———,— —— * 4 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oflkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em faühnde und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nüutdaͤbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entg egennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Hird⸗ Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträct. für wouchentlich 2 Bücher: 4 Bi Bücher: her: 6 Bücher auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk 50 5Vf 7 ir Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin und zurückſendung cher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. 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Das Haus, welches die Familie Ehrenſtein bewohnte, war zwar keiner jener Paläſte, wie ſie in neuerer Zeit das Herrſcherwort der Geldfürſten in den Metro⸗ polen des Handels gleichſam als Triumphmonumente des Sieges über den geſprengten Ghettobann inmitten der vornehmſten Stadttheile erſtehen läßt, die gerade ihnen die prunkvolle Phyſiognomie verdanken, aber es gehörte jedenfalls zu den anſehnlicheren Gebäuden der Reſidenz, und was ihm an äußerem, in die Augen ſpringendem Glanze abging, erſetzte hinlänglich der wohlverdiente Ruf der Solidität. Die Firma Ehrenſtein war allerdings verhältniß⸗ mäßig eine junge, denn ſie datirte erſt von dem jetzi⸗ gen Haupt derſelben, Herrn Samuel Ehrenſtein, der vor nicht viel mehr als vierzig Jahren mit einem gar Byr, Larven. III. 1 2 kleinen Bündel auf dem Rücken aus Dreibuchen nach der Reſidenz gewandert kam. Das Haus aber, in das er damals als jüngſter Schreiber eingetreten, war ſchon ein altes, wohlbewährtes Bankgeſchäft, deſ⸗ ſen einſtiger Chef zu werden er ſich wohl in ſeinen verwegenſten Träumen nicht beikommen ließ, ſo eifrig und geſchickt er ſich auch in allen Beziehungen fand. Eine Reihe von unerwarteten Ereigniſſen hatte eintreten müſſen, ihn allmälig aus ſeiner beſcheidenen Stellung emporzuheben. Die Söhne des Hauſes ſtar— ben in raſcher Folge an einer Epidemie, der letzte ging auf einer Reiſe nach England bei einem Zuſammen ſtoß zweier Schiffe im Kanal unter, dem jüngeren Buchhalter gelang es, durch einen gewagten Coup ein vom Hauſe ſchon verloren gegebenes Kapital zu retten und ſich ſo in dem Vertrauen ſeines Principals, das er theilweiſe bereits durch ſeine Anſtelligkeit und Redlich⸗ keit gewonnen, vollends feſtzuſetzen, und ſchließlich fiel ihm faſt ohne Zuthun noch die Liebe der Tochter vom Hauſe, des einzigen übriggebliebenen Kindes, und ſo mit ihrer Hand auch das große Vermögen zu, das in dem mit dem Hofe und dem geſammten wohlhabenden Adel der Gegend in Verbindung ſtehenden Geſchäfte ſteckte. Samuel Ehrenſtein war eigentlich kein Speculant 5 und wurde es auch nicht, wiewohl ihm ſo viel zuge— fallen und auch das einzige Wagniß ſeines Lebens geglückt war. Er ließ ſich an der Fülle der Ga⸗ ben, die ihm geworden, genügen, war eifrig bei der Arbeit und vorſichtig in ſeinen Unternehmungen, ſeit das Riſico ſein eigenes Vermögen traf, klug und zugleich gutmüthig mit allen Clienten, ohne Gier nach unge— wöhnlichen Gewinnſten und beſcheiden in ſeinem Ehr⸗ geize, der ſich mit der Umwandlung der Firma auf ſeinen eigenen Namen und dem Titel eines Commer⸗ zienraths, dem dereinſt vielleicht das zauberiſche Wört⸗ chen„geheim“ vorgeſetzt werden mochte, vollkommen Genüge that. Mit einem glücklichen Naturell begabt, hatte ſich der reichgewordene Mann jene harmloſe Heiterkeit bewahrt, die das Leben ſcharf in Arbeit und Genuß zu ſondern weiß und dabei jedem Theile ſein volles Recht werden läßt; ſeine Mußeſtunden verbrachte er in der ungetrübten Behaglichkeit eines Mannes, der den Freudenbecher mit Verſtändniß und ohne Haſt zu ſchlürfen weiß, und er ließ ſich darin auch nicht durch den Tod ſeiner Frau ſtören. Er lebte als Wittwer ganz in der alten Weiſe fort, nur daß er den eigenen Hausſtand aufgab, ſei⸗ nem Sohne die Beletage und damit die Repräſenti⸗ rung überließ und, wie er ſagte, die Füße unter den 1* 4 Tiſch ſeiner Kinder ſteckte, was aber nicht ſo ganz wörtlich zu nehmen war, da er nicht nur den Tiſch bezahlt hatte, ſondern auch Alles, was darauf ſtand, fortwährend beſtritt. Sowohl dieſer Tiſch als Alles, was ringsherum ſtehend und hängend demſelben ent⸗ ſprach, mochte ihm ein hübſches Sümmchen gekoſtet haben, das er auch hin und wieder in fröhlicher Laune mit berechtigtem Selbſtbewußtſein den Gäſten ſeiner Kinder vertraulich zu nennen liebte, was den letzteren — ſie waren ja wohl erzogen und in einer viel vor⸗ nehmeren Zeit aufgewachſen— ein ziemlich deutlich zu erkennen gegebenes Mißvergnügen bereitete. Adolf hatte bei ſeinem Umzuge aus dem ur⸗ ſprünglichen Oberſtock in die Beletage auf die Er⸗ neuerung der Einrichtung gedrungen, die nach ſeiner Beweisführung den Anforderungen der Zeit entſprechend und für das Anſehen des Hauſes unerlaßlich war, aber es drückte ihn hinwieder, durch Papas Angaben ſeine Abhängigkeit ſo offenkundig gemacht zu ſehen. Das hierbei verletzte Gefühl drängte ihn überhaupt, ſich auf eigene Füße zu ſtellen, und er war darob ſchon einigemal in Conflict mit ſeinem Vater ge⸗ rathen, wiewohl dieſer dem geliebten, verhätſchelten einzigen Sohn gegenüber auf die Dauer insgemein nicht unnachgiebig zu bleiben vermochte. ſeinen maße Führ die dabe ſeine hatt ſich woll alte ſchm es d bötl gefie freu zur 29 Schon in der Einrichtung war der alte Herr über ſeinen Maßſtab von Schönheit und Solidität einiger⸗ maßen hinausgegangen und ſo war es auch mit der Führung des Hausweſens der Fall, aber freilich wozu die prächtigen Salons und das chineſiſche Zimmer und der Billardſalon und das neufaconnirte Silber und das koſtbare Tafelgeſchirr und all die Dinge, die ſo große Summen gekoſtet hatten, wenn ſie nicht ge⸗ zeigt und benutzt wurden? Da mußten ſelbſtverſtänd⸗ lich Diners, Abendgeſellſchaften, Bälle gegeben und Alles, was nur einer Einladung folgte, herbeigezogen werden, und im Grunde mißfiel das Herrn Samuel Ehrenſtein auch keineswegs. Sicherlich amüſirte er ſich dabei weit mehr und ungetrübter als ſein Sohn und ſeine Schwiegertochter, weil er keine Nebenabſichten hatte und weder ſeinen Ehrgeiz dabei befriedigen, noch ſich über die Stunden der Langweile hinwegtäuſchen wollte, wie dies bei ſeinen Kindern der Fall war. Der alte Herr kannte aber keine Langweile. Ein Diner ſchmeckte ihm nur beſſer in größerer Geſellſchaft, weil es dabei heiterer herging als in dem oft recht uner⸗ götzlichen vis-à-vis mit Adolf und Frieda, weil es ihm gefiel, wenn Andere ſich mit ihm all der guten Dinge freuten, die er dann doppelt zu ſchätzen wußte. Auch zur Zeit, wo noch ſeine Frau das Hausweſen leitete, 1 ☛ ——— — 3 3 0 waren ſeine Gaſtereien der ſeltenen Delicateſſen und feinen Weine wegen berühmt geweſen, und wer Acht hatte, wie begeiſtert er ſelbſt zuſprach, der war ſicher, daß ſie nicht von leidiger Prahlerei ſervirt wurden. Das hatte ſich auch ſpäter nicht geändert. Lachend nannte er ſich oft ſeines Sohnes beſten Gaſt und beim Deſſert war er gleich den Kindern, die von der Gou⸗ vernante hereingebracht wurden, der munterſten Laune. Er war es auch diesmal geweſen. Die Flaſche, die er Adolf's Einwendungen zuwider ein⸗ für alle⸗ mal vor ſich hinſetzen ließ, war einigemal erneuert worden, rechts und links hatte er wacker die Gläſer vollgegoſſen— denn das ließ er ſich einmal von dem galonirten Diener nicht nehmen— und ſich dabei ſelbſt auch nicht vergeſſen. Er mußte doch mit ſeiner ſchönen und berühmten Nachbarin links und mit dem immer Beſcheid thuenden Grafen rechts anſtoßen, und jetzt be⸗ kamen ſogar die beiden Kleinen ein Glas, daß die Mutter auf der andern Seite des Tiſches entſetzt auffuhr. „Ach, liebe Hermine, nehmen Sie den Kindern doch den Wein! Fräulein Anna gibt wieder gar nicht Acht.“ Die letzten Worte waren von einem ſcharfen Blick auf das hübſche junge Mädchen begleitet, dem die 6 wenig angenehme Aufgabe zu Theil geworden war, die beiden Kinder unter fortwährenden Beirrungen, Widerrufen und Eingriffen in ihre Autorität zu erziehen. Die Gouvernante beeilte ſich, dem Winke nachzukommen, denn der Großpapa hatte noch lächelnd zugegoſſen— ſo ein bischen ſchäumendes Zuckerwaſſer könne nicht ſchaden, meinte er— und Hermine hatte den hübſchen Kleinen, die mit ihren ſeltſam verſchnittenen Haaren und ihren Coſtümen einem allerliebſten ruſſiſchen Bauern⸗ pärchen— natürlich vom Maskenballe— glichen, nicht nur nicht gewehrt, ſondern noch obendrein hände⸗ weiſe Süßigkeiten und Früchte zugeſteckt. Kein Zug in Herminens Geſichte hatte mehr ihre Erregung verrathen, als ſie wenige Augenblicke vor Beginn des Diners in den Salon gerauſcht kam. Sicherlich— ſo ſagte ſich Ulrich, als er ſie erblickte — war auch jede Erinnerung daran verwiſcht. In der kurzen Zeit, die kaum ihm zur Vollendung ſeiner Toilette genügt, war auch ſie, an ſolch raſchen Wech⸗ ſel von der Bühne her gewöhnt, mit dem Umkleiden fertig geworden, und wie dort, war auch hier die Schlußſtimmung des vorhergehenden Actes in der Gar⸗ derobe zurückgeblieben, aus der die Schauſpielerin mit der neuen Robe auch das ſcheinbar durch den Verlauf von Tagen, Monden oder Jahren umgewandelte Weſen b V für den folgenden holt, womit ſie den Zuſchauer über den kurzen Zwiſchenraum von wenigen Minuten täu⸗ ſchend hinweghebt. „Sie da, Waldek?“ hatte ſie ſich ganz verwundert zu ihm gewendet.„Iſt das hübſch, daß Sie mir gar nichts davon ſagen? Wie konnte ich wiſſen, zu welchem Diner man Sie erwartete?“ Und dann hatte ſie ſich mit ſo freundlichem Lächeln zu Graf Riſoll gewendet, als wäre ſie nie in der Lage geweſen, ſich leidenſchaft lich über ihn zu beklagen. Auch Edgar hatte ſeinen Antheil an der Begrüßung bekommen und vor allen der Commerzienrath, deſſen beſonderer Liebling die Künſt lerin zu ſein ſchien. Ueber Tiſche ſaß ſie auch an deſſen Seite, und während ſie ſich in ſtrahlender Heiterkeit ihren Nach barn widmete, flog nur hin und wieder ein Schlag⸗ wort zu Ulrich hinüber, der links von der Hausfrau ſeinen Platz gefunden. Doch während dieſe ihn mit auffälliger Vernachläſſigung ihres ältlichen Nachbars zur Rechten, eines Geſchäftsfreundes des Hauſes aus Frankfurt, in Anſpruch nahm, war es ihm zuweilen, als ruhten Herminens Augen immer häufiger auf ihm. Was ſollte dieſer heiße, ſchlimme Blick bedeuten? Wollte ſie ihn glauben machen, daß ſie eiferſüchtig ſei? Anlaß dazu wäre, ein wirkliches Intereſſe für den Malci war entgee Schw einen faſt ſchein doch welt Gelel brech bloße Antli unbeſ verri Ader Wen⸗ mung Van⸗ Crrec erſchl jetz Locke Weib den 6 9 Maler bei ihr vorausgeſetzt, ſchon geweſen, denn Frieda war eine intereſſante Frau, die einen Mann, dem ſie entgegenkam, wohl zu feſſeln vermochte. Obwohl ihrer Schweſter in keinem Zuge ähnlich, durfte ſie immerhin einen Vergleich mit derſelben aushalten. Von zarter, faſt allzu ätheriſcher Geſtalt, zählte ſie zu jenen Er⸗ ſcheinungen, die trotz allen Mangels an Formenfülle doch einen entſchieden ſinnlichen Reiz auf die Männer⸗ welt üben. Ihre Taille war wunderbar ſchlank, die Gelenke ihrer überaus ſchmalen und weißen Hand zer⸗ brechlich wie eine Filigranarbeit, der Arm und die bloße Schulter entbehrten der Rundung, aber das Antlitz war dennoch nicht hager. Es war von einer unbeſchreiblich pikanten Schönheit und gewiſſe Linien verriethen, daß in den bläulich durchſchimmernden Adern unter der mattweißen Haut heißes Blut pulſirte. Wenn dieſer Ausdruck von Ermüdung und Vergrä— mung aus den feinen Zügen wich, wenn dieſe blaſſen Wangen erglühten, die zartroſigen Nüſtern ſich in der Erregung blähten und das dunkle große Auge ſich voll erſchloß und im Feuer der Leidenſchaft aufſprühte, das jetzt ſo ſorgſam aufgebaute Haar in nachtſchwarzen Locken die Stirn wirr umwallte, dann mußte dies Weib hinreißend ſchön ſein. Ulrich hatte ſich das auf den erſten Blick geſtanden, ohne daß darum ſein Herz⸗ 10 ſchlag ſich nur um den hundertſten Theil einer Sekunde beſchleunigte, ſo freundlich ſie ihm auch ſofort entgegen⸗ gekommen war. Dieſe Freundlichkeit, das ſagte ihm ſein Gefühl, war eine kühle, die nur dem Maler, nicht dem Manne galt. Es war überhaupt fraglich, ob jenes Feuer der Leidenſchaft von Verbitterung und Unzufriedenheit mit ihrem Schickſale nicht ſchon zu tief verſchüttet war, um jemals wieder geweckt zu werden. Gewiß war ihr Gatte nicht der Mann dazu, es anzufachen. Die Kälte, mit der ſie ihn anblickte, die ſelbſt jeder Herbheit ſchon entbehrende Gleichgültigkeit, in der ſie ihm hin und wieder, wenn es unerlaßlich, ein Wort zuwarf, verhehlten kaum die Nichtachtung, und doch konnte ſie Theilnahme, ja ſogar Intereſſe verrathen. Wie ſprach ſie mit Ulrich über ſeine Bilder, wie hatte das einzige Wort„Die Glückliche!“ als zwiſchen beiden in kurzen Andeutungen von Judith die Rede war, einen tiefen Blick in ihr Inneres thun laſſen! Sie beneidete die jüngere Schweſter, mit der ſie doch nie eine innigere Neigung verbunden. Warum wohl? Doch ſicherlich nur um das Glück, ihrem Herzen folgen zu dürfen, vielleicht auch um den Muth, es gewagt zu haben. Dieſe Frau fühlte ſich unglücklich und weltmüde. Ulrich unterhielt ſich gern mit ihr. Sie zeigte 11 Geiſt und Bildung und, wenn auch in Manchem bizarr, doch den feinen Geſchmack, den ſie ſchon in der An⸗ ordnung ihrer reichen, aber geſucht einfachen Toilette bewies. Die koſtbaren mattgelblichen Spitzen auf dem ſchweren perlgrauen Seidenkleide, das granatrothe Sammtband um den dünnen Hals hoben ihren Teint in wunderbarer Weiſe und Ulrich wagte daraus den Schluß zu ziehen, daß der ſchönen Frau bei allem Lebensüberdruß der Eindruck, den ihre Erſcheinung machte, noch nicht gleichgültig ſei. Der ſcharfe Ausfall gegen die an dem ihr zum Vorwurf gemachten Vergehen thatſächlich unſchuldige Gouvernante hatte Ulrich überraſcht, um ſo mehr, als er gleichzeitig zu bemerken glaubte, wie Frieda's Gatte im Unwillen erröthete und den Blick ſtirnrunzelnd auf ſei⸗ nen Deſſertteller richtete, deſſen Rand er mit dem gol⸗ denen Obſtmeſſer abſchlagen zu wollen ſchien. Doch ſprach er kein Wort. Graf Riſoll unternahm es, den Vorwurf zu ent⸗ kräften. „Wie beſorgt und eifrig!“ ſagte er lachend, indem er ſein eigenes Glas erhob, gleichſam um anzudeuten, daß er es auf ihre Geſundheit leere. Bis auf den Um⸗ ſtand, daß ſeine Augen ein wenig mehr ſchwammen und er etwas lallte, merkte man ihm kaum an, wie ————— 4 1 1 1 ————⸗—F—ꝛ—-⸗—Fõ—?— & V 12 oft er dies ſchon während der Mahlzeit gethan.„Glau⸗ ben Sie doch Ihrem Arzte nicht, der muß ſich wichtig machen, und mißgönnen Sie den lieben Kleinen den Spaß nicht. Was man das ganze Leben hindurch zu treiben hat, kann man nicht frühzeitig genug anfangen und Champagnertrinken iſt doch eine Hauptaufgabe für einen Banquier. Nicht wahr, Papa Commerzien⸗ rath? Gewöhnen wir die jeunesse dorée ſchon in der zarteſten Kindheit daran und ſie wird ſeinerzeit ihren Mann ſtehen, an den Schwindel ſchon gewöhnt ſein, bei einem kleinen Erdbeben nicht wanken und keines Herings gegen Gewiſſensbiſſe bedürfen. Schenken Sie ein, Alterchen, die Marke ſoll leben!“ Der Commerzienrath beeilte ſich, das Verlangen zu erfüllen, und lachte, Edgar, Hermine und der Ge⸗ ſchäftsfreund aus Frankfurt lachten mit und ſogar Adolf verzog ſüßſauer den Mund, aber Frieda lachte nicht, ſie erhob ſich raſch und Ulrich wollte es ſogar ſcheinen, als habe ſich wirklich ein flüchtiges Roth auf ihren Wangen gezeigt, während ſie den Arm ihres Nachbars zur Rechten nahm. Der Aufbruch war etwas raſch erfolgt, dem Com⸗ merzienrath ſogar zu raſch. „Wie? Sie laſſen Ihr volles Glas ſtehen, Herr Waldek?“ rief er über den Tiſch hinüber.„Ausge⸗ ——ꝭ—᷑—᷑—/O⸗;BKp——O—y—— trunken! Wir führen nur Röderer, die feinſte Marke, wie der Herr Graf ſofort richtig herausfand. Sel⸗ tene Begabung, feine Zunge, Herr Graf!“ wandte er ſich an dieſen, indem er gleichzeitig ſeinen Arm nahm, da ſein Sohn ihm ſchon bei Hermine zuvorgekommen war.„Sollen nächſtens etwas ganz Beſonderes bei uns koſten. Vieux chäteau d'Yquem, prima Sorte. Habe ſie ſelbſt per Flaſche mit ſechs Thalern bezahlt und in gleichem Preiſe Adolf überſchrieben. Nur eine ganz kleine Partie— aber Sie werden ſelbſt ſagen, Herr Graf, welches Feuer, welches Bouquet und dabei ſanft wie Milch. Bin neugierig auf Ihr Urtheil, ſehr neu⸗ gierig! Sie ſind ein Kenner. Der merkwürdigſte Zu⸗ fall von der Welt, wie ich dazu kam.“ Und während der dicke alte Herr, der vielleicht einſt hübſcher geweſen war, da ſich ja ſonſt die Nei⸗ gung ſeiner verſtorbenen Frau ſchwer erklären ließe, jetzt aber bis auf die glänzende, weit nach dem Hinter⸗ kopfe zurückreichende Glatze eine auffallende Geſichtsähn⸗ lichkeit mit ſeinem Sohne zeigte, im behaglichſten Eifer auseinanderſetzte, wie es ihm geglückt, von dem koſtbaren Kellerinventar in dem Nachlaſſe irgendeines Napoleoniſchen Herzogs rechtzeitig Wind zu bekommen, hatte ſich die Geſellſchaft in dem nächſten Salon wie— der zuſammengefunden. ———-—— 1 1 1 14 Etwa die zu ſchwer vergoldete Stuecatur des Pla⸗ fonds abgerechnet, konnte man der Einrichtung dieſes Gemaches nicht den Vorwurf des Ueberladenen machen, ſo koſtſpielig dieſelbe auch durch das geſchnitzte einge⸗ legte Holzwerk, die rothen Damaſtüberzüge und Tape⸗ ten, die deckenhohen Spiegel, Gemälde, Marmorvaſen und ſonſtige hier und dort angebrachte Spielereien ſein mochte. Es war allerdings ein luxuriöſer Ge⸗ ſchmack, der da herrſchte, aber immerhin Geſchmack. Es iſt nicht wahr, wenn man behauptet, derſelbe ließe ſich nicht ebenſo gut wie andere Dinge kaufen, übri⸗ gens hatte Frieda die Berathungen über die Renovi⸗ rung der Appartements geleitet und mit entſchiedener Hand die überwuchernden Gelüſte ihres Gatten unter⸗ drückt. Sie ließ ſich jetzt müde in eine vor den Kamin gerückte Chaiſelongue ſinken— ſie brauchte nicht erſt zu verſichern, daß ſie ſich nicht auf den Füßen erhal⸗ ten könne, Jeder mußte bei ihrem Anblicke befürchten, die zierliche Geſtalt vom nächſten rauhen Lufthauche aufgehoben und entführt zu ſehen. Sie hatte den klei⸗ nen Triſtan an ſich herangezogen und durchwühlte leiſe ſein Haar, während Hermine, die einen vom Feuer weiter weggerollten niedrigen Fauteuil gewählt hatte, mit der kleinen Elſa ſpielte, ſie ab und zu ein Stück⸗ 45 chen Zucker, das ſie zuvor in Kaffee getaucht, naſchen ließ und dabei dem leiſen Geplauder Edgar's lauſchte, der ſich über die Lehne ihres Fauteuils vorneigte und dabei ſeine Blicke mit unverhohlenem Wohlgefallen auf die entblößten Reize ſeiner Zuhörerin heftete. Da ſich der Commerzienrath Ulrich's bemächtigte, hatte auch Graf Riſoll den Platz gefunden, der ihm behagte, er ſtand am Kamin Frieda gegenüber, wärmte ſich die Rückſeite des Körpers und ſchlürfte langſam ſeinen Kaffee, indeß er zwiſchenhinein ſchon das zweite Glas Liqueur geleert. „Dieſe Chartreuſe iſt nicht übel“, ſagte er, ein drittes von der Silberplatte langend, mit welcher der Diener eben wieder an ihm vorüberkam.„Ich habe ſie an Ort und Stelle kaum beſſer getrunken, aber die wilde Gegend bei Grenoble ſtimmt paſſender zu dem etwas rauhen Decoct als hier der gemüthlich beleuch— tete Salon après diner. Wir müſſen uns in eine mildere Stimmung hinüberleiten und dazu taugt die ſanfte Aniſette. Komm', mein kleiner Banquier, Du ſollſt auch davon nippen.“ Die Mutter drückte den Knaben feſter an ſich, der gar nicht übel Luſt zu haben ſchien, der Einladung zu folgen. Sie warf dem Verſucher einen bittenden und zugleich verweiſenden Blick zu. ——————-— — 16 8 „Warum nennen Sie ihn immer ſo?“ ſagte ſie. „Ich will nicht, daß er ein Geldmenſch werde wie—“ Sie brach ab und ſetzte raſch hinzu:„Er ſoll ein Künſtler werden!“ „Oder ein Dichter, wie ſein Oheim“, lachte der Graf ſo laut auf, daß auch Hermine und Edgar auf— merkſam wurden.„Ein Dichter— dem ſtehen auch alle Ausſichten offen; ſehen Sie nur, wie der Doc⸗ tor ſich das zu Nutze zu machen und wie geſchickt er ſeinen Obſervationspoſten zu wählen weiß. Fürwahr, man begreift da die tiefen Einblicke in die Menſchen— bruſt, die nur dem Seherauge des Genies vergönnt ſind.“ Eine kleine böſe Falte zeichnete ſich bei dieſen rückſichtslos ſarkaſtiſchen Worten zwiſchen den Brauen der Schauſpielerin; ſie zog, als wenn es ſie fröſtle, einen leichten Flor höher um ihre Schultern, lehnte ſich in ihrem Sitze zurück und hob ſpielend den aus⸗ gebreiteten Fächer ſo, daß er ohne allen Anſchein der Abſichtlichkeit Bruſt und Hals deckte. Edgar hatte ſich übrigens lachend aufgerichtet. „Sie vergeſſen, lieber Graf“, ſagte er,„daß der Dichter meiſt auf das innere Schauen angewieſen iſt, auf die Intuition, die ihm beim Enträthſeln zu Hülfe kommt. Darin ſind Bildhauer und Maler zu benei⸗ 17 den, ſie genießen eine volle Anſchauung, wo wir uns mit dem Errathen begnügen müſſen.“ „Bah!“ verſetzte der Graf,„im Grunde iſt es bei den Malern auch nicht ſo weit her. Was ihnen ein— mal der Welt zu zeigen geſtattet wird, haben auch An— dere ſchon geſehen.“ Er warf Hermine einen unver⸗ ſchämten Blick zu, den ſie aber, ein Geſpräch mit dem Commerzienrath anknüpfend, nicht zu gewahren ſchien. „Modelle ſind in der Regel Gemeingut.“ „Erhitzt es Sie nicht, Graf, wenn Sie ſo nahe am Feuer ſtehen?“ warf Frieda leiſe hin und die Worte ſchienen auf den Grafen eine magiſche Wirkung auszuüben, er begegnete ihrem Auge und ſtrich ſich über die geröthete Stirn. Er mochte zur Beſinnung gekom— men ſein, daß er zu weit gegangen war. „Sie meinen, ich ſei feuergefährlich?“ ſuchte er mit harmloſerem Scherz einzuwenden.„Es iſt wahr, der Geiſt, der mir entſtrömt, iſt Alkoholdampf und der entzündet ſich leicht. Aber was meine Behaup⸗ tung betrifft, ſo iſt dieſelbe ganz begründet. Stoßen Sie einmal Waldek an, Doctor, daß er nicht ſo ſelbſt— vergeſſen wie eine arme Milbe in die helle Lampen— kugel ſtarrt Er kann uns am beſten Auskunft geben. He, Waldek, ſtehen Sie einmal Rede, in wie vielerlei Geſtalten war die ſchöne Marietta oder Giovannina Byr, Larven. III. 2 18 ſchon gemalt worden, als ſie bei Ihnen zur Amazone ſaß?“ „Sie ſind im Irrthum, Graf“, erwiderte der An⸗ gerufene,„ich habe ſie mir eigens von der ſchthiſchen Küſte mitgebracht.“ „Ja, quer durch das ſchwarze Meer der Piazza d'Espagna und den Bosporus der Via Condotti.“ „Und iſt es alſo eigentlich ein Portrait?“ ſagte Frieda zu Waldek, froh darüber, daß die Klippe noch leidlich umſchifft worden war.„Es intereſſirt mich das ſehr, ich konnte nie glauben, daß das Bild ein Phantaſieſtück ſei. Es iſt zu individuell.“ „Wiſſen Sie jetzt, wo Ihre Amazone zu finden?“ rief Hermine dem Maler zu. Frieda lobte das Bild, ſie wollte Ulrich zeigen, welchen Ehrenplatz es erhalten, nahm es aber nicht übel, als Edgar ſich erbot, den Führer zu machen, wo⸗ durch ihr das mühſelige Aufſtehen erſpart blieb; auch der Graf ſchloß ſich den beiden Herren an, da der Commerzienrath ihm ſchon zweimal einen Wink mit den Augen gegeben hatte, der durch die Pantomime des Cigarrenrauchens volle Verſtändlichkeit erhielt. Zum Ueberfluß lud Adolf die Damen noch zu einer Billardpartie ein, was Frieda nicht einmal einer Er⸗ widerung werth hielt, Hermine aber mit der Ausrede —ꝛ — —— zeigen, r nicht n, wo⸗ auch da der ik mit tomime erhielt einer er Er⸗ lusrede 49 ablehnte, ſie wolle der Hausfrau und den Kindern Geſellſchaft leiſten. Und um ihre Worte zu bekräftigen, rollte ſie ſich ſofort einen der kleinen bequemen Lehnſtühle knapp an die Chaiſelongue heran. „Er kann manchmal fürchterlich ſein“, flüſterte ſie dabei Frieda zu. Es ſchien ihr gar nicht nöthig, einen Namen zu nennen, und ſie war in der That verſtan⸗ den worden.„Wo haben Sie ihn eigentlich kennen gelernt, liebe Freundin?“ „Im Axenſtein⸗Hötel. Ich war, wie Sie ja wiſ⸗ ſen, mit den Kindern während der drückendſten Som⸗ merhitze oben, Graf Riſoll verbrachte— glaube ich— auch ein oder zwei Wochen dort.“ „Und dann folgte er Ihnen hierher“, ſetzte Her⸗ mine, durch das gleichgültig ſcheinende„glaube ich“ keineswegs irregeführt, wie ſelbſtverſtändlich hinzu. Zwei feine ſcharfe Zähnchen gruben ſich in die nur leiſe geröthete Lippe der Banquiersfrau, ſie nahm eins der chineſiſchen Palmenblätter von dem Bronzetiſchchen, als müſſe ſie ſich vor der ſtrahlenden Hitze des Kamin⸗ feuers ſchützen. „Sie meinen, er kam ſpäter als ich hier an“, lagte ſie, in ihren kühlen Ton eine gewiſſe Zurecht⸗ weiſung legend. 4 5 — ᷣ—— „Nun ja, und Sie ſahen ihn gern kommen. Mein Gott, wie Sie das gezwungen aufnehmen!“ „Er iſt kein gewöhnlicher Menſch—“ „Warum ſo zurückhaltend? Kein gewöhnlicher Menſch? Das iſt viel zu wenig geſagt. O, wie ver⸗ ſtehe ich den Reiz, der ſelbſt in dem zügelloſen Ueber⸗ ſchäumen einer mächtigen Naturkraft für ein Frauen⸗ herz liegt! Iſt denn nicht gerade das Regelloſe, Wilde, Dämoniſche ein Zeichen großer Anlagen, die nur im ſtolzen Aufbäumen gegen die kleinherzigen Normen der Welt erlagen und im bitteren Gefühl des Erliegens in falſche Bahnen einlenkten? Und iſt es denn nicht eine erhebende, eine beſeligende Miſſion, der rettende Engel eines ſolchen in blindem Wüthen ſich ſelber zer⸗ rüttenden Geiſtes zu werden? Kann es ein höheres Empfinden geben, als wenn ſich Seele an Seele ſchmiegt und ſagt: Du wallſt einſam und unverſtanden wie ich, laß uns zuſammen den Weg zum Himmel ſuchen oder gemeinſam untergehen?“ „Hermine, Sie haben ein großes Herz!“ ſagte Frieda, indem ſie der Freundin, die jüngſt bei ihr eingeführt worden war und ſeither, beſonders in Toi⸗ lettenangelegenheiten, zu einem intimeren Verkehr mit ihr gelangt war, die Hand drückte. Vergeblich aber erwartete die ſchlaue Schmeichlerin, daß ſich jetzt das Pürtchen Wangen! delblüte, und ſich; großgeöfft das Alle mine au rechnet o gepocht. In ſaß inde gleich de Füßen unterhie Anlagen eine n gebändi Entſchät „ gehende er Eda das al⸗ den Bo Gewand hatten 21 49 Pförtchen des Geheimniſſes für ſie öffnen werde. Die Wangen der zarten Frau färbten ſich zwar wie Man⸗ delblüte, die feinen Naſenflügel begannen zu zittern und ſich zu heben, ein Blitz ſchien aus der Nacht der großgeöffneten Augen hervorflammen zu wollen, aber das Alles verflog und erloſch; entweder hatte Her⸗ mine auf ein zu lebhaftes Mittheilungsbedürfniß ge⸗ rechnet oder ſie hatte zu frühzeitig an das Pförtchen gepocht. In dem blauen Schreibzimmerchen der Hausfrau ſaß indeſſen auf einem leichten Seſſel mit zierlichen, gleich dem übrigen Holzwerke der Möbel weißlackirten Füßen der Mann, von dem ſich die beiden Frauen unterhielten, und gab deutliche Zeichen ſeiner„großen Anlagen“ nach Herminens Auseinanderſetzung, indem ſeine nur momentan von Frieda's Blick und Mahnung gebändigte Laune in noch zügelloſerem Ueberſchäumen Entſchädigung für den erlittenen Zwang ſuchte. „Sie werden uns doch das Reſultat Ihrer ein⸗ gehenden Forſchungen nicht vorenthalten, Doctor?“ rief er Edgar zu, der mit Ulrich vor dem Bilde ſtand, das als Knieſtück eine Amazone darſtellte, die eben den Bogen ſpannte und deren halbzurückgeſunkenes Gewand den zerſtörten linken Buſen freiließ.„Sie hatten ja Zeit, ſich genügend aus der Vogelperſpective 22 zu überzeugen. Nun, was meinen Sie zu Fräulein Lugger? Amazone iſt ſie wohl nicht.“ Es war das Lachen eines Silens, das den ſpöt⸗ tiſchen Ausfall begleitete. „Wure auch ſchade“, verſetzte Edgar achſelzuckend und ein wenig gezwungen.„Das würde bei einer Schauſpielerin leicht zu einſeitiger Auffaſſung ihrer Rollen und bei der Kritik zu einſeitiger Beurtheilung führen.“ „Iſt Beides in höherem Grade nicht mehr denkbar.“ „Wir ſind Ihre böſe Zunge ſchon gewohnt, Herr Graf, und dreifach dagegen gepanzert. Aber ich ſehne mich nach einer Cigarre— Sie finden ja auch allein den Weg, wenn Sie noch länger hier meditiren und mediſiren wollen.“ Und Sdgar folgte den andern Herren, die vor⸗ ausgegangen waren, nachdem der Geſchäftsfreund aus Frankfurt das Bild gebührend bewundert und der Commerzienrath Ulrich mit einem vertraulichen„Große Zukunft, große Zukunft!“ ermunternd auf die Schulter geklopft hatte. Erſt jetzt, wo er mit dem Grafen allein war, hob Ulrich die aus dem nächſten Zimmer mitgebrachte Lampe höher. Er fühlte eine leicht begreifliche Freude, ſein Werk wiederzuſehen, und betrachtete es mit ganz eigenthü das ma auch nie miſchte ehedem ſein. Werth, haften Leibe rafftnie der Bl mente ſo char ſer Do Bedeu 2 Seſſel „ſeltſa gerade ten v hölt, Frau. Ihre hat, bis a 23 eigenthümlichen Empfindungen, wie etwa ein Weib, das man einſt geliebt und lange aus den Augen, wenn auch nie ganz aus dem Herzen verloren hat. Wehmuth miſchte ſich der Freude bei, er ſah Mängel, die er ehedem nicht bemerkt, und doch nannte er es mit Liebe ſein. Und in Wahrheit hatte das Bild auch ſeinen Werth, wenngleich der Hauptreiz, der in dem grauen⸗ haften Gegenſatz zwiſchen dem grauſam verſtümmelten Leibe und dem ſchönen, kampfeswilden Antlitz lag, ein raffinirter war. Es hätte deſſelben nicht bedurft; der Blick des Haſſes, welcher dem im nächſten Mo⸗ mente abſchnellenden Pfeil ans Ziel vorausflog, war ſo charakteriſtiſch und wahr gemalt, daß er allein die⸗ ſer Darſtellung unweiblicher Schönheit ſchon hinreichende Bedeutung verlieh. „Seltſam!“ ſagte Graf Riſoll, der ſich auf ſeinem Seſſel bequem reckte, als ob er hier zu Hauſe wäre, „ſeltſam, was meinen Sie, Waldek?— daß die Amazone gerade an dieſer Stelle hängt. Sie ſcheint den Gat⸗ ten verſcheuchen zu wollen, der doch ſonſt hierher ge— hört, von Rechtswegen über den Schreibtiſch ſeiner Frau. Scheint es Ihnen übrigens nicht auch, daß Ihre Amazone Aehnlichkeit mit dem ſchönen Mädchen hat, deſſen Photographie da unten in der Ecke ſteht, bis auf den gewiſſen fatalen Mangel da, den Sie ſo ———òõʒ — 2 ☛‿ — 24 recht abſichtlich enthüllt zu haben ſcheinen, um die Phan⸗ taſie zur Reconſtruction auf den Fundamenten, die noch die Spuren der zerſtörten Schönheit tragen, ſündhaft anzuregen? Nein, da hört die Aehnlichkeit auf und ſpringt launiſch auf die Schweſter über. Hoffent⸗ lich kommt Frau Chrenſtein nicht auf die Idee, nach dem Vorbilde da Amazone zu werden. Das Feuer fände an ihr nichts zu zerſtören. Runzeln Sie die Stirn nicht, Freund! Iſt Ihnen nicht Ernſt. Mein cyniſches Späßchen gefällt Ihnen insgeheim ganz wohl, es würde ſogar der heiligen Hermine unter vier Augen ein Lächeln entlocken. Haben Sie die Erfahrung noch nicht gemacht?“ „Ich ſtehe zu Fräulein Lugger in keinen näheren Beziehungen“, erwiderte Ulrich ein wenig ungehalten. „Uebrigens ſcheint ihre Furcht vor Ihnen und Ihrer Nachrede nicht ganz unbegründet.“ „Hat ſie Furcht? Wirklich? Bah! Sie iſt eine ſchlaue Hexe und weiß, daß ich Gewürm nur trete, wenn es mir im Wege liegt.