f Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 6 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und eſebedingungen. 1 offens ein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W 1 M 50 Mk.— Pf. E— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Am Samſtag Abend hörte man im Hauſe des rothen Schneiderle's S zu Stube ſingen und trällern, Thüren wurden auf⸗ und zuge⸗ ſchlagen, Fen⸗ ſter aufgeſperrt, Stühle und Bänke gerückt, man hörte den Kehrbeſen wal⸗ ten; aber aus Allem hervor tönte der Ge⸗ ſang einer klang⸗ vollen Mäd⸗ chenſtimme, Trepp auf und Trepp ab. Kaum war ein Lied geendigt, begann ein anderes, luſtig und traurig, Alles durch einander. Endlich kam die Sängerin zum Vorſchein, es war ein ſtämmiges, aber mit dem ſchönſten Ebenmaaß gebautes Mädchen. Das grauwollene geſtrickte Wämschen ließ eng anliegend die runden, vollen Formen, die ſanften Wölbungen des Buſens beſtimmt und zart hervortreten, die Schürze war halb zurückgeſteckt und bildete einen ſpitzen Winkel. Mit dem Melkkübel in der Hand ging 342 es in den Stall. Jetzt konnte man eines der Lieder genau vernehmen, es lautete: Steig i auf de Kirſchebaum, De Kirſche z'wege net, Haun g'moant i wott mein Schätzle ſeh'n, J gſieh'nes aber et. 's iſch no nit lang daß's geregnet hat, Die Bäume tröpflet no, J haun emol e Schätzle g'hätt, J wott i hätt es no. Jetzt iſt es aber g'wandret, Dem Unterländle zua, Jetzt haun i wieder en andre— 's iſt au e braver Bua. Mit einem Waſſerkübel unter dem Arme kam das Mäd⸗ chen wieder zum Vorſchein, es verſchloß das Haus und legte den Schlüſſel unter die daneben ſtehende Reisbeige. Der Rathhausbrunnen war ausgeſchöpft und verſchloſſen, auch der obere Brunnen war verſchloſſen und wurde nur vom Soges Morgens und Abends geöffnet und je nach der Kopfzahl der Familien das Waſſer vertheilt. Dieſer Waſſermangel iſt ein großer Uebelſtand, beſonders im hohen Sommer. Unterwegs rief des Anſchels Beßle: „Creszenz, wart' ich geh mit.“ „Komm, mach tapfer. Bis wann kommt denn dein Chuſen*) wieder?“ entgegnete Creszenz. „Bis auf unſere Pfingſten, heut⸗über vierzehn Tag „Bis wann machet ihr denn Chasne?“**) „Bis nach Sückes;**) du mußt bei meinem Leben auch den ganzen Tag beim Tanz ſein, da wollen wir uns *) Ebräiſch= Bräutigam. **) Hochzeit. ***) Laubhüttenfeſt. 343 auch noch einmal recht luſtig machen, wir ſind doch immer gut Freund geweſen.“ „Beßle, du hätteſt ſollen hier bleiben, du hätteſt ſollen den Seligmann heirathen, was man daheim hat, weiß man; ſo weit in's Elſaß hinein, wie weiter wie g'heiter, ſagt man als, wer weiß wie es dort iſt.“ „Wie kannſt du nur ſo reden?“ erwiederte Beßle,„hab' ich denn mit meinen 400 Gulden das Ausleſen? und drüben ſind das faſt 1000 Frank, das iſt ſchon eher ein Wort. Und du? bleibſt denn du im Dorf? Wenn dein Geometer einmal eine Anſtellung kriegt, mußt du nicht auch fort?“ „Ei hab' ich dir denn auch ſchon geſagt, mein Chuſen iſt vorlängſt von Straßburg aus mit dem Florian auf den Schramberger Markt gegangen. Der Florian hat, was weiß ich wie viel? gewiß dreihundert Karlin in ſeinem Bei⸗ gürtel gehabt, um Ochſen einzukaufen. Er führt ſich wie ein Prinz, und ſein Herr vertraut ihm ſein ganz Vermögen an; man ſagt, er gibt ihm ſeine Tochter.“ „Ich wünſch' ihm Glück und Segen dazu.“ „Nu, nu, ſtell dich nur nicht ſo, du haſt doch den kleinen Finger vom Florian lieber gehabt, als den ganzen Geometer.“ „Und wenn auch, er hat nichts und ich hab nichts, und zweimal nichts gibt gar nichts, ſagt der alt' Schmied⸗ jörgli.“ Die beiden Mädchen waren zum Brunnen gelangt, viele ſtanden ſchon hier und harrten der hohen Obrigkeit. „Weißt auch ſchon, Creszenz,“ rief des Chriſtians Dorle,„vor einer Stund' iſt der Florian wieder kommen; jetzt haſt's gut, jetzt kannſt zweiſpännig. fahren.“ „Du haſt's nöthig aufzubegehren,“ erwiederte Creszenz⸗ „du brenndürrer Bohnenſtecken du, du darfſt dein Kammer⸗ lädle noch ſo weit aufſperren, es kommt doch Keiner.“ „So iſt's recht,“ ſagte eine keck ausſehende Perſon, die Leichkäther genannt, weil ſie alle Todten im Dorfe ein⸗ 344 kleidet; ſie fuhr ſich vergnügt mit der Hand über den Mund und ſagte dann weiter:„wechſel's ihr nur, Creszenz, man weiß wohl, in eurem Haus wird Alles gleich baar ausbe⸗ zahlt.“ Sie machte eine leicht verſtändliche Handbewegung. „Gelt, dir pfupfert's, weil man dir nichts borgt,“ er⸗ wiederte die Bedrängte,„du haſt's gut angefangen, Dorle, der da die Zung' zu heben.“ „Was brauchſt denn aber auch gleich mit dem Dorle ſo zu balgen?“ ſagte des Melchiors Lenorle,„es hat's ja nicht ſo bös gemeint, man darf ja auch einen Spaß machen.“ „Iſt denn der Florian im Ernſt kommen?“ fragte Creszenz leiſe. „G'wiß!“ rief die Leichkäther laut;„gib nur Acht, du Hanfkrott, du wirſt deinen Kopf nimmehr ſo hoch tragen wie ein Schlittengaul; der Florian wird deinem Gevmeter ſchon das Land vermeſſen.“ Der Soges erſchien, ein zweiter Moſes, der den Töch⸗ tern Jethro's den Brunnen öffnete; er ſchien aber um keine zu freien, denn er war nicht beſonders freundlich. „Gib der Creszenz den Rahm vom Waſſer, die muß heut' noch ihrem Geometer ſeinen ſteifen Kragen waſchen,“ ſchrie die Käther. „Laß ſie ſchwätzen,“ ſagte das Lenorle,„man kann ihr nicht weher thun, als wenn man ſie allein belfern läßt; ſie macht's grad wie die Hund', die bellen Einen an, und wenn man ſeines Weges fortgeht und nichts mit ihnen macht, kehren ſie wieder heim und bellen einen Andern an, der vorbei geht. Narr, die möcht' gern ein Jedes ſo ſchlecht machen, wie ſie iſt; aber vor dem Florian mußt dich jetzt in Acht nehmen, ſonſt gibt's böſe Sachen.“ „Ja,“ ſagte ein anderes Mädchen,„er hat viel Geld heimbracht und hat ſeinem Vater gleich eine goldene Karlin geben. Das Geld wird ſich umguckt haben, wie es da in der Stube geweſen iſt. Der Alt' iſt ja ſo arm, daß die Mäuſ' von ihm verlaufen ſind.“ 345* „Der Florian kann ſich fünfmal aus⸗ und ankleiden, ſo viel ſchöne Kleider hat er bei ſich,“ ſagte ein drittes Mädchen. „Und er ſpricht faſt lauter Franzöſiſch.“ „Und er hat eine Uhr mit einem Behäng, wo ſein ganz Handwerkzeug von Silber dran iſt.“ „Und ein ſchwarz Schnauzbärtle hat er zum Küſſen.“ Ein Lärm unterbrach die ſchnellen Berichte. „Was ſtoßſt mich ſo,“ ſagte Käther zu des Kilians Annele,„Narr, ich bin kein reicher Burſch.“ „Sei ſtill du, du biſt ja ſchon zweimal im Spinnhaus geweſen und das drittemal ſteht dir ſchon auf der Stirn.“ „Wart, ich will dir's auf die Stirn ſchreiben,“ ſchrie die Käther, und ſtieß mit ihrem Kübel nach dem Annele; dieſes aber hatte den Schlag abgewehrt und gab dafür einen andern zurück. Nun ging's an ein gewaltiges Ringen, die Kübel wurden auf die Erde geworfen, die beiden Kämpfen⸗ den faßten ſich mit den Händen. Eine Weile ſahen die Andern müßig zu, dann aber wehrte Alles ab, und beſon⸗ ders der Soges ſchlug hüben und drüben drein. Wie zwei Streithähne, die von einander gejagt wurden, blickten ſich die Feinde noch grimmig an, indem ſie ihre Kübel zur Hand nahmen. Das Annele ſtrich ſich weinend die Haare aus dem Geſicht, es klagte, daß Niemand vor der Käther Ruhe habe und daß die ganze Bürgerſchaft dafür ſorgen ſollte, daß ſie ewig in's Spinnhaus käme. Die Reihe war endlich an Creszenz gekommen. Sie trug nun den ſchweren Kübel auf dem Kopfe, aber noch ſchwerer war's ihr im Herzen. Große Thränen kugelten über ihre Wangen, aber ſie that als ob der Kübel tropfe, und fuhr immer mit der rechten Hand und mit der Schürze über deſſen untern Rand; ſie ahnte wohl, welche Verwir⸗ rung die nächſten Tage bringen konnten, hatte ja dieſe ſchon in ihrem Herzen begonnen. Zu Hauſe vollzog ſie die Arbeit, ohne mehr einen Ton zu ſingen. 346 Man wird ſich vielleicht wundern, wie auf einmal ein ſo vornehmer Mann und eine ſo betitelte Perſon, wie ein Geometer iſt, im Dorfe eine ſo entſchiedene Rolle ſpielt; man erinnere ſich aber, daß dieſe Geſchichte zur Zeit der Landesvermeſſung vor ſich geht: wie dadurch das ganze Land endlich genau abgezirkelt zu Papier gebracht und auch nicht das verborgenſte Winkelchen in Wald und Feld ver⸗ geſſen wurde, ſo ward auch aller Orten in das Leben des Volkes ein neues Element geworfen. Da kamen auf eine Zeit lang Städter in das Dorf, ſie waren nicht Schullehrer und nicht Pfarrer, es waren meiſt lebensluſtige junge Leute, und welche Bedeutung ſie in der Mädchenwelt gewonnen, haben wir bereits erſehen. Die Vollzieher des in ſtaatswirthſchaftlicher Hinſicht gewiß ſehr zweckmäßigen Unternehmens hießen Geometer. Auf dem Dorfe hießen die Feldmeſſer eben Feldmeſſer, zur Er⸗ höhung der Amtswürde ſowohl als auch zur Verbreitung griechiſcher Bildung unter den Bauern hießen die neuen Herren: Geometer. Die Geſpiele der Ereszenz hatte einen Obergeometer(oder wie er eigentlich folgerecht heißen ſollte, Hypergeometer) geheirathet und wohnte in Biberach; da⸗ durch hatte Creszenz Bekanntſchaft mit dem Kameraden bekommen und die Eltern förderten ſie auf alle Weiſe, denn das war eine herrliche Verſorgung. Der rothe Schneiderle ſah ſchon im Geiſte ſeine Tochter als Frau Obergeometerin. 2. Dreiviertel auf Mordjv. Es war Nacht geworden, Creszenz ſtand in der Küche am Feuer, da kam der Studentle laut daher geſchritten und ſagte: „Guten Abend Creszenz. Ich will mir ein Päckle Ster⸗ nentubak holen; habt ihr noch davon?“ 347 „Ja, geh' nein, mein' Mutter wird dir geben.“ „Ich verher' dir dein Supp' nicht, wenn ich ein bisle bei dir bleib',“ ſagte er laut, ganz leiſe aber ſetzte er hinzu: „der Florian iſt da, komm' nachher ein bisle'naus, du wirſt uns ſchon hören.“ Ohne die Antwort abzuwarten ging er hinein in die Stube, als er wieder herauskam, war Creszenz nicht mehr in der Küche. Später hörte man vor dem Hauſe des rothen Schneider⸗ le's ſingen und pfeifen und lachen, es waren die drei Ka⸗ meraden, deren ſeit drei Jahren fehlende Stimme, nämlich die des Florian, jetzt um ſo eindringlicher erſcholl; ſie blie⸗ ben lange, es wollte aber nichts fruchten, da ſchrie der Peter zum Fenſter hinauf: „Creszenz, da lauft ein' Gans'rum, iſt die nicht dein?“ Der Studentle ſtand hinter der Reisbeige und quackte wie eine Gans. Das Fenſter öffnete ſich, aber nicht Creszenz, ſondern die Schneiderin ſah heraus und ſagte: „Treibet eure Späß' vor einem andern Haus.“ Mit ſchallendem Gelächter ging der Studentle wieder auf die Straße. Drinnen im Hauſe aber ſaß die Creszenz bei dem Geometer und gab auf alle ſeine freundlichen Reden nur halbe Antworten; endlich ſagte ſie, ſie ſei unwohl und ging zu Bette. Als die Burſchen auf der Straße lange vergebens geharrt hatten, gingen ſie nach dem Wirthshauſe. Auf dem Wege begegnete ihnen Sepple, der Franzoſenſimpel. Der Studentle faßte ihn an der Bruſt und rief: „Qui vive, la bourse ou la vie! Der Angegriffene antwortete unerſchrocken: „Paridadoin mullien,“ was in der Sprache des Sepple ſo viel hieß als:„was willſt du?“ „Das gibt einen Hauptſpaß,“ jubelte der Studentle, 348 „wir nehmen den Sepple mit, der muß den Geometer ſpielen. Komm, wir zahlen dir eine Halbe(Maas) Bier.“ „Moin paroula goin,“ antwortete der Sepple, was ſo viel hieß als ich will's thun; ſeine Worte waren über⸗ haupt nur das Zufällige, er antwortete dabei auf Alles mit Winken oder auch mit grinſendem Lachen. Der Sepple war eigentlich kein ganzer Simpel, ſondern nur ein halber, aber dieſes Halbe wurde von allen luſtigen Leuten im Dorfe zum Ganzen ausgebildet. Wenn Einer auf dem Dorfe ein Häkchen hat, ſo kann man ſicher ſein, daß es zum Sparren ausgeſchmiedet wird; ſo ging's auch beim Sepple Er ließ ſich das gerne gefal⸗ len, denn es warf immer einen guten Trunk ab. Man wußte nicht recht, woher beim Sepple der Gedanke gekommen war, daß er alle lebenden Sprachen verſtünde. Einige behaupteten, weil er ſo lange Kindsmagd geweſen und mit den kleinen Kindern in der Allerweltſprache geplau⸗ dert habe, habe er etwas davon übrig behalten; die Wahr⸗ heit zu geſtehen, kümmerte ſich Niemand um den Grund dieſer Sonderbarkeit, genug, man mochte den Sepple anre⸗ den wie män wollte, in einer wirklichen oder gemachten Sprache, er gab immer friſchweg Antwort; dabei verrichtete er aber das Feldgeſchäft ſo gut wie ein Anderer, verſtand er auch nicht die Sprache der Thiere, ſo verſtanden die Thiere ſeine Sprache und folgten ihm willig. In der Kirche war Sepple der Einzige, der zu den lateiniſchen Worten der Meſſe nickte, als ob ihm das Alles ganz ſonnenklar wäre. Dieſes vierte Mitglied hatte unſere ſonſt ſo ſtreng ge⸗ ſchloſſene Dreibubengeſellſchaft für heute Abend aufgenommen. „Bon soir,“ ſagte Florian, als er mit den Andern in die Wirthsſtube trat, Alles grüßte ihn freundlich, beſchaute ihn um und um und Einer nickte dem Andern zu, mit einem Blicke, der vollauf ſagte:„es iſt doch ein Staatsmenſch, der Florian; ja, wer nicht naus kommt, kommt nicht heim.“ Einer, der auf der Ofenbank ſaß, ſagte zu ſeinem — 5 3¹9 Nachbar: ja, das iſt ein ander Heimkommen, als wie der Schlunkel, der iſt jetzt ſchon zweimal eingeſtanden— im“ Zuchthaus und heut' Abend iſt er heimkommen; wenn wir ihn nur ſchon wieder los wären. Florian ließ nun eine gute Flaſche Wein für ſich und ſeine Kameraden bringen, dem Sepple, der ſich an einen andern Tiſch geſetzt hatte, ließ er eine Halbe Bier geben. Als Bärbele das Getränke brachte, ſagte er etwas leiſe, aber doch ſo, daß es Alle hören konnten:„comme elle est jolly, bien jolly?“ „Qui,“ erwiederte der Studentle. Alle Leute in der Stube ſtießen einander an und piſperten, wie die Zwei ſo gut Franzöfiſch parliren konnten. Florian brachte es nun allen Leuten zu, denn dieſe ſaßen meiſt trocken im Wirthshauſe; der gute Trunk that ihnen wohl, und dieſe freundliche Empfindung ging auch auf den Florian über. Er ſchien ſein Franzöſiſch ziemlich ausgeſpielt zu haben, denn: putz das chandelle iſt doch nur halb. Der Spaß war den luſtigen Kameraden verdorben, der Geometer, der im Adler wohnte, war nicht zu Hauſe. „Bleibſt du wieder bei uns, Florian?“ fraßte Bärbele. „Nous verrons, wir wollen ſehen.“ „Verzähl' uns auch was,“ ſagte Kaſpar, der als Wirth auch ſeine Gäſte zu unterhalten ſuchte. Biſt du denn auch 3 Paris gweſen?“ „Freilich, erwiederte Florian in einem Tone, aus dem ein ſcharfer Aufmerker wohl die Unwahrheit heraushören konnte,„aber es hat mir nicht gefallen. Am ſchönſten iſt's in Nanzig, da ſind Wirthshäuſer, die ſind ringsherum mit Spiegeln ausgetäfelt, die Tiſch' find alle von Marmelſtein und man ißt und trinkt aus lauter Silber; da ſollteſt du einmal ſein, du thäteſt Maul und Augen aufreißen.“ Dieſe Zeichen der höchſten Aufmerkſamkeit waren jetzt an Florian, denn der Geometer trat mit ſeinen beiden 350 Kollegen in die Stube. Sie giengen nach dem Verſchlägle, wo der Tiſch für ſie gedeckt war. Florian ergriff ſein Glas, ſtieß mit ſeinen beiden Freun⸗ den an und ſagte:„à votre santé!“ Der Kaſpar, der ſo aufmerkſam zugehört hatte, war ſchnell den Eintretenden entgegen gegangen und trug ihnen nun ein Licht voraus. Florian zwirbelte ſeinen Schnurr⸗ bart und fragte dabei den Conſtantin leiſe: „Welcher iſt's?“ „Der ſchäg, mit denen langen Haar', wo zuerſt rein⸗ kommen iſt.“ Eine Weile herrſchte Stille in der ganzen Stube, man hörte nichts als das Klappern der Meſſer und Gabeln hin⸗ ter dem Verſchlägle. Conſtantin begann aber alsbald zu ſingen: Der Herr Geometer Der hat krumme Bein! Sie ſind halt net gräder, Gezirkelt muß ſein. Ein ſchallendes Gelächter erfüllte plötzlich die Stube, dann aber trat wieder eine Stille ein, auch drinnen im Verſchlägle hörte man keinen Laut. Florian ſtand auf und ſagte zum Sepple:„comment vous portez vous, monsieur Geometre?“ „Ouadulta loing,“ erwiederte der Sepple, der unter erneuertem Gelächter in einem fort kauderwelſchte. „Ich gratulir' zu deinem neuen Amt,“ ſagte Conſtantin, indem er den Pinſel vom Schwenkkübel herbeibrachte,„da vermiß mir einmal den Tiſch; man braucht keinen Verſtand dazu, ſonſt könnten's gewiſſe Leute nicht.“ Unter immer erneutem Gelächter vollzog der Sepple die Tiſchvermeſſung, das Bärbele aber kam herbei und ſagte: „Laſſet die Poſſen, machet eure Späſſ' an einem andern Orte; ſei ruhig Sepple oder marſchir dich.“ n n⸗ be, in gr S de lo ein ſyt Sa habt 3h mi lieb ſco du thuf nach Kn los det gen ihn in eir g 351 Der Sepple ſchlug auf den Tiſch und welſchte ganz grimmig. Unter der Thüre des Verſchlages erſchien der Steinhäuſer, der zu der Creszenz ging, ſeine zwei Kamera⸗ den hielten ihn, denn er wollte gerade auf den Burſchen los; auch Kaſpar ſuchte ihn zu befriedigen, und als es ihm einigermaßen gelungen war, trat er auf die Drei zu und ſagte mit größerer Entſchloſſenheit, als man vermuthen mochte: „Ich will euch was ſagen: in meinem Haus dürfen ſo Sachen nicht ausgeführt werden, trinket ruhig, was ihr habt, oder ich weiſ' euch, daß vor der Thür' Draußen iſt. Ich laſſ' keine Gäſt' beleidigen, jetzt habt ihr's gehört, in meinen vier Wänden bin Ich Meiſter. Es iſt mir jeder lieb und werth, aber Ordnung muß ſein.“ „Juste, ſchon recht,“ ſagte Florian,„ich werd' die Leut' ſchon an einem andern Ort treffen. Hörſt du's da drüben, du krummer Bub, wenn du noch einen Tritt zur Creszenz thuſt, ſchlag ich dir deine krummen Spazierhölzer lahm, nachher kannſt dein' Meßſtang' als Krück' nehmen.“ „Er elender Geſell!“ ſchimpfte Steinhäuſer, vor den ſich Kaſpar als Schild geſtellt hatte; Florian wollte auf ihn los und fluchte: Kotzblueſtkreuzmalefitz foudre de PDieu!“ der Kaſpar ſchleuderte ihn zurück; Conſtantin war klug genug und wehrte ab. So verließen nun die Drei das Haus, der Sepple folgte ihnen bald nach. Auf der Straße ſchwuren die drei Kameraden, nie mehr in den Adler zu gehen. Der Florian wellte alsbald noch einmal hinein, er ſei dem Adlerwirth noch was ſchuldig geblieben, er müſſe ihm'raus bezahlen. „Kreuz Sack am Bändel,*) da bleibſt,“ ſagte Conſtan⸗ tin,„bei dir iſt noch allfort gleich Dreiviertel auf Mordjo. Gib jetzt Frieden, wir wollen den Geometer ſchon hinlegen, daß er nimmehr an die Auferſtehung der Beine glauben ſoll. *) Beſchönigender Ausruf für Sakrament. 352 Man beruhigte ſich, und zum Spaße, da heute nichts mehr anzufangen war, bellte der Studentle noch wie ein geſchlagener Hund durch das ganze Dorf und machte dadurch, wie er es nannte, alle Hunde in den Häuſern rebelliſch. N Ein Alltagsleben am Sonntag. Andern Tages kleidete ſich Creszenz nicht ſonntäglich an, um nach der Kirche zu gehen, ſie klagte über Unwohl⸗ ſein und blieb zu Hauſe. Als der Schneiderle aus der Kirche zurück kam und den Aufzug ſeiner JTochter ſah, ſagte er: „Was iſt das? Still ſag' ich, einmal und millionen⸗ mal,“ fuhr er fort, ehe noch Creszenz antworten wollte. „Gelt, dir iſt nicht recht juſt, weil der Florian wieder da iſt, und da willſt du nicht auf die Straß'? Ich hab' ſchon gehört, was er Nächt*) mit dem Geometer gehabt hat; jetzt mußt du heut zum Trotz mit dem Geometer ins Hor⸗ ber Bad. Das ſag' ich, Ein Wort wie Tauſend.“ „Ich bin krank.“ „Nutzt nichts, geh''nauf und zieh' dich an, oder ich meſſt dir mit der Ell' da die Kleider an.“ „Laßt ihn ſchwätzen,“ ſagte die Schneiderin, die unter⸗ deſſen eingetreten war,„das iſt grad den Mäuſ' pfiffen, was er ſagt. Creszenz, wenn dir nicht gut iſt, bleib du daheim. Von dem, was er erhauſet, hättet ihr kein Fädle auf dem Leib; der Freßſack kann nichts als alle Tag drei⸗ mal die Füß' unter'n Tiſch' ſtellen und ſich füttern laſſen wie eine Einquartirung.“ Der Schneiderle wollte auf Creszenz los, ſeine Frau aber ſtellte ſich vor ihn hin, ballte die Fäuſte, und der geſtrenge Mann kroch ſcheu in eine Ecke. *) Geſtern Abend. . ———— — 353 Dieſe Leute kamen eben aus der Kirche, wo ſie die Worte: Liebe, Friede und Seligkeit geſungen und gebetet hatten; noch hatten ſie das Geſangbuch nicht aus der Hand gelegt und ſchon war die häßlichſte Zwietracht zwi⸗ ſchen ihnen entbrannt. Ueberhaupt ſind wir da in ein ſonderbares Haus ein⸗ getreten. Die Mutter war früher Pfarrköchin geweſen und hatte den Schneiderle etwas ſchnell geheirathet, Creszenz war ihr älteſtes Kind; außerdem hatte ſie noch einen Sohn und eine Tochter. Die Schneiderin ging noch immer ſtädtiſch gekleidet und trug bloß die ſchwarze Bauernhaube; denn bei allem Verſchwinden der Bauerntrachten wird es doch ſchwer dahin kommen, daß die koſtſpielige Florhaube in Aufnahme kommt. In der erſten Zeit, als die beiden Leute mit einander verheirathet waren, lebten ſie gut; denn wo Alles vollauf im Hauſe iſt, müſſen es gar unverträgliche Menſchen ſein, wenn ſie mit einander keifen ſollten. Das nennt man dann, in gebildeten wie in ungebildeten Ständen, die glücklichen, die friedlichen Ehen. Der Schneider arbeitete auf ſeinem Handwerke und die Frau errichtete ein Kramlädchen, worin Spezereien und andere Waaren verkauft wurden. Was iſt aber der Mode mehr unterworfen, als die Herrſcher der Mode, die Schneider? Der Balthes arbeitete nur für die Herren und für die Juden, die ſich auch ſtädtiſch tragen; Bauernkleider zu machen, war ihm ein Gräuel, denn er war„in Berlin drein geweſt.“ Neue, junge Concu renten hatten ſich in dem Dorfe und der Umgegend niedergelaſſen; Balthes konnte nun oft ganze Tage umherlaufen, ohne Arbeit zu finden Da verfiel er auf einen ſpekulativen Gedanken, in deſſen zeitweitiger Ausführung wir ihn noch begriffen finden. Im Verein mit dem Anſchel Meier, dem Vater des Beßle, reiste er nach Stuttgart, kaufte dort alte Kleider und 23 354 richt ete ſie neu her. Beſonders aber war er auf die abgetra⸗ genen rothen Frackröcke der Hofbedienten aus, wozu ihm Anſchel verhalf, der aus den Lieferantenzeiten her hohe Bekanntſchaften hatte. Die Livreeröcke wurden dann zer⸗ ſchnitten und rothe Bauernweſten daraus gemacht, die im Schwarzwalde noch überall getragen werden. Auch Unifor⸗ men der Offiziere wurden gekauft, und aus dem rothen Unterfutter des Wehrſtandes Kleider für den Nährſtand gemacht. Man ſagt aber, der Anſchel habe faſt allen Profit an ſich zu ziehen und ſich noch ein Nebenverdienſtchen bei den hohen Verkäufern zu machen gewußt. Von der Zeit an, als Balthes aus der Mode gekom⸗ men und Ebbe im Hauſe eingetreten war, gaben ſich die beiden Eheleute kein gutes Wort mehr. Dem Balthes ward, wie man ſagt, der Löffel aus der Hand genommen, ehe er genug gegeſſen hatte. Er war über nichts mehr Meiſter, er durfte am Sonntag nicht einmal ein Stück Speck zerſchneiden und hieß doch der Schneidermeiſter. Wo er ſtand oder ſaß, war er ſeiner Frau zu viel, ſie hatte voll— kommen das Heft in Händen, denn ſie verreiste jeden Herbſt, und nach ihrer Zurückkunft war immer wieder Alles flott im Hauſe. Die Kinder hielten natürlich zur Mutter, denn Balthes war auch mehr in fremden Häuſern, als in dem ſeinigen. Er kam faſt nur zum Eſſen und Schlafen. Jenes ward ihm mit tüchtigen Reden gut geſalzen, und dieſes durch einen wohlgeſetzten Abendſegen verſüßt. Ereszenz blickte nun ihren Vater verächtlich an. Da trat der Geometer ein, Vater und Mutter machten freund⸗ liche Geſichter und thaten, als ob ſie die Liebe ſelber wären; nur Creszenz ſah betrübt aus, ihre Lippen zitterten. „Gang, mach, Creszenz, zieh dich hurtig an,“ ſagte die Mutter.„Herr Geometer, wollen Sie's heut Mittag mit uns halten? das thät mich recht freuen. Es iſt eben tra⸗ ihn ohe im for⸗ then tand an den om⸗ die men, meht tück Wo voll⸗ erbſt, flott lthes igen ihn einen Da und⸗ iren; ſagte ittag eben 355 ein gewöhnlich Eſſen: Sguerkraut, Knöpfle und ein Speck, es wird Ihnen aber doch ſchmecken, die Creszenz hat ge⸗ kocht.“ Ein ſchetterndes Kichern begleitete faſt jedes ihrer Worte, wobei ſie ſich immer ein bischen an der Naſen⸗ ſpitze zupfte. Mit aller Kraft ſeiner Rede, faſt mit Zwang beſtimmte Balthes den Geometer zur Einwilligung. Er nahm ihm den Hut ab und gab ihm ſolchen nicht mehr, denn er wußte wohl, daß, wenn der Geometer da war, es nicht nur bei Tiſch ohne Zank abging, ſondern auch wahrſchein⸗ lich eine Halbe Bier geholt würde. In der That wurde auch Cordele, die kleine Tochter, in den Adler geſchickt und kam mit einer Flaſche unter der Schürze zurück; denn auf dem Lande, wo Alles iſt und man den Leuten S— W ſi ſi ſi 6 356 ſo zu ſagen in den Mund guckt, ſucht man auch Alles zu verbergen. Creszenz trug ſchön geputzt aber mit verweinten Augen das Eſſen auf, ſie klagte über den Rauch in der Küche. So war Alles Lüge bei Tiſche. Kaum hatte der Geometer halb aufgegeſſen, legte ihm die Mutter ſchnell wieder ein gutes Stück auf den Teller. Er dankte ſehr für dieſe Freundlichkeit, denn er merkte nicht, daß die Frau, den verlangenden Augen ihres Mannes folgend, demſelben ſchnell den erſehnten Biſſen vor der Naſe wegraubte; auch ſchenkte ſie dem Geometer oft ein, weil ſie mit Recht fürchtete, ihr Mann würde ſonſt, nicht blöde, zugreifen. Nur die Frau und der Geometer führten das Wort bei Tiſche. Als dieſer von der Händelſüͤchtigkeit des Florian erzählte, erröthete Creszenz, ſie holte aber ſchnell den Katzenteller unter der Ofenbank vor. Als abgegeſſen war, ſagte Balthes:„Nun, Frau, mach' auch einen Kaffee.“ „Ich für meine Perſon muß danken,“ ſagte der Geometer. Die Schneiderin nahm das gerne an, denn ſie gönnte ihrem Manne keinen Antheil an dem Leckerbiſſen; ſie küchelte dann ſpäter einen für ſich allein und bröſelte etwas dazu. Nach der Mittagskirche ging nun Creszenz mit dem Geometer ſpazieren; ſie wußte es zu veranſtalten, daß ſie nicht durch das Dorf, ſondern durch die Gärten gingen. Als ſie gegen des Jörgli's Kegelbahn kamen, ſchreckte Cres⸗ zenz plötzlich zuſammen, denn ſie ſah Florian, wie er hemd⸗ ärmelig mit dem Rücken nach dem Wege gekehrt dort ſtand. Sie hörte, wie er, ein Stück Geld auf den Boden werfend, rief:„Es gilt ſechs Batzen, ich treff' fünf.“ Unter dem Vorwande, daß ſie etwas vergeſſen habe, kehrte Creszenz ſchnell um, der Geometer folgte ihr kopfſchüttelnd. Zu Hauſe überraſchten ſie die Mutter unangenehm beim Kaffee. Sie gingen nun durch das Dorf. Florian begnügte ſich für dieſen Sonntag damit, 357 Aufſehen im Dorfe zu ertegen; das gelang ihm in vollem ju Maaße. Alle Leute redeten nur von ihm, von ſeiner ſchwar⸗ zen Sammtjacke mit den ſilbernen Knöpfen, von ſeiner 9en roth⸗ und ſchwarzgeſtreiften Freiſchützenweſte und von allen ie Herrlichkeiten der Art, denn die Leute im Dorfe wie in eiet der Stadt haben meiſtens nichts zu ſprechen und find froh⸗ 40 wenn ſich ihnen ein Gegenſtand darbietet. ieſe Der alte Metzgerle, der Vater des Florian, ſammelte den den Ruhm ſeines Sohnes von Mund zu Munde und that nll das Seine, ihn noch zu ſteigern. nkte Er konnte immer noch als ein ſchöner Mann gelten, ihr wie er daher ſchritt, groß, mit geröthetem Antlitze und luſtigen grauen Augen. Er ging hemdärmelig und hatte eſet das Sacktuch in das Armloch der Weſte geſteckt, was ihm hete etwas Eigenthümliches gab. So oft er nun Jemanden der begegnete, zog er ſeine Doſe heraus, ließ eine Priſe ächten Doppelmops nehmen, indem er ſtets dabei bemerkte:„den ach hat mir mein Florian bracht, gelt, es iſt ein Staats⸗ kerle? So iſt keiner auf zwanzig Stund Wegs. Sein eter. Meiſter thät ihm auch gleich ſeine einzige Tochter geben, nne der Heidenbub' mag aber nicht. Sein Meiſter löst mehr helte für Klauen, als drei Horber Metzger für Fleiſch, er metzget zu. alle Tage ſeine acht Kälber und auch zwei oder drei Ochſen. dem Was meinſt?“ ſetzte er dann gewöhnlich hinzu, indem er ſie ſeine Blätſchle's*) Kappe dabei ab⸗ und wieder aufſetzte, igen.„wie wär's, wenn ich nach Straßburg ging' und das Mädle Fres⸗ heirathen thät? Wenn es einmal partu einen Großmann emd⸗ will, iſt's eins, der jung oder der alt, ich nehm's noch tanb. mit Jedem auf.“ find, Bei dem alten Schmiedjörgli, einem kinderloſen Greiſe dem von mehr als achtzig Jahren, der immer vor ſeinem Hauſe zenz an der Straße ſaß und ſich von den Leuten Alles erzählen Zu ließ, hielt ſich der alte Metzgerle beſonders lange auf. Der affel⸗ *) Ein rundes, ledernes Käppchen ohne Schild, wie ein Krautblatt geformt, daher Blatſche, ſo viel als Blättchen. mit, 358 alte Schmiedjörgli und die alte Maurita auf der Bruck, das waren die zwei Leute, durch die man Etwas im ganzen Dorfe bekannt machen konnte. Der Schmiedjörgli erzählte Gutes und Schlimmes weiter, um Andere damit zu necken und um zu zeigen, daß er Alles wiſſe; die Maurita aber er⸗ zählte das Freudige, damit ſich Andere mit freuen, und das Traurige, damit Andere mit trauern. Der Schmied⸗ jörgli war der beſte Abnehmer für die Prahlereien des Metzgerle. So ging der Sonntag vorüber, und als Creszenz, nachdem es ſchon längſt Nacht geworden war, mit dem Geometer heimkehrte, dankte ſie Gott, daß die gefürchteten Händel nicht eingetroffen waren. 4 Wie Florian und Creszenz ſich zum erſten⸗ und zum andernmal wieder ſehen. Schon eine Stunde vor Tag ſtand Cres⸗ zenz andern Morgens auf, fütterte ihr Vieh und verrichtete ſtill die Hausarbeit. Sie blickte einmal ſchmerzlich auf, als ſie inne ward, daß ging hinaus in's Feld. WMit einem Bündel Frühklee auf dem Kopfe kam Creszenz von der Halde herauf, ſie ſah herrlich aus, die ge⸗ ſchmeidigen Formen ihres ſie nicht mehr ſang; ſie das fe ttes und und ied⸗ Rz, em en nd eh ie 359 Körpers hoben ſich ſtraff hervor. Mit der rechten Hand hielt ſie den Kleebündel, mit der linken den Rechen, der, über die Schulter gelegt, auch als Stütze der Laſt diente. Sie ging ſtill und ruhig; die rothen Blumen ſchauten in ihr rothes Antlitz. Nicht weit von des Jakoben Kreuz hörte ſie plötzlich die Stimme Florian's, der„Grüß Gott Creszenz“ ſagte; ſie ſtand wie feſtgebannt. „Komm'“ fuhr Floian fort,„ich will dir ablupfen.“ „Ich bitt' dich, Florian, ich darf mich jetzt da nicht aufhalten, da ſehen uns alle Leut'. Guck, du ſiehſt, ich kann mich jetzt nicht wehren, ich kann dir nicht davon ſpringen; aber wenn du nicht willſt, daß ich mein Lebtag kein Sterbenswörtle mehr mit dir red', ſo geh' jetzt fort. Heut Abend nach dem Nachtleuten komm' zu des Melchiors Lenorle, da will ich dir Alles ſagen.“ „Gib mir nur auch eine Hand.“ 360 Creszenz ſchlug den Arm über den Rechen und reichte die linke Hand, indem ſie tief athmend ſagte: „B'hüt di Gott bis heut Abend.“ Jetzt erſt im Weitergehen empfand Creszenz, wie ſchwer die Laſt auf ihrem Kopfe war; ſie ſtöhnte im Weitergehen als ob ſich der Mocklepeter am hellen Tage als ein er⸗ drückender Geiſt an ſie angeklammert hätte. An dem Kreuze legte ſie die Laſt auf die dort ſtehende hohe Bank, die zum Auf- und Abladen ſchwerer Traglaſten hier aufg richtet iſt. Bei dem Sinnbilde des Glaubens ſteht dieſer ſtumme Diener allzeit hülfreich bereit. Zu Füßen deſſen, der die ſchwerſte Laſt auf ſich genommen— die Menſchen frei und liebend zu machen— legen die Menſchen eine Weile ihre Tagesbürde meder, um dann ausgeruht weiter zu ſchreiten. Creszenz blickte lange nach dem Crucifir, ſie wußte aber nicht, daß ſie es that, denn in ihr bebte nur die Furcht vor dem Florian, nach dem ſie ſich nicht umſchauen wollte; endlich aber that ſie es doch, und ihr Antlitz erheiterte ſich ſichtbar, als ſie den flinken Burſchen ſo durch das Feld dahin wandeln ſah Den ganzen Tag über war Creszenz ernſt und wort⸗ karg. Noch ehe es Nacht war, nahm ſie ein Koller, um es, wie ſie ſagte, dem Wolpurgle zum Waſchen zu bringen; ſie ging aber nicht zu dem Walpurgle, ſondern zu dem Lenorle; dieſes kam ihr entgegen und ſagte: „Geh' nur durch die Scheuer, hinten im Garten iſt er.“ „Geh' mit,“ bat Creszenz. „Ich komm' ſchon, geh' nur dieweil.“ Als Creszenz unhörbar durch die Scheune in den Gar⸗ ten trat, ſah ſie den Florian, wie er auf einem Blocke ge⸗ bückt da ſaß und mit einem ſtiletartigen Meſſer etwas in das Holz grub; ſeine langen, ſchön geſcheitelten, braunen Haare hingen weit über ſeine Stirne vor. „Florian, was treibſt?“ fragte Creszenz. Der Angeredete warf das Meſſer weg, ſchüttelte ſich 361 die Haare zurecht und faßte Creszenz, küßte und herzte ſie; ſie widerſtand nicht. Endlich aber ſagte ſie: „Nun, jetzt iſt genug; du biſt halt grad noch wie du geweſen biſt.“ „Ja, aber du nicht.“ „Kein Bröſele anders. Gelt, du bosgeſt, weil ich mit dem Geometer geh'? Wir hätten uns ja doch nie heirathen können. In Dienſt laſſen mich meine Leut' nicht, und bei ihnen bleiben mag ich auch nicht, bis ich graue Haar krieg' „Wenn das ſo iſt, wenn du den Geometer magſt, hab' ich nichts mehr mit dir zu reden; das hätteſt du mir heut' Morgen ſagen können. Ich weiß eine Zeit, da hätt' der König kommen können, dem das ganze Land gehört und der's nicht bloß vermeſſen hilft, und du hätteſt geſagt: Groß Dank, mein Florian iſt mir lieber, und wenn er nichts hat, als was er auf dem Leib trägt.“ „Ei, wie ſchwätzſt du jetzt, was nutzt das? wir können uns ja nicht heirathen.“ „Ja, ja, da hört man's, das iſt das erzig*) roth' Schneiderle. Wenn ich dich nur mein Lebtag mit keinem Aug' mehr geſehen hätt, wenn ich nur all' beid' Füß bro⸗ chen hätt', eh ich wieder heim kommen wär.“ „Ei mach' jetzt keine ſo Sachen, gelt, du lugſt mich doch auch als noch freundlich an und lachſt ein bisle mit mir, wenn du mir verkommſt?“**) Mit einem Blicke voll heiterer Liebesluſt ſah Creszenz Florian an, ſie lächelte, aber das Weinen ſtand ihr näher als das Lachen. Florian hob ſein Meſſer auf, ſteckte es ein und wollte fortgehen; da faßte Creszenz ſeine Hand und ſagte: „Trutz mir nicht, Florian, gang, mach', red' auch. Lug' ich hab' ja doch den Geometer noch nicht geheirathet, aber laufen laſſen kann'ich ihn jetzt nicht; meine Leut' thäten *) Erzig, ſo viel als urſprünglich, durchaus gleich damit. **) Verkommen, ſo viel als begegnen. 362 mich im Schlaf erwürgen, wenn ich von ihm ließ. Es dauert aber noch wenigſtens zwei, drei Jahr', bis was draus wird, wer weiß wie's noch geht, kann ſein ich ſterb' vor⸗ her— das wär' mir das Liebſt'.“ Die Stimme der Creszenz ſtockte. Plötzlich erwachte in Florian ein ganz anderes Leben, die unerklärbare Schlaffheit verſchwand; er ſtand da wie neu erwacht, und freudetrunken blickten ſich die Beiden an. „Lug, ſagte er,„wie ich da geſeſſen bin und auf dich gewartet hab', iſt mir's grad geweſen, wie wenn mir einer alle Glieder zerſchlagen hätt'. Ich hab' ſo darüber nachdenkt, wie elend wir daran ſind, und einmal über's andere iſt mir's geweſen, wie wenn ich mir mein Meſſer in's Herz ſtoßen müßt. Wenn mir Einer unter die Hand kommen wär', ich weiß nicht— und fort mag ich auch nicht, und hier bleiben muß ich, und dich muß ich haben.“ „Ja, das wär' ſchon recht, wir können doch aber nicht auf den alten Kaiſer nein leben; ich wüßt wohl Einen, der uns helfen könnt', er müßt' es mir thun.“ „Red' mir nichts von ihm, er darf dich nichts angehen, ich will's nicht, und er geht dich nichts an; du biſt deines Vaters Kind und wer anders ſagt, den ſtech' ich wie ein achttägig Kalb. Guck, mein Vater hat mich ſchon halb ausgebeutelt, ich hab' aber wohl noch ein Geld; ich bleib' jetzt vor der Hand hier und arbeit' auf meines Vaters Meiſterrecht. Ich will einmal denen Nordſtettern zeigen, was der Florian kann, ſie ſollen Reſpekt vor mir haben.“ „Du biſt ein ſchöner,“ ſagte Creszenz,„haſt mir denn gar nichts mitbracht?“ „Ja doch, da.“ Florian langte in die Taſche und gab Creszenz einen breiten ſilbernen Ring und ein gemaltes flammendes Herz, darein ein Spruch ſtand. Nach dem erſten Jubel des Entzückens wollte Creszenz 363 den Reim leſen, Florian aber ſagte;„das kannſt du, wenn ich auch nicht dabei bin, jetzt wollen wir ſchwätzen.“ or⸗ Ja, erzähl' mir einmal. Iſt es wahr, haſt du Bekannt⸗ ſchaft mit deines Meiſters Tochter in Straßburg?