lautlos darein ſtarrte, als hätte er gar nichts gehört. Denn Diethelm war es in der That, als treibe der Teufel ſein Spiel mit ihm. Kaum gibt er ihm die Kerzen in die Hand und erregt in ihm die erfindungsreichen Gedanken, da kommt die Verſuchung und will Alles zum leeren Poſſenſpiel und zu nichte machen. Iſt darum alles Bedenken und alles innere Zagen überwunden, damit Alles ein eitles Spiel um — X ¹ 100 nichts ſei? Das Herz, das einmal den feſten Willen zur böſen That gefaßt, ſieht leicht dieſe ſchon als in ſich vollbracht an und wie mit dämoniſcher Gewalt wird es immer wieder dazu gedrängt und alle Ab⸗ lenkungen erſcheinen nicht als das was ſie ſind, ſon⸗ 3 dern als Hinderniſſe, die überſprungen und beſiegt werden müſſen. Denn das iſt das unergründliche Dunkel, daß das innere Sinnen, ſei es gut oder böſe, alle Vorkommniſſe wie eine leibliche Speiſe verwan⸗ delt und ſich gleich macht. Was vor Kurzem noch in Kämpfen und Bedenken als freier Entſchluß ſich dar⸗ ſtellte, verkehrt ſich in unabänderliche Nothwendigkeit und wie in einen Zauberkreis gebannt, aus dem nichts mehr zu wecken vermag, erfüllt ſich das Geſchick. Darum muthete dieſe ſonſt frohe Kunde Diethelm jetzt mit Betrübniß an und er knirſchte innerlich vor Zorn, wie ihm die Rechtfertigung vor ſich genommen war, daß ſonſt kein anderer Ausweg blieb. Wie zum Hohne öffnete ihm jetzt die ſchlechte Welt einen Aus⸗ weg, den er doch nicht mehr einſchlagen konnte. Einen großen Schick wollte er machen und was ſoll jetzt ein kleiner Gewinn? Der ſpielte ihm die Möglichkeit einer völligen Rettung aus der Hand und überließ ihn fort und fort den tauſend kleinen Plackereien, deren Ende gar nicht abzuſehen war. Darum muß geſchehen was beſchloſſen iſt... Als erriethe er Diethelm's Gedanken, ſagte der Reppenberger jetzt: „Guck einmal den Wirth an, ſitzt er nicht da ſo un⸗ ſchuldig und fromm wie der heilig Feierabend, und doch 101 weiß er, was er gethan hat und hat ſein Haus ange⸗ zündet und beim Brandlöſchen ſich einen naſſen Finger gemacht und Alles abgewiſcht was angekreidet geweſen iſt. Jetzt hat er ein neues Haus und baar Geld ſtatt Schulden.“ „Wer weiß, wie es ihm zu Muth iſt,“ ſagte Diet⸗ helm ſich mit der Hand hin und her durch das Hals⸗ tuch ſtreifend, als wollten die Worte nicht heraus. Der Reppenberger lachte laut und ſagte: „Hab ſchon gehört, daß du fromm geworden ſeiſt, aber glaub mir, wenn alle Leute, die was Ungrades gethan haben, krumm gingen, da könnt' ſich ein Auf⸗ rechter um's Geld ſehen laſſen.“ „Ich will nichts mehr davon hören,“ ſagte Diet⸗ helm ſtreng verweiſend und ſprach nun von dem Ver⸗ kauf, zu dem er ſich willfährig zeigte. Er wußte nicht recht warum er das that, aber ſo viel war ihm klar, er mußte ſcheinbar darauf eingehen, um nicht Verdacht auf ſich zu lenken. Auf dieſe Rückſicht wollte er fortan alle Klugheit verwenden und er war im Innern ſtolz darauf, wie weit er es bereits in der Verſtellungskunſt gebracht hatte. Diethelm nahm den Reppenberger mit nach Buchenberg, und da der abgehauste Mann keinen Mantel hatte, gab er ihm eine Pferdedecke, in die ſich derſelbe behaglich wickelte. Diethelm aber fröſtelte es bei dem Gedanken, daß auch er einſt wie dieſer einer geliehenen Pferdedecke ſich freuen könne, und wie er Peitſche und Leitſeil in die Hand nahm, ſprach es in ihm: Darum muß geholfen werden ſo lang ich das noch feſthalte. Der Reppenberger entſchlief bald, aber Diethelm wurde von mühſamen Gedanken wach gehalten. Zum Scheine verkaufen und vor den Leuten ſich höchlich darob freuen, aber vor der Ablieferung noch Alles in die Luft ſprengen, und mit der hohen Verſicherungs⸗ ſumme ſich wieder friſch flott machen— das war die Beſtimmung, die endlich ſo feſt ſtand, als wäre ſie gar nicht die Geburt ſeines eigenen Entſchluſſes, und ſo ruhig ward er dabei, daß er die Peitſche neben ſich ſteckte und die des Weges gewohnten Pferde laufen ließ und in Schlaf verſank wie ein Kind nach dem Nachtgebete. In Unterthailfingen vor dem Wirths⸗ hauſe hielten die Pferde an und Diethelm erwachte, taumelnd ſchaute er auf und mußte ſich beſinnen wo er war, und im erſten Augenblicke erſchien die weiß⸗ verhüllte Geſtalt neben ihm wie ein Geſpenſt. Im Dorfe ſchlief Alles und Niemand bemerkte das Anhalten eines Fuhrwerks, nur Reppenberger erwachte, als Diethelm mit einem plötzlichen Ruck im geſtreckten Trab davonfuhr. „Wenn ich nur ſo ein Kütſchle hätt' wie du,“ ſagte der Reppenberger,„wenn ich meine ſiebzig Jahre da hüben ſo rumfahren könnt', könnten ſie meinetwegen in der andern Welt mit mir machen was ſie wollen.“ Und wie nun Diethelm immer weiter ſein Glück preiſen hörte und wie der Reppenberger erzählte, welch ein elendes Leben er führe, empfand Diethelm immer mehr ein Wohlgefühl, daß er den Muth und den rechten Weg gefunden habe, ſich eine heitere ſorgenfreie Zu⸗ kunft zu ſichern. Als der Reppenberger ſeine Pfeife 103 geſtopft hatte und jetzt Feuer ſchlug, fiel Diethelm im Anſchauen der ſpringenden Funken der Traum ein, den er ſo eben gehabt: er ging über eine große weite Haide und es regnete Funken, ſie flogen ihm in's Geſicht und auf den blauen Mantel, aber ſie zündeten nicht und er ging darunter hinweg als wären es Schneeflocken, und weiter hinaus in der Ebene ſtanden Funkenſäulen und ſtrömten auf und nieder, und plötzlich ſtand ſein Vater vor ihm und ſagte lächelnd: es regnet Gold— da hielten die Pferde an, dahin war das Traumgeſicht. Träume gelten zwar nichts, ſagte ſich Diethelm, aber dieſer hat doch eine gute Vorbedeutung. Am Waldhorn in Buchenberg ſtieg der Reppen⸗ berger ab und luſtig knallend fuhr Diethelm nach ſeinem Hauſe und erzählte der Frau, daß der gute Schick nun in dieſen Tagen eintrete und alle Wolle ſo viel als verkauft ſei. „Gott Lob und Dank!“ rief die Frau, die Hände in einander ſchlagend,„ich hab' dir's nicht ſagen wollen, daß mir's immer geweſen iſt, wie wenn die Deck und Alles was darauf iſt mir auf dem Kopf liege.“ „Mir auch,“ ſagte Diethelm zutraulich und ſchnell dachte er jetzt in dieſer heitern, argloſen Stimmung Vorſorge zu treffen und er fuhr fort:„Ich hab' immer Bangen gehabt, es geht einmal ein Feuer aus und der Teufel hat doch ſein Spiel und wenn auch das Sach verſichert iſt, was nutzt das wenn eins von uns umkäm, und da hab' ich mir ſchon oft gedacht, da zu dem Fenſter nausſpringen thut man ſich keinen Schaden, weil der Dunghaufen da iſt.“ „Red' ſo was nicht; das heißt Gott verſuchen,“ wehrte die Frau ab und Diethelm erklärte, daß das nur ein vorübergehender Gedanke war, innerlich aber fühlte er ſich erleichtert, ſeiner Frau den Weg gezeigt zu haben, wenn er ſie nicht vorher aus dem Hauſe bringen konnte, denn allein, von keiner andern Menſchen⸗ ſeele gekannt, ſollte die That geſchehen. Heute machte Diethelm keinen Verſuch mehr den Inhalt des Kutſchenſitzes zu zerſtreuen, er freute ſich des fallenden Schnees, der die Halbkutſche in der Scheune ließ und den Schlitten zur Verwendung brachte. Am Morgen fühlte Diethelm noch einmal ein Bangen über ſeinen Vorſatz, und doch war's ihm, als hätte er Jemanden das Verſprechen gegeben, ihn zu vollführen. Eben wollte er die geweihte Kerze in das Pfarrhaus ſchicken, als ſeine Bruderstochter aus Letzweiler ankam. Noch bevor ſie ein Wort reden konnte, weinte ſie laut und erklärte endlich, daß man in G. ſage, Diethelm werde ihr keine Ausſteuer geben, die Hochzeit nicht ſtattfinden und ſie im Elende bleiben. Man konnte nicht herausbringen woher das Gerücht gekommen war und das Mädchen, das immer auf der Bank ſitzen blieb und nicht aufſtand, ſchwur, daß ſie ſich ein Leid anthue, wenn das Gerücht wahr ſei. Diethelm ſtand lange ſtill vor dem Mädchen, betrach⸗ tete es ſcharf, ſo daß es die Augen niederſchlug und ſich auf die Bruſt ſchlagend, daß es dröhnte, ſchwur Diethelm:„Guck, mir ſoll die Kerze da auf der Seele verbrennen, wenn du nicht Alles von mir be⸗ kommſt, wie ich's verſprochen habe.“ 105 Er ging mehrmals mit ſchweren Schritten die Stube auf und ab und ſtand wieder vor dem Mädchen ſtill und ſagte: „Warum haſt denn ein ſo ſchlechtes Kleid an? Haſt keine beſſeren?“ „Freilich, ich hab' ja die zwei, die ihr mir ge⸗ ſchenkt habt, aber ich will ſie ſparen.“ „Du weißt ja,“ fuhr Diethelm auf, ich kann nicht leiden, wenn eines von den meinigen ſo verlumpt da⸗ her kommt. Mein' Frau muß dir von der Fränz ein anderes Kleid geben. So darfſt du nicht durch das Dorf. Ich will der Welt zeigen wer ich bin.“ Wuth gegen die Welt, die ſeinen Ehrennamen ſo grundlos angriff und ein freudiger Hohn, daß er es in der Gewalt habe, Rache zu nehmen, alle böſen Nachreden zu Schanden zu machen, kochten in ſeinem Herzen. Er ſtand gerechtfertigt vor ſich da, das Schlechteſte zu thun; muthete man ihm ja das Schlech⸗ teſte zu, und Niemand hatte ein Recht oder einen Grund dafür. Das Mädchen, das ſich wohl auf einen ſcharfen Zank gefaßt gemacht hatte, ſchaute mit gefal⸗ teten Händen wie anbetend zu Diethelm auf, der ihm liebreich die Wangen ſtreichelte, denn ein freudiger Gedanke erhob ihn; ſichtbarlich zeigte es ſich ihm, er mußte die That thun, um die Stütze ſeiner Familie zu retten. Die ganze Macht ſeiner Familienliebe erwachte in ihm, nicht für ſich, für alle ſeine An⸗ gehörigen mußte er der bleiben, der er war, alles Verdammungswürdige in ſeiner That war nur ver⸗ kannte Tugend. 106 Medard kam in die Stube und berichtete die Zahl der Lämmer, die in dieſen Tagen ſich zahlreich einge⸗ ſtellt hatten, indem er dabei bemerkte, der Meiſter möge doch auch wieder einmal in den Stall kommen und nachſchauen. Diethelm wies den Medard mit ſtrengem Blick ab und ſagte, er habe jetzt anderes zu thun; als er aber dem ſtechenden Blick Medards be⸗ gegnete, ſagte er: ich komme gleich. Er überdachte ſchnell, daß er nichts auf ſich kommen laſſen dürfe, was als Fahrläſſigkeit gegen ſein Eigenthum erſcheinen fönne. Sonſt hatte er im Winter immer ſeine be⸗ ſondere Freude an den Schafen gehabt; im Somier ſind ſie auf der Weide, dem Auge entrückt, im Winter aber gibt es oft täglich Junge, und Stundenlang war Diethelm im warmen Schafſtalle geſeſſen. Als er jetzt dahin kam, drängten ſich alle Schafe auf ihn zu, ſo daß ihm ganz ängſtlich zu Muthe wurde, er zählte die Lämmer kaum und machte ſich wieder davon. Zwölftes Kapitel. Auch im Schickſal der Menſchen gibt es veränder⸗ liches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger beſtellten Käufers mel⸗ dete einen Verſchub ſeiner Ankunft auf mehrere Wochen und erſuchte Diethelm, wenn er bälder verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptſtadt zu kommen. Diet⸗ helm ließ ſich aber dadurch nicht abhalten, im Wald⸗ horn prahleriſch ſeine günſtigen Ausſichten zu verkün⸗ den. Er lief dann hin und her und hatte für Alles die genaueſte Fürſorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeſchäft, wie ein gewaltſamer Zeit⸗ vertreib, bis es an die einzige und wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirth aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, verneinte er, und doch war ſein Antlitz froh geſpannt, denn er erinnerte ſich des bedeutenden Pulvervorrathes, den er im Hauſe hatte, und der ſich nun auch zu ſchicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhauſegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erſchrack er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenſter blinken ſah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die 108 Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihekerze war, die er ſelber aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin iſt berechnet, wie lange dieſes Licht brennt, und iſt es nieder und findet keine Nahrung ſeiner Flamme mehr, dann erliſcht es, findet es aber neue weithin⸗ ziehende, dann... Als Diethelm ſich endlich von den Knieen aufrichtete, ſah er wie verwirrt an ſich herab, er konnte ſich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen ſeinen Willen geſchehen ſein. Haſtig verſcharrte er die Spuren ſeiner Kniee im Schnee, und wie er weiter ſchritt, verſcharrte er jede Fußtapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradenweges heimzugehen, bald ängſtigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verrathen ſei, bald hatte er eine Angſt vor ſeinem eigenen Hauſe, als ob die todten Wände wüßten, daß er ſie in Aſche ver⸗ wandeln wolle und vorzeitig zuſammenſtürzen und ihn unter ihrem Schutte begraben. Eine ruheloſe Gewalt trieb Diethelm immer weiter, als müßte er entfliehen und hinter ſich laſſen Alles was ihn kennt und nennt, die Verwandten werden ſich ſchon der Martha und der Fränz annehmen, wenn nur er nicht mehr da war, nur wehe that es ihm, daß er ihnen nicht Lebewohl geſagt, und Thränen traten ihm in die Augen über ſeinen eigenen ſo jähen Tod, den er doch ſuchen mußte. In dieſer Nacht kämpfte zum letztenmal der gute Geiſt Diethelms mit ſeinen ſchlimmen Vorſätzen in gewaltigem Ringen und eine überraſchende Wendung ſeines Denkens löste auf Einmal allen Hader: Dir 109 bleibt nichts als dich ſelbſt umbringen, das iſt eine ſchwere Sünde— oder Brandſtiften, das iſt auch ein Verbrechen, aber minder, und du haſt ſchon genug ge⸗ litten für das, was du thun wollteſt, du haſt deine Strafe vorweg empfangen, jetzt mußt du's auch thun, und du retteſt dich und all die Deinen. An der Gemarkung von Unterthailfingen kehrte Diethelm um und kam, man kann faſt ſagen, als hart⸗ gefrorner Miſſethäter heim. Drei Tage ging Diethelm einſam und in ſich ge⸗ kehrt umher; er verſtopfte jede Luke und jeden Spalt auf dem Speicher und ſagte ſich innerlich Wort für Wort Alles vor, was er zur gefahrloſen Vollbringung zu thun habe, denn er gewahrte, wie ſein Athem ſchneller ging bei dem Gedanken an die endliche Aus⸗ führung, er wollte ſich vor ſich ſelbſt ſicher ſtellen, um mit Umſicht und ohne Leidenſchaft und Haſt, die leicht das Wichtigſte überſieht, zu Werke zu gehen. Am dritten Abend kam ein Bote vom Kohlenhof mit der Nachricht, daß die Kohlenhof⸗Bäuerin, die Tochter Martha's erſter Ehe, krank ſei und nach der Mutter verlange. Diethelm erfaßte dieß ſchnell als eine erwünſchte Wendung und drang in ſeine Frau, daß ſie ſogleich abreiſe; er wußte aber allerlei Aus⸗ reden, daß er ſie nicht ſelbſt führte, er wollte dem Medard den Schlitten mit den beiden Rappen über⸗ geben, aber dieſer klagte über Schmerzen in ſeinem zerbrochenen Beine und der Waldhornwirth war gerne bereit die Baſe zu führen. Diethelm empfahl ihm, bald zurück zu kehren, da er morgen auch verreiſen müſſe. 11⁰. Als das Fuhrwerk mit Schellengeklingel davonrollte, hob Diethelm die Arme hoch empor und reckte ſich wie zum Ausholen für eine ſchwere Arbeit. Spät in der Nacht als Alles ſchlief, ging Diet⸗ helm ohne Licht hinab in die Scheune, öffnete den Kutſchenſitz, nahm die Kerzen ſorgfältig heraus, that das Kienholz in einen Sack, den er ſich über den Rücken band, und ſtieg auf der Scheunenleiter hinauf nach dem Speicher. In der Mitte der gradaufſtehenden Leiter, die er doch tauſendmal auf⸗ und abgeſtiegen war, überkam ihn plötzlich ein Schwindel, daß er nicht vor⸗ und nicht rückwärts konnte; er hing wieder wie über einem Abgrunde zwiſchen Leben und Tod und faſt ſchrie er laut auf nach Hülfe, aber noch hatte er Be⸗ ſinnung genug zu überlegen, daß er ſich damit in's Elend ſtürze und mit letzter Kraft in ſich hinein fluchend ſtemmte er ſich an und kletterte behende von Sproſſe zu Sproſſe und ſtand endlich keuchend auf dem obern Boden. Er legte jetzt Alles nieder, wo er ſtand, ja ſelbſt die Pulverſackchen that er aus der Taſche. Er öffnete einen Laden, um das Mondlicht hereindringen zu laſſen und ſaß lange ausruhend auf einem Woll⸗ ballen. Endlich vertheilte er das Kienholz in einzelne Schichten, die er zwiſchen die Ballen legte, dabei ſprach er faſt laut vor ſich hin:„Dorthin die eine, dort die andere Kerze und die dritte zwiſchen die aufgehobenen Bretter, daß kein Licht nach außen ſcheint. Ich muß ſie kürzen, ſie dürfen nur zwölf Stunden brennen.“— Jetzt hatte er Kienholz zwiſchen zwei Ballen geworfen, aber es fiel ſo dumpf, er griff hinab und ein Schrei 111 des Entſetzens ertönte, Diethelm hatte einen haarigen Kopf erfaßt, er zitterte, daß die Bretter unter ihm dröhnten, eine krallige Hand faßte nach ſeinem Munde: „Der Teufel! der Teufel!“ ſchrie Diethelm und ſank lautlos zu Boden. „Meiſter, Meiſter, ich bin's,“ rief jetzt eine Stimme, und Diethelm ſetzte ſich auf. War das nicht die Stimme des Schäfers Medard? Wunderbar ſchnell war Diet⸗ helm gefaßt. „Was thuſt du da? du haſt ſtehlen wollen, du Zuchthäusler?“ rief Diethelm. „Und wenn auch, was darnach?“ erwiderte Medard ſpöttiſch,„die Brandkaſſe bezahlts doch.“ Raſch ſchnellte Diethelm empor, und mit den Wor⸗ ten:„Ich erwürge dich, du krummer Hallunk,“ warf er ſich auf Medard, ſchleuderte ihn nieder und kniete ihm auf die Bruſt. „Ich will ja nichts ſagen, laſſet nur los,“ rief Medard mit halberſtickter Stimme und Diethelm ge⸗ wahrte plötzlich, daß er zum Mörder werden wolle und ließ ab. Wie anders war plötzlich Alles gewor⸗ den, er hatte einen Mitwiſſer ſeiner That und war alle Zeit in der Hand eines Fremden. „Guck,“ ſagte er, und ihn ſelber ſchauderte vor dem, was er ſagte,„ich bin einmal ſo weit, zurück kann ich nicht mehr, aber ich kann weiter gehen, ich muß es, wenn du mir nicht eine Sicherheit giebſt, daß du nie— nie was redeſt.“ „Es giebt nur Eine Sicherheit, nur eine einzige,“ erwiderte Medard,„und die iſt feſter als tauſend Eide.“ „Heraus, Heraus, was iſts?“ ſagte Diethelm die Hände des am Boden Liegenden feſthaltend, und dieſer erwiderte: „Der Munde heirathet eure Fränz, und wenn mein Bruder all' das Sach kriegt, da iſt die beſte Sicherheit, daß ich nie was Diethelm preßte vor Zorn die Hände des Medard zuſammen, daß dieſer laut aufſchrie, aber allmälig ließ er doch lockerer, und er ſagte endlich: „Meinetwegen, ja, ja, es ſoll ſo ſein, aber du mußt mitthun und du mußt anzünden, wenn ich nicht da bin.“ „Das nicht,“ erwiderte Medard,„aber mit thu ich und wir ſchaffen noch ein gut Theil fort eh' es losgeht.“ „Haſt denn geſtohlen?“ „Was fraget ihr jetzt darnach? das iſt jetzt Alles lauter Schwefelhölzle und ich weiß noch was, was ihr vergeſſen habt, ich komm morgen in's Spritzen⸗ häusle, ich will helfen die Spritze vom Rädergeſtell auf den Schlitten bringen, und da will ich nur zwei Schrauben an der Spritze losmachen, dann mag man löſchen.“ „Du biſt nicht dumm, du biſt geſcheit,“ ſagte Diet⸗ helm und mit dieſen Worten war der Friede zwiſchen den beiden geſchloſſen. Diethelm führte den Knecht, den ſein kranker Fuß von dem Falle in der That ſehr ſchmerzte, ſorglich die Treppe hinab und gab ihm Branntwein zum Einreiben. Medard ſprach viel davon, wie albern es wäre, — 0 wenn man nicht noch ſo viel als möglich bei Seite ſchaffe, aber Diethelm wehrte ſtrenge ab, er hatte das Wort auf der Zunge, aber er ſchämte ſich es zu be⸗ kennen, daß er nicht auch noch zum gemeinen Diebe werden wolle, er fühlte voraus den höhniſchen Spott ſeines Genoſſen und wies nur auf die Gefahr hin, die ſolches Beiſeiteſchleppen, ohne daß man's ahne, mit ſich führe. Medard hatte wohl zu vertheidigende Einwände und Diethelm fühlte ſich geneigt ſtrenge zn befehlen, daß Alles nach ſeiner wohlbedachten Anord⸗ nung ausgeführt werde, aber indem er den Befehl aus⸗ ſprach, verwandelte er ihn in eine Bitte, und es flang faſt wehmüthig, wie er den Medard bat, um ſeiner Beruhigung willen nichts hinterrücks zu thun und alle ſeine Anordnungen auszuführen. Medard hatte ſich während deſſen gemächlich Knie und Wade eingerieben, und als jetzt Diethelm ſchloß: „Wir ſind doch eigentlich ganz gleich, ich thu' Alles wegen meinen Verwandten und du thuſt Alles wegen deinem Bruder, da ſchaute Medard grinſend auf und ſagte: „Aber mein Bruder iſt jetzt euer einziger und nächſter Verwandter, eure Letzweiler Krattenmacher haben ſchon genug gekriegt und für den Munde thun wir Alles und ihm muß Alles bleiben.“ Diethelm biß ſich die Lippe blutig über dieſe freche Rede, die ihm in's innerſte Herz griff, aber er ſchwieg; er ſah, wie der kecke Burſche ihn jetzt ſchon zu meiſtern begann und ſchaute mit Grauen in die Zukunft. Er faßte einen tödlichen Haß gegen den Geſellen und d Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 8 ſtampfte auf den Boden vor Zorn und Reue, daß er ihn nicht erdroſſelt hatte. Jetzt war das nicht mehr möglich, von der Stube aus hörten die Dienſtleute im Rebenbau den Hülferuf. Welch ein ausgeſpitzter Böſe⸗ wicht war es, an den er zeitlebens gefeſſelt war, auch nicht einen Augenblick hatte er ſich beſonnen, die That zu vollführen, während er ſelbſt doch ſo gräßlich mit ſich gerungen hatte. Diethelm knirſchte in ſich hinein, da er die Unterthänigkeit gewahr wurde, in die ſein immer noch weichmüthiges Naturell gegenüber dieſem verſteiften, hartgeſottenen Böſewicht gerieth, äußerlich aber war er freundlich und zuthunlich, und nickte zu dem Vorſchlage, da Medard ſagte, man müſſe vom obern und zweiten Boden Bretter ausheben, daß die Flamme raſch einen Durchzug fände, bevor ſie hinaus⸗ ſchlage. Schwer iſt oft die Verzweiflung, die einen Menſchen heimſucht, der einſam den Weg des Verbrechens wan⸗ delt, aber einen Genoſſen haben iſt höhere Pein, man kann den eigenen Mund hüten, daß er nicht rede, die eigenen Mienen, daß ſie nicht zucken und es kann Tage geben, wo man Alles vergißt und ſich ausredet was geſchehen iſt; in einem Genoſſen aber ſpricht bei ſeiner Begegnung die That ſich aus, ohne Wort, ohne Wink, und weilt er ferne, wer behütet den Mund, wer wahrt die Mienen, daß ſie nicht den Ahnungsloſen in's Verderben reißen? Das erkannte Diethelm als er wieder allein war und es ihm vorkam, als kniſtere es ſchon in den Wänden. Als der Hahn krähte erwachte Diethelm und ballte die Fäuſte, der Gedanke ſchnellte ihn empor, daß nichts übrig bleibe als den verrätheriſchen Genoſſen, der ihn gewiß ſchon ſeit Jahren betrogen und mit zu ſeinem Elende verholfen, aus dem Wege zu ſchaffen; aber er bezwang ſich und ſo ſeltſam geartet iſt das Menſchenherz, daß Diethelm aus dieſer Selbſtbe⸗ herrſchung einen friedlichen Troſt ſchöpfte, die That, die er begehen wollte, erſchien unſchuldvoll, faſt ein Kinderſpiel, da er das ſchwere Verbrechen, den Mord von ſich wies. Mit ruhigem Gewiſſen entſchlief Diethelm abermals. Dreizehntes Kapitel. Es läßt ſich kaum ſagen, was in dem beiderſeitigen Blicke lag, als ſich Diethelm und Medard am Morgen zum Erſtenmale im Tageslicht begegneten, nur mit Blitzesſchnelle ſtreiften ſich ihre Blicke, dann ſchaute Jeder vor ſich nieder. Medard aber war wieder ſchnell gefaßt, griff in die Taſche und ſagte:„Da,“ wobei er Meſſingſchrauben zeigte, indem er mit trium⸗ phirender Miene hinzuſetzte:„Die hab' ich heut' ſchon geholt.“ „Vergrab' ſie,“ ſagte Diethelm und winkte dem Medard nach dem Stalle und fuhr hier fort:„Du ſagſt doch deinem Vater nichts?“ „Nein, das iſt nichts für einen Sympathiedoctor. Der Ofen muß aber heut' geheizt werden, denn brennt's an einem andern Ort, da merken ſie, daß die Schrauben und Kloben fehlen. Das Flugfeuer kann nicht zünden, die Dächer ſind mit Schnee bedeckt. Aber Meiſter,“ fuhr Medard fort, das Wort ging ihm ſchwer heraus, „wie iſt's denn? wollen wir die Schaf' nicht an einen Ort thun? Ihr wiſſet ja wohl, die ſind blitzdumm und können das Funkeln nicht leiden und laufen grad' drein'nein!“ 117 „Das geht nicht, das könnt' den Leuten verdächtig vorkommen, es muß Alles bleiben, wie es iſt. Ich ſag' dir's noch einmal, es muß Alles bleiben, wie es iſt.“ So ſchloß Diethelm und ging nach dem Hauſe. Hinter ihm drein aber ſtreckte Medard die Zunge heraus und fluchte vor ſich hin:„Du verdammter Schein⸗ heiliger, wart' Waiſenpflegerle, popple du nur die ganze Welt an und thu', wie wenn du kein Thierle beleidigen könnteſt, dich hab' ich, ich halt' dich am Strick um den Hals, du ſollſt mir's theuer bezahlen, daß du die unſchuldigen Schafe verbrennſt, du ſollſt mir nimmer Mäh machen und nicht mukſen, wenn ich dich anguck.“ In der Seele dieſes Menſchen, bereit zum Verbrechen, empörte ſich noch das Mitgefühl für die Thiere, die er jahraus jahrein hütete, und dieſes Mitgefühl verwandelte ſich in giftigen Haß gegen Diethelm, und dieſer war ihm ſo erlabend, daß er ſich auf die Vollführung der That wie auf eine Luſt⸗ barkeit freute. Diethelm aber, der nach dem Hauſe ging, lächelte vor ſich hin; die Meſſingſchrauben wurden zu ſichern Handhaben gegen Medard. Die Zerſtörung der Feuer⸗ ſpritze, das war eine That, mit der er Medard gefan⸗ gen halten konnte, er ſelber konnte jede Betheiligung leugnen, er konnte mindeſtens damit drohen, und wenn die Sache heraus kam, ſo wälzte dieſer Vorgang allen Verdacht auf Medard. Es galt nun behutſam in dem Wiſſen des Waldhornwirths und vielleicht bei einem andern feſtzuſtellen, daß und wie Medard 118 beim Ueberheben der Spritze auf den Schlitten ge⸗ holfen habe, und dann mußte Diethelm unter der Hand merken laſſen, daß er mit Medard unzufrieden ſei und ihn aus dem Hauſe thun wolle. Aber Alles nur fein behutſam. „Du meinſt, du haſt mich, und ich hab' dich im Sack,“ ſprach Diethelm in ſich hinein und freute ſich ſeiner klugen Benützung der Umſtände. So hegten dieſe beiden Menſchen, die ſo einig ſchienen, im In⸗ nerſten den tiefſten Haß gegen einander, und während ſie noch gemeinſam die That zu vollbringen hatten und noch nicht der Beute habhaft waren, dachte ein Jeder ſchon daran, wie er dem andern den Genuß verkümmere und ihn gefangen halte. Unter der Thüre traf Diethelm einen Boten vom Kohlenhof mit der Nachricht von Martha, daß ihr noch Mancherlei geſchickt werden ſolle, da ſie die Kranke noch mehrere Tage nicht verlaſſen könne. Der Bote ſah verwundert auf Diethelm, dem die Krankheit ſeiner Stieftocher gar nicht zu Herzen zu gehen ſchien, ja in ſeinem Geſichte drückte ſich ſogar eine Freude aus und der Bote, ein armer alter Häusler, dachte darüber nach, wie hart der Reichthum die Menſchen mache, denn die Freude in dem Geſichte Diethelms konnte gewiß nur von der Ausſicht auf die Erbſchaft her⸗ rühren. Diethelm aber dachte an nichts weniger als an eine Erbſchaft, er war froh, daß ſeine Frau noch länger wegblieb; in der nächſten Nacht mußte die unterbrochene Vorbereitung vollführt und Alles raſch zu Ende gebracht werden. Er ließ daher ſeiner Frau 119 ſagen, ſie möge nur ruhig bei ihrer Tochter bleiben, da er ohnedieß morgen verreiſe. Im Waldhorn war heute Diethelm beſonders auf⸗ geräumt, und als der Wirth ſein Geſchick lobte, das ihn immer mit unverhofftem und neuem Glück über⸗ häufe, nickte Diethelm ſtill. Er freute ſich, daß man an den großen Gewinn glaubte, den er aus dem Ver⸗ kauf ſeiner Vorräthe mache. Das ließ gewiß nie einen Verdacht aufkommen, geſchehe was da wolle. Den⸗ noch erzitterte Diethelm innerlich, als der Vetter Waldhornwirth erzählte:„Denk' nur, was heut' ge⸗ ſchehen iſt. Wie wir heute die Spritze abheben, iſt ein Rudel Schulbuben drum'rum, der Schmied jagt ſie fort, aber die ſind wieder da wie Bienen auf einem blühenden Repsfeld. Und wie jetzt der Schmied eine Peitſch nimmt und unter die Buben einhauen will, da ruft der alt Schäferle: Laß' ſein, bei ſo etwas darf man ſich nicht verſündigen und die Kinder können nichts dafür, ſie hören immer davon und ſehen das ganze Jahr die Spritze nicht, und da ſind ſie gewunderig froh, wenn ſie das einmal am hellen Tag und in der Ruhe ſehen.“ Könnet euch denken Vetter, was auf die Red für ein Geſchnatter und Getrappel iſt, und wo man hinguckt, hängt ſo ein junger Malefizbub, und mit Müh' und Noth werden wir fertig, ohne ſo einem die Finger abzutreten. Wie wir eben fortwollen und der Schmied das Thor in der Hand hat, um zuzu⸗ ſchließen, da hören wir wie die Spritze von ſelber zweimal pumpt, grad', als ob man's hüben und drüben heben thät. Da ruft der alt Schäferle:„Höret 120 ihr? Eh' drei Toge vergehen, brennt's im Ort.“ Der Schmied iſt ſo bös, daß er die Thüre zuſchlägt und faſt den alten Schäferle dazwiſchen klemmt. Dein Knecht, des Schäferle's Medard hat ſich geſchämt, daß ſein alter Vater ſo dummes Zeng ſchwätzt und iſt da⸗ von, und die Schulbuben rennen durch's Dorf und ſchreien überall:„In drei Tagen brennt's.“ Dem alten Schäferle ſollte man ſeine dummen Prophe⸗ zeihungen verbieten, aber hier fürchtet ſich Alles vor ihm und— ſollt' man's meinen, wo man hört, glauben die Leut' alle an die Prophezeihung, und da ſind die Leut' hier noch ſtolz auf ihren Ort. Bei uns daheim in Letzweiler fände man keine zwei alten Weiber, die ſo was glauben thäten, und der Ort liegt doch nicht an der Landſtraß' wie Buchenberg.“ Diethelm griff aus dieſer langen Mittheilung gerne den letztangeregten Gegenſtand auf; der alte Wettkampf, der in Spott und Neckerei überall zwi⸗ ſchen einem Dorf und dem andern iſt, hatte ihn ſchon viel erluſtigt, aber keiner der anweſenden Buchen⸗ berger ging heute darauf ein und Diethelm ſchien es faſt, als ob er Mißtrauen errege, weil er von dem Schreckgeſpenſt gar nicht rede, er ſagte daher über⸗ lenkend: „Der alt Schäferle hat nichts beſonderes prophe⸗ zeiht. Jedesmal, wenn man was an der Spritze zu thun hat, hält man das für ein Wahrzeichen, daß eine Feuersbrunſt auskommt, und da iſt's am geſcheiteſten, man macht den Aberglauben zu Schanden und giebt doppelt Acht, daß kein Unglück auskommt.“ 24 Alles ſchwieg. Nur ein fremder Mann, der auf der Ofenbank ſaß, ſagte halblaut vor ſich hin: „Abbrennen iſt nicht immer ein Unglück, im Gegen⸗ theil—“ „Wer iſt der Lump?“ fragte Diethelm ſeinen Vetter und dieſer erwiderte: „Ein fremder Spindelnhändler. Ich hätt' gute Luſt und thät den Kerl die Stiege'nabwerfen.“ „Thu's nicht,“ beſchwichtigte Diethelm,„das giebt ein unnöthiges Geſchrei in der Welt.“ Er beredete nun ſeinen Vetter, am morgenden Tage mit ihm nach der Hauptſtadt zu reiſen, wohin er mit Proben ſeiner Wollvorräthe gehen, und dann ſeine Fränz abholen wolle, die ihm geſchrieben habe, daß ſie nicht mehr in der Stadt bleibe. Gerade der Waldhornwirth war ihm ſtets der liebſte Genoſſe, er war halb Kamerad, halb abhängiger Untergebener, und draußen, wo man dieſes letzte Verhältniß nicht kannte, war Diethelm immer beſonders hoch angeſehen, wenn der ſtattliche Waldhornwirth ihn überall mit unterwürfiger Ehrer— bietung behandelte und hinter ſeinem Rücken ſein Lob verkündete. Der Waldhornwirth war ſchlau genug, dieſe unausgeſprochene Vaſallenſchaſt zu erkennen; er that oft, als ob er ſich davon losmachen wolle, um den Vetter zu allerlei Nachgiebigkeiten und Vortheilen zu bewegen. Dieß gelang ihm auch heute, denn Diet⸗ helm verſprach eine Entſchädigung für jegliche Ver⸗ ſäumniß. In neuer verzweiflungsvoller Pein ging Diethelm wieder heimwärts. War es denn nicht, als ob plötz⸗ 122 lich ſeine innerſten geheim gehaltenen Gedanken ſich von unſichtbarem Munde verbreitet hätten, ſo daß jetzt Alles im Dorfe von einer Feuersbrunſt ſprach, an die man ſonſt das ganze Jahr nicht dachte? Wäre es nicht das Beßte, Alles zu verſchieben und zu hin⸗ tertreiben, bis die Prophezeihung vergeſſen iſt? Aber wer weiß, wann die Frau wieder aus dem Hauſe ſein wird? Im Stalle traf Diethelm den Medard, der ein großes Seil mit Karrenſalbe einſchmierte und auf ſeine verwunderte Frage erhielt er die Antwort, daß dieſes das Seil aus der Radwinde ſei, das mit Fett getränkt als Lunte dienen müſſe, um das Feuer blitzſchnell in den Nebenbau auf den Heuboden zu leiten. Diethelm konnte nicht umhin, auch dieſe erfinderiſche Klugheit zu loben, dennoch ſprach er davon, die Sache noch zu verſchieben, da man an die dumme Prophezeihung glaube, Medard aber erwiderte: „Juſt deßwegen müſſen wir gleich losſchießen. Weil Alle davon ſchwätzen iſt jeder vorſorglich und glaubt Niemand dran, und geſchieht jetzt was, da heißt's: das hat ſein müſſen, das hat kein Menſch gethan, es hat ſein müſſen, weil's prophezeit geweſen iſt.“ Wie doch Alles auch ſeine Kehrſeite hat, das erfuhr jetzt Diethelm; die Wendung, die Medard der Sache gab, war doch überaus ſinnreich und fein berechnet, und doch war Diethelm ſchwer beklommen, ſchwerer als je, ihm war's, als wäre die That nicht mehr ſein, ſie war in fremde Hand gegeben und mußte geſchehen, ſei er nun willfährig oder nicht. 123 Faſt die ganze Nacht hindurch war Diethelm mit Medard beſchaftigt Alles herzurichten. Die Mäuſe liefen ohne Scheu wie toll hin und her, als ahnten ſie den Untergang des Hauſes. Diethelm zitterten oft die Hände, aber Medard war voll heiterer Laune, und wenn es Diethelm verſäumte, lobte er ſich ſelbſt über hundert kleine Erfindungen, die er noch machte und kneifte ſich ſelbſt in die Wangen. Diethelm ſchauderte als Medard über die geweihten Kerzen im Kirchentone einen wild närriſchen Feuerſegen ſprach. Als der Morgen graute und ein luſtiger Wind pfiff wurden die Kerzen entzündet und Alles ſorgfältig verſchloſſen, daß kein Lichtſchein nach außen dringe. Diethelm ſagte nun, daß er verreiſe. „Bis wann kommſt du wieder?“ fragte Medard. Betroffen ſah Diethelm drein, daß ihn ſein Knecht dutzte, aber er hielt an ſich und erwiderte: „Bis gegen Abend.“ „Drum,“ erwiderte Medard,„wenn du nicht auch da biſt, wenn es losgeht, zeig' ich dich an, ſo wahr die Lichter da brennen, oder nimm mich mit, ich will nicht allein da ſein, daß Alles auf mich kommt.“ Diethelm bebte vor Wuth, er ſah, in welche Hände er gegeben war, er griff ſich hin und her am Hals, denn er fühlte, wie es ihm die Kehle zuſchnürte, end⸗ lich brachte er unter Zähneklappern die Worte hervor: „Kannſt dich drauf verlaſſen, daß ich Abends wieder da bin, da, da haſt mein Hand drauf.“ Kaum hatte Diethelm die Hand Medards gefaßt, als er ihm einen Stoß vor die Bruſt gab, daß er niederfiel, und jetzt kniete er auf ihn, band ihm mit dem Halstuch die Hände zuſammen, aber Medard biß ihm in den Arm, ſchnell raufte Diethelm eine Hand voll Wolle aus einem benachbarten Sacke, ſtopfte ſie Medard in den Mund, band ihm die Füße mit Stricken zuſammen, betrachtete ihn einen Augenblick mit ge⸗ hobenem Fuße, als wollte er ihn zertreten und eilte hinab, Alles ſorgfältig hinter ſich verſchließend. Vor dem Hauſe rief er abſichtlich laut nach Medard, aber die Magd kam und half ihm die Pferde ein⸗ geſchirren und ſo ſchnell als der Wind, der den Schnee aufwirbelte, jagte Diethelm davon. Vierzehntes Kapitel. Im Rautenkranz in der Hauptſtadt lebte indeß Fränz auch nicht ſo vergnügt, wie ſie es gehofft hatte. Das Wirthshaus war faſt wie eine kleine Stadt für ſich; der gepflaſterte Hof war ſo groß wie der Markt⸗ platz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu und Jeder wußte ſo vollkommen Beſcheid im Hauſe, daß das rührig bunte Treiben ſich doch wieder wie eine ſtille Regelmäßigkeit darſtellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet geweſen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man ſich mitten in der Hauptſtadt befinde; die weite, offen ſtehende Küche mit ihrem zahl— reichen glänzenden Kupfergeſchirre an den Wänden und dem übermaßig breiten Heerde in der Mitte, die ſtei nernen Treppen mit ausgelaufenen Geleiſen zeigten, daß hier Alles von altem Beſtande war und gleicher⸗ weiſe zeigte ſich's in der weitläufigen Wirthsſtube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, 126 mit neubackenem Brod überſchütteten Anrichte die Herrin des Hauſes, eine ſtattliche Wittwe, ſaß, nähte und ſich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Beſcheid gab, ohne ſich zu irgend Jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menſchen im Lande, der die innerſten Verhältniſſe deſſelben ſo genau kannte, als die Frau Rautenwirthin, ſie machte aber von ihrer Wiſſenſchaft keinen Gebrauch, außer in ſeltenen Fällen, wenn ſie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; ſie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauſes und dieſe gelang ihr vollkommen, denn ſie herrſchte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte die eine die Aufſicht in der Küche, während zwei die Gäſte bedienten, die beiden Söhne verſahen die Bäckerei und Metzgerei und Alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit, ja die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taſchengeld ausbezahlt und fanden dieſe Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung, und wenn die Rauten⸗ wirthin zwei, dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man ſich darauf verlaſſen, daß Alles vom Morgen bis zum Abend in feſter Ordnung ſich hielt, denn die Knechte und Mägde, durch das Beiſpiel der Kinder belehrt, waren ebenfalls voll Gehorſam und Pflichterfüllung, und wer aus dem Rautenkranze ſich anders wohin verdingte, konnte bei gutem Lobe zehn Dienſte in einer Stunde haben. Nie hörte man einen Zank im Hauſe, willfährig geſchah die Handreichung von einem zum andern, der Pflichtenkreis eines Jeden war feſt abgemeſſen, es konnte Niemand aus ſeiner Bahn abirren; auch wenn noch ſo viel Gäſte da waren, bemerkte man nie eine Haſt, nie aber auch war Un— thätigkeit. Fränz hätte wohl kein beſſeres Haus finden kön⸗ nen, um die Wirthſchaſtlichkeit im größeren Maßſtabe zu erlernen, und ſo erſchien es ihr auch Anfangs; der gediegene Halt und die ſtetige Ordnung des Hauſes nöthigte ihr Anfangs eine hohe Achtung und willfährige Unterordnung ab, ja ſie griff um ſo freudiger zu, wenn ſie daran dachte, wie daheim bei den wenigen Menſchen Alles ſo kunterbunt durcheinander ging, daß man oft nicht wußte, wann Mittag und wann Abend iſt. Nach und nach fühlte ſich aber Fränz wiederum beängſtigt und gefeſſelt von dieſer Hausordnung; ſpät ſchlafen gehen und früh aufſtehen, den ganzen Tag arbeiten und nie eine Luſtbarkeit, ja kaum vor die Thüre kommen, dazu war ſie nicht nach der Stadt gegangen; ſie lebte ja hier faſt wie eine Magd. Sie verſuchte es, die Töchter und die Mägde zur Wider⸗ ſpenſtigkeit aufzuhetzen, aber ſie fand kein Gehör und die Rautenwirthin hatte ein ſcharfes Auge auf ſie. Fränz hatte dem Sohne des Sternwirths von G. bald zu wiſſen gethan, daß ſie hier ſei, er kam auch mehr⸗ mals in der Dämmerung als im Erbprinzen abgeſpeiſt war, aber mit Schrecken und Ingrimm ſah Fränz, daß er faſt nur Augen für die älteſte Tochter der Rauten wirthin hatte, und ſich oft ſtundenlang zu der Mutter ſetzte, die großen Gefallen an ihm zu haben ſchien. Nun behandelte ihn Fränz mit auffälliger Mißachtung und verſtand es bald mit dem älteſten Hausſohn, dem 128 Metzger, einen kleinen Liebeshandel anzuzetteln. Das dauerte aber auch nicht lange und mit Einemmal war aller Verkehr abgebrochen und Fränz erfuhr von einer vertrauten Magd, die gelauſcht hatte, daß die Wirthin ihrem Sohne jede Hinneigung zu Fränz ernſtlich ver⸗ boten, und dieſer habe faſt ohne Widerſpruch nachge⸗ geben. Fränz ſah von da an in dem Hauſe nur noch ein Sklavenhaus und verwünſchte Alles was darin war, den Sohn, der ſich von dem Herrſchteufel, der Mutter, befehlen laſſe und vor Allem dieſe ſelbſt; wenn ſie ſie hätte vergiften können, es wäre ihr er— wünſcht geweſen. Nun aber blieb ihr nichts, als wo ſie konnte Unordnung und Unfriede im Hauſe ſtiften, und alle ihre Obliegenheiten zu vernachläſſigen. Als die Wirthin ſie über Letzteres zur Rede ſtellte, erklärte Fränz voll Heftigkeit, ſie ſei keine Magd und noch viel weniger ein Sklav, ſie thue was ſie wolle, dafür bezahle ihr Vater Koſtgeld. Ohne ein lautes Wort von ſich zu geben, ordnete die Wirthin, daß Fränz nichts mehr im Hauſe zu thun habe, und daß ſie nur noch eine Koſtgängerin ſei, bis ihr Vater ſie abhole und das je eher, je lieber. Darum ſchrieb Fränz den Brief an ihren Vater und wollte nun nach Laune frei und ledig in der Stadt umherlaufen, die Wirthin aber erklärte, daß das nicht angehe, ſo lange ſie bei ihr im Hauſe ſei; ſei ihr Vater da, könne ſie machen, was ſie wolle. Munde hatte, ohne daß es ihm Fränz zu wiſſen that, doch bald erfahren, wo ſie war; er kam nun auch oft in den Rautenkranz und blieb übermäßig lange bei 25 ſeinem Schoppen ſitzen, meiſt ſchweigſam und wenig theilnehmend an den Geſprächen um ihn her, nur ſeine Blicke folgten Fränz, wenn ſie durch die Stube ging, und er trommelte mit den Fingern auf dem Tiſch, wenn ſie mit einem Gaſte freundlich that. Fränz aber lächelte ihm nur manchmal ſchelmiſch zu, und wenn er ſie heimlich auf einen ſogenannten„Ständerling“ vor dem Hauſe beſtellte oder gar mit ihr zum Tanzen gehen wollte, wehrte ſie ſtrenge ab, da die Wirthin ſie bei dergleichen mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe jagen würde. Während ſie auf Habhaftwer⸗ dung des Sternwirthſohnes und dann des Hausſohnes ausging, verſtand ſie es, Munde doch ſo hinzuhalten, daß er treulich wiederkam und dieſe ausdauernde Liebe that ihr einerſeits wohl, andererſeits hoffte ſie dadurch beſonders bei dem Hausſohne eine Eiferſucht und eine raſchere entſchiedene Entſchließung herbeizuführen. In der Küche und bei dem Wirthsſohne ſcherzte ſie oft über Munde, den ſie ſtets ihren Knecht nannte und über ſeine närriſche Verliebtheit. Schon ſeit mehreren Tagen erwartete Fränz ihren Vater, und als ſie von allen ankommenden Fuhrleuten vernahm, welch eine unerhörte Kälte draußen ſei, be⸗ klagte ſie, daß ihr Vater dadurch abgehalten werden könne, ſie zu holen. Gegen Abend kam Munde mit noch einem Soldaten und einem Bauer aus Unterthail⸗ fingen, der dieſen letzten, ſeinen Sohn, beſucht hatte. Fränz that heute beſonders freundlich gegen Munde, bat ihn um Aufträge an die Seinigen, da ſie bald die Stadt verlaſſe. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 9 — — ——————— 130 „Und du wirſt jetzt noch einmal ſo reich,“ ſagte Munde. „Wie ſo? Haſt was gehört, hat mein Vater ver⸗ kauft?“ „Das auch, aber dein' Stiefſchweſter, die Kohlen⸗ hofbäuerin, liegt im Sterben und da kriegſt du Alles.“ „Woher weißt das?“ fragte Fränz. „Da der Peter von Unterthailfingen erzählt's, dein' Schweſter wird ſchon geſtorben ſein.“ Während Fränz ſich noch mit der Schürze die Augen abrieb, trat ein Poſtſchaffner vor Kälte heftig trappend ein. Es war ein ehemaliger Unteroffizier, den Munde kannte, er bot ihm nun das Glas zum Trinken an und der Schaffner ſagte, ſich den Bart wiſchend: „Weißt auch ſchon, daß Diethelms Haus in Buchen⸗ berg abgebrannt?“ „Herr Gott, unſer Haus?“ ſchrie Fränz in lauter Wehklage, und ſtieß im Umſichſchlagen die Flaſche vom Tiſche, die klirrend auf den Boden fiel, ſo daß Alles im Zimmer ſich nach ihr wendete. Munde ſprang ſchnell auf und ſetzte die zitternde Fränz auf ſeinen Stuhl. Der Schaffner bedauerte ſeine Unvorſichtig⸗ keit, da er nicht gewußt habe, daß das Diethelms Tochter ſei. Fränz aber, leichenblaß und mit ſtierem Blicke, wollte Näheres wiſſen. Der Schaffner aber hatte dies nur von einem andern gehört, der am Morgen durch Buchenberg gefahren war und wußte weiter nichts, als daß kein Menſch dabei verunglückt ſei, nur einen Knecht, der das Haus angezündet habe, ſuche man noch vergebens. Alles verſammelte ſich nun um Fränz und tröſtete ſie, ja man wollte ihr ſo⸗ gar die ganze Sache ausreden, es ſei vielleicht gar nicht wahr u. dgl. m. Fränz aber war raſch ent⸗ ſchloſſen, ſie wollte augenblicklich heim; ſie faßte beide Hande des Munde und bat ihn, ihr zu helfen, daß ſie fortkäme, ſie jammerte um ihren Vater und ihre Mutter und klagte ſich ſelber an, daß ſie von ihnen fortgegangen ſei, es ſeien gewiß Alle verbrannt, und man ſage es ihr nicht. Die Wirthin wollte ſie be⸗ ruhigen und ihr ſolch' wildes Raſen ausreden, aber Fränz ſtieß ſie heftig von ſich. „Munde, du biſt dein Lebtag gut zu mir geweſen, ich bitt' dich Munde, guter Munde, hilf' mir, daß ich fortkomm',“ rief ſie immer laut weinend, und Munde ſelber weinte mit und verſprach Alles zu thun. Der Schaffner ſah auf eine Uhr und ſagte, durch Buchen⸗ berg gehe erſt morgen wieder ein Eilwagen, in einer Stunde aber gehe ein anderer nach G. ab, und von dort aus könne Fränz leicht nach Buchenberg kommen. Fränz eilte ſchnell auf ihre Kammer, holte ihre Kleider, und trotz aller Einrede, daß ſie doch den Abgang des Wagens im Hauſe abwarten möge, blieb ſie nicht und ging, von Munde allein gefolgt, nach dem Poſthofe. Wie träge ſchlug hier die Uhr, Fränz wollte faſt vergehen vor Haſt und Verzweiflung und Munde, der ſie gar nicht beruhigen konnte, ſagte faſt unwillkürlich: „Wenn ich nur den böſen Gedanken aus dem Kopf bringen könnt!“ „Was? Was haſt?“ fragte Fränz, ihn am Arme 9* faſſend. Munde ſagte, daß es nichts ſei, und er könne es nicht ſagen, es ſei ſchlecht und ſie ſolle es ja nicht glauben, aber er ſag's ihr nicht. Nun drang Fränz immer heftiger in ihn und ſchwur, ihr Leben lang ihn nicht mehr anzuſehen, wenn er nicht mittheile was er im Sinne habe. Da ſagte Munde: „Es iſt einfältig, es wäre beſſer geweſen, ich hätt' dir gar nicht geſagt, daß ich was weiß. Aber ich ſeh' ſchon, ich komm' ſo nicht mehr los. „Schwörſt du mir, es nicht zu glauben und keinen Haß auf mich zu werfen und mich gern zu haben, wenn ich dir's ſag? Nein, nein, ich kann auch ſo nicht, ich bring's nicht auf die Zung', nie.“ „Ich ſchwör dir Alles, ich bitt' dich, lieber lieber Munde, ich hab' dich ſo lieb, ich bitt' dich, ſag mir's, was iſt? Was weißt?“ „Es iſt eigentlich dumm, und du könnteſt meinen wunder, was es wär', d'rum will ich's ſagen, aber du darfſt's nicht glauben.“ „Nein, aber ſag's.“ „Mein»Medard hat einmal im Rauſch geſagt, dein Vater woll' das Haus anzünden. Das iſt Alles. Nicht wahr, du glaubſi's nicht? Ich bitt' dich nur, gieb' mir gleich Nachricht, wie es den Meinigen geht. Wenn ich Urlaub bekomm', komm' ich morgen nach. Was haſt? Warum redeſt denn nicht? Steh' doch auf.“ „Ja, ja,“ ſagte Fränz wie träumend und erhob ſich von der eisbedeckten Staffel, auf die ſie ſich geſetzt 133 hatte.„So, jetzt kommen die Pferde, aber wie lang⸗ ſam die machen. Gott im Himmel! Ich ſterb', wenn das nicht ſchneller geht. Munde, was hab' ich ſagen wollen? Ich weiß nicht mehr. Ja, ſei mir nicht bös. Wenn nur meine Eltern noch leben, dann iſt Alles gut. Ich hätt's nie glaubt, daß ich ſo aus der Stadt weggeh' und da Munde, da haſt du auch noch Geld, das, was du geſagt haſt, iſt nicht geſagt und wird nie mehr geſagt. So, Gottlob, nun ade,“ ſchloß Fränz, als der Schaffner„Eingeſetzt“ rief. Der Poſtillon blies luſtig, der Wagen fuhr ab und Munde ſchlug ſich davongehend auf die Stirne, es kränkte ihn, daß er ſo unbeſonnen herausgeredet und den Schmerz des Mädchens noch grauſam vermehrt hatte, und jetzt merkte er erſt, wie er ſo unbewußt Geld angenommen. Er kehrte in den Rautenkranz zurück, um noch Einiges zu beſorgen, das Fränz in der Eile vergeſſen hatte. Fünfzehntes Kapitel. Unter klingendem Schlittenſchellen fuhr Diethelm nach dem Dorfe hinab, er athmete tief auf in der ſcharfen Morgenkälte und ſtarrte faſt bewußtlos vor ſich hin, beobachtend wie die Rappen ſo raſch und gleichmäßig die Füße hoben, und wie ſie ſo muthig die ſchellenumwundenen Köpfe warfen. Wahrend im Herzen ein jäher Schreck ausklingt oder wilder Schmerz rast, iſt oft der äußere Sinn ver⸗ loren und gefangen in der Betrachtung eines Farben⸗ ſpiels, eines alltäglichen Ereigniſſes und verfolgt ſeine Wandlungen mit einer Stetigkeit und geſammelten Kraft, als wäre ſonſt nichts auf der Welt und müßte gerade dieſer Vorgang in ſeinem innerſten Weſen erforſcht werden. Erwacht dann das innere Bewußtſein aus ſolcher träumeriſchen Verſenkung, ſo fährt der Gedanke des betroffenen Unheils wie mit tauſend ſchneidenden Waffen auf's Neue durch alle Lebensnerven, durchzuckt das ganze Weſen und ein lauter Aufſchrei ſpricht es aus, was über das ſelbſtvergeſſene Menſchenherz ge⸗ kommen. Diethelm fuhr ſo heftig auf, daß er mit dem Leit⸗ 135 ſeile die Rappen herumriß, ſo daß ſie ſich nur mühſam auf den Beinen hielten, während der Schlitten in den Graben abrutſchte. Diethelm ſprang heraus und es gelang ihm bald, das Fuhrwerk wieder flott zu machen; er ſtieg aber nicht mehr ein, ſondern ging heftig trap⸗ pend neben den Pferden her bis zur Schmiede im Dorfe, wo er die Pferde friſch griffen ließ, während er nach dem Waldhorn ging. Der Waldhornwirth war noch nicht zuweg, und als er kam, war er über⸗ aus übellauniſch über die heutige Ausfahrt. „Wir ſollten heut' lieber daheim bleiben,“ ſagte er, „alle Wege ſind verſchneit, der Wind treibt allen Schnee auf den Straßen zuſammen und es iſt heute ſo ſträflich kalt, daß der Hungerbrunnen zugefroren iſt; das erinnern ſich die älteſten Leute nicht.“ Diethelm ſah den Vetter ſtarr an, preßte die Lip⸗ pen und ſagte endlich: „Wir müſſen fort, da iſt nichts mehr zu reden.“ Der Waldhornwirth holte ſich eine große Schale Kaffee aus der Ofenröhre, und während er auf das Erkalten wartete, dem Diethelm mit ſchnaubender Un⸗ geduld zuſah, ſagte er: „Wenn heute das Unglück wollte, daß ein Feuer auskäme, man hätt' keinen Tropfen Waſſer zum Löſchen, das ganze Dorf wär' verloren.“ Diethelm kam es vor, daß der Vetter ihn bei dieſen Worten ſo ſeltſam anſtierte und er verfiel plötzlich in ein grinſendes Lächeln, er überlegte raſch, ob er auf das Gehörte antworten ſollte, aber ein Schweigen konnte Mißtrauen erregen; darum ſagte er aufſtehend: „Glaubſt du auch an die Prophezeihung 2 „Nein, aber möglich könnt' es doch ſein.“ Das Zaudern und Trödeln des Waldhornwirths machte Diethelm alle Eingeweide kochen, er hielt es in der Stube nicht mehr aus, ſagte, er wolle nach der Schmiede gehen und bis er zurück käme, müſſe der Vetter reiſefertig ſein. Diethelm war entſchloſſen, wenn das Zögern noch länger dauerte, lieber allein abzureiſen, ohnehin war ja der Zweck erreicht, daß das ganze Dorf ſeine Abreiſe wußte. Als er aber vor die Thüre kam, wo ihm ein Wind ſo ſtark entgegen wehte, daß es ihm den Athem benahm und er ſich umwenden mußte, ſpürte er plötzlich einen heftigen Schmerz im Oberarm von dem Biſſe Medards, den er faſt ganz vergeſſen hatte. Mit Mühe arbeitete er ſich ſturment— gegen nach der Schmiede, und als er dort ankam, rief er dem Schmied zu: „Nimm dich in Acht vor dem zuderhändigen Rap⸗ pen, der beißt. Weißt kein Mittel gegen einen Pferdebiß?“ „Laß einmal ſehen,“ erwiderte der Schmied. „Es iſt jetzt ſchon heil,“ beſchwichtigte Diethelm in Furcht ſich zu verrathen,„aber für's Zukünftige könnteſt du mir ein Mittel geben.“ „Da wendeſt du dich am Beſten an den alten Schä⸗ ferle, der hilft dir, daß es in einer Stunde vorbei Diethelm verſprach dieß vorkommenden Falles zu thun. Während er am Feuer ſtehend den Schmerz verbiß, kam ein Trupp Männer und Burſchen wild lärmend nach der Schmiede, ſo daß Diethelm erbebte. 137 „Komm Schmied,“ hieß es nun,„es iſt Befehl vom Amt da, daß wir mit dem Bahnſchlitten'naus müſſen, der Poſtwagen kann nicht durch. Sollen wir gleich die Rappen da einſpannen?“ Diethelm wehrte ab und es gelang ihm, ſeine halb gegrifften Pferde zu behalten. Der Trupp eilte nach dem Spritzenhäuschen, wo der Bahnſchlitten ſtand. Im ganzen Dorfe war jetzt eine wunderliche Auf⸗ regung. Die Nachricht, daß man von aller Welt ab⸗ geſchnitten ſei, durchdrang alle Häuſer und die Menſchen, die ſonſt nie daran dachten, daß anderswo auch noch Leute wohnen, thaten auf Einmal, als ob ſie allſtünd— liche Verbindung nach außen hätten und gar nicht leben könnten, ohne deren Erfüllung. Ueberall in den verſchneiten Gaſſen ſah man mit dem Winde käm⸗ pfende Menſchen hin⸗ und herrennen, Weiber grillten, wie ſie unverſehens in eine tiefe Schneewehe traten, Kinder jauchzten, Männer ſchrieen; man lief nach den Nachbarhäuſern zu Vettern und Verwandten, als müßte man ſich vergewiſſern, daß der Weg dahin noch offen ſei und Vorſorgliche eilten zu dem Krämer, um ſich Salz zu holen, denn es hatte ſich das Gerücht ver⸗ breitet, daß der Salzvorrath bald erſchöpft ſei, und man lange keines von außen bekäme. Vor allen Häuſern wurde geſchaufelt und Eis gehackt und mancher Scherz dabei verübt und die Kinder thaten überall mit, denn in der allgemeinen Aufregung war ein glück⸗ licher ſchulfreier Tag. In das verſchloſſene lautloſe Winterleben des Dorfes war plötzlich ein buntes lär⸗ mendes Straßentreiben gekommen, in dem das damit —— — — —— — verbundene Ungemach faſt vergeſſen ſchien, der Wirr⸗ warr hatte ſeinen eigenen Reiz und die Erwachſenen ſind auch oft wie die Kinder, denen nichts lieber iſt, als eine tummelfreie Umkehr der gewohnten Ordnung. Das meiſte Leben war dem Bahnſchlitten. Dieſes noch aus dem Urzuſtande herſtammende Werk⸗ zeug aus ſtarken in einen ſpitzen Winkel gefugten Borden beſtehend, einem in der Mitte zertheilten Schiffe gleichend, deſſen Kiel mit Eiſen beſchlagen, wurde mit ſechs Pferden beſpannt, und mindeſtens dreißig Mann ſtellten ſich als Beſchwerungslaſt auf denſelben, johlten und ſchrieen. Diethelm ſah all' dem Treiben mit unnennbarer Seelenangſt zu. Das Herz im Leibe drückte ihn wie Herz ein Stein, bald ſchlug es ihm wie Flammen zum Ge⸗ ſicht heraus, bald überrieſelte es ihn eiskalt; den Schmerz am Arme ſpürte er kaum mehr. Am Bahnſchlitten hörte er mehrmals den Namen Medards nennen, der ſonſt immer bei dieſer Ausfuhr geweſen war und ſich heute nicht ſehen ließ. Diethelm ſagte, der Medard müſſe daheim bleiben, da er verreiſe. Endlich fuhr das ſchwere Gefährt das Dorf hinaus, und es trat eine Weile Stille ein. Diethelm kehrte in das Wald⸗ horn zurück. Der Vetter war froh, daß ſich die Reiſe noch verzögerte, während Diethelm vor Verzweiflung faſt vergehen wollte. Er ſtellte die Rappen im Wald⸗ horn ein und wollte bis zur Abreiſe nur die Rückkunft des Bahnſchlittens abwarten, einſtweilen ging er wie⸗ der nach Hauſe. Es ſchauderte ihn innerlich, da er dieſes Wort ausſprach, er hatte ja kein Haus mehr, 139 es ſollte nicht mehr ſein. Dennoch ging er den Weg dahin, aber an der Anhöhe hielt er an und konnte ſich nicht dazu bringen hinauf zu ſteigen. Es kam ihm der Gedanke, Medard zu befreien, und wie von einem Banne erlöst, rannte er mehrere Schritte hinan; aber plötzlich hielt er wieder inne: wenn er nun Medard befreite, muß dieſer ihn nicht auf den Tod haſſen und in's Elend bringen?... Diethelm kehrte raſch wieder um. Aber noch einmal und noch einmal ſtieg er faſt dieſelbe Höhe des Berges hinan, und wieder ſtand er ſtill und fuhr ſich mit todtenkalter Hand über die heiße Stirne, denn er dachte: Medard iſt ſchon erſtickt, er muß ſchon erſtickt ſein. Was willſt du dir noch den grauſenvollen Anblick machen, der dich nie verlaſſen wird, ſo lang dir ein Aug'offen ſteht?... Der Wind im Rücken half Diethelm raſch den Berg hinabſpringen, und er kam eben in's Dorf, als der Eilwagen glück⸗ lich durchfuhr. Nun war die Bahn offen, und es galt, keine Zeit mehr zu verſäumen. Mit erheitertem Ant⸗ litze kam Diethelm in's Waldhorn zurück, aber er mußte doch noch dem Vetter nachgeben, daß man daheim Mittag machte, und Diethelm trank zwei Flaſchen von ſeinem Leibwein und war überaus wohl⸗ gemuth, als man über alle Hinderniſſe hinweg endlich davonfuhr. Der alte Schäferle mit ſeiner dampfenden Pfeife ſtand am Wege, nickte Diethelm und ſeinem Trompeter zu und winkte mit der Hand, zeigend, daß er nach Diethelms Haus zu ſeinem Medard gehen wolle. Diethelm wollte dies abwehren, aber die Pferde waren ſo raſch im Zuge, daß man unverſehens weit ——————— — — ——— — vom Schäferle weg war, und als Diethelm den Vetter zwang, anzuhalten und ſich umwendete, war der Schäferle verſchwunden. Diethelm ließ ihm nun durch ein Kind am Wege ſagen, daß er den Medard über Feld ge⸗ ſchickt habe; er hatte nicht mehr Zeit, dies bereuend und eingedenk ſeiner widerſprechenden Ausſage beim Bahnſchlitten, zu widerrufen, denn der Vetter fuhr heute im tollen Trabe. Dieſer Widerſpruch iſt auch gewiß ganz bedeutungslos, ſagte ſich Diethelm und nahm ſich nur vor, fortan recht genau auf Alles zu achten, was er ſage. Noch einmal wendete ſich Diet⸗ helm nach ſeinem Hauſe um, es tanzte ihm vor den Augen, als käme das Haus den Berg herab. Er nahm dem Vetter die Peitſche ab und hieb ſelber auf die Pferde ein, daß ſie in geſtrecktem Gallopp davon⸗ rannten. Man begegnete vor Unterthailfingen dem Bahn⸗ ſchlitten und der darauf ſtehende Trupp, der ſich im Nachbardorfe erluſtigt hatte, brachte Diethelm in wil⸗ dem Schreien ein Hoch aus. Dem Trompeter ſchien heute ſein Mundſtück eingefroren, er redete kein Wort; die Kälte war aber auch zu ſchneidend, wie ſcharfe Meſſer fuhr ſie in's Geſicht und ſchlupfte unter dicken Schafpelzen durch, auf alles Eiſenwerk am Schlitten und Geſchirr ſetzte ſich immer ein haarigkrauſer Schnee⸗ reif. Die Sonne war heute gar nicht erſchienen. Schneewolken jagten ſich am Himmel, aber es war zu kalt, als daß ſie niederfielen. An der kalten Herberge öffnete endlich der Vetter ſeinen Mund und ſprach von Einkehr, auch die Pferde ſchienen mit dem Vetter 141 einverſtanden und wendeten ſich ab des Weges, aber Diethelm peitſchte ſie ingrimmig durch und jagte vor⸗ bei, es war ihm unmöglich, jetzt in dieſes Haus ein⸗ zutreten, ja ſchon deſſen Anblick ſträubte ihm die Haare empor. Der Vetter ward nun noch verſchloſſener und letzte ſich nur bisweilen an dem mitgenommenen Kirſchengeiſt. Es war ſchon lange Nacht geworden, als man ſteif und ſtarr in G. im Stern angekommen war. Mit gekrümmten Fingern griff ſich Diethelm in die Taſche, um nach ſeinen Papieren zu ſehen. Plötz⸗ lich ſchrie er laut auf und ſchlug ſich auf die Stirne, er hatte die Staatspapiere vergeſſen, die er in der Hauptſtadt zu Geld machen wollte. Der Vetter, ſeines Amtes eingedenk, tröſtete ihn in ſeiner unfaßlichen Verzweiflung. „Die Staatspapiere verſchimmeln euch ja nicht und ihr habt ja noch Geld genug.“ Diethelm konnte es ſonſt nie leiden, daß der Trom⸗ peter ſolche Reden an ihn allein verſchwendete, ohne daß ſie ſonſt Jemand hörte; heute aber nickte er ihm ſchnell gefaßt zu, denn er überlegte raſch, daß das Aufgehen dieſer Werthpapiere, deren Beſitz er nach⸗ weiſen konnte, bei etwaiger Unterſuchung entſchieden zu ſeinen Gunſten ſprechen müſſe. Er rieb ſich ge⸗ waltig die Hände und ſetzte ſich behaglich an den Tiſch. „Ihr habt's gut,“ ſagte der Vetter, deſſen Regiſter einmal aufgezogen war,„euch fliegt der Reichthum nur zu, wo man gar nicht d'ran denkt.“ Diethelm beſtätigte den Gewinnſt, den er durch —————— —— — — — — 142 Verkauf der Wolle mache und erholte ſich immer mehr an dem Zutrauen, das ſeine Vorkehrungen einflößten. „Das mein' ich ja gar nicht, ihr machet ja die große Erbſchaft,“ entgegnete der Vetter. „Red nicht ſo. Von wem ſoll ich erben? Von den Unſrigen in Letzweiler?“ „Stellet euch nur nicht ſo. Ihr wiſſet's wohl und ich weiß nicht, warum ihr ſo thut als ob ihr's nicht wüßtet, eure Stieftochter auf dem Kohlenhof, die kommt nicht mehr auf, ſie ſagen ja, ſie ſei ſchon todt; Kinder hat ſie nicht und da fällt wieder Alles an die Mutter zurück.“ Gläſernen Blickes, mit offenem Munde und aus⸗ geſpreizten Händen hörte Diethelm dieſe Worte. „Dann iſt ja Alles umſonſt!“ ſchrie er laut auf und faßte den Vetter an der Bruſt und ſchüttelte ihn, als wollte er ihn erdroſſeln. Der Vetter wehrte ab und ſagte: „Was habt ihr denn? Ihr thut ja wie von Sinnen.“ „Ich bin's, komm, komm da fort,“ ſtöhnte Diet⸗ helm,„nein, ich bin nicht närriſch, aber komm, ein⸗ ſpannen, ſchnell, heim, in mein Haus, mein Haus... Er richtete ſich auf, ſank aber wieder zurück auf den Stuhl und ſchlägelte mit den Händen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Der Vetter ſchüttete ihm ſchnell Wein hinab und Diethelm erholte ſich bald wieder, dann bat er mit weinender Stimme, daß ſie ſchnell wieder heimkehren ſollten, er müſſe zu ſeiner Frau. Der Vetter war gerührt, daß Diethelm der Tod ſeiner 143 Stieftochter ſo nahe ging, er verſprach Alles zu be⸗ ſorgen und eilte hinaus. Diethelm faltete die Hände vor dem Mund und ſprach etwas wie ein Gebet, und ſo zutraulich auch heute wieder der Sternwirth war, er gab ihm keine Antwort und eilte hinaus in den Stall und weinte dort ſo laut, daß man meinte, es müſſe ihm das Herz abſtoßen, er hatte den Arm auf den Hals des Handpferdes gelegt und weinte ſo heftig auf die Mähne und ſprach unverſtändliche und doch flehend klingende Worte, als wollte er die Pferde bitten, ihn mit ſchnellſter Macht heim zu bringen. Er hatte Verbrechen auf Verbrechen gehäuft um ſeine Ehre zu retten, und nun war Alles unnöthig, die Erbſchaft von ſeiner Stieftochter ſtellte ihn ja hin glänzender als je. Er zitterte am ganzen Leibe und nur ein Gedanke hielt ihn noch feſt, daß daheim die grauſe That noch gut zu machen ſei und er faßte die beſten Vorſätze, die ſollten das Schickſal zwingen, daß die böſe That ungeſchehen ſei. Gewaltſam ballte er die Fäuſte und preßte die Lippen, um ſich nicht zu verrathen, wenn es doch zu ſpät ſei, aber nein, das darf nicht ſein, das kann nicht ſein.— Jede Minute, die mit Feſtſchnallen eines Riemens, mit Anlegen eines Stranges verging, däuchte Diethelm eine Ewigkeit, er wollte Vorſpann, er wollte friſche Pferde nehmen um mit Windesſchnelle heim zu eilen, aber er fürchtete wieder, daß ihn jedes Wort verrathe und wagte nicht einmal mehr die Einſpannenden zur Eile zu drängen. Als der Vetter vorſorglich eine La⸗ terne mitnahm und ſogar nach einem zweiten Lichte als — — — — 144 Erſatz ſchickte, erſchrak Diethelm, aber er hatte gelernt zu ſchweigen. Er mußte vor dem Vetter Alles ver⸗ bergen, er hatte ihn ja mitgenommen, um ihn zum Zeugen ſeiner Unſchuld zu gebrauchen. Man fuhr wieder heimwärts und Diethelm mußte davon ſprechen, daß er ſeine Frau in dem Schmerz um den Tod ihres Kindes nicht allein laſſen wolle. „Warum haſt mir denn nicht früher geſagt,“ fragte er,„daß es ſo mit der Kohlenhofbäuerin ſteht?“ „Ich hab' gemeint, ihr wiſſet's und wollet nicht davon reden; ich hab euch ja oft darauf angeſpielt, daß ihr wieder doppelt reich werdet.“ „Ja wohl, ja wohl, fahr nur ſchärfer, noch ſchär⸗ fer, und wenn die Gäul morgen auch hin ſind,“ drängte Diethelm. In dem Bannkreis des Verbrechens, in den er ein⸗ geſchloſſen war, hatte er nichts gemerkt von dem, was vielleicht alle Leute wußten und einander ſagten, mit ihm ſprach Niemand davon und mitten in der Qual, die ihm die Bruſt zuſammen preßte, dachte er immer wieder, wie ſchlecht die Menſchen ſind, ſie gönnten ihm ſein unverhofftes Glück nicht und redeten darum kein beſtimmtes Wort davon. Der Wind hatte ſich gelegt, die Schneewolken entluden ſich und Diethelm ſah nach den halbverſchneiten Bäumen am Wege und ſtreckte den Arm aus nach Jedem, an dem man vorüber war, als ſchiebe er ihn damit zurück, war man ja der Heimath immer wieder um eine Strecke näher, aber es dauerte doch lang und ein tiefer Froſt ſchlich Diethelm durch Mark und Beinz er glaubte, 145 das Herz im Leibe gefriere ihm zu Eis, während der Vetter doch ſagte, die Kälte ſei gebrochen. Diethelm dachte ſich die Pein Medards aus, der gefeſſelt am Boden liegt, die Flamme immer näher kniſtern, die Schafe in der Ferne blöken hört, und wie die Flamme immer näher heranſchleicht, von allen Seiten nach ihm züngelt und ihn ſtill umfängt; wenn ſie zuerſt ſeine Bande verſengt— er hebt die gefeſſelten Hände den Flammen entgegen, er macht ſich frei... „Du lebſt,“ ſchrie er einmal unwillkürlich laut auf, und der Vetter wunderte ſich wieder über die ſo innige Liebe Diethelms zu ſeiner Stieftochter; er hieß nicht umſonſt der Familienfürſt. „Wir kriegen wieder kalt, der Mond geht heute— roth auf,“ ſagte der Vetter, als man auf der kalten Herberge angekommen war„ſiehſt, dort, Buchenberg zu.“ Diethelm ſpie das Blut aus, das er ſich aus den Lippen gebiſſen. „Was iſt denn das?“ fuhr der Vetter nach einer Weile fort,„ich höre die alt' Kathrin brummen, und es riecht in der Luft ſo gräulich.“ Diethelm erwiderte nichts. Als man Buchenberg nahe war, ſchrie der Vetter: „Herr im Himmel, euer Haus brennt,“ aber Diethelm hörte es nicht und mit Mühe erweckte ihn der Vetter mit Schneereiben aus dem Schlage, der ihn getroffen zu haben ſchien. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. Sechszehntes Kapitel. Lautlos und regungslos weiß überſchneit ſtand die Menſchenmaſſe am Berge verſammelt und wie ſie vom rothen Gluthſchein übergoſſen war, erſchien ſie wie von einem Zauber feſtgebannt. Keine Menſchenſtimme ward hörbar, nur vom Thurm dröhnte die Sturm⸗ und Sterbeglocke, die ſogenannte alte Kathrin, und aus der Flamme, die breit und ſtill von keinem Winde bewegt, hochauf ſchlug, tönte ein tauſendſtimmiges Wehklagen, ſo dumpf und tief und wiederum ſo gräßlich röchelnd, als hätten die auflodernden Flammenzungen marker⸗ ſchütternde Stimmen gewonnen, und über der Flamme glitzerte der fallende Schnee und verdampfte in ſelt⸗ ſame Luftgebilde. „Zu Hülfe! Rettet! Rettet!“ ſchrie Diethelm vom Schlitten ſpringend,„was ſteht ihr ſo müßig da? Rettet!“ Wie aus dem Zauberbann erlöst, wendeten ſich Alle plötzlich nach ihm und umringten ihn. „Es iſt nichts zu helfen,“ ſagte der Schmied, „dein Haus iſt an allen vier Ecken angegangen, eh' man's gewußt hat, und kein Menſch als dein Medard 147 hat die Kloben aus der Spritze da'rausgenommen. Wir können nichts machen.“ „Wo iſt der Medard?“ fragte Diethelm. „Das weiß kein Menſch, er hat ſich heut vor Niemand ſehen laſſen, der hat gewiß angezündet und iſt vielleicht im Haus verbrannt; die wo zuerſt kom⸗ men ſind, ſagen, ſie hätten ihn ſchreien gehört.