“ „Ich meine, Herr Graf—“ „Sie werden ſich doch nicht ſchon zu ihrem Ritter berufen fühlen? Gehen Sie, Waldek, an Ihrer Stelle hätte ich etwas Geſcheidteres gethan, als Anderen die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen. Ich hätte mir das ſchöne und w Chrenſ Das 1 Verbin Kunſt ſprude nur T Lüre den Q Lachen wollt Aber Vaga Kind aus, lachel laß es kö wer? geſuc O, i Geſoe Kind gekau 25 8‿N ſchöne Kind zu eigenem Nutz und Frommen entführt und wäre mit ihm in die Lieb' gegangen, wie Herr Ehrenſtein von ſeinen Papieren an der Börſe ſagt. Das würde beſſer für Sie taugen als dieſe drohende Verbindung zwiſchen Künſtler und Künſtlerin. Zu viel Kunſt taugt nichts, ſie muß ſich immer wieder am hell⸗ ſprudelnden Quell der Natur auffriſchen. Fragen Sie nur Doctor Edgar darum. Iſt ja eine ſtehende kritiſche Phraſe. Haha, auffriſchen! Nun ja, wenn man Ihnen den Quell nicht verſtopft wie mir.“ Es war ein zorniges Lachen, das den plötzlichen Abſprung begleitete.„Was wollt' ich Anderes, als an dem Quell mich laben? Aber ich ward verſcheucht wie ein Bettler, wie ein Vagabund; nun ja, ich bin's; hab' ich darum kein Kind? Ja, ſehen Sie mich an und lachen Sie mich aus, daß ich auch ſentimental werden kann. Nein, lachen Sie nicht!“ fuhr er, ohne daß Ulrich ihm An— laß gegeben hätte, plötzlich wild auf.„Lachen Sie nicht, es könnte Sie gereuen! Wer hat ein Recht zu ſpotten, wer? Und wenn ich in Hartberg war, wenn ich ſie geſucht habe, ſie und das Kind, wen kümmert es? O, ich habe ſie geſehen am Gitterthor, wie vor einem Geſpenſt iſt ſie geflohen, vor mir, vor mir! Und mein Kind, ein Mädchen, ſie haben mir's abgekauft! Ab⸗ gekauft? Als Vater? Geſtohlen iſt's mir, geſtohlen —2.— „ —ℳõA— — 5 — 6 ¹ 3 26 von dem Weibe, das er mir entfremdet— er, der Schleicher! Welche Sünde iſt groß genug, daß ein Weib ſie dem Manne nicht ſollte vergeben können!— Weg⸗ gejagt— verleugnet— das Gitter geſchloſſen— haha! trinken wir, die Welt iſt ein Narrenhaus— ein—“ Er ſtieß einen dumpfen Schrei aus und ſank auf den Sitz zurück, von dem er ſich erhoben hatte. Seine Augen rollten unheimlich und leichter Schaum trat ihm auf die Lippen. Es fehlte wenig, ſo wäre er nie⸗ dergeſtürzt, doch Ulrich war mit einem Sprunge an der Seite des Wankenden und unterſtützte ihn. In der erſten Beſtürzung wollte Ulrich um Hülfe rufen, doch beſann er ſich, daß dieſer Zuſtand, den er nicht mit Unrecht dem ſtarken Weingenuſſe zuſchrieb, wie⸗ wohl die Symptome nicht die eines Rauſches waren, der Dienerſchaft beſſer verborgen bliebe, er ſuchte ſich demnach, ſo gut es ging, allein zu behelfen. Glücklicherweiſe fand er auf einem Seitentiſch⸗ chen eine Caraffe mit Waſſer und flößte davon dem Grafen ein wenig ein. Dieſer kam auch bald ſo weit zu ſich, daß er ſeinen Zuſtand, der ihm nicht mehr fremd zu ſein ſchien, erkannte. Mit zitternden, unſicheren Fingern griff er in ſeine Weſtentaſche und drückte Ulrich ein zierliches Fläſchchen mit einer Gold⸗ kapſel in die Hand, dann bemühte er ſich ein Wort ——— zu ſpr vermoe ſchließ rich za der K Schlu trank ander ſprech wir groß wir Kraft word derſe 26 zu ſprechen, doch verſagte die Zunge den Dienſt, er vermochte nur die Finger der Hand zu öffnen, zu ſchließen und abermals zu öffnen. „Zehn Tropfen“ ſollte das wohl heißen und Ul⸗ rich zählte ſie achtſam in das Glas Waſſer, auf welches der Kranke gedeutet hatte. Derſelbe hatte kaum einen Schluck gethan, als er ſich ſchon ſichtlich erholte; er trank nun raſch den Reſt aus und es waren noch nicht anderthalb Minuten vergangen, als er wieder zu ſprechen im Stande war. „Das Flacon!“ ſagte er. Ulrich ſchraubte die Goldkapſel wieder auf dem Fläſchchen feſt, dem ein eigenthümlicher Geruch wie von bitteren Mandeln entſtrömt war, und gab es dem Grafen zurück, der es in die Taſche zurückgleiten ließ. „Soll ich Sie hinabführen? Einen Wagen holen laſſen? Bedürfen Sie keiner andern Hülfe?“ „Nur keinen Eclat!“ wehrte der Graf. Er ver⸗ ſuchte zu lächeln.„Ein kleiner Anfall. Einzig, weil wir ſo lange nicht zur Cigarre kamen; ich bin ſo große Entbehrungen nicht gewohnt. Kommen Sie, wir wollen das Verſäumniß einbringen.“ Mit einer Kraftanſtrengung, deren Ulrich den ſeltſam bleich ge⸗ wordenen Mann nicht fähig gehalten hätte, erhob ſich derſelbe.„Wenn Sie mir einen Dienſt erweiſen wol⸗ 8 / 1* ———— — — ⁴= — ⸗„ 8 ———ò — 28 Fam Geſp noch len, laſſen Sie den kleinen Zwiſchenfall unter uns bleiben. Kommen Sie!“ Schweigend nahm Ulrich die Lampe auf und trug ſie bis ins anſtoßende Gemach, das ſie durchſchreiten Jeuig mußten, um auf den kleinen Corridor zu gelangen, 8 ſ der zu dem auf der andern Seite des Speiſeſaals gelegenen Billardzimmer führte, ſodaß es nicht nöthig war, den Salon, in welchem die Damen zurückgeblie⸗ Unt ben, nochmals zu kreuzen. Auf dem Wege fühlte Ulrich, tung wie ſein Begleiter, deſſen Arm ſich in den ſeinigen ge⸗ ſchoben, noch ein paarmal ſchwankte und einer feſten Adol Stütze bedurfte, im Momente jedoch, wo ſie beide die 1 wen Schwelle des Spielzimmers überſchritten, hatte der er ſ Graf die Gewalt über ſich wieder vollkommen erlangt 1 von und trat mit einem Scherze zu den Herren, die ſich's bequem gemacht hatten. Al Die mit tief herabgehenden Schirmen verſehenen G and Lampen concentrirten ihr Licht auf das grüne Tuch des Billards, auf dem die Elfenbeinbälle unberührt herum⸗ ſete lagen. Denn die Herren batten nicht an das Spiel 1 drü gedacht und überließen ſich dem ungeſtörten Genuſſe ein der Cigarre. Ein feiner Duft durchzog ſchon das Gemach, deſſen trauliches Halbdunkel die ungewöhnliche nab Bläſſe des Grafen nicht ſofort wahrnehmen ließ. Der B aug Geſchäftsfreund hatte ſich empfohlen und die drei zur V in daß 29 2 Familie gehörigen Herren waren in einem lebhaften Geſpräche begriffen, dem auch Ulrich— wenngleich noch mit dem ſonderbaren Auftritte beſchäftigt, deſſen Zeuge er ſo eben geweſen— Intereſſe abgewann, da es ſich um die Fabrik im günsdorfer Walde handelte. Adolf hatte den beiden andern eben mitgetheilt, daß er in einer knapp vor dem Diner ſtattgehabten Unterredung Gundaker die Präſidentſchaft des Verwal⸗ tungsrathes angeboten und daß derſelbe abgelehnt habe. „Stolz ſind ſie alle, einer wie der andere“, hatte Adolf höhniſch vor ſich hin gelächelt;„der aber hat am wenigſten ein Recht. Ich möchte nur wiſſen, wovon er ſich ernähren wird, wenn der Alte im Ernſte nichts von ihm hören will?“ „Redensarten!“ ſpottete Edgar.„Wenn mein Alter die Hand zubehält, mag's mir recht ſein, der andere aber wird ſie zuletzt ſchon aufthun.“ „Fragt ſich nur“— Der junge Banquier hatte dazu⸗ ſetzen wollen:„ob dann noch etwas darin iſt“, unter⸗ drückte den Schluß aber, als Ulrich und der Graf eintraten. Nachdem die beiden mit Cigarren verſehen waren, nahm das Geſpräch über denſelben Gegenſtand, wenn auch in ein klein wenig verändertem Tone ſeinen Fort⸗ gang. Graf Riſoll ſchien gar nicht darauf zu achten, 5 ————— 9 —— 1 30 er hatte ein Queue ergriffen und verſuchte einen Kunſt⸗ ſtoß auf dem Billard. „Du hätteſt Herrn von Werdenberg dringlicher rathen ſollen, die Präſidentſchaft ſelbſt anzunehmen“, wendete ſich Adolf an ſeinen Vater. „Ich?“ rief dieſer mit einer unbeſchreiblichen Ge⸗ berde, bei der er alle zehn Finger, wie ein wehrhafter Igel die Stacheln, von ſich ſtreckte.„Ich will mit der ganzen Geſchichte nichts zu thun haben, das iſt nichts für uns Leute von der älteren Generation. Langſam und ſolid heißt's bei uns, jetzt muß Alles mit Dampf gehen. Thu' Du, wie Dir's gefällt, aber laßt mich aus dem Spiele. Ich habe nicht nein geſagt, nicht ja; der Herr von Werdenberg iſt majorenn, er wird ſelbſt wiſſen, was er thun will mit ſeinem Gelde. Iſt ein Geſchäft wie ein anderes, aber wer kann ihn zwingen? Wäre ich wie er Hauptactionär, um zu behalten die Actien, nicht um ſie zu begeben, möchte ich freilich auch meine Augen haben in der Verwaltung. Habe ich Geld in der Taſche, wo ein Anderer hineinſteckt ſeine Hand, ſteck' ich die meine auch hinein. Was kann's ſchaden?“ „Thuſt Du doch, als ob wir eine Gaunerbande wären“, entgegnete Adolf, ärgerlich über das offen ge⸗ zeigte Mißtrauen.„Im Grunde thut es auch nichts, daß der Baron die Stelle ausgeſchlagen hat. Ich freute Recla ſpötte hin Frie Rott Ecke 31 mich, ſie mit allen Vortheilen Baron Merolf zuwenden zu können, da er doch gewiſſermaßen mein Schwager wird.“ „Und für das Unternehmen ein guter Name als Reclame einmal wünſchenswerth iſt“, fiel Graf Riſoll ſpöttiſch ein. Er griff dabei in die Weſtentaſche, wo⸗ hin er das gewiſſe Fläſchchen geſteckt, und warf einen Friedrichsdor auf das grüne Tuch.„Ein Triplé, den Rothen gemacht und mit dem Weißen rechts in die Ecke verlaufen. Wollen Sie halten?“ Adolf nickte blos. „Nun, er hat abgelehnt“, fuhr er ganz im Allge— meinen fort, als ob er dieſe Mittheilung zum erſten Male mache.„Er habe nicht eine Actie und dergleichen. Ich wollte nicht in ihn dringen, im Grunde iſt's auch beſſer; die Leute würden aus der Familienverbindung gleich wieder ihre boshaften Schlüſſe ziehen.“ „Noch einmal?“ fragte der Graf, der um ein Haar gefehlt, indem er abermals ein Goldſtück hinwarf. Adolf hatte ſeinen Gewinnſt gar nicht eingeſtrichen und ſenkte auch diesmal nur leiſe den Kopf, indem er fortfuhr: „Nun muß ich aufrichtig geſtehen, daß ich et⸗ was unſchlüſſig geworden bin; an Aſpiranten wäre freilich keine Noth, aber ich bin da ein wenig eigen.“ „ — 4 4 X 1 7 8. ———* 32 „Nehmen Sie mich!“ warf der Graf hin, ſtieß und folgte ärgerlichen Blickes den abermals fehlgehen⸗ den Bällen. „Für den Herrn Grafen wäre eher eine Stelle bei Hofe“, meinte lachend der Commerzienrath. „Dazu kann Rath werden. Gilt's?“ Und diesmal fiel ein halbes Dutzend Goldſtücke klingend auf das Billard.„Quitte ou double!“ „Mit Vergnügen“, verſetzte Adolf, der aufgeſtan⸗ den war,„nur will ich den ganzen Satz halten. Ich habe aber nicht ſo viel bei mir“, fügte er mit lauern⸗ dem Lächeln hinzu,„wie wär's, Herr Graf, wenn ich das Fehlende durch die Präſidentenſtelle erſetzte?“ „Ihr Ernſt?“ ſagte der Graf, indem er mit dem Aufſetzen der Bälle inne hielt. „Mein vollſter.“ „Glaube es. Riſoll klingt vielleicht nicht ſo gut als Merolf, aber die Grafenkrone hat vor der frei⸗ herrlichen ein Doublé vor.“ Er ließ ein kurzes ſkep⸗ tiſches Lachen hören, ſtellte den Weißen mit ſeinem Queue und ſagte: „Ich habe keine Geſchäftskenntniß.“ „Thut nichts.“ „Keine Arbeitsluſt—“ „Um ſo beſſer.“ —— ☛ Kugelr Sack. ſichere noch! und? . rath. winne einen in ſe Nool und, 3 walti 33 „Und ebenfalls nicht eine Actie. „Läßt ſich machen.“ Eine kleine Pauſe, ein kurzer dumpfer Laut; die Kugeln rollten; hier fiel eine, dort die zweite in den Sack. Ulrich ſtaunte über das ſcharfe Auge und die ſichere Hand des Mannes, der vor einigen Minuten noch hülflos und aller Herrſchaft über ſeine Muskeln und Nerven beraubt ihm in den Armen gelegen. „Bravo, braviſſimo!“ jubelte der Commerzien⸗ rath.„Welch ein Spieler!“ „Es muß nur auch der Mühe werth ſein, zu ge⸗ winnen“, ſpöttelte Edgar. „Warum nicht, wenn ich einem guten Freunde einen Dienſt damit erweiſen kann?“ ſtimmte der Graf in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe ein. „Es kommt mir in der That überraſchend“, ſagte Adolf. „Natürlich, natürlich. Sie hatten ja nur geſcherzt und gar nicht daran gedacht, daß ich gewinnen könnte. Ich gratulire Ihnen. Doctor Tauber ſtößt doch ge⸗ waltig morgen in die Trompete?“ „Ich muß geſtehen“, gab der Angeredete kopfſchüt⸗ telnd zurück,„daß dieſe Art literariſcher Thätigkeit mir am wenigſten entſpricht.“ „Aber Sie thun's doch? Du lieber Himmel, was Byr, Larven. III. 3 4 2 ——yͤ 12 —— —— ——— 5 V . thut man nicht der Familie zu Liebe!“ Graf Riſoll ſtrich das Geld ein und ſtreckte Adolf mit einer ge⸗ wiſſen geringſchätzigen Vertraulichkeit die Hand hin. „Spielſchulden ſind natürlich heilig. Theurer Scherz geweſen— können es überall erzählen. Haben wir beide gewonnen oder beide verloren? Ja, als wir im Koth uns fanden, da verſtanden wir uns gleich.“ „Sehr geiſtreich! Köſtlicher Witz!“ applaudirte der Commerzienrath. Edgar lachte und ſchoß, ſobald der Graf ſeine Hand losließ und ſich umwendete, einen giftigen Blick nach ihm. „Heine trifft immer den Nagel auf den Kopf“, ſagte Graf Riſoll,„nicht wahr, Waldek?“ „Heine, ja richtig, Heine— Heinrich Heine“, wiederholte der Commerzienrath und wäre damit, weil er nichts weiter zu ſagen wußte, vermuthlich noch eine Weile fortgefahren, doch unterbrach ihn ſein Sohn, der durch den Eintritt eines Dieners erinnert wurde, mit der Mahnung, daß es Zeit zum Theater ſei. „Die Damen werden aufbrechen wollen“, meinte er. Und ſo war es auch. Die Herren fanden ſie eben im Begriffe, warme Ueberwürfe umzuthun. Der Commerzienrath wünſchte gute Unterhaltung, indem er, Hermine hülfreiche Hand leiſtete. Adolf erklär Begle ich b neute ich n gen nem Knal 9 35 erklärte, ein Engagement zu haben, Edgar ſchlug ſeine Begleitung ebenfalls ab. „Ich danke, liebe Schweſter“, ſagte er.„Du weißt, ich bekenne mich nicht zum Chriſtenthume und zu dem neuteſtamentariſchen: Liebet Cure Feinde. Auch biete ich nicht die andere Backe, wenn mir die eine geſchla⸗ gen wurde.“ „Was haben die Worte eines Künſtlers mit ſei— nem Privatcharakter gemein?“ verſetzte Frieda, ihres Knaben Locken ſtreichelnd.„Das Genie iſt es, das ich bewundern muß, wie Ihr Andern das edle Erz anbetet, ob auch Schlacken daran haften mögen.“ „Eine objective Auffaſſung, der ſogar die Kleinen da ihre romantiſch⸗mythiſchen Namen zu verdanken haben. Ich kann ſie nicht theilen. Uebrigens aufrich⸗ tig geſtanden iſt mir ein Tanhäuſer im Jahre zu viel, geſchweige denn zwei im Monate. Es iſt ja noch keine vierzehn Tage her.“ „Sie ſind zu harmoniſch angelegt, lieber Freund“, mengte ſich der Graf ironiſch ein.„Die Wohlthat der unendlichen Harmonie begreift nur eine Bruſt, der s an der endlichen gebricht. Darum finden Sie ſo viele Frauen unter Richard Wagner's Verehrerinnen. Und ich gehe auch in ſeine Opern. Den zweifachen Grund können Sie nun leicht errathen.“ 2 A 3— 3 — 1 —— 2* 3 — 3 36 „Immer heiter, immer heiter“, lachte der Com⸗ merzienrath. Plötzlich ohne ſcheinbare Veranlaſſung beugte ſich Frieda auf die Stirn des Kleinen nieder, küßte ſie und gab der Gouvernante in auffallend ſcharfem Tone den Befehl, mit den Kindern auf ihr Zimmer zu ge⸗ hen. Niemand als ſie hatte das Zeichen der Vertrau⸗ lichkeit wahrgenommen, mit denen ſich ihr Gatte dem hübſchen erröthenden Mädchen genaht hatte. Sie machte eine ganze Wendung, ſodaß ſie, knapp vor ihrem Mann ſtehend, den übrigen den Rücken kehrte. „Nicht vor Leuten!“ ziſchte ſie ihm mit zornbe⸗ benden Lippen zu. Er lächelte hämiſch und zuckte die Achſeln. „Gegenſeitigkeit!“ erwiderte er. Ein kurzer, aber ſeltſamer Blick fiel in ſeine Au⸗ gen; ſo verweilte ſie einen Moment, endlich bewegte ſich wieder der Mund, um den ſich tödtliche Kälte gelagert. „Wie Du willſt“, ſagte ſie kaum vernehmbar und wendete ſich langſam um. Für alle Andern war das kurze Zwiegeſpräch nur eine freundliche Verſtändigung zwiſchen Ehegatten über irgendeine gleichgültige Sache geweſen. 37 Frieda nahm des Grafen Arm und es fiel viel⸗ leicht nur einem Einzigen auf, daß darin in dieſem Moment eine tiefere Bedeutung lag. Ulrich hatte ſeinen Arm Hermine angeboten und folgte dem voranſchreitenden Paare über die glänzend beleuchtete Treppe hinab. „Und Sie fahren alſo nicht mit?“ flüſterte die Schauſpielerin.„Sie haben Recht. Laſſen wir die Glücklichen allein— ich—“ Eine leiſe Bewegung mit dem Fächer nach vorn ließ keinen Zweifel über die Bedeutung ihrer Worte.„Auch ich gehe in die Theater⸗ loge.— Und übermorgen beginnt doch die Sitzung? Aber, ich kann nicht in Ihr Atelier kommen. Sie müſſen ſich ſchon in das Reich der Laune wagen. Fürchten Sie ſich nicht?“ Ob er's wagen wollte? Geſtattete denn der Circe⸗ blick, den ſie ihm zuwarf, einen Zweifel? Und der leiſe Druck auf ſeinen Arm? Einer Antwort war er enthoben, denn Frieda, die ſich erſt jetzt wieder ſo weit geſammelt hatte, um ein gleichgültiges Wort hinzuwerfen, drehte ſich im Hinabſteigen um. „Glauben Sie nicht auch“, fragte ſie Hermine, „daß wir öfter Wagner zu hören bekommen wer⸗ den? Dieſer Geismar hat ja nichts mehr zu ſagen.“ ——— 2 — 2 — —— —— 2 b 38 „Ich zweifle, daß der Herzog der Oper mehr Platz einräumt. Er iſt wohl mehr für das recitirende Drama.“ „Und für die Recitirenden“, ließ der Graf bos⸗ haft einfließen. 5 „Aber hat nicht auch der König von—“ „Bſt!“ fiel der Graf ſeiner Dame ins Wort. „Wir ſind hier im engeren Vaterlande. Ein Fürſt liebt ſelten, was ſein Nachbar protegirt.“ Man war am Wagen. Riſoll ſtieg zu den Da⸗ men ein und Ulrich trat mit einer Verbeugung zurück. Der Schlag fiel zu, die Räder rollten dumpf über das Holzpflaſter hin und Ulrich ſtand allein auf der abend⸗ dunkeln einſamen Straße. Was war das für ein ſeltſames Fröſteln? Er ürchtete ſich doch nicht wirklich? des da lebh geſc die gefe tor Wie groß den gege was gebe —“ vA —— —— Zweites Kapitel. Als Ulrich einige Tage ſpäter die Nebentreppe des Theatergebäudes zur Directorwohnung hinaufſtieg, da kam ihm das Wort der Banquiersfrau wieder recht lebhaft ins Gedächtniß.„Dieſer Geismar“ hatte ſie geſagt, und dann jene verurtheilenden Aeußerungen, die während des Diners über das geſtürzte Regiment gefallen waren. Man hatte dem Ereigniſſe, das Doc⸗ tor Geismar ſeine Stellung koſtete, emſig vorgearbeitet. Wie das ſo zu gehen pflegt, warf ſich auch noch ein großer Theil der Gleichgültigen oder bisher nicht zu den Unzufriedenen Zählenden nachträglich in Harniſch gegen den Fallengelaſſenen, welchem hinterher Alles, was jemals zu irgendeiner Klage Veranlaſſung ge⸗ geben, in die Schuhe geſchoben wurde. Wer alle dieſe Urtheile hörte, mußte den geweſenen 4 — 40 Director factiſch für den böſen Dämon der lokalen Theaterzuſtände halten.— Freilich wurden auch wieder andere Stimmen laut— und ſie thaten gerade nicht ſchüchtern— die ihrerſeits für Doctor Geismar ein⸗ traten und ſeinen Verdienſten Gerechtigkeit wider⸗ fahren ließen, aber dieſe Stimmen gehörten wie die Schwemmerich's, der ſogar im erſten Augenblicke die für ihn ſelbſt am fürchterlichſten klingende Drohung ausgeſtoßen, ſein Abonnement aufgeben zu wollen, zu den einflußloſen und verhallten daher ungehört oder ſie fanden es im klugen Pedantismus, der ſich nie und nimmer auf einem vollen unbedingten Lobe ertappen laſſen darf, gerathen, ihr Urtheil ſo vielfäl⸗ tig zu verclauſuliren und einzuſchränken, daß es vor dem Enthuſiasmus, der ſich der neuen Aera mit über⸗ quellendem Zutrauen in die Arme warf, gar nicht zur Geltung kam und nicht ganz unberechtigt als ewig nergelnder Peſſimismus abgethan wurde. Und für Viele war der Enthuſiasmus ſelbſtver⸗ ſtändlich, ja ſogar Gebot in einer Angelegenheit, die innerhalb der engen Verhältniſſe, nachdem ihnen das Terrain der Politik gänzlich entzogen war, faſt zur Staatsaction aufgebläht wurde, um ſo mehr, da mit derſelben gewiſſermaßen eine Zukunftsfrage, nämlich der Erbanfall des Landes an die Hauptlinie in Ver⸗ bindu ſich d da m ziehun menh ſichht wärt Leib habe, dem Kam Grün Geis je ſ ließe gewi ſchlie Hern rung Yirt bindung ſtand. So ſonderbar dies klingen mag, hatte ſich doch bei den Meiſten dieſe Anſchauung feſtgeſetzt, da man allgemein den Sturz Geismar's mit den Be⸗ ziehungen des Herzogs zu Hermine Lugger in Zuſam⸗ menhang brachte und die durch das Gerücht in Aus— ſicht geſtellte morganatiſche Ehe hinwieder dem gegen⸗ wärtigen Landesregenten jede Hoffnung auf legitime Leibeserben aus derſelben benahm. Es hatte ſich die Auffaſſung verbreitet, daß Geis⸗ „mar ſich mit bewußter Abſichtlichkeit den Wünſchen des Herzogs entgegengeſtellt und die einflußreiche Künſt⸗ lerin in jeder Weiſe in den Hintergrund gedrängt, ſie vernachläſſigt und ſo wenig als möglich beſchäftigt habe, da es ihm doch nicht möglich war, ſie ganz aus dem Bühnenverband auszuſcheiden, und daß dieſer Kampf endlich zu ſeiner Niederlage geführt habe. Um Gründe für dieſe ſeltſame Widerſacherei, die man Geismar unterſchob, war man um ſo weniger verlegen, je ſchwieriger ſie ſich vernünftigerweiſe beibringen ließen. Das Undenkbare gilt der an Raffinements gewöhnten Welt immer für wahrſcheinlicher als die ſchlichte Wirklichkeit. Man wollte nicht einſehen, daß Hermine als Künſtlerin den hochgeſpannten Anforde⸗ rungen des jedem einſeitigen, ſchwer einzuordnenden Virtuoſenthum feindlichen Theaterdirectors nicht ent⸗ 8„„ ——— 2 4 — 42 ſprach, ſondern erging ſich lieber in den wunderbarſten Auslegungen, nach denen Geismar bald ein erbitterter Gegner des in der Erbſchaftsfrage zunächſt genannten Fürſten, von dem er noch immer nicht mit einem Or⸗ den bedacht war, bald ein enragirter Anhänger der Sonderpolitik und Kleinſtaaterei, bald wieder ſelbſt in abgewieſener Liebe für die hinfort von ihm verfolgte Künſtlerin entbrannt ſein ſollte. Dem Betreffenden kam von all dem und was der⸗ gleichen ſinnreiche Vermuthungen noch mehr waren, das Wenigſte zu Ohren. Doch was ihm davon zuge⸗ tragen wurde, genügte hinlänglich, ihn zu bitterem Hohne aufzuſtacheln. Ohnehin war der Riß tiefer gegangen, als die nur an der Oberfläche der Dinge hinſtreifende Welt zu beurtheilen vermochte. Man ſetzt nicht die ſchönſten Jahre ſeines Lebens an eine Auf⸗ gabe, ohne innig mit ihr zu verwachſen, und es iſt eins der ſchmerzlichſten Erlebniſſe, ſein Werk, an dem man mit Liebe und Freude geſchaffen, in andere Hände übergehen zu ſehen, ehe man noch ſelbſt Luſt und Kraft zur Fortführung deſſelben verloren. Wohl hatte Geis⸗ mar das entſcheidende Wort in einem Moment geſtei⸗ gerter Gereiztheit ſelbſt ausgeſprochen, und es gereute ihn bis zur Stunde noch nicht, da er klar genug ſah, wie ſeine Entlaſſung, als er ſie erbat, bereits unver⸗ meidlic gekomn jahrela den, d komme der vie hohlen Macht 2 und d denen ten ih ließen Salol leer u mend jenes von d ſein kam i zn re — 43 meidlich geworden war, aber daß dies überhaupt ſo gekommen, nach all dem, was er geleiſtet und was jahrelang die vollſte Anerkennung ſeines Herrn gefun den, durch den bloßen Willen eines Weibes hatte kommen können, das war ein Stachel in ſeinem Herzen, der vielleicht tiefer ſchmerzte als der plötzliche unver⸗ hohlene Abfall all derer, die ihn zur Zeit ſeiner Machtſtellung ſchmeichelnd umworben. Der Commandoſtab war ſeiner Hand genommen und die Truppen, die er geſchult und geführt und mit denen er manchen glänzenden Sieg errungen, ſie kehr⸗ ten ihm kalt, ſchadenfroh oder feig den Rücken und ließen ihn allein ſtehen. 5 .).*.* — — —— Wo waren zur Stunde ſeines gewöhnlichen Em⸗ pfangs all die drängenden Beſucher, die es um keinen Preis verſäumt hätten, ſich von Zeit zu Zeit in ſeinem Salon blicken zu laſſen? Das große Gemach war faſt leer und die Ruhe, die darin herrſchte, ſtach beklem⸗ mend gegen das lebhafte Durcheinander ab, das Ulrich jenes erſte Mal hier angetroffen. War er damals von den Verſammelten kaum bemerkt worden, ſo konnte ſein heutiger Eintritt dagegen faſt als Ereigniß gelten. Doctor Geismar ſtand auch diesmal auf und kam ihm ein paar Schritte entgegen, ihm die Hand zu reichen, aber das ehedem ſo freie, offene Geſicht „ 1 4 * * d 4 X * 44 konnte einen Zug von Gram nicht verhehlen und an die Stelle der energiſchen Bewegungen, wie ſie dem Befehlshaber wohl anſtanden, war Gedrücktheit getre⸗ ten, ſo aufrecht die Geſtalt auch dem Schickſale Trotz zu bieten ſuchte. „Ich hatte gedacht, auch Sie würden uns ver⸗ leugnen“, ſagte er, doch nicht etwa im Tone der Klage, ſondern nur mit verhaltener Bitterkeit.„Es iſt ja beinahe ein Opfer, das Sie bringen.“ „Ich wäre längſt gekommen“, entgegnete Ulrich, „hätte ich nicht Anlaß zu der Befürchtung gehabt, meine Beſuche kämen unerwünſcht und könnten als Aufdringlichkeit betrachtet werden.“ „Wer hat Ihnen dazu Anlaß gegeben? Ich ge⸗ wiß nicht“, erwiderte der Doctor lebhaft. Hätte er Acht gegeben, Ulrich's raſcher Blick nach Irene, die ſich erröthend tief auf ihre Arbeit gebeugt hatte, würde ihm genügende Antwort geweſen ſein.„Kom⸗ men Sie, kommen Sie“, rief er indem er in ſeiner alten raſchen und liebenswürdigen Weiſe den jungen Mann unter dem Arm faßte und nach der für zahl⸗ reiche Gäſte berechneten Hauptniederlaſſung— führte. „Machen Sie die gute Dreizahl voll; bisher zählte ich nur zwei Treugebliebene: meine gute Gräfin Ros⸗ ner und den neuen Herrn Director, dem ich es gar hoch au ignorir m Verſuch Rührum ſchätzen ger ni Seeler nahe ſchon; Seite tor Ge dem( kamen Anerk klange Eingen Aber erinne gebenl Vie! Hermi von d 5 45 hoch anrechnen muß, daß er den„vergangenen“ nicht ignorirt.“ „Im Gegentheil“, erwiderte Knopp auf dieſen Verſuch zum Scherze mit einem gewiſſen Pathos der Rührung,„im Gegentheil, ich muß mich glücklich ſchätzen, daß Sie es den freilich unſchuldigen Verdrän⸗ ger nicht entgelten laſſen. Das vermag nur wahre Seelengröße!“ Ulrich war ſo zerſtreut, daß er den Damen bei⸗ nahe ſeine Verbeugung zu machen vergaß. Er hatte ſchon zuvor ſeinen Augen kaum getraut, als er an der Seite Irenens, die neben Frau Rosner⸗Graf, der Doc⸗ tor Geismar aufrichtig ergebenen Anſtandsdame, auf dem Sopha ſaß, den neuen Director erkannte, nun kamen auch noch dieſe gegenſeitigen Verſicherungen der Anerkennung hinzu, die von keiner Seite wie Ironie klangen und dem in die thatſächlichen Verhältniſſe Eingeweihten doch wie eine ſolche erſcheinen mußten. Aber freilich, Knopp war, wie Ulrich ſich jetzt wohl erinnerte, immer ſorgſam befliſſen geweſen, ſeine Er gebenheit gegen Doctor Geismar zu erkennen zu geben. Wie verehrungsvoll hatte er an jenem Abende, wo er Hermine heimbegleitete, von dem Director und ſelbſt von deſſen Schwächen geſprochen, und ohne die durch Zufall erlauſchten Worte würde Ulrich bis heute keine * ₰ 4 5 4 11 —õ—⏑——ͤ ——jjjyy⸗-—— 1 46 Ahnung von den eigentlichen feindſeligen Empfindun⸗ gen dieſes ſo ſubmiß auftretenden Mannes gehabt haben. Die Heuchelei war am Ende zu verſtehen, aber ſelbſt beim verächtlichſten Charakter unbegreiflich, ſo⸗ bald das Ziel erreicht war und die Larve demnach fallen konnte, blieb das Beharren in der Heuchelei. Wollte ſich der Heuchler auch noch hinterher die gute Meinung und das Vertrauen ſeines Opfers wahren und wozu? Es gab dafür nur eine Erklärung, die, daß eben noch nicht Alles erreicht war, nicht Alles, was er auf dieſem Wege zu gewinnen hoffen durfte. Was aber konnte ihm noch zu wünſchen geblieben ſein? „Sie ſind uns noch die Löſung eines Räthſels ſchuldig, Herr Waldek“, zog Doctor Geismar Ulrich von ſeinen Gedanken ab. Er erſchrak. Wurde in Knopp's Gegenwart jenes myſteriöſen Billets Er⸗ wähnung gethan, ſo konnte derſelbe leicht Mißtrauen gegen ihn faſſen und durch neue Winkelzüge jede Warnung, die vielleicht noch für die Zukunft nutz⸗ bar werden konnte, vereiteln, und wie ſchon einmal fühlte Ulrich im gegenwärtigen Augenblick das Ver⸗ langen, die gegen Geismar geſponnenen tückiſchen Pläne zu durchkreuzen; ob daſſelbe wirklich nur in der Empör den du grund „ Freung Die L ablent raſche kannt auch G daſſell was Sie Cr.„ ſchlug zeichen meine einem 47 Empörung ſeines Rechtsgefühls wurzelte, wie er ſich den dunklen Drang erklärte, ob ein anderer Beweg⸗ grund mit hineinſpielte, kam dabei nicht in Frage. „Werden Sie glauben, Knopp, daß unſer junger Freund mir meinen Idus des Märzen prophezeit hat?“ Die Bemerkung war hingeworfen, ehe Ulrich noch ein ablenkendes Wort gefunden, und in dem eigenthümlich raſchen, forſchenden Blick, den Knopp ihm zuwarf, er⸗ kannte er, daß das Mißtrauen, wie er gefürchtet hatte, auch ſchon erwacht war. Es galt nun ebenfalls eine Maske vorzunehmen, daſſelbe zu entwaffnen, und Ulrich wählte die der et⸗ was einfältigen Heiterkeit. „Ich fürchte nur, verſpottet zu werden. Haben Sie niemals Ahnungen gehabt, Herr Doctor?“ ſagte er.„Auch Cäſar's Umgebung hatte Ahnungen und er ſchlug ſie gering an. Glauben Sie nicht an Vor⸗ zeichen und an warnende Träume?“ „Kann mich wenigſtens keines ſolchen Jalls ent⸗ ſinnen“, erwiderte der Gefragte, Ulrich befremdet an⸗ ſehend. „Nun, ſo ein warnender Traum iſt gar nichts ſo Seltenes“, fuhr dieſer fort.„Ich kann mich ſelbſt aus meiner Kindheit erinnern, daß mir des Nachts von einem blauen Walfiſch träumte, und am Morgen da⸗ y7 3 ——— f ¹ 48 rauf hatte ich einen blauen Rücken; das Lieblingsin⸗ ſtrument unſeres Lehrers war nämlich eine dünne, bieg⸗ ſame Gerte aus Fiſchbein, mit der er höchſt eindring⸗ lich zu dociren verſtand. Sehen Sie nun, wie der Traum zutraf? Und diesmal hatte ich wieder ſo leb⸗ haft geträumt— von Julius Cäſar und dem Idus des Märzen.“ „Ah! Und das bezogen Sie auf mich? Seltſam!“ „Auf Sie, Herr Doctor? Nein, keineswegs. Cä⸗ ſar, Julius Cäſar, denken Sie doch! Auf wen mußte ich da verfallen? Natürlich nur auf Sereniſſimum.“ „Wie, auf Seine Durchlaucht?“ rief Knopp über⸗ raſcht. „Finden Sie das nicht ſelbſtverſtändlich?“ Die kleine Poſſe, ſo ganz in ſeiner ſich über alle Welt be⸗ luſtigenden Weiſe gelegen, machte nun Ulrich ſelbſt ſchon Vergnügen und er ſpielte ſie ganz unübertrefflich. „Aber auf wen hätte ich denn verfallen ſollen als auf den Herzog? Ein Capitol freilich haben wir hier nicht, das brachte mich ein wenig in Verlegenheit. Da durch⸗ blitzte mich ein Einfall. Halt! Das ſäulengeſchmückte Haus, das Theater— es iſt ja der einzige öffentliche Ort, an den ſich der Herzog allenfalls begeben konnte. Und im Grundo, iſt denn nicht eine ſehr große Aehn⸗ lichkeit zwiſchen unſerem Theater und dem Capitol?“ 49 „Ja“, brummte Geismar.„Auf beiden werden die Gänſe heilig gehalten.“ „Aber, Herr Director— Herr Hofrath, wollte ich ſagen!“ rief Frau Rosner⸗Graf mißbilligend.„Sie vergeſſen, daß auch ich—“ „Beruhigen Sie ſich“, ſcherzte der Doctor.„Es hält ſie kein Menſch mehr heilig, außer Ihrem alten Director. Ihnen gilt's alſo nicht.“ „Ich meinte auch nur die äußere Aehnlichkeit“, nahm Ulrich lachend wieder das Wort.„Doch um bei der Sache zu bleiben, da war noch mancher Punkt, der mir Kopfzerbrechen machte, aber ich zog einen kur⸗ zen Schluß. Irgendein Unfall, ſagte ich zu mir, droht unſerem Fürſten und Herrn und zwar im The⸗ ater. Die Ueberzeugung wurde im Verlaufe des Ta⸗ ges bei mir zu einer Art von fixer Idee und mit dem hereinbrechenden Abend nahm auch meine Unruhe und der geheimnißvolle Drang in mir zu, etwas zur Ver⸗ hinderung dieſes iid⸗ zu thun. Mir fiel zuletzt nichts Beſſeres bei, als jene Worte zu ſchreiben; ich meinte, Sie miſen ſie ebenſo verſtehen wie ich und alle Vorkehrungen treffen, einen mißlichen Zwiſchenfall unſchädlich zu machen. Und die Folge zeigte, wie rich— tig meine Ahnung war. Da zweifle noch einer an prophetiſchen Träumen! Man braucht darum nicht Byr, Larven. III 4 —.·¶o q i *. 2— ———— 50 Joſeph in Egypten zu ſein. Sehen Sie meinen Traum von dem drohenden Unfall— iſt er nicht eingetreten?“ „Die Latte!“ rief die gute Anſtandsdame.„Gott, wie wunderbar!“ „Allerdings eingetroffen“, warf der Doctor ſpöt⸗ tiſch hin.„Man ſpricht ja von einer Verlobung.