“ „Kein Gedanke, ich thät ja ſonſt nicht hier bleiben, und ben, hier bleib' ich: Alle Nordſtetter müſſen ſagen: der Florian wie iſt ein Kerle, wie's keinen mehr gibt.“ an. Noch lange Blieben die beiden zuſammen. Als Creszenz ich wieder nach Hauſe kam, traf ſie den Geometer und mußte ner freundlich und liebreich gegen ihn ſein. Mit ſchwerem Herzen las ſie noch ſpät in ihrem Kämmerlein den Spruch an auf dem gemalten Herzen: 5. Beſſer Stein zur Mauer graben, nd Als lieben und doch nicht haben. ich Weinend legte ſie das Blättchen in ihr Geſangbuch. Da haben wir nun eines jener Verhältniſſe, wie ſie zu ht tauſenden in Stadt und Land ſich finden, nur nicht ſo grell, er die Farben ſind mehr in einander vertuſcht. Creszenz hatte den Florian gern und wollte doch die Verſorgung durch en, den Geometer nicht drangeben; dort hielt ſie die Liebe, hier nes der Verſtand. Es müßte ſonderbar zugehen, wenn daraus ein nicht ſchweres Unglück hervorginge. alb ib' 5. as Was Florian im Dorfe trieb und wie er Haare laſſen muß⸗ Florian blieb nun im Dorfe und ſchlachtete, von dem Meiſterrechte ſeines Vaters Gebrauch machend, ein Rind und bald wieder eines. So gut es auch in der erſten Zeit 1 zu gehen ſchien, ſo hatte doch die Herrlichkeit bald ein , Ende. Der alte Metzgerle ging mit dem liegen gebliebenen Fleiſche hauſiren, er verthat aber oft nicht nur den Profit, 364 ſondern auch das Kapital. Die Concurrenz der bereits anſäſſigen jüdiſchen Metzger war trotz der Geſchicklichkeit Florian's nicht zu beſiegen, denn die Juden verkaufen das Fleiſch von den Hintertheilen billiger, da ſie nach einer hochweiſen Anordnung der Bibel nur das Fleiſch der Vorder⸗ theile eſſen dürfen. Ueberhaupt aber iſt es auf dem Dorfe faſt nicht mög⸗ lich, von einem Handwerke allein ohne Ackerbau zu leben. Zum Ackerbau hatte Florian keine Gelegenheit und noch viel weniger Luſt. Er ſchlachtete nun eine Zeit lang in Gemeinſchaft mit einem jüdiſchen Metzger, aber auch dieß hörte bald auf. Nun half Florian den Straßburger Metzgern Ochſen einkaufen. Er verdiente dabei manches ſchöne Stück Geld und machte auch ſeinen Vater zu einem ganz glückſeligen Menſchen. Der alte Metzgerle konnte wieder Ochſen aus⸗ greifen und ſchätzen wie in alten Zeiten, er verjüngte ſich wieder. Florian war einer der erſten Burſchen im Dorfe Ungeſchickterweiſe verdarb er es aber mit dem Schultheißen. Dieſer ließ, als die fremden Händler da waren, den Florian zu ſich kommen und wollte ſeine Ochſen verkaufen.„Sie wiegen gut vierzehn Centner,“ betheuerte der Schultheiß. „Was ſie mehr als eilf wiegen, will ich roh freſſen,“ erwiederte Florian, und das war dumm; denn von dieſem Augenblick an war ihm der Schultheiß ſpinnenfeind. Deß kümmerte ſich aber Florian wenig, er ſpielte jeden Sonntag den Baronen, kegelte immer am höchſten, und ließ wie man ſagt, das Garn auf den Boden laufen. Es iſt ein eigen Ding um die Fremdenehre, ſie iſt gar bald aufgezehrt. Ein Anſehen, das man ſich errungen hat, weil man eine ungewöhnliche Erſcheinung war, hört auf, ſobald man an die Erſcheinung gewöhnt iſt; ſagt man ja, wenn der Regenbogen lang ſtünde, würde man ſich nicht mehr nach ihm umſehen. So erregte auch Florian kein Aufſehen im Dorfe mehr, . eteits ichkeit ndas einet order⸗ mg⸗ leben. noch ig in dieß chſen Geld ligen aus⸗ ſich orfe ißen. rian „Sie heiß. ſen,“ ieſem jeden ließ gar hat, auf, o, nicht nehr, 365 erſt ein unerwartetes Ereigniß zog wieder die Blicke Aller auf ihn. Eines Abends ſtand er mit ſeinen Kameraden nicht weit vom Ahler, der Schultheiß ſaß mit dem Geometer auf der Bank vor dem Hauſe. Florian bemerkte, wie ſie nach ihm hinſchielten, wie der Schultheiß mehrmals mit der Hand über die Oberlippe fuhr, der Geometer unbändig lachte und dabei das Wort Samſon ausſprach. Florian wußte nicht, was das zu bedeuten habe, es ſollte ihm aber bald klar werden. Andern Tages wurde er vor den Schultheiß geladen, von dem wir uns erinnern, daß er einſt Unteroffizier ge⸗ weſen war; er befahl nun dem Florian, ohne Widerrede ſeinen„Schnurrwichs“ herunter zu machen, da er nie Soldat geweſen und es nur den Soldaten erlaubt ſei, Schnurrbärte zu tragen. Florian lachte den Schultheiß aus, worauf dieſer gewaltig ſchimpfte, es kam zur Gegenrede, wofür Florian in das Gefängniß wandern mußte. Es iſt ein gefährlich Ding, einen Menſchen, der eigent⸗ lich unſchuldig iſt, in's Gefängniß zu ſperren; das ſtumpft ſein Gefühl und ſeine Scheu ab, für Zeiten, wo er vielleicht ſchuldig iſt. Als Florian herauskam, mußte er dem geſtrengen Be⸗ fehle Folge leiſten. Mit einer Wehmuth ohne Gleichen ſtand er vor dem Spiegel und preßte ſeine der Haarzier beraubten Lippen zuſammen, ſeine Zähne knarrten und ein harter Schwur ſetzte ſich in ſeiner Seele feſt. Im ganzen Dorfe ſprach man von nichts, als von dem abgemähten Schnurrbarte Florian's, und jetzt, ſeitdem er nicht mehr war, lobte ein Jeglicher ſeine Vorzüge. Dem Florian war es, als ob ſeine Haut geſchält wäre und als er durch das Dorf ging, beredete ihn ein Jeder über ſein verändertes Ausſehen. So weit war es aber ſchon mit Florian, daß er ſich ſogar über dieſes Aufſehen freute. Wenn nur die Leute 366 etwas Beſonderes an ihm zu bemerken hatten, das war ihm ſchon genug. Vor dem Hauſe der Crescenz ließ er ſich am Tage nicht ſehen, und als er Abends mit ihr zuſammenkam und ſie ihn auslachte ſchwur er, daß der Geometer ihm jedes Haar bezahlen ſolle. Crescenz ſuchte ihn zu begütigen, er ſchwieg. Wenige Tage darauf wurde der Geometer auf dem Heimwege von Horb des Nachts von drei Burſchen über⸗ fallen. Sie ſchleppten ihn in den Wald und mit dem Rufe „Auf ihn, er iſt von Ulm,“ prügelten ſie ihn ſo durch, daß er kaum mehr heimgehen konnte Einer rief ihm zum Schluſſe zu:„dießmal war's glimpflich, wenn du binnen acht Tagen nicht aus dem Dorf biſt, wird dir das Nacht⸗ eſſen noch einmal gewärmt.“ Der Geometer glaubte die Stimme Florian's zu erkennen. Er ſuchte nun eine Klage anhängig zu machen, aber die Wahlbewegungen im Dorfe ließen dieſe zu keinem richtigen Fortgange kommen. Es wurde ein neuer Schultheiß gewählt, die Bart⸗ ſcheerung Florian's war die letzte Amtshandlung des unter⸗ offizierlichen Schultheißen. Der Buchmaier, der die Leute ungeſchoren ließ, und unter deſſen Regierung auch der Schnurrbart Florian's wieder zu erneuter Herrlichkeit auf⸗ wachſen durfte, wurde faſt einſtimmig„gekurt.“ Der Geometer verließ mit ſeinen Kameraden das Dorf und ſiedelte ſich in Mühl an, der rothe Schneiderle und der Adlerwirth boten Alles gegen dieſe Auswanderung auf, aber vergebens. Mit Florian war indeſſen auch eine große Veränderung vorgegangen. Er ſchien ſich mit den Straßburgern überworfen zu haben, denn er war nicht mehr ihr Unterhändler. Auch der alte Metzgerle blieb faſt immer zu Hauſe, er hatte eine neue Erwerbsquelle gefunden, die reichlich floß. Auf ſeinen Reiſen als Ochſentreiber hatte er mit den Schmugglern im Badiſchen Bekanntſchaft gemacht, denn Baden gehörte damals war Tage nund jides tigen, dem über⸗ Rufe: urch, zum nnen acht⸗ die lage orfe zart⸗ nter⸗ eute der auf⸗ dorf und auf ung rfen luch eine nen im als 367 noch nicht zum Zollvereine. Er verkaufte nun die ein⸗ geſchmuggelten Sachen, beſonders Zucker und Kaffee, und ſtund ſich gut dabei. Der rothe Schneiderle ſah ſeinen Kramladen durch den geheimen Zwiſchenhandel vernichtet, und doch war ihrer Kinder wegen Feindſchaft und Conti⸗ nentalſperre zwiſchen ihm und dem Metzgerle; die Frau aber fand einen glücklichen Ausweg, das Haus der Leichkäther ward der neutrale Boden, auf dem man unterhandelte. Die Leichkäther mußte die fremden Waaren von dem Feinde für ſie aufkaufen. So war auch zwiſchen den Großmächten ein geheimes Spiel angezettelt. Faſt jeden Sonntag wurde Crescenz mit argen Miß⸗ handlungen gezwungen, ihrem Vater zu folgen und in Mühl oder halbwegs, in Egelsthal, mit dem Geometer zuſammen zu kommen. Sie war dann wider ihren Willen froh und munter, und wenn ſie lange genug geheuchelt hatte, wurde ſie beim Weine wirklich aufgeheitert, ſo daß der Geometer glaubte, ſie hänge noch immer an ihm. Abends aber ging ſie immer wieder heimlich mit dem Florian, und wenn ſie nach Hauſe kam, warteten ihrer neue Mißhandlungen. So lebte Crescenz ein qualvolles Leben, deſſen tiefſte Getheiltheit ſie aber zu ihrem Glücke nicht erkannte; ſie hatte ihr Lebenlang nichts als Unwahrheit und Halbheit vor ſich geſehen. 6. Florian in Floribus. Florian ſuchte im Orte etwas zu verdienen, es gelang ihm aber ſelten. Er wollte nämlich bloß auf ſeinem Hand⸗ werke oder ſonſt in einem angeſehenen Geſchäft arbeiten, die Feldarbeit hielt er unter ſeiner Würde; lieber wäre er 368 Hungers geſtorben, ehe er, wie andere vermögensloſe Men⸗ ſchen, Stein' auf der Straße geſchlagen. Florian wollte nur das thun, was er gerne that, und das können doch die wenigſten Menſchen durchführen. Es ergab ſich indeß bald eine Gelegenheit, wobei Florian Geld und nach ſeiner Art hohe Ehre gewann. Der Hammeltanz war nahe, große Vorbereitungen wur⸗ den dafür getroffen. Der Adlerwirth hatte ſich mit Florian und ſeinen Kameraden wieder ausgeſöhnt, denn als Wirth war er Diplomat genug, um den einmal erlittenen Verluſt durch den Auszug der Geometer nicht noch durch Ortsfeind⸗ ſchaft zu verdoppeln. Florian ſchlachtete nun für Kaſpar ein Rind und ein Schwein; letzteres auf der Straße, ſo daß alle Leute bei ihm ſtehen blieben und dem flinken Burſchen zuſahen, der in ſeiner Handwerksthätigkeit in der That ganz herrlich anzuſchauen war. Die Muskeln an ſeinen bloßen Armen waren ſo ſtraff und ſchön, daß man ſagen konnte, die Herrſchaft über das Leben der Thiere ſtrotzte darin. Er wetzte das Meſſer mit drei Strichen auf dem Stahl ſo ſcharf, daß er ein flatterndes Haar damit durchſchneiden konnte. Beſonders aber als es an das Würſtehäckeln ging, ſtand immer ein großer Kreis von Gaffern um ihn her. Florian häckelte mit zwei Beilen, die er ſo leicht handhabte wie ein Trommler ſeine Schlägel; auch pfiff er dabei die ſchönſten Ländler und ſchlug den Takt dazu. Manchmal machte er ſich noch einen beſonderen Spaß. Er warf eines der Beile hoch in die Luft, häckelte mit dem andern ununter⸗ brochen fort, ſchnalzte mit der leeren Hand, fing das Beil am Stiele wieder auf und häckelte dann im Takte weiter. Alles ſchlug die Hände vor Verwunderung zuſammen. Der alte Metzgerle ſammelte ſich den Ruhm ſeines Sohnes als Nachtiſch zu dem Keſſelfleiſch, das er genoſſen; bei dem Schmiedjörgli hielt er ſich wieder beſonders lang auf:„Ich bin doch ein geſchlagener Mann,“ ſagte dieſer, Men⸗ „und lorian wur⸗ orian Pirth rluſt eind⸗ deein der rrlich rmen die Er lſo eiden ging, her. habte i die hmal eines nter⸗ Beil eiter. ines ſſen; lang ieſer, . 369 „daß meine Unterthanen mir nicht mehr folgen; da muß ich jetzt hocken und muß ſehen, wie Alles zu dem Florian hinaufrennt und ihm zuguckt. Ich gäh' einen Dreibätzner drum, wenn er da neben mir ſchlachten thät.“ „Ja,“ ergänzte der alte Metzgerle und rieb ſich die Hände,„der Hofmetzger in Stuttgart kann's nicht wie mein Florian. Er hat einmal in Straßburg mit ſeinen Kame⸗ raden gewettet, er woll' vier Kälber und zwei Säu ganz herrichten ohne das kleinſte Mösle*) an ſeine Kleider zu bringen— und richtig, er hat's fertig bracht, und ſein Schurz und ſein Hemd war noch grad wie der gefallene Schnee.“ Florian hatte nun bei allen Leuten ſo viel zu thun, daß er Tag und Nacht nicht zur Ruhe kam und am Sonntag des Hammeltanzes die Morgenkirche verſchlief. Creszenz hatte dem Geometer eine Zuſammenkunft in Egelsthal verſprochen, es gelang aber Florian leicht, ſie davon abwendig zu machen. Nach der Mittagskirche war Jubel im ganzen Dorfe. Auf dem Schloßhofe waren Pfähle in einem Kreiſe aufgeſteckt, um die ein Seil gebunden war. In der Mitte des Kreiſes ſtand ein ſchöner Hammel mit einem rothen Bande geziert, auf einem Tiſche daneben ſtand eine blinkende zinnerne Schüſſel. Die Muſik ging voraus; ein jeder der Burſchen, ſein Mädchen an der Hand, hintendrein. An dem Schloßthor war eine Schlaguhr angebracht, und zwar ſo, daß man ſie nicht ſehen konnte. Punkt zwei begann der„Freitanz“ Die Muſik ſpielte einen Marſch, die Paare gingen in ſtrenger Ordnung um das im Kreiſe ausgeſpannte Seil. Ein alterthümlicher Säbel war in einen Pfoſten gehackt, einer der Burſchen nach dem andern zog ihn heraus und hackte ihn in den nächſtfolgenden Pfoſten. Als Florian mit Creszenz an den Siäbel gelangte, ſtellte er die Waffe aufrecht auf ſeine unteren Zähne und ſchritt *) Mos, ſo viel als Flecken. 24 370 ſo ohne zu wanken bis zur nächſten Station. Ein allge⸗ meines„Gucket au!“ lohnte dieſe Keckheit. Die Leichkäther prophezeite, daß dieſer den Hammel gewinne. So wandelte nun Alles im Kreiſe, jubelnd und lachend. Als Florian den Säbel wieder in der Hand hielt, ſchlug es plötzlich drei. Ein allgemeines„Hoch!“ erſcholl. Das Seil wurde eingeriſſen und dem Florian der Hammel, das Band und die Schüſſel gebracht. Die Mädchen kamen herbei, glück⸗ wünſchten der Creszenz und flochten ihr das neue Band in das Haar.„Jetzt iſt es g'wiß, ihr krieget euch dieß Jahr,“ ſagte des Melchior's Lenorle. Creszenz aber ſah ihren Vater, der mit geballter Fauſt vor ihr ſtand, ſie weinte. Mit Muſik zog man nun in das Wirthshaus, Florian begann mit Creszenz den erſten Tanz. Der Buchmaier hatte als Schultheiß eine alte Sitte wieder erneuert. Er beorderte weder den Schützen noch einen Landjäger als Ordnungshalter zum Tanze. Am Vor⸗ abende hatte er alle Burſchen, die das achtzehnte Jahr zurückgelegt hatten, zuſammenkommen und ſie zwei ſogenannte „Tanzburſchen“ wählen laſſen. Conſtantin und des Zim⸗ mermann Valentins Kaver erhielten die meiſten„Kuren“,*) der dritte ſollte der ſein, der den Hammel gewänne; der Schultheiß hatte ſich nur vorbehalten, falls einer der Ge⸗ wählten der Glückliche wäre, noch einen aus eigener Macht⸗ vollkommenheit zu ernennen. Nun war Florian der dritte Tanzburſche, der, wie die anderen, ein weißes Band um den linken Arm erhielt. Die Drei mußten für die Auf⸗ rechthaltung der Ordnung bürgen, jede Störung kam ihnen zur Laſt; es kam aber keine vor, denn die Leute laſſen ſich am liebſten von denen aus ihrer Mitte regieren. Crescenz war ganz glückſelig, ſie vergaß vollends den Geometer. So ſchön konnte Keiner tanzen, ſelbſt der Jörgli nicht, als der Florian; er ſchlug immer im Takte die Füße zuſammen, ſo daß Aller Blicke auf ſeine ſchöngewichſten Stöckelſtiefel gerichtet waren. Dann rief er manchmal mitten aus dem Tanze heraus: Hellauf! Sein ganzes Weſen hob und bewegte ſich nach dem Tone der Muſik; er war ein ganzer Tänzer. Er wollte keine Minute ruhen, und als die Muſik eine Weile aushielt, trat er zu dem Klarinettiſten und ſagte:„Laß' dein dürr Holz rappeln,“ worauf der Muſikant erwiederte:„Laß was einſchenken, daß es quillt“ Florian warf einen Sechsbätzner auf den Tiſch. Spät in der Nacht wurde der„Balbiererstanz“ ausge⸗ führt, bei dem Florian in ſeinem vollen Glanze erſchien. Es wurde nämlich ein Menſch hereingebracht, der ſchneeweiß ausſah, vorn und hinten einen Höcker hatte und überall mit weißen Tüchern verbunden war; man konnte den Stu⸗ dentle gar nicht mehr erkennen. Die Muſik ſpielte die Weiſe zu dem Lied: *) Kuren, ſo viel als Wahlſtimmen, noch immer gebräuchlich. 24* 372 Hol mir den Balbierersknecht 's iſt mir jo gar et reacht. Ein Stuhl wurde in die Mitte des Saales geſtellt und der Kranke darauf geſetzt. Der erſehnte Arzt kam herbei, um und um mit Meſſern behangen, eine große Klammerbrille auf der Naſe und eine Perrücke von Werg auf dem Kopfe. Ein ſchallendes Gelächter begrüßte den Eintretenden, es war Florian. Mit poſſirlichen Sprüngen tanzte er um den Kranken herum, fühlte ihm den Puls, öffnete den Verband am Arme, ließ zur Ader und ſteckte endlich ein Meſſer in den Höcker und ließ es darin. Der Kranke ſfiel todt zu Boden, die Muſik ertönte in dumpfen Klagen. Der Arzt ſprang verzweifelnd in der Stube umher, raufte ſich ganze Ballen ſeiner Prrücke aus und warf ſie den Leuten ins Geſicht; die Muſik verſtummte. Endlich, die Hand an die Stirne legend, beſann ſich der Gequälte und rief:„Muſik!“ Wie⸗ derum Klagetöne. Er kniete zu dem Kranken nieder, riß ihm den Mund auf und zog unaufhörlich weiße Bändel heraus, aber immer noch lag der Kranke leblos. Jetzt nahm der Arzt ein großes Schoppenglas, füllte es bis an den Rand mit Wein, ſtellte es auf ſeine Stirne und legte ſich nach dem Takte der Muſik neben den Kranken rücklings auf den Boden. Alles hielt den Athem an ob dieſes ſchweren Kunſtſtückes, aber es gelang. Nun wurde dem Patienten das volle Glas bis auf die Neige eingegoſſen, er ſchlug um ſich, warf die Vermummung ab, Florian that desgleichen, die Muſik ſpielte wieder einen Hopſer, des alten Schult⸗ heißen Bäbele kam herbeigeſprungen und tanzte mit Con⸗ ſtantin, Creszenz mit Florian; Alles war wieder munter und wohlauf. Man hatte mitten in der Luſt mit dem Uebel und der Trauer geſpielt, in erneutem Freudejauchzen lebte man wie⸗ der auf. Als man ſich eine Weile zum Tiſche ſetzte, trank und 373 ſang, gab Florian ein neues Lied zum Beſten, das er aus der Fremde mitgebracht hatte; es lautete: Zu Straßburg auf der Schanze, Hatte mich ein Mädchen lieb, Es bracht' mir alle Morgen Einen Kaffee und einen Brief. Den Brief hab' ich erhalten, Den Kaffee aber nicht, Darinnen ſtand geſchrieben: Der Winter iſt vor der Thür. Der Winter und der iſt kommen, Die Meiſter werden ſtolz, Sie ſprechen zu den Geſellen: Geh''naus und ſpalt mir's Holz. Spalt es mir nicht zu grobe, Spalt es mir nicht zu rein, So kannſt du dieſen Winter Mein treu' Geſelle ſein. Der Winter und der iſt ume, Die Geſellen werdens friſch, Sie nehmen Stock und Degen Und treten vor Meiſters Tiſch. „Ach Meiſter, wir wollens rechnen, Es iſt die ſchönſte Zeit, Du haſt uns dieſen Winter, Mit Sauerkraut geſpeiſt.“ „Iſt dir das Brod zu ſchwarze, Ich laß es backen weiß, Iſt dir dein Bett zu harte—“ Hier kamen Verſe, über die leider weder Creszenz noch ſonſt eines der Mädchen erröthete, vielmehr jubelte Alles von Neuem. 374 Wer mag nun zweifeln, daß Florian der erſte Burſch! im Dorfe war? Als aber Creszenz nach Hauſe kam, mußte ſie ſchwer dafür büßen, daß ſie heute die erſte Rolle geſpielt hatte; die Mutter war krank und der Vater beſaß nun alle Macht im Hauſe. Creszenz duldete ohne Murren, ſie wufßte jetzt ſicher, daß ſie mit Florian vereinigt würde; hatten ſie ja gemeinſam den Preis gewonnen. 6 Es geht ſcharf bergab. Als die Zeit der Luſtbarkeiten vorüber war, hatte auch die Herrlichkeit des Florian ein Ende, er wurde in die Ecke geſtellt wie eine gebrauchte Baßgeige; Alles ging wieder ruhig an ſein Geſchäft und ſah ſich wenig mehr nach den Spaßmachern um. Nur Florian hatte kein rechtes Geſchäft und wollte auch keines haben, er lotterte in den Wirths⸗ häuſern umher und war auch da bald unwerth. Auf dem Lande, wo Jedes die häuslichen Verhältniſſe des Andern kennt, iſt es nicht leicht, eine große Rolle zu ſpielen, wenn man es nicht aufzuwenden hat. Baden war dem Zollvereine beigetreten und ſo war auch zu Hauſe Schmalhans Koch. Bei alle dem ging aber Florian noch immer aufrechten Ganges, ſtolz und ſchön geputzt, wie in ſeinen beſten Tagen. Nie ging er unſauber einher, und ſelbſt als ſeine Stiefel faſt keine Sohlen mehr hatten, waren ſie doch noch immer ſchön gewichſt. Man ſieht einem auf den Leib aber nicht in den Ma⸗ gen,“ war ſein Wahlſpruch, und oft ſang er das Lied: Jetzt hab' ich noch drei Kreuzer, Iſt all' mein baares Geld, Dafür laſſ' ich mir waſchen Meine Hoſen und Gamaſchen, in N NW A ſ 375 Kauf mir Wichſ' dazu, Kauf mir Wichſ' dazu, Für mein' Stiefel und Schuh. Die Uhr mit dem ſilbernen Behäng hatte Florian nur noch am Sonntag, das hatte er ſich ausbedungen, als er ſie bei der alten Gudel verſetzte. Der Horber Markt kam, und nun gab es wieder ein Feſt für das halbe Dorf. Der alte Metzgerle ſtand ſchon ſeit dem frühen Morgen an des Jakoben Brunnen, alle Bauern, die ihre Ochſen zu Markt trieben, ließen ſie von ihm ſchätzen, und mit großem Wohlbehagen verrichtete er dieß Geſchäft; es war ihm wie⸗ der als könne er das Alles kaufen, auch hoffte er, es würde ihn ein Bauer mitgehen heißen, aber keiner that es. Der arme Mann hatte heute ſchon ſo viel geſundes Fleiſch unter Händen gehabt, aber ſeit vierzehn Tagen keinen Biſſen Fleiſch über den Mund gebracht. Als nun alle ſeine Mühe vergebens war, wiſchte er ſich ſeufzend den Schweiß von der Stirne, ging nach Haus, nahm ſeinen alten Knotenſtock und ging auf gut Glück zu Markte, um dort als Unter⸗ händler ein Paar Kreuzer zu verdienen. Florian lief im Dorfe umher und war ganz außer ſich, er begegnete der Creszenz, die mit ihrem Vater ebenfalls zu Markte ging, aber er lief ſchnell an ihnen vorüber; er hatte keinen Heller Geld in der Taſche Wo er einen Bur⸗ ſchen ſah, gedachte er ihn um ein Darlehn anzuſprechen, aber bald ſagte er ſich wieder:„der gibt mir doch nichts und der hat ſelber nicht viel, und dann haſt du nichts als die Schand'.“ So ließ er Einen nach dem Andern von ſei⸗ nen Bekannten an ſich vorüber gehen. Er dachte:„ei du brauchſt ja nicht zu Markte gehen, du haſt ja nichts dort verloren; es gehen ja noch viel Leut' nicht. Ja, aber die wollen nicht, und ich kann nicht.“ Nun ward es ihm, als verliere er eine unerſetzliche Freude, wenn er zu Hauſe bliebe; es ward ihm, als müßte er gehen, als ſtünde Alles 0 376 dabei auf dem Spiel. Mit glühenden Wangen und for⸗ ſchenden Blickes ging er durch das Dorf, immer im Selbſt⸗ geſpräch:„Da wohnt der Schmied Jakob, dem haſt du's beim Hammeltanz oft zugebracht, ja, aber er gibt dir doch nichts. Dort wohnt der Schreiner Koch, er war auch in der Fremd', zu dem gehſt du; es iſt eigentlich zum erſten⸗ mal, daß du ſo vertraut mit ihm biſt, aber du mußt es doch thun.“ Der Schreiner Koch band eben ein Rind von der Krippe los, über Geldmangel klagend, Florian ſchwieg mit ſeinem Verlangen. Der Studentle war nicht mehr zu Hauſe, Florian war ſchnell entſchloſſen, er ging zum Adlerwirth, ſagte der Studentle ſchicke ihn, er ſolle demſelben ſechs Kronenthaler leihen; Florian wollte nicht um ein Bagatell bitten. Der Adlerwirth erwiederte:„Ich borg' nichts, das macht die beßte Freund' zu Feind'“„Du haſt recht, ich hab's auch geſagt,“ erwiederte Florian grimmig lachend und ging davon. Mit einem ſchrecklichen Gefühle der Verlaſſenheit wan⸗ delte er umher und dachte:„Wenn man kein Geld hat, iſt man doch auch daheim nicht recht daheim.“ Schweißtriefend lief er durch alle Gaſſen, es war ihm, als ob jede Minute, die er verſäume, Unwiederbringliches an ihm vorübergehen laſſe. Er gedachte nun, wie die großen Herren, Geld bei einem Juden zu leihen Mauch ihn ſtörten ihre Blicke nicht bei ſeinen Verſchwendungen oder Großthuereien.„Juden⸗ ſchulden ſind kein' Schand',“ ſagte er ſich und ſprach des Mendle's Meierle, das mit einer vollen Geldgurte zu Markte ging, offen um ein Darleihen von einigen Karolin auf hohe Zinſen an; er erhielt eine abſchlägige Antwort. Endlich kam er auf den geſcheiten Gedanken, nur gera⸗ deswegs nach Horb zu gehen und dort zu thun als ob er ſein Geld vergeſſen oder verloren habe; er ärgerte ſich jetzt, daß er den Gedanken nicht früher gehabt und ging fürbaß. Als er an dem Hauſe des Schmiedjörgli vorüberging, ſaß 377 dieſer wie gewohnt auf der Bank; er war heute beſonders gut aufgelegt, da er durch die Marktgänger Unterhaltung in Fülle hatte. „Wohin ſo ſchnell, Florian? Du ſiehſt ja aus, wie wenn dir die ganz' Welt feil wär!“ Florian ſtutzte und blieb ſtehen. Er vergaß, daß es eine beſondere Freude des Schmiedjörgli war, Leute, die eine ſchwere Laſt, einen Sack voll Korn oder einen Klee⸗ bündel trugen, eine Weile durch Fragen zu ſtellen, Manche gingen in die Falle, und der Alte freute ſich dann doppelt, daß er ſo los und ledig daſaß, während die Andern keuchten. Auch wenn Jemand eine ſchwere Schmerzenslaſt im Herzen trug, ſuchte ihn der Schmiedjörgli bei ſich aufzuhalten; das war ja die beſte Zeit, um etwas zu erfahren. Florian dachte an alles das nicht mehr, denn er fragte: „Wie könnet Ihr denn das wiſſen?“ „Man ſieht's dem Strumpf an, wenn das Bein ab iſt. Ich weiß wohl, gelt, grad iſt die Creszenz mit ihrer Mutter Mann da vorbei, er bringt ſie auch zu Markt.“ „Ich hab' kein' Sorgen.“ „Ich weiß wohl, man ſagt, du ſeiſt tüchtig mit ihr verbandelt.“ Florian ſchmunzelte und ging weiter, es war ihm lieb, daß man das Rechte nicht ahnte. An der Hohlgaſſ' ſah Forian⸗ en Schlunkel, einen „verwogenen“ Kerl, der ſchon zweimal im Zuchthauſe gewe⸗ ſen war, am Raine ſitzen und Geld zählen; ſonſt hätte er ſich nicht herabgelaſſen dieſen Menſchen nur zu grüßen, jetzt ſagte er zuerſt halb ſpaßhaft:„ſoll ich dir helfen zählen?“ Der Angeredete ſah auf und antwortete nicht. Florian ſetzte ſich zu ihm und bat ihn endlich um einen Gulden. Der Schlunkel grinste ihn an, ſchnürte ſeinen Leder⸗ beutel feſt zu, fuhr ſich mit dem Zeigefinger über den Mund und pfiff dabei; Florian aber hielt ſeinen Arm krampfhaft feſt. „Du wirſt doch mir das Geld nicht nehmen wollen?“ fragte Schlunkel,„zu was brauchſt denn ſo viel Geld?“ „Ich muß mir was kaufen.“ „Meinetwegen, komm, ich geh' mit nach Horb.“ Florian zitterte, lieber wäre er in die Hölle gegangen, als am helllichten Tag mit dem Schlunkel nur zehn Schritte, er ſagte daher: „Gib mir nur einen Sechsbätzner, in einer Stund treff' ich dich im Ritter, da haſt's wieder.“ Der Schlunkel gab das Geld und Florian jagte wie der Blitz davon. Unterwegs aber langte er nochmals in ſeine Taſche, er wußte gar wohl wie viel er darin hatte, aber er wollte ſich deſſen nochmals vergewiſſern. Er drückte die vier Sechſer einen nach dem andern durch die Finger, als wollte er mit aller Gewalt aus jedem noch einen zweiten 1 herausdrücken. Pfeifend ging dann Florian über den Viehmarkt hinweg nach dem Krämermarkt in der obern Stadt. 379 8. Florian verſpielt ſich und gewinnt die Creszenz Plötzlich blieb Florian ſtehen, ein Tiſch mit Würfeln ſtand vor ihm, er ging vorbei und betrachtete ſich die Pfei⸗ fen an der nächſten Bude; bald aber kehrte er wieder um und ſtellte ſich an den Tiſch, mit dem Vorſatze, nur den Andern zuzuſehen, wie ſie ſpielten. Einer war beſonders glücklich auf Nro. 8. Florian langte in die Taſche und ſetzte auf die gleiche Nummer drei Kreuzer, er verlor. Schnell ſetzte er abermals, er verlor wieder. Er kneifte ſich auf die Lippen, daß ihm das Blut in den Mund rann; ſchnell aber ſah er ſich lächelnd um, damit Niemand es merke. Er ſetzte abermals und verlor bis auf ſechs Kreuzer. Er ſpürte es in den Knieen wie alle Kraft daraus wich, ſeine Ein⸗ geweide kochten; mit zitternder, fieberheißer Hand warf er ſeinen letzten Sechſer hin und ſchaute nach der andern Seite, er gewann ſein ganzes Geld wieder. Schnell raffte er es ein und dachte innerlich:„ſo, jetzt haſt du mich geſehen, hab' ich doch mein Sach' wieder;“ dennoch blieb er ſtehen⸗ es war, als ob er feſtgebannt wäre, auch wollte er den Schein vermeiden, ſo ſchnell mit ſeinem Wiedererworbenen davon zu gehen. Wiederum dachte er:„Ich muß doch dem Schlunkel das Geld wieder geben und woher nehmen? Einen Sechſer will ich wagen, das andere Geld thu' ich in die recht' Taſch', da herein greif ich gar nicht.“ Er ſetzte, und nach einer Weile griff er doch in die rechte Taſche und wankte endlich ganz ausgebeutelt vom Tiſche fort. Mit einer Wehmuth und Selbſtanklage ohne Gleichen lief er nun auf dem Markt umher; da waren tauſenderlei Sachen ausgeſtellt, die für Geld zu haben waren, er aber konnte nach keiner ſeine Hand ausſtrecken. Ein furchtbarer Fluch gegen die Welt trat zuerſt über 380 ſeine Lippen, er wünſchte ſich, daß er Alles zu unterſt zu oberſt kehren könnte. Wenn man ſo darüber nachdenkt, möchte man fragen: ei warum wettert und flucht denn ſo ein Menſch wie der Florian? Die Welt hat ihm nichts gethan, er iſt ſelber Schuld an ſeinem Unglück. Aber die meiſten Menſchen denken eben nichts, ſowohl die Leichtfertigen, welche Handſchuhe anhaben, als die, welche keine anhaben; wenn's ihnen ſchlecht geht, ſind ſie eben grimmig. Nur ein Troſt blieb Florian, er gelobte ſich, in ſeinem Leben keinen Würfel mehr anzurühren. „Freilich,“ ſagt er ſich wieder,„du haſt jetzt gut ſchwö⸗ ren, wenn die Kuh draußen iſt, macht man den Stall zu.“ Dennoch fand er einen Troſt in dieſem Vorſatze. Da begegnete ihm ſein Vater, er ſah fröhlich aus, Flo⸗ rian eilte auf ihn zu und ſagte:„Vater, habt ihr kein Geld?“ „Ich hab' da drei Sechsbätzner bei einem Ochſenhandel verdient, guck.“ „Gebt mir zwei davon.“ Noch ehe der alte Metzgerle ja oder nein ſagen konnte, war Florian mit dem Gelde im Gedränge verſchwunden. Wohlgemuth ging er nun zwiſchen den Buden einher, er war von dem ſichern Bewußtſein des Beſitzes getragen und plauderte bald mit dieſem, bald mit jenem. Die Spiel⸗ tiſche würdigte er kaum mehr eines Blickes. Bald aber dachte er wieder:„du haſt dein' Sach' blitz⸗ dumm angefangen, biſt'rumtappt von einer Nummer auf die andere; da hat's nicht fehlen können, du haſt dein Geld verlieren müſſen. Soll ich's denn dem Krattenmachergeſindel laſſen? Ja, du haſt ja geſchworen, keinen Würfel mehr anzurühren. Ich halt meinen Schwur, ich geh' dort an den Tiſch, wo der Spielhalter den Würfel durch die Schlang' rollen läßt, da rühr' ich's nicht an.“ Er ging abermals an einen Tiſch und ſpielte zuerſt wie en: der lbet ohl elche ben ite, er, gen iel⸗ it⸗ auf eld del ehr den ng 381 die Andern um Kreuzer. Er ſpielte erſt überlegt und wich nicht von ſeinem Plane, behielt die Nummern im Auge, die oft herausgekommen waren und ſetzte auf die anderen. So ſpielte er eine Weile, ohne etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Nun ward ihm dieß langweilig, er ſetzte höher und auf mehrere Nummern und gewann; er winkte noch andere Bekannte herbei, ſie ſollten mitthun. Bald aber wendete ſich das Glück und Florian verlor. Jetzt taumelte er auf dem Brette umher, fuhr unſchlüſſig mit dem Gelde über alle Zahlen und ſetzte endlich, rückte aber noch ehe der Wurf geſchah, oft wieder weg. Wenn es ſich dann ereignete, daß gerade die verlaſſene Nummer gewann, lachte er laut auf. Das Glück ward ihm immer ungünſtiger, er blieb nun wieder wie von Anfang auf beſtimmten Nummern. Endlich hatte er wieder den letzten Groſchen in der Hand und ſetzte ihn mit ſolchem Nachdrucke auf den Tiſch, daß Alles wankte— abermals verloren. Florian ſah ſtill drein, er athmete kaum hörbar, aber in ſeinem Innern ſtürmte und tobte es gewaltig; er blieb noch eine Zeit lang am Tiſche ſtehen, um ſeinen Bekannten nicht zu verrathen, daß er kein Geld mehr habe, und ſchlich ſich endlich leiſe fort. Jetzt fluchte und gelobte er nicht mehr, kein guter und kein böſer Vorſatz ſtieg in ihm mehr auf; er ging umher, wie ein Körper ohne Seele, ohne Gedanken und Willen, dumpf, ausgebrannt und hohl. Die Muſik, die jetzt zum Ohre Florians drang, er⸗ weckte ihn erſt wieder zum Leben, er ſtand vor dem Wirths⸗ haus zur Roſe. Unter der Hausthüre ſtand der Fran⸗ zoſenſimpel, der auf einen Freihalter wartete.„Drenda marioin,“ rief er Florian entgegen, das Zeichen des Trin⸗ kens machend, Florian aber ſchob ihn bei Seite und ging hinauf zum Tanze. Von allen Seiten wurde es ihm zugebracht, er nippte nur am Glaſe und wollte es wieder hinſtellen.„Es iſt in guter Hand,“ rief man ihm zu, was ſo viel hieß als: du mußt austrinken.„Hinten hoch! ſagen ſie drunten am Rhein,“ erwiederte dann Florian, auf Einen Zug das Glas über dem Kopfe leerend. Durch dieſe oft wiederholte Ladung fühlte er wieder neues Leben in ſich, die verſchiedenen Weine regten ihn auf und er wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. End⸗ lich ſah er den Peter, der auf ihn zukommend ſagte:„Haſt du die Creszenz geſehen? drüben im Ritter ſitzt ſie bei dem Geometer.“ Florian leerte ſchnell noch das Glas ſeines Freundes und eilte fort. Er freute ſich, nun doch etwas zu haben, an dem er ſeinen Grimm auslaſſen konnte; er wollte ein Verbrecher ſein, ſich und Alles zu Grunde richten. Auf Nebenwegen, an der alten Apotheke vorbei, wo kein Marktgedränge war, eilte Florian zum Ritter; er rannte die Staffeln hinan und nahm immer drei auf einmal. 383 Wenn nur die Menſchen zum Guten auch ſo rennten, wie zum Böſen! Wie oft gehen ſie durch Wind und Wet⸗ ter, über Stock und Stein ihren niedern Gelüſten nach; gilt es aber die Pflicht oder ſonſt etwas Gutes zu thun, iſt ihnen jedes Windchen zu rauh und jedes Steinchen eine unüberſteigliche Mauer. Tief athmend kam Florian im Ritter an. Als Creszenz ihn ſah, eilte ſie freudeſtrahlend auf ihn zu, faßte mit beiden Händen ſeine zitternde Rechte und ſagte: „Gott Lob und Dank, daß ich dich wieder hab', jetzt bin ich wieder ganz dein, grad hab' ich dem Geometer ein für allemal aufgeſagt. Es hat ſchon lang in mir kocht, jetzt iſt's übergelaufen. Guck, ich bin froh, ich weiß mir gar nicht zu helfen, jetzt weiß ich doch wieder, wem ich bin, und dein bin ich, mag daraus werden, was will. Warum machſt du denn ſo ein Geſicht? Biſt du denn nicht auch froh, daß das Lugenleben ein End' hat?“ Sie rückte ihm das Kappenſchild, das ihm in der Auf⸗ regung auf die Seite gekommen war, wieder zurecht in die Mitte der Stirne. Florian ließ Alles an ſich hinreden und mit ſich geſchehen, es war ihm zu Muthe wie einem, der von Laſtern und blutigen Gräueln geträumt und ſich nun plötzlich an der Seite der Liebe und des ſeligen Friedens erwacht ſieht. Er ſchreckte faſt zuſammen vor dieſer innigen Liebe, die ihn mitten in ſeiner Verworfenheit begrüßte. Nichts nannte er jetzt mehr ſein, als ſein armes Leben, das er gern von ſich geſchleudert hätte; nun ward es ihm wie⸗ der etwas werth, da ein anderes Leben es ſo warm um— fing. Er lächelte ſchmerzlich froh und ſagte endlich: „Komm, Creszenz, wir wollen fort.“ Creszenz willfahrte ihm gerne, ſie ſchaute aber noch⸗ mals lächelnd und fragend auf, als eben ein friſcher Walzer geſpielt wurde; ſie hätte trotz ihrer innigen Freudigkeit doch auch noch gerne getanzt, ſie wollte es aber nicht aus⸗ ſprechen, nicht ſowohl aus Furcht vor Mißverſtändniß, als 384 weil ſie eigentlich froh war, ganz nach dem Willen Florian's leben zu können. Nicht weit von der Thüre ſaß der Schlunkel einſam bei ſeinem Schoppen, er hatte keinen Kameraden; er brachte es nun dem Florian vertraulich zu, der zu der betroffenen Creszenz ſagte: „Geh' einſtweilen voraus, ich komm' gleich nach.“ Betrübt ging Creszenz weiter und harrte auf der Treppe, drinnen aber ſagte der Schlunkel: „Nun, gib mir jetzt mein Geld.“ „Ich kann nicht, ich kann mir's ja nicht aus den Rippen ſchneiden.“ „So gib mir das Meſſer, das du da ſtecken haſt, zum Pfand.“ „Ich bitt' dich, wart' nur noch bis Morgen Abend; wenn du's da nicht haſt, bezahl' ich dir's doppelt.“ „Du haſt gut doppelt verſprechen, aber wer gibt mir's?“ „Ich.“ „Willſt du morgen Abend zu mir kommen?“ „Ja.“ „Nun ſo meinetwegen.“ Florian ging ſchnell weg, als ihn aber Creszenz fragte: „Was haſt du mit dem ſchlechten Menſchen?“ ward er ſo roth wie ein Feuerdieb und erwiederte: „Nichts, er hat mir mein Meſſer abhandeln wollen.“ „Haſt recht, daß du's ihm nicht geben haſt, der hätt' einen Mord mit begangen.“ Florian ſchauderte zuſammen, es that ihm tief wehe, daß Creszenz ihm ſo treuherzig glaubte. — e, 385 9. Wie ein Thunichtgut und wie ein liebendes Mädchen werden kann. Der zehnte Menſch weiß nicht, wie der eilfte lebt. So konnten ſich die Leute auch gar nicht denken, wovon der Florian zu eſſen und zu trinken hatte, er hatte aber auch in der That wenig und ging nun den Studentle um ein Darleihen an. „Ja,“ ſagte dieſer,„Florian, du ſollteſt eben anders leben; das iſt kein' Art, ſo kann das nicht gehen, du mußt dich ändern.