“ „Rettet! Rettet!“ ſchrie Diethelm und eilte nach dem Hauſe, aber von dorther kam eine Rachegeſtalt mit weißen Locken und zerfetzten Kleidern und warf ſich auf Diethelm und wollte ihn erdroſſeln. „Mordbrenner! Mordbrenner!“ kreiſchte der alte Schäferle mit ſchäumendem Munde,„wo haſt du mein Kind? Wo? Gieb mir mein Kind. Mordbrenner! Mein Kind! Mein gutes, braves Kind!“ Mit Gewalt wurde der raſende alte Mann von Diethelm losgeriſſen, er hatte mehr als jugendliche Manneskraft und hielt Diethelm wie mit eiſernen Banden umklammert, und Diethelm ächzte laut auf, denn der Schäferle hatte ihn gerade an der Armwunde gefaßt, und als fräßen ſich tauſend ſchneidende Spitzen durch Mark und Knochen ein, ſo ſchmerzte bei der Be⸗ rührung der Vaterhand der vom Sohne eingepreßte Biß. Das Blut rannte Diethelm von der Hand herab, als er losgemacht war, er taumelte halb beſinnungslos umher, aber der Vetter ſtand ihm getreulich bei. Jetzt hörte man deutlich, woher das Wehklagen kam; die Schafe im Stalle, deſſen Eingangswand bereits in Flammen ſtand, blökten ſo ſchmerzvoll klagend, daß es das Herz im Leibe erſchütterte, es war nicht anzu⸗ 10* S 148 hören. Diethelm brachte es mit dem Vetter und dem Schmiede dahin, daß ſie eine Feuerwand einbrachen um durch die Oeffnung die Schafe zu retten, und ſo viel auch die Umſtehenden abwehrten, Diethelm konnte es nicht ertragen, daß auf Einmal ſo viel Leben und ſei es auch nur das der Thiere, draufging; er drang ſelber durch die eingeriſſene Wand ein, wie in einen Knollen zuſammengepreßt ſtanden die Thiere und von denen, die der Flamme nahe waren, ſprang bald eines, bald das andere wie aufgeſchnellt mitten in die Flamme hinein, that noch einen jämmerlichen Schrei und die Unverſehrten blökten vor ſich nieder. Mit Gewalt drängte ſich Diethelm in die Mitte der Thiere und ſuchte ſie hinauszutreiben, aber ſie preßten ſich immer wieder zuſammen und plötzlich fiel er nieder, und die Thiere ſtanden auf ihm und um ihn und mit balb erſticktem Schrei konnte er nur noch um Hülfe rufen. Es gelang dem Vetter ihn zu retten und bewußtlos, aus unſichtbaren Wunden blutend wurde Diethelm nach dem Dorfe in das Waldhorn getragen, während gerade das Haus zuſammenkrachte und der Dachſtuhl in die Umfaſſungsm auern ſtürzte. Ein unerträglicher Geruch benahm allen Menſchen faſt den Athem, ſo daß keiner ein Wort ſprach. Nur der alte Schäferle rief dem Davongetragenen nach:„Mordbrenner! du darfſt nicht ſterben. Du mußt doch am Galgen verfaulen.“ Er wurde erſt ruhiger, als eben Frau Martha kam. Es war Tag, als Diethelm erwachte, und vor ihm ſtand ſeine Frau und hob die gefalteten Hände zum Himmel, als er die Augen aufſchlug. 149 „Du da?“ frug Diethelm,„iſt ſie todt?“ „Ach Gott, ja, und ſie hat noch im Sterben das Unglück geſehen.“ „Wer hat mir meinen Arm verbunden? Biſt du ſchon lang da? Hab' ich im Schlaf' was geredet?“ frug Diethelm wieder in faſt zornigem Tone. „Der Doctor iſt mit mir herüber vom Kohlenhof, und der hat dir deinen Arm verbunden. Du biſt von einem Schaf gebiſſen, ich bin grad' kommen, wie ſie dich fortgetragen haben. Du haſt nichts im Schlaf geredet, als ein paarmal Medard gerufen.“ „Weiß man nichts vom Medard?“ „Ach lieber Gott, nein, der iſt gewiß verbrannt.“ Diethelm ſchloß noch einmal die Augen und ſchärfte ſtill die Lippen, dann begehrte er aufzuſtehen, er ſei wohl und müſſe nach dem Schutthaufen ſehen. Die Frau ſuchte ihm einzureden, daß er noch krank ſei, und als er dies ſtrenge abwehrte, erklärte ſie ihm, daß er dann vielleicht verhaftet und nach der Stadt abgeführt würde. „Iſt mir recht,“ ſagte Diethelm trotzig,„dann nimmt die Geſchichte bald ein Ende. Sie können mir nichts thun. Wer klagt mich an?“ „Der alt' Schäferle.“ „Da hilft kein' Sympathie.“ „Wie ich hör',“ ſagte die Frau zögernd,„will auch die Brandverſicherung dich anklagen.“ „Ho ho!“ lachte Diethelm,„denen will ich's ſchon zeigen, die müſſen mir blechen. Ich ſteh' auf, ich bin hechtgeſund.“ 456 Trotz aller Widerrede vollführte Diethelm ſeinen Ausſpruch und zankte mit ſeiner Frau, daß ſie ſo eine herzbrechende Miene mache. Erſt als ſie mit halb⸗ unterdrücktem Weinen ſagte, ſie habe ja auch geſtern ihr Kind verloren, erwiderte er: „Ja ja, das iſt wahr, zum Teufel, daß ich das auch immer vergeß'. Ich will gleich einen Boten an die Fränz ſchicken, ſie muß heimkommen.“ Martha ſtand am Fenſter und weinte in den ſchneeigen Tag hinaus. Erſt als Diethelm leiſe vor ſich hinpfiff, wendete ſie ſich um und ſagte: „Um Gotteswillen Diethelm, was machſt? Wie kannſt du nur auch ſo ſein? Was müſſen die Men⸗ ſchen von dir denken, wenn du nach ſo einem Fall jetzt gar noch luſtig thuſt?“ „Haſt recht, haſt recht, red' weiter nichts, haſt recht,“ ſagte Diethelm haſtig. Er erkannte ſchnell, daß ſeine Frau ihn auf das Entſprechende hinwies; allzuviel Gleichmuth war wiederum verdächtig. Eine gewaltige Veränderung war in Diethelm vor⸗ gegangen. Nun die That geſchehen war, mit all' ihrem Schrecken, galt es mit gefeſtetem Muthe ihr Stand zu halten. Er verbannte alle Weichherzigkeit und als er vor dem kleinen Spiegel ſtand und ſein flockſeidenes Halstuch umthat, hielt er die Zipfel desſelben eine Weile ruhig in der Hand und betrachtete die ſtolz⸗ ſichere Miene, die er allen Vorkommniſſen gegenüber bewahren wollte. In der Wirthsſtube, wo der junge Amtsverweſer mit ſeinem Actuar und zwei Landjägern und noch 151 viele aus dem Dorfe ſich befanden, ſchaute Alles ver⸗ wundert auf, als Diethelm freundlich grüßend und mit dem Ausſpruche eines ſchmerzlichen Bedauerns eintrat. Diethelm wollte dem Amtmann, mit dem er am Markttage an Einem Tiſche geſeſſen, die Hand reichen, aber der Amtmann wußte gewandt ſeine Hände mit einem großen vor ihm liegenden Bogen zu be⸗ ſchäftigen, und Diethelnt zuckte mit den Achſeln, als er die dargebotene Hand leer wieder zurückziehen mußte. „Ihr ſeid gekommen,“ nahm Diethelm das Wort, „um mein Unglück in gerichtlichen Augenſchein zu nehmen. Helfet nur auch unterſuchen, wie das Feuer ausgekommen. Es iſt leid er nichts gerettet.“ Der Amtmann erklärte, daß Alles das ſpäteren Verhandlungen vorbehalten bleibe; er ſchickte einen Landjäger nach dem alten Schäferle und erſuchte die Anweſenden, außer dem Schultheißen, das Zimmer zu verlaſſen. „Ich hätt' eine Bitt', die ihr mir wohl willfahren könnet, wenn's nicht gegen das Recht iſt,“ ſagte Diet⸗ helm mit ruhiger und doch weicher Stimme,„ich möcht', daß meine Mitbürger mit anhören dürften, worauf ich angeklagt bin. Das öffentliche Gericht, das uns verſprochen worden, iſt noch nicht eingeſetzt, d'rum möcht' ich bitten, wenn's möglich wär', daß Alle da bleiben.“ Der Amtmann willfahrte mit der Bemerkung, daß nur ein vorläufiges Protokoll aufgenommen werde. Ein Jeder ſuchte ſich nun einen guten Platz, und Mancher ſagte leiſe zu ſeinem Nachbarn, wie der und jener ſich ärgern werde, daß er nicht auch dabei ſei und das mit anhören könne. Der alte Schäferle trat ein, bleich mit weißen Haaren und eingefallenen Wangen, eine bejammerns⸗ werthe Geſtalt. Alle Blicke waren auf Diethelm ge⸗ richtet, und dieſer wußte, daß dies geſchah; mit ruhigem Auge betrachtete er den Mann, in der Wunde am Arme zuckten Pulſe, als ſpürten ſie die Nähe des Rächers; in dem Geſichte Diethelms wollte ſich's regen, aber er beherrſchte ſeine Züge, er ſah gewalt⸗ ſam ſtarr d'rein und kein Nerv bebte. „Sagt, was ihr habt?“ ließ ſich Diethelm nach einer lautloſen Pauſe vernehmen, in der man nichts als das Winſeln von Medard's Schäferhund vor der Thüre vernahm. „Das iſt meine Sache,“ fiel der Amtmann ein und oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, erklärte der alte Schäferle, wie ſein Medard ihm ſchon im Herbſt geſagt habe, der Diethelm habe nur eingekauft und verſichert um anzuzünden, er habe ſichere Anzeichen davon, und wie der alte Mann jetzt klagte, daß er nicht einmal die Leiche ſeines Sohnes habe, um ſie zu beſtatten, fuhr ſich Mancher mit der Hand über das Geſicht; auch Diethelm wiſchte ſich die Augen. Als aber der alte Schäferle ſchloß: „Wenn der Hund da draußen reden könnte, der wüßte mehr was vorgegangen iſt,“ da ſpielte ein Lächeln auf dem Antlitze Diethelms. Wieder entſtand eine Pauſe, in de n nichts als das Federkritzeln des Protokollanten o das Winſeln des Hundes hörte. — 158 „Soll ich was drauf antworten?“ fragte Diethelm in höflich ſtolzer Weiſe den Amtmann und dieſer er⸗ klärte, daß er vorerſt gar nichts zu ſagen habe. Der Schäferle erwähnte nun noch, daß ihm Diethelm beim Wegfahren einen Knaben geſchickt habe, mit der Wei⸗ ſung, er habe Medard über Feld geſchickt und der Vater möge ihn nicht beſuchen, während Diethelm doch beim Bahnſchlitten geſagt habe, Medard müſſe zu Hauſe bleiben. Alle Zuhörer in der Stube nickten einander zu und deuteten ſich mit den Fingern wie wichtig das ſei. „Soll ich darauf auch nichts ſagen?“ fragte Diet⸗ helm, den Kopf zurückwerfend,„man ſoll den Buben holen laſſen, er ſoll ſagen, was ich ihm aufgetragen hab', und da mein Vetter war bei mir im Schlitten, der hat Alles gehört.“ „Ich hab' nichts gehört,“ platzte der Vetter heraus. „Ruhe!“ gebot der Amtmann,„ich weiß ſchon ſelbſt, wen ich zu verhören habe.“ Er verkündete nun Diethelm, daß er verhaftet ſei und nach der Stadt abgeführt werde. „Gut,“ ſagte Diethelm aufſtehend,„darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Ich hab' einen böſen Arm.“ Der Amtmann bewilligte dieſes und jetzt trat Martha vor, die Allem ſtill zugehört hatte und ſagte: „Ich weiß von Allem ſo gut wie mein Mann, ich will mit in den Thurm, ich bleib bei dir Diethelm. Wir ſind von Gott zuſammen gegeben, kein Menſch kann dich von mir trennen.“ Jetzt erſt ſah Diethelm tief traheig drein wie ſeine — 154 Frau ſeine Hand faßte. Eine tiefe Bewegung bemäch⸗ tigte ſich Aller, und der Amtmann erklärte, daß Martha nicht bei ihrem Manne bleiben, daß ſie aber mit ihm nachfahren könne, da man ihrer nur als Zeugin bedürfe. Als Diethelm von dem Landjäger abgeführt wurde, legte er an der Thüre die Hand auf die Schulter des Schäferle, ſah ihn durchbohrend an und ſagte: „Du biſt ein Vater, ich nehm dir's nicht übel was du thuſt, aber du wirſt's bereuen, was du an mir gethan. Wenn ich mit meinem halben Leben deinen Medard wieder aufwecken könnte, ich thät's, und da ſchwör' ich's vor allen Leuten, ich laß dir's nicht ent⸗ gelten, ich will dir helfen wo ich kann, du haſt ja deinen Sohn verloren und du könnteſt ja mein Vater ſein, ich will mich dünken laſſen, mein Vater lebt noch einmal.“ „Friedle, was haſt du an uns than?“ klagte die Frau, und der Schäferle weinte, und man ſah es ihm an, wie weh es ihm that, ob dem was er angerichtet, zumal um den Schmerz der Frau Martha. Selbſt der Landjäger behandelte Diethelm mit Freundlichkeit und redete ihm Troſt zu, daß Alles bald wieder aus ſei. Als Diethelm an dem Berge vorüberfuhr, auf dem nur noch ein Schutthaufen rauchte, ſtieß er einen Schmerzensſchrei aus, dann ſchloß er die Augen wie zum Schlafe, aber ſeine Lippen bewegten ſich ſtets als ſpräche er; in der That ſtand er auch in Gedanken dem Unterſuchungsrichter Red und Antwort und manch⸗ mal zuckte etwas wie ein Lächeln um ſeine Mundwin⸗ 156 kel, wenn ihm eines der Beweismittel einfiel, das jeden Verdacht abwälzen mußte. Der Landjäger ſchaute oft verwundert in das Antlitz des Schlafenden, der nach ſo grauenvollen Ereigniſſen unter peinlicher Anklage ſo ruhig träumte. Als man der Stadt nahe war, ſchlug der Landjäger den Mantelkragen Diethelms höher hinauf, ſetzte ihm die Pelzmütze tiefer in's Ge⸗ ſicht und Diethelm dankte herzlich für die gutmüthige Vorſorge des gegen Mitleid abgehärteten Landjägers. Erſt am Gefängnißthore öffnete er die Augen, und jetzt erſt merkte er, daß der Paßauf, Medard's Schä⸗ ferhund, ihm gefolgt war; der Landjäger ſcheuchte den Hund zurück, der Diethelm in die Stube des Gefan⸗ genwärters folgen wollte. Zwei Stunden nach ihm fuhr der Amtmann mit Martha im verſchloſſenen Wagen nach der Amtsſtadt. Siebenzehntes Kapitel. Die Sage vom Löwen und der Maus ſchien ſich wieder zu erneuen; das erſte fremde Menſchenbild, das Diethelm ſah, war der Zeugmacher Kübler und jetzt erinnerte er ſich, daß dieſer ja der Sohn des Amts⸗ dieners ſei. Mit welch hochmüthiger Gönnerſchaft hatte Diethelm immer dieſen armen Teufel betrachtet, und jetzt überdachte er ſchnell, daß er ihm Alles ver⸗ danken könnte, und wenn alle Mittel zu Schanden werden— die Flucht. Daran aber war noch lange nicht zu denken. Diethelm hob den Mantel von den Schultern in die Höhe, und wartete ruhig bis der dienſtbefliſſene junge Kübler ihm denſelben ehrerbietig abnahm; er ſtreckte nun dem Amtsdiener die Hand entgegen und ſagte mit heller Stimme in herablaſſen⸗ der Höflichkeit: „Guten Morgen, lieber Amtsdiener. Wollt ihr einen abgebrannten armen Verwandten nicht ein paar Tage bei euch wohnen laſſen? Habt ihr kein Zimmer frei? Ich nehme mit einem kleinen vorlieb.“ Diethelm glaubte zu bemerken, daß dieſe Anrede den verkehrten Eindruck machte, Alles was mit dem * 157 Criminalgericht zuſammenhängt ſchien keinen Spaß zu verſtehen. Wie ein gefangener Ritter empfahl nun Diethelm ſeine Roſſe der ſorgſamen Wartung. Waffen hatte er nicht abzuliefern, aber gewiß konnte Diethelm beſſer ſchreiben und leſen und war mindeſtens ſo verſchlagen und ehrgeizig als je ein Mann, der im Harniſch raſ⸗ ſelte; daß man aber in anderen Zeiten war, zeigte be⸗ ſonders der Ofen, der war ſo winzig und windig und ein Ritter, wenn er von einem Raubzuge in eine Her⸗ berge kam, fand einen Baumſtamm im breiten Ofen praſſeln. Wäre nicht eine abgeſtumpfte Sandſteinkugel auf dem Ofen gelegen, Diethelm hätte ſich nicht ein⸗ mal die Hände wärmen können, und doch fühlte er von innen heraus eine unbezwingliche Kälte, als ob nicht Blut, ſondern Eiswaſſer ihm dürch die Adern rinne. Er bat nun mit einer gewiſſen Demuth in der Stube bleiben zu dürfen, bis ſeine Zelle geheizt war. Der alte Gefangenwärter ging weg und ließ Diethelm mit dem Landjäger und ſeinem Sohne allein. Dieſem empfahl nun Diethelm nochmals ſeine Pferde und trug ihm auf nach dem Waldhornwirth in Buchenberg zu ſchicken, damit er Roß und Schlitten abhole und gut in Stand halte. „Soll ich den Hund hier behalten?“ fragte der junge Kübler den abgewendet Sprechenden. Diethelm ſchüttelte den Kopf verneinend, dann wendete er ſich um und ſagte in heiterm Tone: „Dein' Braut iſt vor ein paar Tagen noch bei mir geweſen, ihr könnt euch drauf verlaſſen, daß ich —.———— —— —— euch auf den Tag hin wie's verſprochen iſt, Hochzeit mache und Gevatter bin ich auch; dann wollen wir luſtig ſein, daß die Stern am Himmel zittern; der Vergeltstag bleibt nicht lang aus.“ Der Landjäger verbat eben Diethelm jedes weitere Reden, als der Gefangenwärter eintrat, mit der Kunde, daß Alles bereit ſei. Diethelm erzitterte jetzt vor Wuth, als man ihm Alles aus den Taſchen nahm, als man ihm das Halstuch abnahm, und ſogar die Hoſenträger abneſtelte; dieſes letzte geſchah aus dem doppelten Grunde, damit der Gefangene nichts habe um ſich daran zu erhängen und bei einem etwaigen Fluchtverſuche durch die Röthigung, die Hoſen in der Hand aufzuhalten, gehindert ſei. Eine Minute lächelte Diethelm über dieſe Vorkehrungen, bald aber ward er des grauſamen Ernſtes bewußt und mühſam ſchlepe er ſich die Treppe hinan nach ſeiner Zelle, der junge Kübler trug ihm noch mitleidig ſeinen Mantel nach. Erſt als ihn der Landjäger verließ, ſagte er: „Ihr kennt mich wol nicht. Ich bin von Gru⸗ benau bei Letzweiler gebürtig. Meinen Vater hat man den Schreierhannesle geheißen, er iſt ein guter Freund von eurem Vater geweſen. Ich hab viel von euch gehört, wie ich noch klein geweſen bin. Nun b'hüt Gott. Ich wünſch alles Gute.“ Dieſe Mittheilung des Landjägers machte einen eigenen Eindruck auf Diethelm; daß der Menſch ſich gedrungen fühlte, ſich ihm zu erkennen zu geben, und daß er von ſeinem Ruhme ſprach, wie traf das jetzt das Herz des Gefangenen. 159 Diethelm war nun allein. Er hatte ſich vor Nie⸗ manden mehr zu verſtellen. Auf dem Stuhle vor dem Ofen ſaß er, und es war ihm, als müßte ſein Körper in Stücke zerfallen. In dem Ofen brummte das Feuer, manchmal knallte ein Fichtenaſt und ziſchte langſam ein grünes Scheit. Diethelm fühlte, wie ihm alles Blut im Herzen zuſammen gerann, aber Wärme ver⸗ ſpürte er nicht, kalt, unendlich kalt war es ihm; er hüllte ſich in ſeinen Mantel und wickelte ſich in die wollene Decke, die auf der Pritſche lag, immer war es ihm, als ob er in der ſo wohl verſchloſſenen Zelle mitten in einem Luftzuge ſtehe und plötzlich fuhr er, wie emporgeſchnellt auf, die Wände dröhnten und ſchmetterten, zitternder Drommetenklang umrauſchte ihn von allen Seiten. Erſt nach geraumer Weile beſann er ſich, daß die Stadtzinkeniſten den Abendchoral blieſen, die Trompeten und Poſaunen ſchienen gerade nach ſeiner Zelle gerichtet, ſo unmittelbar, ſo geradeaus ſtrömten die Töne in dieſelbe und vor Allem ſtand jener Tag wieder vor Diethelm, an dem er ſich zum unmä⸗ ßigen Einkauf verleiten ließ. Was war ſeitdem aus ihm geworden? Ein Mord⸗ brenner! Diethelm hielt ſich die zitternde Hand vor den ſchnell athmenden Mund, daß er das Wort nicht laut ausrufe. Er warf ſich auf die Kniee und ein heftiger Thränenſtrom entlud ſich aus ſeinen Augen und er fühlte ſeine Wangen glühen und plötzlich wurde es ihm warm. Mit dem Antlitze auf dem Boden liegend, ſprach es in ihm, daß er Alles bekennen müſſe, und er ſtreckte ſich weit aus, bereit, den Todesſtreich zu empfangen, zu ſterben... Er weinte auf's Neue um ſein verlorenes Leben und über ihm tönte der wehklagende Grabgeſang und ein ſchriller Drommeten⸗ ton verwandelte ſich in die Klageſtimme ſeiner Martha und ein anderer in die ſeiner Fränz... Und die ſind verloren auf ewig, und du wirſt nicht gleich getödtet, du mußt Wochen und Monate lang, ja vielleicht deine ganze Lebenszeit auf deinen ſchandvollen Tod warten. Mußt du das ertragen in Gefangenſchaft und Elend, warum kannſt du es nicht auch in Freiheit und Ehre?... Diethelm richtete ſich auf und als jetzt von einer anderen Thurmſeite der Choral erſcholl, ſang er die Töne laut mit und ſeine Stimme tönte ſo voll, faſt wie Poſaunen⸗ ſchall. Er ſang ſo laut am Fenſter, daß er nicht hörte, wie das Schloß hinter ihm knarrte, die Thür ſich öffnete und der Gefangenwärter eintrat, ihn zum Verhör abzuholen. Um dieſelbe Zeit war Martha in der Stadt an⸗ gekommen, ſie ging mit feſt zuſammengepreßtem Munde und thränenloſem Auge umher, das Schickſal ihres Mannes, der Tod ihrer Tochter, der ſie nun nicht einmal eine eiſige Scholle auf die Bahre werfen konnte, der gräßliche Tod des ſo treuen Knechtes, das Ver⸗ brennen des Hauſes, in dem ſie ſo viele Jahre Freud und Leid verlebt, Alles das beſtürmte ihr Herz und machte ſie ſo dumpf und verwirrt. Ihrer Bitte, auch eingeſperrt zu werden, hatte man nicht willfahrt, und ſie lief wie ein verirrtes verſtoßenes Bettelkind in den Straßen umher, als müßte ſie Jemand finden, der ihr den Weg aus dem Wirrwarr heimwärts zeigte. Es —— 161 dämmerte, in den Häuſern wurden da und dort Lichter entzündet. Ach! Da wohnen überall Menſchen, die daheim ſind und wiſſen wen ſie haben. Martha fuhr vor Schreck zuſammen, denn es ſprang etwas an ihr herauf, und ſie erkannte bald den vor Freude bellenden Paßauf. „Ach du biſt's,“ ſagte ſie, den Hund ſtreichelnd, „gelt armes Thierle, es geht dir auch wie mir, du weißt auch nimmehr wo du hin gehörſt. Bleib nur bei mir, komm' mit, wir gehen zum Meiſter.“ Eben als Martha an der Poſt vorüberging, kam der Eilwagen unter hellem Poſthorntönen angefahren. Was hat nur der Hund, daß er eine ausſteigende verhüllte Geſtalt anſpringt und dann mit Freuden⸗ bellen zwiſchen der Geſtalt und Martha hin und wider rennt? Wäre dort vielleicht der todtgeglaubte Medard, der von ſeiner Flucht zurückkehrt? Martha fühlte, wie ihr die Haare ſich emporſträubten und wie ihr die Kniee faſt brechen wollten. Mit wankenden Schritten ging ſie auf den Poſthof zu, ſie hörte den Schaffner ſagen: „Ich will Ihnen gleich ein Fuhrwerk nach Buchenberg verſchaffen,“ ſie näherte ſich der verhüllten Geſtalt. „Mutter!“ rief es ihr entgegen.„Du biſt's, Fränz?“ Und mit wehklagendem und doch freudigem Schmer⸗ zensausruf lagen ſich Mutter und Tochter in den Armen. Jetzt erſt konnte Martha weinen. Fränz erholte ſich raſch wieder und wenn auch ſchmerzvollen Klanges, ſagte ſie doch mit feſter Stimme: „Mutter! Gottlob, Gottlob und Dank, daß ich euch hab'. Mutter, ich mögt euch Abbitte thun für 4 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. Alles, ich hab' erfahren, was fremde Menſchen ſind, und da ſchwör' ich's unter freiem Himmel, nie, nie, ſo lang euch ein Aug offen ſteht, verlaſſ' ich euch. Jetzt laſſet mich nur euer' Hand küſſen. Ich kann Alles wieder gut machen an euch und am Vater. Ach Gott, wie geht's ihm denn?“ Martha ſchwieg. „Iſt er verbrannt?“ ſchrie Fränz ſo grell, daß ſelbſt ein losgeſpanntes Pferd, das an ihr vorbei wollte, rückwärts wich. Martha ſchüttelte den Kopf, und erſt mit ſchwerem Athem konnte ſie die Worte hervorbringen: „Er ſitzt im Criminal.“ Die Poſtmeiſterin, die Fränz noch vom Markte her kannte, zog dieſelbe in das Haus und hier erfuhr ſie nun Alles. Fränz küßte aber⸗ und abermals die Hände der Mutter, dann legte ſie ihre heiße Wange an die eingefallene kalte Wange der Mutter und ſagte: „Ach Gott, wenn ich nur mein warmes junges Blut da in euch hinübergießen könnt'. Kommet nur jetzt gleich, wir müſſen ſehen, daß wir den Vater ſprechen können.“ Martha erklärte, daß ſie nicht mehr gehen könne, ihr ſeien die Beine wie abgehackt, vom Todtenbette des Kindes weg in ſolch' ein Elend hinein, das ſei zu viel. Fränz befahl ſchnell einen warmen Wein für die Mutter, ſie lief in raſchen Schritten im Zimmer hin und her, das dauerte ihr viel zu lange, bis das Befohlene kam, ſie wollte ſelber hinab und das An⸗ geordnete bereiten, ſie verſtünden das hier nicht; aber X 163 die Mutter bat, ſie nicht zu verlaſſen, ſie könne nicht mehr allein ſein. Plötzlich kniete Fränz vor der Mutter nieder und ſah nach, ob ſie warme Füße habe, ſie ſprang raſch auf, als ſie fühlte, wie dieſelben eis⸗ ſtarr waren, ſie klingelte nach Branntwein,„aber raſch, raſch“ befahl ſie, und es war ihr eine freudige Buße, als ſie nun der Mutter die Füße wuſch und rieb. Die Mutter ließ Alles mit ſich geſchehen wie ein Kind; ſie ſchlürfte dann den warmen Wein, den ihr Fränz an den Mund hielt, und mit ſchmerzlichem Lächeln ſagte ſie nach jedem Schluck:„Ah, das thut gut. Verſuch's nur auch Fränz,“ Fränz nippte, und die Mutter ſagte wie halb träumend: „Du biſt ſo ſchön geworden, Fränz, und ſiehſt mich ſo getreu an, ſo, ſo, ſo hab' ich dich lieb. Wenn nur der Vater auch ſo was Gutes hätt', und wenn er dich nur auch ſehen könnt'. Sein Herz hängt an dir, ach, und du biſt jetzt auch mein einzig Kind. Komm', leg' deinen Backen wieder an meinen Backen. So. Jetzt ſag', wie kommſt denn du daher? Wie iſt dir's denn gangen?“ Fränz ſchluckte die Thränen hinab, da ſie die Mutter ſo beruhigt ſah und dieſelbe nicht wieder neu aufregen wollte. Sie erzählte mit möglichſter Um⸗ gehung alles Erſchütternden, wie ſie das Brandun⸗ glück erfahren und ſagte zuletzt: „Den heutigen Tag, Mutter, den werde ich nie vergeſſen. Was ich da Alles gedenkt und erfahren hab'. O Mutter! und die Menſchen ſind ſo gut, wenn ſie einen im Unglück ſehen; Alle, wo mit gefahren L X S„— 164 ſind und in allen Wirthshäuſern ſind ſie mir beige⸗ ſtanden und haben mich getröſtet und hätten mir in Allem geholfen. Kommet, legt euch ein bisle auf's Bett, ich will euch erzählen.“ Fränz trug in ſtarken Armen die Mutter auf das Bette, dann ſetzte ſie ſich daneben und ihre Hand hal⸗ tend, begann ſie zu erzählen, aber bald merkte ſie, daß die Mutter ſchlief. Sie hielt noch lange ſtill die Hand der Schlafenden und wagte es nicht, ſich zu bewegen, endlich legte ſie die Hand auf das Kiſſen und leiſe auf den Zehen ſchleichend, hatte ſie ſich der Thüre ge⸗ nähert, als die Mutter rief: „Kind, wohin willſt?“ „Zum Vater.“ „Da muß ich auch mit, ich bin ganz wohlauf.“ Es half kein Abwehren, und nachdem Fränz die Mutter wohl eingemummt, verließ ſie mit ihr die Poſt. Achtzehntes Kapitel. Die Wintertage waren ſo kurz und der junge Amts⸗ verweſer, der bald ſeinen Fehler erkannte, daß er die erſte Anklage gegen Diethelm in deſſen Beiſein ver⸗ nommen, wollte ihm nicht Zeit laſſen, ſich ein Gewebe von Ausſagen zu knüpfen, er nahm den Gefangenen daher noch am Abend in's Verhör und Diethelm war es allerdings ſchauerlich, als er durch matterleuchtete ſchallende Gänge nach der Verhörſtube geführt wurde. Hier war es noch leer. Diethelm erhielt vom Land⸗ jäger den Befehl, ſich auf einen Stuhl an der Wand zu ſetzen, wo gerade hüben und drüben Wandleuchter mit brennenden Kerzen ihren Lichtſchein ihm in's Ge⸗ ſicht warfen; er wollte wegrücken, erhielt aber die Weiſung, juſt hier ſitzen zu bleiben. In der Stube waren nur noch zwei Lichter, die am Sitze des Actuars hinter dem Actengeſtelle, an dem langen grünen Tiſche ſtanden, und der Schatten des Geſtelles breitete ſich weithin in die Stube. Diethelm wollte dem Landjäger neben ihm ſagen, daß er ſeinen Vater wohl gekannt habe, aber der Landjäger wendete ſich ab und winkte ihm ſtill mit der Hand, nichts zu reden. So ſaß denn 166 der Angeklagte, die Hände gefaltet, ſtumm vor ſich niederſchauend. Endlich näherten ſich Schritte aus der Nebenſtube, der Amtsverweſer und der Actuar traten ein, ihnen folgten die beiden Gerichtsſchöppen und dieſe waren Niemand anders als der alte Stern⸗ wirth und der penſionirte Kaſtenverwalter. Diethelm war aufgeſtanden und ſagte, mit dem Kopfe nickend: „Guten Abend,“ er erhielt keine Antwort, krampfhaft faßte er die Stuhllehne und ſeine Zähne klapperten, aber er biß ſie aufeinander und als der Amtsverweſer ihm mit den Worten zuwinkte:„Setzt euch,“ that er dieſes, räuſperte ſich und rieb ſich haſtig die Hände. Nun begann ein kluges Verhör von Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen und Diethelm war es, als umgäben ihn von allen Seiten ſcharfe Schwertſpitzen, aber er hielt ſich ruhig, er antwortete ohne Haſt aber auch ohne Zögern, es war faſt als ob er dem ſchreibenden Actuar Zeit laſſen wolle, genau ſeine Worte aufzuzeichnen. Auf manche Fragen antwortete er ſogar mit ſpaßigem und herausforderndem Lächeln und die Anweſenheit des Kaſtenverwalters gab ihm den glücklichſten un⸗ vorhergeſehenen Entlaſtungsbeweis an die Hand. Alles was er ſo klug vorher bedacht hatte, war minder durchſchlagend als das, was ihm eine unbedachte Ver⸗ geßlichkeit in die Hand ſpielte; der Kaſtenverwalter mußte ihm bezeugen, daß er Diethelm für ſechshundert Gulden inländiſche Staatspapiere geliehen habe, dieſe nun nebſt einer Hypotheke auf das Wirthshaus zum Waldhorn waren verbrannt. „Ich weiß wohl,“ ſchloß Diethelm,„daß das 167 Verbrennen der Hypotheke nichts ſchadet, ſie iſt im Hypothekenbuche eingetragen, aber die Staatspapiere ſind verloren und dieſe hätte ich doch gewiß leicht gerettet, wenn ich den ſchlechten Gedanken an Anzün⸗ den nur eine Minute gehabt hätte.“ Als der Amtsverweſer erklärte, daß man die Num⸗ mern der Staatspapiere, die der Kaſtenverwalter noch in ſeinem Buche verzeichnet hatte, in den Zeitungen bekannt machen und die etwaigen Beſitzer bei Vermeidung der Amortiſation auffordern werde, da ſagte Diethelm: „Was das iſt, ich weiß es nicht, ich frag auch nicht darnach, es wird ſich Alles zeigen; wie es ſcheint, glaubt man mir ja nicht mehr.“ Und das, daß man ihm das Wahrhafte an ſeinen Angaben bezwei⸗ felte, gab Diethelm immer mehr den Muth mit kecker, heraus fordernder Zuverſicht aufzutreten. Zuletzt faßte er ſeine Ausſagen dahin zuſammen, daß er mindeſtens zehn Stunden abweſend war, als der Brand ausbrach, daß er gerade jetzt in der beſten Lage war, da er nicht nur einen ſchicklichen Verkauf machen konnte, ſondern auch durch den Tod ſeiner Stieftochter ihm eine reiche Erbſchaft in's Haus kam, er habe daher nach der Hauptſtadt reiſen wollen, um den Handel abzuſchließen, und ſeine Fränz heimzubringen, damit die Mutter in ihrem Schmerze doch auch ein Kind um ſich habe. Dem Vorhalten, daß er über den Aufenthalt Medards widerſprechende Ausſagen gemacht, und wohl mit ihm im Einverſtande geweſen ſei, ſetzte Diethelm die Be⸗ theuerung entgegen, daß er im Gegentheile dem Knaben geſagt habe, der alt' Schäferle möge zu ſeinem Sohne hinaufgehen, da er daheim bleiben müſſe und an ſeinem Beinbruche leide. An dieſer letzten neuen Zuthat fand der Richter eine Handhabe, um Diethelm noch eine geraume Weile hin und her zu zerren, aber Diet⸗ helm riß ſich endlich gewaltſam los und ſagte auf⸗ ſtehend mit mächtiger Zornesſtimme: „Ein Ehrenmann wie ich, braucht ſich eigentlich gar nicht vertheidigen. Ich bin ſeit fünfzehn Jahren Waiſenpfleger und habe für die Waiſen geſorgt wie ein Vater und nie auf meinen Vortheil geſehen.“ Diethelm hielt plötzlich mit einem Schrei inne, denn von der Höhe ſenkte ſich eine Flamme und brannte ihm in's Geſicht. „Was macht ihr?“ ſchrie er plötzlich laut und fuhr weit zurück ſank auf den Boden und ſtarrte drein als ſähe er ein Geſpenſt. „Was macht ihr?“ ſchrie Diethelm nochmals. Der Richter ſprang ſchnell von ſeinem Stuhle auf, faßte Diethelm an der Schulter und fragte mit gebie⸗ teriſchem Tone: Habt ihr mit ſolch' einer Kerze das Haus ange⸗ zündet?“ „Ich weiß nicht, was ihr wollt? Iſt das erlaubt? Ich will das zu Protokoll genommen. Darf man mich brennen?“ ſchrie Diethelm ſich aufrichtend. Der Richter befahl dem Kanzleidiener die Kerze, die Diethelm beim raſchen Aufſtehen von dem Wand⸗ leuchter geſtoßen wieder aufzuſtecken und gebot Diet⸗ helm ruhig auf ſeinem Stuhle zu bleiben, und ſein Handfuchteln zu laſſen. 169 Sich am Stuhle aufrichtend ſetzte ſich Diethelm auf denſelben und athmete laut. „Warum ſeit ihr wegen der Kerze ſo erſchrocken,“ fragte der Richter nochmals raſch und nahe auf Diet⸗ helm zutretend und die Hand gegen ihn ausſtreckend. „Nur gemach, nur gemach,“ wehrte Diethelm ab, „ſind Sie vielleicht feuerfeſt, Herr Amtsverweſer? Thuts Ihnen nicht weh, wenn Ihnen ein Licht in's Geſicht brennt und noch dazu den Tag, nachdem ſo ein Un⸗ glück über Sie kommen iſt, und man jedem Licht bös iſt, weil es ſo was anrichten kann? Sie können, nein, beim Teufel, Sie müſſen mich frei ſprechen, Herr Amntsverweſer, aber die Schande, daß ich eingeſperrt geweſen bin, ich, der Diethelm von Buchenberg, und die Qualen, die man mir anthut, die könnet Ihr mir nicht wieder gut machen. Mich tröſtet nur eins; ich bin zu ſtolz geweſen, ich hab mir auf meinen Ehrennamen vielleicht zu viel eingebildet, ich hab gedemüthigt werden müſſen, aber ſo viel weiß ich, ſo gut gegen die Men⸗ ſchen bin ich nicht mehr, wie ich geweſen bin. Fraget in Letzweiler nach mir, fraget überall nach mir, und man wird euch ſagen, wer der Diethelm iſt. Ich ſoll geholfen haben anzünden? Ja, das Beſte vergeſſ' ich ja. Der Kaſtenverwalter da, und der Sonnenwirth und der Kaufmann Gäbler, die können mir Alle be⸗ zeugen, daß ſie mich überredet haben zu verſichern, ich hab' nicht gewollt. Thut das ein Brandſtifter? Thut das ein Mordbrenner?“ „Sprecht nur leiſer,“ ermahnte der Richter und Diethelm fuhr fort: — „Sie haben recht, ja, aber ich möcht' laut ſchreien, daß es die ganze Welt hört, was man an mir thut. Jetzt will ich aber nicht mehr reden. Fragen Sie noch, was Sie zu fragen haben.“ Der Richter ſtellte faſt nur noch der Form wegen einige Nachforſchungen an, dann fragte er Diethelm zuletzt, ob er in Bezug auf ſeinen Verhaft noch etwas zu wünſchen oder zu klagen habe. Diethelm erwiderte, ob er den Advokat Rothmann ſich zum Rechtsbeiſtande nehmen dürfe. Als der Richter hierauf erwiderte, daß dieſer im Auftrage der Fahrniß⸗Verſicherung ſein An⸗ kläger ſei, ſchloß Diethelm: „Dann will ich gar keinen Advokaten. Ich hab aber noch eine Bitt, ich ſchäm' mich faſt ſie zu ſagen; man hat mir die Hoſenträger genommen, damit ich mich nicht dran aufhänge, und ohne die Hoſenträger iſt mir's immer, als ob mir der Leib aus einander fallen thät.“ Der Richter klingelte dem Amtsdiener und befahl ihm, das Gewünſchte Diethelm wieder zurück zu geben. Der Amtsdiener meldete leiſe etwas, und der Richter ſagte: „Diethelm, ihr könnt eure Frau und eure Tochter ſehen, wenn ihr verſprecht, nichts von eurer Anklage mit ihnen zu reden.“ Diethelm verſprach und blieb auf dem Stuhle ſitzen. Mit ſcheuen Bücklingen trat Martha ein, Fränz aber drang ihr vorauf und ſtreckte dem Vater beide Hände entgegen. Diethelm ſchüttelte ſie wacker und reichte dann die andere Hand ſeiner Frau, die er aber bald zurückzog, um ſich eine Thräne abzutrocknen. Fränz 134 berichtete, daß ſie mit der Mutter in der Poſt wohne. Der Richter befahl, daß Diethelm abgeführt werde. Er ſprach kein Wort mit den Seinigen nnd ging von dannen. Der Richter ſagte nun Martha, daß er ſie auch gleich verhören wolle, da ſie nun da ſei, er bot ihr den Stuhl an, den Diethelm ſo eben verlaſſen, ſie ſetzte ſich und legte die Hände in einander. Sie bat, ob nicht ihre Fränz bei ihr bleiben dürfe, der Richter verneinte dies mit Bedauern, Fränz könne indeß im Vorzimmer warten. Martha preßte die gefalteten Hände wie zu einem Dankgebet zuſammen, als ihr der Amtmann die ſchön⸗ menſchliche Geſetzesbeſtimmung erklärte, daß ein An⸗ gehöriger keinen Zeugeneid zu leiſten habe, und es überhaupt ſeinem Belieben anheimgeſtellt ſei, Zeugniß abzulegen oder zu verweigern. Martha erklärte ſich für erſteres, theils in der Hoffnung, ihrem Manne zu nützen, theils auch, weil ſie den Muth nicht hatte, ohne Red und Antwort das beſtellte Gericht zu ver⸗ laſſen. Martha war ſo offenbar ein Bild des aufrichtigen Jammers, daß der Richter ſie nicht mit verwickelten Fragen quälen zu wollen ſchien. Sie konnte mit Fug betheuern, daß ſie von der Handelſchaft ihres Mannes faſt gar keine Einſicht hatte, und als von ihren Ehe⸗ zwiſten wegen der Großthuerei und Verſchwendung Diethelms die Rede kam, glaubte ſie, daß Gott es ihr verzeihen müſſe, wenn ſie das nicht unter die Welt kommen laſſe, ſie beſtritt daher jeden ehelichen Zwiſt —————— — —— —— 172 und lobte ihren Mann aus Herzensgrund. Der Richter ging bald hievon ab und fragte: „Iſt nie zwiſchen euch und eurem Manne davon die Rede geweſen, daß er brandſtiften will.“ Martha war's, als ſchlügen ihr Flammen in's Geſicht. Was ſollte ſie darauf antworten? Zwar hatte damals am Verſicherungstage Diethelm die Sonne zum Zeugen angerufen, daß ſie ihn nie mehr erwärmen ſolle, wenn er einen ſolchen Gedanken habe, aber wenn ſie das bekannte, wer weiß, ob ſie ihn nicht damit in's Elend ſtürzte, wer weiß, was daraus gemacht wird? Aber ſie hat doch verſprochen, die Wahrheit zu bekennen. Zweimal ließ ſich Martha die Frage wiederholen, und ſchon ſtand ihr das Bekenntniß auf der Zunge, aber ſie ſchluckte die Worte hinab und matt die Hände in den Schooß ſinken laſſend, ſagte ſie: „Nein, nie, niemals.“ Ueber Medard befragt, erklärte ſie, daß er ihrem Manne ſchon lange gram war, weil er ihm manchmal im Zorn das Zuchthaus vorgeworfen, und der Me⸗ dard ſei ohnedies aufſätzig gegen den Meiſter geweſen, weil er ſeinen Bruder, den er lieb hatte wie ſein eigen Kind, nicht vom Militär losgekauft habe, gegen ſie aber ſei er immer gut geweſen, er habe zwar manchmal Ver⸗ untreuungen gemacht, aber die könnten einmal die Schäfer nicht laſſen. Martha unterſchrieb das Protokoll und wankte hinaus zu ihrer Tochter. Im Amthauſe ſprach ſie kein Wort mehr, auf der Straße aber ſagte ſie: „Das ſind Seelenverderber die Amtleute, da droben haben ſie mir das Herz ausgeſchnitten.“ Fränz ſuchte die ungemein erregte Mutter zu be⸗ ruhigen, ſo gut ſie konnte, aber noch im Schlafe ſchrie Martha oft wild auf und warf ſich im Bette hin und ſ Diethelm war indeß mit triumphirendem Stolze in ſein Gefängniß zurückgekehrt. Von aller Unthat war keine Erinnerung in ihm, er gedachte nur ſeines Sieges, wie es ihm gelungen war, ſich ſo hinzuſtellen, daß der Richter ihm faſt Abbitte thun mußte. Seine Verthei⸗ digung war nun feſtgegründet, dort ſtand ſie verzeichnet und konnte nicht mehr ausgelöſcht werden. Diethelm freute ſich über ſich ſelbſt, er hatte gar nicht gewußt und erſt jetzt erfahren, welch' eine Macht ihm inne⸗ wohnte. Du wärſt ein großer Mann geworden, ſagte er ſich, wenn du auf dem rechten Platze ſtündeſt, es haben Andere ſchon viel Aergeres gethan und ſind doch ruhmvoll durch die Welt gegangen. Jetzt fang' ich das Leben von vorn an. Ich will ihnen zeigen, wer der Diethelm iſt. Der Amtsdiener, der das Gewünſchte Diethelm übergab, freute ſich ob ſeines Frohmuthes und erklärte ſchlau: „Ich hab' euch nur wie einen gemeinen Verbrecher behandelt, damit man kein Mißtrauen in mich haben ſoll, weil wir ſo nah verwandt werden. Ich hab's wohl gewußt, daß ihr ein unſchuldiger Ehrenmann ſeid, auf den wir ſtolz ſein können. Im Geſicht vom Amtsrichter iſt deutlich geſchrieben geſtanden: der iſt freigeſprochen. Es kann noch ein paar Tag dauern, aber gewiß iſt's, da verlaßt euch drauf. Ich verſteh' das.“ 174 Wie nach einer vollbrachten Großthat ſtreckte ſich Diethelm auf die Pritſche, er befahl noch tüchtig ein⸗ zuheizen, denn es fror ihn noch immer ſo mörderlich und wollte ihm auch manchmal ein Gedanke deſſen kommen, was er gethan, er verſcheuchte ihn und ent⸗ ſchlief ruhig. Tief in der Nacht aber wurde er aufgeweckt und im Scheine einer Blendlaterne ſtanden zwei Männer vor ihm. Neunzehntes Kapitel. Diethelm hatte dem jungen Kübler geſagt, er möge den Vetter Waldhornwirth nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein verſteckter Auftrag ſein, der eigentlich hieß: mach', daß ich den Vetter ſo bald als möglich hier habe und ſpreche. Mit fröhlicher Eilfertigkeit, denn es liegt im Hülfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit, eilte der junge Kübler ſelbſt nach Buchen⸗ berg, und unterwegs lächelte er oft vor ſich hin, in⸗ dem er überdachte, wie klug er doch ſei, daß er ſolche vermummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müſſe. Natürlich vergaß er dabei auch nicht, wie vielen Dank ihm Diethelm dadurch ſchuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinſen trägt. In Buchenberg war ſchon Alles zur Ruhe ge⸗ gangen, nur bei der Brandſtätte, von der noch immer ein zum Erſticken übelriechender Rauch aufſtieg, wan⸗ delten einige Wachhaltende hin und her. Der Vetter Waldhornwirth mußte aus dem Schlaf geweckt werden, und unter Verwünſchungen machte er ſich endlich be⸗ reit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erſt draußen vor dem Dorfe hängten ſie dem Pferde das Rollengeſchirr um und fuhren dann mühſelig und ver⸗ droſſen nach der Stadt, wo ſie erſt gegen Morgen ankamen. Der junge Kübler zog ſeinem Vater die Gefängnißſchlüſſel unter dem Kopfkiſſen weg, führte den Waldhornwirth die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt ſtanden beide vor dem grimmig Fluchenden, der ſie nicht alsbald erkannte. Als ſie ſich zu erkennen gaben, und Kübler trium⸗ phirend berichtete, daß er nach den Andeutungen Diet⸗ helm's den Vetter geholt habe, rieb ſich Diethelm mehr⸗ mals die Stirne und fuhr dann zornig auf: „Verfluchtes blitzdummes Gethue! Kübler, was habt ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegen⸗ heit. Ich bin freigeſprochen, Alles liegt ſonnenklar am Tag und jetzt wenn's heraus kommt, und es kommt gewiß heraus, daß ihr meinen Vetter zu mir gebracht habt, wird das wieder einen Verdacht auf mich werfen und es geht neu an's Protokolliren und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müſſen und euer Vater kann ſeinen Dienſt verlieren. Aber mich geht's nichts an und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beſchwören und ich thu's, daß ich euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab.“ Der junge Kübler ſtand wie vom Blitz getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben ge⸗ glaubt und mußte ſich nun ausſchelten laſſen und faſt noch bitten, daß man ihn nicht verrathe. Diethelm rieb ſich vergnügt die Hände, er war ſtolz auf ſich, mitten aus dem Schlaf geweckt hatte er ſeine Beſinnung behalten und gegen zwei Menſchen, deren er bedurfte, ſich ſo geſtellt, daß ſie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu ha⸗ ben. Es durfte Niemand geben, der nicht an ſeine Unſchuld glaubte, oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe, dürfte das ſein, ſo wäre ja Alles mit Medard umſonſt.. Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und ſagte: „Thut mir leid, daß du dir ſo viel unnöthigen Braſt machſt, und ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl und bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch. Ich mein' Vetter, es wär' am beſten wir reden gar nichts, ich hab dir ja nichts zu ſagen und du kannſt ruhig vor Gericht auslegen was du weißt.“ Der junge Kübler betheuerte wiederholt ſeine Wohl⸗ meinenheit und der Vetter ſagte: „Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr beſinnen, was ihr zu dem Buben geſagt habt.“ „Kann mir's denken“ lachte Diethelm,„wenn du von deinem Uhlbacher ferndigen trinkſt, vergißſt du leicht, daß du Frau und Kinder daheim haſt, geſchweige was anderes, und dann haſt noch Kirſchengeiſt darauf geſetzt, das thut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig bis ich heimkomm und da der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl Alles und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab ich ſagen wollen? Ich hab's ganz vergeſſen.“ „Von wegen dem Buben,“ bedeutete der Better. „Richtig“ nahm Diethelm unbefangen auf,„beſinn Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 12 dich nur, du mußt noch wiſſen, daß ich dem Buben deutlich geſagt hab, der alt' Schäferle ſoll zu ſeinem Medard'naufgehen, er müſſ' daheim bleiben und leide an ſeinem Beinbruch.“ „Vom Beinbruch, ja, das erinner' ich mich, das hab ich deutlich gehört, guck, das fällt mir jetzt ein, das iſt das Wahrzeichen,“ frohlockte der Vetter und rieb ſich immer die linke Seite der Stirne als weckte er ein Organ der Erinnerung. Diethelm lächelte in ſich hinein, daß der Vetter gerade deſſen ſich erinnerte, was er erſt vor Gericht zu ſeinem eigenen Schrecken noch hinzuſetzte, er fuhr aber leichthin fort: „Dann wirſt dich auch an alles Andere erinnern und daß ich mein' Fränz hab holen wollen, damit mein' Frau nicht ſo allein iſt, wenn ihre Stieftochter ſtirbt, aber ich brauch dir ja nichts ſagen, du weißt Alles allein und ſag du's nur frei.“ So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmloſeſten Weiſe dem Trompeter ſein Stücklein auf Noten zu ſetzen, daß es eine Art hatte. Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte Beiden wohl⸗ gemuth die Hand und der Vetter entſchuldigte ſich noch, daß er ſich nicht gleich auf Alles beſonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm Alles weggeſcheucht, aber jetzt wiſſe er jedes Wort. Diethelm ſah dem Vetter ſcharf in's Geſicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetter ſah in der That mitleidig und treuherzig drein. Als 179 die Beiden fort waren, ſtreckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und ſprach dann in ſich hinein: Neun Zehntel der Menſchen ſind nichts als Hunde und Papageien, ſie reden und thun wie man ſie's anlernt und ſchwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen ſelber käm'. Alle die oben dran ſind und über Andere herrſchen, verſtehen nur die Kunſt, die Menſchen glauben zu machen was ihnen gut dünkt und je mehr das einer vermag, um ſo größer iſt er und führt die Welt am Narrenſeil herum. Mit einem erhabenen Heldengefühle legte ſich Diet⸗ helm abermals zum Morgenſchlafe nieder. Als die Stadtzinkeniſten wieder blieſen, ſuchte er ſich zu bereden, daß das eine Muſik zu ſeiner Unterhaltung ſei und pfiff unausgeſetzt ihre Melodien nach. Diethelm glaubte ſchon am heutigen Tage freige⸗ laſſen zu werden, aber vergebens. Er wurde Nach⸗ mittags noch einmal zum Verhöre geführt, der Trom⸗ peter hatte richtig ſein Stücklein getreu abgeſpielt, aber es war doch ein Ton darin, der Diethelm noch viel zu ſchaffen machte, nämlich die Kunde von ſeinem heftigen Weinen bei der Nachricht von dem Tode der Stieftochter und ſeine raſche, unmotivirte Umkehr. Diet⸗ helm hatte hieran wohl gedacht und hätte dem Vetter gerne Weiſung gegeben, aber er wußte nicht wie er das verdachtlos bewerkſtelligen ſollte und hoffte auch, daß davon gar keine Rede ſein würde. Anfangs ſchwankend, dann aber immer ſicherer erklärte Diethelm, daß er den Tod ſeiner Stieftochter nicht ſo bald erwartet habe und nun heimgeeilt ſei um ſeine Frau nicht ganz 12* 180 allein zu laſſen und die Fränz ſpäter holen zu laſſen. Befragt, warum er dann nicht nach dem Kohlenhof gefahren ſei, erklärte er zuerſt, er habe ſich das nicht ſo klar gemacht, er ſei vom Schreck zu ſehr ergriffen geweſen, dann aber ſetzte er hinzu, er habe erwartet, ſeine Frau ſei gleich nach dem Tode heimgekehrt und er habe ſie dort tröſten wollen. Weiter befragt, wie es komme, daß der Tod ſeiner Stieftochter ihn ſo furchtbar ergreife, ſah er eine Weile ſcheu vor ſich nieder, dann erhob er ſein Antlitz und ſagte: „Ich hätt' nicht geglaubt, daß man mich das fragen darf, aber ich ſeh ſchon, wer einmal, und ſei er noch ſo unſchuldig, in Verdacht ſteht, muß auf Alles ant⸗ worten. Nun denn ſo ſei's,“ er athmete tief und fuhr dann fort:„So wiſſet denn, ich hab vor zwei und zwanzig Jahren meine Stieftochter gern gehabt und hab ſie heirathen wollen, aber mein' Frau hat's nicht zugeben und hat mich lieber ſelbſt genommen.“ Eine Pauſe entſtand, der Actuar ſchrieb und der Richter, betroffen von dem ſchmerzvollen Tone Diet⸗ helms, hielt eine Weile mit Fragen inne. Diethelm aber fühlte einen innern Schreck, als ob man ihm ein Stück aus dem Herzen reiße, es däuchte ihn als ſchände er ſeine Hausehre und alle Schamhaftigkeit, da er auch dieß dem Protokolle anvertraute, er hatte ſo ſorglich ſeine Hausehre gewahrt und jetzt hatte er ſie preis gegeben und noch dazu mit einer gräßlichen Lüge, denn die Kohlenbäuerin war ſchon ſeit Jahren nicht mehr für ihn auf der Welt. Diethelm fühlte jetzt zum Erſtenmale, wie das Verbrechen keinen reinen Fleck an dem Menſchen läßt, wie es Alles mit ſich hinabzerrt; er erhob den Blick lange nicht, es war ihm, als ſtände ſeine Frau vor ihm und er könnte ſie nicht anſchauen. Hätte er erſt gewußt, daß er ſie auf demſelben Stuhle verrieth, auf dem ſie ihm zu Liebe ihr Gewiſſen opferte! „Das thut mir am weheſten, daß ich das hab ſagen müſſen,“ rief er endlich mit tiefſchmerzlichem Tone. Der Richter beruhigte ihn, daß das Niemand erführe, er war aber Inquirent genug, die weiche Stimmung Diethelms zu benützen und mit veränderten Fragen noch einmal das ganze Verhör von vorn zu beginnen und Schlag auf Schlag gingen die Fragen. Der alte Schäferle war dieſen Vormittag auch wieder im Verhör geweſen und im Schmerze um den Tod ſeines Sohnes, den er rächen zu müſſen glaubte, machte er ſich kein Gewiſſen daraus, ſeinen Ausſagen eine noch entſchiedenere Faſſung zu geben, und daß Medard geradezu die Woche bezeichnet, die Diethe lm ausdrücklich zur Brandſtiftung feſtgeſetzt habe, wenn es ihm gelänge, ſeine Frau aus dem Hauſe zu bringen. Der alte Schäferle hoffte, daß es vielleicht gelingen werde, Diethelm zu einem Geſtändniſſe zu überrumpeln, wenn man ihm beſtimmte Thatſachen vorhielt und Gleiches erwartete auch der Richter. Diethelm merkte bald was vorging und war wiederum ſchne ll gewaffnet und berief ſich in den meiſten Antworten e infach auf ſeine geſtrigen Ausſagen. Nicht mehr ſtolz, innerlich ge knickt, ſaß Diethelm in ſeinem Gefängniſſe, er merkte wohl, daß ſich ein 182 Punkt aufgethan, von dem er in den Grund geſtürzt werden konnte. Jetzt bat er den jungen Kübler, der in der Wartung der Gefangenen ſeinem Vater bei⸗ ſtand, ihm noch eine Unterredung mit dem Waldhorn⸗ wirth zu verſchaffen, aber der junge Kübler war ein⸗ gedenk, wie Diethelm ihn mit Undank angefahren und ſogar gedroht hatte, ihn zu verrathen, er blieb allen Schmeichelworten unerbittlich und Diethelm, deſſen Furcht vor einem Mitwiſſer noch größer war als die vor dem Gerichte, fand ſich endlich drein, Alles ge⸗ ſchehen zu laſſen wie es ſich von ſelbſt machte, ja es gab Zeiten, in denen er ſo zerknirſcht war, daß er die Entdeckung wünſchte, nur um dieſer ſchwebenden Qual enthoben zu werden. So zerknirſcht er aber auch in der Einſamkeit des Gefängniſſes war, ſo kampfgerüſtet und feſt erſchien er jedesmal vor dem Richter, ſchon die Stimme desſelben erweckte ihn zu Muth und Trotz und bald zeigte ſich, daß die urſächlichen Verbindungen zwiſchen allem Geſchehenen nur ihm klar waren, den Anderen zerfiel Alles zuſammenhanglos. Dieß ſtellte ſich beſonders heraus, als der Amts⸗ verweſer die Fortführung der Unterſuchung dem neu beſtallten Richter übergab. Man hatte geglaubt, daß ein neuer in Criminalſachen gewiegter Mann Diethelm verblüffen und verwirren würde, aber gerade das Gegentheil war eingetreten; dem fremden Manne gegenüber, der ihn nie weich geſehen hatte, fühlte ſich Diethelm doppelt ſtark und bei manchen Fragen zeigte Diethelm ſein Uebergewicht, indem er ſagte: das hab ich im Protokoll von dem und dem Datum ſchon angegeben; ſeine Gewandtheit im Kopfrechnen kam ihm jetzt in anderer Weiſe zu ſtatten. Diethelm dachte gar nichts mehr als ſein Verhör, er wendete es nach allen Seiten, und wenn er antwortete, ſprudelte er die Worte ſo ſicher hervor, als ſtünden ſie vor ihm geſchrieben. Zwanzigſtes Kapitel. In der Poſt lebte Fränz mit ihrer Mutter ſtill und einſam. Früh Morgens gingen ſie täglich nach der Kirche, wo die Mutter immer ſo zerknirſcht betete, dann ging es jedesmal hinaus nach dem Gefängniſſe, um von dem alten Kübler zu erfahren, wie ſich der Vater befinde; er gab in der Regel einförmig guten Beſcheid, nahm bisweilen auch Geſchenke an, ließ ſich aber nicht herbei, Diethelm irgend eine Nachricht zu bringen, und ſo waren Mutter und Tochter von ihm wie durch Meere geſchieden. Von dem einzigen Aus⸗ gange abgeſehen, lebten ſie ſelber wie in Gefangen⸗ ſchaft, die Mutter ſaß in der Mitte der Stube und ſpann, obgleich ſie immer klagte, daß ihre Spinnfinger wie abgeſtorben ſeien; ſie hatte nicht Luſt bei der Arbeit manchmal hinaus zu ſehen nach den Vorübergehenden, ſie kannte Niemand und wollte Niemand kennen, und oft wenn ſie eine Spindel abſtellte, klagte ſie über die ſchöne Ausſteuer der Fränz und über die tauſende von ſelbſtgeſponnenen Spindeln, die da mit verbrannt ſeien. Fränz ſaß am Fenſter und ſtickte für den Vater ſehr bunte Pantoffeln, ſie hatte das in der Hauptſtadt trefflich gelernt, oft ſchaute ſie aber auch hinaus auf die Straße und machte allerlei Bemerkungen über die Vorüber⸗ gehenden. Die Mutter verwies ihr das immer mit ſteter Wiederholung: „Wir haben gar nichts zu ſpötteln über andere Menſchen, wir müſſen froh ſein, wenn man nicht mit Fingern auf uns weist.“ Nun verſchwieg Fränz meiſtens ihre Bemerkungen, ſie hatte, wie ſie glaubte, die un⸗ ſäglichſte Geduld mit ihrer Mutter, die gar keine Zer⸗ ſtreuung wollte und ſo gewiß als das Tiſchgebet jedes⸗ mal, wenn man ſich zum Eſſen ſetzte, ſagte: „Ach Gott! Jetzt muß der Vater allein eſſen, ich weiß daß ihm kein Biſſen ſchmeckt, er hat nie was allein eſſen mögen ohne dabei zu reden, und wenn er heim kommen iſt und ich ihm Eſſen hingeſtellt hab, hab ich mich immer zu ihm ſetzen müſſen und beim Tiſch hab ich nie aufſtehen dürfen wenn was gefehlt hat, er hat immer geſagt: lieber kein Salz auf dem Tiſch, als daß du mir fehlſt. Ach Gott! Wir haben doch ſo gut mit einander gelebt und wenn's auch manchmal ein bisle uneben gangen iſt, es giebt doch kein' beſſere Ehe auf der Welt und alle Adern hätt' ſich eins für's andere aufſchneiden laſſen.“ Fränz hörte das immer geduldig an und ermahnte nur die Mutter, das Eſſen nicht kalt werden zu laſſen. Fränz trauerte auch aufrichtig um das Schickſal des Vaters, aber ſie konnte dieſe immerwährende Trauer nicht aushalten und ſehnte ſich nach Zerſtreuung, ſie wollte von keinem Zweifel mehr wiſſen, daß dem Vater etwas geſchehen könne und ſprach oft davon, 186 daß ſie gar nicht mehr in das Dorf zurückkehren wollten; wenn der Vater frei ſei, müſſe er mit ihnen in der Stadt bleiben. Martha wollte nichts davon hören und Fränz ſuchte ihr alle Schauer zu erregen, die man erleben müſſe, wenn man in einem Hauſe wohne, wo früher ein Menſch verbrannt ſei. „Wo nur der Paßauf hin iſt?“ fragte Martha ab⸗ lenkend und Fränz erwiderte: „Ihr könnet euch darauf verlaſſen, der iſt mit dem alten Schäferle, wie er zum Verhör in der Stadt ge⸗ weſen iſt.“ „Haſt du den Munde in der Hauptſtadt nicht ge⸗ ſehen?“ fragte die Mutter wieder. „Freilich,“ erzählte Fränz,„er iſt, wenn er nicht auf die Wacht gemußt hat, jeden Tag und jeden Tag in den Rautenkranz kommen, er thut noch immer ſo narret mit mir.“ Martha erzählte nun, daß der Vater ihr den Munde zum Mann beſtimmt habe, aber Fränz wehrte ſich da⸗ gegen, daß ſie das„Opferlamm“ ſein ſolle; wenn ſie einen Mann nehme, ſo nehme ſie ihn für ſich und für Niemand anders. Sie ließ ſich nicht dazu herbei, zu erklären, was ſie mit dem Opferlamm gemeint habe, ſie behauptete, das ſei nur Redensart, in ihr aber erwachte wieder der Gedanke, den ſie auf der ganzen Herreiſe gehabt, daß ihr Vater doch ſchuldig ſei und daß es nur gelte ſich hinaus zu reden. An jenem letzten Tage in der Stadt hatte die Eröffnung Munde's, obgleich er ſie ſo klug zu verhüllen trachtete, einen gewaltigen Eindruck auf Fränz gemacht. Sie kannte 187 durch ihre öftere Begleitung die Verhältniſſe des Vaters beſſer als irgend Jemand, ſie wußte daß er tief in Verlegenheiten ſteckte, auch klagte ihr der Vater öfters; ſie gedachte während der Fahrt jenes Augenblickes, da der Vater auf dem Markte niedergefallen war als ihm der Kaufmann Gäbler ſagte, daß er mit der Feuerſchau käme, ſie hatte den Vater dann auf der kalten Herberge beobachtet, wie er mehrmals die Farbe wechſelte und dann wie beſeſſen davon jagte, und jetzt war es ihr deutlich warum der Vater ſo klagend davon ſprach, daß er Armuth nicht überleben würde als die Deichſel gebrochen war; und als der Vater ſie zum Letztenmale in der Hauptſtadt beſuchte, war er wieder voll Jammer und Klage. Darum glaubte Fränz ſchon auf dem Wege an die Schuld des Vaters und als ſie nachträglich erfuhr, daß er ihr den Munde zum Manne beſtimmt hatte, kam kein Zweifel mehr auf. An einen vom Vater begangenen Mord dachte ſie nicht, wohl aber, daß er mit Medard gemeinſam Feuer angelegt und daß Medard dabei verungluͤckt war. Von allen Menſchen auf Erden glaubte Diethelms einziges Kind allein feſt an ſeine Schuld und erklärte ſich ihren Zuſammenhang, und Fränz allein war als durchaus unbetheiligt nie verhört worden. Auf jener Nacht und Tag währenden Heimfahrt war eine große Wandlung mit Fränz vorgegangen, ſie ſah ſich ſchon verſtoßen und verhöhnt von aller Welt und war tief traurig und voll Demuth gegen Jedermann, und empfing darum überall eine Behandlung voll Theilnahme und Rückſicht, die ſie wiederum mild 188 ſtimmte. Als ſie die Mutter ſah, warf ſie ſich ihr mit Inbrunſt entgegen, das war das einzige Herz auf der Welt, das ſie nicht von ſich ſtieß und die in Trotz und Rechthaberei verhüllte Kindesliebe brach gleichzeitig mit der demüthigen Milde gegen alle Menſchen auf, zwei Lilien gleich, in einer Wetternacht aufgebrochen. Als ſie nun aber hörte, daß der Vater für unſchuldig galt und daß es nur darauf ankam, dieſe Geltung aufrecht zu erhalten, verwelkten die in Schmerz erblühten Blumenkelche wieder. Wer weiß, in Schmach und Noth wäre vielleicht Fränz eine Heldin an Duldung geworden, jetzt war ſie wieder in der Welt voll Lug und Trug, wo Alles darauf ankam, ſich in ſeiner Rolle zu behaupten und Fränz wurde wieder die hoffährtige, alle Welt verhöhnende Tochter Diethelms; nur eine gewiſſe Umflorung, die aus dem Kummer um das noch nicht entſchiedene Schickſal des Vaters entſprang und eine Nachwirkung von jener immer mehr verklingenden Trauerſtimmung verhinderte, daß nicht mit einem Worte der leibhafte Nückel wieder da war. Fränz ertrug den Schmerz um die ſich in die Länge ziehende Gefangenſchaft des Vaters leichter als die Mutter, weil ſie ihn für ſchuldig hielt, von einem Morde an Medard ahnte ſie nichts, und für einen Brandſtifter gehalten worden zu ſein iſt am Ende keine Schande, wenn man nur freigeſprochen iſt. Seit mehreren Tagen hatte Fränz jedesmal um Mittag geſagt:„Jetzt iſt halb eins“ und wenn die Mutter fragte:„Warum?“ antwortete ſie lächelnd: „Weil der Amtsverweſer da über den Markt herkommt, er iſt ein ſaubers Bürſchle, er ſpeist unten an der Tafel.“ Die Mutter ermahnte ſie vom Fenſter weg⸗ zugehen, ſie müſſe ſich ja ſchämen, wenn er ſie ſähe, Fränz aber behauptete, daß das gar nicht der Fall ſei und bald bemerkte der Amtsverweſer, welche Augen nach ihm ausſchauten und es entſtand ein regelmäßiges und immer entſchiedeneres Grüßen herauf und herab am Mittag. Die Mutter ward auch bald neugierig, den Mann zu ſehen, den ſie ſeit jenem ſchrecklichen Abende nicht mehr erblickt hatte und von da an hatte Fränz gewonnen Spiel; ſie ließ nicht ab und hatte dabei willfährige Hülfe an der Frau Poſtmeiſterin, bis die Mutter ſich entſchloß mit ihr an der Tafel zu ſpeiſen. Martha gab nun endlich nach, beſonders als ihr Fränz immer eindringlicher machte, wie gut das für den Vater wäre, wenn man mit dem Amtsverweſer bekannt ſei und wie man auch geſprächlich manches von ihm erfahren könne über den Stand der Unter⸗ ſuchung. Das leuchtete ein. Anfangs ſtand Martha oft viele Tage mit trockenem Munde auf, ſie konnte keinen Biſſen hinabbringen, wenn ſie den„Herrn“ an⸗ ſah, der ihr ſo ſchweres Herzeleid angethan und der ihren Mann auf Zeitlebens in's Zuchthaus bringen konnte. Es war ihr immer, als ſäße ſie mit einem Henker am Tiſche und ſie begriff gar nicht, wie er ſo ruhig Speiſe und Trank zum Munde führte, während er auf die Fragen ſeiner Tiſchnachbarn erzählte, daß heute der und jener eingebracht worden ſei oder daß dieſer oder jener in's Zuchthaus abgeführt wurde. Martha ſah dann oft nach ſeinen Händen, ob die nicht vom Blute —= —— 190 rauchten und nach ſolchen Tagen hatte Fränz immer einen ſchweren Stand, denn die Mutter wollte durchaus nicht mehr an die öffentliche Tafel. Nun aber hieß es, das könnte dem Vater ſchaden, wenn man jetzt zeige, daß man ſich ſchäme, die Mutter verſtand ſich mit ſchwerem Herzen dazu und Fränz hatte oft auf⸗ richtiges Mitleid mit ihr, wenn ihr der Gang zu Tiſche ſo peinvoll wurde, aber Fränz beredete ſich, daß es nöthig ſei, daß ſich die Mutter wieder an die Menſchen gewöhne und ſie vermochte die Poſtmeiſterin mit an den Tiſch zu ſitzen und die Mutter beſtändig im Geſpräch zu erhalten. Der Amtsverweſer lehnte auch fortan jede bezügliche Frage ſeiner Nachbarn ab, und man war faſt heiter. Die Mutter lebte ſichtlich wieder auf. Fränz war in der Wohnſtube der Poſtmeiſterin bald mit dem Amtsverweſer bekannt geworden und dieſer theilte ihr freiwillig, aber unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit frohe Kunde über ihren Vater mit. Martha fand ihn nun gar nicht mehr henkergleich, ſondern grund⸗ mäßig gut, man ſähe es ihm ja an den Augen an, und ſie ſegnete ihm jeden Biſſen und jeden Trunk, den er zum Munde führte. Von nun an kam der Amts⸗ verweſer jeden Tag ſpäter als gewöhnlich in die Kanzlei, denn er trank ſeinen Kaffee und rauchte ſeine Cigarre in der Wohnſtube der Poſtmeiſterin und unterhielt ſich eifrig mit Fränz, die redegewandt und ſchelmiſch war und der die verhüllende Trauer noch einen beſondern Reiz verlieh. Dennoch kam es nicht weiter als zu einer gewiſſen gefallſamen Annäherung zwiſchen Fränz und dem Amtsverweſer, denn beide hüteten ſich in 191 Betracht der Umſtände vor jeder ausgeſprochenen Zu⸗ neigung. Was Wunder, daß unter ſolchen Verhältniſſen die Unterſuchung gegen Diethelm nur mangelhaft geführt wurde, zumal keine rechten Beweiſe vorlagen. Der Verweis, den der Amtsverweſer darob von dem beſtallten Richter erhielt, nützte nicht mehr viel und der Richter verſuchte nun ſelbſt den rechten Haken zu finden. In der Wohnſtube der Poſtmeiſterin war große Trauer als der Amtsverweſer ſeine Verſetzung nach einem viel beſuchten Badeorte ankündigte, und als er bald Abſchied nahm reichte ihm Fränz mit einem viel⸗ ſagenden Blicke die Hand, der Amtsverweſer bot nun auch Martha die Abſchiedshand, ſie reichte ſie und ſpürte dabei mächtig ein Jucken in der Hand über das ſie ſeit Wochen ſchon oft geklagt hatte. Fränz war nun ſelbſt damit einverſtanden, daß man von der Gaſttafel wegblieb, ſie war ungewöhnlich viel ſtill und ſinnend; ſie ſang oft ſtill vor ſich hin, und unterbrach ſich dann plötzlich, wenn ſie dachte, in welcher Lage ſie war. Die Mutter ermahnte ſie nun ſelbſt oft, zur Wirthin hinabzugehen, während ſie ein⸗ ſam ſpann. Eines Tages kam Fränz athemlos in das Zimmer geſtürzt. „Mutter,“ ſchrie ſie,„Mutter, er iſt da!“ „Wer? Um Gotteswillen der Vater?“ „Ja, der Vater,“ keuchte Fränz und wollte ſich eben wieder umwenden, um dem Kommenden entgegen zu gehen, als die Mutter mit einem Schrei vom Stuhle auf den Boden fiel. Sie beugte ſich über ſie, 102 als Diethelm eintrat, und kaum hatte er mit ſeiner klangvollen Stimme die Worte geſprochen:„Was iſt der Mutter?“ als die Ohnmächtige die Augen aufſchlug und in ein krampfhaftes Weinen und Lachen ausbrach, daß Diethelm mit zitternden Händen daſtand und gar nicht wußte, was er thun ſollte; er fuhr ſeiner Frau mit der Hand über das Geſicht und ſie faßte ſeine Hand und hielt ſie feſt an den Mund und konnte noch immer nicht ſprechen. „Martha, ich bin frei,“ ſagte Diethelm, ſie auf⸗ richtend,„nimm' dich zuſammen und ſei froh. Es iſt ja Alles wieder gut.“ Martha hielt immer noch ſeine Hand feſt und das erſte Wort, das ſie ſprach, war: Alles, was ich auf dem Leib trage, ſchenke ich einer armen Frau und meinen Mantel auch, und ich will Gutes thun an der ganzen Welt. Komm' Diethelm, komm', weißt was wir thun wollen? Wir wollen jetzt gleich in die Kirch' gehen, komm' Fränz, komm.“ „Du biſt jetzt ſo ſchwach, laß' es auf ein andermal.“ „Nein, nein, jetzt gleich, ich bin nicht ſchwach, es hat mich nur ſo angewandelt. Ich bitt' dich, folg' mir jetzt, ich will dir auch in Allem folgen, was du willſt.“ Diethelm mußte willfahren und mit ſeiner Frau in die Kirche gehen. Es ſchauerte ihn und durchfuhr ihn eiskalt, als er in die hohe Halle eintrat, er warf ſich mit ſeiner Frau vor dem Altare nieder und bat Gott, ihn auf dieſer Welt um ſeiner Frau und ſeines Kindes willen zu verſchonen. 193 Als ſie aus der Kirche traten, wo ſich viele Men⸗ ſchen verſammelt hatten, ſchenkte Martha ſogleich einer armen alten Frau ihren Mantel und gab nicht nach, daß ſie den Mantel nur noch bis zur Poſt behalten möge. Dieſe Schenkung, ſowie der auffallende Kirch⸗ gang überhaupt, verbreitete ſich ſchnell, und Diethelm hörte ſchon auf ſeinem Heimwege davon reden; viele Menſchen, die er ſtarr anſah, zogen vor ihm den Hut ab, und er ſah, daß er neue Ehre gewonnen habe und war entſchloſſen, ſie zu behaupten. Als ſie aus der Kirche zurückgekehrt waren und die Glückwünſchenden ſich entfernt hatten, ſaß Diethelm lange am Tiſche, auf den er die Arme geſtemmt und den Kopf in die Hände gedrückt hatte, und als ihn Martha bei der Hand faßte, ſchaute er zu ihr auf und große Thränen rollten über ſeine Backen. Zum Erſtenmal in ihrem Leben ſah Martha ihren Diethelm weinen, und ſie ſchrie laut auf, er aber beruhigte ſie, und es war die volle Wahrheit, als er ihr ſagte, daß dieſe Thränen ihn erfriſcht und ihm hellen Muth gegeben hätten. Martha drängte, daß man noch heute heim nach Buchenberg zurückkehre; Diethelm ſah ſie traurig an, da ſie vom Heimkehren ſprach, wo waren ſie daheim? Er fragte nach ſeinen Rappen, und als er hörte, daß ſie in Buchenberg ſtünden, blieb er feſt dabei, erſt morgen abzureiſen, er ſchickte ſogleich einen Boten nach ſeinen Pferden, das war das Einzige, was ihm lebendig von ſeiner früheren Habe verblieben war und mit ihnen wollte er ſtolz in Buchenberg einziehen. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 13 Einundzwanzigſtes Kapitel. Nahezu zwei Monate war Diethelm im Gefäng⸗ niſſe geſeſſen, es hatte mehrmals gethaut, aber auch immer wieder friſchen Schnee gelegt und heute war ein heller, mäßig kalter, echter Schlittentag. Diethelm hatte ſich gewundert, daß nicht der Vetter ſelber das Fuhrwerk gebracht, ſondern einen Knecht mit demſelben geſchickt hatte. Die Rappen ſchienen ihren Herrn nicht mehr zu kennen, ſie ſenkten die Köpfe, ſo ſehr auch Diethelm ſie klatſchte, mit ihnen ſprach und ihnen ſalzbeſtreutes Brod vorhielt, ſie hatten eben jenen gejagten Brandabend noch nicht vergeſſen, und ſpürten ihn noch immer. Diethelm dachte, daß alle Welt ver⸗ ändert ſei und gewiß waren alle Häuſer verſchloſſen und Niemand drängte ſich zu ihm und reichte ihm die Hand, nicht einmal der Vetter war gekommen ihn ab⸗ zuholen. Die Menſchen ſind alle falſch wie Galgen⸗ holz, ſie klagen und krächzen um einen Todten, und wenn er plötzlich wiederkäme, ſie wären voll Zorn auf ihn, weil er ſie um ihr Mitleid betrogen. So dachte Diethelm als er mit der Wolfoſchur angethan auf dem Vorderſitze ſaß und die Pferde lenkte, hinter ihm ſaß 195 die Mutter und Fränz. Diethelm nahm ſich vor, nur noch Einmal nach Buchenberg zurückzukehren, Allen ſeine Verachtung zu zeigen und ſie dadurch zu züch⸗ tigen, daß er den Ort auf ewig verließ, ſie waren es nicht werth einen Bürger zu haben wie er und er überlegte plötzlich, daß eigentlich Niemand in Buchen⸗ berg ſei, bei dem es ihm der Mühe werth war, was er von ihm denke; ſie ſollten aber einſehen, wer er war, wenn er nicht mehr in ihrer Mitte ſei, es that ihm nur leid, daß er nicht eine wirkliche Rache an ihnen nehmen könne, der Vetter vor Allem aber ſollte es büßen, ſeine Hypothek war aufgekündigt. Wahrend er aber noch den Rachegedanken nach⸗ ging, erhob ſich in ihm plötzlich der Zweifel, ob er ihnen Folge leiſten dürfe. Wohl war die ganze Welt ſein Feind, aber er durfte ihr nicht zeigen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen ſei, und wenn Alles ſtechende Blicke auf ihn richtete, ſo war es doch klüger zu thun, als ob man das nicht bemerke, falſch ſein gegen die falſchen Menſchen das iſt das beßte, um unverſehens ihnen die Gurgel zuzudrücken, aber auch das muß vorſichtig und ſchlau geſchehen. Hin und her warf es Diethelm in Gedanken, denn ſo argwöhniſch gegen ſich und gegen die Welt iſt ein Herz, das Arges in ſich verborgen hegt. Eine Strecke ab von der kalten Herberge, Unter⸗ thailfingen zu, ſagte Fränz: „Vater, ich hör' Muſik den Berg herauf, und hor⸗ chet, ſie kommt näher, was iſt das?“ Auch Diethelm hörte es, und das Leitſeil ſchwankte 32* 0 —— 196 hin und her ſo zitterten ſeine Hände, er faßte es ſtraff. „Ich mein' immer,“ ſagte die Mutter mit verklärtem Antlitze,„es ſei Alles nur ein Traum geweſen. O das wär doch prächtig, wenn unſer Haus noch ſtünde und Alles wär nicht wahr.“ „Weibergeſchwätz, es iſt Alles wahr, ſtill!“ ſagte. Diethelm zornig; die Kälte, die er immer innerlich ſpürte, faſt wie einen gefrornen Punkt, ſo ſehr er ſich äußerlich erwärmte, rann ihm jetzt wieder durch Mark und Bein. Er hielt an und trank einen mächtigen Zug Heidelbeergeiſt. Die Muſik kam immer näher. Man ſah jetzt einen großen Trupp Reiter und einer ritt im Galopp vorauf nach Diethelm zu, kehrte aber bald wieder um und ordnete die Zurückgebliebenen hüben und drüben an der Straße zu Spalier. Was ſollte das ſein? Sollte Diethelm wieder gefangen genommen werden? Aber wozu war dann die Muſik? Die Rappen, von den Klängen erweckt hoben die Köpfe hoch und rannten wiehernd davon. Fränz hatte das beſte weitſichtige Auge, ſie erkannte bald den Vetter Waldhornwirth, der nun ein wirklicher Trompeter war, auch andere Buchenberger erkannte ſie und Diethelm übergoß es wieder abwechſelnd flammend heiß und ſchauerlich kalt. Dort, genau an der Stelle, wo im Sommer die Deichſel gebrochen war, dort ſcholl Diethelm ein Trom⸗ petentuſch und hundertſtimmiges Hoch entgegen. Alles was in Buchenberg beritten war und eine große Anzahl von Unterthailfingen, die ſich dazu geſellt hatten, hielt 197 Diethelm einen feierlichen ſogenannten Gegenritt und holte ihn im Triumphe ein. Diethelm fand nicht Worte ſeiner Empfindung Luft zu machen, es bedurfte deſſen aber auch nicht, denn unter beſtändigem Hochrufen und Trompetenblaſen und Peitſchenknallen ſetzte ſich der Zug alsbald in Bewegung. Die Mutter weinte und Fränz ſah mit frohlockenden Augen drein, während Diethelm mit beſonderer Sorgfalt die Rappen lenkte; es war ſein einziges Denken, daß in dem Wirrwarr kein Unglück geſchehe, das alle Freude in Leid verkehre. Wie war Diethelm ſo plötzlich verändert, er, der noch vor wenigen Stunden bittern Groll und Haß gegen ſeine Mitbürger in ſich erweckte. In Unterthailfingen ſtanden alle Leute am Fenſter und auf den Straßen und grüßten. An der Gemarkung von Buchenberg hielt neben einem Schlitten der Ge⸗ meinderath und Bürgerausſchuß und begrüßte Diethelm. „Wo iſt der Schultheiß?“ fragte Diethelm. Der Obmann des Bürgerausſchuſſes erwiderte, daß der Schultheiß ſchon vor vier Wochen geſtorben ſei. Der Gemeinderathsſchlitten fuhr hinter dem Diet⸗ helms drein. An der Anhöhe, wo einſt Diethelms Haus geſtanden und jetzt nur noch verſchneite Trümmer ſich zeigten, bogen die Rappen plötzlich um und Diet⸗ helm wurde an den ſtraffen Zügeln faſt vom Schlitten geriſſen, aber der Vetter hatte dieß wohl vorausge⸗ ſehen und war zur Seite der Rappen geritten und drängte ſie auf den Dorfweg. Nun erſt im Dorfe ging das Hochrufen von Neuem an, die Kinder ſchrieen mit und die Weiber ſchlugen —— ——————— vor Freude weinend die Hände zuſammen. Am Hauſe des alten Schäferle wurde plötzlich der Schlitten Diet⸗ helms geſtellt, der Paßauf war wie wüthend an die Köpfe der Pferde hinaufgeſprungen und ließ ſie nicht vom Platze, bis ihm ein Reiter mit der Peitſche eines überhieb, daß er winſelnd davonjagte. Drinnen in der niedern Stube, die Stirne an die Fenſterſcheiben ge⸗ drückt, ſtand der alte Schäferle und aus ſeinem zer⸗ fallenen Antlitze ſprach Kummer und Klage, daß man einen Mann wie Diethelm wie einen alles beglückenden Helden einholte. Diethelm ſah nur einen Augenblick unwillkürlich hinüber und Martha grüßte den ſo ſchwer betroffenen Trauernden, dieſer aber blieb ſtarr und bewegungslos. Weiter ging der Zug und ordnete ſich noch einmal unter Trompeten⸗ und Jubelſchall. Als Diethelm abſteigen wollte, ſtellte ſich der Waldhornwirth neben ihn und hielt ihn auf dem Schlitten. Er hatte als dienſteifriger Marſchall dieſe Huldigungen angeordnet und verlangte nun auch deren richtigen Verlauf. „Ihr müſſet ein paar Worte reden,“ lispelte er Diethelm zu und rief dann laut:„Ruhe! Stille! der Herr Diethelm will reden.“ „Lieben Freunde und Mitbürger!“ begann Diet⸗ helm und nochmals wurde Ruhe geboten, worauf er wiederholte:„Lieben Freunde und Mitbürger! Ich danke euch von ganzem Herzen für die Ehre und Liebe, die ihr mir erweist, ich werde ſie euch nie vergeſſen, ob zwar ich ſie nicht verdiene. Was hab ich denn Großes gethan? Ich bin kein Brandſtifter, kein Mord⸗ 199 brenner, das iſt Alles. Mein Ehrenname ſteht wieder rein da. Ich will hoffen, daß ihr mich einſtmals eben ſo mit Ehren hinaustraget, wenn man mir ein eigen Haus anmißt. Haltet feſt.“ Dieſer Gedanke ſchien Diethelm ſo zu übermannen, daß ſeine Stimme zitterte, der Vetter aber neben ihm brummte:„Wie kommen die Rüben in den Sack?“ und Diethelm ſetzte noch hinzu: „Ich dank euch, ich dank euch viel tauſendmal.“ Diethelm hielt inne, aber der Vetter drängte wieder: „Noch was, ſo kann's nicht aus ſein, ſaget noch was,“ und Diethelm fuhr fort: „Viele von euch haben gehört, was man mich an⸗ geklagt hat, aber meine Freiſprechung iſt hinter ver⸗ ſchloſſenen Thüren vor ſich gegangen. Freut euch, daß das bald ein Ende hat, wir bekommen das Schwur⸗ gericht, wo wir ſelber richten und Alles öffentlich.“ Diethelm hielt wieder inne und wollte abſteigen, aber der Vetter ließ ihn nicht vom Platze und drängte: „Das iſt nicht genug, ladet ſie wenigſtens zu einem Trunk ein.“ Diethelm fühlte, daß er jetzt keine Schmauſerei halten konnte, es war ſchon zu erdrückend viel an dem Geſchehenen, er ſchloß daher:„In vier Wochen halt ich meiner Bruderstochter hier Hochzeit, ich lad euch heute Alle dazu ein auf meine Koſten. Nochmals ſage ich euch meinen herzlichen Dank.“ Diethelm drängte den Vetter faſt zu Boden, als er abſtieg. Unter den Reitern zeigte ſich aber eine offenbare Mißſtimmung. Es geht im Großen wie im Kleinen ſo, ein verſprochener Zukunftstrunk macht eher ver⸗ droſſen als luſtig, wer weiß, was dann iſt wenn die verſprochene Zeit kommt; man will eben trinken, wenn Gemüth und Zunge einmal dazu vorbereitet ſind, heute, eben jetzt, und da hilft eine noch ſo ſichere Vertröſtung auf kommende Tage nichts. Der Vetter ſah ſchon, daß er etwas auf ſeine Kappe nehmen mußte, er war der nachträglichen Beſtätigung ſicher; er ſagte daher jedem Einzelnen, daß es bei der Hochzeitseinladung verbleibe, daß aber heute Jeder ein Halbmaaß Wein auf Diethelms Koſten trinken könne, er habe das nur nicht laut ſagen wollen, weil er glaube, es ſchickt ſich nicht. Nun war doch eine mäßige Beruhigung hergeſtellt und im Waldhorn ging's hoch her in Schmauſen und Unterredungen. Die eine Halbmaaß zog Kameraden nach und der Vetter hätte nichts dabei verloren, wenn er die Schenkung wirklich auf ſeine Kappe genommen hätte. Diethelm ſaß indeſſen in der obern Stube und hielt beide Hände vor's Geſicht, die Augen brannten ihm, aber weinen konnte er nicht. Mitten unter dem Ehrenjubel, der ihn neu in's Leben zurückführte, konnte er den Ge⸗ danken nicht los werden, daß das ein Leichenbegängniß wäre, ſein eigenes, er war ſcheintodt und er konnte nicht aufſchreien: ihr begrabt einen Mann der lebt, nein, ihr begrüßt unter den Lebenden einen Todten. Hirnverwirrend drang es auf ihn ein und er meinte, er ſei wahnſinnig, er hätte gerne geſprochen, um vor ſich ſelber ſicher zu werden, wie er ſei, aber der Lärm war ſo groß und Fahren und Reiten ſo wild. Darum freute er ſich Anfangs, als er ſeine eigene Rede ver⸗ nahm, die ſo klug war, aber mitten in dieſelbe ſprang ihm unverſehens der Todesgedanke, und wie ein feſter Stern, der aus der Irre führt, erſchien plötzlich die Anrufung des Schwurgerichtes. Und doch war Diet⸗ helm eigentlich froh, daß dieß noch nicht eingerichtet war. Jetzt zum Erſtenmale fühlte Diethelm ganz deutlich, wie ein Scheinleben gewiß nicht minder gräßlich iſt, als ein Scheintod, aber er war entſchloſſen, ihm mit ſtarkem Willensmuthe zu trotzen. Die ganze Gemeindevertretung trat bald bei ihm ein und der Obmann frug Diethelm geradezu, ob es wahr ſei, daß er, wie der Waldhornwirth geſagt, vom Dorfe wegziehen wolle. Diethelm gab ausweichenden Beſcheid, denn er er⸗ kannte plötzlich, daß die Ehrenbezeigung nicht pure Huldigung war; man wollte ihn mit ſeinem Vermögen im Dorfe feſſeln. Der Obmann erklärte, daß man mit der Schultheißenwahl auf ihn gewartet habe, er werde einſtimmig gewählt wenn er willfahre. Diet⸗ helm machte noch einige ſcheinbare Widerſprüche, daß er jetzt zuviel mit Ordnung ſeiner Angelegenheiten zu thun habe u. dgl.; auf vieles Zureden gab er indeß nach, er fühlte doch erſt im Dorfe und ſo zu ſagen in den niedern Stuben recht deutlich das Maß ſeiner Größe, und ihn erquickte der Gedanke, nun ein feſtes Ehrenamt zu bekleiden, bei deſſen jedesmaliger Be⸗ nennung ihm ſtets klar vor Augen liegen mußte, in welchem Anſehen er ſtand und wie kein Makel an ihm hafte. Er bedurfte deſſen jetzt doppelt, denn ſeit⸗ 202 dem er wieder in's Dorf zurückgekehrt war, fühlte er ſich ſo bang, als ob ein Geſpenſt ihm auf dem Nacken ſitze und ihn bei allen Ehrenbezeigungen auslache und heimlich zwicke und quäle. Und doch wollte er erſt, wenn Alles vergeſſen war, und ſeine Fränz ſich ver⸗ heirathet hatte, das Dorf verlaſſen, vorher erſchien es ihm verdächtig. Ein großer Haufe Geld, wie ihn baar das Dorf noch nie geſehen hatte, kam andern Tages an, es war die volle Verſicherungsſumme für die Fahrniß, und der überbringende Kaufmann Gäbler war voll Unterwürfig⸗ keit gegen Diethelm und empfahl ſich ihm zu jeglicher Vermittelung. Nun ging es an ein Abwickeln der Schulden und zwiſchen hinein an Uebernahme der Erbſchaft vom Kohlenhof, und im Waldhorn war all⸗ zeit ein reges Leben. Das Haus ſelbſt, das in der Staats⸗Brandkaſſe verſichert war, wurde erſt nach deſſen Wiederaufbau bezahlt, und Diethelm ließ ſchon im Winter Steine brechen und fahren, und v dem Dorfe und der ganzen Umgegend geſegneten Ver⸗ dionſt in einer ſonſt kahlen Zeit; aber weder er ſekbſt, noch Martha beſuchten je die Brandſtätte, nur Fränz war mehrmals dort geweſen. Es ſchien Alles wohl zu gehen, nur Martha klagte viel über das Leiden in ihrer rechten Hand, und die Mittel des oft herbei⸗ gerufenen Arztes verſchlugen nicht, der Daumen, Zeige⸗ und Mittelfinger waren wie abgeſtorben, leichenhaften Anſehens. Der Arzt behauptete, dieſe Finger ſeien durch zu eifriges Spinnen mit der Spindel abgetödtet, und Diethelm beſtätigte, daß ihm ſeine Mutter oft erzählt habe, Spindeln ſeien giftig, aber ſeine Frau habe nie nachgegeben und am Radchen ſpinnen lernen wollen; er klagte nun auch, nachdem er Frau und Tochter fortgeſchickt, ſein eigen Leid, wie es ihm ſtets mitten im Körper ſo kalt ſei, und es ihn inner⸗ lich ſtets friere, wenn er am Ofen ſitze und faſt verbrate. Der Arzt bedeutete, daß das vielleicht ein innerlicher Rheumatismus ſei, und daß es ſich gerade ſchicke, Frau Martha müſſe im nächſten Sommer nach einem warmen Bade und der Herr Diethelm auch. Als Diethelm dieſe Botſchaft ſeiner Frau ver⸗ kündete, ſagte ſie: „Der Doctor verſteht mein Uebel nicht, aber ich verſteh's, ſei nur nicht bös, ich muß es aber doch zu einem Menſchen ſagen, guck, mir ſind juſt die drei Finger abgeſtorben, mit denen ich einen falſchen Eid geſchworen hätt', wenn ich hätt' ſchwören müſſen.“ „Du? Wo denn?“ „Ich hätt' vor Gericht geſchworen, daß nie vom Anzünden zwiſchen uns die Rede geweſen iſt, ich hab' gemeint, ich bring' dich damit in Ungelegenheiten, wenn ich's ſag.“ „Dummes Zeug, das hätt'ſt du wohl auch mit einem Eid ſagen können, ich hab' noch ganz andere Sachen zu Boden geſchlagen,“ polterte Diethelm, als er aber das ſchmerzzuckende Antlitz ſeiner Frau ſah, ſetzte er begütigend hinzu:„Red' dir nur nichts ein von einem falſchen Eid, du haſt ja gar nicht ge⸗ ſchworen, und hätteſt du auch, wär's auch nicht falſch geweſen, du haſt ja blos etwas verſchwiegen, und 204 wenn alle Menſchen, die falſche Eide geſchworen haben, todte Finger bekämen, es gäb' wenige, die eine Priſe nehmen könnten.“ Martha ſchwieg, und ein ſchwerer Gedanke ſtieg in ihr auf, den ſie aber mit aller Macht bannte. Wie verwildert, wie jähzornig und bald wieder ſo viel allein redend war ihr Mann! Mehr als je ſtanden dieſe Menſchen in Reichthum und Ueberfluß, aber Kummer und Schmerz verließ ſie nie, Martha konnte nichts mehr arbeiten und wurde immer trübſinniger, Tagelang ſaß ſie in ſich zuſammen⸗ gekauert und betrachtete ſtieren Blickes die todten Finger an ihrer rechten Hand, nur Fränz war glücklich, zu⸗ mal da ſie hörte, daß man im Sommer nach dem Bade reiste, und zwar gerade nach dem Orte, wohin der Amtsverweſer verſetzt war. Martha hatte insgeheim und durch dritte Hand dem alten Schäferle manche Gabe zukommen laſſen, aber er wies Alles zurück, er war den ganzen Tag beim Abräumen des Schuttes und ſuchte nach den Gebeinen ſeines Sohnes, von denen er nichts fand, als den halbverbrannten Schädel und ein Stück des Oberarmes. Martha wagte es eines Abends, den verlaſſenen Mann aufzuſuchen. „Ich will nichts von euch,“ rief der alte Schäferle der Eintretenden entgegen. „Aber ich will was von dir,“ entgegnete Martha, „da ſieh', was ich für todte Finger hab'. Du mußt mir helfen.“ 205 Der alte Schäferle, deſſen geheime Kunſt aufge⸗ fordert war, die er ſeinem Vater an Freund und Feind zu üben verſprochen hatte, näherte ſich, wenn auch langſam, betrachtete ſie lange, hauchte dreimal darauf und murmelte dabei unverſtändliche Worte. Martha bewegte ſchon die Finger beſſer auf und zu, und der Schäferle ſagte: „Der Hund da, der Paßauf, kann euch helfen. Laſſet ihn nur bei euch im Bett ſchlafen.“ Martha wehrte ſich gegen dieſes Mittel, gerade der Hund des verbrannten Medard war ihr ein Schrecken, und ſie dachte nicht, daß ein anderer kurz⸗ haariger eben ſo dienlich geweſen wäre; ſie verſtand ſich eher zu den anderen Mitteln, die darin beſtanden, Turteltauben im Zimmer zu halten und im Neumond drei Blutstropfen aus den drei Fingern auf Baum⸗ wolle aufzufangen und ſolche in eine junge ab dem Wege ſtehende Weide einzuſpunden. In der That wurde Martha von nun an viel be⸗ lebter und heiterer, und ſie rieth oft ihrem Manne, wegen ſeines Fröſtelns den alten Schäferle zu be⸗ fragen, ja ſie befragte dieſen von ſelbſt über den Fall, aber der alte Schäferle, der wußte, wem es galt, be⸗ hauptete, nicht helfen zu können, bevor der Mann ſelber zu ihm käme. Diethelm aber wollte ſich nicht dazu verſtehen, und wenn ihn ſeine Frau über ſeine unruhigen Nächte ausfragte, redete er ihr ein, das viele Geld im Hauſe mache ihm bange, er durfte ihr ja nicht ſagen, wie nicht die Sicherung ſeines Geldes, ſondern die Wahrung ſeines Geheimniſſes ihn oft in 206 der Nacht aufſchreckte, und wie es ihm oft war, als hörte er Peitſchenknallen, Wagenraſſeln, und als kämen plötzlich die Haſcher, um ihn auf's Neue einzufangen. Jedesmal in der Nacht, wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr, erwachte er; er hoffte wieder Ruhe zu finden, wenn er aus dem lärmenden Dorfe weg ſei und wieder auf ſeinem ſtillen Berge wohnte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. An der Hochzeit des jungen Kübler mit Diethelms Bruderstochter, die Diethelm reichlich ausſtattete, zeigte ſich was die berittene Mannſchaft zweier Dörfer ver⸗ praſſen kann und noch dazu, wenn es auf fremde Koſten geht; dem Diethelm war nichts zu viel und er ermunterte noch Jeglichen zu Eſſen und Trinken. Das Faß Uhl⸗ bacher wurde richtig ausgetrunken und Diethelm, dem der Arzt ſeinen Leibwein verboten hatte, machte heute eine Ausnahme und half wacker mit, denn er verband mit dieſem Tage noch ein zweites Feſt. Seit acht Tagen war Munde vom Militär heim⸗ gekehrt, er war frei und hatte nur noch durch drei Jahre die gewöhnlichen Herbſtübungen mit zu machen. Da Diethelm Schultheiß geworden war, mußte ihm Munde ſeinen Urlaubspaß übergeben, er wartete ab, bis Diethelm mit dem Gemeinderathe auf dem Rath⸗ hauſe war und übergab dort das Schriftliche ohne aufzuſchauen und nannte ihn ſtets„Herr Schultheiß.“ Diethelm hielt gerade ein Anſchreiben vom Amte in der Hand als Munde eintrat und ſprach. Von heftigem Schreck erfaßt, ſtarrte er eine Weile hinein in das Papier, auf dem die Buchſtaben ſeltſam in einander krochen. Der Klang der Bruderſtimme hatte Diethelm mächtig erſchüttert. Die Einbildungskraft kann ſich zu Leid und Freud das ganze Weſen und Gehaben eines Verſtorbenen in die lebendige Erinnerung ſtellen, eines aber vermag ſie nicht aus ſich zu erwecken, es iſt der Klang der Stimme des Abgeſchiedenen, nur ein Ton von außen ruft ihn wach. Und wie jetzt Diethelm die Bruderſtimme hörte, drang ſie ihm in's Herz, ſo daß plötzlich alles Verborgene und gewaltſam Zurück⸗ gedrängte vor ihm ſtand. Diethelm faßte ſich und ſagte endlich das Papier niederlegend und ſich zurücklehnend: „Was willſt du jetzt anfangen Munde?“ „Ich werd' ſchon ſehen“ antwortete Munde und grüßte ſoldatenmäßig. Diethelm aber rief ihm noch nach: „Komm zu mir in's Waldhorn, Munde, ich hab' dir was Gutes zu ſagen.“ „Das Geſcheiteſte wär', du gäbſt ihm dein Fränz,“ ſagte der Schmied hinter dem Weggegangenen„ſie haben ſich von je gern gehabt und es ſchickt ſich g'rad für dich einem der nichts hat deine Tochter zu geben, und einen bräveren und ſchöneren Tochtermann kannſt du nicht kriegen.“ Diethelm ſchwieg und nahm die Gemeindeverhand⸗ lungen wieder auf. Am Mittage erzählte er ſeiner Frau, daß er den Munde herbeſtellt habe und es ſei wohl möglich, daß er ſeinen Vorſatz ausführe und ihm die Fränz gebe. Martha war glückſelig mit dieſem 209 Vorhaben und ſagte, daß dann gewiß wieder Alles gut werde und daß auch die Seele des verſtorbenen Medard Ruhe haben werde, wenn ſein liebſter Wunſch erfüllt ſei. Diethelm nickte zufrieden, aber drei Tage lang ließ ſich Munde nicht ſehen und Diethelm war voll Zorn gegen ihn und verbot Frau und Tochter ein Wort„mit dem Bettelbuben“ zu reden. In ſich aber überdachte er, daß es wohl klüger ſei, dem Munde die Fränz nicht zu geben, dieſe Großmuth konnte leicht verdächtig erſcheinen und als Gewiſſensangſt gedeutet werden und doch muthete ihn der Gedanke einer Sühne in Erfüllung des Verſprechens gegen den Todten tröſtlich an.„Dann iſt ja nichts geſchehen— ſagte er ſich— als ein paar Jahre verkürzt und das hätte ſich der Medard gerne gefallen laſſen für das was ſeinem Bruder zukommt, er hat ihn ja immer ſo gern gehabt.“ Und dann war es Diethelm unerträglich, daß noch irgend ein Menſch außer dem altersſchwachen Manne an ſeine Schuld glaubte. So lange noch ein ſolcher Menſch auf der Welt lebte, meinte er keine Ruhe zu finden. Munde hatte ſeinem Vater erzählt, wie zutraulich Diethelm gegen ihn auf dem Rathhauſe war. „Ich weiß was er vorhat,“ ſagte der alte Schäferle, „er will dir ſeine Fränz geben.“ „Vater, was machet ihr?“ rief Munde hochentflammt. „Kannſt dich drauf verlaſſen“ fuhr der alte Schäferle gelaſſen fort,„er will ſich loskaufen.“ Munde mußte aber und abermals hören, wie uner⸗ ſchüttert der Vater an die Schuld Diethelm's glaubte, 14 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. —— ——————— — . — — — er wehrte ſich mit aller Macht dagegen, aber der Vater blieb ſtandhaft und ſagte: „Ob er Blutſchuld auf ſich hat, weiß ich nicht gewiß, aber ſo gewiß als der Himmel über uns iſt und nichts auf der Welt verborgen bleibt, hat er mit angezündet. In alten Zeiten hat ein Bruder nicht geruht, bis er für das Blut ſeines Bruders Rache genommen hat. Kannſt du hingehen und die Tochter von dem heirathen? Nein. Weißt was, komm her“ ſagte der alte Schäferle aufſtehend und holte einen Rock aus dem Schranke, von jenen Kleidern, die ihm Medard zur Herbſtzeit in der erſten Furcht übergeben hatte„da, komm her, zieh den Rock an und ſetz den Hut auf und geh hin zum Diethelm und betracht' dir ihn genau was er macht. Du ſiehſt dem Medard gleich wie er vor Jahren ausgeſehen hat, geh, mach's.“ Munde ließ ſich nicht dazu bewegen, er faßte den weißen rothausgeſchlagenen Rock des Bruders und weinte bittere Thränen darauf, indem er dem Vater erzählte, daß auch gegen ihn Medard den Verdacht ausgeſprochen und daß er mit einem Schlag in's Ge⸗ ſicht von ihm geſchieden ſei. Dieſes letzte beſonders that ihm ſo weh, daß er ſo grimm zornig von ſeinem Bruder auf ewig geſchieden ſei. Munde hatte ſein weiches ſanftes Gemüth bewahrt und er ſtreichelte den Rock als deckte er noch den, der ihn einſt trug. Drei Tage kämpfte Munde einen ſchweren Kampf mit ſich und mit dem Vater. Der Gedanke, Fränz zu beſitzen, entflammte ihn und wenn er wieder dachte, daß er ewig um den Mann ſein und ihn Vater nennen ſolle, der vielleicht am Tode ſeines Bruders ſchuld war— die Aſche des Bruders lag auf all' dem großen Beſitz⸗ thum. Aber was kann Fränz dafür? Es iſt nur eine alte Dorfgewohnheit, daß das Kind die Schande erdulden muß, die auf dem Vater ruht und iſt nicht Diethelm freigeſprochen und hoch geehrt? Am dritten Abend als Munde das Dorf hinaufging, begegnete er Fränz, ſie reichte ihm froh und innig die Willkommshand, aber es mochte ſeine ganze Gemüths⸗ verfaſſung zeigen, daß das erſte was Munde ſprach, dahin lautete: daß er ihr das Geld wieder geben müſſe, das er ohne zu wiſſen bei ihrer Abreiſe aus der Haupt⸗ ſtadt von ihr genommen habe. Er überreichte ihr das Geld, das er in einem Papiere wohl verwahrt hatte, ſie empfing es mit den Worten:„Sonſt haſt du gar nichts zu ſagen?“ Die trotz aller Tändeleien und Anknüpfungen nie völlig erſtorbene Liebe zu Munde erwachte in ihr und dabei die Erinnerung an jenen Schreckensabend und eiwas von der Milde und Demuth die damals in ihr aufgeſproßt war. Nach einer ſtummen Pauſe ſetzte ſie daher hinzu: „Kannſt dir denken, wie hart es uns Allen zu Herzen geht, daß dein Medard dabei verunglückt iſt. Wir ſind ja alle zu ihm geweſen als wenn er das Kind vom Haus wär' und dein Vater hat ſchweres Herzeleid über uns gebracht.“ „Mein Medard hat ihm das Gleiche geſagt, wie mir. Weißt wohl?“ „Und du denkſt noch daran?“ ſagte Fränz ſchau⸗ 14* ———— 2¹2 dernd. In ihrem Wiſſen um das Geſchehene fühlte ſie, daß noch nicht Alles geſühnt war und auch in ihrem Herzen kämpfte nun Liebe zu Munde und Furcht vor ihm; ſie ſetzte aber ſchnell hinzu: „Mein Vater iſt freigeſprochen und es darf Nie⸗ mand mehr ſo was reden und denken. Sag das dei⸗ nem Vater. Es ſteht Zuchthaus drauf.“ „Auch auf's Denken?“ fragte Munde und Fränz erwiderte unwillig: „Ich hab nichts mehr mit dir zu reden, wenn du ſo biſt. Ich glaub' an keinen Menſchen mehr, weil auch du ſchlechte Gedanken haſt. O Munde, ich könnt' mir die Augen ausweinen über dich. Ich hab dich ſo gern gehabt. Jetzt darf ich's ſagen, es iſt ja vorbei.“ „Nein, es iſt nicht vorbei,“ rief Munde aufflam⸗ mend,„ja du haſt recht, es iſt ſchlecht, ſo was zu denken. Gieb mir dein' Hand, komm, wir gehen zu deinem Vater, er hat mich kommen heißen. Fränz, haſt mich denn wirklich noch ſo gern?“ „Es kommt drauf an, wie du biſt. Allem Anſchein nach haſt du dich verändert. Du haſt doch immer ſo ein gutes Gemüth gehabt.“ „Und ich hab's noch wenn du mich lieb haſt, komm Fränz, komm.“ Hand in Hand gingen beide in das Waldhorn zu Diethelm. Jede andere Empfindung wurde bei Fränz von dem Triumphe überragt, daß ſie den Munde hinter ſich drein ziehen könne, wohin ſie wolle. „Haſt dich beſonnen?“ fragte Diethelm nach den erſten Begrüßungen. A3 „Auf was?“ erwiderte Munde ſtotternd, indem er ſchnell umherſchaute und vor ſich niederblickte. Diet⸗ helm ertrug jetzt ſeine Stimme ſchon gleichmüthiger und ſagte daher achſelzuckend: „Das iſt dein' Sach. Ich will dir nur ſagen, daß dein.. dein Medard noch vierzig Gulden Lohn bei mir ſtehen hat. Kannſt ſie jeden Tag holen, wenn du was damit anfangen willſt.“ „Damit kann ich nicht weit ſpringen. Der Herr Schultheiß hat mir ja aber auf dem Rathhaus geſagt, daß er mir was Gutes mitzutheilen hat.“ „Nun? Iſt denn vierzig Gulden nichts? Und zwei Jahr Zins iſt auch dabei. Ich will dir's aber nur ſagen, ich hab was anderes mit dir vorgehabt, aber du haſt dich drei Tage beſonnen, bis du zu mir kom⸗ men biſt, und dieweil ſich der Geſcheite beſinnt, beſinnt ſich der Narr auch.“ Munde ſah wohl, daß ihn Diethelm ſchrauben wollte; daran, daß er ihn tief zu demüthigen ſuchte, um ihn dann vielleicht großmüthig zu ſich zu erheben, dachte er nicht, er ſagte daher: „Ihr wiſſet, was ich denk', ihr kennet mich ja.“ „Ich kenn' dich nimmehr. Du biſt zwei Jahre Soldat geweſen, da wird der Menſch ein anderer.“ „Wen ich damals gern gehabt, hab' ich noch gern.“ „Das iſt brav. Du haſt immer ein gut Herz gehabt. Jetzt muß ich aber da Schreibereien machen. Komm morgen wieder, Munde.“ Schon beim Eintritte Munde's hatte ſich Fränz ———. ——— — entfernt, und als dieſer jetzt auch wegging, begleitete ihn die Mutter und ſagte ihm noch auf der Treppe: „Munde, ſei nur heiter. Ich darf nichts ſagen, aber glaub mir, er hat's gut mit dir vor. Komm nur morgen wieder. Es fällt kein Baum auf Einen Schlag. Grüß mir deinen Vater und ſag' ihm, es ging mir viel beſſer, aber ſpinnen kann ich noch nicht. Und ſieh, daß du von deinem Vater ein Mittel kriegſt gegen böſe Träume und gegen das Frieren, darfſt aber nicht ſagen, für wen es iſt.“ „Für wen iſt's denn?“ „Es iſt beſſer, wenn du's nicht weißt, dann brauchſt du es nicht zu ſagen.“ Munde wußte es aber jetzt und die Anfangs tröſt⸗ liche Zuſicherung der Frau Martha hatte einen bittern Nachgeſchmack. Diethelm hatte böſe Träume und fror, er war doch ſchuldig; aber er durfte es jetzt nicht mehr ſein, gewiß aber nicht am Tode Medards. Munde hatte Luſt jeden zu Boden zu ſchlagen, der ſo etwas dachte und protzte mit ſeinem Vater, der immer darauf zurück kam. Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo ſein Munde trotz des Verbotes geweſen war und blieb dabei, daß Diethelm ihm die Fränz geben wolle, und ihn nur zappeln laſſe um jeden An⸗ ſchein von ſich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böſe Träume und Froſt fragte, frohlockte der alte Schäferle: „So? Hat er auch böſe Träume? So iſt er doch noch nicht los, wenn er auch freigeſprochen iſt;“ der Stolz auf ſeine ſympathetiſche Heilkunſt verleitete ihn aber doch zu dem Zuſatze:„Gegen böſe Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel: man muß auf einem Schaffell ſchlafen und vor Schlafengehen Thee von Brenneſſelwurzel trinken und gegen Froſt giebt es nichts beſſeres als Morgens vor Tag ſich in Waſſer waſchen, das man vom Menſchenblut abgenommen hat und dann drei Stunden vor die Sonne im Mittag ſtehn, und drei Stunden nachher ohne Ausſchnaufen Erlenholz ſägen, das man im Vollmond geſchlagen hat.“ Diethelm war andern Tages viel zuthätiger und herablaſſender gegen Munde, er ſaß in ſeine Wolfs⸗ ſchur gehüllt am Ofen und fror heftiger als je. Er hatte mit Fränz geſprochen und in der Art wie ſie einwilligte, den Munde zu heirathen, und dabei das unerhörte Verlangen ſtellte, daß der Vater bei Lebzeiten ſein Beſitzthum ihr abtreten müſſe, erkannte er nicht undeutlich, daß ſie an ſeine Schuld glaubte. Er that als ob er das nicht merkte und doch fraß es ihm das Herz ab, daß ſein einziges Kind das Schlimmſte von ihm dachte. Beim Eintritte Munde's war er raſch aufgeſtanden und ſchritt ſtolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde ſich neben ihn ſetzen und fragte ihn, wie er ein großes Vermögen umwenden und zuſammen halten wolle. Munde gab fröhlichen und zufrieden⸗ ſtellenden Beſcheid. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren, Diethelm aber fuhr ſtolz auf: „Ich bin der Diethelm, ich hab' mein Bauernge⸗ ſchäft nicht aufgegeben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch kein Mittel.“ e — 216 Munde beging den Unſchick, mindeſtens die Anwen⸗ dung des Mittels gegen böſe Träume anzurathen, aber kaum hatte er das Wort Schaffell geſagt als Diethelm laut aufſchrie: „Ein Hund und ein Fuchs iſt dein Vater, rathet der mir das, weil er weiß, daß mir ſo viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt ſind. Aber wer hat dir geſagt, daß ich bös träume?“ „Niemand, ich hab nur ſo davon geſprochen, weil das beim Frieren iſt.“ „Bei mir nicht. Ich ſchlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber Munde, ich will dir auch gut betten, ſag's frei was du willſt,“ wendete Diethelm, um alles Andere vergeſſen zu machen. Munde brachte nun im glückſeligen Ueberſtrömen ſeine Bitte um Fränz vor. Diethelm ſolle freier Herr bleiben ſo lang er lebe, er wolle nur die Fränz. Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich ſagte er: „Ich nehm' gar nichts an, du haſt nichts geſagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich freiwerben, eher geb ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.“ Das war nun aber ein ſchwer Stück Arbeit den alten Schäferle zu dieſem Gange zu bewegen, er ließ ſich nicht erbitten, weder durch Munde noch als Frau Martha ihn ſelber darum anging; er wiederholte ſtets, Munde könne thun was er wolle, er ſelber aber bleibe davon, er thue dem zu lieb nicht die Pfeife aus dem Maul und gehe auch nicht mit zur Hochzeit. So kam in betrübter Unentſchiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmauſen und Lärmen faßte Diethelm einen andern Gedanken, er überrumpelte Fränz mit ihrem unkindlichen Ver⸗ langen nach Güterabtretung und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, ſondern auch der bequemſte willfährige Tochtermann, der ihn frei ſchalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Ver⸗ lobung von Fränz und Munde und Alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbotes den Uhlbacher ferndigen rein austrinken. Als man davon ſprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat ſein müſſe, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtagsabgeordneter geworden ſei, er hätte nicht geruht, bis die verdammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einſteherweſen hergeſtellt ſei. Wer nichts habe, ſolle Soldat ſein. Die fetten Bauern ſtimmten mit ein, ſchimpften und klagten, wie ſehr ſie ihre Söhne vermißten und mitten unter Schmauſen und Zechen wurde eine Eingabe an die verſammelten Stände um Wiederherſtellung des Einſteherweſens auf⸗ geſetzt und unterzeichnet. —— ——— — — — —— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkeniſten zur Tanzmuſik beſtellt. Dieſe Menſchen mit ihren Trompeten und Poſaunen hatten ihn ſo oft erſchüttert und nun ſah er, daß es keine Engel vom Himmel, ſondern nur arme Schlucker mit langgeſtrecktem und gewundenem Meſſingblech waren. Wußte er das auch ſchon vordem, ſo that es ihm doch wohl, es ſo deutlich vor ſich zu haben und die Zinkeniſten nach ſeinem Geluſt aufſpielen zu laſſen was er ihnen angab und manchmal ſogar vorpfiff. Mitten zwiſchen den Tänzen mußten ſie ihm ſogar einmal einen Choral blaſen, worüber viele Leute den Kopf ſchüttelten und ſich entſetzten, Diethelm aber ließ an den Schlußton ſchnell einen Tanz heften und tanzte mit ſeiner Martha den Sieben⸗ ſprung wie ein junger Burſch. Es war ſpät in der Nacht und Diethelm ließ allen Gäſten warmen Gewürz⸗ wein auftiſchen, er ſelber aber ſtand bald auf, es fehlte ihm noch Jemand und der mußte herbei; alle Welt ſollte ſeiner Ehre voll ſein, keiner ausgenommen. Es war mondhell. In ſeine Wolfsſchur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hauſe des 219 alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinſchimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Töne, hier war Alles einſam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle ſtand am Ende der ſogenannten Luftgaſſe, die heute mit doppeltem Rechte ſo hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar luſtig mit dem Schnee und machte ſich ſelbſt Muſik dazu. Die Hausthüre war offen, Diethelm ſchritt durch den Haus⸗ flur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnete ſich die Thüre, aber Niemand regte ſich, nur der Paßauf kam ſtill herangeſchlichen und Diethelm fühlte erſchreckt die kalte Schnauze an ſeiner Hand. „Iſt Niemand daheim?“ rief Diethelm jetzt laut. „Ja freilich,“ ertönte eine dumpfe Stimme. Der alte Schäferle auf der Bank hinter dem Tiſche rauchte einſam und die Pfeife im Mund haltend fuhr er fort: „Ich weiß, warum der Diethelm kommt, aber er kann unverrichteter Sache wieder fort gehen.“ Diethelm ſetzte ſich auf die Bank und redete dem alten Manne zu, ſeinen einfältigen Haß fahren zu laſſen und glücklich zu ſein mit den Glücklichen. Der alte Schäferle antwortete nichts, legte die Pfeife auf den Tiſch, ging nach dem Schranke, brachte einen weiß eingebundenen Pack und legte ihn auf den Tiſch, auf den ein ſchräger Mondſtreif fiel. „Wenn du das nimmſt, geh ich mit,“ ſagte er. „Was iſt's denn?“ fragte Diethelm. „Mach's auf.“ Diethelm öffnete und ſchrie laut auf, daß der 220 Hund bellte. Er hatte einen Schädel mit halbver⸗ brannten Haaren gefaßt. Der alte Schäferle packte ihn am Arme und rief: „Da, da leg deine Hand drauf, das iſt mein Medard, da leg deine Hand drauf und ſchwör, daß du unſchuldig biſt an ſeinem Tode. Schwöre, ſchwöre, ſo wahr dir Gott in deiner letzten Stunde beiſtehen mag. Schwöre, und ich will dir Abbitte thun. Red'! Jede Minute, die du ſchweigſt, ſchreit, daß du doch ein Mordbrenner biſt. Medard, ſprich, ſprich du, da iſt dein Mund. Schwöre, Diethelm, ſchwöre!“ Diethelm war's, als ob alle Höllengeiſter ihn um⸗ zingelten, ſeine Hand war wie gelähmt, er konnte ſie nicht zurückziehen von dem Todtenſchädel des Ermor⸗ deten, aber plötzlich ſtieß er auf, daß der Schädel die Stube hinabkollerte. „Du biſt ein liederlicher Lump. Mich verhexeſt du nicht,“ ſchrie er und ſeine ganze Kraft kehrte wieder. „Woher haſt du dieſe Sachen? Die Ueberreſte Medards müſſen ehrlich begraben werden.“ „Nimm ſie mit, nimm ſie mit, wenn du kannſt,“ knirſchte der alte Schäferle. Diethelm ſtand auf und ſagte mit feſter Stimme: „Ich hab dir ſchon einmal geſagt, ich verzeihe dir, du haſt deinen älteſten Sohn verloren, ich mache deinen jüngſten glücklich. Ich verzeihe dir. Morgen ordne ich an, daß Alles begraben wird, gib Acht, daß ſich Alles wiederfindet, oder du ſollſt ſpüren, wer ich bin.“ Stark auftretend ſchritt er hinaus auf die Straße, 2 und als er ſich mit der Hand über das Geſicht fuhr, merkte er einen tödtlichen Geruch. Er wuſch ſich die Hände lange im Schnee. Im Waldhorn wunderten ſich die Leute, wie blaß Diethelm ausſah, und wie er große Gläſer warmen Weines hinabſtürzte, als wäre es kühles Quellwaſſer. Freude und Trauer folgten ſich auf dem Fuße. Am andern Tage ließ Diethelm die Ueberreſte des Entſeelten, die der Vater willig hergab, feierlich be⸗ graben, und die Menſchen, die Diethelm immer als harten Mann gekannt hatten, lobten ihn ſehr, weil er bei dem Begräbniſſe ſo heftig weinte. Die volle Kraft war wieder über Diethelm ge⸗ kommen, er beſuchte die Brandſtätte und ordnete den Bau und fuhr oft mit ſeinen Rappen über Land. Draußen fühlte er ſich erſt recht wohl. Zwar blieb es eine Widrigkeit, daß er von jedem neu Begegnen⸗ den eine Beileidsbezeugung anhören und darauf mit einer ſchmerzvollen Miene oder auch mit einem Aus⸗ ruf der Trauer dankend erwidern mußte; war aber dieß vorüber, hatte man hin und her den Heuchler⸗ tribut bezahlt, dann überließ man ſich ohne Scheu der Freude und dem Glückwunſche. Dieſe immer wieder⸗ kehrende Wahrnehmung, wie lügneriſch die ganze Welt ſei, da man Mitleid darlegte wo man keines hatte und im Gegentheil faſt Neid empfand, da man Klagen auspreßte wo man Freude vermuthen mußte, dieſes ganze jämmerliche Poſſenſpiel war für Diethelm faſt ein Labſal. Es war ihm recht, daß die ganze Welt ſchlecht war und es keinen ehrlichen Menſchen giebt. — — Die ganze Welt verachten, das iſt im Bauernrock wie in der Gallauniform das beßte Mittel, um nicht zur richtigen Schätzung ſeines eigenen Werthes zu ge⸗ langen. Diethelm gewöhnte ſich an das Bewußtſein ſeines Verbrechens, wie man ſich an ein untilgbares körper⸗ liches Leiden gewöhnt; Anfangs will ſich die geſunde Kraft nicht drein fügen immerdar eine Behinderung zu finden, nach und nach aber ſetzt ſie ſich damit zu⸗ recht. Wir ſind allzumal gebrechlich und ſündhaft, das lernt der Stolz der übermüthigen Kraft einſehen und es fragt ſich nur noch um das Maaß des nothwendigen Mangels. Während Diethelm ſich draußen tummelte, war Munde daheim viel beſchäftigt und viel bewegt. Er war gerade in entgegengeſetzter und doch nicht unähn⸗ licher Lage wie Diethelm. Jedermann glückwünſchte ihm zu ſeiner ſo überaus günſtigen Lebenswendung und er wollte dieſe gutherzige Freude der Menſchen nicht dadurch ſtören, daß er ihnen ſagte, wie tief er den gräßlichen Tod ſeines Bruders betraure und daß ein ſo ſchwarzer Fleck auf ſeinem Andenken ruhe; er glaubte, das nicht ausſprechen zu dürfen, da er, wie der Vater ihm täglich vorhielt, aus der Aſche ſeines Bruders ſich ſein Glück erbaue. Munde war ein ſelt⸗ ſamer Bräutigam, es freute ihn, daß Diethelm wieder von Auswanderern ein ſtattliches Bauerngut zuſammen kaufte, aber wenn er Diethelm dann ſo im Gelde wühlen ſah, war es ihm oft als müſſe er aus einer Verzauberung über alle Berge entfliehen und ihm ſchauderte vor jedem Kreuzer, den er davon in die Hand nahm, als könnte er ſich plötzlich in brennende Kohle verwandeln. Er half den Bau leiten. Im Frühlingsthauen, das jetzt begann, wurden die Grund⸗ mauern gegraben und es ſchien in der That, daß Diethelm nicht prahlte, wenn er ſagte, daß er ein kleines Schloß baue. Wenn Diethelm über Land fuhr, ſpannte ihm Munde ein, hielt ihm oft eine Stunde lang die Pferde vor dem Hauſe und benahm ſich überhaupt wie ein Knecht, nicht aber wie der Sohn des Hauſes. Darüber hatte er viel bei Fränz auszuſtehen, die überhaupt jetzt die ganze Schärfe ihres Weſens offenbarte; ſie ver⸗ langte, daß er ſich gegen den Vater ganz anders ſtelle, der müſſe unterducken und dürfe nicht mehr den Herrn ſpielen, das Sach gehöre jetzt den jungen Leuten und nicht mehr den alten; wenn Munde nicht den Muth und das Geſchick habe, ſolch ein großes Anweſen in die Hand zu bekommen, hätte er davon bleiben ſollen. Es gab oft die ärgerlichſten Auftritte zwiſchen Munde und Fränz, und wenn dann Munde das Waſſer in den Augen ſtand, lachte ihn Fränz ſchelmiſch aus, faßte ihn am Kopfe, küßte ihn wacker ab und ſagte:„Munde, du hätteſt ſollen ein Kloſterfräulein werden, du biſt ſo windelweich, fluch einmal recht wetterlich, ich glaub's gar nicht daß du's kannſt. Sei froh, daß du nicht in Krieg kommen biſt, du hätteſt keinen erſchoſſen. Mach, fluch einmal ſo recht mörderlich. Ich hab dich nachher noch einmal ſo lieb.“ In ſolcher Weiſe zerrte Fränz ihren Munde hin und her und machte aus ihm was 224 ſie wollte. Diethelm war oft jähzornig gegen ihn, weil er die Arbeitsleute beim Baue nicht ſcharf genug anhielt; nur die Mutter war ſtets liebreich und mild gegen ihn und erfreute ihn oft durch Vorzeigung der ſchönen Ausſteuer, die ſie für ihn und Fränz bereiten ließ. Fränz hatte nicht nachgelaſſen, bis Munde einmal das Fuhrwerk für ſich nahm und mit ihr eine Luftfahrt nach der Stadt machte. Munde hatte ſich nie dazu verſtehen wollen. Jetzt aber ergab ſich eine beſondere Veranlaſſung; nicht Diethelm ſondern das junge Brautpaar ſtand Gevatter bei dem Erſtgeborenen des Zeugmachers Kübler in G. Es war ein linder Morgen des erſten Frühlings als Munde mit ſeiner Braut dahinfuhr, er hatte an die ſchwanke Spitze der Peitſche und die Meſſingroſen der Pferdezäume rothe Bänder geheftet als beſcheidene und doch kenntliche Fahnen ihres brautlichen Glückes. An ſeinem väterlichen Hauſe wollte ihm der Paßauf folgen, aber der alte Schäferle pfiff ihm zornig und er kehrte zu ihm zurück. Munde wußte, daß ſein Vater Niemand mehr um ſich haben wollte als den Hund des verſtorbenen Medard, mit dem er oft ſtundenlang ſprach. Munde kümmerte ſich deß nicht mehr und fuhr wohlgemuth hinaus in den frühlingsjungen Tag. Die Sonne ſtand nicht am Himmel, nebelhaft verſchwommene Wolken umzogen ihn und ein leiſer Duft wob über den kaum ergrünenden Feldern, draus ſich einzelne Lerchen noch zaghaft zwitſchernd emporhoben, um bald wieder nieder zu ſinken. „Fränz, ich freu mich doch, aber lach mich nicht aus“ ſagte Munde. „Warum?“ „Guck, ich kann mir's gar nicht denken, daß das Fuhrwerk mein eigen ſein ſoll und daheim noch ſo viel, ich mein' immer, es ſei nur geliehen, ich bin bei euch zu Gaſt und ihr könnet mich Morgen fort ſchicken.“ „Du biſt ein ſchrecklich guter aber auch zum Ver⸗ zweifeln weichmüthiger Menſch. Du biſt ein gutes Schaf, aber du mußt anders werden. Wir zwei haben unſern Alten am Bändel, er merkt wohl, was wir zwei von ihm wiſſen.“ „Meinſt du, er hab's wirklich than?“ „Es iſt brav von dir, daß du mir's jetzt ausreden wiltſt, ſagte Fränz, aber ich weiß es nicht von dir allein. Ich könnt' auftreten wenn ich wollt! Das weiß er. Und ſo wirſt du doch nicht auf den Kopf gefallen ſein, daß du nicht merkſt, er hätt' uns nicht zuſammen geben, wenn ihm nicht das Gewiſſen ſchlagen thät. Wir zwei ſind unſchuldig. Uns geht's nichts an. Drum mußt du dabei bleiben, daß er vor der Hochzeit alles Vermögen an uns abtreten muß. Es ſoll ihm nichts abgehen, er iſt ja der Vater, aber wir ſind die Meiſterleut, ſo muß es ſein. Kinder haben nichts darnach zu fragen, woher die Eltern das Sach haben, in zweiter Hand iſt es redlich Gut und es muß ihm auch recht ſein, daß er nichts mehr damit zu thun hat.“ Die Raben, die im erſten Frühling immer ſo laut krächzen, flogen über den Weg hin und her, und Munde Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 15 226 war's plötzlich, als ſchrien ſie Rache und wäre die ganze Welt um ihn verkehrt. Er faßte ſich aber und ſagte endlich, nachdem er Fränz lange an ſich hatte hinreden laſſen: „Du willſt mir nur die Zunge heben. Es kann nicht ſein, daß du das glaubſt.“ „Ich erkenn' deine Gutheit wohl,“ erwiderte Fränz, aber wir zwei brauchen uns nichts vor einander ver⸗ hehlen. Es hat ſchon Mancher Aergeres gethan als mein Vater, und daß dein Medard verunglückt iſt, dafür tann er nicht. Aber dabei bleiben mußt, daß wir die Meiſterleut' ſind, er iſt mit ſeinem Großthun im Stand und ladet den Wagen noch einmal zu hoch, daß er umſchmeißen muß.“ Munde hieb gewaltig auf die Pferde ein, als müßten ſie ihn ſchnell an dem Abgrunde vorüber führen, in den er plötzlich hinein ſah. So hatte der alte Schäferle recht, und war vielleicht das Gräßlichſte wahr? Hätten ſie nicht zu Gevatter ſtehen müſſen, Munde wäre vielleicht gleich umgekehrt. Aus allem dem nahm ſeine Gemüthsart eine unberechenbare Wendung. Die Scheidekünſtler wiſſen zu beſtimmen, welche Wirkung ein Stoff auf den andern hervorbringt, welche Wirkung aber ein Wort in fremdem Gemüthe ver⸗ urſacht, iſt nicht ſo leicht in ein Geſetz zu faſſen. „Das freut mich, du biſt nicht ſo ſtolz wie ich glaubt hab',“ ſagte Munde endlich. „Warum? Wie meinſt?“ fragte Fränz ver⸗ wundert. 27 „Wenn du ſtolz wärſt, hätteſt du mir das nicht geſagt und hätteſt mich auf dem Glauben gelaſſen, daß mir eine beſondere Gnade damit geſchieht, des Diethelms Tochtermann zu werden. Aber jetzt iſt mir's faſt lieb, daß du mir's geſagt haſt. Ich ſeh', ich geh' dir über Vater und Mutter, und du haſt mich an mir ſelber gern und willſt nichts vor mir voraus.“ Fränz rieb ſich Anfangs betroffen die Stirne. Sie hatte mit ihrem loſen Herausplaudern, ſtatt dem Vater einen Fallſtrick zu legen, ſich ſelber gefeſſelt. Sie hatte nicht den Muth, zu thun, als ob ſie Alles nur im Spaß geredet, und als ſie zuletzt hörte, wie gut der Munde ihre Rede auslegte, bewältigte ſie dieſe Macht der harmloſen Treuherzigkeit. Der Munde war doch ſo ohne Falſch und ſo ſeelengut, daß ſie ihn in dieſem Augenblicke mehr liebte als je, und ſie gab ihm von ſelber einen Kuß. Munde war ein finſterer Gevatter von gar nicht bräutlicher Laune, und als ihn der Geiſtliche um den Namen des Täuflings fragte, gab er nicht, wie ver⸗ abredet, den Diethelms an, ſondern rief zitternd: Medard! Er bebte in der Kirche, denn er dachte, daß einſt ſeine eigenen Kinder einen Großvater lieb⸗ koſen ſollten, der ſo Arges gethan. Beim Taufſchmauſe ſchnitt es ihm Anfangs in die Seele, da man ihn als glücklichen Schwiegerſohn Diethelms laut pries und der junge Kübler ihm ein Hoch ausbrachte, daß er ebenfalls ein Familienfürſt werden möge, wie ſein Schwäher. Nach und nach— die Huldigung hat allezeit ihren verführeriſchen Reiz— beſchwichtigte 15 ½ —— — ————— 228 Munde die Gewiſſensſchreie in ihm, zumal er Fränz ſo überaus glücklich ſah. Fränz war es gewohnt, ſich in den Familien der von ihrem Vater Beglückten preiſen und erheben zu laſſen, und wie ſie Geſchenke ausbreitete und Alles voll Dank und Lob war, zeigte ſie wirklich eine hohe Freude und Gutherzigkeit, ſie ſuchte an ſich herum, ob ſie nichts mehr zum Ver⸗ ſchenken habe und löste ihre Korallenſchnur ab. Unter all' dem verworrenen Geſtrüppe blühte doch in ihr die Blume wirklicher Milde und Freigebigkeit. Im Nachhauſefahren umarmte Munde ſeine Fränz voll Glückſeligkeit, da ſie ſagte, wie gut ſie es doch hätten, da ſie ſo vielen Menſchen Gutes thun könnten. Das war jetzt auch für Munde ein Troſt, in dem er zu vergeſſen ſuchte, wie ſchreckenvoll Alles um ihn ſei. Es ſollte ihm aber nicht ganz gelingen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Landſtände hatten glücklich das alte Einſteher⸗ weſen wieder hergeſtellt. Zum großen Pferdemarkte, der alljährlich in der Hauptſtadt abgehalten wurde, ſchnallte ſich Diethelm eine vollgeſtopfte Geldgurte um, er wollte ſich ein neues Geſpann und eine modiſche ſo⸗ genannte Charabank kaufen und dann ſeinen Schwieger⸗ ſohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungerne jetzt ſeinen Vater, der faſt nicht mehr vom Bette herunter kam und zuſehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wiſſen und ſagte immer:„laß du uns beide— er meinte ſich und den Paßauf— nur allein, geh du deiner Wege, ſei glück⸗ lich ſo gut du's kannſt. Du biſt jung, bei dir verlohnt ſich's noch der Diebshehler zu ſein, ich bin ſchon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erſt ſo ſpät anfangen thät!“ Martha verſprach des franken Mannes zu warten, Fränz ließ ſich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptſtadt zu reiſen; was ſie einmal wollte, das mußte auch geſchehen. Am Morgen als Munde kam, ſchickte ſie ihn noch einmal nach Hauſe, er mußte die neuen Kleider an⸗ M— ———— — — — ziehen, die ſie nach ſtädtiſcher Tracht für ihn beſtellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte ſie ihm das Hals⸗ tuch nochmals anders und ſagte dann frohlockend, ſich vor ihn hinſtellend: „So, ſiehſt du? ſo, jetzt biſt ein Mann, der ſich ſehen laſſen darf.“ Schon beim Einſteigen gab es Streit. Fränz be⸗ hauptete, ein Brautpaar gehöre zuſammen und der Vater ſolle auf den Vorderſitz und kutſchiren, aber Munde willfahrte ihr nicht und Fränz beruhigte ſich erſt, als ihr Munde ſagte, daß die Herren in der Stadt oft ſelbſt fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umſchnalle und ſetzte ſelbſtverrätheriſch hinzu:„In der Stadt kannſt mir ſie wieder geben.“ „Das leid ich nicht,“ ſchrie Fränz,„entweder— oder, entweder behaltet ihr die ganze Zeit die Geldgurte oder mein Munde behält ſie; er iſt nicht euer Knecht, er iſt wenigſtens grad ſo viel wie ihr. Ihr könnet ja das Geld in's Kutſchentruckle thun.“ Das wollte aber Diethelm nicht, ſei es, daß er das Kutſchentruckle noch ſcheute, oder daß er ſein Geld auch zeigen wollte. Wo man einkehrte, hatte Fränz bei der Ankunft und bei der Abfahrt noch manchen Zank mit dem Vater und mit Munde. Sie wollte es nicht dulden, daß dieſer ſich als Knecht benahm, ja ſie weinte vor Zorn als Munde ihr nicht nachgab und ſprach oft Stunden lang kein Wort mit ihm. Im Oberlande war es noch ziemlich rauh und 231 kalt, je mehr man aber nach dem Unterlande kam, zeigte ſich der wonnige Frühling; man fuhr durch Buchenwälder, die in dem erſten ſo zarten knospen⸗ feuchten Grün prangten, und bald fuhr man zwiſchen blühenden Obſtbäumen, die hüben und drüben am Wege ſtanden; aber in den Herzen der drei Menſchen, die da hinfuhren, war Widerſtreit und Trübſinn man⸗ cher Art. Dazu kam noch, daß es Diethelm nicht laſſen konnte, Munde über die Art, wie er die Pferde führte, zurecht zu weiſen, und es giebt vielleicht nichts, was leichter zu Zorn aufreizt, als ein Dreinſprechen beim Pferdelenken. Wenn es einen kleinen„Stich“ hinabging, rief Diethelm jedesmal:„Sperr die Mick*) und fahr Trab, dreh noch beſſer.“ Munde ließ es an heftiger Widerrede nicht fehlen, peitſchte oft gefliſſentlich die Pferde und fuhr im Zorne in der That ungeſchickt, beſonders beim Ausweichen, ſo daß es mehrmals ein Unglück gegeben hätte, wenn ihm Diethelm nicht in die Zügel gefahren wäre. Fränz wartete immer darauf, daß Munde einmal tapfer aufbegehren und die ganze Geſchichte hinwerfen werde; als es aber immer nicht geſchah, biß ſie ſich auf die Lippen und murmelte ſtill vor ſich hin Schimpfworte auf Munde, die ſie hinter ſeinem Rücken ſprach. *) Mick nennt man den neuen Erſatz des Radſchuh's, wo man vermittelſt einer zugedrehten Walze die Räder hemmt. Es iſt erfreulich, daß das Volk die durch das Maſchinenweſen ein⸗ geſchleppten Benennungen ſich erfinderiſch mundgerecht macht. Das Wort Mick iſt eine Zuſammenziehung von Mechanique. Wäre es aus der Analogie von Bremſe entſtanden, müßte es im Oberdeutſchen wenigſtens Muck heißen. 232 Man kehrte in der Hauptſtadt im Rautenkranz ein und Fränz war wenigſtens einigermaßen zufrieden ge⸗ ſtellt, als Munde beim Abſteigen ſagte: „So, jetzt beim Heimfahren könnet ihr kutſchiren, Schwäher, nicht um ein Königreich fahr' ich noch ein⸗ mal ſo. Komm Fränz, wir zwei wollen zuſammen halten. Weißt noch, wie oft ich da bei dir geweſen bin? Ich freu mich, grad hier zu zeigen, daß wir doch noch ein Paar geworden ſind.“ „Siehſt jetzt, daß ich recht hab?“ entgegnete Fränz, als ſie mit ihrem Bräutigam allein war,„mit meinem Vater kommt kein Tochtermann aus, der ihm nicht den Meiſter zeigt.“ Sie blieb ſtets bei dieſem Gedanken. Im Rautenkranz war ſchon heute ein buntes Ge⸗ dränge von Menſchen in Trachten aus allen Landes⸗ gegenden, und dazwiſchen ſah man Soldaten von allen Waffengattungen, die ſich hier bei Angehörigen und Bekannten gütlich thaten; aber mitten im Gewoge beharrte die ſtattliche Rauten wirthin an der Anrichte, wie ein Fels im Strome, und je lärmender und un⸗ ruhiger es um ſie her wurde, um ſo bedachtſamer und gemeſſener ertheilte ſie ihre Befehle und zählte Alles genau nach, was aufgetragen wurde. Dazwiſchen fand ſie immer noch Zeit, auf Nachfragen der Gäſte bündi⸗ gen Beſcheid zu geben. Als ſich Fränz mit Munde zu ihr hindurchgedrängt hatte, wurde erſtere mit beſonderer Freundlichkeit bewillkommt. Die Rautenwirthin ſagte, daß der Schaffner, mit dem ſie damals gefahren ſei, Fränz nicht genug habe rühmen können, und wie man 233 ihr überhaupt viel Gutes nachſage, daß ſie Vater und Mutter ſo getreulich pflege. Fränz war ſtolz und hochfahrend, und doch war ihr das Lob der Frau Rautenwirthin, als ſetzte man ihr eine Krone auf. Dieſe Frau hatte es durch Schweigſamkeit und Zurück⸗ haltung dahin gebracht, daß ſchon eine freie Anrede, um wie viel mehr ein Lob von ihr als Ehrenſchmuck galt, und ſammelte ſich hier gute Nachrede, ſo war man deren im ganzen Lande gewiß. Mit ſeltſamer Befangenheit ſagte nun Fränz, daß ſie mit Munde verlobt ſei. Die Rautenwirthin zog nur ein wenig die Brauen ein und ſagte:„Das iſt ſchnell gangen. Ich wünſch Glück.“ Dann wendete ſie ſich um und gab anderen Gäſten Beſcheid. Munde ſaß verdroſſen bei Fränz, die Eiferſucht hat einen raſchen Scharfblick, er behauptete Fränz ſchäme ſich ſeiner und durch dieſen offenen Ausſpruch wurde die noch halb ſchlummernde Empfindung der Fränz plötzlich geweckt. „Und wenn's wär'“ ſagte ſie aufbegehrend„wenn ich ein Mann wär, ich thät mir eher die Zung abbeißen ehe ich einem Mädle ſagen thät, es kann ſich meiner ſchämen. Aber du, freilich, du biſt dageſtanden wie der Bub, der die Milch verſchüttet hat. Ich ſag dir's noch einmal, du mußt ganz anders werden oder du bringſt's dahin, daß ich mich deiner ſchäm', ja, dahin bringſt's, ja, daß du's nur weißt.“ Munde behielt nur die erſten Worte der Fränz und er fühlte, daß ſie recht habe. Die gereizte Seelen⸗ ſtimmung hat aber etwas wahrhaft Anſteckendes. Munde n— ————.—— — —— — — — — ———— 234 war von Fränz gedemüthigt worden und nun mußte er ihr Gleiches entgelten; mit faſt ſchadenfroher Miene ſagte er:„Mir hat's für dich einen Stich in's Herz geben, wie die Rautenwirthin dich gelobt hat, daß du ſo ein gutes Kind gegen deinen Vater biſt. Wenn die Leute wüßten, wie's eigentlich iſt...“ Fränz knirſchte die Zähne über einander und ſah Munde mit einem zermalmenden Blicke an; hätte ſie ihn damit in Stücke zerreißen können, ſie hätte es gethan. Sie wollte aufſtehen, aber Munde hielt ſie feſt und ſagte begütigend:„Die Fahrt mit dem ewigen Gezerr hat uns Alle mit einander dumm gemacht. Wir wollen gar nichts mehr reden. Ich geh jetzt noch vor dem Appell ein bisle in die Kaſern' zu meinen Kameraden. Vergiß Alles und denk gut an mich. Gieb mir ein' Hand. So, b'hüt dich Gott.“ Munde ging nach der Kaſerne. Er war jetzt ein ganz anderer Menſch als vor wenigen Monaten, da er dieſen Weg ſo oft abgeſchritten. Zuerſt als ihm der Vater das Erbe der Rache aufdrängen wollte und dunn als er von Diethelm das Erbe des Verbrechens über⸗ kam, war in ſein träumeriſches ſtill umfriedetes Weſen eine gewaltige Gährung gekommen, er war zaghafter und kraftloſer als je, er war überhaupt nicht geſchaffen, ſich mit feſter Hand ein Schickſal zu bereiten, von Kindheit auf war Medard ſein Führer und Rathgeber in Allem, als Hirte führte er ein faſt gedankenloſes Leben, pfeifend und rauchend, und als er Soldat wurde, brachte auch dieß keine bedeutſame Wandlung in ihm vor, er war anſtellig und pünktlich, als ſtiller, allzeit 235 wohlgemuther Burſch beliebt, aber ohne ſich irgend eine beſondere Geltung zu verſchaffen; nur mit ſeiner Kunſtfertigkeit im Pfeifen hatte er ſich bei der Compagnie beliebt gemacht und daher den Beinamen Pififferling erhalten. Jetzt, ſo plötzlich in die Erfüllung ſeines einzigen und höchſten Wunſches eingeſetzt, ging er oft wie traumwandleriſch umher und nur der Gedanke an das geſchehene noch ſo dunkle Verbrechen ſchreckte ihn oft auf. Er freute ſich, daß er Fränz gewonnen und all' das große Gut dazu, er wäre aber am liebſten Hirte geweſen, träumend wie in alten Tagen bei ſeiner Heerde. Das viele Gut und die tauſend Thätigkeiten dafür, die er übernehmen ſollte, erdrückten ihn faſt. Darum konnte er dem Wunſche der Fränz nicht nach⸗ geben, ihm war es ja lieb, wenn Diethelm ſo lange als möglich Alles unter ſeiner Obhut behielt. Jetzt auf dem Wege nach der Kaſerne ſagte er ſich, daß Fränz doch recht habe, er müſſe anders auf⸗ treten, kecker und umſichtiger. Nicht nur ſeine Liebe zu Fränz ſtieg auf's Neue in ihm auf, er empfand auch eine große Hochachtung vor ihrem energiſchen Weſen, das allzeit geweckt, den Dingen ſcharf in's Auge ſah und ſie frei beherrſchte. So kam er zu den Kameraden und erzählte ihnen, daß er ſich andern Tages vom Militär loskaufe, und was aus ihm ge⸗ worden ſei; er wußte ſeine zukünftige Thätigkeit be⸗ reits ſo lebendig als wirkliche darzuſtellen, daß Alle ſtaunten, wie ſich der Pfifferling, der ſtille Munde, dem man das gar nicht zugetraut habe, verändert hatte. Als er zuletzt ſagte, daß er morgen auf dem 236 Markte vier Pferde einkaufe, beſchloß unter Jubel der Feldwebel und einige Kameraden, auch auf den Markt zu kommen, um zu ſehen, wie der Ffifferling das mache. Stolz aufgerichtet mit geſpanntem Selbſtgefühle kehrte Munde in den Rautenkranz zurück, er wollte ſeiner Fränz Abbitte thun, daß er ſo bös gegen ſie geweſen ſei und ihr ſagen, wie er ſich nun wacker in's Geſchirr legen wolle, daß es ihm landauf landab keiner voraus thun könne. Als er in den Rautenkranz trat, hörte in der Küche die Stimme der Fränz, ſie ſagte: „Das iſt ja prächtig, daß Sie Kellner im Wild⸗ bad geworden ſind. Ich komme dieſen Sommer mit meinen Cltern auch dahin.“ „Aber Sie ſind Braut,“ ſagte eine Männerſtimme. „Ja, mit mir,“ ſagte Munde eintretend, er ſah einen Mann— es war der älteſte Hausſohn aus dem Rautenkranz— der die Hand der Fränz hielt. „Ich gratulire,“ ſagte der Nebenbuhler ſchnell die Hand loslaſſend, und Munde erwiderte: „Dank ſchön. Komm' mit Fränz in die Stube.“ Er faßte ſie nicht eben zart am Arme, und Fränz machte große Augen, als er ihr allein ſagte, daß das Scharmuziren ein Ende habe, und ob ſie mit den Eltern in's Wildbad gehe, darein habe er auch noch ein Wort zu reden. Fränz widerſprach heftig, und Munde erklärte, daß er von dieſer Stunde zu regieren anfange über Alles, was ihm gehört, und das ſei vor Allem ſeine Frau, es müſſe ja Fränz recht ſein, daß er ſich als Mann zeige. 237 „Zeig's zuerſt beim Vater. Bei mir brauchſt nicht anfangen,“ ſtachelte Fränz, der dieſe Wendung gar nicht lieb war. Munde ſprach wiederholt und in ver⸗ ſtärkter Weiſe ſeinen Herrſcherplan aus, und der Abend dieſes unruhvollen verhetzten Tages ſchien doch noch erwünſcht auszuklingen. Schon am frühen Morgen hatte Munde einen ge⸗ waltigen Zank mit ſeinem Schwäher, er wollte ſich die Geldgurte umſchnallen, Diethelm aber lachte ihm in's Geſicht. „Dann reiß' ich ſie euch auf öffentlichem Markt vom Leib herunter, wenn ihr mich ſo gehen laſſet, und ich euch damit ſeh',“ drohte Munde und ging hinab in die Wirthsſtube. Diethelm ſchaute hoch verwundert dem ſo plötzlich Veränderten nach und Fränz ſah mit Schrecken die böſe Saat aufgehen, die ſie geſäet; ſie wußte aber den Vater noch dahin zu beſchwichtigen, kein Geld mit auf den Markt zu nehmen, die Leute könnten es für Prählerei anſehen und das müſſe man vermeiden nach ſo einem Unglück. In der Wirthsſtube übergab hier⸗ auf Diethelm der Rautenwirthin die Geldgurte zum Aufbewahren und Munde lächelte vergnügt zu ſeinem Siege. Diethelm traf hier viele Bekannte, unter den⸗ ſelben auch den noch uns erinnerlichen Reppenberger und den Steinbauer. Reppenberger war eben ſo zu⸗ thätig und redſelig, als der Steinbauer unachtſam und maulfaul; er erzählte, daß er einen umfangreichen Branntweinhandel betreibe, er hatte den Vertrieb über⸗ nommen, und fuhr mit ſeinem Einſpänner im Lande 238 umher, während ſein Geſchäftsgenoſſe das Brennen aus dem Grunde verſtehe. Munde trat auf Diethelm zu, wiederholte in ent⸗ ſchiedener Weiſe einen früher gemachten Vorſchlag, daß man die Rappen gegen gute Ackerpferde vertauſche, ſie brauchten ja keine Kutſchenpferde mehr. Diethelm widerſprach heftig und der Steinbauer, der ſich ſonſt nicht in fremder Leute Sachen miſchte, ließ ſich doch zu den Worten herbei: „Dein Tochtermann hat Recht, Gäule, die gewohnt ſind, in der Kutſch zu laufen, gehen zu Grund, wenn ſie wieder Zacker fahren müſſen.“ Der Steinbauer ſagte das mit ſo ſchelmiſch zwin⸗ kernden Augen, daß eine Bezüglichkeit ſeiner Worte auf die Lebensweiſe Diethelms kaum zu verkennen war. Diethelm merkte das auch, aber er that, als ob er's nicht verſtände, ihm war das verſeſſene Weſen des Steinbauern in der Seele zuwider, aber er ver⸗ mied doch jede offene Feindſchaft mit ihm. Diethelm ſchüttelte lächelnd den Kopf und gab lange keine Ant⸗ wort, bis er endlich zu Munde gewendet ſagte: „Das iſt mein' Sach', Punktum.“ Der große Umzug der Marktpferde, der eben an dem Rautenkranz vorüberkam und Alles an die Fen⸗ ſter und auf die Straße lockte, unterbrach den Streit. Munde folgte ſeinem Schwäher auf den Markt. Mitten im Gewühle wurde er von ſeinem Feldwebel und mehreren Kameraden angehalten, die wie verſprochen gekommen waren, und nun auf's Neue ihr Verlangen aus ſprachen, den FPfifferling einkaufen zu ſehen. 239 „Iſt der bärenmäßige Bauer dein Schwäher?“ fragte der Feldwebel. „Ja, der iſt er.“ Aber Diethelm war verſchwun⸗ den. Munde ſuchte ihn mit ſeinem Geleite hin und her, ohne ihn finden zu können und mußte manchen Spott darüber hören, daß er ſich nicht getraue, einen Pferdeſchwanz allein einzukaufen. Munde ließ ſich dieſe Neckereien gefallen und ſchwieg, er wollte nicht weiter gehen als ihm eigentlich zuſtand und etwas von der alten Zaghaftigkeit ſeines Weſens kam wieder über ihn. Er verwünſchte es, daß er ſich im Uebermuth Wächter ſeiner Ehrenſtellung zugeſellt hatte und hoffte ſie in guter Weiſe wieder los zu werden. Der Feldwebel war ein Pferdeverſtändiger und that ſich was darauf zu gute, er ſuchte ein Vier⸗ geſpann gleichgezeichneter Braunen aus, und Munde ließ ſie ſich hin und her vorführen, holte die Rappen aus dem Rautenkranz zum Vertauſchen und war eben daran unter Bedrängen des Feldwebels und der Kameraden in die dargebotene Hand einzuſchlagen, als Diethelm herzutrat. Munde hielt ein und rief ihm zu: „Schwäher, ich hab' einen Handel gemacht.“ „Du? Haſt ein' Geis gekauft?“ Munde ſchoß alles Blut zu Kopfe und Diethelm fragte wieder: „Wie kommen die Rappen daher?“ „Ich hab' unſere Rappen vertauſcht,“ berichtete Munde. „Unſere?“ lachte Diethelm.„Vor der Hand ſind —— —————.—— — —2 — ſie noch mein und iſt kein Red' von unſeren, was haſt du von unſeren zu ſagen?“ „Schwäher, was machet ihr? Jeder Knecht ſagt zu ſeines Herrn Sach unſer, und ich bin kein Knecht. Sehet nur das Viergeſpann an. Ich bin ſo viel als handelseins.“ „Du? Was nimmſt denn du dir'raus? Wenn man dich auf den Kopf ſtellt und es fällt dir ein Guldenſtückle'raus, ſoll man mir die Augen mit aus⸗ ſtechen. Und du willſt vier Roß kaufen?“ „Schwäher, das geht über den Spaß, redet nicht ſo. Ich hol gleich unſere Geldgurt aus dem Rauten⸗ kranz. Beſehet euch nur die vier Roß.“ „Daß ich ein Narr wär'. Wenn du allein Meiſter biſt, ſo bezahl's auch.“ „Schwäher, ich weiß nimmehr was ich thu, wenn ihr ſo fort machet.“ „Das glaub' ich. Du haſt keinen Groſchen zum Einkaufen. Ich will dir zeigen, wer die Geißel in der Hand hat.“ „Schwäher,“ kreiſchte Munde heiſer vor Wuth und ballte beide Fäuſte,„Schwäher, redet anders oder „Weg da, führ die Rappen in den Stall und red kein Wort mehr.“ „Ich will nichts von deinem Brandgeld, nichts von deinen Sachen, du biſt unter'm Galgen weggelaufen, aber du bleibſt doch noch einmal dran hängen. Laſſet mich los,“ ſchrie Munde, den ſeine Kameraden feſt⸗ hielten, daß er nicht auf Diethelm eindrang. 241 Eine große Menge Menſchen hatte ſich um die Streitenden verſammelt, Diethelm hatte ſich raſch ent⸗ fernt und Munde riß ſich von ſeinen Kameraden los und mit geballten Fäuſten und ſchäumendem Munde eilte er nach dem Rautenkranz. Fränz mußte ihm Genugthuung verſchaffen für die unerhörte Schmach, die ihm der Vater angethan, und dann mußte ſie noch zur Strafe ihren Vater verlaſſen, Nichts von ſeinem Sündengute annehmen, und er wollte Tag und Nacht arbeiten, um ſein Brod in Ehren zu verdienen. Als er in die Wirthsſtube trat, ſah er Fränz, die Hand in Hand neben dem Rautenwirthsſohne am Tiſche ſaß. Sie heftig ſchüttelnd, fuhr er auf: „Lumpenpack! Hundebagage ſeid ihr Alle. Da ſitzt du bei einem andern, dieweil dein Vater mich vor aller Welt beſchimpft.