“ Da⸗ bei ſtreifte ſein Blick Ulrich und das leicht gering⸗ ſchätzige Lächeln um ſeine Lippen ſagte ungefähr: Wieder einmal eine Täuſchung; Dir hab' ich auch zu viel zu⸗ getraut. „Wie boshaft!“ warf die Schauſpielerin mißbil⸗ ligend und doch insgeheim vergnügt ein. Irene ſenkte die Augen, die ſie ernſt und auf⸗ merkſam auf Ulrich gerichtet gehabt, ſolange er ge⸗ ſprochen, und es war ihm, als bemerke er ein ganz kleines zweifelndes Kopfſchütteln dabei. Ueber Knopp glaubte er ruhig ſein zu können, das ſpöttiſche Zwin⸗ kern, mit dem derſelbe in Frau Rosner's Ausrufe der Verwunderung einſtimmte, gab Ulrich den Beweis, daß die Täuſchung vollkommen gelungen, das Miß⸗ trauen zerſtreut war und er für das gehalten wurde, wofür man Brutus hielt, ſolange ihm dies getaugt, für einen Narren. Um den Erzählungen der Anſtandsdame von ſelt⸗ ſamen Träumen und untrüglichen Ahnungen ein Ende 51 zu machen, wendete ſich Doctor Geismar wieder an Ulrich und befragte ihn, ob er die abgegebenen Karten gefunden habe. „Ich wollte Ihnen perſönlich danken für Ihre Be⸗ ſorgniß, die, wie ich jetzt höre, nicht mir galt“, ſagte er,„und dann führte mich noch der Wunſch zu Ihnen, den Entwurf zu unſerem— immer wieder ſage ich unſerem“, unterbrach er ſich, herbe lächelnd;„es geht ſchwer, ſich an eine neue Terminologie zu gewöhnen, wenn man einmal ſo alt iſt— alſo um den Entwurf zu dem neuen Theatervorhang zu ſehen. Das iſt et⸗ was, wozu ich mich lange nicht entſchließen konnte, weil ich etwas Würdiges, etwas Ungewöhnliches wollte und dazu ſowohl Mittel als Gelegenheit fehlten. Nun, da endlich einmal Beides zuſammentraf, freute ſich Niemand mehr als ich auf die Verwirklichung, und das Gefühl iſt noch ſo lebhaft in mir, daß ich ſehr geſpannt bin, obwohl die Sache mich im Grunde nichts mehr angeht. Ich dachte, Sie würden meine Neugierde nicht übel nehmen.“ Alſo auch hierin war Knopp falſch geweſen; ſtatt Hinderniſſe hatte das Project von Geismar nur För⸗ derung zu erwarten gehabt. Obwohl ihm Ulrich kei⸗ nen Blick gönnte, mochte er doch beiläufig ahnen, was in deſſen Gedanken vorging. Er erhob ſich ſchon wäh 4* 1 ‿ „ 4 8 ———— — —— — ——— ——õ— — 52 rend Geismar's letzten Worten und mahnte jetzt Frau Rosner⸗Graf, daß ſie im heutigen Stück zu thun habe und es für ſie beide Zeit ſei. „Sie kommen nicht?“ fragte er Doctor Geismar. Dieſer ſchüttelte ſtumm den Kopf. Die Geberde ſagte mehr, als Worte vermocht hätten.„Und bei der Woh⸗ nung bleibt es“, ſetzte dann Knopp etwas leiſer hinzu. „Sie behalten dieſelbe, ſolange es Ihnen gefällt.“ „Sie erweiſen mir in dieſem Moment wirklich einen Dienſt, Knopp“, entgegnete Geismar,„wo ſollte ich ſofort eine andere finden? Ich werde Ihre Ge⸗ fälligkeit nicht allzulange mißbrauchen.“ „Davon wollen wir nichts hören“, wehrte Knopp lebhaft ab, und an Irene näher herantretend, ſagte er: „Nicht wahr, Fräulein, Papa darf nicht ans Ueber⸗ ſiedeln in eine andere Stadt denken? Sie müſſen uns helfen, ihn zum Zuwarten zu beſtimmen.“ Er beugte ſich dabei mit einem ſchwimmenden Blick auf des Mäd⸗ chens Hand, die er an ſeine Lippen drückte. Ulrich war es dabei, als ſähe er eine dicke Kreuzſpinne über dies Händchen kriechen.„Ja, ja, zuwarten, Geduld haben“, wendete ſich Knopp nun wieder an Geis⸗ mar.„Dem Herzog thut es ſicherlich jetzt ſchon leid, das beweiſt die gnädige Form der Entlaſſungsge nehmigung— der Hofrathstittel. Ich bin nur ein -0 95 Uebergangsminiſterium. Ihre Zeit muß ja wieder⸗ kommen!“ Es klang etwas wie Rührung aus Geismar's Stimme, als er ſeines früheren Untergebenen Hand kräftig drückte und dabei mit verhaltenem Tone ſagte: „Habe Sie ſchwer verkannt, Freund. Es ſoll nimmer wieder geſchehen, nimmer wieder!“ Und dann drehte er ſich zu Ulrich herum, der ebenfalls Miene machte, zu gehen.„Wollen Sie denn ebenfalls ſchon fort? Es wird ſo einſam hier“, und er nahm Ulrich dabei mit freundlicher Gewalt den Hut aus der Hand. „Bleiben Sie noch und trinken Sie eine Taſſe Thee mit uns. Es thut mir auch wohl, einmal auszuruhen. Hab's lange nicht ſo gut gehabt. Oder haben Sie etwas Anderes vor?“ „Durchaus nichts“, entgegnete Ulrich, der etwas gezögert hatte, indem er wie fragend auf das Mäd⸗ chen hinſah, das ſich eben anſchickte, aus der vor ihr ſtehenden Kanne eine Taſſe zu füllen.„Nur möchte ich nicht gern läſtig fallen.“ „Redensarten!“ „Nein, Papa, es iſt keine Redensart“, fiel Irene, mit einer muthigen Anſtrengung ihre Verlegenheit über⸗ windend, ein.„Ich habe Herrn Waldek Urſache zu dieſer Bemerkung gegeben.“ ——— —— — ——— — 3 1 4 *½ 1 4 „Du?“ Irene hatte ſich erhoben. Wie ſie ſo in ihrem dunkelblauen einfachen Hauskleide, das ſie heute trug, mit den ſchlichten weißen Linnenvorſtößen um Hals und Handgelenk, der feinen Röthe auf Stirn und Wangen, dem wie unter der Laſt der blonden Flech⸗ ten leicht geneigten Köpfchen und den feuchten ſcheuen Augen, die aufzuſchauen ſich vergeblich mühten, vor Ulrich ſtand, fiel ihm unwillkürlich wieder der von Hermine gebrauchte Vergleich ein; ſobald Irene jedoch ihre Schüchternheit entſchloſſen überwunden hatte, ernſt ſeinem Blick begegnete und ihm ruhig die kleine Hand hinbot, da ward aus dem weichen, hingebenden Gret⸗ chen zur Stelle eine kluge, weltgewandte kleine Dame. „Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, Herr Waldek“, ſagte ſie.„Während Sie ſo eifrig bemüht waren, Papa Ihre freundliche Anhänglichkeit zu zeigen, habe ich dieſe Bemühungen beinahe vereitelt.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Fräulein“, verſetzte Ulrich heiteren Tons, der beweiſen ſollte, daß er ſich ebenſo wenig aus ihrer gegenwärtigen Annäherung wie aus ihrer früheren launenhaften Zurückhaltung mache. „Das heißt, Sie verſchmähen meinen Dank.“ Ihre Oberlippe kräuſelte ſich dabei wie in bitterer mal 55 Empfindung. Das Händchen wurde zurückgezogen und nahm die frühere Beſchäftigung an der Theekanne wieder auf. Ulrich war es, als wäre eben das Glück an ihm vorübergeſchwebt und er habe den Moment verpaßt, daſſelbe zu haſchen und feſtzuhalten. „Ich begreife nicht“, mengte ſich Doctor Geis⸗ mar, der ſeinem Töchterchen befremdet zugeſehen, ein, „um welchen Dank es ſich überhaupt handelt? Meine Annahme, die Warnung hätte mir gegolten, wird ja von Herrn Waldek ſelbſt widerlegt, und es leuchtet mir jetzt auch ein, daß ich mich täuſchte, wie Du von allem Anfang an meinteſt, als mir die Karte von Dir zugeſtellt wurde.“ „Später habe ich jedoch meine Anſicht geändert und die letztere war die richtige.— Bitte, Herr Wal⸗ dek, bedienen Sie ſich ſelbſt mit Zucker.“ „Das iſt ſtark! Du hörteſt ja den Traum und ſeine Auslegung.“ „Aber ich traue weder dem einen noch der andern.“ Ulrich betrachtete Irene mit Aufmerkſamkeit. Merk⸗ würdig! Den alten Schauſpieldirector hatte er getäuſcht, das kleine Mädchen nicht.„Was kein Verſtand der Verſtändigen ſieht, das ahnet in Einfalt ein kindlich Gemüth“, citirte er in der Stille. Das Lächeln, das I ——————— 1 1 / . ————— 9 — 2 5 hierbei um ſeine Lippen ſchlich, machte Doctor Geis mar wieder in ſeiner Ueberzeugung irre. „Sie hätten alſo wirklich—“ ſagte derſelbe zwei⸗ felnd.„Aber es iſt ja nicht denkbar! Sie konnten unmöglich die ganze Verkettung von Zufällen vorher⸗ wiſſen. Das vermöchte nur Jemand, der mit dem zweiten Geſicht begabt iſt.“ „Das bin ich nun freilich nicht“, entgegnete Ul⸗ rich;„nehmen Sie nur an, daß ich einfach Kenntniß hatte von einer Intrigue, die gegen Sie geſponnen wurde und an jenem Abende zur Durchführung kom⸗ men ſollte, was denn auch wirklich eintrat.“ „Aber in unberechenbarer Weiſe“, fiel Geismar ein.„Sie werden mir doch zugeben, daß keine noch ſo fein geſponnene Intrigue alle die Einzelnheiten, die zuſammenwirken mußten, vorherbeſtimmen konnte.“ Ulrich zuckte die Achſeln. „Der Verlauf der Kataſtrophe mag ein anderer geweſen ſein, das Reſultat derſelben aber war mit Abſicht ins Auge gefaßt.“ „Die letztere Angabe zugegeben, ſo muß man ja doch die Abſicht in irgendeiner Weiſe zu verwirklichen ſuchen. Man muß die Mittel wählen, welche ſicher zum Zweck führen. Nun bleibt es aber, ſelbſt das Allerabſcheulichſte, den Mord des armen kleinen Mäd chens unwa währe fall fragt 57 chens als ſolches Mittel vorausgeſetzt, mehr als unwahrſcheinlich, daß gerade während der Bewegung, während des Laufs— nein, nein! Unding, junger Freund! Es iſt zu gräßlich, zu unnatürlich, zu compli⸗ cirt vor allem. Sie ſehen Geſpenſter!“ „Und könnten wir denn den traurigen Unglücks⸗ fall als thatſächlich unvorhergeſehen nicht weglaſſen?“ fragte Ulrich ernſt. „Aber dann zerfällt die ganze Combination in nichts. Eben dieſer unvorhergeſehene Unglücksfall iſt ja der archimediſche Punkt, von dem aus zwar nicht die Welt, aber ich aus den Angeln gehoben wurde. Ohne ihn hinge ich noch heute in denſelben.“ „Weißt Du das gewiß, Papa? Bei Deiner Raſch⸗ heit genügte ein einziges ungnädiges Wort, das aus was immer für einem Anlaß geſprochen werden konnte.“ Doctor Geismar, der nun ſchon eine ganze Weile ſeine Theetaſſe in den Händen hielt, begann ſehr emſig den Zucker umzurühren. „Es mag ſein“, murmelte er nachdenklich,„die Conſpiration mag beſtanden haben“, ſetzte er nach einer Weile hinzu. „Sie hat beſtanden!“ bekräftigte Ulrich. Doctor Geismar ſah plötzlich ſcharf auf. 3 äA 2———— „ — 4 —— — —— —-— —— 5 „Aber warum ſagen Sie das jetzt, nachdem Sie früher doch geleugnet haben?“ „Sicherlich nicht, um mir den Dank hinterher noch einzuholen, Herr Hofrath.“ Irene erkannte aus dem ſtolzen Ton, den Ulrich angeſchlagen, daß er ſich verletzt fühlte, und ſuchte raſch zu vermitteln. „Sollte Herr Waldek dafür nicht vielleicht ſeine Gründe haben, Papa?“ warf ſie ein. „Bin eben begierig, ſie kennen zu lernen.“ „Die Anweſenheit fremder Perſonen—“ „Die mir treu ergeben ſind.“ „Aber vielleicht wäre es Herrn Waldek ſelbſt un⸗ angenehm, wenn es bekannt würde, daß er ein Com— plot, um das er gewußt, zu vereiteln geſucht habe.“ Es ſchien Ulrich, als finge er in dem Blick, der ihn ſtreifte, einen Ausdruck auf, der das Wort der Vertheidigung beinahe in etwas wie eine geheime An⸗ klage gegen ihn zuſpitzte. Die Ungeduld bemächtigte ſich ſeiner und ließ ihn nicht länger in dem mißmu⸗ thigen Schweigen verharren. „Mir perſönlich“, ſagte er empfindlich,„könnte das ziemlich gleichgültig ſein, mein Fräulein. Ich be⸗ fürchte nur, daß diejenigen, welche ſich vielleicht noch mit weiter gehenden Feindſeligkeiten tragen, noch mehr — auf der wiſſen. daß ich Recht enger geben hielt i unterd konnte hochmi überha man ſit Weite im W man; gleich reichen thute Atbeit blicks 59 auf der Hut ſein dürften, ſobald ſie ſich durchſchaut wiſſen. Sie entſchuldigen übrigens, Herr Hofrath, daß ich mir hier einen Eingriff in Ihr unbeſtrittenes Recht anmaßte, Ihr Vertrauen zu fremden Perſonen enger oder weiter zu begrenzen.“ „Aber ich wiederhole: Perſonen, die mir treu er⸗ geben ſind, die ich länger kenne“— Doctor Geismar hielt inne, er hatte noch hinzuſetzen wollen:„als Sie“, unterdrückte dieſen Schluß jedoch rückſichtsvoll. Ulrich konnte ſich ihn jedoch ſelbſt ergänzen und zuckte etwas hochmüthig kühl die Achſeln.„Und was wollen Sie überhaupt damit ſagen“, fuhr Geismar fort,„daß man ſich noch mit weiter gehenden Feindſeligkeiten trägt? Weiter? Bis wohin? Stehe ich doch Niemand mehr im Wege; ſo ſollte ich wenigſtens denken. Mißgönnt man mir die Penſion? Sie iſt wohl verdient und, ob⸗ gleich freigebig bemeſſen, immerhin noch nicht aus— reichend für die Bedürfniſſe des Lebens. Doch das thut nichts, ich habe ja jetzt Muße, meine literariſchen Arbeiten wieder aufzunehmen. Will man meines An— blicks enthoben ſein, mich aus der Stadt forthaben? Dazu bedarf's keiner Intriguen und Preſſionen. Mei nes Bleibens iſt jedenfalls nicht lange. Ich bin gern hier geweſen, ſehr gern, nun aber ſcheint kein Raum mehr für mich da und die Welt iſt weit. Was alſo, 57.2— ——— ¹ 60 ich frage Sie, was kann man noch wollen? Mangelt mir etwa des Eſels Huftritt? Und wen ſoll es ge— lüſten, mir ihn zu verſetzen?“ Statt ſich in Geismar's Lage zu denken, wo ihm dann deſſen Mißtrauen gegen einen jungen Menſchen, den er blos ein einziges Mal geſehen und der ſich nun als Warner und die nächſten Bekannten verdächtigen⸗ der Rathgeber förmlich aufdrängte, gewiß nur natür⸗ lich erſchienen wäre, fühlte ſich Ulrich nur davon verletzt und gab im gekränkten Vollbewußtſein der ihn lenkenden guten Abſichten dieſem Gefühle nach. Er griff nach ſeinem Hute und wollte ſich erheben. Daran aber wurde er durch Geismar ver⸗ hindert. „Halt da, junger Freund!“ ſagte er, den Arm des Aufſtehenden wieder niederdrückend.„So leichten Kaufs entkommen Sie mir nicht. Erſt müſſen Sie mir Rede ſtehen. Eine halbe Warnung iſt ſchlimmer als gar keine, weil ſie uns unſicher macht und zu fal⸗ ſchen Schritten verleitet. Nennen Sie mir wenigſtens einen Namen; zwar hab' ich ihn ſelbſt ſchon halb und halb errathen, aber vielleicht können Sie mir erklären, was die Lugger noch weiter von mir will. Iſt ſie doch, wie mich bedünkt, bis auf Weiteres ſelbſt Theaterdirector und kann alſo Alles ſpielen, wie Zettel, Lugger vorhan nicht d diejeni ſo geſ woher einer! Namer einen „ Hand Name die A 61 wenn es ihr Spaß macht. Ich wenigſtens dürfte kein Stein des Anſtoßes für ſie ſein.“ „Ich glaube, daß, wie Sie ſagen, für Fräulein Lugger thatſächlich kein weiterer Grund zur Anfeindung vorhanden iſt“, erwiderte Ulrich gemeſſen.„Auch ſind nicht die offenen Widerſacher die gefährlichſten, ſondern diejenigen, welche die Maske ehrerbietiger Freundſchaft ſo geſchickt tragen, daß der Getroffene gar nicht ahnt, woher ein Schlag gefallen und woher vielleicht noch einer droht.“ „Wenn ich bitten darf, keine Umſchreibungen! Namen und Thatſachen, damit allein können Sie mir einen wirklichen Dienſt erweiſen.“ „Nun denn, wer den größten Vortheil bei einem Handel findet, dürfte ihn wohl auch angezettelt haben. Namen habe ich keine zu nennen.“ „Sie weiſen aber mit Fingern darauf. Das iſt die Art und Weiſe anonymer Denunciationen.“ „Papa!“ bat Irene, die mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört hatte. Diesmal hielt Ulrich keine Hand zurück, er hätte ſich auch nicht zurückhalten laſſen, weder durch ſanfte noch durch rauhe Gewalt; hoch aufgerichtet ſtand er da. „Sie begehen eine Verwechslung, Herr Hofrath“, „ 5.2* ———- * 4 „ — 5 6 62 ſagte er eiskalt.„Anonyme Denunciationen nennen ganz deutlich Namen, nur nie den eigenen, um nicht gefaßt werden zu können. Ich bin im entgegengeſetzten Fall und jeden Augenblick bereit, für meine Worte Rede und Antwort zu ſtehen. Jetzt allerdings habe ich gar nichts weiter zu ſagen.“. „Aber Sie haben ſchon geſagt. Ihre Worte ziel⸗ ten auf Director Knopp. Wie wollen Sie das be⸗ weiſen?“ „Du haſt ja doch ſelbſt Verdacht gegen ihn ge⸗ habt, Papa“, warf Irene ein. „Erinnere mich nicht daran, ich ſchäme mich deſſen“, fiel Doctor Geismar, heftig bewegt im Zimmer auf und ab ſchreitend, ein. Irene war gleichfalls aufge⸗ ſtanden, ſie faltete in kindlicher Weiſe die Hände und ſuchte in Ulrich's Augen einen verſöhnlichen Blick. „O bitte, gehen Sie nicht! Papa meint es nicht böſe“, flehte ſie leiſe. Sie hatte gar wohl gefühlt, was Beleidigendes in ihres Vaters Worten lag, und wußte doch nichts zu thun, den Eindruck zu mildern. Eine innere Ahnung ſagte ihr dabei, daß Ulrich in der beſten Abſicht gehandelt und doch weit von jener geſchwätzigen Zuträgerei entfernt ſei, der eine ſo ernſte Zurechtweiſung gebührt, wie ſie ihm hier unverdient an Dankes Statt geworden. als druch ſcha⸗ lichke war hitze Urt die 63 „Nun ja, ja, ich habe Verdacht gegen ihn gehabt, ich will es nicht leugnen“, brachte Geismar mit wech⸗ ſelnder Erhebung der Stimme und in abgebrochenen Sätzen vor, wobei ſeine Schritte ſich bald beſchleunig⸗ ten, bald verlangſamten.„Aber das war im Anfange, als ich nichts überlegte und mich nur von dem Ein⸗ drucke des Moments beeinfluſſen ließ.“ „Die erſten Eindrücke ſind meiſt die richtigen“, ſchaltete Irene mit einer kleinen Gouvernantenmiene ein. „Unſinn! Sie hängen von unbedeutenden Aeußer⸗ lichkeiten, von der eigenen Stimmung ab, und hier war Verſtimmung, Uebelwollen, Mißtrauen, Ueber⸗ hitzung. Reifliches Nachdenken mußte das haltloſe Artheil verdammen. Knopp iſt mir immer eifrig an die Hand gegangen, war mir ſtets ein ergebener, anhänglicher Beirath. Er hat ſich mir in der letzten Zeit als wahrer Freund erwieſen. Ohne ihn ſäße ich auf der Straße. Wozu hätte er noch nöthig, gegen mich zu heucheln? Ich kann ihm weder mehr ſchaden noch nützen. Warum ſollte er das Viſir nicht aufthun, nachdem er mich aus dem Sattel geworfen? Iſt widernatürlich, daß ein Menſch ſeinen Triumph verleugnet, und nun gar ein gemeiner Charakter, und ein ſolcher müßte er ja ſein.“ ₰ ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ——— b 3 „— .5 — 5 —— 4 — 64 „Vater, Vater, ich kenne Dich nicht mehr! Du biſt auf einmal ſo vertrauensvoll.“ „Und Du voll Mißtrauen. So haben wir die Rollen gewechſelt. Aber ſo ſeid Ihr Frauenzimmer! Wäre er nur dreißig Jahre jünger, hätte er blonde Locken und ein hübſches Schnurrbärtchen, Ihr würdet nicht einmal Beweiſe für ſeine Ehrlichkeit und Aufrich tigkeit fordern; aber weil ſeine Erſcheinung nicht an⸗ genehm ins Auge fällt, wird ohne weitere Unterſuchung der Stab über ihn gebrochen. Da muß er kurzweg ein Heuchler, ein Intriguant, ein Böſewicht und weiß Gott, was noch Alles ſein, Räuber, Mordbrenner, Bravo obendrein. Eine ſchöne Larve iſt Euch Wei⸗ bern eben Alles!“ Der Seitenblick, der dabei Ulrich traf, war ver⸗ ſtändlich genug. „Du biſt ungerecht, Vater“, ſagte Irene über und über roth. Scham und Unmuth trieben ihr die Thrä⸗ nen in die Augen, daß ſie ſich tief auf ihre wieder vorgenommene Arbeit niederbeugte, um ſie zu ver⸗ bergen. Doctor Geismar mochte empfinden, daß er zu weit gegangen war, er ſuchte auf den Mahnruf einzu⸗ lenken. „Nein, nein, lieber Freund“, ſagte er, vor Ulrich, der eb treten Knopt Abſich glaub das faßt, wahr einge erſchi gut, ſchlac ände mach Ulrie 65 8 der eben ſeine Abſchiedsverbeugung machte, lebhaft hin⸗ tretend, in gemildertem Tone.„Laſſen Sie mir den Knopp unbeſcholten. Ich verkenne Ihre wohlwollende Abſicht keineswegs, weiß Ihnen auch Dank dafür, aber glauben Sie mir, Sie haben ſich in gutgemeintem Eifer zu weit hinreißen laſſen, haben vielleicht ein oder das andere Wort falſch verſtanden, zu rigoros aufge⸗ faßt, ſind auch während Ihrer kurzen Anweſenheit hier wahrſcheinlich noch nicht genügend in alle Verhältniſſe eingeweiht, ſodaß Ihnen Manches in anderem Lichte erſchien, als es ſich mir zeigt. Darum nichts für un— gut, wenn ich Ihre freundliche Warnung in den Wind ſchlage. Es ſoll das nichts in unſern Verhältniſſen ändern. Fördern kann ich Sie freilich nicht mehr.“ Was Geismar's verſöhnliche Worte hätten gut machen können, verdarb wieder der Schluß, in welchem . 57.2 — —— 2 — —— Ulrich die Anklage, als hätte er eigennützig auf irgend⸗ einen Lohn gerechnet, zu entdecken vermeinte. Er zog denn auch ungeduldig die Schultern in die Höhe, als wolle er damit ausdrücken, wem nicht zu rathen ſei, dem ſei auch nicht zu helfen, und ſagte in einem Tone, der gleichgültig klingen ſollte: „Nehmen Sie die Verſicherung entgegen, daß es mir ſehr leid thut, Herr Hofrath, mich in Ihre Ange⸗ legenheiten gemiſcht zu haben. Ich ſehe, daß ich weit 5 Byr, Larven. III 24 ———— 66 beſſer gethan hätte, mir das peinliche Gefühl, für auf⸗ dringlich gehalten zu werden, zu erſparen.“ „Nicht ſo, nicht ſo“, fiel ihm Geismar ins Wort, indem er die Hand auf Ulrich's Schulter legte.„Ich habe nicht die Abſicht gehabt, Sie zu beleidigen. Sie dürfen mir alſo auch nichts nachtragen. Und es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß das Geſprochene unter uns bleibt. Befürchten Sie nicht, daß ich durch eine un⸗ bedachte Aeußerung, etwa gegen den Betreffenden ſelbſt, irgendeine Verantwortung auf Sie lade.“ „Die würde ich leicht tragen“, beeilte ſich Ulrich kalt zu erwidern,„doch mag es wohl in Ihrem eige⸗ nen Intereſſe liegen, das unbedingte Vertrauen we⸗ nigſtens ſo weit zu beſchränken.“ Abermals verbeugte er ſich mit einer gewiſſen vor⸗ nehmen Gelaſſenheit, doch auch diesmal kam er noch nicht fort, denn als er ſich in gleicher Abſicht Irene zuwendete, legte dieſe reſolut das angefangene Tüchel⸗ chen und die Häkelnadel, welche ſich in den letzten Minuten mit aufregender Haſt bewegt hatte, vor ſich hin auf den Tiſch und ſtand auf. „Herr Waldek“, ſagte ſie, alle Schüchternheit überwindend, aber noch mit ein wenig bebender Stim⸗ me, indem ſie ihm offen die kleine Hand hinſtreckte, „Sie gehen im Unmuth, weil Sie ſich hart mißhandelt mar — 67 fühlen. Ich kann es Ihnen nicht verdenken. Aber ich will Ihnen wenigſtens aufrichtig und aus vollem Herzen Dank ſagen, mögen Sie Recht haben oder nicht; wir ſind in Ihrer Schuld.“ „Oho, Oppoſition im eigenen Hauſe!“ rief Geis⸗ mar mit einem Anflug ärgerlichen Humors aus. Was aber ſelbſt dem Vater ein Lächeln entlockte, vermochte die ſtarre Rinde nicht wegzuthauen, die ſich um Ulrich's Herz gelegt hatte. Das warme Händchen wartete vergeblich darauf, ergriffen zu werden, er ſchien es nicht zu bemerken. „Sie ſind ſehr gütig, mein Fräulein“, ſagte er mit einem verletzenden Aufgebot von ſteifer Höflichkeit. „Du ſiehſt, Deine Demonſtration war zum min⸗ deſten überflüſſig“, ließ ſich Geismar ironiſch verneh⸗ men.„Herr Waldek iſt ſtolz wie ein Fürſt.“ „Doch wohl nur einer, der incognito reiſt“, das ſprach Ulrich mit einer eigenthümlichen Betonung und einem froſtigen Blick, der Irene zurückweichen machte— „und der ſich alſo über keinerlei erfahrene Unbill be⸗ lagen darf.“ Und diesmal folgte wirklich die letzte gezwun⸗ gene, ſteife Verbeugung. Mit hochgetragenem Kopfe verließ Ulrich das Gemach, als ſchritte er zum min— deſten von einem Schlachtfelde hinweg, auf dem er 8 14 2 5 — 5 ———— — 5 1 68 ein ganzes feindliches Heer heldenmüthig niederge⸗ ſchmettert. „Das muß ich ſagen“, äußerte Geismar unter ſpöttiſchem Kopfnicken, ſobald die Thür ſich geſchloſſen, nein ſelbſtbewußter, um nicht zu ſagen, ein eingebil⸗ deter junger Herr!“ „Ihr Männer ſeid doch alle ungerecht und ſeht nie zu, wen Ihr Curen Groll entgelten laßt!“ rief Irene, die wie eine Roſe glühte, ſich auf das Sopha fallen ließ und ihr Geſichtchen ungeſtüm in das gehã⸗ kelte Tüchlein drückte. Der Doctor brummte etwas unverſtändlich vor ſich hin, ſetzte ſich, nahm einen Schluck aus ſeiner Taſſe, ſchüttelte den Kopf und ſagte mit ſanfter Miß⸗ billigung: „Irene, ich habe mich gefreut, Dich ſo knapp vor der ſchlimmen Zeit heimbekommen zu haben; ſo blieb mir doch noch ein Sonnenſtrahl und nun— ſage mir, iſt denn das nur einer einzigen Thräne werth?“ Sie wiſchte ſich mit dem weichen Wollengewebe die Augen und hob entſchloſſen das Köpfchen. „Ich weine auch nicht mehr, Papa. Es war nur ſo ein dummer Anfall.“ Drittes Kapitel. Ein dünner Strahl der Novemberſonne, der er⸗ liegend mit den wallenden Nebelmaſſen kämpfte, welche ſchon in den erſten Stunden des Nachmittags die ihnen nur für kurze Zeit entriſſene Herrſchaft wieder zurückgewonnen, ſiegreich aus dem Hinterhalt der engen Gäßchen, der lichtloſen Höfe und Winkel hervor⸗ brachen und alsbald auf Straßen und Plätzen lagerten und mit ihrem feuchten unluſtigen Grau dichte iſo⸗ lirende Hüllen um jede Hütte, jedes Haus, jeden Pa⸗ laſt zogen— ein letzter dünner Strahl fiel im Schei⸗ den noch durch ein Fenſter des herzoglichen Schloſſes und glitt über einen knapp an daſſelbe gerückten, mit allerlei Papieren und Rechnungen bedeckten Schreib⸗ tiſch und durch die ganze Länge des Gemachs hin über den teppichbelegten Fußboden bis zur entgegengeſetzten . — * ö d. 4 „ — —— . — 70 Wand und an derſelben empor zu einem großen Oel⸗ gemälde, das einen jugendlichen Mann in ordenge⸗ ſchmückter Militäruniform darſtellte, um deſſen etwas würdevoll geſchloſſenen Mund der ſchnell wieder fort⸗ huſchende Sonnenſtrahl ein einnehmend freundliches Lächeln zauberte. Das Portrait, der einzige Schmuck der in Braun und Gold tapezirten Wände, war das des Herzogs aus früheren Jahren, das Gemach eins der für das Hofmarſchallamt reſervirten Zimmer und zwar ſpeciell das Bureau Seiner Excellenz ſelbſt. Graf Preuningen bewohnte zwar ſein Palais in der Stadt, hatte aber die beſtimmten Dienſtſtunden im Schloſſe zu verbringen. In ſeinem mit Goldſtickereien bedeckten Fracke, deſſen Knöpfe jedoch bequem geöffnet waren, ſtand er mit über den Rücken gelegten Händen am Ofen, in deſſen Nähe auf dem Sopha Baron Werdenberg ſaß. Auch dieſer befand ſich in einer gewiſſen officiellen Kleidung, die jedoch nur aus dem gewöhnlichen ſchwar⸗ zen Leibrocke beſtand, den er zu jedem Diner in Hart⸗ berg anzulegen pflegte, der aber jetzt durch das rings um die weiße Cravatte geſchlungene blaue Band mit dem funkelnden Orden daran und einen an die linke Bruſt⸗ ſeite gehefteten Stern noch eine gewiſſe feierliche Ver⸗ vollſtä habich chenh dunkt der 6p hob, n 71 vollſtändigung erhielt. Unleugbar gewann das braune, habichtartige Geſicht durch dieſen zarten, faſt mäd⸗ chenhaften Halsſchmuck nicht an Liebreiz und die dunkle Fauſt, die feſtgeballt auf dem braunen Sammt der Sophalehne lag und ſich von Zeit zu Zeit hob, um zur Unterſtützung der Rede unſanft wieder niederzufallen, ſtand im ſeltſamen Gegenſatze zu der feinen Hoftracht. Die weißen Handſchuhe waren längſt abgeſtreift und zu Boden gefallen, der Freiherr hatte heiß, die ungewohnten Hüllen beengten ihn und in der ungeſtümen Erregtheit, mit der er ſprach, hatte er nicht Acht auf ſolche Nebendinge. „Ja, ja, ſo hat er gelächelt anno dazumal, als er zur Regierung kam“, ſagte er. Sein Blick hatte zu⸗ fälligerweiſe gleichzeitig mit dem Sonnenſtrahle das Bild des Herzogs getroffen.„Und er kann es noch und kam mir ſo entgegen, aber in des Kukuks Namen, was hilft mir das, wenn es nur bei den ſchönen Wor⸗ ten bleibt und man zuletzt doch nutzlos hereingefahren iſt, ohne ſich einen vernünftigen Beſcheid zu holen. Da hätte ich auch daheim bleiben können!“ Der Hofmarſchall, der auffallend oft jene charakte⸗ riſtiſche Kopfwendung machte, die ihn von dem beengen⸗ den Drucke des Halskragens befreien ſollte, ging ge— räuſchlos nach der Thür des Gemachs und zog ſorg⸗ * 4 d——— ————— 8 5 —— — ¹ 72 fältig die dicken Portièren zu, ehe er an ſeinen Platz am Ofen zurückkehrte. „Die Geſetze, lieber Freund!“ ſagte er inzwiſchen. „Ja, die Geſetze! Die ſind eben nur noch für die gemacht, die ſich darum nicht ſcheren, aber Ungehöriges, Regelwidriges wird durch ſie nicht hintangehalten.“ „Ich will das in gewiſſem Sinne auch gar nicht beſtreiten. Nun ſie aber einmal da ſind—⸗ „Soll der durchlauchtigſte Landesherr Ausnahmen zu machen wiſſen. Wenn er nicht über dem Geſetze ſteht und zur rechten Zeit mit ſtarker Hand eingreift, wozu braucht man dann überhaupt einen Fürſten? Die Maſchinerie arbeitet auch ohne ihn fort.“ Die Cravatte war dem Hofmarſchall heute offen— bar ſehr unbequem. Ein Lächeln, das nicht heraus wollte, ſpielte um ſeine Lippen. „Da wären Sie ja geradeswegs bei der rothen Republik angelangt“, ſagte er, und in ſeinem Scherze war eine Mahnung gelegen.„Ich habe Sie noch nicht als Umſturzmann gekannt, lieber Freund.“ „Umſturzmann! Umſturzmann!“ „Nun ja, die Demokraten gefallen ſich in den gleichen Schlußfolgerungen wie Sie. Auch ſie möchten das Staatsoberhaupt einfach eliminiren, weil es die Geſetze ihretwegen nicht umſtößt, wie Sie es wünſchten.“ 72 10 „Man hat aber doch die alten umgeſtoßen, und was dem einen zu Liebe geſchehen kann, kann doch wohl auch wieder einmal dem andern zu Liebe ge⸗ ſchehen. Standen die Throne durch Jahrhunderte feſt, ſolange ſie ſich naturgemäß auf den getreuen Adel ſtützten, warum ſind wir jetzt beiſeite gedrängt zu Gun⸗ ſten des Bürgers, warum führt der das große Wort?“ „Weil er dafür bezahlt.“ Der Baron murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen. „Meinetwegen!“ ſagte er dann.„Bin nicht zur Löſung politiſcher Fragen hierher gekommen. Aber wenn man ſchon durch Marktſchreier und Rechtsver⸗ dreher Geſetze machen läßt, ſo ſoll man ſie doch wenig⸗ ſtens nicht in Familienangelegenheiten eingreifen laſſen. Was verſtehen die Herren Meier und Schulze von der Ehre des Namens, von der Reinerhaltung des Stamm baums, von der Achtung vor der Familientradition? Als ob ſie einen Namen hätten, von Stammbaum und Familie ganz zu geſchweigen. Fragt man, ob ſie Familie hätten, ſagen ſie, ſechs Stück. Und Namen? Meier, Schulze. Namen? Cbenſogut hat meine Diana einen. Das iſt der Punkt, wo der Herzog dazwiſchen⸗ treten muß, wenn ſich nicht Alles auflöſen ſoll.“ „Ich habe Ihnen die Erfolgloſigkeit dieſes Schrit⸗ tes vorhergeſagt.“ 74 „Jawohl, Excellenz“, verſetzte der Freiherr bitter. „Sie haben mir ſogar Ihre Unterſtützung abgeſchlagen, da es noch Zeit war, die Verbindung zu verhindern.“ „Weil ich ebenſo wenig thun konnte als Sie ſelbſt. Begreifen Sie das doch endlich, alter Freund!