“ „Das iſt jetzt nicht am Ort,“ erwiederte Florian, „ſag' mir das ein andermal, wenn ich nicht in Noth bin, da geht's eher an; jetzt hilf mir und mach' mir keine Vorwürf'.“ Die zur Unzeit gemachten Ermahnungen prallten ab und verurſachten gerade die entgegengeſetzte Wirkung, Flo⸗ rian erſchien ſich dadurch mehr bemitleidens⸗ als ſcheltens⸗ werth, mehr unglücklich als ungerecht. Mit einem gewiſſen Stolze des Verzeihens wiederholte er ſeine Bitte, worauf der Studentle erwiederte: „Das geht nicht, wenn man ſich bald verheirathet iſt's aus mit dem Geldverzetteln, du mußt halt allein ſehen wie du's machſt.“ Der Studentle war nämlich mit des alten Schult⸗ heißen Bäbele Bräutigam geworden, obgleich wir uns noch aus der Geſchichte des Jvo her erinnern, daß er nicht gar hoch vom Bäbele dachte. Er hatte um des Buchmaiers Agnes gefreit und, wie vorauszuſehen war, einen Korb bekommen; er erzählte nun dies offenkundig,„denn,“ berechnete er,„du mußt bei den Leuten ja als ein Hauptkerl gelten, weil du die Kuraſche gehabt haſt um das erſte Mädle anzuhalten; drum ſollen ſie's Alle wiſſen, da werden die reichſten ge⸗ ſprungen kommen.“ Sie kamen aber nicht und er begnügte ſich mit dem Bäbele. 25 386 Bei dem Studentle ging es nun wie bei gar vielen verſchwenderiſchen Menſchen, wenn ſie auf eigene Strümpfe kommen, werden ſie geizig und hart. Es war für Florian allerdings ein Unglück, daß gerade der Studentle ſein Hauptkamerad war; er ſagte ſich nun oft:„der iſt doch kein bisle beſſer als du, und warum geht's ihm beſſer?“ Er grollte dann immer mehr mit dem Schickſal, ward unglücklich und ſchlaff. Creszenz aber war indeſſen ganz glückſelig; ſo ſehr ſie auch ihr Vater mißhandelte, weil ſie den Geometer auf⸗ gegeben, war ſie doch durch letzteres eben gerade recht glücklich; ihr Weſen war nicht mehr getheilt, ſie gehörte ganz dem an, den ſie ſtets im Herzen getragen. Die traurige Lage Florians blieb Creszenz nicht verborgen, ſie ſah kein Verbrechen darin, ihm auf allerlei Weiſe Hülfe zu verſchaffen. Sie entwendete Tabak und andere Sachen aus dem Laden und drang es heimlich dem Flo— rian auf. Anfangs ſchämte er ſich zwar es anzunehmen, nach und nach aber lehrte er ſie, wie ſie ihm immer mehr verſchaffen ſollte, denn er hatte durch den Schlun⸗ kel Abſatzwege gefunden. Creszenz gehorchte ihm in Allem, es war ihr oft als hätte ihr Florian über die ganze Welt und Alles was darauf und darin ſei zu gebieten, als müßte ihm ein jedes unterthan ſein; es war ihr als ginge er nur einſtweilen ſo macht⸗ entblöst einher, als würde er bald Allen zeigen, was es zu bedeuten habe. Sie hoffte, daß der Augenblick bald kommen würde, da er in ſeinem vollen Glanze da⸗ ſtände; ſie hoffte das ſo 387 zuverſichtlich und vertrauensvoll wie den morgenden Tag, und doch wußte ſie nicht auf was ſie hoffte.— Bald aber wurde ſie wieder aus ihren Träumen geweckt. Der Schneiderle kam hinter die Entwendungen ſeiner Tochter und in einer ſtür⸗ miſchen Nacht, als der Wind den Regen jagte, verſtieß er ſie aus dem Hauſe, ihr drohend, ſie den Gerichten zu über⸗ geben, wenn ſie wieder käme. Die Mutter lag todtkrank darnieder und konnte nicht abwehren. Creszenz wußte ſich nicht zu helfen. Sie eilte zum Florian, er war nicht zu Hauſe. Sie weinte laut als ſie hörte, mit welchem nächtlichen Kameraden er wegge⸗ gangen war. Sie zog vor dem platzenden Regen den obern Rock über den Kopf, ſie hätte ſich gerne in ſich ſelbſt verkrochen, und nachdem ſie lange umhergelaufen ohne es zu wagen in ein Haus zu gehen, ſuchte und fand ſie endlich bei des Melchiors Lenorle Unterkunft. c25 S 388 Alle Verſuche, wieder nach Hauſe zurückkehren zu dür⸗ fen, waren vergebens. Creszenz ſtrickte und taglöhnerte nun für fremde Leute, auch Florian brachte ihr hin und wieder etwas, er war wieder bei Geld. Der Creszenz aber ſchauderte es vor jeder Münze, die er ihr gab, als ob Blut daran hinge; ſie meinte, aus jedem Geſichte der geprägten Herrſcher ſähe der Schlunkel heraus. Das Lenorle erlauſchte immer die Zeit wann der Schneiderle mit ſeinem Zwerchſack nach Horb ging, dann durfte Creszenz nach Hauſe ſchleichen und ſich mit allerlei verſehen. Auch Florian war oft auf der Lauer, um zu erſchauen wann Niemand in der Nähe war, ſo daß er, ſeiner Ehre unbeſchadet, zu dem Schlunkel ſchleichen konnte. Ein unvermutheter Widerſtand zerriß aber bald dieſe trübſelige Kameradſchaft. Der Schlunkel hatte dem Papierer von Egelsthal zwei Hämmel geſtohlen. Als nun Florian eines Tages bei ihm war, verlangte er von ihm, daß er die Thiere ſchlachten und herrichten ſolle. Sein Stolz, ſeine Krone war für Florian bisher ſein Handwerk geweſen; dieſe Zu⸗ muthung beleidigte ihn im tiefſten, er ſagte daher: „Eher ſchneid' ich dir und mir die Gurgel ab, ehe ich geſtohlene Hämmel im Geheimen ſchlacht'.“ „O du Trallewatſch,“ ſagte Schlunkel, mit einem ge⸗ wandten Griffe dem Florian ſein Meſſer aus der Taſche ziehend,„du kommſt nicht lebendig aus der Stube, wenn du nicht die Hämmel metzgeſt oder mir meine zwei Kron⸗ thaler bezahlſt.“ „Wart, ich will dir!“ knirſchte Florian den Schlunkel umfaſſend und ſuchte ihm das Meſſer zu entreißen. Die Beiden rangen aus aller Macht mit einander, aber keiner wollte unterliegen; da hörte man Geräuſch, Florian ließ los und ſprang ſchnell zum Fenſter hinaus. Betrübt kam er zu Creszenz und geſtand ihr Alles. Ohne ein Wort zu reden nahm ſie ihre Granatenſchnur —— —— r W— 389 ſammt dem Anhenker vom Halſe, zog ihren ſilbernen Ring von der Hand und reichte es hin. „Was ſoll ich damit?“ fragte Florian. „Du ſollſt's verſetzen*) oder verkaufen und den ſchlech⸗ ten Menſchen bezahlen.“ Florian umarmte und küßte ſie und ſagte dann: „Thu' du's und bezahl' ihn dann, verſetz' es nur, kannſt dich darauf verlaſſen ich ſchaff' dir's wieder.“ Creszenz that wie ihr befohlen und brachte das Meſſer wieder. Florian unterſuchte es genau und fand, daß kein Blut daran geweſen; er freute ſich innerlich, daß ſein Ehrenſchmuck nicht mißbraucht worden war. 10. Florian ſucht Hülfe und nimmt die nicht, die er findet. „Hör' mal, ſagte Florian eines Tages zu Creszenz, „das Ding' muß ein End' nehmen; in die Fremd gehen kann ich nimmehr, deinetwegen nicht und auch meine Ehr' ſteht darauf, ich muß es n'ausführen; wie meinſt, wenn ich zu dem Pfarrer ging'? Er muß uns ein paar hun⸗ dert Gulden geben, nachher können wir uns heirathen.“ „Du haſt ja ſonſt nichts von ihm wiſſen wollen.“ „Noth frißt Hobelſpän,“ erwiederte Florian.„Willſt du mir ein Briefle an ihn mitgeben und es auch von deiner Mutter unterſchreiben laſſen?“ „Wie du willſt, du mußt am beſten wiſſen, was zu thun iſt, ich thu' was du ſagſt.“ Andern Tages war Florian auf dem Wege zu dem Pfarrer. Trübe Gedanken gingen ihm durch den Kopf, wenn er ſich beſann, wohin er ginge; die Friſche der Be⸗ wegung erhellte aber ſeinen Sinn bald wieder. Er war nun ſeit vielen Wochen faſt nicht mehr aus dem Dorfe gekommen, die trübſeligen, engen Veyhältniſſe und der *) Verſetzen— verpfäͤnden. 390 Kampf mit ihnen hatten ihn ſtets umſchlungen; jetzt durch⸗ zog ihn wieder die freie Wanderluſt, er fand wieder einen größern Maßſtab des Lebens und ſagte ſich:„Man kann auch anderswo leben, es muß nicht gerade zu Hauſe im Dorfe ſein. Ich kann mit meiner Creszenz glücklich ſein, wenn auch der Schmiedjörgli und der Adlerwirth nichts davon wiſſen; aber Reſpekt müſſen ſie vor mir haben, nachher geh' ich. Von dem Gang da darf aber keine Sterbensſeel' was erfahren.“ Es war gegen Abend als Florian an ſeinem Ziele anlangte. Er ging alsbald nach dem Pfarrhauſe, traf aber Niemanden als die Haushälterin, eine wohlgenährte, ſtolze Perſon; ſie ſuchte ihn auf allerlei Weiſe auszufragen, er aber ſagte immer: er müſſe mit dem Pfarrer ſelber reden. Endlich kam dieſer, ſeine zwei halbgeſchornen Spitzhunde mit Gebell voraus; ſie wollten ſich nun an Florian machen, er aber blickte ſie nur an und ſie krochen in eine Ecke. Nicht umſonſt ſagten die Leute, daß Florian die Hunde bannen könnte; die wildeſten, wenn er ſie nur ſcharf anſah, wurden zahm und ſcheu. Jetzt aber ſchlug Florian die Augen nieder, da er den Pfarrer geſehen. Es war ein unterſetzter, kräftiger Mann, der eine weiße und eine ſchwarze Halsbinde trug; ſelbſt bis auf die Sommerflecken glich ihm Creszenz. Dem Pfarrer kam der ſcheue Blick Florian's verdächtig vor, er fragte daher nach ſeinem Begehr. „Ich muß allein mit euch reden,“ erwiederte Florian. Der Pfarrer hieß ihn in ſeine Studirſtube folgen. Florian übergab den Brief, der Pfarrer las. Florian verfolgte mit ſcharfem Blicke ſeine Züge. „Von wem iſt der Brief?“ fragte der Pfarrer,„ich kenne die Perſon nicht.“ „Ihr kennet doch die roth' Schneiderin? da hat ſie drunter geſchrieben und das obere iſt von ihrer älteſten Tochter. Die roth' Schneiderin liegt auf dem Todtenbett, ſie wird nimmer aufkommen.“ „Thut mir leid. Sagt den Leuten einen ſchönen 391 Gruß, und wenn ich was für ſie thun kann wird's ſchon geſchehen.“ „Und für die Creszenz wollt ihr jetzt nicht ein Be⸗ ſonderes thun?“ „Ich ſehe nicht ein, warum?“ „Aber ich ſeh's ein, Herr Pfarrer. Es ſoll kein Menſch was davon erfahren, ich will einen Eid ſchwören und das Abendmahl drauf nehmen, aber helfen müſſet ihr uns, ihr müſſet, oder ich weiß nicht, was aus uns beiden werden ſoll.“ Der Pfarrer ſuchte in der Taſche nach ſeinen Schlüſſeln, er hatte den rechten gefunden, in der Hand damit ſpie⸗ lend ſagte er: „Ich helfe armen Leuten gerne, aber ich kann jetzt nur wenig thun.“ „So gebet mir für's Andere ein Schriftliches.“ Bei dieſen Worten ſchaute der Pfarrer verwirrt um ſich, es war ihm als hätte er ſich verrathen, da man eine ſolche Zumuthung an ihn zu ſtellen wagte; er ſagte daher mit ſichtbar erzwungener Härte: „Einmal für allemal, die Leut' gehen mich nichts an und da habt ihr was für eure Zehrung.“ Er wollte Florian etwas Geld geben, dieſer aber warf es ihm vor die Füße und rief: „Ich frag' zum letztenmal: wollt ihr euch um euer Kind, das euch aus dem Geſicht geſchnitten iſt, anneh⸗ men oder nicht? Ja oder Nein? Ihr ſeid der Vater von meiner Creszenz. Ich darf euch nichts thun, ich will euch nichts thun, aber Herr Gott! ich weiß nicht, was ich thu.“ Er langte mit der einen Hand nach dem Meſſer in der Seitentaſche, ſchnappte mit der andern ſchnell das Schloß an der Thüre ab und fuhr dann fort:„Ich hab' noch kein unrechtes Stückle Vieh mit dem Meſſer abthan, aber“ er ſchäumte und zitterte vor Wuth. „Unverſchämter Menſch!“ ſchrie der Pfarrer ſich nach dem Fenſter flüchtend und es aufreißend. 392 Da ging plötzlich die Wand aus einander, durch die Tapetenthüre trat die Haushälterin ein und ſagte: „Die Gemeinderäthe und der Schulz ſind drüben, ihr ſollet gleich nüber kommen, Herr Pfarrer.“ Florian entſank faſt das Meſſer, der Pfarrer hatte ſich hinter die offene Tapetenthür geflüchtet. „Was iſt euer letztes Wort?“ fragte Florian nochmals. „Fort aus meinem Haus, oder ich laſſ' ihn einſtecken, wenn er nicht gleich gutwillig geht.“ Florian öffnete ſtill die Thüre und ging zaudernd und ſchwankenden Schrittes davon, der letzte Aſt am Baume ſeiner Hoffnung war gebrochen. Einſam wandelte er dahin durch die Nacht, aber ſchreck⸗ liche Gedanken begleiteten ihn. Zu den Sternen auf⸗ ſchauend ſagte er einmal: „Herr Gott im Himmel, haſt du denn das gewollt, daß es Menſchen geben ſoll, die ihre Kinder verleugnen müſſen, damit ſie in's Elend kommen? Es geſchieht mir aber recht, warum bin ich nicht bei meinem erſten Gedanken geblieben; er hätt' uns nichts angehen dürfen... Traurig und verwirrt war Florian erſt am dritten Tage wieder in's Dorf zurückgekehrt. Es war ihm auf dem Wege ſo bange zu Muthe als ginge er einer ſchweren Strafe entgegen, als müſſe er dort für etwas büßen, und doch war er ſich keines Vergehens bewußt. Als ihm aber zu Hauſe einige Zwiſchenträger berich⸗ teten, daß man während ſeiner Abweſenheit geſagt hatte, er ſei entflohen, da kochte Alles in ihm vor Wuth. Er hatte Alles daran geſetzt, um ſeine Ehre im Dorfe zu erhalten, und nun ſah er ſeinen ganzen Ruf ſo wenig ſtichhaltig, daß man ihn ſolches beſchuldigen konnte. Eine tiefe Verachtung gegen die Menſchen begann in ſeiner Seele Wurzel zu ſchlagen. Am Sonntage, als Florian mit mehreren Anderen vor dem Adler ſtand, kam der Buchmaier das Dorf herauf und ſagte: „Florian! auf ein Wort, geh' ein bisle mit mir, ich hab' dich um einen Rath zu fragen.“ 393 die„Mit allem Willen, was denn?“ fragte Florian mit⸗ gehend. ihr„Ich hab' nur vor den Leuten ſo geſagt, ich thät gern einmal mit dir reden, aber offenherzig: wo biſt du ver⸗ ſch gangene Woch' geweſen?“ „Das kann ich nicht ſagen.“ als.„Nun, wie du willſt. Hör' mal Florian, du biſt ein cken, geſcheidter Kerl, du biſt ein geſchickter Kerl, verſtehſt dein Handwerk aus dem ff.“ und„Nun, dahinter muß was ſtecken, ſaget's nurfrei heraus.“ me„Ich möcht' halt, daß du's auch zu was rechtem brin⸗ gen thätſi.“ eck⸗„Es wird ſchon kommen.“ uf⸗„Hör' mich jetzt ruhig an, ich red' jetzt nicht als Schultheiß mit dir, ich red' mit dir, weil ich's gut mit dir mein'. Wenn du ſo fort hier bleibſt, gehſt du zu en, Grund. Auf was warteſt du denn hier?“ ber Florian ſchwieg betroffen, der Buchmaier fuhr nach einer en ziemlichen Pauſe fort: „Ich weiß wohl wie es iſt, es iſt grad wie wenn man en aus dem Bett aufſtehen ſoll, wenn man auch noch ſo uf hart liegt, man thut's halt nicht gern; wenn man aber en nachher auf den Beinen iſt, freut man ſich doch. Drum nd folg' mir, geh' wieder fort. Guck, wenn Krieg wär', thät ich ſagen: Florian, laß dir zweierlei Tuch anmeſſen, du h⸗ bringſt's zu was; du kannſt's aber auch ſo zu was brin⸗ gen, du brauchſt nicht Menſchenmetzger zu werden; aber hier iſt deines Bleibens nicht. Fort mußt du.“ zu Ich kann aber nicht und will aber nicht, ich will i ſehen, wer mich fortbringt.“ „Davon iſt kein'Red'. Du brauchſt gegen mich nicht ſtolz in thun und nicht aufbegehren. Ich weiß wohl, du haſt Bekannt⸗ ſchaft mit der Creszenz. Such' dir dein Glück, wenn dir's gut geht, kannſt ſie ja holen. Hier aber lebſt du in Unehr'.“ „Wer ſagt das? Wenn ihr's nicht wäret, Schultheiß, 6 wenn mir das ein Anderer ſagen thät, ich wollt' ihm weiſen; wer kann mir was an meiner Ehr' anhaben?“ 394 „Kein Menſch, drum mach', daß du fortkommſt.“ „Ich kann aber nicht und will nicht.“ „Wenn du kein Geld haſt, ich will machen, daß man dir aus der Gemeindekaſſe Reiſegeld gibt.“ „Gucket, lieber beſtehl' ich den Heiligen; lieber leg' ich meine Hand da auf den Block und hack' mir ſie ſelber ab, eh' ich einen Bettel aus der Gemeindekaſſ' in die Hand nehm'.“ „Du ſteckſt ſchon arg darin, du willſt zehn Kegel ſchieben und ſind doch nur neun aufgeſetzt. Florian, Florian, bedenk', es gibt nicht nur ein Hiſt und Hott, es gibt auch ein'n Weg grad aus. Wenn du nicht viel verlangſt, will ich dir das Reiſegeld geben; ich ſchenk dir's nicht, ich leih dir's nur. An einem jungen Lumpen iſt nur die Hälft' verloren, ſagt man als, nimm mir's nicht übel.“ Florian knirſchte die Zähne über einander und ſagte dann:„Ich hab' euch um nichts angeſprochen und ich thu' jetzt was ich will, es hat mich keiner zu ſchimpfen.“ „Meinetwegen, ich bin fertig, ich hab' dir nichts mehr zu ſagen; wenn dich's aber gereut, darfſt morgen noch einmal zu mir kommen. B'hüt di Gott.“ Er ging weg und ließ Florian ſtehen, der ſich in ſeinem Tiefinnerſten angegriffen fühlte. Ein luſtig Lied pfeifend ging er dann hinab durch das Dorf, einem Jeden in's Antlitz ſchauend, als wollte er ihn fragen, ob er nicht allen Reſpekt vor ihm habe. Creszenz erfuhr nie etwas von der Unterredung mit dem Buchmaier, Florian ſelber ſuchte ſich die Erinnerung aus dem Sinne zu ſchlagen. Florian hilft ſich ſelber. Der Herbſt war gekommen, das jüdiſche Laubhütten⸗ feſt war vorüber, die Hochzeit des Beßle brachte wieder Muſik und Luſtigkeit in das Dorf. ten⸗ eder 395 Auf offener Straße, vor dem Schloſſe, unter einem ausgeſpannten Baldachin wurde die jüdiſche Trauung voll⸗ zogen. Die Bauern, die ſich gern eine müßige Weile gönnten, ſtanden gaffend umher, auch Florian und der Schlunkel waren zu ſehen. Der Letzte zupfte ſeinen ehe⸗ maligen Kameraden am Wamms, ihm zuraunend, er habe ihm etwas Wichtiges zu ſagen; und als die Trauung vorüber war, ſchlich er hinter das Schloß in die offene, dunkle Brunnenſtube. Nach einer Weile folgte ihm Flo⸗ rian, er wußte ſelber nicht warum. Der Schlunkel eilte auf ihn zu, reichte ihm die Hand hin und ſagte: „Schlag ein, heute werden wir reiche Leut.“ Florian reichte willenlos die Hand und fragte: „Wie ſo?“ „Grad ſo,“ erwiederte der Schlunkel, einen Hops machend.„Heut Morgen iſt des Mendle's Meierle vom Vaihinger Markt heimkommen, wo er alle ſeine Gäul' verkauft hat; er muß wenigſtens ſieben bis achthundert Gulden heimbracht haben, ich hab' die Leibgurt geſehen, die war ſo voll wie eine Leberwurſt. Du weißt doch mit Würſten umzugehen? Heut Abend wollen wir die ver⸗ ſchnabeliren. Vor acht Tagen iſt dem Meierle vom Feuergericht ſein Backofen weggeſprochen worden, weil er da im Winkel ſteht; es hat ihn abreißen und das Loch mit Backſteinen zumauern laſſen. Ich hab' ſelber dabei geholfen und hab' einen Backſtein ſo gelegt, daß man ihn leicht heraus⸗ nehmen kann. Huidä! heut Abend, wenn Alles bei der Chasne iſt, ſchlüpfen wir nein und holen uns die Judenwurſt.“ „Ich nicht,“ erwiederte Florian. „Mir auch recht, du kannſt dir vom Gemeinderath Geld geben laſſen, ſie haben dir's ja anbieten laſſen; du kannſt ſchon ſehen, wie weit du mit ſpringſt.“ „Woher weißt du das?“ „Ich hab' ein Vögele, das erzählt mir Alles; Narr, die Spatzen auf dem Dach ſchwätzen ja davon.“ 396 Florian ſtampfte auf den Boden und biß auf ſeinen Schnurrbart. Wenn er das ganze Dorf hätte anzünden können, er hätte es in dieſem Augenblicke gethan. Er ſah ſich von Allen verhöhnt, verlacht, bemitleidet, ſein höch⸗ ſtes Strebeziel, vor Allen in Anſehen dazuſtehen, war ſchrecklich in den Staub geſunken. Nun da er dieß ver⸗ loren, war er zu Allem fähig. Er gedachte nicht im Ent⸗ fernteſten an die Schwere des Verbrechens, in das er ſich einlaſſen wollte, er wollte beutebeladen fortziehen, da er der Ehre beraubt war; wie erwachend ſagte er: „Ich bin dabei, bis wann?“ „So gegen acht, denk ich.“ Florian reichte dem Schlunkel die Hand und ging ſchnell davon. Als er aus der dunkeln Brunnenſtube wieder in das helle Tageslicht kam, taumelte er wie ein Betrunkener; er mußte ſich eine Weile an der Wand halten. Singend und pfeifend ging er den ganzen Tag durch das Dorf, er wagte es aber nicht zur Creszenz zu gehen, er fürchtete ſich vor ihr. Oft war es ihm auch, als ob er ſchon geſtohlen hätte. Er ſah alle Leute darum an, ob ſie ihm ſein Verbrechen anſähen; dann dachte er wieder: es iſt eins, ſie halten doch nichts auf dich.— Dennoch freute er ſich, wenn er ſich wieder beſann, daß die That noch nicht geſchehen ſei. Ein— mal, als er den Buchmaier ſah, war es ihm, als müßte er entfliehen; er ſchämte ſich aber ſeiner Feigheit, wie er es nannte, und ſchwur, die That zu vollbringen. Als es Feierabend geworden war, kamen die Bauern⸗ burſchen und Mädchen auch auf den Tanz und brachten mit⸗ unter Hochzeitsgeſchenke; nach dem gegenſeitigen Herkommen erhielten ſie drei Vortänze. Auch Florian war unter den Angekommenen. Die Braut eilte auf ihn zu und ſagte: „Biſt du auch da? Wo iſt denn die Creszenz? Ich kann mir's denken, daß es ihr nicht recht tänzerig iſt; —— ——„— ſeinen ünden Er ſah höch⸗ war ß ver⸗ Ent⸗ ſich da er ging das urch hen, ätte. chen doch ſich Ein⸗ üßte ie er tern⸗ nit⸗ men Die Ich iſtz 397 mach nur den Ehrlichen an ihr, Florian. Komm', wir wollen zu guter letzt noch einmal mit einander tanzen.“ Florian, der gefeiertſte Tänzer, mußte bald wieder inne halten, ſeine Kniee ſchlotterten; mit ſolchen Gedanken im Herzen, wie er hatte, und mit zerriſſenen Sohlen an den Füßen, tanzt es ſich nicht gut. „Was iſt dir? du haſt doch ſonſt getanzt, wie ein Trenderle?“*) ſagte die Braut,„nun, wir wollens ſein laſſen. Es thut mir wahrhaftig in der Seel' leid, daß ich die Creszenz nicht mehr ſehen kann, wir ſind immer gut Freund geweſen; wir fahren aber ſchon Morgen ganz früh ab. Komm' mit, ich will dir ein Stück Hochzeitkuchen für ſie geben, bring's ihr und ſag' ihr Adjes von mir.“ Florian folgte in die innere Stube, er erhielt dort den Kuchen und ein Glas warmen Wein, das er auf einen Zug leerte; er fühlte wieder neue Kraft durch ſeine Adern ſtrömen. Sobald er konnte, ſchlich er ſich fort, kehrte bald wieder und ging dann nochmals weg. Der Schlunkel harrte ſchon mit einer kleinen Leiter hinter dem Hauſe Meierle's, es war kein Licht darin, Alles war auf der Hochzeit. Schnell war das Mäuerchen eingebrochen und die bei⸗ den ſchlüpften hinein. Sie erbrachen die Küchen- und Stubenthüre und den Schrank, fanden das Geld, mehrere ſilberne Löffel und Becher, und ſteckten es ſchnell zu ſich. Florian war der erſte, der wieder im Hofe war, der Schlunkel zerrte noch an einem Bettſtücke, das durch die kleine Oeffnung nicht heraus wollte. Da kam der Haus⸗ herr die Treppe herauf, er ſah die Stuben⸗ und Küchen⸗ thüre offen, in die Küche tretend, ſah er das ſich bewegende Bett; er zerrte nun innen an demſelben und ſchrie um Hülfe. Der Schlunkel ließ ſchnell los, ſtürzte auf den Boden und brach ein Bein. Florian ſuchte ihn zu retten, aber er hörte Leute, er flüſterte ihm nur noch ſchnell zu? *) Kreiſel. „verrath mich nicht, du kriegſt die Hälft',“ und entſprang ſchnell. Der gefänglich eingezogene Schlunkel beharrte bei ſeiner Ausſage, daß er keinen Mithelfer gehabt. Man hatte in dem Hofe ein Stück von dem Hochzeitkuchen gefunden, die Ausſagen des Gefangenen widerſprachen ſich, indem er anfangs nichts davon wiſſen wollte, ſpäter aber ſich beſann, daß der Kuchen bei den geſtohlenen Sachen gelegen ſei. Niemand wagte zu ahnen, daß Florian bei der Sache betheiligt ſein könnte, auch war er um dieſelbe Zeit beim Tanze geſehen worden. 12 Neue Stiefeln, die gewaltig drücken. Florian gedachte mit dem Gelde zu entfliehen und Creszenz nachkommen zu laſſen, aber ſeine Stiefeln hielten zenz 3 rang einer te in „die ner ann, zache beim und ielten 399 keine Reiſe mehr aus. Er ging daher nach der Stadt und kaufte ſich ein Paar neue. Wie wohl war es nun Florian, nachdem er lange in zerriſſenen Stiefeln umher gegangen, mit niedergekehrtem Blicke jeder kleinen Pfütze ausgewichen war, jetzt wieder einmal aufrecht und trocknen Fußes die ſchlüpfrigſten Straßen zu wandeln; ein unnennbares behagliches Wohlgefühl durch⸗ wärmte ihn, als er ſcharf auftretend heimkehrte. Nicht lange aber ſollte er ſo ſicher auf freiem Fuße einherwandeln. Er hatte zufälligerweiſe einen durchlöcherten Kronthaler bei dem Kaufe ausgegeben, ein ſolcher war von dem Beſtohlenen bezeichnet worden, und gegen Abend kam der Schultheiß mit dem Schützen und einem Landreiter, um Florian zu verhaften. Der Buchmaier willfahrte ihm, daß man ihn hinten durch die Gärten führte. Auf dem Wege beklagte er ſich über ſein Unglück und berheuerte ſeine Unſchuld. Die meiſten Verhafteten, Schuldige, wie Unſchuldige, klagen den Polizeiverordneten ihr Leid und betheuern ihre Schuldloſigkeit. Es iſt ſo natürlich, das Menſchengefühl derer anzurufen, die wie wandelnde Mauern den Gefange⸗ nen unſchließen, bis er ſich zwiſchen feſtſtehenden, den Mauern von Stein, eingeſchloſſen ſieht. Wenn dann der Bedrängte ausgewinſelt hat, lautet gewöhnlich die Ant⸗ wort das wird ſich Alles zeigen, das geht uns nichts an. Mit Schmerz ſieht der Unglückliche, daß er den von fremder Kraft bewegten Stein gefragt: Warum ſchlägſt du mich? daß er das Netz gebeten: Hab Erbarmen und laß mich los. Florian hatte zuerſt im reinen Naturdrange geſprochen, nach und nach ward er darauf aufmerkſam, daß er das Gleiche auch vor dem Richter vorbringen wolle. Er ſprach daher ſehr ausführlich, denn eine Lüge, die man einmal ausgeſprochen, bringt man zum zweitenmale um ſo fertiger und ſicherer vor. Man hatte bei Florian bloß ohngefähr fünfzig Gulden 6 1* 400 an Geld gefunden, er wollte dieß auf dem Horber Markt im Spiele gewonnen haben. Nächſt dem verausgabten durchlöcherten Thaler bildete das im Hofe des Beſtohlenen gefundene Stück Hochzeit⸗ kuchen die Grundlage der Anſchuldigung Florians; meh⸗ rere Mädchen hatten zugeſehen, als die Braut ihm den Leckerbiſſen gab. Florian läugnete Alles, denn:„Läugnen gilt bei Würt⸗ temberg,“ in dieſem allbekannten Satze beſtand ſeine ganze Rechtskunde. Viele Leute im Dorfe, die früher nicht gewagt hätten, etwas Böſes von Florian zu denken, berühmten ſich jetzt, es ſchon vor zehn Jahren geſagt zu haben, daß er ein Nichtsnutz ſei, und wärmten allerlei Jugendſtreiche auf. Florian dachte indeß im Gefängniſſe auf ſeine Flucht. In einer Nacht brach er den Ofen ab und ſchlüpfte durch das Ofenloch hinaus. Auf dieſelbe Weiſe, wie er das Verbrechen begangen, ſollte er gerettet werden. Jetzt ſtand er auf dem Gange, er war verſchloſſen und es war lebensgefährlich, ſo hoch aus dem Fenſter zu ſpringen. Er gewahrte einen Beſen, der an der Wand ſtand. Schnell entſchloſſen öffnete er das Fenſter, drückte den Beſen in die Ecke, wo der Thurm mit dem Nebenhauſe zuſammen⸗ gebaut war, ſchwang ſich auf den Stiel und rutſchte ſo hinab. Der Nachtwächter hatte ihn wohl bemerkt, aber er bekreuzte ſich dreimal und flüchtete die Staffeln hinauf, denn er hatte den leibhaftigen Teufel auf einem Beſen durch die Luft reiten geſehen. Florian war nun frei. Er rannte die Straße hinauf, kroch in ein Gewölbe, das zum Abfluſſe des jenſeitigen Bergwaſſers dient, grub mit den Händen den Boden auf, fand das Geld und eilte damit durch den Wald. Während der Gefangenſchaft Florians war die Mutter der Creszenz geſtorben. Alle Leute beſtürmten nun den Schneiderle, bis er ſeine Tochter wieder in's Haus aufnahm. n, t, in ſ. 401 In derſelben Nacht, als Florian aus dem Gefängniſſe entflohen, erwachte Creszenz in plötzlicher Angſt aus dem Schlafe; ſie hatte geträumt, Florian rufe ſie zum Tanze und ſie konnte doch ihren Strumpf nicht anziehen, ſo ſehr ſie ſich auch abmühte. Weinend ſaß ſie nun in ihrem Bette und ſprach das Gebet für die armen Seelen im Fegfeuer. Es ſchlug vier Uhr, ſie ſtand auf und verrichtete alle Hausgeſchäfte. Als es kaum tagte, ging ſie hinaus in den Wald, um Holz zu ſammeln. Seit ihrem Unglücke war überhaupt ihre Thätigkeit übermäßig, es war, als wollte ſie das müßiggängeriſche Leben Florians einbringen. Sie hatte für alle ihre Arbeiten keinen Dank, und doch war faſt kein leeres Plätzchen mehr im Hauſe, ſo fleißig hatte ſie Holz und Tannzapfen geſammelt. Als ſie nun zum Walde kam, fand ſie am Saum deſ⸗ ſelben einen weißen Knopf, ſie erkannte ihn, daß er von dem Wamſe Florians war, ſie verbarg ihn ſtill in ihrem Buſen; hinausſchauend über die Berge und das Thal, ſagte ſie ſo vor ſich hin:„Mein Kreuz iſt groß, und wenn ich auf den höchſten Berg ſteig' ich kann's nicht überſehen.“ Ohne Holz geſammelt zu haben kehrte ſie wieder heim. Sie weinte und freute ſich als ſie Florians Flucht ver⸗ nahm; ſie weinte, denn ſie wußte nun, daß er ein Verbre⸗ cher war, und ſie freute ſich, daß er nun doch gerettet ſei. 13. Die ärgſten Spießruthen und die Linderung. Florian war indeſſen immer weiter geeilt, und als es Nacht wurde, machte er ſich aus den Zehentgarben auf dem Felde eine Hütte und ſchlief darunter. In einer Schenke hatte er ein Meſſer geſtohlen, dafür aber heimlich zwölf Kreuzer in das Salzfäßchen auf dem Tiſch verſteckt; mit dieſer Waffe machte er ſich nun in einer Schlucht ſeinen Schnurrbart herunter. 26 402 Nichts deſto minder wurde er aber, als er die hadiſche Grenze betreten wollte, verhaftet. Jetzt klagte er dem Land⸗ jäger ſein Unglück nicht mehr, er wehrte ſich mit aller Macht und ſuchte ſich frei zu machen; er ward aber nie⸗ dergeworfen und gefeſſelt. Die Steckbriefe waren angekommen, und nun wurde er von Amt zu Amt den bewaffneten Landjägern übergeben. Stille, ohne ein Wort zu reden, ſchritt er dahin, ſeine rechte Hand und ſein rechter Fuß waren zuſammengefeſſelt; er kam ſich ſelber vor wie ein Thier, das zur Schlachtbank getrieben wird. Als er aber von Sulz kommend aus dem Empfinger Wäldle trat, ſein Heimathsort vor ihm ſtand und er nun merkte, daß er in Feſſeln mitten durch daſſelbe geführt werden ſollte, da warf er ſich vor dem Landjäger auf die Knie und bat ihn weinend, er möchte ihn doch um Gottes Willen hinten am Dorfe vorbei nach der Stadt führen. Der Landjäger aber ſagte:„Nein!“ und Florian ſchlug ſich mit der linken Hand auf die Augen als ob er ſich dieſelben ausſchlagen wollte, damit er ſeine Schmach nicht ſehe; ſeine Rechte klirrte machtlos mit der Kette. Florian, der einſt ſo Vielbewunderte, der ſich freute, daß die Blicke Aller auf ihn gerichtet waren, ſollte nun in ſo traurigem Geleite, mit ſo ſchmählichem Schmucke durch das Dorf wandeln. Jetzt wünſchte er, daß kein Menſch ein Auge für ihn haben möchte. Als er an des rothen Schneiderle's Haus vorbeikam, ſtand Creszenz an der Reisbeige und hackte Holz. Das Beil entfiel ihrer Hand, eine Minute ſtand ſie erſtarrt, dann flog ſie mit ausgebreiteten Armen auf Florian zu und lag an ſeinem Halſe; der Landjäger machte ſie ſanft los.„Ich geh' neben dir durch das Dorf,“ ſagte Creszenz ohne zu weinen;„du ſollſt dich nicht allein ſchämen. Thut dir das Eiſen weh? Gräm' dich nur nicht zu arg.“ Florian konnte nicht reden, er winkte nur mit der linken Hand der Creszenz, ſie ſolle umkehren; ſie aber ging nebenher als wär ſie mit unſichtbarer Kette an Florian che nd⸗ ler ie⸗ en. ine nk er ing ian 403 gebunden. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht durch das Dorf. Am Adler ſtand Kaſper und Bärbele vor dem Hauſe, jener hielt eine Halbe Bier in der Hand und brachte es dem Florian zum Trinken. Der Landjäger duldete das nicht. Florian bat nur, man ſolle die Cres⸗ zenz zurückhalten und Bärbele ließ nicht nach, bis ſie bei ihm blieb. Alles weinte. Weiter ging es nun allein durch die wohlbekannten Gaſſen. Der Schmiedjörgli, der des kalten Wetters wegen nicht mehr vor ſeinem Hauſe ſaß, ſah zum Fenſter heraus und lupfte vor Verlegenheit ſeine Zipfelkappe. An des Schloß⸗ bauern Haus ſtand der Franzoſenſimpel und ſagte auf ſeine Oberlippe deutend: Mus à loin ringo. Unwillkürlich zuckte ein ſchmerzliches Lächeln in den Mienen Florians. 26* 404 Als nun endlich das letzte Haus hinter ihm war, gelobte er ſich, nie mehr in ſeinen Heimathsort zurückzukehren.— Die Gefangenſchaft Florians war nun ſchwerer, er ſaß wohl wieder auf demſelben Thurme am Neckarthore, aber in der beßtvermauerten Zelle. Oft lugte er durch das Gitter hinaus, wenn er aber einen Nordſtetter bemerkte, prallte er wie von einer Kugel getroffen zurück. Nach und nach ließ der Schmerz über ſein Loos in Florian nach und er ſuchte ſich allerlei Kurzweil zu machen. Er ſtellte ſich einen Strohhalm auf die Stirne und ging eine Weile umher, dann legte er nach und nach mehrere Halme darauf, bis er eine vollſtändige Hütte aufbauen und wieder abbrechen konnte. Er lernte mit vieler Mühe, ſich an den Eiſenſtäben ſenkrecht in die Luft zu halten, er lernte ſogar ſeine beiden Kniee über den Nacken zu legen. Eines Tages, als Florian durch das Gitter hinausſah, bemerkte er Creszenz, die nach der Stadt ging; heiße Thränen fielen auf die Eiſenſtäbe, er konnte ſie nicht ſprechen, ihr kaum ein Zeichen geben. Als es Nacht geworden war, hörte er mehrmals vor dem Fenſter huſten, er erkannte Creszenz und antwortete mit gleichem Zeichen. Creszenz flocht das rothe Band, das ſie am Hammel⸗ tanze mit ihm gewonnen, aus ihren Haaren, knüpfte ein Steinchen und einen Brief hinein und warf das flatternde Band zu Florian hinauf, der es geſchickt faßte, dann ging ſie eilig davon. Aus der Ferne aber vernahm Florian den Endreim des Liedes: Das Feuer kann man löſchen, Die Liebe nicht vergeſſen, Das Feuer brennt ſo ſehr, Die Liebe noch viel mehr. Die ganze Nacht konnte Florian kein Auge zuthun, er hatte Nachricht von ſeiner Creszenz in der Hand und konnte ſie doch nicht leſen. obte ſß bet ber igel en. ing ere ind ſich er en. ah, iße cht or ete ein de en 405 Beim erſten Morgenſtrahle ſtand er am Gitter und las: „Ich weiß nicht, ob der Brief in deine Hand kommt und unterſchreib' mich deßwegen nicht. Ich bin in der Stadt geweſen und hab' mir meinen Heimathſchein geholt, das Beßle hat mir im Elſaß einen Dienſt verſchafft; ich geh' übermorgen fort. Ich hab mir auch ein langes Kleid machen laſſen. Mein' Mutter iſt geſtorben und mein Vater heirathet das Näher Walpurgle. Ich brauch' dir nicht zu ſagen, daß ich nie von dir laſſ und wenn du auch weiß nicht was gethan hättſt. Wenn du auch einmal ſchlecht geweſen biſt, du biſt doch nicht ſchlecht, das weiß ich. Sei nur fromm und geduldig und trag' dein Schickſal, unſer Herrgott iſt mein Zeug', ich thät dir's gern abnehmen. Ich hab' mir auch von deinem Vater dein Meſſer geben laſſen, das du immer ſo gern gehabt haſt, ich hoff', wills Gott, dich noch einmal in Ehren mit ſchaffen zu ſehen; gib nur du auch die Hoff⸗ nung nicht auf, denn ſonſt iſt man ganz verloren. Mach' dir keine unnöthige Vorwürf' über das, was du gethan haſt, das nutzt jetzt nichts mehr, und ſei brav. Von dem erſten Lohn, den ich krieg', löſ' ich mir wieder deinen Ring und meinen Anhenker aus. O! ich hätte dir noch ſo viel zu ſagen, zehn Schreiber konnten's nicht ſchreiben. Ich will ſchließen und verbleibe deine Getreue bis in den Tod.“ Florian fühlte ein nie gekanntes Entzücken, er konnte ſelig weinen, er ſah erſt jetzt recht, was er an der Cres⸗ zenz beſaß, und in allem dem freute er ſich auch wieder, daß ihm ſein Meſſer erhalten war. 14. Ein elendes und ein luſtiges Leben. Auf ſechs Jahre kam Florian in das Zuchthaus. Er war faſt froh als man ihm die Sammtjacke auszog und die graue Sträflingsjacke dafür gab, dadurch wurde doch 406 auch ſein Lieblingsgewand geſchont; er wollte einſt wieder⸗ um in demſelben vor Creszenz erſcheinen. Ueberhaupt kam es Florian vor, als ob er nur acht Tage hier zu bleiben habe. Sein Herz war ſo voll froher zuverſichtlicher Hoffnung, ſo daß er über die Jahre wie über eine kurze Spanne Zeit wegſah. Man mag ſagen was man will, es iſt und bleibt doch wahr! in Dingen, die weder die Minderung der Steuern noch der Beamtenmacht betreffen, ſind ſehr viele Regierungen in der That auf das Wohl ihrer Unterthanen bedacht; darum ſind auch die Zuchthäuſer in unſeren Tagen meiſt ganz gut beſtellt; darum, wer nur einmal eine Zeit lang ins Zuchthaus gekommen iſt, kann ganz ruhig ſein, für ihn iſt geſorgt. Schade, daß nicht alle Staatsangehörigen, die Beam⸗ ten ausgenommen, Sträflinge ſind, wie mild und vor⸗ ſorglich erſchienen da viele jetzige Regierungen! Dennoch fühlte Florian bald die Länge der Zeit. Er lernte das Bürſtenbinderhandwerk, und nachdem endlich und endlich ſeine Strafzeit um war, eilte er zu Creszenz. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Creszenz hatte ſich etwas Geld erſpart, und nun zogen die Beiden als Bürſtenverkäufer im Land umher. Bald aber ward Florian dieſes Lebens überdrüſſig. Sein Lebenswandel zog wie⸗ derum das Aufſehen Aller an ſich, denn er beſuchte als Seiltänzer und Kunſtſtückmacher Meſſen, Märkte und Kirchweihen. Beſonders geſchickt war er in dem Säbel⸗ ſpiel, da er drei Säbel im Kreiſe um ſich herwarf und ſie immer wieder am Griffe auffing, er hatte ja dieß ſchon frühe beim Wurſthäckeln geübt.