“ Der Zorn gab ihm plötzlich hölliſche Gedanken ein und er fuhr fort:„Du haſt mich aufgeſtiftet, ich ſoll deinem Brandſtifter-Vater Widerpart thun und ihn haſt du aufgeſtiftet, daß er mich beſchimpfen ſoll, damit du mich los wirſt. Du haſt ſchon einen andern. Jetzt ſeh ich, du biſt das ſchlechteſte, ich kann's gar nicht ſagen was. Aber warte nur, du haſt mir ſelber geſagt, was du von deinem Vater weißt, verflucht iſt dein ganzes Haus. Ich will nur ſo lang leben, bis du mit deinen Kindern vor meiner Thüre um Brod bettelſt. Ich bin froh, daß ich nim⸗ mer ſo ſchlecht bin und von eurem Sündengut was mag. Freſſet's allein und erſticket dran.“ Fränz ſtieß den Munde weit von ſich und er ſtürmte fort die Stadt hinaus der Heimath zu.— 16 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. —— — —— — — 242 So unverhofft als die Verlobung geknüpft war, ebenſo ſollte ſie auch zerriſſen werden. Mit dem Abſchiede vom Militär hatte Munde heimkehren wollen, jetzt rannte er dahin wie aus der Welt verſtoßen, er wußte gar nicht, wohin er ſich wenden ſollte. Die blüthenduftigen Bäume ſtanden ſo ſtill ſelig im Sonnenſchein und ließen die Bienen in ihren Blüthenkelchen ſich erlaben, die Vögel ſangen ſo wonnig und Alles freute ſich des Daſeins, nur ſein Herz war zum Tode betrübt. Stundenlang war er unaufhaltſam gerannt, immer vor ſich hin fluchend und Alles verwünſchend; als er jetzt durch das Dorf Breit⸗ lingen ſchritt, ſtand er vor dem⸗Wirthshauſe ſtill, ſuchte in allen Taſchen nach Geld und fand in der That keinen Heller; mit einem ſelbſtverachtenden Lachen ſchritt er weiter und legte ſich draußen vor dem Dorfe unter einen blühenden Birnbaum am Wegrain. Beim Niederlegen gedachte er der ſchönen Kleider die er anhatte und er ſchämte ſich derſelben, ſie waren von Diethelm's Geld und Fränz hatte ſie ihm gegeben. Er wollte nur noch heim, den Brandſtiftern die Kleider mitſammt der Trau*) ſchicken und dann fort, weit fort. Die Bienen ſummten und ſchwirrten im Baume und Munde ſpielte mit dem Brautringe, den er vom Finger gezogen und ein abgeriſſener Klang aus dem alten Liede vom Teufel, der die untreue Braut holt, zog Munde durch den Sinn: *) Verlobungsgeſchenk. 243 So komm nur her, du ſchöne Braut Du haſt deinen Himmel in die Hölle gebaut. Er nahm ſie bei der linken Hand Und führte ſie in den feurigen Tanz. Bald aber hörte Munde weder eine Stimme im Innern noch etwas um ſich her. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die beiden Rappen waren los und ledig zu großer Verwirrung auf dem Markte umhergelaufen, der Schmied von Buchenberg, der ein Pferd eingekauft hatte und eben davon reiten wollte fing ſie ein und brachte ſie dem Diethelm, der darob ganz verwundert ſchien, er übergab dem Reppenberger die Pferde um ſie nachzu⸗ bringen und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuſer nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geſchehen war, erſchrack er Anfangs, ſo weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen auf's Aug halten wollen. Bald aber ſagte er:„es hat ſein müſſen, drum iſt's beſſer heut als morgen.“ Fränz war nicht ſo leicht zu beruhigen, ſie nahm den Vater aus der Wirthsſtube fort nach dem ſtillen Zimmer und ſagte hier, daß man nicht wiſſen könne, was Munde vorhabe, er wiſſe Alles, Medard habe ihm das Gleiche geſagt wie dem alten Schäferle. „Das iſt vorbei“ beruhigte Diethelm,„davon bin ich freigeſprochen; was gemäht iſt, iſt gemäht. Red' mir heut nichts mehr von der Geſchichte.“ 245 „Ja Vater, aber er wird mich deswegen vor Gericht fordern.“ „Dich? Warum? Was haſt denn du dabei?“ „Ich hab ihm Alles geſagt,“ erwiderte Fränz mit niedergeſchlagenem Blicke. „Was? Was haſt ihm geſagt? Was weißt denn du? Ich verſteh den blauen Teufel von all' deinem Geſchwätz.“ „Vater, ich hab gemeint, er ſei mein Mann und ihm darf ich Alles ſagen und da hab ich ihm erzählt, wie ihr damals auf der kalten Herberge die Farb gewechſelt habt wie der Wirth erzählt hat, und wie ihr mir hier in dieſem Zimmer vier Wochen vor dem Brand geſagt habt ihr wiſſet nicht mehr wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab ja nie daran denken können, daß uns der Munde verrathen könnt.“ Diethelm ſchnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Fauſt als wollte er Fränz zu Boden ſchlagen, ſein eigen Kind wußte um ſeine Schuld und hatte ſie preis gegeben, aber ſchnell entballte er ſeine Fauſt wieder, ſpielte in der Luft mit den Fingern wie auf Claviertaſten und ſagte bitter lächelnd: „So? Alſo du biſt ſo geſcheit und willſt deinem Vater was zuſammen zwirnen? Aber du biſt zu dumm, daß dich die Gänſ' beißen. Ich ſollt' eigentlich kein Wort mehr mit dir reden und dir die Peitſche anmeſſen. So denkſt du von deinem Vater? Du biſt's nicht werth daß ich dir einen Groſchen hinterlaſſe. Geh nur vor Gericht. Kannſt Alles ſagen, Alles. Aber gedenken —— 246 will ich dir's was du gethan haſt. Jetzt weiß ich, warum der Lump ſo frech gegen mich geweſen iſt. Mein eigen Kind, mein einzig Kind hat's ihm einge⸗ geben. Ich will hinaus und will die ganze Welt fragen ob das noch einmal vorkommt, ſo weit der Himmel über der Erde ſteht.“ „Vater, verzeiht mir. Ich denk's ja gewiß nicht mehr,“ bat Fränz weinend. „Schlecht genug, daß du's Einmal gedacht haſt. Wenn du von heut an, hör zu was ich ſag und guck nicht unter ſich, ſieh mir in's Geſicht ſag ich,“ knirſchte Diethelm ſeine Tochter ſchüttelnd,„wenn du von heut an nicht demüthig und gehorſam biſt, wie's einem Kind zukommt, nein, ich will dir nicht ſagen was ich thu', ich behalt's bei mir, aber vergeſſen werd' ich's nicht, verlaß dich drauf. Jetzt komm, hinter mir drein gehſt und machſt ein heiter Geſicht, das ſag ich dir, und red' mir kein Wort mehr davon.“ Diethelm war es gelungen, den ſchlimmen Sinn ſeiner Tochter zu bezwingen, ſie ging hinter ihm drein wie ein Lamm und erſchrack bei jedem ſeiner Blicke, wenn er ſich umwendete. Was war aber damit gewon⸗ nen? Handhaben für erneute Anklagen waren in fremde Gewalt gegeben und noch dazu in die eines auf's äußerſte Erbitterten. Soll denn die That nie ruhen? Brennt das Feuer immer wieder auf? Nur Eines tröſtete Diethelm, und dieß war der weichmüthige Charakter Munde's. Aber hatte er ſich nicht ſeit geſtern ſo auffallend verändert? Nein, er iſt noch derſelbe, ſonſt wäre er ja nicht davon gelaufen, ſtatt Diethelm und Fränz ſogleich den Gerichten zu überliefern. Den⸗ noch ſchickte er ſogleich den Reppenberger nach Buchen⸗ berg, theilte ihm oberflächlich mit was geſchehen war und gab ihm den dringenden Auftrag zu erforſchen, was Munde vorhabe und es ihm durch einen Eilboten nach der Stadt mitzutheilen. Der Reppenberger ver⸗ ſtand den Vorgang wenn auch nur halb und ſagte: „Ich hab's bald gemerkt, das thut kein gut. Man kann ein Roß und ein Schaf nicht zuſammen ſpannen.“ Diethelm lachte über dieſen Vergleich und gab dem Reppenberger ein gutes Zehrgeld mit auf den Weg. Beim Namen angerufen erwachte Munde unter dem Birnbaum bei Breitlingen, der Schmied von Buchenberg hielt mit ſeinem Pferde neben ihm und hieß ihn aufſitzen, wenn er müd ſei. Munde nahm das gerne an. Der Schmied wußte nur von Händeln, die Munde mit ſeinem Schwäher gehabt, und Munde war nicht geneigt, viel zu ſprechen. Nur als der Schmied ſein Glück rühmte und ihm anrieth, klug zu ſein, die paar Jahre noch den Diethelm den Herrn ſpielen zu laſſen, ſagte er: „Ich bin nicht klug und will nicht reich ſein.“ Die ganze Nacht hindurch raſtete man nicht, und bald ſaß der eine bald der andere zu Pferde. Es war bald Mittag, als man ſich Buchenberg näherte. Es hatte hier im Oberlande geregnet, und Blüthen und Blätter waren an den Bäumen hervor⸗ gebrochen, ſo plötzlich, wie ein bereit gehaltenes Feuer⸗ werk, das nur des zündenden Funkens wartet. Munde war ganz ausgehungert, denn er hatte ſich 248 geſchämt, dem Schmied zu bekennen, daß er keinen Heller Geld bei ſich habe. Als er in die väterliche Stube eintrat, rief ihm der alte Schäferle, die Pfeife im Mund haltend, vom Bette herab zu: „Grüß' Gott Munde, ich weiß wie's dir gangen iſt. Komm' her, gieb' mir die Hand.“ So zutraulich war der Vater ſeit lange nicht ge⸗ weſen und die Hand reichend ſagte Munde: „Was wiſſet ihr? Von wem? Sind ſchon Markt⸗ leute vor uns angekommen?“ „Kein Menſch. Ich weiß es von mir. Du haſt mit dem Mordbrenner Händel gehabt. Ich weiß das ſo gewiß, als wenn ich dabei geweſen wär.“ Munde ſtarrte drein vor dieſer prophetiſchen Seher⸗ gabe des Vaters und dieſer fuhr fort: „Ich hab's ſchon lang kommen ſehen. Es iſt mir aber lieb, daß ich's noch erlebt hab'. Ich treib's nimmer lang. Von heut in ſieben Tagen ſeh' ich meinen Medard, und der muß mir ſagen, wie er ſo ſchnell von der Welt kommen iſt, und wenn ich dir's berichten kann, thu ich's. Setz dich zu mir auf's Bett. Jetzt biſt du wieder mein? Gelt, jetzt biſt' wieder mein? Gehſt' nicht mehr zu dem Mordbrenner? Ich kann dir auch was geben, daß du nicht mehr an die Fränz denkſt. Und ich ſag' dir all' meine Mittel. Ich hab' dem Medard ſchon viele geſagt gehabt, und ihm gehören ſie auch, aber du biſt jetzt mein Einziger.“ Munde weinte laut und erzählte dann Alles, wie es ihm ergangen. Der alte Schäferle richtete ſich auf, 249 nahm die Pfeife in die linke Hand, hob die Rechte in die Höhe und rief: „Ich ſchwöre, ſo wahr ich bald vor Gott komm', der Diethelm iſt nicht unſchuldig an dem Tod deines Bruders, wie, das weiß ich nicht, das weiß Gott allein. Munde, leg' deine Hand auf meine Herzgrube, dir vererb ich's, daß du nicht ruhſt, bis der Diethelm ſeine Strafe hat. Willſt du mir ſchwören nicht zu ruhen und nicht zu raſten, bis der Tod deines Bruders ge⸗ rächt iſt?“ „Ich kann's nicht, Vater, ich kann's nicht, ich thät euch ja Alles ſo gern,“ rief Munde, dem plötzlich da⸗ vor graute, dieſe ſchwere Laſt auf ſich zu nehmen, „aber das ſag' ich, ich will dem Diethelm, ſo lang ich lebe, zeigen, daß ich ihn für einen ſchlechten Men⸗ ſchen halte.“ „Gut, das iſt mir genug, du haſt ein weiches Herz, du kannſt nicht mehr.“ Der alte Schäferle begann nun, Munde alle ſeine ſympathetiſchen Mittel zu ſagen, wie er ſie vom Vater ererbt, er wollte es Anfangs nicht dulden, daß Munde ſie aufſchrieb, das ſei gegen das Herkommen und tödte vielleicht ihre geheime Kraft, aber Munde behauptete, nicht Alles ſo ſchnell behalten zu können, das Zauber⸗ mittel gegen angethane Liebe ſchrieb Munde nicht auf, und er ſaß nun bei ſeinem Vater, wie in einem Zauber⸗ berg, umgeben von geheimnißvollen Mächten und wußte nichts mehr von der Welt, bis Martha mit dem Rep⸗ penberger kam. Munde that es wehe, auch gegen die Meiſterin feindſelig zu ſein, der Reppenberger ſprach von einer Abſtandsſumme, die Diethelm dem Munde bezahlen wolle, wenn er ſich zur Auswanderung entſchließe, aber Munde wies alle Anerbietungen von ſich, und der alte Schäferle war glücklich, als er hörte, daß ſein Sohn die erledigte Stelle als Gemeindeſchäfer in Unterthailfingen annehmen wolle. Auf den Tag hin, wie er es vorausgeſagt, ſtarb der alte Schäferle. Als ihm Munde noch am Morgen die geſtopfte Pfeife übergeben wollte, ſchüttelte er den Kopf verneinend und ſagte:„Es iſt vorbei.“ Munde überließ Alles ſeiner Schweſter und nahm ſich nur die Kleider des Medard. Er ſaß am Wege und hütete die Schafe, als Diet⸗ helm vierſpännig mit ſeiner neuen Kaleſche daherfuhr, er ſchaute auf, und blitzſchnell durchzuckte ihn der Ge⸗ danke, welch' ein großes Leben er hätte führen können, aber er drückte den Hut in's Geſicht und pfiff dem Paßauf, während Diethelm und Fränz raſch vorbei⸗ rollten. Nicht ohne Befriedigung hörte Diethelm, daß der alte Schäferle geſtorben und begraben ſei, und daß der Geiſtliche an deſſen Grabe ſagte, Gott möge ihm vergeben, wie ihm der vergeben habe, dem er ſo ſchweres Leid angethan. Den Munde fürchtete Diet⸗ helm nicht mehr, weil er nicht im erſten Zorn ge⸗ handelt hatte, in dieſem war er des Schlimmſten von ihm gewärtig, jetzt in Ruhe wird die Schafſeele es nie dazu bringen, als Ankläger aufzutreten. So fühlte ſich Diethelm von dieſer Seite gedeckt, aber der Geiſt 25 der Widerſpenſtigkeit und Aufſätzigkeit, den er in Fränz niedergerungen hatte, ſchien in Martha jetzt neu zu erwachen, wenn gleich gemildert von ihrem an Er— gebung gewohnten Weſen. Mit Ruhe ertrug es Diet⸗ helm, daß ſie ihm heftige Vorwürfe machte, weil er mit Fränz in der Welt umherfuhr und ſeine Frau daheim vergaß,„wie ein im Stall angebundenes Stückle Vieh.“ Er verſprach, ſie nie mehr allein zu laſſen. Eines Tages ging er mit ihr nach dem Baue, der ſtaunenswerth raſch vorrückte, die Sonne brannte ſtechend und gewitterverkündend nieder, und Diethelm ſagte: „Ich weiß nicht, wie mir's iſt, ſeitdem ich im Ge⸗ fängniß geweſen, bring' ich eine Kellerkälte nicht aus mir heraus, es iſt mir, wie wenn ich einen Eisklumpen im Herzen hätt'. Ich hab' gemeint, im Sommer wird's beſſer, aber es iſt nicht. Du ſagſt jetzt, dir ſei heiß, und ich werde die Gänshaut nicht los.“ „Herr Gott! das ſind meine todten Schwurfinger,“ ſchrie Martha gellend und ſtreckte die leichenhaften Finger Diethelm in's Geſicht. „Was haſt? Was machſt?“ fragte Diethelm er⸗ ſchrocken und Martha erklärte, indem ſie ſich auf einen Steinhaufen am Wege ſetzte: „Diethelm, was haſt du gemacht? Weißt du's denn nicht mehr? Du haſt ja geſchworen, die Sonne ſoll dich nicht mehr erwärmen, wenn du an's Brand⸗ ſtiften denkſt, dort am Fenſterſims haſt's geſchworen und jetzt iſt's ja wahr geworden, die Sonne wärmt dich nicht und ich hab einen falſchen Eid auf mich nehmen wollen und meine Finger ſterben mir ab. O gerechter Gott, was machſt du aus uns? Gerechter Gott, was ſoll aus uns werden?“ Diethelm ſuchte zu tröſten ſo viel als er vermochte, er wollte jetzt leugnen, daß ihn friere und behauptete, die Wunde an ſeinem Arme ſei noch nicht völlig ge⸗ heilt, da faßte ihn Martha gerade an der wunden Stelle, daß er laut aufſchrie, ſie aber ſagte: „Geſteh ehrlich, beichte, nur mir ſag's, nur mir, woher du das haſt. Der Doctor hat immer geſagt, das ſäh aus wie ein Biß von einem Menſchen. Wer hat dich gebiſſen?“ Diethelm hatte Geiſtesgegenwart genug, ſeine Frau tapfer auszuzanken mit dem Zuſatz, daß wenn ſie noch ein einzig Mal von todten Schwurfingern rede, er ſie auf immer verlaſſe, möge daraus werden was da wolle. Martha ſchwieg, aber ihre ſchweigend trauervollen Mienen, ihr ſtilles ſtundenlanges Betrachten der ab⸗ geſtorbenen Finger ſagte Diethelm was ſie für ſich ſinne und was ſie von ihm denken möge. Als das Haus gerichtet war und der bänderver⸗ zierte Tannenbaum vom Giebel prangte, machte ſich Diethelm mit den Seinen auf nach dem Wildbad, die warme Quelle ſollte Diethelm von ſeinem Froſt und der Wunde heilen, und ſollte die todte Hand Martha's neu beleben. Am hoffnungsreichſten aber war Fränz, ſie bedurfte der warmen OQuelle nicht, ihrer harrte dort der Rautenkranzſohn und, nicht zu vergeſſen, der Amtsverweſer. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der ſtattliche reiche Bauer von Buchenberg mit ſeiner Familie und ſeinem eigenen Gefährte war wochen⸗ lang eine der bemerkteſten Erſcheinungen im Wildbade. Schon der frappante Gegenſatz, den man ſich von ihm erzählte, daß er ſich beim Brande eine ſchwer zu heilende Erkältung zugezogen, machte ihn zum Gegen⸗ ſtand des Geſpräches; dazu ſein gemeſſenes Benehmen, weder zudringlich noch ſchüchtern, machte ihn zu einem Urbild jenes ſtolzen ſelbſtbewußten Bauernthums, das man ſogar in der ſogenannten guten Geſellſchaft anziehend finbet, ſo lange es in äſthetiſcher Buchferne verharrt und der eigenen Ueberhebung nicht zu nahe tritt. Martha und Fränz waren weniger bemerkt. Martha hielt ſich vorzugsweiſe zu einigen alten Frauen die im Armen⸗ bade eine Freiſtelle genoſſen und ließ ſich von ihnen ihre Leiden und ihre Schickſale erzählen, Fränz aber war ſeltſam verſcheucht und zurückgezogen. Wir werden bald erfahren warum. Wir müſſen nur noch erzählen, daß Diethelm die Spitze ſeines Ruhmes erreichte, als eine regierende Fürſtin in der Allee durch den erſten Kammerherrn ſich ihn vorſtellen ließ. Diethelm war S— — S— — — — — — 254 beſeligt durch dieſe Auszeichnung, er gab auf alle Fragen beſcheidene und wie es ſchien genehme Ant⸗ worten, er widerſprach nicht als man ihn für einen großen Hofbeſitzer hielt und nahm ſich nur vor, dieſe Vorausſetzung zu einer Wahrheit zu machen; dabei ſchaute er oft wie verlegen um, er wollte ſehen, ob Niemand bemerke, welche Ehre ihm zu Theil wurde. Es gingen aber Menſchen vorüber, die ihn nicht kannten. Dennoch ſah er wohl, daß ſie in der Ferne ſtehen blieben. Als er entlaſſen wurde ging er aufgerichtet durch die Alleen heimwärts, die Bäume waren noch einmal ſo grün, der Himmel noch einmal ſo blau und die Vögel ſangen ſo luſtig wie noch nie und zum Erſtenmale ſpürte er die Wirkung des Bades, eine wohlthätige Wärme überſtrömte ſein ganzes Weſen und als er zu Frau und Tochter kam, war er glückſelig und wiederholte immer und immer, daß dieſer Tag ſein höchſtes Glück ſei. Er mußte ſich niederſetzen, ſo hatte ihm die Freude faſt wie ein Schreck die Kniee angegriffen, dieſe Ehre ſchien zu ſchwer für ihn und als jetzt ein erwünſchter Beſuch, der Vetter Waldhorn⸗ wirth eintrat, blieb Diethelm auf ſeinem Stuhle ſitzen und ſagte mit verklärtem Lächeln: „Wärſt du nur um eine Stunde früher gekommen, da hätteſt du ſehen können, wie die Fürſtin von** mit mir geſprochen hat, grad ſo wie ich jetzt mit dir, ſo freundſchaftlich, ſo herztreu. Ich hätt' einen Finger von der Hand drum geben, wenn ich ganz Buchenberg hätt' daneben ſtellen können. Aber erzählen mußt's. Sie müſſen's Alle wiſſen.“ 255 Der Vetter verſprach zu erzählen, andern Tages aber wurde er auch von der Wahrheit überführt, denn vor dem Kurhauſe, vor allen Leuten winkte die Fürſtin den Diethelm zu ſich und unterhielt ſich lange mit ihm; ſie fragte nach ſeiner Unterſuchungshaft und Diethelm, der Anfangs erſchrack, richtete ſich an einer alten Erinnerung auf und betheuerte, wie er ein treuer Unterthan ſei und nichts von den Grundrechten wolle, aber das Schwurgericht, das ſei doch gut, da werde man auch öffentlich freigeſprochen. Mit einem freund⸗ lichen Lächeln entließ ihn die Fürſtin und der Vetter Trompeter, der von Ferne zugeſehen, faßte ſeine Hand als er zu ihm trat und rief: „Was meinet ihr Vetter, wenn das euer Vater geſehen hätt', der Krattenmacher von Letzweiler?“ Diethelm ſchien dieſe Erinnerung nicht genehm, denn er erwiderte: „Was redeſt du wie ein Mann ohne Kopf?“ Der Vetter verſtand und fuhr fort: „Ich hab's nicht allein geſehen, dort ſteht der Kaſten⸗ verwalter von G. Gucket, er kommt ſchon her und will euch Glück wünſchen.“ In der That geſchah dieß auch und nicht nur der abgeſtellte Kaſtenverwalter, viele andere hohe und niedere Beamte, ja ſogar Adelige behandelten Diethelm mit Auszeichnung und zum drauffolgenden Ball im Kur⸗ hauſe erhielt Diethelm mit ſeiner Familie eine Einla⸗ dung. Martha ſagte ſogleich, daß ſie daheim bleibe, ſie ſei krank und nicht zum Tanzen da, Fränz aber hüpfte vor Freude als hörte ſie ſchon die luſtigen Tanzweiſen. 56 Fränz war wie geſagt, während des Badeaufent⸗ haltes noch nie zu rechter Freude gekommen, ſie fühlte ſich nicht recht heimiſch in dieſen Umgebungen, ſie hatte zwar die Bauernhaube abgelegt, die kaum zu bewälti⸗ genden Haarflechten aufgeneſtelt und ſich einen farben⸗ ſchillernden Sonnenſchirm angeſchafft, aber erſt durch einen Geiſtlichen erhielt ſie eine geſellſchaftliche Firmelung. Ein junger Miſſionär aus der Schweiz, der in einem zierlichen Rollwagen umhergeführt wurde, war bald der Schützling aller Frauen und Mädchen, auch Fränz wurde durch eine prieſterlich zuvorkommende Anſprache in ſeinen Kreis gezogen und verlor bald jede äußere Schüchternheit, indem ſie gleich den Uebrigen, dem Kranken, der noch dazu ein geweihter Prieſter war, ſich dienſtgefällig erwies. Die Hülfloſigkeit des Kranken ließ jede Scheu verſchwinden, man durfte ihm die Hand reichen und gefällig ſein wie einem Kinde. Der junge Mann, ein wirklich eifervoller Prieſter mit feinem blaſſen Antlitze, das durch die beſtändige weiße Hals⸗ binde noch gehoben wurde, war eine anziehende Erſchei⸗ nung und ſein brennendes Auge, das er wunderſam zu heben und zu ſenken verſtand, zeugte von innerem Feuer, das auch hervorbrach, wenn er an ſtillen ſchat⸗ tigen Plätzen dem Frauenkreiſe vorlas. Er hatte eine wohltönende in's Herz dringende Stimme. Fränz hatte in der Stadt die Kunſt gelernt, Pantöffelein zu brodiren und ſie ſaß nun mit den anderen Frauen mit ihrer Arbeit um den heiligen Mann und hörte die ergreifenden Vorleſungen und eifervollen Vorträge, ſie verſtand es wie die anderen mitunter aufzuſchauen, 257 einen verſtändnißreichen Blick zu thun, bedeutſam mit dem Kopfe zu nicken oder gar die Hände in einander zu legen und unverwandt auf den Redner zu ſchauen. Mitunter war ſie auch ergriffen und der Spruch: Rette deine Seele! ſchauerte ihr durch Mark und Bein, ſie erkannte mit Schrecken, wie ſie ihr Seelenheil bisher verwahrlost und war geneigt, dem Jungfrauenbunde, für den ſchließlich geworben wurde, beizutreten, aber ein äußerlicher Grund half ihr, ſich von den eerenO pfern zu befreien. Sie glaubte zu bemerken, daß einige und zwar die Vornehmſten und Manierlichſten von dem weihevollen Manne vorgezogen wurden, die Eitelkeit regte ſich und gewohnt, daß Alles in der Welt nur zum Scheine geſchehe, forſchte ſie auch hier den Täuſchungen nach und glaubte ſolche immer mehr zu finden. Dennoch war ſie bereits ſo ſehr im Bannkreiſe des jungen Prieſters, daß ſie ihm reuig und zerknirſcht dieſe ihre Sünde offen beichtete, aber die Mahnung ihre Eitelkeit zu beſiegen machte ſie ſtumm und im Innerſten widerſpenſtig, zumal dieſe Aufforderung gerade mit der Ehre zuſehe traf, die ihrem Vater durch die Fürſtin von?* geworden war. Die Leichtigkeit mit der ſich ein Verhältniß im Badeleben knüpft, zeigt ſich auch im Löſen desſelben. Fränz hatte immer mehr Abhaltungen im Schatten der wilden Kaſtanien unter dem andächtigen Zuhörer⸗ kreiſe des Miſſionärs zu erſcheinen. Wenn ſie dort⸗ hin ging, hatte ſie den ſtillen beſcheidenen Gang und den niedergeſchlagenen Blick, wenn ſie aber bei den Muſiken im Freien erſchien, hatte ſie, man kann faſt Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 17 ——— — 258 ſagen etwas ſchäckernd hüpfendes wobei ſie den Kopf in den Nacken watf. Und dieſe letzte Haltung gewann die Oberhand als der Prieſter bald geheilt im blumenbekränzten Wagen abreiste. Fränz wollte, rund heraus geſagt, ſich hier einen Mann erobern. Den Munde bei ſeinen Schafen hatte ſie längſt vergeſſen, ja ſie ſah jetzt, daß er nie zu ihr gepaßt habe, aber hier that ihr die Wahl weh zwiſchen dem Rautenkranzſohne, der hier Kellner war, und dem Amtsverweſer. Der Kellner war eine gutartige und heitere Erſcheinung, aber es hatte doch etwas Abſtoßen⸗ des, daß er hier Jedermann bediente und gegen alle Welt freundlich und unterwürfig ſein mußte. Das behagte dem hoffährtigen Weſen der Fränz durchaus nicht. Wenn er ihr bei Tafel eine Schüſſel reichte und dabei einige freundliche Worte ſprach, ſchämte ſie ſich faſt ihm zu antworten; zwar erinnerte ſie ſich wieder, was er daheim zu bedeuten habe, und wie er mehr ſei, als Viele, die er hier bediente, aber eben dieſes Bedienen gefiel ihr nicht, und dann konnte der Kellner nie einen Spaziergang, wie viel weniger eine Ausfahrt mit⸗ machen, er mußte froh ſein, wenn er eine Stunde von fünf bis ſechs Nachmittags erübrigte, um an den Hauspfoſten gelehnt eine Zigarre zu rauchen, die er ſchnell verbarg, wenn ein Gaſt kam. Dennoch hatte Fränz nicht recht den Muth, ſich von ihm abzuwenden, ja ſie dachte ſich aus, wie Alles ſchon anders würde, wenn ſie einmal ein eigenes Wirthshaus hätten. Der 5 259 Amtsverweſer war äußerſt zurückhaltend, obgleich er mit an derſelben Tafel ſpeiste, er ſchien mehreren Da⸗ men den Hof zu machen, die er oft auf Spaziergängen begleitete. Glücklicherweiſe aber, man konnte nun nicht ſagen, daß die Anſprache der Fürſtin von** daran ſchuld ſei, hatte der Amtsverweſer ſie und den Vater juſt den Tag vorher begleitet und viel mit Fränz ge⸗ lacht; er ſetzte nun dieſe Annäherung mit großer Be⸗ ſtändigkeit fort, überbrchte ſelbſt die Einladung zum Kurhausballe und ſchickte am Abende deſſelben den er⸗ leſenſten Blumenſtrauß, mit welcher Aufmerkſamkeit ihm jedoch der Rautenkranzſohn zuvorgekommen war. Es waren beide wohl zu beachtende Bewerber. Der Rauten⸗ kranzſohn war jünger und farbiger, in ſeinem vollen wohlgekämmten braunen Haare ſah man ſtets die fri⸗ ſchen Furchen der Bürſte und den weißen Scheitel, der Amtsverweſer war blaſſer und mit einer avancirenden Glatze verſehen. Fränz hielt die beiden Sträuße der Bewerber in der Hand und betrachtete ſie lange, ſie überlegte, welchem Strauß und welchem Geber ſie den Vorzug gönnen ſolle, ihre Wangen glühten, ſie war nicht dem Zufall ergeben genug, um eine Blume mit Liebt mich und Liebt mich nicht zu zerzupfen, ſie über⸗ legte, daß der Rautenkranzſohn allerdings ſeine Vor⸗ züge hatte, er ſtand ihr näher, ſie kannte ſeinen Lebens⸗ kreis genau und konnte ſich frei darin bewegen, auch war er gut geartet und leicht zu beherrſchen, nicht ſo ſehr wie Munde, aber doch noch lenkſam genug und ſie hatte ſich's ja einſt als ſchönſtes Ziel gedacht, Frau Rautenwirthin zu werden; aber Frau Amtmännin und 17* ——————— — 260 in Zukunft Frau Regierungsräthin— das iſt doch ſchöner und ein Narr iſt, wer das Höhere erreichen kann und ſich mit Geringerem begnügt. Fränz war entſchloſſen, den Blumenſtrauß des Amtsverweſers zu nehmen; aber während des langen Beſinnens hatte ſie vergeſſen, ob der in der Rechten oder der in der Linken von ihm kam, ſie waren ſo ähnlich. Jetzt er⸗ innerte ſie ſich, daß der in der Rechten der gültige war, aber in der Verwirrung hatte ſie die Sträuße niedergelegt und dieſes Merkmal zerſtört. Wenn aber kein rechtes Kennzeichen war, ſo konnte ja der Amts⸗ verweſer nichts merken? Wer weiß indeß, ob er nicht doch ein geheimes Kennzeichen hat. Fränz war ganz berauſcht von der blumenduftigen Werbung, ſie eilte die Treppe hinab und wollte den Kellner fragen, welcher Strauß von ihm ſei, aber nicht der Gedanke, welch' eine tückiſche Härte hierin lag, hielt ſie plötzlich feſt, ſondern die Erinnerung, daß ſie ja dann eine offen⸗ bare Entſcheidung machen müſſe und einen Freier aus der Hand gebe, bevor ſie des andern gewiß ſei und jetzt that ſich ein neuer und glücklicher Ausweg auf, ſie wollte gar keine Blumen mitnehmen und dem Amts⸗ verweſer ſagen, ſie habe deren ſo viele von unbekannten Verehrern bekommen, daß ſie Alle daheim ließ. Das wird ihn kirren und raſch zugreifen machen, und dann iſt die Entſcheidung da. Und ſo geſchah es auch. Wieder unter rauſchender Muſik wurde Fränz zum Zweiten male verlobt. Der Amtsverweſer hatte in un⸗ erklärlicher Zaghaftigkeit gewünſcht, daß die Verlobung 261 noch einige Zeit geheim gehalten werde, mindeſtens bis er ſeine täglich erwartete Beſtallung als vertreten⸗ der Staatsanwalt erhalten habe, aber Diethelm war nicht gewillt, nur einen Tag der Ehre verluſtig zu gehen, die ihm aus dieſer Verlobung ſeiner Tochter entſprang; er faßte den Einwand ſeines Schwieger⸗ ſohnes, daß er wegen des neu zu übernehmenden Amtes vor kommendem Frühling nicht heirathen könne, dahin feſt, daß Fränz während dieſer Zeit noch in ein Er⸗ ziehungs⸗Inſtitut, eine„Schnellbleiche,“ wie er es ſpöttiſch bezeichnete, gethan werde, um ihrer neuen Stellung gerecht zu ſein. Bis dahin wollte er auch ſein neues Anweſen in Buchenberg verkaufen, und wie er doch ſchon lange vorhatte, nach der Kreisſtadt ziehen. Die warme Quelle hatte weder Diethelm von ſeinem Froſte, noch ſeine Frau von der Abgeſtorbenheit ihrer Finger befreit, man getröſtete ſie der Nach⸗ wirkung. Nur Fränz hatte erreicht, was ſie wollte, und die Eltern erfreuten ſich bei der Heimfahrt im Sprechen über das Glück ihres Kindes und vergaßen darüber alle Körperleiden und alles Leid in der Seele. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wie ein Menſch aus höheren Regionen, der ſich beſcheidentlich herabläßt, mit niederen Erdgeborenen zu verkehren, ſo ging Diethelm durch Buchenberg; er hatte mit fürſtlichen Perſonen, mit hohen Staatsmän⸗ nern verkehrt und ein Staatsanwalt— denn ſolches war er geworden— war ſein Schwiegerſohn! Es dünkte ihn wie ein Traum, daß er ſein einziges Kind einſt einem armen Schäfer hatte geben wollen. Wenn er ſeiner That gedachte, war ſie ihm wie längſt ab⸗ gethan und die Gunſt der Großen, denen er ſo nahe geſtanden, erſchien ihm als Schild und Schirm, daß nie mehr auch der leiſeſte Verdacht ſich gegen ihn er⸗ heben dürfte. Wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr und bald darauf Briefe kamen, ſah Diethelm immer, ob keiner mit einem großen Siegel darunter ſei, der ihm einen Orden zubrachte oder irgend eine andere unverhoffte Auszeichnung. Es kamen aber meiſt Bettelbriefe von allen Orten, von den entfernteſten Verwandten, von Schulmeiſtern geſchrieben, die in hochtrabendem Tone den hochverehrten Herrn Vetter um Gaben und Darleihen baten. Diethelm glaubte 263 genug gethan zu haben und ließ ſie unbeantwortet. Am erfreulichſten waren noch die Briefe von Franz; zwar waren ſie in ſteifer ungelenker Redeweiſe, aber dieſe erſchien Diethelm grade recht ſchön und erbaulich, und von Brief zu Brief war die Schrift zierlicher und geläufiger, und Diethelm konnte nicht umhin, manche davon, beſonders aber die Briefe des Staats⸗ anwalts, durch den Vetter im Waldhorn vorleſen zu laſſen. Die Verehrung im Dorfe ſchien ihm indeß doch minder bedeutend, als die in der Stadt ſich darthat. Mit Martha, die er nun nicht mehr allein ließ, fuhr er oft dahin, um allerlei Hausrath zu kaufen. Er richtete ſich nur nothdürftig ein, da er ja bald wieder verkaufen wollte. Alles ließ ſich zu größter Beruhigung an, nur Martha war nicht aus ihrer beſtändigen Trauer und Kümmerniß zu reißen, und wenn Diethelm ſie damit abwies, ſagte ſie klagend: „Ich hab' ja ſonſt Niemand, dem ich mein Herz ausſchütten kann, und mir bangt vor dem neuen Hauſe, wo der Medard verbrannt iſt.“ Diethelm hörte ſie geduldig an, aber dieſes ewige Klagen machten ihn ſtumpf gegen die Vorherſagung der Frau, daß ſie den Einzug in's Haus nicht erleben werde. „Nur nicht prophezeihen,“ war ſeine beſtändige Rede, „das iſt das ſchlechteſte was man thun kann. Ich hab dir verſprochen, daß ich dich nie mehr allein laſſe, aber du treibſt mich aus dem Haus, wenn du ſo fort machſt.“ 264 Martha hatte in der That falſch prophezeiht, der Sommer ging zur Rüſte und im Herbſte zog ſie, abge⸗ ſehen von ihrem beſtändigen Leid, wohlbehalten in das wochenlang durchheizte neue Haus ein und nachdem das erſte Mißbehagen überwunden, ſchien ſie ſich deſſen zu freuen, zumal da Diethelm die junge Frau Kübler mit ihrem Kinde während der Abweſenheit der Fränz zu ſich in's Haus genommen hatte. Nun erlaubte er ſich auch allmälig ſeinem Ver⸗ ſprechen untreu zu werden und buchſtäblich hielt er es doch, wenn er wieder Tage und Nächte über Land blieb, Martha war ja nicht allein, die junge Frau mit dem Kinde war bei ihr. Wenn Martha ihn dennoch an ſein Verſprechen gemahnte, war er ungehalten und voll Jähzorn über dieſe unerträgliche Sklaverei und über dieſes ewige Erinnern an ein Verſprechen, das er ſchon von ſelbſt halte und viel lieber, wenn er nicht daran gemahnt werde. Er blieb nun mehr als gewöhnlich zu Hauſe und jetzt erkannte er deutlich eine ſchon oft flüchtig wahrgenommene Beobachtung: wenn er im lebhaften Verkehr mit Menſchen, und zwar mit recht vielen war, wich das Fröſteln von ihm, in der Einſamkeit aber war es immer wieder da, unabwendbar. Diethelm knirſchte über die neue Gefangenſchaft in der er ſich befand, und jetzt fiel ihm das Mittel des alten Schäferle ein. Er kaufte Erlenholz und ſägte Tage lang, als müßte er ſein Brod damit verdienen. Der ſtolze, in grünen Saffianpantoffeln ſtolzirende und alle ſchwere Arbeit verhöhnende Diethelm war in das Loos eines armen Tagelöhners verfallen, aber er war dabei doch froh, denn er fühlte in der That eine lange nicht empfundene Wärme und das Holz, das haufenweiſe in den Ofen geſteckt, ihn nicht von ſeinem Fröſteln befreit hätte, erwärmte ihn jetzt bei deſſen Verarbeitung. Vom Morgen bis zum Abend arbeitete er in dem Schuppen und lauſchte dann oft ſelbſtvergeſſen den wunderlichen Tönen der Säge; wie das klingt und ſchrillt beim erſten Einſchnitt und dann zum Kern des Scheites gelangend ſo dumpf tönt und wieder in's Schrille, Kurzathmige übergeht beim Ende des Durch⸗ ſchnittes. Mochte es aber klingen wie es wollte, wohlige Wärme durchſtrömte den Körper. Die Leute ſagten, der Diethelm ſei geizig geworden, ſeitdem ſein Reichthum geſtiegen ſei, er ließ ſich dieſe Nachrede, die ihm wieder zukam, gerne gefallen, denn auch im Geiz liegt ein gewiſſer Ruhm, da der Reichthum un⸗ bezweifelt iſt. Wenn er manchmal einen Tag in ſeiner mühſeligen Arbeit ausſetzen wollte, kam wiederum das Fröſteln über ihn, als wollte ſich alles Zurückgedrängte auf Einmal geltend machen und er mußte auf's Neue wider Willen an die unſcheinbare und doch ſo mühſelige Arbeit, als hätte ein Zauber ihn darin feſtgebannt. Es half nichts anderes. Da kam ein neues Ereigniß, das ihn von dieſer Arbeit und ſeiner häuslichen Gefangenſchaft befreite, ohne daß Martha zu einer Einſprache berechtigt war. Das Schwurgericht, das man in ſtürmiſchen Zeiten verheißen hatte, wurde jetzt nach Herſtellung der nöthigen Bauten in der That eingeſetzt. Der veränderten Zeit⸗ richtung zufolge wurden aber die Geſchwornen nicht nach allgemeinem Wahlrechte frei gewählt, ſondern die Amts⸗ verſammlung, beſtehend aus den meiſtens gefügigen Schultheißen und einem Theil der Obmänner wählte einen ſogenannten Siebenerausſchuß und dieſer ernannte die Geſchwornen aus der Zahl der Höchſtbeſteuerten und Nichtdemokraten. Eines Tages kam der Vetter Waldhornwirth haſtig mit der Landeszeitung in der Hand und ſagte zu Diethelm: „Da kommet ihr in der Zeitung, Vetter.“ „Ich? Wie?“ erwiderte Diethelm ſich verfärbend, und nahm mit Zittern das Blatt in die Hand. Er las die Liſte der Geſchworenen und als Dritter ſtand ſein Name. Lange ſtarrte er darauf hin und rieb ſich mehr⸗ mals die Stirne, er wollte den Schrecken vergeſſen, den er gehabt hatte, und jetzt war es ihm doch eine Freude, ſich gedruckt zu leſen; er äußerte dieß aber nicht, ſondern ſagte nur, daß er um Dispenſation bitte, da er in ſeinem Anweſen noch viel zu thun habe, und daß er auch ſeine Frau nicht verlaſſen dürfe. Martha entgegnete räſch: „Meinetwegen kannſt du's ſchon annehmen, im Gegentheil, mir iſt's lieb, wenn du auf ein paar Wochen fortgehſt, lieber als wenn du ſo all' Ritt ver⸗ ſchwindeſt, wie in den Boden geſunken.“ Der Vetter ſagte, daß Diethelm gar nicht ablehnen dürfe; man wiſſe nicht, was die Menſchen denken könnten, wenn er ſich davon losangle; das ginge ihn zwar nichts an, aber er dürfe es auch ohnedieß nicht, er habe das Schwurgericht zu allen Zeiten geprieſen, und jetzt müſſe er auch dabei ſein. Diethelm ſchäumte innerlich vor Wuth. So hatte ſeine Freiſprechung, alle die hohen Ehren, die er ge⸗ noſſen, nichts genützt; die Menſchen, die ſo unterwür⸗ fig waren, hegten noch immer einen Verdacht gegen ihn, der allzeit bereit war loszubrechen. Der erſtickte Argwohn in den Gemüthern glich der Flamme in einem niedergebrannten Hauſe, die immer wieder auf⸗ ſchlägt, ſobald man einen Balken weghebt. Diethelm verfluchte die ganze⸗Welt und zankte mit dem Vetter, als dieſer entſchuldigend ſagte, er habe noch nichts ge⸗ hört, von Niemand, er habe nur ſo gemeint. „Was haſt du vorzudenken, was andere Leute denken können, oder biſt du ſchlecht genug und blaſeſt den Leuten ſelber ein, daß ſie mich verunehren?“ „Ihr wiſſet ja, wie ich zu euch bin,“ ſagte der Vetter mit ſchelmiſch bedeutungsvollem Blicke. Diethelm ſah das und wieder kam ihm die Vermuthung, daß der, den er ſich am nächſten glaubte, ſchlimmen Verdacht gegen ihn hegte; aber das klügſte war doch, immer zu thun als ob er das nicht glaube; er ſagte daher: „Wenn's nicht anders iſt, nehm ich's an. Haſt recht Vetter, es kann mir eins ſein, was die Leut' denken und ich freu' mich auch bei meinem Schwieger⸗ ſohn zu ſein. Weißt was Frau? Geh mit.“ Martha verneinte und Diethelm wiederholte ſeinen Vorſchlag nicht. Denn wie Alles in der Welt ſeine vielfachen Gründe hat, ſo ging es auch hier. Diethelm wollte nicht nur zeigen, daß er keinen Gerichtshof ſcheue, er wurde auch der Oede im Hauſe und der ewigen Klagen ſeiner Frau erledigt, wenn er ſich davon machte. —— ——————— 268 Diethelm hatte bei der bald darauf folgenden Amts⸗ verſammlung die Genugthuung vom Amtmann Niagara, der ſo genannt wurde weil er im Geſpräche immer ein mächtig ſchätterndes Gelächter erhob, mit beſonderm Ruhme erwähnt zu werden, während den anderen mit Recht vorgehalten wurde, daß ſie gerne freie Staats⸗ einrichtungen hätten, aber dafür keinen Tag aufwenden wollten, ja daß ihnen ſchon jedes Wählen zu viel Mühe ſei. Diethelm ſah ſtolz und ſelbſtbewußt drein und bei dem gemeinſamen Mahle, das nach der Amtsverſamm⸗ lung gehalten wurde, erhielt Diethelm den Ehrenplatz neben dem Amtmann Niagara und half ihm tapfer lachen. Es gab beſonders viele Witzreden über Dieje⸗ nigen, die da gehofft hatten, daß den Geſchworenen reiche Taggelder aus der Staatskaſſe ausgeſetzt würden, der Steinbauer vor Allem mußte ſich viele Neckereien gefallen laſſen, weil er auf ſein Dispenſationsgeſuch einen abſchlägigen Beſcheid erhalten hatte. Der Ange⸗ griffene wagte es nicht, den Späßen des freundlichen Amtmanns entſprechenden Widerſtand zu leiſten und ohne ſich auf eine nähere Erklärung einzulaſſen, behauptete er, daß er doch noch frei werde. Noch nie kam Diethelm frohgemuther nach Hauſe als von der heutigen Amtsverſammlung und er wünſchte ſich, daß die Gerichtsſitzungen nur bald beginnen möchten. Die Ehrenbezeugungen von den Beamten thaten ihm gar wohl. Als der Tag der Abreiſe kam, wollte es Diethelm wiederum bange werden, es erſchien ihm als ein gefähr⸗ 269 liches Spiel, das er mit ſich treibe. Er nahm ſein eigen Gefährte nur bis G. mit, dort geſellten ſich im Eilwagen die anderen Geſchworenen zu ihm, der Stern⸗ wirth und der Steinbauer waren auch dabei. Es war das erſte Schwurgerichtstagen ſeit undenk⸗ lichen Zeiten und alle Mitwirkenden waren in feierlich gehobener Stimmung, der der Vorſitzende des Gerichts⸗ hofes und der Staatsanwalt wie der Altmeiſter der Rechtsanwälte beredte Worten gaben. Beſonders ein Wort des Vorſitzenden drang Diethelm in's Herz, denn er hatte geſagt: Ein Verbrechen, das ungeſühnt in der Seele ruht, gleicht dem Brande in einem Koh— lenbergwerke. Man ſtopft es zu und will das Feuer erſticken, aber es brennt weiter, unterirdiſch, ungeſehen, und eine Oeffnung die ſich aufthut läßt die Flamme emporſchlagen. Diethelm fühlte bei dieſen Worten, wie es wirk⸗ lich in ſeinen Eingeweiden brannte, und er hätte laut aufſchreien mögen vor Schmerz, aber er bezwang ſich, und als jetzt die Rechtsgelehrten der verſchiedenen Stellungen geſprochen hatten, trat eine Pauſe ein. Man erwartete eine Anſprache aus der Mitte der Ge⸗ ſchworenen. Einer ſtieß den andern an, er möge reden, und doch hätte jeder gerne ſelbſt geſprochen, die Pauſe dauerte peinlich lange, da erhob ſich Diethelm, er glaubte gerade beſonders zeigen zu müſſen, wie ſehr er die Bedeutſamkeit der neuen Einrichtung erkenne, die Worte des Amtmanns bei der Wahlverſammlung kamen ihm wohl zu ſtatten, und hatte er ſich vordem nicht geſcheut, mit fremdem Geld und Gut groß zu thun, —————— 270 ſo hatte es mit einem fremden Gedanken gewiß viel weniger auf ſich. Anfangs bebend, dann aber mit feſter Stimme wiederholte er, in ſeine Weiſe über⸗ tragen, jene Worte, und Alle ſtanden auf, als er plötz⸗ lich ſtotternd abbrach und die Hände faltend mit ge⸗ haltenem Tone das Vaterunſer ſprach. Bevor die Namen der Geſchworenen verleſen wur⸗ den, ließ der Vorſitzende durch den Gerichtsſchreiber ein ärztliches Zeugniß vortragen, das der Steinbauer beig ebracht hatte und ihn befreien ſollte. Nach kurzer leiſer Berathung erklärte der Schwurgerichtshof, daß die Befreiungsgründe nicht zureichend ſeien. Diethelm ſchaute mit triumphirendem Lächeln auf den Stein⸗ bauer, der aber keine Miene zuckte. Nun ging es an das Verleſen der Namen, und der Vorſitzende nahm bald rechts bald links die Zettel auf, die ihm die beiden Schwurrichter reichten und warf ſie in die Urne. Dieſes Aufraffen, Ausrufen und Verſenken der Namen hatte für Diethelm etwas eigenthümliches bang Räthſelvolles, es war ihm, als wäre er wie ſein Name in fremde Gewalt gegeben. Als jetzt die Namen aus der Urne gezogen wurden, ballte Diethelm bei jedem, der ausgerufen wurde, die Fäuſte, um keinen Schreck zu zeigen, wenn er den Seinigen hörte, aber er kam nicht. Beim Namen des Steinbauern ſprachen Staatsanwalt und Vertheidiger zugleich: Abgelehnt! worüber ein Lächeln in der Verſammlung entſtand, und der Vertheidiger mit höf⸗ licher Handbewegung die Ablehnung dem Staatsanwalt überließ. Der Steinbauer ſchaute herausfordernd auf Diethelm, ſeine Mienen ſagten: ich hab's gewußt, daß ich frei werde. Die zwölf Männer waren ernannt, und Diethelm war nicht unter ihnen; er athmete frei auf. Nun aber erklärte der Vorſitzende, daß er noch zwei Erſatz⸗ geſchworene auslooſe, und der erſte Name, der jetzt erſchien, war der Diethelms. Als er mit ſchweren Schritten nach der Geſchworenenbank an dem dichtge⸗ füllten Zuhörerraume vorüberging, hörte er dort ſagen: Schade, daß der nur Erſatzgeſchworener iſt, das wäre ein tüchtiger Obmann geworden. Diethelm ſchloß die Augen, als er in ſeinem Armſtuhl ſaß, der Ehrenzu⸗ ruf aus den Zuhörern hatte ihm ſein faſt ſtille ſtehen⸗ des Herz freudig bewegt. Durch ein Geräuſch wurde Diethelm aus ſeiner inneren Verſunkenheit erweckt, die Stühle rutſchten und brummten, die ganze Ruhe der Verſammluug kam plötzlich in Bewegung, dort auf der Erhöhung, wo das Gericht ſaß, war es dunkel geworden, denn der ganze Gerichtshof, in deſſen Rücken die Fenſter waren, hatte ſich erhoben, und nun ſprach der Vorſitzende den Geſchworenen mit feierlicher Stimme ihren Eid vor, und einer nach dem andern erhob die Hand und ſprach:„Ich ſchwör' es, ſo wahr mir Gott helfe.“ Es waren ruhige überzeugungsfeſte Stimmen und jeder, der es hörte, wie hier die innere Wahrhaftigkeit ſich laut betheuerte, mußte ergriffen und erſchüttert werden; es war eine rechtſprechende Ge⸗ meinde, darin ein Jeder aus Herzensgrund ſein Be⸗ kenntniß ausſprach, und über der ganzen Verſammlung ruhte eine ernſte Gehobenheit, denn die Heiligkeit des —— 2 Beginnens, der Geiſt der Wahrhaftigkeit ſchwebte dar⸗ über. Diethelm ſprach den Eid, und wie er die Hand emporhob, fühlte er's, wie wenn eine unſichtbare Macht ſeine Hand faßte, er ſenkte ſie nicht, bis er ſich nieder⸗ ſetzte und jetzt erſt eine Müdigkeit fühlte, als wären ihm die Kniee zerbrochen. Auf der Angeklagtenbank ſaßen zwei junge Männer des Complott⸗Diebſtahls beſchuldigt. Der verleſenen Anklage gemäß erſchien dennoch der eine mehr als Verführter. Der Staatsanwalt begründete in ſcharf⸗ ſinniger Weiſe die Anklage, ſeine Stimme hatte etwas zitternd melancholiſches und dieſes ſowohl wie ſeine Beweisführungen hatten ſo viel Beſtimmendes, daß der Nachbar Diethelms, der Schultheiß von Retting⸗ hauſen, ihm zuraunte: Die ſind ſchuldig. Diethelm antwortete nicht. Mit eingekniffenen Lippen und weit aufgeſperrten Augen betrachtete er die Angeklagten, dieſe finſter blickenden Augen, die nur bisweilen zuckten, dieſe ſtarren Züge, dieſe in einander gelegten Hände, dieſe Geſtalten mit ihrem ganzen Leben ſind in fremde Gewalt gegeben. Dort hinter den Angeklagten ſitzt der Landjäger, das gezückte Schwert erhoben. Wie es ſo gierig blinkt! Das iſt das Schwert der Gerechtigkeit über den Angeklagten ſchwebend. Immer und immer mußte Diethelm denken, wie es dieſen Menſchen zu Muthe iſt, wie die Blicke der Anweſenden ſie treffen müſſen wie ſcharfe Schwerter, er konnte dieſe Gedanken nicht los werden, bis er endlich die Hände zuſammen preßte, ein Schauer durchrieſelte ihn und zum Erſten⸗ 273 male betete er in innerſter Seele voll Reue über das Geſchehene. Vor ſeinen dreinſtarrenden Augen ver⸗ ſchwammen die Menſchengeſtalten, nur das blanke Schwert dort an der Wand blinkte und die Stimme des Staats⸗ anwalts tönte. Da erklärte der Vorſitzende die Verhand⸗ lung für dieſen Morgen als geſchloſſen und beraumte eine zweite Sitzung auf Nachmittag. Als jetzt Alles ſich erhob, rieb Diethelm lange die Stirne und wie taumelnd verließ er den Saal und drängte ſich dann hinaus als würde er feſtgehalten. Erſt in freier Luft fand er ſich ſelber wieder, er trat feſt auf und ſchaute zurück nach dem Gerichtsſaal wie ein Angelandeter dem ſchwankenden Schiffe nachſchaut, das er eben verlaſſen. Die Geſchworenen hatten ſich einen gemeinſamen Mittagstiſch in einem ihnen genehmen Wirthshauſe angeordnet und wie von ſelbſt war Diethelm hier der Vorſitzende, zumal da die wenigen„Herren“ unter den Geſchworenen ſich in einen vornehmeren Gaſthof begeben hatten. Diethelm fühlte ſich ganz wohl⸗ gemuth, er war feſt überzeugt, daß er heute alles Peinliche ſeiner Lage überwunden habe und daß nichts mehr über ihn kommen könne. Es waren hier die gewichtigſten Bauern eines ganzen Kreiſes verſammelt, die ſich zum Theil noch nicht perſönlich kannten, ſie fanden aber ſchnell eine Einigung und ſogar ein allgemeines Geſpräch; denn nichts vereinigt die Menſchen ſo leicht als eine Anhäng⸗ lichkeit oder ein Widerſpruch gegen eine Perſönlichkeit. Gegen den Steinbauern, der ſich bald nach ſeiner Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 18 274 Erledigung heim gemacht hatte, brannte wie beim Scheibenſchießen ein Jeder ſeine Kugel los. Man erzählte ſich, daß der Steinbauer das Gerücht verbreitet habe, er werde jeden unbedingt für ſchuldig erklären und darum werde er ſtets abgelehnt werden und könne daheim ausdreſchen. Diethelm fand in dem Schultheiß von Rettinghauſen und in einem jungen Manne zierlichen Angeſichtes, es war der Gemeindeſchreiber von Reindorf, fertige Beihülfe, die mit ihm die Gewiſſenloſigkeit und Niedrigkeit eines ſolchen Gebarens brandmarkten und ſchon jetzt zeigte ſich die unverwüſtliche Ehrenhaftigkeit des Volkscharakters, die nur der rechten Erweckung bedarf, ein Jeder betheuerte mit aufrichtigen Worten, daß er ſich nicht um Vieles von einer ſo ſchönen Ehrenſache losmachen möchte und wenn nur die Schwur⸗ gerichte beſonders zur Winterszeit wären, möchten ſie immer dabei ſein. Das Geſpräch verlief ſich nach allen Seiten, und Diethelm ärgerte ſich, daß von ſeiner Rede bei Eröff⸗ nung des Schwurgerichtes gar keine Erwähnung ge⸗ ſchah; er war nicht der Mann, der eine glorreich vollbrachte That gerne unbeachtet ſah. Nach Tiſche hatte er indeß die Genugthuung, daß ſein Schwiegerſohn, der als Aſſeſſor bei dem Gerichtshofe war, zu ihm kam und ſich zu ihm ſetzte und bald drängte ſich eine große Menſchenmenge aus allen Gegenden zu ihm, theils alte Bekannte, theils neue, die ihn wegen ſeiner ergreifenden Rede kennen lernen wollten. Diethelm klagte indeß ſeinem Schwiegerſohne, daß ihn die Sache doch mehr angreife als er erwartet habe, und beſonders das lange 2 75 ruhige Sitzen werde ihm peinlich, der Aſſeſſor getröſtete ihn aus eigener Erfahrung, daß er ſich ſchon daran ge⸗ wöhnen werde und Diethelm lächelte, als er hörte, daß er als Erſatzgeſchworener nicht mit zu urtheilen habe. „So bin ich nur Vorſpann für die Gefahr,“ ſagte Diethelm und dieſes Wort ſetzte ſich feſt und ſeit jener Zeit nennen die Geſchworenen die Erſatzgeſchworenen „den Vorſpann.“ Als man am Nachmittage wieder in den Gerichts⸗ ſaal kam, war die Weihe des erſten Eindruckes zwar verſchwunden, aber der Ernſt des Unternehmens blieb, und Diethelm fühlte ſich noch beſonders beruhigt, da er nicht zu urtheilen hatte, er lehnte ſich bequem in ſeinem Stuhle zurück, er betrachtete ſich den Saal, der ſich in einem alten Deutſchmeiſterhauſe befand, aber aus den übereinanderpurzelnden Genien und halbnackten Kriegern an dem Deckengemälde, ſowie aus den Stuck⸗ arbeiten an den Wänden konnte man nicht klug werden. So oft ein neuer Zeuge beeidigt wurde, ſchreckte Diet⸗ helm zuſammen, dieſes plötzliche geräuſchvolle Sicher⸗ heben der ganzen Verſammlung machte immer von Neuem einen gewaltigen Eindruck, über die Zeugen aber war Diethelm meiſt ſehr ungehalten; das war ein unbehülfliches Hinſtellen und ein Stottern, als ob ſie nicht drei Worte zuſammenhängend ſprechen könnten. Diethelm fühlte, daß er mit Recht eine bevorzugte Stellung in Anſpruch nahm. Hätte der Vorſitzende nicht mit Milde und Klugheit und unverwüſtlicher Ge⸗ duld, ſowie beſonders durch Erfragen unverfänglicher Gegenſtände, die Zeugen zum Sprechen und zur Sicher⸗ 18 276 heit des Sprechens gebracht, man hätte kaum etwas erfahren. Dem Benehmen der Angeklagten widmete Diethelm dabei eine beſondere Aufmerkſamkeit, bald der eine, bald der andere vergaß ſich und ſchaute ſorglos und keck darein, bis er ſich oft plötzlich beſann und ſich faßte, und während des Zeugenverhörs ſchärfte ſich oft der Hauptangeklagte die Lippen, indem er mit der Zunge dazwiſchen hin und her fuhr, ſtemmte die Hand in die Seite, raffte ſich zuſammen und richtete ſich auf. Waos geht in dieſen Menſchen vor? Mitten durch's Herz fühlte Diethelm einen Stich, als er hörte, wie die beiden Angeklagten, die doch Brüder in der That waren, jetzt vor Gericht als die vitterſten Feinde einander gegenüber ſtanden und ſich wechſelſeitig anklagten. So wären Diethelm und Medard einander gegen⸗ über geſtanden. Diethelm zuckte zuſammen und fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht. Er ſchaute frei umher und dann auf ſeine Mitgeſchworenen, er erin⸗ nerte ſich, wo er ſaß. Drei volle Tage mit doppelten Sitzungen dauerte die erſte Verhandlung und bei aller ehrenhaften An⸗ hänglichkeit an das Gerichtsverfahren klagten die Mit⸗ geſchwornen doch auch manchmal über das fremde Leben in fremder Stadt; ſie fühlten ſich unbehaglich, beſtändig in Sonntagskleidern und der Handarbeit ledig umher zu gehen, dennoch betheuerte Jeder, daß er nicht davon ſein möchte und Diethelm hatte nur gegen 277 die Behauptung Einſprache zu erheben, daß man die Sache zu weitläufig behandle. Der Schultheiß von Rettinghauſen, der gleich Anfangs ſich für ein Schuldig entſchieden hatte, erklärte jetzt, daß dieſes genaue Er⸗ örtern doch einem erſt die Augen öffne und jene ſelt⸗ ſame Seelenſtimmung trat in Vielen zu Tage, wo man bald mit Beſtimmtheit ein Schuldig ausſprechen möchte, bald zweifelvoll iſt und wiederum ein Nicht⸗ ſchuldig ſich herausſtellen will. Der Schultheiß erwarb ſich das Lob eines guther⸗ zigen Menſchen, da er darlegte, daß man ſich nicht, um zeitig zu ſeinem Mittageſſen oder zu ſeinem Schoppen zu kommen, verleiten laſſen dürfe, über das ganze Lebens⸗ ſchickſal eines Menſchen raſch den Stab zu brechen. Diethelm wurde ſtaunend angeſehen, als er ſagte, ihm gehe es jetzt, wie ihm der Doctor von G. einmal erzählt habe. Als dieſer zum Erſtenmal von der Ana⸗ tomie kam, ſah er immer nichts als aufgeſchnittene Menſchen vor ſich, und ſo gehe es ihm jetzt auch. Als endlich am dritten Abende die Verhandlung geſchloſſen wurde und die Geſchworenen ſich mit den Fragen zurückzogen, war Diethelm froh, daß er nur Vorſpann geweſen war und zurückbleiben durfte. Die Geſchworenen kamen bald zurück. Der Schultheiß von Rettinghauſen war Obmann, und erklärte die beiden Angeklagten für ſchuldig. Als die Verbrecher abgeführt wurden, machte ſich Diethelm raſch davon, aber unverſehens war er an den unrechten Ausgang gekommen, und ſah plötzlich den Landjäger mit bloſem Schwerte hinter ſich. Glück⸗ 278 licherweiſe klopfte ihm ſein Schwiegerſohn auf die Schulter und nahm ihn mit durch die Gerichtsſtube. Am andern Tage bei einer neuen Verhandlung blieb der Name Diethelm in der Urne und der Stein⸗ bauer wurde richtig wiederum abgelehnt. Diethelm wußte zwar nicht, was er zu Hauſe be⸗ ginnen ſollte, aber weil er auf mehrere Tage frei war, kehrte er doch heim. Verwundert ſah er auf dem Wege, wie das Leben der Menſchen ſeinen gere⸗ gelten Gang fortgeht, ſie alle dachten nicht an die dro⸗ henden Gerichtsverhandlungen und wie jetzt zwei Männer auf Jahrzehente aus der Mitte der Menſchen geriſſen waren. Still und in ſich gekehrt weilte Diethelm daheim und nur Abends beim Spiele war er lebendig. Die Leute wunderten ſich, warum er ſo wenig vom Schwur⸗ gerichte erzählte, er aber wollte es ſich aus dem Sinne ſchlagen, und kehrte mißmuthig wiederum am zweiten Dienſtag nach der Kreisſtadt zurück. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der erſte Mann, der Diethelm begegnete, war der Steinbauer, er ſchien ihn nicht mehr zu kennen, und in der That hatte ſich die Erſcheinung Diethelms auf⸗ fallend verändert. Er trug jetzt einen dunkelblauen Rock mit Kummetkragen, Batten und dunkeln ſeiden⸗ beſponnenen Knöpfen, dazu eine ſchwarze, bis an den Hals geſchloſſene Atlasweſte und lange dunkelblaue Hoſen, nur der Hut war der alte geblieben. Theils um ſelber die kennzeichnende Bauerntracht los zu ſein, theils auch um, wie er hoffte, ſich ſeinem Schwieger⸗ ſohne genehmer darzuſtellen, hatte Diethelm ſeine Er⸗ ſcheinung verändert; überhaupt aber wollte er in jeder Weiſe ein anderer Menſch ſein, er hatte ſich genugſam über die Weichmüthigkeit geärgert, die ihn an dem Schickſal der abgeurtheilten Diebe ſo beſondern Antheil nehmen ließ, daß er noch tagelang dachte, wie ſie auf den Schub gebracht, im Zuchthaus eingekleidet und in ein fremdes Daſein gebracht werden. Er ſuchte gewaltſam ſeinen alten Stolz wieder hervor und ſtellte ſich hoch über „das Lumpenpack, das nichts hat und nichts vermag.“ Als er zu ſeinem Schwiegerſohne kam, bedauerte dieſer, daß Diethelm ſeine ihm wohl anſtehende Tracht 280 abgelegt habe. Er ging aber bald davon ab und berichtete mit dem freudigen Bangen, das ein Offizier vor der erſten Schlacht empfinden mag, daß er andern Tages ſtell⸗ vertretender Staatsanwalt ſein werde, und zwar in der Angelegenheit Reppenbergers, der erſt vorKurzem einge⸗ bracht, aber noch in dieſer Gerichtsperiode abgeurtheilt werde, ſowohl um ihn nicht noch auf ein Vierteljahr im Salz liegen zu laſſen, als auch um raſch ein abſchreckendes Beiſpiel für das überhand nehmende Verbrechen zu geben. „Ich kenn' den Reppenberger, was hat er denn? Ich hab noch gar nichts davon gehört,“ ſagte Diethelm. „Der Fall iſt eurem gleich,“ erwiderte der ſtell⸗ vertretende Staatsanwalt,„er hat eine Branntwein⸗ brennerei, hat ſie hoch verſichert, angezündet und ſich davon gemacht, er hat aber nicht an den Zugwind gedacht und das Feuer iſt zu früh ausgebrochen, am hellen Tag und man hat gelöſcht und gefunden, daß die Fäſſer, in denen Branntwein ſein ſollte, nichts als Waſſer enthalten. Zwölf Jahr Zuchthaus ſind ihm gewiß. Es iſt Brandſtiftung und Defraudation.“ „Das iſt ein ſchöner Spaß.“ „Wie ſo Spaß?“ „Ich hätt' nicht glaubt, daß Sie mit mir ſo einen Spaß machen. Das laſſen Sie ſich geſagt ſein, das iſt ein Punkt wo man mich nicht anfaſſen darf, da bin ich kitzlich und hau um mich, ſei es wer es wolle, da verſteh ich keinen Spaß.“ Der Schwiegerſohn betheuerte, daß er nur ernſte wirkliche Thatſachen berichtet habe und ſah Diethelm verwundert an, dieſer erkannte ſchnell, daß er ſich 281 anders gebaren müſſe und ſeine geübte Verſtellungskunſt kam ihm zu ſtatten, er that als ob er den Vorgang mit Reppenberger ſchon längſt kenne und nur darüber ge— ſcherzt habe, da der Schwiegerſohn vorausſetzen könne, daß er ſich von dieſer Sache dispenſiren laſſe, da ihn dieſe Verhandlungen überhaupt doch zu ſehr angriffen und zu⸗ mal beim Reppenberger, der ein alter Bekannter von ihm ſei. Der Schwiegerſohn bemerkte, daß es Aufſehen machen werde, wenn ſich Diethelm gerade hievon dis⸗ penſiren laſſe, er ſolle vielmehr ihm zu lieb dabei ſein. „Warum euch zu lieb? Habt ihr auch noch was im Hinterling gegen mich?“ fragte Diethelm und ſeine Augen rollten. „Ich meine mir zu lieb, weil ich gerne möcht', daß mein Schwiegervater dabei wär', wenn ich zum Erſten⸗ mal im Feuer ſtehe.“ „Ich kann ja auch als Zuhörer dabei ſein,“ ſchloß Diethelm, brach ab und plauderte mit ſeinem Schwieger⸗ ſohne über allerlei voll heiterer Laune. An Abend machte ſich Diethelm auf zu dem Rechts⸗ anwalt Rothmann, der der beſtellte Vertheidiger Rep⸗ penbergers war, dieſer mußte ihm den Gefallen thun und von ſeinem Rechte Gebrauch machen, die ihm nicht genehmen Geſchworenen abzulehnen und dafür aus der Ueberzahl einen anderen zu nehmen. Erſt im Zimmer Rothmanns fiel ihm ein, daß ſolch' eine Bitte gefähr⸗ lich und nutzlos ſei. Gerade weil er ein alter Freund Reppenbergers war, mußte deſſen Vertheidiger ihn feſthalten. Er ſprach daher auch mit Rothmann allerlei, aber nichts eigentlich über die Angelegenheit Reppen⸗ ——— bergers. Nur beiläufig bemerkte er, daß die Ge⸗ ſchworenen bös geſtimmt werden, wenn man Sachen, die nicht daher gehören, anbringe. Er hoffte, daß ihn Rothmann verſtanden habe und von dem ähnlichen ihn betroffenen Fall nichts erwähnen werde. Roth⸗ mann nickte ſtill. Es kam Diethelm der Gedanke, zu dem Vorſitzenden zu gehen und ihm zu ſagen, daß er heim müſſe, ſeine Frau ſei todtkrank, aber er wagte es doch nicht, dies auszuführen, und er ſchlug ſich nach vielem Beſinnen auf die Stirn, da er ſich erinnerte, daß der Vorſitzende ja kein Ablehnungsrecht habe. Er ging noch in das Wirthshaus, wo ſich in der Regel die Geſchworenen verſammelten, und hier kam es endlich zu heftigem Streit zwiſchen ihm und dem Steinbauer, deſſen ſicherer aber auch boshafter und gern verurthei⸗ lender Charakter ihm ſtets zuwider geweſen war. Mit beſonderm Behagen und liſtigem Augenzwin⸗ kern ſpielte der Steinbauer wiederholt darauf an, daß ſie morgen einen Schwarzkünſtler(ſo nannte er ſtets ſpöttiſch die Brandſtifter) einthun wollten, damit die Brandſteuer nicht immer wachſe. Anfangs hörte Diethelm ruhig zu, bis er glaubte, daß Stillſchweigen ihm mißdeutet würde, und bald war er mit dem Steinbauer im heftigſten Streite. Der Steinbauer, der ſtets ſo kaltblütig und wortkarg war, zeigte ſich unbändig wild, wenn er in Zorn gebracht wurde. Es ließ es an gedeckten und doch bitter häſſigen Reden gegen Diethelm nicht fehlen, und nur dem Schultheiß von Rettinghauſen gelang es, Thätlichkeiten zu vermeiden. Als trüge er noch all' das Lärmen und Schreien 283 im Kopf, ſo wirr kam er endlich in ſeinem Quartiere an und faßte den feſten Vorſatz, noch das Letzte zu thun und ohne ein Zeichen der Betroffenheit den morgenden Verhandlungen beizuwohnen. Mitten in der Nacht erwachte er, er war an einem Schrei aufgeſchreckt, den er noch wachend zu vernehmen glaubte. Er hatte im Traume ſeine Frau krank ge⸗ ſehen, und ſie rief ihm mit ſo jammervoller Stimme, daß ſein Herz noch laut pochte. Er machte ſich raſch auf, verließ das Haus und die Stadt und eilte heim⸗ wärts. Immer feſter glaubte er daran, daß ſeine Frau mit dem Tode ringe und nicht ſterben könne, bis er bei ihr ſei, und daß ſie noch im Tode ihn ſo ſehr liebte, daß ſie ihn wegrief von all' den Schrecken, die ſeiner harrten, und denen er vielleicht doch nicht Trotz bieten könne. Die nie ganz erloſchene Zuneigung zu ſeiner Frau flammte in ihm auf, und weinend wie ein Kind rannte er dahin. Am Herbſthimmel ſchoſſen Sternſchnuppen in weiten Bogen hin und her, und mit vertrauender Innigkeit ſprach Diethelm beim Auf⸗ blicke den Wunſch aus, daß ſeine Frau leben bleiben und Alles mit ihnen gut ſein möge. Kaum eine Stunde war Diethelm gegangen, als er vor einem Berge wie feſtgewurzelt ſtand. Wehe! Von der Bergesſpitze herunter kam wie aus dem Himmel heraus eine Heerde Schafe, die blökten ſo jämmerlich, wie damals in den Flammen. Diethelm ſetzte ſich nieder und wuſch ſich die Augen mit dem Thau, der auf dem Graſe lag, er wollte gewiß ſein, daß er nicht träume. Er ſchlug die Augen auf, aber immer 284 näher, immer näher kam es wie ein Hirt und eine Heerde und aus der Bruſt Diethelms rang ſich der Schrei los: „Was willſt du?“ Keine Antwort. Im Laub auf dem Wege raſchel⸗ ten Schritte. Iſt das der Gang des Geiſtes? Es nahte ſich und jetzt ſtand es vor ihm. „Seid ihr's Diethelm?“ ſprach eine Stimme. „Biſt du's Munde?“ rang Diethelm heraus. „Ja. Wie kommt ihr daher? Was habt ihr? Aber das geht mich nichts an. Eure Frau ſchickt mich zu euch, ihr ſollet gleich heim kommen, ſie liegt ſchwer krank. Jetzt hab' ich's ausgerichtet, und nun red' ich kein Wort mehr mit dem Diethelm, ſo lang er lebt.“ „O Himmel! O Himmel! Ich hab's geahnt, daß meine Frau todtkrank iſt,“ ſchrie Diethelm.„Hilf' mir auf Munde, ich kann ja nicht aufſtehen.“ „Meinetwegen. So,“ ſagte Munde, ihn aufrich⸗ tend,„ihr ſeid mein Feind, aber ich will's doch thun.“ „Ich bin nicht dein Feind, gewiß nicht, gewiß nicht Munde, glaub' mir. Meine Frau weiß das auch. Warum hat ſie juſt dich geſchickt?“ „Sie hat mich grad' in der Stunde, wo ich zum Manöver fortgewollt hab, rufen laſſen und hat mich noch gebeten, euch gut Freund zu ſein. Ich hab's ihr aber nicht verſprechen können. Nie, nie werde ich euch gut Freund, ſo gerne ich auch eurer Frau noch was Gutes gethan hätt'. Ich muß meinem Vater vor Allem Wort halten und lügen kann ich nicht, auch nicht zu einem, der ſtirbt. Ich hab' eurer Frau verſprochen, euch gleich zu melden, daß ihr heimkommen ſollet. Ich 285 hab' mein Verſprechen gehalten und will nicht darnach forſchen, warum ihr in einſamer Nacht da umherlauft. Daneben leg' ich euch nichts in den Weg, vor mir kann der Diethelm ruhig ſein, wenn er's vor ſich auch kann.“ Schnell eilte Munde davon und hörte nicht darauf, daß ihm noch Diethelm nachrief er möge ihn begleiten. Wie traumwandelnd ging Diethelm in die Stadt zurück. Im Umſchauen gewahrte er wieder die zerſtreuten weißen Punkte auf dem Berge und jetzt erinnerte er ſich, daß das ja nur Kreidefelſen waren, die hier zu Lande auf den Bergen liegen gelaſſen werden, um die Dammerde vor Abſchwemmung zu wahren. Im Wirths⸗ hauſe ſchrieb er einen Brief an den Vorſitzenden und ſchickte ihn doch nicht ab, er wartete mit Ungeduld auf den Morgen und eilte in aller Frühe zu dem Vorſiz⸗ zenden, ihm ankündigend, welche Botſchaft ihm ein Soldat gebracht, den er genau bezeichnete. Der Vor⸗ ſitzende entließ ihn und Diethelm hörte kaum, daß heute ohnedieß keine Sitzung ſei. Noch einen Augenblick ſah er ſeinen Schwiegerſohn und bat ihn, Fränz von dem Geſchehenen zu benachrichtigen, dann fuhr er mit Extra⸗ poſt heimwärts, er fand aber ſeine Frau nicht mehr am Leben und hörte nur von der Frau Kübler wie innig ſie ſeiner gedacht und immer gerufen habe:„Du biſt unſchuldig. Du biſt mein braver Diethelm.“ In ſeinem aufrichtigen Schmerze tröſtete ihn der Gedanke, daß ſie mit dieſem Bewußtſein geſtorben war. Er machte eine namhafte Stiftung zu ihrem Andenken und war überaus mild und freigebig. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Von Fränz war ein Brief aus der Kreisſtadt gekommen, ſie hielt ſich dort bei den Eltern ihres Bräutigams auf und hatte die Todesnachricht erfahren, und fragte ob ſie nun dennoch heimkommen ſolle und wenn dieß der Vater wünſche, möge er ihr Jemand zum Geleite ſchicken, da es nicht mehr für ſie paſſe allein zu reiſen. Dieſer Brief war für Diethelm voll Betrübniß, er ſah darin auf's Neue die Herzloſigkeit ſeines Kindes, das nicht über Alles hinweg zu ihm eilte, um ihn nicht allein ſeinem Schmerze zu überlaſſen und am Grabe der Mutter mit zu weinen. Ja, Diethelm fühlte, daß er in ſeiner Frau nicht nur eine treue Ehegenoſſin, ſondern auch eine mütterliche Sorgfalt verloren, die allzeit feſt und unbeirrt ihm ſich zuwendete. Er ging im Dorfe mitten unter den Menſchen umher wie ein in Waldesdunkel verirrtes Kind, ſo verlaſſen, ſo hülflos erſchien er ſich. Was nützte ihm all' die Ehrerbietung und zuthunliche Theilnahme der Menſchen? Das waren doch nur Bettelpfennige, die man dem Hülfloſen am Wege zuwirft und ein Jedes ging ſchließlich doch ſeinem eigenen Lebenskreiſe und ſeiner 287 Luſtbarkeit nach und ließ ihn mit ſich allein. Mit der jungen Frau Kübler zankte Diethelm ſtets, ſie machte ihm nichts recht, das war Alles anders geweſen zu Lebzeiten der Meiſterin. Der Vetter Waldhornwirth hatte ihn gar noch gekränkt, denn als ihrn Diethelm über das herzloſe Weſen der Fränz Klage führte, hatte er geſagt: „Ich wüßt' was ich thät', das hoffährtige Mädchen bekäme mir eine junge Mutter. Ihr ſeid ein Mann in den beſten Jahren und ich will für euch freiwerben, ich weiß, wo ich anklopfe wird mir aufgemacht. Ein neues Haus und eine neue Frau.