“ Der Freiherr machte jedoch nicht Miene dazu. Daß man die Verbindung des letzten Sprößlings eines uralten Geſchlechts mit einem— der Gedanke war ſchon ſchrecklicch— mit einem Judenmädchen nicht ſollte hindern können, war ihm eben vollkommen un⸗ begreiflich, daß man ſie aber ungeſtört zu Recht er⸗ kennen und fortbeſtehen laſſen ſollte, darein vermochte er ſich ganz und gar nicht zu finden. Anfänglich hatte er immer noch gehofft, ſein Neffe werde ſich beſinnen. Als aber erſt vom Regimentscommandeur, einem alten Bekannten des Freiherrn, die Nachricht einge⸗ troffen war, daß Gundaker die Verſetzung in die Re⸗ ſerve nachgeſucht, war ihm deſſen voller unerſchütter⸗ licher Ernſt in der Angelegenheit klar geworden. Er bebte vor Wuth, daß er ans Bett gefeſſelt war und nicht auf der Stelle nach der Reſidenz fahren und Schritte thun konnte, die nach ſeiner Ueberzeugung einen Riegel vorſchieben mußten. Die Zornanfälle waren nun wieder Urſache, daß ſich ſein Zuſtand ver⸗ ſchlimmerte, und eine Weile hatte man ernſtlich Urſache, 75 für das Leben des alten Herrn zu fürchten. Der Arzt behauptete, nur ſein zäher Wille habe das Wei⸗ terleben zu Stande gebracht. Baron Erdmann wollte nicht ſterben, nicht etwa weil er dem Tode bange ins Antlitz ſah, ſondern nur, weil er es noch für ſeine Aufgabe hielt, den Sohn ſeiner Schweſter von dem„verzweifelten Schritte“ zurückzuhalten, ihn aus den Netzen der„ſchlauen Juden⸗ ſippſchaft“ zu befreien. Dieſe Aufgabe unerledigt zu⸗ rücklaſſen, hieß ihm als Soldat von ſeinem Poſten weichen, und ſo klammerte er ſich mit allen Faſern an das Leben feſt. Und er überſtand den böſen Anfall, nur mußte er ſich durch Wochen darein fügen, in ſei⸗ ner Krankenſtube zu bleiben, wiewohl ihm dieſelbe durch die eigene verzehrende Ungeduld zum Fegefeuer wurde. Die Vorſtellung deſſelben war dem Katholiken ja ge⸗ läufig. Als er endlich den Fuß aus dem Zimmer ſetzen konnte, da hatte ſich das Unerhörte für ihn bereits vollzogen. Gundaker war mit Judith in aller Stille getraut. Er hatte ſich die Inſtitutionen jenes kleinen Nachbarſtaates, durch welchen die gemiſchten Ehen ausnahmsweiſe in Deutſchland ermöglicht wurden, zu Nutze gemacht und, nachdem er vorher zum Pro⸗ teſtantismus übergetreten und jedes Hinderniß durch 14 —— — 5 — 5 5 76 Chrenſtein's Freigebigkeit beſeitigt war, alldort die Ceremonie vollziehen laſſen. Nur die Ehrenſteins, Edgar, Seibold und Ulrich waren bei derſelben zugegen ge⸗ weſen. Das ungewöhnliche Ereigniß hatte aber, nach⸗ dem die Kunde davon herübergedrungen, in der Reſi⸗ denz nicht ganz unbemerkt vorübergehen können, und ſelbſt wenn die Nachricht davon nicht indirect nach Dreibuchen gelangt wäre, hätte ſchon Gundaker ſelbſt durch die Zuſendung der Vermählungsanzeige ſowohl an ſeinen Oheim als an Judith's Eltern für die Ver⸗ ſtändigung der dabei Intereſſirten geſorgt gehabt. Freilich ward das, was Gundaker für eine Pflicht ge⸗ halten, von Baron Erdmann als eine abſichtliche Be⸗ leidigung, als trotzbietender Hohn aufgenommen. Vergeblich hatte er Alles aufgeboten, was in ſei— nen Kräften ſtand, den Plan ſeines Neffen zu durch⸗ kreuzen. Er hatte zuerſt dieſem ſelbſt durch Flandron und zuletzt noch einmal durch ſeinen Rechtsfreund ſchreiben und ihn zum Zurücktreten ermahnen laſſen und zwar unter wiederholter Androhung gänrzlicher Ent⸗ erbung. Er hatte auf den alten Elieſer Tauber einen Druck auszuüben verſucht, um ihn zur Verweigerung ſeiner väterlichen Einwilligung zu bewegen, und war damit geſcheitert, denn der alte Jude war zwar trotz des ihm angethanen Schimpfes demüthig aufs Schloß 5 40 gekommen und hatte durch die Kundgebung ſeiner Miß⸗ billigung und ſeines Schmerzes über die Heirath, die er für nichts weniger als ein unerhörtes Glück anſah, den Freiherrn völlig aus dem Gleichgewichte ge⸗ bracht, zugleich aber auch feſt erklärt, ſein einmal ge⸗ gebenes Wort nicht zurücknehmen zu wollen, da ihm die Ehre ſeiner Tochter und deren Beharren im Glau⸗ ben der Väter über das eigene Gefühl gehe, wenn er auch ſonſt ſeine Hand von dem ungerathenen Kinde abziehe. Der Freiherr hatte endlich an ſeinen Freund, den Hofmarſchall, geſchrieben und ihn gebeten, beim Herzoge einen Einſpruch zun erwirken, doch auch hier war der mit Sicherheit erwartete Erfolg ausgeblieben. So hatte er ſich denn ſchließlich, ſobald er ſich nur wieder auf den Beinen zu halten vermochte, und gegen den Willen des Arztes ſelbſt aufgemacht, das letzte Mittel zu verſuchen, denn er gab die Sache, für die er kämpfte und für die er den geſammten Adel und das regierende Fürſtenhaus ſelbſt intereſſirt hielt, noch keineswegs verloren. Die Enttäuſchung war eine um ſo größere. Der Herzog hatte den nur ſelten bei Hofe erſchei— nenden Freiherrn, mit dem er jedoch hin und wieder bei einer Jagd zuſammengetroffen, aufs leutſeligſte und mit allen Zeichen der Gnade bei der auf das 78 Geſuch ſofort anberaumten Audienz empfangen, hatte ihm huldvollſt die Hand gereicht, nach der Geſundheit, dem Wildſtand und dieſem und jenem, ſogar nach der Fabrik Am Falle gefragt, die, wie er mit Vergnügen gehört habe, in ein Actienunternehmen verwandelt worden ſei—„dem Lande thäten einige größere Unternehmungen und ein reger Aufſchwung in der In⸗ duſtrie wahrlich gut“— in der Angelegenheit aber, die dem Freiherrn hauptſächlich am Herzen lag und ihn für den Augenblick ausſchließlich beſchäftigte, war ihm nicht der erhoffte Beſcheid geworden. Eine Nichtigkeitserklärung in einem Falle, wo allen Regeln des Geſetzes Genüge gethan worden— wurde ihm geſagt— ſei geradezu eine Unmöglichkeit und, ſelbſt wenn ſich ein Häkchen finden ließe, bei der gegenwärtigen Strömung der Zeit jedenfalls ein Wag⸗ niß, das die Gemüther erregen und weit über die Grenzen des Landes hinaus viel Staub aufwirbeln würde. So bedauerlich der einzelne Fall auch ſein möge, ſei er doch nicht ohne zahlreiche Analogien und von keinen ſo weittragenden Folgen begleitet, daß eine gewaltſame Scheidung gerechtfertigt wäre, der ſich die Betreffenden obendrein ohne Schwierigkeit durch die Auswanderung entziehen könnten. Es ſei am beſten, mit der Zeit zu gehen, ſich den unumſtößlichen 79 oder nur mit einem unverhältnißmäßigen Kraftauf⸗ wande umzuſtoßenden Thatſachen zu fügen, wobei auch ein Seitenblick auf die politiſche Lage und auf die Opfer, welche die Zeitſtrömung ſelbſt von den höchſten Machthabern fordere, fiel und die wohlmeinende Nutz⸗ anwendung ins Engere und auf den vorliegenden Fall gezogen wurde, ſodaß„unſer lieber getreuer alter Freund und Jagdgenoſſe“ nach Allem wohl am beſten thue, ſich über den ganzen Verdruß mit zugedrückten Augen hinwegzuſetzen, und das umſomehr, als rund⸗ weg geſagt durchaus nicht der mindeſte Anlaß zu einem perſönlichen Eingreifen der ohnehin beſchränkten fürſtlichen Machtbefugniß vorhanden ſei. Und das Alles mußte der Freiherr mit anhören, ohne einen Fluch ausſtoßen oder mit dem dazu ſo wohldreſſirten Spatenſtocke herzhaft aufſtampfen zu dürfen. Hätte er das zu Hauſe in Dreibuchen hinter dem Sopha lehnende Inſtrument bei der Hand ge⸗ habt, das glänzende Parquet in der herzoglichen Antichambre würde Gift und Galle, die er im Au⸗ dienzſaale ſchweigend hinunterwürgen mußte, ſicherlich hart entgolten haben, ſo aber blieb ihm nichts, ſeinem Zorne Luft zu machen, als die wohlgepolſterte Lehne des Sophas im Hofmarſchallamte, die er mit ſeiner eiſernen Fauſt ſicherlich, auch wenn ſie vo⸗ 8 — —— ⸗ℳℳ—— 2 d ————:———— — ——— b 5 80 hartem Holze, ſtatt mit weichem Sammt überzogen geweſen wäre, nicht weniger energiſch bearbeitet hätte. „Und mir zu ſagen, daß ein ſolcher Fall gar nicht ohne Analogien und keineswegs ſo ſchwer zu nehmen ſei“, polterte er, daß der Hofmarſchall einen raſchen Blick nach der Thür warf, beſorgt, die heftigen Worte könnten trotz der dichtgefütterten Portièren durch die⸗ ſelben dringen und draußen von ein paar feinen Ohren aufgefangen werden. Dem alten Herrn zu ſagen, er ſolle ſeine Stimme dämpfen, würde nur Oel ins Feuer gegoſſen oder ihn verſtockt gemacht und von dannen gejagt haben. Der Graf verſuchte darum ein anderes Mittel, den ungeſtümen Beſucher ein wenig zu beſänftigen, indem er ſeine Gedanken von der eige⸗ nen Angelegenheit ablenkte. „Sie ſind aber auch in einem ungünſtigen Mo⸗ ment gekommen, lieber Freund“, nahm er das Wort, „um ein Einſchreiten gegen eine Mésalliance zu er⸗ wirken. Durchlaucht mag ſich durch Ihre Auseinander⸗ ſetzungen ſchwerlich ſympathiſch berührt gefühlt haben. Die Mésalliancen liegen eben in der Luft.“ „Oho!“ „Und wie die am ſelben Tage mit hohen Herr⸗ ſchaften getrauten Brautpaare ſtets beſondere Gunſt jenießen, ja ſchon von alten Zeiten her bei ſolchen Ge⸗ 81 legenheiten immer eine gewiſſe Anzahl von Paaren ausſtaffirt und ausgeheirathet wurde, wie es in den alten Chroniken heißt, ſo iſt es nur natürlich, wenn heute alle Mißheirathen ſich milder Beurthei⸗ lung und Seiner Durchlaucht beſonderen Schutzes er⸗ freuen.“ „Iſt ſie alſo richtig, die Geſchichte mit der Lugger, oder wie heißt ſie nur? Da ſoll ja gleich das leben— dige—“ brauſte Baron Erdmann auf.„Zu meiner Zeit, da ließ man ſich mit dem Komödiantenvolk— gerade wie mit den Judendirnen— nur zu Kurzweil ein und kein Menſch hätte gedacht, daß der Pfarrer dabei nöthig ſei. Jetzt freilich iſt das anders. Aber der eigene Fall ſollte unſern allergnädigſten Herrn am allerwenigſten daran hindern, bei meinem Neffen mit einer Nichtigkeitserklärung oder Scheidung vorzugehen, weil er damit nur einen Präcedenzfall für ſich ſelber hätte, wenn die Luſt einmal gebüßt iſt.“ „Das ſcheint nach allen Anzeichen in ſehr ent— fernter Ausſicht zu ſtehen.“ „Excellenz meinen, es wäre wohl ſonſt ſchon ge⸗ ſchehen“, verſetzte der Freiherr mit einem ſpöttiſchen Auflachen, in dem ſich aber Bitterkeit und Unmuth verriethen.„Nun, da iſt uns ja in der That zu gratu⸗ liren. Wer hätte gedacht, daß unſer langjährig ver; Byr, Larven. III 6 8 A 4 ———õ“— —— —— — — ——ᷣ— 82 geblich gehegter Wunſch endlich doch noch ſeine Er⸗ füllung fände und uns eine Landesmutter geſchenkt würde? Und man iſt alſo ſehr glücklich darüber in der Reſidenz und in Hofkreiſen? Natürlich, warum denn auch nicht?“ Der funkelnde Blick, welcher aus des Alten ſchar⸗ fen Augen zu dem Hofmarſchall hinüberglitt, der ſich vertraulich in der andern Ecke des Sophas nieder⸗ gelaſſen, ſchien demſelben nicht zu gefallen. Wenigſtens zeigte ſich ſowohl in ſeiner Miene als in ſeinen Wor⸗ ten eine kühlere Zurückhaltung, als er erwiderte: „Was wollen Sie? Das Land verſchmilzt immer mehr in ſeinen politiſchen, induſtriellen Handelsintereſſen mit den Nachbargebieten und die kaum mehr aufrecht zu erhaltende Sonderſtellung legt demſelben unver⸗ hältnißmäßige Opfer auf, ja die ſelbſtſtändige Landes⸗ hoheit iſt ſogar in gewiſſer Hinſicht ein Hinderniß der freieren Entwickelung. Warum ſoll es dem Fürſten nicht geſtattet ſein, einer rein menſchlichen Regung zu folgen, wenn dadurch der richtigen Politik— oder ſagen wir, dem Lande— kein Nachtheil erwächſt?“ „Vortrefflich! Vortrefflich!“ applaudirte der Frei⸗ herr mit einem grimmigen Lachen, wobei er ſich wie im höchſten Vergnügen die knotigen Hände rieb.„Die Politik iſt ein Heftpflaſter für Alles. Die Staats— raiſo linken Ueber heiß raiſon ſchließt Convenienzehen und ebenſo Ehen zur linken Hand. Eine Univerſalkupplerin, die Politik! Ueberall heißt es, das Wohl des Landes erfordert das, das Wohl des Landes erfordert jenes, zuletzt wird es heißen, das Wohl des Landes erfordert die Abdankung des Fürſten und Herrn.“ „Nun“, verſetzte der Graf mit feinem Lächeln, „das wäre ja ganz in Ihrem Sinne.“ „In meinem?“ fuhr der Freiherr auf, der ſeine kurz vorher gethane Aeußerung ſchon wieder vergeſſen hatte.„In meinem Sinne könnte eher das Land von der Erdoberfläche verſchwinden als die Dynaſtie aus dem Geſchlechtsregiſter. Ehedem war nie vom Lande die Rede und es ging auch und dies Land war darum nicht ſchlimmer daran. Ehedem galt es nur das Wohl und die Chre des Fürſten, und das Land war ſtolz darauf und zehrte mit davon. Nun, aufrichtig geſagt, mich wundert nur, daß ſich noch Keiner ge⸗ funden, der unſerm durchlauchtigſten Herrn dieſe von der Politik gutgeheißene Verbindung in anderem Lichte darſtellt und ihm das hohe Beiſpiel ſeiner Ahnen vor Augen hält.“ „Glauben Sie wirklich, daß dies ein ſo erheben⸗ des Spiegelbild wäre? Oder wollen Sie ſagen ab⸗ ſchreckend? Ich ſollte meinen, die geheime und ſogar 6 „ v* — * 3 1 ¹ 3 84 öffentliche Chronik habe da gewiſſe Züge aufbewahrt, mit denen, was Moral und Chrenhaftigkeit betrifft, eine morganatiſche Ehe den Vergleich wahrlich nicht zu ſcheuen hat.“ „Als ob dieſelbe aus Gründen der Moral ge⸗ wünſcht würde!“ Der Hofmarſchall kniff bei dem ſpöttiſchen Lächeln des alten Herrn ein wenig die Lip⸗ pen ein.„Der Glanz eines Fürſtenſchildes hat noch nie durch die Schrägebalken, die von demſelben aus⸗ liefen, Einbuße erlitten, wohl aber dort, wo ſein Trä⸗ ger zu ſchwach war, ſich und ſeinen Nachkommen Recht und Beſitz damit zu ſchützen und zu wahren. Das muß man dort wiederholen, wo es vergeſſen zu ſein ſcheint.“ „Wollen Sie das ſelbſt übernehmen?“ entgegnete der Graf mit fühlbarer Kälte.„Uebrigens brauchen Sie nicht beſorgt zu ſein, es gibt auch Vertreter Ihrer Anſichten am Hofe und ſie ſind, wie ich ſagen muß, leider nicht ohne Einfluß. Da haben Sie gleich den Kammerherrn von Grehlingen, der Sie heute bei Seiner Durchlaucht einführte und das größte Intereſſe dafür zeigt, vielleicht auch dabei hat, den Herzog zu einer Heirath mit der königlichen Prinzeſſin Hildegard von** zu beſtimmen, und eine Zeit hindurch wollte es faſt ſcheinen, nicht ganz ohne Erfolg. Als liebenswürdiger Geſellſchafter weiß er ſich zudem Seiner Durchlaucht unen. dara ſogau der näch nen beſt Hä 85 unentbehrlich zu machen. Sie können ſeinen Einfluß daraus ermeſſen, wenn ich Ihnen ſage, daß es ihm ſogar gelungen, Graf Riſoll den Zutritt bei Hofe wie⸗ der zu ermöglichen. Ich bin überzeugt, ich erhalte nächſtens Auftrag, denſelben auf die Liſte für den klei⸗ nen Empfang zu ſetzen, und Sie hätten vielleicht am beſten gethan, Ihre Angelegenheit ebenfalls in die Hände jenes Gönners zu legen.“ „Sind mir zu klebrig.“ „Alſo in die Walker's. Der Miniſter iſt ein Ehren⸗ mann, das muß ihm Jeder laſſen, wenn er auch zähe an gewiſſen Meinungen, wie zum Beiſpiel der von Grehlingen vertretenen, feſthält und ſich im Ganzen allzulangſam der Zeitbewegung anſchließt.“ „Thun's dafür Andere um ſo raſcher“, verſetzte der Freiherr mit einem verſtändlichen Seitenblicke,„und da gleicht ſich's wohl aus.“ Der Hofmarſchall, der den alten Sonderling gern hatte, zwang ſich zum Lächeln. Der Ausgleich wäre ſchon hinlänglich durch die⸗ jenigen beſorgt, meinte er, die ſich ihr ganz und gar verſchließen und partout in irgendeinem romantiſch⸗ mythiſchen Kyffhäuſer das Jahrhundert verträumen möchten. „Zum Beiſpiel zu Dreibuchen? Nicht wahr, Excel⸗ 4 ¹ G 86 lenz?“ Baron Erdmann, der in der letzten Zeit wieder heftiger auf die Sophalehne losgearbeitet hatte, ſtand etwas unwirſch auf und faßte nach dem Hute auf dem Schreibtiſche. Scharf ſtieß er auch die übrigen Worte hervor:„Auf dem Lande, Excellenz, iſt die Anſchmieg⸗ ſamkeit nicht ſo geſchätzt wie bei Hofe, und wenn man einmal die Siebzig hinter ſich hat, will man nichts mehr wiſſen von neuen Wegen und Stegen.“ „Und doch haben gerade Sie uns das Beiſpiel gegeben, wie man ſolche einſchlägt, lieber Freund“, fiel der Hofmarſchall mit ungetrübter Freundlichkeit und ſogar heiter ein.„Sie dürfen alſo ſchon von vornherein nicht empfindlich thun.“ „Ich? Wieſo?“ „Nun, die Fabrik. Aha, ertappt! Nun, bei dem alten Haſentod muß man ſich ſchon eines kleinen Sym— pathiemittels verſehen und gewärtig ſein, daß ſeine Flinte den Brand hat. Gut, daß ich die Fabrik ſo bei der Hand hatte, Sie mit den eigenen Waffen zu ſchla⸗ gen. Aber wie ich höre, das Unternehmen macht ſich. Ich habe für Lilly auch namhaft gezeichnet. Unter Anderm, Sie kommen ja doch durch Hartberg; thuen Sie mir den Gefallen, dort ein wenig einzuſprechen und die Damen von mir zu grüßen. Ich werde die nächſte Woche kaum hinauskommen können und Conrada 87 ſoll mir ſofort ſchreiben, wenn Riſoll neuerdings die Unverſchämtheit haben ſollte, ſeine Verſuche, ſie oder Lilly zu ſprechen, zu wiederholen. Ich würde mich dann zu andern Maßregeln veranlaßt ſehen. Indeß hoffe ich, daß die letzte Abweiſung genügte.“ „Haben Excellenz ihn geſehen?“ ſagte der Freiherr. „Er iſt noch mehr verkommen als je. Wie ich höre, hat ihn ein Liebesverhältniß hierher gezogen. Sie ſehen, immer noch die Frauen! Anfangs hatte ich ſchon einen andern Verdacht, er iſt ſo intim mit Greh⸗ lingen. Ich hielt ihn für den thätigen Agenten einer Partei, zu der auch Sie als ſtiller Verbündeter ge⸗ hören“— das war mit einem Lächeln geſagt, welches den Worten alles Verletzende benahm—„aber ich habe ihm damit wohl zu viel Ehre angethan.“ Es wurde vernehmlich an die Thür gepocht. Der Hofmarſchall ſchlug ſelbſt die Portièren auseinander und nahm die Mittheilungen des eingetretenen Secre⸗ tärs entgegen. „Es iſt gut, ſie mögen warten“, entſchied er. „Auch iſt der junge Maler hier, den Excellenz auf dieſe Stunde beſtellt“, meldete der Secretär leiſen Tones und zog ſich dann raſch auf ein genehmigendes Zeichen zurück. „Vortrefflich!“ wandte ſich der Graf zu Herrn y 2 3 —— — 9 — 6 ¹ 88 von Werdenberg zurück.„Da ſehen Sie gleich unſern ang Tizian wieder. Er wird überraſcht ſein.“ elſ Mittlerweile war auch Ulrich ſchon eingetreten. Er. verbeugte ſich vor dem Hofmarſchall, ſchritt aber, ſo⸗ 8 bald er den Freiherrn erblickte, im Gefühle des an 1de demſelben begangenen Unrechts lebhaft auf ihn zu de und ſchüttelte herzlich die derb nach der ſeinen grei⸗ 1 fende Hand. J „So, ſo!“ brummte der Baron und ſein Blick ge⸗ ſ wann einen ſeltſamen Ausdruck, den Ulrich nicht zu entziffern wußte.„Um ſo beſſer! Hätte Sie ohnedem 1 heute noch rufen laſſen.“ „Und Sie bringen alſo den vollendeten Entwurf? Ich bin ſehr begierig“, forderte der Graf zum Oeffnen der mitgebrachten Rolle auf. Ulrich entſprach dem Wunſche, indem er ſich ent⸗ ſchuldigte, daß ſich die Vorlage der Skizze ſo lange verzögert. Er habe erſt mit ſich ſelbſt im Reinen ſein und die Zeichnung doch etwas ſorgſamer ausführen wollen. Die Worte kamen nur langſam hervor, Ul⸗ rich war zu ſehr mit des Barons Anweſenheit beſchäf⸗ tigt. Allerdings bedurfte das entfaltete Blatt auch keiner beſondern Erklärung. „Aber das iſt ja ein fertiges Bild, wie zur Ver⸗ vielfältigung geſchaffen!“ rief der Hofmarſchall, aufs 89 angenehmſte überraſcht.„Und doch einmal etwas Neues, etwas Ungewöhnliches. Bravo, bravo!“ Der Graf hatte das treffendſte Urtheil ausgeſprochen. Es war keine Skizze mehr, was Ulrich hier bot, ſon⸗ dern ein ſorgfältig in Waſſerfarben ausgeführtes Bild, deſſen Anblick vollkommen erklärte, warum es nicht raſcher beendigt worden war. Alle die hergebrachten Motive hatten Ulrich nicht Genüge gethan, die ver⸗ ſchiedenen Verſuche mit Muſen und Grazien, Sonnen⸗ wagen und Tempeln, Dolchen und Larven waren alle nacheinander von ihm verworfen worden, bis er ſich entſchloſſen an die Verwirklichung einer ſchon anfäng lich in ihm erwachten Idee machte. Hier aber, wo er mit dem Herkömmlichen gebrochen hatte, war eine bloße Skizze unzulänglich. Er mußte, wo er über⸗ raſchte, ſofort auch überzeugen, um dem Widerſpruche keinen Raum zu laſſen, und dazu reichte eine flüchtige Skizze nicht aus, es durfte der Phantaſie nicht über⸗ laſſen bleiben, die halben Andeutungen vielleicht in unharmoniſcher Weiſe zu ergänzen; das hatte Ulrich ſich klar gemacht und deshalb Zeit und Mühe nicht geſcheut, ſelbſt die kleinſte Einzelnheit genau auszu⸗ führen. Das Ganze ſtellte— in freier Auffaſſung natür⸗ lich— eine Scene aus dem Sommernachtstraum dar. —— — —j——— —— b r 90 Auf einem freien, von Fackellicht erhellten und einerſeits von einem Haine begrenzten Platze, von welchem man die Ausſicht nach dem nahen Athen und der im Mondlichte zauberiſch darüber emporragenden Akropolis hatte, ſaß von ſeinem Hofſtaate umgeben und mit Hippolyta an der Seite auf einem improviſirten Throne Herzog Theſeus in Erwartung des Feſtſpiels, zu dem die Handwerker ſich hinter einem die Garde⸗ robe vertretenden Buſche eben rüſteten. Innerhalb dieſes Rahmens hatte Ulrich die geſammte darſtellende Kunſt in einer Allegorie, die keiner gewaltſamen Deu⸗ tung bedurfte, zur Vertretung gebracht. Wie der Be⸗ ginn des Feſtſpiels ſchon mit der Beſtimmung des Hauptvorhangs, der erwartungsvollen Menge die Vor⸗ bereitungen für die Vorſtellung zu verhüllen, im Ein⸗ klange ſtand, ſo ſtanden auch die einzelnen Gruppen in Beziehung zu den verſchiedenen Gattungen der Vor⸗ führungen auf der Bühne. Indeß Theſeus in ſeiner antiken Gewandung mit der Herrſchergeberde, die den Beginn des Feſtes bezeichnete, und die Amazonen⸗ königin, um die er„mit dem Schwert gebuhlt“ und deren Herz der Held„durch angethanes Leid gewon⸗ nen“ füglich als Träger des Kothurns der Tragödie gelten konnten, war auf die heitere Muſe durch die abſeits im Schatten des Hains koſend ruhenden und 91 luſtwandelnden verſöhnten Liebespaare hingewieſen und ſogar das Poſſenſpiel fand in dem eben als Py⸗ ramus vortretenden Zettel ſeinen würdigen Vertreter. Doch auch Muſik und Tanz waren nicht vergeſſen, denn in dem hellen Mondſtrahle, der durch das Laub der Bäume auf eine kleine, höher gelegene Waldlichtung fiel, ſchlangen Oberon und Titania mit einem Theil ihres zarten Gefolges einen leichten Elfenreigen, indeß der Reſt auf Schilfrohrflöten und Blattpoſaunen, Grashalmfideln und Lyras aus bunten Mückenſchilden wie noch auf manch anderm wunderlichen Inſtrumente dazu das Orcheſter beſorgte. Freilich hatte Graf Riſoll, der die Skizze während des Entſtehens einmal geſehen, gemeint, mit Elfen, die auf einem Mondſtrahle tanzen könnten, wäre den Habitués des Theaters, welche mehr ins Gewicht fal— lende Reize liebten, wenig gedient, der Mondſchein überhaupt im Sommernachtstraum anachroniſtiſch und die Rüpelkomödie vollends eine böſe Anſpielung auf die bevorſtehenden, von dem Vorhang noch gnädig be⸗ deckten Genüſſe. Derartige Ausſtellungen hätte ſich aber wohl jegliche Compoſition gefallen laſſen müſſen. Mehr noch als die ſinnreichen Beziehungen feſſelte je⸗ doch das Bild ſelbſt durch die geſchmackvolle Anord⸗ nung der Gruppen, die Fülle prachtvoller, charakteri⸗ 3 92 ſtiſcher Geſtalten, das poetiſche Motiv des Elfentanzes und die draſtiſchen Lichteffecte, welche ſich ungeſucht ergaben und energiſch, wie es der Charakter der Decorationsmalerei erforderte, aber doch nicht auf Koſten einer wohlthuenden Harmonie ausgenutzt zeigten. „Ein Meiſterwerk!“ konnte der Hofmarſchall ſich nicht enthalten auszurufen.„Das muß gefallen.“ Er machte den Freiherrn wiederholt auf Einzelnes auf⸗ merkſam, doch dieſer zeigte wenig Empfänglichkeit für die Skizze und ſchien ganz in finſtern Gedanken ver⸗ ſunken. Um ſo freudiger fühlte ſich Ulrich von dieſer unverhohlenen Anerkennung berührt, auf einen ſo vollen, raſchen Erfolg hatte er gar nicht zu hoffen gewagt. „Seine Durchlaucht wird ſich freuen“, fuhr der Graf fort.„Ich wurde ſchon vorgeſtern ungeduldig gefragt, wie es denn endlich mit dem verſprochenen Entwurfe ſei. Ich habe darum ſofort auch nach Ihnen geſchickt, aber Sie ſeien fort, hieß es.“ „Ich war auf einige Tage verreiſt“, verſetzte Ul⸗ rich mit einem zögernden Blick auf den Baron,„als Trauungszeuge.“ „Ah, richtig, ich konnte mir das denken“, fiel der Graf ein. „Auch ich bin von meinem Freunde beauftragt, Excellenz noch einmal ſeinen wärmſten Dank auszu⸗ 93 ſprechen für gütige Verwendung. Er iſt ſogleich und direct nach Hartberg abgereiſt.“ „Hartberg?“ fuhr der Freiherr auf. „Ja“, erklärte Ulrich, der ſich nach dem Fragen⸗ den herumgewandt und nicht bemerkte, wie der Graf in leiſer Verlegenheit dem läſtigen Druck der Cravatte zu entgehen ſuchte.„Excellenz hatten die Gnade, ihm eine Anſtellung als Betriebsingenieur bei der Bahn zu verſchaffen.“ „Und gerade in Hartberg? Mir vor der Naſe alſo?“ „Lieber Freund“, wollte der Graf den Erzürnten begütigen, dieſer war aber ganz dunkelroth geworden und ſeine Augen ſchoſſen zürnende Blicke unter den grauen überhängenden Haarbüſcheln hervor. „Danke beſtens!“ rief er mit einer Stimme, die ſich erſt dumpf und grollend aus einem erſtickenden Huſten löſen mußte.„Da er ſo hohe Protection genießt, darf ihm ja um ſeine Zukunft nicht bange werden. Wird auch gut ſo ſein— ich meinerſeits weiß, was mir obliegt.“ „Was wollen Sie thun?“ „Was feſt beſchloſſen iſt. Kannſt Du mich be— gleiten?“ wandte ſich der Freiherr zu Ulrich. „Ich darf Sie aber doch bei mir zu Tiſche er— warten, alter Freund?“ fragte der Graf. — b 94 „Bedaure, kehre heute nach Hauſe zurück“, lautete die kurz angebundene Erwiderung. „Dann will ich Herrn Waldek nicht länger hier zurückhalten, ſo gern ich mir auch noch Einiges näher auseinanderſetzen ließe“, ſagte der Hofmarſchall höflich. Er verſprach Ulrich, aufs günſtigſte beim Herzog zu referiren, übrigens meinte er verbindlich, werde ja die Skizze für ſich ſelber ſprechen. Er drückte dem jungen Künſtler aufmunternd die Hand und wendete ſich dann noch einmal an den alten erbitterten Freund.„Sie zürnen?“ ſagte er in herzlichem Tone.„Es wird ſicher eine Zeit kommen, wo Sie, ruhiger geworden, die Beweggründe zu meiner Handlungsweiſe billiger beurtheilen und erkennen—“ „Daß es zuweilen höchſt erwünſcht iſt“, fiel der Baron, der ſich nicht mehr halten konnte, auf ein mit halben Worten angedeutetes, niemals aber feſt getrof⸗ fenes Abkommen über Gundaker's und Lilly's Zukunft hindeutend, ein,„wenn ſich einer, der unangenehm ge⸗ wordene Anſprüche erheben könnte, ſelbſt hinwegräumt. O ja, und begreife auch, daß man ihm dabei behülf⸗ lich iſt und ihn dafür protegirt. Begreife es vollkom⸗ men. Habe die Ehre, Excellenz!“ Der Graf hob ſtolz ſeinen Kopf, ohne den ſo deutlich ausgeſprochenen Verdacht, als hege er ſelbſt Ab krä 95 Abſichten auf die Hand ſeines Mündels, einer ent⸗ kräftenden Erwiderung zu würdigen. Der Freiherr war auch nicht in der Stimmung, ihn zu hören. Mürriſch und funkelnde Zlicke nach allen Seiten werfend, durchſchritt derſelbe das Vorge⸗ mach. Schon auf dem Corridor faßte er, wie zur Stütze für ſeine verſagenden Kräfte, Ulrich, der ihm erſtaunt gefolgt war, unter dem Arm und ließ ſich von ihm ſchweigend die Treppe hinuntergeleiten bis zu dem Seiteneingange, wo die Hotelequipage ſeiner harrte. Sorglich half Ulrich dem recht hülfsbedürftig gewordenen alten Herrn in Ueberrock und Wagen und ſtieg dann ſelber ein, ohne daß zwiſchen beiden ein Wort gewechſelt wurde. 8 A 1 A 3 1 — —— 2 — . pPp’‚;è· Viertes Kapitel. Nach einer ſchweigſamen Fahrt waren beide in Hotel Victoria angekommen, wo der Freiherr ſein Ab⸗ ſteigequartier in den ſeltenen Fällen zu nehmen pflegte, wenn er perſönlich nach der Reſidenz kam. Joſef, der ſeinen Herrn unter der Thoreinfahrt erwartet hatte und ihn, für Ulrich's freundlichen Gruß mit ehrerbie⸗ tiger Zutraulichkeit dankend, nach dem Zimmer gelei⸗ tete, wollte ſeine Hülfe beim Ablegen der Ueberröcke anbieten, wurde von Baron Erdmann jedoch mit einer kurzen Handbewegung abgewieſen. „Es iſt wohl feucht und kalt, ſoll ich mehr heizen laſſen?“ erlaubte ſich der alte Diener zu fragen, aber eine unmuthige Wendung des alten Herrn, der eben wieder einen Huſtenanfall zu bekämpfen hatte, ſcheuchte ihn aus dem Zimmer, wobei er noch insgeheim unter 97 Kopfſchütteln gegen Ulrich eine Geſte machte, die allen⸗ falls ſagen wollte:„Wenn er ſich doch nur mehr ſchonte!“ Genau genommen war es UAlrich nicht beſonders leicht zu Muthe; er hatte kein ganz reines Gewiſſen und die Stimmung ſeines Gönners ſchien ihm keines⸗ wegs eine überaus freundliche. Was mochte derſelbe ihm zu ſagen haben? So ungefähr ließ ſich das wohl vorausberechnen und Ulrich faßte ſich ein Herz, den Vorwürfen ernſt, aber mit Geduld und Ergebenheit zu begegnen. Daß es Vorwürfe geben werde, lag außer allem Zweifel, und ſie mußten eben hingenommen werden, um den Zorn des alten Mannes nicht noch mehr zu reizen und die Anbringung eines vermitteln⸗ den Wortes, das Gundaker zu gute kommen ſollte, nicht unmöglich zu machen. Ulrich wußte, daß er bei dem Freiherrn einen Stein im Brete habe, auch im⸗ merhin etwas wagen dürfe, und rechnete bei ſeinem Vor⸗ haben darauf. „Nun, wohl recht feierlich geweſen, der Trauungs⸗ act, he?“ ſtieß Herr von Werdenberg mit beißendem Hohne hervor.„Rabbiner Hauptperſon, kann mir's denken.“ Ulrich, der ſeine Vermuthung beſtätigt zu ſehen glaubte und erſt den Losbruch des vollen Unwetters abwarten wollte, überdies eine Erwiderung auf dieſe Byr, Larven. III. 4 8 —— — ‿„ —— — 4 ÿ.—— 98 hingeworfene Bemerkung ziemlich ſchwierig fand, hatte ſich noch auf keine indifferente Antwort beſonnen, als ſie auch ſchon überflüſſig gemacht wurde. „Iſt mir übrigens ganz gleich— verſtehſt Du? Total einerlei! Geht mich gar nichts an. Sprechen wir nicht mehr über die Sache. Mag Jeder ſeinen Willen haben. Sehe Jeder, wo er bleibe! Abgethan!“ Die Sätze waren ſtoßweiſe hervorgekommen, als wären ſie eine Partie ſcharftreffender Kugeln, die der leidenſchaftliche alte Jäger nacheinander abgeſchoſſen. Auch der eigen⸗ thümlich pfeifende Ton ließ ſich dabei vernehmen, nur kam er nicht von dem die Luft durchſchneidenden Ge⸗ ſchoſſe, ſondern aus einer kranken Lunge.„Will nichts hören! Will nichts hören! Verſtanden?“ fuhr der Frei⸗ herr wild auf, als Ulrich eine Einwendung verſuchte, doch ließ ſich dieſer nicht ſo leicht abſchrecken. „Am Ende iſt es doch Ihr Neffe, Herr Baron“, begann er von neuem, machte es dadurch aber um nichts beſſer. Ehe er weiter reden konnte, fiel ihm der heftige alte Mann höhniſch ins Wort: „Neffe, Neffe? Darauf geht's hinaus. NRächſter An⸗ verwandter— Erbanſprüche und ſo weiter! He? Aber wir ſind in Irrthum. Was geht mich ein Neffe an, wenn ich einen Sohn habe. Einen Sohn, ja! Nicht wahr, das war nicht vorgeſehen? Man meinte mich 99 eingetrieben und geſtellt. Hoho! Nur ein wenig zu raſch zugezogen die Schneiſe. In den Maſchen iſt ein Loch.— Setze Dich!“ ſagte er dann, indem er auf einen Seſſel wies, der dem Lehnſtuhle, auf welchen er ſich ſelbſt niederließ, gegenüberſtand, und Ulrich folgte, von der Eröffnung noch ganz verblüfft, der Aufforde⸗ rung. That ihm einestheils das freundliche Du, mit welchem er nun ſchon wiederholt angeſprochen worden war, als ein Zeichen, daß der Groll ſich nicht gegen ihn gewandt hatte, wohl, ſo wurde ihm andererſeits der Zweck ſeines Hierſeins nur noch unerklärlicher. Wenn nicht Vorwürſe, welche Mittheilungen ſollten ihm gemacht werden? Der Anfang war ſeltſam genug. — b Offenbar hatte der Freiherr ihn nur als Uebermittler derſelben an ſeinen Neffen erwählt, mit dem er nicht — mehr in Verkehr treten wollte. In dieſer Annahme wurde er aber blos durch die erſten Worte des Frei— herrn beſtärkt. „Wollen gleich Alles in Ordnung bringen und kannſt es ihn dann nach Belieben wiſſen laſſen. Mir gilt's gleich. Habe heute den letzten Verſuch gemacht, den verfahrenen Karren aus dem Moraſt zu ſchieben. Sollte nicht gehen— allerlei Bedenken— Achſelzucken — Ausreden— Umſchweife und Wortmacherei. Auch „— ——ꝓͥx—— 100 recht! Soll bleiben, wo er iſt, in Hartberg meinetwe⸗ gen oder ſonſtwo, auf Dreibuchen werden die Miſch⸗ linge nicht ſitzen nach mir, das Eine weiß ich, ſo wahr mir Gott gnädig ſei in meiner Sterbeſtunde! Lieber wer immer!— Haſt Du Luſt dazu?“ Die Frage kam ſo unerwartet, daß Ulrich lächeln mußte. „Lache nicht, es iſt mein voller Ernſt! Alſo willſt Du? Die Hand her!“ ſagte der Freiherr barſch, und als Ulrich betroffen von ſeinem Stuhle emporfuhr, ſetzte er im ſelben Tone hinzu:„Bleib' ſitzen. Kann mir übrigeus denken, daß es Dir unerwartet kommt. Hat aber nichts zu ſagen, wirſt Dich ſchon drein finden. In mir ſteht's felſenfeſt— da meine Hand! Schlag' ein!“ „Herr Baron“, entgegnete Ulrich kopfſchüttelnd, „das iſt ja undenkbar!“ „Undenkbar? Oho, ich hab's gedacht und denk' es noch.“ „Nun ja, aber unausführbar.“ „Wollen mal ſehen, ob ich's nicht auch ausführe. Noch heute thue ich die nöthigen Schritte zu Deiner Adoption.“ Abermals ſprang Ulrich beſtürzt auf. rie N umt. drein and! elnd, k es ühre. einer 10¹1 „Das können Sie nicht! Das dürfen Sie nicht!“ rief er. „Wer will mich hindern? Du? Bah, Du wirſt Vernunft annehmen.“ „Aber es wäre ja ein himmelſchreiendes Unrecht an Gundaker.