— Creszenz hielt ſtets getreulich an ihm, und als er einſt vom Seile fiel und ein Bein brach, wartete ſie ihn mit der liebendſten Sorgfalt. Nun zog Florian mit einem Würfeltiſche auf den Märkten und Kirchweihen benachbarter deutſcher Länder umher, denn in ſein Heimathland mochte er nicht, auch war dort das öffentliche Würfelſpiel verboten worden. Deutſchland hat das beſondere Glück, daß was in —— 407 dem einen Lande verboten, in dem andern erlaubt iſt; das iſt ja das glückliche Ergebniß der vielerlei Regierungen, daß ſie auch vielerlei anordnen können. Was wollte Florian anfangen, wenn Deutſchland nicht dieſes hohen Vorzugs genöſſe? Das, womit ſein Unglück begonnen hatte, war nun ſein Gewerbe. Wenn ihn ein ſolcher Gedanke überfiel, rief er lauter und ſchärfer, als wollte er ſich ſelbſt zum Spiele auffordern; ſein bischen Franzöſiſch kam ihm dabei ſehr zu ſtatten, denn das hat immer etwas Lockenderes und Vornehmeres für viele Leute. Dann rief er: „Messieurs faites votre jeu, immer ran immer'ran! ſpielen Sie hier meine Herren Messieurs. Acht Kreuzer für einen Kreuzer, ein Kreuzer hat acht Junge. La forlune, la fortune, la fortune. Ein Kreuzer iſt gar kein Geld, aus nichts hat Gott die Welt erſchaffen, aus gar kein Geld wird Geld. Immer r'an, Messieurs faites votre jeu.“ Oft, wenn Florian an den Kirchweihen Abends beim Tanze allerlei Kunſtſtücke machte und er dann die Burſchen ſo fröhlich tanzen und jubeln ſah, fuhr es ihm wie zwei⸗ ſchneidige Schwerter durch die Seele: ſo war er einſt geweſen, er ſelber war der flotteſte Burſche und jetzt nichts 408 als ein verachteter Spaßmacher für Andere. Wenn er auf ſolche Gedanken kam, machte er immer um ſo tollere Späße und überredete ſich eine Zeit lang, er mache ſie zu ſeinem eigenen Vergnügen. Von vier Kindern, die Creszenz geboren, waren nur zwei am Leben geblieben, der älteſte Knabe und ein kleines Töchterchen; nie duldete Florian, daß eines derſelben ſeine Späße oder ſein Gewerbe mit anſah. Sie mußten immer den Tag über bei den Habſeligkeiten in einer Scheune oder in einer Bauernſtube bleiben. Creszenz wagte einſt den Vorſchlag zu machen, daß ſie um der Kinder willen nach Hauſe zurückkehren und ſich dort als Taglöhner ernähren wollten. „Red' mir nicht da davon,“ erwiederte Florian zähne⸗ knirſchend,„keine zehn Gäul' bringen mich die Horber Steig'nauf. Ich hab' daheim meine Ehr' verloren und nie— nie ſeh' ich mehr den Nordſtetter Kirchthurm.“ 45. Ein verlorenes Kind und ein wiedergefundener Vater. Zu Braunsbach am Kocher, gerade gegenüber von des Märrle's Haus, ſteht eine Linde, dorthin ſah man an einem Sommernachmittage eine wandernde Familie ziehen. Der Vater, ein kräftiger Mann mit einem blauen Ueber⸗ hemde und einem vielfach eingedrückten grauen Hute, zog an einem Karren, auf dem eine Scheerenſchleiferbank und einiges Hausgeräthe lag. Ein brauner magerer Hund von mittlerer Größe war neben ihm angeſpannt. Die Frau half ebenfalls den Karren den Berg hinaufſchieben. Die zwei Kinder folgten hinterdrein und trugen zuſammen⸗ geleſenes Holz in ihren Armen. Als man endlich unter der Linde angelangt war, zog der Mann die um ſeinen Oberleib geſchlungene Gurte ab, warf den Hut auf den Boden, fuhr ſich mit der Hand über die ſchweißtriefende Stirne und ſetzte ſich, mit dem Rücken gegen die Linde gelehnt, auf den Boden. Wir erkennen ihn, trotzdem er ner lere e ſie nur eines ſeine umer eune daß und ne⸗ rber und des an e⸗ 30g nd ind Die en⸗ ter len den nde nde er 409 ſich gewaltig verändert hat, es iſt Florian mit ſeiner Familie. Der Hund hatte ſich neben ihm niedergelaſſen, den Kopf auf beide Vorderfüße gelegt, der Knabe ſtreichelte ihn. „Laß jetzt den Schlunkel, Friederle,“ ſagte Florian, „mach', hilf deiner Mutter.“ Der Knabe ging ſchnell zu ſeiner Mutter, er wußte, der Vater war böſe, da er den Hund Schlunkel nannte; denn Florian kam immer, wenn er übler Laune war, zu dieſer Selbſtpeinigung, daß er den neben ihm im Joche Eingeſpannten mit dem Namen deſſen benannte, der ihn in's Unglück geſtürzt hatte. Die Mutter hatte indeß den Dreifuß und den Keſſel vom Wagen genommen, mit dem mitgebrachten Holze Feuer angemacht und Waſſer übergeſtellt. „Gang, ſieh daß du Grundbirnen kriegſt,“ ſagte ſie zu Friederle. Dieſer nahm einen Topf und ging auf das weiter oben ſtehende Haus mit dem roth angeſtrichenen Gebälke zu. Ein bejahrter Mann ſah gähnend zum Fenſter heraus. „Wollet ihr nicht ſo gut ſein,“ bat Friederle,„und uns Grundbirnen ſchenken? dur*) Gott's Willo.“ „Woher biſt?“ fragte der Mann, der ziemlich ſatt ſchien. „Mein Vater ſagt allemal, von dem Land, wo die Leut' auch hungrig ſind.“ „Iſt der da drunten dein Vater?“ „Ja, machet aber nicht ſo lang, wenn ihr mir was geben wollet; unſer Holz verbrennt ſonſt.“ Der Mann kam herab und öffnete die Thüre, die Nachbarn wunderten ſich gar ſehr, daß der Petermichel einem Bettelkinde ſein Haus öffnete. Friederle kam aber alsbald wieder heraus mit dem Topf voll Kartoffeln und etwas Butterſchmalz in einem Schüſſelchen. Nun wurde ſtatt bloßer Kartoffeln ein Brei gemacht, und nachdem Alles gegeſſen hatte bekam der Hund das Geſchirr, um das Uebriggelaſſene aufzulecken. *) Durch. 410 Florian erhob ſich und ging durch das Dorf mit dem ſteten Rufe:„Scherrrre ſchleife aus Parrrrris!“ Friederle aber ging von Haus zu Haus um Arbeit zu holen, er verſprach den beſten Pariſer Schliff. In der That war auch Florian ein Meiſter in ſeinem neuen Geſchäfte. Den ganzen Nachmittag ſtand der Petermichel bei der Scheerenſchleiferfamilie. Er ſah dem gewandten Manne, der ſo ſchöne Stückchen pfiff, gerne zu, und unterhielt ſich auch mit der Frau und den Kindern. Als es Abend wurde, bot er ihnen ſogar an, vaß ſie in ſeiner Scheune übernachten könnten. Im ganzen Dorfe ſagte man:„das jüngſte Gericht kommt, der geizig' Petermichel iſt brav geworden.“ Und doch wußten die Leut' noch nicht Alles. Petermichel ſetzte ſich nämlich zu den Leuten in die Scheune und ſagte:„Gebet mir euren Buben da, er ſoll's gut bei mir haben. Wie meinet ihr?“ Die Eltern ſahen einander an und antworteten nicht, er aber fuhr fort: „ſchlafet einmal drüber, ihr könnet euch bis morgen drauf beſinnen.“ Florian und Creszenz ſprachen viel hin und her in der Nacht und kamen doch zu keinem rechten Entſchluſſe. Die Mutter wollte, ſo wehe es ihr auch that, doch das Kind weggeben, damit es was Rechtes vor ſich ſehe, ordentlich in die Schule gehen und was lernen könne. Florian antwortete wenig und betrachtete ſein Kind, das vom Monde überſchienen ſorglos ſchlief und gar lieb— lich anzuſehen war. „Der wird ein Hauptkerl,“ ſagte er zuletzt, legte ſich auf die andere Seite und ſchlief ebenfalls. Es mag vielleicht wunderbar erſcheinen, daß Peter⸗ michel, der für ſo geizig gilt, auf einmal ſo gut wird, daß er ein Landſtreicher⸗Kind annehmen will; es war indeß nicht Alles pure Güte an dem Petermichel. Er war allein und kinderlos, hatte ſeine Aecker verpachtet und lebte von ſeinem Gelde. Nun hatten ihn aber die Kinder ſeines Bruders, ſeine einzigen Erben, beleidigt, und er wollte ihnen durch die Annahme eines fremden Kindes dem etle war der nne, ſich end me s tav me ut en uf r⸗ d, ar Fr es 411 eine Brille auf die Naſe ſetzen; außerdem hatte er eine unerklärliche Zuneigung zu dem muntern Knaben mit den friſchen blauen Augen bekommen. Kaum war der Tag angebrochen, da ſtand Petermichel oben auf der Scheune und ſchaute hinab, ob die Fremden wach ſeien. Er rief dann: „Höret Mann, kommet mit eurem Weib ein bisle rauf in mein' Stube, wir wollen jetzt mit einander reden.“ Florian und Creszenz kamen. „Nun wie iſt's? Habt ihr euch entſchloſſen?“ fragte Michel. „Ja,“ ſagte Florian,„ich wills deutſch herausſagen, wir thäten den Buben gern weggeben, heißt das, weil er bei euch gut aufgehoben wär und auch was lernen könnt', aber es geht nicht— gelt Creszenz es geht nicht.“ „Ja warum denn?“ „Weil uns der Bub in unſerm Geſchäft ſo nützlich iſt, und wir müſſen doch auch leben und unſer Mädle auch.“ „Hört einmal,“ ſagte Petermichel,„ich will euch zeigen, daß ichs gut mein' ich geb euch hundert Gulden, es iſt nicht für den Buben, es iſt damit ihr ein anderes Ge⸗ ſchäft anfangen könnet, ein Geſchirrhandel oder ſo was; hundert Gulden iſt ein Wort. Nun wie iſt's?“ Die beiden Eltern ſahen einander betrübt an. „Schwätz du, ich ſag' gar nichts; was du thuſt Cres⸗ zenz iſt mir recht,“ ſagte Florian. „Ja, der Bub wird halt nicht wollen, er iſt ſo an uns gewöhnt. Ihr meinet's gut, das iſt kein' Frag', aber der Bub kann doch vor Jammer und Heimweh ſterben.“ „Ich frag' ihn,“ ſagte Petermichel, ließ die verblüfften Eltern ſtehen und ging eilends hinab zu dem Kinde. Ohne ein Wort zu reden blieben Florian und Cres⸗ zenz bei einander, ſie bangten vor jeder Antwort. Da kam Petermichel mit dem Knaben an der Hand, er winkte den Eltern mit den Augen zu und Friederle rief: „Ja, ich bleib' da bei unſerm Vetter, er gibt mir ein Geißel und ein Hottogäule.“ 412 Creszenz weinte, Florian aber ſagte: „Nun ſo wollen wir fort, was einmal ſein muß, muß ſchnell ſein. Er ging hinab, packte die Sachen zuſammen und ſpannte den Hund an. Der Petermichel brachte ihm das Geld. Als Alles zur Abreiſe bereit war, küßte Creszenz noch⸗ mals weinend ihren Sohn und ſagte:„ſei brav und folg' dem Vetter, geh' fleißig in die Schul'; kann ſein bis den Winter kommen wir wieder.“ Florian kehrte ſich ab, als ſein Sohn ſeine Hand nahm und zog ſcharf an, Friederle aber umhalſte noch einmal den Hund und nahm zuletzt noch von ihm Abſchied. Bis nach Kocherſteinsfeld waren die beiden Eltern mit einander gegangen ohne ein Wort zu reden, ein jedes machte ſich und dem andern Vorwürfe, daß es nicht mehr abgeredet und das Kind ſo leicht weggegeben habe. Hier wurde nun Halt gemacht und Florian ließ ſich zur Auf⸗ heiterung einen Schoppen Wein bringen. Nachdem er getrunken, ſchob er Creszenz das Glas hin und ſagte: „trink auch.“ Sie ſetzte das Glas an den Mund, ſtellte es aber laut aufweinend nieder und ſagte:„Ich kann nicht trinken, es iſt mir grad wie wenn ich das Blut von meinem Friederle trinken müßt'!“ „Laß jetzt das Weibergeheul, hätt'ſt das früher geſagt. Wir wollen einmal drüber ſchlafen, bis morgen wird's anders ſein.“ Gleich als wollten ſie ſich ſchnell recht weit von Frie⸗ derle entfernen, eilten ſie nun ohne anzuhalten bis Kün⸗ zelsau. Unterwegs wurde ausgemacht, was man mit dem Gelde anfangen wollte; der Rath Petermichels ward zum Beſchluß erhoben. Andern Tages zog man weiter gen Oehringen, plötz⸗ lich aber hielt Florian an und ſagte: „Was meinſt Creszenz, wenn wir wieder umkehren thäten und den Friederle holen?“ „Ja, ja, ja, komm.“ Schnell war der Karren gewendet und der Hund ſprang nuß, 413 an Florian hinauf, als wüßte er, wohin es wieder ginge. Nun aber ſagte Ereszenz: „Ach Jeſus im ſiebenten Himmel. Er wird ihn uns nimmehr geben, es fehlt ein ganzer Gulden an dem Geld; das Nachtlager— und ich hab' dem Lisbethle ein Kleidle gekauft.“ „Weiber! Weiber mit eurem Putz!“ knirſchte Florian, „nun, wir wollens einmal probiren, fort, zurück, ich hol' meinen Friederle.“ Der Hund bellte vor Freude. Wieder war Mittag als unſere Karawane bei der Linde anlangte. Friederle ſprang ihnen entgegen und rief:„Iſt ſchon Winter?“ Die Mutter ging hinauf zu Petermichel, legte das Geld auf den Tiſch, bat um Verzeihung, daß ein Gulden fehle und verlangte ihr Kind wieder. Der Pfarrer ſaß eben bei Petermichel und hatte es faſt dahin gebracht, daß er ſich mit ſeinen Bruderskindern ausſöhnte und dem angenommenen Kinde nur einen kleinen Theil ſeiner Habe verſchreiben wollte. Als er nun die Frau anſichtig wurde, ſtand er plötz⸗ lich auf und ſtreckte beide Hände empor, er wußte nicht wie ihm war, aber ihm war ganz fremd zu Muthe. Er ſuchte die Frau zu bereden, ihr Kind doch hier zu laſſen, und als er nun auf ihre Stimme aufmerkte, war es ihm als ob er einen Klang aus alter Zeit vernehme. Petermichel hatte unterdeſſen den Florian heraufge⸗ rufen. Als dieſer eintrat und den Pfarrer erblickte, eilte er auf ihn zu, packte ihn an der Gurgel und rief:„Kerl! ich bin froh, daß ich dich wieder hab.“ Creszenz und Petermichel wehrten ab, der Pfarrer bat mit ſtockender Stimme den letzteren, daß er weggehe, er habe mit den Leuten was zu reden. Petermichel ging. „Heißt du Creszenz?“ fragte der Pfarrer die Frau. „Ja.“ „Mein Kind, mein Kind!“ ſprach der Pfarrer mit erſtickter Stimme und warf ſich an ihren Hals. Eine Zeit lang war Stille in der Stube, die Männer und die Frau weinten. Der Pfarrer fuhr Creszenz im⸗ mer mit der Hand über das Geſicht, dann ließ er die beiden ſchwören, daß ſie nie ſagen wollten, in welchem Verhältniſſe ſie zu ihm ſtünden; er wollte für ſie ſorgen, ihnen ein Hausweſen einrichten. Creszenz ſollte nur ſeiner Schweſter Kind ſein. So blieben nun die Landſtreicher im Dorfe. Florian handhabt mit großem Fleiß ſein ihm treugebliebenes Meſſer. Die Frau des evangeliſchen Pfarrers, eine tugend⸗ ſtolze Pietiſtin, will zwar herausgebracht haben, Creszenz ſei die Tochter und nicht das Schweſterkind des Pfarrers, die Leute aber wollen's nicht glauben. Der Hund, ein guter Metzgerhund, heißt nicht mehr Schlunkel, ſondern führt ſeinen ehrlichen Namen Bleß. Alle trüben Erinnerungen an die Vergangenheit ſind aus⸗ gelöſcht. M S IX. Der Lauterbacher. ner im⸗ die em en, ner ian ſer. nd⸗ en ers, ehr leß. us⸗ * Die Glocke läutete hell, ihre Töne zerfloſſen ſanft in dem lichten Mittag, die Menſchen kehrten von ihrer Arbeit heim. Die Männer gingen mit der Mütze in der Hand von den Feldern auf die Straße, die Stimme Gottes hatte ſie gerufen, das harte Feldgeräthe aus der Hand zu legen, heimzukehren und ſich zu ſtärken am Gebete und an irdi⸗ ſcher Speiſe. Ein junger, ſchlank gewachſener Mann war die Straße von der Stadt heraufgekommen. Er war ſtädtiſch gekleidet und trug einen braun marmorirten Ziegen⸗ hainer Stock, in den viele Namen eingeſchnitten waren, in der Hand. Als er nun das Dorf ſo vor ſich ausgebreitet ſah, blieb er ſtehen, horchte hin nach dem Geläute und ſchaute umher in den Wald der blühenden Obſtbäume, die das Dorf umdrängten. Er grüßte die Leute, die vom Felde herüber kamen, mit einer beſondern Freundlichkeit, ja, als ob er ſie kenne. Die Leute rankten herzlich und ſchauten ſich Alle nochmals nach ihm um, ſie meinten, das müſſe einer aus dem Dorfe ſein, der aus der Fremde heimkehre; er hatte ſie ja ſo durchdringend angeſchaut, und doch kannten ſie ihn nicht. Als die letzten Töne der Glocke verklungen waren, als Alles auf dem Felde ſtille, kein Menſch mehr zu ſehen war und nur die Lerchen hoch in der Luft jubelten, da ſetzte ſich der Fremdling an den Wegrain, ſchaute noch lange hinüber nach dem Dorfe, zog endlich eine Brieftaſche her⸗ aus und oft wieder um ſich blickend ſchrieb er hinein: 27 418 „Griechen und Römer! Wie hoch ſchallten eure Triumphe, wie ſchmetterten eure Kriegstrompeten aber nur das Chriſten⸗ thum grub das Erz aus den dunkeln Schachten der Erde, ließ es hoch in den Lüften ſchweben und weithin ſeinen Klang ausgießen, zur Anbetung, zur Freude und zur Trauer. Wie herrlich mögen die Harfen und Pauken im Tempel zu Jeruſalem geklungen haben; aber nicht mehr Ein Tempel ſteht auf der Erde, Tauſende hieß das Chriſtenthum erſtehen aller Orten.... Mir war's vorhin; als ob die Glocken erſchallten zu dieſem meinem Einzuge in meinen neuen Beſtimmungsort, als ob die Stimme Gottes mir Will⸗ kommen zuriefe. Wohl ſaht ihr euch verwundert nach mir um, ihr guten Menſchen, ihr wußtet nicht, was wir einander werden ſollen. O! könnt' ich die Seelen dieſer Menſchen ganz in meine Gewalt bekommen, ich wollte ſie frei machen von ihrem trägen Aberwitze und ſie koſten laſſen die reinen Freuden des Geiſtes.— Da wandeln ſie aber hin, und gleich dem Thiere, das vor ihnen hergeht, ſehnen ſie ſich nach nichts als nach dem Futter für ihren Mund... Das alſo iſt der Ort, wo mein neues Leben beginnt, dieſe Schluchten und Ackerflächen, mit welchen Gedanken wird mein Auge auf ihnen weilen! O! die Erde iſt überall ſchön und freudeſpendend, wo es Blumen gibt. Und wenn die Menſchen mich nicht verſtehen, verſtehſt du mich doch, o ewige Natur, und lächelſt mir freundlich zu, wenn ich deinen ſtillen Offenbarungen lauſche.... Da ſtehen die Bäume in ihrer Blüthenpracht und drinnen im Dorfe hör' ich das Jauchzen der Kinder, in deren Herzen ich den Lichtſtrahl der Bildung werfen ſoll... Der Schreibende hielt inne, ſeinen Stock betrachtend, ſagte er leiſe vor ſich hin:„Nach allen Gauen hin ſeid ihr zerſtreut ihr Genoſſen meiner Jugend, nichts als eure Namen hier ſind mir geblieben, und mit ihnen betrete ich die Schwelle meines neuen Lebens, ihr Alle begleitet mich im Geiſte. Ich ſende euch einen Herzensgruß hinaus in den Frühling, möge er euch wiedertönen aus dem Munde der Vögel in den Lüften und eure Seele erquicken!“ mphe, riſten⸗ Erde, ſeinen rauer. empel empel ſtehen locken neuen Will⸗ nach wir dieſer te ſie koſten ln ſie rgeht, ihren Leben chen Erde gibt. ſt du h zu, Da nim etzen tend, ſeid eure e ich mich 1s in unde „ 419 Raſch ſtand er auf und ſchritt in das Dorf. Wir wiſſen nun, daß wir den neuen Schullehrer in dem jungen Manne kennen gelernt. Er fragte nach dem Schultheiß, man wies ihn in das Haus des Buchmaiers. Der Buchmaier ſaß mit ſeinem zahlreichen Hausgeſinde bei Tiſche, als der Fremde eintrat. Nach herzlichem Will⸗ komm wurde er eingeladen ſich zu Tiſche zu ſetzen, der Lehrer dankte. „Ei was?“ ſagte der Buchmaier, der ſich alsbald wieder geſetzt hatte, da er ſich beim Eſſen durchaus nicht ſtören ließ,„rucket ein bisle zuſammen, ihr da. Hurtig, Agnes, hol' einen Teller. Da ſetzet Euch her, Herr Lehrer. Bei uns geht's nicht wie bei den Horbern, die ſagen immer: wäret Ihr bälder kommen; wer bei uns zur Eſſens⸗ zeit kommt, muß mithalten. Wo Ihr jetzt hinkommt, kriegt Ihr doch nichts mehr, und da iſt gekocht; Ihr müſſet halt fürlieb nehmen mit dem, was da iſt. Ihr kommet grad' zu einem rechten Schwarzwäldereſſen, gerührte Knöpfle und Hutzeln.“ Agnes hatte einen Teller gebracht, und der Lehrer, um nicht grob zu erſcheinen, ſich zu Tiſche geſetzt. „Da, mein' Agnes,“ ſagte der Buchmaier, nachdem er einen gehauften Teller voll herausgeſchöpft,„die krieget Ihr in die Sonntagsſchul.“ „O, Sie werden wenig mehr zu lernen haben,“ ſagte der Lehrer, um doch etwas vorzubringen. Das Mädchen heftete den Blick ſcheu auf den Teller. „Wie! Agnes, red' auch, du haſt ja ſonſt dein Maul bei dir, ſag', kannſt du Alles?“ „Jo, mit deam Leaſe do käm' ich ſchaun no furt, herrentgege mit em Schreiba, do will's halt nimmei reacht gaun, d'Fingere weant vam härt, wemmer d'gahnz Woch ſo ſchaffe muaß.“ All die Schönheit des Mädchens verſchwand plötzlich vor den Augen des Lehrers, da er dieſe harte, in groben Lauten vorgebrachte Rede hörte. Nachdem abgeſpeist und gebetet war, ſtellte ſich einer 27* 420 der Knechte, der bei Tiſche nicht weit vom Buchmaier geſeſſen hatte, vor ſeinen Herrn hin, und indem er ſein Meſſer einſteckte, ſagte er: „J will gaun mit de Gäul' naun alloan naus?“ „Ja, ich komm' bald nach. Nimm einen Buben mit, der dir den Fuchs führt, der will ſich nicht recht ein⸗ gewöhnen.“ „Schätz' wol, i krieg ihn ſchaun zrreacht,“ ſagte der Knecht und ging mit ſchweren Schritten von dannen. Der Lehrer ſchüttelte den Kopf. Agnes deckte ſchnell ab, denn ſie eilte, um in der Küche ihre Bemerkungen über den Ankömmling mit den Mägden auszutauſchen. „Ein nett's Bürſchle,“ ſagte die Legat, die älteſte Magd und Vertraute der Agnes,„er hat dich anguckt, ich hab' nicht recht gewußt, will er dir ein Tätzle oder ein Schmützle geben. Was meinſt, wär' das nicht ein Mann für dich? Er iſt noch ledig.“ „Lieber mocht' ich ledig bleihen, bis die Kuh einen Batzen gilt, eh' ich den nähm'.“ „Haſt recht,“ ſagte eine andere Magd,„der thät dich auch mit zwei Händ' in's Maul ſtecken; haſt nicht geſehen, der hat ja das Meſſer in die recht' und die Gabel in die link' Hand genommen und mit zwei Händ' geſſen, das hat man ſein Lebtag von keinem ehrlichen Menſchen geſehen.“ „Ja,“ ſagte eine dritte,„der iſt auch noch nicht über ſeines Vaters Miſte'nauskommen, der hat ja die Knöpfle mit dem Meſſer verſchnitten, ſtatt daß man's verreißt; da ſind ſie ganz talkig worden. O du Talk! geſchieht dir recht, daß du haſt ſo dran würgen müſſen.“ Während draußen beim Spülen die Mädchen den Lehrer auch nicht ungewaſchen ließen, nicht ſowohl aus Bosheit, als weil man einmal ſo begonnen hatte, war drinnen in der Stube die Unterredung des Buchmaiers auch keine ſehr erfreuliche. „Der Sprach' nach,“ begann er,„ſcheinet Ihr aus dem Unterland gebürtig.“ — — chmaier et ſein 37 en nit, cht ein⸗ gte der . Det Küche Mägden eMagd ch hab' hmütle r dich? einen ät dich ſehen, in die as hat ſehen.“ t über ſnöpfte ißt; da ht dir Lehret oöheit, nen in ne ſehr us dem 42¹ „Eigentlich nicht, ich bin aus dem Taubergrund.“ „Nu, wir nehmen das nicht ſo genau, was halt unter Böblingen iſt, heißen wir das Unterland; wie heißt denn der Ort?“ Der Lehrer ſtockte ein wenig, legte beide Hände auf die Bruſt und ſagte endlich, ſich verbeugend:„Lauterbach.“ Der Buchmaier ſtieß ein ſchallendes Gelächter aus, der Lehrer ſah ernſt drein; endlich ſagte Erſterer: „Nichts für ungut, Lauterbach weiß ja jed' Kind, das iſt jn in dem Lied. Warum habt Ihr denn nicht recht mit raus wollen? Das iſt ja kein' Schand. Nu Ihr konnet mir jetzt g'wiß die Wahrheit ſagen, warum iſt jetzt grad' Lauterbach in dem Lied? „Wer kann das wiſſen? es hat wahrſcheinlich gar keinen Grund, ſolche dumme Lieder werden von einfältigen Menſchen gemacht, die dieſen und jenen Ort nehmen, weil er ihnen gerade in das Metrum, ich wollte ſagen, in das Versmaß paßt.“ „Ei, das Lied iſt gar nicht ſo dumm und es hat ein⸗ recht luſtige Weiſung, ich hor's rechtſchaffen gern ſingen.“ „Sie erlauben, daß ich entgegengeſetzter Anſicht bin.“ „Was iſt da viel zu erlauben? wenn ich's auch nicht erlauben thät, wäret Ihr's doch, nur frei heraus und ſaget mir einmal: warum?“ „Ich meine: welcher Gedanke, ja nur welcher Sinn liegt in dem Lied: 3 Zu Lauterbach hab' ich mein' Strumpf verloren, Ohne Strumpf geh' ich nicht heim, Jetzt geh' ich halt wieder gen Lauterbach, Kauf mir ein' Strumpf zu mein eim. „Das iſt nichts als barer Unſinn, und das nennen Sie luſtig? Wie kann ein Lied luſtig ſein, wenn gar kein Gedanke darin iſt? Iſt die Gedankenloſigkeit Luſtigkeit?“ „Ja, es mag jetzt ſein, wie es will, luſtig iſt es doch; es paßt halt ſo grad, wenn man“— der Buchmaier konnte ſich hier nicht mehr recht ausdrücken, er ſchnalzte 422 nur mit den beiden Händen, dann fuhr er fort:„ich will ſagen, wenn man ſo recht darüber'naus iſt.“ „Wir haben hier Einen, den Jörgli, von dem müſſet Ihr's einmal hören, dann ſaget Ihr auch: es gibt nichts Luſtigeres. Ein Spaßvogel hat mir einmal berichtet, es müſſ' nicht„Strumpf“, es müſſ'„Schuh“ heißen, und deßwegen ſei von Lauterbach die Red', weil dort auf allen Gaſſen Schlappen vrumliegen. Aber was geht uns jetzt das Lied an? Wir wollen was Anders reden. Habt Ihr hier herum auch Bekannte?“ „Keinen Menſchen.“ „Nun Ihr werdet ſchon gute Freund' bei uns finden, die Leut' ſind zwar hier herum ein bisle grob; es iſt nicht ſo, aber es ſieht ſo aus. Ein bisle ſpöttiſch, das iſt wahr, das ſind ſie, es iſt aber nicht bös gemeint, man muß nur tüchtig heimzahlen; und wenn man mit ihnen umzugehen weiß, kann man's um einen Finger wickeln.“ „Ich werde gewiß allen Menſchen mit Liebe entgegen⸗ kommen.“ „Ja, was ich hab' ſagen wollen, nun müſſet Ihr auch die Gemeinderäthe und den Bürgerausſchuß begrüßen, Ihr müſſet ſie beſuchen; und noch Eins, gehet auch zum alten Schullehrer, der jetzt ſchon 25 Jahr in Ruhſtand verſetzt iſt, er iſt ein braver Mann, und es thut ihm wohl. Er iſt noch von der alten Welt, aber auch grundgut. Ich bin auch noch bei ihm in die Schul' gangen, freilich weiß ich auch wenig genug. Der letzte Schullehrer hat's mit ihm verdorben, weil er ihn nicht beſucht hat; und wenn Ihr ihm einen beſondern Gefallen thun wollet, laſſet ihn als einmal am Sonntags Orgel ſpielen. Jetzt will ich Euch Euer' Wohnung zeigen, Eure Sachen ſind ſchon geſtern ankommen.“ Mißvergnügten Antlitzes ging der Lehrer neben dem Buchmaier durch das Dorf. Er war mit ſo hohen, über⸗ ſchwenglichen Gedanken hier angekommen, und war auf eine ſo rauhe, harte Wirklichkeit geſtoßen. Oft hörte er hinter ſich ſagen: das iſt g'wiß der neu' Schullehrer. h will müſſet nichts et, es „und allen s jett t Ihr inden, nicht wahr, ß nur gehen egen⸗ auch alten rſetzt Er h bin weiß nit wenn ihn ich ſtern dem iber⸗ auf e et hrer. 423 Bei der Krone begegnete den Beiden der uns wohlbekannte Mathes, er war nun im Bürgerausſchuß. Der Buchmaier ſtellte ihm den neuen Lehrer vor. Einige hatten dies gehört und nun verbreitete ſich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Mathes ſchloß ſich den Beiden an. So groß war die hinneigende Liebe der Kinder, in deren Herzen der Lehrer einzudringen gedachte, daß ſie davon liefen, als ſie ihn von ferne ſahen. Hie und da blieb aber auch einer der beherzteren Knaben ſtehen und nickte freundlich, ohne die Kappe abzuziehen, aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil er keine auf hatte. Nicht weit von dem Schulhauſe ſtand ein hübſcher Knabe von ſechs bis ſieben Jahren.„Komm' her, Han⸗ nesle,“ rief Mathes,„gucket, Herr Lehrer, der iſt mein. Nehmet ihn nur recht dazwiſchen, er kann lernen, aber er mag oft nicht. Gib dem Herrn eine Hand, der iſt jetzt dein Herr Lehrer, den mußt du gern haben. Wie ſagt man zu einem Fremden?“ „Grüß' Gott,“ ſagte der Knabe, herzhaft die Hand reichend. Das Antlitz des Lehrers war wie verklärt, dieſer Gruß aus Kindes Munde that ihm gar wohl. Er war jetzt wieder in ſeinem Paradieſe, das unſchuldvolle Gemüth eines Kindts wendete ſich ihm zu. Er beugte ſich zu dem Knaben nieder und küßte ihn. „Willſt du mich lieb haben?“ fragte er dann. Han⸗ nesle ſah ſeinen Vater an. „Willſt du den Herrn Lehrer gern haben?“ fragte der Mathes. Der Knabe ſchüttelte bejahend den Kopf, er konnte nicht mehr reden, denn die Thränen ſtanden ihm in den Augen. Die drei Männer gingen fort, der Knabe ſprang eilends, ohne ſich umzuſehen, nach Hauſe. Der Buchmaier und Mathes zeigten nun dem Lehrer ſeine Wohnung. „Da gehört bald ein Weib rein,“ ſagte Mathes,„ein 424 Schullehrer muß eine Frau haben. Wir haben jetzt zum erſtenmal einen Ledigen, nun wir haben hier Staatsmädle; ihr müſſet euch einmal umgucken. Das Beſt' iſt, ihr nehmet eine aus dem Ort; wenn man nicht aus dem Ort iſt und nicht rein heirathet, bleibt man halt wildfremd. Hab' ich recht oder nicht, Vetter?“ „Vielleicht hat der Herr Lehrer ſchon eine ausgeſucht,“ entgegnete der Buchmaier,„und ſie mag her ſein, wo ſie will, ſie ſoll bei uns gut aufgehoben ſein.“ „Ja, wir halten ihr einen Gegenritt,“ ſagte Mathes, indem er dachte: der Buchmaier iſt doch geſcheidter als du. Der Lehrer aber ſagte: „Ich bin noch durchaus ledig, ich kann ſchon noch eine geraume Zeit zuſehen.“ Innerlich dachte er: lieber eine Aeffin, als ſo eine vierſchrötige Bäuerin zur Frau. „Jetzt müſſet Ihr mich vererkuſiren,“ ſagte der Buch⸗ maier,„ich muß in's Feld; ich hab' da einen Gaul im Handel und muß ſehen, wie der im Zug iſt. Nun, wir ſehen uns ja heut' Abend. B'hüt's Gott dieweil. Gehſt mit, Mathes?“ „Ja, b'hüt's Gott, Herr Lehrer, und wenn Euch die Zeit zu lang wird, ſo nehmet's doppelt.“ Der Lehrer verſtand dieſe nicht ſehr geſchickte Redensart des Mathes, die von dem Bilde eines zu langen Fadens genommen iſt, nicht ganz. Nachdem hinter den Fortgegangenen die Thüre ſchon zu war, drückte der Lehrer nochmals an derſelben, gleichſam um ſich zu vergewiſſern, daß er jetzt allein ſei. Er fühlte ſich ſehr beklommen und konnte ſich doch nicht recht ſagen warum. Endlich fiel ihm die Lauterbacher Geſchichte wieder ein. Er ſah darin eine grobe und rohe Begegnung, alle ihm ſonſt erwieſene Freundlichkeit haftete nicht an ihm. So ſind die Menſchen! Wenn ſie ſich in gereizter Stimmung befinden, behalten ſie immer nur das Eine im Sinne, was ſie verletzte, und überſehen alles Andere noch ſo Liebreiche. Erſt ſaß der Lehrer lange ſtill, dann erhob er ſich, zum ädle; ehmet und bich cht,“ o ſie thes, du. noch ieber rau. zuch⸗ lim wir hſt die sart dens chon ſam hlte gen eder alle izter Eine dere ſich, 425 ſeine Sachen auszupacken. Es heimelte ihn wiederum an, da die gewohnten Gegenſtände um ihn her lagen. Bald verſank er indeß abermals in ſtilles Brüten, und er dachte bei ſich: da biſt du nun wie in eine Wildniß verſetzt, was dich erfreut und betrübt, iſt für dieſe Menſchen gar nicht vorhanden; dein Schultheiß iſt eben nichts als ein Bauernſchulz, noch ſtolz auf ſeine Rohheit. Wohl mag auch der Geiſt in dieſen Menſchen ſchlummern, aber er iſt verſchüttet. Ich will alle meine Kraft zuſammenhalten, um mich gegen das Verbauern zu wahren. Tagtäglich will ich mein ganzes Sein aufwühlen, ich will frei blei⸗ ben von dem Einfluſſe meiner Umgebung. Ich habe Lehrer geſehen, die mit dem freien Geiſte der Zeit erfüllt, in ihr Amt traten, und nach einigen Jahren verſanken ſie ganz in den Schlendrian, ſie waren zu Bauern geworden, ſelbſt ihr Aeußeres war nachläſſig und ſchlapp— Er ſchrieb auf ein Zettelchen: Memenlo! und ſteckte es an den Spiegel. Endlich raffte er ſich auf und ging hinaus auf das Feld, den Weg, den er herein gekommen war. Die Bauern, die hier auf den Aeckern an der Straße arbeiteten, ſagten: „Nun, wie geht's, Herr Lehrer? ſchon eingewöhnt?“ Der Lehrer gab kurze, aber freundliche Antworten, dieſe Zuthun⸗ lichkeit kam ihm fremd vor und beleidigte ihn faſt. Er wußte nicht, daß die Leute ein Anrecht zu derſelben zu haben glaubten, weil ſie ihn zuerſt geſehen hatten, zuerſt von ihm begrüßt worden waren. Nach langem Umherſchweifen in den Feldern fand er „im Grunde“ einen einſam ſtehenden Holzbirnenbaum von ſchonem Schlage. Er umwandelte ihn von allen Seiten, bis er den rechten Punkt gefunden hatte. Nun ſetzte er ſich auf einen breiten Markſtein und zeichnete. Viele Bauern kamen neugierig herbei und ſchauten zu. Schnell verbreitete ſich von Mund zu Mund das Gerücht: der neu' Lehrer ſchreibt die Bäum' ab. Der Lehrer zeichnete noch den Hügel gegenüber mit dem Haſelbuſch und der Brombeerhecke, die ſich über einen 426 Felſen wand, auch das Feldhäuschen, in dem man das Feld⸗ geſchirr aufbewahrt oder bei Unwetter Schutz ſucht; zuletzt zeichnete er einen Bauern mit Pferd und Pflug als Staffage. Es neigte ſich gegen Abend. Mit beruhigter Seele kehrte der Lehrer heimwärts! Unterwegs ſchloſſen ſich ihm mehrere Bauern an; ohne viel Umſtände zu machen, hiel⸗ ten ſie gleichen Schritt mit ihm und hatten gar viel zu fragen. So unbequem dieß dem Fremdling war, ſo ließ er ſich's doch gefallen. Sehr ungeſchickt aber war es, daß er auf die Frage: nicht wahr, es iſt eine ſchöne Ge⸗ gend hier herum? die Antwort gab:„So, ſo, es geht an.“ Er dachte, daß ſich hier nicht viel Maleriſches zu finden ſcheine, und konnte das doch nicht ſagen. Da ihm die Plumpheit der Kirchthurmſpitze aufgefallen war, fragte er:„wer hat die Kirche gebaut?“ Die Leute ſahen ihn mit großen Augen an, ſie konn⸗ ten ſich gar nicht denken, daß es einmal anders geweſen, daß es eine Zeit gegeben haben könne, da die Kirche noch nicht da war. Zu Hauſe harrte der Lehrer auf den Buchmaier, der ihn ſeiner Erwartung nach abholen würde. Es dämmerte, auf der Straße regte ſich lebendiges Treiben; nur der Lehrer ſaß ſtill am offenen Fenſter. Er gedachte jetzt leb⸗ hafter als je, wie nothwendig ihm eine Lebensgefährtin ſei, die ihn verſtünde, damit er nicht mehr„unter ſo viel Larven die einzig fühlende Bruſt“ ſei. Es war Freitag Abend; die jungen jüdiſchen Burſchen zogen nach ihrer Gewohnheit ſingend durch das Dorf. Einſt war eine Stimme darunter, die jetzt nicht mehr ſo hell klingt. Man ſang mehr Lieder aus den Büchern. Als man an der Wohnung des Lehrers vorüber kam, wurde eben das ſchöne Lied begonnen: Herz mein Herz, warum ſo traurig? Und was ſoll das Ach und Weh? s iſt ja ſo ſchön in fremden Landen! Herz mein Herz, was fehlt dir denn? iel⸗ zu ließ es, e⸗ eht hm gte en, Nach und nach ver⸗ klang das Lied nach dem obern Dorfe zu. Der Lehrer fühlte ſich in tiefſter Seele be⸗ wegt. Er griff nach ſeiner Geige und ſpielte den Sehnſuchtswalzerz das waren im Dorfe nie gehörte Klänge. Bald ver⸗ nahm er, daß ſich viele Menſchen vor dem Hauſe ge⸗ ſammelt hatten; ſich ſelbſt und die Anderen zur Luſt auf⸗ rufend, ſpielte er dann noch einen neuen, muntern Walzer. Jauchzen und Lachen auf der Straße lohnte ihm. Endlich ward es dem Lehrer doch zu lange, er ver⸗ ließ das Haus und fragte den ihm begegnenden Mathes nach dem Buchmaier. „Kommet mit,“ ſagte Mathes,„im Adler iſt er und am Freitag Abend beſonders gern.“ Der Lehrer fand es zwar nicht recht, daß der Schult⸗ heiß ſo bei den Andern im Wirthshaus ſaß, er ging indeß doch mit. Im Adler traf er große Geſellſchaft und eifriges Ge⸗ ſpräch. Die Juden, die großen Theils die ganze Woche nicht zu Hauſe ſind, ſaßen hier unter ihren chriſtlichen Mitbürgern und tranken; nur mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, daß ſie, weil Sabbath war, nicht dabei rauchten. Eine Weile herrſchte Stille als der Lehrer in die Stube trat, bald nach dem Willkomm und nachdem der Buch⸗ maier neben ſich Platz gemacht, fuhr dieſer fort: „Wie geſagt, der Thiers hat mit einem fetten Stück Deutſchland Frankreich ſchmälzen wollen; proſt Alter, dir 428 hat man die Supp verſalzen, du wirſt nimmehr ſo ſchleckig ſein. Was meinet ihr, Herr Lehrer?“ „Sie haben ganz recht, nur ſollten wir auch das Elſaß wieder haben.“ „Ja, mornemorgen,*) aber die Elſäßer wollen nicht. Wie ich das letzte Mal in Straßburg geweſen bin, hab' ich mich in die Seel''nein geſchämt, wie ſie mich gefoppt haben, ob wir nicht wieder bald falſch Geld haben, das kein' Heimath hat? Ein rechtſchaffener Mann hat mir geſagt: die Beamten von drüben, die wären lieber deutſch, bei uns ſind ſie am beſten bezahlt, ſind verſorgt auf Kinder und Kindeskinder und haben Ruh', aber drüben iſt das anders; die Beamten machen das nicht aus. Und wenn's Deutſch würd', wer ſoll's kriegen? Ein Sohn von dem falſchen Sechſer? Es iſt, glaub' ich, noch Einer da? Oder ein verlegtes hanndveriſch Zehnguldenſtück? Man thät's aber nicht Einem geben, man thät's ver⸗ ſchnipfeln; ſie haben ja den Ueberrhein in drei Theil ver⸗ ſchnitzelt, damit mun's auch recht weiß, daß er deutſch iſt.“ Der Lehrer ſaß in ſtummem Erſtaunen nach dieſer Rede des Buchmaier's, da begann ein ſtarker, wohlbeleib⸗ ter Mann, deſſen ſtädtiſche Kleidung und eigenthümliche Redeweiſe den Juden nicht verkennen ließ: „Ja, und die vielen Juden im Elſaß ließen ſich eher maſſakriren, ehe ſie deutſch werden thäten; drüben ſind ſie vollkommen gleich mit den chriſtlichen Bürgern; wir, wir bezahlen alle Steuern gleich, werden Soldaten wie die Chriſten und haben doch nur die halben Rechte.“ „Haſt recht, Mendle, kriegſt aber nicht recht,“ erwie⸗ derte der Buchmaier. Eine Pauſe entſtand, nach welcher der Buchmaier wiederum begann: „Herr Lehrer, was haltet ihr von den Thierquäler⸗ vereinen? Kann man mir befehlen, wie ich mit meinem Eigenthum umzugehen hab'. Darf man mich dafür ſtrafen?