“ Diethelm ſchrieb der Fränz, ſie ſolle an einem beſtimmten Tag in der Kreisſtadt ſeiner warten und er bereitete nun Alles vor, um Buchenberg auf ewig zu verlaſſen, einſtweilen, bis er einen ſchicklichen Käufer gefunden, übergab er dem Vetter Waldhornwirth Alles zur Ueberwachung, es gingen aber doch noch Tage darauf bevor er fortkam, da waren noch hunderterlei Sachen abzuwickeln und dieſe Tage wurden zur höchſten Pein; der Geiſt, der aller gewohnten Umgebung bereits Ade geſagt und doch noch mitten in ihr ſteht, erſchien wie ein ruheloſes Geſpenſt, das noch umwandeln muß. Endlich am zehnten Tage nach ſeiner Rückkehr fuhr Diethelm allein mit ſeinen Rappen davon. Er drückte den Hut tief in die Stirne und ſchaute nicht rechts und nicht links und erſt als er die kalte Herberge hinter ſich hatte, athmete er frei auf. Das Reiſen im friſchen Herbſttage, das Fahren im eigenen Gefährte belebte ihn wieder neu und am zweiten 288 Mittage kam er wohl gekräftigt in der Kreisſtadt an. Fränz, die er bei den Schwiegereltern traf, klagte und weinte viel und doch ſchien es Diethelm als ob ſie Manches nur erkünſtle, um vor den Schwiegereltern als gute Tochter zu erſcheinen, ſie ging ſo ſtraff und aufrecht umher, ihre Trauerkleidung war ſo wohlgeordnet, ſie erſchien darin ſchöner als je und trug gekräuſelte Scheitelhaare. Diethelm betrachtete ſie oft ſtill forſchend als wäre ſie gar nicht ſeine Tochter und in der That war Fränz eine zierlich ſchlanke Dame geworden, nur die breiten Hände, die ſich noch durch Flormanſchetten beſonders hervorhoben, zeigten die ehemalige Bäuerin. Als ſie einen Augenblick mit dem Vater allein war, ſagte ſie ſchnell: „Der Munde iſt auch in der Stadt, er iſt beim Manöver, ich hab ihn geſehen.“ „Was geht dich der Munde an?“ entgegnete Diethelm zornig und noch ehe etwas erwidert werden konnte, trat der Schwiegerſohn ein, er trug einen Flor um den Hut und ſprach aufrichtige Worte des Mitgefühls um den Tod der Schwiegermutter. Diethelm ſchwieg und lange redete keines der Anwe⸗ ſenden ein Wort. Der Staatsanwalt hielt ſtill die Hand der Fränz, die auf dem Tritt am Fenſter ſaß. Diethelm fragte endlich nach den Gerichtsverhandlungen, von denen er gar nichts mehr gehört und wie die Sache Reppenbergers ausgegangen ſei. „Die iſt noch nicht aus,“ erhielt er zur Antwort ſie iſt die letzte Tagesordnung für morgen. Der Schelm hat ſich krank gemacht, er hat den Kalk von ſeinen 289 n. Gefängnißwänden abgefreſſen, ſo daß er ganz ſchwarz d wurde, es iſt möglich, daß er ſich tödten wollte, es ſie kann aber auch ſein, daß er nur ſeine Unterſuchungs⸗ m haft noch um ein Vierteljahr hinaus zu ziehen hoffte, nd aber wir haben ihn ſo hergeſtellt, daß er morgen vor et, die Bank der Zwölf Männer kommt, und Sie müſſen le dabei ſein Schwäher, Sie müſſen.“ Diethelm preßte die Lippen feſt zuſammen und at träppelte mit den Füßen raſch auf den Boden. Hatte ut denn der Teufel ſein Spiel mit ihm, daß er ihm dieſe en Geſchichte aufbewahrte und ſie ihm wie einen Fallſtrick in. abermals vor die Füße warf? n,„Ich muß? Warum muß ich? Wer kann mich zwingen? Ich bin dispenſirt. Wer will mich zwin⸗ in gen?“ ſagte er endlich und bebte in allen Gliedern. Der Staatsanwalt erwiderte, es ſei gut, daß das in Niemand anders gehört als er, er ließ die Hand der t Fränz los und fuhr fort zu berichten, daß der Advokat en Rothmann, der Vertheidiger Reppenbergers darauf be⸗ n ſtehen werde, Diethelm auf der Schwurbank zu ſehen, laſſe er es darauf ankommen, daß der Gerichtshof 6 darüber entſcheide, ſo mache das großes Aufſehen und d rühre Altes, Eingeſchlummertes wieder auf, das ohne⸗ n hin ſich ſchon wieder geregt habe, drum ſei es am u Beſten Diethelm melde ſich freiwillig. de„Das thu ich aber nicht,“ ſagte Diethelm auf⸗ ſtehend,„ich nehm' meine Fränz mit und reiſe noch in n dieſer Stunde nach Buchenberg. Was redet man von mir? Saget's frei heraus.“ Mit der größten Behutſamkeit erzählte der Staats⸗ Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 19 290 anwalt, daß ſchon, als Diethelm ſo raſch abreiste, ſich von Böswilligen ein verdächtiges Gerede über ihn kundgegeben habe, für deſſen erſten Urheber er den Steinbauer halte. Als ſich nun herausgeſtellt, daß die 6 Schwiegermutter wirklich geſtorben ſei, habe Alles ge⸗ ſchwiegen. Wenn er aber jetzt abreiſe, gerade bevor man die Thüre zu dieſer Verhandlung öffne, werde ſich der Verdacht wieder regen und er ſei es ſich und ſeinen Kindern ſchuldig, gerade zu zeigen, daß er jeder Oeffentlichkeit ſich mit freier Stirne blosſtellen könne. Diethelm weigerte ſich noch immer, und Fränz ſtellte ſich auf ſeine Seite, indem ſie zu ihrem Bräutigam ſagte: „Guſtav, du biſt ſonſt ſo lieb und gut und biſt ein Herzenkenner, aber du kannſt nicht ermeſſen, wie ſchwer das Gericht halten dem Vater ankommt. Du biſt es das ganze Jahr gewöhnt.“ „Ja, ihr ſeid Menſchenmetzger und habt kein Mit⸗ leid mehr,“ fuhr Diethelm auf. Der Staatsanwalt ſchluckte den Aerger über dieſen Vorwurf hinab, und ſagte die Hand Diethelms faſſend: „Jetzt ſag ich wirklich, thun Sie es mir zu lieb, ich kann es um Ihrer und meiner Ehre willen nicht dulden, daß nur ein Augenblinzeln meiner Collegen den beleidige, den ich Vater nenne. Thun Sie es, ſo hart es Sie auch ankommt, um unſerer Ehre willen. Ich bitte dringend.“ „Brauchen nicht ſo bitten,“ ſagte Diethelm mit * 3 preßter Stimme, denn es wollte ihn bedünken, daß ſein Schwiegerſohn auch nicht frei von Verdacht war, 5„brauchet nicht ſo bitten. Ich thu's, ich thu's.“ Der Staatsanwalt wollte ihn umarmen, aber Diethelm wehrte ab. Alles war nun ſo heiter, als es die Trauerpflicht zuließ, und ohne noch irgend ein Bedenken in ſich auf⸗ kommen zu laſſen, ging Diethelm zu dem Vorſitzenden und meldete ſich freiwillig. Es wird ja noch immer gelvost und kann frei ſein und iſt es nicht, ſo wollte er ſich als Mann zeigen, beſchwichtigte er ſich. Seine ganze trotzige Kraft war wieder in ihn zurückgekehrt. Am Morgen, als die Gerichtsverhandlungen be⸗ gannen, wurde Diethelm von ſeinen Schwurgenoſſen herzlich bewillkommt, nur der Steinbauer blickte vor ſich nieder und Diethelm heftete ſeinen Blick ſo lange auf ihn, bis er aufſchaute und dann wie getroffen das Haupt wieder ſenkte. Das war ein Triumph, der ſchon viele Beſchwerden aufwog. Auch der Rechtsan⸗ walt Rothmann bewillkommte Diethelm herzlich und lobte ihn wegen ſeines Wiederkommens. Bei jedem Namen, der aus der Urne gezogen wurde, war Diet⸗ helm voll Spannung und er hatte die wirkliche Freude, daß ſchon die Zahl elf voll und er noch nicht unter den Gezogenen war; aber nun machte Rothmann von ſeinem Ablehnungsrechte Gebrauch und verwarf ſechs der Ausgeloosten bis Diethelm endlich als Letzter doch noch unter die Zahl der Geſchwornen kam. Er nickte ruhig und ſetzte ſich auf ſeinen Platz. Im Gerichtsſaale war der Zuhörerraum, der nur durch ein Gitter abgeſchieden war, gedrängt voll und in der Loge der Schwurbank gegenüber ſaß ein Mäd⸗ chen in Trauerkleidern, es war Fränz, die mit doppelt 10. —— — — 292 bangen Gefühlen Vater und Bräutigam in öffentlicher Wirkſamkeit ſah. Sie hatte ſich kindiſch gefreut, als dieſer am Mor⸗ gen bei ihr eingetreten war in der ſchönen Uniform, ſie hatte den blauen Militärfrack mit amaranthrothem Kragen, das Bandelier mit dem goldgefäßigen Degen und den Treſſenhut mit wahrem Jubel bewundert. Die Anklageſchrift wurde verleſen und der Staats⸗ anwalt ſchilderte mit hinreißender Beredtſamkeit die Verruchtheit eines Verbrechens, das immer mehr über⸗ hand zu nehmen drohe, Eigenthum, öffentliches Ver⸗ trauen und öffentliche Moral tödte, und beſchwor die zwölf Männer aus dem Volke durch ihr Schuldig dieſer Alles verheerenden Ruchloſigkeit einen Damm zu ſetzen. Fränz beugte ſich weit heraus, die glänzende Rede ihres Bräutigams, ſowie ſeine Erſcheinung mußten ihr ſehr gefallen. Reppenberger benahm ſich klug und gewandt mitten in allem Kreuzverhör und wußte Alles auf die unſchuldigſte Weiſe zu erklären, ja er verſtand es ſogar mehrere Zeugen durch Fragen, die er an ſie ſtellte, zu verblüffen. Die Defraudation ſchob er auf ſeinen Geſchäfsgenoſſen, der vor Kurzem ent⸗ flohen, ihn betrogen habe und nun hätten ſchlechte Menſchen ihm Feuer angelegt. Gegen Diethelm und die Geſchworenen überhaupt ſchaute der Reppenberger kaum auf, er hielt den Blick faſt ausſchließlich auf die Richter gewendet, und nur manchmal beugte er ſich hinter die Brüſtung nieder und nahm eine Priſe aus ſeiner bekannten birkenrindenen Doſe. Eine große Zahl von Belaſtungs⸗ und Entlaſtungszeugen wurde verhört und Diethelm ſtellte an dieſe ſogar ſelbſt einige ſachgemäße und entſcheidende Fragen. Mittag war längſt vorüber, als das ſogenannte Plädoher begann. Rothmann ſchilderte in ergreifender Rede das Loos des Angeklagten, der ſich redlich wieder emporgearbeitet habe, und nun, weil er einmal im Elend verſunken geweſen war, dem lauernden Ver⸗ dachte und der boshaften Schadenfreude nicht entgehe. So eifrig auch Rothmann ſeinen Schützling vertheidigte, er ließ ſich doch nie zu jener heilloſen, alle Sittlichkeit verkehrenden Weiſe verleiten, wo es immer heißt:„Es iſt meine heiligſte innigſte Ueberzeugung,“ während dieß keineswegs immer der Fall iſt. Er verhielt ſich ganz gegenſtändlich und ſuchte nur die Möglichkeit eines andern als verbrecheriſchen Vorganges in's Licht zu ſetzen. Es war nicht minder klug als ehrenhaft, daß er die überhand nehmende allgemeine Entſittlichung durch die muthwilligen Brandlegungen ſchilderte, wie der erſte Gedanke beim Vernehmen der Sturmglocke nicht mehr Mitleid, ſondern im beſten Falle Zorn ſei, in der Regel aber ein teufliſches Frohlocken, daß es gelinge den Staat zu Gunſten eines Schurken zu be⸗ trügen, wie da Alles müßig umherſtehe und oft die Zimmerleute noch in Hoffnung auf Verdienſt durch den Neubau und den Dank des Abgebrannten dem Feuer Luft machen. Vom aufrichtigen Beklagen dieſer Entſittlichung ging er auf die Unſchuld ſeines Schützlings über, und jetzt wendete er ſich an die Schwurbank und rief„den Ehrenmann“ dort, der ſelbſt unter ſo nichtiger Anklage 294 geſtanden, auf, bei ſeinen Mitgeſchwornen auf eine leidenſchaftsloſe Prüfung der vorliegenden Umſtände hinzuwirken. Der Staatsanwalt unterbrach den Vertheidiger und verlangte von dem Gerichtshofe ſolche unangemeſſene Anrufung als unerlaubt zurückzuweiſen und dem Ver⸗ theidiger eine Rüge zu ertheilen. Rothmann wider⸗ ſprach, und der Gerichtshof zog ſich zurück, es entſtand eine Pauſe, in der Diethelm ſtarr dreinſchaute, keine Miene zuckte. Der Gerichtshof trat bald wieder ein und erklärte, daß dem Vertheidiger für das Geſagte keine Rüge zukäme, daß er aber ſolche perſönliche Anrufung fortan unterlaſſen müſſe. Rothmann fuhr nun fort, mit großem Geſchick die Schuld von dem Angeklagten zurückzuweiſen. Der Staatsanwalt ent⸗ gegnete mit geſteigertem Eifer, und beſonders eine Hin⸗ weiſung machte Diethelm den Kopf ſchütteln, da der Staatsanwalt ſagte: Der Angeklagte hat gleichſam als Sühne für ſein Verbrechen an einer Menſchen⸗ wohnung ſich aus den Kerkerwänden den Tod geben wollen. Der Vorſitzende faßte endlich Alles klar und überſichtlich zuſammen, worauf er die Fragen ſtellte. Rothmann griff die Faſſung derſelben an, und es be⸗ gann bereits zu dämmern, als die zwölf Männer ſich in ihr Berathungszimmer zurückzogen. Einſtimmig und vom Steinbauer zuerſt vorgeſchlagen, wurde Diet⸗ helm zum Obmann gewählt. Er widerſprach und ver⸗ langte, daß ein anderer für ihn einſtehe, da er ſelbſt in die Verhandlung gezogen ſei, aber der Stein⸗ bauer widerſprach mit lauernd ſrohlockendem Blicke. 295 Diethelm wollte den Gerichtshof entſcheiden laſſen, er wollte hinaus, er hatte vergeſſen, daß die Thüre hinter ihnen geſchloſſen blieb, wenn ſie nicht über die Frage⸗ ſtellung ſich eine Erklärung holen wollten, bis ſie den Wahrſpruch gefällt hatten. Plötzlich war es ihm, als wäre er mit wilden Thieren eingeſperrt, die ihn zer⸗ fleiſchen wollten. Er verlangte nach einem Schluck Wein, nach einem Biſſen Brod, aber dies war den Schwurrichtern verſagt, bevor ſie ihr Amt vollendet. Diethelm fühlte ſeine Wangen brennen, ein Hunger⸗ fieber machte ihn zittern. Sich aufrichtend und mit gewaltiger Stimme las er die aufliegenden Anweiſungen für die Geſchworenen vor und leitete die Verhandlung. Auf dem Tiſche lagen die Akten des Verweiſungser⸗ kenntniſſes. Der Steinbauer ſagte, man möge doch wenigſtens die Aktenſchnur aufmachen, damit es nicht den Anſchein habe, als ob man ſich gar nichts um die Akten gekümmert habe. Es war Diethelm gelegen, dieſe kindiſch heuchleriſche Anforderung zu züchtigen, er erklärte, daß man nur nach dem zu urtheilen habe, was man ſelbſt gehört. Die Verhandlung war bald geendet, und Diethelm ſammelte die Stimmen, er ſelber ſprach: Schuldig. Nach einer gräßlichen halben Stunde trat er an der Spitze der Geſchworenen in den Gerichtsſaal. Er war erleuchtet und Alles ſah doppelt feierlich aus, ein Ziſcheln ging durch die Zuhörer, der Gerichtshof trat von der anderen Seite ein und der Angeklagte wurde wieder vorgeführt, hinter ihm blitzte das blanke Schwert. Todtenſtille herrſchte, Diethelm ſtand, die rechte Hand auf das Herz gelegt und wollte eben ſprechen. Da drängte ſich ein Schäfer im weißen roth ausgeſchlagenen Zwillichrock an das Gitter der Zuhörer; er erhob den Arm weit hinüber über das Gitter und auf Diethelm deutend, hörte man ihn laut ſagen: „Ich will ſehen, wie der Diethelm einen Brand⸗ ſtifter verurtheilt.“ Mit einem Schrei des Entſetzens rief Diethelm: „Du da? Du da? Medard? Ja, ja, Ich;“ er ſchlug ſich auf die Bruſt, daß es dröhnte.„Ich, ich, ich bin ſchuldig, hab' dich verbrannt, Alles verbrannt. Ich, ich, ich bin ſchuldig.“ Er brach in die Kniee, die Schwurgenoſſen wichen von ihm zurück, von oben hörte man einen Hülfeſchrei, eine Frauengeſtalt in Trauerkleidern wurde ohnmächtig weggetragen. Die Schwurbank wurde zur Bank der Angeklagten. Der Vorſitzende erklärte die Verhandlung aufgelöst, und zwei Angeklagte wurden abgeführt, es war der Reppenberger und Diethelm.. Dreißigſtes Kapitel. Das Herbſtmanöver war zu Ende und Munde hatte ſeinen Schäferrock angezogen, ohne daran zu denken, daß ihm ſein Vater einſt befohlen in dieſen Kleidern des ermordeten Bruders vor Diethelm hin⸗ zutreten und ihm das Geſtändniß abzupreſſen. Er hatte gehört, daß eben die letzte Gerichtsverhandlung ſtattfinde und ſich zu derſelben gedrängt. Faſt un⸗ willkürlich hatte ſich ſein lang verhaltenes feindliches Grollen in jenen Worten Luft gemacht, die Diethelm ſo plötzlich zum Geſtändniſſe ſeiner Schuld brachten. Er mußte nun in der Stadt bleiben, um bei der er⸗ neuerten Unterſuchung gegen Diethelm als Zeuge zu dienen, er machte nur die Angabe von dem, was ihm ſein verſtorbener Bruder geſagt, von den Mittheilungen der Fränz ſchwieg er, denn er hatte trotz des ſympa⸗ thetiſchen Gegenmittels noch Liebe genug zu ihr, um nicht auch ſie in's Elend zu ſtürzen und ſie zu zwingen, gegen den Vater Zeugniß abzulegen. Fränz erhielt noch am Abende einen Beſuch von ihrer Schwiegermutter, ihr Bräutigam ließ ihr auf die ſchonendſte Weiſe, die aber doch nicht minder — ſchmerzte, Lebewohl ſagen. Der in Diethelm ertödtete Haß gegen die Welt ſetzte ſich nun in Fränz feſt. Diethelm geſtand im erſten Verhöre ſeine ganze That mit allen ihren wechſelnden Stimmungen bis in die Einzelumſtände hinein, aber manchmal ſprach er doch verworrene Worte, über die er jedoch bald wieder hinwegkam. Er klagte jämmerlich über die unvertilg⸗ bare Kellerkälte, die ihn ſo ſehr plage und verlangte den rothausgeſchlagenen Rock Medard's, der ihm allein warm machen könne und in dem er zum Richtplatze gehen wolle. Die ſcheinbare Geiſtesverwirrung Diethelms löste ſich wieder. Er verzichtete ausdrücklich auf die Ver⸗ handlung vor dem Schwurgerichte, wurde aber, da dieſer Theil der Grundrechte noch beſtand, nicht zum Tode ſondern zu lebenslänglichem Zuchthaus verurtheilt. Im Zuchthauſe zu M. ſaß drei Jahre ein zuſammen geſchnurrtes Männchen dürr und gebeugt, das immer fror und ſich die Hände rieb und mit den Zähnen klapperte; es war ſchwer in dieſem Männchen den einſtigen ſtattlichen Diethelm wieder zu erkennen. Dumpf und lautlos verhielt ſich der Sträfling und nur manchmal bat er mit aufgehobenen Händen um die Gnade, Holz hacken zu dürfen, da dieſe Arbeit allein ihn vom Froſte erlöſe. Erſt nach drei Jahren des Wohlverhaltens wurde ihm dieſe Gnade gewährt und nachdem er die erſten Splitter von den zähen Baumſtümpfen gelöst und die Keile eingetrieben hatte, fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne und be⸗ trachtete frohlockend die Schweißtropfen, die er abge⸗ „ wiſcht hatte. Auf's Neue erhob er mit Macht die Art und die zuſammengeſchrumpfte Geſtalt wurde bei jedem Schlage größer und gewaltiger. Das war wieder der Diethelm von Buchenberg. Plötzlich ſchrie er laut auf:„Heraus, heraus will ich!“ und zerſchmetterte ſich mit dem Beile das Hirn. Eine Leiche ſank unter die Splitter der Baum⸗ ſtümpfe. Der anfängliche Wahnſinn Diethelms gab dem Advokat Rothmann Gelegenheit die Anſprüche der Brand⸗ verſicherung in Frage zu ſtellen und ein langwieriger Rechtshandel ſchien ſich daran zu knüpfen, den Fränz mit eiſerner Unbeugſamkeit und mit Dranſetzen eines großen Theils ihres Muttergutes fortführte. Sie wohnte allein mit einer Magd in dem großen neuen Hauſe in Buchenberg, kleidete ſich wieder in Landestracht und that luſtig, ſie behielt die Rappen ihres Vaters und fuhr oft damit nach der Stadt zur Betreibung ihres Rechtshandels. Rothmann brachte noch vor der Wiederherſtellung Diethelms einen Vergleich zu Stande, der Fränz noch immer zu einer der reichſten Erbinnen im Oberlande machte. Man ſagte, daß ſie doch noch den Munde heirathe. Dieß trat aber nicht ein. Die Miſſionen kamen in das Oberland und wühlten alle Herzen auf. Ergreifend vor Allen wirkte jener Miſſionär, den Fränz im Wildbade kennen gelernt hatte. Fränz ward die Stifterin eines Jungfrauen⸗ bundes in Buchenberg und die erſte Schweſter deſſelben. Auf den Bahnhof in Friedrichshafen am Bodenſee 300 kam eines Tages ein großer Zug von jungen Burſchen und Mädchen, ſie weinten Alle beim Abſchiede von einer abgehärmten Mädchengeſtalt, die eine Nonne geleitete und ſchauten ihr noch lange traurig nach als ſie mit dem Dampfſchiff nach der Schweiz führ. Das ſchöne Haus in Buchenberg gehört jetzt dem Kloſter Einſiedeln in der Schweiz. Wer weiß, welche Beſtimmung es haben ſoll. Proſi und Moni. Wie Geigen⸗ und Klarinettenton klingt es in der ganzen Umgegend von Haldenbrunn, wenn man dieſe Namen nennt und allerorten heißt es: So giebt es keine Menſchen mehr, ſo luſtig und ſo gut und ſo glücklich. Es iſt eine Freude, ſolche Menſchen gekannt zu haben und eine höhere Freude, ſie Anderen bekannt zu machen und ihnen damit eine reine Erquickung zu ſchenken. Aber freilich, das geht ſchwer. Wer nicht ein Auge mitbringt, in dem die Menſchenliebe leuchtet, und wer nicht ſeine Luſt hat an unverwüſtlichem Lebens⸗ muthe— der wird am Ende weiter nichts ſehen als zwei alte knochendürre Geſtalten. Wir gehen ab der Landſtraße einen ziemlich ſchroffen Berg hinan, der Weg iſt mehr mit Schlitten als mit Wagen befahren und hüben und drüben ſtehen dunkle Tannenwälder, drin der Kukuk ruft und die Holzart ſchallt; in Klaftern aufgeſchichtetes Brennholz verbreitet in der Mittagsſonne einen eigenthümlichen Harzduft und jetzt haben wir das Dorf erreicht und ſehen, daß wir nur einen Vorhügel erſtiegen, denn hinter ihm 304 dehnen ſich faſt unüberſebbar weit hinaus hohe Wald⸗ berge. O wie erquicklich iſt es, im heißen Mittag über den Berg kommend und aus dem Wald heraustretend, ein Dorf in grünen Obſtbäumen vor ſich zu ſehen; da lernt man verſtehen, was es heißt, ſich nach dem tühlen Wein zu ſehnen. Es iſt Niemand auf der Straße, den wir nach dem beſten Wirthshaus fragen können, iſt aber auch nicht nöthig; dort gegenüber dem Röhrbrunnen jenes helle Haus mit dem Ziegeldache hat ſeinen Wegweiſer, der Auerhahn mit ausgeſpreiztem blechernem Schweif, den es im Schilde trägt, ſchaut vergnüglich auf euch nieder. Er iſt Alleinherrſcher und kein anderer neben ihm. Es iſt ganz am Platze, daß man dem einzigen Wirthshauſe im Walddorfe den Auerhahn zum Schilde gegeben, der hier noch lebendig niſtet und noch dazu gehört jetzt das Wirthshaus dem Revierförſter, der es erheirathete und ſeitdem die Be⸗ amtung aufgegeben und ſich dem einträglichern Holz⸗ handel widmet. Wir treten in die geräumige getäfelte Stube, an deren oberem Ende ein Stück Brett in die Decke neu eingeſetzt iſt. Wir werden ſchon ſpäter er⸗ fahren, warum. Es iſt Niemand daheim als das wohl kaum fünfzehnjährige Wirthstöchterlein, das emſig aus einem Buche abſchreibt. Flink eilt es auf unſer Geheiß in den Keller. Die Welt iſt doch ſchön eingerichtet, für den der Geld im Sack hat. Hier oben, wo kaum die Holz⸗ äpfel reif werden, beherbergen die guten Menſchen kräftigen Unterländer Wein, der nur auf den Ruf aus lechzender Kehle wartet. Wollt ihr wiſſen, was das junge Wirthstöchterlein im heißen Mittag einſam ſchreibt? Lächelt nur, es ſind franzöſiſche Vokabeln. Der Herr Revierförſter(denn ein Titel ſtirbt nicht aus) laſſen jede Woche zweimal den geſchickten Lehrer von Endringen kommen, der muß das Töchterlein vorbereiten bis er es nach dem nahen Straßburg auf ein Jahr in ein Penſionat thut. Die geſchminkte Vornehmigkeit und der deutſche Bedientengeiſt findet ſeinen Weg in die entlegenſten Walddörfer. Es hat aber damit doch noch keine Gefahr. Fragt den Mann, der jetzt mit ſeinem ſchindelnbeladenen Ge⸗ fährte vor dem Wirthshaus hält und die Peitſche im Schooß einen Schoppen Moſt trinkt, fragt ihn nach dem Broſi, und er wird euch ſagen,„das war ein alter Deutſcher,“ und darunter verſteht man doch noch immer einen ſchlichten, gerechten Mann von Treu und Glauben. Hier in der Wirthsſtube hat der Broſi viele ſchöne Stundén verbracht, die gerippten Gläſer, die dort auf dem Brette auf den Kopf geſtellt ſind, hingen gewiß alle ſchon an ſeinen Lippen. Es iſt hier gerade der rechte Platz, ſeine Lebens⸗ geſchichte zu erzählen. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. Erſtes Kapitel. Seht dort den weißen Kirchthurm mit geſtaffeltem Giebel, juſt ſo lang als der im Dorfe ſteht iſt der Broſi auch da; ſie ſtammen auch beide aus Einem Orte, denn die großen Quader ſind in Endringen an's Tageslicht gebracht und der Broſi auch; und der Broſi hat geholfen dieſe Steine einfugen, und als man zum Erſtenmale vom Thurme läutete, ging der Broſi mit ſeiner Moni in die Kirche und wurde als Ambroſius Heller mit Monika Kreitter feierlich getraut. Damals war der Broſi noch ein friſcher Burſch und hatte Backen faſt ſo roth als wie die Purpur⸗ nelken in ſeinem Hochzeitſtrauße und er that einen Schwur, ſo lange er ein Bein heben könne auf jeder Hochzeit und jeder Kirchweih im Dorfe zu tanzen und er hat dieſen Schwur ein gutes halbes Jahrhundert treulich gehalten. Der Broſi erzählte immer gerne, wie er zu ſeiner Frau gekommen und ſagte dabei immer, er habe ſie ſich„ermauert.“ Endringen liegt eine gute Stunde entfernt an der jenſeitigen Abdachung des zweiten Vorberges. Von 307 dorther kam der Broſi jeden Morgen ſobald der Tag graute, und wenn er über den Steg des Forlenbaches ging, der an Haldenbrunn vorbei thalwärts rollt, es iſt ungewiß, ob der Bach ſeinen Namen von den Forellen oder den Forlen an ſeinen Ufern hat,— da ſchaute Broſi jedesmal nach einem kleinen ärmlichen Häuschen, das dort neben einem kleinen dicht mit Zwetſchgenbäumen beſetzten und mit fuchſig gewordenen Tannenzweigen umzäunten Grasgarten ſteht. In dem Häuschen war immer ſchon ſo früh am Tage Jemand wach, die offene Stallthür zeigte, daß das erſte Ge⸗ ſchäft des Tages, das Reinigen des Stalles, vorge⸗ nommen wurde, und ſei es, daß die Arbeit bereits ſo weit gediehen, oder daß das Auftreten des ſchlanken jungen Maurergeſellen auf dem dröhnenden Stege dazu gemahnte, in der Regel erſchien eine junge Mädchen⸗ geſtalt mit einem Beſen unter der Thüre und vom Steg aus wurde ein heller„Guten Morgen“ gerufen und von der Thür aus mit einem regelmäßigen„Schön Dank“ ehwidert.„Auch ſchon fleißig?“ ſetzte dann der Mauretgeſelle noch hinzu,„Ein bisle, lautete die Antwort. Der Maurergeſelle ging vorüber und ſchwenkte das bunte Tuch, das er in der Hand trug und in das er ſeinen Topf und ſein Brod gewickelt hatte, noch ſchneller hin und her. Noch nach Jahrzehenten konnte Broſi ſeine Frau damit necken, daß er eben nicht ſehr zart ſagte:„Ich hab' dich zuerſt als Here mit dem Beſen und auf dem Miſt gefunden.“ Mit dem Morgengruße in der Seele ging Broſi 2 308 an die Arbeit und war allzeit wohlgemuth, obgleich er ſich lange nichts dabei dachte, ja, als dies geſchah, redete er ſich's aus, denn er war ja eben ſo luſtig, wenn ihn die alte Frau mit kahlem Scheitel aus dem Schiebfenſterchen zuerſt begrüßte. Endringen iſt nicht ſo weit von Haldenbrunn ent⸗ fernt, daß der Broſi nicht die Verhältniſſe dieſes Hauſes genau kannte. Es waren gerade zwölf Jahre, Broſi war damals ſiebzehn Jahre alt, und vom Speisbuben zum Maurer emporgeſtiegen, als der Maurermichele von Haldenbrunn in Nellingen vom Dache ſtürzte und auf dem Platze todt blieb. Die Wittwe, Roſine mit ihrem Taufnamen, die ehedem in der Apotheke der drei Stunden entfernten Amtsſtadt als Magd gedient hatte, und darum das Apothekerrösle genannt wurde, nährte ſich nun davon, daß ſie im Walde und auf den Wieſen allerlei Kräuter und Wurzeln für die Apotheke ſammelte; daneben trieb ſie einen Butter- und Eier⸗ handel und die Bauernfrauen gaben mit innerm Wider⸗ ſtreben aber äußerlich freundlich ihr die verkäuflichen Vorräthe, weil ſie fürchten mußten, daß das Apotheker⸗ rösle ihnen die Kühe und Hühner verhexe; die Männer dagegen, die ſich auf ihre Aufklärung was zu gute thaten, behaupteten, das Apothekerrösle ſei deshalb all⸗ zeit ſo aufgeweckt und habe noch in alten Tagen ſo flimmerige Augen, weil es bei ſeinen Stadtgängen tief in's Glas gucke. Ausgemacht war aber jedenfalls, daß das Apothekerrösle eine ſcharfe aufgeweckte Frau war, die auf jedes Vorkommniß eine Auskunft bereit hatte, ſo ſicher als der Apotheker ſeine Mittel in Gläſern kn 309 und Kolben geordnet und leicht zu finden hat. Die beiden älteren Töchter des Apothekerrösle dienten in der Schweiz, wohin ſchon damals des größeren Lohnes wegen der Zug der Dienſtboten ſich lenkte, die jüngſte Tochter war daheim und konnte jetzt nicht mehr in die Fremde, da die Mutter plötzlich lahm geworden war. Die Rede ging, in Kronweiler habe ein Bauer in der Nacht einer ſchwarzen Katze, die im Stalle einen Rappen ritt, daß er ſchäumte, den Fuß abgeſchlagen, und das ſei das Apothekerrösle geweſen. Wenn das Apothekerrösle, deren Vorderhaupt vom jahrelangen Korbtragen auf dem Kopfe ganz kahl geworden war, Jemanden zum Fenſter heraus grüßte, dankte man ſchnell mit einem frommen Gruße, damit man kein Leid erfahre. Broſi war nicht frei vom Herenglauben, ſo gerne er ſich das auch einredete, jetzt aber empfand er gar keinen Schreck, wenn ihn das Apothekerrösle am frühen Morgen grüßte, im Gegentheil, ès muthete ihn heiter an, und er war oft verſucht, das der Alten zu ſagen, die gewiß um die üble Nachrede, die ſie verfolgte, be⸗ kümmert war; aber es war doch beſſer, ſich hier gar nicht einzulaſſen, denn Broſi fühlte, daß er nichts von der Mutter zu gefährden habe, vor der er doch noch eine Scheu hatte, die Tochter mit der hel⸗ len Stimme und dem argloſen und doch wiederum ſchelmiſchen Blicke konnte es ihm weit eher anthun. Broſi aber wollte noch höher hinaus. Zunächſt war er noch jung und gedachte über die Berge zu wandern und in der Fremde ſein Glück zu ſuchen; ließ er ſich ————— 310 aber von einem Geſchick daheim halten, ſo mußte es etwas anderes ſein, als ein armes Mädchen mit der Dreingabe einer Hexenſchwieger. Broſi war ein ehr⸗ liches Gemüth, und eben darum hatte er eine Höllen⸗ angſt vor dem Verlieben; er war früh verwaist, und darum früh auf den Ernſt und darauf hingewieſen, auf ſich ſelbſt Bedacht zu nehmen. Er lebte in Endrin⸗ gen bei einer Baſe, die an einen Holzknecht verheirathet, mit einem Haufen voll Kinder in Armuth lebte und noch beſonders zänkiſch mit dem Broſi war, weil er nicht ſeinen ſämmtlichen Erwerb in ihr Hausweſen einbrockte. Broſi war ſchon lange damit umgegangen, ſich in der Gegend eine andere Unterkunft zu ſuchen, aher es wollte ſich nicht ſchicken, und jetzt ſtand ſein Vorhaben feſt, in die weite Welt zu ziehen. So oft er aber am Hauſe des Apothekerrösle vor⸗ überging, war es ihm, als zöge ihn etwas da hinein, und er hätte gewiß an einen Zauber geglaubt, wenn er nicht gewußt hätte, daß ein Anderes dabei waltete. Schon drei⸗, viermal hatte er eine Hinneigung zu dem allzeit rüſtigen Mädchen in ſich gewähren laſſen und wieder bekämpft, noch bevor er, wie man ſagt, ein übriges Wort mit dem Mädchen geſprochen hatte; ja den nöthigen Morgengruß auf dem Stege ſprach er oft verdroſſen und faſt zornig, aber immer wurde ihm mit gleicher Freundlichkeit erwidert. Als der Bauer von der langen Furche, der nach⸗ mals ein ſo ſchweres Geſchick hatte, das wir ein ander⸗ mal berichten müſſen, mit des Vogt's Tochter in Endrin⸗ a gen Hochzeit hielt und drei Tage lang das Tanzen und Praſſen nicht ausging, machte ſich der Broſi auch einen arbeitsledigen Tag und war voll übermüthiger Luſtigkeit. Er tanzte mit der Braut den Siebenſprung und mit der erſten Brautjungfer, der Schweſter des Furchen⸗ bauer, den Hoppelvogel(wobei man nach beſtimmter Weiſung wie ein Vogel hüpft und nach Futter ſcharrt) ſo meiſterlich, daß ſelbſt die Alten auf ihn zukamen und ihm als höchſtes Lob die Verſicherung gaben, daß ſie zu ihrer Zeit nicht beſſer hätten tanzen können. Und immer luſtiger ward der Broſi und jeder Burſche, der den Muſikanten ein Lied vorſang, daß ſie es als Tanzweiſe ſpielen ſollten und der damit nicht vom Fleck kam, fand im Broſi eine allzeit bereite Hülfe; er kannte alle Lieder und alle Weiſen und hatte eine helle, Alle übertönende nie heiſernde Stimme. Die Monika, die Tochter des Apothekerrösle von Haldenbrunn, war auch auf dem Tanze. Sie durfte ſich wohl ſehen laſ⸗ ſen, ſie war nett und ſauber gekleidet und trug einen Rosmarinſtrauß im Buſen; von Geſtalt unterſetzt mit einem apfelrunden Geſichte von wenigem Ausdrucke, zeigte ſich doch um die feſtgeſchloſſenen feinen Lippen, zu welcher Lebendigkeit dieſes Mädchen gebracht werden könnte, wenn der Rechte ſich einfand. Broſi bedachte, daß die Monika gewiß nur wegen ſeiner gekommen ſei, aber er ſah ſich kaum nach ihr um und hatte noch im Stillen die Schadenfreude, ihr einen Plan zu Schanden zu machen; ſie hatte ihn gewiß ſeit Monaten allmorgendlich nur ſo freundlich gegrüßt, um einen ſichern Tänzer für den heutigen Tag zu haben, jetzt 312 hatte ſie das Zuſehen. Broſi tanzte immer nur mit den fürnehmſten Bauerntöchtern, beſonders mit der Schweſter des Furchenbauern, die er ſich endlich juſt im Angeſichte der Monika auf den Schooß ſetzte und dabei ſang und trank, als ob die ganze Welt nur ihm gehörte, und im Tanzen hielt er's, als ob jeder Reigen der erſte wäre, aufſtampfend, ſingend, mit den Händen ſchnalzend that er, als könne er von Müdigkeit und Sättigung der Luſt gar nichts wiſſen. Einmal ſaß er, die erſte Brautjungfer im Schooße, in einer Pauſe am Tiſche, mit dem Geſichte nach dem Tanzraume gekehrt, da rief er: „Heut tanz ich meinen Kehraus in der hieſigen Gegend. Wenn die Schwalben davon ziehen, gehe ich in die weite Welt. Wer mich haben will, muß es heut ſagen und heut noch Hochzeit machen.“ Ein ganzer Schwarm Mädchen kam auf ihn zu und umringte ihn neckend und ſpottend und wiederum bittend, er möge doch ja nicht fortgehen. Als er aber immer darauf beſtand, rief die Brautjungfer:„Dann binden wir dich an. Kommet nur Alle.“ Im Nu hatten ſich Alle nach dem Beiſpiele der erſten Brautjungfer ihre doppelten Zöpfe mit den fliegenden langen rothen Bändern auf die Bruſt gelegt und neſtelten nun die Bänder an Broſi feſt. Er ließ es geſchehen und mit einem ſchrillen Juchhe ſprang er auf, ſtampfte auf den Boden und ſang: Spielleut ſpielet auf und auf Und ſeid nicht ſo verzagt, J han noch ein Vögeles⸗ Groſchen im Sack. — 313 Die Muſikanten ließen die Weiſung ertönen und Broſi ſprang an die Decke mit jauchzendem Juchhe und machte allerlei Figuren während die Mädchen mit den rothen Zopfbändern an ihn geheftet ihn umtanzten. Plötzlich warf er ſich auf den Boden und ſang: Weil Scheiden bitter iſt Und s'lieben ſüß, Jetzt leg i mim alten Schatz D' Händ' unter d' Füß. Die Bänder mußten losgemacht werden, die Braut⸗ jungfer mußte ſich auf ſeine Hände ſtellen und er tanzte eine Weile ſo mit ihr bis er ſie in den Armen auffing und ſingend mit ihr den Reigen beſchloß. Von dieſer Zeit her ſtammt der Bändelestanz, man nennt ihn auch noch den Broſitanz und Niemand konnte ihn meiſterlicher ausführen als der Urheber. „Mein Mann iſcht koaner!“*) rief der Broſi oft und oft und von jenem Abend an hatte er dieſe Redensart und wendete ſie bei vielen Gelegenheiten an. Die Monika wäre ohne einen Fuß zum Tanz geſetzt zu haben nach Hauſe gegangen, wenn ſich nicht die Schneiderin von Haldenbrunn über ſie erbarmt hätte und einmal mit ihr herumtanzte, wobei ſie viel geſtoßen und gedrückt wurde, denn die Burſchen haben es darauf abgeſehen, Mädchen die allein tanzen, anzurennen. Als Monika über den Bachſteg ihrem Hauſe zuging, nahm ſie den Rosmarinſtrauß aus dem Buſen und warf ihn hinab in den Bach; es hatte kein Burſch *) Iſt keiner. Mit mir kann ſich Niemand vergleichen. 314 darnach verlangt und der von dem ſie es gewünſcht hätte, war ſchlecht und ſtolz und gab ſich doch zum Hansnarren her. Das dachte aber Broſi nicht, er hätte gerne immer aufgeſchrien vor Luſt, aber ſeine ſonſt unangreifbare Kehle ſchien nicht mehr mitthun zu wollen, ſo ſehr er ihr auch mit kaltem und warmem Wein zuſprach; er ballte jetzt oft ſtill die Fauſt vor innerer Seligkeit. Es war tief in der Nacht, da ſagte Broſi, daß er am Morgen wieder an die Arbeit gehe und ſich mit dem Hammer einen Hopfer und mit der Kelle einen Schleifer ſpiele, da trat der Hochzeiter auf ihn zu und ſagte: „Was haſt denn Taglohn?“ „Zehn Kreuzer“ erwiderte Broſi, denn ſo nieder ſtand zu ſelbigen Zeiten noch der Taglohn. „Ich geb dir das Doppelte“ rief der Hochzeiter „da nimm, du mußt da bleiben und die Luſtbarkeit erhalten. Da nimm.“ Die Mädchen kamen wieder und beſtimmten Broſi doch einzuwilligen, da ſprang er auf und rollte die Augen ſo wild, daß die Mädchen ſcheu vor ihm zurück⸗ wichen, er nahm einen ſauer verdienten Kronthaler aus dem Beutel warf ihn den Muſikanten zu und rief: „Aufgeſpielt! Die Schmalzbauern meinen, ſie könnten die Luſkigkeit auch kaufen, ſie geben einen guten Taglohn für einen Luſtigmacher. Dreidutzend Juchhe um einen Groſchen,“ ſchrie Broſi mit plötzlich wieder hell gewor⸗ dener Stimme,„Aufgeſpielt! hellauf! Weg da, Hoch⸗ zeiter, weg, oder dein' Hochzeit iſt dein Tod.“ Und wieder begann er zu tanzen und zu ſingen und zu trinken, aber Alles in Ingrimm und um zu zeigen, daß er ſich um die angethane Schmach nichts kümmere, er zerſchlug nach einander drei Gläſer aus denen er getrunken und als es dem Morgen immer näher kam, die Muſikanten aufhören wollten und die Mädchen ſich nach einander fortſchlichen, ließ ſich Broſi noch allein aufſpielen und ohne ſein Sonntagsgewand auszuziehen ging er im Morgengrauen nach Halden⸗ brunn an die Arbeit. Zweites Kapitel. Auf dem Stege ſchaute Broſi hin und her aber Niemand grüßte ihn und hadernd mit ſich ſelber und übernächtig von der tollen Luſt that er ſeine Arbeit, voll Reue, daß er ſich dazu hatte verleiten laſſen, ſein mühſam Erworbenes im Trotze zu verſchleudern, darüber ihn die fetten Bauern gewiß noch hinterdrein auslachten. Viele Tage ſah Broſi nichts an dem Hauſe des Apothekerrösle und nur das war ihm erwünſcht, daß er an jenem Abende nichts mit Monika angeheftelt hatte, er konnte nun um ſo freier in die Welt ziehen, aber ſparen mußte er, mehr als je, denn die Hochzeit hatte den größten Theil des Reiſegeldes aufgezehrt. Wenn Broſi gut aufgeräumt war, freuten ſich deß beſonders die Speisbuben, die den Mörtel auf das hohe Geſtelle zu tragen hatten, denn wenn Broſi's Kübel leer war, trommelte er immer ſo luſtig in die Höhlung, daß es gar nicht wie eine harte Mahnung klang und faſt tanzend kletterten die Speisbuben die hohen Leitern hinan und verwechſelten den leeren Kübel mit einem vollen. Seit mehreren Tagen aber klopfte 317 der Broſi ſo wild und ſo melodienlos in ſeinen Kübel und zankte noch mit den läſſigen Speisbuben. Das Wetter hatte ſich gewendet und es goß beſtändig in Strömen herab, ſo daß die Arbeit noch überdieß eine wenig freudige war. Durchnäßt, frierend und huſtend(denn ſeit der Hochzeitnacht fühlte er ſtets einen ſtechenden Schmerz auf der Bruſt) ging Broſi am Morgen und am Abend ungegrüßt über den Steg. Der Forlenbach, der ſonſt in den hohen Sommermonaten oft ſo trocken war, daß eine Katz hinüberlaufen konnte, ſchwoll durch den anhaltenden Regen immer mehr an und wälzte ſeine braunen Wellen wildrauſchend über die Felſen. Broſi ſtand einſt auf dem ſchon ſchwan⸗ kenden Stege ſtill und wünſchte ſich, daß die Wellen den Steg jetzt fortriſſen und ihn ſelbſt mit verſchlingen möchten. Es kamen Tage, in denen der Regen nachließ, aber weiter im obern Gebirge mußte er noch anhaltend ſich ergießen, denn der Bach wurde immer höher und brachte ganze Baumſtämme mit, die von den Uferbewoh⸗ nern mit Hakenſtangen, ſogenannten Geisfüßen, als gute Beute eingezogen wurden. Eines Morgens kam Broſi an den Steg und ſchaute verwundert um ſich, er kannte die Gegend kaum mehr, da war keine Spur des Steges und weit hinein in die Wieſen floß das Waſſer und ſchwemmte das in Schochen zuſammengerechte Grummet mit ſich fort. Während Broſi noch umſchauend daſtand, ſah er am jenſeitigen Ufer im Grasgarten des Apotheker⸗ rösle die Monika, er öffnete den Mund, aber noch ehe er ein Wort hervorbrachte, rief ihm die Monika ſo laut zu, daß er es trotz der rauſchenden Wellen hören konnte: „Droben an der Bömle's⸗Sägmühle kann man noch rüber.“ Betroffen von dieſem Zurufe und mit höchſter An⸗ ſtrengung rief der Broſi hinüber: „Wir haben in Luſtbarkeit nicht zuſammen kommen ſollen, es ſcheint, daß es in Traurigkeit ſein ſoll.“ „Wir brauchen gar nicht zuſammen kommen, gar nicht,“ lautete die ſchnippiſche Antwort der Monika und ſie verſchwand. Den ganzen Tag mußte Broſi bei der Arbeit dar⸗ über nachdenken, wie ſo eigen die Monika ihm doch zugerufen und ihn dann ſo barſch abgewieſen hatte. In der mittäglichen Feierſtunde ging er nach dem Hauſe des Apothekerrösle, er huſtete mehrmals und wagte es nicht hinein zu gehen. Endlich fand ſich eine ſchickliche Ausrede; ſich eine Kohle vom Heerde holen, um die Pfeife anzuzünden, iſt eine unver⸗ fängliche Sache. Broſi ging nach der Küche, Monika ſtand ſcheuernd in derſelben. „Iſt's erlaubt, eine Pfeife anzuzünden?“ fragte Broſi und Monika erwiderte: „Das kann man Niemand wehren.“ Broſi nahm die Kohle und war eben im Begriffe zu gehen, als er mächtig huſten mußte, da klopfte es dreimal dumpf an die Küchenwand und die Mtter rief aus der Stube, wer draußen ſei ſolle zu ihr herein kommen, Broſi trat in die Stube, und erſchrack heftig, da die Frau ihm aus dem Bette mit gellender Stimme entgegen rief: 319 „Gleich thuſt die Pfeif raus, gleich. Jeder Zug, den du draus thuſt, nimmt dir ein Stück Leben.“ Nun fing vor Allem das Apothekerrösle an, ihn tüchtig auszuzanken, daß er mit der Monika nicht ge⸗ tanzt habe, ſie habe gar nicht zum Tanze gehen wollen, und habe nur auf ihr Zureden nachgegeben, weil ihre Mütter ſo gut Freund geweſen ſeien. Hierauf ging es an ein Klagen, wie ſchlecht jetzt die Welt ſei, vor Zeiten hätten verlaſſene Menſchen zuſammen gehalten und keines einem andern eine Unehre geſchehen laſſen, jetzt aber hofire Alles den Holzbauern, die groß damit thun, daß ſie das Geld von ihren Wäldern verpraſſen können, die von ſelbſt wachſen. Die Pfeife in der Hand, mit offenem Munde mußte Broſi zuhören, wie er immer mehr abgekanzelt wurde; und dazu hörte er oft kaum die Worte, denn er ſah jezt das Apotheker⸗ rösle zum Erſtenmale ganz in der Nähe, ſie hatte ein Geſicht, das ſie mit nie geſehener Behendigkeit bewegte, als wäre gar kein Knochen darin, den Unterkiefer be⸗ wegte ſie mit ſolcher Gelenkigkeit, daß man meinte, ſie könne ihn über die Naſe hinaufheben, dazu bildete bei beſonders höhniſchen Reden und wenn ſie lachen wollte, der linke Mundwinkel ein Pfännchen, mit dem ſie ſchlürfte als ob ſie eine Süßigkeit koſtete, die Augen waren allerdings noch flimmerig, aber ſchrecklich anzu⸗ ſehen war der kahle Scheitel. Man konnte den Leuten nicht unrecht geben, daß ſie hier eine Herxe zu ſehen glaubten. Als das Apothekerrösle ſich ſattſam ausgelaſſen hatte, ſchloß es damit: 320 „Ich kann dir deinen Huſten heilen, der dich unter den Boden liefert, wenn du nicht dazu thuſt. Deine Mutter iſt auch ſchwach auf der Bruſt geweſen. O ſie war ein' gute Seel und hätt's beſſer verdient. Steig einmal hinauf und hol mir den Sack vom Himmel⸗ bett herunter.“ Broſi that, wie ihm befohlen, und das Apotheker⸗ rösle übergab ihm eine Hand voll Thee von ſeltſamer Miſchung mit der genauen Anweiſung des Gebrauchs und entwickelte dabei ſolch' eine mütterliche Sorgfalt untermiſcht mit liebevollen Erinnerungen an die Ver⸗ ſtorbene, daß Broſi ein Brennen in den Augen ver⸗ ſpürte. „Ich rauch' nicht mehr. Ich laſſ' mein' Pfeif' gleich da,“ das war Alles, was er hervorbrachte, und mehr ſtolpernd als gehend verließ er die Stube und das Haus, aber ſchon am Abend kam er wieder und ſagte geradezu, wie er ſich's ausgedacht hatte, daß er eigentlich in Endringen keine Heimath habe, er ſei dort bei ſeiner Mutterſchweſter und könne beſſer hier ſein und erſpare noch den Weg hin und her, wenn daher die Baſe(in der Gegend von Haldenbrunn nennt ſich Alles, was ſich kennt, Vetter und Baſe) nichts dagegen habe, wolle er, ſo lang der Kirchenbau noch daure, in ihrem Hauſe bleiben und für das Kochen einer warmen Suppe und die Unterkunft einen billigen Entgelt leiſten. „Mein' Moni ſchlaft bei mir, und wir haben ſonſt kein Bett,“ entgegnete das Apothekerrösle, worauf Broſi als des Einverſtändniſſes ſicher auseinanderſetzte, 321 daß er ein paar Tage auf dem Heu ſchlafe und ſo⸗ bald man mit einem Karren von Endringen herüber könne, hole er ſein eigen Bett, es ſei ihm ohnedies lieb, dies einzige Erbſtück von ſeiner Mutter in guter Hand zu wiſſen, da er nicht ſicher ſei, daß ihm ſeine Hausleute die Federn ſtehlen, während er auf Arbeit ſei. Es war während dieſer Verhandlung Nacht ge⸗ worden, und der Regen ſtrömte wieder mächtig herab. Ohne weitere Erörterung klopfte das Apothekerrösle wieder mit der Fauſt dreimal an die Wand und rief der Monika, ſie ſolle gleich Waſſer an's Feuer ſtellen und dem Broſi ſeinen Thee bereiten. „Und ich will nicht,“ ſchrie Monika, daß es im ganzen Hauſe gellte. „Geh'naus, ſie iſt noch bös,“ winkte die Mutter dem Broſi und zwinckerte dabei mit den Augen ſo ein⸗ verſtändlich, daß es Broſi graute vor dem was er begonnen. Er gehorchte zögernd, aber kaum war er in der Küche als Monika ſie verließ, in die Stube eilte und lauten Zank erhob, daß die Mutter den Broſi in's Haus nahm und betheuerte, daß ſie in finſterer Nacht davon gehe, wenn es dabei bleibe. Eine Weile überſchrieen ſich beide Frauen ſo ſehr, daß man kaum die Stimme der einen von der der anderen abſcheiden konnte, dann trat eine Pauſe ein, in der man nur noch ein Weinen vernahm und jetzt ſagte die Mutter: „Ich hab' den Broſi ſo feſt wie einen Finger an der Hand, der geht nicht mehr aus dem Haus, und Niemand anders als du kriegt ihn, und du wirſt mir's noch danken, wenn ich ſchon lang verfault bin.“ Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 21 „Und ich geh' davon, ſo weit mich meine Füß tragen,“ rief Monika. „Und kommſt doch wieder,“ entgegnete die Mutter ruhig,„ſei froh, daß du bös auf ihn geweſen biſt, eh' du ihn haſt, du erſparſt's für nachher.“ Das wollte dem unwillkürlich lauſchenden Broſi doch nicht zu Sinn, er kam ſich doch wieder wie ver⸗ zaubert vor und hätte er ſich nicht geſchämt, er wäre noch in der Nacht davon gelaufen. Wer weiß auch welch' ein Trank ihm bereitet wird. Eben hatte es aber die Mutter dahin gebracht, daß ihm Monika die gemiſchten Kräuter in die Küche trug. Durch ſolche Hand, deſſen war Broſi gewiß, geht kein Trank, der einem Böſes anthut, und noch als er die ſchwankende Treppe hinaufſtieg, hörte er Monika klagen: „Mutter, ihr habt's verſchuldet, wenn ich von dieſer Nacht an einen böſen Namen hab', daß ich keinem Menſchen mehr frei in's Geſicht ſehen kann.“ Wo ſolch' ein Sinn daheim iſt, hat keine Hexerei eine Gewalt, das war der Gedanke, mit dem ſich Broſi in das duftige Heu niederlegte. Drittes Kapitel. Der Speicher war von innen nicht verſchließbar, nur von außen befand ſich ein Holzriegel an der Treppenthüre. Was war aber zu gefährden in ſolch' einem Hauſe? Broſi legte ſich behaglich in das Heu. Kaum aber lag er eine Weile, als er ſich wieder auf⸗ richtete, die Treppenſtufen es ſchlich etwas herauf wie eine Katze ſo leiſe, aber nur von einer Menſchenlaſt konnten die Treppen knarren, es mußte Jemand ſein, der barfuß herauf kam. „Wer iſt da?“ rief Broſi halb in Furcht halb in Zorn. Niemand antwortete, das Heraufkommende ſtand offenbar ſtille auf ſeinem Platze, eine Weile horchte Broſi hinaus, man hörte nichts als das Rauſchen des Forlenbaches und Zirpen der Grillen in der warmen, wieder regenloſen Sommernacht. Schon glaubte Broſi, daß er ſich getäuſcht habe und wollte ſich ruhig wieder ausſtrecken, da hörte er es mit den Händen taſtend noch einige Treppenſtufen heraufkommen und laut wurde der Holzriegel an der Treppenthüre in den Kloben geſtoßen. 2 Jetzt war keine Täuſchung mehr möglich und„In's Teufels Namen was iſt das?“ rief Broſi auffahrend. „St! Stille! Ich will dir was ſagen,“ er⸗ widerte eine leiſe Stimme. „Wer iſt denn da?“ „Ich bin's, die Monika. Komm' da her an die Thüre, aber thu' leiſe, ich will dir was ſagen.“ „Mach die Thür auf, dann kannſt beſſer reden und ich kann ſehen wer es iſt. Mach die Thür auf oder ich ſtampf ſie ein.“ „Ich bitt dich, thu leiſe“ bat die Stimme draußen wieder„ich mach nicht auf. So kann ich beſſer mit dir reden, und wenn dir dein Leben lieb iſt, hör mir ruhig zu und polter nicht und pockel nicht und ſei ganz ſtill.“ „Was willſt denn, wenn du die Monika biſt? Wenn du rrein willſt mach auf. Was wrillſt denn vorher ausmachen?“ „Red nicht ſo ſchlecht. Eben deswegen komm ich ja. Was mein' Mutter vorhat, ich weiß nicht und will's nicht wiſſen. Es iſt mein' Mutter, ich darf nicht ſchlecht von ihr denken und thu du's auch nicht. Guck, ich lieg da vor der Thür auf den Knieen und heb meine Hände zu dir auf und bet' wie man zu Gott betet. Broſi, du biſt ein braver Menſch geweſen und ich auch... und wenn dir deine eigene Ehre lieb iſt und die von einem armen Mädchen auch— Broſi, thu mir den einzigen Gefallen und bleib nicht mehr im Haus, kein' Minut, kein' Stund mehr. Ich bitt dich, nimm deine Stiefel in die Hand und geh leiſe herunter, 325 die Hausthür kannſt von innen aufmachen. Broſi, ſei barmherzig und geh.“ „Wo ſoll ich denn hin jetzt in ſo ſpäter Nacht und aus dem erſten Schlaf heraus? Ich bin ohnedem krank.“ „Geh noch nach Endringen, oder wenn du nicht willſt, drüben beim Jörgtoni ſchlafen noch drei fremde Maurer, da kannſt du auch ſein.“ „Morgen will ich's thun. Heute geh ich nimmer fort.“ „Wenn du nicht heut gehſt, biſt du verloren auf ewig und ich auch. Broſi, ſei barmherzig. Du wirſt es ſonſt in deiner Todesſtunde bereuen, der Angſtſchweiß auf der Stirne wird dich gemahnen, wie du ein armes Mädchen—“ „Ho ſo! Thu nicht ſo arg. Ich geh ja, aber mach nur auf und komm ein bisle rrein.“ „Biſt du ſchlecht Broſi? Willſt du ſchlecht ſein?“ „Nein, ich hab ja ſchlafen wollen. Ich will ja nichts. Morgen will ich gehen, oder meinetwegen heut du Heilige. Mach nur auf und gieb mir die Hand.“ „Schwörſt du gleich zu gehen?“ „Ja ich ſchwöre. Mach nur auf und gieb mir die Hand.“ „Schwörſt du ohne Bedingung zu gehen?“ „Ja, ſo wahr mir Gott helfe zu einem rechtſchaffenen Leben und zu einem leichten Tod.“— Broſi drückte an die Thür, ſie war offen, er hatte ſie nicht entriegeln gehört, er vernahm keinen Tritt eines die Treppe Hinabgehenden, kein Oeffnen und Schließen der Stubenthüre, Alles war wie in die Luft 326 verſchwunden, keine Menſchengeſtalt, keine Stimme, nur der Forlenbach rauſchte, die Heimchen zirpten noch und die einzige Kuh im Stalle brummte wie verſchlafend. Broſi nahm die Stiefel in die Hand und von Angſt gejagt als fliehe er aus einent brennenden Hauſe, ſtieg er die Treppe herab, öffnete das Haus und ſtand frei athmend draußen in der ſtillen Nacht. Er zog ſeine Stiefel an und eilte nach Endringen. Den ganzen andern Morgen war Broſi bei der Arbeit immer ſelbſtvergeſſen und träumend, er hielt oft den Hammer unbewegt in der Hand und vergaß den Stein vor ihm zu meißeln und als er ihn einfugte und mit Mörtel befeſtigte, ſchöpfte er mehrmals aus dem leeren Kübel ohne es zu merken. Der Bauführer, der das läſſige Weſen Broſi's ſah, ließ ihn hart darob an und Broſi hörte ihn mit offenem Munde an als gelte das gar nicht ihm. Am Mittag, als Broſi wieder auf dem Boden ſtand, war es ihm als ginge die ganze Welt mit ihm im Kreiſe herum. Er aß ohne Hunger und als er ſich eine Weile niederlegen wollte konnte er keine Ruhe finden, denn er lag wie in ſchaukelnder Wiege. Er ſtand auf und ging zuerſt nach dem Hauſe des Jörgtoni und beſtellte ſich eine Schlafſtelle, und wie unwillkürlich ging er dann nach dem Hauſe des Apothekerrösle. Mutter und Tochter thaten gleich verwundert über ſein nächtliches Entweichen, nur als Broſi bemerkte, daß er ſich beim Jörgtoni eingemiethet habe, glaubte er ein kaum merkliches Nicken der Monika zu beobachten. Da ſich Broſi heute nicht arbeitsfähig fühlte, ſchenkte er ſich den noch halben Arbeitstag, hölte ſein Bett in 307 Endringen und war nun erſt ganz in Haldenbrunn daheim. Das Apothekerrösle hatte ſeinen Namen nicht um⸗ ſonſt, Broſi fühlte ſich bald wieder hergeſtellt von den Folgen jener tollen Tanznacht. Broſi kam oft in das Haus des Apothekerrösle, Monika mußte es merken, daß er etwas auf der Zunge hatte, was er ihr mittheilen wollte, aber Mädchen in Miflingröcken wie in langen Kleidern verſtehen es, einen unkecken Burſchen nicht zu Wort kommen zu laſſen. Kam Broſi in die Stube, verließ Monika dieſelbe mit freundlichem Gruße, vertrat er ihr den Weg im Freien, wußte ſie immer Jemanden anzurufen, der ſich zu ihnen geſellte, und dann hatte ſie immer ſo eilige Beſorgungen, daß ſie ſich keine Minute auf⸗ halten konnte. Wenn Broſi meinte, jetzt hielte er ſie feſt, war ſie ihm immer unverſehens entſchlüpft und ſo ging er in ſeltſamen Selbſtgeſprächen lange einher. Die wilden Waſſer im Bache hatten ſich raſch wieder verlaufen und nun zeigten ſich die traurigen Folgen der Ueberſchwemmung; ganze Wieſen waren zerriſſen und mit Sand bedeckt und nicht nur der Ertrag des gegenwärtigen Jahres war verloren, auch für lange Zeit war kein Erſatz zu hoffen; das war doppelt betrübend in der Gegend, die keinen andern Feldbau kennt als die Wieſennutzung. Im Hauſe des Apothe⸗ kerrösle war auch Wehklagens genug, die wilden Waſſer hatten zwar den hochgelegenen Grasgarten nicht zu überſchwemmen vermocht, ſie hatten aber ein gut Stück davonmit fortgeriſſen und eine tiefe Höhlung gemacht, daß noch mehr nachſtürzen mußte und der Bach immer eigenſinniger ſich nach dem linken Ufer drängte, um den Garten der Wittwe zu verſchlingen. Ohne ein Wort von ſeinem Vorhaben zu ſagen, begann Broſi in den abendlichen Feierſtunden Steine aus dem Bett des Baches zu wälzen und zu meißeln und bald zeigte ſich was es werden ſollte; eine durch vorge⸗ ſchobene Reiſigbündel geſicherte und in's Halbrund geſetzte Schutzmauer zog ſich längs des Gartens hin und ein ſogenannter Sporn, ein nur dem Kennerauge ſichtbarer Erdaufwurf im Bette des Baches drängte den Strom nach dem jenſeitigen Ufer hin. Broſi ärgerte ſich oft, daß ihm Monika noch immer kein beſonderes freundliches Wort gab; er wußte ja nicht, daß ſie feſt darauf hielt, man dürfe einen Menſchen, der ein gutes Werk thue nicht dabei berufen. Einmal jedoch konnte ſie ſich nicht enthalten, bei ihm ſtehen zu bleiben und ſchnell rief Broſi ſie feſthaltend: „Jetzt ſag, jetzt ſag einmal, hab ich's nicht brav gemacht?“ „Ja, die Mauer iſt brav.“ „Du weißt wohl, daß ich das nicht mein. Verdien' ich gar keinen Dank, daß ich ſo ſchön gefolgt hab und bin aus eurem Nonnenklöſterle fort, wie du mich geheißen haſt?“ „Ich weiß nicht was du meinſt, ich verſteh kein Wort,“ entgegnete Monika mit ſo treuherzig unwiſſen⸗ der Miene, daß Broſi ſie anſtarrte und ſie ſetzte hinzu: „red' deutſch, daß man dich auch verſtehen kann. In welchem Kloſter biſt denn geweſen?“ 329 „O ihr Weibsleut“ rief Broſi,„ich hab mein Lebtag gehört, ihr könnt euch verſtellen ärger als der beßt' Faſtnachtshanſel, aber ſo arg hätt' ich's doch nicht glaubt. Weißt denn nichts mehr vom Riegelzu und ich lieg auf den Knieen und bet zu dir wie zu unſerm Herrgott? Hab ich darum den Rechtſchaffenen an dir gemacht und allen Reſpekt vor dir gehabt, daß du jetzt thuſt wie der Ich bin nicht dabei geweſen?“ „Ich verſteh von all' deinen Reden vom Simri kein Maßle“ beharrte Monika und hohnlachend ent⸗ gegnete Broſi: „Gut, ſo will ich der Narr ſein und will dir Alles nochmals erzählen,“ und er berichtete genau jenen Abend und alle Worte die er gehört und ge⸗ ſprochen. Monika hatte die Hände in die zuſammengerollte Schürze verſteckt und ſchaute den Sprechenden mit großen Augen an, endlich ſagte ſiet „Ich glaub dir, auf's Wort hin glaub ich dir Alles, es iſt gewiß ſo. Aber Broſi, glaub mir auch, du haſt Alles nur geträumt und es iſt einer von den rechten, von den braven Träumen geweſen. Guck, jeder Menſch hat ſeinen guten Engel, der' ihm Alles thut und da iſt mein guter Engel zu dir kommen und hat dir Alles berichtet, wie ich dir's ſelber geſagt hätt; aber ich, glaub mir, ich bin nicht aus der Stub' kommen. Wo hätt' ich auch ſo ſchnell hin verſchwinden ſollen? Da haſt das Wahrzeichen, daß ich's nicht geweſen bin und nur meine Schutzheilige, zu der ich dafür beten und danken will. Und mit dem Riegel? Kannſt nauf⸗ 330 gehen und kannſt ſelber ſehen, an der Thüre iſt ſo, wie man's angreift bald iſt ſie zu bald auf, es iſt nur ein Vortheil*) dabei. Ich laſſ' es aber gelten, wie wenn ich's ſelber geweſen wär' und rechne dir's grad ſo an, aber geträumt haſt, das iſt einmal ausgemacht.“ Broſi ſtand eine Weile wie verſteinert, dann faßte er ſich ſchnell und machte allerlei Verſuche Monika zum Lachen zu bringen und ihr das Geſtändniß abzu⸗ zwingen, daß ſie ihn nur necke, aber keine Miene in ihrem Geſichte zuckte, ſie ſchaute ernſthaft drein und verließ ihn indem ſie ihm noch mehr ſolche gute Träume wünſchte. Broſi ſchaute mit verdächtigem Blicke auf das Haus des Apothekerrösle, das ganze Haus ſchien ihm nicht geheuer, da man darin ſo lebhafte und wunder⸗ liche Träume haben könne, und doch wollte er wieder nicht daran glauben, daß all das Erlebte nur ein Traum geweſen, und wiederum dünkte ihn das doch beſſer; denn wenn Monika jetzt ein falſches Spiel mit ihm triebe, war ſie ja falſch wie Galgenholz, drum muß es doch ein Traum geweſen ſein. Am andern Tage machte Broſi einen Verſuch an der Treppenthüre und fand die Ausſage der Monika richtig, es bedurfte nur eines geſchickten Griffs an der Thüre, um den Riegel auf⸗ oder zu zumachen. Bei dieſer Gelegenheit entdeckte aber auch Broſi den bau⸗ fälligen Zuſtand des Hauſes, und als die Gartenmauer vollendet war, machte er ſich an Inſtandſetzung des *) Geſchickter Handgriff. 331 Innern. Wo er anklopfte, ſtäubte es ihm entgegen. Die Umfaſſungsmauern beſtanden aus aufgeſchichteten Querbalken, die noch ziemlich Stand hielten, aber die Riegelmauern zerbröckelten faſt bei ſtarker Berührung und beſonders die Feuerwand, die nach der Küche ging, und ſo oft von den drei Schlägen erdröhnte, hatte einen wunderſamen Beſtand, die drei Schläge mußten mit beſonderer Kunſt geführt werden, daß die Wand nicht einſtürzte. Das Apothekerrösle wußte es Broſi wenig Dank, daß er mit Aufopferung all ſeiner freien Zeit und da dieſe nur kurz gemeſſen war, ſehr langſam das Häuschen ſo herſtellte, daß es„behäb war wie ein Büchschen.“ Das Apothekerrösle hatte nur immer zu klagen, daß es dieſen Staub und dieſes Gehämmer noch erleben müſſe. Deſto dankbarer aber war Monika und als ſie ihm einſt ſagte: „Broſi du bauſt zwei Kirchen, dort die große und hier eine kleine, die dir Gott lohnen wird,“ da warf Broſi Hammer und Kelle weg und die lange verhal⸗ tene Liebe brach in die Worte aus: „Und ich will dich von Gott zum Lohn und weiter nichts.“ „Ich hab' auch ſonſt nichts, denn das Häusle iſt verſchuldet, und unſere Kuh haben wir nur im Be⸗ ſtand.“ Der Bund war geſchloſſen, und das Apotheker⸗ rösle ſagte, es freue ſich nur, daß es doch Recht be⸗ halte, es thue kein Menſch etwas aus Gutheit, der Broſi habe Haus und Garten nur hergerichtet, um 332 Alles zu haben. Mit Nachdruck ſetzte es dann hinzu, wie gerichtlich feſtgeſtellt werden müſſe, daß die beiden älteren Töchter, die in der Schweiz dienten, ein Heimathsrecht im Hauſe hätten, das ihnen Niemand verkümmern dürfe. Ueberhaupt hob das Apotheker⸗ rösle mit ſchmatzendem Munde alle die Mißlichkeiten hervor, die dem neuen Hausſtande drohten, ſo daß Broſi oft zaghaft werden mußte, wenn er nicht be⸗ dacht hätte, daß ſeine Schwiegermutter ingrimmig ſei, weil ſie einen Tochtermann bekam, den ſie nicht eingeſtellt und in der Hand hatte. Moni lobte ihn über dieſe Auslegung als tiefen Menſchenkenner und beſtärkte ihn mit heiterm Sinne in froher Zuverſicht. Als erſtes Geſchenk des nun geſchloſſenen Bundes wollte Broſi von ſeiner Moni wiſſen, ob er an jenem Abend wirklich geträumt habe, aber Moni wich ihm aus, und als er immer dringlicher ward, ſagte ſie ihm, am Hochzeitstage werde Jemand kommen, der ihm Alles erkläre, er dürfe aber nie mehr vorher dar⸗ nach fragen.. Viertes Kapitel. Es gibt ein Bekenntniß der Armuth, das ſich unter Allen am ſchwerſten hervorbringen läßt, es iſt die Armuth an Freundſchaft. Nur ein in ungemeſſener Selbſtherrlichkeit ſich erhebendes Weſen vermag dieſes Geſtändniß mit einem gewiſſen heitern Gleichmuthe zu thun, weil ſich darin wiederum die große Thatſache offenbart, daß Niemand ihm gleichkomme, ſei es an wirklichem Gehalte oder auch nur an Verſtändniß ſeiner unerfaßlichen Bedeutſamkeit. Untergeordnete, in ſich oder von der Welt ſich abhängig fühlende Naturen dagegen, erkennen in ihrem Mangel an Freundſchaft nicht nur eine Härte und ſchiefe Stellung des Geſchickes, die oft dabei mitwirkt, ſondern auch an der Aufrichtig⸗ keit vor ſich ſelber einen Fehler in der eigenen Natur, die es nicht vermag, Liebe zu gewinnen und feſtzu⸗ halten. Mit demuthvoll niedergeſchlagenen Augen und zit⸗ ternder Stimme ſagte eines Tages Moni zu ihrem Bräutigam: „Horch Broſi, ich muß dir etwas ſagen, dann bin ich aber auch ganz fertig und kannſt mich aufſchneiden und findeſt keinen verborgenen Gedanken mehr in mir.“ „Was haſt? Sag's nur frei heraus.“ „Guck, mein' Mutter iſt gewiß viel daran ſchuld, du weißt ja ſelbſt am Beſten, wie ſie iſt, aber ich bin auch ſchuld, gewiß ich auch.“ „Was haſt denn?'raus mit.“ „Guck, ich hab' auf der ganzen weiten Welt keinen Menſchen, den ich zur Hochzeit laden kann, und ich hab' keine Geſpielin, die an unſerm Ehrentag mit mir in die Kirche geht, die Näherliſe, die in Endringen mit mir getanzt hat, wär' die einzige, aber die kann ja jetzt nicht. Ich hab' Niemand auf der Welt, ich bin wie aus dem Stein geſprungen, wenn ich mein' linke Hand in die rechte nehm', hab' ich all' meine gute Freund bei einander. Gelt, ich ſeh' dir's an, das thut dir auch weh', aber red' jetzt und ſag', wie wir's machen.“ Moni hatte recht geſehen. Ein gewiſſes bräutliches Bangen, das halb verſchleierte Bewußtſein, nun mit dem ganzen Leben abgeſchloſſen zu haben, hatte ſchon manchmal bei aller Zuverſicht das Herz Broſi's er⸗ zittern gemacht, jetzt bei dieſer Kundgebung kam es wieder. Er wollte ſchon losbrechen in der Darlegung ſeiner Bekümmerniß, als er noch zeitig genug an ſich hielt, denn jetzt zum Erſtenmal kam ihm der Gedanke, daß zwei Menſchen, die ſich zu einem vollen Gemeinleben verbunden, wohl in Ehrlichkeit und Offenheit zuſammen ſtehen müſſen, daß es aber die Pflicht des einen ſei, dem andern, das in Leid oder Leidenſchaft verſunken iſt, nicht durch eigene Zuthat ſolches noch zu vermehren, ſondern ihm heraus zu helfen. Ueber das Antlitz Broſi's zog eine eigenthümliche ſonnige Klärung, er faßte die Hand Moni's und ſagte: „Red' nicht ſo. Freilich iſt's hart. Sag' aber nicht, wenn deine rechte deine linke Hand faßt, habeſt du alle deine gute Freund. Da haſt meine zwei Händ und ich hab' viele Freunde, und die ſind alle dein, und ich hab' Niemand auf der Welt, der was gegen mich hat, auch der Furchebauer nicht. Ich ſchaff' dir Geſpielinnen ſo viel du magſt und die fürnehmſten aus der ganzen Gegend. Wenn nur wir zwei mit Gottes Hülfe gut Freund ſind, dann wird's die ganze Welt auch ſein.“ Moni beugte ihr Haupt nieder und legte ihre brennende Wange auf die Hand Broſi's, dann richtete ſie ſich auf, ſchüttelte ſeine beiden Hände mit mächtiger Kraft und ſagte: „Broſi, das vergeß' ich dir nie, nie, wie du jetzt gegen mich geweſen biſt. Du wirſt ſehen, was du an mir haſt.“ Die Verlobten hielten ihre beiden Hände feſt und ſahen einander tief in die Augen, und dieſer Blick ſprach mehr, als alle Worte auszudrücken vermögen. Ohne Kirche, ohne Prieſter und Zeugen kam die Seg⸗ nung der ewigen Weihe über die beiden Verbundenen. Moni war ſo aufgelöst und hingegeben, daß ſie ſchon heute ihrem Verlobten das Räthſel jener Traum⸗ nacht löſen wollte, aber Broſi wollte nichts davon hören. „Du mußt mich dazu anhalten, daß ich bei meinem Wort bleib', und ich will's auch ſo halten,“ erklärte 336 er, worauf Moni dieſe feſte Männlichkeit hochpries. Broſi ſchmunzelte, dann aber ſagte er mit der Zunge ſchnalzend: „Jetzt iſt's genug, ſonſt kommen wir ja in ein Geflenn, wie die Katzen auf dem Dach. Luſtig, und wenn der Sack ſieben Löcher hat.“ Zum Erſtenmal mußte Moni mit ihm in den Auerhahn zum Weine gehen, ſie ſträubte ſich lange dagegen und wollte es auf Sonntag verſchieben, aber Broſi behauptete, heut' ſei Sonntag und gab ſeiner Braut als Probe auf, das augenblicklich zu glauben. Lachend ſagte Moni: „Haſt recht, heut iſt Sonntag, aber ich muß mir deswegen auch ſchnell meine Sonntagskleider anziehen. Ich bin gleich wieder da.“ Sie erfüllte dieſes Verſprechen mit überraſchender Schnelligkeit und noch nie ſchmeckte Broſi ein Schoppen ſo gut als den er mit ſeiner Moni austrank. Durch die Nacht heimwärts gehend, ſangen ſie in beweglicher Weiſung: Es giebt kein' größre Freud Auf dieſer Erden, Als wenn zwei junge, junge Leut In Ehſtand treten. Da giebt es keine Noth, Kein Kreuz und kein Leiden, Nichts als der bittre Tod Der kann ſie ſcheiden. Noch nie ging Broſi ſo wonneſelig von ſeiner Braut als an dieſem Abend. Als er ihr am andern Morgen begegnete, ſagte ſie: 337 „Du haſt mich ganz narret gemacht, es will mir gar nicht aus dem Sinn, daß geſtern Sonntag geweſen iſt und die Leut ſagen, heut ſei Freitag.“ „Dieſe Woch hat halt zwei Sonntäg',“ entgegnete Broſi lachend und ein Jedes ging an ſeine Arbeit.— Am nächſten wirklichen Sonntag machte ſich der Broſi mit ſeinen beiden Hochzeitlädern auf, um in ſeiner Heimath die üblichen Einladungen zu machen; er trug einen Rosmarinſtrauß mit rothen und blauen Bändern auf dem Hut und im Knopfloch, und ebenſo die beiden Geſellen, die noch dazu Säbel an der Seite trugen. Moni ſchaute ihnen noch lange nach von dem wiederaufgerichteten Bachſtege, und von fernher ertönten ihr noch die hellen Juchhe, die die Berge wieder⸗ ſchallten. Es war für Broſi eine eigenthümliche Buße, daß das erſte Haus, in das er mit ſeinen Geſellen ein⸗ treten mußte, der Hof zur langen Furche war. Hier kam er gerade in große Feſtlichkeiten hinein, denn die Schweſter des Furchenbauern verlobte ſich mit dem Gipsmüller vom untern Thale; da ſtanden Fuhrwerke von ob und nid der Steige wie eine Wagenburg vor dem Hauſe und drinnen in der Stube war Alles ge⸗ ſteckt voll von dicken Verwandten beider Seiten. Broſi überkam ein Bangen und ein ſeltſamer Schreck als er in die übervolle Stube trat. Wie viele Menſchen hatten ſich hier zuſammen gefunden, um den Hand⸗ ſchlag mit zu feiern, wie wirkte das Ereigniß hinaus über Berg und Thal und eine ganze Reihe von ge⸗ wichtigen Menſchen trat einander nahe; wie armſelig Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 22 dagegen war ſeine Verlobung geweſen und Moni hatte recht, da ſie ſagte:„ich bin wie aus dem Stein ge⸗ ſprungen.