“ „So? Wäre es das? Bliebe doch noch zu beweiſen. Und wenn auch, hat er etwa keins gegen mich be⸗ gangen? Hat er meine Wünſche beachtet, wie ich es von meinem Neffen und Erben erwarten kann? Hat er Rückſichten genommen auf ſeine Stellung, auf ſeinen Namen? Nein, wie ein trotziger Bube hat er ſich auf gelehnt gegen mich, hat Alles niedergetreten und zer⸗ ſtampft, was ihm als die Überlieferung Solcher, die vor ihm dageweſen, heilig hätte ſein ſollen. Er hat nicht nur ſich ſelbſt geſchändet, ſondern alle ſeine Vor⸗ fahren, deren Grundſätze er für Thorheit erklärte, und mich mit ihnen. Das hat er gethan, und es gäbe noch ein Unrecht, das dadurch nicht aufgewogen würde? Er iſt ſeiner Wege gegangen mag er's denn! Wir ſind geſchieden für immer!“ „Wenn Sie ihn verdammen“, verſetzte Ulrich in großherziger Aufwallung,„ſo verdammen Sie mich mit, Herr Baron. Was Ihnen Anlaß zur Unzufriedenheit 7 gibt, hat in mir einen Mithelfer gefunden. Sie mö⸗ * ö ——.— ——— — 102² gen es wiſſen, daß ich es war, der eigentlich Judith von Dreibuchen entführte.“ Der Freiherr ſtutzte einen Moment. Es ſchien, als wolle er von ſeinem Sitze auffahren. Doch gleich darauf brach er in ein heiſeres, ſtoßweiſes Gelächter aus und ſchlug ſich auf die Kniee, die er dann wie im Übermaß des Vergnügens heftig rieb. „Bravo, Junge!“ rief er.„Das haſt Du klug gemacht, in Deinem eigenen Intereſſe.“ „In meinem?“ fragte Ulrich, der ſich nicht ſofort in die Schlußfolgerung fand. „Du meinſt, er habe Dich dazu angelernt; nun na⸗ türlich. Du halfſt nur mit als guter Kamerad, ohne an die weitere Entwickelung zu denken; das hindert nicht, daß ſie Dir zu gute kommt.“ „Ich bin aber ebenſo ſchuldig wie Gundaker.“ „Du?“ ſagte der Baron indem er ſpöttiſch den Kopf ſchüttelte.„Das iſt etwas ganz Anderes. Du haſt keine Verpflichtungen gegen Dich und Deinen Na⸗ men und ebenſo wenig gegen mich.“ „Doch, Herr Baron; ich hatte die, nichts hinter dem Rücken und gegen den Willen desjenigen zu thun, deſſen Gaſtfreundſchaft ich eben genoſſen. Durfte ich die Pläne des Freundes ſchon nicht kreuzen und ver⸗ rathen, ſo ſollte ich ſie doch auch nicht fördern helfen, da u war wir 9 103 da ich doch wußte, daß Sie dieſelben mißbilligten. Es war Undank für das väterliche Wohlwollen, das Sie mir ſtets erwieſen.“ „So? Und was war es denn von ſeiner Seite, wenn Du ſchon einen ſo ſtrengen Maßſtab für das Urtheil haſt?“ fuhr der Freiherr grollend heraus. Ul⸗ rich ſah, daß er vergeblich gegen die vorgefaßte Mei⸗ nung des eigenſinnigen alten Mannes ankämpfte, und ſchwieg, ihn nicht noch mehr zu erbittern, denn dieſen Erfolg hatten ſeine Reden einzig bisher gehabt„Siehſt Du, Du weißt nichts zu ſagen“, ſprach der Freiherr nach einer Weile in gemäßigterem Tone, der aber da⸗ rum nicht minder eiſernen Willen verrieth, weiter. „Und gerade Deine Selbſtanklagen zeigen mir, wie Du eigentlich denkſt. Hab' es ſchon immer geſehen, wie ſich ein wackerer ritterlicher Geiſt in Dir entwickelte, brauchte nicht erſt den Flandron dazu, mich darauf aufmerkſam zu machen. Hatte ſelber meine Freude dran. Warſt als Ei nur ins falſche Neſt gekommen Das Unrecht an Dir kann ja gut gemacht werden, ſoll gut gemacht werden, reichlich! Wenn es einen würdigen Vertreter unſerer alten Geſchlechtsregiſter gibt, biſt Du es, wenigſtens was Deine mehr als einmal offen ausgeſprochenen Anſichten betrifft. Haſt Dich ſtattlich herausgewachſen an Körper und Geiſt, wirſt dem Namen, den Du führſt, keine Schande ma⸗ chen, ſollſt darum einen führen, an dem kein Makel iſt, den derer von Werdenberg auf Dreibuchen. In Deiner Hand laſſe ich zurück, was ich gewahrt und er⸗ ſpart, durch Dich ſoll der alte Stamm noch einmal grünen und in dem aufgepfropften Reis zu mächtigem Baume erwachſen. So iſt's und ſo ſoll's ſein!“ Der alte Herr war aufgeſtanden und hatte die Linke auf Ulrich's Schulter gelegt und mit der Rech⸗ ten deſſen Hand gefaßt, die er derb ſchüttelte, ohne daß ſie ſich nur geregt hätte. Wie gelähmt ſtand Ul⸗ rich da, ſeine Augen blickten ins Weite, als hätte er ein Traumbild geſchaut. Jeder Widerſpruch war in ihm durch ein einziges Wort niedergeworfen, das ihn wie ein Blitz geſtreift hatte. Eine Ungerechtigkeit war an ihm gut zu machen und dieſe Adoption das Mittel hierzu. War's möglich? Dann aber hatte er ja gar nicht das Recht, ſeine Zuſtimmung zu verweigern, dann war er ja— Ein Schwindel faßte ihn vom tollen Wirbel der Gedanken. Er hörte es gar nicht, wie der Baron mit hämiſchem Lächeln vor ſich hinmurmelte: „Ah, Eure Geſetze! Ihr könnt nichts gegen ſie machen? Nun gut, ſo wollen auch wir ſie in Anſpruch nehmen. Mag der Herzog keinen Einſpruch thun, kann 105 er auch mir die Genehmigung der Adoption nicht ver weigern. Ihr unterſtützt den Neffen gegen den Oheim, ganz recht, da habt Ihr meinen Sohn!“ Wie in Geiſtesabweſenheit griff Ulrich nach ſeinem Hute. „Ich muß fort!“ ſtammelte er auf die Frage, wohin er wolle.„Ich, ich kann's nicht faſſen. Laſſen Sie mich jetzt gehen, Herr Baron!“ „Vater ſagſt Du von nun an! Möchte wiſſen, warum ich für meine alten Tage das Vergnügen nicht haben ſoll? Iſt Dir etwas überraſchend gekommen, glaub's wohl. Brauchſt einen Mund voll friſche Luft, um nicht dran zu erſticken. Geh' und ſpar' Dir jeden Dank— kann's nicht leiden. Vielleicht daß Du zum Zuge auf die Bahn kommſt; im Übrigen biſt Du frei. Mit dem, was ich Dir ausſetze, ſollſt Du zufrieden ſein, und wo Dreibuchen liegt, weißt Du; im Win⸗ ter iſt's langweilig für einen jungen Mann in Deinen Jahren, um ſo ſchöner im Frühling. Siehſt Du nach, wie's dem Alten geht, wird's ihn freuen.“ Ohne daß er ſich bewußt war, ob er dem Manne, den er Vater nennen ſollte, auch nur die Hand ge— drückt, eilte Ulrich aus dem Zimmer und die Treppe hinunter und dann aufs Gerathewohl durch die Stra⸗ ßen. Erſt als er eine Weile ſo fortgeſtürmt war, * 7 — 5 „—* — — —— — 4 21 —— 106 mäßigte er den Schritt. Er beachtete es nicht, daß er ſich auf der öffentlichen Promenade und in der Nähe von Herminens Wohnung befand, nur wenige Menſchen zeigten ſich bei dem unfreundlichen Wetter im Freien und der dichte Nebel ließ ſelbſt dieſe nur wie Schatten aneinander vorüberſchlüpfen, ſodaß Ulrich wohl eine Viertelſtunde auf einer einſamen Bank ſitzen konnte, ohne daß ihn ein Vorübergehender in ſeinen Gedanken ſtörte. Da ſtand aber mit einem Male eine wohlein⸗ gehüllte Geſtalt vor ihm, zu der er erſt aufſchauen mußte, um ſie zu erkennen, denn bei den erſten Wor— ten, die an ihn gerichtet wurden, war es ihm geweſen, als höre er ſich vom jenſeitigen Ufer eines breiten Fluſſes herüber angerufen. „Holla, Waldek, träumen Sie?“ fragte Graf Riſoll. „Unter andern Umſtänden würde ich Sie für eine Nach⸗ drucksausgabe des Ritters Toggenburg halten, aber der Nebel verhüllt ja das gewiſſe Fenſter, nach welchem das bleiche Antlitz ſehen könnte. Was haben Sie denn?“ „Was ich habe?“ verſetzte Ulrich langſam, als müſſe er ſich erſt der Bedeutung dieſer Worte entſinnen. Gleich darnach lachte er hell auf.„Man will mich zu Ihresgleichen machen, Graf.“ „In welcher Hinſicht? Aber gleichviel, wäre Ihnen in keiner Weiſe zu gratuliren.“ ſei la 107 „Wer weiß, wer weiß! Muß doch was Eigenes ſein um einen echten Tropfen Bluts“, rief Ulrich über⸗ laut und rannte dann ohne Abſchied davon. Der Graf ſah ihm kopfſchüttelnd nach, bis er im Nebel verſchwunden war. „Entweder zu ſtark gefrühſtückt oder in Liebes⸗ noth“, entſchied er ſchließlich und ſetzte, leiſe vor ſich hin pfeifend, ſeinen Weg fort. Als Ulrich in das Zimmer ſeiner Pflegeeltern trat, ſtanden dieſe eben im Begriff, daſſelbe zu verlaſſen. Das Mittagseſſen war vorüber, die Magd räumte den Tiſch ab und ein kleiner Spitz, das Herzblatt der Frau, ſtöberte träge und ſatt zwiſchen den Reſten des Mahles umher, die man ihm in einer Schüſſel neben den Ofen geſtellt. Er hob die Ohren, ließ ein kurzes Kläffen hören und ſetzte dann mit der früheren Bla⸗ ſirtheit die unterbrochene Beſchäftigung fort. „Aber was fällt dir denn ein, Azorchen?“ er⸗ eiferte ſich Frau Schwemmerich, wobei ſie jedoch den Ernſt des Verweiſes durch einen beſonders zärtlichen Ton abzuſchwächen ſuchte.„Ulrich anbellen? Willſt Du wohl vernkünftig ſein! Aber Du ſiehſt, wie wachſam er iſt“, ſetzte ſie mit gedämpfter Stimme hinzu, wie man Kinder zu loben pflegt, damit ſie nicht eitel werden. „Wir haben eigens auf Dich gewartet, doch der Alte — 3 4 108 meinte, Du würdeſt ſchon irgendwo einen Teller Suppe gefunden haben. Iſt es wahr, biſt Du eingeladen ge⸗ weſen? Oder haſt Du in einem Speiſehauſe gegeſſen? Nicht? Na ſiehſt Du, Alter, wenn ich Dir geglaubt hätte! Wie gut war's nun, daß ich etwas für Dich warm ſtellen ließ; habe nur ein wenig Geduld, gleich ſoll's da ſein. Pfui, Azor, wer wird den Knochen auf den Boden herausſchleppen? Da bekommen ja die Die⸗ len Fettflecke! Linchen, Linchen! Wo ſie nur wieder ſteckt, kann ſie denn nicht Acht geben und die Flecken aufwiſchen? Die Mädchen ſind doch zu gar nichts zu brauchen, Alles muß man ſelbſt thuu. Nur eine Mi⸗ nute Geduld, Ulrich, Du ſollſt gleich etwas zu eſſen haben, ich will ſelbſt nachſehen, ſonſt macht das Ding wieder Confuſion. Und der Vater braucht auch noch nicht auszugehen und bleibt unterdeſſen bei Dir.“ Der Vater! Es war ein kleines, niedriges, aber gar trauliches Stübchen, aus welchem man in ein noch kleineres hinüberſah, das dem alten Chepaar als Schlafkammer diente. Die Einrichtungsſtücke waren von der einfach⸗ ſten altväteriſchen Form und die harte Polſterung mit ſchlichtem, roth und ſchwarz geblümtem Kattun über⸗ zogen, aber Alles war von auffallender Sauberkeit und zeugte von einer unabläſſig wirkenden Hand, die nicht 109 ruhte, ſolange irgendwo noch ein Stäubchen zu ſehen war oder etwas nicht regelrecht an ſeiner Stelle ſtand. Die altmodiſche Säulenuhr auf der Commode konnte allein als Luxusgegenſtand gelten, denn alle andern Prunk⸗ ſtücke waren in der Staatsſtube des Vorderhauſes aufge⸗ ſpeichert, wo Frau Schwemmerich ihren Überwachungs⸗ poſten hatte. Hier hingegen hatte ſie ihren Nähtiſch mit dem Nadelpölſterchen und dem großen Schreibka⸗ lender darauf und der Silhouette des Amtmanns da⸗ rüber, wie er in jüngeren Jahren zwiſchen dem hohen Kragen ſeines Frackes hervorgeſehen haben mochte und jetzt noch wohlgefällig auf die Gelbveigleinſtöcke zwi⸗ ſchen den Doppelfenſtern herabzublicken ſchien. Dafür hing ein eben ſolches Frauenportrait mit hoch empor⸗ gekämmter Friſur, das man mit einigem guten Willen für das Ebenbild der Frau Amtmännin zu einer Zeit, wo ſie die prieſterliche Stirnbinde noch nicht getragen, halten konnte, über dem Cylinderpulte, das neben dem zweiten Fenſter ſtand und, nach den Spuren ſtarken Gebrauchs zu ſchließen, wohl noch aus den Tagen ſtammte, in denen der geſtrenge Herr Amtmann auf Dreibuchen ſeine unwiderruflichen Entſcheidungen von demſelben aus erfließen ließ. Wer das runde Männchen mit den rothen lächeln⸗ den Backen und den friſch dreinblickenden Schelmenaugen 110 ſah, wie er zwiſchen dem Wunſche, noch ein wenig dazubleiben, und der leidigen Gewohnheit, die ihn, wie ſonſt im Sommer nach einem der nothwendig zu in⸗ ſpicirenden Bauplätze, ſo jetzt in der rauhen Jahres⸗ zeit zu einer Partie Triktrak in das Kaffeehaus rief, unſchlüſſig hin und her ſchwankte, hätte freilich nicht an jene Zeit der ſtrengen Amtsführung geglaubt. Dem Zwieſpalt wurde aber ſofort ein Ende gemacht, als er gen ſeltſamen Ausdruck in Ulrich's Miene gewahrte. Eine gute Weile war nur Azor's Knuspern und der Pendelſchlag der alten Uhr vernehmbar geweſen, jetzt hob Ulrich den ſinnend geſenkten Kopf, richtete den Blick, der bisher nur für den kleinen Hund Inter⸗ eſſe gehabt zu haben ſchien, feſt auf Schwemmerich und fragte: „Wer iſt mein Vater?“ Das alte Männlein erſchrak, als habe ihn auf einem ſeiner einſamen Gänge ein Strolch geſtellt mit der unangenehmen Alternative, die Börſe oder das Leben zu laſſen. „Dein— Dein Vater?“ ſtammelte er.„Wie kommſt Du darauf?“ Und als Ulrich ſeine Frage mit denſelben Worten wiederholte, hängte er ſeinen Stock an den Knopf, nahm den Hut ab und wiſchte ſich Stirn und Glatze mit dem Sacktuch ſo eifrig, als ob der Schweiß 411 in dichten Perlen darauf ſtände. Nun, Du weißt ja, daß wir nicht Deine rechten Eltern ſind und Du nur ſo eigentlich unſer Pflegeſohn biſt“, ſagte er endlich. „Ich frage eben nach meinem wirklichen Vater“, beſtand Ulrich auf ſeinem Verlangen. „Ich glaube“, fuhr der Amtmann eifrig fort,„daß Du noch keine Urſache gehabt haſt, Dich darüber zu beklagen. Wir haben Dich immer wie unſer leibliches und nicht wie ein angenommenes Kind gehalten und es wird auch ſo bleiben, bis— nun bis wir eben heimgehen, und dann wirſt Du finden, daß wir auch für den Fall keinen Unterſchied gemacht haben, denn es ſoll alles Dein werden, was uns gehört, bis auf den letzten Heller. Haben ja auch wir nie zu bereuen gehabt, daß wir Dich in unſer Herz geſchloſſen; biſt ein braver, arbeitſamer Menſch geworden, der ſich im Nothfall ſein Stück Brod ſelbſt verdienen kann, und was die paar Knabenſtreiche betrifft, an die denkt keins mehr, nicht einmal die Mutter, die mir doch mit Ahnungen und böſen Träumen immerfort in den Ohren lag, wenn ich ſagte: Jugend muß austoben! Jetzt, ſeit Du heimgekehrt biſt, iſt ſie ſelber ſtolz auf Dich, und wenn Du Dich beengt fühlſt— ſie hat ſo ihre eigenen Manieren— oder Dir etwas nicht recht 442 iſt, ſo ſag's nur, wir wollen ſchon Ordnung ſchaffen und thun, was in unſern Kräften ſteht.“ Das war es Alles nicht, was Ulrich zu wiſſen wünſchte, und das in den vielen Worten ſichtlich her⸗ vortretende Beſtreben, einer unumwundenen Beantwor⸗ tung auszuweichen, ließ Ulrich nur um ſo hartnäckiger auf ſeiner Frage beſtehen. „Was Ihr an mir gethan habt“, ſagte er,„das werde ich Dir und der Mutter nie genug danken kön⸗ nen. Sicherlich hätte Niemand auf Erden gütiger gegen mich ſein können, als Ihr es wart. Fand ich nicht bei Euch liebevolle Aufnahme, unermüdliche Sorg⸗ falt und Güte, durfte ich nicht mein Leben, was ſonſt Wenigen in meiner Lage geſtattet iſt, frei und nach Luſt geſtalten? Ich weiß es, und wahrhaftig, ich könnte Euch nicht mehr, nicht anders lieben, wenn ich auch Deinen Namen trüge! Aber hier handelt ſich's um eine andere Frage“, ſchloß er, als der Alte ſein„Nun alſo!“ nickte,„und wenn ich ſie ſtelle, habe ich einen ernſten Grund dazu.“ „Da, da kommt die Mutter mit der Suppe. Iß, ſonſt wird Alles kalt und ungenießbar.“ „Du willſt mir alſo keine Antwort geben?“ „Aber du lieber Himmel, was ſoll ich denn ſagen, als was Du ohnehin ſchon weißt?“ 113 „Was will er denn wiſſen?“ fragte Frau Schwem⸗ merich, deren Neugierde ſofort erweckt war, ſo eifrig, daß ſie ſich kaum Zeit nahm, die Schüſſel auf den Tiſch und Teller und Beſteck für Ulrich zurecht zu legen.„Was will er denn wiſſen? Ob das ſchöne Fräulein Lugger wieder dageweſen iſt? O, ich kann mir ſchon denken, daß der Beſuch beim alten Loder nur ein Vorwand war.“ „Ach was, die Luggerl“ brummte der Amtmann, der ſeit dem Eintritt ſeiner Frau noch unruhiger ge⸗ worden war. „Ich frage nach meinem Vater“, erklärte Ulrich „Herr Jeſus, ſein Vater!“ zeterte die Frau, ihre Hände zuſammenſchlagend. Schwemmerich fuhr mit der geſunden Hand un⸗ wirſch nach dem Taſchentuche und warf ſeiner Frau einen Blick zu, der doch wieder an den geſtrengen Amt⸗ mann glauben ließ. „Willſt Du Deinen Taufſchein ſehen, kannſt Du's ſchwarz auf Weiß leſen, daß Du meines Schwagers Waldek Sohn biſt“, ſprudelte er heraus und langte nach ſeinem Hute.„So, und jetzt empfehle ich mich!“ „Nicht ſo!“ entgegnete Ulrich, ihm in den Weg tretend.„Damit laſſe ich mich nicht abfertigen. Ge⸗ rade Dein Unmuth beweiſt mir, daß hier etwas ver⸗ 8 Byr, Laroen III. — 82 —— 8 „ — „ ——— — — ——— b 2* 114 borgen liegt, warum hätteſt Du mir ſonſt die Frage nicht einfach und ruhig beantwortet?“ „Warum haſt Du überhaupt eine ſo ſonderbare Frage geſtellt? Muß man ſich da nicht ärgern?“ Ulrich, deſſen Stirn ſich immer tiefer gefaltet hatte, je mehr er den erwachten Verdacht beſtätigt ſah, legte ſich gewaltſam Ruhe auf, alle dieſe unfruchtbaren Erörterungen kurzweg abzuſchneiden. „Eine ſonderbare Frage?“ ſagte er mit Blick.„Es iſt auch ſonderbar, daß Herr von Werden⸗ berg mich adoptiren will.“ „Allmächtiger Gott! So iſt er denn endlich doch dahin gekommen! Der Herr hat ſein Herz erweicht, er ſei geprieſen!“ kreiſchte die alte Frau, und nachdem ſie ſich ſo mit dem Himmel abgefunden, umſchlang ſie Ulrich, küßte und liebkoſte ihn und ſchwatzte in einem fort unter ſtrömenden Thränen:„Mein Kind, mein Herzenskind! Ein Baron ſollſt Du werden, ein Baron! Eigentlich biſt Du's ja, und es wird nur ein himmel⸗ ſchreiendes Unrecht gut gemacht!“ „Ja, ſo hat Herr von Werdenberg ebenfalls ge⸗ ſagt“, ſagte Ulrich düſter. Er hatte den Amtmann fortwährend im Auge behalten. Derſelbe war wie niedergedonnert dageſtanden, dann fuchtelte er eine Weile mit dem geſunden Arme in der Luft herum feſtem 115 was ſowohl ſein Erſtaunen als ſeine Neigung aus— drücken konnte, dem noch immer nicht ſtockenden Rede⸗ fluß ſeiner Frau ein wenig gewaltſam zu ſteuern. „Na, dann freilich!“ rief er und ließ ſich dabei in einen alten ledernen Armſtuhl ſinken, der neben dem Ofen ſtand.„Wenn die Mühlſchleuße aufgezogen iſt, klappert's.“ „Es hat lange gedauert, bis es an's Licht kam, aber ich wußte es wohl, ausbleiben kann's nicht. Von Tag zu Tag hab' ich darauf gewartet und ſo iſt's endlich doch gekommen. O, warum konnte meine arme Schweſter, Gott habe ſie ſelig, das nicht er⸗ leben! Die hätte ihre Freude daran gehabt. Ja, ja, es iſt nicht's ſo fein geſponnen— Aber jetzt, lieber Ul⸗ rich“, ſprang die in allen Fibern aufgeregte Frau, die nebenher doch immer auch das Praktiſche im Auge behielt, auf einen andern Gegenſtand über,„ſetze dich und iß, es wird ſonſt Alles kalt. Deine Lieblingsſuppe, eine Reisſuppe mit Kohl, weißt Du, ſo italieniſch!“ „Es iſt mir jetzt nicht ums Eſſen.“ „Ja freilich, ja freilich, kann mir's denken! Wird auch nicht mehr fein genug ſein für den jungen Herrn Baron. Ich habe zwar in drei Küchen kochen gelernt, aber, mein Gott, die jungen Herren gehen jetzt alle in die feinen Reſtaurationen, wo ſie franzö 8* 416 ſiſche Speiſen bekommen. Aber ein wenig könnteſt Du doch koſten! Nein, wenn ich denke— ich hab's aber immer geſagt!“ „Ja, ich glaube, es hätte Dich noch im Grabe nicht ruhen laſſen!“ brummte ihr Mann. Es währte noch eine geraume Weile, ehe den ge⸗ ſchwätzigen Herzensergüſſen ein Ziel geſteckt wurde. Nur Ulrich's wiederholte Aufforderung brachte Schwem⸗ merich endlich zum Reden und ſeine Frau zum mo⸗ mentanen Stillſchweigen. „Ja, was ſoll ich ſagen?“ ſuchte der Amtmann, die eine Achſel zuckend, ſich gegen den Vorwurf, als hätte er etwas ausgeplaudert, zu decken.„Sind eigent⸗ lich lauter Vermuthungen. Was ich Gewiſſes weiß, iſt ſehr wenig.“ „O, nicht gewiß? Was iſt denn dann gewiß?“ „So erzähle wenigſtens, was Du weißt“, drang Ulrich, ohne den Ausruf der Pflegemutter zu beachten, die ihn auf das Sopha gezogen hatte, wo er jetzt, die Stirn in die Hand geſtützt, ſaß, abermals in Schwem⸗ merich. „Da muß ich eben auf die ganze alte Zeit zurück⸗ kommen“, ſagte dieſer.„Wann war's denn? Laßt mal ſehen! Du biſt jetzt fünf-, nein, ſechsundzwanzig, richtig, alſo ein, zwei Jahre vor dem Kummerjahre. 146 Ich hatte vom Amtsſchreiber auf in Dreibuchen dienen müſſen und noch nicht lange die ſelbſtſtändige Ver⸗ waltung der Güter übernommen, bei der mir der Alte— zwar damals war er noch nicht ſo gar alt — ziemlich freie Hand ließ, denn er kümmerte ſich hauptſächlich nur um die Jagd und was damit zu⸗ ſammenhing, das Forſtweſen und ſeine Liebhaberei, das Ausſtopfen der Thiere. Er war noch ein kräftiger Hageſtolz, aber ans Heirathen dachte er ſchon lange nicht mehr, wenn er auch gerade kein Weiber⸗ feind war; es mochte ihm nur um ſeine unbedingte Selbſtſtändigkeit bange ſein, denn auf die hielt er viel. Wie er's in ſeiner Jugend als Offizier getrieben, da⸗ von weiß ich nichts, in ſpäterer Zeit aber konnte man ihm, was die Weibsleute betraf, nicht viel nachſagen.“ „Nun, nun, gar ſo zahm war er denn doch nicht“, fiel Frau Schwemmerich ein.„Ich weiß noch recht gut, wie er eine Zeit lang gar häufig in die Küche kam und mich bald am Kinn faßte, bald in die Wange kniff. Wer weiß, was hätte geſchehen können, wenn ich mich nicht ſo gehalten hätte.“ „Sieh, ſieh! Es ſcheint, als würdeſt Du noch auf Deine alten Tage Deiner Schweſter neidig!“ ſpottete der Amtmann.„Uebrigens erzähle Du, wenn Du die Sache beſſer weißt!“ 118 ſich auf den Mund und verkroch ſich förmlich in ihre Sophaecke, um damit den feſten Entſchluß zum Schweigen panto⸗ mimiſch auszudrücken, und ihr Mann fuhr fort: „Vielleicht war die Urſache der feſten Haltung, deren ſie ſich rühmt, ein gewiſſer, damals noch Frau Schwemmerich ſchlug nicht verſtorbener Amtmann, deſſen Frau ſie gern geworden wäre— na, nur kein Leugnen!— denn warum wäre ſie's denn ſchließlich geworden?— Alſo ein Jahr nach unſerer Heirath, da kam Deine Mutter nach Dreibuchen. Der Großvater, das weißt Du, war Schullehrer in Hartberg, und da ſeine Frau geſtorben war, ſollten die Töchter in einer größeren Haushaltung das Kochen und die Wirthſchaft lernen. Zuerſt kam die Lotte nach Dreibuchen, und als ich mir die— auf Grund der erworbenen Kennt: niſſe und Fertigkeiten— zur Führung meiner Privat⸗ haushaltung erbeten hatte, ſchickte der Vater auch die Louiſe, die freilich um viele Jahre jünger war und noch ganz kindiſchen Weſens, auch auf alles Andere bedacht als auf die Sorge um den Küchenherd und die Milchkammer; aber der Alte mochte denken: Wo die eine geblieben iſt, kann auch die andere bleiben und ein Neſt finden; auch war ihm für die Zeit die Sorge für den Unterhalt genommen, die bei einem 119 Schullehrer von dazumal gerade keine ganz leichte war. Und am Ende, Gelegenheit gab's ſchon auf Dreibuchen, was Rechtes zu lernen, ſodaß das Mädel einmal einen Platz als Wirthſchafterin in einem größeren Hausweſen hätte finden können, ſogar in Dreibuchen ſelbſt, wenn es ſich gut anließ, denn die alte Frau Stöckel war damals ſchon ſchlecht auf den Füßen und machte es auch nicht mehr lange. Sie war aber eine fixe Köchin, das mußte man ihr laſſen, der Baron hielt etwas aufs Eſſen und es gab da⸗ mals auch viel Gaſtereien und Feſtlichkeiten. In Greifenſtein ſaßen noch die Riſolls, die junge Wittwe hatte ſich mit ihren Söhnen dahin gezogen und Herr Flandron, der Erzieher bei dem jungen Herrn war—“ „Und vielleicht noch etwas Anderes“, konnte ſich Frau Schwemmerich nicht enthalten, einfließen zu laſſen. „Das gehört nicht hierher!“ wies ihr Mann ſie ab und erzählte weiter:„Der kam oft mit ihnen herüber; damals ging ſchon die Freundſchaft zwiſchen dem Herrn Baron und ihm an und die Nachbarſchaft war überhaupt belebter. Da kamen die Herren zu den Jagden und damals gab's noch keine Eiſenbahn von Hartberg hierher, da blieben ſie denn oft tagelang draußen. Ja, es war ein gar luſtiges Leben und zu— weilen wurde auch getanzt, wenn einer ſich zum Kla⸗ 3 „ 1 ö 1 *† 4 4 120 vier ſetzte, und da mußte ich mit meiner Frau kommen und auch die Schwägerin mitbringen, damit doch auch Tänzerinnen da ſeien. Alſo wie ich ſage, Ge⸗ legenheit hätte es genug gegeben, was Ordentliches zu lernen, aber der Louiſe gefiel das Aushelfen beim Tanzen beſſer als in der Küche und das Blumen⸗ pflücken und im Parke Spazieren beſſer als das Auf⸗ ſichtführen beim Füttern und Melken im Kuhſtalle. Na, am Ende konnt's ihr Keiner verdenken, der ſie ſah. Klein und zart, aber ein gar lieblich Ding, war ſie eigentlich nicht für die harte Arbeit geſchaffen. Sie kam mir immer vor wie ein Schmetterling, der herumfliegt, ſolange die Sonne ſcheint, und ſpielt und ſich des Lebens freut, wenn's aber Abend wird, in einen Winkel flattert und über Nacht todt iſt. Iſt auch faſt ſo gekommen. Hübſch und munter war ſie, immer zwitſcherte ſie wenigſtens, wenn ſie nicht hell hinaus ſang wie eine Lerche, Jeder mußte ſie lieb haben und es hatte ſie auch Alles lieb, vom erſten bis zum letzten. Daß ſie dem Baron gefiel, das zeigte ſich in hundert Kleinigkeiten. Sie ließ ſich's eben lachend gefallen, und wenn eins ſie damit neckte, that ſie nur, als könne ſie ihn nicht ausſtehen, und ſcherzte, ſie würde nicht ja ſagen und wenn ſie auf der Stelle Herrin von Dreibuchen werden könnte.“ ch 121 „Der Himmel bat das übermüthige Wort gehört und es iſt als Strafe über ſie gekommen!“ fiel hier Frau Schwemmerich ein, da der Erzähler Athem ſchöpfte. „Nun ja. Sie mochte es eben nicht Jedem auf die Naſe binden, wie es mit ihr ſtand. Aber auf einmal ging eine Veränderung mit ihr vor— das war im Spätherbſt— ſie lachte nicht mehr, ſie ſang nicht mehr, ſie wurde ernſt und bleich und ein und das andere Mal überraſchten wir ſie, daß ſie gerade geweint hatte.— Na, kurz, eines Tages ward's meiner Frau vertraut und die hinterbracht' es wieder mir, daß die Louiſe guter Hoffnung ſei. Das war ein herbes Stück Nachricht. Auf mich als Schwager und meine Frau fiel da nicht eben der kleinſte Vor⸗ wurf, bei uns lebte die Louiſe, uns war ſie gewiſſer⸗ maßen anvertraut und wir hätten ſie beſſer im Auge behalten ſollen. Das arme Kind war wie vernichtet und zitterte, wenn es nur an den alten Vater erinnert wurde, denn der war ein ehrenfeſter Mann und ver⸗ ſtand in derlei Dingen keinen Spaß, ſo lieb er ſein Kind auch hatte. Sie beſchwor uns denn auch auf den Knieen, nur ja ihm nichts zu ſagen, als ob die Sache ſo verborgen bleiben könnte. Dabei verweigerte ſie aber auch uns ihr volles Vertrauen, alles Zureden — 4 1 — 8* — —— — 8 122 ‿ half nichts, ſie verwehrte es, den Vater ihres Kindes zu nennen. Im Grunde brauchte ſie's auch nicht, es konnte nicht leicht ein Zweifel ſein. Der Baron war in der Zeit gar nicht zu kennen, er fuhr wie der lebendige Sturm im Hauſe umher, es mochte ihm wohl auch ungelegen kommen, aber das Mädchen mußte ihn gar lieb haben, denn was wir auch ſagen mochten, es blieb feſt beim Leugnen. So fehlte mir auch jeder Anhalt, mit dem Herrn darüber zu reden, es war eine ſchwierige Lage und wir wußten uns ſchier nicht zu helfen. Da kam etwas, wovon wir uns alle nichts hätten träumen laſſen. Eines Morgens trat der Waldek bei mir ein ins Amt und hielt kurz⸗ weg um Deine Mutter an. Mir fuhr's gleich durch den Sinn, den ſchickt der Baron ſelber, darum war aber meine Verlegenheit nicht geringer, offen heraus mocht' ich doch nicht reden, ſo ließ ich ihn denn zu den Weibsleuten. Du mußt wiſſen, der Waldek war damals zwar noch Forſtgehülfe, aber kein ganz junger Burſche mehr, ſonſt ein ſtattlicher, ernſter Mann, der Deiner Mutter ſchon eine Weile nachgegangen war, ſodaß ich immer gemeint hatte, das ſolle noch ein Paar geben, wenn er erſt Förſter geworden; nur hatte ich mir's dann aus dem Sinne geſchlagen, da ich ſah, wie die Louiſe ihn nicht nahe kommen ließ 123 und ſie in eine Förſterei auch gar nicht taugte. Ich hätte ihn auch nicht für den Mann gehalten, der ſich dazu hergibt, ſei's nun für Geld oder gute Worte, den Fehler eines Andern zuzudecken.“ „Du mein Gott, er war eben verliebt!“ warf Ulrich's Pflegemutter ein. „Das mag's wohl geweſen ſein. Er that denn, wie ich ihm geheißen, und ging zu meiner Frau, bei der die Louiſe eben war, und brachte da geradeaus ſein Anliegen vor.“ „Du kannſt Dir unſern Schrecken denken“, entriß Frau Schwemmerich, die ſchon längſt mit allerlei Aus⸗ rufen nachgeholfen und vor Verlangen ſelbſt zu ſprechen zitterte, ihrem Manne hier ohne weiteres das Wort. „Im erſten Augenblicke war's zwar faſt Freude bei mir, dann aber fiel's mir doch aufs Herz, in welch geringer Stellung der Waldek eigentlich war, nicht einmal ein Förſter! und welches Recht die Schweſter damit aufgab, und wie man da noch ganz andere Wege hätte, und ich beſchwor ſie mit aufgehobenen Händen, ihren Entſchluß zu ändern; denn ſiehſt Du, ſie hatte zuerſt zwar auch nein geſagt und gedankt, dann war ſie aber in Thränen ausgebrochen— ſie hatte immer ſo wenig Macht über ſich— und da er⸗ klärte der Waldek, er ſehe wohl, es liege ihr was 7 4 — 4— 3 „ — — 124 auf dem Herzen und er könne ſich's wohl denken, daß ihr ein Unrecht geſchehen, aber ſie möge Vertrauen haben zu ihm; und ſo ſuchte er ſie herumzukriegen und zuletzt ſprang ſie auch mit einem plötzlichen Ent⸗ ſchluſſe auf und ging mit ihm ins nächſte Zimmer. Nicht einmal mich ließ ſie mitzhinein und kein Menſch hat ein Sterbenswörtchen davon erfahren, was drinnen zwiſchen beiden verhandelt wurde, nur waren ſie Braut und Bräutigam, als ſie herauskamen, und der Waldek machte ſich vom Fleck weg auf den Weg nach Hartberg zu unſerem Vater, um deſſen Einwilligung zu erlangen.“ „Und Ihr habt das zugelaſſen?“ fragte Ulrich, indem er ſein blitzendes Auge vorwurfsvoll auf ſeine Pflegeeltern richtete. Die alte Frau beeilte ſich, hoch und theuer zu verſichern, daß ſie, was in ihren Kräften gelegen, ge⸗ than, der Schweſter abzureden; man konnte ja doch nicht wiſſen— meinte ſie— wozu ſich der Herr Baron zuletzt, wenn nichts Anderes übrig geblieben, vielleicht doch noch entſchloſſen hätte. Aber ihre Aeußerungen riefen immer ein bitteres Lächeln bei Ulrich hervor, er verzichtete darauf, verſtanden zu werden, und ſenkte das Geſicht in beide Hände. „Was geſchehen hete ſollen, wie es anzugreifen 125 geweſen wäre, darüber zu rathſchlagen, iſt's heute zu ſpät“, nahm der Amtmann den Faden wieder auf. Ich ſag's aufrichtig, mir war damals mit der Ent⸗ ſcheidung ein Stein vom Herzen gefallen. Sind gar viele Mädel, von denen es Keiner denkt, ausgeglitten und hinterher ehrenhafte, brave Ehefrauen geworden. Und ſo mochte auch der Waldek gerechnet haben, denn aus Habgier hat er's ſicherlich nicht gethan, da rauf hat ihn nicht einmal Deine Mutter angeſehen; denn von Tag und Stunde an iſt ſie ihm gehorſam wie ein Hündlein gefolgt und hat zu ihm aufgeſehen, als wäre er der Erlöſer ſelber. Na, in gewiſſer Hin⸗ ſicht war er ihr auch einer, und ich meine ſchon, das könnte einem von ſolch einem armen Mädchen gar hoch angerechnet werden und faſt etwas wie Ehrfurcht und Liebe erwecken. Wir waren am Ende doch auch froh, daß Alles einen ſo glimpflichen Ausgang genommen. Und wenn ich's bedenke, haſt Du eigentlich auch kein Recht, Deiner Mutter daraus einen Vorwurf zu machen. Nun, drei Wochen darnach fand die Heirath ſtatt. Der Baron hatte die Ausſteuer beſchafft, weiter aber nahm der Waldek nichts an, nur das Eine hatte er ſich ausbedungen, daß er weit von hier wegkomme, und ſein Wunſch wurde auch erfüllt. Die Riſolls hatten über dem Rhein im Trierſchen eine Herrſchaft ☛————— —x 3 — 8 2 4 1 4 —— — 4 126 — ſie iſt jetzt auch in andern Händen— dort wurde ihm, natürlich auf Bermittlung des Barons, eine recht gute Förſterſtelle angeboten; die Gräfin fuhr dabei auch nicht ſchlimm, denn ſie kam zu einem wackern, wohlgeſchulten Beamten. Am Tage nach der Hochzeit reiſte er mit ſeinem Weibe dahin ab. Die Nacht— das ſage ich Dir nur ſo nebenher, damit Du weißt, was Dein Nährvater für ein Mann war — hat ſeine Frau bei uns in ihrem Jungfernſtübchen verbracht, er aber— draußen im Walde auf dem Anſtande; des Morgens lag ein Zwölfender beim Sulzbrunnen, mitten durch die Lichter getroffen. Von da ab haben wir keins von beiden wieder⸗ geſehen.