“ * Morgenſrüh, morn heißt immer ſo viel als am andern Tag. das cht. ab ppt das mir ſch, uf en d hn ner ck* er⸗ er⸗ ſer b⸗ he er nd ir, vie ie⸗ iet em 20 1 429 Der Lehrer ſah hierin wiederum nichts als die Roh⸗ heit dieſer Menſchen, mit großem Eifer vertheidigte er daher die Polizeimaßregeln wegen Mißhandlung der Thiere; der Buchmaier aber entgegnete: „In der Stadt, da kann's meinetwegen nöthig ſein, daß man die Leut' ermahnt, das Vieh zu ſchonen, aber ſtrafen kann man's nicht. So ein Kutſcher oder Kutſchers⸗ knecht, oder ſo ein Livreebeamter, ich will ſagen Livreebedien⸗ ter, der hat kein' rechte Lieb' zum Vieh, es iſt oft gar nicht einmal ſein eigen, und davon, daß er's aufgezogen hat, iſt gar nicht zu reden. Bei uns aber, ich hab'ſchon geſehen, daß die Leut' mehr heulen, wenn ihnen ein Rind draufgeht, als wenn ihnen ein Kind ſtirbt.“ „Die Herren ſollten zuerſt die Bauern beſſer behan⸗ deln,“ ſagte Mathes.„Der alt' Amtmann, der hat ſeinem Hund die beſten Wörtle geben und die Bauern nur ſo angeſchnauzt; ſie ſollten zuerſt einen Verein ſtiften, daß Keiner mehr Er zu einem Bauern ſagt.“ „Ja,“ ſagte der Buchmaier,„die Hauptſach' iſt, die Amtleut“ wollen jetzt gern auch über das Vieh regieren. Ihr werdet ſehen, wenn's ſo fort geht, wird man über zehn Jahr' Einem befehlen, was er auf ſeinem Acker ſäen darf und wann er ihn brach legen muß; man kann ja auch ſeine Aecker quälen und kann ihnen zu viel zumuthen.“ „Wenn die Menſchen nicht ſo vernünftig ſind,“ ſagte der Lehrer,„das gehörige Maaß in allen Dingen zu halten, ſo iſt der Staat verpflichtet, das Gute durch Stra⸗ fen einzuführen.“ „Nein und neun und neunzigmal nein!“ rief der Buch⸗ maier, hielt aber plötzlich inne; ſei es, daß er ſeiner Hef⸗ tigkeit den Zügel halten wollte, oder daß er in der That nichts vorzubringen wußte. Er trank in langſamen Zügen, während deſſen ein Mann mit gerollten, weißen und ſchwarzen Haaren, ſo was man Kümmel und Salz nennt, auf Hochdeutſch ſagte: „Man kann die Menſchen dafür ſtrafen, wenn ſie ſchlecht handeln, aber man kann ſie nicht zwingen, gut 430 keine Güte mehr.“ zu ſchicken?“ „Freilich, freilich.“ „Ja warum denn?“ gen, daß ſie gut ſeien.“ „Gewiß,“ erwiederte dieſer. maier triumphirend. Falle iſt wie die Kinder“ zu ſein; eine durch's Geſetz erzwungene Güte iſt auch 1„Hat Recht,“ ſagte der Buchmaier auf die Worte des Mannes, deſſen Rede trotz des Hochdeutſchen in dem ſin⸗ 1 genden Tone des jüdiſchen Dialekts geſprochen war. Lehrer aber ging nicht darauf ein. Es iſt nicht wahr— ſcheinlich, daß er, wie die gelehrten Herren„auf die Gegen⸗ rede eines Juden that, als ob ſie gar nicht vorgebracht worden wäre; vielmehr betrachtete er nur den Buchmaier als ſeinen Gegner, er fragte dieſen: „Glauben Sie, daß der Staat ein Recht hat, die 3 Leute durch Strafen zu zwingen, ihre Kinder in die Schule „Weil das in der Ordnung iſt.“ „Ja man hat doch aber kein Recht die Leute zu zwin⸗ „Man kann's aber ſtrafen, wenn ſie ſchlecht ſind, und wer ſein Kind nicht in die Schul' ſchickt, der handelt ſchlecht. Iſt's nicht ſo?“ ſchloß der Buchmaier zu dem gewendet, der vorhin das Wort für ihn ergriffen hatte. „Der Staat iſt der Vor⸗ mund derer, die nicht ſelber für ſich ſorgen, und ſich nicht wehren können. Wie er die Pflicht hat, ſich um ein Kind anzunehmen, wenn ihm die Eltern ſterben, und ſo durch den Tod nicht mehr für es ſorgen können, ſo muß er auch ſolche, die durch Dummheit oder Schlechtigkeit ihre Kinder vernachläſſigen, durch Strafen zu ihrer Pflicht zwingen.“ „Hat Recht, hat rechtſchaffen recht,“ ſagte der Buch⸗ Ohne ſich an den, wie ihm ſchien, unberufenen Redner 3 zu wenden, doch auch ohne ihn zu vermeiden, ſagte der Lehrer: „Wenn der Staat der Vormund der Unmündigen iſt, derer, die ſich nicht ſelber helfen und wehren können, ſo 1 hat er auch die Herrſchaft über das Vieh, das in gleichem auch des Det ahr⸗ gen⸗ acht aier die hule vin⸗ und delt dem ot⸗ icht ind der 431 „Aepfelſtiel und Birenſchnitz, wie kommen die Rüben in den Sack? Das iſt gar kein Vergleich,“ ſagte der Buchmaier lachend.„Herr Lehrer, nichts für ungut, aber da habt ihr euch vergaloppirt. Ich hab' zu Haus ein Waiſenrind, das arme Thierle hat kein Vater und kein' Mutter mehr, ich muß bigott morgen den Gemeinderath zuſammenkommen laſſen, man ſoll ihm einen Vormund ſetzen.“ Ein ſchallendes Gelächter erdröhnte in der ganzen Stube. Der Lehrer gab ſich alle Mühe, ſeine Anſicht näher zu begründen, aber er konnte nicht mehr zu einer ordentlichen Auseinanderſetzung kommen. Die ganze Ver⸗ ſammlung war ſeelenfroh, daß das zu ernſte Geſpräch end⸗ lich eine luſtige Wendung genommen hatte. Nur ſo viel vermochte er darzulegen, daß er weit entfernt ſei, die Kin⸗ der und das Vieh in eine Reihe zu ſtellen. „Davon iſt keine Red'“ ſagte der Buchmaier,„ihr habt ja des Matheſen Hannesle einen Kuß gegeben, das thut man keinem Vieh. Aber jetzt iſt mir's, wie wenn ich eine dreifache Verſicherung hätt', daß das mit den Thierquälervereinen nichts iſt als den Hühnern die Schwänz naufbinden, ſie tragen's ſchon allein oben.“ Die Heiterkeit ſteigerte ſich nun immer mehr, überall öffneten ſich die Schleußen eines nicht immer ſehr wähle⸗ riſchen Witzes. Der Lehrer war nicht dazu aufgelegt, ſich davon fortreißen zu laſſen, vielmehr ward er im Tief⸗ innerſten verſtimmt. Mit jenem quälenden Gefühle, vor Mehreren ſeine Anſicht ausgeſprochen zu haben, ohne ſie ganz dargelegt zu haben und ohne ganz gehört worden zu ſein, verließ der Lehrer nun bald das Wirthshaus. Er ſah es wohl ein, wie ſchwer es iſt, eine Verſammlung von Erwachſenen in der gründlichen Erforſchung eines Gedankens zu leiten und ihn durchzukatecheſiren; bald aber verließ er dieſe Be⸗ trachtung wieder und ward überzeugt, daß er hier die Rohheit getroffen, die nicht in der eckigen und derben Natürlichkeit, ſondern in der ſelbſtgefälligen Mißachtung der Bildung und der verfeinerten Anſichten beſteht. Er 432 war ſehr betrübt. Der Vorſatz: ſich nur der bildſamen Kindheit und der reinen Natur hinzugeben, befeſtigte ſich ſtets mehr in ihm. Andern Tages, es war Samſtag, machte der Lehrer die Beſuche bei den Gemeinderäthen, er traf aber keinen zu Hauſe. Er ging nun zuletzt zu dem alten Schullehrer, man wies ihn nach einem Garten am Wege. Hier waren die Beete nach der Schnur ſchön geordnet und mit Bur eingefaßt; der üppige Buchenzaun, der das Ganze ein⸗ hegte, war ſchön geſchoren und nach genau abgemeſſenen Zwiſchenräumen erhob ein Stämmchen nach dem andern ſeine gerundeten Zweige über den Haag. In der Mitte war ein Rondell, um welches ein mehrere Schuh hoher Bux einen natürlichen Kübel bildete, Blumen aller Art knoſpeten und blühten. Man vernahm hinten am Garten, in der Nähe der Laube, ein Geſpräch. Der Lehrer trat auf die beiden Männer zu und ſeinen Hut abziehend ſagte er: „Kann ich den Herrn Schullehrer ſprechen?“ „Wir ſind zwei für Einen, he, he,“ ſagte der alte Mann, der hemdärmelig die Hacke in der Hand hielt. „Ich meine den alten Herrn Lehrer.“ „Das bin ich, und das da iſt der Judenlehrer he he,“ erwiederte der Mann mit der Hacke, auf ſeinen ſab⸗ bathlich geputzten Nebenmann deutend. „Das iſt mir lieb, daß ich Sie auch hier treffe. Haben wir uns nicht geſtern geſprochen?“ „Als Sie mit dem Schultheißen ſprachen.“ Der alte Mann warf die Hacke weg, that die Pfeife aus dem Munde, griff ſchnell nach ſeinem Rocke und wollte ihn anziehen; unſer Freund aber verhinderte dieß. „Wir brauchen vor einander keine Umſtände zu machen,“ ſagte er,„wir ſind ja Collegen; ich bin der neue Lehrer. Gehört der Garten Ihnen eigen?“ „He he, wem denn? Ja,“ erwiederte der Alte; alle ſeine Reden waren mit einem aus tiefer Bruſt geholten Lachen begleitet,„Grüß Gott in Nordſtetten,“ ſetzte er hinzu und reichte dem Angekommenen die Hand; dieſem amen ſic ehrer einen hrer, aren Bur ein⸗ enen dern Mitte oher Art rten, trat e er: alte he ſab⸗ aben ſeife und dieß. en,“ hrer. alle lten eer eſem 5 433 war es als ob er die eiſerne Hand Berlichingens faſſe, ſo hart war ſie anzufühlen. Der jüdiſche Lehrer ſtand in Verlegenheit da, ſeine gefalteten Hände auf einander reibend. Er wußte nicht, ſollte er dem Ange⸗ kommenen die Hand reichen oder nicht. Er fürchtete zudringlich zu erſcheinen, da man ihn nicht auf⸗ geſucht hatte; ſodann fühlte er ſich auch durch dieſe Nichtbeachtung beleidigt, er glaubte ſich durch Zu⸗ vorkommenheit etwas zu vergeben. Die beiden Gefühle— Furcht vor Zudringlichkeit und Mißach⸗ tung auf der einen, und vor zu weit getriebener Em⸗ pfindlichkeit auf der andern Seite— das ſind die beiden Schächer, zwiſchen denen der Jude im geſellſchaft⸗ lichen Leben gekreuzigt iſt; ſie bleiben es ſo lange, als ſeine Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft keine ge⸗ ſicherte und vor Mißdeutungen geſchützte iſt. Wie alle gebildeten Juden aus der älteren Generation hatte der jüdiſche Lehrer die Sätze der Schrift genau inne, er gedachte an die Bibelſtelle:„Liebet den Fremden, denn ihr waret ſelbſt Fremde im Lande Aegypten“ und„be⸗ trübe den Fremden nicht, denn du weißt wie es ihm zu Muthe iſt.“ Er gedachte der Freude, die ihm vor Jahren ein freundliches Entgegenkommen bereitet hatte. So ſtand er nun da, ſeine Lippen bewegten ſich ſtill, alle ſeine Geſichtsmuskeln zuckten. Er trat endlich auf den Ange⸗ kommenen zu, reichte ihm die Hand und hieß ihn mit beſonderer Herzlichkeit willkommen. Der Fremde ſagte: „Sie können mir gewiß viel Anleitung geben, meine Herren, über mein Verhalten dahier; ich bin hier ſo ganz fremd.“ „Ich kann mir das noch recht gut denken,“ nahm der jüdiſche Lehrer das Wort,„ich war auch bloß auf 28 434 und den Kindern. 4 kein ABC mehr.“ unſer Freund. vor mir haben?“ Alte fuhr fort: Verfügung des Conſiſtoriums hieher gekommen und kannte keinen Menſchen. Ich wünſchte mir oft, ich hätte eine Zeit lang incognito da bleiben können, um die Charaktere der Eltern genau zu beobachten, und ohne die Eltern, wiſſen Sie wohl, iſt auch bei den Kindern nichts auszu⸗ führen. Bei mir war noch der beſondere Umſtand, daß ich vor fünf und zwanzig Jahren zum erſtenmale eine geordnete Schule einzurichten hatte, was die Juden damals 3 noch gar nicht kannten. Ich kam mir in der erſten Zeit . vor, als wär' ich in eine fremde Welt verzaubert.“ „Nun, du haſt dich bald verzaubern laſſen und haſt das ſchönſt' Mädle aus dem Ort geheirathet, he he, und das war auch recht,“ erwiederte der alte Mann. ſerm Freunde gewendet fuhr er fort:„Ihr muſſet halt auch ein Mädle aus dem Ort heirathen.“ Unſer Freund fuhr ſo beſtürzt zurück, daß er in ein wohlgeglättetes Beet trat; es war ihm, als hätte ſich Alles gegen ihn verſchworen, um ihn zu verkuppeln. er ſich über die angerichtete Zerſtörung entſchuldigt, ſagte er: „Ich meine nur über mein Verhältniß zu den Eltern „Nur recht ſtreng,“ ſagte der Alte, die zertretene Stelle wieder aufhäckelnd.„Von dem neuen Schulweſen verſteh' ich nichts, da fragt man die Kinder: wer hat den Stuhl gemacht? als wenn man das nicht ſchon von ſelber wüßt'; da lautixen ſie h. k. l. m. wie die Stummen, es gibt gar „Sie meinen alſo recht ſtreng?“ erwiederte ablenkend „Ja. Wie die Mannen im Dorf'rumlaufen, iſt kei⸗ ner da, der es nicht aus dem Salz von mir kriegt hat, und ſag' du, ob ſie nicht noch heutigen Tags allen Reſpekt „Ganz gewiß,“ ſagte der jüdiſche Lehrer lächelnd. Der „Und wenn eine Luſtbarkeit im Dorf iſt, da darf man nicht don vornehmen Herrn ſpielen, der ſich's eine Weile kannte te eine waktert Eltern, auszu⸗ d, daß le eine damals n Zeit d haſt , und u un⸗ halt in ein Alles chdem gte er: Eltern Stelle erſteh Stuhl wüßt'z bt gat enkend ſt kei⸗ t hat, eſpekt Der man Weile 435 ſo anguckt, wie das dumme Volk auch luſtig ſein kann; nein, da muß man auch mitthun. Kreuz Himmel! Ich hab' die tollſten Streich' mitgemacht, den Balbiererstanz, den haben ſie von mir gelernt, und den Siebenſprung, den hab' ich mit meiner Gret immer vorgetanzt; es juckt mir noch in den Beinen, wenn ich daran denk'.“ „Sie waren aus der Gegend, Sie konnten ſchon eher ſo etwas mitmachen.“ „Ich bin nicht aus der Gegend. Anno fünf iſt hier erſt Württembergiſch geworden, damals war Alles vorder⸗ öſterreichiſch. Ich bin bei Freiburg daheim.“ „Sie haben wohl viel erlebt?“ „Das will ich meinen. Die Leut', die jetzt dreißig Jahr alt ſind, die wiſſen gar nichts von der Welt, da geht Alles glattweg, wie auf der Kegelbahn. So ein Lehrer, ich mein euch nicht mit, aber was weiß denn jetzt ſo einer? Wo iſt er in der Welt geweſen? In den Büchern iſt er geſteckt. Da geht jetzt Alles ſeinen geweiſ'ten Weg, eins zwei drei, Schüler Seminariſt Lehrer. Ich war Sol⸗ dat, ich war Muſikant, ich war Schreiber auf dem Amt in vielerlei Herren Länder. Ich hab' Ruſſen und Fran⸗ zoſen und Sachſen und alles Teufelszeug mit durchgemacht. Ich hab' hier im Ort ein Buch angefangen gehabt und mit der ſchönſten Fraktur, und denket nur einmal, grad wie ich beim F bin, kommen die Teufelsfranzoſen; da war's aus, die haben Fraktur mit einem geſprochen.“ Nun erzählte der Alte, auf die Haue geſtützt, ſeine zwei Hauptgeſchichten; wie er nämlich einen Topf mit zweihun⸗ dert Gulden im Keller vergraben hatte, den die Franzoſen doch fanden, wie er im grimmkalten Winter den Pfarrer nach Egelsthal begleitete, um einer alten Frau die letzte Oelung zu geben, unterwegs ihnen ein Koſacke begegnete und dem Lehrer die fuchspelzenen Handſchuhe auszog. Er war eben an einer ausführlichen Beſchreibung der Hand⸗ ſchuhe, als es eilf Uhr läutete; man verließ den Garten. Unſer Freuns ging noch im Geleite ſeines jüdiſchen 436 Amtsgenoſſen bis zum Adler, dort hatte er ſich zur Koſt eingedungen. Am andern Morgen erwarb ſich der Lehrer viel Lob durch ſein Or⸗ gelſpiel. Aus einzelnen Gruppen, die ſich nach der Kirche gebildet hat⸗ ten, hörte er mehrmals den Ausſpruch:„er kann's faſt gar wie der alt' Lehrer.“ Er ging nun zu dieſem und bot ihm das Orgelſpiel für die Mittagskirche an. Der alte Mann lachte ganz überſelig und ſagte endlich, wie immer in ſchnell abgeſtoßenen Sätzen ſprechend:„Ja, ſie können was lernen die jungen Leut', wenn ſie wollen. Ich war dritthalb Jahr Unter⸗ organiſt im Münſter in Freiburg, he he. Ja, der früher' hochmüthig' Profeſſor hat mich aus der Kirch' vertrieben, ich bin ein ganz Jahr nicht neingegangen, ich hab' dem ſein Gequicks nicht hören können, und ſpäter bin ich nur zum Amt und zur Predigt; beim Singen hab' ich davon⸗ laufen müſſen.“ Der alte Lehrer ſpielte nun Mittags die Orgel, aber er machte mit dem heiligen Inſtrumente ſo luſtige Sprünge, daß der junge Mann oft den Kopf ſchüttelte; auf dem Antlitze aller anderen Anweſenden aber leuchtete zufriedene Heiterkeit. Die Freundlichkeit gegen den alten Lehrer erregte dem neuen vieles Lob; darüber aber, daß er die Gemeinderäthe am Werktage beſucht hatte, da ſie doch nicht zu Hauſe waren, ward ihm eben ſo vieler Tadel. Von Beidem kam ihm nichts zu Ohren. zur Koſt Morgen Lehrer ein Or⸗ inzelnen ich nach det hat⸗ ehrmals ver wie der r ging d bot iel für ean. Mann lig und immer oßenen jungen Unter⸗ früher rieben, dem ich nur davon⸗ aber rünge, f dem iedene edem etäthe Hauſe kam 437 Montags begann die Schule. Der Pfarrer, ein freund⸗ licher und edeldenkender Mann, führte den neuen Lehrer mit einer gehaltvollen Rede, im Beiſein des ganzen Ge⸗ meinderaths und Bürgerausſchuſſes, in ſeinen Wirkungs⸗ kreis ein. Von dem Tage an, da die Schule begonnen hatte, aß der Lehrer nicht mehr im Wirthshauſe; das laute Leben und die Geſpräche dort ſtörten ihn, er wollte, nachdem er die Schaar der Kinder entlaſſen, ganz allein ſein. Ueber⸗ haupt zog er ſich ganz in ſich zurück, er verrichtete ſein Amt gewiſſenhaft, pflog aber mit Niemanden Umgang; nur bisweilen ging er mit dem jüdiſchen Lehrer oder mit dem alten ſpazieren. Ueber den Charakter des letzteren war er bald einig, der Geiſtesrichtung des erſteren aber, in der die ſtaatlichen und ſittlichen Angelegenheiten ſeiner Glaubensverwandten im Vordergrunde ſtanden, konnte er keine entſprechende Theilnahme widmen. Mit den übrigen Leuten im Orte, ſelbſt mit dem Buchmaier, ſtand der Leh⸗ rer noch ſo fremd wie am Tage ſeiner Ankunft. Er ging nie in's Wirthshaus und geſellte ſich nie zu den abend⸗ lichen Kreiſen, die ſich vor den Häuſern bildeten. Waren die Schulſtunden zu Ende, ſchweifte er einſam durch Wald 438 und Feld, zeichnete oder ſchrieb in ſein Taſchenbuch, und wenn es Nacht war, muſicirte oder ₰ er. Da wir die Zeichnungen nicht vorlegen und die Muſik nicht wieder aufſpielen können, ſo mögen hier die Taſchen⸗ eine Stelle finden, unter dem Titel, den ihnen der Lehrer ſelbſt gab: Feldweisheit von Adolph Lederer. (Im Graſe liegend.) Bei allen Wiederbelebungen, in allem neuen Daſein ſind Rückſtändigkeiten mitten darunter gemiſcht. Wenn man das Wieſengrün des Frühlings genau betrachtet, liegt viel verdorrtes überjähriges Gras zwiſchen und unter dem grünenden; es muß verfaulen und zum Dünger für das neue Leben werden. Da ſchreien dann die Thoren: es iſt kein Frühling, es kann auch kei⸗ ner kommen, ſeht hier die dürren Halme! Iſt es nicht auch im ganzen Leben des Geiſtes ſo? iſt der alte Schul⸗ lehrer nicht auch ſo ein Stück dürres Gras? Mir iſt die ganze Natur ein Sinnbild des Gei iſtes, ich meine immer, ſie ſei nur die Larve, hinter der das Gei⸗ ſtesantlitz ſteckt. Die armen Bauern! ſie leben mitten in der freieſten Natur wie in einem todten Hauſe, ſie ſehen in all den Feldern und Wäldern nur den Ertrag, die Zahl der Garben, die Säcke Kartoffeln, die Klafter Holz ich aber ſchlürfe den Geiſtesduft der Schönheit, der darü⸗ ber ſchwebt. Ich will hinwegſehen über die Menſchen, die da mitten unter dieſem glanzvollen Leben lichtlos ein⸗ herwandeln, ich will mich erheben über all das niedere klägliche Treiben, und wie die Biene hier aus der unan⸗ faßbaren Diſtel Honig ſaugt, die dem Eſel bloß zum der⸗ ben Futter wird, ſo will ich den Honigſeim des Geiſtes „und Muſik ſchen⸗ l, den n, in unter lings Gras und reien kei⸗ auch chul⸗ ich Gei⸗ nin ſehen die olz arü⸗ chen, ein⸗ edere nan⸗ der⸗ iftes 439 aus Allem ziehen. Steh' mir bei, du ewiger Geiſt und laß mich nicht denen gleich werden, die an der Scholle haften, bis die Scholle über ihren Sarg rollt; und ihr! ihr großen Geiſter meiner Nation, deren Werke mich hie⸗ her begleitet, ſtärket mich und laßt mich ſtets zu euren Füßen ſitzen. Jeder Acker hat ſeine Geſchichte. Wüßte man die Wandlungen, die ihn aus der einen Hand in die andere gebracht, die Schickſale und Gefühle derer, die ihn bear⸗ beitet; es wäre die Geſchichte des Menſchengeſchlechts, ſo⸗ wie ſeine geologiſche Bildung, tief hinab bis zum Mit⸗ telpunkt der Erde aufgedeckt, die Geſchichte des Erdballs aufzeigte. Alles auf der Welt wird zur Nahrung oder zum ſon⸗ ſtigen Verbrauch und Genuß für ein Anderes; nur der Menſch eignet ſich Alles an, er ſelber aber ſteht frei über der Erde, bis ſie ihren Mund aufthut und ſeinen Leichnam verſchlingt. Ich bin da auf eigene Weiſe zu dem trivialen Gedanken gelangt, daß der Menſch der Herr der Erde iſt; aber nur das iſt Wahrheit, eigene Erkenntniß, was wir auf eigenthümliche Weiſe wiederfinden. Ich habe einmal gehört und geleſen, daß nur da, wo die Anzahl der nützlichen Hausthiere die der Menſchen überſteige, ein behaglicher und glücklicher Zuſtand des all⸗ gemeinen Beſitzthums ſei. Iſt das wohl auch eine geiſtige Lehre, daß die Zahl der Unvernünftigen die der Vernünftigen überſteigen müſſe? Es wäre ſchrecklich, wenn es ſo wäre, und doch... Es iſt entſchieden, daß die Bildung der Menſchheit erſt mit dem Ackerbau und durch denſelben begonnen hat. So lange die Menſchen ihre Nahrung nur ſuchten, ſei es durch Jagen, Fiſchen und dergleichen, ſtanden ſie noch faſt den Thieren gleich. Erſt als ſie begannen, ſich die Nahrung 440 vorzubereiten, indem ſie das natürliche Wachsthum beobach⸗ teten und lenkten, pflanzten und pflegten, hielten ſie an einem beſtimmten Boden feſt, mußten ſie die Geſetze der Natur erforſchen und entdecken, Einfluß auf das Leben der Außenwelt und ihrer Innenwelt gewinnen. Der Ackerbau iſt die Wurzel aller Bildung in der Welt, aber die Ackerbauer ſelber haben die wenigſte Frucht davon. Muß das ſo ſein? Auf der ſchwankenden Blume, die vom Winde geſchüt⸗ telt wird, klammert ſich die Biene feſt und ſaugt emſig den Honig, ſo auch genießet der Menſch das ſchwankende Er⸗ denleben, und der Boden zittert unter ihm. (Am Buchſee.) Ein Himmelstropfen, der in einen See fällt, bildet eine Weile ein Bläschen, dann zerplatzt er und vermengt ſich mit dem Sumpfe; in den lebenden Strom gefallen, wird er ſelbſt ein Theil der lebendigen Welle. Iſt mein Daſein ein ſolcher Tropfen? Ich will, daß ich in einen lebendigen Strom aufgehe, es muß ſo ſ Alle Vögel fliehen den Regen, nur die Schwalben flattern luſtig darin. Es erregt mir oft ein ſonderbares Gefühl, daß, wenn ich hinausgehe in das Feld, um mir körperlich erquickliche Ermüdung zu holen, die Leute von der Arbeit ermüdet heimkehren; es iſt mir da oft faſt als müßt' ich mich ſchämen, daß ich jetzt ſpazieren gehe. Nur am Abend und am Morgen bemerkt man den ſchnellen Wechſel des Lichts; dieſer iſt aber den ganzen Tag aufſteigend bis zum Mittag und von da abſteigend ebenſo. Iſt nicht bei der Entwickelung des Menſchengeiſtes der gleiche Fall? So oft ich auch ſchon den Sonnenuntergang betrachtet, obach⸗ ſie an tze der n der n der Frucht chüt⸗ den Er⸗ inen latzt nden igen will. ß ſo ben enn ſiche idet nich den zen end der * 441 nie war er gleich; das iſt die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur, darum iſt ſie auch ewig ſchön und neu. Beim Sonnenuntergang glaubt man immer, von der Stelle, wo man ſteht, bis nach Weſten hin reicht das Abendroth, da iſt noch Licht, rückwärts gekehrt erſcheint Alles dunkel; diejenigen aber, die weiter hinten ſtehen, glauben, es reiche nur noch bis zu ihnen. So bemißt jedes den Horizont nach ſeinem Standpunkte, und wer das untergehende Licht betrachtet, glaubt, es reiche nur noch bis zu ihm. Warum iſt ein Sonnenuntergang für die meiſten Men⸗ ſchen anſprechender als ein Sonnenaufgang? Iſt es, weil dieſen die Wenigſten oft ſehen, oder weil das Verſchwindende, das Sterbende näher zu uns ſpricht? Ich glaube nicht. Beim Sonnenuntergang erhält das Schauſpiel einen zart geheimnißvollen Abſchluß in der Nacht und der darauf folgenden Ruhe; der Sonnenaufgang aber hat keinen Abſchluß, ihm folgt das helle Licht, die Unruhe und das lärmende Gewühl des Tages. Schön iſt das Sterben! o ich ſehne mich.... (Hinter'm Schloßhag.) Wenn man einen Pfoſten in die Erde rammt, muß man die einzugrabende Spitze bren⸗ nen, damit ſie nicht faule; wen die Flamme des Geiſtes berührt, der kann nicht ſterben. Aus der Haut des einen Thieres ſchneidet man das Riemenwerk für Zaum und Zügel und die Einjochung des andern. Die Anwendung iſt leicht. Wenn man Einem einen Weg zu kurz angibt, ermüdet er doppelt; dies kommt wohl von der ſtets geſpannten Erwartung, am Ziele zu ſein. Ich habe mir den Weg zu meinem Lebensziele auch zu kurz gedacht. Beim Mähen darf man nur kleine Schritte machen 442 und gradaus. Je dünner der Klee ſteht, um ſo müder wird man beim Mähen; da fährt man mit der Senſe auf dem harten Boden herum und in die Luft hinaus und hat am Ende nichts erſchafft. Wie vieldeutig iſt das!! Vom Futter und Allem, was man grün heimthut, entrichtet man keinen Zehnten. Beim Kornſchneiden muß man die abgeſchnittene Frucht ſtets hinter ſich legen, da iſt Raum dafür, vorwärts ſtehen die neuen Halme, die zu ſchneiden ſind; ſo muß es auch mit unſern fertigen Thaten ſein, wir müſſen ſie aus unſerm Geſichtskreiſe legen und das vor uns ſtehende Neue in Angriff nehmen. Wenn ich von Ferne die bald ſich erhebenden, bald ſich niederbeugenden Schnitter anſehe, iſt es mir oft, als ob ſie ein ceremoniöſes Gebet verrichteten. Da wird der neue Zaun am Schloßgarten mit grüner Oelfarbe angeſtrichen. Dürres Holz fault in Wind und Wetter, wenn man es nicht mit Farbe bekleidet. Die Natur hat über alle ihre Geſchöpfe eine ſchützende Oberhaut aus⸗ gebreitet; die Menſchen aber reißen die natürlichen Rinden und Glaſuren ab, dann müſſen ſie eine künſtliche auftragen. Iſt die Bildung vielleicht nichts als eine Oelfarbe, die den natürlichen Schmelz erſetzt? Nein, ſie iſt erhöhte, ſie iſt die wahre Natur; dieſe Menſchen, wie ſie hier ſind.. Der alte Zimmermann Valentin iſt ſo vergeßlich, er geht mit der Peitſche über der Schulter ſeinen Weg und ſagt immer vor ſich hin: Hio! ohne zu merken, daß ſeine Kühe ſchon dreißig Schritte hinter ihm einen andern Weg gegangen ſind. Ergeht es nicht auch manchen Herrſchern gerade ſo? 443 müde In einem Garten an der Straße ſteht eine Trauer⸗ weide, deren Aeſte in allerlei Ellipſen, Zirkel, ſchiefe und rechte Winkel zuſammengebunden wurden und nun ſo in einander verwachſen ſind. Ja, die Aeſte des Trauerbaumes, die Zweige des Schmer⸗ mthut, zens ſind am leichteſten zu biegen, da laſſen ſich die Men⸗ ſchen gar wunderlich verſchnörkeln; aber die zähe Naturkraft macht die herben Krümmungen von Neuem ausſchlagen. Frucht Warum nur die Bauern die verſchnörkelte Natur ſo lieben? ſtehen warum ſie die Trauerweide, den ſchönſten aller Bäume, auch ſo mißhandeln? Vielleicht liegt es tief in der menſchlichen nſrm Natur, mit dem, was das ganze Jahr die ernſteſte Be⸗ ue in ſchäftigung darbeut, auch einmal zu ſpielen... bald(Am Kreuz im Schießmauernfeld.) Ich habe früher nie über Juden nachgedacht, obgleich in meinem Geburts⸗ orte auch Juden wohnten; ich erinnere mich nur, daß ich als kleines Kind auch die Judenknaben meines Alters . verhöhnte und, wenn ich konnte, ſchlug. rünet Es koͤmmt uns nicht ein, über unſer Verhältniß zu i den Juden nachzudenken, ſo wenig wir über unſer Ver⸗ Natut hältniß zu den Pferden nachdenken. Im Gegentheil, durch au⸗ die Bibel bekömmt jedes Chriſtenkind die Empfindung, daß tinden ihm jeder einzelne Jude etwas Böſes gethan. Ein geheimniß⸗ wgen. voller Abſcheu ſetzt ſich dann in der Seele des Kindes feſt, ich dachte mir immer alle Juden räudig; ein Kind kann be, die ein Thier liebkoſen, nie aber einen Juden. te, ſie Hier habe ich Gelegenheit, oft mit Juden zu verkehren. Der jüdiſche Lehrer iſt ein vorurtheilsfreier Mann von Vildung, wie ich noch ſelten einen getroffen. Er weiß c, et mehr von der Theologie, als von den Naturwiſſenſchaften. und Iſt das bei allen Juden ſo? In ſeinem Unterrichte iſt ſtine mehr Geiſtreiches, weniger Methode und Stetigkeit; das iſt Veg für minder begabte Kinder nicht gut. Als ich zum erſten ſchen Male die Synagoge beſuchte, war es mir ganz eigen zu Muthe: hier, in die ſchwarzen deutſchen Tannenwälder . 444 haben ſich dieſe ebräiſchen Worte vom Libanon verloren, und doch, iſt nicht auch unſere Religion von dort her? Noch mehr, das alte Rom konnte die Deutſchen nicht be⸗ ſiegen, ſie nicht römiſch reden lehren, das neue vollbrachte es; hier auf den fernen Bergen ertönt allſonntäglich in der Kirche die römiſche Sprache. Meinem Hauſe gegenüber iſt der ſogenannte Brandplatz, dort ſtand das Haus, in dem eine ganze jüdiſche Familie, Großmutter, Schwiegertochter und fünf Enkel verbrannt ſind; jetzt ſpielen die Kinder am liebſten auf dieſer Stätte, eine ſolche Ruine bietet ſonſt ſeltene Verſtecke. An den ſchwarzen Wänden klettern die rothwangigen Buben umher und tollen und jubeln. So baut ſich überall ſchnell neues Leben auf; wo die Flammen einſt gewüthet, tummelt ſich ſorglos das junge Geſchlecht. Es iſt auch in der Welt⸗ geſchichte ſo. Drinnen im Dorfe haben ſie heute den Hammeltanz aufgeführt. Solche Dinge paſſen nicht mehr in unſere Zeit, ſie gehören in das Mittelalter. Da ſah wohl der Gutsherr vom Schloßerker herab der Fröhlichkeit ſeiner Leibeigenen zu; er hatte ihnen den Hammel und die Schnur geſchenkt und ſteuerte wohl auch das gewinnende Paar mit einem kleinen Lehen aus. Jetzt hat Alles keine Bedeutung mehr, man ſollte es abſchaffen. Manchmal verliert ſich von der Tanzmuſik drinnen im Dorfe ein Klang zu mir heraus in das Feld; nur die ſchmetternden Töne der großen Trompete ſind es, die ich abgeriſſen vernehme. So auch ſtehen dieſe Bauern fern von der großen Harmonie der Geiſteswelt; nur wenn die große Trompete erſchallt, oder die große Trommel gerührt wird, dringt ein abgeriſſener Klang zu ihnen und ſie ſchreiten eine Weile im Marſchtakte der Zeit. Von dem lieblichen Adagio, von dem friedlichen Zuſammenklingen wiſſen und hören ſie nichts. loren, her, ht be⸗ rachte ich in platz, ilie, annt tätte, den mher teues ſich Belt⸗ ltanz ſ zherr enen henkt inem nehr, mim die ich fern die ührt ſie dem ngen —,—— —5 W ſ h ſi Es iſt gut, daß immer noch Plätzchen auf der Welt ſind, die Niemanden gehören, wo die Armen ihr Gras ſammeln können; das find die Raine, Anwände oder wie man ſie nennen mag. Wo aber der Fuß des Menſchen kaum mehr einen Halt findet, da klettert noch die Ziege, die Genoſſin der Armen, umher, um ſich ein friſches Kraut oder ein ſchmackhaftes Läublein zu holen. 5 An den Holztagen dürfen die Armen von den grünenden Bäumen ſich die dürren Aeſte aneignen. Ich habe einmal die ſchöne Deutung geleſen, daß die gütige Natur dieſes Gewohnheitsrecht aufſtellte und von ihrem reichen Tiſche den Armen abgibt. Die Armen und das dürre Holz—— Auch das Unkraut in den Kornfeldern gehört Niemanden, das jäten die Armen aus und es iſt nahrhaftes Futter; 446 fragſt du nun noch wozu das Unkraut? Vielleicht iſt es auch mit vielem Andern ſo.. Dieſe Blätter ſind die Ausheute von dreien Monaten, während welcher der Lehrer in den Feldern umherſchweifte. Sie hatten ihm manche üble Nachrede zugezogen, denn die Leute konnten gar nicht begreifen, was er immer einzu⸗ buchen habe, und ſie erſchöpften ſich in allerlei Vermu⸗ thungen. Man wird bemerkt haben, daß er auch manche gewöhnliche Erkundigung einzog, die ihm noch neu war; die Leute ſahen ihn groß an und ſchüttelten die Köpfe, ſie konn⸗ ten gar nicht begreifen, wie man ſo Etwas nicht wiſſen könne. Es iſt gewiß ſchon Vielen begegnet, daß, wenn ſie einen Bauern um den Weg nach dem nächſten Orte be⸗ fragten, der Angeredete ſtutzte, weil er glaubte, man necke ihn, dann aber eine Erklärung gab, die auf der Voraus⸗ ſetzung beruhte, daß man die Hertlichkeiten kenne; es geht aber auch vielen Gebildeten ſo; weil ihnen ihr gewohnter Geſichts⸗ und Ideenkreis klar iſt, meinen ſie, das begriffe Jeder und ſie verſtändigen ſich nur halb. Der Lehrer war im Dorfe noch ſo unbekannt, daß Niemand ſeinen Namen wußte. Eines aber hatte Jeder erfahren, nämlich, daß der Lehrer aus Lauterbach ſei; an dieſes heftete ſich nun die Spottſucht, man wollte es ihn entgelten laſſen, daß er ſo ſtolz und zurückgezogen war. Abends, wenn die Burſchen wußten, daß der Lehrer zu Hauſe war, rotteten ſie ſich vor ſeinen Fenſtern zuſammen und ſangen unaufhörlich den Lauterbacher. Weil man auch wußte, daß er ein ſtrenger Vertheidiger des Vereins gegen Thierquälerei war, wurde ein gewöhnliches Lied zum Draufſetzen oft geſungen, es lautete: Jetzt iſcht das Liadle aus, Jetzt ſpeir i do e Maus: Such i'rum und find ſe, Nehm i e Meſſer und ſchind ſe, Stich ihr d'Augen aus— No haun ie blinde Maus. iſt es naten, weifte. nn die einzu⸗ ermu⸗ nanche war; konn⸗ önne. nn ſie te be⸗ necke raus⸗ geht ohnter egrife daß Jeder iz an s ihn war. et ze umen auch gegen zum Dieſe„Gemeinheit“ ärgerte den Lehrer. Er wußte aber noch immer nicht, was alles das zu bedeuten habe, bis ſich endlich der Studentle zu den Burſchen geſellte; obgleich er verheirathet war, ſtand er doch bei jedem muth⸗ willigen Streiche obenan. Er brachte nun einen neuen Vers, der oft wiederholt wurde: Z' Lauterbach bin ich ſo ſtolz gebor'n, Stolz das iſt meine Manier; Ei wär' ich doch wieder in Lauterbach, Da wär' ich in meinem Revier. Jetzt merkte der Lehrer, was dieſe Zuſammenrottungen zu bedeuten hatten; in ſeiner tiefſten Seele trauerte er, daß dieſe Menſchen, denen er doch nur wohl wollte, ihn ſo mißhandelten. Drinnen trauerte der Lehrer, draußen aber wurde das Gejubel immer lauter. Da raffte er ſich auf, er wollte an das Fenſter treten und ein Wort der Verſtändigung ſprechen; glücklicher Weiſe fiel aber ſein Blick auf die Geige, er nahm ſie von der Wand und ſpielte friſchweg die Melodie des ihn verfolgenden Liedes. Drunten horchte man ſtill auf, nur verhaltenes Kichern ließ ſich vernehmen; aber der Geſang begann bald wieder und der Lehrer begleitete ihn mit der Geige, ſo oft man auch wieder anfing. Endlich trat er an das Fenſter und ſagte hinaus: „So, hab' ich's recht gemacht?“ „Ja,“ erſcholl die allgemeine Antwort, und von dieſem Abende an blieb der Lehrer von dem Liede verſchont, denn man wußte, daß es ihn nicht mehr ärgere. Von dieſer Zeit an nahm ſich indeß der Lehrer vor, freundlicher und geſprächſamer gegen die Leute zu ſein; er erkannte, daß er nicht nur in der Schule, ſondern auch außer derſelben Pflichten gegen die Menſchen habe, mit denen er gemeinſam lebte. Die Ausführung dieſes Vorſatzes wurde ihm bald treulich belohnt. Eines Sonntags nach der Mittagskirche ging er durch 448 die am Hügel gelegene Straße„Bruck“ genannt. Da ſah er eine alte Frau vor einem Hauſe ſitzen, ſie hatte die Hände in einander gelegt und ihr Kopf wackelte; er ſagte, freundlich: „Guten Tag! Nicht wahr, der Sonnenſchein thut Ihnen gut?“ „Dank ſchön, lieber Menſch,“ erwiederte die Alte, oft mit dem Kopf nickend. Der Lehrer blieb ſtehen. „Sie haben ſchon manchen Sommer erlebt,“ ſagte er. „Acht und ſiebenzig, es iſt ein' ſchöne Zeit, ſiebzig Jahr ein Menſchenleben heißt es in der Schrift. Es iſt mir oft, wie wenn mich der Tod vergeſſen hätt'; nun unſer lieber Herrgott wird mich ſchon holen, wenn's Zeit iſt, er weiß wohl, ich verlauf ihm nicht.“ „Sie können aber doch noch immer gut fort?“ „Nimmeh recht— der Krampf— aber das thut gut,“ ſie zeigte auf die grauen Fädchen, die ſie um die beiden Arme gebunden hatte, an denen die Venen geſchwollen waren. „Was iſt denn das?“ „Ei, das hat eine reine Jungfrau geſponnen, des Morgens nüchtern mit ihrem Munde und hat drei Vater⸗ unſer dabei gebetet. Wenn man das unbeſchrieen um den Arm thut und dabei neunmal das Gebet in unſers Herr⸗ gotts heilige drei Nägel ſagt, ſo ſtillt's den Krampf, ich muß ſo viel huſten,“ ſagte ſie wie zur Entſchuldigung ihrer oft unterbrochenen Rede auf ihre Bruſt deutend. „Wer hat denn die Fäden geſponnen?“ fragte der Lehrer. „Ei mein' Hedwig, mein Enkele, kennet Ihr denn die nicht? Wer ſind Ihr denn?“ „Ich bin der neue Lehrer.“ „Und da kennet Ihr mein' Hedwig nicht? Sie iſt ja eine von den Kirchenſängerinnen. Sag' mir nur auch ein Menſch, was das für eine Welt iſt, da kennt der Lehrer die Kirchenſängerinnen nicht mehr. da ſah tte die ſagte thut te, oft ſe er. iebzig Es iſt unſer iſt, er gut,“ beiden vollen „des ater⸗ nden Herr⸗ f, ich igung d. e der, ndie iſt ja auch tn 449 Ich bin auch Kirchenſängerin geweſen, man hört mir's jetzt nimmeh an mit meinem Huſten; ich bin ein ſauber's Mävle geweſen, ja, ich hab' mich dürfen ſehen laſſen, und alle Jahr war das Jahreſſen, da war der Pfarrer und der Schulmeiſter dabei; o! wie ſind da g'ſpäſſige Lieder geſungen worden, der bairiſche Himmel und ſo Sachen, das iſt jetzt auch nimmeh, ja die alt' Welt iſt eben aus und vorbei.“ „Sie haben wohl ihr Enkelchen ſehr lieb?“ „Es iſt ja das jüngſt'. O! mein Hedwig die iſt noch eine von der alten Welt, die hebt mich und legt mich und da iſt kein unſchön Wörtle; ich wollt's ihr gunnen, daß ich bald ſterben thät, ſie muß ſo viel daheim bleiben wegen meiner, und wenn ich geſtorben bin, will ich auch recht für ſie beten im Himmel.“ „Sie beten wohl recht viel.