“ Der Furchenbauer, der es wohl bemerkte, wie Broſi ſo verloren um ſich ſchaute, hielt das für eine Verlegenheit von jenem trotzigen Aufbrauſen an ſeinem Hochzeitabende, er trat daher auf Broſi zu, verſicherte ihn herablaſſend ſeiner Gunſt und nun ſprachen die beiden Geſellen den üblichen Einladungs⸗ ſpruch. Die neue Braut reichte dann nach gewohnter Sitte den Brodlaib um eine Schnitte abzuſchneiden, brachte aber gleich darauf auch ein groß Stück Kuchen zum Gruß an Moni und äußerte die Freude, daß an ihrem Brautmorgen ein ſo fröhliches Ereigniß bei ihr einkehre und verſprach, ſicher zur Hochzeit zu kommen. Broſi brachte ſeinen Wunſch vor, daß ſie die Braut⸗ jungfer ſein möge und nachdem ſie ihren Bräutigam geholt, und dieſem das Verlangen vorgetragen hatte, willigte ſie gerne ein. Trotz dieſer Zuſage verließ Broſi mit geſtörtem Gemüthe das Haus; die Ver⸗ lockungen des Reichthums und das Verlangen, einer großen hochgeltenden Familie anzugehören, war in ſeine Seele gedrungen; er hatte nie darnach getrachtet, ſolch ein Mädchen zu gewinnen, das war ja unmög⸗ lich, denn die Standesunterſchiede bei den Bauern ſtehen faſt unerſchütterlich feſt, jetzt aber fühlte er doch etwas wie Neid und Luſt nach geborgenem Vermögens⸗ ſtande; er dachte auf Einmal wie viel Hammerſchläge er thun müſſe, bis er ſich nur ein Geringes erobert haben werde und nachmals hat er noch oft und oft davon erzählt, wie er damals auf der Schwelle des Furchen⸗ bauern erfahren,„wie der Teufel in jedem Menſchen wohne und Meiſter werde, wenn man ihn nicht gleich beim Grips faſſe und erwürge.“ Jetzt hatte Broſi nichts in der Hand als das große Stück Kuchen, und das gab er ſeinen Geſellen und brachte keinen Biſſen davon über die Lippen, für ſich als Zeichen, daß er von den böſen Gewalten nichts annehme. Broſi hatte am vergangenen Donnerstag die volle Wahrheit geſprochen, überall wohin er kam hatte er nichts als gute Freunde und Niemand, der ihm gram war. Ja, die Freundlichkeit ging ſogar ſo weit, daß man da und dort über ſeine Schwiegermutter ſpöttelte und ihn um dieſe Zuwage bedauerte, Andere machten ihm ſogar freundſchaftliche Vorwürfe, daß er ſo früh heirathe und ſich einen ſo harten Anfang auf— bürde; Alle aber verſprachen, ſicher zu kommen, zumal da man ja auch zugleich die Einweihung der Kirche mitmache. Es wurde ihm als ein kluger Streich aus⸗ gelegt, daß er ſeine Hochzeit auf dieſen Tag feſtgeſetzt, da es ihm on Zuſpruch und reichlichen Hochzeitgeſchenken nicht fehlen könne. Von Moni ſprach faſt Niemand, es kannten ſie auch nur wenige; deſto mehr aber ſprach Broſi in ſich:„Und ihr wiſſet Alle nicht, daß es mein klugſter Streich iſt, juſt die Moni zu hei⸗ rathen.“ Als er am Abend auf dem Heimwege wieder an des Furchenbauern Haus vorüber kam und die Stelle ſah, wo ſo böſe Gedanken ihm in der Seele gewaltet hatten, eilte er ſeinen Geſellen voraus und wollte ſchnell heim zu Moni; nur auf das Zureden der 22* 340 Geſellen, wie es ſich nicht ſchicke, daß er allein heim⸗ kehre, hielt er mit ihnen gleichen Schritt. Moni war hocherfreut als ſie vernahm, welch eine fürnehme Brautjungfer ſie haben werde; als aber Broſi in ſeiner Offenherzigkeit auch erzählte, welche böſe Gedanken ihm in der Seele aufgeſproßt ſeien, wie er ſie aber mit Stumpf und Stil ausgerottet habe, da weinte Moni bitterlich und wollte ſich nicht beruhigen laſſen, ſo ſehr auch Broſi verſicherte, daß Alles wurz⸗ weg in ihm ausgejätet ſei. Erſt nach und nach gelang es, ſie zu beruhigen, aber ſo heiter wie die vergangenen Tage war ſie doch nicht. Auf dem Heimwege nach ſeiner Schlafſtelle fand Broſi mitten in der Nacht eine ſehr dienliche Weis⸗ heit.„Man muß den Weibern nicht Alles berichten,“ ſagte er ſich„abſonderlich aber nicht von Dingen, die aus und vorbei ſind; ſie glauben das doch nicht und meinen es ſei immer was übrig. Kannſt dich darauf verlaſſen, Moni, du kriegſt nichts mehr von dem was ich einmal'nunter gedruckt hab'.“ Fünftes Kapitel. Man redet ſo lang von der Kirchweih bis ſie endlich da iſt, das iſt eines der unbeſtreitbarſten Sprüchwörter und es bewährte ſich auch in Haldenbrunn. Im dichten undurchdringlichen Morgennebel, den man nach dem Ausſpruche Vieler faſt mit Löffeln eſſen könnte, krachten die Böllerſchüſſe und ertönten zum erſtenmal die Kirchenglocken von Haldenbrunn alleſammt und ſo hell und wunderſam von unſichtbarer Höhe, daß Alles auf die Straße rannte und eins dem andern zurief, doch auch hinzuhorchen wie ſchön das klinge, ſolch ein Geläute habe keine Gemeinde landauf und landab und eines beſtärkte das andere in der zuver⸗ ſichtlichen Hoffnung daß der Rebel fallen und ein heller Tag darüber erſcheinen werde. Broſi ging beim erſten Geläute nach dem Hauſe ſeiner Monika, er hatte unwillkürlich die Hände gefaltet und ſeine Lippen bewegten ſich, denn er ſprach vor ſich: „Guter Gott, gieb, daß dieſe Glocken uns nur Stunden des Glücks und der Freude ankündigen.“ Als das Geſammtgeläute vorüber war, tönten noch drei einzelne Glockenſchläge nach als ſprächen ſie drei⸗ mal Amen. 342 Moni war nicht in der Stube, ſie war in der Bühnenkammer, die Broſi wohnlich hergerichtet hatte, die Thüre war verſchloſſen und Broſi bat nicht um Einlaß, es wäre gegen allen Brauch geweſen, dieſes Gemach jetzt zu betreten. „Haſt's auch ſo ſchön läuten gehört?“ fragte Broſi und von innen antwortete es: „O freilich und ich hab gewußt, daß du kommſt und ich hab zu Gott gebetet, er ſoll uns alle Stunden, die uns die Glock angiebt, in Zufriedenheit erleben laſſen und wenn es Leidmuth giebt, ſoll er helfen, daß wir bald wieder drüber'naus kommen.“ Das war ja ganz daſſelbe was in Broſi's Herzen aufgeſtiegen war, nur noch bedachtſamer auf Leid und Ungemach. Moni ließ ihn nicht lange hierüber nach⸗ denken, denn ſie rief indem ſie eine Kiſte zuſchlug: „Wenn ſich nur das Wetter auch aufheitert. Geh' nunter, ich komm gleich.“ Das Apothekerrösle war auch heute noch voll grämlichen Klagens und ſagte immer, die ganze Welt ſei darauf zugeſpitzt um es zu ärgern, ihm zum Poſſen müſſe es den Tag noch erleben, wo Alles ſich draußen freut und es müſſe daheim liegen wie eine kranke Katz. Broſi ſchauderte bei dieſer unzerſtörbaren Giftigkeit und der Erinnerung an die Katze, er bat indeß die Schwiegermutter, doch wenigſtens heute fröhlich zu ſein, er wolle ihr Wein und Braten und Kuchen nach Haus ſchicken oder ſelbſt bringen, ſie ſolle mindeſtens heute freundlich zu den ankommenden Gäſten ſein, ſie habe böſen Namen genug. —,— 343 „So?“ rief das Apothekerrösle mit gellender Stimme „ich weiß wohl, die Leut' halten mich für eine Hex, aber wenn ich machen könnt', daß mich die Leute für des Teufels Großmutter hielten, ich thät's. Lieber möcht' ich von einem tollen Hund gebiſſen ſein als von den Menſchen gern gehabt. Wenn ſie ſo recht Furcht vor mir haben das iſt mir recht. Wenn ſie nur ſo ſtark Furcht hätten, daß ſie Alle die Gichter kriegten, wenn ich ſie anſeh!“ Moni unterbrach dieſe Herzensergießungen, die noch viel weiter gehen zu wollen ſchienen, ſie brachte ihrem Bräutigam das feine flächſene Hemd, das ſie ſelbſt geſponnen, gebleicht und genäht und das er heute den ganzen Tag tragen mußte. Das Apothekerrösle wollte die Geſchichte vom Rockertsweible erzählen, das ein Hemd aus Brennneſſeln geſponnen habe, aber Moni befahl ihr in ſcharfem Tone davon ſtille zu ſein und klagte über die Brautjungfer, die ſo lange auf ſich warten laſſe und die Mutter äußerte die ſchadenfrohe Gewiß⸗ heit, daß ſie gar nicht kommen werde; da ertönte das Schellengeläute eines Fuhrwerkes vor dem Hauſe, die Brautjungfer war angekommen, ihr vorauf lud man einen großen Sack ab, es war ein Malter Weißmehl, das als Hochzeitsgeſchenk in den Hausgang geſtellt wurde. Ehe die Brautjungfer in die Stube ging, ließ ſie den Sack umdrehen und da war auf demſelben deutlich Ambroſius Heller 1799 in einem Kranze zu leſen. Die Brautjungfer trug einen Roſenkranz um die Hand geſchlungen, offenbar als Schutz gegen die Hererei des Apothekerrösle; ſie ſchickte ſogleich den Broſi fort, da es gegen alles Herkommen war, daß er ſich jetzt im Hauſe befand. Zum Zweitenmale knallten die Böllerſchüſſe, die Glocken läuteten und Alles jauchzte da die Sonne hell hervorbrach. Moni war beſonders glücklich, da ſie juſt in dem Augenblicke ſo hell erglänzte als ihr die Brautjungfer die Flitterkrone, die ſogenannte Schappel, aufſetzte. Die Sonne hatte aber in Haldenbrunn noch gar viel andere Herrlichkeiten zu beſcheinen; vom Thurme flatterten Fahnen und an den Häuſern hingen überall Kränze von grünen Tannenreiſern und Stechpalmen aus denen in Ermanglung von Blumen aufgereihte Hagebutten und Zweige von Pfaffenhütchen und Vogel⸗ beerbüſchel hervorſchauten. Der Auerhahnwirth hatte von ſeinem Hauſe nach dem gegenüberſtehenden Kirſchen⸗ baume am Röhrbrunnen einen mit vielen Bändern verzierten Kranz gezogen und auf den Straßen lagen überall Tannenreiſer, Ginſter und ſogenanntes Schafter⸗ heu; der Wald hatte ſeinen Gruß geſendet zum Danke dafür, daß ihn nun Glockenſchall durchhallte. Die Burſchen von Endringen kamen alle insgeſammt unter Piſtolenknallen und mit bänderverzierten Rosma⸗ rinſträußen auf dem Hute, ſie holten Broſi ab um ihm das Geleite nach der Kirche zu geben. Als es zum drittenmal läutete, Böller- und Piſtolenſchüſſe knallten, ertönte die Muſik, die beiden Hochzeitläder gingen mit gezücktem Säbel vor und hinter der Braut und zum erſtenmal ertönte zum feierlichen Gottesdienſte die Orgel in der Kirche und man ſah viele Leute vor Freude und Rührung weinen. Der Geiſtliche, ein Heimath⸗ 345 genoſſe Broſi's, aus Endringen gebürtig, verſtand es die rechten Worte für die Weiheſtimmung zu treffen und als er die Anrede an Broſi hielt, wünſchte er ihm, daß ſein Glück ſo feſt und ohne Wanken ſein möge wie die Steine dieſes Baues, die er zuſammenfügen geholfen. Beim Ausgange war ein großes Gedränge und abermaliges Läuten, Böllerkrachen und Muſtkſchall und jetzt, nachdem der nöthige Ernſt abgethan war, brach die Freude mit verdoppelter Macht hervor. Die Brautführer geleiteten die Braut und ihre Geſpiele bis in's Wirthshaus, ſtießen dort ihre Säbel in die Stubendecke, genau da, wo Braut und Bräutigam ſitzen müſſen und nun begann der Brauttanz. Es war eine Luſtbarkeit, wie ſie zwiſchen den dunkeln Wäldern noch ſelten gefunden war und Broſi nickte zufrieden als ihm einer der Burſchen mitten aus dem Tanze zurief:„Heut ſind wir Alle lauter Broſi's.“ Er ſelbſt fühlte ſich in ſeiner neuen Würde zu ernſtem Maß halten geſtimmt und hatte auch dafür zu ſorgen, daß er mit Jedem der Gäſte ein freundliches Wort ſprach und daß Jeder für ſein Geld gehörig bedient werde. Auch hatte er Grund genug zu ernſtem Nachdenken. Er hatte ſeiner Schwiegermutter Wein und Eſſen nach Haus gebracht und ſie hatte vor ſeinen Augen den Wein in die Stube geſchüttet und dabei ſo hölliſch gelacht als wäre ihr Wunſch vom Morgen in Erfüllung gegangen und ſie wirklich des Teufels Großmutter. Er ſuchte indeß dieſen Gram zu verwinden und als erſte Anwendung ſeines vor der Hochzeit ſich geſtellten Verfahrens brachte er es dahin, der Moni gar nichts davon zu ſagen und dieſe ſtrahlte in harmloſer Selig⸗ keit und brachte es eben dadurch auch zu wege, ihn zu erheitern und den Vorſatz in ihm zu befeſtigen, das Apothekerrösle wie einen Narren zu behandeln, mit Geduld und Gleichgültigkeit. Als es Abend zu werden begann und manche Gäſte ſich zur Heimfahrt anſchickten, ſchrie Alles wie aus Einem Munde: „Bändelestanz! Broſitanz!“ und Broſi mußte den auf der Hochzeit des Furchenbauern erfundenen Reigen abermals ausführen, heute aber faßte er nur ſeine Moni und ſang dabei: Weil Scheiden bitter iſt Und s'lieben ſüß, Jetzt leg i mim rechten Schatz D' Händ unter d' Füß. Trotzdem ſchon viele Pferde auf der Straße ange⸗ ſpannt waren und hell wieherten, verſprachen doch alle Gäſte noch zu bleiben, wenn Broſi auch noch den Hop⸗ petvogel und den Siebenſprung ausführe. Er ließ ſich dazu nicht lange bitten und man konnte nicht ſagen, wer Alles zierlicher und auf den Ton hin genauer ausführe, er oder Moni. Die volle Luſtigkeit brach wieder in Broſi hervor und er jauchzte und ſprang und ſang, daß Alles auf Tiſch und Bänke ſtieg um ihm genau zuzu⸗ ſehen, und als er geendet hatte, rief er:„Eingehalten! Es kommt was.“ Er trat mit Moni vor die Brüſtung, hinter der die Muſikanten ſaßen, und ſagte:„Moni, das iſt auch ein Altar und jetzt kommt ein neues Ver⸗ 347 ſprechen. Ich nehm euch Alle zum Zeugen, da ſchwör' ich's: So lang mir der oberſte Muſikant da zu aller⸗ höchſt oben Leben und Geſundheit ſchenkt, tanz ich jede Kirchweih. Schwör du das auch Moni, thu's, ich bitt dich drum.“ „Ja, ja, ich ſchwör's auch,“ rief Moni und reichte ihm die Hand und die Muſikanten wirbelten einen Tuſch und hefteten gleich einen luſtigen Hopſer dran. Alle Gäſte, denen Broſi und Moni das Geleite geben mußten, um von ihnen das übliche Geldgeſchenk zu empfangen, betheuerten, noch nie eine ſo luſtige Hochzeit mitge⸗ macht zu haben und der beſte Beweis, daß Alles glücklich und zufrieden war, lag darin, daß Moni im Geheim ihrem Manne in's Ohr ſagte, ſie hätten jetzt neben dem Sack Mehl und anderem ſchon dreißig Gulden baar über die Hochzeitskoſten eingenommen. „Haſt's gezählt?“ fragte Broſi. „Ja, ich hab' Alles ungeſehen abgezählt, eh ich's in Sack than hab; da rechts hab ich achtzehn und da hab ich ſieben und zwanzig Gulden. Wir kaufen dem Be⸗ ſtänder unſer Küh'le ab, und es iſt gar ein brav Küh'le, das wird das beſte ſein.“ „Ja, ja,“ ſagte Broſi, und rieb ſich vergnügt die Hände, er ſah ſchon jetzt wieder deutlich, was für eine „hausliche“ Frau er hatte. Nachdem die Braut geſtohlen und dann wieder ausgelöst worden war, ging die Luſtbarkeit von Neuem an. Broſi ſprach im Geheimen vom Heimgehen, aber Monika hatte noch manche Leute im Auge, die noch kein Geſchenk gegeben hatten, deren Weggang mußte 348 abgewartet werden. Endlich nickte Moni ſtill als ihr Broſi wieder winkte, ſie ſchlich ſich fort und bald war Broſi bei ihr auf der Straße, aber ſo verborgen ſie ſich auch glaubten, ſie waren doch entdeckt worden und Muſik und Geſang tönte ihnen von den Fenſtern her⸗ aus nach. Nicht weit von ihrem Hauſe ſprang Moni davon, er ließ ſie gewähren, denn es gilt als Zeichen, daß der die Herrſchaft bekommt, der zuerſt in's Haus tritt und Broſi ſah ſchon, daß er gut dabei ſtand, wenn er ſeine Frau walten ließ. Er ſah ſie in das Haus treten und die Thüre hinter ſich offen ſtehen laſſen, aber ſo ſehr er auch das Haus durchſuchte und ſie rief, er fand ſie nirgends, auch in der Bühnenkammer war ſie nicht und nicht auf dem Heuboden, nicht in Stall und Keller. Endlich rief er:„ſoll ich an meinem Hoch⸗ zeitstag fluchen? Und das muß ich, wenn du nicht kommſt.“ „Such das Geheimniß,“ rief eine Stimme wie aus der Ferne und auf die Bitten Broſi's, rief es endlich deutlicher:„da bin ich.“ Unter der Treppe war ein Laden, der in die Raufe nach dem Stalle ging und Moni erklärte, daß ſie hier hin verſchwun⸗ den ſei in jener Nacht als ſie ihn aus dem Hauſe bettelte. Sechstes Kapitel. Man hatte ſich bisher in Haldenbrunn mit einer zerfallenen Kapelle auf dem Gottesacker begnügen müſſen, und man muß es wiſſen, was es heißt, wenn ein Dorf zum Erſtenmale eine eigene Kirche hat, es iſt als ob der heilige Geiſt ſich leibhaftig unter den Be⸗ wohnern anſäſſig gemacht hätte und wiederum als ob Alle gemeinſam ein ſchönes unzerſtörbares Sonntags⸗ gewand bekommen hätten; der wahre heilige Geiſt, das Gefühl der Gemeinſamkeit und Allgehörigkeit, er⸗ hebt die Herzen und macht ſie froh in ſich und freund⸗ lich eines dem andern. Verſtünde es die Kirche, dieſe Weiheſtimmung, dieſes Gefühl der Brüderlichkeit und Gemeinſamkeit vor Allem in den Herzen wach zu hal⸗ ten, ſie wäre die Heilsanſtalt, deren Beruf ſie ſich zuſchreibt. Faſt noch mehr aber als an der Kirche, freute ſich Alles an den Kirchenglocken. Wie ſtill und ungezählt waren die Stunden des Lebens vorübergegangen, wie lief man in des Nachbars Haus oder ſchaute nach dem Schatten, um die Tageszeit zu erkunden und jetzt tönt es allezeit vom Thurme und die Berge, ſolchen Klanges 350 ungewohnt, ſprechen ihn nach, und im Walde legt der Holzhauer die Art nieder und ſpricht: Das iſt unſere Glocke, die elfe ſchlägt— und dieſes unſere thut ſo wohl und würzt das karge Mahl. Ein feierlicher Hauch webte noch tagelang über Haldenbrunn und die Tannenreiſer, die zu feſtlichen Kränzen und Bogen verwendet waren, dufteten ſo würzig; aber der feſt⸗ liche Hauch vergeht, und die Tannenreiſer werden bald abgenommen, zu Reiſigbüſcheln für die Heizung zer⸗ hackt und gebunden. Nur bei Broſi war die Feſttagsſonne noch nicht erloſchen. Zwar geſtattete er ſich nur noch Tags darauf im Sonntagsgewande einherzugehen, und wenn ihn die Leute grüßten, meinte er, Alle müßten es ihm an⸗ ſehen, wie glücklich er ſei und ſeine feierliche Stim⸗ mung blieb noch lange Zeit. Er begriff oft gar nicht, daß die Leute ſo thaten als ob das gar nichts wäre, wenn er auf ihre Frage Wohin zur Antwort gab; „ich gehe heim.“ Wußten denn die Leute nicht, daß er zum Erſtenmal in ſeinem Leben eine. Heimath ge⸗ funden, und daß er jetzt ein doppelter Menſch war, daß er daheim eine wackere nette Frau ſein eigen nannte? Ueber ſeine frohe Stimmung und das volle Erquicken an derſelben vergaß er aber nicht, auf das Erſte und Nothwendigſte bedacht zu ſein, und das war: eine Winterarbeit, einen Verdienſt in der harten Zeit zu finden. Zwar begann man ſchon damals hier und dort Winterwerkſtätten für Steinmetzen herzurichten, und da Broſi Steinmetz und Maurer war, hätte er wohl ein Unterkommen finden können, aber gleich den erſten Winter aus der neu gegründeten Heimath fort⸗ zugehen, konnte er ſich nicht zumuthen. Es blieb alſo nur übrig, Arbeit im Orte zu finden, und da gab es nur eine einzige: Holz fällen in den umgränzenden Wäldern, und wenn der Boden gefroren iſt und ſich eine Schneebahn darüber legt, das Gefällte auf Hand⸗ ſchlitten thalwärts führen. Der Revierförſter war gegen den damals üblichen Abzug von dem bedungenen Lohne zu ſeinen eigenen Gunſten nicht abgeneigt, Broſi Arbeit zu geben, und er durfte nicht lange zögern, denn ein junger Ehemann in ſeinen Vermögensver⸗ hältniſſen mußte der übelſten Nachrede gewärtig ſein, wenn er nur einen Tag müßig umherging. Die Wald⸗ arbeit wurde Broſi unſäglich ſchwer, er war von ſeinem Handwerke an ein ſtetiges und gleichmäßiges Arbeiten gewöhnt, jetzt aber dieſe oft plötzlichen Kraftanſtrengungen ermüdeten ihn mehr als man bei ſeinem ſtarkknochigen Körperbau vermuthen mochte. Bald aber gelang es ihm, auch dieſem Thun die heitere Seite abzugewinnen. Er nannte den gefrorenen Wald ſeinen überzuckerten Weihnachtsgarten, und wenn er vor Kälte hüpfte und mit den Händen ſchlägelte ſagte er immer, er führe jetzt den Friertanz auf, er ſprach zu den Bäumen, die er fällte, ſo entſchuldigend freundliche Worte und bat ſie unter allerlei Ver⸗ beugungen, doch gnädigſt nicht ſo zäh zu ſein und ſich in ihr Schickſal zu finden, daß alle anderen Holzhauer ſich herzudrängten, um mit ihm gemeinſame Arbeit zu machen. Wenn der Baum ſchwankte und krachend niederfiel, ſtieß Broſt immer einen hellen Juchſchrei 352 aus. Am glückſeligſten war er aber doch, wenn er in ſich hinein dachte, welch' ein„kugelig Weible,“ wie er es ſtets nannte, er daheim habe, und manchmal verzehrte er verſtohlen, um den Neckereien der anderen zu entgehen, einen guten Biſſen, den ihm Moni „hehlings“ in die Taſche geſteckt hatte. Wenn er dann Abends heim kam und die Art in einen Küchenwinkel ſtellte, wiſchte er ſich behaglich Reif und Schnee aus dem Bart, ſtellte ſich breitſpurig, die Hände auf dem Rücken, vor ſeine Moni, die am Heerde ſtand und ſchaute ſie ſo lange an, bis ſie lachte, dann ſprach er ganz leiſe mit ihr, damit es die Mutter in der Stube nicht höre, und dieſes Heimlichthun, das doch ſeine traurige Urſache hatte, erſchloß wieder ſeinen beſondern Reiz. Broſi und ſeine Frau waren immer wie zwei Liebende, die ſich vor einem keifenden Vormunde nur verſtohlen und heimlich nähern dürfen, denn das Apothekerrösle fluchte und ſchimpfte immer, wenn Broſi und Moni mit einander ſcherzten und ſagte, ſie wollten es noch vergiften, um ihre Narretheien unge⸗ ſehen treiben zu können. Sprachen ſie einmal leiſe mit einander in der Stube, ſo heulte und wehklagte das Apothekerrösle, daß man es zehn Häuſer weit hören konnte, und die Eheleute ihr Alles verſprachen, wenn ſie nur ſtill ſei. Moni hatte der Mutter einen Theil des Bettes nehmen müſſen, und nun klagte ſie ſtets über das hartherzige Kind, das ihr die Kiſſen unter dem Kopfe wegzöge, und das ſie gewiß bald aus der warmen Stube vertreibe, aber ſie gehe nicht fort und werde noch ein Menſchen finden, der für ſie den Vogt hole. † Broſi wollte der Mutter die entnommenen Bett— ſtücke wieder zurück geben, aber Moni duldete das nicht, man dürfe nicht nachgeben, ſonſt ſei man ver⸗ loren. Moni ſuchte ihren Mann zu tröſten über die ſchwere Bürde, die er an ihrer Mutter habe, aber dieſer ſagte gleichmüthig: „Wir wären zu glücklich, drum müſſen wir unſer Kreuz haben, das iſt einmal ſo in der Welt; und ſo ſchwer iſt es nicht, daß wir nicht noch luſtige Sprünge machen können.“ Als ihm aber Moni ein beglückendes Geheimniß mittheilte, ſagte er doch: „Lieber Gott, mir iſt nur arg, daß das unſchuldige Kind die Belferei von deiner Mutter mit anhören muß.“ Jetzt aber war Moni geſcheiter, denn ſie ent⸗ gegnete: „Das ſchadet nichts. Man wird juſt nicht giftig davon, das ſiehſt an mir, und in frühen Jahren zu wiſſen, daß nicht alle Menſchen Lämmer Gottes ſind, hat auch ſein Gutes.“ Ganze Abende ſaß Broſi bei ſeiner Frau und ſang mit ihr, daß die Fenſter zitterten. Weil ſie in Gegen⸗ wart der Mutter nicht viel reden durften, begannen ſie in der Regel bald nach dem Nachteſſen, das die Haupmahlzeit war, Liebeslieder und Schelmenlieder, wie ſie ihnen in den Sinn kamen, und wie geſagt, das häſſige Weſen der Mutter drängte die Eheleute gerade zu um ſo größerer Luſtigkeit, die freilich in ihnen beiden ſteckte. Schien der Liedervorr⸗ erſchöpft Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. oder nicht mehr ergiebig genug, ſo ging es an die wortloſe Muſik, Hopſer und Walzer und beſonders der Siebenſprung wurden ohne Ende zweiſtimmig ge⸗ ſungen, bis der Uribaſche, der Nachtwächter, neun Uhr anrief. Dabei waren aber beide Eheleute nie müßig mit den Händen. Moni hatte von dem Gelde, das nach Ankauf der Kuh übrig geblieben war, Hanf ge⸗ kauft und ſpann nun denſelben mit nie geſehener Schnelligkeit; ſie war ja überhaupt allzeit lebhaft und fleißig, drehte ſich dreimal herum bis ein anderes nur aufſtand. Broſi hatte auch nie zu den Langſamen und Trägen gehört; er fand aber in den Winterabenden nichts anderes zu thun, als dieſelbe Handthierung, die in der ganzen Gegend heimiſch war, nämlich Schindeln zu machen. Damals war es noch nicht wie heute, wo die Holzhändler alles Stammholz aufkaufen und den Schindelnmachern nichts übrig bleibt, als die aſt⸗ vollen Spitzen, die nur im Kerne zu verarbeiten ſind, damals ging man noch hinaus in den Wald und be⸗ zeichnete ſich eine Schindeltanne, die man als Spalt⸗ holz zum Revierpreis und manchmal auch nur für einen Küchengruß erhielt, denn damals wurde noch nicht jeder Baum in ſieben Bücher eingeſchrieben und verrechnet, da hatte man zartes, das heißt, aſtloſes Holz genug, und wenn man den Stamm in kleine ſchuhlange Blöcke geſägt und in Würfel geſpalten hatte, durfte man nur das Meſſer oben einſetzen, um mit leichtem Handgriffe die Schindel nach der Faſer zu ſchlitzen. Freilich waren ſie damals auch noch bil⸗ liger, das heißt das Geld war theurer; wenn man 355 heutigen Tages für hundert Stück gern drei Kreuzer bekommt, war man damals froh, ſie für einen los zu werden. Broſi machte noch am Abend ſpielend ſeine zwei bis dreihundert fertig, und das gab doch immer etwas für Salz und Oel, denn auch dieſes brauchte man, da es die Mutter nicht leiden konnte, daß man Lichtſpäne in der Stube brannte. Oft ſtellte Moni mit ihrem Manne den Wettkampf an, daß ſie einen Faden abſpinne, bis er zwei Schindeln geſchlitzt habe, und ſie hielt es richtig inne. So weit die dunkle Tanne die hohen Berge bedeckt, gab es gewiß kein arbeitſameres und fröhlicheres Haus als das von Broſi und Moni, und noch dazu ſtanden ſie am Vorabende eines glücklichen Ereigniſſes, denn das„brave Küh'le,“ wie es Moni ſtets nannte, mußte nun bald ein Kalb bringen, aus deſſen Verkauf man ein gut Stück Geld in die Hand bekam, und wenn dann die drei Hühner zu legen aufhören, hat man doch wieder Milch im Hauſe und eine volle reiche Haushaltung. Bei jedem Begegnenden auf dem Waldgange und in den Geſprächen bei der Arbeit ſelbſt, forſchte Broſi ſtets nach einer andern Tagesbeſchäftigung, aber er konnte und mochte keinen Tag ausſetzen, um nach einer ſolchen umzuſchauen, und das beſonders ſeiner Frau wegen, ſie ſollte nicht merken, wie mühſelig ihm dieſe ungewohnte Arbeit war und erſt davon erfahren, wenn er eine andere ausfindig gemacht. Dieſe Rückſicht war aber nicht lauter Zartheit, ſondern vornehmlich auch Stolz; ein Mann wie er, ſagte ſich Broſi, darf ſich von ſeiner Frau nicht darum anſehen laſſen, daß er 235 356 ſo wenig Erwerbsquellen hat, und wenn die Frau da mit berathen hilft, iſt aller Reſpekt dahin und dieſen zu erhalten war Broſi allzeit ſehr eifrig bedacht. Es begann nun die Zeit, wo das Scheitholz zwei Stunden weit nach dem Thale gebracht werden mußte, von wo es im Frühling verflötzt oder auf der Achſe befördert wurde. Lange bevor der Tag anbrach, zog die Mannſchaft mit Fakeln hinaus in den Wald, ein jeder trug ſeinen Schlitten mit den raſſelnden Anheb⸗ ketten den Berg hinauf. Es war ein ſeltſamer Anblick, dieſe Schaar in den Wald ziehen zu ſehen: voraus gingen die Knaben, die nur beim Aufladen helfen mußten und trugen abwechſelnd die Fackeln und drangen vor in die Finſterniß als dränge man ſtets in eine tiefe Grube, dann kamen die Männer, auf den Schul⸗ tern die Schlitten, deren Geleiſe nach vorn horn⸗ artig aufgebogen und geſpitzt emporſtanden, ſo daß die Männer wie ungeheuerliche Rieſen mit ſeltſamen Um⸗ zäunungen erſchienen; dazu das Raſſeln der Abhebketten, das Knarren der Tritte im harten Schnee und manch⸗ mal ein ſchlaftrunkenes Taumeln auf dem abſchüſſigen Wege oder gar ein Hinſtürzen bei der Unachtſamkeit auf eine tückiſche Baumwurzel. Manchmal geſchah es auch, daß die Fackeln durch unvorſichtiges Halten oder vergeſſenes Schwingen ausgingen, wo alsdann Alle nach einander und oft mehrere gemeinſam die glühen⸗ den Kohlen zu heller Flamme anzublaſen ſuchten, und dabei nichts zuwege brachten als pausbackige glühende Geſichter, die während des Blaſens nur bisweilen ſich ſetzten um grimmig zu fluchen. Nachdem man mühſam 50 ein Schwefelholz entzündet und nach einander alle, die man bei ſich hatte, an die Fackel hielt, bis es auf die Nägel brannte, mußte man oft eine Stunde lang auf dem Flecke ſtehen bleiben, wo man eben war; man durfte es nicht wagen in Finſterniß und Schneewehen weiter zu gehen, bis der Morgen anbrach. Iſt ſchon das Warten in jeglicher Lage ein die innerſte Verſtimmung leicht aufreizendes, ſo war es hier noch weit mehr; man zankte und ſtritt ſich über das geſchehene Unge⸗ mach, und da man ſich bei dieſem Streite nicht ſah, gab es oft die luſtigſten Stimmenverwechslungen, und beſonders der Broſi machte oft den Spaß, mit ſich ſelber einen Streit anzufangen oder mitten im Gezänke die Stimme eines Unbetheiligten nachzuahmen und in ſeinem Namen tüchtig zu ſchimpfen. Man träppelte auf dem Platze hin und her, und wo eines einen Knaben unter die Hände kriegte, bekam er einen Knuff als muthmaßlicher Uebelthäter und in das Zanken und Streiten miſchte ſich klägliches Weinen des Knaben und noch lauteres Schelten und Fluchen des betreffenden Vaters. Es war faſt immer ſo finſter, daß man ein⸗ ander in die Augen greifen konnte, und dabei ſtieß man ſich noch gegenſeitig mit den Schlitten auf dem Kopfe, theils muthwillig, theils im Hader, wenn einer ſeinen Schlitten abnehmen, und den andern dadurch von ſeiner ſichern Stelle verdrängen wollte. Broſi verhielt ſich in ſolchen Fährlichkeiten auch oft ganz ruhig, und wenn Alles durcheinander lärmte und ſchrie, ſchüttelte er ſich nur und machte das Rol⸗ lenhalfter, das er ſich umgehängt hatte, laut klingen. Es bedurfte ſeines ganzen unverwüſtlichen Froh⸗ ſinns, um in dieſen Zänkereien und den darauf fol⸗ genden Mühen nicht bis zum Uebermaß verdroſſen zu werden. Hatte man dann ſeinen Schlitten geladen und die Sperre, die nur aus niederhängenden Scheitern in der Kette beſtand, gehörig gerichtet, ſo galt es, weder der erſte zu ſein, der den Anderen Bahn machte, noch auch einer der letzten, der ſchon zu glatte Geleiſe vor⸗ fand. Es gelang Broſi nicht, weder mit Scherz noch mit nachdrücklichem Ernſte eine feſte Reihenfolge her⸗ zuſtellen, ja er wurde gehänſelt und mit ſeinen Neue⸗ rungen barſch abgewieſen, weil er von Endringen gebürtig, ein Eindringling und einer der jüngſt Ein⸗ getretenen war. Broſi war nun meiſt der Bahnma⸗ chende, er ſtellte ſich in die Gabel ſeines Schlittens und leitete ihn den Berg hinab, bald anziehend, bald ſperrend, je nachdem es der Weg mit ſich bringt. Oft war es ihm, als müßte das Treiben ihm die Arme ausrenken, und das Ziehen die Bruſt heraus⸗ ſtoßen und noch dazu das allzeit vorſichtige Umſchauen auf den Weg und das Aufmerken auf die Genoſſen, die ſo unverzeihlich hart hinter ihm dreinkamen; aber Broſi war jung und geſund und er freute ſich deſſen doppelt. War er im Thale angekommen, wo er ſich zum Verſchnaufen ein wenig ausſpannte und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte, ſo reckte und bäumte er ſich mit Luſt und fühlte die Kraft durch alle ſeine Glieder ſtrömen, er ſagte dann oft ſcherzend:„Das Ding iſt doch gut, das macht einem Gaulsknochen.“ Das Ziehen im Thale war dann nur noch ein Kin⸗ derſpiel, eine halbe Arbeit, und ſo oft er ausſchnaufte, pfiff er einen lufligen Ländler dabei. Die rechte Freude kam aber doch immer erſt, wenn er mit ſinkender Nacht heimkehrte und mit ſeiner Moni die gebackenen Schupfnudeln oder gebrägelten Kartoffeln aus der Pfanne aß, und ſeltſamer Weiſe wurde der Sack Mehl, den der Gipsmüller geſchenkt hatte, kaum merklich leerer. Moni mußte einen Hausſegen haben, der ihr dazu verhalf, wenn ſie auch Schwarzmehl oder ſogar Kleie unter das geſchenkte Mehl ſchüttete— die Schupfnudeln waren offenbar dunkel— das Mehl war doch wunderbar ausgiebig. Moni hatte während des Eſſens immerdar ſehr viel zu erzählen und ließ ihren Mann faſt gar nicht zu Wort kommen. Dieſer merkte wohl, daß ſie darum ſo viel ſprach, um ihm Gelegenheit zu geben, den größeren Theil des Eſſens zu verzehren, denn ſie hielt oft die Gabel leer oder gefüllt lange unbewegt vor dem Munde; Broſi hörte ihr ruhig zu und that ihr den Willen ſich ihrer Gutherzigkeit freuend, er nickte meiſt nur mit dem Kopfe, aber wenn er merkte, daß er ſeinen gebührenden Antheil hatte, legte er die Gabel nieder und ſagte: „So, Gottlob, jetzt iß du voll aus,“ und da half keine Widerrede mehr; Moni durfte nicht aufſtehen, bis ſie rein aufgegeſſen hatte und unter ſteten Betheue⸗ rungen, daß ſie nicht mehr weiter könne und unter vielem Lachen mußte ſie ihm doch willfahren. Mit dem Schindelnmachen ging es ſeit Beginn der Holzfuhren nur läſſig, denn Broſi war in der Tha jetzt am Abend„müde wie ein Gaul,“ er entſchlief meiſt ſchon auf der Bank hinter dem Tiſche, nachdem er ſich die Würfelſcheiter hergerichtet hatte. Wenn ihn dann endlich ſeine Frau weckte, wobei ſie allerlei Scherze verführte, wozu namentlich das Kitzeln mit einem gedrehten Papierchen auf der Naſe und im Geſichte gehörte und er ſtets die Fliege abwehrte, mußte ſie ihn zuletzt noch wach rütteln und rief oft:„guten Morgen Broſi,“ dieſer aber erhob ſich dann in die Hände klatſchend und dankte Gott, daß er ihm für jeden Tag zwei Nächte zum Schlafen gebe und auf der Treppe nach der Bühnenkammer gab es dann meiſt helles Lachen und Scherzen. Siebentes Kapitel. Wochenlang ſah Broſi während der Werktage kein Haus in Haldenbrunn, ſo lange die Sonne ſchien, denn vor Tag ging es in den Wald und erſt mit ſinkender Sonne wieder heimwärts. Dafür war aber auch der Sonntag ein wahrer Sonnentag und wenn's auch ſchneite, daß man kaum die Augen aufmachen konnte; da hatte jede Stunde, ja jede Minute ihre Ruheſeligkeit. Wie behaglich wurde am Morgen getrödelt und ge⸗ zögert, Moni hatte noch, bevor ihr Mann die Augen aufſchlug das Sonntagsgewand hergerichtet ſo ordent⸗ lich und ſo pünktlich, daß es eine Luſt war, ſie mußte aber oft drei, viermal die Treppe hinaufrufen und ſogar ſelbſt hinaufkommen, um ihn zur Morgenſuppe zu ent⸗ bieten, und manchmal hatte Broſi ſchon die Kleider im Arm, er ſetzte ſich aber wieder auf den Stuhl und rief durch die verſchloſſene Thüre:„Laß mich noch ein bisle da ſitzen, es thut gar ſo wohl. Sag der Supp einen ſchönen Gruß und ſie ſoll warm bleiben, ich verſprech ihr auch dafür eine gute Verſorgung.“ Erſt wenn Moni klagte, daß ſie nun ſchon ſo lange mit leerem Magen herumgehe, beeilte er ſich und ſagte 362 dann der Schwiegermutter einen ſo treuherzigen, ſonn⸗ tagsfreudigen„guten Morgen,“ daß ſelbſt dieſe verboste Hexe freundlich ſein und mit ihrer Unterlippe ein Pfännchen machen mußte. Hemdermelig wurde die Morgenſuppe verzehrt und ſo gewiß als die Glocke tönt, mußte ihm jedesmal während des dritten Ge⸗ läutes Moni helfen den langen blauen Rock anziehen und ihm den dreiſpitzigen Hut nebſt Gebetbuch dar⸗ reichen. Broſi ging in der Regel Morgens in die Kirche und Moni Nachmittags. Nur in ſeltenen Fällen und bei beſonderen Feierlichkeiten gingen ſie mit ein⸗ ander. Broſi ging doppelt gern in die Kirche, weil ein Endringer hier Pfarrer war, und wenn eines den Pfarrer lobte, vergaß er gewiß nie hinzuzuſetzen:„Ja, er iſt eben von Endringen. Wir ſind aus Einem Ort.“ Broſi war ein frommes, gläubiges Gemüth und hatte eben darum wenig damit zu ſchaffen, er that ſeine Pflicht, glaubte was vorgeſchrieben iſt und war ſicher, einſt eine ſelige Urſtänd zu finden. Er ſtand in einem unausgeſprochenen Einverſtändniſſe mit dem Schul⸗ lehrer, und ſo oft dieſer die Intonation vollendet hatte, ſtimmte Broſi mit mächtiger Stimme den Geſang anz er war in den Kirchenliedern nicht minder bewandert, wie in Liebes⸗ und Schelmenliedern und war im Stande einen ganzen wankenden Chor aufrecht zu er⸗ halten.„Mir nach!“ ſprach dann ſeine aufrechte Hal⸗ tung wenn er ſich erhob, und die Leute ließen es darob nicht an wirklichem und übertriebenem Lob fehlen, worauf er oft ſeinen Spruch hervorbrachte:„Mein Mann iſcht koanr.“ Mit ſeligen Hoffnungen und Ver⸗ 363 heißungen geſpeist ging Broſi nach Hauſe und blieb bald bei dieſem bald bei jenem ſtehen und ſprach über allerlei. Je näher er aber ſeinem Hauſe kam und den Rauch aus der Luke des Strohdaches aus dem weißen Schnee aufſteigen ſah, um ſo mehr ſchmunzelte er in der Zuverſicht eines beſondern Genuſſes, der auch nie fehlte. So oft er auch ſeine zwei bis drei Dutzend fauſtgroße Leberſpatzen verzehrte, jedesmal rühmte er, daß gewiß ſo weit man kocht, Niemand ſolche Leber⸗ ſpatzen bereiten könne wie ſeine Moni. Ueberhaupt war es ausgemacht, daß die beiden Ehegatten ſehr viel einander lobten, aber Broſi erhielt auch hier den größern Theil und wer es noch nicht gemerkt hat, dem ſei es jetzt ausdrücklich geſagt, daß Broſi eigentlich von Grund des Herzens eitel und lobſüchtig war, und zwar ſehr eitel und ſehr lobſüchtig. Während der Mittagskirche ſaß Broſi vor einem durchſchoſſenen Kalender und ſchrieb— er wär ja von Endringen und hatte Schreiben, Tafelrechnen und Leſen gelernt und das konnte damals unter zehn kaum einer— mit harter Hand verzeichnete er den Arbeits⸗ lohn der Woche, was er davon erhalten und noch gut hatte und wie viel Klafter er überhaupt zu Thal geliefert; daneben wurde der Schindelnverkauf genau berechnet und eine beſondere Ausgabe, wie etwa die Herrichtung einer zerriſſenen Sperrkette verzeichnet. Broſi hätte das Alles wohl im Kopf behalten können, aber erſtlich erſchien er ſich in einer beſondern hausväterlichen Würde bei ſolcher Buchführung— und Moni vergaß es nicht, ihn gebührlich darob zu loben,— und dann 364 war es ihm in der That als ob er eine Laſt abnehme, wenn er dieſe Sachen aus dem Gedächtniß ſchaffte; da auf dem Papier ſtand es ſicher und feſt, und wenn es eintönig aus der Kirche läutete, hing er den Kalender mit beſonderem Behagen an den Nagel. Junge Männer, die zu einer ſelbſtändigen Wirth⸗ ſchaftlichkeit gelangen, beginnen leicht eine übermäßig genaue Buchführung, laſſen aber eben ſo leicht bald ganz davon ab, im ſtillen Vertrauen, daß ſie nichts Unnöthiges verausgaben. Wir werden aber im Ver⸗ folge unſerer Erzählung ſehen, daß Broſi ſeinem Vorſatze durch länger als ein halbes Jahrhundert getreu blieb und eben dieſe wohlgeordnete Kalenderſammlung, wo⸗ runter die leider nur wenigen Jahrgänge des unüber⸗ trefflichen Rheinländiſchen Hausfreundes ſehr zerleſen ſind, dienten uns vielfach als Stützpunkt zu den Exeig⸗ niſſen im Leben Broſi's und erweckten ihn zu ausführ⸗ lichen Berichten; denn wenn er nur in dieſe Blätter hineinſah, ſtand wieder Alles ſo lebendig vor ihm als wäre es erſt heute geſchehen. Oft war auch Broſi raſcher fertig mit ſeinen Auf⸗ zeichnungen und fand dann noch Zeit bei einem Nachbar einzuſprechen. Das hatte aber Moni nie gerne, ſie ſprach es nur Einmal aus und als das nicht gut wirkte, ſo arbeitete ſie fortan im Geheimen mit allerlei Künſten daran, daß ihr Mann ſich nicht daran gewöhne ſeine Unterhaltung außer dem Hauſe zu ſuchen und kaum den Löffel aus dem Munde fortrenne, ſondern daß er am liebſten daheim bleibe. Damals war es noch allgemein Sitte auf dem Walde, daß allſonntäglich nach dem Nachteſſen die Eheleute, wenn ſie gut mit einander lebten, gemeinſam in's Wirthshaus gingen. Es war nicht wie heute, wo der Mann ſich allein einen friſchen Trunk vom Faſſe holt und die Frau mit verſäuertem Gemüthe daheim läßt. In der Regel gingen die Frauen aber, beſonders wenn ſie Kinder und ein großes Hausweſen hatten, wenn ſie vom Glaſe genippt hatten, bald wieder fort und dieſer Wirthshausgang war mehr eine Muſte⸗ rung über das Eheleben. So ging auch Broſi das Dorf hinein und ſeine Frau hinter ihm, ſie that das nicht anders, ſie ging nie voraus. Im Wirthshaus war ſtrenge Rangordnung und Niemand dachte ſie zu durchbrechen. Die Großbauern hatten ihren beſondern Tiſch und bekamen Flaſchen und Gläſer dazu, die Halbbauern ſaßen wieder geſon⸗ dert und hatten glatte Schoppengläſer, die Häusler, wozu Broſi gehörte, ſaßen ebenfalls für ſich und hatten gerippte Gläſer. Dem Eintretenden brachte es indeß dieſer und jener zu und er mußte aus jedem Glaſe trinken mit einem„Geſundheit“ beim Anſetzen, und „Groß Dank“ beim Abſetzen. Wenn Broſi eintrat, war keiner in der Stube, der es ihm nicht zubrachte, denn er war von Allen wohlgelitten und daran hatte beſonders Moni ihre Freude; ſie ſtrahlte vor Glück⸗ ſeligkeit, ſie, die Vereinſamte, Verſtoßene, die nun durch ihren Mann in die Gemeinſchaft der Menſchen aufgenommen war, und ſolche, die früher kaum nach ihr umſchauten und kein gutes Wort für ſie hatten, 366 thaten jetzt als ob ſie von je her die beſten Freunde zu ihr geweſen wären und die Großbanern ſprachen mit ihr und ſagten, man ſehe es erſt jetzt, daß ſie eigentlich ein„ſauber Mädle“ geweſen ſei. Das Alles verdankte ſie ihrem Broſi, der ſie nicht mit den anderen Frauen fortgehen ließ, ſondern bei ſich behielt, bis ſie ſich unverſehens zu der Wirthin in die Schenke machte, denn ſie war oft bald die einzige Frau unter den vielen Männern. Haldenbrunn gehörte zu Vorderöſtreich und der Krieg mit den Franzoſen, in dem viele Söhne aus dem Dorfe ſich befanden, bildete natürlich das erſte Geſpräch; der Sieg Erzherzog Karls bei Stockach, der Rückzug der Ruſſen über den Rhein, Bonapart's Rückkehr nach Frankreich, die Gefangennehmung des Papſtes, nach⸗ trägliche Berichte über den Geſandtenmord in Raſtatt, das Alles lief wirr durcheinander mit Vermuthungen über die Zukunft. Bald aber verließ man die hohe Politik, bei der nur die Großbauern das Wort führten, und kam auf Näherliegendes. Es iſt allezeit wohlgethan, daß Menſchen die Kraft in ſich erwecken, mitten unter Drangſal und Bangen, einen Scherz zu erhaſchen, daß einem das Waſſer in die Augen tritt. Das dachten die Halden⸗ brunner nicht, aber ſie thaten es, und das iſt am Ende gleichviel. Der Sohn des Nachtwächters, auch ein jung verheiratheter Mann, des Uribaſche's Kalter genannt, weil er die Eigenheit hatte, daß er nichts Warmes genießen konnte, war das Stichblatt des eben nicht wähleriſchen Scherzes und beſonders am Tiſche der Großbauern gab es darob oft ein Lachen, daß der Tiſch wackelte und Gläſer und Flaſchen an einander klirrten. Broſi war dabei der erfindungsreichſte Urheber neuer Scherze und Neckereien, und unverſehens war er ſelber der Gegenſtand des Hänſelns geworden, er merkte das wohl, aber es erheiterte ihn Andere zu erheitern und er gab ſich ſelber zum Beßten ſo viel man wollte. An dem Abend, an dem dieß zum Erſtenmale geſchah, ging Moni ſtill hinter ihrem Manne drein nach Hauſe und ſo behutſam ſie auch im ſtillen Kämmerlein ſagte, daß er ſich nicht zum Narren hergeben dürfe, ſonſt könne er künftig allein gehen und ſie wolle dieſe Ehre nicht mehr mit genießen,— Broſi ſchmollte hierüber zum Erſtenmale mit ſeiner Frau und ſagte, daß er nicht in's Ehejoch gegangen ſei, um alle Luſtbarkeit in ſich ertödten und ſich beſchimpfen zu laſſen und er gab ſeiner Frau keine Antwort, als ſie ihm gut Nacht ſagte. In dieſer Woche ward Broſi die Arbeit doppelt ſchwer, er pfiff keine Ländler beim Ausſchnaufen im Thale. Moni war ſtets gleich freundlich, er wartete indeß ſtets, daß ſie ihn um Verzeihung bitte; ſie aber that es nicht, und Broſi ging immer zu Bette, bevor er ſeinen erſten Schlaf auf der Tiſchbank hielt. Am Sonntag Morgen, als ihm Moni den Rock anziehen half, ihm Hut und Geſangbuch darreichte, ſagte er endlich: „Moni, kannſt mich ſo in die Kirch' gehen laſ— ſen? Haſt dich noch nicht beſonnen? Bittſt mich 368 nicht um Verzeihung, daß du mich einen Narren ge⸗ heißen haſt?“ „Das hab ich dich nicht geheißen, ich ſag blos, du läß'ſt dich dazu machen.“ „Das iſt gehupft wie geſprungen, das iſt eben ſo viel.“ „Nein, das iſt nicht eben ſo viel, aber geh nur jetzt.“ „Nein, ich geh nicht, und wenn alle Leute fragen, warum ich nicht in die Kirch kommen bin, ich geh nicht,“ rief Broſi und verſuchte den Rock wieder aus⸗ zuziehen. „Denk nach, ich hab dir nichts böſes than, geh jetzt,“ bat Moni. „Denk du nach,“ ſchalt Broſi,„es iſt an dir.“ „Wenn du meinſt, ich hätt' dich beleidigt, bitt ich dich um Verzeihung,“ beſchwichtigte Moni. „Ich mein's nicht, es iſt ſo, da ſoll man die ganze Welt fragen, ob's nicht ſo iſt.“ „Und ich bin auf dem Glauben, daß ich nichts böſes than hab,“ beharrte Moni. „Da ſoll doch ein Millionendonnerwetter,“ ſchrie Broſi, und zerrte den Rock vom Leib. „So iſt's recht. Kommt's jetzt ſchon? Ich hab's gewußt, daß es mit dem Gepätſchel und Getätſchel bald aus ſein wird,“ kicherte eine Stimme aus dem Hintergrunde und wie verſteinert ſtand Broſi und hielt den Rock in der Hand. Das Apothekerrösle lachte noch frohlockend. Moni zog ihren Mann aus der Stube und draußen ſagte ſie: — 369 „Broſi, du biſt ja der bravſte Mann von der Welt und deine Ehr' iſt's ja nur, worauf ich bedacht bin; wenn ich's ungeſchickt gemacht hab, denk ich bin nicht geſcheiter; ich kann nicht lügen, das willſt du ge⸗ wiß auch nicht. Jetzt geh in die Kirch und bitt Gott, daß er mich geſcheiter macht und dich— und dich laßt, wie du biſt.“ Sie half ihm nochmals den Rock anziehen und mit großen Schritten eilte er nach der Kirche, ging aber, um kein Aufſehen zu erregen zu dem Lehrer auf die Orgel. Heute ſang er nicht vor, er betete überhaupt nichts von dem was im Buche ſtand, er betete immer⸗ dar inbrünſtig zu Gott, daß dieß der erſte und letzte dumme Streit mit ſeiner Frau geweſen ſein möge. Auf dem Heimwege hielt er ſich bei Niemanden auf, ſondern eilte zu ſeiner Frau in die Küche, und„du haſt Recht, du haſt Recht,“ ſagte er ſtets, wenn Moni ihm erklärte, daß ſie ja ſeine Luſtigkeit nicht unterdrü⸗ cken wolle, im Gegentheil, ein Mann, der das ganze Jahr eine Ehrenhaltung bewahre, der dürfe ſchon ein⸗ mal das Garn auf den Boden laufen laſſen, und ſeine jungen Jahre genießen; wenn man aber allzeit den Luſtigmacher ſpiele, ſei man bald der Garnichts und ſie ſei ſelber auch noch gerne luſtig und hoffe, daß ihr noch lange die Muſikanten die liebſten Handwerksleute ſeien. „Ich brauch Gott nicht bitten, daß er dich geſcheit macht,“ ſagte Broſi ſchmunz.ind. Der Friede war geſchloſſen, und wie das immer geht, ein Friedens⸗ ſchluß zwiſchen Liebenden erweicht die Gemüther gar ſehr, eines will dem andern ſein Gutſein darthun und Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 24 370 in beſonders eindringlicher Weiſe wie ſolches der un⸗ geſtörte Fortgang nicht hervorgebracht hätte. Moni lehnte indeß jede Auswägung des Schuldantheils an der Mißhelligkeit klüglich ab, obgleich Broſi auch hier den größerenTheil auf ſich nehmen wollte, ſie ſagte immer:„Das Waſſer iſt den Bach'nab und vorbei.“ Beim Eſſen, wo es wieder munter herging, mußte Moni ihrem Manne viel zureden, aber beim beſten Willen brachte er es heute nicht zu ſeiner geſetzten Zahl Leberſpatzen; der Zank am Morgen hatte ihm doch die Eßluſt etwas verdorben. Moni verſprach den Ueberreſt auf den nachkommenden Hunger aufzubewahren. Als ſie am Mittag nach der Kirche ging, erſchloß es ſich ihr plötzlich wie eine Offenbarung; ſie konnte bei ihrem Manne Alles zuwege bringen, wenn ſie bei einer Zurechtweiſung ein Lob vorſpannte. Voll Dank und Freude ſaß ſie in der Kirche und ſang laut mit. Broſi war unterdeß daheim mit der Aufzeichnung ſeiner Wochenarbeit bald fertig, aber noch lange ſaß er über das Blatt gebeugt und hielt die Feder feſt, er wollte ſich's zur Warnung aufzeichnen, daß er eine Woche Fröhlichkeit verloren und heute den erſten un⸗ nöthigen Zank mit ſeiner Frau gehabt habe, aber wozu das aufſchreiben? und noch dazu da wo es Jedermann leſen kann? Er konnte es aber nicht unter⸗ laſſen zur Erinnerung drei eingeringelte Kreuze zu machen, und wie geſagt, ſo oft er ſolch ein Blatt wieder ſah, ſtand Alles wieder deutlich vor ihm und bei den drei eingeringelten Kreuzen erzählte er dieſe Geſchichte auf's Genaueſte. Am Abend als zur Suppe die rückſtändigen Leber⸗ ſpatzen eingeheimst waren, ging Broſi wiederum mit ſeiner Frau nach dem Auerhahn. Er hatte ihr voraus⸗ geſagt, daß er nicht mit Einemmale abſetze, und hielt es auch ſo, er ließ ſich nur maßhaltend zu Scherzen herbei. Es giebt Menſchen, die, wenn ſie in Geſellſchaft mit anderen ſind, theils aus Langeweile theils aus Gefälligkeit gerne Lachen erregen, und dabei leicht ihre natürliche Laune überſchrauben und ſich ſelbſt zum Beſten geben, ſie ſpinnen ſich in ein Netz von Späßen, aus dem ſie gar nicht mehr heraus können, auch wenn ſie ſehen, daß die Gutmüthigkeit mißbraucht wird und man dieſe Opferung noch dazu für Eitelkeit hält. Und noch eins: In vielen Kreiſen der geſelligen Luſt hat man weit eher und länger ſeine Freude an lächerlichen und ſogar an ſpottſüchtigen, als an eigent⸗ lich luſtigen Menſchen. Wer über das menſchliche Leben nachdenken mag, wird ſich das leicht erklären, und es hat mehr als einen Grund. Man findet Beiſpiele hiefür an albumbedeckten Tiſchen, wie in tabaksdampferfüllten Dorfſchenken. Heute, da ſich Broſi ruhiger verhielt, merkte er, in welcher Gefahr er geſtanden war; denn Einmal in die Rolle des Luſtigmachers gekommen, iſt es unſäglich ſchwer, ſich ihrer wieder zu erledigen. Jetzt war es noch Zeit, die Vorausſetzung zu zer⸗ ſtören, daß er ſich zu dem gnädigen Spaß der Groß⸗ bauern hergebe. Als er mit ſeiner Frau heimging, lobte er wieder⸗ 24* holt ihre Klugheit und es lag ein tiefer Schmerz um die verlorene Harmloſigkeit darin, als er hinzuſetzte: „So geht es einem, wenn man in fremdem Orte iſt, wo man einen nicht von Jugend auf kennt; da ſind die Menſchen wie Räuber auf einen hinein. So ge⸗ treue Menſchen, wie in Endringen, die giebts nicht mehr in der ganzen Welt.“ Das war das Erſtemal, daß ſich ein ſeltſames Heimweh in Broſi feſtſetzte und dieß behielt er, wie wir ſehen werden, ſein Leben lang. Achtes Kapitel. Was iſt aber alle Menſchengeltung und alles Sinnen und Grübeln, wenn's wieder an die Arbeit geht? Dahin wie der Schatten einer fliegenden Wolke. Das iſt der Segen aller Arbeit, zumal der leiblichen Handthierung, daß ſie den Menſchen wieder auf ſich ſtellt und vergeſſen und nicht da geweſen iſt alle klein⸗ liche Verſtimmung, die in der Müßigkeit der Menſch über ſich kommen läßt oder andere ihm einflößen. Wenn Broſi in ſeine Werktagskleider ſchlüpfte und ſeinen Schlitten auf die Schultern nahm, wußte und wollte er nichts mehr davon, ob man ihn für einen närriſchen Spaßmacher hielt oder nicht; er hatte eine brave Frau, verdiente ſein Brod und noch eine Er⸗ ſparniß dazu, und nun mögen Andere auch treiben und denken was ſie wollen; er pfiff ſeine Ländler ſo luſtig wie je und blieb dabei, daß er ſich ſeinen Froh⸗ muth von Niemand nehmen laſſe. Es hatte nach einem Thauwetter tüchtig gefroren und mit den Steigeiſen ſich ſcharf einhakend marſchirte der Trupp nach der Spitze des Kappelberges. Broſi mußte wiederum zuerſt auf die Bahn. Er hatte ein 4 halb Klafter auf den Schlitten und die Sperren ge⸗ laden, aber kaum iſt er damit am Bergeshang, da treibt es ihn ſo gewaltig, daß es ihn vom Boden hebt, und er zappelnd ſich mit beiden Händen noch an der Gabel feſthält und durch einen glücklichen Schwung treibt er den Schlitten ſeitwärts und gewinnt wieder den Boden unter den Füßen, er ſteift ſich mächtig zu⸗ rück, ſich faſt ganz zurücklegend und ſchaut hin und her, um nirgends anzurennen oder eine Stelle zu er⸗ kunden, wo er einen Widerhalt finde, um feſtzuſtehen. Die Kameraden oben ſchreien und pfeifen, aber er verſteht nicht, was ſie ſchreien, und was ſie mit dem Pfeifen meinen; er ſucht aus dem Gurte zu ſchlüpfen, den er über die Bruſt geſpannt hat, und der ihn an den Schlitten heftet, er will dann eine raſche Wendung verſuchen um ſich hinter den Schlitten zu bringen und ihn allein den Berg hinab ſtürzen zu laſſen, aber er kann hüben und drüben keine Hand loslaſſen, der Gurt reicht ihm vom Bücken ſchon bis an's Kinn, aber er kann mit dem Kopfe nicht durchſchlüpfen, und jetzt ſtößt es ihn plötzlich wieder vorwärts, als ob der ganze Berg hinter ihm dreinſchiebe, er ſieht und hört nichts mehr und fortgeſchleudert und mit dem Schlit⸗ ten über einen Hang hinab durch die Luft fliegend, befiehlt er Gott ſeine Seele, da kracht und poltert es, er liegt zur Seite geſchleudert, er lebt, er hebt den Kopf empor, und dort überſtürzt ſich der Schlitten zwei⸗ dreimal und liegt endlich an einen mächtigen Felſen angerannt. Broſi erhebt ſich auf die Kniee und die zitternden Hände in einander gefaltet betet er 3 5 5 ein Vaterunſer und inbrünſtiger wurden dieſe Worte gewiß nie geſprochen als hier in der erſtarrenden Bergſchlucht. Wäre Broſi nicht auf faſt wunderbare Weiſe aus dem Gurte geſchlüpft, er läge jetzt dort am Felſen zerſchmettert. Das Herz im Leibe zitterte ihm, als er jetzt aufſtehend an Moni und das traurige Geſchick des vor der Geburt Verwaisten gedachte; er begann nochmals ein Vaterunſer, als er es jenſeits des Fel⸗ ſens krachen und ſplittern hörte, und dann war Alles ſtill, er konnte nicht weiter und ſetzte ſich wie zer⸗ ſchlagen auf den umgeſtürzten Schlitten, da vernahm er wieder Schreien und Pfeifen, ſie ſuchten ihn gewiß und mit angeſtrengter Kraft rief er laut zwiſchen die beiderſeits vorgehaltenen Hände: Holloh! Von allen Seiten antwortete es ihm, und der Jörgtoni, bei dem Broſi früher als Schlafgänger geweſen war, ſtand zuerſt vor ihm. „Haſt den Uribaſche nicht geſehen? Er iſt hinter dir drein,“ fragte der Jörgtoni, ohne die glückliche Rettung Broſi's mit einem Worte zu erwähnen. „Ich weiß von Niemand was, ich dank Gott tauſendmal, daß ich noch von mir weiß,“ antwortete Broſi, und bald ſtanden die Anderen mit leeren Schlitten bei ihm; des Uribaſche's Kalter jammerte kläglich nach ſeinem Vater. Man umging den Felſen, Broſi ſchlich mühſam hinter drein und der Jörgtoni, der wieder der erſte war, rief laut: „Daß Gott erbarm, da liegt er todt.“ Alle ſtanden feſtgebannt, lautlos, nur des Uriba⸗ ſche's Kalter wimmerte und jammerte und die Zähne klapperten ihm. „Das iſt rack aus geweſen,“ ſagte der Jörgtoni, der den Zerſchmetterten unterſuchte. Man lud ihn auf zwei zuſammengebundene leere Schlitten, deckte ihm mit dem Kittel, den man ihm auszog, das Geſicht zu, drei Mann ſpannten ſich vor, und auf mühſamen Um⸗ wegen auf dem eingefrorenen Bache führte man die Leiche nach dem Dorfe. Der Sohn des Uribaſche ging hinterdrein, in der einen Hand trug er die Mütze des entſeelten Vaters und wiſchte ſich damit die Thränen ab, die alsbald gefroren, in der andern Hand trug er ein groß Stück Brod, das dem Vater aus der Taſche gefallen war; er ſah wehmüthig darauf, man wußte nicht ob aus Kummer, oder weil er nicht wußte, ob er dreinbeißen ſolle. Broſi folgte ſtill und matt, es fror ihn mächtig, als aber die Ziehenden abwechſelten, ſpannte er ſich ſelbſt auch vor, und die Anſtrengung brachte ihn zu neuer Kraft. Im ganzen Dorf war Jammer und Wehklage über den ſo jähen Tod des Uribaſche, und ein Jedes wollte ſein beſter Freund geweſen ſein und hatte ſchöne Thaten von ihm zu erzählen, beſonders die Frauen, die ſich auch hier am zahlreichſten einfanden, ſtimmten darin überein, daß man ſolch' einen braven Nacht⸗ wächter nie mehr bekomme, dieſe hatte er immer pünkt⸗ lich geweckt, wenn ſie eine große Wäſche hatte, jener hatte er eine verlaufene Gans heimgebracht und einer —— andern ein vergeſſenes Stück Tuch von der Bleiche geholt. Auch der Kalte, der ſonſt meiſt nur Spott⸗ reden erfuhr, lernte zum Erſtenmale die guten Worte der Menſchen kennen; er ſtand aber noch immer wie vergeſſen da, rührte nicht Hand nicht Mund und hielt die Mütze in der einen und das Stück Brod in der andern Hand. Von der wunderbaren Rettung Broſi's ſprach Niemand eine Silbe. Als er heimwärts ging und ihm Moni entgegeneilte und ihn auf offener Straße umarmte und weinend rief:„Gottlob und Dank, daß du geſund biſt,“ da ſagte er:„Ja, ich dank Gott, daß ich dich hab'; ich hab' doch einen Menſchen, der ſich freut, daß ich noch da bin, die anderen, die thun, wie wenn ich gar kein Menſch wär', weil ich von Endringen bin. Das Neſt iſt's aber nicht werth, daß einer von Endringen hier Burger wird.“ Moni hatte viel zu thun, ihm dieſen Aerger aus⸗ zureden, ſie verſchluckte den Kummer, daß er immer Endringen wie ein Paradies lobte und ihren Geburtsort ſo herabſetzte; nach echter Frauenart ſagte ſie: „Dank Gott, daß er uns nicht härter geſtraft hat, weil wir in Unfriede gelebt haben; er hat uns gezeigt, was wir verdienen. Gott Lob und Dank, daß die Warnung ſo an uns vorbeigangen iſt.“ Dem Uribaſche galt das erſte Läuten der Todten⸗ glocke von Haldenbrunn, und ſeitdem heißt dieſe Glocke der Uribaſche. Dieſes Andenken iſt länger geblieben als das andere das ihm errichtet ward; das hölzerne Kreuz draußen am Felſen des Kappelberges, wo er den Tod fand, iſt längſt verſunken und verſchwunden. 378 Am nächſten Sonntag ſchrieb indeß Broſi in ſeinen Kalender:„Der Herr über Leben und Tod hat mich vor einem frühzeitigen Ende bewahrt; ihm ſei allzeit Preis und Dank. Ulrich Sebaſtian genannt Uribaſche †.“ Des Uribaſches Kalter übernahm die Bedienſtung ſeines Vaters als ein Erbamt; man überließ es ihm ohne Widerrede ſo lang das Mitgefühl um den Tod des Vaters noch friſch war; gegen Neujahr aber mehrten ſich die Klagen, daß man dem halben Simpel die Bewachung des Dorfes überlaſſe, zumal in ſo gefahrvollen Zeiten und der Bewerber fanden ſich Viele. Broſi ging ſeiner Arbeit nach, aber auf Allen, die ſie vollzogen, lag eine Bangigkeit, der Tod des Uri⸗ baſche machte ſie beklommen und vor der Abfahrt wurde jetzt oft ſtill gebetet. Moni erzählte ihrem Manne, daß der Kalte nicht mehr lange Nachtwächter bleibe und Broſi ſagte ſcherzend, das wäre ihm für den Winter ein fröhliches Amt und er würde die Holzfuhren dann aufgeben. Am andern Tage ſah man Moni ungewöhnlich viel im Dorfe umherlaufen, ſie ging bei den Großbauern umher, die im Auerhahn ſo freundlich mit ihr geſprochen hatten. Als es am Neujahrstage zur Wahl kam, erhielt Broſi die gewichtigſten Stimmen, er that aber noch ein Uebriges, theilte das Amt mit dem Kalten, der auch in den kurzen Sommernächten den Dienſt allein verſehen konnte und im Winter nur die Stunden vor Mitternacht anzurufen hatte, die nach Mitternachtobehielt ſich Broſi. Neuntes Kapitel. Der Uribaſche hatte den Tod erleiden müſſen, der auch Broſi bedrohte und jetzt erbte dieſer noch gar das Amt des Verſtorbenen und juſt mit dem Jahrhunderte trat Broſi ſein Amt an. Haldenbrunn hatte die ſchön⸗ ſten Glocken in der Umgegend und den geweckteſten, hellgeſtimmteſten Nachtwächter dazu. Mit einer Andacht und einer Fröhlichkeit, die jedem der es hörte, das Herz erfreuen mußte, ſang Broſi die Stunden an. Es war ihm eine Luſt, in den als Gemeindeeigenthum ererbten Schafpelz und in die Ohrenkappe verſteckt mit der Hellebarde in der Hand oft zum wandelnden Schnee⸗ mann geworden durch das Dorf zu ſchreiten und mit heller Stimme mahnend und tröſtend die Stunden zu verkünden; da ging er hin in ſtiller Nacht und Niemand hörte ihn als ſein eigen Ohr und der Gott über ihm und er ſang ſo ſchön und aus voller Seele, er ſchenkte ſich keinen Vorſchlagton ſo oft er auch die Weiſung wiederholte und die Töne kehrten wieder in ſeine Seele zurück wie eine Botſchaft vom Himmel und ſein Geiſt wurde größer und allzeit fröhlicher in der einſamen Nacht. Es ſchlafen die Menſchen und Leid und Freud iſt dahin und draußen ſtehen die Sterne und ſchauen glitzernd hernieder und warten bis der Tag erwacht Zwölf, das iſt das Ziel der Zeit, Menſch, bedenk die Ewigkeit, ſang Broſi und ſchritt dahin, ſo wünſchelos, ſo in ſich geſättigt, als wäre er allein auf der Welt und wiederum ſchon in der Ewigkeit. Eins darf nicht vergeſſen werden. In einſam ſtiller Nacht legte Broſi einen großen Theil ſeiner Eitelkeit ab, er ſang ſeinen Spruch ſo voll, ſo ganz, mochte ihn ein Menſch hören oder nicht. Fröhlich und fromm, in jedem Tone glückſelige Zuverſicht klang es wenn er den Tag anrief: . Hört ihr Herrn und laßt euch ſagen Unſre Glock hat vier geſchlagen. Vierfach iſt das Ackerfeld, Menſch, wie iſt dein Herz beſtellt? Alle Sternlein müſſen ſchwinden, Und der Tag wird ſich einfinden; Danket Gott, der uns die Nacht Hat ſo väterlich bewacht. Und einſt in ſtiller Winternacht hatte ein menſchen⸗ freundlicher geiſtlicher Herr im Dorfe ſeine Herberge genommen, es war ein Mann von wohlwollendem und fröhlichem Herzen, das die Gedanken der Menſchen in ſich trug, die nur dürftige Kunde geben können von dem was ſie bewegt, und der Mann erwachte in dunkler Nacht und hörte den Wächter draußen rufen und ein Heimweh bemächtigte ſich ſeiner nach dem ſchlichten Reden und Denken der Volksgenoſſen unter denen er — 381 einſt gelebt und er hieß die Sprache feſtſtehen, die bisher nur die Luft getragen und faßte das klanglos verborgene Leben in melodiſch gebundene Worte. Der Mann, der nachmals Broſi ſo viel heitere und erquickende Geſchichten erzählte, der Allemanniſche Dichter wurde von ihm in ſtiller Nacht zum Inne⸗ werden ſeines Heilthums erweckt. Der Wächter und der Dichter haben nie von einan⸗ der den Namen erfahren und doch wurden beide einander zum Heile. Broſi erfuhr nur von minder bedeutenden Zuhörern das Lob über ſein Taganrufen und er konnte ſich nicht enthalten auf ſolchen Ruhm hinzu zu ſetzen:„Mein Mann iſcht koanr,“ aber er ſagte dieſen Sprzch doch nicht mehr ſo ungemeſſen ſelbſtzufrieden wie ſonſt. Ein Nachtwächter hat aber nicht immer gottſelige und fromme Gedanken, ſein Gemüth iſt weit weniger allzeit empfänglich als ſeine Kehle und wo nächtige Geſellen beiſammen ſitzen und ſich am kühlen Wein erquicken, da kasn man ſich darauf verlaſſen, daß der Nachtwächter unter ſie tritt, nicht als nachgeborener Cherub der Polizei, der die Seligen aus dem Paradieſe vertreibt mit roſtiger Hellebarde, nein, er ſetzt ſich ruhig an den Seitentiſch beim wärmenden Ofen und trügt ſich nicht in der Hoffnung, daß die Seligen gerne ſpenden und auf die Frage, welche Zeit es ſei, hat er die troſtreiche Antwort:„Noch früh am Tag. Erſt Ein Uhr.“ Wie manchen guten Trunk hätte Broſi verſchlafen, wenn er nicht Nachtwächter geworden wäre, und er hatte oft die Genugthuung, daß ihn luſtige 382 Zechbrüder zu ſich riefen, wenn er die Stunde anſang. Ein Amt und ſei es auch das geringſte, giebt doch alsbald auch eine Würde, Broſi ließ ſich durch kein Zureden und Verſprechen dazu herbei, ſelber mit zu jubeln und tolle Streiche zu machen; er ſtörte die Luſtbarkeit der andern nicht, aber er ſelber blieb in Amt und Würde. Oft hatte er noch die beſondere Sendung den Kappelbauer heim zu geleiten. Dieſer zechte und kar⸗ telte oft Nächte hindurch mit dem Auerhahnwirth und die leichten Karten ſpielten nach und nach ganze Mor⸗ gen Hochwald in die Hände des Wirths. Der Kappel⸗ bauer war kinderlos, hatte aber dafür eine Frau, die mehr Lärm machen konnte als zehn Kinder in der Abenddämmerung. Wenn nun der Kappelbauer ſeinen richtigen„polniſchen Rauſch“ hatte, wie er es nannte, ſtützte er ſich auf die befreundete Macht Broſi und begann in mehr als liebevoller Hingebung zu klagen, welch eine böſe Frau er habe und wie ſie ihn die wenigen Stunden nicht werde ſchlafen laſſen. Er konnte dabei untereinander fluchen und weinen, bis Broſi einſt ein kluges Mittel fand: „Weißt was?“ ſagte er,„wenn deine Frau zankt, daß ſchon ſo ſpät ſei, ſagſt, es ſei ja erſt zehne und ich ſteh vor deinem Haus und ruf zehne an.“ Der Kappelbauer weckte ſogar ſeine Frau und als Broſi den Zank losgehen hörte, rief er mit verſtellter Stimme, als ob des Uribaſches Kalter ſänge, zehn Uhr an und nur noch ein lautes Lachen erſcholl, dann ward es ſtille im Hauſe des Kappelbauers. —— 383 Einen ganzen Winter lang ging dieſer Betrug vor ſich und außer den beiden Betheiligten wußte Niemand davon als der Auerhahnwirth. Broſi machte ſich nicht im Geringſten ein Gewiſſen daraus, die ganze Wahrhaftigkeit ſeines Berufes zu mißbrauchen und doch war es derſelbe Mann, der zu Zeiten von den heilig⸗ ſten Gedanken getragen dahin ſchritt, der Uebermuth des Scherzes deckte Alles zu und die Trinkgelder des Kappelbauern waren reichlich. Gemahnte ihn doch bisweilen eine innere Stimme, ſo beſchwichtigte er ſie mit dem Einwande, daß der Kappelbauer auch ohne dieſe Beihülfe ſein Leben nicht ließe, und nur Zank dadurch verhütet werde, daß der Kappelbauer nicht mehr lange lebe und die Wittwe noch immer reich genug bleibe, im nächſten Winter aber, wenn der Kappelbauer doch noch leben ſollte, gelobte er ſich dieſen Betrug nicht mehr mit zu machen. Auf Diebe hatte Broſi wenig zu achten, denn es gab damals in Haldenbrunn nichts zu ſtehlen als etwas Holz und deſſen konnte man bei Tag genug habhaft werden; aber manchem Burſchen, der aus einem Fenſter ſprang und durch die Schatten an den Häuſern dahin huſchte, winkte er mit der Hellebarde und rief ihm auch einige Spottworte nach. Oft klopfte er auch an ein Haus und weckte die Leute, denn er hörte, daß eine Kuh kalben wollte, ein Pferd ſich losgeriſſen hatte, und das trug immer ein paar Töpfe Milch oder einige Kocheten Kartoffeln ein. Von den Holzfuhren hatte ſich Broſi nicht losma⸗ chen können, denn der Revierförſter, der Anfangs 384 Winter gethan hatte, als ob er ihm eine überſchwäng⸗ liche Gnade angedeihen ließe, hielt ihn jetzt aus Mangel an Holzknechten feſt. Broſi war damit zufrieden, er ging immer bei Tag in den Wald und ſah mit un⸗ nennbarer Erquickung, daß ſich ſein Beſitzthum täglich vermehrte und Broſi war der luſtigſte Schlittengaul, wie er ſich oft nannte. Nun kam noch das glückliche längſterſehnte Ereig⸗ niß, daß das„brave Küh'le“ endlich kalbte und der Sprößling war ſo ſtarkknochig, daß nur zu bedauern war, daß man ſeine fernere Entwicklung nicht mit er⸗ leben durfte; dafür legte aber auch ſchon nach acht Tagen der Metzger zwei harte gediegene Kronthaler auf den Tiſch und noch zwölf Kreuzer Trinkgeld für die Moni; dieſe war ſchon ohnedem im gelobten Lande, denn eine neumelkige Kuh im Stalle iſt für eine wirth⸗ liche Frau eine Wonnezeit und noch dazu begannen die Hühner ſchon wieder zu legen. Fülle und Reichthum war im Hauſe und baar Geld dazu. Moni ſang wie ein junges Mädchen im Hauſe umher und Broſi ſang mit. „Jetzt ſind wir reich. Jetzt haben wir zwei friſch⸗ melkige Küh,“ ſagte er eines Tages und Moni er⸗ widerte: „Ich dank Gott für die eine.“ „Und wir haben doch zwei.“ „Ich hoff auch, wir kommen mit Gottes Hülfe noch dazu.“ „Nein, wir haben's jetzt ſchon.