“ „Ach, wer hätte ſich's auch denken ſollen, daß ſie ſo jung ſchon ſterben ſollte, die arme Louiſe, ſo weit, weit weg von der Heimat und unter wildfremden Menſchen!“ klagte Frau Schwemmerich. „Nun, ſo arg war's nicht, war doch ihr Mann bei ihr und die Tina Löhnemann.“ „Da hatte ſie auch eine rechte Hülfe! Noch auf dem Sterbebette wird es mir ein Vorwurf ſein, daß ich nicht ſelbſt hinfuhr und ſie pflegte.“ „Konnte man denn wiſſen, wie es kommen würde? Du warft ſelber nicht ſo wohlauf, und in der unruhi⸗ 127 gen Zeit war's nur in der Ordnung, daß Du bei Deinem Manne bliebſt, darüber laß Dir kein graues Haar wachſen, Lotte. Und Du brauchſt es ihr auch nicht übel zu nehmen, Ulrich. Das hat Alles eben ſo ſein müſſen, wer kann's ändern!— Der Waldek und Deine Mutter ließen lange nichts von ſich hören, da⸗ mals hatte man's auch noch nicht ſo mit dem Brief ſchreiben und der Telegraph war noch eine neue Er⸗ findung, eigentlich blos für die großen Herren. Da kam denn endlich, ſie mochten ſchon über Jahr und Tag fort ſein, ein Brief von der Schwägerin; ſie ſchrieb, wie wohl es ihnen ergehe, wie lieb und gut ihr Mann ſei und wie werth ſie ihn halte. Von Dir — Du warſt mittlerweile geboren worden— ſchrieb ſie nichts als die Worte: Das Kleine iſt wohlauf. Es dauerte aber gar nicht lange, ſo kam ein zweiter Brief nach, der war von Waldek und an mich gerichtet. Da ſtand darinnen, daß die Louiſe kränklich und ſchwach ſei und wie es ihr gewiß eine große Freude bereiten würde, Jemand aus der Heimat wiederzu ſehen, ob denn die Schweſter ſich nicht zu der Reiſe entſchließen könnte, und das Geld lag gleich bei. Nun, weißt Du, ging aber damals Alles drunter und drüber, und ich hätte meine Frau nicht gern von mir gelaſſen, zudem hatte ſich auch mein Schwiegervater 2 — 1 gerade zu der Zeit hingelegt, und die Lotte wartete ihn bis zu ſeinem Lebensende getreulich, wie ſie's bei mir hoffentlich auch thun wird.“ „Wie kannſt Du doch ſo reden, Alter!“ „Na, es iſt ſchon recht.— Alſo da war guter Rath theuer, allein wollten wir die arme Schwägerin in der Fremde doch nicht laſſen. Zuletzt fanden wir ein Auskunftsmittel; daß es nicht das richtige war, konn⸗ ten wir nicht wiſſen— gemeint war's gut. Der Bruder Deines Großvaters war herzoglicher Beamter geweſen und hatte immer vornehm gelebt und einen ſchönen Haushalt geführt. Als er aber ſtarb, da ſtanden die Schweſtern Löhnemann allein und hülf⸗ los da, ohne daß ihnen auch nur das Geld für die Monatsrechnungen geblieben wäre. Die ältere ſuchte erſt als Geſellſchafterin einen Dienſt und hat dann ihre kleine Schule eingerichtet, die Tina aber war ein eigenes Ding. Sie hatte immer ſo vertrackte Einfälle, aber wie Du ſie heute kennſt, iſt ſie erſt ſpäter gewor⸗ den. Die war eben bei uns zum Beſuch, als der Brief kam, und da weiß ich nicht, war ich's oder war's meine Frau, die zuerſt—“ „O, ich gewiß nicht! Sie hat ſich ſelbſt ange⸗ boten, es iſt mir noch wie heute.“ ete 129 „Nun gleichviel!“ nahm Herr Schwemmerich den Einwurf ſeiner Frau kopfnickend hin.„Genug, wir gaben der Tina das Reiſegeld und ſie reiſte ab. Wir hatten's gut mit ihr vor, es ſollte ihr über eine Zeit der Noth hinweghelfen, auch ſcheint ſie wohl ange— langt zu ſein, denn nach einer Weile kam wieder ein Brief von Waldek, der dafür dankte, daß wir ihm die neue Hausgenoſſin geſchickt; es ſcheine zwar nicht recht richtig bei ihr, aber im Ganzen ſei ſie harmlos und gehe ſeiner Frau, die es recht wohl brauchen könne, ganz herzhaft an die Hand. Faſt ein Jahr ging dann wieder hin und wir hörten nichts. Da kam eines Tages von der Herrſchaftsverwaltung an die Gräfin eine Mittheilung, die von ihr dem Baron überſandt wurde und ſo auch mir in die Hände kam Da hieß es, was mit der armen Wahnſinnigen und mit dem Kinde des Förſters Waldek zu geſchehen habe, da dieſer, wie ſchon früher ſeine Frau, dem Typhus erlegen ſei. Es wird wohl der Verluſt geweſen ſein, der ihm zu Herzen gegangen. Er war ein braver Mann und ruhe in Frieden! Wir waren natürlich vereit, Dich aufzunehmen, es hätte dazu gar nicht des Zuredens des Barons bedurft. Er nahm Alles ſelbſt in die Hand, ſchrieb an die Herrſchaftsverwaltung und ließ Tina und Dich durch einen vertrauenswürdigen Byr, Larven. III. 9 4 — 4 * .„ 54— ——————ęęęn— — 130 Mann hierher begleiten. Der Nachlaß wurde verkauft — man kann ſich denken, wie dabei vorgegangen wurde in dem verpeſteten und von den Leuten ſcheu gemiedenen Hauſe. Die Kleinigkeit vom Erlöſe kannſt Du in meinem Buche für Dich vorgemerkt finden. Nach ein paar Wochen etwa kamt Ihr an. Nun aber hatten wir erſt noch unſer Kreuz, denn mit der Tina ſah's wirklich ſchlimm aus. Sie war total überge⸗ ſchnappt, ſeither iſt's wieder beſſer geworden, aber da⸗ für hat ſie das Gehör verloren.“ „Denke nur, ſie behauptete, Du ſeieſt ihr Kind!“ „So ſagte ſie und ließ Dich nicht aus ihren Armen und wiegte und pflegte Dich, denn Du warſt es würde Dir Niemand die zwei Jahre gegeben haben, die Du doch beinahe ſchon zählteſt— und wenn man Dich ihr nehmen wollte, ſchrie ſie und geberdete ſich wie eine Wahnſinnige, die ſie eben auch war. Es mußte ſchließlich wirklich Gewalt angewendet werden. Ich denke mir, ſie wird ganz in der Stille eine Nei⸗ gung zu dem Waldek gefaßt, ſich vielleicht auch Hoff⸗ nungen gemacht haben, als Deine Mutter ſtarb, und dann bei ſeinem Tode wohl der Enttäuſchung und tiefen Erſchüttung erlegen ſein. Wir waren damals aber durch ihren Jammer und durch die Unerſchütter⸗ ein merkwürdig kleiner, zurückgebliebener Knirps recht Frau nur habe eben 134 lichkeit ihrer Behauptung doch etwas ſtutzig gemacht, obwohl der Mann, der Euch begleitete, ſagte, er wiſſe recht gut, daß Du Waldek's Sohn ſeieſt.“ „Der Männer kann man nie ſicher ſein!“ ſchaltete Frau Schwemmerich ein.„Aber es war doch Alles nur Einbildung bei ihr und Verleumdung; ſeither habe ich mich auch von ihr zurückgezogen. Sie muß eben mannstoll geweſen ſein.“ „Nun, der Ulrich iſt erwachſen, man kann vor ihm ſchon offen reden“, meinte der Amtmann.„Wir wollten eben ganz ſicher gehen. Sie nahm vielleicht Dich für ihr eigenes geſtorbenes Kind, ſie hatte aber nie eins und konnte nie eins gehabt haben; von ärztlicher Seite wurde uns die Beſtätigung. Alles, was ſie ſchwatzte und ſang, hatte nie anders als in ihrer kranken Ein⸗ bildung ſtattgefunden. Das war alſo auch abgethan. Weiter kann ich Dir nichts ſagen. Das iſt die Ge⸗ ſchichte, wie Du in unſere Hände gekommen. Daß der Baron für Dich ſpäterhin viel gethan hat, weißt Du, ebenſo wie daß er Dir immer, freilich nach ſeiner Art, freundlich, ich möchte ſagen, väterlich zugethan war, und wenn er Dich jetzt endlich adoptirt—“ „So hat er nur ſeine Pflicht gethan vor Gott und der Welt“, eiferte Frau Schwemmerich, ihr Mann aber ſchüttelte den Kopf. 9* 132 „Das will ich nun gerade nicht ſagen“, äußerte er ſeine Meinung.„Vor der Welt wenigſtens hat er von dem Augenblicke an keine Pflicht mehr, wo ſich in der Taufe ein Anderer als Vater zu dem Kinde be⸗ kennt, und das war hier der Fall. Doch Du ſollſt noch die Papiere ſehen, die Euer Geleitsmann damals mit⸗ gebracht hat, wie ſie ihm von der Gutsverwaltung übergeben wurden. An übergroße Ordnung ſchienen ſie dort eben nicht gewöhnt— nicht einmal der Todten⸗ ſchein für Deine Mutter lag bei.“ Er war während⸗ deſſen zu dem Cylinderbureau getreten, hatte den Verſchluß geöffnet, eine kleine Schublade hervorge⸗ zogen, aus welcher er drei Papiere nahm, und ſchob dieſe nun aufgeſchlagen vor Ulrich hin, der, den Kopf in die Hände geſenkt, ohne Laut, ohne Bewegung die ganze Zeit über dageſeſſen hatte.„Da iſt der Aus⸗ folgeſchein über den Erlös vom Nachlaſſe Deiner Eltern, hier der Trauſchein derſelben vom einundzwanzig⸗ ſten November und da Dein Taufſchein, nicht einmal ſechs Monate darnach, vom ſechsten Mai; kannſt's ſelber leſen: Franz Erdmann Ulrich Waldek. Ulrich hieß auch Dein Nährvater, und ſo werden ſie Dich wohl ſo ge⸗ rufen haben, um an die Vergangenheit nicht erinnert zu ſein, wenigſtens nannte Dich die Muhme immer ihren Ulrich und da haben denn auch wires ſo gehalten.“ 6 anzig⸗ ſechs eſen: auch d gk⸗ nnert mmet lten. Ulrich ſah kaum hin auf die Papiere, ein einziger flüchtiger Blick hatte ja zur Ueberzeugung genügt, daß ſich Alles ſo verhielt, wie ihm mitgetheilt worden, und was hätten die alten Leute auch für Urſache gehabt, ihm jetzt noch die Wahrheit zu verhüllen? Schwer athmend und bleich erhob er ſich. „Ein Edelmannsbaſtard“, ſagte er mit dumpfer Stimme.„Ich glaube es ja, ich glaube es ja, nur gewöhnen muß ich mich erſt daran.“ „Aber jetzt biſt Du nicht mehr verleugnet, jetzt biſt Du ein wirklicher, ein rechter Baron!“ brach Frau Schwemmerich abermals in Entzücken aus. „Natürlich, ein rechter Baron!“ ſtimmte Ulrich kopfnickend und in ſeltſamem Tone zu.„Jetzt muß ich aber ein wenig allein ſein“, ſetzte er hinzu, ſchritt aus dem Zimmer und gleich darauf die Treppe zu ſeinem Atelier hinan. „Es hat ihm einen Stoß gegeben“, murmelte der Amtmann vor ſich hin. „Aber denke Dir nur auch die Freude „Die Freude? Na, ſo ſieht die wohl nicht aus. Ich verſpüre juſt auch keine. Weißt Du, Alte, wir haben heute unſer Kind verloren und ſtehen jetzt wieder 1 allein!“ 134 „Um Gotteswillen, Vater, Du zerreißeſt mir das Herz!“ Die alte Frau brach in Schluchzen aus. Der Amtmann verſchloß die Papiere wieder, nahm ſeinen Hut und Stock und humpelte fort, ſeine Ge— müthsbewegung bei der hinausgeſchobenen Triktrak⸗ partie auszugleichen. Seine Frau aber trug weinend die Schüſſel in die Küche hinaus. „Nicht einmal einen Löffel Suppe hat er ge⸗ geſſen!“ ſeufzte ſie und ſchlich dann die Treppe hinauf. Die Thür zum Atelier war verſchloſſen und alles Lauſchen blieb erfolglos— kein Laut ließ ſich ver— nehmen. 8 Fünftes Kapitel Wie ein gefangener Wolf in ſeinem Käfig glitt Director Knopp in ſeinem Zimmer hin und her, unruhig, tückiſch, lauernd. Bald ſtand er am Fenſter und blickte hinaus auf die Straße, wo ein ſcharfer Wind die erſten Schneeflocken des Jahres die Häuſer entlang wirbelte und faſt nicht zur Erde kommen laſſen wollte, bald machte er ſich wieder an dem Steh— pulte zu ſchaffen, ohne daß er die kritzelnde Feder auch nur ins Tintenfaß getaucht hätte, während er das Verſäumniß das nächſte Mal um ſo emiiger nachholte, dafür aber wieder ganz das Schreiben vergaß. In⸗ zwiſchen warf er ſich wieder für ein paar Minu⸗ ten in den großen Eckdivan, that einen Blick in die Zeitung, einen und denſelben Satz zwanzigmal leſend, ohne doch zu wiſſen, was eigentlich darin ſtand, oder G 3 4 136 brannte eine Cigarre an, die im nächſten Augenblicke ſchon wieder ausgelöſcht, zerkaut, zerdrückt, zerborſten und weggeworfen war. Dabei horchte er fortwährend geſpannt auf jeden Laut und zuckte wohl auch zu Zei⸗ ten, wenn ein Geräuſch von der Straße herauf⸗drang, ſchreckhaft zuſammen. 1 Jetzt fuhr er mit einem Male auf; die Röthe ſeines Geſichts war einer erdgrauen Bläſſe gewichen. Die Klingel zur Wohnung war gezogen worden. Er befand ſich allein zu Hauſe. Seine Haus— hälterin hatte er fortgeſchickt. Konnte ſie ſchon zurück ſein? Die Zeit, die er dafür angenommen, war noch nicht verſtrichen; was bedeutete dieſe beſchleunigte Rückkehr? Aber er durfte nicht zögern. Wenn ſie ihm vielleicht eine wichtige Nachricht brachte, am Ende gar eine Warnung— ein Froſtſchauer durchſchüttelte ihn— da war kein Augenblick zu verlieren. Er eilte, ſo raſch ihn ſeine verſagenden Kniee tragen wollten, aus dem Zimmer und durch den ſchmalen Gang zur Thür, welche die Wohnung vom Treppenhauſe abſchloß. In der Aufregung und Haſt, zudem für gewöhn— lich dieſer Dienſtleiſtung enthoben, vergaß er, zuerſt durch das Schubfenſterchen vorſichtig auszuſpähen, er öffnete die Thür und erſchrak nun wieder, als en, als 137 er die mit ſolcher Befürchtung Erwartete nicht vor ſich ſah. Kapellmeiſter Seibold ſtand da, ein Packet Noten unter dem Arme, und zog höflich den Hut, als er den Director im ſelben Momente erkannte, da er eben nach ihm fragen wollte. „Mein Gott, was wollen Sie hier?“ rief Knopp unwirſch.„Hat man denn nicht einmal innerhalb ſeiner eigenen vier Wände Ruhe?“ „Ich erhielt in der Kanzlei die Aus skunft, daß Sie unwohl ſeien“, entſchuldigte ſich Seibold, der nie⸗ mals Knopp's beſonderer Freund geweſen und durch den Umſtand, daß er ſich demſelben untergeordnet fand, ihm keineswegs günſtiger geſtimmt wurde. „Nun alſo“, fiel Knopp ein,„da konnten Sie doch wiſſen, daß nur eine Sache von großer Wichtigkeit 7 „Iſt eben der Fall“, unterbrach ihn Seibold. „Ich habe Ihnen ſchon vor mehreren Tagen die Mit⸗ theilung über die geſpannte Stimmung der Orcheſter⸗ mitglieder gemacht; Sie wollten nicht darauf hören, jetzt ſtehen wir am Rande.“ „Ah bahl was können ſie denn thun?“ „Strike machen.“ „Sie werden ſich dreimal beſinnen, ehe ſie Ernſt machen.“ — 4 „* ———— 2 ——— — ———————— 3 „Dann haben Sie ſich wa,rſcheinlich ſchon dieſe drei Mal beſonnen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß ſie bereits Ernſt gemacht haben.“ Knopp war indeſſen, vom Kapellmeiſter gefolgt, verdroſſen in ſein Arbeitszimmer zurückgekehrt und an ſein Stehpult getreten, als habe ihn der Beſuch mitten im eifrigſten Schreiben geſtört. Er fuhr jetzt über⸗ raſcht herum, ſeine Miene drückte Unglauben und Zorn aus. „Oho, ſie ſollen es verſuchen!“ drohte er. „Das iſt bereits geſchehen, wie ich Ihnen ſagte. Ich komme eben von der Probe, ſie weigerten ſich zu ſpielen und erklärten mir kurzweg, daß ſie auch abends nicht erſcheinen wollten, wenn ihnen die geforderte Gagenaufbeſſerung nicht bewilligt würde.“ „Die Unverſchämten! Ein Strike im herzoglichen Hoftheater— unerhört, unerhört! Man kann das nicht dulden!“ „Dann werden wir uns ohne Muſik behelfen müſſen“, bemerkte Seibold trocken.„Vielleicht ließe ſich mit dem Chorperſonale ein Abkommen treffen. Vocalmuſik zur Quvertüre wäre jedenfalls originell, ſo in der Art wie bei Dinorah. Mit der Opernbeglei⸗ tung hielte es ſchon ſchwerer— die bedenklichen Pauſen.“ dieſe „Bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung! Die ganze Sache ſcheint Ihnen noch Vergnügen zu machen. Haben Sie ſo wenig das Gefühl Ihrer Stellung? Wenn Sie zu rechter Zeit mit Energie aufgetreten wären, es hätte nie ſo weit kommen können.“ „Ja“, meinte Seibold gelaſſen,„das dürften Sie wohl zuerſt ſich ſelber ſagen.“ „Was kann ich thun? Bin ich Herr? Sie wiſſen recht gut, daß ſich Seine Durchlaucht die Leitung höchſtſelbſt vorbehalten, ſagen Sie das den Leuten!“ „Ja, aber Sie ſind der techniſche Director, unter Ihnen ſteht die Adminiſtration. Die Leute wiſſen alſo ganz genau, an wen ſie ſich in ihrer Angelegenheit zu wenden haben.“ „Eine Verſchwörung!“ rief Knopp, mit den dicken geballten Fäuſten in der Luft herumfahrend, als wolle er die auflodernde Flamme unter Schlägen erſticken. „Eine ganze Verſchwörung! Unerhört! Noch nie da— geweſen!“ „Doch! Es ſollen Beiſpiele vorhanden ſein, ſogar hierorts wird neuerlich davon geflüſtert. So etwas ſteckt an.“ „Herr, Sie halten auch mit!“ Seibold richtete ſich energiſch auf, warf ſein lan— ges Haar zurück und änderte ſeine bisherige gleich⸗ — -—.,.—,—— ——————.½ müthige Redeweiſe, aus der ein wenig Schadenfreude herausgeklungen hatte. „Ich proteſtire“, erwiderte er,„gegen jede unberech⸗ tigte Anſchuldigung und rathe Ihnen, Herr Director, Ihre Worte ſtrenger abzuwägen, ſonſt wäre ich gezwun⸗ gen, wegen Verleumdung zu klagen.“ „Wie Sie aufbrennen! Es war ja nicht ſo arg gemeint“, ſuchte Knopp einzulenken.„Aber ſagen Sie mir, warum iſt denn ein ſolcher Fall unter meinem Vorgänger niemals vorgekommen?“ „Wenn man die Zügel lockert, muß man eben ge⸗ wärtig ſein, daß das Geſpann in Unordnung kommt.“ „Das iſt alſo der Dank! Früher beklagte man ſich über die Strenge, jetzt über die Milde.“ „Weil Jeder fühlt, daß ſie nicht weiß, was ſie will.“ Knopp ſchnitt ein Geſicht, als habe er eine ſehr bittere Pille zu verſchlucken bekommen, wandte ſich je⸗ doch zur Seite, ſodaß dem unbequemen Mahner die Wirkung ſeiner Worte verborgen blieb. „Was machen?“ fragte er nach einer Weile kläglich. Seibold zuckte die Achſeln. „Zugeſtehen.“ „Unmöglich! Rein unmöglich, nachdem ich mich n⸗ 141 vor wenigen Tagen erſt bei Seiner Durchlaucht für die vollſtändige Ordung und Zufriedenheit verbürgt.“ „Sehr voreilig! Nun werden Sie ſich zu einem Widerruf bequemen müſſen.“ „Das würde mir alle Autorität koſten. Begrei⸗ fen Sie denn nicht, daß ſolch ein Eingeſtändniß un⸗ möglich iſt?“ Und als der Kapellmeiſter ſtumm aber⸗ mals die Achſeln zuckte, flehte er ihn an:„Rathen, helfen Sie mir. Ich weiß, Sie haben eine Oper fer tig oder doch nahezu fertig. Der Herzog würde ſich nie zu dem Riſico herbeilaſſen, eine Oper, die noch nirgends aufgeführt wurde, auszuſtatten ein Stück ja, aber nicht eine Oper Ich trete für Sie ein, wenn Sie mir jetzt beiſtehen.“ „Topp!“ rief Seibold freudig, indem er die Brille zurecht rückte.„Aber zaubern kann ich auch nicht Ein Zugeſtändniß muß gemacht werden, die Dinge ſind zu weit vorgeſchritten, zudem iſt die Forderung bei der zunehmenden Theuerung nicht unberechtigt, ſelbſt Doctor Geismar hätte früher oder ſpäter in den ſauern Apfel beißen müſſen. Kommen Sie alſo und erkennen Sie die Forderung im Principe als berech tigt an, wohlverſtanden, im Principe, dann aber gehen Sie den Leuten ein wenig auf den Leib, ſagen Sie, daß ſich vor der Hand nichts thun ließe und da— 142 her, um bei einer Gagenerhöhung das Gleichgewicht im Budget herzuſtellen, entſprechende Entlaſſungen aus dem Stande des Orcheſters ſtattfinden müßten. Es ſei ihnen darum freigeſtellt, auf ihrem Verlangen zu be⸗ harren und dadurch dieſe erwähnte Eventualität her⸗ beizuführen oder ſich noch eine Weile zu gedulden— ſagen wir, um Ihre Bürgſchaft und Autorität zu retten— einen Monat lang oder bis Neujahr. Sie werden ſehen, die Rückſicht auf die armen Collegen, die brodlos würden, treibt alle zu Paaren. Aber eins iſt Grundbedingung“, fügte Seibold ſehr ernſt hinzu.„Sie müſſen es ehrlich meinen und Wort hal⸗ ten, wobei Sie ja Seiner Durchlaucht gegenüber ſich die Initiative wahren können, wenn Sie, auf die Zeit⸗ verhältniſſe hinweiſend, eine freiwillige Erhöhung der Bezüge als einen Act der Menſchlichkeit und fürſt⸗ licher Großmuth darſtellen.“ „Alles, Alles will ich! Sie ſind ein Goldmenſch, Seibold! Machen Sie nur Ihre Oper fertig! Sie ſollen ſelbſt die Früchte ernten.“ „So kommen Sie! Die Leute ſind noch alle im Theater verſammelt!“ „Ich? Kommen— jetzt?“ Knopp gerieth plötzlich wieder in lebhafte Unruhe.„Das iſt mir im Augenblicke rein unmöglich. Sie wiſſen ja, ich bin unwohl—“ ht 143 „Die Polizei hätte es hier ſehr bequem“, ließ ſich in dem Moment eine Stimme von der Thür her ver⸗ nehmen. Die Polizei! Knopp fuhr wie elektriſirt herum, ſeine Kniee ſchlotterten und ſeine Augen quollen un⸗ heimlich vor. „Oder ein Dieb, wenn Sie lieber wollen“, ſcherzte Edgar Tauber, vollends eintretend.„Man könnte Sie in aller Stille aufheben und ausrauben, was Beides unangenehm ſein ſoll. Die Thüren alle offen, nirgends ein Hinderniß, wahrlich, Directorchen, wenn ich krank gemeldet wäre, würde ich das Geheimniß des erwünſchten Wohlbefindens beſſer hüten.“ „Solche Späße, Herr Doctor!“ entgegnete Knopp, dem erſt jetzt einfiel, daß er ſelber die Außenthüren offen gelaſſen, mit würdevoller Mißbilligung.„Ich bin in der That unwohl.“ „Ich ſehe es ja“, blieb Edgar bei ſeinem ſpöttiſchen Lächeln.„Seien Sie gegrüßt, Seibold! Sie dachte ich freilich nicht hier zu finden. Ich vermuthete ein kleines— wie ſage ich nur?— gibt es nicht auch für hoffnungsvolle Elevinnen des Ballets etwas wie — Probetanzen, allenfalls dem Probeſpielen der Schau⸗ ſpieler entſprechend? Alſo ein ſolches kleines Examen. — Die ganze Kanzlei ſteckt voll Bittſteller, Vorſteller 144 und Darſteller; läßt ſie ſtehen, dachte ich mir, als ich hörte, daß Sie unwohl wären, und ſuchſt die Hinter⸗ treppe. Zum Glücke entſann ich mich Ihrer Stadt⸗ wohnung. Ganz hübſch eingerichtet“, ſagte er, ſich mit Hülfe ſeines Lorgnons rings umſehend.„Und was mich freut, ich ſtöre hier nicht, und da Sie doch ein⸗ mal Geſchäfte zu verhandeln ſcheinen, ſo kann ich ja auch über meine Angelegenheit Ihre Zeit in Anſpruch nehmen. Aber ſtöre ich auch gewiß nicht?“ „Keineswegs!“ Und ſich zu Seibold wendend, ſetzte Knopp hinzu:„Sie ſehen, ich kann nicht wohl fort. Könnten Sie nicht—“ „Wenn Sie mich bevollmächtigen—“ „Verſteht ſich, verſteht ſich!“ beeilte ſich Knopp zu verſichern, froh, darüber hinweggekommen zu ſein. „Alles ganz wie wir abgemacht. Sie erweiſen mir wirklich einen Dienſt.“ „Wie? Sie wollen ſchon wieder fort, Freund?“ fragte Edgar. „Die höchſte Eile thut noth“, verſetzte der Kapell⸗ meiſter, drückte das Notenpacket feſter unter den Arm und eilte fort. Knopp rief ihm noch nach, er möge zuſehen, daß ſeine Oper fertig werde. Dabei aber ſpielte ein häßliches Lächeln, blitz⸗ ſchnell wieder verſchwindend, um des Directors Mund, nopp 145 das ſich Edgar wahrſcheinlich als ein:„Magſt lange warten!“ gedeutet hätte, wäre er nicht eben beſchäf⸗ tigt geweſen, eine große, an der Wand hängende Photographie Herminens zu muſtern. „Wichitge Angelegenheit?“ fragte er über die Schul⸗ ter weg. „Bagatellen“, erklärte Knopp.„Aber wollen Sie nicht Platz nehmen? Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten?“ fuhr er mit jener übertriebenen Höflichkeit fort, die er gegen einflußreiche Perſonen anzunehmen pflegte. Und der Schriftſteller, dem die Spalten eini⸗ ger Journale und vor allem des Lokalblattes offen ſtanden, war zweifellos eine ſolche. Selbſt Doctor Geismar, der doch wenig Umſchweife machte, hatte es nicht verſchmäht, hier und da mit einer kleinen Freund⸗ lichkeit um ſeine journaliſtiſche Unterſtützung zu wer⸗ ben, um wie viel mehr mußte nicht der neue Director darauf bedacht ſein, der ſich in ſeiner Stellung erſt zu beſeſtigen hatte, und dann— waren ihm denn nicht ſchon namhafte Dienſte von der Feder des jungen Mannes geleiſtet worden, um den Schaden daran zu ermeſſen, den ſie ihm bei leicht erregtem Uebelwollen anthun konnte? Und auch Edgar war ſich dieſes Dienſtes wie ſeines Werthes wohl bewußt, und es lag in ſeinem Prin⸗ Byr, Larven. III. 10 NäAu ————— — —— V ☛ —ö—— 7 2 — 146 cipe, dieſes Bewußtſein auch gelegentlich Andere füh⸗ len zu laſſen, um ſie ſeinen Wünſchen fügſam zu ma⸗ V 0 chen. Er rechnete ganz vortrefflich, wenn aucht nicht mit Zahlen, welche zu verachten er ſich gern den Anſchein gab. So blieb er auch jetzt, als ob er die Aufforderung gar nicht gehört hätte, vor dem Bilde ſtehen. „Eigentlich doch ein Raſſeweib!“ ſagte er.„Zur Schauſpielerin wie geboren.“ „Sie würde es lieber hören, wenn Sie ſagten, für den Purpur.“ „Glaub's wohl!“ ſagte Edgar.„Es läßt ſich auch am Ende Beides vereinigen, auf der Bühne wie im Fürſtenſchloſſe. Meinen Sie nicht? Und ſie iſt die Letzte, die ihr Talent verroſten läßt. Aber geſtehen Sie ſelbſt, daß es eigentlich ſchade um daſſelbe iſt. Für die Appartements genügten auch mittelmäßige Anlagen. Die Lugger aber verdiente, daß man ſich ihrer gründlich annähme und ſie an eine große Bühne brächte, an einen würdigen Platz.“ „Sie halten alſo unſere Bühne nicht—“ „Für eine große?“ Edgar faßte den Director ſcherz⸗ haft unter dem Arm und führte ihn zu dem Divan, wo er ſich ohne weiteres bequem niederließ.„Unter uns, Freundchen, nein. Aber Sie dürfen es Niemand 147 verrathen. Was noch daran war— denn unter vier Augen kann man Geismar ſchon ſein Verdienſt laſſen— geht jetzt vollends in die Brüche.“ Knopp verzog den Mund, als habe er Pfeffer ver⸗ ſchluckt. „Mich wundert dann nur— „Daß ich mein Stück hier aufführen laſſe? Gene⸗ ralprobe, weiter nichts! Damit ich ſehe, was allenfalls zu ändern iſt.“ „Sie bewarben ſich aber doch recht eifrig um die Annahme, als Ihnen dieſelbe noch ungewiß war.“ „Weil ich hier meine Verbindungen und auf das Publikum wie auf die Kritik Einfluß habe, mit einem Worte, die Aufführung überwachen, den Erfolg machen kann. Sehen Sie, drei Dinge gehören zum Erfolg. Ein Stück muß gut ſein, das iſt kein unweſentlicher, aber keineswegs der wichtigſte Punkt; wichtiger iſt ſchon der zweite: es muß gefallen, aber auch der iſt noch nicht hinlänglich; die Hauptſache iſt: es muß gelobt werden. Das Erſte glaube ich von dem meinigen, wie jeder Autor; das Zweite hoffe ich; das Dritte weiß ich ſicher, ſolange ſich's um die hieſige Aufführung han⸗ delt, und für die anderswo iſt dann doch ſchon vorge⸗ arbeitet. Sie haben mein Geheimniß in den Händen und nun, Directorchen, wann iſt die Leſeprobe 2“ 10* 4 8 — 2 —— ———— ——ͦ— ——y—õ———— 4 —r—— —— 148 „Sie haben zu beſtimmen. Seine Durchlaucht ge⸗ ruhte das Stück anzunehmen, weil die Lugger die Hauptrolle ſpielen will; es wird wohl ihre letzte neue Rolle ſein—“ „Vor der einer treuen Chefrau“, fiel Edgar ein. Knopp grinſte und fuhr fort: „Die Rollen ſind nach Ihrem Wunſche ausgetheilt und wir können anfangen, wann Sie wollen.“ „Bravo! So lob' ich mir's! Immer hübſch die Wahrheit, keine von den Ausflüchten und Vertröſtungen, nichts von Hinderniſſen, von Schwierigkeiten, von ſo bald als thunlich möglich machen und wie die Redens⸗ arten heißen. Immer ſchlank weg! Eine Hand wäſcht die andere. Solange mir eine Zeile in dem Blatte da offen ſteht, können Sie dagegen auch auf mich rechnen.“ Er langte dabei nach dem Morgenblatt, das Knopp zu⸗ letzt auf das Tiſchchen neben die Cigarren geworfen, und warf einen flüchtigen Blick hinein.„Aha, heute iſt die Schlußverhandlung!“ ſagte er, das Blatt wieder nachläſſig hinlegend.„Aber was haben Sie denn?“ „Ich bin unwohl“, ſtammelte Knopp„Sie woll⸗ ten es nicht glauben.“ „Sie ſollten ein Glas Wein trinken. Aber was ich ſagen wollte: Wie man ſich gegenſeitig dienen kann, habe ich Ihnen damals in der Affaire mit die⸗ 149 ſem Loder bewieſen. Es gilt nur, die Thatſachen zu benutzen. Nach meinem Artikel war alle Welt feſt überzeugt, daß die unſelige Latte Doctor Geismar ſtürzte. Der Tod der armen Kleinen ergriff die Ge⸗ müther und man fand die Strenge des Herzogs ganz natürlich. Kein Menſch hatte eine Ahnung, daß die Minen auch ohne den traurigen Zufall explodirt wären und das Ereigniß mit der Latte genau genommen in gar keinem Zuſammenhange mit dem Syſtemwechſel ſtand.“ „Ja freilich— natürlich“, ſtieß Knopp, während ihm der Verſuch zu lächeln zu einer abſcheulichen Fratze mißlang, mühſam hervor. „Die Stimmung gegen den armen Teufel, den Zimmergeſellen, wurde dadurch freilich noch erbitterter“, fuhr Edgar in ſeiner ſelbſtgefällig wegwerfenden Weiſe fort;„aber einigermaßen hat er wohl ſein Schickſal verdient, wenn er auch betrunken war. Er iſt ganz mit Recht der fahrläſſigen Tödtung angeklagt. Ich hätte eigentlich der Schlußverhandlung beiwohnen ſollen, aber im Grunde iſt's mir ja gleichgültig, fällt auch nicht in mein Referat. Dergleichen überläßt man dem kleinen hungrigen Volke. Haben Sie nicht eine Haushäl⸗ terin, die mit dieſem Burſchen irgendwie in Verbindung ſteht? Die Schweſter, glaub' ich, oder doch verwandt?“ 150 „Ja, verwandt— allerdings.“ „Gewiß hübſch!“ neckte ihn Edgar, indem er mit dem Finger drohte.„Kann man ſie nicht ſehen?“ „Sie iſt— ſie iſt ausgegangen. Sie bat mich, zu der Verhandlung gehen zu dürfen.“ „Schäker, der Sie ſind! Halten Ihre Schätze ge⸗ heim, was? Es gibt ſo viele Diebe auf der Welt!“ Edgar unterbrach ſich mit einem kurzen Ausruf; er hatte nach Cigarren geſucht, die damit gefüllte Schale näher an ſich herangezogen und dabei eine ſcharfge⸗ ſchliffene Klinge berührt, die geöffnet unter den Rand der Schale geſchoben war.„Da habe ich mich geſchnit⸗ ten“, und indem er ſich wie ein ſchwer Verwundeter geberdete und den winzigen Blutstropfen vom Finger ſaugte, machte er durchaus nicht den heldenmüthigen Eindruck wie in jenem denkwürdigen Augenblicke, wo er durch die Forderung zum mörderiſchen Zweikampfe ſeiner Schweſter einen Gatten werben wollte. Als er ſich ein wenig beruhigt hatte, fragte er halb im Ver⸗ druß:„Was haben Sie denn da für meuchleriſche Waffen ausgeſtreut? Haben Sie ſich denn eben raſirt?“ „Ja— raſirt“, würgte Knopp hervor. „Und doch ſtehen Ihnen die dichten Stoppeln am Kinne. Das wächſt ja raſcher als Bambusrohr.“ „Ich— ich wollte erſt—“ 11 4 54 „Sich am Ende gar die Kehle abſchneiden?“ ſcherzte Edgar. Knopp gab einen dumpfen Laut von ſich und ſank an das Rückenpolſter des Divans. Erſt jetzt wurde Edgar's Aufmerkſamkeit von der Wunde abge⸗ lenkt, er blickte in ein aſchfahles, verzerrtes Geſicht. „Sie ſehen aber wirklich übel aus, Freund“, rief Edgar betroffen aus.„Soll ich einen Arzt holen?— Wenigſtens ein Glas Wein— ein Glas Wein!“ ſetzte er hinzu, als Knopp eine abwehrende Geberde machte. Sprechen konnte derſelbe noch nicht, doch ge⸗ lang es ihm ſchon nach ein paar Sekunden wieder Herr ſeiner Zunge zu werden. „Es iſt ſchon wieder vorüber. Nur eine An⸗ wandlung— ein Schleier vor den Augen“, ver⸗ ſicherte er. „Sollte etwa die Erinnerung? Daß ich nicht da⸗ ran dachte! Man ſagt ja, die Kleine habe Ihnen näher geſtanden.“ „Laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen!“ bat Knopp. „Sie haben Recht“, nahm Edgar wieder ſeine forcirt geiſtreich⸗ironiſche Redeweiſe auf.„Tröſten Sie ſich übrigens. So haben Sie doch einen Engel im Himmel, der Ihrer Sündenlaſt durch ſeine Gebete zu. —,— —— .7 452 Hülfe kommt. Ich denke, Sie können es brauchen.“ Und unbekümmert, ob er dadurch wirklich ein Gefühl verletze, applaudirte er mit dem gewiſſen grinſenden Lächeln, in dem ſeine Augen ganz verſchwanden, den eigenen witzigen Einfall. Durch das Ertönen der Klingel ward er einiger⸗ maßen geſtört. „Ah, noch ein Beſuch!“ ſagte er.„Sie ſind noch angegriffen, ich will ſtatt Ihrer öffnen. Vielleicht doch noch eine— Probetänzerin.“ Knopp war ſchon aufgeſprungen. Er kam Edgar zuvor, der es befremdend finden konnte, wenn er den Beſuch nicht einließ, was er freilich am liebſten ge— than hätte. Aber der Fehler war ſchon einmal ge⸗ macht worden, allerdings glücklicherweiſe, wie Knopp ſich in Erinnerung an den ſo zur Unzeit einge⸗ tretenen Strike, der nun hoffentlich beſchworen war, ſagen mußte. Und dann konnte es ja Auguſte ſein, die Einlaß begehrte und Nachricht brachte— an ihren Augen mußte er das Urtheil ableſen, das Urtheil, das vielleicht ihm ſelbſt geſprochen worden. Er hatte ſich ja ſogar ſchon darauf vorbereitet, es eigenhändig an ſich zu vollziehen. Hatte ihn der Mann da mit den arroganten Augen hinter der aufgeſteckten Klemmbrille durchblickt? Nein, ſicherlich nicht— es war undenk— 153 bar; aber welcher vernichtende Scharfſinn konnte nicht in einem ſo unfeinen matten Witze liegen! Wahrlich, vernichtend! Diesmal war Knopp vorſichtiger; er blickte zuerſt durch das Schiebfenſterchen und hatte eben Luſt, es wieder ganz leiſe zu ſchließen und auch die Thür ge⸗ ſchloſſen zu laſſen, doch der draußen Stehende mußte das Geräuſch vernommen haben. „Nur aufgemacht!