“ „Ja, was kann ich Beſſeres thun? Mit dem Schaffen iſt es aus. „Ich kann auch ein Gebet, das die Seelen vom Mond gerad in den Himmel bringt und daß die Seelen gar nicht in's Fegfeuer brauchen. Die heilig Mutter Gottes hat einmal zu Gott Vater geſagt: Lieber Mann, ich kann das nimmeh hören, wie die armen Seelen im Fegfeuer ſchreien und heulen, es geht mir durch Mark und Bein, und da hat Nu meinetwegen, du darfſt ihnen helfen. Und iſt in dem Throl einem Mann, der acht Kinder gehabt hat, ſein' Frau geſtorben, und da hat der eben ganz ſchrecklich gejammert wie man ſie auf den Kirch⸗ hof tragen hat, und da iſt alle Morgen die Mutter Gottes kommen, hat die Kinder geſtrehlt und gewäſchen und die Betten gemacht, und da hat der Mann lang nicht recht gemerkt, wer das thut, und da iſt er endlich zum Pfarrer gangen, und da iſt der ganz früh mit dem Heilig kom⸗ men, und da hat der geſehen wie die Mutter Gottes zum Fenſter naus iſt, ſchneeweiß, und da iſt das Gebet auf der Simſe gelegen, und da hat man da ein Kirch' hingebaut.“ 29 „ 450 „Dieſes Gebet kennen Sie?“ fragte der Lehrer, ſich neben der Alten auf die Bank ſetzend. „Ihr müſſet nicht ſo Sie ſagen,“ begann die Alte vertraulicher werdend,„das iſt nicht der Brauch.“ „Habt ihr noch mehr Enkel?“ fragte der Lehrer. „Noch fünf und auch vierzehn Urenkel, und von meinem Conſtantin krieg' ich auch bald eins. Kennet ihr meinen Conſtantin nicht? Der hat auch geſtudirt, er iſt ein Wilder, aber ich hab' nichts über ihn zu klagen, gegen mich iſt er alleweil gut.“ Plötzlich kam hinter dem Hauſe hervor ein Mädchen, dem ein ſchneeweißes Huhn auf dem Fuße folgte;„Hent ihr guate Raoth Ahne?“ fragte das Mädchen im Vor⸗ übergehen, es ſchaute kaum eine Weile auf. Der Lehrer war ſo betroffen, daß er unwillkürlich aufſtand und nach der Mütze griff. „Iſt dieß euer Enkelchen?“ fragte er endlich. „Freilich.“ „Das iſt ja prächtig,“ ſagte der Lehrer. et, ſich e Alte . d bon det ihr er iſt gegen dchen, „Hent Vor⸗ Lehrer nach 451 Nicht wahr, es iſt ein ſauber's Mädle? Der alt' Schmiedjörgli ſagt ihm immer, wenn es das Dorf hinein⸗ kommt, es wär' grad wie ſein' Ahne. Der Schmiedjörgli iſt noch der einzig von denen jungen Burſch, mit denen ich getanzt hab'; jetzt iſt es grad wie wenn wir hundert Stund' von einander wären, er ſitzt drinnen im Dorf und kann nicht zu mir kommen und ich nicht zu ihm; wir müſſen halt warten, bis wir halbwegs auf dem Kirch⸗ hof zuſammen kommen, und da treff ich die ganz' alt' Welt, und im Himmel da geht's erſt recht an. Mein guter Hansadam muß lang warten bis ich zu ihm komm', die Zeit wird ihm lang werden.“ „Euch haben gewiß alle Leut' im Dorfe gern,“ ſagte der Lehrer. „Wie's in den Wald neinhallt, hallt's raus. Wenn man jung iſt, möcht' man gern alle Leut' auffreſſen, die einen aus Lieb' und die anderen aus Aerger; wenn man alt iſt, da läßt man einem jeden ſein Sach'. Ihr glaubet's gar nicht, was die Leut' hier ſo gut ſind; ihr werdet's auch noch erfahren. Seid ihr denn auch ſchon viel in der Welt rumkommen?“ „Faſt gar nicht. Mein Vater war auch Schullehrer, er ſtarb, als ich kaum ſechs Jahre alt war, bald darauf ſtarb auch meine Mutter; ich wurde nun in das Waiſen⸗ haus gebracht, blieb dort, zuerſt als Zögling, dann als Incipient und Hülfslehrer, bis ich dieſen Frühling hierher verſetzt wurde. Ja, liebe gute Frau, es iſt ein hartes Loos, wenn man ſich kaum mehr erinnert, daß einen die Hand der Mutter berührt hat.“ Die Hand der alten Frau ſtreifte ihm plötzlich über das Geſicht, es war dem Lehrer in der That als ob ihn eine höhere Macht berührte, er ſaß da mit geſchloſſenen Augen und die Augäpfel zitterten und bebten, die Wan⸗ gen glühten; wie erwachend faßte er die Hand der Alten und ſagte: „Nicht wahr, ich darf euch auch Großmutter heißen?“ „Rechtſchaffen gern, du guter, lieber Menſch, es kommt 452 mir auf ein Enkele mehr oder weniger nicht an, und ich will's probiren und will dir deine Strümpf ſtricken, bring' mir auch die zerriſſenen.“ Mit einem erhabenen Wohlgefühl ſaß nun der Lehrer bei der alten Frau, er wollte gar nicht weggehen. Die Vorübergehenden ſtaunten, daß der ſtolze Menſch ſich ſo vertraulich mit der alten Maurita unterhielt. Endlich kam ein Mann aus dem Hauſe, die Augen reibend, ſich reckend und ſtreckend. „Haſt ausg'ſchlafen Johannesle?“ fragte die Alte. „Ja, aber mein Kreuz thut mir noch ſträflich weh von dem Schneiden.“ „Es wird ſchon wieder gut, unſer Herrgott läßt einem vom Schaffen keinen Schaden zukommen,“ erwiederte die Mutter. Der Lehrer dachte daran, wie ihm das Bücken der Leute als zeremoniöſes Gebet vorgekommen war. Nach gegenſeitigen Begrüßungen begleitete er nun den Johan⸗ nesle hinaus in das Feld. Johannesle liebte eine Unterhaltung, bei der man nichts zu trinken brauchte und die auf dieſe Weiſe nichts koſtete; er war daher entzückt von der Liebenswürdigkeit und Geſcheitheit des Lehrers, denn dieſer hörte ihm auf⸗ merkſam zu: die Darlegung ſeines Hausweſens, die Ge⸗ ſchichte des Conſtantin und noch vieles Andere. Am Abend erzählte Johannesle allen Leuten, der Lehrer ſei gar nicht ſo ohne, er könne nur nicht recht mit der Sprache heraus, er könne den Rank*) nicht kriegen. Der Lehrer aber ſchrieb, als er nach Hauſe kam, in ſein Taſchenbuch:„Die Frömmigkeit allein erhält den Menſchen auch noch im Alter liebenswürdig, ja ſie macht heilig und anbetungswerth, die Frömmigkeit iſt die Kind⸗ heit der Seele; wenn faſt wieder das Kindiſchwerden her⸗ vortritt, verbreitet ſie eine anmuthige glorienhafte Milde * Mit einem Fuhrwerk geſchickt um eine Ecke biegen, nennt man den Rank kriegen. rer Die ſo gen eh em die d⸗ * 453 über das ganze Weſen. Wie hart, herb und häßlich ſind genußſüchtige, ſelbſtſüchtige Menſchen im Alter, wie erha⸗ ben war dieſe Frau ſelbſt in ihrem Aberglauben!“ Noch etwas Anderes ſchrieb der Lehrer in ſein Taſchen⸗ buch, aber er ſtrich es alsbald wieder aus. In herber Selbſtanklage ſaß er lange einſam, endlich ging er hinaus auf die Straße, ſein Herz war ſo voll, er mußte unter Menſchen ſein; der Geſang der Burſchen, der weithin ſchallte, durchzitterte ſeine Bruſt und er ſagte:„Wohl mir, es iſt gekommen, daß der Geſang der Menſchen mich noch tiefer faßt, als der Geſang der Vögel; ich höre den brüderlichen Ruf. O Gott! ich liebe euch alle!“ So wandelte er noch lange durch das Dorf, im Her⸗ zen traulich zu Allen ſprechend, aber kein Wort kam über ſeine Lippen. Ohne zu wiſſen, wie es gekommen war, ſtand er plötzlich vor dem Hauſe Johannesle's in der Bruck: Alles ſtille ringsum, nur aus der untern Stube, wo die Leibgeding⸗Wohnung der Großmutter war, vernahm man eintöniges Murmeln des Gebetes. Erſt ſpät in der Nacht kehrte der Lehrer heim, Alles war ſtille, nur hier und dort vernahm man das leiſe Wiſpern zweier Liebenden. Als er endlich in ſeine Stube eintrat, wo Niemand war, der ihm auf ſeine Reden eine Antwort gab, der nach ihm aufſchaute und ihm gleichſam ſagte freue dich, du lebſt und ich lebe mit dir— da betete er laut zu Gott: Herr! laß mich das Herz finden, das mein Herz verſteht.“ Am andern Tage wußten die Kinder gar nicht, warum der Lehrer heute ſo überaus fröhlich dreinſah. In der Zwiſchenſtunde ſchickte er des Matheſen Hannesle in den Adler und ließ ſagen, man brauche ihm das Eſſen nicht zu ſchicken, er wolle ſelbſt hinkommen. Es war mißlich, daß der Lehrer ſich mit ſo hoch⸗ fliegenden Gedanken dem Leben um ihn her näherte; er konnte ſich wohl zurückhalten, ſeine eigenen Empfindun⸗ gen den Anderen mitzutheilen, dem aber konnte er nicht 454 ſteuern, daß ihm manches Häßliche und Widrige vor die Augen gerückt wurde. In der Wirthsſtube traf er das Bärbele, das in der Schenke ſtand, in eifrigem Geſpräch mit einer andern Frau. „Gelt,“ ſagte Bärbele,„ſie haben dir geſtern Abend den Deinen wüſt heimbracht, er hat ſtark auf ein' Seite geladen gehabt; wenn ich's geſehen hätt', daß ſie ihm Branntwein in's Bier ſchütten, ich hätt' ſcharf ausgefegt.“ „Ja,“ ſagte die Frau,„er war ganz erbärmlich zu⸗ gerichtet, er war grad wie ein voller Sack.“ „Ja, und du ſollſt dich noch ſo ſchön bedankt haben, was haſt denn geſagt? Sie haben ſo gelacht, es hat gar kein End' nehmen wollen.“ „Ich hab' halt geſagt, ſag' ich: Ich dank ſchön ihr Mannen, vergelt's Gott. Da haben ſie mich gefragt: für was denn? Da hab' ich geſagt, ſag' ich: Bedankt man ſich ja wenn man einem ein' Wurſt bringt, warum wird man ſich nicht für ein' ganze Sau bedanken?“ Der Lehrer legte die Gabel weg, als er dieſe Rohheit vernahm, bald aber aß er wieder weiter, indem er lächelnd darüber nachdachte, wie das Unglück und die Leidenſchaft ſo oft witzig mache. Bei allen Gefühlsverletzungen, die der Lehrer durch die Art und Weiſe der Bauern empfand, wendete er ſich aber nicht mehr an die Mutter Natur, ſondern an die Großmutter Maurita, die ihm über die Art, wie die Menſchen hier lebten, manchen Aufſchluß gab. Viele Leute ſagten daher, die alte Frau habe den Lehrer behert. Dem war aber nicht ſo. So gerne er ſich auch an ihrem liebevollen Herzen erlabte, konnte man doch eher ſagen, die Hedwig hätte es ihm angethan, obgleich er ſie nur einmal geſehen und noch kein Wort mit ihr geſprochen hatte.„Hent ihr guate Raoth, Ahne?“ Dieſe Worte wiederholte er ſich oft, ſie klangen ihm ſo innig, ſo melo⸗ diſch, trotzdem ſie in dem derben Dialekte geſprochen waren, ja dieſer ſelber hatte eine gewiſſe Milderung und Anmuth dadurch erhalten. gt: nkt tum heit elnd haft urch ſich die die jele ert. rem gen, nur chen orte elo⸗ ren, uth 455 NMit aller Macht ſeiner früheren Vorſätze ſtemmte ſich unſer Freund gegen die Hinneigung zu einem Bauern⸗ mädchen, aber wie es immer geht, die Liebe findet Aus⸗ wege genug; ſo ſagte ſich auch der Lehrer:„Gewiß iſt ſie das wiedergeborene Ebenbild der guten Großmutter, nur friſcher, von der Sonne der neuen Zeit durchleuchtet. Hent ihr guate Raoth, Ahne?“ Eines Abends ſaß der Lehrer wiederum bei der Alten, da kam das Mädchen hochgerötheten Antlitzes mit der Sichel in der Hand vom Felde heim, ſeine Schürze hielt es behutſam aufgeſchlagen; es trat nun zur Großmutter und reichte ihr aus der Schürze die in Haſelblätter ein⸗ gehüllten Brombeeren. „Du weißt doch, was der Brauch iſt Hedwig, zuerſt wartet man den Fremden auf“, ſagte die Großmutter. „Langet naun zua, Herr Lehrer,“ ſagte das Mädchen frei aufſchauend; der Lehrer nahm errothend eine Brombeere. „Iß auch mit“, ſagte die Großmutter. 456 „J dank, eſſet's naun ihr mit einander,'s ſoll euch wohl bekommen.“ „Wo haſt's denn brochen?“ fragte die Großmutter. „Neabe aunſerm Acker im Grund, ihr könnet jo die Heck,“ ſagte das Mädchen und ging in das Haus. Es war dem Lehrer ganz eigen zu Muthe, daß von der Hecke, die er am erſten Mittage ſeines Hierſeins ge⸗ zeichnet, ihm Hedwig jetzt die reife Frucht brachte. Hedwig kam bald wieder aus dem Hauſe, die weiße Henne folgte ihr auf dem Fuße. „Wohin ſo ſchnell wieder, Jungfer Hedwig?“ fragte der Lehrer,„wollt Ihr euch nicht ein wenig zu uns ſetzen?“ „Ich dank ſchön, ich will noch bis zum Nachteſſen ein bisle nüber zum alten Lehrer.“*) „Wenn's erlaubt iſt, begleit' ich Euch,“ ſagte unſer Freund und ohne eine Antwort abzuwarten ging er mit. „Kommet ihr oft zum alten Lehrer?“ „Freilich, er iſt ja mein Vetter, ſein Weib iſt die Schweſter von meiner Ahne geweſen.“ „So? das freut mich herzlich.“ „Warum? Habt ihr mein Baſ' gekannt?“ „Nein, ich mein nur ſo.“ Man war an dem Garten des alten Lehrers ange⸗ langt, Hedwig ſchloß ſchnell die Gartenthüre hinter ſich und ließ die Henne draußen, die wie eine Schildwache hier harrte. „Wie kommt's,“ fragte der Lehrer,„daß Euch das Huhn ſo nachläuft? Das iſt ja etwas ganz Seltenes.“ Hedwig ſtand verlegen da und zupfte an ihren Kleidern. „Dürfet Ihr mir's nicht ſagen?“ fragte der Lehrer wieder. „Ja, ich darf, ich kann, aber— Ihr dürfet mich nicht auslachen und müſſet mir verſprechen, daß Ihr's nicht weiter ſaget; ſie thäten mich ſonſt foppen.“ Der Lehrer faßte ſchnell die Hand des Mädchens und 0) Hedwig ſprach zwar immer ganz im Dialekt, zum beſſern Verſtänd niß geben wir es aber möglichſt hochveutſch wieder. euch tter. die von eiße te 17 ſſen ſer nit. ge⸗ ſch che 457 ſagte:„Ich verſprech's Euch hoch und heilig.“ Er ließ die Hand nicht mehr los, und verlegen zur Erde ſchauend ſagte das Mädchen: „Ich, ich hab', ich hab' das Hühnle in meiner Bruſt ausgebrütet; die Gluckhenn' iſt verſcheucht worden und da hat ſie die Eier liegen laſſen und wie ich das einzig Eile gegen das Licht gehoben hab', hab' ich geſehen, daß ſchon ein Köpfle drin iſt, und da hab' ich's halt zu mir genommen.... Ihr müſſet mich nicht auslachen, aber wie das Hühnle'rauskommen iſt, da hab' ich mich vor Freud' gar nicht zu halten gewußt; ich hab' ihm ein Federbettle gemacht, hab' ihm Brod gekaut und hab's geäzt, und es iſt ſchon am andern Tag auf dem Tiſch rumgelaufen. Es weiß Niemand was davon als mein' Ahne. Da iſt mir jetzt das Hühnle ſo treu, wenn ich in's Feld geh' muß ich's einſperren, daß es mir nicht nachlauft. Geltet, ihr lachet mich nicht aus.“ „Gewiß nicht,“ ſagte der Lehrer, und ging noch eine Strecke Hand in Hand mit Hedwig, dann aber verwünſchte er die Ordnungsliebe und Sparſamkeit des alten Lehrers, der den weitern Weg ſo eng gemacht hatte, daß man nicht neben einander gehen konnte. Unſer Freund war ſehr erzürnt, als der alte Schullehrer mit ungewöhnlich ſchnellem Lachen den beiden Ankom⸗ menden zurief: „Kennet ihr ſchon einander? Hab' ich dir's nicht ſchon lang geſagt, Hedwig, du mußt einen Schullehrer kriegen?“ Dieſes unzeitige Anfaſſen einer kaum knoſpenden Blüthe that unſerm Freunde in tieſſter Seele weh, doch er be⸗ meiſterte ſeine Empfindlichkeit und ſchwieg; er ſtaunte aber, daß Hedwig, als ob nichts geſagt worden wäre, begann: „Vetter, ihr müſſet morgen eure Sommergerſte in den Holzſchlägeläckern ſchneiden, ſie iſt überzeitig und fällt ſonſt ganz um.“ Es wurde wenig geſprochen, Hedwig ſchien ſehr müde, ſie ſetzte ſich auf die Bank vor einem Baume. Die beiden Lehrer ſprachen nun mit einander, aber unſer junger Freund 458 ſah das Mädchen dabei immer ſo durchdringend an, daß es ſich mehrmals mit der Schürze über das Geſicht fuhr, es meinte, es müſſe in der Küche, als es die Kartoffeln an's Feuer geſtellt hatte, ſich rußig gemacht haben. Unſer Freund hatte aber ganz andere Dinge zu bemerken. Es fiel ihm jetzt zum erſten Male auf, daß Hedwig mit dem linken Auge ein wenig ſchielte; dieß war aber keineswegs unangenehm, vielmehr gab es dem Ausdrucke etwas Wei⸗ ches und Scheues, was zu der übrigen Bildung des Geſichtes wohl paßte: die feine, ſchlanke Naſe, der überaus kleine Mund mit den kirſchrothen Lippen, die runden, zartrothen Wangen— die Blicke des jungen Mannes ſchweiften mit Wohlgefallen darauf umher. Endlich, da er ſeinem Col— legen mehrere verkehrte Antworten gegeben hatte, merkte er, daß es Zeit zum Gehen ſei, er verabſchiedete ſich daher, und Hedwig ſagte: „Gut' Nacht, Herr Lehrer.“ „Erhalte ich nicht auch noch eine Gutnachthand?“ Hedwig verſteckte ſchnell ihre beiden Hände auf dem Rücken. „Bei uns fragt man nicht, bei uns nimmt man ſich die Hand, he, he,“ ſagte der alte Lehrer. Unſer Freund ließ ſich dieſe Weiſung nicht zweimal geben, er ſprang hinter den Baum, um die Hand Hed⸗ wigs zu faſſen, dieſe aber wendete ihre Hände ſchnell nach vornen. Der Lehrer getraute ſich nicht mit ihr zu ringen, und ſo ſprang er noch mehrmals vor- und rückwärts, bis er zuletzt ſtolperte und vor Hedwig niederfiel; ſein Haupt lag in ihrem Schvoße auf ihrer Hand, ſchnell beſonnen drückte er einen heißen Kuß auf dieſe Hand und nannte ſie im Geiſte ſein. So blieb er eine Weile, ohne ſich zu erheben, bis endlich Hedwig mit beiden Händen ſeine Wangen bedeckend ihn emporhob; verworren um ſich ſchauend ſagte ſie: „Stehet auf, Ihr habt Euch doch nichts gethan? Gucket, das kommt von denen Späſſ'; Ihr müſſet Euch nur von meinem Vetter da nichts anlernen laſſen.“ nie beſi das vol da zur M ſeit „daß fuhr, offeln Unſer dem weg Wei⸗ chtes leine then nit ol⸗ rkte her, ken. ſich nal ed⸗ nell und er upt nen mte zu eine end et, von — S——— 459 Der Lehrer ſtand auf und Hedwig bückte ſich ſchnell nieder, um ihm mit der innern Seite ihrer Schürze die beſchmutzten Knie zu reinigen; der Lehrer aber duldete das nicht, ſein Herz pochte ſchnell, da er dieſe demuth⸗ volle Beſcheidenheit ſah. Bald ſtand er wieder geſäubert da und ſagte Hedwig abermals gute Nacht, ſie blickte zur Erde, weigerte ihm aber ihre Hand nicht mehr. Schwebenden Ganges ging der Lehrer dahin, es war als ob er den Boden kaum berührte, als ob eine höhere Macht ihn trüge; ein unnennbares Kraftgefühl durchſtrömte ſein innerſtes Mark, ihm war ſo leicht und frei, alle Leute ſchauten ihn verwundert an, denn er lächelte ihnen ganz ofſen zu.— So ſchnellem Wechſel iſt aber ein Menſchengemüth hingegeben, daß bald nach dem erſten Jubel der Lehrer in trüber Selbſtanklage zu Hauſe ſaß:„Du h7 dich von einer Leidenſchaft zu ſchnell hinreißen laſſen,“ ſagte er ſich.„Iſt das die Feſtigkeit? An ein ungebildetes Bauern⸗ mädchen haſt du dich hingegeben, weggeworfen.— Nein, nein, aus dieſem Antlitze ſpricht die Majeſtät einer zarten, ſanften Seele.“ Noch mancherlei Gedanken ſtiegen in ihm auf, er kannte jetzt das Bauernleben, und noch ſpät ſchrieb er in ſein Taſchenbuch:„Das ſilberne Kreuz auf ihrem Buſen iſt mir ein ſchönes Sinnbild der Heiligkeit, Unnahbarkeit und Unberührtheit.“ Hedwig aber hatte zu Hauſe keinen Biſſen zu Nacht ge⸗ geſſen, ihre Leute zankten ſie, ſie habe zu viel geſchafft, ſie habe gewiß noch dem Lehrer in der Gartenarbeit ge⸗ holfen; ſie verneinte und machte ſich bald zu ihrer Groß⸗ mutter, mit der ſie in einem Zimmer ſchlief. Noch lange nach dem Nachtgebet ſagte ſie, als ſie die Großmutter huſten hörte und nun wußte, daß ſie auch noch wach ſei: „Ahne, was hat denn das zu bedeuten, ein Kuß auf die Hand?“ „Daß man die Hand gern hat.“ „Weiter nichts?“ 460 „Nein.“ Wieder nach einer Weile ſagte Hedwig:„Ahne.“ „Wasele?“*) „Ich hab' was fragen wollen, ich weiß aber nimmehr.“ „Nun, ſo ſchlaf jetzt, du biſt müd, wenn's was Gut's iſt, wird's morgen früh auch nicht zu ſpät ſein; es wird dir ſchon einfallen.“ Hedwig wälzte ſich aber ſchlaflos im Bett umher. Sie überredete ſich, daß ſie nicht ſchlafen könne, weil ſie den Hunger übergangen habe; ſie würgte nun mit aller Ge⸗ walt ein Stück Brod hinab, das ſie für alle Gefahren bereit gehalten hatte. Der Lehrer war indeß auch mit ſich in's Reine gekom⸗ men. Anfangs hatte er ſich vorgenommen, ſich ſelber und ſeine Neigung zu prüfen, eine Zeit lang Hedwig gar nicht mehr zu ſehen; endlich aber gelangte er doch zu dem weiſeren und erfreulicheren Entſchluſſe, Hedwig im Gegen⸗ theile recht oft zu ſehen und ihre Geiſtesbildung auf allerlei Weiſe zu prüfen. Andern Tages ging er nun zu ſeinem alten Collegen und forderte ihn zum Spaziergange auf; er ſah es wohl, ſchon um Hedwig's willen mußte er hier in ein näheres Verhältniß treten. Der alte Mann ging eigentlich Wmie ſpazieren, die Gartenarbeit verſchaffte ihm Bewegung ge⸗ nug; die Einladung unſeres Freundes erſchien ihm jedoch als Ehrenbezeugung und er ging mit. Es war auffallend, wie wenig Geſprächsſtoffe bei dem alten Manne Feuer fingen; ſie waren immer wieder eben ſo ſchnell aus als ſeine Pfeife, für die er alle fünf Mi⸗ nuten Feuer ſchlug. Von Hedwig wollte der junge Mann nicht unmittelbar ſprechen, aus den Beſtrebungen des Alten ſelber wollte er ſchon Manches ſchließen. „Leſet Ihr auch bisweilen noch Etwas?“ fragte er daher. „Nein, faſt gar nichts, es kommt mir auch doch nichts *) Was und le. dal wa ko wi er un mehr“ s Guts es wird r. Sie ſie den er Ge⸗ ffahren gekom⸗ er und nicht dem egen⸗ llerlei legen wohl, äheres hie ge⸗ jidoch i dem eben f Mi⸗ Mann des te er nichts — 461 dabei heraus, wenn ich auch alle Bücher auswendig könnte, was hätt' ich davon? Ich bin penſionirt.“ „Ja,“ erwiederte der junge Mann,„man vervoll⸗ kommnet ſeinen Geiſt doch nicht bloß um des äußern Nutzens willen, den man daraus ziehen mag, ſondern um ein erhöhtes, inneres Leben zu gewinnen, um immer tiefer und klarer zu ſchauen. Alles auf Erden und zumal das hoͤhere Geiſtesleben muß zuerſt Zweck für ſich—“ Der Alte ſchlug ſich mit großer Gemüthsruhe Feuer, unſer Freund hielt mitten in einer Auseinanderſetzung inne, die ihm erſt ſeit Kurzem aufgegangen war. Eine Weile ſchritten die Beiden wortlos neben einander, dann fragte der Jüngere wieder: „Nicht wahr, aber Muſik macht Ihr immer gern.“ „Das will ich meinen, da ſitz ich oft halbe Nächt' und feile, da brauch ich kein Licht, verderb mir die Augen nicht, hab' Unterhaltung und brauch keinen Men⸗ ſchen dazu.“ „Und Ihr vervollkommnet Euch darin, ſo weit Ihrkönnt?“ „Warum nicht? Gewiß.“ „Ihr habt doch aber auch keinen Nutzen davon,“ ſagte der junge Mann. Der Alte ſchaute ihn verwundert an; jen aber fuhr fort:„Wie Euch die Muſik und Eure Ausbildung darin Freude bereitet, ohne daß Ihr einen Nutzen davon wollt, ſo könnte und ſollte es wohl auch mit dem Leſen und der Geiſtesbildung ſein; aber es geht hiemit oft gerade ſo wie vielen Leuten, die ſich nicht mehr mit der gehörigen Sorgfalt kleiden, weil ſie Niemanden haben, auf deſſen Gefallen ſie ein beſonderes Gewicht legen. Ich hörte vorgeſtern, wie ein junger Burſche einer jungen Frau über ihren nachläſſigen Anzug Vorwürfe machte.„Ei,“ ſagte ſie,„was liegt jetzt da dran? Ich bin jetzt ſchon verkauft, der mein' muß mich halt haben, wie ich bin.“ Als ob man ſich eines äußern Zweckes, nur Anderer wegen ſorgfältig kleide, und nicht weil es die eigene Natur, die Selbſtachtung verlangt. So geht es auch Vielen mit der Geiſtesbildung; weil ſie ſie bloß des äußern Zweckes ——— —————.— 462 wegen betrieben, laſſen ſie davon ab, ſobald der nächſte Zweck erreicht oder nicht mehr da iſt. Wer aber ſeine geiſtige Natur, ſeinen geiſtigen Leib, wenn ich ſo ſagen kann, achtet und ſchätzt, wird ihn immer ſchön und rein erhalten und ihm ſtets mehr Kraft zu geben ſuchen.“ Der junge Mann erkannte erſt jetzt, daß er eigentlich ein lautes Selbſtgeſpräch gehalten hatte; er fürchtete indeß nicht, den Alten beleidigt zu haben, denn er ſah deſſen vollkommene Gleichgültigkeit. Mit ſchwerem Herzen er⸗ kannte er von Neuem, wie mühevoll es ſei, die höheren allgemeinen Gedanken und Anſchauungen an Mann für Mann zu verzapfen.„Wenn der alte Lehrer ſo hart⸗ häutig iſt, wie wird es dir erſt bei den Bauern gehen,“ dachte er. So ſchritten ſie eine ſtille Weile dahin, bis der Jüngere wieder begann: „Meinet Ihr nicht auch, daß man in unſerer Zeit viel frommer, oder wenigſtens grad ſo fromm iſt als in der alten Zeit?“ „Frommer? In's Teufels Namen, man war in der alten Zeit auch nicht letz,*) aber man hat nicht ſo viel Aufhebens, ſo viel Geſchmus**) davon gemacht; zlitzel und zwviel verdirbt alle Spiel'“, he he.“ Wieder war Stille. Endlich fand der junge Mann den rechten Gegenſtand, indem er fragte: „Wie war's denn in früheren Zeiten mit der Muſik?“ Da lebte der Alte ganz auf, er hielt Zunder und Stahl in der Hand, ohne ſich Feuer zu ſchlagen, denn er ſagte: „Das iſt heutigen Tages nur noch ein Gedudel. Ich war dritthalb Jahr' Unterorganiſt im Münſter zu Frei⸗ burg, Herr! das iſt eine Orgel, ich hab' den Abt Vogler *) Verkehrt. Geſchmus, von den Juden entlehnter Ausdruck, ſo viel als unnöthige Redensart. — nichſte en Lib, ird ihn r Kraft igentlich te indeß h deſſen zen er⸗ höheren nn für hart⸗ gehen,“ n, bis eit viel in der in der ſo viel zlitzl nſtand, ufik?“ er und denn . 30 1 Frei⸗ Vogler nnöthigt 463 drauf gehört, im Himmel kann's nicht ſchoner ſein als der geſpielt hat. Hernach hab' ich auch auf mancher Kirchweih auf⸗ geſpielt. Früher hat man meiſt Geigen gehabt, auch eine Harf' und ein Hackbrett, jetzt haben ſie nichts als Blasinſtru⸗ mente: große Trompeten, kleine Trompeten, Klappentrom⸗ peten, Alles nichts als Wind und viel Geſchrei. Und was verdient jetzt ſo ein Muſikant bei einer Kirchweih? Vor Zeiten waren drei Mann vollauf, jetzt müſſens ſechs, ſieben ſein; ſonſt waren kleine Stuben, kleiner Baß und groß Geld, jetzt— große Stuben, großer Baß und klein Geld. Ich bin einmal mit zwei Kameraden im Schabacher⸗ thal rumzogen, da ſind uns die Federnthaler von allen Seiten zugeflogen. Einmal haben ſich zwei Orte ſchier todtgeſchlagen, weil mich ein Jedes hat zur Kirchweih haben wollen.“ Nun erzählte der Alte eine ſeiner Hauptgeſchichten, — S —— ——— ——— —————— 464 wie ihn nämlich ein Ort wegen ſeines guten Geigenſpiels als Lehrer angenommen, die Regierung aber einen Andern mit Dragonern einſetzen wollte, wie ſich das ganze Dorf revoltirte, ſo daß es am Ende doch bei ſeiner Beſtallung blieb. „Hat denn Euer Anſehen als Lehrer nicht darunter gelitten, wenn Ihr auf den Kirchweihen ſpieltet?“ fragte der junge Mann. „Im Gegentheil, ich hab' hier im Ort mehr als fünf⸗ zigmal geſpielt und Ihr werdet keinen ſehen, der nicht die Kapp vor mir lupft.“ Der Redefluß des Alten war in ununterbrochenem Gange bis man wieder in den Garten zurückgekehrt war; unſer Freund harrte aber umſonſt auf die Ankunft Hed⸗ wig's, ſie kam nicht. So ward doch der anfängliche Vor⸗ ſatz erfüllt, er ſah Hedwig eine lange, lange Zeit nicht, nämlich einen ganzen Tag. Andern Tages ging unſer Freund wieder allein in das Feld, er ſah den Buchmaier, der auf einem großen, breiten Acker mit einem Pferde, das vor eine Art Walze geſpannt war, arbeitete. „Fleißig, Herr Schultheiß?“ ſagte der Lehrer; er hatte ſich nun ſchon die bräuchlichen Anreden gemerkt. „So ein bisle,“ erwiederte der Buchmaier und trieb ſeinen Gaul noch bis an's Ende des Feldes nach dem Wege zu, dann hielt er an. „Iſt das der Fuchs,“ fragte der Lehrer,„den Ihr ſelben Tag, als ich angekommen bin, eingewöhnt habt?“ „Ja, der iſt's, das freut mich, daß Ihr auch daran denket; ich hab' gemeint, ihr denket allfort bloß an eure Geſchriften. Gucket, mit dem Gaul iſt mir's ganz beſonders gangen. Ich hab' meinem Oberknecht ſeinen Willen gelaſſen und hab' ihn gleich anfangs zweiſpännig eingewöhnen wollen, aber es iſt nicht gangen. So ein Füllen, das ſein Lebtag noch kein Geſchirr auf dem Leib geſpürt hat, das ſchafft ſich ab und zieht und thut und bringt doch nichts Rechts ——— —-———— nſpiels Andern e Dorf allung untet fragte fünf⸗ cht die chenem war; Hed⸗ Vor⸗ nicht, in in roßen, Walze hatte dem ſelben daran eure ngen. und ollen, Lebtag ſcheft Rechts ——————— 465 zuweg; wenn es ſcharf anzieht und mit den Sträng' ein bisle vor iſt, ſo macht es den Nebengaul nur irr, daß er gar nichts mehr thut und nur ſo neben her lottert; wenn man's allein hat, ſo lernt es ſtet thun und zappelt ſich nicht ſo für nichts ab. Wenn ein Gaul einmal allein gut iſt, nachher geht er auch ſelbander gut, und man kann ſchon eher'rauskriegen, wie ſtark der Nebengaul ſein muß.“ Aus mancherlei Anwendungen, die der Lehrer von die⸗ ſer Rede machte, ſagte er nur dieſe laut: „Es geht auch bei den Menſchen ſo zuerſt muß man für ſich allein etwas geweſen ſein, ehe man in Gemeinſchaft gut arbeitet und tüchtig iſt“ „Daran hab' ich noch nicht dacht, aber es iſt wahr.“ „Iſt das die neue Säemaſchine, die Ihr da habt? was ſäet Ihr denn?“ „Reps.“ „Findet Ihr es nun mit der Maſchine nützlicher, als mit der früheren Art zu ſäen?“ „Wohl, es wird gleicher, iſt aber nur für große Aecker; Bauern, die nur ein klein Schnipfele haben, das man wohl mit einer Handvoll überlangen kann, die ſäen beſſer mit der Hand.“ „Ich muß geſtehen, für mich hat das Säen mit der Hand etwas Anſprechendes; es liegt eine ſinnige Deutung darin, daß das Samenkorn zuerſt unmittelbar in der Hand des Menſchen ruht, dann hingeſchleudert eine Weile frei in der Luft ſchwebt, bis es von der Erde angezogen in den Boden fällt, um zu verweſen und neu aufzugehen. Findet Ihr das nicht auch?“ „Es kann ſein, ich merk' aber eben erſt, daß man den Säeſpruch nicht mehr gut ſagen kann mit der Maſchine; nun, man kann's doch dabei denken.“ „Welchen Säeſpruch?“ „Früher hat man bei jeder Handvoll, die man aus⸗ geſtreut hat, geſagt: 30 466 Ich ſäe dieſen Samen, Hier in Gottes Namen, Für mich und die Armen.“ „Dieſer Spruch ſollte nicht aufhören.“ „Ja, wie geſagt, man kann's ja auch ſo denken oder auch ſagen; es iſt eben nützlicher mit der Maſchine.“ „Finden ſolche neue Erfindungen hier leicht Eingang?“ „Nein. Wie ich zum erſtenmal' meine Ochſen jeden in ein beſonder' Joch geſpannt hab', iſt das ganze Dorf nachgelaufen; wie ich nun gar das Ding da vom land⸗ wirthſchaftlichen Feſt heimbracht hab' und zum erſtenmal' mit'naus bin, da haben mich die Leute für närriſch gehalten.“ „Es iſt doch traurig, daß die Verbeſſerungen ſo ſchwer bei dem gewöhnlichen Volke Eingang finden.“ „Oh Fuchs, Oha!“ ſchrie der Buchmaier ſeinem unruhig ſcharrenden Pferde zu, dann es feſter haltend fuhr er fort? „Das iſt gar nicht traurig, Herr Lehrer, im Gegentheil, das iſt recht gut. Glaubet mir, wenn die Bauersleut' nicht ſo halsſtarrig wären und jedes Jahr das Verſucher⸗ les machen thäten, das die ſtudirten Herren aushecken, wir hätten ſchon manches Jahr hungern müſſen. Oha Fuchs! Ihr müſſet Euch in der Landwirthſchaft ein bisle umſehen, ich will Euch ein paar Bücher geben.“ „Ich will zu Euch kommen, ich ſehe, das Pferd will nicht mehr ſtillhalten; ich wünſch' geſegnete Arbeit.“ „B'hüts Gott,“ ſagte der Buchmaier, über den letzten Gruß lächelnd. Der Lehrer ging ſeines Weges, der Buchmaier fuhr in ſeiner Arbeit fort. Kaum war aber Erſterer einige Schritte entfernt, als er den Buchmaier den Lauterbacher pfeifen hörte, er ſchreckte ein wenig zuſammen, denn er war noch nicht frei von Empfindlichkeit und war geneigt, dieß für Spott zu halten; bald aber ſagte er ſich wieder: der Mann denkt gewiß nichts Arges dabei— und darin hatte er recht, denn der Buchmaier dachte nicht nur nichts ken oder 40 igang?“ n jeden e Dorf nand⸗ tenmal närriſch ſchwer ntuhig r fort: entheil, etsleut rſucher⸗ n, wir Fuchs! nſehen, d will lezten r fuhr einige tbacher enn er eneigt, wieder darin nichts — 467 Arges, ſondern gar nichts dabei, die luſtige Weiſe war ihm eben ſo in den Mund gekommen. In einer Feldſchlucht, wo er ſich zuerſt umgeſehen, damit ihn Niemand bemerkte, ſchrieb der Lehrer in ſein Taſchenbuch: „Die ſtetige und faſt unbewegliche Macht des Volks⸗ thums, des Volksgeiſtes, iſt eine heilige Naturmacht; ſie bildet den Schwerpunkt des Erdenlebens, und ich möchte wiederum ſagen, die vis inertiae im Leben der Menſchheit. Welchen unglückſeligen Schwankungen wäre die Menſch⸗ heit hingegeben, wenn alsbald jede ſittliche, religiöſe und wirthſchaftliche Bewegung die der Geſammtheit würde! Erſt was die Schwankung verloren, erſt was Stetigkeit, ich will ſagen was ruhige Bewegung geworden, kann hier einmünden; hier iſt das große Weltmeer, das ſich in ſich Ich will das Leben und die Denkweiſen dieſer Men⸗ ſchen heilig achten, aber ich will es verſuchen....“ Was der Lehrer verſuchen wollte, war hier nicht aus⸗ gedrückt, aber er hatte auf glückliche Weiſe an manchen Enden des Dorflebens angeknüpft. Hedwig ſprach er mehrere Tage nicht, er ſah ſie wohl einigemal als er bei der Großmutter war, aber ſie ſchien ſehr beſchäftigt und huſchte nur immer mit kurzen Reden vorbei, ja, ſie ſchien ihm faſt auszuweichen; er wartete in Geduld eine Zeit der Ruhe ab. Wohl bewegte die Liebe zu dem Mädchen mächtig ſein Herz, aber auch die ganze Welt des Volksthums, die ſich ihm aufſchloß, ſchwellte ihm die Bruſt. Er ging oft wie traumwandelnd umher, und doch war er noch nie ſo ſicher und feſt im Leben geſtanden als eben jetzt. Manche Trübſal und Störung erfuhr auch der Lehrer durch den Studentle. Dieſer war begierig zu erfahren, was der Lehrer mit ſeiner Großmutter zu„baſen“ habe; er geſellte ſich daher mehrmals zu den Beiden. Wenn ein tieferer Gemüthston angeſchlagen wurde, fuhr er mit luſtigen Spöttereien drein. 306 468 Als der Lehrer fragte:„Großmutter, gehet Ihr gar nie in die Kirche?“ erwiederte der Studentle ſchnell:„Ja, Großmutter, Euch gedenkt's vielleicht noch, wer die Kirch' gebaut hat; der Herr Lehrer möcht's gern wiſſen, er will aber doch die Kirch' im Dorf laſſen.“ „Sei ſtill du,“ erwiederte die Großmutter,„wenn du was nutz wärſt, wärſt du jetzt Meiſter in der Kirch' und wärſt Pfarrer.“ Zu dem Lehrer gewendet fuhr ſie fort: „Schon ſeit fünf Jahren bin ich nicht in der Kirch' gewe⸗ ſen, aber am Sonntag merk' ich ſchon daheim am Läuten, wenn das Heilig gezeigt wird und wann die Wandlung iſt; da ſag' ich dann die Litanei allein. Alle Jahr zwei⸗ mal kommt der Pfarrer und gibt mir das Abendmahl; er iſt gar ein herziger Mann, unſer Pfarrer, er kommt auch ſonſt zu mir.“ „Meinet ihr nicht Herr Lehrer,“ begann der Studentle, daß meine Großmutter eine Aebtiſſin comme il faut wäre?“ Die Großmutter ſchaute den Beiden verwundert in's Geſicht, da ſie ſo fremde Worte über ſich hörte, ſie wußte nicht, was das zu bedeuten habe. „Allerdings,“ ſagte der Lehrer,„aber ich glaube, daß ſie auch ſo eben ſo fromm ſein und eben ſo ſelig werden kann.“ „Gucket Ihr's, Ahne,“ ſagte der Studentle frohlockend, „der Herr Lehrer ſagt's auch, daß die Pfarrer kein Bröſele mehr ſind als andere Menſchen.“ „Iſt das wahr?“ fragte die Alte betrübt. „Ich meine ſo,“ begann der Lehrer,„es können ja alle Menſchen ſelig werden, aber ein echter Geiſtlicher, der fromm und gut iſt und eifrig für das Seelenheil ſeiner Nebenmenſchen ſorgt, der hat eine höhere Stufe.“ „Das mein' ich auch,“ ſagte die Alte. Dem Lehrer ſtand der Angſtſchweiß auf der Stirne, der Studentle aber fragte wieder: „Sind Ihr nicht auch der Meinung, Herr Lehrer, daß die Geiſtlichen heirathen ſollten?“ „Es iſt Kirchengeſetz, daß ſie nicht heirathen dürfen, und gar nie „J, Kirch et will enn du h und e fort: gewe⸗ äuten, ndlung zwei⸗ hl er t auch dentle, äre t in's wußte duß verden ckend, rſele en ja t, der ſeiner Lehrer aber daf und 469 wer bei vollem Bewußtſein Geiſtlicher geworden iſt, muß ſein Geſetz halten.“ „Das mein' ich auch,“ ſagte die Alte mit großer Hef⸗ tigkeit,“ die wo heirathen wollen, das ſind Fleiſchteufel, und man heißt's Geiſtlich und nicht Fleiſchlich. Ich will Euch was ſagen, gebet dem da kein' Antwort mehr, laſſet Euch Euer gut Gemüth nicht verderben, der hat heut' wieder ſeinen gottloſen Tag, er iſt aber nicht ſo ſchlecht, wie er ſich ſtellt.“ Der Studentle ſah, daß bei ſeiner Großmutter nichts auszurichten war, und ging mißmuthig davon, auch der Lehrer entfernte ſich bald; wieder war ihm ein ſchönes zartes Verhältniß hart angefaßt worden. Erſt zu Hauſe gelangte er zur Ruhe und ſtählte ſich gegen die unvermeid⸗ lichen Eingriffe von Außen. Am Sonntag gelang es unſerm Freunde endlich wieder, Hedwig in Ruhe zu ſprechen; er traf ſie bei dem alten Lehrer im Garten, ſie ſaß mit ihm auf der Bank, die Bei⸗ den ſchienen nichts geſprochen zu haben. Nach einigen gewöhnlichen Redeweiſen begann der Lehrer:„Es iſt doch eine hohe, erhabene Sache, daß der ſiebente Tag durch die Religion geheiligt und aller Arbeit entledigt iſt; wenn wir uns vorſtellen, daß das nicht ſo wäre, die Leute würden vor übermäßiger Anſtrengung ſterben. „ Wenn man in dieſer hohen Erntezeit z. B. Tag für Tag ohne Unterlaß arbeiten wünrde, bis Alles vollbracht wäre, Niemand könnte es aushalten.“ Hedwig und der alte Mann ſahen zuerſt über dieſe Rede verwundert drein, dann aber ſagte Hedwig: „Ihr ſind wohl ſchon hier geweſen, wie's der Pfarrer in der Heuet erlaubt hat, daß man am Sonntag das Heu wenden darf, weil es ſo lange geregnet hat und Alles erſtickt wär'“ Ich bin auch mit naus in's Feld, aber es iſt mir geweſen, wie wenn jede Gabel voll Heu doppelt ſo ſchwer ſei; es iſt mir gerad' geweſen, wie wenn mich Einer am Arm halten thät', und den andern Tag und 470 die ganz Woch' war mir's, wie wenn die ganz' Welt ver⸗ kehrt wär' und ſchon ein Jahr lang kein Sonntag mehr geweſen ſei.