“ „Mach mich nicht zum Narren,“ ſchalt Moni ver⸗ droſſen und ſchelmiſch erwiderte Broſi: 385 „Wir haben doch zwei friſchmelkige Küh'. Du mußt noch lang wachſen, bis du da'rauf reichſt,“ ſagte er auf die Stirne deutend,„dein brav Thierle im Stall iſt die eine und mein Amt iſt die zweite Milchkuh. Jetzt ſag, bin ich ein Narr?“ „Ich wollt“, die ganz' Welt wär ſo närriſch wie du.“ „Und ich wollt's nicht. Ich will was Apartes hab en.“ Es giebt eine Fröhlichkeit, eine innere Durchleuch⸗ tung, die ſich in gar nichts Beſonderem ja nicht einmal in Worten ausſpricht, und eines der Ehegatten oft ferne von dem andern hat die vergnügteſten Stunden mit ihm, ſei es im Alleinreden oder innerem Geden⸗ ken, und wenn ſie ſich begegnen, lachen ſie einander aus und wiſſen nicht warum und wollen es nicht wiſſen. So lebten Broſi und Moni ſeelenvergnügt, während draußen die beginnenden Frühlingsſtürme rasten, und wenn das Apothekerrösle noch immerdar keifen wollte, verſtand es Broſi oft, es lachend zu machen. Wenn Broſi um zwölf Uhr ſein Amt antrat, ſtand Moni mit ihm auf und ſpann bis der Tag anbrach, ſo ſehr auch das Apothekerrösle ſchalt, daß man ihm auch noch die Nachtruhe raube. Moni hängte einen Rock an das Himmelbett und ſpann hinter demſelben und wenn Broſi in der Zwiſchenzeit des Anrufens nach Hauſe kam, ſprach ſie leiſe mit ihm oder ließ ihn einſchlafen und weckte ihn mit dem Glockenſchlage. Es waren für Broſi jetzt manchmal böſe Zeiten, der Sturm raste, daß Broſi nur mit höchſter Gewalt ſeine Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Vand. 25 Hausthüre öffnen konnte, die ihm alsbald wieder aus der Hand geſchlagen wurde, ſo daß das Apothekerrösle in der Stube immer laut aufſchrie und draußen auf der Straße heulte und toste es, als wollte der Wind alle Wälder zuſammenbrechen und die Wohnungen der Menſchen in die Luft davontragen, und daß keine Stimme ertöne als das Sturmesbrauſen, riß er dem Wächter das Wort von den Lippen, daß er es ſelber kaum hörte; drehte ſich Broſi um und ſang nach der andern Seite, ſo kam der Wind auch hier herange⸗ ſaust und benahm ihm faſt den Athem. Sturmentgegen wie durch reißende Wogen mußte ſich Broſi fortarbeiten und nur eines war gut, es fiel kein Ziegel von einem Dache, denn alle Häuſer des Dorfes, ausgenommen die Kirche, das Pfarrhaus und der Auerhahn waren mit Stroh gedeckt. Broſi tröſtete ſeine Frau, die ob ſolchen Unwetters klagte und immer behauptete, ſo ſei es noch nie ge⸗ weſen; er betheuerte ſtets, er freue ſich dieſes Sturmes, der bringe den Frühling und mit ihm die lohnreiche Bauzeit. Noch lag tiefer Schnee in den Schluchten, als ſich Broſi auf die Wanderſchaft begab, er wußte noch nicht, wo er Arbeit finden werde. Moni ließ es ſich nicht nehmen, ihm ein gut Stück das Geleite zu geben, ſie nahm aber auch gleich ein Beil und einen Strick mit, um auf dem Heimwege dürres Holz mitzunehmen. Die Wolken ſtanden noch feſt auf dem Berge, über den die beiden Eheleute hinſchritten, ſie ſprachen nichts vom Abſchiede, und Moni ſagte: „Wenn ich ein geſchickt's Wiesle kaufen kann, thu ich's. Ich mach hundert Ellen Tuch und daraus lös ich ein Ordentliches und etwas Baar haben wir auch noch. Hätt'ſt dir doch noch einen Gulden mitnehmen ſollen.“ „Ich komm ſchon fort,“ beruhigte Broſi,„aber was ich dir noch einmal ſag, verſprich mir, daß du dir nichts abgehen läßſt, das Näherliesle ſoll dir warten und neun Tag bleibſt im Wochenbett.“ „Das verſprech ich nicht, aber drei Tag, da haſt mein' Hand drauf.“ Broſi hielt die Hand feſt und ſtand ſtill indem er ſagte: „Ich ſchreib wo ich bin und der Lehrer ſoll mir gleich anzeigen was es iſt, ein Bub oder ein Mädle iſt mir gleich, wenn's nur wuſelt. Wenn ich dem Terkel nur auch gleich in die Augen ſehen könnt— aber es iſt ſchon ſo recht, und der Gipsmüller und ſein Frau wollen Gevatter ſein und die Namen weißt auch. Ich hab dir nichts mehr zu ſagen. Jetzt weiter darfſt nicht mit. Ich geh da links'nauf. Was ich vergeſſen hab, kannſt dir ſelber ſagen. Was du thuſt iſt mir recht, das weißt. Jetzt b'hüt dich Gott, Moni. B'hüt dich Gott alter Schatz und grüß mir den Terkel und laß ihn nur recht ſchreien, daß er auch gut ſingen lernt. Jetzt heul nicht, du thuſt dem Kind Schaden. Es iſt nichts zu heulen. Geh, ſing, ich halt dir zu ſo lang ich dich hör.“ Er ſchüttelte Moni die Hand und ſchritt davon. Moni ſetzte ſich an den Wegrain, nach einer Weile aber rief Broſi aus dem Walde: 255 „Ich bitt dich, ſing'.“ Und Moni begann: Es wollt ein Steinhauer wandern, Auf die Wanderſchaft wollt er gehn. Was begegnet ihm auf der Reiſe, Ein Mädchen ſchneeweiß bekleidet: „Wo'naus, wo wollt ihr hin?“ „Ich ſuch ein Schatz auf Erden, Oder willſt du mein Schatz werden So komm und bleib bei mir.“ Broſi ſtand ſtille und begleitete den Geſang, dann ſchrie er Juchhu, daß es vom Berg und Thal wider⸗ hallte und weiter ſchritt er ſingend und Moni ging tiefer in den Wald und ſammelte Holz und trug es heim, ſie aber ſang nicht weiter. Das Haus war ſo leer, beim Eſſen war's ſo einſam, und hätte Broſi nicht gebeten, es dem Kinde zu lieb zu unterlaſſen, ſie hätte viel geweint; ſie bewältigte ſich und trug ihr Garn zum Weber, der aufrichtig betheuerte, kein ſo ſchönes noch auf ſeinem Webſtuhl gehabt zu haben. Moni wünſchte nur, daß ihr Mann auch dies Lob gehört hätte. Zehntes Kapitel. Das Erdreich wird aufgegraben und Stein an Stein zur Grundmauer gefügt, langſam ſchreitet der Bau fort, bis ſich die Mauer über die Erde erhebt und in Einem Tage thürmt ſich das Gebälke darüber, prangt die Maientanne auf dem Giebel und läßt die hellen Bänder im Winde flattern. Die Menſchen, die des Weges kamen ſchauten allzeit um nach dem Baue, ſtill ahnend oder hell bewußt, daß wieder ein Fleck Erde der Heimath von Baum und Pflanze entzogen iſt, um der Gemeinſamkeit eines Menſchenlebens Raum zu gönnen. Wenn der Bauſpruch ertönt, ſtehen ſie lauſchend verſammelt, dann aber zieht ein Jedes dahin und'hat noch kaum einen Blick dafür, wie ſich der Bau ausfüllt und im Innern vollendet. Wir haben die Gemeinſamkeit des Lebens von Broſi und Moni ſich erbauen geſehen, wir kennen das Grund⸗ weſen deſſelben und müſſen nun ſehen, wie es das Schickſal wendet und wie es die Betreffenden aufnehmen. Moni war ſo glücklich, noch ihr Heu einzuthun und zwar auch das von der neu erworbenen Wieſe im untern Thale, die ſie von der Wittwe des wirklich verſtorbenen Kappelbauern kaufte, und noch ſtand ein 390 Handkarren voll in dem Schuppen unabgeladen, als Moni raſch und geſund eines derben Knaben genas, der ſeine Befähigung zum Sänger mit tüchtigem Schreien bekundete. Die Tage, die Moni wiederum mit der Mutter allein geweſen, waren voll Hader und Verhetzung; die Mutter hatte eine teufliche Luſt daran, der Tochter immer vorzuſagen, daß der Broſi gewiß nicht wieder käme und wußte viele derartige Beiſpiele zu erzählen. Endlich kam ein zufriedener Brief von Broſi, worin er erzählte, daß er nach mühſeligem Suchen zuletzt im Elſaß Arbeit gefunden. Moni hatte nicht das Glück ven Brief leſen zu können, aber ſie trug ihn doch ſtets bei ſich und war nicht mehr allein, und als ſie das Kind in den Armen hielt, war ſie eine glückſelige Mutter und Frau. Unterlieferanten waren in das Dorf gekommen und hatten zur Ausrüſtung des Heeres alles Leinenzeug aufgekauft, Moni erhielt für ihren Vorrath ein ſchön Stück Geld und in dieſem Sommer baute ſie ſelbſt etwas Hanf, ſie hatte einen Theil der neu erworbenen Wieſe verſuchsweiſe dazu verwendet und den Grasgarten am Hauſe zu einem Kartoffel⸗ und Krautacker ver⸗ wandelt, dabei lebte ſie ſo ſparſam, daß ſie noch Milch verkaufte und die ſchwarze Henne, die immer am ſpäteſten zu legen aufhörte und am früheſten wieder anfing, hatte gebrütet und elf Junge glücklich erzogen, deren Verkauf nun auch eine gute Beiſteuer gab. Der kleine Knabe, den die Mutter immer in einem Korbe mit ſich auf's Feld nahm, gedieh zuſehends. 391 Der Sommer ging raſch vorüber. Broſi hatte Einmal geſchrieben und nicht wieder, man hatte ihm die Geburt ſeines Sohnes angezeigt und dabei blieb es; bei ſparſamen Landleuten iſt das Poſtgeld das überflüſſigſte von allen. Moni hatte ihr Grummet eingethan und damit das ganze Haus vollgeſtopft, daß es ganz von ſüßem Dufte erfüllt war; ſie hatte ihren Hanf gejätet, gedörrt und gebrochen, die Kartoffeln eingethan und das Kraut eingeſchnitten, ſo ſegenerfüllt, ſo ſpickvoll war das Haus noch nie geweſen. So oft Moni nach dem Walde ging, um Holz zu raffen, hielt ſie ſich möglichſt in der Nähe des Waldweges, ſie hoffte täglich, daß Broſi daherkommen müſſe. Der Nebel ſtand ſchon wieder Tagelang auf den Bergen und endlich ſchneite es ſogar, aber Broſi kam noch nicht und Moni tröſtete ſich, daß drunten im Lande wohl noch heller Herbſt ſei und die Bauarbeit noch fortgehe. Eines Abends als der kleine Nachtwächter, wie ihn die Großmutter ſtets hieß, mächtig ſchrie, hörte man es vor der Thüre plötzlich quickſen wie von einem jungen Schweine, der kleine Nachtwächter horchte auf dieſen Laut und war einen Augenblick ſtille, da öffnete ſich die Thüre und „Wart ich will dich,“ rief eine ſtarke Männerſtimme. Der kleine Knabe ſchrie wieder aber noch lauter als er rief Moni: „Lieber Gott, lieber Gott! Mein Broſi,“ ſie faßte ſeine beiden Hände, er drückte ſie raſch und beugte ſich dann zu dem Knaben nieder, der den fremden Mann mit dem bereiften Geſichte, der ihn küßte, mit großen Augen anſtarrte, dann aber wieder laut ſchrie. „Der hat einen guten Bruſtkaſten,“ ſagte Broſi und reichte nun auch der Schwiegermutter die Hand, die ihm aber kaum die ihrige reichte und ſich nach der Wand umwendete. „Haſt der Mutter nichts mitgebracht?“ fragte Moni leiſe. „Zuerſt bin Ich da, das iſt die Hauptſach. Mit dem andern hat's Zeit,“ ſagte Broſi tiefaufathmend ſich auf die Bank ſetzend„Gottlob, daß ich wieder da bin. Es ſieht wüſt aus in der Welt, die Menſchen ſind auf einander, wie wenn eins das andre auffreſſen möcht! Du biſt aber ſchöner geworden Moni, ich hab's gar nicht mehr gewußt, daß ich ſo eine nette Frau hab.“ Er ſtrich ihr mit der Hand über die erglühende Wange, dann hob er den Säugling ſehr unbeholfen aus der Wiege und nahm ihn noch ungeſchickter auf den Arm. Moni that ihm das Häubchen ab und zeigte wie viel Haar er ſchon habe, aber das Kind verlangte nach der Mutter und Broſi ging vor die Thüre und ſchleppte einen großen Querſack in die Stube, in dem es wieder quickſte. Er öffnete den Sack und ſagte: „Ich hab noch was Lebiges in's Haus gebracht,“ er zeigte ein ſchönes junges Schwein mit vielverſpre⸗ chenden langen Ohren, da aber der Säugling die Freude der Mutter nicht theilte, ſondern erbärmlich ſchrie, wurde der neue Mitbewohner wieder in ſein vorläufiges Zelt gebracht und aus der andern Seite des Sackes dem jungen Weltbürger ein rothbackiger Apfel gereicht, 393 den er alsbald zum Munde führen wollte, was die Mutter indeß abwehrte und der kleine Schelm verſtand es ſchon, den Apfel auf den Boden fallen zu laſſen und lachte herzlich da die Mutter mit liebkoſendem Schelten ihm ſolchen ſtets wieder aufhob. „Wie er ſo herzlich lacht,“ jauchzte Broſi und die Mutter behauptete, er könne noch viele Kunſtſtücke, aber ſie brachte ihn nicht dazu, daß er jetzt eines davon preisgab. Broſi legte der Großmutter ein Täfelchen Schoko⸗ lade auf das Bett und bemerkte frohlockend, er habe es in Erinnerung behalten, daß ſie einſt dieſes Getränke lobte; aber das Apothekerrösle kehrte ſich nicht um und ſagte nur:„Ich mag keinen, trink du ihn, ich nehm's für genoſſen an.“ Broſi biß auf die Lippen aber Moni winkte ihm beſchwichtigend und ſtaunte nun über das ſchöne Obſt, das er auf dem Tiſche aus⸗ ſchüttete, wobei ſie nicht vergaß, hinzuzuſetzen, daß ſie ihm die ſchönſten Zwetſchgen aus dem Garten aufge⸗ hoben habe und zuletzt gab es noch großen Jubel als Broſi Wollzeug zu einem Sonntagskittel aus einem verſchnürten Papiere auspackte. „Es wär' nicht nöthig geweſen, aber es freut mich doch und doppelt, und daß du ſo an mich denkſt freut mich,“ äußerte Moni. Da die Mutter ſich noch immer theilnahmlos ab⸗ wendete, zeigte ſie die„Mitbring“ dem Kinde und ſagte: „Guck, das hat dein Vater mitbracht, dein Vater iſt ein braver Mann, werd nur auch ſo. Streichel ihn zum Dank,“ ſie nahm das Händchen des Kleinen und ſtrich damit Broſi auf die Wangen. Sie mußte ihm das Kind gehörig auf den Arm geben und er tanzte und ſang damit in der Stube umher, während Moni ſchnell das Eſſen bereitete und aus der Küche mitſang. Moni hatte viel zu erzählen, und wie natürlich Alles kunterbunt durcheinander, ſchließlich aber kamen ſie doch immer wieder beide darauf zurück, daß ſie glückliche Menſchen ſeien, nicht durch die Liebe, davon ſprachen ſie nicht, ſondern durch die Vermehrung ihres Beſitzthums, ſie hatten es in dieſem Jahre weit ge⸗ bracht, hatten eine faſt ganz bezahlte Wieſe, und Broſi breitete all' ſein erworbenes Geld ein Stück neben dem andern auf dem Tiſche aus und gab dem kleinen Knaben einen nagelneuen Fünfliberthaler als ſein Eigenthum, daß er damit zu hauſen anfange. War Broſi in Gedanken auch immer daheim ge⸗ weſen, und ſagte er oft, ein verheiratheter Mann ſollte eigentlich nicht mehr in die Fremde gehen, denn er habe ſich faſt vor ſich ſelbſt geſchämt, welch' ein Heim⸗ weh er Anfangs hatte, ſo war ihm doch wiederum jetzt ſein eigenes Leben neu; er empfand das Glück des⸗ ſelben, aber auch das Ungemach, das ihm beſchieden war und faſt unerträglich erſchien. Das Apotheker⸗ rösle ließ nicht ab von ſeiner unbegreiflichen Verbost⸗ heit und jedes gute Wort, das man ihm gab, war ebenſo an ihm verſchwendet, wie es am Hochzeits⸗ tage den Wein ausgeſchüttet hatte. Broſi war indeß Manns genug, um dieſen Kummer in ſich zu ver⸗ winden und das ſchlafende Kind betrachtend, ſagte er zu ſich: Du mußt dir's verdienen, daß deine Kinder auch einmal Geduld mit dir haben, wenn du bett⸗ lägerig und krittlich biſt. Obgleich er von der Reiſe, er war heute zwölf Stunden gelaufen, müde war, wollte er doch noch heute ſein Nachtwächteramt antreten, aber Moni, der ihr kleiner Sohn mehr als die Stunden anrief, ließ ihren Mann ruhig die Zeit verſchlafen, und als dieſer erwachte, war es ihm nur noch gegeben, des Uribaſches Kalten darin abzulöſen, daß er für ihn den Tag an⸗ rief. Ungeſehen von ſeinen Mitbürgern und ohne daß ſie wußten, daß er da war, ſchritt er durch die Nacht dahin und ließ den Morgenſang erſchallen, ſo hell, ſo von ganzer Seele, daß ihm ſelber immer froher da⸗ durch zu Muthe ward, und mancher, der in ſtiller Nacht erwachte, dachte vor ſich hin, oder ſprach es laut:„Der Broſi iſt wieder da.“ Zuletzt ſang er noch vor ſeinem eigenen Hauſe, und es war ihm, als tönte jedes Wort wie ein Segen vom Himmel darauf nieder, und Alles iſt geweiht und beſchirmt.... Am Sonntag mußte Broſi im Auerhahn viel er⸗ zählen, wie es„draußen in der Welt“ ausſieht, und er verſtand das meiſterlich. Der Zug Bonapartes nach Italien bildete das Hauptgeſpräch, bald aber fand ſich eine näher liegende Verhandlung: Die Jahres⸗ feier der Kirchweihe fiel in ſo unruhige Zeit, daß man ſie lieber ausſetzen wollte. Broſi fand aber mit ſeiner Meinung die Oberhand, daß man gar nicht abſehen könne, wann die Welt wieder ruhig werde, darum müſſe man luſtig ſein, ſo lang es noch tagt. Zur damaligen Zeit brauchte man noch nicht ein Hin⸗ und Herſchreiben vom Amte, um einen Schweine⸗ ſtall bauen zu dürfen, Broſi war damit gerade am Abend vor der Kirchweih fertig und konnte am andern Tage ſeinen Gäſten den Neubau und ſeinen Bewohner zeigen. Ueberhaupt war es für Broſi ein großes Feſt, zum Erſtenmal in ſeinem Hauſe Gäſte zu be⸗ wirthen und zwar ſo vornehme, wie der Gipsmüller und ſeine Frau, die zur Kirchweih gekommen waren. Moni verſtand es, ihre geringe„Aufwartung,“ den Zwetſchgenkuchen und den Kirſchengeiſt ſo nett auf ein ſchönes weißes Tiſchtuch herzurichten und hatte dabei Alles ſo zur Hand, als ob ein dienender Geiſt ihr Alles darreiche, ſo daß Broſi das Lob der Ge⸗ vatterleute mit innerſtem Behagen beſtätigte. Dabei war der kleine Kilian, der ſchon aufrecht auf dem Arm der Mutter ſaß,„angethan wie ein Graf.“ Die Gevatterleute lobten ihren Pathen gar ſehr, und wie die Menſchen in der höchſten Freude der Gegenwart immer auch leicht die Zukunft mit herein ziehen und die ganzen beglückenden Folgen des Gegenwärtigen genießen wollen, ſo ſagte Broſi immer:„Und ich freu mich, wie das erſt ſchön ſein wird, wenn ich den Kerl erſt mit in die Fremde nehm', in's Geſchäft. Wenn's nur ſchon gleich morgen wär'.“ Broſi war, wie wir wiſſen, ein Mann von ſtarkem Selbſtgefühl, aber er hatte doch ſeine beſondere Freude daran, an einem ſo angeſehenen Manne, wie der reiche Gipsmüller war, eine Anlehnung zu haben, das konnte ihm und ſeinen Kindern zu gute kommen. Er 397 ging indeß das Anerbieten des Gipsmüllers ein, bei einem geſchickten Häuſertauſche(da das jetzige doch gar zu eng ſchien) ihm beizuſtehen, behielt ſich indeß die Beihülfe des Gevatters für den Ankauf einer neuen Kuh bevor und erklärte ſich ſchließlich gerne bereit, ſtatt der Holzfuhren dem Gevatter dreſchen und in der Gipsmühle zu helfen. Schön iſt's, im eigenen Hauſe die ganze Fülle ſeines Glücks zu haben, aber ſchöner iſt's, auch draußen hülfreiche und herzgetreue Menſchen zu wiſſen, bei denen man in Leid und Freud eine Heimath findet, und nicht als Einzelner, ſondern Familie zu Familie: die eigene Heimath iſt erweitert und vergößert und von Haus zu Haus webt ſichtbar und unſichtbar eine belebende Gemeinſchaft. Mit ſtrahlenden Angeſichtern geleiteten Broſi und Moni ihre Gevatterleute durch das Dorf nach dem Auerhahn. In allen Häuſern hatte man heute Gäſte, die man freundlich bewirthete, aber gewiß war man nirgends glückſeliger und auch ſtolzer mit ſeinem Be⸗ ſuche, als Broſi und Moni mit dem ihrigen. Im Auerhahn waren auch viele Endringer, die Broſi zutranken, er freute ſich ihrer und verſprach auch nach Endringen zur Kirchweih zu kommen. Der Kirch⸗ weihtag war der einzige, an dem die gewohnte Tiſch⸗ ordnung aufgehoben war, Broſi und Moni ſaßen ver⸗ gnügt bei ihren Gevattern, die Gipsmüllerin durfte nur einen Schleifer tanzen, um ſo höher ſprang aber Broſi mit ſeiner Frau, nicht als Erfüllung des gethanen Gelübdes, ſondern in friſcher Erkegung des Augen⸗ 398 blicks, und doch war ſeine Luſtigkeit eine andere als da er noch ledig war, er war nicht minder voll innerſten Jubels und doch war es anders, es ließ ſich nicht beſtimmen, wie und worin. Als die Gevatterleute abgereist waren und wiederum einen Sack Mehl zurückgelaſſen hatten, ging Broſi noch⸗ mals allein in den Auerhahn, er ſang luſtig mit, machte ſich aber doch frühzeitig heim und ſang mit ſeiner Moni die Tanzweiſen, die man vom Auerhahn herunter vernahm, der kleine Kilian ſchlief dabei ruhig. Elftes Kapitel. Mit Dreſchen, Gipsmahlen und dem Nachtwächter⸗ rufen ging der Winter vorüber, das glückliche Ereigniß des vorigen Jahres ſtellte ſich wiederum ein und Nie⸗ mand war deſſen froher als der grunzende Mitbewohner hinter dem Hauſe. Fröhlicher als im vergangenen Jahre trat Broſi wieder ſeine Wanderſchaft an, denn er hatte es nun deutlich erfahren, daß alle Sorge um die Heimath unnöthig und als er im Spätherbſte wieder heimkam, lief ihm der kleine Kilian ſchon entgegen und der Vater lernte deſſen unbeholfene Sprache bald ver⸗ ſtehen. Moni hatte viel zu erzählen, man hatte Ein⸗ quartirung gehabt von allerlei Nationen, Bayern, Ruſſen, Heſſen und Franzoſen, die aber bisher immer gute Mannszucht gehalten hatten. Dazu kamen noch viele Neuigkeiten aus dem Dorfe und der Umgegend. Die Kirchweih in Haldenbrunn und Endringen wurde regelmäßig mit gefeiert und ſo verging ein zweiter und ein dritter Winter und die getrennten Sommer. Broſi und Moni ſtanden feſt in Glück und Heiterkeit, aber doch empfanden auch ſie das Bangen, das damals alle Menſchen überfallen hatte, die Erſchütterung, die 400 damals ganz Europa ergriffen hatte, wurde in jedem Hauſe des entlegenſten Dorfes verſpürt. Bonaparte war Kaiſer Napoleon geworden und wir müſſen es ſagen, Broſi, der viel im Elſaß arbeitete, hatte eine große Verehrung für ihn; die Gewalt des Kaiſers änderte Vieles, aber die Tiſchordnung im Auerhahn zu Haldenbrunn, die Broſi oft ein Gräuel war, konnte er doch noch nicht umſtürzen. Broſi hatte ſeine Wieſe vollſtändig bezahlt und acht Tage bevor ihm ſein erſtes Töchterchen geboren ward, noch eine zweite Kuh baar bezahlt, dazu kam noch ein neues Bett, das aber Moni ganz allein aus der Kunkel herausſpann, ein Schwein wurde alljährlich in's Haus geſchlachtet, und es war Alles heiter, nur das Apothe⸗ kerrösle blieb ſich gleich. Da kam eines Tages, Broſi war gerade in der abgelegenen Gipsmühle, ruſſiſche Einquartirung, die arg in der engen Wohnung hauste. Das Apothekerrösle ſaß immer aufrecht in ſeinem Bette und ſchimpfte und ſchalt, je mehr der Ruſſe mit dem Säbel auf den Tiſch ſchlug und die Kinder heul⸗ ten dazu. Moni hatte Niemanden, den ſie nach ihrem Manne ſchicken konnte und wußte ſich kaum zu helfen mit der Beſchwichtigung der Mutter, der Kinder und des Ruſſen. Als ſie dieſem das Eſſen brachte, warf er es zum Fenſter hinaus, durchſtöberte das ganze Haus und entdeckte endlich die wohlverſteckten Hühner. Das Apothekerrösle ſchrie jämmerlich, als es draußen die ſo gut legenden Hühner krähen hörte und als der Ruſſe mit den Erwürgten in die Stube kam, hatte ſein Schelten kein Ende. Als ihm der Ruſſe mit dem 401 Säbel drohend Schweigen gebot, ſpie es ihm den Geifer in's Geſicht, der Ruſſe faßte es mit beiden Händen am Halſe und noch einmal ſchnappte es auf nach Luft und ſank in die Kiſſen zurück. Der Ruſſe, der jetzt ſah, was er gethan hatte, ſchaute wild umher, raffte Alles zuſammen, vergaß aber die Hühner nicht, und entfloh aus dem Hauſe als jagte man mit Peit⸗ ſchen hinter ihm drein. Moni kniete noch am Bette der Mutter, da trat Broſi ein und erfuhr ſchaudernd Alles, was geſchehen war. Es war keine Rettung mehr. Broſi eilte ſo⸗ gleich zu dem Befehlshaber, die Lärmtrommel tönte durch das Dorf, vor dem Auerhahn wurde Muſterung gehalten, aber der Mörder fand ſich nicht und die Leute ſagten, es ſei gar kein Ruſſe geweſen, der Teufel habe das Apothekerrösle erwürgt. Noch am ſelben Ab end marſchirte die Einquartirung ab. Broſi und Moni konnten ſich nicht leugnen, daß der Tod des Apothekerrösle gerade kein Unglück war, aber als hätte wirklich ein böſer Geiſt die Hand dabei im Spiele, mußte noch die Art des Todes den Ueber⸗ lebenden ſchweren Kummer bereiten. Von den ſogenannten Todtenfrauen wollte keine die Leiche des Apothekerrösle einkleiden helfen, Broſi und Moni mußten dieß allein thun. Da fühlte Broſi um den Leib der Entſeelten einen Gürtel, Moni hieß ihn hinaus gehen und nach einer Weile kam ſie und hielt in zitternder Hand einen Gürtel, in den Geld einge⸗ näht war; ſchnell trennte Broſi die Naht und enthülſte nach einander zwanzig Ducaten. Broſi fühlte das Gold Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 26 402 ſchwer in der Hand, er legte es auf die Treppe und machte dreimal ein Kreuz darüber, es blinkte hell in der Dunkelheit. „Sie iſt bei alldem doch eine gute Frau geweſen,“ ſagte Moni, ihr Mann antwortete nichts. Wäre nicht der Gipsmüller zum Leichenbegängniſſe gekommen, es hätten ſich nur Wenige demſelben an⸗ geſchloſſen, man ſah es aber doch allen Menſchen an, wie ſie froh waren, daß das Apothekerrösle nun unter die Erde kam. Dem Gipsmüller theilte auch Broſi das Geheimniß von dem aufgefundenen Schatze mit und überließ ihm auf Zureden Moni's die Entſcheidung, ob er ſolchen mit den Schwägerinnen in der Schweiz theilen ſolle. Der Gipsmüller entſchied für den Alleinbeſitz Broſi's, da die in der Fremde ja nichts für die Mutter ge⸗ than hatten, ſondern die Eheleute ſie allein erhalten mußten. Er übernahm hierauf ohne Scheu das Gold und verſprach Broſi Silbergeld dafür, das gar nichts Unheimliches hatte. Man vermuthete, daß der Gürtel, der zweimal kürzer genäht war, etwa bei einem Falle im Walde dem Apothekerrösle die Lähmung gebracht habe, Ge⸗ wiſſes ließ ſich natürlich darüber nicht herausbringen, aber ein Theil von dem trotzigen, aufbegehriſchen Weſen der Verſtorbenen ließ ſich allerdings dadurch erklären, daß ſie ſich im Beſitze eines geheimen Schatzes wußte. Das Haus war nun in doppelter Beziehung frei, das Apothekerrösle war nicht mehr da und die Schuld, die wie ein Geſpenſt darauf gehaftet hatte, wurde ab⸗ 403 getragen, aber ein anderes Geſpenſt zeigte ſich. Broſi machte mehrere Verſuche zu einem Häuſertauſch, aber Niemand wollte ſein Haus übernehmen, in dem das Apothekerrösle nächtig als Geiſt umgehen ſollte. Noch lange nach ſeinem Tode plagte es die In⸗ ſaſſen durch dieſen Aberglauben. Broſi und Moni fanden ſich aber doch nur wenig davon beunruhigt. Zwar kam Broſi immer früher aus der Gipsmühle nach Hauſe, um ſeine Frau nicht allein zu laſſen, und wenn er die Stunden anrief, be⸗ gann er vor ſeinem Hauſe den frommen Sang, um es damit zu beſchirmen und bald fanden die beiden Eheleute, daß ſie für ihre ganze Lebenszeit Raum ge⸗ nug im Hauſe hatten, gehörte ihnen ja jetzt erſt die Stube zu eigen, und die wohnliche Bühnenkammer war faſt überflüſſig. Friedlich aber ſtille war's dieſen Winter im Hauſe. Der Tod des Apothekerrösle brachte doch auch für die ganze Kriegszeit einen Segen über das Haus, es wurde theils aus Aberglaube, theils aus Rückſicht, ferner mit Einquartirung übergangen. Zwölftes Kapitel. Napoleons Continentalſperre gegen England brachte dem Broſi reichlichen Verdienſt, nicht als Fabrikant oder Schmuggler, ſondern einfach als Maurer bei den vielen Fabrikgebäuden, die beſonders im Elſaß errichtet wurden. Wir dürfen aber auch nicht vergeſſen, daß Broſi durch ein Weltereigniß ſehr viel Kummer hatte, denn Broſi wurde plötzlich ein Ausländer. Bei der Vertheilung Vorderöſtreichs durch den Reichsdeputations⸗ hauptſchluß wurde Endringen badiſch und Halden⸗ brunn württembergiſch. Dieſer Schnitt ging Broſi in's Herz; er wußte nichts von deutſcher Einheit, er war trotz ſeiner Verehrung für Napoleon doch gut kaiſerlich und kannte nichts von dieſem Widerſpruche, das aber fühlte er doch, was es iſt, Länder zu zer⸗ ſchneiden, und jedesmal, wenn er an dem Grenzpfahl im Walde vorüber kam, machte er ihm ein grimmiges Geſicht. Beſonders mit ſeinem Gevatter, dem Gips⸗ müller, der nun auch ein Badiſcher geworden war, ſprach er viel über die verkehrte Welt, und als es im Laufe der Jahre hart gegen Napoleon herging, war ſeine erſte Hoffnung, daß Endringen und Haldenbrunn wieder zu Einem Lande gehören würden. —+ i ————— 405 Es iſt aber wunderbar, wie bald die aufgepfropften Begriffe ſelbſtändig ausſchlagen. Es vergingen kaum einige Jahre, als die Endringer und Haldenbrunner als Badiſche und Württembergiſche einander vielfach neckten. In dieſer Zeit hatte aber Broſi von der Welt doch alljährlich eine beſondere Freude. Obgleich der Rhein⸗ ländiſche Hausfreund ein badiſcher Kalender war, brachte ihn doch Broſi jeden Herbſt mit nach Hauſe, aber er las keine Silbe darin, bis das Neujahr wirklich da war und auf manchem Gange in der Nacht ſchmunzelte er vor ſich hin, wenn er an die luſtigen Geſchichten dachte, die er geleſen hatte. Von der ganzen Samm⸗ lung ſeiner Kalender waren dieſe die zerleſenſten und in keinem iſt mehr eingetragen. Es geſchahen aber auch zu ihrer Zeit die wichtigſten Ereigniſſe. Der Kilian hatte noch einen Bruder Namens Franz und außer ſeiner Schweſter Rösle noch eine Namens Mariann erhalten, ein zweites Brüderchen lag neben dem Apothekerrösle auf dem Gottesacker. Es gab keine zweite Mutter in Haldenbrunn, die ihre Kinder mehr in Zucht und zur Schule anhielt als Moni; ja ſie ging ſelber noch in die Schule und zwar bei ihrem Kilian, denn ſie lernte bei dieſem Geſchriebenes leſen und ſelbſt die Feder führen. Spielend und ohne daß die Kinder die Unwiſſenheit der Mutter merkten, lernte dieſe die Schreibkunſt, ſie hatte erfahren, wie nachtheilig ihr deren Mangel gegenüber den Kindern war und freute ſich auch kindiſch darauf, an Broſi ſelber einen Brief ſchreiben zu künnen. Es war ein ſeltſamer Anblick, wenn die Mutter mit den Kindern um den Tiſch ſaß und wettete, wer zuerſt mit ſeiner„Gſchrift“ fertig werde. Jener erſte Brief Broſi's aus ihren erſten Ehejahren diente Moni als Vorſchrift; ſie hat dabei freilich nicht orthographiſch ſchreiben gelernt, aber beſſer als Broſi brauchte ſie es auch nicht ver⸗ ſtehen und ihre Fehler waren gerade die, die Broſi auch machte. Dieſer war ganz glückſelig als ihm ſeine Moni ſo unverhofft einen eigenhändigen Brief in die Fremde ſchrieb. Die Kinder durften auch oft Briefe an den Vater ſchreiben, von denen aber natür⸗ lich höchſtens einer abgeſchickt wurde. Der wiſſen⸗ ſchaftliche Betrieb im Hauſe war aber doch weit geringer als der in Wald und Feld. Kilian mußte die Kühe in den Wald zur Weide führen, denn die Grasnutzung im Walde war damals noch allgemein, die anderen mußten Streue einthun, Erdbeeren, Himbeeren, Heidel⸗ beeren und Wachholder ſammeln und theils ſelbſt nach der Stadt zum Verkaufe bringen, theils übernahm dieß die Mutter. Ein beſonderes Handelsgebiet war den Kindern aber auch darin gegeben, daß ſie im Herbſte Lichtſpäne— lange zugeſpitzte dünne Scheiben aus dem Kernholz von Kiefern, die man zur Beleuchtung in der Küche benützt— ſtundenweit in kleinen Körben auf dem Kopfe nach dem Getreidelande tragen mußten, um dafür Mehl, Kleie, Schmalz oder auch Aopfel einzutauſchen und manchmal gab es ſogar baares Geld, das die Kinder getreulich ablieferten. So kam es, daß Moni mit einem Häuflein Kinder nicht mehr brauchte als da ſie noch allein war, und die Kinder wurden gewitzigt und ſelbſtändig und früh auf ein ſparliches Umtreiben hingewieſen. Wenn Broſi im Frühling auf die Wanderſchaft zog, begleitete ihn die Mutter mit den Kindern, die beiden Eheleute ſangen nicht mehr, aber Broſi rief noch laut in der Ferne die Namen ſeiner Kinder nach einander und das war doch noch herzerfriſchender als aller Geſang. Jedesmal wenn Broſi von der Wanderſchaft nach Haus kam, kaufte er in der Stadt ein Weißbrod und je mehr Kinder im Hauſe waren, je mehr Theile wurden daraus gemacht. Das Heimweh Broſi's wurde oft wieder ſtärker, in den letzten Herbſtwochen war er immer ein ver⸗ droſſener Arbeiter, ohne rechte Eßluſt und ohne rechten Schlaf. Um ſich zu bezwingen, ſetzte er ſich daher jedesmal noch eine Woche weiter zum Aufenthalte in der Fremde feſt, aber jedesmal wenn dieſe Woche kam, ſchenkte er ſich dieſelbe und eilte heim zu ſeiner Moni und zu ſeinen Kindern. Broſi hatte noch eine zweite Wieſe von anderthalb Morgen, die ſogenannte Bömleswieſe gekauft, es war dieß der Boden eines abgetriebenen Waldes im untern Forlenthale, da wo der Bach eine ſo ſtarke Biegung macht, daß er die Wieſe mehr als im Halbkreiſe um⸗ zieht. Moni hatte auch eine erkleckliche Beiſteuer dazu gegeben, denn trotzdem ſie vier Kinder hatte, gewann ſie immer noch ſo viel Zeit zum Spinnen, daß ſie neben dem Hausbedarf an Leinen fünfzig Ellen jährlich verkaufen konnte und daneben legte ſie noch manches zurück zur künftigen Ausſteuer für ihre Töchter, und dazu hatte noch jedes Kind einen baaren Fünffranken⸗ thaler, denn Broſi hatte Jedem das Gleiche geſchenkt wie ſeinem Erſtgeborenen und ganz allein für ſich hatte Moni nicht nur eine vermehrte Kopfzahl für die im Kriege verlorenen angeſtammten Hühner erobert, ſie vermehrte auch noch ihre Hausmacht durch fünf ſtatt⸗ liche Gänſe. So ſchmerzvoll und niederdrückend es iſt, wenn ein Familienvater ſich trotz aller Mühen von Jahr zu Jahr verarmen und verkommen ſieht und noch das ein glückliches Jahr nennen muß, in dem er ſich ſo durchſchlug, daß er nichts einbüßte, eben ſo erquickend iſt das Gefühl, ſich wachſen zu ſehen. Es kommt ſo ſelten vor, daß Jemand von Grund des Herzens und jahrelang ſagt: ich bin ein glücklicher Menſch. Broſi ſagte dieß und war es auch; dabei pflegte er hinzuzuſetzen:„Ich hab Gottlob in ſiebzehn Jahren dem Apotheker nicht mehr bezahlt als einen Batzen und den— für Rattenpulver.“ Das innere Wohlgefühl Broſi's wurde aber auch zum Wohlwollen für andere Menſchen, nie hörte man ihn ein böſes Wort über Jemand reden und wenn man im Auerhahn oder ſonſtwo über Jemanden loszog, duldete er das nicht und nahm ſich des Beſchimpften in jeglicher Weiſe an. Es konnte nicht fehlen, daß Broſi bei ſeiner immerwährenden Heiterkeit für einen halben Narren galt, aber die Rechtſchaffenheit und Gutmüthigkeit hat doch ſo viel Bewältigendes, daß er in Ehre und Anſehen ſtand und, beſonders das, daß 409 er Niemanden Böſes nachredete, machte ihn in vielen Dingen zum Rathgeber und Schiedsrichter und Broſi konnte bei mancher glücklichen Auskunft hinzuſetzen: „Ja der Broſi. Mein Mann iſcht koanr.“ Die Kinder Broſi's wurden mit dieſem Eitelkeits⸗ ſpruche ihres Vaters frühzeitig geneckt und wo ſie hinkamen, hieß es oft:„Wie ſagt der Broſi? Mein Mann iſcht koanr.“ Sie klagten das oft der Mutter, aber dieſe wagte es nicht gegen eine Grundeigenſchaft ihres Mannes und deren Ausdruck anzukämpfen; ſie hatte es einmal verſucht und jene Trutzwoche hätte ſich faſt wiederholt, ſie beſchwichtigte nun die Kinder ſo gut ſie konnte und beſonders damit, daß man Jedem was nachſpotten müſſe und ihr Vater dürfe das auch ſchon ſagen, es gäbe auch keinen ſolchen Mann mehr auf der Welt wie er ſei.. Das merkte ſich der kleine Kilian und als er wieder damit geneckt wurde ſagte er ſtolz:„Und es iſt erſt noch wahr, ſo wie mein Vater giebt's keinen mehr.“ Als man Broſi dieſe Rede ſeines Erſtgeborenen erzählte, hatte er dieſen, der ohnedieß ſein Liebling war, nochmal ſo gern; er nahm ihn oft des Sonn⸗ tags mit in den Auerhahn und am Werktag in die Gipsmühle. Der Kilian war überhaupt ein geſcheiter Bub, er hatte einſt das einzige Leidweſen Broſi's in der Frage ausgedrückt:„Vater, biſt du nur im Winter unſer Vater?“ Broſi verſprach, ihn bei der Entlaſſung aus der Schule mitzunehmen, dann habe er auch einen Sommervater. An der Kirchweih⸗ tanzte Broſi allzeit regelmäßig 410 mit ſeiner Moni und die Kinder, die auf dem Hausflur waren, tanzten dort ebenfalls. Mit des Kappelbauern Lisle(die Wittwe hatte ſchon lange wieder geheirathet) tanzte der Kilian den Hoppetvogel und den Sieben⸗ ſprung gerade wie der Vater mit der Mutter. In dem Jahre als die Verbündeten in Paris ein⸗ zogen hatte auch Broſi einen Verbündeten. Er nahm ſeinen Kilian mit auf die Wanderſchaft und ſagte zu ſeiner Moni:„Weißt noch wie ich mir die Zeit herbei⸗ gewünſcht hab? Und jetzt iſt ſie da. Es kommt Alles. Drum luſtig ſo lang es tagt.“ In dem Jahr als Württemberg einen neuen König erhielt, wurde Broſi noch ein Sohn geboren und der Revierförſter, der jetzige Auerhahnwirth, der zu Gevatter ſtand, gab ihm den Namen Wilhelm, Broſi aber rief ihn bei ſeinem zweiten Taufnamen Severin. Er hatte ſeine beſondere Freude an dem kleinen Severin und ſagte oft: „Ich freu mich nur, daß wir auch wieder ein klein Kind haben, wenn ſie nur auch länger ſo klein und lieb bleiben thäten, wenn ſie einmal größer ſind, ſind's keine Kinder mehr und machen einem nur noch die halbe Freude.“ Das erſte Lebensjahr Severins war das ſchwerſte für die ganze Familie, es war das Hungerjahr ſieb⸗ zehn. Broſi war vor Allem darauf bedacht, daß die Mutter und das Kind die rechte Nahrung hätten, aber der Unſegen, der damals auf Allem ruhte, daß man ganze Schüſſeln aufeſſen und doch nicht ſatt ſein konnte, ſchien ſich auch auf die Muttermilch zu erſtrecken, der 411 kleine Severin ſchrie immer, mehr als je ein anderes Kind. Broſi wär' in ſeinem ganzen Hausſtand zurückge⸗ kommen, wenn ſich nicht jetzt der Gevatter Gipsmüller bewährt hätte; er verkaufte kein Korn an Broſi, er lieh es ihm nur mit der Bedingung, daß er ihm ſol⸗ ches im andern Jahre wieder als Korn zurückerſtatten müſſe. Wenn Broſi den Jahrgang 17 ſeiner Kalender in die Hand nahm, ſagte er, da ſteht gar nichts darin, ich vergeß das Jahr aber doch nie. Dreizehntes Kapitel. Je mehr die Kinder heranwachſen, um ſo mehr hören die Eltern auf, für ſich ſelber ein Leben zu haben und auch zu wollen; das Schickſal der Kinder wird immer mehr das der Eltern. Nicht nur am erſten Tage von des Vaters An⸗ kunft, wie dies immer iſt, waren die Kinder brav, ſie blieben es auch. Die Kinderzucht im Hauſe war eine muſterhafte, das heißt ſtrenge, es wurde wenig an den Kindern erzogen, aber unbedingter Gehorſam war oberſtes Ge⸗ ſetz. Broſi rühmte ſich deß oft, indem er hinzuſetzte: „Es kann eines meiner Kinder auf dem Dache in Lebensgefahr ſein, ich pfeif ihm nur, huit! und bin ſicher, daß es feſtſteht wie eine Mauer und nicht zuckt, bis ich komm und es herunter hol. Das hat mein' Moni zuweg bracht. O die, die könnt' General ſein.“ In der That war dieſe ſtrenge Zucht das Werk Moni's, denn ihr Mann war ja den größten Theil des Jahres in der Fremde, war er aber daheim, ſo konnte man gewiß ſein, daß nie eines der Eltern dem andern in einer Zurechtweiſung der Kinder widerſprach oder nur ——— 413 durch eine Miene einen Widerſpruch verrieth, wenn es auch mit der Anordnung innerlich nicht überein⸗ ſtimmte. Der Vater ſtand vor den Kindern wie ein höheres, faſt unnahbares Weſen, eine Patſchhand von ihm war eine hohe ſeltene Gunſt, und half er gar im Frühling ein Mühlrad in den nahen Bach bauen, ſo war das eine Seligkeit. Nie ſahen oder hörten die Kinder einen Zank zwiſchen den Eltern, gab es eine Zurechtſetzung, ſo wurde ein Alleinſein abgewartet, und Frohſinn und Heiterkeit herrſchten allezeit; nur wollte Moni manchmal der Kinder wegen in der Wahl der Lieder wähleriſch ſein, aber Broſi duldete das nicht und behauptete ſtets, er habe dieſe Lieder ſchon gekannt, ehe er zehn Jahre alt war und ſei doch geworden, der er ſei. Monika war geſcheit und ließ ohne ein Wort zu ſagen, die„Geſätzle“ weg, die ihr nicht ge⸗ fielen, und Broſi war's auch recht; er nahm's mit dem Inhalte juſt nicht ſo genau, wenn's nur geſungen war und recht luſtig, die Worte konnten ſich legen wie ſie wollten, und wenn Moni fortfuhr und immer wieder anſchlug, konnte er eine Strophe zehnmal ſingen und immer ſo vollauf, als wär's das Erſtemal. Nie ließ eines das andere beim Singen im Stich. Der kleine Severin zeigte ſich ſchon früh als ein eigenſinniger hartköpfiger Burſche und es war oft nahe daran, daß der Ehefriede ſeinethalb geſtört wurde, wenn nicht Moni ſtets darauf hingewieſen hätte, wie das unſchuldige Kind nichts dafür könne, daß ſein Vater verſtimmt und maßleidig ſei. Broſi war dieß aber oft in hohem Gwade, denn von außen war ihm der Friede und die Ruhe ſeines Hauſes geſtört worden. In dem Sommer, als der Severin geboren wurde, hatte der Maurerjochem, dem der Garten an der Fenſter⸗ ſeite von Broſi's Hauſe gehörte, ſich auf dem jenſeitigen verſandeten Ufer ein Haus gebaut und um einen näheren Weg in's Dorf zu haben ein Stück ſeines diesſeitigen Gartens dazu verwendet und der Fußweg ging hart an den Fenſtern Broſis vorbei. Noch in der erſten Nacht ſeiner Heimkehr zäunte Broſi dieſen Weg zu, aber ſchon am andern Tage mußte er auf ſchultheißen⸗ amtlichen Befehl den Zaun ſelbſt wieder abtragen und Broſi wetterte und fluchte in ſeinem Hauſe ſo oft Je⸗ mand an ſeinen Fenſtern vorüber ging und die Leute machten ſich den Spaß und gingen des Weges auch ohne Noth. Broſi lief zu Amt und verzettelte viel Zeit und Geld mit dieſem Rechtshandel, der mehrmals entſchieden immer wieder von ihm aufgenommen wurde, ſo daß er volle vier Jahre dauerte. Broſi behauptete, daß vier Schuh Platz rings um das Haus ihm gehören, daß er das oft von ſeiner Schwieger gehört habe und nicht davon laſſe. Er ſprach oft davon, daß wenn er den Prozeß verliere, ſo wandre er aus nach Endringen, wohin er ohnedieß gehöre und wo er eigentlich am liebſten ſei. Moni war vollkommen mit ihrem Manne einig, daß man dieſes Gäßchen nicht dulden dürfe, aber endlich mußten ſie ſich doch den Entſcheid gefallen laſſen, daß es blieb, zumal dieſer Weg als Kirchen⸗ und Schul⸗ weg von Pfarrer und Schullehrer bezeichnet wurde. Mit dem Auswandern nach Endyingen ſchien es nicht — — 415 recht Ernſt geweſen zu ſein und wäre dieß nun auch ſchwierig geworden, da Endringen jetzt Ausland war. Broſi hatte zu dem Schaden noch den Spott, daß er fortan der Gäßles⸗Broſi hieß; man hatte ſchon lange nach einem Unnamen für ihn geſucht, jetzt hatte man einen, mit dem man ihn aufziehen konnte. Anfangs that er den Leuten den Gefallen, ſich darob zu är⸗ gern, nach und nach aber lachte er dazu und ſeine alte Luſtigkeit brach auf's Neue hervor. Wer aber ſeine beſondere Gunſt haben wollte, durfte nicht durch das Gäßchen gehen und vor Allem ſeine Kinder durften nie dieſen Weg betreten, wie er und ſeine Monika ihr Lebenlang keinen Fuß darauf ſetzten. Es wurde Broſi nicht verwehrt, eine Art Verhau am Eingange des Gäßchens anzubringen, um auch ſeine Hühner und Gänſe abzuhalten, daß ſie den Weg nicht gingen, Broſi rammte aber ſcharfgeſpitzte Pfähle ein, daß ſich Manche daran verwundeten, und wenn man Kies auf das Gäßchen ſchüttete, um es trocken zu legen, war er am andern Morgen verſchwunden; den größten Theil des Jahres gab es keinen naſſeren Weg, als eben dieſes Gäßchen. Die Gäßlesgeſchichte war noch lange der geheime Kummer Broſis und er klagte beſonders dem Gevatter Gipsmüller oft, daß dieß das einzige Leid ſei, das er mit ſich herumtrage und empfing den Troſt, zufrieden zu ſein, daß er ſonſt keines habe. Im Jahre achtzehn erließ die Regierung die fol⸗ genreiche Verordnung, die den Beamten jegliche Ge⸗ ſchenkannahme verbet; dieß traf beſonders auch die 416 Forſtbeamten und der Revierförſter, der ſeinem Pathen den Namen des Königs gegeben, ſchien es doch gera⸗ then zu finden, dem Kuhhirt von Ulm zu folgen und von ſelbſt abzudanken; er widmete ſich fortan dem Holzhandel und macht ſchon damals Broſi den Antrag als Kürer, der die Stämme im Walde ausſuchen hilft und eine Art Aufſicht über die Holzknechte hat, bei ihm einzutreten, Broſi aber lehnte es ab, er wollte bei ſeinem Handwerke bleiben, zumal er dieſes Jahr, wie er ſagte„zweiſpännig ausfuhr,“ denn er nahm nun auch ſeinen Franz mit in die Fremde. Broſi wäre gerne daheim geblieben und ſah ſich deshalb nach einer Beſchäftigung bei einem nahgelegenen Brückenbau um, aber ſchon jetzt zeigte ſich, daß er ein Württemberger war, die badiſchen Arbeiter erhielten den Vorzug und Broſi wanderte wieder in's Elſaß. In dem Jahre als Kilian Soldat werden mußte, und der Gäßleshandel ſich entſchied, gab Broſi das Nachtwächteramt auf, er hatte es durch zwanzig Winter verſehen und ſagte, auch im Gefühle ſeines Beſitzthums, daß es genug ſei, wenn er fortan am Tage tüchtig arbeite; es war aber, ohne daß er ſich's geſtand, auch Aerger über die Gäßlesgeſchichte; das Dorf das ihm das angethan hatte, war eines ſolchen treuen und hellen Wächters nicht werth. Dennoch erwachte er noch wochenlang zu jeder Stunde und manchmal ſang er leiſe vor ſich hin. Der kleine Severin war noch ein Aergerniß und bekam viel Schläge, er war das einzige Kind, das es nicht laſſen wollte, auf dem Gäßchen hin und her zu ——— 417 gehen. Es gehörte in der That eine Selbſtüberwindung dazu, das Gäßchen zu vermeiden, man mußte nicht nur immer einen Umweg machen; wenn man aus der Thüre tritt, führt das Gäßchen gerade links an dem Hauſe vor⸗ bei und es iſt eine ſeltſame, unerklärte Eigenheit, daß man beim Austritt aus einem Hauſe ohne zu wiſſen wohin links wendet, wie man beim Ankleiden den linken Stiefel zuerſt anzieht. Broſi ſelber mußte ſich noch oft hemmen, daß er nicht unwillkürlich den verbotenen Weg ging. Der Severin war das einzige Kind, das von dem Vater viel Schläge und wenig gute Worte erhielt und gerade der Severin war, wie ſich ſchon früh zeigte, das ehr⸗ geizigſte ſeiner Kinder und hätte ſich eher todtſchlagen laſſen, als daß er um Erbarmen ſchrie oder um Ver⸗ zeihung bat. Wenn der neue Lehrer, der ein tüchtiger Mann war, den Severin lobte, zuckte Broſi die Achſeln und ſagte:„es iſt eben ein knützer*) Bub. Wenn ihm meine Frau einmal ein Käsbrod giebt, frißt er den Käs oben'runter und erſt wenn ich ihm mit Schlägen droh, bitzelt er am Brod, und ich ſollt ihm Hoſen von Eiſen machen laſſen, er hat eine beſondere Kunſt ſeine ledernen zu verreißen. Das beßt' an ihm iſt, daß er ſingen kann wie ein Kanarienvogel, aber wenn man's ihn heißt, da thut er's nicht und wenn ich aus der Haut fahr. Ich will ihn aber ſchon eingeſchirren, wenn ich ihn einmal mit mir nehm' und ihn ferm in meine Finger faſſ'.“ Die erwachſenen Söhne und Töchter Broſi's gingen nun auch ſchon zum Tanz, das Rösle, das neben Kilian * knütz= zu böſen Streichen aufgelegt, nichts nutz. Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. der Liebling Broſi's war und das er oft„mein ſchön Maädle“ nannte, hatte bereits eine entſchiedene Bekannt⸗ ſchaft mit des Jörgtoni's Kaspar, aber Broſi und Moni waren noch immer regelmäßig auf dem Kirch⸗ weihtanze und ſo luſtig wie je und wieder hatte dieſe Luſtigkeit einen andern Charakter, es war nicht mehr wie in ledigen Tagen noch wie in der erſten Ehezeit, man war jetzt mitten unter den erwachſenen Kindern und eine gewiſſe Scheu vor ihnen begrenzte den Ueber⸗ muth, andererſeits aber hatten Broſi und Moni ihre Freude an der Luſtbarkeit der Kinder faſt noch mehr als an der eigenen und die Kinder konnten neu auf⸗ gekommene Tänze, beſonders den Gallopp, den die Alten nicht mehr verſtanden und hätten ſie das auch, ſich nicht mehr dazu geeignet fühlten. Broſi war aber keiner von denen, die über dieſe Neuerungen ſchimpften, im Gegentheil, er ſagte zu ſeiner Frau: „Die junge Welt hat eben ihre neuen Sprüng'. Wir bleiben bei unſeren alten.“ Es war jedesmal eine feierliche Freude, wenn Broſi und Moni ihre Tänze aufführten; ihre eigenen Kinder betrachteten dieſe als eine Art öffentlicher Kundgebung des Hausfriedens, denn glücklicher als Broſi und Moni lebten keine Eheleute, ſie ſtanden noch allzeit zu einander wie Braut und Bräutigam in zuvorkommender Freundlichkeit und heiterm Scherz, und man konnte nicht ſagen, ob Broſi ſeine Moni mehr ehrte und lobte oder ſie ihn. Broſi war der erſte, der das neue Geſetz mit über⸗ treten half, da vermöge allerhöchſter Fürſorge in den Beſtimmungen des Decrets der Oberregierung vom 419 17— 22 Juni 1811 der Tanz mit dem Schlage zwölf Uhr enden ſollte. Schon die polizeiliche Ueberwachung des Tanzes war Broſi ein Greuel, aber er ſetzte ſich darüber weg und Haldenbrunn lag auch ſo weit an der Grenze, daß die Strenge des Geſetzes dort etwas nachließ. Das Verbot aber, daß die Schulkinder dem Tanze zuſehen und ihn auf dem Hausflur nachahmen durften, wurde unnachſichtlich aufrecht erhalten. Broſi wollte ſeinen Severin zwingen, mit ihm zu gehen, aber dieſer blieb widerſpenſtig und flüchtete ſich zum Lehrer, der dem, wie er glaubte, mißhandelten Knaben beſonders zugethan war. Severin konnte über⸗ haupt ſchon frühe die Späſſe ſeines Vaters nicht leiden und dieſer ſagte oft:„in dem Buben ſteckt etwas vom Apothekerrösle, aber ich treib's ihm aus, und wenn er mir unter der Hand bleibt.“ Wenn man den Severin mit dem Spruche ſeines Vaters neckte, ſchlug er um ſich und die Mutter hatte viel zu vertuſchen und wie⸗ derum ſchien ihm nichts heilig: keines der Kinder hätte eine der oberen Zwetſchgen im Garten angerührt, denn dieſe ließ die Mutter ſtets ſtehen bis ſie runzlig wurden, und bewahrte ſie für den heimkehrenden Vater, der Seve⸗ rin aber war unverſehens auf einem der Bäume und ging oft nicht herunter, bis man mit Steinen nach ihm warf. Severin brachte immer am wenigſten mit, wenn er mit anderen Kindern in den Wald geſchickt wurde, um Waldbeeren zu ſammeln, denn man hörte, daß er meiſt in den Himmel ſchauend unter einem Baume lag, und ſollte er im Herbſte Lichtſpäne in's Getreideland tragen, mußte man ihn jedesmal mit Schlägen dazu zwingen und einmal kam er acht Tage lang nicht nach Hauſe und keine Gewalt der Welt hätte aus ihm herausgebracht, wo er geweſen war. Die Landesvermeſſung kam auch nach Haldenbrunn, der Lehrer empfahl den Geometern den Severin, der noch die Schule beſuchte, aber ſchon ein hochaufge⸗ ſchoſſener Knabe war. Broſi wollte es nicht geſtatten, daß Severin mit den Geometern ging, aber Moni ließ nicht nach, bis er es zugab, und als er das Lob ſeines Sohnes hörte, der ſehr anſtellig war, that ihm das wohl, aber freundlicher ward er nicht gegen ihn; er getröſtete ſich der Zeit, wo er ihn ganz allein in ſeine Hand bekommen und ihn ſchon zurecht ſetzen werde. Hatte man vom Severin vielen Kummer, ſo mach⸗ ten die anderen Kinder um ſo mehr Freude. Der Kilian war auf Urlaub gekommen und arbeitete wieder fleißig mit dem Vater und dem Franz. Das Rösle war Braut mit des Jörgtoni's Kaspar. Broſi und Moni erfuhren nichts davon, daß dieſe Brautwerdung der Mutter einen böſen Ruf gemacht hatte. Der Kas⸗ par hatte nämlich eine Zeitlang das Rösle verlaſſen, und war der reicheren Tochter des Kappelbauers nachgegangen, da wurde des Kappelbauern Tochter plötzlich von einem Blutſturz befallen und ſtarb, der Kaspar kam wieder zu dem Rösle und wurde auch wieder angenommen, die Leute aber ſagten, die Moni habe das Heren von ihrer Mutter geerbt und habe des Kappelbauern Tochter verhert. Da Broſi und Moni hievon nichts erfuhren, war ihre Freude an der glück⸗ lichen Verſorgung der Tochter eine ungetrübte. — „ — d 421 Broſi hatte ſich, theils um die Heirath zu ermög⸗ lichen, theils aber auch aus Stolz, bei der verſprochenen Ausſteuer über ſeine Kräfte angeſtrengt und arbeitete nun doppelt emſig mit ſeinen beiden Söhnen, um den Ausfall baldigſt wieder einzubringen. Er hatte für zwei Jahre eine glückliche Arbeit gefunden, nur vier Stunden entfernt wurde eine neue Straße mit mehre⸗ ren Brücken angelegt und dießmal auf württembergi⸗ ſchem Grunde, und Broſi war nun mit den Seinigen jeden Sonntag zu Haus. Eine luſtigere Hochzeit als die von Rösle und Kaspar war lange nicht in Haldenbrunn geweſen, Broſi konnte ſich zwar Anfangs nicht damit zufrieden geben, daß die fürſorgliche Regierung den alten Brauch verboten hatte, daß die Hochzeitläder mit gezücktem Säbel die Braut geleiteten und die Säbel in die Decke ſteckten, darunter Braut und Bräutigam ſitzen mußten. Dieſes Eingreifen in die alten Gewohnheiten verbit⸗ terten ihm faſt den glückſeligen Tag und er ſprach oft davon und ließ es an derben Schimpfworten nicht fehlen, aber er lernte allmälig, ſich einen Freudentag weder durch einen Regierungserlaß noch durch ein ſonſtiges Er⸗ eigniß verderben zu laſſen und Moni verſtand es, ihm dar⸗ über hinweg zu helfen. Die Eltern waren die luſtigſten auf dem Tanzboden und Broſi rief oft:„Moni, jetzt ſind wir hier zweimal daheim.“ Er hatte ſich einſt ſo glücklich geſchätzt beim Gipsmüller eine freundliche Stätte zu haben außer dem Hauſe, jetzt ging er zu ſeinem eigenen Kinde und war dort hochgeehrt und geliebt. Vierzehntes Kapitel. Als Severin aus der Schule entlaſſen wurde, ſprach er ſeinen Wunſch aus, Geometer zu werden, aber Broſi wies ihn barſch ab, es dürfe keines ſeiner Kinder für ſich allein ſorgen, es müſſe Jedes mit bei⸗ tragen, den Hausſtand zu erhöhen. Es war ein fröh⸗ licher Tag als Broſi dreiſpännig ausfuhr, der Vor⸗ ſpanngaul war und blieb aber widerſpenſtig. Broſi ſuchte ſeinen Jüngſten durch gute Worte zu zähmen, aber es ſchien zu ſpät dazu, und wenn der Vater in Geſellſchaft der Genoſſen allerlei Späſſe machte, biß Severin auf die Lippen, während die Anderen lachten. Im Winter, wenn die Söhne Schindeln ſchlitzten, war Severin verdroſſen dabei, ſeine Hauptfreude war, wenn er die Schindeln im Schuppen zum Trocknen aufbauen durfte. Broſi ſelber lobte ihn über die ſchönen Häuſer, Brücken und Schlöſſer, die er aus den Schindelbüſcheln aufbaute und nannte ihn ſtets ſeinen Boſſler. Manchmal ſchien ſich ein beſſeres Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn herzuſtellen und beide beſtrebten ſich deſſen ſichtbar. Severin hatte dem Vater ſchon oft 423 darum angelegen, er möge doch die Bömleswieſe ver⸗ beſſern, dadurch, daß man dem Bache eine andere Richtung gebe, Broſi hatte ihn damit abgewieſen, auf immer wiederholtes Dräng en aber ihm endlich geſtattet, beim Forſtamte die Erlaubniß dazu nachzuſuchen und die Sache ſelber auszuführen. Nach vielen vergeb⸗ lichen Gängen erhielt Sever in die Genehmigung, und mit theils ſelbſtgefertigtem, theils entlehntem Hand⸗ werkszeug ſteckte er die Wieſe ab und leitete den Bach gerade durch, wobei er noch Vorrichtungen zur be⸗ quemen Wäſſerung anbrachte, daß die Wieſe um die Hälfte mehr werth war und das Lob Severins im ganzen Dorfe ſich ausbreitete. Dieß ſchien ihm aber nicht zu genügen, er blieb verdroſſen und einſilbig. An der Kirchweih ging er wohl auch zum Tanze, aber er ſaß ſtill bei ſeinem Schoppen und ſchaute nicht auf, wenn Vater und Mutter zur Bewunderung Aller ihre Tänze ausführten; ja, er ſagte der Mutter, es ſchicke ſich nicht mehr für ſie, die Junge zu ſpielen und Moni, der das ſelber ſchon nicht mehr genehm war, ging das Jahr darauf gerade an dem Tage in die Mühle zum Mahlen. Alt und Jung wollte ſich die gewohnte Freude nicht nehmen laſſen und man entbot eine Geſandtſchaft mit einem vorausgehenden Klarinet⸗ tiſten als Herold zu Moni in die Mühle, ſie aber wies jede Einladung entſchieden ab und ſagte zuletzt: „Nicht zehn Gäule bringen mich zum Tanz.“ Der Jörgtoni wußte hierauf einen geſcheiten Ausweg, der mit Halloh ausgeführt wurde; man ſpannte elf Gäule an einen Schlitten, und Moni mußte wider Willen lächelnd nachgeben und wurde im Triumphe mit dem ſeltenen Geſpann in den Auerhahn gebracht. Seitdem iſt das Sprüchwort in Haldenbrunn. Wenn einer ſagt:„Zehn Gäule bringen mich nicht zu dem und dem,“ ſo antwortet man:„aber elf Gäule wie die Moni aus der Mühle zum Tanz“ und Fremde, die das nicht verſtehen, erhalten willfährigen und ge⸗ nauen Bericht über die Entſtehung dieſer Redeweiſe. Das Jahr darauf klagte Moni über Unwohlſein und Broſi blieb bei ihr daheim. Eine Geſandtſchaft aus dem Auerhahn erhielt einen abſchlägigen Beſcheid. Die Kinder waren Alle auf dem Tanze und ſelbſt Severin war heute mit unter den Jubelnden. Es war eine helle Herbſtnacht, der Mond ſtand glänzend am Himmel und warf ſein ſchräges Licht viel⸗ fach gebrochen in die Stube. Broſi hatte die Ampel gelöſcht und ſaß noch lange ſtille und horchte auf die Muſik, die vom Auerhahn herübertönte, er ſchnupfte viel, denn das hatte er ſich ſeit geraumer Zeit ange⸗ wöhnt, es wollte ihm gar nicht in den Sinn, daß er zum Erſtenmale nicht zum Kirchweihtanze ſollte; mehr⸗ mals ſagte er in ſich hinein:„ſei nicht ſo närriſch, du biſt kein junger Burſch mehr, die Schlappen ſind jetzt deine Tanzſtiefel. Du biſt Großvater;“ aber er konnte ſich das in allen möglichen Wendungen wieder⸗ holen, es half nichts, er meinte immer, er müſſe ent⸗ fliehen. Endlich legte er ſich doch ſtill ſeufzend in das Bette, aber den Schlaf fand er nicht. Mitternacht war vorüber, da regte ſich Moni und er ſagte leiſe: — e— 425 „Moni, Moni.“ „Was? Was willſt?“ „Ich hab' gemeint, du ſchlafſt.“ „Ich hab' nicht geſchlafen. Was willſt denn?“ „Ich kann auch nicht ſchlafen. Hörſt die Muſik?“ „Freilich, die läßt ja einem kein Aug zu thun.“ „Jetzt ſpielen ſie den Bändelestanz.“ Ich möcht nur auch wiſſen, wer den tanzt?“ „Geh'nauf und ſieh' zu, ich hab' dir ſchon ge⸗ ſagt, geh' du allein. Es iſt mir lieber, wenn du gehſt.“ „Ich geh' nicht allein. Aber weißt was? Wir haben doch eigentlich geſchworen, daß wir, wenn wir geſund ſind, jede Kirchweih tanzen wollen.“ „Ich bin aber nicht wohl.“ „Wird nicht ſo arg ſein. Weißt was? Steh' hurtig auf und zieh dich an. Oder ſag' mir ehrlich, tanzſt du nicht auch gerne?“ „Freilich wohl, rechtſchaffen gern, aber was willſt?“ „Komm', wir tanzen daheim.“ WMit einem luſtigen Juchhe ſprang Broſi aus dem Bette, gab Moni ihre Kleider auf daſſelbe und zog ſich raſch an. Vom Auerhahn tönte die Muſik, der Mond ſchaute gerade voll in die Stube, und Broſi und Moni tanzten mit einander, und Broſi jauchzte und ſtampfte auf und ſchnalzte mit den Händen, er warf ſeine Moni in die Luft und fing ſie wieder auf, da öffnete ſich die Stube und die Kinder ſtanden bei⸗ fallrufend und jauchzend unter der Thür, ſie waren vom Tanze zurückgekehrt und Niemand hatte ihren Eintritt vernommen. 426 „Wo iſt der Severin?“ fragte Broſi. „Er iſt mit uns, er iſt grad verſchwunden,“ berich⸗ teten die Kinder. „Wer hat den Bändelestanz ausgeführt?“ „Des Rösle's Kaspar, und prächtig,“ berichtete Mariann, und Franz, der nach Severin ausgeſchaut hatte, ſagte, daß er ſchon oben auf der Bühne in ſeinem Bette liege. Der Severin war alſo der einzige, der ſich über die Fröhlichkeit ſeiner Eltern nicht gefreut hatte und ſtill davon geſchlichen war. Er war und blieb ein ſeltſamer nicht zu bewältigender Trotzkopf. Das Ende des vortrefflichen vierunddreißiger Wein⸗ jahres brachte unſerm Broſi eine große Freude, er hatte das Glück ſeine zweite Tochter Mariann nach Endringen zu verheirathen und zwar an den Peterſepp, der jahraus jahrein in der Gipsmühle des Gevatters arbeitete und der ein weitläufiger Vetter von des Jörgtoni's Kaspar war. Die Wurzeln eines ausge⸗ 3 breiteten Familienanhangs erſtreckten ſich immer weiter hinaus, aber dieſe, die ſeinen Geburtsort berührte, war für Broſi beſonders nahrungsfriſch. Am Hochzeitstage war es als ob der Boden ſeiner Heimath ihn verjünge und oft rief er:„Jetzt hab ich wieder einen Ableger in meinem Endringen, und wenn's uns in Haldenbrunn überleidet wird, gehen wir nach Endringen. Nicht wahr Moni?“ „Ja, wo du hingehſt, geh ich mit.“ Manchmal aber war es doch Broſi als ob das nicht mehr das alte Endringen wäre. Die Leute hatten ein anderes Weſen, er konnte nicht recht faſſen, worin das beſtand und glaubte, daß es darin liegen müſſe, daß Endringen badiſch geworden ſei, aber mit alten Kameraden ſang er unaufhörlich Lieder, die nicht badiſch und nicht württembergiſch waren. Wie die Flüſſe und Ströme auf der Erde ihren Weg ziehen, unbekümmert um die Gränzpfähle an ihrem Ufer, ſo fluthet über der Erde ein unſichtbarer Strom des Geiſtes, der nicht zu faſſen und nicht zu bannen iſt von willkürlichen Scheidungen. Broſi überſchritt jetzt auch oft die Grenzen vieler deutſchen Länder. Die Eiſenbahnen, deren Vollendung über alle Trennung hinweg eint, hatten ſchon bei ihrer Erbauung die Arbeitskräfte der verſchiedenen Länder vereinigt und den Unterſchied der Fremdheit wenig gelten laſſen. Broſi zog mit ſeinem Dreigeſpann nach dem Niederrhein und brachte reichlichen Verdienſt zurück. Im Auerhahn hatte er dann viel zu erzählen von den fremden Landen und beſonders von einem Dunkelnel, den er aus⸗ wölben half und der viele Stunden weit durch einen Berg führte. Severin ließ es ſich nie nehmen, den Vater zu berichtigen, daß es Tunnel und nicht Dunkelnel heiße. Ueberhaupt muß man ſagen, daß Severin nicht dem Beiſpiele Sems des Sohnes Noah folgte; wo ſich ſein Vater eine Blöſe gab und etwas falſch erzählte oder unrichtig erklärte, konnte man ſicher ſein, daß Severin einfiel: das iſt ganz anders, das iſt ſo und ſo. Er hatte in der Regel recht und zeichnete mit Kreide Alles zum beſſeren Verſtändniß auf den Tiſch. Broſi kämpfte immer mit ſich, ob er ſtolz darauf ſein 428 ſolle, einen ſo geſcheiten Malefizbuben zu haben, oder wie er berechtigt war, ſich ärgern ſollte, ſo hingeſtellt zu werden. Er wurde nicht darüber einig, aber ſo viel zeigte ſich doch, daß er im Grund des Herzens keinen Haß auf den Severin hatte, denn er ſagte ſtets: „Mein Kilian und mein Franz müſſen aus heirathen und mein Kleiner kriegt des Vaters Gut.“ Seitdem Broſi noch mehr Wieſen und ſogar einen Morgen Wald gekauft hatte, nannte er ſein Beſitzthum ſtets halb ſpöttiſch halb ruhmredig ſein Gut. In dem Jahre als Franz, der ebenfalls Soldat und zwar Kanonier geworden war, den Abſchied erhielt, mußte Severin zur Looſung und in dieſem Herbſte kam der Vater in voller Entzweiung mit dem jüngſten Sohne nach Hauſe. Keiner von beiden hat je genaue Auskunft darüber gegeben, wie weit ihr Streit gediehen war, ja Severin ſchwieg ganz darüber; nur Broſi erzählte, ſein Sohn habe geſagt, daß er lieber vorher deſertire, wenn er wüßte, daß er Soldat werden müſſe und darauf habe Broſi ihm geſagt und bewieſen, daß er ihn eher erwürge, ehe er ſich durch ihn die Schande anthun laſſe, ſeinen ehrlichen Namen in die Zeitung und ſogar in einen Steckbrief zu bringen. Broſi geleitete ſeinen Severin ſelber in die Stadt zur Looſung und als dieſer jubelnd berichtete, daß er ſich frei gelvost habe, ſchüttelte der Vater den Kopf und ſagte: „Iſt mir nicht recht. Es wär dir geſund geweſen, wenn ſie dich unterm Militär ein bisle gezwiebelt hätten.“ Von nun an hatte Severin keine Ruhe mehr im Hauſe, er konnte nicht mehr auf einem Stuhle ſtille —— 429 ſitzen, ſondern lief immer aus und ein und wenn er mit dem Vater und den Brüdern beim Gipsmüller dreſchte, traf er oft im Selbſtvergeſſen die Dreſchflegel ſeiner Genoſſen und in dem Hauſe, wo nie ein Zank geweſen war, gab es jetzt täglich einen Lärm, daß die Leute auf dem Gäßchen ſtehen blieben, denn der Broſi ſchalt ſeinen Severin und war doppelt böſe, weil er ihm meiſt gar keine Antwort gab. Endlich brachte es Moni mit vieler Mühe dahin, daß Severin ſich ein Wanderbuch holen und ein paar Jahr in die Fremde ziehen durfte. Ein neuer Ranzen wurde gekauft und ein dauerhafter Inhalt von Kleidern und Wäſche dafür hergerichtet; der Severin aber gab dem Vater noch immer kein gutes Wort. Am Sonntagmorgen, als die ganze Familie bei⸗ ſammen war, die kaum die Stube faſſen konnte, der Kaspar und das Röole mit drei Kindern, die Mariann und der Peterſepp aus Endringen und Kilian und Franz mit den Eltern, da packte Severin alles Her⸗ gerichtete ein, und als er die letzte Schnalle zugezogen hatte und den Stechpalmenſtock, den er ſich auf dem Kappelberge geſchnitten hatte, in die Hand nahm, ſchnupfte Broſi ſchnell eine Priſe, die er zwiſchen den Fin⸗ gern hatte und ſagte, die Hand auf den Ranzen legend: „Schad, ſchad um das ſchöne gute Sach. Wie bald wirſt du das verlumpen.“ „Ich will gar nichts von euch, gar nichts!“ ſchrie Severin zornroth und warf dem Vater den Ranzen vor die Füße,„behaltet Alles. B'hüt Gott, Mutter, b'hüt Gott, Geſchwiſter.“ Und hinaus rannte er aus der Stube und über den Steg und nahm nichts mit als den Stechpalmen⸗ ſtock in der Hand und das Wanderbuch in der Taſche. Die Mutter und Geſchwiſter ſchauten ihm nach und riefen ihm, aber er kehrte ſich nicht um und Broſi ſtand wie feſtgebannt und ſchaute immer auf den Ranzen vor ſeinen F'ßen. Die Mutter wollte den Kilian und den Franz und ihre Scwiegerſöhne dem Flüchtigen nachſchicken, er Broſt viet mit ſtarker Stimme: „Da bl het ihr, Keine ein Menſch ſag ich, darf ihm nach.*1ß all er kommen und kommt er nicht, ſo ſr zum Jel gehen, aber er kommt, ſei ruhig, Mont, heul nicht, er kommt ſchon wieder.“ Man harrte ſtille, keines ſprach ein Wort, es läutete zur Mittagskirche, aber Niemand ging dahin und Broſi that als ob er nicht merkte, daß der Peter⸗ ſepp mit einem verſtändigenden Blicke auf die Mutter ſich davon ſchlich und bald über den Steg rannte. Die Mittagskirche war ſchon zu Ende, aber weder Peterſepp noch Severin waren gekommen. Broſi zog ſeinen Rock an und ging nach dem Auerhahn, er wollte ſeine Frau walten laſſen und dieſe ſchickte den Kilian und bald nach ihm den Franz fort. Es wurde Nacht als alle Ausgeſandte wieder kamen, aber ohne den Severin, ja, ſie hatten ihn nicht einmal geſehen; nur der Peterſepp brachte die Kunde, die er von einem Endringer erfahren, dieſer hatte den Severin bei der Bömleswieſe getroffen, er ſei ganz heiter geweſen und habe geſagt, er gehe in die Fremde, zuerſt in die Schweiz zu ſeinen Baſen. Fünfzehntes Kapitel. Es war nun wieder Ruhe und Stille im Haus, aber der Friede und die Freude wollten lange nicht in daſſelbe einkehren. Moni merkte wohl, daß ihr Mann im Stillen auch traurig über den ſo feindſeligen Weg⸗ gang ihres jüngſten Sohnes war, und er mußte es um ſo mehr ſein, da er doch eigentlich ſchuld daran war, ſie ſuchte daher nach den erſten jammervollen Tagen ihren lauten Schmerz zu bewältigen; aber den zurückgelaſſenen Ranzen konnte ſie nie ohne Thränen anſehen, da war noch Alles gepackt, und die neuen nägelbeſchlagenen Stiefel ſohlen kamen ihr ſo traurig vor, als läge ihr Sohn zu Boden geworfen und ſie ſtand vor ſeinen Füßen. Am dritten Sonntag, während Broſi in der Mor⸗ genkirche war, packte ſie endlich aus und legte es zu oberſt in ihren Kaſten, ſie weinte viel dabei, war aber als dieß abgethan war, wieder heiterer. Sie hatte ſelbſt nach Baſel an ihre Verwandten geſchrieben, aber dieſe antworteten, daß ſie nichts vom Severin geſehen hätten. Im Dorfe hieß es nur im Allgemeinen, der Severin ſei im Zorne von ſeinem Vater davongegan⸗ 432 gen; die Geſchwiſter und die Tochtermänner hüteten ſich wohl, etwas von der Familienſtreitigkeit unter fremde Leute zu bringen. Man hörte lange nichts von Severin. Erſt als Broſi ſelber wieder in die Fremde zog, ſagte ihm der Revierförſter, der jetzt ſchon Auer⸗ hahnwirth war: „Ich hab' ſechs Wochen, nachdem dein Severin fort geweſen iſt, Briefe von ihm gehabt aus Mainz.