“ rief er barſch.„Ich weiß, daß der Herr Director zu Hauſe iſt und laſſe mich unter keinem Vorwande abweiſen.— Ah, Sie ſelbſt? Um Vergebung, ich wußte nicht— ich dachte, ein dienender Geiſt— aber wir wollen doch nicht hier ſtehen bleiben? Ich muß um eine Unterredung bitten.“ Es war Herr Althof, der infolge ſeiner Geiſtes⸗ gegenwart zum Oberregiſſeuer avancirte Heldenſpieler, der, in einen ſtattlichen Pelz gehüllt, den glänzend ge⸗ bürſteten Hut, deſſen Krempe er nur leichthin berührt hatte, noch immer auf dem Kopfe, ſelbſtbewußt vor dem Director ſtand und ſich von dieſem in das Arbeitszimmer complimentiren ließ, als habe Herzog Theſeus nur eine ſelbſtverſtändliche Huldigung ent⸗ gegenzunehmen. Als er Edgar erblickte, begrüßte er denſelben ganz cordial, fragte, was ſein Stück mache, und dies und jenes, denn der Kritiker war auch ihm eine wohlzubeachtende Perſönlichkeit, zu der man nicht freundſchaftlich genug ſtehen konnte. Erſt nach einer Weile, wie ſich zufällig der An⸗ weſenheit eines Dritten erinnernd, wendete er ſich gegen Knopp um, ſtützte die rechte Hand herriſch in die Hüfte, rundete den linken Arm, als ob er ſtatt ſeines Seidenhutes einen Schild an demſelben führe, und warf den Kopf thatkräftig in den Nacken, wie es ſich vor der ſchwungvollen Niederſchmetterung des Gegners geziemte und auf den Bretern auch nie ohne Erfolg blieb. „Ich muß mich ernſtlich beklagen, Herr Director“, begann er mit erſchütternd tragiſchem Tone, und auf die verwunderte Frage:„Worüber?“ fuhr er fort: „Soll dieſe unzeitige Sparſamkeit noch immer kein Ende finden und die heiligſten Intereſſen der Kunſt ge⸗ fährden? Meinen Sie, daß ich den Verrina ſo ſchäbig ſpielen ſoll wie bisher, nachdem Seine Durchlaucht ſelbſt die Wichtigkeit dieſer Rolle zu erkennen geruht und in ihrer vollen Integrität hergeſtellt ſehen will? Lange genug hat die Muſe unter einem eiſernen rück⸗ ſichtsloſen Druck gelitten und unſer Fiesco war ein handwerksmäßig zuſammengeſtoppeltes Flickwerk. End⸗ lich, endlich iſt ſie wieder frei geworden, ich werde nicht mehr eine zuſammengeſtrichene Rolle ſpielen, 155 ſondern alle meine Mittel entfalten können.— Es wäre gut, lieber Doctor“, wandte er ſich an Edgar,„wenn Sie das Publikum ein wenig vorbereiten wollten, es könnte ſonſt leicht der Urkraft der Darſtellung erliegen. Denken Sie ſich einmal, wenn ich loslege! Und er declamirte mit der vollen Wucht der Leidenſchaft eines in ſeinem Kinde entehrten Vaters:„Che das Herzblut eines Doria dieſen häßlichen Flecken aus Deiner CEhre wäſcht, ſoll kein Strahl des Tages auf dieſe Wangen fallen. Bis dahin— verblinde!“ Und er warf mit großer Geſte einen unſichtbaren Flor über das gleichfalls unſichtbare Mädchen.„Keine Speiſe, kein Trank ſoll Dich laben“, fuhr er, die Hand auf das Haupt der Unſichtbaren legend, im ſteigenden Affecte fort,„kein Schlaf Dich erquicken, keines Menſchen Stimme Dich in Deinem Leben erfreuen! Drunten im tiefſten Gewölbe meines Palaſtes ſollſt Du heulen— „Gott, wie grauſam!“ fiel Edgar ein. Aber der Mime ließ ſich nicht ſtören.“ „Verſchmachten, verzweifeln und in des Hungers Wuth in Deines Gitters eiſerne Stäbe die Zähne ſchlagen. Dein Leben ſei das gichteriſche Wälzen des ſterbenden Wurms— der hartnäckige, zermalmende Kampf zwiſchen Sein und Vergehen!— Dieſer Fluch — 4 3 * 2 156 hafte auf Dir, bis Gianettino den letzten Odem ver⸗ röchelt hat.— Wo nicht, ſo magſt Du ihn nach⸗ ſchleppen längs der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Ringes ineinander greifen.“ „Um Gotteswillen, hören Sie auf, hören Sie auf! Ich fürchte mich“, ſchrie Edgar mit parodirtem Entſetzen. „Nicht wahr, es iſt großartig?“ meinte der Schau⸗ ſpieler.„Ich verſpreche mir einen vernichtenden Ein⸗ druck. Und der ſoll durch philiſtröſen Schmuz ge— ſchmälert werden? O pfuil“ „Aber darf ich fragen, worüber Sie ſich denn eigentlich beklagen?“ ließ ſich Knopp, der unruhige Blicke nach der Uhr geworfen hatte, vernehmen. „Der Schneider weigert ſich, mir einen neuen ſchwarzen Sammtanzug zu machen, er beruft ſich auf Ihre Anordnung, nichts ohne Ihre Genehmigung zu thun. Glauben Sie, ich werde den Verrina in dem alten abgetragenen Tuchwams ſpielen? Weit ge⸗ fehlt, mein Herr!“ „Ein Mißverſtändniß, Herr Althof. Mein Ver⸗ bot bezog ſich ja natürlich nicht auf Sie“, ver⸗ ſicherte Knopp, der den Einfluß des nach der Verab⸗ 157 ſchiedung Geismar's dem Herzog unentbehrlichen Ober⸗ regiſſeurs ſchonen mußte, aufs eifrigſte. Ah, ich dachte es wohl“, verſetzte Althof, der ſich noch ganz in ſeiner Rolle fühlte, mit der vollen, eiſigen Größe des ſtarren Repulikaners. „Wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen?“ forderte ihn Knopp höflich auf, und um nur das Ge⸗ ſpräch weiter zu führen, bemerkte er:„Wenn man alſo zur mannheimer Bearbeitung zurückgegriffen hat, wird wohl auch der Schluß demgemäß abgeändert. Ich er innere mich, daß der Herzog ſchon vor einigen Jahren ſehr ungern ſeine Einwilligung zu dem tragiſchen und wirklich gefährlich demokratiſchen Ausgange gab, als mein Herr Vorgänger mit ſeinem eiſernen Kopfe da⸗ rauf beſtand. Fiesco bleibt alſo am Leben und ver⸗ ſöhnt ſich mit Verrina?“ „Wo denken Sie hin!“ warf Herr Althof ſich in die Bruſt.„Da würde mir ja die Hauptſcene ge⸗ nommen. Nichts da!„Fällt der Mantel, muß der Herzog nach! Darum dreht ſich ja das ganze Stück. Damit mache ich allein den Erfolg.“ „Recht ſo!“ applaudirte Edgar.„Das repulika⸗ niſche Princip muß gewahrt werden. Dieſer Schiller war doch eigentlich ein rechter Schleppträger der Großen, daß er klein beigab und den Herzog am Leben ließ, — V 3 158 da ſich's um die Aufführung handelte. Und dieſer Bombaſt, nichts Reelles, lauter Phraſen!“ „Aber wirkſam“, meinte der Oberregiſſeur,„wenn der Künſtler die Rollen zu ſchaffen weiß. Das iſt natürlich die Hauptſache. Ich hoffe, auch Sie, Herr Doctor, ſollen zufrieden ſein. Sie werden Ihr Stück gar nicht erkennen“ „Wäre mir nicht lieb!“ entgegnete Edgar ironiſch, ſchüttelte aber doch aufs kräftigſte die herablaſſend dargereichte Hand. Dem Director wurde von dem ſchaffenden Künſt⸗ ler, der ſich ſeiner Macht raſch bewußt geworden, nur ein collegiales Kopfnicken zu Theil, Knopp beeilte ſich aber gleichwohl, den Scheidenden bis zur Thür zu be⸗ gleiten, „Nun hatten wir doch richtig den Probetanz“, ſpottete Edgar, dem diesmal die Grimaſſe und der die geſchloſſene Thür noch giftig durchbohrende Blick des Directors nicht entgingen. „Und da ſoll ein Zuſammenwirken möglich ſein!“ murmelte Knopp, der jedoch ſofort wieder auf ein Stimmengeräuſch horchte, das ſich in dem Corridor ver⸗ nehmen ließ. Man hörte die Außenthür ins Schloß fallen, aber den Moment, wo der Schauſpieler die Wohnung 159 verließ, mußte Jemand anders benutzt haben, hereinzu⸗ dringen, das Rauſchen eines Seidenkleides näherte ſich, es wurde gepocht und ein ſchalkhaftes Mädchen⸗ geſicht zeigte ſich in der Thürſpalte. „Was wollen denn Sie ſchon wieder? Wird es denn heute kein Ende nehmen?“ ſchnarrte Knopp die Eintretende an. Er warf einen Blick auf den raſch vorrückenden Zeiger der Uhr, der nicht mehr weit von Mittag ſtand, und eine beklemmende Unruhe malte ſich deutlich auf dem jetzt wieder dunkelroth leuchten⸗ den Geſichte. Edgar hatte nicht ſobald die kleine hübſche Altiſtin erkannt, als er auch ſchon aufſprang und ſich ihr in galanter Weiſe näherte. „Wie glücklich, Fräulein Reinau, Sie hier zu treffen“, lispelte er, nach ihrer Hand haſchend, die ſie ihm nicht entzog, als er ſie an die Lippen führte. „Ach, Herr Doctor“, entgegnete die kleine Dame mit einer allerliebſten, ſchmollend ſchmachtenden Miene, „Sie meinen es auch nicht aufrichtig, ſonſt hätten vorige Woche, als ich die Nancy ſang, nicht ſolche Dinge über mich im Morgenblatt ſtehen können.“ „Ich war untröſtlich“, verſicherte Edgar;„leider liegt das Muſikreferat nicht in den beſten Händen. Aber es ſoll anders werden!“ 160 Knopp zuckte ungeduldig die Achſeln. „Ich muß Sie erſuchen, mein Fräulein, ſich kurz zu faſſen, meine Zeit iſt gemeſſen und hier überhaupt nicht meine Kanzlei“, ſagte er mit verletzender Barſch⸗ heit. Der Uebergang aus der noch kurz zuvor be⸗ obachteten, beinahe kriechenden Freundlichkeit gegen den einflußreichen Heldenſpieler ſchien ihm keine Schwierig⸗ keit zu machen. Er bot der Dame nicht einmal einen Sitz an. Sie war aber klug genug, ihren Vortheil zu er⸗ kennen, und wendete ſich immerfort an Edgar, den ſie, ſo die directe Anſprache vermeidend, ins Intereſſe zog und zur Parteinahme für ſie drängte. „Was nützt mir das Verſprechen“, klagte ſie, „nachdem das Unheil nun einmal ſchon angerichtet worden. Der Herr Director ſperrt mir daraufhin das Extra⸗ ſpielhonorar.“ „Auf das Sie contractlich kein Recht haben“, fiel Knopp ein. „Das mir aber bisher immer ausgezahlt wurde. Ich bin ohnehin ſo wenig beſchäftigt, der Herr Direc⸗ tor behauptet auf Grund des Artikels, ich gefiele dem Publikum nicht.“ „Welch himmelſchreiendes Unrecht!“ äußerte Ed⸗ 161 9 gar mit einem vielſagenden Blick, vor dem ſich der ihre niederſchlug. „Thut mir leid, kann's aber nicht ändern“, erklärte Knopp kurzweg mit der rückſichtsloſen Rauhheit des Willkürherrſchers.„Werden übrigens bald gar nicht mehr beſchäftigt ſein. Seine Durchlaucht wollen, wie ich höre, die Oper einſchränken, wo nicht ganz und gar wegfallen laſſen. Kann nichts thun für Sie.“ „Sagen Sie das nicht, lieber Freund“, nahm ſich nun Edgar der Bedrängten an.„Sie können ja Alles, alſo auch in dieſer Kleinigkeit Gerechtigkeit wal⸗ ten laſſen. Seiner Durchlaucht Sympathien in Chren, mittlerweile aber beſteht die Oper noch und man darf die Lieblinge des Publikums— und zu dieſen gehört Fräulein Reinau, entſchieden— nicht zu Mißmuth trei⸗ ben. Aerger und Kummer verderben ja die Stimme. Hüten Sie ſich, hüten Sie ſich, arger Mann! Sie wiſ⸗ ſen, mit der Einführung der Oeffentlichkeit haben die Vergewaltigungen intra muros ihr Ende erreicht. Das Publikum könnte ſich, wenn etwas von dem Sachver⸗ halte transſpirirte, leicht gereizt zeigen gegen den Ty⸗ rannen! Kommen Sie, Directorchen, ſchreiben Sie die kleine Anweiſung, für welche ſich Fräulein Reinau gewiß dankbar bezeigen wird“ Knopp verſtand die anſcheinend ſcherzhaft ange⸗ Byr, Larven. III. 11 N* — — ———— 162 brachte Drohung gar wohl. Grollend und widerwillig ließ er ſich zum Pulte führen und ſtellte die verlangte Anweiſung auf die Kaſſe aus, während Edgar vor⸗ läufig in einem Blicke die Verſicherung einerntete, daß er nicht mit Unrecht auf den Dank der kleinen Dame gezählt. Die Ritterlichkeit muß ihren Lohn haben. „So! Schön von Ihnen! Und was das Stück be⸗ trifft, ſo ſpreche ich morgen wieder vor. Ich ſehe, Sie ſind durch Ihr Unwohlſein grämlich, da warte ich beſſere Zeit ab. Ein Glas Wein, folgen Sie mei⸗ nem Rathe, ein Glas Wein!“ Das Letzte war ſchon halb unter der Thür ge ſprochen, die Edgar der Sängerin, welche ſeine Be⸗ gleitung mit Vergnügen annahm, artig öffnete. Als die Thür wieder zugefallen war, ſaß Knopp ſchon auf dem Divan. Er wühlte ſich in die Polſter ein und drückte die geballten Fäuſte wüthend gegen die hämmernden Schläfen. Hätte Edgar ihn ſo geſe⸗ hen, er würde ſicherlich an einen neuerlichen Anfall geglaubt haben. Knopp lachte wild auf. Und das hießen die Leute eine Stellung, und darum wurde er beneidet und darum hatte er— O, es war zum Raſendwerden! Schmeicheln, heucheln, über gleichgültige Dinge reden müſſen, Dinge, die ihm wenigſtens jetzt gleichgültig waren, und dabei in 163 Todesangſt vergehen! Ein Glas Wein ſollte ihm hel⸗ fen? Ja, aber mit welchem Beiſatz?— Horch! die Uhr hob aus. Mittag! Die Stunde, zu welcher die Gerichtsſitzungen gewöhnlich ſchon geſchloſſen waren. Warum kam ſie nicht, die er hingeſchickt, den Gang der ſelben zu verfolgen, ihn zu warnen, wenn ein un⸗ vorſichtiges, ein böswilliges Wort— Und wenn man ſie ſelbſt feſtgehalten hätte? Wenn ſie nicht kommen konnte? Vielleicht war auch er ſchon verrathen, und er blieb ungewarnt, der Arm der Gerechtigkeit ſtreckte ſich auch nach ihm, ſein Ruf, ſeine Stellung, ſeine Freiheit waren bedroht und nirgends ein rettender Ausweg, nirgends! Seine Hand zuckte fieberiſch nach der ſcharfen Klinge— o, er war vorbereitet auf Alles! Was hatte er gelitten in der letzten Zeit, heim⸗ lich und unter der Maske der Zufriedenheit, es war faſt unerträglich geweſen. Von einem einzigen Men⸗ ſchen hing Alles ab— von deſſen Schweigen, und wenn er ſchwieg, wie ſollte da alles, alles Unrecht gut gemacht werden an den beiden— an dem Men⸗ ſchen, der ihn durch ſein Schweigen rettete, und an deſſen Schweſter, die ihn durch ihre Treue retten half. Alles, was in ſeiner Macht ſtand, ſollte für ſie geſchehen, er gelobte es ſich, er ſchwor, ein anderer Menſch zu werden. Wenn Loder aber nicht ſchwieg, und wenn 11* 164 er nun das Wort ſprach— wenn es ſchon geſprochen war? Wie furchtbar war Alles aus einem kleinen Keim emporgewachſen! Er hatte das Schickſal herausgefor⸗ dert und jetzt drohte es ihn zu zermalmen, und für wen war das drohende Geſpenſt heraufbeſchworen? Für Andere, die in aller Ruhe die Frucht genoſſen, während er— Ah! Sein Schreck war grundlos geweſen. In der plötzlich aufgeriſſenen Thür ſtand kein Diener des Ge⸗ richts, der heimlich in die Wohnung gedrungen war, ihn feſtzunehmen. Eine Frauengeſtalt rauſchte ins Zimmer, die flatternden Gewänder waren von Seide, der Ueberwurf von Sammt, Federn nickten auf dem eleganten Hute, Niemand hätte in dieſer geputzten Er⸗ ſcheinung die Haushälterin eines Mannes in der Stel⸗ lung Knopp's erkannt. Einzig die derben, etwas un⸗ gelenken Bewegungen der ſtarkgebauten Glieder ver⸗ riethen den Mangel an mäßigender Erziehung, der ſich für gewöhnlich unter der koſtbaren Hülle verbarg, in Momenten der Aufregung aber wahrnehmbar wurde. Und in Aufregung befand ſich Auguſte; ihre Augen blitzten, ihr hübſches Geſicht ſtand in Flammen. „Mich ſo anzuſehen, dieſe hochmüthige Perſon!“ Mit dieſen Worten kam ſie ſchon über die Schwelle, wo⸗ bei ſie die Thür hinter ſich ſchmetternd ins Schloß 165 warf.„Nicht einmal Platz machte ſie mir, als wir un⸗ ten an der Treppe zuſammentrafen. Und dem Herrn Doctor hat ſie etwas zugeflüſtert— eine Bosheit muß es geweſen ſein, denn darauf haben ſie beide gelacht. Das unverſchämte Ding, glaubt, weil es ſingt, ſei es beſſer als Andere. Oho! ſo etwas laſſe ich mir nicht gefallen. Und daß Sie es wiſſen, Herr Director, ich leid' es einmal nicht. Wozu ſind Sie denn Director? Sie können's dieſer Mamſell Reinau ſagen und allen Andern! Oder ſchicken Sie mich vielleicht deshalb fort, um ganz heimlich die ſchönen Damen vom Theater hier bei ſich zu empfangen, und ich ſoll unterdeß nur aus dem Wege gehen? Da ſuchen Sie ſich eine Andere dazu, mit uns beiden iſt's aus!“ Es war ganz unmöglich geweſen, den haſtig her⸗ vorſtrömenden Wortſchwall zu unterbrechen, die ver⸗ ſchiedenen beſchwörenden Bewegungen, die Knopp machte, erfuhren gar keine Beachtung. Immerhin fand aber auch er darin eine Erleichterung, denn er hoffte aus ihrer Aufregung über den einen Gegenſtand günſtiger für ſich in Bezug auf den andern ſchließen zu dürfen. „Sie iſt wider meinen Willen hierher gekommen. Ich habe geöffnet, weil ich meinte, Du wärſt es, liebe Auguſte“, erklärte er, bleich geworden in peinlicher Erwartung. 1 166 „J, ſo was!“ rief das ſich ein wenig beſänfti⸗ gende Mädchen.„Was werde ich denn läuten, wo ich doch meinen Schlüſſel bei mir habe? Aber mir ſo zu begegnen! Sie ſoll noch denken an mich!“ Und nun kam wieder ein Ausbruch, der ſich zwar ſchon ſchwächer anließ, dafür aber nur um ſo länger vorhielt. Endlich gelang es Knopp, doch wieder zu Worte zu kommen. „Wie iſt's gegangen?“ fragte er keuchend.„Du ſagſt mir gar nichts und kannſt Dir doch denken, daß jede Sekunde Pein iſt.⸗ „Wie ſoll's gegangen ſein?“ verſetzte Auguſte, in— dem ſie ihren Hut abnahm und den Sammtpaletot auf⸗ zuknöpfen begann.„Eingeſperrt haben ſie ihn.“ „Er iſt ſchuldig erklärt?“ Natürlich. Den Rauſch ließen ſie nicht gelten, denn der Maſchinenmeiſter ſagte dagegen aus, er habe kurz zuvor mit ihm geſprochen und ihn ganz nüchtern gefunden. Uebrigens ſei das Trinken auch keine Entſchuldigung, denn die Nüchternheit gehöre zu ſeinen Dienſtpflichten, und was da noch Alles angege⸗ ben wurde.“ „Und er hat— er hat“, fragte Knopp ſcheu und zitternd,„keine Angaben gemacht?“ „Nun, das wollt' ich ihm gerathen haben 1„ 167 fuhr das Mädchen, ihre robuſte, in einen feinen Hand⸗ ſchuh gezwängte Fauſt ſchüttelnd, auf.„Geradezu wäre ich auf ihn los und hätte ihm die Augen aus⸗ gekratzt, wenn er gleich mein leiblicher Bruder iſt.“ Knopp ſtieß einen Seufzer der Erleichterung aus, das Blut ſtrömte zurück in ſein Geſicht, er ſank auf den Divan zurück. „Er hat alſo geſchwiegen!“ murmelte er und es klang wie mühſam gedämpfter Jubel. „Das konnten Sie ſich wohl denken. Glauben Sie, er habe keine Ehre im Leibe, weil er ein gemei⸗ ner Zimmergeſelle iſt? Adam, habe ich zu ihm geſagt, als ich ihn vorgeſtern noch beſuchen durfte, ganz leiſe, damit es Niemand hörte, denk' an mich und an Deine Zukunft und nimm's auf Dich! Und er hat Alles über ſich ergehen laſſen, ſogar als die harte Strafe kam. Weil er durch Fahrläſſigkeit— ſo hieß es— den Tod eines Menſchen verurſacht, erſchwert durch die Außerachtlaſſung der gebotenen Aufmerkſamkeit— zwei und ein halb Jahr Gefängniß. Nicht einmal die Berufung hat er angemeldet. Sie haben ja ver⸗ ſprochen, daß er in ſechs Wochen begnadigt ſein ſoll.“ „Ihr ſeid brav, Du, liebe Auguſte, wie Dein Bruder Adam, und Ihr ſollt auch belohnt werden.“ „Ja belohnt!“ ſchmollte das Mädchen.„Hübſcher ſchönen Damen aufs Zimmer.“ „Sei kein Kind!“ „Höre!“ ereiferte ſie ſich wieder.„Wenn ich Dir auf die Schliche komme, ich bin kein ſo geduldiges Lamm, wie meine Schweſter war, die ſich ſammt dem Wurm vor die Thür ſetzen ließ. Ich könnte die Sache gewaltig ſchief nehmen.“ „So! Und was willſt Du denn thun?“ „Ich gebe Sie an, ſo wahr ich Auguſte heiße und ein ehrliches Mädchen war, bis Sie mich beſchwatzt haben. Wenn ich im Zorne bin, weiß ich nicht, was ich thue!“ In ihren Augen funkelte etwas, was bezeugte, daß ſie mit ihrer Drohung Ernſt machen würde. Aber Knopp ließ ſich nicht einſchüchtern. Im Gefühle ſeiner wiedergewonnenen Sicherheit lehnte er ſich lächelnd zurück. „Das wäre juſt nicht vortheilhaft für Dich“, ſagte er ſpöttend, was ſie noch mehr aufbrachte. „Sie haben mir das Heirathen verſprochen und es nicht gehalten und Sie werden's auch nicht halten, ſo viel weiß ich ſchon. Aber das weiß ich auch, daß ich mir keine Andere vor die Naſe ſetzen laſſe. Ich thue, was ich geſagt habe.“ Lohn das! Während ich fort bin, beſtellen Sie ſich die — 169 „Und was wird's Dir nützen?“ entgegnete Knopp in trotzendem Uebermuthe.„Daß kein Menſch Dir glaubt. Die Sache iſt geſchloſſen, das Urtheil gefällt. Auch wenn Dein Bruder ſprechen wollte, wird man ihn fragen, warum er es nicht früher gethan, und wenn Ihr ſagt, warum, dann ſeid erſt gewiß, daß man Alles für eine rachſüchtige Erdichtung nimmt, und Deinem Bruder wie Dir iſt die Strafe für bös⸗ willige Verleumdung ſicher. Willſt Du ins Zuchthaus? Nun, ſo geh' hin.“ Er lachte böſe, wie er das Mädchen ſtarr vor Ueberraſchung und Schreck daſtehen ſah. Die Einſchüch⸗ terung war zunächſt gelungen. Weiter wollte er nicht gehen, es lag kein Grund dazu vor, und einlenkend ſagte er mit ſchmeichelnder Stimme: „Nun, nun, Auguſtchen, ich wollte Dich nur einmal warnen. Du biſt gar zu hitzig und pochſt auf Deine Stellung und auf meine Nachſicht. Du mußt nicht vergeſſen, daß Du nur ſo lange in meinem Teſtamente ſtehen bleibſt, als Du mir nicht Urſache zur Unzufrie⸗ denheit gibſt. So, jetzt geh’, Lämmchen, Du warſt heute am Kochen verhindert, ſieh zu, daß man aus dem nächſten Gaſthaus unſern Mittagstiſch beſorgt. Und noch eins! Stelle eine Flaſche Sect dazu— Doctor Tauber meinte, es würde mir ein Glas Wein 170 gut thun, und Du trinkſt ja auch nicht ungern ein Gläschen. Wir wollen Verſöhnung feiern und Deinen Bruder leben laſſen.“ Das Mädchen ſchlich ſtumm und ſcheu zur Thür hinaus. Knopp athmete noch einmal tief auf und fuhr ſich über die Stirn; die guten Vorſätze, das Gelöbniß wa⸗ ren vergeſſen. Er ſchüttelte den Kopf, als wollte er damit eine Laſt abſchütteln, dann lächelte er ein we⸗ nig und murmelte vor ſich hin: „Man muß die Wildkatzen zu zähmen verſtehen. Sind doch nur dumme Thiere! Wird mir übrigens 4„ läſtig, darum bei Zeiten— — Sechstes Kapitel. Wie Gerüchte ſich verbreiten, wer wollte es ſagen? Einem feinen ätheriſchen Oele gleich verflüchtigt ſich das Geheimniß, in das ein Vorkommniß anfäng⸗ lich gehüllt ſein mag. Durch die Thürritzen, durch das Schlüſſelloch, durch die Spalten der Dielen dringt es hinaus und vertheilt ſich in der Luft, daß in immer weiteren und weiteren Kreiſen bald Jedweder davon einathmet. Zuweilen findet ſich dann noch einer, der in der geheimnißgeſchwängerten dichten Luft der Mit⸗ wiſſenſchaft erſticken zu müſſen meint und ſich erſt er— leichtert fühlt, wenn er die Thürritze ſelbſtthätig ein wenig erweitert, und zu den in ſolcher Beziehung ſehr aſthmatiſch angelegten Naturen gehörte, wie dies in der ganzen Neugaſſe, die ſie unter ihrer Obhut hielt, 172 ſattſam bekannt war, vor allen Frau Schwemmerich. Sicherlich hatte ſie ihre Hand dabei im Spiele gehabt, wenn das Gerücht von Ulrich's bevorſtehender Adop⸗ tion, kaum daß die Abſicht hierzu ausgeſprochen war, bereits auf Geiſterſchwingen durch die Stadt flog. Auch in dem kleinen Cirkel wurde davon ſchon geſprochen, der ſich an gewiſſen Abenden in einem heiß⸗ dumpfigen, raucherfüllten kleinen Wirthshauſe zuſammen fand, das das Schild„zur grünen Linde“ mit geringer Befugniß führte. Die Vorſtellung von Sommergrün und Blütenduft, welche das Schild in jeder empfänglichen Phantaſie erweckte, erſtickte ſofort, wenn man in den dichten Tabaksqualm trat, durch den die Gasflammen nur einen ungewiſſen Schein warfen. Braungeräuchert zeigte ſich die niedrige Decke, braungeſcheuert von den vielen Schultern, die ſchon daran gelehnt, die Wand und jedes folgende Zimmerchen ſchien noch um einen Ton tiefer in Farbe und Licht als das davorliegende, ſodaß das allerletzte Stübchen— eigentlich nur ein kleiner Alkoven— ſo ziemlich dem Namen entſprach, mit dem es die Stammgäſte der Kneipe getauft. Es hieß die Bärenhöhle. Und in der Bärenhöhle der grünen Linde war es, wo Graf Amadeus Riſoll ſich ganz beſonders ar 173 wohl und heimiſch fühlte. Seibold und Edgar Tauber, die ihm hier Geſellſchaft leiſteten, waren, obwohl ſchon vorher Gewohnheitsgäſte in der nahe am Theater gelegenen und daher nach den Vorſtellungen bequem zu erreichenden Weinſtube, doch erſt von ihm in dies innerſte Heiligthum eingeführt worden, aus dem es ihm gelungen war, die urſprünglich daſelbſt ange ſiedelte, aus ehrſamen Bürgern zuſammengewürfelte Tafelrunde durch fortgeſetzte Nergeleien und Stänke⸗ reien zu vertreiben. Da gegen ihn nichts half, ſelbſt nicht die handgreiflichſte Auseinanderſetzung, und er unverdroſſen immer wiederkehrte, hatten die Andern im Bewußtſein, ſich als die Klügeren zu zeigen, nach⸗ gegeben und ihm das Feld geräumt. Seine beiden Genoſſen, anfänglich zurückhaltend, waren zuletzt doch nicht unzufrieden über den Erfolg der burſchenhaften Strategik und lachten über die„Hinausgerempelten“. Als vierter Mann am Tiſche, wo ſie ihr Abendbrod einzunehmen und es noch hinterher mit manchem Schluck zu netzen pflegten, war in letzter Zeit auch Ulrich ein⸗ getreten und allerlei Erörterungen über Kunſt und Leben hatten die Abende gewürzt. Die drei ſchaffen⸗ den Geiſter vertraten verſchiedene Fächer, die ja an ihren Grenzen ſo mannichfach ineinander übergehen. Der Graf, ſelbſt in keinem Dilettant, hatte für jedes — — 174 ein eigenthümliches Urtheil, das, ſo bizarr es klingen mochte, immer einen bemerkenswerthen Keim barg, und wußte, wo ſich die Gegenſätze der Anſchauungen im Kampfe erſchöpft hatten und ſelbſt der Born von Tagesneuigkeiten, die in der Regel Edgar zutrug, ſpärlicher zu rieſeln begann, noch immer das Ge⸗ ſpräch in Fluß zu erhalten, wozu ihm ſeine weiten Reiſen, ſeine mannichfachen Erlebniſſe reichlichen Stoff boten. Auch in der Bärenhöhle beſchäftigte man ſich eifrig mit dem Umſchwunge, der in dem Schickſale Ulrich's eingetreten war. Von den Schauſpielern, die ſich je— zuweilen bei der Tafelrunde einfanden, war diesmal keiner zugegen und Edgar wettete eben, daß auch Ulrich, wie ſchon das letzte Mal, wegbleiben werde. „Die Standeserhöhung wird ihm zu Kopf ge⸗ ſtiegen ſein“, meinte er, und auf die Bemerkung des Grafen, es wäre ſchade um den luſtigen Burſchen und doppelt ſchade, wenn ſich derſelbe den ſonſt leidlich klaren Kopf umnebeln und für die Kunſt ruiniren ließe, fuhr er fort:„Die Kunſt, mit der, lieber Graf, iſtes bei dem neugebackenen Freiherrn ſo wie ſo vorüber.“ „Gehört ein ariſtokratiſcher Name unter die erſten in der Kunſt?“ ließ Seibold einfließen.„Geiſtreicher jen 175 Dilettantismus, den die privilegirten Herren betreiben, weiter nichts. Sollten ſich mit dem Genuß begnügen und ihn ſo theuer wie möglich bezahlen, das Schaffen aber dem hungrigen Plebs überlaſſen.“ „Brodneid, Maeſtro!“ warf Graf Amadeus lachend hin.„Im Grunde glaube ich auch nicht, daß Waldek auf die Dauer ſeine Farben eintrocknen läßt, auch wenn er Freiherr von Werdenberg⸗Waldek heißt. Der Künſt⸗ ler ſteckt ihm tiefer im Blute als der Freiherr.“ „Sie haben ihn eben in Affection genommen“, ent⸗ gegnete Edgar mit deutlich durchbrechender Mißgunſt gegen den Abweſenden.„Herr von Waldek— wir wollen die Partikel höflicherweiſe anticipiren— war meiner Meinung nach innerlich immer mehr Ariſto⸗ krat als Künſtler; die zierlich geleckte Erſcheinung—“ „Dürfen Sie, verehrter Doctor, ihm wahrlich nicht vorhalten“, ſchob der Graf ſpöttiſch lächelnd ein und brachte Edgar dadurch in etwas hochtrabenden Eifer. „Meine ſtets offen dargelegten Anſichten haben über mein Weſen ſicherlich nie einen Zweifel aufkommen laſſen. Ich finde daher einen Vergleich zwiſchen mir und Waldek müßig. Er im Gegentheil, das werden Sie mir nicht leugnen, hat ziemlich unverhohlen für den Adel Partei ergriffen, ſo oft es zu Auseinanderſetzungen ——— „— b b 1 ——yyyↄðy—— 176 kam. Und nicht nur für den Adel an ſich, ſondern für Alles, was deſſen innerſtes Princip ausmacht. Alle die vermoderten Satzungen nahm er in Schutz oder vertheidigte wenigſtens deren Träger.“ „Gewiſſermaßen hatte er auch Recht.“ „Das iſt nur aus Widerſpruchsgeiſt geſagt. Ich will Sie blos daran erinnern, wie oft Sie ſelbſt mit ihm im Kampfe lagen.“ „Wenn er da war.“ Edgar that, als habe er den Stich nicht em⸗ pfunden. „Und iſt nicht ſein ganzes Weſen und Gehaben eine affectirte Nachahmung ariſtokratiſcher Sitten ge⸗ weſen“, fuhr er fort,„bis auf die Excluſivität, die ihn ſchon immer an der Wahl dieſes Lokals Anſtoß nehmen ließ? Nun wird er die Bärenhöhle vollends zu ordinär finden. Ich wette, was Sie wollen, daß er nicht kommt. Ich bin überzeugt, der tiefe Schmerz, der an ihm nagte, war der, kein geborener Freiherr zu ſein; jetzt iſt er da⸗ von, wenigſtens zur Hälfte, befreit— ſein Stolz hat ja nun keine Schranken mehr. Es wird köſtlich ſein, zu beobachten, wie unausſtehlich er iſt; leider bleibt die nachträgliche Legitimirung noch immer ein nagender Wurm. Um ſo vornehmer wird das Auftreten ſein müſſen, ihn zu verbergen.“ 447 „Sagen Sie mir, lieber Doctor— Sie ſind Schrift⸗ ſteller und da muß man immer fragen— ſchöpfen Sie Ihre Ueberzeugung in dieſem Falle aus bewun⸗ dernswerther Eingebung oder aus eigener nicht ein⸗ geſtandener Erfahrung?“ Edgar, den ſein Scharfſinn diesmal mit einer geiſtreichen Abfertigung des empfindlichen wohlgezielten Ausfalls im Stiche ließ, brauchte glücklicherweiſe nicht zu antworten. Seibold, der mit dem Geſichte gegen die äußere Stube ſaß, kündigte das Unerwar⸗ tete an: „Da kommt er!“ Edgar ſchob raſch ſeinen Klemmer auf die Naſe, das änderte jedoch an der Thatſache nichts. Es war wirk⸗ lich Ulrich, der achtlos gegen die neugierigen Blicke und das leiſe Flüſtern, womit ſich die Gäſte nach ihm umwandten, raſchen Schrittes daherkam und um den letzten Tiſch biegend in die Bärenhöle trat. „Ja, man braucht vom Wolf nur ſchmeichelhaft zu reden und er kommt dem Lobhudler zwiſchen die Beine gefahren“, ließ ſich Graf Amadeus mit ſpötti⸗ ſchem Lachen vernehmen.„Brauchen ſich übrigens nicht zu fürchten, Doctorchen, bezahlen Sie nur Ihre verlorene Wette. Was Sie wollen, ſagten Sie— Byr, Larven. III. 12 8 nun, ich will vier Flaſchen Rüdesheimer. Für jeden von uns eine.“ Die letzten Worte hatte auch Ulrich gehört. „Zum Anfang allenfalls“, fiel er ein,„dann aber eine Ananasbowle. Kellner, die Ingredienzien und acht Flaſchen Röderer.“ „Bravo, das nenne ich eine gründliche Umwäl⸗ zung! Offenbar zur Feier derſelben?“ rief der Graf. „Natürlich! Iſt ſie's nicht werth?“ Alle ſchauten überraſcht auf. War ſchon die Be⸗ ſtellung bei Ulrich, der ſich ſonſt im Trinken ſehr mäßig hielt, etwas Ungewöhnliches, ſo befremdete noch mehr der ſeltſame Stimmfall; ſeine Worte klangen faſt wie leiſe grollender Hohn. Das entſprach wenig der Vor⸗ ſtellung, die Edgar ſich und den andern ſo zuverſicht⸗ lich von der Stimmung des jungen Malers entworfen. Auch ſonſt wollten ſeine Vorherſagungen nicht recht eintreffen. Ulrich, der ſonſt wirklich immer ſorglich und elegant gekleidet ging, hatte ſich darin keineswegs über⸗ boten, im Gegentheil, er trug einen rauhhaarigen Jagdrock, wie er ihn wohl auf ſeinen künſtleriſchen Streifzügen in Wind und Wetter abgenutzt, ſelbſt das Haar lag wirr und ungeordnet um die Stirn und zeugte von einer gewiſſen Vernachläſſigung, wenn auch ſein aus⸗ drucksvolles Geſicht dadurch nicht in merklichen Nach⸗ 179 theil kam. Mit einer nichtsweniger als zierlichen Be⸗ wegung warf er ſich auf ſeinen Stuhl, ſtemmte die Arme auf den Tiſch und ſenkte den Kopf in die Hände. Das ſah weit mehr wie weltverachtende Verſtörtheit denn wie befriedigte Eitelkeit und Hoffart aus. Aber die Veränderung war nicht blos eine äußer⸗ liche, ſie ging auch in die Tiefe, wie ſich die Tiſch⸗ genoſſen alsbald zu ihrem Erſtaunen überzeugen konnten. „Seien Sie gegrüßt, Collega“, ſagte Graf Ama⸗ deus mit dem bei ihm faſt ſchon ſelbſtverſtändlichen Tone von Ironie„und Collega in mehr als einer Hin⸗ ſicht. Ich habe erſt ſpäter Ihre unlängſt auf der Promenade gemachte Andeutung verſtehen gelernt.