“ Freudeſtrahlend blickte der Lehrer Hedwig an, ja, das war die Großmutter; zu dem alten Manne gewendet ſagte er aber: „Ihr müſſet euch noch der Zeit erinnern, als man in Frankreich die Dekaden einführte.“ „Dukaden? die kommen ja aus Italien.“ „Ich meine Dekaden. Man verordnete nämlich, daß nur alle zehn Tage ein Ruhetag ſein ſolle, da wurden ebenfalls alle Menſchen krank. Die Zahl Sieben wieder⸗ holt ſich auf eine geheimnißvolle Weiſe in der ganzen Natur und darf nicht verrückt werden.“ „Das war ja verrückt, alle zehn Tage einen Sonntag, he, he,“ ſagte der alte Mann. „Wiſſet ihr auch die Geſchicht' von dem Herrn, wo in der hieſig' Kirch' in Stein gehauen iſt, mit dem Hund?“ fragte Hedwig. „Nein, erzählet ſie.“ „Das war auch ſo Einer, der den Sonntag nicht hei⸗ lig gehalten hat. Es war ein Herr—“ „Der Herr von Iſenburg und Nordſtetten,“ ergänzte der Alte. „Ja,“ fuhr Hedwig fort,„man ſieht in Iſenburg nur noch ein paar Mauern von ſeinem Schloß; der hat nun auch nichts auf keinen Sonntag und keinen Feiertag ge⸗ halten, und hat nichts auf der Welt lieb gehabt als ſeinen Hund, der war ſo groß und bös wie ein Wolf. Am Sonn⸗ tag und Feiertag hat er die Leut' zwungen, daß ſie haben Alles ſchaffen müſſen, und wenn ſie nicht gutwillig gegan⸗ gen ſind, iſt der Hund von ihm ſelber auf ſie geſprungen und hat ſie ſchier verriſſen, und da hat er, der Herr, gelacht und hat dem Hund den Namen Sonntag geben. Er iſt nie in die Kirch' gangen als ein einzigmal, wie man ſein' einzig' Tochter copulirt hat; er hat den Hund, wo Sonntag geheißen hat, mit in die Kirch' nehmen wollen, lt ver⸗ meht , das ſagte an in daß urden ieder⸗ anzen ntag, in nd hei⸗ änzte nur nun g⸗ einen onn⸗ ahen gan⸗ und und nie ſein' wo llen, — er iſt aber nicht dazu zu bringen geweſen, und er hat ſich vor der Kirch' auf die Schwell hingelegt bis ſein Herr wieder rauskommen iſt. Wie nun der'rausgeht, ſtolpert er über den Hund, fällt hin und iſt maustodt, und da iſt auch ſein' Tochter geſtorben, und die ſind jetzt beide mit ſammt dem Hund in der Kirch' in Stein gehauen. Man ſagt, der Hund ſei der Teufel geweſen, und ſein Herr hab' ſich ihm verſchrieben gehabt.“ Der Lehrer ſuchte zu beweiſen, daß dieſe Sage ſich erſt durch das Vorhandenſein des Denkmals gebildet habe, daß die Adeligen ſich gerne mit Wappenthieren abbilden laſſen u. ſ. w.; er fand aber wenig Anklang und ſchwieg. Niemand war geneigt, das Geſpräch fortzuſetzen. Hed⸗ wig machte mit ihrem Fuße ein Grübchen in den Sand, der Lehrer nahm hier zum erſtenmale Gelegenheit, die Kleinheit ihres Fußes zu bemerken. „Leſet Ihr nicht auch mitunter am Sonntag?“ begann er ſo vor ſich hin; Niemand antwortete; er blickte Hedwig beſtimmt an, worauf ſie erwiederte: „Nein, wir machen uns ſo Kurzweil.“ „Ja womit denn?“ „Ei, wie Ihr nur ſo fragen könnet; wir ſchwätzen, wir ſingen und hernach gehen wir ſpazieren.“ „Nun, was ſprechet Ihr denn?“ 472 Das Mädchen lachte laut und ſagte dann:„Das hätt' ich mein Lebtag nicht denkt, daß man mich das fragt. Geltet Vetter, wir beſinnen uns nicht lang drauf? Jetzt wird bald mein Geſpiel' des Buchmaiers Agnes, kommen, da werdet Ihr nimmehr fragen, was man ſchwätzt, die weiß eine Kuhhaut voll.“ „Habt Ihr denn noch gar keine Bücher geleſen?“ „Ja freilich, das G'ſangbuch und d'bibliſch' Gſchicht'.“ „Sonſt nichts?“ „Und das Blumenkörble und die Roſa von Tannen⸗ burg.“ „Und noch?“ „Und den Rinaldo Rinaldini, jetzt wiſſet Ihr Alles,“ ſagte das Mädchen, mit beiden Händen über die Schürze ſtreifend, als hätte es ſein geſammtes Wiſſen jetzt vor dem Lehrer ausgeſchüttet; dieſer aber fragte wieder: „Was hat Euch denn am beſten gefallen?“ „Der Rinaldo Rinaldini,'s iſt jammerſchad, daß das ein Räuber geweſen iſt.“ „Ich will Euch auch Bücher bringen, da ſind viel ſchö— nere Geſchichten darin.“ „Erzählet uns lieber eine, aber auch ſo eine recht grauſelige; oder wartet lieber, bis die Agnes auch da iſt, die hört's für ihr Leben gern.“ Da kam ein Knabe und ſagte dem alten Lehrer, er ſolle ſogleich zum Bäck kommen und ſeine Geige mitbringen, des Bäcken Konrad habe einen neuen Walzer bekommen; ſchnell erhob ſich der Alte, ſagte:„Wünſch' gute Unter⸗ haltung,“ und ging von dannen. Als nun der Lehrer mit Hedwig allein war, erzitterte ſein Herz; er wagte es nicht, aufzuſchauen. Endlich ſagte er ſo vor ſich hin: „Es iſt doch ein recht guter alter Mann.“ „Ja,“ ſagte Hedwig,„und Ihr müſſet ihn erſt recht kennen. Ihr müſſet es ihm nicht übel nehmen, er iſt gegen alle Lehrer ein bisle bös und brummig; er kann's noch nicht verſchmerzen, daß er abgeſetzt worden iſt, und da „——— hätt ſragt. etzt mmen, zt, die 2 nnen⸗ lles,“ chürze rdem ß das ſchö⸗ recht a iſt, t, er ingen, men; lnter⸗ itterte ſagte recht gegen noch dda 473 meint er, ein Jeder, der jetzt als Lehrer hieher kommt, der ſei jetzt grad dran ſchuld, und der kann doch nichts dafür, das Conſiſtore ſchickt ihn ja. Es iſt eben ein alter Mann, man muß Geduld mit den alten Leuten haben.“ Der Lehrer faßte die Hand des Mädchens und blickte es innig an: dieſes liebende Verſtändniß fremden Schickſals belebte ſeine ganze Seele. Plötzlich fiel ein todter Vogel vor den Beiden nieder, ſie ſchreckten zuſammen; Hedwig bückte ſich aber alsbald und hob den Vogel auf. „Er iſt noch ganz warm,“ ſagte ſie,„du armes Thierle, biſt krank geweſen und hat dir Niemand helfen konnen; es iſt nur eine Lerch', aber es iſt doch ein lebig's Weſen.“ „Man möchte ſich gerne denken,“ ſagte der Lehrer, „ein ſolcher Vogel, der ſingend himmelan ſteigt, müßte beim Sterben gleich in den Himmel fallen; er ſchwebt ſo frei über der Erde, und nun berührt ihn der Tod, und von der Schwerkraft der Erde angezogen, fällt Alles immer wieder zur Erd' hernieder.“ Hedwig ſah ihn groß an, dieſe Worte gefielen ihr, obgleich ſie dieſelben nicht recht begriff; ſie ſagte nach einer Pauſe: „'s iſt doch arg, daß ſich ſeine Verwandten, ſeine Frau oder Kinder gar nichts um ihn kümmern und ihn nur ſo rabfallen und liegen laſſen; es kann aber auch ſein, ſie wiſſen noch gar nicht, daß er geſtorben i „Die Thiere,“ ſagte der Lehrer,„wie die Kinder ver⸗ ſtehen den Tod nicht, weil ſie nicht über das Leben nach⸗ denken; ſie leben bloß und wiſſen nichts davon.“ „Iſt das auch g'wiß ſo?“ fragte Hedwig. „Ich meine,“ erwiederte der Lehrer. Hedwig erörterte die Sache nicht weiter, wie ſie überhaupt nicht gewohnt war, anhaltend etwas zu ergründen; der Lehrer aber dachte: hier ſind die Elemente einer großen Bildungsfähigkeit, hier iſt ſchon der Stamm eines ſelbſtſtändigen Geiſtes. Den 474 Vogel aus des Mädchens Hand nehmend, ſagte er dann: „Ich mochte dieſen Bewohner der freien Lüſte nicht in die vunkle Erde verſenken, hier an vieſen Baum möchte ich ihn heften, damit er im Tode in einzelne Stücke verfliege.“ „Rein, das gefällt mir nicht; an des Buchmaier's Scheuer iſt eine Cul' angenagelt, und ich möcht's allemal, wenn ich vorbeigeh''runter nehmen.“ Stille begruben nun die Beiden den Vogel. Der Lehrer, der heute ſo gluͤcklich in ſeinen Entdeckungen war, ging ſchnell einen Schritt weiter; er wollte erproben, wie weit ſich Hedwig einer feinern Bildung fügen würde „Ihr ſagt ſo geſcheidte Sachen,“ begann er,„daß es jammerſchad' iſt, daß Ihr das holperige Bauerndeutſch ſprecht, ihr konnet es ſicherlich auch anders, und das würde euch viel beſſer anſtehen.“ „Ich thät mich in die Seel' nein ſchämen, wenn ich anders reden thät, und es verſteht mich ja auch ein Jedes.“ „Allerdings, aber gut iſt gut, und beſſer iſt beſſer. In welcher Sprache betet ihr denn?“ „Ci, wie's geſchrieben ſteht, das iſt ganz was anders.“ „Keineswegs, wie man mit Gott redet, ſollte man auch mit den Menſchen reden.“ „Das kann ich halt nicht und das will ich auch nicht Gucket, Herr Lehrer, ich wüßt' ja gar nichts mehr zu ſchwätzen, wenn ich mich allemal beſinnen müßt', wie ich ſchwätzen ſoll; ich thät mich vor min ſelber ſchämen. Nein, Herr Lehrer, euer Wort auf ein ſeiden Kiſſen gelegt, aber das iſt nichts.“ „Saget doch nicht immer Herr Lehrer, ſaget auch meinen Namen.“ „Das kann wieder nicht ſein, das geht nicht.“ „Ja warum denn?“ „Es geht halt nicht.“ „Cs muſt doch einen Grund haben, warum?“ „Ci, ich weiß ja euern Namen nicht.“ cht in hte ich liege.“ aiets lemnl, Der war, wie ß es utſch das nich ein 475 „So? Ich heiße Adolph Lederer.“ „Alſo Herr Lederer, das iſt faſt gleich, Herr Lederer oder Herr Lehrer.“ „Nein, heißet mich Adolph.“ „Ach, machet jetzt keine ſo Sachen; was thäten denn die Leut' ſagen?“ „Daß wir uns gern haben,“ ſagte der Lehrer, die Hand des Mädchens an ſein Herz drückend,„habt Ihr mich denn nicht auch lieb?“ Hedwig bückte ſich und brach eine Nelke. Da öffnete ſich die Gartenthüre. „Gott ſei's getrommelt und gepfiffen, daß ich erlöst bin,“ rief des Buchmaier's Agnes.„Guten Tag, Herr Lehrer! Hedwig ſei froh, daß du nimmehr in die Chriſten⸗ lehr' brauchſt. Herr Lehrer, das ſolltet ihr machen, daß ſo große Mädle nimmer drein müſſen; freilich mich nutzt's wenig mehr, ich komm' ſchon nächſten Herbſt draus.“ 476 „Schenkt mir doch die Nelke,“ ſagte der Lehrer mit zart bittendem Tone zu Hedwig; ſie gab ihm mit erröthen⸗ dem Antlitze die Blume, und er drückte ſie, als Zeichen der Erwiederung ſeiner Liebe, inbrünſtig an ſeine Lippen. „Du würdeſt ſchön ankommen,“ ſagte Agnes,„wenn der alte He he ſehen thät, daß du eine Blum abbrochen haſt;'s iſt gut, drinnen ſitzt er beim Bäck und ſpielt den neuen Walzer. Den wollen wir aber auch recht— ſchaffen tanzen an der Kirchweih'. Ihr tanzet doch auch, Herr Lehrer?“ „Ein wenig, aber ich hab' mich ſchon lange nicht geübt.“ „Probiren geht über Studiren lalalalala,“ trällerte Agnes im Garten umher hüpfend,„was machſt du für ein Geſicht, Hedwig? Komm!“ Sie riß Hedwig, die ihrer Gewalt nicht widerſtehen konnte, ebenfalls mit ſich fort; ſie waren aber ſo ungeſchickt, daß ſie in ein Beet traten. Agnes lockerte ſingend den Boden wieder auf und ſagte dann: „Jetzt komm', mach' fort, wir wollen aus dem Garten naus, wo man ſich nicht regen kann; die anderen Mädle ſind alle ſchon draußen im Kirſchenbuſch und Er wartet gewiß ſchon lang auf uns.“ „Wer?“ fragte der Lehrer. „Ei er,“ erwiederte Agnes,„wenn Ihr mit wollet, könnet Ihr ihn umſonſt ſehen; wir werden Euch doch nicht zu gering ſein, daß Ihr mit uns gehet?“ Der Lehrer faßte die Hand der Agnes und ſie feſt⸗ haltend, gleich als hielte er die der Hedwig, ging er mit den Beiden in das Feld. Draußen, wo der Weg nach dem Daberwaſen geht, an der Hanfdarre ſaß ein kräftiger, wie eine Tanne grad und ſchlank gewachſener Mann; der Lehrer erkannte in ihm den Oberknecht des Buchmaier's, der, als er die drei ſo daher kommen ſah, aufſprang und wie feſtgebannt ſtehen blieb; Trotz und Wehmuth ſprach aus ſeinem ganzen et mit röthen⸗ Zeichen ippen. „wenn rochen ſpielt techt⸗ auch, nicht ällerte u für ihrer fort; raten. ſagte arten Mädle vartet vollet, nicht feſt⸗ rmit geht. grad te in drei ſtehen anzen V 477 Weſen; ſein Antlitz erheiterte, ſeine Fauſt entballte ſich aber, als Agnes fröhlich auf ihn zuſchritt. Der Lehrer grüßte den Thaddä, ſo hieß der Oberknecht, mit beſonderer Freundlichkeit. So ſchritten nun die beiden Paare ver⸗ gnügt neben einander. Um dem Thaddä ſeine Vertraulichkeit zu bezeigen, ſprach der Lehrer viel von dem Fuchſen, und wie er ſich in den Zug eingewöhne. So war nun gekommen, was der Lehrer nie vermuthen mochte, er hatte ein Bauernmädchen zur Geliebten und einen Bauernknecht zum Kameraden. Bald ging Thaddä mit Agnes voraus und der Lehrer mit Hedwig Hand in Hand hintendrein. Unter traulichen Geſprächen ſchritt man des Weges dahin. Tief erfuhr es nun der Lehrer, daß man wohl viel mit einander ſprechen kann, ohne gerade Bücher ge⸗ leſen zu haben. Nicht weit von dem Katzenbrunnen, aus dem der Sage nach die Hebammen gewöhnlich die Kinder holen, ſetzte man ſich an einen Rain, und nun wurde geſungen. Der Lehrer erfreute ſich inniglich an der ſchönen Altſtimme Hedwig's, Thaddä begleitete den Geſang trefflich, und der Lehrer empfand es zu ſeiner großen Betrübniß, daß er ſo wenig von den Volksliedern kannte; bei ſeiner mufikaliſchen Bildung faßte er indeß die einfachen Weiſen ſchnell und begleitete ſie in tiefem Baß. Mit ſtrahlendem Antlitze nickte ihm Hedwig Beifall zu. Oft aber mußte er auch bei einer unerwarteten Wendung der Melodie, die dazu diente, den ſchroffen Gedankenſprung oder die Ungleichheit des Silbenmaßes auszugleichen, innehalten; dann er⸗ munterte ihn Hedwig mit ihren Blicken, die ſo viel ſagten als: ſing' nur mit, wenn's auch nicht ganz gut geht.— So vereinte der Lehrer ſeine Stimme mit denen der dörf⸗ lichen Sänger. Jetzt war es ſo weit gekommen, daß er nur den Ton und die Bauern das Wort und den Gedanken hatten. 478 Man ſang: Bald graſ' ich am Neckar, Bald graſ' ich am Rhein, Bald hab' ich ein Schätzle, Bald bin ich allein. Was hilft mich das Graſen Wenn d' Sichel nicht ſchneid't? Was hilft mich ein Schätzle Wenn's nicht bei mir bleibt? Und ſoll ich denn graſen Am Neckar, am Rhein, So werf' ich mein ſchönes Goldringlein hinein. Es fließet im Neckar, Und fließet im Rhein; Soll ſchwimmen hinunter In's tiefe Meer'nein. Und ſchwimmt das Goldringlein So frißt es ein Fiſch, Das Fiſchlein ſoll kommen„ Auf König's ſein Tiſch. Der König thut fragen, Wem's Ringlein ſoll ſein; Da thut mein Schatz ſagen: Das Ringlein g'hört mein. Mein Schätzlein thut ſpringen Bergauf und bergein, Thut mir wieder bringen Mein Goldringelein. Kannſt graſen am Neckar, Kannſt graſen am Rhein, Wirf du mir nur immer Das Ringlein hinein.. 479 Nach einer Weile drückte Thaddä Agnes näher an ſich und ſie ſangen: Mädle ruck, ruck, ruck An meine rechte Seite, J hab' dich gar zu gern J kann di leide. Wann die Leut' et' wär'n, No müſchtſt mein Schätzle wär'n, Wär'n die Leut' et g'weſt, No wärſt mein Weible jetzt Mädle ruck u. ſ. w. Mädle guck, guck, guck In meine ſchwarze Auge, Du kannſt dein lieble Bildle drin erſchaue; Ja, guck du nur'nein Du muſcht drinne ſein, Du muſcht bei mir bleibe Muſcht mir d' Zeit vertreibe. Mädle guck u. ſ. w. Mädle du, du, du Muſcht mir den Trauring gebe, Suſt liegt mir wahrlich Nir mehr an mei'm Lebe. Wann i di net krieg, No zieh ni fort in Krieg; Wann i di net hab' No wurd mir d' Welt zum Grab. Mädle du u. ſ. w. Noch gar viel andere meiſt traurige Lieder wurden geſungen, obgleich die Sänger heiter und frohen Muthes waren. Wie der Brunnen zu ihren Füßen fortquoll und leiſe durch die Felder dahin rieſelte, ſo ſchien auch der Liederquell unerſchöpflich. Der Lehrer war wie in eine neue Welt verſetzt. Wohl 6 480 hatte er ſchon früher die kindlich zarte Empfindungs⸗ und Denkweiſe des Volksliedes kennen gelernt, aber er hatte ſie nur gekoſtet, wie man an reich beſetzten Tafeln die Walderdbeeren ihres eigenthümlichen Duftes wegen den künſtlich gehegten und gepfropften vorzieht, ſie aber doch mit Zucker und Wein verzehrt; hier aber war er ſelbſt in den Erdbeerenſchlag gekommen, und nicht in Haufen genoſſen, ſondern einzeln friſch vom Strauche gepflückt, ſchmeckte die Frucht noch ganz anders. Die tiefe Urkraft des Volksliedes erſchloß ſich unſerm Freunde in ihrer ganzen Herrlichkeit, er ſah ſich liebend umfangen von der edlen, majeſtätiſchen Herrlichkeit des deutſchen Volksgemüths, und die liebliche Vertreterin deſſelben ſaß in trauter Zuneigung an ſeiner Seite. Er gelobte ſich, ein Prieſter dieſes heiligen Volksgeiſtes zu werden. Als er Abends mit Hedwig heimkehrte und ſie vor der Großmutter ſtanden, faßte er ihre Hand, drückte ſie an ſein Herz und ſagte: „Nicht zu mühſeliger Arbeit ſollt Ihr für mich Eure Hände erheben, ſondern für das was ihnen gebührt, zum Segnen.“ Mehr konnte er nicht ſprechen, und er ging raſch von dannen. Im ganzen Dorfe ſprach man am Abend von nichts als davon, daß der Lehrer mit des Johannesle's Hedwig Bekanntſchaft habe. Unſer Freund, der früher immer ſo gerne und faſt ausſchließlich allein geweſen war, konnte jetzt, wenn er ſeine Schulſtunden beendet hatte, faſt keine Viertelſtunde mehr allein ausdauern, in ſeinem Hauſe oder außer dem⸗ ſelben. Von allen den Büchern, die er bei ſich hatte, paßte ihm keines zu ſeiner Stimmung, und wollte er etwas in ſein Taſchenbuch ſchreiben, erſchien es ihm ſo nackt und nichtig, daß er es alsbald wieder durchſtrich. Im Felde konnte er es zu keinem Gedanken und zu keiner Zeichnung mehr bringen, er ſprach mit Jedem, der 481 ihm begegnete oder am Wege arbeitete; die Leute waren freundlich gegen ihn, denn ſeine offene Seele war auf ſein Antlitz herausgetreten. Oft aber ſtand er auch bei den Leuten und ſah träumeriſch lächelnd vor ſich hin, ohne ein Wort weiter zu ſprechen; es war, als könnte er nicht weg⸗ gehen, als fürchte erl ſich, wieder in ſeine trübe Ver⸗ laſſenheit und Vereinſamung hinausgeſtoßen zu werden, als müſſe er ſich an Jeden, wer er auch ſei, feſt anklammern. Einſt ſah er Hedwig auf dem Felde ſchneiden, er eilte zu ihr, machte ſich aber alsbald wieder fort; es war ihm eine unüberwindlich mißliche Empfindung, ſo allein arbeits⸗ los unter den Emſigen dazuſtehen, und doch verſtand er nichts von der Feldarbeit, und wußte er, wie ungeſchickt er ſich dabei anſtellen würde. Die Hoheit Hedwig's er⸗ ſchien ihm nicht erniedrigt, vielmehr erhöhter durch ihre Arbeit. Im Weggehen ſagte er vor ſich hin:„Nur Hoſtien, nur Himmelsbrod ſollte man“ aus der Frucht bereiten, deren Halme ſie geſchnitten.“ Bei der Großmutter ſaß er oft in Zerſtreuung, und nur wenn ſie von ihren Eltern und Großeltern erzählte, gewann ſie ſeine volle Aufmerkſamkeit; es that ihm ſo wohl, an dieſem Familienbaume hinaufzuklettern in die . Geſchichte der Vorzeit. Der Großvater der Alten hatte den Türkenkrieg unter Prinz Eugen mitgefochten, und ſie wußte noch gar viel von ihm zu erzählen. Manchmal auch ſagte die Alte, jedoch ohne Klage, ſie ſpüre es wohl, ſie würde dieſen Winter alle ihre Vorfahren wiederſehen; er ſuchte ihr ſolche Gedanken auszureden, was ihm nicht ſchwer ſiel. Er ſuchte ſie dann dahin zu bringen, daß ſie von der Kindheit Hedwig's erzählte: wie ſie in einem Glückshäutchen geboren ward, ihre Mutter aber bald dar⸗ auf ſtarb, wie Hedwig ſich ſchon als kleines Kind grämte, daß ihre Puppe mit offenen Augen ſchlafen mußte und ſie daher Nachts ihr mit Papierchen die Augen zuklebte. Wenn ſie ſo ſprach, da erleuchtete das Auge des jungen Mannes und das der Alten von derſelben Glorie, wie zwei nachbarliche Wellen, von demſelben Mondſtrahle durchglitzert. 31 5 —— — 482 Ueber Hedwig finden wir, wie geſagt, nichts in dem Taſchenbuche, aber durch die Erinnerungen der Alten und andere Erfahrungen angeregt ſind wohl folgende Worte: „Man denkt ſich wohl gerne, man könnte mit einem Katechismus der geſunden Vernunft hinaustreten unter das Volk und es alsbald bekehren; hier aber iſt überall heiliger Boden der Geſchichte, wir müſſen die Fußſtapfen der Vergangenheit aufſuchen. Traurig! daß unſere Ge⸗ ſchichte zerriſſen und zerſtückt iſt... wo anknüpfen? Bei dem Buchmaier war der Lehrer von nun an auch oft, er ſtudirte eifrig die Landwirthſchaft und erfreute ſich an den kernigen Anſichten des Buchmaiers, trotz ihrer Derbheit; je heimiſcher er aber im Hauſe des Buchmaiers wurde, um ſo fremder ſchien er in dem Hauſe Johannes⸗ le's zu werden, er ſelber war noch wie zuvor, aber Hed⸗ wig wich ihm ſichtbar aus und grüßte ihn im Vorbei⸗ gehen immer ſcheu und zaghaft. Eines Abends kam Hedwig weinend zu Agnes und ſagte: „Denk' nur, mein Wilder will's nicht leiden.“ „Was denn?“ „Nun, daß der Lehrer zu mir geht. Mein Conſtan⸗ tin hat geſagt, wenn ich mich noch einmal mit dem Lauter⸗ bacher ſehen ließ', nachher ſchlag' er mich und ihn krumm und lahm; du weißt ja, er bosget, weil er mit deinem Vater ſo gut iſt.“ „Das iſt ein Kreuz. Was iſt denn jetzt da zu machen?“ „Sag dem Lehrer, wenn er kommt, er ſoll nicht bös ſein und ſoll doch weniger in unſer Haus kommen, ich könnt nicht anders, ich darf nicht mit ihm reden. Ich thät mir nicht viel daraus machen, wenn mein Bruder auch grob wär', aber wenn er ihn beleidigen thät, und er iſt's wohl im Stand, daß er ihm vor allen Leuten einen Disreſpekt anthut, ich thät mich in den Tod'nein grämen.“ „Laß jetzt das Trauern,“ erwiederte Agnes,„ich ſag' ihm doch von allem dem kein Wörtle.“ 483 „Warum?“ „Darum, o! du verliebte Dock! Meinſt, ich bericht' ihm das, daß er nachher meint, man dürf' den Nord⸗ ſtetter Mädle nur ſo pfeifen, nachher kommen ſie Einem nur ſo nachgeſprungen?“ „Das glaubt er gewiß nicht.“ „Ich laß es aber nicht darauf ankommen, jetzt ich bleib' dabei, ich ſag' ihm gar nichts von dir; er muß mit mir davon anfangen. Laß mich nur machen, ich krieg' ihn ſchon dran. Huididä juh! Und wenn's dann ſo recht bei ihm pfupfert, will ich ſagen: es kann ſein, läßt ſich vielleicht möglich machen, ich will die Hedwig dazu überreden, daß ihr vielleicht am Sonntag bei mir zuſammen kommet; ich will dann ſchon ſehen, ob man die Biren ſchütteln kann und wie man mit ihm dran iſt.“ „Ja, du kannſt's machen, wie du willſt, ich kann dich nicht zwingen, aber das bitt' ich mir aus, plagen darfſt ihn nicht; Narr, er iſt einer von denen Menſchen, die ſich über Alles ſo viel Gedanken machen, ich hab' das ſchon gemerkt, und da könnt' er betrübt ſein und könnt' nicht ſchlafen.“ „Das weißt du ſchon Alles? Woher denn?“ „Woher?“ ſagte Hedwig,„ich denk' halt ſo, er macht ſich ſo allerlei Gedanken, es geht mir auch oft ſ „O du guter Hammel. Sei nur ruhig, ich thu ihm nichts an Leib und Leben; ſo ein Lehrer hält ſo viel Prüfungen ſein ganz Leben, jetzt will ich auch einmal eine mit ihm halten, ich will ſehen, ob er geſcheit iſt.“ „Das iſt er.“ „Wenn er gut beſteht, darf ich ihm einen Kuß geben?“ „Meinetwegen.“ „Mach' jetzt kein' ſo Geſicht, ein' fröhliche Lieb muß man haben und keine maunderige. Denk' nur, am Sonn⸗ tag hat der Pfarrer gefragt: wie muß man Gott lieben? und da hab' ich friſchweg geſagt: luſtig, und hat er ge⸗ ſchmunzelt und hat ein' Priſ' genommen und hat geſagt: 484 das iſt recht— du weißt ja, wie er's macht, er ſagt zu Allem, wenn's nicht ganz blitzdumm iſt: das iſt recht, aber nachher erklärt er's einem, und da kommt was ganz anders raus— da hat er eben geſagt: man muß Gott wie ſeinen Vater lieben, mit Ehrfurcht, und da hab' ich geſagt: man kann ſeinen Vater ja auch luſtig lieben, da hat er wetterlich gelacht und hat ſein' Doſ' verkehrt auf⸗ gemacht, daß aller Tabak auf den Boden gefallen iſt, und da haben wir alle zuſammengelacht; Alleweil e bisle luſtig Und alleweil e bisle froh,“ ſo ſchloß Agnes ſingend und zog Hedwig hinaus in den Garten, wo ſie die ausgebreiteten Linnen in große Falten zuſammenzog, um ſie ins Haus zu tragen, indem ſie da⸗ bei erklärte, daß das zu ihrer Ausſteuer ſei. Am andern Abend, um die Zeit, da der Lehrer ge⸗ wöhnlich kam, harrte Agnes vor dem Hauſe; aber alle ihre Plane von luſtigen Neckereien verflogen, als ſie bei der Erwähnung Hedwig's das ſchmerzliche Zucken in dem Antlitze des Lehrers ſah und er ihr ſeinen Kummer dann treuherzig erzählte. Sie erkärte ihm nun die Parteiungen in der Gemeinde: der Studentle, als Schwiegerſohn des ehemaligen unteroffizierlichen Schultheißen, gehörte natür⸗ lich zu deſſen Partei, die jeden mit dem Buchmaier Vertrauten als offenen Feind anſah; dazu kam, daß der Studentle voll Gift und Galle war, weil auf Betreiben des Buchmaiers der Mathes ſtatt ſeiner in den Bürger⸗ ausſchuß gekommen war. „Es iſt ein Kreuz,“ ſchloß Agnes die Auseinander⸗ ſetzung der Dorfpolitik,„ich hab' mir's ſo ſchön ausdenkt, daß wir bei der Kirchweih mit einander auf den Tanz gehen. Wartet aber nur, der Studentle iſt mir nicht ſtudirt genug, und der Thaddä muß auch mit helfen und rathen.“ Der Lehrer verbat ſich dieß, Agnes ſah ihn groß an, verſprach ihm aber doch, er ſolle Sonntags Hedwig bei S———* — —— i — 485 ihr ſehen; ſie wolle ſich krank ſtellen und ihnen zu Gefal⸗ len beim ſchönſten Wetter nicht ausgehen. In ſein Taſchenbuch ſchrieb der Lehrer noch ſpät am Abend:„Wie leicht iſt es, ſich rein im Gebiete des Gei⸗ ſtes zu halten, ſich da eine Welt und einen Himmel auf⸗ zubauen; kaum aber nähert man ſich dem wirklichen Leben, wird man hingeriſſen in den Strudel der Tageszwiſte, der grollenden widerſtrebenden Strömungen. Ich wollte mich hinein begeben in das einige Leben dieſes Dorfes, nun ſtehe ich mitten in der Parteiung, meine tiefſten Herzens⸗ neigungen werden mit hinein verſchlungen.“— Agnes hielt Wort. Die geheime Zuſammenkunft der beiden Liebenden erſchloß ihre Herzen um ſo ſchneller und rückhaltsloſer. Da war an kein Widerſtreben mehr zu denken, man hatte ſich ja verborgen geſucht und gefunden. Nach dem erſten Austauſch der beiderſeitigen Betrübniß erwachte in Hedwig der friſche Lebensmuth wieder ſchneller als in dem Lehrer. „Iſt es denn wahr,“ fragte ſie,„daß Ihr von Lauter⸗ bach ſeid?“ „Allerdings.“ „Ja warum habt Ihr's denn verläugnen wollen? Das iſt ja kein' Schand!“ „Ich hab es nie verläugnet.“ „Es iſt doch grauſam, wie die Leut' lügen können. Da haben ſie hier ausgeſprengt, Ihr wäret deßwegen ſo allein wie ein verſcheucht' Hühnle rumgelaufen, weil Ihr gemeint hättet, man foppt Euch, weil Ihr von Lauterbach ſeid. Und wenn Ihr auch von Tripstrill wäret, Ihr wäret doch—“ „Nun? was wäre ich?“ „Ein lieber Menſch,“ ſagte Hedwig, ihm die Augen zuhaltend, er aber umfaßte, küßte und herzte ſie und ſagte dann endlich: „Sei nur ruhig, du Liebe, Gute, es wird ſchon Alles noch gut gehen.“ Ohne ſich aus ſeinen Armen zu erheben, ſagte Hedwig doch . 486 „Ihr müſſet nicht ſo ſein.“ Der Lehrer aber küßte und herzte ſie von Neuem und ſie ſagte wieder: „Nun, jetzt ſchwätzet auch, erzählet mir'was; wie iſt's Euch denn gangen? Ihr ſchwätzet ja gar nichts.“ Der Lehrer nahm ihre Hand und drückte ſie an ſeinen Mund, gleich als wollte er jedes Wort darin verſiegeln, Hedwig deutete es wenigſtens ſo, denn ſie begann abermals: „Nein, Ihr müſſet ſchwätzen, ich hör' Euch ſo gern zu, und mein' Ahne ſagt's auch als, er hat ſo herzige Worte; mein' Ahne hat Euch rechtſchaffen gern.“ „Sag' doch Du!“ das waren die einzigen Worte, die der Lehrer hervorſtammeln konnte. „Du, du, du, du, du,“ ſagte Hedwig ſich niederbeugend und den Kopf ſchüttelnd, als oh ſie mit einem Kinde ſpielte; der Lehrer blickte ſie mit Freudenthränen an, und als ſie das bemerkte, ſagte ſie: „Warum greinen? Es iſt noch nichts verloren, und mein Conſtantin ſoll nur aufpaſſen, ja, was meint der? Ich will ſchon ſehen, wer Meiſter wird, ich bin kein Kind mehr.“— Ungeachtet ſie ſo ſehr gegen das Weinen geſprochen hatte, fielen doch auch ihr die Thränen aus den Augen, ſie trocknete ſie aber ſchnell und fuhr fort: „Komm', jetzt wollen wir Alles vergeſſen und was iſt denn auch? Wenn's Gott's Willen iſt, kriegen wir einander doch. Es iſt mir immer, wie wenn Alles zu ſchön g'weſen wär', wenn Alles ſo den geraden Lauf ge⸗ habt hätt'. Ich weiß nicht, wie's kommen iſt, aber wie ich ſelben Sonntag, wo man bei meiner Ahne geſeſſen iſt, um's Hauseck'rumkommen bin, da iſt mir's grad' g'weſen, wie wenn mir Einer mit einer feurigen Hand in's Geſicht langen thät; nein; noch ganz anders, ich kann's gar nicht ſagen wie.“ „Ja, von jenem Augenblicke an liebte ich dich.“ „Nichts davon ſchwätzen,“ ſagte Hedwig mit ſtrahlen⸗ dem Auge in's Antlitz ihres Geliebten ſchauend, es war te; ie 487 als ſcheute ſie jedes Wort, da ſie nach Art der Bauern⸗ mädchen weniger das Wort Liebe ausſprach, je mehr ſie liebte;„von was Anderm,“ ergänzte ſie, ſie war es aber auch zufrieden, als ſie ſo ſchweigend neben einander ſaßen und kein Laut in der Stube vernommen wurde, als das Girren der Turteltauben im Käfig und der eintönige Pendelſchlag der Schwarzwälder Uhr. Endlich trat Agnes, die wohlweislich weggegangen war, wieder ein. Hedwig ſagte aufſtehend: „Mach' du, daß er red't, da ſitzt er und guckt mich nur an.“ Als im Vorbeigehen ihr Blick in den Spiegel ſtreifte, wendete ſie ſich ſchnell ab, ſie kam ſich ganz wie eine andere Perſon vor, ſo fremd war ihr Ausſehen. Der Lehrer ſaß unbewegt da, wie wenn er mit offenen Augen träumte. Agnes ſang, in der Stube umherhüpfend und mit den Fingern ſchnalzend: Und i woaß et wie's kommen thut, Wann's Schätzle i ſeh, Und da möcht' i gern ſchwätze Und's will halt et gehn. Noan, noan und— jo jo— Und— i moan, und— i muaß Iſt oft unſer ganzer verliebter Discurs. Auf den Lehrer zutretend und ihn am Arme ſchüttelnd, ſagte ſie: „Wie? Was? Holz her! aufg richt't. Z' Lauterbach hab' ich mein'n Strumpf verlor'n.“ Tanzend zog ſie ihn nun in der Stube umher. Nun war wieder Alles Leben und Freude, Thaddä kam dazu. Im großen Rathe wurde der ſtaatskluge Be⸗ ſchluß gefaßt: daß, wenn bis zur Kirchweih die Conſtan⸗ tiniſchen Wirren noch nicht ausgeglichen wären, Thaddã mit Hedwig und der Lehrer mit Agnes zum Tanze gehen ſollte. 488 Noch lange ſaß man traulich beiſammen, die Vor⸗ freuden der Zukunft koſtend. Endlich forderte Agnes den Lehrer auf, ihr zum Lohne eine Geſchichte zu erzählen; die Bitten Aller vereinigten ſich mit der ihrigen. Dem Lehrer aber ſtand der Kopf nicht dazu, er wollte nach Hauſe gehen und ein Buch holen; das wurde aber nicht geduldet, er ſollte nur von ſelber friſchweg erzählen. Gewaltſam ſeine Gedanken ſammelnd, begann er end⸗ lich die Geſchichte der ſchönen Magellone. Anfangs ſprach er die Worte tonlos, faſt ohne zu wiſſen, daß er ſie ſprach; er bielt die Hand Hedwig's in der ſeinen. Nach und nach ſchloß er die Augen wieder und redete ſich ganz in das Zauberland hinein, die Zuhörer hingen mit ſtrah⸗ lendem Blicke an ſeinem Munde und Hedwig jauchzte innerlich. Als der Lehrer geendet, faßte ihn Agnes mit beiden Händen am Kopfe, ſchüttelte ihn und ſagte: „Es iſt doch ein ganzer Burſch,“ ſich umwendend fragte ſie dann:„darf ich ihm jetzt den Kuß geben, Hedwig?“ „Rechtſchaffen.“ Agnes machte ſchnell Gebrauch von der Erlaubniß, und der Lehrer ſagte dann: „Wir wollen Freunde ſein,“ und reichte dem Thaddä die Hand. Als er fortging, begleitete ihn Thaddä und ſagte auf der Treppe: „Herr Lehrer, ich hab' ein' Bitt', ich will Euch auch einen Gefallen thun; ich kann gut leſen, wollet Ihr mir nicht auch ſo ein Geſchichtenbuch leihen?“ „Recht gern,“ ſagte der Lehrer, die Hand ſeines Freundes zum Abſchiede drückend.— Nächſt der Umwandlung ſeines Herzens, oder viel⸗ mehr der glücklichen Entfaltung deſſelben, hatte die Liebe Hedwig's noch einen beſondern Einfluß auf den Lehrer⸗ beruf unſeres Freundes; denn Alles in ihm rang ſtets nach Einheit. 489 Er hatte die ſüßen Worte Hedwig's ſo freudig au⸗ genommen, daß er ſogar die Form derſelben liebgewann. Er gedachte nun den Dialekt zu ſtudiren und ihn beim Unterrichte als Grundlage der Denk- und Sprechweiſe zu benützen. Er wendete ſich deshalb an den alten Lehrer, um Schriften im oberſchwäbiſchen Dialekte, dieſer holte ihm ſein Lieblingsbuch, ja faſt ſein einziges, und band es ihm auf die Seele, es waren die Dichtungen Sebaſtian Sailer's. 5 Jetzt erſt lernte der Lehrer manche Beſonderheit des hieländiſchen Bauernlebens recht verſtehen, er erkannte die Derbheit und die Begierde, ſich ſogar mit dem Heiligſten und Unnahbaren luſtig zu machen. Die Rolle eines vierſchrötigen Dorfſchultheißen, die hier ein geiſtlicher Dichter Gott Vater ſpielen ließ, be⸗ fremdete ihn ſehr; der alte Lehrer aber erklärte ihm, daß das der Heiligkeit der Religion nichts geſchadet habe: „Früher,“ ſagte er,„wo man noch fromm geweſen iſt und nicht bloß maulfromm, da hat man ſich ſchon eher einen Spaß mit Gott erlauben dürfen; jetzt aber verträgt's kein Schnauferle mehr, ſonſt geht ihnen gleich das Licht aus, drum müſſen ſie jetzt ſo heilig thun. Ich hab' als in der Kirch' die luſtigſte Muſik gemacht, wie mir's nur eingefallen iſt.“ Unſer Freund war indeß doch der Anſicht, daß ſich auch Religionsſpötterei aus dem vorigen Jahrhundert in dieſe Dichtungen gemiſcht habe, er behielt das aber für ſich und ließ ſich von dem Alten erklären, wie dieſe Stücke früher zur Faſtnacht aufgeführt wurden. Beſonders aus⸗ führlich mußte er ſich von dem Alten den Anzug beſchreiben laſſen, den er einſt als Lucifer gehabt hatte. „Die neue Bildung hat dem Volke viel, unendlich viel genommen, was hat ſie ihm von wirklichen Freuden dafür gegeben?—— Kann ihm ein Erſatz werden? und wie?....“* Dieſe Worte finden ſich aus der eben genannten Zeit 490 ſie vollkommen verſehen.“ enthalten. den Beiden feſtgeſtellt. in dem Taſchenbuche unſeres Freundes. Bewegung hatte ſein ganzes Weſen ergriffen. Eines Tages kam der Buchmaier zu ihm und forderte ihn auf, bald Ortsbürger zu werden, indem ihm dann die Stelle des verſtorbenen Gemeindeſchreibers ſicher ſei. Lehrer faßte freudig die breite Hand des Buchmaiers: „Jetzt,“ ſagte er,„jetzt könnet ihr im ganzen Dorf Frieden ſtiften, ihr müſſet meinem Schwa— ich will ſagen dem Studentle zu dieſer Stelle verhelfen, er kann Eine mächtige Der Buchmaier lächelte, wollte aber doch nicht darauf eingehen; auf die eindringlichen Reden des Lehrers ver⸗ ſprach er endlich, ſich aller Einwirkung bei der Wahl zu Der Lehrer eilte, den Stand der Dinge dem Studentle bekannt zu machen; dieſer aber that ſtolz und ſagte: er wiſſe noch nicht, ob er eine ſolche Stelle annehme, indeß dankte er dem Lehrer für ſeine Freundlichkeit, und ſo waren gewiſſermaßen die Vorbedingungen eines Friedens zwiſchen —— 491 Die Kirchweihe war gekommen, die beiden Liebespaare gingen verabredetermaßen zum Tanze. Jetzt ſtand der Lehrer nicht mehr draußen im Felde, während drinnen im Dorfe Alles jubelte und tanzte, er ſelber war mitten unter dem tollen Lärm; noch aber war er nicht ganz dabei. Die beiden Tage der Kirchweihe war er faſt immer auf dem„Tanzboden,“ nur manchmal ging er mit Hedwig und Agnes hinaus in's Feld, um dann neugeſtärkt wieder zurückzukehren. Oſft durchzuckte ihn auch ein tiefer Schmerz, wenn er eines der unreinen Lieder vernehmen mußte; er hätte dann gerne ſich und Hedwig die Ohren verſtopft. Der Gedanke befeſtigte ſich in ihm, auf die Lieder vor Allem ſeine Wirkſamkeit und ſeinen Einfluß zu üben; er hatte ſich die Gunſt der jungen Burſchen durch die Theil⸗ nahme an ihrer Luſtbarkeit gewonnen, hieran wollte er nun anknüpfen. Bis zum Kehraus hatte er zwei Nächte lang aus⸗ gehalten, am dritten Tage aber, als die Kirchweih feierlich begraben wurde, konnte er ſich nicht dazu bringen, auch dieß mitzumachen; er ſtand vor ſeinem Hauſe und ſah wie die Burſchen dahinzogen, die Muſik mit einem Trauermarſche voraus, dazwiſchen ſang man halb weinerlich: O Kirwe bleib au no mai do, O Kirwe laß nimmermai no, Drunten im Flecke, Will d' Kirwe verrecke; O Kirwe bleib au no mai do, O Kirwe laß nimmermai no. Ein Schragen, auf dem zerbrochene Flaſchen, Gläſer, Stuhlbeine lagen, wurde feierlich geleitet und draußen auf der Hochbur wurden dieſe Zeichen der Vergänglichkeit in ein Grab geſcharrt und Trauerreden dabei gehalten.