“ „So? und was ſchreibt er?“ „Er bittet mich als ſeinen Gevatter, ich ſoll bei dir anhalten, du mögeſt ihm doch was Geld ſchicken.“ „Haſt ihm Antwort geſchrieben?“ „Ja.“ „Ohne mein Wiſſen? Und was denn?“ „Was ich gewollt hab. Ich hab ihm geſchrieben: wenn ein Menſch wie er ſich nicht allein fortbringen kann, ſoll er heimkommen und ſeinem Vater helfen Kartoffeln ſchälen.“ Es nützte nichts, daß Broſi den Gevatter über ſeine eigenmächtige Handlungsweiſe hart anließ, und er getröſtete ſich endlich, daß er ſeinen Sohn gewiß in Mainz oder beim Baue des Dunkelnels finden werde. Er machte ſich ſchon im Voraus ein Verfahren zurecht, das er gegen ihn beobachten wolle, und war nur zwei⸗ felhaft, ob er den Ranzen gleich mitnehmen ſolle, aber es war beſſer, dieß zu unterlaſſen, denn man konnte doch einander verfehlen, und Moni war wieder auf's Neue aus ihrem eingeſchlummerten Leidweſen geweckt. Mit frohem Muthe zog Broſi mit ſeinen beiden ——— — Söhnen aus, er fand in Mainz richtig die Spur ſeines Severin, aber von da an war nichts mehr zu erkunden. Der Schmerz um den verlorenen Sohn lebte noch in beiden Eltern fort, in Moni allerdings noch ſtärker, aber die Alles heilende Zeit und noch mehr die lebendige Erfüllung der Tagespflicht, ſowie die Sorge um Kinder und Enkel hüllte Alles bald in einen ſanften Dämmer. Am Namenstage des Severin ſagte Moni einſt: „Es iſt mir wie vorbedeutend, mein Severin iſt das einzige Kind geweſen, das an der Muttermilch nicht genug gehabt hat, ich hab ihm ſchon mit zehn Tagen noch was dazu geben müſſen, und ſo mein' ich wär ſein Wandern auch; er hat eben an der Mutter⸗ milch nicht genug gehabt. Aber hart iſt's doch, daß er ſeine alten Eltern ſo in Jammer läßt und uns ſo ganz vergißt. Der Lehrer ſagt auch, er begreife das nicht und der hat ihm immer die Stang gehalten.“ „Das verſteh ich ſo gut als der Lehrer und als der Pfarrer“ erwiderte Broſi.„Es iſt ſchon ſo. Gott hat uns eben eine Anfechtung ſchicken müſſen, daß wir zeigen, ob wir brav und luſtig bleiben; auf ebenem Weg wär' das kein Kunſt geweſen. Drum müſſen wir das haben, weil wir Gottlob ſonſt nichts zu klagen hätten.“ Broſi bewies es, daß er nicht nur brav, ſondern auch luſtig geblieben war. Bei der Hochzeit ſeines Erſtgeborenen, der die Großmagd des Furchenbauern von Endringen heirathete, die ſich ein Erkleckliches verdient hatte, tanzte Broſi trotz des nicht vergeſſenen 28 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 434 Kummers um ſeinen Severin wiederum ſo, daß er mit vollem Nachdruck ſagen konnte:„Mein Mann iſcht koanr.“ Und dieß zeigte er nicht nur in der Heiterkeit, ſondern auch in der Arbeit; er zog im härteſten Winter beim Dreſchen nie eine Jacke und Handſchuhe an, und wenn man ihn darob rühmte, konnte er ausrufen: „Ja der Broſi, es iſt nicht wahr, daß ich ſchon hinten in den ſechzig bin, ich bin erſt ſiebzehn Jahr alt und ſei es wie es will, ich bleib dabei, die ſchönſten Jahre ſind die von ſechzig bis neunzig. Ich bin Anno ſiebzig geboren, drüben wie man noch ſiebzehn geſchrieben hat, ich muß es hüben auch ſchreiben, da wird nichts abge⸗ handelt, ich will wenigſtens noch vier Jahr Trinkgeld.“ Wenn er ſo redete, hielt er immer ſeine Doſe feſt in der linken Hand, knickte ein wenig in die Kniee und hob ſich als wollte er in die Höhe ſpringen. Die Auswanderung nach Amerika, die ſich immer mehr auf dem Schwarzwalde ausbreitete, hatte auch Haldenbrunn ergriffen und keiner ging fort, der nicht einen beſonderen Abſchied bei Broſi und Moni nahm und Broſi trug getreulich alle ihre Namen in ſeinen Kalender ein. Dieſe Auswanderungen, ſo manchen Schmerz ſie auch brachten, waren doch für Broſi und Moni troſtreich, ſie ſagten jedem Davonziehenden, er ſolle ſich nach dem Severin umſchauen und von ihm berichten. In alle Weltgegenden gingen nun lebendige Botſchaften, die doch etwas von dem verlorenen Sohne erkunden mußten, und die beiden Eheleute beſtärkten ſich dann darin, daß ſie ſich bedünken laſſen mußten, ihr Sohn ſei über's Meer gewandert, er lebe noch und Sechszehntes Kapitel. Im Winter auf 47, in dem Broſi ſechsundſiebenzig Jahr alt wurde, fühlte er ſich zum Erſtenmale in ſeinem Leben nicht geheuer, er behauptete es habe ihn „ein Froſt geſtoßen,“ er gönnte ſich aber doch keine Ruhe, er war eben was man einen Schaffmann nennt, ſo lange er fort konnte entzog er ſich keiner Arbeit, aber bald ließ er die Doſe ſtehen und ſchnupfte nicht mehr, das war für Moni das ſicherſte Zeichen, daß es etwas Ernſtliches war, er mußte zu Bette und bald zeigte ſich, daß er einen mächtig geſchwollenen Fuß bekam und zum Erſtenmale kam ihm der Arzt über die Schwelle, aber noch jetzt erluſtigte er ſich an ſeiner Krankheit und ſagte oft:„Es iſt nicht mehr als billig, ich muß auf dem Kubikfuß leben, es geſchieht mir recht. Verbind mir meinen Kubikfuß,“ rief er dann ſeiner Moni. Alles hatte bei ihm ein heiteres Gepräge und er lachte noch jetzt oft, daß man es die ganze Gaſſe hinab hörte. Er mußte wochenlang liegen, aber ſeine Heiterkeit ſchwand nicht, nur manchmal ſagte er:„Der Severin muß doch auch wiſſen, daß ich jetzt ein guter Siebziger bin; wenn er kommen will, hat er nichts mehr zu verſäumen.“ Eine große Freude hatte Broſi durch einen Gruß, den ihm die Gipsmüllerin ſagen ließ, ſie war auch krank und ließ Broſi ſagen, in ſtillen ſchmerzloſen Stunden müſſe ſie immer daran denken, wie luſtig ſie auf der Hochzeit ihres Bruders, des Furchenbauern, den Bändelestanz mit ihm getanzt habe und ſie höre noch immer die Muſik aufſpielen. Jedem, der ihm einen Krankenbeſuch machte, erzählte Broſi dieſe freudige Botſchaft und als er wieder geſund war, wollte er ſeinen erſten Gang nach der Gipsmühle zu ſeiner Tänzerin machen, aber man hielt ihn davon ab und in's Herz hinein fühlte Broſi die Nachricht, daß ſie bereits geſtorben und begraben ſei. Eine Jugendfreundin und langjährige Genoſſin war ihm plötzlich entrückt, es waren ihm ſchon viele langgewohnte Geſtalten dahingerafft worden, er hatte es leicht ver⸗ wunden, aber jetzt mit einer gewiſſen Feinfühligkeit des Geneſenden empfand er den Schmerz doppelt, es gemahnte ihn, daß der Tod doch immer näher rücke und ihm ſchon unentbehrlich ſcheinende Stücke aus dem Leben reiße. Er ging tagelang ſtill den Kopf ſchüttelnd umher und als er zum Erſtenmale nach der Gipsmühle kam, weinte er mit dem verlaſſenen Gevatter. Er hatte die Freude eines andern Hauſes mit ge⸗ noſſen, er nahm auch deſſen Leid auf ſich. Aber wieder und wieder erwachte der helle Frohſinn in Broſi, und als er einſt mit ſeiner Moni im Walde zu Mittag aß, ſagte er: „Du wirſt nichts dagegen haben. Wenn ich'nüber komm, bitt ich mir's aus, daß mir die Poſaunen⸗Engel einen Vortanz für mich und die Gipsmüllerin auf⸗ ſpielen.“ Die Luſtigkeit ſchien in Broſi gar nicht abzutödten. Der März 48 brachte dem abgelegenen Halden⸗ brunn ſeine Revolution ſo gut, wie Berlin und Wien, Schultheiß und Gemeinderath wurde geſtürzt und ein neuer gewählt, Broſi wurde einſtimmig zum Gemeinde⸗ rath erwählt, er wäre Schultheiß geworden, wenn er dieß nicht abgelehnt und die Stimmen auf ſeinen ver⸗ ſchwägerten Jörgtoni gelenkt hätte. Die verkümmerte Nutzung des Gemeindewaldes, den der Gemeinderath für ſich ausbeutete, war weſentlicher Grund der Revo⸗ lution und auf Broſi, der allzeit ein gerechter Mann und Niemand zu lieb und Niemand zu leid redete, ſetzten beſonders die armen Häusler ihre Hoffnung. Er war mit Einem Worte der Märzminiſter von Haldenbrunn und hörte es gerne, wenn man ihn„Herr Gemeinderath“ anredete. Auch Moni war dieſe neue Würde nicht ungenehm, ſie ging am erſten Sonntage mit ihrem Manne in die Kirche und hatte ſich noch dazu vom Näherliesle eine neue Jacke machen laſſen, wozu ſie das Zeug längſt bereit hielt, es aber für die Hochzeit ihres Franz aufbewahren wollte. Vor der Kirche grüßte Moni alle Leute doppelt freundlich, und in derſelben ſchaute ſie oft nach den vorderen Bänken, da, wo der Gemeinderath ſitzt, dort ſaß ja ihr Broſi; die arme verſtoßene Tochter des Apothekerrösle hatte einen Mann, der auf der erſten Kirchenbank ſaß. Als 442 man ſich zu Tiſche ſetzte, ſagte Broſi in ſehr verbind⸗ lichem Tone, einen Kratzfuß machend: „Frau Gemeinderäthin, wollen Sie nicht auch ge⸗ fälligſt Platz nehmen?“ und trieb noch allerlei muth⸗ willigen Scherz mit ihr. Moni ſagte, ihr Mann müſſe ſich einen neuen Rock machen laſſen, es ſchicke ſich nicht mehr, daß er in dem alten Rock einhergehe, den er ſich ſchon zur Taufe ihres jüngſten Sohnes(ſie vermied, wie es ſchien, mitten in der Freude den Namen Severins) hatte machen laſſen. Broſi ſchüttelte den Kopf und ſagte;„Wenn nur meine Knochen ſo lang halten als der Rock noch hält, und man hat den Broſi im alten Rock gewählt, nicht den im neuen.“ Der noch immer unerklärte blinde Franzoſenlärm brachte auch in Haldenbrunn eine Bürgerwehr zu Stande, die ſich vorerſt mit geſtreckten Senſen be⸗ waffnete, der Revierförſter Auerhahnwirth wurde natür⸗ licherweiſe Leitmann und Broſi's Kilian wurde zum Obmann und Uebungsmeiſter gewählt, er hielt ſeine Uebungen auf der Straße, die nach Endringen führt. Im Auerhahn war jetzt täglich große Zuſammen⸗ kunft, die Tiſchordnung galt hier noch mitten in allen Wirrniſſen, nur ſaß Broſi als Gemeinderath bei den Großbauern. Wenn Manche erſchracken über die wilden Reden, die geführt wurden, beſchwichtigte er mit der klugen Einrede, daß man ja einander kenne und noch immer wiſſe, daß es nicht beim erſten Anbot bleibt, man ließe noch etwas abhandeln. Wenn die jüngeren Leute von deutſcher Einheit ſprachen, ſagte er oft: n 443 „Was wiſſet ihr davon? Da können wir mit reden, Uns gedenkt es noch, daß Endringen und Haldenbrunn zuſammen gehört haben.“ Im Gemeinderathe war Broſi ein eifriges und bedachtſames Mitglied, und er war es auch, der ſich dem Andringen Vieler entgegenſtemmte, daß man den Gemeindewald verkaufe und den Erlös vertheile. Er mußte ſich deshalb manche üble Nachrede gefallen laſſen und es hieß, er ſei eben auch wie die anderen, ſeitdem er da oben ſitze; aber er ließ ſich's nicht ver⸗ drießen, jedem Einzelnen ſeine Gründe darzulegen und die ſich einer beſſeren Einſicht nicht verſchloſſen— und deren war doch die Mehrzahl— gaben ihm recht. Broſi vollführte ſeine Arbeit nach wie vor. Er war kein großer Politiker und rühmte ſich auch deſſen nicht, aber er ſagte doch immer:„Von der Freiheit kann man nicht eſſen, man muß arbeiten, ſei die Re⸗ gierung, welche ſie woll'; das Holz ſpaltet ſich in einer Republik auch nicht allein auf; aber freilich ſchaffen und ſchaffen iſt ein Unterſchied und der rechte Lohn gehört einem Jeden.“ Die Revolution im Badiſchen brachte Broſi vielen Kummer, denn die Reibereien zwiſchen den Endringern und Haldenbrunnern gediehen auf's Höchſte, die Halden⸗ brunner wurden immer„faule Schwaben“ geſchimpft. Dazu lebte noch Broſi's Schwiegerſohn, der Peterſepp, bei ſeinem Schwäher verborgen im Walde. Die Reaction brachte aber Broſi nicht mindern und noch weit tiefer gehenden Kummer, es war nicht der Schmerz um die vereitelten Hoffnungen des Vaterlan⸗ 444 ——— des, die ihm zu Herzen gingen, er hatte ſie nie recht begriffen und nur immer gedacht, Haldenbrunn und Endringen ſollten wieder eins werden. Es war ein ganz anderes, was Broſi tief betrübte, die Verordnung, daß am Sonntag nicht mehr auf der Straße geſungen werden durfte, die Einſetzung des Sittengerichtes der Pfarrgemeinderäthe, wozu man ihn auch wählen wollte, was er aber entſchieden ablehnte und vor Allem jene hochweiſe fürſorgliche Verordnung, daß fortan alle Kirchweihen im ganzen Lande auf Einen Sonntag feſtgeſetzt wurden, ſo daß aller nachbarliche Beſuch abgeſchnitten war. Zwar lag Haldenbrunn ſo an der Grenze, daß man meiſt badiſchen Beſuch erwartete und dieſer kam auch reichlich, da jenſeits im glückſeligen Belagerungszuſtande keine Muſik gehalten werden durfte, aber man ſtand doch auch mit Landesangehörigen in Verbindung, und wenn man auch das Verbot umging, daß man doch noch eine ſtille Feier veranſtaltete und der hohen Fürſorge nun eine doppelte Kirchweih ver⸗ dankte, es war und blieb doch mißlich. Vom Gemeinderath in Haldenbrunn, in dem Broſi noch ſaß, ging eine Eingabe an die hohe Regierung um Aufhebung der Kirchweihordnung, aber ſie ging nur bis in die Amtsſtadt und iſt dort ſelig entſchlafen. Siebenzehntes Kapitel. An der nächſten Kirchweih war Broſi's fünfzig⸗ jähriger Hochzeitstag. Man redete ihm viel zu, daß er ſeine goldene Hochzeit feiere, aber beſonders Moni hatte eine Scheu und einen Aberglauben davor und ängſtliche Freundinnen vermehrten dieß noch mit der Erwähnung, daß man nach einem ſolchen Feſte gewöhn⸗ lich nicht mehr lange lebe und Broſi, dem eigentlich doch das Herz daran hing, wollte ihr nicht zureden. So kam der Frühling des vorletzten Jahres heran, die beiden alten Leute hielten immer feſter zuſammen und Moni war oft ganze Tage bei ihrem Manne und kochte dort. Einſt ſagte Broſi zu ihr: „Wenn unſer Severin käm', ſag, thäteſt du da die goldene Hochzeit feiern?“ „Ja, wenn mein Severin käm', ja, da thu ich's, da hab ich genug gelebt.“ „Ich mein' auch“ ſagte Broſi wieder„ich mein' ich hab's einmal in einem Lied gehört: mit dem Blu⸗ menſtrauß auf der Bruſt darf das Herz zu ſchlagen aufhören. So geht mir's auch. Ich möcht luſtig ſterben.“ 446 Und als er das ſagte, war's ihm als hörte er die Stimme ſeines Severin. Moni ging heim, er ſchaute ihr lange unwillkürlich nach. Da kam ein Landjäger durch den Wald. Oft, wenn der Schultheiß und kein anderer Gemeinderath zu Hauſe war, kamen die Landjäger, die das Dorf paſſirten, zu Broſi um ſich die Stunde ihrer Anweſen⸗ heit in ihrem Dienſtbuche beſcheinigen zu laſſen. Broſi war an ihren Anblick gewohnt und doch erſchrack er heute als er den Landjäger von ferne ſah. Als er näher kam, erkannte er den Stationscommandanten, der ihn freundlich grüßte. Broſi ſchrieb ihm mit Bleiſtift die gewünſchte Beſcheinigung ein und ſprach noch über allerlei, da ſagte der Landjäger: „Habt ihr nicht einen Sohn gehabt der Wilhelm Severin heißt?“ „Ja, ja, warum? was iſt?“ „Im Verordnungsblatt, das ich wegen der Steck⸗ briefe halten muß—“ „Was? was? Was ſteht da?“ „Nichts Böſes, da iſt ein Wilhelm Severin Heller von Haldenbrunn zum Oberbaurath ernannt.“ „Ihr habt mich zum Narren, das iſt nicht recht. Wenn ihr einen Narren wollt, laſſet euch einen drechſeln.“ „Thut mir leid, daß ich das Verordnungsblatt nicht bei mir hab, es ſteht deutlich darin.“ „Aber er wird nicht von Haldenbrunn ſein, es giebt viele mit Namen Heller und es kann noch ein anderer Wilhelm Severin heißen.“ „Auf mein Wort, es ſteht deutlich: von Halden⸗ „ 447 brunn. Ich bin nicht der Mann der Spaß macht,“ ſagte der Stationscommandant etwas bitter. Broſi ſtand da und hielt die leeren Hände vor ſich hingeſtreckt als ob er noch ein Scheit holte, er ſtarrte wie verloren drein und als ihm der Landjäger die Hand auf die Schulter legte, zuckte er zuſammen und fuhr ſich in die weißen Haare, die ſich emporſträubten. Der Landjäger wollte weggehen, aber Broſi bat ihn bei ihm zu bleiben und ihn nach Haus zu geleiten. Als ſie gegen das Dorf kamen, hörten ſie ein lautes Schreien und Broſi ſah, wie ſeine Moni ihm entgegen⸗ ſprang, aber ihr vorauf eilte ein großer Mann und warf ſich Broſi an den Hals, küßte ihn und weinte und Broſi küßte ihn wieder und weinte mit ihm, es war ſein Severin. Broſi mußte ſich auf einen Steinhaufen am Wege ſetzen, die Knie wollten ihm brechen, Moni kam langſam des Weges, geführt von einer Dame mit wehendem Schleier: „Agy that is my father“ ſagte Severin, und die Dame warf ſich Broſi an den Hals, und es war ihm, als ob ein Engel ihn in die Arme nehme, der ihn ſelig aus der Welt mit fortnehmen wolle. Es kam wirklich eine leichte Ohnmacht über ihn, aber bald er⸗ holte er ſich wieder, und er faßte ſeine Moni und ſo breit als die Straße war, ging Moni und Broſi und Severin und ſeine Agnes Hand in Hand das Dorf hinein. Broſi ſchaute immer wie verwirrt umher, wenn die ſchöne Frau ihm und ſeiner Moni die rauhen Hände küßte. 448 „Gott hat es doch gut gemeint zu mir, daß ich euch noch im Leben finde, wie often habe ich daran gedacht,“ ſagte Severin und überſetzte das ſeiner Frau in's Engliſche, ſeine Eltern bedeutend, daß ſeine Frau faſt gar kein Deutſch verſtehe. „Wo haſt denn du ihn zuerſt geſehen?“ fragte Broſi ſeine Frau. „O lieber Gott, denk' nur, wie ich heimkomm', iſt die Hausthür offen, ich geh' in die Stub', da ſitzt er mit dem goldigen Engel da auf der Bank, ich hab nicht gewußt, wo ich bin, ob noch auf dem Boden oder im Himmel, da ruft er: Mutter! Und weiter kann ich dir nichts berichten.“ „Der Severin hätt' uns doch vorher Nachricht geben ſollen,“ ſagte Broſi halb zu ſeiner Frau, halb zu ſeinem Sohne,„ſo ein Ueberfall kann ja einen auf dem Platz tödten.“ Severin erklärte, daß er ſchon vor mehreren Tagen geſchrieben habe, ſich aber, wie er ſehe, im deutſchen Poſtgang verrechnet hätte. Als man am elterlichen Hauſe angelangt war, ſagte die junge Frau auf das Gäßchen deutend: „Gässle not go.“ „Haſt ihr das ſchon geſagt?“ ſchmunzelte Broſi und rief mit ſtarker Stimme zu ſeiner Schwiegertochter: „Iſt recht, iſt brav,“ er meinte, wenn er recht ſchreie, müſſe ſie ihn gewiß verſtehen. Um das Haus verſammelte ſich Alles, was im Dorfe war, und ſelbſt in die Stube und in die Haus⸗ flur drangen ſie, und die draußen ſtanden, ſchauten zu den Fenſtern herein und theilten ſich ihre Bemerkungen über Severin und ſeine Frau mit. Das Rösle, das mit ſeinen Kindern laut ſchreiend und weinend daher kam, hatte Mühe, ſich zu dem Bruder hindurch zu arbeiten, um ihm an den Hals zu fallen. Es ſchickte ſogleich ſeinen älteſten Sohn zu dem Vater, der draußen auf der Bömleswieſe mähte, und Moni bat die Ver⸗ ſammelten um einen Boten nach Endringen, um die Mariann und den Peterſepp zu holen. Drei Boten ſtellten einen Wettlauf an. Die junge Engländerin äußerte gegen ihren Mann ihre Freude, daß das ganze Dorf ſo umherſtehe und Alles die Freude des einen Hauſes theile. Severin ſchien aber nicht dieſer Meinung, er bat die Leute zuerſt in freundlichem Tone, ſich zu entfernen und als dieß nicht geſchah, drückte er die Thüre zu und ſchob einige Widerwillige nicht eben ſanft hinaus. „Mit welcher Gelegenheit ſeid ihr ankommen?“ fragte Broſi, als ob das das Wichtigſte wäre. „Mit einem Hauderer,“ antwortete Severin kurz. „Du biſt nicht verſteckt, ſie iſt ſauber,“ ſagte Broſi auf die junge Frau winkend, die die Hand der Mutter nicht losließ,„ihre Haare glänzen ja wie Gold, und was ſie ein paar Augen im Kopf hat und das helle Geſicht, die iſt gewiß gut. Hat ſie auch brav Batzen?“ „Nicht viel, ich bin überhäupt nicht reich, hab' aber mein gutes Auskommen.“ „Wie ſo haſt die Anſtellung kriegt? Du biſt doch der im Blättle?“ Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. ſgel 29 450 „Freilich. Ich hab' einen beſondern Vortheil im Brückenbau erfunden, habe ein Modell in die große Ausſtellung in London gegeben, der anweſende Landes⸗ commiſſär erkundigte ſich nach mir, und darauf hin bin ich angeſtellt worden.“ Im Reden mit ſeinem Vater im Dialekte ſprach Severin ganz geläufig, während er im Hochdeutſchen, in dem er ſeine erſten Worte anbrachte, etwas An⸗ fremdendes hatte und aus dem Engliſchen übertrug. Moni holte ſich ihre Sonntagsjacke und mahnte auch ihren Mann, doch einen ordentlichen Rock anzu⸗ ziehen, als aber Agy das merkte, bat ſie ihren Mann, ſolches zu verhindern; es muthe ſie ſo ſehr an, daß die Eltern in Hemdermeln ſeien. Severin dolmetſchte das lächelnd, und Broſi willfahrte zu bleiben wie er war. Wir dürfen überhaupt nicht verſchweigen, daß er ſich ſeiner vornehmen Schwiegertochter recht freute, aber weniger befangen war und weniger Umſtände machte, ſeitdem er erfahren hatte, daß ſie nicht reich ſei. „Wie lang bleibet ihr bei uns?“ fragte Broſi. „Bis nächſten Montag. Ich habe viel zu thun. Ich komme aber zum Herbſt wieder.“ Die Mutter jammerte über dieſe kurze Zeit, aber Broſi ſagte:„Geſchäft geht vor Allem.“ „Du loſchirſt mit deiner Frau im Auerhahn bei deinem Gevatter.“ „Nicht gern. Er hat mir den böſen Brief von euch geſchrieben.“ „Von mir? Ich hab' nichts davon gewußt, kein Sterbenswörtle.“ 451 Und nun ſtellte ſich heraus, daß der Auerhahnwirth die Antwort ſo geſtellt hatte, als ob der Vater dem Severin die harten Worte ſagen ließ und das Ver⸗ hältniß zwiſchen Vater und Sohn, das trotz aller Freude des Wiederſehens ein unausgeglichenes war, ebnete ſich erſt jetzt, denn Severin erkannte die Unſchuld ſeines Vaters, und trotzdem Severin noch mehr als ſonſt etwas Gehaltenes und Herbes hatte, ließ er ſich doch herbei, ſeinen Vater förmlich um Verzeihung zu bitten und reichte ihm zuletzt eine ſilberne Doſe, darauf die Worte eingegraben waren:„Mein Mann iſcht koanr.“ Anfangs ſtutzig, freute ſich Broſi dann kindiſch mit dieſer Doſe und ſagte immer:„In England drüben haben ſie mein' Red in Silber gegraben.“ Nun wendete ſich der Zorn von Vater und Sohn gegen den hinterhaltigen Auerhahnwirth. Severin wollte ihm gar nicht mehr über die Schwelle gehen, aber Broſi ſagte: „Laß aus ſein. Ein Mann wie du, was kann dem am Auerhahnwirth liegen? Aber man kann ſich nicht mit ihm verfeinden, er hat das einzige Wirths⸗ haus im Ort.“ Bald kam auch des Jörgtoni's Kaspar, die Mariann und der Peterſepp, und Moni wollte einen Boten an Kilian und Franz ſchicken, die ſechs Stunden von Haldenbrunn arbeiteten und erſt Sonntags heimkamen, aber Severin verhinderte dieß, man könne nun ſchon warten, da es einmal ſo lange gedauert habe und der Vater habe es ja auch geſagt, Geſchäft geht vor 452 Allem. Moni drückte es auf der Bruſt, ihr Severin hatte ſich doch ſehr verändert ſeit den vierzehn Jahren ſeiner Wanderſchaft; er war freundlich und gut, aber er hatte doch etwas Schroffes und als ſie mit ihrem Manne allein war, ſagte ſie: „Ich mein', der Severin hat ſich doch ganz aus⸗ geartet*), er iſt doch nie Soldat geweſen und er hat ſo was von einem alten Soldaten, weißt? ſo kurz anbunden. Er iſt ſo ſteif wie ſein Hemdkragen, der ihm faſt das Ohrläpple abſägt.“ „Das macht ſein großer Titel und du wirſt's nicht übel nehmen, das Stück Apothekerrösle was in ihm iſt, ich hab's ja immer geſagt,“ bedeutete Broſi. „Aber ein gar prächtig Weible hat er, die iſt ja wie aus einem Büchsle raus. Wenn ſie nur auch recht mit einem reden könnt!“ „Ja das Weible iſt nicht unrecht,'s iſt ein gattigs**) Weible, ſie iſt gewiß viel bräver weder er. Die Kinder von ſeinen Schweſtern hat er ja faſt gar nicht ange⸗ ſehen. Nun, es iſt mir ein Troſt, daß ich ihn gut 1 verſorgt und in Ehren weiß und weiter brauchen wir einander nicht.“ Eine Verfremdung und Bitterkeit, die viele Jahre lang ſich im Gemüthe eingewurzelt hat, ſcheint nicht mit einem Male und plötzlich ausgeſtockt werden zu können; wenigſtens war dieß bei Broſi und Severin der Fall. *) Dieß heißt hier nur: iſt anders geworden. **) gattig= paſſend. Achtzehntes Kapitel. Severin hatte nie die kleinen gemüthlichen An⸗ hänglichkeiten an die Menſchen und Umgebungen ſeiner Heimath in ſich empfunden, er zeigte andern Morgens ſeiner Frau die Bömleswieſe und den Buſch, woraus er ſich den Stechpalmenſtock geſchnitten und gab den Begegnenden nur kurze Antworten. Die junge Frau entwarf ſich ſchnell eine Skizze von dem Waldgrunde bei der Bömleswieſe und nahm ſich vor, dieſelbe in den kommenden Tagen weiter auszuführen. Wenn Severin mit ſeiner Frau durch das Dorf ging, liefen oft viele Kinder hinter ihm drein, andere ſtellten ſich in Haufen zuſammen und wenn die beiden vorüber waren riefen ſie kecklich: Grüß Gott! Andere bildeten eine Kette, faßten ſich an der Hand und rannten ihnen vorauf mit jener eigenen barfüßigen Behendigkeit und warteten immer bis ſie in ihrer Nähe waren, um ſolches zu wiederholen. Agy wehrte ihrem Manne ab, der dieſe kindiſche Freudenbezeigung nicht dulden wollte. Ein Zwiſchenfall, der ſelbſt den Severin lächeln machte, ereignete ſich mit dem Töchterlein des Auer⸗ 454 hahnwirths. In langen Kleidern und am Sonntag mit dem aufgeſpannten Sonnendach ging das Mädchen oft im Dorfe umher mit dem ſtolzen Selbſtgefühle einer für dieſe Umgebung zu hoch gebildeten Seele. Der Gevatter Auerhahnwirth hatte ſeinen Pathen gefragt, ob ſeine Frau franzöſiſch kenne und mit der bejahenden Antwort eilte er zu ſeinem Töchterchen und befahl ihm, ſich an die Engländerin anzuſchließen und dem Dorfe zu zeigen was ſie könne. Das Madchen mochte endlich weinend geſtehen, daß es ja noch gar keine Uebung habe, der Vater ließ nicht ab und ſagte immer,„dann üb' dich, jetzt haſt die beſte Gelegenheit dazu. Du muft, üb' dich jetzt.“ Zur Verlegenheit Aller zeigte ſich aber, daß das Mädchen weder ein Wort franzöſiſch verſtand noch ſprechen konnte; der Revierförſter fluchte über den Lehrer von Endringen, dem man noch jedesmal wenn er Stunde gab ein Glas Wein einſchenkte, aber das half nichts mehr und Broſi war nicht wenig ſtolz, als er eines ungeahnten Reichthums inne wurde, er kannte vom Elſaß her einige franzöſiſche Brocken und ſeine Söhnerin klatſchte darüber vor Freude in die Hände. Am Nachmittage war große Gaſterei bei der Schweſter Rösle, es wurde ſehr ſatziger Kaffee aus kleinen Taſſen getrunken und dazu„Sträuble“*) gegeſſen, das Rösle, das von der Hitze und der Bereitung des Schmalzgebäckes glänzte, ließ ſich nicht bewegen, mit an den Tiſch zu ſeinen Gäſten zu ſitzen, es lief mit ſeiner älteſten Tochter immer ab und zu *) Auch Spritzkrapfen genannt. Spritz 9 und bediente die Eltern mit Kilians Frau, den Bruder und die Schwägerin. Severin hatte ſich bald entfernt, da er einen Bauriß zu vollenden habe und beſtimmte ſeine Frau, nur unter den Angehörigen zu verbleiben. Er verrechnete ſich nicht. Agnes wagte es, wenn Severin nicht dabei war, ihr weniges Deutſch zum Beſten zu geben und lernte noch manches dazu von den Eltern und der Schwägerin, und die Art, wie ſie das bereits Gekannte ausſprach und das Neuerlernte nachbuchſtabirte, und dabei ſo treuherzig vertrauend lächelte und Alles nachmachte, erregte große Heiterkeit und oft lautes Lachen. Mit Beihülfe vieler Panto⸗ mimen erklärte ihr Broſi, ſie ſei ihm wie ein kleines liebes Kind, das erſt ſprechen lerne, und das ſei ja die ſchönſte Zeit der Kinder, das ſei die Zeit der Apfelblüthe. Das Letzte verſtand die junge Frau nicht, aber das erſte begriff ſie und mit einer das tiefſte Herz anſprechenden Innigkeit ahmte ſie nun die Weiſe eines kleinen Kindes nach, ſo daß Broſi oft mit beiden Händen auf die Lederhoſen ſchlug und hoch betheuerte: „Sie iſt mir tauſendmal lieber als der Severin, das iſt ja was herziges, er iſt ſie gar nicht werth.“ Die Hühner Rösle's waren auch zu Gaſte in die Stube gekommen, man wollte ſie ſchnell hinaus ſcheu⸗ chen, aber Agy verſtand ihre Bitte deutlich zu machen, daß man ſie da ließe, ihren Zuſatz, daß dieſes Gemein⸗ leben der Menſchen mit den Thieren ſie freue, begriffen die Hörer nicht, aber Broſi hatte eine Ahnung davon, denn er ſagte: „Sie hat ein gutes Herz, ſie iſt auch gegen die 456 Thiere gut. Der Severin muß doch das Herz auf dem rechten Fleck haben, daß er ſo ein Frauele genom⸗ men hat.“ Als ſie ihm zuletzt noch den Rock auszog und theils mit Worten theils mit Zeichen ihm ſagte, es ſei viel ſchöner, wenn er in Hemdermeln ſei und er brauche ſich vor ihr nicht einen Zwang anthun, da rief Broſi: „Moni, wenn du nicht mit mir goldene Hochzeit machſt, da geh ich nach England und hol mir auch ſo eine.“ Er ſprang in die Höhe und ſeine Hand, die ſich wie Tannenrinde anfühlte, faßte die Hand der jungen Frau, und mit großer Beſchwerde erklärte er ihr, daß ſie auf ſeine goldene Hochzeit kommen und mit ihm tanzen müſſe. Die junge Frau, die von dieſer bevorſtehenden Feier ſchon wußte, ahmte als Bekundung ihres Verſtändniſſes den Geiſtlichen und den Bräutigam und die Braut und die Muſikanten nach. Broſi ſchnupfte nochmal ſo viel vor Freude, aber putzte ſich die Hand ſchnell ab und faßte immer wieder die Hand ſeiner Söhnerin und ſagte immer zu den Umſtehenden: „Das Händle iſt wie lauter Seide und Baumwoll', o wie muß das einen ſtreicheln,“ er führte ſich die Hand über ſeine Backen und machte die Geberden des höchſten Entzückens. Am Abend konnte der Broſi ſeinem Severin gar nicht genug erzählen, welch eine liebe Frau er habe und er ſchaute den Sohn viel freundlicher an. In ihrem Hauſe ſang Broſi für ſeine Söhnerin, die um einen Sang gebeten hatte, mit ſeiner Frau, dem Rösle, der Schwiegertochter und dem Kaspar allerlei Lieder. Severin ſaß ſtill dabei und ſpaltete den Mund nicht, die junge Frau aber verſuchte mitzuſingen und Broſi nickte ihr ermunternd zu. Als man endlich ſpät endigte, ging Agnes auf Broſi zu, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte mit fremdelnder Betonung aber ganz deutlich:„Mein Mann iſcht koanr.“ „Es iſt ein' Blitzher“ rief Broſi und jauchzte hellauf Juhu, daß die junge Frau doch zuſammenſchrack. Am zweiten Tage ging es nach Endringen zur Gaſterei, denn Kilians Frau wollte die Heimkunft ihres Mannes abwarten. Broſi und Moni fuhren zum Erſtenmal in ihrem Leben in einer Kutſche nach Endrin⸗ gen. Moni ſaß neben ihrer Söhnerin und Broſi ihr gegenüber. Broſi lupfte gnädig den Hut vor allen Begegnenden die die Inſaſſen auf dieſe Art begrüßten und Manche, die es vor Staunen vergaßen, lehrte er ſolches durch zuvorkommenden Gruß. Als man gegen das Haus des Furchenbauern kam, ſagte Broſi: „Da drüben in den Garten hinein hab ich immer ein nett's Häusle gewünſcht, das iſt der höchſte Wunſch geweſen, den ich in meinem ganzen Leben gehabt hab.“ Das Auge Broſi's leuchtete bei dieſen Worten und doch ſprach Severin kein Wort und nickte nur ſtill vor ſich hin. Nur Agy ſagte durch den Mund ihres Mannes, daß ihr Endringen noch beſſer gefiele als Haldenbrunn und Broſi war darob überaus glücklich. Beim Peterſepp und der Mariann war's nicht minder gaſtfreundlich als geſtern beim Rösle. Alle Endringer, die kamen, ließ Broſi eine Priſe nehmen und ſeine Spruchdoſe bewundern. So lang der Severin da war, machte Agy viel weniger Späße und war ſtiller, aber auch heute ging Severin fort und als man heimkehren wollte, mußte man ihn vom Bürgermeiſter, wie man im Badiſchen den Schultheiß nennt, holen. Am dritten Tage ging Broſi an ſeine Arbeit, er ſagte, er halte dieſe Gaſtereien nicht aus, er hatte einſt den Ausſpruch gethan, man könne nicht von der Freiheit eſſen und jetzt ſagte er:„Ich kann von der Freud allein nicht leben.“ Agy vollendete ihre Zeichnung vom Bömlesgrund und Broſi arbeitete unweit davon. Severin war allein nach Endringen gegangen. In den folgenden Tagen vollführte Agy zum Stau⸗ nen aller Haldenbrunner noch eine weikere Zeichnung, ſie ſaß jenſeits des Baches und nahm das elterliche Haus Severin's auf. Das Haus mit dem Strohdache und den Pflanzen, die ſich darauf feſtgewurzelt hatten, nahm ſich auf dem Papiere ſehr gut aus und als Agy gegen Severin die Einfachheit und Urſprünglich⸗ keit dieſer Bauart lobte, war dieſer ſtrenger Fachmann genug, um ihr zu beweiſen, daß in dieſer Bauart gar kein Stil liege und gar keiner anzuwenden ſei, es ſei eben nichts als die rohe Nothdürftigkeit. Agy biß auf ihren Bleiſtift bei dieſer Darlegung, aber ſie ſchaute bald wieder hell auf, ſie kannte ihren Mann, bei dem die ſtrenge rückſichtsloſe Wahrhaftigkeit Alles beherrſchte und der deshalb keinen lieb gewordenen oder anmu⸗ thenden Schein verſchonte. Von der kleinen vor fünfzig Jahren aufgeführten Ufermauer ſah man wenig mehr. Weiden und Erlen bedeckten das Ufer und bildeten einen anſprechenden Vordergrund mit dem Bachſtege. An der Stelle des ehemaligen Zaunes von fuchſig gewordenen Tannen⸗ zweigen, grünte ein lebendiger und kurz gehaltener Buchenhag. Moni hatte trotz der Abwehr doch ihren Söhnen Kunde von der Ankunft des Bruders zukommen laſſen und dieſe hatten ſolche zu gleicher Zeit auch von anderer Seite erhalten, ſie kamen nun auch ſchon am Samſtag Morgen und Severin ſchüttelte ihnen wacker die Hände und übergab Jedem einen ſilberbeſchlagenen Ulmerkopf, die ſie nur nach vieler Einſprache mit lauem Danke annahmen, denn ſie hatten Größeres erwartet. Mit Kilian, der ihm immer der liebſte geweſen war, hatte Severin viel zu geheimniſſen und man ſah dieſen oft zufrieden lächeln, während Kilian ſich vor Lachen bog. Einmal indeß hörte man Kilian auch rufen: „Du wirſt aber ſehen, er thut's nicht. Denk an mich. Es iſt nur ſo gered't. Er kann's nicht, und wenn er auch möcht'.“ Severin winkte ihm hierauf mit Heftigkeit Schwei⸗ gen zu. Mit Franz verkehrte Severin nur ſehr wenig. „Haſt dir ein' Saubere'rausgeleſen,“ ſagte Franz einmal zu ſeinem Bruder, mit ſeiner neuen Pfeife auf Agy deutend. „Warum biſt denn du noch ledig?“ „Weiß nicht, ich hab's verſäumt und jetzt iſt's faſt gar zu ſpät. Wenn du mir eine geſchickte Wittfrau wüßteſt, ich ließ mich noch überreden. Aber ich denk' wohl, ich bleib' ledig. Wir haben ſo ein' große Familie, und es ſoll auch einmal was zu erben geben.“ Franz war eine zufriedene ſtille Natur, die ſich mit Denken nicht viel zu plagen hatte. Dabei war er äußerſt karg und hatte ſeine Hauptfreude an baarem Gelde. Am Sonntag Morgen ſaß Alles ſchön geſchmückt und zum Kirchgange bereit lange vor Beginn deſſelben im elterlichen Hauſe. Broſi ſchnitt von den Stock⸗ ſcherben, die ein unberührbares Heiligthum waren, die ſchönſten Relken ab und ſchenkte ſie ſeiner engliſchen Söhnerin. Es läutete zum Erſtenmale zur Kirche, und man wollte ſich auf den Weg machen, um ſich noch vorher gehörig bewundern und begaffen zu laſſen. Broſi freute ſich beſonders darauf, ſeiner Söhnerin auch zu zeigen, daß er in der Gemeinderathsbank ſitze, da ſagte Severin: „Meine Frau geht nicht mit uns.“ „Warum?“ „Sie iſt evangeliſch.“ Alles zuckte zuſammen und eine Weile war es ſo ſtill in der Stube, daß man nichts hörte, als das Picken der Wanduhr und ein ſchnelles Athmen Broſi's. Endlich ſagte er auſſtehend und ſich vor Froſt die Hände reibend: „Kommet in Gottes Namen. So gehen wir allein. Oder haſt du auch deinen Glauben abthan?“ „Nein,“ ſagte Severin und ging mit dem Vater, der nach der Söhnerin, die er ſo ſehr geliebt hatte, nicht mehr umſchaute. In das ſeligſte Glück riß die Spaltung über Glaubensmeinungen, die der ganzen Menſchheit ſchon ſo viel Unheil bereitet, einen tiefen Riß. Broſi, der allen Menſchen triumphirend in's Auge hatte ſehen wollen, ging mit niedergeſchlagenem Blicke nach der Kirche.„Nicht katholiſch und nicht einmal reich,“ ſprach es in ihm und er zuckte zuſammen. In der Kirche ſang er wiederum laut mit, als müßte er ſeinen eigenen Glauben doppelt feſthalten und verkünden, dann ſaß er ſtill niederſchauend und drückte manchmal mit der Hand feſt die Augen zu. Er mußte aber doch eine Beruhigung gefunden haben, denn als er neben dem nachdenklichen Severin aus der Kirche ging, ſagte er: „Das haſt nicht recht gemacht, du hätteſt nicht über den Sonntag bei uns bleiben ſollen. Es hätten's nicht alle Leute wiſſen brauchen.“ Als er heim kam, ſah er Agy aus einem ſchwarz eingebundenen Buche leſen, er ſchaute hinein und er⸗ blickte ſchöne heilige Bilder. Agh las nur noch wenige Zeilen, dann ſtand ſie auf und machte eine Verbeugung. Broſi reichte ihr die Hand und fühlte den warmen Druck von der Hand ſeiner Söhnerin, ſeine Finger waren kalt und ſie erwärmten ſich. In dieſer ſtillen Handreichung lag in dieſem Augen⸗ 462 blicke eine Verſtändigung und ein Religionsfriede, der der ganzen Welt zu wünſchen wäre. Am Mittag nahm Broſi alle ſeine Kinder mit nach der Gipsmühle. Er ſtand einmal am Wege und ließ Kinder und Enkel an ſich vorbeiziehen, um zu überſchauen, wie reich ſich ſein Leben ausgezweigt hatte. Wie oft war er dieſen Weg einſam gewandert. Auf den Wunſch Agy's wurden helle Lieder angeſtimmt, die im Walde wiederhallten. Noch fühlte Broſi eine leiſe Bedrückung von dem überwundenen Schmerze, den er heute empfunden, und auch laut nun das Letzte abſchließend, ſagte er: „Es iſt doch nur Ein Gott, der die Sonne ſcheinen und die Bäume wachſen läßt, und er weiß doch wie es gemeint iſt, ob man ſo oder ſo zu ihm betet.“ Er ſang dann ſo laut mit, daß ſeine Stimme Alle übertönte. Severin ſah allein bis auf den Grund der mäch⸗ tigen Bewegung, die in ſeinem Vater vorgegangen war; er freute ſich deſſen, aber ihm ſolches kund zu geben, fand er die rechten Worte nicht und hielt es ſchließlich auch nicht für nöthig. Der Gipsmüller, der krank in einem großen Arm⸗ ſeſſel ſaß, freute ſich hoch über die Ankömmlinge. Severin und Agy mußten ſich zu ihm ſetzen, daß er ſie genau ſehe, denn er litt auch an ſchwachen Augen. Beim Gipsmüller traf man zufällig„die geſchickte Wittwe,“ die ſich Franz ſchon längſt gewünſcht, die ihm aber einen förmlichen Korb gegeben hatte. War es das eifrige Zureden des Gipsmüllers, oder war 463 es die ſtolze Anwartſchaft, einen Oberbaurath zum Schwager zu haben, die Wittwe, die zwei Kinder hatte und ein ſchönes Vermögen beſaß, gab ihr Jawort und Franz wurde unverſehens ein Bräutigam. Broſi war darob ganz glückſelig und er ſagte einmal: „Jetzt ſind alle meine Kinder verſorgt, mein Alt⸗ backener auch. Gott giebt mir recht, er zeigt mir's, daß ich die rechten Gedanken hab, ſonſt hätt' er mich heut das nicht erleben laſſen.“ Es wurde ausgemacht, daß die Hochzeit des Franz an der Kirchweih ſein ſolle, an welchem Tage auch Broſi ſeinen goldenen Ehrentag feiern wollte. Dabei blieb er, wenn auch Moni noch ſchüchterne Einſprache that, er ſagte ſtets, er habe es ſeiner engliſchen Söh⸗ nerin verſprochen und faßte oft deren Hand. Als man gegen Abend heimkehrte, wartete man nicht die Aufforderung der Agy ab und ſingend zog man in das elterliche Haus. Im Auerhahn war heute große Verſammlung, Alles erwartete die Ankunft Severins, aber dieſer ſagte, daß er nicht hingehe und wunderbarer Weiſe Broſi gab ihm recht und ſagte, er bleibe auch daheim. Es erſchien indeß nur wunderbar, es hatte Alles ſeinen guten, wenn auch geheimen natürlichen Grund. Broſi wußte, daß die Menſchen, immerdar neidiſch auf ein unantaſtbares Glück, faſt eine Genugthuung darin empfinden werden, daß der andere Glaube der Söh⸗ nerin einen Schatten darauf werfe; er wollte ſie das in gemeinſamer Verſammlung auskoſten laſſen und hoffte, daß ſie dann damit fertig ſeien. 464 Mit den Seinen ſaß er in ſeiner Stube, ſchnupfte vergnüglich und plauderte Allerlei und Severin erzählte viel von ſeinem Leben und wie er ſo ſchnell zu der Berufung und der raſchen Heirath gekommen ſei, daß er nicht vorher ſchreiben konnte. Man holte den ſehr ſteif gewordenen Rcnzen, den Severin ehemals ſo trotzig zurückgelaſſen hatte, er beſtimmte ihn jetzt für den älteſten Sohn ſeiner Schweſter Rösle, der als Schuſter in der Lehre ſtand und bald auf die Wander⸗ ſchaft ziehen wollte. Der Franz, der ſpäter in den Familienrath nachgekommen war, wollte auch ein Wort dazu thun und ſagte: „Severin, du biſt jetzt Oberbaurath, was kannſt denn jetzt auch noch werden? Kannſt auch noch höher nauf?“ „Freilich, ich kann Oberbaudirektor werden.“ „Und dann?“ „Weiter nichts mehr als— Engel“ antwortete Broſi und ein ſchallendes Gelächter erfüllte die Stube und Broſi lachte nochmal mit als Severin ſeiner Frau Alles verdolmetſcht hatte und dieſe herzlich lachte. Franz ließ ſich aber nicht ſo bald von ſeinen Erfor⸗ ſchungen abbringen, ſie waren nicht bloſe Neugier; er bat ſeinen Bruder, ihm auch eine feſte Anſtellung zu verſchaffen, das Amt eines Weginſpektor ſei jetzt frei und das könne er wohl verſehen. Severin erklärte ihm, daß er keine Stellen zu vergeben habe und auch Kilian fragte jetzt: „Sollen wir denn blos noch die alten Maurer ſein, wenn du unſer Oberbaurath biſt?“ —— 465 Severin erklärte, daß das nichts ändere, und wie das leicht geht, nach großer, anhaltender Freude thut ſich plötzlich unverſehens eine Verſtimmung auf;z ſo geſchah es auch hier. Die Brüder fühlten ſich zurück⸗ geſetzt, aber Broſi verſtand es, ihnen die Sache deutlich zu machen und ſchloß damit: „Es bleibt ein Jedes was es iſt. Im geraden Weg braucht eines das andere nicht und im ungeraden wird euch der Severin ſchon beiſtehen. Haltet nur getreulich zuſammen, wenn eure Eltern auch nimmehr da ſind.“ Dieſe Mahnung verfehlte ihre Wirkung nicht und wenn auch nicht in heller Freude, ſo doch in ſtiller geſättigter Beruhigung ging man auseinander, zumal da Severin noch kurz verſprach, ſtets der Seinigen eingedenk zu bleiben. Am andern Morgen als Severin und Agy nach der Reſidenz abgereist waren, ſagte Broſi immer: „Ich weiß nicht wie mir iſt, mir fehlen die Kinder in allen Ecken, ich kann mir's gar nimmehr denken, wie's einmal geweſen iſt, wo wir noch gar nichts von ihnen gewußt haben.“ Jetzt da Severin fort war, hatte Broſi im Gedenken an ihn faſt noch mehr Freude von ihm, als während ſeiner Anweſenheit. Er gab Moni recht als ſie ſagte: „Er iſt doch ein prächtiger Menſch, er redt nicht viel, aber jedes Wort von ihm iſt wie ein Eid, da kann man Häuſer drauf bauen.“ Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. Neunzehntes Kapitel. Severin kam während des Sommers mehrmals, aber er hielt ſich meiſt in Endringen auf, wo er, wie er ſagte, mit dem Bürgermeiſter Geſchäfte habe. Als Severin ſeinem Vater eine frohe Hoffnung mittheilte, erwiderte dieſer kein Wort, er wollte lieber nichts wiſſen als daß er durch eine Frage Auskunft darüber erhielt, in welcher Religion die Kinder erzogen werden. Es verging kein Tag, an dem nicht Broſi ſeine „geſetzte Arbeit,“ wie er ſie ſelbſt ſcherzweiſe nannte, vollführte. Moni ſchien ſich wahrhaft zu verjüngen, ſeitdem ihr Severin und ihre Agy da geweſen und ſie war es auch, die zu jeder Zeit ſchöne Geſchenke von. ihrer Söhnerin, der Oberbauräthin, erhielt; beſonders ein handfeſter Armſeſſel, der auf Rollen ging, machte großes Aufſehen im Orte und ſchon nach zwei Monaten empfing ſie einen ſaubern, deutſch geſchriebenen Brief von der engliſchen Söhnerin. Wie lohnte ſich's ihr jetzt auf ihre alten Tage, daß ſie ſelber noch ſo ſpät deutſch ſchreiben und leſen gelernt hatte. Die beiden alten Leute, die nie viel über Religion nachgedacht hatten, ſprachen jetzt im Walde viel über die Unter⸗ 467 ſchiede derſelben, die Nähe des Grabes mochte Einiges dazu beitragen, aber erweckt zu ſolchen Erörterungen wurden ſie doch nur durch Agy; die Agy war ſo lieb und gut, die konnte doch nicht auf ewig verdammt ſein. Moni hatte großes Zutrauen zu dem Geiſtlichen, ſie wünſchte, daß man ſich ſeines Rathes erhole, aber Broſi wehrte das ab, indem er ſagte: „Was kann er für Auskunft geben? Er iſt geiſtlich und darf ſein Sach nicht verunehren. Und was könnt' am Ende dabei heraus kommen? Daß wir Unfriede machen in unſers Severins guter Ehe? Nein, das will unſer Herrgott nicht und ſeit jenem Sonntag iſt mir's ſo, daß kein Menſch den andern verdammen darf, wenn nur Jeder aufrichtig und wahrhaftig bei dem ſeinigen iſt. Wenn die Agy einmal'rüber in Himmel zu uns kommt, muß ſie unſer Herrgott zu uns laſſen, ich will's ſchon ſagen und unſer Herrgott weiß es ja auch, daß ſie nichts dafür kannz ſie iſt ſo geboren und erzogen, ſie kann nichts dafür.“ „Die Vögel im Wald da pfeift ein Jedes anders und es heißt doch daß Alle Gott lobſingen,“ beſtätigte Moni. „Das iſt ein geſcheites Wort, ſo muß des Broſi's Frau reden,“ ſchloß der Eheherr.„Das hat ſein Mäß,“ ſetzte er hinzu und hob die obere OQuerſtange aus einem geſchichteten Klafter. Es war unklar, ob er die letzten Worte buchſtäblich auf das Holz oder bildlich auf das Religionsgeſpräch bezog. Die Tage wurden bald immer kürzer und es iſt eine alte Erfahrung, daß man das Abnehmen derſelben N 30* viel mehr merkt als das Aufnehmen. Je weiter es dem Herbſte zuging, je mehr empfand Moni ein eigen⸗ thümliches bräutliches Bangen, während Broſi mit Jubel ſeiner goldenen Hochzeit entgegenſah. Mehrmals äußerte Moni ihre Beklommenheit, aber ihr Bräutigam, wie ſich Broſi nannte, redete ihr ſolche aus und ſuchte ſie mit ſeiner eigenen Freudigkeit zu erfüllen; ſie gab ſich um Broſi's willen Mühe, Allem heiter entgegen zu ſehen und in dieſer Bemühung ward ſie von ſelbſt freudig. Endlich waren es nur noch wenige Tage bis zur Kirchweih, da kam Severin und dießmal ging er nicht allein nach Endringen, Vater und Mutter mußten ihn begleiten. Broſi fuhr ſich mehrmals rechts und links über die Augbrauen, als er unweit des Furchenbauern Haus in dem Grasgarten, dort wo er ſich's gewünſcht hatte, ein Haus ſtehen ſah, zierlicher und feiner als er ſich's je wünſchen konnte und als noch gar Severin darauf deutend ſagte: „Vater das iſt euer. Da ſollet ihr mit der Mutter wohnen, ſo lang euch Gott das Leben erhält und ich wünſch' nur, daß es recht lang ſei. Das ſchenkt euch mein' Agy als Hochzeitſchenk.“ Starr mit offenem Munde betrachtete Broſi bald ſeinen Sohn, bald das Haus und endlich ſagte er mit unvermuthetem Lachen: „Das Haus da? Das iſt mir viel zu ſchlecht. Nicht geſchenkt nehm' ich's.“ „Ich bitt euch Vater, macht keinen Spaß,“ entgeg⸗ nete Severin in ſeltſamer Gereiztheit. — — 469 „So? Meinſt du, du darſſt allein Spaß machen und noch dazu mit deinem Vater?“ „Ich mache nie Spaß. Ich meine es im völligen Ernſt. Das Haus iſt euer. Mutter, ſaget ihr, wie gefällt's euch?“ „Wohl, ganz wohl, aber das iſt nichts für uns.“ „Ich gebe euch mein Wort. Es iſt für euch. Es iſt auf euern Namen hier beim Bürgermeiſteramt ein⸗ getragen.“ Das iſt zu vornehm. Das iſt für dein Weible, für die paßt's.“ „Dafür iſt es allerdings auch hergerichtet. Meine Frau wünſcht nichts ſehnlicher als die Sommermonate hier oben zu wohnen. Sie will bei euch ſein.“ „Wir wollen all' Woch zu ihr auf Beſuch kommen, ſie ſoll nur allein hier wohnen und will's Gott mit dem Kind.“ Der Bürgermeiſter, zu dem Severin geſchickt hatte, kam aus dem Dorfe und übergab Broſi die Schlüſſel und einen neuen Bürgerbrief. Broſi nahm beides unwillkürlich in die Hand, ſchaute nach dem Hauſe und ſchüttelte unwillkürlich den Kopf. Das Landhaus war ſchön, im Stil der engliſchen Cottages und doch in freier Umbildung nach dem landſchaftlichen Charakter und Bedürfniß. Nur mit Mühe brachte es Severin und der Bür⸗ germeiſter dahin, daß die Eltern in das Haus eintraten. Die Räume waren hell und bequem. Broſi fühlte oft an die Wände und nickte, da er ſie trocken gewahrte. Du biſt ein Hexenmeiſter,“ ſagte gr zu ſeinem 470 Sohne, als dieſer erzählte, wie er den Bau ſo geheim hatte ausführen laſſen und wie ihm Alle darin beige⸗ ſtanden, das Geheimniß zu bewahren. „Aber für uns iſt's nicht,“ beharrte Broſi. Faſt zornig erklärte Severin, daß der Vater ihm ſeinen liebſten Lebenswunſch ausgeſprochen habe, daß er als Sohn ihn nach Kräften erfüllte, daß ein Mann von Ehre nicht ſpiele und auch ausführe, was er ſich im Wunſche vorgeſetzt habe. Auch der Bürgermeiſter redete heftig zu, dem Sohne ſeine Freude nicht zu verderben. „Ich erkenn' die Gutheit, ich erkenn' ſie rechtſchaffen“ ſtotterte Broſi.„Was meinſt Moni? Red auch du, dich geht's ſo viel an wie mich.“ „Ich hab den Wunſch nicht gehabt.“ „So? Alles ſoll auf mir liegen? Und wenn ich nun ſag wir ziehen da her?“ „Dann zieh ich mit dir, das weißt ungefragt.“ „Aber dieſen Winter nicht mehr Severin,“ wendete ſich Broſi an dieſen„den Winter dürfen wir noch in Haldenbrunn in unſerm alten Neſt bleiben?“ „Vater, ich will euch nicht zwingen.“ „Beim Teufel! in ſo ein Schlößle einziehen, braucht man einen nicht zwingen,“ polterte der Bürgermeiſter, „der Herr Oberbaurath haben ſich's eben ausgedacht gehabt, daß ihr auf eure goldene Hochzeit einziehen ſolltet und die Endringer holen euch ein wie ein junges Paar. Das iſt Alles ſchon ausgemacht.“ „So? Nun ja, ja“ ſchloß Broſi und rieb ſich den Mund.“ Er ließ ſich nicht bewegen in Endringen einzukehren, 471 er eilte gleich heim nach Haldenbrunn als entfliehe er einer Gefangenſchaft und zum erſtenmal in ſeinem Leben freute er ſich als er den württembergiſchen Grenz⸗ pfahl ſah, und ſchnaufte erſt jetzt aus als er ihn im Rücken hatte. Das Jahresfeſt der Kirchweih kam und mit ihm die Feier einer Doppelhochzeit, denn auch Franz ſollte heute mit ſeiner geſchickten Wittwe getraut werden. Von allen Ecken und Enden kamen Gäſte und Schau⸗ luſtige herbei und manche Landesangehörige ließen ihre eigene Kirchweih, die ja auch durch oberamtliche Be⸗ kanntmachung auf denſelben Tag feſtgeſetzt war, dem zu lieb im Stich. Als es zum Zweitenmale in die Kirche läutete, kam eine große Menſchenmenge mit Muſik herangezogen und holte das alte Brautpaar ab. Broſi trug wieder⸗ um wie vor fünfzig Jahr en einen Rosmarinſtrauß mit flatternden Bändern auf dem Hute und im Knopf⸗ loch und ſchaute frei umher, während Moni ſich unter der Schappel demüthig beugte. Broſi lächelte als er ſah, daß die Hochzeitläder, um das Verbot der Regie⸗ rung zu umgehen, hölzerne mit Kränzen umwundene Säbel trugen. In langer Reihe gingen ſchön geſchmückt die Kinder und Enkel des alten Paares hinter drein. Hierauf holte man das junge Brautpaar ab und es war eine erhebende Feier als der Geiſtliche das Dop⸗ pelpaar einſegnete, er konnte nichts Beſſeres thun als den Neuvermählten den Segen der Eltern zu wünſchen. Im Auerhahn ging es heute hoch her. Broſi be⸗ dauerte nur oft, daß ſeine engliſche Söhnerin nicht 472 da ſein könne, das ſei das einzige, was ihm auf der glückſeligen Welt fehle, und er habe ihr verſprochen, mit ihr zu tanzen und ſie ſollte doch auch ſehen, welch' ein junger Burſch er ſei und ſeine Moni ſei erſt ſieb⸗ zehn Jahr alt. Wirklich konnte man das faſt glauben, wenn man nun die beiden alten Leute den Hoppetvogel, den Siebenſprung und den Bändelestanz ausführen ſah. Ja Broſi tanzte noch außerdem mit ſeinen Töchtern und Schwiegertöchtern und zweimal mit der erwachſenen Tochter Rösle's, die auch Monika hieß. Er befahl ihr, recht bald zu heirathen, damit er auch noch Urenkel erlebe, und der jüngſte Sohn des Gipsmüllers ſchien dieſe Mahnung gern zu hören. Es ging wild her auf dem Tanze, und Severin ſtaunte, als ſein Vater ihm ſagte: „Jetzt iſt's mir's eigentlich lieb, daß dein Weible nicht hat kommen können, ſo ein engliſch Frauele paßt nicht in das Getrampel und in den Tuback hinein.“ Man ſprach auf der Hochzeit viel davon, daß Broſi ſeinem Severin verſprochen habe, morgenden Tages nach Endringen zu ziehen; Broſi that meiſt, als ob er das nicht hörte, und wenn man ihn geradezu darum befragte, ſagte er„Ja ja,“ aber das in einem Tone, der es unentſchieden ließ, ob er damit ſagen wollte: ich denk nicht daran, oder ob er einfach bejahte. In Einem merkte es Broſi doch, daß er ſeine fünfzigjährige Hochzeit feierte, er ſchlief mitten unter der Muſik auf der Bank hinter dem Tiſche ein. Er wurde geweckt und die halbe Muſik, denn Viele tanzten —— 473 noch während deſſen, gab ihm und Moni das Geleite bis an ihr Haus. Broſi und Moni ſchliefen lange nicht und noch im Bette ſagte Broſi: „Ich fürcht' mich ſo vor dem neuen Haus, ich kann's gar nicht ſagen.“ „Aber wir müſſen's thun, wenn nur auf eine Weile, du haſt's dem Severin verſprochen.“ „Ich bin ja gezwungen geweſen, mehr als ge⸗ zwungen, ich hab' ihm ſein' Freud' nicht verderben wollen. Und lieber Gott, das iſt ja ſo ein kalt's Haus, das iſt nichts für alte Leut'.“ „Da haſt Unrecht. Es iſt gut warm und hat prächtige Oefen, da kann man mit einem Schwefel⸗ hölzle einheizen.“ „Ja, das kann Alles ſein, aber weißt? Es iſt mit Ziegel gedeckt, das hält gar nicht warm, ſo ein Strohdach iſt wie ein' gute Pelzkapp, und die Stuben⸗ decken ſind ſo hoch und nach Endringen mag ich auch nicht mehr. Ich ſterb', wenn ich da'nein muß. Lieber Gott! Man wünſcht' viel, was einem nicht recht wär', wenn's nachher in Erfüllung ging'.“ „Ja, was aber machen?“ erwiderte Moni dem in die Kiſſen hinein Schluchzenden.„Sag's ihm frei, er wird das nicht wollen, wenn dich's ſo hart ankommt. Du haſt ihm das nie ſo geſagt.“ „Weil ich nicht kann; wenn er mich anſieht, bleibt mir's immer im Hals ſtecken. Aber halt! Juchhe! Ich hab' was.“ Er ſprang aus dem Bette, machte Licht und holte die Nagelſchachtel mit dem Hammer vom Himmelbette. 474 „Was willſt? Was willſt machen?“ fragte Moni. „Was ich von dir gelernt hab',“ ſagte Broſi lachend.„Es hat einmal ein Mädle geben, das hat einem jungen Burſchen einen Riegel vorgeſchoben und hat ihn zum Haus'nausgeſchwätzt. Jetzt wird einem draußen ein Riegel vorgeſchoben und der darf nicht herein.“ Während vom Auerhahn die Muſik herabtönte, erſchollen laute Hammerſchläge im Hauſe Broſi's, denn er nagelte die Hausthüre, die Stallthüre und die Schupppenthüre zu und legte ſich dann fröhlich in's Bette, im Voraus lange ausmalend, was das morgen Früh für ein Spaß ſein werde. Die Kinder und Enkel, die am Morgen nach dem Hauſe Broſi's kamen, fanden daſſelbe verſchloſſen und auch auf Klopfen wurde nicht geantwortet. Endlich kam Severin, auch er klopfte, aber Niemand antwortete. Die Endringer kamen mit Schießen und Muſik, um das Brautpaar zu holen. Broſi und Moni hörten, wie draußen viele Leute ſtanden, die auf Allerlei riethen und Einige ſagten ſogar, Broſi und Moni ſeien gewiß an der Freude geſtorben, das käme davon, wenn alte Leute ſolche Feſte mitmachten. Drinnen drang Moni in ihren Mann, er ſolle doch Antwort geben, das ſei ja ſündlich, die Leute ſo hinzuhalten, Broſi aber ſagte, er möchte gern hören, was die Leute nach ſeinem Tode ihm nachſagten. Moni wollte auf wiederholtes Klopfen ſchreien, da hielt ihr Broſi den Mund zu. Jetzt hörte man den Schloſſer mit dem Dietrich an den Schlöſſern arbeiten, ſie gingen auf und zu, aber keine Thüre öffnete ſich, und Broſi lachte in ſich hinein. Da rief Severin:„Wenn wir keine Antwort erhalten, ſchlagen wir die Thüre mit dem Beil ein. Vater, hört ihr nicht? „Jo, ich höre,“ antwortete Broſi, der ſich an die Thüre geſtellt hatte und nun erklärte, daß er nicht aufmache, wenn ihm Severin nicht ſein Wort zurück⸗ gebe, und daß er in ſeinem alten Hauſe bleiben dürfe, lieber bliebe er ewig mit ſeiner Moni einge⸗ ſchloſſen. Ein Jubel erſcholl von der Straße, und Broſi öffnete endlich und reichte ſeinem Severin die Hand. Zwanzigſtes Kapitel. Mancher Aberglaube iſt nur eine Erfahrungs⸗ wahrhei zu ſicherer Ueberlieferung von Geſchlecht zu Grſchlecht in feſte Form gebunden iſt, und die Furcht regiert viele Gemüther leichter als die Einſicht. Man hält es für göfäßrbringend vor den allzeit auernden böſen Schickſalsmächten, ſolch ein Feſt iern wie Broſi und Moni gethan, das den langen ſtillen Fort⸗ gang des Lebens in mächtigem Zuſammenfaſſen ſpannt und höher hebt, und in der That erſchließt ſich leicht hinter ſolch einem Hochpunkte die Kahlheit des Alltags⸗ lebens und der unterbrochene ſtille Fortgang verwandelt ſich nun in Oedigkeit und Mlbſpannung. Es iſt etwas anderes, zur Zeit der aufſtrebenden Kraft einen Jubel⸗ tag ſich zu ſetzen als da, wo die Ruhe und das ſtille Walten allein Erquickung bietet. Wie ſich Moni unter der Schappel demüthig gebeugt hatte, ſo war ſie den ganzen Tag in ſich ſtill und ruhig geblieben, Broſi aber hatte im jauchzenden Austoben ſich erluſtigt und ſchon am andern Tage, nachdem Severin abgereist war, ſchlief Broſi nach dem Eſſen unwillkürlich auf der Bank ein. „ Das Gäßchen war heute beſonders widerwärtig, denn die Vorübergehenden ſprachen da draußen ſo laut, man hörte jedes Wort, ats ob ſie in der Stube wären. Moni wollte hinausgehen und die Leute zur Ruhe gemahnen, aber als ſie ſich erhob, merkte es Broſi und erwachte, ſich verwunmdernd, daß er am Tage ſchlafe; er fühlte ſich ganz geſtärkt, da er das Verſäumte von geſtern Nacht nachgeholt habe. Broſi war wie immerdar heiter und aufgeräumt, nur als Moni bemerkte, der Franz mit ſeiner Frau ſei da geweſen und habe nachſehen wollen, wie es dem Vater gehe, da ſagte dieſer: „Jetzt ſind alle unſere Kinder fort, jetzt ſind wir doch wie ein entlaubter Baum,“ als aber während dieſer Worte des Rösle's Monika eintrat, die nun bei den Großeltern wohnen wollte, ſagte er:„richtig, da kommt ja unſere Wurzelbrut. Weißt Alte? Es giebt Bäum', die wieder an der Wurzel ausſchlagen. Recht ſo, bleib du bei deiner Ahne und gieb Acht, daß du ſo wirſt wie ſie und leid's nicht, daß ſie zu viel ſchafft.“ Broſi hatte nun drei eigene Familien im Orte, die er beſuchen konnte und war nun auch mit dem größten Theile des Dorfes verwandt, und wenn ſich hier auf dem Walde Alles Vetter nennt, ſo hatte das bei Broſi noch eine beſondere Berechtigung. Er ließ ſich's aber auch nicht nehmen, noch dieſen Winter regelmäßig zu dreſchen und wenn ihm auch weh dabei geſchah, geſtand er es weder ſich noch ſeinen Genoſſen. Wenn ihm die Leute ſagten, er ſou e ſich doch zur Ruhe ſetzen, er ſei ja vermöglich, habe ſeine Kinder alle verſorgt und wenn er etwas Uebriges brauche, werde ſich der Ober⸗ baurath eine Freude daraus machen, ihm ſolches zu geben, da ſagte er: „Mein' größte Freud iſt, daß ich's haben könnt' und nicht brauch!“ Um Neujahr zeigte Severin die Geburt eines Töchterchens an und der Winter ging ſtill und heiter vorüber, nur war es eine traurige Botſchaft, daß um Lichtmeß der Gipsmüller ſtarb. Broſi ließ es ſich nicht nehmen, ſeinem Leichenbegängniſſe ſich anzuſchließen, aber er ging, wie er ſagte, des ſchlüpfrigen Weges halber am Stocke über Feld und ſtand oft ſtill und verſchnaufte. Als er von Endringen, wo der Gips⸗ müller begraben wurde, zurückkam, ſagte er: „Das Sterben ſollt' nicht ſein, aber es iſt einmal ſo Gottes Ordnung. Aber Moni, unſer Haus da drüben iſt doch ſchön, es müßt ſich doch gut drin wohnen.“ Noch oft kam Broſi auf ſein Gelüſte, in dem ſchönen Hauſe zu wohnen, aber es war doch nie weiter, als eine gewiſſe flüchtige Unbefriedigtheit des Alters, das leicht in allerlei Planen und Wünſchen ſich ergeht und dem es ſchließlich doch am liebſten iſt, wenn es beim Altgewohnten ſein Verbleiben hat. Im Frühling ging Broſi wieder in den Wald an ſeine Arbeit, des Jörgtoni's Kaspar half ihm und Broſi ſah es gerne, daß dieſer ſich in ſeine Stelle ſetzte, für den Fall, daß er ſie nicht mehr verſehen könne. Beim Ausgehen und bei der Heimkehr ver⸗ weilte Broſi da und dort bei Altersgenoſſen, die in Leibgedingſtuben wohnten und ließ ſich von ihnen lang 479 und breit ihre Gebreſten erzählen, er ſelber klagte nicht und ſagte nur oft: „Wenn ich's in meiner Jugend beſſer gehabt hätt' und mich nicht ſo hätt' ſchinden und plagen müſſen, ich wär' hundert Jahr alt geworden.“ Auch daheim kam er oft hierauf zu reden. Das Gehen wurde ihm immer ſchwerer, aber ſo lange er nur fortkriechen konnte, ging er ſeiner Arbeit nach, und man ſah es, wie er ſich gewaltſam aufrecht hielt und für Jeden noch immer eine Scherzrede hatte. Es war am Tage nach Jakobi— noch geſtern war Broſi im Auerhahn geweſen und hatte viel davon geſprochen, wie leid es ihm thue, daß ſeine Söh⸗ nerin in ein Bad gemußt habe und nicht nach Endringen käme, er wäre ihr zu lieb doch dahin ge⸗ zogen— heute konnte Broſi nicht mehr gehen, ſein Kubikfuß ſtellte ſich wieder ein, er mußte zu Bette bleiben oder in dem großen Armſtuhl ſitzen, den Agy geſchickt hatte. Die beiden älteren Söhne waren weit in der Fremde, aber Severin kam einmal und beſuchte ſeinen Vater, und zum Erſtenmal hatten ſeine ſtarren Züge etwas lindes. Broſi behauptete, daß es gar keine Gefahr habe und des Rösle's Monika mußte ihm oft ſtundenlang die Geſchichten aus den alten zerleſenen Kalendern vorleſen, durfte aber nicht in die Einzeich⸗ nungen von ſeiner Hand ſehen. Die Frau ſaß ſchon jetzt im Sommer an der Kunkel und ſpann und Broſi that einmal die ſeltſame Frage: „Was ſpinnſt?“ 480 „Tuch zur Ausſteuer für unſere Monika.“ „So? Das iſt recht,“ ſagte Broſi und war lange ſtill, er mußte an ſein Todtenhemd gedacht haben. Die Hühner kamen jeden Mittag vor den Stuhl Broſi's, und er brockelte ihnen Brod, aber auch viele befreundete Menſchen kamen, ihn aufzuheitern, deſſen bedurfte es aber nicht, denn er war noch immer der luſtigſte von Allen. Schon als Broſi das Bett nicht mehr verlaſſen konnte, war er noch immer ein ſäuberlicher Kranker. Der Bader mußte jeden Samstag kommen und ihm den Bart abnehmen, und war es ſchon an ſich ſchwer, aus den vielen Falten des eingefallenen Geſichtes die Bartſtoppeln heraus zu kriegen, ſo erſchwerte es noch Broſi durch die vielen Späße, die er machte, ſo daß der Bader oft vor Lachen abſetzen mußte. Eines Tages ſagte Broſi mitten im Geſpräche zu ſeiner Frau: „Ja, daß ich's nicht vergeß. Ich dank dir tauſend und tauſendmal für all' die Liebe und Güte, die du mir angethan, und wenn ich jetzt oft krittlich bin, denk' nur, das bin ich nicht, ich kann nicht anders. Es wird ſchon wieder beſſer, wenn ich wieder geſund bin. Und wenn ich ſterb', laß' mich nicht zu lang auf dich warten, aber dießmal nimmt's mich noch nicht. Wart' nur, bis es wieder Winter iſt, ich bin im Winter immer beſonders wohlauf.“ Moni ſetzte ſich ſo an die Kunkel, daß es ihr Mann nicht ſehen konnte und die Thränen fielen ihr auf die Hand, und ſie benetzte den Faden damit, den 481 ſie ſpann. Sie ſagte es nicht, aber ſie beſtimmte dieſes Tuch zu ihrem eigenen Todtengewand. Broſi verlangte ſelbſt nach dem Geiſtlichen und ſeiner letzten Wegzehrung, er konnte es doch nicht laſſen, wegen Agy's zu beichten, aber der Geiſtliche war mild genug, ihn zu tröſten. Auch den Gemeinderath ließ Broſi zu ſich kommen und befahl, daß man bei ſeinem Begräbniſſe luſtige Tanzmuſik aufſpielen ſolle, er ſei luſtig in der Welt geweſen und wolle auch luſtig hinaus. Man ver⸗ ſprach, nach ſeinem Willen zu thun. Des Rösle's Monika war eine rüſtige Pflegerin, denn die Großmutter wußte ſich vor Herzbrechen gar nicht zu helfen. Es kamen Tage, in denen Broſi überaus luſtig war, ſeine Enkelin mußte ſingen und er ſang mit und ermahnte auch Moni dazu. Einmal in der Nacht als die junge Monika bei ihm wachte, rief er mit ſtarker Stimme: „O lieber guter Gott! Laß mich doch noch leben. Ich will noch alles Holz meſſen bis an den Rhein, ich will den Kappelberg ganz allein durch und durch graben, laß mich leben, oder wie du willſt, aber nur nicht lang leiden. Mach's kurz.“ Als man in der Ferne den Nachtwächterruf hörte, ſummte er gegen die Wand gekehrt vor ſich hin: Alle Sternlein müſſen ſchwinden Und der Tag wird ſich einfinden... Der jungen Monika wurde es ſchwer angſt, aber ſie wagte es nicht, nach Jemanden zu rufen und jetzt 31 Auerbach, Dorfgeſchichten, 3. Band. 8 482 den Kranken zu verlaſſen und einmal wendete er ſich wieder um und ſang mit geſchloſſenen Augen: „Weil Scheiden bitter iſt Und's lieben ſüß... Gegen Morgen that er einen mächtigen Schrei, die Frau ſprang von dem Stuhle, auf dem ſie einge⸗ ſchlafen war, und in den Armen ſeiner Moni ſtarb Broſi.— Es war am Freitagmorgen, am Tage Himmelfahrt Mariä, als Broſi ſtarb und als der Uribaſche die Todtenglocke läutete, betete ein Jedes ſtill im Dorfe, jedes wußte, wer verſchieden war. Erſt am Montag Morgen wurde Broſi begraben, man hatte nach den Söhnen geſchrieben und ſie kamen und gingen hinter ſeiner Leiche. Auf dem Sarge lag Hammer und Kelle und der Maßſtab, der Broſi als Stütze gedient. Die polizeiliche Ordnung duldete es nicht, daß man den Wunſch des Verſtorbenen erfüllte, und ihm Tanzmuſik zu ſeinem Leichenbegängniſſe auf⸗ ſpielte, aber weil Broſi Gemeinderath geweſen war, wurden eine Stunde lang in dreimaligen Abſätzen alle Glocken geläutet. Es war ein heller Sommermorgen voll Lerchenſang und Sonnenſchein und ſo weit man die Glocken in den Bergen vernahm, ſtanden die Wald⸗ arbeiter ſtill, legten die Aexte hin und beteten für den, den man begrub, ein Vaterunſer, und wer mit Ge⸗ noſſen arbeitete ſprach mit ihnen davon, wie gerne ein Jedes dem Broſi die letzte Ehre erwieſen hätte, daß man aber keines Taglohnes ermangeln könne. Nur noch dreimal war Moni in der Kirche als man ihrem Manne die Todtenmeſſen las, ſie lebte ruhig aber faſt wortlos, dazu war ſie noch faſt ſtock⸗ taub geworden; und als das Tuch von der Bleiche kam, das ſie in dieſem Sommer geſponnen, entſchlum⸗ merte auch ſie. Als die erſte Trauer vorüber war, lebten Broſi und Moni in der Erinnerung aller Menſchen wie der Nachhall einer Tanzweiſe, die ſich von ſelber fortſingt, nachdem man den Ort der Luſtbarkeit weit hinter ſich hat. Das Jahr darauf heirathete der jüngſte Sohn des Gipsmüllers wirklich des Rösle's Monika, und als die ganze Familie im Auerhahn beiſammen war und zum Erſtenmal wieder der Bändelestanz aufgeſpielt wurde, ſtand Alles ſtill und eines ſagte dem Andern: „Ach Gott, das war ſein Leibſtück.“ Aber des Jörg⸗ toni's Kaspar ſprang mit beiden Füßen in die Mitte des Saals und rief:„Jetzt bin ich der Broſi!“ und zeigte ſich als deſſen gelehriger Schüler. Noch lange gwenn der Hoppetvogel, der Siebenſprung und der Bändelestanz ausgeführt wird, wird man den Namen Broſi's nennen und:„Mein Mann iſcht koanr ſagt der Broſi“ iſt noch immerdar Sprichwort. Mannheim. Schnellpreſſen⸗Druck von Heinrich Hogrefe. Colour& Grey Control Chart Blue Cyan Green Nllow Hed Srey 2 Srey 3 ₰ 7