“ „Und man muß wohl gratuliren?“ fiel Ed⸗ gar ein. „Wüßte nicht, wozu“, brummte Seibold. „Das wiſſen Sie nicht“, griff Ulrich das letzte Wort auf,„und ſchämen ſich nicht einmal, es einzu⸗ geſtehen? Ci, ſo laſſen Sie ſich doch belehren; viel⸗ leicht übernimmt es Graf Riſoll, Ihnen ein Licht auf⸗ zuſtecken.“ „Ja, ich wäre der Rechte.“ „Oder der Doctor Tauber! Er hat ſicherlich ſeine ſcharfe Widerſacherei gegen die altehrwürdigen Inſti 12* — . »„ 8. ——-—— 1 — 180 tutionen ſchon gemildert, ſeit er ſelbſt ſo vornehm verſippt iſt.“ „Wie meinen Sie das?“ ſagte Edgar.„Ich habe den Adel als Inſtitution nie direct angegriffen, ich bin nur gegen die Ueberhebung ſeiner Mitglieder; wenn ſie aber die Zeit und ihre Stellung in der Welt be⸗ greifen— „Und ſich herablaſſen, Weiber aus dem Volke zu nehmen, meinen Sie doch“, fiel Ulrich mit ſeltſamem Lachen ein.„Ja natürlich, da gefällt ſich dann der Volksmann darin, auf den ſiegreichen, Alles nivelli⸗ renden Zeitgeiſt hinzuweiſen, als deſſen wohlbeſtallter Vertreter er ſich anſieht; da verliert der Adel plötzlich ſein Gorgonenhaupt, und entzückt darüber, daß er ſo leutſelig war, ſich mit uns auf gleichen Fuß zu ſtellen, treten wir in freiwilliger Demuth die Stufe wieder hinunter und beugen uns vor der im Grunde doch nicht umzuſtoßenden Thatſache der durch die ganze Schöpfung laufenden Eintheilung in höher und niedriger orga⸗ niſirte Weſen. Ich aber ſage Ihnen, Thorheit iſt es, wenn der, welcher ſich zum Herrſcher geboren fühlt, nur einen Zoll breit nachgibt, nur ein Atom ſeiner All⸗ macht opfert! Die große Meute iſt einmal an die Ehr⸗ furcht gewöhnt, warum ihr eine einzige Kniebeugung erlaſſen? Insgeheim ſchielen ſie doch alle nach der 181 Seligkeit, daß ein Sonnenſtrahl des Lächelns auch an ihnen niedergleite. Man muß darum haushalten damit. Ha, ſagt, was Ihr wollt, wir ſind noch immer die Herren, jene beſondere Kaſte, die mit heiliger Scheu betrachtet wird! So kann jeder ſtolz rufen, der ihr angehört, er kann übermüthig auf den Plebs herab⸗ ſehen, kann teppichbelegte Treppen zum Thronſaal hinanſchreiten, indeß das Volk unten im Kothe ſteht, kann mit ſeinesgleichen verkehren und ſich verbinden und ſeinesgleichen weiterzeugen, ohne daß darunter die Menſchheit verſtanden wäre, er kann kühn nach dem Höchſten greifen, aber ebenſo unbeirrt nach dem Tief⸗ ſten. Was verhindert ihn, das ſchönſte Weib aus der einem Vergnügen? Thut's ein Maſſe zu wählen zu ſ anderer, heißt's, Mutter und Kind ſind entehrt, bei ihm iſt's noch ein Glück, und bekennt er ſich gar nachträg⸗ lich zu dem hinterm Zaun Geborenen, ſo gelangt der zu hohen Ehren, wird ſelbſt ein Vornehmer und kann's weiter treiben, wie ſeinesgleichen.“ „Alle Wetter, was iſt in Sie gefahren, Waldek?“ rief Graf Amadeus aus.„Sie übernehmen ja heute — und wie ich geſtehen muß, mit merkwürdigem Er⸗ folg— meine Rolle.“ „Eine aufgezwungene, aber doch angeborene“, lachte Ulrich mit einſchneidender Bitterkeit auf. 182 Der Umſchlag in ſeinem Weſen und ſeinen An⸗ ſchauungen war ein merkwürdiger. In jedem Worte gab ſich eine unheimlich geſteigerte Erregung kund, die in allen Fibern zu zucken ſchien, wie ohnmächtiger Grimm und leidenſchaftlicher Haß gegen Alles, was er ſonſt mit wohlwollendem Gefühl umfangen. Hatte jemals der geheime Wunſch in ihm gelebt, den höheren Geſellſchaftskreiſen, denen er ſich aus Vorliebe für die angenehme äußere Verkehrsform gern anſchloß, auch durch Geburt oder durch Verdienſt anzugehören, ſo war er jetzt, wo ſich ihm gewiſſermaßen die Erfüllung zeigte, mit einem Schlage in das Gegentheil verkehrt Er verachtete das Ideal, das ihm vorgeſchwebt, und am meiſten ſich ſelbſt um deſſelben willen. Für die, welche ihn mehrere Tage nicht geſehen, nicht Zeugen geweſen ſeines wilden Ringens, ſeines ſchmerzvollen Zuſammenſinkens und zornigen Aufflackerns in qual⸗ vollem Wechſel, war er wie über Nacht ein anderer Menſch geworden. Graf Amadeus faßte dieſen Eindruck in Worte. „Es iſt etwas mit Ihrer Pupille vorgegangen, ſie iſt anders gefärbt. Was wird aus Ihren Bildern werden, Freund?“ „Sie werden eben auch anders gefärbt.“ „In rothes Blut getaucht“, ſchaltete Seibold ein, 183 der ſchon ſeit einer Weile düſter in ſein Glas ſah, als laſſe er in deſſen grünem Kelch dies unheimliche Naß und nicht alten Rüdesheimer umherſchwappen. „Doctor Tauber meint, Sie würden unzweifelhaft Pinſel und Palette ganz beiſeite legen“, ſagte der Graf. „Ich?“ ſagte Ulrich mit zurückgeworfenem Kopfe. die flammenden Augen auf Edgar richtend.„Und wofür? Was hat die Welt mir denn geboten, was kann ſie mir bieten, um mir die Luſt des Schaffens abzukaufen, dies einzige Gefühl, in dem der Menſch ſeiner ſelbſt und all deſſen, was ſein iſt an Willen und Macht, voll bewußt wird? Arme Geſchöpfe, die es nie empfunden, was es iſt, Schöpfer zu ſein. Ich nicht mehr malen? Das iſt ja die einzige Sprache, die ich zu reden verſtehe. Schweigen ſollte ich? O, wer will's mir auferlegen? Im Gegentheile, reden will ich, reden, laut und gewaltig! Nur freilich anders als bisher. Das Ideal wollte ich malen ſtatt der Wahrheit, erhebend, ſtatt abſchreckend. Wir Thoren faſeln immer von einer Welt, wie ſie ſein ſoll. Die Welt, wie ſie iſt, ſoll im Spiegel erſcheinen, häßlich und erbärmlich!“ Mit den vom Laſter zerfreſſenen Wangen, mit r* den Würmern der Verweſung in den leeren Augen⸗ —. ——— D— 2 höhlen? Hu! Sie verſprechen uns einen grauen⸗ haften Realismus“, fiel Graf Amadeus ein. „Wozu leſen Sie Ihren Schiller, was nützt Ihnen das klaſſiſche Studium, wenn Sie nicht einmal eine weiſe Lebensregel daraus ziehen? Die Wahrheit iſt das verſchleierte Bild von Sais, der Menſch ver⸗ trägt ihren Anblick nicht. Sie iſt eine Gottheit und ſchon die uralte Mythe erzählt uns, wie Semele ihr Gelüſte, Zeus in ſeiner wahren Geſtalt zu ſehen, büßen mußte. Die Blitze verzehrten die Unvorſichtige, ein Beweis, daß wir des Blitzableiters einmal nicht entrathen können.“ Schon während Ulrich's leidenſchaftlicher Rede war Seibold immer unruhiger geworden, kaum vermochte er es, des Grafen ironiſche Worte, die wie ein ab⸗ kühlender Tropfenfall hinterher kamen, nicht zu unter⸗ brechen. Er leerte mit einem Schlucke ſein Glas nnd ſchob es gewaltſam von ſich, um gleichſam dem Raum zu ſchaffen, was er, der ſonſt ziemlich Schweigſame, dies⸗ mal zu ſagen hatte. „Und warum nicht?“ ſagte er, das lange Haar 1 mit einem Wurfe ſeines Kopfes zurückſchleudernd. „Weil wir zur Mattherzigkeit, zur Sklaverei und Lüge ſyſtematiſch erzogen werden. Weil wir, ſtatt wie unſere Altvordern den geſtählten Körper jedweder o 185 Witterung unbedeckt auszuſetzen, ihn zärtlich einhüllen, deshalb friert uns bei dem leiſeſten Lüftchen und wir können gar nicht genug bekommen und wir ziehen ein Kleid über das andere, daß wir der Zwiebel gleichen und zuletzt gar keinen Begriff mehr haben, wie dem zu Muthe iſt, der nur in Lumpen oder gar nackt daſteht.“ „So ſollen wir andern uns auch ſplitternackt hin ſtellen? Denken Sie an die Conſequenzen!“ ſcherzte Edgar. „Ich bitte, keine Unterbrechung! Ich wollte ſagen: Ebenſo wie mit dem Körper wird es mit dem Geiſte gehalten, weil eben Körper und Geiſt un⸗ zertrennlich eins ſind. Man ſperrt jeden natürlichen Hauch ab und darf ſich dann nicht wundern, wenn überall die Unnatur zur Herrſchaft kommt, und wir in Verhältniſſen leben, die aller Natur geradezu Hohn ſprechen. Wie die Erziehung der Kinder eine falſche, iſt es auch die der Erwachſenen. Wer aber erzieht den Erwachſenen? Viſſenſchaft und Kunſt. Die Wiſſenſchaft geht wacker daran, der Natur auf den Leib zu rücken. Da ſoll die Kunſt nicht länger zurück⸗ leiben.“ „Sie können doch nicht beiden dieſelbe Aufgabe ſtellen“, warf Graf Amadeus ein. „Und warum nicht? Recht hat er!“ Und dabei 8 — 3 * —ö— — — A —.—:—:—— ⏑⏑:Oℳ—::AnAnyn—n —————— 186 deutete Seibold auf Ulrich hinüber.„Das Evangelium der Freiheit und Wahrheit müſſen wir predigen. Lange genug ſind die Künſte mißbraucht worden zu einer Schönheitslüge, jetzt ſollen ſie ihren Zweck endlich er⸗ füllen und die Menſchheit begeiſtern für das, wozu ſie berufen iſt.“ „Und wiſſen Sie denn, wozu ſie berufen iſt?“ fragte der Graf ſarkaſtiſch. „Ob ich es weiß!“ Seibold legte ſich aus, flammende Worte zu ſprechen, die ihm nur nicht gleich zu Gebote ſtanden; er ſchlug denn vorläufig mit beiden Händen energiſch den Takt, wie wenn er eine Partitur vor ſich hätte, in welcher ſogleich für ihn der Zeit— punkt zum Einfallen kommen mußte. Aber der Graf ſprang ihm zuvor. „Das heißt, Sie glauben es zu wiſſen, ſowie es der und jener auch zu wiſſen glaubt; indeß ergründet hat's noch Keiner das große Wozu unſeres Da⸗ ſeins. Jeder aber kämpft für ſeine Meinung und will ihr Alles dienſtbar machen. Jedwedes Ding muß ſich ihm zur Waffe wandeln und ſo wird auch die Kunſt hierzu gepreßt. Zu einer Schönheitslüge wurde ſie mißbraucht, ſagen Sie, und als was ſoll ſie nach Ihrer Meinung erſcheinen? Wieder nicht als ſie ſelbſt, ſondern nur als Larve einer ihr fremden Abſicht. Da 187 haben Sie wieder einmal den Beweis, daß die Menſchen die Wahrheit nicht ertragen. Laſſen wir ſie darum unenthüllt!“ „Ihr Lieblingsthema!“ ſagte Ulrich achſelzuckend. „Vielfach variirt, doch immer nur auf einer und derſelben Saite“, ſpöttelte Edgar. „Nach Ihnen trüge alle Welt die Larve“, murrte Seibold. „Thut's auch!“ nickte Graf Amadeus, der bedäch tig einen Schluck genommen und ihn eine Weile ge⸗ laſſen auf der Zunge geprüft.„Halten Sie den Menſchen für ein edles Geſchöpf? Ich nicht— kaum relativ, abſolut aber oder im Vergleich, nicht zu ſeinen Mitgeſchöpfen, ſondern zum Ideal, dieſem durch Stimmenmehrheit erwählten Götzen, iſt's ganz und gar mit dem Adel nichts. Aber es ſchmeichelt ihm, für ein edles Geſchöpf gehalten zu werden, und deshalb nimmt er eine Larve vor, zu der er ſo viele Züge von dem Ideal entlehnt, als er eben bequem tragen kann. Bequem, das iſt's, man muß unter ihr athmen können, damit ſie ihren Träger nicht erſtickt, was zue Zeiten vorkommen ſoll. Meiſt iſt ſie aber der natür⸗ lichen Fratze recht geſchickt und täuſchend angepaßt, auch beſteht ein ſtilles Uebereinkommen, ſie bis zu einem gewiſſen Punkte gegenſeitig für echt gelten zu laſſen.“ 1 b W ——— —yy——— —— 188 „Darnach wären wir alle Heuchler!“ lehnte ſich Seibold gegen dieſe mit bitterem Sarkasmus vorge⸗ brachten Erklärungen auf. „Wenn Sie es ſo ſtreng nennen wollen“, gab der Graf achſelzuckend zu.„Aber warum ſo unangenehme Namen brauchen? Man hat ſich ja ein ſo wohl⸗ klingendes Schema zurechtgemacht, lauter Larven für das Eine, das ſchließlich und im innerſten Kern Allem zu Grunde liegt: den Egoismus. Hört ſich Tugend nicht beſſer an als Furcht, Feigheit, Bequem⸗ lichkeit, Blutarmuth, die in ihrem Zuſammenwirken das eigene Selbſt verleugnen? Was iſt die Würde anders als die lächerliche und darum, weil ſie der Menge imponirt, nicht minder lächerliche Larve der Beſchränkheit und Selbſtüberſchätzung, die den Mo⸗ ment in der Ewigkeit für einen Zeitabſchnitt und die Monade für einen wichtigen Theil der Allwelt nimmt? Beſcheidenheit nennt ſich die träge Schwäche und Zag⸗ haftigkeit, wo nicht die Berechnung; Heldenmuth der Ehrgeiz oder die Grauſamkeit oder die Todesverachtung der Verzweiflung; von Freundſchaft und Liebe laſſen Sie mich füglich ſchweigen. Alles iſt Larve, die nur ſo lange getragen wird, als ſie dem Zwecke entſpricht, und mit einer andern vertauſcht, wenn dies nicht mehr der Fall und ſie nicht mittlerweile, wie es wohl häufig 189 geſchieht, mit dem Fleiſche darunter verwachſen iſt. Gehen Sie alle die ſchönen Dinge durch, die auf dem Jahr markte feilgeboten werden, Alles Larven— Ehrlichkeit, Höflichkeit, Treue, Großmuth und Gemeinſinn. Greifen Sie in die Bruſt und geſtehen ſie ſich— natürlich nur unter zwei Augen, denn die Beichte unter vier iſt Maskenſcherz— geſtehen Sie ſich, wieviel von alledem auf Rechnung der Ueberzeugung kommt und wieviel — ich fürchte, der größte Theil— auf Rechnung des Verſtandes. Haha!“— der Klang ſeines Lachens ſchnürte das Herz zuſammen—„iſt Alles Larve!“ „Und Ihr Peſſimismus?“ fragte Edgar mit feinem Lächeln. „Vielleicht auch eine. Warum unſere häßlichen Geſichter einander zeigen? Nehmen wir liebenswürdige Larven vor.“ „Es gibt aber auch unliebenswürdige“, ließ ſich Seibold vernehmen. „Zielen Sie auf die meinige? Bah, ſie iſt nicht ſchlimmer als manche andere.“ Ulrich, der raſch nacheinander ein paar Gläſer Wein hinuntergeſtürzt hatte, lehnte ſich mit verſchränk⸗ ten Armen auf ſeinem Seſſel zurück. „Mag ſein“, ſagte er,„es geht viel Wein durch die Welt unter falſcher Etikette, ſoll's darum keinen 190 echten Tropfen mehr geben? Freilich, wenn Sie die kleine Scheidemünze der Alltagslüge, ohne die ein Zuſammenleben der Menſchen abſolut unmöglich wäre, ebenfalls in Ihr Syſtem rechnen, um es zu kräftigen, dann läßt ſich Ihnen ſchwer widerſprechen. Täglich, ſtündlich iſt der Menſch zu ſolch kleinen Verkleidungen ſeines Gefühls, ſeiner Stimmungen gezwungen, was aber die Darlegung des Charakters im großen Gan⸗ zen betrifft, da dürfte es denn doch noch Viele geben, die jede Lüge verſchmähen; auch werden Sie zugeſtehen, daß der Menſch in Verhältniſſe gerathen kann, die 4 einen ſo entſchiedenen Einfluß auf ſeine Stimmung nehmen, daß ihm ſogar der kleinſte Zwang zuwider⸗ läuft und er auch jene unſcheinbaren, kaum mitge⸗ zählten Unwahrheiten verabſcheut; er würde höhniſch der Mühe lachen, eine Larve zu tragen. Sehen Sie mich immerhin ſo prüfend an, Sie finden nichts zu durchſchauen— ich trage keine.“ „Ja ja, wer hätte es nicht ſchon declamirt: „Unter Larven die einzige fühlende Bruſt!““ „Nun denn, ſo liefern Sie mir den Beweis. Sie brauchen dabei gar keine Rückſichten zu nehmen“, rief Ulrich ungehalten aus. „Ich behaupte auch gar nicht, daß Sie eine Larve 191 tragen“, entgegnete der Graf gleichmüthig; aber Sie ſtecken in einer.“ „Wo wäre da der feine Unterſchied?“ „Im Bewußtſein“, rief Edgar. „Zum Theil allerdings“, nickte der Graf.„Mehr oder weniger ſtecken die meiſten Menſchen in der Larve, wie der Zoolog die Uebergangsperiode bei gewiſſen Inſekten nennt.“ „Ein Spiel mit Worten“, urtheilte Ulrich achſel⸗ zuckend ab. „Keineswegs, es handelt ſich nur um ein einziges Wort und um deſſen Sinnesbedeutung im vollen Umfange.“ Edgar ließ ſein Glas an das des Grafen klingen. „Wir fangen an übereinzukommen“, rief er lachend. „Die ganze Generation iſt im Larvenzuſtande, da ver⸗ liert das Eingeſtändniß für den Einzelnen alles Be⸗ ſchämende. Ein Zeitalter iſt es immer für das jewei⸗ lig nachfolgende und ſo kann man eigentlich mit Recht ſagen, die ganze Menſchheit ſteckt unabläſſig darin.“ „Klug entwickelt!“ ſtimmte der Graf lächelnd zu „Weil eben der Menſch etwas vor dem Thiere voraus haben muß und darum die Wandlungen unbegrenzt ſind. Wer meinte nicht ſein Lebelang immer wieder, jetzt habe er ſich endgültig eingepuppt oder entpuppt, indeß er unwiſſentlich nur in einer neuen Larve ſteckt.“ „Das iſt ja wie die Schlangenhäutungen“, brummte Seibold verdroſſen. „Nur daß die Schlange auch in jeder neuen Haut immer Schlange bleibt, während der Menſch that⸗ ſächlich in den verſchiedeenen Phaſen ein Anderer iſt. Schlange, Schaf, Löwe, Hyäne, Affe, Alles nachein— ander, wie's kommt, während er ſich nach der fable convenue von der Charakterfeſtigkeit noch immer für den unwandelbaren König der Schöpfung hält.“ Das war bitter und gehäſſig geſprochen und es machte um ſo mehr den Eindruck, als Graf Amadeus dabei aus ſeinem gleichmüthigen Hohne fiel, ja ſogar die kaum zur Hälfte gerauchte Cigarre mit einer Ge⸗ berde des Ekels heftig zu Boden warf. Ulrich, der ſelbſt in hocherregter Stimmung war, achtete nicht ſonderlich auf den Ausbruch. Er hatte ſich verletzt gefühlt durch die ſo allgemein und ausnahmslos ausgeſprochene Anſchuldigung, die nicht zu verdienen ihm bewußt war. „So geben Sie doch zu“, ſagte er jetzt,„daß ſich nicht Jeder abſichtlich in einer Larve birgt.“ 3 ſich ß ſich 6 193 „Abſichtlich oder unabſichtlich, Alles birgt ſich. Und jene am unzweifelhafteſten, die es nicht Wort haben wollen.“ „Ein abſcheuliches Chaos, das Sie da ſchildern“, ließ Seibold ſich wieder vernehmen. arurd as Chaos eines Maskenballs, Freund“, ent⸗ gegnete Edgar, dem die Idee zu gefallen begann, ſeit er keine perſönliche Anzüglichkeit mehr für ſich be⸗ fürchtete, wie dies anfänglich der Fall geweſen. „Ganz recht, eines Maskenballs“, nahm Graf Amadeus ſchon wieder lachend das Wort,„und den findet man ja doch meiſt amüſant, ob man ſich nun täuſchen läßt, ſelbſt täuſcht oder durch ſcharfe Beobach⸗ tung und Kurne Combination zu errathen ſucht, wer eigentlich hinter den Larven ſteckt. Welche Ueber⸗ raſchung, wenn ſie fallen! Und früher oder ſpäter fällt jede, zum mindeſten, wenn die Stunde der Demas⸗ kirung ſchlägt, und es zeigt ſich das eigentliche Ge⸗ ſicht.“ „Und das wäre?“ „Das hippokratiſche.“ „Oho, darin ſtimmten Sie ja mit den Prieſtern überein“, meinte Seibold. „Nicht ſo ganz; denn nach deren Ausſage gibt's dann noch weitere Wandlungen, nach meiner Anſicht Byr, Larven. III 13 —————— A 2 —,———— 4 194 aber iſt für den Einzelnen der Maskenball zu Ende — die Lichter werden für immer ausgethan.“ „Hollah! Sie verſinken mir ja ganz voreilig ins Nichts“, rief Graf Amadeus nach einer kleinen Pauſe, während welcher er ſich eine neue Cigarre angebrannt, Ulrich zu, der ſinnend auf den Tiſch blickte, wo er mit dem in ein wenig verſchüttetem Wein befeuchteten Finger undeutbare Runen ſchrieb.„Wer denkt an das Fortgehen inmitten des Balles! Ich wette, Sie ſind da ſchon mit einem rührenden Epitaph für den eigenen Leichenſtein beſchäftigt, und wir ſind doch erſt beim Punſche.— Ludewig, Sie haben ſich Zeit gelaſſen!“ „Ohne doch darum gut zu werden“, ergänzte Edgar den an den Kellner gerichteten Vorwurf.„Sie müſſen uns die Bowle anſetzen, Graf“, fuhr er fort.„Wer ſo tiefſinnig zu philoſophiren weiß, wird auch die Mengungs⸗ verhältniſſe ſyſtematiſch abwägen.“ „Wäre eigentlich Ihre Sache, Doctor des Cauſal⸗ nexus.“ „Da aber Uebung den Meiſter macht—“ „Und das Gebräu entſchieden ſauer werden müßte, wenn wir die Obſorge heute dem Stifter überließen“, ſetzte Seibold Edgar's Rede fort. „So bleibt mir nichts übrig“, ſchloß der Graf,„als durch meine Praxis wieder gut zu machen, was ich 2 195 durch meine Theorie verdorben, meint Ihr. Edgar, reichen Sie mir noch Ihre zwei erübrigten Flaſchen Rüdesheimer herüber, ſie ſind gut als Würze, der Champagner gibt doch nur die Baſis.“ „Ha, es iſt lange“, geſtand Seibold, der mit den Fingern ſchon einen Marſch zu trommeln begann, „es iſt lange her, daß ich mich ſolchen Göttertrankes erfreute. Wir wollen uns Begeiſterung daraus holen, Compagnon.“ Er nickte Edgar bedeutſam zu. „Begeiſterung?“ warf der Graf, ohne ſeine Thä⸗ tigkeit einzuſtellen, hin.„Im Sinne Plato's als Manie aufgefaßt, deren höchſte die Liebe, deren niedrigſte die— Muſik iſt.“ „Plato war ein Narr!“ brummte Seibold ärgerlich. „Bravo! Auch meine Meinung!“ applaudirte Edgar. Der Graf nickte lachend. „Alſo Begeiſterung nach meiner Definition. Eine Larve, nichts weiter, für geiſtige Trunkenheit.“ „Was? Keine Begeiſterung?“ fuhr Seibold, ſeinen Marſch plötzlich unterbrechend, auf. Selbſt der herr⸗ liche Duft, der ſeine Naſe umſchmeichelte, vermochte ſeine Entrüſtung nicht zu dämpfen.„Aber ohne Be⸗ geiſterung kein Kunſtwerk und eins iſt mit dem andern geleugnet.“ 137 b 1 4 — *ℳ 196 88 „Das hieße ja hier mein eigenes Fabrikat ver⸗ leugnen, denn daß es ein Kunſtwerk wird, hoffe ich zum mindeſten. Koſten Sie nur dieſen einen Tropfen und Sie werden mir wieder die Freundeshand bieten.“ „Das iſt nur eine Ausflucht „Ich bedarf derſelben gar nicht, denn Sie haben ja ſelbſt ſchon das Gedändniß abgelegt, daß Ihre Be⸗ geiſterung nicht dem Kunſtwerke an ſich, ſondern der Tendenz deſſelben gilt.“ „Als ob ſich das Kunſtwerk von dem Geiſte tren— nen ließe, aus dem es erwächſt! So wenig wie Halm und Frucht vom Samenkorn.“ „Das iſt auch meine Meinung!“ trat Seibold beifällig dem Ausſpruche Ulrich's bei. „Und auch die meine“, nickte der Graf vergnügt. „So ſind wir ja alle derſelben und verſtehen uns prächtig“, und auf das„Wieſo? wieſo?“ fuhr er er— läuternd fort:„Gerade weil der Halm aus dem Keime wächſt, kann der politiſche oder ſociale Gedanke wohl eine politiſche oder ſociale That zeugen, nicht aber ein 11 l Kunſtwerk.“ „Das wollen wir ſehen!“ rief Seibold, indem er ſeine Fauſt ſchwer auf den Tiſch fallen ließ. heißt die Wirſamkeit unſerer größten „Das 197 Dichterwerke beſtreiten; iſt„Wilhelm Tell“ kein Kunſt⸗ werk?“ äußerte ſich Edgar. „Warum ſcheiden Sie Form und Inhalt ſo ſtreng?“ „Weil ſo ſelten beide ſich decken“, antwortete Graf Amadeus auf Ulrich's Frage und reichte dem Nachbar zugleich ein Glas, das er aus der Bowle vollgeſchöpft. „Hier, ſchlürfen Sie, aber mit Andacht, und dann ſagen Sie, ob Sie den heiligen Zorn gegen den Luxus und Uebermuth der Reichen, die ſchlemmend ihrer darbenden Brüder vergeſſen, mit feiner Zunge heraus⸗ ſchmecken, den heiligen Zorn, mit dem ich das Werk geſchaffen“ „Ich werde es mit ebenſo heiliger Entrüſtung ge⸗ nießen“, lachte Edgar, ebenfalls nach einem Glaſe langend. „Bei mir aber ſollen Sie ihn herausſchmecken!“ ſagte der Kapellmeiſter mit Nachdruck.„Dichtung und Muſik unſerer Oper ſollen dem Zuhörer ins Blut gehen und ihn berauſchen, um Ihr eigenes Wort zu gebrauchen. Jedweder ſoll es empfinden, was ich gewollt und gemeint, daß es an der Zeit ſei, den Bundſchuh hervorzuholen und wieder als Genoſſen⸗ zeichen und Standarte voranzutragen den ihr Recht ———— — ——— 1 198 heiſchenden Volkshaufen, wenn es gegen Gewalt und Uebermuth geht.“ „Und Ihre Oper iſt dafür auch gleich der fertige Schlachtgeſang.“ Stimmen wir ihn an!“ rief der Graf, ſein Glas erhebend.„Crambamboli!“ murmelte er darauf halb⸗ laut vor ſich hin. Glücklicherweiſe verſtand ihn der erregte Kapell⸗ meiſter nicht, ſonſt würde er den Scherz wohl krumm genommen haben. So aber hatte er ſich ſchon wieder eifrig in ſein Werk hineingeredet, das ihn ganz und gar beſchäftigte. „Nun ja, und warum nicht der Schlachtgeſang und beſſer als die Marſeillaiſe und die„Wacht am Rhein“?“ hatte er begonnen.„Das Liedlein, das der Pfeifer ſeinem Herrn, der ihn gequält und geſchlagen, verhöhnt und ſeines Liebſten beraubt, dem Grafen von Helfenſtein zum allerletzten Tanze durch die ſtar— rende Lanzengaſſe aufſpielt, das Liedlein dürfte wohl Manchem durch Mark und Bein dringen, ſo ſchrill und überraſchend ertönt es. Aber es ſollte mich ge⸗ rade nicht wunder nehmen, wenn es vom Echo fort⸗ getragen immer weiter und weiter ſchallte, ſoweit es noch Sklaven gibt, die es aufruft gegen ihre Ty⸗ rannen!“ 199 „Wahrlich, ich beginne wieder an Begeiſterung zu glauben; ich muß es wohl, wenn ich nicht annehmen will, daß ſich in dieſen beredten Ergüſſen nur der heiße Wunſch nach Tantièmen und Lorbeerkränzen ausſpricht.“ „Sie thun unrecht zu ſpotten!“ verwies Ulrich dem Grafen leiſe, doch ernſt.„An was glauben Sie ſonſt? Hieran nicht und nicht ans Gegentheil?“ „Warum nicht an das Nichts? Kommen Sie, es ſoll leben!“ „Ein lebendes Nichts?— Das iſt die Vernich⸗ tung.“ Ulrich ſtieß an, aber das Lachen ſtörte den harmoniſchen Gläſerklang, es ſcholl hart und heiſer. „Hören Sie, Seibold“, ſagte Edgar,„ich habe meine Bedenken; der Stoff iſt doch zu groß.“ „Sie haben ja den Text ſelbſt gedichtet.“ „Ei, man wandelt ſich“, fiel der Graf ſpöt— tiſch ein. „Es iſt keine Schande, zu geſtehen, daß man zu beſſerer Erkenntniß gekommen“, wehrte ſich Edgar. „Wie? Wollen Sie die ſo ſcharf ausgeſprochenen Grundſätze verleugnen?“ fragte Seibold entrüſtet. „Zittern Sie vor dem Auffliegen der Mine, die Sie ſelbſt legen geholfen? Wollen Sie bereuen, beſchönigen, 1 zu Kreuze kriechen, den Herrn verleugnen gleich Petrus?“ „Ihr Vergleich iſt anachroniſtiſch“, lachte der Graf.„Datiren Sie ihn vor Chriſtus zurück.“ „Sie können Ihren Text nicht mehr zurück⸗ ziehen“, ſchloß Seibold ärgerlich über die Unter⸗ brechung. „Ich will es auch gar nicht“, verſetzte Edgar, der verlegen die Achſel gezuckt.„Nur zweifle ich an der Aufführung der Oper.“ „Ich habe die Zuſage des Directors.“ „Schriftlich? Ah, glauben Sie mir, dergleichen muß man ſich immer ſchwarz auf Weiß geben laſſen, und ſelbſt dann iſt man noch immer nicht ſicher, daß nicht gewiſſe wohlbekannte, doch ungenannte Bedenken ſiegen.“ Der naive Künſtler ſah beſtürzt darein. Solches Mißtrauen war ihm fremd. Er hatte ſo feſt auf das Wort Knopp's gebaut; nun einmal im Zweifel, ſah er ſich auch ſchon überliſtet und Groll erfüllte ſein Herz. Mit verhaltenem Zorn ſagte er: „O, es wird eine Zeit kommen, wo wir ſiegen!“ Ulrich ſprang auf, er fuhr ſich wild durch die Haare und ſeine Augen funkelten. 6 201 „Ja, ſie wird kommen! Und das bald, ich fühle es!“ rief er. „Hallucinationen!“ fiel der Graf mit bitterem Scherze ein.„Es ſteht ſchon ſchlimm mit Ihnen. Setzen Sie ſich und beruhigen Sie ſich! Sie zählen ſicherlich hundertzwanzig Pulsſchläge; das geht ſo nicht! Ich bin dergleichen gewöhnt und dann habe ich für alle Fälle meinen Arzt bei mir.“ Er ſchlug dabei leicht, daß nur für Ulrich Sinn in der Geſte lag, an ſeine Weſtentaſche.„Ihnen müßte ich aber Ihr Deputat entziehen und das Contocorrent an der Bowle ſchließen und das wäre eigentlich nur ganz in der Weltordnung, die Wohlthäter der Menſchheit gehen immer leer aus. So, ſchön ſittſam, Freund! Sehen Sie, Meiſter des Tons, das haben Sie mit Ihrem Liedlein gethan und es iſt noch nicht einmal geſungen. Ich beginne Reſpekt davor zu bekommen. In welchem Stile iſt es denn geſchrieben?“ „In meinem“, verſetzte Seibold barſch. „Aller Ehren werth!“ lächelte der Graf und nippte langſam wie liebkoſend mehrere Male an ſeinem Glaſe.„Aber nach einer Richtung wird's doch halten? Iſt's mehr Meyerbeer, mehr Verdi— oder Wagner?“ „Ich ahme nichts nach!“ lautete im ſelben Tone ——— ———“ die Entgegnung und Seibold ſchüttelte dabei die Mähne in den Nacken. „Und doch trägt er das Haar à la Liſzt“, neckte ihn Edgar. Damit kam er aber ſchlimm an. Der Kapellmeiſter richtete den Kopf ſtolz in die Höhe und maß ſeinen abtrünnigen Arbeitsgenoſſen mit keineswegs freundlichem Blicke. „Ich trage es à la Seibold“, ſagte er nachdrück— lich,„und trägt Liſzt es ebenſo, iſt's ſeine Sache. Ich bedarf keiner Larve!“ „Schön, Meiſter“, ſcherzte der Graf,„daß Sie es doch wenigſtens nicht verſchmähen, mein Leibſtückchen zu ſpielen.“ „Wir ſind wieder am Ausgangspunkte angelangt, die Schlange beißt ſich in den Schwanz und der Zauber⸗ ring iſt geſchloſſen“, rief Edgar mit ironiſcher Feier⸗ lichkeit.„Laßt uns, Gefährten, dieſen hehren Augen⸗ blick mit einem ernſten tiefen Trunk grüßen.“ „Es lebe der Mahner!— natürlich nur für dieſen Ausnahmefall— den Mahnern bringe ich ſonſt lieber ein Pereat.“ So griff Graf Amadeus den Scherz auf, Edgar ließ einige Witzfunken ſprühen, die andern lachten, ſelbſt Ulrich konnte ſich dem Einfluß nicht entziehen. Das Geſpräch wurde leichter, unzuſammenhängender, wech⸗ 203 ſelnd im Stoffe. Das ſtarke Gebräu that allmälig ſeine Wirkung und ſtimmte die Zecher heiterer; beſon⸗ ders war es Ulrich, der, einmal aus dem düſtern leidenſchaftlichen Hinſinnen aufgerüttelt, ſich gewaltſam in eine übertolle Luſtigkeit hineintrank. So verrannen die Stunden, immer leerer wurde es an den Tiſchen draußen, die Gashähne wurden aus⸗ gedreht, der Kellner nickte bleich und ſchlaftrunken in einer Ecke, die ſäumigen Gäſte im unruhigen Halb⸗ traum verwünſchend, und nur eins der Mädchen, die ſich in die Bedienung theilten, ging ab und zu. Es hatte noch muntere Augen behalten und antwortete auf manchen an ſie gerichteten Scherz. „Rike muß mit uns trinken!“ rief Edgar mit un⸗ gefüger Zunge.„Für jeden Schluck einen Kuß.“ „Wenn Sie wieder nüchtern ſind!“ wehrte das Mädchen lachend und wand ſich aus dem Arm, der ſie umſchlang. „Mädchen find' ich überall, wer kann mir wider⸗ ſtreben?“ trällerte der Kapellmeiſter ſpottend.„Dies⸗ mal nicht Zampa!“ „Sperrt ſich die Dirne und iſt doch den Tropfen nicht werth“, machte Edgar ſeinem Aerger Luft. Das Mädchen erwiderte ſcharf, Edgar wollte ſich das nicht gefallen laſſen. Ein kleiner Streit ————— — — — 204 entſpann ſich ſo. Da legte ſich Graf Amadeus ins Mittel. „Gemach! Ehret die Frauen!“ rief er.„Laßt mir die Rike in Ruh', wer weiß, ob ſie nicht einmal noch ein Diadem trägt und auf einem Herzogsſtuhle ſitzt. Ich kenne eine, die auch nicht viel anders anfing.“ „Die Geſchichte, die Geſchichte!“ fielen die üb⸗ rigen ein. „Ein andermal, bei paſſender Gelegenheit“, ent⸗ gegnete der Aufgeforderte.„Schuldig bleibe ich ſie nicht; für heute iſt's zu ſpät.“ „Ich ſehe— ich ſehe— ich ſehe des Uebels Grund“, declamirte Ulrich,„aber nicht den Grund, warum das Uebel ſich nicht erneuen ſoll.“ „Weil, wie wir von dieſer künftigen Landesmutter hören, der Keller ſchon geſchloſſen iſt. Komm', Rike, der Reihe nach drücken immer drei von uns die Augen zu, ſo kannſt Du jedem den Abſchiedskuß gewähren und keiner hat's geſehen und kein Zeuge kann's be⸗ ſchwören, wenn Du einmal zu hoher Huld gelangſt. Sei klug und fange bei mir an, dem Propheten; das gibt Glück.“ „Prophet, Du?“ ſang Seibold, trotz ſeines Stolzes auf die Eigenkraft diesmal eine Anleihe bei Meyerbeer machend. 205 „Propheten ſind wir alle“, ſtimmte Ulrich hohn⸗ lachend in einer andern Tonart ein.„Nur trifft nicht immer zu, was wir verkünden, wenn der Geiſt aus uns ſpricht.“ „Der Geiſt, der Geiſt!“ ächzte Edgar. Der Morgen graute ſchon, als das Bären Klee⸗ blatt aus der Höhle kroch und fröſtelnd nach den vier Winden auseinanderſtob. Ende des dritten Bandes. Leipzig. * — 5 3 5 ₰ 5 5 8 O 8 8 8 8 55 5 8 8☚ 5 5 8 Verlag von Ernſt Julius Günther in eipzig. Lebeusräthſel. Novellen Karl Frenzel. Inhalt: Lucrezia's Becher.— Im Thurm.— Ein alter Mann.— Der Stern des Oſtens. 2 Bde. Preis 6 Mark. Lnriter. Ein Roman aus der Rapoleoniſchen Zeit von Karl Frenzel. 5 Bde. 8. Eleg. geh. Preis 13 Mark 50 Pf. Geheimniſſe. Novellen Karl Frenzel. Inhalt: Der Schmuck des Inca.— Herodias.— Die alte Geige.— Roewer. 2 Bände. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 6 Mark. V — Berlag von Ernſt Zulius Günther in eipzig. John Halifax, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Zweite Auſlage. 2 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 9 Mark Ein muthiges Weib. b der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. ände. gr. 8⁰. Elegant geheftet. Preis 5 Mark 50 Pf. Hannah. 1 der Verfaſſerin von„John Halifar“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Lutoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 6 Mark. 9 4 1 4 1 8 8 1 1 3 * 7 1 4 ’. 3 e i, E r Sn . 57 — — —— Srey Gortrol Chart Green Vellow Hed Magenta