— Trauer und Freude wechſelten bald nach der Kirchweihe im Hauſe Johannesle's. Conſtantin war zum Gemeinde⸗ 492 ſchreiber erwählt worden, der Lehrer hatte offen um Stim⸗ men für ihn geworben. Nun war der Frieden zwiſchen den zwei Parteien hergeſtellt, und der Studentle näherte ſich dem Lehrer mit Freundſchaft; dieſer ging in ſeiner Herzensfreude ſo weit, daß er dem Studentle das Dü anbot. Der neu ernannte Gemeindeſchreiber ließ nicht nach, man mußte ſogleich in's Wirthshaus und nach echter Studentenweiſe, das Glas in der Hand und die Arme verſchlungen„Smollis“ trinken. Der Studentle war es aber dann auch, der im Fami⸗ lienrathe das Wort für den Lehrer nahm und ſeine Be⸗ werbung um Hedwig nachdrücklich unterſtützte. Der„Verſpruch“ der beiden Liebenden wurde nun ge⸗ feiert vor den Augen des Vaters und des Bruders, des alten Schultheißen und des Buchmaiers, den der Lehrer von ſeiner Seite geladen, reichten ſie ſich die Hand. Hedwig ging bald mit ihrem Bräutigam aus der Stube, auf der Hausflur umarmte ſie ihn und nun zum erſten Mal ſagte ſie: „Ich hab' dich rechtſchaffen lieb.“ Dann gingen ſie hinab zur Großmutter, die krank im Bette lag; ſie knieten an ihrem Bette nieder. „Er iſt jetzt auf ewig mein,“ ſagte Hedwig, mehr konnte ſie nicht vorbringen. Die Großmutter breitete ihre Hände über die beiden Liebenden aus und murmelte leiſe ein Gebet, dann ſagte ſie: „Stehet auf, das iſt nichts, ſo knien; man darf vor Niemand knien, als vor Gott. Ich ſag's ja, ich bin der Bot, der im Himmel anzeigen muß, daß ihr euch habt. Lehrer, wie heißt denn dein' Mutter? Ich will gleich zu ihr wenn ich'naufkomm', und auch zu deinem Vater, und da nehm' ich meinen Hansadam, meine Geſchwiſter und meine Eltern mit und auch meine drei Enkele, wo geſtor⸗ ben ſind, und da ſetzen wir uns zuſammen hin und ſchwätzen von euch und beten für euch, und da muß es euch gut gehen. Hedwig, ich vermach' dir meinen Anhenker, drinnen im Schränkle wirſt ihn finden, und da iſt auch noch mein 493 Kränzle von meiner Hochzeit dabei, heb's auf, es wird dir Segen bringen und laß deine Kinder nach der Tauf' dran riechen. Und wenn ihr auch bald nach meinem Tod Hoch⸗ zeit machet, da müſſet ihr doch Muſik haben. Höret ihr's? Ihr ſollet nicht ſo lang um mich trauern und den Sieben⸗ ſprung, den tanzet ihr für mich; ich will auf euch runter⸗ gucken mit Freuden, und droben feiert die ganz' Familie auch die Hochzeit.“ Die Brautleute ſuchten ihr die Todesnähe auszureden, ſie aber erwiederte: „Es iſt mir allfort wie wenn mich ebber*) am Arm zupfen und ſagen thät: jetzt komm, es iſt Zeit; es iſt aber noch nicht ſtark genug, es muß noch ſtärker kommen. Müſſet nicht greinen, das iſt nichts; warum denn? ich bin gut aufgehoben. Ich dank' unſerm Heiland, daß er mich's hat erleben laſſen, daß mein' Hedwig einen braven Mann kriegt. Haltet euch nur in Ehren. Hedwig, er iſt ein Gſſtudirter, die haben oft Mucken im Kopf, ich weiß das von meiner Schweſter her, du mußt Geduld mit ihm haben; denen Gſtudirten gehen oft ganz andere Sachen im Kopf'rum und da laſſen ſie's am Unrechten naus. Lehrer und du mußt mein' Hedwig, mein' lieb' Hedwig—“ Sie konnte nicht weiter reden, das Mädchen lag weinend an ihrem Halſe. Die Großmutter hatte ganz geläufig geſprochen, ihr Huſten war vollkommen verſchwunden, jetzt aber ſank ſie ermattet in die Kiſſen zurück; die Brautleute ſtanden traurigen Antlitzes vor ihr. Endlich erhob ſie ſich wieder und ſagte: „Hedwig, hol mir des Valentin's Chriſtine, ſie ſoll bei mir bleiben; ich ſterb' heut' noch nicht. Du darfſt heut' den ganzen Tag nicht mehr zu mir kommen, gehet mit einander und ſeid recht luſtig, verſprechet mir's, daß ihr recht luſtig ſein wollet.“ Der Lehrer ließ Hedwig zurüͤck und holte die uns *) Ebber, ſo viel als Jemand. 494 wohlbekannte Chriſtine. Nun mufßten ſich die Beiden ent⸗ fernen; aber ihr Herz erzitterte noch immer in Wehmuth, bis ſie bei des Buchmaier's Agnes geweſen waren, die durch allerlei Munterkeiten ihre Seele erheiterte. Dann gingen ſie hinaus in das Feld, das weiße Huhn folgte ihren Fußſtapfen, es war jetzt Herbſt, man brauchte es nicht mehr einzuſperren. Vom friſchen belebenden Hauche der Natur angeweht erwachte in den beiden eine hohe, himmliſche Freude, um ſie her pflückte der Herbſt die gelben Blätter, in ihnen aber lebte ein neuer, nie ge⸗ ſchauter Frühling. Andern Tages verlangte die Großmutter nach der letz⸗ ten Oelung. Der Lehrer nahm dem Meßner den Dienſt ab und ging mit der Laterne in der Hand dem Pfarrer voraus; ein großer Theil der Gemeinde blieb an der Thüre ſtehen und betete, während drinnen Maurita„ver⸗ ſehen“ wurde. Der einzige Gedanke, der den Lehrer bei dieſer Handlung beherrſchte, war: möchten doch die Frei⸗ denkenden eben ſo zuverſichtlich hinübergehen in den Tod. — Mit offenen, glänzenden Augen empfing Maurita das Abendmahl, dann kehrte ſie ſich nach der Wand zu, ſie ſprach nicht mehr, und als man nach einer Weile nach ihr umſchaute, war ſie todt. Mit ſtiller, andächtiger Wehmuth, ohne lautes Weinen und Wehklagen wurde Maurita begraben. Alles im Dorfe 495 trauerte. Selbſt der alte Schmiedjörgli ſagte mit unge⸗ wohntem Ernſte:„Es thut mir von Herzen weh, daß ſie todt iſt; nun, jetzt kommt's an mich.“ Als der Lehrer von dem Begräbniſſe nach Hauſe, d. h. zu Hedwig kam, umfaßte ihn dieſe weinend und ſagte: „Jetzt biſt du mir doppelt nöthig, ich hab' kein' Ahne nicht mehr.“ Dem Lehrer ward das Dorf von nun an doppelt werth und eigen, er hatte ein neues Leben darin gefunden und einen lieben Todten darin begraben. So hätten wir denn die gute Maurita bis zum andern Leben und den Lehrer bis zu einem neuen Leben begleitet. Wir können der guten Großmutter nicht in den Himmel nachfolgen und wollen noch eine Weile zuſehen, welch' ein Leben der Lehrer auf Erden führt. Im ganzen Dorfe hatte ſeine Verlobung Jubel und Freude erregt; ſelbſt unter den Kindern, die auf dem Brand⸗ platze ſpielten, gab es lebhafte Verhandlung, da das eine ——— 496 und das andere ſeine Verwandtſchaſt mit Hedwig und hie⸗ durch mit dem Lehrer darthun wollte. Der Johannesle hatte ſonſt wenig Freunde im Dorfe, aber über das neue Ereigniß freute ſich Alles. Jeder kam dem Lehrer entge⸗ gen, gab ihm die Hand und ſagte: Ich wünſch' Glück und Segen; jeder wußte etwas Liebes und Gutes von Hedwig zu erzählen. Männer und Frauen, die ſonſt vielleicht im Leben nicht dazu gekommen wären, ſo zutraulich mit dem Lehrer zu ſprechen, ſtanden jetzt bei ihm wie alte Bekannte. Der Mathes kam zu ihm in's Haus, ſchüttelte ihm wacker die Hand und ſagte: „Ich war halt doch der wo's prophezeit hat, daß es ſo gehen wird; wiſſet Ihr noch? Ihr hättet mir weiß nicht was ſchenken mögen, ihr hättet mir kein' größere Freud' machen können. Wenn der alt' Lehrer ſtirbt, krieget Ihr auch die zwei Aecker, die er in Nutznießung hat; es ſind gute Aecker und Ihr dürfet mir's nur ſagen, ich ſchaff' Euch gern ein paar Tag d'rauf.“ Dem Lehrer that dieſe Zuthunlichkeit der Leute doppelt wohl, er erkannte ihr gutes Herz daraus und fühlte auch wohl, wie er jetzt weit ſicherern Boden gewonnen habe, um in das Leben aller dieſer Menſchen einzugreifen. Die Menſchen ſind es nicht mehr gewohnt, daß man aus allgemeiner Liebe ſich ihnen naht, ihnen frei und froh in's Auge ſchaut, ſie zu erquicken, zu erfreuen, zu erheben trachtet. Sie wurden ſchon oft betrogen und getäuſcht und meinen nun immer: man müſſe etwas Beſonderes dabei haben, dahinter müſſe etwas ſtecken: ja, ſie erlauben einem nur ſie ohne Scheu zu lieben, wenn man mit ihnen bluts⸗ verwandt oder verſchwägert iſt. Der Winter kam mit ſtarken Schritten in das Dorf, die Menſchen blieben zu Hauſe und genoſſen die Früchte ihres Fleißes, die ſie bei ſich eingeſammelt hatten; Dre⸗ ſchen und bisweilen Dünger hinausführen war noch das einzige Geſchäft. Als abgedroſchen war, herſchte Stille im ganzen Dorfe. Nur hie und da horte man einen fremden Hauſirer durch die Gaſſen rufen:„Spindlo, Weiber Spindlo!“ 497 Der Schnee wirbelte, Niemand verließ gerne die warme Stube. Da ſchlich am hellen Tage ein böſer Geiſt auf leiſen Sohlen durch das Dorf, es war: die Langeweile. Und wen der Geiſt anſah, der mußte gähnen oder zanken und Händel ſuchen. Die Zeit der Ruhe war keine Zeit der Erholung, denn die Leute wußten nicht, wie ſie das läſtige Ungeheuer, die Zeit, todtſchlagen ſollten. Junge Männer und ledige Burſchen ſaßen oft ganze Tage im Wirthshauſe und kartelten; man ſchien aber doch an der überlangen Zeit noch nicht genug zu haben, denn man harrte bis zur letzten Minute der Polizeiſtunde aus. Andere gingen frühe zu Bette und verſchliefen ihr Leben, wieder Andere wandelten ſchlechte Wege. Man ſagt: Müßiggang iſt aller Laſter Anfang, das Erſte, was daraus hervorgeht, iſt Langeweile, da weiß man nicht wo man ſich hinthun ſoll. Nur arbeitſame Menſchen ſind aus ſich heraus fröhlich, friedfertig und gut, Müßig⸗ gänger aber werden zur Trunk⸗- und Spielſucht geneigt, werden ärgerlich, zänkiſch, ränkeſüchtig und ſchlecht. Darum allein und nur aus dieſem Grunde hauſen in vielen vor⸗ nehmen Ständen Laſter aller Art. Während nun der größte Theil der Leute im Dorfe nur ein halbes Leben führte, war dem Lehrer ein doppel⸗ tes Daſein aufgegangen. Man hat ſchon oft geſehen, daß ein Menſch aus einem heftigen Fieber auch körperlich um einige Zoll größer auf⸗ ſtand; ſo war in unſerm Freunde, während er mit flie⸗ genden Pulſen das Leben Hedwig's in ſich aufnahm, auch die Erkenntniß des Volksthums ſchnell, ja faſt wunderbar gereiſt. Wie er einſt den„Geiſtesduft der Schönheit ſchlürfte,“ der über die äußere Natur ausgeſtrömt iſt, und die rohe Benützung den Anderen überließ, ſo erkannte er jetzt in einem Jeden ein hoheres Daſein, er war ihm ein Vertreter des heiligen und ewigen Volksgeiſtes. Höher als er ſich ſelbſt erſchien erſchaute er nun jeden Einzelnen, denn er ſuchte, erkannte und liebte die höhere Kraft und 32 498 Weihe in ihm. Er ſtellte einen Jeden höher, als er ſich ſelbſt achtete, denn er achtete das höhere Selbſt in ihm. Er ſtand da als ein Mann, der das innerſte Weſen Aller um ihn her verſtand. Mit muthigem Entſchluſſe ging er nun daran, ſie die„Freuden des Geiſtes koſten zu laſſen;“ er war jetzt gereift genug, durch die äußerliche Schale hindurchzudringen. So ſaß er nun oft Abends im Wirthshauſe und las die Zeitung vor, er hatte viel zu berichtigen, denn der Studentle, an den man ſich früher gewendet hatte, liebte es, den Leuten die verkehrteſten Dinge aufzubinden. Ein kleiner Kreis hatte ſich um den Lehrer geſammelt, Andere ſaßen an den Tiſchen und ſpielten, oft aber horch⸗ ten ſie auch hin nach dem, was der Lehrer vortrug und mancher Rams ging dabei verloren, Mancher legte die Kreide nicht an den bezeichneten Ort und erhielt einen Strich. Die Männer gewannen nach und nach Zutrauen zu dem Lehrer und ſprachen ſich unverhohlener aus. Trotz ſeiner innigen Liebe ward es unſerm Freunde doch ſchwer, ſich ganz in die Weiſe dieſer Menſchen zu verſetzen. Es iſt leicht geſagt: Ich liebe das Volk! Aber jeder⸗ zeit perſonlich bereit ſein, auf allerlei Seltſamkeiten ein⸗ zugehen, ohne ſich an oft häßliche Angewohnheiten und verhärtete Sitten zu ſtoßen, bald als Freund in beliebige Abſchweifungen eingehen, bald als liebende Mutter ſich ſelber keine Ruhe gönnen und mit Wonnelächeln jedem neuen Worte zu lauſchen— dazu gehört eine Selbſtent⸗ äußerung, ein Hinausgeben der eigenen Perſönlichkeit, die nur der echten Liebe möglich iſt. Dank der geſunden Er⸗ kenntniß, ſie war in unſerm Freunde. Eines Abends begann Mathes:„Herr Lehrer, ich muß jetzt dumm fragen, aber warum heißt denn auch die Zei⸗ tung: Schwäbiſcher Merkur und nicht Schwäbiſcher Merker, ſo ſoll's doch heißen, weil er auf Alles aufmerkt, oder heißt's auf Hochdeutſch Merkur?“ „Du haſt den Alten auf dem Neſt gefangen, ſagte — —— 499 der Studentle,„du haſt ganz recht, Mathes, die in Stutt⸗ gart verſtehen nichts. Narr, ich thät an deiner Stelle nab⸗ gehen und thät's ihnen ſagen, du kriegſt gewiß das Präme.“ Der Lehrer aber erklärte, daß Merkur der Götterbote und der Gott des Handels im alten Griechenland geweſen ſei. „Ja, wie kommt denn der aber jetzt dazu, ſchwäbiſch zu heißen?“ fragte Mathes wieder. „Das hat man eben ſo gemacht,“ erwiederte der Lehrer; er hatte ſelber noch nie ſich darüber beſonnen. „Ich muß jetzt auch noch was fragen,“ begann Hans⸗ jörg.„Haben denn die Griechenländer an mehr als an einen Gott geglaubt?“ „Freilich,“ erwiederte der Studentle,„der Ein' hat gemiſtet und der Ander' geſät, der Ein' hat geregnet und der Ander donnert; für ein' jed' Sach' einen beſondern Gott oder eine Göttin. Die Griechen haben ſogar ihren Göttern erlaubt, daß ſie heirathen.“ „Es werden halt Heilige oder Engel geweſen ſein,“. ſagte der Maurer Wendel,„oder ſo Schutzpatronen; ſie müſſen doch einen Oberherrn gehabt haben, ſonſt wär's ja eine Gaukelfuhre zum Kranklachen ſo dumm.“ „Du haſt den Thurm von Babylon auch nicht mit⸗ gebaut, Maurer,“ bemerkte der Studentle,„freilich haben ſie einen Oberherrn gehabt, einen Staatskerl, er hat nur ein eiferſüchtig Weib gehabt, die hat ihm viel zu ſchaffen gemacht. Jetzt ſag' du, Lehrer, ob's wahr iſt oder nicht, ſie glauben mir ſonſt wieder nichts.“ Der Lehrer ſah zu ſeinem großen Leidweſen, daß er durch das Du ſeinem Schwager eine Stellung ihm gegen⸗ über eingeräumt hatte, die manches Nachtheilige brachte; er faßte ſich indeß ſchnell wieder und gab den Bauern eine Ueberſicht der griechiſchen Götterlehre. Er erzählte dabei einige Wundergeſchichten, die viel Aufmerkſamkeit erregten. Es kam ihm ſelber ſonderbar vor, daß er hier in einer von Tabaksrauch erfüllten Schwarzwälder Dorf⸗ ſchenke die griechiſche Götterſchaar herbeizog. Alles das hatte der Schwäbiſche Merkur gethan. Viele Mühe koſtete es, den Bauern auszureden, daß die Griechen doch„blitzdumm“ geweſen ſeien. Er erzählte ihnen von dem frommen und weiſen Sokrates und ſeinem Martertode. „Dem iſt's ja grad gangen wie unſerm Heiland,“ ſagte Kilian von der Froſchgaſſe. „Allerdings,“ erwiederte der Lehrer.„Wer eine neue, heilbringende Wahrheit gradaus an Mann bringen will, der muß dafür ein Kreuz auf ſich nehmen.“ Der Lehrer ſeufzte hiebei, er hatte dieſe Worte nicht ohne einige Neben⸗ beziehung geſagt, denn er fühlte wohl, wie ſchwer ihm die Aufgabe würde, die er ſich geſtellt. Als die Männer weggingen, ſagte Einer zum Andern: „Das war doch einmal ein ſchöner Abend, da lernt man doch was dabei und die Zeit geht'rum, man weiß nicht wie.“ Der Lehrer hatte ſich vorgenommen, den Bauern etwas aus der griechiſchen Göttergeſchichte vorzuleſen; glücklicher⸗ weiſe kam ihm aber am folgenden Abend ein ganz anderes Buch, nämlich eine deutſche Sprüchwörterſammlung in die Hand. Als er nun in die Wirthsſtube trat, zog er das Buch aus der Taſche und ſagte:„Da will ich euch einmal'was vorleſen.“ Die Leute machten unwillige Ge⸗ ſichter, ſie hatten einen tiefen Widerwillen gegen Bücher. Der Mathes gewann am erſten das Wort und ſagte: „Erzählet uns lieber, Herr Lehrer.“ „Ja, ja, erzählen, nicht leſen,“ hieß es allgemein. „Höret nur einmal ein wenig zu,“ ſagte der Lehrer, „wenn's nicht gefällt, könnt ihr ohne Scheu ſagen, ich ſoll aufhören.“ Immer Pauſen machend, begann nun der Lehrer die Sprüchwörter zu leſen. „Ei, das ſagt ja der Schmiedjörgli— und das iſt ja des Brunnenbaſche's Red'— das hat die alt' Maurita immer geſagt— und das iſt dein Wort, Andres, Michel Kaſpar,“ ſo hieß es von allen Seiten. Die Spieler hatten ihre Karten weggelegt und ſich den Zuhdrern beigeſellt, 501 denn manchmal erſcholl auch ein lautes Gelächter, wenn ein derber Kernſpruch vorkam. Der Lehrer konnte ſich den Triumph nicht verſagen, die Frage zu ſtellen: „Soll ich weiter leſen?“ „Ja, bis mornemorgen,“ hieß es von allen Seiten und der Kilian von der Froſchgaſſ' ſagte: „Das muß ein grundgeſcheidter Mann geweſen ſein, der das Buch gemacht hat, der hat Alles gewußt, das war gewiß einer von den alten Weiſen.“ „Ja, das ſind deine Leut', Kilian,“ hieß es aus einer Ecke. „Seid jetzt ſtill,“ hieß es von andern Seiten.„Herr Lehrer, leſet weiter.“ So geſchah. Manchmal kamen auch Berichtigungen und Zuſätze vor, und es that dem Lehrer leid, daß er ſie nicht aufſchreiben durfte; er ſcheute dieß, denn er fürchtete mit Recht, dadurch die Offenherzigkeit der Leute befangen zu machen. Ein wucheriges Leben war unter allen, eine nie empfundene Freude, hier ihre ganze Weisheit auf einem Haufen wieder zu finden. Auch Streit über die richtige Deutung und die Wahrheit des einen und andern Sprüchworts entſpann ſich unter Einzelnen, in welchen ſich der Lehrer wohlweislich nicht miſchte. Einige be⸗ drängten dann die Streitenden, ſie ſollten jetzt nur auf⸗ horen, Andere den Lehrer, er ſolle nur weiter leſen. So waren Alle voll Feuer, und unſer Freund fand eine woh⸗ lige Genugthuung darin, es entzündet zu haben. Als er am andern Abend wieder kam, waren mehr Bauern als gewöhnlich verſammelt; ſie fürchteten ſich nicht mehr vor einem Buche, ſondern umdrängten ihn Alle und fragten: „Habt ihr wieder ſo was Schön's wie geſtern?“ „Ja,“ ſagte der Lehrer und zog ein Buch heraus; aber dießmal ging es nicht ſo leicht ab, es war Unkraut unter dem Waizen, der Studentle hatte ihn geſäet, denn er hatte einen Widerwillen gegen allen aufkommenden Ernſt. Mit einigen jungen Burſchen, die er gewonnen, 502 ſaß er an einem Tiſche und ſie begannen laut zu fingen; der Lehrer wußte ſich nicht zu helfen. Da ſagte der Mathes: „Hör einmal, Conſtantin, ſchämſt du dich nicht, du biſt jetzt Gemeindeſchreiber, daß du ſo Sachen machſt?“ „Ich bin für mein Geld da und thu' was ich will,“ erwiederte der Studentle,„und Vorleſen gehört nicht in's Wirthshaus.“ Ein Murren entſtand. „Still,“ rief Mathes,„keine Händel, da iſt leicht geholfen. Adlerwirth, ich ſpring' ſchnell heim und hol' Holz, und da machen wir Feuer in die obere Stub'. Wer zuhören will, der geht mit rauf, und wer nicht will, kann da bleiben.“ „Ich hol' ſchon,“ ſagte Thaddä, der dieſen Abend auch gekommen war, und machte ſich raſch auf den Weg. In der obern Stube glühte der Ofen bald, denn Thaddä wollte durch Nachſchüren um kein Wort kommen; der Mathes ſetzte ſich neben den Lehrer und putzte ihm das Licht. Der Lehrer las das Goldmacherdorf von Zſchokke. Trotz ſeines edlen Gehaltes hatte das Buch doch nicht die Wirkung, die der Lehrer wohl mit Recht erwartet hatte; es griff ſo unmittelbar an das Bauernleben, daß ein Jeder ſeinen Maßſtab ohne Scheu an die getroffenen Einrichtungen anlegte. Es würde zu weit führen, wenn hier alle ausge⸗ ſprochenen Urtheile wiederholt werden ſollten. Allemal, wenn der Ausdruck vorkam:„Oswald öffnete ſeinen Mund und ſprach,“ lächelte der Buchmaier, denn dieſer Bibelton mißfiel ihm ſehr. Manche Rede ging ſpurlos vorüber, manche traf aber auch den Nagel auf den Kopf, ſo daß die Leute einander anſahen und nickten. Sonderbar! als zu Ende geleſen war, ſtellte ſich her⸗ aus, daß die meiſten Leute für das Dorf gegen den Oswald Partei ergriffen hatten. Der Mathes traf zuerſt den Grund dieſes Widerſpruchs, indem er ſagte: 503 „Mir gefällt's nicht, daß der Oswald ſo allein Alles gut machen will und muß.“ „Und ich möcht' ſagen,“ begann Thaddä,„ich möcht' ihm ſeinen Federbuſch und ſeinen Stern runterreißen; er iſt ein braver Kerl, er braucht das nicht.“ „Haſt recht,“ ſagte der Buchmaier,„er ſpielt über⸗ haupt zu viel den Herrn, und ſein Erbprinz da, zu was braucht man den? Aber ich bin dir grad in die Red' gefallen, Andres, du haſt was ſagen wollen;'raus mit den wilden Katzen.“ „Ich mein', der Oswald wär' ein Häfelesgucker, daß er ſo viel vom Kochen verſteht, hat mir nicht gefallen.“ „Und ich mein',“ ſagte Kilian,„die Bauersleut' ſeien viel zu dumm hingeſtellt; ſo arg iſt's nicht.“ „Ja du biſt doch auch ein Schriftgelehrter,“ ſagte Hansjörg. Alles lachte. „Jetzt mein' Meinung iſt,“ ſagte der Maurer Wendel, „das Dorf iſt zuerſt viel zu ſchlecht und nachher viel zu gut; ich kann's nicht recht glauben, daß es an einem Ort ſo iſt.“ „Mich verdrießt am meiſten,“ ſagte der Buchmaier, „daß zuletzt auch noch ausgemacht wird, was man für Kleider tragen darf. Das iſt grad wie mit dem Thier⸗ quäler⸗Verein, das muß man einem Jeden ſelber über⸗ laſſen. Und einmal hab' ich das Lachen kaum mehr verhalten können, wie der Oswald in ſeiner Uniform und mit dem Federhut all' die zwei und dreißig Mann einen nach dem andern umarmt; potz Blitz, das iſt ein Geſchäft.“ Der Lehrer zeigte nun, daß das Buch ſchon vor vielen Jahren geſchrieben ſei und alte Zuſtände behandle, daß es ein edles Buch ſei, das viele beherzigenswerthe Lehren enthalte. Er bewies, wie ſehr nöthig noch oft das äußere Anſehen, Geld, Uniform u. dgl. ſei, um ſeinen guten Abſichten Eingang zu verſchaffen, und ſchloß, daß man Unrecht thue, wegen einzelner Kleinigkeiten ſo hart über das Ganze herzufahren. 504 „Davon iſt kein' Red',“ ſagte der Buchmaier.„Wenn ich den Mann, der das Buch geſchrieben hat, einmal ſehen thät, ich thät den Hut vor ihm ab, lieber als vor dem größten Herrn, und ich thät ſagen: Du biſt ein rechtſchaffener Herzmenſch, du meinſt's recht gut mit uns, ſo iſt's.“ Als man ſich endlich zum Fortgehen anſchickte, ſtieß Thaddä den Mathes an und ſagte leiſe: „Sag's nur jetzt, ſonſt lauft wieder Alles aus einander.“ „Wie meinet ihr, ihr Mannen,“ begann Mathes, „wie wär's, wenn der Herr Lehrer ſo gut ſein wollt' und uns jed' Woch' ein paar Abend ſo vorleſen thät?“ „Ja, das wär' prächtig,“ riefen Alle. „Ich bin gern bereit,“ ſagte der Lehrer,„wir wollen morgen Mittag zuſammenkommen, etwa im Schulzimmer; unterdeſſen kann ſich Jeder über den Verein beſinnen und Vorſchläge machen.“ „Ja, ſo iſt's recht,“ hieß es allgemein, und man trennte ſich mit großem Behagen. Andern Tages wurde die Verſammlung gehalten, ſie war ſtürmiſch. Der Lehrer hatte mit dem Buchmaier einen Entwurf der Vereinsordnung aufgeſetzt. Ein Punkt nach dem andern wurde verleſen und jedesmal eine Weile inne⸗ gehalten. Da entſtand dann allgemeines Zwiegeſpräch, man meinte, die Leute hätten alle etwas zu bemerken, aber aufgefordert, ihre Anſichten mitzutheilen, ſchwiegen ſie; nur Mathes, Hansjörg, Kilian und Wendel ergriffen laut das Wort. Ein allgemeiner, furchtbarer Sturm entſtand aber, als verleſen wurde: „So lang die Leſeabende dauern, darf während der⸗ ſelben nicht geraucht werden.“ Das allgemeine Murren wollte gar nicht aufhören, bis endlich der Buchmaier das Wort ergriff, indem er dem Lehrer dabei zuwinkte, wie wenn er ſagen wollte: „Hab' ich dir's nicht prophezeiht? Ich kenn' meine Leut'.“ Er begann laut: —— — 505 „Ich mein', man ſtreicht das Geſetz vom Rauchen ganz weg.“ „Ja, ja,“ erſcholl es allgemein, wie aus Einem Munde. Der Buchmaier aber fuhr fort: „Wer alſo das Rauchen nicht laſſen kann, der ſoll in Gott's Namen rauchen; es wird aber dem Lehrer ſchwer werden, in dem Dampf zu leſen, und wenn er eben auf⸗ hoͤren muß, ſo hört er auf, es kann's ihm Keiner verübeln. Aber das wollen wir doch feſtſtellen: wer zu rauchen an⸗ gefangen hat und die Pfeif' geht ihm aus, der darf ſie nimmehr anzünden, bis das Leſen aus iſt, er kann dieweil ſchlafen, wenn er die Augen nicht aufhalten kann, aber ſchnarchen darf Keiner.“ Ein ſchallendes Gelächter entſtand, nach welchem der Buchmaier fortfuhr: „Vom Rauchen thun wir alſo gar kein Wörtle in's Geſetz, und auch das wollen wir nur ſo mündlich aus⸗ machen: wenn das Leſen vorbei iſt, ſoll einem Jeden ein beſonder Licht aufgehen, er ſoll ſich mit einem Papierle ſein' Pfeif' anſtecken. Iſt's ſo recht oder nicht?“ ſo iſt recht. „Und wer ſchwätzen will, muß die Pfeif' rausthun,“ rief eine Stimme, man wußte nicht, von wem ſie kam; der beſcheidene Redner hat ſich bis heute nicht entdeckt. Eine fernere Beſchlußnahme machte noch viel Hin⸗ und Herredens, nämlich über den Ort der Zuſammen⸗ kunft. Da faſt ſämmtliche Gemeinderäthe anweſend waren, wurde das große Vorzimmer im Rathhauſe dazu beſtimmt, denn der Lehrer hatte aus richtigem Takte gegen die Er⸗ wählung des Schulzimmers Einſprache gethan. Auf den Vorſchlag Hansjörg's wurde feſtgeſetzt: daß Jeder, der wolle, ſeinen Schoppen Bier vor ſich haben dürfe, aber nicht mehr. Dieſer Vorſchlag gewann dem Hansjörg ſo viel Gunſt, daß er nebſt Kilian und Mathes in den Ausſchuß des Leſevereins gewählt wurde. Noch gar viele Schwierigkeiten waren zu überwinden, bis der Verein im regelmäßigen Gange war, aber eine 506 Schaar Begeiſterter hatte ſich um den Lehrer gebildet, die ihm in Allem beiſtand, wozu beſonders Mathes und Thaddä gehörten. Es war dem Thaddä nur leid, daß er nicht eine recht ſchwere Arbeit für den Lehrer thun konnte, er wäre gern für ihn in's Feuer gelaufen.— Dagegen hatte der Verein auch zwei heftige Feinde an dem Adler⸗ wirth und dem Studentle. Jener ſah ſeine Wirthſchaft beeinträchtigt und ſchimpfte ſehr auf den Lehrer, der, ſeitdem er Bräutigam geworden, auch nicht mehr bei ihm, ſondern bei ſeinem Schwiegervater in Koſt war; der Studentle aber witterte in Allem Frömmelei, er ſagte offen: ſein Schwager ſei ein Betbruder, er wolle die Leute nur kirren, man werde ſchon ſehen, wo das hinausgehe. Gleichwie oft eine Staatsregierung die Demagogen zu Beamten macht und ſo für ſich gewinnt, ſo machte der Lehrer den Studentle zum abwechſelnden Vorleſer. Nun, da er eine Rolle ſpielte, die ſeinem Stolze ſchmei⸗ chelte, ward er zum eifrigſten Anhänger des Vereins. So lernte der Lehrer nach und nach die Menſchen ver⸗ ſtehen und lenken. Den alten Lehrer und den jüdiſchen Lehrer ſuchte unſer Freund ebenfalls für den Verein zu gewinnen, Erſterer aber war nicht dazu geneigt, um ſo eifriger und ſelbſt⸗ thätiger aber der Letztere. Auch mehrere Juden, die als Ackerbautreibende und Handwerker ſtets zu Hauſe waren, nahmen lebhaften Antheil. Die Auswahl der Bücher war ſchwierig. Unſer Freund merkte bald, daß das Belehrende oder unmittelbar ſittliche Zwecke Verfolgende nicht ausſchließlich vorherrſchen dürfe. Ohne daher die Sache zur bloßen Unterhaltung zu ernie⸗ drigen, wurden Abſchnitte aus der Limpurger Chronik, Gedichte von Gleim, das Leben Schubart's, Moſer's, Franklin's ꝛc. vorgeleſen. Beſonders viel Freude machte auch die Geſchichte von Paul und Virginie und Wallen⸗ ſtein's Lager, dem einige Abſchnitte aus dem Simpli⸗ ziſſimus beigefügt wurden. Am meiſten aber horchte Alles auf, als der Lehrer, der Studentle und der jüdiſche Lehrer 507 „Hedwig, die Banditenbraut, von Körner“ laſen; das Aben⸗ teuerliche, Salbungsvolle griff tief ein. Als das Stück zu Ende geleſen war, fragte Mathes:„Wie iſt es denn mit den Räubern im Keller gegangen? Sind ſie verbrannt oder hat man ſie gerichtet.“ Der Lehrer mußte über dieſe theilnehmende Frage la⸗ chen, er wußte aber keine Antwort; vielleicht iſt einer der Leſer ſo gut und läßt ihm eine zukommen. Mitunter wurden auch die alten Volksbücher geleſen, und beſonders die Schildburger erregten großen Jubel. Allgemeine Bemerkungen in ſein Taſchenbuch einzu⸗ tragen, dazu hatte der Lehrer nur ſelten Zeit und Stim⸗ mung; was er dachte, gab er ſogleich den Männern preis, und was er dachte und fühlte, offenbarte er Hedwig und es war ihm genug, es ſo ausgeſprochen zu haben. Den⸗ noch finden wir einige Bemerkungen in den früher ange⸗ zogenen Blättern: „Wenn ich dieſe Blätter anſehe, iſt es mir oft, als war ich früher ein ſonderbarer Egviſt; ich habe die Welt nur in mich aufzunehmen, nicht mich an ſie hinauszu⸗ geben getrachtet. Was iſt all' die eigenſüchtige Verfeine⸗ rung der Gefühle gegen einen einzigen Gedankenfunken in eine fremde Seele geworfen? Das iſt tauſendmal mehr werth als alle noch ſo ſinnreich ſchwelgeriſchen Betrach⸗ tungen. Es iſt gut und war wohl nöthig, daß ich dieſe hinter mir habe „Wie gar leicht iſt es, groß, vornehm und gelehrt zu erſcheinen, wenn man ſich vom Volke zurückzieht, ſich einen beſondern Palaſt des Wiſſens und Denkens auferbaut, eine Burg auf hoher Bergesſpitze, fern von den Thalbewohnern. Steigt man aber herab zu den Menſchen in den Niede⸗ rungen, lebt man mit ihnen und für ſie, da erfährt man's oft, wie man bisweilen die einfachſten Dinge nicht weiß, die beſten Gedanken nicht ahnt. Ich habe einmal geleſen, daß es Fürſten gibt, die ſich dem Volke nie oder nur ſelten zeigen; da iſt es freilich leicht, ſich mit Majeſtät zu umhüllen.“ 508 „Es iſt tief bezeichnend und wohl ſinnbildlich, daß die Schriftſprache Wort und Begriff Bauer noch nicht beſtimmt zu dekliniren weiß: Der Bauer, des Bauern und— des Bauers.“ „Wie der Athem der Erde und des Meeres aus den höheren Regionen wieder als erfriſchender und befruchten⸗ der Regen herniederträufelt, ſo kann und muß auch der Volksgeiſt, ſein Denken und Fühlen aus der höheren Region des Schriftenthums wieder herabgelenkt werden in ſeinen Urſprung, das Volksgemüth.“ „Gewiß war mancher der berühmten griechiſchen Hel⸗ den nicht gebildeter, ſo was man eigentlich gebildeter nennt, als mein Hansjörg, Kilian, Mathes, Thaddä, Wendel u. v. a., von dem Buchmaier gar nicht zu reden, aber durch die offentlichen Staats⸗ und Rechtsverhältniſſe, durch das öffentliche Kunſtleben, durch den Gottesdienſt, der aus dem innerſten Kern des Volkslebens hervorgegangen, wa⸗ ren eine Maſſe von Gedanken, Gefühlen, Anſchauungen und zarten Regungen in der Luft. Die Leute lernten und hörten nicht immer bloß bibliſche Geſchichten, Erzählungen von Menſchen, die in ganz anderen Verhältniſſen gelebt und keinen unmittelbaren Vergleich zulaſſen. Sie hörten von Vorfahren, die ähnlich gelebt, wie ſie ſelber, ſo und ſo gehandelt, ſo und ſo gedacht, einzelne Ausſprüche und Anekdoten erbten ſich fort von Geſchlecht zu Geſchlecht; alles das ging ihnen nahe, und wo es drauf und dran kam, waren die Nachkommen Helden und großſinnige Menſchen wie ihre Vorfahren. Uns aber iſt die Geſchichte eines fremden verlorenen Volkes, des jüdiſchen, die heilige geworden, nicht die Geſchichte unſerer Nation Die Griechen kannten ihren Homer auswendig, das gab ihnen Sprüche und Bilder, die auf ihr Leben paßten; wir Deut⸗ ſchen haben noch keinen, der uns ganz das wäre, Schiller iſt nicht fur die ganze Nation in allen Bildungsſchichten. Wir haben aber eine Nationalweisheit in den Sprüch⸗ wörtern, die ſich unabhängig vom alten und neuen Teſta⸗ ment gebildet hat. Wir haben das Nationalgemüth in 509 ſchonſter Faſſung im Volksliede. Das hatten die Grie⸗ chen nicht.“ Bald nach der Stiftung des Leſevereins hatte der Leh⸗ rer auch einen Geſangverein aufgebracht, außer einigen jungen Männern hatten ſich faſt alle ledigen Burſchen hiezu verſammelt. Der Adlerwirth ward hierdurch ver⸗ ſöhnt, denn der Geſangverein wurde in ſeine obere Stube verlegt. Obgleich unſer Freund das Ganze im Stillen leitete, überließ er doch die ſichtbare Regierung dem alten Lehrer, der zu dieſem Zwecke trefflich zu verwenden war. Klugerweiſe wurden hauptſächlich Volkslieder eingeübt. Die Leute freuten ſich gar ſehr, ihr Eigenthum hier ver⸗ ſchönert in ſeiner Vollſtändigkeit wieder zu erlangen, denn faſt Niemand im Dorfe kannte mehr von einem Liede alle „Geſätze.“ Nach und nach wurden auch einige neue Lie⸗ der gelernt, ſehr behutſam, aber nichts deſto minder nach⸗ vrücklich Ton und Taktübungen gehalten, und ſogar die Noten einſtudirt. Wie bei dem Leſeverein der Gegenkampf des Studentle, ſo war hier die Anmaßung des Jorgli zu überwinden, denn dieſer wollte als berühmter Sänger ſich geltend ma⸗ chen und die Hauptperſon ſpielen; dabei aber verhöhnte er jede taktmäßige Einübung. Es gelang nicht, den Jörgli ganz zu gewinnen, er ſchied aus und der Verein drohte zu zerfallen. Die guten Folgen deſſelben hatten ſich ſchon offenbar kund gegeben; viele gemeine, unzüchtige Lieder wurden von den beſſeren verdrängt, wenn auch vorerſt nicht weil ſie beſſer, ſondern weil ſie neu waren, ſo ge⸗ wannen doch Worte und Klänge aus reineren Regionen Raum und weckten manchen zarten Wiederhall in den Gemüthern. Nun aber ſprengte der Jörgli überall aus, der Lehrer wollte den großen Leuten Kinderlieder einlernen, es ſei eine Schande für einen erwachſenen Menſchen ſolche zu ſingen; er gewann bald ziemlichen Anhang, und wenn auch noch einige dem Vereine treu blieben, ſo waren das 51⁰ doch nur Wenige. Der Thaddä wollte den Jörgli tüchtig durchprügeln, der Buchmaier aber fand ein gelinderes Mittel zur Aufrechthaltung des Vereins. Er lud nämlich den Pfarrer und alle bisherigen Mitglieder des Vereins außer dem Jörgli zum Nachteſſen am Sylveſterabend bei ſich ein, dadurch gewann Alles wieder neues Leben. Der Pfarrer hatte den Lehrer in ſeinen Beſtrebungen ganz gewähren laſſen, denn er war keiner von jenen, die Alles in ihrer Hand haben und von ſich ausgehen laſſen wollen. Am Sylveſterabend war nun großer Jubel beim Buch⸗ maier, man trank, ſang und ſcherzte. „Herr Lehrer,“ ſagte der Buchmaier einmal,„wenn ihr geheirathet habt, müſſet ihr auch einen Mädchengeſang⸗ verein ſtiften.“ „Junge Weiber dürfen aber auch dabei ſein,“ rief Agnes. „Ja, die müſſet ihr aber in einem Trumm fort ſingen laſſen, ſonſt ſchwätzen ſie dem Teufel ein Ohr weg.“ Manches Hoch wurde ausgebracht. Sonſt ganz blöde Burſchen wagten es hier vor Pfarrer, Lehrer und Schult⸗ heiß ein öffentliches Wort zu ſprechen. Zuletzt ergriff Thaddä das Glas und rief: „Unſer Herr Lehrer ſoll leben, Und ſein' Hedwig daneben!“ Hoch! und abermals Hoch ertönte, es wollte faſt gar nicht enden. Mit Hedwig lebte der Lehrer im innigſten Verſtändniſſe; ſie leiſtete ſeinen Bildungsbeſtrebungen willig Folge, da er es nicht mehr darauf abgeſehen hatte ihre Natur umzu⸗ modeln, ſondern nur ſie frei zu entwickeln. Anfangs erging es dem Lehrer bei Hedwig ſonderbar. Wenn er ihre Seele auf allgemeine Gedanken und Anſichten hinlenken wollte, machte er bei Allem große Vorreden und Einleitungen; 16 htig res lich ins hei gen die ſen ch⸗ nn ief en de ——— —— — —.— 51¹ er ſagte: ſo und ſo meine er es, und ſie ſolle ihn recht verſtehen. Da ſagte einſt Hedwig:„Hör' mal', wenn du mir was zu denken gibſt oder ſonſt'was anbringen willſt, ſag's doch grad'raus, mach' kein ſo Schmierale drum rum, ich will dir nachher ſchon ſagen, ob ich's verſteh' oder ob ich's nicht mag.“ Der Lehrer that dieſes letzte Bruchſtück ſeines vereinſamten, bloß innerlichen Lebens ab und lebte froh und gemeinſam mit Hedwig. Selbſt auf die Schule verbreitete ſich bald der neu erwachte Geiſt des Lehrers. Er knüpfte ſeine Erzählungen und Beiſpiele geſchickt an die nächſte Umgebung an; emſig ſammelte er an einer Geſchichte des Dorfes, um ſie künftig zum Anknüpfungspunkt und zur Veranſchaulichung der Geſchichte des Vaterlandes zu benutzen. Manche kluge Leute wollen zwar behaupten, der Eifer des Lehrers werde bald erlahmen, wir aber dürfen ver⸗ trauensvoll das Beſte hoffen. Der Frühling nahte, die Glocken wanderten nach Rom um dort die Geſchichte des Dorfes zu berichten, es iſt gewiß, daß ſie von dem vergangenen Winter weniger Sünden zu berichten hatten. Oſtern war vorüber und nun war der Tag der Hoch⸗ zeit da, er war auf den Jahrestag feſtgeſetzt, an welchem der Lehrer zuerſt in das Dorf gekommen war. Am Vor⸗ abende ging Hedwig zu dem alten Lehrer und bat ihn, morgen auch ein recht ſchönes Vorſpiel zu machen, da er die Orgel in der Kirche zu ſpielen hatte. Der alte Mann lachte in ſich hinein und ſagte: „Ja, du wirſt dich freuen.“ Am andern Tage ging es mit Muſik zur Kirche. Hedwig gleichgeſchmückt mit ihrer Geſpiele, der Agnes, der Lehrer ebenſo mit einem Strauße geziert, wie ſein Geſpiele, der Thaddä; der Buchmaier, der Johannesle und der jüdiſche Lehrer hinter ihnen.— Als Alles verſammelt war, begann der alte Lehrer das Vorſpiel. Auf dem Antlitze eines Jeden ſchwebte ein Lächeln, denn der alte Spaßmacher hatte den Lauterbacher Hopſer ſehr geſchickt in das Vorſpiel verwebt. Gleich darauf begann der Geſang⸗ verein in würdiger Haltung das ſchöne Lied: „Heilig iſt der Herr ꝛc.“ Mit freudigem Ernſte wurde das Ehebündniß ge⸗ ſchloſſen.— Es ſei geſegnet. Sreen vellow Hed Magenta